
                             Schopenhauer, Johanna

                                    Gabriele

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                              Johanna Schopenhauer

                                    Gabriele

                           Ein Roman in drei Theilen

 Du standest an dem Eingang in die Welt,
 Die ich betrat mit klsterlichem Zagen,
 Sie war von tausend Sonnen aufgehellt,
 Ein guter Engel schienst du hingestellt,
 Mich aus der Kindheit fabelhaften Tagen
 Schnell auf des Lebens Gipfel hinzutragen,
 Mein erst Empfinden war des Himmels Glck,
 In dein Herz fiel mein erster Blick.
                                                                       Schiller.

                                  Erster Theil


                                     Meinen
                         lieben und treuen Freundinnen
                       der verwittweten Oberkammerherrin

                               Karoline Freifrau
                            von und zu Egloffstein,

                            geb. Freyin von Aufsee,

                            Henrietten von Pogwisch,

                      geb. Grfin Henkel von Donnersmark,
               Hofdame Ihro Knigl. Hoheit der Frau Groherzogin
                   Luise zu Sachsen-Weimar-Eisenach etc. etc.
                                      und

                         Karolinen Grfin Egloffstein,

               Hofdame Ihro Kaiserl. Hoheit, der Frau Grofrstin
           Maria Pawlowna von Ruland, vermhlten Erbgroherzogin zu
                       Sachsen-Weimar-Eisenach etc. etc.

                    zur Erinnerung an froh und traurig,
                    aber immer in treuer Liebe durchlebte Tage
                    freundlich gewidmet
                                      von
                                                                der Verfasserin.

                                    Vorwort


Der freundliche Empfang, welcher den Beschreibungen meiner Reisen durch
mancherlei Stdte und Lnder wiederfuhr, munterte mich auf, auch mit einigen
Ansichten hervorzutreten, die ich auf der groen Reise durch das Leben sammlete.
    Jene Reisebeschreibungen sind Abbildungen nach der Natur, mit mglichster
Wahrheit wiedergegeben, wie ich sie auffate. Ich mchte sie Landschaftsgemlde
nennen, auf denen ich mich bemhte, jeden treu kopirten Gegenstand genau an den
Platz hinzustellen, wo er in der Wirklichkeit sich befindet, indem ich mich wohl
hthete, den Regeln der Gruppirung oder dem Zauber des Effekts das kleinste
Opfer zu bringen. Diese Bltter hingegen bieten willkhrliche Zusammensetzungen
einzelner Studien nach Gegenstnden, wie sie mir auf dem Lebenswege begegneten,
die ich nach Gefallen trennte und vereinte, so da oft zu einer meiner Figuren
mehrere Individuen und Oertlichkeiten beitragen muten. Obgleich diesem nach
keine einzige derselben ein Portrait im strengen Sinne genannt werden darf, so
wrde es mich doch freuen, wenn jede einzelne fr ein solches gehalten wrde.
Denn so wre mir gelungen, wonach jeder Historienmaler streben mu, und was
unser groer Meister durch Wahrheit und Dichtung so treffend bezeichnet.
    Uebrigens fhle ich mich in meinem Gewissen verpflichtet, zu bekennen, da
mir die Gabe des Gesanges vom Himmel versagt ward und da daher die in diesem
Buche enthaltnen Gedichte nicht von mir sind. Ich danke sie einem Freunde, den
ich gern von der Welt nenne. Friedrich von Gert stenbergk, von dem wir schon so
manches schne Lied, so manche zarte Dichtung mit Dank und Freude empfingen, der
Verfasser der kaledonischen Erzhlungen und der Phalnen steuerte meine
Gabriele mit diesem Schmucke aus.

Geschrieben zu Weimar am ersten Pfingstfeiertage 1819.
                                                           Johanna Schopenhauer.

Niemand liebt seine Freunde inniger als ich, mein Leben gbe ich willig fr sie
hin, aber Unmglichkeiten darf mir niemand zumuthen. Mit diesen Worten verlie
Grfin Eugenia ziemlich erhitzt den Salon der Grfin Rosenberg, in welchem die
Hauptprobe einer fr den folgenden Abend bestimmten Darstellung von Tableaus so
eben gehalten ward, und rauschte mit einer leichten Verbeugung an der
eintretenden Aurelia vorber. Flammend vor Zorn, blieb die Grfin Rosenberg auf
ihrem kniglichen Throne sitzen. Ein reichgestickter Baldachin erhob sich ber
ihrem Haupte, ein Purpurmantel umwallte in weiten Falten ihre majesttische
Gestalt, in ihrem schwarzen Haare funkelte ein Diadem von Brillanten, und ihre
Hand hielt das goldne Zepter. Vor ihr stand ein mit reichen Teppichen und
Prachtvasen geschmckter Tisch, um sie her waren mehrere Herren und Damen in
altrmischer und gyptischer Kleidung eifrig, aber fruchtlos, bemht, sie zu
beruhigen. Die Scene gieng in einer alkovenartigen, von einem groen goldnen
Rahmen umfaten Vertiefung der Zimmerwand vor, gerade der Thre gegenber,
verborgne Lampen gossen einen magischen Strom von Licht ber sie aus, im Zimmer
selbst herrschte tiefe Dmmerung, doch verrieth ein leises Flstern und Rauschen
die Gegenwart mehrerer Personen.
    Sprachlos vor Erstaunen ber das ihr unbegreifliche, pltzlich
hereingebrochne Unheil, blieb Aurelia, die Tochter der Grfin, in der eben
geffneten Thre stehen; hinter ihr schmiegte sich furchtsam die sechzehnjhrige
Gabriele, welche in diesem Moment aus der tiefsten Einsamkeit eines alten
Bergschlosses angelangt war, um einige Monate im hause ihrer Tante zuzubringen.
Aurelia, ihre Kusine, hatte sie mit der Versichrung empfangen, da sie zum
Glcke heute ganz unter sich wren; und nun stand sie da, einen freundlichen
Empfang erwartend, und wute bei dem wunderbaren Anblick, der sich ihr darbot,
nicht, ob sie wache oder trume.
    Thue mir die Liebe, rief die Grfin Aurelien entgegen, so wie sie ihrer
ansichtig ward, thue mir die einzige Liebe, und werde morgen krank, bleib den
ganzen Tag im Bette; ich lasse frh alles absagen, mit der Feier deines
Geburtstages ist es vorbei, wir haben weder Konzert, noch Ball, noch Tableaus;
Eugeniens prtentiser Eigensinn vernichtet alles. Mit ihrer winzig-kleinen
Figur besteht sie darauf, an meiner Stelle die Kleopatra vorzustellen, und da
ich ihr beweise, wie unmglich die sey und ihr die Rolle der Dienerin, welche
das Schmuckkstchen trgt, zutheile, eilt sie davon und derangirt mir den ganzen
Plan. Knnten wir nicht die Dienerin ganz weglassen? stammelte furchtsam ein
junger Mann in rmischer Tracht, welcher wahrscheinlich den Antonius vorstellte.
Unmglich, erwiederte Kleopatra, wo soll ich die kstliche Perle hernehmen,
wenn das Schmuckkstchen fehlt? und berdies ist die Figur unumgnglich
nothwendig zur Gruppirung des Ganzen. Es ist vorbei, fuhr sie fort, indem sie
sich in hchst unmuthiger Stellung auf ihrem Throne zurck warf! Eugenia macht
heute Abend und morgen frh gewi noch funfzig Visiten, um ihren Triumph zu
sichern. Keine Dame wird an die Stelle treten, welche sie verschmhte, und alle
Welt ist doch schon von der Darstellung unsrer morgenden Tableaus voll. Ottokar
beschleunigt seine Zurckkunft von der Reise, um sie zu sehen, er trifft morgen
ein, und nun ist alles zerstrt! Ich knnte vor Verdru weinen, setzte sie
hinzu, das Gesicht in beide Hnde verbergend.
    Aurelia benutzte diese Pause in der heftigen Rede ihrer Mutter, um
Gabrielens Ankunft zu melden. La die Kusine von Aarheim an Eugeniens Stelle
treten, rieth sie, indem sie das bange Kind hinter sich hervor zog und vor den
Rahmen hinstellte. Die Kleine? fragte die Grfin, sich emporrichtend und
Gabrielen von oben bis unten mit prfendem Blicke betrachtend. Nun, fuhr sie
fort, stehen wird sie ja knnen; nthigen Falls stellen wir sie auf eine
Erhhung. Willkommen, liebes Kind! Mit diesen Worten zog sie Gabrielen zu sich
in den Rahmen, kte sie auf die Stirn, gab ihr ein goldnes Kstchen in die
Hand, stellte sie in die gehrige Attitde und schob sie an den von der Grfin
Eugenia verlanen Platz, indem sie selbst wieder ihren Thron einnahm. Alle
andere, zur Gruppe gehrende Personen reihten sich im nmlichen Moment in
gebhrender Ordnung um sie her.
    Es geht! rief hocherfreut die ganze Gesellschaft im Zimmer. Aber, setzte
lachend Aurelia hinzu, delizis sieht es jetzt aus, das blasse Gesicht, die
rothen Augen und das schwarze Kleid mitten in all der bunten Pracht und
Herrlichkeit; doch sey nur getrost, Gabriele, morgen soll es besser werden, Wind
und Staub haben dir heut auf der Reise bel mitgespielt, das ist morgen vorber
und ich will dich schon kostmiren. Die arme Gabriele, welche bei allen diesen
Vorgngen noch kein Wort hatte aufbringen knnen, flsterte jetzt, halb nur
hrbar und in groer Beklommenheit, die Frage: was sie denn eigentlich morgen
thun solle? Was du heute thust, war die kurze Antwort, hier einige Minuten
stehen und das Kstchen halten. In dem tiefen Traueranzug? wandte Gabriele
zur groen Belustigung der Uebrigen ein. Kaum konnte Aurelia vor Lachen dazu
kommen, ihr zu bedeuten, da sie morgen ohnehin auf einen Tag die Trauer ablegen
mte.
    Gabrieleblickte sehr ernst um sich her. Wie? sprach sie, die Trauer um
meine Mutter ablegen, ehe die Zeit verflossen ist, whrend welcher die Sitte mir
erlaubt, dieses Zeichen meines Schmerzes zu tragen? Nein, gndige Tante! Das
befehlen Sie mir nicht, setzte sie mit fester Stimme hinzu, obgleich dabei zwei
groe Thrnen, die schon lange in ihren dunkeln Augen geschimmert hatten, ber
ihre jetzt hochroth erglhenden Wangen herab rollten. Nur zwei Monate sind es,
seit meine Mutter begraben ward; wie knnte ich ihr Andenken nur Eine Stunde
verleugnen! Ich kann es nicht, ich werde es nicht, ich will es nicht, sprach
sie hchst entschieden, und hob dabei, dennoch wie flehend, ihre kleinen zarten
Hndchen empor. Die Grfin und Aurelia schwiegen eine Weile vor Erstaunen ber
Gabrielens pltzlichen Muth, ehe sie begonnen auf das arme Mdchen heftig
einzustrmen. Gabriele mute verstummen, ngstlich blickte sie, wie Beistand
suchend, um sich her, und erschrak dennoch nicht wenig, als ihr dieser hchst
unerwarteter Weise zu Theil ward.
    Aus dem dunkelsten Winkel des Zimmers, dicht neben dem Rahmen, erscholl
mitten durch den Streit eine mnnliche Stimme: Ich vereinige meine Bitte mit
der des jungen Fruleins; mir dnkt wahrlich, sie hat nicht ganz Unrecht.
Ottokar! rief Aurelia; willkommen, so viel frher als wir es erwarteten, die
Grfin. Aller Zwiespalt ward augenblicklich beseitigt, und die ganze
Gesellschaft drngte sich freudig um den unbemerkt Hereingetretenen her.
Gabriele taumelte fast in freudiger Ueberraschung, sie schlug die Augen nicht
auf, sie wagte keinen Blick auf ihren Frsprecher, aber sie wute dennoch, wer
er sey.
    Jedermann beeiferte sich nun um die Wette, Eugeniens unverantwortliches
Benehmen mit allen seinen entsetzlichen Folgen dem eben Angekommenen auf das
weitluftigste auseinanderzusetzen. Er hrte alle gelassen an und schlug dann an
der Stelle der Dienerin einen Edelknaben vor, deren er am folgenden Tage
wenigstens ein Dutzend zur Auswahl in aller Frhe zu stellen versprach. Dieser
Ausweg war niemanden von der Gesellschaft eingefallen, und die Idee ward mit dem
allgemeinsten Beifall ergriffen.
    Kleopatra verlie beruhigt ihren Knigssitz, den ein herabrollender seidner
Vorhang verhllte, Rmer und Aegypter begaben sich in die Nebenzimmer, um als
moderne Herren und Damen wiederzukehren, die Lichter im Saal wurden angezndet,
der Theetisch hereingebracht, und alles ordnete sich in friedlicher Eintracht um
ihn her.
    Die Gesellschaft bestand grtentheils aus dem engen Ausschusse der
Bekannten der Grfin, aus sogenannten Hausfreunden, die sich an freien Abenden
gewhnlich bei ihr versammelten; das Gesprch wogte rasch und lebendig, nur
Gabriele blieb stumm. Niemand achtete sonderlich auf sie, denn ihr erstes
auffallendes Erscheinen war ber Ottokars unerwarteten Eintritt gnzlich
vergessen. Desto mehr Zeit gewann sie, frs erste Athem zu schpfen, und dann
die neue Welt, in die sie versetzt war, zu betrachten. Zum erstenmal in ihrem
Leben befand sie sich unter so vielen, ihr gnzlich fremden Gestalten, und das
Gefhl, da auch sie ihnen fremd sey und es wohl lange noch bleiben wrde,
machte ihr Herz beklommen. Der Anblick der Grfin versetzte sie in immer neues
Erstaunen, sie erschien ihr um zwanzig Jahre jnger als sie vor wenig Tagen zum
erstenmal im Schlo ihres Vaters sie gesehen hatte, dessen Schwester sie war.
Dem mit allen Toilettenknsten unbekannten Kinde kam diese Verwandlung ganz
unbegreiflich vor, ja sie htte geglaubt, da es gar nicht die Tante sey, wre
Aurelia nicht zugegen gewesen und htte sie nicht Mutter genannt. Aurelien
betrachtete sie mit dem heien Wunsch, sogar mit dem Entschlusse, solche zu
lieben; dennoch fhlte sie innerlich, da ihr die nie gelingen wrde. Der
scharfe Blick der groen dunkelblauen Augen, das spttische Lcheln, welches bei
jedem Anla um die Rosenlippen der schnen Aurelia spielte, vernichtete jede
Mglichkeit herzlichen Vertrauens zu ihr.
    Endlich wagte es auch Gabriele, den Blick zu Ottokarn zu erheben. Sie konnte
es unbemerkt; er stand hinter Aureliens Stuhl im eifrigen Gesprche mit dieser.
Seine hohe schlanke Gestalt, die Anmuth seiner Bewegungen waren von Gabrielen
schon frher als heute bemerkt worden. Sie erkannte ihn jetzt daran; auch die
edlen Zge seines Gesichts waren ihr nicht fremd, sie erschienen ihr wie die
eines lngst Bekannten, obgleich sie sie noch nie deutlich erblickt hatte. Eine
Flle hellbrauner Locken kruselte sich um seine hochgewlbte Stirn, die blauen,
muthig und khn um sich her blitzenden Augen hatten bei allem Feuer etwas
unbeschreiblich mildes und freundliches, und die dnnen Lippen des
festgeschlonen Mundes gaben seinem Gesicht einen sehr ernsten, fast wehmthigen
Ausdruck, der aber beim Sprechen in ein hchst anmuthiges Lcheln verschwebte.
Sein ganzes Wesen trug das Geprge krftiger, zum Manne herangereifter
Jugendblthe. Er schien etwa achtundzwanzig bis dreiig Jahre alt.
    Es that Gabrielen heimlich weh, da er sie so gar nicht bemerkte, obgleich
sie sich auch freute, ihn ungestrt ansehen zu knnen. Da stimmte er das
einseitige Gesprch zum Allgemeinen um, und sie konnte nun mit der gespanntesten
Aufmerksamkeit auf jedes seiner Worte horchen. Er erzhlte von seiner eben
beendigten Reise, und seine lebendige Darstellung wute auch dem
Allergewhnlichsten Leben und Interesse zu geben. Dabei entgieng es Gabrielen
nicht, da er dem Gesprch absichtlich diese Wendung gab, um nur die ewigen
Sptteleien ber die abwesende Eugenia zu beenden, und ihr Gefhl wute es ihm
heimlich Dank. Es lag ein eigener, aller Herzen sich bemchtigender Zauber in
dem vollen, reinen Klange seiner Stimme. Gabriele horchte so lange auf diesen
Ton, da sie zuletzt nur ihn hrte, wie man einer lieblichen Musik sich
hingiebt, ohne dabei die Worte des Gesanges zu beachten. Alles andere um sich
her vergessend, sa sie da, als ganz unerwartet ein ltlicher Mann, ihr Nachbar
am Tische, sie durch eine gleichgltige Frage auf eine unangenehme Weise aus
dieser sen Selbstverlorenheit ri. Erschrocken darber, fuhr sie zusammen,
zerbrach beinah ihre Tasse und stammelte endlich hocherrthend eine Antwort, die
niemand verstehen konnte. Die Augen der ganzen Gesellschaft wandten sich
pltzlich ihr zu, und die Verlegenheit des armen Mdchens war entsetzlich, sie
stieg bis zur qualvollsten Pein, als Aurelia nach ihrer schonungslosen Art laut
ausrief: Ich glaube die Kleine war eingeschlafen; kein Wunder, sie ist mde von
der Reise! und indem sie aufstehend ihre Hand ergriff, hinzusetzte: Komm,
Liebchen, ich bringe dich zu deiner Bonne, die wohl auch mit Schmerzen auf dich
harrt, die Abschiedsknixe kannst du brigens sparen; und damit zog sie das
tiefgekrnkte Mdchen zur Thre.
    Beinahe weinend vor Schaam und Zorn ber Aureliens unfreundliches Benehmen
und ihre eigne Ungeschicklichkeit, langte Gabriele bei der guten Frau Dalling
an, der Pflegerin ihrer Kindheit, und vermochte es kaum ber sich, ihr die
Begebenheiten dieses Abends nur ganz im Allgemeinen kund zu thun. Alles schwamm
in bunter Verworrenheit vor ihrem betubten Sinn; nur Ottokars Gestalt, seine
Stimme, seine Worte waren ihr deutlich in der Erinnerung geblieben. In ihrer
jungen Brust gegen einander ankmpfend, wogten tausend nie zuvor gekannte se
und bittre Empfindungen und machten sie verstummen; Freude ber Ottokars
Wiederbegegnen, Schmerz, da er sie gar nicht bemerkte, und dazu das herbe
Gefhl des Alleinseyns, mitten unter frhlichen Menschen. Noch nie war Gabriele
sich selbst so unbedeutend erschienen, nie zuvor hatte sie Demthigung vor
Zeugen, Unzufriedenheit mit sich selbst wie heute empfunden, und es gelang ihr
nur mit groer Anstrengung, sich zum trstenden Selbstbewutseyn endlich wieder
empor zu ringen und den festen Entschlu zu fassen, uere Zuflligkeiten nicht
hher zu stellen als deren eigentlicher Standpunkt es fordert. Eine
unaussprechliche Sehnsucht nach ihrer Mutter ergriff ihr tief verwundetes
Gemth, wie ein mdes Kind weinte sie sich endlich spt in den Schlaf; aber alle
die vielen neuen Gestalten des vergangnen Abends umschwirrten sie noch im
ngstlichen Traume, und zwischen ihnen hindurch tnte trstend Ottokars Stimme,
mit der er die Worte sprach: Ich bitte fr das junge Frulein, sie hat wahrlich
nicht Unrecht!

Ehe wir Gabrielen auf ihrem fernern Lebenspfade begleiten, wird es nthig seyn,
den Leser zu ihrer frheren Jugendgeschichte zurckzufhren und ihn mit ihren
Eltern bekannt zu machen.
    Ihr Vater, Baron Aarheim, war schon im frhen Jnglingsalter unumschrnkter
Gebieter seiner eignen Thaten und eines sehr bedeutenden Vermgens geworden. Er
verbrachte seine Jugend theils auf Reisen, theils an Hfen auswrtiger Frsten,
und fand berall die Aufnahme, zu welcher Rang, Reichthum und eine ausgezeichnet
vortheilhafte Gestalt ihn berechtigten. Durch keinen uern Zwang
zurckgehalten, strzte er sich in den Strudel des groen Lebens, suchte rastlos
alle Gensse, gab sich ohne Maa und Ziel allen Freuden hin, welche es bietet,
bis er, erschpft und abgestumpft, im reifern Alter des ewig wiederkehrenden
Einerleis berdrssig ward und ihm entsagte, um ernstern Plnen zu folgen.
Herrschsucht und Ehrgeiz traten jetzt in seinem Gemth an die Stelle der Sucht
nach ewigem Wechsel des Vergngens; die Gunst des Frsten, an dessen Hofe er
eben lebte, zeichnete ihn vor allen andern aus und steigerte seinen Wunsch nach
dem nchsten Platz neben dem Thron bis zur Leidenschaft, indem sie ihm ein Recht
darauf zu geben schien. Anfnglich war es, als ob das Glck sein Streben
begnstigen wollte; er erklimmte eine Stufe nach der andern, stieg immer hher
und hher; aber das Gelingen machte ihn unvorsichtig, es schlferte seine
Wachsamkeit ein, Feinde, die er gar nicht beachtete, arbeiteten im Verborgnen
ihm entgegen; und so ward auch ihm das Schicksal, das schon so viele in seiner
Lage traf, er fiel pltzlich, als er am sichersten zu stehen glaubte, und um so
tiefer, je hher er gestiegen war.
    Aarheims Fall zerri die Verbindung mit der Tochter eines groen, glnzenden
Hauses, wenig Tage vor dem zur Vermhlungsfeier bestimmten, und als er Besinnung
genug gewann, um sich zu schauen, sah er sich furchtbar verlassen. Kein einziger
Freund war ihm geblieben, seine Jugend frh und lngst an ihm vorber
geschwunden, den grten Theil seines Vermgens hatten seine frhere Lebensweise
und seine sptern groen Plne verzehrt, seine Gesundheit war zerrttet, er
selbst erkannte in sich nur noch den Schatten von dem, was er einst gewesen war.
    Sein Gemth erstarrte in bitterm Ha, in tiefer Verachtung aller Menschen,
vor allem der Frauen, und er schwur sich selbst, jeden geselligen Umgang so viel
mglich Zeitlebens zu meiden. Von seinen vielen Gtern war ihm nur sein Stammgut
geblieben, es lag tief im Gebirge, im Gebiet eines andern Frsten; dorthin
beschlo er vor dem Anblick der Welt zu fliehen, die ihn so unbarmherzig
gemihandelt hatte. Er raffte die Trmmern seiner brigen Habe zusammen und
eilte, sich in die tiefste Einsamkeit zu vergraben, in welcher nur demthige
Diener und zitternde Unterthanen seine Umgebung bildeten. So lebte er mehrere
Jahre und ward mit jedem Tage hrter, schroffer und finsterer.
    Der Brief eines Verwandten erinnerte ihn endlich einmal an die Auenwelt,
die er so gern ganz vergessen htte; es fiel ihm ein, da sein noch immer sehr
betrchtliches Gut Mannlehn war, und nach seinem Tode an einen entfernten Vetter
fallen msse, den er allein schon deshalb als seinen rgsten Feind betrachtete,
ohne ihn weiter zu kennen. Er war es leider gewohnt worden, von allen Menschen
das Aergste zu vermuthen, und ahnete also auch bei seinem muthmalichen Erben
das sehnlichste Verlangen nach seinem baldigen Tode, vielleicht gar Plne, ihn
zu beschleunigen; daher beschlo er pltzlich, sich noch im Sptherbst seines
Lebens zu vermhlen, um seinem Agnaten diese Hoffnung und Freude zu verderben.
    Seine Wahl fiel auf Augusten von Rohrbach, die elternlos und arm auf einem
kleinen Gute unfern Schlo Aarheim einsam traurige Tage bei einer alten Tante
verlebte. Er hatte das Frulein nie gesehen, ehe er um ihre Hand sich bewarb,
aber der Ruf ihrer Schnheit und der unermdeten Geduld, mit der sie den Launen
einer hchst wunderlichen Frau sich fgte, war bis in seine Einsamkeit
gedrungen, und dies hinlnglich, ihn fr sie zu bestimmen. An Liebe glaubte er
nicht und war weit entfernt, sie zu fordern; ihm gengte Gehorsam von seiner
knftigen Gattin, und diesen zweifelte er nicht unter solchen Umstnden zu
erlangen oder zu erzwingen.
    Auguste von Rohrbach war in frhester Kindheit zur mutterlosen Waise
geworden; ihr Vater hatte sie erzogen. Sein diplomatischer Beruf erlaubte ihm
keinen festen Wohnsitz, sondern trieb ihn rastlos durch fast alle die
glnzendsten Stdte Europens; doch lie er sich dadurch nicht hindern, seinem
einzigen Kinde die mglichste Sorgfalt zu weihen. Ueberallhin mute Auguste
ihrem Vater folgen, und sobald ihr Alter es erlaubte, benutzte er alle
Gelegenheiten, ihr in jeder Stadt, wo sie lngere Zeit lebten, die besten Lehrer
zu verschaffen, um sie in allen, ihrem Geschlechte zusagenden Wissenschaften und
Knsten unterrichten zu lassen.
    Die freigebige Natur hatte das Kind nicht nur mit einer hchst anmuthigen
Gestalt ausgestattet, sie begnstigte es auch mit seltenem Talent und schneller
Fassungsgabe. Und so geschah es denn gar bald, da Auguste der Stolz ihres
Vaters ward, ein Kleinod, mit dem er gern bei jeder Gelegenheit prunkte und auf
dessen seltnen Werth er groe Plne fr kommende Zeiten erbaute. So wie sie
lter ward, suchte er alle ihre Vorzge ins hellste Licht zu stellen; kein
Schmuck, der ihre schne Gestalt erheben konnte, war ihm zu kostbar, berall
mute das junge Mdchen vor den erlesensten Zirkeln ihr musikalisches Talent
ben, im einzelnen Tanz oder durch die zu jener Zeit als etwas ganz neues
bewunderten Attitden der Lady Hamilton die Zuschauer entzcken, und auf alle
Weise bestmglichst glnzen und schimmern.
    Bei dieser Erziehung wre Auguste eine eitle Thrin geworden, wenn nicht zum
Glck den Kindern auffallende Fehler ihrer Eltern oft zu schtzenden Warnern auf
ihrem Lebenswege wrden, besonders wenn sie sich durch sie in ihrer angebornen
Eigenthmlichkeit behindert fhlen. Dies war eben bei Augusten der Fall. Bis zur
Furchtsamkeit bescheiden, kostete es ihr, als ganz jungem Mdchen, manche heie,
bittre Thrne, wenn sie auf Befehl ihres Vaters vor groen Gesellschaften mit
ihren Knsten auftreten mute. Spterhin gewann sie freilich durch lange
Gewohnheit mehr Muth, aber auch hellern Beobachtungsgeist. Das heimliche,
neidische Hohnlcheln der Anwesenden und deren leise geflsterten Anmerkungen
entgingen Augustens Scharfblick nicht, obgleich ihr Vater nichts davon ahnete.
Diesen blendete der rauschende Beifall, welchen alle die Herren und Damen seiner
Tochter um so reichlicher zollten, je schrfer sie, von ihm unbeachtet, die
Geiel der Kritik ber sie schwangen. Auguste wagte es nicht, gegen ihren Vater
ihre Bemerkungen laut werden zu lassen, er war zu glcklich in seiner
Verblendung, als da es sie nicht htte schmerzen sollen, ihn daraus zu wecken;
aber innerlich fhlte sie sich durch diese Falschheit seiner vorgeblichen
Freunde oft schmerzlich verwundet. Sie selbst ward indessen wenigstens dadurch
in der anspruchlosen Bescheidenheit erhalten, zu welcher ihr ganzes Wesen sich
ohnehin neigte, und ihr tiefes Errthen bei jedem laut ausgesprochnen Lobe
zeigte deutlich, wie wenig sie sich bewut war, es zu verdienen.
    Ihre reine, schne Natur wre dennoch vielleicht dem ewigen Entgegenarbeiten
des eitlen Vaters erlegen, doch frhe Liebe erhob sich ihr zum Schutzgeist. Rein
und innig loderte die stille Flamme heier Neigung zu einem edeln jungen Manne
in ihrer jungen Brust, ihr selbst fast unbekannt und nur im Schmerz der Trennung
sich zuerst ihr ganz offenbarend.
    Ihr Geliebter war Sekretr bei der Legation ihres Vaters und in seinem
Hause, zum Theil mit Augusten erzogen. Er lebte mit ihr unter einem Dache,
theilte mit ihr alle ihre Freuden, half ihr bei ihren musikalischen Uebungen,
war am Tische und auf Reisen berall in ihrer Nhe. Was konnten beide mehr vom
Schicksal zu erlangen wnschen? Sie waren glcklich wie Kinder, die sich des
heutigen Tages freuen, ohne dabei an morgen zu denken.
    Augustens Vater aber dachte nicht nur an heut und morgen, sondern auch an
alle, diesen folgende Tage und Jahre. Ein Zufall entdeckte ihm das Geheimni der
Liebenden, es stimmte nicht zu seinen hohen Plnen mit der einzigen, glnzend
erzognen Tochter, aber er schwieg dazu, weil er das menschliche Herz genug
kannte, um zu wissen, da hier mit Einreden wenig abgendert werden wrde. Er
handelte lieber, wie er es gewohnt war, sobald sein Vortheil es heischte, kalt
und ruhig, besonnen und sicher. Eines Morgens erwartete Auguste vergebens ihren
Freund bei ihren musikalischen Uebungen; bei Tafel vermite sie sein Couvert; er
war spurlos verschwunden, und ihre erbleichende, zitternde Lippe vermochte
nicht, eine Frage nach ihm auszusprechen. Unter dem Vorwand eines geheimen
Auftrags von der uersten Wichtigkeit war er in der Nacht weit weg versendet
worden, am Orte seiner Bestimmung hatte man schon dafr gesorgt, da er in noch
entferntere Lnder geschickt wurde, und so war er auf ewig von Augusten
geschieden, ohne eine Ahnung davon zu empfinden. Die Argusaugen seines Gebieters
bewachten ihn zu sorgfltig in jener verhngnivollen Nacht, als da er nur ein
Wort des Abschieds an Augusten htte gelangen lassen knnen, berdem glaubte er
auch, nur auf wenige Wochen sich von ihr zu trennen. Spterhin ward es ihm ganz
unmglich gemacht, einen Brief auf sicherm Wege in ihre Hnde zu bringen. Beide
hatten keine Vertrauten, ihre reine jugendliche Liebe bedurfte deren nicht, sie
scheute jede Berhrung der Auenwelt; wie htten sie Fremden ein Geheimni
gestehen knnen, das sie gegen einander selbst kaum in Worten auszusprechen
versucht hatten.
    Ganz auf sich zurckgeworfen, blieb nun Auguste in der glnzendsten
Gesellschaft einsam, wie in einer Wste. Kein Laut des einzigen Wesens in der
Welt, zu dem sie allein zu gehren sich bewut war, tnte zu ihr herber, nie
hrte sie mehr den geliebten Namen nennen, als wenn sie selbst in stiller
Mitternacht, unter heien, langverhaltnen Thrnen, ihn den stummen Wnden ihres
einsamen Zimmers zurief. Ihr Vater wute in aller Freundlichkeit so
abschreckend-schroff vor ihr zu stehen, da das bange Mdchen es kaum wagen
mochte, in seiner Gegenwart nur an den Geliebten zu denken. Er sah wohl ihre
stille Trauer, aber er fragte nie nach der Ursache derselben und hoffte alles
von der Zeit.
    Dem Anschein nach verfehlte diese auch nicht, ihre gewohnte Macht zu
bewhren. Auguste fand allmlig eine wehmthige Freude im Schmerz um das
verlorne Glck, in der unaussprechlichen Sehnsucht, die jetzt einzig in ihrem
Busen lebte, und auch ihr Aeures wurde von diesem Gefhl verklrt. Sie gewhnte
sich daran, ihren Freund unter den Todten zu denken. Ihr Vater, der es bemerkte,
suchte schweigend sie in diesem Glauben zu bestrken, und nun wandte sie ihren
Blick einzig nach oben, der Heimath ihres Lebens und ihrer Liebe. Hier unten
ging sie willig den ihr von ihrem Vater vorgezeichneten Pfad, lchelte
freundlich zu allen seinen Wnschen, und suchte wenigstens ihn zu erfreuen, da
fr sie auf der Erde keine Freude mehr blhte.
    So verlebte Auguste noch drei Jahre in verschiednen Lndern und uern
Umstnden, ohne eine befreundete Seele um sich zu wissen. Selbst des
Mdchenglcks, eine gewhnliche Jugendfreundin zu besitzen, hatte sie zeitlebens
entbehrt. Sie war selten viel lnger als ein Jahr an dem nehmlichen Orte
geblieben, hatte unzhligemal alle ihre Umgebungen wechseln mssen, und nie Zeit
oder Gelegenheit gefunden, irgend eine dauernde Verbindung zu knpfen. Die
letzte Stadt, in welcher sie mit ihrem Vater lngere Zeit verweilte, war
Stockholm. Auf einer Reise von dort aus erkrankte er pltzlich in einem kleinen
schwedischen Stdtchen und starb.
    Nie war eine Waise verlaner, als die jetzt zwanzigjhrige Auguste am Grabe
ihres Vaters. Sie harrte dort, bis der ihr in den letzten Augenblicken vom
Verstorbnen bestimmte Vormund sie nach Deutschland abzuholen kam. Der Nachla
ihres Vaters war sehr gering, eignes Vermgen hatte er nie besessen und dabei in
der Welt zu glnzend Haus gehalten, um betrchtliche Summen fr seine Tochter
zurcklegen zu knnen; ihr blieb kaum genug, um davon nothdrftig zu leben.
Willenlos, wie sie von jeher war, folgte sie jetzt ohne Widerrede dem Rath ihres
Vormunds, und lie sich von ihm zu der einzigen Verwandtin fhren, die sie ihres
Wissens noch in der Welt hatte, und die allein ihrer Jugend einen anstndigen
Zufluchtsort bieten konnte.
    Unter Entsagungen aller Art, unter steten Uebungen unbeschreiblicher Geduld,
schwanden von nun an Augustens Tage auf dem einsamen Landgute ihrer Tante, einer
nach dem andern, einer wie der andre. So lebte sie mehrere Jahre lang.
Erinnerungen der glnzenden Vergangenheit machten ihr die dstre Gegenwart nicht
noch trber, denn sie hatte keine Freude an deren flchtigem Schimmer gefunden;
aber das verklrte Bild des verlornen Geliebten wohnte noch immer tief verborgen
in ihrem Herzen, von ewigem Jugendglanz umflossen, wie das Bild eines Heiligen
in einem dunkeln Grabmal, das eine nie erlschende Lampe erleuchtet.
    Uebrigens war Auguste weder frhlich noch traurig, nur freundlich und still.
Die Wenigen, welche sie kannten, ahneten nicht die ganze Freudenlosigkeit ihres
Daseyns, aber alle bewunderten ihre Anmuth, ihr anspruchloses Wesen, und priesen
die unerschpfliche Langmuth und engelgleiche Gelassenheit, mit denen sie den
wunderlichsten, unertrglichsten Launen ihrer Tante gefllig entgegen kam.
    Letztere war eine jener scheinheiligen alten Betschwestern, die unter dem
Mantel der Frmmelei die abschreckendsten Eigenschaften zu verdecken suchen, und
mit dem glattesten, herzlosesten Egoism die ganze Welt nur einzig zu ihrer
Bequemlichkeit erschaffen glauben. In der schriftlich an sie gerichteten
Bewerbung des Baron Aarheim um Augustens Hand, sah sie nur den Finger Gottes,
der sie von einer ihr lstigen Hausgenossin befreien wollte, und verkndete
daher schonungslos ihrer Nichte das ihr unverdienter Weise zugefallne groe
Glck; dabei ermangelte sie nicht, dieses einzig ihrem eifrigen Gebet fr
Augustens Wohlfahrt zuzuschreiben. Dieser ihr Leben war jetzt mehr als je ganz
nach Innen gekehrt, die Auenwelt kmmerte sie wenig, weniger noch ihr eignes
Schicksal; an Glck auf der Erde zu glauben hatte sie lngst verlernt, und all
ihr Hoffen ging weit ber dieses Prfungsleben hinaus. Daher fgte sie sich ohne
Widerstreben dem deutlich ausgesprochnen Willen der Tante, wie sie sich frher
dem ihres Vaters gefgt hatte. Mit ruhiger Fassung reichte sie dem Baron die
Hand, als er sie heimzufhren kam. Sie war es sich bei diesem Schritte deutlich
bewut, da sie nur ein unerfreuliches Daseyn mit einem hnlichen, vielleicht
noch unerfreulicherem vertauschte, aber sie folgte willenlos dem Winke des
Schicksals.
    Fest entschlossen, durch Treue, Sorgfalt und jede Aufopferung, dem Manne,
der sie gewhlt hatte, alles zu werden, was sie ihm zu werden vermochte, und bei
allen ihren Handlungen einzig sein Glck zu bezwecken, betrat sie die dunkle
Schwelle vom Schlo Aarheim. Und doch fhlte sich Auguste unendlich glcklicher
wie sie es je zu trumen gewagt hatte, als sie nach Jahresfrist Gabrielens
Mutter ward. Nun hatte sie ein lebendes Wesen, das sie umfassen und beglcken
konnte, mit all der bis jetzt tiefverborgnen Liebe, die der Grundton ihres
Daseyns war. Sie lebte nun nicht mehr ohne Plan und Zweck in dieser Welt, sie
wute jetzt, fr wen sie lebte, und trug nicht mehr blo ergeben sondern freudig
alle andere Zumuthungen des ihr im brigen noch immer nicht freundlicher
gewordnen Geschicks.
    Gabriele ward beim Eintritt in das Leben vom Vater nicht freundlich
willkommen geheien. Er hatte auf einen Erben seines alten Namens und seines
Stammgutes gehofft, und suchte nicht den Unmuth ber die getuschte Erwartung
seiner Gemahlin schonend zu verhehlen. Jahre vergingen, Gabriele blieb das
einzige Kind, und der Vater blickte nie mit Liebe, oft mit verbinem Zorn auf
sie herab.
    Augustens unaussprechliche Milde, ihre unermdete, allen Wnschen des Barons
zuvorkommende Sorgfalt fr ihn, siegten doch endlich einigermaaen ber sein von
der Welt verwahrlosetes Gemth. Ihm war jetzt zu wohl in seinem Hause geworden,
als da er die Urheberin dieses ihm bis jetzt unbekannt gebliebnen behaglichen
Zustandes nicht htte von den brigen Menschen unterscheiden sollen. Zwar blieb
er hart und kalt im Leben wie zuvor, aber er duldete Augustens stilles Walten,
in seinem Schlo sowohl als auf seinem Gute, und lie ihr schweigend die
Freiheit, das Schicksal seiner Unterthanen auf manigfache Weise zu erleichtern.
Allmhlig ward sein Vertrauen zu ihr immer grer, so da er ihr zuletzt die
ganze Verwaltung seiner Geschfte allein bertrug, allem menschlichen Umgang,
auer mit ihr und den ihn zunchst umgebenden Dienern, vllig entsagte und sich
auf den entferntesten Flgel des weitluftigen Schlosses zurckzog, wo er sich
eine von allen brigen Bewohnern desselben ganz abgesonderte Wohnung einrichten
lie.
    Eine von seinen Vorfahren vor langer Zeit gesammelte Bibliothek war in der
von ihm erwhlten gnzlichen Abgeschiedenheit der einzige Zeitvertreib, welcher
sich dem Baron gewissermaaen entgegendrngte. Zuerst bewog ihn Langeweile, die
alten Bcher zu mustern und zu ordnen, aus welchen sie bestand; bald aber zog
ihn der Inhalt eines Theils derselben unwiderstehlich an. Eine sehr vollstndige
groe Sammlung alter alchymistischer Schriften, gedruckt und im Manuskript, war
ihm in die Hnde gefallen; er hatte sie Anfangs nur aus bloer Neubegier
durchblttert, aber diese Bltter fingen bald an, ihn immer ernstlicher zu
beschftigen, so da er zuletzt mit unermdetem Eifer sie Tag und Nacht studirte
und alles Uebrige dabei verga, bis ihm die Mglichkeit, mit der Natur in ihrem
geheimsten Walten zu wetteifern, vllig erwiesen schien.
    Schon lange hatte er mit einem, aus gekrnktem Stolz und Mitleid gemischten
bittern Gefhl auf seine Gemahlin und seine Tochter geblickt, wenn er bedachte,
da diese nach seinem Tode Schlo Aarheim verlassen mten, und in einer, wenn
auch nicht hlflosen, doch gegen jetzt sehr beschrnkten Lage zurckbleiben
wrden. Nun, da die Mglichkeit, Gold zu machen, ihm immer deutlicher, ja
zuletzt zur Gewiheit ward, regte sein alter eingeschlummerter Ehrgeiz aufs neue
die Flgel. Schon sah er im Geist Gabrielen zur reichsten Erbin von Europa
erhoben, um deren Hand einst Frsten werben wrden. Im voraus geno er den hohen
Triumph ber seine Feinde, die ihn in den Staub getreten zu haben whnten, aus
dem er jetzt zu ihrer Beschmung glorreich empor zu steigen hoffte, und er
beschlo, sein ganzes briges Leben an dieses groe Ziel zu setzen, zu dessen
Erreichung ihm nichts zu kostbar schien.
    Er lie dicht neben seinem Zimmer ein eignes Laboratorium erbauen, in
welchem er sich unablssig mit alchymistischen Versuchen beschftigte, wenn er
nicht ber den Schriften brtete, die ihm jetzt als das Hchste erschienen. Den
Seinigen ward er nur bei der Mittagstafel sichtbar und sa selbst dann stumm und
in Gedanken verloren, ohne auf irgend etwas zu achten, was um ihn her geschah.
Niemand im Hause konnte den eigentlichen Zweck seines Strebens nur ahnen, denn
er arbeitete immer bei verschlonen Thren, und nahm nur im uersten Nothfall
einen alten Diener zur Hlfe, der gar nicht wute, was er that, indem er seinem
Herrn bei alchymistischen Prozessen Handreichung leistete. Auguste selbst durfte
nie die Schwelle der Zimmer ihres Gemahls betreten. Sie glaubte mit allen
brigen Hausgenossen, da der Baron sich mit Erfindung neuer Frbestoffe
beschftige, denn er selbst hatte auf eine geschickte Weise diese Meinung zu
veranlassen gewut. Herzlich gern gnnte sie ihm diese harmlose Beschftigung,
ohne weiter darber zu grbeln, und war nur besorgt, jede Strung mit
verdoppelter Aufmerksamkeit von ihm abzuwenden.
    Auguste erfreute sich jetzt der glcklichsten Zeit ihres Lebens. Jede Stunde
des Tages durfte sie ungehindert dem Liebling ihrer Seele weihen, nie strte die
Auenwelt sie in dieser sen Beschftigung, denn kein Besuch betrat jemals das
Schlo, und die alte Tante war bald nach ihrer Verheirathung gestorben.
    Die kleinen Sorgen fr das Hauswesen hatte Frau Dalling anfangs redlich mit
ihr getheilt, zuletzt sie deren vllig enthoben. Diese wackere, nicht
ungebildete Frau war noch vor Gabrielens Geburt in Augustens Dienste getreten
und hatte bald nicht nur Vertrauen sondern auch Achtung und Liebe ihrer
Herrschaft und der brigen Hausgenossen sich erworben. Sogar der finstre,
strenge Gebieter Aller bemerkte ihre treuen Dienste nicht ohne Wohlgefallen.
Frau Dalling selbst hing mit der treusten Liebe an ihrer freundlichen Herrin und
dem holdseligen Kinde, und htte im Fall der Noth ihr Leben fr beide willig
geopfert.
    Den schwachen Lebensfunken, mit welchem Gabriele zur Welt kam, konnte nur
Mutterliebe und die sorgsamste Pflege vor frhem, vlligen Erlschen bewahren;
sehr langsam wuchs sie krftiger heran und ward endlich ein zwar gesundes, aber
kein blhendes Kind. Ihre ganze Erscheinung hatte etwas therisches. Wenn das
kleine zierliche Geschpf durch den Garten hpfte, die vollen, goldnen Locken um
den blendend weien Hals flogen, das dunkelbraune Auge frhlich blitzte, und ein
blasses Roth das einer weien Rosenknospe hnliche Gesichtchen sanft
berhauchte; dann glich es mehr der Elfenknigin Titania, als einem sterblichen
Wesen. So blieb Gabriele bis in ihr sechzehntes Jahr, dem Ansehen nach vllig
ein Kind. Die kstlichsten Blumen zgern ja immer am lngsten, ehe sie die
schtzende Knospe durchbrechen.
    Wehmthig bange sah Auguste dem Zeitpunkt entgegen, in welchem der goldne
Traum der Kindheit dem ihr vom Himmel zum Trost gesandten Engel entschweben
mute; sie suchte ihn so lange als mglich zu entfernen; aber das ohne alle
Gespielen ihres Alters, einzig bei dieser Mutter aufwachsende Mdchen reifte im
Innern weit frher heran als im Aeuern.
    Augustens Natur war die reinste, alles opfernde Liebe. Schchtern geworden
in der ihr so unfreundlichen Welt, hatte sie sich immer tief verborgen gehalten,
und nur gestrebt, alles, was sie berhrte, unbemerkt zu beglcken, bis sie in
Gabrielen ein Wesen fand, bei dem es Pflicht ward, sich unverschleiert zu
zeigen. Nun ward die mtterliche Liebe in ihrem so lange verwaist gebliebenen
Gemth zur hell lodernden Flamme der Leidenschaft. Sie zog Gabrielen mit sich in
ihre schne innerliche Welt, dort lebten Mutter und Tochter ein, allen Uebrigen
verborgenes, engelgleiches Leben, in gegenseitigem Verstehen, wie diese Erde es
selten birgt. Vertrauen auf Gott, Muth und Ergebung zum Schutz gegen die
unvermeidlichen Strme des Lebens wute Auguste frhe dem jungen Herzen ihrer
Tochter einzuflen. Gabriele lernte von ihr, stilles Dulden, bei festem
Anhalten an das Rechte, als der Frauen hchste Pflicht erkennen; aber in
wehmthig vertrauten Stunden lernte sie auch von der Mutter, da nur in der
Brust des Weibes stille, durch sich selbst beglckte und beglckende Liebe
wohnt, die selten echte Gegenliebe findet, und ihrer auch nicht bedarf, um des
Lebens hchste, schnste Blthe zu seyn.
    Frhlich suchte Auguste nun alles wieder hervor, was sie frher im Gerusch
der ihr jetzt so fernen Welt erlernt hatte, um auch uerlich ihren Liebling
damit zu schmcken. Sie brachte dadurch in ihre dstre Einsamkeit ein
wunderliches Feenleben voll Wechsel und Glanz, von dem, auer der vertrauten
Frau Dalling niemand etwas ahnen konnte. In den auslndischen Sprachen, die der
Mutter whrend ihres langen Aufenthalts in fremden Lndern so gelufig als die
eigne geworden waren, lernte Gabriele sich mit Leichtigkeit ausdrcken. Musik
und bildende Kunst blieben auch in den trbsten Tagen Augustens freundliche
Trster; jetzt bte sie sie mit Gabrielen und fhlte die reinste entzckendste
Freude bei deren Fortschritten in beiden. Sie lehrte sie, die unsterblichen
Lieder der Dichter durch den Wohllaut der Stimme zu beleben. Uebung jeder
schnen Kunst machte aus jedem Tage ihres stillen Beisammenseyns ein Fest.
Gabriele lernte sogar, von der Mutter geleitet, sich durch Blumenkrnze mit
gemenem Schritte winden, oder mit einem Shawl die reizendsten Stellungen der
Antike nachbilden. Auguste sah oft mit wonneglnzendem Auge die kleine Grazie,
das Tamburin schwingend, im leichten, sdlichen Tanze auf und niederschweben;
sie gedachte dabei der trben Tage ihrer eignen Jugend, in denen sie lchelnd,
wenn gleich mit halb gebrochnem Herzen, sich auf Befehl ihres Vaters vor
schimmernden Versammlungen so zeigen mute, und pries dankbar das Geschick ihres
glcklichen Kindes und seine ungetrbte Freude an der heitern Kunst.
    Stunden ernstern Unterrichts wechselten mit diesen, dem Schmuck des Lebens
geweihten. Auguste selbst hatte eine zu sorgfltige Erziehung genossen, als da
sie nicht ihrer Tochter eine sehr vorzgliche Lehrerin htte werden knnen. Sie
las mit ihr aufmerksam und nthigen Falls erluternd, das Beste, was in unsrer
und in fremden Sprachen fr den Unterricht der Jugend geschrieben ward; sie
fhrte sie frh in die Geschichte der Vlker ein, aber sie ffnete ihr auch frh
das Wunderreich der Poesie; Gabrielens leicht bewegliche Fantasie versank in
seinem Zauber, und das rege Mutterherz mit ihr.
    So geschah es denn, da Gabrielens liebliche Erscheinung allen Reiz kindlich
unbefangener Unschuld mit Kenntnissen und Talenten vereinte, welche sonst nur
durch die liberalste Erziehung reicher Eltern in groen Stdten erworben werden
knnen. In ihrer tiefen Einsamkeit kam ihr keine Ahnung von dem, was sie
eigentlich war; alle Mdchen ihres Alters und Standes dachte sie sich weit
unterrichteter, kunstreicher, liebenswrdiger als sich selbst, denn sie hatte
noch nie eines gesehen, und fremdes Lob noch nie ihr Ohr berhrt. Selbst ihr
Vater hatte keine Ahnung von dem, was sie wute und war; er sah sie nur bei
Tische, wo Frau und Tochter in bangem Schweigen vor ihm erstarrten, und er
selbst nur den Mund ffnete, um nach Vollziehung frherer Befehle zu fragen,
oder neue zu ertheilen. Gabrielen fiel brigens der Zwang, welchen seine
Gegenwart ihr und der Mutter auflegte, nicht im geringsten auf. Von Jugend an
dessen gewohnt, glaubte sie, es sey in allen Familien so, knne und drfe nicht
anders seyn, und Auguste htete sich, sie in diesem Glauben irre zu machen.
    Nie htte das Band gelst werden sollen, das Mutter und Tochter so
beglckend vereinte, ihre Herzen htten immer zusammen, in gleicher Bewegung
schlagen mssen, bis von Einem Grabe beide in einer Stunde aufgenommen worden
wren. Aber im Buche dort oben war es anders geschrieben. Auguste erkrankte
pltzlich und starb. Wenige Tage nur hatte das verzehrende Fieber in ihrem
Innern gewthet, der Schmerz des Todes war schonend an ihr vorber gegangen;
aber die Krankheit zerstrte gleich anfangs ihr Bewutseyn, sie entschlief ohne
auch nur einigermaaen fr Gabrielens knftige Verhltnisse sorgen zu knnen.
Das Bild dieser Tochter am Grabe dieser Mutter verdecke ein undurchdringlicher
Schleier; wer knnte es unternehmen, solch einen Schmerz beschreiben zu wollen!
    Baron Aarheim erstarrte vor Schrecken ber das so pltzlich ber ihn
hereingebrochene Unheil. Geliebt hatte er Augusten nicht, denn sein
versteinertes Gemth konnte nicht lieben; ihren vollen Werth hatte er nie klar
erkannt, nur dumpf empfunden; aber schmerzlich fhlte er die durch ihren Tod
entstandne Unbequemlichkeit, fr sein Haus und sein Kind selbsteigen sorgen zu
mssen. Sobald er nur einigermaaen wieder zur Besinnung kam, war er ernstlich
darauf bedacht, sich dieser Sorgen zu entledigen, um nur wieder ungestrt seinen
alchymistischen Arbeiten leben zu knnen, von denen er sich hoffnungsreicher als
je, den glnzendsten Erfolg ganz nahe versprach. Zum erstenmale wrdigte er
seine Tochter eines ernstlichen Bemerkens; ihre jugendliche Anmuth gefiel ihm.
Von der seltnen Ausbildung ihres Geistes und ihrer Talente wute und ahnete er
fortwhrend nichts, sie blieben ihm verhllt, denn frherer Gewhnung eingedenk,
wagte es das traurige, schchterne Mdchen kaum, in seiner Ehrfurcht gebietenden
Nhe zu athmen.
    Des Barons eifrigstes Bestreben ging jetzt dahin, Gabrielen irgendwo
unterzubringen, wo sie alles lernen sollte, was ihr seiner Meinung nach noch
fehlte. Seine Schwester, die Grfin Rosenberg, schien ihm bei reiflichem
Nachsinnen die Einzige, an die er sich in dieser Angelegenheit wenden konnte.
Sie war mehrere Jahre jnger als er, frhe verwitwet, und lebte mit ihrer
einzigen Tochter mitten im Gerusch einer drei Tagereisen vom Schlo Aarheim
entfernten groen Stadt, in welcher sie eines der glnzendsten Huser bildete.
Hier sollte Gabriele fr den ausgezeichneten Platz gebildet werden, auf dem sie,
wie der Vater fest glaubte, in der Welt zu glnzen bestimmt war. Seit mehr als
zwanzig Jahren ergriff der Freiherr zum erstenmal wieder die Feder, um seiner
Schwester zu schreiben. Er machte sie mit seinem Verluste bekannt, stellte ihr
die Verlegenheit vor, in der er sich wegen der Erziehung seiner einzigen Tochter
befand, und wandte alles an, um sie zu einem Besuch auf seinem einsamen Schlosse
zu bewegen.
    Aurelien war diese Einladung hchst unwillkommen, ihre Mutter hingegen
ergriff sie mit einer Art von Begeisterung, die ihr sogar den Muth gab, dem
Willen ihrer Tochter fr dieses Mal gerade entgegen zu handeln. Eine Wallfahrt
zum Stammhause ihrer Vorfahren, welches die Grfin noch nie besucht hatte,
schien ihr so romantisch, sie dachte sich die dunkeln, hohen Gemcher, die
gemalten Fensterscheiben, die langen Gallerieen voll alter Bilder ihrer Ahnen so
interessant, sie freute sich so sehr auf den neuen Stoff zur geselligen
Unterhaltung, da sie, ungeachtet aller Einwendungen Aureliens, die Reise so
viel mglich beschleunigte, und mehrere Tage frher im Schlo Aarheim eintraf
als der Baron es erwarten konnte.
    Doch kaum hatte sie einige Stunden dort verlebt, so sehnte sie sich schon
wieder recht herzlich in ihre gewohnten Umgebungen zurck. Alles, was sie sah,
machte auf sie einen weit andern Eindruck, als sie erwartet hatte. Die todte
Stille in dem groen den Gebude ngstigte sie, die dunkeln winkligen Gnge und
Sle, die viele Ellen-dicken Mauern schienen sie erdrcken zu wollen, vor allen
aber erregte ihr der Anblick ihres Bruders ein nie gefhltes unberwindliches,
Grausen. Als einen groen stattlichen Mann hatte sie ihn zum letztenmal
erblickt, nach einer langen Reihe von Jahren sah sie ihn jetzt, wieder zum
hinflligen, hagern Greise gealtert, und suchte vergebens in seinen von
mannigfachen Leidenschaften durchwhlten Zgen, in seinen tiefliegenden, dunkel
glhenden Augen nach einer Spur von dem, was er in frhern Tagen gewesen war.
Seine ganze Erscheinung blieb ihr nur eine stete ernste Erinnerung an die
mchtige Gewalt der Zeit, die sie so gern fr immer vergessen htte, er stand
vor ihr wie ein Gespenst, das aus einem schnen Traum sie erweckt, und seine
Gegenwart war ihr um so entsetzlicher, je mehr sie zu verbergen strebte, was sie
dabei empfand.
    Auf Aurelien, die, vier Jahre lter als Gabriele, in der hchsten Pracht
vllig erblhter Schnheit strahlte, machte der Baron freilich nicht den
Eindruck als auf ihre Mutter, dafr aber fhlte sie sich beim ersten Schritt in
das Schlo von der grlichsten Langenweile ergriffen. Besonders aber war sie
rgerlich ber die kleine blasse Kusine, der unschuldigen Veranlassung dieser
ihr widerwrtigen Reise. Um diesem Zorn Luft zu machen, auch wohl, um sich doch
auf irgend eine Weise zu amsiren, verfolgte sie die arme Gabriele mit tausend
lustigen Einfllen ber das, was sie altmodisch-empfindsames Wesen nannte, und
spottete ganz ohne Erbarmen, wenn das arme verschchterte Kind dadurch in
Verlegenheit gerieth, und sich irgend eine kleine Unbehlflichkeit zu Schulden
kommen lie. In bessern Stunden kramte sie vor ihr alle die Knste aus, um
derentwillen man sie in der Stadt unter dem Namen einer zweiten Korinna zu
vergttern pflegte. Gabrielens sprachloses Staunen dabei schien ihr ein groer
Triumph, ihr ahnete nicht, da diese nur zu begreifen suchte, wie man von
solchen Knsten so viel Wesens machen knne, die sie selbst nur gewohnt war als
Erholung von ernstern Beschftigungen zu ben. Noch weniger fiel es ihr ein, da
die unbedeutende Kleine in Manchem wohl nicht ohne Erfolg mit ihr zu wetteifern
fhig wre, denn Gabriele war zu furchtsam, und auch zu bescheiden gewhnt, um
auf die entfernteste Weise etwas davon zu uern.
    Es bedurfte nicht Aureliens ungestmes Treiben, um die Grfin zur
mglichsten Abkrzung eines Aufenthalts zu bewegen, der ihren Erwartungen so gar
nicht entsprach, besonders da der Baron weit entfernt war, auf dessen
Verlngerung zu bestehen. Die Grfin versprach ihrem Bruder in allgemeinen
Ausdrcken, Gabrielen bis zum Frhlinge zu sich zu nehmen, ihr den nmlichen
Unterricht zu verschaffen, den die glnzende Aurelia gehabt hatte, und sie in
die Welt einzufhren. Die gengte ihm. Sie selbst hatte Gabrielen kaum des
Bemerkens wrdig geachtet. Von ihrer sehr kleinen Gestalt, und ihrem ganzen
Ansehen getuscht, hielt sie sie fr ein kaum vierzehnjhriges Kind, und die
mute ein jeder, der solche zum erstenmale sah, und nicht Gelegenheit hatte,
ihren weit ber ihre sechzehn Jahre hinaus gebildeten Geist zu erkennen.
    Am dritten Tage nach ihrer Ankunft rollten beide Damen sehr frhlich ber
die Zugbrcke der alten Burg der Stadt wiederum zu. Gabriele athmete erleichtert
auf, indem sie ihnen nachsah, aber im nmlichen Moment traf sie wie ein
Donnerschlag aus heitrer Luft die Erklrung ihres Vaters, da sie in acht Tagen
den Damen folgen wrde, um wenigstens bis zum Frhling bei diesen zu verweilen.
Dennoch vernahm sie den Befehl, ohne eine Einwendung dagegen zu wagen, denn die
Mglichkeit, mit Blicken oder Worten dem Willen ihres Vaters zu widerstreben,
war ihr nie in ihre Seele gekommen.
    Es that ihr sehr weh, alle liebe, gewohnte, durch die einstige Gegenwart
ihrer Mutter geheiligte Umgebungen verlassen zu mssen, besonders da sie
vernahm, da Frau Dalling sie zwar begleiten aber gleich nach vollendeter Reise
zurckkehren wrde, um wie sonst dem Haushalt ihres Vaters vorzustehen. Der
schmerz ber den Tod ihrer Mutter ergriff sie mit verdoppelter Gewalt; sie
fhlte, wie trostlos sie in der Stadt unter Fremden seyn wrde, von denen keiner
ihre Mutter gekannt hatte. Hier im Schlo war sie es nicht, wenn sie auch
weinte; der Mutter Geist wehte noch ber alles, was sie umgab, sie setzte
gleichsam unter seinem Schutz das gewohnte Daseyn fort, und achtete sich nicht
durch das Grab gnzlich von ihrer Mutter geschieden. Dabei fhlte sie ein
unnennbares Grauen, wenn sie sich das knftige Leben mit der Grfin und Aurelien
lebhaft dachte, ein Gefhl, das durch die Art, wie beide sich in diesen Tagen
gegen sie benommen hatten, recht wohl zu entschuldigen war; aber sie hatte Kraft
genug ihr innres Widerstreben whrend der ganzen acht Tage, die sie noch im
Schlo ihres Vaters blieb, zu verbergen, und mit schweigender Ergebung allen
Anstalten zu ihrer Abreise zuzusehen. Sie gedachte dabei der Lehren und des
Beispiels ihrer Mutter, jeder Tag des Lebens der frh Verklrten war ja auch
durch alle die unzhligen, unbemerkten Opfer bezeichnet, die das Loos so vieler
Frauen sind, welche die nur nach dem Schein urtheilende Welt glcklich preist.
Gabriele hatte von ihr gelernt, sie fr die Bestimmung ihres ganzen Geschlechts
zu halten, aber auch das Unvermeidliche mit guter Art zu ertragen.
    Nur am Abend des letzten Tages im vterlichen Hause ward die Last des
Schmerzes und der Sorge der jungen Brust zu mchtig und zwang ihr laute Klagen
ab. Zum letztenmal sa sie mit ihrer lieben Frau Dalling in dem vertrauten
Zimmer, wo sie gewohnt hatte, seit sie geboren war; sie hatte an diesem Tage
alle ihre lieben Pltze in Garten und Wald noch einmal einsam besucht, hatte im
Zimmer, welches sonst ihre Mutter bewohnte, und am stillen Grabe, in welchem
diese jetzt ruhte, zu ihr wie zu einer Heiligen gebetet; auch ihr Vater hatte
ihr schon Lebewohl gesagt, und seine ihr ganz ungewohnte Freundlichkeit beim
Abschied war ihr tief ins Herz gedrungen. Allen Bedienten im Schlo, unter deren
Augen sie aufgewachsen war, hatte sie freundlich die Hand gereicht, sie zum
letztenmal durch kleine Gaben erfreut und betrbt, und ihrer Sorgfalt die
einzigen Spielgefhrten ihrer Kindheit aufs dringendste empfohlen. Dieses waren
schne Blumen, ihre lieben Zglinge, und viele freundliche zahme Thiere, welche
sich jeden Morgen in buntem Gewhl um sie drngten. Jetzt ward ihr zu Muthe, als
wre sie von ihrem ganzen Jugendleben geschieden, und mit einem Strom heier,
langverhaltner Thrnen warf sie sich in die treuen Arme der Pflegerin ihrer
Kindheit, von der sie auch in wenigen Tagen sich trennen sollte.
    Frau Dalling stellte vergebens dem weinenden Mdchen vor, da Tausende an
seiner Stelle sich berglcklich fhlen wrden, wenn sie das de Schlo mit dem
glnzenden Hause der Grfin Rosenberg vertauschen sollten. Gabriele aber hatte
keinen Sinn fr die Freuden, die dort sie erwarten mochten. Wie die Tante und
Aurelien, so dachte sie sich die Welt, in welcher sie knftig leben sollte. Aus
deren Benehmen gegen sie schlo sie auf den Empfang, welcher sie in der
Gesellschaft erwartete. Uebersehen oder verspottet zu werden, ist eine gar zu
traurige Alternative fr ein junges, an Liebe gewhntes Wesen, und etwas anders
glaubte sie nicht hoffen zu drfen. Auch der Trost, da der Frhling sie wieder
in ihre Heimath zurckfhren wrde, machte keinen Eindruck auf das tiefbetrbte
Kind. Die Bume begannen eben erst, sich herbstlich zu frben, acht Monate
muten wenigstens vergehen, ehe sie wieder im Blthenschmuck prangten. Im
reifern Alter reihen sich die Tage sehr schnell zu Wochen und Monden, sie werden
zu Jahren, ehe wir uns dessen versehen, aber im sechzehnten Jahre dnken uns
acht Monate eine so unabsehbare Zukunft, da Gabriele sie kaum zu erleben
glaubte.
    Mit wahrer Freude sah Baron Aarheim am folgenden Morgen den Wagen in aller
Frhe nach der Schlobrcke fahren, in welchem die trauernde Gabriele neben
ihrer Dalling sa. Er athmete dabei hoch auf, als sey er einer schweren Sorge
entledigt, und verschlo sich sorgsamer und eifriger als je bei seinem Forschen
nach den dunkeln Geheimnissen der Natur, fest bestimmt, durch keine andern
Geschfte sich davon abhalten zu lassen. Frau Dalling hatte im Lauf von mehr als
sechzehn Jahren sich zu treu bewiesen, als da er ihr nicht bei ihrer baldigen
Rckkehr die Besorgung seiner huslichen Angelegenheiten ohne Bedenken htte
berlassen sollen; brigens bekmmerte ihn die Verwaltung seines Gutes jetzt
sehr wenig, da er in kurzem der Besitzer unermelichen Reichthums zu werden
gedachte.
    Zum erstenmal berschritt jetzt Gabriele die enge Grnze des kleinen Gebiets
ihres Vaters, denn Auguste hatte auch hierin seinen deutlich ausgesprochnen
Willen geehrt, und war mit ihrer Tochter gern in den Schranken geblieben, welche
er ihr zu setzen fr gut hielt. Als Gabriele die letzten bekannten Bume und
Htten hinter sich gelassen hatte, kam ihr alles unheimlich und unabsehbar gro
vor, was sie erblickte. Das Rasseln der Rder ihres Wagens durch die engen,
schmutzigen Straen des ersten kleinen Stdtchens erschreckte und bengstigte
sie; die Leute, denen sie darin begegnete, erregten ihr Grauen, denn sie grte
sie freundlich, wie sie es gewohnt war, und sie starrten sie verwundert an, ohne
ihren Gru zu erwiedern. Endlich mochte sie gar nichts mehr sehen, schlo die
Jalusieen des Wagens, wickelte sich in ihren Schleier und sa lange in
schweigendem Sinnen verloren, bis Frau Dalling dem Wunsch nicht mehr widerstehen
konnte, durch liebkosende Fragen ihre junge Reisegefhrtin aus ihren Trumereien
zu erwecken.
    Sey ruhig, gute Dalling, entgegnete ihr Gabriele, ich dachte jetzt an meine
Mutter, und berlegte was ich thun mu, um zu seyn, wie sie es wnschen wrde.
Der Zeitpunkt ist sehr frh gekommen, den sie mir so oft mit schmerzlichem
Vorgefhl andeutete; ich trete jetzt in die fremde Welt, und ohne sie. Aber sie
soll mir nicht gestorben seyn, ich will wie unter ihren Augen mein Leben
fortsetzen, denn hier in meiner Brust fhle ich zu deutlich alles, was sie mir
rathen wrde, und die fremden Leute sollen mich nicht darin stren. Finde ich
ein Wesen, das ich lieben knnte, so will ich lieben, auch wenn man mich nicht
bemerkt, und ich werde glcklich seyn, denn wer liebt, ist glcklich; alles
andre was kommen kann, werde ich gefat zu ertragen streben, wie meine Mutter
auch that; darum, liebe Dalling, grme dich nicht um mich, auch wenn du mich in
wenigen Tagen verlassen mut; freilich thut mir noch das Herz sehr weh, aber
alles soll dennoch gut werden.
    Von diesem Moment an ward Gabriele augenscheinlich heiterer, Frau Dalling
sah mit einiger Freude, wie das junge Kind gegen seine vorige Trostlosigkeit
ankmpfte, selbst gegen das Bangen vor dem ersten Eintritt in das gefrchtete
Haus der Tante und in neue unbekannte Verhltnisse. Sie ist ganz wie die Mutter,
dachte die gute Frau, aber doch auch ein wenig wie der Vater.

Am Abend des zweiten Tages der Reise langten unsre Wandrer ziemlich frh in dem
ihnen vom Baron bestimmten Nachtquartiere an; es war das letzte unterwegs, denn
sie gedachten, am folgenden Tage noch bei guter Zeit den Ort ihrer Bestimmung zu
erreichen. Der Wagen hielt vor der Thre eines groen ansehnlichen Gasthofes,
mitten auf dem gewhlvollen Marktplatz der ersten bedeutenden Stadt, welche
Gabriele sah. Viele Fremde fllten die Fenster des Hauses und betrachteten mit
und ohne Brille neugierig die Aussteigenden. Diesen kam der auf ihre Ankunft
vorbereitete sehr elegante Gastwirth hflich entgegen. Alles war Gabrielen neu
und bengstigte sie nicht wenig, sie eilte durch die Schaar der zu ihrem Empfang
geschftig hin und her laufenden Aufwrter, und war herzlich froh, so schnell
als mglich in das fr sie bereitete Zimmer flchten zu knnen. Dort fhlte sie
sich vor allen den vielen Augen gerettet und blickte mit Wohlgefallen aus dem
Fenster auf das ihr ganz neue Schauspiel der Kutschen und geputzten Leute, die
dem nahen Theater zuwogten.
    Lautes Lachen dicht unter ihrem Fenster machte sie aufmerksam; sie sah eine
Menge Zuschauer um einen sehr schnen Reisewagen vor der Thre des Gasthofes
versammelt, aus welchem eben zu Gabrielens Verwunderung ein altes Mtterchen in
der rmlichsten Bauerntracht, gebckt und mhsam heraus kletterte. Ein junger
Mann von vornehmem Ansehen untersttzte sie mit seinem Bedienten und geleitete
sie mit groer Sorgfalt in das Haus, ohne sich durch die lauten Anmerkungen der
Umstehenden im mindesten dabei stren zu lassen.
    Da hat uns der Herr Graf einen angenehmen Gast mitgebracht, Herr Lorenz!
hrte Gabriele den Kellner zu dem eben wieder hinaustretenden Kammerdiener des
Fremden sagen, die Alte sieht ja aus, als wre ihr die Ofengabel unterwegs scheu
geworden und habe sie abgeworfen. Viel anders wird es auch wohl nicht seyn,
erwiederte Herr Lorenz sehr verdrlich, wir fanden sie im Chaussee-Graben, und
denken sie nur, fuhr er fort, ich mute wegen des hlichen Ungethms aus dem
Wagen und auf den Kutschbock neben den Jger mich setzen. Unerhrt! rief der
Kellner, mit allen Zeichen des hchsten Erstaunens. Ach was unerhrt! antwortete
Herr Lorenz noch verdrlicher, mein Herr macht mir alle Tage hnliche Streiche,
und am Ende fllt der Schimpf immer auf mich, wenn wir so wie heute vor den
Leuten zum Spektakel werden, denn ihm ist das einerley. Hren Sie, lieber Herr
Lorenz, sprach beschwichtigend der eben hinaustretende Wirth, das verstehen Sie
nur nicht recht, der Herr Graf machen den Spleen mit, das ist jetzt unter den
jungen Herrn eine ganz neue Mode aus England.
    Gabriele mochte nichts weiter hren, sie wandte sich vom Fenster, konnte
aber das kleine Abentheuer den ganzen brigen Abend nicht vergessen. Der Wunsch,
von der wunderlichen Reisegesellschaft mehr zu erfahren, berwand zuletzt die
Furcht, in dem fremden Hause allein im Zimmer zu bleiben, und Frau Dalling mute
sich entschlieen, ihrem Bitten nachzugeben und auf Erkundigung hinunter zu
gehen. Der Name des Fremden war der Wirthin unbekannt, obgleich er schon
einigemal ihr Haus besucht hatte. Uebrigens hrte Frau Dalling erzhlen, da der
Fremde wirklich die arme Frau unterwegs halb ohnmchtig im Chausseegraben
liegend gefunden und sie zu sich in den Wagen genommen habe, weil sie nicht
weiter gehen konnte, und sich auf dem hohen Kutschersitz nicht festzuhalten
vermochte. Die gute Alte war vor wenigen Wochen durch den Tod ihrer Tochter
ihrer einzigen Sttze beraubt, und wollte jetzt nach Bhmen zu ihrem dort
ansigen Sohne. Mhselig hatte sie sich viele lange Tage auf dem Wege dahin
fortgeschleppt, bis sie vor Ermattung nicht weiter konnte, und ohne den Beistand
des Fremden wre ihr wahrscheinlich in der kalten Herbstnacht der Tod geworden.
Jetzt war ihr geholfen, der Fremde hatte nicht nur fr ihre augenblickliche
Erquickung gesorgt, sondern sie auch so reichlich beschenkt, da sie den Rest
des Weges fahren konnte, ohne deshalb mit ganz leeren Hnden bei ihrem Sohne
anzulangen.
    Die halbe Nacht hindurch mute Gabriele an den Unbekannten und seine
menschenfreundliche Handlung denken, sie trumte sogar von nichts Anderem. Nicht
die That selbst war es, was sie in Bewunderung versetzte, diese kam ihr gar
nicht auerordentlich vor, denn oft hatte sie ihre Mutter Aehnliches ben
gesehen, wohl aber, da ein Mann solchen zarten Mitleids, solcher thtigen
Theilnahme an fremden Leiden fhig sey. Dieses feinere Gefhl hatte sie bis
jetzt einzig fr das Eigenthum der Frauen gehalten; sie kannte keinen Mann auer
ihrem Vater, dessen in Erbitterung erstarrtes Gemth bei jedem hnlichen Anlasse
nur zu deutlich sich aussprach. Mehr oder weniger ihm hnlich dachte sie sich
fast alle Mnner im wirklichen Leben, und Auguste hatte absichtlich diese
Meinung unangefochten gelassen.
    Kein Wunder war es demnach, da der Unbekannte Gabrielen wie eine seltene
Erscheinung aus einer andern Welt vorschwebte. Gern htte sie wenigstens die
Zge seines Gesichts deutlich gesehen; obgleich sie aber am andern Morgen weit
frher als Frau Dalling erwachte und vom Gerusch Abreisender sich an das
Fenster locken lie, so sah sie doch nur seine Gestalt, als er in den Wagen
stieg, und hrte seine Stimme, indem er der alten Frau noch einige freundliche
Abschiedsworte zurief. Etwas ungeduldiger als gewhnlich fing Gabriele nun an,
ihre eigene Abreise zu betreiben, im Wagen beschftigte sie nur der Unbekannte,
sie bildete sich tausend Mglichkeiten, ihn im Hause der Tante anzutreffen, sie
dachte sich allerlei Verhltnisse, in welche sie mit ihm gerathen knnte, und
sprach so lange mit ihrer Reisegefhrtin von nichts Anderem, bis sie selbst ber
ihre kindische Einbildung lchelnd ausrief: Was denke ich weiter an ihn, er ist
jetzt fern von hier und ich sehe ihn in meinem Leben nicht wieder. Aber in ihrem
Herzen behauptete eine dem Wunsch sehr gleichende Ahnung das Gegentheil, und
diese traf frher ein, als sie hoffen konnte, denn der Fremde war Ottokar.

Ein ungeheures Lrmen im Hause erweckte Gabrielen am ersten Morgen in ihrem
neuen Aufenthalt. Thren wurden auf- und zugeschlagen, Treppen und Vorsle
drhnten von den Tritten der hin und her laufenden Bedienten und Handwerker, es
war ein Hmmern, ein Fluchen, ein Rufen und Schelten, als sey eine feindliche
Armee eingerckt und das Haus dem Abendfeste zu Ehren in vlligem Aufruhr.
    Gabriele schmiegte sich vor dem ungewohnten Getse wie ein schchternes
Vgelchen in eine Ecke, bis die Stunde schlug, in der sie der Tante ihren
Morgenbesuch abstatten mute. Mit Erstaunen begegnete sie auf der Treppe dem
wohlbekannten Herrn Lorenz, schwer belastet mit einem Korbe voll der
auserlesensten Blumen. Seine Erscheinung freute sie, als ein Beweis, da sie
nicht irrte, indem sie in Ottokarn den Unbekannten aus dem Gasthofe wieder zu
finden glaubte. Aber als sie weiterhin ihn selbst durch die halb geffnete Thre
eines Zimmers erblickte, und dadurch die Gewiheit erhielt, mit ihm in Einem
Hause zu leben, ihn alle Tage zu sehen und zu hren, da bemchtigte sich ihrer
ein freudig-ngstliches Gefhl. Es war ein Glck fr sie, da die Grfin, zu
beschftigt mit Anordnungen fr den Abend, Gabrielens Eintritt kaum bemerkte und
noch weniger ihr hchst befangnes Wesen. Kurz, aber freundlich entlie die Tante
sie gleich in der ersten Minute, und gab ihr nur noch die Weisung mit auf den
Weg, sich zu Aurelien zu begeben, die sie in ihrem Zimmer finden wrde, umringt
von Freundinnen, welche heut mit einander in Geschenken zu ihrem zwanzigsten
Geburtstage wetteiferten.
    Den Geburtstag hatte die arme Gabriele ganz vergessen, und ein Geschenk fr
die gefrchtete Kusine setzte sie in die hchste Verlegenheit. Sie eilte zurck
in ihr Zimmer, ergriff ohne groe Wahl eine ihrer besten Zeichnungen und betrat
damit athemlos die Schwelle des zierlichen Zimmers, in welchem Aurelia in
frischer, einfacher Morgentracht, schn wie der junge Tag, vor einem groen
Tische stand, auf dem alles ausgebreitet lag was die Mode in unsern Tagen
kstliches und elegantes zum Schmuck der Jugend erfand. Eine Schaar junger
Mdchen half ihr alle die Geschenke bewundern, mustern und ordnen, mitten unter
ihnen stand Ottokar mit sichtbarer Freude an dem jugendlichen Wesen und Treiben.
Die seltensten, schnsten Blumen aller Jahreszeiten und Zonen blheten und
dufteten an Wnden und Fenstern. Gabriele erkannte die Blthen auf den ersten
Blick fr die nehmlichen, welche Lorenz vorhin an ihr vorber trug.
    Da kommt unser kleiner Eigensinn von gestern Abend, rief Aurelie, als sie
Gabrielen erblickte, und trat freundlich der Verlegnen entgegen, die es kaum
wagen mochte, ihr bescheidnes Geschenk neben allen jenen Herrlichkeiten zu
zeigen. Das ist ja leibhaftig die Gespensterburg deines Vaters, fuhr Aurelia
fort, indem sie die Zeichnung besah; so nimmt sie sich vortrefflich aus, aber
behte mich der Himmel davor, sie in der Wirklichkeit wieder zu sehen! Gemalt
sind die alten Schlsser ganz allerliebst; auch auf dem Theater oder in Romanen
mag ich sie wohl leiden, besonders wenn ganz erschrecklich wundersame
Begebenheiten sich darin zutragen, aber sitzt man selbst in solch einem alten
Neste und lebt so allein fort, ohne etwas zu erleben, dann thte man besser, vor
Graun und Langeweile zu sterben. Ich wundre mich wirklich, da ich whrend der
zwei Tage im Schlo Aarheim noch mit dem Leben davon kam. Es ist eine betrbte
Existenz; danke Gott, liebes Kind, da du ihr entronnen und bei uns bist, du
wrst dort auch so eine Art von Kuzlein in den krausen alten Thrmen geworden;
Anlagen hast du dazu, sprach sie lchelnd, indem sie Gabrielen umarmte und sie
dann allen ihren gegenwrtigen Freundinnen der Reihe nach vorstellte.
    Die Menge der Namen rauschte an Gabrielens Ohr vorber, ohne da sie einen
zu fassen vermochte, nur fiel es ihr auf, da auch die Grfin Eugenia sich unter
den Glck wnschenden Freundinnen befand. Diese hier zu sehen, htte sie nach
der Scene des gestrigen Abends nicht erwartet, noch weniger in so anscheinend
vertrautem Verhltni mit Aurelien. Alle die jungen Damen waren gegen Gabrielen
sehr zuvorkommend freundlich; aber diese blieb verlegen, sie hate sich selbst
in diesem Moment wegen ihrer Unbehlflichkeit, die sie doch nicht abzuwerfen
vermochte. Ihre Bnglichkeit stieg mit jeder Minute, denn sie sah, da Ottokar
ihre Zeichnung aufmerksam betrachtete; und als er nun vollends die geistreich
khne und dennoch vollendete Ausfhrung derselben lobte, und sich mit der Frage
nach dem Namen des Knstlers an sie wendete, da konnte Gabriele vor gewaltigem
Herzklopfen kaum ihre eigne Antwort hren, da sie selbst unter Anleitung ihrer
Mutter sie gezeichnet habe. Er sprach noch einige lobende Worte und verlie bald
darauf die Gesellschaft.
    Gabriele langte bei ihrer Dalling mit dem Gefhl an, als sey eine hchst
wichtige Begebenheit vorgefallen, etwas ganz Unerhrtes geschehen, das sie der
Einzigen kund thun msse, die noch in der Welt Theil an ihrem Schicksal nahm;
und dennoch wute sie nichts zu sagen, was sich nicht in der Erzhlung hchst
gewhnlich ausgenommen htte. Eine nie gefhlte Unruhe trieb sie rastlos umher.
Wenn sie ihres ungeschickten Benehmens gegen Aureliens Freundinnen gedachte,
wenn sie sich errinnerte, wie jene von ihrem Aeuern und ihrem Betragen irre
gefhrt, sie wie ein Kind behandelt hatten, dem man freundlich thut, damit es
nur nicht weine; dann verging sie fast in der frchterlichen Qual, sich ihrer
selbst zu schmen, denn sie konnte es sich nicht verhehlen, da sie
grtentheils durch eigne Schuld in diesem Lichte erschienen war. Ottokars Lob
ihrer Zeichnung vermochte nicht, sie zu trsten, sie glaubte eine Spur
unglubigen Lchelns an ihm bemerkt zu haben, da sie sich selbst nannte, als er
nach dem Namen des Knstlers gefragt hatte, und die krnkte sie noch tiefer als
alles brige. Frau Dalling selbst war in diesem Moment ber die auf den
folgenden Morgen bestimmte Trennung von dem Liebling ihres Herzens zu betrbt,
als da sie fhig gewesen wre, Gabrielen Trost und Muth einzusprechen, sie
verstand sogar den Kummer und das beklommne, unruhige Wesen derselben nicht,
sondern schrieb alles dem Gefhl zu, von dem sie selbst niedergebeugt ward. Und
so wute die gute Frau nichts beres zu thun, als Gabrielen recht mtterlich in
ihre Arme zu schlieen und herzlich mit ihr zu weinen, da diese, von innerm Weh
berwunden, zuletzt in heie, bittre Thrnen ausbrach.
    Gabriele errang auch diemal ihre gewohnte Fassung zuerst wieder. Ich will
nicht mehr weinen, sprach sie, trocknete ihre Augen und richtete sich hoch auf.
La mich jetzt von dir Abschied nehmen, liebe Dalling, setzte sie hinzu,
jetzt in dieser ruhigen Stunde, nicht heute Abend, wenn ich erschpft aus der
Gesellschaft komme, nicht morgen frh im Gerusch des Einpackens und der
Abreise. Du gehst mit Tagesanbruch von mir, geleite dich Gott, du meine einzige
Freundin in dieser Welt, gre meine Berge, meine Bume, meine Blumen; ich war
unter ihnen sehr glcklich, aber auch hier werde ich nicht unglcklich seyn, der
Gedanke an meine Mutter wird mich vor Unrecht behten, und alles andre ist zu
ertragen. Noch bin ich hier fremd, noch ist mir alles ungewohnt, und der Abstand
zwischen jetzt und ehemals ist sehr gro; aber ich werde mich eingewhnen und
lernen, was mir noch fehlt, um in diesen neuen Verhltnissen mich zurecht zu
finden. Mein Vater schickte mich her, um mich fr die Welt zu bilden; sage ihm,
da ich ihm gehorsam seyn und alles thun werde, seinen Wunsch zu erfllen so
viel ich es vermag. Und nun nimm meinen Dank fr deine unaussprechliche Liebe
und Treue. Sehnen werde ich mich immer nach dir, aber glaube nur, ich wei es,
ich finde auch hier ein Wesen, das ich lieben kann, und bin dann glcklich; la
die nochmals dir zum Troste gesagt seyn, wenn du im Schlo Aarheim sorgend
meiner gedenkst.

Bei aller ihrer mhsam errungnen Fassung sah Gabriele dennoch mit Zittern der
Stunde entgegen, in welcher sie sich am Abend zur Gesellschaft begeben mute;
sie frchtete neue Verlegenheiten, neue Demthigungen, ohnerachtet sie sich fest
vorgenommen hatte, ihre scheue Bldigkeit so viel mglich zu besiegen. Kein
Zureden Aureliens und ihrer Kammerjungfern, sogar nicht das Zrnen der Tante
hatten sie bewegen knnen, in ihrer, die tiefste Trauer bezeichnenden Kleidung
etwas abzundern. Selbst dem Bitten ihrer lieben Frau Dalling hatte sie
widerstanden, die durch die Wichtigkeit, welche man der Sache gab, in ihrer
eignen Ansicht wankend geworden war. So geh denn, eigensinniges Kind!
entschied endlich die Tante, des Streitens mde, geh wie du willst und verdanke
dir es selbst, wenn du ausgelacht wirst.
    Die vielen Lichter, die emsig hin und her laufenden Diener, die glnzende
Versammlung in der langen Reihe prchtig dekorirter Zimmer erregten in Gabrielen
jene Art Bangigkeit, welche wohl einen Jeden beim ersten Eintritt in die Welt
ergreift, der auch nicht so klsterlich aufwuchs wie sie. Giebt es doch viele in
der Gesellschaft, denen die Gefhl zeitlebens bleibt, selbst aus den hhern
Stnden, die fr abstoend stolz gelten, whrend sie nur verlegen sind. Wenige
von den Gegenwrtigen bemerkten Gabrielens Eintritt in den Saal, aber diese
Wenigen staunten beim Anblick des bleichen, der Kindheit kaum entwachsenen
Mdchens im langen schwarzwollnen Trauerkleide, dem tief hinunter wallenden
Kreppschleier, mit der breiten, die Stirne bedeckenden Schneppe, unter der sich
nur einige ihrer wie Gold glnzenden reichen Locken hervordrngten. Der Tante
Prophezeihung ward nicht erfllt, niemanden fiel es ein, zu lachen, aber
jedermann wich ihr mit einer Art Aengstlichkeit aus, denn diese dunkle
Erscheinung mitten im festlichen Glanze hatte wirklich etwas Geisterartiges.
Vergebens blickte Gabriele um sich her und suchte in dem Gewhl, ein bekanntes
Gesicht heraus zu finden, sie erblickte keines; selbst die Grfin und Aurelia
waren nicht gegenwrtig, der Anzug fr die Tableaus hielt sie entfernt. Eine
schne Frau mittleren Alters vertrat die Stelle der Frau vom Hause beim Empfang
der Gesellschaft. Gabriele fhlte sich mchtig von ihr angezogen, sie glaubte,
in ihr eine entfernte Aehnlichkeit mit ihrer Mutter zu finden und konnte kaum
den Blick von ihr wenden, aber sie kannte sie nicht und wagte es daher auch
nicht, sich ihr zu nhern.
    So stand Gabriele lange ganz allein, sah, wie berall Gruppen von Bekannten
sich bildeten, wie einzelne Paare einander aufsuchten und sich im eifrigen
Gesprch von den brigen absonderten. Niemand suchte sie, niemand hatte ihr
etwas freundliches zu sagen, sie war und blieb einsam mitten in der groen
Versammlung und ward darber recht innerlich betrbt. Der Gedanke, wie sie
eigentlich eben so verlassen in der ganzen Welt dastehe als hier in der
Gesellschaft, fiel mit lastender Schwere auf ihr nach Liebe sich sehnendes
Gemth. Schon war sie im Begriff, sich von alle den Glcklichern zurckzuziehn
und in ihr einsames Zimmer zu schleichen, als sie ihre Hand ergriffen fhlte. Es
war der freundliche ltliche Mann, dessen unerwartete Anrede sie am vergangnen
Abende so erschreckt hatte, und der ihr jetzt den Arm bot, um sie im Gefolge der
brigen Gesellschaft in das zu den Tableaus bestimmte Zimmer zu fhren.
    Eine von Haydns herrlichsten Symphonieen verkndete dort das nahe
Aufrauschen des die Darstellung noch verhllenden Vorhangs. Nie zuvor hatte
Gabriele den Einklang vieler Instrumente zugleich gehrt, er ergriff sie mit
seinem allgewaltigen Zauber, vor welchem alles Beengende von ihr abzufallen
schien. Die Tne trugen sie weit weg auf unsichtbaren Flgeln in ihr magisches
Reich, sie sprachen mit ihr von ihrer Vergangenheit, von allem, was ehemals sie
beglckt hatte, und hauchten ihr neue Freude am Leben und frischen Jugendmuth
ein. Die Dmmrung in dem nur durch die Lichter der Nebenzimmer
schwacherleuchteten Saal erlaubte es ihr, ungehindert sich ihrem Gefhl zu
berlassen; ihr Fhrer war neben ihrem Sitz stehen geblieben; mit dankbarem
Vertrauen blickte sie zu ihm auf und entdeckte im nehmlichen Moment dicht neben
ihm Ottokars hohe Gestalt, der sie begrend sich gegen sie verbeugte.
    Ein Gru im gewhnlichen Gange des Lebens ist gar wenig, aber unendlich viel
fr den, der vereinzelt in einer groen Gesellschaft, mit dem Gefhl der
Verlassenheit dasteht; dies Zeichen des Bemerktwerdens, gerade von ihm, gab
Gabrielen ein so trstendes Selbstbewutseyn, da sie dadurch beruhigt, in den
Stand gesetzt ward, sich des eben beginnenden Schauspiels wirklich theilnehmend
zu erfreuen.
    Tante Kleopatra nahm sich auf ihrem kniglichen Thron zum Bewundern gut aus.
Mit aller ersinnlichen Grazie hielt sie die reiche Perle ber den Becher, und
hatte keine Ahnung von den Anmerkungen, die links und rechts unter den
Zuschauern hingeflstert wurden. Dreimal senkte sich der Vorhang, dreimal mute
er auf lautes Bitten der Anwesenden sich wieder heben, die alle behaupteten, des
herrlichen Anblicks gar nicht mde werden zu knnen.
    Am entzcktesten stellte sich die Grfin Eugenia, ihr Beifall war der
rauschendste und kannte weder Maa noch Ziel, whrend sie zu gleicher Zeit
tausend witzigboshafte Einflle ber die herbstliche Kleopatra und ihren das
Schmuckkstchen tragenden Edelknaben den jungen Herren zuflsterte, die dicht
zusammengedrngt hinter ihrem Stuhle standen, ihr aufs krftigste applaudiren
halfen, und dabei jedes ihrer Worte mit allen Zeichen des Beifalls von ihren
Lippen gierig auffingen. Sie sa so nahe bei der von ihr ganz bersehenen
Gabriele, da diese keine Sylbe von dem, was sie sprach, verlieren konnte; auch
manches andre spottende Wort einiger der brigen Anwesenden traf deren Ohr und
kontrastirte so sehr mit der, von allen laut ausgesprochnen Bewunderung, da
Gabriele ein innres Grausen ber die Falschheit der Menschen empfand, unter
denen sie leben sollte. Ihr war zu Muthe, als sey sie unter gespenstische Larven
gefallen, die im nchsten Moment sich umwandeln und in eigenthmlicher,
frchterlicher Gestalt dastehen mten. Wie nach Rettung sah sie ngstlich um
sich her.
    Seyn sie ruhig, liebes Frulein! flsterte eine leise Stimme ihr zu, auch
ich sehe und hre, was Sie emprt, aber es ist nicht so bse, als Sie in ihrer
Unschuld es glauben. Verwundert blickte Gabriele auf und sah ihren Fhrer, der
noch immer neben ihr stand. Seine Gegenwart erschien ihr in diesem Moment wie
ein Trost vom Himmel. Die Welt, fuhr der freundliche Mann mit mildem Lcheln
fort, indem er zu ihr sich hinabbeugte, die Welt ist leider lange nicht so gut,
als Sie in ihrer Unerfahrenheit es vielleicht noch vor acht Tagen glaubten, aber
auch wahrlich lange nicht so arg, als sie jetzt Ihnen vorkommen mu. Diese
kleinen Bosheiten, vor denen Sie sich in diesem Augenblick mit Recht entsetzen,
werden Ihnen in kurzem ziemlich harmlos scheinen, wenn Sie diese Menschen und
ihr wahres Meinen erst nher kennen, denn in der That diese Einflle haben
keinen Zweck und erreichen auch keinen, wie den, fr den Moment als witzig
bewundert zu werden. Sie werden sich daran gewhnen und sie endlich ganz
gleichgltig betrachten. Nie! nie! rief Gabriele so laut, da sie selbst
darber erschrak, besonders da sie gewahr ward, da der noch immer in ihrer Nhe
sich befindende Ottokar dadurch aufmerksam auf ihr Gesprch gemacht ward.
Gewi! erwiederte ihr Fhrer leise und beschwichtigend, indem er zugleich auf
den sich wieder hebenden Vorhang hinwies.
    Mehrere Tableaus folgten dem der Kleopatra, alle wurden laut gepriesen und
leise bekrittelt, bis ganz zuletzt Aurelia in wahrhaft himmlischer Glorie als
Raphaels Jardiniere erschien. Die Kinder standen so anmuthig da, sie selbst war
in dieser Stellung mit gesenktem Auge so hinreiend schn, da sogar der Neid
verstummen mute. Ein einziger Athemzug der Bewunderung suselte durch die
Stille des glnzenden Kreises und lste sich erst spt in lauten Beifall auf.
Gabrielens fr Freude glnzendes Auge traf auf Ottokarn, Dieser starrte
vorgebeugt, wie in Bewunderung verloren, noch immer den Vorhang an, welcher
schon lange die holde Erscheinung verhllt hatte. Als sich Ottokar endlich
wandte, traf sein Blick auf Gabrielen, er lchelte ihr in theilnehmendem
Entzcken wie einer Bekannten zu, und dieser kleine Zufall durchstrmte sie mit
Empfindungen, die sie zu verstehen weit entfernt war.
    Die Gesellschaft vertheilte sich wieder in den Nebenzimmern, um dort die
Damen des Hauses nebst den brigen bei den Tableaus beschftigt gewesenen
Personen zu erwarten und nochmals mit Bewunderung und Dank zu berschtten.
Gabriele blieb mit ihrem Begleiter beinah allein in dem dmmernden Saal, und er
benutzte diese Pause, um sich ihr als einen Maler zu erkennen zu geben, dessen
bedeutender Name im neuern Gebiet der Kunst ihr schon rhmlichst bekannt war.
Signor Ernesto hatte man ihn der Landessitte gem in Italien genannt, wo jeder
Zuname dem Taufnamen weichen mu, und diese Benennung blieb ihm auch in der
Gesellschaft, seitdem er vor kurzem nach einem, viele Jahre langen Aufenthalt in
Rom, wieder in sein deutsches Vaterland zurckkehrte.
    Ich war gestern bei Ihrer Ankunft zugegen, mein theures Frulein, sprach
Ernesto weiter zu Gabrielen, ich erkannte in Ihnen beim ersten Blick das
Ebenbild Ihrer Mutter; so wie Sie jetzt vor mir stehen, so sah ich sie einst in
Rom, jugendlich blhend, mit glnzendem Auge vor den hohen Wundern der
unsterblichen Kunst. Mir ward das seltene Glck, ihr Begleiter auf ihren
Wanderungen durch die Knigin der Stdte, ihr erster Lehrer in der bildenden
Kunst zu seyn; ich werde auch Ihr Lehrer, Gabriele, ich habe mich schon gestern
bei der Grfin dazu erboten, sobald ich den Zweck Ihres hiesigen Aufenthaltes
vernahm. Schlagen Sie es mir nicht ab, Sie brauchen einen vterlichen Freund zu
Schutz und Rath, der will ich Ihnen werden, und ich kann es nur, wenn der
Unterricht im Zeichnen mir Gelegenheit verschafft, Sie tglich ohne ure
Strung zu sehen. Mir ist bei Ihrem Anblick, fuhr er fort, weil Gabriele
schweigend ihm zuhrte, mir ist, als htte ich in Ihnen eine geliebte Tochter
gefunden, als wre der schne Frhling meines Lebens zurckgekehrt, als stnde
Auguste und mit ihr Roms alte Herrlichkeit wieder vor meinem frischen
jugendlichen Sinn. Und darum will ich auch vterlich um Sie sorgen, Sie leiten
auf dem unbekannten, gefhrlichen Pfade in der Ihnen so fremden Welt, wenn Sie
mich nicht zurckweisen.
    Ernesto htte noch lange fortsprechen knnen, ohne da er von ihr
unterbrochen worden wre, sie vermochte sogar kaum, ihm zu antworten, aber ihr
beredtes Auge sagte ihm alles, was in ihrem tiefbewegten Gemthe vorging. Nicht
mehr allein und verlassen, hatte sie jetzt einen Freund ihrer Mutter zur Seite,
der auch ihr wie ein Bekannter aus frheren Tagen erschien. Mit Entzcken fhlte
sie die, und alles, was sie umgab, zeigte sich ihr in einem neuen, schnern
Licht, die Tante, Aurelia, die ganze Gesellschaft, zu der sie jetzt, von Ernesto
begleitet, wie ein frhliches Kind an der Hand seines Vaters zurckkehrte.
    Die Grfin und Aurelia standen mitten in einem dichten Kreise von
Bewunderern, die sie mit den ausschweifendsten Lobsprchen berstrmten. Nur
mhsam gelang es Gabrielen, bis zu ihnen sich durchzuwinden, und ihr Staunen
beim Anblick der rosig blhenden, Freude strahlenden Tante war fast noch grer
als gestern. Die Grfin benutzte die Gelegenheit, ihre Nichte vielen der eben
anwesenden Damen vorzustellen, eine Ceremonie, welche noch vor einer Stunde
Gabrielen sehr verlegen gemacht htte, ber die sie aber jetzt, durch Ernestos
Gegenwart ermuthigt, mit groer Fassung und leidlichem Anstande hinauskam. Die
Reihe traf endlich auch die Dame, welche vorhin, whrend der Abwesenheit der
Grfin, die Stelle derselben beim Empfange der Gesellschaft vertreten hatte, und
deren Aehnlichkeit mit ihrer Mutter Gabrielen jetzt, da sie sie in der Nhe sah,
mit einer unendlichen Wehmuth erfllte. Die Grfin Rosenberg nannte sie Frau von
Willnangen, eine nahe Verwandte ihres verstorbenen Gemahls. Gabriele erstarrte
beinah, als sie diesen Namen hier hrte, den ihre Mutter ihr nur in Stunden des
engsten Vertrauens als den Namen ihres verlornen Jugendfreundes genannt hatte.
Aengstlich suchte sie wieder, in Ernestos Nhe zu gelangen, um von ihm zu
erfragen, in welchem Verhltni diese Frau mit Ferdinand von Willnangen
gestanden haben mochte, den er gewi auch gekannt hatte, aber ein Chor von Damen
hielt ihn umlagert und machte es ihr unmglich.
    Ein Konzert begann jetzt, die letzte Stunde vor der Abendtafel auszufllen,
nach welcher ein Ball die Freuden des Tages beschlieen sollte. Die rauschende
Symphonie hatte vorhin Gabrielen auf mchtigen Wogen in eine andere Welt
versetzt; jetzt versenkte ein Quartett, von Meistern meisterhaft durchgefhrt,
sie ganz in sich selbst, die Tne verstummten endlich, aber sie hallten noch in
ihrem Innern wieder, und sie sa da, ihnen lauschend, als sie pltzlich von
neuem sich erhoben und eine einzige Stimme, voller, reiner als alle, sie
bertnte. Gabriele blickte auf und sah Ottokar neben Aurelien am Pianoforte
stehen. Beide sangen mit einander ein italienisches Duett, voll Sehnsucht und
Liebe. Gabriele kannte es, sie hatte es einigemal mit ihrer Mutter gesungen, in
ihrem Innern sang sie auch jetzt es mit, und ihr ganzes Wesen verschwebte im
sesten Verein mit Ottokars Tnen. Die Verzierungen und Manieren, welche nach
der neueren Weise Aurelie der einfachen Melodie anhngte, schienen Gabrielen ein
fast frevelhaft strendes Beginnen, obgleich sie ihre Kunst, so wie ihre sehr
schne Stimme, bewundern mute. Ihr Leben htte sie in der Minute freudig
hingegeben, um an Aureliens Stelle so neben Ottokar zu stehen, und doch fhlte
sie in der nchsten, wie unmglich es ihr seyn wrde, nur einen Ton
hervorzubringen.
    Leidvoll und freudvoll eilte Gabriele gleich nach dem Konzert hinauf in
ihr stilles Zimmer, zu welchem spter, wie aus weiter Ferne, die frohe Tanzmusik
herber tnte. Ihr Herz war bervoll von allen Ereignissen dieses bangen und
freudigen Abends, zu voll zur Mittheilung; nur Ernestos Erscheinung blieb ihr
ganz klar, und diese war ein groer Trost fr die um das Kind ihrer innigsten
Liebe mtterlich besorgte Frau Dalling.

Mit schwerem, sorgenvollem Herzen war am folgenden Morgen Frau Dalling beim
Anbruch des Tages von ihrer Gabriele geschieden, und diese suchte nun mit der
neuen, ihr von der Tante zugegebenen Kammerjungfer sich einigermaaen zu
befreunden. Es war ihr unmglich, gegen die hbsche, zierlicher als sie selbst
geputzte Annette den Ton der Gebieterin anzunehmen, und Annette konnte sich auch
nicht sogleich in die freundliche Art ihrer neuen Herrschaft finden, die gar
nichts zu ersinnen wute, was sie ihr htte befehlen knnen. So waren beide ein
Paar Stunden in ziemlicher Verlegenheit einander gegenber geblieben, als
Ernestos frher Besuch, der erste, den Gabriele je erhielt, der Noth endlich ein
Ende machte.
    Ich erscheine in dieser unschicklich frhen und deshalb visitenfreien
Stunde, um Sie zu zwei Freundinnen zu geleiten, die mit offnen Armen und Herzen
Sie erwarten, sprach Ernesto; Frau von Willnangen sendet mich. Frau von
Willnangen? unterbrach ihn Gabriele, aufs neue von dem Namen heftig aufgeregt;
hre ich recht? wirklich Willnangen? um Gotteswillen! wer ist diese Frau, die
meiner Mutter so hnlich sieht? Ist sie mit Ferdinand von Willnangen verwandt?
Gewi, Sie kannten auch diesen Ferdinand. Wohl kannte ich auch ihn,
erwiederte Ernesto, von trben Erinnerungen sichtbar bewegt. Frau von
Willnangen, fuhr er fort, ist die Mutter seiner Tochter, eines lieben
Mdchens, das wohl verdient, ihre schwesterliche Freundin zu werden. O
Auguste! meine liebe, liebe Mutter! rief tief erschttert, in fast betender
Stellung, Gabriele, auch dorthin verfolgt dich unerbittlich dein Geschick! Der
selige Geist deines Freundes hat dich auf deinem stillen Lebenswege nicht
schtzend umschwebt, wie du fromm es whntest, er geleitete dich nicht aus der
bittern Stunde deines Scheidens zur frohen Ewigkeit, die keine Trennung kennt;
Ferdinand lebt, er war dir nah, und verga deiner, die du wie ein Heiligthum
sein Andenken in treuer Brust bewahrtest! So lieben Mnner, fuhr sie mit
zrnendem Ernst fort; treue Liebe wohnt nur im Herzen der Frauen und bleibt
dort ihr eigner, einziger Lohn. So lehrte mich meine Mutter mit Recht; wer darf
noch hoffen, sie auer sich zu finden, wenn diese Frau vergessen werden konnte!
    Mit theilnehmendem Staunen blickte Ernesto auf das schwrmende, sich seinem
Gefhl ganz berlassende Mdchen. Ich mag Ihren schnen Glauben von unsern
Erwartungen jenseits nicht stren, wenn er auch nicht ganz der meinige ist,
sprach er endlich mit sehr bewegter Stimme, indem er ihre gefalteten Hnde sanft
ergriff. Erlauben es die Gesetze jenes Landes, von dessen dunkeln Grnzen noch
nie ein Wandrer zurckkehrte, der uns Kunde brachte, so empfing Ferdinands
seliger Geist Augusten beim Scheiden aus dieser Welt, so umschwebte er sie
schtzend schon lange vorher auf ihrem Lebenspfad, denn seit mehreren Jahren
verlie er dieses Leben, in welchem sein Geschick ihn rastlos umhertrieb und nur
spte Ruhe ihm vergnnte. Ich fhre Sie jetzt zu seiner Witwe, die gestern
hocherfreut in Ihnen die Tochter der Frau erblickte, deren Andenken, ohne da
sie jemals sie sah, ihr dennoch heilig ist, weil es der Mann, den sie liebte,
stets im Herzen trug. Sie glaubt es nicht besser ehren zu knnen, als indem sie
Gabrielen mtterliche Liebe entgegen trgt; doch whnt sie deshalb nicht, ihr
jemals Augustens Verlust ersetzen zu knnen. Das reine, stille Gemth dieser
seltnen Frau war stets zu demthig, dies sogar bei Ferdinanden zu hoffen, und
ohne alles neidische Streben begngte sie sich immer damit, sein Leben durch
Liebe zu erheitern, mit ihm zu trauern, wenn Wehmuth ber verlornes Jugendglck
in ihm erwachte und ihm die Gegenwart trbte. Kommen Sie, Gabriele, fuhr
Ernesto eifriger fort, folgen Sie mir in das Haus der Frau von Willnangen, Sie
werden einen dem Andenken Ihrer Mutter geweihten Tempel betreten. Die Blumen,
die sie vor allen liebte, werden dort noch immer sorgsam gepflegt, ihr Bild ist
noch immer der geehrteste Schmuck des Hauses, ich malte es heimlich in Rom fr
mich und konnte Ferdinands ungestmen Bitten eine Kopie davon nicht versagen;
Ferdinands Tochter erhielt bei ihrer Geburt den ihm so theuren Namen Auguste.
Glauben Sie mir, Sie werden dort heimisch seyn wie unter verwandten Freunden;
vielleicht auch dort berzeugt werden, da treue Liebe in der strkern Brust des
Mannes oft nur um so sichrer wohnt, als in dem weicheren Herzen der Frauen,
setzte er lchelnd hinzu.
    Was Ernesto von Ferdinands spterem Geschick Gabrielen noch ferner
mittheilte, lt sich in wenig Worte fassen. Auf eine ihm unerklrbare Weise von
der Geliebten getrennt, whrte es beinahe ein Jahr, ehe er den ganzen Umfang
seines Unglcks erkannte, und trstende Hoffnungen begleiteten ihn lange von
Land zu Land. Augustens Vater leitete fortwhrend mit unsichtbarer Hand sein
Geschick; er hatte den Zweck erreicht, ihn auf immer von seiner Tochter zu
trennen, und war brigens nicht weniger als sonst fr das zeitliche Glck seines
ehemaligen Pfleglings besorgt. Er glaubte sogar, ihm gewissermaaen Ersatz
schuldig zu seyn, und ebnete deshalb, so viel er es konnte, Ferdinands Weg auf
der einmal angetretnen Laufbahn seines Strebens, ohne da dieser es ahnete. Bis
Konstantinopel hatte er ihn zu bringen gewut, als der Tod ihn in Schweden
bereilte. An der sdlichsten Grnze von Europa erfuhr Ferdinand sehr spt aus
den Zeitungen die Nachricht von dem Hinscheiden seines ehemaligen Beschtzers,
und die weite Entfernung, in der er sich von jenem nrdlichen Lande befand,
vernichtete den Erfolg jedes schriftlichen Versuches, Augusten, die dort
verschwunden war, wieder aufzufinden. Er eilte selbst nach Schweden, sobald
seine Verhltnisse es ihm mglich machten, aber vergebens suchte er aufs
ngstlichste eine Spur von ihr. In der Residenz war Augustens vorbereilende
Erscheinung lngst vergessen, in dem kleinen Stdtchen, in welchem ihr Vater
starb, hatte niemand sie gekannt; nur wenige erinnerten sich ihrer Existenz,
keiner wute nur von ferne anzudeuten, wohin sie sich gewendet haben knne, und
in der tiefen Einsamkeit, in welcher sie auf dem Landgute ihrer Tante damals
lebte, war und blieb sie ihm verloren.
    Ferdinand fhrte von nun an ein trbes, unsttes Leben, ewig suchend nach
dem Glck seiner Jugend und nimmer es findend, bis das Fruchtlose seines
Strebens ihm endlich die Ahnung von Augustens Tod zur Gewiheit machte. Jetzt
beschwichtigten allmhlich wehmthige Sehnsucht und fromme Hoffnung den
wthenden Schmerz in seinem Innern und wandelten ihn in stille Trauer. Seine
uere Lage befriedigte brigens alles, was er sonst vom Leben noch wnschen
mochte, denn er war durch Thtigkeit und Treue im Dienst seines Frsten zu einer
bedeutenden Stelle in seinem Vaterlande gelangt. Still und trbe lebte er seine
Tage hin, bis er einst von ungefhr ein Frulein Rosenberg erblickte, dessen
auffallende Aehnlichkeit mit der Verlornen alle alte Wunden in seinem Innern
wieder erneute.
    Zuerst fhlte er sich von dieser Aehnlichkeit bald unwiderstehlich
angezogen, bald schmerzlich zurckgestoen. Sie war Auguste und war es doch
nicht, aber bei nherer Bekanntschaft fand er in ihr ein mildtrstendes Wesen,
das einzige, dem er je die traurige Geschichte seiner Jugend vertrauen mochte.
Des Fruleins innige Theilnahme an seinem Schmerz, ihre demthige Verehrung
Augustens fesselten ihn immer mehr an ihre Nhe, sie gab ihm den einzigen Trost,
der ihm noch werden konnte, und bald kam es dahin, da kein Tag verging, ohne
da er sie zu sehen suchte.
    In zarter Frauen-Brust wandelt sich die Theilnahme an den Leiden eines
Freundes nur zu leicht in ein glhenderes Gefhl, und Ferdinand konnte sich
endlich nicht mehr die Art des Eindrucks verhehlen, den er und seine Schmerzen
auf das Herz seiner jungen Freundin gemacht hatten. Er fhlte zugleich, da sein
der Liebe erstorbnes Gemth dennoch des Trostes inniger, vertrauensvoller
Freundschaft nicht mehr entbehren konnte, nachdem es dessen gewohnt geworden
war, und so bat er das Frulein: sein durch tiefen Gram und ewige Sehnsucht
getrbtes Daseyn mit ihm zu theilen, ohne sie ber die Art seiner Empfindungen
fr sie zu tuschen, indem er ihr seine Hand bot.
    Der schne Verein alles opfernder Liebe und treuer, inniger Freundschaft,
whrte kaum ein Jahr; Ferdinand starb, und Familienverhltnisse bestimmten seine
Witwe, den Ort ihres bisherigen Aufenthalts mit der Stadt zu vertauschen, in
welcher fast alle ihre Verwandten wohnten, und wo Gabriele sie fand. Frau von
Willnangen lebte dort mit ihrer Tochter nicht mitten im Strudel der groen Welt,
aber doch auch nicht ganz von ihr abgesondert, sie war nicht reich, aber ihre
ure Lage erlaubte ihr, sich keinen wirklichen Lebensgenu zu versagen, und
ihre anspruchlose Bildung, die milde Wrde in ihrem ganzen Wesen zogen bald
einen kleinen Kreis auserwhlter Freunde um sie her, in dessen Mitte sie sich zu
wohl befand, um sich nach rauschendern Freuden zu sehnen. Nur selten erschien
sie in grern Gesellschaften und stets ungern.
    Die Grfin Rosenberg ehrte in ihr die nahe Verwandte ihres verstorbenen
Gemahls, lieben konnte sie sie nicht, dazu war ihr ganzes Wesen zu sehr von dem
der Frau von Willnangen verschieden, und eigentlich sahen beide Damen einander
nur selten. Aber da die allgemeine Achtung Frau von Willnangen vor allen Andern
auszeichnete, so fhlte die Grfin sich dadurch bewogen, bei jeder ffentlichen
Gelegenheit mit der nahen Verbindung zu prunken, in welcher sie sich gegenseitig
befanden. Deshalb hatte sie sie auch gebeten, bei dem Feste die Honneurs des
Hauses zu machen, so lange sie selbst abwesend seyn mute, und da es Aureliens
Geburtstage zu Ehren angestellt war, so mochte ihr Frau von Willnangen diese
Bitte nicht abschlagen.
    Gabriele betrat mit hochbewegter Brust an Ernestos Hand das Haus, in welchem
alles, besonders die Besitzerin desselben, sie auf das lebhafteste an ihre
Mutter erinnerte. Der freundliche Empfang, der ihr ward, that ihrem, in den
letzten Tagen so vielfltig verletzten Gemth unendlich wohl, und jede Spur der
scheuen Bldigkeit, die im Hause der Tante sie ngstlich beklemmt hatte,
verschwand vor ihm. Die prunklose, aber bequem-zierliche Einrichtung der Zimmer
versetzte sie ganz in die frohe Zeit ihrer ersten Jugend zurck; alles deutete
darin auf heitern Lebensgenu, auf Flei und Kunstliebe der Bewohner, alles war
so, wie sie es bei ihrer Mutter zu sehen gewohnt gewesen war. Ihr ward in diesen
Umgebungen, als ob sie nach einer langen Abwesenheit wieder zu Hause angekommen
wre, und mit wahrer kindlichen Freude hrte sie die Einladung, recht oft, wenn
es mglich wre tglich, zu kommen, und jede freie Stunde bei der Frau von
Willnangen und ihrer Tochter in ruhiger Gemthlichkeit zuzubringen.
    Der erste Anblick der achtzehnjhrigen Auguste eignete sich durchaus nicht
dazu, die Herzen mit Sturm zu erobern. Ihr Aeueres zeichnete sich nur durch
eine hohe, regelmig schlanke Gestalt aus, und ihr Gesicht war nichts weniger
als schn, so lange sie schwieg; aber der Geist, der es belebte, sobald sie
sprach, der Ausdruck, den die klaren, groen Augen dann gewannen, gaben ihr
einen ganz eignen Reiz, sie fesselten die Herzen wie die Blicke, man sah
Augusten eben so gern sprechen, als man sie hrte, und wurde endlich beinah
verleitet, sie schn zu finden. Bei dem neuen Gefhl, sich von einem jungen, ihr
hnlichen Wesen liebevoll umfangen zu sehen, ging Gabrielen in nie zuvor
empfundner Freude das Herz auf; ein Vorgefhl jugendlich vertraulicher
Freundschaft bemchtigte sich ihrer, und glcklicher, als sie es je seit dem
Tode ihrer Mutter gewesen war, verlie sie das Haus der Frau von Willnangen mit
dem festen Entschlu, sobald als mglich dahin zurckzukehren.

Gabrielens Tante war eine der Frauen, wie man in groen Stdten so viele findet,
die mit wahrem Heldenmuth allen ihren Neigungen geradezu entgegen handeln,
sobald der eben herrschende Ton es gebeut. Funfzig Jahre frher geboren, htte
sie, schwimmend in Moschus- und Ambra-Duft, mit aller damals blichen Ziererei
einer franzsischen petite maitresse ber Vapeurs geklagt, in Gesellschaft Gold
gezupft, oder Trisett gespielt, und ihr Haus wre eine Menagerie von
Schoohndchen und Papageyen gewesen. Die Zeiten, in denen so etwas galt, sind
aber vorber gezogen, und Kunst und Wissenschaft jetzt bei uns an der
Tagesordnung. So sah sich die Grfin gezwungen, sich zur eifrigen Beschtzerin
derselben aufzuwerfen, wenn sie sich in dem Kreise, den sie die Welt nannte,
geltend machen wollte, und die Langeweile nicht zu achten, welche sie dabei
empfand.
    Im Grunde waren ihr die Figuren in den Modejournlen weit lieber, als alle
Raphaele und Kunstgesprche, von denen sie nichts verstand; die Donaunixe oder
Rochus Pumpernickel ergtzten sie weit mehr auf der Bhne als Gthe oder
Schiller, bei denen sie immerfort heimlich durch die Nase ghnen mute; und
obgleich in ihrem Kabinette alle unsre vorzglichsten Dichter in goldigem
Einbande hinter Spiegelglas strahlten, so griff sie doch ganz in der Stille nur
nach Cramer, Spie und deren Nachfolgern, wenn Migrne oder eine seltne einsame
Stunde ihr ein Buch in die Hand spielten. Dennoch wute sie durch stete
Anstrengung, geleitet von einem angebornen Taktgefhl, diesen ihr eignen
Geschmack so knstlich zu verbergen, da niemand merken konnte, wie sehr alles,
wonach sie im Aeuern strebte, ihr im Innern zuwider war. Man konnte lange mit
ihr umgehen, und dennoch darauf schwren, sie sey geistreich und unterrichtet.
Sie wute sehr gut, wenn es im Theater Zeit war den Kopf verchtlich
wegzuwenden, oder auch in Extase zu gerathen, und in ihrem. Gesprch vermite
man keinen technischen Kunstausdruck, kein einziges der vielen neuen Worte, mit
welchen unsre Poeten und Kunstjnger die deutsche Sprache neuerdings
bereicherten; sie hatte sich alle durch den Umgang zu eigen gemacht. Es geschah
wohl dann und wann, da sie sich in der Anwendung derselben ein wenig vergriff,
aber doch immer selten genug, um nicht auffallend zu werden. In zweifelhaften
Fllen half sie sich mit einem Ach! oder Oh! die jedermann auslegen konnte, wie
er wollte, und brigens htete sie sich gar sehr, ber irgend ein neues
Kunsterzeugni ihre Meinung voreilig an den Tag zu legen, sondern wartete
bescheiden, bis jemand aus der Gesellschaft, auf dessen Ansicht sie sich
verlassen konnte, ihr zu einem sichern Urtheil verhalf.
    Mit aller dieser Anstrengung war es ihr wirklich gelungen, ihren Zweck zu
erreichen. Das Haus der Grfin Rosenberg galt allgemein fr das angenehmste in
der Stadt, dem alles zustrmte, was fr geistreich und gebildet geachtet seyn
wollte, oder auch es wirklich war. Es wimmelte bei ihr von fremden Knstlern,
Gelehrten und schnen Geistern, und eine Addresse an die Grfin schien den
mehresten dieser Ankmmlinge nicht minder nothwendig als ein Reisepa. Wer keine
mitbrachte, den wute sie auf andre Weise sich zufhren zu lassen, denn sie wre
untrstlich gewesen, wenn ein berhmter Mann das Weichbild der Stadt betreten
htte, ohne ber ihre Schwelle zu gehen. Freilich schlich sich auch mancher blo
titulr-schne Geist unter der Menge mit ein, denn an Auswahl war hier nicht zu
denken; aber alle vereint brachten doch den Reiz einer mannigfaltigern
Unterhaltung, eines geistigern Lebens in die Gesellschaft, als man in andern
groen Zirkeln zu finden gewohnt ist, und selbst sehr ausgezeichnete Mnner
besuchten gern den Vereinigungs-Punkt, der ihnen hier geboten ward. Ueberdem
verstand die Grfin die Kunst, eine sehr angenehme Wirthin zu seyn. Mit
anscheinender Sorglosigkeit berlie sie es jedem, nach Gefallen seine
Unterhaltung zu whlen, und trachtete nur ganz unmerklich dahin, da es nie an
Stoff dazu mangle. Den feinen Takt echter Geselligkeit hatte lange Gewohnheit
ihr zur zweiten Natur gemacht, und jedermann fhlte sich in ihrem Hause frei und
behaglich.
    Ernesto war der tgliche Gast desselben. Frher zog ihn heiterer Hang zu
Geselligkeit dahin, spter die Sorge um Gabrielen. Den Gedanken, auch auf
Aurelien vortheilhaft zu wirken, den ihre Schnheit zuerst in ihm erregte, gab
er auf, sobald er mit gewohntem Scharfblick sie und ihre Mutter durchschaute.
Sein durchaus rechtliches Benehmen, sein heller Geist, seine Kenntnisse, vor
allem die ihm eigne heitre Unterhaltungsgabe und sein frhlicher, wenn auch
zuweilen etwas kaustischer Witz erwarben ihm allgemeine Achtung und Liebe. Fast
immer war er der von Allen gesuchte Mittelpunkt der Gesellschaft, um so mehr, da
er bei seiner Gengsamkeit und strengen Migkeit sich von jedermann unabhngig
erhielt, und sich nie dahin bringen lie, seiner Wrde in etwas zu vergeben.
    Die Grfin fhlte den ganzen Werth seiner Gegenwart in ihrem Kreise, und
strebte auf alle Weise, sich solche zu erhalten, obgleich ihr dabei zuweilen
etwas unheimlich zu Muthe wurde. Ernesto war beinah der einzige Mensch, der ihr
imponirte, sie fhlte sich gezwungen, ihn zu ehren und sich, sobald er es
ernstlich wollte, seinem Willen in manchen Dingen zu fgen. Deshalb wagte sie es
auch nicht, ihm zu widersprechen, als er sich ziemlich eigenmchtig
gewissermaaen zu Gabrielens Vormund aufwarf. Die Grfin mute es ihm sogar Dank
wissen, da er es unternahm, den mannigfaltigen Unterricht zu leiten, welchen
Gabriele zufolge des Willens ihres Vaters in der Stadt erhalten sollte, denn er
entledigte sie dadurch einer groen Last, die sie bereilt sich aufgeladen
hatte, ohne die dabei vorwaltenden Schwierigkeiten und Mhn gehrig zu bedenken.
Sie bat ihn, nur vor allem die ersten Wochen eifrigst zu benutzen, in denen
Gabrielens tiefe Trauer, welche diese nicht vor der bestimmten Zeit ablegen
wollte, deren eigentliche Einfhrung in die Welt noch verzgerte, und berlie
alles brige recht gern seinem bessern Wissen und Wollen.

Erwnschteres konnte fr Gabrielen nichts geschehen, als da sie Ernestos
Fhrung bergeben ward, und von ihm geleitet begann ihr Leben bei der Tante sehr
bald, sich beruhigend und erfreulich fr sie zu ordnen. Bei der Grfin und
Aurelien brach der Tag wenigstens drei Stunden spter an als bei ihr; Toilette
und Visiten raubten diesen Damen alle brige Zeit vor der Mittagstafel, es
konnte ihnen daher nicht einfallen, Gabrielens Lehrstunden und Uebungen zu
unterbrechen, und diese behielt also die vollkommenste Mue fr sie und fr
Ernesto, der jeden Morgen mehrere Stunden mit Zeichnen und im Gesprch bei ihr
verweilte.
    Er sowohl, als die Lehrer, welche er fr sie gewhlt hatte, staunten nicht
wenig bei der Entdeckung, welche Fortschritte Gabriele schon frher bei ihrer
Mutter in alle dem gemacht hatte, was sie ihr von den ersten Anfangsgrnden an
lehren zu mssen geglaubt hatten, und mehrere von ihnen befanden sich wirklich
mit dieser Schlerin in einiger Verlegenheit. Im gewhnlichen Sinn des Wortes
konnte Gabrielens Erziehung wirklich fr mehr als vollendet gelten, aber die
Gelegenheit zu fernern Fortschritten und Uebung im schon Erlernten war ihr zu
willkommen, um sie nicht aufs beste zu benutzen. Uebrigens gewhnte sie sich
durch den Umgang mit ihren Lehrern immer mehr an den mit der Welt, und diese
hingegen nahmen wieder recht gern den mhelos erworbenen Ruhm an, in
unbegreiflich kurzer Zeit ihre Schlerin so weit gebracht zu haben.
    Mit allen lebte Gabriele in der vollkommensten gegenseitigen Zufriedenheit,
auer mit ihrem Singmeister, einem sehr vorzglichen Knstler, der aber von der
neuen italienischen Methode bezaubert war. Er bestand darauf, ihre ungewhnlich
reine biegsame Stimme an alle die immer wiederkehrenden Verzierungen und
Manieren zu gewhnen, mit welchen jetzt manche unsrer berhmtesten Snger und
Sngerinnen auf Kosten der Melodie und des Ausdrucks ihren Gesang oft so
berladen, da der ursprngliche Gedanke des Komponisten eigentlich ganz dabei
zu Grunde geht und nur noch das Tempo und die Worte eine groe Arie von der
andern unterscheiden. Gabriele hingegen war von ihrer Mutter nach der ltern
reinern Methode unterrichtet, sie suchte nur, den echten Sinn des Gesanges
einfach, wahr und gefhlvoll so wiederzugeben, als der Meister, der ihn
niederschrieb, ihn sich dachte, und wollte sich auf keine Weise zu jenen
knstlichen Schnrkeleien bequemen. Dies gab Anla zu unzhligen ziemlich
lebhaften Zwistigkeiten zwischen ihr und ihrem Lehrer, bei welchen aber Gabriele
nie von ihrer Ueberzeugung abweichen wollte. Glauben Sie, sprach sie zu ihm, da
Gluck oder Mozart diese krausen Lufer, diese Vorschlge und Triller nicht
htten vorschreiben knnen und es auch nicht gethan haben wrden, wenn sie sie
fr zweckmig hielten? Niemanden fllt es je beim Vorlesen ein, sich an Gthen
oder Schillern durch den eigenmchtigen Zusatz nur eines einzigen Wortes zu
versndigen. Sollten die Meister der Tonkunst, die so klar ohne Worte zu uns zu
sprechen wissen, da wir sie deutlich verstehen, uns weniger heilig seyn?
Vergebens bekmpfte der Musikmeister diese Meinung seiner Schlerin mit allen
nur ersinnlichen Gegengrnden, keiner derselben schien ihr bedeutend genug, um
ihre eigne Ueberzeugung umzustoen.
    Ernesto war zufllig einmal Zeuge eines solchen Zwistes, und da der erzrnte
Snger ihn endlich zum Schiedsrichter aufrief, so erklrte dieser sich mit
wenigen Einschrnkungen fr Gabrielen. Dies beendete wenigstens den Streit, aber
der Lehrer seufzte doch jedesmal ber den Eigensinn seiner sonst so gelehrigen
Schlerin, wenn er gezwungen sich ihrem Willen fgen mute.
    Eigensinnig! So hatten auch die Tante und Aurelie sie mehreremale genannt,
und dennoch war sie es nicht. Gabriele scheute nur das Unrecht, und war in ihrem
Gemthe bei aller ihrer Furchtsamkeit fest genug, um sich durch keine
Ueberredung von dem abwenden zu lassen, was sie fr das Rechte anerkannte,
sobald sie aber ihren Irrthum einsah, war auch niemand bereitwilliger, ihn
abzulegen, und Ernestos welterfahrnem, klarem Sinne gelang es immer, sie zum
Beern zu leiten.
    Eines Morgens traf sie dieser in sehr lebhaftem Gesprch mit ihrer
Kammerjungfer. Er frchtete, in einer wichtigen Toilettenangelegenheit zu
stren, und wollte eben bescheiden sich zurckziehn, als er zu seiner groen
Verwunderung entdeckte, da die Rede von nichts geringerem sey, als von
Alexanders des Groen Zug nach Indien.
    Um Gotteswillen, was hat die kleine, hbsche Annette mit dem groen
krummhlsigen Alexander zu thun? fragte Ernesto, so wie er mit Gabrielen allein
war. Lchelnd erzhlte ihm diese, wie sie das Mdchen bei allen Stunden ihres
eignen Unterrichts habe im Zimmer mit seiner Handarbeit bleiben heien, und wie
es anfangs aus Langerweile, endlich mit wirklicher Theilnahme, eifrig zugehrt
und vieles gelernt und behalten habe. In freien Stunden machte es sich Gabriele
jetzt zum angenehmen Geschft, die oberflchlichen Bruchstcke, welche Annette,
oft nur halb gehrt, auffate, in ihrem Kpfchen zu ordnen, und sie grndlicher
zu unterrichten. Jugendliche Freude am Lehren des eben Erlernten mochten an
diesem Unternehmen wohl vielen Theil haben, mehr aber noch der Wunsch, dem
artigen Mdchen ntzlich zu seyn, das mit groer Liebe an seiner jungen
Gebieterin hing, und sich dabei als eine uerst gelehrige Schlerin bewies.
    Sie glauben da etwas recht Vortreffliches zu stiften, liebe Gabriele,
sprach Ernesto zu seiner jungen Freundin, ich aber frchte, Sie bereiten dem
armen Mdchen eine traurige Zukunft. Lassen Sie sich freundlich von mir warnen
und an Annettens einstige Bestimmung errinnern. Wahrscheinlich wird sie die Frau
eines Handwerkers, wenn es hoch kommt eines Krmers oder eines untergeordneten
Beamten; hheres darf sie nicht erwarten, und heirathen wird sie doch wollen,
denn das will jedes Mdchen. Und nun denken Sie sich Annetten mit der geistigen
Bildung, die Sie ihr zu geben im Begriff stehen, ein Paar Kinder um sie her,
eine groe Wsche im Hause, und auf dem Heerde das Mittagsmahl fr ihren Mann
und vielleicht fr noch ein Dutzend Gehlfen bei seinem Gewerbe!
    Und warum sollte ich sie mir so nicht denken knnen? unterbrach ihn
ziemlich lebhaft Gabriele; warum sollte diese geistige Bildung sie in der
Uebung ihrer Pflicht hindern? Sagt man mir doch, es stnden oft die
geistreichsten Mnner in Aemtern, welche ihrem Genius gerade entgegen streben,
ohne da weder ihre Pflicht noch ihr Talent darunter leiden.
    Sie vergessen, oder vielmehr Sie wissen noch nicht, liebe Gabriele, wie
viel gnstiger das Loos der Mnner als das der Frauen fiel, erwiederte Ernesto;
wie viel Freiheit Jenen auer dem Hause bleibt, und wie schneckenartig diese
das ihrige immer mit sich herumtragen mssen, wenn Reichthum sie nicht von den
drckendsten Banden befreit. Sie kennen den Mittelstand nicht, fuhr er fort;
Ihr vornehmen Leute kennt ihn berhaupt alle nicht; bittre Armuth, das hchste
Elend, so wie alle Extreme kann Eure Fantasie Euch allenfalls malen, Mitleid
fhrt Euch auch wohl ein paarmal in Eurem Leben in Htten, aus denen Ihr mit
einer Hand voll Eures berflssigen Goldes alle Noth verbannt, aber das
beschrnkte Wesen von Menschen, welche einen sogenannten kleinen Haushalt fhren
mssen, bleibt Euch ewig verborgen. Ich aber kenne es, denn Knstler und
Handwerker sind einander im Leben nher verwandt, als unser Hochmuth es
eingestehen will. Schtteln Sie nicht so vornehm das Kpfchen, liebe Gabriele,
es bleibt dennoch wahr, beide haben gleiche Hlfsmittel und oft gleiche Noth.
Von dieser bezwungen, sinkt der Knstler in unsern Tagen nicht selten zum
Handwerker herab, dafr aber erstanden auch in frhern Zeiten viele groe
Meister aus der engen Werkstatt des Handwerkers.
    Aber gerade den Mittelstand dachte ich mir immer als den glcklichsten,
wandte Gabriele, das Gesprch wieder zurcklenkend, ein. Mann und Frau, jeder
auf seine Weise, bringen den Tag im emsigen Bemhen fr das Wohl der Ihrigen zu.
Die Ruhestunden fhren sie Abends wieder zusammen, sie erzhlen einander die
Geschichte ihres wohlgelungenen Tagewerks, und vergessen alle Mhe des Lebens
beim gemeinschaftlichen Lesen eines Buchs, das ihren Geist aus dem
Werkeltags-Staub wieder erhebt. Bei Musik, im geistreich erheiternden Gesprch,
beim Zauber der Poesie, schwinden ihnen die Feierstunden, und jedes geht am
folgenden Morgen frisch und frhlich an die Arbeit und freut sich den ganzen Tag
ber auf den Abend.
    Sie malen da ein Bild, das Ihrer Fantasie alle Ehre macht, sprach lchelnd
Ernesto; leider aber ist es im wirklichen Leben ganz anders. Wenn Sie die
hhere Klasse des Mittelstandes meinen, zu welcher der reiche, angesehne, groe
Kaufmann, der wohlhabende, auf den ersten Stellen stehende Beamte gehren, so
haben sie Recht, dort ist es zuweilen so, und knnte es immer seyn. Aber zu den
niedrigern Klassen, in welchen Annette einst leben wird, pat dieses nicht.
Knnen Sie sich wirklich einen Schneider oder Tischler denken, der das Leben
fhrte, welches sie eben geschildert haben? und setzen sie selbst den Fall, da
Annette einen untergeordneten Beamten oder einen Landprediger heirathete. Was
diese Mnner auf Universitten an geistiger Bildung vielleicht gewannen, geht
gewhnlich in berhufter Arbeit und Nahrungssorgen wieder zu Grunde, was sie
von geistiger Unterhaltung brauchen, gewhren ihnen die politischen Welthndel,
und Abends verlangt der abgemattete Mann nur nach einer guten Suppe, whrend die
Frau ihrerseits auch froh ist, wenn sie die Kinder erst zur Ruhe wei.
    Meine arme Annette! rief Gabriele dazwischen. Und nun die Frau Basen, die
Frau Gevattern, fuhr Ernesto fort, von diesen Leuten hat ein hochgebornes
Frulein, wie Sie sind, keinen Begriff. Familienbande sind im eigentlichen
Brgerstande viel fester und dabei weiter umfassend als in dem Ihrigen. Was mit
einander in irgend einem Grad von Verwandtschaft steht, mu an Ehrentagen und
bei Kaffeevisiten zusammen kommen, da gilt keine Ausnahme. Und nun denken Sie
sich die hochgebildete Annette in einer solchen Gesellschaft. Die gelehrte Frau
Meisterin, welche franzsisch und italienisch kann, von den Griechen und Rmern
zu reden wei, und dabei vielleicht einmal den Festkuchen verbrennen lie, wie
wrde es ihr ergehen! wie mte ihr selbst in diesen Umgebungen zu Muthe werden!
und welche Qual wre es fr sie, den ewig unbefriedigten Hang zum Hhern, zum
geistig Schnen mit sich herum zu tragen, whrend sie den ganzen Tag arbeiten
mte, um ihr Hauswesen zu beschicken, und bei noch unerwachsenen Kindern selbst
Nachts auf keine sicher ruhige Stunde rechnen knnte. Ihr Mann mag sie noch so
herzlich lieben, er mag noch so gut und brav in seiner Art seyn, er wird doch in
geistiger Hinsicht immer tief unter ihr stehen, und oft gar nicht wissen, was
sie meint, wenn sie von etwas anderm, als dem ganz Alltglichen mit ihm zu
sprechen versucht.
    So sehe ich denn keine Rettung fr meine arme Annette, als da sie immer
bei mir bleibt, rief schmerzlich bewegt Gabriele. Nichts hat je mein innigstes
Mitleid mehr erregt, fuhr sie fort, als wenn ich las, wie Jean Paul das
vernhte, verwaschne, verkochte Leben der armen Weiber schildert, die nur einmal
im sonnenhellen kurzen Tage der Liebe ihr Haupt erhoben, und dann mit beraubtem
Herzen auf ewig in die Tiefe versinken. Ich hoffte, es knne in der Wirklichkeit
anders seyn, Sie, Ernesto, lehren mich das Gegentheil, ich traue Ihrem
erfahrnen, weltklugen Sinn, aber ich mchte darber weinen, da der grte Theil
meines Geschlechts so elend seyn mu.
    Sie gehen in Ihrem Eifer wieder zu weit, gute Gabriele, sprach Ernesto,
gerade wie an jenem ersten Abend bei den Tableaus. Erinnern Sie sich noch, wie
Sie um einiger unschuldig-boshafter Anmerkungen willen die ganze Gesellschaft
fr lauter maskirte Tigerkatzen ansahen? und doch haben Sie jetzt schon
gefunden, da ich Recht hatte, indem ich Sie versicherte, da jene Leute
wirklich so bel nicht sind, und da sie, ihrer Lust am Medisiren unbeschadet,
fr Unglckliche nicht nur einen Dukaten in der Hand, sondern sogar eine Thrne
im Auge in Bereitschaft halten, wenn man ihnen den Jammer nur recht deutlich zu
machen versteht. So wie damals die Verderbni der Welt, so denken Sie sich jetzt
das Unglck, sich nicht auf Ihre Weise des Lebens freuen zu knnen, wieder viel
zu gro. Und nehmen Sie denn die Mutterfreuden, welche eine Handwerkers-Frau
eben so gut empfindet als eine Grfin, fr gar nichts? fr nichts das Gelingen
in ihrem Hauswesen? die treuherzige, ehrliche Liebe eines guten, wenn gleich
nicht geistig gebildeten Mannes? Selbst bei Ihrem Jean Paul knnen Sie des
Trostes genug finden; gegen die eine Stelle, welche Sie anfhrten, will ich
Ihnen zwanzig andere zeigen, wo er die Freuden dieser Frauen an schnen neuen
Hauben und Kleidern, an festlichen Gastereien, an einem wohleingerichteten
Hausstande eben so wahr schildert, als ihr mhseliges Alltagsleben. Rauben Sie
Ihrer Annette nur nicht die Fhigkeit, an dem Glck sich gengen zu lassen, das
ihrem Stande gebhrt. Entbehrt sie die Freuden hherer Bildung, so entgeht sie
auch vielen aus ihr entspringenden Schmerzen, und es ist noch immer nicht
entschieden, wohin die Wage sich neigt.
    Soll ich sie denn so ganz ohne allen Unterricht lassen? fragte Gabriele.
Lehren Sie sie richtig deutsch schreiben und sprechen, war Ernestos Antwort,
aber um des Himmelswillen keine fremden Sprachen, die sie nur dazu bringen
knnten, sich ber ihres gleichen zu erheben. Annette wird in Deutschland leben
und sterben, und sollte ein seltenes Geschick sie ins Ausland versetzen, so
lehrt Noth nicht nur beten sondern auch englisch und franzsisch. Lassen Sie ihr
artiges Stimmchen mit den Waldvgeln um die Wette singen, aber wie diese, ohne
Noten und ohne Guitarre, Mann und Kinder werden sich an ihren Liedern doch
ergtzen. Von Alexander dem Groen und seines gleichen braucht sie vollends
keine Sylbe zu wissen, um eine thtige, freundliche Hausfrau zu werden, deshalb
kann sie aber doch Sonntags manches gute Buch beim Strickstrumpf lesen, das
ihren literarischen Horizont nicht bersteigt, und wenn es seyn mu bey
Lafontaines rhrenden Geschichten ihr bitter-ses Thrnchen weinen, obgleich
ich ihr gerade diese am wenigsten anpreisen mchte.
    Aber Annette hat doch so viel Anlagen, wandte halb besiegt Gabriele ein.
    Sie ist auch hbsch und wohlgewachsen, erwiederte schnell Ernesto. Wollen
Sie sie deshalb in die kostbarsten, feinsten Stoffe kleiden, die eine schne
Gestalt am vortheilhaftesten bezeichnen? Liebe Gabriele! fuhr er fort, alle
Welt schreit jetzt ber den alles entnervenden uern Luxus, in unsrer der
hchsten Kraft bedrftigen Zeit, ich aber halte den geistigen Luxus fr weit
gefhrlicher; mir graut weit mehr, wenn ich die Tchter unsrer wohlhabenden
Handwerker in franzsische Schulen, als wenn ich ihre Mtter in gestickten
Kleidern gehen sehe. Schne Kleider lassen sich allenfalls erwerben und
bezahlen, wie aber setzt man ein durch halbes Wissen verdrehtes Kpfchen wieder
zurechte?
    Und doch redeten Sie noch gestern Abend bei der Tante allem Luxus gar sehr
das Wort, wandte lchelnd Gabriele ein.
    Das that ich und werde es immer thun, antwortete Ernesto, aber nur bei
denen, welche Zeit und Geld genug dazu haben. Alles, was wir zu besitzen
streben, ohne es zu brauchen, ist Luxus, aber in unsern Tagen ist vieles
Bedrfni geworden, was noch vor dreiig Jahren Luxus war. Auch sprach ich jetzt
gar nicht vom ueren Luxus, denn jedes Kind wei, da wir ohne ihn wieder zum
eichelnessenden Naturzustande unsrer Vorfahren herabsnken. Ich spreche vom
innerlichen, geistigen, den sollen und mssen die Reichen freilich treiben. Was
wrde sonst aus Autoren, Verlegern und aus Knstlern, wenn niemand ein Buch oder
ein Kunstwerk kaufte, als wer Freude und Genu davon hat? Sehen Sie nur ihre
Tante an, die treibt den rechten geistigen Luxus, und ich kann sie darum nicht
genug loben und ehren, denn sie hat Geld und Zeit im Ueberflu. Fr sich bedarf
sie weder Bcher noch Kunstwerke, weder Gelehrte noch Knstler zum Umgange, im
Gegentheil sie sind ihr alle recht lstig, dennoch kauft sie die erstern,
bereitet den zweiten ein angenehmes Daseyn, und ahnet nicht einmal, wie viel
Gutes sie damit stiftet. Aber eine Frau des arbeitenden Mittelstandes darf ihr
das nicht nachthun. Wenn eine solche Bildchen malt, Guitarre spielt und Lektre
treibt, so verschwendet sie wenigstens die Zeit, welche ihrem Haushalt gehrt,
und oft kstlicher als Gold ist; obendrein bereitet sie sich eine traurige
Existenz, weil sie gegen ihren, ihr bestimmten Kreis anstrebt, von welchem sie
sich doch nicht losreien kann. Darum, liebe Gabriele, bitte ich Sie nochmals,
versuchen Sie es nicht, aus einer niedlichen Wiesenblume eine Prachtpflanze zu
ziehen, die in dem rauhen Klima zu Grunde gehen mte, in welchem sie in ihrem
natrlichen Zustande recht ergtzlich blht! Lehren Sie Annetten weder
franzsisch noch italienisch, und sagen Sie ihr kein Wort mehr von Alexander dem
Groen.
    Gabriele versprach endlich, ihrem erfahrnen Freunde zu folgen, obgleich mit
innerm Widerstreben, denn er hatte nur ihren Verstand aber nicht ihr Gemth
besiegt; obendrein erschwerten ihr sowohl Annettens Eitelkeit, als ihre
wirkliche Lust am Lernen diesen Entschlu, aber sie blieb ihm treu, nicht nur
weil sie es versprochen hatte, sondern auch weil sie einsah, da es wirklich so
besser sey.

Ottokar blieb noch immer Gabrielens Hausgenosse. Als den Sohn eines
entferntlebenden, aber mit ihrem Gemahl innigst verbunden gewesenen Freundes,
hatte die Grfin Rosenberg ihn dringend eingeladen, in ihrem sehr gerumigen
Hause bei ihr zu wohnen, so lange er in der Stadt verweilen mute, in welcher er
seine nahe Anstellung zu einem Gesandtschaftsposten erwartete. Aus den wenigen
zu seinem dortigen Aufenthalt bestimmt gewesenen Wochen wurden Monate, ohne da
weder er noch seine gastlichen Freundinnen es zu bemerken schienen. Ottokar
befand sich zu wohl in ihrer Nhe, um ber dieses Zgern der Entscheidung seines
Schicksals in Ungeduld zu gerathen. Die Grfin sowohl als Aurelia hatten
ebenfalls ihre eignen triftigen Grnde, ihn gerne bei sich zu sehen, und so
lebten alle drei in groer Zufriedenheit neben einander hin, ohne die Tage zu
zhlen.
    In der ersten Zeit sah Gabriele Ottokarn weit seltner, als sie es im Stillen
gehofft und gefrchtet hatte, denn der geselligen Abende im Hause ihrer Tante
gab es jetzt sehr wenige.
    In groen Stdten tritt zwar nie eine gnzliche Ebbe der Vergngungen ein,
aber oft eine alles mit sich fortreiende Fluth, whrend welcher Feste an Feste
sich reihen, und die Zahl der Tage fr alle kaum hinreichen will. Solch eine
Fluth fiel gerade in die Zeit, wo Gabriele noch nicht ffentlich erschien.
Blle, groe Soupers, auffallende theatralische Neuigkeiten zogen die Grfin und
ihre Tochter an jedem Abende aus dem Hause, ohne ihnen Zeit fr ihre eignen
Zirkel zu lassen, und auch Ottokar ward von dem Strome mit fortgerissen.
Gabrielen entging dadurch jede Gelegenheit, ihn anders als an der Mittagstafel
zu sehen, und auch an dieser vermite sie ihn oft. Sowohl seine persnliche
Liebenswrdigkeit, als seine uern Verhltnisse zogen ihm vielfltige
Einladungen in andern Husern zu, und die Grfin hielt ihn nie davon zurck,
solche anzunehmen. Sie blieb auch in Hinsicht seiner ihrem Systeme treu: keinen
ihrer Gste in seiner Freiheit zu beschrnken, denn Erfahrung hatte sie gelehrt,
da die der sicherste Weg sey, sie immer fester an sich zu binden.
    Mit gewaltigem Herzklopfen hrte Gabriele jedesmal die Stunde schlagen,
welche sie in den Speisesaal rief; ihre sonst ziemlich berwundne ngstliche
Bldigkeit kehrte dann mit verdoppelter Gewalt zurck, und nur heimlich wagte es
ihr Blick, unter den Anwesenden nach Ottokar zu suchen. Stumm und traurig nahm
sie ihren Platz ein, wenn er abwesend war; die Unterhaltung rauschte unbeachtet
an ihr vorber, und nur Aureliens lustiger Uebermuth versuchte es zuweilen, sie
hinein zu verflechten. Die Uebrigen, mit Stadtgesprchen beschftigt, schienen
fast gar nicht sie zu bemerken. Ohnehin war die Gesellschaft nie zahlreich, die
Grfin liebte keine Diners, sie schimmerte lieber bei Kerzenschein, und auch
Ernesto war ein seltner Gast an ihrem Tische.
    Ganz anders aber gestaltete sich die Unterhaltung, wenn sie durch Ottokars
Gegenwart belebt ward. Mit Entzcken sah dann Gabriele, wie alles in seiner Nhe
sich veredelte, wenn sie auch dabei bald hochroth erglhte, bald blthenwei
erblate, und ihr Herz sich zitternd in ihrer Brust bewegte. Es konnte ihr nicht
entgehen, da Alle strebten, sich vor ihm vom Gemeinen entfernt zu halten, und
ihn offenbar als den Ersten unter sich anerkannten, obgleich er mit der
anspruchlosesten Bescheidenheit sich ber keinen zu erheben suchte. Sein Platz
an der runden Tafel zwischen der Grfin und Aurelien war dem von Gabrielen
gerade gegenber. Ihr entging fast kein einziges seiner Worte, und wenn er im
Gesprch sich gegen seine Nachbarinnen wendete, so konnte sie dem freundlichen
Strahlen seiner Augen, dem anmuthigen Spiel seiner Gesichtszge zusehen, ohne
da jemand es bemerkte. Oft wnschte sie recht sehnlich, da er auch an sie mit
freundlichen Worten sich wenden mge, und wenn er es that, so raubte ses
Erschrecken ihr den Athem zur Antwort. Ottokar konnte nicht umhin, ihre ewige
Verlegenheit zu bemerken, er sah, da sie auch mit den brigen Anwesenden nur
dann sprach, wenn sie gefragt ward, und immer in mglichst wenigen Worten. Er
schrieb ihr Benehmen einzig der unberwindlichen Furchtsamkeit zu, die er an
einem so jungen, in der tiefsten Einsamkeit erzogenen Mdchen sehr natrlich
fand, und begngte sich endlich, aus Mitleid mit ihrer Angst, sie nur mit einem
freundlichen Lcheln zu begren, ohne sie ferner durch Anreden in Verlegenheit
zu setzen.
    Gabriele bemerkte die, ohne zu wissen, ob sie sich darber freue oder
betrbe. Immer mehr verstummte sie in seinem Beiseyn und strebte nur, nichts von
dem zu verlieren, was er zu den Uebrigen sprach. Ihr war dabei, als ob er
dennoch nur sie damit meine, als wenn nur sie den Sinn seiner Rede vollkommen
verstnde, weil nur sie so an jedem seiner Worte hing, denn die andern konnten
doch manches zuweilen achtlos berhren. Jeder seiner Gedanken war wie aus ihrer
tiefsten Seele herausgesprochen, bei jedem vorkommenden Gegenstande fhlte sie
im voraus, wie er sich darber uern wrde, und doch war und blieb sie die
Einzige, zu der er niemals mit Worten sich wendete.
    Trfe er mich nur einmal im Zimmer allein! dann mte er doch zu mir reden,
ich htte gewi dann auch den Muth, ihm zu antworten, und alles wre anders! So
dachte sie oft, whrend alles blieb wie es war.
    Auch wute sie nicht, was denn eigentlich anders werden solle. Ihre Wnsche,
ihre Hoffnungen schwammen formlos vor ihrem sonst so klaren Sinn, aber tief in
ihrem Gemth herrschte eine unaussprechliche Sehnsucht nach jenem seligen
Moment, ohne da ihr nur von ferne der Gedanke kam, ihn auf irgend eine Weise
herbeifhren zu wollen.
    Keiner von denen, welche sie kannte, schien ihr wrdig, an Ottokars Seite zu
stehen, selbst Ernesto nicht, in deen hellem, scharfem Blick sie die milde Gte
oft vermite, durch welche Ottokar ihr vor Allen liebenswerth erschien, und so
stieg dieser nach jedem Wiedersehen immer hher in ihrer Verehrung, und ihr
Anerkennen seines seltnen Werthes ward immer demthiger.
    In ihrem einsamen Zimmer rief sie sich jedes seiner Worte, jede seiner
Bewegungen zurck, aber sie vermochte es nie, vor andern seinen Namen zu nennen,
selbst nicht vor der sich immer fester an sie schlieenden Auguste von
Willnangen. Es betrbte sie, sie schalt sich undankbar, wenn es ihr unmglich
war, das herzliche Vertrauen im gleichen Maa zu erwiedern, mit welchem diese,
mdchenhaft traulich, sie auf den tiefsten Grund ihres Herzens blicken lie.
Aber sie war an das Leben mit einem Wesen gewhnt, das ohne Worte sie verstand,
und dessen jetzt ruhendes Herz sonst mit dem ihrigen in stetem Einklange schlug,
wie zwei gleichgestimmte Saiten, die nur eines Hauches bedrfen, um zugleich im
nmlichen Tone zu erbeben. Es blieb ihr unbegreiflich, da nicht Ernesto, Frau
von Willnangen, deren Tochter, da nicht alle nur von Ottokar sprachen, da sie
ihn nicht alle als den Einzigen, Seltnen laut anerkannten, wie er ihr schon beim
ersten Anblick auf der Reise erschienen war. Aber da jedermann schwieg, so
verstummte auch sie.
    Nur in der stillen Nacht ergo sich ihr volles Herz in dem Tagebuche,
welches sie schon frh zu fhren gewhnt worden war, und in welchem sie von
jeher alles Merkwrdige aus ihrem uern und innern Leben oft nur in kurzen
Stzen niederschrieb. Oft glaubte sie bei dieser einsamen Beschftigung, die
beseligende Nhe des Geistes ihrer Mutter zu fhlen, der ihrer Ueberzeugung
nach, als schtzender Engel sie umschwebte. Dann redete sie die Mutter als noch
lebend an, ihr und den Blttern ihres Tagebuchs vertraute sie allein das
glhende Gefhl, welches sie jetzt allmchtig beherrschte, dem sie immer
wehrloser sich hingab, weil sie es nicht erkannte. Ottokar ward gar bald durch
das Schreiben von ihm zum Geschpf ihrer jugendlichen Fantasie, zu einem
himmlischen Gebilde; er stand in einer Glorie vor ihrem Sinne, zu welcher sie
ihm selbst die Strahlen lieh, ohne sich dessen bewut zu werden.
    Alles, was wir in der Einsamkeit dem Papier vertrauen, bt dadurch
tausendfache Gewalt an uns, Liebe, Freude, vor allem der Schmerz. Wir selbst
schrfen bei dieser stillen Beschftigung jeden Stachel des Lebens, wir drcken
ihn immer tiefer in das wunde Herz, whrend wir uns alles verhehlen, was ihn
snftigen knnte. Und so kommen wir bald dahin, in fruchtlosem Mitleid mit uns
selbst zu vergehen, und kein Strahl aus der helleren Wirklichkeit erleuchtet
mehr die sternlose Nacht, die wir selbst immer dichter und dichter um uns und
unser Geschick ziehen.
    So war es auch mit Gabrielen; aber keiner von den Wenigen, die an ihr Theil
nahmen, konnte vor dieser Gefahr sie warnen, denn allen blieb sogar das Daseyn
ihres Tagebuchs ein Geheimni und mute seiner Natur nach es bleiben.

Alle Abende, an denen Feste und Lustbarkeiten ihre Hausgenossen entfernt
hielten, brachte Gabriele bei der Frau von Willnangen zu. Das Gefhl, mit
welchem die edle Frau zuerst der Tochter Augustens entgegen kam, hatte sich bald
in wahrhaft mtterliche Liebe zu dem verwaisten Mdchen umgewandelt, und oft
betrachtete sie es mit ngstlicher Sorge. Ihrem tief eindringenden Blick entging
es nicht, da Gabriele von einer einzigen, vielleicht ihr ganzes knftiges
Daseyn bestimmenden Empfindung beherrscht ward, aber vergebens strebte sie, den
Gegenstand ihrer jugendlichen Neigung zu entdecken, denn bis jetzt hatte sie in
Ottokars Gegenwart sie fast nie gesehen, auch kannte Frau von Willnangen
Letztern ohnehin nur oberflchlich, da er so ganz zu den nchsten Umgebungen der
Grfin Rosenberg gehrte. Ahnendes Vorgefhl lie sie wenig Erfreuliches fr
Gabrielens Zukunft hoffen, desto fester aber begrndete sich der Vorsatz in
ihrem Gemth, dieses so vereinzelt und hlflos dastehende anmuthige Wesen in
keinem des Trostes bedrfenden Moment zu verlassen, und bei Gabrielen, wie
ehemals bei Ferdinand, an die Stelle der frh verklrten Auguste zu treten, so
viel die Mglichkeit die erlaubte.
    Im nhern Umgang mit ihrer welterfahrnen Freundin ward Gabrielens Blick in
das Leben allmhlich immer mehr erweitert. Blieb sie allein mit ihr und
Augusten, so verlebte sie Abende, whrend welchen sie sich in ihre frhere Zeit
auf Schlo Aarheim wieder versetzt glaubte. Musik, gemeinschaftliches Lesen,
vertraulich heitres Gesprch und Uebung mancher weiblichen Kunst liehen den
Stunden dann Flgel. Oft aber erweiterte sich auch der kleine Kreis durch das
Hinzukommen mehrerer Freunde der Frau von Willnangen, und freie, frohe
Mittheilung belebte dann die kleine Gesellschaft. Gabriele fhlte sich in ihr
weit heimischer als im Hause ihrer Tante, aber sie vermochte es doch noch nicht,
ihr zurckhaltendes Wesen im Beiseyn Mehrerer ganz abzulegen, und blieb darum
gewhnlich nur eine stumme, wenn gleich frhlich theilnehmende Zuhrerin.
    So verging der Anfang des Winters; immer nher kam das neue Jahr, welches
bestimmt war, Gabrielen diesen stilleren Freuden zu entreien, um sie in grere
Zirkel einzufhren. Sie sah ihm deshalb mit bangem Widerstreben entgegen.
    Eines Abends ward die Gesellschaft weit grer und glnzender als
gewhnlich, viele, die sonst mitten im Gerusch lebten und selten Frau von
Willnangen besuchten, traten nach und nach in ihr Zimmer, denn ein ungewhnlich
spt anfangender Ball lie ihnen zufllig den Abend frei, und sie benutzten
diese Gelegenheit, sich vorher hier zu versammeln, wo sie die Frau vom Hause
immer zu finden gewi waren. Unter mehreren Personen, welche Gabriele schon im
Hause ihrer Tante gesehen hatte, erkannte diese vorzglich die Grfin Eugenia
und den jungen Mann, welcher den Antonius vorgestellt hatte; ganz zuletzt kam
auch Ernesto hinzu und mit ihm Ottokar.
    Frau von Willnangen wurde Gabrielens Erschrecken bei Ottokars Eintritt, ihr
hohes Errthen und eben so pltzliches Erbleichen gewahr, und das bis dahin
vergebens gesuchte Geheimni des jungen Herzens lag nun entschleiert vor ihrem
Blick. Ihre Ansicht von Gabrielens Zukunft klrte sich auf, denn ohne Ottokarn
genau zu kennen, wute sie doch genug von ihm, um ihn gnstig zu beurtheilen.
Zum erstenmal fiel es ihr ein, da er und Gabriele in einem Hause lebten; da
die ihr eigne Liebenswrdigkeit bei diesem steten Zusammenseyn sich ihm
offenbaren msse; und da auch er von ihr sich bald mchtig angezogen fhlen
wrde, schien ihr gewi. Sie beschlo daher, von nun an Ottokarn genauer zu
beobachten, und keine Gelegenheit dazu entschlpfen zu lassen. Der Gedanke,
Gabrielen recht bald unter dem Schutz, am liebenden Herzen eines edlen Mannes zu
sehen, war ihr zu trstend, zu erfreulich, als da sie sich nicht htte geneigt
fhlen sollen, auf das Thtigste dazu mitzuwirken, sobald die Gelegenheit sich
darbot. Frs erste aber wollte sie sich auf bloes Bemerken beschrnken.
    Das Gesprch wandte sich diesen Abend sehr bald wieder auf die Tableaus bei
der Grfin Rosenberg. Als die ersten und bis jetzt einzigen, welche man hier
gesehen hatte, waren diese Darstellungen noch unvergelich, und in den
Gesellschaften ward viel herber und hinber, preisend und tadelnd, darber
gesprochen. Grfin Eugenia fand es seit jenem Feste fr gut, berall so wie
hier, als die erklrteste Widersacherin dieses neuen geselligen Vergngens
aufzutreten. Ich war herzlich froh, sprach sie, als ich einen schicklichen
Vorwand ersonnen hatte, mich von der Theilnahme davon loszumachen. Nie htte ich
es ausgehalten; mich bewegungslos von mehr als hundert Augen anstarren zu
lassen, dazu gehrt ein Grad von Muth, welchen ich mich wenigstens nicht rhmen
darf zu besitzen.
    Und doch waren Sie so gtig, uns auf unserm Privattheater recht oft durch
ihre Erscheinung zu entzcken, wandte mit einer hflichen Verbeugung der
Antonius jenes Abends ein. Das ist ja ganz etwas anderes, erwiederte Eugenia,
dort auf den Bretern bin ich nicht mehr ich, die Dichtung, die Kunst reien
mich hin, ich sehe die Zuschauer und ihre Blicke nicht mehr. Ueberdem gehrt ein
gewisses Talent dazu, um auf der Bhne aufzutreten; aber schn geputzt einige
Minuten bewegungslos dastehen, kann jedes Gnschen vom Lande, wenn es nur hbsch
ist.
    Vor allen Dingen ist der hohe Grad von Eitelkeit und Leichtsinn wohl zu
erwgen, welcher dazu gehrt, sich in fantastischer, oft unanstndiger, ja sogar
heidnischer Kleidung zur allgemeinen Bewunderung hinzustellen, sprach langsam
bedchtig ein Frulein Silberhain. Diese junge Dame stand schon seit einiger
Zeit auf der zweiten Grnze ihres Lebensfrhlings. Frher war sie eine
Naturphilosophin, jetzt wandte sie sich zur Frmmigkeit, weil diese moderner
ist, aber sie hatte Schelling und Thomas a Kempis in ihrem Kpfchen noch nicht
recht zu einigen gewut, und warf daher Redensarten aus beiden im Gesprch
verwirrt und wunderlich durcheinander. Uebrigens hing ein fein gearbeites
Kruzifix an einer goldenen Kette von ihrem Halse herab, ein zweites krmmte sich
sehr widerwrtig zu einem Ringe an ihrer Hand, und ihre gemessenen Worte
drngten sich mhsam durch die kaum geffneten, fast regungslosen Lippen.
    Ich begreife nicht wie man um so nichtigen Zweck seine Identitt zu opfern
vermag, fuhr Frulein Silberhain in ihrer Rede fort, wie kann ein in seinen
tiefsten Tiefen vom Hchsten erflltes Gemth so ganz dieses vergessen und dem
prunkenden Schimmer irrdischer Vergnglichkeit huldigen! Die Stille des Gemths,
das beseligende Gefhl dessen, was unser Eins und Alles seyn soll, mssen ja in
der aus Tand und flchtigen Glanz entstehenden Verblendung auf lange von uns
weichen, und der verirrte Sinn braucht vielleicht viele Monate, ehe er wieder
zur anschauenden Klarheit gelangt.
    Htte ich nur einen recht schnen trkischen Shawl gehabt, ich wre fr
mein Leben gern dabei gewesen, wenn ich auch nur ein ganz unbedeutendes
Nebenpersnchen htte vorstellen sollen; und was wetten wir? mein frommes,
gelehrtes Schwesterchen wrde sich unter dieser Bedingung auch wohl dazu haben
bewegen lassen, rief berlaut das sehr junge Frulein Fanny Silberhain, indem
es sich lachend hinter Gabrielen vor den zrnenden Blicken der viel ltern
Schwester verbarg.
    Allerdings, sprach ein ansehnlicher, schwarz gekleideter Mann, allerdings
wte ich wenigstens keine bere Gelegenheit, um sowohl jene kostbaren Hllen
als berhaupt alle Pracht der Gewnder und auch krperliche Vorzge ins schnste
Licht zu stellen, als solche Tableaus. Bei Maskeraden verlieren die
ausgesuchtesten Masken sich im Gewhl, und obendrein verhllen die hlichen
Larven das Gesicht, hier aber wird uns der ungestrteste Genu der Anschauung
des Schnen, verbunden mit der aesthetischen Freude an dem Kunstwerk, welches,
gleichsam ins Leben gerufen, vor uns tritt.
    Echte Freude an der Kunst ist allemal religis, hier aber, Herr Professor!
sehe ich nur die traurige Erscheinung ungebndigten Weltsinns und unverhllter
Eitelkeit, sprach, sanftmthig zrnend, das Frulein mit dem Kruzifix.
    Erlauben Sie indessen, meine Gndige! erwiederte der Professor, da ich
Sie daran erinnere, wie untrennbar die Neigung zur Eitelkeit von jeder hhern
Natur ist, die man die organische zu nennen pflegt; bemerkt man sie doch sogar
an einigen der edleren Thiergattungen. Sie ganz ausrotten zu wollen, wre eben
so vergeblich als schdlich, so wie alles, was gegen die Natur anstrebt. Es ist
vielleicht unschicklich, hier den nackten Wilden als Beweis, wie tief der Hang
zum Putz in unserem Wesen liegt, anzufhren, der sich tattowirt und mit grellen
Farben bemalt um sich zu verschnern, aber blicken Sie nur um sich her, Sie
finden bei Reichen und Armen dasselbe, nur anders gestaltet. Da man sich, schn
geschmckt, auch Andern gerne zeigt, ist ebenfalls natrlich und war es vom
Anbeginn der Welt. Damals, als Weichlichkeit und Prachtliebe das alte Rom seinem
Untergange nher fhrten, war es unter den vornehmen Rmerinnen gebruchlich,
sich, wenn sie einander besuchten, nicht nur auf das herrlichste zu schmcken,
sondern sich auch durch ihre Sklavinnen mehrere reiche Gewnder und Schmuck
nachtragen zu lassen, die sie im Hause der den Besuch empfangenden Dame alsdann
sich anlegen lieen, wie Sie alle, meine Gndigen, aus der weltberhmten
Anekdote der Mutter der Grachen lngst wissen werden. Man behauptet, da diese
Sitte auch unter den, allen mnnlichen Augen verborgen lebenden, vornehmen
Frauen des Orients noch heut zu Tage im Schwange sey. Aber wie rmlich, wie
unbequem, wie ungrazis selbst erscheint diese Art von Schaustellung gegen eine
Reihe von Tableaus, welche die glcklichste Wahl unter den Kostms aller Vlker,
aller Jahrhunderte frei lassen. Die Pracht der Steine und der Gewnder erscheint
in ihnen nur als das begleitende Attribut der Schnheit, des geistreichen
Ausdrucks und der anmuthigsten Stellungen, und wir knnen es in der That der
Grfin Rosenberg nicht genug verdanken, da sie mit diesem erhhten Genu uns
bekannt machte.
    In welchen wunderlichen Zeiten leben wir! ein Professor mu gegen Damen die
Eitelkeit in Schutz nehmen! rief ein alter Herr.
    Mich dnkt, wir leben in einer in dieser Hinsicht recht verstndigen Zeit,
in welcher man endlich einmal aufhrt, die Frauen allein eines Fehlers zu
beschuldigen, den ich am liebsten eine Tugend nennen mchte, erwiederte schnell
Ottokar. Wir Mnner mgen uns noch so weise anstellen, fuhr er lchelnd fort,
wir sind eben so wenig frei von ihm als die Frauen, und ich danke Gott dafr.
Der Hang zum Gefallen erscheint mir als die Wrze des geselligen Lebens, als die
Wurzel aller seiner Freuden und Tugenden, die ohne ihn zu Grunde gehen mten.
Man thte ja am besten, in Hhlen und Wlder zu ziehen, wenn niemand mehr das
Bestreben zeigen wollte, liebenswrdig zu erscheinen, und sogar durch den bloen
Anblick zu gefallen.
    Sollte denn aus diesen Tableaus, ber welche wir so viel streiten, nicht
auch fr die Kunst manches Gute entstehen knnen? fragte Auguste von
Willnangen.
    Dochwohl nur, indem sie mehr Theilnahme an ihr und ihren Erzeugnissen
aufregen, erwiederte Ottokar, sonst glaube ich nicht, da sie in dieser
Hinsicht von groem Nutzen sind. Sie bleiben doch nur die Kopie einer Kopie der
Natur, und zwar eine unvollkommne, denn vieles mu aus jedem Gemlde hier
wegbleiben, das doch durchaus dazu gehrt, die Hintergrnde, die Architekturen,
die Landschaften, das Gewlk.
    Eine angenehme, gesellige Unterhaltung zur Abwechselung mit den ewigen
Charaden und Sprichwrtern scheinen sie mir doch wenigstens zu bieten, sprach
Frau von Willnangen, auch hoffe ich, sollen sie dazu beitragen, die unseligen
Jeux d'esprit aus der Gesellschaft zu verbannen, in welchen der arme Geist so
gemartert wird, um zu erscheinen, da er sich endlich ganz in Langeweile
auflst. Nur thut es mir leid, da die Vorbereitungen zu Tableaus fr die kurze
Dauer ihrer Erscheinung zu viel Zeit und Mhe kosten.
    Alles lt sich vereinfachen, erwiederte Ernesto, und ich getraue mir mit
sehr wenigen Vorrichtungen, ganz aus dem Stegreif, dennoch manches Ergtzliche
in dieser Art Ihnen vorzufhren. Wir brauchen zum Beispiel nur diese Flgelthr
auszuheben, einen Vorhang vorzuhngen, eine groe spanische Wand dahinter zu
stellen, und wir haben das Lokal dazu. Einige groe Lampen, oder ein Paar
Dutzend zu einer Fackel vereinigte Wachslichter, und die Beleuchtung ist fertig.
Schminke und etliche falsche Brte fr die Herren sind bald herbeigeschafft, und
wenn die Damen ihre schnen Schawls zur Garderobe herleihen wollen, so lt sich
mit diesen wenigen Requisiten schon manch guter und glnzender Effekt
hervorbringen. Auch fr die Kunst selbst knnte auf diese Weise Bedeutendes
geschehen, wenn die Gesellschaft einem Knstler erlaubte, mit ihrer Hlfe nicht
blo schon vorhandene Gemlde nachzubilden, sondern seine eignen Gedanken, die
oft noch beinah formlos ihm vorschweben, auszufhren. Manches erfreuliche
Kunstwerk knnte diesem Spiele seine Entstehung verdanken, wenn ein talentvoller
Knstler auf diese Weise gleichsam ein Vorbild von dem she, was er auszufhren
Willens ist; der Zufall wrde manches ordnen, manches in ihm erwecken, an das er
auerdem nie gedacht htte, und der aus solchen Proben fr die Kunst entstehende
Gewinn knnte leicht unschtzbar werden.
    Kaum hatte Ernesto geendet, als schon Auguste von Willnangen und Fanny
Silberhain frhlich aufsprangen und ihn mit Bitten bestrmten, gleich auf der
Stelle eine solche Darstellung anzuordnen. Ottokar, Antonius und der grte
Theil der Gesellschaft, selbst Frau von Willnangen nicht ausgenommen,
vereinigten ihre Bitten mit jenen, und Ernesto mute dem allgemeinen Wunsche
nachgeben; nur that er es mit der Bedingung, da es ihm erlaubt sey, seine
Figuranten selbst zu whlen. Fanny sammelte sogleich aufs eifrigste alle Shawls
ein und whlte dabei in Gedanken den glnzendsten unter ihnen fr sich aus;
Auguste besorgte aufs schnellste alles brige und trug noch eine Menge
zweckdienliche Sachen herbei, die von frhern Maskenanzgen und kleinen
theatralischen Vorstellungen her, sich noch in der Garderobe vorfanden. In
weniger als einer halben Stunde war alles zum Anfangen der Vorstellungen in
Bereitschaft. Mehrere Tableaus folgten nun einander, ernste und heitere, im
mannigfaltigen Wechsel, denn Ernesto war unerschpflich im Erfinden, und Ottokar
sowohl als der Professor standen ihm bei der Anordnung treulich bei. Die ganze
Gesellschaft gerieth in eine so frhliche Stimmung, da Alle die Wagen
berhrten welche allmhlich, herbeirasselten, um sie zu einem glnzenderen
Feste abzuholen. Nur Frulein Silberhain sa ernst in sich gekehrt, und wies im
voraus alle Einladungen zur thtigen Theilnahme unerbittlich ab, ehe noch eine
an sie gelangte. Grfin Eugenia hingegen hatte eine Weile zugesehen; da es aber
Ernesto nicht einfallen wollte, ihr eine Rolle anzubieten, winkte sie Antonius
herbei, der eben mig dastand. Leise flsterte sie ihm den Auftrag zu, Ernesto
auf nicht auffallende Weise an sie zu erinnern, und ihm zu verstehen zu geben,
da sie in einem so kleinen, aus lauter Freunden bestehenden Zirkel ihren
Widerwillen wohl berwinden werde, und nthigen Falles sich entschlieen knne,
etwa als Grazie oder Muse aufzutreten. Antonius erklrte ihr sein Entzcken ber
diesen Auftrag, versicherte, nicht mit Worten ausdrcken zu knnen, wie geehrt
er sich durch dieses holde Vertrauen in seine Geschicklichkeit fhle, und flog
in das Nebenzimmer, um ihren Befehl zu vollbringen. Leider aber gelang es ihm
durchaus nicht, Ernesto nur auf eine Minute allein habhaft zu werden, es kam ihm
sogar vor, als ob dieser ihm geflissentlich ausweiche. Vielleicht hatte Ernesto
wirklich von dem ausgesprochenen Wunsch der Grfin etwas gemerkt, und vermied
mit Vorbedacht die Gelegenheit, ihn an sich kommen zu lassen, vielleicht lag
aber auch die Schuld an der gar zu hflichen Unbeholfenheit des Abgesandten;
genug, Eugenia blieb den ganzen Abend unangefochten als Zuschauerin, und war die
erste, welche die laute Bemerkung machte, da die zum Anfange des Balls
bestimmte Stunde schon lngst geschlagen habe.
    Gedankenvoll sa Frau von Willnangen dicht neben Gabrielen in der fernsten
Ecke des Zimmers. Sie sah, wie jene jedem Tone Ottokars lauschte, wie ihr Auge
entzckt auf ihm ruhte so oft er in den Tableaus erschien, und das unruhige,
fast hrbare Klopfen des jungen Herzens erregte so tiefes Mitgefhl, so bange
Sorge in ihrem Gemth, da sie fast eben so sehr als Gabriele selbst erschrak,
als Ernesto pltzlich vor beiden stand, und sie zur thtigen Theilnahme an dem
Tableau aufforderte, welches fr heute die Reihe derselben beschlieen sollte.
Doch bald fate sie sich wieder und stand mit gewohnter Freundlichkeit auf, um
ihm mit ihrer jungen Freundin in das Nebenzimmer zu folgen. Gabrielens Hand
zuckte in der ihrigen, ihr Blick bat, sie frei zu lassen, doch er ward nicht
erhrt, und Ernesto erinnerte sie mit komischer Feierlichkeit an das ihm
zugestandne Recht, seine Figuranten nach Belieben whlen zu drfen.
    Das Tableau stellte die Nacht vor, die ihren dunkelblauen Sternenschleier
ber ihre Kinder, den Schlaf und den Tod, ausgebreitet hlt. Der Frau von
Willnangen hohe Gestalt, der ruhige, milde Ausdruck ihres noch immer schnen
Gesichts eignete sich ganz zum Bilde einer stillen, heitern Sommernacht. Zu
ihren Fen schlummerten zwei liebliche, blonde Genien, der eine war mit
Mohnblumen geschmckt, der andre, mit der ausgelschten Fackel, trug einen Kranz
von Zypressen. Bunte, fantastische Traumgestalten drngten sich hinter ihr,
unter ihnen stand Gabriele, als ein trber, Unheil verkndender Traum, in ihren
langen, schwarzen Schleier gehllt, unter welchem die goldglnzenden Locken tief
herabrollten. Beim Lampenlicht, mitten unter rosenwangigen, schimmernden
Gestalten schien sie, ohne alle Schminke noch blsser als sonst. Sie glich
Pygmalions Meisterwerk bei der ersten Regung des erwachenden Lebens. So glhend
strahlte ihr dunkles Auge aus dem Marmorgesicht, denn ihr Blick traf auf
Ottokarn, der in einiger Entfernung in ihrem Anschaun verloren stand.
    Alle Anwesende erklrten einstimmig dieses Tableau fr die Krone von allen,
welche dieser genureiche Abend an ihnen vorber gefhrt hatte.
    Ich stimme gern mit Ihnen ein, sprach Ernesto, denn die Erfindung dieser
Gruppe ist nicht mein, ich habe nur die Trume hinzugefgt. Ich bildete sie nach
einer Zeichnung meines leider viel zu frh unter der Pyramide des Cestus zur
Ruhe gegangenen Freundes, Carstens, fuhr er mit bewegter Stimme fort. Lange
fesselte ihn ein trbes Migeschick, das wie ein bser Zauber auf seinem Leben
ruhte und ihn verhinderte, aus dem Reich der Formen in das der Farben zu
dringen. Und da es endlich berwunden war, da sein hoher Genu die Flgel freier
zu regen begann, da entschwand er uns ganz. Die Kunst wird ewig um ihren
Liebling trauern, um so mehr, da jetzt ein dem seinen ganz entgegen gesetztes
verderbliches Streben unter ihren Jngern tglich herrschender wird.
    Die Gesellschaft mute nun ernstlich zum Aufbruch eilen, denn das Stampfen
der Pferde unter den Fenstern mahnte sie immer lauter. In dem dadurch
entstehenden Gewimmel fand sich Gabriele pltzlich neben Ottokar. Er beugte sich
freundlich zu ihr herab und ergriff ihre zitternde Hand. Ich frchte keine
bsen Trume mehr, flsterte er ihr zu, seit ich die Vorbedeutung des Unglcks
so anmuthig erscheinen sah. Der fortwogende Strom der Gesellschaft ri ihn im
nmlichen Moment fort, ohne da Gabriele zur Antwort Zeit gewann.


                           Aus Gabrielens Tagebuche.

Ich frchte keinen bsen Traum mehr, seit mir die Vorbedeutung des Unglcks so
anmuthig erschien! Sprach er nicht so? Warum mute ich auch dieses Mal, nur
stumm mich verneigend, vor ihm stehen und vermochte nicht, ihm zu antworten?
Ach, weil ich bin, was ich zu seyn schien, weil mein ganzes Daseyn ein schwerer,
banger Traum ist! Immer ringe ich nach dem Erwachen; bin ich einst erwacht,
dann, Ottokar, dann werde ich zu dir sprechen, dich fragen, dir antworten
knnen, und, gewi! du wirst mich verstehen.

Wie oft versuchte ich es schon, sein Bild auf dem Papier fest zu halten! aber
ich ermde im fruchtlosen Streben. Ja, wenn ich mit den Zgen seines Gesichts
auch die unbeschreibliche Harmonie in seinem ganzen Wesen wiederzugeben
vermchte! Er ist immer er selbst! ganz und ungetheilt er selbst, in jeder
seiner Bewegungen, in jedem seiner Worte, im Scherz wie im Ernst! Nur er, einzig
er kann so dastehen, so sprechen, so aussehen, und doch ist es nicht seine
Gestalt allein, die ihn vor allen auszeichnet, es ist der Einklang, die
Uebereinstimmung in seiner ganzen Erscheinung. Wo lebt der Knstler, der diese
darzustellen vermge? Ohne sie bleiben meine Bilder leblos und starr, bei aller
brigen Aehnlichkeit gleichen sie Wachsbildern, die das Leben ungeschickt
nachffen wollen, und ich mu sie vernichten, denn sie erregen mir Grauen.

Nichts wollen, nichts wissen, nichts wnschen als Lieben, sich selbst vergessen
im Glck des geliebten Wesens, ohne Erwiederung zu hoffen oder zu wnschen,
stellt uns den Engeln gleich, ist Vorgefhl himmlischen Glcks! So lehrtest du
mich, meine Mutter! Warum bin ich denn nicht glcklich? Warum treibt
unerklrliche Unruhe mich rastlos umher? Warum beklemmt meine Brust ein
Wnschen, ein etwas Erwarten von der nchsten Minute, fr das ich sogar nicht
einen Namen habe? Knnte ich nur einmal recht Groes, recht Schweres fr ihn
vollbringen, ohne da er ahnete, von wo es aus ginge. Knnte ich, ungesehen von
ihm, ein trbes Geschick, ein groes Unheil von seinem geliebten Haupte auf das
meinige lenken und dann, in mich geschmiegt und still aus meinem Dunkel hinauf
zu ihm blicken und mich in seinem freudigen Lcheln sonnen. Dann, dnkt mich,
wre ich ruhig und glcklich fr mein ganzes briges Leben.

Nie werde ich mich darber trsten, da meine Mutter starb, ohne ihn gesehen zu
haben. Ach httest du Verklrte ihn gekannt, wie lieb wre er dir geworden! Wie
glcklich ich im Anschaun von euch geliebten Beiden!

Arme Pflanzen, die sie verstie, weil ihr verblht seyd, wie will ich euch
pflegen und lieben! Ich fand sie heute alle im Vorsaal, die schnen Blumen,
welche Ottokar Aurelien an ihrem Geburtstage schenkte; verdorrt, losgerissen von
ihren Stben, mit Staub bedeckt, erkannte ich sie kaum. Sie taugen nur noch zum
Wegwerfen, sprach Aurelia, sie sind verblht. Ja, setzte sie mit komischem
Pathos hinzu, sieh hier, gutes Kind, das Bild der Vergnglichkeit aller Dinge,
und nimm dir ein Beispiel daran. Alles Fleisch vergeht wie Heu, singt die
christliche Gemeine, darum vertrume deine Blthenzeit nicht, sie kehrt dir so
wenig wieder als diesen armen Struchen, die Anton alsobald wegschaffen soll.
Liebe Aurelia, erwiederte ich, mit uns ist es wie es ist, aber diese Blumen
knnen wirklich wieder blhen, nimm sie nur wieder in dein Zimmer, trage sie an
die Sonne, begiee sie. - Allerliebste Gabriele, thu du das selbst, ich
schenke sie dir, unterbrach mich Aurelia, und machte mir nach ihrer lustigen
Art einen tiefen Knicks. Ich erschrak; aber du hast sie von Ottokar, stammelte
ich, und fhlte dabei, wie ich roth ward; wei ich doch nicht ob vor Freuden
ber die Blumen oder vor Verdru, da ich Aurelien an ihren Geber erinnern
mute. Mag er mir frische Blumen schicken, wenn er will, da sein Andenken bei
mir grne und blhe, antwortete sie lchelnd; seit ich nicht mehr vierzehn
Jahre alt bin, bewahre ich nichts lnger auf, als es des Bewahrens werth ist.
Damals freilich, da hatte ich auch ein Heumagazin von gedrrten Rosen,
Vergimeinnicht und sonst noch allerlei Grnlichkeiten, so gut wie eine von euch
zarten Seelen, wie ich aber einmal gewahr ward, da ich alle das Zeug sogar
nicht zum Kruterkissen bei Zahnweh brauchen konnte, warf ich es zum Fenster
hinaus.

Ottokar wei, da ich seine Blumen besitze, er hat Aurelien meine Zeichnung
dafr geraubt und auf sein Zimmer getragen, gewi nur im Scherz, gewi er giebt
sie ihr wieder. Warum hat mich denn Annettens Erzhlung dieses unbedeutenden
Umstandes so erschreckt? Warum strebe ich jetzt so ngstlich, mir diese
Zeichnung Zug fr Zug recht deutlich zu denken? Er wird sie ja doch nicht
behalten.

Wenn er unglcklich wrde! Nein diese Mglichkeit kann ich mir nicht denken.
Nicht einmal die, da ich oder andre es in seiner Nhe seyn knnten. Ihm
gegenber, seinem freundlich hellen Blick gegenber, mu ja das Unglck eine so
stille rhrende Gestalt annehmen, da es zur schmerzlich sen Freude sich
darber umwandelt.

Sonst nannte Frau von Willnangen nie Ottokars Namen, jetzt hre ich ihn tglich
aus dem Munde der geliebten Frau und lausche mit Freuden seinem Lobe. Whrend
Gewohnheit und Arbeit mich zu Hause in meinem Zimmer festhalten, bringt er die
Morgen bei ihr und Augusten zu. Meine Freundinnen streben auf vielfache Weise,
mich zu einem Besuche zur nmlichen Zeit zu veranlassen, ohne jedoch mich
geradezu einzuladen, und oft regt sich auch in mir der Wunsch, ihren Winken
folgen zu drfen, aber ein innres Widerstreben hlt dennoch mich zurck.

Abends singt mir Auguste die Lieder, welche er ihr brachte, ihre Mutter giebt
mir fast wrtlich den Inhalt ihrer Gesprche mit ihm. Ich bewundre die Freiheit
des Geistes, welche es ihr mglich macht, sich mit ihm so in Rede und Gegenrede
zu verstndigen, denn in seiner Nhe wird mein ganzes Wesen nur ein Spiegel des
seinen.

Ich wollte, ich knnte dichten, oder komponiren; oft ist es mir, als msse ich
beides knnen, aber vergebens suche ich Worte oder Tne fr das, was ich so
gerne singen oder sagen mchte. Auch in meinen Bchern, in meinen Dichtern,
finde ich nicht, was ich suche, nirgends, was auf ihn pate. Alle Gestalten,
welche sie mir vorfhren, sind nicht wie er, mild und hoch, krftig und
bescheiden.

Er hat meine Zeichnung behalten, sie hngt ber seinem Schreibtisch, freilich
als ein Geschenk Aureliens. Ernesto sah sie bei ihm. Ich bin darber froh wie
ein Kind, ich mchte sagen, ich fhle mich geehrt, so wie sonst, wenn die
geliebte Mutter irgend eine Arbeit von mir sich zum Gebrauch aneignete. Wenn er
die Zeichnung ansieht, mu er nicht zuweilen meiner gedenken?

Heute Abend war ich zeitiger als gewhnlich zu Frau von Willnangen gegangen, ich
fand die liebe Frau allein mit Augusten, trbe und traurig schien ein
schmerzliches Andenken schwerer als sonst auf ihrem Gemthe zu lasten. Sie bat
uns, etwas zu singen, und wir whlten das himmlische Duett aus Prs Sargino, das
mir von jeher wie die Sprache klingt, in welcher Engel einander sagen, wie sie
sich lieben. Dolce dell' anima, fing ich an; speme e diletto di questo cor, und
meine Seele schwebte auf den sen Tnen himmelan. Da erscholl es dicht hinter
mir, dolce dell' anima, es war nicht Augustens Stimme, es war seine, seine!
unbemerkt von mir war er ins Zimmer und an Augustens Stelle getreten. Ich wagte
nicht, mich umzusehen, aber ich hatte den unbegreiflichen Muth, fortzusingen, la
pura fiamma che m'arde in petto! Ich fhlte mir das Herz in der Brust, jeden
Puls meines Lebens erzittern, aber meine Stimme bebte nicht, ich wute kaum, da
ich sang, die Tne strmten unwillkrlich aus meiner tiefsten Brust, aus dem
Herzen meines Herzens, und ich hrte mich selbst wie die Stimme eines Dritten.
Athemlos, bewustlos sogar, stand ich da, als das Duett geendet war, und konnte
nichts als mich tiefer und immer tiefer vor Ottokar neigen, whrend er zu mir
sprach. Auguste sagt, er habe viel zum Lobe meiner Stimme, meines einfachen
Vortrags gesagt; ich wei es nicht, ich habe sogar nicht gesehen, wie er sich
bald darauf entfernte. Als er fort war, schlo mich Frau von Willnangen mit
verdoppelter Zrtlichkeit in ihre Arme, Augustens schnes Auge blitzte freudig,
beide waren den ganzen Abend unerschpflich in seinem Lobe, in Erzhlungen
kleiner Zge von ihm. Zu jeder andern Zeit htte diese Unterhaltung mich sehr
glcklich gemacht, jetzt konnte ich kaum darauf achten. Ja Musik ist die Sprache
seliger Geister, das wei ich jetzt mit Ueberzeugung, in Tnen konnte ich ihm
singen, wofr ich nimmer Worte fnde, und der Nachhall dieser Stunde wird mein
ganzes kommendes Leben durchtnen.

Einmal, nur einmal mchte ich doch Aurelia seyn, neben ihm sitzen, ihn ansehen,
und mit ihm sprechen knnen wie sie.

Es war mein Stolz und meine Freude, mit Ottokar, wenn gleich ihm unbewut, ein
Geheimni zu theilen, etwas, allen andern Verborgnes von ihm zu wissen, daher
vertraute ich keiner lebenden Seele die Geschichte unsers ersten
Zusammentreffens. So lange ich allein darum wute, whnte ich, sie sey ein
unsichtbares Band, das mich allein vor allen andern mit ihm vereinte. Nun ist es
zerrissen. Woran ich Wochen und Monde hindurch in der Stille mich freute, ist
die Neuigkeit des Tages geworden und geht entstellt von Mund zu Mund. Die ganze
ungewhnlich zahlreiche Gesellschaft, Aurelien an der Spitze, strmte mir heut
entgegen, so wie ich den Speisesaal betrat, nur Ottokar blieb in der Ferne. Mein
Blick sucht immer ihn zuerst, ich bemerkte einen leisen Zug des Unmuths auf
seinem Gesicht, ein vielleicht nur meinem Auge sichtbares schnell wieder
verfliegendes, zorniges Errthen. Erstarrt blieb ich in der Thre stehen,
Aurelia und alle Uebrige mochten lange mit Fragen und Redensarten in mich
hineingestrmt haben, ehe ich nur begriff, wovon eigentlich die Rede sey. Ich
sah nur Ottokar in dieser mir unerklrlichen Bewegung. Ernesto, der, sonst um
diese Stunde ein seltner Gast, bei uns ist, kam mir zu Hlfe. Seit meinem ersten
Eintritt in dieses Haus ist er mir immer nah, so bald ich seiner bedarf. Wie er
es anfing, wei ich nicht, ich war zu aufgeregt, um es zu bemerken, aber der
ganze gesellige Knuel drehte sich bald von uns ab, um Aurelien her, und ich
stand mit Ernesto allein im Fenster. Hier erfuhr ich von ihm, da Ottokars
Kammerdiener Aureliens Kammerjungfer erzhlt habe, wie sein Herr eine arme alte
Frau unterweges in den Wagen genommen habe, auch da ich damals mit ihnen in
einem Gasthofe wohnend, die Geschichte mit groer Theilnahme gehrt und durch
Frau Dalling mich nher darnach erkundigt habe, denn obgleich Lorenz mich nicht
zu Gesichte bekam, so hatte er diese doch dort gesehen und hier wiedererkannt.
Die Jungfer hatte nichts angelegentlicheres zu thun, als ihrer Gebieterin bei
der nchsten Gelegenheit diese Anekdote wieder zuzutragen. Sie knnen denken,
fuhr Ernesto fort, wie willkommen ein solcher Stoff Aurelien seyn mu, um ihren
nie zu ermdenden Muthwillen daran auszulassen. Gnnen Sie ihr die Freude,
folgen Sie Ottokars Beispiel und lachen Sie mit, anstatt sich darber zu rgern.
Die Tante trat zu uns, anscheinend recht frhlich, aber in ihren Augen zuckte
doch eine gewisse Unruhe, sie vermochte nicht ganz die Furcht zu verbergen, da
Aurelia den Scherz zu weit treiben knne; der lustige Tumult in dieser und
Ottokars Nhe ward immer grer und lauter, die Tante immer ngstlicher und
freundlicher, und mir ward das Herz schwer und schwerer mit jeder Minute.
Mehrere Spottbilder, mit erklrenden Knittelversen, alle von Aurelien selbst,
nur zu geistreich erfunden und ausgefhrt, hatten bisher die Gesellschaft
ergtzt, endlich gelangten sie auch zu uns. Ottokar war darauf als Don Quixotte
dargestellt, wie er seine durch Zauberknste in die Gestalt einer alten
hlichen Frau verkappte Dulcinea von Toloso in eine Schenke bringt, die er fr
ein Kastell ansieht. Auf einem andern Blatt erscheint er als ein Schfer, der
eine zur Bettlerin verwandelte Fee vom Tode befreit, und gleich darneben, wie er
zum Danke dafr in einen wunderschnen Prinzen mit Krone und Scepter verwandelt
wird. Dann sahen wir ihn auch in Hofgalla, die Bettlerin am Arm, und mich im
Hintergrunde, ganz in Extase vor Rhrung und Bewunderung, neben mir eine ganze
Reihe nageweinter Schnupftcher auf einer Leine zum Trocknen aufgehngt.
Ottokar selbst nherte sich uns und betrachtete diese Ergieungen einer nichts
schonenden, bermthigen Laune mit beiflligem Lcheln. Wir sind diesesmal
Leidensgefhrten, liebes Frulein, sprach er, indem er sich freundlich zu mir
neigte, whrend ich, errthend vor Zorn und Verlegenheit, nicht wute, wohin ich
die Blicke wenden sollte. Sie sehen so ernsthaft aus, thun Sie das nicht,
nehmen Sie einen geselligen Scherz nicht hher auf, als er aufgenommen seyn
will, setzte er leiser, fast bittend, hinzu. Alles schwamm vor meinen Augen bei
dem unerwarteten Glck, einen von ihm ausgesprochnen Wunsch erfllen zu knnen.
Ich htte Aurelien, auf die ich eben erst zrnte, jetzt mit Freuden an mein Herz
gedrckt, weil sie die Veranlassung dazu lieh, und ich hoffe, da jede Spur des
Unmuths in diesem Moment eben so von meiner Stirne schwand wie aus meinem
Herzen. Um meiner Zufriedenheit die Krone aufzusetzen, sammelte Ernesto die
Zeichnungen alle sorgfltig zusammen und legte sie in seine Schreibetafel, mit
der Erklrung, da er sie als das gelungenste Werk seiner Schlerin aufbewahren
wolle, und weder die Bitten der Gesellschaft noch Aureliens Zrnen konnten ihn
bewegen, sie wieder herauszugeben.
    Der einmal angestimmte Ton wollte bei Tische noch nicht gleich verhallen,
aber Ernesto und Ottokar bemeisterten sich des Gesprchs, die Tante untersttzte
sie auf das krftigste, und so nahm es bald eine fr mich erfreulichere Wendung,
die ich mit angestrengter Aufmerksamkeit verfolgte. Ottokars Blick gleitete
wrend dem Gesprch oft von dem neben mir sitzenden Ernesto auf mich herab, ich
sah es nicht, denn meine Augen senken sich immer vor den seinen, aber ich fhlte
seinen Blick wie einen Sonnenstrahl in meinem Innern.
    Jetzt bin ich allein, und das durch Ottokars Nhe unterdrckte bittre Gefhl
regt sich von neuem in meiner Brust. Ach ich frchte die Spottsucht, die flache
Charakterlosigkeit der Gesellschaft um mich her wird auch mich noch ergreifen.
Am besten wr es wohl fr mich, ich ginge. Aber wohin? Arme Gabriele, wohin? Wo
er nicht ist? Freilich werden Tage kommen, an denen ich ihn nicht sehe,
vielleicht ein Tag, der von ihm auf dieses ganze Leben mich scheidet, aber soll
ich denn schon jetzt dem Licht der Sonne mich entziehn, weil vielleicht bald die
Nacht herein brechen wird?

Mit dem neuen Jahre war endlich der Zeitpunkt erschienen, der eine gnzliche
Umnderung in Gabrielens, ihr allmhlich lieb gewordnen Lebensweise
hervorbrachte. Von nun an ward sie die bestndige Begleiterin ihrer Tante durch
die ganze lange bunte Reihe von Lustbarkeiten, welche das Karneval in der
groen, lebenslustigen Stadt herbeifhrte. Blle, Soirees, Schauspiele aller Art
raubten ihr jeden Abend, und die Zurstungen zu diesen verkmmerten ihr manche
Morgenstunde, die sie sonst andern Beschftigungen zu widmen gewohnt war.
    Mit aller Kraft ihres Geistes suchte sie jetzt die ngstliche Bldigkeit zu
berwinden, welche ihre ersten Schritte in der Gesellschaft so unsicher gemacht
hatte. Es gelang ihr nach und nach. Das Blendende der Erscheinungen, das
betubende Gerusch verloren allmhlich die Gewalt, ihr zu imponiren, ihre
Existenz in der Welt ward mit jedem Tage angenehmer und obgleich sie sich oft
nach den stillen, genureichen Abenden sehnte, welche sie sonst bei Frau von
Willnangen zu verleben gewohnt war, so gab es doch auch oft Stunden, in denen
sie sich recht jugendlich heiter an dem bunten Leben ergtzte.
    Dennoch war ihre Erscheinung in demselben nichts weniger als brilliant. Als
eine nahe Verwandte der von allen gefeierten Grfin Rosenberg, in deren
Begleitung sie berall erschien, verfehlte man zwar nicht, ihr die
Aufmerksamkeit zu erzeigen, zu welcher dieses Verhltni sie berechtigte; aber
eigentlich betrachtete man sie doch noch immer als ein halbes Kind, und sie
htte gewi an manchem Abend die Reihe der ungestrt ghnenden Opfer der
Soziett vermehrt, welche man in allen Salons-Ecken sitzen sieht, wre nicht
Ernesto ihr treuer Beschtzer geblieben, und htte nicht Frau von Willnangen
diesen Winter der gewohnten Ruhe weit ftrer als sonst entsagt, um ihren
Liebling in so ungewohnten Verhltnissen nicht ganz verlassen zu wissen.
    Ottokar sah Gabrielen jetzt tglich, ohne da beide einander deswegen viel
nher gekommen wren. Er zeichnete sie nicht minder als Aurelien aus, durch
tausend kleine Aufmerksamkeiten, die er, als der Gast der Grfin, ihnen vor
andern schuldig zu seyn glaubte, brigens aber blieb ihr gegenseitiges
Verhltni fremd und abgemessen wie zuvor.
    Nur selten, besonders aber am Neujahrsabende, bei ihrem Eintritt in die
groe Welt, hatte er ihr einige Theilnahme gezeigt. Die Grfin feierte den
Schlu des festlichen Tages mit einem Ball, den sie den jngern Bekannten
Aureliens gab. Einsam und vergessen sa Gabriele lange in einer Ecke des
Tanzsaales. Sie gedachte der Neujahrsabende, welche sie als frhliches Kind an
der Hand der Mutter in den hohen, dstern Slen von Schlo Aarheim verlebt
hatte. Die Tanzmusik tnte nur wie aus weiter Ferne in ihre Trume, als Ottokar
pltzlich vor ihr stand und ihr seine Hand bot, um auch sie den frhlichen
Reihen zuzufhren. Es war der erste festliche Tanz ihres Lebens, ihr
schwindelte, noch ehe sie den Tanzplatz betrat. Ottokar merkte ihr Schwanken,
schrieb es ihrer gewohnten Furchtsamkeit zu, und umfate sie nur um so fester,
um sie vor jedem mglichen Zufall zu sichern. Gabriele fhlte den Druck seines
Arms, das Suseln feines Athems in ihren Locken, sie sah sein freundliches Auge
ganz nahe auf sie herabblitzen und schwebte, an ihn gelehnt, wie auf geflgelten
Sohlen durch den weiten Saal, so leicht, so anmuthig, da selbst die Tante ihr
freundlich Beifall zunickte. Mit ihm so durch das Leben! Der Gedanke flog zum
ersten Mal wie ein Pfeil, in stechendem Schmerz, durch ihr Innres; ein unendlich
betrbendes Gefhl bewegte sie fast bis zum Weinen, und noch nie hatte sie sich
so vereinzelt, so ganz verlassen gefhlt, als da Ottokar nach beendigtem Walzer
sie zu einem Sitz fhrte und sie dann mit einer stummen Verbeugung verlie, um
sich eine andre Tnzerin zu whlen.

Eines Abends, in einer groen Gesellschaft, wandte sich das Gesprch auf den
echt spanischen Fandango. Aurelie war eben in sehr glnzender Laune, und so
bedurfte es nicht groer Ueberredungskraft, um sie zu bewegen, ihn zu tanzen,
obgleich die musikalische Begleitung, auer dem Tambourin und den Kastagnetten,
nur noch aus einem Pianoforte bestehen konnte, und an einen Mittnzer gar nicht
zu denken war.
    Du kennst die Figuren des Fandango, ich wei es vom Tanzmeister, sprach
Aurelia zu Gabrielen, indem sie die sich vergeblich Strubende in die Mitte des
Saales mit sich fortzog; brigens, setzte sie noch, wie ihr zum Troste hinzu,
indem sie ihr die Kastagnetten aufzwang, brigens hat es wenig zu bedeuten, wer
neben mirherhpft.
    Die mehresten der Anwesenden, sogar die Grfin, blickten mit mitleidiger
Besorgni auf die arme Gabriele, die beinahe zitternd, mit niedergeschlagnen
Augen dastand, whrend ein dichter Kreis von Zuschauern sich um sie und ihre
Kusine bildete. Endlich sah sie auf, ihr erster Blick fiel auf Ottokar, der
neben Ernesto stand, und sie mit ngstlicher Theilnahme betrachtete. Unfern von
beiden winkte ihr Frau von Willnangen Muth zu, und nie war diese Gabrielen der
verlornen Mutter so tuschend hnlich erschienen. Der Anblick der befreundeten
Gestalten, die ersten Takte der ihr bekannten Musik, aus welcher ihr
Erinnerungen an ihre glckliche Kindheit wiederhallten, begeisterten sie; die
Gewalt, mit der sie ihre Aengstlichkeit niederzukmpfen suchte, verknpft mit
dem lebhaften Wunsche, die durch ihr Gelingen zu erfreuen, welche ihr
wohlwollten, versetzten sie in eine Art von Extase. Wider alles Erwarten gelang
es ihr, mit unnachahmlicher Grazie auch den knstlichsten Wendungen Aureliens zu
folgen, die jetzt in vollem Ernst mit der eben Verachteten zu wetteifern begann.
    Wie ein weier Schmetterling die prachtvoll erblhte Centifolie umflattert,
so schwebte die kleine Silfidengestalt um die hohe schne Aurelia her. Der
Anblick war wirklich entzckend, lauter, rauschender Beifall bertnte fast das
Pianoforte; nach beendetem Tanze drngte sich alles, um beide mit Lob- und
Danksprchen zu berschtten, vorzglich aber Gabrielen; denn ein unerwartet neu
entdecktes Talent gilt immer mehr als ein lngst bekanntes. Frau von Willnangen,
Ernesto, Ottokar sogar, erhoben Gabrielen bis in die Wolken, andre folgten
diesen anerkannten Koriphen des guten Geschmacks, sogar die Grfin erklrte
sich fr stolz auf ihre liebe Nichte und umarmte sie mit groer Zrtlichkeit. So
ward das Unerhrte herbei gefhrt, da Aurelia wirklich zu ihrem eignen hchsten
Erstaunen ein paar Minuten lang um der kleinen Kusine willen vergessen und
verlassen dastand, und diese Erfahrung war ihr nicht weniger neu, als Gabrielen,
die der allgemeinen, laut ausgesprochnen Bewunderung.

Mit dem Scharfblick besorgter Mutterliebe bewachte Frau von Willnangen Ottokars
Benehmen gegen Gabrielen bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Nichts war ihrem
genauen Aufmerken entgangen, weder jenes festere Umfangen ihres Lieblings beim
ersten Tanze in der Neujahrsnacht, noch sein Besorgtseyn um Gabrielen, als
Aurelia sie zum Fandango hinzog. Freudig hatte sie gesehen, mit welchem
Entzcken er hierauf jeden ihrer Schritte mit den Augen verfolgte, zuletzt in
laute Bewunderung ausbrach und sich allen Andern vordrngte, um der Erste zu
seyn, der ihr fr das Allen gewhrte Vergngen seinen Dank aussprach.
    Auch in Ottokars brigem Betragen gegen Gabrielen glaubte sie, wenn gleich
nicht leidenschaftliche Liebe, doch ein stilles Hinneigen zu ihr zu erblicken,
denn Wunsch und Hoffnung sind zu nahe verwandt, als da sie im Laufe des Lebens
nicht oft sollten eins fr das andere gehalten werden. Frau von Willnangen
gewhnte sich nach und nach, alle die kleinen Aufmerksamkeiten mit in ihre Waage
zu legen, durch welche Ottokar die Hausgenossin, die nahe Verwandte seiner
Gastfreundin, vor andern auszeichnete. Sie sah, mit welcher zarten Schonung und
zugleich mit welcher Gewandtheit er so manche kleine, Gabrielen drohende
Verlegenheit von dieser abzuwenden wute; sie legte alles zum Vortheil ihrer
Wnsche aus, und wahrhaft mtterliche Liebe verleitete sie endlich zu
Migriffen, welche bei der welterfahrnen, klugen Frau sich nur durch dieses
vorherrschende Gefhl entschuldigen lassen.
    Zu diesen Migriffen gehrte, da sie nicht nur es nie vermied, mit
Gabrielen ber alle jene ihr bedeutend dnkenden Zuflligkeiten in Ottokars
Benehmen gegen sie zu sprechen, sondern sie sogar aufmerksam darauf machte, und
sie ihr aus einem Gesichtspunkt zeigte, der fr Gabrielens Ruhe durchaus
gefhrlich werden mute. Augustens ewig heitre Fantasie, ihre warme
Anhnglichkeit an Gabrielen verleiteten auch diese, das Gemlde einer Zukunft
vollends auszumalen, welche keine von ihnen mit deutlichen Worten zu nennen
wagte, die aber Mutter und Tochter fr jedes andere Gemth, als Gabrielens,
dennoch nur zu deutlich bezeichnet haben wrden. Diese, zu wenig vertraut mit
allem, was auf das wirkliche Leben Bezug hat, verlor sich nur mit ser
Schwrmerei in die von ihren Freundinnen ihr geffnete helldunkle Aussicht. In
ruhigen, einsamen Stunden strebte sie freilich, zu ihrer ehemaligen Resignazion
wieder zu gelangen, und war es sich sogar nicht bewut, wie weit sie von ihr
gewichen sey. Ottokarn zu werden, was er ihr war, diese Mglichkeit hatte sie
noch nie mit klaren Worten sich gedacht, aber noch weniger die, da eine Andre
so ber alles von ihm geliebt werden knne. So verwirrten sich ihre Wnsche,
ihre Hoffnungen immer mehr, sie vermied sogar, zur Klarheit ber sie zu
gelangen, und ihr Tagebuch enthielt von nun an nur die Ergieungen eines
leidenschaftlich aufgeregten Gemths, das sich scheut, ein Dunkel zu
durchdringen, in welches es sich vor sich selbst verhllt.

Der Winter zog allmhlig fort, die Tage wurden lnger, und im wrmeren
Sonnenstrahl erglnzten schon die schwellenden Knospen der Bume. An Gabrielens
Rckkehr nach Schlo Aarheim ward indessen nicht gedacht, obgleich der
anfnglich dazu bestimmte Zeitpunkt nicht mehr fern war. Der Baron, welcher mit
jedem Tage seinem groen Ziele sich zu nhern glaubte, und deshalb ungestrt zu
bleiben wnschte, hatte schon frher die Grfin schriftlich um die Erlaubni
gebeten, den Aufenthalt seiner Tochter bei ihr auf unbestimmte Zeit verlngern
zu drfen, und Gabriele war zu sehr von der Gegenwart befangen, als da sie den
Wechsel der Zeiten htte bemerken knnen. Tage und Monden gingen an ihr vorber,
ohne da sie an die Mglichkeit einer Abnderung in ihren Verhltnissen
gedachte.
    Indessen konnte eine um diese Zeit entstehende geheimnivolle Bewegung im
Hause ihrer Tante ihr doch nicht verborgen bleiben, welche auch auer ihr
jedermann bemerkte und niemand verstand; sogar Ernesto nicht, denn die Grfin
pflegte nach Art aller Frauen, die in der groen Welt eine Rolle zu spielen
gewohnt sind, ihr eignes Geheimni sicher zu bewahren, sobald sie es wollte. Sie
selbst blieb still und freundlich, wie jemand, der dem Gelingen groer Plne mit
Zuversicht entgegen sieht. Dabei konnte sie indessen es doch nicht lassen, sich
zuweilen mit halbverhllten Winken an Gabrielen zu wenden, von denen es schien,
als wollten sie dieser eine groe Freude, ja sogar ein hohes Glck verknden.
    Aurelia erschien in dieser Zeit strahlender und bermthiger als je zuvor,
Ottokar war mehr in sich gekehrt, und man bemerkte eine ihm sonst nicht
gewhnliche Ungleichheit der Gemthsstimmung in seinem Betragen. Unter der
Dienerschaft herrschte ein immerwhrendes leises Treiben, die Grfin selbst
leitete es, es sah aus wie Zubereitungen zu einem prchtigen Feste, oder zu
einer groen Reise, oder zu beiden; niemand von den dabei Beschftigten wute es
zu erklren, und alle zerbrachen sich darber die Kpfe.
    Gabriele bemerkte wohl, da alle diese Erscheinungen auch auf sie Bezug
haben mten, sie sann ber ihre Bedeutung nach, bis sie von der allgemeinen,
dumpfen Unruhe qulend ergriffen wurde, und war nach jedem, so in vergeblichem
Aufmerken verlebten Tage herzlich froh, wenn der Abend hereinbrach und der
gewohnte Kreis sich in den Zimmern der Grfin versammelte, welcher jetzt, nach
den vorbergezognen Zerstreuungen des Karnevals, wieder in seine alten Rechte
getreten war.
    Eines Tages schien die allgemeine Spannung der Hauptpersonen des Hauses auf
das hchste gestiegen, noch nie waren die Grfin so geheimnivoll, Ottokar so
ernst in sich gekehrt, Aurelia so bertrieben lustig gewesen. Allen, welche
diesen Tag an der Mittagstafel der Grfin Theil nahmen, fiel dieses unheimliche
Wesen bis zum Aengstlichwerden auf. Nichts konnte ihnen daher Erwnschteres
kommen, als der fr den Abend verheine Besuch eines berhmten Deklamators, denn
er versprach nicht nur Schutz gegen die bei dieser Stimmung der Gesellschaft zu
befrchtenden Langenweile, sondern auch gegen etwannige Ausbrche einer innern
Aufgeregtheit der Gemther, von der sich jedes ergriffen fhlte. Unter allen
aber freute sich Gabriele darber; noch nie war ihr Gelegenheit geworden, einen
Knstler dieser Art zu hren, sie hatte berhaupt keinen Begriff, wie man das,
was sie als Deklamation kannte, zum Hauptzweck seines Lebens machen knne, und
erwartete daher etwas ganz auerordentliches von einem sich einzig diesem Zwecke
weihenden Knstler. Alles, was sie jemals von Improvisatoren, von Troubadours,
von Barden, die als berall willkommne Gste mit ihren Liedern durch die Lnder
zogen, ja sogar vom Wanderleben Homers gehrt und gelesen hatte, kam ihr wieder
ins Gedchtni. Sie erwartete nicht viel Geringeres als alles die zusammen, und
war daher nicht wenig verwundert, als der Erwartete in Gestalt eines hagern,
kleinen, schwarzgekleideten, sehr jungen Mnnchens hereintrat und der Grfin
vorgestellt ward. Seine Ungeduld, sich hren zu lassen, schien nicht minder
gro, als die der Anwesenden, ihn zu hren. Er ergriff die erste Gelegenheit,
sich anscheinend nachlssig in einen Lehnstuhl zu werfen, und begann mit nicht
auffallend angenehmem Sprachton seine Rezitationen.
    Es war wunderlich anzusehen, wie er sich ngstlich abmhete, zu deklamiren,
ohne dabei zu agiren. Mit der untern Hlfte des Krpers gelang es ihm, er sa
mit kreuzweis ber einander geschlagnen Beinen wie angebunden auf seinem Sessel,
aber die Zge seines Gesichts, Arme und Hnde waren gleichsam wider seinen
Willen in ewiger theatralischer Bewegung. Er hatte kein Buch nehmen wollen, weil
er behauptete, sich vollkommen auf sein Gedchtni verlassen zu knnen, die
aber vermehrte die Verlegenheit, in welche ihn die Haltung seiner Hnde
augenscheinlich versetzte. Freilich htte er auch eine ganze Bibliothek
herbeischaffen mssen, so viele ganz heterogene Dichtungen der heterogensten
Dichter lie er im schnellsten Wechsel auf einander folgen. Endlich kam auch
Macbeths bekannter Monolog an die Reihe. Schauerliches Schweigen herrschte im
Saal, alles horchte seinen dumpfen, geisterartigen Tnen. Ist das ein Dolch?
rief er mit Macbeths stierem Blick und einem pltzlichen Griff auf den vor ihm
stehenden Tisch. Es ist nur die Lichtschere, flsterte Aurelia, laut genug, um
von den nahe Stehenden, wahrscheinlich auch vom Deklamator selbst gehrt zu
werden, denn sobald dieser den Monolog beendet hatte, erinnerte er sich eines
Versprechens, noch diesen Abend in einer andern Gesellschaft zu erscheinen, und
eilte davon.
    Shakespear! ach Shakespear! rief die Grfin, indem sie sich entzckt auf
dem Sopha zurck lehnte, und so es vermied, ihr Urtheil ber den Deklamator zu
frhe zu uern. Beim Shakespeare war sie ihrer Sache gewi, nicht so bei jenem,
obgleich dem in allen Zeitungen Gepriesenen in jeder Pause seines Vortrags von
einem groen Theil der Anwesenden lauter Beifall gezollt worden war. Wie gro
erscheint Shakespear, wo man auch immer ihn antrifft! fuhr die Grfin fort;
wie sogar nicht zu ertdten! Welch eine Hhe! und welche Tiefe! Wie treten
seine Gebilde hinaus in die Wirklichkeit! Ich bin nur froh, da der Deklamator
endlich zum Saal hinaus getreten ist, sprach Ernesto ganz gelassen. Erstaunt
sah die Grfin ihn an, und war doppelt froh, sich an Shakespeare gehalten zu
haben, da nun auch der Professor anfing, Klopstocks Ode, Theone, zu rezitiren.

Still auf dem Blatt ruhet das Lied, noch erschrocken
Von dem Gets' des Rhapsoden, der es herlas,
Unbekannt mit der sanfteren Stimme
Laut, und dem volleren Ton.

Die armen Lieder! sprach lchelnd Auguste, sie haben nicht einmal ein Blatt,
auf dem sie ruhen knnten, er sagte sie auswendig her, und mir ist daher noch
immer, als fhle ich die heimathlosen Geister mich ngstlich umschwirren.
Antonius wollte wenigstens das groe Gedchtni des Deklamators bewundert
wissen, konnte aber nicht damit zu Stande kommen, denn Ernesto verdammte gerade
die aus dem Kopfe-Hersagen, als einen der rgsten Migriffe, welche sich der
Deklamator hatte zu Schulden kommen lassen, und der Professor trat ihm treulich
bei. Wodurch wird das Lied zum Liede? sprach dieser; durch den Rhythmus, den
Versbau, die Wahl des Ausdrucks, nicht durch die poetische Idee allein. Mit der
strengsten Auswahl wgt der Poet jedes Wort, jede Silbe, berall sucht er den
Geist und die Harmonie aufs genauste zu vereinen, und Gott wei, wie schwer ihm
dieses in unsrer an guten Reimen so armen Sprache oft wird. Verzweifeln mte
er, wenn er es anhrte, wie solch ein Deklamator alle seine Mhe vernichtet und
die auswendig gelernten Lieder mihandelt! Das ists ja eben, setzte Ernesto
hinzu, die Herren haben es nur auswendig und nicht inwendig, sonst mten sie
fhlen, was sie zerstren, wenn sie hier ein fremdes Wort einschalten, weil das
rechte ihrem untreuen Gedchtni entschlpfte, dort einen falschen Akzent
anbringen, oder ein kurzes Wort dehnen, weil sie vom vorhergehenden eine Silbe
verschluckten, und nun mit dem Versmaa nicht auskommen. Auch das beste
Gedchtni sichert vor dergleichen nicht. Auf dem Theater verdecken Spiel und
theatralische Tuschungsmittel diese Mngel so ziemlich, auch Sngern und
Sngerinnen will ich es allenfalls nachsehen, wenn sie unsre Dichter
verstmmeln, man versteht sie ohnehin nur selten, und wird es also nicht gewahr;
aber der Deklamator, der uns den vollkommensten Genu eines poetischen Werkes
verspricht, mte sich nie in den Fall setzen, so fehlen zu knnen.
    Ich wnschte fast, es gbe gar keine Deklamatoren in der Welt, sprach Frau
von Willnangen; wenigstens fhle ich immer das innigste Mitleid, wenn ich einen
jungen Menschen sehe, der von falschverstandner Kunstliebe sich verleiten lie,
diesen Weg zu whlen, um darauf durch die Welt zu kommen.
    Denen jungen Herren, die weder Lust zum Graben noch zum Erlernen
grndlicher Kenntnisse haben, scheint dieser Weg aber sehr lustig und bequem,
erwiederte der Professor, sie denken noch obendrein, etwas Ungemeines fr die
Kunst zu thun, wenn sie von Stadt zu Stadt gehen und pathetisch hersagen, was
andre Leute gedichtet haben, und was jeder seit der Erfindung der
Buchdruckerkunst in seinem Kabinet lesen und sich dabei das gerade fr ihn
Passende auswhlen kann.
    Dabei sind sie gewhnlich in offenbarem Zwiespalt mit sich selbst, setzte
Ernesto hinzu. Deklamiren mit Aktion oder ohne Aktion, das ist die Frage, die
sie nie lsen knnen. Ersteres mitten im Zimmer auf plattem Boden, hat denn doch
immer etwas komisches, abgerechnet, da es auch dem eigentlichen Begriffe des
Deklamirens ganz entgegen steht. Und sich beim Deklamiren im brigen ganz ruhig
zu verhalten, ist fast unmglich, oder wird es erzwungen, so kann niemand sich
an dem Anblick freuen. Eigentliches Deklamiren mchte ich ganz auf das Theater
oder auf die Bhne der Volksredner verweisen, wenn es deren noch auer den
Kanzeln welche gbe; zur gesellschaftlichen Unterhaltung aber wrde ich bloes
Vorlesen mit Ausdruck und Przision allen Deklamatorien vorziehen.
    Es ward ber diesen Gegenstand noch viel hin- und hergestritten, bis Ernesto
Gabrielen aufforderte, den Streit zu beenden und der Gesellschaft zu zeigen, was
er mit Vorlesen eigentlich meine. Er kannte ihr schnes, sorgfltig von der
Mutter gebildetes Talent, und ergriff gern diese, wie jede Gelegenheit, seine
junge Freundin nicht sowohl an das Licht zu ziehen, als vielmehr sie von der
ngstlichen Befangenheit gnzlich zu befreien, von welcher sie noch zuweilen
befallen ward. Auch diesesmal gewhrte sie nur mit innerm Zagen seinen Wunsch,
berflog schnell mit den Augen ein Blatt, welches Ernesto ihr reichte, whrend
die Lichter gerckt wurden und der Kreis der Anwesenden sich um sie her ordnete.
Sie las zuerst etwas zaghaft, dann aber mit immer steigendem Affekt, immer
eindringender, immer wahrer in Ton und Ausdruck, ganz sich und alle um sich her
vergessend, wie an jenem Abende, als sie in Ottokars Gegenwart sang: la pura
fiamma che m' arde in petto. Kein Hauch regte sich, alle waren an ihren Vortrag
wie gebannt, denn man hrte, was sie las, war der innigste Ausdruck ihres
eigensten Gefhls, und sie bezwang alle Herzen mit der Wahrheit Gewalt. Sie
hatte das Gedicht, welches sie vorlas, zuvor nie gesehen, es war das neueste
Erzeugni eines jungen Poeten von Ernesto's Bekanntschaft.
    Hier ist es:

O lat mich ruh'n an dieser lieben Stelle
Nur einen kurzen, stillen Augenblick!
Hier zog mein Tag herauf, so licht, so helle;
O lat mich ruh'n an dieser lieben Stelle!
Vergnnet mir die arme, einz'ge Glck!

Ich will nicht um mich schau'n; lat mich vergessen,
Da eine Zukunft ist, da Morgen kommt.
Was ber heute liegt, ist unermessen,
Und ber Nacht zu denken, ist vermessen,
Mit Sonst zu sprechen, meinem Herzen frommt.

Wenn es der Welt noch einmal tagt, umdichten
Mich Gram und Nacht. Dein Bild kann nur allein
Die Nacht zur Dmm'rung eines Traumes lichten,
Und wie ein Traum mut du vorberflchten,
Geflgelt Glck! dein bin ich, du nicht mein.

Der hat ein ses, hold Geschick, empfangen,
Wer dich, du zartes Bild! nur einmal sah;
Mich hat die Glck fr immerdar umfangen,
Bist du auch, Klara! weit von mir gegangen;
Mein Herz bringt ewig deine Fernen nah.

In meiner tiefsten Seele stillen Tiefen
Steh'n deine Worte, rufen nach und nach
- Wie Glockentne, die am Tage schliefen,
Vom Abend aufgeweckt, zur Vesper riefen -
Das Heiligste in meiner Brust mir wach.

Und diese Augen sollten wiedersehen,
Was nicht zu dir gehrt, was du nicht bist?
Es sollten and're Tne mich umwehen?
Und deine liebe Stimme mir vergehen?
Giebt es solch' Aufersteh'n, was Grab nur ist?

Wer hrte dich und darf noch Unglck denken?
Noch an das Bse glauben und dich seh'n?
Dein liebend Auge knnte Sonnen lenken,
Und meinen Stern, den knntest du versenken
In ew'ger Trennung namenlose Wehn?

Es mu die Zeit hinab zur Zeit wohl gehen,
Doch meine Liebe nicht und nicht mein Schmerz;
Selbst dieser Schmerz darf nicht die Lieb' umstehen
Gewaltsam, rauh; er soll wie Frhlingswehen
Wachrufen, Blumen gleich, ein sehnend Herz.

Und wenn der Winter schlafen legt die Blumen alle,
Und Herz und Sehnsucht starrt in Grabesfrost,
Wenn todtgekhlt die Blumen, Herzen alle,
Dann seh' ich dich allein aus meiner Halle
Noch diamanten-strahlend hoch im Ost.

Bis dahin lat an dieser lieben Stelle
Mich ruhen meines Lebens Augenblick.
Hier kam mein Tag, hier bleibt die Nacht mir helle;
O lat mich ruh'n an dieser lieben Stelle!
Euch sey die ganze Welt mit ihrem Glck!!

Whrend des Lesens waren Gabrielen schon bei der Stelle:

Es sollten and're Tne mich umwehen?
Und deine liebe Stimme mir vergehen?

einzelne Thrnen in die Augen getreten; sie ward im Fortfahren immer bewegter
und bewegter. Bei den Worten:

Hier kam mein Tag, hier bleibt die Nacht mir helle.

versagte ihr die Stimme, und sie strebte vergebens, die beiden letzten Strophen
des Liedes zu geben, dieses zu beenden. Erbleichend, verstummend stand sie
endlich auf, bedeckte das Gesicht mit ihrem Tuche und eilte zum Zimmer hinaus,
jede Begleitung durch eine bittende Bewegung der Hand von sich ablehnend.
    Ottokar, der zunchst der Thre sich befand, war dennoch unbemerkt bis in
den Vorsaal ihr gefolgt, dann fate er ihre Hand und fhrte sie zu einem Sitz im
Fenster, whrend er die Bedienten fortschickte, um Annetten herbei zu rufen.
Gabriele erbebte sichtbarlich, als sie ihn erkannte; ein Strom von Thrnen
schaffte ihrem gepreten Herzen Luft, whrend er, den sorgenden Blick auf sie
geheftet, vor ihr stand. Frulein, sprach er, indem er noch immer ihre Hand
hielt, liebes Frulein, Sie haben uns allen einen so hohen Genu gewhrt, wir
alle mssen ihnen so dankbar dafr seyn; was ist es denn, das jetzt Sie so
gewaltsam niederdrckt? Zrnen Sie mir nicht, fuhr er fort, da es ihm schien,
als wolle Gabriele sich von ihm loswinden, zrnen Sie mir nicht, da ich Ihrem
Winke nicht gehorchte und Ihnen hierher folgte; da ich die Besorgni, mit der
ich Ihren schwankenden Schritt bemerkte, nicht unterdrckte. Als ihr Hausgenosse
glaubte ich die wagen zu drfen, und vielleicht, hoffentlich sogar, geben mir
die nchsten Tage, vielleicht der morgende schon, das schne Vorrecht, an allem,
was Sie betrifft, recht innigen Antheil zu nehmen.
    Gabriele horchte bebend auf seine Worte, sie war unfhig, ihm zu antworten,
und fhlte sich zum erstenmal in ihrem Leben einer Ohnmacht nah. Ottokar konnte
nichts, als sie untersttzen, bis die erschrockne Annette kam und sie in ihr
Zimmer geleitete.

Die Nacht verging Gabrielen unter lautem Herzklopfen, unter tausend wechselnden
Ahnungen, Gedanken, halb verstandnen Wnschen. Jedes Wort, das Ottokar am
vergangnen Abend zu ihr gesprochen hatte, tnte unaufhrlich in ihrem Innern
wieder, jedes war ihr ein Rthsel, dessen Lsung sie mit Entzcken und Grauen
suchte und nicht fand, bis sie ermattet spt gegen den Morgen in unerquickliche
Bewutlosigkeit versank.
    Ihr Erwachen zu einer ungewhnlich spten Stunde glich ganz dem ersten im
Hause ihrer Tante. So wie an jenem Morgen, durchtoseten auch heute Bediente und
Handwerker das Haus mit Zurstungen zu einem Feste. Weder Aurelia, noch die
Grfin waren den ganzen Morgen ber sichtbar, selbst die Bedienten thaten
geheimnivoll, wenn sie einander auf der Treppe begegneten. Gabriele sa in
ngstlicher Spannung; unfhig zu jeder sonst gewohnten Beschftigung, lauschte
sie auf jeden Futritt, auf jedes Knarren der Thren in zitternder Unruhe. Sie
ahnete das Herannahen einer fr ihr ganzes Leben entscheidenden Stunde, sie
ahnete einen Zusammenhang zwischen dieser Stunde und dem, was Ottokar am
gestrigen Abende zu ihr gesprochen hatte, ohne doch begreifen zu knnen, wie
dieses mglicher Weise seyn knne. Gegen Mittag lie die Grfin ihr sagen, da
sie und Aurelia allein in ihrem Zimmer speisen wrden, zugleich schickte sie ihr
einen sehr glnzenden Anzug fr den Abend. Alles dieses so ganz Ungewohnte
vermehrte Gabrielens peinliche Unruhe, sie begann weit frher, als sonst, sich
anzukleiden, und zhlte hernach jeden Pendelschlag ihrer Uhr.
    Endlich strahlten die Kronleuchter, Equipagen rollten herbei, und schon
durchrauschten die Tritte vieler herannahenden Gste Treppe und Vorsaal, ehe
Gabriele sich wirklich entschlieen konnte, den Versammlungs-Saal zu betreten,
und eine immer steigende Angst hemmte jeden ihrer Schritte. Unter lautem
Herzklopfen blieb sie unfern der Thre stehen; wie durch einen dichten Flor
zeigte sich ihr die ganze glnzende Versammlung, welche lngs den Wnden des
Zimmers einen weiten Kreis bildete. Alle nahe und entferntere Verwandte der
Grfin, alle ihre vornehmsten Bekannten waren gegenwrtig, nur Frau von
Willnangen fehlte, weil eine pltzliche Unplichkeit Augustens sie zu Hause
hielt, und weder Ernesto, noch irgend einer der Knstler und Gelehrten, welche
sonst das Haus besuchten, waren zugegen. Am obersten Ende des Kreises stand die
Grfin, reich und festlich gekleidet, neben ihr Aurelia, im wei und silbernen
Kleide, diamantne Sterne im dunkeln, mit Perlen durchflochtnem Haar; ihr groes
blaues Auge berschaute die ganze Gesellschaft, so wie etwa eine Knigin ihren
Hofstaat bersieht, ob niemand fehle, und als sie Gabrielen an der Thre
gewahrte, winkte sie sie zu sich heran. Uebrigens herrschte tiefe Stille in der
Versammlung, man konnte das Picken der Uhren hren, so regungslos erwartend
stand alles da. Da trat Ottokar in vlliger Hofkleidung aus einem Seitenzimmer
in der Nhe der Grfin herein, zum erstenmal sah Gabriele ihn von einem breiten
Ordensband umschlungen, und einen blitzenden Stern auf seiner Brust. Mit
freundlichem Ernst, etwas bleicher, als sonst, nherte er sich der Grfin, die
seine und Aureliens Hand ergreifend, mit wrdevollem Anstande beide einige
Schritte vorwrts gegen die Mitte des Kreises fhrte, und Ottokarn als Aureliens
verlobten Brutigam der Gesellschaft vorstellte.
    Die Grfin schien sich zu dieser Festlichkeit eine kleine Rede ausgesonnen
zu haben, die sie, zwischen Ottokar und Aurelien stehend, mit dem Anstande der
Frstin von Messina an die Anwesenden richtete. Der Wunsch ihrer Vter, sagte
sie unter andern, der Wunsch ihrer Vter, wenn gleich nicht ihr unabnderlicher
Wille, bestimmte dieses Paar schon seit Aureliens Geburt fr einander, doch
blieb dieses, meinem Willen gem, beiden ein Geheimni, bis ich berzeugt seyn
konnte, da kein innres oder ures Hinderni sich ihrer Verbindung
entgegenstelle. Die Gnade des Frsten hat auch das letzte beseitigt, indem sie
den Grafen in den Stand setzt, seiner Braut mit seiner Hand auch einen meinen
Wnschen angemenen Rang in der Gesellschaft zu bieten; Ottokar erhielt heute
seine Ernennung zum Gesandten in Rom, und Aurelia folgt ihm entzckt in das
schne Land, zu welchem schon lngst sie, wie jeden Gebildeten, die Sehnsucht
zog. Auch ich werde sie dorthin begleiten, und da Graf Ottokars Bestimmung die
schnellste Ausfhrung des lngst Vorbereiteten fordert, so wird uns leider das
schne Fest des heutigen Tages durch den Schmerz des Abschiednehmens von so
werthen Freunden getrbt. Schon morgen verlassen wir die Stadt, in wenig Tagen
wird das hochzeitliche Band auf meinem Landgute ganz in der Stille geknpft, und
in weniger als einem Monat eilen wir Italien zu, wohin Pflicht, Liebe und
Sehnsucht uns rufen. In Jahr und Tag hoffe ich indessen Sie alle hier wieder zu
sehen, ich kehre dann mit der festen Ueberzeugung des Glcks meiner Kinder
zurck und hoffe, in Erinnerung und Gegenwart mit meinen Freunden frohe Tage zu
verleben. Auch meine Nichte, Gabriele von Aarheim, wird mich begleiten. Ich habe
dich von deinem Vater dazu erbeten, sprach sie, in ihrem natrlichen Ton, sich
pltzlich zu Gabrielen wendend, du sollst auch Italien sehen, freue dich recht,
Kleine, und wnsche deiner Kusine und ihrem Brutigam Glck, setzte sie hinzu,
indem sie ihr nher zu treten winkte.
    Gabriele, welche schon frher auf Aureliens ersten Wink sich genhert hatte,
drngte sich jetzt mit wunderbarem Ungestm durch die Versammlung, welche sich
in dem Moment auch in Bewegung setzte, um Aurelien ebenfalls ihre Glckwnsche
zu bringen. Gabriele wankte, als sie der Tante nher kam; im Begriff zu sinken,
umfate sie unwillkrlich das Knie der Grfin, um sich aufrecht zu halten.
Wunderliches Kind, wie strmisch ist deine Freude! Hier, hier bringe deinen
Glckwunsch an, sprach lchelnd die Grfin, indem sie sie umarmte und dann zu
Aurelien und Ottokar wendete. Glck! Glck! rief Gabriele, athemlos und wie
verwildert, sie konnte in augenscheinlicher Bewutlosigkeit kein anderes Wort
hervorbringen, als dieses eine, das sie mehreremale schnell wiederholte. Die
Grfin, welche auch in der hchsten Bewegung die feingezogne Linie des
hergebracht Schicklichen nie aus den Augen verlor, wurde von dem Aufsehen
beunruhigt, welches Gabrielens sonderbares Benehmen unter den Zunchststehenden
schon zu erregen begann. Sie schob sie daher mit sanfter Gewalt der Thre zu,
durch welche Ottokar hereingetreten war. Dorthin, dorthin, flsterte sie ihr
leise ins Ohr, erhole dich erst von deiner ausgelanen Freude, und dann kehre
wieder.
    Gabriele ging, der Weisung der Tante gehorsam; sie ging und ging, einen
endlosen Weg, wie es ihr schien, die Kronleuchter drehten sich in einem
wunderlichen Tanz um sie her, die Tapeten und Futeppiche hoben und senkten
sich, sie sah alles und erkannte nichts, bis sie am uersten Ende der
erleuchteten Reihe von Zimmern in einem nur von einer Dmmrungslampe erhellten
Kabinet auf den Divan sank.

Ueber eine Stunde mochte wohl verflossen seyn, seit Gabriele sich von der
Gesellschaft entfernte; im freudigen Tumult hatte weiter niemand an sie gedacht,
selbst die Grfin nicht, welche jetzt, nachdem die Gratulationen vorber waren,
alle Aufmerksamkeit darauf verwandte, die Spieltische zu Jedermanns
Zufriedenheit zu ordnen. Aurelia zog sich indessen mit ihren jngern Freundinnen
in ihr Zimmer zurck, Ottokars prchtige Brautgeschenke mit ihnen zu mustern und
zu bewundern, und so entstand fr diesen eine Pause in der geselligen
Unterhaltung, die ihm in seiner jetzigen Stimmung hchst willkommen war. Er
fhlte dringend das Bedrfni einiger einsamen, ruhigen Minuten, um sich selbst
wieder zu finden. Jede auffallende Abnderung des Gewohnten, und sey sie noch so
erwnscht, fhrt ihre eignen Schauer mit sich, die uns mit unwillkommner Gewalt
ergreifen, oft im Momente, wo wir es sogar als Pflicht fhlen, nur Freude uern
zu drfen. Sogar das hchste Entzcken unverhofften Wiedersehens geliebter
Freunde ist im ersten Augenblick ein Schmerz, wir mssen mit jedem Glck erst
Bekanntschaft machen, ehe wir uns dessen recht erfreuen knnen, und wir
erschrecken sogar vor unsern eignen Wnschen, wenn sie pltzlich in Erfllung
treten.
    So ging es auch Ottokar. Ihn schauerte, als er sich nun wirklich an dem
Wendepunkt seines Lebens sah, den er doch seit Monden zu erreichen strebte. Oft
hatte er den bittersten Unmuth empfunden ber den langsamen Kabinetsgang, der
seine Anstellung verzgerte, und jetzt schien ihm alles berraschend schnell
gekommen zu seyn. Er konnte es sich nicht verhehlen, da das leichte, luftige,
freie Schmetterlingsleben durch den heutigen Tag beendet werde. Bande aller Art,
ehrenvolle Thtigkeit, ernste Pflichten im huslichen Leben erwarteten ihn,
tausend Rcksichten muten seinem bisherigen harmlosen Umherschweifen jetzt ein
Ende machen, die Blthenzeit seines Jugendlebens war dahin, und er vermochte es
nicht, ohne Schmerz von ihr zu scheiden.
    Leise hatte er sich, die hellerleuchteten Sle entlang, neben den eben
besetzten Spieltischen durchgeschlichen, ohne da jemand es bemerkte, auer der
Grfin, die auch heute, wie immer, ihm Freiheit lie zu gehen und zu kommen. Er
ffnete vorsichtig die Thre des Kabinets, in welches Gabriele sich geflchtet
hatte, und fuhr fast wie vor einer Geistererscheinung zurck, da er sie beim
Schein der schwach leuchtenden Alabasterlampe erblickte, wie sie sich bleich und
langsam bei seinem Eintritt vom Divan erhob und ihm ein paar Schritte entgegen
trat.
    Sie sind es? Sie sind es wirklich, Ottokar? redete sie ihn an. Sie sind
es wirklich? ich sehe Sie noch einmal und kann von Ihnen Abschied nehmen? ich
darf einmal im Leben zu Ihnen noch sprechen, ehe ich auf immer scheide? Nun so
ward doch ein heier Wunsch im Leben mir gewhrt!
    Ottokar erschrak vor dem zitternd bewegten Ton ihrer Stimme, vor der
heftigen Spannung, in der augenscheinlich ihr ganzes Wesen sich befand. Er
nherte sich ihr, indem er beschwichtigend ihre bebende Hand ergriff und sie
wieder zum Divan zurckfhrte. Sie reden vom Scheiden, vom Abschiednehmen?
sprach er, liebe theure Gabriele, - mit dieser vertraulichen Benennung darf ich
jetzt doch Sie anreden? - liebe, liebe Gabriele, an Scheiden, an Trennen ist nun
gar nicht zu denken. Verstehen Sie jetzt meine Worte von gestern Abend? fuhr er
fort, indem er recht vertraulich sich neben sie setzte. Giebt der heutige Tag
mir nicht ein Recht, an allem, was Sie betrifft, innigen, warmen Antheil zu
nehmen?
    Gabriele schwieg, ihre Hand zitterte noch immer in der seinen, schwere
Tropfen fielen einzeln aus ihren gesenkten Augen.
    Morgen gehen wir zusammen auf das Land, fuhr Ottokar etwas verlegen fort,
da es ihm gar nicht gelingen wollte, sie zur Gegenrede zu bringen. Morgen auf
das Land, und wenig Tage spter durch den blhenden Frhling nach Italien. Wie
wird diese liebliche weie Rosenknospe in jenem schnen Garten hold erblhen!
sprach er, indem er sich zurckbeugte und Gabrielen mit Wohlgefallen
betrachtete. Welche Freude wird es seyn, dort in der Heimath der Kunst alle die
Anlagen, die Talente sich bis zur Vollkommenheit entfalten zu sehen, die Ihre zu
groe Bescheidenheit uns jetzt kaum errathen lt. Wird es mir dort vielleicht
gelingen, Ihr Zutrauen zu erwerben? ich ahne schon lange, da Sie nicht
glcklich sind, liebe Gabriele, sprach er, ihre Hand fester fassend, oft wenn
Sie, von mir sich unbemerkt glaubend, am Tisch mir gegenber saen, sah ich den
Schmerz auf Ihren Lippen beben. Ich wei es wohl, Ihnen fehlt das hchste Glck
der Jugend, eine liebende Mutter, Geschwister. Nehmen Sie mich, liebe Gabriele,
nehmen Sie mich zu ihrem Bruder an, jetzt, da ohnehin Verwandtschaftsbande uns
vereinen werden; geben Sie mir ein Recht, mit liebender Sorgfalt um Sie
geschftig zu walten. In dem fremden Lande, wohin wir gehen, so schn es ist,
werden wir doch unter uns unbekannten Menschen allein zusammen stehen, die
vielleicht gar nicht zu uns passen; aber wir werden uns dafr auch desto fester
an einander schlieen und einander um so nher angehren, je isolirter wir sind.
Darum adoptiren Sie mich zum Bruder, ehe die Noth Sie dazu treibt, gewi, ich
will ein recht guter Bruder seyn, setzte er fast scherzend hinzu.
    Er schwieg, ihre Antwort erwartend, whrend sie sichtbar nach Fassung, nach
Athem rang; pltzlich richtete sie sich auf und legte auch ihre zweite Hand auf
die seinige. Er blickte verwundert, voll Erwartung sie an.
    Ich danke Ihnen, Ottokar, sprach sie, ich danke Ihnen herzlich; Sie
wollen ein krankes Kind mit erfreulichen Bildern zur Ruhe einlullen, aber ich
bin nicht krank, ich bin auch kein Kind, ich darf es ja nicht seyn, von jetzt an
nicht mehr. Ach wre ich es, und lge tief gebettet bei meiner Mutter! rief sie
schmerzlich, ermannte sich aber gleich wieder. Sie zeigen mir eine entzckend
schne Aussicht in die Zukunft, Ottokar, fuhr sie fort. Noch gestern htte der
Gedanke an die Mglichkeit derselben mir ein Traum vom Himmel gednkt, aber in
dieser Stunde fhle ich, da ich selbst mir diesen Himmel verschlieen mu.
Ottokar, ich nehme hier an dieser Stelle, in dieser Stunde Abschied von Ihnen,
ich kann nicht mit Ihnen gehen. Fragen Sie mich nicht: warum? setzte sie mit
bittender Stimme hinzu, fragen Sie mich nicht: warum.? Es ist mir selbst nicht
deutlich, ich vermag nicht, es in klaren Worten vor mir selbst auszusprechen,
aber eine Stimme in meinem Herzen ruft laut, da wir uns hier trennen mssen,
und ich darf ihr nicht widerstreben. Ich danke Gott, da mir vor dem Scheiden
der Augenblick wird, nach dem ich Monden lang mich sehne, und auch Muth und
Fassung ihn festzuhalten. So scheide ich doch nicht von Ihnen als eine ganz
Unbekannte, so nehme ich doch das Bewutseyn Ihrer Theilnahme an meinem Daseyn
mit mir. Sie werden in dem schnen Lande, wohin Sie ziehen, der armen Gabriele
nicht vergessen, die hier immer Ihrer gedenken wird, auch wenn mchtige Gewsser
und himmelhohe Alpen zwischen uns liegen.
    In immer steigender Bewegung hrte und sah sie Ottokar, so lange sie sprach,
immer fester hielt er ihre Hand, immer nher suchte sein Auge das ihre, whrend
die zarte Gestalt, im Schmerz des Scheidens aufgelst, das mde Haupt an seine
Brust lehnte, und mit der arglosen Sicherheit eines Kindes verstummend, neben
ihm sa. Ihm war, als schwnde vor seinen Augen ein dichter Nebel, der ihn bis
jetzt verhindert hatte, ein Juweel, nach welchem er lange berall vergebens
suchte, dicht neben sich glnzen zu sehen. Wie war es mglich, rief er
endlich, da Sie so lange fast unbemerkt neben mir standen? Ja ich ahnete Ihren
hhern Werth, wann ich Sie so jung, so allein, so schweigend, mitten im Wirrwar
der ungeselligsten Geselligkeit stehen sah; welche unselige Verblendung, welche
eitle Verknpfung unbedeutender Zuflligkeiten hielt mich ab, Sie nher kennen
zu lernen! und sollen wir jetzt, da wir uns eben fanden, den herben Schmerz des
Scheidens muthwillig auf uns laden, mit dem das Geschick uns dennoch freundlich
verschont? Nein, Gabriele, Sie irren, es mu nicht seyn, wir drfen uns nicht
trennen. Ich bin Ihr Bruder, Sie selbst mir die geliebteste Schwester, denn Sie
knnen mich nicht verschmhen, und auch Aurelia wird der Gegenwart einer
liebenden Freundin aus der Heimath in dem fremden Lande doppelt bedrfen.
    Aurelia! rief beinahe schreiend Gabriele, und verhllte einen Augenblick
ihr Gesicht. Dann hob sie gefater die schnen, durch Thrnen lchelnden Augen
zu Ottokar auf.
    Nach dieser Stunde darf nichts halbes in unserm Verhltni mehr bleiben,
sprach sie, ganz verhllt oder ganz erkannt mu ich von Ihnen scheiden. So
bringe ich denn mein Herz Ihnen offen dar und frchte kein Miverstehen. Seit
ich zuerst Sie sah, Ottokar, sind Sie ein Theil meines Daseyns, Ihr Glck ist
das meine! Sie legen jetzt Ihr Geschick in Aureliens Hnde - du liebst Aurelien
- o liebe sie recht innig, recht treu - treue, innige Liebe, alles, sich selbst
sogar, opfernde Liebe, bringt uns den Himmel, wenn auch das Herz darber bricht.
- Auch Aurelia liebt Sie, fuhr Gabriele nach einer kurzen Pause fort. Sie
liebt Sie, aber jeder Einzelne hat wohl seine eigne Liebe, ihre Weise ist nicht
die meine, ich wrde nie sie verstehen, so wenig wie sie mich jemals verstand.
Darum mu ich fort, ich wrde in ewiger unendlicher Sorge um dich in deiner Nhe
vergehen, ich wrde dich mit mir herabziehn zu meinen ngstlichen Zweifeln. Ach
schon jetzt suche ich vergebens Worte, um auszusprechen, was doch so klar vor
meiner Seele steht, meine Reden verwirren sich unwillkrlich, so wrde ich auch
in euer Leben nur Verworrenheit bringen. Darum mu ich zurck in meine
Einsamkeit, meine Nhe wre euch nur unheilbringend. Ich bedarf Ihrer Gegenwart
nicht zu meinem Glcke, Ottokar, Sie sind doch immer mit mir, und diese an
Thrnen und Freuden so reiche Stunde bleibt ewig der hellschimmernde Lichtpunkt
meines Lebens, er kann nie verlschen.
    O Gabriele! rief Ottokar, mit leuchtenden Augen und tiefbewegter Stimme,
Gabriele! warum schlug diese Stunde uns nicht frher! wie anders knnte alles
seyn! - Sprich diesen Gedanken nicht aus, hte dich, ihn nur auszudenken, rein
und treu mut du bleiben, wenn ich nicht im Schmerz um dich vergehen soll,
unterbrach ihn Gabriele, in heftiger Bewegung.
    Ich bleibe rein, ich bleibe treu, erwiederte Ottokar, aber noch bin ich
nicht gebunden, noch hat die Kirche nicht - Ottokar! Ottokar! ich flehe zu
dir! rief Gabriele, in hchster Angst, mit gefaltnen Hnden, indem sie vom
Divan hinabgleitend fast zu seinen Fen hinsank.
    Ottokar fate sie schnell in seinen Armen auf; beide saen einige Minuten
sprachlos mit hochpochenden Herzen, Hand in Hand neben einander. So la uns
wenigstens in dieser entscheidenden Stunde unsers Lebens nichts bereilen.
sprach er endlich mit mhsam errungner Fassung, hre auch mich an, und dann
entscheide du selbst, ich lege willenlos mein Geschick in deine Hnde, du kannst
kein Unrecht wollen, du reiner Engel des Himmels. Liebe war der se Traum
meiner Jugend, ich trat frh in die Welt, ich suchte sie, ich fand sie nicht,
und so gab ich ihn als unerreichbar auf, den schnen Traum, und bereitete mich,
mit freiem Herzen bei der Wahl einer Gemahlin dem Wunsch meines Vaters zu
folgen. Fern vom Gerusch der Welt, lebt er in tiefer Einsamkeit. Mit der
starren Anhnglichkeit des Alters, klammert er sich an die Vergangenheit, die er
so gern wieder zurckbrchte, und der Gedanke, mich mit der Tochter seines
Jugendfreundes verbunden zu sehen, war immer der einzige Plan fr die Zukunft,
den er fassen mochte Doch liebt er mich zu sehr, um das Opfer meiner Ruhe zu
fordern. Sehen sollte ich sie, Monden lang in ihrer Nhe leben, ehe ich mich
erklrte, nur eignes Wollen sollte mich binden, darum sandte er mich hierher.
Ich sah sie, Gabriele! wen sollte diese hohe Schnheit nicht blenden? dieser
heitre, immer spielende Geist, dieses Talent fr alles, was das Leben verschnt?
ich glaubte, sie zu lieben, ja ich liebte sie wirklich, wenn unaussprechliches
Wohlgefallen an einem reizenden Wesen Liebe genannt werden kann. Wenn mich, wie
oft geschah, etwas Befremdendes in ihrem Benehmen auf Augenblicke von ihr
zurckscheuchte, wenn ein Ahnen, ein Sehnen hhern Empfindens mich beschlich, so
gedachte ich meines guten alten Vaters und entfernte alles, was mir die
Erfllung seines Wunsches htte erschweren knnen. So lebte ich Monate neben dem
reizenden Mdchen. War auch sie vom Wunsch unsrer Vter unterrichtet?
beobachtete auch sie mich im Stillen? ich wute es nicht, auch galt es gleich.
In jedem Fall war sie zu stolz, mich tuschen zu wollen, sie zeigte sich mir
immer, wie sie ist, und achtete es nicht, wenn sie es auch bemerkte, da sie mir
deshalb nicht in jeder Stunde gleich liebenswerth erschien. Vor einigen Wochen
brachte mein Vater, - Ach! auf mein Bitten, - das frhere Versprechen ihres
Gatten bei der Grfin Rosenberg wieder in Anregung. Sie weigerte sich nicht, es
zu erneuern, doch unter der Bedingung, da ich nur dann gegen Aurelien mich
erklren drfe, wenn ich ihr zugleich den Rang, den Glanz bieten knne, der
ihren Vorzgen gebhre. Bis dahin achtete die Grfin weder ihre Tochter noch
mich durch dieses Versprechen gebunden und verhehlte es auch nicht, da mehrere
Mnner sich um die Hand derselben bewrben. Jetzt, Gabriele, jetzt da ich die
Gefahr sah, Aurelien zu verlieren, jetzt erst fhlte ich mich mchtig zu ihr
gezogen. Denn Eifersucht gleicht der Liebe, obgleich jene nicht immer diese
begleitet, sie ist gar oft nur das Kind gekrnkter Eitelkeit. Die von den
ausgezeichnetsten Mnnern gefeierte Aurelia konnte mein werden, wenn ich sie zu
fesseln verstand, die bannte mich an jeden ihrer Schritte, whrend ihr
Leichtsinn, ihre auch mich nicht schonende Spottlust mich auf die Folter
spannten. Endlich vor einigen Tagen kam mit der Gewiheit meiner Ernennung zu
der Gesandten-Stelle auch der Tag meiner Erklrung gegen Aurelien. Kalt,
gemthlos, spottend beinahe, gab sie mir das Versprechen, die meine zu werden,
und alle Lust am Leben schwand mir in der Minute dahin. Ich fhlte mit
Bewutseyn, da dieses kalte, ber alles lachende, mit allem seinen Spott
treibende Wesen nie lieben kann. Sie wird mir treu seyn, sie wird mich
vielleicht freundlich behandeln, ich will es glauben; aber mehr darf ich nie von
ihr hoffen, und alle die schnen Ahnungen huslichen Glcks, denen ich doch nie
ganz hoffnungslos entsagen konnte, sinken mir an ihrer Seite in das Reich der
Unmglichkeit. Mir zum Troste suchte ich mich zu bereden, da, was ich wnsche,
zu schn fr dieses Werkeltagsleben, nur in andern Welten heimisch sey. Ich war
gefat, eine gewhnliche Konvenienz-Heirath einzugehen, und weder mehr noch
minder glcklich zu seyn, als alle die Tausende um mich her, und nun, in der
letzten Minute, da ich mit halber Freiheit noch athme, kommst du wie eine
himmlische Erscheinung, du wunderbares Wesen, und zeigst mir ein Glck, das mir
Verblendeten bis heute noch erreichbar war. Und wre es denn wirklich zu spt?
nein! mein guter Engel sandte dich, ich habe dich gefunden, ich gehre zu dir,
und bin noch nicht ganz gefesselt. Gabriele, sprich nicht zu rasch unser
Urtheil! ein Wink von dir, und meine Fesseln reien, und - Ottokar! Ottokar!
rief Gabriele erbleichend und trat einige Schritte von ihm zurck - gefater
nherte sie sich indessen ihm bald wieder. Wie du mich erschreckst! sprach
sie, wie du mich erschreckst mit einer mir so fremden Ansicht unserer Zukunft,
da ich es nicht fasse, wie sie dir kommen konnte, dir, dessen Gedanken ich
sonst stets lange vorher wute, ehe du sie aussprachst. Auch ist das, was du
sagtest, nicht die wahre Meinung deines Herzens, fuhr sie fort, du kannst
nicht wortbrchig werden, weil kein Schwur dich bindet, du kannst deinem guten
Vater nicht die nahe Erfllung seines letzten Wunsches vorspiegeln und dann
grausam ihn tuschen, du kannst nicht meiner Tante mit der Schmach ihrer Tochter
heimtckisch dafr lohnen, da sie ihr Haus zu dem deinen machte und dir
vertraute. Ottokar, ich brauche nicht zu entscheiden, du selbst hast entschieden
in der rechten Tiefe deines Gemths, du weit es wohl, was geschehen mu,
setzte sie mit sanftem Weinen hinzu. Aber ist es denn wirklich so? mssen wir
scheiden auf ewig? und du, du Arme, was wird aus dir in den Wsten des Lebens?
rief Ottokar. Ich bin beglckt, sprach Gabriele, kraftlos auf den Divan
hinsinkend, la mir nur die Hoffnung, da du streben willst, mit Aurelien
glcklich zu seyn. Ich will es, Gabriele! ich will alles, was du willst. Guter
Gott! wie soll ich es aber anfangen, dich zu vergessen? erwiederte Ottokar.
Vergi mich nicht! bat Gabriele, la mich mit dir leben, wie du ewig mit mir
leben wirst, vielleicht sehen wir einst uns hier noch wieder, nach langen,
langen Jahren, dort finden wir uns gewi; dorthin wende den Blick, sprach sie
mit aufgehobnen Hnden, und sank sogleich wieder zurck.
    Und kein Andenken dieser Stunde gewhrst du mir? sprach Ottokar. Du hast
meine Zeichnung von Schlo Aarheim, betrachte die alten dstern Mauern, in denen
ich von nun an leben werde, denke, da dein Bild sie mir erhellt, und nun lebe
wohl, meine Krfte reichen nicht weiter, sprach Gabriele mit erlschender
Stimme.
    Ottokar kniete vor ihr hin, mit heien Thrnen netzte er die Hnde der jetzt
beinahe ganz Bewutlosen, als eine Tapetenthre sich ffnete. Erschrocken fuhr
er auf, es war Annette. Von einer unerklrlichen Angst getrieben, hatte sie das
ganze Haus durchstreift, um ihre junge Gebieterin zu suchen, nachdem sie
vergeblich sich in der Gesellschaft nach ihr umgesehen hatte. Angst leitete ihre
Schritte, auch in das an die Gesellschaftssle anstoende Kabinet, und der
Zustand, in welchem sie ihre geliebte Herrin dort fand, erschreckte sie so sehr,
da sie kaum Ottokars Gegenwart, noch weniger die an Verzweiflung grenzende
Bewegung bemerkte, in welcher er sogleich nach ihrem Eintritt das Kabinet
verlie. Es gelang ihm, auf der bis jetzt ihm unbekannt gebliebnen verborgnen
Treppe, welche Annetten herbei gefhrt hatte, sein Zimmer zu erreichen, ohne da
ihn jemand bemerkte. Eben erhaltne Briefe von hchster Wichtigkeit muten fr
diesen Abend sein Nichtwiedererscheinen bei der Gesellschaft entschuldigen,
whrend Gabriele, sanft und schweigend, sich von Annetten in ihr Zimmer fhren
lie. Der starre Blick, das wunderliche Lcheln, das ununterbrochne Schweigen
Gabrielens trieben die arme Annette, unerachtet der dunkeln Nacht, auf die
Strae hinaus, um Frau von Willnangen zu Hlfe zu rufen, denn im Hause war alles
zu beschftigt, um auf ihr Bitten zu hren, und glcklicher Weise Augustens
Uebelbefinden zu unbedeutend, als da es Gabrielens mtterliche Freundin htte
abhalten sollen, dem Kinde ihres Herzens zu Hlfe zu eilen.

Schon am zweiten Tage nach diesen Ereignissen war alles Leben aus dem sonst so
geruschvollen Hause der Grfin Rosenberg gewichen. Nur in Gabrielens Zimmer
waltete und flsterte bange Sorge am Bette der zum Tode Erkrankten. Durch die
brigen verdeten Gemcher schlichen nur noch ein paar halb invalider Diener, um
die Vorhnge an den Fenstern herabzulassen und das kostbare Hausgerthe gegen
den Staub sorgfltig zu bewahren. Bald war auch dieses gethan, und die ehemals
glnzende Wohnung gewann nach und nach ganz das Ansehen jener verlanen
Schlsser, die man auf Reisen so oft besehen mu, die wie verzauberte Pallste
in einem Feenmhrchen dastehen, und einen unbeschreiblich traurigen Eindruck
machen, weil sie mit allem versehen sind, dessen das ppigste Leben nur bedarf,
ohne da eine frhliche lebende Seele zwischen den reichgeschmckten Wnden
athmet.
    Kaum hatte die Grfin am Morgen der Verlobung ihrer Tochter die Nachricht
von Gabrielens pltzlichem Erkranken vernommen, so ahnete sie mit der ihr in
solchen Fllen gewhnlichen Lebhaftigkeit ein bsartiges Nervenfieber in dieser
Krankheit. Der Arzt wagte es nicht, sogleich fr oder wider ihre Muthmaaung zu
entscheiden, Frau von Willnangen hingegen wnschte, die Pflege ihrer jungen
Freundin ganz ungehindert bernehmen zu knnen, und bemhte sich daher nicht
sonderlich, der Grfin die Furcht vor einer mglichen Gefahr der Ansteckung
auszureden. Halb todt vor Angst, konnte diese von dem Momente an keinen andern
Gedanken fassen, als wie die Stunde ihrer Abreise auf das Land mglichst zu
beschleunigen wre. Alles dazu Nthige war ohnehin schon lange vorbereitet, und
es gelang ihr deshalb ohne zu groe Anstrengung, sich noch im Laufe des
Vormittags, begleitet von Ottokar, Aurelien, und Eugenien, auf dem Wege nach
ihrem Landgute Rosenhain zu sehen.
    Frauen, wie die Grfin, pflegen aus angebornem Instinkt genau zu wissen, was
sie zu verhehlen, was sie bekannt zu machen haben. Dieses Gefhl leitete sie
daher auch diesesmal ganz richtig, indem es sie bestimmte, der Krankheit ihrer
Nichte gegen Ottokar nicht zu erwhnen. Nichts in der Welt htte diesen dazu
bringen knnen, seine Braut und ihre Mutter zu begleiten, wenn er nur eine
Ahnung von der Todesgefahr gehabt htte, in welcher die ihm eben so schnell
Verlorne als Gefundne im Augenblick seiner Abreise schwebte. Indem er seinen
Reisewagen bestieg, dachte er nur an sie und die unausweichbare Trennung von
ihr. Selbst in dem Unwahrscheinlichen des Vorwandes, mit welchem die Grfin das
Zuhausebleiben ihrer Nichte gegen ihn zu beschnigen suchte, whnte er Gabrielen
selbst zu erkennen. In der ungeschickten Art, mit welcher man ihn tuschen
wollte, sah er nur ihre reine, jeder Unwahrheit widerstrebende Natur, er ergab
sich und schien alles zu glauben, was man ihn glauben machen wollte, weil er
dadurch ihrem Willen gem zu handeln sich bewut war.
    Aurelia wrde vielleicht gar nicht nach Gabrielen gefragt haben, wenn sie
nicht zu ihrer groen Freude bemerkt htte, da ein Windspiel, welches sie seit
zwei Tagen leidenschaftlich liebte, weit bequemern Platz auf dem Rcksitz des
Wagens fand, als sie gehofft hatte. Mit halbem Ohr hrte sie auf die Ursachen,
die wegen Gabrielens Zurckbleiben angegeben wurden, und hatte diese, wie ihre
Kusine selbst, lngst vergessen, ehe sie noch ber die Vorstadt hinaus war.

Mehrere lange Tage und lngere Nchte lag Gabriele ruhig da, im dumpfen
bewutlosen Schlummer, wenn nicht fieberhafte Trume ihre innre Welt aufregten
und mit verworrenen wechselnden Bildern vor ihrem Geiste spielten. Frau von
Willnangen hatte diese ganze Zeit ber an dem Bette der geliebten Kranken in
banger Besorgni gewacht und gebetet; nur wenn die hchste Erschpfung aller
ihrer Krfte es gebot, wagte sie es, sich einem kurzen unruhigen Schlummer zu
berlassen. Auguste und die treue Annette traten dann mit verdoppelter Sorgfalt
an ihren Platz vor dem Krankenbette, von welchem sie ohnehin fast nie sich
entfernten.
    Dankbar, wenn gleich tiefbetrbt, erkannte es Frau von Willnangen, als eine
besonders gtige Fgung der ewigen Vorsicht, da lauter freundliche Gestalten
das kranke Haupt der oft sanft Lchelnden umschwebten, da keine
Schreckenstrume dem Sterbekissen ihrer geliebten Gabriele nahen durften, und
die vielleicht nicht entfernte Stunde ihres Scheidens mild und ruhig, wie ihr
ganzes briges Leben, vorber zu gehen versprach. Sie belauschte mit der
angespanntesten Aufmerksamkeit alle Bilder, welche Gabrielens exaltirte Fantasie
dieser vorberfhrte, sie horchte auf jedes verstndliche Wort von den in wilder
Fieberhitze glhenden Lippen. Bald fhrte diese innige vertraute Gesprche mit
der ihr nun zum Schutzgeist gewordnen verklrten Mutter, bald dnkte es ihr, als
sey sie wieder ein frhliches Kind im Schlo Aarheim, spiele mit freundlichen
Engeln in ihrem eignen Grtchen, unter hohen wunderschnen Blumen. Oft sagte sie
ganze Stellen aus Schillers Wallenstein her, besonders aus der Abschieds-Scene
zwischen Max und Thekla. Dann sah sie Ottokar, wie von einer langen Reise
heimkehrend, und nannte ihn Max und eilte ihm freudig entgegen.
    Unter diesen Zustnden war endlich die bange, ber Tod und Leben
entscheidende Nacht herangekommen. Ernst und schweigend sa der Arzt am Haupte
des Bettes, auf welchem Gabriele glhend, in schwerem Schlummer und vllig
bewutlos lag. Neben ihm horchte Frau von Willnangen auf jeden Athemzug der
Kranken, und erbleichte vor Entsetzen, wenn die Pulse schneller auf einander
folgten, oder zuweilen gnzlich auszubleiben schienen. Die arme Annette lag auf
dem Fuboden neben dem Bette, und betete in hchster Angst ganz leise vor sich
hin; sie war fest berzeugt, da auch sie mit ihrem Frulein aus Jammer ber
dasselbe sterben msse. Ernesto und Auguste saen schweigend neben einander auf
dem Sopha, sie zhlten jede Sekunde an dem Picken der Uhr, und wagten es nicht,
einander anzublicken, um nicht eines in des andern Gesichte die starren Zge
innrer steigender Hoffnungslosigkeit zu gewahren.
    Jetzt schlug die erste Stunde nach Mitternacht. Der Arzt beugte sich mit
forschendem Blick ber Gabrielen hin, weil er einer fast unmerklichen Aenderung
in ihrem Athmen gewahr ward. Annette richtete sich im nehmlichen Moment auf
ihren Knieen von der Erde auf, und blickte starr nach dem Fenster. Dort fliegt
er hin, dort fliegt er hin, flsterte sie so innerlich leise, da sie kaum die
Lippen dabei regte, und zupfte Frau von Willnangen am Kleide, und zeigte dabei
auf das Fenster. Sie ist gerettet, sprach sie darauf in fast unhrbarem Tone
zu ihr, die im bngsten Erwarten kaum noch athmete. Sehen Sie dort? setzte sie
hinzu, immer auf das Fenster zeigend, dort hoch ber dem Thurme? den kleinen
weien Wolken am Monde vorber? Ach Gott, dort senkt er sich wieder! rief sie
einen Augenblick spter und verhllte schluchzend ihr Gesicht.
    Eine bange ngstliche Stille herrschte jetzt um Gabrielen, man hrte das
Summen der Fliegen im Nebenzimmer, den Schwung der Flgel eines
Nachtschmetterlings, der um die Lampe flatterte. Da schlug Gabriele pltzlich
gro und hell die Augen auf. Sind sie schon so frh da? liebe mtterliche
Frau? sprach sie zur Frau von Willnangen, die sie zum erstenmal, seit sie krank
ward, wieder erkannte. Ich habe wohl lange geschlafen, und bin doch noch mde,
setzte sie hinzu. Ein mattes Lcheln glitt ber ihr Gesicht, von neuem schlief
sie ein, aber die krampfhafte Anspannung in ihren Zgen, die Fieberrthe auf
ihren Wangen waren verschwunden; sie lag bleich und schn, gleich einem
Marmorbilde jetzt da, und athmete zwar matt aber ruhig. Noch ehe die Sonne
aufging, wagte es der Arzt, fr die Erhaltung ihres Lebens zu brgen, wenn man
seinen Vorschriften pnktlich Folge zu leisten versprche.
    Ein Arzt, der solch ein Wort mit fester Zuversicht aussprechen darf, wenn
von der Rettung eines hei geliebten Wesens die Rede ist, steht in dem Momente
wie ein gttergleiches Wesen vor uns da. Auch bedarf es wohl solcher
Augenblicke, um ihn fr die vielen bittern Stunden zu trsten, in welchen er die
Ohnmacht alles menschlichen Wissens anerkennen mu, und die dennoch von seinem
wohlthtigen hohen Beruf sich nicht trennen lassen. Ernesto und Frau von
Willnangen, Auguste und Annette, alle drngten sich im freudigsten Tumult um den
Retter Gabrielens, alle wuten ihrem Dank, ihrem Entzcken keine Worte zu geben.
Es war, als habe er jedem von ihnen neues Leben geschenkt, indem er jene
trstenden Worte aussprach: Ihr unaussprechliches Glck kennt nur, wer in einem
einzigen entzckenden Momente den unausweichlich geglaubten Verlust eines ber
alles geliebten Wesens von sich abgewendet sah. Ach! wenn ich nur die einemal
nicht trume, rief zwischendurch Annette; aber es ist doch gewi wahr, ich sah
ihn fortfliegen, gewi ich sah es, setzte sie dann ganz leise vor sich hinzu,
gleichsam um sich selbst zu beruhigen. Was sahst du denn fortfliegen?
Annettchen, fragte Ernesto, aber sie erwiederte ihm, da es in dieser Stunde
noch nicht gut sey, davon zu sprechen. Er ist noch nicht weit, setzte sie,
betrbt und vorsichtig um sich her blickend, hinzu, ich sah ihn auf das Haus
der Frau von Felsberg sich senken, deren Kinder so krank sind. Und damit nahm
sie wieder ihren Platz auf der Erde neben dem Bette ein, legte das Gesicht auf
Gabrielens Decke, und wandte kein Auge mehr von ihr ab.
    Viele Tage vergingen, ehe Gabriele ihren Freunden anders, als mit
unaussprechlich freundlichen Blicken, ihre liebevolle Pflege verdanken konnte,
Wochen schwanden hin, ehe sie es vermochte, sich nur wenige Stunden ausser dem
Bette zu halten.
    In den Armen der Liebe von einer schweren Krankheit zu genesen, ist eine
unbeschreiblich rhrende, heilige Freude, die fr alle erlittene Schmerzen
reichlich Entschdigung beut. Das Gefhl des neu erwachenden Lebens verschnt
alle Gegenwart, und jeder alte Schmerz wird wenigstens frs erste
zurckgeschoben, da wir nicht gleich seiner gedenken. Wir selbst sind
liebender, als im gewhnlichen Gange des Lebens, und auch von unsern Freunden
mehr geliebt. Die nahe Gefahr des Verlustes, der furchtbare Gedanke des
Scheidens fr das ganze irdische Daseyn hat uns ihnen theurer gemacht; ihnen ist
zu Muthe, als htten sie zuvor unsern Werth nicht genugsam anerkannt, als htten
sie deshalb ein Unrecht gegen uns gut zu machen, und mten sich dankbar dafr
erweisen, da wir noch lnger unter ihnen weilen wollen. Wir hingegen, mit
Sinnen, in der Einsamkeit des Krankenzimmers neugestrkt, wir wissen nicht, wie
wir genugsam ihrer groen Liebe uns erkenntlich beweisen sollen, und jeder
kleine Dienst, den sie in unsrer Schwche uns leisten, hat, als Zeuge ihrer
treusten Anhnglichkeit, fr uns unschtzbaren Werth.
    Und so war es auch mit Gabrielen. Sie fhlte sich durch die liebevolle
Pflege ihrer Freunde hchst beglckt, und die Ereignisse, welche sie auf das
Krankenlager geworfen hatten, waren in der ersten Zeit ihres Genesens fast
spurlos aus ihrem Gemthe verlscht. Nur mit der allmhligen Erneuerung ihrer
Krfte regte sich eben so allmhlig der alte Schmerz wieder auf, und verflocht
sich in den Gang ihres Lebens, jemehr sich dieses der Auenwelt wieder
zuwendete.
    Allmhlig war es jetzt vllig Frhling geworden. Drauen im Garten
schwrmten die Vgelchen schon gar lustig, zwischen rthlichen Blthen ihren
kleinen Haushalt beschickend, und die Sonne schien warm und lockend durch die
immer blhenden Rosen auf Gabrielens Fenster. Auch Ottokars Pflanzen trieben
wieder Knospen, und Gabriele stand oft vor ihnen, versunken in stilles
Nachdenken, aus welchem nur die angestrengtesten Bemhungen ihrer Freunde sie zu
ziehen vermochten.
    Eines Morgens hatte sie bis zur Erschpfung ihrer wenigen Krfte bei ihnen
verweilt, und sank darauf in den tiefen Schlummer der Ermattung. Ernesto mit
Augusten, welche eben zugegen waren, zogen sich in das Nebenzimmer zurck, um
sie nicht durch ihre Gegenwart im Schlafe zu stren. Auch Annette mute mit,
denn das treue Kind war durch ihre groe Liebe zu Gabrielen allen werth
geworden, und wurde mehr wie ein zur Familie gehrendes Mitglied derselben, als
wie eine um Lohn dienende Kammerjungfer betrachtet.
    Jetzt ist es heller lichter Tag, und fr dein Frulein ist Gottlob alle
Gefahr verschwunden, sing Ernesto an, jetzt sage uns, liebe Annette! was sahst
du fliegen in jener ngstlichen und frohen Nacht, die wir mit dem Arzte
durchwachten? Feuerroth warf Annette einen ngstlichen Blick auf das Fenster
und flsterte dann schnell und leise: Wen anders als den Todesengel.
    Den Todesengel? erwiederte Ernesto lchelnd; den sahst du fliegen? und
wie sah er denn aus, dieser Schreckensengel?
    Ach schrecklich genug, antwortete Annette, mir graust es noch, wenn ich
daran denke, wie er aussah, und doch war er so sehr schn, wie ich noch nichts
gesehen habe, kein Mensch auf Erden kann so aussehen. Er ist kein Kind, wie die
andern Engel, die in der Kirche und in der gndigen Grfin ihrem Zimmer abgemalt
sind. Er sah aus wie eine sehr schne Frau, die pechschwarzen Locken hingen ihm
zu beiden Seiten des todtenbleichen Gesichts lang herab. Dabei sah er recht
grlich, recht grausam ernsthaft aus und ber alle maen traurig und herzlich
betrbt, und doch war es auch, als ob er mitleidig wre und sich recht gerne
trstlich bezeugen wolle. So flog er mit den breiten dunkeln Flgeln ber das
Bette meines Fruleins, bald in weiten Kreisen rings darum her, bald zwischen
den Vorhngen unter dem Betthimmel durch. Ich wollte immer die Vorhnge
zuziehen, aber dann dachte ich, er kmmt doch wohl hindurch, und ich she nicht,
wie er sie zu Tode ksse, denn im Kusse htte er ihre Seele genommen, das wei
ich gewi.
    Liebe Annette! mir schaudert jetzt am hellen Tage bei deiner Erzhlung,
unmglich kannst du das gesehen haben, du mutest ja vor Angst und Schrecken bei
dem Anblicke von Sinnen kommen, wandte Auguste ein.
    Ich wre auch gewi dabei von Sinnen gekommen, erwiederte Annette, wenn
nicht die weit grre Angst um mein Frulein mich aufrecht erhalten htte. Er
flog ihr immer nher und nher, zuletzt schwebte er so dicht ber sie hin, da
ich jeden Augenblick dachte: jetzt wird er sie kssen, und dann ist sie todt.
Ich lag auf der Erde neben ihr, und rckte recht mit Bedacht mein Gesicht dicht
neben ihrem Gesicht, und dachte immer daran, wie ich es so machen knne, da er
mich an der Stelle meines Fruleins kssen solle, oder doch wenigstens mit ihr
zugleich. Herr Gott! ich begreife gar nicht, wie Sie alle ihn nur nicht gesehen
haben, wie Sie alle nur nicht das ngstliche Schwirren in der Luft hrten, wenn
er so ber meinem armen Frulein hin und her flog.
    Und wo blieb er denn zuletzt, wo flog er hin? fragte Ernesto. Er flog
durch das Fenster hinaus, war die Antwort, wie er durch die Scheiben kam, kann
ich nicht beschreiben, er drang hindurch wie der Mondschein, und schwebte noch
lange von auen um die Fenster her. Endlich, Gottlob! endlich flog er ganz fort!
Hoch durch die Luft, dicht neben dem Monde hin, ich sah es recht deutlich, wie
die dunkeln Flgel durch die weien Wolken neben dem Monde, wie durch einen
Silberflor hindurch schimmerten. Auf einmal senkte er sich nieder; mir stand das
Herz still vor Angst; aber er flog weiter und lie sich zuletzt auf dem Hause
der Frau von Felsberg herab. Sehen sie wohl dort das grne Thrmchen mit dem
weien Balkon rings herum? man sieht es fast in der ganzen Stadt. Das Thrmchen
steht oben auf dem Hause der Frau von Felsberg. Ach Gott! und ihre lieben
kranken Kinderchen sind auch beide in derselben Nacht gestorben. Ich habe schon
so viel um sie geweint, setzte Annette schluchzend hinzu, indem die hellen
Thrnen ihr ber die Wangen liefen.
    Eine lange Pause entstand, Auguste vermochte es nicht vor Grausen ein Wort
aufzubringen, und auch Ernesto fhlte von der treuherzigen Erzhlung der jungen
Engelseherin sich befangner, als ihm lieb zu seyn schien. Endlich wollte er
einiges ber die ngstliche Wallung sagen, in der sie sich alle whrend jener
Nacht befunden, dann sprach er davon, da Annette aufgeregter und berwachter
seyn mute, als jeder von ihnen, weil sie allein, vom Anfange der Krankheit
Gabrielens an, bis zu jenem entscheidenden Moment, sich keine Stunde ruhigen
Schlummers gewhrt hatte. Auch versuchte er, von den wunderlichen Bildern zu
sprechen, die unsre Fantasie uns schon auf nchtlichen Reisen oft vorspiegelt,
besonders, wenn wir mehrere Nchte hindurch fahren, ohne auszuruhen, aber die
Worte standen ihm nicht so zu Gebote wie wohl sonst. Am besten ist es, sagte
er endlich, wir danken Gott, da der Furchtbare diemal vorberzog; sey es auf
welche Weise es sey, sichtbar oder unsichtbar, grbeln wir weiter nicht darber,
und hten wir uns, davon zu sprechen, denn solche Gesprche taugen berall
nichts. Vor allen Dingen aber wnsche ich, da unsre Kranke nie etwas von dieser
Erscheinung erfahre.

So wie sich Gabriele stark genug dazu fhlte, trug man Sorge, sie aus ihrer
verdeten Wohnung hinweg, in das Haus der Frau von Willnangen zu bringen, wo sie
ihre vllige Genesung bequemer abwarten konnte. Ottokars Name war seit seiner
Abreise noch von keinem von ihnen genannt worden, und Frau von Willnangen sah
nicht ohne Besorgni dem Augenblick entgegen, wo dieses zum erstenmal geschehen
wrde. Bei aller Ueberzeugung, da Gabrielens Krankheit mit der unerwarteten
Erklrung der nahen Vermhlung Ottokars Zusammenhang habe, war sie doch weit
entfernt, nur eine Silbe von der wunderbaren Zusammenkunft zu ahnen, welche an
jenem Abend zwischen beiden statt gefunden hatte. Sie wute daher gar nicht, wie
sie sich ber Ottokar zu uern habe, um Gabrielen nicht weh zu thun. Sie war
uneins mit sich selbst, wie jeder, der es sich nicht verhehlen kann, da er von
der rechten Bahn abwich, und nun gern wieder gut machen mchte, was er sich
gestehen mu verdorben zu haben, wenn es auch in der besten Absicht geschah. Die
Verblendung, in welcher sie Gabrielens Neigung stets mehr entflammt hatte, statt
sie zu migen, war ihr jetzt unerklrlich. Sie begriff es nicht, wie ihre im
Laufe eines langen Lebens erworbne Welterfahrenheit sie diesesmal so irre gehen
lie, aber eben so wenig begriff sie noch immer, wie Ottokar Aurelien whlen
konnte, da Gabriele neben dieser stand. Habe ich gefehlt, sagte sie sich
endlich selbst zum Trost, so strzte die herzlichste Liebe zu dem
liebenswrdigen Kinde mich in den Irrthum; mag denn diese Liebe, so lang ich
lebe, auch streben, wieder gut zu machen, was sie bel gemacht hat.
    Gabrielens Krfte nahmen unter der treuen Pflege ihrer Freunde beinahe mit
jedem Tage sichtbar zu. Ihre Jugend, ihr stilles, von jedem innren Vorwurf
freies Gemth, und auch des Frhlings allbelebende Kraft waren des Arztes
mchtige Gehlfen. Es hatte fast den Anschein, als ob ihre physische Natur
dieses heftigen Stoes bedurft habe, um zur vlligen Entwickelung zu gelangen,
so auffallend war die Vernderung, welche jetzt in ihrem Aeuern vorging, und
sie fast bis zum Unkenntlichwerden verschnte. Das kindlich runde Gesichtchen
gewann jetzt den hohen, edlen Ausdruck vollendeter Jungfrulichkeit, ohne
dadurch an jugendlichem Reize zu verlieren; ihre mit jedem Tage hher
erscheinende Gestalt entwickelte sich zu der edelsten Form, und ihrem ganzen
Wesen fehlte nur noch der Glanz blhender Jugendfrische, um aller Augen zu
entzcken.
    Mit Gabrielens wiederkehrender Gesundheit nahm aber auch der schweigende
kalte Ernst zu, mit welchem sie jetzt alles um sich her zu betrachten schien.
Eine nachdenkliche, untheilnehmende Stille in ihrem ganzen Benehmen bengstigte
Frau von Willnangen weit mehr, als wenn sie sie traurig gesehen htte. Ihr
verging dabei vllig der Muth, endlich eine Erklrung des Vergangnen
herbeizufhren, deren Nothwendigkeit sie anerkannte, obgleich sie vor den
mglichen Folgen derselben zitterte. Sie wute ja nicht, welche Art von
Schmerzen sich mit dieser in dem armen getuschten Herzen ihres Lieblings wieder
aufs neue, vielleicht zerstrend regen wrden. Vom ersten Moment der Krankheit
an hatte sie ihren Pflegling vor allen fremden Besuchen gehtet, nicht allein
aus Rcksicht auf rztliche Vorschrift, sondern auch weil sie es gern vermeiden
wollte, Ottokars gefrchteten Namen vor unberufnen Zeugen zum erstenmal in
Gabrielens Gegenwart nennen zu hren. Im Anfange ward ihr dieses nicht schwer
gemacht. Die bereilte, einer Flucht hnliche Abreise der Grfin Rosenberg hatte
das Gercht von der in ihrem Hause obwaltenden Gefahr der Ansteckung bis zum
Ungeheuern vergrert. Sogar ihre genausten Bekannten hteten sich, ihm vorber
zu gehen, und whlten lieber Umwege, um nur nicht die verrufne Strae zu
betreten. Doch mit der Zeit verschwand auch diese Furcht, und da Gabriele
spterhin im Hause der Frau von Willnangen sich befand, so drngte sich bald die
gewhnliche Schaar von Besuchenden herbei, welche jedes Krankenzimmer fr einen
erwnschten Vereinigungspunkt anzusehen pflegt. Keiner von diesen gelangte
indessen bis zu Gabrielen; Auguste machte in einem Nebenzimmer die Honneurs, und
entschuldigte ihre Freundin mit dem, ausdrcklich gegen Annahme aller Besuche
gerichteten Verbote des Arztes. Man lie diese Entschuldigung um so lieber
gelten, ohne etwas dagegen einzuwenden, da sich eigentlich niemand fr das Leben
oder Sterben des jungen Mdchens wirklich interessirte, das bis jetzt eine so
wenig bedeutende Rolle in der Gesellschaft gespielt hatte.

Nach vielen, in ihrem Krankenzimmer still verlebten Wochen wagte es Gabriele
endlich, zum erstenmal ihre Freundinnen an einem warmen Frhlingsmorgen im
eignen Wohnzimmer zu berraschen. Freudig erschrocken fuhren beide vom Sopha
auf, als sie die schne Gestalt am Arme Annettens hereinschweben sahen. Frau von
Willnangen htte sie kaum erkannt, so verndert stand Gabriele jetzt, zum
erstenmal auer dem Halbdunkel des Krankenzimmers, im hellsten Strahl der
Morgensonne vor ihr da. Das schne Gesicht mit den blarothen Wangen sah
wunderlieblich aus dem feinen Spitzenhubchen hervor, unter welchem die
lichthellen Locken sich einzeln um die blthenweie Stirn hervordrngten. Die
dunkeln Augen strahlten in erneutem Jugendglanz, und das in den wenigen Wochen
merklich zu kurz gewordne blendend weie Morgenkleid zeigte die
allerzierlichsten Fchen. Mein Kind, mein liebliches, schnes Kind! rief Frau
von Willnangen, hingerissen von der himmlischen Erscheinung, und drckte unter
freudigen Thrnen sie an ihre Brust, whrend Auguste sie zum Sopha hinzog, und
beide hernach in der Freude ihres Herzens tausend einander widersprechende
Anstalten trafen, um es dem lieben Gast nur recht wohl und bequem zu machen.
Endlich saen sie in traulicher Gemthlichkeit neben einander, als pltzlich die
Thre aufging, und Grfin Eugenia mit dem ltesten Frulein Silberhain
unangemeldet hereintraten.
    Nun da sieht man die liebe Kranke doch wieder! Und wie gro geworden! wie
schn! man mchte bald verleitet werden, sich ein Fieber von solchen Folgen zu
wnschen. Sie sehen ja in der That aus, als knnten sie uns die neueste Kunde
aus dem Lande der Seeligen bringen, rief Grfin Eugenia, indem sie die zu ihrem
Empfange aufgestandne Gabriele umarmte.
    Auch war meine Gabriele der Himmelsthre nahe genug. Ein Glck fr uns, da
sie bei Zeiten wieder umkehrte, um noch bei uns zu weilen, erwiederte lchelnd
Auguste.
    Achten Sie es wirklich fr ein Glck wenn der Engel zum Fluge in die ewige
Heimath schon die Flgel entfaltet hat, und dann, aufs neue gefesselt von
irdischen Banden, sie wieder zusammen legen mu? fragte Frulein Silberhain;
ach! wir wissen vielleicht nicht, welch ein Unrecht wir thun, fuhr sie fort,
wenn wir uns der anscheinenden Genesung unsrer Freunde freuen! Was ist denn
lngeres Leben anders als lngeres Harren.
    Liebe Silberhain, fiel Eugenia ein, Gabriele und wahrscheinlich die
mehresten Leute harren doch recht gern, so lange als mglich, denn in den
himmlischen Freudensaal kommen wir alle zeitig genug. Aber einer Reise nach
Italien entsagen zu mssen, wenn schon beinahe der Wagen vor der Thre steht,
das ist ein Unglck, von dem ich gar nicht begreife, wie man es berlebt, ohne
wenigstens vor Verdru darber den Verstand zu verlieren. Armes, armes Kind!
warum muten Sie auch so ganz zur unrechten Zeit von dem bsen Fieber befallen
werden! Sie dauern mich ungeheuer, ach! und htten Sie nur, wie ich, die
Glcklichen abfahren gesehen! Ehegestern ging es fort, gleich am frhen Morgen
nach dem Hochzeittage. Das junge Ehepaar fuhr allein, in einem ganz neuen,
delizieusen, englischen Wagen; den Platz in der Batarde der Grfin, der Ihnen
bestimmt war, nahm Aureliens Bella ein. Das ist pikant, nicht wahr? gewi
niemand darf es Ihnen verdenken, wenn sie ein wenig mit dem Schicksal grollen,
es spielt Ihnen warlich diemal bel mit.
    Soll ich dich nicht auf dein Zimmer fhren? fragte ngstlich Auguste; aber
Gabriele bestand darauf, da zu bleiben, versicherte, sich sehr wohl zu befinden,
und bat die Grfin Eugenia um nhere Nachricht von der Tante und Aurelien.
    Von beiden bringe ich Ihnen tausend Abschiedsgre, sprach Eugenia, ich
kam erst gestern Abend von Rosenhain wieder zu Hause, denn einem alten
gegenseitigen Versprechen zu Folge, mute ich Aurelien als Brautfhrerin zum
Altar geleiten. Es war recht gut, da ich gleich mitreisen konnte, da Sie zu
Hause bleiben muten, liebe Gabriele! Die Grfin und Aurelia htten sich sonst
in Rosenhain vielleicht zu oft allein gefhlt, denn Ottokar machte sich sehr
selten. Geschfte und Reiseanstalten hielten ihn fern von uns, sagte man.
Ueberhaupt hat er, meiner Meinung nach, als Brutigam an Amabilitt nicht
gewonnen; vielleicht kommt das im Ehestande nach. So lange ich jetzt in
Rosenhain mit ihm zusammen lebte, war er wenigstens - maussader als je - mchte
ich sagen, wenn ich mich nicht hier vor den strafenden Blicken der Mamma
Willnangen frchtete, die von jeher diesem ihrem lieben Schookinde in allen
seinen Arten und Unarten geflligst nachzusehen gewohnt ist.
    Schelten Sie den Grafen nicht, weil er nicht leichtsinnig den wichtigsten
Schritt seines Lebens vollbrachte, sprach Frulein Silberhain. Ach! wer mte
nicht in einem solchen Zeitpunkte sich und sein Gemth in der tiefsten Stille zu
heiligen suchen! Lehrt uns nicht die schne Geschichte vom jungen Tobias - - -
    Ob Ottokar so fromm ist, wie der junge Tobias, oder wie Sie, liebe
Silberhain, ihn sich denken, wei ich nicht; unterbrach Eugenia das Frulein!
aber langweilig genug war er wenigstens. Ich schiebe alles die einzig auf die
Luft, die um jene Zeit im Rosenbergschen Hause hchst pernizi's gewesen seyn
mu. Unsre liebe kleine Gabriele erkrankte ja auch am Verlobungs-Abend, und
Ottokar mu ebenfalls zur nehmlichen Stunde von einem besondern Schwindel
ergriffen worden seyn; denn er plantirte beim Soup nicht nur die Gesellschaft,
- das htte noch hingehen mgen, aber auch die zrtliche Braut, die neben einem
leeren Stuhl sitzen mute. Sein Lorenz erschien zwar, wie wir uns schon an der
Tafel rangirten, mit einer sehr lahmen Entschuldigung seines Herrn, der
pltzlich hchstwichtige Briefe erhalten haben sollte, aber der naseweise Mensch
schnitt zu dieser Entschuldigung ein so pfiffig hmisches Gesicht, da alle
merken muten, woran sie waren; selbst die, welche nicht wie ich daran dachten,
da Mittwochs keine einzige Post hier eintrifft.
    Frau von Willnangen verging fast vor Angst um Gabrielen bei diesem Gesprch,
vergebens bemhte sie sich, ihm eine andere Wendung zu geben, oder doch
wenigstens Gabrielen zum Fortgehen zu bewegen. Diese wollte keinen ihrer sie
dazu einladenden Winke verstehen, und sowohl Frulein Silberhains Lust am
Fragen, als Eugeniens Lust am Antworten lieen die Unterhaltung nicht fallen,
welcher Gabriele mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhrte.
    Nie in meinem Leben habe ich eine einer wandelnden Leiche so hnliche
Gestalt gesehen, als Ottokar beim Antritt der Reise nach Rosenhain, sprach
Eugenia weiter. Gewi! er war sehr krank, denn solche Todtenblsse, solche
trbe, zugeschwollne Augen, solche Vernderung in allen Zgen finden sich ber
Nacht bei keinem Gesunden ein. Auch in Rosenhain wankte er so schattenhnlich
umher, da ich jeden Morgen zu hren frchtete, er sey in der Nacht zum Tode
erkrankt. Die Grfin war deshalb in nicht geringerer Besorgni als ich, allein
er hielt sich aufrecht. Uebrigens, wie gesagt, war er am Tage kaum sichtbar,
wichtige Arbeiten fesselten ihn in seinem Kabinete, wie es hie, obgleich ich
nicht begreife, was sein Hof jetzt gerade mit Italien, wohin er gesendet wird,
so wichtiges zu verhandeln haben kann. Auch die Grfin wunderte sich gewi im
Stillen darber, aber sie kennen ihre Art, sich zu verbergen, und immer dasselbe
Gesicht zu behalten. Mir schien es, die Wahrheit zu sagen, als ob die Depeschen,
welche ihn so beschftigten, von hier oder doch sehr aus der Nhe kmen, denn an
Botentagen kam er gar nicht vom Fenster weg, bis er die grn lederne Brieftasche
erblickte, und eilte immer, der Erste zu seyn, der sie aufschlo, um sein
Pckchen herauszunehmen. Ich erkannte sogar einmal, kurz vor der Hochzeit,
Ernestos Hand auf der Adresse eines seiner Briefe. Und Aurelia? fragte
Gabriele.
    Von der lt sich wenig sagen, erwiederte Eugenia, Sie kennen ja das
frhliche Geschpf. Sie sah nichts, sie merkte nichts, sogar nicht, da der
Hochzeittag von Woche zu Woche, endlich einen ganzen Monat hinaus verschoben
ward. Ueber die Freude, einige Offiziere, die in der Nachbarschaft einquartirt
waren, zu erobern und auszulachen, und ber die noch grere, ein paar
Landjunker zu mistifiziren, verga sie Italien und die Hochzeit mit sammt dem
Brutigam.
    Sie behandeln das junge Paar zu strenge, sprach endlich Frau von
Willnangen, ich hoffe, sie lieben einander, und wenn gleich keine heftige
Leidenschaft - -
    Wer leugnet denn, da sie einander lieben? unterbrach sie Eugenia ziemlich
eifrig, keines von beiden lie es an Beweisen davon fehlen. Aurelia neckte
ihren Ottokar, so wie sie seiner ansichtig ward, und, Sie wissen es ja, nach dem
alten Sprichwort liebt sich, was sich neckt. Ottokar gab hingegen seine
Zrtlichkeit fr seine Braut auf modernere Art zu erkennen. Es war, als ob er
alle Modisten, Blumisten und Juweliere, auf zwanzig Meilen in die Runde, mit
einem Zauberstabe regiere, so unerschpflich war der Reichthum mannigfaltiger
Geschenke, mit welchem er sie berschttete. Jeder Morgen brachte ihr irgend
eine elegante, oft sehr kostbare Kleinigkeit von ihm, Abends berraschte er sie
durch Nachtmusiken, Feuerwerke, kleine lndliche Feten. Welche andere Beweise
seiner Liebe konnte Aurelia sich wnschen? zum Glck besitzt Graf Ottokar ein
unerschpfliches Genie fr die Anordnung dergleichen Dinge an seinem Lorenz,
aber gut war es doch, da endlich der Hochzeittag dem allen ein Ende machte,
denn die Erfindungen des Kammerdieners wollten doch nicht mehr recht zureichen,
um die geistigen und krperlichen Abwesenheiten seines Herrn zu bedecken.
    So plauderte Eugenia ungestrt fort. Frau von Willnangen, sowohl als
Auguste, hatten es aufgeben mssen, sie unterbrechen zu wollen. Ihnen blieb
nichts weiter brig, als den Eindruck zu beobachten, welchen ihre Erzhlung auf
Gabrielen machte, besonders da die Erzhlerin vom Frulein Silberhain durch noch
dringendere Fragen angeregt, sich anschickte, die eigentliche Hochzeitfeier auf
das Umstndlichste zu beschreiben.
    Die Trauung geschah in der Dorfkirche, und zwar sehr frh am Morgen. Beinah
mit Sonnenaufgang, denn so hatte es Ottokar gewollt, sprach Eugenia. Und da er
zum erstenmal etwas wollte, fgte sie hinzu, so staunte man zwar ein wenig
ber dieses Ansinnen, lie es aber dennoch gelten, obgleich Aurelia hoch und
theuer versicherte, da sie und wir alle die abscheulichste Migrne vom frhen
Aufstehen davon tragen wrden.
    Nun lie sich Eugenia auf eine sehr genaue Beschreibung des prchtigen
Negligees von Brler Spitzen ein, welches die Braut an dem festlichen Morgen
getragen hatte, auch der kleinsten Garnierung desselben geschah ehrenvolle
Erwhnung, ehe das Betragen des Brautpaars whrend der Trauung zur Sprache
kommen konnte. Eugenia lobte Aureliens sich durchaus gleichbleibende Fassung und
ihren vornehmen, man mchte sagen kniglichen Anstand whrend der Zeremonie,
indessen Ottokar bei der endlosen, langweiligen Vorbereitungs-Rede des Pfarres
todtenbleich hin- und herschwankte, bis der Moment kam, das feierliche Ja
auszusprechen. Da war es denn doch, erzhlte Eugenia weiter, als ob es ihm
einfiel, da sein Benehmen nicht ganz das eines Menschen sey, der sich am Ziele
lang ersehnter Wnsche sieht, und da es deshalb allen Gegenwrtigen als hchst
befremdend auffallen msse. Er nahm sich ordentlich mit einem Ruck zusammen,
sprach sie, stand pltzlich aufrecht da, und sein Gesicht belebte sich zu einem
Ausdruck, den wir, so lange er in Rosenhain war, an ihm vermit hatten. Ich mu
gestehen, es gab einen Augenblick, whrend welchem er wieder recht schn war,
als er mit glnzenden, himmelwrts gewendeten Augen zum Gewlbe der Kirche
aufblickte, und dann, nach einer fast unmerklich kleinen Pause, das
verhngnivolle Ja laut und vernehmlich von sich hren lie. Aber die Wrtchen
mute auch wie ein Zauberspruch auf ihn gewirkt haben, denn auf dem Wege aus der
Kirche war der steinerne Mann mit einemmal wieder lebendig geworden. So wie wir
zu Hause angelangt waren, drckte er zum erstenmal seine Braut an seine Brust,
wenigstens sahen wir es zum erstenmal. Aurelia! fing er hchst feierlich, ich
glaube gar mit Thrnen in den Augen an, und htte wahrscheinlich ein Supplement
zu des Pfarrers Rede geliefert, aber Aurelia machte sich bei Zeiten los,
versicherte, todtmde zu seyn, und eilte in ihr Zimmer. Gleich darauf schickte
sie uns ihre Jungfer mit dem Bedeuten, da sie nicht eher als bei der Tafel
sichtbar werden knne, weil sie durchaus vom frhen Aufstehen ruhen msse, um
nicht den ganzen Tag unwohl zu seyn. Ich gestehe es, wir sowohl als der eben
aufgethaute Brutigam blieben bei dieser Erklrung mit recht langen Gesichtern
stehen.
    Und wie uerte sich denn der Brutigam bei dieser Laune seiner Braut?
fragte jetzt Frau von Willnangen.
    Er sagte das klgste, was sich unter solchen Umstnden sagen lie, nehmlich
gar nichts, kein einziges Wrtchen; antwortete Eugenia. Die Grfin, die sich
immer zu helfen wei, ergriff gleich seinen Arm, um mit ihm die Anstalten zur
Bewirthung einiger hundert Bauern aus der Umgegend zu besehen, denn der
festliche Tag sollte blo durch ein Volksfest gefeiert werden, da man am
folgenden Morgen sehr frh abzureisen beschlossen hatte. Ottokar ging ganz in
die Ideen seiner neuen Schwiegermutter ein, und nahm sich des Empfanges und der
Unterhaltung seiner lndlichen Gste mit groem Eifer an, bis spter, kurz vor
der Tafel, die holde Braut ungerufen erschien, und mit ihm im vollen Schmuck,
unter dem Vivatrufen der Bauern, durch ihre Reihen zog.

Sehen Sie mich nicht so unruhig, nicht so bekmmert an, liebe, theure Frau,
sprach Gabriele zur Frau von Willnangen, sobald Eugenia endlich mit ihrer
Erzhlung zugleich ihren Besuch beendet und das Zimmer verlassen hatte. Auch
du, meine Auguste, sey getrost! Was ngstigt euch denn, ihr lieben Beide?
setzte sie hinzu, indem sie ihre vereinten Hnde an ihre Brust drckte, und mit
den klaren, treuen Augen zu ihnen aufblickte. Beide umarmten sie schweigend, und
Gabriele fuhr fort zu reden.
    Wonach ich lange im Stillen mich sehnte, ist mir in dieser Stunde
geworden, sprach sie gleichsam zu sich selbst. Ich habe Nachricht von ihm, von
seinem Leben, seit wir uns trennten, vom Vollbringen dessen, was geschehen
mute, alles ist vorbei - alles, alles ist vorbei, wiederholte sie und sank in
die Kissen des Sophas zurck. Doch ermannte sie sich sogleich wieder und
richtete sich auf, mit der in solchen Momenten ihr eigenthmlichen Kraft. Frau
von Willnangen vermochte es nicht, ihr etwas zweckmiges, oder auch nur
zusammenhngendes zu erwiedern, nicht allein, weil sie in zu heftiger Bewegung
sich befand, auch ihre Ansichten von Gabrielens Geschick schwebten noch immer in
zu verworrener Gestaltung ihr vor. In der Verlegenheit, doch etwas sagen zu
mssen, stammelte sie einige Worte von unbegreiflichen Tuschungen, von
unerklrlichem Benehmen, doch schnell unterbrach sie Gabriele: Glauben Sie
mir, sprach diese, keine Tuschung, nichts Unerklrliches liegt zwischen mir
und Ottokar; um uns ist alles hell und klar wie das Sonnenlicht. Zwar werden wir
auf Erden uns schwerlich wieder sehen, aber dennoch halten wir fest im Glauben
an einander. Wir haben uns einmal gefunden, wir haben uns einmal verstanden, und
das gengt uns, um nie, in keinem Moment des Lebens an einander irre werden zu
knnen.
    Die Lebhaftigkeit, mit welcher Gabriele diese Worte sprach, versetzte Frau
von Willnangen in die hchste Besorgni um sie. Sie hatte den Moment, von dem
sie so vieles aufgeklrt zu sehen hoffte, das bis jetzt ihr dunkel geblieben
war, schon lange im Verborgnen herbeigesehnt. Jetzt war er unerwartet ihr
erschienen, und sie wnschte beinah noch weit sehnlicher, ihn verschieben zu
knnen, wr es auch auf immer. Das strmische Pulsiren des jungen Herzens, das,
wie Ruhe suchend, sich im Laufe des Gesprchs an ihre Brust gelehnt hatte,
erfllte sie mit Angst um die kaum Genesene. Sie sah mit Entsetzen, wie alles
Blut aus diesem armen Herzen in einem Moment auf Gabrielens Wange glhte, im
nchsten in dessen Tiefen zurckstrmte, und nur die bleiche Farbe des Grams auf
dem holden Gesichte zurck blieb. Aber alle Versuche, die ihr jetzt so furchtbar
scheinende Unterredung abzubrechen, waren vergeblich.
    Lassen Sie mich jetzt die Brust mir frei sprechen, erwiederte Gabriele
ihren Einwendungen; frchten Sie nicht, da mir die Krfte dazu fehlen, ich
fhle mich und wei, da ich in dieser Stunde es vermag. Es ist mir ein Trost,
denn schon lange sehne ich mich, Ihre unsgliche Liebe durch eben so ungemenes
kindliches Vertrauen zu erwiedern. Hernach will ich ruhen, und Sie werden gewi
mit dem kranken Kinde nachsichtig umgehen. Ja! ich liebe Ottokar, und er wei
es, denn in der hchsten Stunde meines Lebens, die mir ewig allein dastehen
wird, in Freude und Schmerz, habe ich es ihm gesagt. Wovor erschreckt ihr denn
wieder? Gott kennt ja meine Liebe, ich schmte mich ihrer nicht vor ihm, warum
sollte ich sie denn dem einzigen Wesen verbergen, das gewi nach seinem Willen
zu mir gehrt, wenn wir gleich, durch irdische Verhngnisse eingezwngt, jedes
seinen eignen Weg fern von einander gehen mssen. Auch Ottokar liebt mich! wir
fanden uns in seligen Schmerzen, in trber Wonne, nur einen Moment, um uns
gleich wieder zu trennen; und nun ist es gut. - Es ist alles sehr gut!
wiederholte sie nach einer kleinen Pause, und drckte, sanft weinend, Mutter und
Tochter fester an sich. Beide weinten verstummend mit ihr.
    Wir sollten eigentlich nicht weinen, sprach Gabriele bald darauf, ich bin
ja nicht unglcklich, ich bin ja nicht beklagenswerth, warum weinen wir denn?
ich habe gelebt und geliebt! Beut mir die Zukunft keine Freude mehr, so brauche
ich auch dafr sie nicht mehr zu scheuen. Wohin Sie, liebe Mutter! durch Jahre
voll Schmerz hingelangten, dahin bin ich in frher Jugend, in einer kurzen
Stunde gekommen; ich bin in ihr alt geworden, und kann nun ohne Furcht berall
hintreten, meine Ruhe ist gesichert. Ein zweiter Schmerz wie dieser droht mir
nicht wieder, denn das Herz liebt nur einmal, wie es nur einmal bricht. Es war
ein artiges Spiel des Zufalls, da unter den Blumen, die ich von Ottokar
erhielt, auch die Eine sich befindet, welche nur einmal um Mitternacht eine
Stunde lang blht und dann auf immer sich schliet. Ich erhielt in dieser Blume
ein Vorbild meines Geschicks, und von ihm.
    Gabriele, wtest du, wie diese deine kalte Verzweiflung mich qult! rief
Frau von Willnangen; was soll, was kann ich thun, um dich davon zu retten? ach
ich selbst, ich Unbesonnene, war es ja, welche in deinem jungen Gemthe Wnsche
und Hoffnungen immer mehr entflammte, die ich htte unterdrcken sollen, die nun
dein Verderben sind! Jetzt wei ich die, aber damals blendete ich mich selbst.
Ich wollte an die Erfllung jener Wnsche und Hoffnungen glauben, weil auch ich
sie im Herzen hegte, und du gehst nun an ihnen zu Grunde.
    Wie Sie mich miverstehen, theure Frau! erwiederte mit wehmthigem Lcheln
Gabriele. Ich bin ja fern von Verzweiflung, glauben Sie mir, ich bin sogar
nicht unglcklich, denn wehmthige Erinnerungen, tiefgefhlte Sehnsucht sind ja
nicht Unglck. Verstehen Sie doch alles wrtlich, wie ich es Ihnen sage, ich
flehe darum, denn wie ich es meine, spreche ich es aus, immer in einfacher
Wahrheit. Nie hegte ich die Wnsche, die Hoffnungen, auf welche Sie mit Winken
hindeuteten, die ich jetzt erst verstehe. Nie sogar habe ich mit Bewutseyn mir
ihre Mglichkeit gedacht, nie sie empfunden. Ich liebte Ottokar, wie ich athme,
wie ich die Sonne, das Leben liebte. Ich verga bei ihm der Vergangenheit und
gedachte keiner Zukunft; ich war glcklich und unglcklich in der Gegenwart,
ohne mich weiter um etwas zu kmmern. Ja ich will Ihnen nichts verhehlen; nur
wie ich Aurelien als seine Braut sah, da erst fiel es mir ein, da auch auf mich
seine Wahl htte fallen knnen, da erst, liebe Mutter! und legen Sie es mir
nicht als Unwahrheit aus, wenn ich sage, ich htte eingewilligt, wenn er mich
gewhlt htte, wie ich in alles willigen mte, was er so recht aus der Tiefe
seines Gemths wollen knnte, aber es wre ein Opfer gewesen, das ich seinem
Wollen brachte. Neidlos sehe ich Aureliens Geschick; ich habe es nie fr mich
gewnscht, glauben Sie es mir; segnen will ich sie, sie lieben wie ihn, wenn sie
ihn so glcklich macht, wie er es durch eine solche heilige Verbindung werden
knnte.
    Mit diesen Worten und der Bitte, den Tag ganz allein bleiben zu drfen, zog
Gabriele sich in ihr Zimmer zurck. Dort in der Einsamkeit lie allmhlig die
Spannung nach, in welche Eugeniens Erzhlung und das darauf folgende Gesprch
mit ihren Freundinnen sie versetzt hatten. Sie versank in tiefes Nachdenken;
jedes Wort, jede noch so leise Andeutung Eugeniens gingen nochmals ihrem Geiste
vorber; alle waren ihr ein unerschpflicher Quell von Freude und Schmerz, von
dem sie zu fhlen glaubte, da er ihr ganzes Leben hindurch nicht versiegen
knne.
    Aus dem von Eugenien nur ganz obenhin erwhnten Umstande, da sie Ernestos
Hand auf einem Briefe an ihn bemerkt habe, ahnete Gabriele, was wirklich
geschehen war. Ottokar war auf irgend eine Weise von ihrem Erkranken
benachrichtiget worden, er hatte alle Qualen der bngsten, zur Hlfe
ohnmchtigen Sorge um sie gelitten, er hatte in martervoller Todesangst um sie
gebebt, whrend sie an den Pforten des Todes in ser Bewutlosigkeit lag und
wahrscheinlich so hinber geschlummert wre, ohne Schmerzen zu fhlen. Durch
Ernesto hatte er gewut bestimmte Nachricht von ihr zu erhalten, ohne ihn
dennoch zum Vertrauten der Art des Antheils zu machen, den Gabriele in ihm
erregte. Als ob Ottokar selbst es ihr gestanden habe, so bestimmt wute Gabriele
jetzt, da nur Besorgni um ihr Leben seinen auffallenden Trbsinn veranlate,
ber den Eugenia sich so spottend geuert hatte; da nur diese Sorge ihn bewog,
den Tag seiner Vermhlung immer weiter hinaus zu schieben, und da nur die
Ueberzeugung, sie sey genesen, ihn ermuthigen konnte, das unvermeidliche Opfer
endlich zu bringen, welches fr das ganze Leben ihn von ihr trennte und ihn
sogar aus der Luft verbannte, in welcher sie athmete.
    Aureliens und ihrer sich immer gleichbleibenden Art sich gegen Ottokar zu
benehmen, gedachte Gabriele nur mit tiefem Schmerz; denn alles berzeugte sie,
da diese kalte, lieblose, spottende Natur sich nie an seiner Seite erwrmen,
nie ihn liebend beglcken knne. Daher vermied sie den Gedanken an sie, oder
versuchte wenigstens, sich selbst durch die Hoffnung zu tuschen, da es am Ende
ihm doch wohl gelingen knne, die bsen Geister, die sein Glck verhinderten,
durch die seiner hhern Natur eigne Gte zu bannen und die Gefhrtin seines
Lebens fr sich zu gewinnen. Wenn alles fehl schlgt, so bleibt ihm der Trost,
an den auch ich mich halte, die Ueberzeugung, das Rechte gewollt und vollbracht
zu haben, und mein Andenken, setzte sie ganz leise sich zur Beruhigung hinzu.

Noch whrend dem Laufe des Winters hatte Frau von Willnangen den Entschlu
gefat, den grten Theil des Sommers in den bhmischen Bdern zuzubringen.
Durch Gabrielens Krankheit war die Ausfhrung dieses Plans einstweilen in
Vergessenheit gerathen; nun sie aber wieder genas, kam er aufs neue zur Sprache.
Der Arzt drang sogar darauf, ihn baldmglichst, und zwar in Gabrielens
Begleitung, auszufhren; er hoffte viel Erfreuliches fr ihre vllige
Herstellung, nicht sowohl von den Heilquellen, als von den Zerstreuungen, welche
stets im Gefolge einer solchen Reise sind.
    Es war durchaus nothwendig, die Erlaubni des Baron Aarheim zu dieser Reise
seiner Tochter einzuholen, und Frau von Willnangen bernahm es sehr gern, ihn
schriftlich darum zu ersuchen. Seine Einwilligung erfolgte sogleich und in den
verbindlichsten Ausdrcken; nur war die einzige Bedingung beigefgt, da
Gabriele jede Stunde bereit seyn msse, zu ihrem Vater zu eilen, sobald er ihre
Gegenwart verlange.
    Nicht ohne Schrecken hatte der Baron die Nachricht vernommen, da Gabriele
mit der Tante nicht hatte nach Italien reisen knnen, denn er frchtete nun
jeden Augenblick, sie in seinem alten Bergschlosse eintreffen zu sehen. Diese
schickliche Gelegenheit, sie noch einige Zeit von sich entfernt zu halten,
berhob ihn einstweilen jener Sorge, und ward deshalb freudig von ihm ergriffen.
Dennoch war er jetzt sehr zufrieden, da nicht die Alpen zwischen ihm und seiner
Tochter als Scheidewand dastnden, weil er seit einigen Tagen dem Ziel seines
Strebens ganz nahe zu seyn dachte, so da er oft die vllige Entschleierung des
groen Geheimnisses von der nchsten Sekunde erwartete.
    Seit er so ganz allein, fern von jeder uern Strung, in Schlo Aarheims
dstern Mauern hauste, hatte er sich mit rastloser Leidenschaft, ja bis zur
Erschpfung aller seiner Krfte, jenen geheimnivollen Arbeiten hingegeben. Kein
freundliches, lebendes Wesen durfte ihm nahen, der Wechsel der Jahreszeiten ging
unbemerkt an ihm vorber, er wute nicht, ob die Bume grnten oder ob Schnee
sie bedeckte; er sah sogar nicht das Licht der Sonne, denn die schweigenden
Nchte sagten seinem dunklen Treiben am besten zu. Deshalb schlief er, wenn
alles wachte, und whrend jedes glckliche Geschpf nach des Tages Last und Lust
Ruhe sucht, begann sein ngstliches Wirken im dunkeln Kreise der finstern
Mchte, die kein Sterblicher ungestraft ruft, wenn gleich vielleicht keiner je
von ihnen Antwort erhielt.
    So verkehrte er die Ordnung der Zeiten. Dennoch verhehlte er sich nicht die
bei dieser unnatrlichen Lebensweise fr seine Gesundheit obwaltende Gefahr. Er
wute bestimmt, da er auf keine lange Reihe von Jahren mehr rechnen drfe, in
denen er die Frchte seiner Arbeit zu genieen hoffen knne, aber er achtete
dieses nicht, denn er strebte nach keinem dauernden Genu. In nie gesehnem Glanz
aus dem Dunkel seiner Ahnenburg hervortreten, sein uraltes Geschlecht aufs neue
in seiner Tochter erstehen sehen, aufs neue fr kommende Jahrhunderte der
Stifter desselben werden, seine alten Feinde, knirschend vor Neid, in
ohnmchtiger Wuth erbleichen sehen, und dann sich hinlegen und sterben; das war
es, was er vom Geschick zu erzwingen dachte; und nur der Gedanke, da irgend
einer von denen, welche er hate, vor dem Gelingen seines groen Werkes dieses
Leben verlassen knne, machte ihn beben.
    Nicht weniger, als dieses rastlose Treiben, ngstigte ihn ein ewiges
Ueberlegen, wie er sein Geheimni auf das schnellste und vortheilhafteste
benutzen knne, sobald es ihm gelungen wre, es ganz zu entschleiern. Sollte er
seine Tochter zur Erbin seines durch mhseliges, unablssiges Forschen und
tausendfache Opfer erworbnen Wissens einsetzen? sollte er sich daran gengen
lassen, ihr noch bei seinem Leben unermeliche Schtze zuzuwenden und sein
Geheimni mit sich in die Gruft seiner Ahnen hinabzunehmen? Diese Zweifel
erregten einen nie zu stillenden Zwiespalt in seinem Innern, der, zerstrender,
als Wachen und Arbeit, ihn langsam verzehrte. Es war ihm unmglich, einem
weiblichen Wesen den Muth, die Klugheit, ja selbst die Verschwiegenheit
zuzutrauen, welche unumgnglich dazu gehren, ein solches Geheimni nicht nur zu
verwalten, sondern auch zu verbergen. Die Gefahren, welche jedem drohen, den die
Gewaltgen dieser Erde im Besitz solcher Kenntnisse whnen, waren ihm nur zu
bekannt, und das Geschick Bttchers, des unglcklichen Erfinders des schsischen
Porzellans, trat oft warnend vor seinen Geist. Alle diese Ueberlegungen machten
ihn geneigt, sein Geheimni mit sich sterben zu lassen; dann aber ergriff ihn
der Gedanke, wie gro es sey, die Erbin seines Namens, mit dieser mchtigsten
aller irdischen Gewalten ausgerstet, zurck zu lassen. Ihn schwindelte, ein
neuer Kampf entstand in seinem Gemth, und so konnte der unglckliche Greis
nimmer zur Ruhe gelangen. Rastlos schwankte er ewig in banger Sorge von einem
Entschlusse zum andern und verwachte die langen, endlosen Stunden des Tages auf
seinem Lager, bis die Abendsonne die Zinnen seiner Burg rthete und ihn mahnte,
aufzustehen, um sein nchtliches Tagewerk zu beginnen.

Frau von Willnangen zgerte keinen Augenblick, die Erlaubni des Barons zu
benutzen und die Reise in das Bad anzutreten, denn der Sommer war indessen schon
ziemlich weit vorgerckt, und da der Herbst dem rauheren Klima der Gebirge
selten gnstig ist, so hatte sie keine Zeit zu verlieren.
    Ernesto suchte und erhielt sehr leicht die Erlaubni, sich der kleinen
Karavane seiner Freundinnen anschlieen zu drfen, welche ihrerseits froh waren,
ihn zum Beschtzer auf der Reise zu haben. Nicht Furcht vor der, whrend der
schnen Jahreszeit mit jedem Tag berhandnehmenden Oede der Stadt hatte ihn zu
diesem Entschlusse bewogen, wie Auguste im frhlichen Muthe ihm oft Schuld gab,
sondern wahrhaft vterliche, treue Liebe fr die verwaisete Tochter der Frau,
deren Andenken ihm noch immer wie ein hell leuchtender Stern am fernen Horizont
seiner lngst hinter ihm zurck gebliebnen Jugend strahlte. Gabrielens Geschick
und der Zustand ihres Gemths waren dem treuen, beobachtenden Freunde nicht
verborgen geblieben, obgleich ihm niemand darber etwas anvertraut hatte.
    Zwischen ihm, Frau von Willnangen und auch Gabrielen war sogar eine Art von
stillschweigender Uebereinkunft darber entstanden; man behandelte ihn, als
wisse er alles, ohne doch je ausdrcklich irgend eines nheren Umstandes zu
erwhnen. Er, der lebenskundige Mann, sah Gabrielens Zustand in weit hellerem
Licht, als Frau von Willnangen. Er glaubte Gabrielens Ruhe nicht fr immer
zerstrt, er hielt sie sogar in diesem Augenblick nicht fr unglcklich. Er
wute, wie der Zauber der Jugend alles, selbst den Schmerz, zu verschnern
vermag und ihn zuletzt in das seste aller Spiele umwandelt, das aber zugleich
auch das gefhrlichste ist, weil es dem Gemthe die Kraft entzieht fr den Ernst
des Lebens in spter kommenden Jahren. Die Thrnen jener nie wiederkehrenden
Frhlingszeit gleichen den Thau-Tropfen auf der Rosenknospe, sie verhauchen in
sen Dften, so lange der Morgen frisch athmet, aber wenn die glhenden
Strahlen der Mittagssonne sie noch finden, so brennen sie sie tzend zu
unzerstrbaren Flecken ein; die entstellten, frh welkenden Bltter bleiben
geschlossen und vermgen es nie, sich in der ihnen von der Natur bestimmten
Herrlichkeit zu entfalten.
    Uebrigens wute Ernesto auch, da der Frauen Herz ewig jung bleibt, wenn
gleich ihre Locken unter der Hand der Zeit erbleichen; da sie immer geneigt
bleiben, mit ihren jngern Freundinnen sich aufs neue den Wonnen und Schmerzen
hinzugeben, welche einst auch ihren Frhling erhellten und trbten, und die der
Machtspruch des sptern Alters nur entschlummern hie, aber nicht vernichten
konnte. Deshalb frchtete er Frau von Willnangens zu weiche Theilnahme fr
Gabrielen, jetzt da diese an dem ihre ganze Zukunft bestimmenden Wendepunkt
ihres Lebens stand, und achtete es fr Pflicht, in ihrer Nhe zu bleiben, um sie
mit starker vterlicher Hand zu fassen, zu sttzen, zu leiten, sobald es Noth
thte.

Die kleine Reise ward in wenigen Tagen, und ohne alle Abenteuer zurckgelegt.
Gabrielens stille Heiterkeit whrend derselben hatte zwar oft einen hchst
wehmthigen Ausdruck, der aber nie in wilderen Schmerz, in tiefere Trauer
ausartete.
    Die Reisegesellschaft kam ber Eger nach Karlsbad, und die Gegend in der
Nhe dieses ersten Ziels ihrer Reise, besonders aber die mit keinem andern
Badeorte zu vergleichende Einfahrt in das Stdtchen selbst, entzckte sie alle.
Warlich, rief Auguste, es verlohnt sich der Mhe, alle Jahre nach Karlsbad zu
reisen, einzig um darin anzukommen. Ich wollte, ich knnte, so lange wir hier
bleiben, wenigstens jede Woche einmal die Freude haben, mich so lustig vom
Thrmer anblasen zu hren. whrend ich am Fu dieser prchtigen Felsen unter den
wilden Rosenbschen hinrolle und ihre Wlder, ihre schimmernde Kreuze, ihre
Pyramidenzacken hoch ber mir sehe.
    Gabriele lehnte indessen schweigend zum Wagen hinaus, ihr Blick ruhte auf
den Felsen, ihre Gedanken flogen der Heimath zu. So, ja eben so umstarrte hohes
Gebirge das alte Schlo, in welchem sie das Licht der Sonne zuerst erblickt
hatte. Nicht so geschmckt mit jeder Anmuth der Kultur und einer ppigen
Vegetation, aber doch diesem hnlich, nur beinah enger noch und tiefer, war das
stille Thal, in welchem sie an der Hand ihrer Mutter zu wandeln pflegte. Seit
sie Schlo Aarheim verlie, war sie immer in der Ebne geblieben, nur ganz von
Ferne hatte sie mit der allen im Gebirge gebornen eignen Sehnsucht ihre lieben
blauen Berge zu sich herber schimmern gesehen. Beinahe ein Jahr war
vorbergezogen, seit sie von ihnen schied. Ihr war, als kehre sie in diesem
Augenblick wieder heim zu ihnen aus der fernen Welt, welche sie mit so wenig
Erwartungen betreten hatte, in der sie so unendlich viel fand, was nur noch in
der Erinnerung ihr gehrte, und von der sie, ohnerachtet ihrer Jugend, jetzt zu
wissen glaubte, da sie ihr nichts weiter mehr zu bieten habe als ein Grab.
    Der wirkliche Eintritt in Karlsbad und in ihre freundliche Wohnung ri sie
aus ihren trben Trumen, und Augustens herzliche Freude an allen neuen
Umgebungen erweckte auch sie zur Theilnahme. Bald gewahrte sie sich selbst in
einer neuen Welt. Die geputzten Brunnengste, welche an dem wunderschnen lauen
Sommerabend unter ihrem Fenster auf- und abgingen, schienen ihr unzhlbar, so
da die groe lebensreiche Stadt welche sie eben verlassen hatte, ihr wie todt
dnkte gegen diesen kleinen, einem Ameisenhaufen hnlichen Fleck Erde, und sie
sich an dem ungewohnten Schauspiel fast eben so sehr ergtzte als Auguste.

Der Julimonat, und mit ihm die Zeit, whrend welcher Karlsbad am glnzendsten
erscheint, war ber die Hlfte vorbergezogen, als Frau von Willnangen mit ihren
Begleitern dort anlangte. Einige frstliche Personen, die bisher einen kleinen
Hof gebildet hatten, welcher den vornehmern Brunnengsten einen, alle brige
ausschlieenden Vereinigungspunkt gewhrte, hatten sich schon zur Nachkur in
andere Bder begeben. Tglich sah man lange Reihen mit Koffern hochgepackter
groer Berlinen ber die Wiese ziehen, in welchen vornehme Familien ihnen
nacheilten. Dennoch blieb die Gesellschaft noch immer zahlreich genug, um keine
Lcke merkbar werden zu lassen, und neue Ankmmlinge ersetzten tglich die
Stelle der Abreisenden.
    Frau von Willnangen besa unter vielen angenehmen Eigenschaften auch die,
sich berall, wohin sie kam, leicht anzusiedeln und heimisch zu werden. Auf
Reisen wute sie dem aller ungemthlichsten Gasthofszimmer in wenigen Minuten
ein wohnliches Ansehen zu geben, ohne da man sonderlich bemerken konnte, was
sie darin verndert habe. Wo sie an fremden Orten lngere Zeit blieb, da
gewannen alle ihre Umgebungen bald einen so behaglich-huslichen Anstrich, da
jedem wohl darin ward, dem es erlaubt war, sich ihr zu nahen.
    Darum sammelte sich auch in Karlsbad wie berall ein sehr angenehmer Kreis
der Liebenswrdigsten und Gebildetsten um sie her. Es war als ob sie durch einen
Zauberspruch alle an sich zge, die zu diesen gezhlt werden durften, oder als
ob sie ein Zeichen an sich trge, an dem die Gleichgestimmten sie erkannten.
Dennoch wunderte sich jeder, der sie zum erstenmal sah, wie diese einfache,
weder durch jugendlichen Reiz noch glnzenden Witz ausgezeichnete Frau dazu
gekommen sey, der Mittelpunkt der Gesellschaft zu werden, so anspruchlos und
zuvorkommend war sie in ihrem Betragen gegen Alle.
    Gabrielen hatte der Arzt nur ein paar Glser des Theresienbrunnens, als des
schwchsten von allen, zu trinken erlaubt, damit sie sich doch auch mit Ehren in
die Reihe der Brunnengste stellen drfe; denn es ist nichts unangenehmer, als
bei einem, Allen gemeinschaftlichen Zweck, allein ausgeschlossen zu bleiben.
Frhes Aufstehen, Bewegung in der vom Duft der Bergkruter und frischem
Waldeshauch erfllten Luft, und vor allem Rckkehr zu der regelmigen
Lebensart, deren sie whrend dieses Winters sich hatte entwhnen mssen, waren
die eigentlich ihr vom Arzt verordnete Kur, und der Erfolg bewies, da er in der
Wahl nicht geirrt hatte. Gabriele, die jetzt eben ihr siebzehntes Jahr
vollendete, blhte von Tage zu Tage schner auf. Der Rosenglanz der Gesundheit
gab ihr einen neuen Reiz, ohne den fast therischen Ausdruck zu zerstren, der
von ihrer frhsten Jugend an sie ausgezeichnet und ihr das Ansehn einer
Bewohnerin andrer Welten gegeben hatte. Dabei lag in ihrem
freundlichanspruchlosen Wesen etwas so unaussprechlich liebliches, da jedermann
sich zu ihr gezogen fhlen mute, obgleich der stille Ernst, mit dem sie das
Leben nur als Zuschauerin zu betrachten schien, niemanden zu nherer
Vertraulichkeit aufforderte.

Unter den Reisegesellschaftern der Frau von Willnangen war Ernesto der Einzige,
der mit dem Ton und berhaupt dem Leben in Karlsbad nicht recht zufrieden seyn
wollte. Sie selbst war zu oft sowohl hier als an hnlichen Orten gewesen, um
mehr von ihnen zu fordern, als sie ihrer jetzigen Einrichtung nach leisten
knnen. Augustens heitre Natur befand sich in ihrer Mutter und Gabrielens
Gesellschaft berall wohl, und diese freute sich zwar der herrlichen Umgegend,
war aber in ihrer innern Welt noch zu befangen, um sonst noch Ansprche irgend
einer Art an die ure zu machen.
    Anders aber verhielt es sich mit Ernesto. Dieser hatte noch nie zuvor einen
Brunnenort besucht, denn zu der Zeit, da er im frhen Jnglingsalter Deutschland
verlie, um die Ausbildung seines Talents in Italien zu suchen, war es noch
nicht wie jetzt Gebrauch, die Bder als Erholungsorte zu betrachten. Eine
Badereise betrachtete man damals als einen groen Entschlu, und fast immer nur
als den letzten Versuch zu genesen, ja der Ausspruch des Arztes, welcher die
Kranken dorthin verwies, klang den mehresten von ihnen wie ein halbes
Todesurtheil. Daher kannte sie Ernesto nur aus lobpreisenden Aufstzen in
Zeitschriften und hochtnenden, an Ort und Stelle verfertigten Beschreibungen,
die ihn freilich weit mehr erwarten lieen, als er fand.
    Wir sitzen hier ganz vortrefflich, sprach er einst in halb unmuthiger,
halb zufriedner Stimmung zu der Gesellschaft, die sich an einem warmen
Nachmittag, im Schatten der schnen Bume vor dem bhmischen Saal recht huslich
niedergelassen hatte. Wir sitzen hier ganz vortrefflich. Frau von Willnangen
macht die angenehme Wirthin, als wre sie zu Hause, die brigen Damen arbeiten
an allerliebsten Kleinigkeiten, und wir Mnner fhren weise Gesprche. Uns ist
wohl! aber wir bilden doch einen Staat im Staate, und das ist hier nicht recht.
Mir wenigstens thut mitten in meiner Glckseligkeit das Herz weh, wenn ich die
einzelnen Paare ansehe, die dort auf der Wiese und hier in den Alleen langweilig
und langsam neben einander herschlendern. Da Gott hier fr alle und jede seinen
Segen in den Quellen flieen lt, so sollten auch wir niemanden von unsern
Vergngungen ausschlieen und alle zusammen darnach streben, da allgemeine
Freude die ganze Brunnengesellschaft zu einer Familie vereine.
    Die Gesellschaft, an welche Ernesto diese Worte richtete, bestand auer den
Hausgenossen der Frau von Willnangen noch aus der im nrdlichen Deutschland
einheimischen Familie des Baron Wallburg. Dieser bewohnte mit seiner Frau, zwei
Tchtern und einem Sohne den obern Stock des nehmlichen Hauses, von welchem Frau
v. Willnangen die erste Etage inne hatte. Nicht sowohl diese nahe Nachbarschaft,
als vielmehr eine gewisse Uebereinstimmung in ihrer Lebensweise hatte beide
Familien zuerst einander nher gebracht. Gegenseitiges Gefallen, besonders des
jngern Theils derselben, machte sie in kurzer Zeit zu unzertrennlichen
Gefhrten in allen der Geselligkeit geweihten Stunden.
    General Lichtenfels, ein heitrer Greis, und sein Neffe Adelbert gehrten als
frhere Bekannte des Barons Wallburg mit zu dem kleinen Kreise, in welchem
Adelbert der einzige bedeutend Kranke war. Ehrenvoll im Kriege erhaltene, aber
bel geheilte Wunden hatten diesen nach Karlsbad gefhrt, um Genesung oder doch
wenigstens Linderung zu suchen. Im Innern schien er noch schmerzlicher verletzt
zu seyn als im Aeuern, denn alle seine Zge trugen tiefe Spuren eines
verzehrenden Kummers. Gewhnlich nahm er nur schweigenden Antheil an der
Gesellschaft, und schien gern in Gabrielens Nhe sich zu halten, deren ebenfalls
nicht frhliche Stimmung der seinen am besten zusagte. Sein ihn vterlich
liebender und von ihm kindlich verehrter Oheim war einzig ihn zu begleiten, nach
Karlsbad gekommen, und es gewhrte einen eignen rhrenden Anblick, wenn der alte
eisgraue aber noch immer rstige Krieger die schne hohe Gestalt des jngern
untersttzte, der, von einer Fuwunde gelhmt, sich nur mhsam und gebeugt
fortbewegen konnte. Allwill, ein junger Dichter, und Wollmer, ein
ausgezeichneter Tonknstler, hatten sich auch diemal, wie gewhnlich, der
Gesellschaft angeschlossen. Beide waren wegen ihrer Talente und ihres angenehmen
Humors immer hchst willkommen.
    Ernestos Klage ber den Mangel allgemeiner Geselligkeit regte sogleich alle
Mitglieder des Kreises zum lebhaftesten Widerspruch auf, denn sie befanden sich
in dieser Abgeschlossenheit von den brigen nicht minder behglich als im Grunde
Ernesto selbst und nahmen sie deshalb gern gegen ihn in Schutz. Auguste und
Rosalie von Wallburg berhuften den italienisirten Signor, wie sie ihn spottend
nannten, mit Vorwrfen ber seinen Wankelmuth, der ihn verleite, sich nach
andrer Gesellschaft zu sehnen, und die kleine zwlfjhrige Luzie Wallburg sprang
gar von der Stelle neben ihm auf, wo sie als seine erklrte Geliebte gewhnlich
zu sitzen pflegte, indem sie versicherte, von einem so ungetreuen Liebhaber
wollte sie nichts weiter wissen.
    Friede und Ruhe wurden indessen bald wieder hergestellt, und Frau von
Willnangen nahm den Faden des Gesprchs wieder auf, indem sie Karlsbad gegen
Ernestos Tadel vertheidigte. Kommen Sie nur nach Tplitz, Wiesbaden oder
berall hin, sprach sie, wo nur gebadet wird und nicht getrunken. Dort, wo
Morgens kein Brunnen Gelegenheit zum Bekanntschaftenmachen bietet, dort mag es
Ihnen allenfalls erlaubt seyn, ber Isolirung der Einzelnen und alle die tausend
Schwierigkeiten zu klagen, die sich jeder nur einigermaaen allgemeineren
Geselligkeit entgegenstellen.
    
    Damit, da es anderswo noch rger ist, wird aber dem nicht abgeholfen, was
ich hier als mangelhaft schelte, erwiederte Ernesto. Ich bleibe dabei, da der
grte Theil der Brunnengste sich in Karlsbad noch immer mehr langweilt, als
recht und billig ist, oder selbst bei einem solchen Zusammenflu von Leuten
mglich seyn sollte, die alle nichts zu thun haben, als sich zu belustigen.
    Ich mu hier auf Ernestos Seite treten, nahm der Kapellmeister Wollmer das
Wort. Blicken Sie nur um sich her, die Sonne beginnt zu sinken, lngstens in
einer Stunde verweiset der Aerzte strenges Gebot uns alle aus der Abendluft
unter Dach und Fach, und dennoch werden dann noch vor Schlafengehen ein paar
Abendstndchen brig bleiben, die wohl jedermann gern auf angenehme Weise in
Gesellschaft zubrchte. Sehen sie indessen nur, wie sich schon alles vereinzelt
und nach seiner vielleicht ziemlich unbequemen Wohnung hinzieht, whrend beide
Sle leer bleiben, in denen man sich doch recht bequem noch zum erheiternden
Gesprch versammeln knnte.
    Leo von Wallburg meinte, wenigstens der Blle lobend erwhnen zu drfen, die
zweimal die Woche einen allgemeinen Vereinigungspunkt bieten, ward aber von
Ernesto schnell unterbrochen. Geht mir, sprach dieser, mit euren Bllen, auf
welchen niemand tanzt, als wer seine Mittnzer gleich mitbringt. Diese beweisen
gerade, wie sehr der Kotterie-Geist hier herrschend ist. Tanzte wohl am
verwichnen Sonntag im schsischen Saal noch irgend eine Seele auer den
verwnscht hbschen Polinnen? und auch sie nur mit den Herren, welche sie auf
den Ball gefhrt hatten. Freilich schweben diese Sarmatinnen wie Grazien einher;
aber ringsum an den Wnden des Saals saen auch deutsche und andre Grazien die
Menge in langen Reihen da, ohne da es einem von den vielen jungen Herren
eingefallen wre, sie zum Tanz aufzufordern.
    Eigentlich, nahm der General wieder das Wort, eigentlich fehlt es uns
hier nur an jemanden, der Aufopferung, Geschicklichkeit und Ansehen genug
bese, um sich an die Spitze aller brigen stellen zu knnen, und nicht nur bei
Festen und Bllen, sondern berall als Wirth die Honneurs zu machen. Ohne einen
solchen Mittelpunkt gedeiht bei uns keine Geselligkeit. Wir Deutsche sind nun
einmal bei solchen Gelegenheiten nicht sowohl trge als unbehlflich. Genau wie
die Kinder, die wenn sie zum erstenmal zusammen kommen, um mit einander zu
spielen, lange verschmt dastehen, einander kaum ansehen, und dabei thun, als
lge ihnen im mindesten nichts am Spiel, whrend sie sich vor innerlicher
Ungeduld darnach nicht zu lassen wissen. Da mu durchaus jemand eintreten, der
jedem zeigt, was es zu thun hat, um sich zu belustigen, und alle mit linder
Gewalt an einander treibt, sonst bleibt jeder fr sich und rgert sich dabei
ber den Nachbar, der nicht den ersten Schritt thun will.
    Thun Sie diesen ersten Schritt und machen Sie der allgemeinen Noth ein
Ende, lieber Herr General, sprach lchelnd Frau von Willnangen; in jeder
Hinsicht eignet sich niemand zu unserm Anfhrer besser als Sie, und ich bin im
voraus berzeugt, da jedermann die dankbar anerkennen wird.
    Der General verbeugte sich und fuhr fort zu reden. In jngern Jahren habe
ich oft aus eignem Antrieb es versucht, den Ehrenposten zu bekleiden, den Sie,
meine gtige Freundin! mir jetzt wieder zutheilen mchten, dem ich mich aber um
keinen Preis wieder unterziehen wrde. In Bdern, in Garnisonen oder wo sonst
der Zufall eine ungewohnte Zahl Menschen aus den Stnden zusammenfhrt, welchen
geselliges Vergngen Bedrfni ist, bin ich oft von eigner Lebenslust verleitet
worden, mich zum maitre des plaisirs aufzuwerfen, aber lag es an meiner
Ungeschicklichkeit oder an etwas anderm, ich wei nur, es ist mir jedesmal so
schlecht bekommen, da ich noch jetzt nicht ohne Aerger daran denken kann.
    In der That, sprach Baron Wallburg, das Amt eines Zeremonien- oder wenn
sie wollen, Vergngen- ist eines der anerkannt mhseligsten und unbelohnendsten,
am Hofe wie in der Stadt, vor allem aber in einer Republik, wie doch jeder
Brunnenort eine ist, und ich begreife nicht, wie man anders, als durch den Drang
der Umstnde dazu gezwungen, sich ihm unterziehen mag.
    Sollten Sie mich auch wieder der Anglomanie beschuldigen, lieber Vater!
sprach Leo, ich mu hier doch bemerken, da das Talent der Britten, berall das
komfortabelste zu erfinden, sich auch in dem vorliegenden Fall bewhrt. Bei
ihrer, jeder geselligen Verbindung mit Unbekannten noch weit mehr, als wir
Deutschen, widerstrebenden Nation trafen sie dennoch den rechten Weg, alle
zufrieden zu stellen. In jedem bedeutenden Brunnenort whlen die Badegste einen
Zeremonienmeister, dessen Anordnungen jeder gern Folge leistet, und der um einen
anstndigen Ehrensold fr die gesellige Unterhaltung Aller, wie jedes Einzelnen,
unermdlich besorgt ist. So darf dort niemand ber Vernachlssigung oder
Langeweile klagen, der die nicht selbst durch sein Betragen verschuldet.
    Dacht' ichs doch, da die groe Erfindung auf etwas Fabrikmiges hinaus
laufen wrde, sprach Baron Wallburg, denn hoffentlich hat dieser
Zeremonienmeister auch Gehlfen, die ihm vorarbeiten, und der Fremde, der
amsirt werden soll, geht dabei aus einer Hand in die andre, wie ein englischer
Knopf.
    Haben sie nicht auch aus Holz und Stahl vortrefflich gearbeitete Herrn und
Damen, die eingeschoben werden, wenn es an lebendigen Tnzern fehlt? fragte
Ernesto.
    Die Idee solcher unermdlichen Tnzer erweckte groes Vergngen bei dem
jngern Theil der Gesellschaft. Vor allem uerte die kleine Luzie den
sehnlichen Wunsch, da auf dem nchsten Ball deren ein halbes Dutzend, wo
mglich in Husarenuniform, erscheinen mchten. Dann, meinte sie, kme auch wohl
einmal die Reihe an sie, mit so einem hlzernen Husaren zu tanzen, denn die
groen Mdchen nhmen ihr die lebendigen Tnzer alle weg.
    Auch ich kenne die Badeknige, denn so pflegt man in England sie zu
nennen, nahm endlich der Kapellmeister das Wort, und ich habe mich whrend
meines vieljhrigen Aufenthalts in jenem Lande zu wohl unter ihrem sanften
Scepter befunden, als da ich mich nicht laut fr sie erklren sollte. Aus
Reisebeschreibungen ist zwar jedermann von den Statuten ihres Reichs
unterrichtet, aber den ganzen wohlthtigen Einflu derselben auf das Badeleben
kann nur der ermessen, der wie ich einst zu ihren Unterthanen gezhlt ward.
    Noch vieles sprach man, bald lobend, bald tadelnd ber diese englische
Einrichtung, deren Einzelheiten selbst dabei sehr umstndlich zur Sprache kamen.
Leo hatte in der That Recht, entschied endlich der General, und ich wnsche
herzlich, recht bald solche Knige auf deutschem Grund und Boden zu begren.
Ernestos fromme Wnsche knnen wahrscheinlich nur durch ihre Einfhrung bei uns
in Erfllung gehen, aber ich frchte aus mancherlei Grnden, da sich unendliche
Schwierigkeiten ihr entgegen stellen wrden. Indessen kme es auf einen Versuch
an, und wre die Brunnenzeit nicht ihrem Ende so nahe, so mchte ich sie wohl,
wenigstens als Probestck, auf einige Wochen in Vorschlag bringen, obgleich ich
nicht wei, wo ich sogleich einen wrdigen Kandidaten zu diesem sehr schweren
Posten finden wrde. Ein Mann von Stande knnte sich doch unmglich dazu
entschlieen, meinte Frau von Wallburg. Und warum denn nicht? meine gndige
Frau! erwiederte ihr schnell Ernesto. Ich halte die Stelle eines solchen
Knigs fr recht ehrenvoll, und um so mehr, da nicht gemeine Eigenschaften dazu
gehren, sie mit Wrde zu bekleiden. Glauben Sie vielleicht, da die Stelle
eines Banquiers am Pharao-Tische, die so mancher Sprling eines sehr edlen
Stammes ausfllt, fr ehrenvoller gelten drfe? setzte der General lchelnd
hinzu.
    Die letzten Strahlen der sinkenden Sonne mahnten jetzt die Gesellschaft zum
Aufbruch, doch traf man noch vorher die Verabredung, es an einem der nchsten
Abende zu versuchen, ob nicht der grere Theil der in Karlsbad gegenwrtigen
Fremden zu einer zahlreicheren Versammlung in einem der Sle zu veranlassen sey,
um so vielleicht den Grund zu knftiger allgemeinerer Geselligkeit zu legen.
Niemand wandte gegen diesen Plan etwas ein, auer Frau von Wallburg. Ich wei
nicht, sprach sie, warum wir uns um die Uebrigen, die sich um uns nicht
bekmmern, so viel Mhe geben wollen, da wir ihrer doch nicht bedrfen, um uns
recht wohl zu befinden. Unser Zirkel gengt uns, er ist gro genug, um uns zu
amsiren, und wir werden uns da eine Menge Bekanntschaften aufladen, unter denen
sich gewi Leute befinden, die gar nicht zu uns passen, und die uns in Zukunft
vielleicht recht lstig und beschwerlich in unserm eignen Hause werden knnen.
    Herr von Wallburg trstete indessen seine Frau mit der Versicherung, da
Badebekanntschaften sich nie ber die wenigen Wochen hinaus erstrecken drfen,
die man mit einander verlebt, und da es anerkannt herkmmlich sey, auch die
genausten dieser Art in seiner Heimath zu ignoriren, sobald man nicht durch
eigne Beweggrnde sich veranlat finde sie fortzusetzen; und so wanderte sie
beruhigt mit der brigen Gesellschaft ihrer Wohnung zu.
    Die letzten, auf eine eigne, gleichsam etwas bezeichnen sollende Weise
betonten Worte des Baron Wallburg machten indessen auf Frau von Willnangen einen
nichts weniger als angenehmen Eindruck. Sie hrte sie mit dem prophezeienden
Vorgefhl, mit welchem der kundige Schiffer bei sonst heiterem Himmel das kleine
dunkle Wlkchen am fernsten Horizonte erblickt, welches ihm den nahenden Orkan
verkndigt. Ueberhaupt wohnt in vielen Frauen ein Vorahnen dessen, was sie von
denen, welchen sie auf ihrem Lebenspfade begegnen, zu erwarten haben, sey es
Freude, sey es Schmerz. Liebe oder Feindseligkeit, sie empfinden beide lange im
Voraus, ehe sich noch die Person ihrer bewut wird, in deren Brust diese
Empfindungen spter erwachen. Von diesem wunderbaren Gefhl geleitet, wrde Frau
von Willnangen den Umgang mit dem Baron Wallburg und seiner Frau vielleicht
gnzlich vermieden haben, aber sie hielt es fr unbillig und thricht, auf eine
Ahnung zu achten, fr welche sich durchaus kein vernnftiger Grund erdenken
lie, und berdem erschien ihr der jngere Theil dieser Familie so
liebenswrdig, da sie um seinetwillen manches ihr minder Angenehme gern
bersehen mochte.
    Nicht ohne Wohlgefallen hatte sie das Aufkeimen einer Neigung Leos von
Wallburg zu ihrer Tochter bemerkt, deren Erwiederung von Augustens Seite ihr
durchaus nicht unerwnscht gekommen wre. Leo zeichnete sich in der That auf
eine vortheilhafte Weise vor andern jungen Mnnern aus. Mit einem sehr
gebildeten Geist und einem angenehmen Aeuern verband er die schtzenswerthesten
Eigenschaften des Gemths, die sich auf das Unverkennbarste bei jeder
Gelegenheit, besonders aber im Umgang mit den Seinen uerten. Und so war es
wohl sehr verzeihlich, wenn Frau von Willnangen sich bisweilen sen, allmhlig
zu Wnschen und Hoffnungen ausartenden Trumen vom knftigen Glck ihrer Tochter
berlie, besonders da der einstigen Erfllung derselben sich auch im Aeuern
nichts entgegen zu stellen schien. Dennoch htete sie sich wohl, mit Augusten
darber zu sprechen, sie lie das Herz ihrer Tochter ungestrt seinen stillen
Gang gehen; der Reue Schmerzen, die sie noch immer bei Gabrielens Anblick
empfand, lehrten sie jetzt Vorsicht ben, da es vielleicht der ganzen Zukunft
ihres geliebten einzigen Kindes galt.
    Das vom Baron Wallburg ber die Bade-Bekanntschaften ausgesprochene Urtheil
wre vielleicht von ihr unbeachtet geblieben, htte es sie nicht pltzlich an
ein Gesprch erinnert, welches sie mit dem General auf einem einsamen
Spaziergange am nehmlichen Morgen gehalten hatte. Er, der immer offen zu Werke
zu gehen gewohnt war, hatte mit einer hchst auffallenden Absichtlichkeit die
Gelegenheit gesucht, vom Baron Wallburg und dessen Gemahlin zu sprechen. Beide
wurden zwar als sehr vorzglich in jeder Hinsicht von ihm gepriesen, dabei aber
zu wiederholten Malen und fast warnend des Ahnenstolzes erwhnt, der in ihrem
Vaterland berall mehr als in irgend einem andern Theile Deutschlands
vorherrsche. Auch dieses sonst so liberal gesinnte Paar sollte, nach des
Generals Versicherung, in dieser Hinsicht mit unberwindlichen Vorurtheilen
erfllt seyn; nur feine Sitte verhindre es, diese auch im gewhnlichen Leben
laut werden zu lassen.
    Die Dazwischenkunft des Barons selbst und die brigen Zerstreuungen des
Tages hatten Frau von Willnangen abgehalten, dieses Gesprch mit dem Ernst zu
wrdigen, zu welchem es augenscheinlich des Generals Absicht war, sie zu
stimmen. Jetzt aber stand jedes Wort desselben pltzlich wieder vor ihrem Geist,
und dabei fiel der Gedanke ihr mit Zentnerschwere auf das Herz, da Augustens
Stammbaum wirklich nicht von der Art sey, um vor strengen Richtern als gltig zu
bestehen. Ihr Vater war der Sohn eines sehr angesehenen aber brgerlichen
Hauses, seinen spter erworbnen Adel verdankte er nur seinen Verdiensten und dem
Range, den er bekleidete. Die lange Reihe von Ahnen, welche Frau v. Willnangen
als eine geborne Rosenberg zhlte, vermochte es leider nicht, die ihm fehlenden
zu ersetzen.
    Frau von Willnangen fhlte sich bei ihrer Zuhausekunft von diesen Gedanken
so verstimmt, da sie es ausschlug, noch, wie sonst gewhnlich, ein paar Stunden
bei der Gesellschaft zu bleiben, und sich vielmehr mit den Ihrigen in ihr Zimmer
zurckzog. Diese Verstimmung theilte sich auch den Uebrigen mit, alle
vereinzelten sich, und der Abend nach diesem so frhlich begonnenen Nachmittag,
der eine allgemeine Geselligkeit einzufhren bestimmt schien, war der erste, an
dem jedermann sich bestmglichst zu isoliren strebte.

Ein wunderschner, wenn gleich schwler Morgen folgte diesem Abend. Die ganze,
durch das Hinzutreten mehrerer entfernteren Bekannten sehr vergrerte
Gesellschaft beschlo deshalb, einen lngst entworfnen Plan auszufhren. Das
Frhstck sollte auf dem hchsten der ber dem schnen Thal thronenden Berge
eingenommen werden, neben den drei Kreuzen, die dessen Gipfel bezeichnen. Auch
Frau von Willnangen hatte sich mit ihrer Tochter von dem allgemeinen Vergngen
nicht ausschlieen mgen. Ernesto mit der frhlichen Luzie waren als Heerfhrer
an die Spitze der kleinen Schaar gestellt, die singend und jubelnd vom Brunnen
weg durch den blinkenden Morgenthau hinzog. Allwill hatte einen eignen
Rundgesang fr diese Wallfahrt gedichtet, der Kapellmeister erfand auf der
Stelle eine Melodie dazu, die erhhte die laute Freude, mit der alle sich auf
den Weg machten.
    Nur Adelbert und Gabriele blieben einsam zurck. Mit seinem gelhmten Fu
konnte ersterer gar nicht daran denken, eine solche Wanderung zu unternehmen,
und Gabriele durfte es auch noch nicht wagen, sich der Ermdung eines so weiten
Spazierganges auszusetzen. Nach dem Scheiden der frhlichen Gesellschaft
begleitete Adelbert Gabrielen schweigend und langsam zu Hause, aber der Morgen
war zu schn, um ihn ganz ungenossen vergehen zu lassen, und so wandten sie sich
daher bald den lieblichen Schattengngen zu, die das anmuthige Thal von allen
Seiten bekrnzen.
    Nie zuvor hatten beide Gelegenheit gehabt, so ganz allein mit einander zu
seyn. Adelbert fhlte sich zwar vom ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft an
durch die stille sanfte Schwermuth zu ihr hingezogen, die wie ein Schleier ber
Gabrielens ganzes Wesen sich verbreitete, und der milde Strahl ihres schnen
dunkeln Auges war oft wie ein erwrmendes Licht in seine wunde Brust gedrungen,
aber die reine Gte ihres Gemths und selbst ihre hohe geistige Bildung konnten
ihm dennoch nie zuvor, wie jetzt im ungestrten Gesprch mit ihr, in dieser
Klarheit sichtbar werden. Auch hatte sie sich ihm noch nie so unaussprechlich
freundlich und vertrauend gezeigt.
    Beide waren heute durch hnliche Leiden von der allgemeinen Freude
ausgeschlossen geblieben, und Gabriele fhlte sich dadurch Adelberten
gewissermaaen schwesterlich verwandt. Sie neigte sich deshalb zu ihm und sprach
mit ihm, wie eine liebende Schwester mit ihrem kranken leidenden Bruder sprechen
knnte. Ein wahrhaft und tief verwundetes Gemth erkennt das andre ohne Worte,
daher wute Gabriele recht wohl, da Adelbert freundlicher Theilnahme weit
bedrftiger sey, als es selbst seine im Aeuern zerstrte Jugendblthe vermuthen
lie, und da vielleicht nur diese ihn von vlligem Untergang in Tiefsinn und
Schwermuth erretten knne. Sie wandte sich deshalb unendlich mitleidig zu ihm;
alles was sie sagte und that, drckte das Bestreben aus, ihm trstlich zu
werden. Ihre ohnehin sanfte melodische Stimme klang wie das Flten einer
Nachtigall, denn sie suchte sie noch mehr zu mildern, indem sie zu ihm sprach,
und Adelberten ging dabei in lange nicht empfundner Seligkeit das Herz auf.
    So in ernstes und vertrauliches Gesprch verloren, wanderten beide langsam
neben einander hin, lnger und weiter, als sie selbst es bemerkten. An sich
unbedeutende Anhhen, die Adelberten aber noch gestern unbersteiglich
geschienen hatten, ging er jetzt, seiner Krcke nicht gedenkend, an Gabrielens
Seite hinauf und hinab, ohne es zu gewahren. An den Stellen, welche ihr am
schwierigsten dnkten, bot sie ihm hlfreich die kleine weie Hand, und indem er
sie berhrte, war ihm, als ob unsichtbare Engel ihn mit ihren Flgeln
untersttzten. Zwar dachte Gabriele nicht ohne Sorge an den Rckweg, indem sie
neben ihm herging, aber sie vermochte es nicht ber sich zu gewinnen, ihn aus
dem augenblicklichen Vergessen seines traurigen Zustandes zu erwecken, und
verschwieg daher ihre Besorgnisse.
    Endlich erreichten sie den kleinen Tempel, welcher den Namen des Lords
Finlater, des Verschnerers dieser Gegend, trgt, und mit ihm die beinahe
uerste Grnze der eigentlichen Promenaden. Bei ihrer, ihnen jetzt erst recht
fhlbar werdenden Ermdung und der ungewhnlichen Schwle des Tages war ihnen
dieser Ruhepunkt hchst willkommen. Sie setzten sich traulich neben einander und
fuhren in dem Gesprche fort, dessen Interesse sie so unvermerkt bis zu diesem,
von ihrer Wohnung ziemlich weit abgelegnen Platz hingefhrt hatte.
    Die Unterhaltung war zuerst von der Poesie und dem verschiednen Werth der
neuesten Erzeugnisse unsrer Dichter ausgegangen, unmerklich aber hatte sie sich
der Liebe und ihren Leiden und Freuden zugewendet. Gabrielens beredtes Auge
hatte Adelberten lngst eine unglckliche Liebe als das stille Geheimni ihres
Herzens verrathen, obgleich sie auch nicht auf die leiseste Art darauf
hindeutete. Er strebte daher mit der zartesten Schonung, alles zu vermeiden, was
ihm das Ansehen geben konnte, als suche er ihr Vertrauen zu erschleichen, oder
wolle die nhern Umstnde eines Geschicks ersphen, das er nicht umhin konnte,
sich dem eigenen hnlich zu denken. Der Anblick des unaussprechlich anmuthigen
und doch so tief verletzten Wesens an seiner Seite stimmte ihn dabei immer
wehmthiger, indem er doch zugleich ber seine eignen Schmerzen fr den
Augenblick sich beruhigter fhlte.
    Nur eines kann ich mir denken, wogegen kein Trost zu finden wre, sprach
Gabriele im Verlauf des Gesprchs zu Adelbert. Trennung, Tod des Geliebten,
sind zwar ein unnennbares Weh, das schwache Herz mchte darber brechen, wenn
nicht die Liebe selbst und der schne Hoffnungsstrahl von jenseits es hielten,
aber dieser Schmerz reicht doch nicht an jenen, alle Hoffnung, sogar jeden
Wunsch nach Trost vernichtenden, fr dessen Mglichkeit ich zurckbebe. - Er
heit Unwerth des Geliebten, Verachten dessen, was wir dennoch lieben mssen. -
Nein, die menschliche Natur kann die Entsetzliche nicht ertragen!
    Todtenblsse berzog bei diesen Worten Adelberts Gesicht, das er im nchsten
Moment, krampfhaft zitternd, mit beiden Hnden verhllte. Und doch, mein
Frulein! und doch, stammelte er fast unhrbar. Sie haben in zwei Worten die
traurige Bestimmung meines Daseyns ausgesprochen. Lieben und Verachten! Die
menschliche Natur ertrgt es wohl, Sie sehen, ich lebe noch.
    Gabriele htte vor Reue darber vergehen mgen, da sie ihn, den sie
beruhigen und trsten zu wollen sich bewut war, so unvorsichtig verletzt hatte.
Sie fand und suchte kein Wort zu ihrer Entschuldigung, aber Adelbert hob den
getrbten Blick zu ihr auf und las in ihrem schimmernden Auge innigere
Theilnahme, schmerzlichere Reue, als sie mit aller Beredtsamkeit ihm htte
ausdrcken knnen. Sein Herz ffnete sich zum erstenmal wieder nach langer Zeit
im Ergusse des reinsten Vertrauens; auch sie fand allmhlig herzliche
beschwichtigende Worte fr ihn, und bald vernahm sie die Geschichte seiner
glcklich verlebten frheren Zeit und die Ursache des jetzt ihn zerstrenden
Kummers, die er mit der, allen Unglcklichen eignen Umstndlichkeit ihr
vertrauend mittheilte.

Frh verwaiset, wuchs Adelbert im Schlosse seines edlen Oheims auf, der das
hoffnungsvolle Kind mit wahrhaft vterlicher Liebe erzog. Zwei Knaben und ein
jngeres Mdchen, Herminie genannt, theilten mit ihm die Stunden des Unterrichts
wie die der Erholung. Sie waren die Kinder einer benachbarten Familie, welche
durch enge Bande der Freundschaft mit seinem Oheim von jeher vereinigt, fast
immer in seiner Nhe lebte. Adelberts Auge strahlte noch einmal im Wiederschein
der untergegangnen Sonne seines Frhlingslebens, als er jetzt erwhnte, wie
schon in frher Jugend die innigste Liebe zu Herminien ihn zu allem Guten
entstammte, wie er stets sich auszuzeichnen strebte, um ihr zu gefallen, und wie
auch sie mit unverkennbarer Zrtlichkeit an ihm hing. Sein Oheim und Herminiens
Eltern blickten lchelnd auf die frhe Liebe ihrer Kinder, und bauten darauf
goldne Plne fr ihre Zukunft. O wre ich damals gestorben! rief Adelbert mit
schimmernden Augen, damals in der Morgenrthe des Lebens, die den herrlichsten
aller Tage schien verknden zu wollen, der jetzt mir untergegangen ist in Nacht
und Graus.
    Die Kinder wuchsen zum Jnglingsalter heran; mit diesem erschienen Jahre der
Trennung, aber diese sollte ja den Zeitpunkt ewiger Vereinigung herbeifhren.
Adelbert fhlte die Nothwendigkeit, sich erst fr das Leben zu rsten, sich
Eigenschaften zu erwerben, die ihn einst berechtigen knnten, nach dem Preise zu
streben, der in rosiger Glorie vor ihm stand. Auch lockte ihn, den in der
Einsamkeit erzognen Jngling, die ferne bunte Welt mit alle dem magischen Reiz,
durch welchen sie jeden Unerfahrnen blendet, und so bestieg er, ziemlich gefat,
den Reisewagen, der ihn nach einer entfernten Universitt fhren sollte, whrend
Herminie in wildem Schmerz zu vergehen glaubte. Ein Briefwechsel mit dem
Geliebten, zu welchem Eltern und Oheim, nach der feierlichen Verlobung des
jungen Paars, ihre Einwilligung gegeben hatten, blieb ihr einziger Trost.
    So vergingen drei Jahre. Adelbert verlebte sie unter Arbeit, Sehnsucht und
Hoffnung. Herminiens Andenken hielt ihn hoch ber den Strudel wster
Verwilderung, in welchem viele seiner jugendlichen Genossen neben ihm versanken.
Herminiens Briefe zu beantworten, sein ganzes Herz ihr offen darzulegen, war die
hchste Wonne seines Lebens. Er fhlte ganz den hohen Zauber, mit der diese Art,
uns das Geliebte zu vergegenwrtigen, zuweilen sogar das Glck der wirklichen
Gegenwart besiegt. Auge in Auge, macht die Lippen verstummen, aber in der
einsamen Beschftigung mit einem geliebten Wesen reihen sich die Worte zum
Ausdruck unsrer innigsten Gefhle von selbst an einander, und wir vermgen zu
schreiben, was wir nimmermehr sagen knnten.
    Dennoch nannte Herminie Adelberts Briefe oft kalt und liebeleer, und
obgleich sie von allem, was ihn nur auf die entfernteste Weise berhrte,
unterrichtet zu werden verlangte, so konnte sie doch auch oft darber zrnen,
da er fhig wre, irgend etwas anders zu erwhnen als seine Liebe. Du kannst
Mannigfaltigkeit in deine Briefe bringen, schrieb sie ihm, du bist ein Mann,
du lebst in der Welt. Ich Einsame lebe nur in dir, ich kann nichts denken als
dich, darum vergieb, wenn ich langweilig dir nur von dir schreibe; du bist ja
meine Welt, von der ich jetzt nur trumen darf.
    Endlich war der Zeitpunkt ganz nahe, in welchem Adelbert zu seinem Oheim
zurckkehren sollte, um wenige Wochen spter mit Herminien auf ewig vereint zu
werden. Mit kaum zu migender Ungeduld sah er dem unfernen Tage seiner Abreise
von der Universitt entgegen, als ganz unerwartet ein vom General abgesandter
Eilbote erschien, mit dem Auftrage, ihn zur mglichsten Beschleunigung seiner
Rckkehr in die Heimath zu mahnen. Dieser an sich hchst willkommne Befehl
seines Oheims berraschte dennoch Adelberten, besonders da der in hchster Eil
abgesandte Bote ihn durchaus nichts nheres darber zu sagen wute. Adelbert
eilte rastlos Tag und Nacht, bis er das Schlo seines Oheims erreichte. Dort
fand er den edlen Greis gerstet, um in den Kampf gegen die Feinde zu ziehen,
deren Horden damals aufs neue unser Vaterland zerstrend zu berschwemmen
drohten. Ob Adelbert ihn auf diesem Zuge begleiten wrde, blieb nicht die Frage
eines einzigen Augenblicks; der General hatte schon alles dazu vorbereitet, der
nchste Morgen war zur Abreise bestimmt, und beiden Liebenden blieb nur dieser
einzige Abend zum Wiedersehn und zum Scheiden.
    Schweigend betrachteten sie einander in der Stunde des Wiedersehns. Mit
sem Errthen schlug Herminie die langen seidnen Augenwimpern nieder vor den
liebeglhenden Blicken des hoch und schn vor ihr stehenden, zum Mann
heranblhenden Jnglings, whrend dieser, verloren in Entzcken, den
unbegreiflichen Zauber anstaunte, welchen drei kurze Jahre hier gebt hatten.
Die Stunde der Trennung schlug unter den heiligsten Schwren ewiger Liebe in
Noth und Tod. Bewutlos sank Herminie aus Adelberts Armen in die ihrer Mutter,
whrend er die glnzenden Augen seitwrts wendete, indem er sein Ro bestieg,
damit keiner der alten Krieger, die mit ihm und seinem Oheim auszogen, die still
ber seine Wange hinrollende Thrne gewahren mge.
    Von neuem begann der Briefwechsel der Liebenden. Herminie lebte nur mit der
Feder in der Hand, Adelbert verwandte fr sie jede freie Minute, bis die immer
steigenden Unruhen des Krieges alle Mglichkeit einer freien Mittheilung
vernichteten. Unglck hufte sich auf Unglck, Jammer auf Jammer.
    Nach der Schlacht bei E..... blieb Adelbert unter den Todten liegen, und
ward nur durch ein halbes Wunder vom lebendig Begrabenwerden gerettet. Als
Kriegsgefangner wurde er in ein Hospital gebracht. Seine Jugendkraft lie ihn
die Behandlung der franzsischen Wundrzte berleben. Nach abgeschlonem Frieden
erschien sein Oheim selbst, ihn abzuholen. Traurig wandten sich beide der
Heimath zu, aber die Hoffnung, Herminien dort zu finden, glnzte wie ein heller
Stern dem alten wie dem jungen Krieger durch die dunkle Nacht der Trauer, die
jede andre Hoffnung ihnen verhllte. Herminiens sanfte Hand wird unsre Wunden
heilen, sie wird knftig dich fhren, dich sttzen, armer Adelbert, sprach der
General, wenn er den Gelhmten sich mhsam an Krcken forthelfen sah. Jetzt in
einer Stunde sehen wir sie wieder, sprach er endlich.
    Aber sie fanden sie nicht. Ihr Schlo war de und leer, ihre Eltern waren
mit ihr, aus Furcht vor den auf dem flachen Lande sich immer weiter
verbreitenden Unruhen des Krieges, in eine ziemlich entfernte Residenz gezogen,
man wute nicht, ob und wenn sie wiederkehren wrden.
    Nach wenigen, der nothwendigen Erholung vergnnten Stunden, saen Adelbert
und der General wieder im Wagen auf dem Wege zu ihr. Kein Zweifel an Herminiens
Treue kam in ihnen auf. Adelbert dachte nur ihre Freude, ihn lebend wieder zu
sehen. Da der Arm, den er noch in der Binde trug, der gelhmte Fu, das bleiche
Gesicht, die nach der langen Krankheit nur sprlich es umwehenden Locken
Herminien von ihm zurckscheuchen knnten, fiel ihm nicht ein. Sie wird dich um
so mehr lieben, jemehr du ihrer Hlfe bedarfst, sprach der General, denn die
Weiber sind alle Engel des Trostes in Menschengestalt, sie sind am
glcklichsten, wenn sie etwas zu pflegen und zu heilen haben.
    Sie kamen an. Wie wenig glich dieses Wiedersehen dem vorigen! Herminie
erbebte, sichtbar erschrocken ber Adelberts Anblick; sie wollte sich
berwinden, man sah deutlich, wie sie sich deshalb Gewalt anthat, aber sie
vermochte es doch nicht, den Entstellten anders als mit heien Thrnen, mit
bittern Klagen ber dieses Geschick zu empfangen, und keine Sylbe verrieth ein
frohes Gefhl ber sein wunderbar gerettetes Leben. Auch Adelbert fand Herminien
verndert. Zwar stand sie im sorgsam gewhlten schimmernden Putz fast reizender
noch vor ihm, als da er sie verlie, aber ihre Erscheinung hatte etwas
fremdartiges, etwas theatralisches angenommen, wovon bei dem einfachen
Landmdchen sonst keine Spur zu finden gewesen war, und Tanzmeister-Knste
suchten die Stelle der natrlichen, alle Herzen gewinnenden Anmuth zu ersetzen,
welche ehedem jede ihrer Bewegungen begleitet hatte.
    Adelbert ward tief betrbt ber diese, in so kurzer Zeit aus dem Gerusch
des Stadtlebens hervorgegangnen Verwandlung der Vielgeliebten, aber er blieb
doch noch immer ihr eigen, und trstete sich mit schnen Hoffnungen von der
Zukunft. Gewi sie kehrt zurck, gewi sie wird wieder, was sie war, wenn wir
erst dem Gewhl glcklich entgangen sind, welches jetzt durch seine Neuheit sie
betubt. Mit diesen Worten suchte er oft sich und seinen Oheim zufrieden zu
sprechen. Pltzlich aber zerstrte Herminiens Mutter jede Hoffnung, indem sie
mit der Erklrung hervortrat, da ihre Pflicht ihr nicht erlaube, die junge
schne Herminie fr ihre ganze Lebenszeit zur Krankenwrterin auf einem Dorfe zu
verurtheilen, da Herminie selbst ihre Kraft einem solchen Opfer nicht gewachsen
fhle, und da sie deshalb sich gezwungen she, das frher unter gnstigern
Aussichten gegebne Versprechen zurckzunehmen. Adelbert verlor bei dieser
Erklrung alle Besinnung, aber der General bestand darauf, sie von Herminien
selbst bekrftigen zu hren, und als die, obgleich unter Thrnenstrmen und mit
vielen schnen Worten, dennoch wirklich geschah, da blieb dem edlen Greise
nichts weiter brig, als seinen unglcklichen Adelbert an seine vterliche Brust
zu nehmen und mit ihm hinaus zu fahren in die Welt. Wenige Wochen darauf kam die
Nachricht, da Herminie einem der Angesehensten aus Napoleons Gefolge ihre Hand
gegeben habe, und sich mit ihm auf dem Wege nach Paris befinde.

Nicht in so zusammengedrngter Krze, sondern in wechselndem Gesprch, belebt
durch mehrere Nebenumstnde, die hier wegbleiben muten, hatte Adelbert die
Geschichte seiner Leiden Gabrielen anvertraut. Vertieft in klagender und
trstender Rede und Gegenrede, mochten beide wohl lange neben einander gesessen
haben, ohne den Blick ins Freie zu wenden, als ein heftiger Donnerschlag sie
pltzlich aufschreckte. Ein schweres Gewitter war mit der in Gebirgen nicht
ungewhnlichen Schnelle, von ihnen unbemerkt, heraufgezogen, und entlud sich
jetzt gerade ber ihren Huptern in schmetternden Donnerschlgen, in unzhligen,
einander durchkreuzenden, gelben, zischenden Blitzen. Heulender Sturm
durchtosete die Wipfel der Bume, laut krachte der Fall einzelner Tannen durch
den Wiederhall des Donners, bis endlich, gleich einem Wolkenbruch, mit wildem
Brausen herabstrmender Regen den allgemeinen lauten Aufruhr der Natur allmhlig
beschwichtigte.
    Und unsre Freunde oben auf dem Gipfel des unwirthbaren Berges, ohne alles
Obdach, dem Zorn der Elemente ausgesetzt! rief klagend Gabriele. Gewi sind
sie lngst im Schutz einer Bauerhtte am Fue des Berges, erwiederte trstend
Adelbert, das Gewitter konnte sie auf der Hhe, auf welcher sie sich befanden,
nicht so hinterrcks berschleichen als uns. In der That, setzte er nach einem
Blick auf seine Uhr etwas verlegen hinzu - in der That, obgleich ich die
Mglichkeit davon nicht begreife, aber ich mu glauben, da alle lngst zu Hause
angelangt sind und nun um uns in der grten Sorge schweben, denn die
Mittagsstunde ist eigentlich schon lange vorber. Die engelgleiche Gte, mit der
Sie, mein Frulein! einem Unglcklichen den Trost freundlicher Theilnahme
gewhrten, hat uns die Stunde vergessen lassen. Wir sind viel lnger hier
geblieben, als wir es dachten oder eigentlich sollten.
    Gabriele blickte ngstlich hinaus ins Freie, der Regen strmte zwar minder
heftig, aber um so eindringender, Wege und Fupfade glichen rieselnden Bchen.
Sie sprach kein Wort, aber Adelbert bemerkte nur zu deutlich, wie der Gedanke an
Frau von Willnangen und Augusten sie mit banger Sorge erfllte. Was fangen wir
nun an? seufzte sie endlich mit einem Blick auf ihre seidnen Schuhe. Der Arzt
hat mich besonders vor aller Erkltung gewarnt. Ach! wie frhlich, wie leicht,
liebes Frulein! htte ich Sie ehemals auf meinen Armen hinunter getragen! rief
Adelbert, und blickte traurig und finster auf seine Krcke. Jetzt, ich mu es
Ihnen leider gestehen, jetzt knnte ich Sie auf diesen schlpfrig gewordnen
Pfaden, ohne eine festere Sttze als diese, nicht einmal hinunter begleiten,
selbst wenn der Regen nachliee. Htte ich es ahnen knnen, da ich noch heute
die erste Stunde des Trostes, seit ich alles verlor, so bitter bereuen wrde!
Aber so will es das jammervolle Loos, das mir zu Theil ward, setzte er im
finstersten Unmuth hinzu.
    Briccone maledetto! Verwnschter Taschenspieler! Damn'd Juggler! erscholl
es in diesem Augenblick dicht neben ihnen, und eine wunderliche ganz durchnte
Gestalt schlpfte in den Tempel hinein, ohne die schon Anwesenden sogleich zu
bemerken, warf dann einen ungewhnlich dicken keulenartigen Stock von sich und
arbeitete darauf mit Zhnen und Ngeln an dem Knoten eines Bandes, welches ein
kleines braunes Pckchen zusammen hielt. Dabei schimpfte der neue Ankmmling in
einem weg und in verschiednen Sprachen, bald auf den Knoten, bald auf den Regen.
    Adelbert und Gabriele betrachteten, hchst verwundert, die sonderbare
Gestalt. Nach seinem Aeuern zu urtheilen, htte man den Fremden fr einen
Taschenspieler oder fr den Pagliasso einer herumziehenden Seiltnzerbande
halten knnen, und doch lag etwas in der Art, mit der er Adelbert und Gabrielen,
ihrer gewahr werdend, begrte, das eine feinere Bildung verrieth. Seine vom
Regen triefende Kleidung bestand aus einer kurzen Jacke und weiten wunderlichen
Pantalons von weiem buntstreifigem Leinenzeuge, in Schuhen von gelbbraunem
Leder, Kamaschen von Nanking und einem groen Strohhut mit breitem Rande und
flachem Kopf. Eigentlich war er ziemlich treu nach Ebels Vorschrift fr Reisende
in der Schweiz gekleidet, was aber hier in Bhmen und zu seiner kurzen
gedrngten Gestalt sich sehr lcherlich ausnahm, besonders da er wenigstens
funfzig Jahre alt zu seyn schien.
    Eines der gewhnlichen Gesprche, wie man sie in hnlichen Fllen zu fhren
pflegt, entspann sich jetzt zwischen Adelbert und dem Fremden, der dabei
unermdet, aber mit allen Zeichen der hchsten Ungeduld, daran arbeitete, den
Knoten zu lsen, welchen er dabei immerfort und in allen mglichen europischen
Sprachen halb laut vermaledeite.
    Merc di Dio! rief er endlich, denn der Knoten war pltzlich aufgegangen.
Mais voyez, monsieur! sehen Sie nur, ob es nicht zum Verzweifeln war, sprach
er zu Adelberten, der verwundert auf den Inhalt des Pckchens blickte; 
Vraiement c'toit fait pour enrager. Gestern lasse ich mir von einem
herumreisenden Physiker im Alexandersbad lehren einen Knoten zu schlingen, der
fester als alle Schlsser ist, weil er nur der Hand des mit dem Geheimni
Bekannten weicht, ich knpfe meinen Regenmantel, my Patent cloak, den ich immer
mit mir trage, auf diese Weise zu, und jetzt, da mich der Platzregen berrascht,
habe ich Unglckseliger die Lsung des Knotens vergessen. Ich habe einen Mantel
in der Hand, mit dem ich unter dem Staubbach hingehen knnte, ohne da mir ein
Tropfen Wassers an die Haut kme, und mu mich durchregnen lassen. No it is too
bad, too bad; es ist zu toll.
    Whrend der Zeit zog er den Regenmantel von dnnem durchsichtigem
Wachstaffet an, setzte eine gleiche von allen Seiten herabhngende Kapuze auf
den Kopf, und sah in dieser Vermummung noch viel abentheuerlicher aus als zuvor,
fast wie ein in Bernstein inkrustirter Kfer. Knnte ich mich nur auf das
Geheimni des heillosen Knotens wieder besinnen, murmelte der Fremde vor sich
hin, ich mu es doch zufllig getroffen haben, weil er aufsprang. Dabei
arbeitete er wieder aufs emsigste und mit groer Anstrengung an dem dicken
Stock, den er beim Eintritt weggeworfen, hernach aber wieder hervorgesucht
hatte, bis es ihm gelang, ihn auseinander zu schrauben und in mehrere Stcke zu
zerlegen. Oserois-je Madame, Ihnen diesen Patent Umbrello zum Heimgehen
anzubieten? sprach er zu Gabrielen, indem er ihr einen sehr zerbrechlichen
Regenschirm, ebenfalls mit Wachstaffet berzogen, darreichte, den er aus einem
Theil seines Stocks zusammengesetzt hatte. Avouez, que c'est l' invention la
plus belle, la plus commode, enfin es giebt nichts bequemers, sprach er weiter,
indem er aus vier dnnen Messingstbchen und einem Stckchen Leinen eine Art von
kleinem Feldstuhl zusammenfgte und Gabrielen nthigte, sich darauf zu setzen.
Sehen Sie, sprach er mit sehr groer Selbstzufriedenheit, so trage ich in
diesem Stock gleichsam ein kleines Haus mit mir, das mir selbst auf den hchsten
Bergen Schutz gegen die Witterung und einen bequemen Ruhesitz gewhrt. Das
Futteral, welches Schirm und Sessel beherbergt, dient mir obendrein nicht nur
zum Wanderstab, sondern auch zum Fernrohr, wenn ich die dazu gehrigen Glser
hineinschraube, und ich denke nur noch auf eine Vorrichtung, um diesen Stuhl zu
einem vollstndigen Fauteuil zu vervollkommnen.
    Der Regen hrte endlich auf und der wunderliche Fremde erbot sich auf die
gutmthigste Weise, Adelberten auf dem Wege nach Karlsbad zum Fhrer zu dienen.
Dabei bedauerte er nur, da diesem nicht das gelhmte Bein bis an das Knie
abgenommen sey, ohnerachtet ihm Adelbert wiederholt versicherte, da er hoffe,
nicht zeitlebens lahm zu bleiben. N' importe, sprach der Fremde, ich knnte
Ihnen ein ganz vortreffliches hlzernes Bein verschaffen, Sie sollten damit
gehen, reiten, sogar tanzen knnen, il n' y a rien de plus beau et de plus
commode au monde, indessen kommen Sie nur, ich will Sie gewi nicht fallen
lassen. Adelbert dankte ihm lchelnd, und uerte zugleich die Besorgni, da
seine Begleiterin in ihren seidnen Schuhen wohl schwerlich wrde den Weg zu Fu
machen knnen. Ah Cospetto di bacco! rief der Fremde, warum habe ich nicht
ein einzigs Paar der Pattens der Dutchess of Devonshire bei mir! Auf diesen
zierlichen Kothurnen knnte das Frulein gerade durch einen Bach gehen, ohne na
zu werden; sie sind die allervortrefflichste Erfindung - Ich erkenne hchst
dankbar Ihre Gte, mit der Sie wnschen mir helfen zu knnen, unterbrach ihn
Gabriele. Da es indessen auf diese Weise nicht mglich ist, so wage ich es, Sie
zu bitten, die Meinigen bald mglichst zu beruhigen, die gewi um mich in der
grten Besorgni sind. Haben Sie die Geflligkeit, Frau von Willnangen im
steinernen Hause auf der Wiese aufzusuchen, und ihr zu sagen, da Gabriele von
Aarheim -
    Aarheim? Sie sind ein Frulein von Aarheim? Aarheim? von Schlo Aarheim?
rief im grten Entzcken der Fremde, mais permettez que je vous embrasse, mon
aimable petite Cousine, ich bin Ihr Vetter, Ihr nchster Verwandter, Moritz von
Aarheim, Ihr Vater und ich sind Cousins  la mode de Bretagne. Ihr Aelter-Vater
war der Bruder meines Grovaters. Haben Sie denn nie von mir sprechen gehrt?
    Mein Vater lebt so fern von der Welt, stotterte Gabriele etwas
erschrocken. Es ist wahr, das thut er, erwiederte Moritz von Aarheim, ich
habe ihm einmal vor vielen langen Jahren geschrieben, er hat mich aber keiner
Antwort gewrdigt. Mais je ne lui porte pas rancune, seine Tochter ist die Krone
unsers alten Geschlechts, and I forgive him. Ich will ihn besuchen, den alten
Herrn, ich habe mich schon nach ihm erkundigt, ich hre, er beschftigt sich mit
alchymistischen Untersuchungen der Frbestoffe. Ich habe die gttlichsten
Vorschriften zum Frben aus England mitgebracht, auch aus der Trkei habe ich
deren mir zu verschaffen gewut, er soll sie alle haben, er hat zwar auf meinen
Brief nicht geantwortet, but I do not care for it, er soll sie doch haben.
    So schwatzte Moritz von Aarheim noch lange fort, und legte dabei seine
Freude ber Gabrielen in fast allen lebendigen Sprachen an den Tag, bis ihm
pltzlich der Nachtheil einfiel, der aus diesem langen Verweilen in der feuchten
Luft fr Gabrielens Gesundheit entstehen konnte. So schnell als mglich eilte er
nun fort, auch whrte es nicht lange, bis der General Lichtenfels und Ernesto
mit einer Snfte fr Gabrielen im Tempel anlangten, um das dorthin vom Sturm
verschlagne Paar heim zu geleiten.

Gabriele fand bei ihrer Nachhausekunft den neuen Vetter so eingewohnt, als wre
er Zeit seines Lebens der vertrauteste Freund der Frau von Willnangen gewesen.
Alle Tische und Sthle in ihrem Zimmer waren mit kleinen Modellen und
Zeichnungen von neuen Erfindungen belastet, deren Erklrung und Nutzen er dem
ltern Herrn von Wallburg auf das eifrigste zu demonstriren suchte. Die Damen
und Leo hielten sich dabei in einiger Entfernung, um nicht an dem Streite Theil
zu nehmen, der sich zwischen jenen beiden schon entsponnen hatte, denn Herr von
Wallburg war der abgesagteste Feind aller Neuerungen. Gabrielens Erscheinung
machte indessen dem Zwist ein Ende. Moritz von Aarheim lie alles im Stich, um
seiner neugefundenen Kusine unter einem halben Dutzend Flschchen mit
Prservativen gegen Erkltung die Auswahl anzubieten, und suchte auf alle Weise
sie zu bewegen, wenigstens aus einem derselben ein paar Tropfen zu nehmen. Sein
zudringliches Bitten hatte zwar etwas ungemein Lstiges, so wie im Grunde auch
sein ganzes briges Betragen, aber es lag auch wieder etwas so ausgezeichnet
Gutmthiges selbst in dieser Zudringlichkeit, da es Gabrielen wirklich schwer
ward, ihm seinen Wunsch nicht zu gewhren.
    Mehr aber als alles brige war ihr der vertrauliche Ton unangenehm, zu
welchem er als ein naher Verwandter gegen sie berechtigt zu seyn glaubte, und es
ward ihr beinah unmglich, sich daran zu gewhnen, noch unmglicher, ihn zu
erwiedern. Nie zuvor war es ihr eingefallen, da sie, auer der Grfin Rosenberg
und Aurelien, noch Blutsverwandte in der Welt haben knne, nie hatte sie solche
nennen hren, und nun kam gerade eine der lcherlichsten Erscheinungen und
wollte Familienverbindungen geltend machen, welche sie kaum im Stande war zu
begreifen.
    Den durchnten Schweizeranzug hatte Herr von Aarheim zwar abgelegt, und
alles, was er jetzt trug, war wirklich so neu und elegant als mglich, aber er
sah deshalb nicht minder abenteuerlich aus. Seine Kleidung war wie seine
Sprache, allen Nationen abgeborgt; kein Stck seines Anzugs pate zu den
brigen, alle aber verdankten der aller neuesten und dabei barocksten Erfindung
ihren Ursprung. Auch seine Bewegungen hatten etwas unsttes, das mit seinen
grauen Haaren und seiner ganzen Gestalt auf eine widerliche Weise kontrastirte.
Uebrigens waren die Zge seines Gesichts nicht unangenehm und wurden zuweilen
durch einen gewissen Ausdruck von treuherzigem Wohlwollen sogar recht leidlich.
Da er im Gesprch immer von einem Gegenstand zu dem andern berging, ohne sich
und andern zum gehrigen Auffassen eines einzigen Zeit zu lassen, so war sein
Umgang hchst ermdend, und der ganze Kreis wre seiner gewi sehr berdrssig
geworden, wenn er lngere Zeit in Karlsbad verweilt htte. Aber er eilte schon
am dritten Tage zum kunstliebenden Scharfrichter nach Eger, den er durchaus
sprechen zu mssen behauptete, obgleich er sich augenscheinlich hchst ungern so
schnell von Gabrielen trennen mochte. Er verlie sie mit der Erklrung, da er
sie auf Schlo Aarheim wieder zu sehen gedenke, und wollte sich durchaus nicht
daran kehren, da ihr Vater keinen Besuch annhme. Er war auf jeden Fall
berzeugt, da er ihm mit den englischen und trkischen Farbengeheimnissen
willkommen wre, wenn jener auch ihre nahe Verwandtschaft bei der Annahme seines
Besuchs nicht in Betracht ziehen wollte. Uebrigens hielt ihn ein innres
Zartgefhl ab, Gabrielen zu gestehen, da er des Freiherrn nchster Agnat und
der knftige Besitzer von Schlo Aarheim sey, der als solcher doch einigermaaen
sich berechtigt glauben konnte, bei seinem Verwandten, den er nie beleidigt
hatte, vorgelassen zu werden.

Ganz nahe den die Gesellschafts-Sle von Karlsbad umgebenden Alleen steht eine
der Madonna geweihte kleine Kapelle zwischen hohen Bumen und dichtem Gebsch.
Die Mdchen und Frauen der Umgegend schmcken das in ihr wohnende freundliche
Muttergottesbild mit dem Schnsten, was sie nur aufzubringen wissen. Nie mangelt
es ihm an strahlenden Flittern, an schnen Bndern und Perlen. Frische
Blumenstrue duften jeden Morgen auf dem kleinen Altar, so lange die Jahreszeit
die vergnnt, und an jedem Abend werden helle Kerzen vor dem Bilde angezndet,
von denen oft ein funkelnder Strahl durch das dichte Laub bis mitten in die
frhlichen Kreise der vornehmen Welt den Weg findet, und auch da manches stille
fromme Herz mit heiliger Sehnsucht erfllt. Sobald der Abend hereinbricht,
bevlkert sich der kleine Betstuhl vor dem Bilde mit Andchtigen; grtentheils
sind es Weiber und Mdchen aus den umliegenden Drfern, die von der Arbeit
kommen und zuvor an dieser heiligen Sttte ihr Abendgebet verrichten, ehe sie
heimkehren.
    Auch Gabriele weilte oft und gern bei der kleinen Kapelle. Wenn frhere
Schmerzen sich wieder regten, wenn Ergebung, Hoffnung und die schwer errungne
Ruhe des Gemths im Gerusch ihr fremder werden wollten, dann flchtete sie sich
hierher und kehrte nach kurzem Verweilen immer mit einer Brust voll Frieden zu
ihren Umgebungen zurck. Die unerwartete Ankunft ihres Vetters, die unruhige
Bewegung, in welche alles um sie her whrend der Zeit seines Dableibens gerieth,
und nun zuletzt noch sein sehr tumultuarischer Abschied und seine Abreise
machten ihr am Abende nach letzterer eine einsame Stunde hchst wnschenswerth.
Ohnehin waren diemal die Stunden nach Sonnenuntergang zu der jngsthin
verabredeten allgemeinen Versammlung in einem der Sle bestimmt, und Gabriele
wute wohl, da sie alle ihre Freunde beunruhigen und betrben wrde, wenn sie
nicht dabei erschien. Daher flchtete sie sich eben, als die Sonne hinter die
Felsen zu sinken begann, zu dem Ort, an welchem sie schon oft Trost und
Beruhigung fand, um sich fr das Gerusch der nchsten Stunden in ruhiger Stille
zu erholen, zu strken und zu sammeln. Sie traf nur eine einzige, auf ihren
Knien in tiefer Andacht hingesunkene Beterin in der Kapelle, und schlich sich
leise an die andre ure Ecke des Betstuhls, um durch ihre Gegenwart so wenig
als mglich strend zu werden.
    Lange hatte sie sich nicht so durchaus beklommen, so recht innerlich betrbt
gefhlt als heute. Durch Adelberts Erzhlung seines unwrdigen trben Geschicks
war nicht nur ihr wrmstes Mitgefhl in Anspruch genommen worden, es hatte
solche auch alle ihre eignen Schmerzen und Sorgen wieder angeregt. Ottokars Bild
stand seitdem lebendiger als je wieder vor ihrem Geist, begleitet von einer
dstern bangen Ahnung, die ihr weder Rast noch Ruhe lie, und sie um so mehr
bengstigte, je undeutlicher und verworrner die Vorstellungen waren, durch
welche ihr aufgeregtes Gemth sich mit Grausen erfllte.
    In der Kapelle ward ihr indessen bald ruhiger zu Muthe. Die Stille des Orts,
die Abendsonne, welche zwischen dem hohen Gezweige der ihn umgebenden Bume
hindurch ihre goldnen Lichter auf das Marienbild streute, stimmten sie zu ser
seliger Wehmuth. Bald erleichterten Thrnen ihr gepretes Herz, sie weinte recht
herzlich, ohne doch eigentlich zu wissen, wem ihre Thrnen flossen; aber sie
fhlte, da sie ihr unendlich wohl thaten.
    Gelobt sey Jesus Christus! Mit dieser in Karlsbad gewhnlichen Begrung
hrte sie sich pltzlich von der Frau angeredet, die vorhin in der Kapelle
gebetet hatte und jetzt dicht neben ihr stand. In Ewigkeit! erwiederte
Gabriele und stand auf, um sie an sich vorbei gehen zu lassen; aber die Frau
ging nicht, sondern begrte Gabrielen nochmals mit dem zweiten, in Karlsbad
blichen Gru: Gott schenk Euer Gnaden die Gesundheit!
    Ich danke euch, gute Frau! sprach Gabriele, und blickte etwas verwundert
auf. Ihr Auge traf in das fromme, stille, halb erloschne Auge eines uralten,
rmlich, aber hchst reinlich gekleideten Mtterchens mit schneeweien, glatt
gekmmten Haaren, das mit unaussprechlicher Freundlichkeit sie betrachtete. Ihr
habt recht andchtig gebetet, fromme alte Mutter! euch mu Gott erhren; gedenkt
auch meiner knftig in eurem Gebete! mit diesen Worten reichte Gabriele der
Alten eine Gabe.
    Das will ich, antwortete die Frau in einer diesen Gegenden fremden
Mundart, recht herzlich will ich fr Sie beten, aber nicht um ihres Geschenks
willen. Doch nehme ich es gern, Sie sind reich und gut, und ich will meinen
Urenkelchen eine Freude damit machen.
    
    Fr diese Urenkelchen habt ihr auch wohl hier gebetet? fragte Gabriele.
    Alle Tage bete ich fr sie und segne sie, war die Antwort; aber nicht
hier, hier bete ich weder fr mich noch die Meinen, nur fr Einen, den ich nicht
einmal zu nennen wei. Aber Gott kennt ihn und hat den Nahmen in sein Buch
geschrieben; Er wei, wen ich in meiner Einfalt meine, und wird mich wohl
erhren. Liebes gndiges Frulein! fuhr die Alte fort, indem sie sich neben
Gabrielen setzte, halten Sie mirs zu gut. Als ich Sie vorhin so jung, so schn,
so vornehm und so reich und doch so herzlich betrbt weinen sah, da konnte ich
nicht anders, ich mute mich zu Ihnen stellen und mit Ihnen zu reden suchen.
Glauben Sie mir nur, Gott wird seinen Engel senden, Sie zu trsten, wenn es Zeit
ist, bleiben Sie nur in der Geduld und in der Hoffnung. Hat er ihn doch auch mir
gesendet, als meine Margarethe gestorben war und ich deshalb zu meinem Sohn nach
Bhmen wandern mute. Da blieb ich in einem wild fremden Lande, von aller Welt
verlassen, in Todesnthen auf freiem Felde liegen, rings um war es Nacht und
kalt, ich konnte die Lippen nicht mehr regen und betete nur noch innerlich:
Vater unser, der du bist im Himmel, und er hrte mich doch und sandte den
Retter.
    Freudiges Schrecken durchrieselte Gabrielen bei diesen Worten; sie fragte,
die Frau antwortete, und bald fand es sich, da es so sey, wie sie es geahnt
hatte. Es war die nehmliche alte Mutter, welche Ottokar vor ungefhr Jahresfrist
vom Verschmachten gerettet hatte. Mit heien Freuden-Thrnen fiel Gabriele ihr
um den Hals.
    Er ist Ihnen wohl nahe verwandt? fragte die Frau.
    Ja wohl verwandt! nahe verwandt! erwiederte Gabriele, die nassen Augen
gen Himmel gerichtet.
    Das htte ich gleich sehen knnen, da Sie Schwester und Bruder sind, Sie
sind beide so gut und so schn. Sagen Sie Ihrem Bruder doch, wenn Sie ihn sehen,
wie seine Wohlthat mir Segen gebracht hat, ich denke, es mu ihn freuen, wenn er
es hrt. Ueberall fand ich weiterhin gute Seelen, die sich einer armen alten
Mutter annahmen, und so habe ich von seinem Gelde so viel erbrigt, da ich
meinem Aloys eine Kuh kaufen konnte. Und nun lebe ich bei ihm und meinen Enkeln
und Urenkeln dort unten im Dorfe. Aber alle Abende steige ich hier herauf,
sobald es Vesperzeit wird, im Winter und Sommer, im Regen, im Schnee, im
Sonnenschein, nichts hlt mich ab, denn ich habe ein Gelbde gethan und das will
ich halten, so lange Gott mir die Krfte verleiht. Hier bete ich immer einen
Rosenkranz fr meinen Erretter und empfehle ihn dem Schutz aller lieben
Heiligen, besonders der heiligen Jungfrau, denn so habe ich es gelobt. Lieber
Gott, denke ich, er ist zwar ein Engel an Gte, aber doch ein junger, reicher,
vornehmer Herr. Da kann es wohl geschehen, da solch ein junges Blut mitten im
Vergngen einmal das Beten vergit, und mein einfltiges Gebet kommt doch aus
treuem Herzen, das mu ihm frommen, wo er auch seyn mag.
    Wo er auch seyn mag! wo er auch seyn mag! O gute Mutter, vergi ja nie dein
Gelbde und gedenke auch meiner, wenn du fr ihn den Himmel anrufst! Mit
diesen, in hoher Bewegung ausgesprochnen Worten drckte Gabriele der Alten ihr
Taschenbuch mit Bankzetteln in die Hand und eilte mit verhlltem Gesicht ihrer
Wohnung zu.
    Jetzt war es ihr unmglich geworden, noch heute den Abendzirkel zu besuchen,
und Frau von Willnangen, der sie mit wenigen Worten das Vorgefallne mittheilte,
war auch sehr bereit, sie zu entschuldigen. Allein in ihrem Zimmer gab sie sich
ganz den Erinnerungen hin, welche der Anblick jener Frau aufs neue belebt hatte.
Jede in Ottokar's Nhe verlebte Stunde ging in ihrem Geiste vorber, vor allen
die erste, in der sie ihn sah, ohne ihn nennen zu knnen, und dann die letzte
entscheidende.
    Die Sonne war untergegangen, tiefe Dmmerung, gemildert durch das Licht des
eben aufsteigenden Mondes, erfllte das Zimmer; noch immer sa Gabriele sinnend
und im Aeuern regungslos da, obgleich sie innerlich bei jedem auch noch so
leisem Gerusch zusammenzuckte, denn ihr war als drfe sie jetzt auch ihn
erwarten, ja als msse Ottokar in der nchsten Sekunde hereintreten, so sehr
hatte die Erscheinung der Alten ihr die Vergangenheit zur Gegenwart gemacht.
Annette, die schon lange aus dem Nebenzimmer jede Bewegung ihrer jungen Herrin
beobachtet hatte, wagte es endlich, sich ihr zu nahen; mit bittender Geberde
legte sie ihr die Harfe in den Arm und kniete dann neben ihr hin.
    Gutes Kind! dein Herz sagt dir, was mir frommt, sprach Gabriele, indem sie
liebkosend ihre Locken berhrte. Dann stimmte sie die Harfe und sang ein Lied,
welches Allwill ihr einst auf ihre Veranlassung gedichtet hatte.

Sie sieht mich nicht!
Ich sehe ewig Sie,
Und wenn auch meine Augen einst erblinden,
Mein Geist wird dieses theure Bild doch finden,
Auch wenn ich dahin flieh,
Wo ausglimmt alles Licht.

Sie hrt mich nicht!
Ich hre ewig Sie!
Von sen Lippen flossen Geister-Worte,
Die mich ergriffen, leise Mollakkorde;
Der Ton erstirbt mir nie,
Wenn auch kein Laut mehr spricht.

Beklagt mich nicht,
Da ferne, ferne Sie;
Bin ich nicht glcklich, ewig Sie zu lieben?
Mein war Sie, mein fr immer ist geblieben,
Was Leben mir verlieh
Und auch der Tod nicht bricht.

Da ffnete sich leise die Thre, und eine im Dunkel kaum erkennbare weibliche
Gestalt trat herein, ein paar Schritte brachten sie nher. Erschrick nicht vor
mir, meine Gabriele, sprach eine liebe bekannte Stimme, ein paar Arme breiteten
sich aus, und Gabriele sank mit einem freudigen Schrei an das treue Herz ihrer
Dalling.
    Kehrt denn alles, alles heute wieder, was frher mich beglckte? auch du,
auch du? rief sie im frohen Taumel des Wiedersehens, whrend Frau Dalling mit
Erstaunen die unglaubliche Vernderung bemerkte, die in der kurzen Zeit mit
Gabrielen vorgegangen war. Statt des kaum der Kindheit entwachsenen, bleichen
Mdchens, welches sie verlassen hatte, fand sie jetzt Augustens, ihrer Mutter,
verklrtes, verschnertes Bild in der Pracht eben erblhender Jungfrulichkeit
und wute kaum, wie sie es anfangen solle, um Gabrielen mit aller der
mtterlichen Liebe zu umfangen, die sie im Busen trug, ohne doch die Ehrfurcht
zu verletzen, welche diese hohe, schne Erscheinung von ihr zu fordern
berechtigt schien.

Whrend die beiden wieder Vereinten im ersten freudigen Taumel ein fast
unverstndliches Gesprch mit einander fhrten und Fragen und Antworten auf die
wunderlichste Weise durch einander wirrten, kehrten auch Ernesto, Frau v.
Willnangen und Auguste aus der Gesellschaft wieder nach Hause.
    Niemand hatte an diesem Abende sonderliche Freuden gefunden. Was der General
vorher gesagt hatte, war zum Theil eingetroffen, berall hatte es an jemanden
gefehlt, der es bernehmen wollte, durch innern Zusammenhang diese Versammlung
zu einer Gesellschaft zu bilden. Einige der Anwesenden waren in stummer
Unbehlflichkeit neben einander stehen geblieben, andre hatten sich mit ihren
Bekannten flsternd berathen, was denn eigentlich hier vorgehen solle, nur
wenigen war der feinere geselligere Zweck dieser Zusammenkunft klar geworden,
und diese wenigen hatten sich sogleich dem eigentlichen Kreise der Frau von
Willnangen anzuschlieen gesucht, ohne sich um die weiter zu bekmmern, welche
sich in verlegner oder stolzer Entfernung hielten. Ungeduld trieb endlich den
Kapellmeister an das verstimmte Fortepiano, Allwill brachte in der Noth
gesellige Spiele in Vorschlag, zuletzt wurden glcklicherweise die Musikanten
von der ungewohnten Erleuchtung herbeigezogen und spielten ein paar Walzer auf,
mit denen die geselligen Freuden dieses Abends sich endigten.
    Jubelnd und frhlich, wie ein Kind, fhrte Gabriele die sorgsame, treue
Pflegerin ihrer ersten Jugend ihren Freunden zu, und war nun doppelt froh, bei
jenem verunglckten Versuche zur Befrderung der Geselligkeit nicht gegenwrtig
gewesen zu seyn.
    Ein Unglck weissagendes Gefhl ergriff Frau von Willnangen, als sie Frau
Dalling erblickte, aber sie schwieg davon, denn sie sah deutlich, wie es
Gabrielen noch gar nicht eingefallen war, da diese ihr so liebe Erscheinung ihr
dennoch unheilbringend seyn knne. Auch Frau Dalling schien ber das Wiedersehen
ihres theuren Kindes den eigentlichen Zweck ihrer Sendung ganz vergessen zu
haben. Sie konnte kein Auge von Gabrielen wenden. In der einen Minute schalt sie
sich, da sie die zu ihrer Gebieterin herangewachsene Jungfrau noch immer wie
ein Kind behandle, in der nchsten nahm sie sie wieder liebkosend an ihr Herz
und nannte sie mit allen den tndelnden Namen, die sie ihr sonst gegeben hatte,
als sie sie noch auf ihren Armen trug. So verging die brige Abendzeit. Frau
Dalling ward spterhin sichtbar ernst, wie jemand, dem etwas trauriges, das er
verga, pltzlich wieder einfllt; aber ein bittender Wink der Frau von
Willnangen bestimmte sie, ihren Liebling noch diese Nacht dem ungestrten
Schlummer zu berlassen, dessen Gabriele nach den mannigfaltigen Begegnissen des
Tages augenscheinlich hchst bedrftig war. Erst nachdem diese mit Augusten das
Zimmer verlassen hatte, um sich zur Ruhe zu begeben, kam der eigentliche Zweck
zur Sprache, welcher Frau Dalling nach Karlsbad gefhrt hatte. Frau v.
Willnangen hatte in ihren Vermuthungen nicht geirrt, sie kam, um Gabrielen auf
das schleunigste zu ihrem Vater zu geleiten, der ohne eigentlich gefhrlich
krank zu seyn, doch hchst ngstlich nach seiner Tochter verlangte.

Kurze Zeit vor der Ankunft der Frau Dalling in Karlsbad sa der Baron Aarheim um
Mitternacht ganz allein in seinem Laboratorium, so wie er es seit vielen Jahren
gewohnt war. Sein starrer Blick ruhte bald auf den Retorten, Glsern und
Tiegeln, welche im Ofen am Feuer standen, bald auf mago-kabbalistischen Figuren,
die er an der Wand gezeichnet hatte, und aus denen er den Stand der Sterne, und
ob es an der Zeit sey, ersehen zu knnen glaubte. Alles sagte ihm, es sey an der
Zeit, die Stunde der Vollendung sey gekommen, und ein leises Flstern und
Knistern um ihn her bestrkte ihn in diesem Glauben, whrend es sein zitterndes
Erwarten fast bis zur Bewutlosigkeit steigerte.
    Nur nichts vergessen! nur nichts vergessen! mute er immerfort innerlich mit
wahrer Todesangst wiederholen, whrend er mit bebenden Lippen unverstndliche
Formeln stammelte, durch welche er die Elementar-Geister zu bndigen oder zu
gewinnen gedachte. Unverwandt blickte er jetzt die Gluth im Ofen an, die Flammen
regten sich lustig, er sah wunderliche Gestalten in ihnen spielen. Langbrtige
Menschengesichter nickten ihm aus dem Feuer zu und verzogen sich dann grinsend
zur grlichsten Unform, bis sie in Dampf sich auflsten; glnzend geringelte,
blaue und grne Schlangen wanden sich hoch empor und reckten die langen,
feuerrothen, dreigespitzten Zungen nach allen Seiten aus, immer hher und hher.
Aber ber alles sah er ein einziges, riesig groes Greisenhaupt sich erheben,
mit einem langen, schneeweien Bart und einer wie Rubin glhenden Krone. So wie
der Baron diese Gestalt gewahrte, ward es ihm unmglich, den Blick von ihr
abzuwenden; sein Haar strubte sich in der Angst, mit welcher er sich bemhte,
an alles, fr diese Stunde in seinen Bchern Vorgeschriebne sich zu erinnern,
whrend es ihm immerfort warnend in die Ohren drhnte: Nur nichts vergessen! nur
nichts vergessen! Das Riesenhaupt dehnte sich ber den Herd des Ofens hinaus, er
sah es, wie ihn begrend, sich neigen, er sah ganz in der Nhe das grliche
Durcheinanderflimmern aller Zge desselben, und nun folgte dem Haupte die ganze
Gestalt. Der weite, wie aus Feuernebel gewobene Mantel, welcher sie in groe
bauschende Falten verhllte, quoll weit ber den Herd hinaus und begann
allmhlig sich im ganzen Gemache zu verbreiten. Der Baron raffte sich mit aller
Kraft zusammen, um das Grausen zu berwinden, was ihn ergriffen hatte, und ward
wirklich wieder auf einen Augenblick Meister seiner Gedanken. Er warf einen
Blick auf den Herd und gewahrte, da die Flamme dort zu mchtig lodre, er wollte
sie dmpfen, aber er vermochte nicht, die allein zu vollbringen. Jetzt breitete
sich das Feuernebel-Gewand des riesenhaften Greises immer weiter aus, der Baron
glaubte, ihn immer zrnender auf sich blicken zu sehen, es war, als ob er ihn in
die Falten seines Mantels einwickeln und ersticken wolle; er versuchte, sich
davon loszuwinden, aber der unkrperliche Stoff lie sich mit Hnden nicht
erfassen, obgleich er schwer auf ihn drckte.
    In der hchsten Noth sucht der Mensch immer den Menschen, auch ohne Hoffnung
auf Hlfe, und diese hatte der Baron doch noch nicht aufgegeben. Entschlossen
ri er die ins Vorgemach fhrende Thre auf. Franz! rief er mit donnernder
Stimme, Franz! so hie der alte Bediente, der einzige, welcher mit ihm diesen
Flgel des Schlosses bewohnte und zuweilen bei seinen Arbeiten ihm Handreichung
leistete. Keine Antwort erfolgte. Der Baron durchschritt mit festem Tritte das
Zimmer. Als er an der andern Thre desselben stand, blickte er sich um und sah
mit Entsetzen das feuerrothe Gewand des Greises ihm durch die Thre des
Laboratoriums nachquellen. Pfeilschnell strzte er durch das zweite Zimmer. Ein
Blick rckwrts verrieth ihm abermals, da das Grliche ihm immer langsam
nachfolge. Er floh in das dritte Zimmer; dort lag Franz auf einem Ruhebette, der
Baron erfate ihn, wollte ihn wach schtteln; umsonst! der siebenzigjhrige
treue Diener lag starr und kalt, ob durch einen Schlagflu pltzlich entseelt?
ob nur ohnmchtig oder in tiefem Schlaf begraben? der Baron hatte nicht Zeit,
dieses zu untersuchen. Ein furchtbarer Knall schien den Felsen, auf welchem
Schlo Aarheim steht, bis in den Grund zu spalten, die alten Mauern erbebten,
als strzten sie zusammen. Der Baron sah das Feuergewand mit Macht
hervorquellen, die blauen und grnen Schlangen waren riesengro geworden und
wanden sich dazwischen hin und streckten die feuerrothen Zungen nach ihm, als
wollten sie ihn durchbohren. Da ffnete er im wahnsinnigen Entsetzen auch die
ure Thr, floh auf Flgeln der Angst pfeilschnell hinab in den Hof, und sah
nun den ganzen Theil des Gebudes, den er bewohnt hatte, rettungslos flammend
gen Himmel lodern.
    Des Barons erste Bewegung war ein Versuch, in wilder Verzweiflung das eigne
Leben auf diesem Scheiterhaufen seines Glcks und seiner Hoffnungen zu opfern,
aber er fhlte sich von starken Hnden gehalten. Alle Einwohner des Schlosses
waren von der heftigen Explosion im nehmlichen Augenblick erweckt worden, und
hatten sogleich im ersten Schreck sich in den Hof geflchtet. Diese seine
Diener, von welchen viele ihren Herrn in diesem Moment zum erstenmal erblickten,
verhinderten ihn jetzt, den grlichen Tod in den Flammen zu suchen, welchen der
alte Franz vielleicht im nehmlichen Moment, hoffentlich bewutlos, starb.
    Regungslos und ohne alle Besinnung stand nun der Baron, anscheinend ruhig,
und blickte wieder in die zischenden, prasselnden Flammen. Im Rauch, im
Feuerdampf sah er noch immer das weite erglhende Gewand des Greises und hoch
ber sich dessen drohendes Haupt; der weie, nebelgleiche Bart wehte, wie der
Schweif eines Kometen, weit hin durch die Nacht, im Sturmwinde, den die Flammen
erregten. An Rettung des brennenden Flgels war nicht zu denken; es war, als ob
er an allen Ecken zugleich sich entzndet habe, er sank in weniger als einer
Stunde in sich selbst zusammen; nur die aus Felsen fr eine Ewigkeit
aufgethrmten Auenmauern widerstanden, alles Innere verzehrte die wthende
Feuersbrunst. Nichts blieb von allem, worauf der Baron Schwindel erregende
Hoffnungen erbaut hatte, und auch die Gebeine des armen alten Franz verglhten
mit im allgemeinen Untergang, und seine Asche fand ihr Grab in den Trmmern.
    Mit Anstrengung aller ihrer Krfte gelang es den Bedienten und den Bewohnern
des Dorfs, das Hauptgebude des Schlosses vom Untergange zu retten, aber der
Baron schien ihr Bemhen und ihre Anstalten gar nicht zu bemerken. Ganz still
stand er und sah in das Feuer, bis der letzte Balken einstrzte und alles
Zerstrbare vernichtet war. Dann wandte er sich und ging mit feierlichem
Schritt, begleitet von seinen vornehmsten Dienern, die groe Treppe im
Mittelgebude hinauf, in das ehemalige Zimmer seiner Gemahlin, das er seit dem
Tage ihres Todes nicht wieder betreten hatte. Dort setzte er sich an ein
Fenster, der dampfenden Brandsttte gegenber, und schlug nach kurzem Besinnen
ein so furchtbar gellendes Gelchter auf, da alle, die ihn umgaben, sich fast
bis zum Wahnsinn davon erschttert fhlten.
    Dieser entsetzliche Zustand whrte mehrere Stunden, kein Arzt war in der
Nhe, der ihn zu mildern versuchen konnte. Das Gesicht des unglcklichen Greises
verzerrte sich im furchtbarsten Krampfe, seine ermattete Brust hob sich immer
gewaltsamer, whrend das herzzerreiende unaufhaltsame Lachen immer forttnte,
bis die erschpfte Natur sich endlich seiner erbarmte und ihn nach und nach in
ohnmchtiges Erstarren hinsinken lie, das sich spter in tiefen Schlaf
auflste.
    Erst als am Abende dieses Tages die Sonne sank, erwachte der Baron, aber
unglaublich verndert. Die ohnehin tiefen Zge seines Gesichts waren ganz
eingesunken, keine Spur mehr von krampfhafter Anstrengung. Er war still und
gelassen, jedermann durfte zu ihm kommen, aber er sprach mit niemanden. Ganz in
sich gekehrt sa er da, a und trank, was ihm gereicht ward, und eben nur genug,
um das Leben zu fristen, forderte aber nichts. Die Thre seines Zimmers blieb
offen stehen, seine Bedienten, seine Bauern, Fremde, die des Wegs vorbei kamen,
alles strmte, theils aus Neugier, theils aus Theilnahme, herbei, alles wanderte
ungehindert bei ihm aus und ein, er aber achtete auf niemand, obgleich er auch
niemand zurckscheuchte. Seine ganze Haltung war die des tiefsten Nachsinnens
ber einen hchst wichtigen Gegenstand. Endlich um Mitternacht rief er Frau
Dalling herbei und befahl ihr, in mglichster Eile nach Karlsbad zu reisen, um
Gabrielen abzuholen und sie zu ihm zu fhren. Nach diesem deutlich und bestimmt
ausgesprochenen Befehl, versank er wieder in sein voriges Schweigen.

Frau Dalling konnte den theilnehmenden Freunden Gabrielens nur den heftigen
Schreck ber die unglckliche Feuersbrunst als die Ursache von des Barons
traurigem Zustande angeben, aus welchem der Wunsch, Gabrielen zu sehen,
natrlicherweise entspringen mute. Denn von dessen lange gehegten und jetzt so
furchtbar zertrmmerten Hoffnungen hatte sie noch immer keinen Begriff. Frau von
Willnangen und Ernesto hingegen blickten tiefer. Aus dem, was sie von des Barons
Aeuerungen und seinem entsetzlichen Anfall nach dem Brande hrten,
durchschauerte sie die Ahnung eines Geheimnisses, das ihre Angst, Gabrielen in
solchen Hnden zu wissen, noch um vieles vermehrte. Der Schmerz der Frau von
Willnangen ber die pltzliche Trennung von ihrem Lieblinge leidet keine
Beschreibung; er berstieg alle Grnzen, wenn sie an das Schicksal dachte,
welches die arme Gabriele im Schlo ihres Vaters erwartete, und dabei keine
Mglichkeit sah, es zu mildern. Ihre gewohnte Fassung hatte sie gnzlich
verlassen. Was wird aus dem weichen, liebebedrfenden Gemth in jener starren
Umgebung werden! rief sie mit Augen voll Thrnen. Welche Opfer wird der Mann,
der das Herz ihrer Mutter mit kalter Hand zerdrcken konnte, nicht von diesem,
seiner Willkr ganz preisgegebnen Geschpf fordern, das wir schutz- und wehrlos
ihm ausliefern mssen!
    Das mssen wir nicht und werden es auch nicht, erwiederte pltzlich nach
einigem Sinnen Ernesto, denn ich begleite Gabrielen. Das Schicksal und mein
Herz haben mich einmal zu Gabrielens Vormund, zu ihrem Beschtzer erkoren, ich
will es bleiben, solange dieses nur irgend ausfhrbar ist, ich reise mit ihr.
    Beide Frauen hrten mit hoher Freude diese Erklrung Ernesto's, nur wagte
Frau Dalling einige Zweifel wegen der Aufnahme, die Ernesto im Schlo Aarheim
finden wrde. Vielleicht, sprach sie, hat sich der Baron whrend meiner
Abwesenheit vllig erholt, und dann kehrt er gewi zu seiner gewohnten
Abgeschiedenheit von allen Menschen zurck.
    Wei ich es doch selbst nicht, ob ich mich werde Gabrielens Vater zeigen
wollen oder nicht, erwiederte Ernesto; das mgen die Umstnde bestimmen. Ich
bleibe auf jedem Fall in ihrer Nhe, ihr Schutz, ihr Freund, ja ich kann sagen
ihr eigentlicher Vater, wenn vterliche Liebe zu diesem Namen berechtigen kann.
Sorgen Sie nur, da Gabriele morgen frh ihre Bestimmung auf die schonendste
Weise erfhrt, und da sie dann wo mglich in der nehmlichen Stunde abreisen
kann. Verkrzen Sie ihr die bittern Stunden des Scheidens, ein langer Abschied
ist eine lange Qual, die wir ihren Krften nicht zumuthen drfen, sie wird sie
nthiger brauchen.
    Lassen Sie uns brigens das beste hoffen, sprach Ernesto zur Frau von
Willnangen, sobald er mit dieser allein war. Nach dem, was ich von des Barons
eigentlichem Geschick ahne, und nach dem, was Frau Dalling von der pltzlichen
Vernderung in seinem ganzen Wesen erzhlt, achte ich ihn seiner letzten Stunde
sehr nahe, und leider ist der herbste Verlust fr ein glckliches Kind, unsrer
armen Gabriele der hchste Gewinn. Sie, die schon Mutterlose, kann nur glcklich
werden, wenn sie auch vaterlos ist. Ich wiederhole es Ihnen, ich bleibe in
Schlo Aarheims Nhe, und so wie eine gnstige Vernderung in Gabrielens Lage
eintritt, so wie sie der Fesseln entledigt ist, die jetzt sie drcken, nehme ich
sie auf und bringe sie in Ihre schtzenden Arme, an Ihr mtterliches Herz. Bis
dahin wache ich ber sie, ohne zu wanken oder zu weichen.
    Haben Sie Dank, guter, edler Ernesto! erwiederte Frau von Willnangen. Sie
wollen mir Trost geben, indem Sie mir die Aussicht fr meine Gabriele zu
erheitern suchen, aber mein ahnendes Herz will sich nicht zufrieden sprechen
lassen. Sie auch knftig in Gabrielens Nhe zu wissen, ist freilich viel; es ist
das Einzige, woran ich in dieser trben Stunde mich noch halte. Mge ein
freundlich Geschick Ihr wohlmeinendes Streben begnstigen! Ich bete mit Inbrunst
darum, aber ich frchte, sie ist dennoch von nun an verloren, verloren uns und
verloren sich selbst.

Mit dem Gefhl, mit welchem ein halb Erwachter sich vllig von den Fesseln eines
ngstigenden Traumes loszuwinden strebt, sa Gabriele schon am folgenden
Vormittage im Wagen. Unverwandt haftete ihr Blick auf dem raschen Umschwunge der
Rder, welche sie einer Bestimmung entgegen fhrten, von der sie noch vor
wenigen Stunden keine Ahnung gehabt hatte. Keiner ihrer Begleiter unterbrach
auch nur mit einem einzigen Worte die im Wagen herrschende Stille. Ernesto
kannte zu gut das weiche aber auch starke Gemth seiner Schlerin, um nicht
berzeugt zu seyn, da sie gewi aus dem schweren Kampf zwischen ihrem Herzen
und ihrem Pflichtgefhl als Siegerin hervorgehen wrde, wenn man sie nur
ungestrt sich selbst berlie. Frau Dalling schwieg, weil unaussprechliches
Mitleid mit ihrem geliebten Kinde ihr die Sprache hemmte, und die arme Annette
hatte genug mit ihrem eignen Schmerz zu thun; sie weinte ganz in der Stille ber
sich sowohl als ber ihre Herrin.
    Der Erfolg rechtfertigte Ernesto's Erwartungen von Gabrielen. Nach wenigen
Stunden richtete sie sich rasch und muthig auf, wie schon oft in hnlichen
Fllen, und suchte von nun an ihre alte Freundin recht liebkosend und hold fr
das bisherige untheilnehmende Verhalten zu entschdigen. Aber der Geist der
Freude blieb dennoch fern von der kleinen Reisegesellschaft. Bei aller
gegenseitiger Freundlichkeit sa doch jedes Mitglied derselben trbe und in sich
gekehrt da. Keines vermochte sich des Zieles der Reise zu freuen, whrend alle
sich bestrebten, die eignen Besorgnisse den brigen, so viel es nur mglich war,
zu verhehlen.
    So kam allmhlig der letzte Tag der Reise heran. Der Wagen hielt zur
Mittagszeit vor einem Eisenhammer, der schon zu den Besitzungen des Baron
Aarheims gehrte.
    Das vom ewigen Rauch und Kohlendampf geschwrzte Gebude steht in einem von
den Felsen eingeengten Thal, oder vielmehr in einer wilden Schlucht, durch
deren Mitte ein schumender Bach ber moosbewachsne Steine hinrauscht. Wenn
Mittags die Sonne von ihrem hchsten Standpunkt einige erwrmende Strahlen in
diesen, einem Grabe hnlichen Winkel der Erde herabsendet, dann werfen ein paar
halb verdorrte Fichten ihren sprlichen Schatten auf die schwarzen Wellen und
auf das moosbedeckte Ufer, die brige Zeit des Tages liegt alles farbelos und
erstorben da. Nichts belebt diese schauerliche Einde, als das einfrmige
unaufhrliche Klopfen des Hammers, das Schwirren und Tosen der Rder. Wnde und
Fuboden der engen dunkeln Gemcher des zu dem Eisenhammer gehrenden Hauses
drhnen und zittern immerwhrend. Gabriele und Ernesto eilten deshalb sobald als
mglich hinaus ins Freie, um diesem ngstlichen Aufenthalt zu entgehen, Frau
Dalling aber blieb zurck, um sich bei den Bewohnern desselben nach dem
gegenwrtigen Befinden des Barons zu erkundigen.
    Gleich beim ersten Schritte auer dem Hause erinnerte sich Gabriele, in
frher Kindheit einmal mit ihrer Mutter hier gewesen zu seyn. Am Bach stand noch
die alte halb verfallne Bank, wo sie damals an ihrer Seite mit Epheukrnzen
gespielt hatte, und zum erstenmal auf dieser Reise bemchtigte sich ihrer ein
heimathliches Gefhl. Mit wehmthiger Freude ergriff sie Ernesto's Hand, fhrte
ihn zu dem Pltzchen, welches die ehemalige Gegenwart der Mutter ihr zum Tempel
geheiligt hatte, und setzte sich dort recht vertraulich neben ihn hin.
    Ich frchte, guter Ernesto! hob sie in groer Bewegung an, ich frchte,
wir werden sobald nicht wieder eines so traulichen, ungestrten Beisammenseyns
uns erfreuen knnen. Umsonst streben wir, es uns zu verbergen, wir mssen
scheiden, heute oder morgen, gleichviel. Ich mu mich auch von Ihnen trennen,
wie ich mich schon von meiner ewig theuern Willnangen, von meiner geliebten
Auguste, von - ach! von so Vielem trennen mute, fr das mein knftiges Leben
mir nie Ersatz bieten kann. Vergebens suchten Sie es mir durch ihre Begleitung
auf dieser traurigen Reise zu verbergen, wie ich so ganz verlassen von meinen
Freunden knftig seyn werde. Aber ich danke es Ihnen doch, mit dem innigsten
Gefhl, da Sie es mir mitleidig verbergen wollten. Guter, sorgsamer Freund,
treuer Beschtzer meiner verwaisten Jugend, ich danke Ihnen, mehr kann ich
nicht.
    Wollen Sie mich denn fortschicken, liebe Gabriele? fragte Ernesto mit
etwas gezwungnem Lcheln. Ich bin noch gar nicht gesonnen, so bald zu gehen.
Meine Meinung war, noch recht lange in ihrer Nhe zu verweilen, oder Sie recht
bald in Ihre eigentliche Heimath zu Frau von Willnangen zurck zu begleiten.
    Guter Ernesto! was hlfe es, wenn ich Sie tuschte, und mir selbst
Hoffnungen erregte, die doch nie in Erfllung gehen knnen; erwiederte
Gabriele. Ich wei es, ich stehe hier an der Schwelle eines sehr dunkeln, sehr
einfrmigen, und in den Augen der Welt sehr freudenlosen Lebens. Ich mu Sie
darauf vorbereiten, ehe Sie die wenigen Stunden zwischen hier und Schlo Aarheim
zurcklegen, da kein Fremder, sogar kein Freund dort gastlich aufgenommen wird.
Mein Vater flieht die Menschen, bittre Erfahrungen haben ihn sogar ihren Anblick
hassen gelehrt. -
    Ich wei es, unterbrach sie Ernesto, und habe auch nie darauf gerechnet,
von ihm freundlich empfangen zu werden! Dennoch bin ich entschlossen, Sie bis zu
ihm zu begleiten. Mein Herz sehnt sich nach dem Orte, wo der Stern meiner Jugend
unterging. Ich feiere dort ein theures Andenken und kehre gleich darauf in
dieses Thal zurck. Ich denke im Frsterhause, das dort in der Felsenecke so
malerisch liegt, mich huslich niederzulassen, und Frau Dalling bemht sich
diesen Augenblick, mit meinem knftigen Hausherrn die deshalb nthigen
Verabredungen zu treffen. Ich bleibe so recht sehr in ihrer Nhe, liebe
Gabriele, denn wie ich hre, fhrt ein Fusteig in weniger als einer Stunde von
hier nach Ihrer Burg, whrend wir auf dem Fahrwege wohl viermal so viel Zeit
brauchen werden, wie das zwischen Bergen so oft der Fall ist.
    Hier wollten Sie bleiben? Hier in dieser grlichen Wste? Guter Gott,
Ernesto! wie kann ich je eines solchen Opfers mich werth achten! rief Gabriele.
    Wie leid ist es mir, da ich diese bewundernden Ausrufungen nicht
verdiene, sprach Ernesto in seinem gewhnlichen humoristischen Ton, denn ich
bin leider nicht halb so edelmthig, als Sie es sich denken. Schon lngst
wnschte ich die mir oft gerhmte wilde Pracht dieses Gebirges kennen zu lernen.
Ich will hier Studien fr meinen Johannes in der Wste nach der Natur malen, den
ich, wie Sie wissen, schon lngst im Sinne trage. Farben, Leinwand, alles habe
ich mitgebracht, vielleicht fange ich morgen schon an, denn seit ich diese
Felsengegend sah, bin ich berzeugt, da ich in der Welt keine bere Einde fr
meinen Heiligen finden kann.
    Sie sollen ihren edlen Willen haben, Ernesto! ich will thun, als merkte ich
nicht, wie Sie meinem Dank ausweichen wollen, sprach Gabriele und neigte sich
kindlich ber Ernesto's Hand, die sie an ihr Herz drckte. Aber, fuhr sie
fort, und sah mit ihren klaren Augen recht treuherzig zu ihm auf, nehmen Sie
auch die Beruhigung an, die ich mit aller Aufrichtigkeit Ihnen zu geben im
Stande bin. Glauben Sie meiner Versicherung, da ich auch die abgeschiedenste
Einsamkeit, zu der mein Vater mich bestimmen kann, fr kein Unglck halte. Vor
Langerweile haben Sie und meine Mutter mich durch die Sorgfalt geschtzt, mit
der beide fr meinen Unterricht sorgten; meinem Herzen bleibt Erinnerung und
Liebe, die lassen niemand einsam. Ueber alles trstend aber ist mir das Gefhl,
da ich hier auf dem einzigen Punkte stehe, auf welchen ich in der Welt
hingehre. Das einzige Kind eines greisen, krnkelnden Vaters darf ja keine
andre Freude suchen und kennen, als ihn zu pflegen und die trben Stunden seines
Abends zu erheitern.
    Mein Heldenmdchen! rief Ernesto und strebte vergebens, die tiefe Rhrung,
von der er sich ergriffen fhlte, unter heiterm Lcheln zu verbergen. Ich wei,
Gabriele! was Sie zu tragen vermgen, setzte er sehr ernst hinzu, und darum
frchte ich so sehr die edle jugendliche Lust, die Sie verleiten kann, das
Schwerste zu whlen, weil es das Schwerste ist. Wer wei, zu welchen unerhrten
Opfern man Sie in jener finstern Burg auffordern wird! Das in langer Einsamkeit,
unter der Last eines freudenlosen Alters verhrtete Gemth Ihres Vaters, wird es
sich an Ihrem milden Wesen erwrmen? wird es sich daran nur erfreuen? Gabriele!
eine mir selbst unerklrliche Angst verleitet mich in diesem Augenblick, es zu
vergessen, da ich zu der Tochter von ihrem Vater spreche, aber ich kann nicht
anders, ich mu Sie bittend warnen. Hier auf dem kalten Boden, wo Ihre Mutter,
einsam und verlassen, vor der Zeit hinwelken mute, wird es hier ihrem zarten
jugendlichen Ebenbilde, das sie uns hinterlie, besser ergehen?
    Was frchten Sie denn eigentlich fr mich von meinem Vater? lieber
Ernesto! erwiederte Gabriele. Welches Opfer kann er denn von mir fordern? doch
keines, als das der geselligen Freuden und meiner Zeit, die ich ohnehin von nun
an einzig ihm weihen mu; ich habe ja nichts anders, das ich ihm darbringen
knnte. Beruhigen Sie sich. Das hohe Beispiel meiner Mutter leuchtet mir vor auf
der Bahn, die ich betrete. Sie sagen: ich gleiche ihr. O lassen Sie mich in
Allem ihr immer hnlicher werden, selbst in ihrem Geschick, wenn es seyn mu,
denn was kann ich Hheres wnschen, als zu seyn wie sie war.
    Nun so segne dich Gott, du reines Wesen! und behte dich vor gar zu groer
Versuchung, dich selbst zu vergessen! rief Ernesto, und drckte zum erstenmal
Gabrielen an seine Brust. Nur noch den einzigen Trost gewhren Sie mir, um den
ich jetzt Sie bitte, und ich will ruhig seyn, setzte er hinzu. Versprechen Sie
mir feierlich, ohne meinen Rath, ohne mein Mitwissen keinen Ihre Zukunft
bestimmenden Schritt zu thun. Versprechen Sie es mir, Gabriele! wenn Sie
wirklich glauben, da ich irgend Dank um Sie verdiene; versprechen Sie es mir,
ich mu, ich mu dieses Versprechen von Ihnen erflehen, erzwingen, genug ich mu
es erhalten.
    Ich begreife Sie nicht, Ernesto! warlich ich glaube, diese dunkeln
Umgebungen, diese schwarzen Felsen erfllen ihre Einbildungskraft mit
grauenvollen Bildern, sprach freundlich Gabriele, indem sie ihre Rechte in
Ernesto's dargebotne Hand legte. Hier haben Sie mein feierliches Versprechen,
wie Sie es wnschen. Es bedurfte dessen nicht, denn wie knnte ich ohne den Rath
meines einzig treuen, erfahrnen Freundes irgend etwas wichtiges fr mich
entscheiden, sobald ich so glcklich bin, ihn in meiner Nhe zu wissen. Ich ehre
und liebe meinen Vater, wie es die Pflicht dem Kinde gebeut, aber ich kenne ihn
wenig; ich habe mich nie in meinem Leben vertrauend ihm genaht. Sein ernstes,
Ehrfurcht und Gehorsam gebietendes Ansehen schreckte mich stets von ihm zurck,
und dieser Eindruck ist bleibend. Aber deshalb rhrt es mich eben so
unbeschreiblich, da er gerade jetzt, da ein Unheil ihn traf, sich meiner
erinnert und meine Gegenwart verlangt. Wenn ich mir denke, da er gestorben seyn
knnte, ohne mich wieder gesehen zu haben, dann, Ernesto! dann fhle ich erst
lebendig das Glck, noch fr ihn thtig seyn zu knnen, ich erkaufe es mit
keinem Opfer zu theuer. Das Gefhl eines Kindes, welches nicht mit dem
Bewutseyn am Grabe der Eltern steht, nach Krften alles fr sie gethan zu
haben, mu entsetzlich seyn.
    Schweigend reichte Ernesto ihr die Hand, um sich mit ihr dem Eisenhammer
wieder zuzuwenden, wo schon alles zu ihrer Abfahrt bereit war.

Zu Gabrielens groer Verwunderung war der neu gefundne Vetter, Moritz von
Aarheim, der Erste, der ihr in der dunkeln Vorhalle ihres vterlichen Schlosses
entgegen kam. Er bewillkommte sie mit einem Wortschwall, der sich sogar beim
babylonischen Thurmbau htte fglich hren lassen knnen; auch Ernesto ward mit
ungeheuchelter Freude von ihm empfangen, und berhaupt zeigte sein ganzes
Benehmen, wie hchst erwnscht ihm die endliche Ankunft der Erwarteten sey.
Dennoch fiel es deshalb diesen nicht weniger auf, ihn hier, und zwar in der
Eigenschaft eines gebietenden Herrn zu finden. Als solcher beeiferte er sich,
Ernesto ein Zimmer anzuweisen und lud ihn dringend ein, doch ja recht lange zu
verweilen. Besonders setzte er Frau Dalling, die ihn gar nicht kannte, in
Erstaunen und in Verlegenheit.
    Seine Gegenwart im Schlosse des Barons war indessen auf sehr gewhnlichem
Wege herbeigefhrt worden. Nchst seiner Vorliebe fr fremde Sprachen und neue
Erfindungen, beschftigte er sich sehr gern mit Nachforschungen ber die
ursprngliche Bildung der Erde, und besa in der That nicht gemeine geologische
Kenntnisse. Er hatte sich lngst vorgenommen, das Gebirge, in dessen Mitte
Schlo Aarheim liegt, mit Hinsicht auf dieses sein Lieblingsfach zu bereisen,
und wollte auch bei der Gelegenheit seinen Verwandten einen Besuch abstatten;
das zufllige Zusammentreffen mit Gabrielen in Karlsbad bestimmte ihn, diesen
Plan sogleich auszufhren. Nach einem Aufenthalt von ;139;nur wenigen Stunden in
Eger,;155; eilte er, sich in die Nhe von Schlo Aarheim zu begeben, und sein
wissenschaftliches Forschen hatte ihn in nicht gar zu groe Entfernung von der
Burg seiner Ahnen gefhrt, als ihm die Kunde von dem Brande daselbst zu Ohren
kam, und zwar durch das Gercht bis ins Ungeheure vergrert. Er mute frchten,
dort keinen Stein mehr auf dem andern zu finden, es war also ganz natrlich, da
er so schnell als mglich sich hinbegab, theils um dem Baron beizustehen, theils
um zu retten, was noch zu retten sey, und wenigstens raubbegierigen Hnden das
zu entreien, was die Flammen brig gelassen haben mochten.
    Frau Dalling war schon auf dem Wege nach Karlsbad, als Moritz von Aarheim im
Schlosse anlangte. Er fand die Zugbrcke heruntergelassen, das uere Thor, so
wie auch alle innre Thren des Gebudes, standen weit offen, und ein Schwall von
Menschen drngte sich durch dieselben und auf den Treppen, hinaus und hinein,
hinauf und hinab. Niemand schien den Neuangekommnen zu bemerken, er folgte dem
Schwarm der Hineinstrmenden und gelangte so in das Zimmer des Barons.
    Schweigend sa dort die hohe dstre Greisengestalt auf einem groen
altvtrischen Lehnstuhl dicht am Fenster, den starren Blick auf die Brandsttte
fest geheftet, kaum noch einem lebenden Wesen mehr hnlich. Ein paar alte
Diener, schweigend wie ihr Gebieter, schienen bei ihm Wache zu halten. Der Baron
bemerkte Moritzens Eintritt eben so wenig, als er die Menge unverschmter
Neugieriger zu bemerken schien, die unablssig bei ihm aus- und eingingen. Er
sa immer gleich finster und gleich regungslos da, wie die alten grauen
Standbilder auf den Grbern seiner Ahnen.
    Des Barons nchster Verwandter mute bei diesem Anblick die Verbindlichkeit
fhlen, hier thtig einzutreten. Sein erstes Thun war, sich dessen Dienern zu
erkennen zu geben; mit ihrer Hlfe die fremden Zudringlichen auszutreiben, einen
Boten nach einem geschickten Arzt in das nchste Stdtchen zu senden, und dann
die Thore zu schlieen. Dieses vollbracht, begann er, sich der Pflege und
Wartung des Barons selbst eifrig anzunehmen, wobei seine Vorliebe fr neue
Erfindungen wieder eine glnzende Gelegenheit fand, sich zu zeigen. Diese, und
seine den Bedienten beinahe ganz unverstndliche Art sich auszudrcken, fhrten
freilich manchen Migriff, manches lcherliche Miverstndni herbei, doch die
baldige Ankunft des Arztes verhinderte wenigstens jedes Unheil, welches htte
entstehen knnen.
    Ruhe, Stille und strkende Mittel verhalfen dem Baron in unglaublich kurzer
Zeit zur vlligen Besonnenheit. Verwundert erblickte er bei seinem Erwachen den
ihm so lange ganz unbekannt gebliebenen Verwandten, und obendrein mit einer Art
Autoritt um ihn geschftig, welche sich von selbst auf dessen frheres
Nichtbemerktwerden gegrndet hatte.
    Der Baron fand in dem sonst so bitter Gehaten jetzt den einzigen Menschen,
welcher sich seiner angenommen hatte, whrend er unfhig war, sich selbst zu
helfen. Alle seine brigen Umgebungen waren ihm fast nicht minder fremd als
dieser neue Ankmmling, denn seit Jahren hatte er mit keinem von seinen Dienern
gesprochen, ausgenommen mit Frau Dalling und Franz. Jene war abwesend, dieser
todt. Moritz von Aarheim berhob ihn jeder Nothwendigkeit irgend eines Verkehrs
mit andern Menschen, der Baron fhlte die als wohlthtig und bequem; gern, wenn
gleich nicht dankbar, lie er es sich schweigend gefallen, und sein Agnat
behielt die Freiheit von ihm ungestrt alles im Hause einstweilen nach eigner
Ansicht zu ordnen. Nur als dieser, durch schweigende Nachsicht dreist gemacht,
einst dem Baron einen Plan zum Wiederaufbau des zerstrten Flgels vorlegen
wollte, da gerieth der Greis in eine furchtbare Aufwallung. Seine zrnenden
Augen schienen Feuer zu sprhen, seine grauen Locken sich zu struben, seine
ohnehin sehr hohe Gestalt dehnte sich zu fast bermenschlicher Gre, whrend er
laut und mit donnernder Stimme in ganz unverstndliche Flche und Verwnschungen
ausbrach. Halb todt vor Schrecken, vor Angst, packte Moritz seine Plne
zusammen, suchte den Baron durch das Versprechen zu beruhigen, diesen Punkt nie
wieder zu berhren, und trstete sich im Stillen mit der sichern Aussicht,
sptstens in wenigen Jahren hier bauen und einreien zu knnen, ohne irgend
jemand darum zuvor befragen zu mssen.
    Whrend Moritz sogleich nach der Ankunft der Reisenden den armen Ernesto mit
einem unertrglichen Wortschwall in dem ihm angewiesnen Zimmer peinigte, schlich
die zitternde Gabriele am Arm ihrer Dalling bis an die Thre des Gemachs, in
welchem ihr Vater sich befand. Frau Dalling trat allein zu dem Baron herein, um
vom Erfolg der Reise ihm Rechenschaft abzulegen und ihn auf Gabrielens Ankunft
vorzubereiten, doch er lie sie nicht zum Worte kommen. Gabriele! rief er mit
gebietendem Ton, Gabriele! Bebend, mit ausgebreiteten Armen, berschritt diese
auf den Ruf die Schwelle. Ein grlicher Schrei des Barons fesselte sie an der
Stelle, auf welcher sie stand. Du! rief er, du! was willst du von mir! Sie
befahlen ja das Frulein Gabriele, sprach leise und zitternd Frau Dalling. Der
Baron athmete tief auf; es ist Gabriele, sprach er, sich selbst beruhigend,
und blickte nach der Thre, wo diese noch immer bleich und bebend in hchster
Unentschlossenheit stand. Aber sein Blick war scheu, die Hand zitterte, mit der
er ihr winkte nher zu treten, und seine Lippe bebte, indem er sie zu sich rief.
Gabriele eilte herbei und kniete neben ihm hin. Steh auf! du bist wohl
erschrocken? sprach der Baron, und bemhte sich, mild zu erscheinen. Steh auf,
ich erkannte dich nicht gleich. Ich glaubte, du wrst - ich hielt dich fr - fr
etwas - fr jemand anders. Steh auf, gieb mir die Hand. - Du bist gewachsen, wie
es mir scheint, du bist - du gleichst sehr deiner Mutter! ruhe aus, geh zu
Bette, morgen, wenn ich aufgestanden bin, gleich nach dem Frhstck lasse ich
dich rufen. Dann sprechen wir uns, jetzt geh. Geh mein Kind, sprach er endlich
und wollte lcheln, aber die starren Muskeln versagten ihm den Dienst, und sein
Gesicht verzog sich wunderlich.

Am andern Tage war Gabriele schon mit Sonnenaufgang bereit, vor ihrem Vater zu
erscheinen, aber der Nachmittag ging vorber, der Abend nherte sich, und noch
immer ward sie nicht zu ihm gerufen. Seit er wieder zum Bewutseyn gekommen war,
blieb er lterer Gewohnheit getreu, und lebte nur in der Nacht.
    Gabriele hatte volle Mue, an Ernestos Hand das ganze Schlo zu
durchwandern, und auch auer demselben alle die Pltze im Garten und Wald
aufzusuchen, von welchen ihr vor kaum Jahresfrist das Scheiden so schmerzlich
gewesen. Alles war wie damals. Die Bltter der Bume begannen, sich roth, gelb
und braun zu frben, ihre wohlgepflegten Blumen blhten in bunter, herbstlicher
Pracht. Ihr zahmes Reh sprang ihr entgegen, sie fand ihre Tauben, ihre Vgel,
ihre Hndchen, alle ihre freundlichen lieben Thiere wieder; die treue
Anhnglichkeit der Leute im Schlosse hatte fr sie alles gepflegt und ihr
aufbewahrt. Alles war wie damals, nur sie selbst war es nicht. Ihr waren die
Freuden ihrer Kindheit im Gewirre des Lebens verloren gegangen; abgeschiedne
Geister mgen so in Wehmuth den Schauplatz ihres irdischen Lebens betrachten,
wie Gabriele den ihres viel zu frh entschwundenen Frhlings. Auch Ernesto
wandelte stumm und in sich gekehrt an ihrer Seite, trbe Erinnerungen drckten
auch ihn nieder.
    Am besten ist es, ich gehe heute, ich gehe jetzt gleich und suche meine
Einsiedelei zwischen den Felsen auf, sprach pltzlich Ernesto, indem er mit
Gabrielen vor der Schlobrcke stand. Ich bedarf der Ruhe, fuhr er fort, ich
bedarf der Arbeit; hier komme ich zu keinem von beiden. Auch kann ich es nicht
lugnen, dieser Vetter Moritz wird mir allmhlig so lstig, da ich frchte,
mich einst gegen ihn auf eine Art zu vergessen, die dieses, bei aller
Lcherlichkeit doch hchst gutmthige Wesen nicht verdient. Und so leben Sie
wohl, Gabriele! gedenken Sie Ihres Versprechens. Ich verlasse Sie jetzt
unbesorgt, denn meine Entfernung von Ihnen ist zu gering, um irgend einer
Befrchtung Raum zu geben. Auch werde ich schwerlich einen Tag vorbergehen
lassen, ohne Sie zu sehen.
    Eine unbeschreibliche Traurigkeit ergriff Gabrielen, indem Ernesto sich zum
Weggehen wandte, obgleich sie gewi war, ihn morgen wieder zu sehen. In ihm
verlor sie den letzten ihrer Freunde, gleichsam den Reprsentanten aller ihrer
Lieben. Ohne je Ottokars Namen vor ihm ausgesprochen zu haben, wute sie doch,
da sie durch ihn, und allein durch ihn, von dem Fernen Kunde erhalten knne,
sobald sie es wolle. Die furchtbare Macht des Augenblicks, die sie in ihrem
kurzen Leben schon mehrmals erfahren hatte, fiel ihr schwer aufs Herz, indem sie
Ernesto schon tiefer unten am Schloberge wandeln sah.
    Wenn ich ihn nie wieder she! wenn er diese Nacht strbe, und mit ihm jede
Hoffnung, von Ottokar Kunde zu erhalten! Kaum in Worte gefat, erfllte sie
dieser Gedanke mit unaussprechlicher Angst; von einer unsichtbaren Gewalt
getrieben, rief sie, winkte sie. Ernesto sah noch einmal sich nach ihr um, sie
flog den Felsen hinab, er eilte wieder hinauf ihr entgegen, und beide trafen an
einem uralten steinernen Ruhesitz auf der Hlfte des Schloberges wieder
zusammen.
    Ich mchte in meiner Einsamkeit gern aller meiner Freunde recht lebhaft
gedenken, sprach athemlos und tief errthend Gabriele. Die Tante, fuhr sie in
groer Verwirrung fort, Aurelia, - und - Ernesto! haben Sie keine Nachricht aus
Rom?
    Den Tag, ehe wir Karlsbad verlieen, erhielt ich Briefe von dort,
erwiederte Ernesto und vermied es, Gabrielen anzusehen, um ihre Verwirrung nicht
zu steigern. Aurelia krnkelt oder glaubt zu krnkeln, die Luft in Rom sagt ihr
nicht zu. Sie wird mit ihrer Mutter den Winter in Neapel zubringen, wo es
freilich lustiger hergeht als in jenem, der Nemesis und der Vergangenheit
geweihten groen Tempel, in der heiligen Roma, deren Andenken mich noch immer
schmerzlich und freudig bewegt. Ottokar fhrt dort ein schnes, ernstes, der
Erinnerung geweihtes Leben, unter den Trmmern versunkner Gre, unter den
Wundern der Kunst. Ihn umgeben die ausgezeichnetsten Knstler, welche er
gastfrei um sich zu versammlen wei. Fr jetzt hindern ihn Geschfte daran, die
Damen zu begleiten, vielleicht folgt er ihnen spter nach, wenn das neue Jahr in
jenen glcklichen Zonen den Frhling weckt.
    Annettens Stimme erscholl jetzt sehr ngstlich, sie rufte Gabrielen zu dem
Vater und ersparte dieser dadurch die Verlegenheit einer Antwort auf Ernestos
Erzhlung. Den widerstrebendsten Gefhlen hingegeben, stieg sie, auf Annettens
Arm gesttzt, stumm und langsam den Felsen hinauf, whrend Ernesto sich
gedankenvoll abwrts wandte.
    Noch schchterner beklommen als in der ersten Zeit ihres Aufenthaltes bei
der Grfin Rosenberg, betrat Gabriele das Zimmer, in welchem ihr Vater sie
erwartete. Zu ihrem Erstaunen fand sie ihn von allen ihren Mappen umgeben. Ihre
Stickereien, ihre Zeichnungen, ihre geschriebnen Auszge aus Bchern, ihre
Musikalien, alles lag auf einem groen Tische ausgebreitet vor ihm da. Auch ihre
Laute, ihre Harfe, und ein schnes Fortepiano, welches einst ihrer Mutter
angehrte, waren gestimmt und bereit. Auf des Barons Befehl hatte Frau Dalling
alle diese Dinge mssen herbei schaffen lassen, whrend Gabriele mit Ernesto
sich auer dem Schlosse befand.
    Jetzt begann ein frmliches Examen, in welchem der Baron mit groer
Aufmerksamkeit und Sachkenntni Gabrielen prfte. Von allem, was sie frher und
spter erlernt hatte, mute sie ihm Rechenschaft ablegen, von allem verlangte er
Proben. Sie mute auf sein Gehei in fremden Sprachen ihm vorlesen und mit ihm
sprechen, sie mute singen, und auf den verschiednen Instrumenten sich hren
lassen, welche eben zur Hand waren. Ihre Zeichnungen und andre knstliche
Arbeiten betrachtete und beurtheilte er sehr verstndig, und erforschte auch,
wie weit ihr Unterricht in andrer wissenschaftlicher Hinsicht gereicht haben
mochte.
    Zuerst wagte es Gabriele nur zitternd, auf seine Fragen zu antworten, doch
allmhlig gewann sie mehr Muth. Der Baron uerte zwar keineswegs durch Worte
seine Zufriedenheit mit dem, was sie leisten konnte, aber der Eifer, mit welchem
er sie prfte, die Aufmerksamkeit, deren er sie wrdigte, bewiesen ihr solche.
    Vier Stunden waren auf diese Weise hingebracht worden, Mitternacht war nicht
mehr fern, und Gabriele konnte sich vor Erschpfung kaum noch aufrecht erhalten
oder die Lippen regen, whrend ihr Vater noch immer unermdet schien. Nun ist
es genug, sprach er endlich, und machte mit der Hand eine verabschiedende
Bewegung. Ich wei jetzt, da du deine Zeit in der Stadt nicht schlecht
angewendet hast, du hast viel und vieles gelernt. Ich bin zufrieden mit dir.
Ruhe aus, morgen um die nehmliche Stunde lasse ich dich wieder rufen, bis dahin
thue, was dir gefllt.
    Gabriele vermochte es nicht, sich sogleich zu entfernen; sie blieb stehen,
als erwarte sie von ihm noch ein freundliches Wort, whrend er, in Gedanken
verloren, vor sich hinstarrte. Auf ein kleines Gerusch vor der Thre sah er
sich um und ward Gabrielen gewahr, die mit bittendem Blicke noch dastand. Warum
gehst du nicht? fragte er, du mut die Nchte schlafen, deine Jugend verlangt
die, meine Zeitordnung ist nicht fr dich. Und nun genug, sprach er nochmals
mit gebietendem Ton, und winkte wieder mit der Hand, so da Gabriele sich auf
das schnellste entfernte, um ihm nicht widerspenstig zu erscheinen. An der Thre
begegnete ihr Moritz von Aarheim, der auf des Barons Einladung kam, um jetzt
gegen Mitternacht bei dessen Mittagsessen gegenwrtig zu seyn.

Ohnerachtet seines unruhigen Hanges zur Thtigkeit und seiner unermdlichen
Sprechlust, sa Moritz von Aarheim dennoch whrend der ganzen Mahlzeit
schweigend und stumm dem Baron gegenber und wartete nur auf eine Frage von
diesem, um alsdann durch Antworten ein Gesprch herbei zu fhren, das er so ohne
alle Veranlassung nicht zu beginnen wagte. Des Barons gespenstisches, finsteres
Wesen kam ihm unbeschreiblich grauenvoll vor. Und besonders seit jener heftigen
Scene, die er bei Erwhnung eines knftigen Schlobaues mit ihm gehabt hatte,
ging er ihm gern berall aus dem Wege. Lngst wre er abgereist, wenn er nicht
Gabrielens Ankunft htte abwarten wollen, um das Eigenthum seines Verwandten
doch nicht wieder ohne alle Aufsicht der Willkhr der Bedienten zu berlassen.
Seit Gabriele und Frau Dalling in dieser Hinsicht seine Gegenwart berflssig
machten, hatte er nur auf eine Gelegenheit geharrt, sich beim Baron zu
beurlauben, um dann sogleich abzureisen. Er hoffte, die Einladung fr diesen
Abend, die erste die er erhielt, dazu zu benutzen, und war fest entschlossen,
gleich am andern Tage einem Aufenthalt zu entfliehen, der ihm hchst peinlich zu
werden begann.
    Unter gegenseitigem Schweigen ward die Mahlzeit sehr schnell beendet. Der
Baron stand auf, ein Wink von ihm entfernte auf das eiligste die Bedienten. Auch
Moritz erhob sich und nahte sich dem Baron, um Abschied zu nehmen, aber dieser
schritt feierlich dem Fenster zu, nahm wieder in seinem thronartigen Lehnsessel
Platz und heftete, wie gewhnlich, den starren Blick auf die dunkeln, ihm
gegenberliegenden Trmmer der Brandsttte. Der Mond war hinter ihnen
aufgegangen, sein Licht blinkte durch die hohlen, ausgebrannten Fensterlcken,
whrend die in Schatten gehllten halb zerstrten Mauern scharf und schwarz sich
auf dem von leichten Silberwlkchen berzognen Himmel zeichneten.
    In hchster Verlegenheit stand Moritz da, und wute nicht, wie er es
anfangen solle, um die Aufmerksamkeit des Barons auf sich zu ziehen, als dieser
von selbst sich nach ihm umwandte. Bleibt! rief er ihm zu, indem er gewahrte,
da jener sich abschiednehmend verbeugte! bleibt, ich habe mit Euch zu reden,
Vetter! setzt Euch zu mir. Ich will mein Haus bestellen und dann zur Ruhe, denn
ich bin mde. Moritz setzte sich erwartungsvoll auf ein Taburett, dem Baron
gegenber, das jener ihm anwies.
    Ihr seyd mein erster Agnat, darum mu ich an Euch mich wenden, sprach der
Baron weiter. Unterbrecht mich nicht, ich habe mit Euch zu reden, Ihr knnt mir
nichts zu sagen haben, antwortet nur, wenn ich frage. Ihr seht dort die
Brandsttte; das weite Grab! Wit Ihr, was dort begraben liegt? wit Ihr es?
Schweigt! Antwortet nicht. Wie kmt Ihr zu dieser Wissenschaft! - Doch was Ihr
fassen knnt, sollt Ihr erfahren. - Wenn ich todt bin, sind diese Burg, diese
Gter Euer Eigenthum. Ich hinterlasse nichts weiter. Was sonst noch mein war,
liegt auch dort unter jenem Schutthaufen begraben, begraben; Gabriele behlt
nichts.
    Mit hastiger Gutmthigkeit und einem Schwall ein-und auslndischer Worte
beeilte sich Moritz von Aarheim, den Baron ber das knftige Schicksal seiner
Tochter zu beruhigen, versprach, wie ein liebender Bruder fr sie zu sorgen, sie
in Schlo Aarheim, oder wo sie sonst wolle, wohnen zu lassen, und wrde noch
lange fortgesprochen haben, wenn nicht ein Blick auf den Baron ihm pltzlich die
Zunge gelhmt htte. Schrecklich, wie damals, als Moritz des Schlobaues erwhnt
hatte, stand der Alte vor ihm da, sichtbar kmpfend mit innerlichem Zorn, der
konvulsivisch seine Gesichtszge verzog und ihm die Sprache hemmte.
    Frecher, eingebildeter Thor! brach endlich der Baron mit donnernder Stimme
los. Meint Ihr, der Freiherr Aarheim von Schlo Aarheim bettle bei Euch fr
seine Tochter? Meint Ihr, der letzte echte Spro des uralten Hauptstamms, zu
dessen Nebenzweigen Ihr die Ehre habt Euch rechnen zu drfen, knne von Euch
Almosen nehmen?
    Bleich und zitternd stand Moritz von seinem Sitze auf; der Baron war in
dieser Minute wirklich furchtbar, doch schien er sich bald wieder zu
besnftigen. Ich sehe, sprach er gelaner, Ihr habt nicht bedacht, was und zu
wem Ihr redetet; auch habe ich nicht mehr Zeit zum Zorn. Mit diesen Worten nahm
er wieder seinen Lehnstuhl ein und deutete mit einer Bewegung der Hand dem immer
noch bebenden Moritz an, sich ebenfalls wieder zu setzen.
    Ihr wit jetzt, da ich Euch nicht zu mir forderte, um von Euch etwas zu
bitten. Ihr habt begriffen, da die nie der Fall seyn kann? fragte der Baron.
Moritz bejahete es mit einer stummen Verbeugung.  Ich bin es, der Euch
beschenken will, fuhr der Baron fort, ich biete Euch eine kstlich hohe Gabe,
vor wenigen Wochen noch hielt ich sie wohl der Hand eines Frsten werth, und
eigentlich ist sie es noch. Ich biete Euch Gabrielen, sie sey Eure Gemahlin.
Antwortet noch nicht. Hrt mich aus, ehe Ihr redet. Gleich vielen deutschen
Frstentchtern, bringt Gabriele ihrem Gemahl keine Aussteuer. Mgen Krmer die
bequeme Versorgung ihrer Tchter mit Golde aufwiegen, das reine edle Blut, das
in Gabrielens Adern fliet, berhebt sie und ihres gleichen diesem elenden
Zoll.
    Jetzt schwieg der Baron und gab seinem Verwandten ein Zeichen, nun ebenfalls
das Wort zu nehmen.
    Moritz versuchte es, in allen Sprachen Gabrielens Reize, ihre Talente und
sein Glck bis zu den Sternen zu erheben. Dann aber wagte er es auch, einige
bescheidne Zweifel ber sich selbst und sein Werthseyn eines solchen Glcks zu
uern. Er erwhnte mit der grten Gutmthigkeit sein Alter und seine Gestalt,
als welche zu solchen Hoffnungen ihn keinesweges berechtigen knnten, und
ermuthigte sich endlich sogar zu der Erklrung, das ihm dargebotne Glck, so
reizend es sey, dennoch dem Zwange nicht verdanken zu wollen.
    Niemand wird gezwungen, nicht Ihr, nicht Gabriele, erwiederte der Baron.
Da Gabriele schn ist, wei ich; ich sah in der Welt wenige, die in dieser
Hinsicht mit ihr sich messen drften, keine sah ich, die an Geist, Talent,
Bildung ihr nahe kme. Jetzt, nach vierzig Jahren, bei eurer hochgepriesnen
Kultur, mag das nun wohl anders seyn. Auch gebe ich Euch Gabrielens Hand nur als
Ersatz fr etwas, das ich von Euch fordern will; die Freiherren von Aarheim
waren immer gewohnt, kleine Leistungen gro zu lohnen. Gabriele wird nur unter
der Bedingung die Eure, da Ihr mir bei Eurer Ehre versprecht, das zu erfllen,
was ich im Moment, da sie fr Euch sich erklrt, verlangen werde. Ihr drft es
ohne Sorgen. Unrechtes, Entehrendes forderte noch kein Freiherr von Aarheim.
Wollt Ihr diese Bedingung eingehen? Moritz verbeugte sich abermals schweigend,
denn aus Furcht, zu beleidigen, wagte er es nicht, den Mund zu ffnen.
    Der Baron ward jetzt sichtbarlich heitrer, es war, als beginne die Eisrinde
um seine Brust sich zu lsen. Vetter, von Euch kann ich nichts bitten und
nichts annehmen, das seht Ihr wohl ein, und doch mu mein Wunsch erfllt
werden, sprach er gewissermaen mit behaglichem Zutrauen. Es liegt mir mehr
daran, als Ihr und die Welt zu fassen vermgen. Darum biete ich Euch den
hchsten Lohn, den ich zu gewhren habe. Ihr werdet mein Sohn, und unser alter
Stamm blht vielleicht glorreich wieder auf. Um Gabrielens Versorgung willen
thue ich nichts, fr sie wre auch ohne Euch gesorgt, selbst wenn sie Euch
verschmht, selbst dann! Hier versank der Baron aufs neue in tiefes Nachsinnen,
er blickte unverwandt auf die jetzt vom Monde hell beleuchtete Brandsttte, und
ward wieder zusehends dstrer.
    Habt Ihr nie vom Virginius gehrt? vom Rmer Virginius? fragte er nach
einer ziemlich langen Pause pltzlich mit wunderlich heimlichem Ton.
    Moritz von Aarheim eilte, auf diese Frage bejahend zu antworten, und
verbreitete sich darauf sehr weitluftig in Lobpreisungen der Heldenthat des
Rmers, die er hchlich bewunderte1. Ultimo pegno d' amor ricevi - libertade e
morte, rief er endlich aus.
    Ich sehe, Vetter! Ihr habt Euren Alfieri recht gut inne, sprach der Baron,
pegno d' amor - libertade e morte. Freiheit und Tod: haltet Ihr die wirklich fr
Liebespfnder, wie Alfieri es dem Virginius in den Mund legt? Mit diesen Worten
zog der Baron ein ganz kleines, hermetisch versiegeltes Flschchen hervor, das
er an einer goldnen Kette um den Hals hangen hatte. Libertade e morte! rief
er, und hielt das Flschchen von geschliffnem Krystall hoch gegen das Licht, so
da es in bunten Farben blitzte und funkelte. Kennt Ihr den diesen Gottheiten
geweihten Lorbeer? hier seht Ihr ihn, die Gelehrsamkeit verleumdet ihn zwar und
nennt ihn falsch. Er ist der echte! wer ihn errungen hat und ihn zu brauchen
wei, kmmert sich weder um Kronen noch Krnze, und trotzt dem Geschick wie den
Gebietern der Welt. Virginius war ein Thor, sein blutiger Dolch erregt
Entsetzen. Hier bedarf es nur eines balsamisch duftenden Hauches, und Gabriele
tritt schmerzlos mit mir die Reise nach jenem Lande der Freiheit an. Nicht
blutig, nicht entstellt, ihre Hlle bleibt die Zierde der Welt, so lange das
Licht des Tages sie bescheint, die Oberflche der Erde sie trgt.
    Mit einem Schrei des Entsetzens warf Moritz von Aarheim sich unwillkrlich
auf den Baron und strebte das Flschchen ihm zu entreien, doch dieser hielt ihn
mit starkem Arm ferne von sich.
    Was wollt Ihr? sprach er mit blitzenden Augen, Ihr habt es ja selbst
ausgesprochen, Libertade c morte, ultimo pegno d' amor! O ihr armen Thoren! Was
steht Ihr denn entzckt vor Bildern? was preist ihr Thaten? was prahlt Ihr mit
Gesinnungen, die Euch mit Entsetzen erfllen, wenn Ihr sie ins wirkliche Leben
treten seht? Seyd ruhig, ich gbe Euch gern dieses Flschchen, denn ich habe
mehr dergleichen, wenn so etwas Euch nur anvertraut werden drfte. Seyd ruhig!
Eure Person ist sicher, mit Euch hat kein Lorbeer etwas zu schaffen. Erfllt
meinen Willen, Gabriele wird die Eure, obgleich es mir leid um sie thut. Ihr
wre besser, sie ginge mit mir, ohne zu wissen, wohin die Hand des Vaters sie
fhrt. Ein Hauch, und es wre vorbei mit aller Noth und aller Langenweile, die
sie bei Euch erwarten. Doch lebt wohl, beruhigt Euch, wir sehn uns morgen
wieder, und nun geht!

Bleich wie ein Todter, bebend vor innerem Grausen, durcheilte Moritz von Aarheim
die langen dstern Gnge, welche zu seinem Zimmer fhrten. Kein Schlaf kam die
ganze lange Nacht hindurch in seine Augen. Er blieb angekleidet. Unruhig
wandelte er auf und ab und trat jeden Augenblick an das Fenster, um zu sehen, ob
der Tag noch nicht zu grauen beginne. In dieser Minute blickte er auf zu
Gabrielens Zimmer, und sah, wie der ruhige Schimmer ihrer Nachtlampe das Fenster
schwach erhellte; in der nchsten horchte er wieder hinaus, ob nicht etwa das
Verderben herumschleiche, ob nicht leise Tritte hrbar wrden; doch alles blieb
stille und ruhig.
    Endlich begann der Himmel, sich zu rthen. Moritz schlich sich auf die andre
Seite des Schlosses und sah nach den Zimmern des Barons. Dort erloschen nach und
nach alle Lichter, zum Zeichen, da fr jenen jetzt auch die Zeit der Ruhe
herbei kme. Nochmals lauschte Moritz, und da alles immerwhrend ruhig blieb,
eilte er in den Stall, sattelte selbst sein Pferd und pochte schon beim Aufgang
der Sonne an die Thre von Ernesto's bescheidener Wohnung.
    Ernestos erstes Empfinden beim Anblick des frhen Besuchs war Zorn ber die
Zudringlichkeit des Lstigen, doch als er ihn nher betrachtete und Unruhe und
banges Entsetzen in seinen entstellten bleichen Zgen las, fhlte er sich selbst
von gleichem Gefhle vorahnend ergriffen.
    Moritz begann sogleich, das zwischen ihm und dem Baron Vorgegangne zu
erzhlen, aber so verworren, so weitschweifig, so seltsam in Form und Ausdruck,
da Ernesto dabei in tdtlicher Ungeduld zu vergehen glaubte. Und doch mute er
sich fast jeden Umstand des Gesprchs zwischen Moritzen und dem Baron
mehreremale wiederholen lassen, denn was er vernahm, schien ihm so unglaublich,
da er immer meinte, den Erzhler falsch verstanden zu haben.
    Recht ehrlich und treuherzig bat Moritz ihn endlich, nach vollendeter
Erzhlung, um Beistand mit Rath und That, zu Gabrielens Errettung. Ich wre der
glcklichste Mensch, wenn sie mich heirathen wollte, setzte er in seiner
gewhnlichen Art zu reden hinzu. Ich wollte sie recht gut halten, alles wollte
ich aufbieten, was ihr Vergngen machen knnte. Sie ist es werth, sie ist wie
Miltons Eva, all softness and sweet attractive grace. Ich will auch nicht, da
sie mich wie einen jungen amoroso lieben soll, ils sont pass ces jours de ftes
, wo ich dergleichen Prtensionen machen konnte, ich wei es wohl. Aber gut seyn
mte sie mir, und mir vor allen. Ich knnte es nicht ertragen, wenn sie als
meine Frau jemanden lieber htte als mich. Auch mte ich sie zufrieden und
heiter sehen. Eine empfindsame Dame mit ewigen Thrnen in den Augen, eine
pleureuse ternelle, will ich nicht um mich haben. Sagen Sie ihr das alles,
Signor Ernesto, und fhlt sie dann keine Abneigung gegen mich, so biete ich ihr
mit wahrer Liebe die Hand. Unglcklich aber will ich uns beide nicht machen.
Schlgt sie mich aus - Eh bien, je m' en consolerai - Doch will ich auch dann
fr sie noch wie fr eine nahe werthe Verwandte sorgen, sie soll nicht Noth
leiden. Aber wie retten wir sie vor der Wuth ihres Vaters, wenn sie mich
ausschlgt? Comment la sauver des mains d'un fanatique cruel, qui l' immolera a
ses fantaisies? Wollen wir Gabrielen die grausame Gefahr entdecken, in welcher
sie von Seiten des eignen Vaters schwebt? Signor Ernesto, reden Sie, schaffen
Sie Rath, ich vergehe vor Angst.
    Lassen Sie mir Zeit, das ganz Unerwartete nur zu fassen, sprach Ernesto,
ich hoffe einen Ausweg zu finden.
    What shall we do! What shall we do! was fangen wir an! rief Moritz in
hchster Angst und lief, die Hnde ringend, auf und ab. Ich bitte, sprechen
Sie, ich mu zu Hause, der Baron knnte erwachen und - oh Dio! ich will gleich
fort, ich will sie hten, ihre Thre, sie selbst nicht aus den Augen lassen.
Sagen Sie mir nur noch mit einem einzigen Wort, was ich thun soll!
    Halten Sie zu jeder Stunde Pferde und Wagen bereit, und nun eilen Sie. Ich
folge Ihnen sogleich, und gelange auf dem Fusteige vielleicht noch frher hin
als Sie, sprach endlich Ernesto. Eilen Sie, und hten Sie sich, Gabrielen
etwas zu verrathen, am besten ist es, Sie vermeiden es sogar, mit ihr zu
sprechen. Sie knnen sie und die Zugnge zu ihr doch im Auge behalten.
    Addio! rief Moritz, und eilte in vollem Galopp davon, von Herzen froh,
einen Auftrag erhalten zu haben, der ihn in Thtigkeit setzte, und seinem
ngstlichen fruchtlosen Sinnen ein Ende machte. Whrend dessen durchwanderte
Ernesto nachdenkend und langsam sein dunkles Thal, um den Felsensteig zu
erreichen, welcher in gerader Linie zum Schlosse hinauffhrt.
    Unwillkrlich verweilte er einige Minuten an der alten moosbedeckten Bank,
wo er beim ersten Eintritt in diese dstre Einde mit Gabrielen gesessen hatte.
Alles, was damals in schweren, trben Ahnungen vor seinem Geiste schwebte, und
ihn so ungewhnlich niederdrckte, lag jetzt im hellsten Licht der nahen
Wirklichkeit vor ihm, und weit furchtbarer, als er es sich hatte denken knnen.
Frau von Willnangens Worte: Sie ist verloren sich, verloren uns, tnten
unaufhrlich in seinem Innern, whrend er doch mit aller Anstrengung seines
Geistes darauf sinnen mute, Gabrielen wo mglich noch zu retten. Die Gefahr,
welche ihrem Leben drohte, schien ihm bei weitem nicht so nah und nicht so gro,
als Moritz im ersten Schrecken sie ihm geschildert hatte. Ihm kam sogar der
Gedanke nicht unwahrscheinlich vor, da der halb wahnsinnige Greis in einer bei
seiner Gemthsstimmung nicht ungewhnlichen, boshaft-frhlichen Laune, sich eine
Lust daraus gemacht haben knne, den armen Moritz auf diese Weise in Angst zu
setzen. Desto entsetzlicher aber war ihm die Gefahr, Gabrielen mit einem bei
manchen achtenswerthen Eigenschaften, dennoch hchst widrigen, lcherlichen
Wesen, auf lebenslang verbunden zu sehen. Und doch begriff er nicht, wie sie
dieser Verbindung wrde entgehen knnen. Woher sollte ihr frommes Gemth die
Kraft gewinnen, dem Befehle, vielleicht gar dem Bitten eines Vaters zu
widerstehen, den sie von jeher gewohnt war als den unumschrnkten Gebieter ihres
Daseyns zu betrachten? Keine Hoffnung, sogar kein Wunsch einer glcklichen
Zukunft konnten ihren Muth dazu sthlen, sie achtete ihre Rechnung mit dem
irdischen Leben fr geschlossen, denn sie hatte geliebt. Ernesto hatte Gabrielen
zu genau beobachtet, um an dieser ihrer Ueberzeugung zu zweifeln. Der Gedanke,
da es mit Bitten, Rathen, Warnen ihm doch vielleicht gelingen knne, sie zur
bessern Ansicht des wirklich Rechten und Wahren zu bringen und sie dadurch zur
standhaften Weigerung zu ermuthigen, gewhrte ihm ebenfalls wenig Trost, denn
wie schauderhaft wurde alsdann doch vielleicht vom eignen Vater ihr Leben
bedroht!
    Flucht, schnelle Flucht, blieb der einzige Weg. Aber wie die Tochter
bewegen, ihren alten Vater wider seinen Willen zu verlassen, und vielleicht
seinen Fluch auf sich zu laden! Sollte Erneste ihr entdecken, in welcher
entsetzlichen Gefahr ihr Leben bei ihm schwebte? Wahrscheinlich wrde sie ihm
nicht Glauben beimessen, und gelnge es ihm, sie von der traurigen Wahrheit zu
berzeugen, so mute der Gedanke an solche Gruel ihre ganze Zukunft trben. Wer
brgte ihm dafr, da Gabriele nicht in einem, durch das Gefhl ihres Unglcks
exaltirten Augenblick, den Tod von Vatershnden ohne Widerstreben annhme!
Ernesto kannte den Geist unsrer, jedem berspannten Gefhl gnstigen Zeit,
welcher der Jugend statt froher Thtigkeit, blo leidende schmerzliche Sehnsucht
als Zweck eines Daseyns zeigt, dem das innige Wohlbehagen, die reine Freude am
Leben mit jedem Tage sich mehr entfremden.
    In diese Ueberlegungen vertieft, war Ernesto dem Schlosse schon ganz nahe
gekommen, ohne eine andre Auskunft gefunden zu haben, als die, welche sich im
ersten Augenblick ihm dargeboten hatte, die er als zu eigenmchtig verwarf, und
welche zuletzt doch ergreifen zu mssen er jetzt befrchtete. Er nahm sich
indessen vor, erst die Ueberzeugung zu gewinnen, da alles wirklich so sey, wie
Moritz es ihm vorgestellt hatte, ehe er Anstalten traf, Gabrielen im uersten
Nothfall ohne ihr Vorwissen und ihre Einwilligung vom vterlichen Schlosse
fortzubringen. Moritzen sollte alsdann die Sorge bleiben, den Wahnsinn seines
Verwandten gesetzlich anerkennen zu lassen und ihn dadurch unschdlich zu
machen.
    Ernesto konnte und mochte es sich nicht verbergen, wie viel er durch diesen
Eingriff in Gabrielens Schicksal auf das Spiel setzte, aber er sah keine andre
Mglichkeit, ihr zu helfen, und mute sogar davor zittern, da Zuflligkeiten
ihm auch diese vereiteln knnten.

Moritz von Aarheim war bei Ernestos Ankunft noch eifrig bemht, sein dampfendes
Pferd im Schlohofe herumfhren zu lassen, und dem Jokei dabei in eigner Person
unter lautem Demonstriren zu zeigen, wie man in England diesen Thieren nach
jeder Erhitzung den Kopf und die Ohren mit einem Tuche abreibe. Sie sehen, wie
beschftigt ich bin, flsterte er geheimnivoll dem eben Angekommnen zu,
sobald ich nur eine Minute Zeit gewinne, besorge ich die verlangten Pferde und
Wagen. Uebrigens schlft der Baron hoffentlich noch mehrere Stunden, und die
Kusine finden Sie mit ihrer Cameriera im Blumengarten.
    Schn und heiter wie der Morgen trat Gabriele schon an der Thre des Gartens
ihrem Freunde entgegen. Sie trug eine Vase voll malerisch geordneter bunter
Herbstblumen. Mit der Linken drckte sie die Vase fester an sich, um sie nicht
fallen zu lassen, whrend sie ihm die Rechte zum Willkommen freundlich entgegen
reichte. Die frische Herbstluft hatte ihre Wangen hher gerthet, ihr Auge
strahlte glnzender, Ernesto glaubte, sie noch nie so reizend gesehen zu haben.
Beim Anblick des holden Geschpfs, das arglos wie ein Kind am Rande des
Verderbens noch lchelnd mit Blumen spielte, ergriff ihn ein unaussprechlich
mitleidiges Gefhl. Woher sollte er Muth gewinnen, den rhrenden Frieden dieses
schuldlosen Wesens durch seine Warnung zu stren, den milden Glanz dieses hellen
Auges zu trben? Es ward ihm, als sey er selbst im Begriff, eine frevelhafte
That zu ben, als wrde er mitschuldig an ihrem Untergange, wenn er jetzt
sprche. Vor ihrem ruhig schnen Anblick verlor er selbst fr den Moment den
Glauben an die obwaltende Gefahr, und seine sonst so klare Besonnenheit mute
der mchtigen Sprache seines Herzens einstweilen weichen.
    Seit sie von Frau von Willnangen sich getrennt hatte, war Gabriele noch
nicht so frhlich gewesen. Ihr Herz schwamm in Wonne bei der Erinnerung an die
theilnehmende Art, mit der ihr Vater am gestrigen Abend sich mit ihr beschftigt
hatte. Sie war entzckt, wenn sie seiner deutlich ausgesprochnen Zufriedenheit
mit ihrem bisherigen Streben gedachte. Freude macht geschwtzig; wortreicher als
jemals erzhlte daher Gabriele ihrem Freunde jeden kleinen Umstand des
vergangnen Abends, und suchte auch ihm ihre eigne Ueberzeugung mitzutheilen, da
sie von nun an immer hher in der Gunst ihres Vaters steigen, ihm immer
nothwendiger werden msse und wrde.
    Ernesto hingegen ward immer muthloser, immer unfhiger, ihr das Entsetzliche
zu verknden, je lnger er den frhlichen Ergieungen ihres reinen Herzens
zuhrte. Er litt unbeschreibliche Qual bei dem Gedanken, sie aus ihren Trumen
von einem heiersehnten Glcke zum Elend erwecken zu mssen. Schonend sie und
sich, verschob er es von Stunde zu Stunde, denn jede Minute, whrend welcher er
noch schwieg, war, seiner Ueberzeugung nach, ihrer knftigen traurigen Zukunft
abgewonnen.
    So kam die Zeit des Mittagsmahls heran. Der Gerichtsdirektor war diemal
dabei gegenwrtig, denn der Baron hatte ihn zum heutigen Abend auf das Schlo
einladen lassen. Und auch ohne diesen wrde das Beiseyn der Bedienten und selbst
Moritzens Gegenwart jede freie Mittheilung whrend der Mahlzeit unmglich
gemacht haben.
    So ganz widerwrtig, wie heute an dem kleinen Tische dicht neben Gabrielen,
war Moritz noch nie ihrem Freunde erschienen; sein lppisches verstecktes
Winken, sein geheimnivoll seyn sollendes Fragen, seine Anspielungen, mit denen
er Ernesto, so lange die Mahlzeit whrte, zu verfolgen nicht aufhrte, machten
ihn ganz unertrglich, und dieser war deshalb herzlich froh, als endlich die
Tafel aufgehoben ward, und er mit Gabrielen sich wieder allein sah.
    Die herbstliche Sonne senkte sich schon dem Felsen zu, die Stunde der frh
eintretenden Dmmerung nahte heran, und Ernesto fhlte mit bitterm Schmerz, da
es jetzt nicht mglich sey, lnger zu schweigen. Um Gabrielen zu schonen, auch
wohl um selbst Muth zu gewinnen, wendete er zuerst das Gesprch auf Gabrielens
Verhltni zu Moritz von Aarheim, als Lehnerbe ihres Vaters, und machte gleich
die Entdeckung, da sie durchaus keinen Begriff davon habe. Alles, was er ihr
darber zu sagen fr gut fand, machte auch weiter keinen Eindruck auf sie, als
da es sie an die Zeit erinnerte, in welcher ihr Vater nicht mehr seyn wrde,
und sie deshalb ernster und trber stimmte.
    Behalte ich doch Sie, meine Willnangen und meine Auguste, wenn Gott meinen
Vater zu sich ruft, dazu Gengsamkeit und Freude an wohlgeordneter Thtigkeit,
diese Gter kann kein Gesetz mir rauben, sprach endlich Gabriele. Mge mir das
Glck, meinen Vater zu pflegen, recht lange gegnnt werden! kommt aber die Zeit,
wo ich ihn zu verlieren bestimmt bin, so wei ich, da meine Freunde sich um
mein knftiges Fortkommen auf dem Lebenswege weit mehr kmmern werden als ich
selbst.
    Auch ich wre um Ihre Zukunft unbesorgt, theure Gabriele! wenn nicht die
Plne Ihres Vaters mich bengstigten, erwiederte Ernesto; vielleicht entdeckt
er sie Ihnen heute noch - Ein eintretender Diener unterbrach ihn mit der
Nachricht, da der Baron Gabrielen sogleich zu sprechen verlange. Ernesto ward
bleich wie ein Sterbender.
    Beinahe zwei Stunden frher als gestern! Sehen Sie wie er allmhlig meine
Gesellschaft lieb gewinnt? rief frohlockend Gabriele, und bemerkte nicht, in
welcher Todesangst ihr Freund vor ihr stand, bis sie im Forteilen sich von ihm
fest gehalten fhlte.
    O Gabriele! rief er, Sie wissen nicht! armes, unglckliches Kind! Sie
wissen nicht, wem Sie entgegen gehn, was Sie erwartet! Worauf ich langsam Sie
vorbereiten wollte, mu ich jetzt Ihnen ohne Milderung eilend zurufen. Ihr Vater
will Sie vermhlen, er will das Unglaublichste, er will an Moritz von Aarheim
Sie vermhlen, gerade wegen jener Familienverhltnisse, die ich eben Ihnen zu
erklren begann. Moritz selbst entdeckte mir die, er gab mir den Auftrag, Sie
vorzubereiten, er ist zu gutmthig, um Sie dem Zwange verdanken zu wollen.
    Gabriele ward bleich, sie zitterte, sie verstummte einige Minuten lang, doch
wute sie sich bald wieder zu fassen. Dank! Dank Ihnen, Ernesto, fr Ihre
Warnung! sprach sie, jetzt aber lassen Sie mich, ich darf meinen Vater nicht
lnger auf mich warten lassen. Ich hoffe, diese Gefahr soll an mir vorber
gehen, ich werde meinen Vater gewinnen, er soll ohne mich nicht leben knnen, er
soll mich lieben lernen, dann wird er mich nicht verstoen wollen. Gabriele!
rief Ernesto in hchster Angst, und eilte neben ihr her, die schnell die langen
Gallerieen durchstreifte, um zu den Zimmern ihres Vaters zu gelangen. -
Gabriele! nur einige Worte noch. Gedenken Sie Ihres Versprechens im Felsenthal,
ehren Sie diemal meinen Rath. Erzrnen Sie Ihren Vater nicht durch Weigerung,
wenn er Ihnen seinen Willen kund thut, um Gotteswillen nicht. Bitten Sie um
Bedenkzeit, hren Sie mich? um Bedenkzeit. Geloben Sie es mir, um Bedenkzeit zu
bitten, ohne irgend eine Abneigung gegen seinen Willen zu uern, oder ich
dringe mit Ihnen in sein Zimmer, werde dann weiter daraus was da wolle; setzte
er wie ausser sich hinzu.
    Ernesto, wie frchterlich sind Sie! rief Gabriele, und stand einen
Augenblick still, ihn betrachtend. Sie sah Thrnen in seinen Augen glnzen, sie
gewahrte den Ausdruck des ngstlichsten Mitleids, der hchsten Unruhe in allen
seinen Zgen. Ich sehe es, sprach sie tief bewegt, ich sehe es, Ihrer Angst
um mich liegt noch ein Geheimni zum Grunde, das Sie mir nicht entdecken wollen.
So bleibe es mir dann verborgen, ich ehre Ihre Grnde, es mir zu verschweigen
und traue Ihrer Freundschaft. Ich gelobe, Ihrem Rathe zu folgen, meinen Vater
nicht durch Widerspruch zu reizen, ihn um Bedenkzeit zu bitten. Darf ich nun
hoffen, Sie beruhigt zu haben?
    Ernesto vermochte vor innrer Bewegung nicht ihr zu antworten. Die dunkeln
Mauern von Schlo Aarheim bten ohnehin an ihm eine Zaubermacht aus, welche
seine Geisteskraft lhmte. Er whnte dort noch Augustens Seufzer zu athmen, die
einst ungehrt hier verwehten; ferne Tne umschwirrten ihn wie der Wiederhall
ihrer lngst verklungnen Stimme, und ihre holde Gestalt schien ihm aus jeder
Ecke entgegentreten zu wollen. Bei dem schwachen Schimmer einer einsamen Lampe
in der hochgewlbten dstern Gallerie, in welcher Gabriele mit ihm sich befand,
war es ihm, als she er pltzlich neben ihr den Geist ihrer Mutter; er bebte
ergriffen zurck, im nehmlichen Augenblick ffnete sich die Thre vom Vorzimmer
des Barons, in deren Nhe sich beide befanden, und schlug klingend hinter
Gabrielen zu, sobald diese die Schwelle berschritten hatte.
    Ernesto wollte ihr nach, um wenigstens, wenn auch durch eine zweite Thre
von ihr getrennt, in ihrer Nhe zu bleiben, aber er hrte die Stimme des Barons,
der seiner Tochter gebot, ihm in sein Zimmer zu folgen, und dann den innern
Riegel vorschob. Auf Flgeln der Angst durcheilte Ernesto jetzt wieder die
Gallerieen, um Frau Dalling aufzusuchen, ihr alles zu entdecken und dann wo
mglich mit ihrer Hlfe ein Mittel zu finden, der gefrchteten Unterredung
zwischen Vater und Tochter ungesehen beizuwohnen.

Festlich gekleidet, geschmckt mit allen Zeichen ehemaliger Wrden und Ehren,
war der Baron seiner Tochter bis an die Thre des Vorzimmers entgegen gekommen,
die er, wie schon erwhnt ward, hinter ihr verriegelte. Dann schritt er
feierlich vor ihr her, nahm seinen gewhnlichen Platz im Lehnstuhl am Fenster
ein, und winkte ihr schweigend, sich auf ein Taburet ihm gegenber zu setzen.
    Der Eindruck, welchen seine ganze Gestalt auf sie machte, war heute noch
imponirender als ehemals, der Baron schien sogar grer als sonst, und der
versteinerte Ernst aller seiner Zge beklemmte ihre Brust und raubte ihr den
Athem.
    Ich wiederhole die schon gestern dir ertheilte Zusicherung meiner
Zufriedenheit mit deinen in der Stadt erworbnen Kenntnissen, hob der Baron nach
einer ziemlich langen Pause an, sie haben mein Erwarten bertroffen. Wer so
fleiig war wie du, hatte wahrscheinlich nicht Zeit, Thorheiten zu begehen.
Daher hoffe ich, da kein innres Hinderni dich abhalten wird, meine Wnsche zu
erfllen, und da du auch neben so vielem anderm gelernt hast, kindlichen
Gehorsam zu ben. Ich bin entschlossen, dich meinem Lehnserben, Moritz von
Aarheim, zu vermhlen, doch habe ich ihm versprechen mssen, es dir frei zu
stellen, seine Hand auszuschlagen. Entscheide also ohne Zwang: ob du meinem
Willen folgen willst oder nicht, so wie du glaubst, da es recht sey.
    Der Baron schwieg, und Gabriele strebte vergebens, ihre zitternden Lippen
zur Antwort zu bewegen. Einige Minuten vergingen im schweigenden Kampf mit ihrer
innern Angst. Entscheide! - rief endlich der Baron mit flammenden Augen, und
richtete sich hoch in die Hhe.
    Mein Vater, stammelte Gabriele, wie kann ich so schnell - ich flehe nur
um Bedenkzeit.
    Bedenkzeit! wiederholte der Baron, und lie sich langsam wieder nieder,
Bedenkzeit! Thoren, Schwchlinge bedenken sich. Der Tapfre, der Weise, wissen
gleich, was sie wollen oder mssen. Doch du bist ein Mdchen, und diese
Alfanzerei war schon vor vierzig Jahren unter euch Mode, wunderbarbar, da sie
in der langen Zeit nicht wieder abkam. Nun, es sey - du hast Bedenkzeit, bleib
sitzen, bedenke dich.
    Seiner Gewohnheit gem wandte sich der Baron nach der Brandsttte, eine
bange Viertelstunde verging, whrend welcher Gabriele es nicht wagte, sich zu
regen. Endlich kehrte sich der Baron mit fragendem ernstem Blick ihr wieder zu.
    Vater! rief sie und hob flehend die Augen voll erstarrter Thrnen zu ihm
auf, Vater, ich brauche keine Bedenkzeit. Bei Ihnen will ich bleiben! Ihnen
allein widme ich mein Leben, Sie pflegen will ich, Ihnen dienen, keine andre
Pflicht erkennen, als jedem Ihrer Wnsche zuvorzukommen!
    Und weigerst dich dennoch, den ersten, welchen ich aussprach, zu erfllen?
erwiederte der Baron und durchbohrte sie fast mit seinen glhenden Augen.
    Nein, o nein, mein Vater! erwiederte schnell Gabriele, ich bitte Sie nur,
mich nicht zu verstoen. So lange ich lebe, ist Ihnen mein Daseyn geweiht. Ich
kann mich nicht entschlieen, einem Andern anzugehren als meinem Vater, ich
fhle einzig den Beruf, um Sie zu seyn, so lange mir Gott Ihr Leben erhlt; was
spter aus mir wird, macht mir keine Sorge.
    Auch mir sollte es keine machen - besser wre es, wenn - murmelte der
Baron nur halb hrbar vor sich hin, dann versank er wieder in tiefes Nachdenken.
Abermals vergingen einige stumme Minuten, dann wandte er sich pltzlich wieder
zu Gabrielen.
    Hre mir aufmerksam zu, sprach er. So viel du davon zu fassen vermagst,
will ich dir die Grnde entwickeln, welche mich bestimmen, diese Verbindung zu
wnschen. Hernach entscheide. Forderst du dann noch lngere Bedenkzeit, so sey
sie dir im Voraus gewhrt. Hre mich jetzt.
    Unermdetes Forschen, Streben, Arbeiten war mein Leben, so lange du athmest;
die Nacht mir Tag. Ich habe Schrecken getrotzt, Gefahren, bei deren bloem Namen
dein jugendliches Blut in den Adern erstarren mte. Meine Umgebungen waren -
Mein Umgang war - Nein, ich will deine Sinne nicht durch die Namen jener
Schrecklichen verwirren, ich will dich nicht dem Wahnsinn zufhren. Ich schweige
von dem, was ich that, was ich litt, was ich berwand. Fr dich, Gabriele, fr
dich! dich wollte ich erheben, dich erhhen zur Glorreichsten unseres alten
Geschlechts! hoch ber alle jene edlen Frauen deiner Ahnen, deren lange Reihe
der edelste Schmuck unsers Hauses ist.
    Hier schwieg der Baron wieder einige Minuten lang, Gabriele wagte es nicht,
sich zu regen. Dann fuhr er mit fast tonloser Stimme fort: Die doppelte
schuppige Schlange, deren gekrntes Haupt in rother Erde sich birgt, war mein,
die Knigin ruhte in ihrer Kammer, der Rabe wandelte sich zum hochfliegenden
Aar, und ernhrte den in ihrem Schooe schlummernden grnen Lwen, es nahte sich
der Alte, der zwischen den Bergen geht, die rothe und die weie Lilie prangten
in seinen Hnden. - Da - da - fort mit der Erinnerung, wie alles vernichtet
ward, rief der Baron jetzt laut und frchterlich, fort - es ward vernichtet.
Weh mir! ich verga den Fluch, der auf der fnften Zahl ruht, feindliche dunkle
Mchte, auf mein Verderben lauernd, irrten mich. - Freundliche zrnten mir -
Verloren - verloren - verloren - ist das groe Spiel.
    Mit geschlonen Augen lehnte sich der Baron jetzt in seinen Lehnstuhl zurck
und lag regungslos da. Gabriele war vor ihm auf die Knie hingesunken; sie
blickte in sein farbloses Antlitz, auf seine grauen Haare, welche sprlich die
eingefallnen Schlfe umgaben, sie sah die tiefliegenden geschlonen Augen in
ihren weiten Hhlen, von den berhngenden schneeweien Augenbraunen beschattet.
Er glich so ganz einem Todten, da der Gedanke sie grausend berfiel, er knne
in diesem Moment gestorben seyn.
    Mein Vater, mein Vater! rief sie, und wagte es, leise seine Hand zu
berhren; da richtete er, gleich einem Erwachenden, sich wieder auf.
    Du weinst? sprach er, du zitterst? weit du warum? wovor? Dann blickte
er sie eine Weile starr an. Ich lese in deiner Seele, fuhr er fort, du
glaubst, ich sey wahnsinnig, weil du meine Reden nicht verstehst. Du irrst, hohe
Weisheit liegt hinter diesen Bildern, aber ihr hrt nur, und vernehmt nicht,
eure Sinne hlt Wahn befangen. Die Vergangenheit enthllte ich dir, so weit ich
es durfte. Die Gegenwart, - tritt her zu mir ans Fenster, blicke hinaus, dort
liegt sie, dort in Trmmern. Was diese decken, bleibe ewig verborgen. Fluch der
Hand, die es wagt, diesen Schutthaufen zu berhren! rief er mit furchtbarem
Ton, in hoher aufrechter Stellung, mit flammenden Augen, wie ein Begeisterter.
Fluch dem, der dem Unheil, das dort im dunkeln tiefen Gewlbe sicher ruht, den
Weg bahnt zum Licht. Niemand darf dort den Faden finden, ihn wieder aufnehmen,
der meiner starken Hand entfiel! denn niemanden darf gelingen, was mir milang.
    Moritz von Aarheim gebietet hier nach meinem Tode, sprach der Baron nach
einer kleinen Pause, whrend welcher er sich mit Anstrengung zu besnftigen
schien. Sein erstes Thun wird seyn, dort zu graben, zu bauen, zu whlen, er
selbst hat mir es ins Angesicht gestanden. Du allein kannst mir die Sicherheit
jenes Heiligthums auf ewige Zeiten erkaufen, und erkauft mu sie werden. Es gilt
der Ruhe meiner Todesstunde, es gilt dem ruhigen Schlaf meiner Gebeine im
stillen Grabe, weit, weit, auf Jahrhunderte hinaus! Gabriele, du darfst jetzt
nicht ohnmchtig werden, fasse dich, du darfst jetzt nicht die Besinnung
verlieren, du mut mich aushren, denn nie darf ich wieder wie in dieser Stunde
zu dir reden.
    Mit leisem, wunderlich-heimlichem Tone fuhr der Baron nach kurzem Schweigen
in seiner Rede weiter fort. Kennst du die Geheimnisse der Unterwelt? Wie
solltest du! Ich aber wagte es, mit dieser Hand ihren Schleier zu lften. Nicht
alle, meine Tochter, nicht alle, die hier entschliefen, ruhen dort in Frieden.
Furchtbare Vorhfe fhren zum finstern Reich, dort in Tophet und Scheol weilen
rastlos die Seelen derer, die beunruhigt ber die Zukunft dessen hinbergingen,
was sie hier erstrebten. Jede Mitternacht ruft sie herauf, gespenstisch
umwandern sie den Gegenstand ihrer Sorge in banger Qual, bis der Morgenhauch sie
wieder zur kalten dstern Tiefe scheucht - jede Nacht sehe ich dort drben den
alten Franz, Sorge um mich lt ihn nicht ruhen, er hebt das bleiche Haupt aus
der Asche, mit langem Todtenfinger winkt er mir zu sich, zu sich, zur
jammervollen Wache um das dort Verborgne.
    Ich habe vollendet, du weit jetzt genug. Ruhe oder Verzweiflung deines
Vaters in der letzten Stunde und im Grabe sey das Werk deiner freien Wahl.
Bedenk es wohl, es gilt nicht einer Hand voll Tage, die ihr ein Leben nennt, es
gilt der Ewigkeit. Meine Todesstunde kann jetzt schlagen, in dieser Minute, aber
du hast Bedenkzeit. Willige ein, verwirf, bringe durch thrichtes Zgern das
Unheil ber mich, ich breche mein gegebnes Wort nicht, du bist frei, du hast
auch Bedenkzeit.
    Vater, Vater! rief Gabriele, kann denn mein Leben nicht das Opfer seyn?
    Hastig griff der Baron an seine Brust, dann lie er die Hand wieder sinken.
Nein, sprach er halb leise, und blickte milder als vorher Gabrielen an.
    Nun denn, ich will nicht ngstlich berechnen, was ich meinem Vater opfre,
hier bin ich, Ihr Kind! mein Schicksal lege ich in Ihre Hand und murre nicht.
    Erschpft an allen Krften, doch nicht bewutlos, sank sie mit diesen Worten
vor ihm hin.
    Ich danke dir, sprach der Baron, und lie einen Moment seine Hand auf
ihrem schn gelockten Haupte wie segnend ruhen; dann hob er Gabrielen sorgsam
auf, und setzte sie in seinen Lehnstuhl. Ermanne dich, fasse Muth, du hast
entschieden wie es recht war. Uebrigens geschehe gleich, was geschehen mu;
alles ist vorbereitet. Zgern ist Qual, ist Gefahr, und ich bin mde und will
zur Ruhe.
    Mit diesen Worten zog er die Schelle und ging in das Vorzimmer, um die Thre
zu ffnen. Athemlos strzte dort Frau Dalling ihm entgegen, ein lauter Schrei
des Schreckens, als sie Gabrielen bleich und regungslos im Lehnstuhl erblickte,
verrieth, da Ernesto ihr alles vertraut habe, was er wute. Der Baron achtete
nicht darauf. Fhren Sie Ihr Frulein auf ihr Zimmer, sprach er, schmcken
Sie die Braut mit dem Hausschmuck, den seit Jahrhunderten jede Braut von Schlo
Aarheim an ihrem Ehrentage trgt, fgte er hinzu, indem er ihr ein uraltes
Kstchen mit einem goldnen Schlssel bergab. In einer Stunde kommt der
Brutigam, sie zur Trauung abzuholen.
    Matt zum Tode, aber fromm lchelnd wie ein seliger Engel neigte, sich
Gabriele vor ihrem Vater, dann wankte sie am Arm der Frau, die einst an der
Schwelle des Lebens sie empfing, still hinaus. Ernesto eilte schon im Vorzimmer
ihr entgegen. Ein Strom lindernder Thrnen machte beim Anblick des treuen
Freundes dem armen gepreten Herzen Luft. Sie hatten Recht, flsterte Gabriele
ihm zu, und lehnte das schne bleiche Kpfchen auf seine Schulter, indem sie
erschpft auf einen Stuhl sank. Frau Dalling und Ernesto knieten vor ihr hin,
sie zu untersttzen.
    Noch ist Rettung mglich! sprach Ernesto ngstlich und schnell. Fliehen
Sie, alles ist bereit. Frau Dalling begleitet uns, Moritz selbst befrdert und
beschtzt unsre Flucht, er will Sie nicht dem Zwange verdanken. Keine Pflicht
bindet Sie, den Willen eines verwirrten Sinnes zu erfllen, wenn es dem Glcke
Ihres ganzen knftigen Lebens gilt. Kommen Sie, verlieren Sie keine Zeit, Pferde
und Wagen stehen unten am Schloberge, jede Minute ist kostbar, Moritz selbst
will hier uns vertreten, wir eilen zur Frau von Willnangen.
    Der Rath kam nicht aus Ihrer Seele, Ernesto, erwiederte Gabriele sehr
ernst und trocknete ihre Thrnen. Wohin knnten Sie mich fhren, da nicht der
Fluch meines Vaters mich erreichte? da nicht die Schrecken der eben durchlebten
Stunde mich verfolgten, nicht die Angst um einen sterbenden Vater, dem ich den
Trost verweigerte, welchen zu geben in meiner Macht stand? Ernesto, setzte sie
hinzu, und blickte ihn zutrauend an, indem sie seine beiden Hnde fate, knnen
Sie mir wirklich rathen jetzt zu fliehen?
    Nein! ich kann es nicht, und du bist verloren, rief Ernesto, dort in der
Freiheit wrde Reue dich verzehren, ich fhle es. So gehe denn gefat dem
entgegen, was du, reine Seele! als Pflicht anerkennst. Damals, als du diesen
frchterlichen Mauern zueiltest, in denen alles Gute und Schne untergehen mu,
damals htten wir, deine Freunde, dich zurckhalten, dich nicht so unbedacht der
Gewalt eines Wahnsinnigen ausliefern, wir htten seinen Zustand vorher erkunden
sollen. Jetzt ist es zu spt, setzte er mit verhlltem Gesicht hinzu.

Die zum Schmuck der Braut vom Baron bestimmte Stunde war vorber. Bleich wie ein
Marmorbild, keine Spur von Lebenswrme auf Wangen und Lippen, sa Gabriele auf
ihrem Sopha, und schauderte bei jedem Gerusch. Nur ihr schwimmendes Auge, die
zitternde Bewegung ihres hochklopfenden Herzens, von welcher der diamantne
Blumenstrau an ihrer Brust erbebte, verriethen innres Leben und innern Kampf.
Schweigend, aber vergebens, strebte sie wie sonst dem Unvermeidlichen wenigstens
uerlich gefat entgegen zu treten, ihr unwillkrliches Zittern, ihre
Unfhigkeit, sich aufrecht zu erhalten, vermochte sie nicht zu berwinden.
    Ernesto stand bleich wie sie selbst neben ihr, sein Blick ruhte auf den vor
alter Zeit in wunderliche Schnrkel gefaten Diamanten, die, zum Brautkranz
zusammengefgt, Gabrielens blonde Locken niederdrckten. Pltzlich ergriff ihn
der Gedanke, da dieser nehmliche Kranz wahrscheinlich auch an Augustens
Opfertage in ihren Haaren geschimmert hatte, und die Ironie des Zufalls, der
hier den kalten schweren Stein statt der weichen lieblichen Myrte erwhlte,
erhhte den bittern Schmerz, der ihn, den sonst so ruhigen Mann, in diesem
Augenblick der Verzweiflung nahe fhrte.
    Alle Liebe erstirbt in diesen Mauern, rief er aus, darum ist auch ihr
Symbol daraus verbannt, und spitziger Steine flimmernder Glanz mu dessen Stelle
ersetzen. O Gabriele! mgen Sie nie auf Ihrem Lebenswege die Myrte vermissen,
die jetzt auch Ihrem Schmucke fehlt, und nie ihr begegnen! Die ist der einzige
Segen, den ich heute Ihnen geben kann, und es klingt wie ein Fluch.
    Ich denke Sie zu verstehen, guter Ernesto, und mchte gern Sie trsten,
wenn Sie mir nur glauben wollten, erwiederte sanft und gelassen Gabriele. Mein
Leben ist vorber, wenn Lieben Leben ist. Andern mag Hoffnung strahlen, mein
Stern ist Erinnerung, Erinnerung an eine kurze Stunde voll Wonne und Schmerz,
die nie mir wiederkehren kann und dennoch ewig mich beglckt. In meinem Herzen
ist der Sturm beschwichtigt, um nie wieder zu erwachen, ich wei es, seit
gestern, da ich es vermochte, vor Ihnen den Namen auszusprechen, den ich nie
wieder nennen werde, obgleich ich es drfte, denn mein Empfinden ist ruhig und
schuldlos. Das Opfer, welches ich meinem Vater bringe, ist daher nicht so gro,
als Sie es sich wohl denken. Ich opfre keine Hoffnungen, denn ich hatte keine,
kein Glck der Zukunft, denn mir blht keins, als in der Liebe meiner Freunde,
und die bleibt mir. Fr die Freiheit weniger Jahre gewinne ich meines Vaters
Ruhe, seinen Segen, und Frieden mit mir selbst. Es werden der Jahre sehr wenige
seyn, mir sagt es mein ahnendes Herz, und warum sollte ich um so hohen Preis mit
einer Hand voll Tage noch geizen!
    Die Thre ffnete sich, Moritz von Aarheim trat herein. Gabriele zuckte bei
seinem Anblick krampfhaft zusammen, doch erholte sie bald sich wieder, und ging,
gesttzt auf ihre Dalling, ihm einige Schritte entgegen. Haben Sie den Wunsch
meines Vaters erfllt? fragte sie leise und zitternd.
    Ich habe es. In allen Formen, wie er es verlangte, habe ich gerichtlich
mich und meine Nachkommen auf ewige Zeiten verbindlich gemacht, keinen Stein in
Schlo Aarheim zu verrcken, weder zu bauen noch einzureien, erwiederte Moritz
in ungewohnter Krze, denn innre Bewegung und Gabrielens berirdischer Anblick
hemmten den gewohnten Flu seiner Rede.
    Wollen Sie auch mir eine Bitte gewhren? fragte Gabriele. Moritz
antwortete schweigend mit einer bejahenden Verbeugung. Nun so versprechen Sie
mir, mich nie von meinem Vater zu trennen, solange mir Gott sein Leben erhlt,
bat Gabriele, mit unendlich weicher rhrender Stimme und Geberde.
    Ich verheie es Ihnen, erwiederte Moritz, gewhren Sie mir dagegen die
Versicherung, da Sie freiwillig und ohne Zwang mir die Hand reichen.
    Freiwillig, ohne Zwang, wiederholte Gabriele kaum hrbar.
    Der Baron erwartet uns, sprach Moritz ebenfalls sehr leise.
    Gabriele wankte, indem sie hinausschreiten wollte, Ernesto bot zur rechten
Zeit ihr den Arm, um sie vor dem Fall zu schtzen; auf ihn gelehnt, betrat sie
die an das Zimmer ihres Vaters grenzende Kapelle des Schlosses.
    Dort stand der Baron, neben dem Priester am hellerleuchteten Altar, nur die
Bewohner des Schlosses und der Gerichtsdirektor waren als Zeugen gegenwrtig,
bange Grabesstille herrschte unter allen Anwesenden. Feierlich schritt der Baron
dem langsam herannahenden Paare entgegen, er nahm die zitternde Hand der Braut,
die so lange auf Ernestos Arm geruht hatte, und schien dabei diesen in der
Zerstreuung nicht zu bemerken.
    Todesbleiche wechselte mit der Purpurrthe des Zorns in Ernestos Gesicht,
whrend dieses geschah, sein Herz pochte hoch, sein Auge flammte, seine Hand
ballte sich wie zum Kampf. Ungehindert hatte indessen die Zeremonie begonnen,
welche Gabrielens Schicksal unwiderruflich bestimmte.
    Sie ward beendet, alles blieb still, kein frhliches Getmmel
Glckwnschender drngte sich um die Neuvermhlten, und wie bewutlos schwankte
Gabriele am Arm ihres Vaters in sein Zimmer. Ernesto folgte mit Moritz von
Aarheim, zuletzt Frau Dalling und Annette. Alle brigen blieben in der Kapelle
zurck, die Thre derselben, welche in des Barons Zimmer fhrt, ward
geschlossen.
    Der Baron trat in seinem Zimmer an das Fenster und blickte hinber zur
Brandsttte; wthender Sturm durchtobte heulend die schwarzen Trmmer. Dort ist
Aufruhr, hier endlich Ruhe, sprach der Baron, und setzte sich auf seinen
gewohnten Platz. Gabriele, unfhig sich aufrecht zu erhalten, kniete vor ihm
hin. Dir danke ich diese Ruhe, Gabriele; auch deine Mutter hat viel fr mich
gethan, sprach der Baron. Ich segne dich nochmals, mein Kind, setzte er
hchst feierlich hinzu, indem er ihre Stirn mit seiner Hand berhrte; auch dich
segne ich, mein Sohn Moritz von Aarheim! halte das Kleinod hoch, das ich dir
bergab. Es lag etwas besonders mildes in dem Ton, mit welchem der Baron diese
Worte sprach. Ungewohnte Ruhe ebnete die harten Zge seines Gesichts und machte
sie fast unkenntlich. Jetzt ist mein Haus bestellt. Lebt wohl! ich bin mde und
gehe zur Ruhe, sprach er noch, und winkte verabschiedend wie gewhnlich.
    Halb getragen von Annetten und ihrer Dalling, schritt Gabriele langsam der
Thre zu, Moritz und Ernesto folgte ihr; kaum aber hatten sie die Mitte des sehr
gerumigen Zimmers erreicht, als Ernesto den Baron in seinem Lehnstuhl
zusammensinken sah, zugleich verbreitete sich ein betubender mandelartiger
Geruch. Alle wandten sich pltzlich wieder dem Baron zu. An seinem Halse hing
das kristallne Flschchen erbrochen an der goldnen Kette herab, er selbst lag
regungslos in seinem Lehnstuhl, kein Zweifel war mglich. Im Geiste des
Kirschlorbeers hatte er den schnellen schmerzlosen Tod eingeathmet, welchen er
einst Gabrielen bestimmte, die einzige Frucht seines jahrelangen, mhseligen,
alchymistischen Forschens.
    In tiefer Ohnmacht sank Gabriele neben der entseelten Hlle ihres Vaters zu
Boden.

                                 Zweiter Theil


Wie dem Blitz der Donner, so schnell war bei der Entscheidung von Gabrielens
Geschick die Erfllung dem ersten Drohen der Gefahr auf dem Fue gefolgt.
    Ernesto hatte im Drange der Begebenheiten keinen ruhigen Augenblick
gefunden, um Frau von Willnangen auf die Mglichkeit des fast Unglaublichen
vorzubereiten, und selbst, nachdem schon alles entschieden war, whrete es noch
mehrere Tage, ehe er Muth und Ruhe des Geistes genug gewinnen konnte, um ihr zu
schreiben. Ueberdies stand er nach dem Tode des Barons wirklich ganz allein in
der alten grausenvollen Burg, mitten unter einem Haufen verschchterter,
hlfloser Menschen, die alle zu ihm aufblickten, die von ihm berathen und in
Thtigkeit gesetzt zu werden verlangten, um nur dadurch ihren eignen Gedanken zu
entgehen.
    Moritz war zufolge seiner armen, schwachen, an tausend Kleinigkeiten sich
anklammernden Natur, im ersten Schrecken ganz unfhig geworden, nur einen
einzigen Gedanken klar zu fassen; noch weniger vermochte er, einigermaen
zweckdienliche Anstalten zu treffen, wie sie die Umstnde heischten. Seine
unglaubliche Unbeholfenheit, Gabrielens bewutloser Zustand, selbst die
ngstliche mige Neugier der Bedienten, alles vereinigte sich, die ganze
Thtigkeit des einzigen hellen Geistes in Anspruch zu nehmen, der mitten in
diesem Wirrwarr fhig geblieben war, fr die Uebrigen zu denken.
    Ernestos erste Sorge mute das feierliche Leichenbegngni des Barons seyn,
dessen selbst gewhlte Todesart er um Gabrielens Ruhe willen mglichst zu
verheimlichen suchte. Der Uebung dieser traurigen Pflicht folgte des neuen
Besitzers festliche Uebernahme der Gter und dem zunchst die Untersuchung der
bisherigen sehr nachlssig betriebnen Verwaltung derselben. Ernesto bernahm
gern jedes Geschft, theils um Gabrielens willen, theils weil er wirklich
unausgesetzter Thtigkeit bedurfte, um sich selbst aufrecht zu halten.
    Moritz wendete indessen seine Aufmerksamkeit auf unzhlige unbedeutende
Kleinigkeiten, die aber alle mit der hchsten Wichtigkeit von ihm betrieben
wurden.
    Ruhig, keiner Erdennoth sich bewut, aber krank zum Tode, lag whrend der
Zeit Gabriele in tiefer Betubung auf ihrem Bette, bis sie nach mehreren Tagen
wieder zur Besinnung und ins Leben zurckgerufen ward. Ihr Erwachen glich dem
eines Kindes, das nach einer Nacht voll ngstlicher Trume beim ersten
Aufschlagen der Augen in das milde treue Antlitz der Mutter blickt. Ihr war, als
fnde sie sich wieder im Hause der Frau von Willnangen wie bei ihrer ersten
Krankheit. Wie damals, sah sie Ernesto und Annette neben ihrem Bette; freundlich
reichte sie beiden die Hand und begrte mit mildem Lcheln den tiefblauen
Himmel voll goldner Herbstwolken, in den sie durch ein groes Fenster, ihrem
Bette gegenber, blicken konnte.
    Ich bin wohl wieder krank gewesen? sprach sie, ich habe euch wohl wieder
recht viel Sorge gemacht? mir ist auch, als sey ein groes Unglck geschehen,
aber ich wei nicht welches? und so habe ich doch wohl nur davon getrumt. Da
ging die Thre auf, Moritz trat herein, sein Anblick, seine laute wunderliche
Freude ber ihre Besserung, riefen sie pltzlich in helles Bewutseyn zurck.
Alles, alles, was geschehen war, stand in einem frchterlichen Momente vor ihr,
klar wie der Tag, die ganze Hoffnungslosigkeit ihrer Zukunft, alle Schrecken der
nchsten Vergangenheit. Sie verbarg das Gesicht in die Kissen, ihre Augen
schlossen sich wieder, sehnlich betete sie in ihrem Herzen um neuen Schlummer
ohne Erwachen, aber sie ward nicht erhrt, ihre Jugendkraft siegte und jeder Tag
fhrte sie von nun an nher der vlligen Genesung.
    Der Tod ihres Vaters war das einzige Ereigni, dessen Gabriele sich nicht
deutlich erinnerte. Sie selbst hatte ja, fast im nehmlichen Momente als er
zusammensank, ebenfalls das Bewutseyn verloren, und so konnte es Ernestos
sorgsamer Freundschaft gelingen, sie nach und nach auf diese traurige
Begebenheit vorzubereiten, und vor allem ihr das Entsetzen ber die Todesart des
Barons zu ersparen.
    Hei und bitter quollen Gabrielens Thrnen als sie endlich vernahm, da sie
ihrem Vater mit allem, was sie ihm opferte, nur ein paar ruhige Minuten hatte
erkaufen knnen. Alle ihre, auf dieses Opfer gegrndete Hoffnungen von seiner
zufriedenen Zukunft, seinem heitern Alter, seiner Wiederkehr zu den Menschen und
zu milderm Gefhle waren nun verschwunden auf immer; alles, woran sie unter der
ungeheuren Last der bernommenen Pflichten, sich zu halten gehofft, war nun mit
ihm zu Grabe getragen. Gabrielen blieb kein Trost als das Bewutseyn, der
heiligen Stimme in ihrem Innern gefolgt zu seyn.
    Nach langem Zgern ergriff Ernesto endlich die Feder, um Frau von Willnangen
die traurige Geschichte der im Schlo Aarheim verlebten Tage kund zu thun. Das
grausenvolle Gesprch zwischen Vater und Tochter, durch welches zuletzt
Gabrielens traurige Bestimmung entschieden ward, konnte er ihr fast wrtlich
mittheilen. Denn als sich der Baron mit seiner Tochter eingeschlossen, hatte
Ernesto in der hchsten Angst seine Zuflucht zu Frau Dalling genommen. Zwar war
diese nicht im Stande gewesen, ihn in das fest verriegelte Vorzimmer zu bringen,
aber sie hatte ihn auf verborgnen Wegen und Treppen zu einem kleinen Behltni
neben dem Kamine des Barons gefhrt, von wo aus beide alles deutlich vernehmen
konnten, was im Zimmer gesprochen ward. Nachdem Ernesto Gabrielens mtterliche
Freundin mit jedem, auch dem kleinsten Umstande bekannt gemacht hatte, der zur
Entscheidung ihres Geschickes beitrug, fuhr er in seinem Briefe also weiter
fort:
    Alle die Bilder und Rthsel, mit denen der Baron Gabrielen betubte, der
grne Lwe, die schlummernde Knigin, alle besttigen es mir, da Forschen nach
bermenschlichen Kenntnissen, besonders nach dem Stein der Weisen ihn dem
Untergange zufhrte. In dem zunchst vergangnen Jahrhundert verfielen manche an
Geist ausgezeichnete, bedeutende Mnner in den nehmlichen Irrthum und gingen
unter wie der Baron. Auch in unsern, jedem verjhrten Unsinn, jeder Schwrmerei
so gnstigen Tagen fllt dem Streben nach sogenanntem verborgnem Wissen manches
beklagenswerthe Opfer, ohne da die Welt viel davon erfhrt.
    Ich bin zufllig mit der Tendenz und dem Ton der in jenes Fach
einschlagenden Schriften wohl bekannt. Mir fiel ein staubiger Wust
magokabbalistischer und theosophischer Bcher einst in Italien, beim Aufrumen
einer alten Bibliothek, in die Hnde. Neugierig durchbltterte ich sie, und
vieles ist mir aus ihnen im Gedchtni geblieben, was mir jetzt das Betragen von
Gabrielens Vater erklrt. Unter andern entsinne ich mich einer sehr feierlichen
Warnung vor der fnften Wiederholung eines chemischen Prozesses, der, viermal
gebt, jedesmal die Kraft des Steines der Weisen verdoppelt, aber dem, der ihn
zum fnftenmal wagt, unwiderrufliches Verderben bringt. Diese Warnung erklrt
mir des Barons Verzweiflung beim Ausbruch der Flamme, sein spteres Klagen ber
das Vergessen der fnften Zahl, durch die er wahrscheinlich das Unheil sich
selbst zugezogen zu haben whnte. Ich glaube auch die Angst zu verstehen, mit
der sein in Wahn versunkner Geist, kmpfend zwischen Sehnsucht und Grausen, der
Todesstunde entgegen sah. Wer sich solchen Trumereien berlt wie dieser
unglckliche Greis es that, der ist auch jeder qulenden Einwirkung des
Aberglaubens und vor allem dem Grauen der Gespensterwelt verfallen, welchem auch
wohl hellere Geister, in dunkeln Momenten nicht immer glcklich entgegenstreben.
    Unter der vor Jahrhunderten schon erbauten Burg Aarheim erstrecken sich
unabsehbare, in den Fels selbst hineingehauene feuerfeste Gewlbe. Ich habe sie
untersucht, so weit ich vordringen konnte. Nach allen Richtungen hin bilden sich
zwei Reihen, unter und ber einander, in bedeutender Tiefe; viele sind
verschttet, viele von den jetzigen Burgbewohnern nie besucht, einige werden von
ihnen noch als Keller benutzt. Ich habe erfahren, da der verstorbene Baron oft
Stunden lang in den Gewlben unter dem jetzt abgebrannten Flgel des Schlosses
verweilte. Vermuthlich ruht dort manches ihm wichtige Geheimni, manches
Resultat seiner ngstlichen mhsamen Arbeit, auch wohl manche Schrift, die auf
seiner dunkeln Bahn ihn leitete. Was dort liegt, entzog der schtzende Fels
wahrscheinlich den Flammen, aber der Zugang dazu ist beim Einsturz des Gebudes
durch hohe Schutthaufen, durch zertrmmerte Mauern und schwere Steine
unzugnglich gemacht. Des Barons Blick ruhte stets auf diesen Trmmern, sein
Sinnen und Trachten ging nur dahin, jede dort begrabene Spur seines Hoffens und
Milingens der Welt zu verbergen. Es war ihm unmglich, nur einen Augenblick
seine Gedanken von diesem Wunsche abzuziehen, der dadurch bei ihm zur fixen Idee
geworden. Kein Wunder daher, da ihm vor der Mglichkeit graus'te, dort noch
nach Jahrhunderten gespenstisch Wache zu halten, im Fall er ohne die Gewiheit
der Erfllung dieses seines einzigen Wunsches von der Oberwelt scheiden mute.
Seine Bcher konnten ihn nur in dieser Angst bestrken; ich erinnere mich in
einer solchen Schrift sogar eine frmliche Abbildung des Aufenthalts unseliger
Geister gesehen zu haben, die, wie jene Schwrmer lehren, ihn allnchtlich mit
der Oberwelt vertauschen mssen, bis der letzte Wunsch erfllt ist, der sterbend
sie beunruhigte.
    Es wird Ihnen unglaublich scheinen, liebe Frau von Willnangen! da ein Mann,
der, wie der Baron, durch Geist, Bildung und Verstand sich einst in der Welt
auszeichnete, bis zu dem Glauben an solchen Unsinn sinken konnte; aber
Einsamkeit, Ehrgeiz und durch diesen erregtes stetes Hinstreben nach einem
Punkte haben wohl noch hellere Geister verdstert. Uebrigens fiel des Barons
Jugend in die herzlose, trostlose, jedes hhere Gefhl austrocknende Zeit von
Voltaire und Konsorten, und glauben Sie mir, wer in seiner Jugend sich ber den
bon Dieu mockiren lernte, der kommt im sptern Alter leicht dahin, vor dem
Teufel zu zittern.
    Unerachtet seiner jammervollen Ansicht von unsrer Zukunft jenseits, peinigte
den Baron dennoch ein unsglicher Ueberdru am Leben, eine ewige Sehnsucht nach
der Stunde des Scheidens aus dieser Welt, in welcher alle sein Hoffen zerstrt
war. Ich danke Gott, da Gabriele die unselige Verknpfung ihres Geschicks nicht
ganz zu bersehen vermag. Wte sie, da sie selbst ihrem Vater das lngst
erwartete Signal gab, die Brde des Lebens getrost abzuwerfen, unter deren Last
er lngst seufzte, wte sie, da sie sein Todesurtheil sprach, whrend sie Ruhe
und Freude fr den Sptherbst seines Lebens ihm erkaufen wollte, ich glaube sie
berlebte diese Entdeckung nicht. Nur einmal wagte ich die Aeuerung gegen sie,
da vielleicht lebhafte Freude ber die Erfllung seiner Wnsche ihm den
Schlagflu zuzog, an dem sie glaubt, da er gestorben sey, und ich bereute es
bitter, als ich sah, wie gewaltsam erschtternd dieser Gedanke ihr Gemth
ergriff.
    Und so habe ich denn das Verderben des liebenswrdigsten Wesens vor meinen
Augen bereiten sehen, und durfte es nicht abwenden. Vergebens war meine
ngstliche Sorge, vergebens da ich wie Argus sie bewachte! Wie schwach ist die
Hand der Freundschaft, um gegen das Schicksal anzukmpfen! Ich sah alles und
durfte nichts ndern, um Gabrielens willen durfte ich es nicht. Ich danke meinem
guten Genius, da er mich mit unsichtbarer Hand im Augenblick der Ausfhrung von
einem Plan zurckhielt, den die Verzweiflung mir eingegeben hatte, da ich
Gabrielen nicht gewaltsam entfhrte, wie ich es Willens war, als ich jeden
andern Weg der Rettung mir versperrt sah. Umsonst htte sie den Schmerz gefhlt,
mich einer solchen That fhig zu wissen. Nichts als offenbare Gewalt htte sie
abhalten knnen, zu ihrem Vater zurck zu gehen und seinem Willen sich zu
unterwerfen; ich selbst htte sie ihm ausliefern oder sie gefangen halten
mssen. Ihre Achtung, ihr Vertrauen, jede Mglichkeit ihr in Zukunft als treuer
Freund zur Seite zu stehen, htte ich auf ewig und nutzlos verloren. Wir beide,
theure Freundin! wir beide kannten bis jetzt noch nicht die Tiefe und Festigkeit
dieses Gemths, nicht die seltne Kraft, mit der dieses sonst so zarte Geschpf
alles zu tragen, allem zu widerstehen wei, nur nicht dem innern Vorwurf des
Unrechts oder auch nur versumter Pflicht. Bei aller unbeschreiblichen
Aehnlichkeit mit dem Engel, der ihr zur Mutter gegeben ward, trgt Gabrielens
Wesen doch auch starke Zge von dem felsenfesten Sinne ihres Vaters, dessen
angestammte Geistesgre ich, trotz seiner Verfinsterung, anerkennen mute.
    Unerachtet des unaussprechlichsten Mitleids, beobachte ich jetzt mit
Bewunderung, wie Gabriele den furchtbaren Kampf mit sich selbst besteht. Sie
geht gewi als Siegerin hervor, aber vielleicht sterbend. Schweigend mu ich es
sehen, wie sie die Einsamkeit ihres Krankenzimmers benutzt, um mit ihrem armen
wunden Herzen fertig zu werden, und sich auf den Weg vorzubereiten, welchen sie
knftig zu gehen hat. Ich darf und kann ihr weder einreden noch rathen; beides
darf man berhaupt so selten, gerade wenn es der Mhe werth wre. Und so ergriff
ich heute den ersten besten Anla, als ich sie eben heitrer als sonst sah, den
Wunsch zu uern, nchstens meine Einsiedelei im Felsenthal aufsuchen zu drfen.
Ich gab vor, diese letzten schnen Tage des Sptherbstes zu Studien fr meinen
Johannes benutzen zu wollen, aber ich sah deutlich, wie wenig dieses Vorgeben
sie tuschte.
    Lange ruhte ihr schnes dunkles Auge auf mir ehe sie mir antwortete, dann
reichte sie lchelnd unter Thrnen mir die Hand. Wo lebt noch ein Freund, der
wie Sie zu kommen und zu gehen und alles zu errathen wei, was gut wre und
ntzlich? sprach sie. Gehen Sie, lieber Ernesto! weil Sie es wollen, setzte sie
hinzu, gehen Sie morgen, um wo mglich tglich wieder zu kehren. Es ist freilich
nthig, da ich mich gewhne allein zu stehen, aber nur allmhlig, wie es die
Kinder lernen, darum lassen Sie mich nicht mit einemmale ganz ohne Sttze.
    Es blieb mir nicht verborgen, wie die Gewiheit, da ich nicht mehr
stndlicher Augenzeuge von den Lcherlichkeiten Moritzens seyn werde, Gabrielen
ber meine Entfernung trstet, obgleich ich mir keine Anmerkung mehr ber ihn
erlaubte, seit jenes unselige Band geknpft ward.
    Arme, arme Gabriele! Giebt es ein hrteres Frauenloos als das, sich des
Mannes schmen zu mssen dem man alles aufopferte! Oft ist mir, als wre
Augustens Geschick neben ihrem harten starren Gebieter, doch noch dem ihrer
unglcklichen Tochter weit vorzuziehen gewesen.
    Dieser Moritz, den ich nie mich werde entschlieen knnen Gabrielens Gemahl
zu nennen, dieser Moritz geht umher wie einer der nicht wei, ob ihm ein
Knigreich zufiel, oder ob ihm nur davon trume. Noch wage ich es nicht, von
seinem Benehmen gegen Gabrielen eine Meinung zu fassen, mich dnkt, es sey
unstt und wechselnd, wie seine ganze Erscheinung, bis auf die Sprache sogar.
Meine Ueberzeugung, da er wirklich zu gutmthig ist, um einem lebenden Geschpf
wissentlich wehe zu thun, giebt mir zuweilen einigen Trost, aber leider schmerzt
jede unversehens erhaltne Wunde dehalb nicht weniger, weil sie uns
ungeschickter Weise und ohne Vorbedacht versetzt ward. Am beunruhigendsten ist
mir eine Spur von mitrauischem Wesen, das ich leider an ihm bemerke;
vermuthlich ist es das dumpfe Gefhl eigner Unliebenswrdigkeit, was ihn
argwhnisch macht, aber ich frchte davon die schlimmsten Einwirkungen auf
Gabrielens knftige Ruhe.

Der gesellige Kreis, zu welchem Frau von Willnangen und Auguste gehrten, weilte
noch immer in Karlsbad, obgleich die Brunnenzeit beinahe vorber war, und die
Zahl der brigen Fremden mit jedem Tag merklich abnahm. Alle, den Kapellmeister
und den Dichter mit eingeschlossen, hatten dem General Lichtenfels versprechen
mssen, ihn auf sein nur wenige Tagereisen entferntes Gut zu begleiten, um dort
die letzten schnen Tage des Sptherbstes mit ihm zuzubringen. Man harrte nur
auf bestimmte Nachricht von Gabrielen, von der man noch nichts als ihre Ankunft
in Schlo Aarheim erfahren hatte, um dann sogleich die kleine Reise
gemeinschaftlich anzutreten.
    Frau von Willnangen htte sich eigentlich gern davon ausgeschlossen, da sie
vernahm, da auch die Familie Wallburg mit von der Parthie seyn wrde, aber sie
wute nicht wie sie dieses anfangen solle, ohne den General durch eine
abschlgige Antwort zu krnken, auch frchtete sie durch gewaltsames Eingreifen
dem Glck ihrer Tochter vielleicht in den Weg zu treten.
    Augustens sich stets gleichbleibende Heiterkeit, mit der sie Leos
augenscheinliche Huldigung sich gefallen lie, ohne ihn weder geflissentlich
anzuziehen noch zurckzustoen, beruhigte sie ebenfalls nicht wenig. Das
frhliche Mdchen nahm augenscheinlich das Leben noch zu leicht, als da man
ihrer Zukunft wegen htte ernsten Besorgnissen Raum geben mssen. Mit cht
jungfrulicher Grazie wute sie den Ernst zum Spiel, das Spiel zum Ernst zu
wandeln, und, gleich entfernt von Leidenschaftlichkeit und Ziererei, nichts zu
gewhren und dennoch gefllig zu erscheinen. Auch verstand es niemand besser als
sie, sich herzlich zu bezeigen, ohne doch zur Vertraulichkeit herabzusinken.
    Ernestos lange erwarteter Brief langte endlich in Karlsbad an. Der Schmerz
der Frau von Willnangen und ihrer Tochter lt sich mit Worten nicht ausdrcken,
als sie nun die Lsung von Gabrielens Geschick vernahmen. Sie lasen den Brief
wieder und immer wieder, und trauten dabei ihren Sinnen nicht, denn was
geschehen war, lie alles, was sie im Augenblick des Scheidens gefrchtet
hatten, so weit hinter sich zurck, da es ihnen fast unmglich ward, an solche
abentheuerliche und fabelhaft erscheinende Ereignisse zu glauben.
    Auguste zerflo beinah in Thrnen, als ihr endlich jedes Bestreben, lnger
an Gabrielens Unglck zu zweifeln, milang. Ach! wre sie doch damals in unsern
Armen gestorben, rief sie, schmerzlicher als jetzt htte ich nicht um sie
weinen knnen und ihr liebes Bild wrde zeitlebens wie ein trstender Engel mich
umschwebt haben. In jeder frohen wie in jeder trben Stunde htte ich sie in
himmlischer seliger Glorie mir gedacht. Jetzt, wenn ich wieder froh werden
sollte, mu ich doch mitten in der Freude mich betrben, so oft es mir einfllt,
welch ein Leben sie indessen an der Seite jenes verhaten lcherlichen Menschen
fhret, und jeder Schmerz, der mich trifft, wird mir doppelt wehe thun, weil ich
immer denken werde: Gabriele ist doch noch tausendmal unglcklicher als ich es
je werden kann.
    Frevle nicht mit dem Schicksal, mein armes Kind, sprach Frau von
Willnangen, indem sie die weinende Tochter in ihre Arme schlo. Du weit eben
so wenig, welche Pfeile es fr dich aufbewahren mag, als du im Stande bist, den
ganzen Umfang von Gabrielens Elend zu bersehen. So drckend ihr husliches
Leben an der Seite des ungeliebten, sogar widerwrtigen Mannes auch
wahrscheinlich seyn wird, es ist doch nicht der hchste Punkt ihres Unglcks.
Jedes stille heimliche Opfer lt sich bringen, das fast Unleidliche lt sich
ertragen, wenn wir es nur den Augen der Welt verheimlichen knnen. Shakspeares 
Smiling at grief2 ist mehr oder weniger das Loos und die Tugend der besten
unsers ganzen Geschlechts; wir sind dazu geboren. Nur das Mitleid der Welt ist
eine fast unertrgliche Last, und doch wird unsre arme Gabriele diese Last
tragen mssen, wenn sie sich nicht in Einsamkeit begraben will oder kann.
    Mit Moritz von Aarheim in der Einsamkeit! rief Auguste.
    Es ist furchtbar, ich gebe es zu, erwiederte Frau von Willnangen, aber
immer doch noch besser, als das Mitleid der guten Freundinnen, die von nun an
sich alle berufen fhlen werden, zu Gabrielen stets wie zu einer Kranken zu
sprechen, und sich einbilden, die Stimme immer ein paar Tne hher nehmen zu
mssen, um mit recht klglichem Laut und Blick zu fragen: wie sie sich denn
befinde? Und denke dir Gabrielens Gefhl in der Gesellschaft, wenn sie bei jeder
Plattheit des Menschen, zu dem sie doch nun einmal gehrt, unaufhrlich errthen
mu; denke dir, wie ihr seyn wird, wenn sie das heimliche verlegne Lcheln der
Anwesenden und die ngstlich ungeschickte Sorgfalt sich nicht verbergen kann,
mit der die Bessern um ihrer willen sich stellen werden, als htten sie nichts
bemerkt! Ich wei nichts traurigeres als solch ein Loos.
    Und was fngt Gabriele nun mit Ottokars Bild in ihrem Herzen an? rief
Auguste.
    Ich hoffe, sie soll es heilig und treu bewahren in reiner Brust, erwiderte
Frau von Willnangen. Mge sie es immer in der Strahlenglorie sehen, in welcher
es ihrem jugendlich erwachenden Blicke zuerst erschien, so bleibt es der
Schutzgeist ihres Lebens auf einer sehr gefahrvollen Bahn. Meine arme Gabriele
ist sehr jung, sehr unerfahren, um in der Welt als Gattin eines Mannes
dazustehen, den sie nicht einmal zu lieben vorgeben kann, ohne abgeschmackt oder
als Heuchlerin zu erscheinen. Und doch frchte ich nicht wegen dessen fr sie,
was die Welt ihr etwa anhaben knnte, ich frchte nur ihr Herz, wenn es erwacht.
Mge Ottokars Angedenken es behten!
    Sobald Frau von Willnangen nur Fassung dazu erringen konnte, eilte sie, die
traurige Entscheidung von Gabrielens Schicksal der Gesellschaft mitzutheilen.
Alle hrten sie zuerst mit Entsetzen und bald mit der innigsten Theilnahme,
obgleich mancher Nebenumstand im Betragen des Barons und auch die Art seines
Todes ihnen um Gabrielens willen verschwiegen ward. Zorn ber die Bestimmung des
liebenswrdigen Wesens war bei dem ltern Theil der Gesellschaft das
berwiegende Gefhl, whrend Leo und seine Schwestern recht innig mit Augusten
trauerten. Herr von Wallburg behauptete, es dem Novittenkrmer, wie er Moritz
von Aarheim nannte, gleich angesehen zu haben, da sein Erscheinen nichts Gutes
bedeuten knne; der General ging schweigend, aber heftig bewegt, im Zimmer auf
und ab, und stand dann vor Adelbert still, der wie vernichtet, bleich und stumm
allein in der fernsten Ecke des Zimmers sa.
    Armer Adelbert! sprach der General, und strich liebkosend ihm ber die
dunklen Locken hin, ich hoffte freilich, es solle anders kommen!
    Mit hchst schmerzlicher Geberde ergriff Adelbert seines Oheims Hand,
drckte sie an seine brennenden Augen, an sein hochschlagendes Herz. Vater,
sprach er, mein gtiger Vater! ich hoffte nichts, ich wnschte nichts, ach! ich
kenne mich ja zu gut, was kann ein Unglcklicher wie ich noch hoffen oder
wnschen! Aber ich erfreute mich ihrer Nhe, ihres Anblicks, wie ich der Sterne
mich freue, ohne sie zu mir herabziehen zu wollen. Sie war so gut, so trstend
gegen mich wie ein Engel des Himmels, und eben weil sie es war, mute sie
untergehen. Ich bin es, ich, der sie dem Verderben entgegenfhrte; die
Ueberzeugung davon vernichtet mich, und doch ist es so. Nie htte Moritz von
Aarheim nur ihr Daseyn geahnet, wenn sie nicht mitleidig dort im Tempel neben
mir verweilte. Er wre den nehmlichen Abend abgereist, wie er es sich
vorgenommen hatte, er wre nimmer bei Lebzeiten des Barons nach Schlo Aarheim
gekommen; nur um meinetwillen durfte das Verderben sie berschleichen. Ich bin
vom Schicksal gechtet, niemand darf freundlich mir nahen! Mit verhlltem
Gesicht verlie Adelbert nach diesen Worten das Zimmer, nur Allwill wagte es ihm
zu folgen, dessen weiche Natur sich von ihm stets angezogen fhlte.
    Der General sandte noch den nehmlichen Abend einen Eilboten nach Schlo
Aarheim, um die Bewohner desselben, nebst Ernesto auf das dringendste zu sich
einzuladen. Am folgenden Morgen eilte die ganze Gesellschaft Karlsbad zu
verlassen, wo sie nichts mehr fesselte.
    Ob Herr von Aarheim die Einladung des Generals annehmen, wie er sie
aufnehmen wrde, war die ganze Reise ber der Gegenstand der allgemeinen
Unterhaltung. Viele von der Gesellschaft glaubten nach diesem ersten Schritte
sein ganzes knftiges Betragen gegen Gabrielen in voraus beurtheilen zu knnen,
sie bedachten nicht die Unmglichkeit, bei diesem wankenden formlosen Charakter
auch nur von der jetzigen Minute auf die zunchst folgende schlieen zu knnen.
Alle blieben indessen voll Erwartung, und die, welchen Gabriele am theuersten
war, zitterten heimlich vor dem Gedanken an die erste Stunde des Wiedersehens,
so sehnlich sie auch diese herbei wnschen mochten.

Das bequeme heitre Schlo des Generals, die schnen Umgebungen im bunten
herbstlichen Schmuck, vor allem aber des Eigenthmers ungezwungne edle
Gastfreundlichkeit verfehlten nicht, am Ziel der Reise auf die Ankommenden den
angenehmsten Eindruck zu machen. Ein mglichst freier Lebensplan, der jedermann
zufrieden stellen sollte, kam bald zur Sprache und ward frmlich angenommen. Die
Mnner beschlossen, den Morgen den Freuden der Jagd zu weihen, whrend es den
Frauen berlassen blieb, sich einzeln in ihren Zimmern oder versammelt im
gemeinschaftlichen Gesellschaftssaal, nach eigner Wahl zu beschftigen, bis die
spte Stunde der Mittagstafel Damen und Jger vereinte. Gesellige Freuden,
Spiel, Tanz, Musik, gemeinschaftliches Lesen sollten die Abendstunden ausfllen
und geladne Gste aus der nchsten Umgegend zuweilen Mannigfaltigkeit und
Abwechselung in die Gesellschaft bringen.
    Unter Allwills und des Kapellmeisters Leitung vergingen die ersten Tage
grtentheils in Anordnungen geselliger Feste, und in Proben kleiner
theatralischer Kunstleistungen, die gewhnlich mehr Freude gewhren als die
Auffhrung selbst. Letztere ward bis zu Gabrielens Ankunft verschoben, denn der
General wnschte Herrn von Aarheim glauben zu lassen, da alles einzig zu
Gabrielens und ihres Gemahls Empfang veranstaltet worden sey. Herrn von Aarheims
dadurch geschmeichelte Eitelkeit, hoffte er, wrde ihn dann freundlicher
stimmen, und ihn bewegen, Gabrielen recht lange im Kreise ihrer Freunde zu
lassen.
    Weder die Gemthsstimmung, noch die Gesundheit Adelberts erlaubte diesem, an
dem edlen Waidwerk Theil zu nehmen, welchem die Herren den Morgen ber, alles
andre ausschlieend, oblagen. Angezogen von Frau von Willnangens Gte und
Augustens traulicher Freundlichkeit, gewhnte er sich daher gar bald, die
Stunden des Vormittags grtentheils im Zimmer dieser Damen, gewhnlich mit
ihnen allein zu verleben. Oft war Gabriele der Gegenstand ihres Gesprchs, und
Adelbert konnte dann nie aufhren, den Unstern anzuklagen, welcher ihn, wenn
gleich schuldlos, zur ersten Veranlassung ihres traurigen Geschicks machte.
    Mutter! sprach eines Morgens Auguste, da er eben niedergeschlagener als
gewhnlich sich bezeigte, liebe Mutter! der Rittmeister verdient unser ganzes
Vertrauen, ich kann es nicht lnger tragen ihn so sich qulen zu sehen. Ich
bitte dich, erlaube, da ich ihm alles sage, was wir aus Ernestos Briefe von den
Umstnden wissen, die Gabrielens Vermhlung begleiteten. Was du allen andern mit
Recht verhehlst, darf er erfahren, denn gewi er ist jeder Unbesonnenheit
unfhig, die Gabrielens Ruhe gefhrden knnte.
    Adelbert blickte verwundert auf Augusten, wie sie mit blitzenden Augen und
glhenden Wangen bei ihrer Mutter fr ihn sich verwendete. Frulein! sprach er
endlich, halb lchelnd, halb gerhrt, Sie wnschen mir Trost zu geben, Sie
nehmen Theil an meinem Kummer, o hten Sie sich! auch Sie sind liebenswrdig,
jung, ein Engel an Gte, wie ihre Freundin, auch Sie ergreift das Verderben,
wenn Sie mit Wohlwollen sich mir nahen.
    Ich wage es darauf, erwiderte lchelnd Auguste, denn Sie retteten meiner
Gabriele das Leben. Ja, das thaten Sie, Herr Rittmeister! und eben so unbewut,
als Sie dem unseligen Moritz sie auslieferten. Wollen Sie ber das letzte
verzweifeln, so mssen Sie auch des erstern sich rhmen. Sagen Sie mir nicht,
da es vielleicht besser sey, Gabriele wre gestorben; im ersten Schmerz dachte
ich das auch; aber eigentlich halte ich doch viel vom Leben. Im Leben ist
Hoffnung, wer wei, welche Freuden es Gabrielen noch aufbewahrt, die sie alle
dann Ihnen verdanken mu.
    Frau von Willnangen hatte indessen Ernestos Brief hervorgesucht. Ich wage
es auf Augustens Verantwortung, sprach sie, indem sie ein Blatt desselben
Adelberten hinreichte. Ja, ich will Ihnen vertrauen, was aus tausend Grnden
jedem Andern ein Geheimni bleiben mu. Der Antheil, den sie an meiner Gabriele
nehmen, ist zu innig, als da ich nicht wnschen sollte Sie von der
unverschuldeten Qual zu erlsen. Wissen Sie denn, der eigne Vater hatte
Gabrielen dem Tode geweiht; gekrnkter Hochmuth brachte den wahnsinnig
Verzweiflenden zu dem entsetzlichen Entschlusse, sie, der er keine, ihrer Geburt
geme Existenz zu sichern wute, mit sich hinabzuziehen in das Grab. Darum lie
er so pltzlich sie zu sich entbieten, und nur durch Moritzens unerwartete
Ankunft ward sie gerettet, ohne selbst die entsetzliche Gefahr zu ahnen, in
welcher sie geschwebt hatte. Der Baron fand in der Vermhlung des letzten Zweigs
des Hauptstammes seines Geschlechts mit dem Erben der Vorrechte desselben den
einzig mglichen ehrenvollen Ausweg. Gabriele wurde dem Leben erhalten, whrend
der verfinsterte Geist ihres Vaters allein, freiwillig, hinabstieg ins Reich der
Schatten. Lesen Sie hier die Besttigung des Unglaublichen.
    Adelbert las; das lebhafteste Entsetzen malte sich whrend dessen in seinen
Zgen.
    Sind Sie nun berzeugt? fragte Auguste, als er schweigend das Blatt
zurckgab, oder werden Sie noch ferner fortfahren, sich selbst mit fruchtloser
Reue zu peinigen?
    Das sollten wir berhaupt nie, sprach Frau von Willnangen, denn wie wenig
wissen wir was wir thun, wenn es auf den Erfolg unsrer Thaten ankommt! Wie
selten hilft uns unsre Klugheit! Was half es denn, da Ernesto Gabrielen
begleitete? Vermochte er es, sie zu beschtzen? Das Leben geht mit uns seinen
gemessenen Gang; wir werden mitgezogen; unsre besten, berdachtesten Plane
scheitern heute am Zufall, unsre Unbesonnenheiten schlagen morgen uns und andern
zum Glck aus. Was hilft es, darber zu klgeln? Lat uns nur immer das Gute
ernstlich wollen und ben, und uns darein ergeben, wenn es anders wird als wir
dachten, oder wenn aus unseren an sich gleichgltigen Handlungen ein
unvorhergesehenes Uebel entspringt. Der Zukunft vorgreifen wollen, ist
vermessen. Nicht umsonst bietet uns die Vorzeit so manches Beispiel von Orakeln,
die gerade das angedrohte Unheil herbeifhrten, weil die Menschen zu ngstlich
strebten, ihm auszuweichen.

Der Eilbote, welchen der General nach Schlo Aarheim gesandt hatte, kehrte zur
rechten Zeit zurck, und zwar mit einem Danksagungsschreiben des Herrn von
Aarheim, sehr zierlich, auf goldnem Papier, mit himmelblauer Tinte geschrieben,
in welchem dieser bedauerte, da Geschfte, tiefe Familientrauer und die noch
immer schwankende Gesundheit seiner jungen Gemahlin es ihm unmglich machten,
die an ihn ergangne Einladung anzunehmen.
    Alle fhlten sich durch diese abschlgige Antwort verstimmt, und da
unbefriedigte Neugier keinen kleinen Antheil an dieser Verstimmung haben mochte,
so sah man sich wenige Tage spter durch die ganz unerwartete Ankunft Ernestos
um so freudiger berrascht.
    Die ganze Gesellschaft eilte ihm entgegen, drngte sich an ihn mit tausend
Fragen und Erkundigungen nach allem, was Gabrielen betraf, und es bedurfte
seiner ganzen bekannten Geistesgewandheit, um dem berlstigen Forschen
schicklich auszuweichen, nicht bald hier zu viel, bald dort zu wenig zu sagen.
Mit Noth und Mhe gelang es ihm endlich, eine ruhige Stunde zu erringen, in
welcher er vor seinen und Gabrielens innigsten Freundinnen sein volles Herz
ungestrt ausschtten konnte. Der Schmerz ber alles was vorgegangen war seit
sie sich zum letztenmal sahen, erneute sich auf das lebhafteste in dieser
traulichen Zusammenkunft, und es whrte ziemlich lange, ehe Ernesto dazu kommen
konnte, von Gabrielens jetziger Lage Bericht zu geben.
    Das unertrglichste bei Gabrielens Geschick, dnkt mir, ist dessen
Farblosigkeit, sprach Ernesto. Ihr Leben gleicht einem jener grauen Tage, wo
es weder friert noch regnet, sondern alles in einem dicken handgreiflichen Nebel
eingehllt ist, der erkltend jedes Leben erstarren lt, ohne es eben zu
tdten. Blumen und Bltter sind nicht erfroren, nicht verwelkt, nicht erstorben,
aber sie sehen aus, als wren sie das alles. Ein rechtschaffner Orkan, in
welchem die Welt zittert und splittert, wre mir tausendmal lieber.
    Moritz ist gut, fuhr er im Laufe des Gesprchs fort, aber es ist nicht
die rechte, warme, menschliche Gte, die ihn beseelt; nicht jene Gte, die zum
Herzen geht, weil sie recht aus dem Grunde des Herzens kommt, und bei der
jedermann wohl wird. Er ist gut, weil er nicht bse ist, er ist nicht bse weil
es sich nicht schicken will, weil nichts dabei herauskommt, weil - ich wei, Sie
werden mich nicht miverstehen wenn ich es ausspreche - weil er nicht den Muth
dazu hat, wenn gleichwohl zuweilen die Neigung. Er ist feig, wie alle Narren
seiner Art, obwohl ihn dann und wann der Moment hinreit, wie damals als er dem
Baron das Flschchen mit Kirschlorbeergeist entwinden wollte. Dies scheint
indessen die grte Heldenthat seines Lebens gewesen zu seyn, denn er hrte
nicht auf davon zu sprechen wenn er mit mir allein war. Ich halte diese Feigheit
Moritzens fr dessen gefhrlichste Eigenschaft, denn in ihr ruht der Keim zu
tausend andern, als da sind: Mitrauen, Eifersucht, Unwahrheit, Kleinlichkeit,
Eigensinn. -
    O genug, genug von ihm, rief Auguste, sprechen Sie uns von unsrer
Gabriele.
    Die ist ein Engel, von dem sich eben nichts weiter sagen lt, wenn man den
Erdenklumpen nicht erwhnen darf, an den diese Psyche leider gefesselt ist, war
Ernestos Antwort. Woher das junge Kind den Muth, die Geduld, ja sogar die
Lebensklugheit hernimmt, die sie bei jeder Gelegenheit an den Tag legt, ist mir
unbegreiflich. Wahrlich ja, ich fange an in ihren kindlichen Glauben einzugehen,
da der Mutter verklrter Geist unsichtbar sie umschwebe und sie leite. Sie
erinnern sich, wie nach der Trennung von Ottokar sich ihr ganzes Wesen so
gewaltsam emporrang, da nach berstandner Lebensgefahr die Genesene, obgleich
immer dieselbe, uns damals wie in einem verklrten erhhten Zustande erschien.
Jetzt ist sie von jeder Hoffnung auf eine glckliche Zukunft geschieden, wie
damals von dem Gegenstande ihrer stillen Liebe, und zum zweitenmal hat die
nehmliche Vernderung mit ihr sich zugetragen, denn zum zweitenmal fhlt sie
sich erhoben und gekrftigt durch das Bewutseyn des schweren Siegs ber sich
selbst. So hoch die Gabriele, welche in Karlsbad von Ihnen schied, ber dem
furchtsamen, blassen, zitternden Kinde steht, das bei den Tableaus der Grfin
Rosenberg zuerst erschien, so hoch erhebt sich die jetzige Gabriele ber jene,
die Sie verlassen mute. Auch im Aeuern ist sie verndert. Sie ist grer,
lieblicher, schner als je. Bescheiden, demthig sogar, vereint sie mit dem
Ausdruck sichrer stiller Ruhe im Gemth, eine Wrde, einen edlen Anstand, der
sogar mir imponirt, und den armen Moritz oft dahin bringt, da er rger als je
alle Sprachen durcheinander jagt, um das rechte Wort zu finden; besonders wenn
er ihr etwas anzukndigen hat, von dem er ahnet, da es ihren Wnschen nicht
zusagen mchte, wie zum Beispiel das Ablehnen der Einladung des Generals.
    War es denn nicht mglich ihn zu bewegen, diese anzunehmen? fragte
Auguste.
    Ich glaube, es wre Gabrielen mglich gewesen, aber sie scheint sich
Verhaltungs-Regeln vorgeschrieben zu haben, denen ich nicht einzureden wage,
war die Antwort. Ihre ersten Schritte auf der neuen Lebensbahn sind so
bestimmt, so sicher, dabei so eigen, da es Pflicht ist sie ungestrt gehen zu
lassen. Ihr eignes Vergngen, jeden Genu opfert sie Moritzen auf, sobald er den
Wunsch davon nur uert, ohne es der Mhe werth zu achten, ihm merken zu lassen,
da sie ihm ein Opfer bringt. Im Gegentheil, sie ist gerade in solchen Momenten
noch freundlicher gegen ihn als sonst. Zu Bitten erniedrigt sie sich nie, denn
wen man nicht liebt oder wenigstens achtet, von dem kann ein edler Sinn nichts
fr sich erbitten wollen. Gilt es aber ihrem Gefhle von Recht und Unrecht, dann
erklrt sie ihre Meinung, ruhig und bescheiden, und hlt sie fest, und lt sich
nicht irren, ohne sich weiter mit ihm darber zu streiten. Freilich habe ich
dieses nur einmal erlebt, aber sie ist ja auch noch nicht viel ber einen Monat
ihm vermhlt. Herr von Aarheim machte Anstalt sie von Annetten zu trennen, die
er bei Frau Dalling in Schlo Aarheim lassen wollte. Er war im Begriffe fr
Gabrielen eine Pariser und eine Londoner Kammerfrau zu verschreiben, und
kndigte ihr dieses mit groem Triumf als einen Beweis seiner ungemeinen
Sorgfalt fr sie an. Gabriele erklrte ihm mit wenigen Worten, da Annette ihr
zu groe Beweise der liebevollsten Treue gegeben habe, als da sie je sie von
sich lassen knnte. Die fremde Bedienung verbat sie sich gnzlich, weil
dergleichen zu einem deutschen Haushalt nicht passe. Moritz redete sich Stunden
lang auer Athem, um die Kunstfertigkeit und Vortrefflichkeit der auslndischen
Kammerfrauen zu beweisen, Gabriele gab alles zu, behauptete aber ganz gelassen,
nichts von diesen Talenten nthig zu haben, und Annette bleibt bei ihr nach wie
vor.
    Raubt er ihr denn alle Zeit zum Briefwechsel mit ihren Freunden? zur Uebung
ihrer Talente? zum Genu ihrer selbst? fragte Frau von Willnangen.
    Gottlob nein, sprach Ernesto, wenigstens nicht fr jetzt, so lange die
Marotte vorhlt, die er sich in den Kopf gesetzt hat, seinen Ehestand auf
englische Weise zu fhren. Gabriele gewinnt dadurch unendlich an Freiheit, und
fhlt sich obendrein sehr glcklich, da diese Art zu leben sie einer Menge
lstiger Vertraulichkeiten berhebt. So fllt es ihnen zum Beispiel gar nicht
ein, einander mit Du anzureden. Er nennt sie Madame oder Frau von Aarheim, sie
ihn Herr von Aarheim. Da er wie alle Nachahmer die englische Sitte karikirt, so
wrde er es hchst unschicklich finden, wenn ein Fremder an ihrer Art mit
einander umzugehen merken knnte, da sie ein verheirathetes Paar sind, und er
beeifert sich deshalb, besonders vor Leuten, einer oft hchst lcherlichen
formellen Hflichkeit gegen sie, die ihn immer drei Schritte von ihr entfernt
hlt. Bei Tische steht sie nach englischem Gebrauch frher auf als er, um sich
in ihr Zimmer zu begeben. Er bleibt dann noch ein Stndchen allein sitzen,
knackt Nsse auf, und da er kein Trinker ist, so lt er seinen Wein vor sich
stehen und verrauchen; dabei langweilt er sich frchterlich ohne es zu achten,
denn es geschieht  l'angloise. Durch diese Lebensweise gewinnt Gabriele den
grten Theil des Tages fr sich, den sie in ihrem Zimmer bei gewohnten
Beschftigungen zubringt, ohne da es Herrn von Aarheim oft einfiele, sie durch
seine Gegenwart zu unterbrechen. Er ist zufrieden, wenn sie nur bei den
Mahlzeiten die Honneurs macht, mehr fordert man ja auch in England von keiner
Lady. Leider aber hat diese Nachahmung englischer Sitte uns auch um ihre
Gegenwart hier im Schlosse gebracht. Moritz behauptet, ein neuvermhltes Paar
drfe wohl gleich nach der Hochzeit auf Reisen gehen, was leider Gabrielens
Gesundheit nicht erlaubt hat, aber whrend der Flitterwochen sich in
Gesellschaft zu zeigen, wre unschicklich, undelikat und gemein, und eigentlich
msse er sich wundern, wie man ihm nur habe so etwas zumuthen knnen. Ich glaube
aber der Ursache seiner Weigerung besser auf den Grund zu sehen, sie heit
Eifersucht, Eifersucht ohne bestimmten Gegenstand, und deshalb um so
gefhrlicher. Herr von Aarheim mchte alle Welt von Gabrielen entfernt halten,
eigentlich mehr aus Mitrauen in sich als in sie. Seine englischen Grundstze,
welche dem Mdchen jede, der Frau keine gesellige Freiheit erlauben, kommen ihm
dabei trefflich zu statten. Vor jetzt schwebt indessen obendrein Adelberts Bild,
trotz der Narben und des lahmen Fues ihm als das eines hchst gefhrlichen
Nebenbuhlers vor. Unaufhrlich suchte er mich und Gabrielen auf das ngstlichste
ber ihn auszuforschen, nannte ihn alle Augenblicke und beobachtete dabei
Gabrielens Mienen auf eine wirklich lcherliche Art. Uebrigens aber, glaube ich,
thut er auch mir die Ehre an, mich fr gefhrlich zu halten, da er mit Gabrielen
nach seinen Gtern am Rheine gegangen ist, wo er den Winter zubringen will, ohne
mich einzuladen, sie zu begleiten, oder auch nur spterhin zu besuchen. Im
Gegentheil nahm er es als ganz bekannt an, da ich hieher gehen mte.

Die Abende wurden immer lnger. Graue Nebel verhllten Tage lang die Sonne und
trieben die eifrigsten Waidmnner bei ungewohnt frher Zeit dem warmen
kerzenhellen Versammlungs-Saale zu, wo die gesellige Freude in steter
Abwechselung an jedem Abende lebendiger sich regte.
    Seit es entschieden war, da die zur Knigin der Feste bestimmte Gabriele
nicht erscheinen wrde, hatte alles einen raschen lebendigen Gang genommen. Zwar
war sie weder vergessen, noch war der Antheil gesunken, welchen Freunde und
Bekannte an ihrem Geschick nahmen, aber man hatte sich darber ausgesprochen und
wandte nun gerne seine Aufmerksamkeit andern Gegenstnden zu.
    Jeder Eindruck verlischt, der nicht tglich erneut wird, vergebens sucht man
ihn festzuhalten, vergebens strebt man, sich lnger zu freuen oder zu betrben,
sobald die Zeit ihre Rechte geltend zu machen beginnt. Selbst Auguste lie oft
vom frhlichen Taumel sich hinreien, obschon sie gleich darauf sich
leichtsinnig schalt, so frhlich gewesen zu seyn, whrend ihre freudenarme
Gabriele einsam-traurige Stunden verlebte.
    Sie versndigen sich an der Natur und an sich selbst, erwiderte ihr einst
Ernesto auf eine hnliche Aeuerung, welche sie ber ihre jugendliche
Frhlichkeit that. Wie knnten wir nicht nur den Schmerz, sondern auch die
Freude tragen, bliebe ihr Empfinden immer sich gleich? Glauben Sie mir; Niemand
von uns berlebte das zwanzigste Jahr, wenn uns nicht die alles ebnende, alles
erleichternde Gewhnung zur trstenden Begleiterin auf dem Lebenswege gegeben
wre; lebenssatt, oder mit gebrochnem Herzen snken wir alle lange vor der Zeit
in das Grab.
    Im brigen Schlosse ging es unterdessen gar frhlich her, und je bunter und
lauter das Leben von den aus der ganzen Umgegend herbeistrmenden Gsten
betrieben wurde, je zufriedner bezeigte sich der General. Mit der
zuvorkommendsten Gastfreiheit bot er zu allem die Hand, munterte zur Ausfhrung
jedes Einfalls auf, den irgend einer seiner Gste zum allgemeinen Vergngen
angab, und ward dabei selbst mit jedem Tage heitrer. Auch die Freude ber
Adelberts sichtbares Genesen verjngte augenscheinlich den liebenswrdigen
Greis, der mit mehr als vterlicher Liebe an diesem hing. Seine Augen glnzten,
wenn sie auf der Gestalt des geliebten Pflegesohns ruhten, dessen Wange in der
Farbe der Gesundheit wieder zu erblhen begann, und dessen ganzes Wesen von
neuem in frischer lebendiger Theilnahme an der Auenwelt erwachte.
    Adelberts Wunden heilten wie durch ein Wunder, der Arm blieb freilich steif,
obgleich fast unmerklich, aber der gelhmte Fu erlaubte ihm schon an Augustens
Seite im Polonoisen-Takte den Saal zu durchwandern, und sey es nun die oft
belobte Nachwirkung der Brunnenkur, oder die Wirkung des gegenwrtigen heitren
Lebens, Adelbert behielt bald nicht mehr vom Ansehen eines Kranken als er
bedurfte, um von allen Fruleins drei Meilen in der Runde fr hchst interessant
erklrt zu werden.
    Die Zeit, welche man ursprnglich im Schlosse des Generals zu verweilen
beschlossen hatte, war unbemerkt lngst vorbergezogen und der mit starken
Schritten herannahende Winter bestimmte jetzt die Gesellschaft, sehr ernstlich
an den Abschied von ihrem freundlichen Wirthe zu denken, sich zur Heimreise zu
rsten.
    Die Ungewiheit der Frau von Willnangen in Hinsicht auf Leo und Augusten
machte dieser indessen manche Sorge. Vergebens hatte sie fortwhrend Beide mit
der grten Aufmerksamkeit beobachtet; Leos Benehmen und Augustens Herz wurden
ihr mit jedem Tage rthselhafter, und sie selbst immer unentschiedener, ob es
nicht die Pflicht der Mutter heische, Augusten um ihr Verhltni zu dem jungen
Manne zu befragen, dessen auffallende Weise, sie allen andern vorzuziehen, von
der ganzen Gesellschaft als ein Beweis gegenseitigen Verstehens angesehen wurde.
    Wecken Sie keinen Nachtwandler, indem Sie ihn beim Namen rufen, sprach
Ernesto, den sie deshalb zu Rathe zog. Sie gerathen in Gefahr, ihn eben dadurch
in den Abgrund zu strzen, wodurch Sie ihn warnen wollten. Leo ist ein ganz
guter Mensch, aber leider gehrt er zu jener Legion von Kurmachern, die in der
Mdchenwelt so viel Unheil stiften. Zum Glck ist Auguste mit ihrer
gegenwrtigen Lage zufrieden genug, um keine Vernderung ihres Zustandes herbei
zu sehnen. Ich bin berzeugt, da Leo keinen tiefen Eindruck auf sie gemacht
haben kann, obgleich sie seine Huldigungen sich recht gern gefallen lt. Bei
alle dem wre es aber dennoch mglich, da sie eine Zeitlang sich einbildete,
ihn zu lieben, wenn man durch unntze Fragen sie auf diese Gedanken brchte; sie
knnte in diesem Glauben sogar dahin kommen ihm ihre Hand zu reichen, wenn er
sich erklrte und sich fr unglcklich zu halten, wenn er es unterliee, was aus
Furcht vor dem gndigen Papa und der gndigen Mama wahrscheinlich geschehen
wird.
    Glauben Sie in der That nicht, da Leo Augusten genug liebt um wenigstens
einen Versuch zu wagen, die Beistimmung seiner Eltern zu einer Verbindung mit
ihr zu erhalten? fragte Frau von Willnangen.
    Ich glaube es nicht, erwiderte Ernesto; denn was konnte ihn bestimmen,
fast bis zum Abschiedstage damit zu zgern? Mir scheint es, er gehrt zu der
Zahl junger Leute, welche wie im Traume umherwandeln, ohne eigentlich zu wissen,
was sie wollen. Sie seufzen, sie werfen mit zrtlichen Blicken um sich, sie thun
bedeutend, alles ohne Plan und Zweck. Dabei sind sie wetterwendisch wie eine
Kokette aus dem vorigen Jahrhundert. Heute glhend, morgen kalt wie Eis,
scheinen sie die gestern zur Huldgttin Erhobene kaum noch zu kennen, und sehen
gelassen, und eigentlich nicht ohne heimliches Behagen drein, wenn es ihnen
gelingt, ein helles Auge zu trben, eine jugendliche Wange erbleichen oder
errthen zu machen, und ein unerfahrnes junges Herz in schmerzliche Unruhe zu
versetzen.
    Welch ein Bild! rief Frau von Willnangen. Ist es mglich, da Sie Leo von
Wallburg dadurch bezeichnen wollen, der noch vor wenigen Wochen in Karlsbad so
viel bei Ihnen galt?
    Was er mir galt, gilt er noch bis auf einen gewissen Punkt, erwiderte
Ernesto. Seit ich hier bin, habe ich um Augusten willen ihn genauer beobachtet,
und ihn auf mancher der Ungleichheiten betroffen, welche ich eben rgte. Ich
htte deren wahrscheinlich noch mehrere an ihm erlebt, wenn Augusten von dieser
Seite nur etwas anzuhaben gewesen wre; sie blieb aber in vollkommner Ruhe,
wenigstens usserlich, und da mute er das Spiel freilich aufgeben. Uebrigens
streite ich ihm keine der vorzglichen Eigenschaften ab, um derentwillen ich ihn
sonst schtzte. Er ist hbsch, artig, gewandt, unterrichtet, als Sohn und Bruder
lobenswerth, wahrscheinlich wird er auch einmal ein Ehemann, mit dem eine Frau,
die mit ihrer Glckseligkeit nicht gar zu hoch hinaus will, ein zufriednes Leben
fhren kann. Aber sein Betragen gegen Augusten erklre ich deshalb doch fr
unmnnlich und unwrdig. Es kann ihm nicht verborgen seyn, da der Ahnenstolz
seiner Eltern sich einer Verbindung mit ihr stets auf das ernstlichste entgegen
stellen wird; er fhlt, da es ihm an Muth, Kraft und Liebe gebricht, dieses
Hinderni zu bekmpfen; er wagt nicht einmal einen Versuch dazu und dennoch
strebt er Augustens Herz zu gewinnen und sogar indirekt der Welt weis zu machen,
es sey gewonnen, ohne doch sich selbst auf irgend eine Weise verbindlich zu
machen. Das ist es, was mich an ihm emprt, denn solche Knste sind verchtlich.
Gilt das einfach gegebne Wort dem rechtlichen Manne so viel als ein Eid, so
sollte ihm auch jede absichtlich erregte Erwartung so viel gelten als ein
Versprechen.
    Das, was Sie ber den jungen Wallburg jetzt aussprachen, habe ich mir immer
dunkel gedacht, erwiderte Frau von Willnangen, aber dabei blieb ich stets in
der Ungewiheit, was ich thun knne. Oft glaubte ich den General bitten zu
mssen, da er den jungen Mann geradezu ber sein Verhltni zu Augusten zur
Rede stellen mge, denn als Mutter dies selbst zu bernehmen, dazu fehlte es mir
an Muth oder an Demuth.
    An beiden wahrscheinlich, und das ist ein rechtes Glck, erwiderte
Ernesto. Aus solchem Einmischen dritter Personen kommt selten etwas gescheutes
heraus, wenn gleich zuweilen eine Heirath, die mich denn immer an Molieres
mariage for erinnert, und bei welcher beide Theile sich gewhnlich sehr
schlecht befinden.
    Aber wie meinen Sie, da ich mich jetzt benehme, sowohl gegen Leo als
Augusten? fragte Frau von Willnangen.
    Am besten, Sie benehmen sich gar nicht, sondern lassen alles gehen wie es
geht, war die Antwort. Gnnen Sie Augusten noch die paar Tage hindurch die
Freude, sich von Leo adoriren zu lassen, die Trennung kann wohl einen halb
erstickten Seufzer kosten, vielleicht wird auch beim Abschied ein Thrnchen mit
den Augenwimpern zerdrckt werden mssen, aber dabei bleibt es gewi. In vier
Wochen gedenkt sie Leos nur noch als eines vortrefflichen Partners bei Tanz und
Spiel, und vermit ihn hchstens, wenn sie auf der Promenade ihren Shawl selbst
tragen mu. Auguste steht zu hoch ber den gewhnlichen Mdchen, als da Leos
Koketterie wirklich htte Eindruck auf ihr Herz machen knnen, und schon ihre
ungetrbte Heiterkeit mu Sie hievon berzeugen. Aber wre dies auch wider
Vermuthen geschehen, so wird dieser Eindruck nur um so leichter schwinden, wenn
sie niemanden hat, mit dem sie darber sprechen kann. Glauben Sie mir, die
Vertrauten sind oft der Ruhe gefhrlicher, als die Liebhaber selbst. Eine
ermahnende Mutter ist auch eine Art von Vertraute, sie nennt doch wenigstens den
theuern Namen, und der se Klang verfehlt selten, die Tchter ber das Tadeln
der Mutter zu trsten.
    Wenn ich Sie nicht kennte wie ich Sie kenne, Freund Ernesto, sprach Frau
von Willnangen, so mte ich Sie nach diesen Aeuerungen nicht nur fr hchst
frivol, sondern auch fr herzlos und gemthlos halten. Sind das Ihre Ansichten
der Liebe?
    Der Liebelei, erwiderte Ernesto, des kalten chinesischen Feuerwerks von
ausgeschnittenem Papier, hinter denen man Lmpchen stellt, womit die Jugend so
gro thut. Glauben Sie mir, nur Wenige sind berufen, den gttlichen Funken in
reiner Brust zu hegen, welcher der Ursprung der heiligsten Gefhle und alles
Groen und Herrlichen ist. Wem dieser einmal sich entzndet, dem verlischt er
nie, auch nicht im Sturme des Lebens, auch nicht im Grabesdunkel der Trennung,
auch nicht unter dem Schnee des Alters. Aber es giebt auch luftige Irrlichter
fr die Menge, welche ihnen nachjagt. Man luft, man fllt, man verirrt sich,
verlockt andre, aber am Ende kommt doch alles in eine Art von Ordnung, und
wenigstens stirbt die Welt dabei nicht aus.

Am vorletzten Abend des Abschiedstages sollte die schon lngst angekndigte
Auffhrung eines Lustspiels seyn. Allwill war dessen Verfasser, und das Stck
bestimmt, die lange Reihe der in dem gastlichen Schlosse des Generals genonen
Freuden wrdig zu beschlieen. Zuschauer und Schauspieler sahen dieser
Darstellung mit der gespanntesten Erwartung entgegen, welche freilich die vielen
Proben und andre Vorkehrungen erregen muten, mit denen Allwill die ganze Zeit
ber gestrebt hatte, die Erscheinung seines Stcks so vollkommen als mglich
vorzubereiten.
    Zum erstenmal in seinem Leben, wenn gleich nur auf einem Privattheater,
sollte dem Dichter die Erfllung seines sehnlichsten Wunsches werden; er sollte
die Schpfung seiner Fantasie auf den magischen Bretern ins plastische Leben
gerufen sehn. Mit welchem Enthusiasm er daher bei der Anordnung dieses Festes zu
Werke ging, ist leicht zu erachten. Jahrelang hatte er gestrebt bis zur
lampenhellen Bhne durchzudringen, ohne da es ihm, trotz der Klagen ber Mangel
an guten neuen Komdien, gelungen wre. Ein Schicksal, welches fast alle Dichter
mit ihm theilen, die ihre theatralischen Arbeiten nicht eher schwarz auf wei
dem Urtheil der Welt ausliefern mgen, als bis sie sich von der Wirkung
berzeugt haben, welche dieselben an dem Platz machen, fr welchen sie bestimmt
wurden.
    Das Ausland ist in dieser Hinsicht billiger als wir, selten erscheint dort
ein Schauspiel gedruckt, das nicht vorher auf der Bhne die groe Probe
berstand. Aber unsre Theaterdirekzionen bedenken nicht, da es eben so
unmglich ist, vor der Auffhrung ber den theatralischen Werth eines Stcks ein
ganz gengendes Urtheil zu fllen, als ohne gehrige Beleuchtung ber den Effekt
eines Gemldes zu entscheiden. Schwerlich wird ein Dichter zur mglichsten
Ausbildung seines Talents gelangen knnen, dem diese praktische Erfahrung
versagt ward, und der heutige Mangel an guten fr das Theater passenden neuen
Schauspielen ist vielleicht grten Theils nur den Schwierigkeiten
zuzuschreiben, die sich zu diesem Zweck dem Dichter berall entgegenstellen.
    Bei Privatbhnen sind die Proben bei weitem das Ergtzlichste fr die
Mitspielenden, das wei jedermann. Auch Allwill erfuhr es, denn er wollte oft
ber die gute Laune seiner Schauspieler verzweifeln. Dafr erklrten ihn diese
fr den wunderlichsten, krittlichsten, herrschtigsten aller Theaterdirektoren,
und zuletzt galt es fr ausgemacht, da zwei Allwills im Schlosse hauseten,
feindliche Zwillingsbrder, die nie zusammen erschienen; der eine, der Dichter,
die Liebenswrdigkeit selbst, der andre aber, der Theaterknig, ein Despot ohne
Gleichen, ein heftiger mrrischer Kautz, mit dem eben kein Auskommen sey.
    Des armen Allwills gute Laune war indessen schon bei der Austheilung der
Rollen auf frchterliche Proben gesetzt worden. Es gab dabei unendliche, zum
Theil sehr lcherliche Schwierigkeiten, die er aber sich nur zu sehr zu Herzen
nahm. Wenigstens dreimal so viel Schauspieler und Schauspielerinnen als man
bedurfte, hatten anfangs sich mit groem Eifer gemeldet, und zuletzt kostete es
dennoch nicht geringe Mhe, nur so viele zusammenzubringen, als man nothwendig
brauchte, um alle Rollen des Stcks gehrig zu besetzen. An ersten Liebhabern
und Liebhaberinnen fehlte es freilich nicht, aber ein redseliges altes Frulein
und einen etwas rauhen invaliden Papa wollte niemand bernehmen. Einer der
besten Freunde des Generals, welcher schon vor dreiig Jahren den Major Tellheim
mit dem grten Beifall gespielt hatte, fuhr im Zorn auf und davon, weil Allwill
durchaus den ersten Liebhaber von niemand anders als Leo von Wallburg spielen
lassen wollte. Andre, die ebenfalls mit den ihnen zugetheilten Rollen nicht
zufrieden waren, folgten dem ehemaligen Tellheim, indem sie sich ganz in der
Stille fortschlichen, und Allwill war wirklich in Gefahr, die Auffhrung seines
Stcks hier eben so gut, als wre es ein ffentliches Theater, an Rollenneid
scheitern zu sehen.
    Endlich lie Frau von Grnborn, die Nichte jenes Tellheims, sich durch
unablssiges Bitten und Zureden der brigen Gesellschaft bewegen, die alte Tante
zu bernehmen; ihrem Beispiele folgten andre, und so kam das Ganze zur
allgemeinen Freude allmhlig in anscheinende Ordnung. Frau von Grnborn brtete
indessen ganz im Stillen noch ber einen groen Plan, denn so ganz gutwillig
konnte sie sich doch nicht entschlieen, in einer, ihrer Meinung nach,
undankbaren Rolle aufzutreten, und bei dem ersten einsamen Spaziergang mit
Augusten, den sie herbeizufhren wute, nahm sie Gelegenheit, zu versuchen, ob
es ihr nicht gelingen knne, diese ihren Wnschen gnstig zu stimmen.
    Sie dauern mich unbeschreiblich, liebes Frulein von Willnangen, wendete
sie das Gesprch nach unendlichen Liebkosungen gegen Augusten, sobald sie weit
genug vom Hause entfernt waren um keine Lauscher frchten zu mssen. Sie dauern
mich, Allwills Eigensinn zwingt Sie, die Elise zu spielen, und ich fhle recht
gut, wie entsetzlich es Ihnen seyn mu, vor aller Welt mit Leo von Wallburg
zrtlich zu thun. Gewi der Gedanke an die Auffhrung des Stcks ist Ihnen
dehalb recht peinlich, es kann nicht anders seyn, und ich habe es Ihnen schon
lange angesehen. Sie wissen nicht, wie sehr ich Sie liebe, theure Auguste, um
Ihnen einen Beweis davon zu geben habe ich ganz in der Stille Ihre Rolle neben
der meinen gelernt, und bin nun im Stande, Ihnen einen Tausch anzubieten. Das
htten Sie wohl von Ihrer Nanny nicht erwartet? setzte sie hinzu, indem sie
Augusten feurig umarmte.
    Mit dem allergrten Erstaunen hrte Auguste den absurdesten Vorschlag von
der Welt aus dem Munde einer Frau, die alt genug war, um ihre Mutter zu seyn,
und die nun, schalkhaft lchelnd, in jugendlicher Verschmtheit vor ihr stand.
Die Anspielung auf ein nheres Verhltni zum jungen Wallburg war ihr freilich
so unangenehm als unerwartet, und eine leichte zornige Regung rthete dabei ihre
Wangen, bald aber siegte das unbeschreiblich Lcherliche in der ganzen Zumuthung
ihrer neuen Freundin, und lchelnd gab sie ihr Gehr, als diese mit der
selbstzufriedensten Redseligkeit fortfuhr, ihren Plan weiter aus einander zu
setzen.
    Vor allen Dingen, sprach Frau von Grnborn, mssen wir unsern
Rollentausch aller Welt verschweigen, bis zur Stunde der Ausfhrung, sonst giebt
ihn Allwill nimmermehr zu; er hat es sich zu fest in den Kopf gesetzt, da wir
alle seinen Befehlen folgen mssen; steckt er aber erst in seinem
Souffleurkasten, so mu er sich schon alles gefallen lassen, was ber seinem
Haupte auf der Oberwelt vorgeht. Ich habe mir in den Proben Ihr Spiel genau
gemerkt, wenn Sie die Rolle noch ein paar Mal mit mir durchgehen, so wird Herr
von Wallburg keinen Unterschied finden, und des Beifalls der Gesellschaft knnen
wir gewi seyn. Auguste ward dem Vorschlage immer geneigter, je lnger sie ihm
zuhrte. Der Gedanke, wie komisch Leos Verwunderung und Allwills zorniges
Schrecken sich ausnehmen mten, gewann immer mehr lockendes, so da sie,
zuletzt in einem Anfall von Uebermuth, sich wirklich entschlo, in den Tausch zu
willigen, und nun, nicht minder eifrig als Frau von Grnborn, selbst sich
bemhte, alles darauf vorzubereiten.
    Der lustige Erfolg bertraf bei weitem Augustens Erwartung. Beide Damen
fanden mit leichter Mhe einen Vorwand bis zum Aufrollen des Vorhangs in ihrem
Ankleidezimmer allein zu bleiben.
    Leo, der mit einem Monolog zuerst die Bhne betrat, erstarrte ber den
Anblick der Frau von Grnborn, wie Hamlet indem er den Geist seines Vaters
erblickt. Allwill reckte sich lang aus seinem Souffleurkasten empor, und machte
Miene, ganz auf das Theater heraufsteigen zu wollen, um wegen des Rollenwechsels
Rechenschaft zu fordern, ja selbst die Zuschauer begannen sehr lebhaft zu
werden. Frau von Grnborn lie sich indessen von allem was vorging, nicht im
mindesten anfechten. Sie hatte ihre Rolle zu gut gelernt, um der Eingebungen des
Souffleurs zu bedrfen und besa auch berdem ziemliche Gewandheit und
theatralische Uebung. An Schminke und jugendlichem Putz hatte sie ebenfalls
nichts gespart; man sah deutlich wie sie in groer Herzensfreudigkeit sich
selbst Illusion machte, und so war denn die Gesellschaft endlich gutmthig
genug, sich diese ebenfalls gefallen zu lassen und dem Wagestck ward von allen
Seiten applaudirt.
    Doch dieser gemigte Beifall verwandelte sich in ein laut donnerndes
Bravo-Rufen, in ein ganz unerhrtes Hndeklatschen, wie man es in einem
Privattheater gar nicht fr mglich halten sollte, als Auguste erschien. Die
altmodische Tracht ertheilt jungen Personen immer durch den Kontrast des
Scheinenwollen mit dem wirklichen Seyn einen eignen unbeschreiblichen Reiz. Das
gepuderte Touppe, die zu beiden Seiten des jugendlichen Gesichtchens tief
hineingehende altmodische Dormeuse, aus der die wunderschnen hellen Augen
schalkhaft herausblitzten, die schlanke Taille, welche das lange Korsett erst
recht versichtbarte, die netten Fchen in ihren spitzen Hackenschuhen, die man
bei der hochaufgeschrzten altfrnkischen Zirkassienne deutlich sah, alles
dieses verlieh Augustens Erscheinung eine wunderbare Anmuth, von der niemand
eine Ahnung haben konnte, der sie nur im gewhnlichen Leben zu sehen gewohnt
war. Ihr mit der heitersten Laune aufgefates und durchgefhrtes Spiel lie den
Taumel der Bewunderung, den ihr Anblick erregt hatte, gar nicht enden. Alles
ward dadurch vershnt. Leo konnte ber den Streich, welchen sie ihm gespielt
hatte, nicht lnger zrnen, Allwill setzte sich getrstet wieder auf seinem
unterirdischen Ehrenposten zurecht, Frau von Grnborn umarmte sie mit
anscheinendem Entzcken, sobald sie wieder zwischen die Kulissen trat, und pries
berlaut die eigne Selbstverleugnung, mit der sie Augusten die interessanteste
Rolle im Stck freiwillig abgetreten haben wollte.

Je lauter die Freude im Schauspielsaale sich usserte, je trber ward Adelbert.
Kaum vermochte er es ber sich, das Ende eines kleinen Liederspiels abzuwarten,
in welchem die scheidenden Gste unter der Leitung des Kapellmeisters dem
gastfreien Hausherren zuletzt ihren Dank brachten. Schmerzlich bewegt verlie er
den Saal, sobald er es unbemerkt thun zu knnen glaubte, und erschrak nicht
wenig, als mit ihm zugleich auch Auguste durch eine andre Thre in ein an das
Theater stoendes Nebenzimmer trat.
    Verlegen, wie sonst nie, standen sie da, und keines wagte das andre
anzublicken, bis der Abschied zur Sprache kam, der beiden das Herz
zusammenprete.
    Sie gehen, sprach Adelbert, und in diesem Moment fhle ich erst, wie sehr
Ihre Nhe das Element meines Lebens ward. Erinnerung ist alles, was mir nun
brig bleibt; ich wei, um wie viel reicher durch diese mein Daseyn geworden
ist, aber wenn mich nun die Sehnsucht ergreift, wie werde ich diese berwinden?
Und wenn ich ihr nachgebe, wenn ich ber Berg und Thal hineile, um wieder einmal
in den Strahlen ihrer lieben, gtigen Augen mein Herz zu erwrmen, ach Auguste!
wie werde ich dann Sie finden?
    Ich hoffe wie jetzt, erwiderte Auguste sehr freundlich; hier nehmen Sie
meine Hand darauf, Sie finden mich wie jetzt, und kmen Sie auch erst nach
langen Jahren; dann vielleicht um so gewisser, genau so, setzte sie lchelnd
mit einem Blick auf ihre Theater-Kleidung hinzu.
    Zwingen Sie mich nicht, mich selbst zu tuschen, sprach Adelbert, und
drckte mit trbem Blick ihre ihm dargebotene Hand an seine hochbewegte Brust.
Mein trstender Engel betrat mit Ihnen die Schwelle dieses Hauses, mit Ihnen
verlt er es wieder, ich wei es. Diese Hand, welche jetzt in der meinen ruht,
wird in wenigen Tagen einem Glcklichern gereicht. Leo - doch ich mibrauche
ihre Nachsicht, verzeihen Sie mir, ich fhle beschmt, wie unbescheiden ich
ward.
    Leo? rief Auguste und ward dabei feuerroth, Leo? Nun der zieht bermorgen
jen Norden, whrend wir dem Sden uns zuwenden, und fast mchte ich wetten, da
ich Sie frher wieder she als ihn.
    Frulein! wre es mglich! verstehe ich Sie? fragte Adelbert sehr bewegt.
Ach ich wei nicht, welch ein bser Dmon mich in dieser Stunde zwingt, immer
auszusprechen was ich eigentlich verschweigen mte! Es ist wohl Ihr fremdes
Ansehen, was so mich verwirrt, fuhr er, mit trbem Lcheln sie betrachtend,
fort. Sie sind Sie selbst, und sind es auch nicht. Gewi wre es sndlich
vermessen, zu wnschen, Sie wren wirklich, was sie diesen Abend scheinen
wollen, aber ich kann den Gedanken daran nicht los werden und einem armen
Invaliden ist er wohl zu verzeihen, der so Ihnen nher zu stehen whnen drfte.
Sie sind so reich, da Sie dennoch bleiben was Sie sind, wenn gleich diese Rosen
verblht wren.
    Hat es wohl je in der Welt einen jungen Mann gegeben, der einem artigen
Mdchen dreiig Jahre mehr und dazu ein gepudertes Touppe wnscht, blo um ihr
etwas schnes zu sagen? rief Auguste ein wenig gezwungen lchelnd, und wandte
sich der Thre zu, in welcher der General ihr pltzlich entgegentrat, um sie zur
Gesellschaft abzuholen.
    Bei Spiel und Tanz schwrmte man noch bis tief in die Nacht hinein. Es war
als ob die Freude jetzt, so nahe vor dem Scheiden, erst recht lebendig werden
wollte. Nur Leo irrte verdrlich und abgesondert von den brigen durch die
lange Reihe der Zimmer. Seit mehr als einer Stunde vermite er Augusten, ohne
sie eigentlich suchen zu mgen, als Frau von Grnborn zu ihm trat und unter der
Behauptung, sie habe Augusten zu einer Quadrille hchst nthig, lachend seinen
Arm ergriff, um mit ihm das ganze Schlo nach ihr zu durchstreifen.
    Beide gelangten auf ihrer Wanderung an das Vorzimmer der Frau von
Willnangen, es ward darin gesprochen, das hrte man deutlich, die Thre war nur
angelehnt, neugierig blickte Frau von Grnborn durch die Spalte und fuhr im
nehmlichen Moment mit einem ganz eigenen Gesicht zurck, um in groer Hast ihren
Begleiter an ihre Stelle zu schieben.
    Leo traute seinen Augen nicht, er erblickte Augusten in Adelberts Armen und
neben dieser Gruppe Frau von Willnangen und den General. Eingewurzelt wre er
stehen geblieben, htte nicht Frau von Grnborn ihn wieder mit sich fort zur
Gesellschaft gezogen, wo sie jedem, der ihr in den Weg kam, die eben gemachte
Entdeckung im strengsten Vertrauen zuflsterte.
    Bald wurden aller Blicke forschend dem armen Leo zugewendet, der, von der
allgemeinen Aufmerksamkeit gedrckt, verstimmt, erschrocken sogar, es dennoch
nicht wagen mochte, sich frher zu entfernen, als die brigen, um niemanden Raum
zu lauten Bemerkungen hinter seinem Rcken zu geben. Doch da der General sich
unter dem Vorwand eines ihm pltzlich berkommenen Geschfts entschuldigen lie,
so zerstreute sich bald darauf die ganze Gesellschaft.
    Tausend unangenehme, einander widerstrebende Empfindungen bemchtigten sich
Leos, sobald er in seinem Zimmer allein sich befand, und raubten ihm fr diese
Nacht den Schlummer. So wenig es ihm in den Sinn gekommen seyn mochte, sich
ernstlich um Augusten zu bewerben, so schien sie ihm doch in diesem Moment
unendlich reizend und ihr Besitz hchst wnschenswerth, gerade weil er ihm
unerreichbar geworden war. Am meisten aber peinigte ihn Reue ber sein
bisheriges Streben, sich vor der Welt den Anschein eines innigern Verhltnisses
mit Augusten zu geben; und die Eitelkeit, welche ihn dazu angetrieben hatte,
ward jetzt seine empfindlichste Strafe. Wie oft hatte er nicht Augusten die
gleichgltigsten Dinge absichtlich mit einem hchst wichtigen Gesicht
zugeflstert! wie oft sich bemht, dankbar gerhrt auszusehen, whrend sie mit
ihm vom Wetter sprach! Unzhligemal hatte er den unbedeutendsten gegenseitigen
Geflligkeiten ein geheimnivolles Ansehen zu geben gesucht und gewut! Alle
diese Veranstaltungen, die er mit so groer Mhe ersonnen und ausgefhrt hatte,
halfen jetzt zu nichts, als ihm in den Augen der Gesellschaft das Ansehen eines
Abgewiesenen, Zurckgesetzten zu geben. Augustens Charakter stand zu hoch, als
da selbst der Neid es htte wagen mgen, ihn in ein zweideutiges Licht zu
stellen. Leo begriff bei so gestellten Dingen, da ihm keine andere Wahl blieb,
als entweder morgen demthig, wie ein Verstoener, das ffentliche Mitleid und
den heimlichen Spott der Anwesenden zu ertragen, oder in der Stille sich zu
entfernen, ehe es im Schlosse Tag ward. Ein innerer Widerwille, den glcklichen
Adelbert zu sehen, trug viel bei, ihn zu der Wahl des letztern zu bestimmen; er
hatte die Flamme zu nahe umgaukelt, um nicht jetzt sich von ihr ergriffen zu
fhlen, und frchtete daher, vor den Augen des glcklichen Paars etwas trbselig
dazustehen. Nach vorher genommener Rcksprache mit seinen Eltern, machte er sich
daher in aller Frhe auf den Weg. Die Ueberzeugung, da er aus einem Lande und
von Menschen scheide, welche nie wieder zu sehen in seiner Macht stand, und da
kein spttisches Wort aus dieser Ferne in seiner Heimath ihn erreichen knne,
war das einzig Trstliche, was er mit sich nahm.

Strahlend in einer Freudenglorie, als wre er selbst der beglckte Brutigam,
stellte der General am folgenden Morgen die Braut seines Adelberts der
Gesellschaft vor. Die herzlichste Theilnahme aller Anwesenden empfing sie mit
lauten Glckwnschen, nur Herr und Frau von Wallburg machten hierin eine
Ausnahme, und was sie anscheinend Freundliches sich nicht entbrechen konnten dem
Brautpaar zu sagen, war augenscheinlich nur ein Opfer mit kalten Lippen, aus
kaltem Herzen der Konvenienz gebracht. Es mag wunderlich scheinen, da sie, die
eine Verbindung Augustens mit ihrem Sohne zwar zuweilen frchteten, aber nie
wnschten, und gewi nur gezwungen sie zugelassen haben wrden, sich jetzt
beleidigt fhlten, weil man es nicht in ihre Macht gestellt hatte, solche
auszuschlagen. Sie bildeten sich ein, Augustens Verlobung als ein gegen Leo
begangenes Unrecht ansehen zu mssen, eigentlich aber verstimmte sie nur die
angeborene Unart mancher Naturen, welche nicht ohne heimlich-neidische Regung
einen Andern im Besitz dessen glcklich sehen knnen, was sie selbst
verschmhten. Unter dem Vorwande dringender Geschfte, welche ihren Sohn schon
gezwungen htten, bei Tagesanbruch ohne Abschied fortzureisen, beurlaubten auch
sie sich noch in der nehmlichen Stunde und eine allgemeine Erkltung, wie man
sie vor weniger Zeit noch nimmer htte vermuthen knnen, begleitete ihren
Abschied.
    Der brige Theil der Gesellschaft lie sich gerne bewegen, noch einige Tage
beisammen zu verweilen, um sich des neuen Ereignisses zu erfreuen, dessen
unerwartetes und schnelles Entstehen zu mancher abgesonderten Unterhaltung den
Stoff hergeben mute.
    Adelberts und Augustens gegenseitiges Wohlgefallen hatte sich indessen weit
frher als Andere und sogar sie selbst es vermutheten in eine herzliche, innige
Neigung verwandelt. Verlassen, verrathen, an schweren Wunden geistig und
krperlich erkrankt, war Adelbert frher nur durch seines Oheims vterliche
Liebe ber dem Abgrund der Verzweiflung gehalten worden, der jedem sich ffnet,
welcher aus goldenen Jugendtrumen pltzlich in einer Welt voll hhnender,
treuloser, verchtlicher Larven zu erwachen glaubt. Herminiens Angedenken lie
nicht ab, ihn zu verfolgen, es war zu innig mit seinem Daseyn verwoben, er hatte
nur sie gekannt, einzig sie. Zu Hause war sie die Sonne seines Frhlings
gewesen, auf der Universitt beflgelte die nahe Hoffnung auf ihren Besitz
seinen Flei, im Kriege hatte diese Hoffnung ihm Elend, Wunden, tiefgefhlten
Schmerz ber sein zerrttetes Vaterland ertragen helfen. Sie schwand und mit ihr
der leitende Stern seines Lebens. Er blickte auf die kurze Laufbahn, die er
zurckgelegt hatte. Ueberall, seit er ins thtige Leben trat, starrte
mannichfaches Unrecht, Elend und Verrath ihm entgegen, seine Jugend fiel in eine
sehr trostarme Zeit, in der auch die Zukunft sich immer dsterer verhllte. Was
blieb ihm daher anders, als jene ungemessene Sehnsucht, zu sterben, welche so
leicht die Jugend zu ergreifen und in trbe Unthtigkeit zu versenken pflegt! Da
strahlte pltzlich Gabrielens mildes Licht in die trbe Nacht seiner Schwermuth,
er sah, wie fromm, wie ergeben, wie freundlich sie einen groen Schmerz trug,
dessen Daseyn zwar keine Klage verrieth, aber ihr ganzes Wesen bezeugte. Er
blickte zu ihr auf, wie zu einem hhern Wesen, wie zu einer Heiligen, der man
nur in demthiger Ferne nachzustreben wagt. Ihr Mitleid, ihre Theilnahme an
seinem Geschick nahm er als einen unverdienten Beweis ihrer Huld, bis sie ihm
entschwand und Auguste an ihre Stelle trat. Auch diese war freundlich, mild,
theilnehmend und voll zarter Schonung. Weniger berirrdisch als ihre Freundin,
schien sie in ihrem frhlichen Jugendglanz ihm nher zu stehen. Ihr
anscheinendes Verhltni zu Leo von Wallburg beunruhigte ihn nicht, er whnte
sich auf ewig von jedem Anspruch in Liebe und Glck ausgeschlossen; um so
getroster berlie er sich der sen Gewohnheit, nur in Augustens Nhe zu leben.
Tausend Zuflligkeiten banden mit unsichtbaren Fden ihn immer fester an sie,
jeder Tag brachte ihm neue Beweise ihrer zarten Theilnahme an allem, was ihn
betraf, besonders rhrte ihn ihr Bestreben, die Angst um Gabrielens Geschick,
das er veranlat zu haben glaubte, von seiner Seele zu nehmen. So lebten beide
ber zwei Monate lang im wechselndem, aber stets freundlichem Verhltnisse neben
einander. Auguste freute sich am Gelingen ihres Strebens, das verfinsterte
Gemth eines edlen Menschen zu erheitern, ihn der Welt und dem Leben wieder zu
geben, die so viel Ansprche an ihn hatten; sie gewann ihn lieb, wie Frauen
alles lieb gewinnen, dessen sie mit treuer Pflege sich annehmen. Jeder Tag
lehrte sie Adelberts schnen, reinen Sinn besser kennen, und Leos wechselndes
Benehmen fing an, sie immer weniger zu interessiren. So nahte die Zeit der
Trennung, und Adelbert wie Auguste gewahrten erst jetzt, wie viel sie indessen
einander geworden waren. Der General hatte, ohne es zu wollen, ihrer Unterredung
nach dem Schauspiel zugehrt; lngst bemerkte er mit innigem Wohlgefallen, aber
ganz in der Stille, das Heranblhen der Erfllung seines sehnlichsten Wunsches,
und der jetzige Moment schien ihm gnstig, durch sein Hinzutreten alles zu
ordnen und mit klarem Sinn dem jungen Paare in der eignen Erkenntni seiner
selbst zurecht zu helfen.
    Und so geschah es denn bald, da liebend und freudig Auguste ihre Hand
abermals in Adelberts legte, um sie ihm nie zu entziehen. Entzckt drckte
dieser das liebliche Wesen an seine Brust, das ihm zum Lohn fr den Kampf um
Vaterland und Ehre, die mit Rosen der Liebe durchflochtene Brgerkrone
huslichen Glcks bot. Zwar fhlte er nicht die flammende Gluth, welche in einem
hnlichen Momente an Herminiens Seite ihn Sinnenverwirrend zu einer Zeit
ergriffen hatte, von welcher er jetzt gern den Blick abwandte, ohne sie doch
ganz vergessen zu knnen. Er fhlte sich aber um so glcklicher, je ruhiger er
war, denn diese Ruhe nahm er als das Pfand einer heitern segensreichen Zukunft,
die aus Augustens seelenvollem Auge ihm lchelnd winkte. Auguste war zu
glcklich, um der unlngst verflossenen Tage oft zu gedenken, in welcher Leo sie
umflattert hatte, und geschah es ja zuweilen, so erschienen sie ihr wie ein
jugendliches Spiel, aus dem zu ihrem eigenen groen Glck nicht Ernst geworden
war.
    Von Frau von Willnangen mtterlicher Freude, von Ernestos Triumph ber den
Scharfblick, mit dem er Augustens Herz durchschaut hatte, schweigen wir. In
Adelberts Begleitung traten beide mit Augusten froh und hoffnungsreich den Weg
in ihre Heimath an, wohin ihnen der General noch vor Ende des Winters zum
Hochzeitfeste zu folgen versprach.

Ein langer Brief von Gabrielen, der erste ausfhrliche, begrte Frau von
Willnangen bei ihrer Ankunft zu Hause.
    Ich wei es, schrieb Gabriele, ich wei, Ihr mtterlich liebendes Herz
sehnt sich schon lange nach genauer Kunde vom Geschick des armen verwaisten
Wesens, das Ihnen so viel, ach so unendlich viel verdankt; aber ich wei auch,
Sie lassen statt aller Entschuldigungen meines bisherigen Schweigens die bloe
Versicherung Ihrer Gabriele gelten, da sie nicht schrieb, weil sie es nicht
konnte, weil sie nichts zu schreiben wute, so sonderbar dieses auch klingen
mag.
    Den uern Gang meines Geschicks meldete Ihnen Ernesto; er, der
theilnehmende Augenzeuge, vermochte die weit besser als ich. Schwindelnd,
beinahe bewutlos den widerstrebendsten Gefhlen zum Raube, war ich vom Wirbel
des Lebens fortgerissen worden. Jede schicksalsschwere Minute bergab mich der
ihr folgenden, ich konnte kaum die Gegenstnde erkennen, an denen ich
vorbergeschleudert ward, bis zur unabnderlichen Entscheidung meiner Zukunft,
whrend jene Minuten sich zu weniger als vier und zwanzig Stunden an
einanderreihten.
    Sie wissen es, ich that was ich mute, ich duldete, was keine irrdische
Macht von mir abzuwenden vermochte, doch am Ziele schwand meine Kraft. Ich ward
krank, liebe, gtige Frau! sehr krank. Aus der Betubung, whrend welcher meine
physischen Krfte sich wieder gesammelt hatten, erwachte ich zum tiefsten
Schmerz ber den Tod meines Vaters, ich blickte in meinem Jammer um mich her
nach Trost, ich erkannte den treuen Freund Ernesto und Annetten, alles andere
aber war mir fremd, wildfremd, ich selbst sogar, ich und meine knftige
Bestimmung. Das Fremde aber soll man nie beurtheilen, bis es zum Bekannten
geworden ist, damit spter keine Ungerechtigkeit uns zu Schulden komme. Darum
mute Ihre Gabriele wohl schweigen, es whrte lange, ehe ihr alles klar ward.
    Nun bin ich genesen, bin meiner selbst wieder mchtig. Ich erkenne mich
wieder; mein Gefhl, mein Seyn, mein Leben, alles was mich umgiebt, ist mir
deutlich geworden, so da ich es nun wagen darf, Ihnen von allem Rechenschaft
abzulegen. Vorahnend sehe ich, wie bei Lesung dieser Stelle meines Briefs Ihr
Herz hher schlgt, wie Furcht vor der nchsten Zeile sie ergreift, und Sie
Klagen erwarten lt, welche alle Ihre Gte und Liebe nicht zu stillen vermgen.
Nein, geliebte, mtterliche Frau! beruhigen Sie sich, Ihre Gabriele klagt um
nichts, als um den Tod ihres Vaters. Der lebensmde Greis ruht im Grabe sanft
und still von einem Daseyn aus, das er, ich bin dessen berzeugt, um keinen
Preis wieder aufnhme. Gern und schnell entfloh sein entfesselter Geist zu
Regionen des Friedens; darum sollte ich nicht trauern. Aber ich bin eigenntzig
und in den Tiefen meines Herzens regt sich der Glaube, da es meinem Streben
gelungen seyn wrde, ihm auch dieses irrdische Daseyn wieder lieb zu machen,
wre er mir nur nicht sobald entschwunden. Es dnkt mich oft hart, da kaum ein
einziger Augenblick seiner Zufriedenheit mir zum Lohne meines Gehorsams ward,
und oft mu ich gewaltsam mich zusammennehmen, um mich daran zu erinnern, da
ich ja mein eignes Heil bereitete, indem ich ihm gehorchte; da ein qualvolles
Daseyn, innere unauslschliche Vorwrfe mein Loos geworden wren, wenn er in
Unfrieden mit mir dieses Leben verlassen htte.
    Und hast du denn Heil dir bereitet? bist du glcklich? Gabriele! So hre ich
Sie fragen. Glcklich, meine theure Freundin, glcklich ist undenkbar viel! Wer
ist denn glcklich? Die Kinder sind es, auch ich war es, da ich ein Kind war.
Ich war es auch noch in einem einzigen Thrnenund Wonnenreichen Moment, an der
ersten Grenze der Jugend, die jetzt in meinem kaum angetretenen achtzehnten Jahr
mir schon so fern zu liegen scheint! Und spter, als die segnende Hand meines
Vaters meine Stirn berhrte, sein Dank bis in die tiefste Tiefe meines Gemths
erklang, war ich da nicht auch glcklich? Ja ich erkenne es dankbar, ich war es,
wenn gleich nur in seligen Momenten. Mir wurden Lichtpunkte im Leben, wie
Wenigen, und damit darf das Kind Ihrer Wahl sich zufrieden gestellt dnken.
Gabriele du weichst der Wahrheit aus, du sprichst von der Vergangenheit, und
verhehlst mir die Gegenwart! Nein geliebteste Frau! ich weiche nicht aus,
ehrlich und offen wie immer, will ich Wahrheit Ihnen geben.
    Ich bin zufrieden, denn ich bin resignirt, mchte ich sagen, wenn Sie diesen
fremdartigen Ausdruck, fr den ich aber in unserer Sprache keinen Ersatz zu
finden wei, nicht in zu trbem Sinne nehmen wollen. Friede mit mir selbst aus
reinem Bewutseyn entsproen, giebt meinen Tagen Heiterkeit und meinen Nchten
Schlaf. Was darf ich mehr wollen? Alle jene Uebungen, jene sen
Beschftigungen, die ich sonst unter Ihren Augen trieb, fllen auch jetzt in der
Einsamkeit meine Stunden vergnglich aus, mir bleibt Zeit fr alles, was sonst
auch mir lieb war. Meine uern Umgebungen lassen mir nichts zu wnschen brig.
Eine reiche Kupferstichsammlung, mehrere vorzgliche Gemlde, plastische
Kunstwerke, eine in frhern gnstigern Jahren gesammelte reiche Bibliothek sind
der Schmuck unseres Hauses und stehen mir stndlich zu Gebot. Wir wohnen in
einer entzckenden Gegend; mit unaussprechlicher Sehnsucht male ich mir des
Frhlings Erwachen in diesen wunderherrlichen Thlern, auf diesen Rebenhgeln,
wenn um sie die grnen Wogen des von Eisesbanden befreiten Stromes den
frhlichen Tanz wieder beginnen werden.
    Herr von Aarheim (er selbst wnscht es, da ich stets so ihn nenne) Herr von
Aarheim begnstigt freundlich und nachsichtig alle meine kleinen Liebhabereien,
er ist wohlwollend, aufmerksam und gtig gegen mich. Ob er manche Sonderbarkeit,
die uns bei seinem ersten Anblick von ihm auffiel, theilweise abgelegt hat, oder
ob Gewohnheit sie mir weniger auffallend macht, wage ich nicht zu entscheiden;
so viel ist gewi, da diese seine Angewhnungen sehr selten strend in unser
husliches Leben eintreten, und wo sie es knnten, fhle ich die Verpflichtung,
jeden Miton schonend und zuvorkommend abzuwenden, so viel die in meiner Macht
steht. Auch ohne das Band, durch welches mein Vater in seinen letzten Stunden
mich Herrn von Aarheim vereinte, wre er als mein nchster Verwandter zugleich
der natrliche Vormund und Beschtzer meiner Jugend gewesen, und als solcher
berechtigt, Achtung und Fgung in seinen Willen von mir zu fordern. Meine
jetzige Verbindung mit ihm macht mir beides zur heiligsten Pflicht, ich be sie
gern, und seine wohlwollende nachsichtige Art mir zu begegnen, erleichtert mir
vieles.
    Wahr ist es, wir leben sehr einsam, die Nachbarschaft ist wie ausgestorben,
alles nun dem Winter auf dem Lande ausgewichen, dem lustigen Leben in den
Stdten zugezogen, nur wir allein von allen Gterbesitzern der Gegend, sind hier
geblieben. Doch Sie wissen, Einsamkeit war von jeher die Freundin meiner Jugend,
und jetzt bedarf ich ihrer doppelt. Denn ich hatte und habe noch manches mit mir
allein abzumachen, wozu ich vieler Zeit bedarf. Herr von Aarheim glaubt auch, es
wre gut, wenn ich, ehe ich in die Welt gehe, mich erst in huslicher Stille an
meine jetzigen Pflichten gewhne, und lerne, was knftig mir obliegen wird zu
verwalten. Ich fhle, wie sehr er Recht hat, und selbst, wenn ich seinen Grnden
etwas entgegen zu setzen wte, wrde ich aus Wahl vermeiden es zu thun, denn
das stille Familienleben auf dem Lande hat auch im Winter fr mich groen Reiz.
Sehnte ich mich nur nicht so unaussprechlich und oft nach Ihrer und Augustens
lieber Gegenwart! Vermite ich nur nicht so schmerzlich den heitern belehrenden
Umgang Ernestos, des treuen vielerfahrnen Freundes!
    Herr von Aarheim gedenkt im nchsten Sptjahre eine Reise nach Italien zu
unternehmen. Vielleicht gelingt es mir dann, whrend der Zeit seiner Abwesenheit
mich in Ihrer geliebten Nhe fr die lange Trennung von Ihnen zu entschdigen.
Oft wenn mich gar zu sehr nach Ihnen bangt, beschwichtige ich mich selbst mit
dieser lieben Aussicht. Es wird mir ja hoffentlich nicht schwer werden, Herrn
von Aarheims Zustimmung zu einem Besuche bei Ihnen zu erhalten. Zwar liegt es in
seinem Reiseplan, da ich ihn begleiten soll, aber ich bin entschlossen, dieses
nicht zu hun, und ich werde zu Hause bleiben, weil ich es fr besser achte,
jetzt noch Ottokars Nhe zu meiden.
    Ottokar! Da steht er, der Name, den ich je wieder zu nennen, mir einst auf
ewig verbieten zu mssen glaubte, und meine Hand zitterte nicht indem ich ihn
jetzt niederschrieb. Da er dasteht, sey Ihnen Brge meines innern Friedens; es
ist der Name des Schutzgeistes meiner jetzigen Ruhe, und der ganzen Zukunft
meines Lebens. Jetzt erst verstehe ich die wahre Meinung meiner verewigten
Mutter, wenn sie mich lehrte: Liebe ist der Quell unaussprechlicher Seligkeit,
durch sich allein, ohne Hoffnung, ohne Erwiderung, ohne Wunsch sogar. Ja
wahrlich, in dieser hchsten Reinheit, mu sie die Seligkeit der Engel seyn, die
von uns unerkannt, schtzend uns umschweben!
    Ich denke Ottokar, und bin vershnt mit allen Ereignissen, die in einer Welt
mich treffen knnen, in welcher auch er lebt, um seinetwillen liebe und ertrage
ich alle Menschen, die mich in meinem Wirkungskreis berhren, die guten wie die
bsen, die freundlichen wie die widerwrtigen. Er ist mir fern, und nie
vielleicht sehe ich ihn wieder, aber er lebt, lebt wirklich, ist nicht das
Geschpf meiner Fantasie. Da ich dieses mit Ueberzeugung wei, beseligt mein
Gemth mit unnennbarem Frieden. In mir regt sich auch nicht der leiseste Wunsch,
da etwas in unserem gegenseitigen Verhltnisse anders wre als es ist. Darum
reise ich nicht nach Italien, denn alles mu so bleiben. Der Schmerz der
Trennung ist vorber, und nun halte ich mich an die Seligkeit, ihn gefunden zu
haben. Meine Liebe ist ja nur Freude an seinem schnen Daseyn, und diese wird
mich begleiten bis an mein Grab, sie wird mich bewahren, rein und treu mich
schtzen vor jeder zerstrenden Leidenschaft, sie kann nicht vergehen so lange
ich lebe und sie zu erhalten braucht es keines Wiedersehens.
    Gewi, meine liebevolle zweite Mutter! Sie zittern nicht fr Ihr Kind bei
diesem Bekenntni? Zittern Sie nicht! Ohne Errthen darf ich sogar in Herrn von
Aarheims Gegenwart Ottokars gedenken, ich drfte es, wre der Mann, dem mein
Vater mich verband, zugleich der Gegenstand meiner freien Wahl. Ich kenne den
ganzen Umfang der heiligen ernsten Pflicht, die mir auferlegt ward, aber mein
Herz schlgt ruhig und zeiht mich keiner Untreue. Vor dem Altare gelobte ich
Treue dem Gemahl, gefllige Achtung, Ergebenheit und liebevolle Theilnahme an
allem, was ihn berhrt in Freude und Leid; mehr kann niemand geloben und ich
werde halten was ich versprach. Was aber hat dieses Geloben mit dem Gefhl zu
thun, das mein inneres Daseyn mit Ottokar aufs innigste verwebt? Dieses ist
nicht von dieser Welt, hat mit ihr so ganz und gar keinen Zusammenhang, da jede
ihrer Einrichtungen es nur entheiligen knnte. Wozu jemals geloben, Ottokar ewig
zu lieben? Gelobt man denn zu leben? zu athmen? Das kommt ja alles von selbst,
und die Liebe, die ich meine, ist ja nur reines therisches Leben ohne Absicht,
ohne Wollen entstanden, und kann nie vergehen. Wie ich Ottokars, so trug meine
Mutter Ferdinands Bild in reiner, treuer Brust, und sie war das Muster der
Frauen.
    Sie sehen demnach, meine theure zweite Mutter! Sie knnen ruhig seyn um Ihr
entferntes Kind. Ich bin zufrieden. Im Aeuern nichts, das tief mich verletzen
knnte; im Innern Kraft und Muth, Liebe und Frieden. Was darf der arme Mensch
vom Schicksal Hheres fordern? Ich wende den Blick hinab auf die Tausende, die
neidend zu mir heraufblicken, und schaue nicht hinauf zu jenen, denen ein
vollerer Freudenkranz, von wenigern Dornen durchflochten, gereicht ward, als
mir.

Wer einer Feuersbrunst, oder der Raubsucht plndernder Feinde alle seine Habe
hingegeben sah, der nimmt, was unverhofft ihm gerettet ward, so dankbar auf, als
wre es ein Geschenk. In der ersten Freude ber das schon verloren Geglaubte
dnkt man sich anfangs mit dem zehnten Theil seines Eigenthums beinah reicher
als vorher im Besitz des ganzen, und nur allmhlig gewhnt man sich wieder, ein
jedes gehrig zu wrdigen.
    Gleich einem solchen, dem Feuer oder den Feinden entrinem Kleinode,
betrachteten Gabrielens Freundinnen diesen ihren ersten Brief seit ihrer
Vermhlung. Mit innerem Zagen und mit widerstrebender Hand hatte Frau von
Willnangen ihn entsiegelt; sie frchtete in herzzerschneidenden Klagen ihres
Lieblings die traurige Besttigung aller der trben Ahnungen lesen zu mssen,
welche Gabrielens Geschick ihr in den dunkelsten Farben vorspiegelten. Was sie
von ihr las, bertraf daher so ganz ihre Erwartung, da wenig daran fehlte, sie
htte sich dadurch verleiten lassen, sie glcklich zu preisen. Freilich schwand
dieser erste Freudentaumel frh genug, aber der trstende Eindruck konnte
dennoch nicht gnzlich verlschen. Allen den lieben Sorgen, allen den
mannigfaltigen Beschftigungen, welche Augustens Ausstattung und Vermhlung
nothwendig machten, unterzog sich Frau von Willnangen von nun an mit weit
leichterem Herzen, und auch die junge Braut gab an Adelberts Seite sich dem
Glck unbefangener hin als zuvor. Gabrielens trauernde Gestalt war in manchen
Momenten oft wie ein stiller Vorwurf zwischen Augusten und die Freude getreten.
Die Ueberzeugung, da die geliebte Freundin weit weniger beklagenswerth sey, als
sie es sich gedacht hatte, schien ihr jetzt erst die rechte Erlaubni zu geben,
es sich selbst zu gestehen wie glcklich sie sich fhle.
    Der General Lichtenfels und Adelbert theilten freudig die Hoffnungen,
welchen Frau von Willnangen und ihre Tochter sich so unbedingt berlieen, nur
Ernesto ward sichtbar trbe und verstimmt nach Lesung des Briefes, der alle
andern beruhigt hatte. Verstummend gab er ihn in die Hnde der Frau von
Willnangen zurck, und antwortete nur mit einem halberstickten Seufzer und
abgewandtem Blicke ihren, um Besttigung des eignen frohen Gefhls bittenden
Augen.
    Nicht Gabrielens gegenwrtige Lage bengstigte so den treuen Beschtzer
ihrer Jugend. Er kannte die Elastizitt ihres Gemths, dessen Kraft zum Guten
durch Uebung, auch der schwersten Tugend, nur erhht, nicht gemindert werden
konnte und baute fest darauf. Aber seit er Gabrielens Brief gelesen hatte,
vermochte er es nicht ein banges Vorgefhl knftigen Unheils von sich
abzuschtteln. Er zitterte vor dem Gedanken, sie einst, vielleicht bald die
tiefe Einsamkeit verlassen zu sehen, in welcher ihr jetzt alle ihre Tage in
steter Dmmerung, von lieben Erinnerungen umgaukelt, hinschwanden. Denn Ruhe,
ungestrte einfrmige Ruhe, dieses trbe Surrogat des Glcks, waren, seiner
Ueberzeugung nach, alles, was die Freunde der armen Gabriele dieser von nun an
noch wnschen konnten, damit nichts sie vllig aus dem schnen Traume erwecken
mge, den sie, wie er frchtete, schon halb erwacht, sich noch fortzutrumen
bemhte.

Es hatte wirklich den Anschein, als ob Ernestos fromme Wnsche fr Gabrielens
Ruhe auf das pnktlichste in Erfllung gehen sollten, denn sie lebte lange Zeit
am schnen Ufer des Rheins, in abgeschiedener, beinahe klsterlicher Einsamkeit.
Nie sah man sie ausserhalb des Bezirks der zu ihrem Schlosse gehrenden
Gartenanlagen, als in Herrn von Aarheims Gesellschaft, hchstens mochte sie es
zuweilen an schnen Abenden wagen, allein oder nur von Annetten begleitet, in
ihrer Gondel auf den goldig grnen Wellen des Stroms hinzugleiten. Argwohn und
Eifersucht hatten ihrem Gemahle gelehrt, sie von allen Seiten so schlau
einzuengen, da es gar keines ausdrcklichen Verbots von ihm bedurfte, um
Gabrielen jede Verbindung mit der Auenwelt unmglich zu machen. Da man in
seinem Schlosse nach englischer Sitte die Tageszeiten eintheilte, die
Frhstcksstunde auf den Mittag, die Mittagsstunde auf den Abend verlegte, damit
war schon ein groer Schritt zur Absonderung von der ganzen Nachbarschaft
geschehen, der grte aber dadurch, da Moritz bei seiner Ankunft unterlie, mit
seiner jungen Gemahlin die gewohnten Besuche zu machen, um sie vorzustellen.
    Nichts wird strenger und sichrer geahndet, als eine solche absichtliche
Verletzung der allgemein hergebrachten Sitte, besonders in kleinen Stdten, oder
in einem nachbarlichen Kreise auf dem Lande. Man erklrt sich dadurch selbst in
die Acht, und alle die, mit denen nicht seyn zu wollen wir bezeigen, halten sich
durch unser Verfahren berechtigt, wider uns zu seyn.
    Die arme Gabriele wrde dieses schwer empfunden haben, htte ihre natrliche
Anspruchslosigkeit sie nicht verhindert zu bemerken, wie man bei allen
Gelegenheiten sogar ihre Existenz zu ignoriren beflissen war. Auch das aller
unbedeutendste Geschpf kann nicht so total bersehen werden, als sie es wurde,
so oft ein seltner Zufall sie in die Nhe derer brachte, welche Herr von Aarheim
ohne ihr Zuthun beleidigt hatte. Dieser fhlte das zu seiner groen Krnkung
sehr deutlich, und strebte durch tausend kleine Knste es Gabrielen zu
verbergen; aber er htte diese Mhe fglich sparen knnen, denn Gabriele schien
in ihrer Lebensweise nicht die mindeste Abweichung vom allgemein Ueblichen zu
finden. Briefe, welche sie von den Freunden ihrer Jugend empfing, oder an sie
schrieb, waren in ihrem gleichfrmig-stillen Leben die einzige Auszeichnung
eines Tages vor dem andern und eine unbestimmte se Sehnsucht bemchtigte sich
ihrer allmhlig in dieser ungestrten Einsamkeit. Oft sa sie Stundenlang
allein, das blhende Lockenkpfchen auf die weie Hand gesttzt, in dmmernden
Trumen verloren. Hell und einzeln perlten Thrnen unter den langen seidnen
Augenwimpern hervor, und fielen langsam herab, wie wenn der West eine
tropfenschwere Rose wiegt. Ein namenloses ses Weh durchzuckte schmerzlich und
freudig ihr volles Herz, dann nannte sie leise Ottokars Namen, und blickte
verwundert, gleichsam sie zhlend, auf die Thrnen, die ihrem Auge entquollen,
sie wute nicht warum. Zum Glck wurde Frau von Willnangen und Ernesto durch den
Ton, der in Gabrielens Briefen vorzuherrschen begann, auf die jetzige Stimmung
ihres Lieblings sehr bald aufmerksam gemacht, und ihre warnende Stimme kam nicht
zu spt, um die Trumerin zu erwecken.
    Gabriele ri sich mit gewohnter Kraft pltzlich empor. Die Gefahr bei diesem
sen Verlieren in sich selbst entging von nun an ihrem klaren Blicke nicht,
noch weniger die Nothwendigkeit, in ntzlicher Thtigkeit Schutz gegen jene
Lhmung des Geistes zu suchen, deren leises Heranschleichen sie jetzt deutlich
erkannte. Ein wrdiger Gegenstand dieser Thtigkeit zeigte sich ihr, so wie sie
nur Gewalt genug ber sich gewann, den Blick auf das ihr Zunchstliegende zu
wenden.
    Seit Moritz so einsam auf dem Lande lebte, hatte er sich mit seiner
gewohnten Oberflchlichkeit auf die praktische Oekonomie geworfen. Und sie bot
seiner Vorliebe fr neue Erfindungen ein unbersehbares Feld. Tglich ward etwas
Neues unternommen, sein unruhiges, in sich selbst sich zersplitterndes Wesen
erlaubte ihm aber nicht, irgend etwas vollenden zu lassen. Was gestern erbaut
ward, mute heute wieder eingerissen werden; Menschen und Thiere wurden
stndlich von den nothwendigsten Feldarbeiten abgerufen, um zur Frhnung irgend
einer momentanen Laune ihres Gebieters ihre Krfte herzuleihen. Die alten treuen
Arbeiter, welche an dem Boden, den ihre Urgrovter schon im Schweie ihres
Angesichts gebaut hatten, sich eine Art von Anrecht erworben zu haben glaubten,
strubten sich vergebens gegen dieses Verfahren; vergebens vertheidigten sie
ihre alte Art das Land zu bauen mit dem, dem Landmann eignen Widerwillen gegen
alle Neuerungen. Die Starrsinnigen wurden des Dienstes entlassen und Fgsamere
traten an ihre Stelle. Pflge und Pflger, Hirten und Heerden, Pflanzen und
Grtner wurden mit unendlichen Kosten aus dem Auslande verschrieben, aus
England, aus der Schweiz, aus Spanien sogar. Die Umgegend fllte sich mit
fremdartigen Gestalten, Abentheurer aller Art drngten sich herbei, welche Herrn
von Aarheim mit den niedrigsten Schmeicheleien zu gewinnen wuten, und die ganze
Nachbarschaft sah in stiller Schadenfreude zu, wie er, der sich das Ansehen gab,
klger seyn zu wollen als alle, auf das grbste hintergangen ward.
    Alle diese Mibruche konnten Gabrielen nicht entgehen, sobald sie mit Ernst
um sich blickte, und indem sie solche gewahrte, mute sie zugleich die
Verpflichtung fhlen, die gutmthige Schwche ihres Gemahls nicht lnger als
unthtige Zuschauerin mibrauchen und verspotten zu lassen. Das Beispiel ihrer
Mutter schwebte ihr vor, die mit sanfter Hand und klugem Auge der Verwaltung der
Gter von Schlo Aarheim vorgestanden hatte, und das Gefhl, wie unendlich viel
zur Erreichung dieses Vorbilds ihr noch mangle, durfte Augustens Tochter nicht
abschrecken, ihm wenigstens von ferne nachzustreben. Zum Glck fand Gabrielens
Unerfahrenheit bald einen verstndigen und treuen Beistand in einem alten
Wirthschaftsbeamten, dem einzigen aus der vorigen Zeit, der unter einem wsten
Haufen aus allen Theilen Europens zusammen gelaufnen Gesindels noch da stand.
Eine Art von Scheu vor seiner durch lange Dienstjahre bewhrten Treue hatte
Herrn von Aarheim abgehalten, ihn, gleich den brigen alten Dienern zu
entlassen.
    Die Grten waren der erste Gegenstand, welchen Gabriele unter ihre besondere
Obhut nahm. Die schne Gebiet gehrt ohnehin, wenigstens zur Hlfte, in das
Reich der Frauen, und Herr von Aarheim trug freudig seiner Gemahlin alle vom
Gartenbau handelnde Bcher aus seiner Bibliothek selbst herbei, sobald sie nur
den Wunsch uerte, sich mit der Oberaufsicht desselben zu beschftigen. Der
Gedanke, da Gabriele beginne, an seinen Verbesserungsplanen Theil zu nehmen,
entzckte ihn um so mehr, da seiner Meinung nach gerade der Theil derselben,
welchen sie erwhlte, sie immer mehr von der Auenwelt trennen und in die Nhe
des Schlosses bannen mute.
    Sie begann ihr neues Geschft mit dem grten Eifer zu treiben. Die Tische
in ihrem Zimmer waren bald mit Plnen zu Gartengebuden, Anlagen und
Treibhusern aller Art bedeckt, sie kamen nach und nach unter ihren, durch
vieles Zeichnen gebten Augen ins Daseyn und der groe Garten ward unter ihrer
Leitung sehr bald ein Paradies voll Duft und Blumen und Frchte. Herr von
Aarheim, im Entzcken ber das Gedeihen der exotischen Pflanzen, welche er mit
groen Kosten aus fremden Lndern hatte kommen lassen, bersah es gern, da
Gabriele deshalb auch die Einheimischen nicht verbannte und Weinstcken und
Obstbumen nicht minder die ihnen zukommende Pflege angedeihen lie, als dem
Pisang oder der Ananas.
    So verging das erste Jahr ihrer Ehe. Uebung vermehrte Gabrielens Kraft und
Moritz bemerkte mit Erstaunen die ernste Thtigkeit seiner jungen Gemahlin. Die
Gewandtheit, die Sicherheit, die Ruhe, mit der sie alles vollbrachte, was sie
unternahm, erregten seine Bewunderung, whrend ihr ganzes Betragen ihm eine
Achtung einflte, vor der das ngstliche Mitrauen, mit welchem er sie bisher
bewacht hatte, es wenigstens nicht wagte, sich zu zeigen. Seine innere Unruhe,
die ihn von jeher rastlos in der Welt nach Neuigkeiten herumjagte, erwachte, so
wie er in Hinsicht auf Gabrielen ruhiger zu werden begann, und unwiderstehlicher
als je fhlte er in sich den Wunsch, ihr nachgeben zu drfen. Des konomischen
Steckenpferdes, so wie der lndlichen Einsamkeit war er eigentlich lngst
berdrssig geworden; nichts konnte ihm daher erwnschteres kommen, als da
Gabriele spterhin ihre Neigung erklrte, sich nicht allein der Grten, sondern
auch der ganzen Verwaltung des Gutes anzunehmen. Er fand die Bereitwilligkeit zu
bequem, mit der sie ihn so mancher, ihm jetzt hchst lstigen Sorge berhob, als
da er sie sich nicht recht gern htte gefallen lassen sollen, um so mehr, da er
sich dabei das Ansehen geben konnte, als erzge er sich in seiner Gemahlin eine
Schlerin seiner auerordentlichen konomischen Kenntnisse. Vielleicht war er
auch eitel genug, sich dieses selbst einzubilden, whrend Gabriele, nach dem
Rathe ihres redlichen Inspektors allmhlig alle schdliche Neuerungen abstellte,
welche Herr von Aarheim eingefhrt hatte, und nur die bessern beibehielt, ohne
da dieser irgend eine Vernderung bemerkt htte. Immer sorgloser, fate er
endlich gar den Muth, Gabrielen erst auf Tage, sodann auf Wochen sich selbst zu
berlassen, und zuletzt sie zur unumschrnkten Regentin seines Gutes und seines
Hauswesens zu machen, whrend er in den naheliegenden Stdten umherzog, oder
sich auf kleinen mineralogischen Reisen in das Gebrge vertiefte.
    Bald unter dem Vorwande des Heimwehs, bald ganz ohne Abschied in der Stille,
verschwanden nun auch nach und nach die fremden Abentheurer, welche Herr von
Aarheim frher um sich her versammelt hatte; eigentlich wohl, weil keiner von
ihnen unter der Oberaufsicht des alten Inspektors mehr seine Rechnung fand. Die
alten, von ihnen vertriebenen deutschen Gesichter erschienen wieder, doch Herr
von Aarheim nahm von allen diesem keine Notiz. Wenn er zuweilen eine Semaschine
oder einen neuerfundenen Pflug in Aktivitt erblickte, war er vollkommen
zufrieden, gab sich das Ansehen, als sey er berzeugt, da alles noch nach
seiner Vorschrift betrieben werde und vermied jede Aufklrung oder Rechenschaft,
welche Gabriele ihm zu geben stets bereit war. Sein ewig wechselnder Sinn hatte
ihn eigentlich dem Himmel zugefhrt, indem er ihn der Erde abwendete, und es war
nicht sowohl Vertrauen in Gabrielens Kenntnisse, als Ueberdru und Eckel an
seiner ehemaligen Lieblingsbeschftigung, was zu diesem Benehmen ihn bewog.
Quadranten, Globen, Fernglser aller Art, gaben jetzt seinen Zimmern das Ansehen
eines Observatoriums, aus welchem Fellenberg, Thaer und Arthur Young vllig
verbannt wurden, denn Astronomie war fr dem Augenblick sein Lieblingsstudium
geworden. Diese neue Leidenschaft begann endlich, ihn so mchtig zu beherrschen,
da er, der frher die Reise nach Italien aufgegeben hatte, um Gabrielen nicht
zu verlassen, sich jetzt mitten im Kriege nach England schlich, einzig um in
Slowe auf Herrschels hohem Sessel in den Lften zu schweben, mit einem Fernglase
in dessen kolossalen Tubus zu kuken und dessen neuerfundenen Kometenjger zu
bewundern.

So waren drei Jahre verstrichen, und Gabriele hatte in steter Einsamkeit, fern
von den Freunden ihrer Jugend, ihr zwanzigstes Jahr vollendet, doch war sie
durch einen ununterbrochenen Briefwechsel mit Ernesto, Augusten, Frau von
Willnangen, sogar mit der guten alten Frau Dalling, die rege Theilnehmerin an
allen ihren Leiden und Freuden geblieben. Ja dieser war es eigentlich, welcher
noch Abwechselung und Bewegung in den Lauf ihres Lebens zu bringen vermochte,
denn ihre eigene Existenz glitt so einfrmig an ihr vorber, da das Schwinden
der Tage ihr nur durch den Wechsel der Jahreszeiten bemerkbar werden konnte. Die
Zeit, welche sie bei ihrer Tante verlebt hatte, die Tage voll Schmerz und Lust
im Hause der Frau von Willnangen, ja selbst Ottokars Bild schwebten nur noch in
dmmerndem Scheine vor ihrer Seele, wie die Tage der Kindheit vor dem innern
Auge des lebensmden Greises schweben, der liebend noch an ihnen hngt, obgleich
er es nicht mehr vermag, sie noch deutlich aus der weiten Ferne zu erkennen. Im
ruhigen Bewutseyn erfllter Pflicht, aufrecht erhalten durch rege Thtigkeit,
konnte Gabriele nicht in dumpfe Apathie versinken. Der Anblick der Natur, das
Gelingen ihres Strebens, lie sie nicht unergtzt, aber kein frohes, glckliches
Empfinden rthete je ihre Wangen hher, strahlte in ihrem Blick, oder
beschleunigte das ruhige Pulsiren ihres Herzens zu rascheren Schlgen. Sie war
ruhig, so ruhig, da sie fast keinen Wunsch mehr kannte, und dieses Gefhl
theilte sie in ihren Briefen ihren Freunden mit. Ernesto selbst mute endlich
aufhren, fr ihre Zukunft besorgt zu seyn.
    So lange Gabrielens Gemahl in England verweilte, setzte sie die eingezogene
Lebensweise fort. Gewohnheit hatte sie ihr tglich werther gemacht und bei
Moritzens Heimkehr berraschten diesen berall Beweise ihres unermdeten,
stillen, wohlgeordneten Wirkens. Was er noch von seiner ehemaligen
Eiferschtelei beibehalten haben mochte, verschwand, wie Eis an der Sonne, vor
dem ruhigen Blick und der ber das ganze Wesen der schnen Frau ergossenen
Wrde, mit der sie freundlich, doch nicht heuchelnd ihm entgegen trat und ihn
willkommen hie. Die englische Manie hatte er ohnehin in England verloren, er
kehrte heim, fest entschlossen, einen neuen Lebensplan zu ergreifen; nur
schwankte er noch in der Wahl desselben, als bei Gabrielens Anblick ihn ein
freudiger Uebermuth ergriff. Er fhlte pltzlich eine Art von Sehnsucht, vor
aller Welt mit dem Glck glnzen zu knnen, dessen eigentlichen Werth zu
wrdigen er doch weit entfernt war. Sein alter Hang, von einem Extrem zum andern
zu eilen, ward mchtiger in ihm als je zuvor, und er, der noch vor kurzem sogar
den Sonnenstrahlen den Anblick seiner Gemahlin gern verwehrt htte, begann jetzt
sehr ernstlich darauf zu denken, wie er sie bereden knne, den kommenden Winter
in Paris, mitten im Strudel der groen Welt mit ihm zu verleben.
    Alle seine Gesprche gingen von nun an einzig darauf hinaus, ihren
Widerwillen gegen eine solche Vernderung ihres Wohnorts zu bekmpfen, und je
inniger sie an ihrer Einsamkeit zu hngen schien, je eifriger bezeigte er sich,
sie ihr zu entreien und sie den rauschendsten Vergngungen wieder zuzufhren.
    Inzwischen wurde Herr von Aarheim in England nicht nur der englischen
Lebensweise untreu, sondern auch seiner neuern Leidenschaft der Sternkunde. Der
Landwirthschaft mochte er sich nicht wieder zuwenden, und so schwebte er
wirklich vakant, wie nach einem alten Glauben die Seelen der ungetauft
gestorbenen Kinder, zwischen Himmel und Erde, in tdtlicher Langerweile, welche
das ewige Disputiren mit Gabrielen ber ihren knftigen Winteraufenthalt doch
nicht ganz zu bannen vermochte. Ein Zufall brachte ihn endlich auf den Gedanken,
die Sorge fr Requisitionen, Einquartirungen und andere Kriegsbel, welche mit
jedem Tage in der Gegend sich huften, in eigner Person zu bernehmen, und darin
einen Zeitvertreib zu suchen.
    Wie durch ein Wunderwerk, lag bis jetzt sein Schlo, gleich einer
glcklichen Insel, mitten in einem strmischen Meer. Gabriele, welche die
Grnzen der nchsten Umgebungen ihrer Wohnung selten zu berschreiten pflegte,
hatte noch nie einen der Feinde erblickt, die ringsum, wenn gleich nicht den
Krieg selbst, doch manches Unheil und manche der Unruhen herbeifhrten, welche
diesen zu begleiten pflegen. Sie verdankte diese Schonung den wohlgetroffenen
Maaregeln ihres Wirthschaftsinspektors, der als Elsasser der franzsischen
Sprache kundig genug war, um jede Verhandlung bernehmen zu knnen, welche das
Ausheben der Konscribirten, der Durchmarsch der Armeen und hnliche Kriegslasten
nothwendig machten. Er hatte berdem ein sehr artiges Jagdhaus zum Empfang der
Einquartirungen einrichten lassen, es lag nahe am Schlosse, doch auer dem
Gesichtskreis desselben. Dort nahm er einstweilen selbst seine Wohnung und wute
bald durch freundliches Zuvorkommen, bald durch ernstes, gefates Betragen jeden
Unfug abzuwenden, welchen der Uebermuth der ungeladenen Gste htte stiften
knnen.
    Herr von Aarheim, seiner alten Weise getreu, alles besser wissen zu wollen,
war weit davon entfernt zu begreifen, wie ntzlich diese Einrichtung ihm bis
jetzt gewesen sey. Unter dem Vorwande, da die Gegenwart des Inspektors anderswo
nthiger wre, vertrieb er diesen aus dem Jagdschlosse, schlug dann selbst seine
Wohnung darin auf und schuf sich ein eigenes System zur Erleichterung der
Kriegslasten, sowohl fr die Armee als den Landeigenthmer. Dieses mochte
seltsam genug ausgefallen seyn, wenigstens war niemand mit den neuen
Einrichtungen zufrieden, deren Ausfhrung Herr von Aarheim persnlich bernahm,
und Unmuth und Streit traten an die Stelle des ehemaligen gegenseitig guten
Vernehmens. Endlich kam es sogar so weit, da Gabriele durch ihr pltzliches
Dazwischentreten ihren Gemahl einst von Mihandlungen retten mute, die er
anfangs durch Knickerei und Uebermuth, dann durch feiges, ngstliches Betragen
sich selbst zugezogen hatte. Ihre unerwartete glnzende Erscheinung machte zwar
aller Fehde gleich ein Ende, und Moritz war herzlich froh, seine Persnlichkeit
unverletzt gerettet zu sehen, aber ihn berlief dabei doch wieder ein kleiner
eiferschtelnder Schauer. Um den neugestifteten Frieden dauerhaft zu grnden,
sah Gabriele sich genthigt, die fremden Offiziere jetzt in das Schlo selbst
einzuladen. Sie folgten ihr mit allen Zeichen der hchsten Verehrung, kamen mit
aller Galanterie ihrer Nation jedem Winke der schnen Frau zuvor, leisteten
anscheinend jeder ihrer Aeuerungen den pnktlichsten Gehorsam, fanden es aber
auch zugleich hchst nthig, das Schlo des Herrn von Aarheim zum Mittelpunkt zu
machen, von wo aus sie ihre Geschfte in der Umgegend dirigirten und alle ihre
Anstalten deuteten auf einen recht langen Aufenthalt in demselben.
    Moritz war zu feig, um gegen diese Einrichtung etwas einzuwenden, aber ihm
war dennoch gar nicht wohl dabei zu Muthe. Vor allem qulte seine arme schwache
Seele sich mit der Furcht, da Gabriele bei dieser Gelegenheit sich leicht eine
Herrschaft ber ihren Gemahl anmaen knne, welche in ruhigern Zeiten ihr wieder
zu entreien ihm schwer werden mchte. Unfhig, lnger diese Besorgnisse zu
tragen, kam er endlich auf den Gedanken, ihr, die er jetzt nicht mehr nach Paris
zu fhren verlangte, einen Besuch bei der Frau von Willnangen vorzuschlagen.
Eine freudige Aufwallung frbte zum erstenmal seit langer Zeit Gabrielens Wangen
und ihre Augen leuchteten vor Entzcken, als sie diesen Vorschlag vernahm.
Dankbar ergriff sie ihn; mit der gewohnten ruhigen Einsamkeit hatte der
Aufenthalt am Rhein ohnehin seinen hchsten Reiz fr sie verloren; die Anstalten
zur Reise wurden daher so schnell als mglich getroffen, das Gut der
Barmherzigkeit des Himmels und der Aufsicht des treuen Inspektors empfohlen, und
kurze Zeit darauf feierte Gabriele im Arme ihrer Freundinnen eine hchst selige
Stunde des Wiedersehens.

Nicht in der Stadt, in welcher Frau von Willnangen frher lebte und wo Ottokars
Bild Gabrielen auf jedem Schritt entgegen getreten wre, wurde dieses
Wiedersehen gefeiert. Die Gestaltung der Zeit, welche Gabrielen von den schnen
Ufern des Rheins verbannte, hatte auch ihre Freundin bewogen, sich mit ihren
Kindern auf das Gut des Generals Lichtenfels zurckzuziehen, und Ernesto den
dringenden Bitten, seine Freunde zu begleiten, nicht widerstehen knnen. So
lebten alle auf dem schnen Schlosse im frhlichsten Verein, doch nicht wie
sonst in rauschenden Festen.
    Mit freudestrahlendem Blicke, wenn gleich noch ein wenig bleich, hielt
Auguste von dem Sopha, auf welchem sie ruhte, eine kleine, wenige Tage alte
Gabriele der Freundin auf ihrem Arme entgegen. Neben ihr lag ein funfzehn Monate
lterer rosenwangiger Adelbert und jauchzte laut im lustigen Spiel mit dem
Vater. Ein einziger Blick auf die huslich frohe Gruppe verkndete Gabrielen das
stille Glck dieser Menschen. Und als nun Auguste, nach dem ersten freudigen
Verstummen des Wiedersehens, mit froher Redseligkeit die Aehnlichkeit der
kleinen Gabriele mit der groen zu beweisen suchte, als Adelbert seinen Knaben
tanzen, lachen und einzelne Tne stammeln lie, um Gabrielen alle
erstaunenswrdige Knste desselben gleich in der ersten Stunde zu zeigen, da
perlte eine helle Thrne Gabrielen im Auge und ein leiser Seufzer hob langsam
ihren Busen, an welchen sie Augusten fester drckte.
    Mitleidig betrachtete Frau von Willnangen ihre Gabriele in diesem Moment,
doch bald erglhte sie fast zornig bei Moritzens Eintritt, der gleich nach der
ersten Begrung die Kleidung der Kinder zu untersuchen und zu tadeln begann,
dann eine lange Rede ber die neuesten Arten derselben hielt, welcher niemand
zuhren mochte. Zuletzt verlangte er, alle in das Schlo gehrende Hunde zu
sehen, um einen heraus zu finden, der Genie genug bese zu lernen, wie er
vermittelst eines Rades die Wiege des Neugeborenen in Bewegung setzen knne. Er
ist noch wie sonst! seufzte Ernesto leise vor sich hin und htete sich
schonend, Gabrielens Blicken zu begegnen.
    Keine Sylbe ber ihr gegenwrtiges Verhltni, viel weniger eine Klage
entschlpfte beim lngern Beisammenseyn Gabrielens Lippen, selbst im
vertrautesten Gesprch mit ihren Freunden. Nur berflog zuweilen ein dunkleres
Roth ihre Wangen, wenn Herrn von Aarheims Eigenheiten in zu grellem Lichte sich
zeigten, und ihre Worte folgten dann schneller wie gewhnlich auf einander, in
dem Bestreben, dem Gesprche, in welchem er zu unvortheilhaft erschien, eine
andere Wendung zu geben. Selten milang ihr dieses und ihre Freunde fhlten sich
oft bewogen es zu bewundern, wie knstlich sie dann gerade die wenigen
Gegenstnde zur Sprache zu bringen wute, ber welche ihr Gemahl mit
ertrglicher Sachkenntni sich zu uern fhig war. Uebrigens erschien sie ihnen
in ihrem ganzen Betragen vllig unverndert, obgleich alle die Unmglichkeit
fhlten, zu fragen, was sie nicht von selbst gestand und was alle sich doch
sehnten zu erfahren. Nicht weil sie in geheimnivolles Dunkel sich hllte,
verloren ihre Freunde den Muth dazu, sondern im Gegentheil, weil ihr ganzes
Wesen so krystallhell vor ihnen stand, da man keine Nachforschung wagen mochte,
um es nicht zu trben.
    Endlich brach Gabriele selbst zuerst dieses Schweigen. Es war an einem jener
dunkelhellen warmen Herbstabende, wo alles zur wehmthigen Feier einer lieben
Vergangenheit uns auffordert. Langsam, von keinem Lftchen berhrt, sinken die
purpurfarbenen und goldenen Bltter einzeln von den Bumen herab und ein
seltsames Rauschen flstert in den Wipfeln, whrend unten auf der Erde die
tiefste Stille herrscht. Die Menschen rcken dann nher zusammen und haben
einander lieber als sonst, denn alle fhlen ahnungsvoll die Gewiheit des
vielleicht nahen Scheidens und der Vergnglichkeit aller Blthe und aller
Pracht.
    Gabriele, Frau von Willnangen, Auguste und Ernesto saen in der Dmmerung
allein unter den Sulen vor dem Hause. Der General und Adelbert hatten mit dem
berlstigen Moritz schon am frhen Morgen zu einer Jagdparthie sich begeben,
wie sie oft thaten, um den Frauen ein ungestrtes Beisammenseyn zu gewhren.
Vieles aus der Vergangenheit war unter den Daheimgebliebenen schon den Tag ber
leise zur Sprache gekommen und aller Gemth weicher gestimmt. Da fragte Gabriele
pltzlich wie an jenem verhngnivollen Abend vor ihrer Vermhlung: Ernesto!
haben Sie keine Briefe aus Rom? Wei Ottokar, welchen Gang das Geschick mit mir
nahm? setzte sie nach einer kleinen Pause hinzu.
    Er wei es, er nimmt Theil an Gabrielen, wie Gabriele an ihm. In wenigen
Jahren, vielleicht noch frher, hofft er uns alle wiedersehen zu drfen,
erwiderte Ernesto in einiger Bewegung ber die unerwartete Frage. Doch fuhr er
bald mit festerer Stimme fort, von Ottokars Lage zu sprechen, und von dem
Einflusse des gegenwrtigen Ganges der Welt auf diese. Er erzhlte, wie Ottokar
fortwhrend in Rom lebe; doch, fr den Augenblick fern von allen ffentlichen
Geschften und Verbindungen; wie er seine Zeit einzig seiner Neigung zur Kunst
widme und der frhlichen Sorge fr einen lieblichen Knaben, seinem einzigen
Kinde.
    Die sichtbare Bewegung, in welche Gabriele bei dieser Nachricht gerieth,
bestimmte Frau von Willnangen, eine Frage nach Aurelien hinzuwerfen, um ihrer
jungen Freundin Zeit zu geben, sich zu fassen. Aurelia, erwiderte Ernesto,
ist ihrem Gemahl als Mutter seines Sohnes viel werther geworden, ohne da er
dehalb grere Ansprche an sie machte. Er erlaubt ihr gern, ihren Launen zu
folgen, ihren Aufenthalt nach Belieben zu whlen, wenn sie nur zuweilen zu ihm
zurckkehrt. Dieses thut sie und ist dann freundlich und angenehm, da sie bei
Ottokar keinen Widerspruch antrifft. Im brigen ist sie sich vllig gleich
geblieben. Sie erklrt Rom fr ein weites des Grab, in dem die Gespenster
fglich bei hellem Tage herumwandeln knnten, und behauptet, die Lneburger
Haide sey in Anmuth der rmischen Campagna bei weitem vorzuziehen. Deshalb lebt
sie bald in Neapel, bald in Florenz oder Venedig. Einen Sommer brachte sie in
der Schweiz zu, einen Winter in Paris, wo die Grfin Rosenberg nach einem kurzen
Besuch in Deutschland, sich fr immer niedergelassen zu haben scheint.
    Es ward noch vieles ber Ottokars Leben in Rom gesprochen, von welchem
Ernesto manche angenehme Einzelheiten zu erzhlen wute. Im fernern Laufe des
Gesprchs bemerkte Frau von Willnangen bedauernd, wie wenig Aurelia doch
eigentlich beitrage, dieses Leben zu verschnern.
    Sie irren, theure Frau, erwiderte schnell Gabriele, oder vielmehr Sie
vergessen, wie liebenswrdig Aurelia erscheinen kann, sobald sie es will, und
bei Ottokar, diesem nachsichtigsten aller Menschen, mu sie immer es wollen.
Gewi bemerkt er ihre kleinen Schwchen nur, um durch sie ihr Freude zu bereiten
und ist dann zwiefach glcklich in ihrem Ergtzen. Alle hefteten bei diesen
Worten aufmerksam und gerhrt den Blick auf Gabrielen. Sie bemerkte es und fuhr
mit glnzenden Augen weiter fort. Ich danke Gott, da keine neidische Regung je
in meinem Gemthe Raum fand; auch danke ich Ihnen, Ernesto, da Sie das
freundliche Bild Ottokars mit seinem Knaben mir zum Troste hinstellten an meinen
einsamen Lebenspfad, dessen einziger Schmuck Mitgefhl ist und Erinnerung. Jetzt
wei ich, da alles, was ich je liebte, glcklich ist, dort oben oder hier. Um
mich her hat der Sturm ausgetobt, es ist und bleibt jetzt stille. Was kann ich
mehr wollen? In meinem Gemth regt sich kein Wunsch zu einem andern Glck, ich
glaube sogar, da ich keines andern fhig wre, selbst nicht an Ottokars Seite.
Darum bitte ich Euch alle, meine Lieben! seyd in Zukunft ruhig um mich; ich
wandle zwar einsam meinen Pfad, aber ich blicke von ihm in die hellerleuchteten
Huser meiner Freunde in Rom und hier, und auch dort hinauf, sprach sie mit
einem zu dem eben aufgehenden Abendstern gehobenen Blicke. Und so, fuhr sie
nach einer kleinen Pause fort, und so fhle ich mich weder allein, noch betrbt
und verlassen. Ruhe des Himmels leuchtete bei diesen Worten aus Gabrielens
Zgen und alle fhlten sich nher zu ihr hingezogen. Auguste schmiegte mit ihrem
Knaben sich an sie, whrend Frau von Willnangen unter Thrnen sie umarmte und
Ernesto ihre Hand ergriff und liebend und bewundernd mit glnzenden Augen sie
betrachtete.
    Moritzens lrmende Ankunft scheuchte die Gruppe auseinander, seine Stirne
umwlkte sich, so wie er sie erblickte und noch am nehmlichen Abend kndigte er
den dritten Tag nach diesem als den zur Abreise unwiderruflich bestimmten an. Es
war nicht Eifersucht, was zu diesem pltzlichen Entschlu ihn bewog, aber er
vermochte es nicht, die bittere Empfindung niederzukmpfen, welche sich allemal
seiner bemchtigte, wenn er Gabrielen im kleinen stillen Kreise ihrer Freunde
erblickte, in Liebe sie umfassend und von ihnen umfangen. Ein dumpfes
Bewutseyn, wie fremd und fern er selbst ihr bleiben msse, obgleich es ihm
vergnnt war, sie die Seine zu nennen, regte ihn stets zu einer Art Ingrimm
gegen diese Freunde auf, und unerachtet der Geflligkeit und Gte, mit der man
ihm entgegenkam, ergriff er freudig die erste Veranlassung, ihnen mit Gabrielen
zu entfliehen.

Am Morgen ihrer Abreise stand Ernesto vor dem Schlosse, unter den nehmlichen
Sulen, wo sie vor zwei Abenden noch alle im herzlichen Vereine versammelt
waren. Sinnend blickte er dem Wagen nach, in welchem Moritz, triumfirend ber
Gabrielens Freunde, sie ihnen entfhrte, bis auch die letzte Staubwolke seinem
Blick entschwand. Dann wandte er sich, schmerzlich aufseufzend, und gewahrte
dicht neben sich Frau von Willnangen, die forschend ihn betrachtete.
    Sie sind betrbt, sprach sie, und ich bin es mit Ihnen, denn seit ich
Gabrielens liebe Gestalt in diesen Rumen einmal erblickte, werde ich sie immer
um so schmerzlicher vermissen. Da wir aber scheiden muten, so gereicht es mir
doch zum Troste, da sie nicht mehr allein mit dem langweiligsten Narren der
Welt in jenem alten Raubschlo am Rhein hausen wird. Sie geht, wenn gleich nicht
einer glcklichen, doch einer heiterern Existenz entgegen, wie ihre Jugend sie
fordert. Sie scheinen meiner Meinung nicht zu seyn, Ernesto? Sie der
Geselligste, Lebensfrohste unter uns. Ich glaube fast, Sie frchten den
Eindruck, welchen die Vergngungen der Residenz auf Gabrielen machen knnten,
und ich gestehe es Ihnen, ich begreife weder Sie noch Ihre Sorgen. Was kann die
groe Welt einem so erprobten Gemthe, wie das von Gabrielen ist, anhaben? Ach!
leider wissen wir es ja, es giebt fr sie weder Hoffnung noch Gefahr; der kurze
Frhling meines armen Kindes ist dahin und wird nie wieder erwachen.
    Schweigend stand Ernesto eine Weile da, dann nahm er, nach seiner gewohnten
Art, zu einem Gleichni seine Zuflucht. Hrten Sie nie, sprach er zu seiner
Freundin, hrten Sie nie von jenem Baume, dessen beim ersten warmen
Frhlingshauch erscheinende Blthen mit allen Wundern des frhen Lenzes sich
befreunden? mit Schneeglckchen und Krokus, mit Himmelsschlsseln und Veilchen,
und dann verschwinden, wenn die Sonne hher steigt? Der Sommer findet von ihnen
keine Spur mehr, aber neue Blthen entstehen dann an der Stelle der
Verschwundenen, sie sind weniger glnzend, werden aber zu Frchten, zu sen
oder herben, je nachdem Sonne und Zeit dem Baum es gewhren, der so, nach dem
gauckelnden Spiele seines Frhlings, die Bestimmung seines Daseyns erreicht.
    Das Bild nimmt sich recht artig aus, erwiderte Frau von Willnangen, aber
entweder ist das Gleichni unpassend oder ich verstehe es eben so wenig als Ihre
jetzige Sorge. Sie selbst verwiesen mich ja trstend auf Gabrielens Liebe zu
Ottokar, Sie nannten sie den Schutzgeist, welcher durch die Wsten und Steppen
ihres Lebenspfades sie begleiten wrde. Wie haben Sie denn nun pltzlich diesen
Glauben verloren? Was frchten Sie fr Gabrielens Ruhe, selbst wenn Zeit und
Entfernung ihr Gefhl fr Ottokar gemildert htten? Kann man denn zweimal
lieben, wie Ihr Gleichni es andeuten zu wollen scheint? und wenn Andere es
knnten, kann es ein Wesen wie Gabriele?
    Nein! warlich nein! rief Ernesto. Ward Ottokar einst wahrhaft geliebt von
Gabrielen, so liebt sie ihn bis zum letzten Hauch ihres Lebens, und ist durch
diese reine Liebe gesichert gegen Schmerz und Reue. Aber so sehr ich auch
dagegen mich strube, immer von neuem ergreift mich der Gedanke, den ich frher
nur leise anzudeuten wagte, da die Gefhl fr Ottokar nur des erwachenden
geistigen Lebens erstes jugendliches Sich-Loswinden aus den Banden der Kindheit
war. Was wir in frher Jugend die erste Liebe nennen, ist es selten, oder nie.
Ist doch auch die Morgenrthe, in aller ihrer Pracht, noch nicht die Sonne,
welche unsern ganzen Lebenstag erleuchten und erwrmen soll.
    Vergebens bestritt Frau von Willnangen diesen Gedanken Ernestos mit allen
Grnden, welche ihr Herz und ihr Verstand ihr nur anzugeben vermochten. Blicken
Sie um sich erwiderte er ihr, wie viele der zum Glck nicht zahlreichen Ehen,
welche einer sogenannten ersten Liebe ihr Daseyn verdankten, sind wahrhaft
glcklich zu nennen? Knnte die seyn, wie es denn unleugbar ist, wenn nicht
hier Tuschung, Miverstehen seiner selbst so leicht, ja fast unausweichbar
wren? Lassen Sie es uns zum trben Trost dienen, da Gabriele vielleicht in
Zukunft nicht glcklicher geworden wre als sie jetzt es ist, wenn ein
anscheinend gnstigeres Geschick sie an Aureliens Platz gestellt htte. Ich
verkenne nicht Ottokars seltnen Werth, aber die Strahlenglorie mute im Laufe
des Lebens vor Gabrielens Blick dennoch schwinden, mit der sie selbst sein
geliebtes Haupt sich zur Anbetung schmckte. Und wenn sie nun vollends vor dem
mchtigern Glanz einer hhern, Gabrielen nher verwandten Erscheinung htte
erbleichen mssen? und wenn nun diese Erscheinung ihr jetzt auf ihrem neuen
Pfade begegnete? Ach! Frau von Willnangen, ich bin nicht Herr ber die bange
Vorempfindung, welche mich ergreift! Warum, warum, mute Gabriele ihrer sichern
Einsamkeit entrissen werden?!

Gabriele verlebte von nun an einige Jahre, getrennt von ihren Freunden, den
Winter in einer groen lebensreichen Residenz, den Sommer in den besuchtesten
Bdern. Sobald Moritzens verschrobner Sinn nur den Gedanken aufgefat hatte, da
alle Huldigungen, welche die Gesellschaft seiner Gemahlin darbringen mochte, auf
ihn zurckfallen mten, da jeder ihrer Verehrer nur seinen Triumfzug
verherrlichen knne, weil sie ihm allein angehre, so hatte er weder Ruhe noch
Rast, bis er Gabrielen auf eine Hhe gestellt hatte, von der sie seiner
Ueberzeugung nach alles berstrahlen mute. Ueberall, wo er lnger sich
aufhielt, war es seine erste Sorge, ein groes glnzendes Haus einzurichten.
Gabriele mute die Honneurs desselben machen, und Moritz tanzte vor Freude und
rieb sich die Hnde wund, wenn ihre Vorzge recht blendend hervortraten. In
allen Sprachen posaunte er das Lob seiner Frau, sogar in ihrem Beiseyn, ohne es
zu achten, da die peinlichste Verlegenheit sie in solchen Momenten fast zu
Boden drckte. Alles Bitten und Ermahnen von ihrer Seite war an dem eitlen
Thoren verschwendet, er blieb bei seiner Weise mit all dem starren Eigensinn
eines beschrnkten Geistes, und Gabriele fand endlich keinen andern Ausweg, als
dem Willen ihres Gemahls zu folgen und nur dabei durch noch einfachere
Bescheidenheit und Anspruchlosigkeit den verhaten Schein eitler Gefallsucht von
sich abzuwenden. Es gelang ihr; sogar die Frauen haten sie nicht, whrend alle
Mnner ihr huldigten und ihr Talent fr die Welt bildete sich immer glnzender
aus, je lnger sie in dieser lebte. Von jener Bldigkeit, mit der sie im Hause
der Tante erschien, konnte nicht die Rede seyn, noch weniger aber von jenem
dreisten Blick, jenem arroganten Auftreten, die so oft die Stelle frher
bertriebener Zurckgezogenheit ausfllen. In kleinen gewhlten Zirkeln wute
Gabriele durch ihr Gesprch mit der hinreiendsten Grazie die Aufmerksamkeit zu
fesseln, doch besonders liebenswrdig war sie wenn sie erzhlte; dann lauschte
ihr jedes Ohr und Aller Blicke hingen an dem lebendigen Ausdrucke des schnen
Gesichts. Aber sie wute auch ihre glnzenderen Talente vor der Menge geltend zu
machen, sobald es erforderlich war. Sie sang, spielte, tanzte, erschien sogar
auf Privatbhnen, gewhnlich weil Herr von Aarheim es wollte, zuweilen aber auch
aus wahrer Lust an dem frhlichen geselligen Treiben, das ihr die Tage ihres
frhern Zusammenlebens mit Ottokarn zurckrief. Moritz geno bei alle diesem die
Gewiheit, der Gemahl der brillantesten Frau in der Residenz zu seyn, mit dem
aller behaglichsten Gefhl, whrend Gabriele da stand, als ahne sie nichts von
der Hhe, zu welcher die allgemeine Bewunderung sie erhob. Auch wagte es
niemand, sie unbescheiden darauf aufmerksam zu machen. Bei aller Frische des
Jugendglanzes, der sie umstrahlte, gab die seltene Wrde ihres Anstandes ihr
etwas matronenhaftes, und so wie man in ihrem sechszehnten Jahr sie berall fr
noch weit jnger ansah, so schien jedermann jetzt in ihrem vier und zwanzigsten
Jahre geneigt, sie fr lter zu halten als sie war. Oder vielmehr, man dachte
weder an Alter noch Jugend bei der nicht weniger Achtung als Liebe einflenden
Erscheinung, fr die es, wie fr die himmlischen, keine Zeitrechnung zu geben
schien.

Der Winter war vorber, berall zeigten sich schon die ersten Vorboten des
Frhlings. Bei der Unmglichkeit, den vielfltigen Einladungen des Generals
Lichtenfels schicklicher Weise lnger auszuweichen, hatte sich Moritz endlich
entschlossen, mit Gabrielen den Besuch auf dem Landgute desselben zu
wiederholen, als Gabrielens Tante, die Grfin Rosenberg, ganz unerwartet in der
Residenz eintraf. Napoleons weit aussehende Plane vertrieben sie aus Paris,
indem sie letzteres verdeten. In ihrem ehemaligen Wohnorte fand sie ihr Haus
von fremden Gsten eingenommen und ihre ehemaligen Zirkel zerstrt. Beinah alle
ihre Bekannten waren ausgewandert und ihr blieb also keine andere Wahl, als sich
einstweilen in einer Stadt niederzulassen, die ihr, bei allen Annehmlichkeiten
des geselligen Lebens, die vollkommenste Ruhe und Sicherheit bot.
    Die Wahl einer Wohnung, in welcher sie im gewohnten Glanze auftreten konnte,
war gleich nach ihrer Ankunft in der Residenz die erste Sorge der Grfin
gewesen; ihr zweiter Wunsch war, sich bei Hofe und in der Gesellschaft auf eine
auszeichnende Weise eingefhrt zu sehen. Rang und Reichthum, diese mchtigsten
Talismane auf Erden, verhalfen ihr zu beiden in unglaublich kurzer Zeit, und
kaum waren vierzehn Tage verstrichen, als sich schon in einem der schnsten
Hotels alles, was nur auf Eleganz, Ton und Talent Anspruch machte, um sie und
ihre Begleiterin, die junge, schne Markise d'Aubincourt versammelte. Von Paris
aus, wo sie einander kennen lernten, waren diese beiden Damen unzertrennliche
Reisegefhrtinnen geblieben und gedachten jetzt mit vereinten Krften ein
glnzendes Haus zu bilden, das bei ihrem Vermgen und ihren Talenten alle andern
in der Residenz zu verdunkeln drohte.
    Gegenseitiges Bedrfen hatte gar bald das lockere Band bloer Bekanntschaft
enger zusammengezogen, welches anfangs die Grfin und die Markise vereinte. Es
ward eine jener Liaisons daraus, wie die Welt deren so manche aufzuweisen hat.
Sie mit dem Namen der Freundschaft zu bezeichnen, wre Entweihung. Es kann weder
von Liebe noch Achtung bei diesen Vereinen die Rede seyn, aber sie trotzen doch
oft Jahre lang manchem Stoe von auen, ja selbst der langsam auflsenden Gewalt
der Zeit, und erhalten dadurch bei aller ihrer Frivolitt einen Anstrich von
Ehrwrdigkeit, den sie mit allem Dauernden gemein haben.
    Die Grfin hatte bei ihrer Rckkehr aus Rom nach Deutschland, und auch
spter in Paris es sich nicht verbergen knnen, wie sie, unerachtet aller ihrer
noch immer anerkannten geselligen Vorzge, dennoch mit Aurelien einen groen
Theil jener Zaubermacht verloren habe, durch welche sie sonst alles in ihre Nhe
zog und fest bannte. Ihr feiner Takt kam ihr bei dieser Entdeckung mchtig zu
Statten, und weit entfernt, sich durch dieselbe gedehmthiget zu fhlen, suchte
sie von der nehmlichen Stunde an, wo sie solche gemacht hatte, nach einem Wesen,
das fhig war, jene Lcke in ihrer Umgebung auszufllen.
    Die Markise d'Aubincourt, eine junge, blendend schne Frau, war in Paris zur
nehmlichen Zeit ebenfalls aus ihrer gewohnten Sphre getrieben; ihr Gemahl mute
sie verlassen, um seinem Kaiser in weit entfernte Lnder zu folgen, und da die
franzsische Sitte die strengste Wchterin des uern Scheines ist, so blieb ihr
bei ihrer Jugend keine andere Wahl, als sich entweder whrend der Abwesenheit
des Markis der Welt gnzlich zu entziehen, oder sich unter den Schutz einer
ltern Frau von Rang und unbescholtenem Ruf zu begeben, in deren Begleitung es
ihr allerdings erlaubt war, berall ffentlich zu erscheinen. Was konnte daher
diesen beiden Damen wohl erwnschteres kommen, als ihr Zusammentreffen zur Zeit
gegenseitiger, vllig hnlicher Noth? Der Bund zwischen ihnen war bald
geschlossen, und da spterhin Langeweile beide aus Paris vertrieb, so erwarb die
Markise noch den Anstrich einer exemplarischen Treue, indem sie sich den
Mhseligkeiten der langen Reise aussetzte, einzig, um, wie sie versicherte,
ihrem bei den Eisbren hausenden Gemahle in Deutschland nher zu seyn.

In allen Zirkeln, aus Aller Munde vernahmen die Grfin und die Markise, so bald
sie ein wenig einheimisch geworden waren, den Namen Gabriele von Aarheim,
berall erscholl ihr Lob, Mnner und Frauen klagten ber ihre Abwesenheit. Die
Markise begann die Deutschen etwas langweilig zu finden, welche in Gegenwart
einer schnen Frau es wagten, einer zweiten auf diese Weise zu erwhnen, whrend
die Grfin die ganze Familie Aarheim in ihrem Gedchtni die Revue passiren
lie, um diese berhmte Gabriele aufzufinden.
    Unmglich, sprach sie sehr bedenklich, unmglich kann es meine kleine
Nichte mit dem blassen Mondscheinsgesichte seyn! In seinem sechzehnten Jahre
wute das arme Kind kaum drei zu zhlen, so entwickelt kann sie sich nicht
haben, und doch giebt es meines Wissens keine andere Gabriele in meiner Familie.
Vor fnf bis sechs Jahren ward mir die Nachricht ihrer Vermhlung mit dem
halbverrckten Erben unserer Mannlehngter mitgetheilt; es ist unmglich, da
sie es sey.
    Ach Gott! sie wird es wohl seyn, rief klglich Graf Hippolit, der
gegenwrtige Verehrer der Markise, sie wird es seyn, die Mondscheinsdame; sie
wird zu allgemein gepriesen, als da wir viel von ihr erwarten knnten! Also
Ihre Kusine? liebe Rosenberg, nun ich sterbe vor Neugier, wenn ich nicht bald
dieses Wunder der Welt zu Gesichte bekomme! fiel halb jhnend die Markise ein.
    Ach, wie gerne thte ich das auch, rief lustig Hippolit, aber mir sind
leider schon in der Welt zu viele dergleichen Wunder vorgekommen, die,
entschleiert, eigentlich alle sehr gewhnlich und natrlich dastanden. Es ist
immer das alte Buch mit einem neuen Titel, das nehmliche Rthsel in ein anderes
Gewand eingekleidet, was man uns da zu studiren giebt. Bei alle dem bleibt es
aber doch ein Studium, dessen man nie berdrssig wird, besonders wenn uns, wie
hier, jede Stunde mit einer neuen ganz unerhrten Kaprize beglckt. Indem er
die hinzusetzte, wollte er die Hand der Markise an seine Lippen drcken, sie
entzog sie ihm aber, heftig und unwillig sich strubend. Schne Dame, rief
Hippolit in seinem Uebermuth, indem Sie zrnen, beweisen Sie, da ich Recht
habe; die kleine Wuth steht Ihnen so allerliebst, da ich dadurch leicht
verleitet werden knnte, Sie alle Tage halb todt zu rgern. Die Vershnungen,
die doch auch nicht zu verachten sind, htte ich dann fr meine Mhe noch
obendrein.
    Die Markise begann recht ernstlich sich zu erzrnen, doch nicht auf lange;
die Grfin warf sich zur Vermittlerin auf, und der Friede war bald geschlossen.
    Der glnzende Graf Hippolit, entsprossen aus einem der edelsten Geschlechter
in Ungarn, schn wie Apoll, kaum zwanzig Jahre alt, und dabei schon
unumschrnkter Herr groer Reichthmer, war allerdings eine Eroberung, welche
eine Frau, wie die Markise, sich auf alle Weise zu erhalten streben mute. Auch
war es ihr seit dem Moment gelungen, da er in Paris, als ein weitlufiger
Verwandter der Grfin ihr vorgestellt ward. Ihre seltene Schnheit, ihr leichter
Sinn, vor allem eine gewisse pickante Ungleichheit in ihrem Betragen entzckte
ihn, und Gewohnheit, Ueberdru am Wechsel, hatten bis jetzt ihn fest gehalten.
    Als die Damen Paris verlieen, wute er eben nichts besseres zu thun, als
ihnen nach Deutschland zu folgen, und bei dieser Gelegenheit spterhin einen
Besuch in seinem Vaterlande und auf seinen Gtern abzustatten. Vor jetzt war er
der tgliche Gast in ihrem Hause, ihr steter Begleiter auer demselben, aber die
Strenge, mit welcher die Grfin ber die Gesetze des Anstandes zu wachen gewohnt
war, hatte ihn veranlat, sich eine von ihnen abgesonderte eigene Wohnung zu
whlen.
    Ungeachtet seiner frivolen Auenseite, war Hippolit von Natur zu allem
Groen und Edlen geeignet, aber das Schicksal, welches sein ueres Leben mit
jedem Vorzuge reichlich ausstattete, hatte ihn schon frh im Innern tief
verletzt und sein Entwickeln verhindert. Von einer leichtsinnigen Mutter als
fnfjhriger Knabe verlassen, von einem durch das Betragen seiner Gattin mit der
Welt und dem Leben entzweiten, verbitterten Vater erzogen, war der arme Hippolit
um jenes Vertrauen in die Menschen gebracht worden, ohne welches keine
Jugendblthe frhlich gedeiht. Sein ganzes Wesen widerstrebte der strengen
klsterlichen Zucht, in welcher er bis in sein funfzehntes Jahr gehalten ward,
er fhlte zur Freude sich geboren, aber jede Jugendlust, wie jede sanftere
Regung, ward von der Strenge seiner Zuchtmeister niedergedrckt. Er war zu
stolz, die Hlfe der, in ihm ihren knftigen Herrn schmeichelnden Diener
anzunehmen, und seinen Vater zu betrgen, um wenigstens Stundenlang seinem
Kerker zu entgehen, aber in ihm wogte ein verzehrendes Feuer, das, weit entfernt
sein Herz zu erwrmen, es nur immer enger zusammenzog, whrend seine Fantasie
ihm das Glck knftiger Freiheit in den glhendsten Farben mahlte. Das jedem
gutgearteten Kinde eigene Sehnen nach Liebe sprach zwar auch mchtig in seiner
Brust, aber er drckte es, als seiner unwrdig, nieder, denn wen sollte er
lieben? Rings um sich sah er nur fhllose Strenge oder erbrmliche Kriecherei.
Knftiger Genu ward ihm die Loosung des Lebens. Worin dieser bestehen sollte,
wute er nicht deutlich sich zu sagen, aber einstweilen gedachte er, die
freudenlose Zeit, welche er jetzt verlebte, durch eifriges Bestreben nach Wissen
als vorbereitend zu benutzen. Mit dem grten Eifer verfolgte er daher den Gang
der ihm von seinem Vater vorgeschriebenen Studien, jede Stunde bereicherte
seinen Geist, aber in seinem Gemth ward es immer rmer, immer mehr erstorben,
bis der Zufall den einzigen Bruder seines Vaters in seine Nhe fhrte. Hippolit
war jetzt funfzehn Jahr alt, und zum erstenmal seit seiner frhesten Kindheit
hrte er nun wieder mit milden Worten sich anreden. Da brach die Eisrinde, in
welcher sein Herz beinahe erstarrt war. Mit der kindlichsten Liebe, mit der
innigsten Treue eines jugendlichen Gemths hing er sich nun an den Oheim, der
wie eine himmlische Erscheinung in die Nacht seines Daseyns strahlte und sogar
auch die dstere Stimmung seines Vaters milderte, als letzterer pltzlich
erkrankte. Ein seit langen Jahren allmhlig heranschleichendes Uebel warf den
alten Grafen wenig Monate nach der Ankunft seines Bruders auf das Sterbebette.
Bleich und bebend kniete Hippolit neben demselben, als der Vater zum erstenmal
liebend und segnend die schwere kalte Todtenhand auf sein lockiges Haupt legte,
in den rhrendsten Ausdrcken den zum Jngling heranreifenden Knaben der
Vorsorge seines Oheims empfahl, und dann, getrstet durch dessen heiligstes
Versprechen, ihn wie seinen eigenen Sohn zu betrachten, die mden Augen auf ewig
schlo.
    Der weinende, tief erschtterte Knabe folgte nun dem vom Vater ihm gegebenen
Beschtzer seiner Jugend auf dessen Gter, von wo er in Jahresfrist, begleitet
von einem Hofmeister, auf eine von seinem Vaterlande Ungarn weit entfernte
Universitt gesandt ward. Whrend er dort, von heiem Durst nach Wissen
getrieben, jede Stunde auf das gewissenhafteste anwendete, erhob sein Oheim in
seiner Abwesenheit einen Proze gegen ihn, der ihn um sein vterliches Erbe
bringen sollte. Aller seiner, dem sterbenden Bruder mit in die Ewigkeit
gegebenen Versprechen vergessend, jedem menschlichen Gefhl entsagend, benutzte
der Eigenntzige den Leichtsinn der Mutter des Jnglings, dem er Vater zu seyn
geschworen hatte, um die Aechtheit seiner Geburt anzugreifen, und dann seinen
eigenen Shnen die betrchtlichen Gter desselben zuzuwenden. Der Versuch
milang, er hatte nur die Folge, da Hippolit etwas frher als gewhnlich fr
mndig erklrt ward. Emprt bis in den tiefsten Grund seiner Seele, berzeugter
als je von der Erbrmlichkeit der Menschen, ging dieser nun nach vollendeten
Studien auf Reisen; die Zeit des Genusses schien ihm gekommen, er war
entschlossen, sie zu benutzen. Sein Rang, sein Reichthum, seine glnzende
Persnlichkeit ffneten ihm Herzen und Thren, er taumelte von einem Vergngen
zum andern, und bertubte so den alten bittern Unmuth in seinem Gemth, der
aber dennoch stets von neuem sich regte. Er sah, wie man ihn mit Schmeicheleien
berhufte, um ihn um so sicherer zu elenden Zwecken zu mibrauchen, aber er
verachtete die Menschen und in einzelnen schrecklichen Momenten sich selbst zu
sehr, um es der Mhe werth zu achten, dem plumpen Netz entgehen zu wollen, das
man ihm stellte. Es gengte ihm, seine sogenannten Freunde zuweilen in wilder
Lustigkeit mit bittern Hohn zu mihandeln, und dann mit Ekel sich von den
ngstlichen Windungen wegzuwenden, in welchen sie strebten, ihn nicht zu
verstehen, um nur auf guten Fu mit ihm bleiben zu drfen.
    Auch Frauen kamen berall dem schnen reichen Jnglinge entgegen, kmpften
unter einander um ihn, mit allen Waffen der Schnheit und Kunst, suchten berall
mit Blumen ihn zu fesseln, und gern verga er bei ihrer lieblichen Erscheinung
alles, was ihn htte warnen knnen. Noch einmal berlie er sich Trumen
himmlischer Seligkeit, er glaubte sogar zu lieben, aber er ward grausam erweckt.
Ohne zu bedenken, wie so ganz ohne Umsicht er sich hingegeben hatte, klagte er
jetzt das ganze Geschlecht des Verraths der Einzelnen an und schwur sich selbst,
nie wieder die Maske fr Wahrheit zu nehmen. Dem trostlosesten Unglauben zum
Raube, vermochte er aber doch nicht, der Freude zu entsagen, sich wissentlich
tuschen zu lassen, so lange die irgend nur mglich war. Bitter lachendes
Spotten seiner selbst bertnte dann oft nur mhsam das Weinen in seiner Brust,
wenn ein schner Traum, den er lange festgehalten hatte, in Nichts zerrann, aber
er achtete dessen nicht, auch nicht der bittern Schmerzen, mit denen er jede
Regung des Bessern gewaltsam in sich erstickte, um zu seyn wie die Andern.
Dennoch sank er nie zum Gemeinen herab, so achtlos er auch dem Treiben der Welt
sich hingeben mochte. Was ihn blenden und verfhren konnte, mute wenigstens den
Anstrich des Reinen und Sittlichen zu erhalten streben; denn seine bessere Natur
und Reminiszenzen der frher bei seinem Vater ihm eingeprgten strengern
Grundstze hielten ihn noch immer ber den Abgrund empor.

Das Wunder der Welt ist endlich angelangt, wie ich sehe, rief Hippolit freudig
aus, indem er die Visitenkarten auf dem Tisch der Grfin musterte und Gabrielens
Karte hoch in die Hhe hielt. Da steht der geheimnivolle Name des Erzengels,
und mein thrigtes Herz erbebt sogar ein wenig bei seinem Anblick! Ich bitte
Sie, theuerste Grfin! fuhr er mit komischen Pathos fort, ist es die
Mondscheinskusine? sagen Sie: nein! ich flehe darum.
    Da sie die Gabriele ist, die ich meine, wei ich jetzt gewi, erwiderte
die Grfin, obgleich ich sie noch nicht gesehen habe; wir verfehlten einander
bei unsern gegenseitigen Besuchen, und so bleibt uns nichts brig, als die
Soire zu erwarten, mit der wir, wie Sie wissen, morgen hier debtiren wollen.
    Also morgen, morgen ist der groe, der entscheidende Tag, rief Hippolit,
und wendete sich gleich darauf zur Markise mit der Bitte um den zweiten Tanz.
Den ersten, setzte er hinzu, bin ich so gut als versagt, den tanze ich mit
der Wunderdame, meine Ehre duldet es nicht anders, ich mu der erste seyn, mit
dem sie auftritt.
    Ich berlasse Sie ihr mit Vergngen auf den ersten, den zweiten, den
dritten und alle folgende Tnze; ich tanze morgen gar nicht; entweder ich habe
Migrne, oder ich habe mir den Fu verrenkt; ich bin noch nicht entschlossen,
welches von beiden, erwiderte die Markise, ein wenig pickirt.
    Hippolit blickte lang schweigend und verwundernd sie an. Wahrhaftig,
Markise! ich erkenne Sie nicht mehr, sprach er endlich. Zum erstenmal sehe
ich, da auch Sie etwas schwerfllig nehmen knnen; doch hoffe ich, Sie werden
sich eines bessern besinnen, und allen Erzengeln und Erzengelinnen zum Trotz
morgen tanzen, wie immer!
    Diemal beliebt es wohl dem Herrn Grafen selbst, sich etwas schwerfllig zu
zeigen; denn, um des Himmels willen! wer denkt denn an Ihre Erzengelin?
erwiderte spottend die Markise. Schon in Paris nahm ich mir vor, morgen krank
zu seyn; sehen Sie hier den Beweis davon, fuhr sie fort, indem sie einer
Kammerfrau ein Kleid, welches diese eben durch das Zimmer trug, vom Arme nahm
und vor dem Grafen entfaltete.
    Mit dem grten Erstaunen erblickte dieser ein ganz einfaches, blendend
weies Gewand, fein und durchsichtig, wie aus Aether gewoben, doch schien es fr
eine Riesin bestimmt; es mute, wenn die Markise es trug, nicht nur hinten,
sondern auch vorne und von allen Seiten mehrere Ellen lang ihr auf dem Fuboden
nachschleppen. Aber wie in aller Welt wollen Sie es anfangen, in diesem Gewande
nur zwei Schritte zu gehen? rief er endlich.
    Gehen, erwiderte die Markise, und lachte jetzt wirklich recht herzlich,
gehen? Aber, lieber Graf! Sie werden immer schwerflliger. Wer geht denn, wenn
man krank ist?
    Ach Gott, seufzte Hippolit, eigentlich fngt es an, mir leid zu thun, da
diese Gabriele morgen erscheint; abwesend gab sie zu so manchem guten Einfall,
zu so manchem pickanten Scherze Anla, und ihre Gegenwart wird gewi nichts
weniger als pickant oder amsant seyn. Ich sehe sie schon im Geiste vor mir mit
dem Mondscheinsgesichte, wie sie an der Seite ihres alten Gecken die gestrenge
Penelopeya mitten unter den bermthigen Freiern zu spielen bemht ist. Die
Maske ist brigens schon etwas verbraucht, indessen wenn sie ihr nur halb so gut
steht als die Leute es behaupten, so mag es drum seyn. Ich frchte aber, der
morgende Triumf unserer schnen Freundin wird kaum der Mhe des Erkmpfens werth
seyn, obgleich ich diese sehr gering anschlage.

Der Abend kam. Die glnzende Reihe kerzenheller Sle fllte sich nach und nach
und die Grfin bemhte sich mit gewohnter Liebenswrdigkeit, die Abwesenheit der
Markise mit einer heftigen Migrne zu entschuldigen, welche aber hoffentlich
spterhin zur gewohnten Stunde nachlassen und ihr erlauben wrde, die
Gesellschaft, in kleinere Partien getheilt, in ihrem Zimmer wenigstens auf
Minuten zu sehen. Hippolit wich beim Empfange der Gste der Grfin nicht von der
Seite. Mit dem Bedeuten, er msse sie errathen, hatte diese es abgeschlagen, ihm
Gabrielen gleich bei deren Eintritt bemerkbar zu machen, daher hielt er es fr
das sicherste, auf diese Weise seinen Willen durchzusetzen. Indessen war es spt
geworden, die Erwartete fehlte noch immer, Graf Hippolit begann aus Verdru
darber der Grfin allerlei witzig-bittere Muthmaungen ber die Abwesende
zuzuflstern, als ein Kreis seiner Bekannten ihn einen Augenblick festhielt, und
dadurch ihn von der Grfin trennte, ohne da er solches bemerkte.
    Ein lcherlich modern gekleideter dicker Mann stand mitten im Kreise der
jungen Leute, sprach alle Sprachen zugleich und erzhlte, heftig gestikulirend
und im vlligen Ernste, die Geschichte einer heftigen Leidenschaft, welche vor
einigen Jahren eine Nepotessa des Papstes fr ihn gefhlt hatte. Dabei erwhnte
er der mannichfachen Gefahren, deren er sich ausgesetzt gesehen, um ihr und den
Verfolgungen ihrer mchtigen Verwandten in Rom zu entgehen. Die jungen Herren um
ihn her strmten mit Fragen auf ihn ein; er wute fr alle eine Antwort, lste
alle Zweifel, die man ihm in den Weg warf; das Lachen, der Lrmen wurden bald
lauter, als man es in einer solchen Assemble htte erwarten sollen. Hippolit
nahm recht herzlichen Antheil daran, als pltzlich erst ein leises Geflster,
dann ein allmhliges Verstummen in dem Kreise entstand. Die, so den lebhaftesten
Antheil an den Neckereien genommen, welche man an dem alten Herrn ausgebt
hatte, begannen, sich leise davon zu schleichen, die brigen nahmen sich
sichtbar zusammen und standen dann in etwas feierlich verlegener Fassung; alles
verkndete den Eintritt einer allgemein geachteten Person. Hippolit suchte mit
den Augen den Gegenstand, der diese pltzliche Umstimmung des Tones verursacht
haben mochte und erblickte die Grfin, welche eben eine Dame hereinfhrte, deren
anmuthige und doch wrdevolle Haltung und seltne Schnheit ihm gleich in ihr die
lang Erwartete errathen lie. Vor dem Zauberton ihrer Stimme, in dem sie einige
ihr nahestehende Bekannte anredete, war pltzlich jede Spur wilder Lustigkeit
verschwunden. Selbst als der alte dicke Herr mit dem Ausruf: ma femme, ma
petite femme vous voil! auf sie lossprang, um sie zu begren, wagte es
niemand, den Mund zu einem spttischen Lcheln zu verziehen. Die ist es?
flsterte Hippolit der Grfin zu, und diese beantwortete seine Frage, indem sie
ihn erst Gabrielen vorstellte und dann ihn mit Adelberten bekannt machte,
welcher Geschfte halber Gabrielen und Herrn von Aarheim in die Residenz
begleitet hatte.
    Hippolit vermochte von nun an nicht, sein Auge von Gabrielen zu verwenden;
er sah, wie mehrere Bekannte, Mnner und Frauen herbeieilten, um die lang
Entbehrte zu begren, wie alles um sie sich drngte, als sey mit ihr die Seele
der Gesellschaft heimgekehrt.
    Moritz wich nicht von der Seite Gabrielens, rieb immerfort freudig die Hnde
an einander und brach in tausenderlei Redensarten aus, auf welche niemand
achtete, obgleich die meisten mit ma femme dit, oder ma femme sait, anfingen.
Der leise Schmerz, der dabei in Gabrielens Lippen fast unmerkbar zuckte, die
ngstliche Rthe, welche, schnell entstehend und entschwindend, ihr Wange, Hals
und Busen berhauchte, entgingen Hippolitens Spherblick nicht. Eine wunderbar
fremde Regung des Mitleids berschlich ihn dabei und er begann mit einer Art
Aengstlichkeit darauf zu sinnen, wie der Lstige auf gute Art aus Gabrielens
Kreise zu entfernen sey, um diese in ungestrter Anmuth sich bewegen zu sehen,
als sie ihren Gemahl mit wenigen, leicht hingeworfenen Worten auf einige Vasen
von seltner Schnheit aus kostbaren Steinarten geformt, aufmerksam machte. Der
Tisch, auf welchem diese Vasen standen, war mit farbigem Marmor aller Art
ausgelegt, und Moritz fand und benutzte hier ein reiches Feld, auf welchem er
mit der einzigen Wissenschaft, welche er wirklich besa, glnzen konnte. Bald
gesellten mehrere Sachkundige aus der Gesellschaft sich zu ihm, ein lebhaftes
Gesprch entstand, und Gabriele wendete sich sichtbar heiterer ab, um in den
Nebenzimmern die brige Gesellschaft aufzusuchen.
    Sinnend folgte ihr Hippolit mit immer regerem Bemerken. So hatte er sie sich
nicht gedacht, nicht so fein, nicht so gewandt, nicht so heiter. Die Melodie
ihrer Worte, die Harmonie in allen ihren Bewegungen zogen ihn noch
unwiderstehlicher an, als ihre Schnheit.
    Es ist doch nur eine Maske, wie sie alle, dachte er, aber diese steht ihr
vortrefflich und ist so herrlich angepat, da schon der Versuch, sie zu lften,
Belohnung verdient. Er versuchte es hierauf, Gabrielen anzureden, aber es war,
als ob eine ihm fremde Gewalt den gewohnten Flu seiner Worte hemmte; Gabrielens
gerader kalter Blick brachte ihn aus der Fassung; zum erstenmale fhlte er sich
verlegen, und war froh, als die Grfin mit der Bitte erschien: Gabriele mge sie
zur Markise begleiten, welche eben etwas besser sich fhle und den Augenblick
kaum erwarten knne, in dem es ihr vergnnt wrde, die geliebte Nichte ihrer
Freundin zu umarmen.
    Der kleine Zug der zu diesem Besuch Auserwhlten, welchem auch Hippolit sich
anschlo, folgte der Grfin durch die ganze lange Enfilade prchtiger Sle,
welche, wie es in Paris gebruchlich ist, mit dem Schlafkabinet der Markise
endeten.
    Ein reicher seidner Vorhang verhllte noch den Tempel, nachdem schon die
Flgelthren sich geffnet hatten, aber der berauschende Duft der auserlesensten
Aromas des Orients verkndete die Nhe der Gttin. Auch der Vorhang wurde
beseitigt und selbst der verwhnte Hippolit stand jetzt geblendet von dem
unerwarteten Anblick.
    Auf einer Estrade, zu welcher einige, mit prchtigen Teppichen belegte
Stufen hinauffhrten, stand, schimmernd von Gold und Elfenbein, das, der
edelsten antiken Form nachgebildete Bette. Eine purpurrothe, mit goldner
Stickerei und goldnen Franzen geschmckte Decke war darber hingebreitet, auf
welcher die Markise in der anmuthigsten Stellung hingegossen ruhte. Ein groer
Spiegel an der Hinterwand desselben, ein anderer an der Decke des Baldachins
ber ihrem Haupte, und mehrere, anscheinend vom Ungefhr, aber eigentlich mit
sorgfltiger Wahl im Zimmer geordnete groe Ankleidespiegel vervielfltigten die
schne Erscheinung, indem sie sie von allen Seiten zeigten. Der Genius des
Schweigens von Bronze, den Finger auf die Lippen gedrckt, schien den leicht vom
Baldachin herabrollenden Schleier zu heben, der sie zu ver hllen drohte, und
blhende Rosenbsche, Orangenbumchen, Jasminstruche, in kstlichen Vasen zu
beiden Seiten auf den Stufen der Estrade, gaben der Nische, in welcher das Bette
stand, das Ansehen einer Laube aus dem Paradiese der Muhamedaner.
Alabasterlampen verbreiteten den zauberhaften Schimmer einer mondhellen Nacht
und kleine bluliche Wlkchen kruselten sich, aus Kassoletten aufsteigend, in
welchen das ausgesuchteste Rucherwerk brannte. Das Auge irrte geblendet auf
alle dem mannichfaltigen Gerthe von kstlichen Hlzern, von Krystall, von
Marmor und Bronze, welches das Schlafzimmer einer eleganten Pariserin zum
glnzendsten Prunkzimmer des Hauses macht.
    Mitten in alle dieser Pracht lag die Markise, ganz einfach gekleidet und
dennoch alles berstrahlend. Der wohl berechnete Ueberflu des frher erwhnten
weien langen Gewandes, in groe malerische Falten von Knstlerhnden geordnet,
umschwebte ihre Gestalt, ohne sie neidisch zu verhllen; die schnen Formen
schimmerten hindurch, wie der Mond durch Silberwlkchen, die an ihn sich
heranzudrngen scheinen. Unter der Brust hielt ein groer strahlender Rubin das
Gewand zusammen, der eine der weiten Aermel, wie von ungefhr zurckfallend,
enthllte einen wunderschnen Arm, auf dem gesttzt, das reizende Kpfchen im
lieblichsten Ausdruck der Ermattung ruhte. Eine um den Arm geschmiedete goldne
Sentimentskette und einige Perlenschnuren schienen sich abstreifen zu wollen.
Den andern Arm bedeckte der Aermel bis zu den zierlichen Fingerspitzen, die, dem
Kopfweh zu Ehren, ein Riechflschchen hielten. Um die hohe Stirne schwebten die
glnzendschwarzen Locken in zierlicher Unordnung, nur ein einfaches Band hielt
sie und die reichen Flechten zusammen, welche den ganzen Kopfschmuck bildeten.
Die Markise war unbeschreiblich reizend in diesen Umgebungen, auch fesselte
stummes Erstaunen alles bei ihrem Anblick; nur Hippolit wagte es, sich in ihre
Nhe zu schleichen und ihr ein leises Bravo! zuzuflstern.
    Gabriele ward mit der entzckendsten Freundlichkeit von ihr empfangen; sie
zog sie liebkosend zu sich herab, um sie zu umarmen, und als die hohe, schlanke
Gestalt sich zu der auf dem Bette Ruhenden niederbeugte, umschwebte ihr goldnes
Haar die dunkeln Locken der Markise wie mit einer Strahlenglorie, whrend diese
mit beiden Lilienarmen den stolzen Marmornacken der geliebten Nichte ihrer
Freundin umschlang, und ihr Entzcken darber in den schmeichelhaftesten
Ausdrcken laut verkndete.
    Nichts kann einander ungleicher seyn, als beide Frauen in diesem Augenblick.
Farbe, Augen, Haare, Ausdruck des Gesichts, nichts von alle dem hatten sie mit
einander gemein, und doch war es unmglich zu entscheiden, welcher von ihnen die
Palme der Schnheit gebhre?
    Zu matt fr eine fortgesetzte Konversation, bat die Markise eine wie durch
Zufall gegenwrtige berhmte Knstlerin, die Gesellschaft fr ihre kranke
Langweiligkeit durch die Zaubertne ihrer Harfe zu entschdigen. Die Dame lie
sich dazu willig finden, denn eigentlich war sie, nach Pariser Sitte, der die
Markise in Deutschland treu blieb, um eine bedeutende Summe von letzterer fr
den Abend erkauft. Ein griechischer Sessel ward fr sie zu den Fen des
Ruhebettes auf die Estrade gestellt, die groe goldige Harfe strahlte in ihren
Armen, und kaum hatte die Virtuosin mit prfenden Akkorden die Saiten berhrt,
als mehrere wunderschne, fast idealisch gekleidete Kinder aus dem Nebenzimmer
herbeieilten, und sich in malerischen Gruppen zwischen den Rosen- und
Orangenbumchen ordneten. Als groe Lieblinge der Markise hatten sie in deren
Wohnzimmer gespielt und waren von den Tnen der Harfe herbeigelockt worden. So
wenigstens suchte ihre Beschtzerin das unerwartete Erscheinen mit lchelndem
Zorne darber zu entschuldigen, aber es bedurfte keiner Entschuldigung, denn
jedermann fhlte sich von dem wirklich feenhaften Anblick hingerissen, den die
Estrade in diesem Augenblick gewhrte; es war als she man die Liebesgttin von
Amorinen umflattert.
    Endlich ward Ruhe. Der Zirkel war allmhlig grer geworden; Mehrere, die
nicht mit der Grfin gekommen waren, hatten nach und nach sich vor und in dem
Kabinette selbst versammelt, dessen Thren jetzt weit offen standen. Allgemein
herrschte die tiefste Stille einer zur Bewunderung bereiten Erwartung; aber kaum
hatte die Knstlerin in leisen Akkorden begonnen, als ein wunderliches
fortwhrendes Klirren sie wieder verstummen machte.
    Zrnend blickten alle in die Ecke, aus welcher das strende Gerusch zu
kommen schien. Dort stand Adelbert, todtenbleich, den stieren Blick auf die
Markise geheftet. An allen Gliedern heftig bebend, hielt er sich, anscheinend
vllig bewutlos, an einem Gestelle fest, welches in einer Ecke des Zimmers mit
Porzellan beladen stand, sein Zittern theilte sich denen darauf befindlichen
Prunkvasen und Tassen mit, alles stie tnend aneinander, ohne da Adelbert
weder dieses, noch die daraus entstehende Strung gewahr ward. Seine Seele war
in seinen Augen, sein Herz klopfte in ngstlichen Schlgen gegen seine Brust,
als wollte es sie zersprengen, denn mit dem ersten Blick auf die Markise hatte
er in ihr Herminien erkannt.
    Adelbert! rief Gabriele und sprang erschrocken von ihrem Sessel auf, dem
Freunde, den sie pltzlich erkrankt glaubte, zu Hlfe zu eilen.
    Ein allgemeiner Aufruhr entstand, die Damen drngten sich um die Markise
her, welche vor Schreck ohnmchtig zu werden drohte, die Herren fhrten
Adelberten in ein Nebenzimmer, der noch immer bewutlos mit erstorbnen Augen
jedermann anstarrte. Alle umstanden ihn unschlssig, auch Gabriele, die im
ersten Schrecken, jede konventionelle Regel vergessend, ihm gefolgt war.
Pltzlich erkannte er diese und mit einem erstickten Schrei des Schmerzes
ergriff er ihre Hnde, drckte sie an seine Augen, unter fast konvulsivischem
Beben, whrend einzelne Tropfen kalt und schwer ihm ber die Wangen rollten.
    Um Gotteswillen einen Wagen, einen Arzt! der Rittmeister ist sehr krank,
rief Gabriele wie ausser sich; er mu gleich zu Hause gebracht werden.
    Liebe Nichte, das ist ja ein entsetzlicher Zufall, sprach die Grfin,
welche als Frau vom Hause eben hinzutrat; doch beruhigen Sie sich, mein Wagen
wird angespannt, der Arzt wird gleich hier seyn den Herrn von Lichtenfels zu
begleiten, und nun bitte ich, folgen Sie mir zu den brigen Damen, beruhigen Sie
sich, bitte ich nochmals, fr alles nthige wird gesorgt.
    Gabriele war indessen zu aufgeregt um auf alle diese Redensarten zu achten,
sie schien im Gegentheil vllig entschlossen, den Rittmeister, der in ihrem
Hause wohnte, zu begleiten. Die Grfin stand in peinlicher Verlegenheit und
sogar von ihrem Betragen etwas beleidigt, dabei, als pltzlich Moritz, mit dem
Geschrei, ma che cosa che cosa? what's the matter? ihr zum Trost erschien,
gerade im Momente, als das Bereitseyn des Wagens gemeldet ward.
    Die Grfin beeiferte sich Gabrielens Gemahl den Vorgang zu erklren. Herr
von Lichtenfels ist von einem pltzlichen Schwindel ergriffen, sprach sie, er
braucht schnelle Hlfe, gewi werden Sie ihn begleiten, und unsre Gabriele wird
sich beruhigen, uns ihre Gesellschaft nicht entziehen, wenn sie ihn unter Ihrer
Vorsorge wei.
    Certainement erwiderte Moritz, und begann in der Krze die Reichthmer
seiner Hausapotheke anzupreisen, die seltensten arcana, die kostbarsten
Wunderessenzen gegen Schlagflu, Schwindel und bsen schnellen Tod. Sie stehen
ihm alle zu Diensten, rief er, ich freue mich der Gelegenheit ihre Krfte
einmal erproben zu knnen. Vous resterez, ma chre! setzte er, gegen Gabrielen
gewendet, etwas scharf und schneidend hinzu, da er bemerkte wie sie dennoch
Miene machte ihn begleiten zu wollen.
    Hippolit hatte bis jetzt ganz ohne alle ure Theilnahme, den prfenden
Blick auf Gabrielen geheftet, dagestanden; doch jetzt, als er sie besonders bei
Erwhnung der Hausapotheke, ngstlich noch bleicher werden sah, konnte er einer
mitleidigen Regung sich nicht erwehren. Er nahte sich ihr unbemerkt. Vertrauen
Sie mir, flsterte er ihr zu, ich begleite ihn auch, und verlasse ihn nur
unter der Aufsicht des Arztes. Sobald er meiner Gegenwart nicht mehr bedarf,
bringe ich Ihnen Nachricht von ihm; von dem Glcklichen, der so Ihre Theilnahme
zu gewinnen wute! Mit einer leichten Wendung kehrte er sich nach diesen wie im
Fluge gesprochnen Worten gegen Adelberten, der sich eben etwas erhohlte, um ihn
die Treppe hinunter zu fhren. Moritz folgte Beiden, immerfort seine
Wunderessenzen anpreisend.

Die Markise hatte es indessen fr gut befunden, den leichten Schreck bald zu
berwinden, und als Gabriele am Arme der Grfin zu ihr zurckkehrte, fand sie
zwar sie noch immer in der Lage einer Kranken, aber voll Lust und Leben, voll
Witz und Laune.
    Ein in Paris auf das hchste gebildeter Instinkt lehrte sie, jedesmal den
Ton der Unterhaltung der Neigung derer anzupassen, welche sie gewinnen wollte,
und eigentlich wollte sie das gewhnlich ohne Unterschied bei allen. Daher war
sie witzig, trbe, oder auch gefhlvoll, wie es die Umstnde erforderten, oft
alles dieses in einer Stunde. Was sie sprach, war selten bedeutend, aber es
gewann in ihrem Munde einen eignen Reitz; bei der hchsten Frivolitt verstand
sie entweder mit der Naivett eines Kindes den Schein der unbefangensten
Unschuld beizubehalten, oder auch mit glcklicher Keckheit bis an die uerste
Grenze weiblicher Zartheit zu treten, ohne dennoch diese je zu verletzen und so
gefiel sie Allen, weil sie Allen Alles zu seyn wute.
    Indessen milang es ihr diesesmal dennoch Gabrielen an sich zu ziehen,
obgleich sie sehr wnschte, durch sie etwas nheres von Adelberts gegenwrtiger
Lage zu erfahren. Sie hatte ihn auf den ersten Blick eben so wohl wiedererkannt
als er sie, aber aus mancherlei Grnden wnschte sie, die frhere Bekanntschaft
mit ihm zu verschweigen und suchte daher, nur ganz von weitem, Gabrielen zu
einem Gesprch ber ihn zu bewegen. Doch diese blieb einsilbig, sichtbar
befangen, bis endlich Herr von Aarheim und Hippolit mit der Nachricht von
Adelberts besserem Befinden anlangten. Ihr Blick erheiterte sich jetzt, sie
vermochte es nicht, Hippoliten den Tanz zu versagen, den dieser, von Moritzen
untersttzt, als Botenlohn fr die gnstige Nachricht von ihr erbat. Triumfirend
fhrte er sie in den Saal und alles strmte dem schnen Paare nach, um es walzen
zu sehen.
    Mit unverstellter Verwunderung sah die Markise sich allmhlig von allen
verlassen, auer von einigen Frulein, die, durch traurige Erfahrungen
gewitzigt, den Tanzsaal gern mieden. Zu diesen gesellten sich noch ein paar alte
Damen, welche die gute Gelegenheit sich nicht entgehen lassen wollten, jedes
einzelne Stck des Ameublements im Kabinette recht ungestrt zu betrachten und
nach den Preisen sich zu erkundigen. Von Mnnern war nur Moritz von Aarheim
dageblieben. Dieser unterhielt die Gesellschaft sehr lang und breit von
Adelberts glcklicher Ehe, von Gabrielens innigem Verhltni zu dessen Gemahlin
und zur Frau von Willnangen, und wie gewhnlich hrte niemand auf ihn, sogar die
Markise nicht, obgleich sie die Gesprch selbst veranlat hatte.
    Tausend Sorgen beschftigten diese; ihr so knstlich ersonnenes
Krankenkostm begann, sie in die peinlichste Verlegenheit zu setzen, sie htte
in diesem Augenblick gern alles darum gegeben, es wieder los zu seyn, um die
Vorgnge im Ballsaal mit eignen Augen beobachten zu knnen, aber sie sah doch
keine Mglichkeit, es abzundern, ohne sich lcherlich zu machen. Auch das
Zusammentreffen mit Adelberten, den sie nie wieder zu sehen gehofft hatte,
beunruhigte sie; Allen, sogar der Grfin Rosenberg, hatte sie den Glauben
wenigstens gelassen, da sie eine geborne Franzsin aus einem groen Hause sey,
die Entdeckung des Gegentheils, das konnte sie sich nicht verhehlen, mute ihr
das Ansehen einer Abentheurerin geben; vor allem aber frchtete sie das
Bekanntwerden ihrer frheren Verbindung mit Adelberten. Diesen schnell wieder zu
gewinnen, das schien ihr der sicherste Weg um allen mglichen Unannehmlichkeiten
vorzubeugen, und seine ure Erscheinung konnte sie diesem Plan nur geneigter
machen, besonders in diesem Augenblick, da sie Hippolits Benehmen gegen
Gabrielen als fr sich hchst beleidigend empfand. Zu ihrem groen Verdrusse
blieb ihr volle Mue allen diesen Betrachtungen nachzuhngen; denn auch die
alten Damen hatten sich, nach richtig aufgenommenem Verzeichnisse der im
Kabinette enthaltenen Kostbarkeiten, den Spielzimmern zugewendet, Moritz aber
war dem Ballsaal zugeeilt, um seinen Theil an dem Triumfe seiner Gemahlin sich
zu holen. Nur die verlassnen Frulein waren da geblieben, und die Markise fhlte
sich auf eine krnkende Weise mit ihnen auf gleichen Fu gestellt. Hippolit, der
sonst ausser ihrem Kreise keine gesellige Freude anerkennen wollte, lie sich
nicht wieder blicken, vermuthlich huldigte er, wie alle andere, in diesem
Augenblick nur jener Gabriele, die ihr immer verhater ward.
    Endlich vermochte es die Markise nicht lnger, der peinigenden Ungewiheit
zu widerstehen. Bei der Unmglichkeit, gekleidet wie sie war, bis in den
Ballsaal zu gehen, schickte sie die Frulein auf Kundschaft dorthin aus, aber
die armen Kinder kamen nach kurzer Zeit mit dem betrbten Gestndni zurck,
nichts gesehen zu haben. Es war ihnen unmglich gewesen, den dichten Kreis von
Zuschauern zu durchdringen, in dessen Mitte, wie sie gehrt hatten, Gabriele mit
dem Grafen Hippolit eben die Gavotte tanzte. Niemand hatte auf ihre Bitten,
durchgelassen zu werden, geachtet, denn alle waren zu eifrig mit dem Schauspiele
beschftigt, welches, wie berlaute, bis in das Kabinett dringende
Beifallszeichen jetzt verkndeten, so eben beendet ward.
    Allmhlig kamen jetzt auch mehrere Herren und Damen herbei; alle schilderten
den eben gehabten Genu in den lebhaftesten Farben, und bedauerten zwiefach die
unselige Krankheit, welche die Markise um den schnsten einzigsten Anblick in
der Welt gebracht habe. Da ri dieser endlich der letzte schwache Geduldsfaden,
besonders als noch immer weder Gabriele noch Hippolit sich blicken lieen. Die
Migrne kehrte pltzlich wieder, und ward bald so unleidlich, da die
Gesellschaft verabschiedet und die Thre des Kabinetts wieder verschlossen
werden mute. Innerlich hoffte die Markise, da ihr Ungetreuer, durch diese
Maaregeln beunruhigt, in banger Besorgni herbeieilen wrde. Sie blieb sogar
noch in der einmal gewhlten Attitde, so lstig ihr diese auch zu werden
begann, aber umsonst, der Erwartete kam nicht.
    Lngst schon hatte dieser sich in seine Wohnung zurckgezogen, whrend die
Markise noch immer auf ihn harrte. Dort sa er in wortlosem Sinnen verloren, und
horchte in die Nacht hinaus auf das ferne Rollen einzelner Wagen, wie es
allmhlig in den erstorbenen Straen verhallte. Morgen, Morgen! Wir werden ja
sehen, sprach er endlich leise vor sich hin, und befahl dann seinem
Kammerdiener, ihn frh zu wecken, denn ihm war, als stnde ihm in dem morgenden
schon anbrechenden Tage etwas hchst Wichtiges bevor.
    Die Nacht verging ihm zwischen Schlaf und Wachen, immer noch schwebte
Gabrielens Gestalt, jede ihrer anmuthigen Bewegungen, jedes ihrer noch
anmuthigeren Worte ihm vor. In fast nie gefhlter Wonne war er an ihrer Seite
durch den Saal geschwebt, mit ungeheuchelter Bewunderung hatte er in der Gavotte
jede malerische Wendung ihrer eleganten Gestalt, den Ausdruck des schnen
Gesichts, das Spiel der zierlichsten Fchen unverwendeten Blickes verfolgt, und
da sie spterhin alles Tanzen verweigerte, hatte er, bis sie die Gesellschaft
verlie, den Platz hinter ihrem Stuhle behauptet. Dort lauschte er auf jedes
ihrer Worte, und ihr Geist entzckte ihn nicht minder als ihre Schnheit. Leicht
und unbefangen, gleich entfernt von Uebermuth und Ziererei, sah er sie die
Lobsprche annehmen und ablehnen, mit denen man von allen Seiten sie
berstrmte. Er fand sogar keine Spur von dem sentimentalen steifen Tugendbilde,
das seiner Fantasie vorgeschwebt, keine von der Maske, die er abzuziehen sich
bereitet hatte. Sie ist ganz Leben, ganz Natur, Geist und Wahrheit, flsterte
er noch im Lauf des Abends der Grfin zu, die ihrerseits auch anfing auf ihre
Nichte stolz zu werden, mit groem Selbstbehagen ihn um seine Meinung von ihr
fragte und ihm erzhlte, wie Gabriele von Kindheit an unter ihrer Aufsicht, in
ihrem Hause erzogen worden sey.
    Da sie jenen glckseligen Adelbert liebt? sprach Hippolit weiter, nun
Honny soit qui mal y pense! Wer kann es ihr verargen, der die in Eselshaut
gebundne Enzyklopdie aller Knste und Wissenschaften sieht, welche der Himmel,
er selbst mag es verantworten warum? ihr zum Gemahl erkohr. Mir ist sie durch
diese Liebe nur um so verehrlicher und herrlicher. Ein Weib ohne Liebe ist ein
Weib ohne Seele. Sogar die Hliche wird leidlich wenn sie liebt, die Schne
wird dadurch zum Engel verklrt. Und da diese Gabriele es unter ihrer Wrde
hlt ihre Liebe zu verheimlichen, gefllt mir nun gar ber die Maen, sie
heuchelt doch wenigstens nicht wie alle ihres Geschlechts, die etwas zu
verschweigen haben was der Mhe verlohnt. Die Grfin war hnlicher Aeuerungen
ihres jungen Schtzlings zu gewohnt, um sich ernstlich darber zu erzrnen;
Ermahnungen aber achtete er nicht, sondern entging ihnen gewhnlich und auch
diesesmal durch schnelle Flucht. Wir werden ja sehen, ob es sich mit dem lahmen
Helden nicht aufnehmen lt! dachte er dabei in seinem Herzen.

Alle alte Schmerzen regten sich indessen von neuem in Adelberts Brust; Ha,
Liebe, Verachtung im furchtbarsten Kampf. Vergebens strebte er das
verfhrerische Bild der Markise aus seiner Fantasie zu verbannen, vergebens rief
er zu Augusten wie zu einer Heiligen, Herminia schwebte die ganze Nacht hindurch
in all ihrer blendenden Schnheits-Pracht vor seinen aufgeregten Sinnen. So
hatte er nie sie gesehen, nie geahnet, da sie so ber allen Ausdruck entzckend
ihm erscheinen knne. Er bemhte sich, ihres Leichtsinns, ihrer Treulosigkeit,
der unverantwortlichen Art mit der sie ihn verstie, zu gedenken, er glaubte sie
zu hassen, er whnte sie zu verachten, und doch sah er noch immer die lockende
Gestalt, gelagert unter Rosen, von Liebesgttern umschwrmt. Er gedachte der
Mglichkeit sie wieder zu sehen, und eine unbeschreibliche Angst bemchtigte
sich seiner bei dem Gedanken. Sehnsucht zog ihn zu ihr, Erinnerung in einem
blutig zerrinen Herzen hielt ihn zurck. Dieser Zustand erreichte eine so
peinliche Hhe, da er endlich, um ihm zu entgehen, den Entschlu fate zu
fliehen, ohne jeden andern Verlust weiter zu achten, der aus dieser Flucht im
Laufe der Geschfte, welche ihn hergefhrt hatten, fr ihn entstehen konnte.
    Herzlich froh endlich, der peinigenden Ungewiheit entgangen zu seyn,
beschlo er nur die schickliche Stunde abzuwarten, um Gabrielen Lebewohl zu
sagen, und dann zu eilen, um in Augustens Armen gegen sich selbst Schutz zu
finden; doch graute ihm innerlich mit diesem Entschlu in der Seele allein und
mig zu bleiben. Er rief mit Tages Anbruch deshalb seinen Bedienten, gab ihm
mehrere auf die nahe Abreise Bezug habende Auftrge, fing selbst an, Papiere zu
ordnen und einzupacken, um nur in erzwungner Thtigkeit sein Gefhl nicht zur
Sprache kommen zu lassen, als pltzlich, er begriff selbst nicht recht wie, eine
der gestrigen Amorinen, in Gestalt eines artigen kleinen Mdchens von etwa zehn
Jahren, ihm ein rosenduftendes Zettelchen in die Hand schob, bei dessen Anblick
ihm beinahe, wie gestern beim Anblick der Schreiberin desselben, die Sinne
vergingen. Das Briefchen war nicht versiegelt, es war nur zusammengedreht, genau
wie jene Zettelchen, die Herminia sonst ihm heimlich zuzustecken pflegte, als
den Liebenden noch der ganze Tag, den sie im Hause ihrer Aeltern mit einander
verlebten, zu kurz war fr alles was sie sich zu sagen hatten. Gedankenlos
ffnete er das duftende Papier ohne bestimmt zu wissen was er that. Hier der
Inhalt desselben.
    Ich will nicht Vergebung, ich will nicht Mitleid, ich will nicht einmal
andeuten da ich zu beiden wohl berechtigt wre. Ich verbanne mich auf ewig aus
meinem Vaterlande, die nchste Stunde trifft mich nicht mehr hier. Der verhate
Anblick der armen Herminia soll nicht mehr den Abscheu des Mannes erregen der -
genug ich reise. Doch einmal, einmal noch mchte ich zum Abschiede die Hand
ergreifen, die einst bestimmt war, mich durch das Leben zu geleiten! einmal
noch, ehe ich auf immer gehe! Ich wei es, dieser Wunsch wird mir nicht gewhrt
werden, aber ich spreche ihn aus, ich frchte nicht den Schmerz einer
Verweigerung, denn ich frchte keine Schmerzen mehr. Marion wrde ungesehen,
unbemerkt den Weg zu mir zu leiten wissen, ich wage es nicht noch eine Sylbe
hinzuzufgen. Bitten klingt ja wie Hoffnung, Herminia hat seit gestern keine
mehr.
    Unschlssig starrte Adelbert die lange nicht erblickten, wohlbekannten
Schriftzge an, dann hob er mechanisch den Blick zur Thre, dort stand Marion
mit einem schlauen cht franzsischen Kindergesichtchen. Sie machte einen
kleinen Knix, schob die nur angelehnte Thre auf, und trippelte, den Blick
rckwrts ihm zugewendet, die Treppe des Seitengebudes hinab, auf welcher sie
zu Adelberts Zimmer gelangt war. Gedankenlos schritt Adelbert ihr nach, ber den
Hof; auf der Strae erwachte er zwar wieder und war im Begriffe umzukehren, aber
er bildete sich ein, sich der Feigheit einer solchen Flucht vor der Gefahr
schmen zu mssen, und dieses Gefhl trieb ihn vorwrts.

Hippolit hatte indessen die Stunde sehr ungeduldig erwartet, in welcher er
Gabrielens Wohnung aufsuchen konnte, um bei Adelberten einen Krankenbesuch
abzustatten, und vernahm mit nicht weniger Unmuth als Erstaunen, da der,
welchen er, von Aerzten umgeben, im Bette zu finden geglaubt hatte, schon am
frhen Morgen ausgegangen sey. Niemand wute, wohin? Hippolit hatte bei diesem
Besuche auf irgend einen gnstigen Zufall gerechnet, der ihn bedeutender, als
eine bloe zeremonielle Visite, bei Gabrielen Zutritt verschaffen sollte, und
verweilte jetzt unschlssig auf der Treppe, darber nachsinnend, ob es gerathner
sey, schon jetzt sich bei ihr melden zu lassen, oder spter wiederzukehren, als
Moritz, ihm begegnend, seinen Bedenklichkeiten ein Ende machte, indem er ihn
erst auf das freundlichste begrte und dann sogleich an das Ziel seiner Wnsche
fhrte. Mit unendlichem Bedauern verlie der Baron dort aus Mangel an Zeit
Hippolit, nachdem er diesen fr den Mittag eingeladen, denn noch am nehmlichen
Morgen hatte er der Auktion eines Naturalienkabinetts, einer Vorlesung ber die
Mglichkeit, den Luftballon zu regieren, und einer Opernprobe beizuwohnen.

Schner noch als im festlichen Schmuck des gestrigen Abends trat Gabriele
Hippoliten im zierlich einfachen Morgenkleide entgegen. Ihr helles Auge ruhte
mit sichtbarem Wohlgefallen auf ihm, ihr schner Mund lchelte ihn freundlich
an, whrend sie mit ihrer sen melodischen Stimme fr die ihrem Gastfreunde
geleistete Hlfe ihm nochmals dankte. Er, sonst so vorlaut, aller Frauen Gunst
so sicher, stand dabei fast unbehlflich da, und suchte vergeblich nach einer
passenden Antwort, er frchtete, Gabrielen etwas zu erwidern, weil er sie dann
nicht mehr hren wrde, und fhlte dabei doch mit innerer Angst das Lcherliche
seines fortwhrenden Schweigens. Endlich suchte er gewaltsam den Zauber zu
zerreien, der seine Zunge fesselte, er strebte wieder in den gewohnten Ton zu
gelangen, mit dem er bis jetzt noch immer bei den Frauen Glck gemacht hatte,
und ward zuletzt aus bloer Verlegenheit zuerst vorlaut, und endlich beinahe
unverschmt. Mit erzwungner Bedeutung brachte er ziemlich ungeschickt einige
witzig seyn sollende Anspielungen auf den Kranken an, der solcher Theilnahme
sich erfreuen knne, sprach dann von der Verpflichtung aller Mnner, einem so
ausgezeichneten Gnstling des Glcks zu dienen, wenn gleich sie eben dieser
Auszeichnung wegen ihn alle tdtlich hassen mten. Das Unziemende solcher
verbrauchten Scherzreden, Gabrielen gegenber, fiel ihm selbst auf und vermehrte
seine Verlegenheit; er wollte es mildern, und gerieth immer tiefer hinein, bis
sie ihn endlich unterbrach, nachdem sie ihm lange genug, zuletzt recht mitleidig
ernsthaft zugehrt hatte.
    Ich knnte mich stellen, als verstnde ich Sie nicht, sprach sie, oder
ich knnte Sie auch verstehen, und dann mit gutem Fug und Recht mich erzrnen,
und eigentlich sollte ich dieses auch wohl, aber Ihr ganzes Wesen, vor allem
Ihre Jugend lassen mich hoffen, da Sie mir eben eine Lection hersagten, die Ihr
Kopf in der Welt, in der Sie bis jetzt lebten, auswendig lernte, von der aber in
Ihrem Herzen keine Sylbe steht. Ich freue mich um so mehr der Aussicht, Sie oft
und lange in unserm Kreise zu sehen, dem es vielleicht gelingen wird, Ihnen das
Leben und auch die Frauen aus einem andern Gesichtspunkt zu zeigen. Hier
schwieg sie, gleichsam eine Antwort erwartend, doch Hippolit, hochroth vor Zorn
und Scham, vermochte kein Wrtchen aufzubringen und suchte nur in seinem Aeuern
noch das sonst gewohnte dreiste Selbstbewutseyn auszudrcken. Stehen Sie nicht
so wie ein zrnender Heros vor mir, setzte daher nach einer kleinen Pause
Gabriele lchelnd hinzu, nehmen Sie lieber meine Aeuerungen, wenn sie Ihnen
auch nicht ganz gefallen sollten, so auf, wie ich die Ihrigen, das heit, mit
Duldung.
    Gleich nach diesem suchte sie dem Gesprch eine leichtere, gleichgltigere
Wendung zu geben, aber es milang ihr. Hippolit war zu sehr aus dem
Gleichgewicht gekommen, um es sogleich wieder zu finden, und ergriff deshalb den
ersten schicklichen Augenblick, um seinen Besuch zu beenden.
    Von Gabrielen entfernt, fhlte er mit tiefer Beschmung, da er wie ein
ausgescholtener Schulbube vor ihr dagestanden, vor ihr, die ohne den geringsten
Versuch, ihm seine vorgefate Meinung von dem Verhltni zwischen ihr und
Adelbert zu benehmen, dennoch, wie vllig gerechtfertigt, stolz und klar sich
erhob, und zugleich eine Art Herrschaft ber ihn bte, zu welcher er sich nicht
bewut war, sie berechtigt zu haben.
    Aergerlich und mit dem festen Vorsatze, kalt und unbefangen aufzutreten,
stellte er zur Zeit der Mittagstafel zum zweitenmale sich in Gabrielens Zimmer
ein, aber er konnte sich die Mhe sparen, denn sie begrte ihn nur mit einer
leichten Verbeugung, und setzte dann sehr lebhaft ihr Gesprch mit einem Fremden
fort, der eben aus Rom kam und Ottokarn dort gesehen hatte. Moritz hingegen, der
seit gestern eine ganz eigene Zrtlichkeit fr Hippoliten gefat zu haben
schien, bemchtigte sich sogleich seiner, um ihm eine Sammlung von Migeburten
zu zeigen, welche er am nehmlichen Morgen in der Auktion gekauft hatte. So ward
im einzelnen Gesprch beinahe eine Stunde von der nur aus acht oder neun
Personen bestehenden Gesellschaft hingebracht. Gabriele blickte oft auf die Uhr,
man erwartete sichtbar noch jemanden. Blas und verstrt trat endlich Adelbert
herein, beantwortete sehr in der Krze alle Fragen nach seinem Befinden, schob
einige unverstndliche Entschuldigungen seines spten Erscheinens dazwischen,
und versicherte dann wieder, nur der Blumenduft, einzig der Blumenduft im
Kabinett der Markise habe ihm gestern den Zufall zugezogen, von dem er sich
jetzt vllig hergestellt fhle.
    Hippolit fand an der Tafel neben dem Herrn des Hauses seinen Platz,
Gabrielen und Adelberten gegenber. Letzterer blieb sichtbar verstimmt und
Gabriele betrachtete ihn mit augenscheinlicher Besorgni. Dann aber wendete sie
sogleich alle ihre Aufmerksamkeit der Gesellschaft zu. Jeden und jedes wute sie
an seinen Platz zu stellen, hatte Allen einzeln etwas angenehmes zu sagen oder
zu erzeigen; und das auf so natrliche Weise, als mte es so und nicht anders
seyn. Sie war die Seele der Unterhaltung ohne damit prunken zu wollen, im
Gegentheil, es war, als ob der Abglanz ihrer Anmuth sich auf die verbreitete,
welche sie umgaben. Wer ihr nahte, gewann an Liebenswrdigkeit, an Geist, Witz,
Verstand, denn sie wute jeden lichten Funken hervorzulocken, und seit sie in
der groen Welt lebte, war, auer Hippoliten, vielleicht noch nie jemand anders,
als hchst zufrieden mit sich selbst, von ihr geschieden.
    Adelbert versank inzwischen in immer trberes Nachsinnen, aus welchem er,
sichtbar sich zusammennehmend, auffuhr, wenn man ihn anredete. Moritz hingegen
war seelenvergngt und eine Albernheit jagte die andere aus seinem Munde.
Vergebens strebte diemal Gabriele, das Gesprch abzundern, Hippolit sah, wie
sie alle Kraft ihres Geistes anwendete, um die Schwche des Mannes, dem sie
angehrte, zu verdecken, und die Nachtseite des Geschicks der schnen anmuthigen
Frau trat pltzlich in all' ihrem hoffnungslosen Dunkel vor seine Seele. So,
dachte er, so mu das holde Wesen unablssig arbeiten, sich anstrengen, sich
qulen lebenslnglich, und warum? Um der Welt zu verbergen, was sie leidet! Um
fremden Augen das Unwrdige der Fesseln zu entziehen, die sie zu Boden drcken,
und welche nur der Tod lsen kann!
    Von unsglichem Mitleide hingerissen, bemhte er sich von nun an, ihr zu
helfen, und gewandt wie er war, gelang es ihm wirklich, den Faden der
Unterhaltung behend zu ergreifen, ein Gesprch aufzubringen, welches unter
seiner Leitung interessant genug ward, um selbst Moritzen zum Zuhren zu
bewegen. Gabrielens dankbare Zufriedenheit, die er in ihren Augen las, lohnte
ihn berreich, besonders da Moritz ihn einlud, morgen und an jedem Tage, so oft
es ihm bequem sey, wiederzukehren; eine Erlaubni, welche er sich vornahm, recht
oft zu benutzen.

Mehrere Tage vergingen, whrend denen Adelbert und Hippolit die Rollen getauscht
zu haben schienen. Ersterer war nur selten, und nie in Gabrielens Nhe zu
finden, wenn er vermuthen konnte, mit ihr allein zu seyn. Er verlie mit dem
frhesten das Haus, und kehrte nur selten, und spt wieder heim, whrend
Hippolit dort fast jede Stunde des Tages verlebte, und die Markise nie anders,
als umringt von fremden Zeugen, im geselligen Kreise sah. Er hatte sein
Verhltni zu ihr nie bindend gefhlt und auch sie konnte, nach der
stillschweigenden Uebereinkunft der Welt, in der sie zu leben gewohnt war, sich
hierber keine Illusion machen. Jetzt war das Band, welches ihn ihr verknpfte,
nicht gelst, es war zergangen vor Gabrielens Erscheinung, wie Sommerwlkchen
vor der Sonne in Nichts sich auflsen, und er achtete brigens die Markise zu
wenig, um ferner nach ihr, noch den Verbindungen zu fragen, die sie jetzt zu
schlieen fr gut finden mochte.
    Nicht listig absichtlich, sondern vom ehrlichen Wunsche geleitet, Gabrielens
Geschick zu erleichtern, hatte Hippolit sich in kurzer Zeit ihrem schwachen
Gemahl so lieb und werth zu machen gewut, da dieser ihn ungern von der Seite
lie, und ihn mit Einladungen bestrmte, sein Haus als das seinige anzusehen. Je
lnger er Gabrielen sah, je deutlicher ward es ihm, da diese Frau von allen,
die er bis jetzt gekannt hatte, sich himmelweit unterschied, und so konnte es
ihm nie einfallen, auf gewhnlichem Wege sie zu gewinnen. Auch dachte er nie
daran, planlos lebte er in ihrer Nhe fort, strebte auf jede Weise, sich dort zu
erhalten, und sann nie darber nach, warum er ihr nach und nach seine liebsten
Gewohnheiten und Neigungen opferte, warum sie mit mchtiger Allgewalt ihn zu
beherrschen beginne; es war ihm, als msse alles die so und nicht anders seyn.
    Gabrielen konnte es indessen nicht entgehen, wie zart und schonend der
brigens in allem so rcksichtslos handelnde Jngling es vermied, die
Lcherlichkeiten eines Mannes zu bemerken, der alt genug war, um sein Vater seyn
zu knnen. Sie sah, wie oft er gegen die Spottlust der brigen jungen Leute ihn
in Schutz nahm, und ihre holdeste Freundlichkeit lohnte ihm ein Betragen,
welches sie fr den untrglichsten Beweis reiner Herzensgte nahm. Der frhern
jugendlichen Unbesonnenheit, mit welcher er in der ersten Stunde ihrer
Bekanntschaft es gewagt hatte, sie zu beleidigen, wurde nicht mehr gedacht; oder
wenn es geschah, so schmte Gabriele sich des Ernstes, mit dem sie eine
kindische, nichts bedeutende Ungezogenheit gergt hatte. So gewhnte jeder Tag
sie immer mehr an die Gegenwart Hippolits, den sie zuletzt oft im Scherz ihren
Edelknaben nannte.
    Adelbert hingegen verlebte diese Zeit in stetem Schwanken zwischen Himmel
und Hlle, bald in der wollustathmenden Nhe der Markise alles auer ihr
vergessend, bald niedergeschmettert von Reue und Selbstverachtung, wenn ein
sorgender Blick aus Gabrielens Augen, wie ein Strahl aus der schuldlosen,
seligen Heimath ihn traf. Herminia hatte, als er, von Marion gefhrt, ihr Zimmer
betrat, mit unwiderstehlichem Zauber den ganzen vollen Freudenkranz ihrer Beider
Jugend neubelebt, in Himmelsfarben glhend, ihm zu zeigen gewut. Ohne die
frhere Schuld, welche diesen Kranz zerri, wegleugnen zu wollen, aber auch ohne
Reue darber in Worten auszudrcken, hatte sie vor dem Beleidigten sich nicht
gebeugt. Aber, whrend sie vorgab, ihm Lebewohl auf ewig zu sagen, mute er
whnen, in ein von Liebe, Reue, Schmerz zerrissenes Gemth zu blicken, das in
kalter Selbstverleugnung sich verloren gab, und nur bedacht schien, sich und
seine Qualen ihm zu entziehen. Entschlossen, die Treubrchige mit kalter
wortarmer Vergebung verachtend niederzuschmettern, war er gekommen, nur wenige
Minuten vergingen, und er lag zu ihren Fen, sie entschuldigend, gegen ihre
eignen Anklagen sie in Schutz nehmend, die jetzt erst laut zu werden begannen.
Diese ihre erste Zusammenkunft endete von seiner Seite mit dem feierlichen
Versprechen, noch am nehmlichen Abend wiederzukehren, um dann gefater, mit
Bewutseyn den Augenblick ewiger Trennung zu feiern und so in Zukunft sein Bild
liebend vergebend und mild in ihrer Erinnerung leben zu lassen.
    Zur unglcklichsten Stunde hielt Adelbert sein Wort. Der vereinte Zauber
frherer Unschuld und jetziger blendend strahlender Schnheit, in Reue, in
Verzweiflung, in aller Gluth der hingebendsten Liebe, ri ihn hin, er verga
alles, auch die Augusten geschworne Treue. Ihr bescheidnes Bild trat weit zurck
in den verborgensten Winkel seines Herzens, schmerzlich fhlte er es dort, ohne
es sich selbst zu bekennen.
    In bitterer Selbstverachtung gab er von nun an jede Hoffnung der mglichen
Rckkehr zum Bessern auf. Er wollte nur Betubung und fand sie; er sah und hrte
nur Herminien, wie sie einzig in seiner Liebe leben und athmen zu knnen schwur,
ihre Versicherungen, ihn nie ganz vergessen zu haben, ihr Geloben knftiger
ewiger Treue, er glaubte Alles und Nichts. Im Wahnsinn uern Sinnenrausches,
gefoltert von innern Vorwrfen in jeder Minute helleren Selbstbewutseyns, mied
er aufs geflissentlichste alles, was ihn zu diesem bringen konnte, vor allen
Gabrielen.
    Herminia hatte bei Adelberts Wiedersehen wirklich eine Regung jener Gefhle
empfunden, die einst ihre Jugend beglckten. Sie sah ihn zum edlen stolzen Manne
herangereift, sogar die Narbe ber der Stirn, welche frher ihr so entsetzlich
dnkte, erhob jetzt sein Gesicht, weit davon entfernt, es zu entstellen, zu dem
eines Helden. Seine Erschtterung bei ihrem Anblick verrieth ihr die Gewalt,
welche sie noch immer ber ihn ben konnte, und Gabrielens unverhohlne
Theilnahme an seinem anscheinend pltzlichen Uebelbefinden lieen sie sogleich
in dieser eine, wahrscheinlich beglckte Nebenbuhlerin ahnen. Gabrielens von
allen gefeierter Name erregte schon ihre Eifersucht ehe sie selbst sie noch sah,
jetzt da Hippolit ihr um jener willen untreu zu werden drohte, ward sie ihr ganz
unertrglich. Sechs in den gefhrlichsten Umgebungen verlebte Jahre hatten
Herminien sehr tief herabgezogen; Wechsel und Intrigue waren in dieser Zeit
ihrem leidenschaftlichen Wesen zum Bedrfni geworden, und unbekannt mit jeder
bessern Regung, beurtheilte sie alle und somit auch Gabrielen nach sich. Sie
glaubte daher, sich nicht besser an dieser rchen zu knnen, als indem sie
Adelberten von ihr abzuwenden und wieder in die alten Fesseln zu ziehen suchte.
Zugleich hoffte sie dadurch Hippolits Eifersucht rege zu machen, und so auch ihn
wieder zu gewinnen, den sie, ohne ihn zu lieben, dennoch nicht freigeben wollte,
besonders nicht an Gabrielen. Alles dieses vereint bestimmte sie zuerst zu jener
mhevollen Vorstellung, mit der sie Adelberten umgarnte, aber es ging ihr bald
mit dieser Rolle, wie jeder guten Schauspielerin mit der ihrigen, sie gewann sie
lieb, so da sie selbst nicht mehr Tuschung und Wahrheit von einander zu
unterscheiden wute, und das Spiel immer weiter trieb, zuletzt hauptschlich nur
um des Spieles willen.
    Nicht mit jener qulenden Empfindung, welche Herminia in ihr erregen wollte,
aber doch schmerzlich besorgt, sah Gabriele Adelberten sich tglich ihr mehr
entfremden. Sie sah die Angst, die ihn in ihrer Nhe ergriff, sie bemerkte wie
geflissentlich er jedes Gesprch mit ihr vermied, ohne errathen zu knnen
wodurch sie sein Zutrauen verscherzt habe. Auch zeigte er sich ihr durchaus
nicht feindselig, aber ihr Beiseyn bte ber ihn eine sichtlich vernichtende
Gewalt. Das Geschft, welches ihn in die Residenz gefhrt hatte, vernachlssigte
er durchaus und brachte dennoch fast alle seine Zeit ausser dem Hause zu. Sie
begriff nicht, wo? und womit? Bei der Markise traf sie ihn selten, denn sie
besuchte diese nur wenn sich dort Gesellschaft versammelte, und dann pflegte
Adelbert gewhnlich zu fehlen. Tausend Vermuthungen drngten sich Gabrielen
entgegen, doch keine brachte sie der Wahrheit nahe, und ihr Gefhl widerstrebte
jedem heimlichen Nachforschen, aber dieses unerklrliche Betragen des Gemahls
ihrer Auguste lastete recht schwer auf ihrem Gemthe.
    Zwischen der Markise und der Grfin Rosenberg war indessen seit Gabrielens
Ankunft eine Spannung entstanden welche, und vielleicht bald, in einen
frmlichen Ri auszuarten drohte. Herminie hate Gabrielen zu sehr, um diesen
Ha nicht auch der Grfin sichtbar werden zu lassen, besonders seit es mit jedem
Tage ihr entschiedner wurde, da Hippolit um jener willen ihr unwiederbringlich
verloren sey. Die Grfin hingegen nahm Gabrielen stets in Schutz; sie hatte sie
auf ihre Art lieb gewonnen, sie wute sich nicht wenig damit, da eine so
glnzende Erscheinung aus ihrem Hause ausgegangen, unter ihren Augen gebildet
sey. Nichts konnte ihr ein beiflligeres Lcheln ablocken, als wenn man Zge von
Aehnlichkeit zwischen der Tante und der Nichte entdeckt haben wollte; auch
konnte sie Gabrielen nicht entbehren, ihre stete Gegenwart machte die geselligen
Abende der Grfin zu den gesuchtesten und glnzendsten der Stadt, unerachtet
schwache Nerven jetzt sehr oft das Nichterscheinen der Markise entschuldigen
muten; zum Theil, weil diese die Abendstunden lieber mit Adelberten allein
zubrachte, mehr aber noch, weil sie das Rivalisiren mit Gabrielen scheute.
Ausser sich wre sie gewesen, wenn sie gewut htte, wie wenig die Gesellschaft
im Salon der Grfin ihre Gegenwart vermite. Ihr erstes blendendes Auftreten war
zwar nicht vergessen, aber man gedachte dessen nur als eines angenehmen und
zugleich fremden Schauspiels, welches sich indessen seiner Art nach doch nicht
ganz mit deutschem Sinn und deutscher Sitte vereinen lie, whrend Gabrielens
sich stets gleichbleibende anspruchslose Liebenswrdigkeit auf Geist, Sinn und
Herz immerwhrend wohlthuend wirkte.

Unerachtet der tausend Schwachheiten, zu welchen ungemessne Eigenliebe und Lust
zu glnzen die Grfin Rosenberg verfhren mochten, hielt dennoch niemand fester
als sie, an das was sie ihre Grundstze nannte. Achtung vor uerem Anstande,
Sitte und guten Ruf, diese Kardinal-Tugend vornehmer Leute besa sie in hohem
Grade; sie war eine abgesagte Feindin alles offenbaren Unrechts, und Adelberts
Verhltni zu Herminien mute ihr groes Mifallen erregen, sobald sie es fr
das erkannte, was es war. Hippolits jetziges Benehmen gegen die Markise machte
sie zuerst aufmerksam darauf. Sie sah, wie er, der sonst nur in den Blicken der
Markise d'Aubincourt zu leben schien, ihr jetzt mit unverkennbarer Klte
begegnete, wie zuvorkommend er Adelberten jedesmal, wenn beide bei ihr
zusammentrafen, den Platz neben ihr einrumte, und sie hatte selbst zu lange und
in zu mannigfaltigen Verhltnissen in und mit der Welt gelebt, um nicht, wenn
gleich diesesmal ungerechter Weise, den Grund einer so auffallenden Vernderung
im Betragen ihrer Hausgenossin zu suchen. Die dunkle Seite desselben blieb ihrem
Scharfblick nicht lange verborgen, und grnzenloser Zorn ergriff sie bei der
Entdeckung, da die Markise es wage, unter ihren Augen, in ihrem Hause und
gleichsam unter ihrem Schutze mit dem Gemahl einer ihrer nchsten Verwandtinnen
ein solches Verstndni zu unterhalten. Htte die Grfin Rosenberg den ersten
Regungen ihres emprten Gemths zu folgen gewagt, so wre die Markise in der
nchsten Stunde durch ffentliche Kundmachung ihres Betragens vor der Welt auf
das beschmendste bestraft worden; aber sie war von jeher gewohnt, nur mit der
uersten Umsicht vorzuschreiten, und jedes, nicht durch Bewunderung erregte
Aufsehen zu scheuen, wie den Tod. Der Familienstolz, welcher einst den Baron von
Aarheim so mchtig beherrschte, war auch der Brust seiner Schwester nicht fremd,
und das Bekenntni, da Auguste, ihre Verwandtin, um einer andern willen
verlassen werden konnte, schien ihr unwrdig und entehrend. Schmerzlich vermite
sie jetzt Ernestos gewohnte leitende Hand, doch dieser Freund war fern, auf dem
Wege nach Italien, wohin Ottokars wiederholte Einladungen ihn zogen, und so
blieb der Grfin nichts brig, als an seiner Stelle Gabrielen zu Rath und
Mitwirkung aufzufordern, um mit ihrer Hlfe die Markise ohne ueres Aufsehen zu
entlarven, zu entfernen, und hernach Adelberten reuig und gebessert Augusten
wieder zuzufhren.
    Gabriele stritt lange und heftig mit unglaublichem Erstaunen fr Adelberten,
gegen die Beschuldigungen der Grfin, ehe sie sich entschlieen konnte, solche
als Wahrheit anzuerkennen, und selbst dann bemhte sie sich noch, sein Vergehen
in gemildertem Lichte zu sehen. Weder sie, noch ihre Tante hatten die leiseste
Ahnung davon, da er in der Markise d'Aubincourt Herminien wieder gefunden habe;
um so auffallender mute ihnen diese pltzlich entstandne Leidenschaft
erscheinen, aber auch um so leichter die Mglichkeit solche zu besiegen.
Adelberts schleunige Entfernung von der gefhrlichen Zauberin, welche ihn
umstrickt hielt, schien beiden Frauen nach langem Berathen, das einzige Mittel,
ihn wieder zu sich selbst, zu Augusten zurckzufhren und der innigste Wunsch
dieser wo mglich die ber dem Glck ihres Lebens schwebende Gefahr gnzlich zu
verbergen, bestimmte Gabrielen, sich an Frau von Willnangen zu wenden, um durch
diese Adelberts schleunige Zurckberufung zu bewirken. Denn so sehr sie auch den
freundlichen Greis, Adelberts Oheim, liebte und ehrte, so wute sie dennoch
nicht, in wie weit man in einer, fr Augustens Zukunft so wichtigen Sache auf
dessen Leitung sich verlassen knne, und durfte demnach es nicht wagen, das
Muttergefhl der geliebten Freundin zu schonen.
    Mildernd, begtigend, aber doch eindringend und ernst machte Gabriele sie
mit Adelberts trauriger Verirrung so schonend als mglich bekannt. Die Markise
zeigte sie ihr, so wie sie ihr selbst erschien, als ein fr den ersten
Augenblick hchst einnehmendes blendendes Geschpf, reich an allem was reizt,
gefllt und verfhrt, aber eigentlich doch arm an innerem Werthe, mit keiner
einzigen der Eigenschaften begabt, die einst Augusten das Herz ihres Gatten
gewannen. Auguste wird ihn wieder gewinnen, setzte Gabriele dieser Beschreibung
hinzu. Sie mu ihn wieder gewinnen, um auf ewig ihn zu halten, sobald es uns nur
gelingt, ihn dem magischen Kreise dieser neuen Armida zu entrcken, deren Nhe
ihn allen seinen Freunden und sich selbst zum Unkenntlichen verwandelt. Um nicht
zu ngstlich bei diesem Hauptzweck ihres Briefes allein zu verweilen, versuchte
es weiterhin Gabriele, der Frau von Willnangen ein heiteres lebendiges Bild
ihres jetzigen Lebens und des glnzenden Horizonts zu geben, an welchem sie
selbst ein Stern erster Gre war. Sie sehen, schrieb sie ferner, aus ihrer
sonst so furchtsamen Gabriele ist nach und nach ein ziemliches Weltkind
geworden; doch frchten Sie nicht zu viel fr meinen huslichen Sinn. Ach liebe
liebe Mutter! ich sehne mich oft so, da mir die Thrnen in die Augen treten,
nach einer einzigen Stunde, wie ich deren so unzhlig viele bei Ihnen, mit
Ihnen, mit Augusten, mit Ernesto verlebt habe. Wissen Sie noch den Abend, wo wir
sangen: Dolce dell' anima, speme del mio cor? Wie laut, wie thrigt flatterte
damals die Herz, das jetzt so leise sich regt! Alles ist anders wie in jenen
Tagen und doch im Grunde dasselbe. Was je mir theuer war, ist noch das Leben
meines Lebens; jede Freude, jedes Gelingen, jeden guten Vorsatz knpfe ich an
ein liebes Bild; aber die Bild glnzt weit, weit von mir in meinem Jugendlande.
Ich trume davon, wie schlafende Kinder mit Engelbildern spielen, aus einer
fernen, goldnen, himmlischen Heimath, und wenn ich erwache, lchelt der Abglanz
des Morgenrothes meines Lebens noch immer freundlich in meinen Werkeltag hinein.
    Wirklich, ich komme mit meinen vierundzwanzig Jahren mir oft recht alt,
recht matronenhaft vor, und ich glaube, ich erscheine auch Andern so; meinem
Zglinge wenigstens gewi, denn ich mu es nur bekennen, ich gebe mich jetzt mit
der Erziehung ab, und zwar bei einem recht verwarloseten Kinde, das ich dem
Untergange entreien will. Freilich ist es schon einundzwanzig Jahre alt, aber
erschrecken Sie nicht darber, mein Zgling geberdet sich gewhnlich, als zhle
er deren kaum sieben; er ist unbndig, ungehorsam und wieder lenksam, folgsam
und gut wie es kommt. Er verbindet alle Arten und Unarten eines Kindes mit jeder
glnzenden Eigenschaft der reifern Jugend. Denken Sie sich ihn hoch, schlank,
schn wie Achill; schmiegsam, biegsam, fast kindliche Grazie in jeder Bewegung,
mit dunkeln Locken und schwarzen blitzenden Augen, wie Mignon. So wunderlich wie
in seinem Aeussern eint sich der Widerspruch auch in seinem Innern. Er ist
stolz, auch wohl hochmthig verachtend, eitel, argwhnisch,
suffisant-ausgelassen und oft recht von Herzen betrbt. Alles das theils durch
das Leben, welches er bis jetzt lebte und durch die Leute, mit denen er in
Verbindung gerieth, mehr aber noch, wie er mir nicht vertraute, aber errathen
lie, durch frh erlittenen Verrath, Mihandlung und Betrug von Seiten derer,
welchen es Pflicht war, ihn zu lieben. Von Natur ist er mild, bescheiden,
heiter, vertrauend, jeder Aufopferung fhig, aber diese edleren Eigenschaften
treten nur zuweilen hervor, und werden oft verdstert. Er ist sehr unterrichtet,
sogar gelehrt wie es mich dnkt. Er wei von Kunst zu reden, blst die Flte,
zeichnet, skizzenhaft aber geistreich. Doch alles die ist ihm nur ein
Erlerntes, er wei es nicht zu brauchen, er wei nur damit zu glnzen. Er geht
umher wie ein Nachtwandler in eines Knigs Pallast, man mu ihn bei Namen rufen,
damit er die Herrlichkeit gewahr werde die ihn umgiebt, aber man mu ihn dabei
auch recht sorglich festhalten, um ihn vor dem Falle zu schtzen und auf rechte
Bahn zu bringen.
    Die zu versuchen, habe ich mir nun vorgenommen. Ich fand ihn am
Scheidewege, oder vielmehr, da ich es nur gestehe, ich fand ihn schon eine
ziemliche Strecke ber die Grnze hinaus verlockt. Ein wunderliches Begegnen
brachte ihn mir nahe; zuerst war er ungezogen, ich schalt wie billig, er schmte
sich etwas ungeschickt, vielleicht zum erstenmale in seinem Leben bei solchem
Anlasse, und mitten durch alles dieses blickte so viel Gutes, ja selbst Edles
hervor, da er mein innigstes Bedauern erregte, und ich den Wunsch fhlen mute,
ihm wieder zurecht zu helfen. Die Frauen mgen an seinem Verderben nicht wenig
Schuld seyn. Nun es sey gewagt. Vielleicht gelingt es mir, wieder zu erbauen,
was Andere meines Geschlechts zerstrten. Hippolit scheint Vertrauen zu mir
gefat zu haben, und das ist schon viel.
    Mge es Ihnen ein Beweis seiner Herzensgte seyn, da er zu meinem eignen
Erstaunen das Wohlwollen meines Gemahls sich in so hohem Grade zu erwerben
gewut hat, da dieser ihn immer um sich haben mchte, und Hippolit deshalb
beinah wie einer unserer Hausgenossen anzusehen ist; nur da er nicht bei uns
wohnt. Manche kleine krperliche Schwche des Alters beginnt, frh wie mich
dnkt, Herrn von Aarheims Daseyn zu trben, ohne da ich deshalb ernstlich um
ihn besorgt zu seyn Ursache htte. Er wre gewi weit fterer leidend und
grmlich als er es ist, doch Hippolit macht ihm vieles vergessen, denn er
umspielt ihn in Jugendlust und heiterer Lebensflle. Der allmhlig zum Greise
heranalternde Mann scheint oft zu whnen, er habe in ihm einen lieben Sohn
wieder gefunden, der seine grauen Locken ehrt und seine kleinen Schwachheiten
schonend ertrgt. Wie sehr ich dabei an huslicher Ruhe und Lebensfreiheit
gewinne, werden Sie, die Sie uns so genau kennen, leicht ermessen, und sich
nicht darber wundern, da Hippolit, in diesem freundlichen Verhltni zu uns,
mir selbst ein Verwandter zu seyn dnkt, der Anspruch hat an mich, da ich fr
ihn thue was ich kann.

Einige Wochen waren nach Absendung dieses Briefes vergangen und Gabriele sah
lngst der Antwort entgegen, als eines Abends sich ein kleiner gewhlter Kreis
zum musikalischen Verein in ihrem Zimmer versammlet hatte.
    Umflossen von Licht, Glanz und Schnheit sa die Markise auf dem Divan unter
einer strahlenden Girandole von Kristall. Vor ihr stand die reich geschmckte
groe Pariser Harfe, hinter ihr ber sie hingebeugt Hippolit, dessen Flte die
Tne begleitete, welche sie mit Meisterhand dem goldnen Saitengewebe entlockte.
Die ganze Gesellschaft im Saal war in der Andacht des Zuhrens und des Anschauns
versunken. Nur Adelbert sa einsam und abgewendet in der fernsten Ecke
desselben. Mit den so eben verklungenen einfachen Tnen eines alten oft gehrten
Liedes hatte Gabriele eine Welt von Schmerz und Sehnsucht in seinem Busen
aufgeregt. Die Melodie des Liedes war eine von jenen, welche wie Tne aus der
Heimath in uns wiederklingen und den Worten so fest sich anschlieen, da es
unmglich wird jene ohne diese oder diese ohne jene zu denken. Hier ist das
Lied:

Noch einmal mu ich vor Dir stehn,
Noch einmal in Dein Auge sehn
So lieb und klar;
Die Hand, so fest und wahr,
Noch einmal fassen inniglich
Die liebe Hand und Dich - und Dich!
Drum wenn ich nur erst bei Dir wr',
Dann wr' schon alles recht,
Und wenn ich nur erst bei Dir wr',
Wie's Gott dann schicken mcht'!

Ich mu Dir sagen noch einmal
All' meine Freud', all' meine Qual;
Du kennst sie beid',
Mein Glck und auch mein Leid,
Doch ich mu sagen Dir auf's neu
All' meiner Seele Lieb' und Treu!
Drum wenn ich nur erst bei Dir wr',
Dann wr' schon alles recht,
Und wenn ich nur erst bei Dir wr',
Wie's Gott dann schicken mcht'!

Mu hren noch ein einzigmal
Den sen vollen Glockenschall
Von deiner Stimm',
Denn, - ging's mir noch so schlimm, -
Wenn sie von deinen Lippen weht
Wird meine Klage still Gebet.
Drum wenn ich nur erst bei Dir wr',
Dann wr' schon alles recht,
Und wenn ich nur erst bei Dir wr',
Wie's Gott dann schicken mcht'!

Will rufen all' mein schmerzlich Glck
Mir noch ein einzigmal zurck;
Will lauschen sacht':
Wie du an mich gedacht?
Noch einmal mu auf Erden mein,
Nur einmal noch der Himmel seyn.
Drum wenn ich nur erst bei Dir wr',
Dann wr' schon alles recht,
Und wenn ich nur erst bei Dir wr',
Wie's Gott dann schicken mcht'!

Diesen Worten, diesen Tnen hatte Adelbert unzhligemal im innigsten Gefhl
seines Glcks an Augustens Seite zugehorcht, wenn Gabriele, wie eben jetzt, mit
ihrer sen rhrenden Stimme sie sang; und nun erfllten sie das Gemth des
einsam Verirrten mit einer unendlichen Sehnsucht nach dem huslichen glcklichen
Heerd. Dabei ward ihm, als trennten weite Meere, unberwindliche Klfte ihn von
den Seinen, als werde er nimmer und nimmer sie wiedersehn. Allmhlig versank er
so in immer trostlosere Wehmuth und beachtete weder das Spiel der Markise noch
alles was ihn umgab. Ein leises Oeffnen der Thre bewog ihn endlich mechanisch
die Augen zu erheben und zu seinem unsglichen Schrecken erblickte er dicht vor
sich die ehrwrdige Gestalt seines, viele Meilen weit entfernt geglaubten
Oheims, des Generals Lichtenfels. Blitzschnell fuhr Adelbert bei dem
unerwarteten Anblick in die Hhe, er wollte ihn begren, aber die Stimme
versagte ihm den Dienst; bleich, wie entgeistert, blieb er auf seinem Platze
regungslos stehen, den stieren Blick auf den eben Eingetretenen geheftet, der
ihn indessen eben so wenig bemerkte, als er selbst von der ganz der Musik
zugewendeten Gesellschaft bemerkt ward.
    Leise auftretend, durchschritt der General das Zimmer der Lnge nach, bis er
dicht vor der Markise still stand, nur durch die Harfe von ihr geschieden. Mit
immer zorniger werdendem Ernste betrachtete er sie, jede Sekunde berzeugte ihn
immer fester, sie sey wirklich die, fr welche er sie im ersten Augenblicke
erkannt hatte, bis endlich eine Pause in der Musik entstand. Die Markise, welche
bis dahin ihr Harfenspiel ganz unbefangen fortgesetzt hatte, wendete sich jetzt
gegen ihre Zuhrer, um in ihren Augen die dankbarste Bewunderung zu lesen, und
ihr erster Blick fiel auf die hohe, drohende Gestalt, die, ganz nahe vor ihr,
ber die Harfe weg, sie anstarrte. Gelhmt vom Schrecken bei der unerwarteten
Erscheinung, die auch sie nur zu wohl wieder erkannte, fhlte sie dennoch die
dringende Nothwendigkeit, hier ruhig und besonnen zu bleiben. Sogar ein Gedanke
der Mglichkeit, unerkannt durchzuschlpfen, fuhr ihr durch den Kopf, wenn sie
Fassung genug behielt, ferner fr eine Franzsin zu gelten, deren groe
Aehnlichkeit mit der ehemaligen Braut seines Neffen den General verwirre. Aber
ein Seitenblick auf Adelbert, der wie vernichtet da stand, brach ihr den Muth,
und als nun vollends der General die wohlbekannte Stimme donnernd erhob, sank
sie erbleichend auf dem Divan zurck, und vermochte es kaum noch, auf ihrem Sitz
sich aufrecht zu erhalten.
    Erzrnt, tief emprt, vom Augenblick hingerissen, verga der General alle
ihm sonst eigne Milde und Schonung und begann eine laute lange Strafpredigt. Der
ganze Zusammenhang von Adelberts Verirrung war ihm klar geworden wie der Tag, so
wie er in der Markise Herminien wieder fand, und er berstrmte die ihm jetzt
zwiefach strafbar Erscheinende mit Fragen, mit Vorwrfen, mit Anklagen, welche
den dabei Gegenwrtigen ihre frheren und jetzigen Verhltnisse in dem
allerungnstigsten Licht offenbaren muten. Die duldende Verlegenheit der
Markise galt bei Allen fr das vollkommenste Eingestehen jeder Beschuldigung,
besonders da sie in der Angst der frheren Verstellung verga, und pltzlich in
sehr reinem gelufigem Deutsch ihren Widersacher zu besnftigen und manche
Anklage von sich abzuwenden suchte. Die Scene ward immer verwirrender und
Gabriele, die, wenn sie gleich auf diese Art es nicht gewollt hatte, sich doch
bewut war, sie veranlat zu haben, gerieth in immer drckendere Verlegenheit.
Denn jetzt erhob sich auch die Grfin, um die Angeklagte vollends zu
zerschmettern.
    Mit richtendem Ernst, stolz und hoch wie eine Knigin, betrachtete sie sie
einige Sekunden, dann wandte sie sich an Gabrielen mit der laut ausgesprochnen
Bitte, ihr zu verzeihen, da sie, auf beispiellose Art getuscht, sich durch
ihre gewohnte arglose Geflligkeit habe verleiten lassen, eine Dame bei ihr
einzufhren, mit deren Verhltnissen sie, wie sie jetzt gewahr werde, dazu nicht
bekannt genug gewesen sey. Mit einer verbeugenden Bewegung, welche die nehmliche
Bitte auch den brigen Anwesenden wiederholte, verlie sie alsdann das Zimmer,
nur begrte sie noch vorher die Markise mit einem nachlssig vornehmen: Madame!
J'ai l'honneur de Vous saluer und umarmte nochmals ihre verlegen dastehende
Nichte.
    Auch Adelbert hatte sich frher, ohne bemerkt zu werden, entfernt.
    Jedes Bestreben, dem General Einhalt zu thun, war vergeblich. Mitleidig
versuchte es endlich Gabriele, der Markise wenigstens den Weg zur Flucht zu
bahnen, aber dieser war nicht zu helfen, sie sa regungslos auf dem Divan, von
der einen Seite durch die groe Harfe eingeengt, von der andern durch den
General, der sich selbst immer zorniger sprach, und seinen Anschuldigungen immer
schonungslosere Worte gab. Hippolit hatte indessen sich lange fruchtlos bemht,
die bei diesem widerwrtigen Vorgange nicht persnlich interessirten Zuschauer
zum Weggehen zu bewegen, alle bildeten aber einen neugierigen Kreis und niemand
hatte die mindeste Lust zu wanken oder zu weichen. Doch jetzt, da die Grfin das
Beispiel gab, konnte man sich nicht mehr anstndig weigern, ihr zu folgen. Die
Gesellschaft brach also mit ihr auf, und Hippolit ergriff nun das einzige
Mittel, das ihm brig blieb, um diese unangenehme Scene gnzlich zu beenden. Er
nahte sich der Markise, schob die schwere Harfe bei Seite, und unerachtet der
General, den er nicht kannte, noch immer fort sprach, bot er ihr den Arm, um sie
an ihren Wagen zu geleiten. Doch es schien als ob das Regen der Gesellschaft um
sie her, sie pltzlich aus ihrer Bewutlosigkeit erwecke; sie stand auf, wie
mit einer verachtenden Bewegung Hippolits dargebotnen Arm von sich, und wandte
sich dann gegen den General, der nun seiner Seits auch ber das Unerwartete wie
verwundert verstummte.
    Ihr Alter, Herr General! giebt Ihnen das Privilegium, unartig zu seyn,
daher verzeihe ich Ihnen, sprach Herminia sehr vernehmlich. Ob Sie aber Ihr
heutiges Betragen sich selbst und denen, welche Sie dazu aufreizten, werden
verzeihen knnen, das mgen Sie bei klterem Blute selbst entscheiden. Morgen,
wenn Sie das Fieber verschlafen haben, in welches die Ermdung der Reise Sie
versetzt hat, werden bei hellerem Bewutseyn Ihnen vielleicht die Grnde klar
werden, welche diese Dame und diesen Herrn veranlat haben knnen, Sie zu einer
Scene zu verschreiben, deren Herbeifhrung freilich den Forschungsgeist und das
savoir faire derselben in der skandalsen Kronick der Stadt rhmlichst verewigen
mu. Mit einem hhnischen Lcheln verbeugte sie sich bei diesen Worten gegen
Hippolit und Gabrielen und verlie dann das Zimmer. Hippolit folgte ihr dennoch,
um sie sicher bis an den Wagen zu geleiten, whrend Gabriele beim General blieb,
der zornbleich und von der heftigen Gemthsbewegung erschpft in einen Armsessel
gesunken war, aus dem er aber mit dem Ausdruck eines schreckhaften Sichbesinnens
bald wieder auffuhr.
    Auguste! rief er, Auguste! Da ich diese vergessen konnte! Aber wie war
es mglich, ein solches Zusammentreffen vorauszusehen? Wir meinten es gut, Frau
von Willnangen und ich; ungern mochte ich Adelberten vor Beendigung seines
Geschftes von hier abrufen. Augustens Wiedersehen, so hofften wir, sollte
schnell die Fesseln der Buhlerin lsen. Wer konnte die Mglichkeit denken, in
der Markise d'Aubincourt Herminien zu finden?!
    Um Gotteswillen, wo ist Auguste? rief Gabriele.
    Die Arme, erwiderte der General, der noch immer seine gewhnliche Fassung
nicht wieder gewonnen hatte; die Arme! Sie wei von nichts. Auf mein Bitten
begleitete sie mich, Adelberten, wie sie glaubt, zu seinem heutigen Geburtstage
durch ihre Gegenwart freudig zu berraschen. Wir vernahmen beim Aussteigen aus
dem Wagen, hier sey Konzert, Gott wei, ich ahnete nichts von der Scene, die nun
erfolgt ist. Ich glaubte nicht die Markise in dieser Gesellschaft zu finden. Gut
nur, da Auguste sich nicht in Reisekleidern zeigen mochte.
    Wo ist sie? wo ist sie? fragte Gabriele noch ngstlicher und zog hastig
die Klingelschnur, um Annetten herbei zu rufen.
    In Adelberts Zimmer, erwiderte der General, sie wollte eiligst sich
umkleiden.
    Pfeilschnell flog jetzt Gabriele, die Freundin aufzusuchen, der General
folgte ihr; unten von der Treppe herauf hrten sie unterweges Hippolits und
Adelberts Stimmen, wie im heftigen Wortwechsel ertnen und auch der Markise
Stimme ward vernehmbar.
    Zu jeder andern Zeit wrde die alles Gabrielen sehr beunruhigt haben, jetzt
achtete sie kaum darauf und dachte nur an Augusten. Sie fand sie wirklich in
Adelberts Zimmer allein, zwar mit allem Geschehenen unbekannt, aber doch
zitternd vor einem namenlosen Unglck, das ihr um so furchtbarer erschien, je
weniger sie im Stande war, ihm eine Gestaltung zu geben.
    Adelbert war vor einigen Minuten heftig bewegt und, wie sie meinte, freudig
ber ihren unvermutheten Besuch in das Zimmer gestrzt. Mit offnen Armen war sie
ihm entgegen getreten, er aber hatte mit vorgestreckten Hnden sie von sich
abgewehrt, hatte furchtbar sie angestarrt und war dann davon geflohen wie ein
Verzweifelnder. Auguste war ihm gefolgt, aber er in dem ihr fremden Hause
schnell ihr aus dem Gesicht geschwunden. Mit Mhe hatte sie sich in das Zimmer
zurck gefunden, und dann versucht sich zu erholen, um Gabrielen aufsuchen zu
knnen, als diese mit dem General zu ihr eintrat.

Gabriele kannte das zutrauensvolle Gemth ihrer Freundin, sie wute, da diese
liebende, neidlose Brust keinen Funken Eifersucht verbarg, und blickte mit um so
herzlicherem Mitgefhl auf die Arme, die nur vor einem ihr unbekannten uern
Unglck zitterte, welches ihren Adelbert betroffen zu haben schien, whrend sie
gar nicht daran dachte, da sie anders als in ihm beklagenswerth seyn knne.
Gabrielens erste Sorge war, Augusten unter einem Vorwande aus dem Zimmer zu
entfernen, in welchem Adelbert selbst jeden Augenblick berraschend eintreten
konnte. Dann suchte sie die schwere Aufgabe zu lsen, Augusten so schonend als
mglich mit Adelberts und Herminiens zuflligem Zusammentreffen und dessen
Folgen bekannt zu machen. Die Natur hatte Augusten mit Lebensmuth und mit
heiterem, alles ebnendem Sinn, diesen zum Glck des Lebens nothwendigsten Gaben,
reichlich ausgestattet und so wre es der sorgenden Freundschaft wohl gelungen,
die Bitterkeit des Kelches wenigstens zu mildern, den sie nicht mehr an ihr
vorber fhren durfte, doch Moritzens unseliger Unbedacht vereitelte ihr
Bemhen.
    Unbekannt mit allem frher Vorgefallnen, kehrte er von einem spten
Mnnerdiner zurck und gewahrte mit groer Verwunderung den ungewohnt zeitigen
Aufbruch der bei Gabrielen versammlet gewesenen Gesellschaft, deren Wagen sich
eben von seinem Hause aus in alle vier Winde verstreuten. Mit noch grerem
Erstaunen fand er in der Vorhalle die Markise, Adelbert und Hippoliten in
heftigem Wortwechsel begriffen. Ohne dessen Entstehen zu kennen, bemhte er
sich, ihn zu schlichten, und strzte, da dieses milang, ganz verstrt in
Gabrielens Zimmer, ohne die Anwesenheit des Generals und Augustens zu bemerken.
    Sono ammazato! sie sind todt oder vielmehr so gut als todt, alle beide! Sie
schlagen sich mit Tagesanbruch auf Pistolen, der Rittmeister und Hippolit, rief
er aus, und lief wie ein Verrckter im Zimmer umher. Vergebens bemhten sich der
General und Gabriele ihn zum Schweigen oder zu einer bestimmten Erzhlung des
Vorganges, den er andeutete, zu bewegen; er fuhr nach seiner unverstndigen
Weise fort, die bngsten Befrchtungen zu erregen, ohne sich deutlicher erklren
zu wollen, bis Auguste, freilich bebend und bleich, sich erhob und des Generals
Arm ergriff.
    Kommen Sie, Vater! sprach sie, zu ihm fhren Sie mich!
    Bravissimo! rief pltzlich sehr freudig Moritz von Aarheim, das ist ein
herrlicher Einfall, mein Wagen steht zum Glck noch angespannt und ich selbst
will Sie zur Frau Markise begleiten. Dort ist er, die gute Dame zog ihn beinahe
gewaltsam mit in ihren Wagen, gewi hlt sie ihn bei sich fest, to keep him out
of harms way.
    Er folgte Herminien? rief wie auer sich der General, und wthender als je
flammte sein Zorn auf. Ja ich nehme Ihren Wagen, ich will den Ehrlosen bei der
Ehrlosen finden!
    Auguste sank an Gabrielens Busen. Herminia! Und du verschwiegst es mir?
sprach sie leise und fiel dann, nicht ohnmchtig, aber wie zerbrochen an allen
Gliedern, auf den Sopha zurck.
    What shall we do, what shall we do? wimmerte Moritz in einem fort, nach
seiner gewohnten Art in jeder Angst. Der General war indessen zum Zimmer
hinausgestrmt, eben rollte der Wagen fort, in welchem er zur Markise fuhr.
Moritz kam glcklicher Weise auf den Gedanken, sich ebenfalls aufzumachen, um
seinerseits den Grafen Hippolit aufzusuchen, und so erhielt Gabriele endlich
eine ruhige Stunde, um mit der innigsten Liebe Augustens Sorge und Schmerz zu
beschwichtigen.
    Die Zeit verging im trben Gesprche, es ward Mitternacht, schlaflos
horchten die Freundinnen auf jeden, durch die immer einsamer werdenden Straen
hinrollenden Wagen, unzhlige mal mute die treue Annette hinaus auf den Balkon,
um nachzusehen ob niemand kme? Vergebens. Drauen blieb alles ruhig, und in
ihnen ward es immer trostloser und bnger.
    Schonend, um ihn trauernd, ihn vertretend, wie nur der Schutzengel seines
Lebens vor dem ewigen Richter es knnte, hatte indessen Gabriele versucht,
Adelberts Verirrung zu entschuldigen, und Hoffnungen einer glcklichern Zukunft
zu erregen. Sie hatte es mit einem Herzen zu thun, das ohnehin so bereit war zu
vergeben, und der Sieg ber die Vergangenheit ward ihr in dieser Hinsicht nicht
schwer. Desto bnger aber zitterte Auguste den nchsten Morgenstunden entgegen,
die sie, Unheil weissagend, den Himmel schon rthen sah. Gabriele war hier
weniger besorgt und bemhte sich eifrig, der Freundin den Glauben beizubringen,
den sie selbst so gern festhielt: da Herr von Aarheim sich geirrt habe und von
gar keinem Streit, der einen blutigen Ausgang drohe, die Rede gewesen seyn
knne.
    Von jeher war sie fern von allen Stadtsagen und aller Anekdotenjgerei
geblieben, ihr ganzes Wesen schlug jeden Versuch nieder, sie mit irgend etwas,
diesen schmutzigen Quellen Entflieendem bekannt zu machen. Daher war Hippolits
frheres Verhltni zur Markise ihr ein Geheimni geblieben und sie begriff
wirklich nicht, wie und warum Adelbert mit ihm gerade in diesem Momente so
heftig an einander htte gerathen sollen. Die beleidigenden Worte, mit welchen
die Markise das Zimmer verlie, hatte sie als Ausbrche ohnmchtiger Wuth zu
wenig geachtet, um sich die Mhe zu geben, sie verstehen zu wollen. Doch whrend
sie auf diese Weise ihre zitternde Freundin zu beruhigen suchte, erhob pltzlich
Annette ihre Stimme aus dem dunkeln Winkel, in welchem sie neben Augustens
Ruhebette sa, und gab beiden Frauen eine Gewiheit, welche diese so gern
entbehrt htten.
    Das treue Mdchen war der Liebling ihrer Herrin geblieben und hatte als
solcher so manches kleines Vorrecht; unter andern das, an Konzertabenden in
einem Nebenzimmer der Musik lauschen zu drfen. Auch an diesem Abende hatte sie
diese Erlaubni benutzt. Aengstlich ber die ihr so ganz ungewohnte Scene,
welche die Freuden desselben unterbrach, wollte sie die groe Treppe hinab, der
unerwartet schnelle Aufbruch der Gesellschaft hielt sie auf, und so kam sie in
der Vorhalle des Hauses an, als eben der Zwist zwischen Hippolit und Adelberten
begann.
    Liebe gndige Frauen! sprach Annette, es schmerzt mich in der Seele,
Ihnen Ihren Trost zu benehmen, aber Wahrheit bleibt doch immer das Beste, und so
denke ich, mu ich sie Ihnen gestehen, da ich sie wei. Die beiden gndigen
Herren sind freilich leider in gefhrlichem Zwist gerathen.
    Gabriele erschrack nicht weniger ber dieses Gestndni, als ber Augustens
Gegenwart dabei und suchte, so viel sie unbemerkt es konnte, Annetten zum
Schweigen zu bringen, aber vergebens. Ein unglcklicher Stern schien heute ber
diesem Hause aufgegangen, der jede Schonung vernichtete, und Auguste drang mit
so heftigen, ungeduldigen Fragen in das Mdchen, da Gabrielen nichts brig
blieb, als sie gewhren zu lassen.
    Die Frau Markise, erzhlte Annette, ging eben ganz hochtrabend durch die
Halle und der junge Herr Graf hinter ihr drein; sie sah sich aber gar nicht nach
ihm um, sondern nur immer mit steifem Nacken gerade aus, als der Herr
Rittmeister neben mir die Treppe hinabstrmte. Er war so todtenbleich und so
zerstrt, da ich ohne die Uniform gar nicht gewut htte, er sey es. So wollte
er neben der Frau Markise zur Thre hinaus, aber sie hielt ihn am Arme fest,
trat dicht vor ihm und sah ihm starr und fest in die Augen. Da ward er immer
bleicher, und zitterte so, und sah aus wie an dem Abende, als er aus der ersten
Gesellschaft bei der Frau Grfin kam. Die Frau Markise sprach franzsisch zu
ihm, und weinte dabei, und lehnte den Kopf an seine Schulter vor allen
Bedienten! Ich glaubte es nicht, wenn ich es nicht gesehen htte.
    Und er? und er? fragte ngstlich leise Auguste.
    Nun der Herr Rittmeister stand da und regte sich nicht, war die Antwort;
er trat sogar ein kleines bischen zurck, wie mir dnkt, aber es half ihm
nichts. Die bse Dame, Gott verzeih es mir, aber das ist sie, fate ihn und
drehte ihn pltzlich gegen den jungen Herrn Grafen. Danken Sie diesem Herrn,
sprach sie auf einmal auf deutsch, da er zur Besserung des unartigen Knaben den
Herrn Onkel kommen lie, und dann gehen Sie herauf, bitten Sie ab, kssen Sie
die Hand die Sie straft, man wird Ihnen am Ende vergeben und Sie werden auf Ihre
Art glcklich seyn. Was aus mir wird, aus meiner gemordeten Ehre, gilt Dir
gleich und so auch mir. Ja wahrhaftig, sie hat ihn geduzt, und dann weinte sie
und lehnte sich wieder an ihn. Da trat der junge Herr Graf heran, kommen Sie,
gndige Frau, sprach er, Sie geben hier ein Schauspiel, dessen Sie morgen sich
schmen werden, und so nahm er ihren Arm und wollte sie an den Wagen fhren,
aber sie ri sich los. Soll ich vor Ihren Augen um Ihrerwillen mich mihandeln
lassen? rief sie dem Herrn Rittmeister zu. Soll ich den Befehlen dieses Menschen
gehorchen, durch dessen Knste ich morgen das Mhrchen der Stadt seyn werde? und
Sie, um den alles dieses geschieht, sehen gelassen zu? Da ward der Herr
Rittmeister so feuerroth als er vorher bleich gewesen war; auch Graf Hippolit
ward heftig, und unser gndiger Herr, der eben zur Thre hereintrat, sprach auch
darein und wollte sie besnftigen, auf spanisch und italienisch, aber es wollte
alles nichts helfen. Der Streit ward immer heftiger und mir wurde so angst
dabei, da ich zuletzt auch nicht mehr vernahm, was sie auf deutsch zu einander
sagten, bis der junge Herr Graf endlich gelassener wurde und sich verstndlich
machen konnte. Herr Rittmeister, sagte er, lassen Sie uns eine Scene enden, die
schon zu lange gewhrt hat und hier doch nicht entschieden werden kann. Morgen
bin ich zu jeder Erluterung bereit. Gut dann, morgen, erwiderte der
Rittmeister, und trat ganz nah zu ihm heran und flsterte ihm etwas ins Ohr,
worauf der Herr Graf eine bejahende Verbeugung machte, als wolle er sagen, ich
bins zufrieden, und dann fortging. Die Frau Markise that nun ganz ohnmchtig und
der Herr Rittmeister mute sie begleiten, damit sie nicht allein im Wagen wre.
So wurde dann Ruhe, aber gewi, es war nur zu deutlich zu sehen, die beiden
Herren haben so leise nichts gutes mit einander abgemacht.
    Komm rief Auguste mit erzwungner Ruhe, jetzt mu ich zu ihm und wre er
auch bei ihr, ich mu ihn sehen. Ihr Auge flammte, ihre Bewegungen waren
fieberhaft und Gabriele kmpfte der Ausfhrung dieses Gedankens mit aller Macht
entgegen. Sie stellte ihr vor, wie milich und zweckwidrig jedes Einmischen der
Frauen bei Mnnerstreitigkeiten in der Regel auszufallen pflege, aber sie htte
schwerlich gesiegt, wenn nicht das Rollen eines Wagens in den Hof hinein,
Augusten wenigstens fr den Augenblick zurckgehalten htte.
    Es war der General, der so ganz mit dem Ausdrucke einer guten Botschaft zu
den Frauen hineintrat, da sie alles geschlichtet und jede Besorgni fr
berwunden achten muten. Doch was den Oheim so freudig machte, war nur die
Gewiheit, da weder Bitten noch Drohen, weder Thrnen noch Grnde Adelberten
htten bewegen knnen, die Markise weiter als bis an die Thre ihrer Wohnung zu
begleiten. Die Grfin Rosenberg, bei welcher der General, spt wie es war,
Zutritt suchte und die freundlichste Aufnahme fand, hatte als Augenzeugin ihn
dessen versichert, berdem war sein Zorn gegen Adelberten durch diese Dame um
vieles gemildert worden. Mit ihrer gewohnten Klugheit hatte sie dem Oheim alle
Knste und Lockungen auf das lebhafteste geschildert, mit welcher Herminia fast
unwiderstehlich den Arglosen anzog und festhielt. Die seltne Schnheit der
verfhrerischen Frau, des Neffen frheres Verhltni zu ihr, Augustens
Abwesenheit wurde ebenfalls in Anschlag gebracht, und so gelang es ihr, den
Oheim halbvershnt mit dem Liebling seines Herzens wieder heimzusenden.
    Die Tante ist eine Frau, vor welcher ich alle Achtung habe, sprach er zu
Gabrielen, Welt und Erfahrung haben sie mild und verstndig gemacht. Sie kennt
das Leben, und wei da Adams Shne aus grberem Stoffe geformt wurden als ihr,
die ihr doch immer den Engeln nher verwandt seyd als uns, nehmlich, wenn ihr
einmal etwas taugt. Die Herminien nehme ich aus, die gehren zu den gefallenen
Engeln, vor welchen jeder gute Christ ein Kreuz schlgt. Getrost liebe Nichte!
Jugend ist freilich ein strengerer Richter als das Alter, aber ich hoffe doch,
der Snder Adelbert soll Gnade finden wenn er heimkehrt. Und somit gute Nacht.
Der heutige Tag hat der Plage genug gehabt, lat uns Krfte sammeln fr den
morgenden, ehe er uns hier berrascht.
    Und Adelbert? wo ist er? fragte Gabriele mitleidsvoll, denn Auguste sa da
und vermochte keinen Laut aufzubringen.
    Das wei ich nicht, erwiderte der General, wie ich hre hat er weder
Freunde noch Bekannte, bei denen man ihn vermuthen knnte, und nachdem ich die
Grfin verlassen, bin ich nach allen Gasthfen herumgefahren, ihn zu suchen, ich
habe schlaftrunkne Portiers und Hausknechte die Menge ins Verhr genommen, aber
niemand wollte von ihm etwas wissen. Und wenn ich ihn auch gefunden htte, was
htte es geholfen? Liebe Frauen, ich will es zugeben, es mag um die Gesetze
unsrer Ehre ein barbarisches Ding seyn, aber sie sind fr's erste nicht zu
ndern. Uebrigens hat er es, wie ich hre, mit einem braven edlen Gegner zu
thun, lat das euern Trost seyn wie er der meinige ist. An das Leben geht es
nicht gleich, und ein kleines Andenken an diese Geschichte kann ihm fr die
Zukunft ganz gesund seyn, wenn es nicht zu arg kommt.
    Die weichen liebenden Herzen der Frauen konnten dieser Ansicht nicht
beipflichten, sie schlugen ngstlich und ahnungsvoll in immer wachsender
Besorgni, als auch Moritz bei jetzt ganz hellem Tage heimkehrte.
    Der Arme bebte im Fieberfrost und mute sogleich zu Bette gebracht werden.
Seine Nachforschungen waren nicht glcklicher gewesen als die des Generals.
Vergebens hatte er Hippoliten in dessen Wohnung aufgesucht, vergebens war er von
Haus zu Haus gefahren, wo er nur eine Spur von ihm zu finden hoffen konnte.
Endlich war er bis an die Sternwarte gekommen, wo eben der Professor der
Astronomie, den er kannte, hinaufstieg, um eine beim Aufgang der Sonne sich
ereignende Finsterni zu beobachten. So wie die Vorliebe fr die Astronomie von
Moritz gewichen war, hatte er auch solchen Beobachtungen entsagt, aber es kam
ihm der groe Gedanke: so wie der Tag anbrche, mit Hlfe eines Teleskops alle
Thore der Stadt zu bewachen, um zu entdecken, nach welcher Seite Hippolit und
Adelbert sich wenden wrden, ihr feindseliges Vorhaben auszufhren; denn er
vermuthete mit groer Wahrscheinlichkeit, da sie weder in der Stadt noch bei
Nacht ihren Zwist ausfechten knnten. Mit heldenmthiger Standhaftigkeit begann
er auf dem Balkon des Observatoriums seine Beobachtungen der Wege so wie der Tag
graute, aber der kalte Morgenthau und die oben herrschende Zugluft griffen ihn
nach der durchwachten Nacht und der vorhergegangenen Ermdung so an, da er bald
seinen Plan aufgeben und mit einem bedeutenden Erkltungsfieber sich nach Hause
bringen lassen mute.

Gleich einer sorglichen Mutter pflegt die Natur ihre leidenden Kinder gern dem
allberuhigenden Schlafe in die Arme zu legen, wenn sie sich ausgeweint haben,
und auch Auguste war endlich in den schweren todthnlichen Schlummer vlliger
Erschpfung gesunken. Trb und gedankenschwer blickte die neben ihrem Bette
wachende Gabriele in den drauen hellleuchtenden Morgen hinaus, als Annette
leise die Thre ffnete, geheimnivoll und schweigend ihr winkte, und gleich
darauf leicht und unhrbar wie eine Elfe auf den Fuspitzen ber den Teppich
hineilte und den Platz neben Augusten einnahm, denn ihre Herrin eben verlassen
hatte. Gabriele schwankte, einen Augenblick erschrocken, an der Thre, mit
fragendem Blick sah sie das Mdchen an, aber an dem ngstlichen Klopfen ihres
eignen Herzens fhlte sie die Unmglichkeit, lautlos die traurige Nachricht zu
vernehmen, die sie zu hren befrchten mute, und so eilte sie zitternd und
stumm die Treppe hinab.
    In ihrem Wohnzimmer fand sie Adelberten. Mit dem Ausdrucke der Verzweiflung
sank er vor ihr hin, so wie sie hereintrat und umfate, tief zur Erde gebeugt,
ihre Knie. Sie bebte bei seinem Anblick unwillkhrlich zurck, eine Ahnung, der
sie nicht Worte zu geben sich getraute, drckte ihr Herz bis zum Stillstehen
zusammen; ngstlich blickte sie auf den Trostlosen, der noch immer vor ihr lag
und hatte kaum Krfte genug, ihn aufstehen zu heien.
    Hier zu den Fen des Schutzengels, dessen Trost, dessen Hlfe ich auf ewig
entsagen mu, lege ich meinen Abschied von jedem Glck nieder, von jeder Freude,
von mir selbst! Ich gehe, gleichviel wohin, ich suche das Elend, ich finde es
berall fern von Augusten, fern von meinen Kindern, sprach kaum verstndlich
Adelbert. Dann sprang er auf, trat einige Schritte von Gabrielen zurck und rief
mit wildem Blick und heftig gerungenen Hnden: Nein! nein! es ist nicht
mglich. Ich trume, ich will erwachen, ich mu erwachen! Es ist nicht mglich,
da ich selbst mir meinen eignen Himmel so schnde verschlossen habe. Er war ja
mein, er ist es noch, ich will erwachen, ich mu erwachen!
    Sie sind erwacht. Gottlob Sie sind es, sprach jetzt Gabriele mild und
gefat. Hoffen Sie, haben Sie Vertrauen zu denen die Sie lieben. Das rgste ist
doch nicht geschehen? setzte Sie mit unsichrer Stimme hinzu. Kein Blut hoffe
ich? - Hippolit? -
    O hoffen Sie nichts gutes mehr von mir, unterbrach sie Adelbert mit vor
dem Gesicht gefalteten Hnden.
    Grausen ergriff Gabrielen bei diesen Worten; abgewendeten Blicks wankte sie
der Thre zu, doch er warf sich, sie aufhaltend, ihr in den Weg.
    Nein, ein Mrder bin ich nicht, rief er, doch ist es nicht mein Verdienst
da ich es nicht bin. Augustens guter Engel bewahrte mich; der meine nicht; der
hat auf ewig sich von mir gewendet!
    So lebt Hippolit? Sie schlugen sich nicht? fragte Gabriele.
    Sein Blut flo, es flo von meiner Hand, ich Rasender! Aber er lebt, er
wird leben, rief Adelbert. Um Augustens Willen wird er leben.
    Lange noch fuhr er fort sich bald zu verdammen, bald sein Geschick
anzuklagen, whrend Gabriele, jetzt selbst beruhigter, sich abmhte, in dem
armen umdunkelten Geiste ihres Freundes einen Strahl trstender Hoffnung zu
leiten.
    O bewahren Sie alle Ihre Milde, alle Ihren Trost fr Augusten, mich
berlassen Sie dem Untergange, rief er. Lieben und Verachten! Bezeichnete ich
so nicht einst den hchsten Schmerz? Wie wird Auguste ihn tragen? Mu ich denn
wnschen, sie mge mein vergessen?
    Gabrielens sanfte Stimme beschwigtigte indessen doch allmhlig seine wilde
Leidenschaftlichkeit. Sein Herz erwarmte, sein altes Vertrauen erwachte vor
ihrer holdseligen Anmuth, und so gelangte er bald dahin, ihr alles zu bekennen.
Und wer erst dazu gekommen ist, vor einem Zweiten sich laut anklagen zu knnen,
der beginnt im nehmlichen Moment, halbausgeshnt mit sich selbst, im eignen
Herzen sich leise zu entschuldigen.

Bittre Beschmung, Reue, unaussprechliche Sehnsucht nach seinem ehemaligen
glcklichen Leben hatten ihn aus dem Salon hinaus ins Freie getrieben; bekannte
Stimmen, welche auf der Strae ihm entgegen kamen, bewogen ihn wieder
umzukehren, und die stillere Einsamkeit seines abgelegenen Zimmers aufzusuchen.
Dort berraschte ihn geisterhaft Augustens nicht geahnete Gegenwart; mit seinem
ganzen Daseyn, sogar mit seinen Sinnen zerfallen, wute er nicht zu
unterscheiden: ob die beschmende Wirklichkeit ihn qule, oder ob Scheinbilder,
durch innres Bewutseyn ins Daseyn gerufen, ihn irrten? Er floh halb wahnsinnig,
mit der Hast des wildesten Entsetzens die Treppe wieder hinab, und am Fue
derselben empfingen ihn Herminiens ungebndigter Zorn, ihre schonungslosen
Vorwrfe. Ach! er glaubte in jenem Augenblick diese alle zu verdienen, denn sein
Herz lag wie Eis in der wild-bewegten Brust; die Tuschung der Sinne war
geschwunden und er fhlte sich zwiefach meineidig, gegen sie wie gegen Augusten.
Er htte die ganze Welt, am liebsten sich selbst in diesem Moment vernichten
mgen, in welchem mitten durch den Sturm seines Gemths noch der zitternde
Klagelaut bebte, mit dem Augustens Erscheinung ihm entschwunden war. Hippolits
besonnene Klarheit, die sichere Ruhe, mit welcher dieser die schleunige
Entfernung der Markise als das zunchst Nothwendigste betrieb, erbitterten den
Aufgebrachten noch mehr. In seiner leidenschaftlichen Verworrenheit war ihm
alles willkommen, was sich ihm bot, um seiner innern Verzweifelung in
verzweiflendem Thun Luft zu machen. Und so ergriff er mit Freuden die jedes
Miverstehn ausgleichen sollenden Worte Hippolits als eine frmliche
Ausforderung, die ihm Gelegenheit geben konnte, alle Schuld gegen Herminien wie
gegen Augusten mit Blut zu shnen.
    Im Wagen neben Herminien befiel ihn ein unaussprechliches Grauen vor ihr wie
vor dem Dmon seines Lebens; vergebens sprach sie ihm zu; er hrte ihre Stimme,
ohne ihre Worte zu vernehmen, floh, von einem dumpfen Instinkt geleitet, und
lie sich nicht halten, so wie sie die Thre ihres Hauses erreicht hatten.
Geqult vom ngstlichen Bewutseyn verdienter Verlassenheit, in wilder Hoffnung
auf den folgenden Morgen, irrte er nun heimathlos die ganze Nacht hindurch im
Freien umher und strebte nur Hippolits Bild als das eines Feindes festzuhalten.
Gleich zerstrt von innen und auen, mit jenem Trotz, welcher das innere
Bewutseyn eines Unrechts, das man nicht anzuerkennen fest entschlossen ist,
allemal begleitet, betrat er zur bestimmten Stunde um fnf Uhr des Morgens das
Zimmer Hippolits, der ruhig und heiter dem Erwarteten entgegen kam.
    Ganz anders als der arme Adelbert, hatte dieser die Nacht zugebracht. Zwar
war auch sein Blut bei der gestrigen Scene in Wallung gerathen und er hatte
deshalb, vom Zorn berwltigt, nicht widersprochen, da sein Erbieten zu jeder
Erluterung ganz anders aufgenommen wurde, als er es eigentlich gemeint hatte;
doch in der ruhigen Einsamkeit seines Kabinetts ward er bald Herr seines leicht
aufbrausenden Sinnes. Der pnktliche Gehorsam seines Kammerdieners hatte diese
Einsamkeit gegen jeden Angriff, besonders gegen Moritzens Nachfragen zu sichern
gewut und so war Hippolit ungestrt im ernsten Kampfe mit sich selbst, fhig
geworden, dem feindselig zu ihm Eintretenden freundlich-ernst die Hand entgegen
zu reichen.
    Adelbert stutzte einen Augenblick bei diesem unerwarteten Empfang, dennoch
war er weit von dem Gedanken entfernt, die dargebotne Hand zu ergreifen, die er
mit erzwungner Klte, doch nicht auf beleidigende Art ablehnte.
    Herr Graf! sprach er, so ruhig als es ihm mglich war, haben Sie die Gte
auch fr mich ein Pferd sattlen zu lassen, denn Sie begreifen wohl, da ich
jetzt das meinige nicht aus Herrn von Aarheims Stall holen lassen kann.
    Alle meine Pferde stehen zu Ihrem Befehl, Sie sollen die Wahl haben, es
sind schne Thiere darunter, die Ihnen gewi gefallen werden; war Hippolits
sehr hfliche Antwort. Doch wre es nicht besser, den schnen Morgen erst nach
der Erluterung zu genieen, zu welcher ich gestern mich erbot?
    Ihr kalter Hohn soll mich nicht aus der Fassung bringen, rief jetzt
Adelbert beinahe schumend vor Wuth. Kommen Sie dann zu Fu wenn Sie Ihre
Pferde schonen wollen, doch ohne Sumen bitte ich, mich verlangt nach Ihrer
sogenannten Erluterung; mit der schnen Natur halten Sie es spterhin nach
Belieben.
    In Hippolits Angesicht flammte bei diesen Worten die glhende Rthe des
Zorns auf, doch gelang es ihm schnell, die vorige Fassung wieder zu gewinnen.
Eben deshalb, weil auch ich keine Zeit zu verlieren wnsche, bitte ich, den
Ritt bis nach der Erluterung, die ich Ihnen versprach, zu verschieben,
erwiderte er gelassen. Nirgend kann ich bequemer sie Ihnen geben als hier.
    Hier? rief Adelbert, mit wildem zornigem Lachen, nun meinetwegen auch.
Das Zimmer geht nach dem Hofe zu, in dem engen Raume kommen wir vielleicht um so
eher zum Zweck. Nun es sey, auch hier. Wo sind Ihre Pistolen? Ich habe keine
mitgebracht, mein rechter Arm vermag zwar nicht mehr, den Sbel zu fhren, mit
dem linken aber nehm ich es im Schieen mit jedem auf.
    Hier sind zwei Paar Pistolen, sie sind alle geladen, sprach Hippolit,
indem er sie auf den Tisch legte, dann ging er zur Thre, schlo ab und steckte
den Schlssel zu sich. Sie sehen meine Bereitwilligkeit, alle Ihre Forderungen
zu erfllen, Herr Rittmeister! nur eine mu ich bestimmt Ihnen versagen, ich
schiee nicht auf Sie, Sie hren mich denn zuvor an. Dann thun Sie, was Ihnen
recht deucht. Lassen Sie mich vollenden was ich zu sagen habe, rief er mit
erhobener Stimme, da Adelbert heftig gegen ihn anfuhr, nur wenige Augenblicke
erbitte ich mir, dann knnen Sie, ich wiederhole es, thun was Sie wollen. Einer
Dame zu Gefallen wie die Markise d'Aubincourt ist, schlagen sich Mnner wie wir
beide nicht; da dem so sey, liegt in der Erluterung, die ich Ihnen versprach,
klar zu Tage. Und sollten wir uns schlagen, um unsre Tapferkeit zu beweisen?
Ihre ehrenwerthen Narben, Herr Rittmeister, berheben Sie dieser Mhe, und
obgleich ich leider keine hnlichen aufzuweisen habe, so verkndet das Gercht
doch zu viel solcher Heldenthaten von mir, wie die ist, zu der Sie mich jetzt
auffordern, als da ich frchten mte, in der Welt fr feig zu gelten, weil ich
erklre, mich diemal nicht schlagen zu wollen.
    Genug, genug der Worte, unterbrach ihn Adelbert. Die Zeit entflieht und
meine Geduld mit ihr. Haben Sie mich gestern gefordert, warum wollen Sie mir
heute nicht Rede stehen? Und war Ihr Versprechen einer Erluterung keine
Ausforderung, nun so fordere ich Sie jetzt, weil Sie es wagen, eine Dame zu
lstern, die zu schtzen mir, besonders seit dem gestrigen Abend, Pflicht ist.
Ihnen gehrt jetzt der erste Schu, ich bin bereit, whlen Sie, hier sind die
Pistolen.
    
    Nicht eher, rief Hippolit, bis Sie den Inhalt des Taschenbuchs untersucht
haben, welches dort neben den Pistolen liegt; es enthlt die versprochnen
Erluterungen. Und auch dann, ich will Sie nicht betrgen, ich bleibe auf jeden
Fall meiner ersten Erklrung treu, ich schiee nicht auf Sie, ich habe Grnde,
es nicht zu thun.
    Mit immer steigender, rasender Wuth drang nun Adelbert auf ihn ein, ohne auf
ihn zu hren, und wollte ihm ein Pistol aufzwingen, doch Hippolit wehrte ihn ab,
indem er bei seiner Erklrung blieb.
    Thun Sie, was Sie wollen, sprach er endlich, bleiben Sie meinetwegen
dabei, wenn Sie es fr Recht halten, meine gestrigen Worte als eine Forderung zu
nehmen, der Glaube, es sey so, brachte Sie ja hieher, und ich stelle mich Ihnen,
schieen Sie. Nur geben Sie mir Ihr Ehrenwort, das Zimmer nicht zu verlassen,
ehe Sie jenes Taschenbuch untersucht haben, und dann geloben Sie mir, den Inhalt
desselben vor jedermann auf ewig zu verschweigen. Gewhren Sie mir das.
    Adelbert, vor Zorn bewutlos, spannte das Pistol. Hippolit stand ihm
gegenber in aufrechter Stellung am Fenster, whrend Jener der Thre zuflog.
Sein Mund sprach unverstndliche Worte, sein Herz klopfte, hrbar bewegt vom
wildkochenden Blute, Feuerflammen tanzten vor seinen Augen. Sie wollen es! Sie
wollen es! schrie er, wie einer, der nicht wei, da er spricht, und ohne zu
zielen drckte er ab.
    Hippolit wankte erbleichend, und sank dann in einem neben ihm stehenden
Sessel. Sie halten Ihr durch die That abgelegtes Versprechen, Sie knnen nicht
eher hinaus, ich habe den Schlssel und Sie werden keinen Wehrlosen berauben
wollen, sprach er mit leiser Stimme, und hob den linken Arm gegen den Tisch,
der rechte, berquellend von Blut, hing bewegungslos herab.
    Adelbert stand da wie ein Starrschtiger. Fast noch bleicher als der
blutende Hippolit, staunte er mit dem Ausdruck vlligen Unbewutseyns ihn an,
und hielt dabei das unglckliche Pistol noch immer in drohender Stellung in die
Hhe.
    Fassen Sie sich, erfllen Sie, was ich von Ihnen erbat, Sie sehen, ich
blute sehr, und mir kann eher keine Hlfe werden, sprach Hippolit.
    Adelbert schien zu erwachen. Mit einem unterdrckten Schrei des Entsetzens
flog er auf den Verwundeten zu.
    Dorthin, das Taschenbuch, stammelte dieser fast unverstndlich und wies
immerfort nach dem Tische hin, lassen Sie mich nicht verbluten.
    In wilder Hast flog jetzt Adelbert an den Tisch, mit zitternden Hnden und
unsttem Blicke ffnete er das Buch, das Bild Herminiens fiel zuerst ihm
entgegen, dann einige Portrte junger Mnner, unter ihnen sein eignes, das er
ihr gab als er die Universitt bezog, auch Briefe quollen den Bildern nach, doch
alles flimmerte vor seinen Augen und drauen wurden Hippolits Diener immer
lauter vor der verschlossenen Thre, denn der Knall des Pistols hatte sie
herbeigezogen.
    Lassen Sie mich ffnen, rief endlich bittend Adelbert, ich kann nicht
lesen in dieser Angst, ich will es, ich gelobe es, ich will eher nichts anders
unternehmen, aber lassen Sie mich jetzt ffnen. Hippolit willigte ein.
    Ein Spiel, ein dummes Spiel, wir wuten nicht, da sie geladen seyen,
stammelte er den erschrocken Eindringenden entgegen und sank dann, vom
Blutverlust erschpft, ohnmchtig hin.
    Sein Kammerdiener, der zum Glck zugleich Wundarzt war, begann jetzt die
Wunde zu untersuchen und Adelbert erwartete in stummer Angst mit gesenkten
Blicken seinen Ausspruch. Die Verletzung war schmerzhaft, bedeutend, doch nicht
gefhrlich, die Kugel war in den Oberarm gedrungen, aber nur der starke
Blutverlust konnte Besorgni erregen. Die Schmerzen des ersten Verbandes
erweckten den Verwundeten aus seiner Ohnmacht; ohne reden zu knnen, reichte er
Adelberten die linke Hand, zeigte abermals nach dem Tisch, auf welchem das
Taschenbuch lag, und schlo dann ermattet die Augen wieder.
    Adelbert versuchte zu halten, was er versprochen hatte, er ergriff das Buch,
aber die Luft im Zimmer, der Anblick Hippolits, der mit geschlossnen Augen wie
ein Todter auf dem Ruhebett lag, beraubten ihn aller Besinnung; in zitternder
Hast, ohne eigentlich zu wissen, was er that, raffte er Buch, Gemlde, Briefe,
alles zusammen, und floh damit hinaus, zum Zimmer, zum Hause, zur Stadt hinaus.
Erst in der lautlosen Einsamkeit eines abgelegnen, um diese Tageszeit ganz
unbesuchten Lustwldchens fand er sich wieder.
    Der gestrige Abend, die darauf zum Theil an dieser nehmlichen Stelle
durchwachte lange Nacht, und die eben durchlebten wildbewegten Morgenstunden
gingen, nach und nach heller werdend, an ihm vorber; ihn hatte alles ein wster
Traum gednkt, nur das Taschenbuch, gegen welches sein Herz in heftiger Bewegung
anschlug, war ihm ein bengstender Zeuge der Wahrheit. Abermals ergriff und
ffnete er das Buch; eine heie Thrne entfiel seinem Auge als er sein
Jugendbild betrachtete, dessen reine von keiner Leidenschaft entstellten Zge
ihn mit kindlicher Himmelsseligkeit anlchelten. Es war so wenig ihm noch
hnlich, da Hippolit ihn wahrscheinlich nie darin wieder erkannt hatte.
    Ja so war ich! Auch sie war so! seufzte er und verhllte die brennenden
Augen im thauigen Grase und weinte laut. Er gedachte jener Zeit, da er, fast
noch ein Knabe, die Bild heimlich malen lie; er gedachte der Freude, mit der
Herminia es empfing und wie sie gelobte, allen fremden Augen verborgen, es ewig
auf ihrem Herzen zu tragen. Endlich ermannte er sich wieder, und begann nun
ernstlich, die im Taschenbuch vorgefundnen Briefe zu untersuchen.
    Der erste, der ihm in die Hnde fiel, war von Herminien an Hippolit. Er
hatte das Geschenk smmtlicher Portrte, das von Adelbert mit eingeschlossen,
begleitet. Sie wollte, schrieb sie, durch dieses Opfer Hippoliten, dem Einzigen,
den sie geliebt habe und lieben knne, jeden Argwohn benehmen, als ob sie noch
in irgend einer Art von Verbindung mit einem jener Mnner wre, die sie freilich
einst, ehe sie Ihn erblickt, zu lieben geglaubt habe. Mit cht franzsischer
Leichtigkeit, unbertrefflichem Witz und hinreiender Lebendigkeit gab sie ihm
die Schilderung der moralischen Eigenschaften und Eigenheiten der Originale, als
Zugabe zu jenen Portrten. Vor allem aber hielt sie sich lange bei der
Geschichte ihrer ersten Liebe auf. Ohne ihn zu nennen, malte sie Adelberten,
recht ausgelassen muthwillig, zuerst als eine Art von zrtlichem Jocrise, im
langen Kinderrock, hernach als sentimentalen, invaliden Bramarbas. Auch sich
selbst verga sie nicht, und spottend schilderte sie sich in ihrer damaligen
lndlichen Naivitt und Einfalt. Sie wute dabei doch sehr geschickt sich durch
manche liebenswrdige Schwche, durch manches reizende Detail interessant zu
zeigen, whrend sie sich das Ansehen gab, sich ber sich selbst lustig machen zu
wollen. Versicherungen ihrer unwandelbaren, ewigen Liebe, fast in den nehmlichen
zrtlichen Worten, in den nehmlichen Wendungen, deren sie unzhligemal auch
gegen Adelberten sich bedient hatte; Eiferschtleien, Klagen, tausend Neckereien
fllten viele Seiten der brigen Briefe an Hippoliten an. Andre waren von den
Originalen jener Portrte, mit denen sie ehemals in zrtlichem Verhltni
gestanden, die sie mit den Bildnissen zugleich Hippoliten berliefert hatte.
Alle waren so viel Beweise eines sehr frivolen, ja man mchte sagen, eines
zgellosen Lebens.
    Adelbert mochte bald nicht weiter lesen. Das Unwahre in Herminiens Wesen
eckelte ihn unbeschreiblich an; die Thorheit des ungeheuern Opfers, welches er
dieser Unwrdigen gebracht hatte, fiel mit Zentnerlast ihm aufs Herz. Er fhlte
sich pltzlich von ihr losgerissen, frei auf ewig. Aber das Gefhl dieser
Freiheit glich dem des Gefangenen, der, dem Kerker entlassen, vor der Thre
desselben steht, ohne Heimath, ohne Freund, ohne in der ganzen weiten Welt eine
menschliche Seele zu wissen, zu der er sagen drfe, nimm mich auf, denn ich
gehre dir an. Leidenschaftlich in allem, auch in der Reue, glaubte er im
Uebermaa derselben, da sein Hauch nie wieder mit der reinen Luft sich einen
drfe, in der Auguste, in der seine Kinder athmeten. Er beschlo in seiner
Verzweiflung, auf immer aus ihrer Nhe sich zu verbannen, nie wieder sollte der
Klang seiner Stimme Augustens Ohr verwunden, nie ihr Auge mit Abscheu von seinem
Anblicke sich wenden mssen. Doch so ganz ohne Spur zu verschwinden, ohne alles
Lebewohl, ohne allen Segen in die Wsten des Lebens hinaus zu gehen, diese
Aufgabe ward seinem liebegewohntem Herzen doch zu schwer, und die Gefhl hatte
ihn mit allen seinen Klagen zu Gabrielens Fen gefhrt.
    Noch immer bekmpfte diese seinen wilden Schmerz, und wandte, wenn gleich
fast hoffnungslos, alles an, ihn von dem Vorsatz zur Flucht abzubringen, als der
General Lichtenfels zu ihnen hereintrat. Ernst, wenn gleich nicht zrnend, ruhte
sein Blick eine stumme Minute lang auf Adelberten, der vor dem Gefrchteten sich
gern in den Mittelpunkt der Erde verborgen htte; dann aber trat ein feuchter
Schimmer in das milder werdende Auge des edlen Greises. Komm! sprach er, und
schlo den beinahe Widerstrebenden fest an seine Brust. Komm, hier trug ich den
Knaben, hier ruhtest Du wundenmatt, nach ehrenvollem Kampf, dem Tode nah. Hier
weintest Du im schnen Schmerz um die gesunknen Hoffnungen Deiner Jugend, hier
ist auch jetzt noch Dein Platz. Du warst ja immer das Kind meines Herzens;
welcher Vater wird sein Kind von sich stoen, weil es fiel? Komm, ich helfe Dir
auf, und dann wollen wir beide frisch ans Werk, um zu retten, zu bessern, wieder
herzustellen; Gott wird uns helfen.
    Vergebens strebte Adelbert in den Armen des Generals sein bervolles Herz in
verstndlichen Worten vor ihm auszuschtten. Sey ruhig, sprach dieser, ich
wei alles, Du hast mir nichts zu bekennen. Ich komme von Deinem edlen Gegner,
er leidet viel, doch hoffentlich ohne Gefahr. Nur der heftige Blutverlust kann
seine Heilung verzgern, die Kugel hat eine Ader zerrissen und er blieb lange
ohne Hlfe.
    Adelbert versuchte abermals zu reden, doch der General verhinderte es, indem
er nochmals versicherte, die Grfin Rosenberg und Hippolit htten ihm alles
erklrt. Ich kenne den ganzen Umfang Deiner Schuld, sprach er, aber ich wei
auch was sie mildert. Der Graf wollte freilich anfangs auch mir, wie seinen
Leuten, aus eurem Duell ein Geheimni machen, -
    Duell? unterbrach jetzt Adelbert den General, Duell nennt er es? meine
That ist Mord, meuchelmrderisch berfiel ich ihn, der wehrlos vor mir stand -
    La das, erwiderte der General, Du wutest diesen Morgen eben so wenig
was Du thatest, als ich gestern Abend wute was ich that. Zorn und Ueberraschung
sind gefhrliche Feinde, die uns, auf das Mildeste genommen, zu wenigstens
dummen Streichen verleiten, deren man hernach Zeitlebens sich zu schmen hat.
Das haben wir beide erfahren, ich gestern, Du heute. Jetzt stehe ich aber als
Abgesandter des Grafen vor Dir, durch mich fordert er zurck was er Deiner Ehre
vertraute, und erinnert Dich nochmals an das heilige Versprechen ewigen
Schweigens ber diesen Gegenstand. Ich lese in Deinen und Frau von Aarheims
Blicken, da Du es bei ihr schon jetzt vergessen hast, sprach nach einer
kleinen Pause der General, beide mit prfendem Blick betrachtend. Es ist nicht
recht, aber auch diemal noch mag der Zustand Deines Gemths Dich entschuldigen.
Unsere edle Freundin ist unfhig, ihre Kenntni eines solchen Geheimnisses zu
mibrauchen, darum bergieb ihr jetzt getrost das Buch, so kommt es am
sichersten in die Hnde seines Eigenthmers. Gabriele wird gewi nicht den
reinen Blick mit dessen leidigen Inhalt besudeln wollen. Und nun komm, alles ist
bereit, wir gehen mit einander auf Reisen. Unsere hollsteinischen Gter
entbehren schon lange unsrer Gegenwart, dort wollen wir hin. Es ist gut, da Du
jetzt Augusten noch nicht wieder siehst; eigentlich verdienst Du es auch noch
nicht, also ohne Abschied, Gabriele und Deine Kinder werden Dich indessen schon
bei ihr vertreten und Deine Frsprecher seyn.
    Gabriele versuchte es, hierin dem General einzureden, doch er verhinderte
sie daran mit sanfter Gewalt. Schne, gute Frau! sprach er, ich wei, im
Grunde Ihres Herzens billigen Sie mein Vorhaben, warum denn versuchen, gegen
Ihre eigne Ueberzeugung mich eines andern berreden zu wollen? Wir sollten das
nie; es kommt davon so vieles Ueble in der Welt, und dennoch lassen sich auch
die Besten und Klgsten unter uns nur zu oft von ihrem Gefhl dazu hinreien.
Von Ihnen aber wei ich, da Sie ber diese Schwche erhaben sind, sobald Sie
sich nur recht besinnen wollen. Jetzt lege ich Augustens armes, wundes Herz an
das Ihrige, und reise in dieser Hinsicht getrost, Sie werden es zu heilen
wissen, wenn es geheilt werden kann. Ich komme von ihr, sie schlft noch. Armes
Kind! Krper und Geist sind todt-mde, denn wir sind zwei Nchte hinter einander
durchreiset; ich und ihre Liebe lieen ihr keine Rast, und so wollen wir ihr die
Erholung gnnen, welche die Natur gtig ihr gewhrt. Morgen bringt eine
Staffette Ihnen die erste Nachricht von uns; Auguste wird sich um Adelberts
Geschick beruhigen, wenn sie ihn bei mir wei. Uebrigens reisen wir Tag und
Nacht bis wir ber die Grnze hinaus sind, denn die Polizei knnte doch wohl
Lust bekommen, sich nach dem von ungefhr losgegangnen Pistol zu erkundigen,
darum fort, fort, wir haben keine Zeit zu verlieren.
    Mit diesen Worten zog er Adelberten sich nach, der wie im bewutlosen Traume
ihm folgte, Gabriele blieb einsam zurck. Beinahe nicht minder betubt als er,
starrte sie gedankenlos vor sich hin, bis Annette sie mit der Nachricht ins
thtige Leben zurckrief, da Auguste erwacht sey und sehnlichst nach ihr
verlange.

In stiller Ergebung betrachtete Auguste ihr Geschick, so wie allmhlig die Hand
der Freundschaft den Schleier sorgsam lftete, der so lange nur in verworrner
Gestaltung es ihr gezeigt hatte. Dann aber begann sie auch recht innig in ihre
lndliche Einsamkeit, zu ihrer Mutter, zu ihren Kindern sich zurck zu sehnen.
Sie hatte noch immer manchen harten Kampf mit ihrem Herzen zu bestehen, so fern
auch alle Bitterkeit ihr war und blieb. Mit dem Glauben an Adelberts
unerschtterliche Liebe, an seine felsenfeste Treue, war ihr auch die Ruhe
verloren gegangen, mit der sie bis dahin der sen Gewohnheit, glcklich zu
seyn, sich hingegeben hatte, ohne weder ber ihr Glck noch ber die
Mglichkeit, da es anders werden knne, nachzudenken. Es konnte noch alles gut
werden, das fhlte sie, das hoffte sie, darum betete sie mit Inbrunst; doch wie
konnte es so werden wie es gewesen war? Und die Gefhl mute ihr Gemth mit
einer Sehnsucht, einer stillen Trauer erfllen, welche nur der Anblick ihrer
Kinder zu mildern vermochte. In ihnen lebte ja noch der Adelbert, den ihr Herz,
trotz alles Gegenstrebens ihres Verstandes, dennoch verloren geben mute.
    Adelberts Briefe, voll des Ausdrucks der tiefsten Reue, betrbten ihr Gemth
statt es zu trsten. Die glhende Leidenschaftlichkeit, mit der er Augusten zu
einem engelgleichen Wesen erhob, von dem er in tiefer Selbstzerknirschung nur
Mitleid erflehte, whrend er sich ihrer Liebe und ihrer Achtung auf ewig fr
unwerth erklrte, konnte ihre Aussicht in die Zukunft nicht erheitern. Nur des
Generals Ansicht ihrer und Adelberts Lage, die er in seinen Briefen ihr offen
mittheilte, gewhrten ihr einigen Trost. Sein Ermuntern zum Rechten, Vorstellen
dessen, was ihr oblag zu dulden und zu vollbringen, stlten ihren Muth. Ihr
Blick erheiterte sich, wenn sie las, wie krftig er Adelberts, durch frhen
Schmerz entnervtes Gemth aufzurichten strebe, wie er durch Thtigkeit ihn zu
zerstreuen und aus seiner jetzigen trostlosen Versunkenheit wieder empor zu
richten suche, und wie er alles anwende, um ihm nur wieder zum Vertrauen in sich
selbst zu verhelfen.
    Der Zustand unsrer hiesigen, durch unsre jahrelange Abwesenheit sehr
verwahrloseten Besitzungen gewhren ein weites, fast unabsehbares Feld zur
Arbeit, schrieb ihr der General, und somit lasse ich unsern Adelbert vor
lauter Thtigkeit kaum zu Athem kommen. Morgens, mit Sonnenaufgang, ziehn wir
hinaus in Feld und Wald, Abends giebts zu richten und zu schlichten,
nachzurechnen, Papiere zu ordnen, bis in die sinkende Nacht. Da mssen die
Grillen ihm verschwinden, denn ihm bleibt keine Zeit weder sie zu fangen noch zu
pflegen. Muthig, liebe Auguste! la Du mich nur gewhren, sobald es Zeit ist,
bringe ich ihn gesund und geheilt, von innen und aussen, zu Deinen Fen hin,
und Du gute weiche Seele wirst ihn dann wieder an Deinen Busen nehmen, das wei
ich, und frchte nicht Deine Strenge, sondern nur Deine Milde, die mir ihn
wieder verderben knnte.
    Augusten nach Lichtenfels zu begleiten, wre Gabrielens sehnlichster Wunsch
gewesen, als endlich der Tag der Trennung herbeikam; doch Herrn von Aarheims
fortdauernde Krnklichkeit erforderte ihre stete Gegenwart. Seit jener auf der
Sternwarte thrigt durchwachten Nacht plagten ihn Rheumatism und alle Uebel,
welche diesen Unhold in tausendfacher Gestalt zu begleiten pflegen. Gabrielens
mitleidige Geduld vermochte es kaum, alle die mannigfaltigen Wunderlichkeiten
und Launen zu ertragen, mit denen der grmlichste und unleidlichste aller
Kranken, zu jeder Stunde des Tages, zuweilen auch der Nacht, sie qulte. Die
Besuche, welche anfangs ber manche lange Schmerzensstunde ihr hinberhalfen,
blieben nach und nach aus, denn sein bser Humor verscheuchte alle, die nicht,
wie Gabriele, durch Pflichtgefhl gebunden, bei ihm ausharren muten. Hippolit,
der Einzige, der die Langeweile von der Moritz sich hauptschlich geplagt
fhlte, htte verscheuchen knnen, befand sich selbst noch leidend. Mehrere
Wochen waren seit dem Vorgange zwischen ihm und Adelberten vergangen, und noch
immer durfte er das Zimmer nicht verlassen. Gabriele hatte noch in keiner Lage
ihres Lebens sich so ganz auf sich selbst zurckgewiesen gefhlt, selbst nicht
am Rhein, wo frische lebendige Thtigkeit ihre tiefe Einsamkeit erheiterte.
Sogar die Tante hatte sie verlassen; um der Markise auszuweichen, war sie am
Tage nach der Konzert-Scene nach einem nicht weit entfernten Badeorte gereist,
obgleich noch vor der eigentlichen glnzenden Kurzeit. Ein kaltes hfliches
Billet hatte einstweilen Herminien deren Antheil an der gemeinschaftlichen
Wohnung aufgekndigt, denn diese war nur im Namen der Grfin Rosenberg dem
Eigner abgemiethet worden.
    Die Markise aber eilte sich eben nicht, von dieser Aufkndigung Notitz zu
nehmen, sondern verweilte noch mehrere Wochen als einzige Bewohnerin des Hauses,
in anscheinend vollkommner Ruhe. Sie zeigte whrend dieser Zeit sich weit ftrer
als sonst im Theater und bei andern ffentlichen Vergngungen, auch suchte sie
auf andre Weise, durch vielfltig ausgesendete Einladungen zu glnzenden Festen,
die ffentliche Meinung irre zu leiten, oder auch zu braviren, doch gelang ihr
dieses nur bei sehr wenigen Mitgliedern der Gesellschaft. Obendrein gehrten
diese wenigen nicht zu denen, deren Beispiel auf die brigen Einflu haben
konnte. Nie hatte es so viel Migrnen und Katarrhe in der Residenz gegeben, als
an den Abenden, wo die Markise einen recht glnzenden Kreis um sich her zu
versammeln gedachte. So mute Sie es bald mde werden, in ihren hell
erleuchteten, aber sprlich bevlkerten Slen ihre kleinen Koketterien zu ben,
und Unmuth und Ueberdru bewogen sie endlich, Paris, den einzigen Schauplatz
wieder aufzusuchen, auf dem ihre glnzende Erscheinung gehrig gewrdigt werden
konnte. Kein sehnender Blick folgte ihr dorthin, wo sie wie ein strahlendes
Meteor wieder in den Strudel versank, dem sie, weder sich noch Andern zum Heil,
auf kurze Zeit entstiegen war.

Mde und erschpft von einer zum grten Theil am Schmerzenslager ihres Gemahls
durchwachten Nacht, sa Gabriele nach kurzem unerfreulichen Schlummer in der
Jelngerjelieber-Laube des kleinen Gartens am Hause, dem einzigen Orte, wo es
ihr jetzt vergnnt war, des im hchsten Schmucke prangenden Frhlings sich zu
erfreuen. Alles um sie her funkelte und blitzte im Sonnenstrahl von Diamanten,
die ein warmer Frhregen verschwenderisch gestreut hatte; ihre Rosen flammten in
hchster Blthenpracht, fast sichtbar stieg der Opferduft von den Lilien und
tausend andern Blumen, die in ppiger Flle ihre Beete schmckten, zum Himmel
auf, und mischte sich in den noch berauschendern Wohlgeruch der hohen
Orangenbume, die auf dem Rasenplatz vor der Laube lichte Schatten streuten.
Endlich einmal entronnen der ngstlich beklommenen Atmosphre des dunkeln
Zimmers, in der sie jetzt den grten Theil des Tages, unter dem ungeduldigen
Klagen ihres Kranken verleben mute, athmete hier die arme Gabriele mit vollen
Zgen neues Leben und Erquickung. Allmhlig berschlich sie jene stille
Sehnsucht, jener wonnige Frhlingsschmerz, der das Auge mit sen Thrnen fllt
und das Herz rascher pulsiren macht. Sie gedachte ihrer ersten Jugend, ferne
Gestalten gingen an ihr vorber, und sie versank in immer lieberes Trumen, von
ihrer Mutter, von Ernesto, von Ottokar. Dann gedachte sie auch des jungen
Freundes, der so keck das Leben daran gesetzt hatte und alle Vorurtheile seiner
Jugend, seines Standes, ja das eigne Gemth mit eigensinniger Entsagung
berwand, um einen ihm fast fremden Mann aus einem gefhrlichen Traume zu
erwecken. Diese That Hippolits war ihr immer im romantischen Licht eines
Heldenmuths erschienen, den sie sehr geneigt war bertrieben zu nennen und
dessen Aeuerung gerade auf diese Weise in dem feurigen, sonst alle Schranken so
gern durchbrechenden Jngling, ihr unerklrlich blieb, so oft sie auch schon
darber nachgedacht haben mochte. Seit seiner Verwundung hatte sie ihn nicht
wieder gesehen, doch lie sie tglich mehreremale Nachricht von ihm einziehen,
denn Moritz sehnte sich stndlich nach seiner erheiternden Gegenwart, und auch
sie vermite oft ihren Edelknaben.
    Ein leichtes Gerusch weckte endlich die Trumerin aus ihrem fast wortlosen
Sinnen; sie blickte auf und an einer groen Zipresse gelehnt, stand dicht vor
der Laube Hippolit selbst, die dunkeln blitzenden Augen auf sie geheftet. Das
selige Lcheln eines Verklrten umspielte die bleichen Lippen und der Ausdruck
langer krperlicher Leiden gaben der sonst so lebenskrftigen jugendlichen
Gestalt etwas unbeschreiblich Rhrendes. Ihn erblicken und mit einem hellen
freudigen Ausruf ihm entgegen treten, war das Werk des ersten Moments, whrend
er, wie berwltigt von der Seligkeit desselben, vor ihr auf das Knie sank und
die Hand, welche sie ihm bewillkommend gereicht hatte, mit Feuerkssen bedeckte.
    So! so! begre ich das neue Leben! Hier begre ich die Sonne, die ich so
lange entbehrte! rief Hippolit, wie auer sich vor Entzcken.
    Unvorsichtiger! schalt freundlich und bewegt Gabriele, Sie sind noch
krank, Ihre Lippen brennen hei; wie konnten Sie in diesem Zustande sich
auswagen? Wahrlich Sie sind im Fieber, Ihr ganzes Wesen ist so unnatrlich
gereizt, ruhen Sie, ich bitte, ruhen Sie aus, sprach sie beinahe ngstlich
werdend, und bemhte sich ihm aufzuhelfen.
    Mir ist wohl, mir ist unnennbar wohl, freilich meinem Arzt entsprungen, und
- mir ist unaussprechlich wohl, stammelte Hippolit, ward immer bleicher und
sank endlich mit geschlonen Augen in den Sessel, aus welchem Gabriele bei
seinem Eintritt aufgesprungen war. Sie wollte fort, sie wollte Hlfe
herbeirufen, doch er hielt mit bernatrlicher Kraft ihre Hand fest umschlossen;
auch ffnete er nach wenigen Sekunden die Augen wieder, und athmete hoch auf,
sichtbar sich erholend.
    Zrnen Sie nicht, schelten Sie nicht, bat er, da ich die schne warme
Sonne, den blauen Himmel, nicht lnger nur aus dem Fenster ansehen mochte. Ihre
Pappeln dort am Bassin sind Schuld. Ganz in der Ferne sehe ich von meinem Zimmer
aus ihre Wipfel, das einzige Grn weit umher. Stundenlang habe ich whrend
meiner Krankheit sie betrachtet, sie allein verkndeten mir den Sommer, und wenn
der Wind in den schlanken Zweigen spielte war mir, als ob sie von Ihnen mir
erzhlen wollten. Heute, heute regten sie sich und nickten und winkten so sehr
und die Nachtigall vor meinem Fenster sang so schmerzliche Sehnsucht, es war
nicht lnger zu ertragen; ich ffnete ihr den Kfig und sie und ich, wir flogen
beide auf und davon. Hier werde ich genesen, glauben Sie mir es nur, hier athme
ich Lebensluft.
    Gabriele waltete msig und arglos geschftig um ihn her, whrend er so sich
zu entschuldigen suchte, recht wie ein sorgliches Mtterchen um ihr liebes
krankes Kind. Sie breitete ihren Shawl an den Zweigen der Laube aus, um ihn
gegen das Sommerlftchen zu schtzen, das draussen sanft und linde die Blumen
und Blthen umspielte; aus einem Krbchen mit Orangen, welches zufllig neben
ihr stand, whlte und bereitete sie zu seiner Erquickung die seste Frucht,
dann brachte sie ihm die schnsten Rosen herbei, es war als wolle sie ihn in
diesem Moment fr alle Entbehrungen der schnen Tage entschdigen, die der Arme,
im dumpfen Zimmer eingekerkert, hatte verleben mssen. Nach Frauen Art verga
sie in ihrer Geschftigkeit beinahe, wer der Gegenstand ihrer sorgsamen Pflege
eigentlich sey und Hippolit sa still und selig da, lie sich alles gefallen und
htete sich wohl, diese schnen Augenblicke durch ein unbedachtes Wort sich zu
verkmmern.
    Inzwischen war unter ihnen beiden doch eine Art von zusammenhngendem
Gesprch aufgekommen. Gabriele erzhlte von Augustens jetzigem Leben, und wie
alle Hoffnung da sey, da Adelbert in Liebe und Thtigkeit wieder genesen und zu
sich selbst kommen werde.
    Das alles danken wir Ihnen, Ihrem uns Allen unbegreiflichen Heldenmuthe.
Sie sind ein Kronenwerther Sieger, sprach sie und blickte mit unbeschreiblicher
Freundlichkeit ihn an. Den schwersten aller Siege, den ber sich selbst, haben
Sie errungen. Doch gestehen Sie mir, was konnte Sie bewegen, des Mannes, der mit
so unertrglichem Trotz Sie zu beleidigen suchte, mit so fast eigensinnigem
Unbedacht zu schonen und Ihr eignes Leben einem Rasenden wehrlos in die Hnde zu
geben? Adelbert war Ihnen kaum ein Bekannter, und fr einen solchen wagten und
ertrugen Sie das Unglaubliche, das fast Unmgliche, um ihn sich und den Seinen,
die Sie noch weniger kannten als ihn, am Rande des Unterganges zu retten! Die
Welt wird diese That eben so wenig zu wrdigen wissen, als wir, Ihre Freunde,
sie verstehen, obgleich wir sie bewundern, wrs auch nur der Seltenheit wegen.
Gestehen Sie es mir im Vertrauen, lieber Hippolit, was bewog Sie zu diesem
ungeheuern, unglaublichen Opfer?
    Sie fragen im Ernst? erwiderte gelassen Hippolit. Konnte ich denn anders?
Sie selbst schwebten ja immer zwischen ihm und mir, da mute er ja wohl sicher
seyn. Wie htte ich nach dem Leben des Gemahls einer Frau zielen knnen, die
Gabrielen so werth ist, deren Leiden und Freuden sie wie die eignen empfindet!
Wre er gefallen, htte ich ja Sie betrbt.
    Eine schne Perl stieg bei dieser unerwarteten Erklrung in Gabrielens
helles Auge. Sie wollte sprechen, aber der Athem versagte ihrer bewegten Brust.
Lchelnd durch Thrnen, wie ein seliger Engel, trat sie endlich ganz nah vor
Hippoliten hin, strich mit sanfter Hand ihm die dunklen Locken zurck und
hauchte einen leisen, kaum fhlbaren Ku ihm auf die Stirne. Ihre Lippen
bewegten sich, im Begriff ihm etwas recht freundliches zu sagen, aber sie bebte
erschrocken zurck da sie ihn ansah. Sein eben noch so bleiches Gesicht flammte
in dunkler Purpurrthe, seine Augen blitzten wie verzehrendes Feuer, er machte
eine Bewegung, als wolle er sie umfassen, sie an seine ungestm wogende Brust
drcken, und ri sich im nehmlichen Moment mit sichtbarer Gewalt von ihr los und
floh bis in die fernste Ecke der Laube. Dort warf er sich auf die Knie nieder;
sich selbst unbewut, hatte er den verwundeten Arm aus der ihn sttzenden Binde
gezogen, und hob nun in flehender Stellung beide Hnde zu ihr auf.
    Nein, nein, rief er wie ausser sich, die Uebermaa von Wonne und Schmerz
ertrgt keine menschliche Brust! Und nun ergo sich sein bervolles Herz im
glhendsten Ausbruch einer Leidenschaft, die in diesem Moment der seligsten
Pein, in wthenden verzehrenden Flammen hell aufloderte und sich nicht mehr
bndigen lassen wollte.
    Zitternd vor Schrecken blickte ihn Gabriele eine Weile an, ehe sie Fassung
genug gewann, ihm zu antworten. Stehen Sie auf, Graf Hippolit, sprach sie
endlich sehr ernst, vergessen Sie den kranken Arm nicht; wahrlich ich sehe
immer mehr, wie Unrecht Sie thaten, schon heut das Haus zu verlassen. Kehren Sie
heim, armer Kranker! setzte sie nach einer kleinen Pause etwas milder hinzu,
ich will es nicht verbergen, Sie haben mich erschreckt, doch das ist schon
vorber; die Ruhe wird Ihnen wohlthun, es soll sogleich eine Snfte geholt
werden.
    Gabriele, Gabriele! wenn Sie jetzt mich fortschicken, werde ich Sie nie
wieder sehen drfen, ich ahne es, rief Hippolit; ich verdiene Ihren Zorn;
lange, lange habe ich geschwiegen, weil ich ihn frchtete. Glauben Sie mir, ich
habe mich bekmpft, ich wollte ewig schweigen, kein Hauch, kein Wink sollte das
Geheimni meines Lebens verrathen, damit Sie nur ferner mich um sich dulden
mchten, damit ich nur ferner Ihre se Stimme hren, im Strahl Ihrer lieben
Augen den Himmel erblicken knne, ich erlaubte mir ja keinen grern Wunsch. Ich
wollte ja nichts hoffen, nichts erflehen; das wilde Toben hier sollte sich Ihnen
nie zeigen. Ein einziger unbewachter Augenblick hat mich verrathen, und nun darf
ich nie wieder vor Ihnen erscheinen, ich wei es wohl, ich bin verbannt!
    Gabriele sprach in milden Worten zu ihm; er hrte sie wohl, doch er verstand
sie nicht, er konnte nur den Gedanken fassen, sie beleidigt, ihren Zorn erregt
zu haben.
    Wie werde ich knftig leben knnen! rief er. Entfernung von Gabrielen ist
Tod, ist Hlle, das fhlte ich jeden Abend in meiner Einsamkeit wenn ich Ihre
Schwelle verlassen hatte. Und nun gehe ich ganz hoffnungslos, kein Morgen kommt,
wo ich mir sagen kann, ich werde Sie wieder sehen. O Gabriele! O gndige Frau!
mu es denn seyn? ich will ja ewig schweigen, ich will ja nichts, als was Sie
dem Wrmchen dort auf dem Grashalm, der Mcke hier in der Luft auch gewhren,
nur sehen, nur dulden sollen. Sie mich, und wenn gleich nicht freundlich wie
sonst, nur ohne Zorn.
    Endlich gewann Gabriele einen Augenblick, sich verstndlich zu machen. Graf
Hippolit, sprach sie sehr ruhig gefat, Sie verkennen sich und mich, und Ihr
eignes Gefhl. Da Sie dieses bald selbst einsehen werden, wei ich gewi. Fr
jetzt bitte ich Sie ernstlich, beruhigen Sie sich, ich zrne nicht, ich vergesse
von heut an die wilden Ausbrche, zu welchen gereizte Fantasie den Kranken
verleitete; ich wnsche da auch Sie dieses thun mgen; nur so allein kann unser
ruhiges freundliches Verstehen ungetrbt bleiben. Kehren Sie jetzt heim, und
lassen Sie Ihre vllige Widerherstellung einstweilen Ihre erste grte Sorge
seyn. Leben Sie wohl.
    Sagen Sie nur, da ich Sie wieder sehen werde, flehte Hippolit in
demthiger Entfernung.
    Darf ich denn mit meinem jungen Freunde so streng ins Gericht gehen? kann
ich es denn vergessen, da Sie fr das Glck meiner Auguste Ihr Leben wagten?
erwiderte ihm Gabriele.
    Ein Bedienter unterbrach sie, er kam, um Hippoliten zu Herrn von Aarheim zu
rufen. Dieser hatte bei seinem Erwachen dessen Anwesenheit im Garten erfahren
und drang nun mit krnklicher Hast darauf, ihn augenblicklich bei sich zu sehen.
    Jetzt? jetzt? in dieser Minute? Nimmermehr! jetzt nicht, jetzt kann ich
nicht zu ihm, rief Hippolit, bald erglhend bald erbleichend.
    Nein, Sie knnen und drfen es auch Ihrer Gesundheit wegen nicht, und ich
selbst will dieses ihm erklren, erwiderte Gabriele, gab dann schnell dem
Bedienten Befehl, den Grafen in einer Snfte nach Hause zu geleiten und ergriff
die Gelegenheit, mit leichtem Gru an ihm vorber zu eilen, um Moritzen ber
sein Nichterscheinen zu beruhigen.
    Sie verschwand bald unter den Sulen der Vorhalle, und Hippolit starrte noch
immer ihr nach. Er fhlte nicht, da die Binde wieder um den verwundeten Arm
gelegt ward, er merkte kaum, da man dem Ausgange des Gartens ihn zufhrte. Nur
als er zu Hause in seinem eignen Zimmer, aus den Fenstern desselben, Gabrielens
Pappeln wieder ganz in der Ferne erblickte, nur da kam ein lichter Gedanke an
die zunchst vergangne Stunde in ihm auf. Ein schnell aufsteigendes Wetter
thrmte sich schwarz und drohend hinter Gabrielens Garten am Himmel empor, schon
fielen einzelne groe Regentropfen schwer herab und die schlanken Wipfel der
Pappeln beugten sich tief vor dem pltzlich sich erhebenden Gewittersturm. Mit
bangem vorahnenden Herzen starrte Hippolit in den Aufruhr der Natur, der ber
Gabrielens Wohnung herein brechen zu wollen schien, als die Sonne die Wolken
zerri. Die Regentropfen wandelten sich in glnzend flssiges Silber, und hoch
ber den Pappeln wlbte sich prchtig der leichte Farbenbogen des Friedens und
der Hoffnung.

Mit so anscheinender Klte Gabriele auch immer die unerwartete Erklrung ihres
jungen Freundes aufgenommen haben mochte, in ihrem Innern fhlte sie sich doch
dabei von Mitleid, Schrecken und zrnendem Erstaunen bewegt. Vergebens versuchte
sie das ganze unangenehme Ereigni zu vergessen, sie konnte sich nicht enthalten
in der Einsamkeit darber nachzudenken. Seit Jahren hatte nichts ihre Ruhe in
dem Grde erschttert, es war ihr als laste seit jener Minute ein innrer Vorwurf
auf ihrem Gemthe und doch war es ihr unmglich, zu entdecken, wo und wie sie
gefehlt habe.
    Mimthig ber dieses bengstigende Empfinden, ergriff sie endlich die
Feder, um sich gegen Frau von Willnangen ber den Vorgang auszusprechen der es
veranlate, und so vielleicht auch mit sich selbst darber ins Reine zu kommen.
Doch kaum hatte sie einige Zeilen geschrieben, als sie mit unwilligem Lcheln
alles von sich schob und ihren Schreibtisch wieder zuschlo.
    Bin ich nicht thricht! sprach sie bei sich selbst. Mte Frau von
Willnangen nicht laut auflachen, wenn sie lse wie ich eifrig ernsthaft, gleich
einem sechszehnjhrigen Mdchen, ihr in groer Herzensangst die Liebeserklrung
eines kaum dem Knabenalter entwachsenen Jnglings mittheile, und sie bitte, in
dieser entsetzlichen Noth mir zu rathen? Nein! wahrlich nein! so groen Lrmen
wollen wir ber ein solches Flackerfeuer nicht anstellen! Ihre Wangen erglhten
in tiefer Beschmung. Wie war es mir mglich, die brausenden Ausbrche eines
exaltirten jugendlichen Sinnes so zu miverstehen? dachte sie, whrend sie den
angefangnen Brief wieder aus dem Schreibtisch nahm und vernichtete. Weichheit
des eben Genesenden, Frhlingsfreude nach langem Entbehren, lieen ihn sich
selbst verkennen; warum denn nicht auch mich? Er wird froh seyn, wenn ich zu
vergessen scheine, was ich nur vergessend verzeihen kann, und was er gewi nie
wieder wagen wird in Anregung zu bringen. Hchstens knnte nur durch Widerspruch
erregter Eigensinn ihn zur Beharrlichkeit bewegen, und das mu vermieden
werden.

Herrn von Aarheims Arzt erschien am folgenden Morgen, um Hippoliten die
Erlaubni zu erbitten, ihn am Abend besuchen zu drfen. Moritz suchte seinen
Jubel darber in allen Sprachen, deren er mchtig war, auszudrcken und
versicherte, nun ebenfalls in den nchsten Tagen wieder ausgehen zu knnen.
    Wir wollen uns damit denn doch nicht bereilen, erwiderte der Arzt, zu
Gabrielen gewendet. Auch dem jungen Grafen wre es sehr gesund, wenn er noch
einige Tage daheim bleiben wollte, aber er lt sich nicht halten und so ist es
gerathner, wenn wir ihm das Ausgehen mit gehriger Sorgfalt erlauben, als da er
uns, wie gestern geschah, entspringt, und unntzer Weise in Angst versetzt. Ich
fand ihn Nachmittags in heftiger fieberhafter Bewegung; auch seine Wunde schien
sich wieder entznden zu wollen, und doch war er augenscheinlich mehr exaltirt
als krank. Ich wute nicht, was ich aus dem wunderbaren Zustand machen sollte
und war schon im Begriff, ihn im Verdacht eines bedeutenden Vergehens gegen die
ihm vorgeschriebene Dit zu halten, als ich erfuhr, da er in der Sonnenhitze
von einem Ende der Stadt bis zum andern gelaufen sey.
    Hippolit erschien gegen Abend. Gabriele war absichtlich bei seiner Ankunft
in Moritzens Zimmer zugegen. Er errthete, erbleichte und kam bei ihrem Anblick
sichtbar auer Fassung, doch Moritzens ausgelassene Freude ber das Wiedersehen
seines Lieblings berstimmte alles, und verbarg auch die kleine Verlegenheit,
deren Gabriele im ersten Augenblick sich doch nicht gnzlich erwehren konnte.
Moritz war an diesem Abend, vielleicht zum erstenmal in seinem Leben, die Seele
des kleinen Vereins; er scherzte, lachte ber seine eignen Einflle, und lie
brigens niemanden zum Worte kommen. Hippolit bemhte sich zwar, wie sonst
munter und unterhaltend zu erscheinen, aber der Zwang, den er sich dabei anthat,
konnte nur einem Beobachter, wie Moritz war, entgehen. Gabriele ward dessen wohl
gewahr, sie nahm ihn als Beweis des beschmenden Gefhls, mit dem er des
gestrigen Morgens gedenken mochte, und strebte nur, durch mglichste
Unbefangenheit das Andenken einer Scene zu vernichten, die sie am liebsten ganz
in Vergessenheit begraben htte.
    Vierzehn Tage vergingen, whrend welchen Hippolit Gabrielen tglich, doch
nie alleine sah. Er selbst schien dieses zu vermeiden und htete seine Blicke
wie seine Worte, so da sie wiederum gegen ihn, sie wute selbst kaum wie, in
ihren gewohnten zutraulichen Ton gerathen konnte. Seine Genesung vollendete sich
in dieser Zeit, und auch Moritz erholte sich genugsam, um Tagelang mit Planen
fr den Rest des Sommers sich zu beschftigen. Jeden Tag wurde eine andere Reise
in Vorschlag gebracht, alle Beschreibungen groer und kleiner Bder, in der Nhe
und Ferne, wurden herbeigeschafft, aber es fanden sich immer am Morgen triftige
Grnde, das gestern Abend Gewhlte wieder zu verwerfen.
    Gabriele hatte allen diesen Berathschlagungen immer sehr gelassen und
gleichgltig beigewohnt, bis Moritz eines Morgens mit ganz ungewohnt adeligen
und ritterlichen Gesinnungen aufstand, sich zum Frhstck bei ihr melden lie,
und ihr dabei sehr feierlich erklrte, da er jeden Edelmann fr einen Thoren
achte, der ohne Noth, ferne von dem Sitz seiner Ahnen, im bunten Gewhl der
Menge sich herumstoen lasse, und da er deshalb gesonnen sey, sich mit ihr
innerhalb zweier Tage nach Schlo Aarheim zu begeben, um dort wenigstens bis zum
nchsten Winter zu residiren.
    Schlo Aarheim wieder zu sehen! Tausend widersprechende Gefhle wechselten
in Gabrielens Gemth bei diesem Gedanken. Es ward ihr, als harre ihrer in den
heiligen Mauern irgend etwas Unerwartetes, etwas Unerhrtes. Nicht um die Welt
htte sie eine Sylbe gesprochen und Moritzens Entschlu wankend gemacht, aber
sie bebte in ngstlicher Freude vor dessen Ausfhrung.
    Mit den altritterlichen Gesinnungen berkam dem Baron auch ein Anflug von
altritterlicher Gastfreiheit. Rechts und links lud er nun Freunde und Bekannte
ein, Wochen, ja Monate lang in der Burg seiner Ahnen bei ihm zu weilen. Auch
Gabriele mute an Frau von Willnangen schreiben und sie bitten, mit Augusten und
den Kindern die noch brige Zeit bis zur Heimkehr Adelberts und des Generals bei
ihr zuzubringen. Whrend sie mit diesem Briefe sich beschftigte, trat Hippolit
in ihr Zimmer und zum erstenmal seit dem Morgen in der Laube sah sie sich mit
ihm allein.
    Niemand htte in dem, bange und beklommen, in augenscheinlicher Verlegenheit
Dastehenden die vorlaute Zierde der elegantesten Zirkel, den dreisten Liebling
der glnzendsten Damen wieder zu erkennen vermocht. Er hatte recht ehrlich mit
sich gekmpft, ob er nicht die Reise nach Aarheim als Anla ergreifen solle, um
sich wenigstens auf einige Zeit von dem Gegenstand einer Leidenschaft zu
entfernen, deren Hoffnungslosigkeit sowohl, als deren Unbezwingbarkeit ihm mit
jedem Tage fhlbarer wurde. Schon glaubte er sich Sieger, als Moritzens
Einladung ihn von der getrumten Stufe herunterri. So lange er noch an der
Mglichkeit zweifeln konnte, in Gabrielens Nhe, unter ihrem Dache, in der
glcklichen Zwangslosigkeit eines lndlichen Aufenthalts selige Tage zu
verleben, so lange schien es ihm, als knne er entsagen; doch jetzt, da dieses
Glck ihm wirklich so nahe geboten ward, da er es beinahe ohne Unschicklichkeit
nicht von sich weisen durfte, jetzt mute er es ergreifen, und sollte er darber
zu Grunde gehen. Er dachte gar nicht mehr daran, freiwillig darauf resigniren zu
knnen, und nur der Zweifel marterte ihn, ob Gabriele ihm erlauben werde, die
Einladung anzunehmen.
    Herr von Aarheim hatte die Gte, mich einzuladen, flsterte er ngstlich
und kaum vernehmbar -
    Und Sie frchten die Burggeister? und mchten uns lieber nicht begleiten?
unterbrach ihn Gabriele mit etwas erzwungner guter Laune, denn Hippolits
Verlegenheit steckte auch sie an. Wenn ich Ihnen rathen darf, fuhr sie
lchelnd weiter fort, so berwinden Sie Ihre Geisterfurcht und begleiten uns;
finden Sie dort nicht das Gewohnte, so finden Sie dafr das Ihnen Neue. Die
ehrwrdige Burg, das wilde, schne Thal, die Felsen und Hhlen, ja selbst die
tiefe Einsamkeit, Aehnliches ist Ihnen vielleicht im Leben noch nicht
vorgekommen. An geselliger Abwechselung wird es uns ebenfalls nicht gnzlich
fehlen; viele unserer hiesigen Freunde versprachen auf ihrer Rckkehr aus den
bhmischen Bdern einige Tage bei uns zuzubringen, und den kurzen Umweg weniger
Meilen nicht zu scheuen. Und um Sie nicht ganz mit der Zukunft vertrsten zu
mssen, so habe ich auch Hoffnung, mir Ida und Bella von Schneck von ihrer
Mutter zur Begleitung zu erbitten. Die kaum zwei Tagereisen entfernte groe
Stadt, wo ich bei meiner Tante zuerst in der Welt erschien, wird uns hoffentlich
ebenfalls manchen angenehmen Besuch frherer Bekannten zusenden, setzte sie
hinzu, da Hippolit noch immer schwieg.
    Wie ber allen Ausdruck gtig ist es, da Sie sich das Ansehen geben
wollen, als wnschten Sie mich zum Mitgehen zu bereden, whrend ich in Demuth
Ihrer Entscheidung harre, ob ich Sie begleiten darf, sprach er endlich,
sichtbar erleichtert. Doch darf ich es gestehen? Da die Aussicht, von so viel
gleichgltigen Besuchern umschwrmt -
    Es wird damit so gar arg nicht werden als Sie es sich denken, unterbrach
ihn Gabriele; wir werden genug der Tage, vielleicht sogar der Wochen frei
behalten, um unsre alten Uebungen wieder vorzunehmen; ich wette, es thut damit
Noth, denn Sie sind gewi whrend Ihrer Krankheit nicht fleiig gewesen; eben so
wenig als ich bei der meines Gemahls es seyn konnte. Das mssen wir wieder
einbringen. Fr Ihr Landschaftzeichnen bietet mein Thal Ihnen bei jedem Schritt
die herrlichsten Punkte. Auch unsere musikalischen Uebungen und vor allem unser
Studium der Kunstgeschichte wollen wir mit Eifer wieder vornehmen. So wie wir
uns in Schlo Aarheim nur ein wenig eingerichtet haben, sollen Winkelmann und
der alte Vasari wieder an die Reihe kommen. Ida und Bella werden gern an alle
diesem thtigen Antheil nehmen.
    Ziemlich gegen ihre sonstige Art, hatte Gabriele rasch hinter einander weg
gesprochen, als ob sie eine Indiskrezion von Hippoliten befrchtete, und ihn
deshalb lieber gar nicht zu Worte kommen lassen wollte. Er selbst hingegen war
whrend der Zeit seiner innern Bewegung Meister geworden und so nahm von nun an
das Gesprch eine ruhigere Wendung, whrend dessen beide vereint eine Auswahl
unter Bchern, Musikalien und allerlei Kunstgerth trafen, die sie mit nach
Schlo Aarheim nehmen wollten. Hippolit schwamm dabei in einem Meer von Wonne,
doch htete er sich gar sehr vor jeder, auch der unmerklichsten Aeuerung seines
Empfindens.
    Gabriele hatte sich bis jetzt tglich unzhligemal wiederholt, da nichts
lcherlicher seyn knne, als wenn sie jene Erklrung Hippolits fr etwas mehr
nehmen wolle als fr jugendliche Uebereilung, in einem durch Zuflligkeiten bis
zur Ueberspannung gereizten Zustande. Auch war sie von der Wahrheit dieser
Ansicht fest berzeugt, vielleicht weil sie es seyn wollte, denn wer vermag zu
unterscheiden, was ihr selbst immer dunkel blieb? Eine Art ngstlicher
Uebereilung im Gesprch, die ihr nicht eigen zu seyn pflegte, schien freilich
oft, wie eben auch jetzt, geheimes Frchten einer Aufklrung anzudeuten, das
denn doch, ihr selbst unbewut, in einem Winkel ihres Herzens lauschen mute,
den sie, aus verzeihlicher Zaghaftigkeit vielleicht, zu ergrnden nicht wagen
mochte.
    Fern von Allen, welche sie liebte, in der trostlosen Umgebung, zu der das
Schicksal sie verurtheilte, hatte sie in Hippoliten endlich eine fr ihr Gemth
wie fr ihren Geist gleich wohlthuende Erscheinung gefunden. Sie konnte nicht
ohne die reinste Freude, nicht ohne inniges Wohlwollen den glcklichen Einflu
bemerken, den ihre Leitung und warum sollte sie es sich nicht aussprechen? den
ihre Nhe an ihm bten. Jemehr angebornen Edelsinn, unglaubliche Gte, und
andere glnzende Eigenschaften des Geistes und Gemths er im Umgange mit ihr
entfaltete, je deutlicher sah sie mit Schaudern, wie nahe er bei alle diesem dem
Untergehen in Eitelkeit, Unglauben und Lieblosigkeit gewesen war. Nie, unter
keinen Umstnden, htte sie ohne den tiefsten Schmerz ihn wieder loslassen, nie
ihn dem eitelsten Treiben wieder bergeben knnen, dem er an ihrer Hand so
tapfer sich entwunden hatte. Und nun, nach seinem an Adelberten gebten Edelmuth
fhlte sie noch durch das heilige Band inniger Dankbarkeit sich ihm
verpflichtet. Daher fiel es ihr nicht ein, ihm eine strenge Richterin werden zu
wollen, daher sah sie so gern in der Unruhe, die ihn in ihrer Nhe ergriff, nur
das Bestreben, jedes Erinnern an ein Betragen zu verhten, dessen er, ihrer
Meinung nach, sich jetzt herzlich schmen mute! Und wer mag sie deshalb tadeln?
Wer mag es verdammen, da ihrem reinen Gemthe nie der Gedanke kam, um einer dem
Irrthum verfallnen Minute willen, ihn dem Verderben Preis zu geben? Gabriele war
zu rein tugendhaft, um je daran zu denken es seyn zu wollen; daher konnte ihr
der Gedanke gar nicht kommen, da sie hier vielleicht ein Opfer zu bringen habe.

Ida und Bella von Schneck waren ein paar gute, liebe und schne Kinder, deren
harmlose Gesellschaft nur dazu dienen konnte, das Einerlei eines zu kleinen
Kreises zu unterbrechen, ohne durch groes Uebergewicht strend zu werden. Bei
ihrer in sehr beschrnkten Umstnden lebenden Mutter hatten sie nur einsame Tage
gesehen, bis Gabriele der armen lebenslustigen Mdchen sich annahm und ihnen zu
mancher ihrem Alter und ihrem Range angemessenen Freude verhalf, nach der sie
bis jetzt sich um so heier gesehnt hatten je ferner sie ihnen geblieben waren.
    Alles neue war ihnen willkommen; daher fanden sie sich am Tage der Abreise
mit frohen erwartungsvollen Gesichtern bei Gabrielen ein, um sie nach Schlo
Aarheim zu begleiten. Sie fuhren in Gabrielens Wagen. Moritz hatte seinem jungen
Freunde einen Platz neben sich in seiner, nach ganz eigner Erfindung erbauten
Batarde bestimmt, doch dieser zog es gewhnlich vor, auf einem der schnen
Pferde, die er sich nachfhren lie, bald Gabrielens Wagen zu umschwrmen, bald
Morgens einige Stunden frher aufzubrechen, um die Uebrigen im
gemeinschaftlichen Absteigequartier zu empfangen.
    Den beiden jungen Mdchen zu Gefallen, deren Fantasie sich aus Romanen und
Beschreibungen ein himmlisch schnes Bild von den Freuden des Badelebens
zusammen gesetzt hatte, war der Umweg ber Karlsbad beschlossen worden. Mit dem
Gefhle des frommen Wallfahrers an heiliger Sttte, sah Gabriele sich zum
zweiten Mal auf diesem Wege, der sie vor sieben Jahren zu dem Wendepunkte ihres
Lebens gefhrt hatte, von welchem die lange Reihe der strengen Entsagungen und
der den schwersten Opfern geweihten Tage ausging, die sie seitdem verlebte.
    In Karlsbad selbst knpfte sich eine oder die andere frohe oder bittere
Erinnerung an jeden ihrer Schritte; in stiller Wehmuth suchte sie jedes
Pltzchen auf, das irgend ein ihr merkwrdiges Ereigni bezeichnete; vor allem
aber versumte sie es nicht, in einer stillen feierlichen Abendstunde zur
kleinen Marienkapelle im Walde einsam zu wallfahrten, whrend ihre
Begleiterinnen unter Moritzens Schutze sich im schsischen Saal im lustigen
Wirbeltanz drehten.
    Es war am Vorabend eines heiligen Festes. Die Betsthle waren leer, nur ein
Kind lag in einem Winkel der Kapelle auf den Knien, whrend der Sakristan den
Altar abstubte, den morgenden Festputz des Muttergottes-Bildes zurecht legte
und die welken Blumen und Krnze wegnahm, um sie durch neue zu ersetzen.
    Gabriele sah dem einfltig-frommen Treiben eine Weile zu, ehe sie ihrer
Stimme Festigkeit genug zutraute, um nach der armen alten Frau zu fragen, die
sonst um diese Stunde hier zu beten pflegte, und die sie jetzt mit trbem
Vorahnen vermite.
    Die ist bei Gott, erwiderte der Sakristan; ich kannte sie wohl, sie war
eine fromme Frau dort unten aus dem Dorfe; sie hatte ein Gelbde gethan und
hielt es redlich, bei Frost und Hitze, im Sonnenschein und Regen. Und so ist sie
zum Lohne hier an heiliger Sttte vor drei Monaten sanft und selig entschlafen.
Wir wollten sie wecken, da es dunkel ward, und sie noch immer auf den Knien wie
betend lag, aber sie erwachte nimmermehr auf Erden.
    Gabriele zerflo in Thrnen der innigsten Rhrung, whrend der Sakristan so
sprach. Ottokars Bild stand vor ihr und jedes entschlummerte Gefhl in ihrem
Herzen regte sich mchtig und laut; ihr war als seyen die Jahre zwischen jetzt
und jenem Abend, wo sie an dieser nehmlichen Stelle gestanden hatte, ganz aus
der Reihe der Zeiten getilgt, als sey alles noch wie damals.
    Indessen hatte das Kind sich ihnen genhert und wollte mit schchternem
Grue vorber, als der Sakristan es anhielt. Das ist ein Urenkelchen der alten
frommen Mutter, Ihro Gnaden, sprach er, und klopfte freundlich die vollen
blhenden Wangen des Mdchens. Nun schme dich nicht, fuhr er fort, du bist
ein frommes Kind, Gott und die Heiligen werden deinen Vater und deine Mutter
dafr segnen, denn das Gebet frommer Kinder dringt durch die Wolken.
    Ich hab nicht fr Vater und Mutter gebetet, sprach das Kind.
    Nicht fr Vater und Mutter? fr wen denn, fragte der Sakristan.
    Wei nicht, war die Antwort, aber die heilge Jungfrau wird schon
verstehen, wem es angeht, sprach Aeltermutter selige, und weil Mutter es ihr
einmal versprochen hat, da sie krank war, so geht immer Eins von uns zur
Vesperzeit hieher und betet wie Aeltermutter sonst, da sie noch lebte.
    Gabriele sank auf der Stelle, wo das Kind gebetet hatte, in stiller Rhrung
hin, der Sakristan und das Kind, reichlich von ihr beschenkt, entfernten sich
schweigend und ehrfurchtsvoll. Ihr Auge schwamm in sen Thrnen, ihr Herz in
seliger Wehmuth. War es Gebet, war es Erinnerung, war es Hoffnung, was ihren
Busen in lange nicht gefhlter Wonne hob, sie wute es nicht zu unterscheiden,
aber sie lag da auf den Knien, in Andacht und Freude verloren, bis die fast zur
Dunkelheit gewordne Dmmerung sie erweckte. Langsam erhob sie sich und sah dicht
hinter sich Hippoliten in ihrem Anblick versunken. Sie wickelte sich als sie ihn
gewahrte, fester in ihren groen Shawl, den sie wie einen Schleier ber den Kopf
nahm, als solle er gegen die Abendkhle sie schtzen.
    Hippolit verstand diese Bewegung, stumm und ehrfurchtsvoll zog er sich
zurck whrend sie an ihm vorberging und wagte es nicht ihr den Arm zu bieten.
Er drckte nur die zurckflatternde Ecke ihres Shawls demthig an seine Lippen,
ohne da sie dieses bemerkte und folgte dann von ferne, um sie auf dem Wege nach
ihrer Wohnung zu beschtzen.
    Wenig Tage darauf verlieen sie Karlsbad.

                                 Dritter Theil


 Ihn mut' ich lieben, weil mit ihm mein Leben
 Zum Leben ward, wie ich es nie gekannt.
                                                                          Gthe.

Karlsbad im Rcken, ging die Reise schnell vorwrts. Bald waren die beiden
schroff und zackig emporstrebenden Felsen erreicht, die, einander
gegenberstehend, von dieser Seite die Grnze der zu Schlo Aarheim gehrenden
Lndereien bezeichnen, und den, einem Riesenthor hnlichen Eingang zu dem
schauerlichen Felsenthale bilden, in welchem der Eisenhammer liegt.
    Im rmlichen Geprnge, so gut sie es vermochten, mit ihren drftigen
Festkleidern geschmckt, harrten dort die Einwohner des Thals, um die
Gutsherrschaft vor allen andern zuerst in ihrem Eigenthum zu begren. Die
Kinder streuten Blumen, die Alten riefen ein Lebehoch, und Gabrielens
berwallendes Herz erlaubte ihr kaum, im Wagen zu bleiben, whrend Moritz mit
echt spanischer Grandezza da sa, und sich allen mglichen Zwang anthat, um sich
nicht an seiner Wrde durch zu freundlichen Dank etwas zu vergeben, zu dem seine
angeborne Gutmthigkeit ihn dennoch trieb. Denn wunderlich genug war es ihm
pltzlich in den Sinn gekommen, sich hier das stolze Betragen seines Vorfahren,
des alten Barons Aarheim, zum Muster zu nehmen. Gabriele hingegen rief viele der
Landleute, welche sie erkannte, bei Namen, erkundigte sich nach ihrem Ergehen,
liebkoste die Kinder, und schickte endlich alle beschenkt und glcklich in ihre
armen schwarzgerucherten Htten zurck. Dann eilte sie fort aus dem frohen
dankbaren Gedrnge, um in dem Hause des Frsters Ernestos ehemalige Wohnung
aufzusuchen. Ida und Bella begleiteten sie; ihrer gutartigen Neubegier war alles
interessant, Moritz folgte ihnen etwas langsamer mit Hippoliten.
    Im Gedrnge des Lebens, unter ewigen Zerstreuungen hatte Moritz sich der
Gewohnheit hingegeben, Gabrielen die Seine zu nennen, ohne weiter daran zu
denken wie sie es ward; hier aber rief ihm alles Scenen zurck, bei deren
erneuertem Andenken sein Blut noch erstarrte. Das Knarren der elenden hlzernen
Treppe des armseligen Hauses erinnerte ihn auf das lebhafteste, wie er am Morgen
seines schauerlichen Vermhlungstages Erneston hier aufsuchte, um von ihm Rath
und Trost zu erflehen. Ohnerachtet eines gewissen innern Grauens kam ihm doch
jene stolze Freude an, die der armseligste Thor am lebhaftesten empfindet, der
ein merkwrdiges oder gar gefahrvolles Ereigni erzhlen kann, in welchem ihm
eine Hauptrolle ward. Eben wandte er sich an Hippolit mit einem recht wichtigen
Gesicht und allerlei geheimnireichen Redensarten, die deutlich den Wunsch,
befragt zu werden, verriethen, als Ida oben im Hause an das offne Fenster trat,
und die Herren antrieb, eilends hinauf zu kommen, weil oben viel Schnes zu
sehen sey.
    Hippolits Aufmerksamkeit beim Eintritt in Ernestos kleinem Stbchen zogen
zuerst die weien Wnde an, auf denen er mit kunstreicher Hand allerlei Skizzen
von Felsen, Baumgruppen und Gestruch hchst geistreich mit der Kohle entworfen
hatte. Die Frulein beschftigten sich indessen mit einer groen Mappe voll
Zeichnungen, welche, wahrscheinlich aus Vergessenheit, in der Schublade des
Tisches zurckgelassen worden war, und Gabriele, das schne Haupt gedankenvoll
auf die Hand gesttzt, schaute hinaus auf die dunkeln Felsenspitzen rings umher.
    Mein Gott! welche Aehnlichkeit! rief pltzlich Ida berlaut. Moritz und
Hippolit nherten sich, die Zeichnung, welche ihr diesen Ausruf abgelockt hatte,
zu betrachten, und ihre Aeuerungen, die eher Tadel als Lob anzudeuten schienen,
machten auch Gabrielen darauf aufmerksam. Sie trat zu den Uebrigen an den Tisch,
doch kaum hatte sie einen Blick auf das Blatt geworfen, so bebte sie mit einem
Schrei des Entsetzens zurck. Sie sah sich selbst. Unverkennbar hnlich war sie
hier als Virginia dargestellt, ber deren schuldlosem Herzen der Vater eben den
Dolch gezckt hielt. Icilius eilte aus der Ferne herbei, nher ein alter Rmer
im sichtbaren Bestreben, den Streich abzuwenden; unten standen die Worte:
Libertade e morte ultimo pegno d'amor. Die Zeichnung war sehr ausgefhrt, fast
ganz vollendet; Virginius trug unverkennbar die Zge des verstorbnen Freiherrn
Aarheim, der zur Hlfe herbeieilende Alte glich Erneston selbst, Icilius war
sehr in der Ferne gehalten, doch glaubte Gabriele in ihm eine Aehnlichkeit mit
Ottokar zu entdecken.
    Welch eine Darstellung! Wie konnte Ernesto sie ersinnen! rief Gabriele fast
zrnend aus, und wendete den Blick mit Grausen von dem Bilde ab; bald aber fate
sie es wieder und betrachtete es mit immer grrer Theilnahme. Obgleich sie mit
der eigentlichen Veranlassung desselben unbekannt geblieben war, so erkannte sie
darin doch eine Allegorie auf ihr Leben, die sie schmerzlich berhren mute.
Eine stille Thrne stieg ihr ins Auge, als sie Ottokars nur undeutlich, wie aus
einem Nebel hervortretende Gestalt erblickte. Dann betrachtete sie Ernestos
Bild, und die in seinen Zgen ausgedrckte schmerzliche Angst erinnerte sie auf
das lebhafteste an seine ihr von jeher bewiesene Liebe und Treue. Es fiel ihr
ein, da er wohl nie daran gedacht habe, der Zufall knne ihr die Zeichnung
entgegen fhren, und sie ward ihr jetzt zur wortlosen Klage des fernen Freundes.
Immer tiefer sah sie sich hinein und kaum vermochte sie es, den Blick wieder
davon abzuwenden.
    Die Aehnlichkeit der Gesichter ist unverkennbar, aber eine weit grre
innre Aehnlichkeit liegt zum Grunde, von der Gabriele nichts ahnet, flsterte
Moritz Hippoliten ziemlich hrbar zu. Gabriele vernahm die Bemerkung, die sie
aus Moritzens Munde zu hren nie erwartet htte. Unwillkhrlich suchte ihn ihr
Blick, er stand dicht vor ihr und sah sie mit einem so eignen zweideutigen
Ausdruck an, da sie darber erschrack. Mit zitternden Hnden packte sie die
Zeichnung nebst allen brigen schnell in die Mappe, die sie mit nach Schlo
Aarheim nehmen wollte, um sie dort dem Eigenthmer sichrer aufzubewahren; dann
eilte sie, das Haus und so bald als mglich auch das Thal zu verlassen.
    Durch die Zeichnung sowohl, als durch Moritzens rthselhafte Aeuerungen auf
das Hchste gespannt, konnte Hippolit den Augenblick kaum erwarten, wo er mit
Herrn von Aarheim im Wagen allein seyn wrde, um diesen mit Fragen und
Nachforschungen zu bestrmen. Doch Moritzens ungemeine Redseligkeit lie es
nicht dazu kommen. Ueber allen Ausdruck vergngt die Hnde in einander reibend,
begann er, sobald er sich bequem zurecht gesetzt hatte, von sich zu erzhlen. Er
redete von sich und immer von sich und war selig in diesem Bewutseyn, ohne im
mindesten auf den Eindruck zu achten, welchen seine Worte auf seinen Zuhrer
machten.
    Hippolit ward in diesem Gesprch von allem unterrichtet, was er lngst zu
erfahren so sehnlich gewnscht hatte; von Gabrielens frherm Geschick und durch
welche sonderbare Verknpfung der Zuflligkeiten sie eben die Gemahlin der
Lcherlichsten und Lstigsten aller Karrikaturen geworden war. Von Grausen und
unaussprechlichem Mitleid im Innersten der Seele erschttert, hrte er die
seltsame Erzhlung an. Es ward ihm nicht ganz klar, welche Mittel der furchtbare
Wahnsinnige angewandt haben mochte, um Gabrielen in Moritzens Arme zu treiben,
denn Gabrielens Gemahl hatte nie die nhren Umstnde von dem letzten, alles
entscheidenden Gesprch zwischen Vater und Tochter erfahren drfen. Hippolit
fhlte aber mit fester Ueberzeugung, da ein unausweichbares Geschick hier
gewaltet habe, ber welches nachzudenken, er schaudernd vermied, um seiner Sinne
mchtig zu bleiben. Pltzlich ergriff ihn der Gedanke, da Moritz in seiner
jetzigen offenherzigen Laune auch Gabrielen hier, an Ort und Stelle, zur
Vertrauten dessen machen knne, was ihr ewig verborgen bleiben mute. Er fhlte
im eignen Herzen mit unaussprechlicher Angst, da sie diesen Moment vielleicht
nicht berleben werde, und begann nun all' seinen Einflu zu erschpfen, um
ihren Gemahl zum Geloben ewigen unverbrchlichen Schweigens ber diesen
Gegenstand zu bewegen. Er ging sogar so weit, ihm nicht undeutlich zu verstehen
zu geben, wie man doch so ganz eigentlich nicht wissen knne, auf welche Weise
der alte Baron im Geisterreiche, dem er doch lebend schon halb angehrt habe,
eine Indiskrezion ber diesen Punkt aufnehmen drfe.
    Dieser Bewegungsgrund wirkte mehr als alle brigen, Moritz erbleichte und
blickte sehr bedenklich zu den grauen alten Thrmen und zackigen Mauern hinauf,
welche wie aus dem Felsen, der sie trug, hervorgewachsen, bei einer Biegung des
Weges jetzt zum erstenmal sichtbar wurden.
    Auch auf Hippoliten machte der Anblick des alten Gebudes einen tiefen
Eindruck, das ihm, wie von einer unersteiglichen Hhe, entgegenstarrte. Und als
er nun vollends Gabrielens Wagen vor sich, in der alle Gegenstnde verwirrenden
Dmmerung, auf dem steilen Wege sich hinaufwinden und dann zum dstern Auenthor
hineinfahren sah, da ward ihm, als versnke sie in einem offnen Grabe.
    In der hochgewlbten Eintrittshalle, beleuchtet vom schwankenden Schimmer
vieler Fackeln, hatten sich die verlebten Gestalten der einst hier im Dienst von
Gabrielens Vater ergrauten alten Diener zum Empfange versammelt. In ihren nach
der Farbe des Wappens auf das strengste gewhlten altmodischen Galla-Livreen
standen sie ehrfurchtsvoll in eine Reihe geordnet; Frau Dalling an ihrer Spitze.
Auch das Haar dieser war wei geworden und ihre Gestalt hatte sich gebeugt.
    Gabriele schwang sich, so wie sie ihrer gewahr ward, ganz allein aus dem
Wagen, beinahe ehe er noch hielt, warf sich der geliebten mtterlichen Frau in
die Arme, und begrte sie mit tausend sonst gewohnten kindlichen
Schmeichelnamen. Dann wandte sie sich an die alten Diener mit den
allerfreundlichsten Worten; sie reichte ihnen die Hnde und alle drngten sich,
zum Theil knieend, um sie her und kten unter verworrnen freudigen Ausrufungen
bald ihren Shawl, bald den Saum ihres Kleides.
    Moritz trat mit dem erhabensten Anstande, den er aufzubringen wute, herein,
aber die freudige Gruppe ward seiner nicht gewahr. Hippolit schauderte zurck,
da er Gabrielen von alle den greisen bleichen Gestalten umgeben sah, die kaum
noch dem Leben anzugehren schienen; er glaubte die geliebte Gestalt schon im
Gebiete der Unterirrdischen zu erblicken, whrend Ida und Bella in einiger
Beklommenheit seinen Arm ergriffen, als wrde es ihnen so besser gelingen, das
Grausen zu bekmpfen, welches der erste Eintritt in das alte wunderlich-dunkle
Schlo in ihnen erregte.

Unter Gabrielens sorgfltiger Leitung ward indessen gar bald alles zu Jedermanns
Zufriedenheit geordnet. Die Frulein kamen unter den Schutz der Frau Dalling,
und vergaen dort alles Grauen, obgleich das Schlo Ubaldo und andre
Reminiszensen aus ihren Romanen, ihnen oft genug in den Sinn kamen. Gabriele
bezog wieder die einfachen Zimmer, welche sie von jeher im Schlosse bewohnt
hatte. Gute Geister, von denen einst ihre harmlose Kindheit beschtzt worden,
umwehten sie auch jetzt dort, und hauchten in seligen Trumen ihr Ruhe und
Hoffnung in die jetzt nicht weniger als damals schuldlose Brust.
    Auch Hippolit war mit seiner Wohnung zufrieden, denn aus einer Fensterecke
derselben konnte er zu Gabrielen hinber sehen, und Abends zuweilen ihren
Schatten belauschen, wenn dieser an den heruntergelanen Vorhngen
vorberstreifte.
    Nur Moritz befand sich in einer trbseligen Lage. Er hatte es seiner Wrde
angemessen erachtet, die alten Prunkgemcher zu beziehen, welche von seinem
Vorfahren zuletzt bewohnt worden waren, und nun ergriff ihn jedesmal eine
unberwindliche Gespensterfurcht, wenn er, besonders Nachts, sich dort allein
fand. Ueberall vernahm er ein geisterartiges Rauschen und Rascheln, von den
Ruinen der Brandsttte tnten wunderliche Klnge zu ihm herber, und ein paarmal
glaubte er sogar im hellen Dmmerlichte der Sommernacht den alten Baron auf
seinem gewohnten Platz im Lehnstuhl am Fenster, den Ruinen gegenber, zu
erblicken.
    Wie alle, die mit sich nicht im Klaren sind, war auch Moritz ein
wunderliches Gemisch von Freigeisterei, Vernnftelei und ganz gemeinem
Aberglauben. Vergeblich strebte er diesen wegzusptteln und wegzuraisonniren,
immer und ehe er sich dessen versah, bte derselbe seine Gewalt ber ihn aus,
aber um aller Gter der Welt willen htte er dieses nicht eingestanden. Deshalb
konnte er sich auch nicht entschlieen, die ihm so furchtbaren Zimmer mit andern
zu vertauschen, obgleich er beinahe in keiner Nacht eines ruhigen Schlafs sich
in ihnen erfreute.
    Am Tage ging es nicht viel besser, denn da marterte ihn der Anblick der
seinen Fenstern gegenberliegenden Brandstelle. Die Lust, etwas ganz Unerhrtes,
nie Gesehenes hier aus der Asche entstehen zu lassen, regte sich um so
unwiderstehlicher, je enger ihm in dieser Hinsicht die Hnde gebunden waren.
Sogenannte Nachbarn, von der Neugier meilenweit zu ihm gefhrt, machten ihm
durch ihre Aufforderungen und Vorschlge zum Bauen die Entsagung noch schwerer;
denn er mochte nicht gestehen, was ihn eigentlich zurckhielt. Unzhligemal nahm
er den Bauri, der einst des alten Barons Zorn so heftig erregt, zur Hand,
betrachtete ihn mit sehnsuchtsvollen Blicken, und legte ihn mit ngstlichem
Frsteln wieder hin. Endlich kam es so weit, da er sogar Gabrielen fast nie
ohne eine geheime widerwrtige Regung anblicken mochte, denn alles erinnerte ihn
daran, da er ohne sie hier als unumschrnkter Gebieter nach Belieben wrde
schalten und walten, einreien und bauen drfen. Gleich allen erklrten
Gnstlingen des Glcks war es ihm unmglich, nicht gerade das Einzige, was ihm
versagt war, fr das Allerwnschenswertheste zu achten. Dieses rgerliche
Empfinden verleitete ihn nicht selten zu Ungleichheiten im Betragen und
ungeduldigen Ausfllen, wie er sich frher deren nie gegen seine Gemahlin
erlaubt hatte. Gabriele wute indessen diesem allen mit so edler Gelassenheit zu
begegnen, ohne sich ihrer Wrde im mindesten dabei zu vergeben, da Moritz
gewhnlich im nchsten Moment ber seine eigne Unart erschrak und sich sichtbar
schmte, doch ohne es anerkennen zu wollen.
    Niemand beschreibt den wilden Schmerz Hippolits bei solchen Anlssen. Seit
er als Hausgenosse Gabrielen in ihren huslichen Verhltnissen genauer
beobachten konnte, stieg sein Gefhl fr sie bis zur Anbetung; er htte sein
Leben hinbluten mgen, um ihr einen frohen Augenblick zu erkaufen. Keins der
unzhligen Opfer, welche sie ihrer Pflicht tglich brachte, entging seinem
Scharfblick. Und wenn sie dann mit ihrem schuldlosen Lcheln, in milder
Heiterkeit vor ihm stand, mit Leichtigkeit und Sorgfalt nur auf das Vergngen
ihrer nchsten Umgebungen bedacht schien, so htte er vor ihr in den Staub
sinken mgen, wie vor einer himmlischen Erscheinung.
    Nein! sie ist nicht von dieser Welt! rief er oft in die schweigende Nacht,
wenn er mit sich allein den eben verlebten Tag berdachte, sie gehrt nicht zu
uns. Sie ist ein Engel, der, uns zum Vorbild, einige Zeit unter uns wandeln mu;
weder Wonne noch Schmerzen, wie wir sie empfinden, knnen das Gemth dieser
Heiligen berhren!
    Aengstlicher als je zuvor bewachte er den Sturm in seiner Brust, kein Wort,
kein Blick durfte ihn verrathen. Nur wenn er ganz unbeachtet sich glaubte, wagte
er es zuweilen, ihr Kleid zu berhren, eine Blume aufzunehmen, welche sie
achtlos liegen lie, oder an den Platz sich hinzuwerfen, den sie eben verlassen
hatte. Wenn sie auf Spaziergngen ihren Schawl ihm anvertraute, oder wenn er
vollends ihren Gesang mit seiner Flte begleitete; und ihr Hauch an seiner Wange
streifte, dann erbebte er in Seligkeit, aber er schwieg und wagte nicht, die
Augen zu erheben, damit sie nicht an ihm zu Verrthern wrden.
    So vergingen einige Wochen. Am Ende derselben sah Gabriele sich mit ihren
beiden jungen Gesellschafterinnen und Hippoliten fast immer allein, denn Moritz,
der noch nie eine der unzhligen Thorheiten seines Lebens so schmerzlich bereut
hatte, als den Entschlu, nach Schlo Aarheim zu gehen, schmte sich doch, durch
seine Abreise vor der dazu bestimmten Zeit, dieses einzugestehen. Er whlte
lieber einen Mittelweg, der seiner Schwche besser zusagte. Er war nie zu Hause,
machte Besuche zehn Meilen in die Runde, suchte die in der Umgegend wohnenden
Mineralogen auf, und unternahm mit ihnen kleine Reisen; denn fr dieses
Lieblingsfach seines Wissens blieb seine Vorliebe bestndig sich gleich.
Hippolit begleitete ihn selten, seine Unwissenheit im mineralogischen Fache
diente ihm meistens zur Entschuldigung, und da Moritz die gewohnte Erheiterung
in seiner Gesellschaft jetzt weder suchte noch fand, so erlaubte er ihm recht
gern, zum Schutz und Zeitvertreib der Damen zu Hause zu bleiben. Er that sich
noch dabei auf seinen Scharfblick etwas zu gute, der ihm eine entstehende
Leidenschaft Hippolits zu der schnen Ida entdecken lie. In besonders
aufgeweckten Momenten ermangelte er auch nicht, seinen jungen Freund mit dieser
Vermuthung zu necken, und dessen aus andern Grnden sehr verlegnes Lugnen
bestrkte ihn in dem Glauben daran, statt ihm denselben zu rauben.

Ruhig von innen und auen, sahe Gabriele den Herbst herannahen. Moritzens
Gegenwart trat jetzt sehr selten strend ein und sie zhlte wirklich Tage und
Wochen, die ihr ein recht anmuthiges Bild der frher an der Hand der Mutter
verlebten glcklichen Jugend gewhrten. Das Schlo war voll Reliquien jener
Zeit. Zeichnungen, Bcher, Musikalien, was nur die geliebte Verklrte berhrt
hatte, ward von Gabrielen zusammengetragen, aufbewahrt, in ihrem Geiste benutzt.
Musikalische Uebungen, gemeinschaftliches Zeichnen, geistige Beschftigungen
aller Art, lieen dem kleinen Kreise keine rauschendern Freuden vermissen.
    Ida und Bella wurden gar nicht gewahr, in welcher fast gnzlichen Einsamkeit
sie sich eigentlich befanden. Ihre Begriffe, ihr Wissen, ihre Ansichten von der
Welt und ber das Leben erweiterten sich mit jedem Tage, sie wuten nicht wie?
Denn sie erhielten keinen eigentlichen Unterricht, der in der Stadt im Hause
ihrer Mutter sie oft bis zum Sterben langweilte. Auch Hippolit, obgleich er im
eigentlichen geordneten Wissen sich ber Gabrielen erheben durfte, fhlte
dennoch, wie im Umgange mit ihr alles, was er jemals gelernt hatte, ihm erst zur
Wahrheit wurde, weil es in das wirkliche Leben verflochten ward, statt da es
sonst nur kalt und todt ihm eben zur Hand gewesen war, wie etwa ein Lexikon, in
welchem man aufsucht, was man fr den Augenblick braucht.
    Htte Gabriele jemals ahnen knnen, wie schwer der junge Freund, an dessen
geistigem Entwickeln sie so innig sich freute, fr jede selig mit ihr verlebte
Stunde in der Einsamkeit unter den wthendsten Qualen glhender, hoffnungsloser
Leidenschaft ben mute! Aber ihrem unbefangnen Sinn kam nie ein solcher
Gedanke. Sein durchaus vorsichtiges Benehmen hatte lngst jede Erinnerung an
jenen unbewachten Augenblick in der Laube verlscht, und wenn auch in seltnen
Momenten ein Wort, ein Blick ihm entschlpfte, der sie daran htte erinnern
knnen, so war Gabriele weder eitel noch argwhnisch genug, dieses zu bemerken.
Er ward ihr mit jedem Tage lieber, wie aller Frauen wird, was sie sorgsam
pflegen und erziehen. Die sichtbare Veredlung seines Wesens, sein eigentliches
Selbst war ihr Werk, das mute sie mit freudigem Stolz sich gestehen, und dabei
pries sie dankbar die Gelegenheit, die ihr ward, ihm so zu vergelten.
    Freilich vergingen Tage, in denen auch Hippolit der Gegenwart sich hingab
wie ein Kind, ihm gengte dann, sie zu sehen, zu hren, von ihr angelchelt zu
werden. Aber wenn nun Moritz nach einiger Abwesenheit zu Hause kam, wenn dieser
es wagte, Gabrielen vertraulich zu begren, und nun pltzlich der Dmon der
tollsten Eifersucht Hippoliten zuflsterte: sie ist sein, des migeschaffnen,
lcherlichen Alten, sein, ganz sein, auf immer! Dann strmte er fort, hinaus in
den Wald, in Klfte, zwischen Felsen, wie ein gejagter Hirsch, der den Pfeil in
der wunden Brust mit sich trgt. Oft irrte er in tiefer Nacht zwischen den
Ruinen der Brandstelle, kletterte mit Lebensgefahr ber die morschen Mauern und
suchte die verschtteten Eingnge zu den Gewlben. Ganz verwilderten Sinnes,
wollte er schlechterdings die ihm oft beschriebne Riesengestalt des alten Barons
dort erblicken.
    Steig herauf! rief er in halbem Wahnsinn, steig herauf aus Deinem
Steinhaufen, dem Du die Tochter opfertest! Libertade e morte! Gieb uns Leben und
Freiheit im Tode! Zieh uns beide hinab! Was soll sie hier mit leerer, kalter
Brust lnger einsam umherwandeln? Dort wird sie lieben, dort drben, auf ihren
heimathlichen Sternen. Mich wird sie lieben, sie mu es, denn ich gehre zu ihr.
Mein ganzes Daseyn ist ein Strahl, ein Abglanz ihrer Herrlichkeit, den sie ins
Daseyn rief, der ohne sie auf ewig verlosch!
    Moritz hrte ihn oft, und verwachte dann eine Angstnacht, die ihn gewhnlich
bewog, mit Sonnenaufgang wieder von dannen zu ziehen.
    Einst hatte Hippolit die halbe Nacht so in fast wahnwitziger Raserei
vertobt. Es war weit nach Mitternacht. An allen Krften erschpft, sank er
zwischen dem Gemuer der Brandstelle hin; seine Wildheit lste sich pltzlich in
unsgliche Weichheit auf; ihm war, als zerflsse sein Daseyn in diesem stillen
Weh; er mochte sich nicht regen, sondern berlie sich fast gedankenlos dem
angenehmen Gefhl gnzlicher Ermattung, bis ihm die Sinne schwanden und der
Schlaf ihn berschlich.
    Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne erweckten ihn wieder; der khle
Morgenhauch wehte beruhigend ihn an, er starrte auf seine wunderliche Ruhesttte
hin, und begriff nicht sogleich, was ihn hieher gebracht haben knne? Dann
begann er, wie immer bei khlerem Bewutseyn, sich seines leidenschaftlichen
Unmuths recht herzlich zu schmen, nannte ihn unmnnlich, und versprach sich
selbst, sich knftig Gabrielens wrdiger zu betragen.
    Noch nie hatte Hippolit sich zu so frher Tageszeit zwischen den Ruinen
befunden. Er blickte um sich, und ihn ergtzte das Spiel der fast noch
horizontal fallenden Sonnenstrahlen, die hin und wieder, durch Lcken und
Mauerspalten dringend, in einzelnen feurigen Lichtern durch das tiefste Dunkel
auf den vom Rauch geschwrzten Mauern glnzten. Er stand in dem Theil des
Flgels, der zur Zeit des Brandes, um das Hauptgebude zu schtzen,
grtentheils eingerissen ward, dicht vor einem der gewlbten Eingnge, welche
einst zu den Souterrains fhrten. Einige ziemlich erhaltene steinerne Stufen
fhrten noch in die Tiefe des kellerartigen Gewlbes hinab, doch nur wenige
Schritte weiterhin war alles verschttet. Hippolit blickte in die Tiefe, wo ein
blulich glnzender Punkt seine Aufmerksamkeit erregte; es war als ob der Reflex
eines einzelnen Sonnenstrahls dort von einer metallnen Flche zurckgeworfen
wrde. Je lnger er hinsah, je wunderlicher schien ihm das seltsame Blinken.
Endlich bahnte er sich, nicht ohne Gefahr, den Weg zum Gegenstand seiner
Neugier, und stand bald vor einer, in den Fels, welcher dem Gebude zur
Grundlage gedient hatte, eingehauenen kleinen Vertiefung. Spuren einer eisernen
Thre, die einst sie verschlossen haben mochte, waren noch sichtbar. Unter
Ueberbleibseln zerbrochner Glser, vermoderter Schriften und Pergamente, welche
die Vertiefung anfllten, glnzte noch immer der Schein hervor, und Hippolit zog
endlich eine kleine Kapsel von weiem Metall aus dem Wuste. Schmutz und Staub
verhinderten ihn, die darauf eingegrabnen Charaktere zu lesen, bis er, in seinem
Zimmer angelangt, den sonderbaren Fund bequemer untersuchen konnte.
    Das Metall, aus welchem die Kapsel bestand, erkannte er fr Platina.
Liberorum Salus stand darauf eingegraben. Von sonderbarem Schaudern ergriffen,
schob er sie weit von sich weg, aber die Neugier siegte, er ergriff sie wieder,
und ruhte nicht, bis es seinem Bestreben gelang, sie zu ffnen. Ein ganz
kleines, hermetisch verschlossnes Flschchen von Bergkrystall funkelte ihm aus
dem schwarzen Sammt, mit dem die Kapsel gefttert war, entgegen; es war wit
wenigen ganz hellen Wassertropfen angefllt. Sein Haar strubte sich bei dem
Anblick. Alles, was Moritz ihm auf dem Wege vom Eisenhammer nach dem Schlosse
vertraut hatte, trat pltzlich in furchtbarer Lebendigkeit vor seine Seele. Ihm
war zu Muthe, als stnde der beunruhigte Geist hinter ihm, den er im wilden Wahn
so oft zur nchtlichen Stunde herbeirief, als beuge die Riesengestalt sich ber
ihm weg, um ihm hohnlachend ins Antlitz zu starren. Mit abgewandtem Blick schlo
er die Kapsel wieder, vergrub sie tief im verborgensten Fach seines
Schreibtisches unter Papieren, und eilte dann hinaus, als folge das Verderben
ihm auf dem Fue.

Alles in Schlo Aarheim gewann eine andre Gestalt, so wie der Herbst nher
herankam. Gabrielens Zeitordnung ward verstrt, zwischen den alten Mauern
wimmelte es von modernen geputzten Herren und Damen, lustige Tanzmusik wirbelte
Abends durch die hochgewlbten Sle und laute Freude hallte durch alle Gemcher.
Die rckkehrenden Brunnengste aus Bhmen stellten sich weit zahlreicher ein als
man es erwartet hatte, jeder Tag fhrte neue Besuche herbei, whrend die frher
Angekommnen sich wieder entfernten. Auch ltre Bekannte Gabrielens aus der
nchsten Stadt fanden sich ein. Es war ein Leben, ein Treiben, ein Lachen, eine
Lustigkeit unter den Leuten, ber die Hippolit zuweilen von Sinnen htte kommen
mgen, der er aber auch in andern Stunden sich wieder recht
jugendlich-theilnehmend hingab.
    Auch Moritz war mit der neuen Gestaltung der Dinge in seinem Schlosse wohl
zufrieden. Wo es so geruschvoll herging, meinte er, htten die Geister wohl,
wenigstens frs erste, ihre Macht verloren, und so wagte er es, wieder mehr zu
Hause zu seyn, um seine Gste zu empfangen und zu unterhalten.
    Ein glnzendes Fest, welches auf einem, ein paar Meilen weit entferntem Gute
gefeiert werden sollte, hatte am Vorabende desselben eine ungewhnlich
zahlreiche Gesellschaft auf Schlo Aarheim versammelt, die von dort aus in
Begleitung der Bewohner desselben sich mit dem frhesten auf den Weg zum
bestimmten Versammlungsorte machen wollte. Grfin Eugenia, der Professor und der
sogenannte Antonius, lauter alte Bekannte aus dem Hause der Grfin Rosenberg,
kamen spt Abends noch ganz unerwartet an. Eugenia warf sich mit lauten,
freudigen Ausrufungen in Gabrielens Arme und betheuerte: seit sie der Letztern
Ankunft auf Schlo Aarheim erfahren, habe sie ihrem Gemahl keine ruhige Stunde
gegnnt, bis sie ihn bewogen, sie zu ihr zu fhren. Dann stellte sie den wie
gewhnlich verlegen lchelnden Antonius in dieser Qualitt vor. Dieser fing mit
vielem Anstand eine schne Rede an, in der er aber unglcklicher Weise sich so
verwickelte, da er zuletzt nicht mehr wute, wie er daran war und mitten in
einem Paragraphen endete ohne zu schlieen. Gabriele achtete nicht sonderlich
darauf, und begrte indessen mit recht herzlicher Freundlichkeit den Professor,
den sie schon im Hause ihrer Tante ausgezeichnet hatte. Moritz bemchtigte sich
des Antonius als eines alten Bekannten, um ihm, Gott wei welche Raritten zu
zeigen. Einige der Anwesenden folgten ihnen, andre, unter ihnen Eugenia,
ordneten sich in einem gerumigen Pavillon von neuem um den geselligen
Theetisch.
    Gegen ihre Gewohnheit sah sich indessen Gabriele bald darauf genthigt, ihr
wirthliches Amt an diesem Tische an Frulein Ida abzutreten und die Gesellschaft
auf eine kleine Weile zu verlassen. Die Zahl der Fremden im Schlosse war nmlich
durch den neuen Zuwachs so gro geworden, da die gute Frau Dalling, trotz der
vielen Zimmer in dem weitlufigen Gebude, sich dennoch, ohne den Rath ihrer
Herrin, nicht zu helfen wute, um jedermann anstndig und wrdig fr die Nacht
unterzubringen. Mit leichtem Schritt eilte Gabriele, ihrem Rufe folgend, durch
den hohen Lindengang, der vom Pavillon zum Schlosse fhrt, und die
Zurckgebliebnen blickten ihr mit heiterem Wohlgefallen nach. An der Thre des
Pavillons stand Hippolit, die blitzenden Augen in sprachlosem Entzcken auf die
schne Gestalt geheftet, die leicht, wie eine Silfide, vor ihm hinschwebte. Ihr
weies Gewand ward durch das Dunkel des hochgewlbten Bogenganges erhoben, die
hie und da durch die Bltter dringenden Sonnenstrahlen bestreuten es mit
einzelnen in Rosenglanz brennenden Sternen; die lichten, blonden Locken, goldig
im Abendroth schimmernd, umgaben ihr Haupt mit der Glorie einer Heiligen.
Zuweilen verschwand sie im tiefern Dunkel vor den sie verfolgenden Blicken, und
bald darauf glnzte sie wieder im vollen Sonnenschein wie eine Verklrte, bis
sie sich endlich in der dstern Vorhalle des Schlosses vllig verlor.
    Aus Kindern werden Leute, das habe ich lange schon gewut, rief jetzt
Grfin Eugenia, und doch, fuhr sie fort, wrde es mir nie einfallen, die
kleine, blasse, zimperliche, etwas alberne Gabriele der Grfin Rosenberg in
dieser schnen, eleganten Frau von Aarheim wieder zu erkennen, wenn nicht die
unwidersprechlichsten Beweise mich berzeugten, da sie es wirklich ist. Wie die
Frau sich ausgebildet hat, so etwas ist mir noch in meinem Leben nicht
vorgekommen, es grnzt an Wunder. Erinnern Sie sich noch, lieber Professor! wie
sie vor sieben oder acht Jahren zitternd, und knixend und halbweinend dazu, bei
der Grfin Rosenberg erschien? Sie fiel gerade in die famose Tableaugeschichte
hinein, die Sie unmglich knnen vergessen haben.
    Ja wohl erinnere ich mich dessen genau, erwiderte der Professor, auch kann
ich noch immer nicht ohne Bewunderung des Muths gedenken, mit dem das sonst so
bermig blde Kind sich erdreistete, das ihm Heilige gegen alle Angriffe
standhaft zu vertheidigen; ich meine die Trauer um die jngst verstorbne
Mutter.
    Der lange schwarze Schlepp, die Pleureusen, die hliche Schneppe und der
Schleier, mit dem sie aussah wie eine Nachteule, das war ja eben der Gipfel
aller Abgeschmacktheit, antwortete lachend Eugenia.
    Alle zivilisirten Vlker legen um ihre verstorbnen Verwandten Trauer an,
sprach der Professor, und sogar unter den Wilden finden sich Spuren dieses
Gebrauches, der denn doch wohl eines tiefern Ursprungs seyn mag, als blos der
Mode. Doch davon ist hier nicht die Rede, Gabriele soll in der Sache selbst
Unrecht gehabt haben, ihr Wollen war dennoch rein. Ich behaupte nur, da, so wie
sie damals stand, ihre Weigerung, das eigne Gefhl des Schicklichen dem Willen
der Tante zum Opfer zu bringen eine Heldenthat war, deren Werth aber vielleicht
nur der ganz zu bersehen vermag, der einst wie sie, ngstlich beklommen und
allein, in die ihm fremde Welt geworfen ward.
    Die Neugier der Gesellschaft war rege geworden, und Eugenia mute erzhlen
was sie selbst nur vom Hrensagen kannte, denn sie war bei Gabrielens Ankunft im
Zimmer der Tante nicht mehr gegenwrtig gewesen, wohl aber der Professor, der
als strenger Censor ber die Erzhlerin wachte, und jede Uebertreibung oder
Unwahrheit ohne Gnade rgte und berichtigte. Hippolit hrte Beiden mit der
gespanntesten Aufmerksamkeit zu.
    Nun wohl, Sie mgen Recht haben, schlo endlich Eugenia, des Streitens
mde, Sie mgen Recht haben, und Gabriele uerte schon damals Spuren jener
Festigkeit, berhaupt jenes vernnftigen Ueberlegens, das sie spter bewie, als
sie drei Monate, nachdem sie aus Schmerz ber die Trennung von einem gewissen
Herrn hatte sterben wollen, sich pltzlich eines andern bedachte, der
Auszehrung, in die sie zu verfallen drohte, und berhaupt der ganzen traurigen
Liebesgeschichte den Abschied gab, und kurz und gut diesen etwas poirlichen
Herrn Vetter heirathete, der sie bei alle dem zur reichsten Frau im Lande
machte, und auch sonst, wie ich hre, sich ziemlich lenken lt.
    Grfin! Grfin! unterbrach sie unwillig der Professor.
    Stille, stille, lieber Freund! erwiderte Eugenia und drckte ihre Hand auf
seine Lippen, ich wei was ich wei, und behaupte nichts, als was ich mit
Beweisen belegen kann. Ich war mit dem Rosenbergischen Hause zu genau liirt, als
da mir diese Geschichte htte verborgen bleiben knnen.
    Gabrielens Rckkehr zur Gesellschaft zwang Eugenien mitten im Strome ihrer
Rede zu verstummen. Alles brach auf um die letzten Stunden des milden
Herbstabends noch im Freien zu genieen. Doch mochte das, was Eugenia noch etwa
zu erzhlen haben konnte, nicht fr alle verloren gehen, denn einige der im
Pavillon gegenwrtig gewesnen Damen bemchtigten sich ihrer mit ungemeinem
Eifer, um ihr noch bei Mondenschein die Schnheiten des altvtrischen
Schlogartens zu zeigen.
    Auf Hippoliten hatte niemand geachtet; ausser sich vor Zorn ber die
Erzhlerin, deren unverkennbare Bosheit seine ganze Verachtung erregte, unfhig
ihr zu glauben, und doch von ihr tief in der Seele verwundet, war er auf seinem
Platze stehen geblieben, bis der Professor, der letzte welcher den Pavillon
verlie, an ihm vorberging. Mit einem freudigen Auffahren ergriff er diesen am
Arm, und zog ihn mit sich fort, ins Schlo hinein. Ein Blick in Hippolits
bittendes Auge, und einzelne abgebrochene Worte bewogen den freundlichen Mann,
sich ihm unbedingt hinzugeben, und, freilich etwas verwundert ber sein
seltsames Benehmen, ihm zu folgen, wohin er ihn fhren mchte.

So wie sie in Hippolits Zimmer angelangt waren begann dieser, noch athemlos von
uerer und innerer Bewegung, dieses sein unziemend erscheinendes Betragen gegen
seinen Gast so gut er es vermochte zu entschuldigen. Es war mir unmglich,
sprach er, eine Frau welche die Anbetung der ganzen Welt verdient, so lstern
zu hren -
    Dann bedrfen Sie bei mir keiner Entschuldigung, Herr Graf, unterbrach ihn
der Professor; konnte ich selbst es doch auch nicht, und lie mich, wie Sie
werden bemerkt haben, dadurch verleiten, mitten unter mir ganz Unbekannten als
ihr Vertheidiger aufzutreten. Und doch habe ich sie nur als ein halbes Kind
gekannt. Jetzt stehe ich wirklich geblendet vor ihr.
    O knnten Sie jetzt erst sie recht kennen lernen! Wrde es Ihnen vergnnt
wie mir, ein Augenzeuge ihres Lebens zu seyn! rief Hippolit, von seinem Gefhl
hingerissen, und der eben aufgehende Mond spiegelte sich in seinem glnzenden,
himmelwrts gerichtetem Auge.
    Es entstand eine kleine Pause, whrend welcher der Professor Hippoliten
aufmerksam und mit Wohlgefallen betrachtete. Dann nahm dieser gefater wieder
das Wort.
    Mag denn die freudige Empfindung, mit der ich Ihnen zuhrte, mir und meinem
Ungestm das Wort reden, sprach er, und mich auch entschuldigen, da ich Sie,
mit dem ich so zusammentraf, nicht gleich wieder verlassen kann; da ich sogar
es wage, Sie als einen lngst gekannten Freund zu betrachten, und mit vielleicht
zu jugendlicher Zutraulichkeit Sie um die Gewhrung einer Bitte zu ersuchen.
    Es sollte mich in Erstaunen setzen, wenn ich im Stande wre Ihnen eine zu
gewhren, Herr Graf! obgleich ich fhle, da ich Ihnen schwerlich eine
abschlagen knnte, erwiderte der Professor, indem er Hippoliten freundlich die
Hand bot.
    Die Macht der Verlumdung ist gro, sprach Hippolit verwirrt nach Worten
suchend, und mit abgewendetem Gesicht; sie ist darum so ber allen Ausdruck
entsetzlich, weil sie unser Heiligstes untergrbt, ohne da es mglich wre, ihr
entgegen zu arbeiten. Man glaubt ihr nicht, man bauet fest auf seinen Freund,
man stt mit Abscheu jeden aufkeimenden Verdacht von sich, und doch bleibt ein
geheimer Stachel tief im Verborgensten der Brust zurck, und grbt und grbt
leis' und unmerklich, bis das alte Vertrauen wankt. -
    Versteh' ich Sie, Herr Graf? unterbrach ihn der Professor, und sah mit
weniger freundlichem Blick ihn forschend an. Wre es mglich? Sie? Wie! Sie?
der Sie Gabrielen genau zu kennen vorgeben, Sie knnten die Mglichkeit sich
denken, da elendes Berechnen von Rang und Vermgen sie dahin bringen konnte,
sich diesem Herrn von Aarheim zu verkaufen?
    O sprechen Sie das entsetzliche Wort nicht aus! rief Hippolit, schon die
allein ist ein Verbrechen gegen jenes himmlisch reine Wesen! Wie konnten Sie
mich so miverstehen! Ich, der ich, und vielleicht besser als sie selbst den
schauerlich-dunkeln Weg kenne, den das Schicksal mit Gabrielen nahm, um sie in
dieses Elend zu fhren, ich -
    Ich wei nichts von den nhern Umstnden, die bei der Vermhlung der Frau
von Aarheim sich zugetragen haben mgen, auf die Sie anzuspielen scheinen, und
verlange auch nichts davon zu wissen, unterbrach der Professor ihn abermals,
noch immer halb erzrnt. Ich bedarf nichts von alle dem, um berzeugt zu seyn,
da dieses verchtliche sich selbst Wegwerfen ihr unmglich war, denn Liebe
schtzte sie damals vor jeder Erniedrigung ihrer edlern Natur; eben jene Liebe,
welche die Frau Grfin Eugenia in so unwrdigem Lichte zu zeigen sich abmhte.
    Ein unartikulirter Ausruf Hippolits, den er bei diesen Worten nur halb zu
unterdrcken vermochte, wurde vom Professor nicht beachtet, der, hingerissen von
dem Vergngen Gabrielen zu vertheidigen, im Feuer seiner Rede fortfuhr.
    Ich war freilich bei Gabrielens Ankunft und bei jener Tableauscene zugegen,
dessen die Grfin Eugenia so spttisch erwhnte. Ich pflegte damals immer gern
die mir zur Erholung gegnnten Stunden in dem gastfreien Hause und in dem
geistreichen Kreise der Grfin Rosenberg zuzubringen. Die kindliche Grazie, das
unglaublich schchterne Wesen des jungen Mdchens, bei dem Geiste, der unter den
dunkeln Wimpern hervorblitzte, so wie die ber ihr ganzes Wesen ergossene
unverkennbare Traurigkeit, machten sie mir gleich in der ersten Stunde hchst
interessant. Die gnzliche Verlassenheit, in der sie bald darauf oft mitten in
den grten Gesellschaften, furchtsam in sich gekehrt, dastand, erregte mein
innigstes Mitleid; schon wollte ich als vterlicher Freund ihr mich nhern, aber
da entdeckte ich, da ein Andrer mir zuvorgekommen sey, der in jeder Hinsicht
sich freilich besser zu ihrem Beschtzer eignete als ich, ein bedeutender
Knstler und wie ich spterhin vernahm, ein alter Freund ihrer Mutter.
    Hippolit, der bei Erwhnung dieses Freundes sehr aufmerksam geworden war,
athmete bei den letzten Worten des Professors hoch auf, mit sichtbar
erleichterter Brust, und jener fuhr fort.
    So begngte ich mich denn, dem Entfalten dieser lieblichen Blume von
weitem, ohne thtige Theilnahme zuzusehen. Mit unaussprechlichem Vergngen
beobachtete ich das erste Erwachen des reinsten Herzens, das vielleicht je in
einer Mdchenbrust geschlagen hat. Es zu erwecken, war einem Manne beschieden,
den ich vor allen andern dieses hohen Glcks werth achten mute. Wie oft
betrachtete ich mit wahrer Freude das schne Paar, wenn beide der Zufall neben
einander gestellt hatte! Er, das Bild mnnlicher Hoheit, sie ganz weibliche
Anmuth und Bescheidenheit.
    Er ist todt? Er starb? fragte Hippolit beinahe athemlos.
    Nicht da ich wte, erwiderte der Professor, er hat mit letzter Post mir
geschrieben. Aber seit Jahren sind sie getrennt, und so viel man menschlicher
Weise die Zukunft berechnen kann, sind sie getrennt auf immer. O htten Sie
Gabrielen damals gesehen! Zwar ihre sterbliche Hlle wre dem Schmerz der
Trennung beinahe erlegen, doch Psyche hob die glnzenden Flgel, und schwebt
noch immer in ewiger Klarheit. Darum, mein junger Freund! trgt diese seltne
Frau alles so leicht, was andre erdrcken wrde, sie hat ja das Schwerste frher
berwunden.
    Schweigend erhob sich Hippolit von seinem Sitze, und beantwortete des
Professors Bitte, dieses Gesprchs gegen niemanden zu gedenken, nur mit einem
Hndedruck. Dieser blickte abermals verwundert ihn an und eine leise Ahnung, da
er hier wohl Unheil gestiftet haben knne, whrend er durch Gabrielens
Vertheidigung gegen jeden Argwohn, Gutes zu stiften gedachte, flog ihm durch den
Sinn, doch blieb ihm zu keiner Aeuerung hierber Zeit. Es ward zur Abendtafel
gelutet, und Hippolit eilte, noch immer in dsterem Schweigen versunken, an
seinem Arm dem jetzt hell erleuchteten Pavillon zu, wo die Gesellschaft eben im
Begriff war, an mehrein kleinen Tischen sich zu ordnen.
    Gabriele, die den Professor schon lngst vermit hatte, trat ihm an der
Thre entgegen, um ihm in ihrer Nhe seinen Platz anzuweisen, und Hippolit nahm
diesen Augenblick wahr, um sich, von jedermann unbemerkt, in das dichte wilde
Gebsch neben dem Pavillon zu strzen.
    Unfhig, jetzt Gabrielens Anblick zu ertragen, irrte er planlos umher. Auf
ungebahntem Wege, zwischen Felsentrmmern gelangte er in der tiefen Dunkelheit
zum Eisenhammer; ber wstes Gestein, am Rande tiefer Abgrnde hin, hatte er den
Weg gefunden, ohne ihn zu suchen. Die Stille der Nacht verdoppelte das drhende
Tosen der Rder, das Klopfen des Hammers. Die Gluth im hohen Ofen, um welche
schwarze, wie der Unterwelt entstiegene Gestalten sich bewegten, leuchtete mit
rothem Schein fernhin durch die Einde; die verdorrten Tannen, die wunderlichen
Felsenzacken schienen im flackernden Licht zu gespenstischen Erscheinungen sich
umzuwandeln und in seltsamem Tanze auf- und abzuschweben. Jede rege Phantasie
mute hier mit grausenvollen Bildern sich erfllen. Hippolit fhlte den
Eindruck, ohne sich dessen deutlich bewut werden zu knnen. Ermattet an Seele
und Leib, warf er sich auf die alte steinerne Bank neben dem Felsbach hin, und
berlie sich dumpfen ngstlichen Trumen. Weit nach Mitternacht traf ihn dort
der Frster, welcher mit seinen Hunden in den Wald wollte, um nchtlichem
Holzfrevel zu wehren. Er erkannte ihn, und fhrte ihn auf dem krzesten Wege
nach seiner Wohnung, wo er ihn einlud, in Ernestos Stbchen bis zum Morgen zu
verweilen; denn es war zu spt geworden, als da Hippolit noch in das Schlo
htte gelangen knnen, ohne die Hlfte von dessen Bewohnern aus dem Schlaf zu
stren. Hippolit lie sich schweigend alles gefallen.

In der stillen Einsamkeit der einfachen engen vier Wnde, zu denen nur aus der
Ferne das Drhnen des Hammers, das Rauschen der Wasserbche herber tnte, kam
Hippolit bald wieder zu einigem Besinnen. Doch mit diesem erwachte auch das
ganze volle Gefhl des Schmerzes, der, sein Innres zerreiend, durch Nacht und
Wald ihn bis hieher gejagt hatte.
    Sie hatte geliebt? Sie liebte vielleicht noch! Diese Ueberzeugung ward der
Untergang seiner bis zu diesem Augenblicke mhsam errungnen und erhaltnen
Herrschaft ber sich selbst. Gabriele, die er sonst gleich einer ber jede
Leidenschaft erhabnen Heiligen verehrt hatte, ward ihm jetzt nur zum schnen,
liebeglhenden, irrdischen Weibe; die Hhe, auf der sie bis jetzt hoch ber ihm
stand, war eingesunken und alle Qualen verzehrender Eifersucht, alle Flammen der
glhendsten Liebe schlugen hochauflodernd, jeder Migung spottend, ber seinem
Haupte zusammen. In dem engen Raum, der ihn umgab, wandelte er rastlos auf und
ab, bis er, vom Schwindel ergriffen, auf das Lager sank. Kein Schlaf kam in
seine Augen, kein einziger Augenblick Ruhe in die wildbewegte Brust. Er wollte
fort, er wollte zu ihr, er wollte hinaus in die weite Welt; ganz mit sich selbst
zerfallen, arbeitete er sich planlos und vergebens ab, einen festen Zweck des
innern und uern Strebens zu finden.
    Der Morgen graute indessen, die Sonne ging auf, sie stieg immer hher, ohne
da er von alle dem etwas bemerkt htte, bis die Frau des Frsters mit
freundlichem Morgengru hereintrat, um ihm ein Frhstck zu bringen. Wie ein
gefangner Vogel, dem der Kfig geffnet wird, rauschte er da, ohne sie
anzusehen, durch die von ihr offen gelassene Thre, hinaus zum Zimmer, zum Hause
hinaus.
    Erst auf der Hlfte des steilen Weges, der zum Schlosse fhrt, ward es
Hippoliten klar, was ihn so schnell fort und hieher getrieben habe; es war der
pltzlich gefate Entschlu, den Professor zu sprechen und von ihm durch Bitten
oder mit Gewalt Namen und Aufenthalt des Mannes zu erpressen, den Gabriele
liebte.
    Mit diesem Vorhaben beschftigt, kam er im Schlohofe an und fand dort alles
in ganz ungewohnter Oede und Stille. Nirgends lie ein Einziger von der Schaar
von Dienern sich erblicken, die sonst immer dort msig hin und wieder lief. Die
Pferdestlle, die Wagenremisen standen alle offen und leer, das ganze Schlo
schien wie ausgestorben.
    Wo kommen der gndige Herr denn so spt noch her? Die Herrschaften sind
schon seit mehr als zwei Stunden nach der Rothenburg gefahren; sie dachten alle,
Euer Gnaden wren lngst vorausgeritten, rief Hippoliten endlich der Grtner
zu, der mit einem groen Korbe voll Herbstblumen aus dem Garten kam.
    Hippolit hatte der heutigen Lustpartie gar nicht weiter gedacht, um
derentwillen sich am vergangnen Abend eine so groe Gesellschaft im Schlosse
versammelt hatte. Jetzt beschlo er, freilich mit einigem Widerwillen, den
Professor in der Rothenburg selbst aufzusuchen; doch whrend er sich dazu
anschickte, fiel ihm pltzlich ein, da auch Eugenia dort seyn, da er auch
Gabrielen dort finden werde. Er fhlte mit unwidersprechlicher Gewiheit, da es
ihm unmglich sey, sie mit diesem Sturm in der Brust wieder zu sehen, ohne vor
all den neugierigen Blicken, ja vor der Frau, die er als ihre grimmige Feindin
betrachtete, das heiligste Geheimni seines Herzens Preis zu geben. Ein neuer
Kampf begann in seinem Innern, den endlich der Entschlu endete, statt nach der
Rothenburg, nach der Stadt zu reisen, den Professor dort in seiner Wohnung zu
erwarten, und sobald er von ihm erfahren, was er wissen wollte, hinaus zu ziehen
in die Welt, um den Mann aufzusuchen, dessen Daseyn ihn mit unerhrten Qualen
peinigte. Ihn finden wollte er, ihn sehen von Angesicht zu Angesicht. Was dann
aber noch ferner geschehen, was aus dieser Zusammenkunft entstehen sollte? dies
schwebte ihm nur in dunkeln Bildern vor, die er gar nicht zu beleuchten wagte.
    So wie er ber seine nchste Zukunft mit sich im Reinen war, glaubte er sich
ruhiger zu fhlen; krperliche Ermattung nach der wilddurchtobten Nacht schien
ihm jetzt Fassung zu seyn. Er bedachte die Ungewiheit seiner Wiederkehr und
begann manches aufzurumen und einzupacken, was er fremden Augen zu entziehen
wnschte. Briefe, Gedichte, glhende Ergsse der ihn verzehrenden Leidenschaft,
die er dem Papier anvertraut hatte, alles suchte er zusammen, und mitten unter
dieser Beschftigung rollte ihm die lngst vergene Kapsel von Platina entgegen,
welche er einst unter den Ruinen der Brandsttte gefunden hatte.
    Kalte Schrecken durchrieselten ihn mit Todesschauern bei diesem Anblick.
Sein Herz stand einige Sekunden, und groe Schweitropfen perlten auf seiner
Stirne, wie auf der Stirne eines Sterbenden. Er sank vor seinem Schreibtisch auf
die Knie hin, das stiere Auge haftete an der Kapsel; er las die Inschrift 
Liberorum Salus, Rettung der Freien. Er mute sie immer wieder lesen, und
vermochte nicht den Blick abzuwenden. Zischende Lichter, die er seitwrts sah,
ohne das Haupt zu wenden, blitzten um ihn her; ber sich hrte er ein Rauschen
wie von mchtigen Flgeln, es war das seine Adern durchrieselnde Entsetzen, mit
dem das junge Leben sich gegen den furchtbaren Gedanken strubte, der in diesem
Moment ihn mit Riesenstrke ergriff. Und dabei mute er innerlich doch immer
wiederholen: Liberorum Salus.
    Dieser Zustand whrte indessen nur wenige Minuten, dann stand er auf, fate
und ffnete die Kapsel mit fester Hand und hob das funkelnde Flschchen gen
Himmel. Ich danke dir! rief er, wie durch ein Wunder zeigst du mir die rechte
Bahn; so sey es denn! Von diesem Momente stand die Ueberzeugung fest gegrndet
in seinem Gemth, da nur der selbstgewhlte Tod ihm einen Ausweg ffnen knne.
Was sollte er ohne Ruhe und Rast die Welt durchirren, um ein Wesen zu suchen,
dessen Daseyn ihn in Verzweiflung setzte! Wenn er ihn nun gefunden htte? Nur
blutig konnte dies enden. Nein! Gabriele soll um ihn nicht weinen! mir, mir
gehren ihre Thrnen, wenn gleich ihm ihre Liebe, rief er. Uns beiden zugleich
kann diese Sonne nicht lnger scheinen, so whle ich denn fr sie den kleineren
Schmerz und lege ihrer Ruhe mein Leben willig zum Opfer hin.
    Mit dem feierlichen Wesen, welches die Jugend im Schmerz so gern annimmt,
fuhr er nun fort, Papiere zu vernichten, andre zu versiegeln und an entfernte
Verwandte zu addressiren. Er versuchte es mehreremale an Gabrielen zu schreiben,
doch dieses berstieg seine Krfte. Allmhlig berschlich ihn ein unnennbares
Mitleid mit sich selbst, mit tiefer Betrbni feierte er den Abschied vom
schnen, heitern Sonnenlicht. Sein eigner Entschlu erschien ihm als eine
unabnderliche ure Bestimmung; er verga ganz, da es nur von ihm abhing, sie
abzuwenden. Er hatte ausgetobt, seit dem vergangnen Tage hatten weder Schlaf
noch Nahrung ihn erquickt. Er fhlte kein Bedrfen, aber er war einer vlligen
Erschpfung aller seiner Krfte nah, und so gab er sich ohne Widerstreben
sanftern Gefhlen hin. Traurig, aber mit festem Willen beschlo er, die Bande
langsam zu lsen, die ihn noch an das Leben fesselten.
    Feierlich und still durchzog er das ganze Schlo, er suchte noch einmal alle
die Platze auf, wo er sie gesehen, auf jedem Schritte drngten tausend se und
bittre Erinnerungen sich ihm entgegen. Rings um ihn her herrschte das tiefste
Schweigen, kein neugieriges Auge, kein geschftiger Tritt belstigte ihn
strend, denn der Theil der Dienerschaft, welchen die Herrschaft zurckgelassen
hatte, benutzte den seltnen freien Tag, um sich auerhalb des Schlosses zu
vergngen.
    Hippolit gelangte endlich an die Thre zu Gabrielens Zimmern, er fand sie
verschlossen und sank, von seinem Gefhl berwltigt, auf der Schwelle nieder.
Alle Furien der Verzweiflung erwachten aufs neue in seiner Brust, er ergriff das
Flschchen, im Begriff, es hier zu ffnen, aber der Gedanke an Gabrielen, an
ihren Schrecken, an den Abscheu, mit dem sie gerade hier vielleicht von seiner
entstellten Hlle sich wenden wrde, hielt ihn zurck. Er ri sich wieder empor,
eilte, vor sich selbst fliehend, eine in der Nhe befindliche Treppe hinab, und
fand sich erst in einem abgelegnen Seitenhofe wieder, vor dem uern Eingange
zur Kapelle, welche von der andern Seite an die Reihe von Zimmern stie, die
einst der alte Baron und jetzt der gegenwrtige Besitzer des Schlosses bewohnte.
Ohne sich dessen deutlich bewut zu seyn, stieg er die Treppe hinauf, die Thre
der Kapelle stand offen.
    Es war zur herbstlichen Zeit des immer merklicher werdenden Abnehmens der
Tage, und die Sonne neigte sich schon dem Untergange zu, obgleich es noch gar
nicht spt war. Ihr Strahl brach sich in den mannigfaltigen, gleich reichen
Edelsteinen glnzenden Farben der alten Heiligenbilder und Familienwappen,
welche, bunt und kunstreich gemalt, die Fenster schmckten. Purpurrothe
Dmmerung, mit tiefdunkeln Schatten wechselnd, erfllte das hohe Gewlbe, als
Hippolit in die Kapelle trat. Der Altar, hinter welchem die Thre sich ffnete,
schien erleuchtet. Langsam, von der Feierlichkeit des Ortes besnftigt und
erhoben, schritt Hippolit vorwrts und erblickte - und traute seinen Augen nicht
- und glaubte einer berirdischen Erscheinung gewrdigt zu seyn - denn auf den
Stufen des Altars lag Gabriele betend, in Andacht versunken.
    Langsam erhob sie sich, vom Gerusche seiner Tritte aus ihren Himmeln zurck
gerufen. Ein langes schwarzseidnes Gewand breitete in reichen Falten sich weit
um sie her; sie war ungewhnlich bleich, aber ein Schimmer berirdischer
Seligkeit umleuchtete sie, als sie die thrnenschweren Wimper hob, und, in der
Dmmerung ihn nicht gleich erkennend, ihm einige Schritte entgegentrat.
    Sie sind es, Hippolit? rief sie erschrocken aus. Was fhrt so schnell Sie
von der Rothenburg zurck? Ist meinem Gemahl oder sonst jemanden von meinen
Freunden dort ein Unglck widerfahren? Ihr zerstrtes Ansehen lt mich alles
befrchten. Um Gotteswillen was ist es? Ich kann alles eher ertragen als diese
Ungewiheit, darum bitte ich, sprechen Sie.
    Hippolit, vllig unfhig, nur eine Sylbe zu erwidern, zitterte so, da er
sich an einen der den Altar umgebenden Pfeiler festhalten mute, um nicht zu
Boden zu sinken.
    Reden Sie, reden Sie, bat Gabriele mit vor Angst fast unhrbarer Stimme
und immer bleicher werdend.
    In der Rothenburg ist hoffentlich alles wohl; ich war nicht dort,
antwortete ihr endlich leise und bebend Hippolit. Dann strzte er, von seinem
Gefhl hingerissen, pltzlich vor sie hin, rief laut ihren Namen, verhllte sein
Gesicht in den Saum ihres Kleides, und das Flschchen, welches er bis dahin noch
immer krampfhaft festgehalten hatte, entfiel ihm, jedoch ohne zu zerbrechen. Mit
lautem schrillenden Tone rollte es ber den Marmorboden hin.
    Ein Schrei Gabrielens schreckte Hippoliten auf, er sah sie im Begriffe, zu
sinken, und umschlang sie mit seinen Armen; sein Herz pochte hrbar, seine Augen
glhten gleich verzehrenden Flammen, seine zitternden Lippen berhrten ihren
Schleier und die goldnen Locken, er drckte sie fest und immer fester an seine
schwerathmende Brust. Sie bemerkte nichts von dem allen, ihre Blicke hafteten
mit dem Ausdruck des Entsetzens auf dem blinkenden Krystalle, der zu ihren Fen
die Strahlen der Altarlichter zurckwarf.
    Allmchtiger Gott! was ist das? rief sie mit zusammengeschlagnen Hnden,
indem sie sich aus Hippolits Armen wand, ohne sich dessen bewut zu seyn. Ich
kenne dieses Flschchen - und doch wei ich nicht - mir ist als htte ich einmal
davon getrumt, einen frchterlichen Traum - oder mein Vater - Heiliger Gott!
mein Vater! rief sie mit so wildem Tone, da Hippolit davon zusammenschauderte,
an allen Gliedern bebend, sie los lie, und mit gestrubtem Haar in die tiefe
Dunkelheit am andern Ende der Kapelle hinstarrte, als erwarte er dort dessen
dstern Schatten emporsteigen zu sehen.
    Guter Hippolit! ich habe Sie erschreckt, sprach jetzt Gabriele, indem sie
sich erholte und sichtbar nach Fassung rang, ich wollte es nicht, aber Sie
selbst sind Schuld daran. Sie setzte sich ermattet auf die Stufen des Altars
nieder, das Auge noch immer starr auf das Flschchen geheftet. Ihn sah sie nicht
an, der, verzehrendes Feuer im Blick, wie im Kampfe zwischen Himmel und Hlle,
ber ihr hing.
    Ich kann meine Augen nicht von dort wenden, sprach sie ernst nachdenkend,
irgend eine entsetzliche Erinnerung knpft sich an diesen Gegenstand, und doch
schwebt mir alles so undeutlich vor, so verworren, wie aus einem frhern Daseyn
in einer andern Welt. O rhren Sie es nicht an! rief sie heftig, und stand auf
und fate Hippolits Arm, als dieser sich bckte, um das Flschchen aufzunehmen.
Rhren Sie es ja nicht an; ich bin wohl schwach und kindisch, aber mir ist, als
msse irgend ein entsetzliches Unglck hereinbrechen, wenn Sie es berhren - als
wre der Tod darin verborgen. Der Tod! - Mein Gott, mein Gott, wie ist mir denn!
- Wo habe ich es frher gesehen? Wo kommt es jetzt denn her? Bei diesen Worten
hob sie den Blick zu Hippoliten auf. In der scheuen Zerstrung, die aus seinen
Augen, aus seinem ganzen Wesen hervorleuchtete, schien ihr mit einemmale ein
Strahl der Wahrheit aufzugehen.
    Hippolit! rief sie, es ist Gift und Sie brachten es hieher! Sagen Sie:
nein! Sehen Sie meine Angst um Sie, um Gotteswillen sagen Sie: nein.
    Verstummend sank er vor ihr hin und verhllte sein Gesicht.
    Um Gotteswillen sagen Sie: nein, wiederholte sie, an allen Gliedern
bebend; diese Stunde, dieser Ort, Ihr Zurckbleiben von der Gesellschaft, der
Ausdruck Ihrer ganzen Gestalt - Was ist Ihnen denn geschehen? Was konnte Sie
bewegen? Reden Sie mit mir, vertrauen Sie mir! O Hippolit! Das konnten Sie mir
thun? rief sie endlich und brach in Thrnen aus. Reden Sie mit mir, bat sie,
immer heftiger weinend, indem sie mit aller Kraft den Gebeugten aufzurichten
strebte, ihre Thrnen fielen auf ihn, sie benetzten seine Hnde, sein Gesicht,
indem sie ihn zum Aufstehen zu bewegen, sich vergeblich bemhte.
    O Gabriele! rief er; Du weinst um mich! Nach dieser Seligkeit giebts
keine mehr fr mich in dieser Welt. Vergieb mir, ich wollte Dich nicht betrben.
Segne mich und verlasse mich dann, la mich zur Ruhe gelangen, ich unterliege
dem schweren Kampf, aber ich habe ihn redlich gekmpft.
    Der Schleier, der bis dahin Gabrielen die Wahrheit verhllt hatte, fiel bei
diesen Worten Hippolits von ihren Augen. Sein Anblick, die tdtliche Heftigkeit
in seinem Wesen, vereint mit der Erinnerung an tausend bis dahin von ihr
unbeachtete Zge, traten pltzlich als unwiderrufliche Beweise seiner
Leidenschaft vor ihre Seele. Sie gedachte dabei ihrer ersten Jugendzeit, sie
gedachte Ottokars, sie gedachte der eignen frhern Schmerzen, und fhlte
unaussprechliches Mitleid fr den vom Unglck nie gebeugten Jngling, der dem
wilden Kampf gegen ein Geschick zu unterliegen im Begriff war, welches das
sanftre Mdchen in stiller Duldung zu tragen gewut hatte.
    Hippolit! sprach sie mit unendlich weicher Stimme, Hippolit! wenn es wahr
ist, wenn wirklich ein unseliges Gefhl, dem ich bis jetzt so gern allen Glauben
versagte, Ihre Brust erfllt, wie war es Ihnen mglich, mich so betrben zu
wollen? Fiel es Ihnen denn gar nicht ein, was aus mir werden solle, nach solchem
Erleben?
    Ein Thrnenstrom erleichterte jetzt auch Hippolits Brust; ihm war, als lfte
sich damit ein eisernes Band, das bis dahin sie zusammengepret hielt. Gabrielen
zu antworten, vermochte er noch nicht, doch er gab nach, da sie abermals ihn
aufzurichten strebte, und setzte sich, ihrem Winke gehorchend, neben sie, auf
die Stufen des Altars. Das Flschchen blinkte immerfort zu ihrer beiden Fen.
    Der Heiligkeit des Orts und seinem edlen Seyn vertrauend, wendete sich
Gabriele jetzt ganz zu ihm und fate seine beiden Hnde; sie blickte ihn mit dem
vollen Ausdrucke des unendlichen Mitleids, der unsglichen Besorglichkeit fr
ihn an, die in diesem Moment bis zum Zerspringen ihre Brust bewegten.
    Sie glauben mich zu lieben, sprach sie. Ach! was ist Liebe wohl anders,
als der innigste Wunsch, das Geliebte zu beglcken, sey es auch auf Kosten des
Theuersten, was wir in dieser Welt besitzen? Und ist denn dieses irdische Daseyn
das Hchste, was wir opfern knnen? Ist Leben nicht oft so unendlich schwerer
als der Tod?
    Nach diesen Worten erhob sie sich langsam, bckte sich und fate das
Flschchen, obgleich sie schaudernd zusammenfuhr, indem sie es berhrte.
Schweigend stand sie einen Moment, das betende Auge fromm zum Altar erhoben, und
es war, als ob sie hiermit wieder die Fassung errungen habe, welche immer zur
Zeit der Noth aus ihrem Thun hervorleuchtete. Sie wendete sich mit hohem Ernste
zu Hippoliten und berreichte ihm das Flschchen.
    Ich wei, da ich dieses jetzt Ihnen anvertrauen darf, sprach sie; ich
lege das Glck, die Ruhe meiner knftigen Tage hiemit in Ihre Hnde. Und nun
geleiten Sie mich ins Schlo, wir sind beide erschpft und die Natur fordert
ihre Rechte. Morgen seh ich Sie wieder, morgen soll alles Verworrene sich lsen.
Die Nacht ist dster und schwer, aber die kommende Sonne wird uns Kraft, Muth
und Entschlu in die Seele strahlen.
    Sie ergriff seine Hand und fhrte ihn, wie ein Kind, durch die Kapelle zur
Thre hin, die in ihres verstorbnen Vaters Zimmer sich ffnete, und durch die
sie einst, von Ernesto geleitet, zum Traualtar hinwankte. Im Zimmer selbst
harrten ihrer Frau Dalling und Annette.
    Ich bringe Dir einen Kranken, den ich Deiner sorgsamsten Pflege empfehle,
liebe Dalling, sprach sie mit der Geistesgegenwart, die sie in schweren
Momenten sich immer zu erhalten wute. Mich soll Annette auf mein Zimmer
begleiten, denn auch ich bin der Ruhe hchst bedrftig. Hierauf wendete sie
sich zu Hippoliten, reichte ihm nochmals die Hand, und blickte mit ihren klaren
treuen Augen ihm Hoffnung und Frieden in das hart verwundete Gemth. Gute
Nacht, sprach sie, gedenken Sie meiner in Ihrem Gebet, ich werde Ihrer
gedenken. Ich werde den Geist meiner Mutter fr Sie anrufen, der an diesem Tage,
an welchem er mich einst verwaist in der Welt zurcklie, gewi noch
freundlicher als sonst mich umschwebt. Ich werde die Verklrte bitten, da sie
meinen jungen Freund wie mich, in diesen dunkeln Stunden vor nchtlichem Grauen
und jedem Unheil behte. Morgen sehen wir uns wieder.
    Und so schieden sie.

Mit sich allein in der ungestrten Ruhe ihres Zimmers, fhlte Gabriele erst die
zerstrende Gewalt der eben durchlebten erschtternden Stunde. In stiller
Betrachtung, in frommen Gebete hatte sie ganz einsam diesen Tag zugebracht, an
dem vor acht Jahren der erste Schmerz ihr kindliches Gemth mit
unaussprechlichem Jammer erfllte. Der verklrte Geist ihrer Mutter war damals
von irdischen Fesseln befreit, zu hherem Leben gerufen worden, und was auch
Gabriele seitdem Trbes und Schmerzliches erfuhr, so hatte doch nichts den
Eindruck dieses ersten Verlustes zu verlschen vermocht. Immer hatte sie sich
gesehnt, nur einmal noch den Sterbetag ihrer Mutter in den, durch das stille
Walten der Verklrten geheiligten Rumen zu feiern, und der ihr so selten
freundliche Zufall schien diesesmal den frommen Wunsch zu begnstigen. Er lie
gerade auf diesen Tag das glnzende Verlobungsfest eines jungen Paares aus der
Nachbarschaft fallen, und Schlo Aarheim sowohl, als alle Schlsser in der Nhe
standen whrend der zwei Tage verdet da, die auf Schlo Rothenburg in allen
erdenklichen Lustbarkeiten dem Brautpaar zu Ehren zugebracht wurden.
    Gabriele gehrte nicht zu den Frauen, die mit ihren Empfindungen vor den
Augen der Welt Prunk zu treiben suchen. Still und geheim mochte sie das, was ihr
heilig war, vor jedem kalten fremden Auge gern bewahren. Daher hatte sie gegen
niemanden geuert, welche ernste Feier an diesem Tage sie von dem
Verlobungsfeste entfernt halten wrde. Unter dem Vorwande einer leichten
Unplichkeit, ward es ihr im letzten Augenblicke nicht schwer bei Herrn von
Aarheim ihr Zuhausebleiben zu entschuldigen. Von den brigen der Gesellschaft
ward sie im geruschvollen Moment der Abreise, wo eine groe Anzahl Wagen und
Pferde den Hof anfllten, nicht vermit. Denn jeder, der sie in seiner Nhe
nicht erblickte, vermuthete sie bei den Andern. Auch den zurckgelassenen
Bedienten blieb die Anwesenheit ihrer Herrin verborgen, denn Frau Dalling hatte
sie, um die ungestrte Einsamkeit Gabrielens zu sichern, alle aus dem Schlo zu
entfernen gewut. Und so herrschte denn an diesem Tage die feierliche Stille
einer Karthause, wo sonst alles vom lebendigsten Treiben der Geselligkeit
wiederhallte.
    Ihrerseits hatte Gabriele, mit sich und ihrem Gemth beschftigt, eben so
wenig daran gezweifelt, da Hippolit mit dem Strome der Gesellschaft nach der
Rothenburg gezogen sey, als sie am vergangnen Abend sein Wegbleiben von der
Gesellschaft bemerkt hatte. Sie war zu gewohnt, ihn vllig als ihren
Hausgenossen zu betrachten, um bei solchen Gelegenheiten mit besondrer Rcksicht
sich seiner zu erinnern, und da an diesem Abend die ungewhnlich zahlreichen
Gste an mehreren kleinen Tischen soupirten, so konnte es ihr um so weniger
auffallen, da sie in ihrer Nhe seiner nicht gewahr ward.
    Um so mehr war es bewundernswerth, da Gabriele das Schrecken, welches sein
Erscheinen in der Kapelle ihr erregen mute, so ertragen konnte, ohne auch nur
fr einen Augenblick ihm zu erliegen, besonders da sie sich geistig und
krperlich von der ernsten Feier des Tages hchst angegriffen fhlte. Aus dem
Sterbezimmer ihrer Mutter, wo sie den ganzen Tag zugebracht hatte. war sie erst
gegen Abend, begleitet von der treuen Pflegerin ihrer Kindheit, zu der unter der
Kapelle befindlichen Familiengruft herabgestiegen, um an den Srgen ihrer
Aeltern zu beten, die sich hier der langen Reihe derer ihrer Ahnherren
anschlossen. Den Rckweg nahm sie durch die Kapelle, dort wollte sie noch in
stiller Andacht vor dem Altare harren, bis die Sonne, welche diesem
thrnenvollen und hoffnungsseligen Tage geleuchtet hatte, hinter den Felsen sich
neigte; und gerade in dieser Stunde war es, wo Hippolits dstere Erscheinung sie
so gewaltsam zwang, sich der Erde und dem Leben auf ihr wieder zuzuwenden.
    Mitternacht war lngst vorber und noch immer zitterten Schrecken und
Schmerz in den Nerven der armen Gabriele. Vergebens bemhte sie sich, auf das
morgende entscheidende Gesprch mit Hippoliten sich vorzubereiten; es war ihr
unmglich, irgend etwas darber zu beschliessen.
    Wahr und treu und schonend will ich seyn, und das Uebrige Dem berlassen,
der heut mich wrdigte, wie durch ein Wunder Hippoliten als Retterin vom
Untergange zu erscheinen, sprach sie endlich sich zum Troste.
    Immer mute sie indessen des Flschchens noch gedenken und wohin sie auch
die Augen wenden mochte, glaubte sie es sich entgegen blinken zu sehen. Ihr
schauderte davor, und doch konnte sie es nicht lassen, mit Nachdenken und
Forschen sich zu qulen: wo sie es frher gesehen haben knne? Glcklicherweise
ohne Erfolg. Denn htte sie sich darauf besonnen, da gerade ein solches
Flschchen in der Todesstunde ihres Vaters an einer goldnen Kette von seinem
Nacken geffnet herabhing, so wre ihr auch mit einemmale die Art seines Todes
klar geworden, und mit dieser Klarheit ein ewig nagender Schmerz in ihr kindlich
frommes Gemth gedrungen. Vielleicht hatte das Bild dieses Flschchens sich ihr
in jenem Moment eingeprgt, wo sie von Schmerz, Schrecken und Angst; auch wohl
von dem durch das ganze Zimmer sich verbreitenden betubenden Duft des
Kirschlorbeers ergriffen, zu den Fssen ihres sterbenden Vaters ohnmchtig
hinsank. Vielleicht war auch die Ahnung einer Vergiftung damals in ihrer Seele
entstanden, war in bewutlosem Zustande, in welchem sie sich whrend ihrer,
gleich darauf folgenden langen Krankheit befand, wieder verloschen, und jetzt
durch den Anblick des Flschchens aufs neue in ihr rege geworden. Vielleicht
aber auch hatte der verklrte Geist, dessen Nhe sie den ganzen Tag ber
erfleht, und zu empfinden geglaubt, diese Ahnung ihr in die Seele gegeben, um
Hippoliten zu retten, und ihr das Glck zu gewhren, ihn gerettet zu haben. Wer
vermag es, hier zu entscheiden? und wer, der es knnte, mchte hart genug seyn,
diesen frommen Glauben, den Gabriele endlich freudig ergriff, als thrichten
Wahn zu verdammen oder zu verspotten?

Hippolits Erwachen aus schwerem betubendem Schlummer, glich am andern Morgen
dem Erwachen aus Grabesdunkel in einer andern Welt. Die ganze Vergangenheit war
ihm entschwunden und nur in ngstlichen Traumbildern schwebten die zuletzt
verlebten Stunden vor seiner Seele. Als er allmhlig zur vollen Besinnung
gelangte, wnschte er nun wieder einzuschlafen, um von neuem alles zu vergessen.
Mit unendlichem Grausen ergriff es ihn, wie alles jetzt so ganz anders seyn
knne, htte nicht Gabriele ihn wunderbar vor sich selbst errettet. Er bebte mit
Entsetzen vor dem geheimnireichen Schleier der Ewigkeit zurck, den er gestern
im verzweiflungsvollem Erdreisten mit kecker Hand zu lften im Begriffe stand.
Dann wendete er den Blick zur Erde. Er sah sich selbst bleich, regungslos
erkaltet, entstellt vielleicht zum Unkenntlichen, ein Grausen- nicht Wehmuth
erregender Todter, von dem Layen und Geistliche sich fromm bekreuzend den Blick
abwandten. Fern, Allen zum Graus in ungeweihte Erde gebettet, hob kein
bethrntes Auge von dem niedrigen Hgel sich mit trstender Hoffnung gen Himmel.
Freunde und Verwandte konnten nur den Wunsch hegen, ihn sobald als mglich der
Vergessenheit zu bergeben; darum durfte kein Stein mit seinem Namen den Ort
bezeichnen, wo man ihn hinlegte.
    Hippolit hatte den Tod nie gescheut, oft in jugendlichem Unmuth ihn herbei
gerufen, wenn das Leben sich in frhern Zeiten seinen Wnschen nicht fgen
wollte. Spterhin war er ihm oft dreist entgegen gegangen, wenn er aus keckem
Uebermuth, oder um das Lcheln einer schnen Frau, oder wegen ein paar unbedacht
hingeworfener Worte seiner Jugendgesellen das Leben wagte, als wre es eine
Seifenblase. Doch vor der abschreckenden Gestalt, in welcher der Tod jetzt
seiner Fantasie vorschwebte, konnte er nur schaudernd sich abwenden. Das Blinken
des krystallnen Flschchens, das noch auf seinem Tische lag, verwundete ihn mit
stechendem Schmerz, und er eilte, es wieder tief und sorgsam zu bewahren, um nur
das Entsetzliche nicht mehr zu sehen. Dann bereitete er sich zu der gewnschten
und gefrchteten Zusammenkunft, die ihm in den nchsten Morgenstunden
bevorstand. Es gelang ihm, eine ruhigere Stimmung zu erringen, und nun begann
er, seiner gestrigen Verzweiflung sich herzlich zu schmen. Wie damals, als er
zwischen den Ruinen der Brandsttte erwacht war, schalt er auch jetzt sich
unmnnlich feig, und fhlte mit tiefer Reue, wie grausam und unwrdig er im
Begriff gewesen war, auch Gabrielens Frieden auf immer zu zerstren, den
geringen Antheil huslichen Glcks, der ihr ward, zu vernichten, und vielleicht
selbst ihre Ehre vor der Welt unheilbar zu verwunden.
    Endlich ward er zu Gabrielen gerufen. Er wagte es nicht, die Augen zu ihr zu
erheben, bis er ihre sanfte rhrende Stimme hrte, mit der sie freundlich ihn
begrte, nach seinem krperlichen Befinden sich erkundigte. Doch als er sie
anblickte, wr' er beinah in ehrfurchtsvoller Anbetung vor ihr hingesunken. So
glaubte er noch nie sie gesehen zu haben. Hoch und hehr, bei aller gewohnten
Einfachheit, stand sie vor ihm wie eine Knigin; ihr Auge stralte in ungewohntem
Glanz, ihre Wange war hher gerthet und alle Zge ihres schnen Gesichts trugen
den Ausdruck festen, wenn gleich durch innre Gte gemilderten Ernstes. Hippolit
fhlte in diesem Moment alle seine Wnsche in Demuth und Ergebung untergehen.
Mit einer anmuthigen, wenn gleich etwas feierlichen Bewegung der Hand wies sie
ihm seinen Platz ihr gegenber an, einige Minuten vergingen, und keines von
ihnen sprach ein Wort; doch Gabrielens Fassung berwand gar bald dieses verlegne
Verstummen.
    Ich habe in vergangner Nacht recht viel, recht besorgt um Sie, Ihrer
gedacht, lieber Hippolit! sprach sie zu ihm. Ich mchte so gern dazu
beitragen, Sie in ungetrbtem Jugendmuthe Ihrem eignen klaren Bewutseyn wieder
zu geben. Dann wre alles gut. Denn ein dstrer unverstandner Wahn hat
wunderlich Sie betubt. Sie verkennen sich, die Welt und das Leben. Es wre wohl
die Pflicht der ltern erfahrneren Freundin, Ihnen wieder zurecht zu helfen,
wte ich nur, wo zu beginnen!
    O Gabriele! ich bin Ihrer Sorge nicht werth. Gefhle, Leidenschaft,
Erinnerungen, deren Vorstellungen Ihnen ewig fremd bleiben mssen, nagen an mir,
reissen mich hin zu wildem verworrenem Thun; geben Sie mich auf! mir ist nicht
zu helfen; erwiderte schmerzlich Hippolit.
    Wie Sie mich betrben! rief Gabriele; nach dem gestrigen Abend -
    Erwhnen Sie ihn nicht, aus Mitleid nicht, ich flehe darum, unterbrach
Hippolit sie in heftiger Bewegung. Die Hlfte meines Lebens gbe ich willig, um
ihn zurckzukaufen. Wten Sie, welche wunderbare Verknpfung unendlicher
Zuflligkeiten bis zu diesem Wahnsinn mich trieb! Doch warum mit der trben
Erzhlung Sie behelligen? Vergeben Sie dem Unglcklichen; wenn es mglich ist,
so vergessen Sie. Frchten Sie nicht Aehnliches von mir, so lange ich meiner
Besinnung mchtig bleibe. Ich werde harren, ich brauche dem Untergange nicht zu
rufen, ich wei, er wird mich frh genug ereilen.
    An diesem Morgen des neugeschenkten Lebens hoffte ich Sie anders gestimmt
zu finden. Doch gebe ich darum die Hoffnung noch nicht auf, Sie besnftigend zum
Bessern zu leiten, erwiderte Gabriele. Geduld ist die Pflicht der Frauen und
der Freunde, ich will gern sie ben, aber ben Sie sie auch, lieber Hippolit.
Hren Sie mich an, und ohne Widerstreben, ohne eigenwillig Ihr Gemth gegen
meine Stimme zu verhrten.
    Hippolit unterbrach hier zwar Gabrielen mit lauten leidenschaftlichen
Ausrufungen, doch sie achtete dessen nicht. Ein halb bittender, halb befehlender
Blick machte ihn wieder verstummen, und sie fuhr fort zu reden.
    In meiner Sorge um Sie, in meinem Gebet um Erleuchtung, wie Ihnen zu helfen
wre, kam mir pltzlich der Gedanke, Ihnen mit meiner Erfahrung zu ntzen. Die
Klippen, die ein Freund vor uns bezeichnete, sind leicht vermieden, und der
Sieg, den Andre vor unsern Augen errungen, scheint uns nicht mehr unmglich.
Darum will ich allen Bedenklichkeiten entsagen, ich will Ihnen vertrauen was ich
noch keinem sterblichen Wesen, so in Worte gefat, bekannte. Ich gebe Ihnen das
theuerste Geheimni meines Lebens in der Geschichte meines eignen Herzens. Sie
sehen, ich achte Sie noch, Sie sind mir noch immer werth, was ich kann, gebe ich
Ihnen, Hippolit! und mehr drfen und werden Sie nicht wnschen, setzte sie, ihm
freundlich die Hand bietend, hinzu.
    Mit hohem Errthen begann sie nun von jener Zeit zu sprechen, da sie, frh
verwaist, in eine ihr ganz fremde Welt versetzt, mit beklommnen Herzen,
vereinzelt dastand. Doch Blick und Ton wurden immer lebendiger, als sie deren
erwhnte, welche ihr so freundlich entgegen traten, Ernestos, der Frau von
Willnangen und ihrer Auguste. Hippolit, ihr gegenbersitzend, blickte mit
stummen Entzcken in ihr seelenvolles Gesicht, in ihre klaren Augen, die,
whrend sie sprach, oft mit dem Ausdrucke herzlichen Wohlwollens auf ihm ruhten.
    Ohne Ansprche, geliebt zu werden, betrat ich die Welt, sprach Gabriele,
doch bereit, mit inniger Liebe zu umfassen, was Liebenswerthes und Edles mir
nahen werde. Denn chte edle Liebe ist die Blthe des Lebens; sie bedarf keiner
Gegenliebe um zu beglcken, sie ist sich selbst ihr eigner hoher Lohn. So hatte
meine Mutter mich gelehrt.
    Dann erwhnte Gabriele mit glnzenden Augen Ottokars erstes Erscheinen. Ohne
ihn zu nennen, oder sonst auf kenntliche Weise zu bezeichnen, beschrieb sie ihn
wie er ihr damals erschienen war und noch immer in ihrer Erinnerung lebte. Mit
hinreissender Einfachheit und jungfrulichem Errthen bekannte sie, wie sie
zuerst in Demuth neben ihm gestanden hatte, und all ihr Wnschen einzig darauf
hinausgegangen war, nur einmal so wie die Andern mit ihm sprechen zu knnen; wie
sie zuletzt in ihrem Gemth doch zu der Ueberzeugung gelangt wre, da sie
allein zu ihm gehre, da nur sie ihn ganz verstehe, obgleich er nie im Gesprch
sich an sie gewendet habe, und wie die vllig von ihm Uebersehenwerden in
verborgnen, schweigenden Nchten oft schmerzlich von ihr beweint worden sey.
Dann kam sie zur Beschreibung jener einzigen Stunde, die in aller Seligkeit des
Himmels und allem herzzerreissenden Schmerz des Erdenlebens beide auf ewig
vereinte, indem sie fr das ganze Erdenleben sie trennte.
    Und so ist es noch jetzt; setzte Gabriele nach einem kurzen deutungsvollen
Schweigen hinzu. Sieben Jahre sind seit jener Stunde vorbergezogen. Wir sind
fr dieses Leben so ganz von einander geschieden, da in all dieser langen Zeit
kein Gru, kein Blttchen, von uns mit unserm Namen bezeichnet, ber die Kluft
hinschwebte, die das Geschick und unser eignes Gefhl des Rechten zwischen uns
zog. Wir sind mit unserm Loose zufrieden. Der irdische Schmerz ist
niedergekmpft und nur die reine Freude, einander gefunden zu haben, ist uns
geblieben. Bei jeder Erdennoth, jedem Zweifel, der im Gewhle des Lebens sich an
mich drngt, hebt und hlt mich das Bewutseyn, da er lebt, da er kein Gebilde
meiner Fantasie ist. Und auch ich - ich bin dessen berzeugt, - auch ich
erscheine ihm zum Trost, wenn er es bedarf. Weiter haben wir fr dieses Leben
keine Wnsche mehr, sogar der, einander hier noch einmal wieder zu sehen,
verstummte allmhlig. Doch will ich meinem jungen Freunde nicht bergen, da die
Ruhe, welche jetzt mich beseligt, nur im schweren Kampfe errungen ward.
Hippolit! auch Sie sind zu diesem Kampfe berufen und werden siegen.
    Nimmermehr! rief Hippolit in leidenschaftlichem Schmerz. Wie knnte ich
je dahin gelangen, wo Gabriele in der Glorie einer Heiligen strahlt! Seliger
Engel! warum bliebst du nicht in deinen Himmeln? Warum mutest du in dieser
entzckenden Gestalt herabschweben, uns zu verderben?
    Hippolit! ich wiederhole es, Sie betrben mich mit diesem wilden
leidenschaftlichen Wesen; Sie ngstigen mich, und es ist wohl besser, ich ende
dieses Gesprch, um schriftlich einen vielleicht gnstigern Moment zu treffen,
sprach Gabriele sehr ernst, als wolle sie aufstehen und das Zimmer verlassen,
doch Hippolits Verzeihung erflehender Blick und sein sichtbares Bestreben, sich
zu migen, bewogen sie, noch zu bleiben.
    Verzeihen Sie mir die Behauptung, sprach endlich Hippolit, Gabriele,
schnes engelreines Wesen! was Sie Liebe nennen, ist es nicht. So lieben nicht
sterbliche Menschen; wie Sie jenen namenlosen Glcklichen lieben, so lieben
selige Geister -
    So lieben Frauen, unterbrach ihn Gabriele, und ihrem Augen leuchteten in
verdoppeltem Glanze.
    Wie gern stimmte ich in kindlicher Demuth diesem Ausspruche bei, rief
Hippolit und wagte errthend kaum, die Augen aufzuschlagen, aber ich darf gegen
Sie nicht falsch seyn, fuhr er fort. Ich mu es bekennen, ein feindliches
Geschick hat schon frh mich mit der Kehrseite des Lebens bekannt gemacht. Aus
Erfahrung, deren ich jetzt nur in tiefer Beschmung gedenke, wei ich, wie
einsam Gabriele auf der Hhe steht, die ber ihr Geschlecht sie erhebt, wie ohne
alle Ahnung dessen -
    Ein zrnender Ausruf Gabrielens unterbrach ihn. Frchten Sie nichts! fuhr
er bittend fort; kein khn ausgesprochnes Wort soll Sie beleidigen; mge der
Himmel mich noch elender machen, als ich es bin, wenn je die hohe Ehrfurcht mich
verlt, die in Ihrer Nhe mich immer ergreift. Doch wenn Sie je - wenn jemals -
ach! wie fange ich es an, um Ihnen gegenber, das was ich denke, was ich fhle,
in Worte zu fassen? Wie soll ich Sie erbitten, es nicht Lsterung zu nennen,
wenn ich bekenne, da ich jetzt, von Ihrem holden Vertrauen beruhigt, ihn nicht
mehr beneide, dessen nie zuvor geahnetes Daseyn schon gestern die Bosheit Ihrer
Feindin und die unbedachte Vertraulichkeit Ihres Freundes mir verriethen. In nie
gefhlten Qualen der Eifersucht jagte es mich in Wahnsinn und Tod.
    Sie sollen ihn auch nicht beneiden, Sie sollen neidlos ihm nacheifern, Sie
sind es werth, neben ihm zu stehen, sprach Gabriele mit begtigendem Tone, doch
Hippolit fuhr fort, wie nachdenkend vor sich hin, weiter zu sprechen.
    Die ruhige Gefhl wre Liebe? Nein, ich wiederhole es, Gabriele hat nie
die Liebe gekannt. O - kennten Sie dieses verzehrende Feuer, die Wnschen ohne
Namen und Ziel, diese Unmglichkeit, anders wo zu athmen, als in der Nhe des
Geliebten! - O Gabriele, was soll aus mir werden? Was soll mich schtzen vor
Wahnsinn und Verzweiflung? rief er, von seinem Schmerz aufs neue berwltigt;
was kann mich retten?
    Was auch mich und meinen Freund vor Untergang und Unwrdigkeit schtzte,
erwiderte Gabriele fest und mild. Sie fate die Hand, mit welcher er im wildem
Unmuthe sein Gesicht verhllte. Blicken Sie mich an, sprach sie; glauben Sie,
da diese Augen nie weinten? Da nicht auch meine Brust in schlaflosen Nchten
nach Trost, nach Hoffnung, nach Beruhigung schmerzlich rang? da nicht auch er?
- o Hippolit, ich fordre ja nichts Unmgliches, nur was ich und er auch thaten
und trugen.
    Entfernung ist Tod! rief Hippolit, alle Migung vergessend, im wilden
Schmerze.
    Und Sie glauben mich zu lieben? Kennt Liebe denn Trennung? Ist sie nicht
ewige Nhe? Giebt es fr sie Raum oder Zeit? erwiderte ihm Gabriele.
    Lange kmpfte sie mit ihm, erschpfte Grnde und Bitten, um ihn zu einem
Schritt zu bewegen, den sie im Fall seines unberwindlichen Widerstandes
entschlossen war, selbst zu thun. Mit der Ueberzeugung von Hippolits wirklich
leidenschaftlicher Liebe war ihr auch die Nothwendigkeit klar geworden, ihn aus
ihrer Nhe zu entfernen. Sie fhlte unendliches Mitleid mit ihm in ihrem Herzen,
es betrbte sie unsglich, ihn wieder ganz allein seiner leidenschaftlichen
Natur berlassen zu mssen, ihn Rathund Hlflos in die ihm so gefhrliche Welt
hinauszustoen. Auch dachte sie nicht ohne ein sehr schmerzliches Gefhl fr
sich selbst an die Trennung von ihm; sie war seiner Gegenwart so gewohnt worden,
da sie kaum wute, wie sie es anfangen solle, um sich von ihm loszureien. Der
schnste Schmuck ihres jetzigen Lebens ging ihr mit ihm verloren, das konnte sie
sich nicht verhehlen, und gestand es auch ihm, offen und wahr. Ihr Mitgefhl
milderte die Wildheit seines Schmerzes und machte ihn fhig, Bitten und Grnden
seine Aufmerksamkeit zu schenken. Mit der grten Zartheit lenkte Gabriele auch
seine Blicke auf ihre eigne husliche Lage, die er nur zu genau kannte, auf die
Gefahr, in welche er in unbedachten Augenblicken sie strzen knnte, dieses
Schattenbild von huslicher Ruhe zu verlieren, das sie bisher mhsam erkmpft,
mit unzhligen Opfern sich erhalten hatte. Selbst auf das Urtheil der Welt, das
man ehren mu, ohne es achten zu knnen, machte sie in leisen Andeutungen ihn
aufmerksam. Hippolit war es gewohnt, sie beinahe ohne Worte zu verstehen. Er
konnte sich die Wahrheit dessen nicht verhehlen, was sie ihn mehr errathen lie,
als da sie es ausgesprochen htte, und der Gedanke, ihrer Ruhe die groe Opfer
zu bringen, ermuthigte ihn. Ihre bittenden Blicke besiegten ihn mehr als ihre
Grnde; der gebietenden Herrin htte er vielleicht noch lange Widerstand
geleistet, der mit ihm fhlenden Freundin mute er nachgeben. Und so gelangte er
denn endlich zu dem Entschlusse, zuerst in Ungarn Freunde und Verwandte zu
besuchen, seine Gter zu bereisen und dann nach Italien zu gehen. In Jahresfrist
sollte er selbst entscheiden, ob er dann siegreich genug aus dem schweren Kampfe
mit seinem Herzen hervorgegangen sey, um zu verdienen, wieder in Gabrielens Nhe
zu leben.
    Was ich mir und meinem fernen Freunde versagen mute, darf ich Ihnen
erlauben, sprach sie zu ihm. Ich bitte Sie sogar, mir wchentlich zu
schreiben. Ich will an allem theilnehmen, was Ihnen begegnet, und auch Sie
sollen von mir zuweilen Kunde erhalten, obgleich ich nicht versprechen kann,
jeden Ihrer Briefe regelmig zu beantworten. Der Reisende hat immer leichter
schreiben als der, welcher zu Hause bleibt, doch will ich gern freundlich und
rathend Ihnen auch aus der Ferne die Hand reichen. Uebrigens vertraue ich Ihrem
eignen Gefhle, ich bin gewi, Sie werden nur schreiben was ich lesen darf; Sie
werden nie mich zwingen, einen Ihrer Briefe ganz unbeantwortet zu lassen, oder
wohl gar alle zuletzt unerffnet zurcksenden zu mssen. Hippolit wird so das
Gemth der Frau nicht verwunden, die ihn so gern und freudig ihren Edelknaben
nannte, setzte Gabriele, lchelnd unter Thrnen, hinzu, indem sie ihm
freundlich die Hand reichte, um so den vielleicht zu streng erscheinenden Ernst
zu mildern, mit welchem sie diesen Ausspruch that.
    Hippolits endlicher Abschied von der hochgeliebten Frau duldet keine
Beschreibung. Schon in der nchsten Stunde sa er auf seinem prchtigen, stolzen
Araber, denn er wollte, nach seinen eignen und Gabrielens Wnschen, die noch am
nehmlichen Abend von der Rothenburg zurckkehrende Gesellschaft vermeiden. Als
er ber den Schlohof sprengte, sah er noch einmal zu Gabrielens Fenster auf;
sie stand da und winkte ihm das letzte Lebewohl zu. Sein Herz zuckte, als wolle
es brechen, da er sie erblickte. Er vermochte es nicht, ihren Gru zu erwidern,
sondern spornte sein edles Ro so, da es hoch auf sich bumte und dann, wie vom
Sturmwind getrieben, mit ihm zum Schlothor hinaus den steilen Felsweg
hinunterflog. Die ihm am Thore nachsehenden Bedienten schrien alle vor Schrecken
darber laut auf; Gabriele lauschte bebend am Fenster, bis die Ruhe, mit welcher
sie Alle sich dem Schlosse zuwenden sah, sie berzeugte, da jede Gefahr vorber
sey und kein Unfall ihren jungen Freund betroffen habe.
    Dann wandte sie sich langsam vom Fenster ab, in stille Trauer und in
wehmthigem Andenken versunken.

Sowohl Gabriele als Hippolit waren gleich bei der Ankunft auf der Rothenburg von
der Gesellschaft vermit worden, und obgleich Herr von Aarheim seine Gemahlin
durch die ihr pltzlich zugestone Unplichkeit sehr umstndlich zu
entschuldigen suchte, so fehlte es dennoch nicht an mannigfaltigen Muthmaungen
ber den sonderbaren Zufall, der zugleich auch Hippolits Abwesenheit veranlat
habe. Eugenia, mehr vielleicht aus Gewohnheit als aus bser Absicht, trug
redlich dazu bei, die Aufmerksamkeit der Gesellschaft so lange als mglich mit
diesem Problem zu beschftigen; Moritz selbst ward zuletzt dadurch angeregt,
doch da niemand in seinem Beiseyn ganz verstndlich sich auszudrcken wagte, so
begriff er nicht recht, mas man eigentlich meinen mochte, und die ganze
Geschichte machte keinen groen Eindruck auf ihn. Anders wurde es als er, wenig
Stunden nach Hippolits Abreise, wieder zu Hause angelangt war. Hier vernahm er,
da sein junger Freund, durch dringende Ursachen bestimmt, pltzlich nach Ungarn
gereist sey, ohne sich vorher bei ihm zu beurlauben. Das halbverstandne
Geflster und Gezische auf der Rothenburg kam ihm wieder in den Sinn, und
brachte ihn jetzt auf den albernen Gedanken, seine Gemahlin knne aus
wunderlicher Eifersucht den Augenblick benutzt haben, um den einzigen Menschen,
dessen Gesellschaft ihn ergtzte, von ihm zu entfernen. So lcherlich diese
Vermuthung auch war, so ermangelte er doch nicht, Gabrielen deshalb anzuklagen,
und ihr dadurch manche bse Stunde zu machen.
    Der Verlust Hippolits und die Verpflichtung, die Frulein Schneck wieder in
die Arme ihrer Mutter zu geleiten, muten ihm jetzt zum Vorwande dienen, die
Rckreise nach der Residenz zu beschleunigen.
    Ida und Bella gingen mit eben der frhlichen Erwartung dem Gerusch der
Stadt entgegen, mit der sie auf die romantische Einsamkeit der alten Burg sich
gefreuet hatten. Mit nassem Auge und manchem unterdrckten Seufzer trennte sich
Gabriele von dem geliebten Aufenthalte; Moritz hingegen vermaa sich hoch und
theuer in seinem Herzen, die Schwelle des alten verwnschten Schlosses nie
wieder zu betreten; er fand jedoch fr gut, diesen Vorsatz nicht laut werden zu
lassen.
    Mit einem sehr unbehaglichen Gefhle, zu welchem die jetzige Gestaltung
ihres huslichen Verhltnisses nicht wenig beitragen mochte, betrat Gabriele in
der Residenz abermals die gewohnte Bahn im geselligen Leben der groen Welt. Nie
war ihr diese freudenarmer und uninteressanter erschienen, und dennoch durfte
sie ihr, um ihres Gemahls willen, nicht entsagen. Letzterer ward mit jedem Tage
mrrischer und unleidlicher. Gegen die Freude an Gabrielens glnzender
Erscheinung in der Welt, hatte die Zeit ihn abgestumpft; er bildete sich nicht
mehr ein, die Bewunderung, welche sie berall erregte, mit ihr zu theilen, und
sein ewiges Ausposaunen ihrer Vortrefflichkeit qulte sie nicht, wie wohl
ehemals. Dafr machte ihn aber die frchterlichste Langeweile zum
unertrglichsten Gesellschafter, bis er durch irgend eine schnell aufgefate
Lieblingsidee wieder angeregt und in Thtigkeit gesetzt ward. Doch als er diese
endlich am Spieltisch gefunden hatte, gewhrte sie ihm nur neue Anreizung zum
rgerlichsten Mimuthe. Sein Verlust an demselben konnte bei seinem groen
Vermgen zwar nicht in Anschlag gebracht werden, aber leider bildete er sich
ein, das Geheimni erfunden zu haben, den Gang des Spiels im Voraus aus
mancherlei Nebenumstnden berechnen zu knnen, und das ftere Milingen seiner
mhsamen Kalkulazionen versetzte ihn beinahe an jedem Abende in den
allerwiderwrtigsten Humor.
    Der Briefwechsel mit ihren entfernten Freunden gewhrte Gabrielen wenig
Erheiterung ihres jetzigen trben Lebens. Ernesto lie aus Italien selten von
sich hren, und Frau von Willnangen mit ihrer Auguste waren selbst des Trostes
bedrftig. Denn der General fand fr gut, Adelberten noch immer entfernt zu
halten, und beide Frauen fhrten auf dem Lande, in Sehnsucht und banger
Erwartung, ein sehr einfrmiges Leben. Gabriele hatte ihrer Freundin die
Ereignisse nicht mitgetheilt, welche Hippolits Entfernung aus ihrer Nhe
herbeifhrten, denn sie achtete sich nicht berechtigt, das Geheimni ihres
Freundes ohne Noth zu verrathen. Indessen hatte sich doch eine Art Zwang in den
Briefwechsel der Freundinnen durch dieses Verschweigen eingeschlichen, den beide
fhlten, ohne sich ihn zu gestehen. Stille Trauer ber den Jngling, den sie
gezwungen hinaus in die Verbannung gestoen, waltete noch immer in Gabrielens
Gemth; berall vermite sie ihn, und seine Briefe, eigentlich das Tagebuch
seines Lebens, waren fast die einzige Unterbrechung ihres bis zum Ueberdru
einfrmigen Umhertreibens mitten im Gerusche.

Ich mu fort, schrieb Hippolit Gabrielen, wenige Wochen nach seiner Ankunft im
Vaterlande, ich mu fort, ich halte es so nicht lnger aus. Ruhe zu hoffen,
wre lcherlich; so will ich denn Betubung suchen. Betubung andrer Art als mir
die glnzenden Feste, die groen Jagdparthien geben, welche meine Verwandten mir
zu Ehren hier anstellen. Wenn sich Abends, von unzhligen Fackeln beleuchtet,
unsere oft aus zwanzig und mehr Wagen bestehenden Karavanen von dem Schloe
eines Verwandten, wo wir einige Tage oder Wochen lang hauseten, zu dem Gute
eines andern begeben, wo wir uns wieder im nehmlichen Kreise von Lustbarkeiten
umherzutreiben gedenken, dann kommt mir unser Zug, dem die Landleute bewundernd
nachstaunen, oft wie ein prchtiges Leichenbegngni vor. Ich hrte einmal ein
altes einfaches Lied singen, sein Anfang war:

Mein Herz, das ist begraben,
Tief und gar weit von hier

Mein Gedchtni hat von dem Liede nichts aufbewahrt als diese wenigen Worte,
aber ich kann sie nicht wieder los werden. Oft mchte ich meine Verwunderung
laut darber ausdrcken, da man so viel Umstnde mit mir macht, um mich zu
ergtzen, aber die guten Leute wissen nicht, da es eben sowohl Scheinlebende
als Scheintodte gibt. Sie ahnen nicht, da ich mit kalter, hohler Brust unter
ihnen herumwandle, weil ich ohngefhr eben so aussehe wie alle andere Menschen,
aber - Mein Herz, das ist begraben tief und gar weit von hier!
    Eine freudige Regung, einen Strahl jugendlichen Lebens, hat mir denn doch
das Wiedersehen, oder ich sollte lieber sagen, das Widerfinden, eines ehemaligen
Jugendgefhrten hier gewhrt. Auf einer jener glnzenden Familienreisen fhrte
unser Weg dicht neben dem Schlosse meines Oheims vorbei, dem ich als ein
Unmndiger vom sterbenden Vater anvertraut ward, und der mich zum Lohne dieses
Vertrauens fr einen der Familie aufgedrungnen Bastard erklren lassen wollte,
um mein reiches Erbtheil seinem eignen Sohne zuzuwenden. Seit einem halben Jahre
ist der Oheim todt, aber ich mochte selbst den Ort nicht wiedersehen, wo er mit
heuchlerischer Freundlichkeit mich umfing, und mich Sohn nannte, whrend er im
Herzen den Plan, mich zu verderben, umhertrug.
    Sein Sohn, mein ehemaliger Spielgefhrte, bewohnt jetzt das Gut, ich schlug
indessen das Frhstck aus, das uns bei ihm erwartete, und bestand darauf,
weiter zu fahren. Ich mochte die Brut des heuchlerischen Alten nicht sehen, die
durch meinen Raub hatte bereichert werden sollen, und uerte dieses ganz
unverholen. Heute frh stand Vetter Max vor mir in meinem eignen Zimmer, ehe ich
mich dessen versah, und bot mir die Hand zur Vershnung. Ein einziger Blick in
sein ehrliches, treuherziges Gesicht entwaffnete mich, und nun hre und sehe ich
zu meiner unsglichen Beschmung, was Max alles fr mich gethan hat. Selbst mit
Vernachlssigung seiner eignen Geschfte, hat er Tag und Nacht nur dahin
getrachtet, die Ordnung auf meinen Gtern wieder herzustellen; und da ich,
unerachtet der sinnlosen Verschwendung meiner frhern Jugend, dennoch jetzt weit
reicher bin als ich es je zu seyn glaubte, verdanke ich einzig ihm.
    Schweigt davon nur ganz stille, antwortete mir der gute Max, als ich meinem
Danke Worte geben wollte, ich that wohl etwas um Euch, mehr aber noch um des
Vaters willen. Ich meine, wenn ich jetzt gut zu machen versuche, was er schlecht
machen wollte, so soll das seiner armen Seele vielleicht besser frommen als
etliche Dutzend Seelenmessen, die wir indessen auch nicht versumen. Euch aber,
Vetter! wenn ich Euch wirklich einen Gefallen that, bitte ich brigens, da Ihr
doch meines Vaters nicht im Guten gedenken knnt, so thut mir die Liebe, und
denkt gar nicht an ihn. Er war doch mein Vater und hatte mich lieb, zu lieb; und
das mag leicht sein grter Fehler gewesen seyn.
    Morgen soll ich ganz allein mit Max herber reiten, seine Frau und sein Kind
zu sehen, er ist einige Jahre lter als ich und schon Hausvater.

                                                   Am Abend des folgenden Tages.

Maxens Kind heit Gabriele! Gabriele, rief ich, Gabriele! und ri das kleine
zweijhrige Mdchen vom Arme der Mutter, so wie sie es mir genannt hatte. Ich
konnte es nicht lassen, ich bedeckte es mit tausend glhenden Kssen, es
streckte die Aermchen nach mir aus, es lchelte mich an, es wollte mich
liebkosen und ich - Nein ich darf in diesem Momente nicht weiter schreiben -
Gabriele! Gabriele! welch ein Zauber liegt in diesem Namen! Er ruft den Himmel
und die Hlle in meinem Busen wach.

                                               Einige Wochen spter geschrieben.

Max ruhte nicht, ich mute ihm hieher folgen, zum uralten hochgethrmten Sitze
meiner Ahnen, am Fue der Karpathen. Er meinte: wo ich eigentlich zu Hause sey
und hingehre, msse doch endlich jener Trbsinn weichen, der in meiner Nhe
sogar ihn, den immer Lebensfrohen, wie ein bser Geist ergreift, und ihn oft so
seltsam bengstigt, da er das Vorgefhl einer nahen schweren Krankheit zu
empfinden glaubt. Und dennoch will der gute treue Freund nicht von mir lassen;
mag er denn immerhin meinen einstweiligen Aufenthalt whlen; ich bin froh,
dieser Mhe berhoben zu seyn, ich gebe mich seiner Leitung hin, und um so
lieber, da ich, mit ihm allein, endlich einmal freier athmen kann.
    Ehegestern langten wir ziemlich spt gegen Abend hier an. Aus Htten und
Bauerhfen strmte Jung und Alt uns schon auf dem Wege entgegen, mit Krnzen,
mit grnen Zweigen, und endlosen gutgemeinten lateinischen Reden. Hrner und
Trompeten lrmten dazwischen, und der Wiederhall aus den nahen Bergen sandte uns
das luftige Losknallen der Feuergewehre, zum fernen Donner umgewandelt, zurck.
    Max suchte mit seelenvergngter Erwartung Freude ber seine wohlgetroffnen
Anstalten in meinen Augen zu lesen, whrend die trostloseste Erinnerung an
unsern Einzug in Schlo Aarheim mir das Herz zerri.
    An unsern Einzug! Gabriele! an unsern! Wie war es mglich, da dieser
Ausdruck jetzt mir entschlpfen konnte? Unser! Die Seligkeit des Himmels umfate
sonst fr mich die kleine Wort, ich suchte tausendfltige Gelegenheit, es
auszusprechen. Jetzt ists damit vorbei! Ich darf ja mit Gabrielen nichts mehr
gemein haben als das Tageslicht. Doch still davon.
    Ich stand denn ehegestern eine ziemliche Weile unter den hohen Bumen vor
dem Schlosse und war himmelweit von allen jenen Regungen entfernt, die Max in
mir zu wecken gehofft hatte. Noch nie hatte ich so verwaist mich gefhlt als
eben hier, in dem von meinen Vtern mir vererbten Eigenthume; noch nie war es
mir so schwer aufs Herz gefallen, wie ich doch nirgend und zu niemanden mehr
hingehre, seit der Stern meines Lebens mir nicht mehr leuchtet.
    Alle diese Menschen blicken hoffend zu mir auf, alle dnken sich, zu mir zu
gehren, sie sind bereit, ihr Wnschen und Klagen und Bitten mir zu vertrauen,
und ich will gern geben was ich kann; doch das, was sie eigentlich und mit Recht
von mir fordern, vermag ich doch nicht, ihnen zu gewhren. Ich stehe, in Sitte,
Kleidung und Sprache ein Fremder, in meinem Vaterlande mitten unter meinem
Volke.
    Warum lie mein Vater den mutterlosen Knaben nicht hier aufwachsen in diesen
alten Mauern, unter diesen Menschen, die so groe Ansprche an ihn haben? Ich
wre dann einfachen Sinnes und doch treu und brav, wie mein Vetter Max; ich
nhme, wie er, das Leben arglos hin, ohne groe Ansprche, wie es gerade kme.
Es stnde dann gewi viel besser um meine Ruhe, und doch ergreift mich ein
Schauder, wie vor dem Gedanken ewiger Vernichtung, wenn ich es mir recht
ausmale, wie es mit mir seyn knnte, wenn Gabriele mir nicht erschienen wre,
wenn Kunst, Wissen und jeder verfeinerte Schmuck des Lebens fr mich gar nicht
existirten, wenn ich, versunken in farblose Apathie, so hinlebte von einem Tage
zum andern, und die Jahre ber mir hinrollten, ohne da ich es anders als an
meinen ergrauenden Haaren gewahr wrde. Nein! nein! ich will fhlen, da ich
bin, sey es auch nur durch den Schmerz! Doch zurck zu meiner Erzhlung unsrer
Ankunft. Sie wollen ja, ich soll erzhlen.
    Immer peinlicher ward das bengstende Gefhl, das unter meinen jubelnden
Unterthanen mich ergriffen hatte. Immer unmglicher ward es mir, ihrer Freude,
die mit jedem Augenblicke lauter sich aussprach, wenigstens auf halbem Wege zu
begegnen. Ich wei was ich gesollt htte; ich fhlte recht gut, welche
Erwiderung die rhrende Anhnglichkeit dieser Menschen, wenn auch nur an meinem,
durch die Zeit ihnen heilig gewordnen Namen, von mir fordern durfte, und doch
frchte ich, theure Gabriele, ich frchte, ich habe mich nicht benommen wie ich
sollte. Ich konnte es nicht, weder mich zu freuen, noch Freude zu heucheln
vermag ich, und so kam es denn wohl nicht ohne mein Zuthun, da das muntre
Getse um mich her allmhlig verstummte. Alles begann nach und nach, sich mit
scheuem Blick, mit unsicherm Verneigen aus meiner Nhe zurck zu ziehen und
endlich sich zu zerstreuen, ehe noch vllige Dmmerung eintrat.
    Max hat recht ernstlich mein Benehmen getadelt; ich stand beschmt vor ihm
und wute zuletzt nur krperliches Uebelbefinden zu meiner Entschuldigung
anzufhren. Er meint es so gut, und obgleich er mich oft eigensinnig schilt, ist
doch sein Herz voll Mitleid mit mir; aber wie knnte er je Wunden schonend
behandeln, deren Mglichkeit er nie begreifen wird. Ich bat ihn also nur, bei
einem Feste, das ich allen meinen Unterthanen zu geben Willens bin, mich als
Wirth zu vertreten. Die stellte die treue Seele vllig zufrieden, nur mute ich
ihm noch versprechen, dabei zu erscheinen, sey es auch nur auf wenige Minuten.
    Morgen also. Von Morgen an wird laute Freude drei Tage lang unten durch die
weiten Hallen meiner Burg tosend drhnen. Fr mich hoffe ich indessen ein
stilles Pltzchen zu finden, wohin kein Ton von dorther dringen kann, wo ich
allein seyn mag mit meinen lieben Gedanken an ehemals, an Gabrielen.

Sie tanzen, sie singen, sie lachen; wie das ferne Brausen des Meeres, tnt es
selbst zu dem kleinen runden Eckthurm herber, in welchen ich mich vor alle dem
Lrmen geflchtet habe. Ist das Freude? Die ungebndigste Lustigkeit eines
Bauerngelages, so wie die ausgesuchtesten Feste der vornehmen Welt, was sind sie
im Grunde anders als Schlachtmusik, die der arme Mensch sich macht, um nur nicht
zu sehen und zu hren, wie der vernichtende Arm der Zeit die Sichel fhrt.

Schon beim ersten Eintritte in dieses Schlo kam alles so bekannt mir vor. Das
altmodisch gestickte goldne Laubwerk auf den schweren rothsammtnen Gardinen
meines Bettes, die vergoldeten Lwenkpfe, welche meinen Schreibtisch tragen,
die hohen geschnitzten Sthle, die kolossalen unbeweglichen Tische. Mir war, als
htte ich vor langer Zeit das alles schon gesehen, und doch hatte ich dieses
Schlo kaum jemals nennen gehrt; mein Vater besuchte es nie, so lange ich
denken konnte, obgleich es unser Stammhaus ist. Von Unruhe getrieben, durchzog
ich heute die lange Reihe unbewohnter Zimmer, die noch in ihrer alterthmlichen
verbleichenden Pracht genau so wie schon vor hundert Jahren dastehen. Ein groer
Saal am Ende derselben hielt mich endlich fest. Von seinen Wnden schienen die
Bilder meiner Vorfahren aus ihren breiten kunstreich geschnitzten Rahmen auf
mich, den letzten trben Sohn ihres Stammes, mitleidig herabzublicken, und ich
betrachtete sie der Reihe nach. Zuletzt stand ich beim Bilde meines Vaters
still, sein trauriges Alter und die Tage meiner, nicht freudiger bei ihm
verlebten Kindheit traten mir vor die Seele. Ich versank in immer tieferes
Sinnen, so, da ich ber die Stimme des alten Kastellans wirklich zusammenfuhr,
der, von mir unbemerkt hereingetreten war.
    Er ist ein alter fast kindischer Greis, der hier, wo er sein ganzes Leben
hinbrachte, in spielender Geschftigkeit den Tod erwartet. Mit der Redseligkeit
des Alters begann er, mir die Geschichte aller Feste und groen Jagden, welche
er zu meines Grovaters Zeiten hier erlebt hatte, herzuerzhlen, bis ich, um ihn
zu unterbrechen, nach einem Bilde fragte, von dessen Existenz der leere Raum
neben dem meines Vaters zeugte, und das augenscheinlich aus der Reihe
weggenommen war. Der Alte wiegte bedchtig das schneeweie Haupt, ich hab's
gerettet, flsterte er mir endlich zu und ffnete dann eine verborgne
Tapetenthre in einer Ecke des Saals. Beklemmend schlug mir die schwle
eingeschlone Luft das wohl seit vielen Jahren nicht geffneten dunkeln Zimmers
entgegen, doch trat ich hinein, eigentlich ohne Neugier und ohne zu wissen
warum. Der Alte ffnete die Fensterladen und ich sah mich in dem Kabinette einer
Dame aus der ersten Hlfte des vorigen Jahrhunderts. Auf dem mit Spitzen auf
verblichner rosenfarbner Seide umkleideten Nachttische schimmerten noch die
silbernen mit getriebner Arbeit gezierten Putzkstchen; ein dicht zugezogner
Schleier von altmodischen Spizzen verhllte den kleinen ebenfalls in silberne
Schnrkel eingefaten Spiegel und seitwrts stand eine reich mit Perlmutter und
Elfenbein geschmckte Wiege, auf deren seidner Decke wohl lngst zerfallne Hnde
mit mhsamer Kunst eine Grafenkrone gestickt hatten.
    In ganz eigner Bewegung betrachtete ich die kleine Schlafsttte und die
prunkenden Anstalten, welche Mutterliebe und Eitelkeit zum Empfange des
hlflosen kleinen Erdenbrgers hier getroffen hatten, den das Schicksal
spterhin wohl schwerlich wieder so weich gebettet haben wird, ehe er zu jener
Ruhesttte gelangte, die der spanische Dichter die zweite umgekehrte Wiege
nennt, und die uns noch tiefern ruhigern Schlaf verheit. Der Alte machte mich
jetzt auf das ber der Wiege hngende Bild einer jugendlich schnen Frau
aufmerksam. Sie lchelte mit so bekannten Zgen mich an, da ich den Blick nicht
wieder zu wenden vermochte. Pltzlich fiel es wie ein Schleier mir von den
Augen, ich stand vor dem Bilde meiner Mutter, ich erkannte die Kabinett, in
welchem ich, ein glckliches Kind, bis in mein fnftes Jahr neben ihrem dicht
daranstoenden Zimmer gewohnt habe. Ich bin in diesem Schlosse geboren, theure
Gabriele, ich wute es nur nicht, aber der Greis sagte es mir jetzt. Es war
meine Wiege an der ich stand, in der auch mein Vater, vielleicht mein Grovater
einst ruhten; denn seit einem Jahrhundert wenigstens ist hier nichts verndert
worden. Die Morgensonne meines Lebens ging mir pltzlich wieder auf und
leuchtete um mich her, so klar, da ich alles, was mich umgab, in ihrem rosigen
Abglanz wieder erkannte. Ich blickte auf zum Bilde meiner Mutter, in ihren Augen
schienen mir jetzt Thrnen zu glnzen, wie in jener Nacht, da ich, halb erweckt
von ihren heien Kssen, sie weinen sah und mit ihr weinend, wieder einschlief.
Am Morgen nach dieser Nacht, erwachte ich das erstemal zum Schmerz der Trennung,
der bngsten Sehnsucht nach einem geliebten entschwundnen Wesen.
    Die Fenster des Kabinetts gehen in einen kleinen Nebenhof; ich erkannte
jetzt auch in ihm die Stelle, wo vor beinahe zwanzig Jahren der Wagen hielt, in
welchen ich von ganz fremden Leuten getragen ward und dann still weinend und,
bnglich neben dem ernsten schweigenden Vater sitzend, von allen Freuden meiner
Kindheit Abschied nahm. Ich habe seit jener Nacht meine Mutter nicht wieder
gesehen, nie hat man wieder mit mir von ihr gesprochen, und die unglckliche
Ursache unsrer Trennung ist mir nie recht deutlich geworden. Ich weinte lange
der Mutter nach, endlich verga ich sie doch nach Kinderart. Die Liebe blieb
aber dennoch in meinem Herzen, und hielt ihr Bild darin fest; darum erkannte ich
es in dem Gemlde gleich wieder, so wie dieses mir vor die Augen trat. Es ist
das Einzige was von ihr brig ist. Dank sey es dem alten treuen Kastellan, der
es heimlich gerettet. Alle andere sie darstellenden Gemlde, die sich im
Schlosse befanden, wurden nach der Entdeckung ihrer Flucht von uns, auf Befehl
meines erzrnten Vaters verbrannt. Der Unglckliche! Das Eine Bild in seinem
Herzen vermochte er doch nicht zu vertilgen, das wie ein unheilbringender Dmon
ihn berall hin verfolgte, alle seine Tage trbte, ihn in Lebensha und
Bitterkeit erstarren lie. War es Schuld meiner Mutter, oder ihr Unstern, der
hier vorwaltete? Fern von mir sey es, hierber forschen zu wollen. Sie hat mich
einst geliebt, sie hat um mich geweint, die gengt meinem Herzen. Ich beziehe
noch heut mein ehemaliges Kabinett, vielleicht senkt in der Wohnung meiner
harmlosen Kindheit sich mir ein Strahl ehemaligen Friedens wieder in das wunde
Herz.

Es ist vergebens. Auch hier, wo ich zuerst athmete, wohnt fr mich keine Ruhe!
Gabriele, hrten Sie je das Mhrchen von jenem Unglckseligen erzhlen, der seit
langen Jahrhunderten rastlos umher wandert, ohne den Tod zu finden, von den
Menschen geflohen, in deren Mitte auch ihm grimmiges Schauern erkltend bis tief
in das innerste Herz dringt und dem mden Fue keine Ruhesttte gnnt? Ich
dachte lange nicht mehr daran, aber hier, in diesem Zimmer, wo ich als Kind mit
ngstlichem Behagen darauf horchte, und es mir immer wieder und wieder erzhlen
lie, hier fllt es mir oft recht grausenhaft ein. Von jeher dnkte mir das
Geschick dieses Rastlosen ganz ber allen Ausdruck entsetzlich, und nun wandre
auch ich so ohne Ruhe und Rast, und wohin ich mich wende, verstre auch ich
jedes glckliche Geschpf. Lachen und Freude verstummen im Dorfe, so wie ich
mich zeige; meine Bedienten schleichen leise wie Gespenster um mich her, wenn
ihr Dienst oder der Zufall sie in meine Nhe bringt; die alten Leute, welche
meinen Grovater, der stets hier gewohnt, noch gekannt haben, sehen meiner
bleichen trben Gestalt bedenklich nach, und flstern einander mitleidige
Bemerkungen, oder abentheuerliche Vermuthungen ber mich zu, wenn sie bei meinen
einsamen Spaziergngen mir begegnen. Glauben Sie mir es, Gabriele, ich mchte
gern Ihrem Willen folgen, ich mchte mich wenigstens zwingen, auszusehen, als
nhme ich das Leben wie andre Leute thun; doch kann ich dafr, da alles, was
ich ergreifen mte, um zu seyn, wie jene, mir so schaal, so abgeschmackt
vorkommt?

Jede Noth und jede Freude, jede Tugend und jedes Vergehen der Bewohner meiner
Herrschaft, whrend der ganzen Zeit da diese mein ist, mchte Max mir jetzt ans
Herz legen, und qult mich dabei unaufhrlich, zu entscheiden, ob ich mit dieser
oder jener seiner Einrichtungen zufrieden sey. Dazu wimmelt das Schlo von
Nachbarn und Verwandten, die Max zwar allein besucht hat, weil er mit aller
freundlichen Gewalt, die er ber mich bt, es doch nicht vermochte mich mit sich
zehn Meilen in die Runde umher zu schleppen. Doch da er mein Hierseyn nicht
verschweigen konnte, hat er mein Nichtkommen durch den blen Zustand meiner
Gesundheit zu entschuldigen gesucht, und nun strmt alles in freundlicher
Theilnahme herbei, den Kranken zu besuchen. Fremde, nie gesehne Gestalten
umschwrmen mich, deren Namen ich zu meiner groen Beschmung alle Augenblicke
verwechsele, und die doch durch Bande der Verwandtschaft oder des frheren nahen
Umgangs mit meinen Eltern, bedeutende Ansprche an mein Vertrauen und meine Zeit
zu haben glauben. Nein, wenn es denn so seyn mu, wenn ich denn im Gerusche
leben soll, so will ich es doch lieber in einer groen lebensreichen Stadt, wo
ich mitten im Getmmel mit meinem tiefen Herzeleid einsam und unbeachtet
dastehen kann, und niemand fragt: was fehlt Dir? warum blickst Du so trbe? Ich
folge den Einladungen meiner Verwandten, ich ziehe mit ihnen in ihren gewohnten
Winter-Aufenthalt. - Und wenn ich nun dort seyn werde, was denn?


    Aus Hippolits Briefen auf der Reise durch Deutschland nach der Schweiz.

Die Sonne geht auf, die Tage sind so lang. Gottlob! sage ich Abends, nun wird
es Nacht, aber die Nacht frommt mir nicht, denn nur die Glcklichen schlafen.
Vor der Morgenrthe wecke ich meinen Bedienten, das ganze Haus kommt in Allarm,
Pferde mssen herbeigeschafft werden, ein Kourier vorauf, ich habe Eile, fort!
fort! nur immer rasch vorwrts. Aber wohin? Die Wege, das Wetter sind
entsetzlich, aber nur fort, und wohin? Wei ich es denn? Gabriele! mute es denn
seyn? muten Sie mich denn verbannen?
    Ich will nicht klagen, ich unterwerfe mich Ihrem Willen, und wenn ich nur
den Gedanken so recht innig, so recht lebendig zu fassen vermag, da ich durch
diese Unterwerfung vielleicht Ihnen einige trbe Minuten erspare, dann segne ich
mein Elend.
    Ja, unsre Altvter hatten Recht, welche die Fremde das Elend nannten, das
fhle ich. Ich bin in der Fremde; ausgestoen aus meiner sen Heimath, zu der
ich nie wiederkehren werde! und wie elend!

Nun habe ich es erjagt! Ich habe Ihren Brief noch nicht gelesen, ich kann das
Siegel nicht brechen, ich mu Ihnen erst danken; ich habe sie, ich halte sie,
die unschtzbaren Zge, die Gabrielens Hand fr mich niederschrieb. Dieses
Papier hat sie berhrt, ihr Athem wehte drber hin, ihr Auge ruhte darauf; nein
ich kann noch nicht lesen, das Gefhl dieser Seligkeit duldet es nicht.

Ich wute, da ich hier das einzige Glck meines jetzigen Lebens zu finden
hoffen durfte, ich warf mich auf das schnellste meiner Pferde, die ich
vorausgeschickt hatte, so wie ich die wohl bekannten Thrme von *** erblickte.
So sprengte ich zum Thor hinein, die Strae hinauf vor das Posthaus; ich kenne
die Stadt noch von vorigen Zeiten her. Am Ziel ergriff es mich mit tdtlicher
Angst als wre kein Brief an mich da. Eisesklte in allen Gliedern, vermochte
ich es kaum, eine Karte mit meinem Namen aus meinem Taschenbuch zu nehmen und
hinzureichen. Da - da - o Gabriele! ich erkannte gleich das rosenfarbne Kuvert.
Segen ber Sie, tausendfltigen, da Sie es whlten! Welche Masse von Seligkeit
ruft dieses gefrbte Papier mir zurck! Es war Regenwetter gewesen, mehrere Tage
lang, und Ida und Bella und ich, wir muten artig seyn und uns neben Ihnen
sitzend mit ntzlichem Fleie beschftigen. Ich Ungeschickter, ich konnte nichts
brauchbares hervorbringen als diese Briefkuverts, und ward von den Mdchen
verhhnt, von Ihnen in Schutz genommen, und, o Gabriele! Sie haben die armen
bunten Papierschnizzelchen nicht verworfen, Sie haben sie mit sich genommen, und
nun fliegt eines davon zu mir herber, von Ihnen gesandt, ein stummer Bote des
Friedens und des Entzckens.
    Ihr Brief ist ernst, er ist mehr als das, wrde ich sagen, durchwehte ihn
nicht bei aller anscheinender Strenge die himmlische Gte und Milde, die Sie
niemalen verlt. Ich htte bei meinen Verwandten noch verweilen, ich htte
berall im Winter nicht reisen sollen! so war Ihr Wille. Theure Gabriele! htte
ich ihn gekannt, ich htte ihn erfllt und wre ich auch zu Grunde darber
gegangen. So habe ich in meiner Unwissenheit von meinem Gefhl mich hinreien
lassen und wre untrstlich, ohne die Ueberzeugung, da Sie mir selbst wrden
geheien haben fortzureisen, wenn Sie mich und meine Umgebungen in der Nhe
gesehen htten. Nein! mit diesem wunden Herzen konnte Gabriele ihren armen
Edelknaben nicht in den wildesten Strudel der Faschingslustbarkeiten strzen
wollen; nicht in jenes Tosen, wo der Schmerz am einsamsten sich fhlt, wo alle
Wunden bluten, mit glhenden Krallen unnennbares Weh uns packt und hlt und
nicht loslt, und fremdes Lachen um uns zum Larvenartigen Grinsen wird, das uns
in stummer Angst von Ort zu Ort treibt, aus wsten Trumen uns wach schmettert,
bis der frchterliche Kontrast zwischen Auen und Innen uns zu wahnsinnigem Thun
treibt, in welchem wir Betubung suchen, weil es keine Ruhe mehr auf Erden
giebt.

Gottlob! der Winter ist berlebt, die Bume knospen, die Natur erwacht! Alte
liebe Bekannte suchen den armen Verbannten auch in der Fremde auf; die
Nachtigallen singen mir auch hier den einen, einen Namen zu, der alle Harmonie
der Welt in seinen sen Tnen vereint. Und die Pappeln! sie wiegen die grnlich
goldigen Hupter hoch in der blauen Luft, und flstern mit einander, wie jene am
Bassin im kleinen Grtchen - o Gabriele, Gabriele, wie selig und wie elend macht
mich Erinnerung! - Verzeihung, ich wage keine Sylbe mehr. Aber zu Fue will ich
ganz allein die Schweiz durchstreifen, fortwandern, bis ich Abends in
todthnlicher Ermdung hinsinke, und mir im betubenden Schlummer vielleicht
Vergessenheit wird auf wenige Stunden. So will ich das Ziel meiner Verbannung
erreichen; Sie wollen es; es sey! Das Meer und mchtige Strme und himmelhohe
Alpen sollen zwischen uns treten, ich soll sogar der Luft des Landes entsagen,
in dem Sie athmen und leben, sogar den mir so lieb gewordenen Tnen Ihrer
Sprache. Es sey! Aber Gabriele, es hilft Ihnen nichts! Nachts leuchten mir und
Ihnen dieselben Sterne, und wenn ich die Augen schliee, stehen zwei dunkele,
blitzende Sonnen vor mir, und strahlen mild und warm mir bis ins innerste Herz.
Sehnsucht spottet des Meers und der Strme und der Alpen, und zaubert ein
unaussprechlich anmuthiges Bild auf allen meinen Wegen mir vor. Freilich
schwindet es bald wieder, und ach! in welche dunkle hoffnungslose Nacht!




                           Aus Konstanz am Bodensee.


Mir war diesen Morgen so still, so ruhig zu Muthe; aller Jammer der Welt schien
sich mir in sanfte Liebesklage auflsen zu wollen. Gewi, theure Gabriele, auch
Sie erlebten solche Stunden, wo jeder Schmerz eine Zeitlang verstummt, wo es wie
Feiertag in uns wird und wir beschwichtiget und still in immer lieberes Trumen
versinken. So lag auch ich heute frh in eine Ecke meines Wagens gedrckt;
rollte viele Stunden weit ber Berg und Thal, ich wei selbst nicht wie lange,
aber ich mochte mich nicht regen; es war, als ob flsternde Engelstimmchen mir
leise zusngen: Bleibe still, sieh dich nicht um, ffne die Augen nicht; drauen
steht der Schmerz, drum bleibe in dir selbst verhllt.
    Endlich hielt der Wagen. Mag er immerhin halten, dachte ich, und strebte in
meiner sen Abgeschiedenheit von der Auenwelt zu verharren, aber die
berlauten bewundernden Ausrufungen meines Kammerdieners rissen mich wider
Willen auf. Ich blickte um mich her, und fand mich zu meinem Erstaunen nur in
den allergewhnlichsten Umgebungen, mitten auf dem Marktplatze eines kleinen
schwbischen Landstdtchens. Verdrlich sprang ich zum Wagen heraus, ging
einige Schritte vorwrts, und glaubte nun von neuem zu trumen, denn eine
Zauberwelt, wie durch Feengunst mir aufgeschlossen, lag blhend und duftend im
Morgenrothe vor meinen geblendeten Augen. Die ganze unabsehbare Reihe der hohen
Schweizer-Gebrge bis zu den Tyroler-Alpen hinauf, stand in schimmernder Ferne
vor mir, gleich himmelstrmenden Riesengebilden, in einen weiten feierlichen
Halbkreis geordnet. Ihr Diadem aus ewigem Eise strahlte hell im Sonnenglanz zu
mir herber, whrend der Morgenschein noch die niedrigen Felsengipfel rthete.
An den Seiten der Berge, wo sie den menschlichen Wohnungen sich zuneigen,
glaubte ich sogar die grnen Alpenmatten zu entdecken, so nahe schienen mir mit
einemmale die Wunder jenes Landes entgegengerckt, dem Ihr Wollen mich zusendet.
In Andacht und Bewunderung verloren, ward mir, als wandle ich in einem heiligen
Tempel. Gabriele, ich war recht fromm in dieser Stunde, ich dachte Sie und mich
und meine stille trbe Zukunft. Die Brust ward mir weit in hoher Zuversicht auf
Den, dessen mchtige Hand diese Berge pflanzte und hlt. Ich fhlte Muth und
Kraft in mir sich neu beleben, und war in dem Momente gerstet, jeder Bestimmung
meines Lebens hoffend und vertrauensvoll entgegen zu treten, sey sie auch
dstere Verborgenheit und ewiges Schweigen.
    O Gabriele, warum konnte diese Stimmung meines Gemths nicht dauernd
bleiben? warum mute sie verschwinden wie der Thau der Wiese vor der hher
steigenden Sonne? Ach! nichts ist dauernd und treu als der Schmerz und die
Sehnsucht, das fhle ich mehr und mehr mit jedem Tage!
    Ich war allmhlig in ein offenstehendes duftendes Blthengrtchen seitwrts,
dicht neben der Stadt, hineingerathen, ich wute selbst nicht wie. Von hier aus
bersah ich ganz das tiefe tiefe Thal, das zwischen mir und jenen glnzenden
Titanen-Gestalten noch eine weite Kluft bildete. Und welch ein Thal ist die!
Gleich einem herrlich glnzenden Kleinode schimmerte zwischen Wald, Obsthainen
und Weinbergen der prchtige Bodensee zu mir herauf, berall blitzten im
Sonnenschein Stdtchen, Klster, Drfer, einzelne Wohnungen durch das ppigste
Grn. Nie und nirgend sah ich so das Anmuthigste neben dem Erhabnen im
zauberhaften Verein, als hier in dem fast unbekannten Stdtchen Heiligenberg.
    Rechts dicht neben demselben thront ein ansehnliches weit in die Ferne hin
leuchtendes Schlo, auf hohem, fast senkrecht aus der Tiefe aufsteigendem
Felsen; es steht unbewohnt da, der Eigenthmer desselben sucht die Freude in
London oder Rom oder Paris, genug in der weiten Welt, wo sie so selten sich
treffen lt. O Gabriele, hier mit einem einzigen geliebten Wesen zu wohnen,
einsam wie die Gtter, im Angesicht aller dieser Pracht! Mir schwindelt und die
Sinne vergehen mir, wenn ich mir recht ausmale, wie das seyn mte. Und wenn ich
mir denke, da ein solches Leben mglich ist, da es vielleicht schon einmal
hier, an dieser nehmlichen Stelle heimisch war! Nein diese Last von Seligkeit
wre doch zu viel fr ein sterbliches Daseyn, nur in Verzweiflung wrde es
enden, denn was kann der Himmel unserem beschrnkten Geiste Hheres verheien
nach einem solchen Leben auf Erden? Was knnte ber solches Scheiden trsten?
    Unten am Ufer des Sees gestaltete sich alles zur hchsten idyllischen
Anmuth, was oben so herrlich, so prachtvoll mir erschienen war. In einem
kleinen, von einem einzigen Fischerknaben gefhrten Nachen schiffte ich einsam
ber dem Wasser hin, und berlie meinen Leuten die lrmende Sorge fr das
Herberbringen der Pferde und Wagen. Der See war spiegelglatt, nur hie und da
tauchten einzelne Wellen auf, spielten ein paar Sekunden lang im Sonnenschein,
und verschwanden dann schnell wieder. Die Insel Meinau, das Ziel meiner
Schifffahrt, schwamm bald in dem grnen Frhlingsschmuck ganz nahe vor mir auf
der silberhellen Fluth; das kleine Eiland liegt so still vertraut im leuchtenden
See, und in immer lichterer Klarheit schwebte Gabrielens schnes Bild vor mir
hin auf den Wogen! Ich glaubte in seliger Wehmuth zu vergehen.
    Pltzlich sang es hell und wunderfremd ber mir in der Luft, und halb
flatternd, halb taumelnd sank ein Vgelchen mit mden, hngenden Flgeln zu
meinen Fen in den Kahn hin. Ich nahm das arme kleine Geschpf auf, zu meiner
Verwunderung war es ein Kanarienvogel, zahm und furchtlos wie Ihr kleiner
Liebling, Gabriele, der mir so oft den guten Morgen entgegen sang. Damals! ach
damals! - Hat auch Dich der Ausflug in die fremde Welt schon ermdet, und Du
sehnst Dich zurck in die warme Heimath? fragte ich ihn. Das arme Ding neigte
das Kpfchen zur Seite, und blickte so klug aus den schwarzen Korallenuglein
mich an, als verstnde es mich. Wir haben ein langes Gesprch mit einander
gefhrt; Ihr Edelknabe, theure Gabriele, war wieder einmal recht kindisch, aber
ich wei, Sie schelten ihn deshalb nicht.
    Wir landeten an der Insel und ich wendete mich, den kleinen Reisegefhrten
auf der Hand, den nahen schattenden Bumen zu; da regte er sich, zwitscherte und
flog pltzlich auf und davon. Ich blickte besorgt ihm nach und sah jetzt alle
Zweige von unzhligen Vgeln seiner Art belebt; sie hatten ihre Nester dort
erbaut und waren vllig wie daheim; leider zerstrte ungebeten ein
vorbergehendes Mdchen die schne Illusion des Augenblicks, die mich in andre
Zonen versetzte. Sie erzhlte mir: die Vgel wrden Winters in einem nahen Hause
verpflegt, zur Sommerzeit aber liee man sie frei auf der Insel herumfliegen, da
ihre schwachen Flgel es doch nicht vermchten, sie ber den breiten See der
Insel fortzutragen. Ich blickte nach dieser Erluterung mit wahrer Betrbni die
armen kleinen Fremdlinge an, die in ihrer Beschrnktheit die ganze Welt sich zu
Gebote whnen. Ach Gabriele, ist es denn mit uns anders? Auch uns halten
unsichtbare Bande, und wehe uns, wenn wir den khnen Flug ber sie hinaus wagen
wollen. Mit gelhmtem Fittig sinken auch wir dann nur zu bald dem lauernden
Abgrunde zu, wenn nicht ein seltnes Wunder bei Zeiten uns rettet, wie jenen
armen Vogel, den ein glcklicher Zufall ber meinen Nachen wegfhrte.
    Ich wandelte immer weiter und vermied sorgsam die menschlichen Wohnungen
dieses kleinen Eilandes. Die hellen Mauern des Schlosses, einer ehemaligen
Komthurei des Malteserordens, schimmerten noch durch die Bume; ich wandte mich
ab. Lange war mir es nicht sowohl ums Herz gewesen! An der, meinem
Landungsplatze entgegengesetzten Seite der Insel warf ich mich ins hohe
Ufergras. Niedern Wellen gleich, schlug es ber mich zusammen, ich sah nicht
Himmel, nicht Erde, nur grne dichte Dmmerung um mich, und leise schlich es
ber den Wellen zu meinem Ohr heran, wie fernes Hrnertnen. Ich lauschte ihm
mit stillem Entzcken.
    O Gabriele, da ward die Tnen immer lauter und lauter. Und Lachen und
helles Jauchzen und kurzes, abgerines Singen scholl dazwischen. Ich sahe auf.
Eine ganze Flotte von Khnen zeigte sich dicht neben meinem Ruhepltzchen, fast
schon im Begriffe, zu landen. Es war ein hochzeitlicher Zug, gewi, gewi, ich
erkannte den Nachen, der die Braut trug, an den Blumenkrnzen, die ihn
schmckten, an den bunten fliegenden Wimpeln. Ich sah sie selbst, Arm in Arm mit
dem Geliebten.
    Da erwachte der Schmerz und ri mich fort, wie die Furien von Orest. Ich
floh gemartert, verwildert vor den freudigen Tnen. In furchtsamer Hast, als
folge das Verderben mir auf den Fersen nach, suchte ich nach einem Auswege, um
dem Anblicke der Glcklichen zu entkommen; ich fand ihn, in einer Entfernung von
wenigen Schritten, wo ein sehr langer schwankender Stieg mich ber den dort
schmleren See zum festen Lande fhrte. Dort folgte ich dem ersten Wege, der
sich mir bot. Nur fort! nur fort! weiter dachte ich nichts, aber kalte Thrnen
der Verzweiflung fllten mein Auge. So gelangte ich nach Konstanz, ohne es zu
wollen oder zu wissen.
    Gabriele, Sie behaupteten einst, da der Schmerz edlere Naturen noch mehr
veredelt und erhebt, sie noch milder und gtiger macht, und wer, der Sie und ihr
Geschick kennt, mchte daran zweifeln! Warum denn, o warum mute mich der
Anblick jener Beglckten so schmerzlich verletzen? Warum jenen Ingrimm in mir
erregen, den der gefangene Verbrecher fhlt, wenn er aus dem Gitterfenster
seines kalten Kerkers auf die Glcklichen schaut, die in der warmen, blhenden
Welt in Freiheit sich ergehen? Neid, Ha, und alles diesem Verwandte waren
meinem Herzen sonst so fremd! O Gabriele, soll ich auch noch mich verlieren, da
ich alles verloren habe was mich beglckte? Ich flehe, lassen Sie mich nicht in
mir selbst untergehen; Sie retteten mich von einem furchtbaren Abgrund, lassen
Sie mich jetzt nicht wieder sinken, wahrlich nur die Gewiheit, da Sie Ihre
Hand nicht ganz von mir abziehen, da Sie mich noch Ihrer Sorge werth achten,
kann mich noch oben erhalten.
    Dster und einsam sitze ich jetzt in dieser dstern den Stadt. Ich bin noch
einmal an den See hinausgegangen, ich blickte hinber zu jenen jetzt in Nebel
verhllten Bergen, die diesen Morgen mir im Sonnenstrahl so freudig entgegen
glnzten. Jetzt konnte ich sie nur als die Scheidewand betrachten, die sich, von
morgen an, zwischen mir und dem glcklichen Lande erhebt, wo Gabriele athmet.
Morgen ergreife ich den Wanderstab, die Schweiz zu durchziehen. Auf einem andern
Wege soll mein Wagen mir folgen, ich gehe zu Fu. Die Entfernung zwischen mir
und Ihnen wchst von nun an mir fhlbarer, mit jedem Schritte, den ich thue. Ich
knnte darber verzweiflen, doch ich befolge auf das Pnktlichste Ihren Willen;
der Gedanke daran ist ja alles was mir brig blieb. Selbst in dem Schmerze, der
mir die Seele zerreit, finde ich eine wilde Freude, denn Sie waren es, Sie
Gabriele! die ihn mir auferlegte.


                                Auf der Grimsel.

Ich stand heut, wo die Aar die dunkeln Wellen von grlicher Hhe hinabstrzt.
Felsen und Tannen erbeben rings umher, die Axe der Erde schien unter mir sich
drhnend umzuwlzen. Wie der Eingang zur Hlle, so schwarz und frchterlich
ghnt der entsetzliche Schlund am Fue des Felsen, der die in Schaum, in Staub
aufgelste tobende Wassermasse aufnimmt. Von noch hherer senkrechter Hhe
strzt sich der Erlebach der Aar nach, rasch wie die Verzweiflung hinab, hinab
in den nehmlichen Abgrund, den er, in Miriaden schimmernder Tropfen zertrmmert,
zuletzt erreicht. Den Kampf der Fluthen dort unten verhllen Dampfwolken jedem
sterblichen Auge, aber tausendstimmige Donner verknden ihn laut den zitternden
Felsen rings umher. Ergrimmt fat der mchtige Strom endlich den berwundnen
Bach und schleudert in rasender Wuth die weien Wogen wieder hinaus aus seiner
Grotte, an die gegenberstehende Felsenwand und hher hinauf den Wolken zu. Sie
zerstuben und sinken in ewigen Nebeldmpfen nieder, gepeitscht vom heulenden
Sturm, der nie ablt, hier zu wthen. Das laute ngstliche Geschrei meiner
Fhrer, da ich, vielleicht ein wenig zu verwegen, auf den berhngenden Felsen
hinkletterte, verhallte in diesem Aufruhr der Natur, gleich dem Zirpen einer
Heuschrecke. Anbetend, wortlos, sank ich hin; ich ein Atom, ein Nichts in
diesen, alle Sinne betubenden Schrecknissen; und doch fhlte ich, selbst
Angesichts ihrer, Kraft und Muth im glhenden Herzen, mich berselig, gleich
jenem neidenswerthen Edelknaben, von dem des Dichters unsterbliches Lied uns
singt, hinabzustrzen, und, wie er, den grlichen Kampf auf Tod und Leben mit
dem emprten Element dort in der Tiefe zu bestehen, wrde nur auch mir der hohe
Preis geboten, den zu erringen, jener endlich unterging.


                                  Aus Mailand.

Ein Strahl des Trostes ist mir hier geworden, hier wo ich ihn nimmer erwartet
htte. Ich bin nicht mehr so ganz verlassen, allein, denn ich hre Gabrielens
geliebten Namen auch von andern Lippen als den meinigen.
    Noch einmal, an dem zu meiner Abreise von hier bestimmten Tage, suchte ich
das Dominikaner-Kloster neben der Kirche S. Maria delle Grazie auf; ich wollte
von Leonardos Meisterwerk den letzten Abschied nehmen, wie von einem Freunde;
eigentlich war er mir der einzige, den ich hier hatte und der mit jedem Tage mir
immer lieber ward. Ich fliehe in meiner jetzigen Stimmung jede nhere
Bekanntschaft mit Menschen; das zwecklose untheilnehmende Umhertreiben in ihrer
Mitte verletzt mich auf tausendfache Weise, und ist mir entsetzlich. Aber im
stillen Gebiete der freien Natur, im noch stilleren der Kunst, da finde ich
Vertraute, und von der stummen Leinwand, von der verblichnen, durch Kerzendampf
geschwrzten Wand, blickt es oft trstend mich an. Dann dnkt es mich, als
umwehe mich mit lindem Fittig der stille Geist in seinem Heiligthume, der einst
hier schaffend waltete, und darber eine Welt voll Unruhe und Entbehrung gern
verga; als hauche er mir Ergebung und hheres Hoffen in die wild bewegte Brust.
Ach! und wie oft sehe ich mit Entzcken auch von der Leinwand einzelne Zge des
Bildes mir entgegenstrahlen, was in unerreichbaren Farben ewig vor meinem innern
Sinne schwebt!
    Diemal fand ich das Refektorium der guten Mnche nicht unbesucht wie ich es
gehofft und gewnscht; ein junger Mensch sa vor dem wundervollen Bilde des
heiligen Abendmahls, msig bemht, seiner Mappe eine Kontur desselben
einzuverleiben. Nun ist mir aber nichts verhater, als wenn ich dem ngstlichen,
nchternen Streben zusehen mu, das, was mich erhebt, begeistert, entzckt,
schwarz auf wei nach Hause zu tragen, damit man es sicher bei der Hand habe,
und es sich haushlterisch auftrocknen und aufbewahren knne zu knftigem
beliebigem Gebrauch. Mag meine, jede Anstrengung hassende Ungeduld, die Sie so
oft an mir tadelten, Schuld daran seyn und mich ungerecht machen, ich mu es
doch bekennen, mich rgert es immer, wenn die Herren und Damen, denen ich auf
Reisen begegne, vor den hohen Wundern der Natur, wo sie anbeten oder doch
wenigstens genieen sollten, sich mit einem Blttchen Papier und einem Stckchen
Kreide zurecht setzen, um schlerhaft zu krizeln, was sie in jedem Bilderladen
tausendmal besser kaufen knnen, als ihre arme Kunst es hervorzubringen vermag.
Auch begreife ich nie, wie der vom chten Geiste belebte Schler der Kunst
dadurch zum Knstler gebildet werden soll, da er die Linien, welche die lngst
in Staub versunkne Hand des hohen Meisters einst zog, mhsam nachzuzirkeln sich
abmht. Mir dnkt, es wre ihm gerathner, wenn er das Ganze im Geist aufzufassen
strebte, dann demthig und doch freudig nach Hause ginge, und im Gefhl der
Schpferkraft, die dem reich begabten Menschen von der Gottheit gegeben ward,
selbst versuchte, jenen hohen Vorbildern sich zu nahen, ohne knechtisch sie
nachzuahmen.
    Voll von diesem Gefhl, und dazu halb rgerlich, hier nicht, wie ich es
gehofft hatte, allein zu seyn, nherte ich mich dem Zeichnenden, und sah
ziemlich verchtlich, ich will es nur gestehen, ihm ber die Schulter auf seine
Zeichnung. Eigentlich war ich nicht bel geneigt, meinem Verdrusse beim
mindesten Anlasse dazu Luft zu machen, als ich ihn deutsch reden hrte mit
seinem neben ihm stehenden Begleiter, einem ltlichen Manne von edler
einnehmenden Gestalt, den ich jetzt erst bemerkte.
    Seyd doch froh, sprach dieser zu dem jungen Knstler, der sich wohl ber den
leider wirklich sehr traurigen Zustand des Gemldes beklagt haben mochte, seyd
doch froh, da die Zeichnung und die Anordnung des Ganzen uns erhalten ward;
haltet euch an den Geist des Schpfers, der ja noch immer hier in seinem
edelsten Werke waltet, wenn gleich das Krperliche desselben fast nicht minder
dahin geschwunden ist, als die Hand, die es schuf. O wie fllt alle Farbenpracht
weg, gegen dieses alte edle schmucklose Werk! Nie und nirgend ausser Rafael hat
einer diese Einfalt des Herzens mit der hohen apostolischen Wrde so zu einen
gewut! setzte er halblaut hinzu, in tiefe Betrachtung des Gemldes verloren.
Nach einer kleinen Pause redete er weiter, nicht vor sich, nicht zu uns,
gleichsam nur laut denkend, wie man wohl auch laut liest, was uns entzckt, wenn
gleich niemand uns zuhrt. Er sprach von der glcklichen Wahl des dargestellten
Augenblicks der Handlung, durch welche die Einfrmigkeit der Anordnung von
dreizehn Personen hinter einer langen Tafel glcklich und schicklich vermieden
ward. Mild, mit ruhigem Ernst spricht der Herr das bedeutende schwere Wort:
Einer von denen, so mit mir sind, wird mich verrathen! Er sieht vor sich nieder,
um keinen seiner Jnger mit dem Blicke zufllig zu bezeichnen, aber alle fahren,
wie von einem Wetterstrahl getroffen, bei diesem Ausspruch ihres Meisters in die
Hhe, alle werden in Handlung gesetzt, einige der von ihm am entferntesten
Sitzenden suchen sich ihm zu nhern und bilden so die mannigfaltigsten Gruppen.
Gesicht, Stellung, Geberde bezeugen die Reinheit und Unschuld eines jeden unter
ihnen, doch, nur mit sich beschftigt, bemerkt keiner den wilden trben Blick
des schreckhaft zurckfahrenden Judas. Nur dem dicht hinter diesem sitzenden
Apostel scheint ein vorahnender Gedanke wie ein Blitz durch die Seele zu fahren.
    Je lnger der Fremde so sprach, je mehr fhlte ich von ihm mich angezogen.
Ich wagte es endlich, ihm einiges zu erwidern und so gelang es mir, ein Gesprch
mit ihm anzuknpfen. Von einem Apostel zum andern bergehend, gab er mir in
wenigen treffenden Worten eine kurze Charakteristik eines jeden derselben. Nie
zuvor habe ich jemanden ber ein Kunstwerk und ber die Kunst selbst so klar, so
bedeutsam, und, bei so tiefer Kenntni, so anspruchslos reden gehrt. Immer
lebendiger stieg in mir eine freudige wenn gleich dunkle Ahnung auf, er kam mir
so bekannt vor, mir war, als sey in ihm ein alter lang entbehrter Freund mir
begegnet, von dem ich nichts vergessen hatte als den Namen. Nennt ihn Ihr Herz
Ihnen nicht Gabriele? Der immerfort msig Zeichnende nannte ihn endlich,
obgleich er deutsch mit ihm sprach: Signor Ernesto.
    Mit einem lauten Freudenschrei htte ich mich gern in seine Arme gedrngt,
als ich mit diesem Namen ihn nennen hrte, doch bei aller Freundlichkeit liegt
in seinem klugen dunkelblauen Auge, in einem scharfen Zuge seines Mundes,
besonders wenn er halblchelnd spricht, etwas, das gebietet, in seiner Gegenwart
sich zu bemeistern. Und so nahm ich mich denn zusammen, zog mein Taschenbuch
hervor und berreichte ihm die Karte, mit welcher Ihre Gte mich fr den Fall
eines Zusammentreffens mit ihm ausrstete. O Gabriele! wie hngt alles ewig an
Ihnen, was einmal Sie erkannte! Htten Sie den freudigen Strahl gesehen, der
ber das Gesicht des strengen ernsten Mannes sich verbreitete, whrend er die
wenigen von Ihrer Hand an ihn gerichteten Zeilen las! Es war als ob ein heller
Abglanz Ihrer eignen Anmuth von der kleinen Karte ausginge und die scharf
gezognen Zge des wrdigen, von Silberlocken umgebnen Antlitzes verklrte.
    Als sey auch ihm ein lngst vermiter Liebling seines Herzens unverhofft
wiedergekehrt, so freudig begrte Ernesto mich nun. Er ergriff meinen Arm,
beurlaubte sich leichthin von dem Zeichnenden, mit dem er, wie ich jetzt sah, in
keiner genauern Verbindung stand, und begleitete mich in meinen Gasthof, wo
sogleich die Pferde wieder abgesagt und alle Anstalten zum lngern Verweilen in
Mailand getroffen wurden.
    Mir traten die Thrnen ins Auge, als er mit mir allein auf meinem Zimmer
sich nun recht theilnehmend nach Plan und Zweck meiner jetzigen Reise zu
erkundigen begann; freilich nicht eher, als bis er mich ber Sie, Ihr Leben,
Ihre nhern Verhltnisse, Ihre Gesundheit, Ihr Aussehen recht inquisitorisch
abgehrt hatte. So vterlich wie er, hat noch keiner zu mir gesprochen; stets
war ich Elternlos, von meiner ersten Jugend an, wenn gleich nicht verwaiset
durch den Tod. In diesem Augenblick fhlte ich recht lebendig, welch ein Glck
ich so lange entbehrte, ohne je es gekannt zu haben. Mein Herz schlo sich auf
im wahrhaft kindlichen Vertrauen zu dem weiseren, wohlmeinenden Freunde. Sie
werden es verzeihen, Gabriele, Sie mssen es verzeihen, wenn, indem ich von
Ihnen sprach, Auge und Ton ihm vielleicht mehr als meine Worte gestanden. Wie
wre es mglich gewesen, diesen hellen Blick zu tuschen, der mir fhlbar bis in
das tiefste Herz drang! Seit langen Monden zum erstenmal hrte ich Ihren Namen,
und wie? o Gabriele! Wie ward er ausgesprochen! Jedes Wort Ernestos war der
Nachhall meines eignen Gefhls.
    Noch hatte ich keine Stunde mit ihm verlebt, als ich schon vor der
Mglichkeit zu zittern begann, da er, den ich nie wieder zu lassen sehnlichst
wnschte, vielleicht auf der Rckreise wre, nach Deutschland, zu Ihnen -
Gabriele, zu Ihnen! Doch meine Furcht war vergebens, das zeigte sich bald. Ein
bedeutendes Geschft, das er fr einen Freund hier abzumachen versprach, hatte
ihn nach Mailand gefhrt; es war jetzt vollendet und er im Begriffe nach Florenz
zu gehen, wo er den grten Theil des Sommers zu verleben gedachte.
    Nun habe ich mir ihn gewonnen. Ich habe mich fest an ihn geklammert, und er
stt mich nicht zurck, denn Gabrielens Name ist der Talisman, der ihn mir
verbindet.
    Langsam will er mit mir noch einmal Italien durchziehen, vielleicht wandern
wir bis Syrakus ehe er mir Rom zeigt. Wahrscheinlich komme ich erst im folgenden
Jahre dorthin, gegen die Zeit der groen kirchlichen Feste, welche die Ostertage
herbeifhren.
    So habe ich denn wieder eine Bestimmung, der ich entgegen gehe. Ernesto
leitet mich wie er will, er nimmt meiner sich an, weil ich von Ihnen gesendet
ihm scheine. Er hngt an Ihnen mit Jnglingsfeuer und somit auch an allem, was
nur auf die entfernteste Weise Ihnen angehrt. Wie besorgt ist er um Ihr Wohl!
So wie die seine, denke ich mir die Liebe eines Schutzgeistes. Er ist ein
seltner Mensch, aber trge er auch keine Spur seines hohen, ungewhnlichen
Werthes, so mte ich dennoch seinen Schritten folgen, denn ich kann mit ihm von
Gabrielen sprechen und frchte weder Hohn noch Miverstehen.


                                  Aus Florenz.

Nun wei ich, wie es dem Schweizer ist, den, fern vom geliebten Vaterlande, ein
Ton aus seinen heimathlichen Bergen traf und alle Qualen des Heimwehs ber ihn
rief! Ich stand an Ernestos Seite im Garten des Pallastes Boboli, oben auf der
hchsten Terrasse. Die Sonne ging unter; als wre der Aetna umgestrzt und
schtte alle seine Gluthen aus, so flammte es in Westen und zwischen diesem
Abendgolde und dem Aetherblau prangte der Horizont im herrlichsten
durchsichtigen Grn, wie ich noch nie es sah. Die fernen Appeninen glhten
dunkel-violet zu uns herber, zu unsern Fen glnzte die Stadt, das Schlo, der
Garten und das ganze reiche herrliche Thal, welches der Arno durchstrmt, alles
wie verklrt im Lichte der brennenden Himmelspracht. Nur einen solchen Abend
hier an Ihrer Seite! ich konnte den Wunsch dem Freunde nicht verhehlen, er
theilte ihn mit mir, und ein liebes beruhigendes Gesprch, das nach Schlo
Aarheim uns versetzte, hatte sich zwischen uns beiden entsponnen, als pltzlich
der Ton Ihrer Stimme, Ihrer Stimme, Gabriele, mein Ohr traf. Was ich rief, was
ich that, wei ich nicht, nur da Ernesto mich beim Arm ergriff und sehr ernst
mich zur Ruhe ermahnte. Die brachte mich wieder in leidliche ure Fassung,
obgleich ich seine Worte nur halb verstand.
    Eine Gesellschaft Herren und Damen, lustwandelnd wie wir, nherte sich uns
vom Pavillon her unter lautem Lachen und Gesprch, und immer tnte noch der
Klang der sen Stimme in ihrer Mitte. Ich zitterte, und als ich aufmerksamer
hinblickte, glaubte ich zu vergehen. Sie waren es, Sie selbst, Gabriele, Sie
traten hervor, Sie eilten auf uns zu. Signor Ernesto! riefen Sie in so bekanntem
Ton! und doch waren Sie es nicht. Nein! wo hatte ich meine Augen gehabt? Sobald
man die Gestalt genauer betrachtete, war auer dem Ton der Sprache kein Zug von
Aehnlichkeit zwischen Ihnen und der blendendschnen Frau, die jetzt dicht vor
mir stand. Diese dunkle Lockenpracht, die weitgeffnete hohe blaue Auge voller
Blitze, wie verschieden von der lichten Strahlenglorie, die Gabrielens schnes
Haupt umwallt, von dem sanften Mondlicht der frommen braunen Augen, die, gleich
lieben freundlichen Sternen, sberuhigend uns leuchten? Und dennoch hatte diese
Ihnen so ganz entfremdete Erscheinung auch etwas in ihren Bewegungen, dem ich
unverwendeten Blicks zusehen mute, weil es eben wie der Ton ihrer Stimme mir
Gabrielen vor die Sinne zauberte. Es zog mich an und stie mich zurck,
entzckte und betrbte mich, hundertmal in wenigen Minuten.
    Nachdem die Dame ziemlich lange mit Ernesto geplaudert, und ich wei nicht,
welche Vernachlssigungen ihm mit scherzhaftem Tone vorgeworfen hatte, wandte
sie den fragenden Blick mir zu und Ernesto konnte es nun nicht vermeiden, mich
ihr vorzustellen. Er that es mit einer Art von Verlegenheit, die ich bis jetzt
noch nie an ihm bemerkt hatte und ich mir nicht zu erklren wei. Nach
italienischer Sitte nannte er sie mir nur Signora Aurelia und erst da wir wieder
allein waren, erfuhr ich, da sie die Tochter der Grfin Rosenberg und Ihnen
nahe verwandt sey. So war mir denn der Zauber der Aehnlichkeit zwischen ihnen
beiden durch dieses Familienband erklrt. Ihre Kusine ist im Begriffe, mit einer
englischen Familie eine Reise nach Griechenland anzutreten, weil ihr in Italien
das Klima nicht zusagt. Ihr Gemahl lebt in Rom. Haben Sie ihn jemals gesehen?
Ernesto vermeidet von ihm zu sprechen; es mu eine eigne Bewandtni mit diesem
Menschen haben.

Was Ernesto durch Grnde, Bitten, Zureden nicht erhalten konnte, hat Aurelia
ohne ein Wort darber zu verlieren bewirkt. Ich gehe wieder in die Welt, die ich
ewig meiden wollte, besuche Soiren, Akademien, Konversaziones; denn nur da kann
ich ungestrt in irgend einem Winkel sitzend, mich mit verschlonen Augen der
sesten Tuschung hingeben, whrend Aurelia zu den Andern spricht. Ihr selbst
mich zu nahen, vermeide ich soviel ich es schicklicher Weise kann, weil sie
stets von Gabrielen mit mir sprechen will. Letzthin hat sie einen ganzen Abend
hindurch mich ber Sie ausgefragt. Ausgefragt, das ist das rechte Wort - fr
dieses neugierige, untheilnehmende Auskundschaften. Mir war dabei zu Muthe, als
sprche jene Eugenia, die einst mit hnlichen Redensarten mich dem Abgrunde
entgegentrieb, von welchem nur die Hand eines Engels mich retten konnte.
    Und doch hat diese Aurelia eine gewisse, mir so liebe Art, den Kopf ein
wenig vorzubeugen und dann seitwrts aufzublicken! Im Gesprch hebt sie oft die
zarte wunderschne Hand, deren gleichen es nur noch einmal in der Welt giebt,
und regt die rosigen Fingerchen so, da ich nicht mde werden kann, ihr
zuzusehen. Oft hre ich ihrer Stimme zu, und strenge mich an, auf ihre Worte
nicht zu merken, dann trume ich mir, ein bser Zauber habe Gabrielen in diese
Gestalt gebannt, und die Zeit desselben wre nun um; ich blicke auf zu ihr und
bei jeder Ihnen abgestohlnen Bewegung whne ich, jetzt msse die fremde Gestalt
verschwinden und meine Sonne mir aufgehen.

Was man so in der Welt liebenswrdig nennt, ist diese Aurelia, sobald sie es
seyn will, in hohem Grade. Zu ihrer Ehre sey es gesagt, da dieses oft der Fall
ist, und doch giebt es Momente, in welchen sie mir sogar hassenswerth vorkommt,
weil sie nicht Gabriele ist und sich doch unterfngt, ihr hnlich zu scheinen.
Dann graust mir vor ihr, wie vor einem Leben heuchelnden Wachsbilde.
    Aber ist es nicht wunderbar, da Ernesto, auer der Stimme, welche er
allenfalls noch zugiebt, mir jede weitre Aehnlichkeit Aureliens mit Ihnen
durchaus ablugnet? Er sucht sogar, und oft ziemlich auffallend mich von ihr
fern zu halten, als frchte er fr mich in ihrer gefhrlichen Nhe. Ahnet er
denn gar nicht, da es nur der Schatten von Gabrielens Schatten ist, was zu ihr
mich zieht?




          Aus gleichzeitigen Briefen Ernestos an Frau von Willnangen.


Ich wei es, theure Freundin! Sie lachen ber meine Bedenklichkeiten und
Besorgnisse, aber ich lasse es mir gefallen und gebe ohne Widerstreben Ihrem
gutmthigen Spotte mich Preis, wenn ich nur nach gewohnter Art Ihnen vertrauen
darf, was Herz und Sinne mir trbt. Und die ist jetzt Aureliens blendendschne
Erscheinung, ungeachtet ihres zuvorkommenden Betragens gegen mich, und des
schmeichelnden Klanges ihrer Worte. Ich kann mich nun einmal des peinlichsten
Gefhls in ihrer Nhe nicht erwehren, und seit ein Zufall, den ich durchaus
boshaft und unheilbrtend nennen mu, uns hier in Florenz ihr entgegen warf,
habe ich innerlich weder Ruhe noch Rast.
    Schon seit sie aufhrte ein Kind zu seyn, sprte ich bei ihr etwas
Unheimliches, das meinen Unmuth erregte, obgleich ihre uere Liebenswrdigkeit
mir oft recht hinreiend erschien. Jetzt wird dieses Gefhl lauter in mir als
je, ihr Lachen, ihr Scherzen klingen mir wie bittrer, dem Leben gesprochner
Hohn, der sich nur in erzwungne Lustigkeit zu verkleiden sucht, und ihr ganzes
Wesen hat in meinen Augen etwas so verstrtes, unheilweissagendes, da ich weder
mich selbst, noch die, welche ich liebe, in ihrer Nhe wissen mag. Vor allem
nstigt es mich, wenn ich Hippoliten, verloren in ihrem Anschauen und in dem
Klange ihrer Worte, neben ihr sitzen sehe; dann drngt es mich, ihn von ihr
fortzureien, und mte ich auch mit meinem geliebten Zglinge von irgend einem
Felsen herabspringen, wie einst der weise Mentor mit dem Sohne des Odysseus. Da
es brigens mit dem Einflusse dieser neuen Kalypso bei meinem Telemach keine
groe Gefahr hat, wei ich, gottlob; sie wird ihn mir weder bezaubern noch
verhexen, obgleich sie zu beiden wohl Lust und auch Talent htte, denn er steht
zum Glcke unter hherem Schutze. Wre mir die auch frher nicht schon klar
geworden, so htte mir es ein Lied gesagt, welches er sich schrieb mitten in
einer rauschenden Gesellschaft, wo Aurelia und andre schne Frauen ihn
aufforderten, mehr Theil an der Geselligkeit zu nehmen. Es war an dem Ufer eines
kleinen Flusses, wo er sich unter berhngende Pinien setzte und in seine
Schreibtafel die Worte aufzeichnete, die er mir beim Nachhausegehen als Antwort
auf die Aufforderung der Damen stumm berreichte, die ich ihm wortlos zurckgab
und die ich ihn seitdem oft nach einer Melodie singen hre, welche er dazu fand.
Ich schliee die einfachen Worte diesem Briefe bei.
    Trotz alle dem suche ich doch absichtlich aber unmerklich die Gelegenheiten
zu entfernen, wo Hippolit mit Aurelien zusammentreffen kann; denn der Umgang mit
Wesen ihrer Art bringt nichts Gutes, macht Niemanden besser; und darum soll man
ihn nach meiner Ueberzeugung meiden, so viel man nur immer kann.


                                Hippolits Lied.

Lat mich, ob ich auch still verglh',
Lat mich nur stille gehn;
Sie seh' ich spt, Sie seh' ich frh
Und ewig vor mir stehn.

Was ladet ihr zur Ruh' mich ein?
Sie nahm die Ruh' mir fort;
Und wo Sie ist, da mu ich seyn,
Hier sey es oder dort.

Zrnt diesem armen Herzen nicht,
Es hat nur einen Fehl:
Treu mu es schlagen bis es bricht,
Und hat de nimmer Hehl.

Lat mich, ich denke doch nur Sie;
In Ihr nur denke ich;
Ja! ohne Sie wr' ich einst nie
Bei Engeln ewiglich.

Im Leben denn und auch im Tod',
Im Himmel, so wie hier,
Im Glck und in der Trennung Noth
Gehr' ich einzig Ihr.


     Fortsetzung von Auszgen aus Briefen Ernestos an Frau von Willnangen.

Ich fange an, recht tiefes Mitleid fr diese Aurelia zu empfinden, die denn
doch vielleicht etwas vorzgliches und glckliches htte werden knnen, wre ihr
Gemth minder verwarloset von Jugend an. Allein dieses Mitleid ist nicht jenes
schne, erwrmende Gefhl, mit dem ich Gabrielens gedenke, Schauder und
Widerwillen mischen sich darein, und ich mchte auf immer von einem Wesen mich
abwenden knnen, welches so ganz hoffnungslos in sich zerfallen ist, da kein
Gott und kein Sterblicher hier mehr rechten dauernden Trost gewhren kann.
    Mit kalter Brust, mit einem Herzen, das nie, weder Liebe noch Ha empfand,
das von frhester Jugend an nur mit der unersttlichsten Eigenliebe erfllt war,
stand Aurelia stets in hoher Selbstzufriedenheit da, auf eine Tugend gesttzt,
die bei ihr, so wie sie einmal ist, kaum noch den Namen derselben verdient. Wer
ihr nahte, huldigte ihrem Geiste, ihrer Schnheit, auch wohl oft nur dem
Standpunkte, auf welchen das Schicksal und ihre in Eitelkeit versunkne Mutter
sie gestellt hatten, und der Stolzen schien die Welt zu Fen zu liegen. So sind
bis jetzt die Jahre, eines nach dem andern, an ihr vorbergezogen, von ihr
unbemerkt. Doch jetzt ist die Zeit des Erwachens endlich gekommen und das, woran
sie frher in ihrem Leben nicht gedacht hatte, erfllt sie mit ngstlichem
Grausen vor einer Zukunft, der sie doch nicht auszuweichen vermag. Unter dem
triumphirenden Lcheln, das sie noch immer beibehlt, sehe ich deutlich ihre
innere Herzensangst hervorblicken. Und wissen Sie, wem diese Angst gilt? Dem
dreiigsten Geburtstage, dem frchterlichen, der als Schreckbild am Lebenspfade
aller Frauen steht, die Aurelien gleichen. Er naht unaufhaltsam mit schnellen
Schritten, dieser entsetzliche Tag, denn Aurelia zhlt wenigstens volle vier
Jahre mehr als unsre Gabriele, und sie beneidet ihr gewi keinen der brigen
Vorzge so ganz von Herzen als diesen flchtigsten von allen.
    Im Grunde qult sie sich viel zu frh, denn nie war ihre ure Erscheinung
brillanter. Auch ist die Klippe, die sie scheut, eigentlich nur im gewhnlichen
brgerlichen Kreise des Frauenlebens recht gefhrlich, wo es Tanten und Basen
giebt, die ber alle Familienereignisse Buch und Rechnung halten und alle Data
nachzuweisen wissen. In der Welt, in welcher Aurelia lebt, gleitet man ber
alles leichter hin; man ist toleranter; man gewinnt kaum Zeit, an sich selbst zu
denken, geschweige an Andre, und jeden, der sich nur geschickt zu benehmen wei,
lt man gern fr das gelten, wofr er sich geben will. Geist, Witz,
Leichtigkeit und Vielseitigkeit im Umgange werden ber alles geschtzt, darum
trifft auch die glnzendste Periode im Leben berhmter schner Frauen der groen
Welt sehr selten mit ihrer ersten Jugendblthe zusammen, denn man mu gelebt
haben, wenn man sich aufs Leben genugsam verstehen will, um es wie ein Kunstwerk
behandeln zu knnen. Aurelia wei dieses alles so gut und besser als ich, aber
sie denkt nicht daran, oder achtet es fr einen traurigen Trost. Sie ist noch
immer von einer bewundernden Schar demthiger Verehrer umgeben, ber die sie
nach Lust und Laune unumschrnkt gebietet, aber sie fhlt dennoch ihren Thron
unter sich wanken und ich sehe deutlich, wie das trbe Vorgefhl einer dunkeln,
freudenarmen Zeit sie Tag und Nacht unablssig qult und nagt. Mit ngstlicher
Hast wirft sie sich nun auf alles, wovon sie noch in sptern Jahren Glanz und
Bewunderung sich versprechen zu knnen glaubt, auf Musik, Literatur,
Kunststudium; sogar Chemie und Astronomie hat sie eine Zeitlang getrieben, weil
diese Wissenschaften einmal zuflliger Weise Mode wurden. Ihr mangelt, wie Sie
wissen, weder Geist noch Talent zu allem was sie unternehmen mchte, aber sie
ist unfhig, irgend etwas sich selbst zum Trost fest zu halten. Ihre rastlose
Natur trieb sie von jeher immer von einem zum andern und erlaubt ihr jetzt sogar
kaum, lnger als einige Monate an dem nehmlichen Orte zu verweilen. Da sie in
manchen Stunden die Unzulnglichkeit eines so zerstckelten Strebens tief
empfindet, vermehrt noch ihr Unglck auf jede Weise, denn dieses an sich
peinigende Gefhl reizt und erbittert sie innerlich mehr und mehr, und treibt
sie zu seltsamen, ihrem Zwecke ganz entgegenarbeitenden Launen.
    Manche ihrer Anbeter, welche ihre wirklich zuweilen unwrdigen Mihandlungen
nicht ertragen mgen, ziehen sich allmhlig zurck und dadurch wird das Uebel
immer rger. Sie mu mit ungewohnter Anstrengung die so Verlornen durch neue
Eroberungen wieder zu ersetzen suchen, und sie treibt die mit einem Eifer,
einer Ungeduld, die deutlich beweisen, wie anschaulich ihr jetzt mit einemmale
die Flchtigkeit der Zeit geworden ist. Die arme Frau gerth dabei oft auer
Athem und Tackt, obgleich nicht jedermann die gewahr wird.
    Da mein glnzender Hippolit gleich auf ihre Liste kam, brauche ich Ihnen
wohl nicht zu sagen. Bei seiner Jugend mute sie ihn fr einen vollkommnen
Neuling in der Welt ansehen, und bei dem sichtbaren Eindrucke, den ihr erstes
Erscheinen auf ihn machte, hielt sie seine Eroberung fr ein leichtes
Kinderspiel. Um so grer war ihr Erstaunen als sie alle ihre kleinen Knste an
ihm abgleiten sah. Ich bin berzeugt, da sie bis diese Stunde noch nicht wei,
wie sie eigentlich mit ihm daran ist, doch eben dieser Zweifel giebt ihm in
ihren Augen ein erhhtes seltnes Interesse.
    Ich sehe zuweilen mit wahrem Vergngen dem kleinen Kriege zwischen beiden
zu. Allen den haarfeinen Schlingen, die Aurelia mit unendlicher Klugheit und
tiefer Berechnung ihm legt, wei mein junger Held mit so unbefangnem Gesicht und
so gewandt aus dem Wege zu gehen, da es mir oft schwer wird, meinen innern
Triumf darber zu verbergen. Wenn ich ihn aber wiederum in den Assemblen hinter
ihrem Sessel stehen sehe, wie er jede ihrer Bewegungen belauscht, jedes ihrer,
nicht zu ihm gesprochnen Worte von ihren Lippen wegzuhaschen sucht, und dabei
immer tiefer in sich selbst sich verliert, so da zuletzt ausser Aurelien nichts
mehr fr ihn zu existiren scheint, dann werde ich wieder irre, auf Augenblicke
wenigstens. Zwar wei ich, Aureliens Zaubergewalt ber Hippoliten liegt nur in
einer nie zuvor von mir bemerkten Familienhnlichkeit mit Gabrielen, die sich
erst spter entwickelt haben mu, und ber die er im Stande ist, Stundenlang in
Extase zu gerathen, aber solche Aehnlichkeiten haben doch auch ihre Gefahren,
und ich wollte, wir oder Aurelia htten die Terrasse des Gartens Boboli nie
gesehen.

Wnschen Sie mir Glck, liebe Frau von Willnangen, ich athme freier! Aurelia
hat heute in aller Frhe Florenz verlassen, um die groe, lange beabsichtigte
Reise durch Sicilien nach Griechenland endlich anzutreten, und es scheint mir,
als ob Hippolit das trgerische Schattenbild Gabrielens, das in der letzten Zeit
ihn wohl ftrer betrbt als erfreut haben mag, nicht ungern endlich schwinden
sah. Ein kleiner Migriff, zu welchem Aurelien ihre Unsicherheit in Hinsicht
seiner wohl verleitet haben kann, ist wahrscheinlich die nchste Veranlassung
dieses pltzlichen Aufbruches gewesen. Vermuthlich ward sie ungeduldig ber
seine anscheinende Bldigkeit, die ihn, wie sie meinte, verhinderte eine Bitte
auszusprechen, welche sie ihm oft genug so nahe legte, da ich kaum begreife wie
er ihr ausweichen konnte, nehmlich die, sie auf der Reise nach Griechenland
begleiten zu drfen. Ihre Ungeduld brachte sie dahin ihm anzubieten, was sie
freilich lieber seinen dringenden Bitten zgernd gewhrt htte, und nun stellen
Sie sich das bittre Erstaunen vor, mit dem sie den so furchtsam gehaltenen
Jngling das Anerbieten von sich weisen sah, und zwar auf die feinste aber auch
bestimmteste Weise! Ich gestehe Ihnen, ich selbst mu dieses feste Entsagen
bewundern, denn sowohl die Reise als die Reisegesellschaft knnen schwerlich
reizender erdacht werden.
    Da Aurelia nach der ersten bittren Sekunde, die sie benutzte, um sich von
ihrem Erstaunen zu erholen, genug Fassung behielt, um aus dem ganzen Anerbieten
einen gar nichts sagen wollenden Scherz zu machen, war ihr wohl zuzutrauen, doch
scheint sie den Verdru ber Hippolitens Benehmen recht tief empfunden zu haben.
Die schliee ich unter andern auch aus der Eile, mit der pltzlich alle so
lange vernachlssigte Reiseanstalten betrieben wurden, und aus ihren
wiederholten Versicherungen, da sie die englische Familie, mit der sie schon
lngst diese Reise verabredet hatte, unmglich lnger auf sich warten lassen
knne. In der That hatte sie diese, unter allerlei nichtigen Vorwnden, von
einer Woche zur andern hingehalten, und ich mute schon lngst die Geduld der
guten Leute im Stillen bewundern.
    Genug, die Wagen wurden gepackt und sie ist fort! So fahre sie denn hin!
Recht glcklich - aber - wenn es seyn kann, auch recht weit und auf recht lange
von uns und auch von meinem Ottokar, auf dessen Frieden ihre Gegenwart doch
strender wirkt, als er es sich selbst vielleicht gestehen mag.
    Ist es aber nicht entsetzlich, da dieses durch so viele seltne herrliche
Gaben ausgezeichnete Wesen weder glcklich ist noch glcklich macht? Wie weit
steht Aurelia in dieser Hinsicht hinter ihrer Mutter, der Grfin Rosenberg,
zurck! so weit, als diese wohl von jeher, selbst in ihren blhendsten Zeiten,
in jeder andern Hinsicht hinter dem zurckgestanden haben mag, was Aurelia ist
und war. Und doch ist die Mutter, selbst jetzt noch, schwerlich weniger
gefallschtig und eitel als die Tochter, nur uert sich diese ihre Gefallsucht
auf andre Weise. Die Grfin wollte von jeher nicht sowohl bewundert, als gesucht
seyn, nicht sowohl blendend erscheinen als liebenswerth, und die giebt ihr bei
allen ihren brigen Schwchen einen Anstrich von Gutmthigkeit, welche jedem
wohlthut, der ihr nahen darf. Aurelien hingegen beten selbst ihre
allerunterthnigsten Sklaven nur mit Furcht und Zittern an. Sie reizt, sie
entzckt, aber wohl ist noch Keinem bei ihr geworden. Sie fahre hin.

Wunderbar! Dieses Zusammentreffen mit der gefhrlichen Dame, das mir so viel
Sorge ohne Noth machte, hat meinen Hippolit mir nur noch inniger verbunden,
statt mir ihn zu entfremden. Ich glaubte, je lnger ich darber dachte, seine
Verweigerung, Aureliens Einladung zu folgen, zum Theil auf meine eigne Rechnung
setzen zu drfen, denn ich war nicht ausdrcklich darin mit einbegriffen
gewesen. Ich wollte ihm darber etwas freundliches sagen, und da gesteht er mir
mit der liebenswrdigsten Offenheit, da ich gar keinen Antheil an dieser seiner
Entsagung habe, da ich sie ihm berhaupt viel zu hoch anrechne; weil durch eine
frhere Reise mit einer franzsischen Dame ihm jede hnliche auf Lebenszeit
verleidet sey. Mein Erstaunen ber diese unerwartete Entdeckung brachte die
Geschichte seines frhern Lebens zur Sprache. Guter Gott! in welches Labirinth
von Gefahren und Verirrungen haben Unbedacht, Eitelkeit, jugendlicher Uebermuth,
den zu frh sich selbst Ueberlanen gefhrt! Welch ein Glck, da die Folgen
einer frhern streng tugendhaften Erziehung seine, im Grunde doch sehr edle
reine Natur, mitten in all der Verworrenheit bei Krften erhielt, da es nur
einer hlfreichen Hand von auen bedurfte, um ihn aus dem Sumpfe von Thorheit zu
erretten, an dessen Rande er in jugendlicher Unvorsichtigkeit und kindischem
Muthwillen herumgauckelte.

Da Gabriele dieser rettende Engel gewesen sey, brauchte Hippolit seinem
weltklugen Freunde nicht zu vertrauen, um ihn davon zu berzeugen. Auch
schwiegen beide ber diesen Punkt, aber es entstand zwischen ihnen jenes zarte
wortlose Verstehen, das einem wunden Gemthe so wohl thut. Ernesto machte es
sich von nun an zur heiligsten Pflicht, durch ernste Vorstellungen und
anhaltendes Beschftigen mit einem groen Gegenstande, den ihm mit jedem Tage
werther gewordnen Jngling dem muthlosen Schmerz, der trbsinnigen Verworrenheit
zu entreien, in die er nur zu oft noch versank. Der klassische Boden, den sie
jetzt langsam durchzogen, bot ihnen Anla und Stoff zu geisterhebender
Betrachtung einer kolossalen Vorwelt, und Ernesto benutzte alles, um seinen
Liebling auf das grndlichste und vielseitigste auszubilden. Es whrte nicht
lange, so entdeckte er in ihm einen jener Seltenen, von der Natur
Hochbegnstigten, denen das Schwere leicht wird, denen das unerreichbar
Scheinende von selbst zufllt, und die ohne Anstrengung, ja beinahe ohne Flei,
alles Wissenswerthe nicht sowohl erlernen, als es sich aneignen mit Kraft und
Geist. Dabei bemerkte er abermals mit groem Wohlgefallen, wie ihm Hippolits
erste fast gelehrte Erziehung krftig vorgearbeitet habe. Bei jedem Anla dazu
entwickelte dieser Kenntnisse, von deren Besitz er kurz vorher kaum selbst eine
Ahnung gehabt haben mochte; weil sie in ihm geschlummert, und nun, durch den
Zufall geweckt, wie neu gewonnen ihm erschienen. So knpfte jede mit einander
verlebte Stunde beide fester an einander, und Ernestos Blick ruhte oft mit
wahrhaft vterlichem Stolz auf dem geliebten Zgling, der ihn dafr, wie ein
liebender Sohn, treu und innig verehrte.

Moritz zog indessen von einem Bade in das andre, um seine neuerfundene Theorie
des Spieles zu vervollkommnen, jedoch ohne dabei auf Gabrielens Begleitung
Ansprche zu machen; eine Schonung, die sie ihm um so herzlicher verdankte, da
sie dadurch zu der lange gewnschten Reise zu ihren Freundinnen in Lichtenfels
Zeit gewann. Der kleine Kreis, in dessen Mitte sie einst so schne Tage
verlebte, fand sich dort wieder ungetrennt beisammen, denn der General hatte
Adelberten mit dem Anfange des Frhlings den Seinigen wieder gegeben.
    Alle empfingen Gabrielen, wie man ein lang vermites Glck empfngt, und das
Leben ging im Aeuern wieder den lieben gewohnten Gang; doch im Innern war es
anders geworden.
    Adelbert und Auguste wandelten so still, mit so ngstlicher Schonung neben
einander her, als wren sie von Todtkranken umgeben. Die Liebe war geblieben,
aber das Vertrauen war entflohen, und eben weil es entflohen war, strebten sie
sich zutraulicher als je zuvor gegen einander zu bezeigen, um nur keinem
geliebten Herzen wehe zu thun. Nur der von allen gleich verehrte Greis, der
General Lichtenfels, trat mit gewohnter Sicherheit, frhlich und nichts ahnend
unter ihnen auf. Weil keine Klage laut ward, weil aller Blicke ihm lchelten,
glaubte er jede Wunde geheilt. Und wenn er auch zuweilen das ehemalige rege
Leben unter ihnen vermite, so schob er dieses auf die zu groe Einfrmigkeit,
in der sie so lange Zeit hingebracht hatten. Gastfrei, wie in glcklichern
Tagen, suchte er diesem bald abzuhelfen; er ffnete von neuem sein Haus; Freunde
und Bekannte strmten wieder herbei, und aufs neue wurde das frhere gesellige
Treiben in Gang gebracht, das einst Augusten und Adelberten zusammenfhrte.
Alles zeigte sich ihm heiter und frhlich wie damals, und so glaubte er gern an
ein Glck, das er so innig wnschte und so angelegentlich herbeizufhren sich
bemhte.
    In stiller Wehmuth betrachtete indessen Gabriele das zerstrte Lebensglck
ihrer Freunde; obgleich man ihre Ehe nicht eigentlich unglcklich nennen konnte.
Nie ward ein Zwiespalt zwischen ihnen laut, vielmehr suchte jedes von ihnen dem
unausgesprochnen Wunsche des andern mit geschftiger Aemsigkeit zuvorzukommen.
Mit ngstlicher Sorgfalt vermied Auguste jedes Wort, jede Miene, die in ihrem
Gemahl den leisesten Argwohn erregen konnten, als gedenke sie noch jener
Verirrung, die er so schmerzlich bereute und so streng zu bssen im Begriff
gewesen. Adelbert war seinerseits ebenfalls lauter Liebe und Aufmerksamkeit und
beide erschienen in der Gesellschaft als Muster des schnsten ehelichen
Verhltnisses. Nur das scharfblickende Auge inniger Freundschaft konnte hier
ahnen, da jenes sonst sie beseligende Empfinden gegenseitigen Glcks, jenes
Leben des einen in dem andern, den laut Gepriesnen auf ewig entschwunden sey.
Sie liebten sich noch, aber wie Verstoene aus dem Paradiese einer Unschuldswelt
sich lieben knnen. Das stille, ruhige, vertrauensvolle Gefhl war zu einer Art
Leidenschaft umgewandelt, die in Momenten des glhendsten Aufwallens oft in der
Tiefe ihres Gemthes einem verbissenen Hassen glich. Trotz aller Anstrengung
konnte Adelbert nie vergessen, da Auguste ihm vergeben habe, so wie sie stets
daran denken mute, da sie ihm etwas zu vergeben gehabt habe. Beide fhlten den
Zwang, auf etwas achten zu mssen, was ihnen sonst nie in den Sinn gekommen war,
auf ihr Benehmen gegen einander. Und so geschah es denn oft, da sie mit
ausbrechender Wehmuth sich von einander abwandten, wenn der Zufall sie ohne
Zeugen einmal zusammen fhrte, und sich dann mit wilder Hast mitten im Strudel
der Gesellschaft vor dem eignen Herzen zu retten suchten, welches ihnen ihre
ehemalige Seligkeit und ihr jetziges Elend laut zurief.
    Frau von Willnangen sah anfangs tief bekmmert dem Verhltnisse ihrer Kinder
zu, dessen trbe Seite ihr nicht entgehen konnte. Bald aber bewhrte sich von
neuem ihr glckliches Talent, stets das Beste zu hoffen; sie gedachte ihrer
eignen Ehe an der Seite eines ber alles geliebten Gatten, dem sie mit Freuden
ihr Leben weihte, und dadurch unendlich beglckt war, obgleich er ihre glhende
Liebe nicht in eben dem Maa zu erwidern vermochte. Ihre Fantasie spiegelte ihr
in dem jetzigen Verhltnisse ihrer Auguste eine trgerische Aehnlichkeit mit dem
eignen frheren vor, und so kam sie nach und nach zu der beruhigenden
Ueberzeugung, da Zeit und Liebe zu den, mit jedem Tage sich anmuthiger
entwickelnden beiden Kindern alles bald wieder auf das Schnste ordnen und
beruhigen werde. Sie versuchte es auch, Gabrielen ihren heitern Glauben an die
Zukunft mitzutheilen, und diese lie ihr gern den beruhigenden Irrthum, dem sie
selbst sich hinzugeben nicht vermochte.
    Gabriele durchschaute zu klar die tiefe, nie wieder herzustellende
Zerrttung eines einst seltnen Verhltnisses, das, so wie die Dinge jetzt
standen, sich hchstens nur noch zu etwas sehr Gewhnlichem gestalten konnte, zu
einer leidlichen Ehe, in der man aus Gewohnheit und um der Kinder willen
einander gegenseitig ertrgt. Ihr Herz blutete fr Augusten, deren gegenwrtiges
Loos ihr sogar trauriger als das eigne dnkte, weil der zur Armuth
herabgesunkene Reiche weit beklagenswerther ist, als der in Drftigkeit Geborne.
Aber sie htete sich eben so sehr, das Herz ihrer mtterlichen Freundin durch
diese ihre eigne Ansicht zu verwunden, als sie jedes Gesprch mit Augusten
sorgfltig vermied, das zu irgend einer Erklrung ber diesen Gegenstand fhren
konnte. Gabriele wute aus eigner Erfahrung, da es Seiten im menschlichen
Herzen und Verhltnisse im Leben giebt, welche selbst die zarteste innigste
Freundschaft nicht mit einem Hauche zu berhren wagen darf.

Den Schmerz um ihre Freunde abgerechnet, erfreute Gabriele sich indessen doch
eines Zustandes, der mit den letzt vergangnen unruhvollen Jahren sehr angenehm
kontrastirte. Augustens Kinder waren die Freude ihres Lebens, mit ihnen und in
der stillen Beschftigung mit sich selbst, welche ihr durch das zerstreute Leben
in der Residenz so erschwert worden war, brachte sie die erste Hlfte des Tages
in der ruhigen Einsamkeit ihres Zimmers zu. Der Abend wurde ihren Freunden
geschenkt, besonders der Erheiterung des freundlichen Oheims, den sie, seit sie
ihn nher kennen gelernt hatte, gleich einer liebenden Tochter verehrte. Die
Verlngerung von Moritzens Reise, die sich auf unbestimmte Zeit ber den Winter
hinaus ausdehnte, erlaubte ihr, den Bitten ihrer Freunde nachzugeben und bis zu
seiner Rckkehr bei ihnen zu verweilen. Sie that dieses um so lieber, da sie
wohl einsah, wie erfreulich ihre Gegenwart den armen Verstrten, wenigstens
momentan, den Schein vergangner Glckseligkeit zurckgab.
    Hippolits Tagebuch-hnliche Briefe waren ihr jedesmal wie ein lieber Besuch,
dem sie immer zur bestimmten Zeit mit froher Erwartung entgegen sah; und auch
wenn er nicht schrieb, gedachte sie seiner mit einer eignen Rhrung. Nie konnte
ihr dankbares Gemth des hochherzigen Jnglings zarte Aufopferung vergessen, mit
der er ertragen hatte, was seiner khnen Natur das Unertrglichste seyn mute,
um nur sie nicht in ihrer Freundin zu betrben. Fr die wilde
Leidenschaftlichkeit, der er sich bis zur hchsten Verblendung berlassen hatte,
fand ihre nachsichtsvolle, alles gern ausgleichende Natur von jeher tausend
Entschuldigungen und seine jetzigen Briefe bekrftigten diese. Aus jedem
derselben leuchtete die hhere Entwickelung seines Geistes unter Ernestos
Leitung hervor. Sie sah aus ihnen, wie der bis jetzt nur in seinen Gefhlen
lebende Jngling heranreifte zum festen edlen Manne, der mit hellem Blicke die
Welt anschaut, und aufhrt, sich und sein Herz fr den Mittelpunkt derselben zu
halten. Ihr selbst unbemerkt, regte sich dabei oft der Wunsch baldigen ruhigen
Wiedersehens in ihrem Gemth und ward allmhlig zur sen Sehnsucht, die ihrem
Leben neuen Werth gab. Das Gefhl, dessen Bekenntni Hippolits Entfernung
veranlat hatte, schimmerte zwar noch fortwhrend aus seinen Aeuerungen hervor,
aber es glich einem goldnen Faden, der das ganze Gewebe seiner jetzigen Existenz
zusammenhielt, und es schien, als she er es doch als seiner und ihrer unwrdig
an, ihr lnger nur von sich und seinen Empfindungen zu schreiben. Dabei waren
seine Bemerkungen ber Natur und Kunst, ber Welt und Leben, von einer Tiefe und
Originalitt, ber die sie oft in freudiges Erstaunen gerieth.
    Ernestos Briefe bestrkten von Zeit zu Zeit ihr frohes Hoffen von der
Zukunft ihres jungen Freundes. Sie sind noch immer die hohe Dame seiner
Gedanken, an der er mit der tiefen Verehrung eines chten Chevaliers der
Tafelrunde hngt, schrieb er ihr einst. Leugnen Sie mir nicht ab, obgleich ich
auch nicht fordre, da Sie es mir gestehen sollen, da ich Ihnen hiemit nichts
neues verknde. Machen Sie es wie er, geben Sie es mir schweigend zu. Wei ich
doch nicht, ob er mehr als ein solches schweigendes Gestndni auch gegen Sie
jemals gewagt hat, obgleich ich es aus dem Stottern wohl schlieen knnte, das
ihn allemal befllt, wenn ich der nchsten Veranlassung seiner Reise nach
Italien nachforschen will. Nicht minder aus einer gewissen reuigen Wehmuth, die
ihn leicht bis zu Thrnen bewegt, wenn er der letzten Tage gedenkt, die er in
Schlo Aarheim verlebte. Dem sey wie ihm wolle, ich danke den Gttern, fr ihn
und mich, da wir einander fanden. Was ich fr ihn thue, ist alles und nichts;
das hohe Gelingen lohnt mir tausendfltig. Schn und traurig, wie ein Antinous,
stand er vor mir bei unserm ersten Zusammentreffen, und erregte schon durch
seine ure Erscheinung das lebhafteste Interesse; aber sein Festhalten an mir,
da er mich erkannte, sein Ergeben in meinen Rath, in meine Leitung gewann bald
bei dieser seiner rstigen Jugendkraft, etwas so unaussprechlich Rhrendes, da
ich mich seiner htte annehmen mssen, und htte es mich auch das hchste Opfer
gekostet. Und so entstand denn eine Verbindung, die mir jetzt gegen das Ende
meiner irdischen Laufbahn die hchste Freude gewhrt. Denn was kann belohnender
seyn, als der Anblick einer edlen krftigen Natur, die aus geistiger und
irdischer Verirrung mancherlei Art sich tapfer loswindet, und dabei das selige
Bewutseyn, ihr hlfreich und schtzend zur Seite zu stehn. Sie, Gabriele! mgen
immer das schne Gefhl mit mir theilen; Sie haben mir krftig vorgearbeitet, so
krftig, da ich oft Sie zu sehen und zu hren glaube, wenn er recht aus dem
Herzen spricht oder handelt. Und so ist es billig, da auch Sie sich Ihres Werks
erfreuen mgen.

Still und ruhig hatte Ottokar indessen seit mehreren Jahren in Rom gelebt, in
selbsterwhlter Zurckgezogenheit von ffentlichen Geschften und
Ehrenbezeugungen, nur mit sich, seinem Knaben, der Natur, der Kunst, und wenigen
auserwhlten Freunden. Tausend sehr ernste Erfahrungen hatten ihn endlich
berzeugt, da nur in der Kunst, entsagen zu knnen, der chte Stein der Weisen
verborgen liegt. An Aureliens marmor-glatter und kalter Natur waren alle seine
Versuche fruchtlos abgeglitten, sie sich und dem chten Genu des Lebens zu
gewinnen. So hatte er sie denn endlich aufgegeben, und begngte sich damit,
seine Gemahlin nach der von ihr selbst gewhlten Weise das Glck suchen zu
lassen, indem er ihr Geld und Freiheit gab, so viel sie bedurfte oder verlangte.
Ersteres machte sein groes Vermgen und eigne Gengsamkeit ihm mglich, und da
Aurelia ihre unumschrnkte Freiheit nie auf eine, seine Ehre verletzende Weise
mibrauchen knne, dafr brgte ihm ihr Stolz auf die einzige Frauentugend, die
sie eigentlich anerkannte, und zu deren strenger Richterin sie sich berall
aufwarf. Der kleine Herrmann, Ottokars sehr anmuthig heranwachsender Knabe,
gewhrte ihm wenigstens einen Theil des huslichen Glcks, nach dem er sich
stets gesehnt und das er leider an Aureliens Seite nie hatte finden knnen. In
der Freude ber ihn, verga er gern alles, was die Welt sonst noch ihm versagt
hatte. Er nherte sich jetzt dem Alter, in welchem die Strme in der Brust,
denen er frher mit Muth und Kraft entgegen kmpfen mute, allmhlig von selbst
sich beschwichtigen. Seine Jugend lag hinter ihm, wie ein halb schner, halb
ngstlicher Traum, aus dem Gabrielens kurze Erscheinung gleich einem hellen
Sterne hervorleuchtete. Er gedachte ihrer, wie einer himmlischen Gestalt, die
auf irdischem Pfade ihm einst segnend vorberschwebte und von hhern Sfren
Kunde und Gewiheit verlieh.
    Von ihrem fernen Leben auf Erden seit jener Stunde wute er nur wenig.
Ernesto hatte immer vermieden, ihm genaueren Bericht davon zu geben; er wollte
gern dem ohnehin auf mancherlei Weise Verletzten unntze Schmerzen ersparen, und
konnte es schweigend nur, da er ihm so wenig Erfreuliches zu melden hatte.
Ottokar wute nur da Gabriele vermhlt sey, da sie mit diesem Schritte ihrem
Vater und ihrer Pflicht ein schweres Opfer freudig und willig gebracht. Die war
ja einst sein eignes Loos auch gewesen, und nach der ihn dafr beseligenden Ruhe
seines eignen Bewutseyns mute er auch sie fr beglckt halten. Freilich verga
er dabei der Verschiedenheit des Verhltnisses, welches den Frauen das als eine
sehr schwere drckende Last aufbrdet, was das freie glcklichere Loos der
Mnner diesen auf tausendfache Weise erleichtert.
    So fand ihn Ernesto als er gegen Weihnachten mit seinem jungen Freunde in
Rom anlangte. Denn die Reise nach Sicilien war aus mehreren bewegenden Grnden
einstweilen aufgegeben. Bis jetzt hatte Ernesto sich von innerem Bangen immer
abhalten lassen, Hippoliten mit Ottokar bekannt zu machen. Von diesem Gefhle
geleitet, hatte er sogar die Reise nach Rom so weit hinausgeschoben und Ottokars
nur immer in sehr allgemeinen Redensarten gedacht. Eigentlich frchtete er, da
Gabrielens Name, zur Unzeit genannt, bei Beiden Gefhle und Erinnerungen
aufregen, ja vielleicht Scenen herbeifhren knne, die wenigstens ihrer mhsam
errungenen Ruhe neue Gefahr brchten. Doch jetzt mute er sich endlich
entschlieen, den Schritt zu wagen, den er nicht lnger schicklicher Weise zu
vermeiden wute. Er fhrte beide einander zu, und hoffte dabei, weil er es
wnschte, da jeder von ihnen das heiligste Geheimni seiner Brust wohl zu
bewahren wissen werde.
    Hippolit fhlte sich gleich in den ersten Minuten ihres Beisammenseyns von
Ottokars Erscheinung mchtig ergriffen. Kein sterbliches Wesen, selbst Gabriele
nicht, hatte sein Herz mit so unaussprechlicher Ergebung, mit so ganz
rcksichtsloser reiner Neigung beim ersten Anblick erfllt, als der schne,
ernste und dabei so unsglich milde Mann, aus dessen hell leuchtendem Auge
jugendliche Kraft und Wrme sprach, whrend er, ausgerstet mit aller Wrde und
allen Vorzgen des reifern Alters vor ihm stand.
    Auch Ottokar ward von Hippolits liebenswrdigem und bescheidnem Wesen
angezogen, dieser kam ihm, wie ein jngerer Bruder vor, zu dessen vollendeter
Bildung mitzuwirken, er mit der lebendigsten Theilnahme sich verpflichtet
fhlte. Und so erbot er sich, mit Ernesto sein steter Begleiter zu allen jenen
Wundern der Vorwelt zu werden, welche keine feindliche Macht dem heiligen Boden
entfhren konnte, der eine lange Reihe von Jahrhunderten hindurch sie treu
aufbewahrte und aufbewahren wird. Innigst erfreut ber Hippolits reges und
richtiges Gefhl, schwelgte er an seiner Seite im frohen Nachempfinden jener
Tage, in denen er selbst zuerst die klassische Land betrat. Dafr theilte
Hippolit Ottokars Freude an dem kleinen Herrmann, der sich sehr schnell
gewhnte, ihn als seinen liebsten Spielgefhrten zu betrachten. So ordnete sich
bald ein fr Alle sehr genureiches Zusammenleben; nur Ottokars Nhe schien
Hippoliten noch gefehlt zu haben, um ihn ganz auf die Stufe der Bildung zu
heben, fr welche seine Natur ihn bestimmte; bei ihm fand er im glcklichsten
Verein den wrdevollen Ernst des vollendeten Mannes mit fast weiblich weichem
Zartgefhl auf das innigste verbunden; und whrend Ernesto Hippolits Geist,
dessen Verstand und Wissen mit alle dem Reichthum ausstattete, den er selbst in
so hohem Grade besa, wrkte Ottokar nicht minder wohlthtig auf sein Gemth. Er
verhalf ihm zu jener Klarheit in seinem Empfinden, welche er selbst mhsam
errungen hatte, und weihte ihn dadurch zu jedem Opfer, jeder Entsagung, welche
das Leben im Laufe einer wahrscheinlich sehr langen Zukunft von ihm ferner noch
heischen mochte.

So waren mehrere Wochen vergangen, whrend welchen sich Hippolit immer fester an
Ottokar anschlo, als dieser zufllig von einer leichten Unplichkeit gezwungen
ward, einige Tage zu Hause zu bleiben. Hippolit eilte auf die erste Nachricht
davon herbei und fand ihn allein, in einem abgelegnen Kabinett, zu welchem sonst
jedermann der Zutritt versagt ward, und das auch selbst er noch nie vorher
betrat.
    Eine einzige Zeichnung ber dem Schreibtisch schmckte die mit grner Seide
ganz einfach bekleideten Wnde des kleinen traulichen Gemachs, sie mute dem
Eintretenden gleich in die Augen fallen, und erstarrt, bleich wie ein Sterbender
blieb Hippolit wie eingewurzelt vor Gabrielens Abbildung ihrer vterlichen Burg
stehen; dem einzigen Angedenken von ihr, das Ottokar vor jedem fremden Blick
hier wie ein Heiligthum aufbewahrte.
    Ottokar fuhr, ber den Zustand seines Freundes erschrocken, vom Divan auf,
auf welchem er lag. Er mute ihn von einem pltzlichem Uebel befallen glauben
und wollte ihm zur Hlfe eilen, als dieser in aller frheren, mhsam bekmpften
Heftigkeit seines Wesens in seine Arme sich warf und ihn fest umklammerte.
    Ja Du bist es, rief er, und das Weh eines ganzen Lebens lag in dem
schmerzlichen Ton dieser Worte, Du bist es! Wer anders konnte es seyn als Du?
Wie war es mglich, da ich Dich nicht gleich erkannte! Nun ist mir alles klar,
ja nur Dich, nur Dich konnte Gabriele lieben, und nur Du konntest ihr entsagen.
O ich Verblendeter! Da ich erst jetzt dieses wei!
    Auch Ottokar erstarrte als er diesen Namen von diesen Lippen so nennen
hrte. Gabriele! rief er, kennst Du Gabrielen? Kennst Du die Schlo?
    Ob ich es kenne? ob ich Gabrielen, ob ich Schlo Aarheim kenne? antwortete
Hippolit; seine Augen blitzten und alles Blut aus seinem Herzen frbte die
erblichnen Wangen in Purpurglut. Er sprang auf und ri sein Taschenbuch hervor,
in welchem er eine kleine Kopie von Ernestos Virginia aufbewahrte, die er auf
Schlo Aarheim heimlich zu zeichnen Gelegenheit gefunden hatte. Sieh her, rief
er, blick her, und Du, Du bist ja Icilius, unverkennbar; mein Gott! wie gehen
mir jetzt erst die Augen auf!
    Ottokar betrachtete das Blatt; auch er erbleichte, tief erschttert, und
kaum vermochte die zitternde Hand es fest zu halten; denn eine Ahnung des ganzen
Umfanges von Gabrielens traurigem Geschick ging ihm zum erstenmal aus diesen
Zgen auf. Mit einer Art Beschmung fhlte er pltzlich, wie vergleichungsweise
glcklich er diese Reihe von Jahren verlebt hatte, whrend sie den bittersten
Kampf mit dem Leben bestand. Schweigend standen beide einige Minuten einander
gegenber, doch dem geprften festeren Manne gelang es eher, Fassung zu erringen
als dem wild bewegten, sturmvollen Herzen des Jnglings. Ottokar nahm ihn an
seine Brust, wie ein Vater sein liebes verwundetes Kind, er zog ihn zu sich, er
sprach ihm liebkosend zu, mit seiner sanften beruhigenden Stimme. Hippolit
erkannte die Tne, die einst auch in Gabrielens Herzen wiederhallten, er konnte
ihrem Zauber nicht widerstehen, sie beschwichtigten allmhlig das Toben in
seinem Innern, und nun begann zwischen beiden edlen Menschen eine Scene des
innigsten Vertrauens. Ihre Seelen, alle ihre Gedanken ergossen sich in einander;
was nie ber ihre Lippen gekommen war, gestanden sie sich hier, offen, wahr,
ohne Rckhalt, alles tief im Herzen Verborgne kam zur Sprache und diese Stunde,
die bei minder Vorzglichen vielleicht eine ewige Trennung bewirkt htte,
verband sie einander fr Zeit und Ewigkeit.
    Den ganzen Tag hindurch lie Ottokar den jetzt ganz Gewonnenen nicht von
seiner Seite. Ernesto kam hinzu, es war unmglich ihm, was vorgegangen, zu
verhehlen, und er sah mit freudiger Rhrung neues, ihm unerwartetes Heil aus
einer Entdeckung entstehen, die er nur deshalb so ngstlich abzuwenden gesucht
hatte, weil die Erfahrung eines langen Lebens unter den Menschen ihn um den
Glauben an die hohe Reinheit des Gemths gebracht hatte, die ihm doch hier, fast
am Ende seiner Laufbahn, aus der Brust seiner Lieblinge so hell entgegen
strahlte.

Ottokar nachzustreben, in allem nur Erreichbaren, war von nun an Hippolits
felsenfester Entschlu.
    Sie hat ihn geliebt und er konnte ihr entsagen, sprach er in einer ernsten
Stunde des reinsten Vertrauens zu Ernesto. Auch ich entsage, ich der
Ungeliebte, der, hoffnungsloser als je, doch ewig ihr Bild im Herzen tragen mu.
Ich kann sie nie gewinnen, nun so sey all' mein Streben, ihrer werth zu werden,
wie Ottokar es ist. Kein Laut, kein Blick verrathe von nun an meinen stillen
Schmerz, auch Sie Ernesto, ich flehe darum, ehren ihn durch Schweigen.
    Andre Plne, andre Hoffnungen reiften indessen in Ottokars edler Brust. Erst
jetzt, durch die Zeichnung Ernestos zur Sprache gebracht, hatte er von diesem
treuen Freunde vernommen, welche lange Reihe von Entsagungen und Opfern jeden
Tag in Gabrielens Leben bis zu dieser Stunde bezeichnete. Seine reuige Wehmuth,
wenn er den Abstand zwischen seinem und ihrem Geschick betrachtete, steigerte
sich zu einer ngstlich drckenden Hhe, ihm war, als habe auch er ihr Unglck
mit verschuldet, und msse jetzt nur suchen, sie zu erretten. In aller
unertrglichen Lcherlichkeit und Widerwrtigkeit sah er Moritz neben Gabrielen,
unablssig wie ein Schreckbild stand dieser vor seiner Fantasie. Er vermochte es
nicht, sich von ihm abzuwenden; im Gegentheil ward er nicht mde, Ernesto ber
seine Persnlichkeit auszufragen, als hoffe er, dennoch endlich etwas zu
vernehmen, das ihm Trost zu geben vermchte. Und zuletzt blitzte wirklich
whrend eines solchen Gesprchs wenigstens ein Hoffnung verheiender Strahl in
ihm auf.
    Nein, sprach er endlich, sich selbst zum Troste, die Natur wird nicht
ungerecht seyn, sie wird nicht die Lebenszeit des krnklichen Greises bis an die
usserste Grnze des menschlichen Lebens hinaus rcken, um die Qual jenes
himmlischen Wesens zu verlngern. Gabriele wird frei, vielleicht bald, und wer
wre dann des Glcks wrdiger die trbe Erfahrung ihres Lebens auszugleichen,
jede qualvolle Erinnerung zu verlschen, als dieser seltne Hippolit, mit seiner
unendlichen Liebe! An sich selbst dachte Ottokar nicht dabei, von jeher glich
sein Gefhl fr Gabrielen mehr der anbetenden Bewunderung, als irdischer Liebe.
Jugendlich schn, fast noch in holder Kindlichkeit, wie sie in jener einzigen
unvergelichen Stunde ihm erschienen war, um schnell wieder zu verschwinden,
schwebte ihr Bild noch immer unverndert vor seinem inneren Sinn; es konnte ihm
nicht einfallen sich selbst des Glcks noch wrdig zu halten, ihr alle ihre
Leiden zu lohnen, sogar wenn ein unerwartetes Geschick die Bande zerreien
sollte, die ihn an Aurelien fesselten, und die er selbst nie eigenmchtig zu
lsen lngst entschlossen war. Die bedeutende Reihe von Jahren die er vor
Gabrielen vorauszhlte, hatte ihn jener Zeit zugefhrt, wo jedes
jugendlich-wild-aufbrausende Gefhl in milderes Empfinden bergegangen ist.
Gabrielen noch dereinst glcklich zu wissen, mit dem Bewutseyn, selbst zu ihrem
Glck beigetragen zu haben, ward ihm jetzt zum vorherrschenden Wunsch, der immer
und berall ihn verfolgte. Hippolits unvernderte mit jedem Tage steigernde
Liebe zu ihm, die ganze Liebenswrdigkeit seiner Natur, zogen ihn immer mehr an,
er gewhnte sich, ihn nur mit Hinsicht auf Gabrielen zu betrachten. Bald kam er
dahin, sich Beide schon jetzt als Eins zu denken, und so machte er es sich zum
angelegentlichsten Geschfte, ihm berall zur Seite zu stehen. Gabrielens Name
ward nach jenen ersten Stunden heiligen Vertrauens nie wieder unter ihnen
genannt, doch beide lasen ihn oft, eins in des andern Blicken. Auch Ernesto
schwieg, und beruhigt durch Hippolits Herrschaft ber sich selbst, gab er sich
heiterer wie zuvor, der Freude an den Fortschritten seines Zglings in allem
Edlen, Guten und Schnen hin, ohne weder ber die Vergangenheit noch ber die
Zukunft ngstlich zu grbeln.

An der Seite seiner edlen Freunde, angeregt und ermuthigt durch Ottokars Nhe
und Ernestos klaren welterfahrnen Sinn, gelangte Hippolit zu immer sicherer
Gewalt ber sich selbst. Das Jahr neigte sich zu Ende, und er fhlte jetzt im
gerechten Vertrauen auf sich, da er es wagen drfe, Gabrielen um die Erlaubni
zur Rckkehr zu bitten. Sie hatte sie ihm beim Scheiden unter Bedingungen
versprochen, deren Erfllung ihm zwar noch schwer, aber doch nicht mehr
unmglich dnkte.
    So schmerzlich auch Ottokar die Trennung fhlen mochte, bestrkte dieser ihn
doch durch seine Zustimmung in diesem Entschlu, und so wagte es Hippolit denn
endlich, ihn gegen Gabrielen auszusprechen.
    Frchten Sie keinen neuen Ausbruch jener vernichtenden Leidenschaftlichkeit
mehr von mir, deren ich jetzt nur noch mit einem sehr beschmenden Gefhl
gedenken mag, schrieb er ihr. Sie werden Ihren wilden Edelknaben in nichts
wieder erkennen, als in der treusten Anhnglichkeit und unbedingten Ergebung in
Ihren Willen. Mgen Sie ihn zum zweitenmal und auf immer verbannen, wenn je ein
Wort, ein Blick, ein Athemzug jene trben Tage Ihnen zurckruft, in denen er mit
umdsterten befangnem Sinn alles verga, was er Gott, sich selbst und Ihnen
schuldig ist. Gabriele! seyn Sie wieder mild und gtig, wie Sie es immer waren,
Sie knnen es ohne Sorge, ich will ja nichts als in Ihrer Nhe seyn, Sie sehen,
Sie hren. Sie selbst sollen bestimmen, wie oft, wie lange? Und wenn Sie mir nur
eine Stunde, ja nur wenige Minuten des Tages vergnnen, ich will nicht murren
gegen Ihr Gebot, das ich dankbar verehre.

Wenige Wochen nach dem Empfange dieses Briefes stand Hippolit selbst vor
Gabrielen.
    Er fand sie allein in ihrem stillen Zimmer in der Residenz, wohin sie von
Lichtenfels zur Pflege ihres Gemahls zurckkehren mute, der vor einigen Monaten
sehr krank von seinen ermdenden Streifereien zu Hause angelangt war. Hippolit
wankte zwar, als er Gabrielen zuerst wieder erblickte, doch half ihm die
Bewegung, in die sie selbst in diesem Momente gerieth, die zu verbergen. Ihr
Auge strahlte mit ungewohntem Feuer, ein blhenderes Roth frbte ihre Wangen,
ihre Gestalt schien noch therischer als sonst, die Zeit hatte ihrer Schnheit
hheren Glanz verliehen und mit der ersten Blthe frher Jugend ihr keinen Reiz
geraubt. So erhob sie sich bei seinem Eintritte von ihrem Sessel und suchte
vergebens nach freundlichen Worten, ihn damit zu begren. Er wagte es nicht,
die Hand zu berhren, die sie wie unwillkhrlich ihm halb entgegenreichte, aber
sein Herz sprach laut aus seinem gesenkten Blicke, aus der edlen und doch so
demthigen Stellung, in der er vor ihr, wie vor einem Gtterbilde, sich
ehrerbietig neigte. Der Edelknabe war zum Manne geworden, zum mnnlichschnsten,
den ihr Auge je erblickte, aus dessen edlen, rein harmonischen Zgen jede Spur
jenes wilden Feuers verschwunden war, von dem sie sonst so oft erschreckt
worden. So hatte Ottokar ihren Jugendtrumen vorgeschwebt, jetzt erblickte sie
das Traumbild ins Leben gerufen, aber veredelt, verklrt, wie sie selbst in
ihren fantasiereichsten Stunden es nie sich gedacht hatte.
    Beide schwiegen in den ersten Momenten; Hippolit fand zuerst den Muth, die
Schweigen zu brechen. Er brachte Briefe, Zeichnungen, Kameen, Pasten, kleine
Mosaiken, die Ernesto ihm fr Gabrielen mitgegeben hatte, und kramte alle die
glnzenden Gaben in liebenswrdiger Geschftigkeit vor ihr auf dem Tische aus.
    Von ihnen wendete sich das Gesprch auf sein Leben und seine Reisen in
Italien. Er sprach viel von Ernesto, endlich wagte er es, sogar Ottokars Namen
zu nennen und Gabrielen manches Angenehme von dessen jetzigem Leben
mitzutheilen. Er that es mit etwas unsichrer Stimme und gesenktem Blick; ohne
jedoch Ottokars in irgend einer genauern Beziehung zu Gabrielen zu erwhnen. Er
sprach von ihm nur als von einem ihm sehr theueren Freunde, dem er unendlich
viel verdanke. Es war das letzte schwerste Erproben seiner Standhaftigkeit, das
er sich selbst auferlegt. Er hatte darin bestanden, aber jetzt vermochte er auch
nicht mehr. Er erhob sich um Abschied zu nehmen, und bat nur noch um die
Erlaubni, zu einer gelegenen Stunde auch Moritzen begren zu drfen.
    Hippolit hatte whrend seines Besuchs beinah allein gesprochen, denn
Gabriele vermochte es kaum ber sich, dann und wann einige Worte der
Schicklichkeit zu Liebe einzuschieben; sie war ganz Auge, ganz Ohr, hingerissen
vom lebhaftesten Erstaunen ber die unglaubliche Vernderung, die, in weniger
als zwei Jahren, wie durch ein Wunder bewirkt, ihr hier entgegenleuchtete.
    In tiefem Nachsinnen und doch fast ohne Worte fr ihre Gedanken, blieb
Gabriele lange wie in sich verloren. War das der Hippolit, welcher einst so keck
und vorlaut an dieser nemlichen Stelle auftrat? War das der wilde rohe Jngling,
dessen ungebndigten Sinn sie unlngst mit so ernster Strenge zurecht zu weisen
gezwungen war? Ihr Herz regte sich laut in ungestmen Schlgen, ihre Wangen
glhten vor Freude, meinte sie, ber diese glckliche Verwandlung. Eine ihr
unerklrliche Unruhe hielt sie mitten in diesem frohen Gefhle befangen, die bei
dem Gedanken, ihn am Abend wieder zu sehen, in ihr ein Bangen erregte, wie sie
kaum damals es empfunden hatte, als sie, ein Neuling in der Welt, zwischen
Frchten und Hoffen Ottokars Gegenwart im Salon ihrer Tante entgegenging.
    Endlich am Abend erschien Hippolit in Moritzens Zimmer. Der mrrische Kranke
empfing ihn mit bittern Vorwrfen ber seine pltzliche Abreise von Schlo
Aarheim, die Hippolit mit vieler Sanftmuth ertrug. Bald fhlte sich Moritz
wieder von dem gewohnten Zauber hingerissen, den die Gegenwart seines ehemaligen
Lieblings stets an ihm bte. Er wurde immer freundlicher, zuletzt war alles
Unangenehme so weit vergessen, da er nur aufs neue mit Bitten in ihn drang,
sein Haus wie ehemals als sein eignes zu betrachten. Der ihm nun wieder ganz
zugeneigte Alte trug ihm sogar eine Wohnung in demselben an, er drang sie ihm
fast auf, und Hippolit bedurfte aller seiner Gewandheit im Leben, um die
Anerbieten bescheiden von sich abzuweisen. Er that es, ohne dabei den Blick zu
Gabrielen zu erheben, die hocherrthend und schweigend der Verhandlung zuhrte,
ohne die mindeste Aeuerung ber sie zu wagen. Sie schmte sich innerlich ihrer
Verlegenheit dabei, denn sie glaubte nun fest berzeugt seyn zu knnen, da in
Hippolits Gemth keine Spur von jenem Gefhl mehr lebe, das sie einst zwang, ihn
zu verbannen, und doch vermochte sie es nicht ber sich, diese wunderbare, ihr
selbst unerklrliche Befangenheit zu besiegen.

Von nun an war Hippolit aufs neue Gabrielens tglicher Gast. Sein Betragen blieb
sich immer gleich. Immer erschien er gelassen, sanft, freundlich gegen Moritzen;
voll inniger Theilnahme und ungeheuchelter Ehrfurcht gegen Gabrielen. Zuweilen
fand er sie allein, fter am Krankensessel ihres Gemahls, der von einem
unheilbaren Asthma ergriffen, in manchen Augenblicken Todespein litt, von der er
sich aber stets nach einigen qualvollen Minuten schnell wieder erholte. Zufolge
des Ausspruchs der Aerzte konnte er noch viele Jahre lang mit diesem Uebel
kmpfen, ehe es ihn berwltigte.
    Einst, nicht lange nach seiner Ankunft, berraschte Hippolit Gabrielen, eben
da sie zitternd vor Frost, in der unfreundlichsten Jahreszeit, bei
weitgeffneten Thren und Fenstern den athemlosen Kranken untersttzte, der fr
seine gequlte Brust nur in der frchterlichsten Zugluft einige Erleichterung
fand, und sie dabei in seinem bewutlosen Zustand fest umklammert hielt. Der
Anfall ging vorber und Hippolit gewann Zeit und Kraft, Gabrielen zu betrachten,
welche, mitleidige Thrnen im schnen Auge, erschpft hinsank.
    Sein Herz stand still vor Entsetzen, da ihm in diesem Momente die Gefahr
pltzlich entgegenstarrte, der sich dieses zarte Wesen tglich aussetzte. Und
fr wen?
    Die auf ihren vorher so bleichen Wangen schnell erblhende tiefe Rthe, das
ungewohnte Strahlen ihrer Augen bezeichnete sie seinem vorahnenden Herzen auf
einmal als eines jener Opfer, welche der langsam heranschleichende Tod erst mit
berirdischer Schnheit schmckt, ehe er sie frh und auf immer erbleichen lt.
    Von ungeheurer Angst getrieben, ergriff er nun die erste einsame Stunde mit
ihr, um sie um Schonung fr sich selbst anzuflehen. Es war die erste Bitte, die
er seit seiner Rckkehr aus Italien an sie wagte; wenn sie sie ihm gewhrte,
sollte es auch die letzte seyn, die gelobte er auf das Heiligste. Gabriele
konnte sie ihm weder versagen noch gewhren, und Hippolit sah sich dadurch
gezwungen, sie von nun an gleich einem theuern Kleinod argwhnisch zu bewachen.
Er beschlo, so viel Zeit als mglich in ihrem Hause zuzubringen, entstehe
daraus was da wolle, um nur gleich zur Stelle zu seyn, wenn der Kranke so
gefahrvollen Beistand verlange. Denn eigensinnig wie immer erklrte dieser, ihn
nur von seiner Gemahlin oder Hippoliten annehmen zu wollen.
    Die Welt, eigentlicher was man in groen Stdten die Welt zu nennen pflegt,
begann freilich hier und da des glnzenden Fremdlings stete Anwesenheit im
Aarheimischen Hause zum Ziel ihrer Bemerkungen zu machen; doch in der
Abgeschiedenheit, in welcher Gabriele jetzt lebte, vernahm diese wenig davon.
Weniger noch Hippolit. Denn sowohl sein Aeueres, als die Erinnerung an sein
Betragen gegen Adelberten waren ganz dazu geeignet, jedermann den Muth zu einem
unziemenden Scherze gegen ihn zu benehmen.
    Und so war Hippolit jetzt glcklicher als er es je zu werden gehofft hatte;
er war es in der Ueberzeugung, da es ihm wirklich gelnge, zur Erhaltung und
Erleichterung des geliebten Wesens beizutragen, fr das er mit Freuden sein
Leben hingegeben htte. Ein freundlicher Stern schien dabei sein Bemhen zu
begnstigen, denn Moritz ward bald darauf scheinbar besser, wie das bei Kranken
seiner Art zuweilen wohl auf kurze Zeit geschieht, und er ermangelte nicht, die
einzig der treuen Pflege seines jungen Freundes zuzuschreiben. Seine
bengstenden Anflle verlieen ihn einstweilen fast gnzlich, dafr aber stellte
sich seine alte Feindin, die Langeweile, wieder ein, und er machte jetzt weit
strkere Ansprche als je zuvor auf Hippolits und Gabrielens Gesellschaft in den
Abendstunden.
    Um der Unterhaltung eine leidliche Wendung zu geben, trug Hippolit allmhlig
alle seine in Italien gesammelten Kunstschtze herbei. Gemlde, Zeichnungen,
Kupferstiche, kleine Antiken gaben Moritzens Zimmer gar bald das Ansehen eines
Museums. Wunderbarer Weise bildete dieser sich mit einemmale ein, ein groer
Kunstkenner geworden zu seyn; da indessen seine Redseligkeit durch sein Uebel
sehr gehemmt ward, so war er weit weniger strend als sonst, und blieb
gewhnlich nur ein grtentheils stummer Zuhrer von dem, was Hippolit und
Gabriele mit einander sprachen. Er behauptete indessen sehr ernstlich, diese
Unterhaltungen, besonders Hippolits Erzhlungen ungemein ergtzlich zu finden,
spielte aber dabei doch mit sich ganz allein eine Schachparthie nach der andern,
wie Philadelphia sie in seinem Schachbuche vorschreibt, sammt allen Abnderungen
jedes einzelnen Spieles. Triumfirend rief er sein Matt! aus, wenn die Weien
gewannen, die er nach seines Meisters Beispiel, der die Schwarzen gewhnlich
schlecht spielen lt, in besondern Schutz genommen hatte. Dabei glaubte er
steif und fest, sich den ganzen Abend ber einzig mit der Kunst beschftigt zu
haben.
    Hippolits und Gabrielens Unterhaltung gewann durch dieses sonderbare
Beisammenseyn einen ganz eignen Reiz, eine fast grere Freiheit, als wren sie
ganz ohne Zeugen gewesen. Moritz vertiefte sich immer mehr in sein Studium des
Schachspiels und mischte sich immer weniger in ihr Gesprch. Die Kunstwerke um
sie her, und Hippolits in Italien, unter Ernestos Leitung sehr ausfhrlich
geschriebnes Tagebuch gaben ihnen stets neuen unendlichen Stoff.
    Gabriele ward in mancher Hinsicht jetzt wirklich die Schlerin ihres
Freundes, anstatt da er sonst in Schlo Aarheim von ihr lernte. Lchelnd
erwhnte sie einst gegen ihn dieser seltnen Umwandlung.
    Bin ich nicht alles durch Sie? erwiderte er ihr. Sie allein erweckten
mich ja zu diesem neuen erhhten Leben. Sie ffneten mir ja zuerst das Reich der
Kunst und fhrten mich zur beseligenden Erkenntni der ewigen Schnheit. O
Gabriele, wten Sie, mit welchem Wonnegefhl ich mir tglich zurckrufe, was
ich Ihnen alles verdanke! Mge nur ein gnstiges Geschick mir erlauben, Ihnen
stets zur Seite zu stehen wie jetzt, um mit jedem Athemzuge Ihnen zu beweisen,
da ich nur fr Sie lebe, fr Sie, die mich allein dem Sonnenlichte und der
Hoffnung erhielt.
    Ein Monat nach dem andern verging auf diese Weise, und Hippolit fhlte mit
immer tiefrer Ueberzeugung, da weder Zeit noch Vernderung des Ortes seinem
Gemth in Hinsicht auf Gabrielen eine andre Richtung gegeben habe, noch geben
knne. Sie nur thronte, gleich einem Gtterbilde, in seinem Herzen, und die
Einsamkeit war noch oft Zeuge seines Schmerzes. Unendliches Mitleid mit ihr, mit
sich und auch mit Ottokar hielt manche bange lange Nacht hindurch den Schlummer
fern von seinem Lager. Doch er hatte gelobt, sich zu beherrschen, und er fhrte
es mit bewundernswerther Standhaftigkeit aus. Er kam und ging, und kein Wort,
kein Blick durfte sein Geheimni verrathen. Er dachte wohl daran, da Gabriele
auf diese Weise setne frhere Liebe zu ihr als erloschen, und in ruhige
Freundschaft umgewandelt betrachten wrde, aber er war bereit, auch dieses zu
tragen, um nur den innern Himmelsfrieden der hochgeliebten Frau nie wieder zu
trben.

Aechte Liebe und Bescheidenheit gehen stets Hand in Hand. Deshalb kam in
Hippolits Seele keine Ahnung von dem, was in qualvoller Seligkeit ihn vielleicht
zum Wahnsinn getrieben htte, wre es von ihm erkannt worden. Ach! jener
Himmelsfriede, den er schonen wollte, war lngst aus Gabrielens Brust gewichen
und entfremdete sich ihr immer mehr und mehr mit jedem Tage, den Hippolit in
ihrer Nhe verlebte. Whrend die unablssige Sorgfalt, mit der er in Gabrielens
Gegenwart stets ber sich selbst wachte, ihm keine Zeit lie, sie anders als in
Hinsicht auf ihre Zufriedenheit mit ihm zu beobachten, entzckte ihn zwar die
holde Freundlichkeit, mit der sie ihn gewhnlich behandelte, aber er dachte
dabei nur daran, sich dieses sein gegenwrtiges Glck zu erhalten, und war weit
davon entfernt, zu khnern Hoffnungen den Blick zu erheben.
    Auch Gabriele blieb Wochen- und Mondenlang sich selbst ein Rthsel, dessen
Auflsung sie, ohne sich dessen bewut zu seyn, immer weiter hinaus schob. Vom
Rckblick auf das frhere, von ihrer Seite so ruhige reine Verhltni zu
Hippoliten geblendet, glaubte sie, es sey noch wie ehemals. Sie ahnete nicht,
was alles Blut ihres Herzens in heien tobenden Strmen ihren Wangen zutrieb,
wenn sie aus fast unhrbarer Ferne den Ton seiner Stimme, das Nahen seiner
Schritte vernahm. Neues, nie zuvor geahnetes Leben war ihr aufgegangen, doch sie
erkannte weder dessen Ursprung, noch das Strmen und Wogen, welches ihre Brust
mit sem Schmerz beklemmte, himmelweit abweichend von jedem frheren Gefhl.
Frh, wenn sie erwachte, war Hippolit ihr erster Gedanke, Sehnsucht, ihn wieder
zu sehen, ihr erstes Empfinden, und dennoch erschrak sie, und htte es gern
abgewendet, wenn sein Besuch ihr gemeldet ward. War er aber erst da, dann begann
ein hohes genureiches Leben. Seine Worte, seine Aeuerungen entwickelten ihr
tglich eine zuvor nicht gekannte Liebenswrdigkeit, eine neue, hhere Achtung
fordernde Eigenschaft an dem edlen schnen Manne, der dabei in ungeheuchelter
Verehrung sich und jede seiner Handlungen ihrem Willen unterwarf. Sie hing an
seinen Blicken, an jeder seiner Bewegungen, alles andre vergessend, bis irgend
ein unbedeutender Zufall sie aufschreckte. Verlegen wandte sie sich dann von ihm
ab, floh aus seiner Nhe oder suchte ihre, ihr selbst unbegreifliche, tiefe
Beschmung hinter irgend einem kleinen Geschft, das sie pltzlich unternahm, zu
verbergen. Zwanzigmal des Tages fhlte sie sich auf diese Weise von ihm
angezogen und fortgetrieben. Sie war von einer Unruhe, einer Unbestimmtheit
ergriffen, die sie mit Angst erfllten, die ihr nicht erlaubten, irgend etwas zu
unternehmen oder gar zu vollenden, als nur in Bezug auf Hippolit. Jene, ihr
eignes Wesen wie die Welt, hellberschauende Klarheit, war fr den Moment
gnzlich von ihr gewichen; Gedanken, Empfindungen stiegen in ihr auf, ihr so
fremd, da sie oft sich berredete: das Herannahen einer bedeutenden Krankheit
vorzuempfinden. Ein Zufall mute sie ber sich selbst klar werden lassen, wenn
gleich auf schmerzliche Weise.

Unerachtet ihres jetzt sehr merklich herannahenden hheren Alters hing
Gabrielens Tante, die Grfin Rosenberg, noch immer mit gewohnter
Leidenschaftlichkeit an der Welt, an deren Freuden, und war keinesweges
gesonnen, den Platz aufzugeben, den sie in ihr so lange ehrenvoll behauptet
hatte. Mehr als je zuvor beruhte jetzt ihr Glck auf Glanz und Gerusch, denn
sie bedurfte beides, um manchem ernsteren Gedanken zu entweichen, der sich
zuweilen doch ungerufen ihr entgegendrngte. Ein einziger unbesuchter
Assembleeabend in ihrem Hause htte ihr den Tod geben knnen. Die fhlend, und
treu ihren frheren Grundstzen, suchte sie daher bei Zeiten in dem sie
umgebenden Kreise nach einem jungen liebenswrdigen Wesen, das fhig wre,
Gabrielens Alle herbeizaubernde Gegenwart ihr einigermaaen zu ersetzen. Denn
sie mute leider diesen Winter ber in ihrem Salon Gabrielen vermissen, weil die
Pflicht diese an das Krankenzimmer des Gemahls gefesselt hielt.
    Der Grfin gewohnter Scharfblick fand gar leicht den geselligen Magnet,
welchen sie suchte, in der im ppigsten Jugendreiz eben aufblhenden Ida von
Schneck, Gabrielens ehemaliger Begleiterin nach Schlo Aarheim. Seltne
Schnheit und manches angenehme Talent hatten sich seit jener Zeit auf das
schnellste und liebenswrdigste in diesem jungen Mdchen entwickelt. Die Grfin
konnte keine glcklichere Wahl treffen, denn der ewige Kampf zwischen einem
unbegrnzten Hange zum Vergngen und sehr beschrnkten huslichen Verhltnissen
machten die arme Ida zur Geflligkeit selbst, was auch immer von ihr gefordert
werden mochte. Sie verlie das Haus ihrer Mutter und bezog ein Zimmer im Hotel
ihrer neuen Beschtzerin.
    Alle Stunden, welche Toilette und Gesellschaft ihr brig lieen, wurden dort
mit unermdetem Eifer auf den Unterricht gewendet, den ihr die Grfin in Musik,
Tanz und allen jenen Knsten geben lie, welche in unsern verfeinerten Tagen den
hchsten Schmuck der darber selbst zur Kunst gewordnen Geselligkeit ausmachen.
Von Eitelkeit gespornt, ersetzte der angestrengteste Flei, was hie und da die
Natur versagt haben mochte, und die einmal der Dunkelheit entrine, vor kurzem
noch so unbedeutende Ida trat ganz unerwartet als eine leuchtende Sonne hervor,
deren Glanz alle ihre Umgebungen berstrahlte. Der Grfin Rosenberg Haus ward
durch Ida wieder, was es stets gewesen war, der Mittelpunkt aller guten
Gesellschaft in der Residenz, sie selbst schwamm in Seligkeit, und vergtterte
beinahe die kleine Zauberin, welche alle diese Wunder bewirkte.
    Zwar war Ida himmelweit davon entfernt, Gabriele zu seyn; ihre Talente, ihr
Wissen, waren nur ein oberflchlich Erlerntes, auf den Licht-Effekt berechnet;
aber eben diese Licht-Effekte hatte sie meisterhaft studirt. Dazu besa sie den
Reiz der Neuheit, der frischesten Jugend und obendrein eine seltne Fhigkeit,
fremde Liebenswrdigkeit sich anzueignen. Sogar das Mondenlange Zusammenleben
mit Gabrielen hatte sie, wenigstens fr das Aeussere, vortheilhaft zu benutzen
gewut, und nichts bezeichnet sie besser, als das franzsische Wort: je ne suis
pas la Rose, mais j'ai habit avec elle.
    Begleitet von diesem ihrem jungen glnzenden Lieblinge, trat nun die Grfin
eines Abends ganz unerwartet in Gabrielens Zimmer ein, um ihre vielgeliebte
Nichte einmal wieder zu sehen, nach der sie sich, ihrer Versicherung nach,
Mondenlang vergebens gesehnt hatte. Sie erklrte, den ganzen Abend bei ihr
bleiben zu wollen und etablirte sich frmlich mit ihrer Kntchen-Arbeit auf dem
Sopha, um dieses zu beweisen, denn der heutige Tag war eben ein allgemeiner
Butag gewesen, der ohnehin still und mitunter auch wohl langweilig selbst von
denen zugebracht werden mute, die wie die Grfin und Ida im ewigen Wechsel des
Vergngens sich herumzudrehen gewohnt sind. Der seltne Besuch der Tante ward von
Gabrielen mit gewohnter Holdseligkeit empfangen und auch Idas beinahe ungestme
Liebkosungen wurden so von ihr erwidert. Wie entzckt, warf sich diese ihr in
die Arme, und ward nicht mde, ihrer Freude ber dieses lang ersehnte
Wiedersehen Worte zu geben.
    Mit innigem Wohlgefallen und stiller Bewunderung betrachtete indessen
Gabriele das, alle frhere Erwartungen weit hinter sich lassende Erblhen des
jugendlichen Wesens, das noch in diesem Moment durch ein, bei Hippolits Anblick
aufleuchtendes freudiges Strahlen der schnen Augen unendlich reizender ward.
Sie lie Ida lchelnd gewhren, wie man einem artig spielenden Kinde den Willen
thut, als diese nun mit anmuthiger Geschftigkeit sich der Verwaltung des
Theetisches bemchtigte, dabei die in Schlo Aarheim selig verlebten Tage pries,
und berhaupt alle ihre kleinen Knste spielen lie, um sich so interessant und
liebenswrdig als mglich zu zeigen. In Gabrielens reine Seele kam noch immer
keine Ahnung von diesen Knsten, unerachtet ihre genaue Bekanntschaft mit der
Welt sie in dieser Hinsicht wohl htte einsichtiger machen knnen. Sie aber war
zu wahr geblieben, um an das Falsche oder Schlechte zu glauben, ehe Thatsachen
davon sie unwidersprechlich berzeugten. Und so wie sie als sechszehnjhriges
Kind die jugendliche frische Farbe ihrer schon damals mehr als vierzigjhrigen
Tante bewundert hatte, eben so lie sie sich auch jetzt zehn Jahre spter, von
der gutgespielten kindlichen Naivett eines achtzehnjhrigen Mdchens blenden,
ohne in ihr die gebte Schauspielerin zu erkennen. Das Vergngen, mit dem sie
dem anmuthigen Wesen zusah, stieg mit jeder Minute, ihr Auge suchte endlich
Hippoliten auf, um auch ihn zur Theilnahme daran aufzufordern, doch sie ward
gewahr, da es dessen nicht bedrfe. Fest gebannt, alle seine Aufmerksamkeit
ausschlieend dem reizenden Geschpfe zugewendet, sah sie ihn hinter Idas Stuhl
stehen, die glnzenden Augen nur auf diese geheftet, und ein ganz eignes
stechendes Weh durchbebte in dem Momente ihre Brust.
    Ida ward immer lebendiger in ihren Bewegungen und im Gesprche. Die ihr ganz
eigne Grazie in all' ihrem Thun wurde immer sichtbarer, und Hippolit gerieth
dadurch nach und nach in eine ihm jetzt seltne frhliche Laune. Unter dem
Vorwande, ihr wie wohl ehemals in Schlo Aarheim geschah, bei ihrem Geschfte
helfen zu wollen, rckte er sich einen Stuhl dicht neben den ihrigen, verwirrte
lachend und schckernd die Tassen, reichte ihr den Rum statt des Rahms, warf
Zucker in die Tassen die dessen nicht bedurften, lie sich von ihr ausschelten
ohne sich dehalb zu bessern, und trieb tausend kindische Possen, worber sie
herzlich lachen mute, was ihr ber die Maen wohl stand, und ihn zu immer neuen
lustigen Einfllen hinri.
    Die Grfin sah dem artigen Spiele des schnen jungen Paars mit unverhehltem
Vergngen darber zu, und begann nach Art lternder Frauen, auf diese Stunde
Plne fr ihre Ida zu bauen, die sie durch manchen heimlichen Wink auch
Gabrielen mitzutheilen versuchte; doch diese war nicht gestimmt, sie zu
verstehen.
    Mit nie empfundner Angst fhlte sie in ihren Augen aufsteigende Thrnen, sie
wollte nach dem Beispiel der Andern den heimlichen Schmerz weglachen, aber es
war ihr unmglich. Je lustiger jene wurden, je ernster ward sie. Zum ersten mal
in ihrem Leben dnkte sie sich launig, verdrlich zu seyn; sie strebte, ihre
Verstimmung wenigstens zu verbergen, da sie nicht vermochte sie zu unterdrcken,
und zuletzt hielt sie dieses sogar fr berflssig, denn sie glaubte zu
bemerken, da niemand sie beachte. Hippolit wie die Tante, hatten nur Augen fr
Ida, die ihren Muthwillen immer hher trieb, und dabei immer reizender ward,
whrend Gabriele in immer steigender Angst den Abstand ihres innern Mimuths mit
der allgemeinen Stimmung empfand.
    Es ist Besorgni um Moritzen, was so mich qult, dachte sie endlich, er ist
so verlassen, vielleicht schmerzlich leidend, in seinem einsamen Zimmer. Sie
wnschte Hippoliten an ihn zu erinnern, aber ein wunderliches Schmen hemmte
ihre Worte. Sie dachte darauf, sich selbst auf einige Minuten bei der Tante zu
beurlauben um nach ihm zu sehen, aber auch dazu fehlte ihr Entschlossenheit. So
kmpfte sie eine ziemliche Weile mit sich selbst und ward immer ernster, als der
vermeinte Gegenstand ihrer Sorge ihrer Ueberlegung ein ganz unerwartetes Ende
brachte, denn Moritz selbst trat in ihr Zimmer, was er lange nicht gewagt hatte.
    Heiter und wohl, wie er es seit Monden nicht gewesen, wollte er seine
Gemahlin durch diesen Besuch angenehm berraschen, und ward selbst durch das
lustige Treiben berrascht, in das er hier ganz unerwarteter Weise
hineingerieth, und das ihm in diesem seinen Anflug von guter Laune hchst
willkommen war.
    Die Stunden flogen, der Abend verging ehe man es dachte. Idas naiver Witz
zeigte sich unerschpflich, ihre Frhlichkeit unverwstlich, so da Moritz nach
ihrer Entfernung nicht aufhren konnte, sie und den angenehmen Abend, den sie
ihm gewhrt hatte, zu preisen. Er erinnerte sich mit einemmale, schon in Schlo
Aarheim eine stille Neigung Hippolits zu dem reizenden Mdchen bemerkt zu haben,
alle jene alten Neckereien und Anspielungen, mit denen er seinen jungen Freund
dort oft genug gelangweilt hatte, wurden wieder hervorgeholt, und mit ernsten
Ermahnungen begleitet, das Glck ja zu ergreifen und festzuhalten, so lange es
ihm lchle.
    Hippolit erwiderte wenig; er stand da, in ngstlicher Verlegenheit, die
Moritzens Vermuthungen zu besttigen schien, und dachte nicht daran, sich gegen
Angriffe zu vertheidigen, die er kaum vernahm. Denn er sah Gabrielen bleich und
leidend im Sofa hingesunken, ohne sichtbare Theilnahme an dem Geschwtz, in
welches Moritzens lange nicht gebte Redseligkeit, berstrmend von
Albernheiten, sich ergo. All sein Sinnen und Denken ging nur dahin, den
berlstigen Schwtzer auf eine schickliche Art zu entfernen, um ihr, die er
krank glauben mute, endlich die nthige Ruhe zu verschaffen. Es gelang ihm
zuletzt, ihn auf sein Zimmer geleiten zu drfen, aber noch in der Thre wandte
Moritz sich um. Allons Madame rief er Gabrielen laut lachend zu, ne faites
pas la sainte Nitouche! Mustern Sie nur morgen mit Sonnenaufgang Ihre Mirthen
und Rosen zum Brautkranze, ersinnen Sie ein recht elegantes Hochzeits-Cadeau;
vous en aurez besoin; sehen Sie nicht hier das leibhafte Brutigamsgesicht? Wie
trbselig der arme Teufel da steht! Courage, mon ami! La petite non sar
crudele; Courage! faint heart never won fair Lady.

Ein langer mhsam verhaltner Strom heier bittrer Thrnen machte Gabrielens
gepretem Herzen Luft, sobald sie sich allein sah. Ernsteres Nachdenken folgte
diesem whrend einer unendlich langen schlaflosen Nacht, bis hell und klar, wie
die eben aufgehende Sonne der Abgrund von Unglck vor ihr lag, an dessen Rande
sie bebte, ohne die Mglichkeit, sich abzuwenden.
    Ja, sie mute es sich endlich, ohnerachtet alles innern Widerstrebens,
selbst gestehen, es war Liebe was sie empfand, heie glhende Liebe, die sie
jetzt nur an ihren Qualen erkannte, und o wie himmelweit verschieden von jenem
Ideale, mit welchem ihre sanfte, der unbedingtesten Hingebung geweihte Mutter
schon in frher Kindheit ihr junges Herz erfllt hatte! Wie fern stand ihr jetzt
jener kindliche Glaube, da Liebe in sich beglcke, und nur das unbedingte Glck
des Geliebten fordere, um dieses irdische Leben zum seligen der Engel zu
erheben. Ihr ungestm pochendes Herz, sie konnte es sich nicht ableugnen, es
forderte Gegenliebe, Treue, Nhe des Geliebten; ihr Auge verlor sich in
undurchdringliches Dunkel, im welchem all' ihr Wnschen, ihr Sehnen, ihr Hoffen
unausgesprochen und unaussprechlich verschwebte.
    Reuevoll, mit schmerzlich gerungenen Hnden, warf sie sich vor dem wehmthig
lchelnden Bilde ihrer Mutter hin, wie vor dem einer Heiligen, und betete zur
ihr um Muth, um Kraft und Beistand, sich aus den mchtigen Zauberbanden
loszuwinden, die sie umstrickt hielten. Sie berdachte alles frher mit
Hippoliten Erlebte; sein erstes Auftreten bei ihr, die Scene im Grtchen, die
sptere in der Kapelle; vergebens! Aus dem Ideal von Hoheit und Schne, das
jetzt vor ihr stand, war jede Spur jenes wilden unbesonnenen Knaben gewichen,
ihn konnte sie zurckstoen, doch dieses mute sie lieben, mit all der
schwrmerischen Anbetung, die ihr sonst nur als Dichtertraum erschienen war.
    Um sich zu retten, rief sie Ottokars Andenken herauf aus ihrem Herzen, es
sollte ihr helfen zum Sieg ber eine Leidenschaft, deren verzehrende Glut sie
mit Schrecken erfllte. Alle frhere Erinnerungen ihrer Jugend wurden von ihr
hervorgesucht, vor allem jenes Tagebuch, dessen Bltter auch das flchtigste
Empfinden ihres Gemths whrend jener Zeit, die sie mit Ottokar verlebte, treu
aufbewahrten. Sie wollte sich der Untreue gegen ihn anklagen, sie las, und sah
mit Erstaunen, je weiter sie las, da sie dem ersten geliebten Freunde ihres
neuen jugendlichen Herzens nicht untreu sey. Was er ihr gewesen, war er ihr noch
immer; der Stern ihres Lebens, zu dem sie ohne Wunsch hinaufblickte in Freude
und Leid, dessen bloes Daseyn sie trstete in allem Zweifel, allem Bangen,
allem Ueberdrusse ihres freudenarmen Lebens. Zu ihm allein htte sie sich mit
allen ihren Schmerzen flchten mgen, ohne Furcht ihn zu beleidigen, in aller
Zuversicht des reinsten Vertrauens, um von ihm zu lernen, wie man ber sich
selbst Macht gewinnt.
    Immer klarer ward sie, je weiter sie in ihrem Tagebuche las; sie gewann es
ber sich, ihr ganzes Ich als ein Fremdes deutlich zu erkennen, so wie auch den
Unterschied zwischen Jetzt und Damals, als sie in eine fremde Welt gestoen
ward, noch halb ein Kind, mit jugendlich-neuen Sinnen, das Herz voll Sehnsucht
nach Liebe, welche die nur in ihrer Ideenwelt lebende Mutter viel zu frh in ihr
erweckt hatte. Verlassen, unbemerkt, auch wohl verspottet stand sie damals da,
ohne Schutz, ohne Sicherheit, in furchtsamer Verlegenheit mitten unter fremden
Gestalten, die kalt und achtlos an ihr vorber rauschten, bis er erschien. Er,
Ottokar! so hoch ber alle jene Figuranten erhaben, da sie in ihrer
Unerfahrenheit ihn wie eine gttergleiche Erscheinung nur aus der Ferne
bewundernd verehrt htte, wr' er ihr nicht zugleich auch der erste Mann
gewesen, den sie mild und gtig sah, und htte sie nicht einzig deshalb sich ihm
nher als Alle verwandt whnen mssen. Ihr durch den Tod einer angebeteten
Mutter tief verwundetes Gemth bedurfte eines Gegenstandes fr die ngstlich
suchende verwaiste Liebe, von der es berflo, und wo war ein wrdigerer zu
finden als Ottokar? Sie nahte ihm in fast kindlicher Verehrung, sie wagte es,
ihn zu lieben - so wie sie ihre Mutter geliebt hatte; und whnte ihre Bestimmung
erfllt. Sie kannte ja keine andre Liebe, und konnte keine kennen als aus ihren
Dichtern, deren Gebilde, von ihrer Mutter gewarnt, sie weit entfernt war in der
Wirklichkeit zu suchen. Aber auch er schien achtlos an ihr vorberzugehen, wie
die brigen, der Schmerz darber tuschte ihr Bewutseyn, und fhrte endlich
jene feierliche Stunde voll Wonne und Schmerzen herbei, deren Andenken sie bis
jetzt in einem schnen Irrthum ber sich selbst erhalten hatte.
    Und nun! Zu neuem, nie geahnetem Leben war sie erwacht, zu nie gedachten
Schmerzen und Wonnen. Jetzt erst verstand sie ihre Dichter, jetzt erst die Natur
um sich her. Eine neue Sprache, neue Begriffe und Ansichten waren mit diesem
neuen Leben ihr gewonnen, ihr war, als erhbe sie sich aus langem, traumbewegten
Schlummer zum Licht. Mit richterlichem Ernst berblickte sie ihre Vergangenheit;
sie wollte sich schuldig finden, aber sie konnte nie ungerecht seyn, auch nicht
gegen sich selbst. Ihr heller Geist hatte endlich den rechten Standpunkt
gefunden, und sie gestand sich, einer Gefahr erlegen zu seyn, die sie nicht
erkannt hatte, und ihrer Natur nach nicht erkennen konnte. Sie fhlte sich
schuldlos an dem Irrthum ihres reinen, nichts ahnenden Gemths; sie fhlte, da
schon ein Grad von Verderbtheit dazu gehrt, um ewig sich selbst zu bewachen und
Gefahren zu fliehen, deren Mglichkeit wahre Unschuld nie sich denken kann, und
ihre unbedachte Sicherheit, die sie nicht verdammen konnte, obgleich sie sie als
den Quell ihres Unglcks betrachten mute, flte ihr Mitleid mit sich selbst
ein.
    Die reine Bewutseyn ermuthigte sie endlich wieder zu der Festigkeit und
Kraft des Gemths, die schon so oft in ihrem Leben ihr aus jener schmerzlichen
Versunkenheit emporhalf, in welcher Schwchere untergehen.
    Herr meines Empfindens bin ich nicht, und kann es nicht seyn, doch Herr
meiner Handlungen will ich seyn! sprach sie, und fhlte sich in dem Momente
erhaben ber sich und ihr Geschick.
    Den ganzen langen Tag, den sie unter dem Vorwande eines leichten
Uebelbefindens ganz einsam in ihrem Zimmer verlebte, verwendete sie zum ernsten
Ueberdenken, wie das Unabnderliche wrdig zu bestehen sey. Hippoliten abermals
von sich zu entfernen! Wthender unaussprechlicher Schmerz durchzuckte sie bei
dem bloen Gedanken an dieses Opfer, das ihr schwerer als der Tod dnkte, aber
sie hielt ihn fest. Doch wie? wie sollte sie ihn entfernen? unter welchem
Vorwande? ihn, der durch sein Betragen sie auch nicht auf die entfernteste Weise
zu einem solchen Schritte berechtigte, der in inniger ehrfurchtsvoller Ergebung
nichts wollte, als in ihrer Nhe athmen; der keine Aufopferung scheute ihr
dieses zu beweisen und daneben ihr trbes Leben auf tausendfltige Weise zu
schmcken! Wahrscheinlich hatte er jene jugendliche leidenschaftliche Aufwallung
lngst auf ewig besiegt, wohl gar vergessen, die er einst fr die Bestimmung
seines Lebens hielt, und von deren Daseyn seit seiner Rckkehr aus Rom, jede
Spur in seinem Betragen gegen sie verschwunden war. So verwandelt wie sein
ganzes Wesen, war vielleicht auch sein Herz, und nur Mitleid, Dankbarkeit und
hoher Edelmuth fesselten ihn noch an sie. Ihre Liebe, die einst das hchste
Ideal von Seligkeit ihm schien, wrde jetzt vielleicht nur in wehmthiger Trauer
ber ihre Schwche ihn niederdrcken; und wenn gerade ihre Bitte sich zu
entfernen ihm ihr Geheimni verriethe, wenn er dadurch entdeckte - Gabriele
vermochte es nicht den Gedanken zu vollenden; mit hohem Errthen, mit dem
ngstlichsten Gefhle der tiefsten Beschmung verhllte sie sich vor dem Lichte
des Tages, vor sich selbst, und trumte dabei doch eine Minute lang von der
Himmelsseligkeit, ihm einmal nur sagen zu drfen: dich habe ich geliebt! und
dann zu sterben!
    Schaudernd wie vor einem Verbrechen, eilte sie, von diesem Gedanken sich
loszureien. Sie wute es, sie mute leben, sie war bestimmt, den blutigen Pfeil
im Busen zu tragen und gleichgltig dazu lchelnd, ihren Weg zu gehen, wenn er
gleich zum Untergange fhrte.
    Mit mglichster Gelassenheit begann sie jetzt, ber ihr knftiges Verhalten
gegen Hippoliten nachzudenken; sie wollte eine Richtschnur ihres Lebens in
seiner gefahrvollen Nhe ersinnen, und sah bald ein, da beinah alles bleiben
mute wie es war, wenn sie nicht in ihm und vielleicht auch in ihrem Gemahle
Aufmerksamkeit, sogar Argwohn erregen wollte. Im Aeussern war so wenig
abzundern, und in ihrem Innern, das fhlte sie mit Ueberzeugung, konnte es nie
anders werden. Trennung von ihm konnte sie zwar vor Verrath ihres heiligsten
Geheimnisses bewahren, aber sein Bild stand auf ewig in unverlschlichen Zgen
ihrem Herzen eingegraben, und Abwesenheit oder Gegenwart galten hier gleich.
    Schnell wie ein Blitzstrahl durchzuckte sie pltzlich der Gedanke: wie wenn
auch ihn heilige Pflichten bnden! wenn er, glcklich an der Seite eines
geliebten Wesens, von selbst sich nach und nach entfernte, und beseligt durch
alle die sesten Bande des huslichen Lebens, nun immer seltner kme, zuletzt
ganz ausbliebe? Tausendmal schner und reizender als sie gestern Ida gesehen
hatte, schwebte diese ihrem Geiste vorber; abermals sah sie Hippolit in
Bewunderung des anmuthigen Wesens verloren, der ganze Abend des vergangenen
Tages, selbst Moritzens plumpe Scherze und Anspielungen kehrten ihr zurck, und
alle Schmerzen der frchterlichen Nacht, die darauf folgte, wurden wieder in
ihrem Busen wach. Ida ward das Gebilde ihrer Fantasie, das sie zu ihrer eignen
Qual mit jedem Liebreize verschwenderisch sich schmckte. Je lnger sie es
betrachtete, je berzeugter ward sie, da nur dieses jugendlich schne Wesen
werth sey, den Gegenstand ihrer eignen glhenden Liebe zu beglcken, da es fr
ihn geschaffen, einzig bestimmt, von ihm geliebt zu seyn. Ein neuer schwerer
Kampf erhob sich in ihrem Gemthe, aber auch aus diesem trat ihr besseres Selbst
bald wieder siegreich hervor. Edlen Seelen gilt die schwerste Pflicht oft fr
die Einzige, daher ward auch bald in Gabrielens Gemthe der Entschlu fest:
Hippoliten selbst zu einem Schritt aufzufordern, zu welchem ihre Einwilligung zu
erbitten, ihm vielleicht der Muth gebrechen mchte. Ihr Gefhl bei dem Gedanken
an die Ausfhrung dieses Entschlusses lt sich nicht in Worten aussprechen,
aber sie schwelgte in ihrem Schmerz, ohne Linderung zu suchen, als in dem
Bewutseyn, das Rechte erwhlt zu haben, fr sich und fr ihn.

Eine zweite, wenn gleich minder strmisch, doch nicht minder schmerzlich
durchwachte Nacht fhrte endlich den Morgen herbei, den Gabriele dem hchsten
Opfer geweiht hatte, das sie der Pflicht und dem Glck des Hochgeliebten bringen
zu mssen glaubte.
    Die bngste Sorge um sie, die er ernstlich krank glaubte, trieb indessen
Hippoliten lange vor der sonst gewohnten Stunde an Gabrielens Thre. Er war die
ganze Nacht hindurch bis zum grauenden Morgen vor ihrem Hause auf- und
abgegangen, hatte zu ihren Fenstern hinaufgeblickt und diese mit
unaussprechlicher Angst von einem weit helleren Licht erleuchtet gesehen, als
die verschleierte nchtliche Lampe geben konnte, deren schwachen Schimmer er in
ruhigen Nchten so oft von dieser Stelle aus beobachtet hatte. Er sah an den
herabgelassenen grn-seidenen Rouleaus Gabrielens Schatten einigemal
vorberschweben; er hielt ihn fr den ihrer, um sie beschftigten Frauen, und
dachte vor ungeduldiger Sorge dabei zu vergehen. Um so freudiger berraschte ihn
jetzt die kaum gehoffte Erlaubni, sie sehen zu drfen; denn die kurze Trennung
eines einzigen Tages dnkte dem Verwhnten, schon unertrglich lange gewhrt zu
haben.
    Anfangs stockte das Gesprch. Gabriele schwieg oft und lange; sie schien
bleich und erschpft, Hippolit glaubte sie noch immer krperlich leidend, und
verhielt sich ebenfalls still und in bescheidner Entfernung, um ihr nicht lstig
zu werden; er war ja zufrieden, sie nur zu sehen.
    Mit der uersten Anstrengung ihrer geistigen Kraft begann Gabriele endlich,
das, was in ihr so strmisch wogte, ruhig zur Sprache zu bringen. Idas Name
glitt zuerst fast unverstndlich ber ihre Lippen, doch nach und nach ermuthigte
sie sich. Immer lebhafter werdend, sprach sie endlich von ihr, ihrer Schnheit,
ihrer Anmuth, ihren geistigen Vorzgen, wie eine Begeisterte; auch war sie es in
diesem Moment durch das Bewutseyn des mit fast bermenschlicher Kraft errungnen
Sieges ber sich selbst.
    Hippolit hrte ihr indessen mit lchelndem Beifall zu, wie man etwa die
geistreiche Beschreibung eines schnen Gemldes anhrt. Er war so himmelweit
davon entfernt, nur eine Ahnung von dem zu haben, was Gabriele mit ihren Worten
eigentlich meinte, da er sogar nur jetzt erst durch sie wieder an Idas
liebliche Erscheinung erinnert ward, die ihn zwar whrend eines flchtigen
Moments recht angenehm beschftigen konnte, die aber sammt den Ereignissen des
mit ihr verlebten Abends, ber der Besorgni um Gabrielen von ihm gnzlich
vergessen worden war. Die unerwartete Gegenwart der Grfin Rosenberg hatte ihn
damals wie immer sehr unangenehm berhrt, denn er ward durch sie stets an
Herminien und an einen Abschnitt in seinem Leben erinnert, dessen er nie ohne
tiefe Beschmung und Reue gedenken konnte. Bewacht von ihren scharfen stehenden
Augen, die ihn immer verfolgten, als wollten sie seine geheimsten Gedanken
ersphen, mochte er es in ihrem Beiseyn kaum wagen, Gabrielen anzusehen, doch da
er gern unbefangen und heiter erscheinen wollte, so war er darber in jenen ihm
sonst fremden Ton gerathen, in welchen Ida so meisterhaft einzufallen wute, da
sie ihn viel weiter mit sich fortri als er es anfangs gemeint hatte.
    Jeder von uns hat ja wohl im Leben erfahren, wie leicht man gerade in recht
trber Stimmung, um diese zu verbergen, sich den Schein ungewohnter Lustigkeit
zu geben sucht, die dann leicht in ein wildes freudenloses Toben ausartet, und
spterhin in nur noch herberen Schmerz sich auflst.
    Gabriele, durch Hippolits schweigende Aufmerksamkeit in ihrer Ansicht immer
mehr bestrkt, begann indessen immer deutlicher das anzudeuten, was sie meinte,
ohne da Hippolit sie verstand. Und als er endlich denn doch aufmerksam ward,
Gabrielen einiges erwiderte, und ihre Antworten ihn immer mehr ins Klare
setzten, da suchte er nur den Zweck eines Scherzes aufzufinden, der so ganz dem
bittersten Ernste glich, und den er dafr zu nehmen sich doch unmglich
entschlieen konnte. Zum erstenmal erschien Gabriele ihm fremd und
unbegreiflich; er gerieth dadurch in eine peinliche Spannung, die sie ebenfalls
verkannte, weil auch sie, vom Gange ihrer eignen Ideen hingerissen, ihn nicht
mehr verstand. Seine immer steigende Verwirrung, seine unzusammenhngenden Reden
schienen ihr ein Bekenntni, das ihm, sie fhlte die in seiner Seele, freilich
schwer werden mute, vor ihr auszusprechen. Ihr Herz brach dabei, aber ihre
Stimme, ihre Blicke blieben fest, ihre Augen trocken, als sie nun endlich in
deutlichen Worten sich erbot, selbst fr ihn bei Ida zu sprechen.
    Als wre aus blauer Luft ein Blitzstrahl vor ihm niedergeschmettert, so, von
bleichen Schrecken ergriffen, fuhr Hippolit jetzt von seinem Sessel auf; sie
sank vllig erschpft zurck, und eine bange Pause entstand, whrend welcher
kein Laut den bebenden Lippen beider sich zu entringen vermochte.
    Ist es mglich? rief endlich Hippolit mit unendlich schmerzlichem Ton und
Blick. Gabriele! was habe ich verbrochen, da Sie so mich strafen? Jetzt erst
verstehe ich Ihre Meinung; ich werde zum zweitenmal verbannt. Doch weshalb? und
warum so? O Gabriele! und warum eben so? Wie ist es mglich, da ich so ganz und
gar keiner Schuld mir bewut bin, und doch schwer genug gefehlt habe, um dieses
zu verdienen? Ich sehe es wohl, gndige Frau! ich habe Ihre Achtung, mein
einziges Glck verscherzt, denn Sie, Sie sonst so wahr und offen gegen
jedermann, Sie sind es nicht mehr gegen mich!
    Vom Schmerz berwltigt, wandte sich hier Hippolit mit verhlltem Gesicht
von Gabrielen ab, whrend sie vergebens nach Athem rang zu beruhigenden
trstenden Worten.
    Gndige Frau, begann Hippolit wieder mit einem ganz eignen, an
Verzweiflung grnzenden Ausdrucke, ich flehe, rief er halb knieend, ich flehe
darum wie ein Schwerverwundeter um den Tod, sagen Sie mir: ich sey unwrdig in
Ihrer Nhe zu athmen, sagen Sie mir, ich soll fort, ich soll aus der Welt, ich
will nicht mehr fragen, warum? denn sie knnen nicht ungerecht seyn; aber sagen
Sie es mir nur unumwunden, geben Sie es mir nur nicht so zu verstehen, nur nicht
so! O mein Gott, nur nicht so!
    Ich wollte - ich will Ihr Glck! hauchte Gabriele fast unhrbar.
    Mein Glck! erwiderte Hippolit, Sie wollten mein Glck! und zeigen mir
deshalb, da es noch ein hheres Unglck fr mich giebt als das, von Ihnen
verbannt zu seyn, ein Unglck, dessen Mglichkeit ich vor einer Stunde noch
nicht ahnen konnte! Gabriele achtet mich nicht mehr ihrer Befehle wrdig, sie
will mich nicht ausdrcklich verbannen, sie will mich vertreiben. Dagegen
freilich ist Verbannung Seligkeit! rief er, wie auer sich. Doch mitten im
hchsten Sturme seines emprten Gemths fiel ein Strahl aus Gabrielens jetzt
berquellenden Augen auf ihn und er verstummte. Gefater nherte er sich ihr
nach einigen Augenblicken, und betrachtete sie mit immer steigender Wehmuth.
    Oder wre es mglich? konnten Sie wirklich whnen? fragte er jetzt so
sanft und leise als er es nur vermochte, konnten Sie es? Nein es ist unmglich!
eben so unmglich, als da Sie zu einer Ehe ohne Liebe mich fhren, mich zum
Heuchler, zum Meineidigen herabwrdigen wollten. Verzeihung, da ich in dieser
Trostlosigkeit einen Gedanken nur zu berhren wage, der Ihnen so fern steht.
Einmal nur noch wrdigen Sie mich Ihres Vertrauens, um meine Zweifel zu lsen,
setzte er bittend hinzu, Ihr Schweigen treibt mich sonst dem Wahnsinn entgegen,
ich flehe darum, erklren Sie mir, was meine schwachen Sinne zu begreifen nicht
vermgen.
    Gabriele sammelte jetzt alle ihre Kraft, um ihm mild und begtigend die
zitternde Hand wie zur Vershnung zu reichen. Er hielt sie, doch wagte er es
nicht, sie an seine Lippen zu drcken, sein Auge ruhte in angstvoller Erwartung
auf dem ihrigen. Ich wollte Ihr Glck, wiederholte sie endlich, ich will es
stets, ich werde es immer wollen, mge die Ihnen gengen, forschen Sie nicht
weiter.
    Mein Glck? rief er sehr bewegt. Und wo ist es auer bei Gabrielen? O
lassen Sie es stets nur bleiben wie es war! ich verlange ja nichts Hheres.
Lassen Sie mich nur in Ihrer Nhe, nur tglich Sie sehen, mehr will ich nicht,
doch hieran hngt mein Leben.
    Gabriele! fuhr er nach einer kleinen Pause fort, Sie sind bewegt,
erschpft, und alles in dieser Stunde Vorgegangne ist mir so unbegreiflich! doch
ich frage nicht, ich forsche nicht. Nur ein Blick, ein Wink sage mir, da auch
Sie des Gegenstandes dieser Unterredung nie wieder erwhnen wollen, nur die
gewhren Sie mir, und ich bin wieder ruhig.
    Mit schmerzlichem Lcheln hob Gabriele das trbe Auge zu Hippoliten auf und
senkte hocherrthend schnell es wieder.
    Ein Blick drckte Hippolits Dank aus. Ruhiger setzte er dann hinzu: Ich
sehe es aus Ihrem Schmerze, ich fhle es in meiner Brust, es war nicht Gabriele
selbst, die vorhin jene entsetzlichen Worte zu mir sprach, aus dieser reinen
Seele konnten sie nicht kommen. Ich ahne fremde Einwirkung; vielleicht war es
Ihr Gemahl, vielleicht sogar - nein ich frage, ich forsche nicht weiter, setzte
er schnell hinzu, da er Gabrielens Bewegung bei diesen Worten bemerkte; ich
will sogar jetzt Sie der Ruhe berlassen, deren Sie so sichtlich bedrfen, ich
gehe freudig, denn ich darf zur glcklichen Stunde wieder kommen, und bin nicht
verbannt.

Der Zustand, in welchem Gabriele nach Hippolits Entfernung allein zurckblieb,
lt sich kaum in Worte fassen. Lange ruhte sie in jener stillen wehmthigen
Ermattung, der treuen trstenden Nachfolgerin zerreiender Schmerzen, in der wir
es nicht wagen, uns zu regen, kaum zu athmen, und nur ganz leise, leise uns
sagen: es ist berstanden!
    Vieles war in der That berstanden. Die Qualen gehssiger, dem Neide und dem
Mitrauen doch immer nah verwandter Eifersucht waren aus Gabrielens reiner Brust
gewichen; das Opfer, welches sie der Pflicht und dem Glcke des Geliebten mit
brechendem Herzen zu bringen bereit gewesen, wurde nicht von ihr gefordert und
er war unwandelbar derselbe geblieben, in verschwiegner Liebe, stiller Ergebung
und fester Treue! Das freudige Gefhl gnzlich niederzukmpfen, das bei diesem
Bewutseyn unter Schmerzen und Wonnen in ihr rege werden mute, berstiege wohl
jede menschliche Kraft.
    Doch allmhlig gelangte sie zu hellerem Ueberdenken dessen, was die so ganz
vernderte Ansicht ihres Verhltnisses und selbst der nchste Moment von ihr
fordern mochten. Sie rief sich mit aller mglichsten Treue ihr Betragen und
jedes ihrer Worte whrend der eben durchlebten erschtternden Scene zurck, und
gewann wirklich die beruhigende Ueberzeugung, sich und ihr Geheimni Hippoliten
auf keine Weise verrathen zu haben. So konnte sie denn mit der Vergangenheit
zufrieden seyn; fr die Zukunft blieb ihr kein Ausweg, als nach Hippolits
Beispiel ihr Inneres fest zu verschleiern und brigens, getreu der Tugend und
ihrem eignen innern Gefhl des Rechten, muthig und getrost auf der gewohnten
Bahn fortzugehen. Ihr klarer Sinn erkannte zu gut den Unterschied zwischen
Schuld und Unschuld, zwischen Pflicht und berspannter Unnatur, als da sie bei
diesem Entschlusse sich der Unwahrheit gegen Hippoliten oder ihren Gemahl htte
zeihen knnen. Und so war sie denn abermals bereit, ihrer eignen Ueberzeugung
gefaten Sinnes zu folgen.

Jene innere Feigheit, die uns verleitet, einem unausweichbarem Schmerze so lange
als mglich aus dem Wege zu gehen, war Gabrielens entschlonem Gemth stets fern
geblieben, daher gewann sie es auch diesesmal ber sich, Hippoliten noch am
Abend des nehmlichen Tages in Moritzens Beiseyn wieder zu sehen. Er fand sie wie
sonst, freundlich und mild, wenn gleich brigens ermattet und bleich, und war zu
glcklich im Gefhle des alten unzerstrten Verhltnisses zu ihr, als da er
sich beobachtenden Muthmaungen ber die nchste Vergangenheit htte hingeben
mgen. Beide wandelten eine Weile neben einander so hin, er ohne Hoffen, fast
ohne Wunsch, weil jeder seinem der innigsten Ergebung geweihten Gemthe anmaend
dnkte. Sie in aller Wonne des Bewutseyns, so geliebt zu seyn, in aller Qual
eines ewigen fruchtlosen Kampfes mit sich selbst, in ewiger Anstrengung, jeden
ihrer Blicke, jedes ihrer Worte zu bewachen, um nicht zu verrathen, was ihre
bewegte Brust oft bis zum Zerspringen erfllte.
    Das Letztere gelang ihr so, da in Hippolits Seele keine Ahnung dessen kam,
was sie ihm verbergen wollte; ihr Geist siegte unter dem heiligen Schutze der
Tugend, doch ihre krperliche Kraft erlag der ungeheuern Anstrengung. Moritzens
hchst beschwerliche Pflege whrend seiner langen Krankheit mochte ohnehin ihre
sonst so blhende Gesundheit untergraben haben, sie erkrankte, und die
herbeigerufnen Aerzte erklrten ihr Uebel fr um so bedeutender, da man sogar
nicht einen Namen dafr sogleich aufzufinden wute.
    Fast zu gleicher Zeit kehrte auch Moritzens peinliches Leiden mit
verdoppelter Heftigkeit zurck, und Hippolit sah sich zwischen beiden
Krankenzimmern in einer ganz unbeschreiblichen Lage. Whrend Herr von Aarheim
durch alle die vielen Ansprche an ihn seine Geduld aufs uerste brachte, htte
Hippolit jede Minute mit einem Tage seines knftigen Lebens erkaufen mgen, in
der es ihm vergnnt gewesen wre, Gabrielen nur aus der Ferne zu sehen. Aber das
Herkommen, das man so gern strenge Sitte nennt, hielt unerbittlich Wache an
ihrer Thre, und bergab die angebetete Frau der Pflege gemietheter Hnde.
Gabriele, in deren Bewunderung sich sonst alles erschpfte, wenn sie, von Glanz
und Pracht umgeben, sich zeigte, sie, der sonst berall die innigsten
Freundschaftsversicherungen entgegenstrmten, sie fand jetzt in der ganzen
groen volkreichen Stadt keine einzige liebende Seele, die sich ihrer Pflege
angenommen htte. Da der Tante lngst bekannte Scheu vor Krankenzimmern diese
und auch Ida von diesem ebenfalls entfernt hielt, versteht sich von selbst; aber
auch die treue Annette war nicht zugegen, denn sie lebte jetzt in Lichtenfels,
wo sie an einen der dortigen Beamten recht glcklich verheurathet war.
    Hippolit schrieb in seiner Todesangst an Ottokar, an Ernesto, an Frau von
Willnangen, die er gar nicht kannte, er htte mit einem einzigen Schrei die
ganze Welt zu Hlfe rufen mgen, und mute sich begngen, an der Thre ngstlich
zu lauschen, bis der Arzt oder jemand von Gabrielens Bedienung heraustrat und
ihm versicherte, da sie noch athme. Die Aerzte wichen ihm aus, wo sie nur
konnten, denn er qulte sie mit Fragen und Bitten, denen sie nichts bestimmtes
entgegen zu setzen hatten. Oft wenn es ihm im Hause zu enge ward, lief er hinaus
auf die Strae und starrte hinauf zu denen verdeten Fenstern, aus welchen so
manches freundliche Gren und Winken ihm sonst entgegengelchelt hatte, bis die
vorbergehenden Leute stille standen und ihn verwundert angafften. Dann erschrak
er beschmt ber seine Unvorsichtigkeit, eilte fort und nahm sich von neuem vor,
so lange Gabriele athme, strenge zu halten was er ihr gelobte.
    Endlich kam ihm Trost, denn noch ehe die Antwort auf Hippolits Brief zu
erwarten gewesen wre, erschien Frau von Willnangen selbst. Sie hatte sich
gleich nach dem Empfang desselben in ihren Wagen geworfen. Hippolit empfing sie
wie man einen Rettung und Heil verkndenden Engel empfngt; er htte gern
dankbar ihre Knie umfat, da sie ihm entgegentrat. Nun wird alles, alles gut,
und Gabriele uns wiedergeschenkt! rief er beinahe jubelnd aus, whrend er sie
bis zur Thre des Zimmers der geliebten Kranken mehr trug als geleitete.
    Hippolit hatte mit prophetischem Geist gesprochen. Freude ber das
unverhoffte Wiedersehen der theuern Beschtzerin ihrer Jugend, vielleicht auch
sorgsamere Pflege von der Hand der Freundschaft bten an Gabrielen eine hchst
wohlthtige Wunderkraft aus, so da die Aerzte sie nach wenigen Tagen fr
gerettet erklren konnten. Freilich vergingen von nun an noch Wochen, bis sie,
vllig hergestellt, das Zimmer verlie, doch Hippoliten war es unter dem Schutze
der Frau von Willnangen jetzt zuweilen erlaubt, sie zu sehen, und mehr bedurfte
es nicht, um ihm das Leben wieder liebzumachen.
    Der Tag, an dem sie am Arme ihrer Freundin zum erstenmal aus ihrem Zimmer
hervorging, war ihm ein heiliges Fest. Unwillkrlich beugte er das Knie, als die
rhrende Gestalt, leicht und therisch, wie eine Auferstandne ihm
entgegenschwebte. Sie wollte ein paar freundliche Worte ihm lchelnd sagen, aber
der Athem fehlte ihr; nur ein leises Roth, wie der Abglanz, den die vollblhende
Zentifolie auf die neben ihr stehende silberweie Lilie wirft, berflog mit
einem flchtigen Hauche das schne Gesicht, whrend Hippolit, ebenfalls
schweigend, die Hand der Frau von Willnangen dankbar an seine Lippen drckte und
nur den feuchten glnzenden Blick zu Gabrielen erhob.

Gabriele fand ihren Gemahl mit Anstalten zu einer groen Reise vollauf
beschftigt. Die Bder von Pisa und die wrmeren italienischen Lfte waren ihm
als einziges Rettungs- und Linderungsmittel verordnet worden, und er hatte
Gabrielens Herstellung bis jetzt mit der grten Ungeduld erwartet, weil er auf
ihre Begleitung rechnete. Doch ihre fortdauernde Schwche schien die Mglichkeit
derselben auf viele Monate hinausschieben zu wollen, und er, der wenig Zeit zu
verlieren hatte, sah sich dehalb durch den Ausspruch der Aerzte genthigt,
einstweilen, wenn gleich ungern, darauf zu verzichten. Ein geschickter
angehender Arzt, der gerne diese Gelegenheit benutzte, Italien zu sehen, erbot
sich indessen, whrend der Reise die Pflege des Kranken zu bernehmen, und sein
Erbieten wurde um so lieber angenommen, da ihn Moritz schon seit geraumer Zeit
als einen vorzglich heitern Gesellschafter und ausgezeichnet-guten
Schachspieler kannte.
    Nach der Abreise ihres Gemahls blieb Gabriele in so wunderbar-schwankendem
Zustande zurck, da Frau von Willnangen es gar nicht wagen mochte, ihre
Rckreise nach Lichtenfels zu den Ihrigen nur zu erwhnen. Zwar war Gabriele
eigentlich nicht mehr krank zu nennen, denn kein merkliches Fieber, kein
entschieden-schmerzhaftes Empfinden qulte sie am Tage oder raubte ihren Nchten
den Schlaf. Ihr Auge strahlte heller als je, ihr ganzes Wesen zeugte von
erhhtem innern Leben, aber eine unerhrte Mattigkeit lhmte und hemmte jede,
noch so wenig anstrengende Aeuerung desselben, und zwang sie oft Stundenlang,
nur mit den Augen zu ihren Lieben zu sprechen. Jeder Tag schien sanft und linde
die Lsung eines nahen Bandes der gefesselten Psyche zu beginnen, die schon
jetzt freier sich bewegte und, halb der ewigen Heimath zugewendet, dem
schwindenden Erdenleben noch wie zu guter Letzt alle Liebe und Theilnahme
zeigte, die sie ihm noch zuzuwenden vermochte.
    Abends sank Gabriele oft wie halb vernichtet hin, wenn die fragelustige
Schar gewhnlicher Besuche an ihr vorbergerauscht war, denen sie jetzt whrend
der Entfernung ihres Gemahls wenigstens auf ein paar Stunden des Tages ihre
Thre ffnen mute, wollte sie um der Welt willen sie nicht auch zugleich
Hippoliten verschlieen.
    Die Kunst der berhmtesten Aerzte der Residenz wurde aufgeboten; Frau von
Willnangen wachte mit unermdlicher Sorgfalt ber die geliebte Tochter ihres
Herzens, und war nur bedacht, Unangenehmes oder Schdliches von ihr zu
entfernen. Hippolit brachte alles herbei, war es noch so selten, noch so schwer
zu erhalten, was er nur irgend zur Erquickung oder Pflege der geliebten
Leidenden ersinnen konnte; doch ihr Zustand blieb immer und unabnderlich
derselbe. Frh, beim ersten Morgengrue, fand Frau von Willnangen sie oft in
wehmthigem Nachdenken versunken, aber so wie die Freundin sich zeigte,
erglnzte ihr Blick wie gewhnlich; sie winkte sie zu sich und lehnte
schmeichelnd das Haupt voll lichter Locken an ihre Brust; ein liebseliges
Lcheln glitt ber dem bleichen Gesichte hin, wie ein winterlicher Sonnenstrahl
ber ein Schneegefilde, und die durchsichtig zarte blendende Hand strich
freundlich unter beruhigenden Schmeichelworten jede sorgliche Falte von der
Stirne der geliebten mtterlichen Frau. So blieb Gabriele gewhnlich den ganzen
Tag ber, bis sie Abends, gnzlich erschpft, dem Schlummer sich zuneigte, stets
liebevoll, freundlich und ihren Freunden in heitrer Aufmerksamkeit zugewendet.
Nur wenn ihr Blick auf Hippoliten, von ihm ungesehen, ruhen konnte, dann zuckte
zuweilen ein schmerzliches, dem Weinen nahverwandtes Lcheln um die
sanftgeschlonen Lippen. Eine ngstlich unbestimmte Ahnung ergriff dann oft das
Herz der Frau von Willnangen, denn ihrem stets wachen Blicke durfte auch nicht
die kleinste Bewegung ihres Lieblings entgehen. Zuweilen stiegen aber auch in
solchen Momenten freudigere Hoffnungen in ihr auf, hnlich denen, welche Ottokar
sich zum Troste ersann. Ernestos frhere Briefe aus Italien hatten die edle Frau
lngst zur Vertrauten Hippolits gemacht, ohne da dieser es ahnete, und sie
bemerkte jetzt in schweigender Bewunderung, wie treu er seine glhende Liebe und
seine bange Sorge mit gleicher Anstrengung und, wie sie glaubte, auch mit
gleichem Glcke Gabrielen zu verbergen suchte. Nur wenn der Zufall die Freundin
der Heigeliebten mit ihm allein zusammenbrachte, dann rief ein einziger
zitternder Druck seiner Hand, ein einziger schmerzenvoller Blick ihr seine
innere Qual weit deutlicher zu, als Worte es vermocht htten. Doch blieb jede
laute Klage fern von ihm; denn, wo htte er anfangen sollen und wo enden? Aber
das weiche Herz der Frau von Willnangen zerflo dennoch in Mitleid mit dem
Armen. Lassen Sie uns auf den Frhling hoffen, guter Graf Hippolit! sprach sie
in solchen Stunden ihm oft zum Troste. Im Frhlinge richten alle Blumen sich
wieder auf, auch unsre schne Freudenblume wird in ihm wieder erblhen, lassen
Sie uns nur getrost die nahe Zeit erwarten.
    Der Frhling kam, mit seiner Herrlichkeit, mit seinem milden belebenden
Hauche. Ueberall sproten neue Blumen, berall erwachte das schlummernde Leben,
aber Gabrielens Zustand blieb sich gleich, ohne alle merkliche Abnderung weder
zum Schlimmern noch zum Guten, und die bange ngstliche Besorgni ihrer Freunde
stieg peinlicher mit jedem Tage.

Endlich kam es dahin, da den Aerzten nichts brig blieb, als die gewhnliche
Zuflucht in Fllen, wo ihre Kunst sie verlt, der Rath: Heil und Genesung in
einem ruhig lndlichen Aufenthalte und in frischer Waldesluft zu suchen.
    Ja auf dem Lande! rief, als sie dieses vernahm, Gabriele mit ungewohnter
Lebendigkeit. Ja auf dem Lande, da werde ich genesen; in Schlo Aarheim, wo ich
geboren ward! Dorthin liebe Frau von Willnangen, dorthin bringen Sie mich, dort
wird es mit mir besser werden, ich wei es. In den Armen meiner zweiten Mutter
werde ich in Schlo Aarheim alles Weh schwinden sehen, und ein neues Leben
beginnen!
    Eine eigne Bangigkeit bemchtigte sich der Frau von Willnangen bei diesen,
in fast prophetischer Begeisterung ausgesprochnen Worten, so trstlich sie
brigens klangen, und auch Hippolit, der eben zugegen war, fhlte sich sonderbar
dabei ergriffen. Gabriele bemerkte es, und strebte durch erheiterndes Gesprch
den Eindruck wieder zu verlschen, den sie unwillkhrlich bei ihren Lieben
erregt hatte. Sie sprach viel von der wilden ernsten Pracht ihres Gebrges und
von dem ehrwrdigen Ansehen und Alter ihrer Burg.
    Sie knnen mich jetzt doch nicht verlassen! setzte sie hinzu, den
bittenden Blick zur Frau von Willnangen erhoben. Sie mssen ja die Wiege ihres
Kindes sehen, und den Ort, wo meine Mutter lebte; ach! wie werden meine armen
alten Burgbewohner sich wundern und freuen, wenn sie die Nievergessene in ihrem
hochverehrten Ebenbilde wieder unter sich wandeln zu sehen glauben werden!
    Mein Kind, mein herzliebes Kind, meine Gabriele! rief Frau von Willnangen
und nahm sie recht liebend in ihre Arme; wie knnte ich jetzt von Dir gehen, so
lange Du meiner Pflege noch bedarfst? Mgen die Meinigen noch immer mich ein
Weilchen entbehren; Auguste hat ihre Kinder und den Oheim, die geben ihr Freude
und Beschftigung, wenn gleich Adelbert, von mancherlei Geschften behindert,
jetzt wenig daheim ist. Ich wei, sie selbst wrde mich schelten, wenn ich ohne
die Gewiheit deiner vlligen Genesung zurck kme.
    Beide Frauen vertieften sich nun im Gesprche ber die Vorkehrungen zu
dieser kleinen Reise, die sie, von Gabrielens sehnschtiger Ungeduld getrieben,
gleich in den nchsten Tagen anzutreten beschlossen. Hippolit blieb dabei ein
stummer Zuhrer, whrend Gabrielens hochklopfendes Herz ihr nicht erlaubte, ihm
nur einen Blick, vielweniger ein Wort, zuzuwenden. In banger Ungewiheit sprach
sie immer fort, sie wute kaum was, bis Frau von Willnangen, die nur zu gut sie
verstand, sie aus dieser Verlegenheit zog.
    Und Sie, Graf Hippolit! wo bleiben Sie? fragte diese, den freundlichen
Blick ihm zugewendet, da Gabriele eben von der Wahl des Fuhrwerks sprach.
    Und ich! erwiderte er mit einem Ton, in welchem all sein Wnschen, sein
Hoffen, sein sehnendes Erwarten lag.
    Gabriele fhlte in den tiefsten Tiefen ihres Herzens diesen Ton
wiederhallen. Mag Frau von Willnangen entscheiden, ob wir in Abwesenheit meines
Gemahls den Grafen nach Schlo Aarheim einladen drfen; fiel sie hoch errthend
ein, und wagte es nicht die Augen dabei aufzuschlagen, um durch keinen Blick den
Ausspruch der Freundin zu leiten.
    Ich sehe nicht recht ein, warum wir es nicht drften, erwiderte nach sehr
kurzem Bedenken Frau von Willnangen, mit mglichster Gleichgltigkeit, und
blickte dabei recht msig auf ihre Arbeit, um beide zu schonen; doch niemand
antwortete ihr. Es entstand eine fr den Moment recht drckende Pause, der Frau
von Willnangen nur dadurch ein Ende zu machen wute, da sie begann, etwas
umstndlich ihre Meinung von dem q'uen dira-t-on, und von der Nachgiebigkeit,
die man ihm schuldig ist, aus einander zu setzen.
    Diese sogenannte Welt, sprach sie, der wir von Kind auf so manches
schwere Opfer bringen mssen, ist doch beim Lichte besehen, ein sehr
schwankendes Kameleonartiges Wesen; jeder von uns hat seine eigne, die Hofdame
wie die Schneidersfrau, so wie man sagt, da auch jeder seinen eignen Regenbogen
hat; jeder ehrt nur die seine und ignorirt alle brigen, und am Ende luft es
mit allen diesen ideellen Welten, wie mit dem Regenbogen auch, nur auf eine
optische Tuschung hinaus. Millionen Regentropfen, von denen ein einzelner doch
nur sehr wenig ist, setzen vor unsern Augen das stattliche Fantom zusammen, das
im khnen Bogen die halbe Erde zu umfassen scheint, und wenn wir die einzelnen
Glieder der Menge betrachten, deren gesammtes Urtheil uns so bedeutend dnkt,
da wir es zur Richtschnur unsrer Handlungen erheben, so mchte die Mehrzahl
derselben wohl auch nicht viel grern inneren Gehalt haben als solch ein
kleiner farbloser fader Wassertropfen.
    Sie sprechen aus meiner Seele, rief Hippolit mit ungewohnter
Lebhaftigkeit. Warlich ja, Sie haben recht! Wir brauchen nur die Einzelnen
recht ernstlich ins Auge zu fassen, die wir, in unsrer Idee zu einem Ganzen
versammelt, als Richter ber Glck und Unglck anzusehen uns gewhnten, um
verachtend, und ber unsre bisherige Verblendung lachend, aus der schimpflichen
Knechtschaft zu scheiden.
    Sachte, sachte, junger Freund, erwiderte freundlich wenn gleich mit
aufgehobnem drohendem Zeigefinger Frau von Willnangen. Was ich andeuten wollte,
war nicht ganz so gemeint, wie Sie es nehmen. Nie soll man, ohne die uerste
Noth der ffentlichen Meinung den Krieg ankndigen. Eine groe Masse, sie sey
zusammengesetzt wie sie wolle, ist immer etwas Furchtbares und hat Ansprche auf
unser Nachgeben in billigen Dingen; sie rcht sich schwer und sicher, wenn wir
es ihr versagen. Indessen mu ich mich aber doch zu dem Glauben bekennen, da es
Flle geben kann, in welchen es erlaubt, sogar billig ist, einmal eine Ausnahme
von der groen Regel zu machen und sich nicht viel um das zu kmmern, was die
andern etwa sagen mchten. Zum Glck aber sind diese Flle obendrein gewhnlich
solche, bei denen gerade diese aus Leuten zusammengesetzte Welt, trotz ihrer
gewohnten Klte und ziemlicher Absurditt, dennoch zuletzt sich bewogen findet,
uns beizustimmen.
    Frau von Willnangen schwieg hier, doch da niemand das Gesprch fortzusetzen
den Muth bezeigte, nahm sie nach einer kleinen Pause es wieder auf. Ich
glaube, sprach sie, da die Frage, ob der Graf uns nach Schlo Aarheim
begleiten soll oder nicht, gerade zu jenen Fllen gehrt, deren ich eben
erwhnte. Man hat sich seit langem schon gewhnt, ihn als zu uns gehrend zu
betrachten, man hat sich schon tausend mal darber so mde gesprochen und
gewundert, da man vielleicht sogar recht erfreut wre, durch sein Hierblieben
whrend wir fortgehen, neuen Anla zur Verwunderung und zu Muthmaungen zu
erhalten. Ueberdem bin ich berzeugt, da das, was man ber seinen Besuch auf
Schlo Aarheim sagen knnte, so wenig von dem verschieden seyn wird, was man bis
jetzt wahrscheinlich schon gesagt hat, da es deshalb wohl schwerlich der Mhe
verlohnen mchte, uns ein Entbehren aufzulegen, welches wir alle Drei doch
schmerzlich empfinden mten.
    Ich bitte, lassen Sie uns in dieser Stunde noch nichts entscheiden, nahm
jetzt Gabriele das Wort. Morgen sind wir ruhiger, dann sehen wir alle heller,
was zu thun ist, was nicht? Ich wrde es dann vielleicht am liebsten Hippolits
eigner Entscheidung berlassen, ob er sogleich in diesen Tagen uns begleiten
will, oder ob er es fr besser hlt spter meiner Einladung zu folgen wenn -
eine kleine augenblickliche Schwche verhinderte sie hier zu vollenden und zwang
sie Ruhe zu suchen.

Ernestos hchst unerwartete erfreuliche Erscheinung machte am folgenden Tage
allem Zweifel und allem Berathen ber diesen Gegenstand ein Ende. Er stand
pltzlich in der Mitte seiner Freunde, ohne da einer von ihnen seine nahe
Ankunft nur geahnet hatte, denn der Brief, der sie Hippoliten verknden sollte,
war versptet oder vielleicht verloren; ein gar nicht ungewhnlicher Fall auf
den italienischen Posten. Hippolits bengstende Darstellungen von Gabrielens
Zustand, vereint mit Ottokars dadurch veranlater und mit jedem Tage wachsender
Besorgni um sie, hatten ihn aus seinem geliebten Rom getrieben. Er wollte
selbst sehen, helfen, retten, trsten wo es Noth that, und nun schien bei seinem
lange entbehrtem Anblicke Gabrielen neues Leben zu durchstrmen. Sie eilte auf
die erste Nachricht seiner Ankunft ihm entgegen, frhlich und leicht, fast wie
ehemals; ihre bleichen Wangen rthete die Freude und ihr ganzes Wesen schien mit
einemmale alle bange Besorgnisse ihrer Freunde vernichten zu wollen.
    Ernesto und Frau von Willnangen erklrten scherzend den Anstand fr vllig
abgefunden, jetzt da die Damen nicht mehr nur einen, sondern zwei Mnner des
Glckes wrdigten, sie begleiten zu drfen, und Gabriele hatte ihre eignen
stillen Grnde, ihren Freunden hierin nicht zu widersprechen.
    Die Reise ging vor sich, wenige Tage nach Ernestos Ankunft, und unter den
frohesten Hoffnungen, zu denen Gabrielens fortwhrendes Wohlbefinden Alle zu
berechtigen schien. Die Luft ihres Geburtsortes, die Ruhe, die Stille, der
balsamische Waldeshauch bewirkten augenscheinlich ein Wunder, dessen Anblick
alle Bewohner der Burg mit unbeschreiblicher Freude erfllte. Nur Ernesto hatte
dem kleinen Kreise dieser durch die innigsten Bande vereinigten Menschen noch
gefehlt; mit ihm war erst das rechte Leben unter sie gekommen, im ernsten
Scherze und frohem Ernste, in ewig rascher Theilnahme und stetem unterhaltendem
Wechsel der sie aufregenden Gegenstnde. Ihnen selbst schien ihr Glck
unermelich. Doch leider sank es nur zu bald wieder, wie alles Glck dieser
Erde.
    Gabriele vermochte nur kurze Zeit alle den Wonnen und Schmerzen zu
widerstehen, die strker als je zuvor heimlich auf sie einstrmten. Ihre Krfte
schwanden eben so schnell, als sie wiedergekehrt waren, und ihre Lieben begannen
von neuem, sie und einander mit immer hoffnungsloserem Blicke zu betrachten;
besonders Ernesto. Er allein las deutlich in Gabrielens Herzen alles
unausgesprochne Weh, unter dessen Last es erlag, und sein eignes drohte vor
Schmerz und Reue zu zerspringen, wenn er daran dachte, da er Jahre vorher mit
prophetischem Geiste alles vorhergesagt habe, was jetzt in trauriger Erfllung
ihn der Verzweiflung nahe brachte, und da er doch dabei verblendet genug
gewesen sey, um nicht Hippolits Rckkehr zu Gabrielen aus allen Krften zu
verhindern. Er begriff es nicht, wie es ihm mglich gewesen, spter die Gefahr
zu bersehen, welche die Nhe des schnen liebenswerthen Mannes, verbunden mit
seiner heien, edlen, alles opfernden Liebe ihrem Frieden, ja ihrem Leben
bringen mute. Die drei Jahre, welche, wie er wute, Gabriele mehr zhlte als
Hippolit, hatten freilich aus der Ferne ihm ihr Verhltni zu diesem verschoben
und ihn einem Irrthum zugefhrt, den Gabriele mit ihm theilte, bis auch sie zu
spt ihn erkannte. Das Einzige, woran er sich noch aufrecht zu halten vermochte,
waren jetzt Ottokars, auf Moritzens baldigen Tod gebaute Hoffnungen, die er
diesem bis jetzt aus Schonung des Freundes nur halb zugegeben hatte.

Indessen ward in dieser Zeit das Leben in Schlo Aarheim das rhrendste und
erfreulichste, das schmerzlichste und seligste, das man zu erdenken vermag.
Gabriele wandelte unter ihren Lieben wie ein schner verklrter Geist, der
schmerzensfrei nur die Seligkeit empfindet, welche die Gegenwart der
geliebtesten Freunde zu gewhren vermag. Niemand wagte es, in ihrem Beiseyn nur
durch einen Blick den bangen vorahnenden Schmerz auszusprechen, der allen am
Herzen nagte, ja sie vergaen ihn oft, in ihrer erhebenden Nhe. Es war als ob
Gabriele jetzt am Rande des Grabes noch die Quintessenz des Lebens genieen
wollte, denn sie sammlete alles, was jemals es ihr verschnt hatte, mit zartem
Sinn und fern von aller Ziererei um sich her: erheiterndes Gesprch, bildende
Kunst, Poesie und Gesang. Sie nahm an allem Theil mit ewig frischem jugendlichem
Geist; nichts, was Trauer bezeichnet, keine noch so ferne Andeutung von
Scheiden, von Trennung durfte ihr nahen. Ihre innre Heiterkeit stieg mit jedem
Tage, je tiefer ihre krperlichen Krfte sanken, ihr ganzes Wesen bezeichnete
nur die innigste Liebe zu ihren Freunden und die reinste Freude an dieser
schnen Welt. Ihre Blumen, ihre Vgel, alles was schon ihre Kindheit beglckt
hatte, mute wieder um sie her gestellt werden, und sie liebte das alles und
pflegte es, soviel es ihr mglich war, wie sonst. So geno sie lchelnd, wie zur
Zeit ihrer herrlichsten Blthe, jede kleinere Freude, welche die Natur beut, und
verlor sich in bewunderndem Entzcken vor der hheren Pracht, die mit
unendlichem Reichthum in den wilden Umgebungen ihres Wohnortes sich tglich neu
entfaltete.
    Hippolit ertrug den Schmerz, den keine Sprache nennen kann, mit
unbeschreiblicher Gewalt ber sich selbst. Er ging ganz in den Geist der
Hochgeliebten ein, lebte nur in ihr, lchelte wenn sie lchelte, und schien nur
von dem Licht ihrer Augen Worte und Bewegung zu empfangen. Nie wich er von ihrer
Seite, so lange es ihm vergnnt war, bei ihr zu weilen. Ihr nahe, vermochte er
es, sein Herz zusammen zu drcken, und seinen unaussprechlichen Schmerz wie
seine glhende Liebe zu beherrschen; denn Gabrielens heilige Gegenwart erhob ihn
ber Tod, Trennung und Grab. Keine Klage kam ber seine Lippen, keine Thrne in
seine Augen, bis die Nacht ihn und seinen ausbrechenden Jammer verhllte.
    Gabriele bewachte minder ngstlich als sonst ihr Benehmen gegen ihn und
suchte nicht mehr ganz so wie ehemals ihm den Grund ihres Gemths zu
verschleiern. Manche Ahnung des ganzen Umfangs der unnennbaren Seligkeit, die
ihm hier vor seinen Augen unterging, durchschauerte den Armen mit allen Freuden
des Himmels und versenkte ihn in selige Trume, aus denen er leider mit dem
Gefhl des Unglcklichen wieder auffuhr, der im Schlafe den Himmel offen sah,
und aufgerttelt zu jahrelanger Pein, im Kerker wieder erwacht.
    Nicht minder unaussprechlich als Hippolits Schmerz war auch das tiefe,
unsgliche Mitleid, welches Gabriele fr ihn empfand, denn sie fhlte fr ihn
den unendlichen Jammer seines treuen liebenden Herzens. Sie selbst war beglckt
in der seligsten Hoffnung, und die nahe Trennung, deren Gewiheit ihr an jedem
Morgen deutlicher entgegentrat, erschien ihr nur als ein Schritt aus dem Dunkel
zum Lichte, zur sicheren, ewigen Vereinigung, deren nahe Seligkeit sie schon
hier vorempfand. Abends, wenn wieder einer ihrer Tage zur Ewigkeit hinabsank,
wiederholte sie jetzt in der unbelauschten Einsamkeit ihres Zimmers oft die
einfachen Worte eines Liedes, welches sie unter den Papieren ihrer verehrten
Mutter gefunden hatte. Hier ist es:


                             Gabrielens Abendlied.

Zur letzten Tages-Stunde
Flammt goldner noch das Licht,
Spricht mit dem Purpur-Munde;
Ich gehe schlafen nicht;

Unsichtbar, zu dem Osten
Zieh' ich den Sternen-Pfad;
Auch Du sollst Aether kosten,
Den frisch der Morgen hat.

Wenn all' die Welten schlafen,
So ist's die Lieb', die wacht,
Und landet sie im Hafen,
Sagt sie: Welt, gute Nacht!

Ich mute still verschlieen
Was Schmerzreich mich entzckt,
Was tdtlich mich beglckt
In tiefster Brust verschlieen.

Ich mut' im Dunkel gehen
Als hell es drauen war,
Nun Schatten mich umwehen,
Nun wird es licht und klar;

Aus Sonnenschein gewoben
Mein Aether-Kleid so blank,
Die Sprache bald Gesang
In blauen Sfren droben;

Wo mich der Engel-Flgel
Leicht trgt auf lichtem Steg',
Wo Sonnen sind mein Weg
Fern von der Erde Hgel.

Ich mchte mehr noch singen
Aus meiner tiefsten Brust,
Was Niemand war bewut,
Es sollten's Tne klingen;

Es mchte mehr noch sagen
Die Lippe treu und bleich,
Doch sieh', es will schon tagen
Herauf aus licht'rem Reich'.

Denn, wenn die Welt geht schlafen,
Ist's Liebe noch, die wacht.
Mein Herz erblickt den Hafen;
Zu tausend gute Nacht.

Frher schon verdankte Gabriele diesem Liede oft wehmthigen Trost und
erleichternde Thrnen; jetzt klangen sie in ihrem Innern wie Jubelgesang, wenn
gleich die athemlose Brust ihm nur leise Tne noch zu leihen vermochte.
    So lebte sie hin in stiller Freundlichkeit. Nur wenn sie Hippolits gedachte,
des Verlassenen, dann wollte ihr das Herz brechen bei dem Gedanken an den
langen, einsamen, freudenarmen Lebensweg, der von nun an de und dster sich vor
dem Freunde durch eine unabsehbare Wste hoffnungslos ausdehnen mute; und all
ihr Streben ging nun dahin, seine Zukunft ihm wenigstens mit frohen Erinnerungen
auszustatten, zu schmcken. Daher zeigte sie sich Hippoliten wie seine stille
Ergebung es glorreich verdiente. Sie war ihm die liebendste Schwester, die
innigste theilnehmendste Freundin, und jeder Tag brachte ihm neue rhrende
Beweise des reinsten, von keinem irdischen Hauche befleckten Vertrauens.

Die Tage schwanden, der Sommer flog vorber, immer tiefer senkte sich die Sonne
und der Wald schmckte sich abermals mit Purpur und Gold. Wieder ging der
Sterbetag von Gabrielens Mutter auf, doch diemal feierte sie ihn in frommer
stiller Heiterkeit, gleich einem Feste der Auferstehung, nicht des Todes. Der
kalte Stein, der die geliebte Hlle bedeckte, ward nach ihrer Angabe mit einer
Flle reicher Blumenkrnze geschmckt, statt der Zypressen, die sie einst mit
frommer Hand gewunden hatte. Von ihr selbst blieben ebenfalls alle ihr sonst an
diesem Tage gewohnten uern Zeichen der Trauer entfernt, und kein langes
schwarzes Gewand, kein dichter Kreppschleier verhllte sie. Wie immer in
blendendes Wei gekleidet, sa sie am Abend des festlichen Tages an ihrem
gewohnten Platze in einem groen Bogenfenster; die seitwrts in das Eckzimmer
fallenden letzten Strahlen der untergehenden Sonne verklrten ihre blonden
Locken zur himmlischen Glorie, genau wie an jenem fr Hippolit unvergelichen
Abende, da dieser fast an der nehmlichen Stelle bewundernd ihr nachsah, als sie
den dunkeln Lindengang hinabschwebte. Sie blickte hinaus in die herbstliche
Wolkenpracht, die rosig und golden im tief-blauen Aether verglhte;
berirdisches Lcheln schwebte auf dem verklrten Angesicht, ihr
dunkelstrahlendes Auge haftete mit dem Ausdrucke des unaussprechlichsten
Entzckens auf der schimmernden Ferne, als schwebe aus ihr eine geliebte Gestalt
herbei, und ihre Lippe regte sich unhrbar leise wie im Gebet.
    Ernesto und Frau von Willnangen hatten es nicht vermocht, der heitern Feier
dieses Tages lnger zuzusehen, deren Deutung sie nur zu wohl verstanden; sie
hatten beide sich entfernt, um in gegenseitigen Klagen neue Kraft zu suchen, und
niemand war bei Gabrielen geblieben als Hippolit. Schweigend betrachtete er sie,
und wagte es kaum zu athmen, um sie nicht zu wecken. Auch er ahnete, von ihrem
Gefhl durchdrungen, welche Gebilde ihrem Auge jetzt vorberschweben mochten;
ihm war, als empfinde auch er die Nhe der an diesem Tage zur ewigen Freude
eingegangnen Mutter, der halb schon Verklrten, und kalt und geheimnivoll
hauchten Schauer aus einer andern Welt ihn, den Lebenden, an.
    Wie ein Engel, der vom Himmel herabschwebt, um Sterblichen von seinen
Freuden Kunde und Gewiheit zu geben, wandte Gabriele sich dem geliebten Freunde
endlich wieder zu; sein Herz erwrmte sich an ihrem Blick, es war, als wolle sie
zu ihm sprechen, als wolle sie irgend etwas wichtiges ihm vertrauen, doch schien
sie bald wieder anders entschlossen, und bat ihn nur mit den Augen, ihr die
Harfe zu reichen, die seit mehreren Tagen von ihr unberhrt in einer Ecke
lehnte. Hippolit gehorchte wie immer ihrem Winken, und nun begann unter ihren
schwachen zarten Hnden leise und langsam ein fremdartiges Tnen, gleich dem
Nachhall himmlischer Lieder. Endlich erhob sich auch ihre se Stimme,
lieblicher, herzdurchdringender als Hippolit sie jemals gehrt hatte, wenn
gleich unendlich zart und leise. Es war gleichsam ein innerliches Singen, ein
wunderbar-ergreifendes Heraufklingen aus der Tiefe ihres Herzens.
    In kurzen abgerissenen Stzen, oft unterbrochen von Harfenklngen, die, der
Erdensprache erst Bedeutung gebend, wie zur Erluterung forttnten, wenn diese
wortarm verstummen mute, sang Gabriele ein regelloses Lied, von der
Begeisterung des Augenblicks eingegeben.
    Nie hatten ihre Freunde diese Gabe der Dichtkunst in ihr vermuthet, die
jetzt erst neu in ihr erwacht, der halb schon dem irdischen Leben Entschwebten
eine nie zuvor von ihr gebte Sprache lieh. Gleich dem Schwane, der nur dann zum
erstenmale mit sen Klngen die Sterne begrt, wenn sie zum letztenmale die
stille Fluth ihm versilbern, auf welcher er sterbend wogt.
    Gabrielens Lied sang alles Hoffen, Sehnen, Erwarten ihrer in Himmelswonne
vergehenden Brust. Es waren Worte, es waren Tne, welche der Unsterblichkeit
angehren und der schwache Hauch des Erdenlebens wiederzugeben nicht vermag.
    Sie sang, bis sie erbleichend, verstummend in ihren Lehnstuhl erschpft
zurckfiel. Noch eine Weile flsterten die Harfentne, endlich verstummten auch
sie. Die zarten Lilienfinger entglitten matt den goldnen Saiten und Gabrielens
Auge schlo sich einige Minuten lang wie im Schlummer; doch bald ffnete es sich
wieder und suchte Ihn, der, zum erstenmal in ihrer Gegenwart vom Schmerz
berwltigt, in einer Ecke des Zimmers in der trostlosesten Stellung hingesunken
war.
    Mein Freund! mein theurer herzlich lieber Freund! warum so? sprach sie zu
ihm. Ich dachte Muth und Hoffnung in Ihre Seele zu singen, denn ich selbst bin
sehr freudig, sehr hoffnungsreich in meinem Gemthe. Das Leben ist nicht minder
kurz als schn, darum sollten wir nie die kstlichen Stunden der Gegenwart in
voreiliger Trauer ber eine vielleicht nahe, dunklere Zukunft verschwenden.
Denken Sie daran da ohne Trennung kein Wiedersehen mglich wre. Und welches
Wiedersehen erwartet uns dort ber jenen glnzenden Welten, die durch unsre
kurze Erdendmmerung leuchten!
    Es war zum erstenmale, da Gabriele auf die Nhe ihres Scheidens so
hindeutete. Hippolit glaubte dabei in neuem nie gefhltem Schmerze zu vergehen,
denn das ausgesprochne unheilverkndende Wort ist weit furchtbarer als unsre
trbesten Gedanken es seyn knnen. Doch bte er auch in dieser bangen Stunde die
gewohnte Kraft ber sich selbst. Er erhob sich und nahete ihr mit Ergebung in
seinen Zgen.
    Das Singen hat mich ein wenig angegriffen, weit mehr als ich es
vermuthete, sprach Gabriele sehr freundlich. Und doch sind wir so ungestrt,
so traulich beisammen! ich mchte die Zeit ntzen, recht gern, recht viel mit
Ihnen reden, auch wohl etwas von Ihnen erbitten; ich werde ganz leise flstern
mssen. Doch das thut nichts, setzen Sie sich nur recht nahe zu mir, damit Sie
mich verstehen, recht nahe, ich bitte.
    Hippolit schauerte vor innerer ihm selbst unerklrlicher Angst, denn er
hatte Gabrielen schon weit ermatteter gesehen als sie es in diesem Augenblicke
zu seyn schien; aber er nahm sich zusammen, zog ein Taburett aus dem Fenster
herbei und setzte sich dicht zu ihren Fen. Sein Auge ruhte in ihrem, ihre Hand
lag kalt und regungslos in der seinen, whrend sie mit der ihm so bekannten
anmuthigen Beugung des schnen Hauptes sich gegen ihn hinneigte, und ganz leise
und vertraulich zu ihm sprach.
    Sehen Sie, wie das Abendroth sich noch so glnzend dort in den Fenstern der
Kapelle spiegelt? Ist es nicht genau so, wie heute vor vier Jahren -
    Guter Gott, theure Gabriele, an welche Stunde erinnern Sie mich in diesem
Momente! rief Hippolit erbleichend aus, von unwiderstehlichem Grauen und
Schrecken ergriffen.
    Ruhig, ruhig, mein Freund! erwiderte ihn beschwichtigend Gabriele, Sie
knnen ja jener Stunde immer nur mit Dank und Rhrung gedenken, so wie ich es
auch thue. Gott wrdigte mich damals des Glcks, Sie von einer groen Gefahr zu
erretten, setzte sie mit einem durch die Wolken hindurch leuchtenden, zum
Himmel gerichteten Blick hinzu. Dann wandte sie sich wieder an ihn, der, mit
seinem Gefhle sichtbar kmpfend, jetzt wieder ruhiger da sa. Die Vorsehung
fhrte Sie damals vom Rande des furchtbarsten Abgrundes, in den wir Verblendete
versinken knnen, hin, auf den Weg, der zum neuen, erhhten Daseyn Sie gelangen
lie. Gottes Fhrungen sind unbegreiflich und gtig wie er selbst. Wer hat das
anschaulicher erfahren als wir beide? Darum, lieber Hippolit! wollen wir auch
nie uns Eigenmchtigkeit oder Widerstand erlauben. Wir wollen immer vertrauen,
immer, immer, auch wenn es recht dunkel um uns wird; jeder Nacht folgt ein hell
leuchtender Tag, der alles Grauen verscheucht.
    Sie schwieg einige Minuten, dann begann sie von neuem. Vergeben Sie, wenn
ich Ihnen wehe that durch die Erinnerung an jenen groen Wendepunkt ihrer
Existenz, von dem alles Gute und Edle und Schne ausgeht, das Sie seitdem sich
aneigneten. - Ich wollte es nicht, doch was ich von Ihnen bitten wollte, hngt
zu genau damit zusammen, und ich bin verlegen und wei nicht wie ich es
aussprechen soll. - Jenes Flschchen, jener Kristall, der damals Ihren Hnden
entsank, den ich wenige Minuten spter Ihrer Bewahrung anvertraute, bewahren Sie
ihn noch? und wo?
    Ich bewahre ihn, auf meinem Herzen, erwiderte nach kurzem Schweigen
Hippolit, mit fast unhrbarem klanglosem Tone.
    Hippolit! rief Gabriele mit ungewohnter Kraft, und richtete sich pltzlich
hoch und ernst in ihrem Sessel empor. Sie tragen das Entsetzliche auf ihrem
Herzen? und seit wenn?
    Seit - seit den letzten Wochen unsers Hierseyns, entgegnete Hippolit, und
verhllte sein Gesicht in die weiten Falten ihres herabhngenden Shawls.
    Muth, armer Freund, und Friede Ihrem bangem Herzen, sprach Gabriele, ihre
schwachen Hnde strebten ihn aufzurichten, und eine warme Thrne sank auf seine
Stirne. Ach Hippolit! sprach sie mit unendlich sanfter Stimme weiter, wie oft
vergessen wir auf den Himmel zu bauen, wenn uns das Leben hier unter die ernste
dunkle Seite zuwendet! Darum sollten wir es wo mglich nie in unsere Macht
stellen, der gefhrlichen Wirkung des Augenblicks folgen zu knnen. Wir Schwache
sollten schon von Ferne der Gefahr ausweichen, die ein einziger unbewachter
Moment ber unser Haupt rufen kann. - Der Tod, fuhr sie nach einer kleinen
Pause fort, der Tod ist immer unserm Herzen nah; warum, lieber Hippolit, warum
ihn noch auf demselben tragen?
    Hippolit vermochte nicht, ihr zu antworten. Nach einigem Schweigen fuhr sie
fort zu reden.
    Jenes furchtbare Flschchen, ich habe viel darber nachgedacht und wei
jetzt, da es ein Eigenthum meines Vaters war. Sie fanden es dort in den Ruinen,
die, seinem letzten Wunsch gem, in sich selbst versinken mssen, mit allem was
sie bedecken; ist es nicht so?
    Hippolit bejahte die Frage mit einer stummen Neigung des Hauptes.
    Nichts von allem, was dort auf ewig begraben ward, darf das Licht des Tages
wieder bescheinen; so wollte es mein sterbender Vater, fuhr Gabriele fort.
Darum bitte ich Sie mein Freund, ich bitte recht ernstlich, recht dringend,
geben Sie der Finsterni wieder was ihr geweiht ward. Tragen Sie noch heute,
noch diesen Abend Ihren schauerlichen Fund zurck zu jenem geheimnivollen
Gemuer, versenken Sie ihn dort in tiefe, selbst Ihnen unzugngliche Kluft. Dort
mag er ruhen, in dem weiten Grabe wo so vieles ruht. Wollen Sie es? Wollen Sie
mir die Freude gnnen, den letzten Wunsch meines Vaters auch im kleinsten Punkt
erfllt zu sehen?
    Noch heute, noch in dieser Stunde, erwiderte Hippolit, und drckte seine
brennenden Augen auf ihre liebe Hand. Wie knnte ich je Ihrem ausgesprochnen
Willen widerstreben!
    Dank Ihnen, innigen Dank, erwiderte Gabriele, mit einem fast unfhlbaren
Hndedruck. Sie haben Nachsicht mit meiner Schwche, setzte sie matt lchelnd
hinzu, Sie spotten nicht einer vielleicht kindischen Ehrfurcht gegen den Willen
der Todten. Aber das Zuviel ist hier in unserm Dunkel doch noch immer dem
Zuwenig vorzuziehen; nicht wahr lieber Hippolit?
    Gabriele! himmlisches Wesen! nicht diese Engelmilde gegen mich, wenn ich
nicht ganz vernichtet werden soll! rief Hippolit tief erschttert. Ich fhle
alles, was Sie mir verbergen und andeuten, vergebens suchen Sie es mir zu
verschleiern um auch nur die Idee eines Vorwurfes von Ihnen mir zu ersparen.
Jene noch immer roth schimmernden Fenster der Kapelle, Ihre eigne verklrte
Gestalt, sogar die Dmmerung um uns her rufen mir die Vergangenheit zurck.
Alles ist wie es war, alles heute wie damals! Und doch, wie ist es auch so
furchtbar anders! Kindischer Thor der ich war! da ich damals schon das Unglck
zu kennen whnte!
    Sie kannten es damals nicht, fiel Gabriele ein; und glauben Sie mir, es
kommt ein Tag, wo alles, was Ihr Herz heut so schwer belastet, Ihnen eben so
erscheinen wird, als jetzt jener Schmerz, der damals Sie in Tod und Verzweiflung
jagte, Ihnen erscheint. O mein theurer Hippolit, es kommt eine Stunde, in
welcher die Erde mit all ihrem Weh unter uns zusammen sinkt und der Himmel mit
seinen Freuden sich uns ffnet. Wie leicht, wie klein sehen wir dann alles, was
uns vor kurzem noch so schwer, so unbersteiglich gro dnkte! Geloben Sie mir,
mein geliebter Freund, geloben Sie mir, diese meine Worte nie zu vergessen.
Lieber lieber Hippolit, sie nicht zu vergessen, in keiner noch so dunkeln
schweren Stunde Ihres Lebens. Ach Sterben ist oft so viel leichter als Leben!
Wer wrfe nicht gern alles, was uns belastet, von sich, um einer geliebten
entschwebenden Seele durch alle Himmel zu folgen? Doch mein edler Freund wird
das Schwerere whlen, und es tragen, so lange die ewige Vorsicht es will.
Gabriele streckte ihre rechte Hand gegen ihn aus, doch er legte nicht
versichernd die seine hinein. Dunkel, fast verzweifelnd starrte sein Blick
hinaus in die Dmmerung, durch welche die Fenster der Kapelle noch immer im
Abendschimmer rthlich erglnzten.
    Undurchdringliche Nacht verhllt uns das Jenseits, sprach jetzt mit
bewegter Stimme Gabriele, wir ahnen seine Schrecken wie seine Seligkeit, und es
ist verwegen, mit sterblicher Zunge von Gttlichem stammeln zu wollen. Doch den
Rand des Grabes vergoldet ein purpurner Schein, der den ewigen herrlichen Ost
uns verkndet; er heit Hoffnung des Wiedersehens! Ach und doch wre es mglich,
da eigenmchtiges Eingreifen in den Willen der Vorsicht eine Kluft risse, die
dieses Hoffen vielleicht vernichtet, vielleicht auf Jahrtausende hinausschiebt.
Lngre Prfung in andern Welten erwartet vielleicht den, der ungerufen diese
verlt. - Schrecklich, schrecklich mu es seyn, furchtbar ber alle
Beschreibung, sprach sie lauter und heftiger; es wrde mir den Tod erst zum
Tode machen, wenn ich entschlummern mte, ohne die beruhigende Zuversicht, da
alle, die ich liebe, vertrauend, wenn gleich weinend mir nachblicken werden, und
da keines von ihnen sich vom Schmerz zu einem Schritt verleiten lassen wird,
der mein Hoffen eines nahen seligen Wiedersehens in der ungemessenen Ewigkeit
vernichten knnte.
    An allen Krften erschpft, bleich, leblos beinah, sank Gabriele mit diesen
Worten in ihren Sessel zurck, aber ihr bittendes Auge haftete noch immer mit
unaussprechlichem Ausdruck auf Hippoliten.
    Heilige! Verklrte! rief jetzt dieser, auer sich vor unaussprechlicher
Angst, und warf sich, ihre Knie umfassend, vor ihr nieder. O entschwebe mir
noch nicht! Nimm mein Gelbde mit, da ich Deinen Willen erflle, sey es noch so
schwer; da ich keine Kluft ewiger Trennung zwischen uns reien will. Ja ich
will noch leben, weil Du es gebeutst, ich will noch leben und athmen so lange
ich kann, auch wenn Du - Thrnen erstickten seine Worte. Gabriele vermochte es
nicht ihm zu antworten, aber ihre Hnde ruhten segnend auf seinem Haupte, ein
dankbares Lcheln umspielte ihre Lippen, und ihr gen Himmel gerichtetes
glnzendes Auge erhob sich betend fr ihn.

Bange, leise, wehmthig einander zulchelnd, und doch unfhig jeder
ausgesprochnen Mittheilung ihres Gefhls, wandelten in den nchstfolgenden Tagen
Gabrielens Freunde neben einander her. Im Schlosse herrschte eine bange schwle
Stille, wie vor einem Gewitter, und auch drauen war es so in der Natur. Alle
Gipfel ruhten, kein Lftchen spielte in den goldigen Blttern, sie fielen von
selbst leise und langsam, man hrte das flsternde Rieseln ihres Niedersinkens,
weil kein strkerer Ton durch den schweigenden Wald rauschte.
    Gabriele blickte tglich aus ihrem Bogenfenster hinaus in die herbstliche
Pracht, denn weiter zu gehen verstattete ihr ihre groe, wenn gleich schmerzlose
Mattigkeit nicht mehr. Mit jeder Stunde beinah sahen ihre Freunde die schne
Blume bleicher und immer bleicher sich neigen, aber ihr Geist loderte immer
sichrer und heller auf, ihre Theilnahme an dem Leben ihrer Freunde entwickelte
sich immer freudiger. Diese durften sie jetzt fast gar nicht mehr verlassen,
denn sie schien mit jeder Minute des Beisammenseyns noch geizen zu wollen und
wendete alle ihr noch immer zu Gebote stehende Liebenswrdigkeit daran, sie alle
so lange als mglich in ihrer Nhe festzuhalten. Ihr Auge wandte sich in dem
kleinen Kreise mit unaussprechlicher Liebe von einem zum andern. Lchelnd suchte
es den treuen Ernesto, der liebenden Freundin Muth und Licht in die Seele zu
strahlen; dann ruhte es wehmthig auf Hippoliten, der, ganz in sich verloren,
sich und den Schmerz, und jede Klage, selbst Zukunft und Vergangenheit in ihrem
Anblick verga, whrend Frau von Willnangen und Ernesto nur mit der mhsamsten
Anstrengung aller ihrer Krfte ihrem tiefen Schmerz gebieten konnten.
    Gabriele redete in diesen Tagen ungewhnlich viel von Ottokar, und von einer
frohen Ahnung seines nahen Wiedersehens nach so langer Trennung. Ernesto war
nur sein Vorlufer, gebt Acht, unversehens ist er da! sprach sie mit einer
eignen Art von Gewiheit, fr die sie doch selbst keinen rechten Grund anzugeben
wute, denn er hatte nur krzlich geschrieben, und den Willen, Rom zu verlassen,
auf keine Weise geuert.

Am dritten Morgen nach dem Todestage ihrer Mutter lie Gabriele etwas frher als
gewhnlich Hippoliten zu sich entbieten. Er eilte herbei. Alles im Zimmer hatte
ein eignes festliches Ansehen. Wlkchen von Wohlgerchen durchkruselten es in
blulichem Duft, Gabriele schien auf ihrem gewohnten Sessel im Fenster wie in
einer Blumenlaube zu ruhen, denn aller Schmuck des sinkenden Jahres stand in
schnen Vasen zierlich um sie her geordnet und Blumen und Frchte fgten sich im
geflligsten Vereine um ihre Umgebung zu verherrlichen. Die durch die
herabgelanen rothen Vorhnge gemilderten Sonnenstrahlen verbreiteten ein
lieblich-rosiges Scheinen im ganzen Gemach und liehen auch der bleichen Gabriele
noch einmal den flchtigen Schimmer der Gesundheit. Sie selbst hatte mit mehr
als gewohnter Sorgfalt wie zu einem Feste sich schmcken lassen, ihre reichen
Zpfe waren zierlicher aufgeflochten, ihre Locken umkruselten die schne Stirn
in gewhlterer Form, und ein weiter, kostbarer Shawl von himmelblauer Farbe
umwallte in reichen Falten die im zierlichsten weien Morgenkleide ruhende
schlanke Gestalt. Nie war Gabriele schner gewesen als in diesem Moment, doch
war ihre Schnheit nicht mehr von dieser Welt.
    Freundlich winkte sie dem Eintretenden, nher zu kommen. Er that es und sank
unwillkrlich zu ihren Fen hin, in Anbetung und Liebe verloren. Eine eigne
Freudigkeit des Herzens hatte sich seiner bei ihrem Anblick bemchtigt, sie
leuchtete aus seinen Augen, whrend er bewundernd die Hochgeliebte betrachtete.
Hippolit, flsterte sie leise, theurer, geliebter Hippolit! ja ich fhle es,
Sie werden durch ungestmen Schmerz die heiligste schnste Stunde meines Lebens
mir nicht stren; sie ist die Krone unsers Daseyns, ihr darf keine andre folgen.
Auch gehre ich den Lebenden nicht mehr an; - erschrick nicht so ber dieses
Wort, erschrick nicht, da ich gewi wei, ich werde die Sonne, die jetzt uns
leuchtet, nicht mehr sinken sehen.
    Mit einem kaum unterdrckten Schrei fuhr Hippolit in die Hhe, der Thre zu,
als wolle er Beistand, Hlfe herbei rufen oder suchen, doch ihre sanfte Gewalt,
ihr flehendes Auge und die innre Ueberzeugung, da jeder Versuch, zu helfen,
hier nur qulend milingen knne, zogen ihn wieder zu ihren Fen hin. Sein
starrendes Auge, sein Beben, sein tdtliches Erbleichen machten ihn einem
Sterbenden weit hnlicher als Gabriele es war.
    Erwache, o erwache, rief sie, geliebtester aller Menschen, erwache und
segne mit mir diese Stunde, die den lange gehegten einzigen Wunsch meines
Herzens, den Lohn alles meines Strebens mir gewhrt. Die Sterbende darf
gestehen, was der Lebenden strenge Pflicht war, tief in der Brust, unter
unsglichen Schmerzen zu vergraben.
    Ihr Auge strahlte von neuem himmlischen Feuer, ihre Wangen frbten sich,
alle ihre Zge verklrten sich zu unaussprechlicher Schnheit. Ja Dich, Dich
habe ich geliebt! sprach sie mit vor Entzcken bebender Stimme, Dich liebe
ich, Dich allein, Du Einziger, Geliebtester, Du mein Hippolit, nur Dich! ich
liebe Dich wie Du mich liebst, und lange schon trage ich Dein Bild im Herzen.
Ich sterbe, weil ich Dich liebte, ich sterbe beglckt, da ich nur einmal mein
Herz Dir ffnen darf, entzckt, beglckt, und nun la mich enden. Die Erde beut
mir nichts mehr nach dieser Stunde, die alle meine Fesseln zerreit! Ich darf
dem Leben nicht mehr angehren, aber ich gehre Dein! Dein! von nun an, und an
diesen Moment grnzt eine wonnevolle Ewigkeit!
    Das seligste Entzcken, der zerreiendste Schmerz, Gabrielens geliebte
Stimme rief Hippolit schnell wieder zu klarem Bewutseyn; in Thrnen, Seufzern,
Blicken mehr noch als in Worten, tauschten die Liebenden alles Weh und alle
Wonnen ihres Daseyns gegen einander aus. Die Stunde, die sie so mit einander
zubrachten, gehrt nicht ins irdische Leben, keine Vergangenheit, keine Zukunft
begrnzt sie; sie steht da, einzig, fr sich allein gleich der Ewigkeit, jedem
Versuch, sie zu schildern, unerreichbar.

Es war stille im Zimmer geworden, ganz still. Ernesto trat leise herein, ihm
folgte Frau von Willnangen. Die Geschichte eines groen unverhofften frohen
Ereignisses glnzte in Beider Augen, schwebte sichtbar auf Beider Lippen. Sie
fanden Hippoliten auf dem Taburett neben Gabrielens Sessel knieend, ihr Haupt
ruhte an seiner Brust, einer ihrer Arme hielt ihn umschlungen, die Hand des
andern hielt er in der seinen, ein liebes Lcheln umspielte ihre Lippen, sie
schlummerte tief und s. Hippolit regte sich nicht beim Eintritt seiner
Freunde. Sie winkten ihm, sie riefen leise seinen Namen, er achtete nicht darauf
oder ward es nicht gewahr. Endlich nahte sich ihm Frau von Willnangen leise und
behutsam. Sie schlft, flsterte sie, wie sanft, wie fest, doch auch wie
unbequem; sehen Sie, wie ihr Arm, ihre Wange gedrckt werden. Mit diesen Worten
versuchte sie es, Gabrielen mit groer Sorgfalt, wie ein unter Spielen
eingeschlummertes Kind, zurck in die Kissen zu legen. Es gelang. Hippolit lie
es ohne Widerstand geschehen, und Gabriele erwachte nicht.
    Ernesto nahte und zog Hippoliten in die fernste Ecke des Zimmers, Frau von
Willnangen blieb gleich einer ber die Wiege ihres kranken Kindes gebeugten
Mutter neben Gabrielen stehen und bewachte ihren Schlummer; Hippolit folgte
gelassen dem Freunde, wohin er ihn fhren wollte.
    Gabrielen steht beim Erwachen eine groe Erschtterung bevor, flsterte
Ernesto Hippoliten mit freudig glnzenden Augen zu. Da gilt es Vorsicht und die
sorgsamste Behutsamkeit. Lieber Hippolit! wei ich doch kaum wie ich Dir es
entdecken soll. Gabrielens Prophezeihung ist eingetroffen, Ottokar ist wirklich
da und harrt der Erlaubni, ihr zu nahen. Was er bringt, wird sie weit spter,
nach und nach erfahren mssen; es ist ein Glck, aber es wird ihr sanftes Gemth
doch verwunden. Ottokar kommt von Pisa. Lieber Hippolit! Moritz ist gestorben,
ach! nun kann alles noch sehr gut werden, und -
    Gabriele ist tod! schrie Frau von Willnangen mit dem klanglosen Tone des
wildesten Schreckens, und sank neben ihr hin.

Was lt sich von den Ueberlebenden ferner sagen? Allein, von niemanden gesehen,
verweilte Ottokar eine Weile neben der geliebten Todten, der untergesunknen
Sonne seiner Jugend; dann schlo er den unglcklichen Freund in seine Arme, der
bewutlos und starr ohne Thrnen, ohne einen Laut, kaum noch dem Leben
anzugehren schien. Seinen mit ihm gekommnen Sohn bergab Ottokar dem treuen
Ernesto, und bat ihn, den armen, mit den Weinenden ngstlich weinenden Knaben
zurck nach Rom zu begleiten, dort seiner Zurckkunft zu harren. Er selbst nahm
den durchaus in nichts widerstrebenden Hippolit an seine Brust, fhrte ihn in
den noch dastehenden Reisewagen, in welchem er eben gekommen war, und fuhr mit
ihm fort, gleichviel wohin.
    Man sagt, Ottokar sey nach etwas mehr als Jahresfrist traurig und ganz
allein wieder in seinem Hause in Rom angelangt, eben noch frh genug, um den
treuen Ernesto zur Piramide des Cestius zu geleiten.

                                    Funoten


1 Nimm das letzte Pfand meiner Liebe -
Freiheit und Tod.
                                          Aus Virginia, Trauerspiel von Alfieri.

2 Dem Schmerze lcheln.

