
                               Frlich, Henriette

                     Virginia oder Die Kolonie von Kentucky

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                               Henriette Frlich

                                 Virginia oder

                            Die Kolonie von Kentucky

                           Mehr Wahrheit als Dichtung

                                  An die Leser

Anders malt mit ihrem Zauberbilde,
Anders sich in jedem Kopf die Welt.
An dem Indusstrande und am Belt
Schmcken andre Blumen die Gefilde.

Andre Regung bringt der Frhlingsmorgen,
Andere die dstre Winternacht.
Was der Dichter, scheinbar frei, gedacht,
Mute oft von der Umgebung borgen.

Zrnt ihr mir? Da ich ein Bild gewhlet
Aus der Unglcksjahre wstem Drang?
Wo der Nebel mit dem Lichte rang,
Mit der Wahrheit Irrtum sich vermhlet?

Zrnet nicht, ich hab es nicht erfunden,
Nur empfangen von der Auenwelt
Und, zur Schau, im Rahmen aufgestellt,
In der Mue launevollen Stunden.

Auch die Heldin wollet mir nicht schelten,
Die ein ahndungsvoller Tag gebar
Und gespenst'ge Bilder der Gefahr
Hingescheucht zu fernen fremden Welten.

Wo sie irrte, fand sie viel Gespielen
In der Zeiten dunklem Labyrinth.
Doch ihr Wahn, er war der Flammen Kind,
Welche in der Menschheit Glorie spielen.

Und sie flieht der Selbstsucht harte Bande,
Ihre Wahrheit flieht die Heuchelei,
Ihren Hochsinn, ihre zarte Treu'
Rettend in dem fernen Friedenslande.

Sendet ihr im frischen Morgenwinde
Mild den Wunsch, der euch den Busen dehnt,
Da sie, was ihr alle sucht und sehnt,
Das verlorne Eden, wiederfinde.


                                  Erster Teil

                               Virginia an Adele

                                                       Am Bord des Washington.
                                     Im Hafen von Marseille, den 20. August 1814

Wie wirst Du erschrocken sein, arme Adele, als Du mein Zimmer leer fandest? Wie
verstohlen und mit immer steigender Angst wirst Du Dich nach mir erkundigt
haben, fast mehr frchtend, meine Spur zu finden als sie zu verlieren. Glaube
mir, diese Vorstellung hat mich sehr geqult. Gern htte ich Dir mein Vorhaben
vertraut. Es wre mir so s gewesen, mich noch einmal scheidend an die Brust zu
legen, an der ich oftmals meine stummen Trnen barg! Aber wie durft ich wagen,
die Last dieses Geheimnisses auf Deine zarte Seele zu wlzen. Woher httest Du
die Fassung genommen, Deiner Mutter das gewhnliche, kindlich frhliche Mdchen
zu zeigen? oder mit Unbefangenheit dem Spherblicke Deines Vaters zu begegnen?
Nein, ich konnte Dir diese Angst nicht ersparen, ich glaube vielmehr, ich habe
sie abgekrzt. Whrend Du sorglos schliefest, dann ahndetest, hofftest,
zweifeltest, trennten uns schon Berge und Tler; ach! und wenn Du diesen Brief
erhltst, liegt das Weltmeer zwischen uns, und ich bin auer der Gewalt der
Menschen, nur in der Gewalt Gottes und seiner Elemente. Ihm, dem Allmchtigen,
bergebe ich mich; nur der Willkr der Menschen widerstrebt mein Herz, es hat
zuviel unter ihren rohen Hnden gelitten. Ihre triumphierenden Blicke knnten
mich bis ins Grab treiben. Triumphierend? worber denn? War's ihr Verdienst? O
nein! Ihre Schlechtigkeit, ihre Rnke haben wohl mitgewirkt, dessen mgen sie
sich nicht berheben. Aber auch die Schlechtigkeit ihrer Gegner, die Selbstsucht
aller, zufllige Ereignisse - was wei ich? Am Ende Gott. Wohl, wohl! Ohne seine
Zulassung geschieht nichts. Aber warum er es zult? wozu? Da liegt's. Mit der
Beantwortung sind die meisten so fertig da, als habe der Ewige mit ihnen darber
beratschlagt, und nur wenige fhlen es lebendig, da Irren das gemeine Los der
Sterblichen ist, da das Warum vielleicht erst halb in knftigen Jahrhunderten,
ganz erst in der Ewigkeit begriffen wird. Soviel aber ist mir Armen klar, da
alles dies nimmermehr geschah, damit die P... s und O... s wieder in den
Vorslen der Bourboniden glnzen mchten oder die M... s und R... s auf ihren
ehemaligen Schlssern wieder schwelgen und Bauern qulen knnten. Noch viel
weniger, damit die Gter der Montorins und Polignys durch die Hnde Deiner
einfachen Virginia und des zierlichen Louis vermhlt wrden. Vergib mir, teure
Adele! er ist Dein Bruder; aber hat er Dein Herz? Und wenn selbst - nimmer,
nimmer! Und wohnte auch in meiner Seele kein fremdes Bild - nimmer! nimmer! Er
ist nicht der Sohn meines Vaterlandes, wie wollte er mein Gefhl verstehen, wie
das schonen knnen, was er verdammt? O mein armes verratenes, zerrissenes,
verlassenes Vaterland! auch Virginia mu dich verlassen, mit blutendem Herzen
verlassen. Wre sie ein Mann, sie wrde bleiben und kmpfen; vielleicht knnte
sie dir noch etwas ntzen, und wr's auch nur mit ihrem Blute. Aber ein Weib,
ein unterjochtes Weib? Qualvolles, nutzloses Leben; dazustehen im Kampf der
Parteien, beobachtet in jeder Miene, gemihandelt um jeder unfreiwilligen Trne,
beargwohnt um jedes Wort, am meisten beim duldenden Schweigen! Nein, Vaterland,
ich mu dich verlassen! Schweigen knnte ich. Aber nein, ich soll reden, reden
in ihrem Sinne. Nicht genug. Eine Bekehrungsgeschichte meines Innern mte ich
erlgen, verdammend anklagen meine angebornen Gefhle, abschwrend dartun die
ererbten Ansichten meines trefflichen Vaters. Unglckliches Weib! Der Mann
kmpft fr seine Meinung und macht sich Bahn; das Weib soll keine Meinung haben.
- Wie oft, frhliche Adele, habe ich Dich beneidet, da Deine Gedanken nur den
engen Raum zwischen der letzten Oper und dem nchsten Ball durchliefen; und doch
strafte mich sogleich ein (wie mir schien) besseres Selbstgefhl. Du begriffst
mich nicht, wenn Du meine Wange erblassen, mein Auge weinen sahst; doch liebten
wir uns so herzlich, Du mit dem kindlich unbekmmerten Gemt, ich mit der
Erkenntnis, da nur zufllige Umstnde uns so verschieden gebildet und Liebe und
Gte selbst das Ungleichste binden knnen. Oh, meine Adele! noch immer seh ich
Dich, als Du zum erstenmal bers Meer herbergekommen warst und an der Hand
Deiner Mutter in unser Zimmer tratest, ein freundliches, engelschnes Kind, kaum
acht Jahre alt. Wie flog mein Herz Dir da entgegen, der jngeren lieblichen
Schwester; wie dankte ich dem Vater, da er Euch durch seinen rastlosen Eifer
die Rckkehr bewirkt. Oh, wret Ihr doch nimmer wieder geschieden! Dann httest
Du mich ganz verstehen lernen mit zunehmenden Jahren, und sptere Ereignisse
wren Dir nicht unbekannt. So aber ri die Lebenswoge uns schon wieder
auseinander, als Du kaum das zwlfte Jahr vollendet, und dem seltenen,
gefhrlichen Briefwechsel war nichts Bedeutendes zu vertrauen, weniger noch dem
stets beobachteten Gesprch in den letzten Monden unserer Wiedervereinigung. Und
doch treibt mich ein unwiderstehlicher Drang, Dir mein ganzes Innerstes zu
zeigen. Ich folge ihm; die Einsamkeit einer Seereise gibt mir volle Mue.
    Ja, eine Seereise. Und weit, sehr weit. In das Land der Freiheit schiffe ich
hinber. Wo mein Vater als Jngling kmpfte unter dem Panier der Freiheit, wo
mein hochherziger Oheim, fr sie blutend, starb, da ist mein zweites Vaterland.
Amerika! Amerika! Schon erhebt sich ein frischer Ostwind, alles eilt an Bord. So
lebe denn wohl, Adele! Dieser Brief mu ans Land. Ach, zum letzten Male sehe ich
den mtterlichen Boden, der mich gebar; seine freundlichen Rebenhgel, das frohe
Treiben im Hafen von Marseille. Zum letzten Male schallen die muntern Lieder der
Fischer zu mir herber. Oh, es ist schwer, von der Heimat zu scheiden! Schwer,
wie das Sterben! Sterben ist ja auch nur eine Reise nach unbekannter Kste, ohne
Wiederkehr. Lebe wohl, Adele! Lebe wohl, mein Frankreich!

                              Dieselbe an dieselbe


                                                      Auf der Hhe von Gibraltar

Die Sonne taucht freundlich aus den Fluten herauf. Sie beleuchtet meinen Blicken
zum letzten Male das dmmernde Europa. Trnen benetzen meine Wangen,
unwillkrlich strecke ich meine Arme nach dem heimischen Gestade aus! ach, es
schwindet von Minute zu Minute weiter zurck. Ich weine, ja, Adele, ich weine!
Die Weiblichkeit behauptet ihre vollen Rechte und drngt den mnnlichen Mut in
den Hintergrund. - Ich habe mich auf einige Augenblicke in die Kajte
geflchtet, um mich in der Einsamkeit recht auszuweinen. Groe Schmerzen
beruhigt der Mensch nur durch sich selbst, er erhebt sich nur durch eigne Kraft.
Die mitleidigen Trster, welche sich auf dem Verdeck um mich her versammelten,
taten mir nur weher. Wie kann man so ins allgemeine hin zusprechen, wo man die
feinsten Ursachen der Rhrung nicht kennt, wohl selbst ausgesprochen nicht
kennen wrde! Wie will man den verwandten Ton treffen, um diesen Miklang in
Einklang aufzulsen! Sogar der freundliche Kapitn verwies mich nur an mich
selbst, als er mir mit seiner schnen Stimme voll Rhrung sagte: Liebe, schne
Mi, Sie verlassen ein Land voll Unruhe und Verwirrung; mein Vaterland, das
heilige Land der Freiheit, wird Sie als Tochter aufnehmen und diese bangen
Trnen trocknen. Betrachten Sie mich als Ihren Bruder, und gebieten Sie ber
alles, was dieser Bruder sein nennt. Guter Mann! es ist nicht das Gefhl des
Verlassenseins, was mich beklemmt. In den Slen der Tuilerien wrde ich mir viel
verwaister erscheinen.
    Siehe, meine Trnen sind whrend des Schreibens getrocknet, und mein Mut
kehrt zurck. Ich mu wieder hinauf, damit der lange Aufenthalt in dem
verschlossenen Raume mir nicht nachteilig werde. Ich will nicht seekrank werden,
wenn es irgend zu vermeiden ist. Krankheit wirkt auf den Geist, aber der Geist
beherrscht mehr noch den Krper. Der meinige soll sich aufheitern und stark
sein. Nur noch einen Abschiedsblick nach der Wiege meiner Kindheit, nach den
Grbern meiner Lieben; dann teilnehmend gelebt mit der Gegenwart und die
Vergangenheit noch einmal wiederholt fr meine Adele.

Unser Leben gleicht des Jgers Trumen,
Der am waldbekrnzten Hgel ruht.
Er entschlief am milden Strahl der Sonne,
Von der Liebe, von der Jagden Wonne,
Und erwachet in der Strme Wut.

Sohn des Hgels, morgen wirst du fragen:
Was verlscht Ronkatlins hellen Schein?
Hat das Meer den glhenden Stern verschlungen?
Selmas Bardenharfen sind verklungen,
Toskars Tochter klaget dort allein!

Ach, Malwina wandelt zu der Halle,
Staubumschleiert lehnen Schild und Speer.
Es empfngt sie geisterhaftes Grausen,
Kleiner Menschen Shne drinnen hausen,
Ihre Helden findet sie nicht mehr.

Bald auch kehren Lutas sanfte Mdchen
Ohne die Gespielin von der Jagd,
Wenden ihren Trnenblick voll Trauern
Nach Torluthas moosbewachsnen Mauern,
Wo der Eichen Flamme nicht mehr lacht.

Du siehst, liebe Adele, da Ossian mein treuer Begleiter ist. Wie htte ich den
vergessen? er ist ja ein Geschenk von Dir. Immer schon war er mein
Lieblingsdichter, und jetzt ist er mir ber alles teuer, das liebste Gut,
welches ich aus dem Schiffbruche gerettet. Erst jetzt verstehe ich ihn ganz, und
bei seinen Klaggesngen schweigt mir das Leid im Busen. Oft stehe ich noch
abends einsam am Maste gelehnt und betrachte die Gewlke, welche der
untergegangenen Sonne nachziehen. Dann will mich's oft bednken, als lagerten
die Helden vergangener Zeiten auf ihrem rtlichen Saum. Teure Gestalten! ihr
begleitet Virginia nach dem Lande, wo sie einst ruhen wird unter dem moosigen
Steine, den die Hand eines Fremdlings mitleidvoll auf ihren Hgel legt. Doch
nicht von meinem Grabe wollte ich mit Dir reden, traute Adele, als ich dieses
neue Blatt anfing, sondern von meinem Eintritt in das Leben und wie ich das
wurde, was ich bin.

Meinen Vater hast Du gekannt, den schnen, herrlichen Mann. Du erinnerst Dich
noch seines hohen mnnlichen Wuchses, seiner stolzen Stirn, seiner Adlernase,
der sanften, groen blauen Augen, des freundlichen Mundes. Du weit noch, wie
ernst und fest, wie wild und freundlich er zu gleicher Zeit war. Als jngerer
Sohn des Ritters von Montorin fr die Rechtsgelehrsamkeit bestimmt, studierte er
auf dem Kollegium zu Aix - als der Freiheitskampf in Amerika alle Herzen der
europischen Jugend in Bewegung setzte. Sein lterer Bruder, schon frher im
Militr angestellt, wute es dahin zu bringen, da er zu einem Regimente
versetzt wurde, welches, im Laufe des Krieges, zur Verstrkung der franzsischen
Hlfstruppen eingeschifft werden sollte. Lange hatte sich ein Oheim, dessen Erbe
er war, diesem Wunsche auf das lebhafteste widersetzt. Der jugendliche
Enthusiasmus siegte. Vor seiner Einschiffung wnschte der ltere den jngern
Bruder noch zu sehen und nahm einen kleinen Umweg ber Aix. Hier ergriff nun
meinen Vater das unwiderstehliche Verlangen, den geliebten Bruder in diesen
ehrenvollen Kampf zu begleiten. Plutarch und Xenophon hatten den kaum erst
sechzehnjhrigen Jngling zum Manne gereift. Er raffte zusammen, was sich ohne
Aufsehen fortbringen lie, und folgte heimlich dem Bruder, um als Freiwilliger
den Feldzug mitzumachen. Sie erreichten glcklich den Hafen von Marseille, wo
die Flotte bereitlag, sie aufzunehmen. Mit leichtem Herzen verlieen sie
Frankreich. Dieselben Wellen, die immer hin und wieder kehren, auf deren Rcken
unser Washington dahintanzt, dieselben trugen sie frhlich zu dem ersehnten
Ziele.
    Mit hochklopfendem Busen landeten die Jnglinge und begannen den Kampf gegen
die Macht des stolzen Englands. Drei Jahre fochten sie nebeneinander, mit
wechselndem Glcke, doch umschwebte meistens der Sieg ihre Fahnen. Ihre
Heldenherzen rissen sie zu jeder schwierigen Unternehmung voran. Wo die Gefahr
war, fochten die Brder. Bei Eutaw wankte das Bataillon, welches der ltere als
Oberst kommandierte, auf einen Augenblick. Ein mrderisches Karttschenfeuer der
Englnder trennte die Glieder; da entri mein Oheim dem weichenden Fhnrich das
Panier: Wer mich liebt und die Ehre, rief er, der folge mir! Freiheit und
Sieg! Freiheit und Sieg! Mit diesen Worten strmte er im raschen Laufe gegen
die feindliche Batterie vor. Freiheit und Sieg! rief mein Vater; Freiheit,
Sieg und unser Oberst! tnte es durch alle Glieder. Man strmte ihm nach. Die
Batterie war genommen, aber tdlich verwundet erreichte mein edler Oheim das
Ziel seiner Anstrengung. Ein Schu in die Brust hatte ihn schon im halben Laufe
getroffen. Er hielt die linke Hand fest auf die Wunde gedrckt, um das flieende
Blut noch einige Augenblicke aufzuhalten, pflanzte mit bebender Rechten die
flatternde Fahne neben dem feindlichen Geschtz auf und sank dann sterbend
nieder. Mein Wunsch ist erfllt, sagte er mit schwacher Stimme, der Sieg ist
unser. Freiheit und Menschenrechte habe ich diesem dereinst glcklichen Lande
erkmpfen helfen. Weine nicht, mein Bruder, weinet nicht, Kameraden, ich sterbe
den schnsten Tod. Mit diesen Worten hauchte der jugendliche Held in den Armen
des Bruders seine groe Seele aus. Nur ein einfacher, kleiner Hgel konnte ber
seine irdischen Reste errichtet werden, aber sein Pantheon ist der Ort, wo er
fiel, und mit heiliger Ehrfurcht, wie die Spartanerin zu dem Passe von
Thermopyl, werde ich dahin wallen. Er kmpfte nicht den zweideutigen Kampf fr
Land und Besitztum, er focht fr fremdes Glck, fr die Menschheit, fr den Gott
im Busen. In den Jahren des Genusses lie er ein glnzendes Los daheim und hohe
Erwartungen; trug in Wsten alle Beschwerden und Mhseligkeiten des Krieges, um
fr ein fremdes, gedrcktes Volk zu kmpfen. Indem ich mir ihn so
vergegenwrtige, fhle ich, was Ahnenstolz ist und wie er entspringt. Ja, ich
bin stolz auf ihn, auf den edlen, nicht auf den adeligen Menschen. Ursprnglich
waren beide Worte nur eins. Wehe! da man in der Folge Zeichen und Sache trennen
mute.
    Nach dem Frieden kehrte mein Vater nach Frankreich zurck. Er fand den alten
Herzog, seinen Oheim, tief gebeugt ber den Verlust seines Lieblings, wurde
aber, als nunmehriger Erbe, mit allen Zeichen der Wertschtzung empfangen, bei
Hofe vorgestellt, bewundert und mit Schmeicheleien berhuft. Die Frauen fanden
ihn unbeschreiblich schn, den Mnnern gebot er Ehrfurcht, ein Teil der jngern,
nicht sehr begnstigten, schlo sich mit Begeisterung an ihn an. Der Oheim tat
zweckmige Schritte und erhielt die sehr nahe Aussicht zu einer ansehnlichen
Hofbedienung fr ihn. Mein Vater liebte aber den Hof nicht, sowenig man auch
hinter seinem geflligen, zarten Benehmen, welches der Abdruck seines
menschenfreundlichen Herzens war, seine Abneigung ahndete. Der Oheim war hchst
unangenehm berrascht, als ihm mein Vater mit Festigkeit erklrte, er werde sich
niemals an den Hof fesseln. Nun bestand der Oheim darauf, ihm ein Regiment zu
kaufen. Mein Vater unterdrckte die uerungen seiner Gedanken ber dieses
unrechtmige Verfahren und weigerte sich gleichfalls, scheinbar aus dem Grunde,
weil er den Soldatenstand nicht liebe. Man fand diese Abneigung hchst ungereimt
an einem jungen Helden, der nur eben mit frischen Lorbeern heimgekehrt war. Mein
Vater aber erwiderte, es sei ganz ein anderes, fr Freiheit und Menschenrecht in
den Kampf zu ziehn als auf Paraden zu glnzen und, als Sldling, vllig fremden
Zwecken zu dienen. Man verstand einander fast gar nicht. Der Neffe wnschte, zu
seinen Studien zurckzukehren und mit seinen geliebten Griechen und Rmern zu
leben; der Oheim nannte dies Pedanterie und Verkehrtheit, wodurch er eben fr
die hhere Welt und seine glnzenden Entwrfe verdorben worden und dem feinern
Leben immer mehr entfremdet wrde. Die Spannung stieg zwischen beiden, sosehr
mein Vater sich auch Mhe gab, durch kindliche Zuvorkommenheit diese
Unzufriedenheit zu bekmpfen. Endlich erhielt mein Vater die Einwilligung, auf
einige Zeit ein kleines Gut in der Provence besuchen zu drfen, welches er von
seiner Mutter geerbt und seit seiner ersten Kindheit nicht gesehen hatte. Er
verlie in den ersten Frhlingstagen das geruschvolle Paris, wie der Vogel den
Kfig. Er hatte dort wohl Freunde gefunden, aber die Luft, welche sie
gemeinschaftlich umfangen hielt, war so schwl, da sie das freie Aufatmen gar
sehr erschwerte. Jetzt sog er wieder die junge Brust voll frischer Lebenslust
und frohen Mut.
    Du hast Chaumerive gesehen, am nrdlichen Ufer der Durance, diesen schnen
Schauplatz meiner frohen Jugend. Gewi gedenkst Du noch des blumigen Tales, das
sich, mit Rebenhgeln umkrnzt, lngs den Ufern dahinzieht. Vor allem aber des
dunklen Flusses, der vor unsrer Wohnung strmt, von zahllosen Fischerbarken
bedeckt; denn gewi ist Dir die khne Wallfahrt noch im Gedchtnis, welche wir
beide eines Nachmittags auf seinem grnen Uferwall unternahmen, um seinen
Ausflu in die Rhne zu sehn. Wir gelangten dahin; aber schon begann die Sonne
zu sinken, als wir, gefesselt von dem groen Schauspiel, an die Rckkehr
dachten, wo Dir dann Dunkelheit und Ermdung manche Trne auspreten. Hierher
begab sich mein Vater. Freilich war es damals bei weitem nicht so reizend, als
Du es gefunden. Seit lnger als zwlf Jahren von dem Besitzer vernachlssigt,
waren die Gebude verfallen, die Grten verwildert, die Felder und Weinberge nur
fr den augenblicklichen Nutzen bestellt. Mangel und Schmutz blickten aus den
einzelnen Htten hervor, und blagelbe Gestalten, in Lumpen gehllt,
verrichteten trge die ntigen Fronarbeiten. Doch die Natur war gleich ppig.
Die wilde Durance tanzte ebenso trotzig daher. Die dunkeln Oliven schattierten
ebenso anmutig mit der frischen Zitrone, und Thymian und Lavendel dufteten
selbst von den Triften.
    Es bedurfte nur festen Willen, Einsicht und Geschmack, um mit geringen
Aufopferungen ein Paradies zu schaffen, welches spterhin jedes Auge entzckte.
Mein Vater hatte schon im Augenblicke der Ankunft seinen Entschlu gefat. Er
entlie den reichgewordenen Pchter mit einer angemessenen Vergtung, verteilte
den grten Teil des Ackers unter seine Bauern, gegen eine jhrliche geringe,
von ihnen selbst bestimmte Pacht, und hob alle Zeichen der Dienstbarkeit auf. Er
stellte sich den erstaunten Menschen nur als ihren Freund und Ratgeber dar und
gewann alle Herzen. Jedermann griff mutig zur Arbeit, und die entworfene
Verbesserung rckte mit Riesenschritten vor. Der Weinbau wurde ganz auf die
Hgel beschrnkt, dort aber um so sorgfltiger betrieben. Es wurden fr die
Kelter nur gleichzeitig reifende Gewchse von verwandten Eigenschaften
gepflanzt. Der lbaum wurde nur sparsam zwischen den Reben geduldet und
bekrnzte meist nur den Rcken der Hhen und die nrdliche Seite. Die Ebenen
wurden mit Weizen beset und sorgfltig von den schattenden Bumen und dem
wuchernden Gestruche gereinigt. Die sumpfigen Wiesen und Triften, lngs dem
Flusse, wurden durch zweckmige Grben trockengelegt und durch Ausrottungen ein
sehr groer Teil Acker fr den fast unbekannten Kartoffelbau gewonnen. Auf dem
magersten Teil des Landes wurden Maulbeerpflanzungen angelegt und Pomeranzen,
Zitronen und alle brigen Obstarten in den Grten mit groer Sorgfalt gezogen.
So wurde durch kluge Sonderung dieses mannigfaltigen, sonst
durcheinandergeworfenen Anbaues derselben Grundflche ein zehnfacher Ertrag
abgewonnen. ppig wallte der goldne Weizen, wo ihn sonst der Maulbeerbaum und
das Gestruch erstickte, und der freie Weinstock lieferte den kstlichsten Wein.
Die entwsserten Triften nhrten zahlreiche und krftige Herden, wo sonst nur
einige magere Khe des Pchters weideten. Jetzt nahm der Landmann, durch
Vorschsse meines Vaters untersttzt, an allem teil, und Wohlstand kehrte in
seine reinliche Htte zurck, Gesundheit und Kraft sprach sich in seiner
regsamen Gestalt aus und jene liebenswrdige Frhlichkeit, welche den guten
Provenzalen so eigentmlich ist. Oh, wie wurde aber auch mein Vater von seinen
treuen Untertanen geliebt! Seine Aussprche waren Orakel, seine Felder und Berge
wurden am besten bearbeitet, seine Bauten unglaublich schnell ausgefhrt, und
bei den Auszahlungen entstand nur Streit darber, da er zuviel geben und der
Arbeiter zuwenig nehmen wollte.
    Welche hohe Zinsen trugen die kleinen, anfangs gemachten Aufopferungen! Wie
wurde ihm seine Leutseligkeit in der Folge mit Wucher vergolten! Wie rhrend
aber war es auch, den edlen Mann im Kreise seiner Untertanen zu erblicken. Doch
liebte er diese Benennung nicht; er nannte sie nur seine Freunde. Ich bin rmer
als sie, pflegte er zu sagen, ich bedarf ihrer Hlfe mehr als sie der
meinigen, denn ich bin weniger abgehrtet, und mir sind so viele Bedrfnisse
anerzogen, deren Entbehrung sie gar nicht gewahr werden. Der fein gebildete
Mann, dessen geistreiche Unterhaltung von Hflingen bewundert wurde, war mit
diesen Kindern der Natur so einfach als sie. Er stimmte seine Begriffe zu den
ihrigen herab, um diese zu lenken, legte oft gesellig Hand an bei ihren
Arbeiten, mischte sich in ihre Spiele und erfreute sich herzlich bei ihren
frhlichen Scherzen. Bei jedem traurigen, ja nur rhrenden Anla fllte sich
augenblicklich sein blaues Auge mit Trnen, welche er jedoch sorgfltig zu
verbergen suchte. Er half, wo er konnte, und trstete, wo keine Hlfe war. So
trat er wie ein Halbgott unter diese gedrckten, vernachlssigten Menschen, und
ein neuer Morgen brach an fr dieses kleine freundliche Tal. Dem Vater selbst
schien ein schnerer Lebensmorgen aufgegangen. Im lieblichsten Wechsel flogen
die Tage, flogen Sommer und Herbst dahin. Die Musen besuchten ihn am
winterlichen Kamine, dessen Gesimse es nie an frischen Blumen gebrach. Hier
ahmte er denn oft Anakreons Lieder nach beim schumenden Becher voll sen,
feurigen Mostes, fter noch die heimischen Gesnge der alten Troubadours. So
durch Einsamkeit und Dichtkunst zur Liebe vorbereitet, fanden ihn die ersten
entzckenden Tage des neuen Frhlings. Man hatte in Paris vergebens auf seine
Rckkunft gewartet, der Herzog hatte vergebens schriftlich darauf gedrungen;
mein sich zu glcklich fhlender Vater hatte immer auszuweichen gewut, indem er
seine Gegenwart als notwendig zur Vollendung der begonnenen Bauten darstellte.
Diese schilderte er so pomphaft, da der Herzog, von Ehrgeiz ergriffen,
unaufgefordert groe Summen berschickte, damit Provence und Languedoc von der
Pracht seines Hauses reden mchten. Wie weit aber war das, was mein Vater
ausfhrte, von diesen stolzen Ansichten entfernt! Zwar hchst geschmackvoll
waren die neuen Schpfungen, aber auch ebenso einfach; die Wohnung, von miger
Gre, war nur fr eine huslich glckliche Familie berechnet, in den Grten
Schnheit mit Ntzlichkeit gepaart. Die ersparten Summen kamen ihm gut
zustatten, seinen lndlichen Freunden aufzuhelfen und seinem neuen
Wirtschaftsysteme Schwung zu geben. Gegen das Ende des Karnevals hatten seine
Pariser Freunde bestimmt auf seine Gegenwart gerechnet und ihm vielfltig ihre
Erfindungen fr die letzten Maskenblle mitgeteilt, woran er teilnehmen sollte.
Er lehnte ihre Einladungen ab; doch veranlaten sie ihn zu dem Einfall, zum
Fastnachtabend nach Aix zu reisen, um der dortigen Maskerade beizuwohnen. Mit
innigem Vergngen betrat er diese Stadt wieder, wo sein Geist die erste Nahrung
erhalten und wo noch so viele seiner Jugendgespielen lebten. Mancher von ihnen,
der sonst mit ihm in einer Klasse gewetteifert hatte, ri jetzt auf der
Rednerbhne des Parlaments durch seine feurige Beredsamkeit hin. Einer derselben
- ich nenne ihn bei seinem Vornamen Victor -, der Sohn eines Kaufmannes, jetzt
Parlamentsadvokat, ein feuriger, unternehmender Kopf, dessen Herz fr alles
Groe schlug und der, mit Aufopferung seiner selbst, fr das Recht kmpfte, war
auer sich vor Freuden, seinen Leo wiederzusehn, und lud ihn fr die Nacht in
das Haus seines Vaters ein. Zuvor wollten sich beide Freunde noch auf dem
Orbitello treffen und sich des Maskengetmmels freuen. Lust und Leben empfing
meinen Vater auf diesem entzckenden Korso, mit welchem sich kaum die Boulevards
von Paris messen knnen. Die Bume blhten, die Fontnen sprangen, und bei jedem
Schritt umringten ihn hpfende kleine Mdchen, reichten ihm duftende Strue und
baten um Zuckerwerk fr die Schwalbe. Er ging frhlich auf diese altgriechische
Lust ein und fllte und leerte unaufhrlich seine Taschen fr diese lieblichen
kleinen Geschpfe. So gelangte er zur mittleren Fontne, wo er schon in der
Entfernung seinen Freund erkannte, an seinem Arme hing ein Mdchen in der Tracht
der Buerinnen von Arles, dieser fast griechischen Kleidung, welche so schn
steht. Das kurze Unterkleid war aus blaroter Seide und das Drolet oder
Oberkleid aus dunkelgrnem Sammet, um die dunklen Locken wand sich ein Tuch in
gleicher Farbe, mit Gold durchwirkt. Schuhschnallen und Armspangen waren mit den
schnsten Edelsteinen besetzt, und um den blendendweien Hals hingen blarote
Korallen. So erschien diese Nymphengestalt zum ersten Male den entzckten Augen
meines Vaters. Sie ward meine Mutter! Du verzeihst mir gewi, da ich bei dieser
Veranlassung etwas umstndlicher erzhle, als es wohl ntig ist. Dieser Moment
entschied ja ber das Leben zweier mir so unendlich teuern Personen und ber
mein Dasein. Mein Vater war als Troubadour gekleidet, und Victor stellte ihn
seiner Schwester vor. Der Eindruck, den beide aufeinander machten, war
berraschend, und als man sich in der Morgenfrhe trennte, waren beide von dem
Gefhl durchdrungen, da Leben ohneeinander Tod sei!

Die Liebe, diese Bltenzeit des Lebens, dieser Silberblick auf seines Stromes
Wellen, ist nirgend mchtiger als unter dem schnen provenzalischen Himmel, dem
Vaterlande der Lieder. Hier nur vereinigt sie Feuer und Zartheit in gleichem
Mae, hier nur ist sie die einzige groe Angelegenheit des Lebens. Auch meine
Eltern fhlten sie, vom ersten Augenblick, als solche. Leo atmete nur fr seine
Klara, und Klara dachte nur ihn. Victor war hocherfreut ber das Bndnis zweier
ihm so teuren Wesen, und seine siegende Beredsamkeit ri den Vater mit sich
fort, der wohl anfangs etwas von Standesunterschied bemerkte. Der Zeitgeist
entfaltete schon seine Schwingen und fand besonders in den beiden Freunden
begeisterte Herolde. Sie hatten frher nur in der idealen Welt der Alten gelebt
und sich von je Abkmmlinge altgriechischer Kolonien getrumt. Leo hatte in
Amerika den Standesunterschied, welcher seinem sanften Herzen niemals zugesagt,
als unbedeutend ansehen lernen, und Victors stolzes Selbstgefhl wurde davon
beleidigt. So stand der Verlobung der beiden Liebenden kein Hindernis weiter im
Wege, und Leo eilte auf Flgeln der Liebe nach Chaumerive, um die ntigen
Anstalten zum Empfange seiner jungen Gattin zu treffen. Er schrieb seinem Oheime
mit aller kindlichen Zrtlichkeit eines Sohnes und dem Entzcken eines
glcklichen Brutigams und bat um seinen Segen. Er sahe, fr den schlimmsten
Fall, wohl einer Unzufriedenheit, einer Mibilligung des stolzen Herzogs
entgegen, doch hielt er dieses fr kein Hindernis seines Glcks, da er die
Volljhrigkeit erreicht hatte und Chaumerive sein unbestrittenes Eigentum war.
Mochte doch der Herzog ihm die Erbschaft seines Namens und seiner Gter
entziehen, sie waren niemals das Ziel seiner Wnsche gewesen. Wie befremdet aber
war er, als ihm ein Kurier die Antwort des Herzogs berbrachte, der ihn im
ungemessensten Zorn einen Niedertrchtigen nannte, der die Ehre seines Hauses
beschimpfe, ihm befahl, sogleich diese entehrende Verbindung fr immer
aufzugeben und sich zu ihm nach Paris zu verfgen. Mein Vater war emprt ber
diesen Befehl. Er fhlte sich Mann und ward wie ein Knabe gescholten. Da er
dies nicht sei, beschlo er zu zeigen. Er reiste ungesumt nach Aix und
beschleunigte die Anstalten zu seiner Vermhlung. Er fhlte zu zart, um seiner
Klara und ihrer Familie, durch Mitteilung des erhaltenen Schreibens, trbe
Stunden zu verursachen. Er gedachte Klaren knftig nach und nach mit der
Spannung oder dem Bruche zwischen ihm und dem Oheime bekannt zu machen, da er
annahm, sie werde davon, bei dieser Entfernung von Paris, in ihrem kleinen
Paradiese wohl nicht berhrt werden. Am Ende sieht der Oheim auch wohl die
Sache, wenn sie geschehen, anders an, dachte er, als jetzt, wo er sie noch zu
hintertreiben hofft, und so berlie sich der glckliche Leo ohne Sorge der
Seligkeit seines neuen Standes. Wenig Tage nach der Vermhlung fhrte er die
geliebte Klara in seine Heimat. Die Bewohner von Chaumerive empfingen ihre
schne Frau, wie sie sie nannten, gleich einer Knigin, und die freundliche
Klara besa schon in den ersten Tagen alle Herzen, ebenso unumschrnkt als ihr
Leo. Du hast, meine geliebte Freundin, noch nach vielen Jahren gesehen, wie
dieses edle Paar geliebt wurde. Jeder Tag erhhte ihr Glck, denn an jedem Tage
entdeckte einer an dem andern mehr liebenswrdige Eigenschaften. Schne, selige
Zeit! die nur zu bald endete und nie in dieser Reinheit wiederkehrte.

Kaum waren einige Monde wie ebensoviel glckliche Augenblicke geschwunden, als
in einer rauhen Novembernacht ein starkes Gerusch meinen Vater aus den Armen
seiner Gattin aufschreckte. Fackeln erleuchteten den Hof, er sieht im Schein
derselben einen verschlossenen Wagen halten, und in demselben Augenblick treten
Polizeibeamte zu ihm ein. Man zeigt ihm einen lettre de cachet vor und
bemchtigt sich seiner Person. Kaum vergnnte man dem berraschten Unglcklichen
Zeit, seine Lippen noch einmal auf den Mund seiner ohnmchtigen Gattin zu
drcken. Man reit ihn mit Rubereile hinunter. Am Wagen haben sich einige
wenige seiner erwachten Leute gesammelt. Sie wollen den geliebten Herrn mit
ihrem letzten Blutstropfen verteidigen; man donnert sie im Namen des Knigs
zurck, der Wagen wird verschlossen, und dahin rollt er unaufhaltsam, der
furchtbaren Bastille zu. Mein Vater, mein armer betubter Vater allein und fr
den Augenblick ohne Aussicht auf Rettung. Aber er hatte eine mnnliche Seele,
und diese verzweifelt nie. Der Mann wagt auch den milichsten Kampf mit dem
Schicksal und gibt die Hoffnung des Sieges nur mit dem letzten Lebensfunken auf.
Wer vermchte aber wohl die Verzweiflung seiner unglcklichen Klara zu
schildern, als sie von ihrer tiefen Ohnmacht erwachte! Noch nach spten Jahren
geriet sie auer sich, wenn sie von dieser frchterlichen Nacht sprach. Sie
umklammerte dann unwillkrlich meinen Vater mit krampfhafter Strke, als frchte
sie, ihn aufs neue zu verlieren, und Trnen und Ksse berstrmten sein Gesicht.
Damals fehlte der Unglcklichen sogar die Wohltat der Trnen. Stumm, gleich
einem Marmorbilde, sa sie da. Ihre Kammerfrau handelte an ihrer Statt und
sandte einen treuen Boten zu Pferde nach Aix. Victor schumte vor Wut, er
bersah mit einem Blick den ganzen Zusammenhang, und zugleich fhlte er in
seinem Busen Kraft, zu helfen und selbst mit den Machthabern in die Schranken zu
treten. Er versah sich mit Geld und Wechseln, nahm Kurierpferde und flog zu
seiner angebeteten Schwester. Hier erschien er wie ein rettender Engel. An
seiner hohen Kraft richtete sich die Trostlose mhsam auf. Er hauchte ihr einen
Teil seiner Hoffnung ein und begab sich ungesumt mit ihr nach Paris.
    Jede zurckgelegte Station belebte den Mut der unglcklichen Frau, sie kam
ja dem Geliebten nher, und schon allein in den Ringmauern derselben Stadt mit
ihm zu leben, schien ihr ein Glck gegen jene schreckliche Entfernung. Victor
hoffte noch zuversichtlicher. Die Notabeln waren versammelt, alle Deputierte
seiner Provinz waren ihm bekannt und befreundet, er durfte auf ihre krftigste
Untersttzung rechnen. Seine Angelegenheit schien ihm die Sache der ganzen
Menschheit; wie konnte man ihm Gerechtigkeit versagen? In dieser Stimmung kam
das Geschwisterpaar in Paris an. Klara verlangte durchaus in einem Gasthofe, der
Bastille so nahe als mglich, zu wohnen, denn es schien ihr unbezweifelt gewi,
da ihr Gemahl sich in derselben befinde. Victor fand es freilich sehr mglich,
da er nach einem anderen, weit entfernten, festen Schlosse gebracht worden sei;
doch widersprach er der Trauernden nicht und gewhrte ihr gern den schwachen
Trost. Er selbst fing seine Nachforschungen mit rastlosem Eifer an. Er sprach
mit seinen Freunden, ging nach Versailles, um den Grafen von Mirabeau, einen
alten Freund seines Hauses, aufzusuchen. berall fand er die herzlichste
Teilnahme und den besten Willen zu helfen; doch war die Sache so leicht nicht,
als er gewhnt. Alles kam darauf an, zu erfahren, wohin der Gefangene gebracht
worden, und hierber gelangte man durchaus nicht zur Gewiheit. Zwar hatte man
von Chaumerive den Weg nach Paris genommen, soviel hatte man in der
Nachbarschaft erfahren; ob man aber nicht spterhin diese Strae verlassen, wer
konnte das verbrgen? Der Herzog, welcher am ersten Auskunft zu geben vermochte,
war fast unzugnglich. Er weigerte sich durchaus, Victor zu sehen, lie ihn
jederzeit abweisen, sooft er auch die Versuche, ihn zu sprechen, erneuerte.
Nicht glcklicher waren die Bemhungen derer, welche ihr Rang in seine Zirkel
fhrte. Der alte Hofmann stellte sich vllig unwissend. Nach vielen milungenen
Schritten brachte es Mirabeau dahin, da Victor eine geheime Audienz beim Knige
erhielt. Der Monarch schien zwar gerhrt bei der lebhaften Schilderung des
jungen Mannes, doch meinte er, man msse die Ansichten eines herzoglichen Hauses
auch bercksichtigen, dessen Haupt einer seiner ltesten und treusten Diener
sei. Alles, was man zuletzt erhielt, war ein Befehl an den Gouverneur der
Bastille, da, wenn sich ein Gefangener dieses Namens in seinem Gewahrsam
befinde, diesem, unter gehriger Vorsicht, eine Zusammenkunft mit seiner Gattin
und seinem Schwager zu gestatten. Mit diesem teuren Papier eilten die
Hoffnungsvollen in die finstern Mauern. Klarens Herz schlug laut vor ungestmer
Freude. Aber, o Schrecken! dem Gouverneur war dieser Name gnzlich unbekannt. Er
schlug nach vielen Weigerungen die Register vom Monat November auf, doch
vergebens. Victor entdeckte zwar, bei einer raschen Wendung, da um diese Zeit
ein junger Mann eingebracht worden, aber Name und Wohnort trafen nicht zu. Klara
verlangte, voll ahndenden Gefhls, diesen Unbekannten zu sehen, aber der
Gouverneur schlug es mit Festigkeit ab. Der Befehl laute nur auf eine bestimmte
Person, alles brige sei gegen seine Pflicht. Hart von Natur, und mehr noch
durch Gewohnheit, weigerte er sich, auch nur die mindeste Auskunft ber diesen
Unbekannten zu geben. So verlie man diesen Ort des Schreckens vllig
unverrichtetersache. Klara mit der festen berzeugung, der Unbekannte sei ihr
Gemahl, Victor zweifelhaft. Neue Versuche, neue Hindernisse. Dem Knige war
schwieriger beizukommen. Er hielt es fr unmglich, da jemand unter fremdem
Namen gefangense, und verweigerte eine Erlaubnis, diesen Fremden zu sehn, weil
Staatsgeheimnisse dabei gefhrdet werden knnten. Am Ende gab er einen hnlichen
Befehl fr Saint-Vicenz, und die Geschwister reiseten dahin, obwohl Klara keinen
Erfolg davon hoffte. Die Nachforschungen waren wieder vergeblich. So ging der
Winter und der grte Teil des Frhlings vorber. Meine arme Mutter rckte ihrer
Entbindung immer nher und versank immer tiefer in Gram. Ihre einzige Erholung
war, auf dem Platze vor der Bastille auf und nieder zu gehn und die dstern
Mauern anzublicken, die ihr alles umschlossen. Ihr Bruder konnte sie zu keinem
andern Spaziergange mehr bereden. Man kannte sie hier schon und nannte sie nur
die schne Trauernde; jedermann betrachtete sie mit Teilnahme. Ihr Bruder traf
jetzt nur auf lebhaft beschftigte und bewegte Gemter; die Spannung zwischen
den Notabeln und dem Hofe stieg aufs hchste, und die Grung war allgemein, in
ihr ging alles einzelne unter. Auch Victor, ob er gleich das Schicksal seines
Freundes nie aus den Augen verlor, warf sich doch mit Feuer in die ffentlichen
Angelegenheiten. Ihm war klar, da eine groe Umwlzung der Dinge unvermeidlich
und notwendig sei. Die Hoffnung fr seinen Leo knpfte er an das allgemeine
Wohl, und rastloser als einer arbeitete er an der neuen Organisation.

So kam der Julius heran, dieser so oft beschriebene und in der Weltgeschichte
ewig merkwrdige Monat. Meine Mutter wurde von all dem Treiben um sie her nur
sehr wenig gewahr, ihr tiefer Kummer machte sie unempfnglich fr die Auenwelt.
Sie hrte es kaum, wenn man sie bedauerte und Vorbergehende sie laut ein Opfer
der Tyrannei nannten. Tief in sich gekehrt, ging sie auch am 14. Julius mittags
auf ihrem gewhnlichen Spaziergange auf und nieder, und es dauerte lange, ehe
das Herbeistrmen einer zahllosen Volksmenge sie aufmerksam machte. Man umringt
sie, Weiber und Mdchen umwinden sie mit dreifarbigen Bndern: Auch du sollst
gercht werden! rufen sie. Das Getmmel nimmt zu. Von allen Seiten das
Geschrei: Nieder mit der Bastille, nieder! Kanonen werden aufgepflanzt, die
Trme vom Zeughause und vom Garten werden eingestoen, Lcher in die Mauern
gebrochen. Meine Mutter fngt an zu begreifen, was vorgeht, sie zittert vor
Schreck und Freude, sie sinkt auf die Knie und streckt die Arme nach dem
frchterlichen Gefngnisse aus; die Sinne vergehen ihr, die mitleidigen
Umstehenden sind kaum imstande, sie gegen den gewaltsamen Andrang der Menge auf
einige Augenblicke zu schtzen. Da arbeitet sich Victor durch das dichteste
Gedrnge, fat seine ohnmchtige Schwester in seine Arme, drngt sich mit
Riesenkraft rckwrts und trgt sie in ihre Wohnung zurck. Sie schlgt die
Augen auf, aber in demselben Momente stellen sich auch heftige unbekannte
Schmerzen ein, alles verkndigt eine beschleunigte Entbindung. Victor ruft um
Hlfe er bergibt sie der Sorgfalt der Frauen, spricht ihr Mut ein und selige
Hoffnung und eilt zurck, wohin Begeisterung und Pflicht ihn rufen. Er legt mit
der Strke eines Rasenden Hand an, er ist der zweite in der Bresche. Wtend
packt er einen der Invaliden, er mu ihm die Eingnge zu den Gefngnissen
zeigen, und ohne auf die brigen Ereignisse zu achten, ist sein einziges
Streben, die Tren dieser hllischen Behlter zu ffnen. Werkzeuge sind schnell
gefunden, auch hlfreiche Arme in Menge. Man befreit eine ziemliche Anzahl der
unglcklichen Schlachtopfer tyrannischer Willkr, doch findet sich kein Leo.
Endlich weicht eine besonders stark befestigte Tr, und mein Vater strzt dem
freudeschwindelnden Victor in die Arme. Freiheit ist das erste Wort, welches
aus beider Brust sich hervordrngt, das zweite Klara! - Lebt sie? ruft mein
Vater. Sie ist hier! schreit mein Oheim, und so machen sich beide, fest
umschlungen, unaufhaltsam Bahn durch die teilnehmende Menge. Sie erreichen fast
atemlos Klaras Wohnung. Meine Mutter lag bla und erschpft im Bette, ich ruhte
an ihrer Brust. Seit wenig Minuten hatte ich das Licht der Welt erblickt. Mein
Vater strzte kniend an dem Bette nieder. In sprachloser Freude hing er an den
Lippen der Geliebten und berstrmte ihre Hnde mit Trnen und Kssen. Dann nahm
er mich in seine Arme und drckte mich, gewaltsam schluchzend, an sein Herz.
Pltzlich hob er mich hoch in die Hhe und rief laut und feierlich:
    Virginia, Virginia! du teures Pfand der neuen Freiheit! Roms Virginia
sprengte durch ihren Tod Roms Bande; du verbrgst mir durch den Augenblick
deiner Geburt die Freiheit deines Vaterlandes und knpfest mich mit tausend
neuen Banden an dasselbe. Er legte mich wieder auf das Bett und seine Rechte
segnend auf meine Stirn. Victor kniete tief erschttert neben ihm und legte
ebenfalls seine Hand, wie zum Schwur, auf mein Haupt. Freiheit und Vaterland!
Freiheit und Gleichheit! sprach er mit hohem Ernste. Vaterland, Freiheit und
Gleichheit! sprach mein Vater ihm nach. Dann schlugen beide Mnner krftig die
Hnde ineinander und umarmten sich. Lchelnd und selig sah meine Mutter auf dies
erhabene Schauspiel herab. Sieh, Adele, so wurde ich geboren. Knnte ich es
jemals ertragen, da man den 14. Julius mit Schmhungen belegt? wrden die
Deinen mein Fest jemals mit gutem Herzen feiern wollen? Nein, Virginia, die
erstgeborne Tochter der Freiheit, mu in einem freien Lande sterben.

Von diesem Zeitpunkt an waren meine Eltern auf immer vereinigt und glcklich.
Die Begebenheiten, die den Thron erschtterten, hatten ihr Glck gegrndet.
Konnte die dankbare Erinnerung daran sie jemals verlassen? konnten sie jemals
vergessen, da die Despotie die ersten frischesten Blten dieses Glckes
abgestreift? - Mein Vater teilte nunmehr seine Zeit zwischen den Freuden seiner
Huslichkeit und den ernsten Bemhungen fr das ffentliche Wohl. Er erneuerte
seine frheren Verbindungen und knpfte neue. Sein Einflu wurde bei den
Beratschlagungen und Entwrfen von segensreichem Nutzen. Auch auf seine Familie
wendete er seine zrtlichste Sorge. Sein edles Herz mochte nur Bses mit Gutem
vergelten, und sein berlegener Verstand flte ihm gegen die Verkehrtheiten der
Menschen mehr Mitleid als Zorn ein. Er versuchte, den alten Herzog zu sehn, und
hoffte, ihm in dieser Krisis ntzlich zu werden. Aber der erbitterte Mann wich
allen seinen Bemhungen aus und war einer der ersten, welche die Sache ihres
Vaterlandes und seinen heiligen Boden verlieen. Nchstdem war meines Vaters
erster Weg zu Deiner Mutter. Er hatte diese, seine einzige Schwester, zwar wenig
gekannt, aber er liebte sie mit brderlichem Herzen. Sie war, als er nach
Amerika ging, noch ein zartes Kind und befand sich schon im Kloster Saint-Cyr
zur Erziehung. Nach seiner Zurckkunft hatte er sie mehrere Male dort besucht
und sich ihrer aufblhenden Schnheit und ihres sanften Wesens gefreut. Aber ein
Sprachgitter bleibt immer eine Scheidewand zwischen liebenden Geschwistern,
welche, wenn auch nicht die Liebe mindert, doch die Vertraulichkeit hemmt. Mein
Vater war schon in Chaumerive, als er erfuhr, da der Herzog Deine Mutter an den
Hof gebracht, wo sie vielen Beifall ernte. Um die Zeit seiner eigenen
Verheiratung hrte er, sie werde sich mit dem Herzog von P. vermhlen. Er
schrieb ihr, sie antwortete ihm zwar zrtlich, doch sehr schchtern und deutete
auf den Zorn des Oheims und auf die Beschrnkung, worein ihre nahe bevorstehende
Verbindung sie zu versetzen drohe. Sie pries ihn glcklich, als Mann sein
Schicksal einigermaen selbst bestimmen zu knnen, und wnschte ihm herzlich
Glck, doch warnte sie ihn zugleich mit mdchenhafter Furchtsamkeit. Zu dieser
geliebten Schwester flog nun mein Vater. Sie empfing ihn mit der lebhaftesten
Freude, aber ihr Herz beklemmten ngstliche Sorgen. Ihr Gemahl hatte ihr wenige
Stunden zuvor angekndigt, da die Prinzen entschlossen wren, ber die Grenze
zu gehen, in Hoffnung, da der grere Teil des Adels ihnen folgen werde und da
man von dort aus den Anmaungen des dritten Standes vernichtend begegnen knne.
Er hatte ihr befohlen, sich reisefertig zu halten, um ihm zu folgen. Sie befand
sich im neunten Monat ihrer Schwangerschaft, liebte ihre Umgebung und frchtete
den unbekannten rauhen Norden. So sank sie weinend in die Arme ihres bekmmerten
Bruders. Der Herzog, Dein Vater, trat kurz darauf ins Zimmer. Die Begrung der
beiden Schwger war kalt und frmlich. Mein Vater lenkte sogleich das Gesprch
auf das Interesse der Zeit, der Deinige wich ihm mit stolzer Hflichkeit aus
oder sprach mit wegwerfender Anmaung ab. Jener beschwor ihn zwar, wenigstens
Rcksicht auf seine krnkelnde Gattin zu nehmen, fand aber kein Gehr. Seine
redlichen Anerbietungen zu sichernden Maregeln in betreff der Gter, fr den
schlimmsten Fall, wurden mit Mitrauen, ja fast mit Hohn zurckgewiesen.
Denselben Erfolg hatte sein edler Wille bei seinem Oheim, dem Herzog, auch er
verspottete jede uerung von Besorgnis und wies jede ihm angebotene
Dienstleistung, in den beleidigendsten Ausdrcken, zurck. Dennoch hat mein
Vater diesen Undankbaren in der Folge, wider ihren Willen, die grten Dienste
geleistet, indem er ihre Gter, unter Mitwirkung einiger seiner bewhrtesten
Freunde, durch Scheinkufe grtenteils rettete und ihnen von Zeit zu Zeit einen
Teil der Einknfte, mit groer persnlicher Gefahr, bersendete. Fr jetzt
konnte er fr die geliebte Schwester nichts weiter tun, als da er ihr die
Vergnstigung auswirkte, nach England zu gehen, wohin er ihr Psse verschaffte.
Victor besorgte, durch die Handelsverhltnisse seines vterlichen Hauses, eine
schnelle und bequeme berfahrt, ebenso Anweisung bedeutender Summen auf Londoner
Huser. So wurde Deine gute Mutter, wider ihren Willen und mit einer grausamen
Eile, wie die Umstnde sie forderten, aus ihrem Vaterlande und aus den Armen
ihres kaum wiedergefundenen Bruders gerissen. Kaum hatte sie den englndischen
Boden betreten, als ihre Niederkunft herannahete und sie Deinen Bruder Louis
gebar.

Die Revolution ging nun ihren raschen Gang. Mein Vater und sein Freund schwammen
in Seligkeit, alle die Trume ihrer frheren Jnglingstage in die Wirklichkeit
heraustreten zu sehen. Beschlsse wurden gefat, Grundstze wurden aufgestellt,
welche die Bewunderung der Welt erregten. Europa sah eine herrliche Morgenrte
aufglhen, und der grere Teil seiner Bewohner jauchzte ihr entgegen. Arme
Sterbliche! ihr httet bedenken sollen, was schon die Erfahrung den Landmann
lehrt, da das hochflammende Rot im Osten auf einen schwlen Gewittertag deutet.
Das ganze Heer menschlicher Leidenschaften mischte sich ins Spiel und
verflschte die reine Begeisterung, welche das groe Werk begonnen. Die Edlen
unter den Volksfhrern befanden sich in der Lage des Sisyphus, der Stein rollte
wieder bergab, wenn sie ihn bis zur Hhe gewlzt zu haben glaubten, und viele
wurden von seinem gewaltsamen Sturz zerschmettert. Mein Vater redete und
handelte mutig fr seine berzeugung, aber er sahe mit Schmerz, da das
begonnene Werk nicht nach seinem sanften edlen Sinne zu beendigen sei. Er hatte
in seiner groen Seele der Menschheit einen hheren Grad der Reife zugetraut als
er jetzt fand. Mirabeau starb, die Jakobiner organisierten sich, und die
Parteien fingen an, sich zu bekmpfen. Der Hof und das Ausland trieben ihr
finsteres Spiel und verwirrten die geheimen Fden des Gewebes so knstlich, da
man bei den meisten unglaublichen Begebnissen nicht mit Gewiheit sagen konnte,
von welcher Seite die wirksamsten Schlge gekommen. Sicher htte
dessenungeachtet mein Vater den Kampf nicht gescheut; doch meine Mutter zitterte
fr den teuern, schon einmal verlorenen Gatten. Sie beschwor ihn tglich, diesen
unsichern Schauplatz zu verlassen und sie zurckzufhren in ihre glckliche
Heimat. Er konnte auf die Lnge ihren Trnen nicht widerstehen; auch zog ihn die
Sorge fr seine verlassenen Anlagen und fr das Wohl seiner Bauern zurck nach
Chaumerive; Victor blieb in Paris. Sein Feuergeist fand sich am Rande des
Vulkans in seinem Elemente.
    In Chaumerive legte nun mein Vater alle Auszeichnungen seines Standes vllig
ab. Die Wappen wurden berall abgenommen, die Livreen abgeschafft. Man richtete
sich bequem, aber sehr einfach ein. Mein Vater versammelte die smtlichen
Bewohner, nannte sie seine guten Freunde und Nachbarn, erklrte sich ganz fr
ihresgleichen und bat sie, ihn nie mehr gndiger Herr, sondern schlechtweg
Brger zu nennen. Die guten Leute erstaunten, doch waren sie schon an einen
hohen Grad von Leutseligkeit und Gleichheitssinn bei meinem Vater gewhnt und
liebten ihn nun nur um so strker. Sie legten ihm Rechenschaft ab von ihrem
Haushalt whrend seiner Abwesenheit. Sie hatten seine cker, gleich den ihrigen,
bestellt und den Ertrag gewissenhaft bewahrt. Mein Vater bezeigte ihnen seine
lebhafte Dankbarkeit, und die guten Menschen glaubten sich ihm verpflichtet. Es
knpften sich die schnen Bande der gegenseitigen Liebe und des Vertrauens immer
fester und trotzten allen nachfolgenden Strmen der Zeit. So unruhvoll und
blutig auch die folgenden Jahre fr Frankreich gewesen sind, mein friedliches
Tal, die Wiege meiner Kindheit, ist, dank der Sinnesart meines guten Vaters!
immer so ruhig und glcklich geblieben, als lge es auf einer Insel des Stillen
Ozeans.
    Der benachbarte Adel nannte ihn anfangs einen Tollhusler und wich ihm aus;
spterhin hielt er ihn fr einen Schlaukopf und suchte oft seine Vermittelung.
Erkannt haben ihn nur wenige; man hielt fr Klugheit, was nur Vernunft und
Gefhl war.

In dieser schnen Umgebung, an der Hand der Liebe, ging ich meine ersten
Schritte, hier wurde mein Geist sich seiner bewut. Meine Eltern machten zu
meiner Erziehung keine knstlichen Anstalten, man berlie mich der Natur und
dem guten Beispiele. Liebe, die zrtlichste, aufopferndste Liebe umgab mich und
erzeugte in mir tiefes, reges Gefhl. Mein Geist bedurfte keines Sporns, er
entwickelte sich beraus frhzeitig und schaffte sich Nahrung. Ich lernte fast
von selbst lesen, in einem Alter, wo andere Kinder kaum einige Worte im
Zusammenhange aussprechen. Meine Mutter schaffte mir Puppen an und anderes
Spielgert, ich wute eben nichts damit anzufangen und warf es bald beiseite,
traurig fragend: Was soll Virginia nun machen? Meine Mutter begriff diese
Eigenheit nicht und verlor oft die Geduld. Mein Vater erhielt, durch einen
Zufall, ein altes Werk, welches meine kindische Aufmerksamkeit auf sich zog. Es
war eine Weltgeschichte, durchweg in Kupfern bildlich dargestellt, der Text
daneben in veraltetem, doch krftigem Stil. Ich besah eifrig die wirklich
schnen Kupfer und verlangte ihre Erklrung; meine Mutter verstand sich wenig
darauf und fertigte mich mit Auslegungen ab, welche sie fr mein Alter passend
glaubte, die mir aber nicht gengten. Ich wendete mich an meinen Vater, und
dieser erklrte mir die Bilder einfach, aber wahr. Ich hing an seinen Lippen und
wollte ihn nimmer wieder lassen; aber der gute Vater mute doch oft abwesend
sein, und ich blieb dann mit meinem lieben Buche allein. Wenn du erst lesen
kannst, trstete mich der Vater, dann kannst du dir die Geschichten selbst
erklren. Das war ein Blitzstrahl, in meine Seele geworfen. Ich bte mich
unermdet, und in kurzem las ich fertig in meiner lieben Geschichte. Nun war
meine Beschftigung gefunden, ich fhlte keine Leere mehr. Alle Zeit, wo ich
nicht im Freien herumsprang oder mit meinen Eltern plauderte, sa ich bei dem
Buche. Ich las und las wieder; Begriffe reihten sich an Begriffe, und ich
verstand, ich fhlte, was ich gelesen. Ich kann im eigentlichsten Sinne sagen,
ich bin unter den Heroen der Vorwelt herangewachsen. Sie waren meine Vorbilder,
dienten mir zum Mastab fr die Ereignisse der Gegenwart. Unter meinen frhesten
Erinnerungen ist mir eine Szene lebhaft gegenwrtig geblieben, welche diese
meine Heroenbilder erregten. Ich mochte vier Jahr alt sein und mein geliebter,
ach ber alles geliebter Emil ein Jahr, als Frankreich von den fremden Armeen
hart bedrngt wurde. Victor war an die Grenze geeilt, das Vaterland zu
verteidigen, und mochte meinen Vater wohl aufgefordert haben, ein Gleiches zu
tun. Wenigstens war ein Brief angekommen, dessen Inhalt auf meinen Vater einen
wichtigen Eindruck gemacht zu haben schien. Er war unruhig, teilte Befehle aus,
traf mancherlei Anstalten und schien mit einem groen Vorhaben beschftigt. Das
ganze Haus war in einer ngstlichen Bewegung, und niemand wollte und konnte sich
um mich bekmmern. Ich flchtete, wie immer in hnlichen Fllen, zu meinem
Buche. Zufllig hatte ich eben das Kupfer aufgeblttert, wo Leonidas den Pa von
Termopyl verteidigt, als mein Vater in den Saal trat und hinter mir
stehenblieb. Sie starben fr das Vaterland! sagte er nach einer kleinen Pause
und legte die Hand auf meinen Kopf, dreihundert Helden wehrten der groen
Persermacht den Eintritt in das heilige Land der Freiheit! Ich hatte mich
umgewendet und schauete nach ihm auf. Zwei groe schwere Trnen hingen in seinen
Augen. Sie taten nur ihre Pflicht! sagte er und fuhr mit der Hand ber die
Trnen, lchelte mich an und wiederholte: Sie taten, was sie muten! Da kam
meine Mutter herein, Emil auf dem Arme. Sie war sehr bleich und hatte geweint.
Schweigend zog sie den Gatten zum Sofa, setzte das Kind auf seinen Scho und
sich neben ihn. Sie umschlang ihn, weinte heftig und rief endlich im Ton der
Verzweiflung: Diesen hlflosen Kleinen knntest Du verlassen? mich? mich? und
sank an seine Schulter. Mein Vater umfate sie mit Zrtlichkeit, redete ihr zu,
sprach viel von Pflicht und Notwendigkeit. Der Knabe lchelte unbefangen drein
und spielte mit des Vaters Locken. Mich mochte die Gruppe an das Bild von
Hektors Abschied erinnern, ich schlug es auf und sah ernsthaft bald auf Hektor,
bald auf den Vater. Endlich richtete sich meine Mutter wieder auf und blickte
mich an. Virginia! rief sie, umarme die Knie deines Vaters! flehe ihn, da er
uns nicht verlasse! - Die Frau da, antwortete ich in meinem kindischen Sinn
und zeigte auf das Bild, die Frau da weint nicht, da der Vater seine Pflicht
tun mu. Sie hlt ihn nicht, Virginia darf ihn auch nicht halten. -
Rmermdchen! rief mein Vater und ri mich in seinen Arm. Aber ein
verzweiflungsvoller Blick meiner Mutter fiel auf mich, und in demselben
Augenblick sank sie leblos zu Boden. Ich strzte mich mit Geschrei und Trnen
ber sie hin. Mein Vater hob sie in seine Arme, sie wurde zu Bett gebracht, und
ein heftiges Fieber kndigte sich mit den bedenklichsten Zeichen an. Ihre
Krankheit dauerte lange, und sie wurde nur dadurch am Leben erhalten, da mein
Vater ihr das feierliche Versprechen ablegte, sie niemals zu verlassen. Meinem
Vater mute es schwer geworden sein, sein Pflichtgefhl, im Kampf mit der Liebe,
zum Schweigen zu bringen. Manche seiner sptern unfreiwilligen uerungen
deuteten darauf. Doch nahm er sich sehr in acht, meine Mutter das mindeste davon
merken zu lassen. ber Gefhle dieser Art war ich in der Folge seine einzige
Vertraute. In dem Herzen meiner Mutter schien sich, durch diesen Vorfall, eine
leise Abneigung gegen mich festgesetzt zu haben. Ich entsinne mich, da man mich
in den ersten Wochen ihrer Krankheit sorgfltig abhielt, sie zu sehen, und da
ich viel darber geweint. Auch whrend ihrer Genesung war sie anfangs nicht so
gtig gegen mich als sonst; berhaupt lenkte sich ihre Zrtlichkeit mehr auf
meinen Bruder. Ich bemerkte dies wohl, aber ohne Neid; denn ich selbst liebte
den holden Emil ber alles. Du hast ihn wenig gekannt, den freundlichen herzigen
Knaben. Er war immer heiter, immer voll Scherz und Frhlichkeit, und dabei so
bieder und treu. Wie htte man ihn nicht lieben sollen! berdies war er ja ein
Knabe und schien mir schon deshalb jedes Vorzugs wert, je hher mir nach und
nach die Wirksamkeit und Tatkraft des Mannes erschien. Ich weinte nur zuweilen
im stillen darber, da ich ein Mdchen war, eins der unbedeutenden Wesen, von
welchen die Geschichte so wenig sagt, whrend die Taten der Mnner jedes Blatt
fllen. Nur als Opfer werden sie genannt. Iphigenia, Virginia - nur Opfer fr
groe Zwecke. So glaubte ich, leidende Geduld sei die notwendige Eigenschaft des
Weibes; aber mein leidenschaftliches Gemt stand mit dieser Stimmung im ewigen
Widerspruch und strte die Harmonie in meinem Charakter. Mein Vater wurde sehr
aufmerksam auf mich und fing an, sich mit Ernst um meine Bildung zu bekmmern.
Von ihm lernte ich schon frh Englisch, spterhin auch etwas Deutsch. Ich las
unsere vorzglichsten Dichter und auch die der Auslnder in ihrer Sprache. Mein
Gemt war frh poetisch gestimmt, wozu wohl der provenzalische Himmel vieles
beitrug. Doch waren es nicht die leichten Liebeslieder meiner Landsleute, woran
ich Geschmack fand, mir stellte sich alles zuerst von der erhabenen Seite dar.
Eine Ode ber den Krieg war meine erste, sehr geheimgehaltene Arbeit; soweit ich
mich ihrer erinnere, freilich sehr fehlerhaft, doch durchaus ohne Vorbild.
berhaupt war ich meist sehr ernst und in mich gekehrt, worber mich die kleinen
Mdchen, meine Gespielen, oft neckten. Ich schwrmte wohl mit ihnen umher und
hatte sie alle von Herzen lieb, aber ich war doch nie so ganz Kind als sie. Es
machte mir Freude, Blumen mit ihnen zu pflcken und Krnze zu winden, lieber
aber sa ich doch mit meinem Vater abends unter unsern Kastanienbumen und
blickte nach dem zahllosen Sternenheere des dunkelblauen Himmels auf. Da war ich
unerschpflich an Fragen, und mein guter Vater antwortete so gern. Er nannte mir
die Sternbilder, machte mich aufmerksam auf die Unzhlbarkeit der Sonnensysteme,
auf die Unendlichkeit des Raumes und der Zeit und knpfte daran den Begriff von
der berschwenglichen Gre und Erhabenheit des Schpfers. Oft berraschte uns
noch die Mitternacht bei diesen Gesprchen, ber welche meine Mutter lngst
eingeschlafen war. Sie liebte diese Unterhaltungen nicht sehr, sahe auch meine
fortschreitende Ausbildung nicht allzu gern.
    Ihre Kindheit hatte sie, nach der Sitte der Zeit, in einem Kloster verlebt.
Weibliche Arbeiten, etwas Lesen und Schreiben und hufige Religionsbungen waren
dort alle zu erlangenden Kenntnisse gewesen. Mit diesen hatte sie ausgereicht
und nun in meinem Vater das Glck ihres Lebens gefunden; daher bildete sie sich
ein, alles, was darber, sei berflssig, wo nicht gar vom bel. Mein Vater lie
sich nicht gern mit ihr in Errterungen ber diesen Punkt ein. Er liebte sie von
ganzem Herzen, und sie verdiente es im hohen Grade. Sie war schn und voll
Grazie, hatte das beste Herz von der Welt, liebte ihn ber alles, war unermdet
fr seine kleinen Bedrfnisse besorgt, eine gute Mutter, eine gute Hausfrau,
eine Wohltterin der Drftigen. Was htte das Herz eines Mannes noch mehr
fordern knnen? Auch fhlte sich das Herz meines Vaters vllig befriedigt. Doch
sein philosophischer Geist empfand nach und nach immer mehr das Bedrfnis eines
Wesens, das in seine Ideen eingehen, mit dem er sich ber die Gegenstnde
unterhalten knnte, die ihm die wichtigsten waren. Er hatte oft versucht, sie
dafr auszubilden, aber mit wenig Erfolg.
    In mir drang sich ihm ein bildsamer Stoff ganz von selbst auf, und mit
schpferischer Liebe legte er Hand an, ohne auf die Menge der Bedenklichkeiten
Rcksicht zu nehmen, welche ihn allenfalls davon htten abmahnen knnen. Emil,
drei Jahre jnger als ich, wurde bald mein treuer Spielgefhrte; wir waren ein
Herz und eine Seele. Mein Vater schien seine Zrtlichkeit ganz gleichmig
zwischen uns zu teilen, so wie seine belehrende Sorgfalt. Es war aber sehr
natrlich, da ich einen starken Vorsprung behielt, auch war der Knabe immer
mehr in der Sinnenwelt als in der Ideenwelt zu Hause. Es gibt Augenblicke, wo
ich ihn deshalb glcklich preise. Aber ach, die Richtung unsrer Seele liegt
auer unsrer Macht, geschieht schon, ehe wir uns dieser bewut werden, und ist
fast angeboren.
    Wir trieben uns fleiig in der umliegenden Gegend umher und spielten manches
verwegene Spiel; ich im romantischen Sinne ritterlicher Vorzeit, er nach wilder
Knabenart. So schaukelten wir uns oft in einem Fischernachen auf der wilden
Durance und arbeiteten uns mit Stangen lngs den Uferkrmmungen hin; Emil, um
seine Krfte zu messen mit der Gewalt des Stromes oder um ein Entennest
aufzusuchen, im Schilfe; ich, weil ich in Gedanken Kolumbus begleitete, eine
neue Welt zu entdecken und in einer unbekannten Bucht zu landen. Mein Vater
kaufte nach einigen Jahren die Lndereien eines benachbarten Klosters, nachdem
dieses lngst aufgehoben und feilgeboten war. Der Grovater in Aix war
gestorben, und ein Teil des Vermgens meiner Mutter konnte nicht vorteilhafter
genutzt werden. Diese fhlte wohl anfangs einige Gewissensskrupel darber, doch
wute sie der Weltgeistliche unsres Kirchsprengels, ein konstitutioneller
Priester, zu heben.
    berdies bildete sich bei meiner Mutter der Sinn fr Erwerb und Besitz mit
den Jahren immer mehr aus. Sie wurde eine uerst emsige Wirtin und ging in die
geringsten Kleinigkeiten ein. Mein Vater lie sie gewhren; sein Glck ruhete
nur auf das Ganze. Ihm war nicht darum zu tun, was er persnlich gewann, sondern
wieviel allgemeiner Wohlstand, durch diese oder jene Anlage, verbreitet werden
konnte. Fr diese seine hheren Zwecke aber war er rastlos ttig, und sein
vergrerter Wirkungskreis lie ihm bald nur wenig Zeit zum Unterricht fr uns
brig; daher er sich, wiewohl ungern, entschlo, von seinem lieben Emil sich zu
trennen. Er brachte ihn nach Aix zu einem seiner ltesten Schulfreunde, welcher
dort Professor am Lyzeum war. Meine Mutter war mit dieser Trennung sehr bel
zufrieden; es beruhigte sie nur wenig, da ihr Liebling sich in den Hnden eines
der rechtschaffensten, edelsten Mnner seiner Zeit befand und sich in dessen
Familie bald so einheimisch als in unserm Hause fhlte. Mir selbst kostete
dieser Abschied unzhlige Trnen, doch richtete ich mich an dem Gedanken auf,
da es zum Besten meines Bruders sei, ja ich beneidete ihn um sein Los. Er
sollte ja Griechisch und Lateinisch lernen und konnte einst die Werke der Alten
in der Ursprache lesen, mein hchster Wunsch. Fr Emil war diese Aussicht nicht
so reizend. Er hatte kein gutes Wortgedchtnis, und das Erlernen fremder
Sprachen wurde ihm sehr schwer; dagegen rechnete er mit Leichtigkeit und machte
Fortschritte in der Mathematik.

Mit diesem geliebten Bruder schien der Genius der Freude aus unserem Hause
gewichen. Meine Mutter vergrub sich, um ihrem Schmerze zu entfliehen, nur tiefer
in Geschfte. Sie fing an, sehr mifllig zu bemerken, da mir ein ihr gleicher
Sinn fr das kleine husliche Tun und Treiben fehle. Sie wollte mich durch
Verweise dazu antreiben, es mangelte ihr aber Geduld, auch ward sie, bei ihrer
raschen Ttigkeit, behindert, mich durch allmhliche Gewhnung dazu tchtig zu
machen. Es fehlte mir nicht an gutem Willen, aber ich wute es durchaus nicht
anzustellen, und ein harter Vorwurf bei einer kleinen Unbeholfenheit scheuchte
mich auf lngere Zeit von den Geschften. Ich flchtete mich in einen einsamen
Winkel, zu meinen Bchern. Sie schalt dann zwar heftig auf das Lesen; doch
mochte sie es mir nicht ganz verbieten, weil mein Vater es in Schutz nahm und
ihren unwilligen uerungen immer eine ruhige Freundlichkeit entgegensetzte.
Klrchen, liebes Klrchen, pflegte er zu sagen, wolltest du denn, da alle
Bume deines Gartens nur einerlei Art wren? Der Apfelbaum ist ntzlich, aber
auch die Granate in ihrer Blte die Zierde des Gartens. La doch Virginien
gewhren; willst du gewaltsam in ihre Eigentmlichkeit eingreifen, so zerstrst
du ihre innere Harmonie. Er versuchte nun seinerseits, mich in Ttigkeit zu
setzen, und mit weit besserem Erfolg. Er hatte groe Maulbeerpflanzungen
angelegt und richtete einen Teil der Klostergebude fr den Seidenbau ein. Alle
Kinder der Landleute auf seinen Besitzungen wurden aufgeboten zur Wartung und
Pflege der Seidenraupen. Die Arbeit war leicht, und auch die Kleinsten konnten
Bltter sammeln und den Wrmern vorlegen. Kraftlose Greise und Mtterchen,
welchen der Feldbau zu schwer war, halfen dabei. Der sehr ansehnliche Ertrag
wurde gleichmig verteilt und erhhete den Wohlstand der ganzen Gegend. Ich
fhrte, unter Anleitung des Vaters, die Oberaufsicht, und ganz zu seiner
Zufriedenheit. Mit der Morgensonne war ich auf, und immer aufmerksam auf den
Gang der Geschfte, behende und geschickt in allen Handgriffen. Beim Abhaspeln
der Seide war ich die fertigste und sorgsamste Arbeiterin. Mit gleichem Erfolge
stellte er mich bei der Weinlese an, wo ich dafr sorgte, da die Beeren,
behutsam und eigen, von der Traube gekmmt wurden, welches unserem Wein einen
groen Vorzug vor allen Weinen der Provinz gab. Bei allen solchen Geschften,
welche nur tage oder wochenlang dauerten und in groer Gemeinschaft betrieben
wurden, war ich unermdet ttig und in hohem Grade vergngt und frhlich. Wir
sangen Romanzen und Rundgesnge, erzhlten Mrchen und Novellen, immer brachte
ich neue mit, und jung und alt liebte mich herzlich. Aber wenn ich wieder
zurcktrat in den alltglichen Gang des huslichen Lebens, da fhlte ich meine
Ttigkeit pltzlich gelhmt. Die kleinen, immer wiederkommenden Sorgen des
Haushalts vermochten nicht, meine Seele zu fllen, und mein Geist kehrte
heihungrig in die Ideenwelt zurck.
    Nicht die Geschichte der vergangenen Zeiten allein war es jetzt, was mich
beschftigte, ich nahm an den Begebenheiten unserer Tage den lebhaftesten
Anteil. Von meiner frhesten Kindheit an hatte ich mich gewhnt, alles nach den
Mustern der Alten zu beurteilen, und so muten meine Ansichten ganz verschieden
sein von den Ansichten derer, welche von einem andern Standpunkt auf die Dinge
sahen. Mein Vater schien in demselben Falle gewesen zu sein. Als des gutmtigen
Ludwig Haupt unter der Guillotine fiel, sah ich ihn tief betrbt. Es ist
traurig, sagte er, da es bis dahin kommen mute! O htte der edle Knig sich
doch gleich anfangs losmachen knnen von den anerzogenen Begriffen, sich mit
Aufrichtigkeit der Sache des Volks angeschlossen - es wre um vieles anders und
besser geworden. Aber es war fast in seiner Lage unmglich, der Einflu seiner
Umgebungen war zu mchtig, die Rnke der Ausgewanderten und ihrer Verbndeten
waren zu eingreifend, es konnte fast nicht anders enden. Er fiel als ein groes
Opfer der Freiheit, ein reines schuldloses Opfer! Mge es die unterirdischen
Gtter vershnen! Die Nachwelt nennt ihn mit Recht einen Heiligen.
    Die Schreckenszeit erfllte meinen Vater mit Grausen. Sie war aber durch die
hohe Erbitterung der verbndeten Mchte fast unvermeidlich herbeigefhrt worden.
Die Integritt der jungen Republik schien fast nicht anders zu retten als, wenn
es sein mte, mit Aufopferung eines groen Teils der gegenwrtigen Generation.
Die Umstnde trafen schrecklich zusammen, und die Menschlichkeit mute der
Vaterlandsliebe weichen. Daneben kam so oft die Erhaltung der einzelnen mit der
Erhaltung der Nation in Streit, und dieser wird fast niemals ohne Blut
geschlichtet.
    Meines Vaters sanftes, menschliches Herz litt schmerzlich whrend dieser
Zeit, und er dankte dem Himmel fr den Entschlu, sich schon frh in die
lndliche Stille geflchtet zu haben; doch tadelte er auch die hrteren Naturen
nicht, welche es versuchten, das mast- und steuerlose Schiff des Vaterlandes
durch die schumende Brandung zu fhren. Er gedachte oft der beiden Brutus, von
welchen der eine seine Shne hinrichten lie, weil sie einer Verbindung mit dem
verbannten Tarquinius sich schuldig gemacht, der andre den Dolch in den Busen
seines Freundes, vielleicht seines Vaters, stie, als dieser die Republik
vernichten zu wollen strebte. Das Schicksal der Girondisten erregte seine
Teilnahme im hchsten Grade. Meist waren alle seine Freunde, edle Mnner, voll
redlichen Eifers fr das Beste des Vaterlandes und voll Einsicht, es fehlte
ihnen aber die Festigkeit ihrer Gegner, und sie muten unterliegen, in einem
Zeitpunkte, wo Frankreich der Kraftflle vorzglich bedurfte. Htten sie sich
dem Vaterlande, durch kluges Zurckziehen bis zum Friedensschlu, erhalten, sie
wrden es beglckt haben. Mich ergriff besonders das Schicksal der Brgerin
Roland. Oft habe ich in sptern Jahren geweint, wenn ich den ewig
unvergelichen, einer Rmerin wrdigen Brief las, welchen sie aus dem
Gefngnisse geschrieben. Selbst Charlotte Corday, meine gefeierte Heldin,
bertraf dieses groe Weib an Charakterstrke nicht.
    Als Robespierre gestrzt wurde, atmete Frankreich freier. Die Menschheit
mu sich seines Todes freuen, sagte mein Vater, sie wird ihm fluchen, er war
ein Tyrann; und doch glaubte er es zu ihrem Besten zu sein. Er war kein
Heuchler, nur ein tugendhafter Schwrmer, doch seine Tugend war hart und rauh.

Waren gleich, nach der Katastrophe vom 9. Thermidor, die Elemente bei weitem
noch nicht beruhigt, so hatten doch die frchterlichsten Ausbrche des Vulkans
nachgelassen, und vertrauter mit ihnen geworden, achtete man der nachfolgenden,
immer schwcheren Erschtterungen wenig. Jedes Auge fast wendete sich dem
Kriegsschauplatze zu, wo der Ruhm ber den franzsischen Fahnen schwebte. Der
alte kriegerische Geist meines Volkes erwachte in neuer Strke, Galliens
Ritterzeiten kehrten wieder. Auch in unsrem friedlichen Tale wurde meistenteils
nur vom Kriege geredet. Unsere Knaben warfen Ball und Kreisel beiseite und
spielten Kriegsspiele, unsre Mdchen sangen den Marseiller Hymnus. Mein Vater
las fter als sonst die Zeitungen in Gesellschaft seines Freundes, unsers
trefflichen Pfarrers, und ihre begeisterten Gesprche dauerten bis spt in die
Nacht hinein; ich wurde nicht mde, ihnen zuzuhren. Selbst eine fleiige
Zeitungsleserin geworden, stand ich oft schon mit der Sonne auf, um dem
Postboten des nchsten Fleckens entgegenzugehn, die Bltter schnell zu
durchlaufen und dem Vater schon beim Erwachen eine frohe Siegesnachricht zurufen
zu knnen. Von allen diesen frheren Begebenheiten machte der bergang ber die
Bocchetta den strksten Eindruck auf mich. Hannibal hatte, zur Verwunderung der
Rmer, diese unwegsame Strae betreten, kein Heerfhrer nach ihm es gewagt. Nun
war Buonaparte der zweite khne Sterbliche, welcher sich hier Bahn brach. Dieses
einzige, damals so angestaunte Unternehmen stellte mit einem Schlag den
jugendlichen Helden in Riesengre vor meine Phantasie. Alle Heroen der Vorwelt,
bei deren Taten mein junges Herz gepocht, traten jetzt, in ein einziges Bild
verschmolzen, ins Leben, in die Wirklichkeit heraus. Meine Einbildungskraft
schmckte dieses herrliche Bild mit allen Reizen mnnlicher Schnheit und
stellte es als Idol auf den Altar meines Herzens.
    Du wirst lachen, Adele, aber bedenke, da ich in der Provence geboren bin,
wo man frher und heier empfindet als in Deinem kalten England, bedenke, da
Gesnge der Troubadours meine Wiegenlieder waren und da ich in der Ideenwelt,
unter Heroenbildern aufwuchs. Die Vergtterung meines Helden schallte mir aus
jedem Munde entgegen; mein Vater und der Pfarrer waren von Bewunderung fr ihn
durchdrungen, und dies steigerte meine Neigung bis zur Schwrmerei. Ich wei,
Adele, nach Deiner leichten Sinnesart spottest Du ber diese abenteuerliche
Liebe, aber ich errte nicht. Ich ergtze mich noch in diesem Augenblick an den
verblichenen Farben jener Gefhle und wrde die ganze Wirklichkeit meines
jetzigen Lebens um die Trume meiner Kindheit geben. Ich schme mich selbst
nicht, Dir mein kindisches Opfer zu erzhlen, dessen Grund ich damals, sowie
berhaupt meine Neigung, tief verhehlte. Als mein Held nach gypten ging,
erbebte ich; noch mehr, als unsre Flotte geschlagen und ihm der Rckweg
abgeschnitten schien. Da schlich ich mich eines Abends in die entlegene
Waldkapelle und kniete vor dem Altar der Heiligen Jungfrau nieder. Es dmmerte
schaurig um mich her, die efeuumrankten, buntgemalten Fensterscheiben lieen nur
sprlich das Licht der untergehenden Sonne ein. Mitten im Gebet schnitt ich
meine langen, schnen Locken ab, legte sie auf den Altar und sprach laut das
Gelbde aus, mein Haar nicht eher wieder wachsen zu lassen, es nicht eher wieder
mit Blumen zu schmcken, bis er zurckgekehrt sei, den ich dem Schutz der
Gebenedeiten und allen Heiligen empfahl. Indem ich mich aufrichtete, brach ein
Strahl der scheidenden Sonne durch ein Fenster hinter mir und rtete das
Angesicht der Jungfrau, welche mir zu lcheln schien. Voll freudiger Hoffnung
ging ich nach Hause, wo mich alle mit Erstaunen empfingen. Hocherrtend gestand
ich, mein Haar auf dem Altar der Jungfrau geopfert zu haben, und gab stockend
als Grund an, einmal gelesen zu haben, da die griechischen Mdchen, beim
Austritt aus der Kindheit, eine Locke den Grazien zu opfern pflegten. Meine
Mutter schalt sehr heftig und konnte sich gar nicht zufriedengeben. Mein Vater
schien den Sinn meines Opfers zum Teil zu ahnden. Er legte lchelnd die Hand auf
meinen Scheitel. Kleine Schwrmerin, sagte er, vielleicht dachtest du auch an
jene Weiber, welche ihr Haar zu Bogensehnen hergaben, als Opfer fr das
Vaterland! Erglhend kte ich seine Hand. Beruhige dich, fuhr er fort, die
Gelbde der Unschuld sind gewi der Gottheit angenehm.
    Um gleich in der Reihefolge dieser Neigung zu bleiben, will ich hier
erzhlen, was sich erst zwei Jahre spter begab. Ich hatte mein zwlftes Jahr
angetreten, unser Emil war seit einigen Wochen von uns geschieden, um, wie ich
schon frher gesagt, in Aix erzogen zu werden. Buonaparte war aus gypten
zurckgekehrt, er hatte das von Faktionen zerrissene Vaterland gerettet, die
Flamme des greulichen Brgerkrieges gelscht und mit krftiger Hand das
Steuerruder des Staates gefat. Auf ihn grndeten alle Parteien ihre Hoffnungen.
Die Gemigten hofften feste Ordnung und Gesetzlichkeit - und tuschten sich
nicht; die Republikaner Freiheit - man lie ihnen soviel davon in Form und
Wesen, als sich nur mit der Gre des Reichs und dem Grade seiner moralischen
Bildung vertrug; die Ausgewanderten Wiederherstellung der alten Zeit und der
Bourbons - sie muten sich betriegen; die Aristokraten, die Ehrgeizigen Glanz
und Wrde - sie haben davon mehr durchgesetzt, als gut war. Der Erste Konsul
wurde von ganz Frankreich vergttert. Der khne Held ging wieder ber den
Simplon, auf unwegsamen Pfaden, sein treues, begeistertes Heer trug das Geschtz
auf den Schultern hinber. Der Sieg bei Marengo wurde erfochten, und die Vlker
Italiens wurden frei. Jedes Gemt, welches sich von dem klassischen Boden
angezogen fhlte, war leidenschaftlich bewegt; man hoffte, die Nachkommen der
Griechen und Rmer wrden aus ihrem langen Schlaf erwachen.
    Wir hatten die frhe Weinlese begonnen, als der Sieger bei Marengo von
seinem Zuge zurckkehrte. Er hatte aus Laune, vielleicht auch, um diesen
Landstrich nher kennenzulernen, die gerade Strae verlassen, gedachte bei
Avignon ber die Rhne und durch Languedoc erst nach Paris zu gehn. Ein Zufall
fhrte ihn nach Chaumerive. Mein Vater beeilte sich, dem Ersten Konsul seinen
Glckwunsch zu bringen. Er hatte diesen, als Jngling, in den ersten Monden der
Revolution kennengelernt und Gelegenheit gehabt, ihm einen Dienst zu erweisen.
Buonaparte erinnerte sich dessen sogleich, als er meinen Vater erblickte, und
zeigte sich demselben uerst verbindlich und liebenswrdig. Er unterrichtete
sich ber seine ganze Lage und nheren Verhltnisse und pries ihn glcklich in
seinem unbekannten, ruhigen Leben. Mir wird es so gut nie werden! setzte er
mit einem tieferen Atemzuge hinzu, ich bin an Ixions Rad gebunden.
    Indem kam ich von den Weinbergen daher. Ich hatte die schnsten Trauben und
Pfirsichen, welche meine Mutter so sehr liebte, in ein Krbchen gesammelt und
fr diese mitgebracht. Im Vorbeigehn an einem Lorbeergebsch hatte ich einige
der schnsten Zweige gepflckt, sie spielend zu einem vollen Kranze gewunden und
ber die Frchte gelegt. Virginia! rief mein Vater mir entgegen, dein
Lieblingswunsch ist erhrt. Du siehst hier den grten Helden des Jahrhunderts
vor dir. Wie vom Blitze gerhrt, blieb ich stehen. Er war es, Er! der Gedanke
meiner einsamen Stunden, der Traum meiner Nchte. Wie hnlich meinem Bilde und
wie unhnlich zugleich? Du hast sein Gemlde von David gesehen, es gleicht; nur
freundlicher war sein Mund, sein Lcheln bezaubernd. Ebenso liebenswrdig hatte
meine Phantasie ihn gemalt, nur grer die Verhltnisse. Aber was sie ihm nicht
zu geben vermocht, war die Hoheit seines Auges, dieser Herrscherblick, welcher
mich im Nu so tief und klein vor ihn stellte, da ich die Augen nicht zu erheben
wagte. Ich, die geborene Republikanerin und stolz auf Freiheit, Gleichheit und
Menschenwert, kniete vor ihm nieder, ohne zu wissen, was ich tat, und legte das
Krbchen mit dem Kranze zu seinen Fen. Er hob mich mit einiger Verlegenheit
auf, kte mich auf die Stirn, nahm den Korb und dankte in abgerissenen Worten
fr die feine berraschung. Virginia stellte in dem Augenblicke das dankbare
Vaterland dar, sagte mein Vater. Ich bin dem Vaterlande viel grere
Dankbarkeit schuldig, erwiderte der Held, indem eine freundliche Neigung gegen
mich den Worten Doppelsinn gab. Wollte der Himmel, setzte er hinzu und nahm
eine Traube, da meine Lorbeern fr dasselbe immer von so sen Frchten
begleitet sein mchten! Bald darauf reiste er ab, indem er meine Gabe
eigenhndig zum Wagen trug, aus welchem er mich noch mehrere Male, mit Hand und
Blick, grte. Ich blieb in einer sehr vernderten Stimmung zurck. Meine
Phantasie schwieg, aber ich fhlte mich von einer Ergebenheit durchdrungen,
welche ich, bei meiner freien Erziehung, selbst nicht fr meinen Vater
empfunden. Dieser war mit der Szene nicht so ganz zufrieden. Die berreichung
des Lorbeers und der Frchte war ganz hbsch, sagte er, ich htte sie aber
stehend dargebracht. - Ich konnte nicht anders, erwiderte ich, eine hhere
Macht warf mich nieder, wie vor dem Beherrscher des Erdkreises.
    Der Nachklang jenes Gefhls hat immerfort in meiner Seele leise getnt, als
dieser kleine Vorfall in meinem Kreise lngst vergessen war und ich selbst
seiner kaum mehr gedachte. berhaupt ist vorherrschende Eigenschaft meines
Gemts, da es einmal empfangene Eindrcke mit fast starrer Treue bewahrt. Ich
kann durchaus nicht wechseln mit Neigung und Abneigung, vielleicht mit daher,
weil meine Neigung so ganz frei von aller Selbstsucht entsteht. Die Welt liebt
und hat nur nach eigenem Vorteil; sie vergttert, was ihr zu frommen scheint,
verdammt, was ihr schdlich zu werden droht; und scheint sie auch einmal fr
eine Idee zu handeln, gewi liegen hinter dieser Idee Wohlleben, Glanz und Putz
als Grundursachen derselben tief versteckt.

Ruhe, Wohlstand und Ordnung wurden immer mehr in Frankreich hergestellt und
gesichert. Das Volk fhlte sich geehrt und glcklich; es wnschte sich den
Schutzgott seines Glcks auf immer zu erhalten und kam den Wnschen Napoleons
entgegen, welcher endlich den Kaisertitel annahm und sich mit allem Glanze des
Thrones umgab, wodurch er sich vielleicht einen sicherern, Ehrfurcht gebietenden
Standpunkt gegen das Ausland und seine Rnke zu geben glaubte. Gewi hatte
desselben rastlose Einwirkung den grten Anteil an dieser Katastrophe. Die
Ausgewanderten und ihre Verbndeten sahen sich in ihren Erwartungen getuscht
und schnaubten Rache. England frchtete fr seine Alleinherrschaft ber die
Meere, wenn Frankreich, unter der Regierung eines krftigen Geistes, die
Hlfsquellen benutzen lernte, welche die Natur ihm verliehen; und folglich
wendete es seinen ganzen Einflu auf dem festen Lande dazu an, den gefhrlichen
Nebenbuhler niederzudrcken. Der Kontinent ist nur zu willig gewesen, in seine
Absichten einzugehen, und wahrscheinlich wird erst nach einem halben Jahrhundert
einleuchten, welche Fehlgriffe man getan.
    Mein Vater war ber diese neuen Ereignisse betroffen und verstimmt. Er hatte
sich fr die Idee eines Ersten Konsuls den groen Washington zum Muster
genommen. Der Pfarrer redete ihm auf vielfache Weise zu; er machte ihn
aufmerksam auf die groe Verschiedenheit in der Lage der beiden Reiche. Dort
bildete sich erst ein Staat, sprach er, hier war einer zerstrt. Amerika war
menschenarm, die Geisteskultur dort noch nicht sehr ausgebreitet, und die Sitten
waren einfach. Welch ein Unterschied in Frankreich, wo bervlkerung,
berbildung und Luxus die hchste Reibung hervorbringen muten. Amerika war
durch Meere gesichert, Frankreich rings von scheelschtigen, schlagfertigen
Nachbarn umgeben, es bedurfte eines Heldenarmes zu seiner Aufrechthaltung. Aber
dieser Fhrer durfte nicht dem Wechsel unterworfen bleiben, wenn die innere Ruhe
nicht gefhrdet werden sollte; er mute mit Glanz umgeben werden, weil leider
Eitelkeit die Schosnde meines Volkes ist.
    Soweit der Pfarrer. Er ehrte vorzglich Napoleon, weil dieser die Religion
schtzte und aufrechthielt; auch meine Mutter nahm deshalb lebhaft seine Partei.
Mein Vater ehrte die Religion und das hchste Wesen mit der grten Innigkeit;
er behauptete aber, jene bedrfe keines besonderen Schutzes, der herrschende
Kultus sei nur das Kleid, nicht das Wesen der Religion. Ich schwieg zu allen
diesen Verhandlungen, aber meine berzeugung war auf seiten des Pfarrers. Damals
hatte ich die Geschichte Caesars und seines Zeitalters fleiiger als je
studiert. Ich konnte zwar dem Brutus meine Achtung nicht versagen, es leuchtete
mir aber ein, da er von dem neidischen Cassius und seinen Mitverschworenen
irregeleitet worden und da er ber seine grbelnde Philosophie das Studium
seines Volkes und seiner Zeit versumt habe. Eines Caesars bedurfte Rom; es
mordete ihn und fiel in die Hnde eines listigen Octavius.
    Soviel man aber auch stritt, ob Napoleon htte die Krone annehmen sollen, so
hrte ich doch nie einen Zweifel gegen die Rechtmigkeit des Besitzes. Der
Thron war durch den Gesamtwillen des Volkes schon seit fast zehn Jahren
erledigt, und der jetzige Inhaber hatte ihn, nachdem er das Reich vom Untergange
gerettet, mit Zustimmung der Mehrzahl bestiegen. Wenige Dynastien werden ihren
Ursprung aus einer besseren Quelle herleiten knnen. Da der Thron noch
Prtendenten hatte, konnte dem Volke kein Hindernis scheinen, da es die
Ansprche dieser nicht anerkannte; ja selbst das Ausland konnte nicht ohne
Heuchelei diesen Grund als Ursache seiner Abneigung angeben; denn die Geschichte
erhlt noch in sehr frischem Andenken, da die Moralitt von Europa sich gar
nicht beleidigt fand durch die harte Zurckweisung und Zurcksetzung der
englischen Prtendenten. Da Napoleon aus keiner frstlichen Familie herstammte,
konnte der Mehrzahl des Volkes kein rgernis sein. Der Freiheitsgeist unterwirft
sich lieber dem Genie als der Geburt; nur Neid und Ehrgeiz fragten ganz
insgeheim: Warum nicht ich? Die Frstenhfe freilich hatten, von ihrem
Standpunkte aus, eine andre Ansicht. Ihren Dienern und Anhngern ist Moses'
Schpfungsgeschichte blo deshalb eine Fabel, weil, nach seiner Erzhlung, nur
ein Menschenpaar geschaffen wurde. Gern mchten sie den Mythos der Schpfung
dahin ausbilden, da Gott Frsten, Adel, Priester, Brger und Bauern, jedes als
ein eigenes Geschlecht, geschaffen, wie Wlfe, Fchse, Hasen und Schafe. Mir hat
immer so geschienen, als habe diese Ansicht das Unglck der Welt gemacht.
Wirkungen und Rckwirkungen sind einander so unaufhaltsam gefolgt und begegnet,
da die Mitwelt schwerlich ohne Parteilichkeit darber ein Endurteil sprechen
kann.
    Meinem Vater schienen sich nach und nach dieselben Bemerkungen aufzudrngen.
Er hatte den Frieden von Amiens benutzt, um persnlich beim Ersten Konsul Eure
Rckkehr auszuwirken, ein Beweis, wie sehr er den mchtigen Mann ehrte, keinen
andern htte er darum gebeten. Ihr wurdet von der Liste der Ausgewanderten
gestrichen.
    Deine gute Mutter benutzte die erteilte Erlaubnis, um ihrer geschwchten
Gesundheit willen und um ihren geliebten Bruder wiederzusehn, mit vieler Freude;
Dein Vater gab seine Einwilligung, wahrscheinlich aus konomischen und
politischen Rcksichten, und so kamst Du, meine geliebte Adele, mit Deiner
Mutter zu uns. Welch ein Fest gab das in unserem Hause! ein neues Leben ging fr
uns alle auf. Ich war damals vierzehn, Du noch nicht viel ber acht Jahr alt,
aber wie innig schlossen wir uns aneinander! Es war nicht der Begriff der
Blutsverwandtschaft allein, was mich so an Dich kettete, ob wir uns gleich beide
lngst im stillen eine Schwester gewnscht und diese nun ineinander fanden.
Meine Eigentmlichkeit trug vieles zu unserem zrtlichen Verhltnisse bei. Es
war eine Eigenheit an mir, da die Gesellschaft der Mdchen meines Alters mir
selten zusagte; viel lieber hrte ich den Gesprchen ernsthafter Mnner zu oder
spielte mit den kleineren Mdchen, welche sich durch diesen Vorzug sehr
geschmeichelt fhlten und mit anbetender Liebe an mir hingen. Alle Kinder in
unsern Drfern versammelten sich liebkosend um mich her, wo ich mich blicken
lie, und ich wurde ihres frohen Getmmels niemals mde, nie mde, ihre
kindischen Fragen zu beantworten. Mit liebender Sorgfalt nahm ich mich ihrer an,
belehrte sie, schmckte sie und wute ihnen hunderterlei kleine Freuden zu
bereiten. Kurz, nchst der Ideenwelt zog mich die Kinderwelt am meisten an.
    Nun erschienst Du, das schnste Kind, welches ich jemals gesehen. Dein
blaues Auge, Deine goldenen Locken und die zarte weie Gesichtsfarbe unterschied
Dich von allen unsern provenzalischen Mdchen. Der kalte, englische Ernst hatte
in Dir die franzsische Lebhaftigkeit zur sanftesten, einnehmendsten Heiterkeit
gemigt. Uns allen kamst Du vor wie ein Engel auf einem Gemlde. Deinerseits
fandest Du wieder die hchste Freude an unserm sdlichen Leben, Dir war, wie den
Kindern sein mag, welche man lange gewickelt und denen man nun auf einmal ihre
Bande lst. Dir schienen, wie Deine Mutter sich ausdrckte, Flgel gewachsen zu
sein. Httest Du doch immer bei uns bleiben knnen! Aber so waren es nur drei
kurze Jahre, welche wir vereint blieben, unzertrennlich diese ganze Zeit ber.
Deine Mutter ging nach Paris und knpfte dort, nach dem Willen Deines Vaters,
viele ihrer alten Bekanntschaften wieder an; Du bliebst unterdessen in unserm
Hause, wo Du ganz als zweite Tochter behandelt und geliebt wurdest. Du hast es
kennengelernt, unser glckliches Haus; Dir brauche ich es nicht zu wiederholen,
wie Liebe und Zufriedenheit darin herrschten. Du kennst des Vaters freundlichen
Ernst, seine belehrenden Gesprche, seine launigen Scherze, wenn er die oft zu
geschftige Mutter mit Gutmtigkeit neckte. Du weit, wie sorgsam die treue
Mutter war, wie sie Dich liebgewann und manche kleine Vernachlssigung nachsahe,
wenn ich sie um Deinetwillen beging. Du hast den herrlichen Emil gesehen, wenn
er whrend der Ferien uns zu besuchen kam. Du weit, mit welcher grenzenlosen
Freude er empfangen wurde, nachdem er schon mondenlang vorher den Tag, fast die
Stunde seiner Ankunft bestimmt hatte. Du weit, mit welchem Jubel die
Dienstleute, Einwohner und die Kinder des Dorfes herbeieilten, um den
Allgeliebten zuerst zu begren. Wie war er da unaufhrlich bemht, uns
Vergngen zu bereiten, unsre Spiele und Tnze zu beleben, unsre Gesnge mit
seinem rhrenden Fltenspiel zu begleiten. Er war die Seele unsres jugendlichen
Kreises. Du wurdest bald das Ideal seines jungen Herzens, und Dein Bild hat ihn
bis zum letzten Schritte begleitet. Oh, da das Herrliche und Schne so schnell
vergnglich ist! whrend das Gemeine und Schlechte alle Strme berdauert.
Treffliche Menschen sind gleich zarten Blumen, sie knnen dem glhenden Strahle
des Mittags und dem eisigen Hauche des Nordens nicht widerstehen. Das Unkraut
wuchert fort. Welch ein Unkraut mu Deine Virginia sein, da sie den Verlust all
ihrer Lieben berleben konnte? Sie steht da wie die einsame Distel auf
Schottlands der Heide, welche der verlassene Snger der Vorzeit so rhrend in
der Nacht seiner Schwermut besingt.

Ich kann ber jenen Zeitraum sehr kurz hinwegeilen, Du hast damals alles
gemeinschaftlich mit mir erlebt, auch war es in bezug auf uns nicht viel
Merkwrdiges. Unsre Tage flossen gleichfrmig und frhlich dahin; unsre Herzen
schlugen ruhig, ungeachtet Du anfingst, in das jungfruliche Alter
hinberzugehn, welches ich schon angetreten hatte. Dank sei meinem Vater, dessen
Sorgfalt unserm Geiste immer einen erhabenen Vorwurf zu geben wute, so wie er
unseren Vergngungen die Kindlichkeit zu erhalten verstand. Deine Mutter kehrte
nach einiger Zeit zu uns zurck, sie hatte weder Neigung noch Geschick, fr die
Plane Deines Vaters zu wirken. Sie war in Paris auf das beste empfangen, man
gedachte allgemein ihrer Auswanderung nicht, weil der Kaiser, aus wohlwollender
Rcksicht fr meinen Vater, es so zu wollen schien. Die ehemalige Herzogin von
Rochefoucauld, eine ihrer Jugendfreundinnen, stellte sie der neuen Kaiserin vor,
und die gtige Josephine nahm sie mit all der Liebenswrdigkeit auf, welche in
ihrem schnen Gemte lag. Sie war im Herzen tief gerhrt von der erfahrnen
zarten Behandlung und uerte dies in ihren Erzhlungen so mannigfaltig. Gegen
Deinen Vater hat sie dies aber in ihren Briefen nicht gewagt. Sie suchte ihn
nach ihrer Art dadurch zu besnftigen, da sie in seine Vorstellungsart einging,
wohl wissend, wie sehr es ihn aufbringen wrde, da sie seine Zwecke meist
verfehlt. Seine Antwort, welche erst spt und, wegen des wieder ausgebrochenen
Krieges, auf Umwegen zu uns gelangte, atmete Zorn und Mimut. Er befahl Deiner
Mutter, unverzglich mit Dir zurckzukehren. Gern htte die gehorsame Gattin
Folge geleistet, aber alle Verbindung mit England war auf das strengste gehemmt;
selbst Briefe dahin zu befrdern war mit groer Schwierigkeit verknpft. So
verzgerte sich, zu unsrer Freude, diese gefrchtete, so oft angesetzte und
ebensooft vereitelte Abreise bis zum Jahre 1806, wo man endlich wagte, den
Rckweg durch Deutschland, ber Hamburg, anzutreten. Schmerzhafte Trennung von
allen Seiten! Wir zerflossen in Trnen. Meine lebhafte Mutter schalt mitten in
ihren Trnen auf den Krieg, schmhete den Knig von England, die Ausgewanderten,
die Revolution, ja selbst den Kaiser. Sie warf alles durcheinander und suchte
bei jedem Leiden immer eine nchste Ursache, an welcher sie sich ihres heftigen
Gefhls entladen konnte. Mein Vater und Deine Mutter hielten sich lange
sprachlos umarmt; sie fhlten, es war die letzte Umarmung fr dieses Leben.
Ungeachtet eine Ahndung dieser Art, in ihrer Lage, recht sehr natrlich war, so
konnte doch damals wohl niemand glauben, auf welche unwahrscheinliche Weise sie
in Erfllung gehen sollte.
    Eure Abreise lie lange eine unausfllbare Lcke in unserm huslichen Dasein
zurck. Vorzglich litt meine sonst so starke Fassung einen gewaltigen Sto.
Dein Brief, welchen Du mir von Hamburg aus schicktest, war das erste freudige
Ereignis, welchem mein Herz entgegenschlug; und doch war dieser Brief selbst so
traurig, da er mir tausend Trnen entlockte. Du fhltest die Trennung so sehr
als ich; Du hattest Dich in dem frhlichen Frankreich schon gnzlich
eingebrgert; England und Deine frheren Verbindungen waren Dir so fremd
geworden, ja es hatte sich sogar eine gewisse Abneigung gegen jenes Inselland in
Dir festgesetzt, seit Du in unserm Hause tglich ber seinen unredlichen,
engherzigen Kaufmannsgeist reden gehrt. Daneben schildertest Du mir mit den
dunkelsten Farben eines trauernden Gemtes die Szenen des Elends, welche Dir auf
Deiner Reise als Folge des Krieges bemerkbar geworden; auch hier litt meine
Seele mit Dir. Wehe dem Volke, ber dessen Fluren die blutige Eris hinschwebt!
Der Soldat kann der Halmen nicht schonen, ber welche sein rastloser Fu
hineilt. Die Selbsterhaltung, dieses erste Gesetz in der organischen Natur,
zwingt ihn in den Naturzustand zurck, wo die Gter gemein sind und die Strke
zuerst Besitz ergreift. Hier kann von keiner Moralitt die Rede sein. Die
Ursache der Kriege kann allein vom Moralisten beurteilt werden; gewhnlich aber
ist sie so verwickelt, da nicht leicht ein bndiges Urteil gesprochen werden
kann.

Vorzglich ist dies mit Frankreichs Kriegen, seit dem Ausbruch der Revolution,
der Fall. Frankreich hatte nichts Feindseliges gegen seine Nachbarn im Sinn, es
brach nur das Joch, dessen Last ihm je lnger, desto unertrglicher wurde. Es
war bisher von der Willkr einzelner gedrckt worden, mithin sehr natrlich,
da, wenn dieser Druck aufhren sollte, die Willkr dieser einzelnen vernichtet
werden mute. Da schrien nun die einzelnen Feuer, und die Nachbarn ergriffen die
Gelegenheit mit Begierde, in das verschlossene Haus einzudringen, unter dem
Vorwande, zu lschen. Aber mit welchem Rechte? Die Bewohner verbrannten nur
einen Teil ihrer durch Krankheit verpesteten Kleidungsstcke und Gerte und
wrden schon allein Herr des Feuers geworden sein, htten die unberufenen Helfer
nicht die Tren gesprengt und so, durch die Zugluft, die Flamme zum wtenden
Ausbruch angefacht. Htten sie doch drauen zur Sicherung ihrer eigenen Gebude
ihre Lschanstalten nach Belieben in Ttigkeit gesetzt, niemand wrde es ihnen
verargt haben. Aber die Verletzung des Hausrechts emprte die Bewohner, sie
warfen die Eindringenden auf die Strafe hinaus und verfolgten sie bis in ihre
eigenen Huser, Wiedervergeltung zu ben. Nun war der Dmon des Krieges
losgelassen, und keine menschliche Macht vermochte ihn wieder zu fesseln. Er
kehrt nicht so gehorsam zurck als der zahme Falke, der auf den Ruf des Trgers
ablt von seiner Beize und sich still wieder mit seiner Nebelkappe bedecken
lt. Darum sollten die Frsten zittern, wenn sie ein Kriegsmanifest
unterschreiben. - Die Rachgier der Angreifer wuchs mit jedem Verlust, und ihre
Friedensschlsse, von der Erschpfung herbeigefhrt, wurden bei der
Unterzeichnung insgeheim von ihnen nur als Waffenstillstnde betrachtet. England
wute die Empfindlichkeit der alten Dynastien immer in Atem zu erhalten, es
sparte weder Geld noch Vorspiegelungen, sie immer zu neuen Anstrengungen zu
reizen, und zog allein Nutzen aus der allgemeinen Verblendung. Zu spt wird das
Festland beklagen, was es, diesem Handelsdespoten gegenber, versehen. Vergebens
hat die Republik, vergebens spterhin oft der Kaiser die Hand zum Frieden
geboten; man verweigerte ihn oder schlo ihn mit falschem Herzen. Frankreich
mute immer fr seine Selbsterhaltung, fr seine Freiheit fechten; um nicht
Gesetze anzunehmen, mute es sich in die Lage setzen, selbst Gesetze zu geben;
seine Eroberungen waren mehr Notwehr als Ehrgeiz. Die Frsten hatten den Streit
begonnen, die Frsten setzten ihn fort, aber die Vlker empfanden am hrtesten
seine blutige Geiel. Die Masse gleicht dem Kinde, welches den Tisch schlgt,
woran es sich stie, und so war es ein leichtes Spiel, Frankreich als die
Ursache aller bel zu verschreien, welche die Zeit mit sich fhrte.
    Von diesem Abschnitte meines Lebens an gewhnte ich mich, fast ebensoviel zu
schreiben, als ich bisher gelesen. Ich war gewohnt, Dir alle kleinen, mich
betreffenden Ereignisse zu erzhlen, sogar alles, was ich bei dieser und jener
Veranlassung gedacht und empfunden hatte. Diese liebe Gewohnheit setzte ich
schriftlich fort, und man htte ein eigenes Paketboot fr meine Korrespondenz
einrichten knnen. Da es aber berall keins gab, so mute von Zeit zu Zeit ein
groer Teil meiner in Hoffnung geschriebnen Briefe den Flammen geopfert werden.
Ich war dann jedesmal sehr traurig, aber niemals unwillig. Das Kontinentalsystem
leuchtete mir zu sehr ein, als da ich mich nicht gern jeder daraus
entspringenden Unannehmlichkeit unterzogen htte, so empfindlich sie meinem
Herzen auch war. Mein Vater nannte diese Maregeln weise und wohlttig in ihren
spteren Folgen, sowohl fr Frankreich als fr das brige feste Land, wenn man
sie allgemein mit gutem Willen ergreife. Meine wirtschaftliche Mutter war sehr
dagegen, weil der Preis der Kolonialwaren dadurch in die Hhe ging; sie wurde
aber von dem Triumvirate berstimmt, welches aus meinem Vater, dem guten Pfarrer
und mir bestand. Wir waren zu jeder Entsagung bereit und unerschpflich in
Erfindung von Surrogaten. Ich fing an, alle dienlich scheinenden Blumen und
aromatischen Bltter, bei ihrem zarten Hervortreiben, sorgsam zu trocknen, und
es gelang mir, durch vieles Versuchen und Zusammensetzen, eine Mischung zu
treffen, welche dem chinesischen Tee sehr nahekam. Mein Vater pflanzte
Farbekruter und legte eine Fabrik von Zucker aus Runkelrben an; mir machte es
groe Freude, bei dieser Anlage, durch Aufsicht, mitzuwirken. Der Pfarrer legte
sich fleiig auf Bienenzucht und erfand eine Vorrichtung, dem Gespinste des
Flachses eine grere Vollkommenheit zu geben. So sahen wir ruhig auf die
Isolierung des Kontinents und den Verlust der ehemaligen Kolonien. Wir
bekmpften den Erbfeind mit unblutigen Waffen. Lehre und Beispiel pflanzten sich
immer weiter fort; Nationalindustrie ward berall belebt, brachte
Nationalwohlstand hervor, und der Sieg war entschieden, htte der allgemeine
Feind nicht unter den andern Vlkern verblendete Helfer gefunden. Auf mich hatte
dieser kleine Krieg einen ebenso vorteilhaften Einflu als auf Frankreich, er
weckte mich zur Ttigkeit. Bis dahin war ich nur unterbrochen krperlich
beschftigt gewesen, von jetzt an war ich rastlos aufmerksam, da alles auf das
beste geschah, da man haushlterisch wirtschaftete, das Fehlende ergnzte, das
Vorhandene vervollkommnete. Ich wendete die Lehre, welche die Nation erhielt,
auch auf mich als Einzelwesen an, da man nur dadurch sich unabhngig erhlt,
wenn man alle seine Bedrfnisse selbst befriedigen lernt. Alle die mechanischen
Fertigkeiten, welche Du jngst mit einigem Erstaunen an mir wahrgenommen, haben
jener Richtung meiner Ansicht ihren Ursprung zu danken. Da sich sowenig
Gelegenheit absehen lie, einen ordentlichen Briefwechsel mit Dir anzufangen, so
belebte ich wenigstens die schriftlichen Unterhaltungen mit meinem Bruder,
welche grtenteils Dich zum Gegenstande hatten. Er bewahrte Dein Bild in treuem
Herzen und nhrte zugleich die angenehme Hoffnung, Dich auf irgendeine Weise
bald wiederzusehen. Nchst diesem reichhaltigen Stoffe unterhielt er mich
fleiig von einem Freunde, welcher um vier Jahre lter war als er. Mucius war
der Sohn seines vterlichen Lehrers. Beim Eintritt in das Haus desselben fhlten
sich beide schon sehr zueinander hingezogen, doch war damals der Unterschied der
Jahre, bei der frher fortgeschrittenen wissenschaftlichen Bildung des Freundes,
noch sehr bemerklich; aber Emils schnes Gemt und seine schnell reifende
Vernunft glichen den Abstand nach und nach vllig aus. Von seinem Freunde hatte
mein Bruder mir unaufhrlich zu erzhlen, und es wurde mir bald Gewohnheit, am
Schlusse meiner Briefe ihm einen Gru an seinen Pylades aufzutragen. Mucius
erwiderte diese Aufmerksamkeit durch einige sehr artige Verse, welche er unter
einen Brief meines Bruders schrieb. Ich antwortete durch ein kleines
Gegengedicht, ebenfalls in einem Briefe an Emil, und so entspann sich ein
mittelbarer Briefwechsel, welcher mich, durch seine romantische Natur, unendlich
reizte. Die Artigkeit ging in Gefhl ber, und ein dunkles Sehnen bemchtigte
sich unsrer Herzen.

Schon als Du noch bei uns warest, freutest Du Dich der Gewohnheit meines Vaters,
beim Anfange jedes Frhlings eine kleine Reise mit uns zu machen; nach Deiner
Abreise wurden diese Ausflge in jedem Jahre wiederholt und erweitert. Wir
hatten Marseille und Hieres, dann Genf und seine schnen Umgebungen besucht. Die
Gesundheit meiner Mutter hatte ebensoviel Anteil an diesen Reisen als das
Vergngen. Sie hatte besonders im Winter des Jahres 1808 sehr an Nervenzufllen
gelitten, weshalb wir uns frher als gewhnlich auf den Weg machten, um, nach
dem Rate der rzte, nach Montpellier zu gehen. Wir nahmen unseren Weg ber
Beaucaire und durchschnitten dann die Bergkette gerade auf Bellegarde, wo mein
Vater ein Geschft abzutun hatte. Es war in den ersten Tagen des Februars, die
Nordseite der Berge war noch hin und wieder mit Schnee bedeckt, aber in den
Tlern sprote schon das ppigste Grn, Veilchen und wilde Hyazinthen blhten an
den sonnigen Abhngen, die majesttischen dunklen Tannen trieben schon ihre
goldgrnen Sprossen, Finken und Grasemcken jubelten durch die neubelaubten
Gebsche. Schon waren wir nahe am Ziel unseres nchsten Ruhepunktes, man konnte
schon von einer hheren Stelle des Weges die Turmspitze von Bellegarde
erblicken, als beim Hinabfahren in einen Hohlweg der Wagen umwarf. Wir kamen
zwar fast ohne alle Beschdigung davon, aber der Wagen hatte eine desto strkere
erhalten, so da es schlechterdings unmglich war, sich seiner ferner zu
bedienen. Wir muten uns also entschlieen, bis zum nchsten Dorfe zu Fue zu
gehen, wobei der Vater und ich meine vor Schreck halb tote Mutter fhrten. Im
Wirtshause war gar kein Aufenthalt mglich, aber der Frster, welcher am Ende
des Fleckens wohnte, nahm uns mit herzlicher Gastfreiheit auf. Er bot sogleich
eine Menge Bauern auf, unsre Sachen vom Wege zu holen und unseren Wagen bis zur
Schmiede zu schleppen. Ich wrde Ihnen zur Fortsetzung Ihrer Reise mein eigenes
Fuhrwerk anbieten, sagte er, wenn ich solches nicht meinem Neffen
entgegengesendet htte, welcher mich heut zu besuchen kommt. Sie werden sich
daher ein Nachtlager bei mir gefallen lassen mssen. Mein Vater nahm das in
Hinsicht meiner Mutter dankbar an. Er selbst aber entschlo sich, ein Postpferd
zu besteigen und so, mit dem Postillion, noch heute nach Bellegarde zu reiten,
von wo er uns am andern Morgen mit einem Wagen abzuholen versprach. Ich wurde
mit meiner Mutter auf ein Oberzimmer gefhrt. Sie fhlte sich so angegriffen,
da sie sich sogleich zu Bette legen mute, und da ich nach einiger Zeit Neigung
zum Schlaf bei ihr gewahr wurde, so ging ich, wie sie zu wnschen schien, wieder
hinunter ins Wohnzimmer. Die Dmmerung war indessen hereingebrochen, ohne da
ich es bei dem Geschwtz der ltesten Tochter des Frsters sonderlich bemerkt
htte. Sie machte mich zwar darauf aufmerksam, doch setzte sie hinzu: Der Vater
liebt dieses trauliche Feierstndchen und sieht nicht gern, wenn wir frh Licht
anznden. Ein Wagengerusch im Hofe machte uns aufmerksam. Da kommt der
Vetter! rief das Mdchen und hpfte aus der Tr. Sie kehrte bald mit dem
Frster und einem Fremden zurck, dessen Gestalt ich nur sehr schwach in der
Dmmerung unterscheiden konnte. Der Frster machte ihn mit meiner Anwesenheit im
Zimmer bekannt und erzhlte die Geschichte unseres Migeschicks, worber mir der
Fremde sein Bedauern in herzlichen Worten und mit einer sehr schnen Stimme
bezeugte. Das Gesprch fiel dann auf allgemeinere Gegenstnde. Wissen Sie wohl,
lieber Oheim, sagte pltzlich der Fremde, da Sie mich vielleicht zum letzten
Male sehen? - Wie das? fragte dieser. Ich gehe in einigen Wochen, vielleicht
Tagen, zur Armee ab und wnschte nur, Ihnen Lebewohl zu sagen. - Du Soldat?
rief der Oheim, das htte ich nimmer gedacht. Also hat dich das fatale Los doch
getroffen, nachdem es dir schon zweimal vorbergegangen? - Ich habe seine
Entscheidung nicht wieder abgewartet, sagte der Fremde, ich habe mich
freiwillig dazu bestimmt. - Freiwillig? rief der Frster mit Erstaunen.
Unmglich kannst du, nach deiner Lebensweise, Neigung zum Soldatenstande
fhlen. - Wenn auch nicht diese, so doch Neigung, das Vaterland zu
verteidigen. - Du mochtest ja niemals meinen Fchsen den Krieg erklren, und
wenn ich dich beim Treibjagen aufmerksam auf deinem Posten glaubte, fand ich
dich mit dem Virgil in der Hand nachlssig am Baume gelagert, die Bchse neben
dir. - Oder mit Tyrtus' Kriegsliedern, Oheim. Wollt ihr ewig schlafen den
Schlaf des Feigen? weckt euch nimmer der Nachbarn Hahn, nimmer der Schwcheren
Mut? - Aber woher denn so auf einmal diese nderung? Du wirst doch nicht nach
Spanien wollen, um von auflauernden Buschkleppern gemordet oder von Weibern
vergiftet zu werden? - Nein, Oheim. Ich ahnde den Volkswillen, so unklug er
auch sein mag. Aber die Kriegsflamme droht schon wieder, von seiten streichs;
England blst mit vollen Backen in den immer glimmenden Zunder, man glaubt uns
diesmal in einen Hinterhalt fallen zu lassen. Napoleon ist in Spanien, hinter
seinem Rcken will man Frankreich angreifen, welches er sonst mit dem flammenden
Schwerte, wie der Engel den Eingang des Paradieses, bewacht; aber nur zu bald
werden sie das gefrchtete Antlitz des Rchers sehen. Unterdessen mu
Frankreichs ganze Heldenjugend sich erheben, da der Fhrer ein schlagfertiges
Heer finde.
    Der Fremde sprach diese Worte mit einem solchen Nachdruck, da ein freudiger
Schauer durch meine Nerven bebte. Des Mdchens Hand zitterte in der meinigen.
Ach! rief sie mit schluchzender Stimme, ihr bsen Mnner redet vom Kriege wie
von einem Vogelschieen, ihr denkt nur an den Ruhm, ohne an die Trnen zu
denken. Was ntzt uns Armen des Kaisers Macht und Ruhm; noch einmal so lieb
wollte ich ihn haben, wenn er friedfertiger wre und nicht so
eroberungsschtig.
    Liebe Marie, sagte der Fremde mit einiger Heftigkeit, du redest wie ein
Weib und verstehst es nicht. Napoleons Ruhm ist Frankreichs grte Strke, seine
Macht ist des Vaterlandes Sicherheit. Man mchte gern dies freie Land wieder in
die Fesseln des verflossenen Jahrhunderts schmieden, welche wir nur vom
Hrensagen kennen, da sie fast mit unsrer Geburt zerbrochen wurden.
    Ich habe sie wohl gekannt, redete der Frster dazwischen, und um sie
abzuwehren, wollte ich selbst noch meinen alten Kopf den feindlichen Reihen
gegenberstellen. - Um wieviel mehr wir Jnglinge! fuhr der Fremde fort;
welche Elende wren wir, wenn wir nicht unser Herzblut hingeben wollten fr
unser Vaterland und seine Verfassung, unter deren Schatten wir erwuchsen, fr
den Kaiser, der die Wunden der Revolution heilte, den Brgerkrieg endete und den
Ruhm der Nation auf den hchsten Gipfel erhob. Jeder Brger fhlt sich
Teilnehmer dieses Ruhms; sollte es nicht auch ein weibliches Herz?
    Diese Apostrophe an mein Geschlecht reizte mich zum Mitgesprch, ich drckte
meinen Freiheitssinn und meine glhende Vaterlandsliebe in lebhaften Worten aus.
Der Fremde schien mich mit Bewunderung zu hren, es waren seine eigenen
Begriffe, welche er aus einem fremden Munde vernahm. Mir ging es ebenso, ich
glaubte mein eigenes Ich zu hren. Jeder von uns setzte hufig, im Feuer des
Gesprchs, die angefangenen Perioden des andern fort, genau mit denselben
Worten, welche dieser eben laut werden lassen wollte. Es war etwas
bernatrliches in dieser bereinstimmung. Die beiden andern schwiegen voll
Erstaunen still, wir beide redeten allein und vergaen auch, da es auer uns
noch Wesen gab. Da wir uns nicht sehen konnten, so waren es nur die Geister,
welche sich erkannten und eine, wie uns schien, schon frher geknpfte
Freundschaft fortsetzten. Ich fhlte mich auf eine unbegreifliche und mir bis
dahin vllig unbekannte Weise zu dem Fremden hingezogen. Da er in demselben
Falle sei, bewies die immer zunehmende rhrende Weichheit seiner Stimme. Ich war
aufgestanden und hatte mich unbewut dem groen Tische genhert, welcher, mit
einer gewirkten Decke behangen, in der Mitte des Zimmers stand, der Fremde
hatte, von seiner Seite, dasselbe getan. So mochten wir vielleicht eine Stunde
gegenbergestanden haben; fr uns gab es keine Zeit. Tisch und Dunkelheit
trennten uns, wir aber fhlten uns vereint, und unsre ineinander verschlungenen
Seelen durchflogen gemeinschaftlich den endlosen Raum der Schpfung, jede
Ansicht aus demselben Punkte, in demselben Lichte betrachtend. Finster,
stockfinster war es geworden, fr uns war es sonnenhell. Da trat endlich die
Frsterin mit Licht herein und stellte es auf den Tisch. Wir starrten uns
sprachlos eine Sekunde lang an, dann hoben wir in demselben Augenblicke die
Arme, und Mucius! - Virginia! tnte im Nu von beider Lippen. Er war es, der
Niegesehene; ich, die von ihm Ungekannte. Die Frsterfamilie staunte uns an, wir
muten endlich das Rtsel lsen und erzhlen. Da war nun des Wunderns kein
Aufhren. Wunderbar sind die Wege des Herrn! sagte die Frsterin. Ja, es ist
Gottes Schickung, lispelte mit einem leisen Seufzer Marie; der alte Frster
schttelte uns treuherzig die Hnde. Ihr habt mich ordentlich gerhrt mit euerm
Gesprche, Kinderchen, sagte er, mir war's, als sei ich in der Kirche. Nun,
Mutter, trag auf, vom Besten, was das Haus vermag, ich wei doch, du hast dem
Mucius seine Leibessen bereitet, ich will auch den Keller nicht schonen. Htte
ich doch nicht gedacht, da wir ein so vielfaches Fest feiern sollten,
Willkommen- und Abschieds-, Freuden- und Trauerfest zugleich, und wer wei, was
noch fr ein Fest! nun, nun, der Herr lenke alles nach seinem Willen, dann ist
es auch zu unserm Besten. Er lftete das lederne Kppchen ein wenig, zndete
dann den Wachsstock an, nahm den Kellerschlssel und eilte hinaus. Mutter und
Tochter beschickten emsig den Tisch. Mucius setzte sich neben mich, uns fiel
beiden kein Wort ein ber das seltsame Zusammentreffen, wir waren alte Bekannte.
Wir sprachen viel von Emil; in diesem teuern Gegenstande trafen unsre Seelen am
innigsten zusammen. Wir wiederholten hundertmal, wie sehr wir ihn liebten, und
hrten es voneinander mit ebensolchem Entzcken, als glte diese Versicherung
uns. Bei Tische erhielt ich meinen Platz zwischen Oheim und Neffen, neben Mucius
sa Marie. Die arme Marie war die einzige, welche nicht so heiter schien, als
sie bei meiner Ankunft war, doch wurde sie es um etwas mehr, nachdem der Vater
fters auf einen glcklichen Feldzug angestoen und sie darauf ihrem Nachbar
Mucius hatte Bescheid tun mssen. Auch auf meine glckliche Reise wurde
getrunken. Ob Sie die Reise nach Montpellier fortsetzen werden, ist sehr die
Frage, sagte pltzlich Mucius, Ihr Herr Vater mag das morgen entscheiden. Wir
sahen ihn alle verwundert an und baten um Erklrung. Heute nicht, sagte er
ablehnend, lat uns die Zukunft still bedecken und des heutigen Abends rein
genieen. Damit stimmte er einen frhlichen Rundgesang an, und der Abend wurde
bis spt in die Nacht verlngert und heiter beschlossen. Ich begab mich in einem
geistigen Rausche, woran der Wein keinen Anteil hatte, zu Bette und schlummerte
erst in der Morgendmmerung zu seligen Trumen ein.

Mein Vater war frh angekommen, ich fand ihn schon am Bette meiner Mutter, als
ich mein Kmmerchen verlie; er war ernst und meine Mutter in einiger Unruhe.
Ich umarmte beide und eilte hinunter, um ihr Gesprch nicht zu stren, mehr
noch, warum sollte ich es leugnen, um Mucius einen guten Morgen zu wnschen. Ich
traf ihn im Wohnzimmer, und sein Auge strahlte mir entgegen. Der Vater ist so
ernst, sagte ich nach einigen freundlichen Reden, hat er Sie schon gesehen? -
Jawohl, erwiderte er, meine Nachricht hat ihn ernst gestimmt. - Welche
Nachricht? rief ich. Sie wird es nicht erschrecken, sagte er, indem er
liebkosend meine Hand nahm, Emil begleitet mich ins Feld. - Oh, meine
Mutter! rief ich voll Schrecken. Fr diese habe ich gezittert, sagte er,
doch sie wird sich in das Unvermeidliche finden. Emil ist sechzehn Jahre, das
Los kann ihn in kurzem treffen; warum also nicht ein Opfer freiwillig bringen,
welches frher oder spter doch unabnderlich gebracht werden mu! Jetzt geht er
an der Hand der Freundschaft, wer wei, ob es ihm spterhin so gut wird; auch
ist er unwiderruflich entschlossen und war im Begriff, gleich nach meiner
Abreise selbst nach Chaumerive zu gehen, um seinen Entschlu kundzutun. - Wir
mssen zurck! rief ich hastig. Allerdings, sagte er, Ihr Herr Vater
bereitet die Mutter dazu vor. - Ach, meine arme, arme Mutter! klagte ich,
wie wird sie es berleben! - Sie bleiben ihr, sagte Mucius und trocknete mir
sanft die Augen. Er ist ihr Liebling, fuhr ich fort, und verdient es zu
sein. - Beide verdienen es! Beide! rief Mucius, indem er meine Hand mit
Heftigkeit an seine Lippen drckte. Glcklicher Emil! setzte er hinzu, und
eine Trne glnzte in seinen dunkelbraunen Augen. Glcklicher Emil, Engel
weinen um dich! ich Unglcklicher habe keine Schwester! - Ich will auch die
Ihrige sein, sagte ich, und meine Trnen flossen strker. Virginia! rief er
im Ausruf des Entzckens und schlang den Arm um mich, ich sank im berma des
Gefhls an seine Brust. Unsre Lippen begegneten sich unwillkrlich; wir hielten
uns lange in sprachloser Seligkeit umarmt. Oh, das Leben ist schn! rief
endlich Mucius; es will mich halten mit all seinem Zauber; gerade da ich es
aufs Spiel setzen will, entfaltet es mir seine schnsten Blten. Aber nicht dem
Feigen wrde dieses holde Auge lcheln, nein, ich mu kmpfen um so schnen
Preis! Wird Virginia den Sieger lieben? fragte er mit Schmeicheltnen. Ewig!
entgegnete ich. Mein? - Dein! riefen wir beide aus einem Munde, und eine
zweite Umarmung besiegelte den Bund fr die Ewigkeit.

Oh, seliges Gefhl, wenn zwei Seelen, welche der Schpfer aus einem Lichtfunken
gebildet, sich finden und sich verbinden auf ewig! Die Gegenwart und ihre
kleinen Verhltnisse verschwinden dem trunkenen Auge, es sieht nur aufwrts zum
Quell des Lichts. Auch meine Trnen waren pltzlich versiegt, und mein Herz
jauchzte insgeheim mitten unter den uerungen der allgemeinen Besorgnis. Die
Trnen meiner Mutter taten mir wehe, ich machte mir Vorwrfe, da ich so
glcklich war, aber ich konnte es nicht ndern, ich war glcklich.
    Es wurde beschlossen, da wir sogleich die Rckreise nach Chaumerive
antreten wollten, um den geliebten Emil so bald als mglich an unser Herz zu
schlieen; Mucius war sogleich entschlossen, uns zu begleiten. Der Oheim
schttelte ihm zum Abschiede krftig die Hand: Du bist ein braver Junge, sagte
er, tu deine Pflicht, und Gott sei mit dir, Mucius! - Mit dem Schilde, Oheim,
oder auf dem Schilde! entgegnete dieser langsam, mit Nachdruck. Mucius
Scvola rief mein Vater und schlo ihn mit feuchten Augen an seine Brust. Marie
weinte heftig, als er sie zum Abschied kte, dann umarmte sie mich, sahe mich
einen Augenblick nachdenkend an, ein halbes Lcheln schwebte auf ihrem leidenden
Gesichte, sie schttelte leise den Kopf, als wollte sie sagen: Keine wird ihn
haben! Sie trocknete mutig ihre Trnen und schmiegte sich sanft resigniert an
ihren Vater.
    Unsre Rckreise war nicht erfreulich. Meine Mutter war meistens leidend und
in sich gekehrt, soviel Mhe sich auch die Mnner gaben, sie zu beruhigen; mein
leuchtendes Auge schien ihr wundes Gefhl oftmals zu verletzen. Auf der andern
Seite aber war es mir eine hohe Freude, zu bemerken, wie mein Vater mit jeder
Minute mehr Gefallen an meinem Geliebten fand. Er erzhlte ihm seinen
amerikanischen Feldzug und verjngte sich mitten unter den Bildern seiner
Jugend. Dein Bruder fiel! seufzte meine Mutter. Fr seine berzeugung, fr
eine gute Sache und von allen seinen Kameraden beweint! rief mein Vater, kann
das lngste Leben einen so schnen Tod aufwiegen? - Auch ein Leben voll Liebe
nicht? fragte meine Mutter und drckte zrtlich seine Hand. Das Leben ist
schn, erwiderte er und umarmte sie, aber der Heldentod des Jnglings ist es
nicht minder. - Wohl ist er zu beneiden, sagte Mucius, wenn ein schnes Auge
um ihn weint; er lebt dann in diesen kstlichen Trnen ein seliges Leben! Eine
dunkle Wolke flog bei diesen Worten durch meine Seele, aber mutig scheuchte ich
sie hinweg. Glckliches Geschlecht, sagte ich, das handelnd eingreifen kann
in die groen Weltbegebenheiten! - Preise das deine glcklich, antwortete
mein Vater, dem ein kleinerer Kreis bezeichnet wurde; es hat keine schmerzliche
Wahl, kann nicht schwanken zwischen den Pflichten fr sein Haus und fr sein
Land. - Ich erkenne es, mein Vater, sagte ich, seine Hand kssend. Ich
verstand recht gut, was an seinem Geiste vorberging.
    Wir trafen in Chaumerive fast zugleich mit dem teuern Emil ein. Meine Mutter
schlo ihn leidenschaftlich in ihre Arme und schien noch einige Hoffnung zu
hegen, ihn zurckzuhalten; doch berzeugte sie seine ruhige Haltung und meines
Vaters bestimmte Erklrung sehr bald, da sie sich dem Unvermeidlichen ergeben
msse. Sie tat es mit der besten Fassung von der Welt, augenscheinlich in der
Absicht, das Herz ihres Lieblings nicht schwer zu machen. O Allmacht der
mtterlichen Liebe, welche Wunder bringst du hervor! Meine arme Mutter, sonst so
heftig in den uerungen ihres Schmerzes, gewann es ber sich, ihrem Sohn immer
ein heiteres Gesicht zu zeigen, whrend ihr Herz aus tausend Wunden blutete. Sie
war rastlos mit seinen kleinen Bedrfnissen beschftigt und sprach sogar
scherzend von seiner baldigen siegreichen Rckkehr. Nur in der Stille des
Morgens hrte ich oft ihr Schluchzen im anstoenden Kabinett und bemerkte, wenn
sie in das Wohnzimmer trat, auf ihrer blassern Wange Spuren frischvergossener
Trnen, welche sie jedoch sorgfltig zu tilgen suchte, wenn die Frhstcksstunde
herannahte. Mit zrtlicher Achtsamkeit forschte der Sohn oft auf ihrem lieben
Gesichte und bat dann mit seiner schmeichelnden Stimme:Sei nicht traurig, liebe
Mutter! Sie lchelte jedesmal und leugnete, es zu sein. So flossen uns noch
vierzehn schmerzlich-se Tage dahin. Emil bemerkte bald das zrtliche
Verhltnis zwischen seinem Freunde und mir, welches wir auch gar nicht zu
verhehlen strebten. Er zog uns beide in seine Arme. Ich halte des Lebens grte
Schtze an meiner Brust! sagte er. Alle? fragte ich schalkhaft. Lebend und
im Bilde! erwiderte er. Ich fhlte, da er, zugleich mit mir, Dein Bild an sich
drckte, welches, meinem Busen entfallen, an meiner rechten Seite hing. Im
berma meiner Liebe fr den teuren Bruder und im Gefhl meines eigenen Glcks
nahm ich die Kette mit Deinem Bilde von meinem Halse und schlang sie um den
seinigen. Es sei deine gide, sagte ich, und schtze dein liebes Herz! Er
war auer sich vor Entzcken und Dankbarkeit. Ein mutiges Herz wird
dagegenschlagen, sagte er, bis es zu klopfen aufhrt. - O nichts vom
Stillstehen dieses Herzens! bat ich, von dem Gedanken erschttert. Nun, nun,
sagte er lchelnd, mir flstert dies oft eine leise Ahndung zu, doch gehe ich
darum nicht weniger mutig dem Feinde entgegen. Sage einst Adelen, setzte er
ernst hinzu, ich htte sie geliebt, bis zum letzten Hauch geliebt. Seine
Stimme versagte ihm auf einen Augenblick, aber pltzlich richtete er sich mit
ruhig freundlichem Gesichte aus meiner Umarmung auf. Er schien mir, als ich zu
ihm aufsah, mit einem Male um ein betrchtliches grer. Voll aufgeregter
ngstlichkeit warf ich mich in Mucius' Arme. Flstert dir die Ahndungsstimme
auch? fragte ich zitternd. Nur Freudiges verkndigt sie mir, sagte er und
umschlang mich. Sei ruhig, meine Virginia, das Glck ist dem Mutigen hold! wir
werden uns alle, und freudig, wiedersehn. Der Ausspruch des Geliebten ist ja
wie die Stimme von Dodona, auch in meine Brust rief sie die Hoffnung zurck.

So brach der Abschiedsmorgen heran. Zum letzten Male begrte die Sonne bei
ihrem Aufgang eine zrtlich vereinte, glckliche Familie. Mein Vater war weich
und freundlich, meine Mutter blasser als je, aber anscheinend ruhig und gefat.
Emil betrieb lebhaft die Zurstungen zur Abreise und lchelte jedem von uns zu,
um uns seine Bewegung zu verbergen. Mucius, nur mit seiner Liebe beschftigt,
wendete die aufmerksamste Sorgfalt an, meinen Mut aufrechtzuerhalten. Ach, ich
bedurfte des Beistandes nur zu sehr! In Gefahr, die beiden geliebtesten
Gegenstnde meiner Zrtlichkeit auf immer zu verlieren, verlie mich mein
sonstiger Heldensinn, und das liebende Mdchen kmpfte fruchtlos mit seinen
Trnen. Mein Vater sah den Kampf in meiner Seele, und gtig, wie er immer war,
wollte er mir einen sttzenden Trost geben. Zrtlich ergriff er Emils und
Mucius' Hnde und rief mit bewegter Stimme: Meine beiden Shne! O ich bin ein
reicher Vater! ich weihe an einem Tage zwei Shne dem Vaterlande. Seid einer des
anderen Schutzengel, bleibt einander treu mit hlfreicher Liebe, bleibt euch
treu im Leben und im Tode! Das Band der Freundschaft knpfte schon lngst eure
Herzen, ich fge in dieser feierlichen Stunde noch ein, wo mglich, schneres
hinzu, das brderliche. Sobald ihr zurckkehrt, werde Mucius Virginiens Gatte.
Wir waren alle berrascht von diesen Worten, und jeder uerte seine Bewegung
auf verschiedene Weise. Mucius warf sich mit strmischer Freude in meines Vaters
Arme, ich sank schluchzend zu seinen Fen, Emil umfate seinen Freund, meine
Mutter sah staunend vom Sofa auf die Gruppe und streckte die Hand nach uns aus.
Sie hatte, einzig mit der Reise ihres Sohnes beschftigt, weniger auf unser
Verhltnis geachtet, und es war ihr daher ziemlich fremd geblieben; doch hatte
auch sie Mucius liebgewonnen, um seiner selbst willen und als Emils Freund. Als
wir daher beide vor ihr niederknieten und um ihren Segen baten, segnete sie uns
mit der freudigsten Rhrung. Emil kte sie dafr, kindlich schmeichelnd. Da
nahm sie seine Hand, legte sie in die seines Freundes und sagte: Ich gab Ihnen
die teure Tochter, und Ihren Hnden vertraue ich den geliebten Sohn, schtzen
Sie Ihren Bruder. - Mit meinem Blute! rief Mucius und prete Emil in seine
Arme. Seien Sie ohne Sorgen, verehrte Mutter, ich bringe ihn gesund zurck; an
seiner Hand oder niemals wieder kehre ich heim. Diese unerwarteten Szenen
hatten uns allen einen heroischen Schwung gegeben, welcher uns leichter ber die
gefrchtete Abschiedsstunde hinwegtrug. Die Pferde standen schon lange bereit,
der Postillion hatte schon mehreremal ins Horn gestoen, da ergriff Mucius rasch
die Hand seines Freundes. Wir mssen scheiden! sagte er mutig. Lebt wohl,
Vater und Mutter! lebe wohl, Virginia! wir kehren bald zurck. Er kte uns der
Reihe nach, mit Eile, und lie Emilen kaum die Zeit, ein Gleiches zu tun. Der
arme gute Emil! Blsse berzog sein Gesicht, doch schwebte noch das gewohnte
Lcheln darauf, wir drckten ihn an uns, er sagte uns Lebewohl. Mit festen
Schritten folgte er dann seinem Freunde, welcher ihn rasch mit sich fortri. In
wenigen Minuten waren sie unseren Blicken entschwunden, die beiden hohen
Jnglingsgestalten. Ach, auf immer!
    Meine Mutter sah ihnen unverwandt nach, und als der Wagen unsern Blicken
nicht mehr sichtbar war, sank sie ohnmchtig nieder. Die Sorge um sie und ihre
Pflege zogen meinen Vater und mich von unsern eigenen Empfindungen ab. Wir taten
alles, um sie zu zerstreuen und aufzuheitern, aber mit geringem Erfolg. Mein
Vater bestand eifrig darauf, die unterbrochene Reise wieder anzutreten, die
Mutter war aber dazu nicht zu bewegen. Wenn Emil wiederkehrt, werde ich von
selbst genesen, sagte sie, kommt er nicht zurck, nun dann -, sie brach ab,
nach einer Pause setzte sie hinzu: Ich wrde ja an jedem andern Orte seine
Briefe spter erhalten. - Diese Briefe waren von jetzt an die einzige Nahrung,
welche die schwache Flamme ihres Lebens erhielt; unsre Liebkosungen nahm sie
freundlich auf und erwiderte sie auch, aber ihre Trnen flossen selbst in den
Armen ihres geliebten Gatten.

Als die Schlacht von Elingen bekannt wurde, stieg die Angst meiner Mutter auf
das hchste. Sie sahe jede Nacht ihren Sohn, verwundet oder tot, in ihren
Trumen. Umsonst wendete mein Vater alle Vernunftgrnde an; doch wenn das Herz
heftig leidet, dann wird es von den Trstungen des Verstandes nur beleidigt.
Ich bin keine Rmerin! sagte sie mit Heftigkeit. Und hast kein Vaterland?
fragte mein Vater. Mge es doch zertrmmern, rief sie, wenn ich nur meinen
teuern Sohn und euch behalte! - Klara, liebe Klara, sagte mein Vater, sanft
verweisend, der Schmerz tobt aus dir, du wirst dich wiederfinden. Die Pflicht
ber alles! Kein Gut der Erde trstet uns, wenn diese verletzt wird.
    Ich meinesteils suchte gar nicht, sie zu trsten, ich weinte mit ihr. Mein
armes Herz schwankte zwischen Hoffnung und Furcht, ich htte selbst des Trostes
bedurft; aber das Schauspiel des unbegrenzten mtterlichen Schmerzes gab mir
feste Haltung. Ich gelobte mir im stillen, den etwanigen Schlgen des Schicksals
mit mehr Fassung zu begegnen. Endlich, nach mancher vergeblichen Bemhung um
Nachricht, langte ein Brief von den beiden Geliebten an und gab meiner Mutter
das Leben wieder; auch mir und dem Vater sank ein schwerer Stein vom Herzen, und
unser Mut erhielt sich auch whrend der folgenden Zeit. Die Freunde waren an
jenem heien Tage im heftigsten Feuer gewesen und ihre Kameraden rechts und
links gefallen, sie jedoch unversehrt geblieben. Dies schien uns ein besonderer
Schutz des Himmels zu sein, und wir sahen sie als ein paar Geweihete an, denen
keine Kugel nahen drfe. Die Mutter war nicht ganz so mutig, aber sie hoffte auf
schnellen Frieden und betete inbrnstig zu Gott.
    Die Schlacht von Wagram erfuhren wir durch einen Brief von Mucius. Er hatte
dem schnellfigen Gerchte doch zuvorzukommen gewut. Mit Begeisterung lobte er
den Mut und die schnelle Geistesgegenwart Emils, welcher sogar Gelegenheit
gehabt, vom Kaiser bemerkt und gelobt zu werden. Leider aber, hie es am
Schlu seines Berichts, ist der geliebte Bruder gegen den Ausgang der Schlacht
am Fue verwundet worden, doch ist durchaus keine Gefahr, und wir gedenken bald
wieder bei unseren Lieben einzutreffen. Emil selbst fgte einige Zeilen hinzu,
worin er uns bat, ganz ohne Sorgen zu sein. Wir bedauerten den Geliebten, doch
waren wir nicht allzu besorgt. Eine leichte Fuwunde, meinte mein Vater, dabei
sei keine Gefahr, und meine Mutter dankte Gott aus tief aufatmender Brust, da
er es so gndig gefgt. Auf jeden Fall war nun ihr Liebling geborgen. Selbst
wenn, gegen alle Wahrscheinlichkeit, noch einmal geschlagen wurde, er war in
Sicherheit. Sie fing an, sich sichtlich zu erholen, nahm wieder an den
Geschften den ttigsten Anteil und erheiterte uns alle durch ihre muntern
Einflle und ihre frohe Laune. Schon seit Jahren hatte sie nicht mehr die Laute
berhrt, aber jetzt ergriff sie oft die meinige und sang uns mit ihrer schnen
Stimme die artigsten Lieder. Mein Vater fhlte sich in die ersten Tage seiner
Liebe zurckversetzt und war wieder selig und lebendig wie damals. Der gute
Pfarrer und unsre wenigen Hausfreunde freuten sich mit uns. Ich selbst schwamm
in einem Meere von Wonne, besonders da bald darauf ein zweiter Brief eintraf,
welcher schon auf dem Rckmarsch geschrieben war. Mucius meldete uns, da er
eine zufllige Unterredung mit dem Kaiser gehabt habe, in welcher er ihm ber
sich und seinen verwundeten Freund, in der Krze, Auskunft gegeben. Der Kaiser
habe sich meines Vaters erinnert und ihm eigenhndig fr Emil das Kreuz der
Ehrenlegion und den Abschied als Kapitn zugestellt. Was Sie, junger Mann,
betrifft, hatte er hinzugefgt, Sie knnen jetzt gehen, wohin das Herz Sie
ruft, ich bin Ihrer gewi; wenn ich und das Vaterland Ihrer bedrfen, so kehren
Sie zum zweiten Male freiwillig unter meine Fahnen zurck.
    Goldne Worte! welchen frhlichen Rausch verbreiteten sie ber unser ganzes
Haus! Emil schrieb auch, seine Wunde war noch nicht heil, aber er achtete ihrer
nicht, sein liebendes Herz und die Sehnsucht seines Freundes trieben ihn zur
Heimat. Sein schnes Herz sprach sich so liebevoll in jeder Zeile aus, er freute
sich kindlich ber die empfangenen Ehrenzeichen, aber mehr um seiner Eltern als
um seinetwillen, wohl auch um Deinetwillen, denn er fgte triumphierend hinzu:
Die gide, Virginia, hat mein Herz treulich beschtzt. Guter, herrlicher
Bruder! so brav, so liebend, so treu! nur Engel knnen dir gleichen! Engel,
jetzt deine Gesellschafter, deine trstenden Gefhrten!

Meine Mutter war nun geschftig wie Martha und frhlich wie die Tochter Jephta
am Tage der Rckkehr. Sie schmckte und ordnete das ganze Haus zu dem frohen
Empfange. Daneben beschftigte sie sich mit meiner Ausstattung und scherzte
freundlich mit mir ber meinen Brautstand und die nahe Verbindung. Ich berhrte
kaum die Erde, ich schwebte in den Gefilden der Seligen, und doch hatte ich nie
die irdischen Geschfte pnktlicher und sorgsamer verrichtet. So werden alle
Fhigkeiten der Seele und ihres Organs, des Krpers, durch die Liebe und die
Freude erhhet, ja verdoppelt!
    Die Zeit der Weinreife rckte heran. Ich war schon in den Bergen und ordnete
die verschiedenen Vorbereitungen zur Lese an. Die Sonne ging hinter einer
entfernteren Bergspitze nieder, und krause rtliche Wlkchen gaben ihr das
Geleite. An einem grnen Abhange gelagert, blickte ich frhlich auf die
magischen Beleuchtungen, welche einzelne Sonnenstrahlen noch rechts und links
ber die schne Landschaft warfen. Ich hatte eben einen Grashalmenkranz geknpft
auf Mucius' Wiederkehr in den nchsten Tagen, er war sehr erwnscht und bejahend
ausgefallen. In der Frhlichkeit meines Herzens pflckte ich neben mir die
Blumen, welche ich erreichen konnte, und reihete sie, halbleise eine von
Petrarcas zrtlichen Stanzen singend, zum Kranz, auf welchen Trnen der Wonne
tropfend niederfielen. Da gewahrte ich, als ich das Auge wieder ber die
Landschaft erhob, in der Entfernung einen Landmann, welcher, einen Botenstab in
der Hand, eilig den Weg zum Berge daherschritt. Sein Anblick ergriff mich
pltzlich mit einem ahndenden Gefhl, mein Herz klopfte voll bangen Schreckens,
je nher er mir kam, es war, als wenn ein grauses Schicksal auf mich zuschritt.
Ach, nur zu grausend, zu entsetzlich war, was mir nahte! Der Bote reichte mir
einen Brief, er war von Mucius' Hand, von Mucius' lieber Hand, und dennoch wagte
ich nicht, ihn zu ffnen; auf so ungewhnlichem Wege, und ich wagte nicht zu
fragen, ich war mir selber unbegreiflich. Endlich fate ich, in gewaltsamer
Anstrengung, den Mut, das Siegel mit zitternder Hand zu lsen. Schon die ersten
Zeilen dieses Unglckbriefes schmetterten mich zu Boden. Noch in diesem
Augenblicke, nach fnf Jahren, versagt mir die Feder fast den Dienst, kaum kann
ich mich entschlieen, Dir das frchterliche Wort zu wiederholen, welches mich
damals, gleich einem Blitzstrahle aus heiterer Luft, vernichtete. Emil tot!
Mehr sah ich nicht. Eine tiefe Ohnmacht warf mich auf die Blumen nieder. Ein
lauter Ruf des erschrockenen Boten hatte meinen Vater herbeigezogen, welcher
sich in der Nhe befand. Er hatte den mir entfallenen Brief aufgehoben und
erfuhr so, unvorbereitet wie ich, die schreckliche Nachricht.
    Unglcklicher Vater, was mut du bei dieser frchterlichen Botschaft
empfunden haben! Dein einziger Sohn! dein Stolz! In der Blte zerschmettert die
Hoffnung deines Alters! Die Natur hatte sich mitleidig meiner erbarmt und durch
einen totenhnlichen Schlummer meinem Leiden auf einige Minuten Stillstand
geboten. Die einzige Ohnmacht meines Lebens. Sie mochte lange gedauert haben,
denn es fing schon an zu dmmern, als ich in den Armen meines Vaters erwachte.
Er war sehr bla, doch mit Besonnenheit um mich beschftigt. Emil! rief ich,
als das Bewutsein mir klar zurckkehrte, Emil! mein Emil!, und ein Strom von
Trnen strzte aus meinen starren Augen. Mein Vater verbarg sein Angesicht, doch
fhlte ich an dem Zittern seines Armes, wie bewegt er innerlich sein mute. Aber
nur einige Minuten lang, dann sahe er wieder mit Fassung auf mich nieder.
Virginia, sagte er mit liebkosender Stimme, Virginia, mein starkes Mdchen,
erhole dich. Trnen gebhren dem lieben, dem edlen Sohn und Bruder, aber wir
haben noch lange Zeit, ihn zu beweinen, jetzt rufen nahe Sorgen unsre ganze
Tatkraft auf. - Oh, meine Mutter! rief ich schmerzlich. Fr sie frchte ich
am meisten, sagte er. Darum fasse dich, mein Kind. Auch mssen wir ja Mucius
sehen. - Mucius? fragte ich, wo ist er? - Hast du nicht seinen Brief
gelesen? erwiderte er. Nichts als die schrecklichen Worte! - Mache dich mit
seinem ganzen Inhalt bekannt und komme langsam nach, ich gehe voran und bereite
alles vor. Gott strke uns!
    Nach diesen Worten ging er langsam den Hgel hinunter und berlie mich
meiner eigenen Kraft. Laut brachen meine Trnen, meine Klagen aus, doch kehrte
mir bald einige Besonnenheit zurck. Pltzlich fiel mir, wie durch Eingebung,
eine Stelle aus Nathan dem Weisen in den Sinn. Ich hatte Mehreres aus diesem
Lessingischen Meisterwerke, zur bung der deutschen Sprache, bersetzt, jetzt
sagte ich mir diese Stelle halblaut unwillkrlich vor.

Und doch ist Gott!
Doch war auch Gottes Ratschlu das! Wohlan!
Komm! be, was du lngst begriffen hast;
Was sicherlich zu ben schwerer nicht
Als zu begreifen ist, wenn du nur willst.

Schluchzend, doch mit Begeisterung, streckte ich meine Arme hoch zum Himmel und
rief: Ich will! willst Du nur, da ich wolle! Still und gen Himmel blickend,
setzte ich diesen Gedanken einige Augenblicke fort und fhlte mich wunderbar
gestrkt und erhoben. Der Odem des Ewigen schien mich zu umwehen. Da stieg der
Mond in voller Pracht hinter dem Taugewlk empor und verbreitete sanfte
Tageshelle um mich her. Mein Blick fiel auf den Brief, welcher entfaltet mir zur
Seite lag und durch dessen Bltter der Abendwind flsterte. Ich nahm und las mit
leidlicher Fassung, was die Verzweiflung geschrieben. - Die zu frh angetretene
Reise in dieser heien Jahreszeit hatte Emils anscheinend leichte Wunde sehr
verschlimmert. Er blieb in Frankfurt, am Wundfieber erkrankt. Bald gesellte sich
ein bsartiges Nervenfieber hinzu. Vergebens wendete Mucius die treueste
Sorgfalt an, vergebens rief er die ttigste Hlfe herbei, die rzte gaben wenig
Hoffnung, sie erklrten, das noch nicht vollendete starke Wachstum des Kranken
habe, verbunden mit den Mhseligkeiten des Feldzugs, die Natur zu sehr
erschpft, sie versage die Untersttzung. So schlummerte der holde Jngling
sanft und bewutlos zu einem schneren Leben hinber, beklagt und geliebt,
selbst von denen, welche ihn nur in seiner Krankheit kannten. Die Tchter des
Wirtes weinten um den schnen Toten und gelobten, Rosen um seinen stillen Hgel
zu pflanzen. Mucius hatte, die Erlaubnis seines Feldherrn benutzend, den Dienst
schon verlassen, um seinen Freund zu uns zu geleiten, wo ihm die Myrten der
Liebe winkten. Jetzt fiel ihm der Gedanke zentnerschwer auf das Herz, ohne den
Geliebten, den Pflege- und Schutzbefohlenen, vor der verzweifelnden Mutter zu
erscheinen. Es schien ihm unmglich, unsern vereinten Jammer zu tragen. Angst
und Verzweiflung trieben ihn, bei einem Regimente wieder Dienste zu nehmen,
welches durch Frankfurt nach Spanien marschierte. Er wollte den Tod suchen.
Jetzt schrieb er mir aus einer Entfernung von wenigen Meilen, er fhle sich
nicht stark genug, mich noch einmal zu sehen, auch erlaubten es seine
Dienstverhltnisse nicht. Er sagte mir ewiges Lebewohl und fgte nur ganz von
ungefhr hinzu, der Marsch gehe ber Bellegarde und er hoffe, seinen Oheim noch
einmal zu umarmen.
    Im Nu verstand ich jetzt, was der Vater gemeint. Wir mssen hin! rief ich
und sprang auf, wir mssen hin!, und dahin flog ich, mit des Windes Eile
unsrer Wohnung zu. Im Hofe wurde ein Reisewagen bereitet. Ich strzte hastig ins
Zimmer. Wir mssen hin! ja wir mssen hin! - Freilich, sagte mein Vater,
indem er mir ein Zeichen gab und den Finger an die Lippen drckte. Ich schwieg
und suchte mich zu sammeln. Meine Mutter stand uns abgewandt, einige
Kleidungsstcke zusammenlegend, sie wandte sich um, da sie meine Gegenwart
bemerkte, sie war sehr bleich, und ihre Glieder zitterten. Weit du das Unglck
schon? fragte sie. Ich schwieg und bedeckte das Gesicht mit beiden Hnden. Wir
mssen hin! fuhr sie fort, vielleicht ist noch Rettung mglich. Ich merkte
mit innerem Beben, da sie das Schrecklichste noch nicht wute. Sie trieb mich,
etwas Wsche zu packen, ich gehorchte zum Scheine. Nach einer halben Stunde
saen wir alle drei im Wagen und fuhren der furchtbaren Entwickelung entgegen.
Meine Mutter sprach unaufhrlich von der traurigen Lage ihres Sohnes: gefhrlich
krank, so fern von den Seinen, ohne zarte weibliche Pflege, voll Sehnsucht nach
uns. Ich schluchzte und schwieg. Dann kam sie auf den Gedanken, man habe sie
gleich anfangs ber seine Wunde getuscht, es sei viel gefhrlicher gewesen, er
sei grlich verstmmelt. Ihre Einbildungskraft erhitzte sich und schuf
schreckliche Bilder seines Zustandes. Mein Vater widersprach nicht und wies sie
nur sanft auf den Willen des Ewigen hin, ohne welchen kein Haar von unserm
Haupte falle. Es wollte keine Wirkung tun auf ihren sonst so religisen Sinn,
sie haderte mit Gott und den Menschen. Ein Krppel auf Lebenszeit! rief sie
heftig, unntz der Welt, sich selber eine Last! - Freilich, sagte mein
Vater, einem Zustande, wie du ihn schilderst, wre der Tod vorzuziehn, wrde es
in die Wahl des Menschen gestellt. Er malte das Bild der Mglichkeit noch
weiter aus. Nein, lieber tot! schrie meine Mutter, lieber tot! Herr des
Himmels, hre mich! kann ich ihn nicht mehr glcklich sehn, so nimm ihn mir! ich
will ihn lieber missen, als da er leide. - Klara! teure, geliebte Klara, bat
mein Vater, gedenke dieses Ausspruchs, gedenke deines Gelbdes. Das Schicksal
knnte dich mchtig ergreifen. Ich bckte mich auf ihre Knie nieder und
berstrmte sie mit meinen Trnen. Sie versank in tiefes Schweigen, wir
schwiegen alle. So fuhren wir den brigen Teil der Nacht hindurch, bis die
Morgenrte hervorbrach. Die ersten Strahlen des Lichts regten meine Mutter
wieder zu einigem klaren Bewutsein auf. Sie betrachtete bald die Gegenstnde am
Wege mit Aufmerksamkeit, bald forschte sie auf unsern Gesichtern. Mir wollte das
Herz zerspringen, und der Vater mute sich fast immer seitwrts wenden, um den
schrecklichen Kampf seines Innern zu verbergen. Pltzlich fuhr sie mit dem Kopf
zum Schlage hinaus und sah rckwrts. Die Sonne sandte eben ihre ersten
Purpurstrahlen herauf. Sie fuhr erschrocken zurck. Wir fahren der Sonne nicht
entgegen, sagte sie fast vernichtet, gegen Abend kann Frankfurt nicht liegen.
Wohin fhrt ihr mich? fragte sie strker und fate krampfhaft die Hand meines
Vaters. Die Stimme versagte ihm den Dienst. Wohin fhrt ihr mich? Virginia, bei
deiner Seligkeit! wohin? - Nach Monthameau, stammelte ich leise. Sie warf
irre Blicke wechselnd auf uns. Dort kann er nicht sein, stie sie endlich
hervor, er ist tot. - Du sagst es, brachte mhsam mein Vater hervor, indem
er erschpft zurcksank und das Gesicht mit seinem Tuche verhllte. Auch mich
la eine Hlle ber diese schreckliche Szene werfen. Den hchsten Schmerz vermag
keine Feder zu beschreiben, wie ihn kein Pinsel zu malen wagen sollte. O Adele,
wie leicht trgt sich eigenes Leiden gegen das zerreiende Mitgefhl bei dem
Schmerze geliebter Personen! Der Jammer meines eigenen frischblutenden Herzens
wurde in jenen Stunden kaum von mir empfunden.

Anfangs wollte die Mutter, als sie wieder zu einiger Besinnung kam, durchaus
umkehren, sie wollte Mucius nicht sehn. Willst du den treuen Pfleger deines
Sohnes nicht an dein Herz schlieen? fragte mein Vater sanft verweisend,
willst du den treuen Jngling nicht hren, der dir die letzten Gre seines
Bruders bringt? willst du nicht hren, wie er starb? Diese Vorstellungen
wirkten, und wir kamen gegen Abend in Monthameau an.
    Bleicher Schrecken malte sich auf allen Gesichtern, als man uns erblickte.
Mucius glhete einen Augenblick auf in Freude, als er, beim Eintritt in das
Zimmer, mich erblickte. Aber nur einen Augenblick. Blsse des Todes scheuchte
den rtlichen Schimmer hinweg, er strzte auer sich zu den Fen meiner Mutter
und rief in Tnen der Verzweiflung: Ich bringe ihn nicht zurck! Halb
bewutlos sank die Mutter auf seine Schulter hinab. Alles schluchzte, und es
verging eine geraume Zeit, ehe ein Wort die Grabesstille unterbrach. Nach und
nach lste sich dann freilich der starre Schmerz in laute Klagen auf. Es wurde
gefragt und erzhlt, und die Mitternacht rckte heran bei traurigen Gesprchen.
Die Natur forderte endlich ihre Rechte, und Schlaf sank auf die mde geweinten
Augen herab. Die Morgensonne weckte uns zu neuem Jammer. Mir insbesondre stand
der herbe Schmerz der Trennung von Mucius bevor. Du hast noch nie geliebt, meine
Adele, Du hast also keine Vorstellung von dem Schmerz, dem Geliebten ein ewiges
Lebewohl zu sagen. Ach! und wir fhlten klar und lebendig, es sei das letztemal
fr diese Welt, da unsre Herzen aneinanderschlugen, unser Ohr die sen Tne
der geliebten Lippen vernahm. Aber das Schicksal, das unerbittliche, hatte kein
Erbarmen mit unserm Jammer. Es mute geschieden sein. Mucius mute dem Regimente
nacheilen, der Ehre die Liebe weichen; er warf sich halb sinnlos auf das Pferd
und war in einem Augenblick fr immer verschwunden, der leuchtende Stern auf
meiner Lebensbahn fr immer erloschen! Marie schlo mich laut weinend in ihre
Arme. Unglckliche Marie! unglcklichere Virginia! rief sie mit tiefem Jammer.
Wir haben ihn beide verloren! sagte ich und drckte sie an meine Brust. Mein
Vater ergriff zrtlich meine Hand. Fr Virginia frchte ich nicht, sagte er
mit Vertrauen, ihr mnnlicher Geist wird das Unvermeidliche tragen lernen.
Diese einfachen Worte von dem verehrten Munde erhoben meine sinkende Kraft, ich
verschlo meinen Gram tief im Busen und vermochte es, mich hlfreich und
teilnehmend mit meiner unglcklichen Umgebung zu beschftigen. Viel lernt der
Mensch im Leiden, es ist das eigentliche Seelenbad. Gro ist die Kraft des
Menschen, wenn er nur den Willen hat, sie aufzurufen. Nicht den Schlgen des
Schicksals erliegt der Mut, er wird nur von der eignen Schwche gelhmt. Unsre
Rckreise war jammervoll, soviel Beruhigung uns auch die weinende Familie des
guten Frsters nachgewnscht. Noch trostloser war unsre Ankunft in Chaumerive,
in den herzlichen Trnen jedes Einwohners spiegelte sich aufs neue unser
unersetzlicher Verlust. Meine Mutter kleidete das ganze Haus in Trauer und lie
jeden Morgen eine Seelenmesse fr den teuren Toten lesen. Ach, die Ruhe ihrer
eignen Seele stellte keine Messe her! Mein Vater lie sie gewhren, so wie er
die ihr anerzogenen Begriffe nie bestritt. Er hatte den Grundsatz, bersinnliche
Dinge msse jeder nach seiner Einsicht abmachen. Seine eigne berzeugung hatte
sich immer frei von Menschensatzungen erhalten. Ich wnschte, sagte er mit
leisem Kopfschtteln, der Glaube der Kirche und ihr vorgeschriebenes Zeremonial
knnten dieses liebe gebrochene Herz heilen! Er traf gar keine Anstalten fr
seinen Gram, aber er gab sich emsiger seinen Geschften hin und suchte mehr als
je den Wohlstand und die geistige Ausbildung der Gemeinde zu befrdern, und
allmhlich kehrte eine sanfte Heiterkeit in sein Gemt zurck. Nur wenn sein
Auge auf meine Mutter traf, trbte sich sein Blick. Ich suchte seinem Beispiele
zu folgen, auch zwang mich die Lage der Umstnde, den tiefen stillen Gram zu
zgeln.
    Meine Mutter wurde immer schwcher, sie nahm an keinem irdischen Geschfte
mehr teil und lebte nur noch ihren Andachtsbungen. Vergebens suchten wir sie
auf alle Weise zu erheitern, sie war nicht wieder fr das Leben zu gewinnen. Mir
lagen nun die Geschfte des Haushalts ob, und unbeschrnkt in diesem Kreise,
lernte ich mich bald darein finden. So schwand mir der Winter trbe, aber nicht
allzu langsam vorber. Mucius hatte mehrmals geschrieben; er war mit seiner Lage
nicht zufrieden. Er achtete die Kraft der Spanier und hate die Triebfedern,
wodurch diese gespannt wurde. Dies brachte ihn mit sich selbst in Streit.
Sehnlich wnschte er der englischen Macht entgegengefhrt zu werden, welcher er,
mit ungeteiltem Sinn, feindlich begegnen wrde. brigens erhob sich sein
jugendliches Herz allmhlich wieder zur Hoffnung. Er wnschte und rechnete
darauf, mich wiederzusehen.

Der neue Frhling war hoffnungs- und segensreich in Frankreich eingezogen. Eine
hohe Nationalfreude belebte jedermann, bis zu den Htten herab begrte man
einander mit frohem Jubel. Ganz Frankreich jauchzte der jungen schnen
Kaiserbraut entgegen, diesem sanften Friedensengel, der knftigen Mutter eines
starken Geschlechts.
    Auch in unserm kleinen Kreise wurde fast von nichts als von dieser frohen
Begebenheit gesprochen. Mein Vater nahm daran all den Anteil, den er immer an
dem Wohl seines Landes und dem Ruhm unsers gekrnten Helden zu nehmen pflegte.
Meine Mutter aber schien diese Frhlichkeit nur zu schmerzen. Zu spt, seufzte
sie, mute ich ein so teures Opfer bringen, damit der Friede einzge! - Oh,
Mutter! rief ich im Auflodern meiner alten Begeisterung, Emil starb, weil
seine Tage gezhlt waren. Wre es aber mglich, da die Gottheit ein
Menschenopfer annhme fr Frankreichs Frieden, Freiheit und Glck, so wollte ich
ja, mit tausend Freuden, noch heute mein Blut tropfenweise dafr vergieen!
Mein Vater drckte mir schweigend die Hand, meine Mutter sahe mich mit starren
Blicken an, schttelte dann langsam den Kopf, fate nach ihrem Rosenkranz und
versank wieder in stillen Gram.
    Die Tage der allgemeinen Freude wurden uns Tage der Trauer. Mitten unter den
Vermhlungsfeierlichkeiten starb meine arme gute Mutter in meinen Armen. Mein
Vater kmpfte mnnlich mit seinem herben Schmerz. Er kte den kalten Mund der
Geliebten mit zrtlicher Wehmut. Ruhe sanft, holde Klara! sagte er, die
Erdenleiden drcken jetzt dein armes Herz nicht mehr, stiller Friede ruht auf
deiner reinen Stirn, ich will nicht klagen, da du glcklich bist, ich will mich
deines Friedens freuen. Auch ich empfand wie er, ich weinte um ihren Verlust,
aber ich freute mich ihrer Ruhe und schmckte ihren Sarg mit den buntesten
Kindern des Frhlings. Ach! oft noch, wenn ich ihren Hgel mit Rosen umkrnzt,
habe ich sie glcklich gepriesen, da der Tod sie so frh gegen die Strme der
Zeit in seine dunkle Wohnung gerettet. Ihrer Seele fehlte die ideale Richtung
und der mutige Wille, womit man allein so ungeheure Schicksale zu bestehen
vermag.
    Einsamer und stiller lebten wir nun fort, aber ruhig und heiter. Wir
freueten uns des allgemeinen Wohls und strebten nach Krften, es zu frdern.
Mucius' Briefe blieben im Herbste des Jahres 1810 pltzlich aus, und auch die
genauesten Erkundigungen konnten uns keine Nachricht verschaffen. Lange schon
war ich auf seinen Verlust vorbereitet, doch schmerzte er mich darum nicht
weniger tief. Meine Seele wehrte sich lange, daran zu glauben, bis mehrere
zurckkommende Soldaten seines Regiments uns versicherten, sie htten ihn bei
der Einnahme von Victoria auf der Brcke vordringen und, den Adler in der Hand,
die Freiwilligen des Korps aufmunternd hinberfhren sehen. Auf der Mitte aber
sei er ber das niedrige Gelnder herabgedrngt und unfehlbar von dem reienden
Strome verschlungen worden, da man ihn nicht wieder gesehen habe. Nun war es
entschieden, mir blieb nichts zu hoffen, nichts zu frchten brig, so glaubte
ich wenigstens und richtete mich an diesem traurigen Troste gewaltsam auf.
Jetzt bin ich nichts als deine Tochter! rief ich und warf mich um meines
Vaters Hals. Wir bleiben uns, sagte er und drckte mich zrtlich an die Brust.
Auch er trauerte schmerzlich ber den Verlust des wackern Jnglings, er hatte
ihn als Sohn geliebt. Wir redeten oft von den lieben Verlorenen und labten uns
an der Erinnerung ihres irdischen Daseins. Das ist das Los des Schnen auf der
Erde, sagte mein Vater, da es schnell verblht!
    So verlebten wir unsere Wintertage. Ich spielte die Harfe fleiiger als je
und sang manches neue Lied, das fr unsere Lage pate und meinen Vater
erfreuete. Dieser suchte seine Studien wieder hervor, setzte mit mir den
Unterricht in den neueren Sprachen eifrig fort oder bersetzte fr mich die
trefflichsten Stellen der Klassiker. Das Studium der Geschichte, besonders der
ltern, fllte regelmig unsere Abendstunden, wobei es nicht an Vergleichungen
fehlte, welche mancher neuerlich aufgestellten Meinung nicht sehr gnstig waren.
Ich beschftigte mich daneben aufs emsigste mit knstlicher Stickerei und
Weberei, wobei mich mein Vater lchelnd mit Penelope verglich.
    Als die Hirtenflten wieder durch die Tler tnten, hpfte auch ich wieder
kindlich froh ber die blumigen Matten. Das leichte Blut meiner Heimat
verleugnet sich nicht lange in dem jugendlichen Herzen, es wirft die schwarze,
trbe Mischung hinaus und hpft frhlich durch die Adern; so auch bei mir. Wenn
ich zum Sternenhimmel aufsah und weinend an meinen Mucius dachte, so entzckte
mich doch bald das Flten der Nachtigallen und der tausendstimmige Chor der
Abendvgel umher. Die Balsamdfte der Bltengebsche zogen lindernd in meine
Brust, und der schmeichelnde Abendwind trocknete mein feuchtes Auge. Wenn ich
Blumen pflckte, das Grab der Mutter und Emils teures Bildnis zu krnzen, so
erfreute mich ihr Farbenschmelz, und ich wand mir schon wieder spielend
diejenigen in das Haar, deren Anblick den Vater erfreute. Seinem Arbeitstische
lie ich sie nimmer fehlen, und bei jeder Mahlzeit schmckte ich sorgsam die
Tafel damit. Den Tnzen unserer Drferinnen entzog ich mich nicht mehr, die
Besuche meiner nachbarlichen Gespielinnen erwiderte ich willig und stimmte
heiter in die jugendliche Frhlichkeit ein. Mein Vater freute sich meiner
Heiterkeit. Der Mut, womit ich den Gram bekmpfte und dem feindseligen Leben
eine freundliche Seite abgewann, lag so ganz in seiner eigenen Seele. Kein
Wunder, ich war ja sein Zgling. Wie leicht war es mir damals, mich
aufrechtzuerhalten, an eine so starke Sttze gelehnt! Wie wenig ahndete ich
damals, da das Schicksal mich so bald an meine eigene Kraft verweisen wrde!
Die feste Gesundheit und die noch jugendliche Kraft meines Vaters gaben mir
kindliche Sicherheit, und Ruhe, Zufriedenheit und Wohlsein herrschten in dem
ganzen mir bekannten Lebenskreise. Htte ich es denken knnen, da dies mein
letzter froher Frhling, wenigstens der letzte auf meines Frankreichs lieben
Fluren, in den blhenden Tlern meiner schnen Provence, sein wrde? Denken
konnte ich es nicht, aber meine Seele schien ein dunkles Vorgefhl zu hegen.
Denn liebender als je hing ich mich an jeden mir irgend werten Gegenstand, als
knnte er mir ber Nacht entrissen werden. Mit durstigen Zgen trank ich jede
Naturschnheit, jede Frhlingslust, wie der heitere Sterbende noch begierig den
Duft der Blten und die Strahlen des Lichts empfngt. Selbst da blieb ich noch
lebensfroh, als schon mein Vater bisweilen besorgt den Kopf schttelte. Ich
hrte wohl von einem neuen Kriegeszuge gegen Norden, aber ich hatte ja dabei
nichts zu verlieren. Ich war unter Kriegern aufgewachsen, wie Frankreichs ganze
Jugend; uns konnte das Wort Krieg nicht in dem Grade erschrecken, als es wohl
Vlker erschreckt, welche lange der Ruhe des Friedens genossen. Frankreich war
im Innren glcklich und blickte vertrauend und sicher auf seinen khnen Helden.
Das Heer liebte den Kampf, und die jungen Konskribierten ergnzten es im Gefhl
der Nationalehre meistens mit viel gutem Willen. Fand sich mitunter eine
Ausnahme, so nannte meistenteils die ffentliche Meinung seinen Namen hchst
mibilligend. Frankreichs Sicherheit in seiner Macht! das war seit fast
zwanzig Jahren das Losungswort. Die Nachwelt wird richten, wenn ein Irrtum dabei
obgewaltet, sie wird scheiden, was die Umstnde, was Willkr herbeigefhrt, was
Ehrgeiz, was Notwehr. Aber nur erst an ferne Jahrhunderte kann der Unterdrckte
appellieren, die Gegenwart hat die Glser zu stark gefrbt. - Mir schien fr den
Augenblick das Unternehmen gigantisch und fabelhaft, ein neuer Alexanderzug nach
Indien. Aber auf welchem Wege? mir schauderte, wenn ich mir ihn malte! tief
hinein nach Norden, durch Rulands Schneegefilde, durch seine menschenleeren,
ewig wsten Steppen. Wie dankte ich Gott, da nicht Mucius, nicht Emil diesen
abenteuerlichen Zug begleiten durften, welchen ich mir so gefahrvoll und
schrecklich dachte. Nichtsdestoweniger wurde meine fruchtbare Einbildungskraft
diesmal noch von der Wirklichkeit bertroffen; ein seltner Fall. Doch trstete
ich mich wieder damit, da ganz Deutschland mit uns im Bunde war. Diese Nachbarn
des eisigen Nordens waren ja mit seinen Beschwerlichkeiten vertraut, wuten
ihnen zu begegnen und konnten unsern Kriegern sehr hlfreich sein.
    Sommer und Herbst des Jahres 1812 verstrichen uns abwechselnd unter
Beschftigungen und Vergngen. Man trank in dem lieblichen Weine der vorigen
Lese die Gesundheit der Heerfhrer und manches einzelnen Kriegers, man hoffte
zuversichtlich, sie bald und siegreich wiederzusehn, nur mein Vater schien leise
Zweifel zu hegen. Er hatte in einem Briefe an Victor, welcher jetzt einen hohen
Rang bekleidete, seine Besorgnisse ausgesprochen. Bah! antwortete dieser, es
ist ja nicht unser Lehrwerk! - Die Sehne wird zu lang gedehnt, sagte mein
Vater, der Sttzpunkt ist zu fern, sie reit. - Denken Sie an die Rmerzge
nach dem entfernten Albion, trstete unser Abendgenosse, der freundliche
Pfarrer. Und rechnen Sie Polen, welches sich voll Freiheitshoffnung und
Rachgefhl erhebt, fr nichts? Es ist als ein zweiter Sttzpunkt anzusehn. -
Zu schwach! sagte mein Vater. Oh, mein Vater! rief ich, in einem Volke, dem
dies geboten wurde, mu jeder einzelne ein Held werden. Mein armes Polen! nicht
erobert, nein, mitten im Frieden durch einige Federstriche mchtiger Nachbarn
zerteilt, zerrissen, dann das strubende Volk gleich einem Rebellenhaufen
behandelt. Und gleichwohl beruft man sich auf Moralitt und Gerechtigkeit, wenn
das Eisen nicht mchtig genug ist.

Der Winter trat auch bei uns frher und unfreundlicher ein als gewhnlich. Jedes
rauhe Lftchen prete mir einen leisen Seufzer aus. Wie kalt mag es im Norden
sein? dachte ich. Oh, dieser unselige Winter! Wieviel Trnen hat er Frankreichs
Mttern und Bruten gekostet! Vernichtet das schnste Heer von Europa! Die
Nachricht traf wie ein Donnerschlag das ganze Reich. Ich erstarrte vor Schrecken
und Graus. Selig sind die Toten! rief ich mit aufgehobnen Armen; sie haben
diese Tage nicht gesehen. - Wohl sind sie seligzupreisen! sagte mein Vater,
und Trnen benetzten sein mnnliches Auge. Frankreichs Heldenblte gefallen,
sein kriegerischer Ruhm befleckt! o Tage des Jammers! Aber nichts ntzen
weibische Trnen, fuhr er fort, sich die Augen trocknend, es mu gehandelt
werden, da wir uns wieder aufrichten von dem tiefen Fall. In den Tagen der
Gefahr mu jeder sich um so fester an den Fhrer schlieen; nur vereinter,
mutiger Wille und aufopfernder Sinn knnen retten, wo Klgeln und Absondern ins
Verderben fhren.
    Sein mnnlicher Sinn wurde bald der allgemeine, wenigstens dem Anscheine
nach. Der unglckliche Kaiser fand ein treues Volk wieder, welches seinen
eigenen Schmerz verga, um den verehrten Herrscher zu trsten. Er hatte nichts
verloren.
    Ein neues Heer zog bald dem nahenden Feinde entgegen, und in gespannter
Erwartung wendeten sich alle Blicke gen Osten. Deutschland fiel ab von dem Bunde
mit uns, diese Vormauer gegen den andringenden Kolo des Nordens war nicht mehr.
Tief schmerzte dieser Abfall mein Volk. Mancher schmhte die tapfern Deutschen,
doch ich teilte diese Ansicht nicht. Die Deutschen hatten recht, sobald sie blo
den Druck des Augenblicks in Betracht zogen; und wie konnten sie anders? Die
Last des Krieges hatte jahrelang jeden einzelnen gedrckt, sein Ursprung war
vergessen und von der Menge unbeachtet, der Sinn fr Freiheit und Menschenrecht
allgemeiner und lebhafter geworden. Sie fhlten sich gefesselt, klagten
Frankreich deshalb an, erhoben sich in ihrer Kraft, wie einst gegen das Joch der
Rmer, und siegten wie damals. Gebe Gott, da ihre blutige Saat ihnen goldene
Frchte trage! Der Volkswille ist mir etwas Ehrenwertes, und deshalb achte ich
die daraus entsprungenen Grotaten der Deutschen, wie tief auch die Wunden sind,
welche sie mir und meinem Frankreich schlugen. Mge das Gefhl ihrer Kraft nie
wieder in ihnen entschlummern, so gelingt ihnen vielleicht einst, was Frankreich
vergebens gewollt.
    Mein Vater sahe dem immer nher sich heranwlzenden Ungewitter des Krieges
mit ernsten Blicken entgegen. Er traf Vorkehrungen, welche ich oft nicht ganz
begriff, beschrnkte unsere Ausgaben und suchte die Einnahme auf jede Weise zu
erhhen, selbst durch Verkufe, welche nicht vllig den Wert der Dinge
erreichten. Die Zeit wird bse, sagte er, man kann der baren Hlfsquellen
nicht zuviel haben. Dabei war er der pnktlichste Zahler jeder ffentlichen
Abgabe, der freigebigste bei jedem freiwilligen Beitrage. Alle Vergnstigungen,
welche er schon lngst den Einwohnern auf unsern Besitzungen zugestanden, suchte
er gerichtlich auf Kinder und Kindeskinder hinaus sicherzustellen und bewies
darin eine ngstlichkeit, welche mich in Verwunderung setzte. berhaupt handelte
und redete er oft in dem Sinne eines Sterbenden, der seine Rechnung mit der Welt
und dem Himmel abschliet obschon er blhend und in Lebensflle vor mir stand.
Wenn ich ihn dann ngstlich umarmte und ihm fragend ins Auge sahe, blickte er
mich heiter an. Meine Virginia, sagte er, wird begreifen, was not tut, wenn
es not tut; und wird tragen, was Pflicht und Ehre gebieten. - Oh, mein Vater,
rief ich, nach so groem Verlust, was kann ich noch verlieren? - Verliere nur
dich selbst nicht, so hast du nichts verloren! sagte er ernst. Und ewig hallt
dies Wort in meiner Seele wider.
    Es war ein rauher Novembertag, der Sturm heulte durch den Sulengang des
Gebudes und jagte die Bltter der hohen Ulmen an unsern Fenstern vorber; wir
hatten uns zum freundlich leuchtenden Kamine geflchtet, als der Pfarrer frher
und eiliger als gewhnlich in das Zimmer trat. Wissen Sie? fragte er
ngstlich. Was? fragten wir. Das Gercht ist bse, sagte er stockend, die
Feinde haben den Rheinbergang gewagt und keinen Widerstand gefunden. Wir
schwiegen in starrer Bestrzung. So erfllt sie sich denn, brach endlich mein
Vater aus, jene dunkle Ahndung, welche ich bisher wie ein formloses
Nachtgespenst auf mich zuschreiten sahe, welche ich weder mir selbst
klarzumachen noch andern mitzuteilen wagte! Jetzt ist es entschieden, und jeder
Franzose mu einsehen, da ihm nur eins zu tun brigbleibt: jede Faust mu sich
bewaffnen, den Thron zu schtzen und den eigenen Herd. Er schwieg und blickte
erwartungsvoll auf uns. Mir stockte die Sprache. Und du, Virginia? fragte er
nach einer Pause, du uerst nichts? - Auch du, mein Vater? fragte ich
zitternd. Bin ich nicht des Vaterlandes Sohn? sagte er. Sein edelster! rief
ich, und mein Mut kehrte wieder. Ja, mein Vater, ich sehe, was du mut, und
keine weibische Trne soll dich hindern. Sorge nicht um deine Tochter, sie wird
zu sterben wissen. - Auch zu leben, hoffe ich, sagte er und zog mich an seine
Brust. Dem Unglcke durch den Tod entlaufen ist eine feige Flucht, sie entehrt,
und nur die Schande darf man nicht berleben. Versprich mir, mutig fortzuwirken,
dich an die eigene Kraft zu halten, auch wenn die letzte Sttze bricht, und dir
selber treu zu bleiben in diesen Zeiten des Verrats. - Ich schwre, mein
Vater! rief ich schluchzend, ich schwre, deiner wert zu bleiben durch alle
Zeiten! - Ihr frommer Sinn wird Sie strken, mein Frulein, sagte der wackre
Pfarrer. Virginia trgt das Gttliche im Busen, das ber alle Form erhaben
ist, erwiderte mein Vater. Gerhrt und begeistert hob ich die Hnde gen Himmel
und rief: Ich will! willst du nur, da ich wolle.

Nun trieb mein Vater eifrig zu seiner Bewaffnung. Ein Teil unserer Dienerschaft
und viele der Einwohner folgten seinem Beispiel. Man hoffte anfangs eine
allgemeine Landwehr eingerichtet zu sehn, sie kam aber, wenigstens in unsern
sdlichen Provinzen, nicht zustande. So mssen wir denn das Heer verstrken,
sagte mein Vater und machte sich zur Abreise bereit. La mich mit dir gehen,
Vater! flehte ich. Weiber gehren nicht in den Kampf, sagte er, ihre
Teilnahme an kriegerischen Auftritten ist eine Unnatur, welche sich nur
entschuldigen lt, wenn sie unfreiwillig dazu gezwungen werden. - Auch erbebt
mein Inneres vor Blut und Mord, erwiderte ich; aber la mich dir wenigstens
nahe sein, da ich oft von dir hre, du bist ja mein alles auf der Welt. - Nun
wohl, entgegnete er, wir reisen zusammen, zuvrderst nach Paris. Dies ist der
Punkt, wohin die Feinde streben, das Herz des Staats, von dort mu auch die
Verteidigung ausgehn. Der alte ehrliche Antoine und deine treue Manon sollen uns
begleiten. - Ich traf meine Anstalten, und der Vater versah mich reichlich mit
Gelde fr eine lange Abwesenheit. Am Abend vor unserer Abreise befahl er mir,
die Leute zeitig zur Ruhe zu schicken und, wenn alles schliefe, auf sein Zimmer
zu kommen; ich gehorchte. Als ich bei ihm eintrat, hatte er ein Kstchen offen
auf dem Tische stehen. Siehe, Virginia, sagte er, hier ist, was ich lngst
fr Zeiten der Not gespart, unsre einfache Lebensweise machte mir es mglich.
Hier sind fnftausend Napoleondor und eine gleiche Summe in amerikanischen
Staatspapieren. Sollte ich das Ende dieses Kampfes fr unsre Unabhngigkeit
nicht erleben und das Vaterland sich in Geldverlegenheit befinden, dann hilf du
statt meiner; gib dem Kaiser, was des Kaisers ist, unter der von ihm
hergestellten und geschtzten Ordnung wurde es erworben. Geht alles, was ich
nimmer denken mag, geht alles in Trmmer, nun so rette dich selbst. Er schlo
das Kstchen, lud es, schwer tragend, auf seine Schulter, reichte mir eine
Blendlaterne und Werkzeug, und wir gingen schweigend den Weg zur Kapelle. Hier
nahmen wir das Marienbild herunter, ffneten eine unbemerkbare Hhlung des
Gemuers, schoben das Kstchen hinein, schlossen sie ebenso unbemerkbar wieder
und hingen das Bild an seine Stelle. Werde ich diese heilige Sttte wiedersehen?
fragte leise mein Herz. Ich sank kniend auf die Stufen des Altars und betete:
Du Ewiger, gib mir Kraft! - Darum flehe auch ich, Du Unerforschlicher! rief
mein Vater und kniete neben mich. Der Anblick erschtterte mich tief, ich hatte
nie ihn so bewegt gesehn. Oh, fuhr er in seiner betenden Betrachtung fort,
Deine Wege sind dunkel; die Frage Warum? drngt sich auf jede Lippe, und jeder
beantwortet sie nach seiner Einsicht und wie es ihm selbst frommt. Ich wei, da
alle Einsicht nur menschliche und Irren das allgemeine Los der Sterblichen ist;
doch bleibt das beste Wissen und der reinste Wille immer die einzig sichre
Richtschnur; auch ich folge ihr, der Ausgang steht bei Dir. Segne mein
Vaterland! doch mu es jetzt untergehen zum Wohl knftiger Geschlechter, zum
Wohl der ganzen Menschheit, so gib uns zur Entsagung Kraft, und la uns edel
fallen.
    Er erhob sich mutig und zog auch mich in seine Arme empor. Wir gingen
gestrkt und mit neuem Vertrauen in unsre Wohnung zurck, um uns durch Ruhe zu
krftigen fr den schmerzlichen Abschied.
    Weinend umringten uns am Morgen die Bewohner der umliegenden Gegend. Es war
eine einzige groe Familie, welche von ihrem Vater Abschied nahm. Segenswnsche
erfllten die Luft; die junge Mannschaft, welche freiwillig Dienste nehmen
wollte, stand ebenfalls bereit, sie hatte sich beritten gemacht und wollte uns
begleiten, doch nur unter meines Vaters Anfhrung fechten. Die Greise gaben den
Jnglingen krftige Ermahnungen mit, und selbst die Mtter zitterten nicht fr
das Leben ihrer Shne, sondern empfahlen ihnen nur Sorgfalt fr die Erhaltung
ihres guten Herrn. Beschtzet unsern Vater, beschirmt ihn mit Gefahr, mit
Aufopferung eures Lebens! riefen sie uns noch lange nach. Mein Vater war tief
gerhrt, und meine Trnen flossen reichlich. - Der Weg nach Paris war mit
Truppen bedeckt, welche aus allen Richtungen zu den Armeen eilten. Mein Vater
war lange unschlssig, welcher er sich anschlieen sollte; indessen setzten wir
unsern Weg fort, weil er mich erst in die Hauptstadt, als den sichersten
Aufenthalt, geleiten wollte. Wir langten an einem heitern Tage vor derselben an.
Zu jeder anderen Zeit wrde mich der Anblick so vieler Pracht und des wogenden
Getmmels mit Entzcken erfllt haben, jetzt aber war meine Seele zwischen
schreckender Gegenwart und banger Ahndung geteilt. Doch gewann Paris, in
geschichtlicher Hinsicht, bald ein Interesse fr mich, welches mich in etwas von
meiner eignen Gegenwart abzog. Alle Erzhlungen aus den Tagen meiner Kindheit
vergegenwrtigten sich mir. Hier war der Schauplatz jenes groen Trauerspiels,
welches ehemals mit seinen Greuelszenen, mit seinen Grotaten mich wechselnd mit
Schauder und mit Freudentrnen erfllte. Wie oft hatte ich mich hierher
gewnscht! Jetzt war ich da, und mrchenhaft schien mir die rauhe Wirklichkeit.
Hier hatte die furchtbare Bastille gestanden; dort war aber auch wieder die
schreckliche Guillotine permanent ttig gewesen. Diesen altertmlichen Dom hatte
man damals zum Tempel der Vernunft geweiht; dort erhob sich im groen reinen
Stil das majesttische Pantheon. Welche Gegenstnde, den Geist zu beschftigen!
Mich wunderte aber nichts so sehr, als da die Pariser zwischen diesen
Denkmlern so leichtsinnig umherlaufen konnten, haschend nach Tand und leeren
Zerstreuungen, nach dem Genu des Augenblicks. Mein Erstaunen wuchs, als ich
sie, in diesen ernsten Tagen der Bedrngnis, scherzen und witzeln hrte. Es tat
mir wehe, mein Herz blutete.

Persnliche Bekanntschaft veranlate meinen Vater, sich mit seinen Untergebenen
dem Korps des Marschalls Marmont anzuschlieen, mehr noch die Sage, da der
Marschall beauftragt sei, Paris zu decken. Mich hatte er zu der rechtschaffenen
Familie gebracht, bei welcher meine Mutter wohnte, als sie mich gebar. Die
Wirtin war seitdem verwitwet und lebte mit ihren beiden Tchtern, meines Alters,
still und eingezogen. Sie erkannte meinen Vater nach einigen Erluterungen und
konnte sich nicht genug freuen, das kleine Mdchen wiederzusehen, welches sie
bei dessen Geburt zuerst auf ihrem Schoe gewiegt. Sie sind an einem
merkwrdigen Tage geboren, liebes Kind, sagte sie; noch immer hre ich den
Donner des Geschtzes und das Vivatrufen im Augenblick Ihrer Geburt. Wahrlich,
so wird keine Prinzessin begrt! Wir andern Weiber schreckten immer zusammen
bei dem Lrmen; und als nun Ihr Vater ins Zimmer strzte und frei war - ach, du
mein Gott! wir weinten alle wie die Kinder. Aber wir liebten, auch die schne
blasse, unglckliche Frau von ganzem Herzen. Nun, wo ist sie denn, die gute
Mutter? Uns traten Trnen in die Augen bei dieser zuversichtlichen Frage. Die
darauf folgenden Erzhlungen dmpften die Freude der ehrlichen Frau gar sehr,
und unsre vernarbten Wunden brannten von neuem. Mein Vater empfahl mich der
wrdigen Matrone zur mtterlichen Aufsicht. Sorgen Sie nicht, sagte sie, sie
soll meine dritte Tochter sein und mein Augapfel. Verlassen Sie sich auf mich,
und wehren Sie uns nur tapfer den Feind ab. Unser armer Kaiser, Gott segne ihn!
kann sich fast nicht mehr all der Gegner erwehren. Ja, das ist keine Kunst;
viele Hunde sind des Lwen Tod, sagt das Sprchwort. So schwatzte sie
immerfort, whrend sie uns in mein Zimmer fhrte; es war dasselbe, in welchem
meine Mutter mich gebar. Mit unnennbaren Empfindungen warf ich mich auf das
Bett, wo ehemals meine arme Mutter so viele Trnen geweint. Wohl dir, rief ich
aus, da du jetzt dem Erdenschmerz entnommen bist! Was wrde dein Herz
erleiden, httest du auch dies noch erlebt!
    Meine gute Wirtin und ihre freundlichen Tchter taten alles mgliche, mich
nach der Abreise meines Vaters zu erheitern. Manon schlo sich mit ihrer
gewohnten Liebe an mich; der ehrliche Antoine ging tglich auf die Feldpost,
sich nach Briefen fr mich zu erkundigen, welche ich auch recht oft erhielt. Der
Vater hatte mehreren glcklichen Gefechten beigewohnt und sprach mir viel Mut
ein. Die Nachrichten von der Groen Armee lauteten gnstig: der Kaiser sah sich
wieder stark genug, gegen den Rhein vorzurcken; man hoffte, da die Feinde ihm
folgen wrden und mten und da so das Kriegstheater ber unsere Grenzen hinaus
verlegt werden wrde. Eitle menschliche Hoffnung, trgliche Berechnungen des
endlichen Verstandes! im Buche des Schicksals stand es anders geschrieben als in
den Operationsplanen eines erfahrenen Kriegsrats. Der Feind rckte, unbekmmert
um seinen gefhrdeten Rckzug, mit seiner ganzen Macht auf Paris, und der
Marschall Marmont mute auf Verteidigung denken; er besetzte die feste Stellung
von Montmartre. Mein Vater kam bei dieser Gelegenheit noch einmal in die Stadt,
mich mit seiner Gegenwart zu erfreuen. In seiner Gesellschaft befand sich ein
junger Pole von den Lanziers, jetzt Adjoint des Marschalls, ein junger, schner
Mann voll Feuer und Mut, dem Kaiser von ganzem Herzen ergeben. Die natrliche
Leutseligkeit und Zuvorkommenheit meines Vaters machte ihn vorzglich fr Fremde
sehr anziehend, welchen er auch seinerseits immer eine besondre Aufmerksamkeit
widmete, ein Zug in seinem Charakter, welcher mir immer sehr schtzbar gewesen
ist. Er liebte gewi sein Vaterland und seine Mitbrger mit glhender Seele,
wovon sein ganzes Leben und sein Tod unwidersprechliche Beweise gegeben haben.
Er war stolz, ein Franzose zu sein, doch war er nicht eitel, es zu sein, er
erkannte den Wert eines jeden fremden Volkes und konnte diese vornehme
Absonderung durchaus nicht leiden, welche viele fr Vaterlandsliebe ausgeben.
Wir sind ja alle Kinder eines Vaters, pflegte er zu sagen, und noch immer
zeigt dieser gtige Vater, durch seinen gleichverteilten Segen, da wir ihm, im
ganzen, alle gleich wohlgefllig sind. Wir schlagen uns wie unartige Kinder um
das Spielgert, ich hoffe aber, wir werden einst vernnftig genug werden, um uns
alle mit Bruderliebe zu umfassen. Freilich, solange die Flegeljahre noch dauern,
mu jeder die Partei desjenigen nehmen, mit welchem er eine gemeinschaftliche
Mutter hat oder welcher der Schwchere ist oder welcher ihm am meisten recht zu
haben scheint; er mu aber nie vergessen, da er mit den Gegnern einen
gemeinschaftlichen Vater hat, und ist die Fehde vorber, so eifre jeglicher dem
andern nach im Guten und lege nicht durch Maulen oder kindisches Prahlen neuen
Grund zum Streit. Ja htte ich nur ein einziges Stckchen Brot zu geben, ich
wrde es dem hungernden Fremden, vor allen, reichen; denn der einheimische
Bruder fnde eher eine zweite Hlfsquelle als der, welchem des Hauses
Gelegenheit ganz unbekannt ist. So dachte und fhlte mein edler Vater, wenige
werden ihm gleichen. Oh, knnte ich sein schnes Bild malen in der Stunde des
Abschiedes! wie er dastand mit dem festen ruhigen Heldenblick. Freundlich
trocknete er mir die Augen und strich mir die Locken von der Stirn. Arme
Virginia, sagte er, du bist schlimmer daran als wir; wir handeln, du mut das
Schicksal leidend erwarten. Du hast den meisten Mut vonnten. Schaue jeder
Gefahr standhaft und besonnen entgegen, und sie wird kleiner werden. Ich lasse
dich in einer Lage zurck, wo ich fr jedes andere Weib zittern wrde, fr dich
zittre ich nicht, du wirst dir selbst treu und Herr deines Schicksals bleiben.
Ja, mein Freund, sagte er, sich gegen den Polen wendend, in dieser
Mdchenseele liegt mehr Rmersinn und mnnliche Strke als in mancher unsrer
Waffengefhrten. Der Fremde verbeugte sich gegen mich, mehr ehrfurchtsvoll als
hflich; mein Errten zu verbergen, empfahl ich ihm meinen Vater. Sie machen
mich stolz, mein Frulein! sagte der Jngling und drckte meine Hand an seine
heien Lippen; nicht des Kaisers Ehre allein wird mich in diesen heien Tagen
begeistern, Virginia sei mein Feldgeschrei! Vergnnen Sie Ihrem Ritter, Ihre
Farbe zu tragen. Ich erstaunte bei dem Ernst, womit er diese Worte aussprach.
Lchelnd streifte ich das blaue Band aus meinen Haaren und reichte es ihm; er
kte es mit Begeisterung und schlang es um seinen Hals. Dieses kleine
romantische Spiel hatte einige heitere Lichtstrahlen ber die dstre
Abschiedsszene geworfen und wehrte das Vorgefhl ab, welches sonst mein Herz
zersprengt haben wrde. Ich trennte mich von beiden fast in der Stimmung, mit
welcher, in den Liedern unsrer Troubadours, ehemals die Damen ihre Ritter zur
Schlacht ziehen sahen. Mein besonnener Vater unterhielt freundlich diesen
Scherz; doch als er mich zum letztenmal umarmte, fhlte ich ein leises Zittern
in seinen Armen, welches mich pltzlich wie ein ungeheurer, stechender Schmerz
durchbebte. Aber sogleich gefat, setzte er den wohlttigen Scherz fort, indem
er lchelnd sagte: So lebt wohl, mein Frulein, und gedenkt unsrer in Eurem
Gebet. Damit schwang er sich aufs Pferd und verschwand schnell meinen Blicken.
Der junge Pole kte den Zipfel des blauen Bandes, neigte sich und folgte ihm
mit Blitzesschnelle.

Da war ich nun wieder allein, unter lieben freundlichen Menschen zwar, aber doch
allein. Damals war mir dies peinlicher als jetzt. Von meiner Kindheit an war mir
wenigstens der Vater geblieben, mit welchem ich meine Gedanken austauschen
konnte, welcher sie verstand, billigte oder befriedigend berichtigte. Das sollte
von nun an nicht mehr sein. Der kleine Kreis, welcher mich umgab, vermochte nur
untergeordnete Ansichten zu fassen, man berechnete, ob die Lebensmittel teurer
werden wrden; darber hinaus sehnte ich mich auch nicht, denn das leichtsinnige
Rennen und Fahren, das Drngen zu Theatern und andern Schauspielen beleidigte
mich fr den Augenblick in tiefster Seele. Ebenso emprend war es mir, wie die
vornehme und reiche Welt scharenweise davoneilte und, die Sache ihres Landes
feig verloren gebend, nur darauf dachte, sich und ihre Schtze in Sicherheit zu
bringen. Die Zeichen der Zeit sind bse, dachte ich mit Kummer.
    Meine hufigsten, liebsten Spaziergnge waren die Boulevards aux Italiens;
hier war ich dem Montmartre nher, ja ich wagte mich zuweilen, von Antoine und
meinen Gesellschafterinnen begleitet, bis an die Barrieren. Nach wenigen Tagen
vernahm ich Kanonendonner, erst fern, dann nher; bald erfllten kriegerische
Szenen die Vorstadt Montmartre, whrend die eigentliche Stadt ziemlich ruhig
war. Dieser Kontrast war mir auffallend, wenn wir gingen und kamen. Hier eine
geputzte Welt, welche nach den Tuilerien, nach den Champs Elyses lustwandelte;
dort Truppenabteilungen aller Art, Proviantwagen, Geschtz, bewaffnete Brger,
kommend und gehend, Marketender zu Fu und zu Pferde, alles eilend, lrmend, und
zwischen all diesem Gerusch Artilleriesalven, von deren Gewalt die Erde zu
beben schien. Mir war diese Szene so neu und ich wurde so sonderbar davon
ergriffen, da ich fast meine persnliche Lage darber verga. Die Tchter
meiner Wirtin beschworen mich bei allen Heiligen, mit ihnen nach Hause zu gehen,
sie waren voll Furcht und Schrecken, ich aber, wie gefesselt an diesen
Schauplatz, htte ihn gern noch weiter hinaus verlegt. Ja, wenn ich nachgab, um
die Forderungen der erschpften Natur zu befriedigen, so fand ich in der
sicheren Wohnung durchaus keine Ruhe, es zog mich unwiderstehlich zurck nach
jener Gegend. Dachte ich einen Augenblick nach, so war ich mir selbst
unerklrlich. Krieg und Schlachten hatten sonst nur einen geschichtlichen Reiz
fr mich, niemals konnte ich die ausfhrliche Erzhlung eines Augenzeugen ohne
inneres Leiden anhren; die Beschreibung einer Wunde verursachte mir den
heftigsten Schmerz an dem eigenen unverletzten Gliede, und niemals hatte ich
mich entschlieen knnen, auch nur eine Taube oder ein Huhn schlachten zu sehen.
Und jetzt, dem Blutvergieen so nahe, oft blutenden Verwundeten begegnend, und
ich lebte noch? Zu erklren mag es nicht sein, doch fhre ich es an, wie es sich
in der Tat verhielt. Die Besorgnis um den Vater regte sich oft lebhaft in meinem
Herzen, aber der Eindruck, welchen das Ganze auf mich machte, die Gre des
Augenblicks lie sie nie berwiegend werden. So ging und kam ich, in gespannter
Erwartung, teilte den einzelnen Verwundeten meine Tcher und mein Geld mit und
hegte noch immer die Hoffnung eines siegreichen Ausganges, als schon das Gercht
sich verbreitete, man habe Kosaken bis dicht an die Barrieren streifen sehen.
    Nun war kein Verweilen mehr. Man ri mich mit Gewalt fort nach unsrer
Wohnung. Jetzt erst, da ich daheim war, in den eingeschlossenen Zimmern, ergriff
mich die qulendste Unruhe. Eine pltzliche Stille folgte auf den Donner des
Geschtzes; die Straen wurden minder geruschvoll und der; jeder fragte mit
banger Neugier den Nachbar um Nachrichten, diese waren widersprechend und
unsicher. Da lie sich pltzlich Pferdegalopp die Strae hinauf vernehmen,
ahndungsvoll strzte ich an das Fenster. Es war der junge Pole, welcher, mit
Staub bedeckt, vom Pferde sprang. Ein furchtbares Vorgefhl warf mich regungslos
auf einen Sessel, sein Anblick sagte mir das Schrecklichste, noch ehe er die
Lippen ffnete. Verzweiflung rang in seinen Zgen, und Blsse war an die Stelle
seiner Jugendrte getreten. Er sank zu meinen Fen. Verloren! hauchte er
mhsam hervor. Mein Vater? rief ich, fast erstickend. Er zog ein Portefeuille
mit dem Bildnisse meiner Mutter aus seinem Busen. Das letzte Andenken des Edlen
und sein Lebewohl! sagte er kaum vernehmbar. Ich war vernichtet, ich hatte
keine Trnen. Ach, fuhr er fort, Ihr Vater starb beneidenswert! die Schlacht,
sie war noch nicht entschieden und die Hoffnung noch auf unsrer Seite. Mit
seinem Leben hoffte er den Ruhm und die Freiheit seines Vaterlandes erkmpft zu
haben. Es ist vorbei!
    Ich drckte heftig das blutbefleckte Andenken an meinen Mund und sank vor
Schmerz zusammen. Die Frauen eilten mir zu Hlfe. Auf ihre Fragen erfuhren wir,
ach nur zu frh! die fernern Begebenheiten. Man hatte schimpflich kapituliert.
Frankreichs Ehre und die Kaiserkrone wankten; soviel vernahm ich. Mein
Frulein, rief der junge Pole und drckte meine kalte Hand an seine Brust, ich
war sehr khn und hegte eine groe Hoffnung! Ein Traum, er war zu schn! ich bin
herabgestrzt aus allen meinen Himmeln. Verlassen mu ich die kaum Gefundene, zu
ihm ruft mich die Pflicht, er bleibt mein Herr, ihn whlte ich mir zum Stern!
der Tod nur trennt mein Schicksal von dem seinen.
    Ich ermannte mich auf einen Augenblick, das Feuer des Jnglings regte meine
Lebenskraft ein wenig auf. Gehen Sie, sagte ich, gehen Sie, wohin Pflicht und
Ehre Sie rufen, meine Achtung begleitet Sie. Ich neigte mich zu ihm nieder, er
drckte mich leidenschaftlich an seine Brust. Ich gehe, um Ihrer wert zu
bleiben, rief er, leb wohl fr diese Welt! - - ich sah ihn nie wieder. Matt
und in dumpfer Fhllosigkeit fiel ich in die Arme meiner weinenden Manon zurck.

Ich bergehe die zerreienden Empfindungen der nchsten Stunden; sie waren
schrecklich. Keine lindernde Trne wollte meinen brennenden Schmerz khlen, mein
Gehirn brachte nur verworrene grliche Bilder hervor. Da erbarmte sich die
Natur, die gtige, meiner und rettete meine Sinne durch eine betubende
Krankheit. Lange habe ich in Fieberhitze gelegen, dem Anscheine nach ein Raub
des Todes, und nur allmhlich und schwach ordnete sich mein Bewutsein wieder.
In dem Zustande eines Kindes, welches die Gre seines Verlustes noch nicht ganz
begreift, lernte ich den meinigen fassen und ertragen. Er, der meines Lebens
Sonne gewesen, war nicht mehr! Mir grauete in der finsteren Nacht, in welcher
ich allein gelassen war. Aber wie Kinder plaudern, wenn sie sich frchten, so
redete ich leise mit ihm, der mir immer gegenwrtig schien. Ich hrte viel reden
von den Vorfllen des Tages; mein Anteil daran verstrkte sich nur langsam, doch
waren meine Beobachtungen genau und meine Ansichten unverndert. Man uerte
sich berall mit der Behutsamkeit, an welche man sich seit der Schreckenszeit
gewhnt hatte, doch merkte ich leicht an den seichten Trostgrnden, womit man
einander das Unabnderliche in ein vorteilhaftes Licht zu stellen suchte, wie
sehr man des Trostes bedrfe. Ich vermied jede uerung ber das, was mich,
nchst meinem persnlichen Verluste, so schmerzlich bewegte, teils aus
krperlicher Schwche, teils weil ich es fr zwecklos hielt, da eine ohnmchtige
Weiberstimme zu erheben, wo Millionen Mnnerstimmen schweigen muten; aber mit
dem Geiste meines Vaters setzte ich in Gedanken diese Gesprche fort. Die Sache
des Volkes ist verloren, sagte ich, und die Sache der Frsten siegt, nach
zwanzigjhrigem Blutvergieen. Da der groe Mann des Jahrhunderts verlstert
wird, ist natrlich und liegt schon in seiner Gre. Flecken und Mler
erscheinen an einer Riesenfigur grer, und Pygmen finden den Gulliver
abscheulich. Sein grtes Verbrechen aber scheint mir immer zu sein, da er, im
Volke geboren, sich den Weg zum Throne gebahnt und das Volk ihn darauf besttigt
hat. Wre er ein geborener Frst, man wrde ihn in der Geschichte ber alle
Helden der Vorzeit erheben und ihm seine Eroberungen nicht als Verbrechen
anrechnen. Da Regierungen durch solche Besitzergreifungen nicht befleckt
werden, beweisen ja noch in den neuesten Zeiten die Eroberungen Rulands gegen
Sden und Osten, die Handlungsweise der Englnder in Ostindien und die Teilung
von Polen. Der Besiegte trgt sein Schicksal mit Gre, und eben dies verbrgt
mir die Strke seines Geistes; ein eitler Ehrgeiziger wrde darunter erliegen,
doch er, in seinem stolzen Selbstgefhl, wrde sich noch in Fesseln erhaben
dnken und frei!
    Mehrere Wochen noch blieb ich, durch einen Zustand von Schwche, im Bette
festgehalten, und auch dann noch konnte ich nur auf einzelne Stunden im
Wohnzimmer, auf einem Sofa, dem kleinen Familienkreise unsres Hauses beiwohnen.
In demselben hatte sich whrend meiner Krankheit eine groe Vernderung
zugetragen. Ein junger deutscher freiwilliger Jger war bei uns einquartiert und
in kurzem einheimisch geworden. Seine Bekanntschaft tat mir wohl und wehe, sein
Stand, seine Jugend und seine liebenswrdige Sanftheit und Bescheidenheit
erinnerten mich nur zu lebhaft an meinen lieben Emil. So wrde er jetzt sein!
dachte ich, und tausend schmerzliche Betrachtungen drngten sich meinem
leidenden Gemte auf. Trnen fllten meine Augen, wenn ich den schnen Jngling
ansahe, und doch sahe ich ihn so gern in seiner edlen Haltung. Seine ihn
besuchenden Kameraden waren nicht alle ihm gleich, manche kindisch eitel,
unbillig, anmaend und groprahlerisch; er zeichnete sich durch Geistesbildung,
Bescheidenheit und Billigkeit des Urteils aus. Da er ebenso tapfer sei, davon
gaben ihm ein roter Streif ber der Stirn und ein noch etwas steifer Fu das
Zeugnis; er hatte bei Ltzen tapfer gekmpft und zwei Wunden davongetragen. Bald
merkte ich, da zwischen dem schnen Freiwilligen und Henrietten, der zweiten
Tochter des Hauses, sich eine innige Neigung entsponnen hatte. Die lteste,
Nancy, war mit einem im Zivildienst angestellten Landsmanne versprochen und sahe
die wachsende Zuneigung ihrer Schwester mit mibilligenden Augen an. Es kam
darber bald, in meiner Gegenwart, zu Familienstreitigkeiten. Mein Gott, ein
Ketzer! seufzte die gute fromme Mutter. Ist er nicht ein edler Mensch, liebes
Mtterchen? sagte ich besnftigend, ist er nicht so brav als menschlich im
Reden und Handeln? spricht er nicht von seinen Eltern und Geschwistern mit der
zartesten Ehrfurcht und Liebe und von Gott, in zuflligen uerungen, mit
Vertrauen und Dankbarkeit? - Alles schn, mein Kind, alles schn, erwiderte
die gute Alte, es ist ein lieber, guter Mensch, auch nicht unbemittelt, wie man
hrt, aber er hat doch nicht den rechten Glauben. - Darber kann nur Gott
entscheiden, antwortete ich, die Formen sind Menschenwerk. Es kostete mir
viele Mhe, das Gewissen der frommen Frau zu beruhigen, doch kam ich damit noch
leichter zustande, als das leidenschaftliche Vorurteil der heftigen Nancy zu
besiegen. Ein Fremder! rief sie mit Erbitterung, ein Feind! - Ist er uns
fremd? ist er uns feindselig, gute Nancy? fragte ich. Mein Himmel, wie kannst
du so reden? sagte sie heftig. Kannst du denn wissen, ob nicht gerade sein
Gewehr auf die Brust deines Vaters gezielt? - Und htte dies wirklich der
Zufall gefgt, erwiderte ich mit einiger Anstrengung, so wrde ich ihn darum
nicht weniger schtzen. Das Schicksal stellte sie einander gegenber; sie taten
beide ihre Pflicht, verfochten beide ihre Meinung und die Sache ihres Frsten,
es war nichts Persnliches in diesem Streit; und setzen schon die Gebruche des
Zweikampfs fest, da sich nach Beendigung desselben Sieger und Besiegte umarmen,
so sollte dies noch eher nach beendigten Vlkerfehden geschehen. Die Deutschen
hatten recht, sie fhlten sich gefesselt, sprengten die Ketten, erhoben sich in
ihrer Kraft, bewaffneten sich und besiegten unsre bewaffnete Macht. Kannst du
ihnen das verargen? Wir htten dasselbe getan, ja wir haben, aus Freiheitsdrang
und ngstlicher Besorgnis fr unsre Aufrechthaltung, noch ganz andre Dinge
getan. Nein, ich werde die Deutschen immer bewundern und lieben! Ich sage noch
mehr: wre unsre mnnliche Jugend Deutschlands Heldenjugend gleich gewesen, es
stnde besser um uns. Und nun zumal dieser edle Jngling, unser Gastfreund, und
wir, unkriegerische Weiber.
    So verfocht ich tglich mit Eifer die Sache der Liebenden. Der Fremde mochte
manches davon, durch Henrietten, erfahren haben, er bezeugte die zarteste
Teilnahme fr das liebe kranke Frulein, wie er mich nannte. Spterhin hatte ich
die Freude zu hren, da Henriette ihn in seine Heimat begleiten wrde, und es
gewhrte mir einen groen Trost, zu glauben, da ich einigen Anteil an dem
erwnschten Ausgang ihres Schicksals gehabt.

Bei dem allen wurde mir der Aufenthalt in Paris unertrglich. Das Gerusch
betubte, und die Charakterlosigkeit der Einwohner rgerte mich. Ich sehnte mich
nach der Stille von Chaumerive zurck, mit dem tuschenden Trostgefhl, als
wrde ich dort meine alte Welt wiederfinden; meine Schwche verhinderte mich
aber immer noch, Anstalten dazu zu treffen. Auch meine Manon sehnte sich im
stillen zu den harmlosen Tnzen unsres Drfchens zurck. Antoine, der ehrliche
Antoine, welcher schon so lange im Dienste unsers Hauses gewesen und mich noch
auf den Armen getragen hatte, betrbte sich herzlich ber den Verlust seines
guten Herrn und ber meinen Schmerz. Er war es, welcher pltzlich meinem
Schicksale eine unvorhergesehene Wendung gab. Ohne ihn wre ich in einigen Tagen
abgereist, wre vielleicht noch lange vergessen geblieben, und in einer andern
Lage, anders beraten, wrde ich vielleicht einen anderen Plan befolgt haben, als
ihn mir die Umstnde jetzt aufgedrungen. Du weit, liebe Adele, wie der ehrliche
Alte, in den Tuilerien herumschlendernd, Dich und Deine Mutter erblickte, die
Schwester seines teuern Herrn. Er war auer sich vor Freude. Durch ihn erfuhrt
Ihr meine Anwesenheit, und wenig Minuten darauf hielt Euer Wagen vor unsrer Tr.
Ich in Euren Armen, welches Entzcken fr mein verwaistes Herz! Auch berlie
ich mich demselben anfangs mit Trunkenheit, bis sich Wehmut unsrer
gemeinschaftlich bemchtigte. Nachdem wir lange miteinander geweint und geklagt
hatten, kndigte mir Deine Mutter an, da sie mich am folgenden Morgen abholen
wrde und da ich in ihrem Hotel wohnen sollte. Ich versprach, bereit zu sein,
ob ich gleich eine dunkle Abneigung dagegen in mir sprte. Meine guten
Hausgenossen hrten mit Betrbnis von dieser Vernderung. Der Glanz Eurer
Erscheinung und der Titel Grfin, unter welchem Deine Mutter von mir zu ihnen
sprach, hatte die armen Leute ganz schchtern gemacht. Es kostete mir viele
Mhe, sie zu berzeugen, da ich die alte Virginia sei und bleiben wolle. Sie
weinten alle recht herzlich, als ich am andern Tage mit Deiner Mutter davonfuhr.
    Im Hotel angelangt, fhrte mich Deine Mutter in ihr Kabinett, und nachdem
sie mich zrtlich umarmt und mir ihre mtterliche Liebe zugesichert hatte,
machte sie mir bekannt, da sie mich ihrem Gemahl, dem Herzoge, vorstellen
werde, mit welchem sie schon meinetwegen gesprochen und ihn zu meinem Vorteil
gestimmt habe. Ich kann es Dir unmglich beschreiben, welchen widrigen Eindruck
diese fremde, vornehme Wendung auf mich machte. Wie wurde mir aber erst, als sie
fortfuhr: Der Herzog wei blo im allgemeinen, da dein Vater tot ist, ich mu
dich aber bitten, es ihm und jedermann zu verhehlen, da er, mit den Waffen in
der Hand die Sache unsers Knigs bekmpfend, gestorben. Es knnte uns nachteilig
sein in der Gunst des Hofes und wrde dem Herzog uerst mifallen. Ich
erstarrte. O mein Vater! brach ich endlich schluchzend aus, kann man von
deiner Tochter verlangen, deine Vaterlandsliebe und deine heldenmtige
Aufopferung zu verleugnen? - Sei vernnftig, Virginia, sagte Deine Mutter,
die Dinge haben sich sehr verndert, du wirst dich darein finden lernen und die
eingesogenen Vorurteile ablegen. Mein guter Bruder war, durch Umstnde, in eine
schlechte Sache verflochten worden, Friede sei mit seiner Seele! Gern will ich
im stillen mit dir ber seinen Verlust weinen; aber ich untersage dir, mit
mtterlichem Ansehn, mich nicht ffentlich in Verlegenheit zu setzen. - Ich
werde schweigen, wenn man mich nicht ausdrcklich fragt, sagte ich entrstet,
und die mit Rhrung begonnene Unterredung endete ziemlich lau. Sobald gemeldet
wurde, da der Herzog sichtbar sei, wurde ich, von Deiner Mutter begleitet, zu
ihm in den Saal gefhrt. Er empfing mich recht artig, stellte sich mir als das
Haupt der Familie durch das Testament des Grooheims vor und versicherte mich
seines vterlichen Schutzes. Er umging jede frhere Beziehung und sagte mir
vieles Schmeichelhafte ber sein Vergngen, mich in die groe Welt einzufhren,
wo ich gewi mit Erfolg auftreten wrde. Dann fgte er, sich gegen Deine Mutter
wendend, mit Bedeutung hinzu: Sie werden Sorge tragen, da unsre Nichte mit all
dem Glanze auftritt, welcher ihren Annehmlichkeiten und unserm Range gebhrt.
Ich liebe die traurigen Farben nicht, fuhr er, mit einem Blick auf mich, fort,
sie rauben den schnen Wangen alles Feuer. Dann entlie er uns mit einer
hflichen Wendung. Ganz betubt von diesen befremdenden Szenen kam ich auf mein
Zimmer, wo Du mir in die Arme flogst. Du warst die alte, meine herzige Adele.
Deine Liebkosungen, Deine heiteren Scherze beruhigten mein emprtes Gemt. Dein
Bruder Louis lie sich melden, um die Bekanntschaft seiner schnen Cousine so
schnell als mglich zu machen. Du warst Zeuge, wie sein Benehmen und seine
Manieren mir auffielen, und lachtest mehrmals laut auf ber meine verlegene
Befremdung. Ja, man wirft im Auslande unsern Landsleuten Frivolitt und
Leichtsinn vor, und wohl leider nicht mit Unrecht, wie ich seit meinem
Aufenthalt in Paris mit Unwillen wahrgenommen habe; hier aber berbot ein
Auslnder alle Muster, welche ich bisher in dieser Art gesehen. Wie froh war
ich, als ihn seine Vergngungen von uns rissen, ganz gegen seine Neigung, wie er
tausendmal schwur. Jetzt fing ich an, aufzuatmen und mich ein wenig in dieser
neuen fremden Welt zu finden. Tausend Stimmen in meinem Innern riefen, da sie
nimmer, nimmer die meinige werden knne; doch war ich entschlossen, sie nher
ins Auge zu fassen und reiflich zu erwgen, was mir zu tun vonnten sei. Wir
verlebten nun unsre Tage ganz angenehm, unter uns, indem wir uns durch Musik und
Lesen aufheiterten. Deine Mutter war meistens so gtig und liebreich wie in
jenen schnen Tagen in meiner Provence. Mein Herz neigte sich wieder kindlich zu
ihr; als Du aber in Deiner schaulustigen Art vorschlugst, einen nahen
Spaziergang zu besuchen oder ins Theater zu fahren, und sie sich weigerte, weil
ich in Trauer sei, welches ich anfangs dankbar fr zarte Schonung hielt, jedoch
sie mir bald darauf, mit einer kleinen Verlegenheit, den Vorschlag machte, ob
ich mich nicht wenigstens wei kleiden wolle, indem die Tracht Aufsehn errege
und ich ihr durch deren Ablegung einen Gefallen erzeigen wrde, da konnte ich
mich nicht enthalten, in grter Leidenschaft mit Hamlet auszurufen: O Himmel,
ein vernunftloses Tier wrde lnger getrauert haben! Deine Mutter schwieg
beschmt. Das Vertrauen war wieder vernichtet, obschon es mir am andern Tage vor
Augen lag, da sie gegen ihr Gefhl, nur nach der Vorschrift Deines Vaters,
handle.
    Der Herzog, vergib mir, Adele, da es mir nicht mglich ist, Deinen Vater
anders zu nennen, er war mir fremd, kndigte sich mir als solcher an und wurde
in Eurer Familie selbst fast nicht anders genannt; der Herzog, welcher mehrere
Tage auswrts gespeist hatte, erschien nmlich bei der Mittagstafel. Bald
bemerkte ich, da er fters finstere, mifllige Blicke auf mich warf. Nach
aufgehobener Tafel nherte er sich mir und ntigte mich, in ein Fenster zu
treten. Warum noch immer in dieser Farbe, gegen welche ich mich schon anfangs
mibilligend erklrt habe? fragte er mit gebietender Stimme. Die Zeit der
Trauer ist noch nicht vorber, stotterte ich. Trauer pat nicht fr diese
Zeit! sagte er herrisch, wre auch der Tote erst gestern begraben;
Trauerzeichen sind zweideutig, und sie sollen, wenigstens in meinem Hause, nicht
gesehen werden. Zudem sollen Sie am Montage der Prinzessin... vorgestellt
werden, bereiten Sie sich gehrig dazu vor. Ich wollte etwas erwidern, er lie
mich aber nicht zu Worte kommen. Ich meine es gut mit Ihnen, Grfin Nichte,
fuhr er etwas milder fort, aber Sie mssen sich zu fgen wissen. Er entfernte
sich aus dem Zimmer. Ich wankte nach dem meinigen; Deine Mutter folgte mir und
umarmte mich mit einiger Rhrung. Ich htte es dir gern erspart, sagte sie,
aber du wolltest meine Winke nicht verstehen. Ich brach in Trnen aus.
Beruhige dich, liebe Virginia, sagte sie, wir Weiber sind ja einmal zum
Gehorchen geboren, gib diesen kleinen Eigensinn auf. Eigensinn! o Himmel und
Erde! - Du kamst dazu und liebkosetest mich mit Deiner gutmtigen Art, redetest
mir so freundlich zu, da ich am Ende Eure Friedensvorschlge annahm, mich, wenn
ich auerhalb meines Zimmers erschiene, bunt zu kleiden und mich ffentlich und
in Gesellschaft mit heiterem Gesichte zu zeigen. Oh, welch ein Opfer brachte ich
der bittenden Freundschaft, und mit welcher Sehnsucht eilte ich in meine
Einsamkeit zurck, um meine schwarzen Gewnder anzulegen und mich von ganzer
Seele betrben zu knnen! Welch ein Wechsel fr mich! ich, die nie den Schein
des Zwanges gefhlt hatte, frei aufgewachsen war, wie das Reh des Waldes, nun
umgarnt mit tausend Netzen und noch keinen Ausgang gewahrend!

Fr den Augenblick gab ich der Notwendigkeit nach und lie mich einfhren in
diese fremde Welt. Ihr alle waret nun voll Besorgnis fr mein erstes Auftreten
und eifrig bemht, mir Mut einzusprechen. Ich mute innerlich lcheln, denn er
fehlte mir nicht. Wohl fhlte ich Widerstreben, aber keine ngstlichkeit. Was
Euch imponierte, lie mich im Gleichgewicht. Auch schien man allgemein
berrascht von meiner ruhigen Besonnenheit. Ich war in den spiegelglatten Slen
des Hofes, unter hoffhigen Leuten, mit meinem sicheren Gange eine fremde
Erscheinung. Aber wie fast immer das Fremde Glck macht, so wurde auch ich nicht
ungnstig aufgenommen, ja es htte vielleicht nur bei mir gestanden, zu einer
gewissen Berhmtheit zu gelangen, wenigstens unterhielt mich Dein Bruder
unaufhrlich von dem glnzenden Eindruck, welchen ich gemacht; mir wurde aber
mein Glck mit jedem Tage unertrglicher. Es war mir gleich unmglich, die Maske
der Unterwrfigkeit vorzunehmen oder in Schmhungen gegen die verflossenen
Zeiten einzustimmen. Die ewig witzelnde, schale Unterhaltung, welche, in
derselben Viertelstunde, vom Ball zur Politik und von der neuesten Mode zur
neuesten Mordtat berspringt, war mir in tiefster Seele zuwider.
    Es war bei meinem wahrhaftigen Charakter wohl nicht mglich, die Eindrcke
ganz zu verbergen, welche ich in der Gesellschaft empfing. Einige unsrer
Tischgenossen, um sich, meiner Klte wegen, an mir zu rchen, machten sich das
boshafte Vergngen, mich oft in Verlegenheit zu setzen, indem sie meine Meinung
ber diese und jene der neuesten Begebenheiten zu hren wnschten. Ich suchte
mich zwar immer geschickt herauszuwickeln, um weder meine eigene Meinung zu
verleugnen noch der fremden wehe zu tun, aber meine Migung machte die
Angreifer nur khner. Selbst Dein Bruder gesellte sich nicht selten zu ihnen.
Der Herzog warf, bei solchen Vorfllen, wtende Blicke auf mich, und Deine
Mutter hielt mir insgeheim lange Strafreden, welche mir wehe taten, ohne mich zu
berzeugen. Sie ging immer deutlicher mit dem Plane gegen mich heraus, welchen
ich schon seit einiger Zeit geahndet hatte, mich an Louis zu vermhlen. Du
gehrst zu unsrer Familie, sagte sie, und mut deine Gesinnungen ganz nach den
unsrigen zu ndern suchen. Ich fhlte mich emprt von diesen anmaenden
Zumutungen, und meine Erwiderungen mochten keine groe Unterwrfigkeit
ausdrcken. Man fing an, mich immer hufiger zu schmhen und zu krnken, Dein
Bruder nahm ein zuversichtliches, herrisches Betragen an. Er nannte mich oft
seine schne Zuknftige und behandelte meine Prostestationen als Scherz. Dann
hielt er uns, mit altkluger Miene, lange Vorlesungen ber die Pflichten unsers
Geschlechts als Gattinnen, welche mit meinen Begriffen sehr wenig
bereinstimmten. Du lachtest ihn geradezu aus, brachtest ihn aus der Fassung und
mich zum Lcheln; mir war aber das Ganze nichts weniger als lcherlich.
    In den Stunden der Einsamkeit fing ich ernstlich an, darauf zu denken, mich
dieser drckenden Lage zu entziehen. Nach Chaumerive zurckzukehren und dort,
wenn auch nicht glcklich, doch ruhig zu leben fand ich sehr einfach. Ich
waffnete mich mit meinem ganzen Mut, um diesen Entschlu dem Herzoge bekannt zu
machen, nachdem Deine Mutter ihn schon als einen kindischen Einfall aufgenommen
und mir geraten hatte, nicht weiter daran zu denken. Ich lie mich frmlich beim
Herzoge melden. Ruhig trug ich ihm den Wunsch vor, in den nchsten Tagen nach
meiner Heimat abzureisen. Er schwieg einen Augenblick betroffen, dann antwortete
er, an sich haltend: Ich denke, Grfin, Sie haben kein andres als mein Haus. -
Ich werde es mit den dankbarsten Empfindungen verlassen, erwiderte ich, aber
der Aufenthalt meiner Kindheit fordert mich unwiderstehlich zurck. - Es ist
Zeit, diesen romantischen Hang abzulegen, antwortete er, ich werde Sorge
tragen, da Ihr Interesse dort aufs beste wahrgenommen werde; ich werde einen
sicheren Geschftsmann dahin senden, welcher alles reguliert, und was Sie sich
etwa noch von dorther wnschen, haben Sie nur die Gte zu bestimmen. Ich sahe
ihn whrend einer kleinen Pause mit groen Augen an, dann sagte ich bescheiden,
aber nachdrcklich: Chaumerive und seine nachbarlichen Besitzungen waren meines
Vaters rechtmiges Eigentum, und ich bin mndig. - Die Tchter groer
Familien sind dies niemals, erwiderte er, und ich bitte, nicht zu vergessen,
da ich die Ehre habe, das Haupt der Unsrigen zu sein. - Ihnen meine Achtung
zu bezeugen, Herr Herzog, legte ich Ihnen meinen Entschlu vor, sagte ich mit
vieler Ruhe. Den Sie auch ohne meine Zustimmung ausfhren zu knnen glauben?
rief er zornig; aber ich sage Ihnen, Sie werden es nicht wagen, meine trotzige
Republikanerin! mein Arm reicht weit, und dem Knige mu daran liegen, da der
Glanz seiner Getreuen, durch reiche Erbinnen, erhhet werde, ich habe deshalb
schon Einleitungen getroffen. Ihre Hand ist meinem Sohne bestimmt, dieses
Bndnis stellt alle Parteien zufrieden, und Ihre Meinung ist darin von keinem
Gewicht; Tchter hoher Abkunft werden immer nach den Gesetzen der Konvenienz
vermhlt. - O Gott! ich bin nicht von hoher Abkunft, rief ich aus. Man wird
einen Schleier ber die Vergangenheit werfen, erwiderte er, Sie werden vom
Hofe nur als die Enkelin des Herzogs von Montorin angesehen werden, suchen Sie
sich dieser Gnade wrdig zu machen, und vor allem scheuen Sie meinen Zorn.
Damit entlie er mich. Ich kam ganz verstrt in mein Zimmer zurck, wo ein
heftiger Trnenstrom meine geprete Brust erleichterte. Deine Mutter erschien
bald darauf. Unglckliche, sagte sie, warum mutest du dir eine so
unangenehme Szene zuziehn, und um welcher kindischen Grille willen! Httest du
einen Augenblick nachgedacht, so wrdest du selber eingesehen haben, wie
unschicklich es sei, allein nach Chaumerive zu reisen. Nach deiner Vermhlung
wird Louis gewi die Geflligkeit haben, dich auf einige Wochen dahin zu
fhren. - Sie setzen da einen Fall, liebe Tante, sagte ich, welcher meiner
Seele sehr fremd ist. - Fremd? rief sie, und warum, wenn ich bitten darf?
Louis liebt dich, das wutest du lngst, und worauf knnte sich bei dir eine
Abneigung gegen ihn grnden? Er ist jung und liebenswrdig, er sichert dir einen
hohen Rang in der Gesellschaft; berdies aber ist diese Heirat in der Familie
einmal beschlossen, und ich hoffe, da du wenigstens soviel Erziehung haben
wirst, um zu wissen, da du deiner Familie Gehorsam schuldig bist. - Meine
Eltern, welche ihn zu fordern ein Recht hatten, haben ihn nie an mir vermit,
antwortete ich gefat, aber gewi wrden diese teuren Eltern niemals ber meine
Hand verfgt haben, ohne mein Herz zu Rate zu ziehen. - Ja, ja, sagte sie,
mein Bruder dachte freilich etwas brgerlich; in unserm Stande kann aber davon
die Rede nicht sein. Ich will doch nicht hoffen, da dein Herz schon eingenommen
ist? etwa fr einen kleinen Emporkmmling von ehemals? Ich rate dir, ihn in der
Stille daraus zu verbannen, es knnte ihm leicht ein schlimmes Spiel machen.
Ich schwieg, denn ob ich gleich die versteckte Drohung nicht zu frchten hatte,
so war mir Mucius' Name und meine Liebe zu heilig, um sie hier auszusprechen.
Deine Mutter glaubte in meinem fortdauernden Stillschweigen und in meiner
ruhiger werdenden Miene ein gnstiges Zeichen zu sehn; sie glaubte mich zum
Nachgeben gestimmt und verlie mich mit vieler Zufriedenheit, indem sie mich
wiederholt umarmte und mich ihre gute Tochter, ihre vernnftige Virginia nannte
- sie irrte sehr. In meiner Seele arbeitete sich der Vorsatz empor, diese
Fesseln, um jeden Preis, zu brechen, und dieser mutige Gedanke gab mir
Festigkeit und Ruhe.

Sobald ich allein war, fing ich an, ber Mittel nachzudenken, durch welche ich
zum Ziele gelangen knnte, und ich befand mich in einem ziemlichen Labyrinthe.
    Sosehr ich auch von der Rechtmigkeit meiner Forderung und von meinem
Anspruch auf Unabhngigkeit berzeugt war, so wute ich doch nicht, wie weit die
Gewalt der Willkr gehen knnte. Ich hatte in meiner Kindheit zu viel von
Machtsprchen und Gewaltstreichen dieser Art gehrt und gelesen, als da sich
mir nicht die Mglichkeit htte aufdringen sollen, man werde zu einer Zeit, wo
man eifrig darnach zu streben schien, das Alte ganz wiederherzustellen, ohne
Bedenken dazu wieder seine Zuflucht nehmen. Auf wessen Schutz konnte ich hoffen?
Meine Gegner waren von der siegenden, meine Freunde von der unterdrckten
Partei. Wen sollte ich mit dem gefahrvollen Amte meiner Verteidigung belasten?
Versperrte ich mir nicht bei einem offenbaren Auflehnen, im unglcklichen Falle,
jeden Weg der Rettung? Bald begriff ich, mein einziges Heil liege nur in der
Flucht und nur meinem eignen Mute drfe ich mich vertrauen. Sobald ich hierber
mit mir einig war, fhlte ich mich beruhigt und erschien wieder unter Euch, mit
meiner gewohnten Heiterkeit, wodurch Ihr alle auch ber mein Vorhaben getuscht
worden seid. Im stillen fuhr ich jedoch zu beobachten fort, und bald wurde mir
klar, da ich fast wie eine Gefangne gehtet werde. Man hatte mir eine zweite
Kammerfrau gegeben und meine Manon ziemlich berflssig zu machen gesucht.
Antoine wurde mit Pension entlassen, um nach seiner Heimat zurckzukehren, und
kam, um mir zum Abschiede die Hand zu kssen, Deine Mutter war dabei zugegen.
Aber vorbereitet darauf, drckte ich ihm, indem ich ihm einige Goldstcke zum
Andenken schenkte, unvermerkt einen kleinen Zettel in die Hand, worin ich ihm
befahl, bis auf weitere Nachricht auf dem nchsten Dorfe zu verweilen. Mit
Behutsamkeit fand ich nun Gelegenheit, Manon mein Vorhaben zu entdecken. Die
Schlauheit des Mdchens glich ihrer Treue; sie war schnell orientiert und
spielte ihre Rolle vortrefflich, denn auch sie sehnte sich ebenso nach den
Blumenufern der Durance zurck als ich mich nach Freiheit. Reichlich durch mich
mit Geld versehen, fing sie ihr Spiel damit an, da sie sich sehr schau- und
tanzlustig stellte und mit einigen Bedienten der Nachbarschaft die ffentlichen
rter besuchte, worber sie einigemal sich meine Mibilligung und ernstliche
Verweise Deiner Mutter zuzog. Sobald sie sich in dieses Licht gestellt hatte,
ntzte sie die angenommene Meinung ber ihre Gnge, um Antoine aufzusuchen und
alles mit ihm zu verabreden. Sie kam oft spt nach Hause, wobei sie sich immer
von einem jungen Menschen begleiten lie und dann dem aufschlieenden Schweizer
schmeichelte, damit er ihr sptes Ausbleiben verschweigen solle. Ihn zu
beschwichtigen, brachte sie ihm mehrere Abende nacheinander ein Flschchen
Madeira mit, welches ihr, wie sie sagte, ihr Liebhaber verehrt habe, der die
Aufsicht ber seines Herrn Weinkeller fhre; der Wein sei ihr zu hitzig, meinte
sie, der Schweizer fand ihn dagegen sehr nach seinem Geschmack. Nachdem sie ihn
so einige Tage sicher gemacht hatte, mischte sie eines Abends einen leichten
Schlaftrunk unter den Wein, dessen Wirkung schnell, aber nur von kurzer Dauer
sein sollte, und erquickte beim Nachhausekommen den Wartenden. Ich war durch
einige Winke benachrichtiget und lag wachend in meinem Bette. Schnell stand ich
auf, warf nur eine Unterkleidung ber, hllte mich in ein groes Tuch, und so
schlichen wir behutsam die Treppe hinab. Der Schweizer lag glcklich im tiefsten
Schlaf, Manon nahm den Schlssel, ffnete, und wir erreichten glcklich die
Gasse. An der nchsten Ecke erwartete uns Antoine mit einem Wagen. Manon hatte
fr Kleider, Antoine fr einen Pa, auf sich und zwei Tchter lautend, gesorgt.
So kamen wir ohne Hindernis aus den Barrieren, und ich atmete tief auf, als die
Steinmasse hinter mir lag, welche fr mich ein Gefngnis gewesen war. Vergib
mir, teure Adele, es tat mir wohl wehe, Dich verlassen zu mssen, aber das
Gefhl der Freiheit berwog jede andre Empfindung. Selbst meinen groen Verlust
und das Unglck meines Vaterlandes fhlte ich in diesen Augenblicken nur
schwach.
    Wir eilten schnell vorwrts und gnnten uns kaum die notwendigste Rast. Doch
glaubte ich, selbst bei diesem Vorberfluge, zu bemerken, da die Stirnen
berall tiefer gefurcht waren als in Paris. Dies tat mir einigermaen wohl; denn
htte ich lnger in der Hauptstadt gelebt, ich glaube, ich htte mein Volk
hassen gelernt. Ich hatte mich sehr davon entwhnt, mich ber etwas zu uern,
und beobachtete dies auch whrend der Reise. Doch hrte ich auch einen
Postmeister, whrend des Pferdewechselns, ganz ohne Veranlassung sagen: Hier
kam er durch, als er von Frjus kam, um das Reich zu retten; damals ahndete ich
nicht, da ich ihm noch einmal Pferde geben wrde, um aus seinem geretteten
Reiche in die Verbannung zu gehen. Die tiefbewegte Stimme des Mannes
erschtterte mich. Er stand an der Schwelle des Greisenalters; weinend und
schweigend reichte ich ihm die Hand. Oh, mein Frulein, sagte er, indem er sie
zwischen den seinigen drckte, ich habe im Kampfe fr das Vaterland drei Shne
verloren, wackre Jungen, aber ich trstete mich, denn Frankreich war gro und
glcklich. Soll all das Blut, welches der Freiheit geopfert wurde, vergebens
geflossen sein? Ich verbarg schluchzend das Gesicht und zeigte mit der Hand gen
Himmel. Wohl, mein Frulein, sagte er, Gottes Wege sind nicht unsre Wege, und
dem Sterblichen geziemt Entsagung.

Hoch schlug mein Herz, als ich den Ventoux in weiter Ferne erblickte, noch
hher, als die weien Gemuer von Chaumerive sichtbar wurden. Der Wagen fuhr mir
zu langsam, ich verlie ihn und flog mit Windeseile auf dem Fupfade dahin. Mir
war, als mte ich all die lieben Verlorenen wiederfinden. Ach, ich fand sie
nicht! Aber ein treues Vlkchen fand ich wieder, das mich mit ausschweifender
Freude umarmte, fragte und hrte und dann teilnehmend mit mir weinte um meinen
Vater und um mein Vaterland. Erquickende Trnen, welche mein verarmtes Herz
wieder an die Menschheit banden! O htte ich hier bleiben knnen, getrennt von
der brigen Welt und vergessen! Aber dies durfte ich nicht hoffen; selbst der
Pfarrer, dessen Rat ich einholte, frchtete fr die Sicherheit meines
Aufenthalts und sah wenigstens viel Unruhe und Verdru voraus. So mute ich denn
mit schwerem Herzen mich losreien von der Wiege meiner Kindheit. Weinend
besuchte ich noch einmal jedes Pltzchen der Erinnerung, krnzte zum letzten
Male das Grab meiner Mutter, mit Sommerblumen, und verschlo mich dann in mein
Zimmer, um meinen Mut in der Einsamkeit zu strken. Mein altes Bilderbuch fiel
mir in die Augen, ich nahm es mechanisch heraus und schlug es auf. Bald traf ich
auf Szenen, wie Athens und Roms Helden ruhig in die Verbannung gingen, wie das
ganze Volk der Messenier, von dem stolzen Sparta besiegt, seine geliebte Heimat
verlie, um an Siziliens Kste und unter dem glcklichen Himmel meiner Provence
seine Freiheit und seine Sitten zu retten. Klein und unbedeutend erschien mir
mein eigenes Schicksal gegen diese Beispiele; ich war wieder die alte, besonnen
und ruhig. Ich packte das wenige zusammen, was ich mit mir zu nehmen gedachte,
und lie eines Abends den Pfarrer bitten, mir zu helfen, um meine
Angelegenheiten zu ordnen. Sobald es finster geworden war, ging ich, in seiner
und Antoines Begleitung, zur Kapelle, wo mein Vater, im ahndungsvollen Gefhl
der Zukunft, jenes Vermchtnis niedergelegt hatte. Wir zogen das Kstchen aus
seiner sichern Verborgenheit, und der ehrliche Antoine trug es in mein Zimmer.
Darauf kniete ich auf den Stufen des Altars nieder, schmerzliche Erinnerungen
drangen auf mich ein, und meine Standhaftigkeit wollte mich verlassen; doch der
ehrwrdige Pfarrer strkte mich durch die Hinweisung auf eine ewige Vorsicht und
erteilte mir seinen Segen. Er fhrte mich in mein Zimmer zurck, und whrend
Antoine Pferde besorgte und den Wagen packte, beauftragte ich ihn mit allen den
Andenken, welche ich fr meine Getreuen zurcklie, dann trennten wir uns
weinend voneinander. Er war seit meiner Kindheit ein treuer Freund meines Hauses
gewesen; mir war, als ob ich in ihm einen zweiten Vater verlre. Aber ihn hielt
die Pflicht seines Amtes zurck, mich trieb die Pflicht der Selbsterhaltung
hinweg, wenigstens der Erhaltung meines besseren Selbst. - In finstrer Nacht
reiste ich ab; es wre mir zu schwer geworden, mich von der weinenden Menge zu
trennen, ja unertrglich fast, die geliebten Gegenden so allmhlich entschwinden
zu sehen.
    Ich reiste ganz allein mit Antoine, welcher mich bis Marseille geleiten
sollte. Gern wre er mir auch weiter gefolgt, aber ich mochte ihn nicht von
seinen Kindern trennen, so wie ich denn auch meine gute Manon unmglich ihren
Eltern entziehen konnte und ihr deshalb das Weitere meines Vorhabens verschwieg.
Ich lie ihr eine gute Aussteuer zurck, welche sie jedoch, bei ihrer
Anhnglichkeit, nur wenig getrstet haben wird.
    Bei meiner Ankunft in Marseille erkundigte ich mich sogleich im Hafen und
fand ein segelfertiges amerikanisches Schiff, welches nur auf den ersten
gnstigen Wind wartete, um die Anker zu lichten. Der Kapitn, aus Philadelphia,
hatte eine von den einnehmenden Physiognomien, welche sogleich Vertrauen
erwecken. Ich trug ihm meinen Wunsch vor, und er war sogleich bereitwillig, mir
einen bequemen Platz in der Kajte einzurumen, ja er war so lebhaft besorgt fr
mich, da er in mich drang, sein Schiff sofort zu besteigen, um jede Nachfrage
zu vereiteln. Ich lie also meine Sachen an Bord bringen und trennte mich von
meinem treuen Antoine, welchem ich ein sorgenfreies Alter zugesichert hatte, mit
der schmerzlichsten Rhrung und mit der Bitte, auf einem weiten Umwege in unsre
Heimat zurckzukehren.

Nun war ich allein, zum ersten Male ganz allein, in fremder Umgebung. Kein
Gegenstand, kein Gesicht erinnerte mich an eine bekannte Vergangenheit. Der
Eindruck war neu und erfllte mich mit inniger Wehmut. Alles, was ich verlassen
hatte, was mir war entrissen worden, verlor ich erst in diesen Augenblicken. Ich
bedurfte eines Wesens, in dessen treue Brust ich meine Klagen ausstrmen konnte.
Du warst mir diese geliebte treue Seele. Gewi wirst Du diese Bltter, wenn sie
zu Dir gelangen, nicht ohne das regeste Mitgefhl lesen. Sie enthalten meine
Rechtfertigung, wenn ich deren bei Dir bedarf. Auch bei Deiner Mutter werden sie
mich entschuldigen, wie ich zu hoffen wage. Ungern nehme ich ihren Zorn mit in
die Neue Welt hinber, sie wird mir ewig die geliebte Schwester meines teuern
Vaters bleiben. Bringe ihr mein zrtlichstes Lebewohl und sage ihr, Virginia sei
nur unglcklich, nicht undankbar. - Was den Herzog betrifft, fr den bin ich
tot, und die Erbschaft meiner Besitzungen wird ihn hoffentlich ber mein frhes
Ende trsten. Louis hat mich gewi schon lngst vergessen. Seine Neigung war
wohl nur ein Kind der Konvenienz; er erreicht jetzt seinen Wunsch ohne die
lstige Zugabe, welche ihm doch vielleicht oft fhlbar geworden wre, und kann
durch eine neue, glnzende Verbindung seinen eigenen Glanz noch um vieles
erhhen.
    Euch gehrt nun Chaumerive. Ach, Adele, sei Du der Schutzgeist meiner
verlassenen Freunde! Du bist ja auch unter ihnen glcklich gewesen. Deiner guten
Mutter empfehle ich sie gleichfalls, es waren ja die Kinder, die Freunde ihres
wahrhaft edlen Bruders, dessen Name noch von den Enkeln mit Liebe genannt werden
wird. Oh, meine Adele, wenn Du in den schnen Sommermonden durch diese
lieblichen Tler wandelst, so gedenke meiner! Sprich mit meinen Getreuen oft von
mir, und bringe ihnen meinen Gru. Wenn Du in der Geiblattlaube ruhest und die
tanzende Durance betrachtest und es lispelt ein leises Lftchen durch die
Blten, so denke, es ist die Stimme Deiner Virginia. Ihr Geist wird Dich immer
umschweben; ja aus den Gefilden der Seligen wrde er noch zu diesen lieben
Gegenden zurckkehren.

Diesen langen Brief Dir zu schreiben, mein Leben noch einmal an mir vorbergehen
zu lassen war mir Bedrfnis. Aber nur in seinen Hauptmomenten habe ich es Dir
dargestellt, nur die Grundzge angegeben. Ich habe vermieden, manche Gegenstnde
und Ereignisse zu berhren, weil sie mit fremden Personen in Beziehung standen.
In einer Zeit wie die unsrige mu man sehr behutsam sein, um niemand der
Verfolgung auszusetzen. Nun aber habe ich abgeschlossen mit dem alten Leben, ein
neues Dasein beginnt fr mich; und wie der Sterbende all den irdischen Tand
hinter sich lt, so lasse ich Europas verworrene Angelegenheiten hinter mir.
Ich hoffe, knftig nur darauf zurckzuschauen wie ein abgeschiedener Geist auf
die Welthndel, welche ihn nicht mehr berhren.

ber meine Reise will ich Dir nun noch einiges mitteilen. - Von dem Schauspiel,
welches das Meer gewhrt, brauche ich Dir nichts zu sagen, Du hast von Hamburg
aus einen kleinen Begriff davon, obschon das Weltmeer viel ergreifender als die
Nordsee ist. Auch die Fahrt auf demselben soll angenehmer sein, wie Seefahrer
versichern; die Wellen brechen sich nicht so kurz, und das Schwanken des
Fahrzeuges ist weniger beschwerlich. Diesem Umstande mu ich es wohl mit
zuschreiben, da ich gar nichts von der Seekrankheit empfunden habe, welche Du
mir so frchterlich geschildert hast. Auch trat ich ihr mit starkem Willen
entgegen, brachte meine ganze Zeit, in den ersten Tagen, auf dem Verdeck zu,
nahm zweckmige Nahrungsmittel und vermied, die von dem bel ergriffenen
Passagiere zu sehn. So blieb ich gesund und erhielt mir den Mut, dessen ich nur
zu sehr bedurfte. Nach und nach befreundete ich mich mit der Equipage, und
jedermann fing an, sich fr das verlassene Mdchen zu interessieren. Der Kapitn
besonders beweist mir die herzlichste Freundschaft, die nahe an Zrtlichkeit
grenzt. Er heit Ellison; sein Vater, ein Kaufmann dieses Namens, ist Chef eines
ansehnlichen Handlungshauses in Philadelphia. Ellison hat mir das Versprechen
abgewonnen, bei seinen Eltern zu wohnen; dorthin, an dies bekannte Haus, kannst
Du Deine Briefe schicken, wenn Du es mglich machst, mir zu schreiben. Ellison
ist gro und schn gebauet, sein blaues Auge blitzt von Feuer, seine
Muttersprache ist die englische, doch spricht er auch fertig franzsisch; in
beiden Sprachen drckt er sich kurz und krftig aus und ist sehr unterhaltend
und belehrend, ohne eben gesprchig zu sein. Seine Gesellschaft hilft mir
vorzglich die Lnge der Seereise verkrzen. Sooft ich meine Kammer verlasse, wo
ich auf das zierlichste eingerichtet bin und tglich einige Stunden mit
Schreiben zubringe, hat seine Aufmerksamkeit mir ein kleines Fest bereitet. Ein
schmackhaftes Mahl, ein Spiel, ein Fischfang, ein Matrosentanz und mehr
dergleichen wechseln miteinander ab. Auch kleine Konzerte geben wir, wobei Deine
Freundin, mit ihrem Harfenspiel und ihrer Stimme, viel unverdiente Ehre
einerntet. Unsre Reisegesellschaft besteht aus zwei Kaufleuten aus New York,
einem jungen Maler aus der Schweiz und zwei Florentinerinnen, Mutter und
Tochter, welche dem Manne und Vater nachreisen, der sich in der Havanna
etabliert hat, alles freisinnige, wenigstens tolerante Menschen. Whrend der
ganzen Reise gab es nicht eine einzige politische Streitigkeit; unsere Tage
flossen schnell und angenehm dahin. Auf Sankt Helena nahmen wir Erfrischungen
ein. Ein origineller Felsen mitten in der groen Wasserwste. Ich erging mich in
seinen ppigen Tlern und trumte mir die Mglichkeit, mit einer kleinen
auserwhlten Gesellschaft von Freunden, abgeschieden von der ganzen Welt, hier
glcklich zu leben. Es mchte wohl tunlich sein, die schon schwierige Landung
auf immer unmglich zu machen.
    Unweit dieser Insel hatten wir das erhabene Schauspiel eines Seesturms, fr
mich hchst wichtig und erwnscht. Ich sehe Dich den Kopf schtteln, meine
zarte, furchtsame Adele, aber mir ist nun einmal diese Freude an groen wilden
Naturbegebenheiten angeboren. Schon als kleines Kind freute ich mich, wenn die
Durance aus ihren Ufern brach, und bei jedem Gewitter nahm mich mein Vater mit
hinaus, whrend die Mutter sich ngstlich verbarg. Er machte mich aufmerksam auf
die Schnheit wie auf den Segen dieser Erscheinung und zeigte mir die
Zuflligkeit und seltene Gefahr des Blitzes, wie er berhaupt mich es als
lcherlich ansehen lehrte, immer die Gefahren des Lebens zu bedenken und zu
vermeiden. So sa ich als Kind ruhig unter meinem Platanus, wenn der Donner ber
mir krachte. Es stehen ja Hunderte dieser Bume rings um diesen, dachte ich,
warum sollte der Strahl gerade ihn treffen? und tut er es, so war es mir
bestimmt, und er knnte mich ebensoleicht im Bette tten. - Jetzt freute ich
mich der hochtrmenden Wasserberge, des heulenden Orkanes, der Behendigkeit
unserer Matrosen, des verdoppelten Lebens um mich her, und ich legte mich am
Abend so ruhig in meine Hangmatte nieder als sonst zu Bett. War ich nicht in der
Hand Gottes, wie immer und berall? Was zitterst Du, Adele? bist Du denn
sicherer auf dem festen Lande? O nein. Ihr alle steht auf einem glutschwangern
Vulkane, traue seiner Stille nicht, er kann sich in jedem Augenblicke ffnen und
Euch alle in sein Flammenmeer hinunterschlingen. Ist ein Schiffbruch
frchterlicher? Verschlnge mich der Ozean, so wre meiner gezhlten Tage
letzter abgelaufen. Wrfe mich eine freundliche Welle an das Ufer, so wre mir
ja der Gter hchstes, das Leben, und mein frischer Mut gerettet; denn glaube
nicht, da ich um die versunkenen Schtze trauern wrde. Der Inhalt meines
Kstchens ist nicht die Basis meiner Sicherheit, mein eigner Inhalt ist es. Vier
Sprachen, Musik und andre Frchte einer sorgfltigen Bildung sichern mir ein
bequemes Fortkommen in der vornehmen Welt, in der brgerlichen manche
Geschicklichkeit, welche auer Europa noch neu sein drfte, als die italienische
Strohflechterei, die Perlweberei usw. Und fr die lndlichen Verhltnisse habe
ich in den letzten Jahren soviel Kenntnisse und Fertigkeiten erworben, um
berall, wo nicht belehrend, doch ntzlich zu sein. Mehr als dies sichert mich
meine Ansicht von dem Leben und seinen Verhltnissen. Fr mich gibt es keinen
Standesunterschied, und ich kann auf jedem Platze zufrieden leben, wo ich nur im
Inneren ich selber bleiben darf.

Da sind wir nun bis nahe an das Ziel unsrer Reise gelangt. Die Kste der Neuen
Welt liegt schon in blauer Ferne vor uns. Ein dnner Nebelschleier ist
darbergebreitet, es ist der Schleier meiner Zukunft. Mit hochklopfendem Herzen
blicke ich dahin, was birgt er mir? Zu frchten habe ich nichts, denn ich stehe
allein. Wer nichts zu verlieren hat, kann nur gewinnen in dem ewigen
Wechselspiele des Lebens.
    Aber was ist zu gewinnen, wenn man nichts zu wnschen wei? Ellison steht
neben mir auf dem Verdeck und betrachtet mich mit glhenden Blicken, doch mein
Auge wechselt ruhig zwischen dem Anblick der blauen Berge und der raschen
Strmung des Delaware, an dessen Mndung wir Anker geworfen haben. Ein Teil
unsrer Reisegesellschaft wird uns hier verlassen, wir aber steuern lngs den
Ksten hin, um in die Bai zu gelangen, welche hinauf nach Philadelphia fhrt.
Von dort her schreibe ich Dir wieder. Fr jetzt lebe wohl. Jetzt will ich, ohne
Unterbrechung und Strung, die neuen Eindrcke in mir aufnehmen, welche mich
umringen und erwarten. Psyche landet an Acheron; wird sie die Lethe finden?
Gewi! Und alles will sie hineintauchen in die dunklen Wellen, nur nicht die
Bilder ihrer Lieben und nicht Dein Bild, meine traute Adele. Bewahre Du das
meinige, und versuche, mir zu schreiben, lebe wohl! Lebe glcklich! Lebt alle
wohl! Und Du, mein Frankreich, sei glcklich! Tausend, tausend Lebewohl von
Deiner

                                                                       Virginia.


                                  Zweiter Teil

                               Virginia an Adele

                                                  Philadelphia, im Dezember 1814

Sei gegrt, tausendmal gegrt aus der Neuen Welt, meine Adele! Es ist ein
eigenes Gefhl, mit den Einwohnern eines andern Weltteils zu reden, und es fllt
mir auf Augenblicke ordentlich schwer aufs Herz, da ich nun bei keiner
Lebensverrichtung mehr denken kann, jetzt tut vielleicht Adele dasselbe. Wenn
ich von Gegenstand zu Gegenstand, betrachtend, irre und dabei Deiner gedenke, so
schlfst Du, und mein Bild begegnet Dir nur in Deinen Trumen. Wenn mir die
Sonne strahlend aus dem Meere aufgeht und mich mit neuer Lebenslust durchstrmt,
rufe ich Dir sanften Schlummer zu, und wenn sie sinkt hinter die fernen blauen
Gebirge, bringe ich ihr meinen Morgengru fr Dich. Oh, wie ist alles um uns her
so verschieden! und doch, denke ich, bleiben wir einig und unvernderlich.
Gttliche Abkunft der Geister! sie sind unabhngig von Raum und Zeit.
    Der Anblick meines neuen Vaterlandes ist mir gar fremd und wundersam
gewesen. Die Ksten Europas sind meist unbewachsen und bieten fast berall einen
offenen Landstrich dar; hier ziehen sich die dunkeln Urwlder noch hufig bis an
das Meer hin, die Ksten sind bewachsen, buschig, der Eindruck romantisch, aber
ernst. Die Ufer des Delaware sind mit Stdten und Ansiedelungen geschmckt, und
berall herrscht Flei und Ttigkeit, doch vermite ich jene Lebendigkeit sehr,
welche mich an meiner heimischen Kste ergetzte.
    Philadelphia ist gro und schn, und die Regelmigkeit seiner Anlagen
spricht sogleich deutlich den Geist der Ordnung und Gesetzlichkeit aus, welcher
hier herrscht. Ellison hat mich in seine Familie eingefhrt, in welcher ich mit
patriarchalischem Wohlwollen empfangen wurde. Da ich meinen Aufenthalt
wenigstens auf lngere Zeit hier zu nehmen gedenke, so will ich Dich mit den
Personen bekannt machen, mit welchen ich lebe. Ellison, der Vater, ist ein
kleiner hagerer Mann mit klugen Augen, ein ttiger Kaufmann, und meist nur auf
dem Comptoir einheimisch. In Geschften mag er gern den Charakter als Quker
behaupten, ob er gleich sich sonst, in Kleidung und Sitte, nicht an ihre
strengen Regeln hlt und nur hchst selten ihre Versammlungen besucht. Seine
Frau ist eine wohlbeleibte lebendige Matrone, welche die herrlichsten weiblichen
Eigenschaften einzig durch eine zu starke Beimischung von Pedanterie verdunkelt.
Sie ist wirtschaftlich, aber ein zuviel verbrannter Schwefelfaden entflammt
ihren heftigsten Zorn, ein zu kurz geputztes Licht, ein nicht ganz gerade
gezogenes Rouleau veranlassen ihre Ordnungsliebe zu den lngsten Strafpredigten.
Ihre Wsche ist, nach lblicher Sitte, numeriert; aber sie wrde lieber nackt
gehn als zu einer Schlafhaube Nr. 15 ein Hemde Nr. 14 anziehen oder Nr. 4 auf
Nr. 2 folgen lassen. Neulich brach ber ihre Tochter ein gewaltiges Ungewitter
los, weil es sich entdeckte, da sie in ihrer Tasche Nr. 9 ein Schnupftuch Nr.
10 trug. Sogleich wurde eine Revision ihrer Wsche verhngt, es fand sich nun,
da auch die Strmpfe mit Nr. 10 bezeichnet waren, Sturm und starker Unwille
brachen aus. Die arme Verbrecherin verteidigte sich vergebens damit, da sie
unversehens in eine Pftze getreten und dabei vor Schreck ihr Tuch habe fallen
lassen. Sie htte sogleich auch das erst vor zwei Stunden angezogene Hemde
wechseln und Tasche, Halstuch, Schlafhaube usw. ungebraucht in die Wsche
liefern sollen. Bei Gelegenheit des Beschmutzens erfolgte eine neue Predigt ber
die geziemende Ehrbarkeit, da es nicht wohl denkbar sei, da, wenn man den Blick
immer fest auf den Boden hefte, man eine Pftze bersehen sollte. Das gute
Mdchen, die einzige Tochter des Hauses, leidet vorzglich von der Pedanterie
ihrer Mutter. Es ist ein liebes, frohes Geschpf von Deinem Alter, eine
bildschne Blonde namens Philippine. Sie freut sich am meisten ber meine
Anwesenheit, welche ihr manche Erleichterung verschafft. Ellison, der Sohn, hat
mich ihr auf das angelegentlichste empfohlen; sie liebt ihren Bruder ber alles,
und er verdient es in der Tat. Wenn ich ihn in diesen Umgebungen betrachte, so
stellt er sich als eine schne fremde Erscheinung dar, und man bemerkt nur an
der Liebe, womit ihn alle umfassen und womit er allen begegnet, da er Sohn des
Hauses ist. Die ganze Familie macht die Bemerkung, da er diesmal heiterer als
jemals von seiner Reise heimgekehrt sei, und man scheint sich dabei, fast mit
einer Art von Dankbarkeit, gegen mich zu neigen, was mich etwas verlegen macht.
Seit einigen Tagen hat sich die Szene um etwas verndert und macht eine eigene
Wirkung auf mich.
    Ich fand es, nachdem ich gehrig Bescheid zu wissen glaubte, fr gut, eines
Morgens mich mit dem Inhalte des bewuten Kstchens zu Vater Ellison auf das
Comptoir zu begeben, um solchen bei seiner Ehrlichkeit und Industrie
unterzubringen. Er war berrascht und nahm mich recht wohlbehaglich auf. Eine
volle Stunde unterhielt er mich von den verschiedenen Fonds, in welchen die
Gelder, mit ansehnlichem Vorteil, arbeiten knnten. Ich bat ihn, die
Angelegenheit zwischen uns beruhen zu lassen, glaube aber schwerlich, da er
imstande gewesen ist, sein Wort pnktlich zu erfllen. Seitdem ist sein
gastfreundlicher Ton viel rcksichtlicher geworden. Sein anfngliches Ansehn von
Wohlwollen ist in eine Art von Ehrerbietigkeit bergegangen, welches jedem
bemerklich werden mu. Mutter Ellison berhuft mich mit Liebkosungen und ist
gegen ihre Gewohnheit sinnreich, mir Zerstreuungen zu verschaffen. Sie veranlat
kleine Spazierfahrten mit ihrem Sohn und ihrer Tochter und fordert die letztere
tglich auf, hier und dorthin mit mir zu gehen, um mir dies und das zu zeigen.
Philippine macht mit Entzcken von dieser neuen Freiheit Gebrauch und liebt mich
aufrichtig, als die Schpferin ihrer Freuden. Nur William Ellison ist nicht so
heiter als bisher; eine trbe Wolke lagert auf seiner Stirn, und ein fremdes
Etwas scheint zwischen uns getreten zu sein. Gestern, als wir am Ufer des
Delaware spazierenfuhren, blickte er lange schweigend dem Flusse entgegen. So
nachdenkend, William? sagte ich und legte die Hand auf seinen Arm. Er fuhr aus
seinen Trumen auf, prete meine Hand und sagte wie erst halb erwacht: Wre
unser Washington dort untergegangen! - Schn, rief Philippine lachend, dann
knnten wir uns heute nicht der lieblichen Winterlandschaft erfreuen. - Doch,
sagte er nach seiner lakonischen Weise, Virginia ist leicht, ich schwimme gut.
Wir lieen das Gesprch fallen. Guter William! da Virginia mehr gerettet als
das nackte Leben, das scheint dir ein Hindernis deiner Wnsche? Oh, wre nichts
als das, zartsinniger Mann, ich wrde es freudig in den Flu werfen und mich in
deinen Arm.
    Aber es trmt sich eine andere Scheidewand zwischen uns auf, welche du nicht
siehst, nicht ahndest, die ich selber hinwegschieben mchte, die aber nur
strker wird, sooft ich Hand daran legen will. Sieh, William ist so lieb und
gut, ich achte ihn hoch, ich habe ihn so gern, ich kann mir stundenlang denken,
wie glcklich eine Gattin mit ihm leben wird; aber wenn mir dann einfllt, da
ich diese Gattin sein knnte, dann versinkt pltzlich, wie durch einen
Zauberschlag, das ganze Gemlde, und Mucius' Bild erscheint auf derselben Stelle
und droht mir mit wehmtigem Lcheln. Ja, Mucius, ich bin dein! du hast recht!
Fr die Ewigkeit!, so sprachen wir. Guter William, ich kann nimmer die Deine
sein. Wenn ich meine ersten Schwre brche, welche Brgschaft httest du fr die
zweiten?
    Das Leben hier sagt mir recht wohl zu, nur fr die Lnge mag es in der Stadt
ein wenig langweilig werden. Die Gesellschaft der Freunde, woraus der grere
Teil der Einwohner besteht, sind sehr brave, rechtliche Menschen, nur etwas zu
pedantisch in ihren Sitten. Ich stimme den meisten ihrer Grundstze und
Einrichtungen mit inniger berzeugung bei, kann aber durchaus nicht begreifen,
warum der Geist der Frhlichkeit damit unvereinbar sein sollte. Kann es dem
hchsten Wesen wohlgefllig sein, auf lauter ernste oder traurige Gesichter zu
blicken, und knnen Tanz und Spiel der wahren Tugend zuwider sein? Da doch des
Menschen Wahn immer auf bertreibungen fllt, er in seinem geistigen Stolze
nicht auf die Winke seiner Lehrerin, der Natur, achtet! Das hchste Glck,
welches ich hier finde, ist die vllige Freiheit der Meinungen. Niemals hrt man
weder einen religisen noch politischen Streit; ein jeder sagt ohne Rckhalt
sein Urteil und hrt ruhig ein entgegengesetztes an. Es ist mglich, da du
recht hast, sagt der eine, mir scheint es jedoch so, aber ich kann irren; der
andre uert sich ebenso, und kein Tropfen Wermut fllt in den Becher der
Freundschaft. Diese Migung ist um so bewundernswrdiger im gegenwrtigen
Augenblick, wo der Krieg und die daraus entsprungenen Unglcksflle die Gemter
mehr als gewhnlich spannen. Nur unter diesem ruhigen Volke konnte die Freiheit
ihren Sitz aufschlagen, ohne da ihr Weg mit Blut bezeichnet wurde. Mir ist, als
ob ich hier ausruhte von all dem Weh, welches mein armes Herz in den letzten
Jahren unaufhrlich bestrmt hat, als ob ich nach langer Pilgerschaft Quarantne
hielte. Diese ist freilich nicht sehr ergetzlich, aber sie sichert die
Gesundheit, und deshalb sei sie meinem Geiste willkommen. Zwar schttelt er oft
ungeduldig die Schwingen und will mich hinziehen und -tragen zu jener erhabenen
Bundesstadt, wo sich das neue Kapitolium baut, zu Schutz und Hut der kstlichen
Freiheit. Aber ach! die Goten aus Albion haben Frevlerhnde an die entstehenden
Heiligtmer gelegt und weilen noch immer in der Nhe. Tief wird dies hier
empfunden, doch hofft man, bald den Frieden hergestellt zu sehn und die
empfangenen Wunden zu heilen. Wie aber auch Europa sich dagegen struben mag,
die Neue Welt wird, in kurzem, zur riesenstarken Manneskraft gelangen, und wehe
Europa, wenn sie jemals den Gedanken fat, die Beleidigungen zu rchen, welche
ihre Kindheit erfuhr. Nicht der Norden allein ist frei, auch im Sden schttelt
man die berseeischen Ketten ab. Wenige Jahre noch, und das Panier der Freiheit
weht von der Hudsonsbai bis zur Magellanischen Meerenge, und unter seinem
Schatten blhen Wissenschaften und Knste, aus allen brigen Weltgegenden dahin
verpflanzt.

Das neue Jahr ist hier mit viel schnen Hoffnungen und tausend guten Wnschen
begonnen worden. Ich hatte am ersten Tage desselben eine lange Unterredung mit
William, welche unsern unsichern Standpunkt gegeneinander wieder einigermaen
festgestellt hat. Er schickte mir am Morgen, nach der Sitte meines Vaterlandes,
einen groen Korb voll der auserlesensten Treibhausfrchte und Blumen; ich hatte
ihm dagegen, sowie der brigen Familie, einige knstliche Arbeiten verfertigt,
welche hier noch neu waren und viel Bewunderung erregten. Sehr natrlich hatte
er das Vorzglichste erhalten. Er kam, mir mit vieler Freude zu danken. Es ist
fr meine Verbindlichkeit und fr meinen guten Willen sehr wenig, sagte ich
ablehnend, ich wollte, ich knnte mehr fr Sie tun. - Sie knnen nicht?
fragte er. Ach, Sie knnten unendlich viel gewhren, wenn ich nur wnschen
drfte. - Hren Sie, William, sagte ich, Sie haben sich mir zum Bruder
erboten, so lassen Sie uns auch geschwisterliches Vertrauen bewahren. -
Geschwisterliches? sagte er kleinlaut. Ja, fuhr ich fort, als Schwester
will ich jetzt mit Ihnen reden. Alles, was ich habe und besitze, habe ich durch
Sie gerettet, und ich lege nur insofern einigen Wert darauf; sonst wei ich die
Zuflligkeit der Erdengter zu wrdigen und schtze nichts als den Geist. Ich
kenne den Ihrigen, der meinige ist ihm verwandt. (Er rckte mir freudig nher.)
Es gibt aber der verwandten Geister mehr, fuhr ich fort, und die ersten Bande
drfen nicht durch sptere gelset werden. - Frhere Bande? rief er
erschrocken. Nein, nein, unmglich, wie htten Sie da Ihr Vaterland so willig
verlassen knnen, wie knnten Sie in der Fremde so heiter sein! - Fremd ist
mir der ganze Erdkreis, sagte ich, meine Heimat ist seit langer Zeit dort
oben. - Tot? fragte er. - Tot, erwiderte ich, und nachdem ich mich etwas
gefat hatte, erzhlte ich ihm die Geschichte meines Herzens. Er hrte mich mit
Teilnahme an, und oft glnzten Trnen in seinen Augen. Wir schwiegen beide
lange, nachdem ich geendet, dann beugte er sich ber meine Hand, und als er sich
wieder emporrichtete, flog ein Schimmer von Freude ber sein Gesicht. Mit einem
edlen Toten die Neigung dieses schnen Herzens zu teilen scheint mir ein seliges
Los, sagte er, und in jenen Regionen des Lichts fordert man kein Eigentum
mehr. - So will es auch mir oft scheinen, antwortete ich, doch widerspricht
ein unerklrliches Gefhl augenblicklich dem Verstande. Lassen Sie mir Zeit,
lieber William, ob vielleicht dieser Zwiespalt in meinem Innern sich lst, viel,
viel Zeit, und mag es ausfallen, wie es wolle, wir mssen Freunde bleiben, fest
und unzertrennlich fr dieses Leben. Ich hielt ihm die Hand hin, er schlug
versichernd ein. Seitdem ist er wieder heiterer; er hofft. Ich hege keine
Hoffnung, aber ich fhle mich erleichtert und darf ganz vertraulich mit ihm
umgehen. In meiner Brust herrscht tiefer Friede; um die lieben Verlorenen fliet
zwar manche einsame Trne, doch trocknet sie das Bewutsein des Wiedersehens. An
die brige Vergangenheit werde ich nur selten erinnert und meide es fast, von
meinem lieben Frankreich zu hren. Ach, wenn das Vaterhaus abgebrannt ist, dann
berfllt uns Grauen, die Brandsttte zu sehn; und wird schon gleich an
derselben Stelle ein Palast aufgebaut, es ist die freundliche Wohnung nicht
mehr, woran so schne Erinnerungen haften. Nur von Dir mchte ich so gern
Nachrichten haben und sehne mich vergebens danach; der bse Krieg hemmt den
freien Verkehr der Lnder gar sehr. Sonst wre auch William schon lngst in See
gegangen, um mir Kunde von Dir zu verschaffen und dies neben mir liegende,
ungeheure Pack Geschriebenes sicher in Deine Hnde zu befrdern. Bis dahin mu
ich schon fortfahren. Ein gnstiges Geschick wird es wohl zu Deinen Hnden
bringen. O ttest Du doch ein Gleiches! Ich kann mir das Leben und Treiben in
Paris kaum mehr denken, es ist bei uns alles so ganz anders. Kein Schauspiel,
keine Maskeraden, wenig kirchliches Geprnge, wenig Musik, aber viel
Familienfeste, viel Teezirkel, hufiges Spazierengehen und -fahren. Die Gegend
ist schn, der Winter gemigt, wie in dem sdlichsten Frankreich. Bald wird er
ganz von uns scheiden, und dann mu die Landschaft entzckend sein, wenn mit dem
ernsten Grn der Zedern und Tannen sich das helle Laub des Platanus und der
zahllosen Nubume mischt. Als ich hier ankam, hatte das Ganze schon ein falbes
und brunliches Ansehn. Ich freue mich wie ein Kind ber das Aufkeimen der
jungen Pflanzenwelt, immer war sie es, wohin ich mich flchtete, wenn das Leben
mich zu rauh berhrte. Hier duftet mir heilender Balsam fr jede Wunde, und der
Odem des Friedens haucht durch die zarten Halme und Blten. berall in der
belebten Natur zeigt sich das widrige Bild der kmpfenden Leidenschaften; nur
die Pflanzen blhen friedlich beisammen, liebend sich zueinander neigend und
strebend, sich mit zarten Ranken zu umarmen. Darum sei mir gegrt, freundliche
Blumenwelt, ihr suselnden Bume und ihr zarten Halme des Grases, zwischen
welchen ich so oft stundenlang lagerte und mit inniger Lust den Wanderungen
kleiner glnzender Kferchen, dem Spiel bunter Schmetterlinge zusah und mich und
die brige Welt verga. Nirgend auf dem Erdenrund kann Virginia unglcklich
sein, wo sie frei und die Natur nur nicht ganz de ist. Der Mensch macht so viel
Anstalten, um glcklich zu sein, und er bedarf so wenig!

Noch keine Nachricht von Dir, und der Frhling ist schon in seiner vollen Pracht
bei uns eingezogen. Man hat um meinetwillen ein sehr malerisch gelegenes
Landhaus unweit der Stadt bezogen, und fast bin ich froh wie einst an der
Durance. Den grten Teil des Tages bin ich mit meiner Philippine allein, weil
der Vater nicht das Comptoir, die geschftige Mutter nicht das Hauswesen
verlassen mag. William besorgt die Befrachtung seines Schiffes, mit welchem er
wieder nach Europa zu segeln gedenkt, da der Friede so gut als abgeschlossen
ist. Nach Tische aber versammelt sich die ganze Familie, dann und an Feiertagen
werden kstliche Spazierfahrten am Delaware oder am Schamuny gemacht und Besuche
auf mancher freundlichen Pflanzung. Morgens schwrme ich oft mit Philippinen
umher und kehre, wenn wir ermden, auf dem Meierhofe eines ehrlichen Qukers
oder auf der kleinen Besitzung eines Negers ein, wo wir, ohne Unterschied, mit
gleicher Herzlichkeit empfangen werden. Die schwarzen Pflanzer stehen an
Betriebsamkeit den Weien nicht nach und werden ihnen nach fnfzig Jahren
vielleicht an Vermgen ziemlich nahekommen, da sie fleiig die Schulen zu
besuchen anfangen und ihre Bildung in der Nhe der Stdte merklich
fortschreitet. Unfern Paris wrde es wohl sehr auffallen, zwei junge Mdchen, im
Morgenkleide und im Sonnenhute, durch Felder und Gehlze streifen zu sehen; hier
ist dies, Dank sei den schuldlosen Sitten des Landes, gar nichts Ungewhnliches.
Die treuherzigen Pennsylvanier gren uns berall mit freundlicher
Unbefangenheit und reden uns mit dem vertraulichen Du an, welches ich so gern
hre, weil ich es in meiner Kindheit so allgemein vernahm. Philippine hat sich
mit leidenschaftlicher Liebe an mich gehngt, und ich umfasse das holde Mdchen
mit schwesterlicher Zrtlichkeit, freilich nicht in dem Sinne, wie es die
Familie zu erwarten scheint. berhaupt ist dies die Kehrseite meines sonst so
glcklichen Lebens, da man etwas voraussetzt, wovon ich mich noch weit entfernt
fhle. Der Vater ist voll Eifer fr die Benutzung meines Vermgens, macht dabei
so listige Anmerkungen, nennt mich oft sein liebes Tchterchen und gibt mir zu
verstehen, da ich einst um das Dreifache reich sein wrde. Die geschftige
Mutter schrt noch emsiger zu und spricht oft schon weitlufig ber knftige
husliche Einrichtungen. Der arme William ist dabei auf Kohlen und wendet all
seinen Flei an, solche Gesprche abzubrechen, weshalb er manches unwillige
Gesicht von der Mutter erhlt, wenn er den Flu ihrer Rede unterbricht. Es ist
ein kleiner Sturm zu befrchten.

William hat schon erklrt, da er nchstens in See gehe, aber man rechnet
darauf, er werde zuvor noch eine Verbindung mit mir unauflslich machen. Was
wird man aber sagen, wenn man sieht, da dies nicht der Fall ist? was, wenn man
erfhrt, da ich eine groe Reise nach Washington und von da zu den Seen und dem
Niagara zu machen gedenke? William, welcher gern auf alles eingeht, was mir
Freude macht, hat zu dieser Reise schon im stillen die besten Anstalten
getroffen. Er gibt mir seinen eigenen Bedienten mit, einen treuen und erfahrenen
Menschen, welcher schon einen groen Strich jener Gegenden durchreist ist, dann
zwei ehrliche Schwarze, auf welche er sich verlassen kann, Vater und Sohn. Der
Vater, John, war in seiner frheren Jugend als Sklave in Virginien, entlief
damals seinem strengen Herrn und geriet zu den Wilden, welche ihn aufnahmen. Er
war sechs Jahr unter ihnen und lernte ihre Sprache und ihre Sitten vollkommen.
Im Kriege zog der Stamm, bei welchem er sich befand, den Englndern zu Hlfe,
wurde aber in einem Gefechte mit den Amerikanern zerstreut, und John geriet auf
seinem Irrwege nach Pennsylvanien, wo die menschenfreundliche Begegnung ihm so
wohl gefiel, da er dort seinen Aufenthalt nahm. Er fand bald Arbeit, erwarb
sich nach und nach ein kleines Eigentum, heiratete eine freie Schwarze und ist
jetzt Vater von fnf Kindern, drei Shne und zwei Tchter, welche alle
verheiratet sind, bis auf die jngste Tochter, welche mich, sowie einer ihrer
Brder, ebenfalls begleiten wird. Seine Htte und sein kleines Feld grenzen nahe
an Ellisons Landhaus, deshalb kennt ihn William seit seiner frhesten Jugend und
wird von dem Alten, fast mehr als seine eigenen Kinder, geliebt. berhaupt ist
Anhnglichkeit und unerschtterliche Treue ein vorzglicher Charakterzug dieser
guten, bis jetzt so unterdrckten Menschengattung. Wer nur irgend Wohlwollen und
Aufmerksamkeit gegen sie blicken lt, kann ihrer innigen Liebe versichert sein.
Ich habe oft auf unsern Morgenstreifereien die kleinen schwarzen Buben geherzt
und mit dem Alten freundlich geredet, aber dafr knnte ich auch mit ihm bis zu
den Huronen reisen, er wrde jede Gefahr von mir abwenden und mich nur mit
seinem letzten Lebenshauche verlassen. Zittre daher nicht, liebe Adele, vor den
Schrecknissen, welche diese Reise fr mich haben knnte. Das Land ist so wst
nicht mehr, als du es vielleicht noch aus frheren Reisebeschreibungen kennst.
Es gehen regelmig Landkutschen von hier auf Baltimore und Washington,
Landstraen und Wirtshuser sind nach allen Richtungen angelegt, und wo diese in
der Gegend der Seen aufhren, da geht fr mich der romantische Teil der Reise
erst recht an. Ein leichtes Fuhrwerk ist bald gekauft, ja selbst fr eine
Fureise habe ich hinreichende Kraft und Lust. Wenn Du diesen Brief erhltst,
welchen William heilig gelobt hat nach zwei Monaten in Deine Hnde zu liefern,
dann kannst Du denken, da ich an dem groen Wasserfalle sitze, wohin mein Herz
mich mit einer unwiderstehlichen Sehnsucht zieht, wie den Wilden,welcher dorthin
geht, um den Groen Geist anzubeten.
    Vor der Abschiedsstunde graut mir recht von Herzen. Soll ich den armen
William ohne Hoffnung ziehen lassen? und kann ich ihm Hoffnung geben? Soeben war
er hier und meldete mir, da sein Schiff segelfertig liege und der Wind sich
gnstig zu wenden scheine. Meine Augen wurden feucht, der Gedanke, den Freund,
den Beschtzer meines Lebens zu verlieren, drang schmerzlich auf mich ein. Er
trocknete schnell meine Trnen mit seinem Tuche ab und drckte dies an seine
Lippen. Du sollst mich begleiten und mich strken, rief er, wenn die
Niedergeschlagenheit zu mchtig werden will! - Guter William, sagte ich, und
meine Trnen flossen strker, ich wnschte, ich knnte Ihnen mehr geben. -
Sie wnschen es und knnen nicht? sagte er erblassend. Jetzt noch nicht. -
Wann aber? - Wenn wir beide unsre Reise beendigt haben. - Was kann da
verndert sein? - Viel, o viel, lieber William! Das Leben steht ja nie still,
und in vier, fnf Monden verndert sich die Erde so sehr. - Auch das Herz?
auch das Herz, Virginia? rief er heftig. O welche Aussicht erffnen Sie mir!
- Sie kennen die seltsame Lage meines Herzens, sagte ich, ich habe Ihnen
niemals meine Gefhle verhehlt, und auch jetzt mag ich Ihnen einen fast mir
selbst lcherlichen Gedanken nicht bergen. Es scheint mir nmlich, als knne nur
am Fall des Niagara der Zwiespalt sich lsen, welcher in meiner Seele sich
erhoben hat, seit ich unter Ihrem Schutze lebe. - Ach, es ist nur der Wunsch
nach weiter Entfernung von mir, sagte er mit traurigem Kopfschtteln. Nein,
nein! rief ich, ich verlasse Sie mit Schmerz, aber ein unerklrliches Etwas
reit mich fort. Am Niagara! tnt es in meinen Trumen; und wie andre Pilger
sich gen Osten wenden, so scheint mir im Westen die Sonne der Verheiung zu
glnzen. Ihr Weg geht dem Osten zu, o mchte die freundliche Morgenrte auch
Ihrem Herzen Hoffnung schimmern! - Ich lasse die Hoffnung hier zurck,
erwiderte er. Ach, das Meer zieht mich nicht mehr an, wie ehemals, mit seinem
ewigen Wechsel! Wre es nicht, um Ihnen Nachrichten zu verschaffen, ich wrde
schon diese Reise nicht mehr unternehmen; es wird die letzte sein. Der stille
Reiz des heimatlichen Lebens spricht mchtig zu meinem Herzen, mein Sinn strebt
nicht mehr in die Weite hinaus. Was ist der Lohn des Weltumseglers? des
Welteroberers? Ruhm, kalter Ruhm. Aber auch Glck? Nein, das Glck wird ewig vor
ihm fliehen, es wohnt nur in der stillen Htte, wo ein treues Weib ihm lchelt
und muntre Kinder um ihn spielen. - Wohl, wohl! sagte ich gerhrt, auch ich
kannte den seligen Frieden der begrenzten Heimat, und mein Herz sehnt sich dahin
zurck, wie nach dem Paradiese der Unschuldswelt. Aber ein feindseliges Geschick
vernichtete mein Eden, und wie die Trmmer einer zerstrten Welt mu ich irren
durch den Raum, bis ich meinen Pol finde und meine Bahn. - Sie glaubten hier
die Ruhe zu finden, sagte er mit halbem Vorwurf. Was glaubt, was hofft nicht
der Mensch! erwiderte ich. Auch fand ich viel. Schon fhle ich mich im Vorhof
des Heiligtums, die Balsamdfte der Paradiesesblten wehen schon zu mir herber,
o lassen Sie mir Zeit, den Eingang zu suchen. - Ich habe nur Wnsche, sagte
er und verneigte sich mit Entsagung; die ersten und heiesten sind fr Ihr
Glck. Ich bin auf alles gefat, nur Sie auf immer zu verlieren, der Gedanke
bersteigt meine Kraft. - Auch ich darf ihn nicht denken! rief ich und
ergriff seine Hand; empfangen Sie meinen Schwur, da, wie auch unser Verhltnis
sich wende, ich mich nicht von Ihrer lieben Nhe trennen will, bis der Tod uns
scheidet. - Oh, Virginia! rief er und hob meine Hand zwischen seinen
gefalteten Hnden empor, welch einen himmlischen Trost geben Sie mir zum
Reisegefhrten. Nimmer will ich mehr verlangen, wenn Sie es nicht selber
wnschen. Mit freudestrahlendem Gesicht verlie er mich.

Er hat der Familie seine Abreise angekndigt, die mivergngten Gesichter aber
augenscheinlich durch den Zusatz aufgehellt, da dies die letzte Fahrt sein
solle und da er dann eine Lebensart aufgeben werde, welche der Vater immer nur
ungern zugelassen hat. Dieser hofft, ihn fr sein Handlungshaus zu gewinnen, ich
glaube, er trgt sich; Williams Sinn strebt nach der Stille des Landlebens, ihm
fehlt der spekulative Geist, dessen der Kaufmann bedarf.
    So mu ich denn diese Bltter schlieen und siegeln; mgen sie glcklich zu
Dir gelangen, meine Adele. Mein ganzes Sein haucht Dir aus ihnen entgegen, nimm
sie freundlich auf und tausche sie gegen andere von Deiner Hand aus, worauf ich
so sehnlich hoffe. Gib mir Kunde von den Deinen, vorzglich von Deiner guten
Mutter; gre diese herzlich von mir. Schreib mir auch, ach, nur in wenigen
Worten, was mein armes, liebes Frankreich macht. Glcklich scheint es nicht zu
sein, es kommen viel Ausgewanderte hier an. Seit einigen Tagen verbreitet sich
ein Gercht, welchem ich aber keinen Glauben beimesse, die Schiffernachrichten
sind fters falsch.
    bermorgen reise ich mit meinem kleinen Gefolge ab. Die Mutter schttelt
zwar sehr den Kopf zu dieser Wallfahrt, doch sie ist mit sorglicher
Geschftigkeit bemht, alles zu ordnen und herbeizuschaffen, was ihr zu meiner
Bequemlichkeit ntig scheint. Der Vater gibt mir Empfehlungsschreiben nach
Baltimore und Washington mit. Philippine weint schon im voraus ber die lange
Trennung und trstet sich nur durch mein Versprechen, da ich dann auf immer bei
ihr bleiben wolle. Es wird mir in der Tat schwer, mich von diesem Mdchen und
von diesem freundschaftlichen Hause zu trennen; aber der Zug nach Westen ist
strker als die Freundschaft, ja selbst strker als meine Vernunft.
    Lebe wohl, meine Adele! Tausendmal lebe wohl! William eilt an Bord und nimmt
Abschied von Deiner

                                                                       Virginia.

                               Virginia an Adele


                                                                       Baltimore

Glcklich bin ich hier mit meinem Gefolge angelangt, und ein Handelsfreund von
Ellison hat sich nicht abhalten lassen, mich aufzunehmen. Unsre Reise war nur
wenig verschieden von einer Reise in Frankreich, so kultiviert ist schon der
Distrikt zwischen hier und Philadelphia; nur waldiger ist das Land als dort und
der Baumwuchs ppiger, saftvoller, auch gibt es mehr Viehzucht und mehr kleine
zerstreute Besitzungen. An das Gemisch der verschiedenfarbigen Menschen, welches
dem Reisenden anfangs sehr auffllt, habe ich mich schon gewhnt. Von hier aus
will ich erst nach Washington, um die Nachbildung jenes Kapitols zu sehen, wohin
mein Geist so oft mich trug und welches jemals wirklich zu sehen mir nun jede
Hoffnung entschwunden ist. Dann kehre ich hierher zurck, um von hier aus die
groe Wanderung zu den Seen anzutreten. Baltimore ist freundlich und um vieles
lebhafter als Philadelphia. Es wohnen hier viele Franzosen. Meine Wirtsleute
sind noch jung, besonders die Frau, ein Irlnderin, voll Lebhaftigkeit und
beweglich wie Quecksilber. Sie erzhlt mir unaufhrlich; schade nur, da ich
mich mit ihr so schlecht verstndigen kann, denn sie spricht das Englische nach
ihrer vaterlndischen Mundart aus und kann wenig Franzsisch. Besonders wnschte
ich mich ber einen Teil ihrer Erzhlungen vollstndig unterrichten zu knnen,
welcher mich seltsam anzieht. Sie spricht nmlich oft von den Freiwilligen von
Baltimore, welche im vorigen Jahre Washington zu Hlfe gezogen, und da darunter
mehrere Auslnder gewesen. Unter diesen erwhnt sie oft eines jungen Franzosen,
welcher lange in ihrem Hause gewohnt habe. Die Beschreibung scheint mir,
wunderbarerweise, auf Mucius zu passen, auch der Name hat in ihrer Aussprache
einige hnlichkeit, und so fest ich von der Unmglichkeit seines Lebens
berzeugt bin, so nimmt mein trichtes Herz doch einen Anteil an diesen
Erzhlungen, der mich mit Unruhe erfllt. Gern mchte ich nun etwas Nheres ber
diesen Fremdling erfahren, mchte seine ferneren Schicksale, seinen jetzigen
Aufenthalt wissen; aber entweder wei die gute Davson nur wenig, oder ich
verstehe sie schlecht. Ich kann nicht einmal mit Bestimmtheit erfahren, ob er
mit den Freiwilligen zurckgekehrt ist, sie spricht immer, der gute junge Herr
ist gegangen. Ich entschlo mich, mit einer kleinen Schamrte, den Mann deshalb
zu befragen. Hat Ihnen meine Frau davon gesagt? fragte er mit einem finstern
Blick, welchen ich noch gar nicht an ihm gesehen hatte. Ich wei nicht mehr als
Betty, setzte er hinzu, es hat mich nicht interessiert. Und damit brach er
das Gesprch ab, welches ich nicht wieder anzuknpfen wagte.
    Der Fremde ist ein Zankapfel zwischen dem Ehepaare gewesen, das bemerke ich
wohl. Aber weshalb beunruhigt mich das? warum ist mir seitdem die Schnheit der
jungen Frau auffallender? warum bemerke ich sie mit halbem Neide? warum fllt
mir ihre Lebhaftigkeit doppelt auf, wenn sie von dem Fremden spricht? was geht
das mich an? Wahrhaftig, Deine Virginia ist recht kindisch! lache sie nur
tchtig aus, und schilt sie zugleich. Sie scheint eiferschtig auf einen
Schatten und war es nie auf den lebenden Mucius.
    Auf jeden Fall aber wird dieser Umstand meine Abreise nach Washington
beschleunigen. Es drngt mich hin zu dem Schauplatze, wo der Unbekannte
gekmpft, vielleicht geblutet hat. Vergib mir, William! dich konnte das
trichte, undankbare Mdchen verlassen, und hier jagt es dem Truggebilde einer
kranken Phantasie nach, dessen Urbild ber den Sternen lebt. Guter William! ich
frchte, so wird es immer sein.

Mein Gefolge ist es sehr wohl zufrieden, da wir bald weiterreisen. Meinen
Negern gefllt der stdtische Aufenthalt nicht. Corally, das schwarze Mdchen,
kann gar nicht begreifen, wie man sich in einen so groen Ort einsperren knne,
wo man gar keine Rasenpltze zum Tanzen, keine Bltengebsche vor seiner Haustr
habe. Ihr Bruder Ismael horchte auf die Erzhlungen seines Vaters von der
Lebensart der Wilden. Er hofft immer, einigen Stmmen am Ontario oder Erie zu
begegnen und mit eigenen Augen ihr Treiben zu sehen. Dann aber sehnt er sich
nach seiner Frau und seinen kleinen Buben zurck. Corally hat mir auch ganz
heimlich vertraut, da sie einen jungen Schwarzen gar liebhabe, er sei aber arm,
msse noch verdienen und sparen, denn Vaters kleines Feld knne keine neue
Familie mehr ernhren. Gutes Kind der Natur, wie wenig bedarf es, dich zu
beglcken! Einige Morgen Land, eine Htte, ein paar Khe, und daran soll es dir
bei unserer Rckkunft nicht fehlen.

                                                                      Washington

So bin ich denn gestern eingezogen in diese Hauptstadt des freien Amerika,
vielleicht bestimmt, dereinst der Neuen Welt Gesetze, Sprache und Sitten zu
geben, wie Rom sie vormals der Alten gab. Mge sie sich nie zu Roms ppigkeit
und bermut erheben, um einst zu sinken wie sie! Welche Vergleichungen, welche
Erinnerungen und Betrachtungen bieten sich hier bei jedem Schritte dar. Khn und
gro ist der Entwurf zu dieser groen Bundesstadt, wie berhaupt der Riesenbund
dieser freien Staaten. Gebe das Schicksal Gedeihen! die Saat ist vollwichtig,
die Semnner sind voll redlichen Eifers, und nur der Sonnenschein des Friedens
ist not. Das Hagelwetter, welches jngst vorbergeflogen, hat vieles zerstrt.
Prachtvolle Gebude stehen dachlos und ausgebrannt, und der Mond scheint
verwundert in die leeren Rume hinabzublicken. Die Sulen des Kapitols sind
beschdigt von dem feindlichen Geschtz, aber die Sulen der Republik trotzen
jedem Anfall, hier wird sich die Macht des neuen Karthago brechen. Unter Kmpfen
ward hier das Riesenkind der Freiheit geboren, Kmpfe und Gefahren strken seine
Krfte und ziehen es gro, wie die junge Eiche mitten unter Strmen emporwchst.
    Mit stiller Ehrfurcht habe ich das noch nicht ganz vollendete Denkmal des
groen Mannes besucht, dessen Name durch die Stadt selbst der spten Nachwelt
berliefert wird und dessen Andenken in dem Herzen jedes Amerikaners lebt.
Wahrlich, ein beneidenswerter Sterblicher, den selbst seine Gegner nicht zu
verunglimpfen wagen! Die einfachen Sitten seines Landes, die ruhige Art der
hiesigen Entwickelung bewahrten ihn vor dem khnen Auffluge, welchen unser
franzsischer Adler nahm. Napoleon bertraf Washington an Geist und Energie,
wurde aber von ihm an Migung und stiller Brgertugend weit bertroffen.
Washington war der Cincinnatus des tugendhaften Roms, Napoleon der Caesar des
verderbten. Beider Charakter leiden sowenig eine Vergleichung als die Lage ihrer
Umgebungen.

Das Gewhl des Hafens und die Ttigkeit, womit man die Brandsttte abrumt und
den Schaden zu heilen strebt, hat mich mehrere Tage ergetzt und festgehalten;
daneben habe ich manche Forschung nach dem Unbekannten angestellt. Humphry Dyk,
der Bediente von Ellison, ist mir dabei sehr ntzlich gewesen, und ich habe
diesen Menschen recht liebgewonnen, seines Diensteifers wegen. Aber ach, es ist
alles vergebens, man wei hier nichts von einem schwarzlockigen Franzosen,
welcher unter den Freiwilligen von Baltimore sich befunden. Alle Behrden sind
befragt, alle Krankenanstalten besucht worden; hier ist er nicht, wenn er
berhaupt noch lebt. Was geht es mich an! rufe ich trotzig aus oder verlache
mich selbst mit dieser kindischen Grille; aber es hilft wenig, ich kann den
Gedanken nicht loswerden. Das beste wird sein, da ich mich bald von hier
entferne, die Anstalten zu einer Reise und die immer wechselnden Gegenstnde
werden mich zerstreuen. Wann wird Virginia die Ruhe ihres Herzens wiederfinden!

                                                                       Baltimore

Hier bin ich wieder, und in voller Geschftigkeit fr meinen groen Zug. Wir
haben uns, in der Tat, wie zu einer Entdeckungsreise gerstet. Humphry hat
frchterliche Vorstellungen von der Ungastlichkeit der Gegenden, wohin wir
gehen, ich lasse sie ihm, weil mir beilufig der romantische Gedanke, durch
Wildnisse zu irren, ein geheimes Vergngen macht.
    Wir haben einen Wagen, mit zwei Pferden bespannt, gekauft und fr den Zweck
zurichten lassen. Gegen Regen und Sonne wird er durch eine Art von Zelt
geschtzt, welches nicht nur an den Seiten in die Hhe gewunden, sondern auch
abgenommen und durch Stangen vergrert werden kann. In diesem Wagen sitzen
Corally und ich auf Sitzkasten, welche mit Decken und Wsche angefllt sind.
Auerdem befindet sich ein groer Fcherkorb voll Lebensmittel und ein tchtiges
Flaschenfutter mit Wein und Rum, ein Bratspie nebst dazugehrender blecherner
Pfanne, sechs Teller aus Silberblech, ein kleiner kupferner Kessel, Messer,
Gabeln und Lffel, einige leere Korbflaschen, einige hrnerne Becher, ein Beil,
eine Matratze und ein Tragekorb auf demselben. Da hast Du unsre ganze wandernde
Haushaltung. John hlt uns fr frstlich ausgestattet, Humphry htte gern noch
mehr hinzugetan. Er und John befinden sich, zu unsrer Bedeckung, zu Pferde, sind
mit guten Flinten bewaffnet und reichlich mit Pulver und Blei versehen; Ismael
macht den Kutscher. So werden wir nun morgen, in aller Frhe, unsere Wallfahrt
antreten. Ich habe mich mit einem kleinen Reiseschreibzeuge versehen und werde
ein ordentliches, an Dich gerichtetes Tagebuch halten, welches Du vielleicht
einst erhltst. Mir hpft das Herz vor Freude bei dem Gedanken an diese
Pilgerfahrt. Das neue, ungekannte Leben reizt mich, und ich werde diese Nacht
kaum schlafen knnen, wie die Kinder, welchen das ganze Leben meist noch fremd
ist, schon vor einer Spazierfahrt nicht schlafen. Oh, wie ist man so selig, wenn
man noch Kind ist! da zieht uns nur der Blumenhgel an, welchen wir erreichen
knnen, jetzt schlieen kaum die blauen Berge und das Meer mein Sehnen ein.

                                                                  Den 20. Junius

Wir sind vor Tage aufgebrochen, um in der Morgenkhle zu reisen. Die Sonnenhitze
in den Mittagsstunden ist jetzt unertrglich, wir werden dann an einem
schattigen Orte rasten, wo Wasser in der Nhe ist und Weide fr unsere Pferde.
Heute trafen wir einige artige Meiereien an, wo wir uns mit herrlicher Milch und
mit Eiern versahen, welche nebst dem frischen Fleisch, welches wir aus Baltimore
mitgebracht hatten, eine leckere Mahlzeit gaben. Zur Nacht haben wir bei dem
Hause eines Pflanzers haltgemacht. Mein Gefolge wird drauen, bei Vieh und
Gert, Corally und ich werden in dem Hause schlafen. Von hier aus mchten wir
wohl nicht oft mehr ein Obdach finden; je weiter wir gegen das Gebirge kommen,
desto sparsamer werden die Wohnungen, und doch habe ich diesen Weg vorgezogen,
statt auf Albany zu gehen, die Gegend wird hier viel romantischer.
    Die Kinder unsres Wirtes sehen mir neugierig zu, wie ich beim Schein ihres
Kchenfeuers schreibe. Was machst du da? fragt ein kleiner Knabe. Ich spreche
mit meiner Schwester, erwidere ich, welche da ber dem groen Wasser wohnt. -
Mit den Fingern? sagt er und sieht mich kopfschttelnd an. Ich zeichne die
Worte auf dies Papier, wie du dort ein Pferd mit Kohle auf die Wand gemalt
hast, gebe ich zur Antwort. Er blickt hinein und sagt: Du mut an kein Pferd,
an keinen Vogel, keinen Baum, kein Haus gedacht haben, ich kenne kein einziges
von deinen Worten.

                                                                  Den 26. Junius

Die Landschaft wird wilder, aber unbeschreiblich schn. Wir machen nur kleine
Tagereisen, um unser Vieh bei der Hitze zu schonen. Bis jetzt haben wir noch
immer Wohnungen angetroffen, wo wir Geflgel, Milch, Eier und Frchte kaufen
konnten. Diese Nacht brachten wir zum erstenmal im Freien, am Saum eines Waldes,
zu, wo ein klarer Quell uns mit vortrefflichem Wasser versorgte, und auch jetzt,
indem ich dies schreibe, lagern wir am Fu eines Berges, welcher dicht mit Ahorn
und weien Zedern bewachsen ist; hundert Schritte von uns braust ein Waldstrom
durch eine Bergschlucht hinab. John und Humphry sind auf die Jagd gegangen, und
Ismael dreht den Bratspie, Corally hat Wasser geschpft in unsern Kessel und
bereitet die Lager, ich stehe der kleinen Kche vor, die Pferde weiden neben
uns. Du glaubst nicht, welchen eigentmlichen Reiz dieses Nomadenleben hat,
selbst fr den kultivierten Menschen; ich wundre mich gar nicht, da die
Eingeborenen es nicht verlassen mgen.

                                                                  Den 30. Junius

Schon seit vier Tagen irren wir in den Gebirgen umher, uns blo nach der Sonne
und den Gestirnen richtend, worauf sich John sehr gut versteht. Oft denke ich
mir, wie Du Dich ngstigen wrdest, Du weintest ja ehmals fast jedesmal, wenn
auf unsern Spaziergngen die Turmspitze von Chaumerive sich uns versteckte, aus
Furcht, Dich zu verirren. Hier sind wir deshalb ganz unbesorgt, denn diese
Wildnisse sind so berraschend schn, da man sie nie wieder verlassen mchte.
Die Waldvgel ber unsern Huptern lassen ihre hundertfltigen, oft so fremden
und seltsamen Stimmen hren, Erdbeeren und die Beeren anderer Rankengewchse
rten den Rasen an den Abhngen der Berge, von deren Wipfeln neugierige Gazellen
auf uns herniederblicken. Wir leben zum Teil von dem Ertrage der Jagd, welche
hier nicht mhsam ist, da das Wild sich nicht sehr scheu und furchtsam zeigt;
auch die Eier einiger Wasservgel haben wir schon hufig an sumpfigen Stellen
gefunden. Ich schlafe unter dem Zelte; die Nchte sind kalt, aber entzckend
schn durch ihre Klarheit, und mit Vergngen betrachte ich die neuen
Sternbilder, welche ich sonst nur auf der Himmelskarte antraf. Mein Schlaf ist
vortrefflich, ein wenig Rum, mit Wasser, Ei und Zucker vermischt, mein
Frhstck, wenn wir, mit dem ersten Anbruch der Morgenrte, uns auf den Weg
machen.

                                                                   Den 5. Julius

Wir haben, auf mancherlei Umwegen, die sdliche Spitze des Eriesees glcklich
erreicht und mssen hier einen Rasttag halten, denn unsere Pferde sind ziemlich
erschpft. Das Land war schon in den letzten Tagereisen flach und offen. Der See
gewhrt einen schnen Anblick, die jenseitigen Ufer sind nur in einzelnen
nebeligen Punkten bemerkbar. John hat mehrere Wasservgel geschossen, welche
unsere Mahlzeiten wrzen. Er spht berall nach den Wilden umher, deren
Wiedersehen ihm sehr am Herzen liegt; ich selber bin auf ein solches
Zusammentreffen hchst gespannt.

                                                                   Den 8. Julius

Unser Wunsch wurde erfllt. Der Zufall wollte, da grade von dem Stamme, mit
welchen John verschwistert ist, ein Trupp von sechs Mnnern und vier Weibern in
ihren Canots ber den See kam, um auf die Rehjagd zu gehen, welche hier am Fue
des Alleghany-Gebirges sehr ergiebig ist. John wurde sehr bald von ihnen als ihr
Bruder erkannt, und die Freude war von beiden Seiten unbeschreiblich. Er zeigte
ihnen seine Kinder, und sie erklrten, da diese auch die ihrigen wren. Sie
brachten uns mit groer Gastfreiheit die Beute ihrer Jagd zum Geschenk; wir
bewirteten sie dagegen mit Rum und gekochten Speisen und teilten unsern Vorrat
an Reis und Zwieback mit ihnen, unsre Mnner gaben ihnen den grten Teil ihres
Tabaks. Ich schmckte die Weiber mit allem, was ich an Glasperlen, einfachen
Ringen, Bndern und entbehrlichen Tchern besa; das Freundschaftsbndnis war in
kurzem auf das engste geknpft. Sie lagerten sich in unserer Nhe und geleiteten
uns heute eine ganze Strecke. Der Abschied schien ihnen sehr wehe zu tun, doch
trsteten sie sich mit der Hoffnung, uns bei unserer Rckkunft von dem groen
Wasserfalle, wohin wir nach ihrer Meinung wallfahrten, um den Groen Geist
anzubeten, wiederzusehn. Auch John war gerhrt bei dem Scheiden von diesen
herzlichen Kindern der Natur, und er hat mir nachher wiederholt versichert, da,
wenn er nicht Frau und Kinder daheim htte, er der Versuchung kaum wrde haben
widerstehen knnen, mit ihnen in ihr Land zurckzukehren. Ich begreife leicht,
wie anziehend diese ungebundene Lebensart fr den sein mu, welcher die Sprache
dieser Vlker kennt und seine Bedrfnisse noch nicht zu weit ber die ihrigen
hinaus gesteigert hat.

                                                                  Den 11. Julius

Wir sind heute zu einer mittelmigen Meierei gelangt, welche an den Ufern eines
kleinen Flusses liegt, der sich ungefhr vier Stunden von hier in den Eriesee
ergiet. Der Boden ist sehr fruchtbar, der Mais steht vortrefflich und
verspricht einen fnfzigfltigen Ertrag. Obstbume umgeben die niedere Wohnung
und verstecken sie fast, alle beugen ihre Zweige unter der Last der Frchte.
Kirschen, Aprikosen, Birnen, Melonen sind von ganz vorzglicher Gte, die
Pfirsich rtet sich schon, und der Zider wird gewi ebenso trefflich und
reichlich gewonnen werden als im vorigem Herbste. Wir trinken jetzt davon und
werden unser fast geleertes Flaschenfutter damit fllen. Auch herrliches Gemse
gibt es hier. Khe weiden umher, und an Geflgel fehlt es nicht. Die Natur
versorgt diese glckliche Familie mit allem im berflu, was das physische Leben
angenehm machen kann. Wchentlich bringt der lteste Sohn des Hauses die
Produkte, welche man nicht verzehren kann, auf einem einspnnigen Karren nach
Venago, welches fnf Stunden entfernt ist. Die Familie besteht, samt den
Kindern, aus neunzehn Personen, worunter zwei deutsche Knechte sich befinden,
welche sich auf sechs Jahre vermietet haben; dies ist bei dem rmern Teil der
Ausgewanderten sehr gebruchlich. Nach Ablauf der Dienstzeit erhalten sie eine
Summe Geldes, Vieh, Getreide und dergleichen, um sich anzusiedeln. Bis dahin
werden sie vllig zur Familie gerechnet und den Shnen des Hauses gleich
behandelt, genhrt und gekleidet. Heiterkeit und Frohsinn malt sich auf allen
Gesichtern der hiesigen Hausbewohner, und ich mu sie glcklich preisen in ihrer
Abgeschiedenheit, welche sie gegen die tausend Plagen der Gesellschaft
sicherstellt. Nur selten kehrt hier ein Reisender ein, wird aber dann auch mit
der grten Gastfreundschaft empfangen, und man gedenkt seiner noch lange. Als
etwas Seltenes wurde bemerkt, da in dieser Woche schon zwei Fremde, nebst ihrem
Fhrer, hier gewesen, welche gleichfalls nach dem Wasserfall wallfahrten. Wie es
scheint, waren es Maler, denn der eine hatte die Landschaft gezeichnet und der
zweiten Tochter ein kleines Stck von seiner Arbeit zum Andenken geschenkt. Das
muntere Mdchen lobt deshalb ihn am meisten, whrend ihre ltere Schwester
seinen schwermtigen Gefhrten rhmt.
    Wir haben uns hier mit einer groen Menge frischer Lebensmittel versehn, es
ist mir aber kaum gelungen, den guten Leuten den wahren Wert aufzudringen.

                                                                  Den 13. Julius

Wir sind nur noch drei Stunden vom Niagara entfernt und hren den Fall wie das
Rollen eines mchtigen Donners. Schon gestern den ganzen Tag tnte sein Getse
in der Ferne, und in der Nacht hinderte es mich lange am Schlaf. Wir haben hier
haltgemacht, weil ich erst morgen zur Stelle kommen will; ich habe mir dieses
groe Fest zu meinem Geburtstage aufgespart. Tausend Erinnerungen und Gefhle
werden da auf mich einstrmen an diesem merkwrdigen Tage, wo die Kraft meines
Volkes hochaufschumte, wie diese Flut die trmenden Felsen berwand und dann
auch in den Abgrund fiel. Wird dieser mchtigen Welle eine zweite folgen? Es
wrde mir sehr unlieb sein, wenn ich morgen die beiden Reisenden dort fnde, von
welchen man in Woodhouse erzhlte; ich wre gern allein. Heute sahen wir in
einer ziemlichen Entfernung einige menschliche Figuren auf einer Hgelspitze
sitzen. Ismael, dessen Auge am weitesten trgt, behauptete, sie schrieben, wie
ich es oft abends zu tun pflegte; wahrscheinlich aber zeichneten sie. Mein Herz
fhlte sich zu ihnen hingezogen, so mchtig wirkt der Trieb der Geselligkeit im
Menschen berall, und doch mchte ich, wie gesagt, gerade morgen nicht gern mit
ihnen zusammentreffen, an einem Tage, wo ich so viel abzumachen gedenke mit
meinem eigenen Herzen. Mein ganzes Leben wird mit den Bildern aller meiner
Geliebten an mir vorbergehen. Hier will ich das Trauerfest feiern um meine
teuern Verlorenen, und hier, wo der rohe Irokese betet zu dem Groen Geist, will
auch ich zu ihm beten, da er mich erleuchte in dem, was mir not tut. Noch immer
erhlt sich in mir die Ahndung, als werde hier der Wendepunkt meiner Gefhle
sein, kaum werde ich schlafen knnen vor unruhiger Erwartung. Schon jetzt klopft
mein Herz hher und schneller mein Puls - ich bin ein Kind, was wird's denn
sein?
    Ich mu etwas Khlendes trinken und mit Corally schwatzen, das Schreiben
erhitzt mich. Lebe wohl, Adele! Gedenke Deiner Virginia.

                                                                  Den 14. Julius

O Himmel und Erde, Adele, er ist's! Wie ist die Welt so anders, anders der Mond,
die Gestirne anders! Er ist's! meine Ahndung, der Unbekannte, der Geliebte,
alles eins. La mich zu mir selbst kommen, mir schwindelt. Ich mchte Dir so
gern mein Glck in seiner ganzen Flle mitteilen, wie bisher meinen Schmerz,
aber meine Hand zittert. Doch nur eines Namens bedarf es, und hundertmal rufe
ich ihn dem Echo der Felsen zu, das Echo antwortet, als teilte es mein Gefhl.
Warum kannst Du mir nicht antworten, Adele! Auch Dir rufe ich ihn zu: Mucius!
Ja, Mucius! die Toten kehren wieder. O knntet ihr auch wiederkehren, mein
Vater, mein Emil, meine Mutter! Aber ich umfasse euch alle in dem lieben
Wiedergefundenen, auch Dich, Adele; er ist mir Vater, Bruder, Freund. Auch mein
Vaterland habe ich wieder, wo Mucius atmet, ist meine Welt! Mein Kopf ist wst,
ich mu einige Stunden ruhen. Das hchste Glck ist fast schwerer zu tragen als
der heftigste Schmerz. Welch ein Tag, der mir zum zweitenmal mein Leben, mein
Glck, das Ziel meiner Wnsche schenkte! Schlafe wohl, Adele, ich vermag nicht
weiter!

                                                              Einige Tage spter

Fr mich gibt es keine Zeit mehr. In meiner Seligkeit vergesse ich zu zhlen,
wie oft die Sonne auf- und untergeht. Nur die Kranken berechnen die Stunden, und
die Gefangenen zeichnen einen Unglckstag nach dem andern an die Wand ihres
Kerkers auf. Gern schreibt der Unglckliche seine Leidensgeschichte, der
Glckliche erzhlt lieber, die Feder teilt seine Wonne zu langsam mit. Und doch
mu ich schreiben, wenn Du erfahren sollst, was ich vor allem gern zu Deiner
Kenntnis brchte; ich werde also oft ein Stndchen aufopfern mssen, um Dir von
meinem Glcke Kenntnis zu geben, an welchem doch niemand so innigen Anteil
nehmen kann als Du. Meine Erzhlung wird sehr oft unterbrochen werden, da jedoch
noch eine ziemliche Weile verlaufen wird, ehe Du diese Bltter erhltst, so
werden die Bruchstcke sich schon nach und nach zu einem Ganzen gestalten, und
so fange ich denn mit jenem wunderreichen Tage des Wiedersehns an.
    Wir hatten frh den letzten Ort unseres Nachtlagers verlassen und fuhren bis
zum Fue der Felsen, ber welche sich der Niagara strzt; hier lieen wir Vieh
und Gert unter Ismaels Obhut, und John fhrte uns auf steilen Fupfaden bis zu
einer Hhe, von welcher wir den betubenden, jede Beschreibung bertreffenden
Wassersturz bersehen konnten. Wir waren alle ergriffen von diesem einzigen
Schauspiele. Donnernd strzt sich der Strom von Fels zu Fels, himmelhoch spritzt
der Schaum empor, von der Sonne durchschienen, einem Goldregen gleich;
hundertfltige Regenbogen bilden sich an dem dichter herabfallenden Gewsser.
Die Sprache ist zu mangelhaft, den Eindruck wiederzugeben, den das Auge kaum im
ganzen aufzufassen vermag. Sprachlos standen wir lange und staunten vor uns hin,
dann gab ich meiner Dienerschaft durch Winke zu verstehen, da ich bis zu einer
Abstufung des Felsens ohne Begleitung hinuntersteigen wolle, wohin ein bequemer
Pfad fhrte und wo einige Wlbungen einen khlen Aufenthalt zu bieten schienen;
ich wollte ungestrt sein. Als ich um eine Ecke bog, erblickte ich ein
mnnliches Wesen, welches in Gedanken verloren zu sein schien, und trat zurck.
Der Fremde wurde mich gewahr und machte seinerseits gleichfalls eine Bewegung,
um den Ort zu verlassen, so da wir einander nach entgegengesetzten Richtungen
auswichen, oft schchtern rckwrts sehend. Nach vielleicht hundert ungewissen
Schritten traten wir beide zugleich auf eine Anhhe hinauf und standen,
Bildsulen gleich, einander gegenber. Welche Gestalt? Ich zitterte. Der Fremde
beugte sich vorwrts, er hob die Arme. Geben die Grber ihre Toten zurck?
rief eine bekannte Stimme. Mucius oder sein Geist? fragte ich fast zu gleicher
Zeit und lag in seinen Armen, verlor an seiner Brust das Bewutsein. Als ich
erwachte, befand ich mich im Schatten eines Felsenberhanges, Mucius hielt mich
umfat, Corally kniete zu meinen Fen und suchte meine kalten Hnde mit ihren
Kssen zu erwrmen. Erhhete Lebenskraft und Wrme kehrten durch meinen ganzen
Krper zurck, sobald ich die Augen aufschlug, ich blickte ja in meinen Himmel.
Des Weines bedurfte ich nicht, welchen der ehrliche John herbeigeholt hatte.
Mi Virginias Bruder? fragte Humphry etwas befremdet. Ja, wohl Bruder, Vater
und Vaterland! rief ich und umschlang den Heigeliebten. Mehr, mehr, sagte
Corally mit schlauem Lcheln, und Humphry blickte zweifelnd und finster vor sich
hin. Mucius bat ihn und John, sich nach seinen Gefhrten umzusehen, welche
tiefer gegen die Wasserwand hinabgestiegen waren, und sie hierher zu fhren,
Corally setzte sich schweigend hinter einen entfernten Stein. So waren wir denn
allein, und die unermeliche Seligkeit, welche uns fast den Busen zersprengte,
machte sich in Trnen, Worten und Kssen Luft. Ich bin unfhig, Dir die ganze
Wonne dieser ersten glcklichen Stunden zu schildern. Wir hatten nur Sinn fr
das ungehoffte Glck des Wiedersehens, keine andre Erinnerung trbte unsern
sonnenhellen Himmel. Endlich langten unsere Fhrer und Mucius' Freund bei uns
an; dieser war die sogenannten Indianerleitern hinuntergestiegen, um den
stlichen Wasserfall recht in der Nhe zu sehen, whrend Mucius vorgezogen
hatte, hier oben in der Einsamkeit seinen Gedanken Raum zu geben. Er wute, es
war mein Fest, und hier wollte er es in wehmtiger Erinnerung begehen. So
seltsam, auf so wunderbarem Wege fhrte uns die liebende Vorsicht zusammen, denn
nimmer kann ich es fr den Glckswurf des blinden Zufalls halten.
    Virginia! rief Mucius seinem Freunde entgegen. Der bloe Name erklrte
diesem das Ganze, er strzte sich jauchzend an Mucius' Brust. Gebenedeiet sei
die Jungfrau und alle Jungfrauen, die ihr gleichen! rief er in toller
Lustigkeit; nun wird doch dies Auge wieder lachen und dieser Mund nicht mehr
seufzen, wenn ich das Leben preise mit all seinen Launen, Tcken und
Fastnachtspossen.
    Der Fremde, ein junger Maler aus Bassano im Venezianischen, welchen Mucius
in Spanien kennenlernte, wo er mit ihm in einem Regimente diente, wurde mir
vorgestellt. Er hat ein schnes freundliches Gesicht und ist voll unerschpflich
heiterer Laune. Seine treue Freundschaft knnte den Mustern des Altertums an die
Seite gesetzt werden. Das Glck seines Freundes war jetzt das seinige, er hatte
ihm lange genug die Last des Daseins ertragen helfen. Das Gerusch des Falls
fiel seiner Redelust beschwerlich, und wir kehrten, auf seinen Wunsch, zu meinem
Fuhrwerk zurck. Hier, um ein gutes Mahl gelagert, welches Ismael
bereitgehalten, erzhlten die beiden Freunde sich abwechselnd ihre Schicksale in
franzsischer Sprache, welche ihnen die gelufigste, unseren Leuten aber wenig
verstndlich war.
    Pinelli lernte Mucius in den Tagen der Hoffnung kennen, wo dieser sich schon
wieder die rosenfarbigsten Bilder der heimatlichen Zukunft schuf. Des Freundes
heitere Laune erhhete die hellen Farben des schnen Gemldes, und beide fingen
an, einander unentbehrlich zu werden. Nach einiger Zeit setzte das gnzliche
Ausbleiben meiner Briefe Mucius in groe Unruhe; Pinelli trstete nach
Mglichkeit. Die Kriegsvorflle konnten leicht die Ursache sein, wie sie es denn
auch wirklich waren; aber das leidenschaftliche Gemt eines Liebenden, welcher
schon so viel Trbes erfahren, frchtet leicht das rgste. Am Morgen jenes
Tages, als man sich zum Sturm auf eine spanische Festung anschickte, ward Mucius
eines Soldaten gewahr, welchen er als Landsmann aus Aix erkannte und welcher
erst vor kurzem bei dem Korps eingetroffen war. In seiner Nhe reitend, fragte
er ihn, ob er den Besitzer von Chaumerive kenne. Freilich kenne ich den guten
Herren, er war sonst oft in Aix. - Weit du jetzt nichts von ihm? fragte
Mucius zitternd. Als ich durch Avignon ging, entgegnete jener, war ihm vor
einigen Tagen die Tochter gestorben. - Virginia? schrie Mucius mit Entsetzen.
Den Namen wei ich nicht, sagte jener, man beklagte jedoch, ihrer Gte und
Wohlttigkeit wegen, allgemein ihren frhen Hintritt. - Lebt die Mutter noch?
stammelte Mucius. Ich glaube nein, sprach der Soldat. Wenige Sekunden darauf
wurde der Unglckliche von einer Kanonenkugel zerschmettert. Mucius' Zustand war
halbe Geisteszerrttung. Kurz darauf wurde der Sturmmarsch geschlagen. Wie auer
sich sprang Mucius vom Pferde, ergriff gewaltsam einen Adler und eilte die
Brcke hinauf, aber schwankend und halb bewustlos wurde er bald von der Menge
hinabgedrngt. Pinelli war, in der grten Unruhe, dem Freunde gefolgt, er sahe
ihn strzen, noch ehe er zu ihm gelangen konnte, und nur die Stimme der
Freundschaft hrend, warf er sein Pferd herum und jagte am Ufer des reifenden
Flusses entlang. Nach einigen Minuten sahe er Mucius auftauchen und matt mit den
Wellen kmpfen, der Strom schlang ihn immer wieder in seine Strudel. Endlich
blieb der schon fast Entseelte mit den Kleidern an einem Gestruch hangen, und
mit der grten Mhe gelang es dem Freunde, ihn ans Ufer zu ziehn, mit noch
grerer, ihn vllig ins Leben zurckzurufen. Beide waren weiter als eine
Viertelstunde von der Festung entfernt. In dieser Lage wurden sie pltzlich von
einer Abteilung englischer Reiterei umringt und gefangengenommen. Mucius fhlte
und begriff wenig von dem, was um ihn her vorging, er glich einem Seelenlosen,
sein Freund mute fr ihn denken und handeln.
    In diesem Zustande wurden sie bis Lissabon gebracht und von dort, mit
mehreren Gefangenen, auf einem Transportschiffe nach England gefhrt. Der
Kapitn schien gerhrt von der tiefen Niedergeschlagenheit des einen und von der
aufopfernden Freundschaft des andern und behandelte beide Freunde mit einiger
Auszeichnung. Pinelli erkundigte sich oft nach dem Schicksale, welches ihnen bei
ihrer Ankunft in England bevorstnde. Die Antwort war allgemein, da sie, wie
alle Subalternen, nebst den Soldaten auf die Gefangenenschiffe gebracht werden
wrden. Er hatte von diesen Wassergefngnissen eine so furchtbare Vorstellung,
da er Tag und Nacht darauf sann, sich und seinen Freund diesem Elende zu
entziehen. Das Glck, oder das Schicksal, erleichterte sein Vorhaben. Die Hitze,
oder die Hand eines Frevlers, sprengte nach wenigen Tagen die beiden grten
Wasserfsser des Fahrzeuges, zugleich trennte ein Windsto dasselbe von der
Konvoi und trieb es gegen die franzsische Kste. In dieser Verlegenheit zog der
Kapitn die amerikanische Flagge auf und ging auf der Reede von La Rochelle vor
Anker, wo eben kein franzsisches Fahrzeug von Bedeutung lag, sich aber zwei
amerikanische Fregatten befanden.
    Man hielt sich soweit als mglich von den Batterien entfernt und schickte
die Schaluppe ans Land, um einen Vorrat von Wasser einzunehmen. Die Amerikaner
kmmerten sich wenig um die Ankmmlinge, sondern waren beschftigt, die Anker zu
lichten und die Segel beizusetzen, um mit dem eben umsetzenden Winde in See zu
gehen. Der Mond war aufgegangen und erhellte wechselnd den wolkigen Himmel; die
Freunde waren auf dem Verdeck und betrachteten das eilende Gewlk. Da blitzte in
Pinellis Seele ein Gedanke an Rettung auf. Unvermerkt ergriff er ein daliegendes
Tau, schlang es um seinen Freund und strzte sich mutig mit ihm ber Bord. Die
Wellen schlugen hoch auf, der khne Schwimmer arbeitete sich jedoch mchtig
empor und zog den Gefhrten mit sich, welcher sich bald begriff und ebenfalls
seine Krfte anstrengte, ihm zu folgen. Gewlk verdunkelte den Mond, und man
ward die Schwimmer vom Schiffe aus nicht gewahr. Sie nahmen ihre Richtung den
absegelnden Fregatten zu, welche sie auch bald erreichten und von welchen sie,
bei einem aufblitzenden Lichtstrahle, bemerkt wurden. Man warf ihnen ein Tau zu
und brachte sie glcklich an Bord. Hier gaben sie Kunde von ihrem Schicksal und
von der falschen Flagge des Englnders, ihre Rettung war vollendet. Die Fregatte
war in wenigen Minuten auer dem Gesichte des Schiffes, welches ohnehin an kein
Verfolgen denken konnte. Die Fahrt ging gerade auf Boston, wo man ohne alle
Abenteuer einlief. Die beiden Freunde waren hinreichend mit Golde versehen, und
man richtete sich gengsam ein. Pinellis froher Mut und seine Lebenslust halfen
dem schwermtigen Mucius tragen. Er brachte, zu seiner Zerstreuung, eine Reise
ins Innere in Vorschlag und zu den Denkmlern der Vorzeit am Ohio, zu den
Wildenvlkern am Missouri, und wirklich hatte diese Reise einen gnstigen
Einflu auf Mucius' gramvolles Gemt. Noch jetzt spricht er mit Entzcken von
der Schnheit der sdlichen Provinzen, verliert sich noch in philosophische
Betrachtungen ber den Urzustand dieses Weltteils, ber die untergegangene
Kultur dieser zersprengten Stmme. Nach fast zwei Jahren kehrten die Pilger nach
Boston zurck, ihre Barschaft war indessen sehr verringert. Pinelli suchte seine
Kunst, mit vielem Glck, geltend zu machen. Er fhrte die auf der Reise
entworfenen Landschaften mit groem Fleie aus und fand Kufer zu ihnen. Auch
die Portrtmalerei bte er wieder, und man war entzckt von dem eigentmlichen
Charakter und der Idealisierung, welche er seinen Physiognomien, bei aller
hnlichkeit, zu geben wute. Mucius befrderte seine Reise, mit seinen
Altertumsforschungen, zum Druck und gab daneben Unterricht in alten Sprachen.
Mitten unter diesen Beschftigungen erhielten sie die Nachricht von den groen
Umwlzungen im Vaterlande, welche ihnen fr immer den Wunsch zur Rckkehr
benahmen. Sie betrachteten nunmehr das fremde, freie Amerika als ihre Heimat und
eilten, zu seiner Verteidigung die Waffen zu ergreifen, als es von den
Englndern in seinem Innern bedroht wurde. In Baltimore hatte Mucius wirklich im
Hause des Herrn Davson gewohnt, wie mein ahndendes Herz es mir damals sagte.
Mistre Davson fhlte sich von der sanften, freundlichen Schwermut ergriffen,
welche den schnen jungen Mann so anziehend machte. Herr Davson fing nach und
nach an, Eifersucht zu hegen, welches die Freunde veranlate, bald nach ihrer
Rckkehr aus der Gegend von Washington eine Reise zu den Wasserfllen zu
unternehmen. Sie durchstrichen lange die umliegenden Gegenden. Mucius konnte
sich nicht wieder losreien von dieser wildromantischen Natur, und hier, wo er
nur Nahrung fr seinen Schmerz suchte, fand er die Heilung desselben.

Laut dankte ich Gott, nach Endigung jener Erzhlung, fr seine vterliche
Fhrung; nchst ihm dem treuen Pinelli, denn ohne ihn, den Schutzgeist meines
Mucius, htte ich diesen nicht wiedergesehen. Oh, wie unendlich teuer mu dieser
neue Freund mir sein! Aber auch ohne diese Rcksicht mu man den Mann
liebgewinnen. Er lebt nur fr seine Freunde und hegt ein gefhlvolles Herz fr
die ganze Welt. Seine gute Laune ist unerschpflich, jeder Unannehmlichkeit wei
er eine heitere Seite abzugewinnen. Von unserer Reisegesellschaft wird er
allgemein geliebt. Er unterhlt sich mit Humphry, lt sich von ihm ber Amerika
belehren und bewundert seine Kenntnisse; John mu ihm von den wilden Stmmen
erzhlen, und er schttelt ihm treuherzig die Hand; den ehrlichen Ismael umarmt
er und sagt der kleinen Corally tausend schmeichelhafte Dinge. Er will damit
niemand gewinnen, es ist der notwendige Ausdruck seines heiteren Herzens, seiner
warmen Menschenliebe, aber er nimmt jedermann ein. Mucius, blo mit seiner Liebe
beschftigt, hat in dem Herzen unserer Reisegefhrten nur den zweiten Rang, ja
in Humphrys Augen begegne ich sogar zuweilen einem zweideutigen, vorwurfsvollen
Blicke. Er ist wohl, nach und nach, von seinem ersten Gedanken zu Corallys
Voraussetzung bergegangen, und dies mu dem ehrlichen Kerl wehe tun, welcher
sich gewhnt hatte, mich im stillen als die Braut seines Herrn zu betrachten.
Sein stummer Vorwurf erinnert mich oft mit einiger ngstlichkeit an Ellison,
welcher jetzt meinetwegen die Meere durchkreuzt. Was wird der gute William
sagen, wenn er zurckkehrt? Zwar spricht mein Gewissen mich frei, ich habe ihn
nicht getuscht, aber ich habe nicht jede Hoffnung in ihm niedergeschlagen und
werfe mir jetzt fast die kleinste freundschaftliche uerung vor, welche mein
dankbares Herz fr ihn gezeigt hat; auch frchte ich die unangenehmen
Empfindungen seiner Familie, deren Gte ich mit getuschter Hoffnung lohnen mu.
Mein Glck wird nicht eher ganz rein sein, als bis bei diesen guten Menschen
wieder Zufriedenheit herrscht. Mucius nimmt die Sache leichter, wie wohl
meistens die Mnner. Konnte William die Vergnglichkeit der Liebe hoffen?
spricht er, begriff er das Herz meiner Virginia so wenig? kennt er berhaupt
wohl die wahre Liebe? Wer die frhere Neigung eines anderen zu berwinden hofft,
mu auch auf die berwindlichkeit der seinigen schlieen. Und seine Eltern? Du
lohnst ihnen Gastfreundschaft mit Dankbarkeit und kannst jeden Aufwand vergten,
welch ein Recht haben sie zu hheren Forderungen? Wenn der Geliebte so trstend
spricht, kann meine Vernunft nichts dagegen einwenden, aber mein Herz hrt doch
nicht auf, etwas ngstlich zu schlagen, und ich sehe es recht gern, da unsere
Reise sich noch lnger verzgert.

Wir sind bis zum Fort Niagara in kurzen Tagereisen, meist zu Fu, gelangt. Hier
haben sich Mucius und Pinelli beritten gemacht, ihren Fhrer verabschiedet und
neue Lebensmittel eingehandelt. Dann sind wir bis zum See Ontario hinaufgezogen
und haben auf mehreren herrlichen Pflanzungen verweilt. Heute sind wir bis
Woodhouse zurckgekehrt, wo wir mit lauter Freude empfangen wurden und, auf
instndiges Bitten der Familie, zwei Rasttage halten werden. Diese einzelnen
Niederlassungen haben einen unbeschreiblichen Reiz fr uns, besonders fr
Mucius, welcher sich, seit den neuesten Umwlzungen in unserem Vaterlande, mit
dem Zeitgeiste von Europa entzweiet hat. Schon malen wir uns, mit wahrer Liebe,
das Bild einer einsamen Kolonie aus, welche bei aller Geisteskultur der
gebildeten Welt doch die ganze Einfachheit der Sitten des Goldenen Zeitalters
bewahrt. Pinelli ist unerschpflich an neuen Einfllen und Entwrfen fr diesen
unsern Lieblingsgedanken, welcher leicht in Wirklichkeit verwandelt werden
knnte, wenn wir noch einige gleichgestimmte Menschen trfen.
    Wir begleiten hier die jngeren Mitglieder der Familie bei ihren leichten
Arbeiten. Heute abend gab uns der gute Vater vom Hause einen lndlichen Ball,
wobei er die Geige mit vieler Leichtigkeit spielte. Wir tanzten smtlich auf
einem kurzen, ebenen Rasen mit gleicher, herzlicher Frhlichkeit. Rmpfe nur das
Nschen immer ein wenig, liebe Adele, ber die Art unsrer Vergngungen, ich
ziehe sie euren glnzenden Hofbllen weit vor. Welch ein seliges Gefhl fr
mich, nichts als Mensch zu sein! Ich bin nicht mehr die Grfin Montorin, ich bin
auf ewig nur Virginia.

                                                                    Philadelphia

Ich habe Dir lange nicht geschrieben, meine Adele. Desto fter denke ich an Dich
und spreche von Dir, und unsere Freundschaft leidet nicht darunter, da Du nicht
mehr meines Busens einzige Vertraute bist. Gewi, Du freuest Dich mit Deiner
sonst so verlassenen und jetzt so glcklichen, so berreichen Virginia.
    Wir sind hier, nach einigen Umwegen, glcklich angekommen. Mucius und
Pinelli haben eine Wohnung gemietet, und ich wrde gern ein Gleiches getan
haben, htte ich nicht Ellisons dadurch noch mehr zu krnken geglaubt. Es gibt
hier im Hause vernderte Gesichter, vorzglich von seiten der Mutter, welche
meine offene Erzhlung mit einem unglubigen Kopfschtteln anhrte und mit
spitzen Anmerkungen begleitete. Sie hlt die Begebenheit fr eine offenbare
Fabel und Reise und Zusammentreffen fr einen heimlich verabredeten Plan, das
schmerzt mich tief. Wre nur erst William hier; was wird er dazu sagen? wird er
seiner Freundin mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen? Htte ich doch erst
hierber Gewiheit! Nur Philippine ist die alte. Sie warf sich mir, mit einem
Freudengeschrei, in die Arme; und als ich ihr Mucius vorstellte, hpfte sie
diesem mit kindlicher Frhlichkeit entgegen und schttelte ihm freundlich die
Hand. Dieser findet das Mdchen so liebenswrdig als ich, und Pinelli schwrt
bei allen seinen mythologischen Gttern, sie sei die jngste der Grazien. Ich
frchte sehr, er wird knftig keine andere Gestalten mehr malen wollen als ihren
Nymphenwuchs und ihr liebliches griechisches Profil; auch Philippinchen sieht
den muntern Jngling gern. Es ist ein lieber Mensch, sagt sie ganz offen und
ohne Errten, man sieht ihm durch die klaren Augen bis in die Seele hinein.
Nun, wer wei, was mir auch von dieser Seite fr Glck erblht, wenn mein
eigenes Schicksal nur erst entschieden sein wird.

Ein Brief von Dir, Adele, und von London? Welche Neuigkeiten, welche
unerwarteten Begebenheiten! Du Arme wieder geflchtet, wieder heimatlos? Welch
ein prophetischer Geist sprach aus mir, als ich sagte, Du stndest auf einem
glimmenden Vulkane!
    So habe ich mich doch nicht getuscht ber die Gesinnungen meiner
Landsleute; denn, was man auch sagen mag und wird, mit einigen hundert Mann
erobert man kein Reich in wenigen Tagen. Auch werden die Geschichtsforscher
knftiger Jahrhunderte schlieen: da, wer einen Thron zum zweiten Male
besteigen konnte, blo durch die Macht seines Namens und die Liebe seines
Volkes, dieses Thrones nicht ganz unwrdig sein knne; Millionen irren nicht
leicht ber ihr Interesse und ihre Neigung. Wird aber der wiederauftretende Held
dem allgemeinen Sturme widerstehen knnen, welcher sich sogleich in seiner Nhe
erheben mu, ehe seine Stellung noch Festigkeit gewinnt? Ich zweifle sehr und
beklage das unglckliche Frankreich. Hier ist man mit den Neuigkeiten sehr
zufrieden, England wird dadurch wieder in Europa beschftigt und lt uns in
Frieden. Ich sage uns; denn welches auch immer Frankreichs Schicksal sein mag,
ich kehre nimmer dahin zurck! Hier ist nunmehr mein Vaterland! mit ihm, dem
Lande der Freiheit, kann sich kein europischer Staat messen, wo dieses groe
Wort bedeutungslos ist. Alles, was Du mir brigens schreibst, macht mir groe
Freude. Du liebst mich noch, das ist die Hauptsache. Du hast meinen Brief aus
Marseille erhalten, auch den, welchen ich einem Kauffahrer am Ausflu des
Delaware mitgab, und hast Dich ber mein Schicksal beruhigt. Deine gute Mutter
zrnt mir nicht und hat Dir erlaubt, mir von London aus zu schreiben. Das ist
viel! fast mehr, als ich hoffte. Mge doch Dein Vater lebenslang dieses strenge
Stillschweigen ber mich beobachten, ich werde ihn niemals an mein Dasein
erinnern. Man denkt auf eine Heirat fr Dich? Mge die Wahl glcklich sein,
mgest Du so glcklich werden, als ich zu sein hoffe. Du gibst mir doppelte
Adresse, unter welcher ich Dir schreiben soll. Das macht mir unbeschreibliche
Freude, und ich danke Dir tausendmal fr diese Maregel. Nun scheint es mir, als
wren wir gar nicht getrennt, hchstens nur durch Meilen, durch einige Berge,
einige Flsse. Was ist es denn mehr? Ein Schnellsegler kann Dir meine Gedanken
in wenigen Wochen berbringen, und ebensoschnell kann ich Deine Antwort
erhalten! Mucius grt Dich aufs herzlichste. Er liebt Dich in dem Bilde,
welches ich ihm, immer von neuem, von Dir entwerfen mu und wozu ich jetzt oft
einige hnlichkeiten von Philippinen borge, welche Dir wirklich, in manchen
Stcken, verglichen werden kann. Auch sind es diese hnlichkeiten, welche mich
zuerst zu dem lieben Mdchen hinzogen.

Wir leben hier ein seliges, obwohl erwartungsvolles Leben und sehnen uns von
allen Seiten nach Williams Ankunft, die Mutter, weil sie fr ihn frchtet, wir
andern, weil wir auf ihn hoffen. Gewi wird seine Gegenwart die Spannung lsen,
welche man jetzt nur zu verbergen sucht. Philippine und Pinelli scheinen
heimlich auf seine Verwendung zu rechnen. Ihre Wnsche stehn leserlich in ihren
Mienen geschrieben, aber die Eltern geben sich das Ansehn, sie nicht zu
verstehen; zu reden wagt niemand, Philippine ist stumm, aus Schchternheit, wir
Fremden schweigen, aus Mangel an Recht. - Die Freunde haben die Bekanntschaft
zweier trefflichen Mnner gemacht, eines Schweizers und eines Deutschen namens
Stauffach und Walter, und auch diese bei uns eingefhrt; beide gefallen uns
sehr. Der erste ist ein junger Apotheker, welcher aus leidenschaftlicher Liebe
zur Gewchskunde einen groen Teil der sdlichen Provinzen bis Mexiko
durchwandert hat; der zweite stammt aus einer hannverischen Familie und
studierte in Hofwyl die Landwirtschaft, wo er mit Stauffach bekannt wurde. Seine
Mutter gewann einst in einer englischen Lotterie ansehnliche, aber wste
Lndereien am Ohio. Bei der Entfernung und dem langen Kriege waren alle
Nachforschungen fruchtlos. Man nannte die Besitzungen scherzend die Gter im
Monde. Der Vater war tot, der Bruder blieb im Kriege, die Mutter folgte ihren
Lieben in kurzem nach und hinterlie ihrem jngsten Sohne ein kleines Vermgen
nebst den Urkunden ber die amerikanischen Lndereien. Walter hatte keine nahen
Verwandten und keine lockenden Aussichten in den bedrngten Lndern der Alten
Welt, daher nahm er sein ganzes Eigentum zusammen und folgte seinem
schweizerischen Freunde lustig in die Neue. Er wurde der unzertrennliche
Gefhrte seiner Wanderungen und durchstreifte auf diesen auch seine Besitzungen.
Ihre Lage und ihr ergiebiger Boden entzckten ihn. Sie wurden, unter Aufsicht
der Ohio-Gesellschaft, verwaltet, doch nur uerst nachlssig, da sich kein
Eigentmer meldete; kaum der fnfzigste Teil war urbar, und dennoch fand er
diesen schon hinreichend, seinen Unterhalt zu sichern. Er eilte, sich als
rechtmigen Besitzer auszuweisen, und denkt jetzt darauf, sich in den Stand zu
setzen, dort angenehm und bequem zu leben. Diese Angelegenheit ist eine
Hauptunterhaltung der jungen Mnner, woran auch ich immer mehr teilnehme. Der
Italiener nennt den jungen Mann scherzend bald Frst Walter, bald Walter
Robinson, Stauffach und Mucius nennen ihn nur den Penn von Kentucky.

                                                            Einige Wochen spter

Groe Freude! gedrngte Neuigkeiten und Begebenheiten! Was soll ich Dir zuerst
erzhlen? und in welcher Reihefolge? Doch mit dem, was das Herz beschftigt,
fange ich an. William ist angekommen, und ich habe Deine lieben Briefe erhalten.
William ist hier, und ich atme aus voller leichter Brust. Als die Nachricht aus
dem Hafen einlief, der Washington gehe vor Anker, erblaten wir alle, und mein
Herz schlug kaum hrbar. Doch als der edle Mensch, mit seiner festen Haltung,
ins Zimmer trat und sein freundliches, Zutrauen forderndes Auge auf mich warf,
da war pltzlich meine ngstlichkeit verschwunden, und ich eilte ihm mit
schwesterlicher Zrtlichkeit entgegen. Er bewillkommte mich mit seiner alten
Herzlichkeit; sein Blick ruhete lange auf mir und berflog dann die kleine
Versammlung. Ich finde Sie so glcklich wieder, sagte er, wie meine
Freundschaft es nur wnschen konnte; Ihre Gesundheit scheint auf Ihrer Reise
viel blhender geworden, und der Kreis Ihrer Freunde hat sich angenehm
vermehrt. - Ich habe den ltesten wiedergefunden, erwiderte ich, und in
demselben Augenblicke warf sich Mucius an seine Brust und bat mit seiner
rhrenden schnen Stimme: O lassen Sie mich auch der ihrige werden, edler
Mann. William war betroffen, aber bald fragte er: Mucius? -
    Er ist's! mein verlorener, wiedergefundener Mucius, rief ich. Er blickte
von ihm auf mich; ein leichter Krampf zuckte um seinen Mund, und eine Blsse
berflog pltzlich sein Gesicht, doch mit schnellem bergange scho der gehemmte
Blutstrom verdoppelt in seine Wangen; er schlo uns beide zugleich, mit
Heftigkeit, in seine Arme und rief: Willkommen an dem Herzen eures Bruders!
Dann grte er die brigen und beantwortete die Fragen seines Vaters mit der
gewohnten Klarheit und Ruhe. Die Mutter betrachtete ihn oft unvermerkt von der
Seite und schttelte heimlich den Kopf, doch schien auch sie froh, da der
gefrchtete Augenblick vorber war. Nun ging es an ein Erzhlen und Erkundigen,
da die Mitternacht ganz unbemerkt ber unsre Versammlung hereinbrach. Im ganzen
hrten Mucius und ich nichts Unerwartetes. Da ein einziger Schlag entscheiden
wrde, hatten wir freilich nicht voraussehn knnen; wenn es aber doch so enden
mute, so war es gut fr Frankreich, da es schnell endete. Der Held des
Trauerspiels wird hier sehr verschieden beurteilt. Bei Extremen, denke ich,
liegt die Wahrheit ziemlich in der Mitte, die Zeit, das Endurteil zu sprechen,
ist noch und lange nicht erschienen. Der Ort seines knftigen Aufenthalts
interessiert mich sehr, ich kenne die glckliche Insel. Oh, knnte ich ihm meine
Ruhe geben, er wrde dort glcklich leben! Freilich macht der Gedanke, gefangen
zu sein, eine nderung; aber auch in Fesseln ist der Weise frei, und ein
kniglicher Gefangener gebietet seinen Wchtern.

Wie sehr die neuesten Begebenheiten Europa erschttern, davon sprt man hier
besonders die Wirkungen an dem Heere der Ausgewanderten, welche in den hiesigen
Hfen landen. Wie die Mwen beim drohenden Sturme an das Ufer eilen, so
verlassen die Menschen den grenden Weltteil und fliehen zu unseren
Friedensksten. Auch Ellisons Schiff hat interessante Flchtlinge an Bord
genommen, whrend es in einem niederlndischen Hafen ankerte; einen deutschen
Mechaniker namens Frank nebst Frau und zwei Schwestern, einen Baumeister aus
Verona, einen florentinischen Arzt mit seiner Schwester und einen
niederlndischen Kunstgrtner mit seiner Frau, smtlich gebildete Menschen, jung
und lebensfroh, welche hier ein besseres Fortkommen und ein freieres Dasein
suchen. Die lange Reise hat sie mit William eng befreundet, welchem besonders
die Mdchen mit unschuldiger Freundlichkeit entgegenkommen. Er zeichnet darunter
die jngste der deutschen, mit einigem Wohlgefallen, aus. Philippine ist innig
vergngt ber diesen Zuwachs unserer weiblichen Gesellschaft und macht die
Wirtin mit so vieler Anmut, da die Fremden sich schon ganz einheimisch finden.

Seit gestern abend ist unser munterer Kreis etwas verstrt durch die
Unplichkeit des Vaters Ellison. Die Symptome sind bedenklich, unser
Florentiner frchtet das gelbe Fieber und ermahnt uns alle, einen andern
Aufenthalt zu whlen, er selbst weicht nicht von dem Kranken, hat aber um den
Beistand des Hausarztes gebeten. Die Gesellschaft versammelt sich jetzt auf dem
Landhause. Ich werde die Nacht in der Stadt zubringen, um Philippinen abzulsen,
welche, nebst der Mutter, die vorige Nacht durchwacht hat. Mucius und William
wollten mich daran verhindern, ich stellte ihnen aber vor, wie oft der eine den
Schlacht-, der andere den Seesturm bestanden, mit fester Treue in ihrem Beruf.
Des Weibes Beruf ist, am Krankenbette Pflege zu leisten, setzte ich hinzu.

Die Lage wird gefhrlicher. Das gelbe Fieber ist nicht mehr zu bezweifeln; auch
die Mutter htet das Bett. Das Haus ist gesperrt, die Gemeinschaft mit dem
Landhause ist gnzlich aufgehoben, wozu ich freiwillig das meiste beigetragen
habe. Wie knnte ich Mucius, Philippine und William in Gefahr wissen! Ich habe
den ersteren in einigen Zeilen beschworen, die Geschwister mit Gewalt
zurckzuhalten, wie es selbst die Eltern wnschen; ber mich mag die Vorsicht
walten. Sollte mich die Krankheit ergreifen, so konnte dies schon bei der ersten
Nachtwache geschehen; aber ich hoffe auf meinen Mut und vernachlssige keines
der Mittel, welche mir Salvito, der Florentiner, empfiehlt. Dieser hlt treulich
mit mir aus. Das Studium seiner Kunst verdrngt bei ihm jede andere Rcksicht;
mich beseelt Dankbarkeit und Freundschaft, ich kann die guten Alten nicht unter
fremden, bezahlten Wrtern wissen und teile meine Pflege zwischen ihnen. Ihr
zufriedenes Winken, sooft sie zum Bewutsein kommen, lohnt mir dafr.

Es ist vorber. Dieses bel endet schnell. Armer William! arme Philippine!
verwaist, ganz verwaist! mein Herz blutet mit. Ach, ich habe ihren Schmerz
empfunden! Sie sind um vieles glcklicher, als ich es war, sie trauern
gemeinschaftlich.
    Noch immer bin ich die Schaffnerin dieses verdeten Hauses, welches kein
fremder Fu zu betreten wagt. Heute, in der Stille der Mitternacht, werden
Salvito und ich die dichtverschlossenen Srge der verstorbenen Gatten zur Gruft
geleiten. Verhllte, scheue Leichentrger werden die einzigen Begleiter sein und
John, der treue John, welchen nichts abhalten konnte, seinen Wohltter noch
einmal zu sehen. William hat auch zu uns gewollt, aber man hat es verhindert.
Philippine liegt krank, wie mir John sagt, Gott verhte, da sie schon von
dieser frchterlichen Krankheit ergriffen ist, deren Ausbreitung die
Gesundheitspolizei, mit groer Wachsamkeit, zu verhindern strebt. Morgen werden
wir auf dem Hofe des Hauses das smtliche Mobiliar, mit Wsche und
Kleidungsstcken, verbrennen. Ich werde ein Bad nehmen und mich unmittelbar
darauf in frische Wsche und Kleider hllen, welche man mir von auen reichen
wird. Dann verlasse ich dies traurige Haus des Todes, um wieder aufzuleben in
den Armen der Liebe und den leidenden Freunden beizustehn; Salvito und John
werden mich begleiten.

                                                    Vom Landhause, nach 14 Tagen

Alles ist glcklich berstanden. Trotz der beobachteten Vorsicht war ich doch
nicht ohne Besorgnis fr meine Lieben und nherte mich ihnen, nur auf einem
weiten Umwege, lngs den Ufern des Delaware. Aber wir sind smtlich gesund
geblieben, und Philippinens Krankheit war nur eine Wirkung ihres bewegten
Gemts, ber welches die Zeit und des Freundes Trost schon einige Macht
gewinnen. Wir trauern gemeinschaftlich ber den Tod des gastfreundlichen Paares,
dessen kleine Schwchen mit der irdischen Hlle abgelegt wurden. Glcklich
preisen wir ihr Los, da sie, nach langer Vereinigung, fast zugleich und so
schnell die Erde verlieen. Jeder von uns wnscht, so dereinst mit dem Gefhrten
seines Lebens, Hand in Hand, die groe Reise anzutreten.

Wir haben uns hier frmlich miteinander eingerichtet, eine kleine freundliche
Kolonie, und es ist uns ganz undenkbar, uns wieder voneinander zu trennen. Der
Plan, mit Walter an den Ohio zu ziehen, gewinnt immer mehr Festigkeit; selbst
Ellison will sein und seiner Schwester Vermgen aus der Handlung nehmen und uns
begleiten. Die Mnner gedenken noch in diesem Herbst eine Reise dahin zu machen
und das Ntige zu ordnen. Wir zrtlichen Dulzineen werden ihre Rckkunft mit
Sehnsucht erwarten, denn unsre Herzen stehen smtlich unter Amors Macht, und der
Frhling wird mehr als ein Eheband knpfen. Philippine und Pinelli werden Mucius
und mich zum Altar begleiten, wahrscheinlich auch William und die sanfte Marie
Frank; Salvito wirbt um Therese Frank, und Antonio, der Veroneser, scheint die
schne Florentinerin Rosalva zu lieben. Noch ein liebendes Paar ist, seit
einigen Tagen, zu uns gekommen: Dupont, ein Franzose, ist mit seiner jungen
Braut hierher geflchtet, um ein Bndnis zu schlieen, dem in ihrer Heimat groe
Hindernisse im Wege standen. Er ist Protestant, und die beginnenden Verfolgungen
seiner Glaubensgenossen drohten ihn auf immer von seiner katholischen Geliebten
zu trennen. Welch ein Verein von jungen, muntern Kolonisten! Noch nie ist wohl
ein kleiner Staat unter so gnstigen Vorbedeutungen gegrndet worden.

Die khlere Herbstluft hat den Fieberstoff zersetzt, und die Besorgnis einer
allgemeinen Ansteckung ist verschwunden, es zeigt sich keine Spur mehr davon.
Unsre Geliebten sind abgereist, von John und seinen Shnen begleitet, Humphry
ist zu unsrem Schutze hiergeblieben. Wir verlassenen Frauen vertreiben uns die
Zeit, so gut es sich tun lt; wir gehen und fahren aus, machen Musik und
arbeiten. An Stoff zur Unterhaltung fehlt es uns nicht. Die furchtsamen Weibchen
zittern vor den Gefahren, welche ihre Mnner in dem wsten Lande treffen
knnten, und nehmen mit ihren tausend Fragen ihre Zuflucht zu mir, ich bin ihre
Heldin, die allen Mut zuspricht. Ich darf reden, meinen sie, denn ich habe ja
die Gebirge durchreist, habe die Wasserflle gesehen und die Wilden, Gazellen
und Wlfe, ja selbst in einiger Entfernung einen Bren, und ich lebe noch. Was
noch mehr, ich sehne mich in die Urwlder zurck, in die Freiheit des Goldenen
Zeitalters. Meine Beredsamkeit reit alles mit sich fort; man wnscht die Zeit
herbei, wo der Vlkerzug beginnen soll, unfehlbar geschieht dies in den ersten
Frhlingstagen.

Es scheint, als ob wir auch noch ganz junge Kolonisten mitnehmen sollten. Die
junge Frank und Vanhusens niedliches Weibchen sind guter Hoffnung. Wir Mdchen
haben uns vereinigt, den kleinen Ankmmlingen eine frmliche Aussteuer zu
bereiten, und da ist denn ein Wetteifer im Sticken, Stricken und Nhen, da es
eine Lust ist, unsern emsigen Zirkel zu sehen, welcher sich um den flammenden
Kamin bildet oder um den dampfenden Teetisch. Hin und her gaukelt das
freundliche Kosen, manch neckendes Wort von den Lippen der schalkhaften Weibchen
rtet die Wangen der Mdchen. Zephyrine, meine junge, muntre Landsmnnin,
vergilt ihnen Arges mit Argem und berflgelt sie oft mit ihrem Witz. Dies
liebliche Mdchen hat die Neigung aller im vorzglichen Mae. Sie nennt sich
selbst unser verzogenes Kind, spielt tausend kleine Eulenspiegelstreiche, und
wir lieben sie darum nur desto mehr. Sie gleicht ihrem Namensbruder, dem
Westwinde, der unter Blumen spielt und Balsamdfte stiehlt und gibt.

Freude ber Freude! Unsre Ritter sind glcklich zurckgekehrt und haben die
frohesten Nachrichten mitgebracht; alles ist vortrefflich gefunden worden.
Ellison und Mucius haben noch einen groen Bezirk hinzugekauft, wovon der
kultivierte Teil mit Walters Erbschaft zusammenhangt. John und seine Shne sind
zurckgeblieben, um ber die Arbeiter die Aufsicht zu fhren, wozu Walter
Tagelhner aus Louisville gedungen hat. Unser Baumeister hat die Risse zu den
vorlufigen Gebuden entworfen, und auch diese werden wir, durch den Flei
reichlich bezahlter Handwerker, fertig finden. Dann aber werden wir aller
Auenhlfe entsagen, und die junge Kolonie wird fr ihre Bedrfnisse selbst
sorgen. Hierzu werden alle ntigen Vorkehrungen getroffen. Alles ist voll Leben
und Ttigkeit, wir alle sind nur von einem groen Gedanken begeistert. Mucius
entwirft den Plan zu einem kleinen Staate, in welchem Freiheit und Gleichheit
verwirklicht werden sollen; jeder Abschnitt des Entwurfs wird der
Generalversammlung, in welcher auch wir Weiber eine halbe Stimme haben,
vorgelegt und, nach Stimmenmehrheit, angenommen oder abgendert, und ich denke,
es wird eine Verfassung zustande kommen, woran mehrere Menschenalter nichts zu
flicken finden werden. Ewig ist am Ende nichts, selbst das Sonnensystem bekommt
nach Jahrtausenden einen andern Polarstern.
    Unsre jungen Weibchen sind von zwei muntern Knaben entbunden worden. Wir
werden den Tag, an welchem ihnen Namen beigelegt werden sollen, mit der
Vermhlung smtlicher Paare feiern und erwarten dazu nur die gnzliche
Wiederherstellung der Mtter. Auch wir haben manches zu beschicken fr den neuen
Haushalt, welcher zwar sehr einfach, aber doch uerst bequem eingerichtet wird;
selbst unsre Kleidung wird gnzlich umgestaltet.
    Der Mechanikus ist beschftiget, unter den erfundenen Maschinen die
zweckmigsten zu whlen; denn in einer jungen Kolonie allein ist es von
unbestrittenem Vorteil, Menschenkraft und Hnde zu ersparen. Es wird jetzt von
nichts gesprochen als von Semaschinen, Dreschmaschinen, Spinnmaschinen,
Webemaschinen usw. Auf der andern Seite zieht Walter Erkundigungen ein, wo die
besten Arten des Rindviehes, der Schafe usw. zu haben sind. Vanhusen handelt
Smereien, Setzbume und Pfropfreiser ein. Johns ganze Familie (meine Corally
ist verheiratet) nebst noch zwei Schwgern und ihren Kindern rsten sich zum
Aufbruch und werden uns begleiten, sechzehn Neger und Negerinnen, die Kinder
ungerechnet. Sie werden ein Drfchen in der Nhe des unsrigen beziehen und uns
beim Feldbau zur Hand gehen, auf welchen sich die meisten vollkommen verstehn.
Daneben werden sie hinreichende Lndereien und Vieh erhalten und berhaupt so
gesetzt werden, da sie, als wohlhabende Grundbesitzer, fast uns gleich leben
knnen. Unter den scharenweise ankommenden deutschen Ausgewanderten haben Walter
und Frank zehn tchtige und wackere Handwerker ausgewhlt, welche mit ihren
Familien gleichfalls ein Dorf in unsrer Nhe, Landeigentum und vorteilhafte
Bedingungen erhalten. Mit ihnen sowohl als mit den Negern sind Vertrge auf zehn
Jahre geschlossen, und ich hoffe, sie werden, nach ihrem Ablaufe, von beiden
Seiten gern verlngert werden.
    Schon scheint die Sonne wrmend auf das junge Jahr, die Tulpenbume in
unsren Grten treiben mit den Tulpen der Beete um die Wette, und die geselligen
Sangvgel kehren aus den wrmeren Zonen unter unsre Zederngebsche zurck.
Morgen ist die groe Feier der Hymenen; morgen vereint mich ein ffentlicher
Schwur auf ewig mit meinem Mucius. Oh, knntest Du uns heute sehen, an diesem
Tage der seligen Vorfeier! Jedes Auge glnzt noch einmal so hell, jede Rede
klingt gleich einer Jubelhymne. Die ganze Versammlung scheint ein wenig
nrrisch. Pinelli und Philippine, Dupont und Zephyrine, Salvito und Therese
tanzen um die Wette, Antonio und Rosalva verstecken und suchen sich durch alle
Lauben, whrend William und seine sanfte Marie, Walter und sein Freund, der
Schweizer, mit einem Paar schner Mdchen, den Jugendgespielinnen Philippinens,
sich, innerer Seligkeit voll, die Hnde drcken und schweigend in die blauen
Augen schauen. Von mir und Mucius mte ich eigentlich auch sprechen, meinst Du?
Je nun, liebe Adele, uns wird unser Schellenkppchen auch nicht fehlen, wir
bemhen uns nur, es mit Anstande zu tragen, wie es so alten Liebesleuten
geziemt. Die Strme des Schicksals haben ihr mgliches getan, einen Teil des
Bltenstaubes von den Schmetterlingsflgeln unsrer Liebesgtter abzustreifen; an
dem Lcheln der Ehepaare sehe ich jedoch, da die losen Buben berall
hervorgucken. O knntest Du mir doch den Brautkranz winden, meine traute Adele!
Mucius bernimmt es an Deiner Statt, jeder Verlobte flicht ihn der Verlobten.
Lebe wohl, Du Freundin meiner Kindheit! zum letzten Male schreibt Dir das
Mdchen Virginia, das nchste Mal Mucius' Gattin.

Wir rsten uns zur Abreise. Alle verlassen diese gastliche Gegend ohne die
leiseste Reue. An der Hand des Geliebten wandelt man ja freudig zur Unterwelt,
um wieviel lieber also einem stillen Paradiese entgegen, wie wir es zu finden
hoffen. Selbst Walters und Stauffachs Gattinnen, Fanny und Lucia, verlassen ihre
Verwandten ohne Schmerz. In ihren Familien ist diese Trennung nichts mehr, als
wenn man bei Euch von Lyon nach Avignon zge. Die Wanderungslust ist hier
berhaupt fast ansteckend. Der Amerikaner hangt bei weitem nicht so fest an der
Erdscholle, auf welcher er geboren wurde, als der Europer und liebt die
Ortsvernderung. Ob dies in allen Kolonien der Fall sein mag, oder ob es der
Reichtum des Bodens ist, welcher die Ansiedler so mchtig nach dem Innern zieht?
Hufig verlassen sie ihre mhsam angebaueten Pflanzungen nach wenig Jahren und
suchen weiterhin einen fetten Erdstrich, wo sie mit gleicher Anstrengung einen
neuen Anbau beginnen. Selbst die Pflanzer auf unsern nunmehrigen Besitzungen
haben diese mit Freuden verkauft, um sich in Louisiana und an dem Missouri
anzusiedeln, mitten unter wilden, kriegerischen Stmmen. Ob dieser Geist sich
auch unsrer jungen Kolonie bemchtigen wird? Ich glaube, nein. Wir werden
glcklicher sein als diese vereinzelten Pflanzer, und unsere Kinder werden den
Boden lieben, wo sie ihre glckliche Kindheit durchspielten; wir werden eine
Verfassung haben und Vorteile genieen, welche man auer unsern Grenzen
vergebens suchen wrde.

Du kennst unsere frhliche Gesellschaft, welche sich in Marsch gesetzt hat.
Wahrlich ein Vlkerzug. Smtliche Mnner zu Pferde, die Frauen und das Gert,
Proviant und Maschinen auf sechzehn Wagen, die Herden unter Leitung der Neger.
Unsere Handwerker bestehen in einem Schmied, Stellmacher, Zimmermann, Tischler,
Schuhmacher, Tpfer, Glasmacher, Kupferschmied, Leinweber und in einem
Tuchweber, smtlich verheiratet und zum Teil mit halberwachsenen Kindern; alles
rstige Menschen, welche auch bei dem Feldbau von Nutzen sein werden. Humphry
wollte sich durchaus nicht von seinem Herrn trennen und wird sich bei uns
ansiedeln, wo er dann unter einigen hbschen deutschen Mdchen die Wahl haben
wird. Wir gehen durch Virginien und am Fu der Gebirge hin. Die Weidepltze fr
unser Vieh bestimmen unsern Weg, weshalb wir die Stdte und auch grtenteils
die Pflanzungen vermeiden, wo das Eigentumsrecht uns Streitigkeiten zuziehen
knnte. Um frischen Proviant einzuhandeln, werden Seitenpatrouillen abgeschickt,
das meiste verschafft uns die Jagd. Wir lagern unter freiem Himmel, welches ich
schon von meiner Reise her sehr gewohnt bin, meinen Gefhrtinnen aber anfangs
sehr sonderbar vorkam. Zephyrine nennt uns nicht anders als die Zigeunerhorde
und Mucius den Hauptmann. Sie ist uerst drollig, wenn sie abends um die Feuer
hergaukelt und, in ihrem angenommenen Zigeunercharakter, uns allen wahrsagt. Am
possierlichsten ist es dann, wenn sie unter die Deutschen gert, welchen sie
sich nicht verstndlich machen kann und von welchen sie kein Wort versteht. Oh,
wie schn ist hier die Natur! Die Tulpenbume stehen in voller Blte, neben
ihnen die zarte Akazie mit ihren weien, duftenden Bltenbscheln; der
schattende Plantan und sein Bruder, der Zuckerahorn, schtzen uns gegen die
Strahlen der brennend heien Sonne; Jasmin, Geiblatt und Rosen bilden Lauben
und Wnde und erfllen die Luft mit Balsamdften; die Hhen sind mit Zedern,
Tannen und Eichen bekrnzt, berall vermhlt sich der Norden mit dem heieren
Sden. Wie wird es sein in unserem lauen Tale am schnen Ohio! Wir werden auf
Louisville gehen, um uns noch mit einigen Bedrfnissen zu versehn; dann geht's
nach Eldorado, wie wir unsere Landschaft getauft haben, um es nimmer wieder zu
verlassen. Mchte es doch, wie jenes Eldorado des Candide, jedem Fremden
unauffindbar sein! Zwar wird er dort keine Goldstcke, keine Rubinen zu
entwenden finden, aber er wrde die Ruhe und den Frieden unterbrechen, welche
dort ihren Wohnsitz aufschlagen werden. Fern von dem unruhigen Treiben der Welt
werden unsere Tage dahinflieen, wie der Wiesenbach, dessen Wellen kein Sturm
emprt; kein Ehrgeiz, kein Gelddurst wird unsre Herzen bewegen, welche nur fr
die Liebe und die sanften Gefhle der Freundschaft schlagen; politische
Meinungen werden uns so fremd sein als Religionsstreitigkeiten; keine
Modetorheit wird uns berhren, kein Richter Streitigkeiten veranlassen, kein
Frst Befehle erteilen, kein Priester unsern Glauben meistern. Das goldene
patriarchalische Dasein hebt fr uns an, wo alle Menschen Brder waren; und
welchen Schatz von Kenntnissen und Fertigkeiten nehmen wir mit in dieses Leben
hinber! Wie doch so anders mu es sich gestalten als in jener Urzeit
menschlicher Kindheit.

                                                        Eldorado, im Junius 1816

Angelangt sind wir in Edens blhendem Garten. Kein erzrnter Engel wehrte uns
den Eingang; freundlich wurden wir von dem Grenzgott, freundlich von den
friedlichen Laren empfangen. Wir muten den Kentucky hinaufgehen, bis fast zu
seinem Ursprung, um einen bergang zu finden in unser Paradies. Sehnschtig
blickten wir hinber, wie einst die Kinder Israel nach den blauen Bergen, welche
sie noch von dem glckseligen Arabien trennten. Zephyrine verglich uns
hundertmal mit ihnen und Mucius mit ihrem Fhrer und Gesetzgeber. In ihrer
frhlichen Laune, reich an Anspielungen und Gleichnissen, nannte sie Walter und
Stauffach Josua und Kaleb, welche uns die goldene Traube gezeigt, damit wir
geduldig durch die Wste folgen mchten, wie die Rinder dem salzspendenden
Hirten; die Deutschen, meinte sie, wren die gyptischen Ziegelstreicher und
Fronknechte, welche durch den langen Zug erst gelutert werden mten und wrdig
gemacht zur Grndung der neuen Kolonie. Nur bat sie, da die Prfungszeit nicht
auf vierzig Jahre ausgedehnt werden mge, weil sie noch wnsche, im Gelobten
Lande um den Bundesaltar zu tanzen, ehe sie Runzeln habe und der Krcke bedrfe.
    Endlich fuhren wir durch den Flu und, nach einer Tagereise, ber eine
Hgelkette von ziemlicher Hhe. Auf der Spitze des letzten Berges rief Walter:
Wir sind am Ziel! Und zu unsern Fen lagen weithin die grnen beblmten
Savannen, wie ein gestickter Teppich, welchen links ein dunkler Urwald, rechts
der blaue Kentucky mit seinen Silberpappeln und babylonischen Weiden besumt.
Ein allgemeiner Freudenruf tnte durch die Lfte; wir sprangen alle zu gleicher
Zeit auf und liefen mit ausgebreiteten Armen jauchzend den Berg hinunter. Hier,
auf der Grenze unsres Gebietes, fielen wir alle, mit namenlosem Entzcken, auf
den heiligen Boden nieder, wie vom Sturm verschlagene Seefahrer am Ufer eines
wirtbaren Eilandes. Wir umarmten die Pflanzen, umarmten einander, die Busen
schlugen hochauf, und Trnen der sesten Freude trufelten auf die Blumen
herab. Es dauerte lange, ehe dieser selige Rausch sich in Betrachtung der neuen
Gegenstnde auflste. Selbst die kltern Deutschen, selbst die ungebildeten
Schwarzen teilten diese schwrmerische Freude, sie umarmten einander und uns.
Dieser Augenblick machte uns zu einem Volke, aller Unterschied der Farbe, der
Heimat, der Bildung war vernichtet, wir wurden alle Brder, mit gleichen Rechten
und gleichen Pflichten.
    Nun ging der frhliche Zug lngs dem Kentucky hin, welcher geraume Zeit
unser Wegweiser blieb. Erst am folgenden Morgen verlieen wir seine reichen
Ufer, um durch einen Ahornwald einen nhern Weg zu unsern Wohnungen zu nehmen,
welche wir im letzten Schimmer der Abendsonne vor uns liegen sahen; Du kannst
daraus auf die Gre unseres Gebietes schlieen. Es wird gegen Norden vom
Kentucky, gegen Westen vom Ohio, gegen Sden vom Schawanoe begrenzt, im Ostnord
schliet eine Hgelkette, an welche sich eine undurchdringliche Waldung lehnt,
in welcher noch nie der Schall einer Axt gehrt worden und deren Alter
vielleicht bis zur jngsten Umgestaltung der Erde hinaufreicht. Ganze
Baumgeschlechter gingen hier unter, und neue wuchsen auf ihren Trmmern stark
und frisch empor. Unser Wohnort liegt am Schawanoe, unweit seines Einflusses in
den Ohio, den schnen, welcher mit Recht diesen Namen fhrt; es ist eine
lachende Ebene, deren Fruchtbarkeit jede Beschreibung bertrifft. Freundliche
Gebsche wechseln mit den grasreichen Matten, und bepflanzte Hgel durchlaufen
die hrengefilde. Jenseits des Ohio erhebt sich ein dichtbewachsener
Gebirgsrcken, welcher uns gegen den Nordwestwind schtzt und viel zur Milde
unsres Klimas beitrgt. Als einzelnes, abgetrenntes berbleibsel dieses Gebirges
lehnt sich ein einzelner Fels an den Schawanoe und reicht bis zu unsern
Wohnungen, deren Lage er einen malerischen, romantischen Anblick gibt. Wir waren
alle davon ergriffen, ganz besonders aber Pinelli, welcher nicht mde wird, die
verschiedenen Ansichten zu zeichnen. John und seine Shne empfingen uns mit
hoher Freude. Die notwendigsten Arbeiten waren vollendet und die Arbeiter schon
seit einigen Tagen entlassen worden. So sahen wir denn nur lauter wohlbekannte
Gestalten und hatten nichts kennenzulernen als die bleibenden Gegenstnde. Kein
Abschied soll in diesem glcklichen Erdstrich gehrt werden als einst der
Abschied zur Reise in ein noch schneres Land.

Mit freudiger Rhrung fhrten die Mnner jede Familie in ihr bltenumranktes
Haus. Hier zndeten wir ein kleines Feuer in dem Kamine an, warfen Weihrauch in
die gastliche Flamme, umarmten uns, dankten laut dem Schpfer der Welten fr
dies kleine Asyl und flehten ihn, uns hier lange und glcklich vereinigt zu
erhalten. Dann traten wir alle aus unsern Htten und gingen vereinigt zu der
groen Halle, welche die gemeinschaftliche Kche und den Versammlungssaal
enthlt. Auf dem Herde wurde das Feuer entzndet, Weihrauch und Mais
hineingestreut und weihend der Herd mit Milch und Wein besprengt. Nun wurde das
Mahl gemeinsam bereitet und gemeinsam an der langen, mit Blumen bestreueten
Tafel verzehrt. Der Mond blickte hell durch die offenen Fenster und leuchtete
uns erst spt zu unsren verschwiegenen Htten. Mit der Sonne dem Lager enteilt,
kleidete sich jeder, nach bereinkunft, in die gewhlte Landestracht. Die Mnner
tragen lange, weite Beinkleider aus baumwollenem Zeuge, Weste und Hemdsrmel, an
den Fen kurze Schnrstiefel, ohne Strmpfe, auf dem Kopf einen leichten
Strohhut. Wir Frauen hingegen ein weies kattunenes Hemd mit offenen rmeln,
welches bis an die Knchel reicht und die Brust bis drei Finger breit vom Halse
bedeckt, darber ein farbiges griechisches Gewand ohne rmel, nur bis ber das
Knie herabfallend und unter dem Busen gegrtet; das Haar wird geflochten, und
gegen die Sonnenstrahlen schtzt ein Strohhut; die Fubekleidung ist fr beide
Geschlechter gleich. Diese einfache Tracht wird unabnderlich die unsre sein und
soll der Mode auf ewige Zeiten den Eingang verwehren. Bei Regen oder rauher
Witterung werden beide Geschlechter einen Tuchmantel tragen und bei schmutziger
Arbeit einen berwurf aus grauer Leinwand. Du glaubst nicht, wie unbeschreiblich
reizend diese neue griechische Kolonie sich ausnahm, als sie durch das rtlich
besonnte Tal, mit Blumenkrnzen in den Hnden, zur Tempelweihe zog.
    Glnzend in der Morgensonne, lag auf einer sanften Anhhe der heitere Tempel
vor uns. Stufen fhren ringsum zu ihm hinauf, zwlf Sulen tragen die einfache
runde Kuppel, keine Wnde wehren dem Lichte; in der Mitte steht der Altar, rund
wie das Gebude, mit der Inschrift: Dem Unbegreiflichen, Ewigen, Einzigen; ein
breiter Marmorrand schliet oben die Vertiefung ein, wo die Opferflamme lodert.
Hier hingen wir unsere Krnze an dem Altar und den Sulen auf, Mucius zndete
das Feuer an und sprach: Wir weihen diesen Tempel dem Ewigen, dem Schpfer und
Regierer des Weltalls, der in jeder Menschenbrust wohnt! Ihm weihen wir unsere
Herzen! Wir erkennen, da menschliche Vernunft sich nicht bis zu ihm erheben
kann, sowenig als wir uns von der Ewigkeit und Unendlichkeit einen klaren
Begriff zu machen vermgen, da also die verschiedenen Vorstellungen und Mythen
der Vlker menschliche Erkenntnisse sind und mehr und minder irren, da aber in
allen eine und dieselbe Wahrheit herrscht. Er ist unser Schpfer und Erhalter,
der Geber alles Guten, ihm sind wir Dankbarkeit und Ergebung schuldig. Wir
knieten alle um die heilige Flamme, und im stillen, heien Gebet erhoben sich
unsre Herzen zum Ewigen. Frhlich kehrten wir zurck zum einfachen Frhmahle.
Dann durchgingen wir unsere nchsten Umgebungen, ein wahres Paradies, in welchem
sich fast alle Zonen des Erdkreises zu verbinden scheinen. Italiens Orangenbume
duften dicht neben den deutschen Eichen; die Dattelpalme Asiens und der sdliche
Kokos verschmhen die Nachbarschaft der nordischen Tanne nicht, und Libanons
Zeder prangt neben den heimischen Tulpenbumen, Zypressen, Lerchenbumen und
Pappeln; Ahorn, Buchen, Platanen und die weie Birke, der Sumach und die
Tamarinde, Kastanien-, Nu- und Mandelbume stehen einzeln und gemischt in
malerischen Gruppen. Alle Obstarten der bekannten Welt gedeihen hier in einem
hohen Grade der Veredelung. Kirschen, Aprikosen, Apfelsinen, Pfirsichen,
Pflaumen, Birnen, pfel, Pisang und Bananen gibt es in groer Menge; Stauden-
und Rankengewchse, voll Blten und Beeren, laden alle Sinne zum Genu. Myrten
und Rosengestruche bilden die Hecken um die umhegten, mit Sorgfalt angelegten
Pflanzungen, wo Vanhusen die kstlichsten Ananas und Melonen zieht. Auch den
Kaffeebaum und die chinesische Teestaude hat der Mhsame hierher verpflanzt, und
es ist Hoffnung zu ihrem Gedeihen. Der Mais steht mit seinen breiten Blttern in
Manneshhe da, und das wallende Korn neigt die schweren hren zu Boden.
Kartoffeln und Yams wetteifern an Ergiebigkeit; die Baumwollenstaude, Lein und
Hanf streiten um den Vorzug; auch die feineren Gemse fehlen nicht, und was mich
vor allem entzckt, ich habe den l- und den Maulbeerbaum meiner Provence und
die kstlichsten Rebenhgel wiedergefunden. Wir knnten hier ebenso wie Moses'
erste Menschen ein Leben ohne Mhe und Arbeit fhren; fr alle unsere
Bedrfnisse hat die berreiche Natur im berflu gesorgt. Die Dattel, der Kokos,
die Kartoffel, die Yams, die Kastanie wrden uns nie Mangel leiden lassen; die
saftigsten Frchte wachsen ohne Pflege, der Zuckerahorn und die Palme bieten
ihren sen Saft, der Schawanoe fhrt die schmackhaftesten Fische und Krebse,
die Herden und das Geflgel suchen und finden leicht ihre Nahrung, und die
Wlder wimmeln von Wild.

Das wahre Glck kann nur bei den Ttigen wohnen, und das wohltuendste Gefhl ist
das Gefhl des erfllten Berufs. Wir haben daher unsre Zeit klglich zwischen
Arbeit und Erholung und die verschiedenen Zweige der groen gemeinsamen
Haushaltung wieder unter uns geteilt. Mucius, Walter und Ellison haben die
Besorgung des Ackerbaues bernommen, Pinelli, Stauffach und Vanhusen warten der
Baumpflanzungen, der Gartengewchse und der Rebenhgel, Salvito und Dupont
fhren die Aufsicht ber die Herden, und Frank und Antonio sorgen fr Wildbret
und Fische. Die beiden Mtter haben sich das Kchengeschft nicht nehmen lassen,
die rasche Therese und ich besorgen die Milchkammer, Zephyrine und Philippine
den Hhnerhof, Rosalva und Fanny sammeln die Frchte ein, und die Bereitung der
Baumwolle, des Leins und Hanfs steht unter Mariens und Luciens Aufsicht. Jeder
ist nach seiner besondern Neigung und Fhigkeit angewiesen, und hpfend und
singend wird die leichte Arbeit vollbracht. Die neuen Maschinen, ber deren
Verbesserung und Vermehrung Frank, Walter und Antonio vieles beraten, haben die
meisten Geschfte weniger beschwerlich gemacht. Die verschiedenen Arten der
Pflge machen die Hacke fast entbehrlich, und an Zugstieren haben wir berflu.
    Mein Milchgewlbe ist in einer Felsengrotte, durch welche eine
immersprudelnde Quelle sich ergiet. Bei der jetzigen Hitze stellen wir die
Gefe mit Milch auf vierundzwanzig Stunden in den flachen Bach, um dadurch das
zu schnelle Gerinnen zu verhten. An einer tieferen Stelle desselben werden die
leeren Gefe gesplt, nachdem sie zuvor in heiem Wasser gereinigt sind. Wenige
Schritte davon bildet der Bach einen Wasserfall, welchen Frank zur Treibung
eines Rades benutzt hat und dadurch die Buttermaschine in Bewegung setzt. In
diesem wird auch die Butter gewaschen, dann unter eine Presse gebracht und, mit
einem kammhnlichen Instrumente, von allen Fasern gesubert. So ist die Mhe
nicht gro, mit welcher wir die kstlichste Butter bereiten. Auch fr das
Ksestellen, -schpfen und -pressen sind leichte Vorrichtungen erfunden. Nichts
gleicht dem Wohlgeschmack unseres Milchwerks und unserer Kse, und Therese und
ich freuen uns nicht wenig, wenn bei dem Frhstck alle in laute Lobeserhebungen
darber ausbrechen. Die Herden werden von den Negern mit den ihrigen gehtet,
und das Milchvieh wird von den Negerinnen gemolken, dicht neben der Grotte.
Stauffach und Walter versichern, da selbst das Schweizer Vieh der fettesten
Alpen nicht so viele und so gute Milch liefere als das unsere. Die Schafmilch
ist ganz vorzglich und der Ziegenkse unbertrefflich. Dabei bedarf das Vieh
das ganze Jahr hindurch keiner Wartung. Nach Johns Aussage fiel den Winter
hindurch nicht ein einziges Mal Schnee, einige Regentage bildeten den bergang
der Jahreszeit, darauf folgte Reif und ein leichter Frost, dessen Spuren jedoch
die Sonne schon nach wenigen Stunden verschwinden lie. Diese Wintertemperatur
dauerte kaum vier Wochen, worauf die Bume neu trieben und das junge Gras unter
dem alten hervorwuchs. Wir werden daher auch nur eine Kleinigkeit an Heu
sammeln, welches sonst nie geschehen ist, um den Tieren, zur besseren Erhaltung
ihrer Gesundheit, an Regentagen und wenn Reif fllt ein Morgenfutter geben zu
knnen.
    Du solltest uns sehen, liebe Adele, wie nett uns die Geschftigkeit kleidet.
Wir vergleichen einander oft mit den Mdchen in der Odyssee oder mit Labans
Tchtern, wenn wir zum Brunnen gehen und schpfen und der Lorbeer neben uns
suselt. Zephyrine vorzglich ist reizend in ihrem gefiederten Reiche, wenn sie
mit dem Futterkrbchen hineintritt und das ganze Heer sie jubelnd umringt;
Tubchen setzen sich ihr auf die Schultern, und sie koset mit allen auf das
anmutigste oder tritt mit dem Ansehen einer Knigin zwischen kmpfende Hhne, um
sie zu trennen. Die herzige, muntere Philippine erfreut sich an dem Spiel ihrer
reizenden Gefhrtin, und beide tndeln in Kindesunschuld ihre Stunden hin. Die
sanfte Marie und die stille Lucia sondern die Baumwolle, wenden den rstenden
Lein und Hanf, bringen ihn unter die Klopf-, Schwing- und Hechelmaschinen und
freuen sich schon auf die Zeit, wo er als Gewebe, unter ihrer Aufsicht, bleichen
wird. Rosalva und Fanny sammeln in der Morgenfrhe Gemse und Frchte fr die
Kche und gegen Abend fr die Vorratsgrotte. Die Hausmtterchen bereiten das
Mittagsmahl, wobei auch wir ihnen beistehen, wenn unsere Geschfte frh
vollendet sind und sie unser bedrfen. Der Mittag versammelt die ganze frohe
Gesellschaft unter den dichtbelaubten Platanen um den steinernen Tisch. Die
Gerte sind einfach, das Tischzeug fehlt, aber die Speisen sind trefflich
bereitet. Feine Gemse, saftiges Fleisch, herrliche Braten von Geflgel und
Wild, Fischspeisen, Backwerk aller Art und ein Nachtisch der auserlesensten
Frchte wrden auch dem verwhntesten Schmecker gengen. Der Becher geht umher
und belebt den Scherz. Jetzt ist er noch vom mitgebrachten Vorrat gefllt,
knftig perlt eigener Wein, Palmensekt, Birk- und Ahornwasser darin; jetzo ist
Milch und des Quells Kristall an seiner Stelle gesunder.
    Die Nachmittagsstunden gehren der Ruhe und der Erholung. Erst wenn die
Sonne tiefer sinkt und ein khleres Lftchen weht, widmen wir noch eine oder ein
paar Stunden der ntigen Arbeit. Mit ihrem Untergange hren die Geschfte auf,
man versammelt sich zur kalten Abendkost, welche aus Milch, Eiern, Butter, Kse,
Honig und Backwerk besteht. Darauf wird Musik gemacht, getanzt, gespielt, bis
der Mond oder die Sterne uns spt zur Ruhe leuchten. So flieen unsere Tage
einfrmig, aber reich an Freuden dahin. Die Einrichtung der Deutschen, wie der
Neger, ist der unsrigen gleich. Mucius erwirbt sich um ihre Ausbildung ein hohes
Verdienst; er hat einige Tage festgesetzt, wo er ihnen, unter der Form
freundschaftlicher Betrachtung, die zweckmigsten Lehren gibt. Besonders sorgt
er fr die Erziehung der Jugend und wird eine eigene Bildungsanstalt grnden, in
welcher sie fr jetzt allein, knftig mit unsern Kindern gemeinschaftlich
Unterricht erhalten wird. Der Lehrstunden werden nur wenige sein, und jeder der
Mnner wird in seinem Lieblingsfache unterrichten. Bei den Alten nehmen wir
jetzt selbst in manchen Stunden Unterricht, besonders wir Frauen. Zum knftigen
Winter werden wir geschickte Weberinnen besitzen. Das Material fllt uns fast
von selbst in die Hand; die Schafschur ist ber alle Erwartung gnstig gewesen,
die Baumwolle von der besten Gattung, der Lein fein und stark; Spinnmaschinen
liefern das Garn. Die Witterung ist in den Sommermonden so gleich, da die
Seidenraupe im Freien fortkommt; der erste Versuch damit ist sehr gengend
ausgefallen, wir haben keine andre Mhe damit, als die Kokons zu sammeln und sie
unter die Haspelmaschine zu bringen.
    Bei allen Arbeiten, welche viele Hnde auf einmal erfordern, helfen Deutsche
und Neger gemeinschaftlich mit solcher Bereitwilligkeit, da wir ihre
Dienstleistungen eher abzulehnen als zu erbitten haben. Aber auch wir helfen
ihnen, wenn es not tut, und wie sie die Gter der Natur mit uns teilen, so
benutzen sie auch die Vorteile unserer Maschinen- und Mhlenwerke mit demselben
Rechte als wir. Wir behandeln sie als Brder, und sie betrachten die Mnner fast
wie Vter.
    Die Getreideernte ist berreich gewesen. Die Dreschmaschinen sind im Gange,
und die Kornmhle klappert, hoch aufgespeichert liegen die goldenen Kolben des
Mais; die Trauben schwellen, die pfel rten sich und versprechen kstlichen
Zider. Wir haben das Erntefest gefeiert und werden noch vor dem Herbstfeste eine
Wanderung lngs unserer sdlichen Grenze hin unternehmen, welche die meisten der
Mnner noch nicht kennen. Von den Frauen haben nur wenige den Mut, uns zu
begleiten, aus Scheu vor den Chickasaws und den Irokesen, welche unsere
Grenznachbarn sind. Zephyrine und Philippine waren die ersten, welche sich
erboten, mit uns die Gefahr zu bestehen, sie wollen ihren Hhnerhof Corallys
Sorgfalt bergeben; auch die mutige Rosalva und die sanfte Marie werden sich an
uns anschlieen, indem die Liebe fr ihren William ber der letzteren natrliche
Furchtsamkeit siegt. Wir werden in einer Barke den Schawanoe hinauffahren, so
weit er schiffbar ist, um so auf die leichteste Art unsere Lebensmittel
mitzufhren und eine Partie Tabak, welcher, beilufig gesagt, ganz vortrefflich
geraten ist, als Geschenk fr die Wilden, wenn uns benachbarte Stmme begegnen
sollten. Alles ist Leben und Bewegung zu dieser kleinen Ausflucht, es wird
gebraten und gebacken, als gelte es eine Reise um die Welt; und doch werden wir
kaum zehn bis zwlf Meilen machen, aber ganz durch Einden und auf mancherlei
Krmmungen.

Unsere Schiffahrt und unsere Wanderung sind glcklich vollendet. Ellison war auf
beiden unser Fhrer, Marie blieb mutig an seiner Seite, John und Humphry
begleiteten uns. Nach einem Wege von anderthalb Meilen flo der Schawanoe durch
einen dichten Wald oder kam vielmehr aus ihm uns entgegen, und an einigen
Stellen faten blhende Wiesen die Ufer ein. Als wir gegen Abend an einer
derselben gelandet waren, bemerkten wir in dem nahen Gebsch einige Wilde; John
wurde ihnen entgegengeschickt, aber die Nacht brach an, ohne da er
zurckkehrte. Wir gerieten in die lebhafteste Unruhe, schliefen nur abwechselnd
und wenig und erwarteten mit Sehnsucht den Morgen. Herrlich ging die Sonne ber
der Wildnis auf, und vielartige Papageien durchhpften die Zweige und sonneten
am Morgenstrahl ihr buntes Gefieder; fr uns Unruhige ging die Schnheit dieses
Schauspiels fast verloren. Endlich, nach mehrstndigem Harren und nachdem man
den Saum der Gebsche vergebens durchspht hatte, jauchzte uns der sehnlich
Erwartete aus weiter Entfernung zu. Bald wurde er, in Begleitung von wohl
zwanzig Wilden, sichtbar, zu deren einige Meilen entferntem Lager man ihn
gestern abend gefhrt hatte. Die Wilden gehrten zu dem Stamm der Chickasaws,
und ihr Oberhaupt befand sich unter ihnen. John konnte sich notdrftig mit ihnen
unterreden, obgleich ihre Mundart etwas von der des Stammes abwich, welcher ihn
unter sich aufgenommen hat. Sie hatten die Ttowierung erkannt, welche er bei
der Aufnahme erhalten, und behandelten ihn als Bruder. Wir wurden von ihnen sehr
freundschaftlich begrt, und sie rauchten mit unseren Mnnern die Bundespfeife.
Von ihnen erfuhren wir, da eine Tagereise jenseits des Flusses sich Salzquellen
befinden, aus welchen sie eine Menge Salz gewinnen, welches freilich noch
einiger Reinigung bedarf, dann aber vortrefflich werden wird. Sie schenkten uns
einen Beutel voll, und wir gaben ihnen dagegen Tabak, Backwerk und einiges
buntes Tpfergert, mit welchem Tausche sie hchst zufrieden schienen. Sie
erklrten uns fr viel bessere Nachbarn als die, welche mit ihnen gegen Sden
grenzen, wahrscheinlich die Spanier. Von jenen, klagten sie, wren ihnen die
Pocken mitgeteilt worden, welche jhrlich so viele ihrer Brder hinrafften und
ihrem ganzen Geschlechte den Untergang drohten. Salvito lie sich mit ihnen ber
diesen Gegenstand, mit Johns Hlfe, in ein langes Gesprch ein. Er suchte ihnen
den Nutzen der Kuhblatternimpfung begreiflich zu machen und lie sie die Narben
sehen, welche wir fast alle davon an den Armen tragen. Die Sache schien ihnen am
Ende einzuleuchten, und auf Salvitos Zureden entschlossen sich einige der
jngern und die Weiber, welche diese Krankheit noch nicht gehabt hatten, sich
impfen zu lassen. Salvito trug, aus lblicher Vorsicht, ein Glschen mit Lymphe
und das ntige Impfgert bei sich. Ehe wir Abschied nahmen, um den Flu weiter
hinaufzufahren, versprachen wir ihnen, auf dem Rckwege hier wieder anzulegen,
und lieen uns dagegen das Wort von ihnen geben, sich alsdann wieder einzufinden
und sowohl alle Kinder ihres Stammes als auch die Erwachsenen, welche die
Krankheit noch nicht gehabt hatten, mitbringen zu wollen. Auf unsrer Fahrt
belustigte uns der Fischfang einige Stunden, auch schossen die Jger mehrere
Wasservgel; um Mittag landeten wir, das Mahl zu bereiten, und schifften erst in
der Khle des Abends weiter. Nicht lange mehr vermochte, am folgenden Tage, der
seichter werdende Flu unsre Barke zu tragen; wir verlieen sie daher,
verteilten die Lebensmittel und wanderten frhlich neben dem Ufer hin. Nach
Eintritt der Nacht machten wir uns das Vergngen, bei Fackelschein Krebse zu
fangen. Malerisch schn wirkte die Erleuchtung gegen die dunklen Waldgruppen,
und Pinelli konnte sich nicht enthalten, das herrliche Nachtstck aufzunehmen.
Der nchste Morgen fhrte uns einen Haufen Irokesen zu, welche der Rehjagd wegen
den Grenzwald zu besuchen kommen. Ihnen hatte ehemals diese ganze Gegend gehrt
und war ihnen spterhin von der Ohio-Gesellschaft abgekauft worden, da ihre
Bevlkerung abgenommen hatte. Sie kannten noch alle Wege durch den Wald und die
Wechselpltze des Wildes; in ihrer Begleitung gingen wir ein betrchtliches
Stck in diese kaum durchdringliche Wildnis hinein.

Diese Uramerikaner, welche man Wilde nennt, sind uerst gutmtige Menschen, und
ihre Sitten beschmen die der Europer. In dem nrdlichen Kanada mag die Not und
die rauhere Natur sie wohl gefhlloser und roher machen, doch hier trifft man
nur Zge der sanftesten Menschlichkeit. In der Kultur sind sie freilich
rckwrtsgegangen, wie ihre Sagen und die Denkmler am Ohio deutlich beweisen.
Schauderhafter Gedanke, wenn einst Europas Verfeinerung auch so bis auf die
schwchsten Spuren verschwnde! Und doch liegt in dem ewigen Wechsel der Dinge
nur zu viel, was fr die Mglichkeit spricht. Auch hier lebte, vor kaum
dreihundert Jahren, ein groes mchtiges Volk, welches Stdte und Tempel
erbauete und jene befestigte, Theater und Knste besa und selbst schon die
Lapidarschrift kannte und bte. Jetzt, welch ein Wechsel! Von den Europern und
den Nachbarvlkern verdrngt, durch Schwert und Hunger, durch die
Pockenkrankheit und den Genu der berauschenden Getrnke bis zu einem
unbedeutenden Hufchen zusammengeschmolzen, flchtet der berrest, wie das
gescheuchte Wild, immer tiefer in die nahrungslosen Einden. Rhrend sind die
Klagen, welche durch die Gesnge, durch die Sagen dieser Vlker tnen. Mit Johns
Hlfe habe ich einiges von ihrer Sprache verstehen lernen. Sie erinnerten mich
oft an Ossian, mit welchem ich berhaupt auf dieser Reise, in diesen ernsten
Wldern viel gelebt habe. Daheim um unsern Wohnsitz spielt das heitere,
griechische Kinderleben, hier in diesen Einden herrscht die Trauer um eine
untergegangene Welt. Selbst die Vgel der Nacht sthnen so tiefe,
durchdringende, fremde Klagetne aus, da es mir oft wie fernes Grabgelute
klang und Zephyrine zum Rckweg trieb.
    Salvito suchte sich den guten Irokesen auf alle Weise verstndlich zu
machen, sie ber die Pocken und andere Krankheiten zu belehren und sie mit den
Heilkrften in einheimischen Krutern bekannt zu machen; er warnte sie vor dem
Genu des Branntweins mit allem Ernste und schien sie zu berzeugen. Wir selbst
fhrten keine gebrannten Wasser bei uns, sondern nur etwas Wein, wovon wir ihnen
zu kosten gaben. Sie fanden ihn nicht sehr nach ihrem Geschmack, nahmen aber ein
Geschenk an Tabak mit vieler Freude an. Salvito impfte einige und gab ihnen
weitlufige Anweisung, wie sie, nach einer bestimmten Zahl von Tagen, den
Impfstoff andern mitteilen, auf diese Weise die Lymphe erhalten und ihren Stamm
gegen die Ansteckung der wirklichen Blattern sichern knnten. Sie trennten sich
mit vielen Freundschaftsbezeugungen von uns, und wir kehrten zu unsrer Barke
zurck. Die Fahrt hinab ging nun schneller und bequemer. Die Chickasaws warteten
schon am Ankerplatz, zahlreicher als das erste Mal. Die Impfung hatte guten
Erfolg gehabt, sie wurde fortgesetzt und fernerer Unterricht deshalb erteilt.
Gegen eine Menge Salz, welche jene mitgebracht hatten, erhielten sie von uns
alle Lebensmittel, deren wir entbehren konnten. Es wurde festgesetzt, da
jhrlich um diese Zeit einige von unseren Mnnern hierherkommen und Salz gegen
Tabak und andere Produkte eintauschen sollten. Die Chickasaws machten besonders
zur Bedingung, da Salvito, welchen sie fr einen Halbgott hielten, mitkommen
mchte, um die spter Geborenen zu impfen. Wir trennten uns mit wahrhaft
nachbarlichen Gesinnungen.
    Am folgenden Abend langten wir frhlich bei unseren Wohnungen an, vor
welchen uns unsere Freundinnen entgegenkamen. Wie unendlich schn fanden wir
unsern reizenden Aufenthaltsort bei der Rckkunft aus jenen wilderen Gegenden,
und gleichwohl mcht ich um keinen Preis sie nicht gesehen haben. Unsere
Hausmtter gaben uns einen festlichen Schmaus; dann begrten wir noch im
Mondenschein alle die Gegenstnde umher, welche uns vorzglich lieb waren. Ganz
allein schwrmte ich noch bis zu den Palmen, welche den Tempel umgeben und deren
Schatten, neben den beleuchteten weien Sulen, wie Geistergestalten wiegten.
Freudig sprang ich die Stufen hinauf und umfate den Altar, Worte hatte ich
nicht, doch galt, was ich fhlte, dem Unerforschlichen gewi fr ein heies
Gebet.
    Die Frchte sind eingesammelt, die Trauben gekeltert, die Bienenkrbe
verschnitten, wir haben das Herbstfest gefeiert und dem Ewigen gedankt fr
seinen reichen Segen. Jetzt machen sich John und Humphry bereit, um den berflu
unsrer Erzeugnisse, den Ohio hinauf, nach Louisville zu fhren. Sie bringen
dagegen die wenigen Bedrfnisse zurck, welche uns Anfngern fr jetzt noch
fehlen; der berschu an Geld wird dort in einem Handlungshause niedergelegt. Es
ist eins der Grundgesetze unsrer Republik, da im Umkreise ihres Gebietes kein
Geld umluft. Dieses unselige Metall, welches drei Vierteile des Erdkreises
verbindet und entzweit, soll bei uns keinen Einflu erlangen. Was von Ellisons
und meinem eh'maligen Vermgen briggeblieben ist, steht in der fortgefhrten
Handlung des Vaters Ellison, welche dem treuen Buchhalter bergeben worden ist,
und bleibt, wie die Summe, welche jhrlich sich in Louisville sammeln wird, fr
ein etwaniges knftiges Bedrfnis der Kolonie unberhrt. Es ist das Gemeingut
derselben, und nur mit Zustimmung aller Mitglieder kann darber verfgt werden.
Mchten doch unsere Kinder und Enkel niemals in den Fall kommen, davon Gebrauch
zu machen!
    Whrend diese Reise beraten und eingeleitet wird, will ich Dir noch alles
schreiben, was Du wohl gern ber unser hiesiges Dasein wissen mchtest. Humphry
wird das Briefpaket in Louisville, unter Umschlag an das Haus Ellison, nach
Philadelphia senden, tue Du mit Deinen Briefen ein Gleiches. Auf diese Art
werden wir jedes Jahr einmal Du von mir, ich von Dir Nachricht erhalten, die
einzige, welche mich aus der europischen Welt interessiert. Die Mnner bekommen
auf demselben Wege Kenntnis von den Ereignissen und Begebenheiten auf dem groen
Welttheater im letztverflossenen Jahre und zugleich das Lesenswerteste in allen
Fchern der Wissenschaften, wie es scheidend mit dem ehrlichen Handelsherrn
ausgemacht worden. Hier ist also Stoff genug fr die kurze Winterzeit, wo die
Natur, selbst noch in ihrem leichten Schlummer, schn bleibt. Dann werden wir
uns am Abend um den Herd oder um den Kamin versammeln, und Erzhlungen der
nchsten und der ferneren Vergangenheit werden uns die Stunden krzen. Fr diese
Winterzeit sparen wir einzig den Tee und den Kaffee auf, auch ist whrend
derselben den Mnnern der Genu der gebrannten Wasser erlaubt, welche Stauffach
in groer Vollkommenheit zu bereiten versteht, und wie schon erwhnt, wird in
dieser Jahreszeit Bier gebrauet und getrunken werden; mit dem Frhlinge kehren
wir zur Milch zurck. Noch ist beschlossen worden, bei dem nchsten Frost Eis
von dem nahen Gebirge zu holen und in der tiefsten Grotte des Felsens einen
Eiskeller anzulegen, damit wir, in groer Hitze, uns an Gefrorenem laben knnen.

Am 14. Julius dieses Jahres wurde mein Geburtstag dadurch gefeiert, da die
Grundgesetze der Kolonie allen Einwohnern der drei Drfer im Tempel vorgelesen
und dann in einem Behltnisse unter dem Altare niedergelegt wurden. In jedem
Jahre sollen sie an diesem Tage aufs neue verlesen und so soll dieser uns allen
merkwrdige, mir aber insbesondere beziehungsreiche Tag auf ferne Zeiten hin
geweiht werden. Dieser Gesetze oder vielmehr Grundstze, einfach wie unsere
ganze Einrichtung, sind nur wenige. Sie bestehen in Anerkennung eines einigen
Gottes, welchen der menschliche Verstand sich nicht klar darzustellen vermag;
sein Dienst ist die Erhebung des Herzens zu ihm, die Ergebung in seinen Willen,
Vertrauen, Dankbarkeit gegen ihn und das Streben, gut und menschlich zu handeln;
kein Gtzendienst, kein Symbol soll die erhabene Idee des Einigen entweihen.
Seine Propheten und viele der Heiligen waren achtungswerte Menschen, deren
Andenken uns teuer bleiben wird. In ihnen lebte die reine Idee, mehr und minder
klar, sie strebten, sie dem Volke mitzuteilen, welches sie aber nur wenig
verstand und die reine Wahrheit bald wieder mit bunten Zieraten umhing; sogar
den Propheten, welcher sich ihm zeigte, oder dessen Bild hher hielt als den
Geist, den niemand darzustellen vermag, und so den gttlichen Menschen zum Gott
erhob.
    Der Tempel ist der Ort, wo jede feierliche Handlung stattfindet. Hierher
bringen wir am Frhlingsfeste die schnsten Blumen, am Erntefeste die vollsten
hren aller Art, umhngen damit Sulen und Altar und werfen davon, mit Weihrauch
vermischt, in die leuchtende Flamme. Am Herbstfeste brennen Oliven, Kastanien
und Datteln auf dem Altar, er wird mit Traubensaft besprengt, und am
Neujahrsfeste lodert hher die Flamme, von Zweigen aller Art und den
kstlichsten Herzen entzndet. Lobgesnge, zum Preise des Ewigen, werden in
Chren gesungen, und um den Altar kniend, steigt unser vereintes, heies Gebet
zu dem Allgtigen auf. Diese Abschnitte der vier Jahreszeiten und das
Stiftungsfest sind die einzigen verordneten ffentlichen Feste. Auerdem steht
es bei jedem einzelnen, sooft er hierzu Beruf fhlt, den Ewigen anzurufen und zu
ihm zu beten. Fr die Abteilung der Woche haben wir die Mosaische Einrichtung
beibehalten, nach sechs Arbeitstagen folgt ein Ruhetag. Sobald am Sonnabende die
letzten Strahlen des Lichts hinter den blauen Gebirgen verschwinden, verlt
jeder sein Tagewerk und trgt sein Arbeitsgert zu den Sulen des Tempels. Hier
lehnt der Pflger seine Pflugschar und das Joch seiner Stiere an, der Schnitter
hngt hier seine Sichel auf, die Binderin ihren Rechen. Jeder kniet oder setzt
sich auf die Stufen nieder und dankt dem Ewigen fr seinen Beistand im stillen
oder lauten Gebet, je nachdem er sich allein oder in Gesellschaft befindet. Der
Feiertag wird mit Unterhaltungen und Spielen hingebracht; kein Geschft wird
vorgenommen, die Wartung des Viehs und die Beschickung des Herdes ausgenommen,
wobei wir alle gemeinschaftlich helfen. Am Montage holt jeder, in aller Frhe,
sein Gert aus der Obhut des Tempels und fngt sein Wochenwerk mit dankbaren
Gedanken an Gottes Schutz und Fhrung an. Kein Priestertum soll je die lautere
Quelle unserer berzeugung trben. - Du schttelst mitrauisch den Kopf, Adele!
Oh, ich wei wohl, man glaubt, die Lehre des Deismus knne in einer grern
Gesellschaft nicht Anwendung finden, ein Wahn, welchen wir einst widerlegen
werden. Warum besteht sie denn unter tatarischen Horden, bei einem geringen
Grade von Bildung? Und das Priestertum? Die Pennsylvanier haben keines und sind
so brav und gut, da sie der Welt als Muster aufgestellt werden knnten. Von
ihnen haben wir entlehnt oder sind mit ihnen zusammengetroffen; nur ihr finstrer
Ernst findet bei uns keinen Eingang. Griechenlands kindlicher Frohsinn spielt um
unsren Tempel;

... schne lichte Bilder
schweben selbst um die Notwendigkeit,
und das ernste Schicksal blicket milder
durch den Schleier sanfter Menschlichkeit.

Der zweite Grundsatz unserer Verfassung ist vllige Freiheit und Gleichheit der
vereinten Familien; nie soll darin ein Oberhaupt herrschen, und wre ein solches
einst, zu besonderem Zwecke, notwendig, so wird es gewhlt, und dann erlischt
seine Wrde mit Erreichung des Zweckes. Alle Angelegenheiten werden durch
Stimmenmehrheit entschieden. Die Verwaltung der Geschfte der Kolonie wird
verteilt, der berflu zu gemeinschaftlichen Zwecken verwendet. Am Genu hat
jeder gleichen Anteil und gleiches Recht. Der Gebrauch des Geldes ist im
Umkreise des Staates untersagt, auch auer demselben hat niemand Eigentum, alles
ist Gemeingut. Kein Mitglied darf, vor dem vollendeten zwanzigsten Lebensjahre,
die Grenzen der Republik verlassen, die Kolonie aber nur bis zu einer bestimmten
Anzahl von Einwohnern wachsen; bersteigt sie diese, so bilden die lteren Shne
eine neue in dem groem Umfange der Besitzungen. Es wird, zu diesem Endzweck,
jhrlich eine Anzahl Morgen von uns urbar gemacht; schon jetzt haben wir mehr,
als wir bestellen mgen, und es wird manches Ackerstck in Ruhe gelegt. Die
Tchterkolonien fhren eine eigene konomie, sind aber im brigen, durch gleiche
Grundstze und gleiche Vorteile, auf das engste mit der Muttergesellschaft
verbunden; ihr etwaniger berschu fliet zur allgemeinen Kasse. Alle Menschen
auer den Grenzen unserer Republik werden als unsere Brder betrachtet. Ihre
Lebensweise pat nicht zu der unsrigen, sie haben aber dieselben Rechte, ber
die ihrige zu entscheiden als wir ber die unsere, und kein Streit darf je
deshalb zwischen ihnen und uns entstehen. Man wird unsere harmlose Friedlichkeit
ehren, die Denkart der Nachbaren ist edel. Es ist kaum glaublich, da unsre
Mnner jemals gezwungen werden sollten, unsern rechtmig erworbenen Boden, mit
den Waffen in der Hand, zu verteidigen. Geschhe es aber, so wrde der Sieg
gewi auf unserer, auf der Seite des stengsten Rechtes sein, und Mut und
Geschicklichkeit unserer Mnner wrde ihn zu fesseln wissen. Wahrheit und
Gerechtigkeit sind die Hauptgrundstze unserer einfachen Moral; ihre Ausbung
wird, durch unsere Lebensweise, unseren Kindern so notwendig sein als das
Atemholen. Wahrheit und Gerechtigkeit, diese einzig sicheren Sttzen des
huslichen und des gesellschaftlichen Glcks, knnen nur unter dem Schutze der
Freiheit vollkommen gedeihen!

Sieh, meine Adele, so denken, so leben wir. Ihr werdet wohl etwas mitleidig
lcheln, wenn Ihr in Gedanken das einfache Gewand unserer Republikanerinnen mit
Euren Modekleidern vergleichet, aber wir tauschen nicht; unser Klima fordert
nicht mehr, und mit welchem geringen Aufwand und mit wie wenig Mhe sind wir
gekleidet. Die kunstreiche Nadel ruhet darum nicht ganz, wir verzieren mit ihrer
Hlfe zuweilen den Saum der Gewnder, doch in der Hauptsache darf nichts
gendert werden; wir wollen nur keine Kunstfertigkeit untergehen lassen, so wie
unsere Mnner darauf bedacht sind, jede Wissenschaft zu pflegen. Wir haben uns
einmal vorgesetzt, die groe Aufgabe zu lsen, Kultur mit Sitteneinfalt auf das
engste zu verbinden; wie und ob wir das groe Ziel erreichen werden, darber
wird ein knftiges Jahrhundert entscheiden. Fest richten wir den Blick auf das
Wohlsein knftiger Geschlechter, sen mutig den Samen dazu in den Scho der
Zeit, und Gott sieht gewi wohlgefllig auf unsern redlichen Willen, auf unsern
heiligen Eifer herab.

Die Reiseanstalten sind vollendet, ich mu diese Bltter schlieen. So lebe denn
wohl, meine traute Adele! Der Himmel berschtte Dich mit soviel Glckseligkeit,
als Dein grendes Europa, Dein mit sich selbst zerfallenes Frankreich Dir nur
bieten kann. Gedenke meiner oft, Du Gute! Du kannst es ohne Sorgen um mein
Geschick. Freundlich lchelt mir die lange Zukunft entgegen, wie mich jede
Morgensonne freundlich begrt. Nur in Kentuckys Hainen suselt ewiger Friede,
nur am Schawanoe herrscht se Ruhe. Oh, lebte mein hochherziger Vater, lebte
mein guter Emil mit uns unter diesen Palmen, kein Seufzer wrde jemals meinen
Busen heben! Doch sie wandeln unter den himmlischen Palmen und harren freundlich
auf uns. Mucius, mein teurer Mucius, ist mir Ersatz fr alles! Er grt Dich
tausendmal, der herrliche Mensch. O knnte ich ihn Dir so ganz schildern, wie er
ist! so gro und hehr, so lieb und gut. Er trgt das Schicksal einer Welt in
seiner Brust und ist doch nur Gatte, nur Freund; an Geist vielleicht der Erste
unter unseren Gefhrten, ist er der Bescheidenste, von allen geliebt. Und dieser
seltene Mensch ist mein! Fhle die Seligkeit, welche in dem Gedanken liegt. Ich
mu nur schnell siegeln, damit Mucius diese Worte nicht liest; er ist dem Stolze
so feind, da es ihn schmerzen wrde, der Gegenstand des meinigen zu sein. Lebe
wohl, Adele! Tausendmal lebe wohl! bers Jahr erhltst Du wieder frohe Botschaft
von Deiner
                                                                       Virginia.

                                            Eldorado in Kentucky. Im Julius 1817

Sei mir gegrt, Freundin meines Herzens! Du, in deren Busen ich ehemals meine
Klagen ergo, nimm jetzt das berstrmen meines Entzckens mit gleicher
Teilnahme auf. Der Glckliche bedarf des Ohres eines Freundes mehr als der
Unglckliche, denn wohl lt sich der Schmerz unterdrcken, die Freude nicht. So
vernimm denn die Wiederholung alles dessen, was mich in dem Zeitraume dieses
Jahres beseligte. Im ganzen ist mein Leben eine fortlaufende Kette von
glcklichen Tagen, nur wenige darunter zeichnen sich durch ein wichtiges
Ereignis aus. Unter diesen sind wohl die denkwrdigsten diejenigen, wo unserer
Republik junge Brger geboren wurden. Ja, meine Adele, ich wiege einen
lieblichen Knaben auf meinem Schoe, Mucius' Ebenbild, welcher mit diesem Kinde
zum Kinde wird. Aus meinen Armen geht es in die seinigen; er forscht in dem
kleinen Gesichte nach hnlichkeiten von mir, ich will, es soll ihm hneln, und
dies gibt die einzige Veranlassung zu kleinen, freundlichen Streitigkeiten
zwischen uns. Auer unserm Knaben sind noch achtzehn Kinder im Laufe des
Maimonats geboren, nmlich vier von den Negern, sechs in dem deutschen Dorfe,
acht bei uns, soviel Knaben als Mdchen, unsere Hausmtterchen erwarten in
einigen Monaten ihre zweite Niederkunft. Das wird ein Leben werden in der
kleinen Republik! Schon jetzt verfhren die Vter einen Lrm mit den jungen
Mitbrgern, besonders Pinelli, da wir alle lachen mssen, und die Wiegenlieder
der Mtter bilden ein ordentliches Konzert.
    Vom Klima begnstigt, sind wir alle leicht und wohlgemut entbunden worden.
Schon am zehnten Tage, so wollte es Salvito, ging jede der Mtter, ihren
Sugling im Arme, zum Tempel. Hier war der Altar mit Blumen bedeckt, die Mutter
legte das Kind auf die Blumen nieder, dankte dem Ewigen kniend fr das teure
Geschenk und bat um Erhaltung des zarten Lebens. Der Vater trat hinzu, segnete
das Kind, nahm es auf, nannte, es der Versammlung zeigend, laut den Namen
desselben und gab es der Mutter zurck. Wir haben unsern Kleinen, zum Andenken
an seinen Grovater, Leo genannt, mchte er ihm hnlich werden!
    Seit dieser Zeit wird oft die Erziehung der Kleinen erwogen. Im ganzen wird
sie, der allgemeinen Meinung nach, sehr einfach sein. Liebe und Beispiel sollen,
statt aller Strafen und Ermahnungen, hinreichen; spielend die Krfte der Kinder,
sowohl leiblich als geistig, ausgebildet und beide Geschlechter, bis zum
zwlften Jahre, ganz gleich beschftigt und unterrichtet werden; auch ihre
Kleidung wird dieselbe sein, ein farbiger berwurf, nur bis zur Wade reichend.
Sie werden klettern, ringen, fechten, wettlaufen, tanzen, schwimmen und an den
Arbeiten, nach ihren Krften, teilnehmen. Lesen, Schreiben, Rechnen lernen sie
dabei, als gesellschaftliche Vergngungen, in den Stunden der Mue unter den
schattenden Platanen oder am flammenden Kamin; Musik und Zeichnen sollen ebenso
behandelt werden. Die Naturbeschreibung wird in Erzhlungen vorgetragen oder auf
Spaziergngen, welche besonders der leidenschaftliche Botaniker Stauffach dazu
benutzen wird. An diese wird sich die Erdbeschreibung, jedoch erst spter,
anschlieen, Geschichte am sptesten gelehrt werden. Mucius wird zu dem Ende
eine kleine Weltgeschichte ausarbeiten und in Philadelphia drucken lassen. Sie
wird treu, aber aus einem anderen Gesichtspunkte aufgefat, mehr die Geschichte
der Vlker als ihrer Fhrer sein. Den Helden werden ihre Lorbeerkrnze nicht
entzogen werden, aber der Eichenkranz des Brgers, der friedliche lzweig werden
eine hhere Bedeutung erhalten; der Hauch der Freiheit wird durch das ganze Werk
hinwehen und darin auch angegeben werden, wodurch das Menschengeschlecht diese
Himmelstochter von seinen Fluren scheuchte, mit ihr das Paradies verlor.
    Mit dem zwlften Jahre werden die Mdchen zur Haushaltung und zu knstlichen
Arbeiten mit der Nadel und auf dem Webestuhl angefhrt, die Knaben lernen die
hheren Wissenschaften und die toten Sprachen; die lebenden sich zu eigen zu
machen, dazu haben sie tglich, von der frhesten Jugend an, Gelegenheit, denn
Franzsisch, Italienisch, Deutsch und Englisch werden abwechselnd bei uns
gesprochen. Franzsisch ist die allgemeine Sprache, Englisch wird bei dem Mahle
und am Teetisch geredet, aus Liebe fr Ellison, Lucia und Fanny, Italienisch
lassen Rosalva, Antonio und Pinelli nicht aussterben, sie haben den beiden
Knaben Franks und Vanhusens schon eine Menge liebkosender Worte stammeln
gelehrt; mit ihren Spielgefhrten, einem halben Dutzend deutscher Kinder, reden
sie Deutsch. Von den hheren Wissenschaften und den gelehrten Sprachen lernt
jeder dann nur, wozu seine Neigung ihn treibt oder wozu man entschiedene
Fhigkeiten in ihm entdeckt, notwendig sind sie keinem. Lehrer ist jeder der
Mnner in seinem Lieblingsfache. So unterrichtet man jetzt schon spielend die
deutschen Knaben und ein paar muntere Negerbuben; knftig werden auch diese mit
den unsrigen gleich erzogen. Wie lcherlich wird einst unsern Jnglingen der
Kastengeist erscheinen, mit welchem der grte Teil des Erdkreises zu kmpfen
hat!
    Die krperliche Erziehung der Knaben wird mit ihren zunehmenden Jahren immer
sorgfltiger fortgesetzt und nichts versumt werden, sie abzuhrten. Sie werden
alle Fhigkeiten eines kriegerischen Volkes erlangen, ohne es zu wissen;
besonnenen Mut, Ausdauer und Verachtung der Gefahren werden sie auf den Bren-
und Wolfsjagden in den Grenzwaldungen lernen, ihre Spiele werden kriegerisch
sein, ohne da sie jemals das Wort Krieg hren, und die Regeln der besten Taktik
ihnen als Regeln eines Spiels gelufig werden. Sollte jener Dmon jemals bis
durch diese Wlder dringen, dann wird er ein waffenfhiges Volk finden, welches
den Frieden wie die ganze Welt liebt, aber jedes Unrecht abzuwehren wissen wird;
selbst unsere starken Mdchen wrden den Webestuhl verlassen und mit den Waffen,
dem Spielgert ihrer Kindheit, ihre Freiheit und ihre Ehre verteidigen. Doch
dahin wird es nicht kommen, der Genius der Menschheit wird diese stillen Tler
schtzen.

Unser Leben, unser Treiben ist noch ganz dasselbe, wie ich es Dir im vorigen
Jahre schilderte. Noch haben wir nirgends eine Lcke bemerkt, und ich hoffe, als
ein altes Mtterchen werde ich dir nichts anders zu sagen haben als: Wir sind
glcklich.
    In diesem Frhjahre machten wir unsere erste Zuckerernte in den
Ahornwldern, alles legte Hand an, selbst die Kinder. Der Ertrag ist so
reichlich gewesen, da, auch bei verschwenderischem Verbrauch, unser Bedarf auf
drei Jahre gesichert sein wrde. Wir schicken die Hlfte nach Louisville, auch
Tabak und Farbekruter, mit deren Erzeugung Stauffach sich emsig beschftigt; er
hat uns schon die schnsten Garne und Gewebe gefrbt. Frank erwirbt sich um das
Maschinenwesen unsterbliche Verdienste, Antonio hat einen Speicher im rein
antiken Stil erbaut, Vanhusen und seine Gehlfen haben uns die seltensten
Frchte und Blumen gezogen, die herrlichsten Gruppen von Bumen auf Bergen und
am Rande der Savannen gepflanzt, auch mancherlei Heilkruter, nach Salvitos
Anweisung, angebauet. Dieser Schutzgott unserer Nachbarn hat seine versprochene
Reise den Schawanoe hinauf gemacht, und das von ihm, durch Rat und Tat,
gestiftete Gute ist nicht zu berechnen. Seine chemischen Kenntnisse kommen uns
berall zustatten, besonders bei der Kelter. Unser Wein verspricht ganz
vorzglich zu werden, selbst der Palmensekt und das Birkwasser sind ziemlich
haltbar.
    Die Feldbauer, nebst ihren weien und schwarzen Gehlfen, haben berflu
erzeugt, Maria und Lucia bleichen das schnste Gespinst im Sonnenstrahl und im
Schimmer des Mondes, und die Seidenwrmer haben mit uns um die Wette gesponnen;
auch von ihrer Arbeit werden Proben nach Louisville gehen. Das Vieh gedeihet
herrlich. Mein Milchgewlbe hat berflu, ungeachtet mehr als die Hlfte des
Mutterviehes die Klber grogesugt hat. So im Schoe des berflusses, liebend
und geliebt, frei und im Frieden mit der ganzen Welt, ruhig in die
Vergangenheit, heiter in die Zukunft blickend, gibt es eine beneidenswertere
Lage als die unsere? Oh, ich mchte der ganzen gepreten Welt zurufen: Flchtet
euch in die Wildnisse von Amerika! Nur am Mississippi, am Missouri, in den
Wldern von Louisiana wohnt der Friede, lchelt das Glck. Aber das Gemt dafr
mu man mitbringen, Kenntnisse und Ttigkeit, dann findet man sein Eden hier
oder nirgends.

Wir haben erfahren, da ein groer Teil unserer Landsleute nach diesem Weltteil
sich gewendet hat und da Joseph Napoleon willens ist, nahe bei Baltimore eine
Stadt zu grnden. Ja, ja, die Trojaner flohen aus ihren brennenden Mauern nach
mehreren Gegenden hin, aber nur neas rettete die Heiligtmer aus den
prasselnden Flammen und barg sie in Silvius' dunklen, nchtlichen Hain. La mir
den khnen Gedanken: Mucius und seine Freunde sind jener neas mit seinen
Gefhrten, das Schicksal gefllt sich in solcher Wiederholung. Hierher, in die
Wlder von Kentucky retteten wir unsere Gtterbilder; werden sie einst, wie
Trojas Gtter, ein groes, freies und hochherziges Volk verbinden? Oh, du Ewiger
ber den Sternen, wir hoffen es! Josephs Stadt wird nie ein Rom werden; man wird
darin Schauspielhuser und Kirchen bauen, Kaffeehuser und Tanzsle errichten,
kokettieren, kabalieren, scheinen, schmeicheln und reprsentieren, wie ehemals!
Die groen Lehren der Zeit gehen an diesem Geschlechte verloren; fern von uns
jede Gemeinschaft mit demselben! Selbst Napoleon, der bewundernswerte, wrde in
unserm Freistaate sehr unwillkommen sein; einmal vom Taumelkelche der Herrschaft
berauscht, taugt schwerlich jemals ein Mensch auf dem Platze des harmlosen
Brgers. Er, der Feuergeist, war dazu geschaffen, ein in wilde Parteien
zerspaltenes Volk zu vereinen und zu halten, ja die Erde unter eine
Alleinherrschaft zu bringen; in einen wahren Freistaat pat er nicht. Vielleicht
htte er einst den Frieden der Welt und die Vereinigung der Vlker, auf einem
andern Wege, herbeigefhrt. Lange glaubte ich, diesen Plan des Schicksals in dem
Laufe der Dinge zu sehen, doch pltzlich verwandelt sich das Welttheater, und
noch lt sich nichts Bestimmtes ber den Inhalt des nchsten Akts sagen, der
Knoten ist von neuem geschrzt und die Entwickelung weiter hinausgeschoben. Aber
meine Wnsche, unsere Wnsche, sind dieselben geblieben, Friede und Freiheit der
Welt, Wahrheit und Gerechtigkeit herrschend und das physische Dasein auch dem
Letzten der Sterblichen, ohne harte Sorgen und Not, gesichert. Wir muten diesen
Wnschen, diesen Hoffnungen einen andern Sttzpunkt geben, um nicht mit
hinabgezogen zu werden in dem allgemeinen Untergang. Wir fanden ihn, verzeihe
dem khnen Gedanken, wir suchten ihn wenigstens in der Kolonie von Kentucky.
Kultur, mit Sitteneinfalt im Bunde, sollten hier, in der Verborgenheit, ein
Geschlecht groziehen, welches vielleicht einst den Vlkern zum Vorbilde und
Vereinigungspunkte dienen knnte. Das mchtige Troja fiel unter den vereinten
Krften der Griechen, aber neas rettete die Schutzgtter des Reichs, er und
seine jungen Gefhrten grndeten Alba und bargen die Heiligtmer in seinen
dichtverwachsenen Hainen. Das schwache Huflein wuchs, seine Urenkel erbauten
die Siebenhgelstadt, und heilbringend zogen die Gtter ihrer Ahnen bei ihnen
ein. Solange ihr Dienst noch unentweiht bestand, war Rom glcklich und gro.
    Wehe, auch das groe, auch das glckliche Rom versank! Woran mahnt mich
diese Erinnerung des ewigen Wechsels! Wird denn die Entwicklung des
Menschengeschlechts ewig den Kreislauf gehen, sein Zustand niemals Dauer
erhalten? Werden die Bltter der Geschichte ewig vergebens fr uns geschrieben
sein? Verzweifeln wrde ich, mte ich dies als unwandelbares Gesetz anerkennen,
ich kann, ich will es nicht denken. Eine kstliche Frucht bedarf lange Zeit zu
ihrer Reife. Rauhe Strme streiften ihre Blten ab, lange liegt sie in harter
Schale verborgen, mitten in den Ungewittern, sie hat die Frste der Nacht und
den sengenden Strahl des Mittags berdauert, aber an der milden Sonne des
Herbstes wird sie die Schale ffnen, und der se Kern dringt gezeitigt hervor.
Mge er lange dauern, der Herbst!

Wir haben gestern ein freundliches Fest gefeiert, Humphrys Hochzeit mit einem
sanften deutschen Mdchen. Wir fhrten, in feierlichem Aufzuge, das mit Myrten
und Rosen gekrnzte Brautpaar zum Tempel. Sie wechselten am Altar die Ringe und
sprachen laut den Schwur der ewigen Treue; die Eltern der Braut segneten sie,
und wir alle beteten fr ihr Glck. Ein frohes Mahl unter den Platanen vereinte
die ganze Kolonie; der Becher ging fleiig umher, und mancher herzliche
Trinkspruch wurde ausgebracht. Wir haben dabei des Heils unsrer europischen
Brder nicht vergessen; auch auf Deine Gesundheit wurde der Becher geleert. Der
Tanz, welchen unsre Neger besonders leidenschaftlich lieben, dauerte bis spt in
die Nacht, und erst gegen Morgen wurden die Neuvermhlten, trotz Mondenlicht und
Frhrotsschimmer, mit Fackeln zu ihrer neuen Wohnung gefhrt. Es gewhrte einen
eigenen, schnen Anblick, wie der Zug, bei dem hellen Fackelschein, durch das
lange Tal wallte und wie das Licht die Baumgruppen erhellte und dann neue
Schatten warf. Es ist wieder ein schner Vorwurf fr Pinellis Kunst, welche er
fleiig bt. Humphrys Wohnung liegt im deutschen Dorfe, eine Viertelstunde von
hier. Sobald die Vermhlten die Kammer betraten, wurden die Fackeln an der
Schwelle des Hauses gelscht, man rief Hymen! Hymenus!, und der ganze Zug
ging zu seinen Husern zurck.
    Kindliche Nachahmungen altgriechischer Sitten, wie schmeicheln sie die
Phantasie in jenes schne Zeitalter hinber, wo das Menschliche mit dem
Gttlichen noch verschwistert war, wo der dnkelvolle Erdensohn sich noch nicht
losgerissen hatte von dem leitenden Bande seiner Mutter Natur! Uns, vor allem
Mucius und mich, Dupont und Zephyrinen, ziehen die griechischen Lebensformen
mchtig an; es waren die Sitten unserer Ahnen, Abkmmlinge jener Messenier,
welche Marseille grndeten; wie jeder Provenzale es mit geheimem Stolze rhmt,
hat jede Erinnerung an sie einen namenlosen Reiz fr uns. Es ist unsere
Lieblingsunterhaltung, die lteren griechischen Dichter und Prosaisten zu lesen,
welche Mucius meisterhaft und aus dem Stegreif bersetzt; mit ihnen haben wir
die kurze Zeit des leichten Winters sehr angenehm ausgefllt. Selten kam mein
Ossian an die Reihe, obschon die meisten der brigen ihn besonders lieben, weil
sie ihn ohne Auslegung verstehen. Auch bei mir steht er noch in hohem Werte,
wenngleich meine Stimmung mich seltener zu ihm hinzieht. Ossian ist der Snger
der Schwermut, und rings um mich her herrscht heitere Lebensfreude. In die Lethe
versenkt sind die Bilder der dstern Vergangenheit, eine neue Sonne, ein neues
Dasein ist fr uns alle aufgegangen. Mag Europa nun schnitzeln und knsteln an
seinen Formen, wir haben sie von uns geworfen, mit einem mutigen Wurf; und wie
auch die Verwirrung herrsche, uns berhrt sie nicht. Arme Adele, knnte ich doch
Dich hierher retten! aber auch nur Dich allein. Ich frchte immer, auch Du wirst
ein Opfer tyrannischer Willkr. Wrst Du nicht in Europa, ich wrde selten dahin
denken, denn ich denke ungern an das dortige Getreibe. Alles, was ich wieder von
dort vernommen habe, ist nicht beruhigend; der groe Streit ist noch nicht
abgeschlossen, lange, lange noch nicht, er kann noch Menschenalter berdauern.
Furchtbare Krmpfe erschtterten die kreiende Welt, aber es erfolgte eine
unzeitige Geburt; das wirkliche Gtterkind liegt noch tief verborgen im Schoe
der Mutter, neue strkere Wehen werden es einst an das Tageslicht frdern. Wann?
das steht im Buche des mchtigen Schicksals. Wehe dem armen Geschlechte, welches
als Geburtshelfer um die Kreiende steht! aber auch Heil dem, welches um die
Wiege des Neugeborenen tanzt! Junges, krftiges Leben entwickelt sich aus
Zerstrung und Tod, das ist der Trostgedanke fr das untergehende Geschlecht;
der Blick in die Zukunft kann allein den sinkenden Mut erheben. Ach, nicht jeder
vermag ber die Spanne seiner Zeit und seines Raums hinwegzublicken, und der
Sohn des Staubes zerstubt mit ihm; nur der Geist, welcher sich eins fhlt mit
dem Unendlichen, wird ewig sein mit dem Ewigen, er sieht im Heute schon das
Morgen, und die kleinlichen Sorgen der Gegenwart berhren nur sein irdisches
Teil, hinber schwingt er sich unter die Palmen des ewigen Friedens!

Uns Lieblingen des Schicksals suseln schon hienieden jene friedlichen Palmen,
uns suselt der delphische Lorbeerhain. Oh, meine Adele, knnte ich Dich
einfhren unter ihren erquickenden Schatten! Deinen Namen tragen die glatten
Stmme der weien Birken und Buchen und des blhenden Tulpenbaumes, am Ohio, am
Kentucky und am Schawanoe; Deinen teuren Namen ruft mir stndlich mein zahmer
Papagei zu und lehrt ihn seinen wilden Brdern, wenn er mit mir durch die Haine
hpft; Deinen Namen wird mein Leo stammeln, sobald er Vater rufen kann. Oh,
knntest Du meine freundlichen Haine sehen und meinen Knaben segnen! Tue es in
der Ferne, meine Adele, so wie wir Dich segnen, mein Mucius und ich. Zephyrine
und Philippine gren Dich, erstere als Landsmnnin, letztere, weil ich sie oft
mit Dir verglich, Ellison grt Dich vor allen. Er hat den Vorteil, Dich zu
kennen, und stimmt oft in meinen Wunsch ein, Du mchtest eine der Unsern werden;
Du seist vor allen wert, sagt er, unser wiedergefundenes Eden zu schmcken,
doch, wo Du auch lebst, Du trgst es in Deiner Brust. La es Dir nimmer rauben,
nimmer Dein besseres Gefhl ertten vom Pesthauche der Selbstsucht und der
kleinlichen Eitelkeit. Dein Wahlspruch sei Wahrheit und Gerechtigkeit, so bist
Du der Kolonie von Kentucky verbndet.
    Lebe wohl im Gerusch Deiner Welt! Vergi nicht die Sorge fr die armen
Bewohner von Chaumerive. Noch einmal empfehle ich sie dem Herzen Deiner guten
Mutter. La die Blumen um das Grab der Meinigen nicht ganz ersterben. Oh, da
mein Vater, da Emil nicht auch dort unter begrnten Hgeln ruhen! Auch ihnen
lege, jeden Sommer, Krnze der Erinnerung auf der Mutter Grab; vielleicht, da
Dir dort mein Geist einmal freundlich begegnet.
    Dort wuchs ich auf unter den Heldenbildern der Griechenwelt, hier am
Kentucky schliee ich einst lchelnd mein Auge, von den Lebensbildern jener
Unschuldswelt umflattert. Lebe wohl! Lebe wohl, meine Adele! Friede mit Dir!
Friede mit der ganzen Welt!

                                                                 Deine Virginia.
