
                            Goethe, Johann Wolfgang

                          Wilhelm Meisters Wanderjahre

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                             Johann Wolfgang Goethe

                       Wilhelm Meisters Wanderjahre oder

                                Die Entsagenden

                                  Erstes Buch

                                 Erstes Kapitel

                            Die Flucht nach gypten

Im Schatten eines mchtigen Felsen sa Wilhelm an grauser, bedeutender Stelle,
wo sich der steile Gebirgsweg um eine Ecke herum schnell nach der Tiefe wendete.
Die Sonne stand noch hoch und erleuchtete die Gipfel der Fichten in den
Felsengrnden zu seinen Fen. Er bemerkte eben etwas in seine Schreibtafel, als
Felix, der umhergeklettert war, mit einem Stein in der Hand zu ihm kam. Wie
nennt man diesen Stein, Vater? sagte der Knabe.
    Ich wei nicht, versetzte Wilhelm.
    Ist das wohl Gold, was darin so glnzt? sagte jener.
    Es ist keins! versetzte dieser, und ich erinnere mich, da es die Leute
Katzengold nennen.
    Katzengold! sagte der Knabe lchelnd, und warum?
    Wahrscheinlich weil es falsch ist und man die Katzen auch fr falsch hlt.
    Das will ich mir merken, sagte der Sohn und steckte den Stein in die
lederne Reisetasche, brachte jedoch sogleich etwas anders hervor und fragte:
Was ist das? - Eine Frucht, versetzte der Vater, und nach den Schuppen zu
urteilen, sollte sie mit den Tannenzapfen verwandt sein. - Das sieht nicht aus
wie ein Zapfen, es ist ja rund. - Wir wollen den Jger fragen; die kennen den
ganzen Wald und alle Frchte, wissen zu sen, zu pflanzen und zu warten, dann
lassen sie die Stmme wachsen und gro werden, wie sie knnen. - Die Jger
wissen alles; gestern zeigte mir der Bote, wie ein Hirsch ber den Weg gegangen
sei, er rief mich zurck und lie mich die Fhrte bemerken, wie er es nannte;
ich war darber weggesprungen, nun aber sah ich deutlich ein paar Klauen
eingedrckt; es mag ein groer Hirsch gewesen sein. - Ich hrte wohl, wie du
den Boten ausfragtest. - Der wute viel und ist doch kein Jger. Ich aber will
ein Jger werden. Es ist gar zu schn, den ganzen Tag im Walde zu sein und die
Vgel zu hren, zu wissen, wie sie heien, wo ihre Nester sind, wie man die Eier
aushebt oder die Jungen, wie man sie fttert und wenn man die Alten fngt: das
ist gar zu lustig.
    Kaum war dieses gesprochen, so zeigte sich den schroffen Weg herab eine
sonderbare Erscheinung. Zwei Knaben, schn wie der Tag, in farbigen Jckchen,
die man eher fr aufgebundene Hemdchen gehalten htte, sprangen einer nach dem
andern herunter, und Wilhelm fand Gelegenheit, sie nher zu betrachten, als sie
vor ihm stutzten und einen Augenblick stillhielten. Um des ltesten Haupt
bewegten sich reiche blonde Locken, auf welche man zuerst blicken mute, wenn
man ihn sah, und dann zogen seine klarblauen Augen den Blick an sich, der sich
mit Gefallen ber seine schne Gestalt verlor. Der zweite, mehr einen Freund als
einen Bruder vorstellend, war mit braunen und schlichten Haaren geziert, die ihm
ber die Schultern herabhingen und wovon der Widerschein sich in seinen Augen zu
spiegeln schien.
    Wilhelm hatte nicht Zeit, diese beiden sonderbaren und in der Wildnis ganz
unerwarteten Wesen nher zu betrachten, indem er eine mnnliche Stimme vernahm,
welche um die Felsecke herum ernst, aber freundlich herabrief: Warum steht ihr
stille? versperrt uns den Weg nicht!
    Wilhelm sah aufwrts, und hatten ihn die Kinder in Verwunderung gesetzt, so
erfllte ihn das, was ihm jetzt zu Augen kam, mit Erstaunen. Ein derber,
tchtiger, nicht allzu groer junger Mann, leicht geschrzt, von brauner Haut
und schwarzen Haaren, trat krftig und sorgfltig den Felsweg herab, indem er
hinter sich einen Esel fhrte, der erst sein wohlgenhrtes und wohlgeputztes
Haupt zeigte, dann aber die schne Last, die er trug, sehen lie. Ein sanftes,
liebenswrdiges Weib sa auf einem groen, wohlbeschlagenen Sattel; in einem
blauen Mantel, der sie umgab, hielt sie ein Wochenkind, das sie an ihre Brust
drckte und mit unbeschreiblicher Lieblichkeit betrachtete. Dem Fhrer ging's
wie den Kindern: er stutzte einen Augenblick, als er Wilhelmen erblickte. Das
Tier verzgerte seinen Schritt, aber der Abstieg war zu jh, die
Vorberziehenden konnten nicht anhalten, und Wilhelm sah sie mit Verwunderung
hinter der vorstehenden Felswand verschwinden.
    Nichts war natrlicher, als da ihn dieses seltsame Gesicht aus seinen
Betrachtungen ri. Neugierig stand er auf und blickte von seiner Stelle nach der
Tiefe hin, ob er sie nicht irgend wieder hervorkommen she. Und eben war er im
Begriff, hinabzusteigen und diese sonderbaren Wandrer zu begren, als Felix
heraufkam und sagte: Vater, darf ich nicht mit diesen Kindern in ihr Haus? Sie
wollen mich mitnehmen. Du sollst auch mitgehen, hat der Mann zu mir gesagt.
Komm! dort unten halten sie.
    Ich will mit ihnen reden, versetzte Wilhelm.
    Er fand sich auf einer Stelle, wo der Weg weniger abhngig war, und
verschlang mit den Augen die wunderlichen Bilder, die seine Aufmerksamkeit so
sehr an sich gezogen hatten. Erst jetzt war es ihm mglich, noch einen und den
andern besondern Umstand zu bemerken. Der junge, rstige Mann hatte wirklich
eine Polieraxt auf der Schulter und ein langes, schwankes eisernes Winkelma.
Die Kinder trugen groe Schilfbschel, als wenn es Palmen wren; und wenn sie
von dieser Seite den Engeln glichen, so schleppten sie auch wieder kleine
Krbchen mit Ewaren und glichen dadurch den tglichen Boten, wie sie ber das
Gebirg hin und her zu gehen pflegen. Auch hatte die Mutter, als er sie nher
betrachtete, unter dem blauen Mantel ein rtliches, zart gefrbtes Unterkleid,
so da unser Freund die Flucht nach gypten, die er so oft gemalt gesehen, mit
Verwunderung hier vor seinen Augen wirklich finden mute.
    Man begrte sich, und indem Wilhelm vor Erstaunen und Aufmerksamkeit nicht
zu Wort kommen konnte, sagte der junge Mann: Unsere Kinder haben in diesem
Augenblicke schon Freundschaft gemacht. Wollt Ihr mit uns, um zu sehen, ob auch
zwischen den Erwachsenen ein gutes Verhltnis entstehen knne?
    Wilhelm bedachte sich ein wenig und versetzte dann: Der Anblick eures
kleinen Familienzuges erregt Vertrauen und Neigung und, da ich's nur gleich
gestehe, ebensowohl Neugierde und ein lebhaftes Verlangen, euch nher kennen zu
lernen. Denn im ersten Augenblicke mchte man bei sich die Frage aufwerfen, ob
ihr wirkliche Wanderer oder ob ihr nur Geister seid, die sich ein Vergngen
daraus machen, dieses unwirtbare Gebirg durch angenehme Erscheinungen zu
beleben.
    So kommt mit in unsere Wohnung, sagte jener. Kommt mit! riefen die
Kinder, indem sie den Felix schon mit sich fortzogen. Kommt mit! sagte die
Frau, indem sie ihre liebenswrdige Freundlichkeit von dem Sugling ab auf den
Fremdling wendete.
    Ohne sich zu bedenken, sagte Wilhelm: Es tut mir leid, da ich euch nicht
sogleich folgen kann. Wenigstens diese Nacht noch mu ich oben auf dem
Grenzhause zubringen. Mein Mantelsack, meine Papiere, alles liegt noch oben,
ungepackt und unbesorgt. Damit ich aber Wunsch und Willen beweise, eurer
freundlichen Einladung genugzutun, so gebe ich euch meinen Felix zum Pfande mit.
Morgen bin ich bei euch. Wie weit ist's hin?
    Vor Sonnenuntergang erreichen wir noch unsere Wohnung, sagte der
Zimmermann, und von dem Grenzhause habt Ihr nur noch anderthalb Stunden. Euer
Knabe vermehrt unsern Haushalt fr diese Nacht; morgen erwarten wir Euch.
    Der Mann und das Tier setzten sich in Bewegung. Wilhelm sah seinen Felix mit
Behagen in so guter Gesellschaft, er konnte ihn mit den lieben Engelein
vergleichen, gegen die er krftig abstach. Fr seine Jahre war er nicht gro,
aber stmmig, von breiter Brust und krftigen Schultern; in seiner Natur war ein
eigenes Gemisch von Herrschen und Dienen; er hatte schon einen Palmzweig und ein
Krbchen ergriffen, womit er beides auszusprechen schien. Schon drohte der Zug
abermals um eine Felswand zu verschwinden, als sich Wilhelm zusammennahm und
nachrief: Wie soll ich euch aber erfragen?
    Fragt nur nach Sankt Joseph! erscholl es aus der Tiefe, und die ganze
Erscheinung war hinter den blauen Schattenwnden verschwunden. Ein frommer,
mehrstimmiger Gesang tnte verhallend aus der Ferne, und Wilhelm glaubte die
Stimme seines Felix zu unterscheiden.
    Er stieg aufwrts und versptete sich dadurch den Sonnenuntergang. Das
himmlische Gestirn, das er mehr denn einmal verloren hatte, erleuchtete ihn
wieder, als er hher trat, und noch war es Tag, als er an seiner Herberge
anlangte. Nochmals erfreute er sich der groen Gebirgsansicht und zog sich
sodann auf sein Zimmer zurck, wo er sogleich die Feder ergriff und einen Teil
der Nacht mit Schreiben zubrachte.


                              Wilhelm an Natalien

Nun ist endlich die Hhe erreicht, die Hhe des Gebirgs, das eine mchtigere
Trennung zwischen uns setzen wird als der ganze Landraum bisher. Fr mein Gefhl
ist man noch immer in der Nhe seiner Lieben, solange die Strme von uns zu
ihnen laufen. Heute kann ich mir noch einbilden, der Zweig, den ich in den
Waldbach werfe, knnte fglich zu ihr hinabschwimmen, knnte in wenigen Tagen
vor ihrem Garten landen; und so sendet unser Geist seine Bilder, das Herz seine
Gefhle bequemer abwrts. Aber drben, frchte ich, stellt sich eine Scheidewand
der Einbildungskraft und der Empfindung entgegen. Doch ist das vielleicht nur
eine voreilige Besorglichkeit: denn es wird wohl auch drben nicht anders sein
als hier. Was knnte mich von dir scheiden! von dir, der ich auf ewig geeignet
bin, wenngleich ein wundersames Geschick mich von dir trennt und mir den Himmel,
dem ich so nahe stand, unerwartet zuschliet. Ich hatte Zeit, mich zu fassen,
und doch htte keine Zeit hingereicht, mir diese Fassung zu geben, htte ich sie
nicht aus deinem Munde gewonnen, von deinen Lippen in jenem entscheidenden
Moment. Wie htte ich mich losreien knnen, wenn der dauerhafte Faden nicht
gesponnen wre, der uns fr die Zeit und fr die Ewigkeit verbinden soll. Doch
ich darf ja von allem dem nicht reden. Deine zarten Gebote will ich nicht
bertreten; auf diesem Gipfel sei es das letztemal, da ich das Wort Trennung
vor dir ausspreche. Mein Leben soll eine Wanderschaft werden. Sonderbare
Pflichten des Wanderers habe ich auszuben und ganz eigene Prfungen zu
bestehen. Wie lchle ich manchmal, wenn ich die Bedingungen durchlese, die mir
der Verein, die ich mir selbst vorschrieb! Manches wird gehalten, manches
bertreten; aber selbst bei der bertretung dient mir dies Blatt, dieses Zeugnis
von meiner letzten Beichte, meiner letzten Absolution statt eines gebietenden
Gewissens, und ich lenke wieder ein. Ich hte mich, und meine Fehler strzen
sich nicht mehr wie Gebirgswasser einer ber den andern.
    Doch will ich dir gern gestehen, da ich oft diejenigen Lehrer und
Menschenfhrer bewundere, die ihren Schlern nur uere, mechanische Pflichten
auflegen. Sie machen sich's und der Welt leicht. Denn gerade diesen Teil meiner
Verbindlichkeiten, der mir erst der beschwerlichste, der wunderlichste schien,
diesen beobachte ich am bequemsten, am liebsten.
    Nicht ber drei Tage soll ich unter einem Dache bleiben. Keine Herberge soll
ich verlassen, ohne da ich mich wenigstens eine Meile von ihr entferne. Diese
Gebote sind wahrhaft geeignet, meine Jahre zu Wanderjahren zu machen und zu
verhindern, da auch nicht die geringste Versuchung des Ansiedelns bei mir sich
finde. Dieser Bedingung habe ich mich bisher genau unterworfen, ja mich der
gegebenen Erlaubnis nicht einmal bedient. Hier ist eigentlich das erstemal, da
ich stillhalte, das erstemal, da ich die dritte Nacht in demselben Bette
schlafe. Von hier sende ich dir manches bisher Vernommene, Beobachtete,
Gesparte, und dann geht es morgen frh auf der andern Seite hinab, frerst zu
einer wunderbaren Familie, zu einer heiligen Familie mchte ich wohl sagen, von
der du in meinem Tagebuche mehr finden wirst. Jetzt lebe wohl und lege dieses
Blatt mit dem Gefhl aus der Hand, da es nur eins zu sagen habe, nur eines
sagen und immer wiederholen mchte, aber es nicht sagen, nicht wiederholen will,
bis ich das Glck habe, wieder zu deinen Fen zu liegen und auf deinen Hnden
mich ber alle das Entbehren auszuweinen.

                                                                        Morgens.

Es ist eingepackt. Der Bote schnrt den Mantelsack auf das Reff. Noch ist die
Sonne nicht aufgegangen, die Nebel dampfen aus allen Grnden; aber der obere
Himmel ist heiter. Wir steigen in die dstere Tiefe hinab, die sich auch bald
ber unserm Haupte erhellen wird. La mich mein letztes Ach zu dir
hinbersenden! La meinen letzten Blick zu dir sich noch mit einer
unwillkrlichen Trne fllen! Ich bin entschieden und entschlossen. Du sollst
keine Klagen mehr von mir hren; du sollst nur hren, was dem Wanderer begegnet.
Und doch kreuzen sich, indem ich schlieen will, nochmals tausend Gedanken,
Wnsche, Hoffnungen und Vorstze. Glcklicherweise treibt man mich hinweg. Der
Bote ruft, und der Wirt rumt schon wieder auf in meiner Gegenwart, eben als
wenn ich hinweg wre, wie gefhllose, unvorsichtige Erben vor dem Abscheidenden
die Anstalten, sich in Besitz zu setzen, nicht verbergen.

                                Zweites Kapitel


                            Sankt Joseph der Zweite

Schon hatte der Wanderer, seinem Boten auf dem Fue folgend, steile Felsen
hinter und ber sich gelassen, schon durchstrichen sie ein sanfteres
Mittelgebirg und eilten durch manchen wohlbestandnen Wald, durch manchen
freundlichen Wiesengrund immer vorwrts, bis sie sich endlich an einem Abhange
befanden und in ein sorgfltig bebautes, von Hgeln rings umschlossenes Tal
hinabschauten. Ein groes, halb in Trmmern liegendes, halb wohlerhaltenes
Klostergebude zog sogleich die Aufmerksamkeit an sich. Dies ist Sankt Joseph,
sagte der Bote; jammerschade fr die schne Kirche! Seht nur, wie ihre Sulen
und Pfeiler durch Gebsch und Bume noch so wohlerhalten durchsehen, ob sie
gleich schon viele hundert Jahre im Schutt liegt.
    Die Klostergebude hingegen, versetzte Wilhelm, sehe ich, sind noch
wohlerhalten. - Ja, sagte der andere, es wohnt ein Schaffner daselbst, der
die Wirtschaft besorgt, die Zinsen und Zehnten einnimmt, welche man weit und
breit hierher zu zahlen hat.
    Unter diesen Worten waren sie durch das offene Tor in den gerumigen Hof
gelangt, der, von ernsthaften, wohlerhaltenen Gebuden umgeben, sich als
Aufenthalt einer ruhigen Sammlung ankndigte. Seinen Felix mit den Engeln von
gestern sah er sogleich beschftigt um einen Tragkorb, den eine rstige Frau vor
sich gestellt hatte; sie waren im Begriff, Kirschen zu handeln; eigentlich aber
feilschte Felix, der immer etwas Geld bei sich fhrte. Nun machte er sogleich
als Gast den Wirt, spendete reichliche Frchte an seine Gespielen, selbst dem
Vater war die Erquickung angenehm, mitten in diesen unfruchtbaren Mooswldern,
wo die farbigen, glnzenden Frchte noch einmal so schn erschienen. Sie trage
solche weit herauf aus einem groen Garten, bemerkte die Verkuferin, um den
Preis annehmlich zu machen, der den Kufern etwas zu hoch geschienen hatte. Der
Vater werde bald zurckkommen, sagten die Kinder, er solle nur einstweilen in
den Saal gehen und dort ausruhen.
    Wie verwundert war jedoch Wilhelm, als die Kinder ihn zu dem Raume fhrten,
den sie den Saal nannten. Gleich aus dem Hofe ging es zu einer groen Tr
hinein, und unser Wanderer fand sich in einer sehr reinlichen, wohlerhaltenen
Kapelle, die aber, wie er wohl sah, zum huslichen Gebrauch des tglichen Lebens
eingerichtet war. An der einen Seite stand ein Tisch, ein Sessel, mehrere Sthle
und Bnke, an der andern Seite ein wohlgeschnitztes Gerst mit bunter
Tpferware, Krgen und Glsern. Es fehlte nicht an einigen Truhen und Kisten
und, so ordentlich alles war, doch nicht an dem Einladenden des huslichen,
tglichen Lebens. Das Licht fiel von hohen Fenstern an der Seite herein. Was
aber die Aufmerksamkeit des Wanderers am meisten erregte, waren farbige, auf die
Wand gemalte Bilder, die unter den Fenstern in ziemlicher Hhe, wie Teppiche, um
drei Teile der Kapelle herumreichten und bis auf ein Getfel herabgingen, das
die brige Wand bis zur Erde bedeckte. Die Gemlde stellten die Geschichte des
heiligen Joseph vor. Hier sah man ihn mit einer Zimmerarbeit beschftigt; hier
begegnete er Marien, und eine Lilie sprote zwischen beiden aus dem Boden, indem
einige Engel sie lauschend umschwebten. Hier wird er getraut; es folgt der
englische Gru. Hier sitzt er mimutig zwischen angefangener Arbeit, lt die
Axt ruhen und sinnt darauf, seine Gattin zu verlassen. Zunchst erscheint ihm
aber der Engel im Traum, und seine Lage ndert sich. Mit Andacht betrachtet er
das neugeborene Kind im Stalle zu Bethlehem und betet es an. Bald darauf folgt
ein wundersam schnes Bild. Man sieht mancherlei Holz gezimmert; eben soll es
zusammengesetzt werden, und zuflligerweise bilden ein paar Stcke ein Kreuz.
Das Kind ist auf dem Kreuze eingeschlafen, die Mutter sitzt daneben und
betrachtet es mit inniger Liebe, und der Pflegevater hlt mit der Arbeit inne,
um den Schlaf nicht zu stren. Gleich darauf folgt die Flucht nach gypten. Sie
erregte bei dem beschauenden Wanderer ein Lcheln, indem er die Wiederholung des
gestrigen lebendigen Bildes hier an der Wand sah.
    Nicht lange war er seinen Betrachtungen berlassen, so trat der Wirt herein,
den er sogleich als den Fhrer der heiligen Karawane wiedererkannte. Sie
begrten sich aufs herzlichste, mancherlei Gesprche folgten; doch Wilhelms
Aufmerksamkeit blieb auf die Gemlde gerichtet. Der Wirt merkte das Interesse
seines Gastes und fing lchelnd an: Gewi, Ihr bewundert die bereinstimmung
dieses Gebudes mit seinen Bewohnern, die Ihr gestern kennenlerntet. Sie ist
aber vielleicht noch sonderbarer, als man vermuten sollte: das Gebude hat
eigentlich die Bewohner gemacht. Denn wenn das Leblose lebendig ist, so kann es
auch wohl Lebendiges hervorbringen.
    O ja! versetzte Wilhelm. Es sollte mich wundern, wenn der Geist, der vor
Jahrhunderten in dieser Bergde so gewaltig wirkte und einen so mchtigen Krper
von Gebuden, Besitzungen und Rechten an sich zog und dafr mannigfaltige
Bildung in der Gegend verbreitete, es sollte mich wundern, wenn er nicht auch
aus diesen Trmmern noch seine Lebenskraft auf ein lebendiges Wesen ausbte.
Lat uns jedoch nicht im Allgemeinen verharren, macht mich mit Eurer Geschichte
bekannt, damit ich erfahre, wie es mglich war, da ohne Spielerei und Anmaung
die Vergangenheit sich wieder in Euch darstellt und das, was vorberging,
abermals herantritt.
    Eben als Wilhelm belehrende Antwort von den Lippen seines Wirtes erwartete,
rief eine freundliche Stimme im Hofe den Namen Joseph. Der Wirt hrte darauf und
ging nach der Tr.
    Also heit er auch Joseph! sagte Wilhelm zu sich selbst. Das ist doch
sonderbar genug und doch eben nicht so sonderbar, als da er seinen Heiligen im
Leben darstellt. Er blickte zu gleicher Zeit nach der Tre und sah die Mutter
Gottes von gestern mit dem Manne sprechen. Sie trennten sich endlich: die Frau
ging nach der gegenberstehenden Wohnung. Marie! rief er ihr nach, nur noch
ein Wort! - Also heit sie auch Marie! dachte Wilhelm; es fehlt nicht viel,
so fhle ich mich achtzehnhundert Jahre zurckversetzt. Er dachte sich das
ernsthaft eingeschlossene Tal, in dem er sich befand die Trmmer und die Stille,
und eine wundersam altertmliche Stimmung berfiel ihn. Es war Zeit, da der
Wirt und die Kinder hereintraten. Die letztern forderten Wilhelm zu einem
Spaziergange auf, indes der Wirt noch einigen Geschften vorstehen wollte. Nun
ging es durch die Ruinen des sulenreichen Kirchengebudes, dessen hohe Giebel
und Wnde sich in Wind und Wetter zu befestigen schienen, indessen sich starke
Bume von alters her auf den breiten Mauerrcken eingewurzelt hatten und in
Gesellschaft von mancherlei Gras, Blumen und Moos khn in der Luft hngende
Grten vorstellten. Sanfte Wiesenpfade fhrten einen lebhaften Bach hinan, und
von einiger Hhe konnte der Wanderer nun das Gebude nebst seiner Lage mit so
mehr Interesse berschauen, als ihm dessen Bewohner immer merkwrdiger geworden
und durch die Harmonie mit ihrer Umgebung seine lebhafte Neugier erregt hatten.
    Man kehrte zurck und fand in dem frommen Saal einen Tisch gedeckt. Obenan
stand ein Lehnsessel, in den sich die Hausfrau niederlie. Neben sich hatte sie
einen hohen Korb stehen, in welchem das kleine Kind lag; den Vater sodann zur
linken Hand und Wilhelm zur rechten. Die drei Kinder besetzten den untern Raum
des Tisches. Eine alte Magd brachte ein wohlzubereitetes Essen. Speise- und
Trinkgeschirr deuteten gleichfalls auf vergangene Zeit. Die Kinder gaben Anla
zur Unterhaltung, indessen Wilhelm die Gestalt und das Betragen seiner heiligen
Wirtin nicht genugsam beobachten konnte.
    Nach Tische zerstreute sich die Gesellschaft; der Wirt fhrte seinen Gast an
eine schattige Stelle der Ruine, wo man von einem erhhten Platze die angenehme
Aussicht das Tal hinab vollkommen vor sich hatte und die Berghhen des untern
Landes mit ihren fruchtbaren Abhngen und waldigen Rcken hintereinander
hinausgeschoben sah. Es ist billig, sagte der Wirt, da ich Ihre Neugierde
befriedige, um so mehr, als ich an Ihnen fhle, da Sie imstande sind, auch das
Wunderliche ernsthaft zu nehmen, wenn es auf einem ernsten Grunde beruht. Diese
geistliche Anstalt, von der Sie noch die Reste sehen, war der heiligen Familie
gewidmet und vor alters als Wallfahrt wegen mancher Wunder berhmt. Die Kirche
war der Mutter und dem Sohne geweiht. Sie ist schon seit mehreren Jahrhunderten
zerstrt. Die Kapelle, dem heiligen Pflegevater gewidmet, hat sich erhalten, so
auch der brauchbare Teil der Klostergebude. Die Einknfte bezieht schon seit
geraumen Jahren ein weltlicher Frst, der seinen Schaffner hier oben hlt, und
der bin ich, Sohn des vorigen Schaffners, der gleichfalls seinem Vater in dieser
Stelle nachfolgte.
    Der heilige Joseph, obgleich jede kirchliche Verehrung hier oben lange
aufgehrt hatte, war gegen unsere Familie so wohlttig gewesen, da man sich
nicht verwundern darf, wenn man sich besonders gut gegen ihn gesinnt fhlte; und
daher kam es, da man mich in der Taufe Joseph nannte und dadurch gewissermaen
meine Lebensweise bestimmte. Ich wuchs heran, und wenn ich mich zu meinem Vater
gesellte, indem er die Einnahmen besorgte, so schlo ich mich ebenso gern, ja
noch lieber an meine Mutter an, welche nach Vermgen gern ausspendete und durch
ihren guten Willen und durch ihre Wohltaten im ganzen Gebirge bekannt und
geliebt war. Sie schickte mich bald da-, bald dorthin, bald zu bringen, bald zu
bestellen, bald zu besorgen, und ich fand mich sehr leicht in diese Art von
frommem Gewerbe.
    berhaupt hat das Gebirgsleben etwas Menschlicheres als das Leben auf dem
flachen Lande. Die Bewohner sind einander nher und, wenn man will, auch ferner;
die Bedrfnisse geringer, aber dringender. Der Mensch ist mehr auf sich
gestellt, seinen Hnden, seinen Fen mu er vertrauen lernen. Der Arbeiter, der
Bote, der Lasttrger, alle vereinigen sich in einer Person; auch steht jeder dem
andern nher, begegnet ihm fter und lebt mit ihm in einem gemeinsamen Treiben.
    Da ich noch jung war und meine Schultern nicht viel zu schleppen vermochten,
fiel ich darauf, einen kleinen Esel mit Krben zu versehen und vor mir her die
steilen Fupfade hinauf und hinab zu treiben. Der Esel ist im Gebirg kein so
verchtlich Tier als im flachen Lande, wo der Knecht, der mit Pferden pflgt,
sich fr besser hlt als den andern, der den Acker mit Ochsen umreit. Und ich
ging um so mehr ohne Bedenken hinter meinem Tiere her, als ich in der Kapelle
frh bemerkt hatte, da es zur Ehre gelangt war, Gott und seine Mutter zu
tragen. Doch war diese Kapelle damals nicht in dem Zustande, in welchem sie sich
gegenwrtig befindet. Sie ward als ein Schuppen, ja fast wie ein Stall
behandelt. Brennholz, Stangen, Gertschaften, Tonnen und Leitern, und was man
nur wollte, war bereinander geschoben. Glcklicherweise, da die Gemlde so
hoch stehen und die Tfelung etwas aushlt. Aber schon als Kind erfreute ich
mich besonders, ber alles das Gehlz hin und her zu klettern und die Bilder zu
betrachten, die mir niemand recht auslegen konnte. Genug, ich wute, da der
Heilige, dessen Leben oben gezeichnet war, mein Pate sei, und ich erfreute mich
an ihm, als ob er mein Onkel gewesen wre. Ich wuchs heran, und weil es eine
besondere Bedingung war, da der, welcher an das eintrgliche Schaffneramt
Anspruch machen wollte, ein Handwerk ausben mute, so sollte ich, dem Willen
meiner Eltern gem, welche wnschten, da knftig diese gute Pfrnde auf mich
erben mchte, ein Handwerk lernen, und zwar ein solches, das zugleich hier oben
in der Wirtschaft ntzlich wre.
    Mein Vater war Btticher und schaffte alles, was von dieser Arbeit ntig
war, selbst, woraus ihm und dem Ganzen groer Vorteil erwuchs. Allein ich konnte
mich nicht entschlieen, ihm darin nachzufolgen. Mein Verlangen zog mich
unwiderstehlich nach dem Zimmerhandwerke, wovon ich das Arbeitszeug so
umstndlich und genau, von Jugend auf, neben meinem Heiligen gemalt gesehen. Ich
erklrte meinen Wunsch; man war mir nicht entgegen, um so weniger, als bei so
mancherlei Baulichkeiten der Zimmermann oft von uns in Anspruch genommen ward,
ja bei einigem Geschick und Liebe zu feinerer Arbeit, besonders in Waldgegenden,
die Tischler- und sogar die Schnitzerknste ganz nahe liegen. Und was mich noch
mehr in meinen hhern Aussichten bestrkte, war jenes Gemlde, das leider
nunmehr fast ganz verloschen ist. Sobald Sie wissen, was es vorstellen soll, so
werden Sie sich's entziffern knnen, wenn ich Sie nachher davor fhre. Dem
heiligen Joseph war nichts Geringeres aufgetragen, als einen Thron fr den Knig
Herodes zu machen. Zwischen zwei gegebenen Sulen soll der Prachtsitz aufgefhrt
werden. Joseph nimmt sorgfltig das Ma von Breite und Hhe und arbeitet einen
kstlichen Knigsthron. Aber wie erstaunt ist er, wie verlegen, als er den
Prachtsessel herbeischafft: er findet sich zu hoch und nicht breit genug. Mit
Knig Herodes war, wie bekannt, nicht zu spaen; der fromme Zimmermeister ist in
der grten Verlegenheit. Das Christkind, gewohnt, ihn berallhin zu begleiten,
ihm in kindlich demtigem Spiel die Werkzeuge nachzutragen, bemerkt seine Not
und ist gleich mit Rat und Tat bei der Hand. Das Wunderkind verlangt vom
Pflegevater, er solle den Thron an der einen Seite fassen; es greift in die
andere Seite des Schnitzwerks, und beide fangen an zu ziehen. Sehr leicht und
bequem, als wr' er von Leder, zieht sich der Thron in die Breite, verliert
verhltnismig an der Hhe und pat ganz vortrefflich an Ort und Stelle, zum
grten Troste des beruhigten Meisters und zur vollkommenen Zufriedenheit des
Knigs.
    Jener Thron war in meiner Jugend noch recht gut zu sehen, und an den Resten
der einen Seite werden Sie bemerken knnen, da am Schnitzwerk nichts gespart
war, das freilich dem Maler leichter fallen mute, als es dem Zimmermann gewesen
wre, wenn man es von ihm verlangt htte.
    Hieraus zog ich aber keine Bedenklichkeit, sondern ich erblickte das
Handwerk, dem ich mich gewidmet hatte, in einem so ehrenvollen Lichte, da ich
nicht erwarten konnte, bis man mich in die Lehre tat; welches um so leichter
auszufhren war, als in der Nachbarschaft ein Meister wohnte, der fr die ganze
Gegend arbeitete und mehrere Gesellen und Lehrbursche beschftigen konnte. Ich
blieb also in der Nhe meiner Eltern und setzte gewissermaen mein voriges Leben
fort, indem ich Feierstunden und Feiertage zu den wohlttigen Botschaften, die
mir meine Mutter aufzutragen fortfuhr, verwendete.




                                Die Heimsuchung


So vergingen einige Jahre, fuhr der Erzhler fort. Ich begriff die Vorteile
des Handwerks sehr bald, und mein Krper, durch Arbeit ausgebildet, war
imstande, alles zu bernehmen, was dabei gefordert wurde. Nebenher versah ich
meinen alten Dienst, den ich der guten Mutter, oder vielmehr Kranken und
Notdrftigen leistete. Ich zog mit meinem Tier durchs Gebirg, verteilte die
Ladung pnktlich und nahm von Krmern und Kaufleuten rckwrts mit, was uns hier
oben fehlte. Mein Meister war zufrieden mit mir und meine Eltern auch. Schon
hatte ich das Vergngen, auf meinen Wanderungen manches Haus zu sehen, das ich
mit aufgefhrt, das ich verziert hatte. Denn besonders dieses letzte Einkerben
der Balken, dieses Einschneiden von gewissen einfachen Formen, dieses Einbrennen
zierender Figuren, dieses Rotmalen einiger Vertiefungen, wodurch ein hlzernes
Berghaus den so lustigen Anblick gewhrt, solche Knste waren mir besonders
bertragen, weil ich mich am besten aus der Sache zog, der ich immer den Thron
Herodes' und seine Zieraten im Sinne hatte.
    Unter den hilfsbedrftigen Personen, fr die meine Mutter eine vorzgliche
Sorge trug, standen besonders junge Frauen obenan, die sich guter Hoffnung
befanden, wie ich nach und nach wohl bemerken konnte, ob man schon in solchen
Fllen die Botschaften gegen mich geheimnisvoll zu behandeln pflegte. Ich hatte
dabei niemals einen unmittelbaren Auftrag, sondern alles ging durch ein gutes
Weib, welche nicht fern das Tal hinab wohnte und Frau Elisabeth genannt wurde.
Meine Mutter, selbst in der Kunst erfahren, die so manchen gleich beim Eintritt
in das Leben zum Leben rettet, stand mit Frau Elisabeth in fortdauernd gutem
Vernehmen, und ich mute oft von allen Seiten hren, da mancher unserer
rstigen Bergbewohner diesen beiden Frauen sein Dasein zu danken habe. Das
Geheimnis, womit mich Elisabeth jederzeit empfing, die bndigen Antworten auf
meine rtselhaften Fragen, die ich selbst nicht verstand, erregten mir
sonderbare Ehrfurcht fr sie, und ihr Haus, das hchst reinlich war, schien mir
eine Art von kleinem Heiligtume vorzustellen.
    Indessen hatte ich durch meine Kenntnisse und Handwerksttigkeit in der
Familie ziemlichen Einflu gewonnen. Wie mein Vater als Btticher fr den Keller
gesorgt hatte, so sorgte ich nun fr Dach und Fach und verbesserte manchen
schadhaften Teil der alten Gebude. Besonders wute ich einige verfallene
Scheuern und Remisen fr den huslichen Gebrauch wieder nutzbar zu machen; und
kaum war dieses geschehen, als ich meine geliebte Kapelle zu rumen und zu
reinigen anfing. In wenigen Tagen war sie in Ordnung, fast wie Ihr sie sehet;
wobei ich mich bemhte, die fehlenden oder beschdigten Teile des Tfelwerks dem
Ganzen gleich wiederherzustellen. Auch solltet Ihr diese Flgeltren des
Eingangs wohl fr alt genug halten; sie sind aber von meiner Arbeit. Ich habe
mehrere Jahre zugebracht, sie in ruhigen Stunden zu schnitzen, nachdem ich sie
vorher aus starken eichenen Bohlen im ganzen tchtig zusammengefgt hatte. Was
bis zu dieser Zeit von Gemlden nicht beschdigt oder verloschen war, hat sich
auch noch erhalten, und ich half dem Glasmeister bei einem neuen Bau, mit der
Bedingung, da er bunte Fenster herstellte.
    Hatten jene Bilder und die Gedanken an das Leben des Heiligen meine
Einbildungskraft beschftigt, so drckte sich, das alles nur viel lebhafter bei
mir ein, als ich den Raum wieder fr ein Heiligtum ansehen, darin, besonders zur
Sommerszeit, verweilen und ber das, was ich sah oder vermutete, mit Mue
nachdenken konnte. Es lag eine unwiderstehliche Neigung in mir, diesem Heiligen
nachzufolgen; und da sich hnliche Begebenheiten nicht leicht herbeirufen
lieen, so wollte ich wenigstens von unten auf anfangen, ihm zu gleichen: wie
ich denn wirklich durch den Gebrauch des lastbaren Tiers schon lange begonnen
hatte. Das kleine Geschpf, dessen ich mich bisher bedient, wollte mir nicht
mehr gengen; ich suchte mir einen viel stattlicheren Trger aus, sorgte fr
einen wohlgebauten Sattel, der zum Reiten wie zum Packen gleich bequem war. Ein
paar neue Krbe wurden angeschafft, und ein Netz von bunten Schnren, Flocken
und Quasten, mit klingenden Metallstiften untermischt, zierte den Hals des
langohrigen Geschpfs, das sich nun bald neben seinem Musterbilde an der Wand
zeigen durfte. Niemanden fiel ein, ber mich zu spotten, wenn ich in diesem
Aufzuge durchs Gebirge kam: denn man erlaubt ja gern der Wohlttigkeit eine
wunderliche Auenseite.
    Indessen hatte sich der Krieg, oder vielmehr die Folge desselben, unserer
Gegend genhert, indem verschiedenemal gefhrliche Rotten von verlaufenem
Gesindel sich versammelten und hie und da manche Gewaltttigkeit, manchen
Mutwillen ausbten. Durch die gute Anstalt der Landmiliz, durch Streifungen und
augenblickliche Wachsamkeit wurde dem bel zwar bald gesteuert; doch verfiel man
zu geschwind wieder in Sorglosigkeit, und ehe man sich's versah, brachen wieder
neue beltaten hervor.
    Lange war es in unserer Gegend still gewesen, und ich zog mit meinem
Saumrosse ruhig die gewohnten Pfade, bis ich eines Tages ber die frisch beste
Waldble kam und an dem Rande des Hegegrabens eine weibliche Gestalt sitzend
oder vielmehr liegend fand. Sie schien zu schlafen oder ohnmchtig zu sein. Ich
bemhte mich um sie, und als sie ihre schnen Augen aufschlug und sich in die
Hhe richtete, rief sie mit Lebhaftigkeit aus: Wo ist er? habt Ihr ihn gesehen?
Ich fragte: Wen? Sie versetzte: Meinen Mann! Bei ihrem hchst jugendlichen
Ansehen war mir diese Antwort unerwartet; doch fuhr ich nur um desto lieber
fort, ihr beizustehen und sie meiner Teilnahme zu versichern. Ich vernahm, da
die beiden Reisenden sich wegen der beschwerlichen Fuhrwege von ihrem Wagen
entfernt gehabt, um einen nhern Fuweg einzuschlagen. In der Nhe seien sie von
Bewaffneten berfallen worden, ihr Mann habe sich fechtend entfernt, sie habe
ihm nicht weit folgen knnen und sei an dieser Stelle liegengeblieben, sie wisse
nicht wie lange. Sie bitte mich instndig, sie zu verlassen und ihrem Manne
nachzueilen. Sie richtete sich auf ihre Fe, und die schnste, liebenswrdigste
Gestalt stand vor mir; doch konnte ich leicht bemerken, da sie sich in einem
Zustande befinde, in welchem sie die Beihlfe meiner Mutter und der Frau
Elisabeth wohl bald bedrfen mchte. Wir stritten uns eine Weile: denn ich
verlangte, sie erst in Sicherheit zu bringen; sie verlangte zuerst Nachricht von
ihrem Manne. Sie wollte sich von seiner Spur nicht entfernen, und alle meine
Vorstellungen htten vielleicht nicht gefruchtet, wenn nicht eben ein Kommando
unserer Miliz, welche durch die Nachricht von neuen beltaten rege geworden war,
sich durch den Wald her bewegt htte. Diese wurden unterrichtet, mit ihnen das
Ntige verabredet, der Ort des Zusammentreffens bestimmt und so fr diesmal die
Sache geschlichtet. Geschwind versteckte ich meine Krbe in eine benachbarte
Hhle, die mir schon fters zur Niederlage gedient hatte, richtete meinen Sattel
zum bequemen Sitz und hob, nicht ohne eine sonderbare Empfindung, die schne
Last auf mein williges Tier, das die gewohnten Pfade sogleich von selbst zu
finden wute und mir Gelegenheit gab, nebenher zu gehen.
    Ihr denkt, ohne da ich es weitlufig beschreibe, wie wunderlich mir zumute
war. Was ich so lange gesucht, hatte ich wirklich gefunden. Es war mir, als wenn
ich trumte, und dann gleich wieder, als ob ich aus einem Traume erwachte. Diese
himmlische Gestalt, wie ich sie gleichsam in der Luft schweben und vor den
grnen Bumen sich her bewegen sah, kam mir jetzt wie ein Traum vor, der durch
jene Bilder in der Kapelle sich in meiner Seele erzeugte. Bald schienen mir jene
Bilder nur Trume gewesen zu sein, die sich hier in eine schne Wirklichkeit
auflsten. Ich fragte sie manches, sie antwortete mir sanft und gefllig, wie es
einer anstndig Betrbten ziemt. Oft bat sie mich, wenn wir auf eine entblte
Hhe kamen, stillezuhalten, mich umzusehen, zu horchen. Sie bat mich mit solcher
Anmut, mit einem solchen tief wnschenden Blick unter ihren langen schwarzen
Augenwimpern hervor, da ich alles tun mute, was nur mglich war; ja ich
erkletterte eine freistehende, hohe, astlose Fichte. Nie war mir dieses
Kunststck meines Handwerks willkommener gewesen; nie hatte ich mit mehr
Zufriedenheit von hnlichen Gipfeln, bei Festen und Jahrmrkten, Bnder und
seidene Tcher heruntergeholt. Doch kam ich diesesmal leider ohne Ausbeute; auch
oben sah und hrte ich nichts. Endlich rief sie selbst mir, herabzukommen, und
winkte gar lebhaft mit der Hand; ja, als ich endlich beim Herabgleiten mich in
ziemlicher Hhe loslie und heruntersprang, tat sie einen Schrei, und eine se
Freundlichkeit verbreitete sich ber ihr Gesicht, da sie mich unbeschdigt vor
sich sah.
    Was soll ich Euch lange von den hundert Aufmerksamkeiten unterhalten, womit
ich ihr den ganzen Weg ber angenehm zu werden, sie zu zerstreuen suchte. Und
wie knnte ich es auch! denn das ist eben die Eigenschaft der wahren
Aufmerksamkeit, da sie im Augenblick das Nichts zu Allem macht. Fr mein Gefhl
waren die Blumen, die ich ihr brach, die fernen Gegenden, die ich ihr zeigte,
die Berge, die Wlder, die ich ihr nannte, so viel kostbare Schtze, die ich ihr
zuzueignen dachte, um mich mit ihr in Verhltnis zu setzen, wie man es durch
Geschenke zu tun sucht.
    Schon hatte sie mich fr das ganze Leben gewonnen, als wir in dem Orte vor
der Tre jener guten Frau anlangten und ich schon eine schmerzliche Trennung vor
mir sah. Nochmals durchlief ich ihre ganze Gestalt, und als meine Augen an den
Fu herabkamen, bckte ich mich, als wenn ich etwas am Gurte zu tun htte, und
kte den niedlichsten Schuh, den ich in meinem Leben gesehen hatte, doch ohne
da sie es merkte. Ich half ihr herunter, sprang die Stufen hinauf und rief in
die Haustre: Frau Elisabeth, Ihr werdet heimgesucht! Die Gute trat hervor, und
ich sah ihr ber die Schultern zum Hause hinaus, wie das schne Wesen die Stufen
heraufstieg, mit anmutiger Trauer und innerlichem schmerzlichen Selbstgefhl,
dann meine wrdige Alte freundlich umarmte und sich von ihr in das bessere
Zimmer leiten lie. Sie schlossen sich ein, und ich stand bei meinem Esel vor
der Tr, wie einer, der kostbare Waren abgeladen hat und wieder ein ebenso armer
Treiber ist als vorher.




                               Der Lilienstengel


Ich zauderte noch, mich zu entfernen, denn ich war unschlssig, was ich tun
sollte, als Frau Elisabeth unter die Tre trat und mich ersuchte, meine Mutter
zu ihr zu berufen, alsdann umherzugehen und wo mglich von dem Manne Nachricht
zu geben. Marie lt Euch gar sehr darum ersuchen, sagte sie. - Kann ich sie
nicht noch einmal selbst sprechen? versetzte ich. - Das geht nicht an, sagte
Frau Elisabeth, und wir trennten uns. In kurzer Zeit erreichte ich unsere
Wohnung; meine Mutter war bereit, noch diesen Abend hinabzugehen und der jungen
Fremden hlfreich zu sein. Ich eilte nach dem Lande hinunter und hoffte, bei dem
Amtmann die sichersten Nachrichten zu erhalten. Allein er war noch selbst in
Ungewiheit, und weil er mich kannte, hie er mich die Nacht bei ihm verweilen.
Sie ward mir unendlich lang, und immer hatte ich die schne Gestalt vor Augen,
wie sie auf dem Tiere schwankte und so schmerzhaft freundlich zu mir
heruntersah. Jeden Augenblick hofft' ich auf Nachricht. Ich gnnte und wnschte
dem guten Ehemann das Leben, und doch mochte ich sie mir so gern als Witwe
denken. Das streifende Kommando fand sich nach und nach zusammen, und nach
mancherlei abwechselnden Gerchten zeigte sich endlich die Gewiheit, da der
Wagen gerettet, der unglckliche Gatte aber an seinen Wunden in dem benachbarten
Dorfe gestorben sei. Auch vernahm ich, da nach der frheren Abrede einige
gegangen waren, diese Trauerbotschaft der Frau Elisabeth zu verkndigen. Also
hatte ich dort nichts mehr zu tun noch zu leisten, und doch trieb mich eine
unendliche Ungeduld, ein unermeliches Verlangen durch Berg und Wald wieder vor
ihre Tre. Es war Nacht, das Haus verschlossen, ich sah Licht in den Zimmern,
ich sah Schatten sich an den Vorhngen bewegen, und so sa ich gegenber auf
einer Bank, immer im Begriff anzuklopfen und immer von mancherlei Betrachtungen
zurckgehalten.
    Jedoch was erzhl' ich umstndlich weiter, was eigentlich kein Interesse
hat. Genug, auch am folgenden Morgen nahm man mich nicht ins Haus auf. Man wute
die traurige Nachricht, man bedurfte meiner nicht mehr; man schickte mich zu
meinem Vater, an meine Arbeit; man antwortete nicht auf meine Fragen; man wollte
mich los sein.
    Acht Tage hatte man es so mit mir getrieben, als mich endlich Frau Elisabeth
hereinrief. Tretet sachte auf, mein Freund, sagte sie, aber kommt getrost nher!
Sie fhrte mich in ein reinliches Zimmer, wo ich in der Ecke durch halbgeffnete
Bettvorhnge meine Schne aufrecht sitzen sah. Frau Elisabeth trat zu ihr,
gleichsam um mich zu melden, hub etwas vom Bette auf und brachte mir's entgegen:
in das weieste Zeug gewickelt den schnsten Knaben. Frau Elisabeth hielt ihn
gerade zwischen mich und die Mutter, und auf der Stelle fiel mir der
Lilienstengel ein, der sich auf dem Bilde zwischen Maria und Joseph als Zeuge
eines reinen Verhltnisses aus der Erde hebt. Von dem Augenblicke an war mir
aller Druck vom Herzen genommen; ich war meiner Sache, ich war meines Glcks
gewi. Ich konnte mit Freiheit zu ihr treten, mit ihr sprechen, ihr himmlisches
Auge ertragen, den Knaben auf den Arm nehmen und ihm einen herzlichen Ku auf
die Stirn drcken.
    Wie danke ich Euch fr Eure Neigung zu diesem verwaisten Kinde! sagte die
Mutter. - Unbedachtsam und lebhaft rief ich aus: Es ist keine Waise mehr, wenn
Ihr wollt!
    Frau Elisabeth, klger als ich, nahm mir das Kind ab und wute mich zu
entfernen.
    Noch immer dient mir das Andenken jener Zeit zur glcklichsten Unterhaltung,
wenn ich unsere Berge und Tler zu durchwandern gentigt bin. Noch wei ich mir
den kleinsten Umstand zurckzurufen, womit ich Euch jedoch, wie billig,
verschone. Wochen gingen vorber; Maria hatte sich erholt, ich konnte sie fter
sehen, mein Umgang mit ihr war eine Folge von Diensten und Aufmerksamkeiten.
Ihre Familienverhltnisse erlaubten ihr einen Wohnort nach Belieben. Erst
verweilte sie bei Frau Elisabeth; dann besuchte sie uns, meiner Mutter und mir
fr so vielen und freundlichen Beistand zu danken. Sie gefiel sich bei uns, und
ich schmeichelte mir, es geschehe zum Teil um meinetwillen. Was ich jedoch so
gern gesagt htte und nicht zu sagen wagte, kam auf eine sonderbare und
liebliche Weise zur Sprache, als ich sie in die Kapelle fhrte, die ich schon
damals zu einem wohnbaren Saal umgeschaffen hatte. Ich zeigte und erklrte ihr
die Bilder, eins nach dem andern, und entwickelte dabei die Pflichten eines
Pflegevaters auf eine so lebendige und herzliche Weise, da ihr die Trnen in
die Augen traten und ich mit meiner Bilderdeutung nicht zu Ende kommen konnte.
Ich glaubte ihrer Neigung gewi zu sein, ob ich gleich nicht stolz genug war,
das Andenken ihres Mannes so schnell auslschen zu wollen. Das Gesetz
verpflichtet die Witwen zu einem Trauerjahre, und gewi ist eine solche Epoche,
die den Wechsel aller irdischen Dinge in sich begreift, einem fhlenden Herzen
ntig, um die schmerzlichen Eindrcke eines groen Verlustes zu mildern. Man
sieht die Blumen welken und die Bltter fallen, aber man sieht auch Frchte
reifen und neue Knospen keimen. Das Leben gehrt den Lebendigen an, und wer
lebt, mu auf Wechsel gefat sein.
    Ich sprach nun mit meiner Mutter ber die Angelegenheit, die mir so sehr am
Herzen lag. Sie entdeckte mir darauf, wie schmerzlich Marien der Tod ihres
Mannes gewesen und wie sie sich ganz allein durch den Gedanken, da sie fr das
Kind leben msse, wieder aufgerichtet habe. Meine Neigung war den Frauen nicht
unbekannt geblieben, und schon hatte sich Marie an die Vorstellung gewhnt, mit
uns zu leben. Sie verweilte noch eine Zeitlang in der Nachbarschaft; dann zog
sie zu uns herauf, und wir lebten noch eine Weile in dem frmmsten und
glcklichsten Brautstande. Endlich verbanden wir uns. Jenes erste Gefhl, das
uns zusammengefhrt hatte, verlor sich nicht. Die Pflichten und Freuden des
Pflegevaters und Vaters vereinigten sich; und so berschritt zwar unsere kleine
Familie, indem sie sich vermehrte, ihr Vorbild an Zahl der Personen, aber die
Tugenden jenes Musterbildes an Treue und Reinheit der Gesinnungen wurden von uns
heilig bewahrt und gebt. Und so erhalten wir auch mit freundlicher Gewohnheit
den uern Schein, zu dem wir zufllig gelangt und der so gut zu unserm Innern
pat: denn ob wir gleich alle gute Fugnger und rstige Trger sind, so bleibt
das lastbare Tier doch immer in unserer Gesellschaft, um eine oder die andere
Brde fortzubringen, wenn uns ein Geschft oder Besuch durch diese Berge und
Tler ntigt. Wie Ihr uns gestern angetroffen habt, so kennt uns die ganze
Gegend, und wir sind stolz darauf, da unser Wandel von der Art ist, um jenen
heiligen Namen und Gestalten, zu deren Nachahmung wir uns bekennen, keine
Schande zu machen.

                                Drittes Kapitel


                              Wilhelm an Natalien

Soeben schliee ich eine angenehme, halb wunderbare Geschichte, die ich fr dich
aus dem Munde eines gar wackern Mannes aufgeschrieben habe. Wenn es nicht ganz
seine Worte sind, wenn ich hie und da meine Gesinnungen bei Gelegenheit der
seinigen ausgedrckt habe, so war es bei der Verwandtschaft, die ich hier mit
ihm fhlte, ganz natrlich. Jene Verehrung seines Weibes, gleicht sie nicht
derjenigen, die ich fr dich empfinde? und hat nicht selbst das Zusammentreffen
dieser beiden Liebenden etwas hnliches mit dem unsrigen? Da er aber glcklich
genug ist, neben dem Tiere herzugehen, das die doppelt schne Brde trgt, da
er mit seinem Familienzug abends in das alte Klostertor eindringen kann, da er
unzertrennlich von seiner Geliebten, von den Seinigen ist, darber darf ich ihn
wohl im stillen beneiden. Dagegen darf ich nicht einmal mein Schicksal beklagen,
weil ich dir zugesagt habe, zu schweigen und zu dulden, wie du es auch
bernommen hast.
    Gar manchen schnen Zug des Zusammenseins dieser frommen und heitern
Menschen mu ich bergehen: denn wie liee sich alles schreiben! Einige Tage
sind mir angenehm vergangen, aber der dritte mahnt mich nun, auf meinen weitern
Weg bedacht zu sein.
    Mit Felix hatte ich heut einen kleinen Handel: denn er wollte fast mich
ntigen, einen meiner guten Vorstze zu bertreten, die ich dir angelobt habe.
Ein Fehler, ein Unglck, ein Schicksal ist mir's nun einmal, da sich, ehe ich
mich's versehe, die Gesellschaft um mich vermehrt, da ich mir eine neue Brde
auflade, an der ich nachher zu tragen und zu schleppen habe. Nun soll auf meiner
Wanderschaft kein Dritter uns ein bestndiger Geselle werden. Wir wollen und
sollen zu zwei sein und bleiben, und eben schien sich ein neues, eben nicht
erfreuliches Verhltnis anknpfen zu wollen.
    Zu den Kindern des Hauses, mit denen Felix sich spielend diese Tage her
ergtzte, hatte sich ein kleiner, munterer, armer Junge gesellt, der sich eben
brauchen und mibrauchen lie, wie es gerade das Spiel mit sich brachte, und
sich sehr geschwind bei Felix in Gunst setzte. Und ich merkte schon an allerlei
uerungen, da dieser sich einen Gespielen fr den nchsten Weg auserkoren
hatte. Der Knabe ist hier in der Gegend bekannt, wird wegen seiner Munterkeit
berall geduldet und empfngt gelegentlich ein Almosen. Mir aber gefiel er
nicht, und ich ersuchte den Hausherrn, ihn zu entfernen. Das geschah auch, aber
Felix war unwillig darber, und es gab eine kleine Szene.
    Bei dieser Gelegenheit macht' ich eine Entdeckung, die mir angenehm war. In
der Ecke der Kapelle oder des Saals stand ein Kasten mit Steinen, welchen Felix,
der seit unserer Wanderung durchs Gebirg eine gewaltsame Neigung zum Gestein
bekommen, eifrig hervorzog und durchsuchte. Es waren schne, in die Augen
fallende Dinge darunter. Unser Wirt sagte, das Kind knne sich auslesen, was es
wolle. Es sei dieses Gestein berblieben von einer groen Masse, die ein Fremder
vor kurzem von hier weggesendet. Er nannte ihn Montan, und du kannst denken, da
ich mich freute, diesen Namen zu hren, unter dem einer von unsern besten
Freunden reist, dem wir so manches schuldig sind. Indem ich nach Zeit und
Umstnden fragte, kann ich hoffen, ihn auf meiner Wanderung bald zu treffen.

Die Nachricht, da Montan sich in der Nhe befinde, hatte Wilhelmen nachdenklich
gemacht. Er berlegte, da es nicht blo dem Zufall zu berlassen sei, ob er
einen so werten Freund wiedersehen solle, und erkundigte sich daher bei seinem
Wirte, ob man nicht wisse, wohin dieser Reisende seinen Weg gerichtet habe.
Niemand hatte davon nhere Kenntnis, und schon war Wilhelm entschlossen, seine
Wanderung nach dem ersten Plane fortzusetzen, als Felix ausrief: Wenn der Vater
nicht so eigen wre, wir wollten Montan schon finden. - Auf welche Weise?
fragte Wilhelm. Felix versetzte: Der kleine Fitz sagte gestern, er wolle den
Herrn wohl aufspren, der schne Steine bei sich habe und sich auch gut darauf
verstnde. Nach einigem Hin- und Widerreden entschlo sich Wilhelm zuletzt, den
Versuch zu machen und dabei auf den verdchtigen Knaben desto mehr Acht zu
geben. Dieser war bald gefunden und brachte, da er vernahm, worauf es abgesehen
sei, Schlegel und Eisen und einen tchtigen Hammer nebst einem Sckchen mit und
lief in seiner bergmnnischen Tracht munter vorauf.
    Der Weg ging seitwrts abermals bergauf. Die Kinder sprangen miteinander von
Fels zu Fels, ber Stock und Stein, ber Bach und Quelle, und ohne einen Pfad
vor sich zu haben, drang Fitz, bald rechts bald links blickend, eilig hinauf. Da
Wilhelm und besonders der bepackte Bote nicht so schnell folgten, so machten die
Knaben den Weg mehrmals vor- und rckwrts und sangen und pfiffen. Die Gestalt
einiger fremden Bume erregte die Aufmerksamkeit des Felix, der nunmehr mit den
Lrchen- und Zirbelbumen zuerst Bekanntschaft machte und von den wunderbaren
Genzianen angezogen ward. Und so fehlte es der beschwerlichen Wanderung von
einer Stelle zur andern nicht an Unterhaltung.
    Der kleine Fitz stand auf einmal still und horchte. Er winkte die andern
herbei: Hrt ihr pochen? sprach er. Es ist der Schall eines Hammers, der den
Fels trifft. - Wir hren's, versetzten die andern. - Das ist Montan! sagte
er, oder jemand, der uns von ihm Nachricht geben kann. - Als sie dem Schalle
nachgingen, der sich von Zeit zu Zeit wiederholte, trafen sie auf eine Waldble
und sahen einen steilen, hohen, nackten Felsen ber alles hervorragen, die hohen
Wlder selbst tief unter sich lassend. Auf dem Gipfel erblickten sie eine
Person. Sie stand zu entfernt, um erkannt zu werden. Sogleich machten sich die
Kinder auf, die schroffen Pfade zu erklettern. Wilhelm folgte mit einiger
Beschwerlichkeit, ja Gefahr: denn wer zuerst einen Felsen hinaufsteigt, geht
immer sicherer, weil er sich die Gelegenheit aussucht; einer, der nachfolgt,
sieht nur, wohin jener gelangt ist, aber nicht wie. Die Knaben erreichten bald
den Gipfel, und Wilhelm vernahm ein lautes Freudengeschrei. Es ist Jarno! rief
Felix seinem Vater entgegen, und Jarno trat sogleich an eine schroffe Stelle,
reichte seinem Freunde die Hand und zog ihn aufwrts. Sie umarmten und
bewillkommten sich in der freien Himmelsluft mit Entzcken.
    Kaum aber hatten sie sich losgelassen, als Wilhelm ein Schwindel berfiel,
nicht sowohl um seinetwillen, als weil er die Kinder ber dem ungeheuren
Abgrunde hngen sah. Jarno bemerkte es und hie alle sogleich niedersitzen. Es
ist nichts natrlicher, sagte er, als da uns vor einem groen Anblick
schwindelt, vor dem wir uns unerwartet befinden, um zugleich unsere Kleinheit
und unsere Gre zu fhlen. Aber es ist ja berhaupt kein echter Genu als da,
wo man erst schwindeln mu.
    Sind denn das da unten die groen Berge, ber die wir gestiegen sind?
fragte Felix. Wie klein sehen sie aus! Und hier, fuhr er fort, indem er ein
Stckchen Stein vom Gipfel loslste, ist ja schon das Katzengold wieder; das
ist ja wohl berall? - Es ist weit und breit, versetzte Jarno; und da du
nach solchen Dingen fragst, so merke dir, da du gegenwrtig auf dem ltesten
Gebirge, auf dem frhesten Gestein dieser Welt sitzest. - Ist denn die Welt
nicht auf einmal gemacht? fragte Felix. - Schwerlich, versetzte Montan; gut
Ding will Weile haben. - Da unten ist also wieder anderes Gestein, sagte
Felix, und dort wieder anderes, und immer wieder anderes! indem er von den
nchsten Bergen auf die entfernteren und so in die Ebene hinab wies.
    Es war ein sehr schner Tag, und Jarno lie sie die herrliche Aussicht im
einzelnen betrachten. Noch standen hie und da mehrere Gipfel, dem hnlich,
worauf sie sich befanden. Ein mittleres Gebirg schien heranzustreben, aber
erreichte noch lange die Hhe nicht. Weiter hin verflchte es sich immer mehr,
doch zeigten sich wieder seltsam vorspringende Gestalten. Endlich wurden auch in
der Ferne die Seen, die Flsse sichtbar, und eine fruchtreiche Gegend schien
sich wie ein Meer auszubreiten. Zog sich der Blick wieder zurck, so drang er in
schauerliche Tiefen, von Wasserfllen durchrauscht, labyrinthisch miteinander
zusammenhngend.
    Felix ward des Fragens nicht mde und Jarno gefllig genug, ihm jede Frage
zu beantworten; wobei jedoch Wilhelm zu bemerken glaubte, da der Lehrer nicht
durchaus wahr und aufrichtig sei. Daher, als die unruhigen Knaben
weiterkletterten, sagte Wilhelm zu seinem Freunde: Du hast mit dem Kinde ber
diese Sachen nicht gesprochen, wie du mit dir selber darber sprichst. - Das
ist auch eine starke Forderung, versetzte Jarno. Spricht man ja mit sich
selbst nicht immer, wie man denkt, und es ist Pflicht, andern nur dasjenige zu
sagen, was sie aufnehmen knnen. Der Mensch versteht nichts, als was ihm gem
ist. Die Kinder an der Gegenwart festzuhalten, ihnen eine Benennung, eine
Bezeichnung zu berliefern, ist das Beste, was man tun kann. Sie fragen ohnehin
frh genug nach den Ursachen.
    Es ist ihnen nicht zu verdenken, versetzte Wilhelm. Die Mannigfaltigkeit
der Gegenstnde verwirrt jeden, und es ist bequemer, anstatt sie zu entwickeln,
geschwind zu fragen: woher? und wohin? - Und doch kann man, sagte Jarno, da
Kinder die Gegenstnde nur oberflchlich sehen, mit ihnen vom Werden und vom
Zweck auch nur oberflchlich reden. - Die meisten Menschen, erwiderte
Wilhelm, bleiben lebenslnglich in diesem Falle und erreichen nicht jene
herrliche Epoche, in der uns das Faliche gemein und albern vorkommt. - Man
kann sie wohl herrlich nennen, versetzte Jarno, denn es ist ein Mittelzustand
zwischen Verzweiflung und Vergtterung. - La uns bei dem Knaben verharren,
sagte Wilhelm, der mir nun vor allem angelegen ist. Er hat nun einmal Freude an
dem Gestein gewonnen, seitdem wir auf der Reise sind. Kannst du mir nicht so
viel mitteilen, da ich ihm, wenigstens auf eine Zeit, genugtue? - Das geht
nicht an, sagte Jarno. In einem jeden neuen Kreise mu man zuerst wieder als
Kind anfangen, leidenschaftliches Interesse auf die Sache werfen, sich erst an
der Schale freuen, bis man zu dem Kerne zu gelangen das Glck hat.
    So sage mir denn, versetzte Wilhelm, wie bist du zu diesen Kenntnissen
und Einsichten gelangt? denn es ist doch so lange noch nicht her, da wir
auseinandergingen! - Mein Freund, versetzte Jarno, wir muten uns
resignieren, wo nicht fr immer, doch fr eine gute Zeit. Das erste, was einem
tchtigen Menschen unter solchen Umstnden einfllt, ist, ein neues Leben zu
beginnen. Neue Gegenstnde sind ihm nicht genug: diese taugen nur zur
Zerstreuung; er fordert ein neues Ganze und stellt sich gleich in dessen Mitte.
- Warum denn aber, fiel Wilhelm ihm ein, gerade dieses Allerseltsamste, diese
einsamste aller Neigungen? - Eben deshalb, rief Jarno, weil sie
einsiedlerisch ist. Die Menschen wollt' ich meiden. Ihnen ist nicht zu helfen,
und sie hindern uns, da man sich selbst hilft. Sind sie glcklich, so soll man
sie in ihren Albernheiten gewhren lassen; sind sie unglcklich, so soll man sie
retten, ohne diese Albernheiten anzutasten; und niemand fragt jemals, ob du
glcklich oder unglcklich bist. - Es steht noch nicht so ganz schlimm mit
ihnen, versetzte Wilhelm lchelnd. - Ich will dir dein Glck nicht
absprechen, sagte Jarno. Wandre nur hin, du zweiter Diogenes! La dein
Lmpchen am hellen Tage nicht verlschen! Dort hinabwrts liegt eine neue Welt
vor dir; aber ich will wetten, es geht darin zu wie in der alten hinter uns.
Wenn du nicht kuppeln und Schulden bezahlen kannst, so bist du unter ihnen
nichts ntze. - Unterhaltender scheinen sie mir doch, versetzte Wilhelm, als
deine starren Felsen. - Keineswegs, versetzte Jarno, denn diese sind
wenigstens nicht zu begreifen. - Du suchst eine Ausrede, versetzte Wilhelm,
denn es ist nicht in deiner Art, dich mit Dingen abzugeben, die keine Hoffnung
briglassen, sie zu begreifen. Sei aufrichtig und sage mir, was du an diesen
kalten und starren Liebhabereien gefunden hast? - Das ist schwer von jeder
Liebhaberei zu sagen, besonders von dieser. Dann besann er sich einen
Augenblick und sprach: Buchstaben mgen eine schne Sache sein, und doch sind
sie unzulnglich, die Tne auszudrcken; Tne knnen wir nicht entbehren, und
doch sind sie bei weitem nicht hinreichend, den eigentlichen Sinn verlauten zu
lassen; am Ende kleben wir am Buchstaben und am Ton und sind nicht besser dran,
als wenn wir sie ganz entbehrten; was wir mitteilen, was uns berliefert wird,
ist immer nur das Gemeinste, der Mhe gar nicht wert.
    Du willst mir ausweichen, sagte der Freund; denn was soll das zu diesen
Felsen und Zacken? - Wenn ich nun aber, versetzte jener, eben diese Spalten
und Risse als Buchstaben behandelte, sie zu entziffern suchte, sie zu Worten
bildete und sie fertig zu lesen lernte, httest du etwas dagegen? - Nein, aber
es scheint mir ein weitlufiges Alphabet. - Enger, als du denkst; man mu es
nur kennen lernen wie ein anderes auch. Die Natur hat nur eine Schrift, und ich
brauche mich nicht mit so vielen Kritzeleien herumzuschleppen. Hier darf ich
nicht frchten, wie wohl geschieht, wenn ich mich lange und liebevoll mit einem
Pergament abgegeben habe, da ein scharfer Kritikus kommt und mir versichert,
das alles sei nur untergeschoben. - Lchelnd versetzte der Freund: Und doch
wird man auch hier deine Lesarten streitig machen. - Eben deswegen, sagte
jener, red' ich mit niemenden darber und mag auch mit dir, eben weil ich dich
liebe, das schlechte Zeug von den Worten nicht weiter wechseln und betrieglich
austauschen.

                                Viertes Kapitel


Beide Freunde waren, nicht ohne Sorgfalt und Mhe, herabgestiegen, um die Kinder
zu erreichen, die sich unten an einem schattigen Orte gelagert hatten. Fast
eifriger als der Mundvorrat wurden die gesammelten Steinmuster von Montan und
Felix ausgepackt. Der letztere hatte viel zu fragen, der erstere viel zu
benennen. Felix freute sich, da jener die Namen von allen wisse, und behielt
sie schnell im Gedchtnis. Endlich brachte er noch einen hervor und fragte: Wie
heit denn dieser? Montan betrachtete ihn mit Verwunderung und sagte: Wo habt
ihr den her? Fitz antwortete schnell: Ich habe ihn gefunden, er ist aus diesem
Lande. - Er ist nicht aus dieser Gegend, versetzte Montan. Fitz freute sich,
den berlegenen Mann in einigem Zweifel zu sehen. - Du sollst einen Dukaten
haben, sagte Montan, wenn du mich an die Stelle bringst, wo er ansteht. -
Der ist leicht zu verdienen, versetzte Fitz, aber nicht gleich. - So
bezeichne mir den Ort genau, da ich ihn gewi finden kann. Das ist aber
unmglich: denn es ist ein Kreuzstein, der von St. Jakob in Compostell kommt und
den ein Fremder verloren hat, wenn du ihn nicht gar entwendet hast, da er so
wunderbar aussieht. - Gebt Euren Dukaten, sagte Fitz, dem Reisegefhrten in
Verwahrung, und ich will aufrichtig bekennen, wo ich den Stein her habe. In der
verfallenen Kirche zu St. Joseph befindet sich ein gleichfalls verfallener
Altar. Unter den auseinandergebrochenen obern Steinen desselben entdeckt' ich
eine Schicht von diesem Gestein, das jenen zur Grundlage diente, und schlug
davon so viel herunter, als ich habhaft werden konnte. Wlzte man die obern
Steine weg, so wrde gewi noch viel davon zu finden sein.
    Nimm dein Goldstck, versetzte Montan, du verdienst es fr diese
Entdeckung. Sie ist artig genug. Man freut sich mit Recht, wenn die leblose
Natur ein Gleichnis dessen, was wir lieben und verehren, hervorbringt. Sie
erscheint uns in Gestalt einer Sibylle, die ein Zeugnis dessen, was von der
Ewigkeit her beschlossen ist und erst in der Zeit wirklich werden soll, zum
voraus niederlegt. Hierauf als auf eine wundervolle, heilige Schicht hatten die
Priester ihren Altar gegrndet.
    Wilhelm, der eine Zeitlang zugehrt und bemerkt hatte, da manche Benennung,
manche Bezeichnung wiederkam, wiederholte seinen schon frher geuerten Wunsch,
da Montan ihm so viel mitteilen mge, als er zum ersten Unterricht des Knaben
ntig htte. - Gib das auf, versetzte Montan. Es ist nichts schrecklicher als
ein Lehrer, der nicht mehr wei, als die Schler allenfalls wissen sollen. Wer
andere lehren will, kann wohl oft das Beste verschweigen, was er wei, aber er
darf nicht halbwissend sein. - Wo sind denn aber so vollkommene Lehrer zu
finden? - Die triffst du sehr leicht, versetzte Montan. - Wo denn? sagte
Wilhelm mit einigem Unglauben. - Da, wo die Sache zu Hause ist, die du lernen
willst, versetzte Montan. Den besten Unterricht zieht man aus vollstndiger
Umgebung. Lernst du nicht fremde Sprachen in den Lndern am besten, wo sie zu
Hause sind? wo nur diese und keine andere weiter dein Ohr berhrt? - Und so
wrst du, fragte Wilhelm, zwischen den Gebirgen zur Kenntnis der Gebirge
gelangt? - Das versteht sich. - Ohne mit Menschen umzugehen? fragte
Wilhelm. - Wenigstens nur mit Menschen, versetzte jener, die bergartig waren.
Da, wo Pygmen, angereizt durch Metalladern, den Fels durchwhlen, das Innere
der Erde zugnglich machen und auf alle Weise die schwersten Aufgaben zu lsen
suchen, da ist der Ort, wo der wibegierige Denkende seinen Platz nehmen soll.
Er sieht handeln, tun, lt geschehen und erfreut sich des Geglckten und
Miglckten. Was ntzt, ist nur ein Teil des Bedeutenden. Um einen Gegenstand
ganz zu besitzen, zu beherrschen, mu man ihn um sein selbst willen studieren.
Indem ich aber vom Hchsten und Letzten spreche, wozu man sich erst spt durch
vieles und reiches Gewahrwerden emporhebt, seh' ich die Knaben vor uns, bei
denen klingt es ganz anders. Jede Art von Ttigkeit mchte das Kind ergreifen,
weil alles leicht aussieht, was vortrefflich ausgebt wird. Aller Anfang ist
schwer! Das mag in einem gewissen Sinne wahr sein; allgemeiner aber kann man
sagen: aller Anfang ist leicht, und die letzten Stufen werden am schwersten und
seltensten erstiegen.
    Wilhelm, der indessen nachgedacht hatte, sagte zu Montan: Solltest du
wirklich zu der berzeugung gegriffen haben, da die smtlichen Ttigkeiten, wie
in der Ausbung, so auch im Unterricht zu sondern seien? - Ich wei mir nichts
anderes noch Besseres, erwiderte jener. Was der Mensch leisten soll, mu sich
als ein zweites Selbst von ihm ablsen, und wie knnte das mglich sein, wre
sein erstes Selbst nicht ganz davon durchdrungen? - Man hat aber doch eine
vielseitige Bildung fr vorteilhaft und notwendig gehalten. - Sie kann es auch
sein zu ihrer Zeit, versetzte jener; Vielseitigkeit bereitet eigentlich nur
das Element vor, worin der Einseitige wirken kann, dem eben jetzt genug Raum
gegeben ist. Ja, es ist jetzo die Zeit der Einseitigkeiten; wohl dem, der es
begreift, fr sich und andere in diesem Sinne wirkt. Bei gewissen Dingen
versteht sich's durchaus und sogleich. be dich zum tchtigen Violinisten und
sei versichert, der Kapellmeister wird dir deinen Platz im Orchester mit Gunst
anweisen. Mache ein Organ aus dir und erwarte, was fr eine Stelle dir die
Menschheit im allgemeinen Leben wohlmeinend zugestehen werde. La uns abbrechen!
Wer es nicht glauben will, der gehe seinen Weg, auch der gelingt zuweilen; ich
aber sage: von unten hinauf zu dienen, ist berall ntig. Sich auf ein Handwerk
zu beschrnken, ist das Beste. Fr den geringsten Kopf wird es immer ein
Handwerk, fr den besseren eine Kunst, und der beste, wenn er eins tut, tut er
alles, oder, um weniger paradox zu sein, in dem einen, was er recht tut, sieht
er das Gleichnis von allem, was recht getan wird.
    Dieses Gesprch, das wir nur skizzenhaft wiederliefern, verzog sich bis
gegen Sonnenuntergang, der, so herrlich er war, doch die Gesellschaft nachdenken
lie, wo man die Nacht zubringen wollte. Unter Dach wte ich euch nicht zu
fhren, sagte Fitz; wollt ihr aber bei einem guten alten Khler, an warmer
Sttte die Nacht versitzen oder verliegen, so seid ihr willkommen. Und so
folgten sie ihm alle durch wundersame Pfade zum stillen Ort, wo sich ein jeder
bald einheimisch fhlen sollte.
    In der Mitte eines beschrnkten Waldraums lag dampfend und wrmend der
wohlgewlbte Kohlenmeiler, an der Seite die Htte von Tannenreisern, ein helles
Feuerchen daneben. Man setzte sich, man richtete sich ein. Die Kinder waren
sogleich um die Khlersfrau geschftig, welche, gastfreundlich bemht, erhitzte
Brotschnitten mit Butter zu trnken und durchziehen zu lassen, kstlich fette
Bissen den hungrig Lsternen bereitete.
    Indes nun darauf die Knaben durch die kaum erhellten Fichtenstmme
Versteckens spielten, wie Wlfe heulten, wie Hunde bellten, so da auch wohl ein
herzhafter Wanderer darber htte erschrecken mgen, besprachen sich die Freunde
vertraulich ber ihre Zustnde. Nun aber gehrte zu den sonderbaren
Verpflichtungen der Entsagenden auch die: da sie, zusammentreffend, weder vom
Vergangenen noch Knftigen sprechen durften, nur das Gegenwrtige sollte sie
beschftigen.
    Jarno, der von bergmnnischen Unternehmungen und den dazu erforderlichen
Kenntnissen und Tatfhigkeiten den Sinn voll hatte, trug Wilhelmen auf das
genaueste und vollstndigste mit Leidenschaft vor, was er sich alles in beiden
Weltteilen von solchen Kunsteinsichten und Fertigkeiten verspreche; wovon sich
jedoch der Freund, der immer nur im menschlichen Herzen den wahren Schatz
gesucht, kaum einen Begriff machen konnte, vielmehr zuletzt lchelnd erwiderte:
So stehst du ja mit dir selbst im Widerspruch, indem du erst in deinen ltern
Tagen dasjenige zu treiben anfngst, wozu man von Jugend auf sollte eingeleitet
sein. - Keineswegs! erwiderte jener; denn eben da ich in meiner Kindheit
bei einem liebenden Oheim, einem hohen Bergbeamten, erzogen wurde, da ich mit
den Pochjungen gro geworden bin, auf dem Berggraben mit ihnen kleine
Rindenschiffchen niederfahren lie, das hat mich zurck in diesen Kreis gefhrt,
wo ich mich nun wieder behaglich und verjngt fhle. Schwerlich kann dieser
Khlerdampf dir zusagen wie mir, der ich ihn von Kindheit auf als Weihrauch
einzuschlrfen gewohnt bin. Ich habe viel in der Welt versucht und immer
dasselbe gefunden: in der Gewohnheit ruht das einzige Behagen des Menschen;
selbst das Unangenehme, woran wir uns gewhnten, vermissen wir ungern. Ich
qulte mich einmal gar lange mit einer Wunde, die nicht heilen wollte, und als
ich endlich genas, war es mir hchst unangenehm, als der Chirurg ausblieb, sie
nicht mehr verband und das Frhstck nicht mehr mit mir einnahm.
    Ich mchte aber doch, versetzte Wilhelm, meinem Sohn einen freieren Blick
ber die Welt verschaffen, als ein beschrnktes Handwerk zu geben vermag. Man
umgrenze den Menschen, wie man wolle, so schaut er doch zuletzt in seiner Zeit
umher; und wie kann er die begreifen, wenn er nicht einigermaen wei, was
vorhergegangen ist. Und mte er nicht mit Erstaunen in jeden Gewrzladen
eintreten, wenn er keinen Begriff von den Lndern htte, woher diese
unentbehrlichen Seltsamkeiten bis zu ihm gekommen sind?
    Wozu die Umstnde? versetzte Jarno; lese er die Zeitungen wie jeder
Philister und trinke Kaffee wie jede alte Frau. Wenn du es aber doch nicht
lassen kannst und auf eine vollkommene Bildung so versessen bist, so begreif'
ich nicht, wie du so blind sein kannst, wie du noch lange suchen magst, wie du
nicht siehst, da du dich ganz in der Nhe einer vortrefflichen
Erziehungsanstalt befindest. - In der Nhe? sagte Wilhelm und schttelte den
Kopf. - Freilich! versetzte jener; was siehst du hier? - Wo denn? - Grad
hier vor der Nase. Jarno streckte seinen Zeigefinger aus und deutete und rief
ungeduldig: Was ist denn das? - Nun denn! sagte Wilhelm, ein Kohlenmeiler;
aber was soll das hierzu? - Gut! endlich! ein Kohlenmeiler! Wie verfhrt man,
um ihn anzurichten? - Man stellt Scheite an-und bereinander. - Wenn das
getan ist, was geschieht ferner? - Wie mir scheint, sagte Wilhelm, willst du
auf sokratische Weise mir die Ehre antun, mir begreiflich zu machen, mich
bekennen zu lassen, da ich uerst absurd und dickstirnig sei.
    Keineswegs! versetzte Jarno; fahre fort, mein Freund, pnktlich zu
antworten. Also! was geschieht nun, wenn der regelmige Holzsto dicht und doch
luftig geschichtet worden? - Nun denn! man zndet ihn an. - Und wenn er nun
durchaus entzndet ist, wenn die Flamme durch jede Ritze durchschlgt, wie
betrgt man sich? lt man's fortbrennen? - Keineswegs! man deckt eilig mit
Rasen und Erde, mit Kohlengestiebe und was man bei der Hand hat, die durch und
durch dringende Flamme zu. - Um sie auszulschen? - Keineswegs! um sie zu
dmpfen. - Und also lt man ihr so viel Luft als ntig, da sich alles mit
Glut durchziehe, damit alles recht gar werde. Alsdann verschliet man jede
Ritze, verhindert jeden Ausbruch, damit ja alles nach und nach in sich selbst
verlsche, verkohle, verkhle, zuletzt auseinandergezogen als verkufliche Ware
an Schmied und Schlosser, an Bcker und Koch abgelassen und, wenn es zu Nutzen
und Frommen der lieben Christenheit genugsam gedient, als Asche von Wscherinnen
und Seifensiedern verbraucht werde.
    Nun, versetzte Wilhelm lachend, in Bezug auf dieses Gleichnis, wie siehst
du dich denn an? - Das ist nicht schwer zu sagen, erwiderte Jarno, ich halte
mich fr einen alten Kohlenkorb tchtig bchener Kohlen, dabei aber erlaub' ich
mir die Eigenheit, mich nur um mein selbst willen zu verbrennen, deswegen ich
denn den Leuten gar wunderlich vorkomme. - Und mich? sagte Wilhelm, wie
wirst du mich behandeln? - Jetzt besonders, sagte Jarno, seh' ich dich an
wie einen Wanderstab, der die wunderliche Eigenschaft hat, in jeder Ecke zu
grnen, wo man ihn hinstellt, nirgends aber Wurzel zu fassen. Nun male dir das
Gleichnis weiter aus und lerne begreifen, wenn weder Frster noch Grtner, weder
Khler noch Tischer, noch irgendein Handwerker aus dir etwas zu machen wei.
    Unter solchem Gesprch nun zog Wilhelm, ich wei nicht zu welchem Gebrauch,
etwas aus dem Busen, das halb wie eine Brieftasche, halb wie ein Besteck aussah
und von Montan als ein Altbekanntes angesprochen wurde. Unser Freund leugnete
nicht, da er es als eine Art von Fetisch bei sich trage, in dem Aberglauben,
sein Schicksal hange gewissermaen von dessen Besitz ab.
    Was es aber gewesen, drfen wir an dieser Stelle dem Leser noch nicht
vertrauen, so viel aber mssen wir sagen, da hieran sich ein Gesprch
anknpfte, dessen Resultate sich endlich dahin ergaben, da Wilhelm bekannte:
wie er schon lngst geneigt sei, einem gewissen besondern Geschft, einer ganz
eigentlich ntzlichen Kunst sich zu widmen, vorausgesetzt, Montan werde sich bei
den Verbndeten dahin verwenden, da die lstigste aller Lebensbedingungen,
nicht lnger als drei Tage an einem Orte zu verweilen, baldigst aufgehoben und
ihm vergnnt werde, sich zu Erreichung seines Zweckes da oder dort, wie es ihm
belieben mge, aufzuhalten. Dies versprach Montan zu bewirken, nachdem jener
feierlich angelobt hatte, die vertraulich ausgesprochene Absicht unablssig zu
verfolgen und den einmal gefaten Vorsatz auf das treulichste festzuhalten.
    Dieses alles ernstlich durchsprechend und einander unablssig erwidernd,
waren sie von ihrer Nachtsttte, wo sich eine wunderlich verdchtige
Gesellschaft nach und nach versammelt hatte, bei Tagesanbruch aus dem Wald auf
eine Ble gekommen, an der sie einiges Wild antrafen, das besonders dem
frhlich auffassenden Felix viel Freude machte. Man bereitete sich zum Scheiden,
denn hier deuteten die Pfade nach verschiedenen Himmelsgegenden. Fitz ward nun
ber die verschiedenen Richtungen befragt, der aber zerstreut schien und gegen
seine Gewohnheit verworrene Antworten gab.
    Du bist berhaupt ein Schelm, sagte Jarno; diese Mnner heute nacht, die
sich um uns herum setzten, kanntest du alle. Es waren Holzhauer und Bergleute,
das mochte hingehen, aber die letzten halt' ich fr Schmuggler, fr Wilddiebe,
und der lange, ganz letzte, der immer Zeichen in den Sand schrieb und den die
andern mit einiger Achtung behandelten, war gewi ein Schatzgrber, mit dem du
unter der Decke spielst.
    Es sind alles gute Leute, lie Fitz sich darauf vernehmen; sie nhren
sich kmmerlich, und wenn sie manchmal etwas tun, was die andern verbieten, so
sind es arme Teufel, die sich selbst etwas erlauben mssen, nur um zu leben.
    Eigentlich aber war der kleine, schelmische Junge, da er Vorbereitungen der
Freunde, sich zu trennen, bemerkte, nachdenklich; er berlegte sich etwas im
stillen, denn er stand zweifelhaft, welchem von beiden Teilen er folgen sollte.
Er berechnete seinen Vorteil: Vater und Sohn gingen leichtsinnig mit dem Silber
um, Jarno aber gar mit dem Golde; diesen nicht loszulassen, hielt er frs beste.
Daher ergriff er sogleich eine dargebotene Gelegenheit, und als im Scheiden
Jarno zu ihm sagte: Nun, wenn ich nach St. Joseph komme, will ich sehen, ob du
ehrlich bist, ich werde den Kreuzstein und den verfallenen Altar suchen - Ihr
werdet nichts finden, sagte Fitz, und ich werde doch ehrlich bleiben; der
Stein ist dorther, aber ich habe smtliche Stcke weggeschafft und sie hier oben
verwahrt. Es ist ein kostbares Gestein, ohne dasselbe lt sich kein Schatz
heben; man bezahlt mir ein kleines Stck gar teuer. Ihr hattet ganz recht, daher
kam meine Bekanntschaft mit dem hagern Manne.
    Nun gab es neue Verhandlungen, Fitz verpflichtete sich an Jarno, gegen einen
nochmaligen Dukaten, in miger Entfernung ein tchtiges Stck dieses seltenen
Minerals zu verschaffen, wogegen er den Gang nach dem Riesenschlo abriet; weil
aber dennoch Felix darauf bestand, dem Boten einschrfte, die Reisenden nicht zu
tief hineinzulassen, denn niemand finde sich aus diesen Hhlen und Klften
jemals wieder heraus. Man schied, und Fitz versprach, zu guter Zeit in den
Hallen des Riesenschlosses wieder einzutreffen.
    Der Bote schritt voran, die beiden folgten; jener war aber kaum den Berg
eine Strecke hinaufgestiegen, als Felix bemerkte, man gehe nicht den Weg, auf
welchen Fitz gedeutet habe. Der Bote versetzte jedoch: Ich mu es besser
wissen! Denn erst in diesen Tagen hat ein gewaltiger Sturm die nchste
Waldstrecke niedergestrzt; die kreuzweis bereinandergeworfenen Bume
versperren diesen Weg: folgt mir, ich bring' euch an Ort und Stelle. Felix
verkrzte sich den beschwerlichen Pfad durch lebhaften Schritt und Sprung von
Fels zu Fels und freute sich ber sein erworbenes Wissen, da er nun von Granit
zu Granit hpfe.
    Und so ging es aufwrts, bis er endlich auf zusammengestrzten schwarzen
Sulen stehenblieb und auf einmal das Riesenschlo vor Augen sah. Wnde von
Sulen ragten auf einem einsamen Gipfel hervor, geschlossene Sulenwnde
bildeten Pforten an Pforten, Gnge nach Gngen. Ernstlich warnte der Bote, sich
nicht hineinzuverlieren, und an einem sonnigen, ber weite Aussicht gebietenden
Flecke, die Aschenspur seiner Vorgnger bemerkend, war er geschftig, ein
prasselndes Feuer zu unterhalten. Indem er nun an solchen Stellen eine frugale
Kost zu bereiten schon gewohnt war und Wilhelm in der himmelweiten Aussicht von
der Gegend nher Erkundigung einzog, durch die er zu wandern gedachte, war Felix
verschwunden; er mute sich in die Hhle verloren haben, auf Rufen und Pfeifen
antwortete er nicht und kam nicht wieder zum Vorschein.
    Wilhelm aber, der, wie es einem Pilger ziemt, auf manche Flle vorbereitet
war, brachte aus seiner Jagdtasche einen Knaul Bindfaden hervor, band ihn
sorgfltig fest und vertraute sich dem leitenden Zeichen, an dem er seinen Sohn
hineinzufhren schon die Absicht gehabt hatte. So ging er vorwrts und lie von
Zeit zu Zeit sein Pfeifchen erschallen, lange vergebens. Endlich aber erklang
aus der Tiefe ein schneidender Pfiff, und bald darauf schaute Felix am Boden aus
einer Kluft des schwarzen Gesteines hervor. Bist du allein? lispelte
bedenklich der Knabe. - Ganz allein! versetzte der Vater. - Reiche mir
Scheite! reiche mir Knttel! sagte der Knabe, empfing sie und verschwand,
nachdem er ngstlich gerufen hatte: La niemand in die Hhle! Nach einiger
Zeit aber tauchte er wieder auf, forderte noch lngeres und strkeres Holz. Der
Vater harrte sehnlich auf die Lsung dieses Rtsels. Endlich erhub sich der
Verwegene schnell aus der Spalte und brachte ein Kstchen mit, nicht grer als
ein kleiner Oktavband, von prchtigem altem Ansehn, es schien von Gold zu sein,
mit Schmelz geziert. Stecke es zu dir, Vater, und la es niemand sehn! Er
erzhlte darauf mit Hast, wie er, aus innerem geheimem Antrieb, in jene Spalte
gekrochen sei und unten einen dmmerhellen Raum gefunden habe. In demselben
stand, wie er sagte, ein groer eiserner Kasten, zwar nicht verschlossen, dessen
Deckel jedoch nicht zu erheben, kaum zu lften war. Um nun darber Herr zu
werden, habe er die Knttel verlangt, sie teils als Sttzen unter den Deckel
gestellt, teils als Keile dazwischengeschoben, zuletzt habe er den Kasten zwar
leer, in einer Ecke desselben jedoch das Prachtbchlein gefunden. Sie
versprachen sich beiderseits deshalb ein tiefes Geheimnis.
    Mittag war vorber, etwas hatte man genossen, Fitz war noch nicht, wie er
versprochen, gekommen; Felix aber, besonders unruhig, sehnte sich von dem Orte
weg, wo der Schatz irdischer oder unterirdischer Wiederforderung ausgesetzt
schien. Die Sulen kamen ihm schwrzer, die Hhlen tiefer vor. Ein Geheimnis war
ihm aufgeladen, ein Besitz, rechtmig oder unrechtmig? sicher oder unsicher?
Die Ungeduld trieb ihn von der Stelle, er glaubte die Sorge loszuwerden, wenn er
den Platz vernderte.
    Sie schlugen den Weg ein nach jenen ausgedehnten Gtern des groen
Landbesitzers, von dessen Reichtum und Sonderbarkeiten man ihnen so viel erzhlt
hatte. Felix sprang nicht mehr wie am Morgen, und alle drei gingen stundenlang
vor sich hin. Einigemal wollt' er das Kstchen sehn, der Vater, auf den Boten
hindeutend, wies ihn zur Ruhe. Nun war er voll Verlangen, Fitz mge kommen. Dann
scheute er sich wieder vor dem Schelmen; bald pfiff er, um ein Zeichen zu geben,
dann reute ihn schon, es getan zu haben, und so dauerte das Schwanken immerfort
bis Fitz endlich sein Pfeifchen aus der Ferne hren lie. Er entschuldigte sein
Auenbleiben vom Riesenschlosse, er habe sich mit Jarno versptet, der Windbruch
habe ihn gehindert; dann forschte er genau, wie es ihnen zwischen Sulen und
Hhlen gegangen sei? Wie tief sie vorgedrungen? Felix erzhlte ihm ein Mrchen
ber das andere, halb bermtig, halb verlegen; er sah den Vater lchelnd an,
zupfte ihn verstohlen und tat alles mgliche, um an den Tag zu geben, da er
heimlich besitze und da er sich verstelle.
    Sie waren endlich auf einen Fuhrweg gelangt, der sie bequem zu jenen
Besitztmern hinfhren sollte; Fitz aber behauptete, einen nheren und bessern
Weg zu kennen; auf welchem der Bote sie nicht begleiten wollte und den geraden,
breiten, eingeschlagenen Weg vor sich hinging. Die beiden Wanderer vertrauten
dem losen Jungen und glaubten wohlgetan zu haben, denn nun ging es steil den
Berg hinab, durch einen Wald der hoch- und schlankstmmigsten Lrchenbume, der,
immer durchsichtiger werdend, ihnen zuletzt die schnste Besitzung, die man sich
nur denken kann, im klarsten Sonnenlichte sehen lie.
    Ein groer Garten, nur der Fruchtbarkeit, wie es schien, gewidmet, lag,
obgleich mit Obstbumen reichlich ausgestattet, offen vor ihren Augen, indem er
regelmig, in mancherlei Abteilungen, einen zwar im ganzen abhngigen, doch
aber mannigfaltig bald erhhten, bald vertieften Boden bedeckte. Mehrere
Wohnhuser lagen darin zerstreut, so da der Raum verschiedenen Besitzern
anzugehren schien, der jedoch, wie Fitz versicherte, von einem einzigen Herrn
beherrscht und benutzt ward. ber den Garten hinaus erblickten sie eine
unabsehbare Landschaft, reichlich bebaut und bepflanzt. Sie konnten Seen und
Flsse deutlich unterscheiden.
    Sie waren den Berg hinab immer nher gekommen und glaubten nun sogleich im
Garten zu sein, als Wilhelm stutzte und Fitz seine Schadenfreude nicht verbarg:
denn eine jhe Kluft am Fue des Berges tat sich vor ihnen auf und zeigte
gegenber eine bisher verborgene hohe Mauer, schroff genug von auen, obgleich
von innen durch das Erdreich vllig ausgefllt. Ein tiefer Graben trennte sie
also von dem Garten, in den sie unmittelbar hineinsahen. Wir haben noch hinber
einen ziemlichen Umweg zu machen, sagte Fitz, wenn wir die Strae, die
hineinfhrt, erreichen wollen. Doch wei ich auch einen Eingang von dieser
Seite, wo wir um ein gutes nher gehen. Die Gewlbe, durch die das Bergwasser
bei Regengssen in den Garten geregelt hineinstrzt, ffnen sich hier; sie sind
hoch und breit genug, da man mit ziemlicher Bequemlichkeit hindurchkommen
kann. Als Felix von Gewlben hrte, konnte er vor Begierde sich nicht lassen,
diesen Eingang zu betreten. Wilhelm folgte den Kindern, und sie stiegen zusammen
die ganz trocken liegenden hohen Stufen dieser Zuleitungsgewlbe hinunter. Sie
befanden sich bald im Hellen, bald im Dunkeln, je nachdem von Seitenffnungen
her das Licht hereinfiel oder von Pfeilern und Wnden aufgehalten ward. Endlich
gelangten sie auf einen ziemlich gleichen Fleck und schritten langsam vor, als
auf einmal in ihrer Nhe ein Schu fiel, zu gleicher Zeit sich zwei verborgene
Eisengitter schlossen und sie von beiden Seiten einsperrten. Zwar nicht die
ganze Gesellschaft: nur Wilhelm und Felix waren gefangen. Denn Fitz, als der
Schu fiel, sprang sogleich rckwrts, und das zuschlagende Gitter fate nur
seinen weiten rmel; er aber, sehr geschwind das Jckchen abwerfend, war
entflohen, ohne sich einen Augenblick aufzuhalten.
    Die beiden Eingekerkerten hatten kaum Zeit, sich von ihrem Erstaunen zu
erholen, als sie Menschenstimmen vernahmen, welche sich langsam zu nhern
schienen. Bald darauf traten Bewaffnete mit Fackeln an die Gitter und
neugierigen Blicks, was sie fr einen Fang mchten getan haben. Sie fragten
zugleich, ob man sich gutwillig ergeben wolle. Hier kann von keinem Ergeben die
Rede sein, versetzte Wilhelm; wir sind in eurer Gewalt. Eher haben wir Ursache
zu fragen, ob ihr uns schonen wollt. Die einzige Waffe, die wir bei uns haben,
liefere ich euch aus, und mit diesen Worten reichte er seinen Hirschfnger
durchs Gitter; dieses ffnete sich sogleich, und man fhrte ganz gelassen die
Ankmmlinge mit sich vorwrts, und als man sie einen Wendelstieg hinaufgebracht
hatte, befanden sie sich bald an einem seltsamen Orte; es war ein gerumiges,
reinliches Zimmer, durch kleine, unter dem Gesimse hergehende Fenster
erleuchtet, die ungeachtet der starken Eisenstbe Licht genug verbreiteten. Fr
Sitze, Schlafstellen, und was man allenfalls sonst in einer migen Herberge
verlangen knnte, war gesorgt, und es schien dem, der sich hier befand, nichts
als die Freiheit zu fehlen.
    Wilhelm hatte sich bei seinem Eintritt sogleich niedergesetzt und berdachte
den Zustand; Felix hingegen, nachdem er sich von dem ersten Erstaunen erholt
hatte, brach in eine unglaubliche Wut aus. Diese steilen Wnde, diese hohen
Fenster, diese festen Tren, diese Abgeschlossenheit, diese Einschrnkung war
ihm ganz neu. Er sah sich um, er rannte hin und her, stampfte mit den Fen,
weinte, rttelte an den Tren, schlug mit den Fusten dagegen, ja er war im
Begriff, mit dem Schdel dawiderzurennen, htte nicht Wilhelm ihn gefat und mit
Kraft festgehalten.
    Besieh dir das nur ganz gelassen, mein Sohn, fing der Vater an, denn
Ungeduld und Gewalt helfen uns nicht aus dieser Lage. Das Geheimnis wird sich
aufklren; aber ich mte mich hchlich irren, oder wir sind in keine schlechten
Hnde gefallen. Betrachte diese Inschriften: Dem Unschuldigen Befreiung und
Ersatz, dem Verfhrten Mitleiden, dem Schuldigen ahndende Gerechtigkeit. Alles
dieses zeigt uns an, da diese Anstalten Werke der Notwendigkeit, nicht der
Grausamkeit sind. Der Mensch hat nur allzusehr Ursache, sich vor dem Menschen zu
schtzen. Der Miwollenden gibt es gar viele, der Mittigen nicht wenige, und
um zu leben, wie sich's gehrt, ist nicht genug, immer wohlzutun.
    Felix hatte sich zusammengenommen, warf sich aber sogleich auf eine der
Lagersttten, ohne weiteres uern noch Erwidern. Der Vater lie nicht ab und
sprach ferner: La dir diese Erfahrung, die du so frh und unschuldig machst,
ein lebhaftes Zeugnis bleiben, in welchem und in was fr einem vollkommenen
Jahrhundert du geboren bist. Welchen Weg mute nicht die Menschheit machen, bis
sie dahin gelangte, auch gegen Schuldige gelind, gegen Verbrecher schonend,
gegen Unmenschliche menschlich zu sein! Gewi waren es Mnner gttlicher Natur,
die dies zuerst lehrten, die ihr Leben damit zubrachten, die Ausbung mglich zu
machen und zu beschleunigen. Des Schnen sind die Menschen selten fhig, fter
des Guten; und wie hoch mssen wir daher diejenigen halten, die dieses mit
groen Aufopferungen zu befrdern suchen.
    Diese trstlich belehrenden Worte welche die Absicht der einschlieenden
Umgebung vllig rein ausdrckten, hatte Felix nicht vernommen; er lag im
tiefsten Schlafe, schner und frischer als je; denn eine Leidenschaft, wie sie
ihn sonst nicht leicht ergriff, hatte sein ganzes Innerste auf die vollen Wangen
hervorgetrieben. Ihn mit Geflligkeit beschauend, stand der Vater, als ein
wohlgebildeter junger Mann hereintrat, der, nachdem er den Ankmmling einige
Zeit freundlich angesehen, anfing, ihn ber die Umstnde zu befragen, die ihn
auf den ungewhnlichen Weg und in diese Falle gefhrt htten. Wilhelm erzhlte
die Begebenheit ganz schlicht, berreichte ihm einige Papiere, die seine Person
aufzuklren dienten, und berief sich auf den Boten, der nun bald auf dem
ordentlichen Wege von einer andern Seite anlangen msse. Als dieses alles so
weit im klaren war, ersuchte der Beamte seinen Gast, ihm zu folgen. Felix war
nicht zu erwecken, die Untergebenen trugen ihn daher auf der tchtigen Matratze,
wie ehmals den unbewuten Uly, in die freie Luft.
    Wilhelm folgte dem Beamten in ein schnes Gartenzimmer, wo Erfrischungen
aufgesetzt wurden, die er genieen sollte, indessen jener ging, an hherer
Stelle Bericht abzustatten. Als Felix erwachend ein gedecktes Tischchen, Obst,
Wein, Zwieback und zugleich die Heiterkeit der offenstehenden Tre bemerkte,
ward es ihm ganz wunderlich zumute. Er luft hinaus, er kehrt zurck, er glaubt
getrumt zu haben; und hatte bald bei so guter Kost und so angenehmer Umgebung
den vorhergegangenen Schrecken und alle Bedrngnis, wie einen schweren Traum am
hellen Morgen, vergessen.
    Der Bote war angelangt, der Beamte kam mit ihm und einem andern, ltlichen,
noch freundlichern Manne zurck, und die Sache klrte sich folgendergestalt auf.
Der Herr dieser Besitzung, im hhern Sinne wohlttig, da er alles um sich her
zum Tun und Schaffen aufregte, hatte aus seinen unendlichen Baumschulen, seit
mehreren Jahren, fleiigen und sorgfltigen Anbauern die jungen Stmme umsonst,
nachlssigen um einen gewissen Preis und denen, die damit handeln wollten,
gleichfalls, doch um einen billigen, berlassen. Aber auch diese beiden Klassen
forderten umsonst, was die Wrdigen umsonst erhielten, und da man ihnen nicht
nachgab, suchten sie die Stmme zu entwenden. Auf mancherlei Weise war es ihnen
gelungen. Dieses verdro den Besitzer um so mehr, da nicht allein die
Baumschulen geplndert, sondern auch durch bereilung verderbt worden waren. Man
hatte Spur, da sie durch die Wasserleitung hereingekommen, und deshalb eine
solche Gitterfalle mit einem Selbstschu eingerichtet, der aber nur als Zeichen
gelten sollte. Der kleine Knabe hatte sich unter mancherlei Vorwnden mehrmals
im Garten sehen lassen, und es war nichts natrlicher, als da er aus Khnheit
und Schelmerei die Fremden einen Weg fhren wollte, den er frher zu anderm
Zwecke ausgefunden. Man htte gewnscht, seiner habhaft zu werden; indessen
wurde sein Wmschen unter andern gerichtlichen Gegenstnden aufgehoben.

                                Fnftes Kapitel


Auf dem Wege nach dem Schlosse fand unser Freund zu seiner Verwunderung nichts,
was einem lteren Lustgarten oder einem modernen Park hnlich gewesen wre;
gradlinig gepflanzte Fruchtbume, Gemsfelder, groe Strecken mit Heilkrutern
bestellt, und was nur irgend brauchbar konnte geachtet werden, bersah er auf
sanft abhngiger Flche mit einem Blicke. Ein von hohen Linden umschatteter
Platz breitete sich wrdig als Vorhalle des ansehnlichen Gebudes, eine lange,
daranstoende Allee, gleichen Wuchses und Wrde, gab zu jeder Stunde des Tags
Gelegenheit, im Freien zu verkehren und zu lustwandeln. Eintretend in das
Schlo, fand er die Wnde der Hausflur auf eigene Weise bekleidet; groe
geographische Abbildungen aller vier Weltteile fielen ihm in die Augen;
stattliche Treppenwnde waren gleichfalls mit Abrissen einzelner Reiche
geschmckt, und in den Hauptsaal eingelassen, fand er sich umgeben von
Prospekten der merkwrdigsten Stdte, oben und unten eingefat von
landschaftlicher Nachbildung der Gegenden, worin sie gelegen sind, alles
kunstreich dargestellt, so da die Einzelnheiten deutlich in die Augen fielen
und zugleich ein ununterbrochener Bezug durchaus bemerkbar blieb.
    Der Hausherr, ein kleiner, lebhafter Mann von Jahren, bewillkommte den Gast
und fragte, ohne weitere Einleitung, gegen die Wnde deutend: ob ihm vielleicht
eine dieser Stdte bekannt sei, und ob er daselbst jemals sich aufgehalten? Von
manchem konnte nun der Freund auslangende Rechenschaft geben und beweisen, da
er mehrere Orte nicht allein gesehen, sondern auch ihre Zustnde und Eigenheiten
gar wohl zu bemerken gewut.
    Der Hausherr klingelte und befahl, ein Zimmer den beiden Ankmmlingen
anzuweisen, auch sie spter zum Abendessen zu fhren; dies geschah denn auch. In
einem groen Erdsaale entgegneten ihm zwei Frauenzimmer, wovon die eine mit
groer Heiterkeit zu ihm sprach: Sie finden hier kleine Gesellschaft, aber
gute; ich, die jngere Nichte, heie Hersilie, diese, meine ltere Schwester,
nennt man Juliette, die beiden Herren sind Vater und Sohn, Beamte, die Sie
kennen, Hausfreunde, die alles Vertrauen genieen, das sie verdienen. Setzen wir
uns! Die beiden Frauenzimmer nahmen Wilhelm in die Mitte, die Beamten saen an
beiden Enden, Felix an der andern langen Seite, wo er sich sogleich Hersilien
gegenber gerckt hatte und kein Auge von ihr verwendete.
    Nach vorlufigem allgemeinem Gesprch ergriff Hersilie Gelegenheit zu sagen:
Damit der Fremde desto schneller mit uns vertraut und in unsere Unterhaltung
eingeweiht werde, mu ich bekennen, da bei uns viel gelesen wird und da wir
uns, aus Zufall, Neigung, auch wohl Widerspruchsgeist, in die verschiedenen
Literaturen geteilt haben. Der Oheim ist frs Italienische, die Dame hier nimmt
es nicht bel, wenn man sie fr eine vollendete Englnderin hlt, ich, aber
halte mich an die Franzosen, sofern sie heiter und zierlich sind. Hier, Amtmann
Papa erfreut sich des deutschen Altertums, und der Sohn mag denn, wie billig,
dem Neuern, Jngern seinen Anteil zuwenden. Hiernach werden Sie uns beurteilen,
hiernach teilnehmen, einstimmen oder streiten; in jedem Sinne werden Sie
willkommen sein. Und in diesem Sinne belebte sich auch die Unterhaltung.
    Indessen war die Richtung der feurigen Blicke des schnen Felix Hersilien
keineswegs entgangen, sie fhlte sich berrascht und geschmeichelt und sendete
ihm die vorzglichsten Bissen, die er freudig und dankbar empfing. Nun aber, als
er beim Nachtisch ber einen Teller pfel zu ihr hinsah, glaubte sie, in den
reizenden Frchten ebenso viel Rivale zu erblicken. Gedacht, getan, sie fate
einen Apfel und reichte ihn dem heranwachsenden Abenteurer ber den Tisch
hinber; dieser, hastig zugreifend, fing sogleich zu schlen an; unverwandt aber
nach der reizenden Nachbarin hinblickend, schnitt er sich tief in den Daumen.
Das Blut flo lebhaft; Hersilie sprang auf, bemhte sich um ihn, und als sie das
Blut gestillt, schlo sie die Wunde mit englischem Pflaster aus ihrem Besteck.
Indessen hatte der Knabe sie angefat und wollte sie nicht loslassen; die
Strung ward allgemein, die Tafel aufgehoben, und man bereitete sich zu
scheiden.
    Sie lesen doch auch vor Schlafengehn? sagte Hersilie zu Wilhelm; ich
schicke Ihnen ein Manuskript, eine bersetzung aus dem Franzsischen von meiner
Hand, und Sie sollen sagen, ob Ihnen viel Artigeres vorgekommen ist. Ein
verrcktes Mdchen tritt auf! das mchte keine sonderliche Empfehlung sein, aber
wenn ich jemals nrrisch werden mchte, wie mir manchmal die Lust ankommt, so
wr' es auf diese Weise.


                              Die pilgernde Trin

Herr von Revanne, ein reicher Privatmann, besitzt die schnsten Lndereien
seiner Provinz. Nebst Sohn und Schwester bewohnt er ein Schlo, das eines
Frsten wrdig wre; und in der Tat, wenn sein Park, seine Wasser, seine
Pachtungen, seine Manufakturen, sein Hauswesen auf sechs Meilen umher die Hlfte
der Einwohner ernhren, so ist er durch sein Ansehn und durch das Gute, das er
stiftet, wirklich ein Frst.
    Vor einigen Jahren spazierte er an den Mauern seines Parks hin auf der
Heerstrae, und ihm gefiel, in einem Lustwldchen auszuruhen, wo der Reisende
gern verweilt. Hochstmmige Bume ragen ber junges, dichtes Gebsch; man ist
vor Wind und Sonne geschtzt; ein sauber gefater so Brunnen sendet sein Wasser
ber Wurzeln, Steine und Rasen. Der Spazierende hatte wie gewhnlich Buch und
Flinte bei sich. Nun versuchte er zu lesen, fters durch Gesang der Vgel,
manchmal durch Wanderschritte angenehm abgezogen und zerstreut.
    Ein schner Morgen war im Vorrcken, als jung und liebenswrdig ein
Frauenzimmer sich gegen ihn her bewegte. Sie verlie die Strae, indem sie sich
Ruhe und Erquickung an dem frischen Orte zu versprechen schien, wo er sich
befand. Sein Buch fiel ihm aus den Hnden, berrascht wie er war. Die Pilgerin
mit den schnsten Augen von der Welt und einem Gesicht, durch Bewegung angenehm
belebt, zeichnete sich an Krperbau, Gang und Anstand dergestalt aus, da er
unwillkrlich von seinem Platze aufstand und nach der Strae blickte, um das
Gefolge kommen zu sehen, das er hinter ihr vermutete. Dann zog die Gestalt
abermals, indem sie sich edel gegen ihn verbeugte, seine Aufmerksamkeit an sich,
und ehrerbietig erwiderte er den Gru. Die schne Reisende setzte sich an den
Rand des Quells, ohne ein Wort zu sagen und mit einem Seufzer.
    Seltsame Wirkung der Sympathie! rief Herr von Revanne, als er mir die
Begebenheit erzhlte, dieser Seufzer ward in der Stille von mir erwidert. Ich
blieb stehen, ohne zu wissen, was ich sagen oder tun sollte. Meine Augen waren
nicht hinreichend, diese Vollkommenheiten zu fassen. Ausgestreckt wie sie lag,
auf einen Ellbogen gelehnt, es war die schnste Frauengestalt, die man sich
denken konnte! Ihre Schuhe gaben mir zu eigenen Betrachtungen Anla; ganz
bestaubt, deuteten sie auf einen langen zurckgelegten Weg, und doch waren ihre
seidenen Strmpfe so blank, als wren sie eben unter dem Glttstein
hervorgegangen. Ihr aufgezogenes Kleid war nicht zerdrckt; ihre Haare schienen
diesen Morgen erst gelockt; feines Weizeug, feine Spitzen; sie war angezogen,
als wenn sie zum Balle gehen sollte. Auf eine Landstreicherin deutete nichts an
ihr, und doch war sie's; aber eine beklagenswerte, eine verehrungswrdige.
    Zuletzt benutzte ich einige Blicke, die sie auf mich warf, sie zu fragen, ob
sie allein reise. Ja, mein Herr, sagte sie, ich bin allein auf der Welt. - Wie?
Madame, Sie sollten ohne Eltern, ohne Bekannte sein? - Das wollte ich eben nicht
sagen, mein Herr. Eltern hab' ich, und Bekannte genug; aber keine Freunde. -
Daran, fuhr ich fort, knnen Sie wohl unmglich schuld sein. Sie haben eine
Gestalt und gewi auch ein Herz, denen sich viel vergeben lt.
    Sie fhlte die Art von Vorwurf, den mein Kompliment verbarg, und ich machte
mir einen guten Begriff von ihrer Erziehung. Sie ffnete gegen mich zwei
himmlische Augen vom vollkommensten, reinsten Blau, durchsichtig und glnzend;
hierauf sagte sie mit edlem Tone: sie knne es einem Ehrenmanne, wie ich zu sein
scheine, nicht verdenken, wenn er ein junges Mdchen, das er allein auf der
Landstrae treffe, einigermaen verdchtig halte: ihr sei das schon fter
entgegen gewesen; aber ob sie gleich fremd sei, obgleich niemand das Recht habe,
sie auszuforschen, so bitte sie doch zu glauben, da die Absicht ihrer Reise mit
der gewissenhaftesten Ehrbarkeit bestehen knne. Ursachen, von denen sie niemand
Rechenschaft schuldig sei, ntigten sie, ihre Schmerzen in der Welt
umherzufhren. Sie habe gefunden, da die Gefahren, die man fr ihr Geschlecht
befrchte, nur eingebildet seien und da die Ehre eines Weibes, selbst unter
Straenrubern, nur bei Schwche des Herzens und der Grundstze Gefahr laufe.
    brigens gehe sie nur zu Stunden und auf Wegen, wo sie sich sicher glaube,
spreche nicht mit jedermann und verweile manchmal an schicklichen Orten, wo sie
ihren Unterhalt erwerben knne durch Dienstleistung in der Art, wonach sie
erzogen worden. Hier sank ihre Stimme, ihre Augenlider neigten sich, und ich sah
einige Trnen ihre Wangen herabfallen.
    Ich versetzte darauf, da ich keineswegs an ihrem guten Herkommen zweifle,
so wenig als an einem achtungswerten Betragen. Ich bedaure sie nur, da
irgendeine Notwendigkeit sie zu dienen zwinge, da sie so wert scheine, Diener zu
finden; und da ich, ungeachtet einer lebhaften Neugierde, nicht weiter in sie
dringen wolle, vielmehr mich durch ihre nhere Bekanntschaft zu berzeugen
wnsche, da sie berall fr ihren Ruf ebenso besorgt sei als fr ihre Tugend.
Diese Worte schienen sie abermals zu verletzen, denn sie antwortete: Namen und
Vaterland verberge sie, eben um des Rufs willen, der denn doch am Ende
meistenteils weniger Wirkliches als Mutmaliches enthalte. Biete sie ihre
Dienste an, so weise sie Zeugnisse der letzten Huser vor, wo sie etwas
geleistet habe, und verhehle nicht, da sie ber Vaterland und Familie nicht
befragt sein wolle. Darauf bestimme man sich und stelle dem Himmel oder ihrem
Worte die Unschuld ihres ganzen Lebens und ihre Redlichkeit anheim.
    uerungen dieser Art lieen keine Geistesverwirrung bei der schnen
Abenteurerin argwohnen. Herr von Revanne, der einen solchen Entschlu, in die
Welt zu laufen, nicht gut begreifen konnte, vermutete nun, da man sie
vielleicht gegen ihre Neigung habe verheiraten wollen. Hernach fiel er darauf,
ob es nicht etwa gar Verzweiflung aus Liebe sei; und wunderlich genug, wie es
aber mehr zu gehen pflegt, indem er ihr Liebe fr einen andern zutraute,
verliebte er sich selbst und frchtete, sie mchte weiterreisen. Er konnte seine
Augen nicht von dem schnen Gesicht wegwenden, das von einem grnen Halblichte
verschnert war. Niemals zeigte, wenn es je Nymphen gab, auf den Rasen sich eine
schnere hingestreckt; und die etwas romanhafte Art dieser Zusammenkunft
verbreitete einen Reiz, dem er nicht zu widerstehen vermochte.
    Ohne daher die Sache viel nher zu betrachten, bewog Herr von Revanne die
schne Unbekannte, sich nach dem Schlosse fhren zu lassen. Sie macht keine
Schwierigkeit, sie geht mit und zeigt sich als eine Person, der die groe Welt
bekannt ist. Man bringt Erfrischungen, welche sie annimmt, ohne falsche
Hflichkeit und mit dem anmutigsten Dank. In Erwartung des Mittagessens zeigt
man ihr das Haus. Sie bemerkt nur, was Auszeichnung verdient, es sei an Mbeln,
Malereien, oder es betreffe die schickliche Einteilung der Zimmer. Sie findet
eine Bibliothek, sie kennt die guten Bcher und spricht darber mit Geschmack
und Bescheidenheit. Kein Geschwtz, keine Verlegenheit. Bei Tafel ein ebenso
edles und natrliches Betragen und den liebenswrdigsten Ton der Unterhaltung.
So weit ist alles verstndig in ihrem Gesprch, und ihr Charakter scheint so
liebenswrdig wie ihre Person.
    Nach der Tafel machte sie ein kleiner mutwilliger Zug noch schner, und
indem sie sich an Frulein Revanne mit einem Lcheln wendet, sagt sie: es sei
ihr Brauch, ihr Mittagsmahl durch eine Arbeit zu bezahlen und, sooft es ihr an
Geld fehle, Nhnadeln von den Wirtinnen zu verlangen. Erlauben Sie, fgte sie
hinzu, da ich eine Blume auf einem Ihrer Stickrahmen lasse, damit Sie knftig
bei deren Anblick der armen Unbekannten sich erinnern mgen. Frulein von
Revanne versetzte darauf, da es ihr sehr leid tue, keinen aufgezogenen Grund zu
haben, und deshalb das Vergngen, ihre Geschicklichkeit zu bewundern, entbehren
msse. Alsbald wendete die Pilgerin ihren Blick auf das Klavier. So will ich
denn, sagte sie, meine Schuld mit Windmnze abtragen, wie es auch ja sonst
schon die Art umherstreifender Snger war. Sie versuchte das Instrument mit
zwei oder drei Vorspielen, die eine sehr gebte Hand ankndigten. Man zweifelte
nicht mehr, da sie ein Frauenzimmer von Stande sei, ausgestattet mit allen
liebenswrdigen Geschicklichkeiten. Zuerst war ihr Spiel aufgeweckt und
glnzend; dann ging sie zu ernsten Tnen ber, zu Tnen einer tiefen Trauer, die
man zugleich in ihren Augen erblickte. Sie netzten sich mit Trnen, ihr Gesicht
verwandelte sich, ihre Finger hielten an; aber auf einmal berraschte sie
jedermann, indem sie ein mutwilliges Lied, mit der schnsten Stimme von der
Welt, lustig und lcherlich vorbrachte. Da man in der Folge Ursache hatte zu
glauben, da diese burleske Romanze sie etwas nher angehe, so verzeiht man mir
wohl, wenn ich sie hier einschalte.

Woher im Mantel so geschwinde,
Da kaum der Tag in Osten graut?
Hat wohl der Freund beim scharfen Winde
Auf einer Wallfahrt sich erbaut?
Wer hat ihm seinen Hut genommen?
Mag er mit Willen barfu gehn?
Wie ist er in den Wald gekommen
Auf den beschneiten, wilden Hhn?

Gar wunderlich von warmer Sttte
Wo er sich bessern Spa versprach,
Und wenn er nicht den Mantel htte
Wie grlich wre seine Schmach!
So hat ihn jener Schalk betrogen
Und ihm das Bndel abgepackt:
Der arme Freund ist ausgezogen,
Beinah wie Adam blo und nackt.

Warum auch ging er solche Wege
Nach jenem Apfel voll Gefahr,
Der freilich schn im Mhlgehege
Wie sonst im Paradiese war!
Er wird den Scherz nicht leicht erneuen;
Er drckte schnell sich aus dem Haus,
Und bricht auf einmal nun im Freien
In bittre, laute Klagen aus:

Ich las in ihren Feuerblicken
Doch keine Silbe von Verrat!
Sie schien mit mir sich zu entzcken
Und sann auf solche schwarze Tat!
Konnt ich in ihren Armen trumen,
Wie meuchlerisch der Busen schlug?
Sie hie den raschen Amor sumen,
Und gnstig war er uns genug.

Sich meiner Liebe zu erfreuen,
Der Nacht, die nie ein Ende nahm,
Und erst die Mutter anzuschreien
Jetzt eben, als der Morgen kam!
Da drang ein Dutzend Anverwandten
Herein, ein wahrer Menschenstrom!
Da kamen Brder, guckten Tanten,
Da stand ein Vetter und ein Ohm!

Das war ein Toben, war ein Wten!
Ein jeder schien ein andres Tier.
Da forderten sie Kranz und Blten
Mit grlichem Geschrei von mir.
Was dringt ihr alle wie von Sinnen
Auf den unschuld'gen Jngling ein!
Denn solche Schtze zu gewinnen,
Da mu man viel behender sein.

Wei Amor seinem schnen Spiele
Doch immer zeitig nachzugehn:
Er lt frwahr nicht in der Mhle
Die Blumen sechzehn Jahre stehn. -
Da raubten sie das Kleiderbndel
Und wollten auch den Mantel noch.
Wie nur so viel verflucht Gesindel
Im engen Hause sich verkroch!

Da sprang ich auf und tobt' und fluchte,
Gewi, durch alle durchzugehn.
Ich sah noch einmal die Verruchte,
Und ach! sie war noch immer schn.
Sie alle wichen meinem Grimme,
Doch flog noch manches wilde Wort;
So macht' ich mich mit Donnerstimme
Noch endlich aus der Hhle fort.

Man soll euch Mdchen auf dem Lande
Wie Mdchen aus den Stdten fliehn!
So lasset doch den Fraun von Stande
Die Lust, die Diener auszuziehn!
Doch seid ihr auch von den Gebten
Und kennt ihr keine zarte Pflicht,
So ndert immer die Geliebten,
Doch sie verraten mt ihr nicht.

So singt er in der Winterstunde,
Wo nicht ein armes Hlmchen grnt.
Ich lache seiner tiefen Wunde,
Denn wirklich ist sie wohlverdient;
So geh' es jedem, der am Tage
Sein edles Liebchen frech belgt
Und nachts, mit allzu khner Wage,
Zu Amors falscher Mhle kriecht.

Wohl war es bedenklich, da sie sich auf eine solche Weise vergessen konnte, und
dieser Ausfall mochte fr ein Anzeichen eines Kopfes gelten, der sich nicht
immer gleich war. Aber, sagte mir Herr von Revanne, auch wir vergaen alle
Betrachtungen, die wir htten machen knnen, ich wei nicht, wie es zuging. Uns
mute die unaussprechliche Anmut, womit sie diese Possen vorbrachte, bestochen
haben. Sie spielte neckisch, aber mit Einsicht. Ihre Finger gehorchten ihr
vollkommen, und ihre Stimme war wirklich bezaubernd. Da sie geendigt hatte,
erschien sie so gesetzt wie vorher, und wir glaubten, sie habe nur den
Augenblick der Verdauung erheitern wollen.
    Bald darauf bat sie um die Erlaubnis, ihren Weg wieder anzutreten; aber auf
meinen Wink sagte meine Schwester: wenn sie nicht zu eilen htte und die
Bewirtung ihr nicht mifiele, so wrde es uns ein Fest sein, sie mehrere Tage
bei uns zu sehen. Ich dachte ihr eine Beschftigung anzubieten, da sie sich's
einmal gefallen lie zu bleiben. Doch diesen ersten Tag und den folgenden
fhrten wir sie nur umher. Sie verleugnete sich nicht einen Augenblick: sie war
die Vernunft, mit aller Anmut begabt. Ihr Geist war fein und treffend, ihr
Gedchtnis so wohl ausgeziert und ihr Gemt so schn, da sie gar oft unsere
Bewunderung erregte und alle unsere Aufmerksamkeit festhielt. Dabei kannte sie
die Gesetze eines guten Betragens und bte sie gegen einen jeden von uns, nicht
weniger gegen einige Freunde, die uns besuchten, so vollkommen aus, da wir
nicht mehr wuten, wie wir jene Sonderbarkeiten mit einer solchen Erziehung
vereinigen sollten.
    Ich wagte wirklich nicht mehr, ihr Dienstvorschlge fr mein Haus zu tun.
Meine Schwester, der sie angenehm war, hielt es gleichfalls fr Pflicht, das
Zartgefhl der Unbekannten zu schonen. Zusammen besorgten sie die huslichen
Dinge, und hier lie sich das gute Kind fters bis zur Handarbeit herunter und
wute sich gleich darauf in alles zu schicken, was hhere Anordnung und
Berechnung erheischte.
    In kurzer Zeit stellte sie eine Ordnung her, die wir bis jetzt im Schlosse
gar nicht vermit hatten. Sie war eine sehr verstndige Haushlterin; und da sie
damit angefangen hatte, bei uns mit an Tafel zu sitzen, so zog sie sich nunmehr
nicht etwa aus falscher Bescheidenheit zurck, sondern speiste mit uns ohne
Bedenken fort; aber sie rhrte keine Karte, kein Instrument an, als bis sie die
bernommenen Geschfte zu Ende gebracht hatte.
    Nun mu ich freilich gestehen, da mich das Schicksal dieses Mdchens
innigst zu rhren anfing. Ich bedauerte die Eltern, die wahrscheinlich eine
solche Tochter sehr vermiten; ich seufzte, da so sanfte Tugenden, so viele
Eigenschaften verlorengehen sollten. Schon lebte sie mehrere Monate mit uns, und
ich hoffte, das Vertrauen, das wir ihr einzuflen suchten, wrde zuletzt das
Geheimnis auf ihre Lippen bringen. War es ein Unglck, wir konnten helfen; war
es ein Fehler, so lie sich hoffen, unsere Vermittelung, unser Zeugnis wrden
ihr Vergebung eines vorbergehenden Irrtums verschaffen knnen; aber alle unsere
Freundschaftsversicherungen, unsre Bitten selbst waren unwirksam. Bemerkte sie
die Absicht, einige Aufklrung von ihr zu gewinnen, so versteckte sie sich
hinter allgemeine Sittensprche, um sich zu rechtfertigen, ohne uns zu belehren.
Zum Beispiel, wenn wir von ihrem Unglcke sprachen: Das Unglck, sagte sie,
fllt ber Gute und Bse. Es ist eine wirksame Arzenei, welche die guten Sfte
zugleich mit den blen angreift.
    Suchten wir die Ursache ihrer Flucht aus dem vterlichen Hause zu entdecken:
Wenn das Reh flieht, sagte sie lchelnd, so ist es darum nicht schuldig. Fragten
wir, ob sie Verfolgungen erlitten: Das ist das Schicksal mancher Mdchen von
guter Geburt, Verfolgungen zu erfahren und auszuhalten. Wer ber eine
Beleidigung weint, dem werden mehrere begegnen. Aber wie hatte sie sich
entschlieen knnen, ihr Leben der Roheit der Menge auszusetzen, oder es
wenigstens manchmal ihrem Erbarmen zu verdanken? Darber lachte sie wieder und
sagte: Dem Armen, der den Reichen bei Tafel begrt, fehlt es nicht an Verstand.
Einmal, als die Unterhaltung sich zum Scherze neigte, sprachen wir ihr von
Liebhabern und fragten sie: ob sie den frostigen Helden ihrer Romanze nicht
kenne? Ich wei noch recht gut, dieses Wort schien sie zu durchbohren. Sie
ffnete gegen mich ein Paar Augen, so ernst und streng, da die meinigen einen
solchen Blick nicht aushalten konnten; und sooft man auch nachher von Liebe
sprach, so konnte man erwarten, die Anmut ihres Wesens und die Lebhaftigkeit
ihres Geistes getrbt zu sehen. Gleich fiel sie in ein Nachdenken, das wir fr
Grbeln hielten und das doch wohl nur Schmerz war. Doch blieb sie im ganzen
munter, nur ohne groe Lebhaftigkeit, edel, ohne sich ein Ansehn zu geben,
gerade ohne Offenherzigkeit, zurckgezogen ohne ngstlichkeit, eher duldsam als
sanftmtig, und mehr erkenntlich als herzlich bei Liebkosungen und
Hflichkeiten. Gewi war es ein Frauenzimmer, gebildet, einem groen Hause
vorzustehn; und doch schien sie nicht lter als einundzwanzig Jahre.
    So zeigte sich diese junge, unerklrliche Person, die mich ganz eingenommen
hatte, binnen zwei Jahren, die es ihr gefiel bei uns zu verweilen, bis sie mit
einer Torheit schlo, die viel seltsamer ist, als ihre Eigenschaften ehrwrdig
und glnzend waren. Mein Sohn, jnger als ich, wird sich trsten knnen; was
mich betrifft, so frchte ich, schwach genug zu sein, sie immer zu vermissen.
    Nun will ich die Torheit eines verstndigen Frauenzimmers erzhlen, um zu
zeigen, da Torheit oft nichts weiter sei als Vernunft unter einem andern
uern. Es ist wahr, man wird einen seltsamen Widerspruch finden zwischen dem
edlen Charakter der Pilgerin und der komischen List, deren sie sich bediente;
aber man kennt ja schon zwei ihrer Ungleichheiten, die Pilgerschaft selbst und
das Lied.
    Es ist wohl deutlich, da Herr von Revanne in die Unbekannte verliebt war.
Nun mochte er sich freilich auf sein funfzigjhriges Gesicht nicht verlassen, ob
er so schon frisch und wacker aussah als ein Dreiiger; vielleicht aber hoffte
er, durch seine reine, kindliche Gesundheit zu gefallen durch die Gte,
Heiterkeit, Sanftheit, Gromut seines Charakters; vielleicht auch durch sein
Vermgen, ob er gleich zart genug gesinnt war, um zu fhlen, da man das nicht
erkauft, was keinen Preis hat.
    Aber der Sohn von der andern Seite, liebenswrdig, zrtlich, feurig, ohne
sich mehr als sein Vater zu bedenken, strzte sich ber Hals und Kopf in das
Abenteuer. Erst suchte er vorsichtig die Unbekannte zu gewinnen, die ihm durch
seines Vaters und seiner Tante Lob und Freundschaft erst recht wert geworden. Er
bemhte sich aufrichtig um ein liebenswrdiges Weib, die seiner Leidenschaft
weit ber den gegenwrtigen Zustand erhht schien. Ihre Strenge mehr als ihr
Verdienst und ihre Schnheit entflammte ihn; er wagte zu reden, zu unternehmen,
zu versprechen.
    Der Vater, ohne es selbst zu wollen, gab seiner Bewerbung immer ein etwas
vterliches Ansehn. Er kannte sich, und als er seinen Rival erkannt hatte,
hoffte er nicht, ber ihn zu siegen, wenn er nicht zu Mitteln greifen wollte,
die einem Manne von Grundstzen nicht geziemen. Dessenungeachtet verfolgte er
seinen Weg, ob ihm gleich nicht unbekannt war, da Gte, ja Vermgen selbst, nur
Reizungen sind, denen sich ein Frauenzimmer mit Vorbedacht hingibt, die jedoch
unwirksam bleiben, sobald Liebe sich mit den Reizen und in Begleitung der Jugend
zeigt. Auch machte Herr von Revanne noch andere Fehler, die er spter bereute.
Bei einer hochachtungsvollen Freundschaft sprach er von einer dauerhaften,
geheimen, gesetzmigen Verbindung. Er beklagte sich auch wohl und sprach das
Wort Undankbarkeit aus. Gewi kannte er die nicht, die er liebte, als er eines
Tages zu ihr sagte, da viele Wohltter bles fr Gutes zurckerhielten. Ihm
antwortete die Unbekannte mit Geradheit: Viele Wohltter mchten ihren
Begnstigten smtliche Rechte gern abhandeln fr eine Linse.
    Die schne Fremde, in die Bewerbung zweier Gegner verwickelt, durch
unbekannte Beweggrnde geleitet, scheint keine andere Absicht gehabt zu haben,
als sich und andern alberne Streiche zu ersparen, indem sie in diesen
bedenklichen Umstnden einen wunderlichen Ausweg ergriff. Der Sohn drngte mit
der Khnheit seines Alters und drohte, wie gebruchlich, sein Leben der
Unerbittlichen aufzuopfern. Der Vater, etwas weniger unvernnftig, war doch
ebenso dringend; aufrichtig beide. Dieses liebenswrdige Wesen htte sich hier
wohl eines verdienten Zustandes versichern knnen: denn beide Herren von Revanne
beteuren, ihre Absicht sei gewesen, sie zu heiraten.
    Aber an dem Beispiele dieses Mdchens mgen die Frauen lernen, da ein
redliches Gemt, htte sich auch der Geist durch Eitelkeit oder wirklichen
Wahnsinn verirrt, die Herzenswunden nicht unterhlt, die es nicht heilen will.
Die Pilgerin fhlte, da sie auf einem uersten Punkte stehe, wo es ihr wohl
nicht leicht sein wrde, sich lange zu verteidigen. Sie war in der Gewalt zweier
Liebenden, welche jede Zudringlichkeit durch die Reinheit ihrer Absichten
entschuldigen konnten, indem sie im Sinne hatten, ihre Verwegenheit durch ein
feierliches Bndnis zu rechtfertigen. So war es, und so begriff sie es.
    Sie konnte sich hinter Frulein von Revanne verschanzen; sie unterlie es,
ohne Zweifel aus Schonung, aus Achtung fr ihre Wohltter. Sie kommt nicht aus
der Fassung, sie erdenkt ein Mittel, jedermann seine Tugend zu erhalten, indem
sie die ihrige bezweifeln lt. Sie ist wahnsinnig vor Treue, die ihr Liebhaber
gewi nicht verdient, wenn er nicht alle die Aufopferungen fhlt, und sollten
sie ihm auch unbekannt bleiben.
    Eines Tages, als Herr von Revanne die Freundschaft, die Dankbarkeit, die sie
ihm bezeigte, etwas zu lebhaft erwiderte, nahm sie auf einmal ein naives Wesen
an, das ihm auffiel. Ihre Gte, mein Herr, sagte sie, ngstigt mich; und
lassen Sie mich aufrichtig entdecken, warum. Ich fhle wohl, nur Ihnen bin ich
meine ganze Dankbarkeit schuldig; aber freilich - - Grausames Mdchen! sagte
Herr von Revanne, ich verstehe Sie. Mein Sohn hat Ihr Herz gerhrt. - Ach!
mein Herr, dabei ist es nicht geblieben. Ich kann nur durch meine Verwirrung
ausdrcken - - Wie? Mademoiselle, Sie wren - - Ich denke wohl ja, sagte
sie, indem sie sich tief verneigte und eine Trne vorbrachte: denn niemals fehlt
es Frauen an einer Trne bei ihren Schalkheiten, niemals an einer Entschuldigung
ihres Unrechts.
    So verliebt Herr von Revanne war, so mute er doch diese neue Art von
unschuldiger Aufrichtigkeit unter dem Mutterhubchen bewundern, und er fand die
Verneigung sehr am Platze. - Aber, Mademoiselle, das ist mir ganz unbegreiflich
- - Mir auch, sagte sie, und ihre Trnen flossen reichlicher. Sie flossen so
lange, bis Herr von Revanne, am Schlu eines sehr verdrielichen Nachdenkens,
mit ruhiger Miene das Wort wieder aufnahm und sagte: Dies klrt mich so auf!
Ich sehe, wie lcherlich meine Forderungen sind. Ich mache Ihnen keine Vorwrfe,
und als einzige Strafe fr den Schmerz, den Sie mir verursachen, verspreche ich
Ihnen von seinem Erbteile so viel, als ntig ist, um zu erfahren, ob er Sie so
sehr liebt als ich. - Ach! mein Herr, erbarmen Sie sich meiner Unschuld und
sagen ihm nichts davon.
    Verschwiegenheit fordern ist nicht das Mittel, sie zu erlangen. Nach diesen
Schritten erwartete nun die unbekannte Schne, ihren Liebhaber voll Verdru und
hchst aufgebracht vor sich zu sehen. Bald erschien er mit einem Blicke, der
niederschmetternde Worte verkndigte. Doch er stockte und konnte nichts weiter
hervorbringen als: Wie? Mademoiselle, ist es mglich? - Nun was denn, mein
Herr? sagte sie mit einem Lcheln, das bei einer solchen Gelegenheit zum
Verzweifeln bringen kann. - Wie? was denn? Gehen Sie, Mademoiselle, Sie sind
mir ein schnes Wesen! Aber wenigstens sollte man rechtmige Kinder nicht
enterben; es ist schon genug, sie anzuklagen. Ja, Mademoiselle, ich durchdringe
Ihr Komplott mit meinem Vater. Sie geben mir beide einen Sohn, und es ist mein
Bruder, das bin ich gewi!
    Mit ebenderselben ruhigen und heitern Stirne antwortete ihm die schne
Unkluge: Von nichts sind Sie gewi; es ist weder Ihr Sohn noch Ihr Bruder. Die
Knaben sind bsartig; ich habe keinen gewollt; es ist ein armes Mdchen, das ich
weiterfhren will, weiter, ganz weit von den Menschen, den Bsen, den Toren und
den Ungetreuen.
    Darauf ihrem Herzen Luft machend: Leben Sie wohl! fuhr sie fort, leben
Sie wohl, lieber Revanne! Sie haben von Natur ein redliches Herz; erhalten Sie
die Grundstze der Aufrichtigkeit. Diese sind nicht gefhrlich bei einem
gegrndeten Reichtum. Sein Sie gut gegen Arme. Wer die Bitte bekmmerter
Unschuld verachtet, wird einst selbst bitten und nicht erhrt werden. Wer sich
kein Bedenken macht, das Bedenken eines schutzlosen Mdchens zu verachten, wird
das Opfer werden von Frauen ohne Bedenken. Wer nicht fhlt, was ein ehrbares
Mdchen empfinden mu, wenn man um sie wirbt, der verdient sie nicht zu
erhalten. Wer gegen alle Vernunft, gegen die Absichten, gegen den Plan seiner
Familie, zugunsten seiner Leidenschaften Entwrfe so schmiedet, verdient die
Frchte seiner Leidenschaft zu entbehren und der Achtung seiner Familie zu
ermangeln. Ich glaube wohl, Sie haben mich aufrichtig geliebt; aber, mein lieber
Revanne, die Katze wei wohl, wem sie den Bart leckt; und werden Sie jemals der
Geliebte eines wrdigen Weibes, so erinnern Sie sich der Mhle des Ungetreuen.
Lernen Sie an meinem Beispiel sich auf die Standhaftigkeit und Verschwiegenheit
Ihrer Geliebten verlassen. Sie wissen, ob ich untreu bin, Ihr Vater wei es
auch. Ich gedachte durch die Welt zu rennen und mich allen Gefahren auszusetzen.
Gewi diejenigen sind die grten, die mich in diesem Hause bedrohen. Aber weil
Sie jung sind, sage ich es Ihnen allein und im Vertrauen: Mnner und Frauen sind
nur mit Willen ungetreu; und das wollt' ich dem Freunde von der Mhle beweisen,
der mich vielleicht wieder sieht, wenn sein Herz rein genug sein wird, zu
vermissen, was er verloren hat.
    Der junge Revanne hrte noch zu, da sie schon ausgesprochen hatte. Er stand
wie vom Blitz getroffen; Trnen ffneten zuletzt seine Augen, und in dieser
Rhrung lief er zur Tante, zum Vater, ihnen zu sagen: Mademoiselle gehe weg,
Mademoiselle sei ein Engel, oder vielmehr ein Dmon, herumirrend in der Welt, um
alle Herzen zu peinigen. Aber die Pilgerin hatte so gut sich vorgesehen, da man
sie nicht wiederfand. Und als Vater und Sohn sich erklrt hatten, zweifelte man
nicht mehr an ihrer Unschuld, ihren Talenten, ihrem Wahnsinn. So viel Mhe sich
auch Herr von Revanne seit der Zeit gegeben, war es ihm doch nicht gelungen,
sich die mindeste Aufklrung ber diese schne Person zu verschaffen, die so
flchtig wie die Engel und so liebenswrdig erschienen war.

                                Sechstes Kapitel


Nach einer langen und grndlichen Ruhe, deren die Wanderer wohl bedrfen
mochten, sprang Felix lebhaft aus dem Bette und eilte, sich anzuziehn; der Vater
glaubte zu bemerken, mit mehr Sorgfalt als bisher. Nichts sa ihm knapp noch
nett genug, auch htte er alles neuer und frischer gewnscht. Er sprang nach dem
Garten und haschte unterwegs nur etwas von der Vorkost, die der Diener fr die
Gste brachte, weil erst nach einer Stunde die Frauenzimmer im Garten erscheinen
wrden.
    Der Diener war gewohnt, die Fremden zu unterhalten und manches im Hause
vorzuzeigen; so auch fhrte er unsern Freund in eine Galerie, worin blo
Portrte aufgehangen und gestellt waren, alles Personen, die im achtzehnten
Jahrhundert gewirkt hatten, eine groe und herrliche Gesellschaft; Gemlde sowie
Bsten, wo mglich, von vortrefflichen Meistern. Sie finden, sagte der
Kustode, in dem ganzen Schlo kein Bild, das, auch nur von ferne, auf Religion,
berlieferung, Mythologie, Legende oder Fabel hindeutete; unser Herr will, da
die Einbildungskraft nur gefrdert werde, um sich das Wahre zu vergegenwrtigen.
Wir fabeln so genug, pflegt er zu sagen, als da wir diese gefhrliche
Eigenschaft unsers Geistes durch uere reizende Mittel noch steigern sollten.
    Die Frage Wilhelms: wenn man ihm aufwarten knne? ward durch die Nachricht
beantwortet: der Herr sei, nach seiner Gewohnheit, ganz frh weggeritten. Er
pflege zu sagen: Aufmerksamkeit ist das Leben! - Sie werden diesen und andere
Sprche, in denen er sich bespiegelt, in den Feldern ber den Tren
eingeschrieben sehen, wie wir hier z.B. gleich antreffen: Vom Ntzlichen durchs
Wahre zum Schnen.
    Die Frauenzimmer hatten schon unter den Linden das Frhstck bereitet, Felix
eulenspiegelte um sie her und trachtete, in allerlei Torheiten und
Verwegenheiten sich hervorzutun, die Aufmerksamkeit auf sich zu leiten, eine
Abmahnung, einen Verweis von Hersilien zu erhaschen. Nun suchten die Schwestern
durch Aufrichtigkeit und Mitteilung das Vertrauen des schweigsamen Gastes, der
ihnen gefiel, zu gewinnen; sie erzhlten von einem werten Vetter, der, drei
Jahre abwesend, zunchst erwartet werde, von einer wrdigen Tante, die, unfern
in ihrem Schlosse wohnend, als ein Schutzgeist der Familie zu betrachten sei. In
krankem Verfall des Krpers, in blhender Gesundheit des Geistes ward sie
geschildert, als wenn die Stimme einer unsichtbar gewordenen Ursibylle rein
gttliche Worte ber die menschlichen Dinge ganz einfach aussprche.
    Der neue Gast lenkte nun Gesprch und Frage auf die Gegenwart. Er wnschte
den edlen Oheim in rein entschiedener Ttigkeit gerne nher zu kennen; er
gedachte des angedeuteten Wegs vom Ntzlichen durchs Wahre zum Schnen und
suchte die Worte auf seine Weise auszulegen, das ihm denn ganz gut gelang und
Juliettens Beifall zu erwerben das Glck hatte.
    Hersilie, die bisher lchelnd schweigsam geblieben, versetzte dagegen: Wir
Frauen sind in einem besondern Zustande. Die Maximen der Mnner hren wir
immerfort wiederholen, ja wir mssen sie in goldnen Buchstaben ber unsern
Hupten sehen, und doch wten wir Mdchen im stillen das Umgekehrte zu sagen,
das auch glte, wie es gerade hier der Fall ist. Die Schne findet Verehrer,
auch Freier, und endlich wohl gar einen Mann; dann gelangt sie zum Wahren, das
nicht immer hchst erfreulich sein mag, und wenn sie klug ist, widmet sie sich
dem Ntzlichen, sorgt fr Haus und Kinder und verharrt dabei. So habe ich's
wenigstens oft gefunden. Wir Mdchen haben Zeit zu beobachten, und da finden wir
meist, was wir nicht suchten.
    Ein Bote vom Oheim traf ein mit der Nachricht, da smtliche Gesellschaft
auf ein nahes Jagdhaus zu Tische geladen sei, man knne hin reiten und fahren.
Hersilie erwhlte zu reiten. Felix bat instndig, man mge ihm auch ein Pferd
geben. Man kam berein, Juliette sollte mit Wilhelm fahren und Felix als Page
seinen ersten Ausritt der Dame seines jungen Herzens zu verdanken haben.
    Indessen fuhr Juliette mit dem neuen Freunde durch eine Reihe von Anlagen,
welche smtlich auf Nutzen und Genu hindeuteten, ja die unzhligen Fruchtbume
machten zweifelhaft, ob das Obst alles verzehrt werden knne.
     Sie sind durch ein so wunderliches Vorzimmer in unsere Gesellschaft
getreten und fanden manches wirklich Seltsame und Sonderbare, so da ich
vermuten darf, Sie wnschen einen Zusammenhang von allem diesem zu wissen. Alles
beruht auf Geist und Sinn meines trefflichen Oheims. Die krftigen Mannsjahre
dieses Edlen fielen in die Zeit der Beccaria und Filangieri; die Maximen einer
allgemeinen Menschlichkeit wirkten damals nach allen Seiten. Dies Allgemeine
jedoch bildete sich der strebende Geist, der strenge Charakter nach Gesinnungen
aus, die sich ganz aufs Praktische bezogen. Er verhehlte uns nicht, wie er jenen
liberalen Wahlspruch: Den Meisten das Beste! nach seiner Art verwandelt und
Vielen das Erwnschte zugedacht. Die Meisten lassen sich nicht finden noch
kennen, was das Beste sei, noch weniger ausmitteln. Viele jedoch sind immer um
uns her; was sie wnschen, erfahren wir, was sie wnschen sollten, berlegen
wir, und so lt sich denn immer Bedeutendes tun und schaffen. In diesem Sinne,
fuhr sie fort, ist alles, was Sie hier sehen, gepflanzt, gebaut, eingerichtet,
und zwar um eines ganz nahen, leicht falichen Zweckes willen; alles dies
geschah dem groen, nahen Gebirg zuliebe. Der treffliche Mann, Kraft und
Vermgen zusammenhaltend, sagte zu sich selbst: Keinem Kinde da droben soll es
an einer Kirsche, an einem Apfel fehlen, wornach sie mit Recht so lstern sind;
der Hausfrau soll es nicht an Kohl noch an Rben oder sonst einem Gemse im Topf
ermangeln, damit dem unseligen Kartoffelgenu nur einigermaen das Gleichgewicht
gehalten werde. In diesem Sinne, auf diese Weise sucht er zu leisten, wozu ihm
sein Besitztum Gelegenheit gibt, und so haben sich seit manchen Jahren Trger
und Trgerinnen gebildet, welche das Obst in die tiefsten Schluchten des
Felsgebirges verkuflich hintragen.
    Ich habe selbst davon genossen wie ein Kind, versetzte Wilhelm; da, wo
ich dergleichen nicht anzutreffen hoffte, zwischen Tannen und Felsen,
berraschte mich weniger ein reiner Frommsinn als ein erquicklich frisches Obst.
Die Gaben des Geistes sind berall zu Hause, die Geschenke der Natur ber den
Erdboden sparsam ausgeteilt.
    Ferner hat unser wrdiger Landherr von entfernten Orten manches Notwendige
dem Gebirge nher gebracht; in diesen Gebuden am Fue hin finden Sie Salz
aufgespeichert und Gewrze vorrtig. Fr Tabak und Branntwein lt er andere
sorgen; dies seien keine Bedrfnisse, sagt er, sondern Gelste, und da wrden
sich schon Unterhndler genug finden.
    Angelangt am bestimmten Orte, einem gerumigen Frsterhause im Walde, fand
sich die Gesellschaft zusammen und bereits eine kleine Tafel gedeckt. Setzen
wir uns, sagte Hersilie; hier steht zwar der Stuhl des Oheims, aber gewi wird
er nicht kommen, wie gewhnlich. Es ist mir gewissermaen lieb, da unser neuer
Gast, wie ich hre, nicht lange bei uns verweilen wird: denn es mte ihm
verdrielich sein, unser Personal kennen zu lernen, es ist das ewig in Romanen
und Schauspielen wiederholte: ein wunderlicher Oheim, eine sanfte und eine
muntere Nichte, eine kluge Tante, Hausgenossen nach bekannter Art; und kme nun
gar der Vetter wieder, so lernte er einen phantastischen Reisenden kennen, der
vielleicht einen noch sonderbarern Gesellen mitbrchte, und so wre das leidige
Stck erfunden und in Wirklichkeit gesetzt.
    Die Eigenheiten des Oheims haben wir zu ehren, versetzte Juliette; sie
sind niemanden zur Last, gereichen vielmehr jedermann zur Bequemlichkeit. Eine
bestimmte Tafelstunde ist ihm nun einmal verdrielich, selten, da er sie
einhlt, wie er denn versichert: eine der schnsten Erfindungen neuerer Zeit sei
das Speisen nach der Karte.
    Unter manchen andern Gesprchen kamen sie auf die Neigung des werten Mannes,
berall Inschriften zu belieben. Meine Schwester, sagte Hersilie, wei sie
smtlich auszulegen, mit dem Kustode versteht sie's um die Wette; ich aber
finde, da man sie alle umkehren kann und da sie alsdann ebenso wahr sind, und
vielleicht noch mehr. - Ich leugne nicht, versetzte Wilhelm, es sind Sprche
darunter, die sich in sich selbst zu vernichten scheinen; so sah ich z.B. sehr
auffallend angeschrieben: Besitz und Gemeingut; heben sich diese beiden Begriffe
nicht auf?
    Hersilie fiel ein: Dergleichen Inschriften, scheint es, hat der Oheim von
den Orientalen genommen, die an allen Wnden die Sprche des Korans mehr
verehren als verstehen. Juliette, ohne sich irren zu lassen, erwiderte auf
obige Frage: Umschreiben Sie die wenigen Worte, so wird der Sinn alsobald
hervorleuchten.
    Nach einigen Zwischenreden fuhr Juliette fort, weiter aufzuklren, wie es
gemeint sei: Jeder suche den Besitz, der ihm von der Natur, von dem Schicksal
gegnnt ward, zu wrdigen, zu erhalten, zu steigern, er greife mit allen seinen
Fertigkeiten so weit umher, als er zu reichen fhig ist; immer aber denke er
dabei, wie er andere daran will teilnehmen lassen: denn nur insofern werden die
Vermgenden geschtzt, als andere durch sie genieen.
    Indem man sich nun nach Beispielen umsah, fand sich der Freund erst in
seinem Fache; man wetteiferte, man berbot sich, um jene lakonischen Worte recht
wahr zu finden. Warum, hie es, verehrt man den Frsten, als weil er einen jeden
in Ttigkeit setzen, frdern, begnstigen und seiner absoluten Gewalt gleichsam
teilhaft machen kann? Warum schaut alles nach dem Reichen, als weil er, der
Bedrftigste, berall Teilnehmer an seinem berflusse wnscht? Warum beneiden
alle Menschen den Dichter? weil seine Natur die Mitteilung ntig macht, ja die
Mitteilung selbst ist. Der Musiker ist glcklicher als der Maler, er spendet
willkommene Gaben aus, persnlich unmittelbar, anstatt da der letzte nur gibt,
wenn die Gabe sich von ihm absonderte.
    Nun hie es ferner im allgemeinen: Jede Art von Besitz soll der Mensch
festhalten, er soll sich zum Mittelpunkt machen, von dem das Gemeingut ausgehen
kann; er mu Egoist sein, um nicht Egoist zu werden, zusammenhalten, damit er
spenden knne. Was soll es heien, Besitz und Gut an die Armen zu geben?
Lblicher ist, sich fr sie als Verwalter betragen. Dies ist der Sinn der Worte
Besitz und Gemeingut; das Kapital soll niemand angreifen, die Interessen
werden ohnehin im Weltlaufe schon jedermann angehren.
    Man hatte, wie sich im Gefolg des Gesprchs ergab, dem Oheim vorgeworfen,
da ihm seine Gter nicht eintrgen, was sie sollten. Er versetzte dagegen: Das
Mindere der Einnahme betracht' ich als Ausgabe, die mir Vergngen macht, indem
ich andern dadurch das Leben erleichtere; ich habe nicht einmal die Mhe, da
diese Spende durch mich durchgeht, und so setzt sich alles wieder ins gleiche.
    Dergestalt unterhielten sich die Frauenzimmer mit dem neuen Freunde gar
vielseitig, und bei immer wachsendem gegenseitigem Vertrauen sprachen sie ber
den zunchst erwarteten Vetter.
    Wir halten sein wunderliches Betragen fr abgeredet mit dem Oheim. Er lt
seit einigen Jahren nichts von sich hren, sendet anmutige, seinen Aufenthalt
verblmt andeutende Geschenke, schreibt nun auf einmal ganz aus der Nhe, will
aber nicht eher zu uns kommen, bis wir ihm von unsern Zustnden Nachricht geben.
Dies Betragen ist nicht natrlich; was auch dahinterstecke, wir mssen es vor
seiner Rckkehr erfahren. Heute abend geben wir Ihnen einen Heft Briefe, woraus
das Weitere zu ersehen ist. Hersilie setzte hinzu: Gestern machte ich Sie mit
einer trigen Landluferin bekannt, heute sollen Sie von einem verrckten
Reisenden vernehmen. - Gestehe es nur, fgte Juliette hinzu, diese
Mitteilung ist nicht ohne Absicht.
    Hersilie fragte soeben etwas ungeduldig, wo der Nachtisch bleibe, als die
Meldung geschah, der Oheim erwarte die Gesellschaft, mit ihm die Nachkost in der
groen Laube zu genieen. Auf dem Hinwege bemerkte man eine Feldkche, die sehr
emsig ihre blank gereinigten Kasserollen Schsseln und Teller klappernd
einzupacken beschftigt war. In einer gerumigen Laube fand man den alten Herrn
an einem runden, groen, frischgedeckten Tisch, auf welchem soeben die schnsten
Frchte, willkommenes Backwerk und die besten Sigkeiten, indem sich jene
niedersetzten, reichlich aufgetragen wurden. Auf die Frage des Oheims, was
bisher begegnet, womit man sich unterhalten, fiel Hersilie vorschnell ein:
Unser guter Gast htte wohl ber Ihre lakonischen Inschriften verwirrt werden
knnen wre ihm Juliette nicht durch einen fortlaufenden Kommentar zu Hlfe
gekommen. - Du hast es immer mit Julietten zu tun, versetzte der Oheim, sie
ist ein wackres Mdchen, das noch etwas lernen und begreifen mag. - Ich machte
vieles gern vergessen, was ich wei, und was ich begriffen habe, ist auch nicht
viel wert, versetzte Hersilie in Heiterkeit.
    Hierauf nahm Wilhelm das Wort und sagte bedchtig: Kurzgefate Sprche
jeder Art wei ich zu ehren, besonders wenn sie mich anregen, das
Entgegengesetzte zu berschauen und in bereinstimmung zu bringen. - Ganz
richtig, erwiderte der Oheim, hat doch der vernnftige Mann in seinem ganzen
Leben noch keine andere Beschftigung gehabt.
    Indessen besetzte sich die Tafelrunde nach und nach, so da Sptere kaum
Platz fanden. Die beiden Amtleute waren gekommen, Jger, Pferdebndiger,
Grtner, Frster und andere, denen man nicht gleich ihren Beruf ansehen konnte.
Jeder hatte etwas von dem letzten Augenblick zu erzhlen und mitzuteilen, das
sich der alte Herr gefallen lie, auch wohl durch teilnehmende Fragen
hervorrief, zuletzt aber aufstand und, die Gesellschaft, die sich nicht rhren
sollte, begrend, mit den beiden Amtleuten sich entfernte. Das Obst hatten sich
alle, das Zuckerwerk die jungen Leute, wenn sie auch ein wenig wild aussahen,
gar wohl schmecken lassen. Einer nach dem andern stand auf, begrte die
Bleibenden und ging davon.
    Die Frauenzimmer, welche bemerkten, da der Gast auf das, was vorging, mit
einiger Verwunderung achtgab, erklrten sich folgendermaen: Sie sehen hier
abermals die Wirkung der Eigenheiten unsers trefflichen Oheims; er behauptet:
keine Erfindung des Jahrhunderts verdiene mehr Bewunderung, als da man in
Gasthusern, an besonderen kleinen Tischchen, nach der Karte speisen knne;
sobald er dies gewahr worden, habe er fr sich und andere dies auch in seiner
Familie einzufhren gesucht. Wenn er vom besten Humor ist, mag er gern die
Schrecknisse eines Familientisches lebhaft schildern, wo jedes Glied mit fremden
Gedanken beschftigt sich niedersetzt, ungern hrt, in Zerstreuung spricht,
muffig schweigt und, wenn gar das Unglck kleine Kinder heranfhrt, mit
augenblicklicher Pdagogik die unzeitigste Mistimmung hervorbringt. So manches
bel, sagt er, mu man tragen, von diesem habe ich mich zu befreien gewut.
Selten erscheint er an unserm Tische und besetzt den Stuhl nur augenblicklich,
der fr ihn leer steht. Seine Feldkche fhrt er mit sich umher, speist
gewhnlich allein, andere mgen fr sich sorgen. Wenn er aber einmal Frhstck,
Nachtisch oder sonst Erfrischung anbietet, dann versammeln sich alle zerstreuten
Angehrigen, genieen das Bescherte, wie Sie gesehen haben. Das macht ihm
Vergngen; aber niemand darf kommen, der nicht Appetit mitbringt, jeder mu
aufstehen, der sich gelabt hat, und nur so ist er gewi, immer von Genieenden
umgeben zu sein. Will man die Menschen ergtzen, hrte ich ihn sagen, so mu man
ihnen das zu verleihen suchen, was sie selten oder nie zu erlangen im Falle
sind.
    Auf dem Rckwege brachte ein unerwarteter Schlag die Gesellschaft in einige
Gemtsbewegung. Hersilie sagte zu dem neben ihr reitenden Felix: Sieh dort, was
mgen das fr Blumen sein? sie decken die ganze Sommerseite des Hgels, ich hab'
sie noch nie gesehen. Sogleich regte Felix sein Pferd an, sprengte auf die
Stelle los und war im Zurckkommen mit einem ganzen Bschel blhender Kronen,
die er von weitem schttelte, als er auf einmal mit dem Pferde verschwand. Er
war in einen Graben gestrzt. Sogleich lsten sich zwei Reiter von der
Gesellschaft ab, nach dem Punkte hinsprengend.
    Wilhelm wollte aus dem Wagen, Juliette verbat es: Hlfe ist schon bei ihm,
und unser Gesetz ist in solchen Fllen, da nur der Helfende sich von der Stelle
regen darf; der Chirurg ist schon dorten. Hersilie hielt ihr Pferd an:
Jawohl, sagte sie, Leibrzte braucht man nur selten, Wundrzte jeden
Augenblick. Schon sprengte Felix mit verbundenem Kopfe wieder heran, die
blhende Beute festhaltend und hoch emporzeigend. Mit Selbstgeflligkeit reichte
er den Strau seiner Herrin zu, dagegen gab ihm Hersilie ein buntes, leichtes
Halstuch. Die weie Binde kleidet dich nicht, sagte sie, diese wird schon
lustiger aussehen. Und so kamen sie zwar beruhigt, aber teilnehmender gestimmt
nach Hause.
    Es war spt geworden, man trennte sich in freundlicher Hoffnung morgenden
Wiedersehens; der hier folgende Briefwechsel aber erhielt unsern Freund noch
einige Stunden nachdenklich und wach.


                              Lenardo an die Tante

Endlich erhalten Sie nach drei Jahren den ersten Brief von mir, liebe Tante,
unserer Abrede gem, die freilich wunderlich genug war. Ich wollte die Welt
sehen und mich ihr hingeben und wollte fr diese Zeit meine Heimat vergessen,
von der ich kam, zu der ich wieder zurckzukehren hoffte. Den ganzen Eindruck
wollte ich behalten, und das einzelne sollte mich in die Ferne nicht irremachen.
Indessen sind die ntigen Lebenszeichen von Zeit zu Zeit hin und her gegangen.
Ich habe Geld erhalten, und kleine Gaben fr meine Nchsten sind Ihnen indessen
zur Austeilung berliefert worden. An den berschickten Waren konnten Sie sehen,
wo und wie ich mich befand. An den Weinen hat der Onkel meinen jedesmaligen
Aufenthalt gewi herausgekostet; dann die Spitzen, die Quodlibets, die
Stahlwaren haben meinen Weg, durch Brabant ber Paris nach London, fr die
Frauenzimmer bezeichnet; und so werde ich auf Ihren Schreib-, Nh- und
Teetischen, an Ihren Negligs und Festkleidern gar manches Merkzeichen finden,
woran ich meine Reiseerzhlung knpfen kann. Sie haben mich begleitet, ohne von
mir zu hren, und sind vielleicht nicht einmal neugierig, etwas weiter zu
erfahren. Mir hingegen ist hchst ntig, durch Ihre Gte zu vernehmen, wie es in
dem Kreise steht, in den ich wieder einzutreten im Begriff bin. Ich mchte
wirklich aus der Fremde wie ein Fremder hineinkommen, der, um angenehm zu sein,
sich erst erkundigt, was man in dem Hause will und mag, und sich nicht
einbildet, da man ihn wegen seiner schnen Augen oder Haare gerade nach seiner
eigenen Weise empfangen msse. Schreiben Sie mir daher vom guten Onkel, von den
lieben Nichten, von sich selbst, von unsern Verwandten, nhern und fernern, auch
von alten und neuen Bedienten. Genug, lassen Sie Ihre gebte Feder, die Sie fr
Ihren Neffen so lange nicht eingetaucht, auch einmal zu seinen Gunsten auf dem
Papiere hinwalten. Ihr unterrichtendes Schreiben soll zugleich mein Kreditiv
sein, mit dem ich mich einstelle, sobald ich es erhalten habe. Es hngt also von
Ihnen ab, mich in Ihren Armen zu sehen. Man verndert sich viel weniger, als man
glaubt, und die Zustnde bleiben sich auch meistens sehr hnlich. Nicht was sich
verndert hat, sondern was geblieben ist, was allmhlich zu- und abnahm, will
ich auf einmal wieder erkennen und mich selbst in einem bekannten Spiegel wieder
erblicken. Gren Sie herzlich alle die Unsrigen und glauben Sie, da in der
wunderlichen Art meines Auenbleibens und Zurckkommens so viel Wrme enthalten
sei als manchmal nicht in stetiger Teilnahme und lebhafter Mitteilung. Tausend
Gre jedem und allen!


                                  Nachschrift

Versumen Sie nicht, beste Tante, mir auch von unsern Geschftsmnnern ein Wort
zu sagen, wie es mit unsern Gerichtshaltern und Pachtern steht. Was ist mit
Valerinen geworden, der Tochter des Pachters, den unser Onkel kurz vor meiner
Abreise, zwar mit Recht, aber doch, dnkt mich, mit ziemlicher Hrte austrieb?
Sie sehen, ich erinnere mich noch manches Umstandes; ich wei wohl noch alles.
ber das Vergangene sollen Sie mich examinieren, wenn Sie mir das Gegenwrtige
mitgeteilt haben.


                             Die Tante an Julietten

Endlich, liebe Kinder, ein Brief von dem dreijhrigen Schweiger. Was doch die
wunderlichen Menschen wunderlich sind! Er glaubt, seine Waren und Zeichen seien
so gut als ein einziges gutes Wort, das der Freund dem Freunde sagen oder
schreiben kann. Er bildet sich wirklich ein, im Vorschu zu stehen, und will nun
von unserer Seite das zuerst geleistet haben, was er uns von der seinigen so
hart und unfreundlich versagte. Was sollen wir tun? Ich fr meinen Teil wrde
gleich in einem langen Brief seinen Wnschen entgegenkommen, wenn sich mein
Kopfweh nicht anmeldete, das mich gegenwrtiges Blatt kaum zu Ende schreiben
lt. Wir verlangen ihn alle zu sehen. bernehmt, meine Lieben, doch das
Geschft. Bin ich hergestellt, eh Ihr geendet habt, so will ich das Meinige
beitragen. Whlt Euch die Personen und die Verhltnisse, wie Ihr sie am liebsten
beschreibt. Teilt Euch darein. Ihr werdet alles besser machen als ich selbst.
Der Bote bringt mir doch von Euch ein Wort zurck?


                             Juliette an die Tante

Wir haben gleich gelesen, berlegt und sagen mit dem Boten unsere Meinung, jede
besonders, wenn wir erst zusammen versichert haben, da wir nicht so gutmtig
sind wie unsere liebe Tante gegen den immer verzogenen Neffen. Nachdem er seine
Karten drei Jahre vor uns verborgen gehalten hat und noch verborgen hlt, sollen
wir die unsrigen auflegen und ein offenes Spiel gegen ein verdecktes spielen.
Das ist keinesweges billig, und doch mag es hingehen; denn der Feinste betriegt
sich oft, gerade weil er zu viel sichert. Nur ber die Art und Weise sind wir
nicht einig, was und wie man's ihm senden soll. Zu schreiben, wie man ber die
Seinigen denkt, das ist fr uns wenigstens eine wunderliche Aufgabe. Gewhnlich
denkt man ber sie nur in diesem und jenem Falle, wenn sie einem besonderes
Vergngen oder Verdru machen. brigens lt jeder den andern gewhren. Sie
knnten es allein, liebe Tante; denn Sie haben die Einsicht und die Billigkeit
zugleich. Hersilie, die, wie Sie wissen, leicht zu entznden ist, hat mir in der
Geschwindigkeit die ganze Familie aus dem Stegreif ins Lustige rezensiert; ich
wollte, da es auf dem Papier stnde, um Ihnen selbst bei Ihren beln ein
Lcheln abzugewinnen; aber nicht, da man es ihm schickte. Mein Vorschlag ist
jedoch, ihm unsere Korrespondenz dieser drei Jahre mitzuteilen; da mag er sich
durchlesen, wenn er Mut hat, oder mag kommen, um zu sehen, was er nicht lesen
mag. Ihre Briefe an mich, liebe Tante, sind in der besten Ordnung und stehen
gleich zu Befehl. Dieser Meinung tritt Hersilie nicht bei; sie entschuldigt sich
mit der Unordnung ihrer Papiere u.s.w., wie sie Ihnen selbst sagen wird.


                             Hersilie an die Tante

Ich will und mu sehr kurz sein, liebe Tante, denn der Bote zeigt sich unartig
ungeduldig. Ich finde es eine bermige Gutmtigkeit und gar nicht am Platz,
Lenardon unsere Briefe mitzuteilen. Was braucht er zu wissen, was wir Gutes von
ihm gesagt haben, was braucht er zu wissen, was wir Bses von ihm sagten, um aus
dem letzten noch mehr als dem ersten herauszufinden, da wir ihm gut sind!
Halten Sie ihn kurz, ich bitte Sie. Es ist so was Abgemessenes und Anmaliches
in dieser Forderung, in diesem Betragen, wie es die Herren meistens haben, wenn
sie aus fremden Lndern kommen. Sie halten die daheim Gebliebenen immer nicht
fr voll. Entschuldigen Sie sich mit Ihrem Kopfweh. Er wird schon kommen; und
wenn er nicht kme, so warten wir noch ein wenig. Vielleicht fllt es ihm
alsdann ein, auf eine sonderbare, geheime Weise sich bei uns zu introduzieren,
uns unerkannt kennen zu lernen, und was nicht alles in den Plan eines so klugen
Mannes eingreifen knnte. Das mte doch hbsch und wunderbar sein! das drfte
allerlei Verhltnisse hervorbringen, die bei einem so diplomatischen Eintritt in
seine Familie, wie er ihn jetzt vorhat, sich unmglich entwickeln knnen.
    Der Bote! der Bote! Ziehen Sie Ihre alten Leute besser, oder schicken Sie
junge. Diesem ist weder mit Schmeichelei noch mit Wein beizukommen. Leben Sie
tausendmal wohl!




                           Nachschrift um Nachschrift


Sagen Sie mir, was will der Vetter in seiner Nachschrift mit Valerinen? Diese
Frage ist mir doppelt aufgefallen. Es ist die einzige Person, die er mit Namen
nennt. Wir andern sind ihm Nichten, Tanten, Geschftstrger; keine Personen,
sondern Rubriken. Valerine, die Tochter unseres Gerichtshalters! Freilich ein
blondes, schnes Kind, das dem Herrn Vetter vor seiner Abreise mag in die Augen
geleuchtet haben. Sie ist verheiratet, gut und glcklich; das brauche ich Ihnen
nicht zu sagen. Aber er wei es so wenig, als er sonst etwas von uns wei.
Vergessen Sie ja nicht, ihm gleichfalls in einer Nachschrift zu melden: Valerine
sei tglich schner geworden und habe auch deshalb eine sehr gute Partie getan.
Sie sei die Frau eines reichen Gutsbesitzers. Verheiratet sei die schne
Blondine. Machen Sie es ihm recht deutlich. Nun aber, liebe Tante, ist das noch
nicht alles. Wie er sich der blonden Schnheit so genau erinnern und sie mit der
Tochter des liederlichen Pachters, einer wilden Hummel von Brnette, verwechseln
kann, die Nachodine hie und die wer wei wohin geraten ist, das bleibt mir
vllig unbegreiflich und intrigiert mich ganz besonders. Denn es scheint doch,
der Herr Vetter, der sein gutes Gedchtnis rhmt, verwechselt Namen und Personen
auf eine sonderbare Weise. Vielleicht fhlt er diesen Mangel und will das
Erloschene durch Ihre Schilderung wieder auffrischen. Halten Sie ihn kurz, ich
bitte Sie; aber suchen Sie zu erfahren, wie es mit den Valerinen und Nachodinen
steht und was fr Inen, Trinen vielleicht noch alle sich in seiner
Einbildungskraft erhalten haben, indessen die Etten und Ilien daraus
verschwunden sind. Der Bote! der verwnschte Bote!


                             Die Tante den Nichten

                                   (Diktiert)

Was soll man sich viel verstellen gegen die, mit denen man sein Leben
zuzubringen hat! Lenardo mit allen seinen Eigenheiten verdient Zutrauen. Ich
schicke ihm Eure beiden Briefe; daraus lernt er Euch kennen, und ich hoffe, wir
andern werden unbewut eine Gelegenheit ergreifen, uns auch nchstens ebenso vor
ihm darzustellen. Lebet wohl! ich leide sehr.




                             Hersilie an die Tante


Was soll man sich viel verstellen gegen die, mit denen man sein Leben zubringt!
Lenardo ist ein verzogener Neffe. Es ist abscheulich, da Sie ihm unsere Briefe
schicken. Er wird uns daraus nicht kennen lernen, und ich wnsche mir nur
Gelegenheit, mich nchstens von einer andern Seite darzustellen. Sie machen
andere viel leiden, indem Sie leiden und blind lieben. Baldige Besserung Ihrer
Leiden! Ihrer Liebe ist nicht zu helfen.


                             Die Tante an Hersilien

Dein letztes Zettelchen htte ich auch mit an Lenardo eingepackt, wenn ich
berhaupt bei dem Vorsatz geblieben wre, den mir meine inkorrigible Neigung,
mein Leiden und die Bequemlichkeit eingegeben hatten. Eure Briefe sind nicht
fort.




                              Wilhelm an Natalien


Der Mensch ist ein geselliges, gesprchiges Wesen; seine Lust ist gro, wenn er
Fhigkeiten ausbt, die ihm gegeben sind, und wenn auch weiter nichts dabei
herauskme. Wie oft beklagt man sich in Gesellschaft, da einer den andern nicht
zum Worte kommen lt, und ebenso kann man sagen, da einer den andern nicht zum
Schreiben kommen liee, wenn nicht das Schreiben gewhnlich ein Geschft wre,
das man einsam und allein abtun mu.
    Wie viel die Menschen schreiben, davon hat man gar keinen Begriff. Von dem,
was davon gedruckt wird, will ich gar nicht reden, ob es gleich schon genug ist.
Was aber an Briefen und Nachrichten und Geschichten, Anekdoten, Beschreibungen
von gegenwrtigen Zustnden einzelner Menschen in Briefen und greren Aufstzen
in der Stille zirkuliert, davon kann man sich nur eine Vorstellung machen, wenn
man in gebildeten Familien eine Zeitlang lebt, wie es mir jetzt geht. In der
Sphre, in der ich mich gegenwrtig befinde, bringt man beinahe so viel Zeit zu,
seinen Verwandten und Freunden dasjenige mitzuteilen, womit man sich
beschftigt, als man Zeit sich zu beschftigen selbst hatte. Diese Bemerkung,
die sich mir seit einigen Tagen aufdringt, mache ich um so lieber, als mir die
Schreibseligkeit meiner neuen Freunde Gelegenheit verschafft, ihre Verhltnisse
geschwind und nach allen Seiten hin kennen zu lernen. Man vertraut mir, man gibt
mir einen Pack Briefe, ein paar Hefte Reisejournale, die Konfessionen eines
Gemts, das noch nicht mit sich selbst einig ist, und so bin ich in kurzem
berall zu Hause. Ich kenne die nchste Gesellschaft; ich kenne die Personen,
deren Bekanntschaft ich machen werde, und wei von ihnen beinahe mehr als sie
selbst, weil sie denn doch in ihren Zustnden befangen sind und ich an ihnen
vorbeischwebe, immer an deiner Hand, mich mit dir ber alles besprechend. Auch
ist es meine erste Bedingung, ehe ich ein Vertrauen annehme, da ich dir alles
mitteilen drfe. Hier also einige Briefe, die dich in den Kreis einfhren
werden, in dem ich mich gegenwrtig herumdrehe, ohne mein Gelbde zu brechen
oder zu umgehen.

                               Siebentes Kapitel


Am frhsten Morgen fand sich unser Freund allein in die Galerie und ergtzte
sich an so mancher bekannten Gestalt; ber die Unbekannten gab ihm ein
vorgefundener Katalog den erwnschten Aufschlu. Das Portrt wie die Biographie
haben ein ganz eigenes Interesse; der bedeutende Mensch, den man sich ohne
Umgebung nicht denken kann, tritt einzeln abgesondert heraus und stellt sich vor
uns wie vor einen Spiegel; ihm sollen wir entschiedene Aufmerksamkeit zuwenden,
wir sollen uns ausschlielich mit ihm beschftigen, wie er behaglich vor dem
Spiegelglas mit sich beschftiget ist. Ein Feldherr ist es, der jetzt das ganze
Heer reprsentiert, hinter den so Kaiser als Knige, fr die er kmpft, ins
Trbe zurcktreten. Der gewandte Hofmann steht vor uns, eben als wenn er uns den
Hof machte, wir denken nicht an die groe Welt, fr die er sich eigentlich so
anmutig ausgebildet hat. berraschend war sodann unserm Beschauer die
hnlichkeit mancher lngst vorbergegangenen mit lebendigen, ihm bekannten und
leibhaftig gesehenen Menschen, ja hnlichkeit mit ihm selbst! Und warum sollten
sich nur Zwillingsmenchmen aus einer Mutter entwickeln? Sollte die groe Mutter
der Gtter und Menschen nicht auch das gleiche Gebild aus ihrem fruchtbaren
Schoe gleichzeitig oder in Pausen hervorbringen knnen?
    Endlich durfte denn auch der gefhlvolle Beschauer sich nicht leugnen, da
manches anziehende, manches Abneigung erweckende Bild vor seinen Augen
vorberschwebe.
    In solchem Betrachten berraschte ihn der Hausherr, mit dem er sich ber
diese Gegenstnde freimtig unterhielt und hiernach dessen Gunst immer mehr zu
gewinnen schien. Denn er ward freundlich in die innern Zimmer gefhrt, wo er
kstliche Bilder bedeutender Mnner des sechzehnten Jahrhunderts sah, in
vollstndiger Gegenwart, wie sie fr sich leibten und lebten, ohne sich etwa im
Spiegel oder im Zuschauer zu beschauen, sich selbst gelassen und gengend, nur
durch ihr Dasein wirkend, nicht durch irgendein Wollen oder Vornehmen.
    Der Hausherr, zufrieden, da der Gast eine so reich herangebrachte
Vergangenheit vollkommen zu schtzen wute, lie ihn Handschriften sehen von
manchen Personen, ber die sie vorher in der Galerie gesprochen hatten; sogar
zuletzt Reliquien, von denen man gewi war, da der frhere Besitzer sich ihrer
bedient, sie berhrt hatte.
    Dies ist meine Art von Poesie, sagte der Hausherr lchelnd; meine
Einbildungskraft mu sich an etwas festhalten; ich mag kaum glauben, da etwas
gewesen sei, was nicht noch da ist. ber solche Heiltmer vergangener Zeit suche
ich mir die strengsten Zeugnisse zu verschaffen, sonst wrden sie nicht
aufgenommen. Am schrfsten werden schriftliche berlieferungen geprft; denn ich
glaube wohl, da der Mnch die Chronik geschrieben hat, wovon er aber zeugt,
daran glaube ich selten. Zuletzt legte er Wilhelmen ein weies Blatt vor mit
Ersuchen um einige Zeilen, doch ohne Unterschrift; worauf der Gast durch eine
Tapetentre sich in den Saal entlassen und an der Seite des Kustode fand.
    Es freut mich, sagte dieser, da Sie unserm Herrn wert sind; schon da
Sie zu dieser Tre herauskommen, ist ein Beweis davon. Wissen Sie aber, wofr er
Sie hlt? Er glaubt einen praktischen Pdagogen in Ihnen zu sehen, den Knaben
vermutet er von vornehmem Hause, Ihrer Fhrung anvertraut, um mit rechtem Sinn
sogleich in die Welt und ihre mannigfaltigen Zustnde nach Grundstzen
frhzeitig eingeweiht zu werden. Er tut mir zu viel Ehre an, sagte der
Freund, doch will ich dies Wort nicht vergebens gehrt haben.
    Beim Frhstck, wo er seinen Felix schon um die Frauenzimmer beschftigt
fand, erffneten sie ihm den Wunsch: er mge, da er nun einmal nicht zu halten
sei, sich zu der edlen Tante Makarie begeben und vielleicht von da zum Vetter,
um das wunderliche Zaudern aufzuklren. Er werde dadurch sogleich zum Gliede
ihrer Familie, erzeige ihnen allen einen entschiedenen Dienst und trete mit
Lenardo ohne groe Vorbereitung in ein zutrauliches Verhltnis.
    Er jedoch versetzte dagegen: Wohin Sie mich senden, begeb' ich mich gern;
ich ging aus, zu schauen und zu denken; bei Ihnen habe ich mehr erfahren und
gelernt, als ich hoffen durfte, und bin berzeugt, auf dem nchsten
eingeleiteten Wege werd' ich mehr, als ich erwarten kann, gewahr werden und
lernen.
    Und du artiger Taugenichts! Was wirst denn du lernen? fragte Hersilie,
worauf der Knabe sehr keck erwiderte: Ich lerne schreiben, damit ich dir einen
Brief schicken kann, und reiten wie keiner, damit ich immer gleich wieder bei
dir bin. Hierauf sagte Hersilie bedenklich: Mit meinen zeitbrtigen Verehrern
hat es mir niemals recht glcken wollen, es scheint, da die folgende Generation
mich nchstens entschdigen will.

Nun aber empfinden wir mit unserm Freunde, wie schmerzlich die Stunde des
Abschieds herannaht, und mgen uns gern von den Eigenheiten seines trefflichen
Wirtes, von den Seltsamkeiten des auerordentlichen Mannes einen deutlichen
Begriff machen. Um ihn aber nicht falsch zu beurteilen, mssen wir auf das
Herkommen, auf das Herankommen dieser schon zu hohen Jahren gelangten wrdigen
Person unsere Aufmerksamkeit richten. Was wir ausfragen konnten, ist folgendes:
    Sein Grovater lebte als ttiges Glied einer Gesandtschaft in England,
gerade in den letzten Jahren des erhabenen William Penn. Das hohe Wohlwollen,
die reinen Absichten, die unverrckte Ttigkeit eines so vorzglichen Mannes,
der Konflikt, in den er deshalb mit der Welt geriet, die Gefahren und
Bedrngnisse, unter denen der Edle zu erliegen schien, erregten in dem
empfnglichen Geiste des jungen Mannes ein entschiedenes Interesse; er
verbrderte sich mit der Angelegenheit und zog endlich selbst nach Amerika. Der
Vater so unseres Herrn ist in Philadelphia geboren, und beide rhmten sich,
beigetragen zu haben, da eine allgemein freiere Religionsbung in den Kolonien
stattfand.
    Hier entwickelte sich die Maxime, da eine in sich abgeschlossene, in Sitten
und Religion herkmmlich bereinstimmende Nation vor aller fremden Einwirkung,
vor aller Neuerung sich wohl zu hten habe; da aber da, wo man auf frischem
Boden viele Glieder von allen Seiten her zusammenberufen will, mglichst
unbedingte Ttigkeit im Erwerb und freier Spielraum der allgemein-sittlichen und
religisen Vorstellungen zu vergnnen sei.
    Der lebhafte Trieb nach Amerika im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts war
gro, indem ein jeder, der sich diesseits einigermaen unbequem befand, sich
drben in Freiheit zu setzen hoffte; dieser Trieb ward genhrt durch
wnschenswerte Besitzungen, die man erlangen konnte, ehe sich noch die
Bevlkerung weiter nach Westen verbreitete. Ganze sogenannte Grafschaften
standen noch zu Kauf an der Grenze des bewohnten Landes, auch der Vater unseres
Herrn hatte sich dort bedeutend angesiedelt.
    Wie aber in den Shnen sich oft ein Widerspruch hervortut gegen vterliche
Gesinnungen und Einrichtungen, so zeigte sich's auch hier. Unser Hausherr, als
Jngling nach Europa gelangt, fand sich hier ganz anders; diese unschtzbare
Kultur, seit mehreren tausend Jahren entsprungen, gewachsen, ausgebreitet,
gedmpft, gedrckt, nie ganz erdrckt, wieder aufatmend, sich neu belebend, und
nach wie vor in unendlichen Ttigkeiten hervortretend, gab ihm ganz andere
Begriffe, wohin die Menschheit gelangen kann. Er zog vor, an den groen,
unbersehlichen Vorteilen sein Anteil hinzunehmen und lieber in der groen,
geregelt ttigen Masse mitwirkend sich zu verlieren, als drben ber dem Meere
um Jahrhunderte versptet den Orpheus und Lykurg zu spielen; er sagte: berall
bedarf der Mensch Geduld, berall mu er Rcksicht nehmen, und ich will mich
doch lieber mit meinem Knige abfinden, da er mir diese oder jene Gerechtsame
zugestehe, lieber mich mit meinen Nachbarn vergleichen, da sie mir gewisse
Beschrnkungen erlassen, wenn ich ihnen von einer andern Seite nachgebe, als da
ich mich mit den Irokesen herumschlage, um sie zu vertreiben, oder sie durch
Kontrakte betriege, um sie zu verdrngen aus ihren Smpfen, wo man von Moskitos
zu Tode gepeinigt wird.
    Er bernahm die Familiengter, wute sie freisinnig zu behandeln, sie
wirtschaftlich einzurichten, weite, unntz scheinende Nachbardistrikte klglich
anzuschlieen und so sich innerhalb der kultivierten Welt, die in einem gewissen
Sinne auch gar oft eine Wildnis genannt werden kann, ein miges Gebiet zu
erwerben und zu bilden, das fr die beschrnkten Zustnde immer noch utopisch
genug ist.
    Religionsfreiheit ist daher in diesem Bezirk natrlich, der ffentliche
Kultus wird als ein freies Bekenntnis angesehen, da man in Leben und Tod
zusammengehre; hiernach aber wird sehr darauf gesehen, da niemand sich
absondere.
    Man wird in den einzelnen Ansiedelungen mig groe Gebude gewahr; dies ist
der Raum, den der Grundbesitzer jeder Gemeinde schuldig ist; hier kommen die
ltesten zusammen, um sich zu beraten, hier versammeln sich die Glieder, um
Belehrung und fromme Ermunterung zu vernehmen. Aber auch zu heiterm Ergtzen ist
dieser Raum bestimmt: hier werden die hochzeitlichen Tnze aufgefhrt und der
Feiertag mit Musik geschlossen.
    Hierauf kann uns die Natur selbst fhren. Bei heiterer Witterung sehen wir
gewhnlich unter derselben Linde die ltesten im Rat, die Gemeinde zur Erbauung
und die Jugend im Tanze sich schwenkend. Auf ernstem Lebensgrunde zeigt sich das
Heitere so schn, Ernst und Heiligkeit migen die Lust, und nur durch Migung
erhalten wir uns.
    Ist die Gemeinde anderes Sinnes und wohlhabend genug, so steht es ihr frei,
verschiedene Baulichkeiten den verschiedenen Zwecken zu widmen.
    Wenn aber dies alles aufs ffentliche und gemeinsam Sittliche berechnet ist,
so bleibt die eigentliche Religion ein Inneres, ja Individuelles, denn sie hat
ganz allein mit dem Gewissen zu tun, dieses soll erregt, soll beschwichtigt
werden. Erregt, wenn es stumpf, unttig, unwirksam dahinbrtet, beschwichtigt,
wenn es durch reuige Unruhe das Leben zu verbittern droht. Denn es ist ganz nah
mit der Sorge verwandt, die in den Kummer berzugehen droht, wenn wir uns oder
andern durch eigene Schuld ein bel zugezogen haben.
    Da wir aber zu Betrachtungen, wie sie hier gefordert werden, nicht immer
aufgelegt sind, auch nicht immer aufgeregt sein mgen, so ist hiezu der Sonntag
bestimmt, wo alles, was den Menschen drckt, in religioser, sittlicher,
geselliger, konomischer Beziehung, zur Sprache kommen mu.

Wenn Sie eine Zeitlang bei uns blieben, sagte Juliette, so wrde auch unser
Sonntag Ihnen nicht mifallen. bermorgen frh wrden Sie eine groe Stille
bemerken; jeder bleibt einsam und widmet sich einer vorgeschriebenen
Betrachtung. Der Mensch ist ein beschrnktes Wesen; unsere Beschrnkung zu
berdenken, ist der Sonntag gewidmet. Sind es krperliche Leiden, die wir im
Lebenstaumel der Woche vielleicht gering achteten, so mssen wir am Anfang der
neuen alsobald den Arzt aufsuchen; ist unsere Beschrnkung konomisch und sonst
brgerlich, so sind unsere Beamten verpflichtet, ihre Sitzungen zu halten; ist
es geistig, sittlich, was uns verdstert, so haben wir uns an einen Freund, an
einen Wohldenkenden zu wenden, dessen Rat, dessen Einwirkung zu erbitten: genug,
es ist das Gesetz, da niemand eine Angelegenheit, die ihn beunruhigt oder
qult, in die neue Woche hinbernehmen drfe. Von drckenden Pflichten kann uns
nur die gewissenhafteste Ausbung befreien und was gar nicht aufzulsen ist,
berlassen wir zuletzt Gott als dem allbedingenden und allbefreienden Wesen.
Auch der Oheim selbst unterlt nicht solche Prfung, es sind sogar Flle, wo er
mit uns vertraulich ber eine Angelegenheit gesprochen hat, die er im Augenblick
nicht berwinden konnte; am meisten aber bespricht er sich mit unserer edlen
Tante, die er von Zeit zu Zeit besuchend angeht. Auch pflegt er Sonntag abends
zu fragen, ob alles rein gebeichtet und abgetan worden. Sie sehen hieraus, da
wir alle Sorgfalt anwenden, um nicht in Ihren Orden, nicht in die Gemeinschaft
der Entsagenden aufgenommen zu werden.
    Es ist ein sauberes Leben! rief Hersilie; wenn ich mich alle acht Tage
resigniere, so hab' ich es freilich bei dreihundertundfnfundsechzigen zugute.
    Vor dem Abschiede jedoch erhielt unser Freund von dem jngern Beamten ein
Paket mit beiliegendem Schreiben, aus welchem wir folgende Stelle ausheben:
    Mir will scheinen, da bei jeder Nation ein anderer Sinn vorwalte, dessen
Befriedigung sie allein glcklich macht, und dies bemerkt man ja schon an
verschiedenen Menschen. Der eine, der sein Ohr mit vollen, anmutig geregelten
Tnen gefllt, Geist und Seele dadurch angeregt wnscht, dankt er mir's, wenn
ich ihm das trefflichste Gemlde vor Augen stelle? Ein Gemldefreund will
schauen, er wird ablehnen, durch Gedicht oder Roman seine Einbildungskraft
erregen zu lassen. Wer ist denn so begabt, da er vielseitig genieen knne?
    Sie aber, vorbergehender Freund, sind mir als ein solcher erschienen, und
wenn Sie die Nettigkeit einer vornehm reichen franzsischen Verirrung zu
schtzen wuten, so hoffe ich, Sie werden die einfache, treue Rechtlichkeit
deutscher Zustnde nicht verschmhen und mir verzeihen, wenn ich nach meiner Art
und Denkweise, nach Herankommen und Stellung kein anmutigeres Bild finde, als
wie sie uns der deutsche Mittelstand in seinen reinen Huslichkeiten sehen lt.
    Lassen Sie sich's gefallen und gedenken mein.

                                 Achtes Kapitel


                             Wer ist der Verrter?

Nein! nein! rief er aus, als er heftig und eilig ins angewiesene Schlafzimmer
trat und das Licht niedersetzte; nein! es ist nicht mglich! Aber wohin soll
ich mich wenden? Das erstemal denk' ich anders als er, das erstemal empfind'
ich, will ich anders. - O mein Vater! Knntest du unsichtbar gegenwrtig sein,
mich durch und durch schauen, du wrdest dich berzeugen, da ich noch derselbe
bin, immer der treue, gehorsame, liebevolle Sohn. - Nein zu sagen! des Vaters
liebstem, lange gehegtem Wunsch zu widerstreben! wie soll ich's offenbaren? wie
soll ich's ausdrcken? Nein, ich kann Julien nicht heiraten. - Indem ich's
ausspreche, erschrecke ich. Und wie soll ich vor ihn treten, es ihm erffnen,
dem guten, lieben Vater? Er blickt mich staunend an und schweigt, er schttelt
den Kopf; der einsichtige, kluge, gelehrte Mann wei keine Worte zu finden. Weh
mir! - O ich wte wohl, wem ich diese Pein, diese Verlegenheit vertraute, wen
ich mir zum Frsprecher ausgriffe! Aus allen dich, Lucinde! und dir mcht' ich
zuerst sagen, wie ich dich liebe, wie ich mich dir hingebe, und dich flehentlich
bitten: Vertritt mich, und kannst du mich lieben, willst du mein sein, so
vertritt uns beide!
    Dieses kurze, herzlich-leidenschaftliche Selbstgesprch aufzuklren, wird es
aber viele Worte kosten.
    Professor N. zu N. hatte einen einzigen Knaben von wundersamer Schnheit,
den er bis in das achte Jahr der Vorsorge seiner Gattin, der wrdigsten Frau,
berlie; diese leitete die Stunden und Tage des Kindes zum Leben, Lernen und zu
allem guten Betragen. Sie starb, und im Augenblicke fhlte der Vater, da er
diese Sorgfalt persnlich nicht weiter fortsetzen knne. Bisher war alles
bereinkunft zwischen den Eltern; sie arbeiteten auf einen Zweck, beschlossen
zusammen fr die nchste Zeit, was zu tun sei, und die Mutter verstand alles
weislich auszufhren. Doppelt und dreifach war nun die Sorge des Witwers,
welcher wohl wute und tglich vor Augen sah, da fr Shne der Professoren auf
Akademien selbst nur durch ein Wunder eine glckliche Bildung zu hoffen sei.
    In dieser Verlegenheit wendete er sich an seinen Freund, den Oberamtmann zu
R., mit dem er schon frhere Plane nherer Familienverbindungen durchgesprochen
hatte. Dieser wute zu raten und zu helfen, da der Sohn in eine der guten
Lehranstalten aufgenommen wurde, die in Deutschland blhten und worin fr den
ganzen Menschen, fr Leib, Seele und Geist, mglichst gesorgt ward.
    Untergebracht war nun der Sohn, der Vater jedoch fand sich gar zu allein:
seiner Gattin beraubt, der lieblichen Gegenwart des Knaben entfremdet, den er,
ohne selbsteigenes Bemhen, so erwnscht heraufgebildet gesehn. Auch hier kam
die Freundschaft des Oberamtmanns zustatten; die Entfernung ihrer Wohnorte
verschwand vor der Neigung, der Lust, sich zu bewegen, sich zu zerstreuen. Hier
fand nun der verwaiste Gelehrte in einem gleichfalls mutterlosen Familienkreis
zwei schne, verschiedenartig liebenswrdige Tchter heranwachsen; wo denn beide
Vter sich immer mehr und mehr bestrkten in dem Gedanken, in der Aussicht, ihre
Huser dereinst aufs erfreulichste verbunden zu sehn.
    Sie lebten in einem glcklichen Frstenlande; der tchtige Mann war seiner
Stelle lebenslnglich gewi und ein gewnschter Nachfolger wahrscheinlich. Nun
sollte, nach einem verstndigen Familien- und Ministerialplan, sich Lucidor zu
dem wichtigen Posten des knftigen Schwiegervaters bilden. Dies gelang ihm auch
von Stufe zu Stufe. Man versumte nichts, ihm alle Kenntnisse zu berliefern,
alle Fhigkeiten an ihm zu entwickeln, deren der Staat jederzeit bedarf: die
Pflege des strengen gerichtlichen Rechts, des llichern, wo Klugheit und
Gewandtheit dem Ausbenden zur Hand geht; der Kalkl zum Tagesgebrauch, die
hheren bersichten nicht ausgeschlossen, aber alles unmittelbar am Leben, wie
es gewi und unausbleiblich zu gebrauchen wre.
    In diesem Sinne hatte Lucidor seine Schuljahre vollbracht und ward nun durch
Vater und Gnner zur Akademie vorbereitet. Er zeigte das schnste Talent zu
allem und verdankte der Natur auch noch das seltene Glck, aus Liebe zum Vater,
aus Ehrfurcht fr den Freund seine Fhigkeiten gerade dahin lenken zu wollen,
wohin man deutete, erst aus Gehorsam, dann aus berzeugung. Auf eine auswrtige
Akademie ward er gesendet und ging daselbst, sowohl nach eigener brieflicher
Rechenschaft als nach Zeugnis seiner Lehrer und Aufseher, den Gang, der ihn zum
Ziele fhren sollte. Nur konnte man nicht billigen, da er in einigen Fllen zu
ungeduldig brav gewesen. Der Vater schttelte hierber den Kopf, der Oberamtmann
nickte. Wer htte sich nicht einen solchen Sohn gewnscht!
    Indessen wuchsen die Tchter heran, Julie und Lucinde. Jene, die jngere,
neckisch, lieblich, unstt, hchst unterhaltend; die andere zu bezeichnen
schwer, weil sie in Geradheit und Reinheit dasjenige darstellte, was wir an
allen Frauen wnschenswert finden. Man besuchte sich wechselseitig, und im Hause
des Professors fand Julie die unerschpflichste Unterhaltung.
    Geographie, die er durch Topographie zu beleben wute, gehrte zu seinem
Fach, und sobald Julie nur einen Band gewahr worden, dergleichen aus der
Homannischen Offizin eine ganze Reihe dastanden, so wurden smtliche Stdte
gemustert, beurteilt, vorgezogen oder zurckgewiesen; alle Hfen besonders
erlangten ihre Gunst; andere Stdte, welche nur einigermaen ihren Beifall
erhalten wollten, muten sich mit viel Trmen, Kuppeln und Minaretten fleiig
hervorheben.
    Der Vater lie sie wochenlang bei dem geprften Freunde; sie nahm wirklich
zu an Wissenschaft und Einsicht und kannte so ziemlich die bewohnte Welt nach
Hauptbezgen, Punkten und Orten. Auch war sie auf Trachten fremder Nationen sehr
aufmerksam, und wenn ihr Pflegvater manchmal scherzhaft fragte: ob ihr denn von
den vielen jungen, hbschen Leuten, die da vor dem Fenster hin und wider gingen,
nicht einer oder der andere wirklich gefalle? so sagte sie: Ja freilich, wenn
er recht seltsam aussieht! - Da nun unsere jungen Studierenden es niemals daran
fehlen lassen, so hatte sie oft Gelegenheit, an einem oder dem andern
teilzunehmen; sie erinnerte sich an ihm irgendeiner fremden Nationaltracht,
versicherte jedoch zuletzt, es msse wenigstens ein Grieche, vllig nationell
ausstaffiert, herbeikommen, wenn sie ihm vorzgliche Aufmerksamkeit widmen
sollte; deswegen sie sich auch auf die Leipziger Messe wnschte, wo dergleichen
auf der Strae zu sehen wren.
    Nach seinen trocknen und manchmal verdrielichen Arbeiten hatte nun unser
Lehrer keine glcklichern Augenblicke, als wenn er sie scherzend unterrichtete
und dabei heimlich triumphierte, sich eine so liebenswrdige, immer
unterhaltene, immer unterhaltende Schwiegertochter zu erziehen. Die beiden Vter
waren brigens einverstanden, da die Mdchen nichts von der Absicht vermuten
sollten, auch Lucidorn hielt man sie verborgen.
    So waren Jahre vergangen, wie sie denn gar leicht vergehen: Lucidor stellte
sich dar, vollendet, alle Prfungen bestehend, selbst zur Freude der obern
Vorgesetzten, die nichts mehr wnschten, als die Hoffnung alter, wrdiger,
begnstigter, gunstwerter Diener mit gutem Gewissen erfllen zu knnen.
    Und so war denn die Angelegenheit mit ordnungsgemem Schritt endlich dahin
gediehen, da Lucidor, nachdem er sich in untergeordneten Stellen musterhaft
betragen, nunmehr einen gar vorteilhaften Sitz nach Verdienst und Wunsch
erlangen sollte, gerade mittewegs zwischen der Akademie und dem Oberamtmann
gelegen.
    Der Vater sprach nunmehr mit dem Sohn von Julien, auf die er bisher nur
hingedeutet hatte, als von dessen Braut und Gattin, ohne weiteren Zweifel und
Bedingung, das Glck preisend, solch ein lebendiges Kleinod sich angeeignet zu
haben. Er sah seine Schwiegertochter im Geiste schon wieder von Zeit zu Zeit bei
sich, mit Karten, Planen und Stdtebildern beschftigt; der Sohn dagegen
erinnerte sich des allerliebsten, heitern Wesens, das ihn zu kindlicher Zeit
durch Neckerei wie durch Freundlichkeit immer ergtzt hatte. Nun sollte Lucidor
zu dem Oberamtmann hinberreiten, die herangewachsene Schne nher betrachten,
sich einige Wochen, zu Gewohnheit und Bekanntschaft, mit dem Gesamthause
ergehen. Wrden die jungen Leute, wie zu hoffen, bald einig, so sollte man's
melden, der Vater wrde sogleich erscheinen, damit ein feierliches Verlbnis das
gehoffte Glck fr ewig sicherstelle.
    Lucidor kommt an, er wird freundlichst empfangen, ein Zimmer ihm angewiesen,
er richtet sich ein und erscheint. Da findet er denn, auer den uns schon
bekannten Familiengliedern, noch einen halberwachsenen Sohn, verzogen, geradezu,
aber gescheit und gutmtig, so da, wenn man ihn fr den lustigen Rat nehmen
wollte, er gar nicht bel zum Ganzen pate. Dann gehrte zum Haus ein sehr
alter, aber gesunder, frohmtiger Mann, still, fein, klug, auslebend nun hie und
da auszuhelfen. Gleich nach Lucidor kam noch ein Fremder hinzu, nicht mehr jung,
von bedeutendem Ansehn, wrdig, lebensgewandt und durch Kenntnis der weitesten
Weltgegenden hchst unterhaltend. Sie hieen ihn Antoni.
    Julie empfing ihren angekndigten Brutigam schicklich, aber zuvorkommend,
Lucinde dagegen machte die Ehre des Hauses wie jene ihrer Person. So verging der
Tag ausgezeichnet angenehm fr alle, nur fr Lucidorn nicht; er, ohnehin
schweigsam, mute von Zeit zu Zeit, um nicht gar zu verstummen, sich fragend
verhalten; wobei denn niemand zum Vorteil erscheint.
    Zerstreut war er durchaus: denn er hatte vom ersten Augenblick an nicht
Abneigung noch Widerwillen, aber Entfremdung gegen Julien gefhlt; Lucinde
dagegen zog ihn an, da er zitterte, wenn sie ihn mit ihren vollen, reinen,
ruhigen Augen ansah.
    So bedrngt, erreichte er den ersten Abend sein Schlafzimmer und ergo sich
in jenem Monolog, mit dem wir begonnen haben. Um aber auch diesen zu erklren,
und wie die Heftigkeit einer solchen Redeflle zu demjenigen pat, was wir schon
von ihm wissen, wird eine kurze Mitteilung ntig.
    Lucidor war von tiefem Gemt und hatte meist etwas anders im Sinn, als was
die Gegenwart erheischte; deswegen Unterhaltung und Gesprch ihm nie recht
glcken wollte; er fhlte das und wurde schweigsam, auer wenn von bestimmten
Fchern die Rede war, die er durchstudiert hatte, davon ihm jederzeit zu
Diensten stand, was er bedurfte. Dazu kam, da er, frher auf der Schule, spter
auf der Universitt, sich an Freunden betrogen und seinen Herzensergu
unglcklich vergeudet hatte; jede Mitteilung war ihm daher bedenklich; Bedenken
aber hebt jede Mitteilung auf. Zu seinem Vater war er nur gewohnt unisono zu
sprechen, und sein volles Herz ergo sich daher in Monologen, sobald er allein
war.
    Den andern Morgen hatte er sich zusammengenommen und wre doch beinahe auer
Fassung geruckt, als ihm Julie noch freundlicher, heiterer und freier
entgegenkam. Sie wute viel zu fragen, nach seinen Land- und Wasserfahrten, wie
er, als Student, mit dem Bndelchen auf'm Rcken die Schweiz durchstreift und
durchstiegen, ja ber die Alpen gekommen. Da wollte sie nun von der schnen
Insel auf dem groen sdlichen See vieles wissen; rckwrts aber mute der
Rhein, von seinem ersten Ursprung an, erst durch hchst unerfreuliche Gegenden
begleitet werden, und so hinabwrts durch manche Abwechselung; wo es denn
freilich zuletzt, zwischen Mainz und Koblenz, noch der Mhe wert ist, den Flu
ehrenvoll aus seiner letzten Beschrnkung in die weite Welt, ins Meer zu
entlassen.
    Lucidor fhlte sich hiebei sehr erleichtert, erzhlte gern und gut, so da
Julie entzckt ausrief: so was msse man selbander sehen. Worber denn Lucidor
abermals erschrak, weil er darin eine Anspielung auf ihr gemeinsames Wandern
durchs Leben zu spren glaubte.
    Von seiner Erzhlerpflicht jedoch wurde er bald abgelst; denn der Fremde,
den sie Antoni hieen, verdunkelte gar geschwind alle Bergquellen, Felsufer,
eingezwngte, freigelassene Flsse: nun hier ging's unmittelbar nach Genua;
Livorno lag nicht weit, das Interessanteste im Lande nahm man auf den Raub so
mit; Neapel mute man, ehe man strbe, gesehen haben, dann aber blieb freilich
Konstantinopel noch brig, das doch auch nicht zu versumen sei. Die
Beschreibung, die Antoni von der weiten Welt machte, ri die Einbildungskraft
aller mit sich fort, ob er gleich weniger Feuer darein zu legen hatte. Julie,
ganz auer sich, war aber noch keineswegs befriedigt, sie fhlte noch Lust nach
Alexandrien, Kairo, besonders aber zu den Pyramiden, von denen sie ziemlich
auslangende Kenntnisse durch ihres vermutlichen Schwiegervaters Unterricht
gewonnen hatte.
    Lucidor, des nchsten Abends (er hatte kaum die Tre angezogen, das Licht
noch nicht niedergesetzt), rief aus: Nun besinne dich denn! es ist Ernst. Du
hast viel Ernstes gelernt und durchdacht; was soll denn Rechtsgelehrsamkeit,
wenn du jetzt nicht gleich als Rechtsmann handelst? Siehe dich als einen
Bevollmchtigten an, vergi dich selbst und tue, was du fr einen andern zu tun
schuldig wrst. Es verschrnkt sich aufs frchterlichste! Der Fremde ist
offenbar um Lucindes willen da, sie bezeigt ihm die schnsten, edelsten
gesellig-huslichen Aufmerksamkeiten; die kleine Nrrin mchte mit jedem durch
die Welt laufen, fr nichts und wieder nichts. berdies noch ist sie ein Schalk,
ihr Anteil an Stdten und Lndern ist eine Posse, wodurch sie uns zum Schweigen
bringt. Warum aber seh' ich diese Sache so verwirrt und verschrnkt an? Ist der
Oberamtmann nicht selbst der verstndigste, der einsichtigste, liebevollste
Vermittler? Du willst ihm sagen, wie du fhlst und denkst, und er wird
mitdenken, wenn auch nicht mitfhlen. Er vermag alles ber den Vater. Und ist
nicht eine wie die andere seine Tochter? Was will denn der Anton Reiser mit
Lucinden, die fr das Haus geboren ist, um glcklich zu sein und Glck zu
schaffen? hefte sich doch das zapplige Quecksilber an den ewigen Juden, das wird
eine allerliebste Partie werden.
    Des Morgens ging Lucidor festen Entschlusses hinab, mit dem Vater zu
sprechen und ihn deshalb in bekannten freien Stunden unverzglich anzugehn. Wie
gro war sein Schmerz, seine Verlegenheit, als er vernahm: der Oberamtmann, in
Geschften verreist, werde erst bermorgen zurckerwartet. Julie schien heute so
recht ganz ihren Reisetag zu haben, sie hielt sich an den Weltwanderer und
berlie mit einigen Scherzreden, die sich auf Huslichkeit bezogen, Lucidor an
Lucinden. Hatte der Freund vorher das edle Mdchen aus gewisser Ferne gesehen,
nach einem allgemeinen Eindruck, und sie sich schon herzlichst angeeignet, so
mute er in der nchsten Nhe alles doppelt und dreifach entdecken, was ihn erst
im allgemeinen anzog.
    Der gute alte Hausfreund, an der Stelle des abwesenden Vaters, tat sich nun
hervor; auch er hatte gelebt, geliebt und war, nach manchen Quetschungen des
Lebens, noch endlich an der Seite des Jugendfreundes aufgefrischt und
wohlbehalten. Er belebte das Gesprch und verbreitete sich besonders ber
Verirrungen in der Wahl eines Gatten, erzhlte merkwrdige Beispiele von
zeitiger und verspteter Erklrung. Lucinde erschien in ihrem vlligen Glanze,
sie gestand, da im Leben das Zufllige jeder Art, und so auch in Verbindungen,
das Allerbeste bewirken knne; doch sei es schner, herzerhebender, wenn der
Mensch sich sagen drfe: er sei sein Glck sich selbst, der stillen, ruhigen
berzeugung seines Herzens, einem edlen Vorsatz und raschen Entschlusse schuldig
geworden. Lucidorn standen die Trnen in den Augen, als er Beifall gab, worauf
die Frauenzimmer sich bald entfernten. Der alte Vorsitzende mochte sich in
Wechselgeschichten gern ergehen, und so verbreitete sich die Unterhaltung in
heitere Beispiele, die jedoch unsern Helden so nahe berhrten, da nur ein so
rein gebildeter Jngling nicht herauszubrechen ber sich gewinnen konnte; das
geschah aber, als er allein war.
    Ich habe mich gehalten! rief er aus. Mit solcher Verwirrung will ich
meinen guten Vater nicht krnken; ich habe an mich gehalten: denn ich sehe in
diesem wrdigen Hausfreunde den Stellvertretenden beider Vter; zu ihm will ich
reden, ihm alles entdecken, er wird's gewi vermitteln und hat beinahe schon
ausgesprochen, was ich wnsche. Sollte er im einzelnen Falle schelten, was er
berhaupt billigt? Morgen frh such' ich ihn auf; ich mu diesem Drange Luft
machen.
    Beim Frhstck fand sich der Greis nicht ein; er hatte, hie es, gestern
abend zu viel gesprochen, zu lange gesessen und einige Tropfen Wein ber
Gewohnheit getrunken. Man erzhlte viel zu seinem Lobe, und zwar gerade solche
Reden und Handlungen, die Lucidorn zur Verzweiflung brachten, da er sich nicht
sogleich an ihn gewendet. Dieses unangenehme Gefhl ward nur noch geschrft, als
er vernahm: bei solchen Anfllen lasse der gute Alte sich manchmal in acht Tagen
gar nicht sehen.
    Ein lndlicher Aufenthalt hat fr geselliges Zusammensein gar groe
Vorteile, besonders wenn die Bewirtenden sich, als denkende, fhlende Personen,
mehrere Jahre veranlat gefunden, der natrlichen Anlage ihrer Umgebung zu Hlfe
zu kommen. So war es hier geglckt. Der Oberamtmann, erst unverheiratet, dann in
einer langen, glcklichen Ehe, selbst vermgend, an einem eintrglichen Posten,
hatte nach eignem Blick und Einsicht, nach Liebhaberei seiner Frau, ja zuletzt
nach Wnschen und Grillen seiner Kinder erst grere und kleinere abgesonderte
Anlagen besorgt und begnstigt, welche, mit Gefhl allmhlich durch Pflanzungen
und Wege verbunden, eine allerliebste, verschiedentlich abweichende,
charakteristische Szenenfolge dem Durchwandelnden darstellten. Eine solche
Wallfahrt lieen denn auch unsere jungen Familienglieder ihren Gast antreten,
wie man seine Anlagen dem Fremden gerne vorzeigt, damit er das, was uns
gewhnlich geworden, auffallend erblicke und den gnstigen Eindruck davon fr
immer behalte.
    Die nchste so wie die fernere Gegend war zu bescheidenen Anlagen und
eigentlich lndlichen Einzelnheiten hchst geeignet. Fruchtbare Hgel wechselten
mit wohlbewsserten Wiesengrnden, so da das Ganze von Zeit zu Zeit zu sehen
war, ohne flach zu sein; und wenn Grund und Boden vorzglich dem Nutzen gewidmet
erschien, so war doch das Anmutige, das Reizende nicht ausgeschlossen.
    An die Haupt- und Wirtschaftsgebude fgten sich Lust-, Obst- und
Grasgrten, aus denen man sich unversehens in ein Hlzchen verlor, das ein
breiter, fahrbarer Weg auf und ab, hin und wider durchschlngelte. Hier in der
Mitte war, auf der bedeutendsten Hhe, ein Saal erbaut, mit anstoenden
Gemchern. Wer zur Haupttre hereintrat, sah im groen Spiegel die gnstigste
Aussicht, welche die Gegend nur gewhren mochte, und kehrte sich geschwind
wieder um, an der Wirklichkeit von dem unerwarteten Bilde Erholung zu nehmen:
denn das Herankommen war knstlich genug eingerichtet und alles klglich
verdeckt, was berraschung bewirken sollte. Niemand trat herein, ohne da er von
dem Spiegel zur Natur und von der Natur zum Spiegel sich nicht gern hin und
wider gewendet htte.
    Am schnsten, heitersten, lngsten Tage einmal auf dem Wege, hielt man einen
sinnigen Flurzug um und durch das Ganze. Hier wurde das Abendpltzchen der guten
Mutter bezeichnet, wo eine herrliche Buche rings umher sich freien Raum gehalten
hatte. Bald nachher wurde Lucindens Morgenandacht von Julien halb neckisch
angedeutet, in der Nhe eines Wsserchens zwischen Pappeln und Erlen, an
hinabstreichenden Wiesen, hinaufziehenden ckern. Es war nicht zu beschreiben,
wie hbsch! schon berall glaubte man es gesehen zu haben, aber nirgends in
seiner Einfalt so bedeutend und so willkommen. Dagegen zeigte der Junker, auch
halb wider Willen Juliens, die kleinlichen Lauben und kindischen
Grtchenanstalten, die, nchst einer vertraulich gelegenen Mhle, kaum noch zu
bemerken; sie schrieben sich aus einer Zeit her, wo Julie, etwa in ihrem zehnten
Jahre, sich in den Kopf gesetzt hatte, Mllerin zu werden und, nach dem Abgang
der beiden alten Leute, selbst einzutreten und sich einen braven Mhlknappen
auszusuchen.
    Das war zu einer Zeit, rief Julie, wo ich noch nichts von Stdten wute,
die an Flssen liegen, oder gar am Meer, von Genua nichts u.s.w. Ihr guter
Vater, Lucidor, hat mich bekehrt, seit der Zeit komm' ich nicht leicht hierher.
Sie setzte sich neckisch auf ein Bnkchen, das sie kaum noch trug, unter einen
Holunderstrauch, der sich zu tief gebeugt hatte. Pfui bers Hocken! rief sie,
sprang auf und lief mit dem lustigen Bruder voran.
    Das zurckgebliebene Paar unterhielt sich verstndig, und in solchen Fllen
nhert sich der Verstand auch wohl dem Gefhl. Abwechselnd einfache, natrliche
Gegenstnde zu durchwandern, mit Ruhe zu betrachten, wie der verstndige, kluge
Mensch ihnen etwas abzugewinnen wei, wie die Einsicht ins Vorhandene, zum
Gefhl seiner Bedrfnisse sich gesellend, Wunder tut, um die Welt erst bewohnbar
zu machen, dann zu bevlkern und endlich zu bervlkern, das alles konnte hier
im einzelnen zur Sprache kommen. Lucinde gab von allem Rechenschaft und konnte,
so bescheiden sie war, nicht verbergen, da die bequemlich angenehmen
Verbindungen entfernter Partien ihr Werk seien, unter Angabe, Leitung oder
Vergnstigung einer verehrten Mutter.
    Da sich aber denn doch der lngste Tag endlich zum Abend bequemt, so mute
man auf Rckkehr denken, und als man auf einen angenehmen Umweg sann, verlangte
der lustige Bruder: man solle den krzern, obgleich nicht erfreulichen, wohl gar
beschwerlichern Weg einschlagen.
    Denn, rief er aus, ihr habt mit euren Anlagen und Anschlgen geprahlt,
wie ihr die Gegend fr malerische Augen und fr zrtliche Herzen verschnert und
verbessert; lat mich aber auch zu Ehren kommen.
    Nun mute man ber geackerte Stellen und holprichte Pfade, ja wohl auch auf
zufllig hingeworfenen Steinen ber Moorflecke wandern und sah, schon in einer
gewissen Ferne, allerlei Maschinenwerk verworren aufgetrmt. Nher betrachtet,
war ein groer Lust-und Spielplatz, nicht ohne Verstand, mit einem gewissen
Volkssinn eingerichtet. Und so standen hier, in gehrigen Entfernungen
zusammengeordnet, das groe Schaukelrad, wo die Auf- und Absteigenden immer
gleich horizontal ruhig sitzenbleiben, andere Schaukeleien, Schwungseile,
Lusthebel, Kegel- und Zellenbahnen, und was nur alles erdacht werden kann, um
auf einem groen Triftraum eine Menge Menschen verschiedentlichst und
gleichmig zu beschftigen und zu erlustigen. Dies, rief er aus, ist meine
Erfindung, meine Anlage! und obgleich der Vater das Geld und ein gescheiter Kerl
den Kopf dazu hergab, so htte doch ohne mich, den ihr oft unvernnftig nennt,
Verstand und Geld sich nicht zusammengefunden.
    So heiter gestimmt kamen alle vier mit Sonnenuntergang wieder nach Hause.
Antoni fand sich ein; die Kleine jedoch, die an diesem bewegten Tage noch nicht
genug hatte, lie einspannen und fuhr ber Land zu einer Freundin, in
Verzweiflung, sie seit zwei Tagen nicht gesehen zu haben. Die vier
Zurckgebliebenen fhlten sich verlegen, ehe man sich's versah, und es ward
sogar ausgesprochen, da des Vaters Ausbleiben die Angehrigen beunruhige. Die
Unterhaltung fing an zu stocken, als auf einmal der lustige Junker aufsprang und
gar bald mit einem Buche zurckkam, sich zum Vorlesen erbietend. Lucinde
enthielt sich nicht zu fragen, wie er auf den Einfall komme, den er seit einem
Jahre nicht gehabt; worauf er munter versetzte: Mir fllt alles zur rechten
Zeit ein, dessen knnt ihr euch nicht rhmen. Er las eine Folge echter Mrchen,
die den Menschen aus sich selbst hinausfhren, seinen Wnschen schmeicheln und
ihn jede Bedingung vergessen machen, zwischen welche wir, selbst in den
glcklichsten Momenten, doch immer noch eingeklemmt sind.
    Was beginne ich nun! rief Lucidor, als er sich endlich allein fand: die
Stunde drngt; zu Antoni hab' ich kein Vertrauen, er ist weltfremd, ich wei
nicht, wer er ist, wie er ins Haus kommt, noch was er will; um Lucinden scheint
er sich zu bemhen, und was knnte ich daher von ihm hoffen? Mir bleibt nichts
brig, als Lucinden selbst anzugehn; sie mu es wissen, sie zuerst. Dies war ja
mein erstes Gefhl; warum lassen wir uns auf Klugheitswege verleiten! Das Erste
soll nun das Letzte sein, und ich hoffe, zum Ziel zu gelangen.
    Sonnabend morgen ging Lucidor, zeitig angekleidet, in seinem Zimmer auf und
ab, was er Lucinden zu sagen htte hin und her bedenkend, als er eine Art von
scherzhaftem Streit vor seiner Tre vernahm, die auch alsobald aufging. Da schob
der lustige Junker einen Knaben vor sich hin, mit Kaffee und Backwerk fr den
Gast; er selbst trug kalte Kche und Wein. Du sollst vorangehen, rief der
Junker, denn der Gast mu zuerst bedient werden, ich bin gewohnt, mich selbst
zu bedienen. Mein Freund! heute komme ich etwas frh und tumultuarisch; genieen
wir unser Frhstck in Ruhe, und dann wollen wir sehen, was wir anfangen: denn
von der Gesellschaft haben wir wenig zu hoffen. Die Kleine ist von ihrer
Freundin noch nicht zurck; diese mssen gegeneinander wenigstens alle vierzehn
Tage ihr Herz ausschtten, wenn es nicht springen soll. Sonnabend ist Lucinde
ganz unbrauchbar, sie liefert dem Vater pnktlich ihre Haushaltungsrechnung; da
hab' ich mich auch einmischen sollen, aber Gott bewahre mich! Wenn ich wei, was
eine Sache kostet, so schmeckt mir kein Bissen. Gste werden auf morgen
erwartet, der Alte hat sich noch nicht wieder ins Gleichgewicht gestellt, Antoni
ist auf die Jagd, wir wollen das gleiche tun. Flinten, Taschen und Hunde waren
bereit, als sie in den Hof kamen, und nun ging es an den Feldern weg, wo denn
doch allenfalls ein junger Hase und ein armer, gleichgltiger Vogel geschossen
wurde. Indessen besprach man sich von huslichen und gegenwrtig geselligen
Verhltnissen. Antoni ward genannt, und Lucidor verfehlte nicht, sich nach ihm
nher zu erkundigen. Der lustige Junker, mit einiger Selbstgeflligkeit,
versicherte: jenen wunderlichen Mann, so geheimnisvoll er auch tue, habe er
schon durch und durch geblickt. Er ist, fuhr er fort, gewi der Sohn aus
einem reichen Handelshause, das gerade in dem Augenblick fallierte, als er, in
der Flle seiner Jugend, teil an groen Geschften mit Kraft und Munterkeit zu
nehmen, daneben aber die sich reichlich darbietenden Gensse zu teilen gedachte.
Von der Hhe seiner Hoffnungen heruntergestrzt, raffte er sich zusammen und
leistete, andern dienend, dasjenige was er fr sich und die Seinigen nicht mehr
bewirken konnte. So durchreiste er die Welt, lernte sie und ihren
wechselseitigen Verkehr aufs genaueste kennen und verga dabei seines Vorteils
nicht. Unermdete Ttigkeit und erprobte Rechtlichkeit brachten und erhielten
ihm von vielen ein unbedingtes Vertrauen. So erwarb er sich allerorten Bekannte
und Freunde, ja es lt sich gar wohl merken, da sein Vermgen so weit in der
Welt umher verteilt ist, als seine Bekanntschaft reicht, weshalb denn auch seine
Gegenwart in allen vier Teilen der Welt von Zeit zu Zeit ntig ist.
    Umstndlicher und naiver hatte dies der lustige Junker erzhlt und so manche
possenhafte Bemerkung eingeschlossen, eben als wenn er sein Mrchen recht
weitlufig auszuspinnen gedchte.
    Wie lange steht er nicht schon mit meinem Vater in Verbindung! Die meinen,
ich sehe nichts, weil ich mich um nichts bekmmere; aber eben deswegen seh'
ich's nur desto besser, weil mich's nichts angeht. Vieles Geld hat er bei meinem
Vater niedergelegt, der es wieder sicher und vorteilhaft unterbrachte. Erst
gestern steckte er dem Alten ein Juwelenkstchen zu; einfacher, schner und
kostbarer hab' ich nichts gesehen, obgleich nur mit einem Blick, denn es wird
verheimlicht. Wahrscheinlich soll es der Braut zu Vergngen, Lust und knftiger
Sicherheit verehrt werden. Antoni hat sein Zutrauen auf Lucinden gesetzt! Wenn
ich sie aber so zusammen sehe, kann ich sie nicht fr ein wohl assortiertes Paar
halten. Die Ruschliche wre besser fr ihn, ich glaube auch, sie nimmt ihn
lieber als die lteste; sie blickt auch wirklich manchmal nach dem alten
Knasterbart so munter und teilnehmend hinber, als wenn sie sich mit ihm in den
Wagen setzen und auf und davon fliegen wolle. Lucidor fate sich zusammen; er
wute nicht, was zu erwidern wre, alles, was er vernahm, hatte seinen
innerlichen Beifall. Der Junker fuhr fort: berhaupt hat das Mdchen eine
verkehrte Neigung zu alten Leuten; ich glaube, sie htte Ihren Vater so frisch
weg geheiratet wie den Sohn.
    Lucidor folgte seinem Gefhrten, wo ihn dieser auch ber Stock und Stein
hinfhrte; beide vergaen die Jagd, die ohnehin nicht ergiebig sein konnte. Sie
kehrten auf einem Pachthofe ein, wo, gut aufgenommen, der eine Freund sich mit
Essen, Trinken und Schwtzen unterhielt, der andere aber in Gedanken und
berlegungen sich versenkte, wie er die gemachte Entdeckung fr sich und seinen
Vorteil benutzen mchte.
    Lucidor hatte nach allen diesen Erzhlungen und Erffnungen so viel
Vertrauen zu Antoni gewonnen, da er gleich beim Eintritt in den Hof nach ihm
fragte und in den Garten eilte, wo er zu finden sein sollte. Er durchstrich die
smtlichen Gnge des Parks bei heiterer Abendsonne; umsonst! Nirgends keine
Seele war zu sehen; endlich trat er in die Tre des groen Saals, und, wundersam
genug, die untergehende Sonne, aus dem Spiegel zurckscheinend, blendete ihn
dergestalt, da er die beiden Personen, die auf dem Kanapee saen, nicht
erkennen, wohl aber unterscheiden konnte, da einem Frauenzimmer von einer neben
ihr sitzenden Mannsperson die Hand sehr feurig gekt wurde. Wie gro war daher
sein Entsetzen, als er bei hergestellter Augenruhe Lucinden und Antoni vor sich
sahe. Er htte versinken mgen, stand aber wie angewurzelt, als ihn Lucinde
freundlichst und unbefangen willkommen hie, zuruckte und ihn bat, zu ihrer
rechten Seite zu sitzen: Unbewut lie er sich nieder, und wie sie ihn anredete,
nach dem heutigen Tage sich erkundigte, Vergebung bat huslicher Abhaltungen, da
konnte er ihre Stimme kaum ertragen. Antoni stand auf und empfahl sich Lucinden;
als sie, sich gleichfalls erhebend, den Zurckgebliebenen zum Spaziergang
einlud. Neben ihr hergehend, war er schweigsam und verlegen; auch sie schien
beunruhigt; und wenn er nur einigermaen bei sich gewesen wre, so htte ihm ein
tiefes Atemholen verraten mssen, da sie herzliche Seufzer zu verbergen habe.
Sie beurlaubte sich zuletzt, als sie sich dem Hause nherten, er aber wandte
sich, erst langsam, dann heftig, gegen das Freie. Der Park war ihm zu eng, er
eilte durchs Feld, nur die Stimme seines Herzens vernehmend, ohne Sinn fr die
Schnheiten des vollkommensten Abends. Als er sich allein sah und seine Gefhle
sich im beruhigenden Trnenergu Luft machten, rief er aus:
    Schon einigemal im Leben, aber nie so grausam hab' ich den Schmerz
empfunden, der mich nun ganz elend macht: wenn das gewnschteste Glck endlich
Hand in Hand, Arm in Arm zu uns tritt und zugleich sein Scheiden fr ewig
ankndet. Ich sa bei ihr, ging neben ihr, das bewegte Kleid berhrte mich, und
ich hatte sie schon verloren! Zhle dir das nicht vor, drsele dir's nicht auf,
schweig und entschliee dich!
    Er hatte sich selbst den Mund verboten, er schwieg und sann, durch Felder,
Wiesen und Busch, nicht immer auf den wegsamsten Pfaden hinschreitend. Nur als
er spt in sein Zimmer trat, hielt er sich nicht und rief: Morgen frh bin ich
fort, solch einen Tag will ich nicht wieder erleben!
    Und so warf er sich angekleidet aufs Lager. - Glckliche, gesunde Jugend! Er
schlief schon; die abmdende Bewegung des Tages hatte ihm die se Nachtruhe
verdient. Aus trstlichen Morgentrumen jedoch weckte ihn die allerfrhste
Sonne; es war eben der lngste Tag, der ihm berlang zu werden drohte. Wenn er
die Anmut des beruhigenden Abendgestirns gar nicht empfunden, so fhlte er die
aufregende Schnheit des Morgens nur, um zu verzweifeln. Er sah die Welt so
herrlich als je, seinen Augen war sie es noch; sein Inneres aber widersprach:
das gehrte ihm alles nicht mehr an, er hatte Lucinden verloren.

                                Neuntes Kapitel


Der Mantelsack war schnell gepackt, den er wollte liegenlassen; keinen Brief
schrieb er dazu, nur mit wenig Worten sollte sein Ausbleiben vom Tisch,
vielleicht auch vom Abend, durch den Reitknecht entschuldigt werden, den er
ohnehin aufwecken mute. Diesen aber fand er unten, schon vor dem Stalle, mit
groen Schritten auf und ab gehend. Sie wollen doch nicht reiten? rief der
sonst gutmtige Mensch mit einigem Verdru. Ihnen darf ich es wohl sagen, aber
der junge Herr wird alle Tage unertrglicher. Hatte er sich doch gestern in der
Gegend herumgetrieben, da man glauben sollte, er danke Gott, einen
Sonntagmorgen zu ruhen. Kommt er nicht heute frhe vor Tag, rumort im Stalle,
und wie ich aufspringe, sattelt und zumt er Ihr Pferd, ist durch keine
Vorstellung abzuhalten; er schwingt sich drauf und ruft: Bedenke nur das gute
Werk, das ich tue! Dies Geschpf geht immer nur gelassen einen juristischen
Trab, ich will sehen, da ich ihn zu einem raschen Lebensgalopp anrege. Er sagte
ungefhr so und verfhrte andere wunderliche Reden.
    Lucidor war doppelt und dreifach betroffen, er liebte das Pferd, als seinem
eigenen Charakter, seiner Lebensweise zusagend; ihn verdro, das gute,
verstndige Geschpf in den Hnden eines Wildfangs zu wissen. Sein Plan war
zerstrt, seine Absicht, zu einem Universittsfreunde, mit dem er in froher,
herzlicher Verbindung gelebt, in dieser Krise zu flchten. Das alte Zutrauen war
erwacht, die dazwischenliegenden Meilen wurden nicht gerechnet, er glaubte schon
bei dem wohlwollenden, verstndigen Freunde Rat und Linderung zu finden. Diese
Aussicht war nun abgeschnitten; doch sie war's nicht, wenn er es wagte, auf
frischen Wanderfen, die ihm zu Gebote standen, sein Ziel zu erreichen.
    Vor allen Dingen suchte er nun aus dem Park ins freie Feld, auf den Weg, der
ihn zum Freunde fhren sollte, zu gelangen. Er war seiner Richtung nicht ganz
gewi, als ihm, linker Hand, ber dem Gebsch hervorragend, auf wunderlichem
Zimmerwerk die Einsiedelei, aus der man ihm frher ein Geheimnis gemacht hatte,
in die Augen fiel und er, jedoch zu seiner grten Verwunderung, auf der Galerie
unter dem chinesischen Dache den guten Alten, der einige Tage fr krank gehalten
worden, munter um sich blickend erschaute. Dem freundlichsten Grue, der
dringenden Einladung heraufzukommen widerstand Lucidor mit Ausflchten und
eiligen Gebrden. Nur Teilnahme fr den guten Alten, der, die steile Treppe
schwankenden Tritts heruntereilend, herabzustrzen drohte, konnte ihn vermgen,
entgegenzugehen und sodann sich hinaufziehen zu lassen. Mit Verwunderung betrat
er das anmutige Slchen: es hatte nur drei Fenster gegen das Land, eine
allerliebste Aussicht; die brigen Wnde waren verziert oder vielmehr verdeckt
von hundert und aber hundert Bildnissen, in Kupfer gestochen, allenfalls auch
gezeichnet, auf die Wand nebeneinander in gewisser Ordnung aufgeklebt, durch
farbige Sume und Zwischenrume gesondert.
    Ich begnstige Sie, mein Freund, wie nicht jeden; dies ist das Heiligtum,
in dem ich meine letzten Tage vergnglich zubringe. Hier erhol' ich mich von
allen Fehlern, die mich die Gesellschaft begehen lt, hier bring' ich meine
Ditfehler wieder ins Gleichgewicht.
    Lucidor besah sich das Ganze, und in der Geschichte wohl erfahren, sah er
alsbald klar, da eine historische Neigung zugrunde liege.
    Hier oben in der Friese, sagte der Alte, finden Sie die Namen
vortrefflicher Mnner aus der Urzeit, dann aus der nheren auch nur die Namen,
denn wie sie ausgesehen, mchte schwerlich auszumitteln sein. Hier aber im
Hauptfelde geht eigentlich mein Leben an, hier sind die Mnner, die ich noch
nennen gehrt als Knabe. Denn etwa funfzig Jahre bleibt der Name vorzglicher
Menschen in der Erinnerung des Volks, weiterhin verschwindet er oder wird
mrchenhaft. - Obgleich von deutschen Eltern, bin ich in Holland geboren, und
fr mich ist Wilhelm von Oranien, als Statthalter und Knig von England, der
Urvater aller auerordentlichen Mnner und Helden.
    Nun sehen Sie aber Ludwig den Vierzehnten gleich neben ihm, als welcher -
wie gern htte Lucidor den guten Alten unterbrochen, wenn es sich geschickt
htte, wie es sich uns, den Erzhlenden, wohl ziemen mag: denn ihn bedrohte die
neue und neueste Geschichte, wie sich an den Bildern Friedrichs des Groen und
seiner Generale, nach denen er hinschielte, gar wohl bemerken lie.
    Ehrte nun auch der gute Jngling die lebendige Teilnahme des Alten an seiner
nchsten Vor- und Mitzeit, konnten ihm einzelne individuelle Zge und Ansichten
als interessant nicht entgehen, so hatte er doch auf Akademien schon die neuere
und neueste Geschichte gehrt, und was man einmal gehrt hat, glaubt man fr
immer zu wissen. Sein Sinn stand in die Ferne, er hrte nicht, er sah kaum und
war eben im Begriff, auf die ungeschickteste Weise zur Tre hinaus und die
lange, fatale Treppe hinunter zu poltern, als ein Hndeklatschen von unten
heftig zu vernehmen war.
    Indessen sich Lucidor zurckhielt, fuhr der Kopf des Alten zum Fenster
hinaus, und von unten ertnte eine wohlbekannte Stimme: Kommen Sie herunter,
um's Himmels willen, aus Ihrem historischen Bildersaal, alter Herr! Schlieen
Sie Ihre Fasten und helfen mir unsern jungen Freund begtigen - wenn er's
erfhrt. Lucidors Pferd hab' ich etwas unvernnftig angegriffen, es hat ein
Eisen verloren, und ich mute es stehen lassen. Was wird er sagen? Es ist doch
gar zu absurd, wenn man absurd ist.
    Kommen Sie herauf! sagte der Alte und wendete sich herein zu Lucidor:
Nun, was sagen Sie? Lucidor schwieg, und der wilde Junker trat herein. Das
Hin- und Widerreden gab eine lange Szene; genug, man beschlo, den Reitknecht
sogleich hinzuschicken, um fr das Pferd Sorge zu tragen.
    Den Greis zurcklassend, eilten beide jungen Leute nach dem Hause, wohin
sich Lucidor nicht ganz unwillig ziehen lie; es mochte daraus werden, was
wollte, wenigstens war in diesen Mauern der einzige Wunsch seines Herzens
eingeschlossen. In solchem verzweifelten Falle vermissen wir ohnehin den
Beistand unseres freien Willens und fhlen uns erleichtert fr einen Augenblick,
wenn von irgendwoher Bestimmung und Ntigung eingreift. Jedoch fand er sich, da
er sein Zimmer betrat, in dem wunderlichsten Zustande eben als wenn jemand in
ein Gasthofsgemach, das er soeben verlie, unerwnscht wieder einzukehren
gentigt ist, weil ihm eine Achse gebrochen.
    Der lustige Junker machte sich nun ber den Mantelsack um alles recht
ordentlich auszupacken, vorzglich legte er zusammen, was von festlichen
Kleidungsstcken, obgleich reisemig, vorhanden war; er ntigte Lucidorn, Schuh
und Strmpfe anzuziehen, richtete dessen vollkrause, braune Locken zurecht und
putzte ihn aufs beste heraus. Sodann rief er hinwegtretend, unsern Freund und
sein Machwerk vom Kopf bis zum Fue beschauend: Nun seht Ihr doch Freundchen,
einem Menschen gleich, der einigen Anspruch auf hbsche Kinder macht, und
ernsthaft genug dabei, um sich nach einer Braut umzusehn. Nur einen Augenblick!
und Ihr sollt erfahren, wie ich mich hervorzutun wei, wenn die Stunde schlgt.
Das hab' ich Offizieren abgelernt, nach denen die Mdchen immer schielen, und da
hab' ich mich zu einer gewissen Soldateska selbst enrolliert, und nun sehen sie
mich auch an und wieder an, weil keine wei, was sie aus mir machen soll. Da
entsteht nun aus dem Hin-und Hersehen, aus Verwunderung und Aufmerksamkeit oft
etwas gar Artiges, das, wr' es auch nicht dauerhaft, doch wert ist, da man ihm
den Augenblick gnne.
    Aber nun kommen Sie, Freund, und erweisen mir den gleichen Dienst! Wenn Sie
mich Stck fr Stck in meine Hlle schlpfen sehen, so werden Sie Witz und
Erfindungsgabe dem leichtfertigen Knaben nicht absprechen.
    Nun zog er den Freund mit sich fort, durch lange, weitlufige Gnge des
alten Schlosses. Ich habe mich, rief er aus, ganz hinten hingebettet. Ohne
mich verbergen zu wollen, bin ich gern allein: denn man kann's den andern doch
nicht recht machen.
    Sie kamen an der Kanzlei vorbei, eben als ein Diener heraustrat und ein
Urvater-Schreibzeug, schwarz, gro und vollstndig, heraustrug; Papier war auch
nicht vergessen.
    Ich wei schon, was da wieder gekleckst werden soll, rief der Junker; geh
hin und la mir den Schlssel. Tun Sie einen Blick hinein, Lucidor! es unterhlt
Sie wohl, bis ich angezogen bin. Einem Rechtsfreund ist ein solches Lokale nicht
verhat wie einem Stallverwandten; und so schob er Lucidorn in den
Gerichtssaal.
    Der Jngling fhlte sich sogleich in einem bekannten, ansprechenden
Elemente: die Erinnerung der Tage, wo er, aufs Geschft erpicht, an solchem
Tische sa, hrend und schreibend sich bte. Auch blieb ihm nicht verborgen, da
hier eine alte, stattliche Hauskapelle zum Dienste der Themis, bei vernderten
Religionsbegriffen, verwandelt sei. In den Reposituren fand er Rubriken und
Akten, ihm frher bekannt; er hatte selbst in diesen Angelegenheiten, von der
Hauptstadt her, gearbeitet. Einen Faszikel aufschlagend, fiel ihm ein Reskript
in die Hnde, das er selbst mundiert ein anderes, wovon er der Konzipient
gewesen. Handschrift und Papier, Kanzleisiegel und des Vorsitzenden
Unterschrift, alles rief ihm jene Zeit eines rechtlichen Strebens jugendlicher
Hoffnung hervor. Und wenn er sich dann umsah und den Sessel des Oberamtmanns
erblickte, ihm zugedacht und bestimmt, einen so schnen Platz, einen so wrdigen
Wirkungskreis, den er zu verschmhen, zu entbehren Gefahr lief, das alles
bedrngte ihn doppelt und dreifach, indem die Gestalt Lucindens zu gleicher Zeit
sich von ihm zu entfernen schien.
    Er wollte das Freie suchen, fand sich aber gefangen. Der wunderliche Freund
hatte, leichtsinnig oder schalkhaft, die Tre verschlossen hinter sich gelassen;
doch blieb unser Freund nicht lange in dieser peinlichsten Beklemmung, denn der
andere kam wieder, entschuldigte sich und erregte wirklich guten Humor durch
seine seltsame Gegenwart. Eine gewisse Verwegenheit der Farben und des Schnitts
seiner Kleidung war durch natrlichen Geschmack gedmpft; wie wir ja selbst
tatouierten Indiern einen gewissen Beifall nicht versagen. Heute, rief er aus,
soll uns die Langeweile vergangener Tage vergtet werden; gute Freunde, muntere
Freunde sind angekommen, hbsche Mdchen, neckische, verliebte Wesen, und dann
auch mein Vater, und Wunder ber Wunder! Ihr Vater auch; das wird ein Fest
werden, alles ist im Saale schon versammelt beim Frhstck.
    Lucidorn war's auf einmal zumute, als wenn er in tiefe Nebel hineinshe,
alle die angemeldeten bekannten und unbekannten Gestalten erschienen ihm
gespenstig; doch sein Charakter in Begleitung eines reinen Herzens hielt ihn
aufrecht, in wenigen Sekunden fhlte er sich schon allem gewachsen. Nun folgte
er dem eilenden Freunde mit sicherem Tritt, fest entschlossen, abzuwarten, es
geschehe, was da wolle, sich zu erklren, es entstehe, was da wolle.
    Und doch war er auf der Schwelle des Saals betroffen. In einem groen
Halbkreis rings an den Fenstern umher entdeckte er sogleich seinen Vater neben
dem Oberamtmann beide stattlich angezogen. Die Schwestern, Antoni und sonst noch
Bekannte und Unbekannte bersah er mit einem Blick der ihm trbe werden wollte.
Schwankend nherte er sich seinem Vater, der ihn hchst freundlich willkommen
hie, jedoch mit einer gewissen Frmlichkeit, die ein vertrauendes Annhern kaum
begnstigte. Vor so vielen Personen stehend suchte er sich fr den Augenblick
einen schicklichen Platz; er htte sich neben Lucinden stellen knnen, aber
Julie, dem gespannten Anstand zuwider, machte eine Wendung da er zu ihr treten
mute; Antoni blieb neben Lucinden.
    In diesem bedeutenden Momente fhlte sich Lucidor abermals als Beauftragten,
und gesthlt von seiner ganzen Rechtswissenschaft, rief er sich jene schne
Maxime zu seinen eignen Gunsten heran: Wir sollen anvertraute Geschfte der
Fremden wie unsere eigenen behandeln, warum nicht die unsrigen in eben dem
Sinne? - In Geschftsvortrgen wohl gebt, durchlief er schnell, was er zu
sagen habe. Indessen schien die Gesellschaft, in einen frmlichen Halbzirkel
gebildet, ihn zu berflgeln. Den Inhalt seines Vortrags kannte er wohl, den
Anfang konnte er nicht finden. Da bemerkte er, in einer Ecke aufgetischt, das
groe Tintenfa, Kanzleiverwandte dabei; der Oberamtmann machte eine Bewegung,
seine Rede vorzubereiten; Lucidor wollte ihm zuvorkommen, und in demselben
Augenblicke drckte Julie ihm die Hand. Dies brachte ihn aus aller Fassung, er
berzeugte sich, da alles entschieden, alles fr ihn verloren sei.
    Nun war an gegenwrtigen smtlichen Lebensverhltnissen, diesen
Familienverbindungen, Gesellschafts- und Anstandsbezgen nichts mehr zu schonen;
er sah vor sich hin, entzog seine Hand Julien und war so schnell zur Tre
hinaus, da die Versammlung ihn unversehens vermite und er sich selbst drauen
nicht wiederfinden konnte.
    Scheu vor dem Tageslichte, das im hchsten Glanze ber ihn herabschien, die
Blicke begegnender Menschen vermeidend, aufsuchende frchtend, schritt er
vorwrts und gelangte zu dem groen Gartensaal. Dort wollten ihm die Kniee
versagen, er strzte hinein und warf sich trostlos auf den Sofa unter dem
Spiegel: mitten in der sittlich-brgerlichen Gesellschaft in solcher
Verworrenheit befangen, die sich wogenhaft um ihn, in ihm hin und her schlug.
Sein vergangenes Dasein kmpfte mit dem gegenwrtigen, es war ein greulicher
Augenblick.
    Und so lag er eine Zeit, mit dem Gesichte in das Kissen versenkt, auf
welchem gestern Lucindens Arm geruht hatte. Ganz in seinen Schmerz versunken,
fuhr er, sich berhrt fhlend, schnell in die Hhe, ohne die Annherung
irgendeiner Person gesprt zu haben: da erblickt' er Lucinden, die ihm nahe
stand.
    Vermutend, man habe sie gesendet, ihn abzuholen, ihr aufgetragen, ihn mit
schicklichen, schwesterlichen Worten in die Gesellschaft, seinem widerlichen
Schicksal entgegen zu fhren, rief er aus: Sie htte man nicht senden mssen,
Lucinde, denn Sie sind es, die mich von dort vertrieb; ich kehre nicht zurck!
Geben Sie mir, wenn Sie irgendeines Mitleids fhig sind, schaffen Sie mir
Gelegenheit und Mittel zur Flucht. Denn, damit Sie von mir zeugen knnen, wie
unmglich es sei, mich zurckzubringen, so nehmen Sie den Schlssel zu meinem
Betragen, das Ihnen und allen wahnsinnig vorkommen mu. Hren Sie den Schwur,
den ich mir im Innern getan und den ich unauflslich laut wiederhole: Nur mit
Ihnen wollt' ich leben, meine Jugend nutzen, genieen, und so das Alter im
treuen, redlichen Ablauf. Dies aber sei so fest und sicher als irgend etwas, was
vor dem Altar je geschworen worden, was ich jetzt schwre, indem ich Sie
verlasse, der bedauernswrdigste aller Menschen.
    Er machte eine Bewegung zu entschlpfen, ihr, die so gedrngt vor ihm stand;
aber sie fate ihn sanft in ihren Arm. - Was machen Sie! rief er aus. -
Lucidor! rief sie, nicht zu bedauern, wie Sie wohl whnen, Sie sind mein, ich
die Ihre; ich halte Sie in meinen Armen, zaudern Sie nicht, die Ihrigen um mich
zu schlagen. Ihr Vater ist alles zufrieden; Antoni heiratet meine Schwester.
Erstaunt zog er sich von ihr zurck. Das wre wahr? Lucinde lchelte und
nickte, er entzog sich ihren Armen. Lassen Sie mich noch einmal in der Ferne
sehen, was so nah, so nchst mir angehren soll. Er fate ihre Hnde, Blick in
Blick! Lucinde, sind Sie mein? - Sie versetzte: Nun ja doch, die sesten
Trnen in dem treusten Auge; er umschlang sie und warf sein Haupt hinter das
ihre, hing wie am Uferfelsen ein Schiffbrchiger; der Boden bebte noch unter
ihm. Nun aber sein entzckter Blick, sich wieder ffnend, fiel in den Spiegel.
Da sah er sie in seinen Armen, sich von den ihren umschlungen; er blickte wieder
und wieder hin. Solche Gefhle begleiten den Menschen durchs ganze Leben.
Zugleich sah er auch auf der Spiegelflche die Landschaft, die ihm gestern so
greulich und ahnungsvoll erschienen war, glnzender und herrlicher als je; und
sich in solcher Stellung, auf solchem Hintergrunde! Genugsame Vergeltung aller
Leiden.
    Wir sind nicht allein, sagte Lucinde, und kaum hatte er sich von seinem
Entzcken erholt, so erschienen geputzt und bekrnzt Mdchen und Knaben, Krnze
tragend, den Ausgang versperrend. Das sollte alles anders werden, rief
Lucinde; wie artig war es eingerichtet, und nun geht's tumultuarisch
durcheinander! Ein munterer Marsch tnte von weitem, und man sah die
Gesellschaft den breiten Weg her feierlich heiter heranziehen. Er zauderte
entgegenzugehen und schien seiner Schritte nur an ihrem Arm gewi; sie blieb
neben ihm, die feierliche Szene des Wiedersehens, des Danks fr eine schon
vollendete Vergebung von Augenblick zu Augenblick erwartend.
    Anders war's jedoch von den launischen Gttern beschlossen; eines Posthorns
lustig schmetternder Ton, von der Gegenseite, schien den ganzen Aufstand in
Verwirrung zu setzen. Wer mag kommen? rief Lucinde. Lucidorn schauderte vor
einer fremden Gegenwart, und auch der Wagen schien ganz fremd. Eine zweisitzige,
neue, ganz neuste Reisechaise! Sie fuhr an den Saal an. Ein ausgezeichneter,
anstndiger Knabe sprang hinten herunter, ffnete den Schlag, aber niemand stieg
heraus; die Chaise war leer, der Knabe stieg hinein, mit einigen geschickten
Handgriffen warf er die Spriegel zurck, und so war in einem Nu das niedlichste
Gebude zur lustigsten Spazierfahrt vor den Augen aller Anwesenden bereitet, die
indessen herankamen. Antoni, den brigen voreilend, fhrte Julien zu dem Wagen.
Versuchen Sie, sprach er, ob Ihnen dies Fuhrwerk gefallen kann, um darin mit
mir auf den besten Wegen durch die Welt zu rollen; ich werde Sie keinen andern
fhren, und wo es irgend not tut, wollen wir uns zu helfen wissen. ber das
Gebirg sollen uns Saumrosse tragen, und den Wagen dazu.
    Sie sind allerliebst! rief Julie. Der Knabe trat heran und zeigte mit
Taschenspielergewandtheit alle Bequemlichkeiten, kleine Vorteile und
Behendigkeiten des ganzen leichten Baues.
    Auf der Erde wei ich keinen Dank, rief Julie, nur auf diesem kleinen,
beweglichen Himmel, aus dieser Wolke, in die Sie mich erheben, will ich Ihnen
herzlich danken. Sie war schon eingesprungen, ihm Blick und Kuhand freundlich
zuwerfend. Gegenwrtig drfen Sie noch nicht zu mir herein, da ist aber ein
anderer, den ich auf dieser Probefahrt mitzunehmen gedenke, er hat auch noch
eine Probe zu bestehen. Sie rief nach Lucidor, der, eben mit Vater und
Schwiegervater in stummer Unterhaltung begriffen, sich gern in das leichte
Fuhrwerk ntigen lie, da er ein unausweichlich Bedrfnis fhlte, nur einen
Augenblick auf irgendeine Weise sich zu zerstreuen. Er sa neben ihr, sie rief
dem Postillon zu, wie er fahren solle. Flugs entfernten sie sich, in Staub
gehllt, aus den Augen der verwundert Nachschauenden.
    Julie setzte sich recht fest und bequem ins Eckchen. - Rcken Sie nun auch
dorthin, Herr Schwager, da wir uns recht bequem in die Augen sehen.
    Lucidor. Sie empfinden meine Verwirrung, meine Verlegenheit; ich bin noch
immer wie im Traume, helfen Sie mir heraus.
    Julie. Sehen Sie die hbschen Bauersleute, wie sie freundlich gren! Bei
Ihrem Hiersein sind Sie ja nicht ins obere Dorf gekommen. Alles wohlhabende
Leute, die mir alle gewogen sind. Es ist niemand zu reich, dem man nicht einmal
wohlwollend einen bedeutenden Dienst erweisen knne. Diesen Weg, den wir so
bequem fahren, hat mein Vater angelegt und auch dieses Gute gestiftet.
    Lucidor. Ich glaub' es gern und geb' es zu; aber was sollen die
uerlichkeiten gegen die Verworrenheit meines Innern!
    Julie. Nur Geduld, ich will Ihnen die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit
zeigen. Nun sind wir oben! Wie klar das ebene Land gegen das Gebirg hinliegt!
Alle diese Drfer verdanken meinem Vater gar viel, und Mutter und Tchtern wohl
auch. Die Flur jenes Stdtchens dort hinten macht erst die Grenze.
    Lucidor. Ich finde Sie in einer wunderlichen Stimmung; Sie scheinen nicht
recht zu sagen, was Sie sagen wollten.
    Julie. Nun sehen Sie hier links hinunter, wie schn sich das alles
entwickelt! Die Kirche mit ihren hohen Linden, das Amthaus mit seinen Pappeln
hinter dem Dorfhgel her. Auch die Grten liegen vor uns und der Park.
    Der Postillon fuhr schrfer.
    Julie. Jenen Saal dort droben kennen Sie; er sieht sich von hier aus ebenso
gut an wie die Gegend von dort her. Hier am Baume wird gehalten; nun gerade hier
spiegeln wir uns oben in der groen Glasflche, man sieht uns dort recht gut,
wir aber knnen uns nicht erkennen. - Fahre zu! - Dort haben sich vor kurzem
wahrscheinlich ein Paar Leute nher bespiegelt und, ich mte mich sehr irren,
mit groer wechselseitiger Zufriedenheit.
    Lucidor, verdrielich, erwiderte nichts; sie fuhren eine Zeitlang
stillschweigend vor sich hin, es ging sehr schnell. Hier, sagte Julie, fngt
der schlechte Weg an, um den mgen Sie sich einmal verdient machen. Eh es
hinabgeht schauen Sie noch hinber, die Buche meiner Mutter ragt mit ihrem
herrlichen Gipfel ber alles hervor. Du fhrst, fuhr sie zum Kutschenden fort,
den schlechten Weg hin, wir nehmen den Fupfad durchs Tal und sind eher drben
wie du. Im Aussteigen rief sie aus: Das gestehen Sie doch, der ewige Jude, der
unruhige Anton Reiser, wei noch seine Wallfahrten bequem genug einzurichten,
fr sich und seine Genossen: es ist ein sehr schner, bequemer Wagen.
    Und so war sie auch schon den Hgel drunten; Lucidor folgte sinnend und fand
sie auf einer wohlgelegenen Bank sitzend, es war Lucindens Pltzchen. Sie lud
ihn zu sich.
    Julie. Nun sitzen wir hier und gehen einander nichts an, das hat denn doch
so sein sollen. Das kleine Quecksilber wollte Ihnen gar nicht anstehen. Nicht
lieben konnten Sie ein solches Wesen, verhat war es Ihnen.
    Lucidors Verwunderung nahm zu.
    Julie. Aber freilich Lucinde! Sie ist der Inbegriff aller Vollkommenheiten,
und die niedliche Schwester war ein fr allemal ausgestochen. Ich seh' es, auf
Ihren Lippen schwebt die Frage, wer uns so genau unterrichtet hat?
    Lucidor. Es steckt ein Verrat dahinter! -
    Julie. Jawohl! ein Verrter ist im Spiele.
    Lucidor. Nennen Sie ihn.
    Julie. Der ist bald entlarvt. Sie selbst! - Sie haben die lbliche oder
unlbliche Gewohnheit, mit sich selbst zu reden, und da will ich denn in unser
aller Namen bekennen, da wir Sie wechselsweise behorcht haben.
    Lucidor (aufspringend). Eine saubere Gastfreundschaft, auf diese Weise den
Fremden eine Falle zu stellen!
    Julie. Keineswegs; wir dachten nicht daran, Sie zu belauschen, so wenig als
irgendeinen andern. Sie wissen, Ihr Bett steht in einem Verschlag der Wand, von
der Gegenseite geht ein anderer herein, der gewhnlich nur zu huslicher
Niederlage dient. Da hatten wir einige Tage vorher unsern Alten gentigt zu
schlafen, weil wir fr ihn in seiner abgelegenen Einsiedelei viele Sorge trugen;
nun fuhren Sie gleich den ersten Abend mit einem solchen leidenschaftlichen
Monolog ins Zeug, dessen Inhalt er uns den andern Morgen angelegentlichst
entdeckte.
    Lucidor hatte nicht Lust, sie zu unterbrechen. Er entfernte sich.
    Julie (aufgestanden ihm folgend). Wie war uns mit dieser Erklrung gedient!
Denn ich gestehe gern: wenn Sie mir auch nicht gerade zuwider waren, so blieb
doch der Zustand, der mich erwartete, mir keineswegs wnschenswert. Frau
Oberamtmnnin zu sein, welche schreckliche Lage! Einen tchtigen, braven Mann zu
haben, der den Leuten Recht sprechen soll und vor lauter Recht nicht zur
Gerechtigkeit kommen kann! der es weder nach oben noch unten recht macht und,
was das Schlimmste ist, sich selbst nicht. Ich wei, was meine Mutter
ausgestanden hat von der Unbestechlichkeit, Unerschtterlichkeit meines Vaters.
Endlich, leider nach ihrem Tod, ging ihm eine gewisse Mildigkeit auf, er schien
sich in die Welt zu finden, an ihr sich auszugleichen, die er sich bisher
vergeblich bekmpft hatte.
    Lucidor (hchst unzufrieden ber den Vorfall, rgerlich ber die
leichtsinnige Behandlung, stand still). Fr den Scherz eines Abends mochte das
hingehen, aber eine solche beschmende Mystifikation Tage und Nchte lang gegen
einen unbefangenen Gast zu verben, ist nicht verzeihlich.
    Julie. Wir alle haben uns in die Schuld geteilt, wir haben Sie alle
behorcht; ich aber allein be die Schuld des Horchens.
    Lucidor. Alle! desto unverzeihlicher! Und wie konnten Sie mich den Tag ber
ohne Beschmung ansehen, den Sie des Nachts schmhlich-unerlaubt berlisteten?
Doch ich sehe jetzt ganz deutlich mit einem Blick, da Ihre Tagesanstalten nur
darauf berechnet waren, mich zum besten zu haben. Eine lbliche Familie! und wo
bleibt die Gerechtigkeitsliebe Ihres Vaters? - Und Lucinde! -
    Julie. Und Lucinde! - Was war das fr ein Ton! Nicht wahr, Sie wollten
sagen: wie tief es Sie schmerzt, von Lucinden bel zu denken, Lucinden mit uns
allen in eine Klasse zu werfen?
    Lucidor. Lucinden begreif' ich nicht.
    Julie. Sie wollen sagen: diese reine, edle Seele, dieses ruhig gefate
Wesen, die Gte, das Wohlwollen selbst, diese Frau, wie sie sein sollte
verbindet sich mit einer leichtsinnigen Gesellschaft, mit einer berhinfahrenden
Schwester, einem verzogenen Jungen und gewissen geheimnisvollen Personen! das
ist unbegreiflich.
    Lucidor. Jawohl ist das unbegreiflich.
    Julie. So begreifen Sie es denn! Lucinden wie uns allen waren die Hnde
gebunden. Htten Sie die Verlegenheit bemerken knnen, wie sie sich kaum
zurckhielt, Ihnen alles zu offenbaren, Sie wrden sie doppelt und dreifach
lieben, wenn nicht jede wahre Liebe an und fr sich zehn- und hundertfach wre;
auch versichere ich Sie, uns allen ist der Spa am Ende zu lang geworden.
    Lucidor. Warum endigten Sie ihn nicht?
    Julie. Das ist nun auch aufzuklren. Nachdem Ihr erster Monolog dem Vater
bekannt geworden und er gar bald bemerken konnte, da alle seine Kinder nichts
gegen einen solchen Tausch einzuwenden htten, so entschlo er sich, alsobald zu
Ihrem Vater zu reisen. Die Wichtigkeit des Geschfts war ihm bedenklich. Ein
Vater allein fhlt den Respekt, den man einem Vater schuldig ist. - Er mu es
zuerst wissen, sagte der meine, um nicht etwan hinterdrein, wenn wir einig
sind, eine rgerlich-erzwungene Zustimmung zu geben. Ich kenne ihn genau, ich
wei, wie er einen Gedanken, eine Neigung, einen Vorsatz festhlt, und es ist
mir bange genug. Er hat sich Julien, seine Karten und Prospekte so zusammen
gedacht, da er sich schon vornahm, das alles zuletzt hierher zu stiften, wenn
der Tag kme, wo das junge Paar sich hier niederliee und Ort und Stelle so
leicht nicht verndern knnte: da wollt' er alle Ferien uns zuwenden, und was er
fr Liebes und Gutes im Sinne hatte. Er mu zuerst erfahren, was die Natur uns
fr einen Streich gespielt, da noch nichts eigentlich erklrt, noch nichts
entschieden ist. Hierauf nahm er uns allen den feierlichsten Handschlag ab, da
wir Sie beobachten und, es geschehe, was da wolle, Sie hinhalten sollten. Wie
sich die Rckreise verzgert, wie es Kunst, Mhe und Beharrlichkeit gekostet,
Ihres Vaters Einwilligung zu erlangen, das mgen Sie von ihm selbst hren.
Genug, die Sache ist abgetan, Lucinde ist Ihnen gegnnt. -
    Und so waren beide, vom ersten Sitze lebhaft sich entfernend, unterwegs
anhaltend, immer fortsprechend und langsam weitergehend, ber die Wiesen hin auf
die Erhhung gekommen an einen andern wohlgebahnten Kunstweg. Der Wagen fuhr
schnell heran; augenblicks machte sie ihren Nachbar aufmerksam auf ein seltsames
Schauspiel. Die ganze Maschinerie, worauf sich der Bruder so viel zugute tat,
war belebt und bewegt; schon fhrten die Rder eine Menschenzahl auf und nieder,
schon wogten die Schaukeln, Mastbume wurden erklettert, und was man nicht alles
fr khnen Schwung und Sprung ber den Huptern einer unzhlbaren Menge gewagt
sah! Alles das hatte der Junker in Bewegung gesetzt, damit nach Tafel die Gste
frhlich unterhalten wrden. Du fhrst noch durchs untere Dorf, rief Julie,
die Leute wollen mir wohl, und sie sollen sehen, wie wohl es mir geht.
    Das Dorf war de, die Jngern smtlich hatten schon den Lustplatz ereilt,
alte Mnner und Frauen zeigten sich, durch das Posthorn erregt, an Tr und
Fenstern, alles grte, segnete, rief: O das schne Paar!
    Julie. Nun, da haben Sie's! Wir htten am Ende doch wohl zusammengepat; es
kann Sie noch reuen.
    Lucidor. Jetzt aber, liebe Schwgerin! -
    Julie. Nicht wahr, jetzt lieb, da Sie mich los sind.
    Lucidor. Nur ein Wort! Auf Ihnen lastet eine schwere Verantwortlichkeit; was
sollte der Hndedruck, da Sie meine berschreckliche Stellung kannten und fhlen
muten? So grndlich Boshaftes ist mir in der Welt noch nichts vorgekommen.
    Julie. Danken Sie Gott, nun wr's abgebt, alles ist verziehen. Ich wollte
Sie nicht, das ist wahr, aber da Sie mich ganz und gar nicht wollten, das
verzeiht kein Mdchen, und dieser Hndedruck war, merken Sie sich's! fr den
Schalk. Ich gestehe, es war schalkischer als billig, und ich verzeihe mir nur,
indem ich Ihnen vergebe, und so sei denn alles vergeben und vergessen! Hier
meine Hand.
    Er schlug ein, sie rief: Da sind wir schon wieder! in unserm Park schon
wieder, und so geht's bald um die weite Welt und auch wohl zurck; wir treffen
uns wieder.
    Sie waren vor dem Gartensaal schon angelangt, er schien leer; die
Gesellschaft hatte sich, im Unbehagen, die Tafelzeit berlang verschoben zu
sehen, zum Spazieren bewegt. Antoni aber und Lucinde traten hervor. Julie warf
sich aus dem Wagen ihrem Freund entgegen, sie dankte in einer herzlichen
Umarmung und enthielt sich nicht der freudigsten Trnen. Des edlen Mannes Wange
rtete sich, seine Zge traten entfaltet hervor, sein Auge blickte feucht, und
ein schner, bedeutender Jngling erschien aus der Hlle.
    Und so zogen beide Paare zur Gesellschaft, mit Gefhlen, die der schnste
Traum nicht zu geben vermchte.

                                Zehntes Kapitel


Vater und Sohn waren, von einem Reitknecht begleitet, durch eine angenehme
Gegend gekommen, als dieser, im Angesicht einer hohen Mauer, die einen weiten
Bezirk zu umschlieen schien, stillehaltend, bedeutete, sie mchten nun zu Fue
sich dem groen Tore nhern, weil kein Pferd in diesen Kreis eingelassen wrde.
Sie zogen die Glocke, das Tor erffnete sich, ohne da eine Menschengestalt
sichtbar geworden wre, und sie gingen auf ein altes Gebude los das zwischen
uralten Stmmen von Buchen und Eichen ihnen entgegenschimmerte. Wunderbar war es
anzusehen, denn so alt es der Form nach schien, so war es doch, als wenn Maurer
und Steinmetzen soeben erst abgegangen wren, dergestalt neu, vollstndig und
nett erschienen die Fugen wie die ausgearbeiteten Verzierungen.
    Der metallne, schwere Ring an einer wohlgeschnitzten Pforte lud sie ein zu
klopfen, welches Felix mutwillig etwas unsanft verrichtete; auch diese Tr
sprang auf, und sie fanden zunchst auf der Hausflur ein Frauenzimmer sitzen von
mittlerem Alter, am Stickrahmen mit einer wohlgezeichneten Arbeit beschftigt.
Diese begrte sogleich die Ankommenden als schon gemeldet und begann ein
heiteres Lied zu singen, worauf sogleich aus einer benachbarten Tre ein
Frauenzimmer heraustrat, das man fr die Beschlieerin und ttige Haushlterin,
nach den Anhngseln ihres Grtels, ohne weiteres zu erkennen hatte. Auch diese
freundlich grend fhrte die Fremden eine Treppe hinauf und erffnete ihnen
einen Saal, der sie ernsthaft ansprach, weit, hoch, ringsum getfelt, oben
drber eine Reihenfolge historischer Schilderungen. Zwei Personen traten ihnen
entgegen, ein jngeres Frauenzimmer und ein ltlicher Mann.
    Jene hie den Gast sogleich freimtig willkommen. Sie sind, sagte sie,
als einer der Unsern angemeldet. Wie soll ich Ihnen aber kurz und gut den
Gegenwrtigen vorstellen? Er ist unser Hausfreund im schnsten und weitesten
Sinne, bei Tage der belehrende Gesellschafter, bei Nacht Astronom, und Arzt zu
jeder Stunde.
    Und ich, versetzte dieser freundlich, empfehle Ihnen dieses Frauenzimmer
als die bei Tage unermdet Geschftige, bei Nacht, wenn's not tut, gleich bei
der Hand, und immerfort die heiterste Lebensbegleiterin.
    Angela, so nannte man die durch Gestalt und Betragen einnehmende Schne,
verkndigte sodann die Ankunft Makariens; ein grner Vorhang zog sich auf, und
eine ltliche wunderwrdige Dame ward auf einem Lehnsessel von zwei jungen,
hbschen Mdchen hereingeschoben, wie von zwei andern ein runder Tisch mit
erwnschtem Frhstck. In einem Winkel der ringsumher gehenden massiven eichenen
Bnke waren Kissen gelegt, darauf setzten sich die obigen dreie, Makarie in
ihrem Sessel gegen ihnen ber. Felix verzehrte sein Frhstck stehend, im Saal
umherwandelnd und die ritterlichen Bilder ber dem Getfel neugierig
betrachtend.
    Makarie sprach zu Wilhelm als einem Vertrauten, sie schien sich in
geistreicher Schilderung ihrer Verwandten zu erfreuen; es war, als wenn sie die
innere Natur eines jeden durch die ihn umgebende individuelle Maske
durchschaute. Die Personen, welche Wilhelm kannte, standen wie verklrt vor
seiner Seele, das einsichtige Wohlwollen der unschtzbaren Frau hatte die Schale
losgelst und den gesunden Kern veredelt und belebt.
    Nachdem nun diese angenehmen Gegenstnde durch die freundlichste Behandlung
erschpft waren, sprach sie zu dem wrdigen Gesellschafter: Sie werden von der
Gegenwart dieses neuen Freundes nicht wiederum Anla zu einer Entschuldigung
finden und die versprochene Unterhaltung abermals verspten; er scheint von der
Art, wohl auch daran teilzunehmen.
    Jener aber versetzte darauf: Sie wissen, welche Schwierigkeit es ist, sich
ber diese Gegenstnde zu erklren, denn es ist von nichts wenigerem als von dem
Mibrauch frtrefflicher und weit auslangender Mittel die Rede.
    Ich geb' es zu, versetzte Makarie, denn man kommt in doppelte
Verlegenheit. Spricht man von Mibrauch, so scheint man die Wrde des Mittels
selbst anzutasten, denn es liegt ja immer noch in dem Mibrauch verborgen;
spricht man von Mittel, so kann man kaum zugeben, da seine Grndlichkeit und
Wrde irgendeinen Mibrauch zulasse. Indessen, da wir unter uns sind, nichts
festsetzen, nichts nach auen wirken, sondern nur uns aufklren wollen, so kann
das Gesprch immer vorwrtsgehen.
    Doch mten wir, versetzte der bedchtige Mann, vorher anfragen, ob unser
neuer Freund auch Lust habe, an einer gewissermaen abstrusen Materie
teilzunehmen, und ob er nicht vorzge, in seinem Zimmer einer ntigen Ruhe zu
pflegen. Sollte wohl unsere Angelegenheit, auer dem Zusammenhange, ohne
Kenntnis, wie wir darauf gelangt, von ihm gern und gnstig aufgenommen werden?
    Wenn ich das, was Sie gesagt haben, mir durch etwas Analoges erklren
mchte, so scheint es ungefhr der Fall zu sein, wenn man die Heuchelei angreift
und eines Angriffs auf die Religion beschuldigt werden kann.
    Wir knnen die Analogie gelten lassen, versetzte der Hausfreund, denn es
ist auch hier von einem Komplex mehrerer bedeutender Menschen, von einer hohen
Wissenschaft, von einer wichtigen Kunst und, da ich kurz sei, von der
Mathematik die Rede.
    Ich habe, versetzte Wilhelm, wenn ich auch ber die fremdesten
Gegenstnde sprechen hrte, mir immer etwas daraus nehmen knnen: denn alles,
was den einen Menschen interessiert, wird auch in dem andern einen Anklang
finden.
    Vorausgesetzt, sagte jener, da er sich eine gewisse Freiheit des Geistes
erworben habe; und da wir Ihnen dies zutrauen, so will ich von meiner Seite
wenigstens Ihrem Verharren nichts entgegenstellen.
    Was aber fangen wir mit Felix an? fragte Makarie, welcher, wie ich sehe,
mit der Betrachtung jener Bilder schon fertig ist und einige Ungeduld merken
lt.
    Vergnnt mir, diesem Frauenzimmer etwas ins Ohr zu sagen, versetzte Felix,
raunte Angela etwas stille zu, die sich mit ihm entfernte, bald aber lchelnd
zurckkam, da denn der Hausfreund folgendermaen zu reden anfing.
    In solchen Fllen, wo man irgend eine Mibilligung, einen Tadel, auch nur
ein Bedenken aussprechen soll, nehme ich nicht gern die Initiative; ich suche
mir eine Autoritt, bei welcher ich mich beruhigen kann, indem ich finde, da
mir ein anderer zur Seite steht. Loben tu' ich ohne Bedenken, denn warum soll
ich verschweigen, wenn mir etwas zusagt? sollte es auch meine Beschrnktheit
ausdrcken, so hab' ich mich deren nicht zu schmen; tadle ich aber, so kann mir
begegnen, da ich etwas Frtreffliches abweise, und dadurch zieh' ich mir die
Mibilligung anderer zu, die es besser verstehen; ich mu mich zurcknehmen,
wenn ich aufgeklrt werde. Deswegen bring' ich hier einiges Geschriebene, sogar
bersetzungen mit: denn ich traue in solchen Dingen meiner Nation so wenig als
mir selbst; eine Zustimmung aus der Ferne und Fremde scheint mir mehr Sicherheit
zu geben. Er fing nunmehr nach erhaltener Erlaubnis folgendermaen zu lesen an.
-
    Wenn wir aber uns bewogen finden, diesen werten Mann nicht lesen zu lassen,
so werden es unsere Gnner wahrscheinlich geneigt aufnehmen, denn was oben gegen
das Verweilen Wilhelms bei dieser Unterhaltung gesagt worden, gilt noch mehr in
dem Falle, in welchem wir uns befinden. Unsere Freunde haben einen Roman in die
Hand genommen, und wenn dieser hie und da schon mehr als billig didaktisch
geworden, so finden wir doch geraten, die Geduld unserer Wohlwollenden nicht
noch weiter auf die Probe zu stellen. Die Papiere, die uns vorliegen, gedenken
wir an einem andern Orte abdrucken zu lassen und fahren diesmal im
Geschichtlichen ohne weiteres fort, da wir selbst ungeduldig sind, das
obwaltende Rtsel endlich aufgeklrt zu sehen.
    Enthalten knnen wir uns aber doch nicht, ferner einiges zu erwhnen, was
noch vor dem abendlichen Scheiden dieser edlen Gesellschaft zur Sprache kam.
Wilhelm, nachdem er jener Vorlesung aufmerksam zugehrt, uerte ganz
unbewunden: Hier vernehme ich von groen Naturgaben, Fhigkeiten und
Fertigkeiten, und doch zuletzt, bei ihrer Anwendung, manches Bedenken. Sollte
ich mich darber ins Kurze fassen, so wrde ich ausrufen: Groe Gedanken und ein
reines Herz, das ist's, was wir uns von Gott erbitten sollten!
    Diesen verstndigen Worten Beifall gebend, lste die Versammlung sich auf;
der Astronom aber versprach, Wilhelmen in dieser herrlichen, klaren Nacht an den
Wundern des gestirnten Himmels vollkommen teilnehmen zu lassen.
    Nach einigen Stunden lie der Astronom seinen Gast die Treppen zur
Sternwarte sich hinaufwinden und zuletzt allein auf die vllig freie Flche
eines runden, hohen Turmes heraustreten. Die heiterste Nacht, von allen Sternen
leuchtend und funkelnd, umgab den Schauenden, welcher zum erstenmale das hohe
Himmelsgewlbe in seiner ganzen Herrlichkeit zu erblicken glaubte. Denn im
gemeinen Leben, abgerechnet die ungnstige Witterung, die uns so oft den
Glanzraum des thers verbirgt, hindern uns zu Hause bald Dcher und Giebel,
auswrts bald Wlder und Felsen, am meisten aber berall die inneren
Beunruhigungen des Gemts, die, uns alle Umwelt mehr als Nebel und Miwetter zu
verdstern, sich hin und her bewegen.
    Ergriffen und erstaunt hielt er sich beide Augen zu. Das Ungeheure hrt auf,
erhaben zu sein, es berreicht unsre Fassungskraft, es droht, uns zu vernichten.
Was bin ich denn gegen das All? sprach er zu seinem Geiste; wie kann ich ihm
gegenber, wie kann ich in seiner Mitte stehen? Nach einem kurzen berdenken
jedoch fuhr er fort: Das Resultat unsres heutigen Abends lst ja auch das
Rtsel des gegenwrtigen Augenblicks. Wie kann sich der Mensch gegen das
Unendliche stellen, als wenn er alle geistigen Krfte, die nach vielen Seiten
hingezogen werden, in seinem Innersten, Tiefsten versammelt, wenn er sich fragt:
Darfst du dich in der Mitte dieser ewig lebendigen Ordnung auch nur denken,
sobald sich nicht gleichfalls in dir ein beharrlich Bewegtes, um einen reinen
Mittelpunkt kreisend, hervortut? Und selbst wenn es dir schwer wrde, diesen
Mittelpunkt in deinem Busen aufzufinden, so wrdest du ihn daran erkennen, da
eine wohlwollende, wohlttige Wirkung von ihm ausgeht und von ihm Zeugnis gibt.
    Wer soll, wer kann aber auf sein vergangenes Leben zurckblicken, ohne
gewissermaen irre zu werden, da er meistens finden wird, da sein Wollen
richtig, sein Tun falsch, sein Begehren tadelhaft und sein Erlangen dennoch
erwnscht gewesen?
    Wie oft hast du diese Gestirne leuchten gesehen, und haben sie dich nicht
jederzeit anders gefunden? sie aber sind immer dieselbigen und sagen immer
dasselbige: Wir bezeichnen, wiederholen sie: durch unsern gesetzmigen Gang Tag
und Stunde; frage dich auch, wie verhltst du dich zu Tag und Stunde? - Und so
kann ich denn diesmal antworten: Des gegenwrtigen Verhltnisses hab' ich mich
nicht zu schmen, meine Absicht ist, einen edlen Familienkreis in allen seinen
Gliedern erwnscht verbunden herzustellen; der Weg ist bezeichnet. Ich soll
erforschen, was edle Seelen auseinanderhlt, soll Hindernisse wegrumen, von
welcher Art sie auch seien. Dies darfst du vor diesen himmlischen Heerscharen
bekennen; achteten sie deiner, sie wrden zwar ber deine Beschrnktheit
lcheln, aber sie ehrten gewi deinen Vorsatz und begnstigten dessen
Erfllung.
    Bei diesen Worten oder Gedanken wendete er sich, umherzusehen, da fiel ihm
Jupiter in die Augen, das Glcksgestirn, so herrlich leuchtend als je; er nahm
das Omen als gnstig auf und verharrte freudig in diesem Anschauen eine
Zeitlang.
    Hierauf sogleich berief ihn der Astronom herabzukommen und lie ihn eben
dieses Gestirn durch ein vollkommenes Fernrohr in bedeutender Gre, begleitet
von seinen Monden, als ein himmlisches Wunder anschauen.
    Als unser Freund lange darin versunken geblieben, wendete er sich um und
sprach zu dem Sternfreunde: Ich wei nicht, ob ich Ihnen danken soll, da Sie
mir dieses Gestirn so ber alles Ma nher gerckt. Als ich es vorhin sah, stand
es im Verhltnis zu dem brigen Unzhligen des Himmels und zu mir selbst; jetzt
aber tritt es in meiner Einbildungskraft unverhltnismig hervor, und ich wei
nicht, ob ich die brigen Scharen gleicherweise heranzufhren wnschen sollte.
Sie werden mich einengen, mich bengstigen.
    So erging sich unser Freund nach seiner Gewohnheit weiter, und es kam bei
dieser Gelegenheit manches Unerwartete zur Sprache. Auf einiges Erwidern des
Kunstverstndigen versetzte Wilhelm: Ich begreife recht gut, da es euch
Himmelskundigen die grte Freude gewhren mu, das ungeheure Weltall nach und
nach so heranzuziehen, wie ich hier den Planeten sah und sehe. Aber erlauben Sie
mir, es auszusprechen: ich habe im Leben berhaupt und im Durchschnitt gefunden,
da diese Mittel, wodurch wir unsern Sinnen zu Hlfe kommen, keine sittlich
gnstige Wirkung auf den Menschen ausben. Wer durch Brillen sieht, hlt sich
fr klger, als er ist, denn sein uerer Sinn wird dadurch mit seiner innern
Urteilsfhigkeit auer Gleichgewicht gesetzt; es gehrt eine hhere Kultur dazu,
deren nur vorzgliche Menschen fhig sind, ihr Inneres, Wahres mit diesem von
auen herangerckten Falschen einigermaen auszugleichen. Sooft ich durch eine
Brille sehe, bin ich ein anderer Mensch und gefalle mir selbst nicht; ich sehe
mehr, als ich sehen sollte, die schrfer gesehene Welt harmoniert nicht mit
meinem Innern, und ich lege die Glser geschwind wieder weg, wenn meine
Neugierde, wie dieses oder jenes in der Ferne beschaffen sein mchte, befriedigt
ist.
    Auf einige scherzhafte Bemerkungen des Astronomen fuhr Wilhelm fort: Wir
werden diese Glser so wenig als irgendein Maschinenwesen aus der Welt bannen,
aber dem Sittenbeobachter ist es wichtig, zu erforschen und zu wissen, woher
sich manches in die Menschheit eingeschlichen hat, worber man sich beklagt. So
bin ich z.B. berzeugt, da die Gewohnheit, Annherungsbrillen zu tragen, an dem
Dnkel unserer jungen Leute hauptschlich schuld hat.
    Unter diesen Gesprchen war die Nacht weit vorgerckt, worauf der im Wachen
bewhrte Mann seinem jungen Freunde den Vorschlag tat, sich auf dem Feldbette
niederzulegen und einige Zeit zu schlafen, um alsdann mit frischerem Blick die
dem Aufgang der Sonne voreilende Venus, welche eben heute in ihrem vollendeten
Glanze zu erscheinen versprche, zu schauen und zu begren.
    Wilhelm, der sich bis auf den Augenblick recht straff und munter erhalten
hatte, fhlte auf diese Anmutung des wohlwollenden, vorsorglichen Mannes sich
wirklich erschpft, er legte sich nieder und war augenblicklich in den tiefsten
Schlaf gesunken.
    Geweckt von dem Sternkundigen sprang Wilhelm auf und eilte zum Fenster; dort
staunte, starrte er einen Augenblick dann rief er enthusiastisch: Welche
Herrlichkeit! welch ein Wunder! Andere Worte des Entzckens folgten, aber ihm
blieb der Anblick immer ein Wunder, ein groes Wunder.
    Da Ihnen dieses liebenswrdige Gestirn, das heute in Flle und
Herrlichkeit wie selten erscheint, berraschend entgegentreten wrde, konnt' ich
voraussehen, aber das darf ich wohl aussprechen, ohne kalt gescholten zu werden:
kein Wunder seh' ich, durchaus kein Wunder!
    Wie knnten Sie auch? versetzte Wilhelm, da ich es mitbringe, da ich es
in mir trage, da ich nicht wei, wie mir geschieht. Lassen Sie mich noch immer
stumm und staunend hinblicken, sodann vernehmen Sie! Nach einer Pause fuhr er
fort: Ich lag sanft, aber tief eingeschlafen, da fand ich mich in den gestrigen
Saal versetzt, aber allein. Der grne Vorhang ging auf, Makariens Sessel bewegte
sich hervor, von selbst wie ein belebtes Wesen; er glnzte golden, ihre Kleider
schienen priesterlich, ihr Anblick leuchtete sanft, ich war im Begriff, mich
niederzuwerfen. Wolken entwickelten sich um ihre Fe, steigend hoben sie
flgelartig die heilige Gestalt empor, an der Stelle ihres herrlichen
Angesichtes sah ich zuletzt, zwischen sich teilendem Gewlk, einen Stern
blinken, der immer aufwrts getragen wurde und durch das erffnete Deckengewlb
sich mit dem ganzen Sternhimmel vereinigte, der sich immer zu verbreiten und
alles zu umschlieen schien. In dem Augenblick wecken Sie mich auf;
schlaftrunken taumle ich nach dem Fenster, den Stern noch lebhaft in meinem
Auge, und wie ich nun hinblicke - der Morgenstern, von gleicher Schnheit,
obschon vielleicht nicht von gleicher strahlender Herrlichkeit, wirklich vor
mir! Dieser wirkliche, da droben schwebende Stern setzt sich an die Stelle des
getrumten, er zehrt auf, was an dem erscheinenden Herrliches war, aber ich
schaue doch fort und fort, und Sie schauen ja mit mir, was eigentlich vor meinen
Augen zugleich mit dem Nebel des Schlafes htte verschwinden sollen.
    Der Astronom rief aus: Wunder, ja Wunder! Sie wissen selbst nicht, welche
wundersame Rede Sie fhrten. Mge uns nur dies nicht auf den Abschied der
Herrlichen hindeuten, welcher frher oder spter eine solche Apotheose
beschieden ist.
    Den andern Morgen eilte Wilhelm, um seinen Felix aufzusuchen, der sich frh
ganz in der Stille weggeschlichen hatte, nach dem Garten, den er zu seiner
Verwunderung durch eine Anzahl Mdchen bearbeitet sah; alle, wo nicht schn,
doch keine hlich, keine, die das zwanzigste Jahr erreicht zu haben schien. Sie
waren verschiedentlich gekleidet, als verschiedenen Ortschaften angehrig,
ttig, heiter grend und fortarbeitend.
    Ihm begegnete Angela, welche die Arbeit anzuordnen und zu beurteilen auf und
ab ging; ihr lie der Gast seine Verwunderung ber eine so hbsche, lebensttige
Kolonie vermerken. Diese, versetzte sie, stirbt nicht aus, ndert sich, aber
bleibt immer dieselbe. Denn mit dem zwanzigsten Jahr treten diese, so wie die
smtlichen Bewohnerinnen unserer Stiftung, ins ttige Leben, meistens in den
Ehestand. Alle jungen Mnner der Nachbarschaft, die sich eine wackere Gattin
wnschen, sind aufmerksam auf dasjenige, was sich bei uns entwickelt. Auch sind
unsre Zglinge hier nicht etwan eingesperrt, sie haben sich schon auf manchem
Jahrmarkte umgesehen, sind gesehen worden, gewnscht und verlobt; und so warten
denn mehrere Familien schon aufmerksam, wenn bei uns wieder Platz wird, um die
Ihrigen einzufhren. Nachdem diese Angelegenheit besprochen war, konnte der
Gast seiner neuen Freundin den Wunsch nicht bergen, das gestern abend
Vorgelesene nochmals durchzusehen. Den Hauptsinn der Unterhaltung habe ich
gefat, sagte er; nun mcht' ich aber auch das einzelne wovon die Rede war,
nher kennen lernen.
    Diesen Wunsch, versetzte jene, zu befriedigen, finde ich mich
glcklicherweise sogleich in dem Falle; das Verhltnis, das Ihnen so schnell zu
unserm Innersten gegeben ward, berechtigt mich, Ihnen zu sagen, da jene Papiere
schon in meinen Hnden und von mir nebst andern Blttern sorgfltig aufgehoben
werden. Meine Herrin, fuhr sie fort, ist von der Wichtigkeit des
augenblicklichen Gesprchs hchlich berzeugt; dabei gehe vorber, sagt sie, was
kein Buch enthlt, und doch wieder das Beste, was Bcher jemals enthalten haben.
Deshalb machte sie mir's zur Pflicht, einzelne gute Gedanken aufzubewahren, die
aus einem geistreichen Gesprch, wie Samenkrner aus einer vielstigen Pflanze,
hervorspringen. Ist man treu, sagt sie, das Gegenwrtige festzuhalten, so wird
man erst Freude an der berlieferung haben, indem wir den besten Gedanken schon
ausgesprochen, das liebenswrdigste Gefhl schon ausgedrckt finden. Hiedurch
kommen wir zum Anschauen jener bereinstimmung, wozu der Mensch berufen ist,
wozu er sich oft wider seinen Willen finden mu, da er sich gar zu gern
einbildet, die Welt fange mit ihm von vorne an.
    Angela fuhr fort, dem Gaste weiter zu vertrauen, da dadurch ein bedeutendes
Archiv entstanden sei, woraus sie in schlaflosen Nchten manchmal ein Blatt
Makarien vorlese; bei welcher Gelegenheit denn wieder auf eine merkwrdige Weise
tausend Einzelnheiten hervorspringen, eben als wenn eine Masse Quecksilber fllt
und sich nach allen Seiten hin in die vielfachsten unzhligen Kgelchen
zerteilt.
    Auf seine Frage, inwiefern dieses Archiv als Geheimnis bewahrt werde,
erffnete sie: da allerdings nur die nchste Umgebung davon Kenntnis habe, doch
wolle sie es wohl verantworten und ihm, da er Lust bezeige, sogleich einige
Hefte vorlegen.
    Unter diesem Gartengesprche waren sie gegen das Schlo gelangt, und in die
Zimmer eines Seitengebudes eintretend, sagte sie lchelnd: Ich habe bei dieser
Gelegenheit Ihnen noch ein Geheimnis zu vertrauen, worauf Sie am wenigsten
vorbereitet sind. Sie lie ihn darauf durch einen Vorhang in ein Kabinett
hineinblicken, wo er, freilich zu groer Verwunderung, seinen Felix schreibend
an einem Tische sitzen sah und sich nicht gleich diesen unerwarteten Flei
entrtseln konnte. Bald aber ward er belehrt, als Angela ihm entdeckte, da der
Knabe jenen Augenblick seines Verschwindens hiezu angewendet und erklrt,
Schreiben und Reiten sei das einzige, wozu er Lust habe.
    Unser Freund ward sodann in ein Zimmer gefhrt, wo er in Schrnken ringsum
viele wohlgeordnete Papiere zu sehen hatte. Rubriken mancher Art deuteten auf
den verschiedensten Inhalt, Einsicht und Ordnung leuchtete hervor. Als nun
Wilhelm solche Vorzge pries, eignete das Verdienst derselben Angela dem
Hausfreunde zu; die Anlage nicht allein, sondern auch in schwierigen Fllen die
Einschaltung wisse er mit eigener bersicht bestimmt zu leiten. Darauf suchte
sie die gestern vorgelesenen Manuskripte vor und vergnnte dem Begierigen, sich
derselben sowie alles brigen zu bedienen und nicht nur Einsicht davon, sondern
auch Abschrift zu nehmen.
    Hier nun mute der Freund bescheiden zu Werke gehen, denn es fand sich nur
allzuviel Anziehendes und Wnschenswertes; besonders achtete er die Hefte
kurzer, kaum zusammenhngender Stze hchst schtzenswert. Resultate waren es,
die, wenn wir nicht ihre Veranlassung wissen, als paradox erscheinen, uns aber
ntigen, vermittelst eines umgekehrten Findens und Erfindens rckwrtszugehen
und uns die Filiation solcher Gedanken von weit her, von unten herauf wo mglich
zu vergegenwrtigen.
    Auch dergleichen drfen wir aus oben angefhrten Ursachen keinen Platz
einrumen. Jedoch werden wir die erste sich darbietende Gelegenheit nicht
versumen und am schicklichen Orte auch das hier Gewonnene mit Auswahl
darzubringen wissen.

Am dritten Tage morgens begab sich unser Freund zu Angela, und nicht ohne einige
Verlegenheit stand er vor ihr. Heute soll ich scheiden, sprach er, und von
der trefflichen Frau, bei der ich gestern den ganzen Tag leider nicht
vorgelassen worden, meine letzten Auftrge erhalten. Hier nun liegt mir etwas
auf dem Herzen, auf dem ganzen innern Sinn, worber ich aufgeklrt zu sein
wnschte. Wenn es mglich ist, so gnnen Sie mir diese Wohltat.
    Ich glaube Sie zu verstehen, sagte die Angenehme, doch sprechen Sie
weiter. - Ein wunderbarer Traum, fuhr er fort, einige Worte des ernsten
Himmelskundigen, ein abgesondertes, verschlossenes Fach in den zugnglichen
Schrnken, mit der Inschrift: Makariens Eigenheiten, diese Veranlassungen
gesellen sich zu einer innern Stimme, die mir zuruft, die Bemhung um jene
Himmelslichter sei nicht etwa nur eine wissenschaftliche Liebhaberei, ein
Bestreben nach Kenntnis des Sternenalls, vielmehr sei zu vermuten: es liege hier
ein ganz eigenes Verhltnis Makariens zu den Gestirnen verborgen, das zu
erkennen mir hchst wichtig sein mte. Ich bin weder neugierig noch
zudringlich, aber dies ist ein so wissenswerter Fall fr den Geist- und
Sinnforscher, da ich mich nicht enthalten kann anzufragen: ob man zu so vielem
Vertrauen nicht auch noch dieses berma zu vergnnen belieben mchte? -
Dieses zu gewhren, bin ich berechtigt, versetzte die Gefllige. Ihr
merkwrdiger Traum ist zwar Makarien ein Geheimnis geblieben, aber ich habe mit
dem Hausfreund Ihr sonderbares geistiges Eingreifen, Ihr unvermutetes Erfassen
der tiefsten Geheimnisse betrachtet und berlegt, und wir drfen uns ermutigen,
Sie weiterzufhren. Lassen Sie mich nun zuvrderst gleichnisweise reden! Bei
schwer begreiflichen Dingen tut man wohl, sich auf diese Weise zu helfen.
    Wie man von dem Dichter sagt, die Elemente der sichtlichen Welt seien in
seiner Natur innerlichst verborgen und htten sich nur aus ihm nach und nach zu
entwickeln, da ihm nichts in der Welt zum Anschauen komme, was er nicht vorher
in der Ahnung gelebt: ebenso sind, wie es scheinen will, Makarien die
Verhltnisse unsres Sonnensystems von Anfang an, erst ruhend, sodann sich nach
und nach entwickelnd, fernerhin sich immer deutlicher belebend, grndlich
eingeboren. Erst litt sie an diesen Erscheinungen, dann vergngte sie sich
daran, und mit den Jahren wuchs das Entzcken. Nicht eher jedoch kam sie
hierber zur Einheit und Beruhigung, als bis sie den Beistand, den Freund
gewonnen hatte, dessen Verdienst Sie auch schon genugsam kennen lernten.
    Als Mathematiker und Philosoph unglubig von Anfang, war er lange
zweifelhaft, ob diese Anschauung nicht etwa angelernt sei; denn Makarie mute
gestehen, frhzeitig Unterricht in der Astronomie genossen und sich
leidenschaftlich damit beschftigt zu haben. Daneben berichtete sie aber auch:
wie sie viele Jahre ihres Lebens die innern Erscheinungen mit dem uern
Gewahrwerden zusammengehalten und verglichen, aber niemals hierin eine
bereinstimmung finden knnen.
    Der Wissende lie sich hierauf dasjenige, was sie schaute, welches ihr nur
von Zeit zu Zeit ganz deutlich war, auf das genaueste vortragen, stellte
Berechnungen an und folgerte daraus, da sie nicht sowohl das ganze Sonnensystem
in sich trage, sondern da sie sich vielmehr geistig als ein integrierender Teil
darin bewege. Er verfuhr nach dieser Voraussetzung, und seine Calculs wurden auf
eine unglaubliche Weise durch ihre Aussagen besttigt.
    So viel nur darf ich Ihnen diesmal vertrauen, und auch dieses erffne ich
nur mit der dringenden Bitte, gegen niemanden hievon irgendein Wort zu erwhnen.
Denn sollte nicht jeder Verstndige und Vernnftige, bei dem reinsten
Wohlwollen, dergleichen uerungen fr Phantasien, fr belverstandene
Erinnerungen eines frher eingelernten Wissens halten und erklren? Die Familie
selbst wei nichts Nheres hievon, diese geheimen Anschauungen, die entzckenden
Gesichte sind es, die bei den Ihrigen als Krankheit gelten, wodurch sie
augenblicklich gehindert sei, an der Welt und ihren Interessen teilzunehmen.
Dies, mein Freund, verwahren Sie im stillen und lassen sich auch gegen Lenardo
nichts merken.
    Gegen Abend ward unser Wanderer Makarien nochmals vorgestellt; gar manches
anmutig Belehrende kam zur Sprache, davon wir nachstehendes auswhlen.
    Von Natur besitzen wir keinen Fehler, der nicht zur Tugend, keine Tugend,
die nicht zum Fehler werden knnte. Diese letzten sind gerade die
bedenklichsten. Zu dieser Betrachtung hat mir vorzglich der wunderbare Neffe
Anla gegeben, der junge Mann, von dem Sie in der Familie manches Seltsame
gehrt haben und den ich, wie die Meinigen sagen, mehr als billig, schonend und
liebend behandle.
    Von Jugend auf entwickelte sich in ihm eine gewisse muntere, technische
Fertigkeit, der er sich ganz hingab und darin glcklich zu mancher Kenntnis und
Meisterschaft fortschritt. Spterhin war alles, was er von Reisen nach Hause
schickte, immer das Knstlichste, Klgste, Feinste, Zarteste von Handarbeit, auf
das Land hindeutend, wo er sich eben befand und welches wir erraten sollten.
Hieraus mchte man schlieen, da er ein trockner, unteilnehmender, in
uerlichkeiten befangener Mensch sei und bleibe; auch war er im Gesprch zum
Eingreifen an allgemeinen, sittlichen Betrachtungen nicht aufgelegt, aber er
besa im stillen und geheimen einen wunderbar feinen praktischen Takt des Guten
und Bsen, des Lblichen und Unlblichen, da ich ihn weder gegen ltere noch
Jngere, weder gegen Obere noch Untere jemals habe fehlen sehen. Aber diese
angeborne Gewissenhaftigkeit, ungeregelt wie sie war, bildete sich im einzelnen
zu grillenhafter Schwche; er mochte sogar sich Pflichten erfinden, da wo sie
nicht gefordert wurden, und sich ganz ohne Not irgendeinmal als Schuldner
bekennen.
    Nach seinem ganzen Reiseverfahren, besonders aber nach den Vorbereitungen zu
seiner Wiederkunft, glaube ich, da er whnt, frher ein weibliches Wesen
unseres Kreises verletzt zu haben, deren Schicksal ihn jetzt beunruhigt, wovon
er sich befreit und erlst fhlen wrde, sobald er vernehmen knnte, da es ihr
wohl gehe, und das Weitere wird Angela mit Ihnen besprechen. Nehmen Sie
gegenwrtigen Brief und bereiten unsrer Familie ein glckliches Zusammenfinden.
Aufrichtig gestanden: ich wnschte, ihn auf dieser Erde nochmals zu sehen und im
Abscheiden ihn herzlich zu segnen.

                                Eilftes Kapitel


                             Das nubraune Mdchen

Nachdem Wilhelm seinen Auftrag umstndlich und genau ausgerichtet, versetzte
Lenardo mit einem Lcheln: So sehr ich Ihnen verbunden bin fr das, was ich
durch Sie erfahre, so mu ich doch noch eine Frage hinzufgen. Hat Ihnen die
Tante nicht am Schlu noch anempfohlen, mir eine unbedeutend scheinende Sache zu
berichten? Der andere besann sich einen Augenblick. Ja, sagte er darauf, ich
entsinne mich. Sie erwhnte eines Frauenzimmers, das sie Valerine nannte. Von
dieser sollte ich Ihnen sagen, da sie glcklich verheiratet sei und sich in
einem wnschenswerten Zustande befinde.
    Sie wlzen mir einen Stein vom Herzen, versetzte Lenardo. Ich gehe nun
gern nach Hause zurck, weil ich nicht frchten mu, da die Erinnerung an
dieses Mdchen mir an Ort und Stelle zum Vorwurf gereiche.
    Es ziemt sich nicht fr mich zu fragen, welch Verhltnis Sie zu ihr
gehabt, sagte Wilhelm; genug, Sie knnen ruhig sein, wenn Sie auf irgendeine
Weise an dem Schicksal des Mdchens teilnehmen.
    Es ist das wunderlichste Verhltnis von der Welt, sagte Lenardo;
keinesweges ein Liebesverhltnis, wie man sich's denken knnte. Ich darf Ihnen
wohl vertrauen und erzhlen, was eigentlich keine Geschichte ist. Was mssen Sie
aber denken, wenn ich Ihnen sage, da mein zauderndes Zurckreisen, da die
Furcht, in unsere Wohnung zurckzukehren, da diese seltsamen Anstalten und
Fragen, wie es bei uns aussehe, eigentlich nur zur Absicht haben, nebenher zu
erfahren, wie es mit diesem Kinde stehe.
    Denn glauben Sie, fuhr er fort, ich wei brigens sehr gut, da man
Menschen, die man kennt, auf geraume Zeit verlassen kann, ohne sie verndert
wiederzufinden, und so denke ich auch bei den Meinigen bald wieder vllig zu
Hause zu sein. Um dies einzige Wesen war es mir zu tun, dessen Zustand sich
verndern mute und sich, Dank sei es dem Himmel, ins Bessere verndert hat.
    Sie machen mich neugierig, sagte Wilhelm. Sie lassen mich etwas ganz
Besonderes erwarten.
    Ich halte es wenigstens dafr, versetzte Lenardo und fing seine Erzhlung
folgendermaen an.
    Die herkmmliche Kreisfahrt durch das gesittete Europa in meinen
Jnglingsjahren zu bestehen, war ein fester Vorsatz, den ich von Jugend auf
hegte, dessen Ausfhrung sich aber von Zeit zu Zeit, wie es zu gehen pflegt,
verzgerte. Das Nchste zog mich an, hielt mich fest, und das Entfernte verlor
immer mehr seinen Reiz, je mehr ich davon las oder erzhlen hrte. Doch endlich,
angetrieben durch meinen Oheim, angelockt durch Freunde, die sich vor mir in die
Welt hinausbegeben hatten, ward der Entschlu gefat, und zwar geschwinder, ehe
wir es uns alle versahen.
    Mein Oheim, der eigentlich das Beste dazu tun mute, um die Reise mglich zu
machen, hatte sogleich kein anderes Augenmerk. Sie kennen ihn und seine
Eigenheit, wie er immer nur auf eines losgeht und das erst zustande bringt, und
inzwischen alles andere ruhen und schweigen mu; wodurch er denn freilich vieles
geleistet hat, was ber die Krfte eines Particuliers zu gehen scheint. Diese
Reise kam ihm einigermaen unerwartet; doch wute er sich sogleich zu fassen.
Einige Bauten, die er unternommen, ja sogar angefangen hatte, wurden
eingestellt, und weil er sein Erspartes niemals angreifen will, so sah er sich
als ein kluger Finanzmann nach andern Mitteln um. Das Nchste war, ausstehende
Schulden, besonders Pachtreste, einzukassieren; denn auch dieses gehrte mit zu
seiner Art und Weise, da er gegen Schuldner nachsichtig war, solange er bis auf
einen gewissen Grad selbst nichts bedurfte. Sein Geschftsmann erhielt die
Liste; diesem war die Ausfhrung berlassen. Vom einzelnen erfuhren wir nichts;
nur hrte ich im Vorbeigehen, da der Pachter eines unserer Gter, mit dem der
Oheim lange Geduld gehabt hatte, endlich wirklich ausgetrieben, seine Kaution zu
krglichem Ersatz des Ausfalls innebehalten und das Gut anderweit verpachtet
werden sollte. Es war dieser Mann von Art der Stillen im Lande, aber nicht, wie
seinesgleichen, dabei klug und ttig; wegen seiner Frmmigkeit und Gte zwar
geliebt, doch wegen seiner Schwche als Haushalter gescholten. Nach seiner
Frauen Tode war eine Tochter, die man nur das nubraune Mdchen nannte, ob sie
schon rstig und entschlossen zu werden versprach, doch viel zu jung, um
entschieden einzugreifen; genug, es ging mit dem Mann rckwrts, ohne da die
Nachsicht des Onkels sein Schicksal htte aufhalten knnen.
    Ich hatte meine Reise im Sinn, und die Mittel dazu mut' ich billigen. Alles
war bereit, das Packen und Loslsen ging an, die Augenblicke drngten sich.
Eines Abends durchstrich ich noch einmal den Park, um Abschied von den bekannten
Bumen und Struchen zu nehmen, als mir auf einmal Valerine in den Weg trat:
denn so hie das Mdchen; das andere war nur ein Scherzname, durch ihre
brunliche Gesichtsfarbe veranlat. Sie trat mir in den Weg.
    Lenardo hielt einen Augenblick nachdenkend inne. Wie ist mir denn? sagte
er; hie sie auch Valerine? Ja doch, fuhr er fort; doch war der Scherzname
gewhnlicher. Genug, das braune Mdchen trat mir in den Weg und bat mich
dringend, fr ihren Vater, fr sie ein gutes Wort bei meinem Oheim einzulegen.
Da ich wute, wie die Sache stand, und ich wohl sah, da es schwer, ja unmglich
sein wrde, in diesem Augenblick etwas fr sie zu tun, so sagte ich's ihr
aufrichtig und setzte die eigne Schuld ihres Vaters in ein ungnstiges Licht.
    Sie antwortete mir darauf mit so viel Klarheit und zugleich mit so viel
kindlicher Schonung und Liebe, da sie mich ganz fr sich einnahm und da ich,
wre es meine eigene Kasse gewesen, sie sogleich durch Gewhrung ihrer Bitte
glcklich gemacht htte. Nun waren es aber die Einknfte meines Oheims; es waren
seine Anstalten, seine Befehle; bei seiner Denkweise, bei dem, was bisher schon
geschehen, war nichts zu hoffen. Von jeher hielt ich ein Versprechen hochheilig.
Wer etwas von mir verlangte, setzte mich in Verlegenheit. Ich hatte mir es so
angewhnt abzuschlagen, da ich sogar das nicht versprach, was ich zu halten
gedachte. Diese Gewohnheit kam mir auch diesmal zustatten. Ihre Grnde ruhten
auf Individualitt und Neigung, die meinigen auf Pflicht und Verstand, und ich
leugne nicht, da sie mir am Ende selbst zu hart vorkamen. Wir hatten schon
einigemal dasselbe wiederholt, ohne einander zu berzeugen, als die Not sie
beredter machte, ein unvermeidlicher Untergang, den sie vor sich sah, ihr Trnen
aus den Augen prete. Ihr gefates Wesen verlie sie nicht ganz; aber sie sprach
lebhaft, mit Bewegung, und indem ich immer noch Klte und Gelassenheit
heuchelte, kehrte sich ihr ganzes Gemt nach auen. Ich wnschte die Szene zu
endigen; aber auf einmal lag sie zu meinen Fen, hatte meine Hand gefat,
gekt, und sah so gut, so liebenswrdig flehend zu mir herauf, da ich mir in
dem Augenblick meiner selbst nicht bewut war. Schnell sagte ich, indem ich sie
aufhob: Ich will das Mgliche tun, beruhige dich, mein Kind! und so wandte ich
mich nach einem Seitenwege. Tun Sie das Unmgliche! rief sie mir nach. - Ich
wei nicht mehr, was ich sagen wollte, aber ich sagte: Ich will, und stockte.
Tun Sie's! rief sie auf einmal, mit einem Ausdruck von himmlischer Hoffnung. Ich
grte sie und eilte fort.
    Den Oheim wollte ich nicht zuerst angehen, denn ich kannte ihn nur zu gut,
da man ihn an das Einzelne nicht erinnern durfte, wenn er sich das Ganze
vorgesetzt hatte. Ich suchte den Geschftstrger; er war weggeritten; Gste
kamen den Abend, Freunde, die Abschied nehmen wollten. Man spielte, man speiste
bis tief in die Nacht. Sie blieben den andern Tag, und die Zerstreuung
verwischte jenes Bild der dringend Bittenden. Der Geschftstrger kam zurck, er
war geschftiger und berdrngter als nie. Jedermann fragte nach ihm. Er hatte
nicht Zeit, mich zu hren: doch machte ich einen Versuch, ihn festzuhalten;
allein kaum hatte ich jenen frommen Pachter genannt, so wies er mich mit
Lebhaftigkeit zurck: Sagen Sie dem Onkel um Gottes willen davon nichts, wenn
Sie zuletzt nicht noch Verdru haben wollen. - Der Tag meiner Abreise war
festgesetzt; ich hatte Briefe zu schreiben, Gste zu empfangen, Besuche in der
Nachbarschaft abzulegen. Meine Leute waren zu meiner bisherigen Bedienung
hinreichend, keineswegs aber gewandt, das Geschft der Abreise zu erleichtern.
Alles lag auf mir; und doch, als mir der Geschftsmann zuletzt in der Nacht eine
Stunde gab, um unsere Geldangelegenheiten zu ordnen, wagte ich nochmals, fr
Valerinens Vater zu bitten.
    Lieber Baron, sagte der bewegliche Mann, wie kann Ihnen nur so etwas
einfallen? Ich habe heute ohnehin mit Ihrem Oheim einen schweren Stand gehabt;
denn was Sie ntig haben, um sich hier loszumachen, beluft sich weit hher, als
wir glaubten. Dies ist zwar ganz natrlich, aber doch beschwerlich. Besonders
hat der alte Herr keine Freude, wenn die Sache abgetan scheint und noch manches
hintennachhinkt; das ist nun aber oft so, und wir andern mssen es ausbaden.
ber die Strenge, womit die ausstehenden Schulden eingetrieben werden sollen,
hat er sich selbst ein Gesetz gemacht; er ist darber mit sich einig, und man
mchte ihn wohl schwer zur Nachgiebigkeit bewegen. Tun Sie es nicht, ich bitte
Sie! es ist ganz vergebens.
    Ich lie mich mit meinem Gesuch zurckschrecken, jedoch nicht ganz. Ich
drang in ihn, da doch die Ausfhrung von ihm abhnge, gelind und billig zu
verfahren. Er versprach alles, nach Art solcher Personen, um fr den Augenblick
in Ruhe zu kommen. Er ward mich los; der Drang, die Zerstreuung wuchs! ich sa
im Wagen und kehrte jedem Anteil, den ich zu Hause haben konnte, den Rcken.
    Ein lebhafter Eindruck ist wie eine andere Wunde; man fhlt sie nicht, indem
man sie empfngt. Erst spter fngt sie an zu schmerzen und zu eitern. Mir ging
es so mit jener Begebenheit im Garten. Sooft ich einsam, sooft ich unbeschftigt
war, trat mir jenes Bild des flehenden Mdchens, mit der ganzen Umgebung, mit
jedem Baum und Strauch, dem Platz, wo sie knieete, dem Weg, den ich einschlug,
mich von ihr zu entfernen, das Ganze zusammen wie ein frisches Bild vor die
Seele. Es war ein unauslschlicher Eindruck, der wohl von andern Bildern und
Teilnahmen beschattet, verdeckt, aber niemals vertilgt werden konnte. Immer
erneut trat er in jeder stillen Stunde hervor, und je lnger es whrte, desto
schmerzlicher fhlte ich die Schuld, die ich gegen meine Grundstze, meine
Gewohnheit auf mich geladen hatte, obgleich nicht ausdrcklich, nur stotternd,
zum erstenmal in solchem Falle verlegen.
    Ich verfehlte nicht, in den ersten Briefen unsern Geschftsmann zu fragen,
wie die Sache gegangen. Er antwortete dilatorisch. Dann setzte er aus, diesen
Punkt zu erwidern; dann waren seine Worte zweideutig, zuletzt schwieg er ganz.
Die Entfernung wuchs, mehr Gegenstnde traten zwischen mich und meine Heimat;
ich ward zu manchen Beobachtungen, mancher Teilnahme aufgefordert; das Bild
verschwand, das Mdchen fast bis auf den Namen. Seltener trat ihr Andenken
hervor, und meine Grille, mich nicht durch Briefe, nur durch Zeichen mit den
Meinigen zu unterhalten, trug viel dazu bei, meinen frhern Zustand mit allen
seinen Bedingungen beinahe verschwinden zu machen. Nur jetzt, da ich mich dem
Hause nhere, da ich meiner Familie, was sie bisher entbehrt, mit Zinsen zu
erstatten gedenke, jetzt berfllt mich diese wunderliche Reue - ich mu sie
selbst wunderlich nennen - wieder mit aller Gewalt. Die Gestalt des Mdchens
frischt sich auf mit den Gestalten der Meinigen, und ich frchte nichts mehr,
als zu vernehmen, sie sei in dem Unglck, in das ich sie gestoen, zugrunde
gegangen; denn mir schien mein Unterlassen ein Handeln zu ihrem Verderben, eine
Frderung ihres traurigen Schicksals. Schon tausendmal habe ich mir gesagt, da
dieses Gefhl im Grunde nur eine Schwachheit sei, da ich frh zu jenem Gesetz,
nie zu versprechen, nur aus Furcht der Reue, nicht aus einer edlern Empfindung
getrieben worden. Und nun scheint sich eben die Reue, die ich geflohen, an mir
zu rchen, indem sie diesen Fall statt tausend ergreift, um mich zu peinigen.
Dabei ist das Bild, die Vorstellung, die mich qult, so angenehm, so
liebenswrdig, da ich gern dabei verweile. Und denke ich daran, so scheint der
Ku, den sie auf meine Hand gedrckt, mich noch zu brennen.
    Lenardo schwieg, und Wilhelm versetzte schnell und frhlich: So htte ich
Ihnen denn keinen grern Dienst erzeigen knnen als durch den Nachsatz meines
Vortrags wie manchmal in einem Postskript das Interessanteste des Briefes
enthalten sein kann. Zwar wei ich nur wenig von Valerinen: denn ich erfuhr von
ihr nur im Vorbeigehen; aber gewi ist sie die Gattin eines wohlhabenden
Gutsbesitzers und lebt vergngt, wie mir die Tante noch beim Abschied
versicherte.
    Schn, sagte Lenardo: nun hlt mich nichts ab. Sie haben mich absolviert,
und wir wollen sogleich zu den Meinigen, die mich ohnehin lnger, als billig
ist, erwarten. Wilhelm erwiderte darauf: Leider kann ich Sie nicht begleiten:
denn eine sonderbare Verpflichtung liegt mir ob, nirgends lnger als drei Tage
zu verweilen und die Orte, die ich verlasse, in einem Jahr nicht wieder zu
betreten. Verzeihen Sie, wenn ich den Grund dieser Sonderbarkeit nicht
aussprechen darf.
    Es tut mir sehr leid, sagte Lenardo, da wir Sie so bald verlieren, da
ich nicht auch etwas fr Sie mitwirken kann. Doch da Sie einmal auf dem Wege
sind, mir wohlzutun, so knnten Sie mich sehr glcklich machen, wenn Sie
Valerinen besuchten, sich von ihrem Zustand genau unterrichteten und mir alsdann
schriftlich oder mndlich - der dritte Ort einer Zusammenkunft wird sich schon
finden - zu meiner Beruhigung ausfhrliche Nachricht erteilten.
    Dieser Vorschlag wurde weiter besprochen; Valerinens Aufenthalt hatte man
Wilhelmen genannt. Er bernahm es, sie zu besuchen; ein dritter Ort wurde
festgesetzt, wohin der Baron kommen und auch den Felix mitbringen sollte, der
indessen bei den Frauenzimmern zurckgeblieben war.
    Lenardo und Wilhelm hatten ihren Weg, nebeneinander reitend, auf angenehmen
Wiesen unter mancherlei Gesprchen eine Zeitlang fortgesetzt, als sie sich
nunmehr der Fahrstrae nherten und den Wagen des Barons einholten, der, von
seinem Herrn begleitet, die Heimat wiederfinden sollte. Hier wollten die Freunde
sich trennen, und Wilhelm nahm mit wenigen, freundlichen Worten Abschied und
versprach dem Baron nochmals baldige Nachricht von Valerinen.
    Wenn ich bedenke, versetzte Lenardo, da es nur ein kleiner Umweg wre,
wenn ich Sie begleitete, warum sollte ich Valerinen nicht selbst aufsuchen?
warum nicht selbst von ihrem glcklichen Zustande mich berzeugen? Sie waren so
freundlich, sich zum Boten anzubieten; warum wollten Sie nicht mein Begleiter
sein? Denn einen Begleiter mu ich haben, einen sittlichen Beistand, wie man
sich rechtliche Beistnde nimmt, wenn man dem Gerichtshandel nicht ganz
gewachsen zu sein glaubt.
    Die Einreden Wilhelms, da man zu Hause den so lange Abwesenden erwarte, da
es einen sonderbaren Eindruck machen mchte, wenn der Wagen allein kme, und was
dergleichen mehr war, vermochten nichts ber Lenardo, und Wilhelm mute sich
zuletzt entschlieen, den Begleiter abzugeben, wobei ihm wegen der zu
frchtenden Folgen nicht wohl zumute war.
    Die Bedienten wurden daher unterrichtet, was sie bei der Ankunft sagen
sollten, und die Freunde schlugen nunmehr den Weg ein, der zu Valerinens Wohnort
fhrte. Die Gegend schien reich und fruchtbar und der wahre Sitz des Landbaues.
So war denn auch in dem Bezirk, welcher Valerinens Gatten gehrte, der Boden
durchaus gut und mit Sorgfalt bestellt. Wilhelm hatte Zeit, die Landschaft genau
zu betrachten, indem Lenardo schweigend neben ihm ritt. Endlich fing dieser an:
Ein anderer an meiner Stelle wrde sich vielleicht Valerinen unerkannt zu
nhern suchen; denn es ist immer ein peinliches Gefhl, vor die Augen derjenigen
zu treten, die man verletzt hat; aber ich will das lieber bernehmen und den
Vorwurf ertragen, den ich von ihren ersten Blicken befrchte, als da ich mich
durch Vermummung und Unwahrheit davor sicherstelle. Unwahrheit kann uns
ebensosehr in Verlegenheit setzen als Wahrheit; und wenn wir abwgen, wie oft
uns diese oder jene nutzt, so mchte es doch immer der Mhe wert sein, sich ein
fr allemal dem Wahren zu ergeben. Lassen Sie uns also getrost vorwrtsgehen;
ich will mich nennen und Sie als meinen Freund und Gefhrten einfhren.
    Nun waren sie an den Gutshof gekommen und stiegen in dem Bezirk desselben
ab. Ein ansehnlicher Mann, einfach gekleidet, den sie fr einen Pachter halten
konnten, trat ihnen entgegen und kndigte sich als Herrn des Hauses an. Lenardo
nannte sich, und der Besitzer schien hchst erfreut, ihn zu sehen und kennen zu
lernen. Was wird meine Frau sagen, rief er aus, wenn sie den Neffen ihres
Wohltters wiedersieht! Nicht genug kann sie erwhnen und erzhlen, was sie und
ihr Vater Ihrem Oheim schuldig ist.
    Welche sonderbare Betrachtungen kreuzten sich schnell in Lenardos Geist.
Versteckt dieser Mann, der so redlich aussieht, seine Bitterkeit hinter ein
freundlich Gesicht und glatte Worte? Ist er imstande, seinen Vorwrfen eine so
gefllige Auenseite zu geben? Denn hat mein Oheim nicht diese Familie
unglcklich gemacht? und kann es ihm unbekannt geblieben sein? Oder, so dachte
er sich's mit schneller Hoffnung, ist die Sache nicht so bel geworden, als du
denkst? denn eine ganz bestimmte Nachricht hast du ja doch niemals gehabt.
Solche Vermutungen wechselten hin und her, indem der Hausherr anspannen lie, um
seine Gattin holen zu lassen, die in der Nachbarschaft einen Besuch machte.
    Wenn ich Sie indessen, bis meine Frau kommt, auf meine Weise unterhalten
und zugleich meine Geschfte fortsetzen darf, so machen Sie einige Schritte mit
mir aufs Feld und sehen sich um, wie ich meine Wirtschaft betreibe: denn gewi
ist Ihnen, als einem groen Gutsbesitzer, nichts angelegener als die edle
Wissenschaft, die edle Kunst des Feldbaues. Lenardo widersprach nicht; Wilhelm
unterrichtete sich gern; und der Landmann hatte seinen Grund und Boden, den er
unumschrnkt besa und beherrschte, vollkommen gut inne; was er vornahm, war der
Absicht gem; was er sete und pflanzte, durchaus am rechten Ort; er wute die
Behandlung und die Ursachen derselben so deutlich anzugeben, da es ein jeder
begriff und fr mglich gehalten htte, dasselbe zu tun und zu leisten: ein
Wahn, in den man leicht verfllt, wenn man einem Meister zusieht, dem alles
bequem von der Hand geht.
    Die Fremden erzeigten sich sehr zufrieden und konnten nichts als Lob und
Billigung erteilen. Er nahm es dankbar und freundlich auf, fgte jedoch hinzu:
Nun mu ich Ihnen aber auch meine schwache Seite zeigen, die freilich an jedem
zu bemerken ist, der sich einem Gegenstand ausschlielich ergibt. Er fhrte sie
auf seinen Hof, zeigte ihnen seine Werkzeuge, den Vorrat derselben sowie den
Vorrat von allem erdenklichen Gerte und dessen Zubehr. Man tadelte mich oft,
sagte er dabei, da ich hierin zu weit gehe; allein ich kann mich deshalb nicht
schelten. Glcklich ist der, dem sein Geschft auch zur Puppe wird, der mit
demselbigen zuletzt noch spielt und sich an dem ergtzt, was ihm sein Zustand
zur Pflicht macht.
    Die beiden Freunde lieen es an Fragen und Erkundigungen nicht fehlen.
Besonders erfreute sich Wilhelm an den allgemeinen Bemerkungen, zu denen dieser
Mann aufgelegt schien, und verfehlte nicht, sie zu erwidern; indessen Lenardo,
mehr in sich gekehrt, an dem Glck Valerinens, das er in diesem Zustande fr
gewi hielt, stillen Teil nahm, obgleich mit einem leisen Gefhl von Unbehagen,
von dem er sich keine Rechenschaft zu geben wute.
    Man war schon ins Haus zurckgekehrt, als der Wagen der Besitzerin vorfuhr.
Man eilte ihr entgegen; aber wie erstaunte, wie erschrak Lenardo, als er sie
aussteigen sah. Sie war es nicht, es war das nubraune Mdchen nicht, vielmehr
gerade das Gegenteil; zwar auch eine schne, schlanke Gestalt, aber blond, mit
allen Vorteilen, die Blondinen eigen sind.
    Diese Schnheit, diese Anmut erschreckte Lenardon. Seine Augen hatten das
braune Mdchen gesucht; nun leuchtete ihm ein ganz anderes entgegen. Auch dieser
Zge erinnerte er sich; ihre Anrede, ihr Betragen versetzten ihn bald aus jeder
Ungewiheit: es war die Tochter des Gerichtshalters, der bei dem Oheim in groem
Ansehen stand, deshalb denn auch dieser bei der Ausstattung sehr viel getan und
dem neuen Paare behlflich gewesen. Dies alles und mehr noch wurde von der
jungen Frau zum Antrittsgrue frhlich erzhlt, mit einer Freude, wie sie die
berraschung eines Wiedersehens ungezwungen uern lt. Ob man sich
wiedererkenne, wurde gefragt; die Vernderungen der Gestalt wurden beredet,
welche merklich genug bei Personen dieses Alters gefunden werden. Valerine war
immer angenehm, dann aber hchst liebenswrdig, wenn Frhlichkeit sie aus dem
gewhnlichen gleichgltigen Zustande herausri. Die Gesellschaft ward gesprchig
und die Unterhaltung so lebhaft, da Lenardo sich fassen und seine Bestrzung
verbergen konnte. Wilhelm, dem der Freund geschwind genug von diesem seltsamen
Ereignis einen Wink gegeben hatte, tat sein mgliches, um diesem beizustehen;
und Valerinens kleine Eitelkeit, da der Baron, noch ehe er die Seinigen
gesehen, sich ihrer erinnert, bei ihr eingekehrt sei, lie sie auch nicht den
mindesten Verdacht schpfen, da hier eine andere Absicht oder ein Migriff
obwalte.
    Man blieb bis tief in die Nacht beisammen, obgleich beide Freunde nach einem
vertraulichen Gesprch sich sehnten, das denn auch sogleich begann, als sie sich
in dem Gastzimmer allein sahen.
    Ich soll, so scheint es, sagte Lenardo, meine Qual nicht loswerden. Eine
unglckliche Verwechslung des Namens, merke ich, verdoppelt sie. Diese blonde
Schnheit habe ich oft mit jener Braunen, die man keine Schnheit nennen durfte,
spielen sehen; ja ich trieb mich selbst mit ihnen, obgleich so vieles lter, in
den Feldern und Grten herum. Beide machten nicht den geringsten Eindruck auf
mich, ich habe nur den Namen der einen behalten und ihn der andern beigelegt.
Nun finde ich die, die mich nichts angeht, nach ihrer Weise ber die Maen
glcklich, indessen die andere, wer wei wohin, in die Welt geworfen ist.
    Den folgenden Morgen waren die Freunde beinahe frher auf als die ttigen
Landleute. Das Vergngen, ihre Gste zu sehen, hatte Valerinen gleichfalls
zeitig geweckt. Sie ahnete nicht, mit welchen Gesinnungen sie zum Frhstck
kamen. Wilhelm, der wohl einsah, da ohne Nachricht von dem nubraunen Mdchen
Lenardo sich in der peinlichsten Lage befinde, brachte das Gesprch auf frhere
Zeiten, auf Gespielen, aufs Lokal, das er selbst kannte, auf andere
Erinnerungen, so da Valerine zuletzt ganz natrlich darauf kam, des nubraunen
Mdchens zu erwhnen und ihren Namen auszusprechen.
    Kaum hatte Lenardo den Namen Nachodine gehrt, so entsann er sich dessen
vollkommen; aber auch mit dem Namen kehrte das Bild jener Bittenden zurck, mit
einer solchen Gewalt, da ihm das Weitere ganz unertrglich fiel, als Valerine
mit warmem Anteil die Auspfndung des frommen Pachters, seine Resignation und
seinen Auszug erzhlte, und wie er sich auf seine Tochter gelehnt, die ein
kleines Bndel getragen. Lenardo glaubte zu versinken. Unglcklicher- und
glcklicherweise erging sich Valerine in einer gewissen Umstndlichkeit, die,
Lenardon das Herz zerreiend, ihm dennoch mglich machte, mit Beihlfe seines
Gefhrten, einige Fassung zu zeigen.
    Man schied unter vollen, aufrichtigen Bitten des Ehepaars um baldige
Wiederkunft und einer halben, geheuchelten Zusage beider Gste. Und wie dem
Menschen, der sich selbst was Gutes gnnt, alles zum Glck schlgt, so legte
Valerine zuletzt das Schweigen Lenardos, seine sichtbare Zerstreuung beim
Abschied, sein hastiges Wegeilen zu ihrem Vorteil aus und konnte sich, obgleich
treue und liebevolle Gattin eines wackern Landmanns, doch nicht enthalten, an
einer wiederaufwachenden oder neuentstehenden Neigung, wie sie sich's auslegte,
ihres ehemaligen Gutsherrn einiges Behagen zu finden.
    Nach diesem sonderbaren Ereignis sagte Lenardo: Da wir, bei so schnen
Hoffnungen, ganz nahe vor dem Hafen scheitern, darber kann ich mich nur
einigermaen trsten, mich nur fr den Augenblick beruhigen und den Meinen
entgegengehen, wenn ich betrachte, da der Himmel Sie mir zugefhrt hat, Sie,
dem es bei seiner eigentmlichen Sendung gleichgltig ist, wohin und wozu er
seinen Weg richtet. Nehmen Sie es ber sich, Nachodinen aufzusuchen und mir
Nachricht von ihr zu geben. Ist sie glcklich, so bin ich zufrieden; ist sie
unglcklich, so helfen Sie ihr auf meine Kosten. Handeln Sie ohne Rcksichten,
sparen, schonen Sie nichts.
    Nach welcher Weltgegend aber, sagte Wilhelm lchelnd, hab' ich denn meine
Schritte zu richten? Wenn Sie keine Ahnung haben, wie soll ich damit begabt
sein?
    Hren Sie! antwortete Lenardo. In voriger Nacht, wo Sie mich als einen
Verzweifelnden rastlos auf und ab gehen sahen, wo ich leidenschaftlich in Kopf
und Herzen alles durcheinanderwarf, da kam ein alter Freund mir vor den Geist,
ein wrdiger Mann, der, ohne mich eben zu hofmeistern, auf meine Jugend groen
Einflu gehabt hat. Gern htt' ich mir ihn, wenigstens teilweise, als
Reisegefhrten erbeten, wenn er nicht wundersam durch die schnsten Kunst- und
altertmlichen Seltenheiten an seine Wohnung geknpft wre, die er nur auf
Augenblicke verlt. Dieser, wei ich, geniet einer ausgebreiteten
Bekanntschaft mit allem, was in dieser Welt durch irgendeinen edlen Faden
verbunden ist; zu ihm eilen Sie, ihm erzhlen Sie, wie ich es vorgetragen, und
es steht zu hoffen, da ihm sein zartes Gefhl irgend einen Ort, eine Gegend
andeuten werde, wo sie zu finden sein mchte. In meiner Bedrngnis fiel es mir
ein, da der Vater des Kindes sich zu den Frommen zhlte, und ich ward im
Augenblick fromm genug, mich an die moralische Weltordnung zu wenden und zu
bitten: sie mge sich hier zu meinen Gunsten einmal wunderbar gndig
offenbaren.
    Noch eine Schwierigkeit, versetzte Wilhelm, bleibt jedoch zu lsen: wo
soll ich mit meinem Felix hin? denn auf so ganz ungewissen Wegen mcht' ich ihn
nicht mit mir fhren und ihn doch auch nicht gerne von mir lassen; denn mich
dnkt, der Sohn entwickele sich nirgends besser als in Gegenwart des Vaters.
    Keineswegs! erwiderte Lenardo, dies ist ein holder vterlicher Irrtum:
der Vater behlt immer eine Art von despotischem Verhltnis zu seinem Sohn,
dessen Tugenden er nicht anerkennt und an dessen Fehlern er sich freut; deswegen
die Alten schon zu sagen pflegten: Der Helden Shne werden Taugenichtse, und ich
habe mich weit genug in der Welt umgesehen, um hierber ins klare zu kommen.
Glcklicherweise wird unser alter Freund, an den ich Ihnen sogleich ein eiliges
Schreiben verfasse, auch hierber die beste Auskunft geben. Als ich ihn vor
Jahren das letztemal sah, erzhlte er mir gar manches von einer pdagogischen
Verbindung, die ich nur fr eine Art von Utopien halten konnte; es schien mir,
als sei, unter dem Bilde der Wirklichkeit, eine Reihe von Ideen, Gedanken,
Vorschlgen und Vorstzen gemeint, die freilich zusammenhingen, aber in dem
gewhnlichen Laufe der Dinge wohl schwerlich zusammentreffen mchten. Weil ich
ihn aber kenne, weil er gern durch Bilder das Mgliche und Unmgliche
verwirklichen mag, so lie ich es gut sein, und nun kommt es uns zugute; er wei
gewi Ihnen Ort und Umstnde zu bezeichnen, wie Sie Ihren Knaben getrost
vertrauen und von einer weisen Leitung das Beste hoffen knnen.
    Im Dahinreiten sich auf diese Weise unterhaltend, erblickten sie eine edle
Villa, die Gebude im ernst-freundlichen Geschmack, freien Vorraum und in
weiter, wrdiger Umgebung wohlbestandene Bume; Tren und Schaltern aber
durchaus verschlossen, alles einsam, doch wohlerhalten anzusehn. Von einem
ltlichen Manne, der sich am Eingang zu beschftigen schien, erfuhren sie, dies
sei das Erbteil eines jungen Mannes, dem es von seinem in hohem Alter erst kurz
verstorbenen Vater soeben hinterlassen worden.
    Auf weiteres Befragen wurden sie belehrt: dem Erben sei hier leider alles zu
fertig, er habe hier nichts mehr zu tun und das Vorhandene zu genieen sei
gerade nicht seine Sache; deswegen er sich denn ein Lokal nher am Gebirge
ausgesucht, wo er fr sich und seine Gesellen Mooshtten baue und eine Art von
jgerischer Einsiedelei anlegen wolle. Was den Berichtenden selbst betraf,
vernahmen sie, er sei der mitgeerbte Kastellan, sorge aufs genaueste fr
Erhaltung und Reinlichkeit, damit irgendein Enkel, in die Neigung und Besitzung
des Grovaters eingreifend, alles finde, wie dieser es verlassen hat.
    Nachdem sie ihren Weg einige Zeit stillschweigend fortgesetzt, begann
Lenardo mit der Betrachtung, da es die Eigenheit des Menschen sei, von vorn
anfangen zu wollen; worauf der Freund erwiderte, dies lasse sich wohl erklren
und entschuldigen, weil doch, genau genommen, jeder wirklich von vorn anfngt.
Sind doch, rief er aus, keinem die Leiden erlassen, von denen seine Vorfahren
gepeinigt wurden; kann man ihm verdenken, da er von ihren Freuden nichts missen
will?
    Lenardo versetzte hierauf: Sie ermutigen mich zu gestehen, da ich
eigentlich auf nichts gerne wirken mag als auf das, was ich selbst geschaffen
habe. Niemals mocht' ich einen Diener, den ich nicht vom Knaben heraufgebildet,
kein Pferd, das ich nicht selbst zugeritten. In Gefolg dieser Sinnesart will ich
denn auch gern bekennen, da ich unwiderstehlich nach uranfnglichen Zustnden
hingezogen werde, da meine Reisen durch alle hochgebildeten Lnder und Vlker
diese Gefhle nicht abstumpfen knnen, da meine Einbildungskraft sich ber dem
Meer ein Behagen sucht und da ein bisher vernachlssigter Familienbesitz in
jenen frischen Gegenden mich hoffen lt, ein im stillen gefater, meinen
Wnschen gem nach und nach heranreifender Plan werde sich endlich ausfhren
lassen.
    Dagegen wt' ich nichts einzuwenden, versetzte Wilhelm, ein solcher
Gedanke, ins Neue und Unbestimmte gewendet, hat etwas Eigenes, Groes. Nur bitt'
ich zu bedenken, da ein solches Unternehmen nur einer Gesamtheit glcken kann.
Sie gehen hinber und finden dort schon Familienbesitzungen, wie ich wei; die
Meinigen hegen gleiche Plane und haben sich dort schon angesiedelt; vereinigen
Sie sich mit diesen umsichtigen, klugen und krftigen Menschen, fr beide Teile
mu sich dadurch das Geschft erleichtern und erweitern.
    Unter solchen Gesprchen waren die Freunde an den Ort gelangt, wo sie
nunmehr scheiden sollten. Beide setzten sich nieder, zu schreiben; Lenardo
empfahl seinen Freund dem oberwhnten sonderbaren Mann, Wilhelm trug den Zustand
seines neuen Lebensgenossen den Verbndeten vor, woraus, wie natrlich, ein
Empfehlungsschreiben entstand; worin er zum Schlu auch seine mit Jarno
besprochene Angelegenheit empfahl und die Grnde nochmals auseinandersetzte,
warum er von der unbequemen Bedingung, die ihn zum ewigen Juden stempelte,
baldmglichst befreit zu sein wnsche.
    Beim Auswechseln dieser Briefe jedoch konnte sich Wilhelm nicht erwehren,
seinem Freund nochmals gewisse Bedenklichkeiten ans Herz zu legen.
    Ich halte es, sprach er, in meiner Lage fr den wnschenswertesten
Auftrag, Sie, edler Mann, von einer Gemtsunruhe zu befreien und zugleich ein
menschliches Geschpf aus dem Elende zu retten, wenn es sich darin befinden
sollte. Ein solches Ziel kann man als einen Stern ansehen, nach dem man schifft,
wenn man auch nicht wei, was man unterwegs antreffen, unterwegs begegnen werde.
Doch darf ich mir dabei die Gefahr nicht leugnen, in der Sie auf jeden Fall noch
immer schweben. Wren Sie nicht ein Mann, der durchaus sein Wort zu geben
ablehnt, ich wrde von Ihnen das Versprechen verlangen, dieses weibliche Wesen,
das Ihnen so teuer zu stehen kommt, nicht wiederzusehen, sich zu begngen, wenn
ich Ihnen melde, da es ihr wohlgeht; es sei nun, da ich sie wirklich glcklich
finde oder ihr Glck zu befrdern imstande bin. Da ich Sie aber zu einem
Versprechen weder vermgen kann noch will, so beschwre ich Sie bei allem, was
Ihnen wert und heilig ist, sich und den Ihrigen und mir, dem neuerworbenen
Freund zuliebe, keine Annherung, es sei unter welchem Vorwand es wolle, zu
jener Vermiten sich zu erlauben; von mir nicht zu verlangen, da ich den Ort
und die Stelle, wo ich sie finde, die Gegend, wo ich sie lasse, nher bezeichne
oder gar ausspreche: Sie glauben meinem Wort, da es ihr wohl geht, und sind
losgesprochen und beruhigt.
    Lenardo lchelte und versetzte: Leisten Sie mir diesen Dienst, und ich
werde dankbar sein. Was Sie tun wollen und knnen, sei Ihnen anheimgegeben, und
mich berlassen Sie der Zeit, dem Verstande und wo mglich der Vernunft.
    Verzeihen Sie, versetzte Wilhelm; wer jedoch wei, unter welchen
seltsamen Formen die Neigung sich bei uns einschleicht, dem mu es bange werden,
wenn er voraussieht, ein Freund knne dasjenige wnschen, was ihm in seinen
Zustnden, seinen Verhltnissen notwendig Unglck und Verwirrung bringen mte.
    Ich hoffe, sagte Lenardo, wenn ich das Mdchen glcklich wei, bin ich
sie los.
    Die Freunde schieden, jeder nach seiner Seite.

                                Zwlftes Kapitel


Auf einem kurzen und angenehmen Wege war Wilhelm nach der Stadt gekommen, wohin
sein Brief lautete. Er fand sie heiter und wohlgebaut; allein ihr neues Ansehn
zeigte nur allzudeutlich, da sie kurz vorher durch einen Brand msse gelitten
haben. Die Adresse seines Briefes fhrte ihn zu dem letzten, kleinen,
verschonten Teil, an ein Haus von alter, ernster Bauart, doch wohlerhalten und
reinlichen Ansehns. Trbe Fensterscheiben, wundersam gefgt, deuteten auf
erfreuliche Farbenpracht von innen. Und so entsprach denn auch wirklich das
Innere dem uern. In saubern Rumen zeigten sich berall Gertschaften, die
schon einigen Generationen mochten gedient haben, untermischt mit wenigem Neuen.
Der Hausherr empfing ihn freundlich in einem gleich ausgestatteten Zimmer. Diese
Uhren hatten schon mancher Geburts- und Sterbestunde geschlagen, und was
umherstand, erinnerte, da Vergangenheit auch in die Gegenwart bergehen knne.
    Der Ankommende gab seinen Brief ab, den der Empfnger aber, ohne ihn zu
erffnen, beiseitelegte und in einem heitern Gesprche seinen Gast unmittelbar
kennen zu lernen suchte. Sie wurden bald vertraut, und als Wilhelm, gegen
sonstige Gewohnheit, seine Blicke beobachtend im Zimmer umherschweifen lie,
sagte der gute Alte: Meine Umgebung erregt Ihre Aufmerksamkeit. Sie sehen hier,
wie lange etwas dauern kann, und man mu doch auch dergleichen sehen, zum
Gegengewicht dessen, was in der Welt so schnell wechselt und sich verndert.
Dieser Teekessel diente schon meinen Eltern und war ein Zeuge unserer
abendlichen Familienversammlungen; dieser kupferne Kaminschirm schtzt mich noch
immer vor dem Feuer, das diese alte, mchtige Zange anschrt; und so geht es
durch alles durch. Anteil und Ttigkeit konnt' ich daher auf gar viele andere
Gegenstnde wenden, weil ich mich mit der Vernderung dieser uern Bedrfnisse,
die so vieler Menschen Zeit und Krfte wegnimmt, nicht weiter beschftigte. Eine
liebevolle Aufmerksamkeit auf das, was der Mensch besitzt, macht ihn reich,
indem er sich einen Schatz der Erinnerung an gleichgltigen Dingen dadurch
anhuft. Ich habe einen jungen Mann gekannt, der eine Stecknadel dem geliebten
Mdchen, Abschied nehmend, entwendete, den Busenstreif tglich damit zusteckte
und diesen gehegten und gepflegten Schatz von einer groen, mehrjhrigen Fahrt
wieder zurckbrachte. Uns andern kleinen Menschen ist dies wohl als eine Tugend
anzurechnen.
    Mancher bringt wohl auch, versetzte Wilhelm, von einer so weiten, groen
Reise einen Stachel im Herzen mit zurck, den er vielleicht lieber los wre.
Der Alte schien von Lenardos Zustande nichts zu wissen, ob er gleich den Brief
inzwischen erbrochen und gelesen hatte, denn er ging zu den vorigen
Betrachtungen wieder zurck. Die Beharrlichkeit auf dem Besitz, fuhr er fort,
gibt uns in manchen Fllen die grte Energie. Diesem Eigensinn bin ich die
Rettung meines Hauses schuldig. Als die Stadt brannte, wollte man auch bei mir
flchten und retten. Ich verbot's, befahl, Fenster und Tren zu schlieen, und
wandte mich mit mehreren Nachbarn gegen die Flamme. Unserer Anstrengung gelang
es, diesen Zipfel der Stadt aufrechtzuerhalten. Den andern Morgen stand alles
noch bei mir, wie Sie es sehen und wie es beinahe seit hundert Jahren gestanden
hat. - Mit allem dem, sagte Wilhelm, werden Sie mir gestehen, da der Mensch
der Vernderung nicht widersteht, welche die Zeit hervorbringt. - Freilich,
sagte der Alte, aber doch der am lngsten sich erhlt, hat auch etwas
geleistet.
    Ja sogar ber unser Dasein hinaus sind wir fhig, zu erhalten und zu
sichern; wir berliefern Kenntnisse, wir bertragen Gesinnungen so gut als
Besitz, und da mir es nun vorzglich um den letzten zu tun ist, so hab' ich
deshalb seit langer Zeit wunderliche Vorsicht gebraucht, auf ganz eigene
Vorkehrungen gesonnen; nur spt aber ist mir's gelungen, meinen Wunsch erfllt
zu sehen.
    Gewhnlich zerstreut der Sohn, was der Vater gesammelt hat, sammelt etwas
anders, oder auf andere Weise. Kann man jedoch den Enkel, die neue Generation
abwarten, so kommen dieselben Neigungen, dieselben Ansichten wieder zum
Vorschein. Und so hab' ich denn endlich, durch Sorgfalt unserer pdagogischen
Freunde, einen tchtigen jungen Mann erworben, welcher womglich noch mehr auf
hergebrachten Besitz hlt als ich selbst und eine heftige Neigung zu
wunderlichen Dingen empfindet. Mein Zutrauen hat er entschieden durch die
gewaltsamen Anstrengungen erworben, womit ihm das Feuer von unserer Wohnung
abzuwehren gelang; doppelt und dreifach hat er den Schatz verdient, dessen
Besitz ich ihm zu berlassen gedenke; ja er ist ihm schon bergeben, und seit
der Zeit mehrt sich unser Vorrat auf eine wundersame Weise.
    Nicht alles jedoch, was Sie hier sehen, ist unser. Vielmehr, wie Sie sonst
bei Pfandinhabern manches fremde Juwel erblicken, so kann ich Ihnen bei uns
Kostbarkeiten bezeichnen, die man, unter den verschiedensten Umstnden, besserer
Aufbewahrung halber hier niedergestellt. Wilhelm gedachte des herrlichen
Kstchens, das er ohnehin nicht gern auf der Reise mit sich herumfhren wollte,
und enthielt sich nicht, es dem Freunde zu zeigen. Der Alte betrachtete es mit
Aufmerksamkeit, gab die Zeit an, wann es verfertigt sein knnte, und wies etwas
hnliches vor. Wilhelm brachte zur Sprache: ob man es wohl erffnen sollte? Der
Alte war nicht der Meinung. Ich glaube zwar, da man es ohne sonderliche
Beschdigung tun knne, sagte er; allein da Sie es durch einen so wunderbaren
Zufall erhalten haben, so sollten Sie daran Ihr Glck prfen. Denn wenn Sie
glcklich geboren sind und wenn dieses Kstchen etwas bedeutet, so mu sich
gelegentlich der Schlssel dazu finden, und gerade da, wo Sie ihn am wenigsten
erwarten. - Es gibt wohl solche Flle, versetzte Wilhelm. Ich habe selbst
einige erlebt, erwiderte der Alte; und hier sehen Sie den merkwrdigsten vor
sich. Von diesem elfenbeinernen Kruzifix besa ich seit dreiig Jahren den
Krper mit Haupt und Fen aus einem Stcke, der Gegenstand sowohl als die
herrlichste Kunst ward sorgfltig in dem kostbarsten Ldchen aufbewahrt; vor
ungefhr zehn Jahren erhielt ich das dazugehrige Kreuz mit der Inschrift, und
ich lie mich verfhren, durch den geschicktesten Bildschnitzer unserer Zeit die
Arme ansetzen zu lassen; aber wie weit war der Gute hinter seinem Vorgnger
zurckgeblieben; doch es mochte stehen, mehr zu erbaulichen Betrachtungen als zu
Bewunderung des Kunstfleies.
    Nun denken Sie mein Ergtzen! Vor kurzem erhielt ich die ersten, echten
Arme, wie Sie solche zur lieblichsten Harmonie hier angefgt sehen, und ich,
entzckt ber ein so glckliches Zusammentreffen, enthalte mich nicht, die
Schicksale der christlichen Religion hieran zu erkennen, die, oft genug
zergliedert und zerstreut, sich doch endlich immer wieder am Kreuze
zusammenfinden mu.
    Wilhelm bewunderte das Bild und die seltsame Fgung. Ich werde Ihrem Rat
folgen, setzte er hinzu; bleibe das Kstchen verschlossen, bis der Schlssel
sich findet, und wenn es bis ans Ende meines Lebens liegen sollte. - Wer lange
lebt, sagte der Alte, sieht manches versammelt und manches auseinanderfallen.
    Der junge Besitzgenosse trat soeben herein, und Wilhelm erklrte seinen
Vorsatz, das Kstchen ihrem Gewahrsam zu bergeben. Nun ward ein groes Buch
herbeigeschafft, das anvertraute Gut eingeschrieben; mit manchen beobachteten
Zeremonien und Bedingungen ein Empfangschein ausgestellt, der zwar auf jeden
Vorzeigenden lautete, aber nur auf ein mit dem Empfnger verabredetes Zeichen
honoriert werden sollte.
    Als dieses alles vollbracht war, berlegte man den Inhalt des Briefes,
zuerst sich ber das Unterkommen des guten Felix beratend, wobei der alte Freund
sich ohne weiteres zu einigen Maximen bekannte, welche der Erziehung zum Grunde
liegen sollten.
    Allem Leben, allem Tun, aller Kunst mu das Handwerk vorausgehen, welches
nur in der Beschrnkung erworben wird. Eines recht wissen und ausben gibt
hhere Bildung als Halbheit im Hundertfltigen. Da, wo ich Sie hinweise, hat man
alle Ttigkeiten gesondert; geprft werden die Zglinge auf jedem Schritt; dabei
erkennt man, wo seine Natur eigentlich hinstrebt, ob er sich gleich mit
zerstreuten Wnschen bald da-, bald dorthin wendet. Weise Mnner lassen den
Knaben unter der Hand dasjenige finden, was ihm gem ist, sie verkrzen die
Umwege, durch welche der Mensch von seiner Bestimmung, nur allzu gefllig,
abirren mag.
    Sodann, fuhr er fort, darf ich hoffen, aus jenem herrlich gegrndeten
Mittelpunkt wird man Sie auf den Weg leiten, wo jenes gute Mdchen zu finden
ist, das einen so sonderbaren Eindruck auf Ihren Freund machte, der den Wert
eines unschuldigen, unglcklichen Geschpfes durch sittliches Gefhl und
Betrachtung so hoch erhht hat, da er dessen Dasein zum Zweck und Ziel seines
Lebens zu machen gentigt war. Ich hoffe, Sie werden ihn beruhigen knnen; denn
die Vorsehung hat tausend Mittel, die Gefallenen zu erheben und die
Niedergebeugten aufzurichten. Manchmal sieht unser Schicksal aus wie ein
Fruchtbaum im Winter. Wer sollte bei dem traurigen Ansehn desselben wohl denken,
da diese starren ste, diese zackigen Zweige im nchsten Frhjahr wieder
grnen, blhen, sodann Frchte tragen knnten; doch wir hoffen's, wir wissen's.


                                  Zweites Buch

                                 Erstes Kapitel

Die Wallfahrenden hatten nach Vorschrift den Weg genommen und fanden glcklich
die Grenze der Provinz, in der sie so manches Merkwrdige erfahren sollten; beim
ersten Einritt gewahrten sie sogleich der fruchtbarsten Gegend, welche an
sanften Hgeln den Feldbau, auf hhern Bergen die Schafzucht, in weiten
Talflchen die Viehzucht begnstigte. Es war kurz vor der Ernte und alles in
grter Flle; das, was sie jedoch gleich in Verwunderung setzte, war, da sie
weder Frauen noch Mnner, wohl aber durchaus Knaben und Jnglinge beschftigt
sahen, auf eine glckliche Ernte sich vorzubereiten, ja auch schon auf ein
frhliches Erntefest freundliche Anstalt zu treffen. Sie begrten einen und den
andern und fragten nach dem Obern, von dessen Aufenthalt man keine Rechenschaft
geben konnte. Die Adresse ihres Briefs lautete: An den Obern, oder die Dreie.
Auch hierin konnten sich die Knaben nicht finden; man wies die Fragenden jedoch
an einen Aufseher, der eben das Pferd zu besteigen sich bereitete; sie
erffneten ihre Zwecke; des Felix Freimtigkeit schien ihm zu gefallen, und so
ritten sie zusammen die Strae hin.
    Schon hatte Wilhelm bemerkt, da in Schnitt und Farbe der Kleider eine
Mannigfaltigkeit obwaltete, die der ganzen kleinen Vlkerschaft ein sonderbares
Ansehn gab; eben war er im Begriff, seinen Begleiter hiernach zu fragen, als
noch eine wundersamere Bemerkung sich ihm auftat: alle Kinder, sie mochten
beschftigt sein, wie sie wollten, lieen ihre Arbeit liegen und wendeten sich
mit besondern, aber verschiedenen Gebrden gegen die Vorbeireitenden, und es war
leicht zu folgern, da es dem Vorgesetzten galt. Die jngsten legten die Arme
kreuzweis ber die Brust und blickten frhlich gen Himmel, die mittlern hielten
die Arme auf den Rcken und schauten lchelnd zur Erde, die dritten standen
strack und mutig; die Arme niedergesenkt, wendeten sie den Kopf nach der rechten
Seite und stellten sich in eine Reihe, anstatt da jene vereinzelt blieben, wo
man sie traf.
    Als man darauf haltmachte und abstieg, wo eben mehrere Kinder nach
verschiedener Weise sich aufstellten und von dem Vorgesetzten gemustert wurden,
fragte Wilhelm nach der Bedeutung dieser Gebrden; Felix fiel ein und sagte
munter: Was fr eine Stellung hab' ich denn einzunehmen? - Auf alle Flle,
versetzte der Aufseher, zuerst die Arme ber die Brust und ernsthaft-froh nach
oben gesehen, ohne den Blick zu verwenden. Er gehorchte, doch rief er bald:
Dies gefllt mir nicht sonderlich, ich sehe ja nichts da droben; dauert es
lange? Doch ja! rief er freudig, ein paar Habichte fliegen von Westen nach
Osten; das ist wohl ein gutes Zeichen? - Wienach du's aufnimmst, je nachdem du
dich betrgst, versetzte jener; jetzt mische dich unter sie, wie sie sich
mischen. Er gab ein Zeichen, die Kinder verlieen ihre Stellung, ergriffen ihre
Beschftigung oder spielten wie vorher.
    Mgen und knnen Sie mir, sagte Wilhelm darauf, das, was mich hier in
Verwunderung setzt, erklren? Ich sehe wohl, da diese Gebrden, diese
Stellungen Gre sind, womit man Sie empfngt. - Ganz richtig, versetzte
jener, Gre, die mir sogleich andeuten, auf welcher Stufe der Bildung ein
jeder dieser Knaben steht.
    Drfen Sie mir aber, versetzte Wilhelm, die Bedeutung des Stufengangs
wohl erklren? denn da es einer sei, lt sich wohl einsehen. - Dies gebhrt
Hheren, als ich bin, antwortete jener; so viel aber kann ich versichern, da
es nicht leere Grimassen sind, da vielmehr den Kindern zwar nicht die hchste,
aber doch eine leitende, faliche Bedeutung berliefert wird; zugleich aber ist
jedem geboten, fr sich zu behalten und zu hegen, was man ihm als Bescheid zu
erteilen fr gut findet; sie drfen weder mit Fremden noch unter einander selbst
darber schwatzen, und so modifiziert sich die Lehre hundertfltig. Auerdem hat
das Geheimnis sehr groe Vorteile: denn wenn man dem Menschen gleich und immer
sagt, worauf alles ankommt, so denkt er, es sei nichts dahinter. Gewissen
Geheimnissen, und wenn sie offenbar wren, mu man durch Verhllen und Schweigen
Achtung erweisen, denn dieses wirkt auf Scham und gute Sitten. - Ich verstehe
Sie, versetzte Wilhelm, warum sollten wir das, was in krperlichen Dingen so
ntig ist, nicht auch geistig anwenden? Vielleicht aber knnen Sie in einem
andern Bezug meine Neugierde befriedigen. Die groe Mannigfaltigkeit in Schnitt
und Farbe der Kleider fllt mir auf, und doch seh' ich nicht alle Farben, aber
einige in allen ihren Abstufungen, vom Hellsten bis zum Dunkelsten. Doch bemerke
ich, da hier keine Bezeichnung der Stufen irgendeines Alters oder Verdienstes
gemeint sein kann, indem die kleinsten und grten Knaben untermischt so an
Schnitt als Farbe gleich sein knnen, aber die von gleichen Gebrden im Gewand
nicht miteinander bereinstimmen. - Auch was dies betrifft, versetzte der
Begleitende, darf ich mich nicht weiter auslassen; doch mte ich mich sehr
irren, oder Sie werden ber alles, wie Sie nur wnschen mgen, aufgeklrt von
uns scheiden.
    Man verfolgte nunmehr die Spur des Obern, welche man gefunden zu haben
glaubte; nun aber mute dem Fremdling notwendig auffallen, da, je weiter sie
ins Land kamen, ein wohllautender Gesang ihnen immer mehr entgegentnte. Was die
Knaben auch begannen, bei welcher Arbeit man sie auch fand, immer sangen sie,
und zwar schienen es Lieder jedem Geschft besonders angemessen und in gleichen
Fllen berall dieselben. Traten mehrere Kinder zusammen, so begleiteten sie
sich wechselsweise; gegen Abend fanden sich auch Tanzende, deren Schritte durch
Chre belebt und geregelt wurden. Felix stimmte vom Pferde herab mit ein, und
zwar nicht ganz unglcklich, Wilhelm vergngte sich so an dieser die Gegend
belebenden Unterhaltung.
    Wahrscheinlich, so sprach er zu seinem Gefhrten, wendet man viele
Sorgfalt auf solchen Unterricht, denn sonst knnte diese Geschicklichkeit nicht
so weit ausgebreitet und so vollkommen ausgebildet sein. - Allerdings,
versetzte jener, bei uns ist der Gesang die erste Stufe der Bildung, alles
andere schliet sich daran und wird dadurch vermittelt. Der einfachste Genu
sowie die einfachste Lehre werden bei uns durch Gesang belebt und eingeprgt, ja
selbst was wir berliefern von Glaubens- und Sittenbekenntnis, wird auf dem Wege
des Gesanges mitgeteilt; andere Vorteile zu selbstttigen Zwecken verschwistern
sich sogleich: denn indem wir die Kinder ben, Tne, welche sie hervorbringen,
mit Zeichen auf die Tafel schreiben zu lernen und nach Anla dieser Zeichen
sodann in ihrer Kehle wiederzufinden, ferner den Text darunterzufgen, so ben
sie zugleich Hand, Ohr und Auge und gelangen schneller zum Recht- und
Schnschreiben, als man denkt, und da dieses alles zuletzt nach reinen Maen,
nach genau bestimmten Zahlen ausgebt und nachgebildet werden mu, so fassen sie
den hohen Wert der Me- und Rechenkunst viel geschwinder als auf jede andere
Weise. Deshalb haben wir denn unter allem Denkbaren die Musik zum Element
unserer Erziehung gewhlt, denn von ihr laufen gleichgebahnte Wege nach allen
Seiten.
    Wilhelm suchte sich noch weiter zu unterrichten und verbarg seine
Verwunderung nicht, da er gar keine Instrumentalmusik vernehme. Diese wird bei
uns nicht vernachlssigt, versetzte jener, aber in einen besondern Bezirk, in
das anmutigste Bergtal, eingeschlossen gebt; und da ist denn wieder dafr
gesorgt, da die verschiedenen Instrumente in auseinanderliegenden Ortschaften
gelehrt werden. Besonders die Mitne der Anfnger sind in gewisse Einsiedeleien
verwiesen, wo sie niemand zur Verzweiflung bringen: denn Ihr werdet selbst
gestehen, da in der wohleingerichteten brgerlichen Gesellschaft kaum ein
trauriger Leiden zu dulden sei, als das uns die Nachbarschaft eines angehenden
Flten- oder Violinspielers aufdringt.
    Unsere Anfnger gehen, aus eigener lblicher Gesinnung, niemand lstig sein
zu wollen, freiwillig lnger oder krzer in die Wste und beeifern sich,
abgesondert, um das Verdienst, der bewohnten Welt nhertreten zu drfen, weshalb
jedem von Zeit zu Zeit ein Versuch, heranzutreten, erlaubt wird, der selten
milingt, weil wir Scham und Scheu bei dieser wie bei unsern brigen
Einrichtungen gar wohl hegen und pflegen drfen. Da Eurem Sohn eine glckliche
Stimme geworden, freut mich innigst, fr das brige sorgt sich um desto
leichter.
    Nun waren sie zu einem Ort gelangt, wo Felix verweilen und sich an der
Umgebung prfen sollte, bis man zur frmlichen Aufnahme geneigt wre; schon von
weitem hrten sie einen freudigen Gesang; es war ein Spiel, woran sich die
Knaben in der Feierstunde diesmal ergtzten. Ein allgemeiner Chorgesang
erscholl, wozu jedes Glied eines weiten Kreises freudig, klar und tchtig an
seinem Teile zustimmte, den Winken des Regelnden gehorchend. Dieser berraschte
jedoch fters die Singenden, indem er durch ein Zeichen den Chorgesang aufhob
und irgendeinen einzelnen Teilnehmenden, ihn mit dem Stbchen berhrend,
aufforderte, sogleich allein ein schickliches Lied dem verhallenden Ton, dem
vorschwebenden Sinne anzupassen. Schon zeigten die meisten viel Gewandtheit,
einige, denen das Kunststck milang, gaben ihr Pfand willig hin, ohne gerade
ausgelacht zu werden. Felix war Kind genug, sich gleich unter sie zu mischen,
und zog sich noch so leidlich aus der Sache. Sodann ward ihm jener erste Gru
zugeeignet; er legte sogleich die Hnde auf die Brust, blickte aufwrts, und
zwar mit so schnackischer Miene, da man wohl bemerken konnte, ein geheimer Sinn
dabei sei ihm noch nicht aufgegangen.
    Der angenehme Ort, die gute Aufnahme, die muntern Gespielen, alles gefiel
dem Knaben so wohl, da es ihm nicht sonderlich wehe tat, seinen Vater abreisen
zu sehen; fast blickte er dem weggefhrten Pferde schmerzlicher nach; doch lie
er sich bedeuten, da er vernahm, da er es im gegenwrtigen Bezirk nicht
behalten knne; man versprach ihm dagegen, er solle, wo nicht dasselbe, doch ein
gleiches, munter und wohlgezogen, unerwartet wiederfinden.
    Da sich der Obere nicht erreichen lie, sagte der Aufseher: Ich mu Euch
nun verlassen, meine Geschfte zu verfolgen; doch will ich Euch zu den Dreien
bringen, die unsern Heiligtmern vorstehen, Euer Brief ist auch an sie
gerichtet, und sie zusammen stellen den Obern vor. Wilhelm htte gewnscht, von
den Heiligtmern im voraus zu vernehmen, jener aber versetzte: Die Dreie werden
Euch, zu Erwiderung des Vertrauens, da Ihr uns Euren Sohn berlat, nach
Weisheit und Billigkeit gewi das Ntigste erffnen. Die sichtbaren Gegenstnde
der Verehrung, die ich Heiligtmer nannte, sind in einen besondern Bezirk
eingeschlossen, werden mit nichts gemischt, durch nichts gestrt; nur zu
gewissen Zeiten des Jahrs lt man die Zglinge, den Stufen ihrer Bildung gem,
dort eintreten, um sie historisch und sinnlich zu belehren, da sie denn
genugsamen Eindruck mit wegnehmen, um, bei Ausbung ihrer Pflicht, eine Zeitlang
daran zu zehren.
    Nun stand Wilhelm am Tor eines mit hohen Mauern umgebenen Talwaldes; auf ein
gewisses Zeichen erffnete sich die kleine Pforte, und ein ernster, ansehnlicher
Mann empfing unsern Freund. Dieser fand sich in einem groen, herrlich grnenden
Raum, von Bumen und Bschen vielerlei Art beschattet, kaum da er stattliche
Mauern und ansehnliche Gebude durch diese dichte und hohe Naturpflanzung
hindurch bemerken konnte; ein freundlicher Empfang von den Dreien, die sich nach
und nach herbeifanden, lste sich endlich in ein Gesprch auf, wozu jeder das
Seinige beitrug, dessen Inhalt wir jedoch in der Krze zusammenfassen.
    Da Ihr uns Euren Sohn vertraut, sagten sie, sind wir schuldig, Euch
tiefer in unser Verfahren hineinblicken zu lassen. Ihr habt manches uerliche
gesehen, welches nicht sogleich sein Verstndnis mit sich fhrt; was davon
wnscht Ihr vor allem aufgeschlossen?
    Anstndige, doch seltsame Gebrden und Gre hab' ich bemerkt, deren
Bedeutung ich zu erfahren wnschte; bei euch bezieht sich gewi das uere auf
das Innere, und umgekehrt; lat mich diesen Bezug erfahren.
    Wohlgeborne, gesunde Kinder, versetzten jene, bringen viel mit; die Natur
hat jedem alles gegeben, was er fr Zeit und Dauer ntig htte; dieses zu
entwickeln, ist unsere Pflicht, fters entwickelt sich's besser von selbst. Aber
eins bringt niemand mit auf die Welt, und doch ist es das, worauf alles ankommt,
damit der Mensch nach allen Seiten zu ein Mensch sei. Knnt Ihr es selbst
finden, so sprecht es aus. Wilhelm bedachte sich eine kurze Zeit und schttelte
sodann den Kopf.
    Jene, nach einem anstndigen Zaudern, riefen: Ehrfurcht! Wilhelm stutzte.
Ehrfurcht! hie es wiederholt. Allen fehlt sie, vielleicht Euch selbst.
    Dreierlei Gebrde habt Ihr gesehen, und wir berliefern eine dreifache
Ehrfurcht, die, wenn sie zusammenfliet und ein Ganzes bildet, erst ihre hchste
Kraft und Wirkung erreicht. Das erste ist Ehrfurcht vor dem, was ber uns ist.
Jene Gebrde, die Arme kreuzweis ber die Brust, einen freudigen Blick gen
Himmel, das ist, was wir unmndigen Kindern auflegen und zugleich das Zeugnis
von ihnen verlangen, da ein Gott da droben sei, der sich in Eltern, Lehrern,
Vorgesetzten abbildet und offenbart. Das zweite: Ehrfurcht vor dem, was unter
uns ist. Die auf den Rcken gefalteten, gleichsam gebundenen Hnde, der
gesenkte, lchelnde Blick sagen, da man die Erde wohl und heiter zu betrachten
habe; sie gibt Gelegenheit zur Nahrung; sie gewhrt unsgliche Freuden; aber
unverhltnismige Leiden bringt sie. Wenn einer sich krperlich beschdigte,
verschuldend oder unschuldig, wenn ihn andere vorstzlich oder zufllig
verletzten, wenn das irdische Willenlose ihm ein Leid zufgte, das bedenk' er
wohl: denn solche Gefahr begleitet ihn sein Leben lang. Aber aus dieser Stellung
befreien wir unsern Zgling baldmglichst, sogleich wenn wir berzeugt sind, da
die Lehre dieses Grads genugsam auf ihn gewirkt habe; dann aber heien wir ihn
sich ermannen, gegen Kameraden gewendet nach ihnen sich richten. Nun steht er
strack und khn, nicht etwa selbstisch vereinzelt; nur in Verbindung mit
seinesgleichen macht er Fronte gegen die Welt. Weiter wten wir nichts
hinzuzufgen.
    Es leuchtet mir ein! versetzte Wilhelm; deswegen liegt die Menge wohl so
im argen, weil sie sich nur im Element des Miwollens und Miredens behagt; wer
sich diesem berliefert, verhlt sich gar bald gegen Gott gleichgltig,
verachtend gegen die Welt, gegen seinesgleichen gehssig; das wahre, echte,
unentbehrliche Selbstgefhl aber zerstrt sich in Dnkel und Anmaung. Erlauben
Sie mir dessenungeachtet, fuhr Wilhelm fort, ein einziges einzuwenden: Hat man
nicht von jeher die Furcht roher Vlker vor mchtigen Naturerscheinungen und
sonst unerklrlichen, ahnungsvollen Ereignissen fr den Keim gehalten, woraus
ein hheres Gefhl, eine reinere Gesinnung sich stufenweise entwickeln sollte?
Hierauf erwiderten jene: Der Natur ist Furcht wohl gem, Ehrfurcht aber nicht;
man frchtet ein bekanntes oder unbekanntes mchtiges Wesen, der Starke sucht es
zu bekmpfen, der Schwache zu vermeiden, beide wnschen es loszuwerden und
fhlen sich glcklich, wenn sie es auf kurze Zeit beseitigt haben, wenn ihre
Natur sich zur Freiheit und Unabhngigkeit einigermaen wieder herstellte. Der
natrliche Mensch wiederholt diese Operation millionenmal in seinem Leben, von
der Furcht strebt er zur Freiheit, aus der Freiheit wird er in die Furcht
getrieben und kommt um nichts weiter. Sich zu frchten ist leicht, aber
beschwerlich; Ehrfurcht zu hegen ist schwer, aber bequem. Ungern entschliet
sich der Mensch zur Ehrfurcht, oder vielmehr entschliet sich nie dazu; es ist
ein hherer Sinn, der seiner Natur gegeben werden mu und der sich nur bei
besonders Begnstigten aus sich selbst entwickelt, die man auch deswegen von
jeher fr Heilige, fr Gtter gehalten. Hier liegt die Wrde, hier das Geschft
aller echten Religionen, deren es auch nur dreie gibt, nach den Objekten, gegen
welche sie ihre Andacht wenden.
    Die Mnner hielten inne, Wilhelm schwieg eine Weile nachdenkend; da er in
sich aber die Anmaung nicht fhlte, den Sinn jener sonderbaren Worte zu deuten,
so bat er die Wrdigen, in ihrem Vortrage fortzufahren, worin sie ihm denn auch
sogleich willfahrten. Keine Religion, sagten sie, die sich auf Furcht
grndet, wird unter uns geachtet. Bei der Ehrfurcht, die der Mensch in sich
walten lt, kann er, indem er Ehre gibt, seine Ehre behalten, er ist nicht mit
sich selbst veruneint wie in jenem Falle. Die Religion, welche auf Ehrfurcht vor
dem, was ber uns ist, beruht, nennen wir die ethnische, es ist die Religion der
Vlker und die erste glckliche Ablsung von einer niedern Furcht; alle
sogenannten heidnischen Religionen sind von dieser Art, sie mgen brigens Namen
haben, wie sie wollen. Die zweite Religion, die sich auf jene Ehrfurcht grndet,
die wir vor dem haben, was uns gleich ist, nennen wir die philosophische: denn
der Philosoph, der sich in die Mitte stellt, mu alles Hhere zu sich herab,
alles Niedere zu sich herauf ziehen, und nur in diesem Mittelzustand verdient er
den Namen des Weisen. Indem er nun das Verhltnis zu seinesgleichen und also zur
ganzen Menschheit, das Verhltnis zu allen brigen irdischen Umgebungen,
notwendigen und zuflligen, durchschaut, lebt er im kosmischen Sinne allein in
der Wahrheit. Nun ist aber von der dritten Religion zu sprechen, gegrndet auf
die Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist; wir nennen sie die christliche, weil
sich in ihr eine solche Sinnesart am meisten offenbart; es ist ein Letztes, wozu
die Menschheit gelangen konnte und mute. Aber was gehrte dazu, die Erde nicht
allein unter sich liegen zu lassen und sich auf einen hhern Geburtsort zu
berufen, sondern auch Niedrigkeit und Armut, Spott und Verachtung, Schmach und
Elend, Leiden und Tod als gttlich anzuerkennen, ja Snde selbst und Verbrechen
nicht als Hindernisse, sondern als Frdernisse des Heiligen zu verehren und
liebzugewinnen. Hievon finden sich freilich Spuren durch alle Zeiten, aber Spur
ist nicht Ziel, und da dieses einmal erreicht ist, so kann die Menschheit nicht
wieder zurck, und man darf sagen, da die christliche Religion, da sie einmal
erschienen ist, nicht wieder verschwinden kann, da sie sich einmal gttlich
verkrpert hat, nicht wieder aufgelst werden mag.
    Zu welcher von diesen Religionen bekennt ihr euch denn insbesondere? sagte
Wilhelm. Zu allen dreien, erwiderten jene; denn sie zusammen bringen
eigentlich die wahre Religion hervor; aus diesen drei Ehrfurchten entspringt die
oberste Ehrfurcht, die Ehrfurcht vor sich selbst, und jene entwickeln sich
abermals aus dieser, so da der Mensch zum Hchsten gelangt, was er zu erreichen
fhig ist, da er sich selbst fr das Beste halten darf, was Gott und Natur
hervorgebracht haben, ja, da er auf dieser Hhe verweilen kann, ohne durch
Dnkel und Selbstheit wieder ins Gemeine gezogen zu werden.
    Ein solches Bekenntnis, auf diese Weise entwickelt, befremdet mich nicht,
versetzte Wilhelm, es kommt mit allem berein, was man im Leben hie und da
vernimmt, nur da euch dasjenige vereinigt, was andere trennt. Hierauf
versetzten jene: Schon wird dieses Bekenntnis von einem groen Teil der Welt
ausgesprochen, doch unbewut.
    Wie denn und wo? fragte Wilhelm. Im Credo! riefen jene laut; denn der
erste Artikel ist ethnisch und gehrt allen Vlkern; der zweite christlich, fr
die mit Leiden Kmpfenden und in Leiden Verherrlichten; der dritte zuletzt lehrt
eine begeisterte Gemeinschaft der Heiligen, welches heit: der im hchsten Grad
Guten und Weisen. Sollten daher die drei gttlichen Personen, unter deren
Gleichnis und Namen solche berzeugungen und Verheiungen ausgesprochen sind,
nicht billigermaen fr die hchste Einheit gelten?
    Ich danke, versetzte jener, da ihr mir dieses, als einem Erwachsenen,
dem die drei Sinnesarten nicht fremd sind, so klar und zusammenhngend
aussprechen wollen, und wenn ich nun zurckdenke, da ihr den Kindern diese hohe
Lehre erst als sinnliches Zeichen, dann mit einigem symbolischen Anklang
berliefert und zuletzt die oberste Deutung ihnen entwickelt, so mu ich es
hchlich billigen.
    Ganz richtig, erwiderten jene; nun aber mt Ihr noch mehr erfahren,
damit Ihr Euch berzeugt, da Euer Sohn in den besten Hnden sei. Doch dies
Geschft bleibe fr die Morgenstunden; ruht aus und erquickt Euch, damit Ihr
uns, vergngt und vollkommen menschlich, morgen frh in das Innere folgen
knnt.

                                Zweites Kapitel


An der Hand des ltesten trat nun unser Freund durch ein ansehnliches Portal in
eine runde oder vielmehr achteckige Halle, die mit Gemlden so reichlich
ausgeziert war, da sie den Ankmmling in Erstaunen setzte. Er begriff leicht,
da alles, was er erblickte, einen bedeutenden Sinn haben mte, ob er sich
gleich denselben nicht so geschwind entziffern konnte. Er war eben im Begriff,
seinen Begleiter deshalb zu befragen, als dieser ihn einlud, seitwrts in eine
Galerie zu treten, die, an der einen Seite offen, einen gerumigen,
blumenreichen Garten umgab. Die Wand zog jedoch mehr als dieser heitre,
natrliche Schmuck die Augen an sich: denn sie war durchaus gemalt, und der
Ankmmling konnte nicht lange daran hergehen, ohne zu bemerken, da die heiligen
Bcher der Israeliten den Stoff zu diesen Bildern geliefert hatten.
    Es ist hier, sagte der lteste, wo wir diejenige Religion berliefern,
die ich Euch der Krze wegen die ethnische genannt habe. Der Gehalt derselben
findet sich in der Weltgeschichte, so wie die Hlle derselben in den
Begebenheiten. An der Wiederkehr der Schicksale ganzer Vlker wird sie
eigentlich begriffen.
    Ihr habt, sagte Wilhelm, wie ich sehe, dem israelitischen Volke die Ehre
erzeigt und seine Geschichte zum Grunde dieser Darstellung gelegt, oder vielmehr
ihr habt sie zum Hauptgegenstande derselben gemacht. - Wie Ihr seht,
versetzte der Alte; denn Ihr werdet bemerken, da in den Sockeln und Friesen
nicht sowohl synchronistische als symphronistische Handlungen und Begebenheiten
aufgefhrt sind, indem unter allen Vlkern gleichbedeutende und Gleiches
deutende Nachrichten vorkommen. So erblickt Ihr hier, wenn in dem Hauptfelde
Abraham von seinen Gttern in der Gestalt schner Jnglinge besucht wird, den
Apoll unter den Hirten Admets oben in der Friese; woraus wir lernen knnen, da,
wenn die Gtter den Menschen erscheinen, sie gewhnlich unerkannt unter ihnen
wandeln.
    Die Betrachtenden schritten weiter. Wilhelm fand meistens bekannte
Gegenstnde, jedoch lebhafter und bedeutender vorgetragen, als er sie sonst zu
sehen gewohnt war. ber weniges bat er sich einige Erklrung aus; wobei er sich
nicht enthalten konnte, nochmals zu fragen, warum man die israelitische
Geschichte vor allen andern gewhlt. Hierauf antwortete der lteste: Unter
allen heidnischen Religionen, denn eine solche ist die israelitische
gleichfalls, hat diese groe Vorzge wovon ich nur einiger erwhnen will. Vor
dem ethnischen Richterstuhle, vor dem Richterstuhl des Gottes der Vlker, wird
nicht gefragt, ob es die beste, die vortrefflichste Nation sei, sondern nur, ob
sie daure, ob sie sich erhalten habe. Das israelitische Volk hat niemals viel
getaugt, wie es ihm seine Anfhrer, Richter, Vorsteher, Propheten tausendmal
vorgeworfen haben; es besitzt wenig Tugenden und die meisten Fehler anderer
Vlker; aber an Selbststndigkeit, Festigkeit, Tapferkeit und, wenn alles das
nicht mehr gilt, an Zheit sucht es seinesgleichen. Es ist das beharrlichste
Volk der Erde, es ist, es war, es wird sein, um den Namen Jehova durch alle
Zeiten zu verherrlichen. Wir haben es daher als Musterbild aufgestellt, als
Hauptbild, dem die andern nur zum Rahmen dienen.
    Es ziemt sich nicht, mit Euch zu rechten, versetzte Wilhelm, da Ihr mich
zu belehren imstande seid. Erffnet mir daher noch die brigen Vorteile dieses
Volks, oder vielmehr seiner Geschichte, seiner Religion. - Ein Hauptvorteil,
versetzte jener, ist die treffliche Sammlung ihrer heiligen Bcher. Sie stehen
so glcklich beisammen, da aus den fremdesten Elementen ein tuschendes Ganze
entgegentritt. Sie sind vollstndig genug, um zu befriedigen, fragmentarisch
genug, um anzureizen; hinlnglich barbarisch, um aufzufordern, hinlnglich zart,
um zu besnftigen; und wie manche andere entgegengesetzte Eigenschaften sind an
diesen Bchern, an diesem Buche zu rhmen!
    Die Folge der Hauptbilder sowohl als die Beziehung der kleinern, die sie
oben und unten begleiteten, gab dem Gast so viel zu denken, da er kaum auf die
bedeutenden Bemerkungen hrte, wodurch der Begleiter mehr seine Aufmerksamkeit
abzulenken als an die Gegenstnde zu fesseln schien. Indessen sagte jener bei
Gelegenheit: Noch einen Vorteil der israelitischen Religion mu ich hier
erwhnen: da sie ihren Gott in keine Gestalt verkrpert und uns also die
Freiheit lt, ihm eine wrdige Menschengestalt zu geben, auch im Gegensatz die
schlechte Abgtterei durch Tier- und Untiergestalten zu bezeichnen.
    Unser Freund hatte sich nunmehr auf einer kurzen Wanderung durch diese
Hallen die Weltgeschichte wieder vergegenwrtigt; es war ihm einiges neu in
Absicht auf die Begebenheit. So waren ihm durch Zusammenstellung der Bilder,
durch die Reflexionen seines Begleiters manche neue Ansichten entsprungen, und
er freute sich, da Felix durch eine so wrdige sinnliche Darstellung sich jene
groen, bedeutenden, musterhaften Ereignisse fr sein ganzes Leben als wirklich,
und als wenn sie neben ihm lebendig gewesen wren, zueignen sollte. Er
betrachtete diese Bilder zuletzt nur aus den Augen des Kindes, und in diesem
Sinne war er vollkommen damit zufrieden; und so waren die Wandelnden zu den
traurigen, verworrenen Zeiten und endlich zu dem Untergang der Stadt und des
Tempels, zum Morde, zur Verbannung, zur Sklaverei ganzer Massen dieser
beharrlichen Nation gelangt. Ihre nachherigen Schicksale waren auf eine kluge
Weise allegorisch vorgestellt, da eine historische, eine reale Darstellung
derselben auer den Grenzen der edlen Kunst liegt.
    Hier war die bisher durchwanderte Galerie auf einmal abgeschlossen, und
Wilhelm war verwundert, sich schon am Ende zu sehen. Ich finde, sagte er zu
seinem Fhrer, in diesem Geschichtsgang eine Lcke. Ihr habt den Tempel
Jerusalems zerstrt und das Volk zerstreut, ohne den gttlichen Mann
aufzufhren, der kurz vorher daselbst noch lehrte, dem sie noch kurz vorher kein
Gehr geben wollten.
    Dies zu tun, wie Ihr es verlangt, wre ein Fehler gewesen. Das Leben dieses
gttlichen Mannes, den Ihr bezeichnet, steht mit der Weltgeschichte seiner Zeit
in keiner Verbindung. Es war ein Privatleben, seine Lehre eine Lehre fr die
Einzelnen. Was Vlkermassen und ihren Gliedern ffentlich begegnet, gehrt der
Weltgeschichte, der Weltreligion, welche wir fr die erste halten. Was dem
Einzelnen innerlich begegnet, gehrt zur zweiten Religion, zur Religion der
Weisen: eine solche war die, welche Christus lehrte und bte, solange er auf der
Erde umherging. Deswegen ist hier das uere abgeschlossen, und ich erffne Euch
nun das Innere.
    Eine Pforte tat sich auf, und sie traten in eine hnliche Galerie, wo
Wilhelm sogleich die Bilder der zweiten heiligen Schriften erkannte. Sie
schienen von einer andern Hand zu sein als die ersten: alles war sanfter,
Gestalten, Bewegungen, Umgebung, Licht und Frbung.
    Ihr seht, sagte der Begleiter, nachdem sie an einem Teil der Bilder
vorbergegangen waren, hier weder Taten noch Begebenheiten, sondern Wunder und
Gleichnisse. Es ist hier eine neue Welt, ein neues uere, anders als das
vorige, und ein Inneres, das dort ganz fehlt. Durch Wunder und Gleichnisse wird
eine neue Welt aufgetan. Jene machen das Gemeine auerordentlich, diese das
Auerordentliche gemein. - Ihr werdet die Geflligkeit haben, versetzte
Wilhelm, mir diese wenigen Worte umstndlicher auszulegen: denn ich fhle mich
nicht geschickt, es selbst zu tun. - Sie haben einen natrlichen Sinn,
versetzte jener, obgleich einen tiefen. Beispiele werden ihn am geschwindesten
aufschlieen. Es ist nichts gemeiner und gewhnlicher als Essen und Trinken;
auerordentlich dagegen, einen Trank zu veredeln, eine Speise zu
vervielfltigen, da sie fr eine Unzahl hinreiche. Es ist nichts gewhnlicher
als Krankheit und krperliche Gebrechen; aber diese durch geistige oder
geistigen hnliche Mittel aufheben, lindern ist auerordentlich, und eben daher
entsteht das Wunderbare des Wunders, da das Gewhnliche und das
Auerordentliche, das Mgliche und das Unmgliche eins werden. Bei dem
Gleichnisse, bei der Parabel ist das Umgekehrte: hier ist der Sinn, die
Einsicht, der Begriff das Hohe, das Auerordentliche, das Unerreichbare. Wenn
dieser sich in einem gemeinen, gewhnlichen, falichen Bilde verkrpert, so da
er uns als lebendig, gegenwrtig, wirklich entgegentritt, da wir ihn uns
zueignen, ergreifen, festhalten, mit ihm wie mit unsersgleichen umgehen knnen,
das ist denn auch eine zweite Art von Wunder und wird billig zu jenen ersten
gesellt, ja vielleicht ihnen noch vorgezogen. Hier ist die lebendige Lehre
ausgesprochen, die Lehre, die keinen Streit erregt; es ist keine Meinung ber
das, was Recht oder Unrecht ist; es ist das Rechte oder Unrechte
unwidersprechlich selbst.
    Dieser Teil der Galerie war krzer, oder vielmehr es war nur der vierte Teil
der Umgebung des innern Hofes. Wenn man jedoch an dem ersten nur vorbeiging, so
verweilte man hier gern; man ging gern hier auf und ab. Die Gegenstnde waren
nicht so auffallend, nicht so mannigfaltig; aber desto einladender, den tiefen,
stillen Sinn derselben zu erforschen. Auch kehrten die beiden Wandelnden am Ende
des Ganges um, indem Wilhelm eine Bedenklichkeit uerte, da man hier
eigentlich nur bis zum Abendmahle, bis zum Scheiden des Meisters von seinen
Jngern gelangt sei. Er fragte nach dem brigen Teil der Geschichte.
    Wir sondern, versetzte der lteste, bei jedem Unterricht, bei aller
berlieferung sehr gerne, was nur mglich zu sondern ist; denn dadurch allein
kann der Begriff des Bedeutenden bei der Jugend entspringen. Das Leben mengt und
mischt ohnehin alles durcheinander, und so haben wir auch hier das Leben jenes
vortrefflichen Mannes ganz von dem Ende desselben abgesondert. Im Leben
erscheint er als ein wahrer Philosoph - stoet Euch nicht an diesen Ausdruck -,
als ein Weiser im hchsten Sinne. Er steht auf seinem Punkte fest; er wandelt
seine Strae unverrckt, und indem er das Niedere zu sich heraufzieht, indem er
die Unwissenden, die Armen, die Kranken seiner Weisheit, seines Reichtums,
seiner Kraft teilhaftig werden lt und sich deshalb ihnen gleichzustellen
scheint, so verleugnet er nicht von der andern Seite seinen gttlichen Ursprung;
er wagt, sich Gott gleichzustellen, ja sich fr Gott zu erklren. Auf diese
Weise setzt er von Jugend auf seine Umgebung in Erstaunen, gewinnt einen Teil
derselben fr sich, regt den andern gegen sich auf und zeigt allen, denen es um
eine gewisse Hhe im Lehren und Leben zu tun ist, was sie von der Welt zu
erwarten haben. Und so ist sein Wandel fr den edlen Teil der Menschheit noch
belehrender und fruchtbarer als sein Tod: denn zu jenen Prfungen ist jeder, zu
diesem sind nur wenige berufen; und damit wir alles bergehen, was aus dieser
Betrachtung folgt, so betrachtet die rhrende Szene des Abendmahls. Hier lt
der Weise, wie immer, die Seinigen ganz eigentlich verwaist zurck, und indem er
fr die Guten besorgt ist, fttert er zugleich mit ihnen einen Verrter, der ihn
und die Bessern zugrunde richten wird.
    Mit diesen Worten erffnete der lteste eine Pforte, und Wilhelm stutzte,
als er sich wieder in der ersteren Halle des Eingangs fand. Sie hatten, wie er
wohl merkte, indessen den ganzen Umkreis des Hofes zurckgelegt. Ich hoffte,
sagte Wilhelm, Ihr wrdet mich ans Ende fhren, und bringt mich wieder zum
Anfang. - Fr diesmal kann ich Euch weiter nichts zeigen, sagte der lteste;
mehr lassen wir unsere Zglinge nicht sehen, mehr erklren wir ihnen nicht, als
was Ihr bis jetzt durchlaufen habt; das uere allgemein Weltliche einem jeden
von Jugend auf, das innere besonders Geistige und Herzliche nur denen, die mit
einiger Besonnenheit heranwachsen, und das brige, was des Jahrs nur einmal
erffnet wird, kann nur denen mitgeteilt werden, die wir entlassen. Jene letzte
Religion, die aus der Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist entspringt, jene
Verehrung des Widerwrtigen, Verhaten, Fliehenswerten geben wir einem jeden nur
ausstattungsweise in die Welt mit, damit er wisse, wo er dergleichen zu finden
hat, wenn ein solches Bedrfnis sich in ihm regen sollte. Ich lade Euch ein,
nach Verlauf eines Jahres wiederzukehren, unser allgemeines Fest zu besuchen und
zu sehen, wie weit Euer Sohn vorwrts gekommen; alsdann sollt auch Ihr in das
Heiligtum des Schmerzes eingeweiht werden.
    Erlaubt mir eine Frage, versetzte Wilhelm. Habt ihr denn auch, so wie ihr
das Leben dieses gttlichen Mannes als Lehr- und Musterbild aufstellt, sein
Leiden, seinen Tod gleichfalls als ein Vorbild erhabener Duldung herausgehoben?
- Auf alle Flle, sagte der lteste. Hieraus machen wir kein Geheimnis; aber
wir ziehen einen Schleier ber diese Leiden, eben weil wir sie so hoch verehren.
Wir halten es fr eine verdammungswrdige Frechheit, jenes Martergerst und den
daran leidenden Heiligen dem Anblick der Sonne auszusetzen, die ihr Angesicht
verbarg, als eine ruchlose Welt ihr dies Schauspiel aufdrang, mit diesen tiefen
Geheimnissen, in welchen die gttliche Tiefe des Leidens verborgen liegt, zu
spielen, zu tndeln, zu verzieren und nicht eher zu ruhen, bis das Wrdigste
gemein und abgeschmackt erscheint. So viel sei fr diesmal genug, um Euch ber
Euren Knaben zu beruhigen und vllig zu berzeugen, da Ihr ihn auf irgendeine
Art, mehr oder weniger, aber doch nach wnschenswerter Weise gebildet und auf
alle Flle nicht verworren, schwankend und unstt wiederfinden sollt.
    Wilhelm zauderte, indem er sich die Bilder der Vorhalle besah und ihren Sinn
gedeutet wnschte. Auch dieses, sagte der lteste, bleiben wir Euch bis bers
Jahr schuldig. Bei dem Unterricht, den wir in der Zwischenzeit den Kindern
geben, lassen wir keine Fremden zu; aber alsdann kommt und vernehmt, was unsere
besten Redner ber diese Gegenstnde ffentlich zu sagen fr dienlich halten.
    Bald nach dieser Unterredung hrte man an der kleinen Pforte pochen. Der
gestrige Aufseher meldete sich, er hatte Wilhelms Pferd vorgefhrt, und so
beurlaubte sich der Freund von der Dreie, welche zum Abschied ihn dem Aufseher
folgendermaen empfahl: Dieser wird nun zu den Vertrauten gezhlt, und dir ist
bekannt, was du ihm auf seine Fragen zu erwidern hast: denn er wnscht gewi
noch ber manches, was er bei uns sah und hrte, belehrt zu werden; Ma und Ziel
ist dir nicht verborgen.
    Wilhelm hatte freilich noch einige Fragen auf dem Herzen, die er auch
sogleich anbrachte. Wo sie durchritten, stellten sich die Kinder wie gestern;
aber heute sah er, obgleich selten, einen und den andern Knaben, der den
vorbeireitenden Aufseher nicht grte, von seiner Arbeit nicht aufsah und ihn
unbemerkt vorberlie. Wilhelm fragte nun nach der Ursache und was diese
Ausnahme zu bedeuten habe. Jener erwiderte darauf: Sie ist freilich sehr
bedeutungsvoll: denn es ist die hchste Strafe, die wir den Zglingen auflegen,
sie sind unwrdig erklrt, Ehrfurcht zu beweisen, und gentigt, sich als roh und
ungebildet darzustellen; sie tun aber das mgliche, um sich aus dieser Lage zu
retten, und finden sich aufs geschwindeste in jede Pflicht. Sollte jedoch ein
junges Wesen verstockt zu seiner Rckkehr keine Anstalt machen, so wird es mit
einem kurzen, aber bndigen Bericht den Eltern wieder zurckgesandt. Wer sich
den Gesetzen nicht fgen lernt, mu die Gegend verlassen, wo sie gelten.
    Ein anderer Anblick reizte, heute wie gestern, des Wanderers Neugierde; es
war Mannigfaltigkeit an Farbe und Schnitt der Zglingskleidung; hier schien kein
Stufengang obzuwalten, denn solche, die verschieden grten, waren berein
gekleidet, gleich Grende waren anders angezogen. Wilhelm fragte nach der
Ursache dieses scheinbaren Widerspruchs. Er lst sich, versetzte jener, darin
auf, da es ein Mittel ist, die Gemter der Knaben eigens zu erforschen. Wir
lassen, bei sonstiger Strenge und Ordnung, in diesem Falle eine gewisse Willkr
gelten. Innerhalb des Kreises unserer Vorrte an Tchern und Verbrmungen drfen
die Zglinge nach beliebiger Farbe greifen, so auch innerhalb einer migen
Beschrnkung Form und Schnitt whlen; dies beobachten wir genau, denn an der
Farbe lt sich die Sinnesweise, an dem Schnitt die Lebensweise des Menschen
erkennen. Doch macht eine besondere Eigenheit der menschlichen Natur eine
genauere Beurteilung gewissermaen schwierig; es ist der Nachahmungsgeist, die
Neigung, sich anzuschlieen. Sehr selten, da ein Zgling auf etwas fllt, was
noch nicht dagewesen, meistens whlen sie etwas Bekanntes, was sie gerade vor
sich sehen. Doch auch diese Betrachtung bleibt uns nicht unfruchtbar, durch
solche uerlichkeiten treten sie zu dieser oder jener Partei, sie schlieen
sich da oder dort an, und so zeichnen sich allgemeinere Gesinnungen aus, wir
erfahren, wo jeder sich hinneigt, welchem Beispiel er sich gleichstellt.
    Nun hat man Flle gesehen, wo die Gemter sich ins Allgemeine neigten, wo
eine Mode sich ber alle verbreiten, jede Absonderung sich zur Einheit verlieren
wollte. Einer solchen Wendung suchen wir auf gelinde Weise Einhalt zu tun, wir
lassen die Vorrte ausgehen; dieses und jenes Zeug, eine und die andere
Verzierung ist nicht mehr zu haben; wir schieben etwas Neues, etwas Reizendes
herein, durch helle Farben und kurzen, knappen Schnitt locken wir die Muntern,
durch ernste Schattierungen, bequeme, faltenreiche Tracht die Besonnenen und
stellen so nach und nach ein Gleichgewicht her.
    Denn der Uniform sind wir durchaus abgeneigt, sie verdeckt den Charakter und
entzieht die Eigenheiten der Kinder, mehr als jede andere Verstellung, dem
Blicke der Vorgesetzten.
    Unter solchen und andern Gesprchen gelangte Wilhelm an die Grenze der
Provinz, und zwar an den Punkt, wo sie der Wanderer, nach des alten Freundes
Andeutung, verlassen sollte, um seinem eigentlichen Zweck entgegenzugehen.
    Beim Lebewohl bemerkte zunchst der Aufseher: Wilhelm mge nun erwarten, bis
das groe Fest allen Teilnehmern auf mancherlei Weise angekndigt werde. Hierzu
wrden die smtlichen Eltern eingeladen und tchtige Zglinge ins freie,
zufllige Leben entlassen. Alsdann solle er, hie es, auch die brigen
Landschaften nach Belieben betreten, wo, nach eigenen Grundstzen, der einzelne
Unterricht in vollstndiger Umgebung erteilt und ausgebt wird.

                                Drittes Kapitel


Der Angewhnung des werten Publikums zu schmeicheln, welches seit geraumer Zeit
Gefallen findet, sich stckweise unterhalten zu lassen, gedachten wir erst,
nachstehende Erzhlung in mehreren Abteilungen vorzulegen. Der innere
Zusammenhang jedoch, nach Gesinnungen, Empfindungen und Ereignissen betrachtet,
veranlate einen fortlaufenden Vortrag. Mge derselbe seinen Zweck erreichen und
zugleich am Ende deutlich werden, wie die Personen dieser abgesondert
scheinenden Begebenheit mit denjenigen, die wir schon kennen und lieben, aufs
innigste zusammengeflochten worden.


                          Der Mann von funfzig Jahren

Der Major war in den Gutshof hereingeritten, und Hilarie, seine Nichte, stand
schon, um ihn zu empfangen, auen auf der Treppe, die zum Schlo hinauffhrte.
Kaum erkannte er sie; denn schon war sie wieder grer und schner geworden. Sie
flog ihm entgegen, er drckte sie an seine Brust mit dem Sinn eines Vaters, und
sie eilten hinauf zu ihrer Mutter.
    Der Baronin, seiner Schwester, war er gleichfalls willkommen, und als
Hilarie schnell hinwegging, das Frhstck zu bereiten, sagte der Major freudig:
Diesmal kann ich mich kurz fassen und sagen, da unser Geschft beendigt ist.
Unser Bruder, der Obermarschall, sieht wohl ein, da er weder mit Pchtern noch
Verwaltern zurechtkommt. Er tritt bei seinen Lebzeiten die Gter uns und unsern
Kindern ab; das Jahrgehalt, das er sich ausbedingt, ist freilich stark; aber wir
knnen es ihm immer geben: wir gewinnen doch noch fr die Gegenwart viel und fr
die Zukunft alles. Die neue Einrichtung soll bald in Ordnung sein. Da ich
zunchst meinen Abschied erwarte, so sehe ich doch wieder ein ttiges Leben vor
mir, das uns und den Unsrigen einen entschiedenen Vorteil bringen kann. Wir
sehen ruhig zu, wie unsre Kinder emporwachsen, und es hngt von uns, von ihnen
ab, ihre Verbindung zu beschleunigen.
    Das wre alles recht gut, sagte die Baronin, wenn ich dir nur nicht ein
Geheimnis zu entdecken htte, das ich selbst erst gewahr worden bin. Hilariens
Herz ist nicht mehr frei; von der Seite hat dein Sohn wenig oder nichts zu
hoffen.
    Was sagst du? rief der Major; ist's mglich? indessen wir uns alle Mhe
geben, uns konomisch vorzusehen, so spielt uns die Neigung einen solchen
Streich! Sag' mir, Liebe, sag' mir geschwind, wer ist es, der das Herz Hilariens
fesseln konnte? Oder ist es denn auch schon so arg? Ist es nicht vielleicht ein
flchtiger Eindruck, den man wieder auszulschen hoffen kann?
    Du mut erst ein wenig sinnen und raten, versetzte die Baronin und
vermehrte dadurch seine Ungeduld. Sie war schon aufs hchste gestiegen, als
Hilarie, mit den Bedienten, welche das Frhstck trugen, hereintretend, eine
schnelle Auflsung des Rtsels unmglich machte.
    Der Major selbst glaubte das schne Kind mit andern Augen anzusehn als kurz
vorher. Es war ihm beinahe, als wenn er eiferschtig auf den Beglckten wre,
dessen Bild sich in einem so schnen Gemt hatte eindrcken knnen. Das
Frhstck wollte ihm nicht schmecken, und er bemerkte nicht, da alles genau so
eingerichtet war, wie er es am liebsten hatte und wie er es sonst zu wnschen
und zu verlangen pflegte.
    ber dieses Schweigen und Stocken verlor Hilarie fast selbst ihre
Munterkeit. Die Baronin fhlte sich verlegen und zog ihre Tochter ans Klavier;
aber ihr geistreiches und gefhlvolles Spiel konnte dem Major kaum einigen
Beifall ablocken. Er wnschte das schne Kind und das Frhstck je eher je
lieber entfernt zu sehen, und die Baronin mute sich entschlieen, aufzubrechen
und ihrem Bruder einen Spaziergang in den Garten vorzuschlagen.
    Kaum waren sie allein, so wiederholte der Major dringend seine vorige Frage;
worauf seine Schwester nach einer Pause lchelnd versetzte: Wenn du den
Glcklichen finden willst, den sie liebt, so brauchst du nicht weit zu gehen, er
ist ganz in der Nhe: dich liebt sie.
    Der Major stand betroffen, dann rief er aus: Es wre ein sehr unzeitiger
Scherz, wenn du mich etwas berreden wolltest, das mich im Ernst so verlegen wie
unglcklich machen wrde. Denn ob ich gleich Zeit brauche, mich von meiner
Verwunderung zu erholen, so sehe ich doch mit einem Blicke voraus, wie sehr
unsere Verhltnisse durch ein so unerwartetes Ereignis gestrt werden mten.
Das einzige, was mich trstet, ist die berzeugung, da Neigungen dieser Art nur
scheinbar sind, da ein Selbstbetrug dahinter verborgen liegt, und da eine
echte, gute Seele von dergleichen Fehlgriffen oft durch sich selbst oder doch
wenigstens mit einiger Beihlfe verstndiger Personen gleich wieder
zurckkommt.
    Ich bin dieser Meinung nicht, sagte die Baronin, denn nach allen
Symptomen ist es ein sehr ernstliches Gefhl, von welchem Hilarie durchdrungen
ist.
    Etwas so Unnatrliches htte ich ihrem natrlichen Wesen nicht zugetraut,
versetzte der Major.
    Es ist so unnatrlich nicht, sagte die Schwester. Aus meiner Jugend
erinnere ich mich selbst einer Leidenschaft fr einen lteren Mann, als du bist.
Du hast funfzig Jahre; das ist immer noch nicht gar zu viel fr einen Deutschen,
wenn vielleicht andere, lebhaftere Nationen frher altern.
    Wodurch willst du aber deine Vermutung bekrftigen? sagte der Major.
    Es ist keine Vermutung, es ist Gewiheit. Das Nhere sollst du nach und
nach vernehmen.
    Hilarie gesellte sich zu ihnen, und der Major fhlte sich, wider seinen
Willen, abermals verndert. Ihre Gegenwart deuchte ihn noch lieber und werter
als vorher; ihr Betragen schien ihm liebevoller, und schon fing er an, den
Worten seiner Schwester Glauben beizumessen. Die Empfindung war fr ihn hchst
angenehm, ob er sich gleich solche weder gestehen noch erlauben wollte. Freilich
war Hilarie hchst liebenswrdig, indem sich in ihrem Betragen die zarte Scheu
gegen einen Liebhaber und die freie Bequemlichkeit gegen einen Oheim auf das
innigste verband; denn sie liebte ihn wirklich und von ganzer Seele. Der Garten
war in seiner vollen Frhlingspracht, und der Major, der so viele alte Bume
sich wieder belauben sah, konnte auch an die Wiederkehr seines eignen Frhlings
glauben. Und wer htte sich nicht in der Gegenwart des liebenswrdigsten
Mdchens dazu verfhren lassen!
    So verging ihnen der Tag zusammen; alle huslichen Epochen wurden mit der
grten Gemtlichkeit durchlebt; abends nach Tisch setzte sich Hilarie wieder
ans Klavier; der Major hrte mit andern Ohren als heute frh; eine Melodie
schlang sich in die andere, ein Lied schlo sich ans andere, und kaum vermochte
die Mitternacht die kleine Gesellschaft zu trennen.
    Als der Major auf seinem Zimmer ankam, fand er alles nach seiner alten,
gewohnten Bequemlichkeit eingerichtet; sogar einige Kupferstiche, bei denen er
gern verweilte, waren aus andern Zimmern herbergehngt; und da er einmal
aufmerksam geworden war, so sah er sich bis auf jeden einzelnen kleinen Umstand
versorgt und geschmeichelt.
    Nur wenig Stunden Schlaf bedurfte er diesmal; seine Lebensgeister waren frh
aufgeregt. Aber nun merkte er auf einmal, da eine neue Ordnung der Dinge
manches Unbequeme nach sich ziehe. Er hatte seinem alten Reitknecht, der
zugleich die Stelle des Bedienten und Kammerdieners vertrat, seit mehreren
Jahren kein bses Wort gegeben: denn alles ging in der strengsten Ordnung seinen
gewhnlichen Gang; die Pferde waren versorgt und die Kleidungsstcke zu rechter
Stunde gereinigt; aber der Herr war frher aufgestanden, und nichts wollte
passen.
    Sodann gesellte sich noch ein anderer Umstand hinzu, um die Ungeduld und
eine Art bser Laune des Majors zu vermehren. Sonst war ihm alles an sich und
seinem Diener recht gewesen; nun aber fand er sich, als er vor den Spiegel trat,
nicht so, wie er zu sein wnschte. Einige graue Haare konnte er nicht leugnen,
und von Runzeln schien sich auch etwas eingefunden zu haben. Er wischte und
puderte mehr als sonst und mute es doch zuletzt lassen, wie es sein konnte.
Auch mit der Kleidung und ihrer Sauberkeit war er nicht zufrieden. Da sollten
sich immer noch Fasern auf dem Rock und noch Staub auf den Stiefeln finden. Der
Alte wute nicht, was er sagen sollte, und war erstaunt, einen so vernderten
Herrn vor sich zu sehen.
    Ungeachtet aller dieser Hindernisse war der Major schon frh genug im
Garten. Hilarien, die er zu finden hoffte, fand er wirklich. Sie brachte ihm
einen Blumenstrau entgegen, und er hatte nicht den Mut, sie wie sonst zu kssen
und an sein Herz zu drcken. Er befand sich in der angenehmsten Verlegenheit von
der Welt und berlie sich seinen Gefhlen, ohne zu denken, wohin das fhren
knne.
    Die Baronin gleichfalls sumte nicht lange zu erscheinen, und indem sie
ihrem Bruder ein Billet wies, das ihr eben ein Bote gebracht hatte, rief sie
aus: Du rtst nicht, wen uns dieses Blatt anzumelden kommt. - So entdecke es
nur bald! versetzte der Major; und er erfuhr, da ein alter theatralischer
Freund nicht weit von dem Gute vorbeireise und fr einen Augenblick einzukehren
gedenke. Ich bin neugierig, ihn wiederzusehen, sagte der Major; er ist kein
Jngling mehr, und ich hre, da er noch immer die jungen Rollen spielt. - Er
mu um zehn Jahre lter sein als du, versetzte die Baronin. - Ganz gewi߫,
erwiderte der Major, nach allem, was ich mich erinnere.
    Es whrte nicht lange, so trat ein munterer, wohlgebauter, geflliger Mann
herzu. Man stutzte einen Augenblick, als man sich wiedersah. Doch sehr bald
erkannten sich die Freunde, und Erinnerungen aller Art belebten das Gesprch.
Hierauf ging man zu Erzhlungen, zu Fragen und zu Rechenschaft ber; man machte
sich wechselsweise mit den gegenwrtigen Lagen bekannt und fhlte sich bald, als
wre man nie getrennt gewesen.
    Die geheime Geschichte sagt uns, da dieser Mann in frherer Zeit, als ein
sehr schner und angenehmer Jngling, einer vornehmen Dame zu gefallen das Glck
oder Unglck gehabt habe; da er dadurch in groe Verlegenheit und Gefahr
geraten, woraus ihn der Major eben im Augenblick, als ihn das traurigste
Schicksal bedrohte, glcklich herausri. Ewig blieb er dankbar, dem Bruder
sowohl als der Schwester; denn diese hatte durch zeitige Warnung zur Vorsicht
Anla gegeben.
    Einige Zeit vor Tische lie man die Mnner allein. Nicht ohne Bewunderung,
ja gewissermaen mit Erstaunen hatte der Major das uere Behaben seines alten
Freundes im ganzen und einzelnen betrachtet. Er schien gar nicht verndert zu
sein, und es war kein Wunder, da er noch immer als jugendlicher Liebhaber auf
dem Theater erscheinen konnte. - Du betrachtest mich aufmerksamer als billig
ist, sprach er endlich den Major an; ich frchte sehr, du findest den
Unterschied gegen vorige Zeit nur allzu gro. - Keineswegs, versetzte der
Major, vielmehr bin ich voll Verwunderung, dein Aussehen frischer und jnger zu
finden als das meine; da ich doch wei, da du schon ein gemachter Mann warst,
als ich, mit der Khnheit eines wagehalsigen Gelbschnabels, dir in gewissen
Verlegenheiten beistand. - Es ist deine Schuld, versetzte der andere, es ist
die Schuld aller deinesgleichen; und ob ihr schon darum nicht zu schelten seid,
so seid ihr doch zu tadeln. Man denkt immer nur ans Notwendige; man will sein
und nicht scheinen. Das ist recht gut, solange man etwas ist. Wenn aber zuletzt
das Sein mit dem Scheinen sich zu empfehlen anfngt und der Schein noch
flchtiger als das Sein ist, so merkt denn doch ein jeder, da er nicht bel
getan htte, das uere ber dem Innern nicht ganz zu vernachlssigen. - Du
hast recht, versetzte der Major und konnte sich fast eines Seufzers nicht
enthalten. - Vielleicht nicht ganz recht, sagte der bejahrte Jngling; denn
freilich bei meinem Handwerke wre es ganz unverzeihlich, wenn man das uere
nicht so lange aufstutzen wollte, als nur mglich ist. Ihr andern aber habt
Ursache, auf andere Dinge zu sehen, die bedeutender und nachhaltiger sind. -
Doch gibt es Gelegenheiten, sagte der Major, wo man sich innerlich frisch
fhlt und sein ueres auch gar zu gern wieder auffrischen mchte.
    Da der Ankmmling die wahre Gemtslage des Majors nicht ahnen konnte, so
nahm er diese uerung im Soldatensinne und lie sich weitlufig darber aus:
wie viel beim Militr aufs uere ankomme und wie der Offizier, der so manches
auf seine Kleidung zu wenden habe, doch auch einige Aufmerksamkeit auf Haut und
Haare wenden knne.
    Es ist zum Beispiel unverantwortlich, fuhr er fort, da Eure Schlfe
schon grau sind, da hie und da sich Runzeln zusammenziehen und da Euer
Scheitel kahl zu werden droht. Seht mich alten Kerl einmal an! betrachtet, wie
ich mich erhalten habe! und das alles ohne Hexerei und mit weit weniger Mhe und
Sorgfalt, als man tglich anwendet, um sich zu beschdigen oder wenigstens
Langeweile zu machen.
    Der Major fand bei dieser zuflligen Unterredung zu sehr seinen Vorteil, als
da er sie so bald htte abbrechen sollen; doch ging er leise und selbst gegen
einen alten Bekannten mit Behutsamkeit zu Werke. - Das habe ich nun leider
versumt! rief er aus, und nachzuholen ist es nicht; ich mu zu mich nun schon
darein ergeben, und Ihr werdet deshalb nicht schlimmer von mir denken.
    Versumt ist nichts! erwiderte jener, wenn ihr andern ernsthaften Herren
nur nicht so starr und steif wret, nicht gleich einen jeden, der sein ueres
bedenkt, fr eitel erklren und euch dadurch selbst die Freude verkmmern
mchtet, in geflliger Gesellschaft zu sein und selbst zu gefallen. - Wenn es
auch keine Zauberei ist, lchelte der Major, wodurch ihr andern euch jung
erhaltet, so ist es doch ein Geheimnis, oder wenigstens sind es Arcana,
dergleichen oft in den Zeitungen gepriesen werden, von denen ihr aber die besten
herauszuproben wit. - Du magst im Scherz oder im Ernst reden, versetzte der
Freund, so hast du's getroffen. Unter den vielen Dingen, die man von jeher
versucht hat, um dem ueren einige Nahrung zu geben, das oft viel frher als
das Innere abnimmt, gibt es wirklich unschtzbare, einfache sowohl als
zusammengesetzte Mittel, die mir von Kunstgenossen mitgeteilt, fr bares Geld
oder durch Zufall berliefert und von mir selbst ausgeprobt worden. Dabei bleib'
ich und verharre nun, ohne deshalb meine weitern Forschungen aufzugeben. So viel
kann ich dir sagen, und ich bertreibe nicht: ein Toilettenkstchen fhre ich
bei mir, ber allen Preis! ein Kstchen, dessen Wirkungen ich wohl an dir
erproben mchte, wenn wir nur vierzehn Tage zusammenblieben.
    Der Gedanke, etwas dieser Art sei mglich und diese Mglichkeit werde ihm
gerade in dem rechten Augenblicke so zufllig nahe gebracht, erheiterte den
Geist des Majors dergestalt, da er wirklich schon frischer und munterer aussah
und, von der Hoffnung, Haupt und Gesicht mit seinem Herzen in bereinstimmung zu
bringen, belebt, von der Unruhe, die Mittel dazu bald nher kennen zu lernen, in
Bewegung gesetzt, bei Tische ein ganz anderer Mensch erschien, Hilariens
anmutigen Aufmerksamkeiten getrost entgegenging und auf sie mit einer gewissen
Zuversicht blickte, die ihm heute frh noch sehr fremd gewesen war.
    Hatte nun durch mancherlei Erinnerungen, Erzhlungen und glckliche Einflle
der theatralische Freund die einmal angeregte gute Laune zu erhalten, zu beleben
und zu vermehren gewut, so wurde der Major um so verlegener, als jener gleich
nach Tische sich zu entfernen und seinen Weg weiter fortzusetzen drohte. Auf
alle Weise suchte er den Aufenthalt seines Freundes, wenigstens ber Nacht, zu
erleichtern, indem er Vorspann und Relais auf morgen frh andringlich zusagte.
Genug, die heilsame Toilette sollte nicht aus dem Hause, bis man von ihrem
Inhalt und Gebrauch nher unterrichtet wre.
    Der Major sah sehr wohl ein, da hier keine Zeit zu verlieren sei, und
suchte daher gleich nach Tische seinen alten Gnstling allein zu sprechen. Da er
das Herz nicht hatte, ganz gerade auf die Sache loszugehen, so lenkte er von
weitem dahin, indem er, das vorige Gesprch wieder auffassend, versicherte: er
fr seine Person wrde gern mehr Sorgfalt auf das uere verwenden, wenn nur
nicht gleich die Menschen einen jeden, dem sie ein solches Bestreben anmerken,
fr eitel erklrten und ihm dadurch sogleich wieder an der sittlichen Achtung
entzgen, was sie sich gentigt fhlten an der sinnlichen ihm zuzugestehen.
    Mache mich mit solchen Redensarten nicht verdrielich! versetzte der
Freund; denn das sind Ausdrcke, die sich die Gesellschaft angewhnt hat, ohne
etwas dabei zu denken, oder, wenn man es strenger nehmen will, wodurch sich ihre
unfreundliche und miwollende Natur ausspricht. Wenn du es recht genau
betrachtest: was ist denn das, was man oft als Eitelkeit verrufen mchte? Jeder
Mensch soll Freude an sich selbst haben, und glcklich, wer sie hat. Hat er sie
aber, wie kann er sich verwehren, dieses angenehme Gefhl merken zu lassen? Wie
soll er mitten im Dasein verbergen, da er eine Freude am Dasein habe? Fnde die
gute Gesellschaft, denn von der ist doch hier allein die Rede, nur alsdann diese
uerungen tadelhaft, wenn sie zu lebhaft werden, wenn des einen Menschen Freude
an sich und seinem Wesen die andern hindert, Freude an dem ihrigen zu haben und
sie zu zeigen, so wre nichts dabei zu erinnern, und von diesem berma ist auch
wohl der Tadel zuerst ausgegangen. Aber was soll eine wunderlich-verneinende
Strenge gegen etwas Unvermeidliches? Warum will man nicht eine uerung llich
und ertrglich finden, die man denn doch mehr oder weniger sich von Zeit zu Zeit
selbst erlaubt? ja, ohne die eine gute Gesellschaft gar nicht existieren knnte:
denn das Gefallen an sich selbst, das Verlangen, dieses Selbstgefhl andern
mitzuteilen, macht gefllig, das Gefhl eigner Anmut macht anmutig. Wollte Gott,
alle Menschen wren eitel, wren es aber mit Bewutsein, mit Ma und im rechten
Sinne: so wrden wir in der gebildeten Welt die glcklichsten Menschen sein. Die
Weiber, sagt man, sind eitel von Hause aus; doch es kleidet sie, und sie
gefallen uns um desto mehr. Wie kann ein junger Mann sich bilden, der nicht
eitel ist? Eine leere, hohle Natur wird sich wenigstens einen uern Schein zu
geben wissen, und der tchtige Mensch wird sich bald von auen nach innen zu
bilden. Was mich betrifft, so habe ich Ursache, mich auch deshalb fr den
glcklichsten Menschen zu halten, weil mein Handwerk mich berechtigt, eitel zu
sein, und weil ich, je mehr ich es bin, nur desto mehr Vergngen den Menschen
schaffe. Ich werde gelobt, wo man andere tadelt, und habe, gerade auf diesem
Wege, das Recht und das Glck, noch in einem Alter das Publikum zu ergtzen und
zu entzcken, in welchem andere notgedrungen vom Schauplatz abtreten oder nur
mit Schmach darauf verweilen.
    Der Major hrte nicht gerne den Schlu dieser Betrachtungen. Das Wrtchen
Eitelkeit, als er es vorbrachte, sollte nur zu einem bergang dienen, um dem
Freunde auf eine geschickte Weise seinen Wunsch vorzutragen; nun frchtete er,
bei einem fortgesetzten Gesprch das Ziel noch weiter verrckt zu sehen, und
eilte daher unmittelbar zum Zweck.
    Fr mich, sagte er, wre ich gar nicht abgeneigt, auch zu deiner Fahne zu
schwren, da du es nicht fr zu spt hltst und glaubst, da ich das Versumte
noch einigermaen nachholen knne. Teile mir etwas von deinen Tinkturen, Pomaden
und Balsamen mit, und ich will einen Versuch machen.
    Mitteilungen, sagte der andere, sind schwerer, als man denkt. Denn hier
z.B. kommt es nicht allein darauf an, da ich dir von meinen Flschchen etwas
abflle und von den besten Ingredienzien meiner Toilette die Hlfte zurcklasse;
die Anwendung ist das Schwerste. Man kann das berlieferte sich nicht gleich zu
eigen machen; wie dieses und jenes passe, unter was fr Umstnden, in welcher
Folge die Dinge zu gebrauchen seien, dazu gehrt bung und Nachdenken; ja selbst
diese wollen kaum fruchten, wenn man nicht eben zu der Sache, wovon die Rede ist
ein angebornes Talent hat.
    Du willst, wie es scheint, versetzte der Major, nun wieder zurcktreten.
Du machst mir Schwierigkeiten, um deine freilich etwas fabelhaften Behauptungen
in Sicherheit zu bringen. Du hast nicht Lust, mir einen Anla, eine Gelegenheit
zu geben, deine Worte durch die Tat zu prfen.
    Durch diese Neckereien, mein Freund, versetzte der andere, wrdest du
mich nicht bewegen, deinem Verlangen zu willfahren, wenn ich nicht selbst so
gute Gesinnungen gegen dich htte, wie ich es ja zuerst dir angeboten habe.
Dabei bedenke, mein Freund, der Mensch hat gar eine eigne Lust, Proselyten zu
machen, dasjenige, was er an sich schtzt, auch auer sich in andern zur
Erscheinung zu bringen, sie genieen zu lassen, was er selbst geniet, und sich
in ihnen wiederzufinden und darzustellen. Frwahr, wenn dies auch Egoismus ist,
so ist er der liebenswrdigste und lobenswrdigste, derjenige, der uns zu
Menschen gemacht hat und uns als Menschen erhlt. Aus ihm nehme ich denn auch,
abgesehen von der Freundschaft, die ich zu dir hege, die Lust, einen Schler in
der Verjngungskunst aus dir zu machen. Weil man aber von dem Meister erwarten
kann, da er keine Pfuscher ziehen will, so bin ich verlegen, wie wir es
anfangen. Ich sagte schon: weder Spezereien noch irgendeine Anweisung ist
hinlnglich; die Anwendung kann nicht im Allgemeinen gelehrt werden. Dir zuliebe
und aus Lust, meine Lehre fortzupflanzen, bin ich zu jeder Aufopferung bereit.
Die grte fr den Augenblick will ich dir sogleich anbieten. Ich lasse dir
meinen Diener hier, eine Art von Kammerdiener und Tausendknstler, der, wenn er
gleich nicht alles zu bereiten wei, nicht in alle Geheimnisse eingeweiht ist,
doch die ganze Behandlung recht gut versteht und fr den Anfang dir von groem
Nutzen sein wird, bis du dich in die Sache so hineinarbeitest, da ich dir die
hheren Geheimnisse endlich auch offenbaren kann.
    Wie! rief der Major, du hast auch Stufen und Grade deiner
Verjngungskunst? Du hast noch Geheimnisse fr die Eingeweihten? - Ganz
gewi! versetzte jener. Das mte gar eine schlechte Kunst sein, die sich auf
einmal fassen liee, deren Letztes von demjenigen gleich geschaut werden knnte,
der zuerst hereintritt.
    Man zauderte nicht lange, der Kammerdiener ward an den Major gewiesen, der
ihn gut zu halten versprach. Die Baronin mute Schchtelchen, Bchschen und
Glser hergeben, sie wute nicht wozu; die Teilung ging vor sich, man war bis in
die Nacht munter und geistreich zusammen. Bei dem spteren Aufgang des Mondes
fuhr der Gast hinweg und versprach, in einiger Zeit zurckzukehren.
    Der Major kam ziemlich mde auf sein Zimmer. Er war frh aufgestanden, hatte
sich den Tag nicht geschont und glaubte nunmehr das Bett bald zu erreichen.
Allein er fand statt eines Dieners nunmehr zwei. Der alte Reitknecht zog ihn
nach alter Art und Weise eilig aus; aber nun trat der neue hervor und lie
merken, da die eigentliche Zeit, Verjngungs- und Verschnerungsmittel
anzubringen, die Nacht sei, damit in einem ruhigen Schlaf die Wirkung desto
sicherer vor sich gehe. Der Major mute sich also gefallen lassen, da sein
Haupt gesalbt, sein Gesicht bestrichen, seine Augenbraunen bepinselt und seine
Lippen betupft wurden. Auerdem wurden noch verschiedene Zeremonien erfordert;
sogar sollte die Nachtmtze nicht unmittelbar aufgesetzt, sondern vorher ein
Netz, wo nicht gar eine feine lederne Mtze bergezogen werden.
    Der Major legte sich zu Bette mit einer Art von unangenehmer Empfindung, die
er jedoch sich deutlich zu machen keine Zeit hatte, indem er gar bald
einschlief. Sollen wir aber in seine Seele sprechen, so fhlte er sich etwas
mumienhaft, zwischen einem Kranken und einem Einbalsamierten. Allein das se
Bild Hilariens, umgeben von den heitersten Hoffnungen, zog ihn bald in einen
erquickenden Schlaf.
    Morgens zur rechten Zeit war der Reitknecht bei der Hand. Alles, was zum
Anzuge des Herrn gehrte, lag in gewohnter Ordnung auf den Sthlen, und eben war
der Major im Begriff, aus dem Bette zu steigen, als der neue Kammerdiener
hereintrat und lebhaft gegen eine solche bereilung protestierte. Man msse
ruhen, man msse sich abwarten, wenn das Vorhaben gelingen, wenn man fr so
manche Mhe und Sorgfalt Freude erleben solle. Der Herr vernahm sodann, da er
in einiger Zeit aufzustehen, ein kleines Frhstck zu genieen und alsdann in
ein Bad zu steigen habe, welches schon bereitet sei. Den Anordnungen war nicht
auszuweichen, sie muten befolgt werden, und einige Stunden gingen unter diesen
Geschften hin.
    Der Major verkrzte die Ruhezeit nach dem Bade, dachte sich geschwind in die
Kleider zu werfen; denn er war seiner Natur nach expedit und wnschte noch
berdies, Hilarien bald zu begegnen; aber auch hier trat ihm sein neuer Diener
entgegen und machte ihm begreiflich, da man sich durchaus abgewhnen msse,
fertig werden zu wollen. Alles, was man tue, msse man langsam und behaglich
vollbringen, besonders aber die Zeit des Anziehens habe man als angenehme
Unterhaltungsstunde mit sich selbst anzusehen.
    Die Behandlungsart des Kammerdieners traf mit seinen Reden vllig berein.
Dafr glaubte sich aber auch der Major wirklich besser angezogen denn jemals,
als er vor den Spiegel trat und sich auf das schmuckeste herausgeputzt
erblickte. Ohne viel zu fragen, hatte der Kammerdiener sogar die Uniform
moderner zugestutzt, indem er die Nacht auf diese Verwandlung wendete. Eine so
schnell erscheinende Verjngung gab dem Major einen besonders heitern Sinn, so
da er sich von innen und auen erfrischt fhlte und mit ungeduldigem Verlangen
den Seinigen entgegeneilte.
    Er fand seine Schwester vor dem Stammbaume stehen, den sie hatte aufhngen
lassen, weil abends vorher zwischen ihnen von einigen Seitenverwandten die Rede
gewesen, welche, teils unverheiratet, teils in fernen Landen wohnhaft, teils gar
verschollen, mehr oder weniger den beiden Geschwistern oder ihren Kindern auf
reiche Erbschaften Hoffnung machten. Sie unterhielten sich einige Zeit darber,
ohne des Punktes zu erwhnen, da sich bisher alle Familiensorgen und Bemhungen
blo auf ihre Kinder bezogen. Durch Hilariens Neigung hatte sich diese ganze
Ansicht freilich verndert, und doch mochte weder der Major noch seine Schwester
in diesem Augenblick der Sache weiter gedenken.
    Die Baronin entfernte sich, der Major stand allein vor dem lakonischen
Familiengemlde. Hilarie trat an ihn heran, lehnte sich kindlich an ihn,
beschaute die Tafel und fragte: wen er alles von diesen gekannt habe? und wer
wohl noch leben und brig sein mchte?
    Der Major begann seine Schilderung von den ltesten, deren er sich aus
seiner Kindheit nur noch dunkel erinnerte. Dann ging er weiter, zeichnete die
Charaktere verschiedener Vter, die hnlichkeit oder Unhnlichkeit der Kinder
mit denselben, bemerkte, da oft der Grovater im Enkel wieder hervortrete,
sprach gelegentlich von dem Einflu der Weiber, die, aus fremden Familien
herber heiratend, oft den Charakter ganzer Stmme verndern. Er rhmte die
Tugend manches Vorfahren und Seitenverwandten und verschwieg ihre Fehler nicht.
Mit Stillschweigen berging er diejenigen, deren man sich htte zu schmen
gehabt. Endlich kam er an die untersten Reihen. Da stand nun sein Bruder, der
Obermarschall, er und seine Schwester und unten drunter sein Sohn und daneben
Hilarie.
    Diese sehen einander gerade genug ins Gesicht, sagte der Major und fgte
nicht hinzu, was er im Sinne hatte. Nach einer Pause versetzte Hilarie
bescheiden, halblaut und fast mit einem Seufzer: Und doch wird man denjenigen
niemals tadeln, der in die Hhe blickt! Zugleich sah sie mit ein paar Augen an
ihm hinauf, aus denen ihre ganze Neigung hervorsprach. - Versteh' ich dich
recht? sagte der Major, indem er sich zu ihr wendete. - Ich kann nichts
sagen, versetzte Hilarie lchelnd, was Sie nicht schon wissen. - Du machst
mich zum glcklichsten Menschen unter der Sonne! rief er aus und fiel ihr zu
Fen. Willst du mein sein? - Um Gottes willen stehen Sie auf! Ich bin dein
auf ewig.
    Die Baronin trat herein. Ohne berrascht zu sein, stutzte sie. - Wre es
ein Unglck, sagte der Major, Schwester! so ist die Schuld dein; als Glck
wollen wir's dir ewig verdanken.
    Die Baronin hatte ihren Bruder von Jugend auf dergestalt geliebt, da sie
ihn allen Mnnern vorzog, und vielleicht war selbst die Neigung Hilariens aus
dieser Vorliebe der Mutter, wo nicht entsprungen, doch gewi genhrt worden.
Alle drei vereinigten sich nunmehr in einer Liebe, einem Behagen, und so flossen
fr sie die glcklichsten Stunden dahin. Nur wurden sie denn doch zuletzt auch
wieder die Welt um sich her gewahr, und diese steht selten mit solchen
Empfindungen im Einklang.
    Nun dachte man auch wieder an den Sohn. Ihm hatte man Hilarien bestimmt, das
ihm sehr wohl bekannt war. Gleich nach Beendigung des Geschfts mit dem
Obermarschall sollte der Major seinen Sohn in der Garnison besuchen, alles mit
ihm abreden und diese Angelegenheiten zu einem glcklichen Ende fhren. Nun war
aber durch ein unerwartetes Ereignis der ganze Zustand verruckt; die
Verhltnisse, die sonst sich freundlich ineinanderschmiegten, schienen sich
nunmehr anzufeinden, und es war schwer vorauszusehen, was die Sache fr eine
Wendung nehmen, was fr eine Stimmung die Gemter ergreifen wrde.
    Indessen mute sich der Major entschlieen, seinen Sohn aufzusuchen, dem er
sich schon angemeldet hatte. Er machte sich nicht ohne Widerwillen, nicht ohne
sonderbare Ahnung, nicht ohne Schmerz, Hilarien auch nur auf kurze Zeit zu
verlassen, nach manchem Zaudern auf den Weg, lie Reitknecht und Pferde zurck
und fuhr mit seinem Verjngungsdiener, den er nun nicht mehr entbehren konnte,
der Stadt, dem Aufenthalte seines Sohnes, entgegen.
    Beide begrten und umarmten sich nach so langer Trennung aufs herzlichste.
Sie hatten einander viel zu sagen und sprachen doch nicht sogleich aus, was
ihnen zunchst am Herzen lag. Der Sohn erging sich in Hoffnungen eines baldigen
Avancements; wogegen ihm der Vater genaue Nachricht gab, was zwischen den ltern
Familiengliedern wegen des Vermgens berhaupt, wegen der einzelnen Gter und
sonst verhandelt und beschlossen worden.
    Das Gesprch fing schon einigermaen an zu stocken, als der Sohn sich ein
Herz fate und zu dem Vater lchelnd sagte: Sie behandeln mich sehr zart,
lieber Vater, und ich danke Ihnen dafr. Sie erzhlen mir von Besitztmern und
Vermgen und erwhnen der Bedingung nicht, unter der, wenigstens zum Teil, es
mir eigen werden soll; Sie halten mit dem Namen Hilariens zurck, Sie erwarten,
da ich ihn selbst ausspreche, da ich mein Verlangen zu erkennen gebe, mit dem
liebenswrdigen Kinde bald vereinigt zu sein.
    Der Major befand sich bei diesen Worten des Sohnes in groer Verlegenheit;
da es aber teils seiner Natur, teils einer alten Gewohnheit gem war, den Sinn
des andern, mit dem er zu verhandeln hatte, zu erforschen, so schwieg er und
blickte den Sohn mit einem zweideutigen Lcheln an. - Sie erraten nicht, mein
Vater, was ich zu sagen habe, fuhr der Lieutenant fort, und ich will es nur
rasch ein fr allemal herausreden. Ich kann mich auf Ihre Gte verlassen, die,
bei so vielfacher Sorge fr mich, gewi auch an mein wahres Glck gedacht hat.
Einmal mu es gesagt sein, und so sei es gleich gesagt: Hilarie kann mich nicht
glcklich machen! Ich gedenke Hilariens als einer liebenswrdigen Anverwandten,
mit der ich zeitlebens in den freundschaftlichsten Verhltnissen stehen mchte;
aber eine andere hat meine Leidenschaft erregt, meine Neigung gefesselt.
Unwiderstehlich ist dieser Hang; Sie werden mich nicht unglcklich machen.
    Nur mit Mhe verbarg der Major die Heiterkeit, die sich ber sein Gesicht
verbreiten wollte, und fragte den Sohn mit einem milden Ernst: wer denn die
Person sei, welche sich seiner so gnzlich bemchtigen knnen. - Sie mssen
dieses Wesen sehen, mein Vater: denn sie ist so unbeschreiblich als
unbegreiflich. Ich frchte nur, Sie werden selbst von ihr hingerissen, wie
jedermann, der sich ihr nhert. Bei Gott! ich erlebe es und sehe Sie als den
Rival Ihres Sohnes.
    Wer ist sie denn? fragte der Major. Wenn du ihre Persnlichkeit zu
schildern nicht imstande bist, so erzhle mir wenigstens von ihren uern
Umstnden: denn diese sind doch wohl eher auszusprechen. - Wohl, mein Vater!
versetzte der Sohn; und doch wrden auch diese ueren Umstnde bei einer
andern anders sein, anders auf eine andere wirken. Sie ist eine junge Witwe,
Erbin eines alten, reichen, vor kurzem verstorbenen Mannes, unabhngig und
hchst wert, es zu sein, von vielen umgeben, von ebenso vielen geliebt, von
ebenso vielen umworben, doch, wenn ich mich nicht sehr betriege, mir von Herzen
angehrig.
    Mit Behaglichkeit, weil der Vater schwieg und kein Zeichen der Mibilligung
uerte, fuhr der Sohn fort, das Betragen der schnen Witwe gegen ihn zu
erzhlen, jene unwiderstehliche Anmut, jene zarten Gunstbezeigungen einzeln
herzurhmen, in denen der Vater freilich nur die leichte Geflligkeit einer
allgemein gesuchten Frau erkennen konnte, die unter vielen wohl irgendeinen
vorzieht, ohne sich eben fr ihn ganz und gar zu entscheiden. Unter jeden andern
Umstnden htte er gewi gesucht, einen Sohn, ja nur einen Freund auf den
Selbstbetrug aufmerksam zu machen, der wahrscheinlich hier obwalten knnte; aber
diesmal war ihm selbst so viel daran gelegen, wenn der Sohn sich nicht tuschen,
wenn die Witwe ihn wirklich lieben und sich so schnell als mglich zu seinen
Gunsten entscheiden mchte, da er entweder kein Bedenken hatte oder einen
solchen Zweifel bei sich ablehnte, vielleicht auch nur verschwieg.
    Du setzest mich in groe Verlegenheit, begann der Vater nach einiger
Pause. Die ganze bereinkunft zwischen den briggebliebenen Gliedern unsers
Geschlechts beruht auf der Voraussetzung, da du dich mit Hilarien verbindest.
Heiratet sie einen Fremden, so ist die ganze, schne, knstliche Vereinigung
eines ansehnlichen Vermgens wieder aufgehoben, und du besonders in deinem Teile
nicht zum besten bedacht. Es gbe wohl noch ein Mittel, das aber ein wenig
sonderbar klingt und wobei du auch nicht viel gewinnen wrdest: ich mte noch
in meinen alten Tagen Hilarien heiraten, wodurch ich dir aber schwerlich ein
groes Vergngen machen wrde.
    Das grte von der Welt! rief der Lieutenant aus; denn wer kann eine
wahre Neigung empfinden, wer kann das Glck der Liebe genieen oder hoffen, ohne
da er dieses hchste Glck einem jeden Freund, einem jeden gnnte, der ihm wert
ist! Sie sind nicht alt, mein Vater; wie liebenswrdig ist nicht Hilarie! und
schon der vorberschwebende Gedanke, ihr die Hand zu bieten, zeugt von einem
jugendlichen Herzen, von frischer Mutigkeit. Lassen Sie uns diesen Einfall,
diesen Vorschlag aus dem Stegreife ja recht gut durchsinnen und ausdenken. Dann
wrde ich erst recht glcklich sein, wenn ich Sie glcklich wte; dann wrde
ich mich erst recht freuen, da Sie fr die Sorgfalt, mit der Sie mein Schicksal
bedacht, an sich selbst so schn und hchlich belohnt wrden. Nun fhre ich sie
erst mutig, zutraulich und mit recht offnem Herzen zu meiner Schnen. Sie werden
meine Empfindungen billigen, weil Sie selbst fhlen; Sie werden dem Glck eines
Sohnes nichts in den Weg legen, weil Sie Ihrem eigenen Glck entgegengehen.
    Mit diesen und andern dringenden Worten lie der Sohn den Vater, der manche
Bedenklichkeiten einstreuen wollte, nicht Raum gewinnen, sondern eilte mit ihm
zur schnen Witwe, welche sie in einem groen, wohleingerichteten Hause, umgeben
von einer zwar nicht zahlreichen, aber ausgesuchten Gesellschaft, in heiterer
Unterhaltung antrafen. Sie war eins von den weiblichen Wesen, denen kein Mann
entgeht. Mit unglaublicher Gewandtheit wute sie den Major zum Helden dieses
Abends zu machen. Die brige Gesellschaft schien ihre Familie, der Major allein
der Gast zu sein. Sie kannte seine Verhltnisse recht gut, und doch wute sie
darnach zu fragen, als wenn sie alles erst von ihm recht erfahren wollte; und so
mute auch jedes von der Gesellschaft schon irgendeinen Anteil an dem
Neuangekommenen zeigen. Der eine mute seinen Bruder, der andere seine Gter und
der Dritte sonst wieder etwas gekannt haben, so da der Major bei einem
lebhaften Gesprch sich immer als den Mittelpunkt fhlte. Auch sa er zunchst
bei der Schnen; ihre Augen waren auf ihn, ihr Lcheln an ihn gerichtet; genug,
er fand sich so behaglich, da er beinahe die Ursache verga, warum er gekommen
war. Auch erwhnte sie seines Sohnes kaum mit einem Worte, obgleich der junge
Mann lebhaft mitsprach; er schien fr sie, wie die brigen alle, heute nur um
des Vaters willen gegenwrtig.
    Frauenzimmerliche Handarbeiten, in Gesellschaft unternommen und scheinbar
gleichgltig fortgesetzt, erhalten durch Klugheit und Anmut oft eine wichtige
Bedeutung. Unbefangen und emsig fortgesetzt, geben solche Bemhungen einer
Schnen das Ansehen vlliger Unaufmerksamkeit auf die Umgebung und erregen in
derselben ein stilles Migefhl. Dann aber, gleichsam wie beim Erwachen, ein
Wort, ein Blick versetzt die Abwesende wieder mitten in die Gesellschaft, sie
erscheint als neu willkommen; legt sie aber gar die Arbeit in den Scho nieder,
zeigt sie Aufmerksamkeit auf eine Erzhlung, einen belehrenden Vortrag, in
welchem sich die Mnner so gern ergehen, dies wird demjenigen hchst
schmeichelhaft, den sie dergestalt begnstigt.
    Unsere schne Witwe arbeitete auf diese Weise an einer so prchtigen als
geschmackvollen Brieftasche, die sich noch berdies durch ein greres Format
auszeichnete. Diese ward nun eben von der Gesellschaft besprochen, von dem
nchsten Nachbar aufgenommen, unter groen Lobpreisungen der Reihe nach
herumgegeben, indessen die Knstlerin sich mit dem Major von ernsten
Gegenstnden besprach; ein alter Hausfreund rhmte das beinahe fertige Werk mit
bertreibung, doch als solches an den Major kam, schien sie es als seiner
Aufmerksamkeit nicht wert von ihm ablehnen zu wollen, wogegen er auf eine
verbindliche Weise die Verdienste der Arbeit anzuerkennen verstand, inzwischen
der Hausfreund darin ein penelopeisch zauderhaftes Werk zu sehen glaubte.
    Man ging in den Zimmern auf und ab und gesellte sich zufllig zusammen. Der
Lieutenant trat zu der Schnen und fragte: Was sagen Sie zu meinem Vater?
Lchelnd versetzte sie: Mich deucht, da Sie ihn wohl zum Muster nehmen
knnten. Sehn Sie nur, wie nett er angezogen ist! Ob er sich nicht besser trgt
und hlt als sein lieber Sohn! So fuhr sie fort, den Vater auf Unkosten des
Sohnes zu beschreien und zu loben und eine sehr gemischte Empfindung von
Zufriedenheit und Eifersucht in dem Herzen des jungen Mannes hervorzubringen.
    Nicht lange, so gesellte sich der Sohn zum Vater und erzhlte ihm alles
haarklein wieder. Der Vater betrug sich nur desto freundlicher gegen die Witwe,
und sie setzte sich gegen ihn schon auf einen lebhafteren, vertraulichern Ton.
Kurz, man kann sagen, da, als es zum Scheiden ging, der Major so gut als die
brigen alle ihr und ihrem Kreise schon angehrte.
    Ein stark einfallender Regen hinderte die Gesellschaft, auf die Weise nach
Hause zu kehren, wie sie gekommen war. Einige Equipagen fuhren vor, in welche
man die Fugnger verteilte; nur der Lieutenant, unter dem Vorwande, man sitze
ohnehin schon zu enge, lie den Vater fortfahren und blieb zurck.
    Der Major, als er in sein Zimmer trat, fhlte sich wirklich in einer Art von
Taumel, von Unsicherheit seiner selbst, wie es denen geht, die schnell aus einem
Zustande in den entgegengesetzten bertreten. Die Erde scheint sich fr den zu
bewegen, der aus dem Schiffe steigt, und das Licht zittert noch im Auge dessen,
der auf einmal ins Finstere tritt. So fhlte sich der Major noch von der
Gegenwart des schnen Wesens umgeben. Er wnschte, sie noch zu sehen, zu hren,
sie wieder zu sehen, wieder zu hren; und nach einiger Besinnung verzieh er
seinem Sohne, ja er pries ihn glcklich, da er Ansprche machen drfe, soviel
Vorzge zu besitzen.
    Aus diesen Empfindungen ri ihn der Sohn, der mit einer lebhaften Entzckung
zur Tre hereinstrzte, den Vater umarmte und ausrief: Ich bin der glcklichste
Mensch von der Welt! Nach solchen und hnlichen Ausrufen kam es endlich unter
beiden zur Aufklrung. Der Vater bemerkte, da die schne Frau im Gesprch gegen
ihn des Sohnes auch nicht mit einer Silbe erwhnt habe. - Das ist eben ihre
zarte, schweigende, halb schweigende, halb andeutende Manier, wodurch man seiner
Wnsche gewi wird und sich doch immer des Zweifels nicht ganz erwehren kann. So
war sie bisher gegen mich; aber Ihre Gegenwart, mein Vater, hat Wunder getan.
Ich gestehe es gern, da ich zurckblieb, um sie noch einen Augenblick zu sehen.
Ich fand sie in ihren erleuchteten Zimmern auf und ab gehen; denn ich wei wohl,
es ist ihre Gewohnheit: wenn die Gesellschaft weg ist, darf kein Licht
ausgelscht werden. Sie geht allein in ihren Zauberslen auf und ab, wenn die
Geister entlassen sind, die sie hergebannt hat. Sie lie den Vorwand gelten,
unter dessen Schutz ich zurckkam. Sie sprach anmutig, doch von gleichgltigen
Dingen. Wir gingen hin und wider durch die offenen Tren die ganze Reihe der
Zimmer durch. Wir waren schon einigemale bis ans Ende gelangt, in das kleine
Kabinett, das nur von einer trben Lampe erhellt ist. War sie schn, wenn sie
sich unter den Kronleuchtern her bewegte, so war sie es noch unendlich mehr,
beleuchtet von dem sanften Schein der Lampe. Wir waren wieder dahin gekommen und
standen beim Umkehren einen Augenblick still. Ich wei nicht, was mir die
Verwegenheit abntigte, ich wei nicht, wie ich es wagen konnte, mitten im
gleichgltigsten Gesprch auf einmal ihre Hand zu fassen, diese zarte Hand zu
kssen, sie an mein Herz zu drcken. Man zog sie nicht weg. Himmlisches Wesen,
rief ich, verbirg dich nicht lnger vor mir. Wenn in diesem schnen Herzen eine
Neigung wohnt fr den Glcklichen, der vor dir steht, so verhlle sie nicht
lnger, offenbare sie, gestehe sie! es ist die schnste, es ist die hchste
Zeit. Verbanne mich oder nimm mich in deinen Armen auf!
    Ich wei nicht, was ich alles sagte, ich wei nicht, wie ich mich gebrdete.
Sie entfernte sich nicht, sie widerstrebte nicht, sie antwortete nicht. Ich
wagte es, sie in meine Arme zu fassen, sie zu fragen, ob sie die Meinige sein
wolle. Ich kte sie mit Ungestm; sie drngte mich weg. - Ja doch, ja! oder so
etwas sagte sie halblaut und wie verworren. Ich entfernte mich und rief: Ich
sende meinen Vater, der soll fr mich reden! - Kein Wort mit ihm darber!
versetzte sie, indem sie mir einige Schritte nachfolgte. Entfernen Sie sich,
vergessen Sie, was geschehen ist.
    Was der Major dachte, wollen wir nicht entwickeln. Er sagte jedoch zum
Sohne: Was glaubst du nun, was zu tun sei? Die Sache ist, dcht' ich, aus dem
Stegreife gut genug eingeleitet, da wir nun etwas frmlicher zu Werke gehen
knnen, da es vielleicht sehr schicklich ist, wenn ich mich morgen dort melde
und fr dich anhalte. - Um Gottes willen, mein Vater! rief er aus, das hiee
die ganze Sache verderben. Jenes Betragen, jener Ton will durch keine
Frmlichkeit gestrt und verstimmt sein. Es ist genug, mein Vater, da Ihre
Gegenwart diese Verbindung beschleunigt, ohne da Sie ein Wort aussprechen. Ja,
Sie sind es, dem ich mein Glck schuldig bin! Die Achtung meiner Geliebten fr
Sie hat jeden Zweifel besiegt, und niemals wrde der Sohn einen so glcklichen
Augenblick gefunden haben, wenn ihn der Vater nicht vorbereitet htte.
    Solche und hnliche Mitteilungen unterhielten sie bis tief in die Nacht. Sie
vereinigten sich wechselseitig ber ihre Plane; der Major wollte bei der schnen
Witwe nur noch der Form wegen einen Abschiedsbesuch machen und sodann seiner
Verbindung mit Hilarien entgegengehen; der Sohn sollte die seinige befrdern und
beschleunigen, wie es mglich wre.

                                Viertes Kapitel


Der schnen Witwe machte unser Major einen Morgenbesuch, um Abschied zu nehmen
und, wenn es mglich wre, die Absicht seines Sohnes mit Schicklichkeit zu
frdern. Er fand sie in zierlichster Morgenkleidung in Gesellschaft einer ltern
Dame, die durch ein hchst gesittetes, freundliches Wesen ihn alsobald einnahm.
Die Anmut der Jngern, der Anstand der lteren setzten das Paar in das
wnschenswerteste Gleichgewicht, auch schien ihr wechselseitiges Betragen
durchaus dafr zu sprechen, da sie einander angehrten.
    Die Jngere schien eine fleiig gearbeitete, uns von gestern schon bekannte
Brieftasche soeben vollendet zu haben; denn nach den gewhnlichen
Empfangsbegrungen und verbindlichen Worten eines willkommenen Erscheinens
wendete sie sich zur Freundin und reichte das knstliche Werk hin, gleichsam ein
unterbrochenes Gesprch wieder anknpfend: Sie sehen also, da ich doch fertig
geworden bin, wenn es gleich wegen manchen Zgerns und Sumens den Anschein
nicht hatte.
    Sie kommen eben recht, Herr Major, sagte die ltere, unsern Streit zu
entscheiden oder wenigstens sich fr eine oder die andere Partei zu erklren;
ich behaupte, man fngt eine solche weitschichtige Arbeit nicht an, ohne einer
Person zu gedenken, der man sie bestimmt hat, man vollendet sie nicht ohne einen
solchen Gedanken. Beschauen Sie selbst das Kunstwerk, denn so nenn' ich es
billig, ob dergleichen so ganz ohne Zweck unternommen werden knne.
    Unser Major mute der Arbeit freilich allen Beifall zusprechen. Teils
geflochten, teils gestickt, erregte sie zugleich mit der Bewunderung das
Verlangen, zu erfahren, wie sie gemacht sei. Die bunte Seide waltete vor, doch
war auch das Gold nicht verschmht, genug, man wute nicht, ob man Pracht oder
Geschmack mehr bewundern sollte.
    Es ist doch noch einiges daran zu tun, versetzte die Schne, indem sie die
Schleife des umgeschlungenen Bandes wieder aufzog und sich mit dem Innern
beschftigte. Ich will nicht streiten, fuhr sie fort, aber erzhlen will ich,
wie mir bei solchem Geschft zumute ist. Als junge Mdchen werden wir gewhnt,
mit den Fingern zu tifteln und mit den Gedanken umherzuschweifen; beides bleibt
uns, indem wir nach und nach die schwersten und zierlichsten Arbeiten
verfertigen lernen, und ich leugne nicht, da ich an jede Arbeit dieser Art
immer Gedanken angeknpft habe, an Personen, an Zustnde, an Freud und Leid. Und
so ward mir das Angefangene wert und das Vollendete, ich darf wohl sagen,
kostbar. Als ein solches nun durft' ich das Geringste fr etwas halten, die
leichteste Arbeit gewann einen Wert, und die schwierigste doch auch nur dadurch,
da die Erinnerung dabei reicher und vollstndiger war. Freunden und Liebenden,
ehrwrdigen und hohen Personen glaubt' ich daher dergleichen immer anbieten zu
knnen; sie erkannten es auch und wuten, da ich ihnen etwas von meinem
Eigensten berreichte, das, vielfach und unaussprechlich, doch zuletzt zu einer
angenehmen Gabe vereinigt, immer wie ein freundlicher Gru wohlgefllig
aufgenommen ward.
    Auf ein so liebenswrdiges Bekenntnis war freilich kaum eine Erwiderung
mglich; doch wute die Freundin dagegen etwas in wohlklingende Worte zu fgen.
Der Major aber, von jeher gewohnt, die anmutige Weisheit rmischer
Schriftsteller und Dichter zu schtzen und ihre leuchtenden Ausdrcke dem
Gedchtnis einzuprgen, erinnerte sich einiger hierher gar wohl passender Verse,
htete sich aber, um nicht als Pedant zu erscheinen, sie auszusprechen oder auch
ihrer nur zu erwhnen; versuchte jedoch, um nicht stumm und geistlos zu
erscheinen, aus dem Stegreif eine prosaische Paraphrase, die aber nicht recht
gelingen wollte, wodurch das Gesprch beinahe ins Stocken geraten wre.
    Die ltere Dame griff deshalb nach einem bei dem Eintritt des Freundes
niedergelegten Buche; es war eine Sammlung von Poesien, welche soeben die
Aufmerksamkeit der Freundinnen beschftigte; dies gab Gelegenheit, von
Dichtkunst berhaupt zu sprechen, doch blieb die Unterhaltung nicht lange im
Allgemeinen, denn gar bald bekannten die Frauenzimmer zutraulich, da sie von
dem poetischen Talent des Majors unterrichtet seien. Ihnen hatte der Sohn, der
selbst auf den Ehrentitel eines Dichters seine Absichten nicht verbarg, von den
Gedichten seines Vaters vorgesprochen, auch einiges rezitiert; im Grunde, um
sich mit einer poetischen Herkunft zu schmeicheln und, wie es die Jugend gewohnt
ist, sich fr einen vorschreitenden, die Fhigkeiten des Vaters steigernden
Jngling bescheidentlich geben zu knnen. Der Major aber, der sich
zurckzuziehen suchte, da er blo als Literator und Liebhaber gelten wollte,
suchte, da ihm kein Ausweg gelassen war, wenigstens auszuweichen, indem er die
Dichtart, in der er sich allenfalls gebt habe, fr subaltern und fast fr
unecht wollte angesehen wissen; er konnte nicht leugnen, da er in demjenigen,
was man beschreibend und in einem gewissen Sinne belehrend nennt, einige
Versuche gemacht habe.
    Die Damen, besonders die jngere, nahmen sich dieser Dichtart an; sie sagte:
Wenn man vernnftig und ruhig leben will, welches denn doch zuletzt eines jeden
Menschen Wunsch und Absicht bleibt, was soll uns da das aufgeregte Wesen, das
uns willkrlich anreizt, ohne etwas zu geben, das uns beunruhigt, um uns denn
doch zuletzt uns wieder selbst zu berlassen; unendlich viel angenehmer ist mir,
da ich doch einmal der Dichtung nicht gern entbehren mag, jene, die mich in
heitere Gegenden versetzt, wo ich mich wiederzuerkennen glaube, mir den
Grundwert des Einfach-Lndlichen zu Gemte fhrt, mich durch buschige Haine zum
Wald, unvermerkt auf eine Hhe zum Anblick eines Landsees hinfhrt, da denn auch
wohl gegenber erst angebaute Hgel, sodann waldgekrnte Hhen emporsteigen und
die blauen Berge zum Schlu ein befriedigendes Gemlde bilden. Bringt man mir
das in klaren Rhythmen und Reimen, so bin ich auf meinem Sofa dankbar, da der
Dichter ein Bild in meiner Imagination entwickelt hat, an dem ich mich ruhiger
erfreuen kann, als wenn ich es, nach ermdender Wanderschaft, vielleicht unter
andern, ungnstigen Umstnden vor Augen sehe.
    Der Major, der das vorwaltende Gesprch eigentlich nur als Mittel ansah,
seine Zwecke zu befrdern, suchte sich wieder nach der lyrischen Dichtkunst
hinzuwenden, worin sein Sohn wirklich Lbliches geleistet hatte. Man widersprach
ihm nicht geradezu, aber man suchte ihn von dem Wege wegzuscherzen, den er
eingeschlagen hatte, besonders da er auf leidenschaftliche Gedichte hinzudeuten
schien, womit der Sohn der unvergleichlichen Dame die entschiedene Neigung
seines Herzens nicht ohne Kraft und Geschick vorzutragen gesucht hatte. Lieder
der Liebenden, sagte die schne Frau, mag ich weder vorgelesen noch
vorgesungen; glcklich Liebende beneidet man, eh' man sich's versieht, und die
Unglcklichen machen uns immer Langeweile.
    Hierauf nahm die ltere Dame, zu ihrer holden Freundin gewendet, das Wort
auf und sagte: Warum machen wir solche Umschweife, verlieren die Zeit in
Umstndlichkeiten gegen einen Mann, den wir verehren und lieben? Sollen wir ihm
nicht vertrauen, da wir sein anmutiges Gedicht, worin er die wackere
Leidenschaft zur Jagd in allen ihren Einzelheiten vortrgt, schon teilweise zu
kennen das Vergngen haben, und nunmehr ihn bitten, auch das Ganze nicht
vorzuenthalten? Ihr Sohn, fuhr sie fort, hat uns einige Stellen mit
Lebhaftigkeit aus dem Gedchtnis vorgetragen und uns neugierig gemacht, den
Zusammenhang zu sehen. Als nun der Vater abermals auf die Talente des Sohns
zurckkehren und diese hervorheben wollte, lieen es die Damen nicht gelten,
indem sie es fr eine offenbare Ausflucht ansprachen, um die Erfllung ihrer
Wnsche indirekt abzulehnen. Er kam nicht los, bis er unbewunden versprochen
hatte, das Gedicht zu senden, sodann aber nahm das Gesprch eine Wendung, die
ihn hinderte, zugunsten des Sohnes weiter etwas vorzubringen, besonders da ihm
dieser alle Zudringlichkeit abgeraten hatte.
    Da es nun Zeit schien, sich zu beurlauben, und der Freund auch deshalb
einige Bewegung machte, sprach die Schne mit einer Art von Verlegenheit,
wodurch sie nur noch schner ward, indem sie die frisch geknpfte Schleife der
Brieftasche sorgfltig zurechtzupfte: Dichter und Liebhaber sind lngst schon
leider im Ruf, da ihren Versprechen und Zusagen nicht viel zu trauen sei;
verzeihen Sie daher, wenn ich das Wort eines Ehrenmannes in Zweifel zu ziehen
wage und deshalb ein Pfand, einen Treupfennig nicht verlange, sondern gebe.
Nehmen Sie diese Brieftasche, sie hat etwas hnliches von Ihrem Jagdgedicht,
viel Erinnerungen sind daran geknpft, manche Zeit verging unter der Arbeit,
endlich ist sie fertig; bedienen Sie sich derselben als eines Boten, uns Ihre
liebliche Arbeit zu berbringen.
    Bei solch unerwartetem Anerbieten fhlte sich der Major wirklich betroffen;
die zierliche Pracht dieser Gabe hatte so gar kein Verhltnis zu dem, was ihn
gewhnlich umgab, zu dem brigen, dessen er sich bediente, da er sie sich,
obgleich dargereicht, kaum zueignen konnte; doch nahm er sich zusammen, und wie
seinem Erinnern ein berliefertes Gute niemals versagte, so trat eine klassische
Stelle alsbald ihm ins Gedchtnis. Nur wre es pedantisch gewesen, sie
anzufhren, doch regte sie einen heitern Gedanken bei ihm auf, da er aus dem
Stegreife mit artiger Paraphrase einen freundlichen Dank und ein zierliches
Kompliment entgegenzubringen im Falle war; und so schlo sich denn diese Szene
auf eine befriedigende Weise fr die smtlichen Unterredenden.
    Also fand er sich zuletzt nicht ohne Verlegenheit in ein angenehmes
Verhltnis verflochten; er hatte zu senden, zu schreiben zugesagt, sich
verpflichtet, und wenn ihm die Veranlassung einigermaen unangenehm fiel, so
mute er es doch fr ein Glck schtzen, auf eine heitere Weise mit dem
Frauenzimmer in Verhltnis zu bleiben, das bei ihren groen Vorzgen ihm so nah
angehren sollte. Er schied also nicht ohne eine gewisse innere Zufriedenheit;
denn wie sollte der Dichter eine solche Aufmunterung nicht empfinden, dessen
treufleiiger Arbeit, die so lange unbeachtet geruht, nun ganz unerwartet eine
liebenswrdige Aufmerksamkeit zuteil wird.
    Gleich nach seiner Rckkehr ins Quartier setzte der Major sich nieder, zu
schreiben, seiner guten Schwester alles zu berichten, und da war nichts
natrlicher, als da in seiner Darstellung eine gewisse Exaltation sich
hervortat, wie er sie selbst empfand, die aber durch das Einreden seines von
Zeit zu Zeit strenden Sohns noch mehr gesteigert wurde.
    Auf die Baronin machte dieser Brief einen sehr gemischten Eindruck; denn
wenn auch der Umstand, wodurch die Verbindung des Bruders mit Hilarien befrdert
und beschleunigt werden konnte, geeignet war, sie ganz zufriedenzustellen, so
wollte ihr doch die schne Witwe nicht gefallen, ohne da sie sich deswegen
Rechenschaft zu geben gedacht htte. Wir machen bei dieser Gelegenheit folgende
Bemerkung.
    Den Enthusiasmus fr irgendeine Frau mu man einer andern niemals
anvertrauen; sie kennen sich untereinander zu gut, um sich einer solchen
ausschlielichen Verehrung wrdig zu halten. Die Mnner kommen ihnen vor wie
Kufer im Laden, wo der Handelsmann mit seinen Waren, die er kennt, im Vorteil
steht, auch sie in dem besten Lichte vorzuzeigen die Gelegenheit wahrnehmen
kann; dahingegen der Kufer immer mit einer Art Unschuld hereintritt, er bedarf
der Ware, will und wnscht sie und versteht gar selten, sie mit Kenneraugen zu
betrachten. Jener wei recht gut, was er gibt, dieser nicht immer, was er
empfngt. Aber es ist einmal im menschlichen Leben und Umgang nicht zu ndern,
ja so lblich als notwendig, denn alles Begehren und Freien, alles Kaufen und
Tauschen beruht darauf.

In Gefolge solches Empfindens mehr als Betrachtens konnte die Baronesse weder
mit der Leidenschaft des Sohns noch mit der gnstigen Schilderung des Vaters
vllig zufrieden sein; sie fand sich berrascht von der glcklichen Wendung der
Sache, doch lie eine Ahnung wegen doppelter Ungleichheit des Alters sich nicht
abweisen. Hilarie ist ihr zu jung fr den Bruder, die Witwe fr den Sohn nicht
jung genug; indessen hat die Sache ihren Gang genommen, der nicht aufzuhalten
scheint. Ein frommer Wunsch, da alles gut gehen mge, stieg mit einem leisen
Seufzer empor. Um ihr Herz zu erleichtern, nahm sie die Feder und schrieb an
jene menschenkennende Freundin, indem sie nach einem geschichtlichen Eingang
also fortfuhr.

Die Art dieser jungen, verfhrerischen Witwe ist mir nicht unbekannt;
weiblichen Umgang scheint sie abzulehnen und nur eine Frau um sich zu leiden,
die ihr keinen Eintrag tut, ihr schmeichelt und, wenn ihre stummen Vorzge sich
nicht klar genug dartten, sie noch mit Worten und geschickter Behandlung der
Aufmerksamkeit zu empfehlen wei. Zuschauer, Teilnehmer an einer solchen
Reprsentation mssen Mnner sein, daher entsteht die Notwendigkeit, sie
anzuziehen, sie festzuhalten. Ich denke nichts bles von der schnen Frau, sie
scheint anstndig und behutsam genug, aber eine solche lsterne Eitelkeit opfert
den Umstnden auch wohl etwas auf, und, was ich fr das Schlimmste halte: nicht
alles ist reflektiert und vorstzlich, ein gewisses glckliches Naturell leitet
und beschtzt sie, und nichts ist gefhrlicher an so einer gebornen Kokette als
eine aus der Unschuld entspringende Verwegenheit.

Der Major, nunmehr auf den Gtern angelangt, widmete Tag und Stunde der
Besichtigung und Untersuchung. Er fand sich in dem Falle, zu bemerken, da ein
richtiger, wohlgefater Hauptgedanke in der Ausfhrung mannigfaltigen
Hindernissen und dem Durchkreuzen so vieler Zuflligkeiten unterworfen ist, in
dem Grade, da der erste Begriff beinahe verschwindet und fr Augenblicke ganz
und gar unterzugehen scheint, bis mitten in allen Verwirrungen dem Geiste die
Mglichkeit eines Gelingens sich wieder darstellt, wenn wir die Zeit als den
besten Alliierten einer unbesiegbaren Ausdauer uns die Hand bieten sehen.
    Und so wre denn auch hier der traurige Anblick schner, ansehnlicher,
vernachlssigter, mibrauchter Besitzungen zu einem trostlosen Zustande
geworden, htte man nicht durch das verstndige Bemerken einsichtiger konomen
zugleich vorausgesehen, da eine Reihe von Jahren, mit Verstand und Redlichkeit
benutzt, hinreichend sein werde, das Abgestorbene zu beleben und das Stockende
in Umtrieb zu versetzen, um zuletzt durch Ordnung und Ttigkeit seinen Zweck zu
erreichen.
    Der behagliche Obermarschall war angelangt, und zwar mit einem ernsten
Advokaten, doch gab dieser dem Major weniger Besorgnisse als jener, der zu den
Menschen gehrte, die keine Zwecke haben oder, wenn sie einen vor sich sehen,
die Mittel dazu ablehnen. Ein tglich- und stndliches Behagen war ihm das
unerlliche Bedrfnis seines Lebens. Nach langem Zaudern ward es ihm endlich
Ernst, seine Glubiger loszuwerden, die Gterlast abzuschtteln, die Unordnung
seines Hauswesens in Regel zu setzen, eines anstndigen, gesicherten Einkommens
ohne Sorge zu genieen, dagegen aber auch nicht das geringste von den bisherigen
Bruchlichkeiten fahren zu lassen.
    Im ganzen gestand er alles ein, was die Geschwister in den ungetrbten
Besitz der Gter, besonders auch des Hauptgutes, setzen sollte, aber auf einen
gewissen benachbarten Pavillon, in welchem er alle Jahr auf seinen Geburtstag
die ltesten Freunde und die neusten Bekannten einlud, ferner auf den daran
gelegenen Ziergarten, der solchen mit dem Hauptgebude verband, wollte er die
Ansprche nicht vllig aufgeben. Die Meublen alle sollten in dem Lusthause
bleiben, die Kupferstiche an den Wnden sowie auch die Frchte der Spaliere ihm
versichert werden. Pfirsiche und Erdbeeren von den ausgesuchtesten Sorten,
Birnen und pfel, gro und schmackhaft, besonders aber eine gewisse Sorte
grauer, kleiner pfel, die er seit vielen Jahren der Frstin Witwe zu verehren
gewohnt war, sollten ihm treulich geliefert sein. Hieran schlossen sich noch
andere Bedingungen, wenig bedeutend, aber dem Hausherrn, Pchtern, Verwaltern,
Grtnern ungemein beschwerlich.
    Der Obermarschall war brigens von dem besten Humor; denn da er den Gedanken
nicht fahren lie, da alles nach seinen Wnschen, wie es ihm sein leichtes
Temperament vorgespiegelt hatte, sich endlich einrichten wrde, so sorgte er fr
eine gute Tafel, machte sich einige Stunden auf einer mhelosen Jagd die ntige
Bewegung, erzhlte Geschichten auf Geschichten und zeigte durchaus das heiterste
Gesicht; auch schied er auf gleiche Weise, dankte dem Major zum schnsten, da
er so brderlich verfahren, verlangte noch etwas Geld, lie die kleinen
vorrtigen grauen Goldpfel, welche dieses Jahr besonders wohl geraten waren,
sorgfltig einpacken und fuhr mit diesem Schatz, den er als eine willkommene
Verehrung der Frstin zu berreichen gedachte, nach ihrem Witwensitz, wo er denn
auch gndig und freundlich empfangen ward.
    Der Major an seiner Seite blieb mit ganz entgegengesetzten Gefhlen zurck
und wre an den Verschrnkungen, die er vor sich fand, fast verzweifelt, wre
ihm nicht das Gefhl zu Hlfe gekommen, das einen ttigen Mann freudig
aufrichtet, wenn er das Verworrene zu lsen, als entworren vor sich zu sehen
hoffen darf.
    Glcklicherweise war der Advokat ein rechtlicher Mann, der, weil er sonst
viel zu tun hatte, diese Angelegenheit bald beendigte. Ebenso glcklich schlug
sich ein Kammerdiener des Obermarschalls hinzu, der gegen mige Bedingungen in
dem Geschft mitzuwirken versprach, wodurch man einem gedeihlichen Abschlu
entgegensehen durfte. So angenehm aber auch dieses war, so fhlte doch der Major
als ein rechtlicher Mann im Hin- und Widerwirken bei dieser Angelegenheit, es
bedrfe gar manches Unreinen, um ins Reine zu kommen.
    Bei einer Pause des Geschfts, die ihm einige Freiheit lie, eilte er auf
sein Gut, wo er, des Versprechens eingedenk, das er an die schne Witwe getan
und das ihm nicht aus dem Sinne gekommen war, seine Gedichte vorsuchte, die in
guter Ordnung verwahrt lagen; zu gleicher Zeit kamen ihm manche Gedenk- und
Erinnerungsbcher, Auszge beim Lesen alter und neuer Schriftsteller enthaltend,
wieder zur Hand. Bei seiner Vorliebe fr Horaz und die rmischen Dichter war das
meiste daher, und es fiel ihm auf, da die Stellen grtenteils Bedauern
vergangner Zeit, vorbergeschwundner Zustnde und Empfindungen andeuteten. Statt
vieler rcken wir die einzige Stelle hier ein:

Heu!
Quae mens est hodie, cur eadem non puero fuit?
Vel cur his animis incolumes non redeunt genae!

Wie ist heut mir doch zumute?
So vergnglich und so klar!
Da bei frischem Knabenblute
Mir so wild, so dster war.
Doch wenn mich die Jahre zwacken,
Wie auch wohlgemut ich sei,
Denk' ich jene roten Backen,
Und ich wnsche sie herbei.

Nachdem unser Freund nun aus wohlgeordneten Papieren das Jagdgedicht gar bald
herausgefunden, erfreute er sich an der sorgfltigen Reinschrift, wie er sie vor
Jahren mit lateinischen Lettern, gro Oktav, zierlichst verfat hatte. Die
kstliche Brieftasche von bedeutender Gre nahm das Werk ganz bequem auf, und
nicht leicht hat ein Autor sich so prchtig eingebunden gesehen. Einige Zeilen
dazu waren hchst notwendig; Prosaisches aber kaum zulssig. Jene Stelle des
Ovid fiel ihm wieder ein, und er glaubte jetzt durch eine poetische
Umschreibung, so wie damals durch eine prosaische, sich am besten aus der Sache
zu ziehen. Sie hie:

Nec factas solum vestes spectare juvabat,
Tum quoque dum fierent; tantus decor adfuit arti.

                                  Zu Deutsch:

Ich sah's in meisterlichen Hnden
- Wie denk' ich gern der schnen Zeit! -
Sich erst entwickeln, dann vollenden
Zu nie gesehner Herrlichkeit.
Zwar ich besitz' es gegenwrtig,
Doch soll ich mir nur selbst gestehn:
Ich wollt', es wre noch nicht fertig,
Das Machen war doch gar zu schn!

Mit diesem bertragenen war unser Freund nur wenige Zeit zufrieden; er tadelte,
da er das schne flektierte Verbum: dum fierent, in ein traurig abstraktes
Substantivum verndert habe, und es verdro ihn, bei allem Nachdenken die Stelle
doch nicht verbessern zu knnen. Nun ward auf einmal seine Vorliebe zu den alten
Sprachen wieder lebendig, und der Glanz des Deutschen Parnasses, auf den er doch
auch im stillen hinaufstrebte, schien ihm sich zu verdunkeln.
    Endlich aber, da er dieses heitere Kompliment, mit dem Urtexte unverglichen,
noch ganz artig fand und glauben durfte, da ein Frauenzimmer es ganz wohl
aufnehmen wrde, so entstand eine zweite Bedenklichkeit: da, da man in Versen
nicht galant sein kann, ohne verliebt zu scheinen, er dabei als knftiger
Schwiegervater eine wunderliche Rolle spiele. Das Schlimmste jedoch fiel ihm
zuletzt ein: jene Ovidischen Verse werden von Arachnen gesagt, einer ebenso
geschickten als hbschen und zierlichen Weberin. Wurde nun aber diese durch die
neidische Minerva in eine Spinne verwandelt, so war es gefhrlich, eine schne
Frau, mit einer Spinne, wenn auch nur von ferne, verglichen, im Mittelpunkte
eines ausgebreiteten Netzes schweben zu sehen. Konnte man sich doch unter der
geistreichen Gesellschaft, welche unsre Dame umgab, einen Gelehrten denken,
welcher diese Nachbildung ausgewittert htte. Wie sich nun der Freund aus einer
solchen Verlegenheit gezogen, ist uns selbst unbekannt geblieben, und wir mssen
diesen Fall unter diejenigen rechnen, ber welche die Musen auch wohl einen
Schleier zu werfen sich die Schalkheit erlauben. Genug, das Jagdgedicht selbst
ward abgesendet, von welchem wir jedoch einige Worte nachzubringen haben.
    Der Leser desselben belustigt sich an der entschiedenen Jagdliebhaberei und
allem, was sie begnstigen mag; erfreulich ist der Jahreszeitenwechsel, der sie
mannigfaltig aufruft und anregt. Die Eigenheiten smtlicher Geschpfe, denen man
nachstellt, die man zu erlegen gesinnt ist, die verschiedenen Charaktere der
Jger, die sich dieser Lust, dieser Mhe hingeben, die Zuflligkeiten, wie sie
befrdern oder schdigen: alles war, besonders was auf das Geflgel Bezug hatte,
mit der besten Laune dargestellt und mit groer Eigentmlichkeit behandelt.
    Von der Auerhahnbalz bis zum zweiten Schnepfenstrich und von da bis zur
Rabenhtte war nichts versumt, alles wohl gesehen, klar aufgenommen,
leidenschaftlich verfolgt, leicht und scherzhaft, oft ironisch dargestellt.
    Jenes elegische Thema klang jedoch durch das Ganze durch; es war mehr als
ein Abschied von diesen Lebensfreuden verfat, wodurch es zwar einen
gefhlvollen Anstrich des heiter Durchlebten gewann und sehr wohlttig wirkte,
aber doch zuletzt, wie jene Sinnsprche, nach dem Genu ein gewisses Leere
empfinden lie. War es das Umblttern dieser Papiere oder sonst ein
augenblickliches Mibefinden, der Major fhlte sich nicht heiter gestimmt. Da
die Jahre, die zuerst eine schne Gabe nach der andern bringen, sie alsdann nach
und nach wieder entziehen, schien er auf dem Scheidepunkt, wo er sich befand,
auf einmal lebhaft zu fhlen. Eine versumte Badereise, ein ohne Genu
verstrichener Sommer, Mangel an stetiger gewohnter Bewegung, alles lie ihn
gewisse krperliche Unbequemlichkeiten empfinden, die er fr wirkliche bel nahm
und sich ungeduldiger dabei bewies, als billig sein mochte.
    Wie aber den Frauen der Augenblick, wo ihre bisher unbestrittene Schnheit
zweifelhaft werden will, hchst peinlich ist, so wird den Mnnern in gewissen
Jahren, obgleich noch im vlligen Vigor, das leiseste Gefhl einer
unzulnglichen Kraft uerst unangenehm, ja gewissermaen ngstlich.
    Ein anderer eintretender Umstand jedoch, der ihn htte beunruhigen sollen,
verhalf ihm zu der besten Laune. Sein kosmetischer Kammerdiener, der ihn auch
bei dieser Landpartie nicht verlassen hatte, schien einige Zeit her einen andern
Weg einzuschlagen, wozu ihn frhes Aufstehn des Majors, tgliches Ausreiten und
Umhergehen desselben sowie der Zutritt mancher Beschftigten, auch bei der
Gegenwart des Obermarschalls mehrerer Geschftslosen zu ntigen schien. Mit
allen Kleinigkeiten, die nur die Sorgfalt eines Mimen zu beschftigen das Recht
hatten, lie er den Major schon einige Zeit verschont, aber desto strenger hielt
er auf einige Hauptpunkte, welche bisher durch ein geringeres Hokuspokus waren
verschleiert gewesen. Alles, was nicht nur den Schein der Gesundheit bezwecken,
sondern was die Gesundheit selbst aufrechterhalten sollte, ward eingeschrft,
besonders aber Ma in allem und Abwechselung nach den Vorkommenheiten, Sorgfalt
sodann fr Haut und Haare, fr Augenbraunen und Zhne, fr Hnde und Ngel, fr
deren zierlichste Form und schicklichste Lnge der Wissende schon lnger gesorgt
hatte. Dabei wurde Migung aber- und abermals in allem, was den Menschen aus
seinem Gleichgewicht zu bringen pflegt, dringend anempfohlen, worauf denn dieser
Schnheits-Erhaltungs-Lehrer sich seinen Abschied erbat, weil er seinem Herrn
nichts mehr ntze sei. Indes konnte man denken, da er sich doch wohl wieder zu
seinem vorigen Patron zurckwnschen mochte, um den mannigfaltigen Vergngungen
eines theatralischen Lebens fernerhin sich ergeben zu knnen.
    Und wirklich tat es dem Major sehr wohl, wieder sich selbst gegeben zu sein.
Der verstndige Mann braucht sich nur zu migen, so ist er auch glcklich. Er
mochte sich der herkmmlichen Bewegung des Reitens, der Jagd und was sich daran
knpft, wieder mit Freiheit bedienen, die Gestalt Hilariens trat in solchen
einsamen Momenten wieder freudig hervor, und er fgte sich in den Zustand des
Brutigams, vielleicht den anmutigsten, der uns in dem gesitteten Kreise des
Lebens gegnnt ist.
    Schon einige Monate waren die smtlichen Familienglieder ohne besondere
Nachricht voneinander geblieben; der Major beschftigte sich, in der Residenz
gewisse Einwilligungen und Besttigungen seines Geschfts abschlielich zu
negoziieren; die Baronin und Hilarie richteten ihre Ttigkeit auf die heiterste,
reichlichste Ausstattung; der Sohn, seiner Schnen mit Leidenschaft
dienstpflichtig, schien hierber alles zu vergessen. Der Winter war angekommen
und umgab alle lndlichen Wohnungen mit unerfreulichen Sturmregen und
frhzeitigen Finsternissen.
    Wer heute durch eine dstre Novembernacht sich in der Gegend des adeligen
Schlosses verirrt htte und bei dem schwachen Lichte eines bedeckten Mondes
cker, Wiesen, Baumgruppen, Hgel und Gebsche dster vor sich liegen she, auf
einmal aber bei einer schnellen Wendung um eine Ecke die ganz erleuchtete
Fensterreihe eines langen Gebudes vor sich erblickte, er htte gewi geglaubt,
eine festlich geschmckte Gesellschaft dort anzutreffen. Wie sehr verwundert
mte er aber sein, von wenigen Bedienten erleuchtete Treppen hinaufgefhrt, nur
drei Frauenzimmer, die Baronin, Hilarien und das Kammermdchen, in hellen
Zimmern zwischen klaren Wnden, neben freundlichem Hausrat, durchaus erwrmt und
behaglich, zu erblicken.
    Da wir nun aber die Baronin in einem festlichen Zustande zu berraschen
glauben, so ist es notwendig, zu bemerken, da diese glnzende Erleuchtung hier
nicht als auerordentlich anzusehen sei, sondern zu den Eigenheiten gehre,
welche die Dame aus ihrem frhern Leben mit herbergebracht hatte. Als Tochter
einer Oberhofmeisterin bei Hof erzogen, war sie gewohnt, den Winter allen
brigen Jahrszeiten vorzuziehen und den Aufwand einer stattlichen Erleuchtung
zum Element aller ihrer Gensse zu machen. Zwar an Wachskerzen fehlte es
niemals, aber einer ihrer ltesten Diener hatte so groe Lust an
Knstlichkeiten, da nicht leicht eine neue Lampenart entdeckt wurde, die er im
Schlosse hie und da einzufhren nicht wre bemht gewesen, wodurch denn zwar die
Erhellung mitunter lebhaft gewann, aber auch wohl gelegentlich hie und da eine
partielle Finsternis eintrat.
    Die Baronin hatte den Zustand einer Hofdame durch Verbindung mit einem
bedeutenden Gutsbesitzer und entschiedenen Landwirt aus Neigung und
wohlbedchtig vertauscht, und ihr einsichtiger Gemahl hatte, da ihr das
Lndliche anfangs nicht zusagte, mit Einstimmung seiner Nachbarn, ja nach den
Anordnungen der Regierung, die Wege mehrere Meilen ringsumher so gut
hergestellt, da die nachbarlichen Verbindungen nirgends in so gutem Stande
gefunden wurden; doch war eigentlich bei dieser lblichen Anstalt die
Hauptabsicht, da die Dame, besonders zur guten Jahrszeit, berall hinrollen
konnte; dagegen aber im Winter gern huslich bei ihm verweilte, indem er durch
Erleuchtung die Nacht dem Tag gleich zu machen wute. Nach dem Tode des Gemahls
gab die leidenschaftliche Sorge fr ihre Tochter genugsame Beschftigung, der
ftere Besuch des Bruders herzliche Unterhaltung und die gewohnte Klarheit der
Umgebung ein Behagen, das einer wahren Befriedigung gleichsah.
    Den heutigen Tag war jedoch diese Erleuchtung recht am Platze; denn wir
sehen in einem der Zimmer eine Art von Christbescherung aufgestellt, in die
Augen fallend und glnzend. Das kluge Kammermdchen hatte den Kammerdiener dahin
vermocht, die Erleuchtung zu steigern, und dabei alles zusammengelegt und
ausgebreitet, was zur Ausstattung Hilariens bisher vorgearbeitet worden,
eigentlich in der listigen Absicht, mehr das Fehlende zur Sprache zu bringen als
dasjenige zu erheben, was schon geleistet war. Alles Notwendige fand sich, und
zwar aus den feinsten Stoffen und von der zierlichsten Arbeit; auch an
Willkrlichem war kein Mangel, und doch wute Ananette berall da noch eine
Lcke anschaulich zu machen, wo man ebensogut den schnsten Zusammenhang htte
finden knnen. Wenn nun alles Weizeug, stattlich ausgekramt, die Augen
blendete, Leinwand, Musselin und alle die zarteren Stoffe der Art, wie sie auch
Namen haben mgen, genugsames Licht umherwarfen, so fehlte doch alles bunte
Seidene, mit dessen Ankauf man weislich zgerte, weil man bei sehr
vernderlicher Mode das Allerneueste als Gipfel und Abschlu hinzufgen wollte.
    Nach diesem heitersten Anschauen schritten sie wieder zu ihrer gewhnlichen,
obgleich mannigfaltigen Abendunterhaltung. Die Baronin, die recht gut erkannte,
was ein junges Frauenzimmer, wohin das Schicksal sie auch fhren mochte, bei
einem glcklichen uern auch von innen heraus anmutig und ihre Gegenwart
wnschenswert macht, hatte in diesem lndlichen Zustande so viele abwechselnde
und bildende Unterhaltungen einzuleiten gewut, da Hilarie bei ihrer groen
Jugend schon berall zu Hause schien, bei keinem Gesprch sich fremd erwies und
doch dabei ihren Jahren vllig gem sich erzeigte. Wie dies geleistet werden
konnte, zu entwickeln, wrde zu weitlufig sein; genug, dieser Abend war auch
ein Musterbild des bisherigen Lebens. Ein geistreiches Lesen, ein anmutiges
Pianospiel, ein lieblicher Gesang zog sich durch die Stunden durch, zwar wie
sonst gefllig und regelmig, aber doch mit mehr Bedeutung; man hatte einen
Dritten im Sinne, einen geliebten, verehrten Mann, dem man dieses und so manches
andere zum freundlichsten Empfang vorbte. Es war ein brutliches Gefhl, das
nicht nur Hilarien mit den sesten Empfindungen belebte; die Mutter mit feinem
Sinne nahm ihren reinen Teil daran, und selbst Ananette, sonst nur klug und
ttig, mute sich gewissen entfernten Hoffnungen hingeben, die ihr einen
abwesenden Freund als zurckkehrend, als gegenwrtig vorspiegelten. Auf diese
Weise hatten sich die Empfindungen aller drei in ihrer Art liebenswrdigen
Frauen mit der sie umgebenden Klarheit, mit einer wohlttigen Wrme, mit dem
behaglichsten Zustande ins gleiche gestellt.

                                Fnftes Kapitel


Heftiges Pochen und Rufen an dem uersten Tor, Wortwechsel drohender und
fordernder Stimmen, Licht- und Fackelschein im Hofe unterbrachen den zarten
Gesang. Aber gedmpft war der Lrm, ehe man dessen Ursache erfahren hatte; doch
ruhig ward es nicht, auf der Treppe Gerusch und lebhaftes Hin-und Hersprechen
heraufkommender Mnner. Die Tre sprang auf ohne Meldung, die Frauen entsetzten
sich. Flavio strzte herein in schauderhafter Gestalt, verworrenen Hauptes, auf
dem die Haare teils borstig starrten, teils vom Regen durchnt niederhingen;
zerfetzten Kleides, wie eines, der durch Dorn und Dickicht durchgestrmt,
greulich beschmutzt, als durch Schlamm und Sumpf herangewadet.
    Mein Vater! rief er aus, wo ist mein Vater? Die Frauen standen bestrzt;
der alte Jger, sein frhster Diener und liebevollster Pfleger, mit ihm
eintretend, rief ihm zu: Der Vater ist nicht hier, besnftigen Sie sich; hier
ist Tante, hier ist Nichte, sehen Sie hin! - Nicht hier, nun so lat mich weg,
ihn zu suchen; er allein soll's hren, dann will ich sterben. Lat mich von den
Lichtern weg, von dem Tag, er blendet mich, er vernichtet mich.
    Der Hausarzt trat ein, ergriff seine Hand, vorsichtig den Puls fhlend,
mehrere Bediente standen ngstlich umher. - Was soll ich auf diesen Teppichen,
ich verderbe sie, ich zerstre sie; mein Unglck truft auf sie herunter, mein
verworfenes Geschick besudelt sie. - Er drngte sich gegen die Tre, man
benutzte das Bestreben, um ihn wegzufhren und in das entfernte Gastzimmer zu
bringen, das der Vater zu bewohnen pflegte. Mutter und Tochter standen erstarrt,
sie hatten Orest gesehen, von Furien verfolgt, nicht durch Kunst veredelt, in
greulicher, widerwrtiger Wirklichkeit, die im Kontrast mit einer behaglichen
Glanzwohnung im klarsten Kerzenschimmer nur desto frchterlicher schien.
Erstarrt sahen die Frauen sich an, und jede glaubte in den Augen der andern das
Schreckbild zu sehen, das sich so tief in die ihrigen eingeprgt hatte.
    Mit halber Besonnenheit sendete darauf die Baronin Bedienten auf Bedienten,
sich zu erkundigen. Sie erfuhren zu einiger Beruhigung, da man ihn auskleide,
trockne, besorge; halb gegenwrtig, halb unbewut lasse er alles geschehen.
Wiederholtes Anfragen wurde zur Geduld verwiesen.
    Endlich vernahmen die bengstigten Frauen, man habe ihm zur Ader gelassen
und sonst alles Besnftigende mglichst angewendet; er sei zur Ruhe gebracht,
man hoffe Schlaf.
    Mitternacht kam heran, die Baronin verlangte, wenn er schlafe, ihn zu sehen;
der Arzt widerstand, der Arzt gab nach; Hilarie drngte sich mit der Mutter
herein. Das Zimmer war dunkel, nur eine Kerze dmmerte hinter dem grnen Schirm,
man sah wenig, man hrte nichts; die Mutter nherte sich dem Bette, Hilarie,
sehnsuchtsvoll, ergriff das Licht und beleuchtete den Schlafenden. So lag er
abgewendet, aber ein hchst zierliches Ohr, eine volle Wange, jetzt bllich,
schienen unter den schon wieder sich krausenden Locken auf das anmutigste
hervor, eine ruhende Hand und ihre lnglichen, zartkrftigen Finger zogen den
unsteten Blick an. Hilarie, leise atmend, glaubte selbst einen leisen Atem zu
vernehmen, sie nherte die Kerze, wie Psyche in Gefahr, die heilsamste Ruhe zu
stren. Der Arzt nahm die Kerze weg und leuchtete den Frauen nach ihren Zimmern.
    Wie diese guten, alles Anteils wrdigen Personen ihre nchtlichen Stunden
zugebracht, ist uns ein Geheimnis geblieben; den andern Morgen aber von frh an
zeigten sich beide hchst ungeduldig. Des Anfragens war kein Ende, der Wunsch,
den Leidenden zu sehen, bescheiden, doch dringend; nur gegen Mittag erlaubte der
Arzt einen kurzen Besuch.
    Die Baronin trat hinzu, Flavio reichte die Hand hin - Verzeihung, liebste
Tante, einige Geduld, vielleicht nicht lange - Hilarie trat hervor, auch ihr
gab er die Rechte - Gegrt, liebe Schwester - das fuhr ihr durchs Herz, er
lie nicht los, sie sahen einander an, das herrlichste Paar, kontrastierend im
schnsten Sinne. Des Jnglings schwarze, funkelnde Augen stimmten zu den
dstern, verwirrten Locken; dagegen stand sie scheinbar himmlisch in Ruhe, doch
zu dem erschtternden Begebnis gesellte sich nun die ahnungsvolle Gegenwart. Die
Benennung Schwester - ihr Allerinnerstes war aufgeregt. Die Baronin sprach:
Wie geht es, lieber Neffe? - Ganz leidlich, aber man behandelt mich bel. -
Wieso? - Da haben sie mir Blut gelassen, das ist grausam; sie haben es
weggeschafft, das ist frech; es gehrt ja nicht mein, es gehrt alles, alles
ihre. Mit diesen Worten schien sich seine Gestalt zu verwandeln, doch mit
heien Trnen verbarg er sein Antlitz ins Kissen.
    Hilariens Miene zeigte der Mutter einen furchtbaren Ausdruck, es war, als
wenn das liebe Kind die Pforten der Hlle vor sich erffnet she, zum erstenmal
ein Ungeheures erblickte und fr ewig. Rasch, leidenschaftlich eilte sie durch
den Saal, warf sich im letzten Kabinett auf den Sofa, die Mutter folgte und
fragte, was sie leider schon begriff. Hilarie, wundersam aufblickend, rief: Das
Blut, das Blut, es gehrt alles ihre, alles ihre, und sie ist es nicht wert. Der
Unglckselige! der Arme! Mit diesen Worten erleichterte der bitterste
Trnenstrom das bedrngte Herz.

Wer unternhme es wohl, die aus dem Vorhergehenden sich entwickelnden Zustnde
zu enthllen, an den Tag zu bringen das innere, aus dieser ersten Zusammenkunft
den Frauen erwachsende Unheil? Auch dem Leidenden war sie hchst schdlich, so
behauptete wenigstens der Arzt, der zwar oft genug zu berichten und zu trsten
kam, aber sich doch verpflichtet fhlte, alles weitere Annhern zu verbieten.
Dabei fand er auch eine willige Nachgiebigkeit, die Tochter wagte nicht zu
verlangen, was die Mutter nicht zugegeben htte, und so gehorchte man dem Gebot
des verstndigen Mannes. Dagegen brachte er aber die beruhigende Nachricht,
Flavio habe Schreibzeug verlangt, auch einiges aufgezeichnet, es aber sogleich
neben sich im Bette versteckt. Nun gesellte sich Neugierde zu der brigen Unruhe
und Ungeduld, es waren peinliche Stunden. Nach einiger Zeit brachte er jedoch
ein Blttchen von schner, freier Hand, obgleich mit Hast geschrieben, es
enthielt folgende Zeilen:

Ein Wunder ist der arme Mensch geboren,
In Wundern ist der irre Mensch verloren,
Nach welcher dunklen, schwer entdeckten Schwelle
Durchtappen pfadlos ungewisse Schritte?
Dann in lebendigem Himmelsglanz und Mitte
Gewahr', empfind' ich Nacht und Tod und Hlle.

Hier nun konnte die edle Dichtkunst abermals ihre heilenden Krfte erweisen.
Innig verschmolzen mit Musik, heilt sie alle Seelenleiden aus dem Grunde, indem
sie solche gewaltig anregt, hervorruft und in auflsenden Schmerzen
verflchtigt. Der Arzt hatte sich berzeugt, da der Jngling bald wieder
herzustellen sei; krperlich gesund, werde er schnell sich wieder froh fhlen,
wenn die auf seinem Geist lastende Leidenschaft zu heben oder zu lindern wre.
Hilarie sann auf Erwiderung; sie sa am Flgel und versuchte die Zeilen des
Leidenden mit Melodie zu begleiten. Es gelang ihr nicht, in ihrer Seele klang
nichts zu so tiefen Schmerzen; doch bei diesem Versuch schmeichelten Rhythmus
und Reim sich dergestalt an ihre Gesinnungen an, da sie jenem Gedicht mit
lindernder Heiterkeit entgegnete, indem sie sich Zeit nahm, folgende Strophe
auszubilden und abzurunden:

Bist noch so tief in Schmerz und Qual verloren,
So bleibst du doch zum Jugendglck geboren;
Ermanne dich zu rasch gesundem Schritte,
Komm in der Freundschaft Himmelsglanz und Helle,
Empfinde dich in treuer Guten Mitte,
Da spriee dir des Lebens heitre Quelle.

Der rztliche Hausfreund bernahm die Botschaft, sie gelang, schon erwiderte der
Jngling gemigt; Hilarie fuhr mildernd fort, und so schien man nach und nach
wieder einen heitern Tag, einen freien Boden zu gewinnen, und vielleicht ist es
uns vergnnt, den ganzen Verlauf dieser holden Kur gelegentlich mitzuteilen.
Genug, einige Zeit verstrich in solcher Beschftigung hchst angenehm; ein
ruhiges Wiedersehen bereitete sich vor, das der Arzt nicht lnger als ntig zu
verspten gedachte.
    Indessen hatte die Baronin mit Ordnen und Zurechtlegen alter Papiere sich
beschftigt, und diese dem gegenwrtigen Zustande ganz angemessene Unterhaltung
wirkte gar wundersam auf den erregten Geist. Sie sah manche Jahre ihres Lebens
zurck, schwere drohende Leiden waren vorbergegangen, deren Betrachtung den Mut
fr den Moment krftigte; besonders rhrte sie die Erinnerung an ein schnes
Verhltnis zu Makarien, und zwar in bedenklichen Zustnden. Die Herrlichkeit
jener einzigen Frau ward ihr wieder vor die Seele gebracht und sogleich der
Entschlu gefat, sich auch diesmal an sie zu wenden: denn zu wem sonst htte
sie ihre gegenwrtigen Gefhle richten, wem sonst Furcht und Hoffnung offen
bekennen sollen?
    Bei dem Aufrumen fand sie aber auch unter andern des Bruders
Miniaturportrt und mute ber die hnlichkeit mit dem Sohne lchelnd seufzen.
Hilarie berraschte sie in diesem Augenblick, bemchtigte sich des Bildes, und
auch sie ward von jener hnlichkeit wundersam betroffen.
    So verging einige Zeit; endlich mit Vergnstigung des Arztes und in seinem
Geleite trat Flavio angemeldet zum Frhstck herein. Die Frauen hatten sich vor
dieser ersten Erscheinung gefrchtet. Wie aber gar oft in bedeutenden, ja
schrecklichen Momenten etwas Heiteres, ja Lcherliches sich zu ereignen pflegt,
so glckte es auch hier. Der Sohn kam vllig in des Vaters Kleidern; denn da von
seinem Anzug nichts zu brauchen war, so hatte man sich der Feld- und
Hausgarderobe des Majors bedient, die er, zu bequemem Jagd- und Familienleben,
bei der Schwester in Verwahrung lie. Die Baronin lchelte und nahm sich
zusammen; Hilarie war, sie wute nicht wie, betroffen, genug, sie wendete das
Gesicht weg, und dem jungen Manne wollte in diesem Augenblick weder ein
herzliches Wort von den Lippen noch eine Phrase glcken. Um nun smtlicher
Gesellschaft aus der Verlegenheit zu helfen, begann der Arzt eine Vergleichung
beider Gestalten. Der Vater sei etwas grer, hie es, und deshalb der Rock
etwas zu lang; dieser sei etwas breiter, deshalb der Rock ber die Schulter zu
eng. Beide Miverhltnisse gaben dieser Maskerade ein komisches Ansehen.
    Durch diese Einzelnheiten jedoch kam man ber das Bedenkliche des
Augenblicks hinaus. Fr Hilarien freilich blieb die hnlichkeit des jugendlichen
Vaterbildes mit der frischen Lebensgegenwart des Sohnes unheimlich, ja
bedrngend.
    Nun aber wnschten wir wohl den nchsten Zeitverlauf von einer zarten
Frauenhand umstndlich geschildert zu sehen, da wir nach eigener Art und Weise
uns nur mit dem Allgemeinsten befassen drfen. Hier mu denn nun von dem Einflu
der Dichtkunst abermals die Rede sein.
    Ein gewisses Talent konnte man unserm Flavio nicht absprechen, es bedurfte
jedoch nur zu sehr eines leidenschaftlich-sinnlichen Anlasses, wenn etwas
Vorzgliches gelingen sollte; deswegen denn auch fast alle Gedichte, jener
unwiderstehlichen Frau gewidmet, hchst eindringend und lobenswert erschienen
und nun, einer gegenwrtigen, hchst liebenswrdigen Schnen mit
enthusiastischem Ausdruck vorgelesen, nicht geringe Wirkung hervorbringen
muten.
    Ein Frauenzimmer, das eine andere leidenschaftlich geliebt sieht, bequemt
sich gern zu der Rolle einer Vertrauten; sie hegt ein heimlich, kaum bewutes
Gefhl, da es nicht unangenehm sein mte, sich an die Stelle der Angebeteten
leise gehoben zu sehen. Auch ging die Unterhaltung immer mehr und mehr ins
Bedeutende. Wechselgedichte, wie sie der Liebende gern verfat, weil er sich von
seiner Schnen, wenn auch nur bescheiden, halb und halb kann erwidern lassen,
was er wnscht und was er aus ihrem schnen Munde zu hren kaum erwarten drfte.
Dergleichen wurden mit Hilarien auch wechselsweise gelesen, und zwar, da es nur
aus der einen Handschrift geschah, in welche man beiderseits, um zu rechter Zeit
einzufallen, hineinschauen und zu diesem Zweck jedes das Bndchen anfassen
mute, so fand sich, da man, nahe sitzend, nach und nach Person an Person, Hand
an Hand immer nher rckte und die Gelenke sich ganz natrlich zuletzt im
verborgnen berhrten.
    Aber bei diesen schnen Verhltnissen, unter solchen daraus entspringenden
allerliebsten Annehmlichkeiten fhlte Flavio eine schmerzliche Sorge, die er
schlecht verbarg und immerfort nach der Ankunft seines Vaters sich sehnend, zu
bemerken gab, da er diesem das Wichtigste zu vertrauen habe. Dieses Geheimnis
indes wre, bei einigem Nachdenken, nicht schwer zu erraten gewesen. Jene
reizende Frau mochte in einem bewegten, von dem zudringlichen Jngling
hervorgerufnen Momente den Unglcklichen entschieden abgewiesen und die bisher
hartnckig behauptete Hoffnung aufgehoben und zerstrt haben. Eine Szene, wie
dies zugegangen, wagten wir nicht zu schildern, aus Furcht hier mchte uns die
jugendliche Glut ermangeln. Genug, er war so wenig bei sich selbst, da er sich
eiligst aus der Garnison ohne Urlaub entfernte und, um seinen Vater aufzusuchen,
durch Nacht, Sturm und Regen nach dem Landgut seiner Tante verzweifelnd zu
gelangen trachtete, wie wir ihn auch vor kurzem haben ankommen sehen. Die Folgen
eines solchen Schrittes fielen ihm nun bei Rckkehr nchterner Gedanken lebhaft
auf, und er wute, da der Vater immer lnger ausblieb und er die einzige
mgliche Vermittlung entbehren sollte, sich weder zu fassen noch zu retten.
    Wie erstaunt und betroffen war er deshalb, als ihm ein Brief seines Obristen
eingehndigt wurde, dessen bekanntes Siegel er mit Zaudern und Bangigkeit
auflste, der aber nach den freundlichsten Worten damit endigte, da der ihm
erteilte Urlaub noch um einen Monat sollte verlngert werden.
    So unerklrlich nun auch diese Gunst schien, so ward er doch dadurch von
einer Last befreit, die sein Gemt fast ngstlicher als die verschmhte Liebe
selbst zu drcken begann. Er fhlte nun ganz das Glck, bei seinen
liebenswrdigen Verwandten so wohl aufgehoben zu sein; er durfte sich der
Gegenwart Hilariens erfreuen und war nach kurzem in allen seinen
angenehm-geselligen Eigenschaften wiederhergestellt, die ihn der schnen Witwe
selbst sowohl als ihrer Umgebung auf eine Zeitlang notwendig gemacht hatten und
nur durch eine peremtorische Forderung ihrer Hand fr immer verfinstert worden.
    In solcher Stimmung konnte man die Ankunft des Vaters gar wohl erwarten,
auch wurden sie durch eintretende Naturereignisse zu einer ttigen Lebensweise
aufgeregt. Das anhaltende Regenwetter, das sie bisher in dem Schlo
zusammenhielt, hatte berall, in groen Wassermassen niedergehend, Flu um Flu
angeschwellt; es waren Dmme gebrochen, und die Gegend unter dem Schlosse lag
als ein blanker See, aus welchem die Dorfschaften, Meierhfe, grere und
kleinere Besitztmer, zwar auf Hgeln gelegen, doch immer nur inselartig
hervorschauten.
    Auf solche zwar seltene, aber denkbare Flle war man eingerichtet; die
Hausfrau befahl, und die Diener fhrten aus. Nach der ersten allgemeinsten
Beihlfe ward Brot gebacken, Stiere wurden geschlachtet, Fischerkhne fuhren hin
und her, Hlfe und Vorsorge nach allen Enden hin verbreitend. Alles fgte sich
schn und gut, das freundlich Gegebene ward freudig und dankbar aufgenommen, nur
an einem Orte wollte man den austeilenden Gemeindevorstehern nicht trauen;
Flavio bernahm das Geschft und fuhr mit einem wohlbeladenen Kahn eilig und
glcklich zur Stelle. Das einfache Geschft, einfach behandelt, gelang zum
besten; auch entledigte sich, weiterfahrend, unser Jngling eines Auftrags, den
ihm Hilarie beim Scheiden gegeben. Gerade in den Zeitpunkt dieser Unglckstage
war die Niederkunft einer Frau gefallen, fr die sich das schne Kind besonders
interessierte. Flavio fand die Wchnerin und brachte allgemeinen und diesen
besondern Dank mit nach Hause. Dabei konnte es nun an mancherlei Erzhlungen
nicht fehlen. War auch niemand umgekommen, so hatte man von wunderbaren
Rettungen, von seltsamen, scherzhaften, ja lcherlichen Ereignissen viel zu
sprechen; manche notgedrungene Zustnde wurden interessant beschrieben. Genug,
Hilarie empfand auf einmal ein unwiderstehliches Verlangen, gleichfalls eine
Fahrt zu unternehmen, die Wchnerin zu begren, zu beschenken und einige
heitere Stunden zu verleben.
    Nach einigem Widerstand der guten Mutter siegte endlich der freudige Wille
Hilariens, dieses Abenteuer zu bestehen, und wir wollen gern bekennen, in dem
Laufe, wie diese Begebenheit uns bekannt geworden, einigermaen besorgt gewesen
zu sein, es mge hier einige Gefahr obschweben, ein Stranden, ein Umschlagen des
Kahns, Lebensgefahr der Schnen, khne Rettung von seiten des Jnglings, um das
lose geknpfte Band noch fester zu ziehen. Aber von allem diesem war nicht die
Rede, die Fahrt lief glcklich ab, die, Wchnerin ward besucht und beschenkt;
die Gesellschaft des Arztes blieb nicht ohne gute Wirkung, und wenn hier und da
ein kleiner Ansto sich hervortat, wenn der Anschein eines gefhrlichen Moments
die Fortrudernden zu beunruhigen schien, so endete solches nur mit neckendem
Scherz, da eins dem andern eine ngstliche Miene, eine grere Verlegenheit,
eine furchtsame Gebrde wollte abgemerkt haben. Indessen war das wechselseitige
Vertrauen bedeutend gewachsen; die Gewohnheit, sich zu sehen und unter allen
Umstnden zusammen zu sein, hatte sich verstrkt, und die gefhrliche Stellung,
wo Verwandtschaft und Neigung zum wechselseitigen Annhern und Festhalten sich
berechtigt glauben, ward immer bedenklicher.
    Anmutig sollten sie jedoch auf solchen Liebeswegen immer weiter und weiter
verlockt werden. Der Himmel klrte sich auf, eine gewaltige Klte, der
Jahreszeit gem, trat ein, die Wasser gefroren, ehe sie verlaufen konnten. Da
vernderte sich das Schauspiel der Welt vor allen Augen auf einmal; was durch
Fluten erst getrennt war, hing nunmehr durch befestigten Boden zusammen, und
alsobald tat sich als erwnschte Vermittlerin die schne Kunst hervor, welche,
die ersten raschen Wintertage zu verherrlichen und neues Leben in das Erstarrte
zu bringen, im hohen Norden erfunden worden. Die Rstkammer ffnete sich,
jedermann suchte nach seinen gezeichneten Stahlschuhen, begierig, die reine,
glatte Flche, selbst mit einiger Gefahr, als der erste zu beschreiten. Unter
den Hausgenossen fanden sich viele zu hchster Leichtigkeit Gebte; denn dieses
Vergngen ward ihnen fast jedes Jahr auf benachbarten Seen und verbindenden
Kanlen, diesmal aber in der fernhin erweiterten Flche.
    Flavio fhlte sich nun erst durch und durch gesund, und Hilarie, seit ihren
frhsten Jahren von dem Oheim angeleitet, bewies sich so lieblich als krftig
auf dem neu erschaffenen Boden; man bewegte sich lustig und lustiger, bald
zusammen, bald einzeln, bald getrennt, bald vereint. Scheiden und Meiden, was
sonst so schwer aufs Herz fllt, ward hier zum kleinen, scherzhaften Frevel, man
floh sich, um sich einander augenblicks wieder zu finden.
    Aber innerhalb dieser Lust und Freudigkeit bewegte sich auch eine Welt des
Bedrfnisses; immer waren bisher noch einige Ortschaften nur halb versorgt
geblieben, eilig flogen nunmehr auf tchtig bespannten Schlitten die ntigsten
Waren hin und wider, und was der Gegend noch mehr zugute kam, war, da man aus
manchen der vorbergehenden Hauptstrae allzu fernen Orten nunmehr schnell die
Erzeugnisse des Feldbaues und der Landwirtschaft in die nchsten Magazine der
kleinen Stdte und Flecken bringen und von dorther aller Art Waren zurckfhren
konnte. Nun war auf einmal eine bedrngte, den bittersten Mangel empfindende
Gegend wieder befreit, wieder versorgt, durch eine glatte, dem Geschickten, dem
Khnen geffnete Flche verbunden.
    Auch das junge Paar unterlie nicht, bei vorwaltendem Vergngen mancher
Pflichten einer liebevollen Anhnglichkeit zu gedenken. Man besuchte jene
Wchnerin, begabte sie mit allem Notwendigen; auch andere wurden heimgesucht:
Alte, fr deren Gesundheit man besorgt gewesen; Geistliche, mit denen man
erbauliche Unterhaltung sittlich zu pflegen gewohnt war und sie jetzt in dieser
Prfung noch achtenswerter fand; kleinere Gutsbesitzer, die khn genug vor
Zeiten sich in gefhrliche Niederungen angebaut, diesmal aber, durch
wohlangelegte Dmme geschtzt, unbeschdigt geblieben - und nach grenzenloser
Angst sich ihres Daseins doppelt erfreuten. Jeder Hof, jedes Haus, jede Familie,
jeder einzelne hatte seine Geschichte, er war sich und auch wohl andern eine
bedeutende Person geworden, deswegen fiel auch einer dem andern Erzhlenden
leicht in die Rede. Eilig war jeder im Sprechen und Handeln, Kommen und Gehen,
denn es blieb immer die Gefahr, ein pltzliches Tauwetter mchte den ganzen
schnen Kreis glcklichen Wechselwirkens zerstren, die Wirte bedrohen und die
Gste vom Hause abschneiden.
    War man den Tag in so rascher Bewegung und dem lebhaftesten Interesse
beschftigt, so verlieh der Abend auf ganz andere Weise die angenehmsten
Stunden; denn das hat die Eislust vor allen andern krperlichen Bewegungen
voraus, da die Anstrengung nicht erhitzt und die Dauer nicht ermdet. Smtliche
Glieder scheinen gelenker zu werden und jedes Verwenden der Kraft neue Krfte zu
erzeugen, so da zuletzt eine selig bewegte Ruhe ber uns kommt, in der wir uns
zu wiegen immerfort gelockt sind.
    Heute nun konnte sich unser junges Paar von dem glatten Boden nicht
loslsen, jeder Lauf gegen das erleuchtete Schlo, wo sich schon viele
Gesellschaft versammelte, ward pltzlich umgewendet und eine Rckkehr ins Weite
beliebt; man mochte sich nicht voneinander entfernen, aus Furcht, sich zu
verlieren, man fate sich bei der Hand, um der Gegenwart ganz gewi zu sein. Am
allersesten aber schien die Bewegung, wenn ber den Schultern die Arme
verschrnkt ruhten und die zierlichen Finger unbewut in beiderseitigen Locken
spielten.
    Der volle Mond stieg zu dem glhenden Sternenhimmel herauf und vollendete
das Magische der Umgebung. Sie sahen sich wieder deutlich und suchten
wechselseitig in den beschatteten Augen Erwiderung wie sonst, aber es schien
anders zu sein. Aus ihren Abgrnden schien ein Licht hervorzublicken und
anzudeuten, was der Mund weislich verschwieg, sie fhlten sich beide in einem
festlich behglichen Zustande.
    Alle hochstmmigen Weiden und Erlen an den Grben, alles niedrige Gebsch
auf Hhen und Hgeln war deutlich geworden; die Sterne flammten, die Klte war
gewachsen, sie fhlten nichts davon und fuhren dem lang daherglitzernden
Widerschein des Mondes, unmittelbar dem himmlischen Gestirn selbst entgegen. Da
blickten sie auf und sahen im Geflimmer des Widerscheins die Gestalt eines
Mannes hin und her schweben, der seinen Schatten zu verfolgen schien und selbst
dunkel, vom Lichtglanz umgeben, auf sie zuschritt; unwillkrlich wendeten sie
sich ab, jemanden zu begegnen wre widerwrtig gewesen. Sie vermieden die
immerfort sich herbewegende Gestalt, die Gestalt schien sie nicht bemerkt zu
haben und verfolgte ihren geraden Weg nach dem Schlosse. Doch verlie sie auf
einmal diese Richtung und umkreiste mehrmals das fast bengstigte Paar. Mit
einiger Besonnenheit suchten sie fr sich die Schattenseite zu gewinnen, im
vollen Mondglanz fuhr jener auf sie zu, er stand nah vor ihnen, es war
unmglich, den Vater zu verkennen.
    Hilarie, den Schritt anhaltend, verlor in berraschung das Gleichgewicht und
strzte zu Boden, Flavio lag zu gleicher Zeit auf einem Knie und fate ihr Haupt
in seinen Scho auf, sie verbarg ihr Angesicht, sie wute nicht, wie ihr
geworden war. - Ich hole einen Schlitten, dort unten fhrt noch einer vorber,
ich hoffe, sie hat sich nicht beschdigt; hier, bei diesen hohen drei Erlen
find' ich euch wieder! so sprach der Vater und war schon weit hinweg. Hilarie
raffte sich an dem Jngling empor. - La uns fliehen, rief sie, das ertrag'
ich nicht. - Sie bewegte sich nach der Gegenseite des Schlosses heftig, da
Flavio sie nur mit einiger Anstrengung erreichte, er gab ihr die freundlichsten
Worte.
    Auszumalen ist nicht die innere Gestalt der drei nunmehr nchtlich auf der
glatten Flche im Mondschein Verirrten, Verwirrten. Genug, sie gelangten spt
nach dem Schlosse, das junge Paar einzeln, sich nicht zu berhren, sich nicht zu
nhern wagend, der Vater mit dem leeren Schlitten, den er vergebens ins Weite
und Breite hlfreich herumgefhrt hatte. Musik und Tanz waren schon im Gange,
Hilarie, unter dem Vorwand schmerzlicher Folgen eines schlimmen Falles, verbarg
sich in ihr Zimmer, Flavio berlie Vortanz und Anordnung sehr gern einigen
jungen Gesellen, die sich deren bei seinem Auenbleiben schon bemchtigt hatten.
Der Major kam nicht zum Vorschein und fand es wunderlich, obgleich nicht
unerwartet, sein Zimmer wie bewohnt anzutreffen, die eignen Kleider, Wsche und
Gertschaften, nur nicht so ordentlich, wie er's gewohnt war, umherliegend. Die
Hausfrau versah mit anstndigem Zwang ihre Pflichten, und wie froh war sie, als
alle Gste, schicklich untergebracht, ihr endlich Raum lieen, mit dem Bruder
sich zu erklren. Es war bald getan, doch brauchte es Zeit, sich von der
berraschung zu erholen, das Unerwartete zu begreifen, die Zweifel zu heben, die
Sorge zu beschwichtigen; an Lsung des Knotens, an Befreiung des Geistes war
nicht sogleich zu denken.
    Unsere Leser berzeugen sich wohl, da von diesem Punkte an wir beim Vortrag
unserer Geschichte nicht mehr darstellend, sondern erzhlend und betrachtend
verfahren mssen, wenn wir in die Gemtszustnde, auf welche jetzt alles
ankommt, eindringen und sie uns vergegenwrtigen wollen.
    Wir berichten also zuerst, da der Major, seitdem wir ihn aus den Augen
verloren, seine Zeit fortwhrend jenem Familiengeschft gewidmet, dabei aber, so
schn und einfach es auch vorlag, doch in manchem Einzelnen auf unerwartete
Hindernisse traf. Wie es denn berhaupt so leicht nicht ist, einen alten
verworrenen Zustand zu entwickeln und die vielen verschrnkten Fden auf einen
Knaul zu winden. Da er nun deshalb den Ort fters verndern mute, um bei
verschiedenen Stellen und Personen die Angelegenheit zu betreiben, so gelangten
die Briefe der Schwester nur langsam und unordentlich zu ihm. Die Verirrung des
Sohnes und dessen Krankheit erfuhr er zuerst; dann hrte er von einem Urlaub,
den er nicht begriff. Da Hilariens Neigung im Umwenden begriffen sei, blieb ihm
verborgen, denn wie htte die Schwester ihn davon unterrichten mgen!
    Auf die Nachricht der berschwemmung beschleunigte er seine Reise, kam
jedoch erst nach eingefallenem Frost in die Nhe der Eisfelder, schaffte sich
Schrittschuhe, sendete Knechte und Pferde durch einen Umweg nach dem Schlosse,
und sich mit raschem Lauf dorthin bewegend, gelangte er, die erleuchteten
Fenster schon von ferne schauend, in einer tagklaren Nacht zum unerfreulichsten
Anschauen und war mit sich selbst in die unangenehmste Verwirrung geraten.
    Der bergang von innerer Wahrheit zum uern Wirklichen ist im Kontrast
immer schmerzlich; und sollte Lieben und Bleiben nicht eben die Rechte haben wie
Scheiden und Meiden? Und doch, wenn sich eins vom andern losreit, entsteht in
der Seele eine ungeheure Kluft, in der schon manches Herz zugrunde ging. Ja der
Wahn hat, solange er dauert, eine unberwindliche Wahrheit, und nur mnnliche,
tchtige Geister werden durch Erkennen eines Irrtums erhht und gestrkt. Eine
solche Entdeckung hebt sie ber sich selbst, sie stehen ber sich erhoben und
blicken, indem der alte Weg versperrt ist, schnell umher nach einem neuen, um
ihn alsofort frisch und mutig anzutreten.
    Unzhlig sind die Verlegenheiten, in welche sich der Mensch in solchen
Augenblicken versetzt sieht; unzhlig die Mittel, welche eine erfinderische
Natur innerhalb ihrer eignen Krfte zu entdecken, sodann aber auch, wenn diese
nicht auslangen, auerhalb ihres Bereichs freundlich anzudeuten wei.
    Zu gutem Glck jedoch war der Major durch ein halbes Bewutsein, ohne sein
Wollen und Trachten, schon auf einen solchen Fall im tiefsten vorbereitet.
Seitdem er den kosmetischen Kammerdiener verabschiedet, sich seinem natrlichen
Lebensgange wieder berlassen, auf den Schein Ansprche zu machen aufgehrt
hatte, empfand er sich am eigentlichen krperlichen Behagen einigermaen
verkrzt. Er empfand das Unangenehme eines berganges vom ersten Liebhaber zum
zrtlichen Vater; und doch wollte diese Rolle immer mehr und mehr sich ihm
aufdringen. Die Sorgfalt fr das Schicksal Hilariens und der Seinigen trat immer
zuerst in seinen Gedanken hervor, bis das Gefhl von Liebe, von Hang, von
Verlangen annhernder Gegenwart sich erst spter entfaltete. Und wenn er sich
Hilarien in seinen Armen dachte, so war es ihr Glck, was er beherzigte, das er
ihr zu schaffen wnschte, mehr als die Wonne, sie zu besitzen. Ja er mute sich,
wenn er ihres Andenkens rein genieen wollte, zuerst ihre himmlisch
ausgesprochene Neigung, er mute jenen Augenblick denken, wo sie sich ihm so
unverhofft gewidmet hatte.
    Nun aber, da er in klarster Nacht ein vereintes junges Paar vor sich
gesehen, die Liebenswrdigste zusammenstrzend, in dem Schoe des Jnglings,
beide seiner verheienen hlfreichen Wiederkunft nicht achtend, ihn an dem genau
bezeichneten Orte nicht erwartend, verschwunden in die Nacht, und er sich selbst
im dstersten Zustande berlassen: wer fhlte das mit und verzweifelte nicht in
seine Seele?
    Die an Vereinigung gewhnte, auf nhere Vereinigung hoffende Familie hielt
sich bestrzt auseinander; Hilarie blieb hartnckig auf ihrem Zimmer, der Major
nahm sich zusammen, von seinem Sohne den frheren Hergang zu erfahren. Das
Unheil war durch einen weiblichen Frevel der schnen Witwe verursacht. Um ihren
bisher leidenschaftlichen Verehrer Flavio einer andern Liebenswrdigen, welche
Absicht auf ihn verriet, nicht zu berlassen, wendet sie mehr scheinbare Gunst,
als billig ist, an ihn. Er, dadurch aufgeregt und ermutigt, sucht seine Zwecke
heftig bis ins Ungehrige zu verfolgen, worber denn erst Widerwrtigkeit und
Zwist, darauf ein entschiedener Bruch dem ganzen Verhltnis unwiederbringlich
ein Ende macht.
    Vterlicher Milde bleibt nichts brig, als die Fehler der Kinder, wenn sie
traurige Folgen haben, zu bedauern und, wo mglich, herzustellen; gehen sie
llicher, als zu hoffen war, vorber, sie zu verzeihen und zu vergessen. Nach
wenigem Bedenken und Bereden ging Flavio sodann, um an der Stelle seines Vaters
manches zu besorgen, auf die bernommenen Gter und sollte dort bis zum Ablauf
seines Urlaubs verweilen, dann sich wieder ans Regiment anschlieen, welches
indessen in eine andere Garnison verlegt worden.
    Eine Beschftigung mehrerer Tage war es fr den Major, Briefe und Pakete zu
erffnen, welche sich whrend seines lngeren Ausbleibens bei der Schwester
gehuft hatten. Unter andern fand er ein Schreiben jenes kosmetischen Freundes,
des wohlkonservierten Schauspielers. Dieser, durch den verabschiedeten
Kammerdiener benachrichtigt von dem Zustande des Majors und von dem Vorsatze,
sich zu verheiraten, trug mit der besten Laune die Bedenklichkeiten vor, die man
bei einem solchen Unternehmen vor Augen haben sollte; er behandelte die
Angelegenheit auf seine Weise und gab zu bedenken, da fr einen Mann in
gewissen Jahren das sicherste kosmetische Mittel sei, sich des schnen
Geschlechts zu enthalten und einer lblichen, bequemen Freiheit zu genieen. Nun
zeigte der Major lchelnd das Blatt seiner Schwester, zwar scherzend, aber doch
ernstlich genug auf die Wichtigkeit des Inhaltes hindeutend. Auch war ihm
indessen ein Gedicht eingefallen, dessen rhythmische Ausfhrung uns nicht gleich
beigeht, dessen Inhalt jedoch durch zierliche Gleichnisse und anmutige Wendung
sich auszeichnete:
    Der spte Mond, der zur Nacht noch anstndig leuchtet, verblat vor der
aufgehenden Sonne; der Liebeswahn des Alters verschwindet in Gegenwart
leidenschaftlicher Jugend; die Fichte, die im Winter frisch und krftig
erscheint, sieht im Frhling verbrunt und mifrbig aus, neben hell
aufgrnender Birke.
    Wir wollen jedoch weder Philosophie noch Poesie als die entscheidenden
Helferinnen zu einer endlichen Entschlieung hier vorzglich preisen; denn wie
ein kleines Ereignis die wichtigsten Folgen haben kann, so entscheidet es auch
oft, wo schwankende Gesinnungen obwalten, die Waage dieser oder jener Seite
zuneigend. Dem Major war vor kurzem ein Vorderzahn ausgefallen, und er
frchtete, den zweiten zu verlieren. An eine knstlich scheinbare
Wiederherstellung war bei seinen Gesinnungen nicht zu denken, und mit diesem
Mangel um eine junge Geliebte zu werben, fing an, ihm ganz erniedrigend zu
scheinen, besonders jetzt, da er sich mit ihr unter einem Dach befand. Frher
oder spter htte vielleicht ein solches Ereignis wenig gewirkt, gerade in
diesem Augenblicke aber trat ein solcher Moment ein, der einem jeden an eine
gesunde Vollstndigkeit gewhnten Menschen hchst widerwrtig begegnen mu. Es
ist ihm, als wenn der Schlustein seines organischen Wesens entfremdet wre und
das brige Gewlbe nun auch nach und nach zusammenzustrzen drohte.
    Wie dem auch sei, der Major unterhielt sich mit seiner Schwester gar bald
einsichtig und verstndig ber die so verwirrt scheinende Angelegenheit; sie
muten beide bekennen, da sie eigentlich nur durch einen Umweg ans Ziel gelangt
seien, ganz nahe daran, von dem sie sich zufllig, durch uern Anla, durch
Irrtum eines unerfahrnen Kindes verleitet, unbedachtsam entfernt; sie fanden
nichts natrlicher, als auf diesem Wege zu verharren, eine Verbindung beider
Kinder einzuleiten und ihnen sodann jede elterliche Sorgfalt, wozu sie sich die
Mittel zu verschaffen gewut, treu und unablssig zu widmen. Vllig in
bereinstimmung mit dem Bruder, ging die Baronin zu Hilarien ins Zimmer. Diese
sa am Flgel, zu eigner Begleitung singend und die eintretende Begrende mit
heiterem Blick und Beugung zum Anhren gleichsam einladend. Es war ein
angenehmes, beruhigendes Lied, das eine Stimmung der Sngerin aussprach, die
nicht besser wre zu wnschen gewesen. Nachdem sie geendigt hatte, stand sie
auf, und ehe die ltere Bedchtige ihren Vortrag beginnen konnte, fing sie zu
sprechen an: Beste Mutter! es war schn, da wir ber die wichtigste
Angelegenheit so lange geschwiegen; ich danke Ihnen, da Sie bis jetzt diese
Saite nicht berhrten, nun aber ist es wohl Zeit, sich zu erklren, wenn es
Ihnen gefllig ist. Wie denken Sie sich die Sache?
    Die Baronin, hchst erfreut ber die Ruhe und Milde, zu der sie ihre Tochter
gestimmt fand, begann sogleich ein verstndiges Darlegen der frhern Zeit, der
Persnlichkeit ihres Bruders und seiner Verdienste; sie gab den Eindruck zu, den
der einzige Mann von Wert, der einem jungen Mdchen so nahe bekannt geworden,
auf ein freies Herz notwendig machen msse, und wie sich daraus, statt
kindlicher Ehrfurcht und Vertrauen, gar wohl eine Neigung, die als Liebe, als
Leidenschaft sich zeige, entwickeln knne. Hilarie hrte aufmerksam zu und gab
durch bejahende Mienen und Zeichen ihre vllige Einstimmung zu erkennen; die
Mutter ging auf den Sohn ber, und jene lie ihre langen Augenwimpern fallen;
und wenn die Rednerin nicht so rhmliche Argumente fr den Jngeren fand, als
sie fr den Vater anzufhren gewut hatte, so hielt sie sich hauptschlich an
die hnlichkeit beider, an den Vorzug, den diesem die Jugend gebe, der zugleich,
als vollkommen gattlicher Lebensgefhrte gewhlt, die vllige Verwirklichung des
vterlichen Daseins von der Zeit wie billig versprche. Auch hierin schien
Hilarie gleichstimmig zu denken, obschon ein etwas ernsterer Blick und ein
manchmal niederschauendes Auge eine gewisse in diesem Fall hchst natrliche
innere Bewegung verrieten. Auf die ueren glcklichen, gewissermaen
gebietenden Umstnde lenkte sich hierauf der Vortrag. Der abgeschlossene
Vergleich, der schne Gewinn fr die Gegenwart, die nach manchen Seiten hin sich
erweiternden Aussichten, alles ward vllig der Wahrheit gem vor Augen
gestellt, da es zuletzt auch an Winken nicht fehlen konnte, wie Hilarien selbst
erinnerlich sein msse, da sie frher dem mit ihr heranwachsenden Vetter, und
wenn auch nur wie im Scherze, sei verlobt gewesen. Aus alle dem Vorgesagten zog
nun die Mutter den sich selbst ergebenden Schlu, da nun mit ihrer und des
Oheims Einwilligung die Verbindung der jungen Leute ungesumt stattfinden knne.
    Hilarie, ruhig blickend und sprechend, erwiderte darauf, sie knne diese
Folgerung nicht sogleich gelten lassen, und fhrte gar schn und anmutig dagegen
an, was ein zartes Gemt gewi mit ihr gleich empfinden wird, und das wir mit
Worten auszufhren nicht unternehmen.
    Vernnftige Menschen, wenn sie etwas Verstndiges ausgesonnen, wie diese
oder jene Verlegenheit zu beseitigen wre, dieser oder jener Zweck zu erreichen
sein mchte, und dafr sich alle denklichen Argumente verdeutlicht und geordnet,
fhlen sich hchst unangenehm betroffen, wenn diejenigen, die zu eignem Glcke
mitwirken sollten, vllig andern Sinnes gefunden werden und aus Grnden, die
tief im Herzen ruhen, sich demjenigen widersetzen, was so lblich als ntig ist.
Man wechselte Reden, ohne sich zu berzeugen; das Verstndige wollte nicht in
das Gefhl eindringen, das Gefhlte wollte sich dem Ntzlichen, dem Notwendigen
nicht fgen; das Gesprch erhitzte sich, die Schrfe des Verstandes traf das
schon verwundete Herz, das nun nicht mehr mig, sondern leidenschaftlich seinen
Zustand an den Tag gab, so da zuletzt die Mutter selbst vor der Hoheit und
Wrde des jungen Mdchens erstaunt zurcktrat, als sie mit Energie und Wahrheit
das Unschickliche, ja Verbrecherische einer solchen Verbindung hervorhob.
    In welcher Verwirrung die Baronin zu dem Bruder zurckkehrte, lt sich
denken, vielleicht auch, wenngleich nicht vollkommen, nachempfinden, wie der
Major, der, von dieser entschiedenen Weigerung im Innersten geschmeichelt, zwar
hoffnungslos, aber getrstet vor der Schwester stand, sich von jener Beschmung
entwunden und so dieses Ereignis, das ihm zur zartesten Ehrensache geworden war,
in seinem Innern ausgeglichen fhlte. Er verbarg diesen Zustand augenblicklich
seiner Schwester und versteckte seine schmerzliche Zufriedenheit hinter eine in
diesem Falle ganz natrliche uerung: man msse nichts bereilen, sondern dem
guten Kinde Zeit lassen, den erffneten Weg, der sich nunmehr gewissermaen
selbst verstnde, freiwillig einzuschlagen.
    Nun aber knnen wir kaum unsern Lesern zumuten, aus diesen ergreifenden
inneren Zustnden in das uere berzugehen, worauf doch jetzt so viel ankam.
Indes die Baronin ihrer Tochter alle Freiheit lie, mit Musik und Gesang, mit
Zeichnen und Sticken ihre Tage angenehm zu verbringen, auch mit Lesen und
Vorlesen sich und die Mutter zu unterhalten, so beschftigte sich der Major bei
eintretendem Frhjahr, die Familienangelegenheiten in Ordnung zu bringen; der
Sohn, der sich in der Folge als einen reichen Besitzer und, wie er gar nicht
zweifeln konnte, als glcklichen Gatten Hilariens erblickte, fhlte nun erst ein
militrisches Bestreben nach Ruhm und Rang, wenn der androhende Krieg
hereinbrechen sollte. Und so glaubte man in augenblicklicher Beruhigung als
gewi vorauszusehen, da dieses Rtsel, welches nur noch an eine Grille geknpft
schien, sich bald aufhellen und auseinanderlegen wrde.
    Leider aber war in dieser anscheinenden Ruhe keine Beruhigung zu finden. Die
Baronin wartete tagtglich, aber vergebens, auf die Sinnesnderung ihrer
Tochter, die zwar mit Bescheidenheit und selten, aber doch, bei entscheidendem
Anla, mit Sicherheit zu erkennen gab, sie bleibe so fest bei ihrer berzeugung,
als nur einer sein kann, dem etwas innerlich wahr geworden, es mge nun mit der
ihn umgebenden Welt in Einklang stehen oder nicht. Der Major empfand sich
zwiespltig; er wrde sich immer verletzt fhlen, wenn Hilarie sich wirklich fr
den Sohn entschiede; entschiede sie sich aber fr ihn selbst, so war er ebenso
berzeugt, da er ihre Hand ausschlagen msse.
    Bedauern wir den guten Mann, dem diese Sorgen, diese Qualen wie ein
beweglicher Nebel unablssig vorschwebten, bald als Hintergrund, auf welchem
sich die Wirklichkeiten und Beschftigungen des dringenden Tages hervorhoben,
bald herantretend und alles Gegenwrtige bedeckend. Ein solches Wanken und
Schweben bewegte sich vor den Augen seines Geistes; und wenn ihn der fordernde
Tag zu rascher, wirksamer Ttigkeit aufbot, so war es bei nchtlichem Erwachen,
wo alles Widerwrtige, gestaltet und immer umgestaltet, im unerfreulichsten
Kreis sich in seinem Innern umwlzte. Dies ewig wiederkehrende Unabweisbare
brachte ihn in einen Zustand, den wir fast Verzweiflung nennen drften, weil
Handeln und Schaffen, die sich sonst als Heilmittel fr solche Lagen am
sichersten bewhrten, hier kaum lindernd, geschweige denn befriedigend wirken
wollten.
    In solcher Lage erhielt unser Freund von unbekannter Hand ein Schreiben mit
Einladung in das Posthaus des nahe gelegenen Stdtchens, wo ein eilig
Durchreisender ihn dringend zu sprechen wnschte. Er, bei seinen vielfachen
Geschfts- und Weltverhltnissen an dergleichen gewhnt, sumte um so weniger,
als ihm die freie, flchtige Hand einigermaen erinnerlich schien. Ruhig und
gefat nach seiner Art begab er sich an den bezeichneten Ort, als in der
bekannten, fast buerischen Oberstube die schne Witwe ihm entgegentrat, schner
und anmutiger, als er sie verlassen hatte. War es, da unsere Einbildungskraft
nicht fhig ist, das Vorzglichste festzuhalten und vllig wieder zu
vergegenwrtigen, oder hatte wirklich ein bewegterer Zustand ihr mehreren Reiz
gegeben, genug, es bedurfte doppelter Fassung, sein Erstaunen, seine Verwirrung
unter dem Schein allgemeinster Hflichkeit zu verbergen; er grte sie
verbindlich mit verlegener Klte.
    Nicht so, mein Bester! rief sie aus, keineswegs hab' ich Sie dazu
zwischen diese geweiten Wnde, in diese hchst unedle Umgebung berufen; ein so
schlechter Hausrat fordert nicht auf, sich hfisch zu unterhalten. Ich befreie
meine Brust von einer schweren Last, indem ich sage, bekenne: in Ihrem Hause
hab' ich viel Unheil angerichtet. - Der Major trat stutzend zurck. - Ich wei
alles, fuhr sie fort, wir brauchen uns nicht zu erklren; Sie und Hilarien,
Hilarien und Flavio, Ihre gute Schwester, Sie alle bedaure ich. Die Sprache
schien ihr zu stocken, die herrlichsten Augenwimpern konnten hervorquellende
Trnen nicht zurckhalten, ihre Wange rtete sich, sie war schner als jemals.
In uerster Verwirrung stand der edle Mann vor ihr, ihn durchdrang eine
unbekannte Rhrung. Setzen wir uns, sagte, die Augen trocknend, das
allerliebste Wesen. Verzeihen Sie mir, bedauern Sie mich, Sie sehen, wie ich
bestraft bin. Sie hielt ihr gesticktes Tuch abermals vor die Augen und verbarg,
wie bitterlich sie weinte.
    Klren Sie mich auf, meine Gndige, sprach er mit Hast. - Nichts von
gndig! entgegnete sie himmlisch lchelnd, nennen Sie mich Ihre Freundin, Sie
haben keine treuere. Und also, mein Freund, ich wei alles, ich kenne die Lage
der ganzen Familie genau, aller Gesinnungen und Leiden bin ich vertraut. - Was
konnte Sie bis auf diesen Grad unterrichten? - Selbstbekenntnisse. Diese Hand
wird Ihnen nicht fremd sein. Sie wies ihm einige entfaltete Briefe hin. - Die
Hand meiner Schwester, Briefe, mehrere, der nachlssigen Schrift nach vertraute!
Haben Sie je mit ihr in Verhltnis gestanden? - Unmittelbar nicht, mittelbar
seit einiger Zeit; hier die Aufschrift: An ***. -
    Ein neues Rtsel: An Makarien, die schweigsamste aller Frauen. - Deshalb
aber auch die Vertraute, der Beichtiger aller bedrngten Seelen, aller derer,
die sich selbst verloren haben, sich wiederzufinden wnschten und nicht wissen
wo. - Gott sei Dank! rief er aus da sich eine solche Vermittlung gefunden
hat, mir wollt' es nicht ziemen, sie anzuflehen, ich segne meine Schwester, da
sie es tat; denn auch mir sind Beispiele bekannt, da jene Treffliche, im
Vorhalten eines sittlich-magischen Spiegels, durch die uere verworrene Gestalt
irgendeinem Unglcklichen sein rein schnes Innere gewiesen und ihn auf einmal
erst mit sich selbst befriedigt und zu einem neuen Leben aufgefordert hat. -
    Diese Wohltat erzeigte sie auch mir, versetzte die Schne; und in diesem
Augenblick fhlte unser Freund, wenn es ihm auch nicht klar wurde, dennoch
entschieden da aus dieser sonst in ihrer Eigenheit abgeschlossenen merkwrdigen
Person sich ein sittlich-schnes, teilnehmendes und teilgebendes Wesen
hervortat. - Ich war nicht unglcklich, aber unruhig, fuhr sie fort, ich
gehrte mir selbst nicht recht mehr an, und das heit denn doch am Ende nicht
glcklich sein. Ich gefiel mir selbst nicht mehr, ich mochte mich vor dem
Spiegel zurechtrcken, wie ich wollte, es schien mir immer, als wenn ich mich zu
einem Maskenball herausputzte; aber seitdem sie mir ihren Spiegel vorhielt, seit
ich gewahr wurde, wie man sich von innen selbst schmcken knne, komm' ich mir
wieder recht schn vor. Sie sagte das zwischen Lcheln und Weinen und war, man
mute es zugeben, mehr als liebenswrdig. Sie erschien achtungswert und wert
einer ewigen treuen Anhnglichkeit.
    Und nun, mein Freund, fassen wir uns kurz: hier sind die Briefe! sie zu
lesen und wieder zu lesen, sich zu bedenken, sich zu bereiten, bedrften Sie
allenfalls einer Stunde, mehr, wenn Sie wollen; alsdann werden mit wenigen
Worten unsere Zustnde sich entscheiden lassen.
    Sie verlie ihn, um in dem Garten auf und ab zu gehen; er entfaltete nun
einen Briefwechsel der Baronin mit Makarien, dessen Inhalt wir summarisch
andeuten. Jene beklagt sich ber die schne Witwe. Wie eine Frau die andere
ansieht und scharf beurteilt, geht hervor. Eigentlich ist nur vom uern und von
uerungen die Rede, nach dem Innern wird nicht gefragt.
    Hierauf von seiten Makariens eine mildere Beurteilung. Schilderung eines
solchen Wesens von innen heraus. Das uere erscheint als Folge von
Zuflligkeiten, kaum zu tadeln, vielleicht zu entschuldigen. Nun berichtet die
Baronin von der Raserei und Tollheit des Sohns, der wachsenden Neigung des
jungen Paars, von der Ankunft des Vaters, der entschiedenen Weigerung Hilariens.
berall finden sich Erwiderungen Makariens von reiner Billigkeit, die aus der
grndlichen berzeugung stammt, da hieraus eine sittliche Besserung entstehen
msse. Sie bersendet zuletzt den ganzen Briefwechsel der schnen Frau, deren
himmelschnes Innere nun hervortritt und das uere zu verherrlichen beginnt.
Das Ganze schliet mit einer dankbaren Erwiderung an Makarien.

                                Sechstes Kapitel


                               Wilhelm an Lenardo

Endlich, teuerster Freund, kann ich sagen, sie ist gefunden, und zu Ihrer
Beruhigung darf ich hinzusetzen, in einer Lage, wo fr das gute Wesen nichts
weiter zu wnschen brigbleibt. Lassen Sie mich im allgemeinen reden; ich
schreibe noch hier an Ort und Stelle, wo ich alles vor Augen habe, wovon ich
Rechenschaft geben soll.
    Huslicher Zustand, auf Frmmigkeit gegrndet, durch Flei und Ordnung
belebt und erhalten, nicht zu eng, nicht zu weit, im glcklichsten Verhltnis
der Pflichten zu den Fhigkeiten und Krften. Um sie her bewegt sich ein
Kreislauf von Handarbeitenden im reinsten, anfnglichsten Sinne; hier ist
Beschrnktheit und Wirkung in die Ferne, Umsicht und Migung, Unschuld und
Ttigkeit. Nicht leicht habe ich mich in einer angenehmeren Gegenwart gesehen,
ber welche eine heitere Aussicht auf die nchste Zeit und die Zukunft waltet.
Dieses, zusammen betrachtet, mchte wohl hinreichend sein, einen jeden
Teilnehmenden zu beruhigen.
    Ich darf daher in Erinnerung alles dessen, was unter uns besprochen worden,
auf das dringendste bitten: der Freund mge es bei dieser allgemeinen
Schilderung belassen, solche allenfalls in Gedanken ausmalen, dagegen aber aller
weitern Nachforschung entsagen und sich dem groen Lebensgeschfte, in das er
nun wahrscheinlich vollkommen eingeweiht sein wird, auf die lebhafteste Weise
widmen.
    Ein Duplikat dieses Briefes sende an Hersilien, das andere an den Abb, der,
wie ich vermute, am sichersten wei, wo Sie zu finden sind. An diesen geprften,
im Geheimen und Offenbaren immer gleich zuverlssigen Freund schreibe noch
einiges, welches er mitteilen wird; besonders bitte, was mich selbst betrifft,
mit Anteil zu betrachten und mit frommen, treuen Wnschen mein Vorhaben zu
frdern.


                              Wilhelm an den Abb

Wenn mich nicht alles triegt, so ist Lenardo, der hchst wertzuschtzende,
gegenwrtig in eurer Mitte, und ich sende deshalb das Duplikat eines Schreibens,
damit es ihm sicher zugestellt werde. Mge dieser vorzgliche junge Mann in
euren Kreis zu ununterbrochenem bedeutendem Wirken verschlungen werden, da, wie
ich hoffe, sein Inneres beruhigt ist.
    Was mich betrifft, so kann ich, nach fortdauernder ttiger Selbstprfung,
mein durch Montan vorlngst angebrachtes Gesuch nunmehr nur noch ernstlicher
wiederholen; der Wunsch, meine Wanderjahre mit mehr Fassung und Stetigkeit zu
vollenden, wird immer dringender. In sicherer Hoffnung, man wrde meinen
Vorstellungen Raum geben, habe ich mich durchaus vorbereitet und meine
Einrichtung getroffen. Nach Vollendung des Geschfts zugunsten meines edlen
Freundes werde ich nun wohl meinen fernern Lebensgang unter den schon
ausgesprochenen Bedingungen getrost antreten drfen. Sobald ich auch noch eine
fromme Wallfahrt zurckgelegt, gedenke ich in *** einzutreffen. An diesem Ort
hoff' ich eure Briefe zu finden und meinem innern Triebe gem von neuem zu
beginnen.

                               Siebentes Kapitel


Nachdem unser Freund vorstehende Briefe abgelassen, schritt er, durch manchen
benachbarten Gebirgszug fortwandernd, immer weiter, bis die herrliche Talgegend
sich ihm erffnete, wo er, vor Beginn eines neuen Lebensganges, so manches
abzuschlieen gedachte. Unerwartet traf er hier auf einen jungen, lebhaften
Reisegefhrten, durch welchen seinem Bestreben und seinem Genu manches zu
Gunsten gereichen sollte. Er findet sich mit einem Maler zusammen, welcher, wie
dergleichen viele in der offnen Welt, mehrere noch in Romanen und Dramen
umherwandeln und spuken, sich diesmal als ein ausgezeichneter Knstler
darstellte. Beide schicken sich gar bald ineinander, vertrauen sich
wechselseitig Neigungen, Absichten, Vorstze; und nun wird offenbar, da der
treffliche Knstler, der aquarellierte Landschaften mit geistreicher, wohl
gezeichneter und ausgefhrter Staffage zu schmcken wei, leidenschaftlich
eingenommen sei von Mignons Schicksalen, Gestalt und Wesen. Er hatte sie gar oft
schon vorgestellt und begab sich nun auf die Reise, die Umgebungen, worin sie
gelebt, der Natur nachzubilden; hier das liebliche Kind in glcklichen und
unglcklichen Umgebungen und Augenblicken darzustellen und so ihr Bild, das in
allen zarten Herzen lebt, auch dem Sinne des Auges hervorzurufen.
    Die Freunde gelangen bald zum groen See, Wilhelm trachtet, die angedeuteten
Stellen nach und nach aufzufinden. Lndliche Prachthuser, weitlufige Klster,
berfahrten und Buchten, Erdzungen und Landungspltze wurden gesucht und die
Wohnungen khner und gutmtiger Fischer so wenig als die heiter gebauten
Stdtchen am Ufer und Schlchen auf benachbarten Hhen vergessen. Dies alles
wei der Knstler zu ergreifen, durch Beleuchten und Frben der jedesmal
geschichtlich erregten Stimmung anzueignen, so da Wilhelm seine Tage und
Stunden in durchgreifender Rhrung zubrachte.
    Auf mehreren Blttern war Mignon im Vordergrunde, wie sie leibte und lebte,
vorgestellt, indem Wilhelm der glcklichen Einbildungskraft des Freundes durch
genaue Beschreibung nachzuhelfen und das allgemeiner Gedachte ins Engere der
Persnlichkeit einzufassen wute.
    Und so sah man denn das Knaben-Mdchen in mannigfaltiger Stellung und
Bedeutung aufgefhrt. Unter dem hohen Sulenportale des herrlichen Landhauses
stand sie, nachdenklich die Statuen der Vorhalle betrachtend. Hier schaukelte
sie sich pltschernd auf dem angebundenen Kahn, dort erkletterte sie den Mast
und erzeigte sich als ein khner Matrose.
    Ein Bild aber tat sich vor allen hervor, welches der Knstler auf der
Herreise, noch eh' er Wilhelmen begegnet, mit allen Charakterzgen sich
angeeignet hatte. Mitten im rauhen Gebirg glnzt der anmutige Scheinknabe, von
Sturzfelsen umgeben, von Wasserfllen besprht, mitten in einer schwer zu
beschreibenden Horde. Vielleicht ist eine grauerliche, steile Urgebirg-Schlucht
nie anmutiger und bedeutender staffiert worden. Die bunte, zigeunerhafte
Gesellschaft, roh zugleich und phantastisch, seltsam und gemein, zu locker, um
Furcht einzuflen, zu wunderlich, um Vertrauen zu erwecken. Krftige Saumrosse
schleppen, bald ber Knppelwege, bald eingehauene Stufen hinab, ein
buntverworrenes Gepck, an welchem herum die smtlichen Instrumente einer
betubenden Musik, schlotternd aufgehngt, das Ohr mit rauhen Tnen von Zeit zu
Zeit belstigen. Zwischen allem dem das liebenswrdige Kind, in sich gekehrt
ohne Trutz, unwillig ohne Widerstreben, gefhrt, aber nicht geschleppt. Wer
htte sich nicht des merkwrdigen, ausgefhrten Bildes gefreut? Krftig
charakterisiert war die grimmige Enge dieser Felsmassen; die alles
durchschneidenden schwarzen Schluchten, zusammengetrmt, allen Ausgang zu
hindern drohend, htte nicht eine khne Brcke auf die Mglichkeit, mit der
brigen Welt in Verbindung zu gelangen, hingedeutet. Auch lie der Knstler mit
klugdichtendem Wahrheitssinne eine Hhle merklich werden, die man als
Naturwerkstatt mchtiger Kristalle oder als Aufenthalt einer
fabelhaftfurchtbaren Drachenbrut ansprechen konnte.
    Nicht ohne heilige Scheu besuchten die Freunde den Palast des Marchese; der
Greis war von seiner Reise noch nicht zurck; sie wurden aber auch in diesem
Bezirk, weil sie sich mit geistlichen und weltlichen Behrden wohl zu benehmen
wuten, freundlich empfangen und behandelt.
    Die Abwesenheit des Hausherrn jedoch empfand Wilhelm sehr angenehm; denn ob
er gleich den wrdigen Mann gerne wieder gesehen und herzlich begrt htte, so
frchtete er sich doch vor dessen dankbarer Freigebigkeit und vor irgendeiner
aufgedrungenen Belohnung jenes treuen, liebevollen Handelns, wofr er schon den
zartesten Lohn dahingenommen hatte.
    Und so schwammen die Freunde auf zierlichem Nachen von Ufer zu Ufer, den See
in jeder Richtung durchkreuzend. In der schnsten Jahrszeit entging ihnen weder
Sonnenaufgang noch -untergang und keine der tausend Schattierungen, mit denen
das Himmelslicht sein Firmament und von da See und Erde freigebigst berspendet
und sich im Abglanz erst vollkommen verherrlicht.
    Eine ppige Pflanzenwelt, ausgeset von Natur, durch Kunst gepflegt und
gefrdert, umgab sie berall. Schon die ersten Kastanienwlder hatten sie
willkommen geheien, und nun konnten sie sich eines traurigen Lchelns nicht
enthalten, wenn sie, unter Zypressen gelagert, den Lorbeer aufsteigen, den
Granatapfel sich rten, Orangen und Zitronen in Blte sich entfalten und Frchte
zugleich aus dem dunklen Laube hervorglhend erblickten.
    Durch den frischen Gesellen entstand jedoch fr Wilhelm ein neuer Genu.
Unserm alten Freund hatte die Natur kein malerisches Auge gegeben. Empfnglich
fr sichtbare Schnheit nur an menschlicher Gestalt, ward er auf einmal gewahr:
ihm sei durch einen gleichgestimmten, aber zu ganz andern Genssen und
Ttigkeiten gebildeten Freund die Umwelt aufgeschlossen.
    In gesprchiger Hindeutung auf die wechselnden Herrlichkeiten der Gegend,
mehr aber noch durch konzentrierte Nachahmung wurden ihm die Augen aufgetan und
er von allen sonst hartnckig gehegten Zweifeln befreit. Verdchtig waren ihm
von jeher Nachbildungen italienischer Gegenden gewesen; der Himmel schien ihm zu
blau, der violette Ton reizender Fernen zwar hchst lieblich, doch unwahr und
das mancherlei frische Grn doch gar zu bunt; nun verschmolz er aber mit seinem
neuen Freunde aufs innigste und lernte, empfnglich wie er war, mit dessen Augen
die Welt sehen, und indem die Natur das offenbare Geheimnis ihrer Schnheit
entfaltete, mute man nach Kunst als der wrdigsten Auslegerin unbezwingliche
Sehnsucht empfinden.
    Aber ganz unerwartet kam der malerische Freund ihm von einer andern Seite
entgegen; dieser hatte manchmal einen heitern Gesang angestimmt und dadurch
ruhige Stunden auf weit- und breiter Wellenfahrt gar innig belebt und begleitet.
Nun aber traf sich's, da er in einem der Palste ein ganz eigenes Saitenspiel
fand, eine Laute in kleinem Format, krftig, vollklingend, bequem und tragbar;
er wute das Instrument alsbald zu stimmen, so glcklich und angenehm zu
behandeln und die Gegenwrtigen so freundlich zu unterhalten, da er, als neuer
Orpheus, den sonst strengen und trocknen Kastellan erweichend bezwang und ihn
freundlich ntigte, das Instrument dem Snger auf eine Zeitlang zu berlassen,
mit der Bedingung, solches vor der Abreise treulich wiederzugeben, auch in der
Zwischenzeit an irgendeinem Sonn- oder Feiertage zu erscheinen und die Familie
zu erfreuen.
    Ganz anders war nunmehr See und Ufer belebt, Boot und Kahn buhlten um ihre
Nachbarschaft, selbst Fracht- und Marktschiffe verweilten in ihrer Nhe, Reihen
von Menschen zogen am Strande nach, und die Landenden sahen sich sogleich von
einer frohsinnigen Menge umgeben; die Scheidenden segnete jedermann, zufrieden,
doch sehnsuchtsvoll.
    Nun htte zuletzt ein Dritter, die Freunde beobachtend gar wohl bemerken
knnen, da die Sendung beider eigentlich geendigt sei: alle die auf Mignon sich
beziehenden Gegenden und Lokalitten waren smtlich umrissen, teils in Licht,
Schatten und Farbe gesetzt, teils in heien Tagesstunden treulich ausgefhrt.
Dies zu leisten, hatten sie sich auf eine eigne Weise von Ort zu Ort bewegt,
weil ihnen Wilhelms Gelbde gar oft hinderlich war; doch wuten sie solches
gelegentlich zu umgehen durch die Auslegung: es gelte nur fr das Land, auf dem
Wasser sei es nicht anwendbar.
    Auch fhlte Wilhelm selbst, da ihre eigentliche Absicht erreicht sei, aber
leugnen konnte er sich nicht, da der Wunsch, Hilarien und die schne Witwe zu
sehen, auch noch befriedigt werden msse, wenn man mit freiem Sinne diese Gegend
verlassen wollte. Der Freund, dem er die Geschichte vertraut, war nicht weniger
neugierig und freute sich schon, einen herrlichen Platz in einer seiner
Zeichnungen leer und ledig zu wissen, den er mit den Gestalten so holder
Personen knstlerisch zu verzieren gedachte.
    Nun stellten sie Kreuz-und-Quer-Fahrten an, die Punkte, wo der Fremde in
dieses Paradies einzutreten pflegt, beobachtend. Ihre Schiffer hatten sie mit
der Hoffnung, Freunde hier zu sehen, bekannt gemacht, und nun dauerte es nicht
lange, so sahen sie ein wohlverziertes Prachtschiff herangleiten, worauf sie
Jagd machten und sich nicht enthielten sogleich leidenschaftlich zu entern. Die
Frauenzimmer, einigermaen betroffen, faten sich sogleich, als Wilhelm das
Blttchen vorwies und beide den von ihnen selbst vorgezeichneten Pfeil ohne
Bedenken anerkannten. Die Freunde wurden alsbald zutraulich eingeladen, das
Schiff der Damen zu besteigen, welches eilig geschah.
    Und nun vergegenwrtige man sich die viere, wie sie, im zierlichsten Raum
beisammen, gegen einander ber sitzen in der seligsten Welt, von lindem
Lufthauch angeweht, auf glnzenden Wellen geschaukelt. Man denke das weibliche
Paar, wie wir sie vor kurzem geschildert gesehen, das mnnliche, mit dem wir
schon seit Wochen ein gemeinsames Reiseleben fhren, und wir sehen sie nach
einiger Betrachtung smtlich in der anmutigsten, obgleich gefhrlichsten Lage.
    Fr die drei, welche sich schon, willig oder unwillig, zu den Entsagenden
gezhlt, ist nicht das Schwerste zu besorgen, der Vierte jedoch drfte sich nur
allzubald in jenen Orden aufgenommen sehen.
    Nachdem man einigemal den See durchkreuzt und auf die interessantesten
Lokalitten sowohl des Ufers als der Inseln hingedeutet hatte, brachte man die
Damen gegen den Ort, wo sie bernachten sollten und wo ein gewandter, fr diese
Reise angenommener Fhrer alle wnschenswerten Bequemlichkeiten zu besorgen
wute. Hier war nun Wilhelms Gelbde ein schicklicher, aber unbequemer
Zeremonienmeister; denn gerade an dieser Station hatten die Freunde vor kurzem
drei Tage zugebracht und alles Merkwrdige der Umgebung erschpft. Der Knstler,
welchen kein Gelbde zurckhielt, wollte die Erlaubnis erbitten, die Damen ans
Land zu geleiten, die es aber ablehnten, weswegen man sich in einiger Entfernung
vom Hafen trennte.
    Kaum war der Snger in sein Schiff gesprungen, das sich eiligst vom Ufer
entfernte, als er nach der Laute griff und jenen wundersam-klagenden Gesang, den
die venezianischen Schiffer von Land zu See, von See zu Land erschallen lassen,
lieblich anzustimmen begann. Gebt genug zu solchem Vortrag, der ihm diesmal
eigens zart und ausdrucksvoll gelang, verstrkte er, verhltnismig zur
wachsenden Entfernung, den Ton, so da man am Ufer immer die gleiche Nhe des
Scheidenden zu hren glaubte. Er lie zuletzt die Laute schweigen, seiner Stimme
allein vertrauend, und hatte das Vergngen, zu bemerken, da die Damen, anstatt
sich ins Haus zurckzuziehen, am Ufer zu verweilen beliebten. Er fhlte sich so
begeistert, da er nicht endigen konnte, auch selbst als zuletzt Nacht und
Entfernung das Anschauen aller Gegenstnde entzogen; bis ihm endlich der mehr
beruhigte Freund bemerklich machte, da, wenn auch Finsternis den Ton
begnstige, das Schiff den Kreis doch lngst verlassen habe, in welchem derselbe
wirken knne.
    Der Verabredung gem traf man sich des andern Tags abermals auf offener
See. Vorberfliegend befreundete man sich mit der schnen Reihe merkwrdig
hingelagerter, bald reihenweis bersehbarer, bald sich verschiebender Ansichten,
die, im Wasser sich gleichmig verdoppelnd, bei Uferfahrten das mannigfaltigste
Vergngen gewhren. Dabei lieen denn die knstlerischen Nachbildungen auf dem
Papier dasjenige vermuten und ahnen, was man auf dem heutigen Zug nicht
unmittelbar gewahrte. Fr alles dieses schien die stille Hilarie freien und
schnen Sinn zu besitzen.
    Aber nun gegen Mittag erschien abermals das Wunderbare: die Damen landeten
allein, die Mnner kreuzten vor dem Hafen. Nun suchte der Snger seinen Vortrag
einer solchen Annherung zu bequemen, wo nicht blo von einem zart und lebhaft
jodelnden allgemeinen Sehnsuchtston, sondern von heiterer, zierlicher
Andringlichkeit irgendeine glckliche Wirkung zu hoffen wre. Da wollte denn
manchmal ein und das andere der Lieder, die wir geliebten Personen der
Lehrjahre schuldig sind, ber den Saiten, ber den Lippen schweben; doch
enthielt er sich, aus wohlmeinender Schonung, deren er selbst bedurfte, und
schwrmte vielmehr in fremden Bildern und Gefhlen umher, zum Gewinn seines
Vortrags, der sich nur um desto einschmeicheln der vernehmen lie. Beide Freunde
htten, auf diese Weise den Hafen blockierend, nicht an Essen und Trinken
gedacht, wenn die vorsichtigen Freundinnen nicht gute Bissen herbergesendet
htten, wozu ein begleitender Trunk ausgesuchten Weins zum allerbesten
schmeckte.
    Jede Absonderung, jede Bedingung, die unsern aufkeimenden Leidenschaften in
den Weg tritt, schrft sie, anstatt sie zu dmpfen; und auch diesmal lt sich
vermuten, da die kurze Abwesenheit beiden Teilen gleiche Sehnsucht erregt habe.
Allerdings! man sah die Damen in ihrer blendend-muntern Gondel gar bald wieder
heranfahren.
    Das Wort Gondel nehme man aber nicht im traurigen venezianischen Sinne; hier
bezeichnet es ein lustig-bequemgeflliges Schiff, das, htte sich unser kleiner
Kreis verdoppelt, immer noch gerumig genug gewesen wre.
    Einige Tage wurden so auf diese eigene Weise zwischen Begegnen und Scheiden,
zwischen Trennen und Zusammensein hingebracht; im Genu vergnglichster
Geselligkeit schwebte immer Entfernen und Entbehren vor der bewegten Seele. In
Gegenwart der neuen Freunde rief man sich die ltern zurck; vermite man die
neuen, so mute man bekennen, da auch diese schon starken Anspruch an
Erinnerung zu erwerben gewut. Nur ein gefater, geprfter Geist wie unsere
schne Witwe konnte sich zu solcher Stunde vllig im Gleichgewicht erhalten.
    Hilariens Herz war zu sehr verwundet, als da es einen neuen, reinen
Eindruck zu empfangen fhig gewesen wre; aber wenn die Anmut einer herrlichen
Gegend uns lindernd umgibt, wenn die Milde gefhlvoller Freunde auf uns
einwirkt, so kommt etwas Eigenes ber Geist und Sinn, das uns Vergangenes,
Abwesendes traumartig zurckruft und das Gegenwrtige, als wre es nur
Erscheinung, geistermig entfernt. So abwechselnd hin und wider geschaukelt,
angezogen und abgelehnt, genhert und entfernt, wallten und wogten sie
verschiedene Tage.
    Ohne diese Verhltnisse nher zu beurteilen, glaubte doch der gewandte,
wohlerfahrene Reisefhrer einige Vernderung in dem ruhigen Betragen seiner
Heldinnen gegen das bisherige zu bemerken, und als das Grillenhafte dieser
Zustnde sich ihm endlich aufgeklrt hatte, wute er auch hier das Erfreulichste
zu vermitteln. Denn als man eben die Damen abermals zu dem Orte, wo ihre Tafel
bereitet wre, bringen wollte, begegnete ihnen ein anderes geschmcktes Schiff,
das, an das ihrige sich anlegend, einen gut gedeckten Tisch mit allen
Heiterkeiten einer festlichen Tafel einladend vorwies; man konnte nun den
Verlauf mehrerer Stunden zusammen abwarten, und erst die Nacht entschied die
herkmmliche Trennung.
    Glcklicherweise hatten die mnnlichen Freunde auf ihren frheren Fahrten
gerade die geschmckteste der Inseln aus einer gewissen Naturgrille zu betreten
vernachlssigt und auch jetzt nicht gedacht, die dortigen, keineswegs im besten
Stand erhaltenen Knsteleien den Freundinnen vorzuzeigen, ehe die herrlichen
Weltszenen vllig erschpft wren. Doch zuletzt ging ihnen ein ander Licht auf!
Man zog den Fhrer ins Vertrauen, dieser wute jene Fahrt sogleich zu
beschleunigen, und sie hielten solche fr die seligste. Nun durften sie hoffen
und erwarten, nach so manchen unterbrochenen Freuden drei volle himmlische Tage,
in einem abgeschlossenen Bezirk versammelt, zuzubringen.
    Hier mssen wir nun den Reisefhrer besonders rhmen; er gehrte zu jenen
beweglichen, ttig gewandten, welche, mehrere Herrschaften geleitend, dieselben
Routen oft zurcklegen; mit Bequemlichkeiten und Unbequemlichkeiten genau
bekannt, die einen zu vermeiden, die andern zu benutzen, und ohne Hintansetzung
eignen Vorteils, ihre Patrone doch immer wohlfeiler und vergnglicher durchs
Land zu fhren verstehen, als diesen auf eigene Hand wrde gelungen sein.
    Zu gleicher Zeit tat sich eine lebhafte weibliche Bedienung der Frauenzimmer
zum erstenmal entschieden ttig hervor, so da die schne Witwe zur Bedingung
machen konnte, die beiden Freunde mchten bei ihr als Gste einkehren und mit
miger Bewirtung vorliebnehmen. Auch hier gelang alles zum gnstigsten: denn
der kluge Geschftstrger hatte, bei dieser Gelegenheit wie frher, von den
Empfehlungs- und Kreditbriefen der Damen so klugen Gebrauch zu machen gewut,
da, in Abwesenheit der Besitzer, Schlo und Garten, nicht weniger die Kche zu
beliebigem Gebrauch erffnet wurden, ja sogar einige Aussicht auf den Keller
blieb. Alles stimmte nun so zusammen, da man sich gleich vom ersten Augenblick
an als einheimisch, als eingeborne Herrschaft solcher Paradiese fhlen mute.
    Das smtliche Gepck aller unserer Reisenden ward sogleich auf die Insel
gebracht, wodurch fr die Gesellschaft groe Bequemlichkeit entstand, der grte
Vorteil aber dabei erzielt ward, indem die smtlichen Portefeuilles des
trefflichen Knstlers, zum erstenmal alle beisammen, ihm Gelegenheit gaben, den
Weg, den er genommen, in stetiger Folge den Schnen zu vergegenwrtigen. Man
nahm die Arbeit mit Entzcken auf. Nicht etwa wie Liebhaber und Knstler sich
wechselsweise prkonisieren, hier ward einem vorzglichen Manne das gefhlteste
und einsichtigste Lob erteilt. Damit wir aber nicht in Verdacht geraten, als
wollten wir mit allgemeinen Phrasen dasjenige, was wir nicht vorzeigen knnen,
glubigen Lesern nur unterschieben, so stehe hier das Urteil eines Kenners, der
bei jenen fraglichen sowohl als gleichen und hnlichen Arbeiten mehrere Jahre
nachher bewundernd verweilte.
    Ihm gelingt, die heitere Ruhe stiller Seeaussichten darzustellen, wo
anliegend-freundliche Wohnungen, sich in der klaren Flut spiegelnd, gleichsam zu
baden scheinen; Ufer, mit begrnten Hgeln umgeben, hinter denen Waldgebirge und
eisige Gletscherfirnen aufsteigen. Der Farbenton solcher Szenen ist heiter,
frhlich-klar; die Fernen mit milderndem Duft wie bergossen, der, nebelgrauer
und einhllender, aus durchstrmten Grnden und Tlern hervorsteigt und ihre
Windungen andeutet. Nicht minder ist des Meisters Kunst zu loben in Ansichten
aus Tlern, nher am Hochgebirg gelegen, wo ppig bewachsene Bergeshnge
niedersteigen, frische Strme sich am Fu der Felsen eilig fortwlzen.
    Trefflich wei er in mchtig schattenden Bumen des Vordergrundes den
unterscheidenden Charakter verschiedener Arten so in Gestalt des Ganzen wie in
dem Gang der Zweige, den einzelnen Partien der Bltter befriedigend anzudeuten;
nicht weniger in dem auf mancherlei Weise nuancierten frischen Grn, worin
sanfte Lfte mit gelindem Hauch zu fcheln und die Lichter daher gleichsam
bewegt erscheinen.
    Im Mittelgrund ermattet allmhlich der lebhafte grne Ton und vermhlt sich
auf entferntern Berghhen schwach violett mit dem Blau des Himmels. Doch unserm
Knstler glcken ber alles Darstellungen hherer Alpgegenden; das einfach Groe
und Stille ihres Charakters, die ausgedehnten Weiden am Bergeshang, mit dem
frischesten Grn berkleidet, wo dunkel einzeln stehende Tannen aus dem
Rasenteppich ragen und von hohen Felswnden sich schumende Bche strzen. Mag
er die Weiden mit grasendem Rindvieh staffieren oder den engen, um Felsen sich
windenden Bergpfad mit beladenen Saumpferden und Maultieren, er zeichnet alle
gleich gut und geistreich; immer am schicklichen Ort und nicht in zu groer
Flle angebracht, zieren und beleben sie diese Bilder, ohne ihre ruhige
Einsamkeit zu stren oder auch nur zu mindern. Die Ausfhrung zeugt von der
khnsten Meisterhand, leicht mit wenigen sichern Strichen und doch vollendet. Er
bediente sich spter englischer glnzender Permanentfarben auf Papier, daher
sind diese Gemlde von vorzglich blhendem Farbenton, heiter, aber zugleich
krftig und gesttigt.
    Seine Abbildungen tiefer Felsschluchten, wo um und um nur totes Gestein
starrt, im Abgrund, von khner Brcke bersprungen, der wilde Strom tobt,
gefallen zwar nicht wie die vorigen, doch ergreift uns ihre Wahrheit; wir
bewundern die groe Wirkung des Ganzen, durch wenige bedeutende Striche und
Massen von Lokalfarben mit dem geringsten Aufwand hervorgebracht.
    Ebenso charakteristisch wei er die Gegenden des Hochgebirges darzustellen,
wo weder Baum noch Gestruch mehr fortkommt, sondern nur zwischen Felszacken und
Schneegipfeln sonnige Flchen mit zartem Rasen sich bedecken. So schn und
grnduftig und einladend er dergleichen Stellen auch koloriert, so sinnig hat er
doch unterlassen, hier mit weidenden Herden zu staffieren, denn diese Gegenden
geben nur Futter den Gemsen, und Wildheuern einen gefahrvollen Erwerb.

Wir entfernen uns nicht von der Absicht, unsern Lesern den Zustand solcher
wilden Gegenden so nah als mglich zu bringen, wenn wir das eben gebrauchte Wort
Wildheuer mit wenigem erklren. Man bezeichnet damit rmere Bewohner der
Hochgebirge, welche sich unterfangen, auf Graspltzen, die fr das Vieh
schlechterdings unzugnglich sind, Heu zu machen. Sie ersteigen deswegen, mit
Steigehaken an den Fen, die steilsten, gefhrlichsten Klippen, oder lassen
sich, wo es ntig ist, von hohen Felswnden an Stricken auf die besagten
Graspltze herab. Ist nun das Gras von ihnen geschlagen und zu Heu getrocknet,
so werfen sie solches von den Hhen in tiefere Talgrnde herab, wo dasselbe,
wieder gesammelt, an Viehbesitzer verkauft wird, die es der vorzglichen
Beschaffenheit wegen gern erhandeln.

Jene Bilder, die zwar einen jeden erfreuen und anziehen mten, betrachtete
Hilarie besonders mit groer Aufmerksamkeit; ihre Bemerkungen gaben zu erkennen,
da sie selbst diesem Fache nicht fremd sei; am wenigsten blieb dies dem
Knstler verborgen, der sich von niemand lieber erkannt gesehen htte als gerade
von dieser anmutigsten aller Personen. Die ltere Freundin schwieg daher nicht
lnger, sondern tadelte Hilarien, da sie mit ihrer eigenen Geschicklichkeit
hervorzutreten auch diesmal, wie immer, zaudere; hier sei die Frage nicht,
gelobt oder getadelt zu werden, sondern zu lernen. Eine schnere Gelegenheit
finde sich vielleicht nicht wieder.
    Nun zeigte sich erst, als sie gentigt war, ihre Bltter vorzuweisen, welch
ein Talent hinter diesem stillen, zierlichsten Wesen verborgen liege; die
Fhigkeit war eingeboren, fleiig gebt. Sie besa ein treues Auge, eine
reinliche Hand, wie sie Frauen bei ihren sonstigen Schmuck- und Putzarbeiten zu
hherer Kunst befhigt. Man bemerkte freilich Unsicherheit in den Strichen und
deshalb nicht hinlnglich ausgesprochenen Charakter der Gegenstnde, aber man
bewunderte genugsam die fleiigste Ausfhrung; dabei jedoch das Ganze nicht aufs
vorteilhafteste gefat, nicht knstlerisch zurechtgerckt. Sie frchtet, so
scheint es, den Gegenstand zu entweihen, bliebe sie ihm nicht vollkommen getreu,
deshalb ist sie ngstlich und verliert sich im Detail.
    Nun aber fhlt sie sich durch das groe, freie Talent, die dreiste Hand des
Knstlers aufgeregt, erweckt, was von Sinn und Geschmack in ihr treulich
schlummerte; es geht ihr auf, da sie nur Mut fassen, einige Hauptmaximen, die
ihr der Knstler grndlich, freundlich-dringend, wiederholt berlieferte, ernst
und strcklich befolgen msse. Die Sicherheit des Striches findet sich ein, sie
hlt sich allmhlich weniger an die Teile als ans Ganze, und so schliet sich
die schnste Fhigkeit unvermutet zur Fertigkeit auf: wie eine Rosenknospe, an
der wir noch abends unbeachtend vorbergingen, morgens mit Sonnenaufgang vor
unsern Augen hervorbricht, so da wir das lebende Zittern, das die herrliche
Erscheinung dem Lichte entgegenregt, mit Augen zu schauen glauben.
    Auch nicht ohne sittliche Nachwirkung war eine solche sthetische Ausbildung
geblieben: denn einen magischen Eindruck auf ein reines Gemt bewirkt das
Gewahrwerden der innigsten Dankbarkeit gegen irgend jemand, dem wir
entscheidende Belehrung schuldig sind. Diesmal war es das erste frohe Gefhl,
das in Hilariens Seele nach geraumer Zeit hervortrat. Die herrliche Welt erst
tagelang vor sich zu sehen und nun die auf einmal verliehene vollkommenere
Darstellungsgabe zu empfinden! Welche Wonne, in Zgen und Farben dem
Unaussprechlichen nher zu treten!
    Sie fhlte sich mit einer neuen Jugend berrascht und konnte sich eine
besondere Anneigung zu jenem, dem sie dies Glck schuldig geworden, nicht
versagen.
    So saen sie nebeneinander; man htte nicht unterscheiden knnen, wer
hastiger, Kunstvorteile zu berliefern oder sie zu ergreifen und auszuben,
gewesen wre. Der glcklichste Wettstreit, wie er sich selten zwischen Schler
und Meister entzndet, tat sich hervor. Manchmal schien der Freund auf ihr Blatt
mit einem entscheidenden Zuge einwirken zu wollen, sie aber, sanft ablehnend,
eilte, gleich das Gewnschte, das Notwendige zu tun, und immer zu seinem
Erstaunen.
    Der letzte Abend war nun herangekommen, und ein hervorleuchtender, klarster
Vollmond lie den bergang von Tag zu Nacht nicht empfinden. Die Gesellschaft
hatte sich zusammen auf einer der hchsten Terrassen gelagert, den ruhigen, von
allen Seiten her erleuchteten und rings widerglnzenden See, dessen Lnge sich
zum Teil verbarg, seiner Breite nach ganz und klar zu berschauen.
    Was man nun auch in solchen Zustnden besprechen mochte, so war doch nicht
zu unterlassen, das hundertmal Besprochene, die Vorzge dieses Himmels, dieses
Wassers, dieser Erde, unter dem Einflu einer gewaltigern Sonne, eines mildern
Mondes nochmals zu bereden, ja sie ausschlielich und lyrisch anzuerkennen.
    Was man sich aber nicht gestand, was man sich kaum selbst bekennen mochte,
war das tiefe, schmerzliche Gefhl, das in jedem Busen strker oder schwcher,
durchaus aber gleich wahr und zart sich bewegte. Das Vorgefhl des Scheidens
verbreitete sich ber die Gesamtheit; ein allmhliches Verstummen wollte fast
ngstlich werden.
    Da ermannte, da entschlo sich der Snger, auf seinem Instrumente krftig
prludierend, uneingedenk jener frheren wohlbedachten Schonung. Ihm schwebte
Mignons Bild mit dem ersten Zartgesang des holden Kindes vor. Leidenschaftlich
ber die Grenze gerissen, mit sehnschtigem Griff die wohlklingenden Saiten
aufregend, begann er anzustimmen:

Kennst du das Land, wo die Zitronen blhn,
Im dunklen Laub - - -

Hilarie stand erschttert auf und entfernte sich, die Stirne verschleiernd;
unsere schne Witwe bewegte ablehnend eine Hand gegen den Snger, indem sie mit
der andern Wilhelms Arm ergriff. Hilarien folgte der wirklich verworrene
Jngling, Wilhelmen zog die mehr besonnene Freundin so hinter beiden drein. Und
als sie nun alle viere im hohen Mondschein sich gegenberstanden, war die
allgemeine Rhrung nicht mehr zu verhehlen. Die Frauen warfen sich einander in
die Arme, die Mnner umhalsten sich, und Luna ward Zeuge der edelsten,
keuschesten Trnen. Einige Besinnung kehrte langsam erst zurck, man zog sich
auseinander, schweigend, unter seltsamen Gefhlen und Wnschen, denen doch die
Hoffnung schon abgeschnitten war. Nun fhlte sich unser Knstler, welchen der
Freund mit sich ri, unter dem hehren Himmel, in der ernst-lieblichen
Nachtstunde, eingeweiht in alle Schmerzen des ersten Grades der Entsagenden,
welchen jene Freunde schon berstanden hatten, nun aber sich in Gefahr sahen,
abermals schmerzlich geprft zu werden.
    Spt hatten sich die Jnglinge zur Ruhe begeben, und am frhen Morgen zeitig
erwachend, faten sie ein Herz und glaubten sich stark zu einem Abschied aus
diesem Paradiese, ersannen mancherlei Plane, wie sie ohne Pflichtverletzung in
der angenehmen Nhe zu verharren allenfalls mglich machten.
    Ihre Vorschlge deshalb gedachten sie anzubringen, als die Nachricht sie
berraschte, schon beim frhsten Scheine des Tages seien die Damen abgefahren.
Ein Brief von der Hand unserer Herzensknigin belehrte sie des Weitern. Man
konnte zweifelhaft sein, ob mehr Verstand oder Gte, mehr Neigung oder
Freundschaft, mehr Anerkennung des Verdienstes oder leises, verschmtes
Vorurteil darin ausgesprochen sei. Leider enthielt der Schlu die harte
Forderung, da man den Freundinnen weder folgen noch sie irgendwo aufsuchen, ja,
wenn man sich zufllig begegnete einander treulich ausweichen wolle.
    Nun war das Paradies wie durch einen Zauberschlag fr die Freunde zur
vlligen Wste gewandelt; und gewi htten sie selbst gelchelt, wre ihnen in
dem Augenblick klar geworden, wie ungerecht-undankbar sie sich auf einmal gegen
eine so schne, so merkwrdige Umgebung verhielten. Kein selbstschtiger
Hypochondrist wrde so scharf und scheelschtig den Verfall der Gebude, die
Vernachlssigung der Mauern, das Verwittern der Trme, den Grasberzug der
Gnge, das Aussterben der Bume, das vermoosende Vermodern der Kunstgrotten, und
was noch alles dergleichen zu bemerken wre, gergt und gescholten haben. Sie
faten sich indes, so gut es sich fgen wollte; unser Knstler packte sorgfltig
seine Arbeit zusammen sie schifften beide sich ein, Wilhelm begleitete ihn bis
in die obere Gegend des Sees, wo jener nach frherer Verabredung seinen Weg zu
Natalien suchte, um sie durch die schnen landschaftlichen Bilder in Gegenden zu
versetzen, die sie vielleicht so bald nicht betreten sollte. Berechtigt ward er
zugleich, den unerwarteten Fall bekennend vorzutragen, wodurch er in die Lage
geraten, von den Bundesgliedern des Entsagens aufs freundlichste in die Mitte
genommen und durch liebevolle Behandlung, wo nicht geheilt, doch getrstet zu
werden.


                               Lenardo an Wilhelm

Ihr Schreiben, mein Teuerster, traf mich in einer Ttigkeit, die ich Verwirrung
nennen knnte, wenn der Zweck nicht so gro, das Erlangen nicht so sicher wre.
Die Verbindung mit den Ihrigen ist wichtiger, als beide Teile sich denken
konnten. Darber darf ich nicht anfangen zu schreiben, weil sich gleich
hervortut, wie unbersehbar das Ganze, wie unaussprechlich die Verknpfung. Tun
ohne Reden mu jetzt unsre Losung sein. Tausend Dank, da Sie mir auf ein so
anmutiges Geheimnis halb verschleiert in die Ferne hindeuten; ich gnne dem
guten Wesen einen so einfach glcklichen Zustand, indessen mich ein Wirbel von
Verschlingungen, doch nicht ohne Leitstern, umhertreiben wird. Der Abb
bernimmt, das Weitere zu vermelden, ich darf nur dessen gedenken, was frdert;
die Sehnsucht verschwindet im Tun und Wirken. Sie haben mich - und hier nicht
weiter; wo genug zu schaffen ist, bleibt kein Raum fr Betrachtung.


                              Der Abb an Wilhelm

Wenig htte gefehlt, so wre Ihr wohlgemeinter Brief, ganz Ihrer Absicht
entgegen, uns hchst schdlich geworden. Die Schilderung der Gefundenen ist so
gemtlich und reizend, da, um sie gleichfalls aufzufinden, der wunderliche
Freund vielleicht alles htte stehen und liegen lassen, wren unsre nunmehr
verbndeten Plane nicht so gro und weitaussehend. Nun aber hat er die Probe
bestanden, und es besttigt sich, da er von der wichtigen Angelegenheit vllig
durchdrungen ist und sich von allem andern ab- und allein dorthin gezogen fhlt.
    In diesem unserm neuen Verhltnis, dessen Einleitung wir Ihnen verdanken,
ergaben sich bei nherer Untersuchung fr jene wie fr uns weit grere
Vorteile, als man gedacht htte.
    Denn gerade durch eine von der Natur weniger begnstigte Gegend, wo ein Teil
der Gter gelegen ist, die ihm der Oheim abtritt, ward in der neuern Zeit ein
Kanal projektiert, der auch durch unsere Besitzungen sich ziehen wird und
wodurch, wenn wir uns aneinander schlieen, sich der Wert derselben ins
Unberechenbare erhht.
    Hierbei kann er seine Hauptneigung, ganz von vorne anzufangen, sehr bequem
entwickeln. Zu beiden Seiten jener Wasserstrae wird unbebautes und unbewohntes
Land genugsam zu finden sein; dort mgen Spinnerinnen und Weberinnen sich
ansiedeln, Maurer, Zimmerleute und Schmiede sich und ihnen mige Werksttten
bestellen; alles mag durch die erste Hand vernichtet werden, indessen wir andern
die verwickelten Aufgaben zu lsen unternehmen und den Umschwung der Ttigkeit
zu befrdern wissen.
    Dieses ist also die nchste Aufgabe unsers Freundes. Aus den Gebirgen
vernimmt man Klagen ber Klagen, wie dort Nahrungslosigkeit berhandnehme; auch
sollen jene Strecken im berma bevlkert sein. Dort wird er sich umsehen,
Menschen und Zustnde beurteilen und die wahrhaft Ttigen, sich selbst und
andern Ntzlichen in unsern Zug mit aufnehmen.
    Ferner hab' ich von Lothario zu berichten, er bereitet den vlligen Abschlu
vor. Eine Reise zu den Pdagogen hat er unternommen, um sich tchtige Knstler,
nur sehr wenige, zu erbitten. Die Knste sind das Salz der Erde; wie dieses zu
den Speisen, so verhalten sich jene zu der Technik. Wir nehmen von der Kunst
nicht mehr auf als nur, da das Handwerk nicht abgeschmackt werde.
    Im ganzen wird zu jener pdagogischen Anstalt uns eine dauernde Verbindung
hchst ntzlich und ntig werden. Wir mssen tun und drfen ans Bilden nicht
denken; aber Gebildete heranzuziehen ist unsre hchste Pflicht.
    Tausend und aber tausend Betrachtungen schlieen sich hier an; erlauben Sie
mir nach unsrer alten Weise nur noch ein allgemeines Wort, veranlat durch eine
Stelle Ihres Briefes an Lenardo. Wir wollen der Hausfrmmigkeit das gebhrende
Lob nicht entziehen: auf ihr grndet sich die Sicherheit des Einzelnen, worauf
zuletzt denn auch die Festigkeit und Wrde des Ganzen beruhen mag; aber sie
reicht nicht mehr hin, wir mssen den Begriff einer Weltfrmmigkeit fassen,
unsre redlich menschlichen Gesinnungen in einen praktischen Bezug ins Weite
setzen und nicht nur unsre Nchsten frdern, sondern zugleich die ganze
Menschheit mitnehmen.
    Um nun zuletzt Ihres Gesuches zu erwhnen, sag' ich so viel: Montan hat es
zu rechter Zeit bei uns angebracht. Der wunderliche Mann wollte durchaus nicht
erklren, was Sie eigentlich vorhtten, doch er gab sein Freundeswort, da es
verstndig und, wenn es gelnge, der Gesellschaft hchst ntzlich sein wrde.
Und so ist Ihnen verziehen, da Sie in Ihrem Schreiben gleichfalls ein Geheimnis
davon machen. Genug, Sie sind von aller Beschrnktheit entbunden, wie es Ihnen
schon zugekommen sein sollte, wre uns Ihr Aufenthalt bekannt gewesen. Deshalb
wiederhol' ich im Namen aller: Ihr Zweck, obschon unausgesprochen, wird im
Zutrauen auf Montan und Sie gebilligt. Reisen Sie, halten Sie sich auf, bewegen
Sie sich, verharren Sie! was Ihnen gelingt, wird recht sein; mchten Sie sich
zum notwendigsten Glied unsrer Kette bilden.
    Ich lege zum Schlu ein Tfelchen bei, woraus Sie den beweglichen
Mittelpunkt unsrer Kommunikationen erkennen werden. Sie finden darin vor Augen
gestellt, wohin Sie zu jeder Jahrszeit Ihre Briefe zu senden haben; am liebsten
sehen wir's durch sichere Boten, deren Ihnen genugsame an mehreren Orten
angedeutet sind. Ebenso finden Sie durch Zeichen bemerkt, wo Sie einen oder den
andern der Unsrigen aufzusuchen haben.


                                  Zwischenrede

Hier aber finden wir uns in dem Falle, dem Leser eine Pause und zwar von einigen
Jahren anzukndigen, weshalb wir gern, wre es mit der typographischen
Einrichtung zu verknpfen gewesen, an dieser Stelle einen Band abgeschlossen
htten.
    Doch wird ja wohl auch der Raum zwischen zwei Kapiteln gengen, um sich ber
das Ma gedachter Zeit hinwegzusetzen, da wir lngst gewohnt sind, zwischen dem
Sinken und Steigen des Vorhangs in unserer persnlichen Gegenwart dergleichen
geschehen zu lassen.
    Wir haben in diesem zweiten Buche die Verhltnisse unsrer alten Freunde
bedeutend steigern sehen und zugleich frische Bekanntschaften gewonnen; die
Aussichten sind derart, da zu hoffen steht, es werde allen und jeden, wenn sie
sich ins Leben zu finden wissen, ganz erwnscht geraten. Erwarten wir also
zunchst, einen nach dem andern, sich verflechtend und entwindend, auf gebahnten
und ungebahnten Wegen wiederzufinden.

                                 Achtes Kapitel


Suchen wir nun unsern seit einiger Zeit sich selbst berlassenen Freund wieder
auf, so finden wir ihn, wie er von seiten des flachen Landes her in die
pdagogische Provinz hineintritt. Er kommt ber Auen und Wiesen, umgeht auf
trocknem Anger manchen kleinen See, erblickt mehr bebuschte als waldige Hgel,
berall freie Umsicht ber einen wenig bewegten Boden. Auf solchen Pfaden blieb
ihm nicht lange zweifelhaft, er befinde sich in der pferdenhrenden Region, auch
gewahrte er hie und da kleinere und grere Herden dieses edlen Tiers,
verschiedenen Geschlechts und Alters. Auf einmal aber bedeckt sich der Horizont
mit einer furchtbaren Staubwolke, die, eiligst nher und nher anschwellend,
alle Breite des Raums vllig berdeckt, endlich aber, durch frischen Seitenwind
enthllt, ihren innern Tumult zu offenbaren gentigt ist.
    In vollem Galopp strzt eine groe Masse solcher edlen Tiere heran, sie
werden durch reitende Hter gelenkt und zusammengehalten. An dem Wanderer
sprengt das ungeheure Gewimmel vorbei, ein schner Knabe unter den begleitenden
Htern blickt ihn verwundert an, pariert, springt ab und umarmt den Vater.
    Nun geht es an ein Fragen und Erzhlen; der Sohn berichtet, da er in der
ersten Prfungszeit viel ausgestanden, sein Pferd vermit und auf ckern und
Wiesen sich zu Fu herumgetrieben; da er sich denn auch in dem stillen,
mhseligen Landleben, wie er voraus protestiert, nicht sonderlich erwiesen; das
Erntefest habe ihm zwar ganz wohl, das Bestellen hinterdrein, Pflgen, Graben
und Abwarten keineswegs gefallen, mit den notwendigen und nutzbaren Haustieren
habe er sich zwar, doch immer lssig und unzufrieden beschftigt, bis er denn
zur lebhafteren Reiterei endlich befrdert worden. Das Geschft, die Stuten und
Fohlen zu hten, sei mitunter zwar langweilig genug, indessen wenn man ein
muntres Tierchen vor sich sehe, das einen vielleicht in drei, vier Jahren lustig
davontrge, so sei es doch ein ganz anderes Wesen, als sich mit Klbern und
Ferkeln abzugeben, deren Lebenszweck dahinaus gehe, wohl gefttert und
angefettet fortgeschafft zu werden.
    Mit dem Wachstum des Knaben, der sich wirklich zum Jngling heranstreckte,
seiner gesunden Haltung, einem gewissen frei-heitern, um nicht zu sagen
geistreichen Gesprche konnte der Vater wohl zufrieden sein. Beide folgten
reitend nunmehr eilig der eilenden Herde, bei einsam gelegenen weitlufigen
Gehften vorber, zu dem Ort oder Flecken, wo das groe Marktfest gehalten ward.
Dort whlt ein unglaubliches Getmmel durcheinander, und man wte nicht zu
unterscheiden, ob Ware oder Kufer mehr Staub erregten. Aus allen Landen treffen
hier Kauflustige zusammen, um Geschpfe edler Abkunft, sorgfltiger Zucht sich
zuzueignen. Alle Sprachen der Welt glaubt man zu hren. Dazwischen tnt auch der
lebhafte Schall wirksamster Blasinstrumente, und alles deutet auf Bewegung,
Kraft und Leben.
    Unser Wanderer trifft nun den vorigen, schon bekannten Aufseher wieder an,
gesellt zu andern tchtigen Mnnern, welche still und gleichsam unbemerkt Zucht
und Ordnung zu erhalten wissen. Wilhelm, der hier abermals ein Beispiel
ausschlielicher Beschftigung und, wie ihm bei aller Breite scheint,
beschrnkter Lebensleitung zu bemerken glaubt, wnscht zu erfahren, worin man
die Zglinge sonst noch zu ben pflege, um zu verhindern, da bei so wilder,
gewissermaen roher Beschftigung, Tiere nhrend und erziehend, der Jngling
nicht selbst zum Tiere verwildere. Und so war ihm denn sehr lieb zu vernehmen,
da gerade mit dieser gewaltsam und rauh scheinenden Bestimmung die zarteste von
der Welt verknpft sei: Sprachbung und Sprachbildung.
    In dem Augenblick vermite der Vater den Sohn an seiner Seite, er sah ihn
zwischen den Lcken der Menge durch mit einem jungen Tabulettkrmer ber
Kleinigkeiten eifrig handeln und feilschen. In kurzer Zeit sah er ihn gar nicht
mehr. Als nun der Aufseher nach der Ursache einer gewissen Verlegenheit und
Zerstreuung fragte und dagegen vernahm, da es den Sohn gelte: Lassen Sie es
nur, sagte er zur Beruhigung des Vaters, er ist unverloren; damit Sie aber
sehen, wie wir die Unsrigen zusammenhalten, stie er mit Gewalt in ein
Pfeifchen, das an seinem Busen hing, in dem Augenblick antwortete es
dutzendweise von allen Seiten. Der Mann fuhr fort: Jetzt lass' ich es dabei
bewenden, es ist nur ein Zeichen, da der Aufseher in der Nhe ist und ungefhr
wissen will, wie viel ihn hren. Auf ein zweites Zeichen sind sie still, aber
bereiten sich, auf das dritte antworten sie und strzen herbei. brigens sind
diese Zeichen auf gar mannigfaltige Weise vervielfltigt und von besonderem
Nutzen.
    Auf einmal hatte sich um sie her ein freierer Raum gebildet, man konnte
freier sprechen, indem man gegen die benachbarten Hhen spazierte. Zu jenen
Sprachbungen, fuhr der Aufsehende fort, wurden wir dadurch bestimmt, da aus
allen Weltgegenden Jnglinge sich hier befinden. Um nun zu verhten, da sich
nicht, wie in der Fremde zu geschehen pflegt, die Landsleute vereinigen und, von
den brigen Nationen abgesondert, Parteien bilden, so suchen wir durch freie
Sprachmitteilung sie einander zu nhern.
    Am notwendigsten aber wird eine allgemeine Sprachbung, weil bei diesem
Festmarkte jeder Fremde in seinen eigenen Tnen und Ausdrcken genugsame
Unterhaltung, beim Feilschen und Markten aber alle Bequemlichkeit gerne finden
mag. Damit jedoch keine babylonische Verwirrung, keine Verderbnis entstehe, so
wird das Jahr ber monatweise nur eine Sprache im allgemeinen gesprochen, nach
dem Grundsatz, da man nichts lerne auerhalb des Elements, welches bezwungen
werden soll.
    Wir sehen unsere Schler, sagte der Aufseher, smtlich als Schwimmer an,
welche mit Verwunderung im Elemente, das sie zu verschlingen droht, sich
leichter fhlen, von ihm gehoben und getragen sind; und so ist es mit allem,
dessen sich der Mensch unterfngt.
    Zeigt jedoch einer der Unsrigen zu dieser oder jener Sprache besondere
Neigung, so ist auch mitten in diesem tumultvoll scheinenden Leben, das zugleich
sehr viel ruhige, mig-einsame, ja langweilige Stunden bietet, fr treuen und
grndlichen Unterricht gesorgt. Ihr wrdet unsere reitenden Grammatiker, unter
welchen sogar einige Pedanten sind, aus diesen brtigen und unbrtigen Centauren
wohl schwerlich herausfinden. Euer Felix hat sich zum Italienischen bestimmt,
und da, wie Ihr schon wit, melodischer Gesang bei unsern Anstalten durch alles
durchgreift, so solltet Ihr ihn in der Langweile des Hterlebens gar manches
Lied zierlich und gefhlvoll vortragen hren. Lebensttigkeit und Tchtigkeit
ist mit auslangendem Unterricht weit vertrglicher, als man denkt.
    Da eine jede Region ihr eigenes Fest feiert, so fhrte man den Gast zum
Bezirk der Instrumentalmusik. Dieser, an die Ebene grenzend, zeigte schon
freundlich und zierlich abwechselnde Tler, kleine schlanke Wlder, sanfte
Bche, an deren Seite hie und da ein bemooster Fels hervortrat. Zerstreute,
umbuschte Wohnungen erblickte man auf den Hgeln, in sanften Grnden drngten
sich die Huser nher aneinander. Jene anmutig vereinzelten Htten lagen so weit
auseinander, da weder Tne noch Mitne sich wechselseitig erreichen konnten.
    Sie nherten sich sodann einem weiten, rings umbauten und umschatteten
Raume, wo Mann an Mann gedrngt mit groer Aufmerksamkeit und Erwartung gespannt
schienen. Eben als der Gast herantrat, ward eine mchtige Symphonie aller
Instrumente aufgefhrt, deren vollstndige Kraft und Zartheit er bewundern
mute. Dem gerumig erbauten Orchester gegenber stand ein kleineres, welches zu
besonderer Betrachtung Anla gab; auf demselben befanden sich jngere und ltere
Schler, jeder hielt sein Instrument bereit, ohne zu spielen; es waren
diejenigen, die noch nicht vermochten oder nicht wagten, mit ins Ganze zu
greifen. Mit Anteil bemerkte man, wie sie gleichsam auf dem Sprunge standen, und
hrte rhmen: ein solches Fest gehe selten vorber, ohne da ein oder das andere
Talent sich pltzlich entwickele.
    Da nun auch Gesang zwischen den Instrumenten sich hervortat, konnte kein
Zweifel brigbleiben, da auch dieser begnstigt werde. Auf eine Frage sodann,
was noch sonst fr eine Bildung sich hier freundlich anschliee, vernahm der
Wanderer: die Dichtkunst sei es, und zwar von der lyrischen Seite. Hier komme
alles darauf an, da beide Knste, jede fr sich und aus sich selbst, dann aber
gegen- und miteinander entwickelt werden. Die Schler lernen eine wie die andre
in ihrer Bedingtheit kennen; sodann wird gelehrt, wie sie sich wechselsweise
bedingen und sich sodann wieder wechselseitig befreien.
    Der poetischen Rhythmik stellt der Tonknstler Takteinteilung und
Taktbewegung entgegen. Hier zeigt sich aber bald die Herrschaft der Musik ber
die Poesie; denn wenn diese, wie billig und notwendig, ihre Quantitten immer so
rein als mglich im Sinne hat, so sind fr den Musiker wenig Silben entschieden
lang oder kurz; nach Belieben zerstrt dieser das gewissenhafteste Verfahren des
Rhythmikers, ja verwandelt sogar Prosa in Gesang, wo dann die wunderbarsten
Mglichkeiten hervortreten, und der Poet wrde sich gar bald vernichtet fhlen,
wte er nicht von seiner Seite durch lyrische Zartheit und Khnheit dem Musiker
Ehrfurcht einzuflen und neue Gefhle, bald in sanftester Folge, bald durch die
raschesten bergnge, hervorzurufen.
    Die Snger, die man hier findet, sind meist selbst Poeten. Auch der Tanz
wird in seinen Grundzgen gelehrt, damit sich alle diese Fertigkeiten ber
smtliche Regionen regelmig verbreiten knnen.
    Als man den Gast ber die nchste Grenze fhrte, sah er auf einmal eine ganz
andere Bauart. Nicht mehr zerstreut waren die Huser, nicht mehr httenartig;
sie zeigten sich vielmehr regelmig zusammengestellt, prchtig und schn von
auen, gerumig, bequem und zierlich von innen; man ward hier einer unbeengten,
wohlgebauten, der Gegend angemessenen Stadt gewahr. Hier sind bildende Kunst und
die ihr verwandten Handwerke zu Hause, und eine ganz eigene Stille herrscht ber
diesen Rumen.
    Der bildende Knstler denkt sich zwar immer in Bezug auf alles, was unter
den Menschen lebt und webt, aber sein Geschft ist einsam, und durch den
sonderbarsten Widerspruch verlangt vielleicht kein anderes so entschieden
lebendige Umgebung. Hier nun bildet jeder im stillen, was bald fr immer die
Augen der Menschen beschftigen soll; eine Feiertagsruhe waltet ber dem ganzen
Ort, und htte man nicht hie und da das Picken der Steinhauer oder abgemessene
Schlge der Zimmerleute vernommen, die soeben emsig beschftigt waren, ein
herrliches Gebude zu vollenden, so wre die Luft von keinem Ton bewegt gewesen.
    Unserm Wanderer fiel der Ernst auf, die wunderbare Strenge, mit welcher
sowohl Anfnger als Fortschreitende behandelt wurden; es schien, als wenn keiner
aus eigner Macht und Gewalt etwas leistete, sondern als wenn ein geheimer Geist
sie alle durch und durch belebte, nach einem einzigen groen Ziele hinleitend.
Nirgends erblickte man Entwurf und Skizze, jeder Strich war mit Bedacht gezogen,
und als sich der Wanderer von dem Fhrer eine Erklrung des ganzen Verfahrens
erbat, uerte dieser: die Einbildungskraft sei ohnehin ein vages, unsttes
Vermgen, whrend das ganze Verdienst des bildenden Knstlers darin bestehe, da
er sie immer mehr bestimmen, festhalten, ja endlich bis zur Gegenwart erhhen
lerne.
    Man erinnerte an die Notwendigkeit sicherer Grundstze in andern Knsten.
Wrde der Musiker einem Schler vergnnen, wild auf den Saiten herumzugreifen
oder sich gar Intervalle nach eigner Lust und Belieben zu erfinden? Hier wird
auffallend, da nichts der Willkr des Lernenden zu berlassen sei; das Element,
worin er wirken soll, ist entschieden gegeben, das Werkzeug, das er zu handhaben
hat, ist ihm eingehndigt, sogar die Art und Weise, wie er sich dessen bedienen
soll, ich meine den Fingerwechsel, findet er vorgeschrieben, damit ein Glied dem
andern aus dem Wege gehe und seinem Nachfolger den rechten Weg bereite; durch
welches gesetzliche Zusammenwirken denn zuletzt allein das Unmgliche mglich
wird.
    Was uns aber zu strengen Forderungen, zu entschiedenen Gesetzen am meisten
berechtigt, ist: da gerade das Genie, das angeborne Talent sie am ersten
begreift, ihnen den willigsten Gehorsam leistet. Nur das Halbvermgen wnschte
gern seine beschrnkte Besonderheit an die Stelle des unbedingten Ganzen zu
setzen und seine falschen Griffe, unter Vorwand einer unbezwinglichen
Originalitt und Selbststndigkeit, zu beschnigen. Das lassen wir aber nicht
gelten, sondern hten unsere Schler vor allen Mitritten, wodurch ein groer
Teil des Lebens, ja manchmal das ganze Leben verwirrt und zerpflckt wird.
    Mit dem Genie haben wir am liebsten zu tun, denn dieses wird eben von dem
guten Geiste beseelt, bald zu erkennen, was ihm nutz ist. Es begreift, da Kunst
eben darum Kunst heie, weil sie nicht Natur ist. Es bequemt sich zum Respekt,
sogar vor dem, was man konventionell nennen knnte: denn was ist dieses anders,
als da die vorzglichsten Menschen bereinkamen, das Notwendige, das
Unerlliche fr das Beste zu halten; und gereicht es nicht berall zum Glck?
    Zur groen Erleichterung fr die Lehrer sind auch hier, wie berall bei uns,
die drei Ehrfurchten und ihre Zeichen mit einiger Abnderung, der Natur des
obwaltenden Geschfts gem, eingefhrt und eingeprgt.
    Den ferner umhergeleiteten Wanderer mute nunmehr in Verwunderung setzen,
da die Stadt sich immer zu erweitern, Strae aus Strae sich zu entwickeln
schien, mannigfaltige Ansichten gewhrend. Das uere der Gebude sprach ihre
Bestimmung unzweideutig aus, sie waren wrdig und stattlich, weniger prchtig
als schn. Den edlern und ernsteren in Mitte der Stadt schlossen sich die
heitern gefllig an, bis zuletzt zierliche Vorstdte anmutigen Stils gegen das
Feld sich hinzogen und endlich als Gartenwohnungen zerstreuten.
    Der Wanderer konnte nicht unterlassen, hier zu bemerken, da die Wohnungen
der Musiker in der vorigen Region keineswegs an Schnheit und Raum den
gegenwrtigen zu vergleichen seien, welche Maler, Bildhauer und Baumeister
bewohnen. Man erwiderte ihm, dies liege in der Natur der Sache. Der Musikus
msse immer in sich selbst gekehrt sein, sein Innerstes ausbilden, um es nach
auen zu wenden. Dem Sinne des Auges hat er nicht zu schmeicheln. Das Auge
bevorteilt gar leicht das Ohr und lockt den Geist von innen nach auen.
Umgekehrt mu der bildende Knstler in der Auenwelt leben und sein Inneres
gleichsam unbewut an und in dem Auswendigen manifestieren. Bildende Knstler
mssen wohnen wie Knige und Gtter, wie wollten sie denn sonst fr Knige und
Gtter bauen und verzieren? Sie mssen sich zuletzt dergestalt ber das Gemeine
erheben, da die ganze Volksgemeinde in und an ihren Werken sich veredelt
fhle.
    Sodann lie unser Freund sich ein anderes Paradoxon erklren: warum gerade
in diesen festlichen, andere Regionen so belebenden, tumultuarisch erregten
Tagen hier die grte Stille herrsche und das Arbeiten nicht auch ausgesetzt
werde?
    Ein bildender Knstler, hie es, bedarf keines Festes, ihm ist das ganze
Jahr ein Fest. Wenn er etwas Treffliches geleistet hat, es steht nach wie vor
seinem Aug' entgegen, dem Auge der ganzen Welt. Da bedarf es keiner
Wiederholung, keiner neuen Anstrengung, keines frischen Gelingens, woran sich
der Musiker immerfort abplagt, dem daher das splendideste Fest innerhalb des
vollzhligsten Kreises zu gnnen ist.
    Man sollte aber doch, versetzte Wilhelm, in diesen Tagen eine Ausstellung
belieben, wo die dreijhrigen Fortschritte der bravesten Zglinge mit Vergngen
zu beschauen und zu beurteilen wren.
    An anderen Orten, versetzte man, mag eine Ausstellung sich ntig machen,
bei uns ist sie es nicht. Unser ganzes Wesen und Sein ist Ausstellung. Sehen Sie
hier die Gebude aller Art, alle von Zglingen aufgefhrt; freilich nach
hundertmal besprochenen und durchdachten Rissen: denn der Bauende soll nicht
herumtasten und versuchen; was stehenbleiben soll, mu recht stehen und, wo
nicht fr die Ewigkeit, doch fr geraume Zeit gengen. Mag man doch immer Fehler
begehen, bauen darf man keine.
    Mit Bildhauern verfahren wir schon llicher, am llichsten mit Malern, sie
drfen dies und jenes versuchen, beide in ihrer Art. Ihnen steht frei, in den
innern, an den uern Rumen der Gebude, auf Pltzen sich eine Stelle zu
whlen, die sie verzieren wollen. Sie machen ihren Gedanken kund, und wenn er
einigermaen zu billigen ist, so wird die Ausfhrung zugestanden, und zwar auf
zweierlei Weise, entweder mit Vergnstigung, frher oder spter die Arbeit
wegnehmen zu drfen, wenn sie dem Knstler selbst mifiele, oder mit Bedingung,
das einmal Aufgestellte unabnderlich am Orte zu lassen. Die meisten erwhlen
das erste und behalten sich jene Erlaubnis vor, wobei sie immer am besten
beraten sind. Der zweite Fall tritt seltner ein, und man bemerkt, da alsdann
die Knstler sich weniger vertrauen, mit Gesellen und Kennern lange Konferenzen
halten und dadurch wirklich schtzenswerte dauerwrdige Arbeiten hervorzubringen
wissen.
    Nach allem diesem versumte Wilhelm nicht, sich zu erkundigen, was fr ein
anderer Unterricht sich sonst noch anschliee, und man gestand ihm, da es die
Dichtkunst, und zwar die epische sei.
    Doch mute dem Freunde dies sonderbar scheinen, als man hinzufgte: es werde
den Schlern nicht vergnnt, schon ausgearbeitete Gedichte lterer und neuerer
Dichter zu lesen oder vorzutragen; ihnen wird nur eine Reihe von Mythen,
berlieferungen und Legenden lakonisch mitgeteilt. Nun erkennt man gar bald an
malerischer oder poetischer Ausfhrung das eigene Produktive des einer oder der
andern Kunst gewidmeten Talents. Dichter und Bildner, beide beschftigen sich an
einer Quelle, und jeder sucht das Wasser nach seiner Seite, zu seinem Vorteil
hinzulenken, um nach Erfordernis eigne Zwecke zu erreichen; welches ihm viel
besser gelingt, als wenn er das schon Verarbeitete nochmals umarbeiten wollte.
    Der Reisende selbst hatte Gelegenheit, zu sehen, wie das vorging. Mehrere
Maler waren in einem Zimmer beschftigt, ein munterer junger Freund erzhlte
sehr ausfhrlich eine ganz einfache Geschichte, so da er fast ebenso viele
Worte als jene Pinselstriche anwendete, seinen Vortrag ebenfalls aufs rundeste
zu vollenden.
    Man versicherte, da beim Zusammenarbeiten die Freunde sich gar anmutig
unterhielten und da sich auf diesem Wege fters Improvisatoren entwickelten,
welche groen Enthusiasmus fr die zwiefache Darstellung zu erregen wten.
    Der Freund wendete nun seine Erkundigungen zur bildenden Kunst zurck. Ihr
habt, so sprach er, keine Ausstellung, also auch wohl keine Preisaufgabe?
Eigentlich nicht, versetzte jener, hier aber ganz in der Nhe knnen wir Euch
sehen lassen, was wir fr ntzlicher halten.
    Sie traten in einen groen, von oben glcklich erleuchteten Saal; ein weiter
Kreis beschftigter Knstler zeigte sich zuerst, aus dessen Mitte sich eine
kolossale Gruppe gnstig aufgestellt erhob. Mnnliche und weibliche
Kraftgestalten in gewaltsamen Stellungen erinnerten an jenes herrliche Gefecht
zwischen Heldenjnglingen und Amazonen, wo Ha und Feindseligkeit zuletzt sich
in wechselseitig-traulichen Beistand auflst. Dieses merkwrdig verschlungene
Kunstwerk war von jedem Punkte ringsum gleich gnstig anzusehen. In einem weiten
Umfang saen und standen bildende Knstler, jeder nach seiner Weise beschftigt:
der Maler an seiner Staffelei, der Zeichner am Reibrett; einige modellierten
rund, einige flach erhoben; ja sogar Baumeister entwarfen den Untersatz, worauf
knftig ein solches Kunstwerk gestellt werden sollte. Jeder Teilnehmende verfuhr
nach seiner Weise bei der Nachbildung, Maler und Zeichner entwickelten die
Gruppe zur Flche, sorgfltig jedoch, sie nicht zu zerstren, sondern so viel
wie mglich beizubehalten. Ebenso wurden die flacherhobenen Arbeiten behandelt.
Nur ein einziger hatte die ganze Gruppe in kleinerem Mastabe wiederholt, und er
schien das Modell wirklich in gewissen Bewegungen und Gliederbezug bertroffen
zu haben.
    Nun offenbarte sich, dies sei der Meister des Modells, der dasselbe vor der
Ausfhrung in Marmor hier einer nicht beurteilenden, sondern praktischen Prfung
unterwarf und so alles, was jeder seiner Mitarbeiter nach eigner Weise und
Denkart daran gesehen, beibehalten oder verndert, genau beobachtend bei
nochmaligem Durchdenken zu eignem Vorteil anzuwenden wute; dergestalt, da
zuletzt, wenn das hohe Werk in Marmor gearbeitet dastehen wird, obgleich nur von
einem unternommen, angelegt und ausgefhrt, doch allen anzugehren scheinen
mge.
    Die grte Stille beherrschte auch diesen Raum, aber der Vorsteher erhob
seine Stimme und rief: Wer wre denn hier, der uns in Gegenwart dieses
stationren Werkes mit trefflichen Worten die Einbildungskraft dergestalt
erregte, da alles, was wir hier fixiert sehen, wieder flssig wrde, ohne
seinen Charakter zu verlieren, damit wir uns berzeugen, das, was der Knstler
hier festgehalten, sei auch das Wrdigste?
    Namentlich aufgefordert von allen, verlie ein schner Jngling seine Arbeit
und begann heraustretend einen ruhigen Vortrag, worin er das gegenwrtige
Kunstwerk nur zu beschreiben schien, bald aber warf er sich in die eigentliche
Region der Dichtkunst, tauchte sich in die Mitte der Handlung und beherrschte
dies Element zur Bewunderung; nach und nach steigerte sich seine Darstellung
durch herrliche Deklamation auf einen solchen Grad, da wirklich die starre
Gruppe sich um ihre Achse zu bewegen und die Zahl der Figuren daran verdoppelt
und verdreifacht schien. Wilhelm stand entzckt und rief zuletzt: Wer will sich
hier noch enthalten, zum eigentlichen Gesang und zum rhythmischen Lied
berzugehen!
    Dies mcht' ich verbitten, versetzte der Aufseher; denn wenn unser
trefflicher Bildhauer aufrichtig sein will, so wird er bekennen, da ihm unser
Dichter eben darum beschwerlich gefallen, weil beide Knstler am weitesten
auseinander stehen; dagegen wollt' ich wetten, ein und der andere Maler hat sich
gewisse lebendige Zge daraus angeeignet.
    Ein sanftes, gemtliches Lied jedoch mcht' ich unserm Freunde zu hren
geben, eines, das ihr so ernst-lieblich vortragt; es bewegt sich ber das Ganze
der Kunst und ist mir selbst, wenn ich es hre, stets erbaulich.
    Nach einer Pause, in der sie einander zuwinkten und sich durch Zeichen
beredeten, erscholl von allen Seiten nach folgender Herz und Geist erhebende,
wrdige Gesang:

Zu erfinden, zu beschlieen,
Bleibe, Knstler, oft allein;
Deines Wirkens zu genieen,
Eile freudig zum Verein!
Hier im Ganzen schau', erfahre
Deinen eignen Lebenslauf,
Und die Taten mancher Jahre
Gehn dir in dem Nachbar auf.

Der Gedanke, das Entwerfen,
Die Gestalten, ihr Bezug,
Eines wird das andre schrfen,
Und am Ende sei's genug!
Wohl erfunden, klug ersonnen,
Schn gebildet, zart vollbracht -
So von jeher hat gewonnen
Knstler kunstreich seine Macht.

Wie Natur im Vielgebilde
Einen Gott nur offenbart,
So im weiten Kunstgefilde
Webt ein Sinn der ew'gen Art;
Dieses ist der Sinn der Wahrheit,
Der sich nur mit Schnem schmckt
Und getrost der hchsten Klarheit
Hellsten Tags entgegenblickt.

Wie beherzt in Reim und Prose
Redner, Dichter sich ergehn,
Soll des Lebens heitre Rose
Frisch auf Malertafel stehn,
Mit Geschwistern reich umgeben,
Mit des Herbstes Frucht umlegt,
Da sie von geheimem Leben
Offenbaren Sinn erregt.

Tausendfach und schn entfliee
Form aus Formen deiner Hand,
Und im Menschenbild geniee,
Da ein Gott sich hergewandt.
Welch ein Werkzeug ihr gebrauchet
Stellet euch als Brder dar;
Und gesangweis flammt und rauchet
Opfersule vom Altar.

Alles dieses mochte Wilhelm gar wohl gelten lassen, ob es ihm gleich sehr
paradox und, htte er es nicht mit Augen gesehen, gar unmglich scheinen mute.
Da man es ihm nun aber offen und frei, in schner Folge vorwies und bekannt
machte, so bedurfte es kaum einer Frage, um das Weitere zu erfahren; doch
enthielt er sich nicht, den Fhrenden zuletzt folgendermaen anzureden: Ich
sehe, hier ist gar klglich fr alles gesorgt, was im Leben wnschenswert sein
mag; entdeckt mir aber auch: welche Region kann eine gleiche Sorgfalt fr
dramatische Poesie aufweisen, und wo knnte ich mich darber belehren? Ich sah
mich unter allen euren Gebuden um und finde keines, das zu einem solchen Zweck
bestimmt sein knnte.
    Verhehlen drfen wir nicht auf diese Anfrage, da in unserer ganzen Provinz
dergleichen nicht anzutreffen sei: denn das Drama setzt eine mige Menge,
vielleicht gar einen Pbel voraus, dergleichen sich bei uns nicht findet; denn
solches Gelichter wird, wenn es nicht selbst sich unwillig entfernt, ber die
Grenze gebracht. Seid jedoch gewi, da bei unserer allgemein wirkenden Anstalt
auch ein so wichtiger Punkt wohl berlegt worden; keine Region aber wollte sich
finden, berall trat ein bedeutendes Bedenken ein. Wer unter unsern Zglingen
sollte sich leicht entschlieen, mit erlogener Heiterkeit oder geheucheltem
Schmerz ein unwahres, dem Augenblick nicht angehriges Gefhl in der Mae zu
erregen, um dadurch ein immer miliches Gefallen abwechselnd hervorzubringen?
Solche Gaukeleien fanden wir durchaus gefhrlich und konnten sie mit unserm
ernsten Zweck nicht vereinen.
    Man sagt aber doch, versetzte Wilhelm, diese weit um sich greifende Kunst
befrdere die brigen smtlich.
    Keineswegs, erwiderte man, sie bedient sich der brigen, aber verdirbt
sie. Ich verdenke dem Schauspieler nicht, wenn er sich zu dem Maler gesellt; der
Maler jedoch ist in solcher Gesellschaft verloren.
    Gewissenlos wird der Schauspieler, was ihm Kunst und Leben darbietet, zu
seinen flchtigen Zwecken verbrauchen und mit nicht geringem Gewinn; der Maler
hingegen, der vom Theater auch wieder seinen Vorteil ziehen mchte, wird sich
immer im Nachteil finden und der Musikus im gleichen Falle sein. Die smtlichen
Knste kommen mir vor wie Geschwister, deren die meisten zu guter Wirtschaft
geneigt wren, eins aber, leicht gesinnt, Hab und Gut der ganzen Familie sich
zuzueignen und zu verzehren Lust htte. Das Theater ist in diesem Falle, es hat
einen zweideutigen Ursprung, den es nie ganz, weder als Kunst noch Handwerk,
noch als Liebhaberei verleugnen kann.
    Wilhelm sah mit einem tiefen Seufzer vor sich nieder, denn alles auf einmal
vergegenwrtigte sich ihm, was er auf und an den Brettern genossen und gelitten
hatte; er segnete die frommen Mnner, welche ihren Zglingen solche Pein zu
ersparen gewut und aus berzeugung und Grundsatz jene Gefahren aus ihrem Kreise
gebannt.
    Sein Begleiter jedoch lie ihn nicht lange in diesen Betrachtungen, sondern
fuhr fort: Da es unser hchster und heiligster Grundsatz ist, keine Anlage,
kein Talent zu mileiten, so drfen wir uns nicht verbergen, da unter so groer
Anzahl sich eine mimische Naturgabe auch wohl entschieden hervortue; diese zeigt
sich aber in unwiderstehlicher Lust des Nachffens fremder Charaktere,
Gestalten, Bewegung, Sprache. Dies frdern wir zwar nicht, beobachten aber den
Zgling genau, und bleibt er seiner Natur durchaus getreu, so haben wir uns mit
groen Theatern aller Nationen in Verbindung gesetzt und senden einen bewhrt
Fhigen sogleich dorthin, damit er, wie die Ente auf dem Teiche, so auf den
Brettern seinem knftigen Lebensgewackel und -geschnatter eiligst
entgegengeleitet werde.
    Wilhelm hrte dies mit Geduld, doch nur mit halber berzeugung, vielleicht
mit einigem Verdru: denn so wunderlich ist der Mensch gesinnt, da er von dem
Unwert irgendeines geliebten Gegenstandes zwar berzeugt sein, sich von ihm
abwenden, sogar ihn verwnschen kann, aber ihn doch nicht von andern auf gleiche
Weise behandelt wissen will; und vielleicht regt sich der Geist des
Widerspruchs, der in allen Menschen wohnt, nie lebendiger und wirksamer als in
solchem Falle.
    Mag doch der Redakteur dieser Bogen hier selbst gestehen: da er mit einigem
Unwillen diese wunderliche Stelle durchgehen lt. Hat er nicht auch in
vielfachem Sinn mehr Leben und Krfte als billig dem Theater zugewendet? und
knnte man ihn wohl berzeugen, da dies ein unverzeihlicher Irrtum, eine
fruchtlose Bemhung gewesen?
    Doch wir finden keine Zeit, solchen Erinnerungen und Nachgefhlen unwillig
uns hinzugeben, denn unser Freund sieht sich angenehm berrascht, da ihm
abermals einer von den Dreien, und zwar ein besonders zusagender, vor die Augen
tritt. Entgegenkommende Sanftmut, den reinsten Seelenfrieden verkndend, teilte
sich hchst erquicklich mit. Vertrauend konnte der Wanderer sich nhern und
fhlte sein Vertrauen erwidert.
    Hier vernahm er nun, da der Obere sich gegenwrtig bei den Heiligtmern
befinde, dort unterweise, lehre, segne, indessen die Dreie sich verteilt, um
smtliche Regionen heimzusuchen und berall, nach genommener tiefster Kenntnis
und Verabredung mit den untergeordneten Aufsehern, das Eingefhrte
weiterzuleiten, das Neubestimmte zu grnden und dadurch ihre hohe Pflicht
treulich zu erfllen.
    Eben dieser treffliche Mann gab ihm nun eine allgemeinere bersicht ihrer
innern Zustnde und uern Verbindungen sowie Kenntnis von der Wechselwirkung
aller verschiedenen Regionen; nicht weniger ward klar, wie aus einer in die
andere, nach lngerer oder krzerer Zeit, ein Zgling versetzt werden knne.
Genug, mit dem bisher Vernommenen stimmte alles vllig berein. Zugleich machte
die Schilderung seines Sohnes ihm viel Vergngen, und der Plan, wie man ihn
weiterfhren wollte, mute seinen ganzen Beifall gewinnen.

                                Neuntes Kapitel


Wilhelm wurde darauf vom Gehlfen und Aufseher zu einem Bergfest eingeladen,
welches zunchst gefeiert werden sollte. Sie erstiegen mit Schwierigkeit das
Gebirg, Wilhelm glaubte sogar zu bemerken, da der Fhrer gegen Abend sich
langsamer bewegte, als wrde die Finsternis ihrem Pfad nicht noch mehr Hinderung
entgegensetzen. Als aber eine tiefe Nacht sie umgab, ward ihm dies Rtsel
aufgelst: kleine Flammen sah er aus vielen Schluchten und Tlern schwankend
hervorschimmern, sich zu Linien verlngern, sich ber die Gebirgshhen
herberwlzen. Viel freundlicher, als wenn ein Vulkan sich auftut und sein
sprhendes Gets ganze Gegenden mit Untergang bedroht, zeigte sich diese
Erscheinung, und doch glhte sie nach und nach mchtiger, breiter und
gedrngter, funkelte wie ein Strom von Sternen, zwar sanft und lieblich, aber
doch khn ber die ganze Gegend sich verbreitend.
    Nachdem nun der Gefhrte sich einige Zeit an der Verwunderung des Gastes
ergtzt, denn ihre Gesichter und Gestalten erschienen durch das Licht aus der
Ferne erhellt, so wie ihr Weg, begann er zu sprechen: Ihr seht hier freilich
ein wunderliches Schauspiel; diese Lichter, die bei Tag und bei Nacht im ganzen
Jahre unter der Erde leuchten und wirken und die Frdernis versteckter, kaum
erreichbarer irdischer Schtze begnstigen, diese quellen und wallen gegenwrtig
aus ihren Schlnden hervor und erheitern die offenbare Nacht. Kaum gewahrte man
je eine so erfreuliche Heerschau, wo das ntzlichste, unterirdisch zerstreute,
den Augen entzogene Geschft sich uns in ganzer Flle zeigt und eine groe
geheime Vereinigung sichtbar macht.
    Unter solchen Reden und Betrachtungen waren sie an den Ort gelangt, wo die
Feuerbche zum Flammensee um einen wohlerleuchteten Inselraum sich ergossen. Der
Wanderer stand nunmehr in dem blendenden Kreise, wo schimmernde Lichter zu
Tausenden gegen die zur schwarzen Hinterwand gereihten Trger einen
ahnungsvollen Kontrast bildeten. Sofort erklang die heiterste Musik zu tchtigen
Gesngen. Hohle Felsmassen zogen maschinenhaft heran und schlossen bald ein
glnzendes Innere dem Auge des erfreuten Zuschauers auf. Mimische Darstellungen,
und was nur einen solchen Moment der Menge erheitern kann, vereinigte sich, um
eine frohe Aufmerksamkeit zugleich zu spannen und zu befriedigen.
    Aber mit welcher Verwunderung ward unser Freund erfllt, als er sich den
Hauptleuten vorgestellt sah und unter ihnen, in ernster, stattlicher Tracht,
Freund Jarno erblickte. Nicht umsonst, rief dieser aus, habe ich meinen
frhern Namen mit dem bedeutendern Montan vertauscht; du findest mich hier in
Berg und Kluft eingeweiht, und glcklicher in dieser Beschrnkung unter und ber
der Erde, als sich denken lt. - Da wirst du also, versetzte der Wanderer,
als ein Hocherfahrner nunmehr freigebiger sein mit Aufklrung und Unterricht,
als du es gegen mich warst auf jenen Berg- und Felsklippen. - Keineswegs!
erwiderte Montan, die Gebirge sind stumme Meister und machen schweigsame
Schler.
    An vielen Tafeln speiste man nach dieser Feierlichkeit. Alle Gste, die
geladen oder ungeladen sich eingefunden, waren vom Handwerk, deswegen denn auch
an dem Tische, wo Montan und sein Freund sich niedergesetzt, sogleich ein
ortgemes Gesprch entstand; es war von Gebirgen, Gngen und Lagern, von
Gangarten und Metallen der Gegend ausfhrlich die Rede. Sodann aber verlor das
Gesprch sich gar bald ins Allgemeine, und da war von nichts Geringerem die Rede
als von Erschaffung und Entstehung der Welt. Hier aber blieb die Unterhaltung
nicht lange friedlich, vielmehr verwickelte sich sogleich ein lebhafter Streit.
    Mehrere wollten unsere Erdgestaltung aus einer nach und nach sich senkend
abnehmenden Wasserbedeckung herleiten; sie fhrten die Trmmer organischer
Meeresbewohner auf den hchsten Bergen sowie auf flachen Hgeln zu ihrem Vorteil
an. Andere heftiger dagegen lieen erst glhen und schmelzen, auch durchaus ein
Feuer obwalten, das, nachdem es auf der Oberflche genugsam gewirkt, zuletzt ins
Tiefste zurckgezogen, sich noch immer durch die ungestm sowohl im Meer als auf
der Erde wtenden Vulkane bettigte und durch sukzessiven Auswurf und
gleichfalls nach und nach berstrmende Laven die hchsten Berge bildete; wie
sie denn berhaupt den anders Denkenden zu Gemte fhrten, da ja ohne Feuer
nichts hei werden knne, auch ein ttiges Feuer immer einen Herd voraussetze.
So erfahrungsgem auch dieses scheinen mochte, so waren manche doch nicht damit
zufrieden; sie behaupteten: mchtige, in dem Scho der Erde schon vllig fertig
gewordene Gebilde seien mittelst unwiderstehlich elastischer Gewalten durch die
Erdrinde hindurch in die Hhe getrieben und zugleich in diesem Tumulte manche
Teile derselben weit ber Nachbarschaft und Ferne umhergestreut und zersplittert
worden; sie beriefen sich auf manche Vorkommnisse, welche ohne eine solche
Voraussetzung nicht zu erklren seien.
    Eine vierte, wenn auch vielleicht nicht zahlreiche Partie lchelte ber
diese vergeblichen Bemhungen und beteuerte: gar manche Zustnde dieser
Erdoberflche wrden nie zu erklren sein, wofern man nicht grere und kleinere
Gebirgsstrecken aus der Atmosphre herunterfallen und weite, breite Landschaften
durch sie berdeckt werden lasse. Sie beriefen sich auf grere und kleinere
Felsmassen, welche zerstreut in vielen Landen umherliegend gefunden und sogar
noch in unsern Tagen als von oben herabstrzend aufgelesen werden.
    Zuletzt wollten zwei oder drei stille Gste sogar einen Zeitraum grimmiger
Klte zu Hlfe rufen und aus den hchsten Gebirgszgen auf weit ins Land
hingesenkten Gletschern gleichsam Rutschwege fr schwere Ursteinmassen bereitet
und diese auf glatter Bahn fern und ferner hinausgeschoben im Geiste sehen. Sie
sollten sich, bei eintretender Epoche des Auftauens, niedersenken und fr ewig
in fremdem Boden liegenbleiben. Auch sollte sodann durch schwimmendes Treibeis
der Transport ungeheurer Felsblcke von Norden her mglich werden. Diese guten
Leute konnten jedoch mit ihrer etwas khlen Betrachtung nicht durchdringen. Man
hielt es ungleich naturgemer, die Erschaffung einer Welt mit kolossalem
Krachen und Heben, mit wildem Toben und feurigem Schleudern vorgehen zu lassen.
Da nun brigens die Glut des Weines stark mit einwirkte, so htte das herrliche
Fest beinahe mit tdlichen Hndeln abgeschlossen.
    Ganz verwirrt und verdstert ward es unserm Freund zumute, welcher noch von
alters her den Geist, der ber den Wassern schwebte, und die hohe Flut, welche
funfzehn Ellen ber die hchsten Gebirge gestanden, im stillen Sinne hegte und
dem unter diesen seltsamen Reden die so wohl geordnete, bewachsene, belebte Welt
vor seiner Einbildungskraft chaotisch zusammenzustrzen schien.
    Den andern Morgen unterlie er nicht, den ernsten Montan hierber zu
befragen, indem er ausrief: Gestern konnt' ich dich nicht begreifen, denn unter
allen den wunderlichen Dingen und Reden hofft' ich endlich deine Meinung und
deine Entscheidung zu hren, an dessen Statt warst du bald auf dieser, bald auf
jener Seite und suchtest immer die Meinung desjenigen, der da sprach, zu
verstrken. Nun aber sage mir ernstlich, was du darber denkst, was du davon
weit. Hierauf erwiderte Montan: Ich wei so viel wie sie und mchte darber
gar nicht denken. - Hier aber, versetzte Wilhelm, sind so viele
widersprechende Meinungen, und man sagt ja, die Wahrheit liege in der Mitte. -
Keineswegs! erwiderte Montan: in der Mitte bleibt das Problem liegen,
unerforschlich vielleicht, vielleicht auch zugnglich, wenn man es darnach
anfngt.
    Nachdem nun auf diese Weise noch einiges hin und wider gesprochen worden,
fuhr Montan vertraulich fort: Du tadelst mich, da ich einem jeden in seiner
Meinung nachhalf, wie sich denn fr alles noch immer ein ferneres Argument
auffinden lt; ich vermehrte die Verwirrung dadurch, das ist wahr, eigentlich
aber kann ich es mit diesem Geschlecht nicht mehr ernstlich nehmen. Ich habe
mich durchaus berzeugt, das Liebste, und das sind doch unsre berzeugungen, mu
jeder im tiefsten Ernst bei sich selbst bewahren, jeder wei nur fr sich, was
er wei, und das mu er geheimhalten; wie er es ausspricht, sogleich ist der
Widerspruch rege, und wie er sich in Streit einlt, kommt er in sich selbst aus
dem Gleichgewicht, und sein Bestes wird, wo nicht vernichtet, doch gestrt.
    Durch einige Gegenrede Wilhelms veranlat, erklrte Montan sich ferner:
Wenn man einmal wei, worauf alles ankommt, hrt man auf, gesprchig zu sein.
- Worauf kommt nun aber alles an? versetzte Wilhelm hastig. - Das ist bald
gesagt, versetzte jener. Denken und Tun, Tun und Denken, das ist die Summe
aller Weisheit, von jeher anerkannt, von jeher gebt, nicht eingesehen von einem
jeden. Beides mu wie Aus- und Einatmen sich im Leben ewig fort hin und wider
bewegen; wie Frage und Antwort sollte eins ohne das andere nicht stattfinden.
Wer sich zum Gesetz macht, was einem jeden Neugebornen der Genius des
Menschenverstandes heimlich ins Ohr flstert, das Tun am Denken, das Denken am
Tun zu prfen, der kann nicht irren, und irrt er, so wird er sich bald auf den
rechten Weg zurckfinden.
    Montan geleitete seinen Freund nunmehr in dem Bergrevier methodisch umher,
berall begrt von einem derben Glck auf!, welches sie heiter zurckgaben.
Ich mchte wohl, sagte Montan, ihnen manchmal zurufen: Sinn auf!, denn Sinn
ist mehr als Glck; doch die Menge hat immer Sinn genug, wenn die Obern damit
begabt sind. Weil ich nun hier, wo nicht zu befehlen, doch zu raten habe,
bemht' ich mich, die Eigenschaft des Gebirgs kennen zu lernen. Man strebt
leidenschaftlich nach den Metallen, die es enthlt. Nun habe ich mir auch das
Vorkommen derselben aufzuklren gesucht, und es ist mir gelungen. Das Glck
tut's nicht allein, sondern der Sinn, der das Glck herbeiruft, um es zu regeln.
Wie diese Gebirge hier entstanden sind, wei ich nicht, will's auch nicht
wissen; aber ich trachte tglich, ihnen ihre Eigentmlichkeit abzugewinnen. Auf
Blei und Silber ist man erpicht, das sie in ihrem Busen tragen; ich wei es zu
entdecken: das Wie? behalt' ich fr mich und gebe Veranlassung, das Gewnschte
zu finden. Auf mein Wort unternimmt man's versuchsweise, es gelingt, und man
sagt, ich habe Glck. Was ich verstehe, versteh' ich mir, was mir gelingt,
gelingt mir fr andere, und niemand denkt, da es ihm auf diesem Wege
gleichfalls gelingen knne. Sie haben mich in Verdacht da ich eine Wnschelrute
besitze, sie merken aber nicht, da sie mir widersprechen, wenn ich etwas
Vernnftiges vorbringe, und da sie dadurch sich den Weg abschneiden zu dem Baum
des Erkenntnisses, wo diese prophetischen Reiser zu brechen sind.
    Ermutigt an diesen Gesprchen, berzeugt, da auch ihm durch sein bisheriges
Tun und Denken geglckt, in einem weit entlegenen Fache, dem Hauptsinne nach,
seines Freundes Forderungen sich gleichzustellen, gab er nunmehr Rechenschaft
von der Anwendung seiner Zeit, seitdem er die Vergnstigung erlangt, die
auferlegte Wanderschaft nicht nach Tagen und Stunden, sondern dem wahren Zweck
einer vollstndigen Ausbildung gem einzuteilen und zu benutzen.
    Hier nun war zuflligerweise vieles Redens keine Not, denn ein bedeutendes
Ereignis gab unserm Freunde Gelegenheit, sein erworbenes Talent geschickt und
glcklich anzuwenden und sich der menschlichen Gesellschaft als wahrhaft
ntzlich zu erweisen.
    Welcher Art aber dies gewesen, drfen wir im Augenblicke noch nicht
offenbaren, obgleich der Leser bald, noch ehe er diesen Band aus den Hnden
legt, davon genugsam unterrichtet sein wird.

                                Zehntes Kapitel


                              Hersilie an Wilhelm

Die ganze Welt wirft mir seit langen Jahren vor, ich sei ein launig-wunderliches
Mdchen. Mag ich's doch sein, so bin ich's ohne mein Verschulden. Die Leute
muten Geduld mit mir haben, und nun brauche ich Geduld mit mir selber, mit
meiner Einbildungskraft, die mir Vater und Sohn, bald zusammen, bald
wechselsweise, hin und wieder vor die Augen fhrt. Ich komme mir vor wie eine
unschuldige Alkmene, die von zwei Wesen, die einander vorstellen, unablssig
heimgesucht wird.
    Ich habe Ihnen viel zu sagen, und doch schreibe ich Ihnen, so scheint es,
nur, wenn ich ein Abenteuer zu erzhlen habe; alles brige ist auch
abenteuerlich zwar, aber kein Abenteuer. Nun also zu dem heutigen:
    Ich sitze unter den hohen Linden und mache soeben ein Brieftschchen fertig,
ein sehr zierliches, ohne deutlichst zu wissen, wer es haben soll, Vater oder
Sohn, aber gewi einer von beiden; da kommt ein junger Tabulettkrmer mit
Krbchen und Kstchen auf mich zu, er legitimiert sich bescheiden durch einen
Schein des Beamten, da ihm erlaubt sei, auf den Gtern zu hausieren; ich besehe
seine Schelchen bis in die unendlichen Kleinigkeiten, deren niemand bedarf und
die jedermann kauft aus kindischem Trieb, zu besitzen und zu vergeuden. Der
Knabe scheint mich aufmerksam zu betrachten. Schne schwarze, etwas listige
Augen, wohlgezeichnete Augenbraunen, reiche Locken, blendende Zahnreihen, genug,
Sie verstehen mich, etwas Orientalisches.
    Er tut mancherlei Fragen, auf die Personen der Familie bezglich, denen er
allenfalls etwas anbieten drfte; durch allerlei Wendungen wei er es
einzuleiten, da ich mich ihm nenne. Hersilie, spricht er bescheiden, wird
Hersilie verzeihen, wenn ich eine Botschaft ausrichte? Ich sehe ihn verwundert
an, er zieht das kleinste Schiefertfelchen hervor, in ein weies Rhmchen
gefat, wie man sie im Gebirg fr die kindischen Anfnge des Schreibens
zubereitet; ich nehm' es an, sehe es beschrieben und lese die mit scharfem
Griffel sauber eingegrabene Inschrift:

                                     Felix
                                     liebt
                                   Hersilien.
                                Der Stallmeister
                                  kommt bald.

Ich bin betroffen, ich gerate in Verwunderung ber das, was ich in der Hand
halte, mit Augen sehe, am meisten darber, da das Schicksal sich fast noch
wunderlicher beweisen will, als ich selbst bin. - Was soll das! sag' ich zu
mir, und der kleine Schalk ist mir gegenwrtiger als je, ja es ist mir, als ob
sein Bild sich mir in die Augen hin einbohrte.
    Nun fang' ich an zu fragen und erhalte wunderliche, unbefriedigende
Antworten; ich examiniere, und erfahre nichts; ich denke nach, und kann die
Gedanken nicht recht zusammenbringen. Zuletzt verknpf' ich aus Reden und
Widerreden so viel, da der junge Krmer auch die pdagogische Provinz
durchzogen, das Vertrauen meines jungen Verehrers erworben, welcher auf ein
erhandeltes Tfelchen die Inschrift geschrieben und ihm fr ein Wrtchen Antwort
die besten Geschenke versprochen. Er reichte mir sodann ein gleiches Tfelchen,
deren er mehrere in seinem Warenbesteck vorwies, zugleich einen Griffel, wobei
er so freundlich drang und bat, da ich beides annahm, dachte, wieder dachte,
nichts erdenken konnte und schrieb:

                                  Hersiliens
                                      Gru
                                   an Felix.
                                Der Stallmeister
                                halte sich gut.

Ich betrachtete das Geschriebene und fhlte Verdru ber den ungeschickten
Ausdruck. Weder Zrtlichkeit, noch Geist, noch Witz, bloe Verlegenheit, und
warum? Vor einem Knaben stand ich, an einen Knaben schrieb ich; sollte mich das
aus der Fassung bringen? Ich glaube gar, ich seufzte, und war eben im Begriff,
das Geschriebene wegzuwischen; aber jener nahm es mir so zierlich aus der Hand,
bat mich um irgendeine frsorgliche Einhllung, und so geschah's, da ich, wei
ich doch nicht, wie's geschah, das Tfelchen in das Brieftschchen steckte, das
Band darumschlang und zugeheftet dem Knaben hinreichte, der es mit Anmut
ergriff, sich tief verneigend einen Augenblick zauderte, da ich eben noch Zeit
hatte, ihm mein Beutelchen in die Hand zu drcken, und mich schalt, ihm nicht
genug gegeben zu haben. Er entfernte sich schicklich eilend und war, als ich ihm
nachblickte, schon verschwunden, ich begriff nicht recht wie.
    Nun ist es vorber, ich bin schon wieder auf dem gewhnlichen, flachen
Tagesboden und glaube kaum an die Erscheinung. Halte ich nicht das Tfelchen in
der Hand? Es ist gar zierlich, die Schrift gar schn und sorgfltig gezogen; ich
glaube, ich htte es gekt, wenn ich die Schrift auszulschen nicht frchtete.
    Ich habe mir Zeit genommen, nachdem ich Vorstehendes geschrieben; was ich
aber auch darber denke, will immer nicht frdern. Allerdings etwas
Geheimnisvolles war in der Figur; dergleichen sind jetzt im Roman nicht zu
entbehren, sollten sie uns denn auch im Leben begegnen? Angenehm, doch
verdchtig, fremdartig, doch Vertrauen erregend; warum schied er auch vor
aufgelster Verwirrung? warum hatt' ich nicht Gegenwart des Geistes genug, um
ihn schicklicherweise festzuhalten?

Nach einer Pause nehm' ich die Feder abermals zur Hand, meine Bekenntnisse
fortzusetzen. Die entschiedene, fortdauernde Neigung eines zum Jngling
heranreifenden Knaben wollte mir schmeicheln; da aber fiel mir ein, da es
nichts Seltenes sei, in diesem Alter nach lteren Frauen sich umzusehen.
Frwahr, es gibt eine geheimnisvolle Neigung jngerer Mnner zu lteren Frauen.
Sonst, da es mich nicht selbst betraf, lachte ich darber und wollte
boshafterweise gefunden haben: es sei eine Erinnerung an die Ammen- und
Suglingszrtlichkeit, von der sie sich kaum losgerissen haben. Jetzt rgert's
mich, mir die Sache so zu denken; ich erniedrige den guten Felix zur Kindheit
herab, und mich sehe ich doch auch nicht in einer vorteilhaften Stellung. Ach
welch ein Unterschied ist es, ob man sich oder die andern beurteilt.

                                Eilftes Kapitel


                              Wilhelm an Natalien

Schon Tage geh' ich umher und kann die Feder anzusetzen mich nicht entschlieen;
es ist so mancherlei zu sagen, mndlich fgte sich wohl eins ans andere,
entwickelte sich auch wohl leicht eins aus dem andern; la mich daher den
Entfernten, nur mit dem Allgemeinsten beginnen, es leitet mich doch zuletzt aufs
Wunderliche, was ich mitzuteilen habe.
    Du hast von dem Jngling gehrt, der, am Ufer des Meeres spazierend, einen
Ruderpflock fand; das Interesse, das er daran nahm, bewog ihn, ein Ruder
anzuschaffen, als notwendig dazu gehrend. Dies aber war nun auch weiter nichts
ntze; er trachtete ernstlich nach einem Kahn und gelangte dazu. Jedoch war
Kahn, Ruder und Ruderpflock nicht sonderlich frdernd, er verschaffte sich
Segelstangen und Segel und so nach und nach, was zur Schnelligkeit und
Bequemlichkeit der Schiffahrt erforderlich ist. Durch zweckmiges Bestreben
gelangt er zu grerer Fertigkeit und Geschicklichkeit, das Glck begnstigt
ihn, er sieht sich endlich als Herr und Patron eines grern Fahrzeugs, und so
steigert sich das Gelingen, er gewinnt Wohlhaben, Ansehen und Namen unter den
Seefahrern. -

Indem ich nun dich veranlasse, diese artige Geschichte wieder zu lesen, mu ich
bekennen, da sie nur im weitesten Sinne hierher gehrt, jedoch mir den Weg
bahnt, dasjenige auszudrcken, was ich vorzutragen habe. Indessen mu ich noch
einiges Entferntere durchgehen.

Die Fhigkeiten, die in dem Menschen liegen, lassen sich einteilen in allgemeine
und besondere, die allgemeinen sind anzusehen als gleichgltig-ruhende
Fhigkeiten, die nach Umstnden geweckt und zufllig zu diesem oder jenem Zweck
bestimmt werden. Die Nachahmungsgabe des Menschen ist allgemein, er will
nachmachen, nachbilden, was er sieht, auch ohne die mindesten innern und uern
Mittel zum Zwecke. Natrlich ist es daher immer, da er leisten will, was er
leisten sieht; das Natrlichste jedoch wre, da der Sohn des Vaters
Beschftigung ergriffe. Hier ist alles beisammen: eine vielleicht im Besondern
schon angeborne, in ursprnglicher Richtung entschiedene Fhigkeit, sodann eine
folgerecht stufenweis fortschreitende bung und ein entwickeltes Talent, das uns
ntigte, auch alsdann auf dem eingeschlagenen Wege fortzuschreiten, wenn andere
Triebe sich in uns entwickeln und uns eine freie Wahl zu einem Geschft fhren
drfte, zu dem uns die Natur weder Anlage noch Beharrlichkeit verliehen. Im
Durchschnitt sind daher die Menschen am glcklichsten, die ein angebornes, ein
Familientalent im huslichen Kreise auszubilden Gelegenheit finden. Wir haben
solche Malerstammbume gesehen; darunter waren freilich schwache Talente,
indessen lieferten sie doch etwas Brauchbares und vielleicht Besseres, als sie
bei migen Naturkrften aus eigner Wahl in irgendeinem andern Fache geleistet
htten.

Da dieses aber auch nicht ist, was ich sagen wollte, so mu ich meinen
Mitteilungen von irgendeiner andern Seite nher zu kommen suchen.

Das ist nun das Traurige der Entfernung von Freunden, da wir die Mittelglieder,
die Hlfsglieder unserer Gedanken, die sich in der Gegenwart so flchtig wie
Blitze wechselseitig entwickeln und durchweben, nicht in augenblicklicher
Verknpfung und Verbindung vorfhren und vortragen knnen. Hier also zunchst
eine der frhsten Jugendgeschichten.

Wir in einer alten, ernsten Stadt erzogenen Kinder hatten so die Begriffe von
Straen, Pltzen, von Mauern gefat, sodann auch von Wllen, dem Glacis und
benachbarten ummauerten Grten. Uns aber einmal, oder vielmehr sich selbst ins
Freie zu fhren, hatten unsere Eltern lngst mit Freunden auf dem Lande eine
immerfort verschobene Partie verabredet. Dringender endlich zum Pfingstfeste
ward Einladung und Vorschlag, denen man nur unter der Bedingung sich fgte:
alles so einzuleiten, da man zu Nacht wieder zu Hause sein knnte; denn auer
seinem lngst gewohnten Bette zu schlafen, schien eine Unmglichkeit. Die
Freuden des Tags so eng zu konzentrieren, war freilich schwer: zwei Freunde
sollten besucht und ihre Ansprche auf seltene Unterhaltung befriedigt werden;
indessen hoffte man, mit groer Pnktlichkeit alles zu erfllen.
    Am dritten Feiertag, mit dem frhsten, standen alle munter und bereit, der
Wagen fuhr zur bestimmten Stunde vor, bald hatten wir alles Beschrnkende der
Straen, Tore, Brcken und Stadtgrben hinter uns gelassen, eine freie,
weitausgebreitete Welt tat sich vor den Unerfahrnen auf. Das durch einen
Nachtregen erst erfrischte Grn der Fruchtfelder und Wiesen, das mehr oder
weniger hellere der eben aufgebrochenen Strauch- und Baumknospen, das nach allen
Seiten hin blendend sich verbreitende Wei der Baumblte, alles gab uns den
Vorschmack glcklicher, paradiesischer Stunden.
    Zu rechter Zeit gelangten wir auf der ersten Station bei einem wrdigen
Geistlichen an. Freundlichst empfangen, konnten wir bald gewahr werden, da die
aufgehobene kirchliche Feier den Ruhe und Freiheit suchenden Gemtern nicht
entnommen war. Ich betrachtete den lndlichen Haushalt zum erstenmal mit
freudigem Anteil; Pflug und Egge, Wagen und Karren deuteten auf unmittelbare
Benutzung, selbst der widrig anzuschauende Unrat schien das Unentbehrlichste im
ganzen Kreise: sorgfltig war er gesammelt und gewissermaen zierlich
aufbewahrt. Doch dieser auf das Neue und doch Begreifliche gerichtete frische
Blick ward gar bald auf ein Geniebares geheftet: appetitliche Kuchen, frische
Milch und sonst mancher lndliche Leckerbissen ward von uns begierig in Betracht
gezogen. Eilig beschftigten sich nunmehr die Kinder, den kleinen Hausgarten und
die wirtliche Laube verlassend, in dem angrenzenden Baumstck ein Geschft zu
vollbringen, das eine alte, wohlgesinnte Tante ihnen aufgetragen hatte. Sie
sollten nmlich so viel Schlsselblumen als mglich sammeln und solche
getreulich mit zur Stadt bringen, indem die haushltische Matrone gar allerlei
gesundes Getrnk daraus zu bereiten gewohnt war.
    Indem wir nun in dieser Beschftigung auf Wiesen, an Rndern und Zunen hin
und wider liefen, gesellten sich mehrere Kinder des Dorfs zu uns, und der
liebliche Duft gesammelter Frhlingsblumen schien immer erquickender und
balsamischer zu werden.
    Wir hatten nun schon so eine Masse Stengel und Blten zusammengebracht, da
wir nicht wuten, wo mit hin; man fing jetzt an, die gelblichen Rhrenkronen
auszuzupfen, denn um sie war es denn eigentlich doch nur zu tun; jeder suchte in
sein Htchen, sein Mtzchen mglichst zu sammeln.
    Der ltere dieser Knaben jedoch, an Jahren wenig vor mir voraus, der Sohn
des Fischers, den dieses Blumengetndel nicht zu freuen schien, ein Knabe, der
mich bei seinem ersten Auftreten gleich besonders angezogen hatte, lud mich ein,
mit ihm nach dem Flu zu gehen, der, schon ansehnlich breit, in weniger
Entfernung vorbeiflo. Wir setzten uns mit ein paar Angelruten an eine schattige
Stelle, wo im tiefen, ruhig klaren Wasser gar manches Fischlein sich hin und her
bewegte. Freundlich wies er mich an, worum es zu tun, wie der Kder am Angel zu
befestigen sei, und, es gelang mir einigemal hintereinander, die kleinsten
dieser zarten Geschpfe wider ihren Willen in die Luft herauszuschnellen. Als
wir nun so zusammen aneinandergelehnt beruhigt saen, schien er zu langweilen
und machte mich auf einen flachen Kies aufmerksam, der von unserer Seite sich in
den Strom hinein erstreckte. Da sei die schnste Gelegenheit zu baden. Er knne,
rief er, endlich aufspringend, der Versuchung nicht widerstehen, und ehe ich
mich's versah, war er unten, ausgezogen und im Wasser.
    Da er sehr gut schwamm, verlie er bald die seichte Stelle, bergab sich dem
Strom und kam bis an mich in dem tieferen Wasser heran; mir war ganz wunderlich
zumute geworden. Grashupfer tanzten um mich her, Ameisen krabbelten heran, bunte
Kfer hingen an den Zweigen, und goldschimmernde Sonnenjungfern, wie er sie
genannt hatte, schwebten und schwankten geisterartig zu meinen Fen, eben als
jener, einen groen Krebs zwischen Wurzeln hervorholend, ihn lustig aufzeigte,
um ihn gleich wieder an den alten Ort zu bevorstehendem Fange geschickt zu
verbergen. Es war umher so warm und so feucht, man sehnte sich aus der Sonne in
den Schatten, aus der Schattenkhle hinab ins khlere Wasser. Da war es denn ihm
leicht, mich hinunterzulocken, eine nicht oft wiederholte Einladung fand ich
unwiderstehlich und war, mit einiger Furcht vor den Eltern, wozu sich die Scheu
vor dem unbekannten Elemente gesellte, in ganz wunderlicher Bewegung. Aber bald
auf dem Kies entkleidet, wagt' ich mich sachte ins Wasser, doch nicht tiefer,
als es der leise abhngige Boden erlaubte; hier lie er mich weilen, entfernte
sich in dem tragenden Elemente, kam wieder, und als er sich heraushob, sich
aufrichtete, im hheren Sonnenschein sich abzutrocknen, glaubt' ich meine Augen
vor einer dreifachen Sonne geblendet: so schn war die menschliche Gestalt, von
der ich nie einen Begriff gehabt. Er schien mich mit gleicher Aufmerksamkeit zu
betrachten. Schnell angekleidet standen wir uns noch immer unverhllt
gegeneinander, unsere Gemter zogen sich an, und unter den feurigsten Kssen
schwuren wir eine ewige Freundschaft.
    Sodann aber eilig eilig gelangten wir nach Hause, gerade zur rechten Zeit,
als die Gesellschaft den angenehmsten Fuweg durch Busch und Wald etwa
anderthalb Stunden nach der Wohnung des Amtmanns antrat. Mein Freund begleitete
mich, wir schienen schon unzertrennlich; als ich aber hlftewegs um Erlaubnis
bat, ihn mit in des Amtmanns Wohnung zu nehmen, verweigerte es die Pfarrerin,
mit stiller Bemerkung des Unschicklichen, dagegen gab sie ihm den dringenden
Auftrag: er solle seinem rckkehrenden Vater ja sagen, sie msse bei ihrer
Nachhausekunft notwendig schne Krebse vorfinden, die sie den Gsten als eine
Seltenheit nach der Stadt mitgeben wolle. Der Knabe schied, versprach aber mit
Hand und Mund, heute abend an dieser Waldecke meiner zu warten.
    Die Gesellschaft gelangte nunmehr zum Amthause, wo wir auch einen lndlichen
Zustand antrafen, doch hherer Art. Ein durch die Schuld der berttigen
Hausfrau sich versptendes Mittagessen machte mich nicht ungeduldig, denn der
Spaziergang in einem wohlgehaltenen Ziergarten, wohin die Tochter, etwas jnger
als ich, mir den Weg begleitend anwies, war mir hchst unterhaltend.
Frhlingsblumen aller Art standen in zierlich gezeichneten Feldern, sie
ausfllend oder ihre Rnder schmckend. Meine Begleiterin war schn, blond,
sanftmtig, wir gingen vertraulich zusammen, faten uns bald bei der Hand und
schienen nichts Besseres zu wnschen. So gingen wir an Tulpenbeeten vorber, so
an gereihten Narzissen und Jonquillen; sie zeigte mir verschiedene Stellen, wo
eben die herrlichsten Hyazinthenglocken schon abgeblht hatten. Dagegen war auch
fr die folgenden Jahrszeiten gesorgt: schon grnten die Bsche der knftigen
Ranunkeln und Anemonen; die auf zahlreiche Nelkenstcke verwendete Sorgfalt
versprach den mannigfaltigsten Flor; nher aber knospete schon die Hoffnung
vielblumiger Lilienstengel gar weislich zwischen Rosen verteilt. Und wie manche
Laube versprach nicht zunchst mit Geiblatt, Jasmin, reben-und rankenartigen
Gewchsen zu prangen und zu schatten.

Betracht' ich nach so viel Jahren meinen damaligen Zustand, so scheint er mir
wirklich beneidenswert. Unerwartet, in demselbigen Augenblick, ergriff mich das
Vorgefhl von Freundschaft und Liebe. Denn als ich ungern Abschied nahm von dem
schnen Kinde, trstete mich der Gedanke, diese Gefhle meinem jungen Freunde zu
erffnen, zu vertrauen und seiner Teilnahme zugleich mit diesen frischen
Empfindungen mich zu freuen.

Und wenn ich hier noch eine Betrachtung anknpfe, so darf ich wohl bekennen: da
im Laufe des Lebens mir jenes erste Aufblhen der Auenwelt als die eigentliche
Originalnatur vorkam, gegen die alles brige, was uns nachher zu den Sinnen
kommt, nur Kopien zu sein scheinen, die bei aller Annherung an jenes doch des
eigentlich ursprnglichen Geistes und Sinnes ermangeln.

Wie mten wir verzweifeln, das uere so kalt, so leblos zu erblicken, wenn
nicht in unserm Innern sich etwas entwickelte, das auf eine ganz andere Weise
die Natur verherrlicht, indem es uns selbst in ihr zu verschnen eine
schpferische Kraft erweist.

Es dmmerte schon, als wir uns der Waldecke wieder nherten, wo der junge Freund
meiner zu warten versprochen hatte. Ich strengte die Sehkraft mglichst an, um
seine Gegenwart zu erforschen; als es mir nicht gelingen wollte, lief ich
ungeduldig der langsam schreitenden Gesellschaft voraus, rannte durchs Gebsche
hin und wider. Ich rief, ich ngstigte mich; er war nicht zu sehen und
antwortete nicht; ich empfand zum erstenmal einen leidenschaftlichen Schmerz,
doppelt und vielfach.
    Schon entwickelte sich in mir die unmige Forderung vertraulicher
Zuneigung, schon war es ein unwiderstehlich Bedrfnis, meinen Geist von dem
Bilde jener Blondine durch Plaudern zu befreien, mein Herz von den Gefhlen zu
erlsen, die sie in mir aufgeregt hatte. Es war voll, der Mund lispelte schon,
um berzuflieen; ich tadelte laut den guten Knaben wegen verletzter
Freundschaft, wegen vernachlssigter Zusage.

Bald aber sollten mir schwerere Prfungen zugedacht sein. Aus den ersten Husern
des Ortes strzten Weiber schreiend heraus, heulende Kinder folgten, niemand gab
Red' und Antwort. Von der einen Seite her um das Eckhaus sahen wir einen
Trauerzug herumziehen, er bewegte sich langsam die lange Strae hin; es schien
wie ein Leichenzug, aber ein vielfacher; des Tragens und Schleppens war kein
Ende. Das Geschrei dauerte fort, es vermehrte sich, die Menge lief zusammen.
Sie sind ertrunken, alle, smtlich ertrunken! Der! wer? welcher? Die Mtter,
die ihre Kinder um sich sahen, schienen getrstet. Aber ein ernster Mann trat
heran und sprach zur Pfarrerin: Unglcklicherweise bin ich zu lange auen
geblieben, ertrunken ist Adolf selbfnfe, er wollte sein Versprechen halten und
meins. Der Mann, der Fischer selbst war es, ging weiter dem Zuge nach, wir
standen erschreckt und erstarrt. Da trat ein kleiner Knabe heran, reichte einen
Sack dar: Hier die Krebse, Frau Pfarrerin, und hielt das Zeichen hoch in die
Hhe. Man entsetzte sich davor wie vor dem Schdlichsten, man fragte, man
forschte und erfuhr so viel: dieser letzte Kleine war am Ufer geblieben, er las
die Krebse auf, die sie ihm von unten zuwarfen. Alsdann aber nach vielem Fragen
und Widerfragen erfuhr man: Adolf mit zwei verstndigen Knaben sei unten am und
im Wasser hingegangen, zwei andere, jngere haben sich ungebeten dazu gesellt,
die durch kein Schelten und Drohen abzuhalten gewesen. Nun waren ber eine
steinige, gefhrliche Stelle die ersten fast hinaus, die letzten gleiteten,
griffen zu und zerrten immer einer den andern hinunter; so geschah es zuletzt
auch dem Vordersten, und alle strzten in die Tiefe. Adolf, als guter Schwimmer,
htte sich gerettet, alles aber hielt in der Angst sich an ihn, er ward
niedergezogen. Dieser Kleine sodann war schreiend ins Dorf gelaufen, seinen Sack
mit Krebsen fest in den Hnden. Mit andern Aufgerufenen eilte der zufllig spt
rckkehrende Fischer dorthin; man hatte sie nach und nach herausgezogen, tot
gefunden, und nun trug man sie herein.
    Der Pfarrherr mit dem Vater gingen bedenklich dem Gemeindehause zu; der
volle Mond war aufgegangen und beleuchtete die Pfade des Todes; ich folgte
leidenschaftlich, man wollte mich nicht einlassen; ich war im schrecklichsten
Zustande. Ich umging das Haus und rastete nicht; endlich ersah ich meinen
Vorteil und sprang zum offenen Fenster hinein.
    In dem groen Saale, wo Versammlungen aller Art gehalten werden, lagen die
Unglckseligen auf Stroh, nackt, ausgestreckt, glnzend-weie Leiber, auch bei
dsterm Lampenschein hervorleuchtend. Ich warf mich auf den grten, auf meinen
Freund; ich wte nicht von meinem Zustand zu sagen, ich weinte bitterlich und
berschwemmte seine breite Brust mit unendlichen Trnen. Ich hatte etwas von
Reiben gehrt, das in solchem Falle hlfreich sein sollte, ich rieb meine Trnen
ein und belog mich mit der Wrme, die ich erregte. In der Verwirrung dacht' ich
ihm Atem einzublasen, aber die Perlenreihen seiner Zhne waren fest
verschlossen, die Lippen, auf denen der Abschiedsku noch zu ruhen schien,
versagten auch das leiseste Zeichen der Erwiderung. An menschlicher Hlfe
verzweifelnd, wandt' ich mich zum Gebet; ich flehte, ich betete, es war mir, als
wenn ich in diesem Augenblicke Wunder tun mte, die noch inwohnende Seele
hervorzurufen, die noch in der Nhe schwebende wieder hineinzulocken.
    Man ri mich weg; weinend, schluchzend sa ich im Wagen und vernahm kaum,
was die Eltern sagten: unsere Mutter, was ich nachher so oft wiederholen hrte,
hatte sich in den Willen Gottes ergeben. Ich war indessen eingeschlafen und
erwachte verdstert am spten Morgen in einem rtselhaften, verwirrten Zustande.
    Als ich mich aber zum Frhstck begab, fand ich Mutter, Tante und Kchin in
wichtiger Beratung. Die Krebse sollten nicht gesotten, nicht auf den Tisch
gebracht werden; der Vater wollte eine so unmittelbare Erinnerung an das
nchstvergangene Unglck nicht erdulden. Die Tante schien sich dieser seltenen
Geschpfe eifrigst bemchtigen zu wollen, schalt aber nebenher auf mich, da wir
die Schlsselblumen mitzubringen versumt; doch schien sie sich bald hierber zu
beruhigen, als man jene lebhaft durcheinander kriechenden Migestalten ihr zu
beliebiger Verfgung bergab, worauf sie denn deren weitere Behandlung mit der
Kchin verabredete.
    Um aber die Bedeutung dieser Szene klar zu machen, mu ich von dem Charakter
und dem Wesen dieser Frau das Nhere vermelden: Die Eigenschaften, von denen sie
beherrscht wurde, konnte man, sittlich betrachtet, keineswegs rhmen; und doch
brachten sie, brgerlich und politisch angesehen, manche gute Wirkung hervor.
Sie war im eigentlichen Sinne geldgeizig, denn es dauerte sie jeder bare
Pfennig, den sie aus der Hand geben sollte, und sah sich berall fr ihre
Bedrfnisse nach Surrogaten um, welche man umsonst, durch Tausch oder irgendeine
Weise beischaffen konnte. So waren die Schlsselblumen zum Tee bestimmt, den sie
fr gesnder hielt als irgendeinen chinesischen. Gott habe einem jeden Land das
Notwendige verliehen, es sei nun zur Nahrung, zur Wrze, zur Arzenei; man
brauche sich deshalb nicht an fremde Lnder zu wenden. So besorgte sie in einem
kleinen Garten alles, was nach ihrem Sinn die Speisen schmackhaft mache und
Kranken zutrglich wre: sie besuchte keinen fremden Garten, ohne dergleichen
von da mitzubringen.
    Diese Gesinnung und was daraus folgte, konnte man ihr sehr gerne zugeben, da
ihre emsig gesammelte Barschaft der Familie doch endlich zugute kommen sollte;
auch wuten Vater und Mutter hierin durchaus ihr nachzugeben und frderlich zu
sein.
    Eine andere Leidenschaft jedoch, eine ttige, die sich unermdet geschftig
hervortat, war der Stolz, fr eine bedeutende, einflureiche Person gehalten zu
werden. Und sie hatte frwahr diesen Ruhm sich verdient und erreicht; denn die
sonst unntzen, sogar oft schdlichen unter Frauen obwaltenden Klatschereien
wute sie zu ihrem Vorteil anzuwenden. Alles, was in der Stadt vorging, und
daher auch das Innere der Familien, war ihr genau bekannt, und es ereignete sich
nicht leicht ein zweifelhafter Fall, in den sie sich nicht zu mischen gewut
htte, welches ihr um desto mehr gelang, als sie immer nur zu nutzen trachtete,
dadurch aber ihren Ruhm und guten Namen zu steigern wute. Manche Heirat hatte
sie geschlossen, wobei wenigstens der eine Teil vielleicht zufrieden blieb. Was
sie aber am meisten beschftigte, war das Frdern und Befrdern solcher
Personen, die ein Amt, eine Anstellung suchten, wodurch sie sich denn wirklich
eine groe Anzahl Klienten erwarb, deren Einflu sie dann wieder zu benutzen
wute.
    Als Witwe eines nicht unbedeutenden Beamten, eines rechtlichen, strengen
Mannes, hatte sie denn doch gelernt, wie man diejenigen durch Kleinigkeiten
gewinnt, denen man durch bedeutendes Anerbieten nicht beikommen kann.
    Um aber ohne fernere Weitlufigkeit auf dem betretenen Pfade zu bleiben, sei
zunchst bemerkt, da sie auf einen Mann, der eine wichtige Stelle bekleidete,
sich groen Einflu zu verschaffen gewut. Er war geizig gleich ihr, und zu
seinem Unglck ebenso speiselustig und genschig. Ihm also unter irgendeinem
Vorwande ein schmackhaftes Gericht auf die Tafel zu bringen, blieb ihre erste
Sorge. Sein Gewissen war nicht das zarteste, aber auch sein Mut, seine
Verwegenheit mute in Anspruch genommen werden, wenn er in bedenklichen Fllen
den Widerstand seiner Kollegen berwinden und die Stimme der Pflicht, die sie
ihm entgegensetzten, bertuben sollte.
    Nun war gerade der Fall, da sie einen Unwrdigen begnstigte; sie hatte das
mglichste getan, ihn einzuschieben; die Angelegenheit hatte fr sie eine
gnstige Wendung genommen, und nun kamen ihr die Krebse, dergleichen man
freilich selten gesehen, glcklicherweise zustatten. Sie sollten sorgfltig
gefttert und nach und nach dem hohen Gnner, der gewhnlich ganz allein sehr
krglich speiste, auf die Tafel gebracht werden.
    brigens gab der unglckliche Vorfall zu manchen Gesprchen und geselligen
Bewegungen Anla. Mein Vater war jener Zeit einer der ersten, der seine
Betrachtung, seine Sorge ber die Familie, ber die Stadt hinaus zu erstrecken
durch einen allgemeinen, wohlwollenden Geist getrieben ward. Die groen
Hindernisse, welche der Einimpfung der Blattern anfangs entgegenstanden, zu
beseitigen, war er mit verstndigen rzten und Polizeiverwandten bemht. Grere
Sorgfalt in den Hospitlern, menschlichere Behandlung der Gefangenen und was
sich hieran ferner schlieen mag, machte das Geschft wo nicht seines Lebens,
doch seines Lesens und Nachdenkens; wie er denn auch seine berzeugung berall
aussprach und dadurch manches Gute bewirkte.
    Er sah die brgerliche Gesellschaft, welcher Staatsform sie auch
untergeordnet wre, als einen Naturzustand an, der sein Gutes und sein Bses
habe, seine gewhnlichen Lebenslufe, abwechselnd reiche und kmmerliche Jahre,
nicht weniger zufllig und unregelmig Hagelschlag, Wasserfluten und
Brandschden; das Gute sei zu ergreifen und zu nutzen, das Bse abzuwenden oder
zu ertragen; nichts aber, meinte er, sei wnschenswerter als die Verbreitung des
allgemeinen guten Willens, unabhngig von jeder andern Bedingung.
    In Gefolg einer solchen Gemtsart mute er nun bestimmt werden, eine schon
frher angeregte wohlttige Angelegenheit wieder zur Sprache zu bringen; es war
die Wiederbelebung der fr tot Gehaltenen, auf welche Weise sich auch die uern
Zeichen des Lebens mchten verloren haben. Bei solchen Gesprchen erhorchte ich
mir nun, da man bei jenen Kindern das Umgekehrte versucht und angewendet, ja
sie gewissermaen erst ermordet; ferner hielt man dafr, da durch einen Aderla
vielleicht ihnen allen wre zu helfen gewesen. In meinem jugendlichen Eifer nahm
ich mir daher im stillen vor, ich wollte keine Gelegenheit versumen, alles zu
lernen, was in solchem Falle ntig wre, besonders das Aderlassen und was
dergleichen Dinge mehr waren.
    Allein wie bald nahm mich der gewhnliche Tag mit sich fort. Das Bedrfnis
nach Freundschaft und Liebe war aufgeregt, berall schaut' ich mich um, es zu
befriedigen. Indessen ward Sinnlichkeit, Einbildungskraft und Geist durch das
Theater bermig beschftigt; wie weit ich hier gefhrt und verfhrt worden,
darf ich nicht wiederholen.

Wenn ich nun aber nach dieser umstndlichen Erzhlung zu bekennen habe, da ich
noch immer nicht ans Ziel meiner Absicht gelangt sei und da ich nur durch einen
Umweg dahin zu gelangen hoffen darf, was soll ich da sagen! wie kann ich mich
entschuldigen! Allenfalls htte ich folgendes vorzubringen: Wenn es dem
Humoristen erlaubt ist, das Hundertste ins Tausendste durcheinanderzuwerfen,
wenn er kecklich seinem Leser berlt, das, was allenfalls daraus zu nehmen
sei, in halber Bedeutung endlich aufzufinden, sollte es dem Verstndigen, dem
Vernnftigen nicht zustehen, auf eine seltsam scheinende Weise ringsumher nach
vielen Punkten hinzuwirken, damit man sie in einem Brennpunkte zuletzt
abgespielt und zusammengefat erkenne, einsehen lerne, wie die verschiedensten
Einwirkungen den Menschen umringend zu einem Entschlu treiben, den er auf keine
andere Weise, weder aus innerm Trieb noch uerm Anla, htte ergreifen knnen?

Bei dem Mannigfaltigen, was mir noch zu sagen brigbleibt, habe ich die Wahl,
was ich zuerst vornehmen will; aber auch dies ist gleichgltig, du mut dich
eben in Geduld fassen, lesen und weiter lesen, zuletzt wird denn doch auf einmal
hervorspringen und dir ganz natrlich scheinen, was mit einem Worte
ausgesprochen dir hchst seltsam vorgekommen wre, und zwar auf einen Grad, da
du nachher diesen Einleitungen in Form von Erklrungen kaum einen Augenblick
httest schenken mgen.
    Um nun aber einigermaen in die Richte zu kommen, will ich mich wieder nach
jenem Ruderpflock umsehen und eines Gesprchs gedenken, das ich mit unserem
geprften Freunde Jarno, den ich unter dem Namen Montan im Gebirge fand, zu ganz
besonderer Erweckung eigner Gefhle zufllig zu fhren veranlat ward. Die
Angelegenheiten unseres Lebens haben einen geheimnisvollen Gang, der sich nicht
berechnen lt. Du erinnerst dich gewi jenes Bestecks, das euer tchtiger
Wundarzt hervorzog, als du dich mir, wie ich verwundet im Walde hingestreckt
lag, hlfreich nhertest? Es leuchtete mir damals dergestalt in die Augen und
machte einen so tiefen Eindruck, da ich ganz entzckt war, als ich nach Jahren
es in den Hnden eines Jngeren wiederfand. Dieser legte keinen besondern Wert
darauf; die Instrumente smtlich hatten sich in neuerer Zeit verbessert und
waren zweckmiger eingerichtet, und ich erlangte jenes um desto eher, als ihm
die Anschaffung eines neuen dadurch erleichtert wurde. Nun fhrte ich es immer
mit mir, freilich zu keinem Gebrauch, aber desto sicherer zu trstlicher
Erinnerung: Es war Zeuge des Augenblicks, wo mein Glck begann, zu dem ich erst
durch groen Umweg gelangen sollte.
    Zufllig sah es Jarno, als wir bei dem Khler bernachteten, der es alsobald
erkannte und auf meine Erklrung erwiderte: Ich habe nichts dagegen, da man
sich einen solchen Fetisch aufstellt, zur Erinnerung an manches unerwartete
Gute, an bedeutende Folgen eines gleichgltigen Umstandes; es hebt uns empor als
etwas, das auf ein Unbegreifliches deutet, erquickt uns in Verlegenheiten und
ermutigt unsere Hoffnungen; aber schner wre es, wenn du dich durch jene
Werkzeuge httest anreizen lassen, auch ihren Gebrauch zu verstehen und
dasjenige zu leisten, was sie stumm von dir fordern.
    La mich bekennen, versetzte ich darauf, da mir dies hundertmal
eingefallen ist; es regte sich in mir eine innere Stimme, die mich meinen
eigentlichen Beruf hieran erkennen lie. Ich erzhlte ihm hierauf die
Geschichte der ertrunkenen Knaben, und wie ich damals gehrt, ihnen wre zu
helfen gewesen, wenn man ihnen zur Ader gelassen htte; ich nahm mir vor, es zu
lernen, doch jede Stunde lschte den Vorsatz aus.
    So ergreif ihn jetzt, versetzte jener, ich sehe dich schon so lange mit
Angelegenheiten beschftigt, die des Menschen Geist, Gemt, Herz, und wie man
das alles nennt, betreffen und sich darauf beziehen; allein was hast du dabei
fr dich und andere gewonnen? Seelenleiden, in die wir durch Unglck oder eigne
Fehler geraten, sie zu heilen vermag der Verstand nichts, die Vernunft wenig,
die Zeit viel, entschlossene Ttigkeit hingegen alles. Hier wirke jeder mit und
auf sich selbst, das hast du an dir, hast es an andern erfahren.
    Mit heftigen und bittern Worten, wie er gewohnt ist, setzte er mir zu und
sagte manches Harte, das ich nicht wiederholen mag. Es sei nichts mehr der Mhe
wert, schlo er endlich, zu lernen und zu leisten, als dem Gesunden zu helfen,
wenn er durch irgendeinen Zufall verletzt sei: durch einsichtige Behandlung
stelle sich die Natur leicht wieder her; die Kranken msse man den rzten
berlassen, niemand aber bedrfe eines Wundarztes mehr als der Gesunde. In der
Stille des Landlebens, im engsten Kreis der Familie sei er ebenso willkommen als
in und nach dem Getmmel der Schlacht; in den sesten Augenblicken wie in den
bittersten und grlichsten; berall walte das bse Geschick grimmiger als der
Tod, und ebenso rcksichtslos, ja noch auf eine schmhlichere, Lust und Leben
verletzende Weise.
    Du kennst ihn und denkst ohne Anstrengung, da er mich so wenig als die Welt
schonte. Am strksten aber lehnte er sich auf das Argument, das er im Namen der
groen Gesellschaft gegen mich wendete. Narrenpossen, sagte er, sind eure
allgemeine Bildung und alle Anstalten dazu. Da ein Mensch etwas ganz
entschieden verstehe, vorzglich leiste, wie nicht leicht ein anderer in der
nchsten Umgebung, darauf kommt es an, und besonders in unserm Verbande spricht
es sich von selbst aus. Du bist gerade in einem Alter, wo man sich mit Verstande
etwas vorsetzt, mit Einsicht das Vorliegende beurteilt, es von der rechten Seite
angreift, seine Fhigkeiten und Fertigkeiten auf den rechten Zweck hinlenkt.

Was soll ich nun weiter fortfahren auszusprechen, was sich von selbst versteht!
Er machte mir deutlich, da ich Dispensation von dem so wunderlich gebotenen
unstten Leben erhalten knne; es werde jedoch schwer sein, es fr mich zu
erlangen. Du bist von der Menschenart, sprach er, die sich leicht an einen
Ort, nicht leicht an eine Bestimmung gewhnen. Allen solchen wird die unstte
Lebensart vorgeschrieben, damit sie vielleicht zu einer sichern Lebensweise
gelangen. Willst du dich ernstlich dem gttlichsten aller Geschfte widmen, ohne
Wunder zu heilen und ohne Worte Wunder zu tun, so verwende ich mich fr dich.
So sprach er hastig und fgte hinzu, was seine Beredsamkeit noch alles fr
gewaltige Grnde vorzubringen wute.

Hier nun bin ich geneigt zu enden, zunchst aber sollst du umstndlich erfahren,
wie ich die Erlaubnis, an bestimmten Orten mich lnger aufhalten zu drfen,
benutzt habe, wie ich in das Geschft, wozu ich immer eine stille Neigung
empfunden, mich gar bald zu fgen, mich darin auszubilden wute. Genug! bei dem
groen Unternehmen, dem ihr entgegengeht, werd' ich als ein ntzliches, als ein
ntiges Glied der Gesellschaft erscheinen und euren Wegen, mit einer gewissen
Sicherheit, mich anschlieen; mit einigem Stolze, denn es ist ein lblicher
Stolz, euer wert zu sein.

                      Betrachtungen im Sinne der Wanderer



                            Kunst, Ethisches, Natur

Alles Gescheite ist schon gedacht worden, man mu nur versuchen, es noch einmal
zu denken.

Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber
durch Handeln. Versuche deine Pflicht zu tun, und du weit gleich, was an dir
ist.

Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages.

Die vernnftige Welt ist als ein groes unsterbliches Individuum zu betrachten,
das unaufhaltsam das Notwendige bewirkt und dadurch sich sogar ber das
Zufllige zum Herrn macht.

Mir wird, je lnger ich lebe, immer verdrielicher, wenn ich den Menschen sehe,
der eigentlich auf seiner hchsten Stelle da ist, um der Natur zu gebieten, um
sich und die Seinigen von der gewaltttigen Notwendigkeit zu befreien; wenn ich
sehe, wie er aus irgendeinem vorgefaten falschen Begriff gerade das Gegenteil
tut von dem, was er will, und sich alsdann, weil die Anlage im Ganzen verdorben
ist, im Einzelnen kmmerlich herumpfuschet.

Tchtiger, ttiger Mann, verdiene dir und erwarte:
von den Groen - Gnade,
von den Mchtigen - Gunst,
von Ttigen und Guten - Frderung,
von der Menge - Neigung,
von dem Einzelnen - Liebe.

Die Dilettanten, wenn sie das Mglichste getan haben, pflegen zu ihrer
Entschuldigung zu sagen, die Arbeit sei noch nicht fertig. Freilich kann sie nie
fertig werden, weil sie nie recht angefangen ward. Der Meister stellt sein Werk
mit wenigen Strichen als fertig dar, ausgefhrt oder nicht, schon ist es
vollendet. Der geschickteste Dilettant tastet im Ungewissen, und wie die
Ausfhrung wchst, kommt die Unsicherheit der ersten Anlage immer mehr zum
Vorschein. Ganz zuletzt entdeckt sich erst das Verfehlte, das nicht
auszugleichen ist, und so kann das Werk freilich nicht fertig werden.

In der wahren Kunst gibt es keine Vorschule, wohl aber Vorbereitungen; die beste
jedoch ist die Teilnahme des geringsten Schlers am Geschft des Meisters. Aus
Farbenreibern sind treffliche Maler hervorgegangen.

Ein anderes ist die Nachffung, zu welcher die natrliche allgemeine Ttigkeit
des Menschen durch einen bedeutenden Knstler, der das Schwere mit Leichtigkeit
vollbringt, zufllig angeregt wird.

Von der Notwendigkeit: da der bildende Knstler Studien nach der Natur mache,
und von dem Werte derselben berhaupt sind wir genugsam berzeugt; allein wir
leugnen nicht, da es uns fters betrbt, wenn wir den Mibrauch eines so
lblichen Strebens gewahr werden.

Nach unserer berzeugung sollte der junge Knstler wenig oder gar keine Studien
nach der Natur beginnen, wobei er nicht zugleich dchte, wie er jedes Blatt zu
einem Ganzen abrunden, wie er diese Einzelnheit, in ein angenehmes Bild
verwandelt, in einen Rahmen eingeschlossen, dem Liebhaber und Kenner gefllig
anbieten mge.

Es steht manches Schne isoliert in der Welt, doch der Geist ist es, der
Verknpfungen zu entdecken und dadurch Kunstwerke hervorzubringen hat. - Die
Blume gewinnt erst ihren Reiz durch das Insekt, das ihr anhngt, durch den
Tautropfen, der sie befeuchtet, durch das Gef, woraus sie allenfalls ihre
letzte Nahrung zieht. Kein Busch, kein Baum, dem man nicht durch die
Nachbarschaft eines Felsens, einer Quelle Bedeutung geben, durch eine mige
einfache Ferne grern Reiz verleihen knnte. So ist es mit menschlichen Figuren
und so mit Tieren aller Art beschaffen.

Der Vorteil, den sich der junge Knstler hiedurch verschafft, ist gar
mannigfaltig. Er lernt denken, das Passende gehrig zusammenbinden, und wenn er
auf diese Weise geistreich komponiert, wird es ihm zuletzt auch an dem, was man
Erfindung nennt, an dem Entwickeln des Mannigfaltigen aus dem Einzelnen,
keineswegs fehlen knnen.

Tut er nun hierin der eigentlichen Kunstpdagogik wahrhaft Genge, so hat er
noch nebenher den groen nicht zu verachtenden Gewinn, da er lernt,
verkufliche dem Liebhaber anmutige und liebliche Bltter hervorzubringen.

Eine solche Arbeit braucht nicht im hchsten Grade ausgefhrt und vollendet zu
sein; wenn sie gut gesehen, gedacht und fertig ist, so ist sie fr den Liebhaber
oft reizender als ein greres ausgefhrtes Werk.

Beschaue doch jeder junge Knstler seine Studien im Bchelchen und im
Portefeuille und berlege, wie viele Bltter er davon auf jene Weise geniebar
und wnschenswert htte machen knnen.

Es ist nicht die Rede vom Hheren, wovon man wohl auch sprechen knnte, sondern
es soll nur als Warnung gesagt sein, die von einem Abwege zurckruft und aufs
Hhere hindeutet.

Versuche es doch der Knstler nur ein halb Jahr praktisch und setze weder Kohle
noch Pinsel an ohne Intention, einen vorliegenden Naturgegenstand als Bild
abzuschlieen. Hat er angebornes Talent, so wird sich's bald offenbaren, welche
Absicht wir bei diesen Andeutungen im Sinne hegten.

Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist; wei ich, womit du
dich beschftigst, so wei ich, was aus dir werden kann.

Jeder Mensch mu nach seiner Weise denken, denn er findet auf seinem Wege immer
ein Wahres, oder eine Art von Wahrem, die ihm durchs Leben hilft; nur darf er
sich nicht gehen lassen; er mu sich kontrollieren; der bloe nackte Instinkt
geziemt nicht dem Menschen.

Unbedingte Ttigkeit, von welcher Art sie sei, macht zuletzt bankerott.

In den Werken des Menschen wie in denen der Natur sind eigentlich die Absichten
vorzglich der Aufmerksamkeit wert.

Die Menschen werden an sich und andern irre, weil sie die Mittel als Zweck
behandeln, da denn vor lauter Ttigkeit gar nichts geschieht oder vielleicht gar
das Widerwrtige.

Was wir ausdenken, was wir vornehmen, sollte schon vollkommen so rein und schn
sein, da die Welt nur daran zu verderben htte; wir blieben dadurch in dem
Vorteil, das Verschobene zurechtzurcken, das Zerstrte wiederherzustellen.

Ganze, Halb- und Viertelsirrtmer sind gar schwer und mhsam zurechtzulegen, zu
sichten und das Wahre daran dahin zu stellen, wohin es gehrt.

Es ist nicht immer ntig, da das Wahre sich verkrpere; schon genug, wenn es
geistig umherschwebt und bereinstimmung bewirkt; wenn es wie Glockenton
ernstfreundlich durch die Lfte wogt.

Wenn ich jngere deutsche Maler, sogar solche, die sich eine Zeitlang in Italien
aufgehalten, befrage: warum sie doch, besonders in ihren Landschaften, so
widerwrtige grelle Tne dem Auge darstellen und vor aller Harmonie zu fliehen
scheinen? so geben sie wohl ganz dreist und getrost zur Antwort: sie shen die
Natur genau auf solche Weise.

Kant hat uns aufmerksam gemacht, da es eine Kritik der Vernunft gebe, da
dieses hchste Vermgen, was der Mensch besitzt, Ursache habe, ber sich selbst
zu wachen. Wie groen Vorteil uns diese Stimme gebracht, mge jeder an sich
selbst geprft haben. Ich aber mchte in eben dem Sinne die Aufgabe stellen, da
eine Kritik der Sinne ntig sei, wenn die Kunst berhaupt, besonders die
deutsche, irgend wieder sich erholen und in einem erfreulichen Lebensschritt
vorwrts gehen solle.

Der zur Vernunft geborene Mensch bedarf noch groer Bildung, sie mag sich ihm
nun durch Sorgfalt der Eltern und Erzieher, durch friedliches Beispiel oder
durch strenge Erfahrung nach und nach offenbaren. Ebenso wird zwar der angehende
Knstler, aber nicht der vollendete geboren; sein Auge komme frisch auf die
Welt, er habe glcklichen Blick fr Gestalt, Proportion, Bewegung; aber fr
hhere Komposition, fr Haltung, Licht, Schatten, Farben kann ihm die natrliche
Anlage fehlen, ohne da er es gewahr wird.

Ist er nun nicht geneigt, von hher ausgebildeten Knstlern der Vor- und Mitzeit
das zu lernen, was ihm fehlt um eigentlicher Knstler zu sein, so wird er im
falschen Begriff von bewahrter Originalitt hinter sich selbst zurckbleiben;
denn nicht allein das, was mit uns geboren ist, sondern auch das, was wir
erwerben knnen, gehrt uns an, und wir sind es.

Allgemeine Begriffe und groer Dnkel sind immer auf dem Wege, entsetzliches
Unglck anzurichten.

Blasen ist nicht flten, ihr mt die Finger bewegen.

Die Botaniker haben eine Pflanzenabteilung, die sie Incompletae nennen; man kann
eben auch sagen, da es inkomplette, unvollstndige Menschen gibt. Es sind
diejenigen, deren Sehnsucht und Streben mit ihrem Tun und Leisten nicht
proportioniert ist.

Der geringste Mensch kann komplett sein, wenn er sich innerhalb der Grenzen
seiner Fhigkeiten und Fertigkeiten bewegt; aber selbst schne Vorzge werden
verdunkelt, aufgehoben und vernichtet, wenn jenes unerllich geforderte Ebenma
abgeht. Dieses Unheil wird sich in der neuern Zeit noch fter hervortun; denn
wer wird wohl den Forderungen einer durchaus gesteigerten Gegenwart, und zwar in
schnellster Bewegung genugtun knnen?

Nur klugttige Menschen, die ihre Krfte kennen und sie mit Ma und
Gescheidigkeit benutzen, werden es im Weltwesen weit bringen.

Ein groer Fehler: da man sich mehr dnkt, als man ist, und sich weniger
schtzt, als man wert ist.

Es begegnet mir von Zeit zu Zeit ein Jngling, an dem ich nichts verndert noch
gebessert wnschte; nur macht mir bange, da ich manchen vollkommen geeignet
sehe, im Zeitstrom mit fortzuschwimmen, und hier ist's, wo ich immerfort
aufmerksam machen mchte: da dem Menschen in seinem zerbrechlichen Kahn eben
deshalb das Ruder in die Hand gegeben ist, damit er nicht der Willkr der
Wellen, sondern dem Willen seiner Einsicht Folge leiste.

Wie soll nun aber ein junger Mann fr sich selbst dahin gelangen, dasjenige fr
tadelnswert und schdlich anzusehen, was jedermann treibt, billigt und frdert?
Warum soll er sich nicht und sein Naturell auch dahin gehen lassen?

Fr das grte Unheil unserer Zeit, die nichts reif werden lt, mu ich halten,
da man im nchsten Augenblick den vorhergehenden verspeist, den Tag im Tage
vertut und so immer aus der Hand in den Mund lebt, ohne irgend etwas vor sich zu
bringen. Haben wir doch schon Bltter fr smtliche Tageszeiten! ein guter Kopf
knnte wohl noch eins und das andere interkalieren. Dadurch wird alles, was ein
jeder tut, treibt, dichtet, ja was er vorhat, ins ffentliche geschleppt.
Niemand darf sich freuen oder leiden als zum Zeitvertreib der brigen; und so
springt's von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt, von Reich zu Reich und zuletzt
von Weltteil zu Weltteil, alles veloziferisch.

So wenig nun die Dampfmaschinen zu dmpfen sind, so wenig ist dies auch im
Sittlichen mglich; die Lebhaftigkeit des Handels, das Durchrauschen des
Papiergelds, das Anschwellen der Schulden, um Schulden zu bezahlen, das alles
sind die ungeheuern Elemente, auf die gegenwrtig ein junger Mann gesetzt ist.
Wohl ihm, wenn er von der Natur mit migem, ruhigem Sinn begabt ist, um weder
unverhltnismige Forderungen an die Welt zu machen noch auch von ihr sich
bestimmen zu lassen.

Aber in einem jeden Kreise bedroht ihn der Tagesgeist; und nichts ist ntiger,
als frh genug ihm die Richtung bemerklich zu machen, wohin sein Wille zu
steuern hat.

Die Bedeutsamkeit der unschuldigsten Reden und Handlungen wchst mit den Jahren;
und wen ich lnger um mich sehe, den suche ich immerfort aufmerksam zu machen,
welch ein Unterschied stattfinde zwischen Aufrichtigkeit, Vertrauen und
Indiskretion, ja da eigentlich kein Unterschied sei, vielmehr nur ein leiser
bergang vom Unverfnglichsten zum Schdlichsten, welcher bemerkt oder vielmehr
empfunden werden msse.

Hierauf haben wir unsern Takt zu ben, sonst laufen wir Gefahr, auf dem Wege,
worauf wir uns die Gunst der Menschen erwarben, sie ganz unversehens wieder zu
verscherzen. Das begreift man wohl im Laufe des Lebens von selbst, aber erst
nach bezahltem teurem Lehrgelde, das man leider seinen Nachkommenden nicht
ersparen kann.

Das Verhltnis der Knste und Wissenschaften zum Leben ist nach Verhltnis der
Stufen, worauf sie stehen, nach Beschaffenheit der Zeiten und tausend andern
Zuflligkeiten sehr verschieden; deswegen auch niemand darber im ganzen leicht
klug werden kann.

Poesie wirkt am meisten im Anfang der Zustnde, sie seien nun ganz roh,
halbkultiviert, oder bei Abnderung einer Kultur, beim Gewahrwerden einer
fremden Kultur, da man also sagen kann, die Wirkung der Neuheit findet durchaus
statt.

Musik im besten Sinne bedarf weniger der Neuheit, ja vielmehr je lter sie ist,
je gewohnter man sie ist, desto mehr wirkt sie.

Die Wrde der Kunst erscheint bei der Musik vielleicht am eminentesten, weil sie
keinen Stoff hat, der abgerechnet werden mte. Sie ist ganz Form und Gehalt und
erhht und veredelt alles, was sie ausdrckt.

Die Musik ist heilig oder profan. Das Heilige ist ihrer Wrde ganz gem, und
hier hat sie die grte Wirkung aufs Leben, welche sich durch alle Zeiten und
Epochen gleich bleibt. Die profane sollte durchaus heiter sein.

Eine Musik, die den heiligen und profanen Charakter vermischt, ist gottlos, und
eine halbschrige, welche schwache, jammervolle, erbrmliche Empfindungen
auszudrcken Belieben findet, ist abgeschmackt. Denn sie ist nicht ernst genug,
um heilig zu sein, und es fehlt ihr der Hauptcharakter des Entgegengesetzten:
die Heiterkeit.

Die Heiligkeit der Kirchenmusiken, das Heitere und Neckische der Volksmelodien
sind die beiden Angeln, um die sich die wahre Musik herumdreht. Auf diesen
beiden Punkten beweist sie jederzeit eine unausbleibliche Wirkung: Andacht oder
Tanz. Die Vermischung macht irre, die Verschwchung wird fade, und will die
Musik sich an Lehrgedichte oder beschreibende und dergleichen wenden, so wird
sie kalt.

Plastik wirkt eigentlich nur auf ihrer hchsten Stufe; alles Mittlere kann wohl
aus mehr denn einer Ursache imponieren, aber alle mittleren Kunstwerke dieser
Art machen mehr irre, als da sie erfreuen. Die Bildhauerkunst mu sich daher
noch ein stoffartiges Interesse suchen, und das findet sie in den Bildnissen
bedeutender Menschen. Aber auch hier mu sie schon einen hohen Grad erreichen,
wenn sie zugleich wahr und wrdig sein will.

Die Malerei ist die llichste und bequemste von allen Knsten. Die llichste,
weil man ihr um des Stoffes und des Gegenstandes willen, auch da, wo sie nur
Handwerk oder kaum eine Kunst ist, vieles zugute hlt und sich an ihr erfreut;
teils weil eine technische obgleich geistlose Ausfhrung den Ungebildeten wie
den Gebildeten in Verwunderung setzt, so da sie sich also nur einigermaen zur
Kunst zu steigern braucht, um in einem hheren Grade willkommen zu sein.
Wahrheit in Farben, Oberflchen, in Beziehungen der sichtbaren Gegenstnde
aufeinander ist schon angenehm; und da das Auge ohnehin gewohnt ist, alles zu
sehen, so ist ihm eine Migestalt und also auch ein Mibild nicht so zuwider als
dem Ohr ein Miton. Man lt die schlechteste Abbildung gelten, weil man noch
schlechtere Gegenstnde zu sehen gewohnt ist. Der Maler darf also nur
einigermaen Knstler sein, so findet er schon ein greres Publikum als der
Musiker, der auf gleichem Grade stnde; wenigstens kann der geringere Maler
immer fr sich operieren, anstatt da der mindere Musiker sich mit anderen
soziieren mu, um durch gesellige Leistung einigen Effekt zu tun.

Die Frage: ob man bei Betrachtung von Kunstleistungen vergleichen solle oder
nicht, mchten wir folgendermaen beantworten: Der ausgebildete Kenner soll
vergleichen; denn ihm schwebt die Idee vor, er hat den Begriff gefat, was
geleistet werden knne und solle; der Liebhaber, auf dem Wege zur Bildung
begriffen, frdert sich am besten, wenn er nicht vergleicht, sondern jedes
Verdienst einzeln betrachtet; dadurch bildet sich Gefhl und Sinn fr das
Allgemeinere nach und nach aus. Das Vergleichen der Unkenner ist eigentlich nur
eine Bequemlichkeit, die sich gern des Urteils berheben mchte.

Wahrheitsliebe zeigt sich darin, da man berall das Gute zu finden und zu
schtzen wei.

Ein historisches Menschengefhl heit ein dergestalt gebildetes, da es bei
Schtzung gleichzeitiger Verdienste und Verdienstlichkeiten auch die
Vergangenheit mit in Anschlag bringt.

Das Beste, was wir von der Geschichte haben, ist der Enthusiasmus, den sie
erregt.

Eigentmlichkeit ruft Eigentmlichkeit hervor.

Man mu bedenken, da unter den Menschen gar viele sind, die doch auch etwas
Bedeutendes sagen wollen, ohne produktiv zu sein, und da kommen die
wunderlichsten Dinge an den Tag.

Tief und ernstlich denkende Menschen haben gegen das Publikum einen bsen Stand.

Wenn ich die Meinung eines andern anhren soll, so mu sie positiv ausgesprochen
werden; Problematisches hab' ich in mir selbst genug.

Der Aberglaube gehrt zum Wesen des Menschen und flchtet sich, wenn man ihn
ganz und gar zu verdrngen denkt, in die wunderlichsten Ecken und Winkel, von wo
er auf einmal, wenn er einigermaen sicher zu sein glaubt, wieder hervortritt.

Wir wrden gar vieles besser kennen, wenn wir es nicht zu genau erkennen
wollten. Wird uns doch ein Gegenstand unter einem Winkel von fnfundvierzig
Graden erst falich.

Mikroskope und Fernrhre verwirren eigentlich den reinen Menschensinn.

Ich schweige zu vielem still, denn ich mag die Menschen nicht irremachen und bin
wohl zufrieden, wenn sie sich freuen da wo ich mich rgere.

Alles, was unsern Geist befreit, ohne uns die Herrschaft ber uns selbst zu
geben, ist verderblich.

Das Was des Kunstwerks interessiert die Menschen mehr als das Wie; jenes knnen
sie einzeln ergreifen, dieses im ganzen nicht fassen. Daher kommt das
Herausheben von Stellen, wobei zuletzt, wenn man wohl aufmerkt, die Wirkung der
Totalitt auch nicht ausbleibt, aber jedem unbewut.

Die Frage: woher hat's der Dichter? geht auch nur aufs Was, vom Wie erfhrt
dabei niemand etwas.

Einbildungskraft wird nur durch Kunst, besonders durch Poesie geregelt. Es ist
nichts frchterlicher als Einbildungskraft ohne Geschmack.

Das Manierierte ist ein verfehltes Ideelle, ein subjektiviertes Ideelle; daher
fehlt ihm das Geistreiche nicht leicht.

Der Philolog ist angewiesen auf die Kongruenz des Geschrieben-berlieferten. Ein
Manuskript liegt zum Grunde, es finden sich in demselben wirkliche Lcken,
Schreibfehler, die eine Lcke im Sinne machen, und was sonst alles an einem
Manuskript zu tadeln sein mag. Nun findet sich eine zweite Abschrift, eine
dritte; die Vergleichung derselben bewirkt immer mehr, das Verstndige und
Vernnftige der berlieferung gewahr zu werden. Ja er geht weiter und verlangt
von seinem innern Sinn, da derselbe ohne uere Hlfsmittel die Kongruenz des
Abgehandelten immer mehr zu begreifen und darzustellen wisse. Weil nun hiezu ein
besondrer Takt, eine besondre Vertiefung in seinen abgeschiedenen Autor ntig
und ein gewisser Grad von Erfindungskraft gefordert wird, so kann man dem
Philologen nicht verdenken, wenn er sich auch ein Urteil bei Geschmackssachen
zutraut, welches ihm jedoch nicht immer gelingen wird.

Der Dichter ist angewiesen auf Darstellung. Das Hchste derselben ist, wenn sie
mit der Wirklichkeit wetteifert, d.h. wenn ihre Schilderungen durch den Geist
dergestalt lebendig sind, da sie als gegenwrtig fr jedermann gelten knnen.
Auf ihrem hchsten Gipfel scheint die Poesie ganz uerlich; je mehr sie sich
ins Innere zurckzieht, ist sie auf dem Wege zu sinken. - Diejenige, die nur das
Innere darstellt, ohne es durch ein ueres zu verkrpern, oder ohne das uere
durch das Innere durchfhlen zu lassen, sind beides die letzten Stufen, von
welchen aus sie ins gemeine Leben hineintritt.

Die Redekunst ist angewiesen auf alle Vorteile der Poesie, auf alle ihre Rechte;
sie bemchtigt sich derselben und mibraucht sie, um gewisse uere, sittliche
oder unsittliche, augenblickliche Vorteile im brgerlichen Leben zu erreichen.

Literatur ist das Fragment der Fragmente; das wenigste dessen, was geschah und
gesprochen worden, ward geschrieben, vom Geschriebenen ist das wenigste
briggeblieben.

In natrlicher Wahrheit und Groheit, obgleich wild und unbehaglich
ausgebildetes Talent ist Lord Byron, und deswegen kaum ein anderes ihm
vergleichbar.

Eigentlichster Wert der sogenannten Volkslieder ist der, da ihre Motive
unmittelbar von der Natur genommen sind. Dieses Vorteils aber knnte der
gebildete Dichter sich auch bedienen, wenn er es verstnde.

Hiebei aber haben jene immer das voraus, da natrliche Menschen sich besser auf
den Lakonismus verstehen als eigentlich Gebildete.

Shakespeare ist fr aufkeimende Talente gefhrlich zu lesen; er ntigt sie, ihn
zu reproduzieren, und sie bilden sich ein, sich selbst zu produzieren.

ber Geschichte kann niemand urteilen, als wer an sich selbst Geschichte erlebt
hat. So geht es ganzen Nationen. Die Deutschen knnen erst ber Literatur
urteilen, seitdem sie selbst eine Literatur haben.

Man ist nur eigentlich lebendig, wenn man sich des Wohlwollens andrer freut.

Frmmigkeit ist kein Zweck, sondern ein Mittel, um durch die reinste Gemtsruhe
zur hchsten Kultur zu gelangen.

Deswegen lt sich bemerken, da diejenigen, welche Frmmigkeit als Zweck und
Ziel aufstecken, meistens Heuchler werden.

Wenn man alt ist, mu man mehr tun, als da man jung war.

Erfllte Pflicht empfindet sich immer noch als Schuld, weil man sich nie ganz
genug getan.

Die Mngel erkennt nur der Lieblose; deshalb, um sie einzusehen, mu man auch
lieblos werden, aber nicht mehr, als hiezu ntig ist.

Das hchste Glck ist das, welches unsere Mngel verbessert und unsere Fehler
ausgleicht.

Kannst du lesen, so sollst du verstehen; kannst du schreiben, so mut du etwas
wissen; kannst du glauben, so sollst du begreifen; wenn du begehrst, wirst du
sollen; wenn du forderst, wirst du nicht erlangen; und wenn du erfahren bist,
sollst du nutzen.

Man erkennt niemand an als den, der uns nutzt. Wir erkennen den Frsten an, weil
wir unter seiner Firma den Besitz gesichert sehen. Wir gewrtigen uns von ihm
Schutz gegen uere und innere widerwrtige Verhltnisse.

Der Bach ist dem Mller befreundet, dem er nutzt, und er strzt gern ber die
Rder; was hilft es ihm, gleichgltig durchs Tal hinzuschleichen.

Wer sich mit reiner Erfahrung begngt und darnach handelt, der hat Wahres genug.
Das heranwachsende Kind ist weise in diesem Sinne.

Die Theorie an und fr sich ist nichts ntze, als insofern sie uns an den
Zusammenhang der Erscheinungen glauben macht.

Alles Abstrakte wird durch Anwendung dem Menschenverstand genhert, und so
gelangt der Menschenverstand durch Handeln und Beobachten zur Abstraktion.

Wer zuviel verlangt, wer sich am Verwickelten erfreut, der ist den Verwirrungen
ausgesetzt.

Nach Analogien denken ist nicht zu schelten; die Analogie hat den Vorteil, da
sie nicht abschliet und eigentlich nichts Letztes will; dagegen die Induktion
verderblich ist, die einen vorgesetzten Zweck im Auge trgt und, auf denselben
losarbeitend, Falsches und Wahres mit sich fortreit.

Gewhnliches Anschauen, richtige Ansicht der irdischen Dinge ist ein Erbteil des
allgemeinen Menschenverstandes. - Reines Anschauen des uern und Innern ist
sehr selten.

Es uert sich jenes im praktischen Sinn, im unmittelbaren Handeln; dieses
symbolisch, vorzglich durch Mathematik, in Zahlen und Formeln, durch Rede,
uranfnglich, tropisch, als Poesie des Genies, als Sprichwrtlichkeit des
Menschenverstandes.

Das Abwesende wirkt auf uns durch berlieferung. Die gewhnliche ist historisch
zu nennen; eine hhere, der Einbildungskraft verwandte ist mythisch. Sucht man
hinter dieser noch etwas Drittes, irgendeine Bedeutung, so verwandelt sie sich
in Mystik. Auch wird sie leicht sentimental, so da wir uns nur, was gemtlich
ist, aneignen.

Die Wirksamkeiten, auf die wir achten mssen, wenn wir wahrhaft gefrdert sein
wollen, sind:
        vorbereitende,
        begleitende,
        mitwirkende,
        nachhelfende,
        frdernde,
        verstrkende,
        hindernde,
        nachwirkende.
Im Betrachten wie im Handeln ist das Zugngliche von dem Unzugnglichen zu
unterscheiden; ohne dies lt sich im Leben wie im Wissen wenig leisten.

Le sens commun est le Gnie de l'humanit.

Der Gemeinverstand, der als Genie der Menschheit gelten soll, mu vorerst in
seinen uerungen betrachtet werden. Forschen wir, wozu ihn die Menschheit
benutzt, so finden wir folgendes:
    Die Menschheit ist bedingt durch Bedrfnisse. Sind diese nicht befriedigt,
so erweist sie sich ungeduldig; sind sie befriedigt, so erscheint sie
gleichgltig. Der eigentliche Mensch bewegt sich also zwischen beiden Zustnden;
und seinen Verstand, den sogenannten Menschenverstand, wird er anwenden, seine
Bedrfnisse zu befriedigen; ist es geschehen, so hat er die Aufgabe, die Rume
der Gleichgltigkeit auszufllen. Beschrnkt sich dieses in die nchsten und
notwendigsten Grenzen, so gelingt es ihm auch. Erheben sich aber die
Bedrfnisse, treten sie aus dem Kreise des Gemeinen heraus, so ist der
Gemeinverstand nicht mehr hinreichend, er ist kein Genius mehr, die Region des
Irrtums ist der Menschheit aufgetan.

Es geschieht nichts Unvernnftiges, das nicht Verstand oder Zufall wieder in die
Richte brchten; nichts Vernnftiges, das Unverstand und Zufall nicht mileiten
knnten.

Jede groe Idee, sobald sie in die Erscheinung tritt, wirkt tyrannisch; daher
die Vorteile, die sie hervorbringt, sich nur allzubald in Nachteile verwandeln.
Man kann deshalb eine jede Institution verteidigen und rhmen, wenn man an ihre
Anfnge erinnert und darzutun wei, da alles, was von ihr im Anfange gegolten,
auch jetzt noch gelte.

Lessing, der mancherlei Beschrnkung unwillig fhlte, lt eine seiner Personen
sagen: Niemand mu mssen. Ein geistreicher frohgesinnter Mann sagte: Wer will,
der mu. Ein dritter, freilich ein Gebildeter, fgte hinzu: Wer einsieht, der
will auch. Und so glaubte man den ganzen Kreis des Erkennens, Wollens und
Mssens abgeschlossen zu haben. Aber im Durchschnitt bestimmt die Erkenntnis des
Menschen, von welcher Art sie auch sei, sein Tun und Lassen; deswegen auch
nichts schrecklicher ist, als die Unwissenheit handeln zu sehen.

Es gibt zwei friedliche Gewalten: das Recht und die Schicklichkeit.

Das Recht dringt auf Schuldigkeit, die Polizei aufs Geziemende. Das Recht ist
abwgend und entscheidend, die Polizei berschauend und gebietend. Das Recht
bezieht sich auf den Einzelnen, die Polizei auf die Gesamtheit.

Die Geschichte der Wissenschaften ist eine groe Fuge, in der die Stimmen der
Vlker nach und nach zum Vorschein kommen.

Man kann in den Naturwissenschaften ber manche Probleme nicht gehrig sprechen,
wenn man die Metaphysik nicht zu Hlfe ruft; aber nicht jene Schul-und
Wortweisheit; es ist dasjenige, was vor, mit und nach der Physik war, ist und
sein wird.

Autoritt, da nmlich etwas schon einmal geschehen, gesagt oder entschieden
worden sei, hat groen Wert; aber nur der Pedant fordert berall Autoritt.

Altes Fundament ehrt man, darf aber das Recht nicht aufgeben, irgendwo wieder
einmal von vorn zu grnden.

Beharre, wo du stehst! - Maxime, notwendiger als je, indem einerseits die
Menschen in groe Parteien gerissen werden; sodann aber auch jeder Einzelne nach
individueller Einsicht und Vermgen sich geltend machen will.

Man tut immer besser, da man sich grad ausspricht, wie man denkt, ohne viel
beweisen zu wollen: denn alle Beweise, die wir vorbringen, sind doch nur
Variationen unserer Meinungen, und die Widriggesinnten hren weder auf das eine
noch auf das andere.

Da ich mit der Naturwissenschaft, wie sie sich von Tag zu Tage vorwrts bewegt,
immer mehr bekannt und verwandt werde, so dringt sich mir gar manche Betrachtung
auf: ber die Vor- und Rckschritte, die zu gleicher Zeit geschehen. Eines nur
sei hier ausgesprochen: da wir sogar anerkannte Irrtmer aus der Wissenschaft
nicht loswerden. Die Ursache hievon ist ein offenbares Geheimnis.

Einen Irrtum nenn' ich, wenn irgendein Ereignis falsch ausgelegt, falsch
angeknpft, falsch abgeleitet wird. Nun ereignet sich aber im Gange des
Erfahrens und Denkens, da eine Erscheinung folgerecht angeknpft, richtig
abgeleitet wird. Das lt man sich wohl gefallen, legt aber keinen besondern
Wert darauf und lt den Irrtum ganz ruhig daneben liegen; und ich kenne ein
kleines Magazin von Irrtmern, die man sorgfltig aufbewahrt.

Da nun den Menschen eigentlich nichts interessiert als seine Meinung, so sieht
jedermann, der eine Meinung vortrgt, sich rechts und links nach Hlfsmitteln
um, damit er sich und andere bestrken mge. Des Wahren bedient man sich solange
es brauchbar ist; aber leidenschaftlich-rhetorisch ergreift man das Falsche,
sobald man es fr den Augenblick nutzen, damit als einem Halbargumente blenden,
als mit einem Lckenber das Zerstckelte scheinbar vereinigen kann. Dieses zu
erfahren, war mir erst ein rgernis, dann betrbte ich mich darber, und nun
macht es mir Schadenfreude. Ich habe mir das Wort gegeben, ein solches Verfahren
niemals wieder aufzudecken.

Jedes Existierende ist ein Analogon alles Existierenden; daher erscheint uns das
Dasein immer zu gleicher Zeit gesondert und verknpft. Folgt man der Analogie zu
sehr, so fllt alles identisch zusammen; meidet man sie, so zerstreut sich alles
ins Unendliche. In beiden Fllen stagniert die Betrachtung, einmal als
berlebendig, das andere Mal als gettet.

Die Vernunft ist auf das Werdende, der Verstand auf das Gewordene angewiesen;
jene bekmmert sich nicht: wozu? dieser fragt nicht: woher? - Sie erfreut sich
am Entwickeln; er wnscht alles festzuhalten, damit er es nutzen knne.

Es ist eine Eigenheit dem Menschen angeboren und mit seiner Natur innigst
verwebt: da ihm zur Erkenntnis das Nchste nicht gengt; da doch jede
Erscheinung, die wir selbst gewahr werden, im Augenblick das Nchste ist und wir
von ihr fordern knnen, da sie sich selbst erklre, wenn wir krftig in sie
dringen.

Das werden aber die Menschen nicht lernen, weil es gegen ihre Natur ist; daher
die Gebildeten es selbst nicht lassen knnen, wenn sie an Ort und Stelle
irgendein Wahres erkannt haben, es nicht nur mit dem Nchsten, sondern auch mit
dem Weitesten und Fernsten zusammenzuhngen, woraus denn Irrtum ber Irrtum
entspringt. Das nahe Phnomen hngt aber mit dem fernen nur in dem Sinne
zusammen, da sich alles auf wenige groe Gesetze bezieht, die sich berall
manifestieren.

Was ist das Allgemeine?
Der einzelne Fall.
Was ist das Besondere?
Millionen Flle.

Die Analogie hat zwei Verirrungen zu frchten: einmal sich dem Witz hinzugeben,
wo sie in nichts zerfliet; die andere, sich mit Tropen und Gleichnissen zu
umhllen, welches jedoch weniger schdlich ist.

Weder Mythologie noch Legenden sind in der Wissenschaft zu dulden. Lasse man
diese den Poeten, die berufen sind, sie zu Nutz und Freude der Welt zu
behandeln. Der wissenschaftliche Mann beschrnke sich auf die nchste, klarste
Gegenwart. Wollte derselbe jedoch gelegentlich als Rhetor auftreten, so sei ihm
jenes auch nicht verwehrt.

Um mich zu retten, betrachte ich alle Erscheinungen als unabhngig voneinander
und suche sie gewaltsam zu isolieren; dann betrachte ich sie als Korrelate, und
sie verbinden sich zu einem entschiedenen Leben. Dies bezieh' ich vorzglich auf
Natur; aber auch in bezug auf die neueste um uns her bewegte Weltgeschichte ist
diese Betrachtungsweise fruchtbar.

Alles, was wir Erfinden, Entdecken im hheren Sinne nennen, ist die bedeutende
Ausbung, Bettigung eines originalen Wahrheitsgefhles, das, im stillen lngst
ausgebildet, unversehens mit Blitzesschnelle zu einer fruchtbaren Erkenntnis
fhrt. Es ist eine aus dem Innern am uern sich entwickelnde Offenbarung, die
den Menschen seine Gotthnlichkeit vorahnen lt. Es ist eine Synthese von Welt
und Geist, welche von der ewigen Harmonie des Daseins die seligste Versicherung
gibt.

Der Mensch mu bei dem Glauben verharren, da das Unbegreifliche begreiflich
sei; er wrde sonst nicht forschen.

Begreiflich ist jedes Besondere, das sich auf irgendeine Weise anwenden lt.
Auf diese Weise kann das Unbegreifliche ntzlich werden.

Es gibt eine zarte Empirie, die sich mit dem Gegenstand innigst identisch macht
und dadurch zur eigentlichen Theorie wird. Diese Steigerung des geistigen
Vermgens aber gehrt einer hochgebildeten Zeit an.

Am widerwrtigsten sind die kricklichen Beobachter und grilligen Theoristen;
ihre Versuche sind kleinlich und kompliziert, ihre Hypothesen abstrus und
wunderlich.

Es gibt Pedanten, die zugleich Schelme sind, und das sind die allerschlimmsten.

Um zu begreifen, da der Himmel berall blau ist, braucht man nicht um die Welt
zu reisen.

Das Allgemeine und Besondere fallen zusammen; das Besondere ist das Allgemeine,
unter verschiedenen Bedingungen erscheinend.

Man braucht nicht alles selbst gesehen noch erlebt zu haben; willst du aber dem
andern und seinen Darstellungen vertrauen, so denke, da du es nun mit dreien zu
tun hast: mit dem Gegenstand und zwei Subjekten.

Grundeigenschaft der lebendigen Einheit: sich zu trennen, sich zu vereinen, sich
ins Allgemeine zu ergehen, im Besondern zu verharren, sich zu verwandeln, sich
zu spezifizieren und, wie das Lebendige unter tausend Bedingungen sich dartun
mag, hervorzutreten und zu verschwinden, zu solideszieren und zu schmelzen, zu
erstarren und zu flieen, sich auszudehnen und sich zusammenzuziehen. Weil nun
alle diese Wirkungen im gleichen Zeitmoment zugleich vorgehen, so kann alles und
jedes zu gleicher Zeit eintreten. Entstehen und Vergehen, Schaffen und
Vernichten, Geburt und Tod, Freud und Leid, alles wirkt durcheinander, in
gleichem Sinn und gleicher Mae, deswegen denn auch das Besonderste, das sich
ereignet, immer als Bild und Gleichnis des Allgemeinsten auftritt.

Ist das ganze Dasein ein ewiges Trennen und Verbinden, so folgt auch, da die
Menschen im Betrachten des ungeheuren Zustandes auch bald trennen, bald
verbinden werden.

Als getrennt mu sich darstellen: Physik von Mathematik. Jene mu in einer
entschiedenen Unabhngigkeit bestehen und mit allen liebenden, verehrenden,
frommen Krften in die Natur und das heilige Leben derselben einzudringen
suchen, ganz unbekmmert, was die Mathematik von ihrer Seite leistet und tut.
Diese mu sich dagegen unabhngig von allem uern erklren, ihren eigenen
groen Geistesgang gehen und sich selber reiner ausbilden, als es geschehen
kann, wenn sie wie bisher sich mit dem Vorhandenen abgibt und diesem etwas
abzugewinnen oder anzupassen trachtet.

In der Naturforschung bedarf es eines kategorischen Imperativs so gut als im
Sittlichen; nur bedenke man, da man dadurch nicht am Ende, sondern erst am
Anfang ist.

Das Hchste wre, zu begreifen, da alles Faktische schon Theorie ist. Die Blue
des Himmels offenbart uns das Grundgesetz der Chromatik. Man suche nur nichts
hinter den Phnomenen; sie selbst sind die Lehre.

In den Wissenschaften ist viel Gewisses, sobald man sich von den Ausnahmen nicht
irremachen lt und die Probleme zu ehren wei.

Wenn ich mich beim Urphnomen zuletzt beruhige, so ist es doch auch nur
Resignation; aber es bleibt ein groer Unterschied, ob ich mich an den Grenzen
der Menschheit resigniere oder innerhalb einer hypothetischen Beschrnktheit
meines bornierten Individuums.

Wenn man die Probleme des Aristoteles ansieht, so erstaunt man ber die Gabe des
Bemerkens und fr was alles die Griechen Augen gehabt haben. Nur begehen sie den
Fehler der bereilung, da sie von dem Phnomen unmittelbar zur Erklrung
schreiten, wodurch denn ganz unzulngliche theoretische Aussprche zum Vorschein
kommen. Dieses ist jedoch der allgemeine Fehler, der noch heutzutage begangen
wird.

Hypothesen sind Wiegenlieder, womit der Lehrer seine Schler einlullt; der
denkende treue Beobachter lernt immer mehr seine Beschrnkung kennen, er sieht:
je weiter sich das Wissen ausbreitet, desto mehr Probleme kommen zum Vorschein.

Unser Fehler besteht darin, da wir am Gewissen zweifeln und das Ungewisse
fixieren mchten. Meine Maxime bei der Naturforschung ist: das Gewisse
festzuhalten und dem Ungewissen aufzupassen.

Lliche Hypothese nenn' ich eine solche, die man gleichsam schalkhaft
aufstellt, um sich von der ernsthaften Natur widerlegen zu lassen.

Wie wollte einer als Meister in seinem Fach erscheinen, wenn er nichts Unntzes
lehrte.

Das Nrrischste ist, da jeder glaubt berliefern zu mssen, was man gewut zu
haben glaubt.

Weil zum didaktischen Vortrag Gewiheit verlangt wird, indem der Schler nichts
Unsicheres berliefert haben will, so darf der Lehrer kein Problem stehenlassen
und sich etwa in einiger Entfernung da herumbewegen. Gleich mu etwas bestimmt
sein (bepaalt sagt der Hollnder), und nun glaubt man eine Weile den
unbekannten Raum zu besitzen, bis ein anderer die Pfhle wieder ausreit und
sogleich enger oder weiter abermals wieder bepfhlt.

Lebhafte Frage nach der Ursache, Verwechselung von Ursache und Wirkung,
Beruhigung in einer falschen Theorie sind von groer nicht zu entwickelnder
Schdlichkeit.

Wenn mancher sich nicht verpflichtet fhlte, das Unwahre zu wiederholen, weil
er's einmal gesagt hat, so wren es ganz andre Leute geworden.

Das Falsche hat den Vorteil, da man immer darber schwtzen kann, das Wahre mu
gleich genutzt werden, sonst ist es nicht da.

Wer nicht einsieht, wie das Wahre praktisch erleichtert, mag gern daran mkeln
und hkeln, damit er nur sein irriges mhseliges Treiben einigermaen
beschnigen knne.

Die Deutschen, und sie nicht allein, besitzen die Gabe, die Wissenschaften
unzugnglich zu machen.

Der Englnder ist Meister, das Entdeckte gleich zu nutzen, bis es wieder zu
neuer Entdeckung und frischer Tat fhrt. Man frage nun, warum sie uns berall
voraus sind.

Der denkende Mensch hat die wunderliche Eigenschaft, da er an die Stelle, wo
das unaufgelste Problem liegt, gerne ein Phantasiebild hinfabelt, das er nicht
loswerden kann, wenn das Problem auch aufgelst und die Wahrheit am Tage ist.

Es gehrt eine eigene Geisteswendung dazu, um das gestaltlose Wirkliche in
seiner eigensten Art zu fassen und es von Hirngespinsten zu unterscheiden, die
sich denn doch auch mit einer gewissen Wirklichkeit lebhaft aufdringen.

Bei Betrachtung der Natur im groen wie im kleinen hab' ich unausgesetzt die
Frage gestellt: Ist es der Gegenstand oder bist du es, der sich hier ausspricht?
Und in diesem Sinne betrachtete ich auch Vorgnger und Mitarbeiter.

Ein jeder Mensch sieht die fertige und geregelte, gebildete, vollkommene Welt
doch nur als ein Element an, woraus er sich eine besondere ihm angemessene Welt
zu erschaffen bemht ist. Tchtige Menschen ergreifen sie ohne Bedenken und
suchen damit, wie es gehen will, zu gebaren; andere zaudern an ihr herum; einige
zweifeln sogar an ihrem Dasein.

Wer sich von dieser Grundwahrheit recht durchdrungen fhlte, wrde mit niemanden
streiten, sondern nur die Vorstellungsart eines andern wie seine eigene als ein
Phnomen betrachten. Denn wir erfahren fast tglich, da der eine mit
Bequemlichkeit denken mag, was dem andern zu denken unmglich ist, und zwar
nicht etwa in Dingen, die auf Wohl und Wehe nur irgendeinen Einflu htten,
sondern in Dingen, die fr uns vllig gleichgltig sind.

Man wei eigentlich das, was man wei, nur fr sich selbst. Spreche ich mit
einem andern von dem, was ich zu wissen glaube, unmittelbar glaubt er's besser
zu wissen, und ich mu mit meinem Wissen immer wieder in mich selbst
zurckkehren.

Das Wahre frdert; aus dem Irrtum entwickelt sich nichts, er verwickelt uns nur.

Der Mensch findet sich mitten unter Wirkungen und kann sich nicht enthalten,
nach den Ursachen zu fragen; als ein bequemes Wesen greift er nach der nchsten
als der besten und beruhigt sich dabei; besonders ist dies die Art des
allgemeinen Menschenverstandes.

Sieht man ein bel, so wirkt man unmittelbar darauf, d.h. man kuriert
unmittelbar aufs Symptom los.

Die Vernunft hat nur ber das Lebendige Herrschaft; die entstandene Welt, mit
der sich die Geognosie abgibt, ist tot. Daher kann es keine Geologie geben, denn
die Vernunft hat hier nichts zu tun.

Wenn ich ein zerstreutes Gerippe finde, so kann ich es zusammenlesen und
aufstellen; denn hier spricht die ewige Vernunft durch ein Analogon zu mir, und
wenn es das Riesenfaultier wre.

Was nicht mehr entsteht, knnen wir uns als entstehend nicht denken; das
Entstandene begreifen wir nicht.

Der allgemeine neuere Vulkanismus ist eigentlich ein khner Versuch, die
gegenwrtige unbegreifliche Welt an eine vergangene unbekannte zu knpfen.

Gleiche oder wenigstens hnliche Wirkungen werden auf verschiedene Weise durch
Naturkrfte hervorgebracht.

Nichts ist widerwrtiger als die Majoritt: denn sie besteht aus wenigen
krftigen Vorgngern, aus Schelmen die sich akkommodieren, aus Schwachen die
sich assimilieren, und der Masse, die nachtrollt, ohne nur im mindesten zu
wissen, was sie will.

Die Mathematik ist, wie die Dialektik, ein Organ des inneren hheren Sinnes, in
der Ausbung ist sie eine Kunst wie die Beredsamkeit. Fr beide hat nichts Wert
als die Form; der Gehalt ist ihnen gleichgltig. Ob die Mathematik Pfennige oder
Guineen berechne, die Rhetorik Wahres oder Falsches verteidige, ist beiden
vollkommen gleich.

Hier aber kommt es nun auf die Natur des Menschen an, der ein solches Geschft
betreibt, eine solche Kunst ausbt. Ein durchgreifender Advokat in einer
gerechten Sache, ein durchdringender Mathematiker vor dem Sternenhimmel
erscheinen beide gleich gotthnlich.

Was ist an der Mathematik exakt als die Exaktheit? Und diese, ist sie nicht eine
Folge des innern Wahrheitsgefhls?

Die Mathematik vermag kein Vorurteil wegzuheben, sie kann den Eigensinn nicht
lindern, den Parteigeist nicht beschwichtigen, nichts von allem Sittlichen
vermag sie.

Der Mathematiker ist nur insofern vollkommen, als er ein vollkommener Mensch
ist, als er das Schne des Wahren in sich empfindet; dann erst wird er
grndlich, durchsichtig, umsichtig, rein, klar, anmutig, ja elegant wirken. Das
alles gehrt dazu, um La Grange hnlich zu werden.

Nicht die Sprache an und fr sich ist richtig, tchtig, zierlich, sondern der
Geist ist es, der sich darin verkrpert; und so kommt es nicht auf einen jeden
an, ob er seinen Rechnungen, Reden oder Gedichten die wnschenswerten
Eigenschaften verleihen will; es ist die Frage, ob ihm die Natur hiezu die
geistigen und sittlichen Eigenschaften verliehen hat. Die geistigen: das
Vermgen der An- und Durchschauung, die sittlichen: da er die bsen Dmonen
ablehne, die ihn hindern knnten, dem Wahren die Ehre zu geben.

Das Einfache durch das Zusammengesetzte, das Leichte durch das Schwierige
erklren zu wollen, ist ein Unheil, das in dem ganzen Krper der Wissenschaft
verteilt ist, von den Einsichtigen wohl anerkannt, aber nicht berall
eingestanden.

Man sehe die Physik genau durch, und man wird finden, da die Phnomene sowie
die Versuche, worauf sie gebaut ist, verschiedenen Wert haben.

Auf die primren, die Urversuche kommt alles an, und das Kapitel, das hierauf
gebaut ist, steht sicher und fest; aber es gibt auch sekundre, tertire u.s.w.
Gesteht man diesen das gleiche Recht zu, so verwirren sie nur das, was von den
ersten aufgeklrt war.

Ein groes bel in den Wissenschaften, ja berall entsteht daher, da Menschen,
die kein Ideenvermgen haben, zu theoretisieren sich vermessen, weil sie nicht
begreifen, da noch so vieles Wissen hiezu nicht berechtigt. Sie gehen im
Anfange wohl mit einem lblichen Menschenverstand zu Werke, dieser aber hat
seine Grenzen, und wenn er sie berschreitet, kommt er in Gefahr, absurd zu
werden. Des Menschenverstandes angewiesenes Gebiet und Erbteil ist der Bezirk
des Tuns und Handelns. Ttig wird er sich selten verirren; das hhere Denken,
Schlieen und Urteilen jedoch ist nicht seine Sache.

Die Erfahrung nutzt erst der Wissenschaft, sodann schadet sie, weil die
Erfahrung Gesetz und Ausnahme gewahr werden lt. Der Durchschnitt von beiden
gibt keineswegs das Wahre.

Man sagt: zwischen zwei entgegengesetzten Meinungen liege die Wahrheit mitten
inne. Keineswegs! Das Problem liegt dazwischen, das Unschaubare, das ewig ttige
Leben, in Ruhe gedacht.


                                  Drittes Buch

                                 Erstes Kapitel

Nach allem diesem, und was daraus erfolgen mochte, war nun Wilhelms erstes
Anliegen, sich den Verbndeten wieder zu nhern und mit irgendeiner Abteilung
derselben irgendwo zusammenzutreffen. Er zog daher sein Tfelchen zu Rat und
begab sich auf den Weg, der ihn vor andern ans Ziel zu fhren versprach. Weil er
aber, den gnstigsten Punkt zu erreichen, quer durchs Land gehen mute, so sah
er sich gentigt, die Reise zu Fue zu machen und das Gepck hinter sich her
tragen zu lassen. Fr seinen Gang aber ward er auf jedem Schritte reichlich
belohnt, indem er unerwartet ganz allerliebste Gegenden antraf; es waren solche,
wie sie das letzte Gebirg gegen die Flche zu bildet, bebuschte Hgel, die
sanften Abhnge haushlterisch benutzt, alle Flchen grn, nirgends etwas
Steiles, Unfruchtbares und Ungepflgtes zu sehen. Nun gelangte er zum Haupttale,
worein die Seitenwasser sich ergossen; auch dieses war sorgfltig bebaut,
anmutig bersehbar, schlanke Bume bezeichneten die Krmmung des durchziehenden
Flusses und einstrmender Bche, und als er die Karte, seinen Wegweiser,
vornahm, sah er zu seiner Verwunderung, da die gezogene Linie dieses Tal gerade
durchschnitt und er sich also vorerst wenigstens auf rechtem Weg befinde.
    Ein altes, wohlerhaltenes, zu verschiedenen Zeiten erneuertes Schlo zeigte
sich auf einem bebuschten Hgel; am Fue desselben zog ein heiterer Flecken sich
hin mit vorstehendem, in die Augen fallendem Wirtshaus; auf letzteres ging er zu
und ward zwar freundlich von dem Wirt empfangen, jedoch mit Entschuldigung, da
man ihn ohne Erlaubnis einer Gesellschaft nicht aufnehmen knne, die den ganzen
Gasthof auf einige Zeit gemietet habe; deswegen er alle Gste in die ltere,
weiter hinauf liegende Herberge verweisen msse. Nach einer kurzen Unterredung
schien der Mann sich zu bedenken und sagte: Zwar findet sich jetzt niemand im
Hause, doch es ist eben Sonnabend, und der Vogt kann nicht lange ausbleiben, der
wchentlich alle Rechnungen berichtigt und seine Bestellungen fr das Nchste
macht. Wahrlich, es ist eine schickliche Ordnung unter diesen Mnnern und eine
Lust, mit ihnen zu verkehren, ob sie gleich genau sind, denn man hat zwar keinen
groen, aber einen sichern Gewinn. Er hie darauf den neuen Gast in dem obern
groen Vorsaal sich gedulden und, was ferner sich ereignen mchte, abwarten.
    Hier fand nun der Herantretende einen weiten, saubern Raum, auer Bnken und
Tischen vllig leer; desto mehr verwunderte er sich, eine groe Tafel ber einer
Tre angebracht zu sehen, worauf die Worte in goldnen Buchstaben zu lesen waren:
Ubi homines sunt modi sunt; welches wir deutsch erklren, da da, wo Menschen
in Gesellschaft zusammentreten, sogleich die Art und Weise, wie sie zusammen
sein und bleiben mgen, sich ausbilde. Dieser Spruch gab unserm Wanderer zu
denken, er nahm ihn als gute Vorbedeutung, indem er das hier bekrftigt fand,
was er mehrmals in seinem Leben als vernnftig und frdersam erkannt hatte. Es
dauerte nicht lange, so erschien der Vogt, welcher, von dem Wirte vorbereitet,
nach einer kurzen Unterredung und keinem sonderlichen Ausforschen ihn unter
folgenden Bedingungen aufnahm: drei Tage zu bleiben, an allem, was vorgehen
mchte, ruhig teilzunehmen und, es geschehe, was wolle, nicht nach der Ursache
zu fragen, so wenig als beim Abschied nach der Zeche. Das alles mute der
Reisende sich gefallen lassen, weil der Beauftragte in keinem Punkte nachgeben
konnte.
    Eben wollte der Vogt sich entfernen, als ein Gesang die Treppe herauf
scholl; zwei hbsche junge Mnner kamen singend heran, denen jener durch ein
einfaches Zeichen zu verstehen gab, der Gast sei aufgenommen. Ihren Gesang nicht
unterbrechend, begrten sie ihn freundlich, duettierten gar anmutig, und man
konnte sehr leicht bemerken, da sie vllig eingebt und ihrer Kunst Meister
seien. Als Wilhelm die aufmerksamste Teilnahme bewies, schlossen sie und
fragten: ob ihm nicht auch manchmal ein Lied bei seinen Fuwanderungen einfalle
und das er so vor sich hin singe? Mir ist zwar von der Natur, versetzte
Wilhelm, eine glckliche Stimme versagt, aber innerlich scheint mir oft ein
geheimer Genius etwas Rhythmisches vorzuflstern, so da ich mich beim Wandern
jedesmal im Takt bewege und zugleich leise Tne zu vernehmen glaube, wodurch
denn irgendein Lied begleitet wird, das sich mir auf eine oder die andere Weise
gefllig vergegenwrtigt.
    Erinnert Ihr Euch eines solchen, so schreibt es uns auf, sagten jene; wir
wollen sehen, ob wir Euren singenden Dmon zu begleiten wissen. Er nahm hierauf
ein Blatt aus seiner Schreibtafel und bergab ihnen folgendes:

Von dem Berge zu den Hgeln,
Niederab das Tal entlang,
Da erklingt es wie von Flgeln,
Da bewegt sich's wie Gesang;
Und dem unbedingten Triebe
Folget Freude, folget Rat,
Und dein Streben, sei's in Liebe,
Und dein Leben sei die Tat.

Nach kurzem Bedenken ertnte sogleich ein freudiger, dem Wanderschritt
angemessener Zweigesang, der, bei Wiederholung und Verschrnkung immer
fortschreitend, den Hrenden mit hinri; er war im Zweifel, ob dies seine eigne
Melodie, sein frheres Thema, oder ob sie jetzt erst so angepat sei, da keine
andere Bewegung denkbar wre. Die Snger hatten sich eine Zeitlang auf diese
Weise vergnglich ergangen, als zwei tchtige Bursche herantraten, die man an
ihren Attributen sogleich fr Maurer anerkannte, zwei aber, die ihnen folgten,
fr Zimmerleute halten mute. Diese viere, ihr Handwerkszeug sachte
niederlegend, horchten dem Gesang und fielen bald gar sicher und entschieden in
denselben mit ein, so da eine vollstndige Wandergesellschaft ber Berg und Tal
dem Gefhl dahinzuschreiten schien und Wilhelm glaubte, nie etwas so Anmutiges,
Herz und Sinn Erhebendes vernommen zu haben. Dieser Genu jedoch sollte noch
erhht und bis zum Letzten gesteigert werden, als eine riesenhafte Figur, die
Treppe heraufsteigend, einen starken, festen Tritt mit dem besten Willen kaum zu
migen imstande war. Ein schwer bepacktes Reff setzte er sogleich in die Ecke,
sich aber auf eine Bank nieder, die zu krachen anfing, worber die andern
lachten, ohne jedoch aus ihrem Gesang zu fallen. Sehr berrascht aber fand sich
Wilhelm, als mit einer ungeheuren Bastimme dieses Enakskind gleichfalls
einzufallen begann. Der Saal schtterte, und bedeutend war es, da er den
Refrain an seinem Teile sogleich verndert und zwar dergestalt sang:

Du im Leben nichts verschiebe;
Sei dein Leben Tat um Tat!

Ferner konnte man denn auch gar bald bemerken, da er das Tempo zu einem
langsameren Schritt herniederziehe und die brigen ntige, sich ihm zu fgen.
Als man zuletzt geschlossen und sich genugsam befriedigt hatte, warfen ihm die
andern vor, als wenn er getrachtet habe, sie irrezumachen. Keineswegs, rief er
aus, ihr seid es, die ihr mich irrezumachen gedenkt; aus meinem Schritt wollt
ihr mich bringen, der gemigt und sicher sein mu, wenn ich mit meiner Brde
bergauf, bergab schreite und doch zuletzt zur bestimmten Stunde eintreffen und
euch befriedigen soll.
    Einer nach dem andern ging nunmehr zu dem Vogt hinein, und Wilhelm konnte
wohl bemerken, da es auf eine Abrechnung angesehen sei, wornach er sich nun
nicht weiter erkundigen durfte. In der Zwischenzeit kamen ein Paar muntere,
schne Knaben, eine Tafel in der Geschwindigkeit zu bereiten, mig mit Speise
und Wein zu besetzen, worauf der heraustretende Vogt sie nunmehr alle sich mit
ihm niederzulassen einlud. Die Knaben warteten auf, vergaen sich aber auch
nicht und nahmen stehend ihren Anteil dahin. Wilhelm erinnerte sich hnlicher
Szenen, da er noch unter den Schauspielern hauste, doch schien ihm die
gegenwrtige Gesellschaft viel ernster, nicht zum Scherz auf Schein, sondern auf
bedeutende Lebenszwecke gerichtet.
    Das Gesprch der Handwerker mit dem Vogt belehrte den Gast hierber aufs
klarste. Die vier tchtigen jungen Leute waren in der Nhe ttig, wo ein
gewaltsamer Brand die anmutigste Landstadt in Asche gelegt hatte; nicht weniger
hrte man, da der wackere Vogt mit Anschaffung des Holzes und sonstiger
Baumaterialien beschftigt sei, welches dem Gast um so rtselhafter vorkam, als
smtliche Mnner hier nicht wie Einheimische, sondern wie Vorberwandernde sich
in allem brigen ankndigten. Zum Schlusse der Tafel holte St. Christoph, so
nannten sie den Riesen, ein beseitigtes gutes Glas Wein zum Schlaftrunk, und ein
heiterer Gesang hielt noch einige Zeit die Gesellschaft fr das Ohr zusammen,
die dem Blick bereits auseinandergegangen war; worauf denn Wilhelm in ein Zimmer
gefhrt wurde von der anmutigsten Lage. Der Vollmond, eine reiche Flur
beleuchtend, war schon herauf und weckte hnliche und gleiche Erinnerungen in
dem Busen unseres Wanderers. Die Geister aller lieben Freunde zogen bei ihm
vorber, besonders aber war ihm Lenardos Bild so lebendig, da er ihn
unmittelbar vor sich zu sehen glaubte. Dies alles gab ihm ein inniges Behagen
zur nchtlichen Ruhe, als er durch den wunderlichsten Laut beinahe erschreckt
worden wre. Es klang aus der Ferne her, und doch schien es im Hause selbst zu
sein, denn das Haus zitterte manchmal, und die Balken drhnten, wenn der Ton zu
seiner grten Kraft stieg. Wilhelm, der sonst ein zartes Ohr hatte, alle Tne
zu unterscheiden, konnte doch sich fr nichts bestimmen; er verglich es dem
Schnarren einer groen Orgelpfeife, die vor lauter Umfang keinen entschiedenen
Ton von sich gibt. Ob dieses Nachtschrecken gegen Morgen nachlie, oder ob
Wilhelm, nach und nach daran gewhnt, nicht mehr dafr empfindlich war, ist
schwer auszumitteln; genug, er schlief ein und ward von der aufgehenden Sonne
anmutig erweckt.
    Kaum hatte ihm einer der dienenden Knaben das Frhstck gebracht, als eine
Figur hereintrat, die er am Abendtische bemerkt hatte, ohne ber deren
Eigenschaften klar zu werden. Es war ein wohlgebauter, breitschultriger, auch
behender Mann, der sich durch ausgekramtes Gert als Barbier ankndigte und sich
bereitete, Wilhelmen diesen so erwnschten Dienst zu leisten. brigens schwieg
er still, und das Geschft war mit sehr leichter Hand vollbracht, ohne da er
irgendeinen Laut von sich gegeben htte. Wilhelm begann daher und sprach: Eure
Kunst versteht Ihr meisterlich, und ich wte nicht, da ich ein zarteres Messer
jemals an meinen Wangen gefhlt htte, zugleich scheint Ihr aber die Gesetze der
Gesellschaft genau zu beobachten.
    Schalkhaft lchelnd, den Finger auf den Mund legend, schlich der Schweigsame
zur Tre hinaus. Wahrlich! rief ihm Wilhelm nach: Ihr seid jener Rotmantel,
wo nicht selbst, doch wenigstens gewi ein Abkmmling; es ist Euer Glck, da
Ihr den Gegendienst von mir nicht verlangen wollt, Ihr wrdet Euch dabei
schlecht befunden haben.
    Kaum hatte dieser wunderliche Mann sich entfernt, als der bekannte Vogt
hereintrat, zur Tafel fr diesen Mittag eine Einladung ausrichtend; welche
gleichfalls ziemlich seltsam klang: das Band, so sagte der Einladende
ausdrcklich, heie den Fremden willkommen, berufe denselben zum Mittagsmahle
und freue sich der Hoffnung, mit ihm in ein nheres Verhltnis zu treten. Man
erkundigte sich ferner nach dem Befinden des Gastes, und wie er mit der
Bewirtung zufrieden sei; der denn von allem, was ihm begegnet war, nur mit Lob
sprechen konnte. Freilich htte er sich gern bei diesem Manne, wie vorher bei
dem schweigsamen Barbier, nach dem entsetzlichen Ton erkundigt, der ihn diese
Nacht, wo nicht gengstigt, doch beunruhigt hatte; seines Angelbnisses jedoch
eingedenk, enthielt er sich jeder Frage und hoffte, ohne zudringlich zu sein,
aus Neigung der Gesellschaft oder zufllig nach seinen Wnschen belehrt zu
werden.
    Als der Freund sich allein befand, dachte er ber die wunderliche Person
erst nach, die ihn hatte einladen lassen, und wute nicht recht, was er daraus
machen sollte. Einen oder mehrere Vorgesetzte durch ein Neutrum anzukndigen,
kam ihm allzu bedenklich vor. brigens war es so still um ihn her, da er nie
einen stilleren Sonntag erlebt zu haben glaubte; er verlie das Haus, vernahm
aber ein Glockengelute und ging nach dem Stdtchen zu. Die Messe war eben
geendigt, und unter den sich herausdrngenden Einwohnern und Landleuten
erblickte er drei Bekannte von gestern, einen Zimmergesellen, einen Maurer und
einen Knaben. Spter bemerkte er unter den protestantischen Gottesverehrern
gerade die drei andern. Wie die brigen ihrer Andacht pflegen mochten, ward
nicht bekannt, so viel aber getraute er sich zu schlieen, da in dieser
Gesellschaft eine entschiedene Religionsfreiheit obwalte.
    Zu Mittag kam demselben am Schlotore der Vogt entgegen, ihn durch
mancherlei Hallen in einen groen Vorsaal zu fhren, wo er ihn niedersitzen
hie. Viele Personen gingen vorbei, in einen anstoenden Saalraum hinein. Die
schon bekannten waren darunter zu sehen, selbst St. Christoph schritt vorber;
alle grten den Vogt und den Ankmmling. Was dem Freund dabei am meisten
auffiel, war, da er nur Handwerker zu sehen glaubte, alle nach gewohnter Weise,
aber hchst reinlich gekleidet; wenige, die er allenfalls fr Kanzleiverwandte
gehalten htte.
    Als nun keine neuen Gste weiter zudrangen, fhrte der Vogt unsern Freund
durch die stattliche Pforte in einen weitlufigen Saal; dort war eine
unbersehbare Tafel gedeckt, an deren unterem Ende er vorbeigefhrt wurde, nach
oben zu, wo er drei Personen quer vorstehen sah. Aber von welchem Erstaunen ward
er ergriffen, als er in die Nhe trat und Lenardo, kaum noch erkannt, ihm um den
Hals fiel. Von dieser berraschung hatte man sich noch nicht erholt, als ein
Zweiter Wilhelmen gleichfalls feurig und lebhaft umarmte und sich als den
wunderlichen Friedrich, Nataliens Bruder, zu erkennen gab. Das Entzcken der
Freunde verbreitete sich ber alle Gegenwrtigen; ein Freud-und Segensruf
erscholl die ganze Tafel her. Auf einmal aber, als man sich gesetzt, ward alles
still und das Gastmahl mit einer gewissen Feierlichkeit aufgetragen und
eingenommen.
    Gegen Ende der Tafel gab Lenardo ein Zeichen, zwei Snger standen auf, und
Wilhelm verwunderte sich sehr, sein gestriges Lied wiederholt zu hren, das wir,
der nchsten Folge wegen, hier wieder einzurcken fr ntig finden.

Von dem Berge zu den Hgeln,
Niederab das Tal entlang,
Da erklingt es wie von Flgeln,
Da bewegt sich's wie Gesang;
Und dem unbedingten Triebe
Folget Freude, folget Rat;
Und dein Streben, sei's in Liebe,
Und dein Leben sei die Tat.

Kaum hatte dieser Zwiegesang, von einem gefllig migen Chor begleitet, sich
zum Ende geneigt, als gegenber sich zwei andere Snger ungestm erhuben, welche
mit ernster Heftigkeit das Lied mehr umkehrten als fortsetzten, zur Verwunderung
des Ankmmlings aber sich also vernehmen lieen:

Denn die Bande sind zerrissen,
Das Vertrauen ist verletzt;
Kann ich sagen, kann ich wissen,
Welchem Zufall ausgesetzt
Ich nun scheiden, ich nun wandern,
Wie die Witwe trauervoll,
Statt dem einen mit dem andern
Fort und fort mich wenden soll!

Der Chor, in diese Strophe einfallend, ward immer zahlreicher, immer mchtiger,
und doch konnte man die Stimme des heiligen Christoph, vom untern Ende der Tafel
her, gar bald unterscheiden. Beinahe furchtbar schwoll zuletzt die Trauer; ein
unmutiger Mut brachte, bei Gewandtheit der Snger, etwas Fugenhaftes in das
Ganze, da es unserm Freunde wie schauderhaft auffiel. Wirklich schienen alle
vllig gleichen Sinnes zu sein und ihr eignes Schicksal eben kurz vor dem
Aufbruche zu betrauern. Die wundersamsten Wiederholungen, das ftere
Wiederaufleben eines beinahe ermattenden Gesanges schien zuletzt dem Bande
selbst gefhrlich; Lenardo stand auf, und alle setzten sich sogleich nieder, den
Hymnus unterbrechend. Jener begann mit freundlichen Worten: Zwar kann ich euch
nicht tadeln, da ihr euch das Schicksal, das uns allen bevorsteht, immer
vergegenwrtigt, um zu demselben jede Stunde bereit zu sein. Haben doch
lebensmde, bejahrte Mnner den Ihrigen zugerufen: Gedenke zu sterben!, so
drfen wir lebenslustige jngere wohl uns immerfort ermuntern und ermahnen mit
den heitern Worten: Gedenke zu wandern!; dabei ist aber wohlgetan, mit Ma und
Heiterkeit dessen zu erwhnen, was man entweder willig unternimmt, oder wozu man
sich gentigt glaubt. Ihr wit am besten, was unter uns fest steht und was
beweglich ist; gebt uns dies auch in erfreulichen, aufmunternden Tnen zu
genieen, worauf denn dieses Abschiedsglas fr diesmal gebracht sei! Er leerte
sodann seinen Becher und setzte sich nieder; die vier Snger standen sogleich
auf und begannen in abgeleiteten, sich anschlieenden Tnen:

Bleibe nicht am Boden heften,
Frisch gewagt und frisch hinaus!
Kopf und Arm mit heitern Krften,
berall sind sie zu Haus;
Wo wir uns der Sonne freuen,
Sind wir jede Sorge los:
Da wir uns in ihr zerstreuen,
Darum ist die Welt so gro.

Bei dem wiederholenden Chorgesange stand Lenardo auf und mit ihm alle; sein Wink
setzte die ganze Tischgesellschaft in singende Bewegung; die unteren zogen, St.
Christoph voran, paarweis zum Saale hinaus, und der angestimmte Wandergesang
ward immer heiterer und freier; besonders aber nahm er sich sehr gut aus, als
die Gesellschaft, in den terrassierten Schlogrten versammelt, von hier aus das
gerumige Tal bersah, in dessen Flle und Anmut man sich wohl gern verloren
htte. Indessen die Menge sich nach Belieben hier- und dorthin zerstreute,
machte man Wilhelmen mit dem dritten Vorsitzenden bekannt. Es war der Amtmann,
der das grfliche, zwischen mehreren Standesherrschaften liegende Schlo dieser
Gesellschaft, so lange sie hier zu verweilen fr gut fnde, einzurumen und ihr
vielfache Vorteile zu verschaffen gewut, dagegen aber auch, als ein kluger
Mann, die Anwesenheit so seltener Gste zu nutzen verstand. Denn indem er fr
billige Preise seine Fruchtbden auftat und, was sonst noch zu Nahrung und
Notdurft erforderlich wre, zu verschaffen wute, so wurden bei solcher
Gelegenheit lngst vernachlssigte Dachreihen umgelegt, Dachsthle hergestellt,
Mauern unterfahren, Planken gerichtet und andere Mngel auf den Grad gehoben,
da ein lngst vernachlssigtes, in Verfall geratenes Besitztum verblhender
Familien den frohen Anblick einer lebendig benutzten Wohnlichkeit gewhrte und
das Zeugnis gab: Leben schaffe Leben, und, wer andern ntzlich sei, auch sie ihm
zu nutzen in die Notwendigkeit versetze.

                                Zweites Kapitel


                              Hersilie an Wilhelm

Mein Zustand kommt mir vor wie ein Trauerspiel des Alfieri; da die Vertrauten
vllig ermangeln, so mu zuletzt alles in Monologen verhandelt werden, und
frwahr, eine Korrespondenz mit Ihnen ist einem Monolog vollkommen gleich; denn
Ihre Antworten nehmen eigentlich wie ein Echo unsre Silben nur oberflchlich
auf, um sie verhallen zu lassen. Haben Sie auch nur ein einzigmal etwas
erwidert, worauf man wieder htte erwidern knnen? Parierend, ablehnend sind
Ihre Briefe! Indem ich aufstehe, Ihnen entgegenzutreten, so weisen Sie mich
wieder auf den Sessel zurck.

Vorstehendes war schon einige Tage geschrieben; nun findet sich ein neuer Drang
und Gelegenheit, Gegenwrtiges an Lenardo zu bringen; dort findet Sie's, oder
man wei Sie zu finden. Wo es Sie aber auch antreffen mag, lautet meine Rede
dahin, da, wenn Sie, nach gelesenem diesem Blatt, nicht gleich vom Sitze
aufspringen und als frommer Wanderer sich eilig bei mir einstellen, so erklr'
ich Sie fr den mnnlichsten aller Mnner, d.h. dem die liebenswrdigste aller
Eigenschaften unsers Geschlechts vllig abgeht; ich verstehe darunter die
Neugierde, die mich eben in dem Augenblick auf das entschiedenste qult.
    Kurz und gut! Zu Ihrem Prachtkstchen ist das Schlsselchen gefunden; das
darf aber niemand wissen als ich und Sie. Wie es in meine Hnde gekommen,
vernehmen Sie nun.
    Vor einigen Tagen empfngt unser Gerichtshalter eine Ausfertigung von
fremder Behrde, worin gefragt wird, ob nicht ein Knabe sich zu der und der Zeit
in der Nachbarschaft aufgehalten, allerlei Streiche verbt und endlich bei einem
verwegenen Unternehmen seine Jacke eingebt habe.
    Wie dieser Schelm nun bezeichnet war, blieb kein Zweifel brig, es sei jener
Fitz, von dem Felix so viel zu erzhlen wute und den er sich oft als
Spielkameraden zurckwnschte.
    Nun erbat sich jene Stelle die benannte Kleidung, wenn sie noch vorhanden
wre, weil der in Untersuchung geratene Knabe sich darauf berufe. Von dieser
Zumutung spricht nun unser Gerichtshalter gelegentlich und zeigt das Kittelchen
vor, eh' er es absendet.
    Mich treibt ein guter oder bser Geist, in die Brusttasche zu greifen; ein
winzig kleines, stachlichtes Etwas kommt mir in die Hand; ich, die ich sonst so
apprehensiv, kitzlich und schreckhaft bin, schliee die Hand, schliee sie,
schweige, und das Kleid wird fortgeschickt. Sogleich ergreift mich von allen
Empfindungen die wunderlichste. Beim ersten verstohlenen Blick seh' ich, errat'
ich, zu Ihrem Kstchen sei es der Schlssel. Nun gab es wunderliche
Gewissenszweifel, mancherlei Skrupel stiegen bei mir auf. Den Fund zu
offenbaren, herzugeben, war mir unmglich: was soll es jenen Gerichten, da es
dem Freunde so ntzlich sein kann! Dann wollte sich mancherlei von Recht und
Pflicht wieder auftun, welche mich aber nicht berstimmen konnten.
    Da sehen Sie nun, in was fr einen Zustand mich die Freundschaft versetzt;
ein famoses Organ entwickelt sich pltzlich, Ihnen zuliebe; welch ein wunderlich
Ereignis! Mchte das nicht mehr als Freundschaft sein, was meinem Gewissen
dergestalt die Waage hlt! Wundersam bin ich beunruhigt, zwischen Schuld und
Neugier; ich mache mir hundert Grillen und Mrchen, was alles daraus erfolgen
knnte: mit Recht und Gericht ist nicht zu spaen. Hersilie, das unbefangene,
gelegentlich bermtige Wesen, in einen Kriminalproze verwickelt, denn darauf
geht's doch hinaus, und was bleibt mir da brig, als an den Freund zu denken, um
dessentwillen ich das alles leide! Ich habe sonst auch an Sie gedacht, aber mit
Pausen, jetzt aber unaufhrlich; jetzt, wenn mir das Herz schlgt und ich ans
siebente Gebot denke, so mu ich mich an Sie wenden als den Heiligen, der das
Verbrechen veranlat und mich auch wohl wieder entbinden kann; und so wird
allein die Erffnung des Kstchens mich beruhigen. Die Neugierde wird doppelt
mchtig. Kommen Sie eiligst und bringen das Kstchen mit. Fr welchen
Richterstuhl eigentlich das Geheimnis gehre, das wollen wir unter uns
ausmachen; bis dahin bleibt es unter uns; niemand wisse darum, es sei auch, wer
es sei.

Hier aber, mein Freund, nun schlielich zu dieser Abbildung des Rtsels was
sagen Sie? Erinnert es nicht an Pfeile mit Widerhaken? Gott sei uns gndig! Aber
das Kstchen mu zwischen mir und Ihnen erst unerffnet stehen und dann erffnet
das Weitere selbst befehlen. Ich wollte, es fnde sich gar nichts drinnen, und
was ich sonst noch wollte und was ich sonst noch alles erzhlen knnte - doch
sei Ihnen das vorenthalten, damit Sie desto eiliger sich auf den Weg machen.

Und nun mdchenhaft genug noch eine Nachschrift! Was geht aber mich und Sie
eigentlich das Kstchen an? Es gehrt Felix, der hat's entdeckt, hat sich's
zugeeignet, den mssen wir herbeiholen, ohne seine Gegenwart sollen wir's nicht
ffnen.
    Und was das wieder fr Umstnde sind! das schiebt sich und verschiebt sich.
    Was ziehen Sie so in der Welt herum? Kommen Sie! bringen Sie den holden
Knaben mit, den ich auch einmal wieder sehen mchte.
    Und nun geht's da wieder an, der Vater und der Sohn! tun Sie, was Sie
knnen, aber kommen Sie beide.

                                Drittes Kapitel


Vorstehender wunderliche Brief war freilich schon lange geschrieben und hin und
wider getragen worden, bis er endlich, der Aufschrift gem, diesmal abgegeben
werden konnte. Wilhelm nahm sich vor, mit dem ersten Boten, dessen Absendung
bevorstand, freundlich, aber ablehnend zu antworten. Hersilie schien die
Entfernung nicht zu berechnen, und er war gegenwrtig zu ernstlich beschftigt,
als da ihn auch nur die mindeste Neugierde, was in jenem Kstchen befindlich
sein mchte, htte reizen drfen.
    Auch gaben ihm einige Unflle, die den derbsten Gliedern dieser tchtigen
Gesellschaft begegneten, Gelegenheit, sich meisterhaft in der von ihm
ergriffenen Kunst zu beweisen. Und wie ein Wort das andere gibt, so folgt noch
glcklicher eine Tat aus der andern, und wenn dadurch zuletzt auch wieder Worte
veranlat werden, so sind diese um so fruchtbarer und geisterhebender. Die
Unterhaltungen waren daher so belehrend als ergtzlich, denn die Freunde gaben
sich wechselseitig Rechenschaft vom Gange des bisherigen Lernens und Tuns,
woraus eine Bildung entstanden war, die sie wechselseitig erstaunen machte,
dergestalt, da sie sich untereinander erst selbst wieder muten kennen lernen.
    Eines Abends also fing Wilhelm seine Erzhlung an: Meine Studien als
Wundarzt suchte ich sogleich in einer groen Anstalt der grten Stadt, wo sie
nur allein mglich wird, zu frdern; zur Anatomie als Grundstudium wendete ich
mich sogleich mit Eifer.
    Auf eine sonderbare Weise, welche niemand erraten wrde, war ich schon in
Kenntnis der menschlichen Gestalt weit vorgeschritten, und zwar whrend meiner
theatralischen Laufbahn; alles genau besehen, spielt denn doch der krperliche
Mensch da die Hauptrolle, ein schner Mann, eine schne Frau! Ist der Direktor
glcklich genug, ihrer habhaft zu werden, so sind Komdien- und Tragdiendichter
geborgen. Der losere Zustand, in dem eine solche Gesellschaft lebt, macht ihre
Genossen mehr mit der eigentlichen Schnheit der unverhllten Glieder bekannt
als irgendein anderes Verhltnis; selbst verschiedene Kostms ntigen, zur
Evidenz zu bringen, was sonst herkmmlich verhllt wird. Hievon htt' ich viel
zu sagen, so auch von krperlichen Mngeln, welche der kluge Schauspieler an
sich und andern kennen mu, um sie, wo nicht zu verbessern, wenigstens zu
verbergen, und auf diese Weise war ich vorbereitet genug, dem anatomischen
Vortrag, der die uern Teile nher kennen lehrte, eine folgerechte
Aufmerksamkeit zu schenken; so wie mir denn auch die innern Teile nicht fremd
waren, indem ein gewisses Vorgefhl davon mir immer gegenwrtig geblieben war.
Unangenehm hindernd war bei dem Studium die immer wiederholte Klage vom Mangel
der Gegenstnde, ber die nicht hinreichende Anzahl der verblichenen Krper, die
man zu so hohen Zwecken unter das Messer wnschte. Solche, wo nicht hinreichend,
doch in mglichster Zahl zu verschaffen, hatte man harte Gesetze ergehen lassen,
nicht allein Verbrecher, die ihr Individuum in jedem Sinne verwirkt, sondern
auch andere krperlich, geistig verwahrloste Umgekommene wurden in Anspruch
genommen.
    Mit dem Bedrfnis wuchs die Strenge und mit dieser der Widerwille des Volks,
das in sittlicher und religioser Ansicht seine Persnlichkeit und die
Persnlichkeit geliebter Personen nicht aufgeben kann.
    Immer weiter aber stieg das bel, indem die verwirrende Sorge hervortrat,
da man auch sogar fr die friedlichen Grber geliebter Abgeschiedener zu
frchten habe. Kein Alter, keine Wrde, weder Hohes noch Niedriges war in seiner
Ruhesttte mehr sicher; der Hgel, den man mit Blumen geschmckt, die
Inschriften, mit denen man das Andenken zu erhalten getrachtet, nichts konnte
gegen die eintrgliche Raubsucht schtzen; der schmerzlichste Abschied schien
aufs grausamste gestrt, und indem man sich vom Grabe wegwendete, mute schon
die Furcht empfunden werden, die geschmckten, beruhigten Glieder geliebter
Personen getrennt, verschleppt und entwrdigt zu wissen.
    Alles dieses kam wiederholt und immer durchgedroschener zur Sprache, ohne
da irgend jemand an ein Hlfsmittel gedacht htte oder daran htte denken
knnen, und immer allgemeiner wurden die Beschwerden, als junge Mnner, die mit
Aufmerksamkeit den Lehrvortrag gehrt, sich auch mit Hand und Auge von dem
bisher Gesehenen und Vernommenen berzeugen und sich die so notwendige Kenntnis
immer tiefer und lebendiger der Einbildungskraft berliefern wollten.
    In solchen Augenblicken entsteht eine Art von unnatrlichem
wissenschaftlichem Hunger, welcher nach der widerwrtigsten Befriedigung wie
nach dem Anmutigsten und Notwendigsten zu begehren aufregt.
    Schon einige Zeit hatte ein solcher Aufschub und Aufenthalt die Wissens- und
Tatlustigen beschftigt und unterhalten, als endlich ein Fall, ber den die
Stadt in Bewegung geriet, eines Morgens das Fr und Wider fr einige Stunden
heftig hervorrief. Ein sehr schnes Mdchen, verwirrt durch unglckliche Liebe,
hatte den Tod im Wasser gesucht und gefunden; die Anatomie bemchtigte sich
derselbigen; vergebens war die Bemhung der Eltern, Verwandten, ja des
Liebhabers selbst, der nur durch falschen Argwohn verdchtig geworden. Die obern
Behrden, die soeben das Gesetz geschrft hatten, durften keine Ausnahme
bewilligen; auch eilte man, so schnell als mglich die Beute zu benutzen und zur
Benutzung zu verteilen.
    Wilhelm, der als nchster Aspirant gleichfalls berufen wurde, fand vor dem
Sitze, den man ihm anwies, auf einem saubern Brette, reinlich zugedeckt, eine
bedenkliche Aufgabe; denn als er die Hlle wegnahm, lag der schnste weibliche
Arm zu erblicken, der sich wohl jemals um den Hals eines Jnglings geschlungen
hatte. Er hielt sein Besteck in der Hand und getraute sich nicht, es zu
erffnen; er stand und getraute nicht niederzusitzen. Der Widerwille, dieses
herrliche Naturerzeugnis noch weiter zu entstellen, stritt mit der Anforderung,
welche der wissensbegierige Mann an sich zu machen hat und welcher smtliche
Umhersitzende Genge leisteten.
    In diesen Augenblicken trat ein ansehnlicher Mann zu ihm, den er zwar als
einen seltenen, aber immer als einen sehr aufmerksamen Zuhrer und Zuschauer
bemerkt und demselben schon nachgefragt hatte; niemand aber konnte nhere
Auskunft geben; da es ein Bildhauer sei, darin war man einig; man hielt ihn
aber auch fr einen Goldmacher, der in einem groen, alten Hause wohne, dessen
erste Flur allein den Besuchenden oder bei ihm Beschftigten zugnglich, die
brigen smtlichen Rume jedoch verschlossen seien. Dieser Mann hatte sich
Wilhelmen verschiedentlich genhert, war mit ihm aus der Stunde gegangen, wobei
er jedoch alle weitere Verbindung und Erklrung zu vermeiden schien.
    Diesmal jedoch sprach er mit einer gewissen Offenheit: Ich sehe, Sie
zaudern, Sie staunen das schne Gebild an, ohne es zerstren zu knnen; setzen
Sie sich ber das Gildegefhl hinaus und folgen Sie mir. Hiemit deckte er den
Arm wieder zu, gab dem Saaldiener einen Wink, und beide verlieen den Ort.
Schweigend gingen sie nebeneinander her, als der Halbbekannte vor einem groen
Tore stillestand, dessen Pfrtchen er aufschlo und unsern Freund hineinntigte,
der sich sodann auf einer Tenne befand, gro, gerumig, wie wir sie in alten
Kaufhusern sehen, wo die ankommenden Kisten und Ballen sogleich untergefahren
werden. Hier standen Gipsabgsse von Statuen und Bsten, auch Bohlenverschlge
gepackt und leer. Es sieht hier kaufmnnisch aus, sagte der Mann; der von
hier aus mgliche Wassertransport ist fr mich unschtzbar. Dieses alles pate
nun ganz gut zu dem Gewerb eines Bildhauers; ebenso konnte Wilhelm nichts anders
finden, als der freundliche Wirt ihn wenige Stufen hinauf in ein gerumiges
Zimmer fhrte, das ringsumher mit Hoch- und Flachgebilden, mit greren und
kleineren Figuren, Bsten und wohl auch einzelnen Gliedern der schnsten
Gestalten geziert war. Mit Vergngen betrachtete unser Freund dies alles und
horchte gern den belehrenden Worten seines Wirtes, ob er gleich noch eine groe
Kluft zwischen diesen knstlerischen Arbeiten und den wissenschaftlichen
Bestrebungen, von denen sie herkamen, gewahren mute. Endlich sagte der
Hausbesitzer mit einigem Ernst: Warum ich Sie hierher fhre, werden Sie leicht
einsehen; diese Tre, fuhr er fort, indem er sich nach der Seite wandte, liegt
nher an der Saaltre, woher wir kommen, als Sie denken mgen. Wilhelm trat
hinein und hatte freilich zu erstaunen, als er, statt wie in den vorigen
Nachbildung lebender Gestalten zu sehen, hier die Wnde durchaus mit
anatomischen Zergliederungen ausgestattet fand; sie mochten in Wachs oder
sonstiger Masse verfertigt sein, genug, sie hatten durchaus das frische, farbige
Ansehen erst fertig gewordener Prparate. Hier, mein Freund, sagte der
Knstler, hier sehen Sie schtzenswerte Surrogate fr jene Bemhungen, die wir,
mit dem Widerwillen der Welt, zu unzeitigen Augenblicken mit Ekel oft und groer
Sorgfalt dem Verderben oder einem widerwrtigen Aufbewahren vorbereiten. Ich mu
dieses Geschft im tiefsten Geheimnis betreiben, denn Sie haben gewi oft schon
Mnner vom Fach mit Geringschtzung davon reden hren. Ich lasse mich nicht
irremachen und bereite etwas vor, welches in der Folge gewi von groer
Einwirkung sein wird. Der Chirurg besonders, wenn er sich zum plastischen
Begriff erhebt, wird der ewig fortbildenden Natur bei jeder Verletzung gewi am
besten zu Hlfe kommen; den Arzt selbst wrde ein solcher Begriff bei seinen
Funktionen erheben. Doch lassen Sie uns nicht viel Worte machen! Sie sollen in
kurzem erfahren, da Aufbauen mehr belehrt als Einreien, Verbinden mehr als
Trennen, Totes beleben mehr als das Gettete noch weiter tten; kurz also,
wollen Sie mein Schler sein? Und auf Bejahung legte der Wissende dem Gaste das
Knochenskelett eines weiblichen Armes vor, in der Stellung, wie sie jenen vor
kurzem vor sich gesehen hatten. Ich habe, fuhr der Meister fort, zu bemerken
gehabt, wie Sie der Bnderlehre durchaus Aufmerksamkeit schenkten und mit Recht,
denn mit ihnen beginnt sich fr uns das tote Knochengerassel erst wieder zu
beleben; Hesekiel mute sein Gebeinfeld sich erst auf diese Weise wieder sammeln
und fgen sehen, ehe die Glieder sich regen, die Arme tasten und die Fe sich
aufrichten konnten. Hier ist biegsame Masse, Stbchen und was sonst ntig sein
mchte; nun versuchen Sie Ihr Glck.
    Der neue Schler nahm seine Gedanken zusammen, und als er die Knochenteile
nher zu betrachten anfing, sah er, da diese knstlich von Holz geschnitzt
seien. Ich habe, versetzte der Lehrer, einen geschickten Mann, dessen Kunst
nach Brote ging, indem die Heiligen und Mrtyrer, die er zu schnitzen gewohnt
war, keinen Abgang mehr fanden, ihn hab' ich darauf geleitet, sich der
Skelettbildung zu bemchtigen und solche im groen wie im kleinen naturgem zu
befrdern.
    Nun tat unser Freund sein Bestes und erwarb sich den Beifall des
Anleitenden. Dabei war es ihm angenehm, sich zu erproben, wie stark oder schwach
die Erinnerung sei, und er fand zu vergnglicher berraschung, da sie durch die
Tat wieder hervorgerufen werde; er gewann Leidenschaft fr diese Arbeit und
ersuchte den Meister, in seine Wohnung aufgenommen zu werden. Hier nun arbeitete
er unablssig; auch waren die Knochen und Knchelchen des Armes in kurzer Zeit
gar schicklich verbunden. Von hier aber sollten die Sehnen und Muskeln ausgehen,
und es schien eine vllige Unmglichkeit, den ganzen Krper auf diese Weise nach
allen seinen Teilen gleichmig herzustellen. Hiebei trstete ihn der Lehrer,
indem er die Vervielfltigung durch Abformung sehen lie, da denn das
Nacharbeiten, das Reinbilden der Exemplare eben wieder neue Anstrengung, neue
Aufmerksamkeit verlangte.
    Alles, worein der Mensch sich ernstlich einlt, ist ein Unendliches; nur
durch wetteifernde Ttigkeit wei er sich dagegen zu helfen; auch kam Wilhelm
bald ber den Zustand vom Gefhl seines Unvermgens, welches immer eine Art von
Verzweiflung ist, hinaus und fand sich behaglich bei der Arbeit. Es freut
mich, sagte der Meister, da Sie sich in diese Verfahrungsart zu schicken
wissen und da Sie mir ein Zeugnis geben, wie fruchtbar eine solche Methode sei,
wenn sie auch von den Meistern des Fachs nicht anerkannt wird. Es mu eine
Schule geben, und diese wird sich vorzglich mit berlieferung beschftigen; was
bisher geschehen ist, soll auch knftig geschehen, das ist gut und mag und soll
so sein. Wo aber die Schule stockt, das mu man bemerken und wissen; das
Lebendige mu man ergreifen und ben, aber im stillen, sonst wird man gehindert
und hindert andere. Sie haben lebendig gefhlt und zeigen es durch Tat,
Verbinden heit mehr als Trennen, Nachbilden mehr als Ansehen.
    Wilhelm erfuhr nun, da solche Modelle im stillen schon weit verbreitet
seien, aber zu grter Verwunderung vernahm er, da das Vorrtige eingepackt und
ber See gehen solle. Dieser wackere Knstler hatte sich schon mit Lothario und
jenen Befreundeten in Verhltnis gesetzt; man fand die Grndung einer solchen
Schule in jenen sich heranbildenden Provinzen ganz besonders am Platze, ja
hchst notwendig, besonders unter natrlich gesitteten, wohldenkenden Menschen,
fr welche die wirkliche Zergliederung immer etwas Kannibalisches hat. Geben
Sie zu, da der grte Teil von rzten und Wundrzten nur einen allgemeinen
Eindruck des zergliederten menschlichen Krpers in Gedanken behlt und damit
auszukommen glaubt, so werden gewi solche Modelle hinreichen, die in seinem
Geiste nach und nach erlschenden Bilder wieder anzufrischen und ihm gerade das
Ntige lebendig zu erhalten. Ja es kommt auf Neigung und Liebhaberei an, so
werden sich die zartesten Resultate der Zergliederungskunst nachbilden lassen.
Leistet dies ja schon Zeichenfeder, Pinsel und Grabstichel.
    Hier ffnete er ein Seitenschrnkchen und lie die Gesichtsnerven auf die
wundersamste Weise nachgebildet erblicken. Dies ist leider, sprach er, das
letzte Kunststck eines abgeschiedenen jungen Gehlfen, der mir die beste
Hoffnung gab, meine Gedanken durchzufhren und meine Wnsche ntzlich
auszubreiten.
    ber die Einwirkung dieser Behandlungsweise nach manchen Seiten hin wurde
gar viel zwischen beiden gesprochen, auch war das Verhltnis zur bildenden Kunst
ein Gegenstand merkwrdiger Unterhaltung. Ein auffallendes, schnes Beispiel,
wie auf diese Weise vorwrts und rckwrts zu arbeiten sei, ergab sich aus
diesen Mitteilungen. Der Meister hatte einen schnen Sturz eines antiken
Jnglings in eine bildsame Masse abgegossen und suchte nun mit Einsicht die
ideelle Gestalt von der Epiderm zu entblen und das schne Lebendige in ein
reales Muskelprparat zu verwandeln. Auch hier finden sich Mittel und Zweck so
nahe beisammen, und ich will gern gestehen, da ich ber den Mitteln den Zweck
vernachlssigt habe, doch nicht ganz mit eigener Schuld; der Mensch ohne Hlle
ist eigentlich der Mensch, der Bildhauer steht unmittelbar an der Seite der
Elohim, als sie den unfrmlichen, widerwrtigen Ton zu dem herrlichsten Gebilde
umzuschaffen wuten; solche gttliche Gedanken mu er hegen, dem Reinen ist
alles rein, warum nicht die unmittelbare Absicht Gottes in der Natur? Aber vom
Jahrhundert kann man dies nicht verlangen, ohne Feigenbltter und Tierfelle
kommt es nicht aus, und das ist noch viel zu wenig. Kaum hatte ich etwas
gelernt, so verlangten sie von mir wrdige Mnner in Schlafrcken und weiten
rmeln und zahllosen Falten; da wendete ich mich rckwrts, und da ich das, was
ich verstand, nicht einmal zum Ausdruck des Schnen anwenden durfte, so whlte
ich, ntzlich zu sein, und auch dies ist von Bedeutung. Wird mein Wunsch
erfllt, wird es als brauchbar anerkannt, da, wie in so viel andern Dingen,
Nachbildung und das Nachgebildete der Einbildungskraft und dem Gedchtnis zu
Hlfe kommen, da, wo den Menschengeist eine gewisse Frische verlt, so wird
gewi mancher bildende Knstler sich, wie ich es getan, herumwenden und lieber
euch in die Hand arbeiten, als da er gegen berzeugung und Gefhl ein
widerwrtiges Handwerk treibe.
    Hieran schlo sich die Betrachtung, da es eben schn sei zu bemerken, wie
Kunst und Technik sich immer gleichsam die Waage halten und so nah verwandt
immer eine zu der andern sich hinneigt, so da die Kunst nicht sinken kann, ohne
in lbliches Handwerk berzugehen, das Handwerk sich nicht steigern, ohne
kunstreich zu werden.
    Beide Personen fgten und gewhnten sich so vollkommen aneinander, da sie
sich nur ungern trennten, als es ntig ward, um ihren eigentlichen groen
Zwecken entgegenzugehen.
    Damit man aber nicht glaube, sagte der Meister, da wir uns von der Natur
ausschlieen und sie verleugnen wollen, so erffnen wir eine frische Aussicht.
Drben ber dem Meere, wo gewisse menschenwrdige Gesinnungen sich immerfort
steigern, mu man endlich bei Abschaffung der Todesstrafe weitlufige Kastelle,
ummauerte Bezirke bauen, um den ruhigen Brger gegen Verbrechen zu schtzen und
das Verbrechen nicht straflos walten und wirken zu lassen. Dort, mein Freund, in
diesen traurigen Bezirken, lassen Sie uns dem skulap eine Kapelle vorbehalten,
dort, so abgesondert wie die Strafe selbst, werde unser Wissen immerfort an
solchen Gegenstnden erfrischt, deren Zerstckelung unser menschliches Gefhl
nicht verletze, bei deren Anblick uns nicht, wie es Ihnen bei jenem schnen,
unschuldigen Arm erging, das Messer in der Hand stocke und alle Wibegierde vor
dem Gefhl der Menschlichkeit ausgelscht werde.
    Dieses, sagte Wilhelm, waren unsre letzten Gesprche, ich sah die
wohlgepackten Kisten den Flu hinabschwimmen, ihnen die glcklichste Fahrt und
uns eine gemeinsame frohe Gegenwart beim Auspacken wnschend.
    Unser Freund hatte diesen Vortrag mit Geist und Enthusiasmus wie gefhrt so
geendigt, besonders aber mit einer gewissen Lebhaftigkeit der Stimme und
Sprache, die man in der neuern Zeit nicht an ihm gewohnt war. Da er jedoch am
Schlu seiner Rede zu bemerken glaubte, da Lenardo, wie zerstreut und abwesend,
das Vorgetragene nicht zu verfolgen schien, Friedrich hingegen gelchelt,
einigemal beinahe den Kopf geschttelt habe, so fiel dem zart empfindenden
Mienenkenner eine so geringe Zustimmung bei der Sache, die ihm hchst wichtig
schien, dergestalt auf, da er nicht unterlassen konnte, seine Freunde deshalb
zu berufen.
    Friedrich erklrte sich hierber ganz einfach und aufrichtig, er knne das
Vornehmen zwar lblich und gut, keineswegs aber fr so bedeutend, am wenigsten
aber fr ausfhrbar halten. Diese Meinung suchte er durch Grnde zu
untersttzen, von der Art, wie sie demjenigen, der fr eine Sache eingenommen
ist und sie durchzusetzen gedenkt, mehr, als man sich vorstellen mag,
beleidigend auffllt. Deshalb denn auch unser plastischer Anatom, nachdem er
einige Zeit geduldig zuzuhren schien, lebhaft erwiderte:
    Du hast Vorzge, mein guter Friedrich, die dir niemand leugnen wird, ich am
wenigsten, aber hier sprichst du wie gewhnliche Menschen gewhnlich; am Neuen
sehen sie nur das Seltsame, im Seltenen jedoch alsobald das Bedeutende zu
erblicken, dazu gehrt schon mehr. Fr euch mu erst alles in Tat bergehen, es
mu geschehen, als mglich, als wirklich vor Augen treten, und dann lat ihr es
auch gut sein wie etwas anderes. Was du vorbringst, hr' ich schon zum voraus
von Unterrichteten und Laien wiederholen; von jenen aus Vorurteil und
Bequemlichkeit, von diesen aus Gleichgltigkeit. Ein Vorhaben wie das
ausgesprochene kann vielleicht nur in einer neuen Welt durchgefhrt werden, wo
der Geist Mut fassen mu, zu einem unerllichen Bedrfnis neue Mittel
auszuforschen, weil es an den herkmmlichen durchaus ermangelt. Da regt sich die
Erfindung, da gesellt sich die Khnheit, die Beharrlichkeit der Notwendigkeit
hinzu.
    Jeder Arzt, er mag mit Heilmitteln oder mit der Hand zu Werke gehen, ist
nichts ohne die genauste Kenntnis der uern und innern Glieder des Menschen,
und es reicht keineswegs hin, auf Schulen flchtige Kenntnis hievon genommen,
sich von Gestalt, Lage, Zusammenhang der mannigfaltigsten Teile des
unerforschlichen Organismus einen oberflchlichen Begriff gemacht zu haben.
Tglich soll der Arzt, dem es Ernst ist, in der Wiederholung dieses Wissens,
dieses Anschauens sich zu ben, sich den Zusammenhang dieses lebendigen Wunders
immer vor Geist und Auge zu erneuern alle Gelegenheit suchen. Kennte er seinen
Vorteil, er wrde, da ihm die Zeit zu solchen Arbeiten ermangelt, einen Anatomen
in Sold nehmen, der, nach seiner Anleitung, fr ihn im stillen beschftigt,
gleichsam in Gegenwart aller Verwicklungen des verflochtensten Lebens, auf die
schwierigsten Fragen sogleich zu antworten verstnde.
    Je mehr man dies einsehen wird, je lebhafter, heftiger, leidenschaftlicher
wird das Studium der Zergliederung getrieben werden. Aber in eben dem Mae
werden sich die Mittel vermindern; die Gegenstnde, die Krper, auf die solche
Studien zu grnden sind, sie werden fehlen, seltener, teurer werden, und ein
wahrhafter Konflikt zwischen Lebendigen und Toten wird entstehen.
    In der alten Welt ist alles Schlendrian, wo man das Neue immer auf die alte,
das Wachsende nach starrer Weise behandeln will. Dieser Konflikt, den ich
ankndige zwischen Toten und Lebendigen, er wird auf Leben und Tod gehen, man
wird erschrecken, man wird untersuchen, Gesetze geben und nichts ausrichten.
Vorsicht und Verbot helfen in solchen Fllen nichts; man mu von vorn anfangen.
Und das ist's, was mein Meister und ich in den neuen Zustnden zu leisten
hoffen, und zwar nichts Neues, es ist schon da; aber das, was jetzo Kunst ist,
mu Handwerk werden, was im Besondern geschieht, mu im Allgemeinen mglich
werden, und nichts kann sich verbreiten, als was anerkannt ist. Unser Tun und
Leisten mu anerkannt werden als das einzige Mittel in einer entschiedenen
Bedrngnis, welche besonders groe Stdte bedroht. Ich will die Worte meines
Meisters anfhren, aber merkt auf! Er sprach eines Tages im grten Vertrauen:
    Der Zeitungsleser findet Artikel interessant und lustig beinah, wenn er von
Auferstehungsmnnern erzhlen hrt. Erst stahlen sie die Krper in tiefem
Geheimnis; dagegen stellt man Wchter auf: sie kommen mit gewaffneter Schar, um
sich ihrer Beute gewaltsam zu bemchtigen. Und das Schlimmste zum Schlimmen wird
sich ereignen, ich darf es nicht laut sagen, denn ich wrde, zwar nicht als
Mitschuldiger, aber doch als zuflliger Mitwisser, in die gefhrlichste
Untersuchung verwickelt werden, wo man mich in jedem Fall bestrafen mte, weil
ich die Untat, sobald ich sie entdeckt hatte, den Gerichten nicht anzeigte.
Ihnen gesteh' ich's, mein Freund, in dieser Stadt hat man gemordet, um den
dringenden, gut bezahlenden Anatomen einen Gegenstand zu verschaffen. Der
entseelte Krper lag vor uns. Ich darf die Szene nicht ausmalen. Er entdeckte
die Untat, ich aber auch, wir sahen einander an und schwiegen beide; wir sahen
vor uns hin und schwiegen und gingen ans Geschft. - Und dies ist's, mein
Freund, was mich zwischen Wachs und Gips gebannt hat; dies ist's, was gewi auch
Sie bei der Kunst festhalten wird, welche frher oder spter vor allen brigen
wird gepriesen werden.
    Friedrich sprang auf, schlug in die Hnde und wollte des Bravorufens kein
Ende machen, so da Wilhelm zuletzt im Ernst bse wurde. Bravo! rief jener
aus, nun erkenne ich dich wieder! Das erstemal seit langer Zeit hast du wieder
gesprochen wie einer, dem etwas wahrhaft am Herzen liegt; zum erstenmal hat der
Flu der Rede dich wieder fortgerissen, du hast dich als einen solchen erwiesen,
der etwas zu tun und es anzupreisen imstande ist.
    Lenardo nahm hierauf das Wort und vermittelte diese kleine Mihelligkeit
vollkommen. Ich schien abwesend, sprach er, aber nur deshalb, weil ich mehr
als gegenwrtig war. Ich erinnerte mich nmlich des groen Kabinetts dieser Art,
das ich auf meinen Reisen gesehen und welches mich dergestalt interessierte, da
der Kustode, der, um nach Gewohnheit fertig zu werden, die auswendig gelernte
Schnurre herzubeten anfing, gar bald, da er der Knstler selber war, aus der
Rolle fiel und sich als einen kenntnisreichen Demonstrator bewies.
    Der merkwrdige Gegensatz, im hohen Sommer in khlen Zimmern, bei schwler
Wrme drauen, diejenigen Gegenstnde vor mir zu sehen, denen man im strengsten
Winter sich kaum zu nhern getraut. Hier diente bequem alles der Wibegierde. In
grter Gelassenheit und schnster Ordnung zeigte er mir die Wunder des
menschlichen Baues und freute sich, mich berzeugen zu knnen, da zum ersten
Anfang und zu spter Erinnerung eine solche Anstalt vollkommen hinreichend sei;
wobei denn einem jeden frei bleibe, in der mittlern Zeit sich an die Natur zu
wenden und bei schicklicher Gelegenheit sich um diesen oder jenen besondern Teil
zu erkundigen. Er bat mich, ihn zu empfehlen. Denn nur einem einzigen, groen,
auswrtigen Museum habe er eine solche Sammlung gearbeitet, die Universitten
aber widerstnden durchaus dem Unternehmen, weil die Meister der Kunst wohl
Prosektoren, aber keine Proplastiker zu bilden wten.
    Hiernach hielt ich denn diesen geschickten Mann fr den einzigen in der
Welt, und nun hren wir, da ein anderer auf dieselbe Weise bemht ist; wer
wei, wo noch ein Dritter und Vierter an das Tageslicht hervortritt. Wir wollen
von unsrer Seite dieser Angelegenheit einen Ansto geben. Die Empfehlung mu von
auen herkommen, und in unsern neuen Verhltnissen soll das ntzliche
Unternehmen gewi gefrdert werden.

                                Viertes Kapitel


Des andern Morgens beizeiten trat Friedrich mit einem Hefte in der Hand in
Wilhelms Zimmer, und ihm solches berreichend, sprach er: Gestern abend hatte
ich vor allen Euren Tugenden, welche herzuerzhlen Ihr umstndlich genug wart,
nicht Raum, von mir und meinen Vorzgen zu reden, deren ich mich wohl auch zu
rhmen habe und die mich zu einem wrdigen Mitglied dieser groen Karawane
stempeln. Beschaut hier dieses Heft, und Ihr werdet ein Probestck anerkennen.
    Wilhelm berlief die Bltter mit schnellen Blicken und sah, leserlich
angenehm, obschon flchtig geschrieben, die gestrige Relation seiner
anatomischen Studien, fast Wort vor Wort, wie er sie abgestattet hatte, weshalb
er denn seine Verwunderung nicht bergen konnte.
    Ihr wit, erwiderte Friedrich, das Grundgesetz unserer Verbindung; in
irgendeinem Fache mu einer vollkommen sein, wenn er Anspruch auf
Mitgenossenschaft machen will. Nun zerbrach ich mir den Kopf, worin mir's denn
gelingen knnte, und wute nichts aufzufinden, so nahe mir es auch lag, da mich
niemand an Gedchtnis bertreffe, niemand an einer schnellen, leichten,
leserlichen Hand. Dieser angenehmen Eigenschaften erinnert Ihr Euch wohl von
unsrer theatralischen Laufbahn her, wo wir unser Pulver nach Sperlingen
verschossen, ohne daran zu denken, da ein Schu, vernnftiger angebracht, auch
wohl einen Hasen in die Kche schaffe. Wie oft hab' ich nicht ohne Buch
souffliert, wie oft in wenigen Stunden die Rollen aus dem Gedchtnis
geschrieben! Das war Euch damals recht, Ihr dachtet, es mte so sein; ich auch,
und es wre mir nicht eingefallen, wie sehr es mir zustatten kommen knne. Der
Abb machte zuerst die Entdeckung; er fand, da das Wasser auf seine Mhle sei,
er versuchte, mich zu ben, und mir gefiel, was mir so leicht ward und einen
ernsten Mann befriedigte. Und nun bin ich, wo's not tut, gleich eine ganze
Kanzlei, auerdem fhren wir noch so eine zweibeinige Rechenmaschine bei uns,
und kein Frst mit noch so viel Beamten ist besser versehen als unsre
Vorgesetzten.
    Heiteres Gesprch ber dergleichen Ttigkeiten fhrte die Gedanken auf
andere Glieder der Gesellschaft. Solltet Ihr wohl denken, sagte Friedrich,
da das unntzeste Geschpf von der Welt, wie es schien, meine Philine, das
ntzlichste Glied der groen Kette werden wird? Legt ihr ein Stck Tuch hin,
stellt Mnner, stellt Frauen ihr vors Gesicht: ohne Ma zu nehmen, schneidet sie
aus dem Ganzen und wei dabei alle Flecken und Gehren dergestalt zu nutzen, da
groer Vorteil daraus entsteht, und das alles ohne Papierma. Ein glcklicher
geistiger Blick lehrt sie das alles, sie sieht den Menschen an und schneidet,
dann mag er hingehen, wohin er will, sie schneidet fort und schafft ihm einen
Rock auf den Leib wie angegossen. Doch das wre nicht mglich, htte sie nicht
auch eine Nhterin herangezogen, Montans Lydie, die nun einmal still geworden
ist und still bleibt, aber auch reinlich nht wie keine, Stich fr Stich wie
Perlen, wie gestickt. Das ist nun, was aus den Menschen werden kann; eigentlich
hngt so viel Unntzes um uns herum, aus Gewohnheit, Neigung, Zerstreuung und
Willkr, ein Lumpenmantel zusammengespettelt. Was die Natur mit uns gewollt, das
Vorzglichste, was sie in uns gelegt, knnen wir deshalb weder auffinden noch
ausben.
    Allgemeine Betrachtungen ber die Vorteile der geselligen Verbindung, die
sich so glcklich zusammengefunden, erffneten die schnsten Aussichten.
    Als nun Lenardo sich hierauf zu ihnen gesellte, ward er von Wilhelmen
ersucht, auch von sich zu sprechen, von dem Lebensgange, den er bisher gefhrt,
von der Art, wie er sich und andere gefrdert, freundliche Nachricht zu
erteilen.
    Sie erinnern sich gar wohl, mein Bester, versetzte Lenardo, in welchem
wundersamen, leidenschaftlichen Zustande Sie mich den ersten Augenblick unserer
neuen Bekanntschaft getroffen; ich war versunken, verschlungen in das
wunderlichste Verlangen, in eine unwiderstehliche Begierde, es konnte damals nur
von der nchsten Stunde die Rede sein, vom schweren Leiden, das mir bereitet
war, das mir selbst zu schrfen ich mich so emsig erwies. Ich konnte Sie nicht
bekannt machen mit meinen frheren Jugendzustnden, wie ich jetzt tun mu, um
Sie auf den Weg zu fhren, der mich hierher gebracht hat.
    Unter den frhsten meiner Fhigkeiten, die sich nach und nach durch Umstnde
entwickelten, tat sich ein gewisser Trieb zum Technischen hervor, welcher jeden
Tag durch die Ungeduld genhrt wurde, die man auf dem Lande fhlt, wenn man bei
greren Bauten, besonders aber bei kleinen Vernderungen, Anlagen und Grillen
ein Handwerk ums andere entbehren mu und lieber ungeschickt und pfuscherhaft
eingreift, als da man sich meistermig verspten liee. Zum Glck wanderte in
unserer Gegend ein Tausendknstler auf und ab, der, weil er bei mir seine
Rechnung fand, mich lieber als irgendeinen Nachbar untersttzte; er richtete mir
eine Drechselbank ein, deren er sich bei jedem Besuch mehr zu seinem Zwecke als
zu meinem Unterricht zu bedienen wute. So auch schaffte ich Tischlerwerkzeug
an, und meine Neigung zu dergleichen ward erhht und belebt durch die damals
laut ausgesprochene berzeugung: es knne niemand sich ins Leben wagen, als wenn
er es im Notfall durch Handwerksttigkeit zu fristen verstehe. Mein Eifer ward
von den Erziehern nach ihren eigenen Grundstzen gebilligt; ich erinnere mich
kaum, da ich je gespielt habe, denn alle freien Stunden wurden verwendet, etwas
zu wirken und zu schaffen. Ja ich darf mich rhmen, schon als Knabe einen
geschickten Schmied durch meine Anforderungen zum Schlsser, Feilenhauer und
Uhrmacher gesteigert zu haben.
    Das alles zu leisten muten denn freilich auch erst die Werkzeuge erschaffen
werden, und wir litten nicht wenig an der Krankheit jener Techniker, welche
Mittel und Zweck verwechseln, lieber Zeit auf Vorbereitungen und Anlagen
verwenden, als da sie sich recht ernstlich an die Ausfhrung hielten. Wo wir
uns jedoch praktisch ttig erweisen konnten, war bei Auszierung der Parkanlagen,
deren kein Gutsbesitzer mehr entbehren durfte; manche Moos- und Rindenhtte,
Knittelbrcken und Bnke zeugten von unserer Emsigkeit, womit wir eine
Urbaukunst in ihrer ganzen Roheit mitten in der gebildeten Welt darzustellen
eifrig bemht gewesen.
    Dieser Trieb fhrte mich bei zunehmenden Jahren auf ernstere Teilnahme an
allem, was der Welt so ntze und in ihrer gegenwrtigen Lage so unentbehrlich
ist, und gab meinen mehrjhrigen Reisen ein eigentlichstes Interesse.
    Da jedoch der Mensch gewhnlich auf dem Wege, der ihn herangebracht,
fortzuwandern pflegt, so war ich dem Maschinenwesen weniger gnstig als der
unmittelbaren Handarbeit, wo wir Kraft und Gefhl in Verbindung ausben;
deswegen ich mich auch besonders in solchen abgeschlossenen Kreisen gern
aufhielt, wo nach Umstnden diese oder jene Arbeit zu Hause war. Dergleichen
gibt jeder Vereinigung eine besondere Eigentmlichkeit, jeder Familie, einer
kleinen, aus mehreren Familien bestehenden Vlkerschaft den entschiedensten
Charakter; man lebt in dem reinsten Gefhl eines lebendigen Ganzen.
    Dabei hatte ich mir angewhnt, alles aufzuzeichnen, es mit Figuren
auszustatten und so, nicht ohne Aussicht auf knftige Anwendung, meine Zeit
lblich und erfreulich zuzubringen.
    Diese Neigung, diese ausgebildete Gabe benutzt' ich nun aufs beste bei dem
wichtigen Auftrag, den mir die Gesellschaft gab, den Zustand der Gebirgsbewohner
zu untersuchen und die brauchbaren Wanderlustigen mit in unsern Zug aufzunehmen.
Mgen Sie nun den schnen Abend, wo mich mannigfaltige Geschfte drngen, mit
Durchlesung eines Teils meines Tagebuchs zubringen? Ich will nicht behaupten,
da es gerade angenehm zu lesen sei; mir schien es immer unterhaltend und
gewissermaen unterrichtend. Doch wir bespiegeln ja uns immer selbst in allem,
was wir hervorbrachten.

                                Fnftes Kapitel


                               Lenardos Tagebuch

                                                                 Montag, den 15.

Tief in der Nacht war ich nach mhsam erstiegener halber Gebirgshhe
eingetroffen in einer leidlichen Herberge und ward schon vor Tagesanbruch aus
erquicklichem Schlaf durch ein andauerndes Schellen-und Glockengelute zu meinem
groen Verdru aufgeweckt. Eine groe Reihe Saumrosse zog vorbei, eh' ich mich
htte ankleiden und ihnen zuvoreilen knnen. Nun erfuhr ich auch, meinen Weg
antretend, gar bald, wie unangenehm und verdrielich solche Gesellschaft sei.
Das monotone Gelute betubt die Ohren; das zu beiden Seiten weit ber die Tiere
hinausreichende Gepck (sie trugen diesmal groe Scke Baumwolle) streift bald
einerseits an die Felsen, und wenn das Tier, um dieses zu vermeiden, sich gegen
die andere Seite zieht, so schwebt die Last ber dem Abgrund, dem Zuschauer
Sorge und Schwindel erregend, und, was das Schlimmste ist, in beiden Fllen
bleibt man gehindert, an ihnen vorbeizuschleichen und den Vortritt zu gewinnen.
    Endlich gelangt' ich an der Seite auf einen freien Felsen, wo St. Christoph,
der mein Gepck krftig einhertrug, einen Mann begrte, welcher stille
dastehend den vorbeiziehenden Zug zu mustern schien. Es war auch wirklich der
Anfhrer; nicht nur gehrte ihm eine betrchtliche Zahl der lasttragenden Tiere,
andere hatte er nebst ihren Treibern gemietet, sondern er war auch Eigentmer
eines geringern Teils der Ware; vornehmlich aber bestand sein Geschft darin,
fr grere Kaufleute den Transport der ihrigen treulich zu besorgen. Im
Gesprch erfuhr ich von ihm, da dieses Baumwolle sei, welche aus Mazedonien und
Cypern ber Triest komme und vom Fue des Berges auf Maultieren und Saumrossen
zu diesen Hhen und weiter bis jenseits des Gebirgs gebracht werde, wo Spinner
und Weber in Unzahl durch Tler und Schluchten einen groen Vertrieb gesuchter
Waren ins Ausland vorbereiteten. Die Ballen waren bequemeren Ladens wegen teils
anderthalb, teils drei Zentner schwer, welches letztere die volle Last eines
Saumtiers ausmacht. Der Mann lobte die Qualitt der auf diesem Wege ankommenden
Baumwolle, verglich sie mit der von Ost- und Westindien, besonders mit der von
Cayenne, als der bekanntesten; er schien von seinem Geschft sehr gut
unterrichtet, und da es mir auch nicht ganz unbekannt geblieben war, so gab es
eine angenehme und ntzliche Unterhaltung. Indessen war der ganze Zug vor uns
vorber, und ich erblickte nur mit Widerwillen auf dem in die Hhe sich
schlngelnden Felsweg die unabsehliche Reihe dieser bepackten Geschpfe, hinter
denen her man schleichen und in der herankommenden Sonne zwischen Felsen braten
sollte. Indem ich mich nun gegen meinen Boten darber beschwerte, trat ein
untersetzter, munterer Mann zu uns heran, der auf einem ziemlich groen Reff
eine verhltnismig leichte Brde zu tragen schien. Man begrte sich, und es
war gar bald am derben Hndeschtteln zu sehen, da St. Christoph und dieser
Ankmmling einander wohl bekannt seien; da erfuhr ich denn sogleich ber ihn
folgendes. Fr die entfernteren Gegenden im Gebirge, woher zu Markte zu gehen
fr jeden einzelnen Arbeiter zu weit wre, gibt es eine Art von untergeordnetem
Handelsmann oder Sammler, welcher Garntrger genannt wird. Dieser steigt nmlich
durch alle Tler und Winkel, betritt Haus fr Haus, bringt den Spinnern
Baumwolle in kleinen Partien, tauscht dagegen Garn ein oder kauft es, von
welcher Qualitt es auch sein mge, und berlt es dann wieder mit einigem
Profit im grern an die unterhalb ansssigen Fabrikanten.
    Als nun die Unbequemlichkeit, hinter den Maultieren herzuschlendern,
abermals zur Sprache kam, lud mich der Mann sogleich ein, mit ihm ein Seitental
hinabzusteigen, das gerade hier von dem Haupttale sich trennte, um die Wasser
nach einer andern Himmelsgegend hinzufhren. Der Entschlu war bald gefat, und
nachdem wir mit einiger Anstrengung einen etwas steilen Gebirgskamm berstiegen
hatten, sahen wir die jenseitigen Abhnge vor uns, zuerst hchst unerfreulich;
das Gestein hatte sich verndert und eine schiefrige Lage genommen; keine
Vegetation belebte Fels und Gerlle, und man sah sich von einem schroffen
Niederstieg bedroht. Quellen rieselten von mehreren Seiten zusammen; man kam
sogar an einem mit schroffen Felsen umgebenen kleinen See vorbei. Endlich traten
einzeln und dann mehr gesellig Fichten, Lrchen und Birken hervor, dazwischen
sodann zerstreute lndliche Wohnungen, freilich von der krglichsten Sorte, jede
von ihren Bewohnern selbst zusammengezimmert aus verschrnkten Balken, die
groen, schwarzen Schindeln der Dcher mit Steinen beschwert, damit sie der Wind
nicht wegfhre. Unerachtet dieser uern traurigen Ansicht war der beschrnkte
innere Raum doch nicht unangenehm; warm und trocken, auch reinlich gehalten,
pate er gar gut zu dem frohen Aussehen der Bewohner, bei denen man sich
alsobald lndlich gesellig fhlte.
    Der Bote schien erwartet, auch hatte man ihm aus dem kleinen Schiebefenster
entgegengesehen, denn er war gewohnt, wo mglich immer an demselben Wochentage
zu kommen; er handelte das Gespinst ein, teilte frische Baumwolle aus; dann ging
es rasch hinabwrts, wo mehrere Huser in geringer Entfernung nahe stehen. Kaum
erblickt man uns, so laufen die Bewohner begrend zusammen, Kinder drngen sich
hinzu und werden mit einem Eierbrot, auch einer Semmel hoch erfreut. Das Behagen
war berall gro und vermehrt, als sich zeigte, da St. Christoph auch
dergleichen aufgepackt und also gleichfalls die Freude hatte, den kindlichsten
Dank einzuernten; um so angenehmer fr ihn, als er sich, wie sein Geselle, mit
dem kleinen Volke gar wohl zu betun wute.
    Die Alten dagegen hielten gar mancherlei Fragen bereit; vom Krieg wollte
jedermann wissen, der glcklicherweise sehr entfernt gefhrt wurde und auch
nher solchen Gegenden kaum gefhrlich gewesen wre. Sie freuten sich jedoch des
Friedens, obgleich in Sorge wegen einer andern drohenden Gefahr; denn es war
nicht zu leugnen, das Maschinenwesen vermehre sich immer im Lande und bedrohe
die arbeitsamen Hnde nach und nach mit Unttigkeit. Doch lieen sich allerlei
Trost- und Hoffnungsgrnde beibringen.
    Unser Mann wurde dazwischen wegen manches Lebensfalles um Rat gefragt, ja
sogar mute er sich nicht allein als Hausfreund, sondern auch als Hausarzt
zeigen; Wundertropfen, Salze, Balsame fhrte er jederzeit bei sich.
    In die verschiedenen Huser eintretend fand ich Gelegenheit, meiner alten
Liebhaberei nachzuhngen und mich von der Spinnertechnik zu unterrichten. Ich
ward aufmerksam auf Kinder, welche sich sorgfltig und emsig beschftigten, die
Flocken der Baumwolle auseinanderzuzupfen und die Samenkrner, Splitter von den
Schalen der Nsse nebst andern Unreinigkeiten wegzunehmen; sie nennen es
erlesen. Ich fragte, ob das nur das Geschft der Kinder sei, erfuhr aber, da es
in Winterabenden auch von Mnnern und Brdern unternommen werde.
    Rstige Spinnerinnen zogen sodann, wie billig, meine Aufmerksamkeit auf
sich; die Vorbereitung geschieht folgendermaen: Es wird die erlesene oder
gereinigte Baumwolle auf die Karden, welche in Deutschland Krempel heien,
gleich ausgeteilt, gekardet, wodurch der Staub davongeht und die Haare der
Baumwolle einerlei Richtung erhalten, dann abgenommen, zu Locken festgewickelt
und so zum Spinnen am Rad zubereitet.
    Man zeigte mir dabei den Unterschied zwischen links und rechts gedrehtem
Garn; jenes ist gewhnlich feiner und wird dadurch bewirkt, da man die Saite,
welche die Spindel dreht, um den Wirtel verschrnkt, wie die Zeichnung nebenbei
deutlich macht (die wir leider wie die brigen nicht mitgeben knnen).
    Die Spinnende sitzt vor dem Rade, nicht zu hoch; mehrere hielten dasselbe
mit bereinandergelegten Fen in festem Stande, andere nur mit dem rechten Fu,
den linken zurcksetzend. Mit der rechten Hand dreht sie die Scheibe und langt
aus, so weit und so hoch sie nur reichen kann, wodurch schne Bewegungen
entstehen und eine schlanke Gestalt sich durch zierliche Wendung des Krpers und
runde Flle der Arme gar vorteilhaft auszeichnet; die Richtung besonders der
letzten Spinnweise gewhrt einen sehr malerischen Kontrast, so da unsere
schnsten Damen an wahrem Reiz und Anmut zu verlieren nicht frchten drften,
wenn sie einmal anstatt der Gitarre das Spinnrad handhaben wollten.
    In einer solchen Umgebung drngten sich neue, eigene Gefhle mir auf; die
schnurrenden Rder haben eine gewisse Beredsamkeit, die Mdchen singen Psalmen,
auch, obwohl seltener, andere Lieder.
    Zeisige und Stieglitze, in Kfigen aufgehangen, zwitschern dazwischen, und
nicht leicht mchte ein Bild regeren Lebens gefunden werden als in einer Stube,
wo mehrere Spinnerinnen arbeiten.
    Dem beschriebenen Rdligarn ist jedoch das Briefgarn vorzuziehen; hiezu wird
die beste Baumwolle genommen, welche lngere Haare hat als die andere. Ist sie
rein gelesen, so bringt man sie, anstatt zu krempeln, auf Kmme, welche aus
einfachen Reihen langer, sthlerner Nadeln bestehen, und kmmt sie; alsdann wird
das lngere und feinere Teil derselben mit einem stumpfen Messer bnderweise
(das Kunstwort heit ein Schnitz) abgenommen, zusammengewickelt und in eine
Papierdte getan und diese nachher an der Kunkel befestigt. Aus einer solchen
Dte nun wird mit der Spindel von der Hand gesponnen, daher heit es aus dem
Brief spinnen und das gewonnene Garn Briefgarn.
    Dieses Geschft, welches nur von ruhigen, bedchtigen Personen getrieben
wird, gibt der Spinnerin ein sanfteres Ansehen als das am Rade; kleidet dies
letzte eine groe, schlanke Figur zum besten, so wird durch jenes eine ruhige,
zarte Gestalt gar sehr begnstigt. Dergleichen verschiedene Charaktere,
verschiedenen Arbeiten zugetan, erblickte ich mehrere in einer Stube und wute
zuletzt nicht recht, ob ich meine Aufmerksamkeit der Arbeit oder den
Arbeiterinnen zu widmen htte.
    Leugnen aber drft' ich nicht sodann, da die Bergbewohnerinnen, durch die
seltenen Gste aufgeregt, sich freundlich und gefllig erwiesen. Besonders
freuten sie sich, da ich mich nach allem so genau erkundigte, was sie mir
vorsprachen, bemerkte, ihre Gertschaften und einfaches Maschinenwerk zeichnete,
ja selbst ihre Arme, Hnde und hbschen Glieder mit Zierlichkeit flchtig
abschilderte, wie hier neben zu sehen sein sollte. Auch ward, als der Abend
hereintrat, die vollbrachte Arbeit vorgewiesen, die vollen Spindeln in dazu
bestimmten Kstchen beiseitegelegt und das ganze Tagewerk sorgfltig aufgehoben.
Nun war man schon bekannter geworden, die Arbeit jedoch ging ihren Gang; nun
beschftigte man sich mit dem Haspeln und zeigte schon viel freier teils die
Maschine, teils die Behandlung vor, und ich schrieb sorgfltig auf.
    Der Haspel hat Rad und Zeiger, so da sich bei jedesmaligem Umdrehen eine
Feder hebt, welche niederschlgt, sooft hundert Umgnge auf den Haspel gekommen
sind. Man nennt nun die Zahl von tausend Umgngen einen Schneller, nach deren
Gewicht die verschiedene Feine des Garns gerechnet wird.
    Rechts gedreht Garn gehen 25 bis 30 auf ein Pfund, links gedreht 60 bis 80,
vielleicht auch 90. Der Umgang des Haspels wird ungefhr sieben Viertel Ellen
oder etwas mehr betragen, und die schlanke, fleiige Spinnerin behauptete, 4,
auch 5 Schneller, das wren 5000 Umgnge, also 8 bis 9000 Ellen Garn, tglich am
Rad zu spinnen; sie erbot sich zur Wette, wenn wir noch einen Tag bleiben
wollten.
    Darauf konnte denn doch die stille und bescheidene Briefspinnerin es nicht
ganz lassen und versicherte: da sie aus dem Pfund 120 Schneller spinne in
verhltnismiger Zeit. (Briefgarnspinnen geht nmlich langsamer als das Spinnen
am Rade, wird auch besser bezahlt. Vielleicht spinnt man am Rade wohl das
Doppelte.) Sie hatte eben die Zahl der Umgnge auf dem Haspel voll und zeigte
mir, wie nun das Ende des Fadens ein paarmal umgeschlagen und geknpft werde;
sie nahm den Schneller ab, drehte ihn so, da er in sich zusammenlief, zog das
eine Ende durch das andere durch und konnte das Geschft der gebten Spinnerin
als vollbracht mit unschuldiger Selbstgeflligkeit vorzeigen.
    Da nun hier weiter nichts zu bemerken war, stand die Mutter auf und sagte:
da der junge Herr doch alles zu sehen wnsche, so wolle sie ihm nun auch die
Trockenweberei zeigen. Sie erklrte mir mit gleicher Gutmtigkeit, indem sie
sich an den Weberstuhl setzte, wie sie nur diese Art handhabten, weil sie
eigentlich allein fr grobe Kattune gelte, wo der Einschlag trocken eingetragen
und nicht sehr dicht geschlagen wird; sie zeigte mir denn auch solche trockene
Ware; diese ist immer glatt, ohne Streifen und Quadrate oder sonst irgendein
Abzeichen, und nur fnf bis fnfeinhalbes Viertel Elle breit.
    Der Mond leuchtete hell vom Himmel, und unser Garntrger bestand auf einer
weitern Wallfahrt, weil er Tag und Stunde halten und berall richtig eintreffen
msse; die Fupfade seien gut und klar, besonders bei solcher Nachtfackel. Wir
von unserer Seite erheiterten den Abschied durch seidene Bnder und Halstcher,
dergleichen Ware St. Christoph ein ziemliches Paket mit sich trug; das Geschenk
wurde der Mutter gegeben, um es an die Ihrigen zu verteilen.

                                                        Dienstags, den 16. Frh.

Die Wanderung durch eine herrlich klare Nacht war voll Anmut und Erfreulichkeit;
wir gelangten zu einer etwas grern Httenversammlung, die man vielleicht htte
ein Dorf nennen drfen; in einiger Entfernung davon auf einem freien Hgel stand
eine Kapelle, und es fing schon an, wohnlicher und menschlicher auszusehen. Wir
kamen an Umzunungen vorbei, die zwar auf keine Grten, aber doch auf
sprlichen, sorgfltig gehteten Wieswachs hindeuteten.
    Wir waren an einen Ort gelangt, wo neben dem Spinnen das Weben ernstlicher
getrieben wird.
    Unsere gestrige Tagereise, bis in die Nacht hinein verlngert, hatte die
rstigen und jugendlichen Krfte aufgezehrt; der Garnbote bestieg den Heuboden,
und ich war eben im Begriff, ihm zu folgen, als St. Christoph mir sein Reff
befahl und zur Tre hinausging. Ich kannte seine lbliche Absicht und lie ihn
gewhren.
    Des andern Morgens jedoch war das erste, da die Familie zusammenlief und
den Kindern streng verboten ward, nicht aus der Tre zu gehen, indem ein
greulicher Br oder sonst ein Ungetm in der Nhe sich aufhalten msse, denn es
habe die Nacht ber von der Kapelle her dergestalt gesthnt und gebrummt, da
Felsen und Huser hier hben htten erzittern mgen, und man riet, bei unserer
heutigen lngeren Wanderung wohl auf der Hut zu sein. Wir suchten die guten
Leute mglichst zu beruhigen, welches in dieser Einde jedoch schwer erschien.
    Der Garnbote erklrte nunmehr, da er eiligst sein Geschft abtun und
alsdann kommen wolle, uns abzuholen, denn wir htten heute einen langen und
beschwerlichen Weg vor uns, weil wir nicht mehr so im Tale nur hinabschlendern,
sondern einen vorgeschobenen Gebirgsriegel mhsam berklettern wrden. Ich
entschlo mich daher, die Zeit so gut als mglich zu nutzen und mich von unsern
guten Wirtsleuten in die Vorhalle des Webens einfhren zu lassen.
    Beide waren ltliche Leute, in spteren Tagen noch mit zwei, drei Kindern
gesegnet; religiose Gefhle und ahnungsvolle Vorstellungen ward man an ihrer
Umgebung, Tun und Reden gar bald gewahr. Ich kam gerade zum Anfang einer solchen
Arbeit, dem bergang vom Spinnen zum Weben, und da ich zu keiner weitern
Zerstreuung Anla fand, so lie ich mir das Geschft, wie es eben gerade im
Gange war, in meine Schreibtafel gleichsam diktieren.
    Die erste Arbeit, das Garn zu leimen, war gestern verrichtet. Man siedet
solches in einem dnnen Leimwasser, welches aus Strkemehl und etwas
Tischlerleim besteht, wodurch die Fden mehr Halt bekommen. Frh waren die
Garnstrnge schon trocken, und man bereitete sich zu spulen, nmlich das Garn am
Rade auf Rohrspulen zu winden. Der alte Grovater, am Ofen sitzend, verrichtete
diese leichte Arbeit, ein Enkel stand neben ihm und schien begierig, das Spulrad
selbst zu handhaben. Indessen steckte der Vater die Spulen, um zu zetteln, auf
einen mit Querstben abgeteilten Rahmen, so da sie sich frei um perpendikulr
stehende starke Drhte bewegten und den Faden ablaufen lieen. Sie werden mit
grberm und feinerm Garn in der Ordnung aufgesteckt, wie das Muster oder
vielmehr die Striche im Gewebe es erfordern. Ein Instrument (das Brittli),
ungefhr wie ein Sistrum gestaltet, hat Lcher auf beiden Seiten, durch welche
die Fden gezogen sind; dieses befindet sich in der Rechten des Zettlers, mit
der Linken fat er die Fden zusammen und legt sie, hin und wider gehend, auf
den Zettelrahmen. Einmal von oben herunter und von unten herauf heit ein Gang,
und nach Verhltnis der Dichtigkeit und Breite des Gewebes macht man viele
Gnge. Die Lnge betrgt entweder 64 oder nur 32 Ellen. Beim Anfang eines jeden
Ganges legt man mit den Fingern der linken Hand immer einen oder zwei Fden
herauf und ebensoviel herunter und nennt solches die Rispe; so werden die
verschrnkten Fden ber die zwei oben an dem Zettelrahmen angebrachten Ngel
gelegt. Dieses geschieht, damit der Weber die Fden in gehrig gleicher Ordnung
erhalten kann. Ist man mit dem Zetteln fertig, so wird das Gerispe unterbunden
und dabei ein jeder Gang besonders abgeteilt, damit sich nichts verwirren kann;
sodann werden mit aufgelstem Grnspan am letzten Gang Male gemacht, damit der
Weber das gehrige Ma wieder bringe; endlich wird abgenommen, das Ganze in
Gestalt eines groen Knuels aufgewunden, welcher die Werfte genannt wird.

                                                               Mittwoch, den 17.

Wir waren frh vor Tage aufgebrochen und genossen eines herrlichen verspteten
Mondscheins. Die hervorbrechende Helle, die aufgehende Sonne lie uns ein besser
bewohntes und bebautes Land sehen. Hatten wir oben, um ber Bche zu kommen,
Schrittsteine oder zuweilen einen schmalen Steg, nur an der einen Seite mit
Lehne versehen, angetroffen, so waren hier schon steinerne Brcken ber das
immer breiter werdende Wasser geschlagen; das Anmutige wollte sich nach und nach
mit dem Wilden gatten, und ein erfreulicher Eindruck ward von den smtlichen
Wanderern empfunden.
    ber den Berg herber, aus einer andern Fluregion, kam ein schlanker,
schwarzlockiger Mann hergeschritten und rief schon von weitem, als einer, der
gute Augen und eine tchtige Stimme hat: Gr' Euch Gott, Gevatter Garntrger!
Dieser lie ihn nher herankommen, dann rief auch er mit Verwunderung: Dank'
Euch Gott, Gevatter Geschirrfasser! Woher des Landes? welche unerwartete
Begegnung! Jener antwortete herantretend: Schon zwei Monate schreit' ich im
Gebirg herum, allen guten Leuten ihr Geschirr zurechtzumachen und ihre Sthle so
einzurichten, da sie wieder eine Zeitlang ungestrt fortarbeiten knnen.
Hierauf sprach der Garnbote, sich zu mir wendend: Da Ihr, junger Herr, so viel
Lust und Liebe zu dem Geschft beweist und Euch sorgfltig drum bekmmert, so
kommt dieser Mann gerade zur rechten Zeit, den ich Euch in diesen Tagen schon
still herbeigewnscht hatte, er wrde Euch alles besser erklrt haben als die
Mdchen mit allem guten Willen; er ist Meister in seinem Geschft und versteht,
was zur Spinnerei und Weberei und dergleichen gehrt, vollkommen anzugeben,
auszufhren, zu erhalten, wiederherzustellen, wie es not tut und es jeder nur
wnschen mag.
    Ich besprach mich mit ihm und fand einen sehr verstndigen, in gewissem
Sinne gebildeten, seiner Sache vllig gewachsenen Mann, indem ich einiges, was
ich dieser Tage gelernt hatte, mit ihm wiederholte und einige Zweifel zu lsen
bat; auch sagt' ich ihm, was ich gestern schon von den Anfngen der Weberei
gesehen. Jener rief dagegen freudig aus: Das ist recht erwnscht, da komm' ich
gerade zur rechten Zeit, um einem so werten, lieben Herrn ber die lteste und
herrlichste Kunst, die den Menschen eigentlich zuerst vom Tiere unterscheidet,
die ntige Auskunft zu geben. Wir gelangen heute gerade zu guten und geschickten
Leuten, und ich will nicht Geschirrfasser heien, wenn Ihr nicht sogleich das
Handwerk so gut fassen sollt wie ich selbst.
    Ihm wurde freundlicher Dank gezollt, das Gesprch mannigfaltig fortgesetzt,
und wir gelangten, nach einigem Rasten und Frhstck, zu einer zwar auch
unter-und bereinander, doch besser gebauten Husergruppe. Er wies uns an das
beste. Der Garnbote ging mit mir und St. Christoph nach Abrede zuerst hinein,
sodann aber, nach den ersten Begrungen und einigen Scherzen, folgte der
Schirrfasser, und es war auffallend, da sein Hereintreten eine freudige
berraschung in der Familie hervorbrachte. Vater, Mutter, Tchter und Kinder
versammelten sich um ihn; einem am Weberstuhl sitzenden, wohlgebildeten Mdchen
stockte das Schiffchen in der Hand, das just durch den Zettel durchfahren
sollte, ebenso hielt sie auch den Tritt an, stand auf und kam spter, mit
langsamer Verlegenheit ihm die Hand zu reichen. Beide, der Garnbote sowohl als
der Schirrfasser, setzten sich bald durch Scherz und Erzhlung wieder in das
alte Recht, welches Hausfreunden gebhrt, und nachdem man sich eine Zeitlang
gelabt, wendete sich der wackere Mann zu mir und sagte: Sie, mein guter Herr,
drfen wir ber diese Freude des Wiedersehens nicht hintansetzen: wir knnen
noch tagelang miteinander schnacken; Sie mssen morgen fort. Lassen wir den
Herrn in das Geheimnis unserer Kunst sehen; Leimen und Zetteln kennt er, zeigen
wir ihm das brige vor, die Jungfrauen da sind mir ja wohl behlflich. Ich sehe,
an diesem Stuhl ist man beim Aufwinden. Das Geschft war der jngeren, zu der
sie traten. Die ltere setzte sich wieder an ihren Weberstuhl und verfolgte mit
stiller, liebevoller Miene ihre lebhafte Arbeit.
    Ich betrachtete nun sorgfltig das Aufwinden. Zu diesem Zweck lt man die
Gnge des Zettels nach der Ordnung durch einen groen Kamm laufen, der eben die
Breite des Weberbaums hat, auf welchen aufgewunden werden soll; dieser ist mit
einem Einschnitt versehen, worin ein rundes Stbchen liegt, welches durch das
Ende des Zettels durchgesteckt und in dem Einschnitt befestigt wird. Ein kleiner
Junge oder Mdchen sitzt unter dem Weberstuhle und hlt den Strang des Zettels
stark an, whrend die Weberin den Weberbaum an einem Hebel gewaltsam umdreht und
zugleich achtgibt, da alles in der Ordnung zu liegen komme. Wenn alles
aufgewunden ist, so werden durch die Rispe ein runder und zwei flache Stbe,
Schienen, gestoen, damit sie sich halte, und nun beginnt das Eindrehen.
    Vom alten Gewebe ist noch etwa eine Viertelelle am zweiten Weberbaum
briggeblieben, und von diesem laufen etwa drei Viertelellen lang die Fden
durch das Blatt in der Lade sowohl als durch die Flgel des Geschirrs. An diese
Fden nun dreht die Weberin die Fden des neuen Zettels, einen um den andern,
sorgfltig an, und wenn sie fertig ist, wird alles Angedrehte auf einmal
durchgezogen, so da die neuen Fden bis an den noch leeren vordern Weberbaum
reichen; die abgerissenen Fden werden angeknpft, der Eintrag auf kleine Spulen
gewunden, wie sie ins Weberschiffchen passen, und die letzte Vorbereitung zum
Weben gemacht, nmlich geschlichtet.
    So lang der Weberstuhl ist, wird der Zettel mit einem Leimwasser, aus
Handschuhleder bereitet, vermittelst eingetauchter Brsten durch und durch
angefeuchtet, sodann werden die obengedachten Schienen, die das Gerispe halten,
zurckgezogen, alle Fden aufs genaueste in Ordnung gelegt und alles so lange
mit einem an einen Stab gebundenen Gnseflgel gefchelt, bis es trocken ist,
und nun kann das Weben begonnen und fortgesetzt werden, bis es wieder ntig wird
zu schlichten.
    Das Schlichten und Fcheln ist gewhnlich jungen Leuten berlassen, welche
zu dem Webergeschft herangezogen werden, oder in der Mue der Winterabende
leistet ein Bruder oder ein Liebhaber der hbschen Weberin diesen Dienst, oder
diese machen wenigstens die kleinen Splchen mit dem Eintragsgarn.
    Feine Musseline werden na gewebt, nmlich der Strang des Einschlagegarns
wird in Leimwasser getaucht, noch na auf die kleinen Spulen gewunden und
sogleich verarbeitet, wodurch sich das Gewebe gleicher schlagen lt und klarer
erscheint.

                                                  Donnerstag, den 18. September.

Ich fand berhaupt etwas Geschftiges, unbeschreiblich Belebtes, Husliches,
Friedliches in dem ganzen Zustand einer solchen Weberstube; mehrere Sthle waren
in Bewegung, da gingen noch Spinn- und Spulrder, und am Ofen die Alten mit den
besuchenden Nachbarn oder Bekannten sitzend und trauliche Gesprche fhrend.
Zwischendurch lie sich wohl auch Gesang hren, meistens Ambrosius Lobwassers
vierstimmige Psalmen, seltener weltliche Lieder; dann bricht auch wohl ein
frhlich schalendes Gelchter der Mdchen aus, wenn Vetter Jakob einen witzigen
Einfall gesagt hat.
    Eine recht flinke und zugleich fleiige Weberin kann, wenn sie Hlfe hat,
allenfalls in einer Woche ein Stck von 32 Ellen nicht gar zu feine Musseline
zustande bringen; es ist aber sehr selten, und bei einigen Hausgeschften ist
solches gewhnlich die Arbeit von vierzehn Tagen.
    Die Schnheit des Gewebes hngt vom gleichen Auftreten des Webegeschirres
ab, vom gleichen Schlag der Lade, wie auch davon, ob der Eintrag na oder
trocken geschieht. Vllig egale und zugleich krftige Anspannung trgt ebenfalls
bei, zu welchem Ende die Weberin feiner baumwollener Tcher einen schweren Stein
an den Nagel des vordern Weberbaums hngt. Wenn whrend der Arbeit das Gewebe
krftig angespannt wird (das Kunstwort heit dmmen), so verlngert es sich
merklich, auf 32 Ellen 3/4 Ellen und auf 64 etwa 1 1/2 Elle; dieser berschu
nun gehrt der Weberin, wird ihr extra bezahlt, oder sie hebt sich's zu
Halstchern, Schrzen usw. auf.

In der klarsten, sanftesten Mondnacht, wie sie nur in hohen Gebirgszgen
obwaltet, sa die Familie mit ihren Gsten vor der Haustre im lebhaftesten
Gesprch, Lenardo in tiefen Gedanken. Schon unter allem dem Weben und Wirken und
so manchen handwerklichen Betrachtungen und Bemerkungen war ihm jener von Freund
Wilhelm zu seiner Beruhigung geschriebene Brief wieder ins Gedchtnis gekommen.
Die Worte, die er so oft gelesen, die Zeilen, die er mehrmals angeschaut,
stellten sich wieder seinem innern Sinne dar. Und wie eine Lieblingsmelodie, ehe
wir uns versehen, auf einmal dem tiefsten Gehr leise hervortritt, so
wiederholte sich jene zarte Mitteilung in der stillen, sich selbst angehrigen
Seele.
    Huslicher Zustand, auf Frmmigkeit gegrndet, durch Flei und Ordnung
belebt und erhalten, nicht zu eng, nicht zu weit, im glcklichsten Verhltnis
der Pflichten zu den Fhigkeiten und Krften. Um sie her bewegt sich ein
Kreislauf von Handarbeitenden im reinsten, anfnglichsten Sinne; hier ist
Beschrnktheit und Wirkung in die Ferne, Umsicht und Migung, Unschuld und
Ttigkeit.
    Aber diesmal mehr aufregend als beschwichtigend war die Erinnerung. Pat
doch, sprach er zu sich selbst diese allgemein lakonische Beschreibung ganz
und gar auf den Zustand, der mich hier umgibt. Ist nicht auch hier Friede,
Frmmigkeit, ununterbrochene Ttigkeit? Nur eine Wirkung in die Ferne will mir
nicht gleichermaen deutlich scheinen. Mag doch die Gute einen hnlichen Kreis
beleben, aber einen weitern, einen bessern; sie mag sich behaglich wie diese
hier, vielleicht noch behaglicher, finden, mit mehr Heiterkeit und Freiheit
umherschauen.
    Nun aber durch ein lebhaftes, sich steigerndes Gesprch der brigen
aufgeregt, mehr Acht habend auf das, was verhandelt wurde, ward ihm ein Gedanke,
den er diese Stunden her gehegt, vollkommen lebendig. Sollte nicht eben dieser
Mann, dieser mit Werkzeug und Geschirr so meisterhaft umgehende, fr unsre
Gesellschaft das ntzlichste Mitglied werden knnen? Er berlegte das und alles,
wie ihm die Vorzge dieses gewandten Arbeiters schon stark in die Augen
geleuchtet. Er lenkte daher das Gesprch dahin und machte, zwar wie im Scherze,
aber desto unbewundener, jenem den Antrag, ob er sich nicht mit einer
bedeutenden Gesellschaft verbinden und den Versuch machen wolle, bers Meer
auszuwandern.
    Jener entschuldigte sich, gleichfalls heiter beteuernd, da es ihm hier wohl
gehe, da er noch Besseres erwarte; in dieser Landesart sei er geboren, darin
gewhnt, weit und breit bekannt und berall vertraulich aufgenommen. berhaupt
werde man in diesen Tlern keine Neigung zur Auswanderung finden, keine Not
ngstige sie und ein Gebirg halte seine Leute fest.
    Deswegen wundert's mich, sagte der Garnbote, da es heien will, Frau
Susanne werde den Faktor heiraten, ihr Besitztum verkaufen und mit schnem Geld
bers Meer ziehen. Auf Befragen erfuhr unser Freund, es sei eine junge Witwe,
die in guten Umstnden ein reichliches Gewerbe mit den Erzeugnissen des Gebirges
betreibe, wovon sich der wandernd Reisende morgen gleich selbst berzeugen
knne, indem man auf dem eingeschlagenen Wege zeitig bei ihr eintreffen werde.
Ich habe sie schon verschiedentlich nennen hren, versetzte Lenardo, als
belebend und wohlttig in diesem Tale, und versumte, nach ihr zu fragen.
    Gehen wir aber zur Ruh, sagte der Garnbote, um den morgenden Tag, der
heiter zu werden verspricht, von frh auf zu nutzen.

Hier endigte das Manuskript, und als Wilhelm nach der Fortsetzung verlangte,
hatte er zu erfahren, da sie gegenwrtig nicht in den Hnden der Freunde sei.
Sie ward, sagte man, an Makarien gesendet, welche gewisse Verwicklungen, deren
darin gedacht worden, durch Geist und Liebe schlichten und bedenkliche
Verknpfungen auflsen solle. - Der Freund mute sich diese Unterbrechung
gefallen lassen und sich bereiten, an einem geselligen Abend, in heiterer
Unterhaltung, Vergngen zu finden.

                                Sechstes Kapitel


Als der Abend herbeikam und die Freunde in einer weit umherschauenden Laube
saen, trat eine ansehnliche Figur auf die Schwelle, welche unser Freund
sogleich fr den Barbier von heute frh erkannte. Auf einen tiefen, stummen
Bckling des Mannes erwiderte Lenardo: Ihr kommt, wie immer, sehr gelegen und
werdet nicht sumen, uns mit Eurem Talent zu erfreuen. Ich kann Ihnen wohl,
fuhr er zu Wilhelmen gewendet fort, einiges von der Gesellschaft erzhlen,
deren Band zu sein ich mich rhmen darf. Niemand tritt in unsern Kreis, als wer
gewisse Talente aufzuweisen hat, die zum Nutzen oder Vergngen einer jeden
Gesellschaft dienen wrden. Dieser Mann ist ein derber Wundarzt, der in
bedenklichen Fllen, wo Entschlu und krperliche Kraft gefordert wird, seinem
Meister trefflich an der Seite zu stehen bereit ist. Was er als Bartknstler
leistet, davon knnen Sie ihm selbst ein Zeugnis geben. Hiedurch ist er uns
ebenso ntig als willkommen. Da nun aber diese Beschftigung gewhnlich eine
groe und oft lstige Geschwtzigkeit mit sich fhrt, so hat er sich zu eigner
Bildung eine Bedingung gefallen lassen; wie denn jeder, der unter uns leben
will, sich von einer gewissen Seite bedingen mu, wenn ihm nach anderen Seiten
hin die grere Freiheit gewhrt ist. Dieser also hat nun auf die Sprache
Verzicht getan, insofern etwas Gewhnliches oder Zuflliges durch sie
ausgedrckt wird; daraus aber hat sich ihm ein anderes Redetalent entwickelt,
welches absichtlich klug und erfreulich wirkt, die Gabe des Erzhlens nmlich.
    Sein Leben ist reich an wunderlichen Erfahrungen, die er sonst zu
ungelegener Zeit schwtzend zersplitterte, nun aber, durch Schweigen gentigt,
im stillen Sinne wiederholt und ordnet. Hiermit verbindet sich denn die
Einbildungskraft und verleiht dem Geschehenen Leben und Bewegung. Mit besonderer
Kunst und Geschicklichkeit wei er wahrhafte Mrchen und mrchenhafte
Geschichten zu erzhlen, wodurch er oft zur schicklichen Stunde uns gar sehr
ergtzt, wenn ihm die Zunge durch mich gelst wird; wie ich denn gegenwrtig tue
und ihm zugleich das Lob erteile, da er sich in geraumer Zeit, seitdem ich ihn
kenne, noch niemals wiederholt hat. Nun hoff' ich, da er auch diesmal, unserm
teuren Gast zu Lieb' und Ehren, sich besonders hervortun werde.
    ber das Gesicht des Rotmantels verbreitete sich eine geistreiche
Heiterkeit, und er fing ungesumt folgendermaen zu sprechen an.




                               Die neue Melusine


Hochverehrte Herren! Da mir bekannt ist, da Sie vorlufige Reden und
Einleitungen nicht besonders lieben, so will ich ohne weiteres versichern, da
ich diesmal vorzglich gut zu bestehen hoffe. Von mir sind zwar schon gar manche
wahrhafte Geschichten zu hoher und allseitiger Zufriedenheit ausgegangen, heute
aber darf ich sagen, da ich eine zu erzhlen habe, welche die bisherigen weit
bertrifft und die, wiewohl sie mir schon vor einigen Jahren begegnet ist, mich
noch immer in der Erinnerung unruhig macht, ja sogar eine endliche Entwicklung
hoffen lt. Sie mchte schwerlich ihresgleichen finden.
    Vorerst sei gestanden, da ich meinen Lebenswandel nicht immer so
eingerichtet, um der nchsten Zeit, ja des nchsten Tages ganz sicher zu sein.
Ich war in meiner Jugend kein guter Wirt und fand mich oft in mancherlei
Verlegenheit. Einst nahm ich mir eine Reise vor, die mir guten Gewinn
verschaffen sollte; aber ich machte meinen Zuschnitt ein wenig zu gro, und
nachdem ich sie mit Extrapost angefangen und sodann auf der ordinren eine
Zeitlang fortgesetzt hatte, fand ich mich zuletzt gentigt, dem Ende derselben
zu Fue entgegenzugehen.

Als ein lebhafter Bursche hatte ich von jeher die Gewohnheit, sobald ich in ein
Wirtshaus kam, mich nach der Wirtin oder auch nach der Kchin umzusehen und mich
schmeichlerisch gegen sie zu bezeigen, wodurch denn meine Zeche meistens
vermindert wurde.
    Eines Abends, als ich in das Posthaus eines kleinen Stdtchens trat und eben
nach meiner hergebrachten Weise verfahren wollte, rasselte gleich hinter mir ein
schner zweisitziger Wagen, mit vier Pferden bespannt, an der Tre vor. Ich
wendete mich um und sah ein Frauenzimmer allein, ohne Kammerfrau, ohne
Bedienten. Ich eilte sogleich, ihr den Schlag zu erffnen und zu fragen, ob sie
etwas zu befehlen habe. Beim Aussteigen zeigte sich eine schne Gestalt, und ihr
liebenswrdiges Gesicht war, wenn man es nher betrachtete, mit einem kleinen
Zug von Traurigkeit geschmckt. Ich fragte nochmals, ob ich ihr in etwas dienen
knne. - O ja! sagte sie, wenn Sie mir mit Sorgfalt das Kstchen, das auf dem
Sitze steht, herausheben und hinauftragen wollen; aber ich bitte gar sehr, es
recht stt zu tragen und im mindesten nicht zu bewegen oder zu rtteln. Ich
nahm das Kstchen mit Sorgfalt, sie verschlo den Kutschenschlag, wir stiegen
zusammen die Treppe hinauf, und sie sagte dem Gesinde, da sie diese Nacht hier
bleiben wrde.
    Nun waren wir allein in dem Zimmer, sie hie mich das Kstchen auf den Tisch
setzen, der an der Wand stand, und als ich an einigen ihrer Bewegungen merkte,
da sie allein zu sein wnschte, empfahl ich mich, indem ich ihr ehrerbietig,
aber feurig die Hand kte.
    Bestellen Sie das Abendessen fr uns beide, sagte sie darauf; und es lt
sich denken, mit welchem Vergngen ich diesen Auftrag ausrichtete, wobei ich
denn zugleich in meinem bermut Wirt, Wirtin und Gesinde kaum ber die Achsel
ansah. Mit Ungeduld erwartete ich den Augenblick, der mich endlich wieder zu ihr
fhren sollte. Es war aufgetragen, wir setzten uns gegen einander ber, ich
labte mich zum erstenmal seit geraumer Zeit an einem guten Essen und zugleich an
einem so erwnschten Anblick; ja mir kam es vor, als wenn sie mit jeder Minute
schner wrde.
    Ihre Unterhaltung war angenehm, doch suchte sie alles abzulehnen, was sich
auf Neigung und Liebe bezog. Es ward abgerumt; ich zauderte, ich suchte
allerlei Kunstgriffe, mich ihr zu nhern, aber vergebens: sie hielt mich durch
eine gewisse Wrde zurck, der ich nicht widerstehen konnte, ja ich mute wider
meinen Willen zeitig genug von ihr scheiden.
    Nach einer meist durchwachten und unruhig durchtrumten Nacht war ich frh
auf, erkundigte mich, ob sie Pferde bestellt habe; ich hrte nein und ging in
den Garten, sah sie angekleidet am Fenster stehen und eilte zu ihr hinauf. Als
sie mir so schn und schner als gestern entgegenkam, regte sich auf einmal in
mir Neigung, Schalkheit und Verwegenheit; ich strzte auf sie zu und fate sie
in meine Arme. Englisches, unwiderstehliches Wesen! rief ich aus: verzeih,
aber es ist unmglich! Mit unglaublicher Gewandtheit entzog sie sich meinen
Armen, und ich hatte ihr nicht einmal einen Ku auf die Wange drcken knnen.
    - Halten Sie solche Ausbrche einer pltzlichen leidenschaftlichen Neigung
zurck, wenn Sie ein Glck nicht verscherzen wollen, das Ihnen sehr nahe liegt,
das aber erst nach einigen Prfungen ergriffen werden kann.
    Fordere, was du willst, englischer Geist! rief ich aus, aber bringe mich
nicht zur Verzweiflung. Sie versetzte lchelnd: Wollen Sie sich meinem Dienste
widmen, so hren Sie die Bedingungen! Ich komme hierher, eine Freundin zu
besuchen, bei der ich einige Tage zu verweilen gedenke; indessen wnsche ich,
da mein Wagen und dies Kstchen weitergebracht werden. Wollen Sie es
bernehmen? Sie haben dabei nichts zu tun, als das Kstchen mit Behutsamkeit in
und aus dem Wagen zu heben; wenn es darin steht, sich daneben zu setzen und jede
Sorge dafr zu tragen. Kommen Sie in ein Wirtshaus, so wird es auf einen Tisch
gestellt, in eine besondere Stube, in der Sie weder wohnen noch schlafen drfen.
Sie verschlieen die Zimmer jedesmal mit diesem Schlssel, der alle Schlsser
auf- und zuschliet und dem Schlosse die besondere Eigenschaft gibt, da es
niemand in der Zwischenzeit zu er ffnen imstande ist.
    Ich sah sie an, mir ward sonderbar zumute; ich versprach, alles zu tun, wenn
ich hoffen knnte, sie bald wieder zu sehen, und wenn sie mir diese Hoffnung mit
einem Ku besiegelte. Sie tat es, und von dem Augenblick an war ich ihr ganz
leibeigen geworden. Ich sollte nun die Pferde bestellen, sagte sie. Wir
besprachen den Weg, den ich nehmen, die Orte, wo ich mich aufhalten und sie
erwarten sollte. Sie drckte mir zuletzt einen Beutel mit Gold in die Hand, und
ich meine Lippen auf ihre Hnde. Sie schien gerhrt beim Abschied, und ich wute
schon nicht mehr, was ich tat oder tun sollte.
    Als ich von meiner Bestellung zurckkam, fand ich die Stubentr
verschlossen. Ich versuchte gleich meinen Hauptschlssel, und er machte sein
Probestck vollkommen. Die Tre sprang auf, ich fand das Zimmer leer, nur das
Kstchen stand auf dem Tische, wo ich es hingestellt hatte.
    Der Wagen war vorgefahren, ich trug das Kstchen sorgfltig hinunter und
setzte es neben mich. Die Wirtin fragte: Wo ist denn die Dame? Ein Kind
antwortete: Sie ist in die Stadt gegangen. Ich begrte die Leute und fuhr wie
im Triumph von hinnen, der ich gestern abend mit bestaubten Gamaschen hier
angekommen war. Da ich nun bei guter Mue diese Geschichte hin und her
berlegte, das Geld zhlte, mancherlei Entwrfe machte und immer gelegentlich
nach dem Kstchen schielte, knnen Sie leicht denken. Ich fuhr nun stracks vor
mich hin, stieg mehrere Stationen nicht aus und rastete nicht, bis ich zu einer
ansehnlichen Stadt gelangt war, wohin sie mich beschieden hatte. Ihre Befehle
wurden sorgfltig beobachtet, das Kstchen in ein besonderes Zimmer gestellt und
ein paar Wachslichter daneben, unangezndet, wie sie auch verordnet hatte. Ich
verschlo das Zimmer, richtete mich in dem meinigen ein und tat mir etwas
zugute.
    Eine Weile konnte ich mich mit dem Andenken an sie beschftigen, aber gar
bald wurde mir die Zeit lang. Ich war nicht gewohnt, ohne Gesellschaft zu leben;
diese fand ich bald an Wirtstafeln und an ffentlichen Orten nach meinem Sinne.
Mein Geld fing bei dieser Gelegenheit an zu schmelzen und verlor sich eines
Abends vllig aus meinem Beutel, als ich mich unvorsichtig einem
leidenschaftlichen Spiel berlassen hatte. Auf meinem Zimmer angekommen, war ich
auer mir. Von Geld entblt, mit dem Ansehen eines reichen Mannes eine tchtige
Zeche erwartend, ungewi, ob und wann meine Schne sich wieder zeigen wrde, war
ich in der grten Verlegenheit. Doppelt sehnte ich mich nach ihr und glaubte
nun gar nicht mehr ohne sie und ohne ihr Geld leben zu knnen.
    Nach dem Abendessen, das mir gar nicht geschmeckt hatte, weil ich es diesmal
einsam zu genieen gentigt worden, ging ich in dem Zimmer lebhaft auf und ab,
sprach mit mir selbst, verwnschte mich, warf mich auf den Boden, zerraufte mir
die Haare und erzeigte mich ganz ungebrdig. Auf einmal hre ich in dem
verschlossenen Zimmer nebenan eine leise Bewegung und kurz nachher an der
wohlverwahrten Tre pochen. Ich raffe mich zusammen, greife nach dem
Hauptschlssel, aber die Flgeltren springen von selbst auf, und im Schein
jener brennenden Wachslichter kommt mir meine Schne entgegen. Ich werfe mich
ihr zu Fen, ksse ihr Kleid, ihre Hnde, sie hebt mich auf, ich wage nicht,
sie zu umarmen, kaum sie anzusehen; doch gestehe ich ihr aufrichtig und reuig
meinen Fehler. - Er ist zu verzeihen, sagte sie, nur versptet Ihr leider
Euer Glck und meines. Ihr mt nun abermals eine Strecke in die Welt
hineinfahren, ehe wir uns wieder sehen. Hier ist noch mehr Gold, sagte sie,
und hinreichend, wenn Ihr einigermaen haushalten wollt. Hat Euch aber diesmal
Wein und Spiel in Verlegenheit gesetzt, so htet Euch nun vor Wein und Weibern
und lat mich auf ein frhlicheres Wiedersehen hoffen.
    Sie trat ber die Schwelle zurck, die Flgel schlugen zusammen, ich pochte,
ich bat, aber nichts lie sich weiter hren. Als ich den andern Morgen die Zeche
verlangte, lchelte der Kellner und sagte: So wissen wir doch, warum Ihr Eure
Tren auf eine so knstliche und unbegreifliche Weise verschliet, da kein
Hauptschlssel sie ffnen kann. Wir vermuteten bei Euch viel Geld und
Kostbarkeiten; nun aber haben wir den Schatz die Treppe hinuntergehen sehn, und
auf alle Weise schien er wrdig, wohl verwahrt zu werden.
    Ich erwiderte nichts dagegen, zahlte meine Rechnung und stieg mit meinem
Kstchen in den Wagen. Ich fuhr nun wieder in die Welt hinein mit dem festesten
Vorsatz, auf die Warnung meiner geheimnisvollen Freundin knftig zu achten. Doch
war ich kaum abermals in einer groen Stadt angelangt, so ward ich bald mit
liebenswrdigen Frauenzimmern bekannt, von denen ich mich durchaus nicht
losreien konnte. Sie schienen mir ihre Gunst teuer anrechnen zu wollen; denn
indem sie mich immer in einiger Entfernung hielten, verleiteten sie mich zu
einer Ausgabe nach der andern, und da ich nur suchte, ihr Vergngen zu
befrdern, dachte ich abermals nicht an meinen Beutel, sondern zahlte und
spendete immerfort, so wie es eben vorkam. Wie gro war daher meine Verwunderung
und mein Vergngen, als ich nach einigen Wochen bemerkte, da die Flle des
Beutels noch nicht abgenommen hatte, sondern da er noch so rund und strotzend
war wie anfangs. Ich wollte mich dieser schnen Eigenschaft nher versichern,
setzte mich hin zu zhlen, merkte mir die Summe genau und fing nun an, mit
meiner Gesellschaft lustig zu leben wie vorher. Da fehlte es nicht an Land- und
Wasserfahrten, an Tanz, Gesang und andern Vergngungen. Nun bedurfte es aber
keiner groen Aufmerksamkeit, um gewahr zu werden, da der Beutel wirklich
abnahm, eben als wenn ich ihm durch mein verwnschtes Zhlen die Tugend,
unzhlbar zu sein, entwendet htte. Indessen war das Freudenleben einmal im
Gange, ich konnte nicht zurck, und doch war ich mit meiner Barschaft bald am
Ende. Ich verwnschte meine Lage, schalt auf meine Freundin, die mich so in
Versuchung gefhrt hatte, nahm es ihr bel auf, da sie sich nicht wieder sehen
lassen, sagte mich im rger von allen Pflichten gegen sie los und nahm mir vor,
das Kstchen zu ffnen, ob vielleicht in demselben einige Hlfe zu finden sei.
Denn war es gleich nicht schwer genug, um Geld zu enthalten, so konnten doch
Juwelen darin sein, und auch diese wren mir sehr willkommen gewesen. Ich war im
Begriff, den Vorsatz auszufhren, doch verschob ich ihn auf die Nacht, um die
Operation recht ruhig vorzunehmen, und eilte zu einem Bankett, das eben angesagt
war. Da ging es denn wieder hoch her, und wir waren durch Wein und
Trompetenschall mchtig aufgeregt, als mir der unangenehme Streich passierte,
da beim Nachtische ein lterer Freund meiner liebsten Schnheit, von Reisen
kommend, unvermutet hereintrat, sich zu ihr setzte und ohne groe Umstnde seine
alten Rechte geltend zu machen suchte. Daraus entstand nun bald Unwille, Hader
und Streit; wir zogen vom Leder, und ich ward mit mehreren Wunden halbtot nach
Hause getragen.
    Der Chirurgus hatte mich verbunden und verlassen, es war schon tief in der
Nacht, mein Wrter eingeschlafen; die Tr des Seitenzimmers ging auf, meine
geheimnisvolle Freundin trat herein und setzte sich zu mir ans Bette. Sie fragte
nach meinem Befinden; ich antwortete nicht, denn ich war matt und verdrielich.
Sie fuhr fort mit vielem Anteil zu sprechen, rieb mir die Schlfe mit einem
gewissen Balsam, so da ich mich geschwind und entschieden gestrkt fhlte, so
gestrkt, da ich mich erzrnen und sie ausschelten konnte. In einer heftigen
Rede warf ich alle Schuld meines Unglcks auf sie, auf die Leidenschaft, die sie
mir eingeflt, auf ihr Erscheinen, ihr Verschwinden, auf die Langeweile, auf
die Sehnsucht, die ich empfinden mute. Ich ward immer heftiger und heftiger,
als wenn mich ein Fieber anfiele, und ich schwur ihr zuletzt, da, wenn sie
nicht die Meinige sein, mir diesmal nicht angehren und sich mit mir verbinden
wolle, so verlange ich nicht lnger zu leben; worauf ich entschiedene Antwort
forderte. Als sie zaudernd mit einer Erklrung zurckhielt geriet ich ganz auer
mir, ri den doppelten und dreifachen Verband von den Wunden, mit der
entschiedenen Absicht, mich zu verbluten. Aber wie erstaunte ich, als ich meine
Wunden alle geheilt, meinen Krper schmuck und glnzend und sie in meinen Armen
fand.
    Nun waren wir das glcklichste Paar von der Welt. Wir baten einander
wechselseitig um Verzeihung und wuten selbst nicht recht warum. Sie versprach
nun, mit mir weiterzureisen, und bald saen wir nebeneinander im Wagen, das
Kstchen gegen uns ber, am Platze der dritten Person. Ich hatte desselben
niemals gegen sie erwhnt; auch jetzt fiel mir's nicht ein, davon zu reden, ob
es uns gleich vor den Augen stand und wir durch eine stillschweigende
bereinkunft beide dafr sorgten, wie es etwa die Gelegenheit geben mochte; nur
da ich es immer in und aus dem Wagen hob und mich wie vormals mit dem Verschlu
der Tren beschftigte.
    Solange noch etwas im Beutel war, hatte ich immer fortbezahlt; als es mit
meiner Barschaft zu Ende ging, lie ich sie es merken. - Dafr ist leicht Rat
geschafft, sagte sie und deutete auf ein Paar kleine Taschen, oben an der Seite
des Wagens angebracht, die ich frher wohl bemerkt aber nicht gebraucht hatte.
Sie griff in die eine und zog einige Goldstcke heraus, sowie aus der andern
einige Silbermnzen, und zeigte mir dadurch die Mglichkeit, jeden Aufwand, wie
es uns beliebte, fortzusetzen. So reisten wir von Stadt zu Stadt, von Land zu
Land, waren unter uns und mit andern froh, und ich dachte nicht daran, da sie
mich wieder verlassen knnte, um so weniger, als sie sich seit einiger Zeit
entschieden guter Hoffnung befand, wodurch unsere Heiterkeit und unsere Liebe
nur noch vermehrt wurde. Aber eines Morgens fand ich sie leider nicht mehr, und
weil mir der Aufenthalt ohne sie verdrielich war, machte ich mich mit meinem
Kstchen wieder auf den Weg, versuchte die Kraft der beiden Taschen und fand sie
noch immer bewhrt.
    Die Reise ging glcklich vonstatten, und wenn ich bisher ber mein Abenteuer
weiter nicht nachdenken mgen, weil ich eine ganz natrliche Entwickelung der
wundersamen Begebenheiten erwartete, so ereignete sich doch gegenwrtig etwas,
wodurch ich in Erstaunen, in Sorgen, ja in Furcht gesetzt wurde. Weil ich, um
von der Stelle zu kommen, Tag und Nacht zu reisen gewohnt war, so geschah es,
da ich oft im Finstern fuhr und es in meinem Wagen, wenn die Laternen zufllig
ausgingen, ganz dunkel war. Einmal bei so finsterer Nacht war ich eingeschlafen,
und als ich erwachte, sah ich den Schein eines Lichtes an der Decke meines
Wagens. Ich beobachtete denselben und fand, da er aus dem Kstchen hervorbrach,
das einen Ri zu haben schien, eben als wre es durch die heie und trockene
Witterung der eingetretenen Sommerzeit gesprungen. Meine Gedanken an die Juwelen
wurden wieder rege, ich vermutete, da ein Karfunkel im Kstchen liege, und
wnschte darber Gewiheit zu haben. Ich rckte mich, so gut ich konnte,
zurecht, so da ich mit dem Auge unmittelbar den Ri berhrte. Aber wie gro war
mein Erstaunen, als ich in ein von Lichtern wohl erhelltes, mit viel Geschmack,
ja Kostbarkeit mbliertes Zimmer hineinsah, gerade so als htte ich durch die
ffnung eines Gewlbes in einen kniglichen Saal hinabgesehn. Zwar konnte ich
nur einen Teil des Raums beobachten, der mich auf das brige schlieen lie. Ein
Kaminfeuer schien zu brennen, neben welchem ein Lehnsessel stand. Ich hielt den
Atem an mich und fuhr fort zu beobachten. Indem kam von der andern Seite des
Saals ein Frauenzimmer mit einem Buch in den Hnden, die ich sogleich fr meine
Frau erkannte, obschon ihr Bild nach dem allerkleinsten Mastabe zusammengezogen
war. Die Schne setzte sich in den Sessel ans Kamin, um zu lesen, legte die
Brnde mit der niedlichsten Feuerzange zurecht, wobei ich deutlich bemerken
konnte, das allerliebste kleine Wesen sei ebenfalls guter Hoffnung. Nun fand ich
mich aber gentigt, meine unbequeme Stellung einigermaen zu verrcken, und bald
darauf, als ich wieder hineinsehen und mich berzeugen wollte, da es kein Traum
gewesen, war das Licht verschwunden, und ich blickte in eine leere Finsternis.
    Wie erstaunt, ja erschrocken ich war, lt sich begreifen. Ich machte mir
tausend Gedanken ber diese Entdeckung und konnte doch eigentlich nichts denken.
Darber schlief ich ein, und als ich erwachte, glaubte ich eben nur getrumt zu
haben; doch fhlte ich mich von meiner Schnen einigermaen entfremdet, und
indem ich das Kstchen nur desto sorgfltiger trug, wute ich nicht, ob ich ihre
Wiedererscheinung in vlliger Menschengre wnschen oder frchten sollte.
    Nach einiger Zeit trat denn wirklich meine Schne gegen Abend in weiem
Kleide herein, und da es eben im Zimmer dmmerte, so kam sie mir lnger vor, als
ich sie sonst zu sehen gewohnt war, und ich erinnerte mich, gehrt zu haben, da
alle vom Geschlecht der Nixen und Gnomen bei einbrechender Nacht an Lnge gar
merklich zunhmen. Sie flog wie gewhnlich in meine Arme, aber ich konnte sie
nicht recht frohmtig an meine beklemmte Brust drcken.
    Mein Liebster, sagte sie, ich fhle nun wohl an deinem Empfang, was ich
leider schon wei. Du hast mich in der Zwischenzeit gesehn; du bist von dem
Zustand unterrichtet, in dem ich mich zu gewissen Zeiten befinde dein Glck und
das meinige ist hiedurch unterbrochen, ja es steht auf dem Punkte, ganz
vernichtet zu werden. Ich mu dich verlassen und wei nicht, ob ich dich jemals
wiedersehen werde. Ihre Gegenwart, die Anmut, mit der sie sprach, entfernte
sogleich fast jede Erinnerung jenes Gesichtes, das mir schon bisher nur als ein
Traum vorgeschwebt hatte. Ich umfing sie mit Lebhaftigkeit, berzeugte sie von
meiner Leidenschaft, versicherte ihr meine Unschuld, erzhlte ihr das Zufllige
der Entdeckung, genug, ich tat so viel, da sie selbst beruhigt schien und mich
zu beruhigen suchte.
    Prfe dich genau, sagte sie, ob diese Entdeckung deiner Liebe nicht
geschadet habe, ob du vergessen kannst, da ich in zweierlei Gestalten mich
neben dir befinde, ob die Verringerung meines Wesens nicht auch deine Neigung
vermindern werde.
    Ich sah sie an; schner war sie als jemals, und ich dachte bei mir selbst:
Ist es denn ein so groes Unglck, eine Frau zu besitzen, die von Zeit zu Zeit
eine Zwergin wird, so da man sie im Kstchen herumtragen kann? Wre es nicht
viel schlimmer, wenn sie zur Riesin wrde und ihren Mann in den Kasten steckte?
Meine Heiterkeit war zurckgekehrt. Ich htte sie um alles in der Welt nicht
fahren lassen. - Bestes Herz, versetzte ich, la uns bleiben und sein, wie
wir gewesen sind. Knnten wir's beide denn herrlicher finden! Bediene dich
deiner Bequemlichkeit, und ich verspreche dir, das Kstchen nur desto
sorgfltiger zu tragen. Wie sollte das Niedlichste, was ich in meinem Leben
gesehn, einen schlimmen Eindruck auf mich machen? Wie glcklich wrden die
Liebhaber sein, wenn sie solche Miniaturbilder besitzen knnten! Und am Ende war
es auch nur ein solches Bild, eine kleine Taschenspielerei. Du prfst und neckst
mich; du sollst aber sehen, wie ich mich halten werde.
    Die Sache ist ernsthafter, als du denkst, sagte die Schne; indessen bin
ich recht wohl zufrieden, da du sie leicht nimmst: denn fr uns beide kann noch
immer die heiterste Folge werden. Ich will dir vertrauen und von meiner Seite
das Mgliche tun, nur versprich mir, dieser Entdeckung niemals vorwurfsweise zu
gedenken. Dazu fg' ich noch eine Bitte recht instndig: nimm dich vor Wein und
Zorn mehr als jemals in acht.
    Ich versprach, was sie begehrte, ich htte zu und immer zu versprochen; doch
sie wendete selbst das Gesprch, und alles war im vorigen Gleise. Wir hatten
nicht Ursache, den Ort unseres Aufenthaltes zu verndern; die Stadt war gro,
die Gesellschaft vielfach, die Jahreszeit veranlate manches Land- und
Gartenfest.
    Bei allen solchen Freuden war meine Frau sehr gern gesehen, ja von Mnnern
und Frauen lebhaft verlangt. Ein gutes, einschmeichelndes Betragen, mit einer
gewissen Hoheit verknpft, machte sie jedermann lieb und ehrenwert. berdies
spielte sie herrlich die Laute und sang dazu, und alle geselligen Nchte muten
durch ihr Talent gekrnt werden.
    Ich will nur gestehen, da ich mir aus der Musik niemals viel habe machen
knnen, ja sie hatte vielmehr auf mich eine unangenehme Wirkung. Meine Schne,
die mir das bald abgemerkt hatte, suchte mich daher niemals, wenn wir allein
waren, auf diese Weise zu unterhalten; dagegen schien sie sich in Gesellschaft
zu entschdigen, wo sie denn gewhnlich eine Menge Bewunderer fand.
    Und nun, warum sollte ich es leugnen, unsere letzte Unterredung, ungeachtet
meines besten Willens, war doch nicht vermgend gewesen, die Sache ganz bei mir
abzutun; vielmehr hatte sich meine Empfindungsweise gar seltsam gestimmt, ohne
da ich es mir vollkommen bewut gewesen wre. Da brach eines Abends in groer
Gesellschaft der verhaltene Unmut los, und mir entsprang daraus der allergrte
Nachteil.
    Wenn ich es jetzt recht bedenke, so liebte ich nach jener unglcklichen
Entdeckung meine Schnheit viel weniger, und nun ward ich eiferschtig auf sie,
was mir vorher gar nicht eingefallen war. Abends bei Tafel, wo wir schrg gegen
einander ber in ziemlicher Entfernung saen, befand ich mich sehr wohl mit
meinen beiden Nachbarinnen, ein paar Frauenzimmern, die mir seit einiger Zeit
reizend geschienen hatten. Unter Scherz- und Liebesreden sparte man des Weines
nicht, indessen von der andern Seite ein paar Musikfreunde sich meiner Frau
bemchtigt hatten und die Gesellschaft zu Gesngen, einzelnen und chormigen,
aufzumuntern und anzufhren wuten. Darber fiel ich in bse Laune; die beiden
Kunstliebhaber schienen zudringlich; der Gesang machte mich rgerlich, und als
man gar von mir auch eine Solostrophe begehrte, so wurde ich wirklich
aufgebracht, leerte den Becher und setzte ihn sehr unsanft nieder.
    Durch die Anmut meiner Nachbarinnen fhlte ich mich sogleich zwar wieder
gemildert, aber es ist eine bse Sache um den rger, wenn er einmal auf dem Wege
ist. Er kochte heimlich fort, obgleich alles mich htte sollen zur Freude, zur
Nachgiebigkeit stimmen. Im Gegenteil wurde ich nur noch tckischer, als man eine
Laute brachte und meine Schne ihren Gesang zur Bewunderung aller brigen
begleitete. Unglcklicherweise erbat man sich eine allgemeine Stille. Also auch
schwatzen sollte ich nicht mehr, und die Tne taten mir in den Zhnen weh. War
es nun ein Wunder da endlich der kleinste Funke die Mine zndete?
    Eben hatte die Sngerin ein Lied unter dem grten Beifall geendigt, als sie
nach mir, und wahrlich recht liebevoll, herbersah. Leider drangen die Blicke
nicht bei mir ein. Sie bemerkte, da ich einen Becher Wein hinunterschlang und
einen neu anfllte. Mit dem rechten Zeigefinger winkte sie mir lieblich drohend.
Bedenken Sie, da es Wein ist! sagte sie, nicht lauter, als da ich es hren
konnte. - Wasser ist fr die Nixen! rief ich aus. - Meine Damen, sagte sie
zu meinen Nachbarinnen, krnzen Sie den Becher mit aller Anmut, da er nicht zu
oft leer werde. - Sie werden sich doch nicht meistern lassen! zischelte mir
die eine ins Ohr. - Was will der Zwerg? rief ich aus, mich heftiger gebrdend,
wodurch ich den Becher umstie. - Hier ist viel verschttet! rief die
Wunderschne, tat einen Griff in die Saiten, als wolle sie die Aufmerksamkeit
der Gesellschaft aus dieser Strung wieder auf sich heranziehen. Es gelang ihr
wirklich, um so mehr, als sie aufstand, aber nur, als wenn sie sich das Spiel
bequemer machen wollte, und zu prludieren fortfuhr.
    Als ich den roten Wein ber das Tischtuch flieen sah, kam ich wieder zu mir
selbst. Ich erkannte den groen Fehler, den ich begangen hatte, und war recht
innerlich zerknirscht. Zum erstenmal sprach die Musik mich an. Die erste
Strophe, die sie sang, war ein freundlicher Abschied an die Gesellschaft, wie
sie sich noch zusammen fhlen konnte. Bei der folgenden Strophe flo die
Soziett gleichsam auseinander, jeder fhlte sich einzeln, abgesondert, niemand
glaubte sich mehr gegenwrtig. Aber was soll ich denn von der letzten Strophe
sagen? Sie war allein an mich gerichtet, die Stimme der gekrnkten Liebe, die
von Unmut und bermut Abschied nimmt.
    Stumm fhrte ich sie nach Hause und erwartete mir nichts Gutes. Doch kaum
waren wir in unserm Zimmer angelangt, als sie sich hchst freundlich und
anmutig, ja sogar schalkhaft erwies und mich zum glcklichsten aller Menschen
machte.
    Des andern Morgens sagte ich ganz getrost und liebevoll: Du hast so
manchmal, durch gute Gesellschaft aufgefordert, gesungen, so zum Beispiel
gestern abend das rhrende Abschiedslied; singe nun auch einmal mir zuliebe ein
hbsches, frhliches Willkommen in dieser Morgenstunde, damit es uns werde, als
wenn wir uns zum erstenmal kennen lernten.
    Das vermag ich nicht, mein Freund, versetzte sie mit Ernst. Das Lied von
gestern abend bezog sich auf unsere Scheidung, die nun sogleich vor sich gehen
mu: denn ich kann dir nur sagen, die Beleidigung gegen Versprechen und Schwur
hat fr uns beide die schlimmsten Folgen; du verscherzest ein groes Glck, und
auch ich mu meinen liebsten Wnschen entsagen.
    Als ich nun hierauf in sie drang und bat, sie mchte sich nher erklren,
versetzte sie: Das kann ich leider wohl, denn es ist doch um mein Bleiben bei
dir getan. Vernimm also, was ich dir lieber bis in die sptesten Zeiten
verborgen htte. Die Gestalt, in der du mich im Kstchen erblicktest ist mir
wirklich angeboren und natrlich; denn ich bin aus dem Stamm des Knigs Eckwald,
des mchtigen Frsten der Zwerge, von dem die wahrhafte Geschichte so vieles
meldet. Unser Volk ist noch immer wie vor alters ttig und geschftig und auch
daher leicht zu regieren. Du mut dir aber nicht vorstellen, da die Zwerge in
ihren Arbeiten zurckgeblieben sind. Sonst waren Schwerter, die den Feind
verfolgten, wenn man sie ihm nachwarf, unsichtbar und geheimnisvoll bindende
Ketten, undurchdringliche Schilder und dergleichen ihre berhmtesten Arbeiten.
Jetzt aber beschftigen sie sich hauptschlich mit Sachen der Bequemlichkeit und
des Putzes und bertreffen darin alle andern Vlker der Erde. Du wrdest
erstaunen, wenn du unsere Werksttten und Warenlager hindurchgehen solltest.
Dies wre nun alles gut, wenn nicht bei der ganzen Nation berhaupt, vorzglich
aber bei der kniglichen Familie, ein besonderer Umstand eintrte.
    Da sie einen Augenblick innehielt, ersuchte ich sie um fernere Erffnung
dieser wundersamen Geheimnisse, worin sie mir denn auch sogleich willfahrte.
    Es ist bekannt, sagte sie, da Gott, sobald er die Welt erschaffen hatte,
so da alles Erdreich trocken war und das Gebirg mchtig und herrlich dastand,
da Gott, sage ich, sogleich vor allen Dingen die Zwerglein erschuf, damit auch
vernnftige Wesen wren, welche seine Wunder im Innern der Erde auf Gngen und
Klften anstaunen und verehren knnten. Ferner ist bekannt, da dieses kleine
Geschlecht sich nachmals erhoben und sich die Herrschaft der Erde anzumaen
gedacht, weshalb denn Gott die Drachen erschaffen, um das Gezwerge ins Gebirg
zurckzudrngen. Weil aber die Drachen sich in den groen Hhlen und Spalten
selbst einzunisten und dort zu wohnen pflegten, auch viele derselben Feuer
spieen und manch anderes Wste begingen, so wurde dadurch den Zwerglein gar
groe Not und Kummer bereitet, dergestalt, da sie nicht mehr wuten, wo aus
noch ein, und sich daher zu Gott dem Herrn gar demtiglich und flehentlich
wendeten, auch ihn im Gebet anriefen, er mchte doch dieses unsaubere
Drachenvolk wieder vertilgen. Ob er nun aber gleich nach seiner Weisheit sein
Geschpf zu zerstren nicht beschlieen mochte, so ging ihm doch der armen
Zwerglein groe Not dermaen zu Herzen, da er alsobald die Riesen erschuf,
welche die Drachen bekmpfen und, wo nicht ausrotten, doch wenigstens vermindern
sollten.
    Als nun aber die Riesen so ziemlich mit den Drachen fertig geworden, stieg
ihnen gleichfalls der Mut und Dnkel, weswegen sie gar manches Frevele,
besonders auch gegen die guten Zwerglein, verbten, welche denn abermals in
ihrer Not sich zu dem Herrn wandten, der sodann aus seiner Machtgewalt die
Ritter schuf, welche die Riesen und Drachen bekmpfen und mit den Zwerglein in
guter Eintracht leben sollten. Damit war denn das Schpfungswerk von dieser
Seite beschlossen, und es findet sich, da nachher Riesen und Drachen sowie die
Ritter und Zwerge immer zusammengehalten haben. Daraus kannst du nun ersehen,
mein Freund, da wir von dem ltesten Geschlecht der Welt sind, welches uns zwar
zu Ehren gereicht, doch aber auch groen Nachteil mit sich fhrt.
    Da nmlich auf der Welt nichts ewig bestehen kann, sondern alles, was einmal
gro gewesen, klein werden und abnehmen mu, so sind auch wir in dem Falle, da
wir seit Erschaffung der Welt immer abnehmen und kleiner werden, vor allen
andern aber die knigliche Familie, welche wegen ihres reinen Blutes diesem
Schicksal am ersten unterworfen ist. Deshalb haben unsere weisen Meister schon
vor vielen Jahren den Ausweg erdacht, da von Zeit zu Zeit eine Prinzessin aus
dem kniglichen Hause heraus ins Land gesendet werde, um sich mit einem ehrsamen
Ritter zu vermhlen, damit das Zwergengeschlecht wieder angefrischt und vom
gnzlichen Verfall gerettet sei.
    Indessen meine Schne diese Worte ganz treuherzig vor brachte, sah ich sie
bedenklich an, weil es schien, als ob sie Lust habe, mir etwas aufzubinden. Was
ihre niedliche Herkunft betraf, daran hatte ich weiter keinen Zweifel; aber da
sie mich anstatt eines Ritters ergriffen hatte, das machte mir einiges
Mitrauen, indem ich mich denn doch zu wohl kannte, als da ich htte glauben
sollen, meine Vorfahren seien von Gott unmittelbar erschaffen worden.
    Ich verbarg Verwunderung und Zweifel und fragte sie freundlich: Aber sage
mir, mein liebes Kind, wie kommst du zu dieser groen und ansehnlichen Gestalt?
denn ich kenne wenig Frauen, die sich dir an prchtiger Bildung vergleichen
knnen. - Das sollst du erfahren, versetzte meine Schne. Es ist von jeher
im Rat der Zwergenknige hergebracht, da man sich so lange als mglich vor
jedem auerordentlichen Schritt in acht nehme, welches ich denn auch ganz
natrlich und billig finde. Man htte vielleicht noch lange gezaudert, eine
Prinzessin wieder einmal in das Land zu senden, wenn nicht mein nachgeborner
Bruder so klein ausgefallen wre, da ihn die Wrterinnen sogar aus den Windeln
verloren haben und man nicht wei, wo er hingekommen ist. Bei diesem in den
Jahrbchern des Zwergenreichs ganz unerhrten Falle versammelte man die Weisen,
und kurz und gut, der Entschlu ward gefat, mich auf die Freite zu schicken.
    Der Entschlu! rief ich aus; das ist wohl alles schn und gut. Man kann
sich entschlieen, man kann etwas beschlieen; aber einem Zwerglein diese
Gttergestalt zu geben, wie haben eure Weisen dies zustande gebracht?
    Es war auch schon, sagte sie, von unsern Ahnherren vorgesehen. In dem
kniglichen Schatze lag ein ungeheurer goldner Fingerring. Ich spreche jetzt von
ihm, wie er mir vorkam, da er mir, als einem Kinde, ehemals an seinem Orte
gezeigt wurde: denn es ist derselbe, den ich hier am Finger habe; und nun ging
man folgendergestalt zu Werke. Man unterrichtete mich von allem, was bevorstehe,
und belehrte mich, was ich zu tun und zu lassen habe.
    Ein kstlicher Palast, nach dem Muster des liebsten Sommeraufenthalts meiner
Eltern, wurde verfertigt: ein Hauptgebude, Seitenflgel und was man nur
wnschen kann. Er stand am Eingang einer groen Felskluft und verzierte sie aufs
beste. An dem bestimmten Tage zog der Hof dorthin und meine Eltern mit mir. Die
Armee paradierte, und vierundzwanzig Priester trugen auf einer kstlichen Bahre,
nicht ohne Beschwerlichkeit, den wundervollen Ring. Er ward an die Schwelle des
Gebudes gelegt, gleich innerhalb, wo man ber sie hinbertritt. Manche
Zeremonien wurden begangen, und nach einem herzlichen Abschiede schritt ich zum
Werke. Ich trat hinzu, legte die Hand an den Ring und fing sogleich merklich zu
wachsen an. In wenig Augenblicken war ich zu meiner gegenwrtigen Gre gelangt,
worauf ich den Ring sogleich an den Finger steckte. Nun im Nu verschlossen sich
Fenster, Tren und Tore, die Seitenflgel zogen sich ins Hauptgebude zurck,
statt des Palastes stand ein Kstchen neben mir, das ich sogleich aufhob und mit
mir forttrug, nicht ohne ein angenehmes Gefhl, so gro und so stark zu sein,
zwar immer noch ein Zwerg gegen Bume und Berge, gegen Strme wie gegen
Landstrecken, aber doch immer schon ein Riese gegen Gras und Kruter, besonders
aber gegen die Ameisen, mit denen wir Zwerge nicht immer in gutem Verhltnis
stehen und deswegen oft gewaltig von ihnen geplagt werden.
    Wie es mir auf meiner Wallfahrt erging, ehe ich dich fand, davon htte ich
viel zu erzhlen. Genug, ich prfte manchen, aber niemand als du schien mir
wert, den Stamm des herrlichen Eckwald zu erneuern und zu verewigen.
    Bei allen diesen Erzhlungen wackelte mir mitunter der Kopf, ohne da ich
ihn gerade geschttelt htte. Ich tat verschiedene Fragen, worauf ich aber keine
sonderlichen Antworten erhielt, vielmehr zu meiner grten Betrbnis erfuhr, da
sie nach dem, was begegnet, notwendig zu ihren Eltern zurckkehren msse. Sie
hoffe zwar, wieder zu mir zu kommen, doch jetzt habe sie sich unvermeidlich zu
stellen, weil sonst fr sie so wie fr mich alles verloren wre. Die Beutel
wrden bald aufhren zu zahlen, und was sonst noch alles daraus entstehen
knnte.
    Da ich hrte, da uns das Geld ausgehen drfte, fragte ich nicht weiter, was
sonst noch geschehen mchte. Ich zuckte die Achseln, ich schwieg, und sie schien
mich zu verstehen.
    Wir packten zusammen und setzten uns in den Wagen, das Kstchen gegen uns
ber, dem ich aber noch nichts von einem Palast ansehen konnte. So ging es
mehrere Stationen fort. Postgeld und Trinkgeld wurden aus den Tschchen rechts
und links bequem und reichlich bezahlt, bis wir endlich in eine gebirgige Gegend
gelangten und kaum abgestiegen waren, als meine Schne vorausging und ich auf
ihr Gehei mit dem Kstchen folgte. Sie fhrte mich auf ziemlich steilen Pfaden
zu einem engen Wiesengrund, durch welchen sich eine klare Quelle bald strzte,
bald ruhig laufend schlngelte. Da zeigte sie mir eine erhhte Flche, hie mich
das Kstchen niedersetzen und sagte: Lebe wohl: du findest den Weg gar leicht
zurck; gedenke mein, ich hoffe, dich wiederzusehen.
    In diesem Augenblick war mir's, als wenn ich sie nicht verlassen knnte. Sie
hatte gerade wieder ihren schnen Tag oder, wenn ihr wollt, ihre schne Stunde.
Mit einem so lieblichen Wesen allein, auf grner Matte, zwischen Gras und
Blumen, von Felsen beschrnkt, von Wasser umrauscht, welches Herz wre da wohl
fhllos geblieben! Ich wollte sie bei der Hand fassen, sie umarmen, aber sie
stie mich zurck und bedrohte mich, obwohl noch immer liebreich genug, mit
groer Gefahr, wenn ich mich nicht sogleich entfernte.
    Ist denn gar keine Mglichkeit, rief ich aus, da ich bei dir bleibe, da
du mich bei dir behalten knntest? Ich begleitete diese Worte mit so
jmmerlichen Gebrden und Tnen, da sie gerhrt schien und nach einigem
Bedenken mir gestand, eine Fortdauer unserer Verbindung sei nicht ganz
unmglich. Wer war glcklicher als ich! Meine Zudringlichkeit, die immer
lebhafter ward, ntigte sie endlich, mit der Sprache herauszurcken und mir zu
entdecken, da, wenn ich mich entschlsse, mit ihr so klein zu werden, als ich
sie schon gesehen, so knnte ich auch jetzt bei ihr bleiben, in ihre Wohnung, in
ihr Reich, zu ihrer Familie mit bertreten. Dieser Vorschlag gefiel mir nicht
ganz, doch konnte ich mich einmal in diesem Augenblick nicht von ihr losreien,
und ans Wunderbare seit geraumer Zeit schon gewhnt, zu raschen Entschlssen
aufgelegt, schlug ich ein und sagte, sie mchte mit mir machen, was sie wolle.
    Sogleich mute ich den kleinen Finger meiner rechten Hand ausstrecken, sie
sttzte den ihrigen dagegen, zog mit der linken Hand den goldnen Ring ganz leise
sich ab und lie ihn herber an meinen Finger laufen. Kaum war dies geschehen,
so fhlte ich einen gewaltigen Schmerz am Finger, der Ring zog sich zusammen und
folterte mich entsetzlich. Ich tat einen gewaltigen Schrei und griff
unwillkrlich um mich her nach meiner Schnen, die aber verschwunden war. Wie
mir indessen zumute gewesen, dafr wte ich keinen Ausdruck zu finden, auch
bleibt mir nichts brig zu sagen, als da ich mich sehr bald in kleiner,
niedriger Person neben meiner Schnen in einem Walde von Grashalmen befand. Die
Freude des Wiedersehens nach einer kurzen und doch so seltsamen Trennung, oder,
wenn ihr wollt, einer Wiedervereinigung ohne Trennung, bersteigt alle Begriffe.
Ich fiel ihr um den Hals, sie erwiderte meine Liebkosungen, und das kleine Paar
fhlte sich so glcklich als das groe.
    Mit einiger Unbequemlichkeit stiegen wir nunmehr an einem Hgel hinauf; denn
die Matte war fr uns beinah ein undurchdringlicher Wald geworden. Doch
gelangten wir endlich auf eine Ble, und wie erstaunt war ich, dort eine groe,
geregelte Masse zu sehen, die ich doch bald fr das Kstchen, in dem Zustand,
wie ich es hingesetzt hatte, wieder erkennen mute.
    Gehe hin, mein Freund, und klopfe mit dem Ringe nur an, du wirst Wunder
sehen, sagte meine Geliebte. Ich trat hinzu und hatte kaum angepocht, so
erlebte ich wirklich das grte Wunder. Zwei Seitenflgel bewegten sich hervor,
und zugleich fielen wie Schuppen und Spne verschiedene Teile herunter, da mir
denn Tren, Fenster, Sulengnge und alles, was zu einem vollstndigen Palaste
gehrt, auf einmal zu Gesichte kamen.
    Wer einen knstlichen Schreibtisch von Rntgen gesehen hat, wo mit einem Zug
viele Federn und Ressorts in Bewegung kommen, Pult und Schreibzeug, Brief- und
Geldfcher sich auf einmal oder kurz nacheinander entwickeln, der wird sich eine
Vorstellung machen knnen, wie sich jener Palast entfaltete, in welchen mich
meine se Begleiterin nunmehr hineinzog. In dem Hauptsaal erkannte ich sogleich
das Kamin, das ich ehemals von oben gesehen, und den Sessel, worauf sie
gesessen. Und als ich ber mich blickte, glaubte ich wirklich noch etwas von dem
Sprunge in der Kuppel zu bemerken, durch den ich hereingeschaut hatte. Ich
verschone euch mit Beschreibung des brigen; genug, alles war gerumig, kstlich
und geschmackvoll. Kaum hatte ich mich von meiner Verwunderung erholt, als ich
von fern eine militrische Musik vernahm. Meine schne Hlfte sprang vor Freuden
auf und verkndigte mir mit Entzcken die Ankunft ihres Herrn Vaters. Hier
traten wir unter die Tre und schauten, wie aus einer ansehnlichen Felskluft ein
glnzender Zug sich bewegte. Soldaten, Bediente, Hausoffizianten und ein
glnzender Hofstaat folgten hintereinander. Endlich erblickte man ein goldnes
Gedrnge und in demselben den Knig selbst. Als der ganze Zug vor dem Palast
aufgestellt war, trat der Knig mit seiner nchsten Umgebung heran. Seine
zrtliche Tochter eilte ihm entgegen, sie ri mich mit sich fort, wir warfen uns
ihm zu Fen, er hob mich sehr gndig auf, und als ich vor ihn zu stehen kam,
bemerkte ich erst, da ich freilich in dieser kleinen Welt die ansehnlichste
Statur hatte. Wir gingen zusammen nach dem Palaste, da mich der Knig in
Gegenwart seines ganzen Hofes mit einer wohlstudierten Rede, worin er seine
berraschung, uns hier zu finden, ausdrckte, zu bewillkommnen geruhte, mich als
seinen Schwiegersohn erkannte und die Trauungszeremonie auf morgen ansetzte.
    Wie schrecklich ward mir auf einmal zumute, als ich von Heirat reden hrte:
denn ich frchtete mich bisher davor fast mehr als vor der Musik selbst, die mir
doch sonst das Verhateste auf Erden schien. Diejenigen, die Musik machen,
pflegte ich zu sagen, stehen doch wenigstens in der Einbildung, untereinander
einig zu sein und in bereinstimmung zu wirken: denn wenn sie lange genug
gestimmt und uns die Ohren mit allerlei Mitnen zerrissen haben, so glauben sie
steif und fest, die Sache sei nunmehr aufs reine gebracht und ein Instrument
passe genau zum andern. Der Kapellmeister selbst ist in diesem glcklichen Wahn,
und nun geht es freudig los, unterdes uns andern immerfort die Ohren gellen. Bei
dem Ehestand hingegen ist dies nicht einmal der Fall: denn ob er gleich nur ein
Duett ist und man doch denken sollte, zwei Stimmen, ja zwei Instrumente mten
einigermaen berein gestimmt werden knnen, so trifft es doch selten zu; denn
wenn der Mann einen Ton angibt, so nimmt ihn die Frau gleich hher und der Mann
wieder hher; da geht es denn aus dem Kammerin den Chorton und immer so weiter
hinauf, da zuletzt die blasenden Instrumente selbst nicht folgen knnen. Und
also, da mir die harmonische Musik zuwider bleibt, so ist mir noch weniger zu
verdenken, da ich die disharmonische gar nicht leiden kann.
    Von allen Festlichkeiten, worunter der Tag hinging, mag und kann ich nicht
erzhlen: denn ich achtete gar wenig darauf. Das kostbare Essen, der kstliche
Wein, nichts wollte mir schmecken. Ich sann und berlegte, was ich zu tun htte.
Doch da war nicht viel auszusinnen. Ich entschlo mich, als es Nacht wurde, kurz
und gut, auf und davon zu gehen und mich irgendwo zu verbergen. Auch gelangte
ich glcklich zu einer Steinritze, in die ich mich hineinzwngte und so gut als
mglich verbarg. Mein erstes Bemhen darauf war, den unglcklichen Ring vom
Finger zu schaffen, welches jedoch mir keineswegs gelingen wollte, vielmehr
mute ich fhlen, da er immer enger ward, sobald ich ihn abzuziehen gedachte,
worber ich heftige Schmerzen litt, die aber sogleich nachlieen, sobald ich von
meinem Vorhaben abstand.
    Frhmorgens wach' ich auf - denn meine kleine Person hatte sehr gut
geschlafen - und wollte mich eben weiter umsehen, als es ber mir wie zu regnen
anfing. Es fiel nmlich durch Gras, Bltter und Blumen wie Sand und Grus in
Menge herunter; allein wie entsetzte ich mich, als alles um mich her lebendig
ward und ein unendliches Ameisenheer ber mich niederstrzte. Kaum wurden sie
mich gewahr, als sie mich von allen Seiten angriffen und, ob ich mich gleich
wacker und mutig genug verteidigte, doch zuletzt auf solche Weise zudeckten,
kneipten und peinigten, da ich froh war, als ich mir zurufen hrte, ich solle
mich ergeben. Ich ergab mich wirklich und gleich, worauf denn eine Ameise von
ansehnlicher Statur sich mit Hflichkeit, ja mit Ehrfurcht nherte und sich
sogar meiner Gunst empfahl. Ich vernahm, da die Ameisen Alliierte meines
Schwiegervaters geworden und da er sie im gegenwrtigen Fall aufgerufen und
verpflichtet, mich herbeizuschaffen. Nun war ich Kleiner in den Hnden von noch
Kleinern. Ich sah der Trauung entgegen und mute noch Gott danken, wenn mein
Schwiegervater nicht zrnte, wenn meine Schne nicht verdrielich geworden.
    Lat mich nun von allen Zeremonien schweigen; genug, wir waren verheiratet.
So lustig und munter es jedoch bei uns herging, so fanden sich dessenungeachtet
einsame Stunden, in denen man zum Nachdenken verleitet wird, und mir begegnete,
was mir noch niemals begegnet war; was aber und wie, das sollt ihr vernehmen.
    Alles um mich her war meiner gegenwrtigen Gestalt und meinen Bedrfnissen
vllig gem, die Flaschen und Becher einem kleinen Trinker wohl proportioniert,
ja, wenn man will, verhltnismig besseres Ma als bei uns. Meinem kleinen
Gaumen schmeckten die zarten Bissen vortrefflich, ein Ku von dem Mndchen
meiner Gattin war gar zu reizend, und ich leugne nicht, die Neuheit machte mir
alle diese Verhltnisse hchst angenehm. Dabei hatte ich jedoch leider meinen
vorigen Zustand nicht vergessen. Ich empfand in mir einen Mastab voriger Gre,
welches mich unruhig und unglcklich machte. Nun begriff ich zum erstenmal, was
die Philosophen unter ihren Idealen verstehen mchten, wodurch die Menschen so
geqult sein sollen. Ich hatte ein Ideal von mir selbst und erschien mir
manchmal im Traum wie ein Riese. Genug, die Frau, der Ring, die Zwergenfigur, so
viele andere Bande machten mich ganz und gar unglcklich, da ich auf meine
Befreiung im Ernst zu denken begann.
    Weil ich berzeugt war, da der ganze Zauber in dem Ring verborgen liege, so
beschlo ich, ihn abzufeilen. Ich entwendete deshalb dem Hofjuwelier einige
Feilen. Glcklicherweise war ich links, und ich hatte in meinem Leben niemals
etwas rechts gemacht. Ich hielt mich tapfer an die Arbeit; sie war nicht gering:
denn das goldne Reifchen, so dnn es aussah, war in dem Verhltnis dichter
geworden, als es sich aus seiner ersten Gre zusammengezogen hatte. Alle freien
Stunden wendete ich unbeobachtet an dieses Geschft und war klug genug, als das
Metall bald durchgefeilt war, vor die Tre zu treten. Das war mir geraten: denn
auf einmal sprang der goldne Reif mit Gewalt vom Finger, und meine Figur scho
mit solcher Heftigkeit in die Hhe, da ich wirklich an den Himmel zu stoen
glaubte und auf alle Flle die Kuppel unseres Sommerpalastes durchgestoen, ja
das ganze Sommergebude durch meine frische Unbehlflichkeit zerstrt haben
wrde.
    Da stand ich nun wieder, freilich um so vieles grer, allein, wie mir
vorkam, auch um vieles dmmer und unbehlflicher. Und als ich mich aus meiner
Betubung erholt, sah ich die Schatulle neben mir stehen, die ich ziemlich
schwer fand, als ich sie aufhob und den Fupfad hinunter nach der Station trug,
wo ich denn gleich einspannen und fortfahren lie. Unterwegs machte ich sogleich
den Versuch, mit den Tschchen an beiden Seiten. An der Stelle des Geldes,
welches ausgegangen schien, fand ich ein Schlsselchen; es gehrte zur
Schatulle, in welcher ich einen ziemlichen Ersatz fand. Solange das vorhielt,
bediente ich mich des Wagens; nachher wurde dieser verkauft, um mich auf dem
Postwagen fortzubringen. Die Schatulle schlug ich zuletzt los, weil ich immer
dachte, sie sollte sich noch einmal fllen, und so kam ich denn endlich,
obgleich durch einen ziemlichen Umweg, wieder an den Herd zur Kchin, wo ihr
mich zuerst habt kennen lernen.

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                              Hersilie an Wilhelm

Bekanntschaften, wenn sie sich auch gleichgltig ankndigen, haben oft die
wichtigsten Folgen, und nun gar die Ihrige, die gleich von Anfang nicht
gleichgltig war. Der wunderliche Schlssel kam in meine Hnde als ein seltsames
Pfand; nun besitze ich das Kstchen auch. Schlssel und Kstchen, was sagen Sie
dazu? Was soll man dazu sagen? Hren Sie, wie's zuging:
    Ein junger, feiner Mann lt sich bei meinem Oheim melden und erzhlt, da
der kuriose Antiquittenkrmer, der mit Ihnen lange in Verbindung gestanden, vor
kurzem gestorben sei und ihm die ganze merkwrdige Verlassenschaft bertragen,
zugleich aber zur Pflicht gemacht habe, alles fremde Eigentum, was eigentlich
nur deponiert sei, unverzglich zurckzugeben. Eignes Gut beunruhige niemanden,
denn man habe den Verlust allein zu ertragen; fremdes Gut jedoch zu bewahren,
habe er sich nur in besondern Fllen erlaubt, ihm wolle er diese Last nicht
aufbrden, ja er verbiete ihm, in vterlicher Liebe und Autoritt, sich damit zu
befassen. Und hiemit zog er das Kstchen hervor, das, wenn ich es schon aus der
Beschreibung kannte, mir doch ganz vorzglich in die Augen fiel.
    Der Oheim, nachdem er es von allen Seiten besehen, gab es zurck und sagte:
Auch er habe es sich zur Pflicht gemacht, in gleichem Sinne zu handeln und sich
mit keiner Antiquitt, sie sei auch noch so schn und wunderbar, zu belasten,
wenn er nicht wisse, wem sie frher angehrt und was fr eine historische
Merkwrdigkeit damit zu verknpfen sei. Nun zeige dieses Kstchen weder
Buchstaben noch Ziffer, weder Jahrzahl noch sonst eine Andeutung, woraus man den
frhern Besitzer oder Knstler erraten knne, es sei ihm also vllig unntz und
ohne Interesse.
    Der junge Mann stand in groer Verlegenheit und fragte nach einigem
Besinnen, ob er nicht erlauben wolle, solches bei seinen Gerichten
niederzulegen? Der Oheim lchelte, wandte sich zu mir und sprach: Das wr' ein
hbsches Geschft fr dich, Hersilie; du hast ja auch allerlei Schmuck und
zierliche Kostbarkeiten, leg' es dazu; denn ich wollte wetten, der Freund, der
dir nicht gleichgltig blieb, kommt gelegentlich wieder und holt es ab.
    Das mu ich nun so hinschreiben, wenn ich treu erzhlen will, und sodann mu
ich bekennen, ich sah das Kstchen mit neidischen Augen an, und eine gewisse
Habsucht bemchtigte sich meiner. Mir widerte, das herrliche, dem holden Felix
vom Schicksal zugedachte Schatzkstlein in dem alt-eisernen, verrosteten
Depositenkasten der Gerichtsstube zu wissen. Wnschelrutenartig zog sich die
Hand darnach, mein bichen Vernunft hielt sie zurck; ich hatte ja den
Schlssel, das durfte ich nicht entdecken; und sollte ich mir die Qual antun,
das Schlo unerffnet zu lassen, oder mich der unbefugten Khnheit hingeben, es
aufzuschlieen? Allein, ich wei nicht, war es Wunsch oder Ahnung, ich stellte
mir vor, Sie kmen, kmen bald, wren schon da, wenn ich auf mein Zimmer trte;
genug, es war mir so wunderlich, so seltsam, so konfus, wie es mir immer geht,
wenn ich aus meiner gleichmtigen Heiterkeit herausgentigt werde. Ich sage
nichts weiter, beschreibe nicht, entschuldige nicht; genug, hier liegt das
Kstchen vor mir in meiner Schatulle, der Schlssel daneben, und wenn Sie eine
Art von Herz und Gemt haben, so denken Sie, wie mir zumute ist, wie viele
Leidenschaften sich in mir herumkmpfen, wie ich Sie herwnsche, auch wohl Felix
dazu, da es ein Ende werde, wenigstens da eine Deutung vorgehe, was damit
gemeint sei, mit diesem wunderbaren Finden, Wiederfinden, Trennen und
Vereinigen; und sollte ich auch nicht aus aller Verlegenheit gerettet werden, so
wnsche ich wenigstens sehnlichst, da diese sich aufklre, sich endige, wenn
mir auch, wie ich frchte, etwas Schlimmeres begegnen sollte.

                                 Achtes Kapitel


Unter den Papieren, die uns zur Redaktion vorliegen, finden wir einen Schwank,
den wir ohne weitere Vorbereitung hier einschalten, weil unsre Angelegenheiten
immer ernsthafter werden und wir fr dergleichen Unregelmigkeiten fernerhin
keine Stelle finden mchten.
    Im ganzen mchte diese Erzhlung dem Leser nicht unangenehm sein, wie sie
St. Christoph am heitern Abend einem Kreise versammelter lustiger Gesellen
vortrug.


                             Die gefhrliche Wette

Es ist bekannt, da die Menschen, sobald es ihnen einigermaen wohl und nach
ihrem Sinne geht, alsobald nicht wissen, was sie vor bermut anfangen sollen;
und so hatten denn auch mutwillige Studenten die Gewohnheit, whrend der Ferien
scharenweis das Land zu durchziehen und nach ihrer Art Suiten zu reien, welche
freilich nicht immer die besten Folgen hatten. Sie waren gar verschiedener Art,
wie sie das Burschenleben zusammenfhrt und bindet. Ungleich von Geburt und
Wohlhabenheit, Geist und Bildung, aber alle gesellig in einem heitern Sinne
miteinander einander sich fortbewegend und treibend. Mich aber whlten sie oft
zum Gesellen: denn wenn ich schwerere Lasten trug als einer von ihnen, so muten
sie mir denn auch den Ehrentitel eines groen Suitiers erteilen, und zwar
hauptschlich deshalb, weil ich seltener, aber desto krftiger meine Possen
trieb, wovon denn folgendes ein Zeugnis geben mag.
    Wir hatten auf unseren Wanderungen ein angenehmes Bergdorf erreicht, das bei
einer abgeschiedenen Lage den Vorteil einer Poststation und in groer Einsamkeit
ein paar hbsche Mdchen zu Bewohnerinnen hatte. Man wollte ausruhen, die Zeit
verschlendern, verliebeln, eine Weile wohlfeiler leben und deshalb desto mehr
Geld vergeuden.
    Es war gerade nach Tisch, als einige sich im erhhten, andere im
erniedrigten Zustand befanden. Die einen lagen und schliefen ihren Rausch aus;
die andern htten ihn gern auf irgendeine mutwillige Weise ausgelassen. Wir
hatten ein paar groe Zimmer im Seitenflgel nach dem Hof zu. Eine schne
Equipage, die mit vier Pferden hereinrasselte, zog uns an die Fenster. Die
Bedienten sprangen vom Bock und halfen einem Herrn von stattlichem, vornehmem
Ansehen heraus, der ungeachtet seiner Jahre noch rstig genug auftrat. Seine
groe, wohlgebildete Nase fiel mir zuerst ins Gesicht, und ich wei nicht, was
fr ein bser Geist mich anhauchte, so da ich in einem Augenblick den tollsten
Plan erfand und ihn, ohne weiter zu denken, sogleich auszufhren begann.
    Was dnkt euch von diesem Herrn? fragte ich die Gesellschaft. - Er sieht
aus, versetzte der eine, als ob er so nicht mit sich spaen lasse. - Ja,
ja, sagte der andre, er hat ganz das Ansehen so eines vornehmen
Rhrmichnichtan. - Und dessenungeachtet, erwiderte ich ganz getrost, was
wettet ihr, ich will ihn bei der Nase zupfen, ohne da mir deshalb etwas bles
widerfahre; ja ich will mir sogar dadurch einen gndigen Herrn an ihm
verdienen.
    Wenn du es leistest, sagte Raufbold, so zahlt dir jeder einen Louisdor.
- Kassieren Sie das Geld fr mich ein, rief ich aus; auf Sie verlasse ich
mich. - Ich mchte lieber einem Lwen ein Haar von der Schnauze raufen, sagte
der Kleine. - Ich habe keine Zeit zu verlieren, versetzte ich und sprang die
Treppe hinunter.
    Bei dem ersten Anblick des Fremden hatte ich bemerkt, da er einen sehr
starken Bart hatte, und vermutete, da keiner von seinen Leuten rasieren knne.
Nun begegnete ich dem Kellner und fragte: Hat der Fremde nicht nach einem
Barbier gefragt? - Freilich! versetzte der Kellner, und es ist eine rechte
Not. Der Kammerdiener des Herrn ist schon zwei Tage zurckgeblieben. Der Herr
will seinen Bart absolut los sein, und unser einziger Barbier, wer wei, wo er
in die Nachbarschaft hingegangen.
    So meldet mich an, versetzte ich; fhrt mich als Bartscherer bei dem
Herrn nur ein, und Ihr werdet Ehre mit mir einlegen. Ich nahm das Rasierzeug,
das ich im Hause fand, und folgte dem Kellner.
    Der alte Herr empfing mich mit groer Gravitt, besah mich von oben bis
unten, als ob er meine Geschicklichkeit aus mir herausphysiognomieren wollte.
Versteht Er Sein Handwerk? sagte er zu mir.
    Ich suche meinesgleichen, versetzte ich, ohne mich zu rhmen. Auch war
ich meiner Sache gewi: denn ich hatte frh die edle Kunst getrieben und war
besonders deswegen berhmt, weil ich mit der linken Hand rasierte.
    Das Zimmer, in welchem der Herr seine Toilette machte, ging nach dem Hof und
war gerade so gelegen, da unsere Freunde fglich hereinsehen konnten, besonders
wenn die Fenster offen waren. An gehriger Vorrichtung fehlte nichts mehr. Der
Patron hatte sich gesetzt und das Tuch vorgenommen. Ich trat ganz
bescheidentlich vor ihn hin und sagte: Exzellenz! mir ist bei Ausbung meiner
Kunst das Besondere vorgekommen, da ich die gemeinen Leute besser und zu
mehrerer Zufriedenheit rasiert habe als die Vornehmen. Darber habe ich denn
lange nachgedacht und die Ursache bald da, bald dort gesucht, endlich aber
gefunden, da ich meine Sache in freier Luft viel besser mache als in
verschlossenen Zimmern. Wollten Ew. Exzellenz deshalb erlauben, da ich die
Fenster aufmache, so wrden Sie den Effekt zu eigener Zufriedenheit gar bald
empfinden. Er gab es zu, ich ffnete das Fenster, gab meinen Freunden einen
Wink und fing an, den starken Bart mit groer Anmut einzuseifen. Ebenso behend
und leicht strich ich das Stoppelfeld vom Boden weg, wobei ich nicht versumte,
als es an die Oberlippe kam, meinen Gnner bei der Nase zu fassen und sie
merklich herber und hinber zu biegen, wobei ich mich so zu stellen wute, da
die Wettenden zu ihrem grten Vergngen erkennen und bekennen muten, ihre
Seite habe verloren.
    Sehr stattlich bewegte sich der alte Herr gegen den Spiegel: man sah, da er
sich mit einiger Geflligkeit betrachtete, und wirklich, es war ein sehr schner
Mann. Dann wendete er sich zu mir mit einem feurigen schwarzen, aber
freundlichen Blick und sagte: Er verdient, mein Freund, vor vielen
seinesgleichen gelobt zu werden, denn ich bemerke an Ihm weit weniger Unarten
als an andern. So fhrt Er nicht zwei-, dreimal ber dieselbige Stelle, sondern
es ist mit einem Strich getan; auch streicht Er nicht, wie mehrere tun, sein
Schermesser in der flachen Hand ab und fhrt den Unrat nicht der Person ber die
Nase. Besonders aber ist Seine Geschicklichkeit der linken Hand zu bewundern.
Hier ist etwas fr Seine Mhe, fuhr er fort, indem er mir einen Gulden reichte.
Nur eines merk' Er sich: da man Leute von Stande nicht bei der Nase fat. Wird
Er diese burische Sitte knftig vermeiden, so kann Er wohl noch in der Welt
sein Glck machen.
    Ich verneigte mich tief, versprach alles mgliche, bat ihn, bei
allenfallsiger Rckkehr mich wieder zu beehren, und eilte, was ich konnte, zu
unseren jungen Gesellen, die mir zuletzt ziemlich Angst gemacht hatten. Denn sie
verfhrten ein solches Gelchter und ein solches Geschrei, sprangen wie toll in
der Stube herum, klatschten und riefen, weckten die Schlafenden und erzhlten
die Begebenheit immer mit neuem Lachen und Toben, da ich selbst, als ich ins
Zimmer trat, die Fenster vor allen Dingen zumachte und sie um Gottes willen bat,
ruhig zu sein, endlich aber mitlachen mute ber das Aussehen einer nrrischen
Handlung, die ich mit so vielem Ernste durchgefhrt hatte.
    Als nach einiger Zeit sich die tobenden Wellen des Lachens einigermaen
gelegt hatten, hielt ich mich fr glcklich; die Goldstcke hatte ich in der
Tasche und den wohlverdienten Gulden dazu, und ich hielt mich fr ganz wohl
ausgestattet, welches mir um so erwnschter war, als die Gesellschaft
beschlossen hatte, des andern Tages auseinanderzugehen. Aber uns war nicht
bestimmt, mit Zucht und Ordnung zu scheiden. Die Geschichte war zu reizend, als
da man sie htte bei sich behalten knnen, so sehr ich auch gebeten und
beschworen hatte, nur bis zur Abreise des alten Herrn reinen Mund zu halten.
Einer bei uns, der Fahrige genannt, hatte ein Liebesverstndnis mit der Tochter
des Hauses. Sie kamen zusammen, und Gott wei, ob er sie nicht besser zu
unterhalten wute, genug, er erzhlt ihr den Spa, und so wollten sie sich nun
zusammen totlachen. Dabei blieb es nicht, sondern das Mdchen brachte die Mre
lachend weiter, und so mochte sie endlich noch kurz vor Schlafengehen an den
alten Herrn gelangen.
    Wir saen ruhiger als sonst: denn es war den Tag ber genug getobt worden,
als auf einmal der kleine Kellner, der uns sehr zugetan war, hereinsprang und
rief: Rettet euch, man wird euch totschlagen! Wir fuhren auf und wollten mehr
wissen; er aber war schon zur Tre wieder hinaus. Ich sprang auf und schob den
Nachtriegel vor; schon aber hrten wir an der Tre pochen und schlagen, ja wir
glaubten zu hren, da sie durch eine Axt gespalten werde. Maschinenmig zogen
wir uns ins zweite Zimmer zurck, alle waren verstummt: Wir sind verraten,
rief ich aus, der Teufel hat uns bei der Nase!
    Raufbold griff nach seinem Degen, ich zeigte hier abermals meine Riesenkraft
und schob ohne Beihlfe eine schwere Kommode vor die Tre, die glcklicherweise
hereinwrts ging. Doch hrten wir schon das Gepolter im Vorzimmer und die
heftigsten Schlge an unsere Tre.
    Raufbold schien entschieden, sich zu verteidigen, wiederholt aber rief ich
ihm und den brigen zu: Rettet euch! hier sind Schlge zu frchten nicht
allein, aber Beschimpfung, das Schlimmere fr den Edelgebornen. Das Mdchen
strzte herein, dieselbe, die uns verraten hatte, nun verzweifelnd, ihren
Liebhaber in Todesgefahr zu wissen. Fort, fort! rief sie und fate ihn an;
fort, fort! ich bring' euch ber Bden, Scheunen und Gnge. Kommt alle, der
letzte zieht die Leiter nach.
    Alles strzte nun zur Hintertre hinaus; ich hob noch einen Koffer auf die
Kiste, um die schon hereinbrechenden Fllungen der belagerten Tre
zurckzuschieben und festzuhalten. Aber meine Beharrlichkeit, mein Trutz wollte
mir verderblich werden.
    Als ich den brigen nachzueilen rannte, fand ich die Leiter schon aufgezogen
und sah alle Hoffnung, mich zu retten, gnzlich versperrt. Da steh' ich nun,
ich, der eigentliche Verbrecher, der ich mit heiler Haut, mit ganzen Knochen zu
entrinnen schon aufgab. Und wer wei - doch lat mich immer dort in Gedanken
stehen, da ich jetzt hier gegenwrtig euch das Mrchen vorerzhlen kann. Nur
vernehmt noch, da diese verwegene Suite sich in schlechte Folgen verlor.
    Der alte Herr, tief gekrnkt von Verhhnung ohne Rache, zog sich's zu
Gemte, und man behauptet, dieses Ereignis habe seinen Tod zur Folge gehabt, wo
nicht unmittelbar, doch mitwirkend. Sein Sohn, den Ttern auf die Spur zu
gelangen trachtend, erfuhr unglcklicherweise die Teilnahme Raufbolds, und erst
nach Jahren hierber ganz klar, forderte er diesen heraus, und eine Wunde, ihn,
den schnen Mann, entstellend, ward rgerlich fr das ganze Leben. Auch seinem
Gegner verdarb dieser Handel einige schne Jahre, durch zufllig sich
anschlieende Ereignisse.
    Da nun jede Fabel eigentlich etwas lehren soll, so ist euch allen, wohin die
gegenwrtige gemeint sei, wohl berklar und deutlich.

                                Neuntes Kapitel


Der hchst bedeutende Tag war angebrochen, heute sollten die ersten Schritte zur
allgemeinen Fortwanderung eingeleitet werden, heut sollte sich's entscheiden,
wer denn wirklich in die Welt hinaus gehen, oder wer lieber diesseits, auf dem
zusammenhangenden Boden der alten Erde verweilen und sein Glck versuchen wolle.
    Ein munteres Lied erscholl in allen Straen des heitern Fleckens; Massen
taten sich zusammen, die einzelnen Glieder eines jeden Handwerks schlossen sich
aneinander an, und so zogen sie, unter einstimmigem Gesang, nach einer durch das
Los entschiedenen Ordnung in den Saal.
    Die Vorgesetzten, wie wir Lenardo, Friedrichen und den Amtmann bezeichnen
wollen, waren eben im Begriff, ihnen zu folgen und den gebhrenden Platz
einzunehmen, als ein Mann von einnehmendem Wesen zu ihnen trat und sich die
Erlaubnis ausbat, an der Versammlung teilnehmen zu knnen. Ihm wre nichts
abzuschlagen gewesen, so gesittet, zuvorkommend und freundlich war sein
Betragen, wodurch eine imposante Gestalt, welche sowohl nach der Armee als dem
Hofe und dem geselligen Leben hindeutete, sich hchst anmutig erwies. Er trat
mit den brigen hinein, man berlie ihm einen Ehrenplatz; alle hatten sich
gesetzt, Lenardo blieb stehen und fing folgendermaen zu reden an:
    Betrachten wir, meine Freunde, des festen Landes bewohnteste Provinzen und
Reiche, so finden wir berall, wo sich nutzbarer Boden hervortut, denselben
bebaut, bepflanzt, geregelt, verschnt und in gleichem Verhltnis gewnscht, in
Besitz genommen, befestigt und verteidigt. Da berzeugen wir uns denn von dem
hohen Wert des Grundbesitzes und sind gentigt, ihn als das Erste, das Beste
anzusehen, was dem Menschen werden knne. Finden wir nun, bei nherer Ansicht,
Eltern- und Kinderliebe, innige Verbindung der Flur- und Stadtgenossen, somit
auch das allgemeine patriotische Gefhl unmittelbar auf den Boden gegrndet,
dann erscheint uns jenes Ergreifen und Behaupten des Raums, im groen und
kleinen, immer bedeutender und ehrwrdiger. Ja, so hat es die Natur gewollt! Ein
Mensch, auf der Scholle geboren, wird ihr durch Gewohnheit angehrig, beide
verwachsen miteinander, und sogleich knpfen sich die schnsten Bande. Wer
mchte denn wohl die Grundfeste alles Daseins widerwrtig berhren, Wert und
Wrde so schner, einziger Himmelsgabe verkennen?
    Und doch darf man sagen: Wenn das, was der Mensch besitzt, von groem Wert
ist, so mu man demjenigen, was er tut und leistet, noch einen grern
zuschreiben. Wir mgen daher bei vlligem berschauen den Grundbesitz als einen
kleineren Teil der uns verliehenen Gter betrachten. Die meisten und hchsten
derselben bestehen aber eigentlich im Beweglichen und in demjenigen, was durchs
bewegte Leben gewonnen wird.
    Hiernach uns umzusehen, werden wir Jngeren besonders gentigt; denn htten
wir auch die Lust, zu bleiben und zu verharren, von unsern Vtern geerbt, so
finden wir uns doch tausendfltig aufgefordert, die Augen vor weiterer Aus- und
Umsicht keineswegs zu verschlieen. Eilen wir deshalb schnell ans Meeresufer und
berzeugen uns mit einem Blick, welch unermeliche Rume der Ttigkeit
offenstehen, und bekennen wir schon bei dem bloen Gedanken uns ganz anders
aufgeregt.
    Doch in solche grenzenlose Weiten wollen wir uns nicht verlieren, sondern
unsere Aufmerksamkeit dem zusammenhngenden, weiten, breiten Boden so mancher
Lnder und Reiche zuwenden. Dort sehen wir groe Strecken des Landes von Nomaden
durchzogen, deren Stdte beweglich, deren lebendig-nhrender Herdenbesitz
berall hinzuleiten ist. Wir sehen sie inmitten der Wste, auf groen grnen
Weidepltzen, wie in erwnschten Hfen vor Anker liegen. Solche Bewegung,
solches Wandern wird ihnen zur Gewohnheit, zum Bedrfnis; endlich betrachten sie
die Oberflche der Welt, als wre sie nicht durch Berge gedmmt, nicht von
Flssen durchzogen. Haben wir doch den Nordosten gesehen sich gegen Sdwesten
bewegen, ein Volk das andere vor sich hertreiben, Herrschaft und Grundbesitz
durchaus verndert.
    Von bervlkerten Gegenden her wird sich ebendasselbe in dem groen Weltlauf
noch mehrmals ereignen. Was wir von Fremden zu erwarten haben, wre schwer zu
sagen; wundersam aber ist es, da durch eigene bervlkerung wir uns einander
innerlich drngen und, ohne erst abzuwarten, da wir vertrieben werden, uns
selbst vertreiben, das Urteil der Verbannung gegen einander selbst aussprechend.
    Hier ist nun Zeit und Ort, ohne Verdru und Mimut in unserm Busen einer
gewissen Beweglichkeit Raum zu geben, die ungeduldige Lust nicht zu
unterdrcken, die uns antreibt, Platz und Ort zu verndern. Doch was wir auch
sinnen und vorhaben, geschehe nicht aus Leidenschaft, noch aus irgendeiner
andern Ntigung, sondern aus einer dem besten Rat entsprechenden berzeugung.
    Man hat gesagt und wiederholt: Wo mir's wohl geht, ist mein Vaterland!; doch
wre dieser trstliche Spruch noch besser ausgedrckt, wenn es hiee: Wo ich
ntze, ist mein Vaterland! Zu Hause kann einer unntz sein, ohne da es eben
sogleich bemerkt wird; auen in der Welt ist der Unntze gar bald offenbar. Wenn
ich nun sage: Trachte jeder, berall sich und andern zu nutzen!, so ist dies
nicht etwa Lehre noch Rat, sondern der Ausspruch des Lebens selbst.
    Nun beschaue man den Erdball und lasse das Meer vorerst unbeachtet, man
lasse sich von dem Schiffsgewimmel nicht mit fortreien und hefte den Blick auf
das feste Land und staune, wie es mit einem sich wimmelnd durchkreuzenden
Ameisengeschlecht bergossen ist. Hiezu hat Gott der Herr selbst Anla gegeben,
indem er, den babylonischen Turmbau verhindernd, das Menschengeschlecht in alle
Welt zerstreute. Lasset uns ihn darum preisen, denn dieser Segen ist auf alle
Geschlechter bergegangen.
    Bemerket nun mit Heiterkeit, wie sich alle Jugend sogleich in Bewegung
setzt. Da ihr der Unterricht weder im Hause noch an der Tre geboten wird, eilt
sie alsobald nach Lndern und Stdten, wohin sie der Ruf des Wissens und der
Weisheit verlockt; nach empfangener schneller, miger Bildung fhlt sie sich
sogleich getrieben, weiter in der Welt umherzuschauen, ob sie da oder dort
irgendeine nutzbare Erfahrung, zu ihren Zwecken behlflich, auffinden und
erhaschen knne. Mgen sie denn ihr Glck versuchen! wir aber gedenken sogleich
vollendeter, ausgezeichneter Mnner, jener edlen Naturforscher, die jeder
Beschwerlichkeit, jeder Gefahr wissentlich entgegengehen, um der Welt die Welt
zu erffnen und durch das Unwegsamste hindurch Pfad und Bahn zu bereiten.
    Sehet aber auch auf glatten Heerstraen Staub auf Staub in langen
Wolkenzgen emporgeregt, die Spur bezeichnend bequemer, berpackter Wgen, worin
Vornehme, Reiche und so manche andere dahinrollen, deren verschiedene Denkweise
und Absicht Yorik uns gar zierlich auseinandersetzt.
    Mge nun aber der wackere Handwerker ihnen zu Fue getrost nachschauen, dem
das Vaterland zur Pflicht machte, fremde Geschicklichkeit sich anzueignen und
nicht eher, als bis ihm dies gelungen, an den vterlichen Herd zurckzukehren.
Hufiger aber begegnen wir auf unsern Wegen Marktenden und Handelnden; ein
kleiner Krmer sogar darf nicht versumen, von Zeit zu Zeit seine Bude zu
verlassen, Messen und Mrkte zu besuchen, um sich dem Grohndler zu nhern und
seinen kleinen Vorteil am Beispiel, an der Teilnahme des Grenzenlosen zu
steigern. Aber noch unruhiger durchkreuzt sich einzeln, zu Pferde, auf allen
Haupt- und Nebenstraen die Menge derer, die auf unsern Beutel auch gegen unser
Wollen Anspruch zu machen beflissen sind. Muster aller Art und
Preisverzeichnisse verfolgen uns in Stadt- und Landhusern, und wohin wir uns
auch flchten mgen, geschftig berraschen sie uns, Gelegenheit bietend, welche
selbst aufzusuchen niemand in den Sinn gekommen wre. Was soll ich aber nun von
dem Volke sagen, das den Segen des ewigen Wanderns vor allen andern sich
zueignet und durch seine bewegliche Ttigkeit die Ruhenden zu berlisten und die
Mitwandern den zu berschreiten versteht? Wir drfen weder Gutes noch Bses von
ihnen sprechen; nichts Gutes, weil sich unser Bund vor ihnen htet, nichts
Bses, weil der Wanderer jeden Begegnenden freundlich zu behandeln,
wechselseitigen Vorteils eingedenk, verpflichtet ist.
    Nun aber vor allen Dingen haben wir der smtlichen Knstler mit Teilnahme zu
gedenken, denn sie sind auch durchaus in die Weltbewegung mit verflochten.
Wandert nicht der Maler mit Staffelei und Palette von Gesicht zu Gesicht? und
werden seine Kunstgenossen nicht bald da-, bald dorthin berufen, weil berall zu
bauen und zu bilden ist? Lebhafter jedoch schreitet der Musiker daher, denn er
ist es eigentlich, der fr ein neues Ohr neue berraschung, fr einen frischen
Sinn frisches Erstaunen bereitet. Die Schauspieler sodann, wenn sie gleich
Thespis' Wagen verschmhen, ziehen doch noch immer in kleineren Chren umher,
und ihre bewegliche Welt ist an jeder Stelle behend genug auferbaut. Ebenso
verndern sie einzeln, sogar ernste, vorteilhafte Verbindungen aufgebend, gern
den Ort mit dem Orte, wozu ein gesteigertes Talent mit zugleich gesteigertem
Bedrfnis Anla und Vorwand gibt. Hierzu bereiten sie sich gewhnlich dadurch
vor, da sie kein bedeutendes Brettergerst des Vaterlandes unbestiegen lassen.
    Hiernach werden wir sogleich gemahnt, auf den Lehrstand zu sehen; diesen
findet ihr gleichfalls in fortdauernder Bewegung, ein Katheder um das andere
wird betreten und verlassen, um den Samen eiliger Bildung ja nach allen Seiten
hin reichlich auszuspenden. Emsiger aber und weiter ausgreifend sind jene
frommen Seelen, die, das Heil den Vlkern zu bringen, sich durch alle Weltteile
zerstreuen. Dagegen pilgern andere, sich das Heil abzuholen; sie ziehen zu
ganzen Scharen nach geweihter, wunderttiger Stelle, dort zu suchen und zu
empfangen, was ihrem Innern zu Hause nicht verliehen ward.
    Wenn uns nun diese smtlich nicht in Verwunderung setzen, weil ihr Tun und
Lassen ohne Wandern meist nicht denkbar wre, so sollten wir diejenigen, die
ihren Flei dem Boden widmen, doch wenigstens an denselben gefesselt halten.
Keineswegs! Auch ohne Besitz lt sich Benutzung denken, und wir sehen den
eifrigen Landwirt eine Flur verlassen, die ihm als Zeitpchter Vorteil und
Freude mehrere Jahre gewhrt hat; ungeduldig forscht er nach gleichen oder
greren Vorteilen, es sei nah oder fern. Ja sogar der Eigentmer verlt seinen
erst gerodeten Neubruch, sobald er ihn durch Kultur einem weniger gewandten
Besitzer erst angenehm gemacht hat; aufs neue dringt er in die Wste, macht sich
abermals in Wldern Platz, zur Belohnung jenes ersten Bemhens einen doppelt und
dreifach grern Raum, auf dem er vielleicht auch nicht zu beharren gedenkt.
    Lassen wir ihn dort mit Bren und anderm Getier sich herumschlagen und
kehren in die gebildete Welt zurck, wo wir es auch keineswegs beruhigter
antreffen. Irgendein groes, geregeltes Reich beschaue man, wo der Fhigste sich
als den Beweglichsten denken mu; nach dem Winke des Frsten, nach Anordnung des
Staatsrats wird der Brauchbare von einem Ort zum andern versetzt. Auch ihm gilt
unser Zuruf: Suchet berall zu ntzen, berall seid ihr zu Hause. Sehen wir aber
bedeutende Staatsmnner, obwohl ungern, ihren hohen Posten verlassen, so haben
wir Ursache, sie zu bedauern, da wir sie weder als Auswanderer noch als Wanderer
anerkennen drfen; nicht als Auswanderer, weil sie einen wnschenswerten Zustand
entbehren, ohne da irgendeine Aussicht auf bessere Zustnde sich auch nur
scheinbar erffnete; nicht als Wanderer, weil ihnen anderer Orten auf irgendeine
Weise ntzlich zu sein selten vergnnt ist.
    Zu einem eigenen Wanderleben jedoch ist der Soldat berufen; selbst im
Frieden wird ihm bald dieser, bald jener Posten angewiesen; frs Vaterland nah
oder fern zu streiten, mu er sich immer beweglich erhalten; und nicht nur frs
unmittelbare Heil, sondern auch nach dem Sinne der Vlker und Herrscher wendet
er seinen Schritt allen Weltteilen zu, und nur wenigen ist es vergnnt, sich hie
oder da anzusiedeln. Wie nun bei dem Soldaten die Tapferkeit als erste
Eigenschaft obenan steht, so wird sie doch stets mit der Treue verbunden
gedacht, deshalb wir denn gewisse wegen ihrer Zuverlssigkeit gerhmte Vlker,
aus der Heimat gerufen, weltlichen und geistlichen Regenten als Leibwache dienen
sehen.
    Noch eine sehr bewegliche, dem Staat unentbehrliche Klasse erblicken wir in
jenen Geschftsmnnern, welche, von Hof zu Hofe gesandt, Frsten und Minister
umlagern und die ganze bewohnte Welt mit unsichtbaren Fden berkreuzen. Auch
deren ist keiner an Ort und Stelle auch nur einen Augenblick sicher; im Frieden
sendet man die tchtigsten von einer Weltgegend zur andern; im Kriege, dem
siegenden Heere nachziehend, dem flchtigen die Wege bahnend, sind sie immer
eingerichtet, einen Ort um den andern zu verlassen, deshalb sie auch jederzeit
einen groen Vorrat von Abschiedskarten mit sich fhren.
    Haben wir uns nun bisher auf jedem Schritt zu ehren gewut, indem wir die
vorzglichste Masse ttiger Menschen als unsere Gesellen und Schicksalsgenossen
angesprochen, so stehet euch, teure Freunde, zum Abschlu noch die hchste Gunst
bevor, indem ihr euch mit Kaisern, Knigen und Frsten verbrdert findet. Denken
wir zuerst segnend jenes edlen kaiserlichen Wanderers Hadrian, welcher zu Fu,
an der Spitze seines Heers, den bewohnten, ihm unterworfenen Erdkreis
durchschritt und ihn so erst vollkommen in Besitz nahm. Denken wir mit Schaudern
der Eroberer, jener gewaffneten Wanderer, gegen die kein Widerstreit helfen,
Mauer und Bollwerk harmlose Vlker nicht schirmen konnte; begleiten wir endlich
mit redlichem Bedauern jene unglcklichen vertriebenen Frsten, die, von dem
Gipfel der Hhe herabsteigend, nicht einmal in die bescheidene Gilde ttiger
Wanderer aufgenommen werden knnten.
    Da wir uns nun alles dieses einander vergegenwrtigt und aufgeklrt, so wird
kein beschrnkter Trbsinn, keine leidenschaftliche Dunkelheit ber uns walten.
Die Zeit ist vorber, wo man abenteuerlich in die weite Welt rannte; durch die
Bemhungen wissenschaftlicher, weislich beschreibender, knstlerisch
nachbildender Weltumreiser sind wir berall bekannt genug, da wir ungefhr
wissen, was zu erwarten sei.
    Doch kann zu einer vollkommenen Klarheit der einzelne nicht gelangen. Unsere
Gesellschaft aber ist darauf gegrndet, da jeder in seinem Mae, nach seinen
Zwecken aufgeklrt werde. Hat irgendeiner ein Land im Sinne, wohin er seine
Wnsche richtet, so suchen wir ihm das einzelne deutlich zu machen, was im
ganzen seiner Einbildungskraft vorschwebte; uns wechselseitig einen berblick
der bewohnten und bewohnbaren Welt zu geben, ist die angenehmste, hchst
belohnende Unterhaltung.
    In solchem Sinne nun drfen wir uns in einem Weltbunde begriffen ansehen.
Einfach-gro ist der Gedanke, leicht die Ausfhrung durch Verstand und Kraft.
Einheit ist allmchtig, deshalb keine Spaltung, kein Widerstreit unter uns.
Insofern wir Grundstze haben, sind sie uns allen gemein. Der Mensch, so sagen
wir, lerne sich ohne dauernden ueren Bezug zu denken, er suche das Folgerechte
nicht an den Umstnden, sondern in sich selbst, dort wird er's finden, mit Liebe
hegen und pflegen. Er wird sich ausbilden und einrichten, da er berall zu
Hause sei. Wer sich dem Notwendigsten widmet, geht berall am sichersten zum
Ziel; andere hingegen, das Hhere, Zartere suchend, haben schon in der Wahl des
Weges vorsichtiger zu sein. Doch was der Mensch auch ergreife und handhabe, der
einzelne ist sich nicht hinreichend, Gesellschaft bleibt eines wackern Mannes
hchstes Bedrfnis. Alle brauchbaren Menschen sollen in Bezug untereinander
stehen, wie sich der Bauherr nach dem Architekten und dieser nach Maurer und
Zimmermann umsieht.
    Und so ist denn allen bekannt, wie und auf welche Weise unser Bund
geschlossen und gegrndet sei; niemand sehen wir unter uns, der nicht zweckmig
seine Ttigkeit jeden Augenblick ben knnte, der nicht versichert wre, da er
berall, wohin Zufall, Neigung, ja Leidenschaft ihn fhren knnte, sich immer
wohl empfohlen, aufgenommen und gefrdert, ja von Unglcksfllen mglichst
wiederhergestellt finden werde.
    Zwei Pflichten sodann haben wir aufs strengste bernommen: jeden
Gottesdienst in Ehren zu halten, denn sie sind alle mehr oder weniger im Credo
verfat; ferner alle Regierungsformen gleichfalls gelten zu lassen und, da sie
smtlich eine zweckmige Ttigkeit fordern und befrdern, innerhalb einer jeden
uns, auf wie lange es auch sei, nach ihrem Willen und Wunsch zu bemhen.
Schlielich halten wir's fr Pflicht, die Sittlichkeit ohne Pedanterei und
Strenge zu ben und zu frdern, wie es die Ehrfurcht vor uns selbst verlangt,
welche aus den drei Ehrfurchten entspriet, zu denen wir uns smtlich bekennen,
auch alle in diese hhere, allgemeine Weisheit, einige sogar von Jugend auf,
eingeweiht zu sein das Glck und die Freude haben. Dieses alles haben wir in der
feierlichen Trennungsstunde nochmals bedenken, erklren, vernehmen und
anerkennen, auch mit einem traulichen Lebewohl besiegeln wollen.

Bleibe nicht am Boden heften,
Frisch gewagt und frisch hinaus!
Kopf und Arm mit heitern Krften,
berall sind sie zu Haus;
Wo wir uns der Sonne freuen,
Sind wir jede Sorge los.
Da wir uns in ihr zerstreuen,
Darum ist die Welt so gro.


                                Zehntes Kapitel

Unter dem Schlugesange richtete sich ein groer Teil der Anwesenden rasch empor
und zog paarweise geordnet mit weit umherklingendem Schalle den Saal hinaus.
Lenardo, sich niedersetzend, fragte den Gast: ob er sein Anliegen hier
ffentlich vorzutragen gedenke oder eine besondere Sitzung verlange? Der Fremde
stand auf, begrte die Gesellschaft und begann folgende Rede:
    Hier ist es, gerade in solcher Versammlung, wo ich mich vorerst ohne
weiteres zu erklren wnsche. Diese hier in Ruhe verbliebenen, dem Anblick nach
smtlich wackern Mnner geben schon durch ein solches Verharren deutlich Wunsch
und Absicht zu erkennen, dem vaterlndischen Grund und Boden auch fernerhin
angehren zu wollen. Sie sind mir alle freundlich gegrt, denn ich darf
erklren: da ich ihnen smtlich, wie sie sich hier ankndigen, ein
hinreichendes Tagewerk auf mehrere Jahre anzubieten im Fall bin. Ich wnsche
jedoch, aber erst nach kurzer Frist, eine nochmalige Zusammenkunft, weil es
ntig ist, vor allen Dingen den wrdigen Vorstehern, welche bisher diese wackern
Leute zusammenhielten, meine Angelegenheit vertraulich zu offenbaren und sie von
der Zuverlssigkeit meiner Sendung zu berzeugen. Sodann aber will es sich
ziemen, mich mit den Verharrenden im einzelnen zu besprechen, damit ich erfahre,
mit welchen Leistungen sie mein stattliches Anerbieten zu erwidern gedenken.
    Hierauf begehrte Lenardo einige Frist, die ntigsten Geschfte des
Augenblicks zu besorgen, und nachdem diese bestimmt war, richtete sich die Masse
der briggebliebenen anstndig in die Hhe, gleichfalls paarweise unter einem
mig geselligen Gesang aus dem Saale sich entfernend.
    Odoard entdeckte sodann den zurckbleibenden beiden Fhrern seine Absichten
und Vorstze und zeigte sodann seine Berechtigung hiezu. Nun konnte er aber mit
so vorzglichen Menschen in fernerer Unterhaltung von dem Geschft nicht
Rechenschaft geben, ohne des menschlichen Grundes zu gedenken, worauf das Ganze
eigentlich beruhe. Wechselseitige Erklrungen und Bekenntnisse tiefer
Herzensangelegenheiten entfalteten sich hieraus bei fortgesetztem Gesprch. Bis
tief in die Nacht blieb man zusammen und verwickelte sich immer unentwirrbarer
in die Labyrinthe menschlicher Gesinnungen und Schicksale. Hier nun fand sich
Odoard bewogen, nach und nach von den Angelegenheiten seines Geistes und Herzens
fragmentarische Rechenschaft zu geben, deshalb denn auch von diesem Gesprche
uns freilich nur unvollstndige und unbefriedigende Kenntnis zugekommen. Doch
sollen wir auch hier Friedrichs glcklichem Talent des Auffassens und
Festhaltens die Vergegenwrtigung interessanter Szenen verdanken, sowie einige
Aufklrung ber den Lebensgang eines vorzglichen Mannes, der uns zu
interessieren anfngt, wenn es auch nur Andeutungen wren desjenigen, was in der
Folge vielleicht ausfhrlicher und im Zusammenhange mitzuteilen ist.


                                 Nicht zu weit

Es schlug zehn in der Nacht, und so war denn zur verabredeten Stunde alles
bereit: im bekrnzten Slchen zu vieren eine gerumige, artige Tafel gedeckt,
mit feinem Nachtisch und Zuckerzierlichkeiten zwischen blinkenden Leuchtern und
Blumen bestellt. Wie freuten sich die Kinder auf diese Nachkost, denn sie
sollten mit zu Tische sitzen; indessen schlichen sie umher, geputzt und
maskiert, und weil Kinder nicht zu entstellen sind, erschienen sie als die
niedlichsten Zwillingsgenien. Der Vater berief sie zu sich, und sie sagten das
Festgesprch, zu ihrer Mutter Geburtstag gedichtet, bei weniger Nachhlfe gar
schicklich her.
    Die Zeit verstrich, von Viertel- zu Viertelstunde enthielt die gute Alte
sich nicht, des Freundes Ungeduld zu vermehren. Mehrere Lampen, sagte sie, seien
auf der Treppe dem Erlschen ganz nahe, ausgesuchte Lieblingsspeisen der
Gefeierten knnten bergar werden, so sei es zu befrchten. Die Kinder aus
Langerweile fingen erst unartig an, und aus Ungeduld wurden sie unertrglich.
Der Vater nahm sich zusammen, und doch wollte die angewohnte Gelassenheit ihm
nicht zu Gebote stehen; er horchte sehnschtig auf die Wagen, einige rasselten
unaufgehalten vorbei, ein gewisses rgernis wollte sich regen. Zum Zeitvertreib
forderte er noch eine Repetition von den Kindern; diese, im berdru unachtsam,
zerstreut und ungeschickt, sprachen falsch, keine Gebrde war mehr richtig, sie
bertrieben wie Schauspieler, die nichts empfinden. Die Pein des guten Mannes
wuchs mit jedem Momente, halb eilf Uhr war vorber; das Weitere zu schildern,
berlassen wir ihm selbst.
    Die Glocke schlug eilfe, meine Ungeduld war bis zur Verzweiflung
gesteigert, ich hoffte nicht mehr, ich frchtete. Nun war mir bange, sie mchte
hereintreten, mit ihrer gewhnlichen leichten Anmut sich flchtig entschuldigen,
versichern, da sie sehr mde sei, und sich betragen, als wrfe sie mir vor, ich
beschrnke ihre Freuden. In mir kehrte sich alles um und um, und gar vieles, was
ich Jahre her geduldet, lastete wiederkehrend auf meinem Geiste. Ich fing an,
sie zu hassen, ich wute kein Betragen zu denken, wie ich sie empfangen sollte.
Die guten Kinder, wie Engelchen herausgeputzt, schliefen ruhig auf dem Sofa.
Unter meinen Fen brannte der Boden, ich begriff, ich verstand mich nicht, und
mir blieb nichts brig als zu fliehen, bis nur die nchsten Augenblicke
berstanden wren. Ich eilte, leicht und festlich angezogen wie ich war, nach
der Haustre. Ich wei nicht, was ich der guten Alten fr einen Vorwand
hinstotterte, sie drang mir einen berrock zu, und ich fand mich auf der Strae
in einem Zustande, den ich seit langen Jahren nicht empfunden hatte. Gleich dem
jngsten leidenschaftlichen Menschen, der nicht wo ein noch aus wei, rannt' ich
die Gassen hin und wider. Ich htte das freie Feld gewonnen, aber ein kalter,
feuchter Wind blies streng und widerwrtig genug, um meinen Verdru zu
begrenzen.
    Wir haben, wie an dieser Stelle auffallend zu bemerken ist, die Rechte des
epischen Dichters uns anmaend, einen geneigten Leser nur allzu schnell in die
Mitte leidenschaftlicher Darstellung gerissen. Wir sehen einen bedeutenden Mann
in huslicher Verwirrung, ohne von ihm etwas weiter erfahren zu haben; deshalb
wir denn fr den Augenblick, um nur einigermaen den Zustand aufzuklren, uns zu
der guten Alten gesellen, horchend, was sie allenfalls vor sich hin, bewegt und
verlegen, leise murmeln oder laut ausrufen mchte.
    Ich hab' es lngst gedacht, ich habe es vorausgesagt, ich habe die gndige
Frau nicht geschont, sie fter gewarnt, aber es ist strker wie sie. Wenn der
Herr sich des Tags auf der Kanzlei, in der Stadt, auf dem Lande in Geschften
abmdet, so findet er abends ein leeres Haus, oder Gesellschaft, die ihm nicht
zusagt. Sie kann es nicht lassen. Wenn sie nicht immer Menschen, Mnner um sich
sieht, wenn sie nicht hin und wider fhrt, sich an- und aus- und umziehen kann,
ist es, als wenn ihr der Atem ausginge. Heute an ihrem Geburtstag fhrt sie frh
aufs Land. Gut! wir machen indes hier alles zurecht; sie verspricht heilig, um
so neun Uhr zu Hause zu sein; wir sind bereit. Der Herr berhrt die Kinder ein
auswendig gelerntes artiges Gedicht, sie sind herausgeputzt; Lampen und Lichter,
Gesottenes und Gebratenes, an gar nichts fehlt es, aber sie kommt nicht. Der
Herr hat viel Gewalt ber sich, er verbirgt seine Ungeduld, sie bricht aus. Er
entfernt sich aus dem Hause so spt. Warum, ist offenbar; aber wohin? Ich habe
ihr oft mit Nebenbuhlerinnen gedroht, ehrlich und redlich. Bisher hab' ich am
Herrn nichts bemerkt; eine Schne pat ihm lngst auf, bemht sich um ihn. Wer
wei, wie er bisher gekmpft hat. Nun bricht's los, diesmal treibt ihn die
Verzweiflung, seinen guten Willen nicht besser anerkannt zu sehen, bei Nacht aus
dem Hause, da geb' ich alles verloren. Ich sagt' es ihr mehr als einmal, sie
solle es nicht zu weit treiben.
    Suchen wir den Freund nun wieder auf und hren ihn selber.
    In dem angesehensten Gasthofe sah ich unten Licht, klopfte am Fenster und
fragte den herausschauenden Kellner mit bekannter Stimme: ob nicht Fremde
angekommen oder angemeldet seien? Schon hatte er das Tor geffnet, verneinte
beides und bat mich hereinzutreten. Ich fand es meiner Lage gem, das Mrchen
fortzusetzen, ersuchte ihn um ein Zimmer, das er mir gleich im zweiten Stock
einrumte; der erste sollte, wie er meinte, fr die erwarteten Fremden bleiben.
Er eilte, einiges zu veranstalten, ich lie es geschehen und verbrgte mich fr
die Zeche. So weit war's vorber; ich aber fiel wieder in meine Schmerzen
zurck, vergegenwrtigte mir alles und jedes, erhhte und milderte, schalt mich
und suchte mich zu fassen, zu besnftigen: liee sich doch morgen frh alles
wieder einleiten; ich dachte mir schon den Tag abermals im gewohnten Gange; dann
aber kmpfte sich aufs neue der Verdru unbndig hervor: ich hatte nie geglaubt,
da ich so unglcklich sein knne.
    An dem edlen Manne, den wir hier so unerwartet ber einen gering scheinenden
Vorfall in leidenschaftlicher Bewegung sehen, haben unsere Leser gewi schon in
dem Grade teilgenommen, da sie nhere Nachricht von seinen Verhltnissen zu
erfahren wnschen. Wir benutzen die Pause, die hier in das nchtliche Abenteuer
eintritt, indem er stumm und heftig in dem Zimmer auf und ab zu gehen fortfhrt.
    Wir lernen Odoard als den Sprling eines alten Hauses kennen, auf welchen
durch eine Folge von Generationen die edelsten Vorzge vererbt worden. In der
Militrschule gebildet, ward ihm ein gewandter Anstand zu eigen, der, mit den
lblichsten Fhigkeiten des Geistes verbunden, seinem Betragen eine ganz
besondere Anmut verlieh. Ein kurzer Hofdienst lehrte ihn die uern Verhltnisse
hoher Persnlichkeiten gar wohl einsehen, und als er nun hierauf, durch frh
erworbene Gunst einer gesandtschaftlichen Sendung angeschlossen, die Welt zu
sehen und fremde Hfe zu kennen Gelegenheit hatte, so tat sich die Klarheit
seiner Auffassung und glckliches Gedchtnis des Vorgegangenen bis aufs
genaueste, besonders aber ein guter Wille in Unternehmungen aller Art aufs
baldigste hervor. Die Leichtigkeit des Ausdrucks in manchen Sprachen, bei einer
freien und nicht aufdringlichen Persnlichkeit, fhrten ihn von einer Stufe zur
andern; er hatte Glck bei allen diplomatischen Sendungen, weil er das
Wohlwollen der Menschen gewann und sich dadurch in den Vorteil setzte,
Mihelligkeiten zu schlichten, besonders auch die beiderseitigen Interessen bei
gerechter Erwgung vorliegender Grnde zu befriedigen wute.
    Einen so vorzglichen Mann sich anzueignen, war der erste Minister bedacht;
er verheiratete ihm seine Tochter, ein Frauenzimmer von der heitersten Schnheit
und gewandt in allen hheren geselligen Tugenden. Allein wie dem Laufe aller
menschlichen Glckseligkeit sich je einmal ein Damm entgegenstellt, der ihn
irgendwo zurckdrngt, so war es auch hier der Fall. An dem frstlichen Hofe
wurde Prinzessin Sophronie als Mndel erzogen, sie, der letzte Zweig ihres
Astes, deren Vermgen und Anforderungen, wenn auch Land und Leute an den Oheim
zurckfielen, noch immer bedeutend genug blieben, weshalb man sie denn, um
weitlufige Errterungen zu vermeiden, an den Erbprinzen, der freilich viel
jnger war, zu verheiraten wnschte.
    Odoard kam in Verdacht einer Neigung zu ihr, man fand, er habe sie in einem
Gedichte unter dem Namen Aurora allzu leidenschaftlich gefeiert; hiezu gesellte
sich eine Unvorsichtigkeit von ihrer Seite, indem sie mit eigner Charakterstrke
gewissen Neckereien ihrer Gespielinnen trotzig entgegnete: sie mte keine Augen
haben, wenn sie fr solche Vorzge blind sein sollte.
    Durch seine Heirat wurde nun wohl ein solcher Verdacht beschwichtigt, aber
durch heimliche Gegner dennoch im stillen fortgenhrt und gelegentlich wieder
aufgeregt.
    Die Staats- und Erbschaftsverhltnisse, ob man sie gleich so wenig als
mglich zu berhren suchte, kamen doch manchmal zur Sprache. Der Frst nicht
sowohl als kluge Rte hielten es durchaus fr ntzlich, die Angelegenheit
fernerhin ruhen zu lassen, whrend die stillen Anhnger der Prinzessin sie
abgetan und dadurch die edle Dame in grerer Freiheit zu sehen wnschten,
besonders da der benachbarte alte Knig, Sophronien verwandt und gnstig, noch
am Leben sei und sich zu vterlicher Einwirkung gelegentlich bereit erwiesen
habe.
    Odoard kam in Verdacht, bei einer blo zeremoniellen Sendung dorthin das
Geschft, das man verspten wollte, wieder in Anregung gebracht zu haben. Die
Widersacher bedienten sich dieses Vorfalls, und der Schwiegervater, den er von
seiner Unschuld berzeugt hatte, mute seinen ganzen Einflu anwenden, um ihm
eine Art von Statthalterschaft in einer entfernten Provinz zu erwirken. Er fand
sich glcklich daselbst, alle seine Krfte konnte er in Ttigkeit setzen, es war
Notwendiges, Ntzliches, Gutes, Schnes, Groes zu tun, er konnte Dauerndes
leisten, ohne sich aufzuopfern, anstatt da man in jenen Verhltnissen, gegen
seine berzeugung sich mit Vorbergehendem beschftigend, gelegentlich selbst
zugrunde geht.
    Nicht so empfand es seine Gattin, welche nur in grern Zirkeln ihre
Existenz fand und ihm nur spter notgedrungen folgte. Er betrug sich so schonend
als mglich gegen sie und begnstigte alle Surrogate ihrer bisherigen
Glckseligkeit, des Sommers Landpartien in der Nachbarschaft, im Winter ein
Liebhabertheater, Blle und was sie sonst einzuleiten beliebte. Ja er duldete
einen Hausfreund, einen Fremden, der sich seit einiger Zeit eingefhrt hatte, ob
er ihm gleich keineswegs gefiel, da er ihm durchaus, bei seinem klaren Blick auf
Menschen, eine gewisse Falschheit anzusehen glaubte.
    Von allem diesem, was wir aussprechen, mag in dem gegenwrtigen bedenklichen
Augenblick einiges dunkel und trbe, ein anderes klar und deutlich ihm vor der
Seele vorbergegangen sein. Genug, wenn wir nach dieser vertraulichen Erffnung,
zu der Friedrichs gutes Gedchtnis den Stoff mitgeteilt, uns abermals zu ihm
wenden, so finden wir ihn wieder in dem Zimmer heftig auf und ab gehend, durch
Gebrden und manche Ausrufungen einen innern Kampf offenbarend.
    In solchen Gedanken war ich heftig im Zimmer auf und ab gegangen, der
Kellner hatte mir eine Tasse Bouillon gebracht, deren ich sehr bedurfte; denn
ber die sorgfltigsten Anstalten dem Fest zuliebe hatte ich nichts zu mir
genommen, und ein kstlich Abendessen stand unberhrt zu Hause. In dem
Augenblick hrten wir ein Posthorn sehr angenehm die Strae herauf. Der kommt
aus dem Gebirge, sagte der Kellner. Wir fuhren ans Fenster und sahen beim Schein
zweier helleuchtenden Wagenlaternen vierspnnig, wohlbepackt vorfahren einen
Herrschaftswagen. Die Bedienten sprangen vom Bocke: Da sind sie! rief der
Kellner und eilte nach der Tre. Ich hielt ihn fest, ihm einzuschrfen, er solle
ja nichts sagen, da ich da sei, nicht verraten, da etwas bestellt worden; er
versprach's und sprang davon.
    Indessen hatte ich versumt zu beobachten, wer ausgestiegen sei, und eine
neue Ungeduld bemchtigte sich meiner; mir schien, der Kellner sume allzu
lange, mir Nachricht zu geben. Endlich vernahm ich von ihm, die Gste seien
Frauenzimmer, eine ltliche Dame von wrdigem Ansehen, eine mittlere von
unglaublicher Anmut, ein Kammermdchen, wie man sie nur wnschen mchte. Sie
fing an sagte er, mit Befehlen, fuhr fort mit Schmeicheln und fiel, als ich ihr
schntat, in ein heiter schnippisches Wesen, das ihr wohl das natrlichste sein
mochte.
    Gar schnell bemerkte ich, fhrt er fort, die allgemeine Verwunderung,
mich so alert und das Haus zu ihrem Empfang so bereit zu finden, die Zimmer
erleuchtet, die Kamine brennend; sie machten sich's bequem, im Saale fanden sie
ein kaltes Abendessen; ich bot Bouillon an, die ihnen willkommen schien.
    Nun saen die Damen bei Tische, die ltere speiste kaum, die schne
Liebliche gar nicht; das Kammermdchen, das sie Lucie nannten, lie sich's wohl
schmecken und erhob dabei die Vorzge des Gasthofes, erfreute sich der hellen
Kerzen, des feinen Tafelzeugs, des Porzellans und aller Gertschaften. Am
lodernden Kamin hatte sie sich frher ausgewrmt und fragte nun den wieder
eintretenden Kellner, ob man hier denn immer so bereit sei, zu jeder Stunde des
Tags und der Nacht unvermutet ankommende Gste zu bewirten? Dem jungen,
gewandten Burschen ging es in diesem Falle wie Kindern, die wohl das Geheimnis
verschweigen, aber, da etwas Geheimes ihnen vertraut sei, nicht verbergen
knnen. Erst antwortete er zweideutig, annhernd sodann, und zuletzt, durch die
Lebhaftigkeit der Zofe, durch Hin- und Widerreden in die Enge getrieben, gestand
er: es sei ein Bedienter, es sei ein Herr gekommen, sei fortgegangen,
wiedergekommen, zuletzt aber entfuhr es ihm, der Herr sei wirklich oben und gehe
beunruhigt auf und ab. Die junge Dame sprang auf, die andern folgten; es sollte
ein alter Herr sein, meinten sie hastig; der Kellner versicherte dagegen, er sei
jung. Nun zweifelten sie wieder, er beteuerte die Wahrheit seiner Aussage. Die
Verwirrung, die Unruhe vermehrte sich. Es msse der Oheim sein, versicherte die
Schne; es sei nicht in seiner Art, erwiderte die ltere. Niemand als er habe
wissen knnen, da sie in dieser Stunde hier eintreffen wrden, versetzte jene
beharrlich. Der Kellner aber beteuerte fort und fort, es sei ein junger,
ansehnlicher, krftiger Mann. Lucie schwur dagegen auf den Oheim: dem Schalk,
dem Kellner, sei nicht zu trauen, er widerspreche sich schon eine halbe Stunde.
    Nach allem diesem mute der Kellner hinauf, dringend zu bitten, der Herr
mge doch ja eilig herunterkommen, dabei auch zu drohen, die Damen wrden
heraufsteigen und selbst danken. Es ist ein Wirrwarr ohne Grenzen, fuhr der
Kellner fort; ich begreife nicht, warum Sie zaudern, sich sehen zu lassen; man
hlt Sie fr einen alten Oheim, den man wieder zu umarmen leidenschaftlich
verlangt. Gehen Sie hinunter, ich bitte. Sind denn das nicht die Personen, die
Sie erwarteten? Verschmhen Sie ein allerliebstes Abenteuer nicht mutwillig;
sehens- und hrenswert ist die junge Schne, es sind die anstndigsten Personen.
Eilen Sie hinunter, sonst rcken sie Ihnen wahrlich auf die Stube.
    Leidenschaft erzeugt Leidenschaft. Bewegt, wie er war, sehnte er sich nach
etwas anderem, Fremdem. Er stieg hinab, in Hoffnung, sich mit den Ankmmlingen
in heiterem Gesprch zu erklren, aufzuklren, fremde Zustnde zu gewahren, sich
zu zerstreuen, und doch war es ihm, als ging' er einem bekannten ahnungsvollen
Zustand entgegen. Nun stand er vor der Tre; die Damen, die des Oheims Tritte zu
hren glaubten, eilten ihm entgegen, er trat ein. Welch ein Zusammentreffen!
Welch ein Anblick! Die sehr Schne tat einen Schrei und warf sich der ltern um
den Hals, der Freund erkannte sie beide, er schrak zurck, dann drngt' es ihn
vorwrts, er lag zu ihren Fen und berhrte ihre Hand, die er sogleich wieder
loslie, mit dem bescheidensten Ku. Die Silben Au - ro - ra! erstarben auf
seinen Lippen.
    Wenden wir unsern Blick nunmehr nach dem Hause unsres Freundes, so finden
wir daselbst ganz eigne Zustnde. Die gute Alte wute nicht, was sie tun oder
lassen sollte; sie unterhielt die Lampen des Vorhauses und der Treppe; das Essen
hatte sie vom Feuer gehoben, einiges war unwiederbringlich verdorben. Die
Kammerjungfer war bei den schlafenden Kindern geblieben und hatte die vielen
Kerzen der Zimmer gehtet, so ruhig und geduldig als jene verdrielich hin und
her fahrend.
    Endlich rollte der Wagen vor, die Dame stieg aus und vernahm, ihr Gemahl sei
vor einigen Stunden abgerufen worden. Die Treppe hinaufsteigend, schien sie von
der festlichen Erleuchtung keine Kenntnis zu nehmen. Nun erfuhr die Alte von dem
Bedienten, ein Unglck sei unterwegs begegnet, der Wagen in einen Graben
geworfen worden, und was alles nachher sich ereignet.
    Die Dame trat ins Zimmer: Was ist das fr eine Maskerade? sagte sie, auf
die Kinder deutend. Es htte Ihnen viel Vergngen gemacht, versetzte die
Jungfer, wren Sie einige Stunden frher angekommen. Die Kinder, aus dem
Schlafe gerttelt, sprangen auf und begannen, als sie die Mutter vor sich sahen,
ihren eingelernten Spruch. Von beiden Seiten verlegen, ging es eine Weile, dann,
ohne Aufmunterung und Nachhlfe, kam es zum Stocken, endlich brach es vllig ab,
und die guten Kleinen wurden mit einigen Liebkosungen zu Bette geschickt. Die
Dame sah sich allein, warf sich auf den Sofa und brach in bittre Trnen aus.
    Doch es wird nun ebenfalls notwendig, von der Dame selbst und von dem, wie
es scheint, bel abgelaufenen lndlichen Feste nhere Nachricht zu geben.
Albertine war eine von den Frauenzimmern, denen man unter vier Augen nichts zu
sagen htte, die man aber sehr gern in groer Gesellschaft sieht. Dort
erscheinen sie als wahre Zierden des Ganzen und als Reizmittel in jedem
Augenblick einer Stockung. Ihre Anmut ist von der Art, da sie, um sich zu
uern, sich bequem darzutun, einen gewissen Raum braucht, ihre Wirkungen
verlangen ein greres Publikum, sie bedrfen eines Elements, das sie trgt, das
sie ntigt, anmutig zu sein; gegen den einzelnen wissen sie sich kaum zu
betragen.
    Auch hatte der Hausfreund blo dadurch ihre Gunst und erhielt sich darin,
weil er Bewegung auf Bewegung einzuleiten und immerfort, wenn auch keinen
groen, doch einen heitern Kreis im Treiben zu erhalten wute. Bei
Rollenausteilungen whlte er sich die zrtlichen Vter und wute durch ein
anstndiges, altkluges Benehmen ber die jngeren ersten, zweiten und dritten
Liebhaber sich ein bergewicht zu verschaffen.
    Florine, Besitzerin eines bedeutenden Rittergutes in der Nhe, winters in
der Stadt wohnend, verpflichtet gegen Odoard, dessen staatswirtliche Einrichtung
zuflliger-, aber glcklicherweise ihrem Landsitz hchlich zugute kam und den
Ertrag desselben in der Folge bedeutend zu vermehren die Aussicht gab, bezog
sommers ihr Landgut und machte es zum Schauplatze vielfacher anstndiger
Vergngungen. Geburtstage besonders wurden niemals verabsumt und mannigfaltige
Feste veranstaltet.
    Florine war ein munteres, neckisches Wesen, wie es schien, nirgends
anhnglich, auch keine Anhnglichkeit fordernd noch verlangend.
Leidenschaftliche Tnzerin, schtzte sie die Mnner nur, insofern sie sich gut
im Takte bewegten; ewig rege Gesellschafterin, hielt sie denjenigen
unertrglich, der auch nur einen Augenblick vor sich hinsah und nachzudenken
schien; brigens als heitere Liebhaberin, wie sie in jedem Stck, jeder Oper
ntig sind, sich gar anmutig darstellend, weshalb denn zwischen ihr und
Albertinen, welche die Anstndigen spielte, sich nie ein Rangstreit hervortat.
    Den eintretenden Geburtstag in guter Gesellschaft zu feiern, war aus der
Stadt und aus dem Lande umher die beste Gesellschaft eingeladen. Einen Tanz,
schon nach dem Frhstck begonnen, setzte man nach Tafel fort; die Bewegung zog
sich in die Lnge, man fuhr zu spt ab, und von der Nacht auf schlimmem Wege,
doppelt schlimm, weil er eben gebessert wurde, ehe man's dachte, schon
berrascht, versah's der Kutscher und warf in einen Graben. Unsere Schne mit
Florinen und dem Hausfreunde fhlten sich in schlimmer Verwickelung; der letzte
wute sich schnell herauszuwinden, dann, ber den Wagen sich biegend, rief er:
Florine, wo bist du? Albertine glaubte zu trumen; er fate hinein und zog
Florinen, die oben lag, ohnmchtig hervor, bemhte sich um sie und trug sie
endlich auf krftigem Arm den wiedergefundenen Weg hin. Albertine stak noch im
Wagen, Kutscher und Bedienter halfen ihr heraus, und gesttzt auf den letzten
suchte sie weiterzukommen. Der Weg war schlimm, fr Tanzschuhe nicht gnstig;
obgleich von dem Burschen untersttzt, strauchelte sie jeden Augenblick. Aber im
Innern sah es noch wilder, noch wster aus. Wie ihr geschah, wute sie nicht,
begriff sie nicht.
    Allein als sie ins Wirtshaus trat, in der kleinen Stube Florinen auf dem
Bette, die Wirtin und Lelio um sie beschftigt sah, ward sie ihres Unglcks
gewi. Ein geheimes Verhltnis zwischen dem untreuen Freund und der
verrterischen Freundin offenbarte sich blitzschnell auf einmal, sie mute
sehen, wie diese, die Augen aufschlagend, sich dem Freund um den Hals warf, mit
der Wonne einer neu wiederauflebenden zrtlichsten Aneignung, wie die schwarzen
Augen wieder glnzten, eine frische Rte die bllichen Wangen auf einmal wieder
zierend frbte; wirklich sah sie verjngt, reizend, allerliebst aus.
    Albertine stand vor sich hinschauend, einzeln, kaum bemerkt; jene erholten
sich, nahmen sich zusammen, der Schade war geschehen, man war denn doch
gentigt, sich wieder in den Wagen zu setzen, und in der Hlle selbst knnten
widerwrtig Gesinnte, Verratene mit Verrtern so eng nicht zusammengepackt sein.

                                Eilftes Kapitel


Lenardo sowohl als Odoard waren einige Tage sehr lebhaft beschftigt, jener, die
Abreisenden mit allem Ntigen zu versehen, dieser, sich mit den Bleibenden
bekannt zu machen, ihre Fhigkeiten zu beurteilen, um sie von seinen Zwecken
hinreichend zu unterrichten. Indessen blieb Friedrichen und unserm Freunde Raum
und Ruhe zu stiller Unterhaltung. Wilhelm lie sich den Plan im allgemeinen
vorzeichnen, und da man mit Landschaft und Gegend genugsam vertraut geworden,
auch die Hoffnung besprochen war, in einem ausgedehnten Gebiete schnell eine
groe Anzahl Bewohner entwickelt zu sehen, so wendete sich das Gesprch, wie
natrlich, zuletzt auf das, was Menschen eigentlich zusammenhlt: auf Religion
und Sitte. Hierber konnte denn der heitere Friedrich hinreichende Auskunft
geben, und wir wrden wohl Dank verdienen, wenn wir das Gesprch in seinem Laufe
mitteilen knnten, das durch Frag' und Antwort, durch Einwendung und
Berichtigung sich gar lblich durchschlang und in mannigfaltigem Schwanken zu
dem eigentlichen Zweck gefllig hinbewegte. Indessen drfen wir uns so lange
nicht aufhalten und geben lieber gleich die Resultate, als da wir uns
verpflichteten, sie erst nach und nach in dem Geiste unsrer Leser hervortreten
zu lassen. Folgendes ergab sich als die Quintessenz dessen, was verhandelt
wurde:
    Da der Mensch ins Unvermeidliche sich fge, darauf dringen alle Religionen,
jede sucht auf ihre Weise mit dieser Aufgabe fertig zu werden.
    Die christliche hilft durch Glaube, Liebe, Hoffnung gar anmutig nach; daraus
entsteht denn die Geduld, ein ses Gefhl, welch eine schtzbare Gabe das
Dasein bleibe, auch wenn ihm, anstatt des gewnschten Genusses, das
widerwrtigste Leiden aufgebrdet wird. An dieser Religion halten wir fest, aber
auf eine eigne Weise; wir unterrichten unsre Kinder von Jugend auf von den
groen Vorteilen, die sie uns gebracht hat; dagegen von ihrem Ursprung, von
ihrem Verlauf geben wir zuletzt Kenntnis. Alsdann wird uns der Urheber erst lieb
und wert, und alle Nachricht, die sich auf ihn bezieht, wird heilig. In diesem
Sinne, den man vielleicht pedantisch nennen mag, aber doch als folgerecht
anerkennen mu, dulden wir keinen Juden unter uns; denn wie sollten wir ihm den
Anteil an der hchsten Kultur vergnnen, deren Ursprung und Herkommen er
verleugnet?
    Hievon ist unsre Sittenlehre ganz abgesondert, sie ist rein ttig und wird
in den wenigen Geboten begriffen: Migung im Willkrlichen, Emsigkeit im
Notwendigen. Nun mag ein jeder diese lakonischen Worte nach seiner Art im
Lebensgange benutzen, und er hat einen ergiebigen Text zu grenzenloser
Ausfhrung.

Der grte Respekt wird allen eingeprgt fr die Zeit, als fr die hchste Gabe
Gottes und der Natur und die aufmerksamste Begleiterin des Daseins. Die Uhren
sind bei uns vervielfltigt und deuten smtlich mit Zeiger und Schlag die
Viertelstunden an, und um solche Zeichen mglichst zu vervielfltigen, geben die
in unserm Lande errichteten Telegraphen, wenn sie sonst nicht beschftigt sind,
den Lauf der Stunden bei Tag und bei Nacht an, und zwar durch eine sehr
geistreiche Vorrichtung.
    Unsre Sittenlehre, die also ganz praktisch ist, dringt nun hauptschlich auf
Besonnenheit, und diese wird durch Einteilung der Zeit, durch Aufmerksamkeit auf
jede Stunde hchlichst gefrdert. Etwas mu getan sein in jedem Moment, und wie
wollt' es geschehen, achtete man nicht auf das Werk wie auf die Stunde?
    In Betracht, da wir erst anfangen, legen wir groes Gewicht auf die
Familienkreise. Den Hausvtern und Hausmttern denken wir groe Verpflichtungen
zuzuteilen; die Erziehung wird bei uns um so leichter, als jeder fr sich
selbst, Knecht und Magd, Diener und Dienerin, stehen mu.
    Gewisse Dinge freilich mssen nach einer gewissen gleichfrmigen Einheit
gebildet werden: Lesen, Schreiben, Rechnen mit Leichtigkeit der Masse zu
berliefern, bernimmt der Abb; seine Methode erinnert an den wechselsweisen
Unterricht, doch ist sie geistreicher; eigentlich aber kommt alles darauf an, zu
gleicher Zeit Lehrer und Schler zu bilden.
    Aber noch eines wechselseitigen Unterrichts will ich erwhnen: der bung,
anzugreifen und sich zu verteidigen. Hier ist Lothario in seinem Felde; seine
Manver haben etwas hnliches von unsern Feldjgern; doch kann er nicht anders
als original sein.
    Hiebei bemerke ich, da wir im brgerlichen Leben keine Glocken, im
soldatischen keine Trommeln haben; dort wie hier ist Menschenstimme, verbunden
mit Blasinstrumenten, hinreichend. Das alles ist schon dagewesen und ist noch
da; die schickliche Anwendung desselben aber ist dem Geist berlassen, der es
auch allenfalls wohl erfunden htte.
    Das grte Bedrfnis eines Staats ist das einer mutigen Obrigkeit, und daran
soll es dem unsrigen nicht fehlen; wir alle sind ungeduldig, das Geschft
anzutreten, munter und berzeugt, da man einfach anfangen msse. So denken wir
nicht an Justiz, aber wohl an Polizei. Ihr Grundsatz wird krftig ausgesprochen:
niemand soll dem andern unbequem sein; wer sich unbequem erweist, wird
beseitigt, bis er begreift, wie man sich anstellt, um geduldet zu werden. Ist
etwas Lebloses, Unvernnftiges in dem Falle, so wird dies gleichmig
beiseitegebracht.
    In jedem Bezirk sind drei Polizeidirektoren, die alle acht Stunden wechseln,
schichtweise, wie im Bergwerk, das auch nicht stillstehen darf, und einer unsrer
Mnner wird bei Nachtzeit vorzglich bei der Hand sein.
    Sie haben das Recht, zu ermahnen, zu tadeln, zu schelten und zu beseitigen;
finden sie es ntig, so rufen sie mehr oder weniger Geschworne zusammen. Sind
die Stimmen gleich, so entscheidet der Vorsitzende nicht, sondern es wird das
Los gezogen, weil man berzeugt ist, da bei gegeneinander stehenden Meinungen
es immer gleichgltig ist, welche befolgt wird.
    Wegen der Majoritt haben wir ganz eigne Gedanken; wir lassen sie freilich
gelten im notwendigen Weltlauf, im hhern Sinne haben wir aber nicht viel
Zutrauen auf sie. Doch darber darf ich mich nicht weiter auslassen.
    Fragt man nach der hhern Obrigkeit, die alles lenkt, so findet man sie
niemals an einem Orte; sie zieht bestndig umher, um Gleichheit in den
Hauptsachen zu erhalten und in llichen Dingen einem jeden seinen Willen zu
gestatten. Ist dies doch schon einmal im Lauf der Geschichte dagewesen: die
deutschen Kaiser zogen umher, und diese Einrichtung ist dem Sinne freier Staaten
am allergemesten. Wir frchten uns vor einer Hauptstadt, ob wir schon den
Punkt in unsern Besitzungen sehen, wo sich die grte Anzahl von Menschen
zusammenhalten wird. Dies aber verheimlichen wir, dies mag nach und nach und
wird noch frh genug entstehen.
    Dieses sind im allgemeinsten die Punkte, ber die man meistens einig ist,
doch werden sie beim Zusammentreten von mehrern oder auch wenigern Gliedern
immer wieder aufs neue durchgesprochen. Die Hauptsache wird aber sein, wenn wir
uns an Ort und Stelle befinden. Den neuen Zustand, der aber dauern soll, spricht
eigentlich das Gesetz aus. Unsre Strafen sind gelind; Ermahnung darf sich jeder
erlauben, der ein gewisses Alter hinter sich hat; mibilligen und schelten nur
der anerkannte lteste; bestrafen nur eine zusammenberufene Zahl.
    Man bemerkt, da strenge Gesetze sich sehr bald abstumpfen und nach und nach
loser werden, weil die Natur immer ihre Rechte behauptet. Wir haben lliche
Gesetze, um nach und nach strenger werden zu knnen; unsre Strafen bestehen
vorerst in Absonderung von der brgerlichen Gesellschaft, gelinder,
entschiedener, krzer und lnger nach Befund. Wchst nach und nach der Besitz
der Staatsbrger, so zwackt man ihnen auch davon ab, weniger oder mehr, wie sie
verdienen, da man ihnen von dieser Seite wehe tue.
    Allen Gliedern des Bandes ist davon Kenntnis gegeben, und bei angestelltem
Examen hat sich gefunden, da jeder von den Hauptpunkten auf sich selbst die
schicklichste Anwendung macht. Die Hauptsache bleibt nur immer, da wir die
Vorteile der Kultur mit hinbernehmen und die Nachteile zurcklassen.
Branntweinschenken und Lesebibliotheken werden bei uns nicht geduldet; wie wir
uns aber gegen Flaschen und Bcher verhalten, will ich lieber nicht erffnen:
dergleichen Dinge wollen getan sein, wenn man sie beurteilen soll.
    Und in eben diesem Sinne hlt der Sammler und Ordner dieser Papiere mit
andern Anordnungen zurck, welche unter der Gesellschaft selbst noch als
Probleme zirkulieren und welche zu versuchen man vielleicht an Ort und Stelle
nicht rtlich findet; um desto weniger Beifall drfte man sich versprechen, wenn
man derselben hier umstndlich erwhnen wollte.

                                Zwlftes Kapitel


Die zu Odoardos Vortrag angesetzte Frist war gekommen, welcher, nachdem alles
versammelt und beruhigt war, folgendermaen zu reden begann: Das bedeutende
Werk, an welchem teilzunehmen ich diese Masse wackerer Mnner einzuladen habe,
ist Ihnen nicht ganz unbekannt, denn ich habe ja schon im allgemeinen mit Ihnen
davon gesprochen. Aus meinen Erffnungen geht hervor, da in der alten Welt so
gut wie in der neuen Rume sind, welche einen bessern Anbau bedrfen, als ihnen
bisher zuteil ward. Dort hat die Natur groe, weite Strecken ausgebreitet, wo
sie unberhrt und eingewildert liegt, da man sich kaum getraut, auf sie
loszugehen und ihr einen Kampf anzubieten. Und doch ist es leicht fr den
Entschlossenen, ihr nach und nach die Wsteneien abzugewinnen und sich eines
teilweisen Besitzes zu versichern. In der alten Welt ist es das Umgekehrte. Hier
ist berall ein teilweiser Besitz schon ergriffen, mehr oder weniger durch
undenkliche Zeit das Recht dazu geheiligt; und wenn dort das Grenzenlose als
unberwindliches Hindernis erscheint, so setzt hier das Einfach begrenzte
beinahe noch schwerer zu berwindende Hindernisse entgegen. Die Natur ist durch
Emsigkeit, der Mensch durch Gewalt oder berredung zu ntigen.

    Wird der einzelne Besitz von der ganzen Gesellschaft fr heilig geachtet, so
ist er es dem Besitzer noch mehr. Gewohnheit, jugendliche Eindrcke, Achtung fr
Vorfahren, Abneigung gegen den Nachbar und hunderterlei Dinge sind es, die den
Besitzer starr und gegen jede Vernderung widerwillig machen. Je lter
dergleichen Zustnde sind, je verflochtener, je geteilter, desto schwieriger
wird es, das Allgemeine durchzufhren, das, indem es dem Einzelnen etwas nhme,
dem Ganzen und durch Rck- und Mitwirkung auch jenem wieder unerwartet zugute
kme.
    Schon mehrere Jahre steh' ich im Namen meines Frsten einer Provinz vor,
die, von seinen Staaten getrennt, lange nicht so, wie es mglich wre, benutzt
wird. Eben diese Abgeschlossenheit oder Eingeschlossenheit, wenn man will,
hindert, da bisher keine Anstalt sich treffen lie, die den Bewohnern
Gelegenheit gegeben htte, das, was sie vermgen, nach auen zu verbreiten, und
von auen zu empfangen, was sie bedrfen.
    Mit unumschrnkter Vollmacht gebot ich in diesem Lande. Manches Gute war zu
tun, aber doch immer nur ein beschrnktes; dem Bessern waren berall Riegel
vorgeschoben, und das Wnschenswerteste schien in einer andern Welt zu liegen.
    Ich hatte keine andere Verpflichtung, als gut hauszuhalten. Was ist leichter
als das! Ebenso leicht ist es, Mibruche zu beseitigen, menschlicher
Fhigkeiten sich zu bedienen, den Bestrebsamen nachzuhelfen. Dies alles lie
sich mit Verstand und Gewalt recht bequem leisten, dies alles tat sich
gewissermaen von selbst. Aber wohin besonders meine Aufmerksamkeit, meine Sorge
sich richtete, dies waren die Nachbarn, die nicht mit gleichen Gesinnungen, am
wenigsten mit gleicher berzeugung ihre Landesteile regierten und regieren
lieen.
    Beinahe htte ich mich resigniert und mich innerhalb meiner Lage am besten
gehalten und das Herkmmliche, so gut als es sich tun lie, benutzt, aber ich
bemerkte auf einmal, das Jahrhundert komme mir zu Hlfe. Jngere Beamte wurden
in der Nachbarschaft angestellt, sie hegten gleiche Gesinnungen, aber freilich
nur im allgemeinen wohlwollend, und pflichteten nach und nach meinen Planen zu
allseitiger Verbindung um so eher bei, als mich das Los traf, die greren
Aufopferungen zuzugestehen, ohne da gerade jemand merkte, auch der grere
Vorteil neige sich auf meine Seite.
    So sind nun unser drei ber ansehnliche Landesstrecken zu gebieten befugt,
unsre Frsten und Minister sind von der Redlichkeit und Ntzlichkeit unsrer
Vorschlge berzeugt; denn es gehrt freilich mehr dazu, seinen Vorteil im
Groen als im Kleinen zu bersehen. Hier zeigt uns immer die Notwendigkeit, was
wir zu tun und zu lassen haben, und da ist denn schon genug, wenn wir diesen
Mastab ans Gegenwrtige legen; dort aber sollen wir eine Zukunft erschaffen,
und wenn auch ein durchdringender Geist den Plan dazu fnde, wie kann er hoffen,
andere darin einstimmen zu sehen?
    Noch wrde dies dem einzelnen nicht gelingen; die Zeit, welche die Geister
frei macht, ffnet zugleich ihren Blick ins Weitere, und im Weiteren lt sich
das Grere leicht erkennen, und eins der strksten Hindernisse menschlicher
Handlungen wird leichter zu entfernen. Dieses besteht nmlich darin, da die
Menschen wohl ber die Zwecke einig werden, viel seltener aber ber die Mittel,
dahin zu gelangen. Denn das wahre Groe hebt uns ber uns selbst hinaus und
leuchtet uns vor wie ein Stern; die Wahl der Mittel aber ruft uns in uns selbst
zurck, und da wird der einzelne gerade, wie er war, und fhlt sich ebenso
isoliert, als htt' er vorher nicht ins Ganze gestimmt.
    Hier also haben wir zu wiederholen: Das Jahrhundert mu uns zu Hlfe kommen,
die Zeit an die Stelle der Vernunft treten und in einem erweiterten Herzen der
hhere Vorteil den niedern verdrngen.
    Hiermit sei es genug, und wr' es zu viel fr den Augenblick, in der Folge
werd' ich einen jeden Teilnehmer daran erinnern. Genaue Vermessungen sind
geschehen, die Straen bezeichnet, die Punkte bestimmt, wo man die Gasthfe und
in der Folge vielleicht die Drfer heranrckt. Zu aller Art von Baulichkeiten
ist Gelegenheit, ja Notwendigkeit vorhanden. Treffliche Baumeister und Techniker
bereiten alles vor; Risse und Anschlge sind gefertigt; die Absicht ist, grere
und kleinere Akkorde abzuschlieen und so mit genauer Kontrolle die
bereitliegenden Geldsummen, zur Verwunderung des Mutterlandes, zu verwenden: da
wir denn der schnsten Hoffnung leben, es werde sich eine vereinte Ttigkeit
nach allen Seiten von nun an entwickeln.
    Worauf ich nun aber die smtlichen Teilnehmer aufmerksam zu machen habe,
weil es vielleicht auf ihre Entschlieung Einflu haben knnte, ist die
Einrichtung, die Gestalt, in welche wir alle Mitwirkenden vereinigen und ihnen
eine wrdige Stellung unter sich und gegen die brige brgerliche Welt zu
schaffen gedenken.
    Sobald wir jenen bezeichneten Boden betreten, werden die Handwerke sogleich
fr Knste erklrt und durch die Bezeichnung strenge Knste von den freien
entschieden getrennt und abgesondert. Diesmal kann hier nur von solchen
Beschftigungen die Rede sein, welche den Aufbau sich zur Angelegenheit machen;
die smtlichen hier anwesenden Mnner, jung und alt, bekennen sich zu dieser
Klasse.
    Zhlen wir sie her in der Folge, wie sie den Bau in die Hhe richten und
nach und nach zur Wohnbarkeit befrdern.
    Die Steinmetzen nenn' ich voraus, welche den Grund- und Eckstein vollkommen
bearbeiten, den sie mit Beihlfe der Maurer am rechten Ort in der genauesten
Bezeichnung niedersenken. Die Maurer folgen hierauf, die auf den streng
untersuchten Grund das Gegenwrtige und Zuknftige wohl befestigen. Frher oder
spter bringt der Zimmermann seine vorbereiteten Kontignationen herbei, und so
steigt nach und nach das Beabsichtigte in die Hhe. Den Dachdecker rufen wir
eiligst herbei; im Innern bedrfen wir des Tischers, Glasers, Schlossers, und
wenn ich den Tncher zuletzt nenne, so geschieht es, weil er mit seiner Arbeit
zur verschiedensten Zeit eintreten kann, um zuletzt dem Ganzen in- und auswendig
einen geflligen Schein zu geben. Mancher Hlfsarbeiten gedenk' ich nicht, nur
die Hauptsache verfolgend.
    Die Stufen von Lehrling, Gesell und Meister mssen aufs strengste beobachtet
werden; auch knnen in diesen viele Abstufungen gelten, aber Prfungen knnen
nicht sorgfltig genug sein. Wer herantritt, wei, da er sich einer strengen
Kunst ergibt, und er darf keine llichen Forderungen von ihr erwarten; ein
einziges Glied, das in einer groen Kette bricht, vernichtet das Ganze. Bei
groen Unternehmungen wie bei groen Gefahren mu der Leichtsinn verbannt sein.
    Gerade hier mu die strenge Kunst der freien zum Muster dienen und sie zu
beschmen trachten. Sehen wir die sogenannten freien Knste an, die doch
eigentlich in einem hhern Sinne zu nehmen und zu nennen sind, so findet man,
da es ganz gleichgltig ist, ob sie gut oder schlecht betrieben werden. Die
schlechteste Statue steht auf ihren Fen wie die beste, eine gemalte Figur
schreitet mit verzeichneten Fen gar munter vorwrts, ihre migestalteten Arme
greifen gar krftig zu, die Figuren stehen nicht auf dem richtigen Plan, und der
Boden fllt deswegen nicht zusammen. Bei der Musik ist es noch auffallender; die
gellende Fiedel einer Dorfschenke erregt die wackern Glieder aufs krftigste,
und wir haben die unschicklichsten Kirchenmusiken gehrt, bei denen der Glubige
sich erbaute. Wollt ihr nun gar auch die Poesie zu den freien Knsten rechnen,
so werdet ihr freilich sehen, da diese kaum wei, wo sie eine Grenze finden
soll. Und doch hat jede Kunst ihre innern Gesetze, deren Nichtbeobachtung aber
der Menschheit keinen Schaden bringt; dagegen die strengen Knste drfen sich
nichts erlauben. Den freien Knstler darf man loben, man kann an seinen Vorzgen
Gefallen finden, wenngleich seine Arbeit bei nherer Untersuchung nicht Stich
hlt.
    Betrachten wir aber die beiden, sowohl die freien als strengen Knste, in
ihren vollkommensten Zustnden, so hat sich diese vor Pedanterei und
Bocksbeutelei, jene vor Gedankenlosigkeit und Pfuscherei zu hten. Wer sie zu
leiten hat, wird hierauf aufmerksam machen, Mibruche und Mngel werden dadurch
verhtet werden.
    Ich wiederhole mich nicht, denn unser ganzes Leben wird eine Wiederholung
des Gesagten sein; ich bemerke nur noch folgendes: Wer sich einer strengen Kunst
ergibt, mu sich ihr frs Leben widmen. Bisher nannte man sie Handwerk, ganz
angemessen und richtig; die Bekenner sollten mit der Hand wirken, und die Hand,
soll sie das, so mu ein eigenes Leben sie beseelen, sie mu eine Natur fr sich
sein, ihre eignen Gedanken, ihren eignen Willen haben, und das kann sie nicht
auf vielerlei Weise.
    Nachdem der Redende mit noch einigen hinzugefgten guten Worten geschlossen
hatte, richteten die smtlichen Anwesenden sich auf, und die Gewerke, anstatt
abzuziehen, bildeten einen regelmigen Kreis vor der Tafel der anerkannten
Oberen. Odoard reichte den smtlichen ein gedrucktes Blatt umher, wovon sie,
nach einer bekannten Melodie, mig munter ein zutrauliches Lied sangen:

Bleiben, Gehen, Gehen, Bleiben
Sei fortan dem Tcht'gen gleich,
Wo wir Ntzliches betreiben,
Ist der werteste Bereich.
Dir zu folgen, wird ein Leichtes,
Wer gehorchet, der erreicht es,
Zeig' ein festes Vaterland.
Heil dem Fhrer! Heil dem Band!

Du verteilest Kraft und Brde
Und erwgst es ganz genau,
Gibst dem Alten Ruh' und Wrde,
Jnglingen Geschft und Frau.
Wechselseitiges Vertrauen
Wird ein reinlich Huschen bauen,
Schlieen Hof und Gartenzaun,
Auch der Nachbarschaft vertraun.

Wo an wohlgebahnten Straen
Man in neuer Schenke weilt,
Wo dem Fremdling reicher Maen
Ackerfeld ist zugeteilt,
Siedeln wir uns an mit andern.
Eilet, eilet, einzuwandern
In das feste Vaterland.
Heil dir Fhrer! Heil dir Band!


                              Dreizehntes Kapitel

Eine vollkommene Stille schlo sich an diese lebhafte Bewegung der vergangenen
Tage. Die drei Freunde blieben allein gegen einander ber stehen, und es ward
gar bald merkbar, da zwei von ihnen, Lenardo und Friedrich, von einer
sonderbaren Unruhe bewegt wurden; sie verbargen nicht, da sie beide ungeduldig
seien, fr ihren Teil in der Abreise von diesem Ort sich gehindert zu sehen. Sie
erwarteten einen Boten, hie es, und es kam indessen nichts Vernnftiges, nichts
Entscheidendes zur Sprache.
    Endlich kommt der Bote, ein bedeutendes Paket berbringend, worber sich
Friedrich sogleich herwirft, um es zu erffnen. Lenardo hlt ihn ab und spricht:
La es unberhrt, leg' es vor uns nieder auf den Tisch; wir wollen es ansehen,
denken und vermuten, was es enthalten mge. Denn unser Schicksal ist seiner
Bestimmung nher, und wenn wir nicht selbst Herren darber sind, wenn es von dem
Verstande, von den Empfindungen anderer abhngt, ein Ja oder Nein, ein So oder
So zu erwarten ist, dann ziemt es, ruhig zu stehen, sich zu fassen, sich zu
fragen, ob man es erdulden wrde als wenn es ein sogenanntes Gottesurteil wre,
wo uns auferlegt ist, die Vernunft gefangenzunehmen.
    Du bist nicht so gefat, als du scheinen willst, versetzte Friedrich,
bleibe deswegen allein mit deinen Geheimnissen und schalte darber nach
Belieben, mich berhren sie auf alle Flle nicht; aber la mich indes diesem
alten, geprften Freunde den Inhalt offenbaren und die zweifelhaften Zustnde
vorlegen, die wir ihm schon so lange verheimlicht haben. Mit diesen Worten ri
er unsern Freund mit sich weg, und schon unterwegs rief er aus: Sie ist
gefunden, lngst gefunden! und es ist nur die Frage, wie es mit ihr werden
soll.
    Das wut' ich schon, sagte Wilhelm, denn Freunde offenbaren einander
gerade das am deutlichsten, was sie einander verschweigen; die letzte Stelle des
Tagebuchs, wo sich Lenardo gerade mitten im Gebirg des Briefes erinnert, den ich
ihm schreib, rief mir in der Einbildungskraft im ganzen Umgange des Geistes und
Gefhls jenes gute Wesen hervor; ich sah ihn schon mit dem nchsten Morgen sich
ihr nhern, sie anerkennen und was daraus mochte gefolgt sein. Da will ich denn
aber aufrichtig gestehen, da nicht Neugierde, sondern ein redlicher Anteil, den
ich ihr gewidmet habe, mich ber euer Schweigen und Zurckhalten beunruhigte.
    Und in diesem Sinne, rief Friedrich, bist du gerade bei diesem
angekommenen Paket hauptschlich mit interessiert; der Verfolg des Tagebuchs war
an Makarien gesandt, und man wollte dir durch Erzhlung das ernst-anmutige
Ereignis nicht verkmmern. Nun sollst du's auch gleich haben; Lenardo hat gewi
indessen ausgepackt, und das braucht er nicht zu seiner Aufklrung.
    Friedrich sprang hiermit nach alter Art hinweg, sprang wieder herbei und
brachte das versprochene Heft. Nun mu ich aber auch erfahren, rief er, was
aus uns werden wird. Hiemit war er wieder entsprungen, und Wilhelm las:


                               Lenardos Tagebuch

                                  Fortsetzung

                                                             Freitag, den 19ten.

Da man heute nicht sumen durfte, um zeitig zu Frau Susanne zu gelangen, so
frhstckte man eilig mit der ganzen Familie, dankte mit versteckten
Glckwnschen und hinterlie dem Geschirrfasser, welcher zurckblieb, die den
Jungfrauen zugedachten Geschenke, etwas reichlicher und brutlicher als die
vorgestrigen, sie ihm heimlich zuschiebend, worber der gute Mann sich sehr
erfreut zeigte.
    Diesmal war der Weg frhe zurckgelegt; nach einigen Stunden erblickten wir
in einem ruhigen, nicht allzu weiten, flachen Tale, dessen eine, felsige Seite
von Wellen des klarsten Sees leicht besplt sich widerspiegelte, wohl und
anstndig gebaute Huser, um welche ein besserer, sorgfltig gepflegter Boden,
bei sonniger Lage, einiges Gartenwesen begnstigte. In das Haupthaus durch den
Garnboten eingefhrt und Frau Susannen vorgestellt, fhlte ich etwas ganz
Eigenes, als sie uns freundlich ansprach und versicherte: es sei ihr sehr
angenehm, da wir Freitags kmen, als dem ruhigsten Tage der Woche, da
Donnerstags abends die gefertigte Ware zum See und in die Stadt gefhrt werde.
Dem einfallenden Garnboten, welcher sagte: Die bringt wohl Daniel jederzeit
hinunter!, versetzte sie: Gewi, er versieht das Geschft so lblich und treu,
als wenn es sein eigenes wre. - Ist doch auch der Unterschied nicht gro߫,
versetzte jener; bernahm einige Auftrge von der freundlichen Wirtin und eilte,
seine Geschfte in den Seitentlern zu vollbringen, versprach in einigen Tagen
wiederzukommen und mich abzuholen.
    Mir war indessen ganz wunderlich zumute; mich hatte gleich beim Eintritt
eine Ahnung befallen, da es die Ersehnte sei; beim lngeren Hinblick war sie es
wieder nicht, konnte es nicht sein, und doch beim Wegblicken, oder wenn sie sich
umkehrte, war sie es wieder; eben wie im Traum Erinnerung und Phantasie ihr
Wesen gegeneinander treiben.
    Einige Spinnerinnen, die mit ihrer Wochenarbeit gezgert hatten, brachten
sie nach; die Herrin, mit freundlichster Ermahnung zum Fleie, marktete mit
ihnen, berlie aber, um sich mit dem Gast zu unterhalten, das Geschft an zwei
Mdchen, welche sie Gretchen und Lieschen nannte und welche ich um desto
aufmerksamer betrachtete, als ich ausforschen wollte, wie sie mit der
Schilderung des Geschirrfassers allenfalls zusammentrfen. Diese beiden Figuren
machten mich ganz irre und zerstrten alle hnlichkeit zwischen der Gesuchten
und der Hausfrau.
    Aber ich beobachtete diese nur desto genauer, und sie schien mir allerdings
das wrdigste, liebenswrdigste Wesen von allen, die ich auf meiner Gebirgsreise
erblickte. Schon war ich von dem Gewerbe unterrichtet genug, um mit ihr ber das
Geschft, welches sie gut verstand, mit Kenntnis sprechen zu knnen; meine
einsichtige Teilnahme erfreute sie sehr, und als ich fragte: woher sie ihre
Baumwolle beziehe, deren groen Transport bers Gebirg ich vor einigen Tagen
gesehen, so erwiderte sie, da eben dieser Transport ihr einen ansehnlichen
Vorrat mitgebracht. Die Lage ihres Wohnorts sei auch deshalb so glcklich, weil
die nach dem See hinunterfhrende Hauptstrae etwa nur eine Viertelstunde ihres
Tals hinabwrts vorbeigehe, wo sie denn entweder in Person oder durch einen
Faktor die ihr von Triest bestimmten und adressierten Ballen in Empfang nehme,
wie denn das vorgestern auch geschehen.
    Sie lie nun den neuen Freund in einen groen, lftigen Keller hineinsehen,
wo der Vorrat aufgehoben wird, damit die Baumwolle nicht zu sehr austrockne, am
Gewicht verliere und weniger geschmeidig werde. Dann fand ich auch, was ich
schon im einzelnen kannte, meistenteils hier versammelt; sie deutete nach und
nach auf dies und jenes, und ich nahm verstndigen Anteil. Indessen wurde sie
stiller, aus ihren Fragen konnt' ich erraten, sie vermute, da ich vom Handwerk
sei. Denn sie sagte, da die Baumwolle soeben angekommen, so erwarte sie nun bald
einen Kommis oder Teilnehmer der Triester Handlung, der nach einer bescheidenen
Ansicht ihres Zustandes die schuldige Geldpost abholen werde; diese liege bereit
fr einen jeden, welcher sich legitimieren knne.
    Einigermaen verlegen suchte ich auszuweichen und blickte ihr nach, als sie
eben einiges anzuordnen durchs Zimmer ging; sie erschien mir wie Penelope unter
den Mgden.
    Sie kehrt zurck, und mich dnkt, es sei was Eigenes in ihr vorgegangen. -
Sie sind denn nicht vom Kaufmannsstande? sagte sie, ich wei nicht, woher mir
das Vertrauen kommt und wie ich mich unterfangen mag, das Ihrige zu verlangen;
erdringen will ich's nicht, aber gnnen Sie mir's, wie es Ihnen ums Herz ist.
Dabei sah mich ein fremdes Gesicht mit so ganz bekannten erkennenden Augen an,
da ich mich ganz durchdrungen fhlte und mich kaum zu fassen wute. Meine
Kniee, mein Verstand wollten mir versagen, als man sie glcklicherweise sehr
eilig abrief. Ich konnte mich erholen, meinen Vorsatz strken, so lang als
mglich an mich zu halten; denn es schwebte mir vor, als wenn abermals ein
unseliges Verhltnis mich bedrohe.
    Gretchen, ein gesetztes, freundliches Kind, fhrte mich ab, mir die
knstlichen Gewebe vorzuzeigen; sie tat es verstndig und ruhig, ich schrieb, um
ihr Aufmerksamkeit zu beweisen, was sie mir vorsagte, in meine Schreibtafel, wo
es noch steht zum Zeugnis eines blo mechanischen Verfahrens, denn ich hatte
ganz anderes im Sinne; es lautet folgendermaen:
    Der Eintrag von getretener sowohl als gezogener Weberei geschieht, je
nachdem das Muster es erfordert, mit weiem, lose gedrehtem sogenannten
Muggengarn, mitunter auch mit trkischrot gefrbten, desgleichen mit blauen
Garnen, welche ebenfalls zu Streifen und Blumen verbraucht werden.
    Beim Scheren ist das Gewebe auf Walzen gewunden, die einen tischfrmigen
Rahmen bilden, um welchen her mehrere arbeitende Personen sitzen.
    Lieschen, die unter den Scherenden gesessen, steht auf, gesellt sich zu uns,
ist geschftig, dreinzureden, und zwar auf eine Weise, um jene durch Widerspruch
nur irrezumachen; und als ich Gretchen dessenungeachtet mehr Aufmerksamkeit
bewies, so fuhr Lieschen umher, um etwas zu holen, zu bringen, und streifte
dabei, ohne durch die Enge des Raums gentigt zu sein, mit ihrem zarten
Ellebogen zweimal merklich bedeutend an meinem Arm hin, welches mir nicht
sonderlich gefallen wollte.
    Die Gute-Schne (sie verdient berhaupt, besonders aber alsdann so zu
heien, wenn man sie mit den brigen vergleicht) holte mich in den Garten ab, wo
wir der Abendsonne genieen sollten, eh' sie sich hinter das hohe Gebirg
versteckte. Ein Lcheln schwebte um ihre Lippen, wie es wohl erscheint, wenn man
etwas Erfreuliches zu sagen zaudert; auch mir war es in dieser Verlegenheit gar
lieblich zumute. Wir gingen nebeneinander her, ich getraute mir nicht, ihr die
Hand zu reichen, so gern ich's getan htte; wir schienen uns beide vor Worten
und Zeichen zu frchten, wodurch der glckliche Fund nur allzubald ins Gemeine
offenbar werden knnte. Sie zeigte mir einige Blumentpfe, worin ich aufgekeimte
Baumwollenstauden erkannte. - So nhren und pflegen wir die fr unser Geschfte
unntzen, ja widerwrtigen Samenkrner, die mit der Baumwolle einen so weiten
Weg zu uns machen. Es geschieht aus Dankbarkeit, und es ist ein eigen Vergngen,
dasjenige lebendig zu sehen, dessen abgestorbene Reste unser Dasein beleben. Sie
sehen hier den Anfang, die Mitte ist Ihnen bekannt, und heute abend, wenn 's
Glck gut ist, einen erfreulichen Abschlu.
    Wir als Fabrikanten selbst oder ein Faktor bringen unsre die Woche ber
eingegangene Ware Donnerstag abends in das Marktschiff und langen so, in
Gesellschaft von andern, die gleiches Geschft treiben, mit dem frhesten Morgen
am Freitag in der Stadt an. Hier trgt nun ein jeder seine Ware zu den
Kaufleuten, die im groen handeln, und sucht sie so gut als mglich abzusetzen,
nimmt auch wohl den Bedarf von roher Baumwolle allenfalls an Zahlungs Statt.
    Aber nicht allein den Bedarf an rohen Stoffen fr die Fabrikation nebst dem
baren Verdienst holen die Marktleute in der Stadt, sondern sie versehen sich
auch daselbst mit allerlei andern Dingen zum Bedrfnis und Vergngen. Wo einer
aus der Familie in die Stadt zu Markte gefahren, da sind Erwartungen, Hoffnungen
und Wnsche, ja sogar oft Angst und Furcht rege. Es entsteht Sturm und Gewitter,
und man ist besorgt, das Schiff nehme Schaden! Die Gewinnschtigen harren und
mchten erfahren, wie der Verkauf der Waren ausgefallen, und berechnen schon im
voraus die Summe des reinen Erwerbs; die Neugierigen warten auf die Neuigkeiten
aus der Stadt, die Putzliebenden auf die Kleidungsstcke oder Modesachen, die
der Reisende etwa mitzubringen Auftrag hatte; die Leckern endlich und besonders
die Kinder auf die Ewaren, und wenn es auch nur Semmeln wren.
    Die Abfahrt aus der Stadt verzieht sich gewhnlich bis gegen Abend, dann
belebt sich der See allmhlich und die Schiffe gleiten segelnd, oder durch die
Kraft der Ruder getrieben, ber seine Flche hin; jedes bemht sich, dem andern
vorzukommen; und die, denen es gelingt, verhhnen wohl scherzend die, welche
zurckzubleiben sich gentigt sehen.
    Es ist ein erfreuliches, schnes Schauspiel um die Fahrt auf dem See, wenn
der Spiegel desselben mit den anliegenden Gebirgen vom Abendrot erleuchtet sich
warm und allmhlich tiefer und tiefer schattiert, die Sterne sichtbar werden,
die Abendbetglocken sich hren lassen, in den Drfern am Ufer sich Lichter
entznden, im Wasser widerscheinend, dann der Mond aufgeht und seinen Schimmer
ber die kaum bewegte Flche streut. Das reiche Gelnde flieht vorber, Dorf um
Dorf, Gehft um Gehft bleiben zurck, endlich in die Nhe der Heimat gekommen,
wird in ein Horn gestoen, und sogleich sieht man im Berg hier und dort Lichter
erscheinen, die sich nach dem Ufer herab bewegen, ein jedes Haus, das einen
Angehrigen im Schiffe hat, sendet jemanden, um das Gepck tragen zu helfen.
    Wir liegen hher hinauf, aber jedes von uns hat oft genug diese Fahrt
mitbestanden, und was das Geschft betrifft, so sind wir alle von gleichem
Interesse.
    Ich hatte ihr mit Verwunderung zugehrt, wie gut und schn sie das alles
sprach, und konnte mich der offenen Bemerkung nicht enthalten: wie sie in dieser
rauhen Gegend, bei einem so mechanischen Geschft, zu solcher Bildung habe
gelangen knnen? Sie versetzte, mit einem allerliebsten, beinahe schalkhaften
Lcheln vor sich hinsehend: Ich bin in einer schnern und freundlichern Gegend
geboren, wo vorzgliche Menschen herrschen und hausen, und ob ich gleich als
Kind mich wild und unbndig erwies, so war doch der Einflu geistreicher
Besitzer auf ihre Umgebung unverkennbar. Die grte Wirkung jedoch auf ein
junges Wesen tat eine fromme Erziehung, die ein gewisses Gefhl des Rechtlichen
und Schicklichen, als von Allgegenwart gttlicher Liebe getragen, in mir
entwickelte. Wir wanderten aus, fuhr sie fort - das feine Lcheln verlie ihren
Mund, eine unterdrckte Trne fllte das Auge -, wir wanderten weit, weit, von
einer Gegend zur andern, durch fromme Fingerzeige und Empfehlungen geleitet;
endlich gelangten wir hierher, in diese hchst ttige Gegend; das Haus, worin
Sie mich finden, war von gleichgesinnten Menschen bewohnt, man nahm uns treulich
auf, mein Vater sprach dieselbe Sprache, in demselben Sinn, wir schienen bald
zur Familie zu gehren.
    In allen Haus- und Handwerksgeschften griff ich tchtig ein, und alles,
ber welches Sie mich nun gebieten sehen, habe ich stufenweise gelernt, gebt
und vollbracht. Der Sohn des Hauses, wenig Jahre lter als ich, wohlgebaut und
schn von Antlitz, gewann mich lieb und machte mich zu seiner Vertrauten. Er war
von tchtiger und zugleich feiner Natur; die Frmmigkeit, wie sie im Hause gebt
wurde, fand bei ihm keinen Eingang, sie gengte ihm nicht, er las heimlich
Bcher, die er sich in der Stadt zu verschaffen wute, von der Art, die dem
Geist eine allgemeinere, freiere Richtung geben, und da er bei mir gleichen
Trieb, gleiches Naturell vermerkte, so war er bemht, nach und nach mir
dasjenige mitzuteilen, was ihn so innig beschftigte. Endlich, da ich in alles
einging, hielt er nicht lnger zurck, mir sein ganzes Geheimnis zu erffnen,
und wir waren wirklich ein ganz wunderliches Paar, welches auf einsamen
Spaziergngen sich nur von solchen Grundstzen unterhielt, welche den Menschen
selbststndig machen, und dessen wahrhaftes Neigungsverhltnis nur darin zu
bestehen schien, einander wechselseitig in solchen Gesinnungen zu bestrken,
wodurch die Menschen sonst voneinander vllig entfernt werden.
    Ob ich gleich sie nicht scharf ansah, sondern nur von Zeit zu Zeit wie
zufllig aufblickte, bemerkt' ich doch mit Verwunderung und Anteil, da ihre
Gesichtszge durchaus den Sinn ihrer Worte zugleich ausdrckten. Nach einem
augenblicklichen Stillschweigen erheiterte sich ihr Gesicht: Ich mu߫, sagte
sie, auf Ihre Hauptfrage ein Bekenntnis tun, damit Sie meine Wohlredenheit, die
manchmal nicht ganz natrlich scheinen mchte, sich besser erklren knnen.
    Leider muten wir beide uns vor den brigen verstellen, und ob wir gleich
uns sehr hteten, nicht zu lgen und im groben Sinn falsch zu sein, so waren wir
es doch im zartern indem wir den vielbesuchten Brder- und
Schwesterversammlungen nicht beizuwohnen nirgends Entschuldigung finden konnten.
Weil wir aber dabei gar manches gegen unsere berzeugung hren muten, so lie
er mich sehr bald begreifen und einsehen, da nicht alles vom freien Herzen
gehe, sondern da viel Wortkram, Bilder, Gleichnisse, herkmmliche Redensarten
und wiederholt anklingende Zeilen sich immerfort wie um eine gemeinsame Achse
herumdrehten. Ich merkte nun besser auf und machte mir die Sprache so zu eigen,
da ich allenfalls eine Rede so gut als irgendein Vorsteher htte halten wollen.
Erst ergtzte der Gute sich daran, endlich beim berdru ward er ungeduldig, da
ich, ihn zu beschwichtigen, den entgegengesetzten Weg einschlug, ihm nur desto
aufmerksamer zuhrte, ihm seinen herzlich treuen Vortrag wohl acht Tage spter
wenigstens mit annhernder Freiheit und nicht ganz unhnlichem geistigem Wesen
zu wiederholen wute.
    So wuchs unser Verhltnis zum innigsten Bande, und eine Leidenschaft zu
irgendeinem Wahren, Guten sowie zu mglicher Ausbung desselben war eigentlich,
was uns vereinigte.
    Indem ich nun bedenke, was Sie veranlat haben mag, zu einer solchen
Erzhlung mich zu bewegen, so war es meine lebhafte Beschreibung vom glcklich
vollbrachten Markttage. Verwundern Sie sich darber nicht; denn gerade war es
eine frohe, herzliche Betrachtung holder und erhabener Naturszenen, was mich und
meinen Brutigam in ruhigen und geschftlosen Stunden am schnsten unterhielt.
Treffliche vaterlndische Dichter hatten das Gefhl in uns erregt und genhrt,
Hallers Alpen, Geners Idyllen, Kleists Frhling wurden oft von uns wiederholt,
und wir betrachteten die uns umgebende herrliche Welt bald von ihrer anmutigen,
bald von ihrer erhabenen Seite.
    Noch gern erinnere ich mich, wie wir beide, scharf-und weitsichtig, uns um
die Wette und oft hastig auf die bedeutenden Erscheinungen der Erde und des
Himmels aufmerksam zu machen suchten, einander vorzueilen und zu berbieten
trachteten. Dies war die schnste Erholung, nicht nur vom tglichen Geschft,
sondern auch von jenen ernsten Gesprchen, die uns oft nur zu tief in unser
eigenes Innere versenkten und uns dort zu beunruhigen drohten.
    In diesen Tagen kehrte ein Reisender bei uns ein, wahrscheinlich unter
geborgtem Namen; wir dringen nicht weiter in ihn, da er sogleich durch sein
Wesen uns Vertrauen einflt, da er sich im ganzen hchst sittlich benimmt,
sowie anstndig aufmerksam in unsern Versammlungen. Von meinem Freund in den
Gebirgen umhergefhrt, zeigt er sich ernst, einsichtig und kenntnisreich. Auch
ich geselle mich zu ihren sittlichen Unterhaltungen, wo alles nach und nach zur
Sprache kommt, was einem innern Menschen bedeutend werden kann; da bemerkt er
denn gar bald in unserer Denkweise in Absicht auf die gttlichen Dinge etwas
Schwankendes. Die religisen Ausdrcke waren uns trivial geworden, der Kern, den
sie enthalten sollten, war uns entfallen. Da lie er uns die Gefahr unsres
Zustandes bemerken, wie bedenklich die Entfernung vom berlieferten sein msse,
an welches von Jugend auf sich so viel angeschlossen; sie sei hchst gefhrlich
bei der Unvollstndigkeit besonders des eignen Innern. Freilich eine tglich und
stndlich durchgefhrte Frmmigkeit werde zuletzt nur Zeitvertreib und wirke wie
eine Art von Polizei auf den ueren Anstand, aber nicht mehr auf den tiefen
Sinn; das einzige Mittel dagegen sei, aus eigener Brust sittlich gleich
geltende, gleich wirksame, gleich beruhigende Gesinnungen hervorzurufen.
    Die Eltern hatten unsre Verbindung stillschweigend vorausgesetzt, und ich
wei nicht, wie es geschah, die Gegenwart des neuen Freundes beschleunigte die
Verlobung, es schien sein Wunsch, diese Besttigung unsres Glcks in dem stillen
Kreise zu feiern, da er denn auch mit anhren mute, wie der Vorsteher die
Gelegenheit ergriff, uns an den Bischof von Laodicea und an die groe Gefahr der
Lauheit, die man uns wollte angemerkt haben, zu erinnern. Wir besprachen noch
einigemal diese Gegenstnde, und er lie uns ein hierauf bezgliches Blatt
zurck, welches ich oft in der Folge wieder anzusehen Ursache fand.
    Er schied nunmehr, und es war, als wenn mit ihm alle guten Geister gewichen
wren. Die Bemerkung ist nicht neu, wie die Erscheinung eines vorzglichen
Menschen in irgendeinem Zirkel Epoche macht und bei seinem Scheiden eine Lcke
sich zeigt, in die sich fters ein zuflliges Unheil hineindrngt. Und nun
lassen Sie mich einen Schleier ber das Nchstfolgende werfen; durch einen
Zufall ward meines Verlobten kostbares Leben, seine herrliche Gestalt pltzlich
zerstrt; er wendete standhaft seine letzten Stunden dazu an, sich mit mir
Trostlosen verbunden zu sehen und mir die Rechte an seinem Erbteil zu sichern.
Was aber diesen Fall den Eltern um so schmerzlicher machte, war, da sie kurz
vorher eine Tochter verloren hatten und sich nun, im eigentlichen Sinne,
verwaist sahen, worber ihr zartes Gemt dergestalt angegriffen wurde, da sie
ihr Leben nicht lange fristeten. Sie gingen den lieben Ihrigen bald nach, und
mich ereilte noch ein anderes Unheil, da mein Vater, vom Schlag gerhrt, zwar
noch sinnliche Kenntnis von der Welt, aber weder geistige noch krperliche
Ttigkeit gegen dieselbe behalten hat. Und so bedurfte ich denn freilich in der
grten Not und Absonderung jener Selbststndigkeit, in der ich mich, glckliche
Verbindung und frohes Mitleben hoffend, frhzeitig gebt und noch vor kurzem
durch die rein belebenden Worte des geheimnisvollen Durchreisenden recht
eigentlich gestrkt hatte.
    Doch darf ich nicht undankbar sein, da mir in diesem Zustand noch ein
tchtiger Gehlfe geblieben ist, der als Faktor alles das besorgt, was in
solchen Geschften als Pflicht mnnlicher Ttigkeit erscheint. Kommt er heut
abend aus der Stadt zurck und Sie haben ihn kennen gelernt, so erfahren Sie
mein wunderbares Verhltnis zu ihm.
    Ich hatte manches dazwischengesprochen und durch beiflligen, vertraulichen
Anteil ihr Herz immer mehr aufzuschlieen und ihre Rede im Flu zu erhalten
getrachtet. Ich vermied nicht, dasjenige ganz nahe zu berhren, was noch nicht
vllig ausgesprochen war; auch sie rckte immer nher zu, und wir waren so weit,
da bei der geringsten Veranlassung das offenbare Geheimnis ins Wort getreten
wre.
    Sie stand auf und sagte: Lassen Sie uns zum Vater gehen! Sie eilte voraus,
und ich folgte ihr langsam; ich schttelte den Kopf ber die wundersame Lage, in
der ich mich befand. Sie lie mich in eine hintere, sehr reinliche Stube treten,
wo der gute Alte unbeweglich im Sessel sa. Er hatte sich wenig verndert. Ich
ging auf ihn zu, er sah mich erst starr, dann mit lebhafteren Augen an; seine
Zge erheiterten sich, er versuchte, die Lippen zu bewegen, und als ich die Hand
hinreichte, seine ruhende zu fassen, ergriff er die meine von selbst, drckte
sie und sprang auf, die Arme gegen mich ausstreckend. O Gott! rief er, der
Junker Lenardo! er ist's, er ist es selbst! Ich konnte mich nicht enthalten,
ihn an mein Herz zu schlieen; er sank in den Stuhl zurck, die Tochter eilte
hinzu, ihm beizustehen; auch sie rief: Er ist's! Sie sind es, Lenardo!
    Die jngere Nichte war herbeigekommen, sie fhrten den Vater, der auf einmal
wieder gehen konnte, der Kammer zu, und gegen mich gewendet, sprach er ganz
deutlich:
    Wie glcklich, glcklich! bald sehen wir uns wieder!
    Ich stand, vor mich hinschauend und denkend, Mariechen kam zurck und
reichte mir ein Blatt, mit dem Vermelden, es sei dasselbige, wovon gesprochen.
Ich erkannte sogleich Wilhelms Handschrift, so wie vorhin seine Person aus der
Beschreibung mir entgegengetreten war; mancherlei fremde Gesichter schwrmten um
mich her, es war eine eigene Bewegung im Vorhause. Und dann ist es ein
widerwrtiges Gefhl, aus dem Enthusiasmus einer reinen Wiedererkennung, aus der
berzeugung dankbaren Erinnerns, der Anerkennung einer wunderbaren Lebensfolge
und was alles Warmes und Schnes dabei in uns entwickelt werden mag, auf einmal
zu der schroffen Wirklichkeit einer zerstreuten Alltglichkeit zurckgefhrt zu
werden.
    Diesmal war der Freitagabend berhaupt nicht so heiter und lustig, wie er
sonst wohl sein mochte; der Faktor war nicht mit dem Marktschiff aus der Stadt
zurckgekehrt, er meldete nur in einem Briefe, da ihn Geschfte erst morgen
oder bermorgen zurckgehen lieen; er werde mit anderer Gelegenheit kommen,
auch alles Bestellte und Versprochene mitbringen. Die Nachbarn, welche, jung und
alt, in Erwartung wie gewhnlich zusammengekommen waren, machten verdrieliche
Gesichter, Lieschen besonders, die ihm entgegengegangen war, schien sehr bler
Laune.
    Ich hatte mich in mein Zimmer geflchtet, das Blatt in der Hand haltend,
ohne hineinzusehen, denn es hatte mir schon heimlichen Verdru gemacht, aus
jener Erzhlung zu vernehmen, da Wilhelm die Verbindung beschleunigt habe.
Alle Freunde sind so, alle sind Diplomaten; statt unser Vertrauen redlich zu
erwidern, folgen sie ihren Ansichten, durchkreuzen unsre Wnsche und mileiten
unser Schicksal! So rief ich aus, doch kam ich bald von meiner Ungerechtigkeit
zurck, gab dem Freunde recht, besonders die jetzige Stellung bedenkend, und
enthielt mich nicht weiter, das folgende zu lesen.

Jeder Mensch findet sich von den frhsten Momenten seines Lebens an, erst
unbewut, dann halb, endlich ganz bewut, immerfort bedingt, begrenzt in seiner
Stellung, weil aber niemand Zweck und Ziel seines Daseins kennt, vielmehr das
Geheimnis desselben von hchster Hand verborgen wird, so tastet er nur, greift
zu, lt fahren, steht stille, bewegt sich, zaudert und bereilt sich, und auf
wie mancherlei Weise denn alle Irrtmer entstehen, die uns verwirren.

Sogar der Besonnenste ist im tglichen Weltleben gentigt, klug fr den
Augenblick zu sein, und gelangt deswegen im allgemeinen zu keiner Klarheit.
Selten wei er sicher, wohin er sich in der Folge zu wenden und was er
eigentlich zu tun und zu lassen habe.

Glcklicherweise sind alle diese und noch hundert andere wundersame Fragen
durch euren unaufhaltsam ttigen Lebensgang beantwortet. Fahrt fort in
unmittelbarer Beachtung der Pflicht des Tages und prft dabei die Reinheit eures
Herzens und die Sicherheit eures Geistes. Wenn ihr sodann in freier Stunde
aufatmet und euch zu erheben Raum findet, so gewinnt ihr auch gewi eine
richtige Stellung gegen das Erhabene, dem wir uns auf jede Weise verehrend
hinzugeben, jedes Ereignis mit Ehrfurcht zu betrachten und eine hhere Leitung
darin zu erkennen haben.

                                                              Sonnabend, den 20.

Vertieft in Gedanken, auf deren wunderlichen Irrgngen mich eine fhlende Seele
teilnehmend gern begleiten wird, war ich mit Tagesanbruch am See auf und ab
spaziert; die Hausfrau - ich fhlte mich sehr zufrieden, sie nicht als Witwe
denken zu drfen - zeigte sich erwnscht erst am Fenster, dann an der Tre; sie
erzhlte mir: der Vater habe gut geschlafen, sei heiter aufgewacht und habe mit
deutlichen Worten erffnet, da er im Bette bleiben, mich heute nicht, morgen
aber erst nach dem Gottesdienste zu sehen wnsche, wo er sich gewi recht
gestrkt fhlen werde. Sie sagte mir darauf, da sie mich heute viel werde
allein lassen; es sei fr sie ein sehr beschftigter Tag, kam herunter und gab
mir Rechenschaft davon.
    Ich hrte ihr zu, nur um sie zu hren, dabei berzeugt' ich mich, da sie
von der Sache durchdrungen, davon als einer herkmmlichen Pflicht angezogen und
mit Willen beschftigt schien. Sie fahr fort: Es ist gewhnlich und
eingerichtet, da das Gewebe gegen das Ende der Woche fertig sei und am
Sonnabendnachmittag zu dem Verlagsherrn getragen werde, der solches durchsieht,
mit und wgt, um zu erforschen, ob die Arbeit ordentlich und fehlerfrei, auch
ob ihm an Gewicht und Ma das Gehrige eingeliefert worden, und, wenn alles
richtig befunden ist, sodann den verabredeten Weberlohn zahlt. Seinerseits ist
nun er bemht, das gewebte Stck von allen etwa anhngenden Fden und Knoten zu
reinigen, solches aufs zierlichste zu legen, die schnste, fehlerfreiste Seite
oben vors Auge zu bringen und so die Ware hchst annehmlich zu machen.
    Indessen kamen aus dem Gebirg viele Weberinnen, ihre Ware ins Haus tragend,
worunter ich auch die erblickte, welche unsern Geschirrfasser beschftigte. Sie
dankte mir gar lieblich fr das zurckgelassene Geschenk und erzhlte mit Anmut:
der Herr Geschirrfasser sei bei ihnen, arbeite heute an ihrem leerstehenden
Weberstuhl und habe ihr beim Abschied versichert: was er an ihm tue, solle Frau
Susanne gleich der Arbeit ansehen. Darauf ging sie, wie die brigen, ins Haus,
und ich konnte mich nicht enthalten, die liebe Wirtin zu fragen: Um 's Himmels
willen! wie kommen Sie zu dem wunderlichen Namen? - Es ist, versetzte sie,
der dritte, den man mir aufbrdet; ich lie es gerne zu, weil meine
Schwiegereltern es wnschten, denn es war der Name ihrer verstorbenen Tochter,
an deren Stelle sie mich eintreten lieen, und der Name bleibt doch immer der
schnste, lebendigste Stellvertreter der Person. Darauf versetzte ich: Ein
vierter ist schon gefunden, ich wrde Sie Gute-Schne nennen, insofern es von
mir abhinge. Sie machte eine gar lieblich demtige Verbeugung und wute ihr
Entzcken ber die Genesung des Vaters mit der Freude, mich wiederzusehen, so zu
verbinden und zu steigern, da ich in meinem Leben nichts Schmeichelhafteres und
Erfreulicheres glaubte gehrt und gefhlt zu haben.
    Die Schne-Gute, doppelt und dreifach ins Haus zurckgerufen, bergab mich
einem verstndigen, unterrichteten Manne, der mir die Merkwrdigkeiten des
Gebirgs zeigen sollte. Wir gingen zusammen, bei schnstem Wetter, durch reich
abwechselnde Gegenden. Aber man berzeugt sich wohl, da weder Fels noch Wald,
noch Wassersturz, noch weniger Mhlen und Schmiedewerkstatt, sogar knstlich
genug in Holz arbeitende Familien mir irgendeine Aufmerksamkeit abgewinnen
konnten. Indessen war der Wandergang fr den ganzen Tag angelegt, der Bote trug
ein feines Frhstck im Rnzel, zu Mittag fanden wir ein gutes Essen im
Zechenhause eines Bergwerks, wo niemand recht aus mir klug werden konnte, indem
tchtigen Menschen nichts leidiger vorkommt als ein leeres, Teilnahme
heuchelndes Unteilnehmen.
    Am wenigsten aber begriff mich der Bote, an welchen eigentlich der
Garntrger mich gewiesen hatte, mit groem Lob meiner schnen technischen
Kenntnisse und des besonderen Interesses an solchen Dingen. Auch von meinem
vielen Aufschreiben und Bemerken hatte jener gute Mann erzhlt, worauf sich denn
der Berggeno gleichfalls eingerichtet hatte. Lange wartete mein Begleiter, da
ich meine Schreibtafel hervorholen sollte, nach welcher er denn auch endlich,
einigermaen ungeduldig, fragte.

                                                                Sonntag, den 21.

Mittag kam beinahe herbei, eh' ich die Freundin wieder ansichtig werden konnte.
Der Hausgottesdienst, bei dem sie mich nicht gegenwrtig wnschte, war indessen
gehalten; der Vater hatte demselben beigewohnt und, die erbaulichsten Worte
deutlich und vernehmlich sprechend, alle Anwesenden und sie selbst bis zu den
herzlichsten Trnen gerhrt. Es waren, sagte sie, bekannte Sprche, Reime,
Ausdrcke und Wendungen, die ich hundertmal gehrt und als an hohlen Klngen
mich gergert hatte; diesmal flossen sie aber so herzlich zusammengeschmolzen,
ruhig glhend, von Schlacken rein, wie wir das erweichte Metall in der Rinne
hinflieen sehen. Es war mir angst und bange, er mchte sich in diesen
Ergieungen aufzehren, jedoch lie er sich ganz munter zu Bette fhren; er
wollte, sagte er, sich sammeln und den Gast, sobald er Kraft genug fhle, zu
sich rufen lassen.
    Nach Tische ward unser Gesprch lebhafter und vertraulicher, aber
ebendeshalb konnte ich mehr empfinden und bemerken, da sie etwas zurckhielt,
da sie mit beunruhigenden Gedanken kmpfte, wie es ihr auch nicht ganz gelang,
ihr Gesicht zu erheitern. Nachdem ich hin und her versucht, sie zur Sprache zu
bringen, so gestand ich aufrichtig, da ich ihr eine gewisse Schwermut, einen
Ausdruck von Sorge anzusehen glaubte, seien es husliche oder
Handelsbedrngnisse, sie solle sich mir erffnen; ich wre reich genug, eine
alte Schuld ihr auf jede Weise abzutragen.
    Sie verneinte lchelnd, da dies der Fall sei. Ich habe, fuhr sie fort,
wie Sie zuerst hereintraten, einen von denen Herren zu sehen geglaubt, die mir
in Triest Kredit machen, und war mit mir selbst wohl zufrieden, als ich mein
Geld vorrtig wute, man mochte die ganze Summe oder einen Teil verlangen. Was
mich aber drckt, ist doch eine Handelssorge, leider nicht fr den Augenblick,
nein! fr alle Zukunft. Das berhandnehmende Maschinenwesen qult und ngstigt
mich, es wlzt sich heran wie ein Gewitter, langsam, langsam; aber es hat seine
Richtung genommen, es wird kommen und treffen. Schon mein Gatte war von diesem
traurigen Gefhl durchdrungen. Man denkt daran, man spricht davon, und weder
Denken noch Reden kann Hlfe bringen. Und wer mchte sich solche Schrecknisse
gern vergegenwrtigen! Denken Sie, da viele Tler sich durchs Gebirg schlingen,
wie das, wodurch Sie herabkamen; noch schwebt Ihnen das hbsche, frohe Leben
vor, das Sie diese Tage her dort gesehen, wovon Ihnen die geputzte Menge
allseits andringend gestern das erfreulichste Zeugnis gab; denken Sie, wie das
nach und nach zusammensinken absterben, die de, durch Jahrhunderte belebt und
bevlkert, wieder in ihre uralte Einsamkeit zurckfallen werde.
    Hier bleibt nur ein doppelter Weg, einer so traurig wie der andere: entweder
selbst das Neue zu ergreifen und das Verderben zu beschleunigen, oder
aufzubrechen, die Besten und Wrdigsten mit sich fort zu ziehen und ein
gnstigeres Schicksal jenseits der Meere zu suchen. Eins wie das andere hat sein
Bedenken, aber wer hilft uns die Grnde abwgen, die uns bestimmen sollen? Ich
wei recht gut, da man in der Nhe mit dem Gedanken umgeht, selbst Maschinen zu
errichten und die Nahrung der Menge an sich zu reien. Ich kann niemanden
verdenken, da er sich fr seinen eigenen Nchsten hlt; aber ich kme mir
verchtlich vor, sollt' ich diese guten Menschen plndern und sie zuletzt arm
und hlflos wandern sehen; und wandern mssen sie frh oder spat. Sie ahnen, sie
wissen, sie sagen es, und niemand entschliet sich zu irgendeinem heilsamen
Schritte. Und doch, woher soll der Entschlu kommen? wird er nicht jedermann
ebensosehr erschwert als mir?
    Mein Brutigam war mit mir entschlossen zum Auswandern; er besprach sich oft
ber Mittel und Wege, sich hier loszuwinden. Er sah sich nach den Besseren um,
die man um sich versammeln, mit denen man gemeine Sache machen, die man an sich
heranziehen, mit sich fortziehen knnte; wir sehnten uns, mit vielleicht allzu
jugendlicher Hoffnung, in solche Gegenden, wo dasjenige fr Pflicht und Recht
gelten knnte, was hier ein Verbrechen wre. Nun bin ich im entgegengesetzten
Falle: der redliche Gehlfe, der mir nach meines Gatten Tode geblieben,
trefflich in jedem Sinne, mir freundschaftlich liebevoll anhnglich, er ist ganz
der entgegengesetzten Meinung.
    Ich mu Ihnen von ihm sprechen, eh' Sie ihn gesehen haben; lieber htt' ich
es nachher getan, weil die persnliche Gegenwart gar manches Rtsel aufschliet.
Ungefhr von gleichem Alter wie mein Gatte, schlo er sich als kleiner, armer
Knabe an den wohlhabenden, wohlwollenden Gespielen, an die Familie, an das Haus,
an das Gewerbe; sie wuchsen zusammen heran und hielten zusammen, und doch waren
es zwei ganz verschiedene Naturen; der eine frei gesinnt und mitteilend, der
andere in frherer Jugend gedrckt, verschlossen, den geringsten ergriffenen
Besitz festhaltend, zwar frommer Gesinnung, aber mehr an sich als an andere
denkend.
    Ich wei recht gut, da er von den ersten Zeiten her ein Auge auf mich
richtete, er durfte es wohl, denn ich war rmer als er; doch hielt er sich
zurck, sobald er die Neigung des Freundes zu mir bemerkte. Durch anhaltenden
Flei, Ttigkeit und Treue machte er sich bald zum Mitgenossen des Gewerbes.
Mein Gatte hatte heimlich den Gedanken, bei unserer Auswanderung diesen hier
einzusetzen und ihm das Zurckgelassene anzuvertrauen. Bald nach dem Tode des
Trefflichen nherte er sich mir, und vor einiger Zeit verhielt er nicht, da er
sich um meine Hand bewerbe. Nun tritt aber der doppelt wunderliche Umstand ein,
da er sich von jeher gegen das Auswandern erklrte und dagegen eifrig betreibt,
wir sollen auch Maschinen anlegen. Seine Grnde freilich sind dringend, denn in
unsern Gebirgen hauset ein Mann, der, wenn er, unsere einfacheren Werkzeuge
vernachlssigend, zusammengesetztere sich erbauen wollte, uns zugrunde richten
knnte. Dieser in seinem Fache sehr geschickte Mann - wir nennen ihn den
Geschirrfasser - ist einer wohlhabenden Familie in der Nachbarschaft anhnglich,
und man darf wohl glauben, da er im Sinne hat, von jenen steigenden Erfindungen
fr sich und seine Begnstigten ntzlichen Gebrauch zu machen. Gegen die Grnde
meines Gehlfen ist nichts einzuwenden, denn schon ist gewissermaen zu viel
Zeit versumt, und gewinnen jene den Vorrang, so mssen wir, und zwar mit
Unstatten, doch das gleiche tun. Dieses ist, was mich ngstigt und qult, das
ist's, was Sie mir, teuerster Mann, als einen Schutzengel erscheinen lt.
    Ich hatte wenig Trstliches hierauf zu erwidern, ich mute den Fall so
verwickelt finden, da ich mir Bedenkzeit ausbat. Sie aber fuhr fort: Ich habe
noch manches zu erffnen, damit meine Lage Ihnen noch mehr wundersam erscheine.
Der junge Mann, dem ich persnlich nicht abgeneigt bin, der mir aber keineswegs
meinen Gatten ersetzen noch meine eigentliche Neigung erwerben wrde - sie
seufzte, indem sie dies sprach -, wird seit einiger Zeit entschieden
dringender, seine Vortrge sind so liebevoll als verstndig. Die Notwendigkeit,
meine Hand ihm zu reichen, die Unklugheit, an eine Auswanderung zu denken und
darber das einzige wahre Mittel der Selbsterhaltung zu versumen, sind nicht zu
widerlegen, und es scheint ihm mein Widerstreben, meine Grille des Auswanderns
so wenig mit meinem brigen haushltischen Sinn bereinzustimmen, da ich bei
einem letzten, etwas heftigen Gesprch die Vermutung bemerken konnte, meine
Neigung msse wo anders gefesselt sein. - Sie brachte das letzte nur mit
einigem Stocken hervor und blickte vor sich nieder.
    Was mir bei diesen Worten durch die Seele fuhr, denke jeder, und doch, bei
blitzschnell nachfahrender berlegung, mut' ich fhlen, da jedes Wort die
Verwirrung nur vermehren wrde. Doch ward ich zugleich, so vor ihr stehend, mir
deutlich bewut, da ich sie im hchsten Grade liebgewonnen habe und nun alles,
was in mir von vernnftiger, verstndiger Kraft brig war, aufzuwenden hatte, um
ihr nicht sogleich meine Hand anzubieten. Mag sie doch, dachte ich, alles hinter
sich lassen, wenn sie mir folgt! Doch die Leiden vergangener Jahre hielten mich
zurck. Sollst du eine neue falsche Hoffnung hegen, um lebenslnglich daran zu
ben?
    Wir hatten beide eine Zeitlang geschwiegen, als Lieschen, die ich nicht
hatte herankommen sehen, berraschend vor uns trat und die Erlaubnis verlangte,
auf dem nchsten Hammerwerke diesen Abend zuzubringen. Ohne Bedenken ward es
gewhrt. Ich hatte mich indessen zusammengenommen und fing an, im allgemeinen zu
erzhlen: wie ich auf meinen Reisen das alles lngst herankommen gesehen, wie
Trieb und Notwendigkeit des Auswanderns jeden Tag sich vermehre; doch bleibe ein
solches Abenteuer immer das Gefhrlichste. Unvorbereitetes Wegeilen bringe
unglckliche Wiederkehr; kein anderes Unternehmen bedrfe so viel Vorsicht und
Leitung als ein solches. Diese Betrachtung war ihr nicht fremd, sie hatte viel
ber alle Verhltnisse gedacht, aber zuletzt sprach sie mit einem tiefen
Seufzer: Ich habe diese Tage Ihres Hierseins immer gehofft, durch vertrauliche
Erzhlung Trost zu gewinnen, aber ich fhle mich bler gestellt als vorher, ich
fhle recht tief, wie unglcklich ich bin. Sie hob den Blick nach mir, aber die
aus den schnen, guten Augen ausquellenden Trnen zu verbergen, wendete sie sich
um und entfernte sich einige Schritte.
    Ich will mich nicht entschuldigen, aber der Wunsch, diese herrliche Seele,
wo nicht zu trsten, doch zu zerstreuen gab mir den Gedanken ein, ihr von der
wundersamen Vereinigung mehrerer Wandernden und Scheidenden zu sprechen, in die
ich schon seit einiger Zeit getreten war. Unversehens hatte ich schon so weit
mich herausgelassen, da ich kaum htte zurckhalten knnen, als ich gewahrte,
wie unvorsichtig mein Vertrauen gewesen sein mochte. Sie beruhigte sich,
staunte, erheiterte, entfaltete ihr ganzes Wesen und fragte mit solcher Neigung
und Klugheit, da ich ihr nicht mehr ausweichen, da ich ihr alles bekennen
mute.
    Gretchen trat vor uns und sagte: wir mchten zum Vater kommen! Das Mdchen
schien sehr nachdenklich und verdrielich. Zur Weggehenden sagte die
Schne-Gute: Lieschen hat Urlaub fr heut abend, besorge du die Geschfte. -
Ihr httet ihn nicht geben sollen, versetzte Gretchen, sie stiftet nichts
Gutes; Ihr seht dem Schalk mehr nach, als billig, vertraut ihr mehr, als recht
ist. Eben jetzt erfahr' ich, sie hat ihm gestern einen Brief geschrieben; Euer
Gesprch hat sie behorcht, jetzt geht sie ihm entgegen.
    Ein Kind, das indessen beim Vater geblieben war, bat mich, zu eilen, der
gute Mann sei unruhig. Wir traten hinein; heiter, ja verklrt sa er aufrecht im
Bette. Kinder, sagte er, ich habe diese Stunden im anhaltenden Gebet
vollbracht, keiner von allen Dank-und Lobgesngen Davids ist von mir unberhrt
geblieben, und ich fge hinzu, aus eignem Sinne mit gestrktem Glauben: Warum
hofft der Mensch nur in die Nhe? da mu er handeln und sich helfen, in die
Ferne soll er hoffen und Gott vertrauen. Er fate Lenardos Hand und so die Hand
der Tochter, und beide ineinander legend sprach er: Das soll kein irdisches, es
soll ein himmlisches Band sein; wie Bruder und Schwester liebt, vertraut, ntzt
und helft einander, so uneigenntzig und rein, wie euch Gott helfe. Als er dies
gesagt, sank er zurck mit himmlischem Lcheln und war heimgegangen. Die Tochter
strzte vor dem Bett nieder, Lenardo neben sie, ihre Wangen berhrten sich, ihre
Trnen vereinigten sich auf seiner Hand.
    Der Gehlfe rennt in diesem Augenblick herein, erstarrt ber der Szene. Mit
wildem Blick, die schwarzen Locken schttelnd, ruft der wohlgestaltete Jngling:
Er ist tot; in dem Augenblick, da ich seine wiederhergestellte Sprache dringend
anrufen wollte, mein Schicksal, das Schicksal seiner Tochter zu entscheiden, des
Wesens, das ich nchst Gott am meisten liebe, dem ich ein gesundes Herz
wnschte, ein Herz, das den Wert meiner Neigung fhlen knnte. Fr mich ist sie
verloren, sie kniet neben einem andern! Hat er euch eingesegnet? gesteht's nur!
    Das herrliche Wesen war indessen aufgestanden, Lenardo hatte sich erhoben
und erholt; sie sprach: Ich erkenn' Euch nicht mehr, den sanften, frommen, auf
einmal so verwilderten Mann; wit Ihr doch, wie ich Euch danke, wie ich von Euch
denke.
    Von Danken und Denken ist hier die Rede nicht, versetzte jener gefat,
hier handelt sich's vom Glck oder Unglck meines Lebens. Dieser fremde Mann
macht mich besorgt; wie ich ihn ansehe, getrau' ich mich nicht, ihn aufzuwiegen;
frhere Rechte zu verdrngen, frhere Verbindungen zu lsen vermag ich nicht.
    Sobald du wieder in dich selbst zurcktreten kannst, sagte die Gute,
schner als je, wenn mit dir zu sprechen ist wie sonst und immer, so will ich
dir sagen, dir beteuern bei den irdischen Resten meines verklrten Vaters, da
ich zu diesem Herrn und Freunde kein ander Verstndnis habe, als das du kennen,
billigen und teilen kannst und dessen du dich erfreuen mut.
    Lenardo schauderte bis tief ins Innerste, alle drei standen still, stumm und
nachdenkend eine Weile; der Jngling nahm zuerst das Wort und sagte: Der
Augenblick ist von zu groer Bedeutung, als da er nicht entscheidend sein
sollte. Es ist nicht aus dem Stegreif, was ich spreche, ich habe Zeit gehabt zu
denken, also vernehmt: Die Ursache, deine Hand mir zu verweigern, war meine
Weigerung, dir zu folgen, wenn du aus Not oder Grille wandern wrdest. Hier also
erklr' ich feierlich vor diesem gltigen Zeugen, da ich deinem Auswandern kein
Hindernis in den Weg legen, vielmehr es befrdern und dir berallhin folgen
will. Gegen diese mir nicht abgentigte, sondern nur durch die seltsamsten
Umstnde beschleunigte Erklrung verlang' ich aber im Augenblick deine Hand. Er
reichte sie hin, stand fest und sicher da, die beiden andern wichen berrascht,
unwillkrlich zurck.
    Es ist ausgesprochen, sagte der Jngling, ruhig mit einer gewissen frommen
Hoheit: das sollte geschehen, es ist zu unser aller Bestem, Gott hat es
gewollt; aber damit du nicht denkst, es sei bereilung und Grille, so wisse nur,
ich hatte dir zulieb auf Berg und Felsen Verzicht getan und eben jetzt in der
Stadt alles eingeleitet, um nach deinem Willen zu leben. Nun aber geh' ich
allein, du wirst mir die Mittel dazu nicht versagen, du behltst noch immer
genug brig, um es hier zu verlieren, wie du frchtest und wie du recht hast zu
frchten. Denn ich habe mich endlich auch berzeugt: der knstliche, werkttige
Schelm hat sich ins obere Tal gewendet, dort legt er Maschinen an, du wirst ihn
alle Nahrung an sich ziehen sehen, vielleicht rufst du, und nur allzubald, einen
treuen Freund zurck, den du vertreibst.
    Peinlicher haben nicht leicht drei Menschen sich gegenbergestanden, alle
zusammen in Furcht, sich einander zu verlieren, und im Augenblick nicht wissend,
wie sie sich wechselseitig erhalten sollten.
    Leidenschaftlich entschlossen strzte der Jngling zur Tre hinaus. Auf
ihres Vaters erkaltete Brust hatte die Schne-Gute ihre Hand gelegt: In die
Nhe soll man nicht hoffen, rief sie aus, aber in die Ferne, das war sein
letzter Segen. Vertrauen wir Gott, jeder sich selbst und dem andern, so wird
sich's wohl fgen.

                              Vierzehntes Kapitel


Unser Freund las mit groem Anteil das Vorgelegte, mute aber zugleich gestehen,
er habe schon beim Schlu des vorigen Heftes geahnet, ja vermutet, das gute
Wesen sei entdeckt worden. Die Beschreibung der schroffen Gebirgsgegend habe ihn
zuerst in jene Zustnde versetzt, besonders aber sei er durch die Ahnung
Lenardos in jener Mondennacht, so auch durch die Wiederholung der Worte seines
Briefes auf die Spur geleitet worden. Friedrich, dem er das alles umstndlich
vortrug, lie sich es auch ganz wohl gefallen.
    Hier aber wird die Pflicht des Mitteilens, Darstellens, Ausfhrens und
Zusammenziehens immer schwieriger. Wer fhlt nicht, da wir uns diesmal dem Ende
nhern, wo die Furcht, in Umstndlichkeiten zu verweilen, mit dem Wunsche,
nichts vllig unerrtert zu lassen, uns in Zwiespalt versetzt. Durch die eben
angekommene Depesche wurden wir zwar von manchem unterrichtet, die Briefe jedoch
und die vielfachen Beilagen enthielten verschiedene Dinge, gerade nicht von
allgemeinem Interesse. Wir sind also gesonnen, dasjenige, was wir damals gewut
und erfahren, ferner auch das, was spter zu unserer Kenntnis kam,
zusammenzufassen und in diesem Sinne das bernommene ernste Geschft eines
treuen Referenten getrost abzuschlieen.
    Vor allen Dingen haben wir daher zu berichten, da Lothario mit Theresen,
seiner Gemahlin, und Natalien, die ihren Bruder nicht von sich lassen wollte, in
Begleitung des Abbs schon wirklich zur See gegangen sind. Unter gnstigen
Vorbedeutungen reisten sie ab, und hoffentlich blht ein frdernder Wind ihre
Segel. Die einzige unangenehme Empfindung, eine wahre sittliche Trauer, nehmen
sie mit: da sie Makarien vorher nicht ihren Besuch abstatten konnten. Der Umweg
war zu gro, das Unternehmen zu bedeutend; schon warf man sich einige Zgerung
vor und mute selbst eine heilige Pflicht der Notwendigkeit aufopfern.
    Wir aber, von unserer erzhlenden und darstellenden Seite, sollten diese
teuren Personen, die uns frher so viele Neigung abgewonnen, nicht in so weite
Entfernung ziehen lassen, ohne von ihrem bisherigen Vornehmen und Tun nhere
Nachricht erteilt zu haben, besonders da wir so lange nichts Ausfhrliches von
ihnen vernommen. Gleichwohl unterlassen wir dieses, weil ihr bisheriges Geschft
sich nur vorbereitend auf das groe Unternehmen bezog, auf welches wir sie
lossteuern sehen. Wir leben jedoch in der Hoffnung, sie dereinst in voller
geregelter Ttigkeit, den wahren Wert ihrer verschiedenen Charaktere
offenbarend, vergnglich wiederzufinden.
    Juliette, die Sinnige-Gute, deren wir uns wohl noch erinnern, hatte
geheiratet, einen Mann nach dem Herzen des Oheims, durchaus in seinem Sinne mit-
und fortwirkend. Juliette war in der letzten Zeit viel um die Tante, wo manche
derjenigen zusammentrafen, auf die sie wohlttigen Einflu gehabt; nicht nur
solche, die dem festen Lande gewidmet bleiben, auch solche, die ber See zu
gehen gedenken. Lenardo hingegen hatte schon frher mit Friedrichen Abschied
genommen; die Mitteilung durch Boten war unter diesen desto lebhafter.
    Vermite man also in dem Verzeichnisse der Gste jene edlen Obengenannten,
so waren doch manche bedeutende, uns schon nher bekannte Personen darauf zu
finden. Hilarie kam mit ihrem Gatten, der nun als Hauptmann und entschieden
reicher Gutsbesitzer auftrat. Sie in ihrer groen Anmut und Liebenswrdigkeit
gewann sich hier wie berall gar gern Verzeihung einer allzu groen
Leichtigkeit, von Interesse zu Interesse bergehend zu wechseln, deren wir sie
im Lauf der Erzhlung schuldig gefunden. Besonders die Mnner rechneten es ihr
nicht hoch an. Einen dergleichen Fehler, wenn es einer ist, finden sie nicht
anstig, weil ein jeder wnschen und hoffen mag, auch an die Reihe zu kommen.
    Flavio, ihr Gemahl, rstig, munter und liebenswrdig genug, schien
vollkommen ihre Neigung zu fesseln; sie mochte sich das Vergangene selbst
verziehen haben; auch fand Makarie keinen Anla, dessen zu erwhnen. Er, der
immer leidenschaftliche Dichter, bat sich aus, beim Abschiede ein Gedicht
vorlesen zu drfen, welches er zu Ehren ihrer und ihrer Umgebung in den wenigen
Tagen seines Hierseins verfate. Man sah ihn oft im Freien auf und ab gehen,
nach einigem Stillstand mit bewegter Gebrde wieder vorwrts schreitend in die
Schreibtafel schreiben, sinnen und wieder schreiben. Nun aber schien er es fr
vollendet zu halten, als er durch Angela jenen Wunsch zu erkennen gab.
    Die gute Dame, obgleich ungern, verstand sich hiezu, und es lie sich
allenfalls anhren, ob man gleich dadurch weiter nichts erfuhr, als was man
schon wute, nichts fhlte, als was man schon gefhlt hatte. Indessen war denn
doch der Vortrag leicht und gefllig, Wendung und Reim mitunter neu, wenn man es
auch htte im ganzen etwas krzer wnschen mgen. Zuletzt bergab er dasselbe,
auf gerndertes Papier sehr schn geschrieben, und man schied mit vollkommener
wechselseitiger Zufriedenheit.
    Dieses Paar war von einer bedeutenden, wohlgenutzten Reise nach dem Sden
zurckgekommen, um den Vater, den Major, von Hause abzulsen, der mit jener
Unwiderstehlichen, die nun seine Gemahlin geworden, auch etwas von der
paradiesischen Luft zu einiger Erquickung einatmen wollte.
    Diese beiden kamen denn auch, im Wechsel, und so wie berall hatte bei
Makarien die Merkwrdige auch vorzgliche Gunst, welche sich besonders darin
erwies, da die Dame in den innern Zimmern und allein empfangen wurde, welche
Geneigtheit auch nachher dem Major zuteil ward. Dieser empfahl sich darauf
sogleich als gebildeter Militr, guter Haus- und Landwirt, Literaturfreund,
sogar als Lehrdichter beifallswrdig und fand bei dem Astronomen und sonstigen
Hausgenossen guten Eingang.
    Auch von unserm alten Herrn, dem wrdigen Oheim, ward er besonders
ausgezeichnet, welcher, in miger Ferne wohnend, diesmal mehr, als er sonst
pflegte, obgleich nur fr Stunden, herberkam, aber keine Nacht, auch bei
angebotener grten Bequemlichkeit, zu bleiben bewogen werden konnte.
    Bei solchen kurzen Zusammenknften war seine Gegenwart jedoch hchst
erfreulich, weil er sodann, als Welt- und Hofmann, nachgiebig und vermittelnd
auftreten wollte; wobei denn sogar ein Zug von aristokratischer Pedanterie nicht
unangenehm empfunden wurde. berdem ging diesmal sein Behagen von Grund aus, er
war glcklich, wie wir uns alle fhlen, wenn wir mit verstndig-vernnftigen
Leuten Wichtiges zu verhandeln haben. Das umfassende Geschft war vllig im
Gange, es bewegte sich stetig nach gepflogener Verabredung.
    Hievon nur die Hauptmomente. Er ist drben ber dem Meere, von seinen
Vorfahren her, Eigentmer. Was das heien wolle, mge der Kenner dortiger
Angelegenheiten, da es uns hier zu weit fhren mte, seinen Freunden nher
erklren. Diese wichtigen Besitzungen waren bisher verpachtet und trugen, bei
mancherlei Unannehmlichkeiten, wenig ein. Die Gesellschaft, die wir genugsam
kennen, ist nun berechtigt, dort Besitz zu nehmen, mitten in der vollkommensten
brgerlichen Einrichtung, von da sie als einflureiches Staatsglied ihren
Vorteil ersehen und sich in die noch unangebaute Wste fern verbreiten kann.
Hier nun will sich Friedrich mit Lenardo besonders hervortun, um zu zeigen, wie
man eigentlich von vorn beginnen und einen Naturweg einschlagen knne.
    Kaum hatten sich die Genannten von ihrem Aufenthalte hchst zufrieden
entfernt, so waren dagegen Gste ganz anderer Art angemeldet und doch auch
willkommen. Wir erwarteten wohl kaum, Philinen und Lydien an so heiliger Sttte
auftreten zu sehen, und doch kamen sie an. Der zunchst in den Gebirgen noch
immer weilende Montan sollte sie hier abholen und auf dem nchsten Wege zur See
bringen. Beide wurden von Haushlterinnen, Schaffnerinnen, sonst angestellten
und mitwohnenden Frauen sehr gut aufgenommen: Philine brachte ein paar
allerliebste Kinder mit und zeichnete sich, bei einer einfachen, sehr reizenden
Kleidung, aus durch das Sonderbare, da sie von blumig gesticktem Grtel herab
an langer silberner Kette eine mig groe englische Schere trug, mit der sie
manchmal, gleichsam als wollte sie ihrem Gesprch einigen Nachdruck geben, in
die Luft schnitt und schnippte und durch einen solchen Akt die smtlichen
Anwesenden erheiterte; worauf denn bald die Frage folgte: ob es denn in einer so
groen Familie nichts zuzuschneiden gebe? und da fand sich denn, da, erwnscht
fr eine solche Ttigkeit, ein paar Brute sollten ausgestattet werden. Sie
sieht hierauf die Landestracht an, lt die Mdchen vor sich auf und ab gehen
und schneidet immer zu, wobei sie aber, mit Geist und Geschmack verfahrend, ohne
dem Charakter einer solchen Tracht etwas zu benehmen, das eigentlich stockende
Barbarische derselben mit einer Anmut zu vermitteln wei, so gelind, da die
Bekleideten sich und andern besser gefallen und die Bangigkeit berwinden, man
mge von dem Herkmmlichen doch abgewichen sein.
    Hier kam nun Lydie, die mit gleicher Fertigkeit, Zierlichkeit und Schnelle
zu nhen verstand, vollkommen zu Hlfe, und man durfte hoffen, mit dem brigen
weiblichen Beistand die Brute schneller, als man gedacht hatte, herausgeputzt
zu sehen. Dabei durften sich diese Mdchen nicht lange entfernen, Philine
beschftigte sich mit ihnen bis aufs kleinste und behandelte sie wie Puppen oder
Theaterstatisten. Gehufte Bnder und sonstiger in der Nachbarschaft blicher
Festschmuck wurde schicklich verteilt, und so erreichte man zuletzt, da diese
tchtigen Krper und hbschen Figuren, sonst durch barbarische Pedanterei
zugedeckt, nunmehr zu einiger Evidenz gelangten, wobei alle Derbheit doch immer
zu einiger Anmut herausgestutzt erschien.
    Allzu ttige Personen werden aber doch in einem gleichmig geregelten
Zustande lstig. Philine war mit ihrer gefrigen Schere in die Zimmer geraten,
wo die Vorrte zu Kleidern fr die groe Familie, in Stoffen aller Art, zur Hand
lagen. Da fand sie nun in der Aussicht, das alles zu zerschneiden, die grte
Glckseligkeit; man mute sie wirklich daraus entfernen und die Tren fest
verschlieen, denn sie kannte weder Ma noch Ziel. Angela wollte wirklich
deshalb nicht als Braut behandelt sein, weil sie sich vor einer solchen
Zuschneiderin frchtete; berhaupt lie sich das Verhltnis zwischen beiden
keineswegs glcklich einleiten. Doch hievon kann erst spter die Rede sein.
    Montan, lnger als man gedacht hatte, zauderte zu kommen, und Philine drang
darauf, Makarien vorgestellt zu werden. Es geschah, weil man sie alsdann um
desto eher loszuwerden hoffte, und es war merkwrdig genug, die beiden
Snderinnen zu den Fen der Heiligen zu sehen. Zu beiden Seiten lagen sie ihr
an den Knieen, Philine zwischen ihren zwei Kindern, die sie lebhaft anmutig
niederdrckte; mit gewohnter Heiterkeit sprach sie: Ich liebe meinen Mann,
meine Kinder, beschftige mich gern fr sie, auch fr andere, das brige
verzeihst du! Makarie begrte sie segnend, sie entfernte sich mit anstndiger
Beugung.
    Lydie lag von der linken Seite her der Heiligen mit dem Gesicht auf dem
Schoe, weinte bitterlich und konnte kein Wort sprechen; Makarie, ihre Trnen
auffassend, klopfte ihr auf die Schulter als beschwichtigend, dann kte sie ihr
Haupt zwischen den gescheitelten Haaren, wie es vor ihr lag, brnstig und
wiederholt in frommer Absicht.
    Lydie richtete sich auf, erst auf ihre Kniee, dann auf die Fe, und schaute
zu ihrer Wohltterin mit reiner Heiterkeit. Wie geschieht mir! sagte sie, wie
ist mir! Der schwere, lstige Druck, der mir, wo nicht alle Besinnung, doch
alles berlegen raubte, er ist auf einmal von meinem Haupte weggehoben, ich kann
nun frei in die Hhe sehen, meine Gedanken in die Hhe richten, und, setzte sie
nach tiefem Atemholen hinzu, ich glaube, mein Herz will nach.
    In diesem Augenblicke erffnete sich die Tre, und Montan trat herein, wie
fters der allzu lang Erwartete pltzlich und unverhofft erscheint. Lydie
schritt munter auf ihn zu, umarmte ihn freudig, und indem sie ihn vor Makarien
fhrte, rief sie aus: Er soll erfahren, was er dieser Gttlichen schuldig ist,
und sich mit mir dankend niederwerfen.
    Montan, betroffen und, gegen seine Gewohnheit, gewissermaen verlegen, sagte
mit edler Verbeugung gegen die wrdige Dame: Es scheint sehr viel zu sein, denn
ich werde dich ihr schuldig. Es ist das erstemal, da du mir offen und liebevoll
entgegenkommst, das erstemal, da du mich ans Herz drckst, ob ich es gleich
lngst verdiente.
    Hier nun mssen wir vertraulich erffnen, da Montan Lydien von ihrer frhen
Jugend an geliebt, da der einnehmendere Lothario sie ihm entfhrt, er aber ihr
und dem Freunde treu geblieben und sie sich endlich, vielleicht zu nicht
geringer Verwunderung unserer frheren Leser, als Gattin zugeeignet habe.
    Diese drei zusammen, welche sich in der europischen Gesellschaft doch nicht
ganz behaglich fhlen mochten, migten kaum den Ausdruck ihrer Freude, wenn von
den dort erwarteten Zustnden die Rede war. Die Schere Philinens zuckte schon:
denn man gedachte sich das Monopol vorzubehalten, diese neuen Kolonien mit
Kleidungsstcken zu versorgen. Philine beschrieb den groen Tuch- und
Leinwandvorrat sehr artig und schnitt in die Luft, die Ernte fr Sichel und
Sense, wie sie sagte, schon vor sich sehend.
    Lydie dagegen, erst durch jene glcklichen Segnungen zu teilnehmender Liebe
wieder auferwacht, sah im Geiste schon ihre Schlerinnen sich ins Hundertfache
vermehren und ein ganzes Volk von Hausfrauen zu Genauigkeit und Zierlichkeit
eingeleitet und aufgeregt. Auch der ernste Montan hat die dortige Bergflle an
Blei, Kupfer, Eisen und Steinkohlen dergestalt vor Augen, da er alle sein
Wissen und Knnen manchmal nur fr ngstlich tastendes Versuchen erklren
mchte, um erst dort in eine reiche, belohnende Ernte mutig einzugreifen.
    Da Montan sich mit unserm Astronomen bald verstehen wrde, war
vorauszusehen. Die Gesprche, die sie in Gegenwart Makariens fhrten, waren
hchst anziehend; wir finden aber nur weniges davon niedergeschrieben, indem
Angela seit einiger Zeit beim Zuhren minder aufmerksam und beim Aufzeichnen
nachlssiger geworden war. Auch mochte ihr manches zu allgemein und fr ein
Frauenzimmer nicht falich genug vorkommen. Wir schalten daher nur einige der in
jene Tage gehrigen uerungen hier vorbergehend ein, die nicht einmal von
ihrer Hand geschrieben uns zugekommen sind.

Bei dem Studieren der Wissenschaften, besonders derer, welche die Natur
behandeln, ist die Untersuchung so ntig als schwer: ob das, was uns von alters
her berliefert und von unsern Vorfahren fr gltig geachtet worden, auch
wirklich gegrndet und zuverlssig sei, in dem Grade, da man darauf fernerhin
sicher fortbauen mge? oder ob ein herkmmliches Bekenntnis nur stationr
geworden und deshalb mehr einen Stillstand als einen Fortschritt veranlasse? Ein
Kennzeichen frdert diese Untersuchung, wenn nmlich das Angenommene lebendig
und in das ttige Bestreben einwirkend und frdernd gewesen und geblieben.
    Im Gegensatze steht die Prfung des Neuen, wo man zu fragen hat: ob das
Angenommene wirklicher Gewinn oder nur modische bereinstimmung sei? denn eine
Meinung, von energischen Mnnern ausgehend, verbreitet sich kontagios ber die
Menge, und dann heit sie herrschend - eine Anmaung, die fr den treuen
Forscher gar keinen Sinn ausspricht. Staat und Kirche mgen allenfalls Ursache
finden, sich fr herrschend zu erklren: denn die haben es mit der
widerspenstigen Masse zu tun, und wenn nur Ordnung gehalten wird, so ist es ganz
einerlei, durch welche Mittel; aber in den Wissenschaften ist die absoluteste
Freiheit ntig: denn da wirkt man nicht fr heut und morgen, sondern fr eine
undenklich vorschreitende Zeitenreihe.
    Gewinnt aber auch in der Wissenschaft das Falsche die Oberhand, so wird doch
immer eine Minoritt fr das Wahre brigbleiben, und wenn sie sich in einen
einzigen Geist zurckzge, so htte das nichts zu sagen. Er wird im stillen, im
verborgenen fortwaltend wirken, und eine Zeit wird kommen, wo man nach ihm und
seinen berzeugungen fragt, oder wo diese sich, bei verbreitetem allgemeinem
Licht, auch wieder hervorwagen drfen.
    Was jedoch weniger allgemein, obgleich unbegreiflich und wunderseltsam, zur
Sprache kam, war die gelegentliche Erffnung Montans, da ihm bei seinen
gebirgischen und bergmnnischen Untersuchungen eine Person zur Seite gehe,
welche ganz wundersame Eigenschaften und einen ganz eigenen Bezug auf alles
habe, was man Gestein, Mineral, ja sogar was man berhaupt Element nennen knne.
Sie fhle nicht blo eine gewisse Einwirkung der unterirdisch flieenden Wasser,
metallischer Lager und Gnge, sowie der Steinkohlen und was dergleichen in
Massen beisammen sein mchte, sondern, was wunderbarer sei, sie befinde sich
anders und wieder anders, sobald sie nur den Boden wechsele. Die verschiedenen
Gebirgsarten bten auf sie einen besondern Einflu, worber er sich mit ihr,
seitdem er eine zwar wunderliche, aber doch auslangende Sprache einzuleiten
gewut, recht gut verstndigen und sie im einzelnen prfen knne, da sie denn
auf eine merkwrdige Weise die Probe bestehe, indem sie sowohl chemische als
physische Elemente durchs Gefhl gar wohl zu unterscheiden wisse, ja sogar schon
durch den Anblick das Schwerere von dem Leichtern unterscheide. Diese Person,
ber deren Geschlecht er sich nicht nher erklren wollte, habe er mit den
abreisenden Freunden vorausgeschickt und hoffe zu seinen Zwecken in den
ununtersuchten Gegenden sehr viel von ihr.
    Dieses Vertrauen Montans erffnete das strenge Herz des Astronomen, welcher
sodann mit Makariens Vergnstigung auch ihm das Verhltnis derselben zum
Weltsystem offenbarte. Durch nachherige Mitteilungen des Astronomen sind wir in
dem Fall, wo nicht Genugsames, doch das Hauptschliche ihrer Unterhaltungen ber
so wichtige Punkte mitzuteilen.
    Bewundern wir indessen die hnlichkeit der hier eintretenden Flle bei der
grten Verschiedenheit. Der eine Freund, um nicht ein Timon zu werden, hatte
sich in die tiefsten Klfte der Erde versenkt, und auch dort ward er gewahr, da
in der Menschennatur etwas Analoges zum Starrsten und Rohsten vorhanden sei; dem
andern gab von der Gegenseite der Geist Makariens ein Beispiel, da, wie dort
das Verbleiben, hier das Entfernen wohlbegabten Naturen eigen sei, da man weder
ntig habe, bis zum Mittelpunkt der Erde zu dringen, noch sich ber die Grenzen
unsres Sonnensystems hinaus zu entfernen, sondern schon genglich beschftigt
und vorzglich auf Tat aufmerksam gemacht und zu ihr berufen werde. An und in
dem Boden findet man fr die hchsten irdischen Bedrfnisse das Material, eine
Welt des Stoffes, den hchsten Fhigkeiten des Menschen zur Bearbeitung
bergeben; aber auf jenem geistigen Wege werden immer Teilnahme, Liebe,
geregelte freie Wirksamkeit gefunden. Diese beiden Welten gegeneinander zu
bewegen, ihre beiderseitigen Eigenschaften in der vorbergehenden
Lebenserscheinung zu manifestieren, das ist die hchste Gestalt, wozu sich der
Mensch auszubilden hat.
    Hierauf schlossen beide Freunde einen Bund und nahmen sich vor, ihre
Erfahrungen allenfalls auch nicht zu verheimlichen, weil derjenige, der sie als
einem Roman wohl ziemende Mrchen belcheln knnte, sie doch immer als ein
Gleichnis des Wnschenswertesten betrachten drfte.
    Der Abschied Montans und seiner Frauenzimmer folgte bald hierauf, und wenn
man ihn mit Lydien wohl noch gern gehalten htte, so war doch die allzu unruhige
Philine mehreren an Ruhe und Sitte gewohnten Frauenzimmern, besonders aber der
edlen Angela beschwerlich, wozu sich noch besondere Umstnde hinzufgten, welche
die Unbehaglichkeit vermehrten.
    Schon oben hatten wir zu bemerken, da Angela nicht wie sonst die Pflicht
des Aufmerkens und Aufzeichnens erfllte, sondern anderwrts beschftigt schien.
Um diese Anomalie an einer der Ordnung dergestalt ergebenen und in den reinsten
Kreisen sich bewegenden Person zu erklren, sind wir gentigt, einen neuen
Mitspieler in dieses vielumfassende Drama noch zuletzt einzufhren.
    Unser alter, geprfter Handelsfreund Werner mute sich bei zunehmenden, ja
gleichsam ins Unendliche sich vermehrenden Geschften nach frischen Gehlfen
umsehen, welche er nicht ohne vorlufige besondere Prfung nher an sich
anschlo. Einen solchen sendet er nun an Makarien, um wegen Auszahlung der
bedeutenden Summen zu unterhandeln, welche diese Dame aus ihrem groen Vermgen
dem neuen Unternehmen, besonders in Rcksicht auf Lenardo, ihren Liebling,
zuzuwenden beschlo und erklrte. Gedachter junger Mann, nunmehr Werners Gehlfe
und Geselle, ein frischer, natrlicher Jngling und eine Wundererscheinung,
empfiehlt sich durch ein eignes Talent, durch eine grenzenlose Fertigkeit im
Kopfrechnen, wie berall, so besonders bei den Unternehmern, wie sie jetzt
zusammenwirken, da sie sich durchaus mit Zahlen im mannigfaltigsten Sinne einer
Gesellschaftsrechnung beschftigen und ausgleichen mssen. Sogar in der
tglichen Soziett, wo beim Hin-und Widerreden ber weltliche Dinge von Zahlen,
Summen und Ausgleichungen die Rede ist, mu ein solcher hchst willkommen mit
einwirken. berdem spielte er den Flgel hchst anmutig, wo ihm der Kalkl und
ein liebenswrdiges Naturell verbunden und vereint uerst wnschenswert zu
Hlfe kommt. Die Tne flieen ihm leicht und harmonisch zusammen, manchmal aber
deutet er an, da er auch wohl in tiefern Regionen zu Hause wre, und so wird er
hchst anziehend, wenn er gleich wenig Worte macht und kaum irgend etwas
Gefhltes aus seinen Gesprchen durchblickt. Auf alle Flle ist er jnger als
seine Jahre, man mchte beinahe etwas Kindliches an ihm finden. Wie es brigens
auch mit ihm sei, er hat Angelas Gunst gewonnen, sie die seinige, zu Makariens
grter Zufriedenheit: denn sie hatte lngst gewnscht, das edle Mdchen
verheiratet zu sehen.
    Diese jedoch, immer bedenkend und fhlend, wie schwer ihre Stelle zu
besetzen sein werde, hatte wohl schon irgendein liebevolles Anerbieten
abgelehnt, vielleicht sogar einer stillen Neigung Gewalt angetan; seitdem aber
eine Nachfolgerin denkbar, ja gewissermaen schon bestimmt worden, scheint sie,
von einem wohlgeflligen Eindruck berrascht, ihm bis zur Leidenschaft
nachgegeben zu haben.
    Wir aber kommen nunmehr in den Fall, das Wichtigste zu erffnen, indem ja
alles, worber seit so mancher Zeit die Rede gewesen, sich nach und nach
gebildet, aufgelst und wieder gestaltet hatte.
    Entschieden ist also auch nunmehr, da die Schne-Gute, sonst das nubraune
Mdchen genannt, sich Makarien zur Seite fge. Der im allgemeinen vorgelegte,
auch von Lenardo schon gebilligte Plan ist seiner Ausfhrung ganz nah; alle
Teilnehmenden sind einig; die Schne-Gute bergibt dem Gehlfen ihr ganzes
Besitztum. Er heiratet die zweite Tochter jener arbeitsamen Familie und wird
Schwager des Schirrfassers. Hiedurch wird die vollkommene Einrichtung einer
neuen Fabrikation durch Lokal und Zusammenwirkung mglich, und die Bewohner des
arbeitslustigen Tales werden auf eine andere, lebhaftere Weise beschftigt.
    Dadurch wird die Liebenswrdige frei, sie tritt bei Makarien an die Stelle
von Angela, welche mit jenem jungen Manne schon verlobt ist. Hiemit wre alles
fr den Augenblick berichtet; was nicht entschieden werden kann, bleibt im
Schweben.
    Nun aber verlangt die Schne-Gute, da Wilhelm sie abhole; gewisse Umstnde
sind noch zu berichtigen, und sie legt blo einen groen Wert darauf, da er
das, was er doch eigentlich angefangen, auch vollende. Er entdeckte sie zuerst,
und ein wundersam Geschick trieb Lenardo auf seine Spur; und nun soll er, so
wnscht sie, ihr den Abschied von dort erleichtern und so die Freude, die
Beruhigung empfinden, einen Teil der verschrnkten Schicksalsfden selbst wieder
aufgefat und angeknpft zu haben.
    Nun aber mssen wir, um das Geistliche, das Gemtliche zu einer Art von
Vollstndigkeit zu bringen, auch ein Geheimeres offenbaren, und zwar folgendes:
Lenardo hatte ber eine nhere Verbindung mit der Schnen-Guten niemals das
mindeste geuert; im Laufe der Unterhandlungen aber, bei dem vielen Hin-und
Widersenden war denn doch auf eine zarte Weise an ihr geforscht worden, wie sie
dies Verhltnis ansehe und was sie, wenn es zur Sprache kme, allenfalls zu tun
geneigt wre. Aus ihrem Erwidern konnte man sich so viel zusammensetzen: sie
fhle sich nicht wert, einer solchen Neigung wie der ihres edlen Freundes durch
Hingebung ihres geteilten Selbst zu antworten. Ein Wohlwollen der Art verdiene
die ganze Seele, das ganze Vermgen eines weiblichen Wesens; dies aber knne sie
nicht anbieten. Das Andenken ihres Brutigams, ihres Gatten und der
wechselseitigen Einigung beider sei noch so lebhaft in ihr, nehme noch ihr
ganzes Wesen dergestalt vllig ein, da fr Liebe und Leidenschaft kein Raum
gedenkbar, auch ihr nur das reinste Wohlwollen und in diesem Falle die
vollkommenste Dankbarkeit brig bleibe. Man beruhigte sich hiebei, und da
Lenardo die Angelegenheit nicht berhrt hatte, war es auch nicht ntig, hierber
Auskunft und Antwort zu geben.
    Einige allgemeine Betrachtungen werden hoffentlich hier am rechten Orte
stehen. Das Verhltnis smtlicher vorbergehenden Personen zu Makarien war
vertraulich und ehrfurchtsvoll, alle fhlten die Gegenwart eines hheren Wesens,
und doch blieb in solcher Gegenwart einem jeden die Freiheit, ganz in seiner
eigenen Natur zu erscheinen. Jeder zeigt sich, wie er ist, mehr als je vor
Eltern und Freunden, mit einer gewissen Zuversicht, denn er war gelockt und
veranlat, nur das Gute, das Beste, was an ihm war, an den Tag zu geben, daher
beinah eine allgemeine Zufriedenheit entstand.
    Verschweigen aber knnen wir nicht, da durch diese gewissermaen
zerstreuenden Zustnde Makarie mit der Lage Lenardos beschftigt blieb; sie
uerte sich auch darber gegen ihre Nchsten, gegen Angela und den Astronomen.
Lenardos Inneres glaubten sie deutlich vor sich zu sehen, er ist fr den
Augenblick beruhigt, der Gegenstand seiner Sorge wird hchst glcklich
gesichert; Makarie hatte fr die Zukunft auf jeden Fall gesorgt. Nun hatte er
das groe Geschft mutig anzutreten und zu beginnen, das brige dem Folgegang
und Schicksal zu berlassen. Dabei konnte man vermuten, da er in jenen
Unternehmungen hauptschlich gestrkt sei durch den Gedanken, sie dereinst, wenn
er Fu gefat, hinber zu berufen, wo nicht gar selbst abzuholen.
    Allgemeiner Bemerkungen konnte man hiebei sich nicht enthalten. Man
beachtete nher den seltenen Fall, der sich hier hervortat: Leidenschaft aus
Gewissen. Man gedachte zugleich anderer Beispiele einer wundersamen Umbildung
einmal gefater Eindrcke, der geheimnisvollen Entwickelung angeborner Neigung
und Sehnsucht. Man bedauerte, da in solchen Fllen wenig zu raten sei, wrde es
aber hchst rtlich finden, sich mglichst klar zu halten und diesem oder jenem
Hang nicht unbedingt nachzugeben.
    Zu diesem Punkte aber gelangt, knnen wir der Versuchung nicht widerstehen,
ein Blatt aus unsern Archiven mitzuteilen, welches Makarien betrifft und die
besondere Eigenschaft, die ihrem Geiste erteilt ward. Leider ist dieser Aufsatz
erst lange Zeit, nachdem der Inhalt mitgeteilt worden, aus dem Gedchtnis
geschrieben und nicht, wie es in einem so merkwrdigen Fall wnschenswert wre,
fr ganz authentisch anzusehen. Dem sei aber, wie ihm wolle, so wird hier schon
so viel mitgeteilt, um Nachdenken zu erregen und Aufmerksamkeit zu empfehlen, ob
nicht irgendwo schon etwas hnliches oder sich Annherndes bemerkt und
verzeichnet worden.

                              Funfzehntes Kapitel


Makarie befindet sich zu unserm Sonnensystem in einem Verhltnis, welches man
auszusprechen kaum wagen darf. Im Geiste, der Seele, der Einbildungskraft hegt
sie, schaut sie es nicht nur, sondern sie macht gleichsam einen Teil desselben;
sie sieht sich in jenen himmlischen Kreisen mit fortgezogen, aber auf eine ganz
eigene Art; sie wandelt seit ihrer Kindheit um die Sonne, und zwar, wie nun
entdeckt ist, in einer Spirale, sich immer mehr vom Mittelpunkt entfernend und
nach den ueren Regionen hinkreisend.
    Wenn man annehmen darf, da die Wesen, insofern sie krperlich sind, nach
dem Zentrum, insofern sie geistig sind, nach der Peripherie streben, so gehrt
unsere Freundin zu den geistigsten; sie scheint nur geboren, um sich von dem
Irdischen zu entbinden, um die nchsten und fernsten Rume des Daseins zu
durchdringen. Diese Eigenschaft, so herrlich sie ist, ward ihr doch seit den
frhsten Jahren als eine schwere Aufgabe verliehen. Sie erinnert sich von klein
auf ihr inneres Selbst als von leuchtendem Wesen durchdrungen, von einem Licht
erhellt, welchem sogar das hellste Sonnenlicht nichts anhaben konnte. Oft sah
sie zwei Sonnen, eine innere nmlich und eine auen am Himmel, zwei Monde, wovon
der uere in seiner Gre bei allen Phasen sich gleich blieb, der innere sich
immer mehr und mehr verminderte.
    Diese Gabe zog ihren Anteil ab von gewhnlichen Dingen, aber ihre
trefflichen Eltern wendeten alles auf ihre Bildung; alle Fhigkeiten wurden an
ihr lebendig, alle Ttigkeiten wirksam, dergestalt da sie allen ueren
Verhltnissen zu gengen wute und, indem ihr Herz, ihr Geist ganz von
berirdischen Gesichten erfllt war, doch ihr Tun und Handeln immerfort dem
edelsten Sittlichen gem blieb. Wie sie heranwuchs, berall hlfreich,
unaufhaltsam in groen und kleinen Diensten, wandelte sie wie ein Engel Gottes
auf Erden, indem ihr geistiges Ganze sich zwar um die Weltsonne, aber nach dem
berweltlichen in stetig zunehmenden Kreisen bewegte.
    Die berflle dieses Zustandes ward einigermaen dadurch gemildert, da es
auch in ihr zu tagen und zu nachten schien, da sie denn, bei gedmpftem innerem
Licht, uere Pflichten auf das treuste zu erfllen strebte, bei frisch
aufleuchtendem Innerem sich der seligsten Ruhe hingab. Ja sie will bemerkt
haben, da eine Art von Wolken sie von Zeit zu Zeit umschwebten und ihr den
Anblick der himmlischen Genossen auf eine Zeitlang umdmmerten, eine Epoche, die
sie stets zu Wohl und Freude ihrer Umgebungen zu benutzen wute.
    Solange sie die Anschauungen geheimhielt, gehrte viel dazu, sie zu
ertragen; was sie davon offenbarte, wurde nicht anerkannt oder mideutet, sie
lie es daher in ihrem langen Leben nach auen als Krankheit gelten, und so
spricht man in der Familie noch immer davon; zuletzt aber hat ihr das gute Glck
den Mann zugefhrt, den ihr bei uns seht, als Arzt, Mathematiker und Astronom
gleich schtzbar, durchaus ein edler Mensch, der sich jedoch erst eigentlich aus
Neugierde zu ihr heranfand. Als sie aber Vertrauen gegen ihn gewann, ihm nach
und nach ihre Zustnde beschrieben, das Gegenwrtige ans Vergangene
angeschlossen und in die Ereignisse einen Zusammenhang gebracht hatte, ward er
so von der Erscheinung eingenommen, da er sich nicht mehr von ihr trennen
konnte, sondern Tag fr Tag stets tiefer in das Geheimnis einzudringen
trachtete.
    Im Anfange, wie er nicht undeutlich zu verstehen gab, hielt er es fr
Tuschung; denn sie leugnete nicht, da von der ersten Jugend an sie sich um die
Stern- und Himmelskunde fleiig bekmmert habe, da sie darin wohl unterrichtet
worden und keine Gelegenheit versumt, sich durch Maschinen und Bcher den
Weltbau immer mehr zu versinnlichen. Deshalb er sich denn nicht ausreden lie,
es sei angelernt. Die Wirkung einer in hohem Grad geregelten Einbildungskraft,
der Einflu des Gedchtnisses sei zu vermuten, eine Mitwirkung der Urteilskraft,
besonders aber eines versteckten Kalkls.
    Er ist ein Mathematiker und also hartnckig, ein heller Geist und also
unglubig; er wehrte sich lange, bemerkte jedoch, was sie angab, genau, suchte
der Folge verschiedener Jahre beizukommen, wunderte sich besonders ber die
neusten, mit dem gegenseitigen Stande der Himmelslichter bereintreffenden
Angaben und rief endlich aus: Nun warum sollte Gott und die Natur nicht auch
eine lebendige Armillarsphre, ein geistiges Rderwerk erschaffen und
einrichten, da es, wie ja die Uhren uns tglich und stndlich leisten, dem Gang
der Gestirne von selbst auf eigne Weise zu folgen imstande wre?
    Hier aber wagen wir nicht, weiter zu gehen; denn das Unglaubliche verliert
seinen Wert, wenn man es nher im einzelnen beschauen will. Doch sagen wir
soviel: Dasjenige, was zur Grundlage der anzustellenden Berechnungen diente, war
folgendes: Ihr, der Seherin, erschien unsere Sonne in der Vision um vieles
kleiner, als sie solche bei Tage erblickte, auch gab eine ungewhnliche Stellung
dieses hheren Himmelslichtes im Tierkreise Anla zu Folgerungen.
    Dagegen entstanden Zweifel und Irrungen, weil die Schauende ein und das
andere Gestirn andeutete als gleichfalls in dem Zodiak erscheinend, von dem man
aber am Himmel nichts gewahr werden konnte. Es mochten die damals noch
unentdeckten kleinen Planeten sein. Denn aus andern Angaben lie sich schlieen,
da sie, lngst ber die Bahn des Mars hinaus, der Bahn des Jupiter sich nhere.
Offenbar hatte sie eine Zeitlang diesen Planeten, es wre schwer zu sagen in
welcher Entfernung, mit Staunen in seiner ungeheuren Herrlichkeit betrachtet und
das Spiel seiner Monde um ihn her geschaut; hernach aber ihn auf die
wunderseltsamste Weise als abnehmenden Mond gesehen, und zwar umgewendet, wie
uns der wachsende Mond erscheint. Daraus wurde geschlossen, da sie ihn von der
Seite sehe und wirklich im Begriff sei, ber dessen Bahn hinauszuschreiten und
in dem unendlichen Raum dem Saturn entgegenzustreben. Dorthin folgt ihr keine
Einbildungskraft, aber wir hoffen, da eine solche Entelechie sich nicht ganz
aus unserm Sonnensystem entfernen, sondern, wenn sie an die Grenze desselben
gelangt ist, sich wieder zurcksehnen werde, um zugunsten unsrer Urenkel in das
irdische Leben und Wohltun wieder einzuwirken.
    Indem wir nun diese therische Dichtung, Verzeihung hoffend, hiemit
beschlieen, wenden wir uns wieder zu jenem terrestrischen Mrchen, wovon wir
oben eine vorbergehende Andeutung gegeben.
    Montan hatte mit dem grten Anschein von Ehrlichkeit angegeben: jene
wunderbare Person, welche mit ihren Gefhlen den Unterschied der irdischen
Stoffe so wohl zu bezeichnen wisse, sei schon mit den ersten Wanderern in die
weite Ferne gezogen, welches jedoch dem aufmerksamen Menschenkenner durchaus
htte sollen unwahrscheinlich dnken. Denn wie wollte Montan und seinesgleichen
eine so bereite Wnschelrute von der Seite gelassen haben? Auch ward kurz nach
seiner Abreise durch Hin- und Widerreden und sonderbare Erzhlungen der unteren
Hausbedienten hierber ein Verdacht allmhlich rege. Philine nmlich und Lydie
hatten eine Dritte mitgebracht, unter dem Vorwand, es sei eine Dienerin, wozu
sie sich aber gar nicht zu schicken schien; wie sie denn auch beim An- und
Auskleiden der Herrinnen niemals gefordert wurde. Ihre einfache Tracht kleidete
den derben, wohlgebauten Krper gar schicklich, deutete aber, so wie die ganze
Person, auf etwas Lndliches. Ihr Betragen, ohne roh zu sein, zeigte keine
gesellige Bildung, wovon die Kammermdchen immer die Karikatur darzustellen
pflegen. Auch fand sie gar bald unter der Dienerschaft ihren Platz; sie gesellte
sich zu den Garten- und Feldgenossen, ergriff den Spaten und arbeitete fr zwei
bis drei. Nahm sie den Rechen, so flog er auf das geschickteste ber das
aufgewhlte Erdreich, und die weiteste Flche glich einem wohlgeebneten Beete.
brigens hielt sie sich still und gewann gar bald die allgemeine Gunst. Sie
erzhlten sich von ihr: man habe sie oft das Werkzeug niederlegen und
querfeldein ber Stock und Steine springen sehen, auf eine versteckte Quelle zu,
wo sie ihren Durst gelscht. Diesen Gebrauch habe sie tglich wiederholt, indem
sie von irgendeinem Punkte aus, wo sie gestanden, immer ein oder das andere rein
ausflieende Wasser zu finden gewut, wenn sie dessen bedurfte.
    Und so war denn doch fr Montans Angeben ein Zeugnis zurckgeblieben, der
wahrscheinlich, um lstige Versuche und unzulngliches Probieren zu vermeiden,
die Gegenwart einer so merkwrdigen Person vor seinen edlen Wirten, welche sonst
wohl ein solches Zutrauen verdient htten, zu verheimlichen beschlo. Wir aber
wollten, was uns bekannt geworden, auch unvollstndig wie es vorliegt,
mitgeteilt haben, um forschende Mnner auf hnliche Flle, die sich vielleicht
fter, als man glaubt, durch irgendeine Andeutung hervortun, freundlich
aufmerksam zu machen.

                              Sechzehntes Kapitel


Der Amtmann jenes Schlosses, das wir noch vor kurzem durch unsere Wanderer
belebt gesehen, von Natur ttig und gewandt, den Vorteil seiner Herrschaft und
seinen eignen immer vor Augen habend, sa nunmehr vergngt, Rechnungen und
Berichte auszufertigen, wodurch er die seinem Bezirk whrend der Anwesenheit
jener Gste zugegangenen groen Vorteile mit einiger Selbstgeflligkeit
vorzutragen und auseinanderzusetzen sich bemhte. Allein dieses war nach seiner
eigenen berzeugung nur das Geringste; er hatte bemerkt, was fr groe Wirkungen
von ttigen, geschickten, freisinnigen und khnen Menschen ausgehen. Die einen
hatten Abschied genommen, ber das Meer zu setzen, die andern, um auf dem festen
Lande ihr Unterkommen zu finden; nun ward er noch ein drittes heimliches
Verhltnis gewahr, wovon er alsobald Nutzen zu ziehen den Entschlu fate.
    Beim Abschied zeigte sich, was man htte voraussagen und wissen knnen, da
von den jungen, rstigen Mnnern sich gar mancher mit den hbschen Kindern des
Dorfs und der Gegend mehr oder weniger befreundet hatte. Nur einige bewiesen Mut
genug, als Odoardo mit den Seinigen abging, sich als entschieden Bleibende zu
erklren; von Lenardos Auswanderern war keiner geblieben, aber von diesen
letztern beteuerten verschiedene, in kurzer Zeit zurckkehren und sich ansiedeln
zu wollen, wenn man ihnen einigermaen ein hinreichendes Auskommen und
Sicherheit fr die Zukunft gewhren knne.
    Der Amtmann, welcher die smtliche Persnlichkeit und die huslichen
Umstnde seiner ihm untergebenen kleinen Vlkerschaft ganz genau kannte, lachte
heimlich als ein wahrer Egoist ber das Ereignis, da man so groe Anstalten und
Aufwand mache, um ber dem Meer und im Mittellande sich frei und ttig zu
erweisen, und doch dabei ihm, der auf seiner Hufe ganz ruhig gesessen, gerade
die grten Vorteile zu Haus und Hof bringe und ihm Gelegenheit gebe, einige der
Vorzglichsten zurckzuhalten und bei sich zu versammeln. Seine Gedanken,
ausgeweitet durch die Gegenwart, fanden nichts natrlicher, als da Liberalitt,
wohl angewendet, gar lbliche, ntzliche Folgen habe. Er fate sogleich den
Entschlu, in seinem kleinen Bezirk etwas hnliches zu unternehmen.
Glcklicherweise waren wohlhabende Einwohner diesmal gleichsam gentigt, ihre
Tchter den allzu frhen Gatten gesetzmig zu berlassen. Der Amtmann machte
ihnen einen solchen brgerlichen Unfall als ein Glck begreiflich, und da es
wirklich ein Glck war, da gerade die in diesem Sinne brauchbarsten Handwerker
das Los getroffen hatte, so hielt es nicht schwer, die Einleitung zu einer
Mbelfabrik zu machen, die ohne weitlufigen Raum und ohne groe Umstnde nur
Geschicklichkeit und hinreichendes Material verlangt. Das letzte versprach der
Amtmann; Frauen, Raum und Verlag gaben die Bewohner, und Geschicklichkeit
brachten die Einwandernden mit.
    Das alles hatte der gewandte Geschftsmann schon im stillen, bei Anwesenheit
und im Tumult der Menge, gar wohl berdacht und konnte daher, sobald es um ihn
ruhig ward, gleich zum Werke schreiten.
    Ruhe, aber freilich eine Art Totenruhe, war nach Verlauf dieser Flut ber
die Straen des Orts, ber den Hof des Schlosses gekommen, als unsern rechnenden
und berechnenden Geschftsmann ein hereinsprengender Reiter aufrief und aus
seiner ruhigen Fassung brachte. Des Pferdes Huf klappte freilich nicht, es war
nicht beschlagen, aber der Reiter, der von der Decke herabsprang - er ritt ohne
Sattel und Steigbgel, auch bndigte er das Pferd nur durch eine Trense -, er
rief laut und ungeduldig nach den Bewohnern, nach den Gsten und war
leidenschaftlich verwundert, alles so still und tot zu finden.
    Der Amtsdiener wute nicht, was er aus dem Ankmmling machen sollte; auf
einen entstandenen Wortwechsel kam der Amtmann selbst hervor und wute auch
weiter nichts zu sagen, als da alles weggezogen sei. - Wohin? war die rasche
Frage des jungen, lebendigen Ankmmlings. - Mit Gelassenheit bezeichnete der
Amtmann den Weg Lenardos und Odoards, auch eines dritten problematischen Mannes,
den sie teils Wilhelm, teils Meister genannt htten. Dieser habe sich auf dem
einige Meilen entfernten Flusse eingeschifft, er fahre hinab, erst seinen Sohn
zu besuchen und alsdann ein wichtiges Geschft weiter zu verfolgen.
    Schon hatte der Jngling sich wieder aufs Pferd geschwungen und Kenntnis
genommen von dem nchsten Wege zum Flusse hin, als er schon wieder zum Tor
hinaus strzte und so eilig davonflog, da dem Amtmann, der oben aus seinen
Fenstern nachschaute, kaum ein verfliegender Staub anzudeuten schien, da der
verwirrte Reiter den rechten Weg genommen habe.
    Nur eben war der letzte Staub in der Ferne verflogen, und unser Amtmann
wollte sich wieder zu seinem Geschft niedersetzen, als zum oberen Schlotor ein
Fubote hereingesprungen kam und ebenfalls nach der Gesellschaft fragte, der
noch etwas Nachtrgliches zu berbringen er eilig abgesendet worden. Er hatte
fr sie ein greres Paket, daneben aber auch einen einzelnen Brief, adressiert
an Wilhelm genannt Meister, der dem berbringer von einem jungen Frauenzimmer
besonders auf die Seele gebunden und dessen baldige Bestellung eifrigst
eingeschrft worden war. Leider konnte auch diesem kein anderer Bescheid werden,
als da er das Nest leer finde und daher seinen Weg eiligst fortsetzen msse, wo
er sie entweder smtlich anzutreffen oder eine weitere Anweisung zu finden
hoffen drfte.
    Den Brief aber selbst, den wir unter den vielen uns anvertrauten Papieren
gleichfalls vorgefunden, drfen wir, als hchst bedeutend, nicht zurckhalten.
Er war von Hersilien, einem so wunderbaren als liebenswrdigen Frauenzimmer,
welches in unsern Mitteilungen nur selten erscheint, aber bei jedesmaligem
Auftreten gewi jeden Geistreichen, Feinfhlenden unwiderstehlich angezogen hat.
Auch ist das Schicksal, das sie betrifft, wohl das sonderbarste, das einem
zarten Gemte widerfahren kann.

                              Siebzehntes Kapitel


                              Hersilie an Wilhelm

Ich sa denkend und wte nicht zu sagen, was ich dachte. Ein denkendes
Nichtdenken wandelt mich aber manchmal an, es ist eine Art von empfundener
Gleichgltigkeit. Ein Pferd sprengt in den Hof und weckt mich aus meiner Ruhe,
die Tre springt auf, und Felix tritt herein im jugendlichsten Glanze wie ein
kleiner Abgott. Er eilt auf mich zu, will mich umarmen, ich weise ihn zurck; er
scheint gleichgltig, bleibt in einiger Entfernung, und in ungetrbter
Heiterkeit preist er mir das Pferd an, das ihn hergetragen, erzhlt von seinen
bungen, von seinen Freuden umstndlich und vertraulich. Die Erinnerung an
ltere Geschichten bringt uns auf das Prachtkstchen, er wei, da ich's habe,
und verlangt es zu sehen; ich gebe nach, es war unmglich zu versagen. Er
betrachtet's, erzhlt umstndlich, wie er es entdeckt, ich verwirre mich und
verrate, da ich den Schlssel besitze. Nun steigt seine Neugier aufs hchste,
auch den will er sehen, nur von ferne. Dringender und liebenswrdiger bitten
konnte man niemand sehen; er bittet wie betend, knieet und bittet mit so
feurigen, holden Augen, mit so sen, schmeichelnden Worten, und so war ich
wieder verfhrt. Ich zeigte das Wundergeheimnis von weitem, aber schnell fate
er meine Hand und entri ihn und sprang mutwillig zur Seite um einen Tisch
herum.
    Ich habe nichts vom Kstchen noch vom Schlssel! rief er aus; dein Herz
wnscht' ich zu ffnen, da es sich mir auftte, mir entgegenkme, mich an sich
drckte, mir vergnnte, es an meine Brust zu drcken. Er war unendlich schn
und liebenswrdig, und wie ich auf ihn zugehen wollte, schob er das Kstchen auf
dem Tisch immer vor sich hin; schon stak der Schlssel drinnen; er drohte
umzudrehen und drehte wirklich. Das Schlsselchen war abgebrochen, die uere
Hlfte fiel auf den Tisch.
    Ich war verwirrter, als man sein kann und sein sollte. Er bentzt meine
Unaufmerksamkeit, lt das Kstchen stehen, fhrt auf mich los und fat mich in
die Arme. Ich rang vergebens, seine Augen nherten sich den meinigen, und es ist
was Schnes, sein eigenes Bild im liebenden Auge zu erblicken. Ich sah's zum
erstenmal, als er seinen Mund lebhaft auf den meinigen drckte. Ich will's nur
gestehen, ich gab ihm seine Ksse zurck, es ist doch sehr schn, einen
Glcklichen zu machen. Ich ri mich los, die Kluft die uns trennt, erschien mir
nur zu deutlich; statt mich zu fassen, berschritt ich das Ma, ich stie ihn
zrnend weg, meine Verwirrung gab mir Mut und Verstand; ich bedrohte ich schalt
ihn, befahl ihm, nie wieder vor mir zu erscheinen; er glaubte meinem wahrhaften
Ausdruck. Gut! sagte er, so reit' ich in die Welt, bis ich umkomme. Er warf
sich auf sein Pferd und sprengte weg. Noch halb trumend will ich das Kstchen
verwahren, die Hlfte des Schlssels lag abgebrochen, ich befand mich in
doppelter und dreifacher Verlegenheit.

O Mnner, o Menschen! Werdet ihr denn niemals die Vernunft fortpflanzen? war es
nicht an dem Vater genug, der so viel Unheil anrichtete, bedurft' es noch des
Sohns, um uns unauflslich zu verwirren?

Diese Bekenntnisse lagen eine Zeitlang bei mir, nun tritt ein sonderbarer
Umstand ein, den ich melden mu, der obiges aufklrt und verdstert.

Ein alter, dem Oheim sehr werter Goldschmied und Juwelenhndler trifft ein,
zeigt seltsame antiquarische Schtze vor; ich werde veranlat, das Kstchen zu
bringen, er betrachtet den abgebrochenen Schlssel und zeigt, was man bisher
bersehen hatte, da der Bruch nicht rauh, sondern glatt sei. Durch Berhrung
fassen die beiden Enden einander an, er zieht den Schlssel ergnzt heraus, sie
sind magnetisch verbunden, halten einander fest, aber schlieen nur dem
Eingeweihten. Der Mann tritt in einige Entfernung, das Kstchen springt auf, das
er gleich wieder zudrckt: an solche Geheimnisse sei nicht gut rhren, meinte
er.

Meinen unerklrlichen Zustand vergegenwrtigen Sie sich, Gott sei Dank, gewi
nicht; denn wie wollte man auerhalb der Verwirrung die Verwirrung erkennen. Das
bedeutende Kstchen steht vor mir, den Schlssel, der nicht schliet, hab' ich
in der Hand, jenes wollt' ich gern unerffnet lassen, wenn dieser mir nur die
nchste Zukunft aufschlsse.

Um mich bekmmern Sie sich eine Weile ja nicht, aber was ich instndig bitte,
flehe, dringend empfehle: forschen Sie nach Felix; ich habe vergebens
umhergesandt, um die Spuren seines Weges aufzufinden. Ich wei nicht, ob ich den
Tag segnen oder frchten soll, der uns wieder zusammenfhrt.

Endlich, endlich! verlangt der Bote seine Abfertigung; man hat ihn lange genug
hier aufgehalten, er soll die Wanderer mit wichtigen Depeschen ereilen. In
dieser Gesellschaft wird er Sie ja auch wohl finden, oder man wird ihn zurecht
weisen. Ich unterdes werde nicht beruhigt sein.

                              Achtzehntes Kapitel


Nun gleitete der Kahn, beschienen von heier Mittagssonne, den Flu hinab,
gelinde Lfte khlten den erwrmten ther, sanfte Ufer zu beiden Seiten
gewhrten einen zwar einfachen, doch behglichen Anblick. Das Kornfeld nherte
sich dem Strome, und ein guter Boden trat so nah heran, da ein rauschendes
Wasser, auf irgendeine Stelle sich hinwerfend, das lockere Erdreich gewaltig
angegriffen, fortgerissen und steile Abhnge von bedeutender Hhe sich gebildet
hatten.
    Ganz oben auf dem schroffen Rande einer solchen Steile, wo sonst der
Leinpfad mochte hergegangen sein, sah der Freund einen jungen Mann herantraben,
gut gebaut, von krftiger Gestalt. Kaum aber wollte man ihn schrfer ins Auge
fassen, als der dort berhangende Rasen losbricht und jener Unglckliche
jhlings, Pferd ber, Mann unter, ins Wasser strzt. Hier war nicht Zeit zu
denken, wie und warum, die Schiffer fuhren pfeilschnell dem Strudel zu und
hatten im Augenblick die schne Beute gefat. Entseelt scheinend lag der holde
Jngling im Schiffe, und nach kurzer berlegung fuhren die gewandten Mnner
einem Kiesweidicht zu, das sich mitten im Flu gebildet hatte. Landen, den
Krper ans Ufer heben, ausziehen und abtrocknen war eins. Noch aber kein Zeichen
des Lebens zu bemerken, die holde Blume hingesenkt in ihren Armen!
    Wilhelm griff sogleich nach der Lanzette, die Ader des Arms zu ffnen; das
Blut sprang reichlich hervor, und mit der schlngelnd anspielenden Welle
vermischt, folgte es gekreiseltem Strome nach. Das Leben kehrte wieder; kaum
hatte der liebevolle Wundarzt nur Zeit, die Binde zu befestigen, als der
Jngling sich schon mutvoll auf seine Fe stellte, Wilhelmen scharf ansah und
rief: Wenn ich leben soll, so sei es mit dir! Mit diesen Worten fiel er dem
erkennenden und erkannten Retter um den Hals und weinte bitterlich. So standen
sie fest umschlungen, wie Kastor und so Pollux, Brder, die sich auf dem
Wechselwege vom Orkus zum Licht begegnen.
    Man bat ihn, sich zu beruhigen. Die wackern Mnner hatten schon ein bequemes
Lager, halb sonnig, halb schattig, unter leichten Bschen und Zweigen bereitet;
hier lag er nun auf den vterlichen Mantel hingestreckt, der holdeste Jngling;
braune Locken, schnell getrocknet, rollten sich schon wieder auf, er lchelte
beruhigt und schlief ein. Mit Gefallen sah unser Freund auf ihn herab, indem er
ihn zudeckte. - Wirst du doch immer aufs neue hervorgebracht, herrlich Ebenbild
Gottes! rief er aus, und wirst sogleich wieder beschdigt, verletzt von innen
oder von auen. - Der Mantel fiel ber ihn her, eine gemigte Sonnenglut
durchwrmte die Glieder sanft und innigst, seine Wangen rteten sich gesund, er
schien schon vllig wiederhergestellt.
    Die ttigen Mnner, einer guten geglckten Handlung und des zu erwartenden
reichlichen Lohns zum voraus sich erfreuend, hatten auf dem heien Kies die
Kleider des Jnglings schon so gut als getrocknet, um ihn beim Erwachen sogleich
wieder in den gesellig anstndigsten Zustand zu versetzen.

                              Aus Makariens Archiv


Die Geheimnisse der Lebenspfade darf und kann man nicht offenbaren; es gibt
Steine des Anstoes, ber die ein jeder Wanderer stolpern mu. Der Poet aber
deutet auf die Stelle hin.

Es wre nicht der Mhe wert, siebzig Jahr alt zu werden, wenn alle Weisheit der
Welt Torheit wre vor Gott.

Das Wahre ist gotthnlich; es erscheint nicht unmittelbar, wir mssen es aus
seinen Manifestationen erraten.

Der echte Schler lernt aus dem Bekannten das Unbekannte entwickeln und nhert
sich dem Meister.

Aber die Menschen vermgen nicht leicht aus dem Bekannten das Unbekannte zu
entwickeln; denn sie wissen nicht, da ihr Verstand ebensolche Knste wie die
Natur treibt.

Denn die Gtter lehren uns ihr eigenstes Werk nachahmen; doch wissen wir nur,
was wir tun, erkennen aber nicht, was wir nachahmen.

Alles ist gleich, alles ungleich, alles ntzlich und schdlich, sprechend und
stumm, vernnftig und unvernnftig. Und was man von einzelnen Dingen bekennt,
widerspricht sich fters.

Denn das Gesetz haben die Menschen sich selbst auferlegt, ohne zu wissen, ber
was sie Gesetze gaben; aber die Natur haben alle Gtter geordnet.

Was nun die Menschen gesetzt haben, das will nicht passen, es mag recht oder
unrecht sein; was aber die Gtter setzen, das ist immer am Platz, recht oder
unrecht.

Ich aber will zeigen, da die bekannten Knste der Menschen natrlichen
Begebenheiten gleich sind, die offenbar oder geheim vorgehen.

Von der Art ist die Weissagekunst. Sie erkennet aus dem Offenbaren das
Verborgene, aus dem Gegenwrtigen das Zuknftige, aus dem Toten das Lebendige,
und den Sinn des Sinnlosen.

So erkennt der Unterrichtete immer recht die Natur des Menschen; und der
Ununterrichtete sieht sie bald so, bald so an, und jeder ahmt sie nach seiner
Weise nach.

Wenn ein Mann mit einem Weibe zusammentrifft und ein Knabe entsteht, so wird aus
etwas Bekanntem ein Unbekanntes. Dagegen wenn der dunkle Geist des Knaben die
deutlichen Dinge in sich aufnimmt, so wird er zum Mann und lernt aus dem
Gegenwrtigen das Zuknftige erkennen.

Das Unsterbliche ist nicht dem sterblichen Lebenden zu vergleichen, und doch ist
auch das blo Lebende verstndig. So wei der Magen recht gut, wenn er hungert
und durstet.

So verhlt sich die Wahrsagekunst zur menschlichen Natur. Und beide sind dem
Einsichtsvollen immer recht; dem Beschrnkten aber erscheinen sie bald so, bald
so.

In der Schmiede erweicht man das Eisen, indem man das Feuer anblst und dem
Stabe seine berflssige Nahrung nimmt; ist er aber rein geworden, dann schlgt
man ihn und zwingt ihn, und durch die Nahrung eines fremden Wassers wird er
wieder stark. Das widerfhrt auch dem Menschen von seinem Lehrer.

Da wir berzeugt sind, da derjenige, der die intellektuelle Welt beschaut und
des wahrhaften Intellekts Schnheit gewahr wird, auch wohl ihren Vater, der ber
allen Sinn erhaben ist, bemerken knne, so versuchen wir denn nach Krften
einzusehen und fr uns selbst auszudrcken - insofern sich dergleichen deutlich
machen lt -, auf welche Weise wir die Schnheit des Geistes und der Welt
anzuschauen vermgen.

Nehmet an daher: zwei steinerne Massen seien nebeneinandergestellt, deren eine
roh und ohne knstliche Bearbeitung geblieben, die andere aber durch die Kunst
zur Statue, einer menschlichen oder gttlichen, ausgebildet worden. Wre es eine
gttliche, so mchte sie eine Grazie oder Muse vorstellen, wre es eine
menschliche, so drfte es nicht ein besonderer Mensch sein, vielmehr
irgendeiner, den die Kunst aus allem Schnen versammelte.

Euch wird aber der Stein, der durch die Kunst zur schnen Gestalt gebracht
worden, alsobald schn erscheinen; doch nicht weil er Stein ist, denn sonst
wrde die andere Masse gleichfalls fr schn gelten, sondern daher, da er eine
Gestalt hat, welche die Kunst ihm erteilte.

Die Materie aber hatte eine solche Gestalt nicht, sondern diese war in dem
Ersinnenden frher, als sie zum Stein gelangte. Sie war jedoch in dem Knstler
nicht weil er Augen und Hnde hatte, sondern weil er mit der Kunst begabt war.

Also war in der Kunst noch eine weit grere Schnheit; denn nicht die Gestalt,
die in der Kunst ruhet, gelangt in den Stein, sondern dorten bleibt sie und es
gehet indessen eine andere, geringere hervor, die nicht rein in sich selbst
verharret, noch auch wie sie der Knstler wnschte, sondern insofern der Stoff
der Kunst gehorchte.

Wenn aber die Kunst dasjenige, was sie ist und besitzt, auch hervorbringt und
das Schne nach der Vernunft hervorbringt, nach welcher sie immer handelt, so
ist sie frwahr diejenige, die mehr und wahrer eine grere und trefflichere
Schnheit der Kunst besitzt, vollkommener als alles, was nach auen hervortritt.

Denn indem die Form, in die Materie hervorschreitend, schon ausgedehnt wird, so
wird sie schwcher als jene, welche in Einem verharret. Denn was in sich eine
Entfernung erduldet, tritt von sich selbst weg: Strke von Strke, Wrme von
Wrme, Kraft von Kraft; so auch Schnheit von Schnheit. Daher mu das Wirkende
trefflicher sein als das Gewirkte. Denn nicht die Unmusik macht den Musiker,
sondern die Musik, und die bersinnliche Musik bringt die Musik in sinnlichem
Ton hervor.

Wollte aber jemand die Knste verachten, weil sie der Natur nachahmen, so lt
sich darauf antworten, da die Naturen auch manches andere nachahmen; da ferner
die Knste nicht das geradezu nachahmen, was man mit Augen siehet, sondern auf
jenes Vernnftige zurckgehen, aus welchem die Natur bestehet und wornach sie
handelt.

Ferner bringen auch die Knste vieles aus sich selbst hervor und fgen
anderseits manches hinzu, was der Vollkommenheit abgehet, indem sie die
Schnheit in sich selbst haben. So konnte Phidias den Gott bilden, ob er gleich
nichts sinnlich Erblickliches nachahmte, sondern sich einen solchen in den Sinn
fate, wie Zeus selbst erscheinen wrde, wenn er unsern Augen begegnen mchte.

Man kann den Idealisten alter und neuer Zeit nicht verargen, wenn sie so lebhaft
auf Beherzigung des einen dringen, woher alles entspringt und worauf alles
wieder zurckzufhren wre. Denn freilich ist das belebende und ordnende Prinzip
in der Erscheinung dergestalt bedrngt, da es sich kaum zu retten wei. Allein
wir verkrzen uns an der andern Seite wieder, wenn wir das Formende und die
hhere Form selbst in eine vor unserm uern und innern Sinn verschwindende
Einheit zurckdrngen.

Wir Menschen sind auf Ausdehnung und Bewegung angewiesen; diese beiden
allgemeinen Formen sind es, in welchen sich alle brigen Formen, besonders die
sinnlichen, offenbaren. Eine geistige Form wird aber keineswegs verkrzt, wenn
sie in der Erscheinung hervortritt, vorausgesetzt da ihr Hervortreten eine
wahre Zeugung, eine wahre Fortpflanzung sei. Das Gezeugte ist nicht geringer als
das Zeugende, ja es ist der Vorteil lebendiger Zeugung, da das Gezeugte
vortrefflicher sein kann als das Zeugende.

Dieses weiter auszufhren und vollkommen anschaulich, ja, was mehr ist, durchaus
praktisch zu machen, wrde von wichtigem Belang sein. Eine umstndliche
folgerechte Ausfhrung aber mchte den Hrern bergroe Aufmerksamkeit zumuten.

Was einem angehrt, wird man nicht los, und wenn man es wegwrfe.

Die neueste Philosophie unserer westlichen Nachbarn gibt ein Zeugnis, da der
Mensch, er gebrde sich, wie er wolle, und so auch ganze Nationen immer wieder
zum Angebornen zurckkehren. Und wie wollte das anders sein, da ja dieses seine
Natur und Lebensweise bestimmt.

Die Franzosen haben dem Materialismus entsagt und den Uranfngen etwas mehr
Geist und Leben zuerkannt; sie haben sich vom Sensualismus losgemacht und den
Tiefen der menschlichen Natur eine Entwickelung aus sich selbst eingestanden,
sie lassen in ihr eine produktive Kraft gelten und suchen nicht alle Kunst aus
Nachahmung eines gewahrgewordenen uern zu erklren. In solchen Richtungen
mgen sie beharren.

Eine eklektische Philosophie kann es nicht geben, wohl aber eklektische
Philosophen.

Ein Eklektiker aber ist ein jeder, der aus dem, was ihn umgibt, aus dem, was
sich um ihn ereignet, sich dasjenige aneignet, was seiner Natur gem ist; und
in diesem Sinne gilt alles, was Bildung und Fortschreitung heit, theoretisch
oder praktisch genommen.

Zwei eklektische Philosophen knnten demnach die grten Widersacher werden,
wenn sie, antagonistisch geboren, jeder von seiner Seite sich aus allen
berlieferten Philosophien dasjenige aneignete, was ihm gem wre. Sehe man
doch nur um sich her, so wird man immer finden, da jeder Mensch auf diese Weise
verfhrt und deshalb nicht begreift, warum er andere nicht zu seiner Meinung
bekehren kann.

Sogar ist es selten, da Jemand im hchsten Alter sich selbst historisch wird
und da ihm die Mitlebenden historisch werden, so da er mit niemanden mehr
kontrovertieren mag noch kann.

Besieht man es genauer, so findet sich, da dem Geschichtschreiber selbst die
Geschichte nicht leicht historisch wird: denn der jedesmalige Schreiber schreibt
immer nur so, als wenn er damals selbst dabei gewesen wre; nicht aber was
vormals war und damals bewegte. Der Chronikenschreiber selbst deutet nur mehr
oder weniger auf die Beschrnktheit, auf die Eigenheiten seiner Stadt, seines
Klosters wie seines Zeitalters.

Verschiedene Sprche der Alten, die man sich fters zu wiederholen pflegt,
hatten eine ganz andere Bedeutung, als man ihnen in spteren Zeiten geben
mchte.

Das Wort: es solle kein mit der Geometrie Unbekannter, der Geometrie Fremder in
die Schule des Philosophen treten, heit nicht etwa, man solle ein Mathematiker
sein, um ein Weltweiser zu werden.

Geometrie ist hier in ihren ersten Elementen gedacht, wie sie uns im Euklid
vorliegt und wie wir sie einen jeden Anfnger beginnen lassen. Alsdann aber ist
sie die vollkommenste Vorbereitung, ja Einleitung in die Philosophie.

Wenn der Knabe zu begreifen anfngt, da einem sichtbaren Punkte ein
unsichtbarer vorhergehen msse, da der nchste Weg zwischen zwei Punkten schon
als Linie gedacht werde, ehe sie mit dem Bleistift aufs Papier gezogen wird, so
fhlt er einen gewissen Stolz, ein Behagen. Und nicht mit Unrecht; denn ihm ist
die Quelle alles Denkens aufgeschlossen, Idee und Verwirklichtes, potentia et
actu, ist ihm klar geworden; der Philosoph entdeckt ihm nichts Neues, dem
Geometer war von seiner Seite der Grund alles Denkens aufgegangen.

Nehmen wir sodann das bedeutende Wort vor: Erkenne dich selbst, so mssen wir es
nicht im aszetischen Sinne auslegen. Es ist keineswegs die Heautognosie unserer
modernen Hypochondristen, Humoristen und Heautontimorumenen damit gemeint;
sondern es heit ganz einfach: Gib einigermaen acht auf dich selbst, nimm Notiz
von dir selbst, damit du gewahr werdest, wie du zu deinesgleichen und der Welt
zu stehen kommst. Hiezu bedarf es keiner psychologischen Qulereien; jeder
tchtige Mensch wei und erfhrt, was es heien soll; es ist ein guter Rat, der
einem jeden praktisch zum grten Vorteil gedeiht.

Man denke sich das Groe der Alten, vorzglich der sokratischen Schule, da sie
Quelle und Richtschnur alles Lebens und Tuns vor Augen stellt, nicht zu leerer
Spekulation, sondern zu Leben und Tat auffordert.

Wenn nun unser Schulunterricht immer auf das Altertum hinweist, das Studium der
griechischen und lateinischen Sprache frdert, so knnen wir uns Glck wnschen,
da diese zu einer hheren Kultur so ntigen Studien niemals rckgngig werden.

Wenn wir uns dem Altertum gegenberstellen und es ernstlich in der Absicht
anschauen, uns daran zu bilden, so gewinnen wir die Empfindung, als ob wir erst
eigentlich zu Menschen wrden.

Der Schulmann, indem er Lateinisch zu schreiben und zu sprechen versucht, kommt
sich hher und vornehmer vor, als er sich in seinem Alltagsleben dnken darf.

Der fr dichterische und bildnerische Schpfungen empfngliche Geist fhlt sich
dem Altertum gegenber in den anmutigst-ideellen Naturzustand versetzt; und noch
auf den heutigen Tag haben die homerischen Gesnge die Kraft, uns wenigstens fr
Augenblicke von der furchtbaren Last zu befreien, welche die berlieferung von
mehrern tausend Jahren auf uns gewlzt hat.

Wie Sokrates den sittlichen Menschen zu sich berief, damit dieser ganz einfach
einigermaen ber sich selbst aufgeklrt wrde, so traten Plato und Aristoteles
gleichfalls als befugte Individuen vor die Natur; der eine mit Geist und Gemt,
sich ihr anzueignen, der andere mit Forscherblick und Methode, sie fr sich zu
gewinnen. Und so ist denn auch jede Annherung, die sich uns im ganzen und
einzelnen an diese dreie mglich macht, das Ereignis, was wir am freudigsten
empfinden und was unsere Bildung zu befrdern sich jederzeit krftig erweist.

Um sich aus der grenzenlosen Vielfachheit, Zerstckelung und Verwickelung der
modernen Naturlehre wieder ins Einfache zu retten, mu man sich immer die Frage
vorlegen: Wie wrde sich Plato gegen die Natur, wie sie uns jetzt in ihrer
greren Mannigfaltigkeit, bei aller grndlichen Einheit, erscheinen mag,
benommen haben?

Denn wir glauben berzeugt zu sein, da wir auf demselben Wege bis zu den
letzten Verzweigungen der Erkenntnis organisch gelangen und von diesem Grund aus
die Gipfel eines jeden Wissens uns nach und nach aufbauen und befestigen knnen.
Wie uns hiebei die Ttigkeit des Zeitalters frdert und hindert, ist freilich
eine Untersuchung, die wir jeden Tag anstellen mssen, wenn wir nicht das
Ntzliche abweisen und das Schdliche aufnehmen wollen.

Man rhmt das achtzehnte Jahrhundert, da es sich hauptschlich mit Analyse
abgegeben; dem neunzehnten bleibt nun die Aufgabe: die falschen obwaltenden
Synthesen zu entdecken und deren Inhalt aufs neue zu analysieren.

Es gibt nur zwei wahre Religionen, die eine, die das Heilige, das in und um uns
wohnt, ganz formlos, die andere, die es in der schnsten Form anerkennt und
anbetet. Alles, was dazwischen liegt, ist Gtzendienst.

Es ist nicht zu leugnen, da der Geist sich durch die Reformation zu befreien
suchte; die Aufklrung ber griechisches und rmisches Altertum brachte den
Wunsch, die Sehnsucht nach einem freieren, anstndigeren und geschmackvolleren
Leben hervor. Sie wurde aber nicht wenig dadurch begnstigt, da das Herz in
einen gewissen einfachen Naturstand zurckzukehren und die Einbildungskraft sich
zu konzentrieren trachtete.

Aus dem Himmel wurden auf einmal alle Heiligen vertrieben und von einer
gttlichen Mutter mit einem zarten Kinde Sinne, Gedanken, Gemt auf den
Erwachsenen, sittlich Wirkenden, ungerecht Leidenden gerichtet, welcher spter
als Halbgott verklrt, als wirklicher Gott anerkannt und verehrt wurde.

Er stand vor einem Hintergrunde, wo der Schpfer das Weltall ausgebreitet hatte;
von ihm ging eine geistige Wirkung aus, seine Leiden eignete man sich als
Beispiel zu, und seine Verklrung war das Pfand fr eine ewige Dauer.

So wie der Weihrauch einer Kohle Leben erfrischet, so erfrischet das Gebet die
Hoffnungen des Herzens.

Ich bin berzeugt, da die Bibel immer schner wird, je mehr man sie versteht,
d.h. je mehr man einsieht und anschaut, da jedes Wort, das wir allgemein
auffassen und im besondern auf uns anwenden, nach gewissen Umstnden, nach Zeit-
und Ortsverhltnissen einen eigenen, besondern, unmittelbar individuellen Bezug
gehabt hat.

Genau besehen haben wir uns noch alle Tage zu reformieren und gegen andere zu
protestieren, wenn auch nicht in religiosem Sinne.

Wir haben das unabweichliche, tglich zu erneuernde, grundernstliche Bestreben:
das Wort mit dem Empfundenen, Geschauten, Gedachten, Erfahrenen, Imaginierten,
Vernnftigen mglichst unmittelbar zusammentreffend zu erfassen.

Jeder prfe sich, und er wird finden, da dies viel schwerer sei, als man denken
mchte; denn leider sind dem Menschen die Worte gewhnlich Surrogate; er denkt
und wei es meistenteils besser, als er sich ausspricht.

Verharren wir aber in dem Bestreben: das Falsche, Ungehrige, Unzulngliche, was
sich in uns und andern entwickeln oder einschleichen knnte, durch Klarheit und
Redlichkeit auf das mglichste zu beseitigen.

Mit den Jahren steigern sich die Prfungen.

Wo ich aufhren mu, sittlich zu sein, habe ich keine Gewalt mehr.

Zensur und Prefreiheit werden immerfort miteinander kmpfen. Zensur fordert und
bt der Mchtige, Prefreiheit verlangt der Mindere. Jener will weder in seinen
Planen noch seiner Ttigkeit durch vorlautes widersprechendes Wesen gehindert,
sondern gehorcht sein; diese wollen ihre Grnde aussprechen, den Ungehorsam zu
legitimieren. Dieses wird man berall geltend finden.

Doch mu man auch hier bemerken, da der Schwchere der leidende Teil,
gleichfalls auf seine Weise die Prefreiheit zu unterdrcken sucht, und zwar in
dem Falle, wenn er konspiriert und nicht verraten sein will.

Man wird nie betrogen, man betriegt sich selbst.

Wir brauchen in unserer Sprache ein Wort, das, wie Kindheit sich zu Kind
verhlt, so das Verhltnis Volkheit zum Volke ausdrckt. Der Erzieher mu die
Kindheit hren, nicht das Kind. Der Gesetzgeber und Regent die Volkheit, nicht
das Volk. Jene spricht immer dasselbe aus, ist vernnftig, bestndig, rein und
wahr. Dieses wei niemals fr lauter Wollen, was es will. Und in diesem Sinne
soll und kann das Gesetz der allgemein ausgesprochene Wille der Volkheit sein,
ein Wille, den die Menge niemals ausspricht, den aber der Verstndige vernimmt
und den der Vernnftige zu befriedigen wei und der Gute gern befriedigt.

Welches Recht wir zum Regiment haben, darnach fragen wir nicht - wir regieren.
Ob das Volk ein Recht habe, uns abzusetzen, darum bekmmern wir uns nicht - wir
hten uns nur, da es nicht in Versuchung komme, es zu tun.

Wenn man den Tod abschaffen knnte, dagegen htten wir nichts, die Todesstrafen
abzuschaffen, wird schwerhalten. Geschieht es, so rufen wir sie gelegentlich
wieder zurck.

Wenn sich die Soziett des Rechtes begibt, die Todesstrafe zu verfgen, so tritt
die Selbsthlfe unmittelbar wieder hervor, die Blutrache klopft an die Tre.

Alle Gesetze sind von Alten und Mnnern gemacht. Junge und Weiber wollen die
Ausnahme, Alte die Regel.

Der Verstndige regiert nicht, aber der Verstand; nicht der Vernnftige, sondern
die Vernunft.

Wen jemand lobt, dem stellt er sich gleich.

Es ist nicht genug, zu wissen, man mu auch anwenden; es ist nicht genug, zu
wollen, man mu auch tun.

Es gibt keine patriotische Kunst und keine patriotische Wissenschaft. Beide
gehren, wie alles hohe Gute, der ganzen Welt an und knnen nur durch allgemeine
freie Wechselwirkung aller zugleich Lebenden, in steter Rcksicht auf das, was
uns vom Vergangenen brig und bekannt ist, gefrdert werden.

Wissenschaften entfernen sich im ganzen immer vom Leben und kehren nur durch
einen Umweg wieder dahin zurck.

Denn sie sind eigentlich Kompendien des Lebens; sie bringen die uern und
innern Erfahrungen ins allgemeine, in einen Zusammenhang.

Das Interesse an ihnen wird im Grunde nur in einer besondern Welt, in der
wissenschaftlichen, erregt, denn da man auch die brige Welt dazu beruft und
ihr davon Notiz gibt, wie es in der neuern Zeit geschieht, ist ein Mibrauch und
bringt mehr Schaden als Nutzen.

Nur durch eine erhhte Praxis sollten die Wissenschaften auf die uere Welt
wirken: denn eigentlich sind sie alle esoterisch und knnen nur durch Verbessern
irgendeines Tuns exoterisch werden. Alle brige Teilnahme fhrt zu nichts.

Die Wissenschaften, auch in ihrem innern Kreise betrachtet, werden mit
augenblicklichem, jedesmaligem Interesse behandelt. Ein starker Ansto,
besonders von etwas Neuem und Unerhrtem oder wenigstens mchtig Gefrdertem,
erregt eine allgemeine Teilnahme, die jahrelang dauern kann und die besonders in
den letzten Zeiten sehr fruchtbar geworden ist.

Ein bedeutendes Faktum, ein geniales Aperu beschftigt eine sehr groe Anzahl
Menschen, erst nur um es zu kennen, dann um es zu erkennen, dann es zu
bearbeiten und weiterzufhren.

Die Menge fragt bei einer jeden neuen bedeutenden Erscheinung, was sie nutze,
und sie hat nicht unrecht; denn sie kann blo durch den Nutzen den Wert einer
Sache gewahr werden.

Die wahren Weisen fragen, wie sich die Sache verhalte in sich selbst und zu
andern Dingen, unbekmmert um den Nutzen, d.h. um die Anwendung auf das Bekannte
und zum Leben Notwendige, welche ganz andere Geister, scharfsinnige,
lebenslustige, technisch gebte und gewandte, schon finden werden.

Die Afterweisen suchen von jeder neuen Entdeckung nur so geschwind als mglich
fr sich einigen Vorteil zu ziehen, indem sie einen eitlen Ruhm, bald in
Fortpflanzung, bald in Vermehrung, bald in Verbesserung, geschwinder
Besitznahme, vielleicht gar durch Prokkupation, zu erwerben suchen und durch
solche Unreifheiten die wahre Wissenschaft unsicher machen und verwirren, ja
ihre schnste Folge, die praktische Blte derselben, offenbar verkmmern.

Das schdlichste Vorurteil ist, da irgendeine Art Naturuntersuchung mit dem
Bann belegt werden knne.

Jeder Forscher mu sich durchaus ansehen als einer, der zu einer Jury berufen
ist. Er hat nur darauf zu achten, inwiefern der Vortrag vollstndig sei und
durch klare Belege auseinandergesetzt. Er fat hiernach seine berzeugung
zusammen und gibt seine Stimme, es sei nun, da seine Meinung mit der des
Referenten bereintreffe oder nicht.

Dabei bleibt er ebenso beruhigt, wenn ihm die Majoritt beistimmt, als wenn er
sich in der Minoritt befindet; denn er hat das Seinige getan, er hat seine
berzeugung ausgesprochen, er ist nicht Herr ber die Geister noch ber die
Gemter.

In der wissenschaftlichen Welt haben aber diese Gesinnungen niemals gelten
wollen; durchaus ist es auf Herrschen und Beherrschen angesehen; und weil sehr
wenige Menschen eigentlich selbststndig sind, so zieht die Menge den Einzelnen
nach sich.

Die Geschichte der Philosophie, der Wissenschaften, der Religion, alles zeigt,
da die Meinungen massenweis sich verbreiten, immer aber diejenige den Vorrang
gewinnt, welche falicher, d.h. dem menschlichen Geiste in seinem gemeinen
Zustande gem und bequem ist. Ja derjenige, der sich in hherem Sinne
ausgebildet, kann immer voraussetzen, da er die Majoritt gegen sich habe.

Wre die Natur in ihren leblosen Anfngen nicht so grndlich stereometrisch, wie
wollte sie zuletzt zum unberechenbaren und unermelichen Leben gelangen?

Der Mensch an sich selbst, insofern er sich seiner gesunden Sinne bedient, ist
der grte und genaueste physikalische Apparat, den es geben kann; und das ist
eben das grte Unheil der neuern Physik, da man die Experimente gleichsam vom
Menschen abgesondert hat und blo in dem, was knstliche Instrumente zeigen, die
Natur erkennen, ja, was sie leisten kann, dadurch beschrnken und beweisen will.

Ebenso ist es mit dem Berechnen. - Es ist vieles wahr, was sich nicht berechnen
lt, sowie sehr vieles, was sich nicht bis zum entschiedenen Experiment bringen
lt.

Dafr steht ja aber der Mensch so hoch, da sich das sonst Undarstellbare in ihm
darstellt. Was ist denn eine Saite und alle mechanische Teilung derselben gegen
das Ohr des Musikers? Ja man kann sagen: was sind die elementaren Erscheinungen
der Natur selbst gegen den Menschen, der sie alle erst bndigen und modifizieren
mu, um sie sich einigermaen assimilieren zu knnen.

Es ist von einem Experiment zu viel gefordert, wenn es alles leisten soll.
Konnte man doch die Elektrizitt erst nur durch Reiben darstellen, deren hchste
Erscheinung jetzt durch bloe Berhrung hervorgebracht wird.

Wie man der franzsischen Sprache niemals den Vorzug streitig machen wird, als
ausgebildete Hof- und Weltsprache sich immer mehr aus- und fortbildend zu
wirken, so wird es niemand einfallen, das Verdienst der Mathematiker gering zu
schtzen, welches sie, in ihrer Sprache, die wichtigsten Angelegenheiten
verhandelnd, sich um die Welt erwerben, indem sie alles, was der Zahl und dem
Ma im hchsten Sinne unterworfen ist, zu regeln, zu bestimmen und zu
entscheiden wissen.

Jeder Denkende, der seinen Kalender ansieht, nach seiner Uhr blickt, wird sich
erinnern, wem er diese Wohltaten schuldig ist. Wenn man sie aber auch auf
ehrfurchtsvolle Weise in Zeit und Raum gewhren lt, so werden sie erkennen,
da wir etwas gewahr werden, was weit darber hinausgeht, welches allen angehrt
und ohne welches sie selbst weder tun noch wirken knnten: Idee und Liebe.

Wer wei etwas von Elektrizitt, sagte ein heiterer Naturforscher, als wenn er
im Finstern eine Katze streichelt oder Blitz und Donner neben ihm niederleuchten
und rasseln? Wie viel und wie wenig wei er alsdann davon?

Lichtenbergs Schriften knnen wir uns als der wunderbarsten Wnschelrute
bedienen; wo er einen Spa macht, liegt ein Problem verborgen.

In den groen leeren Weltraum zwischen Mars und Jupiter legte er auch einen
heitern Einfall. Als Kant sorgfltig bewiesen hatte, da die beiden genannten
Planeten alles aufgezehrt und sich zugeeignet htten, was nur in diesen Rumen
zu finden gewesen von Materie, sagte jener scherzhaft, nach seiner Art: Warum
sollte es nicht auch unsichtbare Welten geben? - Und hat er nicht vollkommen
wahr gesprochen? Sind die neu entdeckten Planeten nicht der ganzen Welt
unsichtbar, auer den wenigen Astronomen, denen wir auf Wort und Rechnung
glauben mssen?

Einer neuen Wahrheit ist nichts schdlicher als ein alter Irrtum.

Die Menschen sind durch die unendlichen Bedingungen des Erscheinens dergestalt
obruiert, da sie das Eine Urbedingende nicht gewahren knnen.

Wenn Reisende ein sehr groes Ergetzen auf ihren Bergklettereien empfinden, so
ist fr mich etwas Barbarisches, ja Gottloses in dieser Leidenschaft; Berge
geben uns wohl den Begriff von Naturgewalt, nicht aber von Wohlttigkeit der
Vorsehung. Zu welchem Gebrauch sind sie wohl dem Menschen? Unternimmt er, dort
zu wohnen, so wird im Winter eine Schneelawine, im Sommer ein Bergrutsch sein
Haus begraben oder fortschieben; seine Herden schwemmt der Giebach weg, seine
Kornscheuern die Windstrme. Macht er sich auf den Weg, so ist jeder Aufstieg
die Qual des Sisyphus, jeder Niederstieg der Sturz Vulkans; sein Pfad ist
tglich von Steinen verschttet, der Giebach unwegsam fr Schiffahrt; finden
auch seine Zwergherden notdrftige Nahrung oder sammelt er sie ihnen krglich,
entweder die Elemente entreien sie ihm oder wilde Bestien. Er fhrt ein einsam
kmmerlich Pflanzenleben, wie das Moos auf einem Grabstein, ohne Bequemlichkeit
und ohne Gesellschaft. Und diese Zickzackkmme, diese widerwrtigen Felsenwnde,
diese ungestalteten Granitpyramiden, welche die schnsten Weltbreiten mit den
Schrecknissen des Nordpols bedecken, wie sollte sich ein wohlwollender Mann
daran gefallen und ein Menschenfreund sie preisen!

Auf diese heitere Paradoxie eines wrdigen Mannes wre zu sagen, da, wenn es
Gott und der Natur gefallen htte, den Urgebirgsknoten von Nubien durchaus nach
Westen bis an das groe Meer zu entwickeln und fortzusetzen, ferner die
Gebirgsreihe einigemal von Norden nach Sden zu durchschneiden, sodann Tler
entstanden sein wrden, worin gar mancher Urvater Abraham ein Kanaan, mancher
Albert Julius eine Felsenburg wrde gefunden haben, wo denn seine Nachkommen
leicht mit den Sternen rivalisierend sich htten vermehren knnen.

Steine sind stumme Lehrer, sie machen den Beobachter stumm, und das Beste, was
man von ihnen lernt, ist, nicht mitzuteilen.

Was ich recht wei, wei ich nur mir selbst; ein ausgesprochenes Wort frdert
selten, es erregt meistens Widerspruch, Stocken und Stillstehen.

Die Kristallographie als Wissenschaft betrachtet gibt zu ganz eigenen Ansichten
Anla. Sie ist nicht produktiv, sie ist nur sie selbst und hat keine Folgen,
besonders nunmehr, da man so manche isomorphische Krper angetroffen hat, die
sich ihrem Gehalte nach ganz verschieden erweisen. Da sie eigentlich nirgends
anwendbar ist, so hat sie sich in dem hohen Grade in sich selbst ausgebildet.
Sie gibt dem Geist eine gewisse beschrnkte Befriedigung und ist in ihren
Einzelnheiten so mannigfaltig, da man sie unerschpflich nennen kann, deswegen
sie auch vorzgliche Menschen so entschieden und lange an sich festhlt.

Etwas Mnchisch-Hagestolzenartiges hat die Kristallographie und ist daher sich
selbst genug. Von praktischer Lebenseinwirkung ist sie nicht; denn die
kstlichsten Erzeugnisse ihres Gebiets, die kristallinischen Edelsteine, mssen
erst zugeschliffen werden, ehe wir unsere Frauen damit schmcken knnen.

Ganz das Entgegengesetzte ist von der Chemie zu sagen, welche von der
ausgebreitetsten Anwendung und von dem grenzenlosesten Einflu aufs Leben sich
erweist.

Der Begriff vom Entstehen ist uns ganz und gar versagt; daher wir, wenn wir
etwas werden sehen, denken, da es schon dagewesen sei. Deshalb das System der
Einschachtelung kommt uns begreiflich vor.

Wie manches Bedeutende sieht man aus Teilen zusammensetzen; man betrachte die
Werke der Baukunst, man sieht manches sich regel- und unregelmig anhufen;
daher ist uns der atomistische Begriff nah und bequem zur Hand, deshalb wir uns
nicht scheuen, ihn auch in organischen Fllen anzuwenden.

Wer den Unterschied des Phantastischen und Ideellen, des Gesetzlichen und
Hypothetischen nicht zu fassen wei, der ist als Naturforscher in einer blen
Lage.

Es gibt Hypothesen, wo Verstand und Einbildungskraft sich an die Stelle der Idee
setzen.

Man tut nicht wohl, sich allzulange im Abstrakten aufzuhalten. Das Esoterische
schadet nur, indem es exoterisch zu werden trachtet. Leben wird am besten durchs
Lebendige belehrt.

Fr die vorzglichste Frau wird diejenige gehalten, welche ihren Kindern den
Vater, wenn er abgeht, zu ersetzen imstande wre.

Der unschtzbare Vorteil, welchen die Auslnder gewinnen, indem sie unsere
Literatur erst jetzt grndlich studieren, ist der, da sie ber die
Entwickelungskrankheiten, durch die wir nun schon beinahe whrend dem Laufe des
Jahrhunderts durchgehen muten, auf einmal weggehoben werden und, wenn das Glck
gut ist, ganz eigentlich daran sich auf das wnschenswerteste ausbilden.

Wo die Franzosen des achtzehnten Jahrhunderts zerstrend sind, ist Wieland
neckend.

Das poetische Talent ist dem Bauer so gut gegeben wie dem Ritter, es kommt nur
darauf an, da jeder seinen Zustand ergreife und ihn nach Wrden behandle.

Was sind Tragdien anders als versifizierte Passionen solcher Leute, die sich
aus den uern Dingen ich wei nicht was machen.

Das Wort Schule, wie man es in der Geschichte der bildenden Kunst nimmt, wo man
von einer florentinischen, rmischen und venezianischen Schule spricht, wird
sich knftighin nicht mehr auf das deutsche Theater anwenden lassen. Es ist ein
Ausdruck, dessen man sich vor dreiig, vierzig Jahren vielleicht noch bedienen
konnte, wo unter beschrnkteren Umstnden sich eine natur- und kunstgeme
Ausbildung noch denken lie; denn genau gesehen gilt auch in der bildenden Kunst
das Wort Schule nur von den Anfngen; denn sobald sie treffliche Mnner
hervorgebracht hat, wirkt sie alsobald in die Weite. Florenz beweist seinen
Einflu ber Frankreich und Spanien; Niederlnder und Deutsche lernen von den
Italienern und erwerben sich mehr Freiheit in Geist und Sinn, anstatt da die
Sdlnder von ihnen eine glcklichere Technik und die genauste Ausfhrung von
Norden her gewinnen.

Das deutsche Theater befindet sich in der Schluepoche, wo eine allgemeine
Bildung dergestalt verbreitet ist, da sie keinem einzelnen Orte mehr angehren,
von keinem besondern Punkte mehr ausgehen kann.

Der Grund aller theatralischen Kunst, wie einer jeder andern, ist das Wahre, das
Naturgeme. Je bedeutender dieses ist, auf je hherem Punkte Dichter und
Schauspieler es zu fassen verstehen, eines desto hhern Ranges wird sich die
Bhne zu rhmen haben. Hiebei gereicht es Deutschland zu einem groen Gewinn,
da der Vortrag trefflicher Dichtung allgemeiner geworden ist und auch auerhalb
des Theaters sich verbreitet hat.

Auf der Rezitation ruht alle Deklamation und Mimik. Da nun beim Vorlesen jene
ganz allein zu beachten und zu ben ist, so bleibt offenbar, da Vorlesungen die
Schule des Wahren und Natrlichen bleiben mssen, wenn Mnner, die ein solches
Geschft bernehmen, von dem Wert, von der Wrde ihres Berufs durchdrungen sind.

Shakespeare und Calderon haben solchen Vorlesungen einen glnzenden Eingang
gewhrt; jedoch bedenke man immer dabei, ob nicht hier gerade das imposante
Fremde, das bis zum Unwahren gesteigerte Talent der deutschen Ausbildung
schdlich werden msse!

Eigentmlichkeit des Ausdruckes ist Anfang und Ende aller Kunst. Nun hat aber
eine jede Nation eine von dem allgemeinen Eigentmlichen der Menschheit
abweichende besondere Eigenheit, die uns zwar anfnglich widerstreben mag, aber
zuletzt, wenn wir's uns gefallen lieen, wenn wir uns derselben hingben, unsere
eigene charakteristische Natur zu berwltigen und zu erdrcken vermchte.

Wieviel Falsches Shakespeare und besonders Calderon ber uns gebracht, wie diese
zwei groen Lichter des poetischen Himmels fr uns zu Irrlichtern geworden,
mgen die Literatoren der Folgezeit historisch bemerken.

Eine vllige Gleichstellung mit dem spanischen Theater kann ich nirgends
billigen. Der herrliche Calderon hat so viel Konventionelles, da einem
redlichen Beobachter schwer wird, das groe Talent des Dichters durch die
Theateretikette durchzuerkennen. Und bringt man so etwas irgendeinem Publikum,
so setzt man bei demselben immer guten Willen voraus, da es geneigt sei, auch
das Weltfremde zuzugeben, sich an auslndischem Sinn, Ton und Rhythmus zu
ergetzen und aus dem, was ihm eigentlich gem ist, eine Zeitlang herauszugehen.

Yorik-Sterne war der schnste Geist, der je gewirkt hat; wer ihn liest, fhlt
sich sogleich frei und schn; sein Humor ist unnachahmlich, und nicht jeder
Humor befreit die Seele.

Migkeit und klarer Himmel sind Apollo und die Musen.

Das Gesicht ist der edelste Sinn, die andern vier belehren uns nur durch die
Organe des Takts, wir hren, wir fhlen, riechen und betasten alles durch
Berhrung; das Gesicht aber steht unendlich hher, verfeint sich ber die
Materie und nhert sich den Fhigkeiten des Geistes.

Setzten wir uns an die Stelle anderer Personen, so wrden Eifersucht und Ha
wegfallen, die wir so oft gegen sie empfinden; und setzten wir andere an unsere
Stelle, so wrde Stolz und Einbildung gar sehr abnehmen.

Nachdenken und Handeln verglich einer mit Rahel und Lea; die eine war anmutiger,
die andere fruchtbarer.

Nichts im Leben auer Gesundheit und Tugend ist schtzenswerter als Kenntnis und
Wissen; auch ist nichts so leicht zu erreichen und so wohlfeil zu erhandeln; die
ganze Arbeit ist Ruhigsein und die Ausgabe Zeit, die wir nicht retten, ohne sie
auszugeben.

Knnte man Zeit wie bares Geld beiseitelegen, ohne sie zu benutzen, so wre dies
eine Art von Entschuldigung fr den Miggang der halben Welt; aber keine
vllige, denn es wre ein Haushalt, wo man von dem Hauptstamm lebte, ohne sich
um die Interessen zu bemhen.

Neuere Poeten tun viel Wasser in die Tinte.

Unter mancherlei wunderlichen Albernheiten der Schulen kommt mir keine so
vollkommen lcherlich vor als der Streit ber die Echtheit alter Schriften,
alter Werke. Ist es denn der Autor oder die Schrift, die wir bewundern oder
tadeln? es ist immer nur der Autor, den wir vor uns haben; was kmmern uns die
Namen, wenn wir ein Geisteswerk auslegen?

Wer will behaupten, da wir Virgil oder Homer vor uns haben, indem wir die Worte
lesen, die ihm zugeschrieben werden? Aber die Schreiber haben wir vor uns, und
was haben wir weiter ntig? Und ich denke frwahr, die Gelehrten, die in dieser
unwesentlichen Sache so genau zu Werke gehen, scheinen mir nicht weiser als ein
sehr schnes Frauenzimmer, das mich einmal mit mglichst sem Lcheln befragte:
wer denn der Autor von Shakespeares Schauspielen gewesen sei?

Es ist besser, das geringste Ding von der Welt zu tun, als, eine halbe Stunde
fr gering halten.

Mut und Bescheidenheit sind die unzweideutigsten Tugenden; denn sie sind von der
Art, da Heuchelei sie nicht nachahmen kann; auch haben sie die Eigenschaft
gemein, sich beide durch dieselbe Farbe auszudrcken.

Unter allem Diebsgesindel sind die Narren die Schlimmsten: sie rauben euch
beides, Zeit und Stimmung.

Uns selbst zu achten, leitet unsre Sittlichkeit; andere zu schtzen, regiert
unser Betragen.

Kunst und Wissenschaft sind Worte, die man so oft braucht und deren genauer
Unterschied selten verstanden wird; man gebraucht oft eins fr das andere.

Auch gefallen mir die Definitionen nicht, die man davon gibt. Verglichen fand
ich irgendwo Wissenschaft mit Witz, Kunst mit Humor. Hierin find' ich mehr
Einbildungskraft als Philosophie: es gibt uns wohl einen Begriff von dem
Unterschied beider, aber keinen von dem Eigentmlichen einer jeden.

Ich denke, Wissenschaft knnte man die Kenntnis des Allgemeinen nennen, das
abgezogene Wissen; Kunst dagegen wre Wissenschaft zur Tat verwendet;
Wissenschaft wre Vernunft, und Kunst ihr Mechanismus, deshalb man sie auch
praktische Wissenschaft nennen knnte. Und so wre denn endlich Wissenschaft das
Theorem, Kunst das Problem.

Vielleicht wird man mir einwenden: Man hlt die Poesie fr Kunst, und doch ist
sie nicht mechanisch; aber ich leugne, da sie eine Kunst sei; auch ist sie
keine Wissenschaft. Knste und Wissenschaften erreicht man durch Denken, Poesie
nicht, denn diese ist Eingebung; sie war in der Seele empfangen, als sie sich
zuerst regte. Man sollte sie weder Kunst noch Wissenschaft nennen, sondern
Genius.

Auch jetzt im Augenblick sollte jeder Gebildete Sternes Werke wieder zur Hand
nehmen, damit auch das neunzehnte Jahrhundert erfhre, was wir ihm schuldig
sind, und einshe, was wir ihm schuldig werden knnen.

In dem Erfolg der Literaturen wird das frhere Wirksame verdunkelt und das
daraus entsprungene Gewirkte nimmt berhand, deswegen man wohltut, von Zeit zu
Zeit wieder zurckzublicken. Was an uns Original ist, wird am besten erhalten
und belobt, wenn wir unsre Altvordern nicht aus den Augen verlieren.

Mge das Studium der griechischen und rmischen Literatur immerfort die Basis
der hhern Bildung bleiben.

Chinesische, indische, gyptische Altertmer sind immer nur Kuriositten; es ist
sehr wohlgetan, sich und die Welt damit bekannt zu machen; zu sittlicher und
sthetischer Bildung aber werden sie uns wenig fruchten.

Der Deutsche luft keine grere Gefahr, als sich mit und an seinen Nachbarn zu
steigern; es ist vielleicht keine Nation geeigneter, sich aus sich selbst zu
entwickeln, deswegen es ihr zum grten Vorteil gereichte, da die Auenwelt von
ihr so spt Notiz nahm.

Sehen wir unsre Literatur ber ein halbes Jahrhundert zurck, so finden wir, da
nichts um der Fremden willen geschehen ist.

Da Friedrich der Groe aber gar nichts von ihnen wissen wollte, das verdro die
Deutschen doch, und sie taten das mglichste, als Etwas vor ihm zu erscheinen.

Jetzt, da sich eine Weltliteratur einleitet, hat, genau besehen, der Deutsche am
meisten zu verlieren; er wird wohltun, dieser Warnung nachzudenken.

Auch einsichtige Menschen bemerken nicht, da sie dasjenige erklren wollen, was
Grunderfahrungen sind, bei denen man sich beruhigen mte.

Doch mag dies auch vorteilhaft sein, sonst unterliee man das Forschen allzu
frh.

Wer sich von nun an nicht auf eine Kunst oder Handwerk legt, der wird bel dran
sein. Das Wissen frdert nicht mehr bei dem schnellen Umtriebe der Welt; bis man
von allem Notiz genommen hat, verliert man sich selbst.

Eine allgemeine Ausbildung dringt uns jetzt die Welt ohnehin auf; wir brauchen
uns deshalb darum nicht weiter zu bemhen, das Besondere mssen wir uns
zueignen.

Die grten Schwierigkeiten liegen da, wo wir sie nicht suchen.

Lorenz Sterne war geboren 1713, starb 1768. Um ihn zu begreifen, darf man die
sittliche und kirchliche Bildung seiner Zeit nicht unbeachtet lassen; dabei hat
man wohl zu bedenken, da er Lebensgenosse Warburtons gewesen.

Eine freie Seele wie die seine kommt in Gefahr, frech zu werden, wenn nicht ein
edles Wohlwollen das sittliche Gleichgewicht herstellt.

Bei leichter Berhrbarkeit entwickelte sich alles von innen bei ihm heraus;
durch bestndigen Konflikt unterschied er das Wahre vom Falschen, hielt am
ersten fest und verhielt sich gegen das andere rcksichtlos.

Er fhlte einen entschiedenen Ha gegen Ernst, weil er didaktisch und dogmatisch
ist und gar leicht pedantisch wird, wogegen er den entschiedensten Abscheu
hegte. Daher seine Abneigung gegen Terminologie.

Bei den vielfachsten Studien und Lektre entdeckte er berall das Unzulngliche
und Lcherliche.

Shandeism nennt er die Unmglichkeit, ber einen ernsten Gegenstand zwei Minuten
zu denken.

Dieser schnelle Wechsel von Ernst und Scherz, von Anteil und Gleichgltigkeit,
von Leid und Freude soll in dem irlndischen Charakter liegen.

Sagazitt und Penetration sind bei ihm grenzenlos.

Seine Heiterkeit, Gengsamkeit, Duldsamkeit auf der Reise, wo diese
Eigenschaften am meisten geprft werden, finden nicht leicht ihresgleichen.

So sehr uns der Anblick einer freien Seele dieser Art ergetzt, ebensosehr werden
wir gerade in diesem Fall erinnert, da wir von allem dem, wenigstens von dem
meisten, was uns entzckt, nichts in uns aufnehmen drfen.

Das Element der Lsternheit, in dem er sich so zierlich und sinnig benimmt,
wrde vielen andern zum Verderben gereichen.

Das Verhltnis zu seiner Frau wie zur Welt ist betrachtenswert. Ich habe mein
Elend nicht wie ein weiser Mann benutzt, sagt er irgendwo.

Er scherzt gar anmutig ber die Widersprche, die seinen Zustand zweideutig
machen.

Ich kann das Predigen nicht vertragen, ich glaube, ich habe in meiner Jugend
mich daran bergessen.

Er ist in nichts ein Muster und in allem ein Andeuter und Erwecker.

Unser Anteil an ffentlichen Angelegenheiten ist meist nur Philisterei.

Nichts ist hher zu schtzen als der Wert des Tages.

Pereant, qui, ante nos, nostra dixerunt!
    So wunderlich knnte nur derjenige sprechen, der sich einbildete, ein
Autochthon zu sein. Wer sich's zur Ehre hlt, von vernnftigen Vorfahren
abzustammen, wird ihnen doch wenigstens ebensoviel Menschensinn zugestehn als
sich selbst.

Die originalsten Autoren der neusten Zeit sind es nicht deswegen, weil sie etwas
Neues hervorbringen, sondern allein weil sie fhig sind, dergleichen Dinge zu
sagen, als wenn sie vorher niemals wren gesagt gewesen.

Daher ist das schnste Zeichen der Originalitt, wenn man einen empfangenen
Gedanken dergestalt fruchtbar zu entwickeln wei, da niemand leicht, wie viel
in ihm verborgen liege, gefunden htte.

Viele Gedanken heben sich erst aus der allgemeinen Kultur hervor wie die Blten
aus den grnen Zweigen. Zur Rosenzeit sieht man Rosen berall blhen.

Eigentlich kommt alles auf die Gesinnungen an; wo diese sind, treten auch die
Gedanken hervor, und nachdem sie sind, sind auch die Gedanken.

Nichts wird leicht ganz unparteiisch wieder dargestellt. Man knnte sagen:
hievon mache der Spiegel eine Ausnahme, und doch sehen wir unser Angesicht
niemals ganz richtig darin; ja der Spiegel kehrt unsre Gestalt um und macht
unsre linke Hand zur rechten. Dies mag ein Bild sein fr alle Betrachtungen ber
uns selbst.

Im Frhling und Herbst denkt man nicht leicht ans Kaminfeuer, und doch geschieht
es, da, wenn wir zufllig an einem vorbeigehen, wir das Gefhl, das es
mitteilt, so angenehm finden, da wir ihm wohl nachhngen mgen. Dies mchte mit
jeder Versuchung analog sein.

Sei nicht ungeduldig, wenn man deine Argumente nicht gelten lt.

Wer lange in bedeutenden Verhltnissen lebt, dem begegnet freilich nicht alles,
was dem Menschen begegnen kann; aber doch das Analoge und vielleicht einiges,
was ohne Beispiel war.
