
                            Ahlefeld, Charlotte von

                                      Erna

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                             Charlotte von Ahlefeld

                                      Erna

                                   Kein Roman

                           Seiner Kniglichen Hoheit
                                   dem Herrn
                                        
                        Erbgroherzog zu Sachsen-Weimar
                               und Eisenach, etc.
                                        
                             ehrerbietig gewidmet.

                                       I


Ein liebes Mdchen sollst Du heute kennen lernen, Alexander, sagte die
verwitwete Generalin von Zwenkau zu ihrem Neffen, einem zwanzigjhrigen
Husarenoffizier, der aus der Residenz gekommen war, sie in der Landstadt zu
besuchen, in der sie wohnte. Das wre eine Parthie fr Dich. Gut, hbsch, sehr
verstndig, wohlerzogen und reich - liebes Kind, was knntest Du mehr verlangen?
Das sind frwahr Eigenschaften, die eine glckliche Ehe grnden.
    Ehe? antwortete Alexander lachend. Dafr, hoffe ich, soll mich der Himmel
mein Leben lang bewahren. Nein, Tante, die Liebe ist eine Frhlingssonne, die
das Daseyn wrmt, und duftende Blumen hervorlockt - die Ehe aber ein Maienfrost,
unter dessen feindseeligem Einflu sie wieder erstarren. Ungebunden, nur mir
selbst angehrend, will ich des Lebens sen Reiz genieen, und nie mein Haupt
jenem Joche darbieten, dessen Schwere nicht allein die Freiheit, sondern auch
das Glck erdrckt.
    So hat die Verdorbenheit groer Stdte auch Deine Grundstze schon
vergiftet, versetzte die Generalin. O Alexander, la Dich doch nicht irre leiten
von der sittenlosen, versunkenen Menge, die der ehrwrdigsten Gefhle spottet,
weil in ihrer kraftlosen Brust kein Raum mehr dafr ist. Eine frhe Verbindung
mit einem achtungswerthen weiblichen Geschpf wre ganz gewi ein sicheres
Mittel, Dich in diesem Schwarm rein Dir selbst zu erhalten - soll ich nicht
wnschen, da Du es ergreifen mchtest? Ernestine, oder Erna, wie wir gewohnt
sind, sie zu nennen, die ich lngst fr Dich im Sinne hatte, ist die einzige
Tochter einer meiner Freundinnen, der Frau von Willfried, die das hier
unmittelbar an die Stadt grnzende Landguth Seedorf bewohnt. Wiewohl noch nicht
vierzehn Jahr alt, verspricht dies hoffnungsvolle Kind doch ein Muster
weiblicher Liebenswrdigkeit zu werden. Es fehlt ihr nichts bei den
vollkommensten, zum Theil schon entwickelten Anlagen, als ein gewisses
Selbstvertrauen, das ihre Schchternheit nicht aufkeimen lt. Sie ist so
bescheiden, so wahrhaft demthig, da sie keine Ahnung davon hat, wie viel sie
seyn knnte, wollte sie ihren Werth geltend machen. Nur wer sie so genau kennt
wie ich, wird sie ganz verstehen, aber sie verdient das Studium ihres
Charakters, und wahrlich, es belohnt sich, denn nie wohnte ein reineres,
heiligeres Gemth in einer lieblicheren Hlle.
    Sie machen mich ganz neugierig, liebe Tante, unterbrach sie Alexander
scherzend. Ich bin ein Freund der jungen Rosenknospen, deren erstes zartes Roth
zwischen frischem Frhlingsgrn hervordmmert, und oft in dem Versprechen eines
herrlichen Entfaltens schon eben so schn ist, als in der Blthe selbst. Gern
werd' ich mich an dem reizenden Anblick weiden, und - will das holde Rschen fr
mich blhen, mich an seinem sen Duft ergtzen. Aber es auf ewig in meinen
Lebenskranz winden, nein Tante, das vermag ich nicht, und wre es auch vllig
dornenlos, und geradeswegs aus Eden entsprossen.
    Leichtsinniger! sprach die Generalin sehr ernst, wenn Du auch - scheinbar
oder wirklich - doch hoff ich, nur das erstere, den Sinn fr Lauterkeit und
reine Sitten verloren hast, so wirst Du doch nicht vergessen, welch' hohe
Achtung der Unschuld gebhrt. Ich erwarte daher wenigstens, da Du die Tochter
meiner Freundin nicht zum Spielwerk mnnlicher Koketterie und frivoler
Eroberungssucht whlst, und der Ruhe ihres Herzens schonst, wenn Du auch, ihrer
Reinheit wegen, sie vielleicht mit Recht zu hoch ber Dir erblickst, um an eine
Verbindung mit ihr denken zu mgen.
    Alexander sah, da seine Tante aufgebracht war. Er kte schmeichelnd ihre
Hnde, und versicherte ihr mit all der einnehmenden Anmuth, die ihm eigen war,
da seine Aeuerungen bei weitem nicht so ernstlich gemeint seien, als sie ihr
schienen, und da - wenn er sich auch noch fr viel zu jung zum Heirathen halte,
er doch gewi ihrer mtterlichen Absicht, so wie den Verdiensten ihres
unbekannten Lieblings volle Gerechtigkeit widerfahren lasse.

                                       II


Es gelang ihm, die Erzrnte wieder zu vershnen, denn es war schwer, seiner
hinreienden Freundlichkeit, und seinen liebkosenden Bitten zu widerstehen.
    Selten hatte die Natur einen Jngling so verschwenderisch ausgestattet, als
ihn, den bei hellem Geist und warmen, raschem Gefhl die Vorzge einer
bezaubernden Gestalt schmckten.
    Sorgsame Leitung ber die Untiefen und Klippen der groen Welt htte gewi
aus ihm einen der trefflichsten Mnner gebildet - aber schon in der frhsten
Jugend sich selbst berlassen, und mit offnen Sinnen und ungebundner Freiheit
den geruschvollen Zerstreuungen einer der ppigsten Residenzen Deutschlands
hingegeben, war - durch die Macht des Beispiels hingerissen - die Reinheit
seines Gemths unter den Lockungen der Verfhrung und der eigenen Sinnlichkeit
lngst schon verloren gegangen. Nicht die Aegide der Tugend, sondern nur die
Feinheit seines Geschmacks schtzte ihn mitten in der Flle des Leichtsinns und
des Uebermuths vor dem Versinken in zgellose Ausschweifungen, die das Bessere
im Menschen unwiederbringlich vernichten.
    Aus diesem immer verderblicher werdenden Rausch der Sinne, dem er sich mit
der ganzen Heftigkeit seines leidenschaftlichen Charakters hingab, wrde, wie
seine Tante sehr richtig meinte, eine edle Liebe ihn wohlthtig geweckt haben.
Aber dies Gefhl war ihm bisher noch fremd im Leben geblieben, deshalb konnte er
den heiligen Einflu desselben nicht anerkennen, ja nicht einmal ahnen. Sich dem
gauklenden Schmetterlingsschwarm zuzugesellen, der die blendendsten Koketten der
Residenz umflatterte und ihm durch die Ueberlegenheit seiner glnzenden und
einschmeichlenden Eigenschaften den Rang abzulaufen, um nach erlangtem Siege
sich schnell nach einem neuen Gegenstand seines Verlangens umzusehen, war bisher
der Cyklus seiner Beschftigungen und das stete Ziel seiner Bemhungen gewesen,
in dessen Erreichung seine Eitelkeit Befriedigung fand, wenn auch das Herz leer
blieb. Ihn erwrmte bei so unwrdigen Unternehmungen nicht jene reine Flamme
wahrer Empfindung, die selbst Verirrungen adelt, welche sich auf ihre Innigkeit
grnden, sondern es war ein eingeheitztes Feuer, mit dem er sich und andern in
thrichter Verblendung weis machte, da er glhe, whrend er eigentlich sehr oft
nur kalte Geringschtzung fhlte.
    So war es sehr natrlich, da neben der Unschuld seines Herzens auch die
gute Meinung unterging, die der Mann durchaus von den Frauen haben mu, wenn er
ihnen seine hhere Ausbildung und sein Glck verdanken soll, und er glaubte,
gleich den Gefhrten seiner Lste an keine weibliche Tugend mehr, da es ihm
immer noch gelungen war, eine jede, die sich ihm dafr ausgab, zu zerstren. Er
hatte den Schein in seiner ganzen Nichtigkeit erforscht, und darber den Glauben
an die Wahrheit verloren. So sehr er daher auch der Schnheit huldigte, wo er
sie fand, so dnkte ihm doch die Glorie der sittlichen Reinheit mit der er sie
sehr oft umgeben fand, nur ein gemeines Irrlicht, auf Smpfen erzeugt, um zu
tuschen und zu locken, und er betrachtete es als eine unumgnglich nothwendige
List, sie scheinbar zu ehren, um mit Hlfe dieser Verstellung und einer
erheuchelten Achtung sich seine Eroberungen leichter zu machen, und Maske mit
Maske zu vergelten.

                                      III


Die Gesellschaft, welche die Generalin ihrem Neffen zu Ehren eingeladen hatte,
und unter der er die ihm von ihrer mtterlichen Frsorge bestimmte Braut finden
sollte, fing an sich zu versammeln. Aber so manche Mutter auch mit ihrer
blhenden oder verblhten Tochter hereintrat - durch keine wurden die
ausgezeichneten Lobsprche gerechtfertigt, mit welcher seine Tante wenigstens
seine Neugier in Hinsicht Erna's Bekanntschaft gereitzt hatte.
    Endlich erschien eine bleiche, abgezehrte Matrone, gefhrt von einem jungen
Mdchen, das durch die zarteste Sorgfalt im Benehmen, und eine vllig auf ihre
kindlichen Pflichten beschrnkte Aufmerksamkeit auch ohne Worte aussprach, da
sie die Wrde des Berufes fhle, ihrer dem Grabe entgegen krnkelnden Mutter
alles zu seyn.
    Dies entsprach allerdings, die Gte und Dankbarkeit ihres Herzens
verbrgend, der Schilderung, die die Generalin von ihren moralischen
Eigenschaften gemacht hatte. Aber schn war sie nicht - und doch hatte sie auch
ihr Aeueres als sehr vortheilhaft gerhmt. Er erwartete daher - sein Ideal
jugendlicher Schnheit ppig in der Seele tragend - eine volle, feurig in der
Flle der Gesundheit sich dem Leben ffnende Blthe zu sehen, die, wie mit
Liebesarmen an jede irrdische Freude sich fest schlingend, nur Frhlichkeit und
Muthwillen athmete. Statt dessen erblickte er ein Wesen, zart und therisch - er
nannte es mager - in dem der leise Uebergang vom Kinde zur Jungfrau noch nicht
harmonisch verschmolzen war, und sie demnach weder als das eine noch als die
andere erscheinen lie. Dabei einen Ernst, der ihren Jahren so wenig in seinen
Augen kleidete, wie der Doctorhut einem Knaben und in dem ganz eigenen Ausdruck
ihres Gesichts, auf welchem nicht die Rosen der ersten Jugend, sondern der
blasse Mondschein einer fast berirdischen Verklrung ruhte, stilles Nachdenken,
Ruhe und Resignation statt des Aufblitzens ppiger Lebenskraft und kindlicher
Heiterkeit, denen er zu begegnen hoffte.
    Sie hatte ihre Mutter sanft zu einem Sopha geleitet, und nachdem sie Sorge
getragen, sie mit alle den kleinen Bequemlichkeiten zu versehen, die ihre
Schwche ihr zum Bedrfni machten, zog sie sich zu den brigen jungen Mdchen
zurck, in deren Kreis sie sich so anspruchslos verlor, wie das Veilchen sich im
Wiesengrund verbirgt.
    Alexanders Augen folgten ihr. Noch immer konnte er die Reize nicht
wahrnehmen, die seine Tante als ausgezeichnet erwhnt hatte. Erna war gro fr
ihr Alter, aber schneller Wachsthum, schien es, hatte ihrer Gestalt noch nicht
gestattet, jene wohlgefllige Rundung zu gewinnen, die zu einem richtigen
Ebenmaas gehrt. Ihr reiches, castanienbraunes Haar war in Flechten
zusammengedrngt, kunstlos um das Haupt gewunden. Dunkler noch contrastirten die
hoch gewlbten, schmal geformten Augenbraunen und die langen, einem
Trauerschleier gleich den gesenkten Blick verhllenden Wimpern mit der seltenen
Weisse ihres Teints, aber es fehlte das warme, frische Roth der belebenden
Jugendglut, das nur auf den zarten, fest verschlossenen Lippen anzutreffen war.
Ihre Zge waren fein und edel gebildet, und insbesondere trug die Stirn den
Stempel hoher Unschuld und Reinheit - doch das Ganze sprach seinen an
schimmernden Farbenschmelz und an Flittergold der Kunst gewhnten Sinn so wenig
an, wie im bunten Blumenbeet des Frhlings die farblose Lilie.
    Um zu untersuchen, ob seine Tante auch in Hinsicht ihres Geistes das von ihr
gefllte Urtheil bertrieben habe, trat er ihr nher, und mit jener Gewandheit
und Leichtigkeit, die das immerwhrende Leben in der groen Welt giebt, wollte
er eine Veranlassung suchen, sie anzureden.
    Als er nun aber vor ihr stand, und sie das bisher gesenkte Auge erhob, dem
seinen begegnend, da begrten ihn, gleich dmmernden Schatten der Vorzeit die
lngst nicht mehr empfundenen Regungen schchterner Bldigkeit und sen
Bangens, und er fhlte sich von ihrem groen, ruhigen und klaren Blick tief und
wunderbar ergriffen.
    Solche Augen - das konnte er sich nicht ablugnen, hatte er niemals noch
gesehen. Sie trugen den Himmel in ihrer herrlichen Tiefe, und sprachen in
lichtheller Klarheit eine Treue, einen Seelenadel, eine Reinheit aus, vor denen
selbst sein frivoler Sinn sich beugte.
    Doch lange blieb es ihm nicht vergnnt, sich in ihrem Anschauen zu
verlieren, denn Verlegenheit, die ihre bleichen Wangen pltzlich mit dem sanften
Anhauch einer zarten Rothe frbte, verhllte schnell mit der sen Nacht der
langen Wimpern den Himmelsglanz, der ihm so leuchtend in die Seele drang.
Wahrscheinlich hatte Erna von ihrer Mutter die Weisung empfangen, ihn mit
besonderer Auszeichnung zu begegnen, und die schwache Frau, die kein Geheimnis
vor der geliebten Tochter verbergen konnte, hatte den mit der Generalin frher
besprochenen Plan einer Verbindung zwischen ihr und Alexander, ihr als
Perspective ihrer Zukunft gezeigt.

                                       IV


In ihrer Verwirrung fand er sehr bald seinen Muth und seine Gegenwart des
Geistes wieder. Es fing seine Eitelkeit an zu intereiren, sich die Entscheidung
der Frage zu verschaffen, ob Erna etwas wisse von dem Plan der beiden alten
Frauen, oder ob seine Persnlichkeit allein sie so sichtbar imponirt habe.
    Denn es war nicht zu verkennen, da sie von seiner Anrede gleichsam
electrisirt, alle Fassung verlor, und in ihrer linken, blden und verlegenen
Antwort weniger ihre geistige Beschrnktheit als eine tiefe Betroffenheit des
Herzens verrieth. Er gnnte ihr Zeit, sich ein wenig zu sammeln, und erneuerte
dann wieder seine Versuche, ihr Rede abzugewinnen, aber neues glhendes
Errthen, von leisem Beben und einzelnen abgebrochenen, kaum hrbaren Worten
begleitet, scheuchten ihn abermals zurck, und erst als er sich nicht mehr um
sie zu bekmmern schien, erlangte sie ihre Ruhe und Unbefangenheit wieder.
    Ob sie nun gleich, trotz der wunderschnen Augen, denen er volle
Gerechtigkeit widerfahren lie, weit unter seinen Erwartungen und Wnschen
blieb, so schmeichelte es ihm doch, den tiefen Eindruck zu bemerken, den seine
Erscheinung auf ein so vllig neues unerfahrenes Herz gemacht hatte, und er
beschlo, sich damit zu belustigen.
    Um der schchternen Taube einigermaen Zutrauen einzuflen, verbarg er die
Habichtsklauen seines Leichtsinns, und stellte sich ernst, fromm und sinnig an.
Ohne durch seine Nhe ihr leicht bewegtes Gemth ngstlich aufzuregen, wute er
doch die Ueberzeugung wach in ihr zu erhalten, da seine Aufmerksamkeit
theilnehmend mit ihr allein beschftigt sei, und sie vor allen ihren
Gespielinnen auszeichne. Die Verehrung, mit der er ihre Mutter behandelte, und
die bescheidne liebliche Art, mit welcher er sie zu unterhalten und zu erheitern
strebte, erwarb ihm nicht nur den Beifall der Matrone, sondern flte auch Erna
die vortheilhafteste Meinung von seinem Charakter ein, die den gnstigen
Eindruck seiner einnehmenden Gestalt verstrkte. Seine Tante selbst war entzckt
ber sein Betragen, und konnte es kaum erwarten, ihn allein zu sprechen, um ihm
ihre Zufriedenheit zu bezeugen, und sein Urtheil ber Erna zu vernehmen.
    Alexander hatte durch seine frhere, bel aufgenommene Freimthigkeit
erfahren, da es bedenklich sei, ihr ganz offen seine innersten Gedanken und
Gefhle darzulegen, und da es seine Absicht war, sie nicht abermals zu erzrnen,
so unterdrckte er seine satyrischen Bemerkungen, und verbarg ihr, wie
lcherlich er das gute Kind in seiner lndlichen Unbeholfenheit und
Schchternheit fand.
    Er begngte sich daher, nur im Allgemeinen sich zu uern, und sehr
gemildert und oberflchlich seine wahre Meinung auszudrcken. Gern glaub ich,
beste Tante, sagte er, da in dem Frulein die Keime aller mglichen Tugenden
verborgen liegen, aber es wird schwer halten, sie an's Licht zu befrdern, da
ihre Bldigkeit doch wirklich alle Grnzen bersteigt. Bei dem sorgsamsten, und
gewi nicht zudringlichen und unzarten Bestreben, mit ihr in irgend eine Art von
Beziehung zu kommen, hat mir der heutige mhevolle Abend doch kein anderes
Resultat gebracht, als da ich wei - wie sie errthet. Sie ist fr jetzt, sich
und andern, wie mir scheint, noch ein bloes Fragzeichen im Leben, eine mimosa
pudica, die bei der leisesten Berhrung krampfhaft zusammenfhrt, und man sollte
glauben, da eine Mnchszelle in Georgien sie erzeugt habe, so gesenkten
Hauptes, gleichsam gebeugt, wandelt sie einher. Dort, wo die Mnche in nicht
vllig vier Fu hohen Zellen wohnen, um eine demthige Stellung sich
anzugewhnen, mag ein solcher Anstand auch ganz an seinem Platze seyn. Hier aber
unter uns in froher Geselligkeit, und fern von aller klsterlichen Disciplin war
es vortheilhafter und vernnftiger, wenn sie das pikante Gesichtchen ein wenig
erheben wollte - besonders, da ein paar Augen es schmcken, wohl werth, da man
in ihren Strahlen sich sonnet.
    Die Generalin war vorlufig mit seiner Charakteristik zufrieden, denn sie
mute im Geiste zugeben, da er Recht hatte. Auch sie fand heute ihre sonst so
ruhige Erna so ungewhnlich verschchtert und verlegen, da sie sie kaum selbst
erkannte. Sie wollte jedoch der Eigenliebe des ohnehin eitlen Jnglings nicht
durch die Entdeckung schmeicheln, da sein Anblick die Ursach einer so
auffallenden Verwandelung sei, und berlie es der Zeit, und Erna's Reizen des
Krpers und der Seele, den Flatterhaften zu fesseln, und mit der Unbehaglichkeit
des ersten Empfangs zu vershnen.

                                       V


Die Stadt, in welcher die Generalin lebte, gehrte zwar eben nicht zu den
grten, und war keineswegs frei von den kleinlichen Fehlern eines Tons, der
sich oft durch Neugierde und Geschwzzigkeit von dem Pfade edlerer Unterhaltung
entfernte, aber an munterer Geselligkeit gab sie der Residenz nichts nach, denn
mehrere Beamte, und wohlhabende Honoratioren bildeten mit dem zahlreichen Adel
der umliegenden Gegend einen weiten Kreis, der sich sehr oft versammelte, sich
vereint des Lebens zu freuen.
    Die Generalin war mit allen in gutem Vernehmen, doch ihr liebster Umgang
beschrnkte sich auf Frau von Willfried, deren ohnehin sanfter Charakter durch
die fromme Geduld, mit der sie eine bestndige Krnklichkeit trug, noch weicher
und anziehender wurde.
    Sie hatten gemeinschaftlich ihre Jugend in der groen Welt zugebracht, und
so manche Erinnerung der Vergangenheit, die jetzt ihre Einsamkeit wrzte, gab
ihnen reichen Stoff der Mittheilung im traulichen Beisammenseyn, indem sich
durch sie das Andenken jener Zeit ihnen erneuerte.
    Ein noch innigeres Band webte aber Erna zwischen ihnen, die - gleichsam von
zwei Mttern gepflegt und geliebt, und beide mit Liebe und Gehorsam umfassend,
schon in der frhsten Kindheit ein herrliches Gemth neben ausgezeichneten
Geistesgaben ahnen lie.
    Die Generalin hatte keine Kinder, und Alexander, der einzige hinterlassene
Sohn ihres frh verstorbenen Bruders sollte einmal in Zukunft ihr Erbe werden.
Doch war diese Verfgung mehr ein Werk der Pflicht als der Neigung, denn sie
hatte ihn seit seinem zehnten Jahr aus den Augen verloren, und wenn sie auch von
allen Seiten hrte, er sei zu einem schnen, frohen, geistreichen Jngling heran
geblht, der allenthalben warmen Antheil erwecke, und - wie man zu sagen pflegt
- Glck mache, so mischte sich doch auch manche Kunde von seinem Leichtsinn, dem
aufbrausenden Ungestm seines Charakters und seinem an Libertinage grnzenden
Hang zum ppigsten Lebensgenu als dunkler Schatten in das schimmernde Bild
seiner Liebenswrdigkeit, und die Briefe, die sie von Zeit zu Zeit von ihm
empfing, besttigten ihr durch manchen charakteristischen Zug, da Lob und Tadel
ber ihn gegrndet sei.
    Einsam, und unbekannt mit Freuden und Gespielen ihres Alters, war Erna neben
ihr aufgewachsen, und hatte oft durch ihre stille, sich selbst nicht einmal
bewute Gte, durch ihre Innigkeit und kindliche Hingebung, die nie auf sich,
immer nur auf das Wohl anderer, Rcksicht nahm, den Wunsch erregt, da die Natur
sie ihr zur Tochter verliehen haben mge.
    Der immer leidende Zustand der Frau von Willfried, hatte ihre Reizbarkeit so
unendlich erhht, ihr Empfindungsvermgen so krankhaft geschrft, da sie die
Entfernung ihres einzigen geliebten Kindes, auch nur auf Stunden, nicht ertragen
konnte. Daher, und weil eine tiefe Stille in ihrer Umgebung ihr bei ihren
schwachen Nerven Bedrfnis war, wurde Erna ausgeschlossen von den munteren
Kreisen anderer Kinder, und ihr Gemth, das die Sonne des Frohsinns nur selten
durchscheinen durfte, neigte sich zu einem unnatrlichen Ernst, an dem es frher
reifte als die eigentliche Bestimmung des Menschen es haben will.
    Es war ihr nicht entgangen, da man das stete Krnkeln ihrer Mutter von den
Folgen der schweren Niederkunft ableitete, durch welche ihr das Daseyn gegeben
worden war. Diese traurige Entdeckung legte ihrem tief fhlenden Herzen, das
schon durch die unbegrnzte Flle der Mutterliebe, die sie erfuhr, zu der
innigsten Dankbarkeit verpflichtet war, das drckende Gewicht eines inneren
Vorwurfs auf, dessen Schwere ihr nur eine vllige Aufopferung eigener Freuden
und Wnsche, und das Bestreben, ganz ihren kindlichen Pflichten zu leben,
erleichtern konnte.
    Diese Tendenz, die ihr als der heiligste Beruf vorschwebte, theilte ihr,
indem sie die angebohrene Lebhaftigkeit ihres Innern dmpfte und gewissermaen
mit einem Flor umhllte, auch in der ueren Form jene leise Stille mit, die in
allen ihren Bewegungen Gerusch zu vermeiden gewhnt, immer nur zu lindern, zu
helfen und zu tragen bemht ist. Wie der Engel der Geduld und der stillen
klaglosen Resignation war sie stets um ihre Mutter, und leistete mit zarter
liebevoller Hand ihr alle Pflege, die sie bedurfte. Sie wurde in ihrem Beisein
unterrichtet, sie las ihr vor - sie geno die frische Luft und die bunten
Abwechselungen der Jahreszeiten nur an der Seite der Leidenden, wenn sie - statt
mit den Lmmern der Wiese um die Wette umher zu springen - gehaltenen Schrittes
sie hinaus fhrte, um mitten in der blhenden Natur sie von der Vergnglichkeit
alles Irrdischen, von ihren Schmerzen und Todesahnungen sprechen zu hren.
    So wurde ihr jugendlich knospendes Leben frh von einer Schwermuth
verschattet, die nur durch den stillen Frieden gemildert ward, den das
Bewutseyn erfllter Pflichten gewhrt. Ihre nie ermdende, treue Sorgfalt fr
ihre Mutter war ihr der mit inniger Liebe klar erschaute Mittelpunkt, von
welchem all' ihr Wollen und Wirken ausging, und zu dem es wieder zurckkehrte.
Wohl dmmerten zuweilen in ihrer Seele Ahnungen einer freudigeren Welt auf, als
sie rings um sich erblickte, aber ihre Sehnsucht strebte nicht ber die scharf
gezogene Grnzlinie hin, die sie davon schied und ein stilles Gengen, das sie
im Busen trug, vershnte sie fromm und ergeben mit ihrer einfrmigen und ernsten
Existenz.

                                       VI


Ein Ball, der Alexandern zu Ehren gegeben werden sollte, erffnete seiner
Eitelkeit die willkommene Aussicht, zu glnzen, da der Tanz zu den Knsten
gehrte, die er in der hchsten Vollkommenheit sich angeeignet hatte. Seine
schne Gestalt, sein edler Anstand, seine jugendliche Leichtigkeit und der ihm
gleichsam angeborene Tact bildeten ein Gemisch von Anmuth und mnnlicher Grazie
in seinem Wesen, das sich in jeder Bewegung so wie in seiner ganzen Haltung
aussprach.
    Alles war versammelt - auch Erna fehlte nicht. Doch vergebens suchte sie
sein Blick in der munteren Reihe, als er, der Convenienz folgend, den Ball mit
der Tochter des Hauses begann. Sie sa neben ihrer Mutter unter den
Zuschauerinnen, und folgte mit denkenden, ruhigen Augen dem bunten Gewhl ohne
sich in seine Kreise zu mischen. Auch ihre Kleidung war ihm auffallend. Verhllt
von den Sohlen bis zum Kinn in ein dichtes weies Gewand, htte es nur noch
eines Schleiers ber das dunkle Haar und das ernste Gesicht bedurft, um sie in
eine Bildsule der Ists umzuwandeln, zu deren Ehrfurcht gebietender Wrde Scherz
und Muthwillen sich nicht zu erheben wagten.
    Als der erste Tanz geendigt war, nahte er sich ihr, sie zum zweiten
aufzufordern. Mit einem ihm freudig scheinenden Errthen nahm Erna seine Bitte
auf, jedoch ohne sie zu gewhren. Sie sagte ihm nmlich, da sie nie getanzt,
und auch nie Unterricht in dieser Kunst gehabt habe, weil die auf dem Lande so
seltene Gelegenheit, sie zu erlernen, sich gerade zu einer Epoche getroffen, als
ihre Mutter besonders leidend gewesen sei, daher es ihr sowohl an Zeit als an
Lust gemangelt habe.
    Da nach dieser Erklrung seine Blicke, so wie seine Unterhaltung sie wieder
in jene Verlegenheit versetzten, die ihm in ihrer Seele so peinlich war, so
brach er ab, und kehrte zum Tanz zurck, dessen Freuden er sich mit der ganzen
Lebendigkeit seines Charakters berlie. Von Zeit zu Zeit sagte ihm aber ein
Blick, den er auf Erna warf, und dem jedesmal ihr Auge begegnete, das sie dann
von dem seinen ergriffen, voll Verwirrung senkte, da sie, ohne mit ihm zu
tanzen, doch nur mit ihm beschftigt sei.
    Er suchte ihr diesen schweigenden Antheil durch manche zarte Aufmerksamkeit
zu vergelten, theils, um sich das Wohlwollen seiner Tante zu erhalten, das auf
einer freundlichen Hinneigung zu Erna hauptschlich zu beruhen schien, theils
weil es wirklich seiner Eigenliebe schmeichelte, das keimende Interesse zu
bemerken, das er, immer zunehmend in dem jungen unerfahrenen Busen erweckte. Die
Gesellschaft, welche vielleicht schon vorher von einer vorhabenden Verbindung
gehrt hatte, die man beabsichtigte, behandelte die Auszeichnung, mit der er ihr
begegnete, als den Tribut einer privilegirten Bewerbung, und war bemht, beiden
jene schonenden Rcksichten zu beweisen, durch die man gewhnlich einem
angehenden Brautpaar Gelegenheit giebt, sich einander ungestrt zu nhern. Kein
Wunder, wenn Erna's argloses, zum erstenmal von der Liebe wie von einem sen
Rausch befangenes Herz anfing, dem Traume des Glcks Realisirung zuzutrauen, in
den die offenen Mittheilungen ihrer Mutter, die Anspielungen ihrer ganzen
Umgebung, und vor allem Alexanders ehrerbietig inniges Betragen sie wiegte.

                                      VII


Auch Frau von Willfried ordnete ein lndliches Fest in Seedorf an, Alexandern zu
erfreuen, und hier, im gewohnten Kreise, thtig an der Mutter Statt die
Pflichten der Hausfrau ausbend, erschien Erna vortheilhafter, als in den
Circeln, wo sie als Gast auftrat. Denn hier, in Geschftigkeit und freundlicher
Frsorge sich selbst vergessend, schwand die Verlegenheit welche dort so leicht
ihr ihre Unbefangenheit raubte. Haus und Garten waren nicht eben gro, aber der
stille Geist der Ordnung, der allenthalben waltete, schien jeden Raum zu
erweitern und zu erhellen, und heiter das Gemth ansprechend, begegneten berall
in sinniger Anordnung dem Auge Spuren des ntzlichen Wirkens und der
verschnernden weiblichen Umsicht, die mit Bescheidenheit verbunden dem
huslichen Leben einen so liebenswrdigen Charakter ertheilen. Auch da
Wohlwollen und menschenfreundliche Gte hier ihren Wohnsitz aufgeschlagen
hatten, verrieth unwillkhrlich der Ton des Ganzen, obgleich Erna sichtbar
strebte, die unendliche Innigkeit mit der alle Hausgenossen ihr begegneten, den
Blicken der Fremden zu entziehen, da sie ihrer Demuth nicht als ein Zoll, der
ihrem inneren Werth gebhrte, sondern als eine unverdiente Gunst erschien.
Menschen und Thiere huldigten hier nur ihr, und zwar nicht als stolze Herrin,
von deren gebietender Willkhr sie abhingen, sondern Milde und Gte umwebten sie
gleichsam mit einer Glorie, in deren Strahlen sich Lieb und Zutrauen gerne
sonnete.
    Es sah fast lcherlich aus, als man zu einem Spaziergang sich anschickte,
und das Frulein auf Befehl ihrer Mutter an Alexanders Arm als Wegweiserin den
Zug erffnete, da der ganze Hhnerhof in Bewegung gerieth, und mit
ausgespreiztem Gefieder, schnatternd, krhend, gluchzend und pipend, wie die
Verschiedenheit der Naturen nun eben wollte, - theils empfangener Wohlthaten
eingedenk, theils neue Spenden von Erna's freigebiger Hand erwartend - hinter
ihr drein lief, bis sie, schnell zurckeilend, und ein Krbchen mit Waizen
holend, die zudringlichen Begleiter seitwrts lockte, um whrend des
augenblicklichen, sinnlichen Genusses, den sie ihnen streute, ungehindert ihren
freundlichen Verfolgungen zu entkommen.
    Weniger leicht abzuweisen waren die Tauben, die von ihrem Schlage leise in
malerischen Schwingungen herabschwebten, ihre Gnnerin umkreiseten, sich ihr auf
die Schultern setzten, oder dreist zu ihren Fen niederlieen, und als sie
sanft seitwrts geschoben wurden, sich wieder erhoben, um einige Schritte weiter
dasselbe Schauspiel zu erneuern.
    Als aber auf dem Gang durchs Dorf die Kinder mit dem gegenseitigen Zuruf:
Frulein Ernchen kommt einander gewissermaen das Signal gaben, ihr entgegen
zu laufen - als jedes ihr eine Patschhand reichen, jedes ihr folgen wollte - als
Mnner und Weiber die Arbeit ruhen lieen, mit herzlichem Grue ihr entgegen und
nachzuschauen - als auch die abgelebten Alten aus ihren Husern traten, sich an
der Frhlingssonne ihres milden Blickes zu erwrmen, ihr freundlich zunickend,
ihr Segen nachwnschend - da gestand sich Alexander selbst im Stillen ein, da
es ein ungewhnlicher Grad von Gte seyn mte, den eine so allgemeine und
innige Anhnglichkeit belohne.

                                      VIII


Demohngeachtet erregte weder diese Gte, noch so manche schne geistige Anlage,
die nur der Entwickelung bedurfte, noch auch ihr edles Aeueres, das weit mehr
sich in sich selbst zu verhllen als sich geltend zu machen strebte, den Wunsch
in seinem leichtsinnigen Herzen, sie in einer ernsten, ewigen Verbindung sich
anzueignen. Methodisch steigerte er durch alle Kunstgriffe der Erfahrung und der
mnnlichen Coketterie die Neigung, die in ihrer reinen Seele fr ihn erwacht
war, und belustigte sich an den naiven, ihm den vollen Reiz der Neuheit
gewhrenden Wirkungen seines grausamen Unternehmens, ihre Ruhe zu untergraben
und zu einem Opfer seiner Eitelkeit zu machen.
    Frau von Willfried eben sowohl als die Generalin getuscht durch die
Beflissenheit, mit der er sich um Erna bemhte, leisteten ihm allen mglichen
Vorschub, sich ihr zu nhern. Denn geblendet von ihren Hoffnungen erblickten
beide Frauen in allen seinen Aeuerungen so viel Verstand, Charakter, und selbst
Gefhl, da sie berzeugt waren, er werde das Glck ihres Lieblings machen. Die
unwillkhrlichen Ausbrche des Muthwillens, der Frivolitt, und der Satyre, die
zuweilen selbst das Heilige nicht verschonte, erschienen ihren bestochenem
Urtheil als Auswchse, die nur das Leben in der verdorbenen groen Welt ihm
angebildet habe, und die eine reinere Umgebung, das Luterungsbad wahrer Liebe,
und dereinst die Wrde ehelicher Verhltnisse bald genug wieder abschleifen
werde. In dieser Voraussetzung erwarteten sie ruhig und freudig seine nhere
Erklrung, die seinem Benehmen nach, mit jedem Tage wahrscheinlicher wurde.
    Auch Erna, selig gehoben von den Schwingen eines so mchtigen, ihr selbst im
Traume der Ahnung noch nimmer erschienenen Gefhls, sah mit klopfendem Herzen,
von ihrer Mutter auf diesen feierlichen Moment vorbereitet, dem Gestndnis des
Jnglings entgegen, dem sie ihr Ja nicht versagen wollte, da sie ihm bereits
ihre innige Neigung geschenkt hatte. Sie gewann allmhlig Vertrauen zu ihm und
zu sich selbst. Anfangs, von dem Glanz seiner geschliffenen Aussenseite
verblendet, wute sie nur schchterne Unterwrfigkeit, bldes Zagen, seinem
muntern und sicheren Ton entgegen zu setzen. Sie erschrak, wenn sie den Klang
ihrer eigenen Stimme vernahm - sie errthete, wenn sein Blick ihr begegnete -
sie zitterte, wenn er sie anredete. Jetzt wich nach und nach die Verlegenheit,
durch die sie sich selbst so gestrt und unbequem in ihrem Innern vorkam, einer
bescheidenen Zuversicht, die auf die stolze Ueberzeugung sich sttzte, ein so
hoch an Geist und Bildung ber ihr stehendes Wesen, wie ihr Alexander erschien,
begreifen und fassen zu knnen. Er wute so unmerklich und leise den kalten Reif
der Verschlossenheit von ihrem Gemth abzustreifen, wute, indem er sie so oft
glcklich errieth, ihren undeutlichen Gedanken Klarheit, ihren dunklen Gefhlen
Licht zu geben, und durch einen im rechten Augenblick gleichsam unwillkhrlichen
Ausbruch einer erknstelten Begeisterung fr das Gute und Schne, eine
hingeworfene, wie dem Innern entschlpfte Floskel der Sentimentalitt, ihre
vortheilhafte Meinung von ihm immer fester zu begrnden, da es sehr natrlich
war, wenn ihre Achtung fr ihn mit jedem Tage des Beisammenseyns wuchs, und die
zarte Liebe ihres Herzens vertiefte.

                                       IX


Obgleich die Fortschritte, die Alexander so sichtbar in Erna's Neigung machte,
ihm manchen Stoff zur ergtzlichen Selbstunterhaltung gab, so drckte ihn, den
an schimmernde Zerstreuungen Gewohnten, doch die Einfrmigkeit des halb
lndlichen Lebens in dieser kleinen Stadt viel zu sehr, als da er nicht htte
streben sollen, es so viel er vermochte, mit Abwechselungen zu durchweben.
    Es war ihm lngst langweilig gewesen, in einer bequemen Kutsche - die
einzige Bewegung, die Frau von Willfried vertragen konnte - ihr und seiner Tante
gegenber, und an Erna's Seite im abgemessenen Tact, den der Arzt
vorgeschrieben, durch die schne Gegend zu rollen, und diese schlfrige Parthie
durch die Benennung einer Spazierfahrt zu ehren.
    Er schlug daher Erna vor, ihr Unterricht im Reiten zu geben, und obgleich
ihre Furchtsamkeit vor der ungeheuern Idee zurckbebte, mit zarter Hand ein so
muthiges Thier bndigen und regieren zu sollen, und Mutter sowohl als Tante
meinte, sie werde ihre oft geuerte Bangigkeit vor Pferden nicht berwinden
knnen, so willigte sie doch sogleich freundlich ein, als sie vernommen hatte,
da es ihm viel Vergngen machen werde, ihr Lehrmeister in dieser frhlichen
Kunst zu seyn.
    Schnell wurde nach seiner Angabe ein Reitkleid verfertigt, und whrend der
Tage, die darber hingingen, war er bemht, ein kleines, lammfrommes Ro noch
gemchlicher fr sie zuzureiten.
    Als Erna nun zum erstenmal in dem geschmackvollen Amazonenkleide erschien,
das er nach seinen Erinnerungen aus der Residenz angeordnet hatte, wurde er
durch die Anmuth mit der sie sich darstellte, berrascht. Er konnte sich nicht
ablugnen, da der grte Theil der Unscheinbarkeit, mit der sie gewhnlich
auftrat, eine Folge ihres matronenhaften, vernachligten Anzugs war. Der
weibliche Krper mu ein schnes Oval bilden, wenn er wohlgefllig ins Auge
fallen soll, und an diesem Oval drfen ein paar zierliche Fchen als der Schlu
desselben eben so wenig fehlen, wie der Kopf selbst am andern Pole dieser
Sphroide.
    Nun war aber Erna gewhnlich so verhllt, da es zu den seltenen
Erscheinungen gehrte, wenn hie und da die schnell wieder vom dichten Faltenwurf
verdeckte Spitze ihres Schuhs sichtbar wurde, und er hatte schon fters im
Stillen die boshafte Vormuthung gehegt, da die Natur sie in diesem Punkt
stiefmtterlich behandelt haben msse, weil er nicht begreifen konnte, da
Sittsamkeit in einem weiblichen Gemth die Oberhand ber Eitelkeit und Sucht zu
glnzen behaupten knne.
    Wie verwundert wurde er daher, als er bei'm ersten Blick der errthenden
Erna den Verdacht in Gedanken abbitten mute, da sie, wie so viele ihres
Geschlechts, ohne die mindesten Kosten auf - groem Fu lebe.
    Niemals hatte er so zart geformte, so gleichsam in leiser Anmuth schwebend
auftretende Fchen gesehen, wie die ihrigen. Sie schien in den zierlich
geschnrten Stiefeln kaum den Boden zu berhren. Das sammtne Barret, von hohen
Federn umschwankt, gab dem allzubescheidenen, zu sehr an Verschchterung
grnzenden Ausdruck ihrer Zge etwas Khnes, das ihr wohl stand, und das eng
sich anschmiegende Kleid, dessen lebhafte Farbe gnstig auf das bleiche Gesicht
wirkte, verrieth eine Krperform, der nur noch etwas mehr Flle fehlte, um
vollkommen zu sein.

                                       X


Mit wohlgeflligem Lcheln verweilten Mutter und Tante auf der so vortheilhaft
vernderten Gestalt, und nachdem Frau von Willfried Alexandern aufs dringendste
empfohlen hatte, doch ja ihr geliebtes Kind sorgsam vor allen Schaden zu hten,
und es als ein heiliges, seiner Vorsicht anvertrautes Pfand zu betrachten,
begann der praktische Unterricht.
    Doch schon im allerersten Anfang zeigte sich eine Schwierigkeit. An die
Galanterie der groen Welt gewhnt, die er sich gleichsam wie seine andere Natur
angeeignet hatte, hielt Alexander, wie er bei den Schnen der Residenz gewohnt
war, seine Hand hin, damit Erna sie als Schemel betrachten, und von ihr sich in
den Sattel schwingen mchte.
    Das blde Kind weigerte sich aber standhaft, dies zu thun, und zwar mit
einer Festigkeit, die sehr von ihrer gewhnlichen still resignirten
Nachgiebigkeit abwich. Vergebens versicherte er ihr, da das so Sitte, und fr
sie das Bequemste sei. Ihr ohnehin beklommener Zustand wurde durch sein Zureden
nur noch peinlicher, aber dennoch errang er diesmal nicht den Sieg ber ihren
festen Willen, und bewegt stand er am Ende ab von seinem Begehren, als Erna mit
Thrnen in den Augen sagte: Wie knnt' ich jemals mich entschliessen, auf die
Hand zu treten, als sei sie fhlloser Stein, die sich so gtig fr mein
Vergngen bemht. Gerhrt ber den wohlwollenden Sinn ihrer Weigerung, dem
vielleicht auch - ihr selbst unbewut - ein dunkles Gefhl von mdchenhafter
Scheu mit zum Grunde lag, drang er nicht mehr in sie, sondern umfate
ehrerbietig ihre schlanke Gestalt, sie aufs Ro zu heben.
    Es am Zgel fhrend, und ihr nun die Regeln aus einander setzend, durch
welche es sich am sichersten leiten und beherrschen lasse, fhlte Erna ihre
Bangigkeit allgemach verschwinden. Mit Freudestrahlenden Augen, ber alle
bleiche Angst nun erhaben, schaute sie auf ihren Lehrer herab, und dann wieder
rings um sich her, kindlich froh und stolz, die Welt gleichsam zu ihren Fen
erblickend. Zum erstenmal in ihrem Leben drang das Bewutseyn eigner Kraft, die
sie bisher nur im Dulden und Tragen gebt hatte, in ihr Gemth, und es schien
ihr in dem heitern Traum ihrer Macht, als entwickele sich jede Bewegung des
muntern Thieres, welches sie trug, aus ihrer Willkhr, die es regierte. Sie
hrte wenig von dem, was Alexander sagte - sie sah nur die liebliche Bewegung
seiner blhenden Lippen - nur den Glanz der frhlichen Augen, die - wie eine
selig in ihr dmmernde Ahnung ihr sagte - die Planeten waren bestimmt ihrer
knftigen Lebensbahn zu leuchten.
    Wirklich wre es schwer gewesen, so vieler mnnlicher Schnheit und Anmuth,
wie in Alexandern sich vereinigte, den Preis der Vollendung abzustreiten, den
selbst ein unpartheiisches Urtheil, wie nicht vielmehr ein von dem Zauber der
ersten Liebe befangenes Herz ihm zugestehen mute. Er war, wie Aeschylos so
charakteristisch von einem seiner Helden sagt: ein Jnglingsmann. Alle
einschmeichlenden Reize der Jugend, verbunden mit der Wrde und Sicherheit des
Mannes schmckten mit strahlendem Nimbus sein Wesen, und flten auch denen, die
um die Entweihung seines inneren Lebens wuten, das lebhafteste Interesse fr
seine der Natur und der Weltbildung so glcklich gelungene Aussenseite ein.
    Da Erna's Blick, der die Untiefen des menschlichen Herzens zu durchschauen,
noch nicht gebt war, da, wo glatter Schimmer ihr entgegen trat, den Spiegel
hehrer Seelenreinheit, und wo schlaue Verstellung sich Tuschungen erlaubte, die
Lauterkeit eines unverdorbenen, ihrer Achtung wrdigen Gemths wahrnahm, lag in
der Unerfahrenheit ihrer Unschuld, die noch nicht durch Menschenkenntnis
getrbt, von sich selbst auf andere schlo. Im tiefsten Herzen vernahm sie den
Ruf der ersten Liebe. Alles was bisher ihr Leben beschftigt und ausgefllt
hatte, erblich vor der allmchtigen Flamme, die in ihr aufzulodern begann - ihre
ganze Vergangenheit schwand in Dmmerung wie ein Traum, aus dem sie nur eben
erst zur Wirklichkeit erwacht schien - dunkle, aber selige Hoffnungen regten
sich in ihrem Busen, und es zogen Anklnge des Gefhls durch ihr s
erschttertes Wesen, als gingen sie von einer Sphrenmusik aus, die aus dem
Heiligsten der Himmel niederwallte.

                                       XI


Sehr zufrieden mit der Gelehrigkeit seiner holden Schlerin endigte Alexander
die erste Lection schnell, um ihre Krfte so wenig wie ihre Geduld zu ermden.
    Am folgenden Tag aber begann der Unterricht von neuen, und Erna sa bereits
so fest im Sattel, wute mit so grazienhafter Leichtigkeit sich im Gleichgewicht
zu halten, so muthig und sicher die ihr nun selbst anvertrauten Zgel zu fhren,
da er ohne Bedenken ihr einen Spazierritt ber die engen Schranken des Gartens
hinaus ins Freie vorzuschlagen wagte.
    Es war ein wunderschner Maimorgen. Junges, helles Grn mit Blthenschnee
durchwebt, schmckte Bume und Gestruch, und die Nachtigallen mischten den
Zauber ihrer Melodieen in den monotonen, und doch so anmuthigen Laut des Kukuks,
der, wie sie, den Lenz begrte. Das Trillern der Lerche in hoher Luft, und das
Geschwirr und Sumsen der Insekten, die im warmen Sonnenschein sich freuten,
vollendete den Chor der Natur, der noch niemals inniger als jetzt Erna's
erregtes Herz angesprochen hatte. Ein heitrer blauer Himmel, hnlich dem, den
sie fr ihre Zukunft sich trumte, spannte sich lchlend ber sie aus, und die
dampfenden Felder, und die thaufunkelnden Wiesen, mit vielfarbigen Blumen
bedeckt, sandten ihr die sesten Dfte hinauf, den Rausch ihrer Stimmung noch
zu erhhen.
    Alexander bemerkte mit Vergngen, da seine Nhe immer mehr die starre Rinde
der Bldigkeit von Erna's Wesen hinweg schmolz, wie der Schnee im Frhling von
den Hgeln thaut, wenn die Sonne mit Feuerblick auf ihn hernieder sieht. Es kam
Leben und Seele in ihre Zge. Das jugendliche Erwachen ihres Gefhls, der
unverkennbare, unschuldsvolle Wunsch, ihm zu gefallen, der nicht in Knsten
studierter Koketterie, sondern nur in dem aufmerksamen Bestreben, sich seine
Meinungen anzueignen, seinem Geschmack zu entsprechen und seine
Eigenthmlichkeit aufzufassen, sich verrieth, gab seiner Eitelkeit ein
belustigendes Schauspiel, dem wenigstens das Interesse der Neuheit nicht fehlte.
Selbst wenn sie oft vergebens suchte, aus ihrer reineren schuldlosen Natur
herauszutreten, um sich mit seiner Individualitt zu amalgamiren, deren
Verdorbenheit ein schimmernder Firnis berzog, und es ihr nicht gelingen wollte,
gleich ihm zu fhlen und zu urtheilen, selbst dennoch erblickte sie ihn hoch
ber sich, und gab der Beschrnktheit ihres eigenen Sinnes die Schuld, wenn sie
den seinigen nicht ganz zu begreifen und zu wrdigen wute.
    Heute betrafen ihre Gesprche das Glck des Landlebens, die Schnheit der
Gegend, die stillen Freuden der Wohlthtigkeit. Denn es lag Alexandern daran,
sie zutraulicher noch zu stimmen, und das konnte ihm weniger gelingen, wenn er
Gegenstnde berhrte, die ihrer Unerfahrenheit fremd waren. Er gab sich die
Miene, als ermde ihn der Zwang in einer geruschvollen Stadt unter betubenden
Zerstreuungen, die - wenn sie auch den Geist momentan zu beschftigen
vermchten, doch das nach edleren Genssen schmachtende Gemth leer und
unbefriedigt lieen - leben zu mssen, und drckte die Sehnsucht nach
idyllischer Einfachheit der Sitten und nach den Freuden der Huslichkeit um so
lebhafter aus, je entfernter seine Seele davon war, sie wirklich zu empfinden.
    Erna hatte noch nie Romane gelesen. Die Sprache derselben, ihr eben so neu
als verfhrerisch, und so ganz ihren innersten Begriffen zusagend, schmeichelte
sich von Alexanders, der Verstellung gewohnten Lippen s und zutraulich in ihr
Herz, und ihre Achtung fr ihn nahm in eben dem Grade zu, in welchem ihr
schchternes Wohlwollen, ihr selbst unbewut, sich zur innigsten Liebe
verstrkte.
    So kehrte sie von diesem Spazierritt mit erhhter Freudigkeit und
Zuversicht, so wie mit verdoppelter Neigung fr ihn, zurck, und ihre wonnevoll
beklommene Brust konnte die Flle ungewohnter Seligkeit nicht bergen. Tief
erglhend in der schnen Rthe, die zwischen Schaam und Freude schwankt, sank
sie in die Arme ihrer Freundin Auguste, die sie bei ihrer Rckkehr empfing, und
flsterte leise und entzckt ihr ins Ohr: Auguste, wie bin ich glcklich!

                                      XII


Auguste war eine Freundin und Gehlfin des Hauses. Frau von Willfried, der
sorgsamsten und ununterbrochensten Pflege bedrfend, hatte sie, ehe Erna allein
ihr diese leisten konnte, und um sie ihr spterhin zu erleichtern, zu sich
genommen, und ihr die Aufsicht ber die Dienstboten und das Hauswesen, und
Erna's Unterricht in den feineren weiblichen Arbeiten bertragen.
    Auguste, die Tochter eines Predigers, war eine jener zarten, frh
verblhenden Gestalten, die verschlossen, aber in tiefen Frieden mit sich selbst
und andern ihren Lebensweg dahin gehen, ohne da der aufmerksame Beobachter dem
ihre frheren Verhltnisse fremd sind, zu entscheiden vermag, ob der Wurm der
Krnklichkeit, oder eines durch Unglck erschtterten Gemths an ihrer vor der
Zeit gewelkten Blthe nagt.
    Hier hatte beides sich vereinigt, sie rasch ber die Grnzlinie feuriger,
genuvoller Jugend in jenen sinnigen, ruhigen Zustand reiferer Jahre hinber zu
fhren, in welchem ein weibliches Wesen das leidenschaftliche Getriebe der Welt
nicht mehr als eine Bhne des Handelns, sondern nur des Zuschauens betrachtet.
    So lag schon in ihrem acht und zwanzigsten Jahr das Daseyn beschlossen, und
geendet in seinen innigsten Beziehungen hinter ihr. Doch hatte sie die Schtze
eines reinen Gewissens, der Geistesklarheit, und einer nun nicht mehr zu
untergrabenden Ruhe aus dem Schiffbruch einer trben Vergangenheit gerettet, und
gelassen, klaglos und zufrieden widmete sie sich in stiller Geduld dem ganzen
Umfang ihres Berufs, dankbar, da Frau von Willfrieds Sanftmuth und Erna's
himmlische Gte ihren Pfad freundlich ebneten, indem beide ihren sittlichen
Werth erkannten, und hher ehrten, als ihrer Bescheidenheit eigentlich gerecht
schien.
    Erna zhlte erst sieben Jahr, als Auguste ihre Hausgenossin ward. Sie fhlte
sich schnell mit herzlicher Liebe zu dem holden Kinde hingezogen, das schon frh
in allen seinem Denken und Thun den Keim einer seltenen Vortrefflichkeit ahnen
lie, und es ward ihr bald die heiligste und seste Angelegenheit ihres Lebens
ihre Anlagen zu entwickeln, und dem zu wahrer Frmmigkeit sich hinneigenden
Gemth die Richtung zu geben, die - wie sie aus Erfahrung wute - in allen
Freuden und Leiden welche das Schicksal bietet, nur in sich Schutz und Schirm
und Gleichgewicht findet.
    Sie lehrte sie, mehr durch Beispiel als durch Worte, in Freude an der Natur,
in stillen ntzlichen Beschftigungen und in der Erfllung ihrer Pflichten den
Zweck, so wie die Wrze ihres Daseyns suchen. Auch waren Erna's Verhltnisse
ganz geeignet, um mit ihrem Plan im Bunde sie zur ernsten Einkehr in sich
selbst, zur frhen Reife des Geistes, zur sanften Migung ihrer lebhaften
Gefhle hinzuleiten. Denn die stets leidende Mutter, die gleichsam das ganze
Leben ihrer Erna als ein Opfer kindlicher Liebe hinnahm, das ihr gebhrte, und
die das frh resignirte Kind aus der Sphre frhlicher Jugendlust, die ihren
Jahren angemessen war, an den engen Kreis bannte, welcher ihr Schmerzenslager
umgab, half durch den Anblick ihres langsamen Dahinschmachtens ihre Phantasie
von dem Irrdischen abziehen, und zu jener hheren Ansicht empor richten, die wie
ein Stern in dunkler Nacht den Blick des Geistes aufwrts hebt.
    Nichts bildet die moralischen Fhigkeiten edler aus, nichts wirkt herrlicher
auf das weibliche Gemth, als wenn es ganz von dem Beruf der Krankenpflege
durchdrungen, ihn als eine heilige Pflicht anerkennt und bt. Sanftmuth, Geduld,
frommer Glaube an eine Hand, die jedes Leiden lindert, wre es auch erst
jenseits, Ergebung und himmlischer Friede entkeimen der Saat, welche
Selbstverlugnung in den steinigen Boden des Entbehrens streut, und lohnen jeden
hingegebenen Genu der Welt durch die reiche Flle des Bewutseyns.
    So glaubte Auguste in Erna's Fortschreiten im stillen Versagen bunter
Jugendfreuden, und in einer sich selbst vergessenden Thtigkeit die strksten
Waffen gegen alle feindlichen Angriffe eines knftigen Geschicks ihr in die Hand
gegeben zu haben, und als sie die sanfte Morgenrthe einer - wie sie hoffte -
glcklichen Neigung in ihrer Seele anbrechen, und diese durch die Wnsche der
Familie geheiligt, so wie durch Alexanders auch sie bestechende Aussenseite
gerechtfertigt sah, whnte sie ihren Liebling nahe an der Schwelle des Tempels
der hchsten irdischen Glckseligkeit, und freute sich der immer wrmer
werdenden Innigkeit, die sie bemerkte.

                                      XIII


Denn ein weibliches, unverdorbenes Wesen, auch wenn es selbst durch ungnstige
Erfahrungen nur die Dornen, nicht die Rosen der Liebe gekannt hat, wei sich
dennoch keinen anderen Himmel hienieden zu trumen, als den einer glcklichen
ehelichen Verbindung.
    Mit treuem Antheil, und freudig gerhrt, nahm sie daher Erna's Gestndnis,
da sie so glcklich sei, als einen Vorboten des noch wichtigeren Bekenntnisses,
da sie liebe, auf, und half ihrer zarten Verschmtheit, ihren mit sich selbst
kmpfenden, des Ausdrucks ermangelnden Gefhlen zur Sprache, indem sie sanft ihr
entgegen kommend, eigentlich mehr errieth als von ihr erfuhr.
    Freilich fehlte noch, um sie als glckliche Braut zu begren, Alexanders
frmliche Erklrung. Aber war nicht sein ganzes, Erna so sichtbar auszeichnendes
Betragen eine ehrerbietig und liebevoll fortgesetzte Bewerbung der nur das
entscheidende Wort fehlte, um bindend auf ewig zu seyn? Und oft sprechen Worte
nicht so deutlich, als Handlungen, in denen unwillkhrlich sich die Neigung
verrth. Er wute ja die Absichten seiner Tante und der Frau von Willfried -
unmglich htte er sich bei den Grundstzen wahrer Ehre, die man an ihm zu
bemerken glaubte, dem Schein, in sie einzugehn, geliehen, wenn sie nicht mit den
seinigen harmonisch bereinstimmten.
    Und konnte er eine edlere Wahl treffen, als die, die diesen Engel an Gte
und Herzlichkeit ihm zur knftigen Gefhrtin seines Lebens bestimmte? Selbst in
conventioneller Hinsicht machte Erna's bedeutendes Vermgen sie zu einer sehr
vorzglichen Parthie, doch seltner noch war der Reichthum ihres Gemths und
ihres Geistes, neben einer Gestalt, die ohne noch zur vollkommenen Schnheit
heran geblht zu seyn, doch schn zu werden versprach, so wie ihre Jugend, und
die groe Biegsamkeit ihres Charakters nicht bezweifeln lie, sie werde leicht
und geschickt sich in die knstlich geschliffenen Formen der groen Welt fgen
lernen, die freilich auf dem Lande ihr fremd geblieben waren.
    Alles dies sagte sich Auguste in ihrer innigen Theilnahme an dem knftigen
Loose ihres holden Zglings vor, und Erna mit dem Segen der wrmsten Liebe an
ihre Brust drckend, erwartete sie zuversichtlich von den nchsten Tagen die
endliche Schrzung des Knotens.

                                      XIV


Was sie noch mehr als alle vorhergegangenen Umstnde zu dieser Erwartung
berechtigte, war ein Vorfall, der traurige Folgen htte haben knnen, der aber
jetzt nach Erna's Ansichten nur dazu diente, ihr auf eine etwas rauhe Art den
Himmel ihrer Zukunft frher zu ffnen.
    Alexander, der das ihm anvertraute Amt als Lehrmeister ernst und
gewissenhaft verwaltete, fand es nothwendig, da seine Schlerin sich an mehr
als ein Pferd gewhne, um sicherer in allen den Eigenthmlichkeiten der
Reitkunst zu werden.
    Nicht ohne ein inneres, weissagendes Vorgefhl der Gefahr vertauschte daher
Erna eines Tages ihr liebes frommes Ro mit seinem schnaubenden Araber, der aber
trotz der Flle des Muthes und Uebermuthes, die aus ihm wieherte, trefflich
zugeritten war, und keine Unarten hatte, die die mindeste Besorgnis fr seine
zarte Reiterin erregen konnte. Wohlgemuth trabten beide ber die frischen Wiesen
dahin, dem khlen Walde zu, der mit seinen dmmernden Schatten ihnen so
einladend winkte. Dort lieen sie die Thiere langsam gehn, und im traulichen
Wechselgesprch schwand Erna's leise Furcht, so wie ihre Achtsamkeit auf sich
selbst, und auf die Zgel.
    Lngst hatte gewi der schlaue Araber gemerkt, da es nicht Alexanders
gewohnte feste, und bndigende Hand sei, die ihn lenke. Daher erlaubte er sich
manchen kleinen Seitensprung, den sein Gebieter ihm nicht verstattet htte, und
schttelte oft brausend die Mhne, den Kopf bald tief zur Erde senkend, bald
weit ihn zurck werfend, und die fein gespitzten Ohren schalkhaft bewegend, als
spotte er der sanften Gewalt, die Erna mdchenhaft ber ihn bte.
    Alexander, aufmerksam auf die unziemlichen Freiheiten, die er sich nahm,
dictirte der allzu nachsichtigen Reiterin eine Strafe fr ihn, so wie eine
strengere Beschrnkung seiner Willkhr. Aber der Schlag, den sie auf sein Gehei
mit der Peitsche ihm gab, glich einer leisen, liebkosenden Berhrung und
schreckte den Muthigen nicht. Demungeachtet wurde sie nicht bange. Ihr war, als
knne an des Freundes Seite kein Unglck sie erreichen, und lchlend blickte sie
fterer in sein schimmerndes Auge, als auf den Weg, der durch das von Moos halb
versteckte Wurzelgeflecht der Bume, und ein stets Berg auf, Berg ab eine
verdoppelte Achtsamkeit gebot. Da erklang tief aus dem dunkelgrnen Hintergrund
des Waldes die schwermuthsvolle Liebesklage einer Nachtigall, und eine zweite,
ihnen nher, antwortete in sen, lang gedehnten Accorden den verschwebenden
Tnen aus der Ferne, und flthete so lieblich, so herzergreifend, da sie beide
unwillkhrlich die Rosse anhielten, ihr zuzuhren.
    Ungeduldig scharrte der Araber, der sich nach raschem Gallop sehnte, die
Erde auf, und stampfte den Boden - Alexander und Erna, in die seelenvollen
Melodieen Philomelens vertieft, bemerkten es nicht. Pltzlich fiel dicht neben
ihnen ein Schu, und ein Reh - nicht durch ihn getroffen, aber verscheucht,
sprang aus dem Gebsch, fast die Pferde berhrend, seitwrts an ihnen vorber
und ri durch die jhe Gewalt des Schreckens den scheu gewordenen, schon vorher
durch Ungeduld gereizten Araber vorwrts.
    Im vollen Lauf sprengte er, durch einen eng verwachsenen Nebenweg sich
drngend, die waldige Anhhe hinab, oft sich bumend, oft hintenausschlagend,
bis Erna, die sich vergebens im Sattel zu halten strebte, durch einen Schlag an
den Kopf von einem tief herab gebeugten Ast mit der Besinnung das Gleichgewicht
verlor, und im Bgel hngen bleibend, von dem rasenden Thier geschleift, wie
eine Beute des Todes auf dem von ihrem Blut benetzten Pfade dem ihr athemlos
nacheilenden Alexander aus den Augen schwand.

                                       XV


Denn er hatte mit der Gegenwart des Geistes, die ihm eigen war, berdacht, da
er ihr zu Fue weit leichter folgen, und weit hlfreicher seyn knne, als zu
Pferde, allenthalben durch das Dickicht ngstlich und gefahrvoll aufgehalten.
Schnell war er daher abgesprungen, und flchtig wie das Reh, das die erste
Veranlassung dieses Schreckens gab, eilte er ihr nach, nicht ohne aufs tiefste
von seiner Verantwortlichkeit bewegt zu seyn, und voll qulender Besorgnis: wie
er sie finden werde.
    Die einzelnen Blutstropfen auf dem grnen Moose waren ihm ein purpurner
Leitfaden, ihre Spur zu verfolgen, und endlich, - welch ein Schauder rieselte
durch alle seine Nerven - endlich sah er sie in weiter Entfernung leblos auf der
Erde liegen, und den Araber unaufhaltsam, und wie vom bsen Gewissen gejagt, von
dannen sprengen.
    Er flog zu ihr hin, und warf sich vor ihr nieder. Todtenblsse bedeckte ihre
Wangen und Lippen. Der Ast, der ihre Stirn verletzte, hatte ihr das Barret
abgestreift, und die festgeflochtenen Haare gelt, die lang und dunkel an ihr
niederhingen. Gleichwohl war trotz der Willkhr des Falles ihre Stellung so
edel, der Ausdruck ihrer in den Fesseln der Ohnmacht erstarrten Zge so rhrend,
da Alexander tief erschttert mit gefaltenen Hnden vor ihr lag, und mehrere
Momente in ihrem Anschauen verlor, ehe er so viel Fassung gewann, um irgend
etwas zu ihrer Hlfsleistung zu thun.
    Das Flstern einer nahen Quelle weckte ihn zuerst aus der dumpfen Betubung,
in der er zu ihren Fen kniete. Er raffte sich auf, und tauchte sein Tuch in
ihre crystallene Khlung, es dann sanft und leise um Erna's verwundeten Kopf zu
schlagen. Noch perlte ihr reines Blut in hellen Tropfen gleich Rubinen auf der
Lilienweien Stirn und zwischen den braunen Locken hervor, aber er hatte doch
den Trost zu bemerken, da ihre Wunden nicht tief waren. Sorgsam ihr auf den
rauhen Boden hingesunknes Haupt an seine klopfende Brust lehnend, ihre kalten
Hnde zwischen den seinigen wrmend, hatte er endlich die unaussprechliche
Freude, ihr Bewutseyn leise wieder aufdmmern zu sehn.
    Welch ein Erwachen! Sie glaubte, sie habe getrumt. Von seinen Armen
umschlossen, an seinem Busen sich wieder findend, verlschte die Erinnerung des
gehabten Schreckens und der erlittenen Schmerzen in ihrer Seele, die keinen Raum
neben den Gefhlen hatte, welche seine vertrauliche Nhe ihr gab.
    Sie zog ihre Hand nicht aus der seinen. Mit der ganzen Kraft des neu
erwachten Lebens, mit der vollen Gluth still entflammter Liebe, und mit der
innigsten Dankbarkeit fr das Entzcken, mit welchem er sie dem gefahrvollen
Scheintod entrissen sah, blickte sie ihm ins Auge, und lchelte ihm zu, wie nur
Seelige lcheln.
    Doch es war nicht Erwiederung ihrer liebenden Empfindung, die aus seinen
Blicken strahlte - es war nur die aus ganz gewhnlicher Gutmthigkeit
entspringende Freude, sie gerettet zu sehn, sie nicht als Leiche ihrer Mutter
wiederbringen, und den herzzerschneidenden Vorwurf erwarten zu mssen, da sein
Verschulden ihr die Tochter raubte. Anders glaubte aber Erna sein Innerstes
bewegt, weil das ihrige ihr der Maasstab war, nach dem sie es beurtheilte. Ihr
schien es aufs tiefste ergriffen - ein ser Wahn berredete sie, da sie seine
Gesinnung eben so durchschauete, wie die ihrige rein und offen vor ihm lag, und
in ihrer kindlichen Unerfahrenheit ahnete sie nicht, da selbst ihre
forschendsten Blicke wie von einem ehernen Schilde von der undurchdringlichen
Rinde abprallten, womit Verstellung sein eigentliches Wesen umgab.
    Wie dank' ich Gott fr mein Leben! flsterte sie leise, und hob das schne
Auge, in welchem eine Thrne funkelte, zum Himmel, indem sie seine Hand sanft zu
drcken wagte. Ach, in den angstvollen Momenten, wo ich es zu verlieren
frchtete, hab ich zum erstenmal seinen ganzen vollen Werth erkannt, und recht
von Herzen gebetet, da es mir erhalten bliebe.
    Das gute, fromme Kind sah so verklrt in der Begeisterung der Dankbarkeit
aus, war so innig durchdrungen von dem Glcke des Daseyns, da Alexander mit
Wohlgefallen auf den durch einen ganz neuen Ausdruck beseelten Zgen weilte, aus
denen eine himmlische Freundlichkeit ihm entgegen strahlte. Leicht entflammt und
durch die Einsamkeit, so wie durch das Neue dieser Situation hingerissen, konnte
er nicht umhin, seinen Hang zur Galanterie nachzugeben, und der sich so hold ihm
hingebenden Erna recht viel Schnes und Liebeathmendes zu sagen, was in dieser
reizbaren Minute, und bei dem festen Glauben, in ihm ihren Bewerber zu sehen,
doppelt tiefen Grund in ihrem unbewahrten Busen fate.
    Und als er im Wechselgesprch, das von seiner Seite immer mehr den Schein
der Leidenschaft annahm, durch ihr naives, unverstelltes Entgegenkommen wie in
eine fremde Welt entrckt den Wallungen nicht gebieten konnte, die sie in ihrer
Unschuld fr Liebe hielt, und er sie strmisch an seine Brust zog, und auf ihre
jungfrulichen noch nie berhrten Lippen den ersten glhenden Ku drckte, der
ihr das Siegel einer ewigen Treue schien - da konnte ihr kindliches, tief
erregtes Herz die Flle seines Entzckens nicht bergen, und in seliger Wehmuth
ihn umfassend, sprach sie es aus, wie sie ihn liebe, und wie glcklich sie sich
preise, sich die Seinige nennen zu drfen.

                                      XVI


Doch dies Gestndnis wirkte wie beruhigendes Oel auf ein strmendes Meer, indem
es seine hei erwachte Sinnlichkeit in die kalten Grnzen der Vorsicht und der
Besinnung zurck scheuchte.
    Der Ernst, mit dem dies Kind seine Annherungen als eine ber das ganze
Leben entscheidende, die ganze Zukunft im engsten Bunde umfassende Liebe
betrachtete, war ihm lcherlich. Wre ein sentimental platonisches Verhltnis
nicht in seinen Augen das langweiligste unter der Sonne gewesen, er wrde es
eine Weile fortgesetzt haben, um zur belustigenden Bereicherung seiner
Menschenkenntnis immer neue Erfahrungen zu sammeln, wie die unentweihte Unschuld
der ersten Jugend sich benimmt, wenn der Liebe magische Gewalt sie mit ihren
Netzen umfngt.
    Aber da es ihm nicht in den Sinn kam, durch eine ernstliche Verbindung
seinen freien Nacken zu fesseln, so hielt die Furcht, in das Gewebe seiner
eigenen Kunstgriffe verstrickt, und dann zu unangenehmen Errterungen gezwungen
zu werden, denen der feine Weltton gern ausweicht, ihn neben dem wenig
belohnenden des damit verbundenen Zeitverlustes zurck - und sie zu verfhren -
nein, er war doch nicht verdorben genug, um nicht von diesem Gedanken mit
Unwillen sich abzuwenden. Denn ob er bei seinen Ansprchen an Politur der Form
und ueren Benehmen gleich fand da das in geselliger Feinheit so unerfahrene
Landmdchen sich besser in ihren Hhnerhof, und unter die Bewohner ihres Dorfs,
als in die in tausendfache Facellen geschliffene Residenz schicke, so mute er
doch die schleierlose Wahrheit ihres Charakters achten, und die reine Gte ihres
Herzens verehren.
    Er konnte sich nicht ablugnen, da es Unrecht sei, bei seinem festen
Entschlu, sie nicht zu heirathen, ihr im tiefen Frieden der Kindheit so ruhig
schlummerndes Herz geweckt, und gewaltsam in den berauschenden Kreis flammender
Jugendwnsche entrckt zu haben, ohne ihren muthwillig erregten Hoffnungen,
ihren auf sein Betragen sich sttzenden Erwartungen etwas anders als den Schmerz
unbefriedigter Sehnsucht zu hinterlassen.
    Zwar schmeichelte es seiner Eitelkeit, sich zu denken, da sie ihm
nachtrauern, da sie sein Bild als ihr bestndiges Ideal lebenslang im Innern
sich bewahren werde - doch that ihm zu gleicher Zeit die verlorene Ruhe ihres
Gemths leid, die ein Opfer ihrer Unerfahrenheit und seiner Koketterie geworden
war, und er nahm sich vor, nicht lnger ein so grausames Spiel mit Empfindungen
zu treiben, die er nicht zu erwiedern geneigt war, sondern den gnstigen
Totaleindruck, den er auf sie gemacht, in so fern zu zerstren, als er seinen
Charakter betraf.
    Mochte sie immer seiner persnlichen Liebenswrdigkeit Gerechtigkeit
widerfahren lassen - seine Eigenliebe gestattete ihm ohnedem nicht, diese in ein
nachtheiliges Licht zu stellen. Auch war es hinlnglich fr die fromme Einfalt
ihrer Sitten und die strengen Begriffe, welche Lehren und Beispiele ihr
eingeprgt hatten, ihr den Leichtsinn seiner Grundstze und die Frivolitt
seiner Denkungsart zu zeigen, um jeden Wunsch seines Besitzes zu verlschen,
ohne da er nthig hatte, unzart und schonungslos sich zurck zu ziehen.
    Diesen Vorsatz in der Seele, strte er zuerst ihre goldenen Illusionen durch
die Erinnerung an die Angst ihrer Mutter, wenn nmlich, wie sich vermuthen
lasse, der Araber den Weg nach Hause gefunden habe, und ohne seine Reiterin ihr
ein Bote der schmerzlichsten Sorge, ein Verkndiger des Unglckes geworden sei.
    Erna erschrack, da sie dem Zauber ihrer Gefhle hingegeben, nicht von
selbst an die Erfllung einer so heiligen Pflicht gedacht hatte, als die
Beruhigung ihrer Mutter ihr war. Doch, da er sie daran mahnte, dnkte ihr ein
neuer Beweis seines gediegenen inneren Werths, seiner unaussprechlichen Tiefe
und Zartheit der Empfindung und gern erblickte sie auch von dieser Seite ihn
ber sich stehend, zutrauen- und verehrungsvoll den Blick zu der sittlichen Hhe
erhebend, in der er ihr erschien.
    Sie hatten kaum, Arm in Arm, und von den Vorsichtsmaasregeln sprechend, mit
welchen sie das Vorgefallene der krnklich schwachen Mutter mittheilen wollten,
den Saum des Waldes berhrt, der ins Freie fhrte, als die ngstlich ausgesandte
Dienerschaft der Frau von Willfried, die sie suchte, ihnen besttigte, da
Alexanders Vermuthung eingetroffen, und das zurckgekehrte Pferd der Verrther
ihres Unfalles geworden war.
    Mit verdoppelter Eil strebten sie das Haus zu erreichen, und erst als Erna
gesund und wohlbehalten am Bett der in Krmpfen liegenden Mutter knieete,
linderte sich das unsgliche Weh, unter dem sie gelitten - ein Strom von
Thrnen, der zugleich das heieste Dankgebet zu Gott war, benetzte das geliebte,
ihr wiedergeschenkte Kind und erleichterte ihre durch Centnerschwere beklommene
Brust, und der herbei gerufene Arzt that das Seinige, den Folgen ihrer
nahmenlosen Angst entgegen zu arbeiten.

                                      XVII


So lange sich ihre Mutter noch nicht vllig erholt hatte, widmete Erna sich ganz
ihrer Pflege. Nur dann und wann holte sie sich aus dem Nebenzimmer, wo Alexander
sehr oft Augusten Gesellschaft leistete, einen strkenden Blick von ihm, oder
einen erquickenden Hndedruck.
    Er benutzte inde mit kluger Vorsicht diese Zeit, um sich der Ausfhrung
seines Plans zu nhern, indem er in Augusten, die so gern um Erna's willen an
ihn glaubte, allmhlich die Sttzen untergrub, auf denen ihre Achtung fr ihn
ruhte.
    Leise und unvermerkt leitete er das Gesprch auf das Leben in groen Stdten
und schilderte die Verdorbenheit der Sitten dort mit einem Feuer, das nicht an
dem Abscheu vor solcher Gesunkenheit, sondern am sichtlichen Wohlgefallen daran
entzndet zu seyn schien.
    Man verlangt von der guten Gesellschaft nur dreierlei, sagte er einst, als
Erna ihm zuhrte. Ein feines Benehmen, einen eleganten Ton, und eine Art von
Ansehn, das sich entweder auf Geburt, Rang und Einflu, oder auf Reichthum,
Geist, oder persnliche Annehmlichkeiten grndet.
    Ein fleckenloses Leben ist keineswegs nthig um mit Auszeichnung behandelt
zu werden - ja oft wirft es sogar auf den, der es bt, das schlimmste Licht, in
dem ein Mensch von gutem Ton erscheinen kann, nmlich: das Ridicl. Tackt fr
das Schickliche, Witz, gute Laune, Dreistigkeit, und die Gabe jede Rolle mit
Gewandtheit zu spielen, die der Augenblick nthig macht - dies ersetzt reichlich
die sogenannten Verdienste, und eine leichte, selbst leichtfertige Auffhrung
wird freundlich von der groen Welt verziehen, wenn sie nur mit geselliger
Anmuth und dem Schein der Decenz verbunden ist.
    Erstaunt hrte Erna ihm zu. Sie glaubte, er scherze, oder er wolle Augustens
feste Grundstze, die auch ihr zur Richtschnur ihres Lebens dienten, auf die
Probe stellen. Aber er sah so ernst aus - die wrmste Ueberzeugung schien aus
ihm zu sprechen, und ihr wurde ganz unheimlich, whrend ihr Herz mit ngstlichen
Ahnungen kmpfte.
    Und als sie schchtern den Einwurf wagte, da der beobachtete Schein der
Decenz einem unverdorbenen Gemth unmglich gengen knne - da ein cht
religiser Sinn nicht in dem durch Tuschung erschlichenen Beifall der Welt,
sondern in der Reinheit seines Bewutseyns, und in dem gewissenhaftesten
Befolgen der Gebote der strengsten Sittlichkeit wahre Befriedigung zu finden
vermge, lchelte er sie mit jenem gutmthig sich berhebenden Gemisch von
Ironie und freundlichen Bedauerns an, wie man die ungereimten Einflle eines
Kindes zu belcheln pflegt.
    Allerdings, versetzte er, sind dies die Regeln, welche Prceptor und
Gouvernante in frher Jugend uns sclavisch einzuprgen suchen - aber wie bald
reibt das wirkliche Leben diesen Rost der Schulmoral von uns ab, und dann erst
treten wir aus langweiliger Unbemerktheit hervor, und fangen an zu glnzen.
    Um comme il faut zu seyn, mu man die Form jener liebenswrdigen Tugenden
annehmen, die vielleicht frher wirklich existirten, jetzt aber nur einen
trgerischen Wiederschein in der Seele des Menschen zurckgelassen haben, wie
der blaue Himmel im Teiche sich spiegelt, ohne darum Himmel zu seyn. Milde,
Nachsicht, Gte, Bescheidenheit, und wie die guten Eigenschaften weiter heien,
die uns in unserer Kindheit gepredigt werden, mssen stets die eigentliche
bittere Pille des Gemths vergolden. Denn beiende Ausflle, Lsterungen und
sinnliche Vertraulichkeiten drfen sich nicht ungestraft in ihrer Nacktheit
sehen lassen - sie mssen durch irgend eine mildernde Hlle sanft verschleiert,
durch Witz, treffenden Scharfsinn und den Anschein einer anstndigen
Schicklichkeit erst autorisirt werden, in der guten Gesellschaft zu erscheinen.
    Wenn es so ist, sagte Erna mit ihrer Angst ringend, so ist die
Zurckgezogenheit des Landlebens ja ein zwiefaches Glck. Nicht nur, da in ihm
die Natur uns nher ist, und uns inniger mit Gott verbindet, als all das bunte
Treiben in der Welt - wir bedrfen auch, selbst wenn wir ihre Anwendung nicht
verschmhten, jener armseligen Kunstgriffe nicht, die dazu dienen ohne innern
Werth zu schimmern.
    Sie sind noch so neu in der Welt, meine holde Erna, erwiederte Alexander
jene ironische Miene beibehaltend, die ihm so bel kleidete, indem sie ihm ein
hhnisches Ansehn gab, da ich Ihnen Ihr bereiltes Urtheil verzeihe. Da uns
der Umgang mit Schafen, Hhnern und Pflanzen allerdings bis zum Langweiligwerden
unschuldig erhlt, ist freilich, wenn Sie wollen, ein Vorzug des Landlebens, den
aber der gebildetere Sinn weder begehrt noch beneidet. Da unser Daseyn ein
Lustspiel fr uns, ein Schauspiel fr andere, und fr niemanden ein Trauerspiel
sei, ist, wie mir scheint, der vernnftige Zweck, den die Natur uns vorzeichnet,
und um ihn zu erreichen, drfen wir gern links und rechts die Blumen pflcken,
die an unserm Wege blhn, wenn auch die kalte, engherzige Moral, die im
Geschmack der Cartheuser uns memento mori predigt, nicht eben uns Beifall winkt.
So wenig, als grndliche Kenntnisse nthig sind, um in wissenschaftlicher
Hinsicht zu glnzen, da das Gesetz der feinen Lebensart fordert, da man keinen
Gegenstand erschpfe, und blos verlangt, da man die Oberflche eines jeden
leicht berhre, um mit Gewandtheit und Eleganz darber hinzugleiten, eben so
wenig sind diese mrrischen, frostigen Tugenden, die man als Freudenstrer der
Jugend uns frh zu verehren zwingt, nthig, um uns die Achtung zu erwerben, die
wir zu einer angenehmen Existenz bedrfen. Wenn wir nur den Schein derselben, da
wo es gilt, zu beobachten wissen, um unseren Abentheuern, Intriguen und Genssen
ein ehrbares Gewand zu geben, so richtet die Welt milde, mag es auch im Innern
aussehn, wie es will.
    Und sollte es nicht unsere Pflicht seyn, auf einen hheren Richter zu
achten, als auf das seichte, durch Trug und Lge, und Blendwerke aller Art
befangene Urtheil der Welt? unterbrach ihn Erna. Sollte nicht der Glaube an
Gott, an die Nichtigkeit alles Irrdischen, und die Gewiheit einer Zukunft, wo
kein Schein mehr gilt, uns ber das unwrdige Bestreben erheben knnen, den
Beifall der Menschen zu erlangen, ohne ihn verdienen zu wollen?
    Mit dem schrfsten Ausdruck des Spottes zu dem er seine Zge nur immer
zwingen konnte, lchelte Alexander zu ihrer inneren Emprung. Es ist recht gut
fr das Volk, sagte er, das solcher Zgel bedarf, wenn man ihm weis macht, da
ein hheres Wesen, und ein zuknftiges Leben jenseits des Grabes existirt. Denn
wie das unverstndige Kind die Zchtigung frchtet, die eine Folge seiner
Unarten ist, so scheut auch der uncultivirte, bornirte Sinn des gemeinen Mannes
die moralische Ruthe, die in der Vorstellung einer ewigen Verdammni oder
Seeligkeit liegt, und manches Bse unterbleibt auf diese Weise aus Furcht vor
der Strafe. Wir aber, die wir auf einer hheren Stufe der Aufklrung stehen, und
Vorurtheile, wie billig, verachten - warum sollten wir uns berreden, an
Phantome zu glauben, die nur in berreitzten, fanatischen Gehirnen entsprungen,
eine menschliche Erfindung, und blos der Schwrmerei heilig sind?
    Und sind dies wirklich Ihre Grundstze? fragte Erna, zur Marmorbste
erblat.
    Ja, versetzte er, indem er ihre kalte, zitternde Hand ergriff. Ich halte es
fr Pflicht, mich Ihnen zu zeigen, wie ich bin, da ich Sie liebe, und von Ihrem
Besitz das Glck meines Lebens hoffe. Warum, reizende Erna, sollt' ich
verhehlen, da meine Vernunft lngst den Sieg ber jene Schreckgestalten davon
getragen hat, mit deren Strafgericht eine sogenannte religise Erziehung uns zu
ngstigen bemht ist. Ich glaube an keine Fortdauer der Seele, und an kein
Jenseits, und darum genie' ich auch das Leben als das einzig wahre Gut, das wir
besitzen, das jeder Augenblick vernichtend in das Nichts zurckstrzen kann, aus
dem es entstand. Lassen Sie uns nicht in idealischen Gefilden schwrmen, wo nur
sich selbst qulende Phantasten zu Hause sind, sondern erlauben Sie mir, Sie aus
der therischen, unhaltbaren Region Ihres Wahns in die Wirklichkeit herab zu
fhren. Genu des schumenden Jugendbechers und ein frhliches Verbannen aller
schwerflligen Sorgen ist die wahre Philosophie, die einzige Religion, zu der
ich mich bekenne, und Sie von Ihren finsteren Irrthmern zu befreien, und Ihr
Daseyn an meiner Seite so heiter wie mglich zu machen, soll das seste Ziel
meines Strebens seyn.
    Erna schauderte, und bebte zurck. Er wagte es, seinen Arm um ihren Nacken
zu schlingen und sie an seine Brust zu ziehen. Da ermannte sie sich pltzlich -
glhende Rthe verdrngte die Leichenblsse ihres Gesichts, und es stiegen
wieder Funken in ihr starres Auge. Den Blick nach oben gerichtet, als wolle sie
von da Kraft und Fassung sich erflehen, wandte sie sich nach einer stummen, aber
unendlich ausdrucksvollen Minute von ihm ab, mit dumpfer, fast tonloser Stimme
die Worte aussprechend: Unglcklicher! Gott helfe Ihnen wieder auf den rechten
Weg, und vergeb es Ihnen, da Sie mich so lange tuschten. Wir haben uns nichts
mehr im Leben zu sagen.

                                     XVIII


Sie schwankte hinweg, und Alexander blieb mit Augusten allein.
    Sie haben meine Freundin sehr gekrnkt, sagte Auguste nach einer Pause, in
der sie - unschlssig was sie thun solle, und selbst tief erschttert - erst
mhsam die Kraft zu sprechen gewann. Gewi ihr lauteres, keine Verstellung
kennendes Herz ertrgt es nicht, auf eine so harte Probe von dem gestellt zu
werden, den es liebte - sie ertrgt es nicht, Sie in einem so nachtheiligen
Lichte zu erblicken. Eilen Sie, o eilen Sie, die Grundstze zu widerrufen, vor
denen mit Recht Erna's reiner Sinn zurckschaudert. Sie zertrmmern sonst das
Glck des holden Wesens und Ihr eigenes unwiederruflich.
    Wie? versetzte Alexander, sich verwundert stellend, kann Erna bei allen
ihren hochgepriesenen Tugenden die Wahrheit nicht hren? - Wrde es ihr besser
gefallen, wenn ich - statt in meiner eigenthmlichen Gestalt vor sie hin zu
treten, mich einer Maske bediente, um sie zu tuschen? Ich bin zu stolz zur
Verstellung, und sie ist mir unbequem. Daher - so sehr es mich auch mit Recht
beleidigen mu, von dem Mdchen, das ich so ehrte, um es zur Gefhrtin meines
Lebens erwhlen zu wollen, gewissermaen einen Korb empfangen zu haben, so
bereue ich es doch nicht, da ich selbst ihre Gunst mir nicht durch Heuchelei
erwerben mchte. Leben Sie wohl fr immer, denn fr mich ist nun nichts mehr
hier zu thun. Sie werden meiner Tante bezeugen, da es nicht an mir lag, wenn
ihr sehnlicher Wunsch unerfllt blieb, und da ich Erna meine Hand bot - aber
mit Geringschtzung zurckgewiesen wurde. Suchen Sie um des eignen Bestens Ihrer
Freundin willen ihre romantischen berspannten Ideen zu berichtigen, und sie der
wirklichen Welt anzupassen, in der sie leben soll, denn diese idyllische
Sentimentalitt zerstrt die Wurzeln eines gesunden Daseyns, und macht sie am
Ende zu einer - Candidatin des Irrenhauses.
    Mit diesen Worten, die er voll des emprendsten Hohns in seinen Mienen
aussprach, verlie er das Zimmer, und Auguste blieb, halb betubt von der
pltzlichen, so schrecklichen Verwandelung eines Charakters, den sie geschtzt
hatte, und zitternd vor den Folgen die es auf Erna's liebendes Gemth haben
werde, zurck.
    Als Alexander zu seiner Tante kam, entdeckte er ihr mit allen Zeichen
wohlerknstelter Krnkung und fehlgeschlagener Hoffnung, da er Erna in
Augustens Gegenwart seine Hand angetragen, aber eine abschlgliche Antwort von
ihr erhalten habe, und auf eine verchtliche Weise von ihr verlassen worden sei.
    Umsonst strebte die Generalin, sich dies Rthsel zu erklren, umsonst erbot
sie sich zur Vermittlerin, - da sie Erna's Liebe zu ihm so wenig wie ihre
vortheilhafte Meinung von seinem Werth bezweifeln konnte - sein Stolz lehnte
sich, wiewohl scheinbar mit tiefem Schmerz kmpfend, gegen jedes Anerbieten
ihrer Einmischung auf, und noch demselben Tag trat er, ohne sich durch Bitten
und Zureden halten zu lassen, uerlich zerstrt, und tief ergriffen, innerlich
aber frohlockend, da er, wie er glaubte, mit so guter Art seinen Nacken aus der
Schlinge gezogen habe, den Rckweg zur Residenz an.

                                      XIX


So lange Erna whnte, ein schwerer Traum habe sie dem Himmel ihrer Hoffnung
entrckt, so lange ruhte der wohlthtige Nebel der Betubung, nicht das
Centnergewicht der Verzweiflung auf ihrer Seele.
    Als aber nach und nach Klarheit wieder in ihre Besinnung zurckkehrte, und
sie sich nicht mehr verhehlen konnte, da sie wirklich auf immer von dem Ideal
ihres hchsten Glcks geschieden sei, da bemchtigte sich ihrer ein Schmerz, der
ihr armes Leben aller seiner Blthen beraubte.
    Wenn gleich ein dunkles Gefhl ihr sagte, sie msse den Kummer verbergen,
unter dessen Druck sie fast erlag, um ihre Mutter zu schonen, so vereitelte die
Unfhigkeit, sich zu verstellen, und die Neuheit einer solchen Brde doch ihr
inniges Streben, allein zu tragen, was der freie Blick in das Herz des
Jnglings, den sie liebte, ihr auferlegt hatte. Aus ihrem Daseyn war das
Paradies verschwunden - das Schne aus ihren Trumen - das Gttliche aus ihrer
Hoffnung. Denn wie ein Blitz, ungeahnet und unbegriffen, von wannen? woher? war
die Liebe aus des Himmels Hhen in ihr Gemth gesunken, aber nicht, wie sie in
frommer Kindlichkeit geglaubt hatte, um es zu erwrmen, und zu erhellen, sondern
um jede Kraft zu lhmen, jede Freudigkeit zu vernichten. Sie befragte sich
selbst in der Bangigkeit ihrer Zweifel, ob es Gottes Hand sei, die diese
schwere, dunkle Wolke ber ihr Leben herauf fhrte, oder der Dmon eigner Schuld
- aber ihr Bewutseyn war rein, und warf ihr nur ein zu blindes, nur so bitter
hintergangenes Vertrauen, nur eine zu innige, jetzt so grausam getuschte
Neigung, keinen Fehler vor, der Alexanders rauhes Abwenden von ihr htte
rechtfertigen knnen.
    Der Sturm, den betrogener Glaube, gemisbrauchtes Zutrauen, und das
unheilbare Gift einer ewigen Hoffnungslosigkeit in ihrer Seele erregt hatte,
nherte sie fast dem Wahnsinn, indem er ihre krperliche Kraft sichtbar aufrieb.
    Ihre Mutter, die nur durch Augusten, nicht durch die von der Gre ihres
Schmerzes verschlonen Lippen ihres Kindes das Vorgefallene erfuhr, verga der
eignen Leiden, um den Kummer der geliebten Tochter lindern und tragen zu helfen.
    Lngst hatten ihr die Aerzte bei der Zartheit ihrer Constitution einen
Aufenthalt in sdlichen Lndern verordnet. Aber die Beschwerden einer so weiten
Reise, das Gefhl ihrer Schwche, die Anhnglichkeit an ihren Wohnort und an den
freundlichen Kreis, der sie dort umgab, und so manche Schwierigkeiten mehr, die
der Krnkliche mhsam berwindet, weil er, der Energie und des Muthes beraubt,
leicht in der spielenden Mcke einen drohenden Elephanten erblickt, hatten sie
bisher abgehalten, um ihrentwillen diesen heilsamen Rath zu befolgen.
    Aber kaum hatte man ihr gesagt, da Erna, krank an Leib und Seele, der
Zerstreuung und einer mildern Luft bedrfe, um zu genesen, als das liebevolle
Mutterherz Entschlossenheit genug in sich fand, allen Hindernissen Trotz zu
bieten.
    Mit einer Eil, die sich selbst nicht Ruhe vergnnte, wurden die Anstalten
zur Abreise betrieben. Seit Jahren in einem vllig leidenden Zustand, und aller
Thtigkeit entwhnt, berlie sie sich jetzt einer so eifrigen Betriebsamkeit,
da sie gleichsam in diesem Streben noch einmal wieder aufglhte, wie die
hinsterbende Lampe kurz vor dem Erlschen hher aufflackert.
    Denn sie konnte die Sorge fr das Mittel, durch welches sie ihr grtes
Kleinod zu retten hoffte, niemand, sogar der treuen Auguste nicht berlassen und
die mhevollsten Anstrengungen, deren sie sich unterzog, gaben durch ihren
heiligen Zweck ihren erschlafften Nerven wieder Spannung, ihrem hinflligen
Krper wieder Kraft.
    Sie ordnete alles selbst, und da sie weder Mhe noch Geld sparte, so war das
Ziel ihres Strebens bald erreicht, und wenig Wochen nach der Catastrophe, die
Erna's Herz brach, rollte der schwer beladene Reisewagen bereits mit ihr dem
freundlichen Sden zu.
    Die Generalin blickte weinend ihrer alten Freundin nach. War es die Ahnung,
da sie sie niemals wieder sehen werde, war es ein innerer Vorwurf, da ihr
voreiliger Wunsch, Erna zum Schutzgeist ihres Brudersohns zu weihen, die
Veranlassung so herben Kummers fr diese und ihre Mutter geworden war, und sie
selbst des liebsten Umgangs beraubte - genug sie konnte sich der tiefsten
Traurigkeit nicht erwehren.
    Nach reiflicher Ueberlegung, und genauer Prfung des Vorgefallenen, das
schmerzlicher noch in Erna's Thrnen, als in Augustens Mit heilungen sich
aussprach, glaubte sie ihren Neffen richtig zu beurtheilen, wenn sie meinte, er
habe, um sie nicht zu erzrnen, scheinbar in ihr Verlangen eingehn wollen, habe
in der Langenweile seiner einfrmigen Lebensweise bei ihr wirklich fr eine
kurze Zeit befriedigende Unterhaltung im Wahrnehmen der ihm so neuen,
himmlischen Unschuld Erna's gefunden - endlich aber wie ein wildes Ro nach
zgelloser Freiheit sich sehnt, und Zaum und Gebi flieht, die immer leiser sich
zuziehende Schlinge eines ernster werdenden Verhltnisses durch einen
Gewaltstreich zerreissen wollen, indem er Gesinnungen uerte, von denen er
wute, sie wrden ihn der frommen Erna entfremden.
    Er gewann jedoch keineswegs dadurch in ihren Augen, da sie ihn sich
eigentlich besser dachte als er selbst sich darzustellen bemht gewesen war.
Weit lieber htte sie ihn als einen Verirrten beklagen, wie als einen Heuchler
verachten mgen. Die kleinliche List, mit der er die Folgen seiner herzlosen
Annherung zu vertilgen suchte, und das leichtsinnige Spiel, das er mit einem
der besten Mdchen getrieben, wandten in gerechtem Unmuth ihre Neigung von ihm
ab, und sie gewann es nicht ber sich whrend des kurzen Rests ihres Lebens,
ihn, als ihr diese Ansicht vllig klar geworden war, je wieder eines
freundlichen Worts zu wrdigen. Seine Briefe blieben stets unbeantwortet, und
kein Zeichen ihres Seyns und ihrer Theilnahme an seinem Geschick suchte, wie
sonst, ihn in der Ferne zu erfreuen. Sie traf jedoch, um das Andenken eines
geliebten Bruders auch noch in seinem unwrdigen Sohne zu ehren, keine
Anstalten, ihn das Vermgen zu entziehen, das nach ihrem Tode die Gesetze ihm,
als ihrem nchsten Erben zuerkannten, und zwei Jahre nachher setzte ihn ihr
sanftes Hinscheiden in den freien und rechtmigen Besitz desselben.


                                  Zweites Buch

                                       I

Frhlich war Alexander in die Residenz zurckgekehrt, sich seiner gewohnten
Lebensweise um so freudiger hingebend, da er die Gensse, welche sie ihm bot, so
lange hatte entbehren mssen.
    Oft lchelte er triumphirend bei sich selbst, wenn er bedachte, wie gut es
ihm gelungen sei, eine offenbare Weigerung gegen die Absichten seiner Tante zu
vermeiden, und die Schuld ihres vereitelten Plans von sich ab, auf Erna zu
wlzen, deren Unerfahrenheit nur allzuleicht in die Falle gegangen war, die er
ihr gestellt hatte. Oft aber auch, und zwar mehr im Traum, als im wachenden,
durch das Gewirr bunter Vergngungen stets vom Nachdenken abgezogenen Zustande,
verfolgte ihn das Bild des bleichen Mdchens, das es so gut mit ihm gemeint, das
mit der ganzen Kraft eines noch vllig reinen Herzens, mit dem ganzen Feuer der
ersten s verschmten Liebe ihn geliebt hatte. Stillen Vorwurf und tiefen
Kummer in ihren Mienen trat sie dann vor ihn, ihn durch ihren Anblick an das
Unrecht zu mahnen, das er an ihr begangen, und ihm war in solchen Momenten, als
knne er den reinen, strafenden Blick ihres frommen Auges nicht ertragen.
    Zuweilen auch strte ihn die Erinnerung mitten in dem Gewhl rauschender
Freuden, indem sie unwillkhrlich ihm die Scene zurckrief, wo er im Walde vor
ihr knieete, sie bla und blutig, und dem Schein nach leblos, vor ihm lag, und
er in Todesangst um sie, das in den Quell getauchte Tuch um ihre verletzte
Stirne schlang. Dann drang noch einmal wie ein Strahl von oben der erste Blick
ihres dem Leben sich wieder ffnenden Auges in seine Seele, wie es - den Himmel
in sich tragend, und eine Welt von Empfindungen aussprechend - so voll inniger
Tiefe an dem seinigen hing. Ach - damals war es ihm wohl gewesen, als sprche
eine leise Regung fr sie in seinem Herzen - aber, seine Abneigung vor den
Fesseln der Ehe, sein grnzenloser Hang zur Ungebundenheit und sein Leichtsinn
hatte schnell wieder dies bessere Gefhl erstickt, und ihn berredet, es sei nur
eine Aufwallung des Mitleids, durch die Gefahr erregt, in welcher er sie
erblickte.
    Als durch den Tod seiner Tante ihm ihr ganzes, sehr bedeutendes Vermgen
zufiel, htte es die Lage der Dinge, und sein Vortheil wohl erfodert, da er
persnlich Besitz von ihrer Hinterlassenschaft genommen htte. Aber er scheute
sich die Gegend wieder zu sehen, wo, wie er glaubte, Erna athmete - auch konnt'
er sichs nicht verhehlen, da seine Tante unzufrieden mit ihm aus der Welt
gegangen sei, und da es zu den Gesetzen seiner Lebensphilosophie gehrte, sich
alle unangenehmen Gemthsebwegungen zu ersparen, so bertrug er alles was ihm
oblag, einem Rechtsgelehrten, und folgte nach wie vor dem Strome, der ihn in die
wilden Wirbel der Zerstreuungen zog.
    Doch, wie selbst tiefere Eindrcke allmhlich von der Hand der Zeit
verwischt werden, so schwand im Rausche seines wsten Lebens auch nach und nach
jeder leise Vorwurf, den das Andenken der Vergangenheit ihm machte, und immer
seltener und immer gleichgltiger nahte ihm Erna's Erscheinung, bis sie endlich
ganz unter den wogenden Leidenschaften, die in seinem Innern strmten, sich
verlor.
    Fnf Jahre waren verstrichen, seit er sie hatte kennen lernen - da schlug,
ihm unerwartet, die Stunde der Vergeltung, die selten ausbleibt und oft dann
erst das Unrecht straft, wenn der, der es beging, es bereits vergessen hat.
    Er war einige Tage abwesend gewesen, und kehrte spt am Abend in seine
Wohnung zurck, wo er von der Grfin Tannow, die eins der angesehensten Huser
der Residenz ausmachte, eine Einladung zum Ball vorfand.
    Zwar war die Uhr schon zehn, und das Vertauschen seiner nachligen
Reisekleidung mit einer glnzenden Toilette konnte leicht noch eine Stunde
hinwegnehmen - zudem fhlte er sich nicht wohl, und verstimmt - aber
demungeachtet konnte er sich nicht entschlieen, zu Haus zu bleiben. Denn er
sehnte sich nach Gerusch und Abwechselung, um seinen Blick durch andere
Gegenstnde von sich selber abzuziehen, wo er nur mit Unmuth verweilte. Seinen
Frohsinn lhmend, war der bse Geist des Ueberdrusses nach und nach ber ihn
gekommen, und hatte ihn - gesttigt von der Flle eitler Weltlust, die er
genossen - das Schaale, Seelenlose, Ermattende seines zwecklosen Lebens in
dsterer Beleuchtung wahrnehmen lassen.
    Nachdem seine Erfahrungen ihn mit allen bekannt gemacht hatten, was das
Daseyn bietet, fand er so wenig gengendes - so wenig, was der Zeit trotzend,
auch in der Zukunft ihm noch die Freuden versprochen htte, die es einst ihm
gewhrte. Ein stilles, dunkles Sehnen nach der frh verlohrenen Unschuld seines
Herzens, nach dem unwiederbringlichen Werth der Unverdorbenheit regte sich in
seinem Busen, und verschattete ihm finster die Welt, deren verpestender Hauch
gleich dem Sirocco alle schneren Blthen des Lebens ihm vergiftet hatte. Doch
die Unbehaglichkeit dieser Gefhle war zu drckend, als da er nicht htte
suchen mgen, sie los zu werden - er kleidete sich daher um, und fuhr hin, wo er
Zerstreuung seiner finstern Grillen zu finden whnte.

                                       II


Feenhaft strahlten die hellerleuchteten Fenster herab in die dunkle Strae, die
von ihrem Abglanz erhellt wurde, und rauschend, und seinen Sinn zur Frhlichkeit
auffodernd, tnte die Ballmusik durch die stille, schweigende Nacht.
    Schon halb erheitert sprang er aus dem Wagen und eilte hinauf. Aber
befremdend blieb er einige Augenblicke am Eingang stehn, denn kein Empfang
begrte ihn, niemand kam ihm entgegen, und selbst die Bedienten schienen in
Zuschauer verwandelt zu seyn.
    Alles drngte sich, einen weiten Kreis in der Mitte des Saals umschlieend,
diesem, innerhalb desselben es unverkennbar etwas vorzgliches zu sehen gab, so
nahe, wie nur immer mglich zu kommen. Selbst die Spielenden, sonst so fest an
ihre Pltze gebannt, da kaum ein Erdbeben sie htte in Bewegung bringen knnen,
waren aufgestanden, und hatten ihre Tische verlassen, und rings an den Wnden
war man sogar auf Sthle gestiegen, um nur nichts von dem Schauspiel zu
verlieren, das unbekannter weise auch seine Neugierde zu erregen begann.
    Endlich wurde ihn die Frau des Hauses gewahr, und winkte ihn zu sich. Der
Platz an ihrer Seite vergnnte ihm, einen Blick in das Allerheiligste des Saals
zu thun, und er sah, von einem seiner Freunde und von einer fremden Dame einen
franzsischen Contretanz mit einer Leichtigkeit und Vollkommenheit auffhren,
die er noch nie in diesem Maae an einem weiblichen Wesen wahrgenommen hatte.
    Ihre blendende Schnheit, und das Edle ihres Wuchses und ihrer Haltung nebst
ihrer einfachen, aber reichen Kleidung erhhte noch das Entzcken, das ihre
Kunst gewhrte, und staunend stand er, in Bewunderung verloren, und wagte kaum
zu athmen, aus Furcht, es mchte irgend eine Bewegung dieser Grazie ihm
entschlpfen.
    Endlich war der Tanz geendigt. Stolz auf das Recht, sich ihr nhern zu
drfen, gab ihr Tnzer ihr den Arm, sie nach einem Sitze zu fhren und
ehrerbietig wich die Menge aus einander sie hindurch zu lassen, whrend alle
Blicke bewundernd auf ihr ruhten, alle Hnde rauschend ihr Beifall klatschten.
    Ihr Gesicht war ein wenig seitwrts gewandt, als sie an Alexandern
vorberging. Er sah nur einen Theil des ausdrucksvollen Profils, nur den
blendend weien Nacken, um den groe Diamanten sich reihten, mehr Zierde von ihm
empfangend, als sie zu geben vermochten, nur den Silphidenwuchs, der bei aller
lieblichen Flle der Jugend und Gesundheit doch durch die Anmuth mit der sie
sich trug und bewegte, so therisch erschien, als schwebe ihr Fu einher, statt
die Erde zu berhren.
    Lnger konnte er sein Verlangen nicht bezwingen, zu erfahren, wer diese
wundervolle Erscheinung sei, und er wandte sich mit dieser Frage an die Grfin,
neben der er noch immer stand.
    Sehen Sie, so bestraft sichs, erwiederte diese scherzhaft, wenn Sie mit der
Stadt boudiren, und ihr den Rcken kehren. Dieser neue Stern ist whrend Ihrer
Abwesenheit an unserem Himmel aufgegangen - nehmen Sie sich nur in Acht, lieber
Norbeck, da Ihre hochgepriesene Freiheit nicht die Flgel an seiner Glorie
versengt.
    Ein schmerzlich ses Weh zuckte bei diesen Worten durch seine Brust. Ihm
war, als wre ihm die Weissagung einer Prophetin erklungen, und ein Schauer ganz
eigener Art rieselte durch alle seine Nerven. Doch noch immer blieb seine
Neugier ungestillt - noch einmal wiederholte er seine Frage nach dem Namen des
liebenswrdigen Fremdlings - aber wie unbegrnzt war sein Erstaunen als die
Antwort ihm - Erna von Willfried nannte.

                                      III


Unbeweglich, wie eine Bildsule, blieb er, von dem Klange dieser wenigen Worte
getroffen, stehn, und eine lngst versunkene Welt, schwankend zwischen neuer
Furcht und Hoffnung, dmmerte in seiner Seele wieder auf, wie ein grnendes
Eiland aus strmenden Fluthen sich erhebt.
    Es ist kein Wunder, da Frulein Willfried schn tanzt, hrte er jetzt die
Obristin Lahnberg zu einer neben ihr stehenden Matrone sagen, Neid und
Bitterkeit in ihren grmlichen Zgen. Htte meine Mariane eben so wie sie
Jahrelang in Paris diese leichtfertige Kunst erlernt und getrieben, vielleicht
wrde sie auch so durch ihre Geschicklichkeit glnzen. Aber sie hat immer das
Reelle dem leeren Schimmer vorgezogen. Es ist brigens nicht schwer, zu
brilliren, wenn man halb Europa durchreisen kann, um in Italien mahlen und
singen, in Frankreich tanzen zu lernen, und wenn man vor allen Dingen dabei die
noble Dreistigkeit hat, seine Talente geltend zu machen.
    Jetzt nherte sich Mariane, ihre Tochter, mhsam ihr von Misgunst verzerrtes
Gesicht zu einem freundlichen Lcheln zwingend. War das nicht nique, Mama?
fragte sie. Es ist ein Vergngen so delicis tanzen zu sehn - man kommt sich
ordentlich wie im Ballette vor. Freilich sollte das Wesentliche nicht unter der
Ausbung solcher Knste leiden. In diesem Augenblick hrt' ich von sicherer
Hand, da Frulein Willfried im huslichen eben so unerfahren, als geschickt im
Tanzen ist. Keine Suppe soll sie kochen, keine vernnftige Nath nhen knnen,
und da unser Beruf doch nicht ist, wie von der Tarantel gestochen durchs Leben
zu hpfen, so ists zu bedauern, da sie das Wichtigere ber so frivole und
vergngliche Geschicklichkeiten versumt hat.
    Das ist die heutige Modeerziehung, die sich nicht zu ntzen, sondern nur zu
schimmern bemht, fiel ihre Mutter eifrig ihr ins Wort. Zu meiner Zeit wurde nur
soliden Kenntnissen Werth beigelegt, und daher hab ich Dich auch so erzogen, da
ich vor Gott und Menschen Ehre einlege, und gewi ein rechtschaffener Mann
dereinst mit Dir nicht betrogen wird. Aber die selige Willfried - nun, man soll
von Todten nur Gutes sprechen, und sie war meine sehr genaue Freundin, denn wir
haben zwei Jahr lang zusammen der hochseligen Prinze Sophie als Hofdamen
gedient - sie hatte immer etwas berspanntes und geziertes, und ihre Sucht, sich
allenthalben vorzudrngen, scheint denn auch auf die Tochter bergegangen zu
seyn. Doch sie hat Geld, und dadurch macht sich heut zu Tage jede Nrrin
geltend, whrend das stille bescheidene Verdienst, wenn es arm ist (hier blickte
sie ihre berreife, vergilbte Tochter seufzend an) unbemerkt und ungesucht wie
das Veilchen im Mooe verduftet. -
    Alexander hatte genug erfahren, um zu merken, da dies Gesprch nicht ohne
Absicht sich in seiner Nhe entspann. Man zhlte ihn im Kreis der jungen
Heirathsfhigen Mnner zu den vortheilhaftesten Parthieen, und grobe und feine
Netze hatten sich daher schon oft von Seiten lngst erwachsenen Fruleins und
ihrer Mtter ausgebreitet, den schimmernden, nur allzuglatten Goldfisch zu
fangen.
    Die so verschiedenen Kunstgriffe weiblicher Koketterie, mit der eine jede,
ihrer Individualitt angepat, die Maske whlte, die ihrer Meinung nach am
meisten anzuziehen und zu fesseln geneigt war, belustigte ihn oft, und er machte
sich nicht selten das grausame und unedle Vergngen, Hoffnungen zu erregen,
welche er bis auf einen gewissen Punkt steigerte, und dann pltzlich tuschte.
    Leichtfertig und schadenfroh htte er sonst mit erheucheltem Ernst in die
neidischen und verlumderischen Aeuerungen dieser Thrinnen eingestimmt, aber
heute war es ihm nicht mglich. Sein Herz war so voll, so pltzlich verwandelt -
die Brust so gepret - es zog ihn mit Riesenkraft zu der aufgeblhten Rose hin,
der er als Knospe so weh gethan, da er um dem inneren Drange seines Sehnens
genug zu thun, sich voll Reue htte zu ihren Fen strzen und weinen mgen.

                                       IV


Er nahte sich dem Strahlenkreis, dessen Mittelpunkt sie war. Zwar fand er sie zu
umringt, um sie anreden zu knnen, hatte auch jetzt noch kaum den Muth, es zu
wollen - aber er weidete sich doch an ihrem Anschauen, das ihm mit jedem Blick
neue Reize entfaltete.
    Wie hatten diese fnf Jahre sie verndert. Kaum erinnerten noch die edlen
seelenvollen Zge an den bleichen Schatten, den ihr frheres Bild in seinem
Gedchtnis zurckgelassen hatte. War dies stolz in so reizender
Lebensfreudigkeit auftretende Mdchen, das mit heller Geistesgegenwart und
klarer Umsicht die Huldigungen der Menge kaum zu beachten schien, wirklich jenes
einst so blasse, blde Kind, das in seiner Verlegenheit oft so link sich
darstellte, und schchtern in sich selbst zusammenzitterte, wenn ein Blick es
traf, oder ein Wort es zur Rede zwang? Etwas ber mittlere Gre heran
gewachsen, schmckte die lieblichste Harmonie aller Verhltnisse ihren schlanken
Bau, und der ungezwungenste, edelste Anstand vollendete den einschmeichelnden
Eindruck, den ihre vollkommen schne Gestalt bei'm ersten Anblick auf jeden
unverwahrloseten Sinn machte. Ihr reiches braunes Haar, kunstvoll aufgewunden,
und wieder in seidene, wallende Locken um Stirn und Schlfe ausgegossen, war mit
Diamanten durchflochten, doch ein reineres Licht, als diese auszustrmen
vermochten, strahlte von den klaren herrlichen Augen, in denen eine seltene
Tiefe des Gemths, verschmolzen mit allem Feuer eines hellen Geistes, sich
aussprach. Ihr Anzug war einfach, doch kostbar. Ueber blendend weien Atlas
schmiegte sich ein Gewand von indischem Mouelin gleich einem zarten Gewlk um
ihren edlen Wuchs, und ein reicher Grtel befestigte den weichen Faltenwurf. Die
funkelnden Juwelen ihres Halsbands und ihrer Ohrringe, so wie des Diadems, das
sich um ihre Locken wand, und die kstlichen Brler Spitzen, die ihren Busen
umgaben und den Saum ihres Kleides bildeten, erhhten den Neid, den ihre
persnliche Anmuth bereits in den meisten anwesenden Damen erregt hatte.
    Alexander kmpfte mit sich selbst, ob und wie er sie anreden solle. Sie an
ihre frhere Bekanntschaft mit ihm zu mahnen, konnte nur bittere Erinnerungen in
ihrer Seele zurckrufen, und gleichwohl ihrer gar nicht zu erwhnen, htte ihm
den Schein einer Oberflchlichkeit des Sinnes gegeben, den er wie alles was ihm
fortan in ihrer Meinung schaden konnte, frchtete.
    Er grndete auf die Neigung, die sie ihm einst so unbefangen verrathen
hatte, die schnsten Hoffnungen seines Herzens, und gehoben, und gleichsam schon
veredelt durch die zum erstenmal empfundenen Gefhle einer edlen, wahren Liebe,
nahm er sich vor, wahr zu seyn, ihr bei der ersten schicklichen Veranlassung
offen seine damaligen, so wie seine jetzigen Gesinnungen zu entdecken, um durch
seine Reue ber das Vergangene sich ihrer Verzeihung werth zu machen, und seinem
Charakter ihr verlorenes Zutrauen wieder zu erwerben. Fr jetzt aber beschlo
er, die frhliche Tendenz des Abends nicht durch so ernste Erklrungen zu
unterbrechen, und sich mit strenger Selbstbeherrschung innerhalb den Schranken
zu erhalten, mit denen die Convenienz die Hochgefeierte umbaute.

                                       V


Unstreitig war Alexander der beste Tnzer der Residenz. Nicht Eitelkeit oder der
ihm sonst so gewhnliche Hang zu glnzen, sondern der Wunsch, in irgend eine
leise Beziehung mit ihr zu kommen, erweckte das Verlangen in ihm mit Erna zu
tanzen, und schon wollte er bittend sich ihr nhern, als sie aufstand, und -
einem Glcklicheren bereits versagt - an ihm vorber ging.
    Als Zuschauer blieb er, an eine Sule sich lehnend, stehen, und war so
vertieft in ihrem Anblick, da er die Annherung der Grfin Tannow, nicht
bemerkte. Er schrack ein wenig zusammen, als ihre scherzhafte Anrede ihm bewies,
da er beachtet worden sei. Doch schien sie kein Arg aus seinem, jede Bewegung
Erna's verschlingenden Anschauen zu haben, sondern es nur auf sein Interesse an
einer Kunst zu beziehen, in der er selbst Meister war, und als sie gleich darauf
uerte, da er ihren Gsten durchaus das Vergngen verschaffen msse, ihn mit
Frulein Willfried tanzen zu sehen, weil auer ihm kein Tnzer ihr vllig an
Geschicklichkeit gleich sei, erfllte sie, ohne es zu ahnen, den brennendsten
Wunsch seines Innern, indem sie auf seine etwas schchterne Einwendung, da er
ihr noch gar nicht vorgestellt sei, und daher nicht wage, sie aufzufodern, sich
- um des allgemeinen Bestens willen, wie sie sagte, das durch den Genu eines
solchen Schauspiels gewinnen werde - zu seiner Frsprecherin erbot.
    Mit ihrem Tuche sich Khlung zuwehend, sa Erna nach geendigtem Tanz in der
Reihe der Damen, als die Grfin ihr nahte, und Alexandern ihr vorstellend,
seinen Namen nannte.
    Der Klang desselben schien sie keineswegs zu erschttern, wie er erwartet
hatte. Sie erhob sich von ihrem Sitze, ihn zu begren, doch wrdigte sie ihn
nur eines kurzen, ruhig an ihm vorbergleitenden Blickes, und seine Anrede
gleichsam berhrend, wandte sie sich von ihm ab, zur Grfin, mit Feinheit und
vlliger Unbefangenheit ein heiteres Gesprch beginnend.
    Da stand er jetzt, der sonst so khne bermthige Jngling, die Gluth der
Verlegenheit auf seinen Wangen, und den schmerzenden Stachel der Demthigung
tief und immer tiefer in die Brust gedrckt. Welch ein Empfang! - Ihm war, als
msse die ganze Versammlung wahrgenommen haben, wie gleichgltig und beschmend
sie ihn aufgenommen hatte, sie, deren Herz er bei'm Wiedersehn vom Blitz
zrtlicher Erinnerungen getroffen, vom Weh mhsam bekmpfter, aber nicht
erstickter Liebe bestrmt glaubte.
    Er bi sich grimmig in die Lippen, whrend er mit den Augen unstt
umherschweifte, und mit Anstrengung aller seiner Kraft sich bestrebte, durch
uerliche Fassung den innern Aufruhr seines Wesens zu verschleiern.
    Die Grfin drang freilich nicht in die eigentliche Tiefe seines bitter
gereitzten Gefhls ein, aber ein wenig zu oberflchlich, um hflich zu seyn,
schien ihr doch das Benehmen des Fruleins gegen ihn, wenn sie es gleich nur fr
zufllig hielt, und um die Empfindlichkeit zu mildern, die sie sehr wohl an ihn
bemerkte, sprach sie in der Hoffnung, das Unangenehme seiner Situation zu
vermitteln, die Bitte aus, da Erna ihm, der ein ihrer Kunst wrdiger Tnzer
sei, zur Freude smmtlicher Zuschauer eine Franaise schenken mge.
    Ruhig, ohne ein Zeichen des Unwillens oder der persnlichen Abneigung
erklrte sie, da der Wunsch der Grfin ihr Befehl seyn wrde, wenn sie nicht
bereits das Maas im Tanzen berschritten htte, das rztliche Vorschrift ihr
ihrer Gesundheit wegen vorgezeichnet habe. Eine lang anhaltende, heftige
Bewegung vertrage sich nicht mit ihrem Wohlbefinden, und sie sei zu erhitzt und
ermdet, um diesen Abend noch wieder tanzen zu drfen.
    Da ihre Entschuldigungsgrnde von ihrer Gesundheit hergeleitet waren, konnte
die Grfin nichts dagegen einwenden, und mit der feinen Geschliffenheit der
groen Welt, die bei keinem Gegenstand so lange verweilt, da er langweilig
wird, gab sie dem Gesprch sogleich eine andere Wendung.
    Inde begann ein neuer Tanz, und die beiden Damen, zwischen welchen Erna
gesessen, folgten der Aufforderung, daran Theil zu nehmen. Die Grfin wurde
abgerufen, und Erna, sich jetzt nicht ohne einige Verlegenheit ihm allein
gegenber findend, setzte sich wieder mit gesenktem Auge auf ihren Platz,
whrend er mit klopfender Brust sich zu dem Entschlu ermuthigte, sich khn an
ihrer Seite niederzulassen, und sie anzureden.

                                       VI


Lange suchte er, der sonst so Gewandte, jetzt vergeblich nach einem Worte
passender Annherung.
    Er merkte, da nicht nur in ihm allein, da auch in Erna die Verwirrung
stieg, mit der die Unmglichkeit, ihm jetzt schicklicher Weise auszuweichen, sie
erfllte, und er schpfte Ermunterung aus dieser Wahrnehmung, da selbst ihr
Unwillen ihm schmeichelhafter war, als die bisherige stille Gleichgltigkeit mit
der sie ihn bersah.
    Darf der Neffe einer Frau, welche Sie so kindlich verehrten, es wagen, Sie
hier willkommen zu heien? sagte er endlich.
    Bei diesen Worten verdunkelte sich die Gluth auf Erna's Wangen. Ein tiefer
Ernst gab ihren Zgen Ruhe, ihrer Haltung Wrde. Warum beschwren Sie die
abgeschiedenen Geister, Herr von Norbeck, antwortete sie, gnnen wir den Todten
ihre Ruhe.
    Und sollte diese Ruhe durch eine ehrfurchtsvolle Erinnerung gestrt werden?
erwiederte er. Vielleicht hab ich meine Tante whrend ihres Lebens nicht so
gekannt und geschtzt, wie ihr seltner Werth es verdiente. Der Leichtsinn meiner
frheren gedankenlosen Jugend, der mich blind fr wahre Verdienste machte, lie
mich manches in dem trgerischen Lichte thrichter Verblendung wahrnehmen, was
spterhin durch eine bessere Ueberzeugung und durch Reue mir ganz anders
erschien. Daher wenn ich mit Wehmuth und Dankbarkeit der edlen Frau gedenke,
deren Vortrefflichkeit ich zu spt einsah, um sie in ihrem ganzen Umfang noch
auf Erden ehren zu knnen, und mich bestrebe, jetzt, wo sie nicht mehr Zeuge
meines irrdischen Wandels seyn kann, ihn so zu fhren, da sie mit mir zufrieden
seyn wrde, wenn sie ihn beobachten knnte - sollte das nicht das wrdigste
Todtenopfer seyn, das ich ihren Manen zu bringen vermchte?
    Statt durch den sich entschuldigenden Sinn seiner Rede gerhrt, und zu
vershnender Milde bewegt zu werden, fhlte sich Erna erbittert und emprt, da
sie ihn fr einen Heuchler hielt.
    Denn was sie seit ihrem kurzen Aufenthalt in der Stadt bereits - theils
zufllig, theils leise durch eignes Forschen veranlat - von ihm gehrt hatte,
stellte ihn nach dem allgemeinen Urtheil als einen entsetzlichen Wstling dar,
so frh schon verdorben, da ihm nicht einmal eine Ahnung von Schuldlosigkeit,
noch weniger das Andenken wahrer Herzensreinheit geblieben sei, und der - ewig
in frivole Abentheuer und Intriguen verstrickt - sich voll frecher Spottlust und
schadenfroher Verstellung eine jede Maske anzupassen wisse, die sich zur
Befriedigung seiner momentanen Wnsche und Begierden eigne.
    Zwar sprach das Urtheil der Welt auch von seiner persnlichen
Liebenswrdigkeit, und manchem gromthigen, schnen Zug seines ursprnglich
edlen, nur durch Ausschweifungen entweihten Charakters lie man Gerechtigkeit
widerfahren. Auch vertheidigten ihn viele, wenn er getadelt wurde, mit Eifer, da
die Sittenlosigkeit eines jungen unverheiratheten Mannes in Bezug auf Frauen
gewhnlich von den meisten nicht so streng gerichtet wird, als sie es wohl
sollte. Aber konnte seine Freigebigkeit, sein Muth, sein Frohsinn, der dem Leben
stets die lachende Seite abgewann, wohl den Mangel jener hhern Tugenden in ihm
ersetzen, die allein erst dem Menschen sittliche Wrde geben? - Seine
individuelle Anmuth durfte, so meinte Erna, niemand zu seinem Vortheil
bestechen, da diese die Gefahr seiner verderblichen Nhe nur vergrern half. Er
war in ihren Augen, was sie nicht ohne Schauder sich denken konnte: ein Mensch
ohne Religion. Er selbst hatte ihr ja - sie bebte noch bei der Erinnerung jenes
schrecklichen Augenblicks - mit kecker Dreistigkeit gesagt, da er nichts
glaube, nichts hoffe, und da ppiger Lebensgenu die einzige Tendenz seines
Handelns, das einzige Prinzip seiner Moral sei. Diese Erfahrung, die ihr
Gedchtnis nur allzutreu bewahrt hatte, verdunkelte noch den dstern Schatten,
den sein Ruf in ihre Seele warf.
    Es machte daher auf ihr alle Heuchelei tief verachtendes Gemth einen sehr
misflligen Eindruck, ihn die Sprache des Gefhls, der Erkenntnis und der Reue
reden zu hren, da sie nach seinen ehemaligen Bekenntnissen dies Betragen nur
fr listige Verstellung hielt. In edlem Zorn erglhend fehlte der Nichtachtung,
die sie in diesem Augenblick fr ihn empfand, die Klte, welche sonst gewhnlich
Geringschtzung zu charakterisiren pflegt, und mit bewegtem Busen und flammendem
Auge sprach sie, indem sie aufstand: Ein Schauspieler von Ihrem Talent, Herr von
Norbeck, sollte seine Rolle nur vor einem dankbaren Publicum recitiren. Der
Beifall eines unbedeutenden Mdchens wie ich, wrde Ihnen schon darum nicht
gngen, weil er nicht rauschend ist - und jener innere des Bewutseyns, wenn er
auch der Preis einer knstlerischen Darstellung seyn knnte - den achten ja, wie
Sie mir frher gesagt haben, Leute von Welt und gutem Ton nicht.
    Sie wandte sich hierauf rasch von ihm ab, und setzte sich zum Spieltisch der
*sischen Gesandtin, wo sie verweilte, bis es zur Abendtafel ging.

                                      VII


Bitter, und im hchsten Grad aufgeregt war die Stimmung, in welcher Alexander
ihr nachsah. Das Schonungslose, Auffallende ihrer brsquen Entfernung beleidigte
ihn fast noch mehr als die ihn herabwrdigende Bedeutung ihrer Worte, denn es
stellte ihn seiner Meinung nach, vor der Welt blos, und er fhlte sich, voll
Furcht, da ein seine Eigenliebe so demthigendes Benehmen von jedermann habe
bemerkt werden knnen, eben so empfindlich am Heiligthum uerer Ehre
angegriffen, als tief im Innern gekrnkt, durch das Unrecht, das sie ihm that.
    Inde - dies letztere mute er ihr wohl verzeihen, denn war er es nicht, der
ihre zutrauensvolle Jugend durch Argwohn vergiftet, und den Glauben an Wahrheit,
Gte und Treue in ihr erschttert hatte? O wie gern htt' er jetzt ihn neu
erweckt - wie innig, schmerzlich sogar, war sein Sehnen, sie mge milde ihm die
reine unbefleckte Hand reichen, um aus seinem bisher so profanen Leben ihn in
ein besseres, seiner wrdigeres, hinber zu ziehen. Was htt' er nicht darum
gegeben, jenen feindselig erkltenden Eindruck wieder verlschen zu knnen, den
er einst so froh war, in ihrem Herzen erregt zu haben. Doch - wer vermag das Rad
der Zeit zurck zu wlzen, und Geschehenes ungeschehen zu machen? Noch verlie
ihn die Hoffnung, sie zu gewinnen, nicht, denn nach den ersten Momenten
unmuthiger Aufwallung flsterte seine Eitelkeit Worte des Trostes in den Sturm
seiner Seele.
    Sie zrnet Dir - Gott sei Dank! - Du bist ihr nicht gleichgltig, jubelte
er, als er bedachte, da sie, die Feingebildete, unmglich mit Verletzung aller
Hflichkeit so heftig von ihm geschieden seyn wrde, wenn ihr Gemth nicht im
lebhaftesten Kampfe zwischen Stolz und Neigung begriffen gewesen wre.
    Da er es nicht fr gerathen hielt, heute noch den Versuch, sie zu sprechen,
zu erneuern, so bemhte er sich wenigstens, etwas nheres ber ihre hiesigen
Verhltnisse zu erfahren.
    Man erzhlte ihm, da sie erst ganz krzlich mit der *sischen Gesandtin hier
angekommen sei. Sie habe in Italien ihre Bekanntschaft gemacht, und sei von
ihrer Mutter auf dem Sterbebette dem Schutz und der Frsorge derselben empfohlen
worden. Diese habe nach dem Tode der Frau von Willfried mit inniger Liebe das
theuere ihr anvertraute Pfand bei sich aufgenommen, und Erna mit sich nach
Frankreich gefhrt, wo ihr Gemahl frher, ehe er hieher versetzt worden, einem
diplomatischen Posten vorgestanden. Nach einem zweijhrigen Aufenthalt in Paris
habe das vernderliche Loos seines Standes ihm hier seinen Platz als Gesandter
angewiesen, und Erna, die sich so innig zu dieser Familie zhle, als sei sie
durch Bande des Bluts mit ihr verwandt, sei ihr auch hieher gefolgt. Man rhmte
sehr den anmuthigen Ton dieses Hauses, und rieth Alexandern, sich doch ja recht
bald dort einfhren zu lassen, da man stets einen auserwhlten kleinen Cirkel
und die angenehmste Unterhaltung dort finde.
    Um den Pfeil, mit welchem Erna's Schnheit ihn verwundet hatte, ihm durch
ihren steten Anblick noch tiefer ins Herz zu drcken, wie ihm der Zufall seinen
Platz bei der Abendtafel ihr gerade gegenber an.
    Wie brannte er vor Verlangen, nur einem jener Blicke zu begegnen, der wie
einst, als er ein solches Glck noch nicht zu schtzen wute, ihm ihr vom sen
Zauber der Liebe bewegtes Gemth verrathen hatte. Aber umsonst. Sie schien der
Erinnerung jener Zeit so ganz entfremdet zu seyn, so vllig seine Bekanntschaft
und das noch vor wenig Momenten Vorgefallene vergessen zu haben, da ihr Auge so
untheilnehmend und fremd ber ihn hinwegstreifte, als sei er gar nicht da -
wenigstens nicht fr sie.
    Und doch gewhrte es ihm einen schmerzlichen Genu, sie unablssig zu
beobachten. Die Unschuld und Unbefangenheit eines Kindes mit scharfem Verstand
und der feinsten Geistesbildung verbunden, die grte Anspruchslosigkeit bei dem
entschiedensten Recht zu Ansprchen, stellte in ihrer Person ein seltenes, aber
unwiderstehliches Gemisch von Liebenswrdigkeit dar, das kaum ihrer siegenden
Reize bedurft htte, um jedes Herz magnetisch anzuziehen. Heiter, wie ein
Frhlingstag, und sich der Frhlichkeit des Augenblicks kindlich hingebend
unterhielt sie sich mit ihren Nachbaren, und wer sie in diesem Austausch des
Scherzes und der geselligen Mittheilungen sah, konnte schwerlich ahnen, da ihr
Geist in der Schule ernster Erfahrungen gereift, ihr Gefhl im Prfungsfeuer
tiefen Schmerzes gelutert sei.

                                      VIII


Mismuthig, mit sich selbst entzweit, und doch sein ganzes Wesen durch einen
neuen, krftigeren Impuls aufgeregt, kam Alexander nach Hause, und vertrumte
noch manche Stunde in Erna's Andenken, ehe der Schlummer sein mdes Auge schlo.
Htte er seiner Neigung nachgeben mgen, so wrde er am folgenden Tag schon
versucht haben, Zutritt im Hause des Gesandten zu erhalten, das, ohne jemals
groe Feste zu geben, sich jeden Abend gastlich den Besuchen gebildeter und
befreundeter Menschen ffnete. Aber nach der Art, wie Erna ihn aufgenommen,
schien es ihm zu khn, ihr in ihrer eigenen Wohnung zu nahen, ehe nicht ein
zweites, milderes Zusammentreffen am dritten Orte ihn dazu ermuntern wrde. Denn
auch nur den leisesten Schein einer Zudringlichkeit auf sich zu laden, war
seinem Stolze unertrglich, selbst hier wo es Beschwichtigung der innern, ewig
nagenden Unruh und Linderung der Sehnsucht galt, die an seinem Herzen zehrte.
    Erna's Erscheinung wirkte indessen in seiner Seele fort, indem sie ihn immer
mit sich beschftigend, von seinem gewohnten Thun und Treiben abzog. Nie hatte
er einsamer und zurckgezogener gelebt. Ganze Tage brachte er, sich selbst
genug, in seinem Zimmer zu, ber die tiefe Bedeutung ihres Charakters, die
reiche Entfaltung ihrer schnen Anlagen nachzudenken. So lebendig, als sei sie
es wirklich, erblickte er dann im Spiegel seiner Phantasie ihre schlank
aufstrebende, hohe, und doch in dem reizendsten Ebenmaas so sanft gerundete
Form, und das seelenvolle Gesicht, das in seinen Zgen einen so himmlischen
Ausdruck offenbarte. Dann lag die ganze Welt versunken und vergessen hinter ihm,
und nur ein einziges, unendliches Gefhl sagte ihm, da er lebe, aber nur um zu
wnschen und zu hoffen, was doch so fern, in so unerreichbarer Hhe schimmerte,
wie der Mond, der seinen reinen Strahl zur dunkeln Nacht herab senkt.
    Noch hatte nichts im Leben seinen Charakter zur tiefen Einkehr in sich
selbst zurckgedrngt. Jetzt auf einmal fand die unstte Begehrlichkeit seines
Sinnes einen festen Halt im Daseyn. Er fhlte sich besser, als sonst, folglich
auch ihrer wrdiger. Die Vergngungen, in denen er sich ehemals berauschte,
ekelten ihn jetzt an - schaal und unschmackhaft waren ihm die Frchte der
Weltklugheit, die er gegen den Preis eines reinen Herzens eingetauscht hatte,
und gern wrde er alle Blthen seines knftigen Lebens, gleich einer Opfergabe,
auf den Altar reiner Anbetung niedergelegt haben, htte Erna nur freundlich die
Hand ausstrecken wollen, sie zu empfangen.
    Die einzige Annherung, die er sich gestattete, war des Abends, wo er durch
die Strae ging, in der sie wohnte. Dann sah er zu den hellen Fenstern empor,
wie man zu den Sternen aufblickt, wenn man die Drftigkeit der Erde recht tief
empfindend, sich nach dem Himmel sehnt. Ihm war dann, als knne er, wenn ein
leichter Schatten an den Wnden vorberschwebte, erkennen, ob sie es sei oder
nicht, und nicht nur manche Sekunde im flchtigen Vorberstreifen, sondern ganze
halbe Stunden ruhig verweilend, brachte er in seinen Mantel gehllt, dem Hause
gegenber zu, dessen Mauern so glcklich waren, sie zu umschlieen.
    Acht Tage waren so seit jenem Ball vergangen - da fand er einst die Fenster
dunkel, folglich seinen Abendspaziergang des hchsten Reizes beraubt.
Verdrieslich darber lief er zwecklos noch durch einige Straen, und als sein
Weg ihn am Opernhause vorberfhrte, und, durch die Entfernung gedmpft, Mozarts
Zauber in den herrlichen Tnen Don Juan's sein Ohr traf, beschlo er, leise von
ihnen ergriffen, einzutreten, obgleich die Vorstellung lngst begonnen hatte.

                                       IX


Hier fand er unverhofften Ersatz fr seine frher verfehlten Wnsche. Denn als
er, im Parterre stehend, gleichgltig und finster sein Auge ber die
schimmernden Logenreihen hingleiten lie, wurde er mit einem Male wie durch
einen elektrischen Schlag fest an eine Stelle gebannt. Denn er erblickte Erna,
welche - ihre ganze Aufmerksamkeit der Darstellung widmend - neben der Gesandtin
sa.
    Da sie mit unverwandtem Blick auf der Bhne ruhte, begnstigte sein
Verlangen, sie, nur sie zu sehen, da es unbemerkt von ihr geschehen konnte. Wie
schn war sie wieder, einfach, fast nachlssig gekleidet, und doch von
unendlicher Eleganz und Zierlichkeit umgeben. Ein Spitzenschleier bezeichnete,
mit seinem therischen Gewebe sanft sich an ihr Haupt schmiegend, die schne
Form desselben, und ein trkischer Shawl die edlen Umrisse ihrer Gestalt. Ihre
sprechenden Mienen, durch lebhafte Theilnahme an dem was sie sah und hrte, mit
immer neuem, kindlich reinem Ausdruck beseelt, boten ihm, in ihrem Anschauen
alles um sich her vergessend, eine unerschpfliche Flle des Genusses und der
Bewunderung. Daher kam es, da er erst mehrere Male am Ermel gezupft werden
mute, ehe er sich umsah, eine Botschaft der Grfin Tannow zu vernehmen.
    Sie befinde sich in der Loge gerade ber ihm, lie sie ihm sagen, und
wnsche ihn auf ein Wort zu sprechen. Ungern folgte er ihrem Gehei, denn wenn
er gleich in ihrer Loge den sen Anblick nicht verlor, der ihn hier fast zur
Bildsule versteinert hatte, so war er doch dort weniger unbemerkt, und
gezwungen, seine Blicke sorglicher zu bewachen, als hier, wo er weit
unbeachteter sich im Gedrnge der Menge verlor.
    Er mute inde gehorchen. Man sieht Sie ja gar nicht mehr, flsterte die
Grfin ihm zu, als er ber ihren Stuhl gebeugt, sie begrte. Haben Sie die
Absicht, ein Einsiedler zu werden, so bitt' ich, diesen Plan wenigstens noch ein
paar Tage aufzuschieben, denn ich habe auf Sie gerechnet, und zur Strafe fr
Ihre Misanthropie so unumschrnkt ber Sie disponirt, als htte ich das Recht,
Sie zu meinen beweglichen oder unbeweglichen Gtern zu zhlen.
    Ahnungslos, welch eine Himmelspforte ihr Vorschlag ihm aufschlieen werde,
antwortete er, mit sauerm Mismuth im Herzen, aber mit der behenden Geflligkeit
eines gewandten Hoffmanns, da er keiner Gewalt als der Ihrigen sich freudiger
unterwerfe, und sie daher vollkommen berechtigt sei, in jeder Hinsicht ber ihn
zu gebieten.
    Der Winter ist so schn, und wir haben ihn eigentlich noch gar nicht
benutzt, fuhr die Grfin fort, denn Blle, Schauspiele und Assembleen knnte uns
allenfalls auch der Sommer gewhren; nun hr' ich, da seit gestern herrliche
Schlittenbahn seyn soll, und habe ein Projekt entworfen, wie wir den morgenden
Tag recht genieen wollen. Um zwlf Uhr Vormittags sind Sie bei mir zum
Frhstck geladen. Sie bestellen zu halb zwei Uhr Ihren Schlitten nach, und
haben die Ehre, mich nach Bellevue zu fahren. Dort erwartet uns das Diner in der
Orangerie. Mit Fackelschein fahren wir zurck, und, da ein Tag, der so heiter
beginnt, nothwendig auch ein frohes Ende haben mu, so bringen wir den Abend bei
dem *sischen Gesandten zu, der mit seiner Familie auch von der Parthie seyn
wird, und sich's ausgebeten hat, da wir dann smmtlich bei ihm absteigen.
    Der Nachsatz ihrer Rede shnte Alexandern mit dem Vordersatz wieder aus,
denn nur mit innerem Widerstreben, aus Hflichkeit, nicht aus Neigung, da er zu
geselligen Freuden keineswegs aufgelegt war, htte er sich auerdem in ihren
Plan gefgt, der jetzt seine khnsten Erwartungen bertraf. So sollte er sie
wiedersehn, ohne in dem misflligen Licht eines Zudringlichen zu erscheinen,
ohne sie aufzusuchen, ja, auf eine Art selbst gesucht, die seinem Stolz
schmeicheln, und ihm einiges Ansehn in ihren Augen verschaffen mute, da die
Grfin Tannow, die ihn zu ihrem Fhrer whlte, eine der gefeiertesten Damen der
Residenz war.
    Freudig einwilligend verbeugte er sich, und wrde ihr sein Entzcken noch
lebhafter bezeugt haben, wenn nicht theils die Klugheit ihm gerathen htte, es
zu verbergen, theils ein Anblick ihn so befremdet und zerstreut htte, da es
ihm nicht mglich war, sich gehrig zu sammeln.
    Es trat nmlich ein junger Mann in die Loge des Gesandten, der mit allen
Kennzeichen genauer, traulicher Bekanntschaft Platz hinter Erna nahm.
    Eine angenehme Gestalt und ein freier, durch Welt und gute Erziehung
gebildeter Anstand zeichnete ihn aus - mehr noch ein gewisser Ernst, der reifer
wie seine Jahre war, und sich fast zur Dsterheit hinneigte. In dem freundlichen
Empfang, der ihn von Seiten der Gesandtin und Erna's wurde, lag ein eben so
unverkennbarer Ausdruck von Achtung als von Wohlwollen, und unwillkhrlich
beneidete er den Unbekannten um das Lcheln, und den herzlichen Gru, mit
welchem Erna ihn aufnahm.
    Er verarbeitete das Unbehagen in sich, das bei diesem Anblick mit
pltzlichem Schauer die frohen Wallungen seines Blutes khlte, und als er wieder
so viel Ruhe gewonnen hatte, um gleichgltig fragen zu knnen, forschte er nach
dem Namen des ihm vllig Fremden, und erfuhr, da es Herr von Linovsky, der
Legationssecretair und sehr geachtete Hausfreund des Gesandten sei. Die Grfin
schilderte ihn als einen guten, klugen, aber etwas bizarren Menschen, der den
Philosophen spiele, allen geselligen Freuden abgeneigt, aber demungeachtet
seiner brigen guten Eigenschaften wegen von den beiden Damen sehr wohl gelitten
sei.

                                       X


Da Erna nach der ersten Begrung sich wieder ruhig zum Theater wandte, und
Linovsky sich keineswegs bemhte, sie durch seine Unterhaltung davon abzuziehen,
so stillten sich in Alexandern allmhlig die eiferschtigen Regungen, die ihm
von neuen besttigt hatten, wie theuer ihm das liebenswrdige Mdchen geworden
sei.
    Ohne das mindeste Recht auf sie, ja selbst ohne eine eigentliche Hoffnung zu
haben, war ihm doch, als sei sie mit tausend unzerreibaren, durch heie Liebe
gewebten Banden an ihn geknpft, und als drfe niemand wagen, sie ihm streitig
zu machen, oder auch nur in bescheidener Entfernung Wnsche in Beziehung auf sie
zu hegen, die er sich allein vorbehielt.
    Er fhlte, es sei die hchste, entscheidendste Zeit die Bahn unwrdiger
Verirrungen nun auf immer zu verlassen, und den Weg der Tugend knftig zu
wandeln, und bersttigt vom austrocknenden, den Weltleben sehnte er sich
darnach - aber er fhlte auch, da er der himmlischen Sttze der Liebe bedurfte,
um mit Hlfe ihrer Allmacht zu dem hheren Standpunkt empor zu klimmen, von dem
ihn bisher Leichtsinn und Frivolitt geschieden hatte. Schon war sein Herz mild
erwrmt von jener heiligen Flamme, die ber alle ehemaligen Tuschungen der
Sinne ihn erhebend, keinem Rausche, sondern einer inneren Verklrung gleich,
durch die das Leben sich lutert; aber Erna's Betragen deutete nicht auf die
Wahrscheinlichkeit einer einstigen Erwiederung seiner Gefhle, denn der ruhige
Ernst ihrer Zge und die khle Stille ihres Blicks, wenn er dem seinigen
begegnete, schlug seine feurigen Hoffnungen nieder, doch nur um - Nahrung aus
seinen Wnschen schpfend - sich bald wieder von neuem zu entznden.
    Er nahm sich vor, mit der leisesten Behutsamkeit zu verfahren, um durch ein
immer gleiches, bescheidenes Benehmen Erna's Unwillen so wie ihr Mistrauen zu
entkrften. Dann erst, das sagte ihm die Vernunft und ein gewisser innerer Takt,
der sich nicht ablugnen lie, dann erst, wenn er allmhlig sich wieder in den
Besitz ihrer Achtung gesetzt haben wrde, durfte er, einen gnstigen Erfolg
erwartend, ihr die innigeren Empfindungen bekennen, von deren Austausch er sich
jetzt allein das Glck seiner Zukunft versprach.
    Er konnte nicht umhin, die Grfin, als die Oper geendigt war, an ihren Wagen
zu begleiten. Auf der Gallerie, die den Eingang zu den Logen bildete, begegnete
er Erna am Arme des Gesandten, seine Gemahlin von Linovsky gefhrt. Man
wechselte einige freundliche Worte, die sich auf die Hoffnung bezogen, den
morgenden Tag gemeinschaftlich mit einander zu verleben, und scherzend
prsentirte die Grfin den Damen in Alexandern den Ritter, dessen krftigen Arme
sie morgen Leben und Wohlfahrt anzuvertrauen gesonnen sei. Mit vieler
Hflichkeit ergriff der Gesandte diese Gelegenheit, durch eine directe Einladung
an ihn zum nchsten Abend, die frohe Erwartung zu besttigen, welche die Grfin
schon frher in ihm erweckt hatte, sich gleichsam ohne sein Zuthun in einem
Hause eingefhrt zu sehen, das - weil es ihr Aufenthalt war - ein so
unbeschreibliches Interesse fr ihn hatte.

                                       XI


Die Hlfte der Nacht verging unter Anordnungen zum folgenden Morgen, der so
ahnungsvoll ber ihn anbrach, als sei er der Verkndiger einer neuen,
wichtigeren Epoche seines Lebens.
    Mit stiller Sebstzufriedenheit besah er sein Schlittengeschirr, das das
glnzendste und geschmackvollste der Residenz war. Denn er liebte den Luxus, und
sein Vermgen setzte ihn in den Stand, allem was ihm angehrte, den Stempel
einer Eleganz aufzudrcken, die durch edle Auswahl um so lieblicher ins Auge
fiel.
    So hatte er auch hier, da das Schlittenfahren zu seinen
Lieblingsvergngungen gehrte, Sorge getragen, es auf eine seine Eitelkeit in
jeder Hinsicht befriedigende Art genieen zu knnen, und es war nicht zu
lugnen, da wenn sein silbernes Glockenspiel harmonisch erklang, der Anblick
des schimmernden Schlitten, des mit mnnlicher Grazie und Leichtigkeit ihn
lenkenden Fhrers, und des muthigen, auserwhlt schnen Rosses, das aufs
zierlichste geschmckt war, etwas zauberisches in der Erscheinung hatte. Der
reiche Anzug seines Vorreuters, die Farben des Schlittens und seiner eigenen
Uniform waren so passend gewhlt, da eins durch das andere gehoben wurde, und
die reine Winterdecke des Schnees bildete nirgends den Grund zu einem
anmuthigeren Gemlde, als wenn er wie auf Sturmwindsflgeln auf diese Weise
vorberflog.
    Ungeduldig zhlte er die einzelnen Schlge der Uhr, die der Stunde
vorausgingen, welche ihn zu Erna's Wiedersehen rief - aber als sie nun selber
schlug, die lang ersehnte, da zgerte er, schchtern mit sich selbst kmpfend,
und alle Bldigkeit der ersten Jugend, in dmmernder Erinnerung schon abgelegt,
kehrte in ihn zurck, und vereinigte sich mit der nie gekannten Furcht, zu
misfallen, um ihn ngstlich so lang wie mglich zurck zu halten.
    Es war ihm, als habe ihn, gleich einem Luterungsbad, der nie empfundene
Zauber einer wahren ernsten Liebe, den er jetzt empfand, von all' den Flecken
gereinigt, mit denen die Verdorbenheit der Welt und seines eigenen Sinnes frher
sein Gemth entstellt hatte. Er fhlte sich weich, wehmthig, kindlich geworden.
Weinen htt' er mgen um die verlorene, entweihte Vergangenheit, die eine so
tiefe Kluft zwischen ihn und Erna warf, wenn nicht die Hoffnung trstend in ihm
den Glauben gestrkt htte, da Reue, die ja mit dem Himmel vershnt, auch ihn
ihr wieder nhern werde. Er gelobte sich selbst, wenn es ihm gelnge, die
Herrliche zu gewinnen, durch ein untadelhaftes Leben sich ihres Besitzes werth
zu machen, und wenn gleich manche Schwierigkeit sich vor ihm aufthrmte, so
zeigte der Spiegel der Zukunft seiner Sehnsucht doch in der Ferne dies
neidenswerthe Loos. Hatte sie ihn doch geliebt, als seine Fehler wie ppig
wucherndes Unkraut in seiner Seele jeden Keim des Besseren erstickten - wie
sollte sie ihn jetzt zu hassen vermgen, da Wunsch und Vorsatz der Besserung
sein Inneres veredelte, und ihn moralisch ihr um so viel nher brachte. Versenkt
in diese Trume, denen die Hoffnung ein so rosiges Colorit lieh, verga er zu
gehen, bis ein Eilbote der Grfin ihn an sein Versprechen erinnerte.
    Die Gesellschaft war schon versammelt, und mit dem Frhstck bereits fertig,
als er athemlos herein trat.
    Ich habe Ihre Galanterie nicht wenig verlumdet, rief ihm die Grfin
entgegen, oder vielmehr Ihr sptes Kommen hat es gethan, und nur weil Gnade bei
mir vor Recht geht, sollen Sie noch eine Tasse kaltgewordene Chocolade haben.
    Er wollte sich entschuldigen, aber der Blick in Erna's groes, ernstes Auge
machte ihn verwirrt, und widerspenstig verweigerte ihm die Flle der Worte ihren
Dienst, die ihm sonst so leicht zu Gebot stand. Der Gru, mit welchem sie den
seinigen erwiederte, war nur hflich, und die stille Klte ihrer Mienen, die
abgemessene Fremdheit ihres Benehmens gegen ihn, schnitt um so schmerzlicher in
sein warmes Herz, da er sich von dem heutigen, ungezwungenen Beisammenseyn mit
ihr so viel versprochen hatte.

                                      XII


Er war daher froh, als das Signal zum Aufbruch seine Verlegenheit beendigte.
Still und wortkarg lenkte er den Schlitten durch die schneebedeckten Gefilde,
wenig in der Grfin heiteres Plaudern eingehend und seine dsteren Gedanken
reuig in die Vergangenheit, zagend in die Zukunft senkend.
    Der Weg fhrte durch einen Tannenwald, dessen dunkles Grn die Hlle von
Schnee zuweilen durchbrach, wie eine leise Hoffnung in ihm die Nacht der
Resignation durchschimmerte, zu der Erna's an Geringschtzung grnzende
Gleichgltigkeit ihn zu verdammen schien.
    Auf einer Anhhe, zu der, wo der Wald aufhrte, eine breite Allee sanft
empor leitete, lag Bellevue, das Ziel ihrer Fahrt, und hell und freundlich von
der mittglichen Sonne beschienen, strahlte ihnen das wohlgebaute Schlo mit den
weit ausgebreiteten Orangeriegebuden entgegen, die es umgaben.
    Dort stiegen sie aus, und wandelten umher. Der Reichthum so vieler
tropischen Gewchse, die Zierden jedes Himmelsstrichs, und der Triumph der
Kunst, die selbst in dieser Jahreszeit die dem Sommer eigenthmlichen Blumen zum
Blhen zwang, machte auf Erna, die der Pflanzenwelt so hold war, einen kindlich
frohen, ihr ganzes Wesen freudig umwandelnden Eindruck.
    Auch Alexander fhlte sich freudiger angeregt, indem er bemerkte, da in
dieser sanften Neigung wenigstens ihr Gefhl dem seinen begegnen msse, denn an
Kinder, an Musik und Blumen hing sein Herz vorzglich, und beurkundete eben
dadurch, da es ursprnglich eine edlere Tendenz von der Natur erhalten hatte,
als sich im Getse seelenloser, oft gar die Seele entweihender Freuden mde zu
schlagen. Er selbst zog in seinen Zimmern mit der genausten Sachkenntnis, und
mit wahrer vterlichen Liebe die schnsten Blumen, und so ungeduldig er auch
brigens war, so konnte sein rascher Sinn doch mit der grten Behutsamkeit und
Ausdauer das Entwickeln und Fortschreiten einer Knospe belauschen, oder dem
leisen Entfalten einer lang ersehnten Blthe entgegen harren.
    Es nherte ihm Erna auf eine zwanglose und ganz zufllig scheinende Art, da
seine botanische Gelehrsamkeit ihr viele Namen, die ihr fremd waren, zu nennen
wute, und da er diese Wissenschaft nicht blos systematisch, sondern mit wahrer
entschiedener Vorliebe und Anwendung auf das praktische Leben gebt hatte, so
konnte er ihr mehr mittheilen, als die trockene Nomenclatur allein bietet, und
fgte die Eigenschaften, Zwecke und charakteristischen Tugenden eines jeden
Gewchses, das ihr eine neue Erscheinung war, mit hinzu.
    Eine so harmlose Unterhaltung machte sie zutraulich. Schon hrte sie nicht
nur mit gespannter Aufmerksamkeit seinen Belehrungen zu, sondern suchte durch
Fragen ihren Umfang zu erweitern, und durch Einwrfe, und oftmals keck genug
ausgesprochene Zweifel sich immer grndlicher durch seine Mittheilungen zu
unterrichten. Unvermerkt entfernten sie sich von den Uebrigen, die weniger
lebhaften Antheil an den Einzelnen nehmend, sich lieber dem Gesammteindruck
dieses erknstelten Frhlings berlieen, und vor der prchtigen camellia
japonica stehend, docirte er ihr mit vielem Ernst, da sie vermge des ewig
frischen Grns ihrer Bltter und des pergamentartigen Stoffs ihrer Blthen zu
dem Geschlecht der Orangerie gehre, in China und Japan zu Hause sei, und die
Eigenheit besitze, da ihre vom hchsten Purpur bis zum reinsten Wei
bergehenden Blthen abfallen, ehe sie noch verwelkt sind.
    Diese Worte schienen in Erna's leicht bewegtem Gemth eine sonderbare
Erschtterung hervorzubringen. Abfallen, vor dem Verwelken, welch ein
neidenswerthes Loos! sagte sie leise vor sich hin, und beugte sich auf eine der
Blthen herab, die, obgleich nur sanft von ihr berhrt, sich vom Stiel trennte,
und herab suselte.
    Schnell hob Alexander sie auf. Wie eine Mutter in ihren Kindern noch
fortlebt, sprach er, so pflegt man diese Blthen auf junge Knospen ihres Stammes
zu setzen, wo sie noch lange in ihrer Schnheit fortdauern, ohne eine andere
Nahrung in sich zu ziehen, als die, die sie in ihrer eigenen Kraft finden.
    Sie nahten sich jetzt der Plumeria rubra, und Erna fragte, ob dies nicht
eine Abart des Oleanders sei, den sie in sdlichen Lndern so oft im Freien habe
blhen sehen.
    Alexander mute eine flchtige Familienhnlichkeit zwischen diesen Gewchsen
anerkennen, berichtigte aber den freundlichen Irrthum, in welchem sie gleichsam
eine alte Bekanntschaft in dieser Pflanze zu erneuern whnte, dahin, da er ihr
aus einander setzte, wie sie, aus Jamaika abstammend, nur in heien Lften
gedeihe, und schon in den sonderbaren, mit einander gleichlaufenden, und noch
vor dem Rande der grnen Bltter sich wieder vereinigenden Seitenadern ihre
indische Herkunft beurkunde, da eine solche Zeichnung europischen Gewchsen
nicht eigen sei. Sie verlange stets eine gleiche, und nicht zu schwache
Temperatur der Wrme, und lohne die sorgsame Pflege, die ihr unter klteren
Zonen Bedrfnis sei, durch ihren herrlichen Duft, der ihr in ihrer Heimath auch
noch die Benennung: rother Jasmin zugezogen habe. Ihren botanischen Namen
verdanke sie dem verdienstvollen franzsischen Pater Plumier, der zu Anfang des
vorigen Jahrhunderts die westindische Naturgeschichte mit so vielem Eifer
untersuchte, so treffliche Entdeckungen als Resultate seines Forschens uns
hinterlie, und der erste war, der diese Zierde eines fremden Himmelsstrichs
nach Europa sandte.
    Mit vielem Interesse hrte Erna ihm zu. Wie schn find' ich diese Art, das
Andenken eines Naturforschers zu ehren, sagte sie. Ein unvergnglicheres
Denkmahl, als Erz und Marmor bieten knnen, blht ihm in der ewig sich
erneuernden Jugend und Schnheit des Pflanzenlebens, und trgt seinen Namen
dankbar in ferne Jahrhunderte hinber.
    Ich kann's nicht ausdrcken, fuhr sie zur Grfin gewendet, fort, die sich
ihr genhert hatte, welchen warmen Antheil gerade dieser Zweig der
Naturgeschichte in mir erregt, welch eine eigene, schmerzlich se Bedeutung
mein Gemth in das stille Knospen, Treiben und Vergehn der Pflanzen legt. Es
gemahnt mich, wie das menschliche, oder vielmehr wie das weibliche Leben, das
auch, so eng beschrnkt auf eine Stelle, sich oft, wie in eine stehende Form des
Daseyns gegossen, nur entfaltet, um zu verblhen - selten bemerkt - seltener
noch gekannt. -
    Warum schlieen Sie aber die Mnner aus, liebes Kind, fiel die Grfin
schalkhaft ein. Freilich - es wre ihnen zu viel Ehre erzeigt, ihnen unter den
Blumen ihren Platz anzuweisen - und sie in die Klasse des Unkrauts zu stellen,
dazu sind sie offenbar zu gut. Aber es fnde sich ja wohl eine andere,
passendere Rubrick fr sie. Lassen Sie uns ein wenig nachdenken. Sollen wir sie
zu den Schmetterlingen zhlen, die das Blhende umflattern, so lange es blht? -
Oder zu den Dornen, deren Zweck mehr zu verwunden, als zu schtzen ist? Oder zu
den Wrmern, die oft zerstrend die geheimsten Wurzeln des Daseyns zernagen, da
die zarte Staude hinwelkt, ohne da ein menschliches Auge die Ursach ihres
Leidens wahrnimmt? -
    Erna wurde roth. Ihr Auge erhob sich mit dem schchternen Ausdruck leisen
Forschens, welchen Eindruck diese Worte auf ihn machten, zu Alexandern, welcher,
aufgebracht ber den bittern Scherz der Grfin, der seine stille Unterhaltung
strte, und Erna's Stimmung sichtlich eine andere Richtung gab, sich schweigend
in die Lippen bi.
    Das sanfte Mitleid mit seinem gereitzten und peinlichen Zustande gab inde
ihrem Blick einen unwillkhrlichen Ausdruck von Zrtlichkeit, der alle
Bitterkeit des Unmuths in ihm verlschte, und indem sie leicht und schonend das
Gesprch auf andere Gegenstnde wandte, sparte sie ihm die Anstrengung mit so
befangener Seele in die ihm misfllige Heiterkeit der Grfin eingehen zu mssen.
    Sie fragte nmlich nach einer Gemldesammlung, die, wie sie gehrt hatte,
interimistisch im Schlosse Belleve aufbewahrt werde, bis ein eigenes Local in
der Residenz fr sie eingerichtet sei, und in welcher, zwar noch ungeordnet und
bunt unter einander gemischt, doch manche interessante Erinnerung aus grauer
Vorzeit, manches Andenken an spter lebende berhmte Menschen in ihren Bildern
enthalten seyn solle.
    Alexander kannte diese Sammlung und erbot sich zum Cicerone, und da der
kurze Wintertag nicht lange mehr volle Beleuchtung von auen versprach, so eilte
man, sie noch vor der eintretenden Dmmerung zu betrachten.

                                      XIII


Alexander fhrte sie in einen Saal, der durch mehrere Stockwerke gehend, und mit
Gallerieen umgeben, an seinen hohen Wnden die Heldengestalten der
Vergangenheit, gepaart mit den schnsten Frauen ihres Zeitalters zeigte.
    Zunchst begrten sie Heinrich den Vogler, den wackern Kaiser, der der
Stifter der Turniere und ihrer edlen Gesetze war.
    Einen Falken auf der tchtigen Faust, der mit den sonnenhellen Augen lstern
um sich blickt, schaut der tapfere Held in seiner ritterlichen Tracht, eine
rothe, gekrmmte Hahnenfeder auf dem Haupt, gar fest und gebietend um sich her,
whrend nach altdeutscher Weise aus seinem Munde Verse gehen, die derb und
bieder in ihrer kaum mehr verstndlichen Sprache an jene unverfeinerte, aber
krftige Epoche mahnen.
    Die Grfin fand es in seiner listigen Physionomie ausgesprochen, da es im
Leben seine Freude war, die harmlosen Waldbewohner zu bercken, und mit der
Leimruthe, oder im betrgenden Netz des Vogelheerds ihnen das kostbare Gut ihrer
Freiheit zu rauben.
    Erna aber, stets milde Ansichten habend, las neben dem Heldensinn, der aus
seinem Auge blitzte, die vterliche Milde, mit der er einst seiner ungehorsamen
Tochter Helena vergab, als sie mit ihrem Entfhrer, dem Grafen von Altenburg in
eine bhmische Wildnis geflchtet und zufllig von ihm, der sie fnf Jahre
betrauert hatte, entdeckt worden war. Sie hielt ihn fr einen fremden Ritter,
denn sie erkannte ihn nicht, da er im tiefen Schmerz um ihren Verlust whrend
ihrer langen Entfernung weder sein Haupt noch seinen Bart hatte scheeren lassen,
was zu den Zgen des Grams und des vor der Zeit dadurch herbeigelockten Alters
noch den wilden Ausdruck einer fast an Wahnsinn grnzenden Verworrenheit
gesellte.
    Er aber erkannte den undankbaren Liebling seines Herzens sogleich; doch
mnnlich sich zusammen nehmend, lies er nicht ahnen, wie tief bewegt sein schwer
gekrnktes vterliches Herz war.
    Und als Helena, frhlich nach so langer Abgeschiedenheit endlich einmal
wieder Kunde von der Welt und ihren neusten Begebenheiten zu vernehmen, durch
mancherlei Fragen nach ihnen forschte, drngte nicht kindliche Liebe, Reue, oder
Sehnsucht das Wort ber ihre Lippen, wie es Kaiser Heinrich ergehe?
    Als nun der Kaiser, ihre Gesinnung auf die Probe zu stellen, ihr erwiederte,
da er seit einem Jahr schon verschieden, und die zeitliche Krone mit der ewigen
vertauscht habe, hoffte er vielleicht leise, eine Thrne werde aus dem Auge
seines Kindes als vermeintliches Todtenopfer ihm fallen.
    Aber Helena schlug jauchzend in ihre Hnde, und freute sich, eine Waise zu
seyn, weil sie nun die Einsamkeit verlassen drfe, die selbst an der Seite des
Geliebten ihr drckend war.
    Was wolltet Ihr denn thun, edle Frau, fragte Heinrich, wenn Ihr den Kaiser
in Eurer Macht httet, gleich wie nunmehro mich?
    Wir wollten ihm das Licht heute auf eine Weise auslschen, antwortete
Helena, da er das morgende nimmer erblicken sollte.
    Nach lang gefhrtem Gesprch, in welchem der gekrnkte Vater sich sorgsam
bewachte, um sich nicht zu verrathen, bettete Helena ihn sanft aus Dankbarkeit,
wie sie sagte, fr die ihr gegebene frohe Nachricht, und entlie ihn am anderen
Morgen, ohne zu vermuthen, wen sie unter ihrem Dache bewirthet habe.
    Als aber der Kaiser wieder zu den Seinigen gekommen war, sammelte er ein
Kriegsheer, und bewaffnete es mit Beilen, um einen Weg durch das Dickicht des
Waldes zu bahnen, bis sie das Schlo seiner unkindlichen Tochter erreichten, das
er bestrmen lie.
    Als nun der Graf von Altenburg sich so feindlich umzingelt sah, fragte er,
wer es wage, ihm mit Kriegsberzug zu nahen, und: Kaiser Heinrich, donnerte es
in sein Ohr, whrend er an der Spitze des Heeres den grauen Ritter erblickte,
den er vor kurzem unerkannt bei sich beherbergte.
    Und als nun ein Herold ihn zur Uebergabe auffoderte, und ihm verkndete, da
es des Kaisers Befehl sei, ihn todt oder lebendig in seine Hnde zu liefern,
griff der Graf verzweiflungsvoll zum Bogen, sich bis zu seinem letzten
Blutstropfen zu vertheidigen - aber in fnfjhriger Ruhe war die Senne desselben
vermodert, und es blieben ihm nur Steine zur jmmerlichen Nothwehr.
    Da zerraufte sich Helena das Haar, und lief mit gerungenen Hnden auf die
Zinne des Schlosses, und rief hinab mit herzzerschneidenden Jammertnen: Wisset,
da wo mein Herr und Gemahl seines Lebens beraubt werden soll, ich das meinige
keine Stunde verlngert sehen will, und dafern mich keiner von Euch ermorden
mag, soll meine eigene Hand so beherzt seyn, mir die Brust zu durchstoen.
    Da stritten in dem schwer beklommenen Vaterherzen Ha und Liebe und Mitleid
mit einander, und die sanfteren Empfindungen siegten, und bezwangen den
gerechten Zorn. Knieend beugten sich die Frsten und Herren, die ihn umgaben,
vor ihm, und legten eine Frbitte ein, die Schuldigen zu verschonen, und durch
Vergebung ihres Unrechts zu begnadigen.
    Thrnen perlten an des Kaisers grauen Wimpern, und rollten seine
eingesunkene Wange herab. O wie mancherlei Fll hat doch die Liebe, brach er
aus. Wohlan! es soll Euerer Frbitt' gewillfahret werden.
    Diese milde vterliche Antwort ffnete wie durch einen Zauberschlag ohne
alle fernere Gewalt das Schlo, und die Liebenden kamen, zwar bebend, aber nicht
mehr zaghaft, hervor, und warfen sich in Demuth nieder vor ihren beleidigten
Herrn und Vater, der sie aber liebreich aufhub, ihnen verzieh, und sie wieder
mit sich in sein Hoflager fhrte.

                                      XIV


Ich mu gestehen, ich wre nicht so bereitwillig gewesen, zu verzeihen, sagte
die Grfin, und es scheint mir eine groe Schwche des Geistes und des
Charakters anzudeuten, da der gute Kaiser nach solchen Erfahrungen wie ein ganz
gewhnlicher Comdienvater sich benahm, und statt zu strafen vergab und verga.
Ich htte an seiner Stelle den Herrn Grafen laufen lassen, die saubere Helena
aber in ein Kloster gesteckt, um - nicht die Leidenschaft, der sie gefolgt war -
wohl aber die Lieblosigkeit ihrer kindlichen Gesinnung gehrig zu ben.
    Da die gefhllose Tochter dies verdient htte, bestreite ich nicht,
unterbrach sie Erna, aber sollte, was Ihnen Armuth des Geistes dnkt, nicht eher
ein Reichthum des Herzens gewesen seyn, der den Kaiser vielleicht unwillkhrlich
bewog, nicht als Richter, sondern nur als Vater zu handeln? Wie der Ocean den
Tropfen verschlingt, da keine Spur mehr sein kurzes Daseyn verrth, so tilgt
die Liebe durch ihre unberschwngliche Flle ja auch die einzelnen Krnkungen
und Beleidigungen aus, die uns von auen kamen, denn die Liebe berwindet alles,
und vergiebt alles. -
    Mit brennenden Blicken lauschte Alexander ihren Worten, die so trstlich die
dunkle Wolke seines Schicksals mit dem goldenen Saum der Hoffnung zu schmcken
schienen. Errthend bemerkte sie die hochgespannte Achtsamkeit, mit der er ihr
zuhrte, und setzte, Misverstndnissen vorbeugend, hinzu: die himmlische Liebe
nmlich, die das eigentliche Leben ist, und die Nacheiferung dessen, der seine
erwrmende Sonne Bsen und Guten scheinen lt, und seinen erquickenden Regen
ber Gerechte und Ungerechte vertheilt, und die, weil sie nicht im Irrdischen,
sondern in einer hheren Region ihr Wesen grndete, unsterblich ist, und
unsterblich macht.
    Sie wandte sich hierauf wieder zu den Gemlden, und die Lebendigkeit, mit
der sie nach cht weiblicher Art sich in der Geschichte wenig um die
Heldenthaten berhmter Mnner, desto mehr aber um die kleinen individuellen Zge
ihres Privatlebens und um die zeitgemen Eigenheiten ihrer Sitten bekmmert
hatte, und die Genauigkeit, mit der ihr treues Gedchtnis sich ihrer erinnerte,
charakterisirte ihr Geschlecht auf eine sehr anmuthige Weise, und nahm ihrem
Wissen, das sie unbefangen und freudig aussprach, jeden pedantischen Anstrich
gesuchter Gelehrsamkeit, da es nur als freundlicher Antheil an dem menschlich
empfundenen Wohl oder Weh der lngst in Staub Verwandelten erschien.
    Es machte ihr Vergngen, mit dem Gesandten, der die Geschichte als sein
Lieblingsstudium trieb, ein kindlich neckendes Examen anzustellen, in welchem er
oft nicht zu bestehen im Stande war, da sie begehrte, er solle in die grten
Einzelnheiten eingedrungen seyn, und immer mehr den Menschen, als seinen
ffentlichen Charakter im Auge behalten haben.
    Er hingegen, der Wrde des historischen Zwecks sich bewut, und ihn auf
hheres beziehend, als auf das eigentlich menschliche Leben, von dem schon
Salomon behauptet, da es nichts neues zu bieten habe, hatte ihn im Allgemeinen
aufgefat, und weniger enge Grnzen der Uebersicht sich gezogen. Wohlgeordnet
wute er die allmhlich aus der Nacht hervortretenden Fortschritte der Bildung
nach ihrer Zeitfolge sich vorber zu fhren, aber von dem eigentlich Huslichen,
Herzlichen der Vergangenheit, das fr Erna die Hauptsache war, hatte er keine
Notiz genommen.
    Daher als sie jetzt vor Otto des Groen Bilde standen, wute er zwar in der
mglichst chronologischen Ordnung darzuthun, da dieser seltene, wahrhaft groe
Mann im Jahr 937 in Aachen von Hildebert, Erzbischoff zu Mainz gekrnt worden
sei, tapfer als Kriegsheld fr Recht und deutsche Ehre gekmpft, ritterlich
seine Feinde berwunden, stets einen frommen gottseligen Wandel gefhrt habe,
und im Jahr 973 in Quedlinburg unter heiligen Betrachtungen der sieben letzten
Sterbensworte des Erlsers sanft und selig verschieden sei, worauf man seinem
entseelten Leichnam die Ruhesttte in Magdeburg angewiesen, das, durch die
Durchzge barbarischer Vlker verwstet, von ihm neu gegrndet, und durch den
ehrwrdigen Dom daselbst wahrhaft kaiserlich fr alle Zeiten ausgestattet worden
sei.
    Als nun aber Erna ihn fragte, was der groe Kaiser einst am Osterfeiertag in
Pavia erfahren, und welche mchtigeren Feinde als ein Kriegsheer von auen, er
rhmlich damals in seinem Innern bezwungen habe, wute er ihr nicht Rede und
Antwort zu geben.
    Triumphirend, ihn belehren zu knnen, trug sie daher im Chronikenton ihm die
Begebenheit vor, die sich da ereignete, und lchelte gutmthig ber sich selbst,
indem sie, wie sie sagte, vor einem so grndlich unterichteten Publicum als
Lehrerin der Geschichte auftrat.
    Als nmlich einst Otto das Osterfest in Pavia beging, wurde seine Tafel
unter andern Speisen, auch mit einem Osterfladen besetzt, dessen kstlicher Duft
einen jungen Herzog von Schwaben, der sich am kaiserlichen Hof aufhielt, zu
lsterner Begierde reitzte.
    Ohne das genschige Verlangen nach dem Genu dieses Fladens migen zu
knnen, oder zu wollen, erdreistete er sich, ehe noch der Kaiser herein getreten
war, ein Stck davon abzubrechen.
    Ergrimmt wurde der Truchses diese Verletzung schuldiger Ehrfurcht gegen
Kaiserliche Majestt in der frevelhaften Verunzierung seiner Tafel gewahr, und
erhob seinen Stab, das knabenhafte Beginnen des jungen Herzogs zu zchtigen.
    Aber unglckseliger Weise verwundete er ihn, und der Hofmeister desselben,
Herr Heinrich von Kempten wurde durch das Blut seines Zglings, das er flieen
sah, so in Wuth versetzt, da er den Truchses, diese Schmach zu rchen, auf der
Stelle niederstie.
    Als nun der Kaiser in der Absicht, sein Mahl zu halten, herein trat, und den
treuen Diener ermordet zu seinen Fen erblickte, entbrannte er in ungemessenem
Zorn, und befahl, den Thter augenblicklich hinzurichten.
    Da warf sich der Hofmeister zu seinen Fen, und flehte nur um ein kurzes
Gehr, sich verantworten zu drfen.
    Aber Otto versagte es ihm in der Heftigkeit der Leidenschaft, und
wiederholte den gegebenen Befehl, ihn sogleich, ohne Aufschub, zum Tode zu
fhren.
    Da bemchtigte sich des Unglcklichen die Verzweiflung, die nichts mehr zu
hoffen, nichts mehr zu frchten hat. Auer sich fiel er den Kaiser an, der sich
dieser Khnheit nicht versah, schlug ihn zu Boden, raufte ihm den Bart aus, und
wrde ihn mit starker Faust erwrgt haben, wenn nicht die Umstehenden
hinzugeeilt wren, und mit vieler Mhe ihn aus den Hnden des Rasenden gerettet
htten.
    Jetzt wollte man, emprt ber so unerhrte Frevelthat, ihn zum Tode
schleppen, ohne einen neuen Befehl des athemlosen Kaisers dazu zu erwarten.
    Aber siehe - er winkt mit der Hand - noch kann er nicht sprechen, doch sein
gtiges Auge befiehlt Schonung - zerknirrscht von Schaam und Reue steht der nun
wieder zu sich selbst gekommene Verbrecher in der Ferne.
    Da ruft ihn Otto zu sich, und spricht mit sanftem Ton: ich bekenne, da
nicht Du, sondern Gott durch Deine Hand mich gezchtiget und geschlagen, dieweil
ich das Obrigkeitliche Amt in Anhrung der Sach durch Zorns Verleitung hab
unterlassen. Weil ich nun meines Amts vergessen, so hat mich Gott an diesem Tag
des Herrn durch Deine Zchtigung mit gebhrendem Schmerz erinnern lassen, wie
ich mich hinfhro in dergleichen Fllen verhalten soll. Derowegen rede, was zu
Deiner Nothdurft dient, darob ich wissen kann, wie diese Begebnis zu
entscheiden.
    Hierdurch ermuthigt, trug Heinrich von Kempten ihm hierauf in geziemender
Ehrfurcht den Verlauf der Sache vor, und fgte die demuthsvolle Bitte um
Vergebung seines zwiefachen Vergehens auf seinen Knieen hinzu.
    Zorn und Rachsucht schwiegen in des Kaisers edlem Herzen, und er hob das
frher gefllte Todesurtheil wieder auf, und begnadigte den Reuigen. Doch,
dieweil Du mir den Bart, die Zierde des Mannes, mit khner Hand zerrauft und
verwstet hast, fgte er hinzu, so sollst Du eine Zeitlang mein Angesicht
meiden, und mir nicht unter die Augen treten.

                                       XV


Lachend ber den Schlu der Erzhlung, die Erna mit komischem Ernst vortrug, auf
eine Menge alter Autoritten sich berufend, aus denen sie dieselbe geschpft
hatte, wandelte man noch lange umher, um - von der eintretenden Dmmerung
gedrngt - wenigstens flchtig noch die brigen Portraite zu betrachten, die als
Stufen der nach und nach sich entwickelnden Kunst, und als Geprge ihres
Zeitalters so viel Interesse einflten.
    Nur momentan verweilte man bei Otto dem Dritten, dem schnen, jugendlichen
Kaiser, den Eifersucht in Italien durch ein paar vergiftete Handschuh im Lenz
des Lebens dahin raffte, und bei Adolph von Nassau, dem muthigen
Nonnenentfhrer, der so frh Krone und Leben verlor. Mitleidig gingen sie an dem
unglcklichen Heinrich dem Vierten vorber, den der eigene undankbare Sohn vom
Throne drngte, ihm nicht nur gewaltsam die Zierden kaiserlicher Wrde rauben
lie, sondern ihn unbarmherzig dem Hunger und dem Elende Preis gab; aber
schaudernd wandten sich alle von dem Bilde Heinrichs des Achten von England ab,
der mit einer Physionomie, als habe ihn Naturanlage und Gewohnheit zum Henker
bestimmt, seine ganze, scheuliche Seele in den Fanatismus und Blutdurst
ausdrckenden Blicken trgt. Sein doppeltes Kinn und die feiste Fleischmasse
seiner Wangen, die das feindselig glhende Auge fast begrbt, scheint von dem
eingesogenen Blut zu strotzen, das er so reichlich vergo, und das wahrhaft
frchterliche Lcheln, das seine Zge umschwebt, flt Entsetzen, statt
Vertrauen ein. -
    Hinweggescheucht von diesem Bilde hatten sie von dem widerwrtigen Eindruck,
den es auf sie machte, sich noch nicht erholt, als der Gesandte, der ihnen ein
wenig vorausgegangen war, sie durch einen lauten Ausruf der Bewunderung zu sich
hinzog.
    Hier wartete ihrer eine anmuthigere Ansicht. Sie fanden ihn vor der Sirene
ihrer Zeit, der reizenden Maria Stuart, die im schwarzen Sammthubchen, das
liebetrunkne Auge sanft erhoben, und den zarten Spitzenkragen um den noch
zarteren Schnee des ppigen Busens geschmiegt, in wunderbarer Schnheit ihnen
entgegen strahlte. Weich und lieblich hoben sich die Umrisse dieser reizenden
Form von den goldbefranzten Purpurkissen ab, auf denen sie ruhte, und der
blendende Schmelz ihrer blhenden lebenathmenden Farben bezeichnete sie in der
jugendlichen Frische jener Zeit, wo noch der Thron statt des Kerkers ihr Loos
war, so wie das still vor sich hin trumende Lcheln ihres verfhrerischen
Mundes schweigend zu verkndigen schien, da damals wohl die Regungen einer
zrtlichen Leidenschaft, doch noch nicht der Wurm des befleckten Gewissens und
der Schmerz verlorener Freiheit in ihrem Innern nagte.
    Manch mitleidiges Bedauern erweckte die Erinnerung ihres Unglcks beim
Anblick ihrer Schnheit bei den Herren; manch strenges, wiewohl gerechtes
Urtheil von Seiten der Damen, die bei der Uebersicht ihrer Schicksale fanden,
da sie nicht durch unvermeidliche Verhngnisse, sondern grtentheils durch
ihre eigene Schwche, das Vergessen ihrer nicht nur kniglichen, sondern auch
weiblichen Wrde, das Beleidigen alles Zartgefhls und das Verlugnen jeglicher
Schaam die Dornenkrone eines schmachvollen Todes statt der zwiefachen Kronen
erwarb, mit denen Natur und Rang sie geschmckt hatte.
    Erna schwieg, wie sie zu thun pflegte, wenn ihr milder, aber stets der
Wahrheit geheiligter Sinn, nicht zu vertheidigen vermochte. Doch hrte sie mit
Aufmerksamkeit dem Fr und Wider zu, wodurch man sich bemhte, die unglckliche
Knigin theils zu verdammen, theils zu entschuldigen.
    Nun, wir wollen uns nicht streiten, sagte der Gesandte lchelnd, als die
Debatten immer lebhafter wurden. Eine schmerzliche Bue, und am Ende der
vershnende Tod haben jetzt ja lngst die schne Snderin wieder gereinigt. Ich
spreche sie nicht von aller Schuld frei, aber viel, sehr viel trug gewi die
Rohheit ihres Zeitalters und der schottischen Sitten, und ihr in Frankreich
durch Schmeichelei verwhnter, durch Ueppigkeit aufgeregter Charakter nebst den
mehrmals verfehlten Wahlen ihres Herzens zu ihrem Verderben bei. Jung, feurig,
durch Partheienha verfolgt, und allein stehend, hielt sie das dunkle Gefhl,
das sie leitete, fr Instinkt der Schutzbedrftigkeit, und wurde so zu gleicher
Zeit ein Gegenstand ffentlicher Geringschtzung und eine Beute mnnlichen
Uebermuths und mnnlicher Hrte, von der nichts als neue Uebereilungen ihr eine
Erlsung zu versprechen schienen. Ich bekenne, da ich mir sie weit lieber als
eine Verfhrte, Gefallene denke, deren Unglck mein Mitleid anspricht, da
ungnstige Verhltnisse sie Stufenweise weiter auf den unrechten Weg drngten,
wie als eine Lasterhafte, die durch eine schwarze Seele die himmlische Schnheit
dieses Krpers entweihte, Mordgedanken hinter dieser anmuthigen Stirn verbarg,
und schamlose Unsittlichkeit, zerstrenden Ha und Rachgefhle in diesem
blendenden Busen hegte. Daher scheint mir die Anwendung des Spruches nicht
unpassend auf sie: wer viel geliebt hat, dem wird viel vergeben werden.
    In dieser Verdrehung des eigentlichen Sinnes jener Worte erkenne ich ganz
den Diplomatiker, der gewohnt ist, seine vielseitigen Meinungen unbestimmt
auszudrcken, damit ihm stets ein Schlupfwinkelchen brig bleibe, unterbrach ihn
lachend die Grafin, Maria Stuart hat Viele geliebt, ob viel oder wenig - wer
knnte das ergrnden, und wenn er auch eben so tolerant wie Sie und noch
bestochener vom Eindruck ihrer Reize wre?
    Ja gewi, sagte Alexander, den Erna's Nhe und ihre holde Freundlichkeit
allmhlig in eine immer steigendere Begeisterung versetzt hatte, sie kannte in
der Flatterhaftigkeit ihres gedankenlosen Leichtsinns die eigentliche Liebe,
jene Himmelstochter, nicht. Sie, die nur einen Gegenstand mit der Gluth eines
vollen Herzens umfat, nur einem das Daseyn und alle Krfte eines durch sie
geheiligten Gemths zu widmen vermag, htte die Unglckliche nicht so unsicher
im Leben schwanken, und am Ende als Opfer ihrer eigenen frivolen
Unbedachtsamkeit sinken lassen.
    Er meinte in diesem Augenblick so herzlich was er sagte, er fhlte durch die
Neigung, die so wahr und rein fr Erna in seinem Busen aufgeflammt war, sein
sonst profanes Wesen so veredelt, sich - im Endlichen das Unendliche ahnend -
dem vorhergehenden Larvenleben so entrckt, und den wahren Werth des Daseyns,
den er sonst im Schein und Schimmer suchte, in seiner eigentlichen Wurde
anerkennend, da es nur eines fernen Entgegenkommens, nur einer leisen, aber
bestimmten Hoffnung der Erhrung bedurft htte, die unerschtterliche Basis in
ihm zu grnden, die in jeder knftigen Versuchung ihn vor dem Fallen bewahrt
haben wrde.

                                      XVI


Er verdiente es daher nicht, durch den eigenthmlichen, oft etwas stechenden
Humor der Grfin, auf eine schmerzliche Weise der Heuchelei bezchtigt, und in
Erna's Augen herabgesetzt zu werden.
    Ei, ei! hub sie nmlich an, ihn schalkhaft mit ihren Blicken fixirend, wie
so auf einmal verndert! Mir deucht, da das Princip: Viele zu lieben, vor
Kurzem noch ebenfalls ganz das Ihrige war, und da Sie Sich durch Wort und That
auch recht freimthig dazu bekannten. Woher die pltzliche Metamorphose?
Erhalten vielleicht gewisse Tugenden erst ihren Glanz durch Reibung an
entgegengesetzten Fehlern? Oder wollen Sie - in allen Farben des Chamleons
schillernd - uns heute dadurch berraschen und ergtzen, da Sie uns zeigen, wie
Ihre Gewandtheit selbst das Heterogenste fr Ihren Charakter, die Maske der
Bestndigkeit, mit Anstand zu tragen versteht?
    Der heitre scherzhafte Ton, in dem sie sprach, milderte zwar die Bitterkeit
der Beschuldigung, die fr Alexandern in ihren Worten lag, aber da sein Blick
auf Erna, die dunkel glhend errthet war, ihm bewies, da der Fluch des
Argwohns gegen ihn, der wie ein mephitischer Dampf sich aus dem bitteren Kelch
ihrer frheren Erfahrung entwickelt hatte, jetzt von Neuem wieder ihr
zutrauensvolleres Wesen vergiftete, fhlte er sich so ergrimmt gegen die
leichtfertige Frau, da er den unersetzlichen Schaden, den sie ihm, ohne es zu
wissen oder zu wollen, that, auf das bitterste htte an ihr rchen mgen.
    Er nahm sich indessen zusammen, und strebte mit der Fassung eines
Weltmannes, dessen Oberflche stets ruhig scheint, wenn es auch im Innern tobt
und brauset, durch eine ebenfalls scherzhafte, aber piquante Replik sich zu
vertheidigen. Doch kostete es ihm wirklich Ueberwindung, ihr den Groll zu
verbergen, der sein Herz erfllte, und der, wenn er sich verrathen htte, die
leichte Neckerei schnell in das dornenvolle Gebiet einer frmlichen Entzweiung
hinber gefhrt haben wrde.
    Indessen war die Dmmerung eingetreten, und mit ihr die Stunde des
Mittagsessens, das sie erwartete. Ein liebliches Gemach von origineller
Erfindung verband, den Mittelpunkt ausmachend, zwei lange Reihen von
Gewchshusern, in denen ganze Wlder der herrlichsten Orangerie mit Blthen und
Frchten prangten, und im vollen Schmuck des Sdens der Schneehlle der Mutter
Erde drauen spotteten. Stufenweis senkte sich von den hohen Wnden die
Blumenflle aller Zonen, so wie aller Jahrszeiten in zierlichen Gefen herab,
mit sem Duft die Nahenden begrend, und zahme Canarienvgel flatterten, jetzt
vom Glanz der Lichter aus ihrer frh begonnenen Ruhe aufgescheucht, zwischen dem
frischen Grn umher, und belebten es auf eine anmuthige Weise.
    Anders aber war der erwhlte Speisesaal decorirt, der durch verborgene
Rhren sommerlichmilde erwrmt, in lieblicher Tuschung eine Felsengrotte
darstellte. Groe Granitblcke, zum Theil bemoost, zum Theil mit Epheu und
Gestruchen umzogen, fgten sich, kunstvoll die Natur nachahmend, zusammen, und
wlbten sich in bedeutender Hhe, einen weiten, luftigen Raum umschlieend.
Palmen, Cipressen und Laurus, mit weiser, geflliger Oeconomie vertheilt und
gruppirt, schienen schlank dem weichen Moos des Bodens entsprossen, als sei hier
ihre eigentliche Heimath. Ein reicher Quell ergo von oben seine silberne Flle
rauschend als Wasserfall ber mehrere Felsentrmmer, die ihn brachen und
vervielfltigten, bis seine schumende Fluth zu einem breiten Wasserspiegel sich
sammelte, der alsdann mit sachterem Gepltscher in einem Becken von rohbehauenem
Granit sich verlor.
    Hier, durch schimmernde Lampen tageshell erleuchtet, fanden sie eine reich
besetzte Tafel, und es besttigte sich auch diesmal die alte, vielbewhrte
Erfahrung, da - nicht der thierische Genu des Gaumenkitzels - sondern die
Frhlichkeit des Beisammenseyns, das harmlose Ruhen aller Geschfte und das
unwillkhrliche Verstummen mancher Sorgen unter munterem Geschwtz, eine
wohlgeordnete gesellige Mahlzeit zu einer nicht unerheblichen Erholung und
Lebensfreude zu machen pflegt. Heiterkeit und Scherz herrschte in dem kleinen
aber frohen Kreise, jedoch ohne im mindesten die Grnzlinie zu berschreiten,
welche die Charis vorzeichnet, denn man wurde gegenseitig traulicher, ohne
dreist zu werden. Munter erklangen die Becher, mit des Bachus edelsten Gaben
gefllt, und selbst die Damen versagten es nicht, tropfenweise den Champagner zu
nippen, wozu die Mnner mit wahrer Kriegslist, durch ausgebrachte Gesundheiten
und sonstige heitere Veranlassungen, sie stets von Neuem zu verleiten suchten.

                                      XVII


Anfangs hatte Alexander schchtern nur von ferne Erna's Zge und ihre Stimmung
beobachtet, und so lange er sie in sich gekehrt, nachdenkend und schweigend
erblickte, fand der Frohsinn den Weg zu seinem Herzen nicht.
    Doch bald klrte sich der trbe Nebel auf, der ihre Stirn umwlkte, und das
schne Auge hing nicht mehr, durch die gesenkten Wimpern verschleiert, am Boden,
oder erhob sich ernst, von schmerzlicher Gedankenflle umdstert. Freier schaute
es um sich her, in seiner eigenthmlichen, reinen, berirrdischen Klarheit
strahlend, wie ein milder Stern, der aus hheren Regionen den Glauben an das
Heilige und Ewige unauslschlich in jede Seele senkt.
    Kindlichen Sinnes, und die zarten Saiten ihrer Gefhle leicht bewegt, wie
die vom leisesten Hauch bewegte Aeolsharfe, war ihr der Uebergang von tiefem
Ernst zu mittheilender Frhlichkeit nicht schwer, und sie kehrte nur dann erst
wieder zu der ihr von den Bemerkungen der Grfin aufgedrungenen, einsylbigen
Frmlichkeit zurck, als diese Letztere, die mit der Gesandtin in ein sie
lebhaft interessirendes Gesprch gerathen war, beim Wegfahren pltzlich
erklrte, da sie den Platz bei derselben im Schlitten einzunehmen und den
ihrigen Erna zu bertragen wnsche.
    Ich werde Ihnen untreu, sagte sie zu Alexandern, aber ich mache Ihnen keine
Entschuldigung, sondern ich erwarte Ihren Dank, da ich meine Stelle so wrdig
besetze.
    Eben so ahnungslos, wie sie ihn vorhin beleidigt hatte, vershnte sie ihn
jetzt durch die Gelegenheit, die sie ihm gab, whrend der Stunde des Heimwegs
Erna nahe zu seyn.
    Ehe sie aber noch einstiegen, brachte ein heimlich von ihm beauftragter
Grtnerbursche einen Korb voll der lieblichsten Blumenstrue, die er unter die
Damen vertheilte.
    Eine wunderschne Rose hatte sich der leichten Fessel entrissen, und war
vereinzelt im Korbe zurck geblieben. Er wagte es, sie Erna noch insbesondere
anzubieten, und streifte sorglich vorher die Dornen ab, die sie verletzen
konnten.
    Die Grfin bemerkte es. Was thun Sie? rief sie aus. Sie rauben ja dem armen
Rslein Wehr und Waffen, und machen es zu einem unnatrlichen Unding. Denn eine
Rose ohne Dornen - ist das nicht gerade, wie Liebe ohne Schmerz? Beides ist auf
dieser prosaischen Erde nicht zu finden, und wer wei, ob es sogar in den
elisischen Feldern, oder in Oschinnistan, und wie die sonstigen Domainen und
Residenzen der Feen und Zauberer heien mgen, zu Hause ist.
    Der Natur nachzuhelfen, ist ja das schne Vorrecht der Kunst, erwiederte er,
wie nicht vielmehr der Verehrung, die dem zarteren Geschlecht so gern in der
Liebe den Schmerz und an der Rose die Dornen sparen mchte.
    Er reichte hierauf die nicht mehr verwundende Blume Erna ehrerbietig hin.
Sie nahm sie an, und er hatte die se Genugthuung, gewahr zu werden, da sie,
als sie sich unbeobachtet glaubte, sie tief in ihrem Zobelpelz verbarg, um sie
vor dem kalten Athem der Winterluft zu schtzen.
    Jetzt mahnte das schallende Glockengelute der Schlitten, das kunstmige
Klatschen der Peitschen in den gebten Hnden der Vorreuter, und der Schein der
Fackeln, die den dunkeln Winterabend verklrten, an die Heimkehr.
    Er bot Erna den Arm, sie in seinen Schlitten zu fhren, und hllte sie
sorgsam in die reichen Tygerdecken desselben, die zum Schutz gegen die Klte
dienten. Der Gedanke, sie so gewissermaen fr einige Zeit in seiner Gewalt zu
haben, und sie furchtlos und ruhig der Leitung seiner Zgel sich hingeben zu
sehen, durchzuckte ihn mit sem Schauer, und weckte eine Reihe wehmthig
seliger Bilder in seiner Seele.
    Ach - drfte er so ihr knftiges Schicksal lenken, wie jetzt den Schlitten,
der die theuerste Brde trug! Gewi - diese Ueberzeugung war ihm klar - sollte
sie es nimmer bereuen, es ihm anvertraut zu haben.
    Denn er fhlte sich ein ganz anderer Mensch geworden, als vormals. Sein
vergangenes Leben pate durchaus nicht mehr zu der inneren Welt seiner jetzigen
Gesinnung, und er mochte kein doppeltes Daseyn in sich ahnen, wie so mancher in
sich trgt, sondern glaubte fest, da ein Herz, in dem ihr Bild herrsche,
unwillkhrlich sich zum Tempel der Reinheit und der moralischen Wrde veredlen
msse.
    Zuerst war die Unterhaltung zwischen ihnen sehr wortkarg. Ihm gengte es,
sich stumm der Gewiheit zu berlassen, da sie es sei, die er fuhr, und dies
Gefhl, verbunden mit der eigenen Bldigkeit, die ihn in ihrer Nhe zu befallen
pflegte, verschlo seine Lippen. Es schien ihm unbescheiden, hier, wo sie ihm
nicht entrinnen konnte, die Rechte einer lteren Bekanntschaft geltend zu
machen, und ihr irgend etwas zu sagen, was sie an die Vergangenheit erinnern,
und so in Verlegenheit setzen, oder ihren Unwillen reizen knnte. Er wagte es
daher nur, von der Schnheit des Abends zu reden, der, trotz der Klte, aus dem
tiefen Blau des sternbeseten Himmels, und aus dem blitzenden Schneegewand der
Erde, durch den Fackelglanz rthlich erhellt, mit streng nordischer Anmuth sie
ansprach.
    Erna erwiederte einiges auf seine Bemerkungen. Der Ton ihrer Stimme war
sanft und milde, und sie schien sich allmhlig zu einer freiwilligeren
Mittheilung zu bequemen, wenn diese gleich stets innerhalb der Schranken
fremdartiger Zurckgezogenheit sich erhielt. So sprach und fragte sie manches,
unter andern wollte sie wissen, wem das Landhaus gehre, das, als sie den Weg
zurckgelegt hatten, aus einer entbltterten Baumgruppe heiter mit seinen
hellerleuchteten Fenstern von einer kleinen Anhhe dicht am Wege ihnen entgegen
schaute.
    Er antwortete ihr, da der Besitzer einer seiner Jugendfreunde sei, der
frher bei seinem Regiment gestanden, seit Jahr und Tag aber seinen Abschied
genommen, sich verheirathet, und diesen kleinen halb lndlichen halb stdtischen
Besitz, den er Sorgenfrei nenne, zu seinem bestndigen Aufenthalt gewhlt habe.
Sie versetzte hierauf, da schon beim frheren Vorberfahren die simple Eleganz
der Bauart und die schne Lage dieses Hauses ihr aufgefallen sei, und da sie
begreife, wie man recht gern an einer so lieblichen Stelle sich zeitlebens
ansiedlen mge.
    Unter diesem Gesprch hatten sie die Thore der Residenz erreicht, und nach
wenig Minuten hielten sie vor dem Hotel des Gesandten still.

                                     XVIII


Nicht ohne einen leisen Schauer von Wonne betrat Alexander die Schwelle, die zu
der Wohnung der Geliebten fhrte.
    Zwar konnte er sich denken, da das Allerheiligste derselben, ihr Zimmer,
ihm verschlossen bleiben werde; aber es waren doch dieselben Wnde, die sie
tglich umgaben, die er sehen, es war ihr husliches Leben, das er beobachten
sollte, und um keinen Preis der Welt htte er das Recht vertauscht, sich nun mit
eigenen Augen berzeugen zu drfen, wie sie im engeren Kreise des heimathlichen
Thuns und Wirkens sich bewege.
    Ohne Pracht, aber in einem edlen, geflligen Styl war die Wohnung des
Gesandten eingerichtet, und man athmete bald unwillkhrlich einen Theil des
Friedens und der ruhigen Heiterkeit ein, welche nicht allein innerhalb der
einfach geschmckten Rume, sondern auch in den Gemthern ihrer Bewohner
herrschte.
    Ein freundlicher Salon versammelte sie um den flammenden Camin. Erna hatte
sich einen Moment entfernt, um ihren Pelz abzustreifen, und erschien nun in
einer zierlichen Hauskleidung, sich, - als sei hier ihre eigentliche Sphre, -
mit Eifer und Lebendigkeit all der kleinen Geschfte annehmend, die sonst der
Wirthin obliegen.
    Als der Thee gebracht wurde, trat auch Linovsky herein, und mit ihm eine
alte Bekanntschaft Alexanders, Auguste nmlich, vor deren strengem, kalt ihn
messenden Blick sein der unbefangenen Freude geffnetes Herz, gleichsam
krampfhaft erstarrend, sich wieder zusammen zog.
    Sie schien nicht berrascht, ihn hier zu finden. - Dies war ihm ein Zeichen,
da Erna sie auf seinen Anblick vorbereitet hatte, da sie voraus wute, er werde
an der Gesellschaft Theil nehmen. Ohne Befremden, wohl aber mit einer gewissen
frostigen Geringschtzung und mit jener Art von Scheu, mit welcher der Gesunde
sich von dem Pestkranken abwenden wrde, setzte sie sich neben ihn, und wurde
ihm durch die Steifheit ihres ihm so offenbar abgeneigten Wesens zu einer hchst
drckenden, widerlichen Erscheinung.
    Ganz sicher htte sein beleidigter Stolz nicht so geduldig die schweigenden
aber unverkennbaren Merkmale ihrer feindseligen Gesinnung hingenommen, wenn
seiner Politik nicht die Nothwendigkeit eingeleuchtet wre, sie als Erna's
Freundin, die von je her einen fast mtterlichen Einflu auf sie hatte, schonen
zu mssen.
    Er stellte sich also, als bershe er ihr unverbindliches Betragen, und -
ohne die allgemeine Hflichkeit zu vernachligen, setzte er sich wohlweislich
durch keine Annherung der Gefahr aus, ihre Stimmung gegen ihn noch deutlicher
als durch diese stummen Kennzeichen von ihr ausgesprochen zu sehen.
    Eine Beobachtung, die er im Stillen machte, gab ihm indessen von der einen
Seite das Wohlbehagen wieder, das von der andern ihm geraubt worden war.
    Denn er glaubte nmlich zu bemerken, da zwischen Linovsky und Augusten ein
Verhltnis existire, dessen Eigenthmlichkeit ihnen wenig Rcksicht auf Erna zu
nehmen gestattete.
    Es herrschte zwischen ihnen ein so achtungsvoller, inniger und zutraulicher
Ton, da man sie leicht htte fr ein Paar Verlobte halten knnen, die - nicht
aus Leidenschaft, sondern aus Vernunft, ruhiger Ueberlegung und chtem
Wohlwollen sich gegenseitig frs ganze Leben erkoren haben.
    Er begegnete ihr mit der zartesten Aufmerksamkeit, fate jede ihrer
Aeuerungen auch in der leisesten Beziehung auf, richtete hauptschlich an sie
alles, was er sprach, und schien, sie nie aus den Augen verlierend, ihrem
Urtheil stets das seinige zu unterwerfen.
    Sie hingegen nahm, als gebhre es ihr so, seine freundliche Beflissenheit um
sie wie ein Recht auf, an das ein engeres Verhltnis ihr Ansprche gegeben. Sie
hrte ihm am liebsten zu, wenn er redete, und mute sie bon gr mal gr jemand
Anderm ihr Ohr leihen, so lauschte sie doch wenigstens auf seinen Ton, und
strebte, an dem, was er unterdessen sagte, Theil zu nehmen, so wie sie in allen
streitigen Punkten der Unterhaltung ihn gleichsam als die hchste Instanz zu
betrachten und zu ehren schien. Widersprach sie auch zuweilen einmal seiner
Meinung, so geschah es auf eine Art, welche deutlich bewies, da nur das
Verlangen, den Faden des Gesprchs mit ihm weiter fortzuspinnen, aber keine der
seinigen entgegengesetzte Ueberzeugung sie dazu vermochte.
    Alle diese kleinen, oft so charakteristischen Zge, die auf Liebe
hinzudeuten pflegen, gossen in Alexanders, durch Eifersucht leicht aufgeregtes,
strmisches Gefhl, eine linde Beruhigung ber diesen Punkt, und er gnnte der
blassen, verbleichten Auguste, so zuwider sie ihm auch war, den offenbar fr sie
zu schnen und jugendlichen Verehrer, da ihm dadurch die Sorge, er mchte sich
um Erna bewerben, vom Herzen fiel.
    Die Grfin, deren lebendig regsamer, Sinn stets, auch bei der angenehmsten
Unterhaltung, nach Abwechselung verlangte, foderte Erna auf, Musik zu machen.
Ohne sich lange zu weigern, setzte sie sich zum Fortepiano, und bat Linovsky um
seine Begleitung mit der Violine.
    Welch ein neues Talent entfaltete jetzt die Hochbegabte, sie, die mit der
herrlichsten Blthe aller Eigenschaften, welche das Vollkommene bezeichnen, eine
Anspruchslosigkeit verband, die durch den Zauber der Bescheidenheit den Zauber
ihrer Kunst noch erhhte.
    Ihre zarten Finger schienen, leicht wie ein Gedanke, ber die Tasten
hinschwebend, beseelte Sprachwerkzeuge zu seyn. Sie weckte die schlummernden
Tne mit einer Leichtigkeit und Sicherheit, mit der nur die tiefe Bedeutung
verglichen werden konnte, die den herzgewinnendsten Ausdruck in jede Note zu
legen wute.
    Als sie nun die volle, silberhelle Stimme erhob, sie mit ihrem trefflichen
Spiel zu verschmelzen, da enthllte sich der Umfang ihrer Kunst ganz in der
Entwirrung der schwierigsten Passagen, in den berraschendsten Lufern, in den
meisterhaftesten Intervallen, so wie die Tiefe ihres Gefhls, der Melodie erst
durch die reinste Intonation eine Seele verleihend, im erschtternden Ausdruck
gewaltsam hervorbrechender Leidenschaft, mild besnftigt durch den schmelzenden
Ergu sanfter Empfindung, und dann wieder im erhabenen Schwunge ernsten Gesanges
wie ein frommer Gedanke sich aufwrts zu den Sternen erhebend, sich aussprach.
    S berauscht hatte Alexander den erquicklichen Strom dieser gleichsam einer
hheren Sphre entquollenen Tne in sich gesogen, und - so seelenvoll auch
Linovsky's Spiel auf der Violine war - doch nur Erna's Laut vernommen, nur ihr
auf den Schwingen ihres gttlichen Gesanges in den dritten Himmel folgend, aus
welchem das prosaische Applaudissement der Grfin ihn jetzt rauschend und
strend herab zog.
    Er vermochte es nicht ber sich, Erna auch nur mit einem einzigen Worte zu
bezeugen, wie sehr sie ihn gerhrt, entzckt und erschttert habe. Worte dnkten
ihn in diesem Augenblick der herrlichsten Ergreifung die Herrlichkeit der
Gefhle zu entweihen, die noch im leise verhallenden Nachklang so tief und innig
ihn durchbebten.
    Aber als sie nun aufstand, und - wenn ihn nicht alles tuschte - ihr Blick,
gleichsam verschmt und schchtern ihn, ihn vor Allen, zu suchen schien - als
ihr der seinige begegnete, der flammend nur an ihr hing - da - er las es in
ihrer lieblichen Verwirrung - da - das wute er gewi - konnte kein Zweifel an
dem unauslschlichen Eindruck, den sie auf ihn gemacht hatte, Raum in ihrer
Seele finden.
    Sie setzte sich wieder zu ihrer Arbeit nieder, und das tief gesenkte Auge
fest auf die Stickerei heftend, mit der sie eben beschftigt war, gewann sie
bald ihre gewhnliche Unbefangenheit wieder. Die Gesandtin, welche unterdessen
von ihren Lieblingsgesngen, den eigentlichen Volksliedern, gesprochen hatte,
die oft, nicht nur das innerste Geprge des Nationalcharakters ausdrckend,
sondern auch die ehrwrdigen Sagen grauer Vorzeit in frommer Einfalt
festhaltend, kunstlos und rhrend zum Herzen dringen, weil sie vom Herzen
abstammen, bat Erna, einige derselben, die sie auf ihren gemeinschaftlichen
Reisen gelernt habe, zu singen, und sie that es ohne alle musikalische
Begleitung, nur durch ihre grazise Mimik untersttzt, welche sie so ganz der
kindlichen Eigenthmlichkeit der Gesnge, die sie vortrug, anzupassen wute.
    Zuletzt erinnerte sie die Gesandtin noch an ein kleines Lied, das sie einst
in Frankreich von einer Prozession junger Mdchen gehrt hatten, die, ein
Christuskindlein in einer kleinen Kapelle am Wege bekrnzend, es sangen, und das
sowohl dem Inhalt als der Melodie nach sich ihnen damals tief eingeprgt hatte.
Es bestand blos in diesen vier Zeilen:

Doux enfant Jesus!
Donne moi le Saint Esprit,
Et toutes les vertus
De ta mre Marie, Marie, Marie.

Alle hrten bewegt diese Worte an, die durch Erna's reine, jetzt sanft gedmpfte
Stimme und eine ganz eigene kunstlose, aber die innersten Saiten des Gefhls
berhrende Melodie sich unaufhaltsam durch das Ohr ins Herz stahlen.
    Die Gesandtin erzhlte, da die Sngerinnen meist nur erst zwlfjhrige
Kinder gewesen wren, welche mit ihren leichten, fast therischen Gestalten, in
ihrer sdlichen Blsse, mit dem dunklen Haar und Augen, in denen eine
schwrmerische Andacht sich mit dem Ausdruck der Unschuld ihres zarten Alters
gepaart habe, ihr wie eine Schaar Verklrter erschienen wren. Sie habe sich der
Thrnen nicht enthalten knnen, und wisse noch selbst nicht, ob der Anblick der
weigekleideten, geisterhaft an ihr vorberschwebenden Kinder, oder die rhrende
Weise ihres Liedes am meisten auf sie gewirkt habe.
    Alexander achtete wenig auf das, was sie sagte. Nur mit einem Gegenstand
beschftigt, konnte er sein Auge von Erna nicht losreien, die mit einer so
milden, lieblichen Frmmigkeit in ihren Zgen dies kleine Lied gesungen hatte,
da unwillkhrlich alle seine Gefhle in ihm riefen: Himmlische! das Gebet, das
eben von deinen Engelslippen erklang, ist schon erhrt. Alle Tugenden, die die
Mutter Gottes zieren - Demuth, Wrde und Reinheit - alles, alles ist bereits
dein herrliches Eigenthum. Flehe nicht um mehr! - - wie drften sterbliche Wesen
es dann jemals wagen, sich dir hoffend und liebend gegenber zu stellen? -

                                      XIX


Das Abendessen versammelte die Gesellschaft traulich um einen runden Tisch, wo
die Unterhaltung allgemein wurde, und bald sich leicht und ungezwungen um
verschiedene nicht uninteressante Gegenstnde bewegte.
    Der Gesandte, der unter der Hlle ueren Ernstes einen heitern,
jovialischen Sinn verbarg, fand Vergngen daran, mit der Grfin, deren neckend
muntere Laune ihn anzog, einen immerwhrenden kleinen Krieg zu fhren.
    Nicht aus einem gewissen Geist des Widerspruchs, sondern um sie stets von
Neuem anzuregen, und ihr Gelegenheit zu geben, ihrem Muthwillen freien Lauf zu
lassen, bildete er stets ihre Oppositionsparthei, und bestritt, sie gern
zuweilen selbst bis zu leichtem Unwillen reizend, alles, was sie sagte und
behauptete.
    So ergriff er auch jetzt wieder lebhaft die entgegengesetzte Meinung, um sie
zu vertheidigen, als die Grfin ber ihr Lieblings-Thema, die Unbestndigkeit
der Mnner, gerathen war, und der weiblichen Beharrlichkeit in Lieb und Treue
und allem Guten das Wort redete, und besonders bestritt er die auch von ihr in
Schutz genommene, und als etwas Heiliges und Unauslschliches betrachtete erste
Liebe, der er durchaus nur in der Reihe der Irrthmer und der Selbsttuschungen
ihren Platz anweisen wollte.
    Denn er erklrte geradezu, es gehre zu den Chimren des Menschen, und
insbesondere der Frauen, an die Ewigkeit einer ersten Liebe zu glauben, und man
msse den Schwachen, irgend eines Stabs Bedrftigen auch diesen Wahn nicht
rauben, da man ihnen nicht leicht eine Entschdigung dafr geben knne.
    Aber bei Mann und Weib sei die erste, zweite, dritte Liebe gewhnlich ein
Fehlgriff, der sich bitter bestrafe, wenn das Herz nicht Kraft genug habe, sich
aus Banden leise zurckzuziehen, die alles Glck stranguliren wrden, wolle man
sie nur aus Pflichtgefhl enger noch zusammen knpfen. Denn, fuhr er fort, wie
der junge Adler seine Flgel prft, und, vom Instinkt getrieben, von
mtterlichem Nest hinwegflattert, um bald den Wipfel eines Baums, bald ein
sonniges Thal zu erreichen, so strebt auch der jugendliche Sinn zu jener
Vereinigung, die ihm Vollendung dnkt. Doch des jungen Adlers Versuche mislingen
oft, denn ehe ihm die Flgel nicht recht gewachsen sind, knnen sie ihn nicht
mit Sicherheit tragen. So auch die Liebe des Menschen. Jene feste, dauernde,
treue Liebe, die unser eigentlichstes, wahrstes Glck grndet, kann nur aus
sogenannter Untreue hervorgehen, wie der Phnix der Fabel sich aus der Asche
empor hebt. Denn erst nach mehreren Versuchen wei das Herz, was es bedarf zur
Erwiederung seiner innigsten Gefhle. Frher wirkte Zufall, Stimmung,
misverstandene Sinnlichkeit und Wunsch, die innere Leere ausgefllt zu sehen,
auf unsere Wahl, und wir reichen voreilig dem Wesen, das uns entgegen tritt, die
Hand, und whnen nun, der ganze dunkle Raum der Zukunft msse sich in ein
blhendes Paradies verwandeln. Doch - nach und nach werden die goldenen
Illusionen zu Flittergold, das rauschend von verwelkten Krnzen abfllt - wir
finden uns getuscht und tuschen wieder, indem wir gewaltsam uns zum Worthalten
von Dingen zwingen wollen, die sich eigentlich gar nicht versprechen lassen.
Endlich ist der Freiheit Kleinod wieder errungen, und vorsichtiger wagen wir den
zweiten Versuch; denn darin gleicht das Herz dem Taucher, der doch wieder ins
Meer hinabstrzt, wenn er gleich mehrere Muscheln heraufgebracht hat, in denen
keine Perle war. Finden wir auch hier nicht dies Echo eines vollharmonischen
Gemths in der Brust, der wir zum zweitenmal die Krone des Lebens reichten - nun
so schrecken die Mistne, die wir vernehmen, uns schon leichter wie das
erstemal, der dritten Liebe zu, und so fort und immer fort, bis wir endlich
finden, was uns noth thut, oder bis wir auch verzagen, und zweifeln mssen, da
es auf Erden existirt.
    Ich glaube gern, da Sie diese schnen Erfahrungen aus der Wirklichkeit,
oder vielmehr aus ihrem eigenen Leben entlehnt haben, unterbrach ihn die Grfin,
und begreife nun um so leichter, woher es kommt, da sich die meisten
Mnnerherzen so abnutzen, da sie nur in Trmmern und einzelnen Bruchstcken,
oder wie eine Mnze, an der das Geprge verwischt ist, das Ziel erreichen.
    Die Herzen, deren Geprge sich verwischen, antwortete der Gesandte lachend,
sind nur Fleischklumpen, von der warmen Blutwelle zu thierischen Funktionen,
nicht zu jener hheren Sehnsucht getrieben, die ja eigentlich nur allein die
Ursache des sogenannten mnnlichen Wankelmuthes ist. Wie die frische Quelle sich
ewig erneut, so viel auch aus ihr geschpft wird, so - nur immer mehr gereinigt
durch das Sandbad der Erfahrung - ist auch ein reich ausgestattetes liebefhiges
Herz, habe es sich auch noch so oft vorher, vom Wahn verblendet, hingegeben.
    Uebrigens will es denn doch auch verlauten, da die so hoch gerhmte
weibliche Bestndigkeit schon vom Anfang der Welt an gar manchen Anfechtungen,
nicht nur unterworfen gewesen, sondern auch erlegen ist, und da besonders bei
Ihrem Geschlecht sich der alte Satz bewhrt, da - wenn die Sonne untergegangen,
dann die Sterne zu flimmern beginnen, c'est  dire, wenn ich eine freie
Uebersetzung dieser Behauptung hinzufgen darf: wenn der Geliebte abwesend, oder
heimgegangen ist, wie die Herrnhuther zu sagen pflegen, so fangen auch geringere
Subjekte an zu interessiren - sind berall als Lckenber und um den
Triumphwagen der Damen desto rascher zu ziehen, gar nicht berflssig und
unwillkommen.
    Die Grfin wollte schlechterdings dies nicht zugestehen. Doch fand sie, da
sie mit sehr ungleichen Waffen gegen ihren Widersacher kmpfe, indem er, der
schlaue Diplomatiker, vermge seines Berufs, schon gewohnt sei, sich und Andere
durch allerhand glnzende Scheingrnde sophistisch zu bestechen, und die
Wahrheit - wenn auch nicht geradezu zu verlugnen, doch so zu verdrehen, da sie
am Ende alles Andere, nur nicht Wahrheit, sei. Sie foderte die brigen
anwesenden Damen auf, sie doch nicht allein sich aufopfern und den Mrtyrertod
fr den Ruhm ihres Geschlechts sterben zu lassen, sondern ihr beizustehen. Alle
aber fanden ihre Angelegenheiten in den besten Hnden.
    So wandte sie sich zuletzt denn an Alexander. Sie, den ich heute zu meinem
Ritter erwhlt habe, sagte sie, dessen Pflicht es ist, jeden Unglimpf zu rchen,
der mir widerfhrt - knnen Sie so ruhig anhren, wie man uns arme wehrlose
Frauen, und vor allen mich, ihre Stellvertreterin, krnkt und verlumdet? Wenn
Sie auch nicht meine Farbe tragen, so heben sie doch wenigstens ritterlich den
Handschuh auf, den dieser durch die dritte, vierte Hand liebende Held mir so
hhnend zuwirft!
    Gewi, gndige Frau, antwortete er, es liee sich fr keine schnere
Veranlassung eine Lanze brechen, und sie finden mich hier, wie immer, zu Ihrem
Dienste bereit. Ich erkenne und ehre die weiblichen Tugenden viel zu sehr, um
Bestndigkeit, eine der herrlichsten derselben, zu bezweifeln, und mein eigenes
Gefhl, ich darf sagen, meine eigene Erfahrung hat schon frher in mir gewagt,
den Beschuldigungen Sr. Excellenz zu widersprechen. Denn, was bei dem weniger
zart organisirten Mann mglich ist: die Gewalt des ersten unauslschlichen
Eindrucks sich frs ganze Leben zu bewahren - wie sollte dies nicht bei den
Frauen noch weit natrlicher und unerllicher seyn - bei ihnen, deren Gemth
der geweihte Tempel einer jeden Gottheit ist, die wir Unschuld, Treue, Reinheit
und Liebe nennen? Und wir - hier berhrte sein funkelnder Blick schchtern im
Vorberstreifen Erna, die sogleich verlegen die groen Augen senkte - wir
denken, wenn uns einmal eine Sonne warm und wahrhaft durchglht hat, ewig an den
schnen Strahl zurck, und bemerken weder Nebensonnen noch Sterne, wenn sie auch
noch so hell glnzen.
    Nun frwahr, unterbrach ihn die Grfin mit der ihr eigenen Art zu scherzen,
indem sie aufstand, ritterliche Galanterie traute ich Ihnen zu, mir beizustehen,
nicht aber, da Sie, von Ihren Gefhlen und Erfahrungen untersttzt, ein
Lobredner der Bestndigkeit werden, und sie sogar unter die Eigenschaften des
mnnlichen Charakters, und des Ihrigen insbesondere zhlen wrden. Das
bertrifft meine Erwartung, und die diplomatische Excellenz wird sich nun gewi
auch ohne Blutvergieen fr berwunden erklren. Daher darf ich jetzt auf einen
ehrenvollen Rckzug denken, da die Mitternachtstunde ohnehin nach einer weisen
huslichen Polizeieinrichtung die letzte seyn sollte, die man auer dem Bette
zubringt.
    Heiter wie man zusammen gewesen war, ging man auseinander, und Alexander
nahm, als den letzten Gewinn dieses reichhaltigen Tages, die Einladung des
Gesandten mit auf den Weg, so oft er nur immer selbst wolle, seinen Besuch zu
wiederholen.

                                       XX


Da er - wiewohl mit all' der Bescheidenheit, die dem seingebildeten Manne ziemt
- von dieser Erlaubnis Gebrauch machte, versteht sich von selbst, und da die
Anmuth seiner Persnlichkeit und der feine Tact frs Schickliche, der ihm
angeboren war, ihn wirklich zu einem sehr angenehmen Gesellschafter machte,
durfte er bald keinen Tag mehr im Hause des Gesandten fehlen, ohne sich vermit,
um die Ursach befragt und aufgesucht zu sehen.
    Mchtiger noch als diese freundlichen Veranlassungen zog ihn die eigene
Neigung und die Wunderkraft an, die durch Erna's Schnheit eine so
unwiderstehliche Gewalt ber ihn bte. Immer fester webten sich die Zauberfden,
die ihn an sie fesselten, und je mehr er Gelegenheit hatte, sie im engen
huslichen Kreise zu beobachten, wo das Gemth sich freier als in groen
geruschvollen Zirkeln entschleiert, oder wenigstens sich fterer unwillkhrlich
verrth, je mehr bestrkte sich die Ueberzeugung in ihm, da die liebenswrdigen
Eigenschaften ihres Charakters die Reize ihrer Gestalt und die seltene
Ausbildung ihrer Talente noch bertrafen.
    Zwar schien sie, ihm gegenber, sich unerschtterlich fest innerhalb der
sich streng vorgezeichneten Grnzlinie einer vorsichtigen, selbst kalten
Zurckhaltung erhalten zu wollen; aber ihr Wesen, in dem jede Regung Ausdruck
der reinsten Natur und der Wahrheit war, konnte nur mhsam und doch nicht
tuschend erknsteln, was sie nicht empfand.
    Wenn zuweilen sein Auge pltzlich sie fate, schien eine rhrende Wehmuth in
dem ihrigen zu schwimmen, und zarte Theilnahme, die sich durch eine stete leise
Achtsamkeit auf alles, was er sagte und that, verrieth, bewies ihm, da eine
geheime Stimme - ihr selbst vielleicht kaum vernehmbar - fr ihn in ihrem Busen
sprach.
    Da der ftere Wechsel ihrer Farbe, wenn er ihr insbesondere nahte, oder
vorzugsweise sie unvermuthet anredete, eher aus einer Aufwallung des Wohlwollens
als der Abneigung oder des Unwillens entstand, durfte er, wenn er wahr gegen
sich selbst seyn wollte, nicht bezweifeln.
    Denn sie duldete seine Bemhungen um sie, wenn sie sich auch Mhe gab, sie
scheinbar zu bersehen. Sie wich nicht scheu zurck, wenn er sich mit der
eifrigen Gewandheit, als glte es einen Thron zu erobern, herbei drngte, den
Platz neben ihr am Theetisch oder bei der Tafel zu erhaschen, und hatte ihn
irgend einmal Konvenienz oder Klugheit gezwungen, dies se Ziel seines
tglichen Strebens einem Anderen zu berlassen, so dnkte ihn eine unbefriedigte
Stimmung in ihr und ein leiser Anstrich von Schwermuth in ihren Zgen es zu
beklagen. Wie die Sonnenwende die Blthe ihres Antlitzes stets dem Strahle
entgegen neigt, in dem allein sich die erhhte Kraft ihres Daseyns spiegelt, so
war alsdann auch ihre Aufmerksamkeit nur ihm zugewandt, so viel nmlich feiner
Weltton und gesellige Rcksichten es nur immer gestatteten.
    Gleichwohl, wenn auch alle diese kleinen verrtherischen Kennzeichen eines
nicht unbefangenen Herzens ihm Muth gaben, einer frmlichen Erklrung nher und
immer nher zu rcken, so vermochte doch schon die zarteste Aeuerung seiner
Gefhle, sobald er ihr Worte zu leihen wagte, sie sichtbar zu verschchtern, und
statt einen Schritt vorwrts dadurch auf der Bahn seiner Hoffnung zu gelangen,
fand er sich immer um mehrere dadurch zurckgesetzt.
    Durch solche Erfahrungen gewitzigt, hthete er sich wohl, ihr irgend eine
Schmeichelei zu sagen, aber unvermerkt wurde sein Ton gegen sie herzlich, und
dies schien ihr nicht zu misfallen, ja sie erwiederte sogar zuweilen, wenn es
ohne Beziehung auf sich selbst geschehen konnte, die trauliche Innigkeit, mit
der er sich an sie anschlo, indem sie mit warmem Antheil ihm zuhrte, und in
das, was er erzhlte oder behauptete, einging. So wie er aber ihre mild
erweichte Stimmung benutzen wollte, sie in ein nheres, heier von ihm ersehntes
Interesse zu ziehen, schien der finstere Genius der Vergangenheit sich wieder zu
regen, und mit seinen eiskalt beschattenden Fittigen jeden hellen, freundlichen
Eindruck in ihr zu verlschen. Sie zog sich alsdann, ihm ausweichend, gleichsam
in sich selbst zurck, und trumend, sinnend, trauernd, als bemhe sie sich
vergebens, die Widersprche eines dunklen Schicksals zu lsen, dauerte es lange,
ehe die genaueste Wachsamkeit auf sich selbst von seiner Seite sie wieder in das
vorige ruhige Gleis des freundlich unbefangenen Umgangs zurckbrachte.
    Deshalb aber verzagte er keineswegs. Nicht mit strmender Hand, das fhlte
er wohl, durfte er dem mit dem heiligsten Flor bedeckten Geheimnis ihres Lebens
seinen Schleier entreien. Von selbst mute er dereinst fallen, wenn eine immer
nhere Bekanntschaft mit ihm sie nach und nach berfhrt hatte, da seine Fehler
gebessert, seine Tugenden nicht mehr zufllig, sondern auf die sichere Basis
fester Grundstze gesttzt waren, und da er sich wirklich besser fhlte, und auf
dem Wege, es mit jedem Tag mehr zu werden, so rckte sein nicht auf Eigendnkel,
sondern auf das Bewutseyn seines moralischen ihm zurckgegebenen Werths
gegrndetes Selbstvertrauen das schne Ziel, wo er sie sein nennen drfe, in
keine allzu ferne Zukunft hinaus.

                                      XXI


So sehr er, hier nicht aus Wohlwollen, sondern lediglich um seines Vortheils
willen, sich bemhte, Augusten nach und nach wieder mit sich zu vershnen, um
sie fr seine Wnsche zu gewinnen, da eine solche Frsprecherin ihm die
ersprielichsten Dienste zu leisten im Stande gewesen wre, so wenig wollte es
ihm doch gelingen.
    Sie fuhr fort, ihn als einen Menschen zu behandeln, den sie ganz
durchschaut, und mit Recht ihr Zutrauen und ihre gute Meinung entzogen hatte. In
ihrem Liebling Erna fhlte sie sich damals so empfindlich beleidigt, da sie ihm
weit eher die ihr selbst zugefgte Krnkungen verziehen haben wrde, als den
Schmerz, dies fromme, reine, schuldlose Opferlamm seines Leichtsinns und seiner
Hrte so hinwelken zu sehen, da nur nach und nach Zeit, Vernunft, Religion und
die abwechselnden Zerstreuungen weiter Reisen ihr den Becher krperlicher
Genesung zu reichen vermochten.
    Nun ahnete sie freilich im menschlichen Gemthe jene tief verborgene
gttliche Kraft, welche fhig ist, den Gefallenen wieder aufzurichten, und den
Verirrten auf den rechten Weg zurck zu leiten; aber Erkenntnis, Reue und fester
Wille, und vor allem Wahrheit des Charakters, schienen ihr die unerllichen
Erfordernisse, durch die selbst der tief Gesunkene sich wieder zu erheben im
Stande sei. Hier aber, ihm gegenber, der einst ein so grausames Spiel mit dem
edelsten Herzen getrieben, konnte sie bei aller Gte ihres selbst so reinen
Sinnes sich kein anderes Urtheil abzwingen, als da er auch jetzt nur auf dem
faulen Morast der Lge das Gebude seiner sinnlichen Wnsche zu erreichen
strebe, und jeder lichte Strahl, der als Zeuge einer geluterten Gesinnung aus
seiner veredelten Seele blitzte, schien ihrem Unglauben an ihn ein tuschendes
Irrlicht, auf Smpfen erzeugt, unfhig mit seinem falschen Schimmer das Leben
ihrer Erna zu verklren, sondern nur vom listigen Betrug ausgesandt, ihren
frommen Sinn von Neuem zu verlocken.
    Sie verhielt sich daher mit unbestechlicher Strenge immer in den
abgemessenen Formen kalter Hflichkeit gegen ihn, und versagte gern ihm auch
diese, wenn es zuweilen unbeobachtet geschehen konnte. Denn der Ruf seines
Leichtsinns und seiner Frivolitt, den selbst die verbreiten halfen, die seine
vorzglichen geselligen Eigenschaften an ihm schtzten und seinen Umgang
suchten, verglichen mit ihren frheren Erfahrungen, mit seinem eigenen
Gestndnis, da er Religion nur als ein Phantom betrachte, das Volk zu
schrecken, und da der Schein ihm die Wirklichkeit jeder Tugend aufwiege, alles
dies bei der selbst erprobten Gabe, sich so tuschend zu verstellen, da sie ihn
einst fr einen sehr guten Menschen gehalten hatte, flte ihr neben dem
unberwindlichsten Mistrauen auch den entschiedensten Widerwillen gegen ihn ein.
    So gelang es ihm auch nicht, sich mit Linovsky zu befreunden, woran ihm
freilich im Ganzen weit weniger lag, da der tiefe Ernst desselben, seine oft
schwermthigen Ansichten und seine Zurckgezogenheit von allen rauschenden
Freuden des Lebens ihn eher zurckstieen, als anzogen. Aber da er nicht
bezweifeln konnte, da Auguste ihm eine ble Meinung von ihm beigebracht, so
htte er sich gern den Triumph gewhrt, sie durch eine genauere Bekanntschaft zu
entkrften und in Wohlwollen umzuwandeln. Als jedoch mehrere Versuche, den
Sonderling gegen sich umzustimmen, vergebens blieben, gab er die Idee, sich ihm
nhern zu wollen, auf, und begegnete ihm mit derselben wortkargen
Gleichgltigkeit, die von Linovsky's Seite das einzige Resultat seiner
freundlichen Zuvorkommenheit gewesen war.
    Die Bemerkung, da Erna gerade dann am herzlichsten gegen ihn war, wenn
Auguste oder Linovsky, schroff und unzugnglich wie der Felsen im Meer, seine
gefllige Annherung aufnahmen, war ihm ein trstlicher Beweis, da sie das
ungnstige Vorurtheil gegen ihn nicht mit ihnen theile, ja es misbillige, da
sie es nicht einmal der nheren Untersuchung werth zu halten schienen, um davon
zurckzukommen.
    Oft ruhte ihr holder ausdrucksvoller Blick bittend auf Augusten, als wolle
er sie anflehen, das Zurckstoende ihres Benehmens gegen ihn zu mildern - oft
suchte sie durch ein freundliches Wort, das sie an ihn richtete, den Unmuth in
ihm wieder zu verlschen, den die stets abgezirkelte, fast geringschtzige
Frmlichkeit ihrer Freundin nothwendig in ihm erregen mute. Er fhlte sich
reichlich durch dieses leise, aber wohlthuende Bestreben ihrer alles Bittere so
gern lindernden Gte entschdigt, und wagte sie fr mehr als dies, fr das
Zeichen eines individuellen, innigeren Antheils zu halten, den er sich immer
mehr zu erlangen und zu verdienen bemhte. Um die ihm Abgeneigten bekmmerte er
sich bald eben so wenig, als sie sich um ihn.

                                      XXII


So waren zwei Monate vergangen, die glcklichsten und bedeutungsvollsten seines
Lebens - durch Hoffnung gewrzt, wenn gleich oft durch Sehnsucht vergiftet, die
sich noch so fern von ihrem Ziele fhlte. Sein Inneres glich einem tiefen Meere,
in dessen Schooe - wenn auch die Oberflche oft glatt und still das Bild des
Himmels auf den geebneten Wellen trgt - doch eine ewige Bewegung ghrt, die
jeder leise Hauch von auen schumend und tosend aufwhlen kann. Er befand sich
in einer steten Reizbarkeit, alle seine Gedanken nur auf einen Punkt concentrirt
- alle seine Wnsche nur einen Gegenstand umschlingend. Bisher war Freiheit das
Element seines Daseyns gewesen, und alles Bedingende ihm verhat wie
Kettengerassel, und jetzt - o wie schmachtete er nach den heiligen Banden, die
ihn zu Erna's ewigem Eigenthum weihen, die ihn an die selige Beschrnkung eines
stillen huslichen Lebens knpfen sollten!
    Gleichwohl, so deutlich er fhlte, da es ihm nicht mglich sei, den Zustand
dieser Ungewiheit ferner zu ertragen, so wrde er doch vielleicht noch lange
mit seiner Erklrung gezgert haben, wenn ihn nicht einst ganz unvermuthet die
Grfin bei Seite genommen, ihm zu vertrauen, da morgen Erna's Geburtstag sei,
den sie mit einem Ball zu feiern gedenke, der ihr aber lediglich als Imprompt
erscheinen solle. Ihm war, als riefe jetzt die Stimme seines Schicksals mit
unwiderstehlicher Allmacht ihm zu: La diesen Tag, der sie einst der Erde gab,
entscheiden, ob sie fr dich geboren wurde!
    In welchem Aufruhr seines ganzen Wesens brachte er die Nacht zu, die diesem
Tage vorausging! Schlaflos warf er sich auf seinem Lager umher, an den bald
Furcht, als grlich drohende Erscheinung, bald Hoffnung, als milder Genius
seiner dunklen Zukunft, ihm vorber schwebte. Der erste Schein der Frhe rief
ihn auf und hinaus ins Freie. Es war ein kalter Mrzmorgen. Blinkender Reif
ruhte wie ein weies Leichentuch auf der Erde, und die bltterlosen Bume
streckten, gleich starren Gerippen, ihre nackten Zweige in die nebelhauchende
Luft. Alexander empfand wenig von dem frostigen Einflu der Atmosphre. In ihm
loderte eine Glut, die sich an dem Altar der heiligsten Sehnsucht entzndete,
und die ihn wrmte, als wandele er unter den brennenden Strahlen der Juliussonne
einher. Sonderbar erschttert war sein Gemth, und ein gar anderer Geist als
sonst schien durch die Natur zu wehen, und ihn so innig mit allen winterlichen
Erscheinungen zu befreunden, als sei es Flle des Lenzes, die mit Blthenhauch
ihn umschmeichele.
    Jetzt regte der Morgenwind seine Fittige, flammend erhellte sich der Osten,
und ein herrliches Morgenroth wandelte der Sonne voran, die die Nebel
zerstreute. Ihm war so wunderbar zu Muth - mit Wehmuth kmpfend athmete seine
beklommene Brust gleichwohl mit vollen Zgen ein frisches, freudiges Gefhl des
Daseyns ein. Die glanzumsumten Wolken zogen wie goldene Trume ber ihn hin,
und das ferne Jenseits, dessen Schwelle das Grab ist, erschien ihm hinter der
purpurnen Pforte des Morgens, alle Schauer der Unsterblichkeit in seiner ernsten
Gedankenflle erweckend. Ein seit seinen Knabenjahren durch Leichtsinn und
frivole Zerstreuungen gebannter Geist, der Geist des Gebets, zog heiligend in
seine Seele, und belebte ihre de Tiefe mit frommen Vorstzen und wrdigen
Entschlssen. Thrnen stiegen in sein Auge, und sich selbst das Gelbde
ablegend, gut und immer besser zu werden, ging er wieder zu Haus, die
Empfindungen, die sich in ihm regten, in einen Brief an Erna zusammen zu fassen.
    Ich wrde mein Unrecht verdoppeln, wenn ich es zu verringern strebte,
schrieb er. Daher bekenne ich es frei, Erna! da die Vergangenheit, wie eine
rchende Nemesis, neben mir durchs Leben geht, und mich bitter mahnt an die
Vergehungen meiner unbesonnenen Jugend.
    Ich habe Sie einst beleidigt, und gewaltsam von meinem Herzen verscheucht.
Meine Bestimmung wollte, da mir erst spt der Werth in seiner ganzen
himmlischen Klarheit erschiene, der Sie jetzt in meiner Ueberzeugung zu der
Ersten und Einzigsten Ihres Geschlechts erhebt. Aber Erna - ich halte mich an
die Worte, die Sie einst aus dem Innersten Ihrer Seele sprachen, und die seitdem
die Losung meiner stillen Trume, der Grund meiner seligsten Hoffnungen geworden
sind. Die Liebe berwindet alles, und vergiebt alles! Sie haben mich einst
geliebt, als ich dies Glck noch nicht verdiente. Jetzt, wo ich es in seinem
ganzen Umfang erkenne, und mich nach ihm sehne, als nach dem einzigen Himmel,
den es fr mich auf Erden giebt, jetzt - ich beschwre Sie bei unserem
beiderseitigen Glck, das - so flstert mir eine innere Stimme zu - nur
gemeinschaftlich bestehen kann - seyn Sie nicht hrter, als jener milde
Ausspruch, der mich, wie eine Zauberformel, ber den dstern Abgrund
verzweiflungsvoller Hoffnungslosigkeit erhob - geben Sie mir ein Zeichen, da
Sie mich nicht verwerfen, da Sie mir erlauben, Ihre Hand durch innige Liebe und
Treue zu verdienen - und machen Sie auf diese Weise Ihren Geburtstag mir zu
einem zwiefachen Festtag fr mein ganzes Leben!

                                     XXIII


Kaum konnte er seine Ungeduld zgeln, bis die Zeit, die ihm nie so langsam, als
gerade heute zu schleichen schien, die Stunde herauf fhrte, wo es die
Schicklichkeit erlaubte, Erna seinen Glckwunsch und zugleich diesen Brief zu
berbringen.
    Denn er selbst wollte ihn ihr bergeben - keiner fremden Hand das Blatt
vertrauen, das die Veranlassung der Entscheidung ber seine ganze Zukunft werden
mute. Wie diese ausfallen werde - er wagte nicht, sich es klar und deutlich zu
denken. Ihm war, als risse er in frechem Uebermuth den Schleier von einem
Heiligenbilde, wenn er mit khn der Zeit vorgreifenden Wnschen und Hoffnungen
in das Dunkel seines Schicksals drnge. Kindlich fromm, und dem Himmel
vertrauend, der ja in die Tiefe seiner Seele zu blicken vermochte, und den Ernst
des Entschlusses kannte, die Geliebte verdienen zu wollen, erwartete er Erna's
Ausspruch - aber menschlich wars, da er in zitternder Ungewiheit bangte, und
da er sich nach dem Augenblicke sehnte, der ihn von dieser Quaal befreien
werde.
    Er berschaute die duftende Reihe seiner blhenden Gewchse, um durch
Blumen, diese zartesten aller Gaben, ihren Tag ehrerbietig zu verherrlichen;
aber alle schienen ihm gemein und unwrdig, um zur Feier desselben zu dienen,
bis eine Daphne durch ihren s berauschenden Duft ihn fest hielt, und neben ihr
ein Rhododendrum ponticum mit seinen reichen Blthenbscheln in der schnsten
Farbenpracht sein Auge auf sich zog. Von jeder derselben, eben so selten als
schn in ihrer Art, whlte er die vollste, jugendlichste Blthe, und sie,
whrend er hinging, an seinem Herzen vor dem Frost der noch rauhen Luft bergend,
erbat er sich von Gott als ein geistiges Zeichen fr seine Wnsche, sie den
Abend auf dem Ball an dem ihrigen blhen zu sehen.
    Er hrte beim Eintritt in das Haus des Gesandten, da das Frulein auf ihrem
Zimmer sei.
    Noch nie war es ihm gelungen, dies Heiligthum zu betreten - aber oft schon
hatte eine se Sehnsucht ihn mchtig dahin gezogen, oft seine glhende
Phantasie sich trumend innerhalb der Wnde versetzt, die so glcklich waren,
sie in ihren einsamen Stunden zu umgeben. Er hatte auch wohl dann und wann den
Muth gehabt, wenigstens den Versuch wagen zu wollen, ob es nicht mglich sei, in
ihr stilles, ihm so bedeutungsvolles Asyl einzudringen - aber immer wars, als
werde ihre Schwelle von unberwindlichen Geistern bewacht, die ihm auf
mancherlei Weise den Zutritt wehrten. Heute aber fhlte er die Kraft in sich,
jedem Hindernis Trotz zu bieten. Und htten feurige Drachen den Eingang gehthet
- ritterlich wrde er sich durchgeschlagen, und dem mchtigen Zug gefolgt haben,
der in der exaltirten Aufregung seines ganzen Wesens ihm den Gang zu ihr als den
Weg seines eigentlichen Berufs zeigte.
    Ein Bedienter meldete ihn an. Er sei willkommen, war die freundliche
Antwort. Es war eilf Uhr Vormittags, und Erna allein. Sie sa in einem einfachen
Morgenkleid, das schne Haar nachlig geordnet, auf dem Sopha der Thr
gegenber, und erhob sich, als er sie ffnete, sanft, jedoch nicht ohne einen
kleinen Anstrich von Verlegenheit, ihn zu begren.
    Im zarten Wechsel ihrer Farbe, in der hold ihm entgegen geneigten Stellung
und in der liebreichen Verwirrung des unsicher von ihm abgleitenden und auf die
Erde sich senkenden Blicks sprach ihn ein geheimer, Muth erweckender Antheil an,
denn er fhlte, so knne sie keinen Fremden, keinen Gleichgltigen empfangen.
    Mchtig dadurch gehoben, nherte er sich ihr, ihr seinen Glckwunsch
auszusprechen, und die Blumen ihr zu berreichen. Da auf einmal ward es dunkel
vor seinen Augen - das frische Roth seiner Wangen verlor sich in Todesblsse -
seine Kniee bebten, und htte er nicht schnell nach dem Tisch gegriffen, sich
auf ihn, der eine Scheidewand zwischen ihm und Erna bildete, sttzend - wer
wei, ob er nicht niedergeschmettert durch die Gewalt eines ungeahneten
Eindrucks umgesunken wre!
    Denn die Grber schienen sich ihm aufgethan zu haben, und feierlicher Ernst,
so wie bitterer Vorwurf im stummen, strafenden Blicke schauten von der Wand ber
dem Sopha die Portraite seiner Tante und der Frau von Willfried, in Lebensgre
und tuschender Aehnlichkeit, auf ihn herab.
    Was ist Ihnen? fragte Erna besorgt, als sie sein Zittern bemerkte. Er
vermochte nichts zu erwiedern. Aengstlich leitete sie ihn zu dem Sopha, und ihm
einen Flacon reichend, und eiligst aus ihrer kleinen Hausapotheke strkende
Tropfen herbeiholend, bemhte sie sich auf die liebreichste Weise ihm
beizustehen.
    Ihm that es so wohl, sie so theilnehmend um sich beschftigt zu schen.
Seinen verworrenen Sinnen dnkte diese Scene ein Vorausgenu der Zukunft, wo
eheliches Beisammenleben die Geliebte auch in huslicher Sorge freundlich um ihn
bemhen werde, und diese selige Vorstellung rief seine Lebensgeister krftiger
zurck, als der Liquor es vermochte, den sie ihm eingab.
    Er schtzte eine Anwandelung von Schwindel, vielleicht weil er zu rasch
gegangen sei, als Ursach des pltzlichen Nichtwohlbefindens vor, das ihm
angewandelt sei, und da er die furchtbar mahnenden Bilder jetzt im Rcken hatte,
ermannte er sich, sich dem Entzcken hingebend, mit Erna allein zu seyn, und aus
ihrem sorgsam bekmmerten Benehmen so erquickliche Hoffnungen schpfen zu
drfen.
    Schon zog er - die Blumen hatte sie bereits freundlich angenommen - das
verhngnisvolle Blatt aus seinem Busen, um es hinzuzufgen, als ein Gerusch im
Vorzimmer entstand, die Thren strmisch aufgerissen wurden, und die Grfin, von
der Gesandtin begleitet, herein trat, Erna glckwnschend zu umarmen, und sie
fr den Abend zu sich einzuladen.
    Sehr bewegt, und fast der Fassung beraubt, hielt Erna den Brief noch in der
Hand, doch strebte sie, ihn den Blicken der Kommenden zu verbergen, und auch
dies, da sie ein Geheimnis mit ihm theilen zu wollen sich herablie, schien ihm
ein seinen Glauben aufmunterndes Kennzeichen der zu hoffenden Erhrung.
    Aber schon hatte die berlebhafte Grfin es wahrgenommen. Vermuthlich ein
Gedicht zur Feier dieses schnen Tages! rief sie aus, das versiegelte Papier
schalkhaft fixirend. O lassen Sie uns Alle daran Theil nehmen, Erna! Lesen Sie
uns vor! Von dieser Seite kannte ich unseren Freund noch nicht. Ich wute
freilich lngst, da er, uns Frauen gegenber, wenn von seinen Gefhlen die Rede
war, manches zu er dichten im Stande sei, aber das geschah immer in Prosa; wie
er dichtet, ist mir noch fremd.
    Es ziemt mir nicht, versetzte Erna mit gezwungenem Lcheln, der Neugier
Preis zu geben, was Zutrauen in meine Hnde niederlegte. Wenn es ein Gedicht
ist, darf nur der Dichter entscheiden, ob ein greres Publicum als das, das er
sich erkohren, es hren soll.
    Durch das unzeitige Dazwischenkommen der Grfin aus allen seinen Himmeln
gestrzt, konnte Alexander sich des bittersten Verdrusses nicht erwehren.
    Fr Sie allein ward geschrieben, was dieses Blatt enthlt, erwiederte er,
und sich stumm verbeugend verlie er das Zimmer, da ein sehr richtiges Gefhl
ihm sagte, da - einmal verscheucht - die vorhergehende beglckende Stimmung
eben so wenig wiederkehren werde, als das vorhin durch die Gunst des Zufalls
erlangte einsame Zusammenseyn mit Erna.

                                      XXIV


Mit unschlssigem, aber freundlichen Wesen geleitete ihn Erna, der Hflichkeit
gem, bis halb zur Thre, und der Ausdruck in ihren Zgen, als er sie zum
letztenmal ins Auge fate, berzeugte ihn still und trstlich, da er ihrer
Discretion, so wie berhaupt ihrer Gesinnung, vertrauen drfe.
    Er kehrte nun in seine Wohnung zurck, ruhiger zwar als er sie verlassen
hatte, wiewohl noch nicht weiter vorwrts gekommen, als vorher.
    Inde - das Geheimnis seines Herzens war ausgesprochen - er selbst hatte es
der Entscheidung der Geliebten unterworfen - er durfte daher nicht zweifeln, da
sie bald erfolgen werde. Aus Furcht, den zarten Blthenstaub von seinen
Hoffnungen zu blasen, enthielt er sich gewaltsam alles Grbelns - aber mit
gespannter Aufmerksamkeit lauschte er auf jeden Futritt, der seinem Zimmer
nahte, immer erwartend, ein willkommener Bote werde ihm das ersehnte Ja, oder
wenigstens die Weisung bringen, selbst zu kommen, um es von den Lippen der
errthenden Braut zu vernehmen.
    Aber umsonst. Die zgernden Stunden, durch lange Erwartung gedehnt, glitten
im Schneckenschritt an ihn vorber, und keine Kunde von ihr erfreute seine
Einsamkeit.
    
    Auf dem Ball wird sie dir antworten, sprach er zu sich selbst, den
strmischen Aufruhr seines Gemths durch mhsam aufgesuchte Trostgrnde
beschwichtigend. Es war zu viel, von der weiblichen Schchternheit zu verlangen,
sie solle ohne alle Ueberlegung, ja sogar mit dem Anschein einer Uebereilung das
Wort aussprechen, das Liebe und Innigkeit sich erst verdienen mu, wie die
Tapferkeit den Lorbeer, der den Helden schmckt. In ihrem Blick werd ich mein
Urtheil lesen - und, o die sonnige Milde, die er diesen Morgen noch mir ins Herz
strahlte, als sie mich krank whnte, berechtigt mich fest zu halten an der
freudigsten Zuversicht!
    Kaum dmmerte der Abend, so kleidete er sich zum Ball an, und ob er gleich
gewhnlich erst ffentlich erschien, wenn alles versammelt war, und man ihn
lngst vermit hatte, so lie ihm heute doch die Unruh keine Rast, und er war
der erste Ankmmling im weiten, noch nicht einmal vllig erleuchteten Saale.
Selbst die Grfin, sonst eine sehr aufmerksame Wirthin, fehlte noch, da die
Stunde, wo sie mit Recht erst ihre Gste erwarten durfte, noch nicht geschlagen
hatte.
    Er verbot den Bedienten, ihr seine Ankunft zu melden, und setzte sich in
eine Fenstervertiefung, wo die weiten, faltenreichen Drapperien der seidenen
Fenstergardinen ihm eine Art von Einsamkeit mitten im Gewhl geschftiger
Zurstungen gewhrten.
    Endlich fingen die Wagen an zu rollen, und frhliche Gruppen fllten den
Saal und die angrnzenden Gemcher - sie aber, die sein Auge mit schchternem
Verlangen suchte - sie sah er nirgends, und als es endlich immer lauter und
gedrngter um ihn her ward, verlie er seinen Schlupfwinkel, sich unter die
Menge zu mischen.
    Da begann der Tanz, aber ohne Erna, die doch bestimmt war, die Knigin des
Festes zu seyn.
    Die Grfin schien verstimmt. Noch hatte er sich ihr nicht genhert, da wurde
sie ihn gewahr, und sagte, mismuthig an ihn vorberstreichend: Denken Sie, wie
fatal es mir geht! Ich verfehle ganz den Hauptzweck, den ich hatte, Erna einen
frohen Abend zu bereiten. Sie hat absagen lassen.
    Noch war er halb betubt von dieser ihn schmerzlich befremdenden Nachricht,
da mahnte ihn ein ser aromatischer Duft an der Daphne wrzige Blthe. Er
kannte die Schtze aller Treibhuser der Residenz, und wute, da diese
liebliche Pflanze in keinem derselben jetzt blhend existire. Wars ein Wunder,
wenn er, trotz dem, was er so eben gehrt, Erna's Nhe, wiewohl seinen Augen
noch verborgen, vermuthete. Wie die Gletscher, von der untergehenden Sonne zum
letztenmal bestreift, in sanftem Rosenlicht erglhen, um dann aufs Neue zu
erblassen, von nchtlichem Schatten umhllt, so wrmte eine zarte Hoffnung noch
einmal sein bebendes Herz, um es tuschend der Verzweiflung Preis zu geben.
    Denn was glich der Empfindung, die sein glhendes Blut in einen frstelnden
Eisstrom verwandelte, als der verrtherische Duft nher und nher kam, und er -
an Frulein Mariane Lahnberg's vergilbtem Busen seine liebevoll erzogenen, einem
so schnen Zweck geweihten Pflegekinder, die Daphne neben ihrem strahlenden
Gefhrten, den Rhododendron erblickte?
    Seiner nicht mchtig drngte er sich zu ihr hin, und: wie kommen Sie zu
diesen Blumen? war die nicht sehr freundliche Anrede, mit der er ihren
zuvorkommenden Gru erwiederte.
    Hhnisch grinzte ihn Mariane an, und sagte: wir machten vor dem Ball eine
Visite bei der *schen Gesandtin. Da lagen diese Blumen auf dem Tische, von denen
Frulein Willfried uns sagte, da sie ein ihr aufgedrungenes Geschenk, und ihr
hchst zuwider seien, so sehr sie auch sonst Blumen liebe. Als ich sie nun
lobte, und den armen Dingern das Wort redete, sie mge ihnen nicht entgelten
lassen, aus welcher unangenehmen Hand sie vielleicht kmen, bot sie mir sie an,
wiewohl sie hinzufgte, sie wage es kaum, da ihre Absicht gewesen sei, sie zum
Fenster hinaus zu werfen. Ich aber kehrte mich nicht daran, und nahm sie. Finden
Sie sie nicht schn?
    Knirschend blieb Alexander ihr die Antwort schuldig. Das ist zu viel! rief
er aus, fest mit seiner Hand seine Augen verdeckend, vor denen sich alle
Gestalten um ihn her zu verwirren begannen.
    Um Gotteswillen, schrie Mariane, was ist Ihnen? Ich habe doch wohl nicht
etwan eine Indiscretion begangen? Ich beschwre Sie, sagen Sie niemand, was ich
Ihnen eben erzhlte, es knnte Verdrus geben. Ich bin nun einmal so ein albernes
aufrichtiges Ding, da ich schlechterdings immer die Wahrheit sagen mu.
    Ohne weiter auf sie zu hren, rannte er fort, und kam in einem Zustande in
seine Wohnung zurck, der fast dem Wahnsinn glich.
    Seine Leute, ihn nicht so frh vermuthend, waren ausgegangen, und nur
Benedikt, sein Reitknecht, ein grundehrlicher, treuherziger Bursch, der alle ihm
gegebenen Auftrge aufs pnktlichste besorgte, und mit der grten historischen
Treue darber berichtete, war zur Aufsicht des Hauses zurckgeblieben.
    Erschrocken leuchtete er seinem Herrn in das todtenbleiche Gesicht,
ngstlich vor ihm herschreitend, ihm das Zimmer zu ffnen. Und als Alexander
hier, ohne ein Wort zu sagen, sich mit stieren Blicken auf den Sopha warf, blieb
er verlegen vor ihm stehen, und wute selbst nicht, ob jetzt der schicklichste
Augenblick sei, von den whrend seiner Abwesenheit sich ereigneten huslichen
Vorfllen zu sprechen. Inde, seine Liebe zur Pnktlichkeit siegte ber die
Furcht, seinen ihm ganz unheimlich vorkommenden Gebieter vielleicht in tiefen
Gedanken zu stren, und schchtern langte er von dem Marmorsimms des Kamins
einen Brief, der von einem Bedienten des *schen Gesandten mit dem Bedeuten
berbracht worden sei, da es keiner Antwort bedrfe.
    Ein wirksameres Mittel htte Benedikt nicht auftreiben knnen, seinen fast
zu Marmor erstarrten Herrn von Neuem zu beleben. Wie der Verschmachtende die
letzte Kraft, die ihm brig blieb, anstrengt, den Becher zu erreichen, in den
ihm Labung und Rettung quillt, so ergriff Alexander mit zitternder Hast den
Brief, ihn an sich reiend, als knne durch ihn die Quaal seines Innern sich
lindern, und noch alles, alles gut werden.
    Gleichwohl betrachtete er doch erst, ehe er das Siegel brach, die
Aufschrift, sich einen Moment an der zierlichen Frauenhand weidend, die sie
geschrieben. Noch nie hatte er Erna's Schriftzge gesehen; aber ein milder
Geist, der Geist der Hoffnung, schien sie zu beseelen, und neu gestrkt und
ermuthigt ffnete er nun den Brief und las folgendes:
    Ersparen Sie meiner Freundin die unangenehme Nothwendigkeit, Ihnen eine
abschlgliche Antwort ertheilen zu mssen, indem Sie Sich mit meiner
Versicherung begngen, da Erna's Hand auf ewig fr Sie verloren ist.
    
                                                                       Auguste.


                                      XXV

Als ohngefhr nach einer halben Stunde Alexander sich wieder deutlich besinnen
konnte, fand er sich von den Armen des treuen Benedikt umfat, der ihm ein Glas
Wasser ins Gesicht gegossen, und so aus seiner dumpfen, ohnmachthnlichen
Betubung ins Leben zurckgerufen hatte.
    Ihm war, als erwache er aus einem taumelnden Rausche. Er fhlte sich
angegriffen, aber doch nchtern und fhig, zu berlegen und zu handeln.
    Gott sei gelobt, da der Herr Rittmeister doch wieder bei sich sind, rief
der nun etwas beruhigte Benedikt aus, dem Schweistropfen auf der Stirn und
Thrnen im Auge standen. Ich dachte immer, Sie wrden mir unter den Hnden
sterben! Htt ich doch man lieber den fatalen Brief in den Kamin geschmissen,
statt ihn drauf zu legen, da er, Gott wei, was fr Teufeleien enthlt, die den
Herrn Rittmeister so auer sich brachten!
    Bei Erwhnung des Briefs wurde es vor Alexanders Sinnen immer heller und
heller, wiewohl in schneidender Klarheit. Er hielt ihn noch krampfhaft
zusammengeknittert in der Hand, und entfaltete ihn von Reuem, ihn - wie er sich
einbildete - noch einmal ruhig zu berlesen.
    Dies wollte nun zwar nicht gehen, denn jeder Buchstabe schien ihn mit
Basiliskenblick anzuschauen, und ihn dnkte, als knisterten blaue
Schwefelflammen aus jeder Zeile, mit spitzen, brennenden Zungen an seinen
tdlich verwundeten Herzen leckend; aber er rief gewaltsam alle Kraft des
Willens, die dem Manne zu Gebot steht, auf, und sagte sanft und gefat zu
Benedikt: Sorge, da ich ungestrt bleibe diese Nacht, mein guter Junge, denn
ich habe zu thun, und mu allein seyn. Um Mitternacht bringe mir eine Flasche
Rheinwein.
    Hierauf winkte er mit der Hand gegen die Thr, und so ungern auch der treue,
noch immer leise besorgte Diener ihn verlie, so war er doch an zu strengem
Gehorsam gewhnt, um sich nicht augenblicklich zu entfernen.
    Als er mit dem Schlag zwlf Uhr herein trat, fand er seinen Herrn sehr
beschftigt, mehrere Schrnke auszurumen, Papiere theils zu ordnen, theils zu
verbrennen, und Geld abzuzhlen.
    Sehr mig trank er von dem Weine, den Benedikt ihm gebracht hatte, und
befahl ihm, mehrere Sachen, die er bezeichnete, in einen Koffer zu packen, und
alsdann, so wie der Tag anbrechen werde, verschiedene Rechnungen zu bezahlen,
und andere Auftrge auszurichten, die er unter dem Siegel der Verschwiegenheit
ihm anvertraute.
    Gegen Morgen war alles still und pnktlich nach seinem Willen geordnet. Da
warf er sich unausgekleidet auf den Sopha, und schlummerte einige Stunden, dann
ging er zu dem Chef seines Regiments, und bat um augenblicklichen Urlaub zu
einer hchst nothwendigen Reise. Er erhielt ihn, erhob von seinem Banquier eine
bedeutende Summe Geldes und die nthigen Wechsel, entlie reich beschenkt seine
brigen Leute, auer Benedikt, dessen anhngliche Treue er schon oft erprobt
hatte, und ehe noch jemand aus dem Kreise seiner Bekannten seine Absicht ahnete,
lag die Residenz bereits hinter ihm im Nebel der Entfernung.
    Frankreich, Italien und die Schweiz waren die Lnder, nach denen sein
unstter, der tiefsten Schwermuth preisgegebener Sinn zuerst strebte.
    Da aber sein erbetener Urlaub nicht einmal zu einem flchtigen
Durchstreichen, noch weniger zu einem ruhigen Kennenlernen derselben hingereicht
haben wrde, und es sein entschiedener Vorsatz war, nie, oder doch nur unter
ganz vernderten Umstnden, wieder in die Heimath zurckzukehren, so sandte er
das Gesuch um seinen Abschied an die Behrde ein, um - so sehr er auch seine
Militairverhltnisse geliebt hatte - frei und unabhngig ber sich selbst und
ber seine Zeit verfgen zu knnen. Ungern ertheilte man ihm diesen, da er von
jeher, cht martialisch denkend und handelnd, an Leib und Seele Soldat war,
seinem Regiment durch den regesten Diensteifer, so wie durch die Liberalitt
seiner Gesinnung und den Glanz seines bedeutenden Vermgens Ehre gemacht hatte,
und alle seine Cameraden ihn brderlich liebten. Um daher nicht alle Ansprche
an ihn aufzugeben, stellte man ihn  la suite an, und ungehindert folgte er nun
dem Zuge, der - aus seiner unbefriedigten Sehnsucht sich entwickelnd - ihn durch
den grten Theil Europa's trieb.


                                  Drittes Buch

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Obgleich die mit einer ewigen Abwechselung verbundenen Zerstreuungen auch auf
Alexanders Gemth ihre erheiternde Wirkung, wenigstens momentan, nicht
verfehlten, so fhlte er doch sehr bestimmt, da das Schicksal des unheilbaren
Kranken, der unter sdlicheren Zonen und an fremden Heilquellen Linderung sucht
und hofft, und allenthalben nur sein Elend findet, auch das seinige sei.
    Eine fremde, dunkle Macht war, seit die Hoffnung es verlassen hatte,
schauerlich in sein Leben getreten, und statt, wie sonst, mit offener, leicht
empfnglicher Seele sich den vor ihm aufblitzenden Freuden der Welt hinzugeben,
drngte ein dsterer, verschlossener Ernst, ihm die Nichtigkeit aller irrdischen
Gensse zeigend, ihn tief in sich selbst zurck, und machte, da er sich mitten
unter den Herrlichkeiten der Natur und Kunst, die ihn umgaben, wie ein Gespenst
unter den Ruinen des Tempels erschien, der einst von ihm dem Glcke geweiht, und
nun - von der Hand des Schicksals auf ewig zertrmmert war.
    Denn der tief in ihm noch brennende Schmerz der Vergangenheit machte ihn
gleichgltig gegen die Reize der Gegenwart, und sein Gemth hatte unwillkhrlich
eine Asthenie ergriffen, die es zum todten Meere umschuf, das keine Ausflsse
hat, sondern nur ber fliet, wenn ungewhnliche Ereignisse es in Bewegung
setzen oder Orcane es aufwhlen. Das Ungewhnliche aber vermied ihn, weil seine
die Flgel senkende Phantasie es nicht suchte, und die Melancholie, deren
finsterer Schatten wie eine schwarze Wolke ber sein Leben zog, ihm jedes
frhliche Ergreifen des Zufalls verleidete.
    Indessen bewhrte die Zeit auch an ihm ihre lindernde, wenn gleich nicht
heilende Kraft. Anfangs hatten ihn die herrlichsten Gegenden und die erhabensten
Naturschnheiten eben so kalt gelassen, als fhre sein Weg ihn durch die
Lneburger Haide oder ber die eintnigen Sandstrecken der Mark; aber nach und
nach erwrmte sich sein starrer Blick, und ruhte mit Wohlgefallen auf den
Wundern reich ausgestatteter Gefilde, in deren Reizen er sich fr Augenblicke
losgebunden von allem fhlte, was ihn sonst so schmerzlich an die niedere
Dornenbahn seines drftigen Lebens fesselte. Er wute sich wieder in stiller
Einsamkeit die geheimen Hierogliphen der Natur zu deuten - das flammende
Abendroth redete ihn wieder an wie sonst, nur in einer anderen, ernsteren
Sprache - die murmelnden Bche flsterten ihm wieder dmmernde Trume zu - die
Wasserflle sangen Wiegenlieder seinem Schmerz, und die rauschenden Haine wehten
Khlung in die Tiefe seines verwundeten Busens. Nur mit der Erinnerung war er
dem Schein nach fr immer zerfallen. Denn wenn sie zuweilen, wie sie zu thun
pflegt, ihn leise beschlich in den Stunden des Alleinseyns, lchelnd den Spiegel
ihm vorhaltend, aus dem das Bild der Vergangenheit ihn begrte - dann war es um
den schwer errungenen Gleichmuth geschehen - grau und verwischt lag das Daseyn
vor ihm, dessen innerste Wurzel zerstrt war - stechende Eisschauer zitterten
wieder durch die schnell auflodernde Fiebergluth seines Innern - des Lebens
unendliches Weh legte sich von Neuem, gleich einer erdrckenden Last, auf seine
schwer gengstete Brust, und der leise Trost der sanft beschwichtigenden Natur
war dann auf lange fr ihn verloren.
    Deshalb hthete er sich auch sorgfltig vor allen Nachrichten aus der
Heimath, da sie ihn nicht erheitern, sondern nur aufs Neue verletzen konnten. Er
schrieb und empfing keine Briefe, als solche, die zur Fortdauer seiner
physischen Existenz in konomischer Rcksicht nthig waren, und Zahlen statt der
Gefhle machten den Inhalt derselben aus.
    Die Wintermonate brachte er stets in irgend einer bedeutenden Stadt zu,
schlo sich auch wohl an deren gesellige Kreise an, doch nur wie einer, der von
der Bhne abgetreten ist, und mit den Maschinerieen bekannt, und nicht mehr
geblendet von dem auf Effect berechneten Schein, zwischen den Coulissen hindurch
einen frostigen Blick auf das bunte Treiben wirft, in dessen Mitte er einst eine
so lebendige Rolle spielte. So waren vorzglich, seit jenem Wendepunkt seines
Lebens, der ihn von allem Frohsinn geschieden hatte, die Damen, denen er sonst
so gern im Allgemeinen wie im Einzelnen huldigte, Gegenstnde der hchsten
Gleichgltigkeit fr ihn, und so manches Netz auch, von zarter Hand gewebt,
strebte, den schnen Fremdling zu fangen, so war doch jene Hflichkeit, die die
feine Sitte fodert, der einzige Tribut, den er selbst den verfhrerischten
Reizen brachte.
    Weit mehr als sie und ihre anmuthigen Bestrebungen, ihn zu fesseln, zog ihn
die Kunst mit ihrem stillen wundervollen Wirken an. Ihm lag freilich die Ahnung
fern, die manchem Menschen in ihr sein hchstes Princip erblicken lt. Er
betrachtete sie nur als Mittel, den Schmerz der unendlichen Sehnsucht zu
mildern, der Wermuth in jeden Tropfen Lust, Seufzer in jeden freudigen Laut ihm
mischte. Vermittelst seines regen Anschauungs- und Auffassungsvermgens fhrte
sie seiner Seele Gedanken und Bilder zu, welche die Nachtgestalten wenigstens
auf kurze Zeit verdrngten, die mit eiserner Beharrlichkeit sonst ihren Platz
dort genommen hatten, und auf den lichten Schwingen der Harmonie erhub er sich
zuweilen ber das grauenvolle Dunkel um ihn her, in das ferne Geisterreich der
Tne - oder er fhlte sich durch die Meisterwerke der plastischen Kunst und der
Malerei fr Momente ihm entrckt.
    Nur der Poesie wollte es nicht glcken, den Einflu auf seinen umhllten
Sinn zu erlangen, den mancher Leidende, durch sie getrstet und gestrkt, ihr
ber sich einrumt. Denn sie berhrte mit ihrem magischen Stabe seine Wunden
nicht lindernd, sondern sie von Neuem zum Bluten reizend, und rief eine Menge
Erscheinungen, die traumhnlich in ihm dmmerten, zu einem krampfhaften Leben in
ihm auf.
    Er scheute daher die Mglichkeit, da ihr geheimer Zauber den Ton in der
Tiefe seines Gemthes treffen knne, der als bang erschtternde Dissonanz
leichter zu erregen, wie alsdann zu vertilgen war, und da sie nur Reflexe seiner
untergesunkenen Hoffnungen, seiner schmerzlich begrabenen Wnsche in die camera
obscura seiner Brust zu werfen vermochte, so whlte er als das sicherste Mittel,
sich vor jeder unsanften Berhrung dieser Art zu schtzen, da er gar nichts,
als hchstens - die Zeitungen las.
    In einer derselben, die der Zufall ihm in die Hand fhrte, fand er die
Anzeige, da der *sche Gesandte seinen bisherigen Aufenthalt verlassen, und
einen andern diplomatischen Posten an einem nordischen Hofe erhalten habe.
    Diese Nachricht machte einen seltsamen Eindruck auf ihn. Ob er sich es
gleich nicht eingestehen mochte, so hatte es ihm doch in seinen stillen Trumen
ein wehmthig ses Gefhl gewhrt, sich Erna zuweilen in alle den ihm bekannten
Beziehungen und Umgebungen zu denken. Nun war sie fort - denn er durfte nicht
bezweifeln, da sie ihrer Freundin nicht auch nach ihrer neuen Bestimmung
gefolgt sei, und ihm ermangelte der feste Punkt, an den er sich halten durfte,
um ihre reizende Erscheinung sich zu vergegenwrtigen. Denn wenn auch seitdem
sein Blick und seine Phantasie sich oft nach Norden richtete, so war es ihm
doch, als tappe er in einem wsten Labyrinth, wo der leitende Faden ihm fehlte,
um mit seinen Gedanken bis zu ihr hin zu dringen.
    Freilich - ihm selbst ffnete ihre Entfernung den Weg wieder zu der nun
schon seit lnger als vier Jahren verlassenen Heimath, denn nie, das hatte er
sich vorgesetzt, wollte er sie betreten, so lange er frchten mute, ihr je
wieder zu begegnen.
    Vielleicht aber wrde er, an das zerstreute Umhertreiben auf den Heerstraen
nun gewhnt, noch lange nicht daran gedacht haben, zurckzukehren, wenn nicht
dumpfe Gerchte von den kriegerischen Zurstungen seines Vaterlandes sein Ohr
erreicht, und die politischen Verhltnisse den Ausbruch baldiger
Feindseligkeiten ihm als wahrscheinlich dargestellt htten.
    Da schien es ihm doch, als sei es besser, die im unntzen Wanderleben sich
zersplitternden Krfte dem Dienste seines Knigs zu weihen, und seiner pltzlich
aus ihrer Lethargie erwachten Einbildungskraft dnkte das Wirbeln der Trommeln,
das Wiehern der Rosse, die energische Sprache der Kanonen, und das zu blutiger
Arbeit sich ermunternde Leben ein seinen innersten Bedrfnissen recht
angemessenes Spiel.
    Er beschlo also, zurckzureisen, und sich um eine neue militairische
Anstellung zu bewerben. Mancher Beneidenswerthe, sprach er leise zu sich selbst,
kann den Wahnsinn in verfehlter Liebe finden - mancher den heilenden Tod - - -
mir wird das Schlachtfeld ihn gewhren.

                                       II


Mit einem ganz eigenen Schauer von Wehmuth betrat er die Grnze seines
Vaterlandes wieder. Stiller war es freilich in ihm geworden, seit er sie vor
fnftehalb Jahren berschritten hatte, um das bittere Gefhl des Verschmhtseyns
in weite Ferne zu tragen - heller aber nicht. In tausend schimmernden Farben
ging ihm die Vergangenheit auf, und alle wie aus langem Schlummer erwachenden
Erinnerungen seiner ersten, lebensfrohen Jugend mahnten ihn an den schmerzlichen
Contrast zwischen einst und jetzt.
    Und doch, so heiter er auch damals in der Flle sorglosen Leichtsinns seine
Tage dahin scherzte, htt' er nicht zu ihr zurckkehren mgen, wenn es in seiner
Kraft gestanden htte, die Kluft hinwegzutilgen, die zwischen damals und seiner
blthenlosen, entbltterten Gegenwart lag.
    Denn in dem Schmerze abgewiesener Liebe, der, wie griechisches Feuer,
unauslschlich brennt, war ihm erst des Lebens tiefe Bedeutung aufgegangen, und
in der kurzen, aber reichen Zeit seines Umgangs mit Erna hatte sich ihm ein nie
vorher geahneter Himmel der reinsten Seligkeit erschlossen, so da auch noch
jetzt in seiner umnachteten Seele die Vorstellung des hchsten Glcks neben der
Trauer lag, es verfehlt zu haben.
    Die Poststrae fhrte ihn ber Belleve, wo er einst einen unvergelichen
Wintertag an ihrer Seite verlebte. Damals starrte die Natur, in die Fesseln des
Winters eingeengt, ihn frostig an; aber einen warmen, seligen Lenz trug er im
Busen, von der milden Sonne der Hoffnung verklrt. Jetzt lchelte ihm alles
frisch und grn im Schmuck des hohen Sommers zu - doch in ihm, wie winterlich
verdet! - Er ri sich gewaltsam los von diesen herben Vergleichungen, und
bemhte sich, an gleichgltige Dinge zu denken, um sein aufgewiegeltes Herz
wieder zu der stumpfen Ruhe zurckzubringen, die nun einmal der wohlthtigste
Gemthszustand war, den das drftige Geschick ihm gnnte. Denn ihm mangelte
Neigung und Entschlu, um mit Bestimmtheit Plne fr seine Zukunft zu entwerfen,
da dem Menschen, der nicht zurck blicken mag oder darf, leicht auch die Lust
fehlt, seine Krfte vorwrts zu richten, und er in ein mdes sich Gehenlassen,
statt des Handelns, verfllt.
    Da scheuchte ihn pltzlich ein Zufall aus dieser hinbrtenden
Halbbewutlosigkeit auf.
    Ein Rad seines Wagens nmlich lief ab, und der im vollen Trab fahrende
Postillon vermochte die Pferde erst anzuhalten, als der Wagen bereits umgefallen
und zerbrochen war, und Alexander mehrere schmerzhafte, wenn gleich nicht
gefhrliche Verletzungen am Kopfe erhalten hatte.
    Sie waren gerade am Ende jenes Tannenwaldes, dessen unverwelkliches, mit
Schnee vermischtes Grn ihn damals, als er Erna im Schlitten fuhr, symbolisch in
seinem Innern zum Hoffen ermuntert hatte.
    Er beschlo, whrend Benedikt mit dem Postillon sich bemhte, den Wagen
wieder aufzuhelfen und in einigermaen fahrbaren Stand zu bringen, zu Fu nach
dem nah gelegenen Sorgenfrei zu gehen, um die Theilnahme seines Jugendfreundes,
der es bewohnte, anzusprechen, und durch einen Verband mit Essig oder Wein das
Schwellen der erhaltenen Quetschungen zu vermindern.
    Als er das heitere, wohlgebaute Haus auf seiner sanften Anhhe erblickte,
glhten eben die Fenster so feurig vom abendlichen Sonnenstrahl beglnzt, als
wollten innere Flammen hervorlodern. Sanfte Lfte suselten in den blhenden
Linden, die es wie ein dunkler Kranz umgaben, und trugen den lieblichen Duft,
der ihm wie ein Gru des Willkommens entgegen wehte, weit umher. Als er nher
kam, bemerkte er allenthalben eine sorgsamere Cultur als vormals. Das ist der
eigenthmliche Segen der Huslichkeit, dachte er bei sich selbst. Der Mensch ist
nicht geboren, um unstt und flchtig durch die Welt zu pilgern. Hat er sich
erst ein Asyl gegrndet, das ihn schtzt vor den Strmen des Lebens, so gewinnt
er es bald lieb, und schmckt es, wie das Kind seine Puppe. Er nimmt dann die
engen Schranken, die ihn umbauen, unter der freundlichen Hlle nicht wahr, mit
der sein Flei sie umgiebt, und dankbar - dankbarer als die Menschen - ist der
Boden, den man mit Sorgfalt pflegt. -
    Unter hohen Blumenstauden, die sich von dem frischen, kurz gehaltenen Rasen
eines freien Platzes erhoben, sa ein herrlicher Knabe und spielte. Eine Glorie
von blonden Locken umwallte sein liebliches Gesicht, und mit groen braunen,
sonnenklaren Augen schaute er ihm voll herzgewinnendem Vertrauens entgegen.
    Alexander konnte kein nur einigermaen liebenswrdiges Kind sehen, ohne sich
innig zu ihm hingezogen zu fhlen. Er beugte sich herab zu dem Kleinen, der
etwas ber drei Jahre alt schien, und kte ihn auf die freie, offene Stirn, ihn
fragend, ob sein Vater zu Hause sei?
    Vater nicht, antwortete der Knabe, aber Mutter. Willst du hin? Ich will dich
zu ihr bringen. -
    Die gepflckten Blumen in seinem aufgeschrzten Gewand bergend, raffte er
sich auf, ihm ohne Schchternheit die kleine Hand bietend, um ihn nach dem Hause
zu fhren, dessen Flgelthren offen standen.
    Auer der vernderten inneren Einrichtung, fiel ihm ein hherer Grad von
Ordnung, als er je in diesem Hause wahrgenommen, beim Eintritt auf, und eine
gewisse einfache, aber dem Auge wohlthuende Eleganz sprach ihn auf eine hchst
angenehme Weise an, und verbrgte den richtigen Sinn seiner Bewohner fr alles
Edle und Schne der ueren Form.
    Der Kleine stie eine nur angelehnte Thr auf, und Alexander trat in ein
Zimmer, wo eine schlanke, jugendliche weibliche Gestalt neben einer grn
umhangenen Wiege sa, einen Sugling auf dem Schoos haltend, der in ser
Behaglichkeit lchelnd und lallend mit ihren braunen Locken spielte.
    Sie hatte ihr Haupt tief herab ber das Kind gebeugt, daher konnte Alexander
nicht sogleich ihre Zge erkennen; aber das schne Haar, und die ber allen
Ausdruck zierlichen Fchen, welche in ihrer vermeinten unbeobachteten
Einsamkeit etwas vorgestreckt auf einem Schemel ruhten, wirbelten im pltzlich
erwachten Sturm einer unbndigen Leidenschaft die wunderbarsten Reminiscenzen
aus seiner tiefsten Seele herauf.
    In diesem Augenblick rief der Knabe: Mutter, da ist ein fremder Mann! Sie
wandte das Gesicht zu ihm hin, und vom Blitz der schrecklichsten Gewisheit
getroffen, blieb Alexander wie gelhmt vor ihr stehen, denn - heiliger Gott! -
es war Erna.

                                      III


Sie schien vor dem Blick zu erbeben, den er auf sie schleuderte. Der brennendste
Ha, die tiefste Geringschtzung, und eine Stimmung, in der es ihm nicht schwer
geworden wre, das blutigste Verbrechen zu begehen, spiegelte sich als
Wiederschein der wilden Ghrung, die in seinem Innern Statt fand, in seinem
Antlitz ab.
    Doch - nur einige stumme Minuten ihr gegenber, und er fand sich wieder.
    Wie schn war sie nicht in dieser schweigsamen, demthigen Haltung, vor der
Wuth erzitternd, die sein Anblick ausdrckte, und doch, vom Gefhl der
Mutterwrde gestrkt, ihm furchtlos in das flammende Auge schauend. So rein und
edel hatte selbst Raphael seine Madonna nie gedacht. Der rosige Duft krftiger
Jugendfrische auf ihren Wangen war einer sanft verklrenden Blsse gewichen, und
die kindliche Heiterkeit, die sonst wohl ihre Zge anregte, einem stillen,
seelenvollen Ernst, der aber durch die unaussprechlichste Gte gemildert ward.
    Schweigend waren die ersten Augenblicke des Wiedersehens ihnen
vorbergegangen - jetzt aber fate sich Alexander, und redete sie an.
    Verzeihen Sie, gndige Frau - - denn so mu ich Sie jetzt wohl nennen, sagte
er bitter, da ein Unfall, der mich nicht weit von hier getroffen, mich ohne die
Ahnung, da ich Ihr Haus betrat, hierher fhrte. Ich glaubte meine ehemaligen
Bekannten noch hier zu finden - allein ich habe mich geirrt, wie ich sehe.
    Nicht in dem, was Sie zu finden meinten, versetzte Erna. Sie sind bei Ihren
ehemaligen Bekannten, denn Sie sind bei mir.
    Das mchte um so unangenehmer fr uns beide seyn, erwiederte Alexander,
unfhig, seiner herben Stimmung zu gebieten. Doch Erna nahm gelassen diese
unartige Aeuerung hin, und rgte sie nicht. Sie bemerkte gerade jetzt, da er
verwundet und ihres Beistandes bedrftig sei. Eilig rief sie daher die Wrterin
des Kindes, bergab ihr den Sugling, und bemhte sich mit der sanftesten
Theilnahme, zu erforschen, wo es ihm weh thue, um ihm lindernd und ntzlich zu
seyn.
    Er war sehr erschpft von dem inneren Aufruhr, den Ha und Neid, zwei ihm
sonst so fremde Leidenschaften, bei der Vorstellung, da Erna vermhlt sei, in
ihm erregt hatten. Gleichwohl wollte er doch, ohne alle Hlfe anzunehmen, seinen
Weg zu Fu nach der sehr nah gelegenen Stadt fortsetzen - allein Erna glaubte
dies bei seinem psychisch und physisch gereizten Zustand nicht zugeben zu
drfen.
    Als nun ihre freundlichen Bitten finster von ihm abgewiesen wurden, und er
fest auf seinem Vorsatze beharrte, ffnete sie die Thr eines Nebenzimmers. So
gewhren sie es diesen, wenn auch nicht mir, da ich fr Ihre Erholung sorgen
darf, sagte sie, und er erblickte jene Bilder wieder, die die Zge seiner Tante
und der Frau von Willfried so treu bewahrt hatten - aber mit ganz anderem
Ausdruck, als sie ihn einst erschtterten, wie er an Erna's Geburtstag sie
zuerst sah, schauten sie ihm jetzt entgegen. Damals schien Unwille, Vorwurf des
begangenen Unrechts und Verachtung in ihren stillen Blicken zu glhen - jetzt
lchelten sie ihn beide mitleidig an, als wollten sie in trstender Milde sagen:
Alles ist vergeben, denn das bittere Leiden, das eine Folge deines Leichtsinns
war, hat uns mit dir vershnt.
    Er fhlte sich berwltigt. Weich geworden wie ein Kind, konnte er kaum der
Rhrung seines Herzens wehren, hervorzubrechen - auch Erna war tief bewegt. Wie
Thau im Kelche einer Blume, so funkelten Thrnen in ihren Augen - aber sie
wandte sich hinweg und trocknete sie leise, ihm diesen Anblick entziehend, der
ihn nur noch tiefer erschttert htte. Sie schien zu ahnen, ja sogar in gewisser
Hinsicht zu theilen, was in ihm vorging. Indessen machte gerade dies innige
Verstehen seiner Gefhle sie schchterner als vorher, ihr Schranken anweisend,
die das Bewutseyn ihrer Pflichten sie zu berschreiten warnte.
    
    Sie ordnete alles an, was seine Pflege erforderte, aber sie legte nicht
selbst Hand an, so weh es ihr auch that, ihrem Kammermdchen ein Geschft
berlassen zu mssen, das sie gewi linder und schonender verwaltet htte.
    Ihrem Zureden und Bitten nachgebend, hatte Alexander Platz auf einem
Ruhebett genommen. Es fanden sich mehrere ziemlich tiefe Verletzungen am Kopfe -
seine Schmerzen wurden heftiger, und durch ein Wundfieber noch vermehrt, das ihn
von Zeit zu Zeit convulstvisch schttelte. Erna suchte, von seinen Leiden
sichtbar ergriffen, ihm durch Hausmittel momentan Erleichterung zu verschaffen,
sandte aber sogleich einen Boten nach der Stadt, einen Chirurgus holen zu
lassen, der ihn kunstmiger und wirksamer als weibliche Erfahrung zu behandeln
im Stande sei.
    Duldsam und mild geworden, unterwarf sich Alexander jetzt allem, was sie
verfgte. Es that ihm wohl, sie an seinem Lager sitzen zu sehen, denn aus ihrer
Nhe quoll der heilendste Balsam, den es fr sein bis zum Tode verwundetes
Gemth gab. Ihr gegenber gewhrte es ihm die feinste Schwelgerei der Sinne, so
wie den hchsten Genu der Seele, sich in ihr Anschauen zu vertiefen, und
durstig nach so langem Entbehren jeden ihrer Blicke einzusaugen. Ruhe ist der
Charakter der Gottheit - nur leise und unmerklich mit Leiden verschmolzen,
thronte sie auf ihrer verklrten Stirn, und Reinheit des Sinnes strahlte in
ihrem himmlischen Auge, das - ihn ber irrdisches Sehnen erhebend - sanft seine
strmende Brust beruhigte.
    Er fand sie aber sehr verndert, wenn er sie mit dem Bilde verglich, das ihm
von ihr gefolgt war whrend dieser Jahre der Trennung. Denn nicht mehr die
blendende, blhende Schnheit, sondern ein dem Unsichtbaren nher als den
Freuden der Welt angehrendes, durch ernste Selbstverlugnung gelutertes, durch
stillen Schmerz vertieftes Wesen stand vor ihm in einer nicht mehr auf gemeiner
Erde einheimischen Gestalt.
    Und doch schien ihre freundliche Demuth sie ohne Murren an den niedern
Dienst des rauhen Lebens zu knpfen, und eine fromme Ergebung, die aus allem
hervorstrahlte, was sie that und sprach, sie mit den Mngeln des irrdischen
Berufs zu vershnen.
    Ob sie wohl glcklich im ehelichen Bunde ist? fragte er sich selbst. Der
Frieden, der auf ihrer Stirne thronte, bejahte scheinbar seine Frage - scheinbar
nur, denn nicht der Glckliche allein, auch der kann ihn erringen, der durch
Glauben an ewige Hoffnungen gestrkt, sich ber alle Dornen seiner Bahn
hienieden erhebt, ob er gleich ein mhseliges Leben des Entbehrens und der
Entsagung fhrt.
    Es war ihm unmglich, nach dem Namen ihres Gatten zu fragen. Wer es auch sei
- hassen mute er ihn, das fhlte er sehr bestimmt, hassen um so glhender, je
mehr seine Beobachtungen ihn berzeugen wrden, da Erna ihn liebe.

                                       IV


Sehr bald indessen ri ihn die Ankunft des glcklichen Gemahls aus dem
ungewissen Grbeln, wer es wohl seyn knne, denn nachdem man den raschen Galop
eines Pferdes vernommen, trat - Herr von Linovsky ins Haus.
    Aengstlich und athemlos, das bemerkte Alexander durch die offenstehende Thr
des Nebenzimmers, eilte er auf Erna zu.
    Um Gotteswillen, was ist geschehen? rief er ihr entgegen. Ich erfuhr
unterwegs, da du eilig nach einem Wundarzt geschickt habest - ich will doch
nicht hoffen, da dir oder den Kindern etwas zugestoen ist?
    Ruhig sagte Erna: Weder die Kinder noch ich bedrfen seines Beistandes, aber
einen Freund von uns hat nicht weit von unserm Hause ein Unfall betroffen, der
zwar, dem Himmel sei Dank, nicht bedeutend ist, aber dessen Behandlung denn doch
meine wenigen medicinischen Kenntnisse bersteigt. Herr von Norbeck - sie
zeigte, als sie seinen Namen nannte, durch die offene Thr nach dem Ruhebett im
angrnzenden Zimmer, auf welchem er lag - Herr von Norbeck wurde durch den
Umsturz seines Wagens am Kopfe verletzt, und um seinen schmerzlichen Zustand
sobald wie mglich grndlich zu lindern, hab ich, so schnell ich nur vermochte,
nach rztlicher Hlfe gesendet.
    Alexander sah Linovsky bei Erwhnung seines Namens erblassen, und es war,
als trte eine unangenehme Erinnerung finster vor sein Gedchtnis. Auch dauerte
es einige Minuten, whrend er sich mit Erna in leisem Gesprch in eine
Fenstervertiefung zurckgezogen hatte, wohin sein Blick ihm nicht folgen konnte,
bis er zu seinem Lager trat und ihm, als einen der Hflichkeit nicht gern
dargebrachten Zoll, einige halb unverstndliche Worte von dem Vergngen, ihn
wieder zu sehen und von der Freude, da sein Haus gerade das nchste bei dem
sich ereigneten Unfall gewesen sei, um ihm als Zufluchtsort dienen zu knnen,
zumurmelte.
    Alexander stellte sich krnker als er war, um diese Gemeinpltze nur nicht
beantworten zu mssen. In Linovsky's frostigen Mienen, und den feindseligen
Blicken, mit denen er ihm gegenber stand, spiegelte sich ein Theil seiner
eigenen Gesinnung, und der herbeigerufene Wundarzt, der eben herein trat,
unterbrach sehr willkommen die Spannung dieses nicht wohlthuenden
Beisammenseyns.
    Erna hatte bereits Charpie und Leinwand zum Verband zurecht gelegt. Nachdem
sie den Chirurgus sorglich gefragt, was er noch auerdem bedrfe, um dem
Leidenden recht zu ntzen, entfernte sie sich, vor dem Anblick der Sonde
erschreckend, die er aus seiner Instrumententasche hervorzog. Sie warf, als sie,
von Linovsky begleitet, hinweg ging, noch einen Blick so voll innigem Mitleids
und rhrender Theilnahme auf Alexander, da dieser wie durch Tropfen eines
himmlischen Elixirs seine gesunkenen Krfte gehoben fhlte, und es ihm ein
freudiges Spiel ward, sich nun den schmerzhaften Untersuchungen des Arztes zu
unterwerfen.
    Der Wechsel so strmender, die innerste Lebenskraft aufreibender
Gemthsbewegungen machte mehr noch als seine Wunden seinen krperlichen Zustand
bedenklich. Ein heftiges Fieber wthete in seinem Blute, und der Arzt erklrte,
da einige Tage der tiefsten Ruhe durchaus erst dem Versuch vorausgehen mten,
ihn nach einem anderen Aufenthalt zu bringen.
    Nicht gern lie sich Alexander dies gefallen. Die widerwrtige Ueberzeugung,
Linovsky unwillkommen zu seyn, die sein abstoendes Betragen ihm aufgedrungen
hatte, beleidigte seinen Stolz, und machte, da er trotz Erna's wohlthuender
Nhe sich hinweg sehnte.
    Und selbst diese Nhe, die ihm den Pfeil des Schmerzes nur immer tiefer in
die gespaltene Brust drckte, mute sie ihm nicht, den Eindruck ihrer
Liebenswrdigkeit immer unauslschlicher machend, das Loos der Mcke, die das
Licht umflattert, in seinem Schimmer sich wrmen will, und, von der gefhrlichen
Flamme in Asche verwandelt, dahin sinkt, als Sinnbild seines eigenen Schicksals,
im Spiegel der Zukunft zeigen?
    Alle seine Einwendungen wurden jedoch durch den Ausspruch des Arztes, da er
ohne Gefahr der Verschlimmerung seines Zustandes nicht hinweg gebracht werden
knne, widerlegt, und da Erna ihn mit der ihr eigenen, lieblichen,
herzgewinnenden Weise bat, sich doch zu gedulden, und ihr die Freude zu gnnen,
durch ihre Pflege zu seiner Erholung beitragen zu drfen, auch Linovsky, nachdem
er sich etwas gesammelt hatte, eine etwas wohlwollendere Auenseite zeigte, als
vorher, so ergab er sich, wiewohl ein unglckweissagendes Gefhl in seiner Seele
ihn mahnte, da schleunige Flucht heilsamer fr ihn als Bleiben sei.
    Denn immer neue, immer achtungswerthere und anziehendere Eigenschaften
entfalteten sich in ihrem stillen Thun und Wirken, das er als Hausgenosse
unbeobachtet bersehen konnte, und zwar nicht um dadurch glnzen zu wollen,
sondern unwillkhrlich wie die Blume ihren Duft ausstrmt, verbreitete sie
allenthalben, wohin ihr milder Einflu drang, Ruhe, Anmuth und den Zauber
geflliger Ordnung.
    Es war ihm immer hchst lcherlich und widerlich gewesen, wenn er ein
weibliches Geschpf die huslichen Geschfte mit Gerusch und Anmaung
verrichten, und sich etwas darauf einbilden sah, eine gute Hausfrau zu seyn.
    Die meisten dieser dahin gehrigen Dinge sind denn auch so mechanisch, da
selbst der gewhnlichste Verstand sie begreifen kann - warum sollte es der
Eigenliebe schmeicheln, sie zu wissen? Sie sind ferner so nothwendig, da sie
sich als materielle Basis des Lebens nicht entbehren lassen, und es gereicht den
Frauen entweder zur Schande, oder doch gewi zum Nachtheil, unerfahren in ihnen
zu seyn. Aber die Fertigkeit, ihr Haus und die ihnen anvertraute Einnahme gut zu
verwalten, giebt ihnen noch keinen Anspruch auf Bewunderung; denn sie ist nur
die Ausbung einer untergeordneten, wiewohl unerllichen Pflicht, der vor Allem
der Schleier sanfter Bescheidenheit ziemt.
    Wie ganz anders als so viele Frauen, die er in dieser Hinsicht beobachtet
hatte, erschien das leise, anspruchlose Walten Erna's, die die Seele ihres
Hauses war.
    Mit ernster Gte wute sie ein zahlreiches Dienstpersonal zur Punktlichkeit
und Ordnung anzuhalten. Sie war geliebt von allen, und zugleich gefrchtet, weil
die Achtung, die sie einflte, jeden nichts so sehr als die Mglichkeit, ihr zu
misfallen, scheuen lie. Mit sicherm, aber ruhigem Blick ging sie in jedes
Detail der Haushaltung ein, sorgte fr alles, dachte an alles, und fand auch die
geringste Kleinigkeit ihrer Aufmerksamkeit nicht unwerth, weil alles ntzen
kann, scheint es auch noch so unbedeutend. Dabei war sie stets gleicher Laune,
seufzte und klagte nie ber viele Geschfte, oder gab durch Klirren der
Schlssel, Threnzuwerfen und eine bis zum ngstlichen Abmhen getriebene
Thtigkeit zu erkennen, wie viel auf ihr laste. Immer gut und sorgsam angezogen,
immer aufgelegt zu interessanter Unterhaltung, immer ruhig und Zeit habend,
obgleich nichts versumt ward, schien eine weise, jedoch nicht pedantische
Ueberlegung alle ihre Handlungen zu ordnen, so da wie Glieder einer Kette, eine
regelmig und still in die andere griff.
    Auch als Mutter, ein Verhltnis, das er nicht ohne den herbsten Schmerz sich
auszudenken vermochte, stand sie ausgezeichnet vor tausend Frauen, die er
kannte, und selbst vor denen, die er vorzglich in dieser Wrde ehrte, da, die
himmlische, sich selbst vergessende Liebe, mit der sie die Kinder ihres Herzens
umsing, mit jenem Ernst verbindend, der aus der Festigkeit des Willens: nur ihr
wahres Wohl als Zweck sich vorsetzend, und sie eben deshalb keineswegs
verziehend, hervorgeht.
    Otto, der lteste Knabe, war nicht allein von der Natur begnstigt, sondern
durch den reinen Einflu des mtterlichen Wirkens bereits zu einer Hhe der
Liebenswrdigkeit und Ausbildung gebracht, die selten schon in diesem zarten
Alter sich zeigt.
    Gehorsam, als die Hauptbasis aller guten Kinderzucht, Bescheidenheit
Gengsamkeit, Selbstbeherrschung - alle jene Tugenden, die den, der sie besitzt,
um so lieblicher zieren, je fterer der Mensch sie in sich und Anderen vermit,
waren die sorgsam gepflegten Keime, die Erna in seine junge Seele gepflanzt
hatte, und jede Beschftigung mit ihm, der sie stets wie ihr Schatten umgab,
entwickelte seine noch mit Nacht umhllten Begriffe, und prgte durch Lehre und
Beispiel gleich krftig das Gute und Schne in sein kindliches Herz.

                                       V


Weniger klar lie sich erkennen, was sie als Gattin war - oder vielleicht
raubten ihm die Leidenschaften, die stets in ihm in Bewegung geriethen, wenn er
sie von dieser Seite betrachtete, die nthige Unbefangenheit des Urtheils, um
sie in einer Beziehung zu durchschauen, welche ihm die schmerzlichste von allen
war.
    Sie begegnete Linovsky mit einer Achtung, die sich durch ein immerwhrendes
Bestreben, seine Zufriedenheit zu erlangen, ausdrckte. Aber wenn diese auch
offenbar das hchste Ziel ihrer Wnsche schien, so mischte sich doch kein
gleichsam unwillkhrlich entschlpftes Zeichen eines innig liebend ihm
zugewandten Gefhls in die gefllige Milde und Aufmerksamkeit, mit der sie, ihn
als ihren Herrn und Gebieter ehrend, sich ganz nach seinen Winken und Willen
richtete.
    Zog sie wirklich aus der verhngnisvollen Urne des Schicksals, oder vielmehr
aus eigner Wahl ein Loos nach ihrem Herzen, so mute Ruhe, fast mcht er sagen
Klte, der Grundton ihres Wesens seyn, das fern von aller Exaltation einer
leidenschaftlichen Gluth sich nur innerhalb der Grnzlinie gemigter Empfindung
regte. Ihre Vernunft, so wie ihre Pflicht unterwarfen sie Linovsky unbedingt,
und sich ihm ganz unterordnend, war er ihr in der Wrde des Hausvaters stets die
erste Instanz, die ber ihre Handlungen entschied - aber als Gemahl und Vater
ihrer Kinder geno er - oder verbarg sie ihm aus Schonung die Aeuerungen einer
wrmeren Gesinnung? - nur jenes allgemeine, freundliche Wohlwollen, das ihre
reine Seele fr alles beseelte, was sie umgab.
    Ob sie nun ihren Mann wirklich liebe, und ob berall in die reiche Mitgift,
die sie von der Natur empfangen, auch die Fhigkeit mit einbegriffen sei, mit
ganzer, voller, glhender Seele lieben zu knnen - er wute es nicht - aber das
fhlte er bestimmt, ihn wrde als Erna's oft beneideter Gatte dies an sich
verdienstliche Streben nach Pflichterfllung, ohne jenen Grad der Herzenswrme,
der die eigentliche Weihe eines liebenden Bundes ist, nicht befriedigt haben.
    Dem Anschein nach eine glckliche Frau, geehrt, geliebt von einem allgemein
geachteten Manne, dessen bedeutender Rang (er war Nachfolger des *schen
Gesandten geworden) ihr eine ausgezeichnete Stelle im brgerlichen Leben anwies,
dessen eigenes Vermgen, verbunden mit dem ihrigen, alle Sorgen des Lebens wie
mit goldenem Zauberstab verbannte - rings um sich eine paradiesische Umgebung,
als Mutter zweier, wie aus einer Schaar von Engeln entlehnter Kinder, und an
Augusten eine Freundin habend, die im verjhrten Besitz ihres vollen Vertrauens
mit fast mtterlicher Liebe an ihr hing, und als Hausgenossin ihr stets zur
Seite war - jung und schn, und berall gefeiert - was konnte ihr zu wnschen
brig bleiben?
    Und doch mischte sich zuweilen der Schatten einer rhrenden Schwermuth in
die sanft gemigte Heiterkeit ihres Wesens, nie in eine Klage ausbrechend, aber
doch im stillen Sinnen, im feucht verklrten Schimmer des umwlkten Auges, im
leisen Seufzer sich verrathend, der ihren Busen hob.
    Sie schien in solchen Momenten der Erde, auf der sie wandelte, nicht mehr zu
gehren, und scheuchte sie dann ein Gerusch, eine pltzliche Anrede, oder sonst
irgend ein Anspruch des Lebens aus den Trumen empor, in die sie nur allzugern
versank, so bedurft' es eines Augenblicks, ehe sie sich wieder fand, und der
weichere Ton ihrer Stimme, das Bittende ihres Blicks, die verdoppelte freundlich
sich aufopfernde Milde ihres Benehmens flehte gleichsam um Vergebung, da ihr
Geist schon losgerissen von allen irrdischen Banden, in unbekannte Regionen sich
verloren hatte.
    Auguste, welche am Tage seiner Ankunft abwesend gewesen war, schien
Alexandern, so wie er ihr, ein feindseliges Andenken bewahrt zu haben. Da der
Familienkreis sich sehr oft theilnehmend um sein Schmerzenslager versammelte,
und man sich bemhte, die Pflichten der Gastfreiheit in ihrem ganzen Umfang zu
erfllen, so konnte auch sie sich nicht ausschlieen. Doch ihr streng
fortdauernder Ernst, ihm gegenber, wurde durch kein Zeichen irgend eines
wohlwollenden Antheils gemildert, und auch er bemerkte, ohne sich weiter um sie
zu bekmmern, mit einem stummen Vergngen, das fast der Schadenfreude glich, die
Verwstungen, die der Zahn der Zeit whrend der Jahre, seitdem er sie nicht
gesehen, in ihrer frher schon verblhten Gestalt hervorgebracht hatte.
    Endlich, nach mehreren Tagen, erlaubte ihm der Arzt, wieder in die Luft zu
gehen, und sich hinaussehnend in den frischen duftigen Sommermorgen, benutzte
Alexander auf der Stelle diese Erweiterung der ihm bisher so eng gezogenen
Grnzlinie seines Verhaltens.
    Langsam wandelte er auf Benedikt gesttzt (denn er fhlte sich sehr matt) im
Garten umher, bis die sen Tne eines einfachen Liedes, das Erna ohne alle
Begleitung sang, ihn - um keinen Laut desselben zu verlieren - dem Hause wieder
nherte.
    Die nach dem Garten gehenden Fenster waren durch Rebengewinde halb
verschleiert. Eins derselben stand offen - aus ihm drang der himmlische
Wohllaut, der durch das Ohr geradezu den Weg zu seiner Seele fand. Leise schlich
er heran, um unbemerkt die Sngerin zu hren, vielleicht gar sie zu sehen. Aber
wie theuer bte er dies Verlangen!
    Versteckt vom dunkeln Grn der Weinranken erreichte sie allerdings sein
suchendes Auge, aber in einer Situation, die, alle seine Gefhle strmisch
aufregend, ihn in einen Abgrund voller Flammen stie.
    Sie befand sich in ihrem Schlafgemach. Im nachligen Morgenkleide, das sich
wie eine Hlle frisch gefallenen Schnees um sie anschmiegte, jede Form
verrathend, ohne jedoch die zarteste Sittsamkeit zu beleidigen, das schne Haar
noch ungeordnet, in langen Locken sie umwallend, hielt sie den Sugling auf
ihrem mtterlichen Schooe, ihm die Nahrung zu reichen, auf welche der Mensch
durch den Wink der Natur in der Schpfung des Weibes eine so heilige Anweisung
erhalten hat. Lchelnd lie oft der Kleine den blendenden Busen los, um mit den
groen braunen, Erna so nah verwandten Augen zu ihr aufzublicken und ihren Tnen
zu lauschen. Wenn sie dann das Haupt zu ihm herab bog, und ein Ku der
heiligsten Mutterliebe ihren Gesang unterbrach, fate er die se Quelle seiner
Labung wieder, und erneuerte abwechselnd mit ihr dies kosende Spiel, von welchem
Erna nicht ahnete, da ein fremder Zeuge es beobachten knne.
    Nachdem sie verschiedene Melodieen, theils innig mit dem Kinde ihres Herzens
beschftigt, theils sichtbar sich in das Gebiet ernster und tiefer Gedanken
verlierend, leise vor sich hingesungen hatte, ging sie auf einmal in die ber,
die wie ein Schwert der schrfsten Erinnerung in Alexanders Seele schnitt:

Doux enfant Jesus! sang sie,
Donne moi le Saint Esprit
Et toutes les vertus
De ta mre Marie, Marie, Marie!

Ach, welche versunkene Welt, damals, als er zuerst diesen einfachen Gesang von
ihr vernahm, noch voll blhender Hoffnungen, und jetzt so verdet, that sich von
Neuem vor ihm auf, den bittersten Schmerz als Echo dieses Liedes weckend! -
    Er konnte nicht lnger bleiben - sein laut klopfendes Herz wrde ihr seine
Gegenwart verrathen, der Sturm der wildesten Gefhle in ihm ihn zu irgend einer
Raserei hingerissen haben. Seltsam stritten sich die feindseligsten Empfindungen
in ihm mit der weichen Wehmuth seines Busens. Er hate, er verabscheute sie -
und in demselben Augenblick war er sich doch am hellsten der unauslschlichen
Liebe bewut, die siegreich ihre Macht an ihn bewhrte, und die, wie er klar
erkannte, kein Verhltnis jemals zu vertilgen im Stande sei. Wie dem in
Todesgefahr Kmpfenden ein dunkler Instinct oft den Weg zur Rettung zeigt, so
rief es laut in ihm: Fort - fort aus diesem Zauberkreise - fort, sobald als
mglich!

                                       VI


Er schwankte in sein Zimmer zurck, und warf sich auf sein Lager. Da fate er
den Entschlu, noch heute das Haus zu verlassen, wo die Wunden seines Herzens,
statt still zu vernarben, tglich bluten muten, und je brennender der Eindruck
war, den der erlauschte Anblick der Geliebten in einer so verfhrerischen
Situation auf seine Seele gemacht hatte, je mehr sah er ein, wie sehr es Noth
that, so schnell wie mglich den Versuch zu wagen, ob er zu verdrngen sei.
    Als daher nach einer Stunde Erna, wie gewhnlich, vllig gekleidet aus ihrem
Zimmer trat, ihm einen guten Morgen zu bieten, und nach seinem Befinden zu
fragen, erwiederte er ohne Aufschub ihren freundlichen Gru mit der Erklrung,
da er die erhaltene Erlaubnis des Arztes, die Luft wieder genieen zu drfen,
auf das endliche Verlassen dieses gastfreien Aufenthalts ausdehnen wolle, indem
er vielleicht schon zu lange ihre Gte durch eine Pflege gemisbraucht habe, die
er nun nicht mehr bedrfe, so s sie ihm auch sei. Er habe daher Anstalten
getroffen, sich in die Stadt bringen zu lassen, und bitte sie, seinen innigen
Dank fr ihre unvergeliche Freundlichkeit und Milde, und - sein Lebewohl
anzunehmen.
    Erna schien betroffen. Verlegen, da ihr keine Grnde einfielen, ihn
zurckzuhalten, machte sie ihn leise darauf aufmerksam, da es Linovsky
befremden werde, ihn nicht mehr zu finden.
    Dieser, der sein diplomatisches Breau in der Stadt hatte, und jeden Morgen
dort seinen Geschften widmete, war bereits in aller Frhe dahin gegangen. Aber
Alexander erwiederte, da er den ersten Ausgang, welchen er sich in der Stadt
erlauben drfe, benutzen werde, um auch ihm den Dank fr seine gtige Aufnahme,
den er ihm schuldig sei, persnlich darzubringen, und da er sie ersuche, ihn
einstweilen ihrem Gemahl bestens zu empfehlen, und seine pltzliche Entfernung
mit manchen unvorhergesehenen Umstnden zu entschuldigen, die ihn unerwartet
jetzt nthigten, sich von einem so liebenswrdigen Zirkel zu trennen.
    Erna war bewegt, aber sie wandte nichts mehr gegen seinen fest
ausgesprochenen Vorsatz ein, sondern drckte ihn nur in wenigen, aber herzlichen
Worten aus, wie leid es ihr sei, seine Pflege nicht vollenden zu sollen, und da
sie hoffe, er werde eben so sorgsam ber sich wachen, als wenn ihr Auge noch
sein Thun und Treiben beobachten knne.
    Der kleine Otto aber, der sich mit unbeschreiblicher Zrtlichkeit an ihn
geheftet hatte, und fast nicht mehr von seiner Seite gekommen war, wollte seine
Abreise durchaus nicht zugeben. Weinend und bittend hing er an ihm, und aller
Trost des baldigen Wiedersehens, den seine gerhrte Mutter ihm zuflsterte, alle
Versprechungen lockenden Spielzeugs, das Alexander ihm bei seinem nchsten
Besuch mitzubringen gelobte, konnte seine heien Thrnen, seine schmerzlichen
Klagen nicht stillen.
    Ergriffen von der warmen Anhnglichkeit des Knaben, hob Alexander ihn auf,
und drckte, sanft ihn beschwichtigend, ihn an seine Brust. Indem schaute er
Erna an - ihr Blick traf wie ein zndender Blitz den seinen. Ein
unaussprechlicher Ausdruck von Wehmuth, Innigkeit und mhsam bezwungener Trauer
glnzte in ihm, bis Perlen wie lichter Thau sich um die funkelnden Sterne
sammelten, die er nun nicht mehr sehen sollte, und die allein des Daseyns Nacht
ihm zu erleuchten vermochten. -
    Da konnte er seinen Gefhlen nicht lnger gebieten. Der Wagen, den Benedikt
aus der Stadt gebracht hatte, hielt vor der Thr, und mahnte ihn an die Nhe des
unvermeidlichen Scheidens. Er gab der Mutter ihr weinendes Kind, und als sie
noch einmal im flehenden Tone tieferschtterter Theilnahme ihn bat, doch sich
recht zu schonen, und seine Wunden gut zu pflegen, schlug er sich heftig an die
Stirn, indem er ausrief: diese werden wohl heilen, die im Herzen aber nie! - Mit
diesen Worten eilte er hinweg, sich in den Wagen werfend. Unwillkhrlich, wie es
schien, war Erna ihm bis zur Hausflur gefolgt, und als er noch einen Moment
verweilen mute, da Benedikt's Sorgsamkeit sich es nicht nehmen lie, ihn gegen
seinen Willen auf das vorsichtigste zu umhllen, um ihn gegen alle rauhen und
stoenden Bewegungen des Wagens zu verwahren, erblickte er sie in einen Sessel
hingesunken, ihr liebes Antlitz mit ihrem Tuche bedeckt, und Otto, dessen
kindliche Aufmerksamkeit nun von seiner Entfernung abgezogen, sich zu ihr
hingewandt hatte, und der, noch immer weinend, sich bemhte, an ihr
emporzuklettern.
    In diesem Augenblick, der ihn den letzten Ueberrest besonnener Fassung
raubte, hieb der Kutscher zum Glck auf die Pferde, die ihn in raschen Trab von
dannen zogen. Ihm war, als erwache er aus einem Traume, und als habe das
Verhngnis die Zgel ergriffen, und lenke mit jener geheimnisvollen Macht, der
nichts widersteht, ihn gerade in der Secunde vom Rande des Abgrundes hinweg, in
der er nahe daran war, sich selbst zu vergessen.

                                      VII


Da seine Gesundheit unter diesen neuen Erschtterungen litt, war natrlich.
Sehr erschpft und dumpf betubt kam er in der Stadt an, und es dauerte mehrere
Tage, ehe er von dem Stillstand auf dem Weg der Genesung sich zu weiterem
Fortschreiten erholte.
    Als er wieder einige Kraft gewann, sollte sein erster Besuch wirklich ein
Opfer der Hflichkeit seyn, und Linovsky gelten. Er freute sich, ihn nicht zu
treffen, da er gern den Anblick des Beneidenswerthen vermied - und doch zuckte
es mit allen Regungen der bittersten Empfindlichkeit und der Eifersucht durch
seine Seele, als man ihm sagte: er sei bereits nach seinem Landhaus - folglich
zu Erna - zurckgekehrt.
    Er beschlo nun, die ihm bestimmte Zeit der Grfin zu widmen, und ging zu
ihr. Noch hatte er niemand von seinen ehemaligen Bekannten begrt, und daher
war seine Zurckkunft so verschwiegen geblieben, da seine Erscheinung die
Grfin jetzt eben so berraschte, als erfreute.
    Hilf Himmel! rief sie ihm entgegen, was fr ein gespenstisches, wunderbares
Wesen sind Sie doch geworden! So pltzlich und spurlos aus unserer Mitte zu
verschwinden - man wei nicht wohin? - und eben so unerwartet wieder
aufzutreten, man wei nicht woher? - das ist ein Rthsel, das Sie mir durchaus
lsen mssen, da mein eigener Scharfsinn es nicht vermag.
    Alexander parirte als ein gebter Wortfechter die Ste ab, mit denen ihre
Fragen seinem leicht verletzlichen Innern weh thaten. Statt sie zu beantworten,
bat er sie, da er in dem sonst so bekannten Kreise gewissermaen fremd durch
seine lange Abwesenheit geworden sei, ihn wieder ein wenig zu orientiren, ehe er
sich ihm von Neuem anschlsse, und sie fhrte bereits mit gelufiger Zunge alle
bedeutenden Vernderungen, die indessen vorgefallen waren, an ihm vorber, als
ein neuer zu dem diplomatischen Corps gehrender Ankmmling, Baron H....,
gemeldet und angenommen wurde.
    Erst seit sehr kurzer Zeit war er bei dem hiesigen Hofe accreditirt, und die
Grfin - scherzhaft wie immer - suchte bereits sein Urtheil ber das bunte
Tulpenbeet der Damen zu erforschen, das - wie sie bei der letzten Cour bemerkt
haben wollte - er mit genau prfendem Kennerblick gemustert habe.
    Mit der Feinheit eines Hofmanns sprach der Baron seine Meinung behutsam aus,
und es schwellte Alexander's Herz mit wehmthig freudigen Regungen, als er,
leicht ber die blhende Schnheit mehrerer jungen Frauen und Mdchen
hinweggleitend, den interessanten Ausdruck und die Anmuth und Lieblichkeit
Erna's rhmte, der er, obgleich ihre Reize mehr zu rhren als zu blenden
geeignet seien, den Vorzug vor allen brigen einzurumen schien.
    Ohne eben krnklich auszusehen, fgte er hinzu, ist in dieser seelenvollen
Physionomie doch ein so mit Leiden vertrauter Zug enthalten, da man von ihr mit
Marmontel sagen mchte: on sent bien, que l'amour  pass par l.
    Die Lebhaftigkeit der Grfin gestattete nicht, da das Gesprch lange bei
einem Gegenstand verweilte. Gern htte Alexander - wenn gleich aus dem Munde
eines Fremden - noch mehr ber Erna gehrt; allein nach einigen flchtigen
Minuten empfahl sich der Baron schon wieder, und nun stand er nicht an, diesen
ihm so interessanten Faden wieder aufzufassen, und die Grfin geradezu zu
fragen: ob der Ausdruck einer leisen verschwiegenen Schwermuth, den auch er,
whrend seines kurzen Aufenthalts bei ihr, in ihrem Wesen wahrgenommen habe,
wohl wirklich auf einen geheimen Kummer deute, oder ob er vielleicht, ohne
innere Beziehung, nur zufllig sei?
    Lieber Freund, versetzte die Grfin, Erna ist nicht allein in der Flle der
Vollkommenheit ihrer Eigenschaften, sondern auch in ihren Fehlern eine seltene
und sonderbare Erscheinung.
    Verschlossen wie das Grab, dringt hchstens der Blick ihrer milzschtigen
Auguste, kein anderer, in das streng umhllte Heiligthum ihres eigentlichen
Gefhls, und was ich Ihnen daher mittheilen kann, sind blos Vermuthungen,
Beobachtungen und Combinationen, zu denen sie mir keineswegs den Schlssel gab.
    Sie hat Linovsky wohl nur geheirathet, weil man von allen Seiten ihr seinen
Werth pries, weil Auguste ihn als ein Muster mnnlichen Verdienstes anerkannte,
weil er sich dringend um sie bewarb, und - weil sie wirklich nichts gegen ihn
einzuwenden vermochte.
    Vielleicht hat sie auch geglaubt, ihn zu lieben - ich wei es nicht - genug,
sie gab ihm freiwillig aus Ueberzeugung, aus Vernunft, aus tiefgegrndeter
Achtung ihre Hand, und hat sich auch gewi in seinem Charakter nicht geirrt -
aber gleichwohl schien doch mit dem Hauch, der das brutliche Ja von ihren
Lippen entfhrte, ihr jugendlicher Frohsinn und die unbefangene Heiterkeit ihrer
Stimmung zu verschwinden.
    Dazu kam noch, da sein Hang zur Eifersucht sie, um nicht sowohl den
Hausfrieden, als ihm die wohlthtige Stille eines nicht durch Leidenschaften
aufgewhlten Gemths zu erhalten, bald von allen geselligen Kreisen isolirte,
den Hof ausgenommen, wo denn nun freilich die mchtig gebietenden Verhltnisse
es wollen, da sie sich dann und wann einmal zeigt.
    Um vielleicht eine schonende Hlle ber die mnnliche Tirannei zu werfen,
mit der seine Anmaungen fodern, da sie nur fr ihn, und fr keinen Genu des
Daseyns auer ihm lebe, bewog sie ihn, das Landhaus Sorgenfrei zu kaufen, dessen
Lage ihr schon frher sehr gefallen.
    Dort richtete sie sich huslich ein, und so sehr auch die Nhe der Stadt
einen ausgebreiteten Umgang begnstigen wrde, so scheuchte doch bald die
finstere Gemthsart ihres Gatten alle Besuchenden, vorzglich mnnlichen
Geschlechts, zurck, so da immer vereinzelter, immer einsamer der stille Weg
ihres Berufs sie von den Freuden der Welt entfernt, und blos auf Mann und Kinder
und Augusten beschrnkt.
    Selbst ich, die ich doch so oft in das Haus des *schen Gesandten kam, und
sie daher genauer kenne, als die meisten Uebrigen der hiesigen Gesellschaft,
sehe sie nur selten, weil ich es nicht verbergen kann, da ich dem
eigenschtigen Menschen, der uns so viel Liebenswrdigkeit entzieht, um sie
egoistisch ganz allein zu genieen, recht von Herzen gram bin.
    So klar nun auch ihr husliches Leben scheint, da man whnt, in seine
innersten Verhltnisse wie in einen Spiegel hineinschauen zu knnen, so will es
mich doch selbst bei den nur hchst sparsamen Besuchen, die ich mir gestatte,
dnken, als ob ein Wurm an ihrem Innern nage, den nur Frmmigkeit,
Selbstbeherrschung und eine exemplarische Pflichterfllung beschwichtigen. Aber
ob Unzufriedenheit mit ihrer Lage, ob irgend eine geheime Neigung, oder
krperliche Krnklichkeit - an die ich zuweilen bei dem zu frhen Erbleichen
ihrer frischen Jugendblthe wohl glaube - die Ursache ist - das kann ich nicht
entscheiden, da ihr kaltes, schroffes Schweigen auch dem theilnehmendsten
Forscher nicht entgegen kommt.
    Hat Erna vielleicht, fragte Alexander leise, ihrem Gemahl je Gelegenheit
gegeben, eiferschtig zu seyn!
    Das nicht, erwiederte die Grfin. Selbst die giftigste Verlumdung wrde
nicht im Stande seyn, auch nur einen Schein von Schuld auf ihren tadellosen
Wandel zu werfen. Aber es geht ihm, wie dem Geizhals, der seinen kstlichen
Diamant lieber in den Kasten verschliet, als ihn im Strahl der Sonne schimmern
lt, weil er meint, als verlre er durch das bunte Farbenspiel, das Andere
entzckt, an seinem inneren Werthe. Auguste ist die einzige Person, deren Nhe
um Erna der Mysanthrop freundlich duldet, da sie ganz fr ihn eingenommen ist,
und sich auch gewi willig als Cerberus leihen wrde, wenn es einer solchen
Kreatur bedrfte, um ein Elisium zu bewachen. Da aber dies Elisium sich durch
eigene Strenge und Wrde schtzt, folglich nie fr ihn zum Tartarus wird, so
spielt sie statt der Rolle einer auflauernden Duenna nur die einer Freundin im
Hause.

                                      VIII


Diese Skizze von Erna's Leben und Verhltnissen gab Alexandern reichen Stoff zum
Nachdenken mit nach Hause, und lie ihn zugleich Linovsky's frostigen Empfang
nicht als individuelle Abneigung, sondern nur als eine allgemeine Wirkung des
unglcklichen Hanges zur Eifersucht erblicken, der sein Daseyn trbte, und -
statt ihn auszuzeichnen, ihn nur nicht ausgeschlossen hatte.
    Dies flte ihm Muth ein, eine Pflicht des Wohlstandes zu erfllen, und
sobald er sich nur vllig erholt hatte, durch einen Besuch in Sorgenfrei Erna
sowohl als ihrem Gemahl zu zeigen, wie dankbar durchdrungen er von ihrer
Hflichkeit und Gte sei.
    Er whlte absichtlich dazu einen Nachmittag, um Linovsky nicht zu verfehlen,
weil er seinem mistrauischen Sinn keinen Anla zu dem Verdacht geben wollte, als
habe er Erna irgend etwas allein zu sagen.
    Die Familie befand sich auf der Hausflur, die an Eleganz mit den Zimmern
wetteifernd, als ein solches gebraucht wurde. Um den Theetisch versammelt, an
welchem Erna prsidirte, Otto neben ihr, der kleine Wunibald auf einem Kissen zu
ihren Fen liegend, Auguste mit Arbeit beschftigt, und Linovsky ein Buch in
der Hand, aus welchem er vorzulesen geschienen hatte, stellte die kleine Gruppe,
die sein scharfes Auge schon in der Ferne durch die weit geffneten Glasthren
bersehen konnte, wirklich ein lieblich anziehendes Bild huslicher Eintracht
und huslicher Freuden dar.
    Als sein Wagen vorfuhr, und man ihn erkannte, stand Linovsky auf, ihm
entgegenzugehen. Da Alexander ihm sogleich als hauptschlichen Grund seines
Kommens den vergeblichen Versuch anfhrte ihn in der Stadt aufzufinden, um ihm
doch endlich persnlich auszudrcken, wie innig verbunden er sich ihm fr seine
gastfreie Aufnahme fhle, so war der Empfang weniger steif und kalt, als er
befrchtet hatte. Wie erstaunte er aber, als er die Stufen heraufstieg, und Erna
von ihrem Platz verschwunden sah. Eine leise Ahnung durchbebte sein Inneres, da
sein Anblick sie nicht deshalb verscheucht habe, weil er ihr gleichgltig sei.
    Endlich kam sie wieder. Eine sanfte Rthe hatte sich ber ihre Wangen
ergossen - sie war jedoch die einzige verrtherische Andeutung eines aufgeregten
Gemths, denn wie immer thronte der Friede auf ihrer Stirn, die Ruhe in ihrem
Lcheln. Theilnehmend, aber mit vorsichtiger Zurckhaltung, erkundigte sie sich
nach seiner Gesundheit, freute sich, ihn wiederhergestellt zu sehen, und zog
sich dann zu Augusten zurck, ihn dem ausschlielichen Gesprch mit Linovsky
berlassend.
    Der kleine Otto hatte ihn mit strmischer Freude begrt. Mehr noch als
Peitsche, Steckenpferd, Trommel und Bilderbuch, und was die bunte
Mannichfaltigkeit des mitgebrachten Spielzeugs noch sonst enthielt, schien die
Wiederkehr des Freundes ihn zu entzcken, und diese seltene, uneigenntzige
Anhnglichkeit, diese tiefe Innigkeit des Gefhls in einem Kinde, hatte etwas so
unbeschreiblich Rhrendes, da es begreiflich war, Erna davon erschttert zu
sehen.
    Auch Linovsky, stolz auf das Vatergefhl, das ihm dieser Knabe zueignete,
bewhrte durch eine immer milder sich Alexandern zuwendende Freundlichkeit die
alte Erfahrung, da nichts sicherer die Herzen der Eltern gewinnt, als das
Wohlwollen, das man ihren Kindern schenkt.
    Denn Alexander erwiederte so von ganzem Herzen die Liebkosungen des Kleinen,
sprach sich so warm und unverholen ber seine herrlichen Anlagen, ber sein
tiefes Gemth aus, da Linovsky erfreut, von den Lippen eines Fremden besttigt
zu hren, was die eigene Ueberzeugung ihm oft zugeflstert hatte, ein inniges
Behagen an der Gerechtigkeit fand, die seinem Otto widerfuhr.
    Da nun noch berdem Alexander's khner, freier, vom Leben gehrteter, und
vom Schmerz geluterter Sinn sich streng innerhalb der Schranken einer Vorsicht
erhielt, die das Mistrauen eher einzuwiegen als zu erwecken vermochte, indem er
Erna durchaus keine andere Aufmerksamkeit erwies, als die, die die allgemeine
Hflichkeit der Frau vom Hause zu widmen pflegt, so schien es wirklich, als sey
er Linovsky'n ein willkommener Gast, und indem er ihn bat, zum Abendessen zu
bleiben, uerte er zugleich recht verbindlich, da es ihn freuen werde, ihn
fterer zu sehen.
    Auguste hatte den eingeschlummerten Wunibald zu seiner Wiege getragen, und
war nicht wiedergekehrt - ein Brief, der Linovsky'n gebracht wurde, nthigte
ihn, sich auf eine Viertelstunde zu entfernen, um ihn zu beantworten - jetzt
also fand sich Alexander mit Erna allein, da Otto, der schn wie ein Liebesgott
zwischen beiden stand, seines zarten Alters wegen fr keinen Zeugen zu rechnen
war.
    Gleichwohl herrschte ein tiefes Schweigen zwischen ihnen; denn zu voll
gedrngten Gefhls waren diese Augenblicke, um den Anfang einer gleichgltigen
Unterhaltung zuzulassen.
    Da ermannte sich Erna, und indem sie aufstand und ans Fenster trat, bat sie
ihn als einen erfahrenen Botaniker und Blumisten um Rath ber die Behandlung
eines erkrankten Myrthenbumchens, das sie, trotz aller Pflege, zu verlieren
frchtete.
    Er betrachtete es genau, und beugte sich tief zu ihm nieder, doch mehr, um
die Bewegung zu verbergen, in der er war, als um seinen eigentlichen Zustand zu
untersuchen. Eine unbeschreibliche Wehmuth berfiel ihn im Bewutseyn verlorenen
Lebensglcks. Es wird sich wieder erholen, sagte er dumpf. Denn welche Jugend
hat nicht drres Reis und welke Blthen - welchen Glcklichen hienieden sprot
die Myrthe in ungestrter Heiterkeit? Ein wenig frische Erde wird ihm wohl thun
- - in ihr liegt Heilkraft fr alle Krankheiten. -
    Da sah ihn Erna an mit einem Blick, dessen reine Klarheit, obwohl von
Mitleid getrbt, ihn hoch empor ber allen irrdischen Kummer hob. Wie Blumen
Labung uns entgegenduften, so drang der goldene Frieden der Unschuld, ihn
moralisch erquickend, aus ihrer Seele in die seine, und beschwichtigt schwiegen
seine Schmerzen, als ihre sanfte Rede wie milder Balsam in seine Wunden flo.
    Doch nur momentan dauerte diese linde Befriedigung seines Innern. Diese
schwermthigen Aeuerungen habe ich nicht hervorrufen wollen, sagte sie mit
freundlichem Ernst. Auch sind sie Ihrer Natur eigentlich fremd, die sich ja
immer zum Frohsinn hinneigte. Warum sollte sie ihn jetzt verlugnen? O halten
Sie ihn fest - er ist eine so starke, sichere Sttze in den Strmen des Lebens!
    Tief erschttert ergriff sie Alexander's dunkel glhender Blick. Dieser Rath
kommt von Ihnen? antwortete er bitter. In der That, das mu mich befremden.
Wollen Sie meines gemishandelten Gefhls noch spotten? Wer mir die Sttze raubte
- darf mir noch rathen, sie festzuhalten?
    Norbeck! ich beschwre Sie, nicht diesen Ton! unterbrach ihn Erna. Er
entfernt uns von dem Wege, auf dem ich gern neben Ihnen durchs Leben ginge, und
auf dem allein ich es darf. Lassen Sie der Vergangenheit ihren Schleier, und
ehren Sie gleich mir in allem, was er verhllt, eine hhere Fgung, der der
Mensch geduldig gehorchen mu.
    Wie? rief Alexander aufs hchste aufgeregt, wollen Sie mich zur
Gotteslsterung verleiten? Menschliche Willkhr, menschliche Unvershnlichkeit
soll ich, statt ber ihre Hrte mich zu beklagen, noch mit kindlicher
Unterwerfung als einen Rath der Vorsehung betrachten, die alle ihre Geschpfe
zum Glck berief, und auch mich nicht ausgeschlossen haben wrde, wre die
jugendliche Uebereilung meines so oft und bitter bereueten frheren Betragens
einer mein ganzes Leben vergiftenden Strafe entgangen?
    Ja, fuhr er fort, ich habe damals, als das Glck Ihres Besitzes mir
zugedacht war, es fr unvertrglich mit den lockenden Freuden der Freiheit
gehalten, in denen ich schwrmte, und die ich in thrichter Verblendung fr das
hchste Gut auf Erden hielt - - ich habe unedle Mittel ergriffen, es von mir
abzulehnen, indem ich selbst meinen moralischen Werth verkleinerte, um die
Ueberzeugung hervorzubringen, als sei mein Charakter unwrdig, es zu erlangen.
Leichtsinn, Unbesonnenheit rissen mich hin - und in der damals noch
unentwickelten Knospe konnte ich nicht ahnen, welche Blthe des Himmels, die
meinen Lebensweg verschnert htte, ich von mir stie.
    Aber als ich Sie nun wieder sah, und eine glhende unaussprechliche
Leidenschaft mich jetzt eben so wahrhaft zu Ihnen hinzog, als frherer Irrthum
mich von Ihnen entfernte - ach - da konnte eine Reue, wie sie ja selbst den
Himmel vershnt, das racherfllte Herz eines Mdchens nicht erweichen, und von
seiner Unbarmherzigkeit zu unauslschlichem Elend und ewigem Darben verdammt,
soll ich noch fr hhere Fgung halten, was meinem Daseyn alle Jugend, meiner
Zukunft jede Hoffnung raubte! -
    Thrnen strzten aus Erna's Augen. Ihre bittende Stellung und die tiefe
Wehmuth ihrer Zge schien ihn um Schonung anzuflehen - aber er wand sich ab von
ihr, seinen Sinn nur noch mehr zu verhrten, indem er sich selbst ihrem
rhrenden Anblick entzog. Ueberzeugt, da er sich allein am ersten wiederfinden
werde, und da ihre Nhe ihn nur noch mehr reize, entfernte sie sich, und nahm
den kleinen Otto mit sich, der nicht aufhren konnte zu fragen, weshalb der
fremde Mann - so nannte er Alexandern - so bs auf Mama sei?

                                       IX


Wirklich erreichte Erna ihren Zweck. Denn als er sie nun neben sich vermite,
und die Unsicherheit des jeder Ueberraschung blosgestellten Orts bedachte, wo er
sie so leicht in ihren ohnehin so beengten ehelichen Verhltnissen htte auf das
bitterste durch seine Heftigkeit compromittiren knnen, verschwand sein Zorn vor
dem lebhaften Gefhl seines Unrechts, und so gern er auch auf der Stelle das
Haus verlassen htte, in welchem ihm so wehe und doch wiederum so wohl war, so
schien es ihm doch eine unerlliche Bedingung der Mglichkeit seiner
Entfernung, erst ein Wort der Verzeihung von ihren Lippen mit sich
hinwegzunehmen.
    Nach einigen Momenten, in denen er sich vllig zu sammeln strebte, kam
Linovsky wieder zu ihm, verwundert, ihn so ganz allein zu finden. Er fragte
seinen Bedienten, wo seine Frau sei, und erfuhr, da sie den kleinen Otto zu
Bett bringe. Ob er sich gleich sehr hflich gegen Alexandern entschuldigte, da
man ihn so unachtsam verlassen habe, so schien es ihm doch nicht unangenehm, zu
bemerken, da Erna so ganz und gar keine ausgezeichnete Notiz von ihrem Gaste zu
nehmen schien, und sich in ihren gewhnlichen huslichen Beschftigungen durch
ihn keineswegs stren lie.
    Erst bei'm Abendessen kam sie wieder zum Vorschein. Beschmt vermochte
Alexander Anfangs den Blick nicht zu ihr zu erheben, und als er es endlich ber
sich gewann, schrfte die milde Trauer, die mit ihrem gewhnlichen Ernst
verschmolzen war, noch das Bewutseyn, wie sehr er sich an ihr vergangen habe,
und er sehnte sich, ihre Vergebung und in ihr die Beruhigung zu erflehen, die er
schmerzlich in seinem Busen vermite.
    Doch so wohl sollte es ihm heute nicht werden. Obgleich sie an der
Unterhaltung den Antheil nahm, den ihre Pflicht als Hausfrau von ihr foderte, so
mischte sich doch eine gewisse, Ehrfurcht gebietende Strenge in ihren Ton, so
wie in ihre Haltung, die seine fernen Schranken von ihr ihm sehr entschieden
anwies.
    Je zurckgezogener und klter sie sich aber gegen ihn benahm, je
freundlicher war Linovsky, der, indem Alexander von seinen Reisen erzhlte, den
geistigen Nachhall froher Erinnerungen geno, und auf diese Weise manchen
Berhrungspunkt fand, der ihm seinen Umgang um so angenehmer machte, da er sich
durch ihn nicht von der Seite beunruhigt fhlte, wo er am leichtesten zu
verwunden war.
    Er wiederholte daher beim Abschied recht herzlich die Bitte, bald wieder zu
kommen, und erwiederte einige Tage darauf Alexander's Besuch, um ihn zum
folgenden Mittag auf Sorgenfrei einzuladen, wo, wie er sagte, er die
Bekanntschaft einiger interessanten Fremden machen werde.
    Wie willkommen war Alexandern nicht die ihm gegebene Gelegenheit, sich Erna
wiederum zu nhern. Zwar hoffte er nicht auf die Gunst eines unbelauschten
Gesprchs mit ihr, die, wenn auch der Zufall sie ihm freundlich gewhren wrde,
ihr Ernst und ihre Festigkeit doch gewi ihm verweigert htte. Aber der
Entschlu, ihr schriftlich auszusprechen, was er litt, erleichterte sein schwer
beladenes Gemth, und in dem Geschft, ihr zu schreiben, fand er Linderung
seiner Quaalen.
    Wenden Sie Sich nicht unvershnlich von dem Unglcklichen ab, begann sein
Brief, der neben dem tiefen Schmerz, Sie auf ewig verloren zu haben, nicht noch
Ihren Unmuth zu ertragen im Stande ist.
    Kaum darf ich es wagen, auf eine Zeit hinzudeuten, deren Erinnerung Ihnen
nur bittere Gefhle, mir nur die heie Gluth der Schaam darbietet. Es ist die
Zeit unserer ersten Bekanntschaft - und ob es gleich schonender fr uns beide
wre, sie in schweigende Vergessenheit zu begraben, so mu ich ihrer doch noch
einmal erwhnen, wenn ich den einzigen Zweck erreichen will, der mir unter den
Trmmern meines Daseyns noch des Strebens werth scheint, vershnt nmlich mit
Ihnen und bemitleidet von Ihrem Herzen auf immer von Ihnen zu scheiden, wenn
mein Beruf mich - und vielleicht bald - zur blutigen Thtigkeit des Kriegs, und
- - ich darf wohl hoffend und sehnend hinzufgen - zum Tode ruft. Ja, ich
beschwre den Schatten der Vergangenheit, wenn auch nicht mich rechtfertigend,
doch mich entschuldigend, vor Sie zu treten. Werfen Sie einen Blick der
unpartheiischen Prfung auf meine erste Jugend, die mich ohne Grundstze, ohne
Festigkeit, ohne eine leitende Hand, die mich vom Abgrund der Verfhrung
zurckgehalten htte, in das betubende Gewhl der groen Welt stie, und mich
bei lebhaftem, leicht gereiztem Gefhl allen Gefahren schlechter Gesellschaft,
allen Lockungen glnzender Zerstreuungen Preis gab.
    Frh hatte ich meine Aeltern verloren, und nur wie ein immer undeutlicher
werdender Traum dmmerte das Andenken der Lehren meiner frommen Mutter in meiner
Seele, um bald von dem wsten Treiben eines geruschvollen Lebens verdrngt,
obgleich nicht vllig verlscht zu werden.
    Die Verhltnisse meines Standes, und das Vermgen, dessen Gebrauch, oder
vielmehr Misbrauch mir von einem allzunachsichtigen Vormund schon sehr frh
gestattet wurde, bahnte mir die gefahrvollsten Wege, und ich gerieth in
Verbindungen, die in meinen Augen dem Heiligen seine Glorie, der Reinheit ihren
Glanz, der Unschuld ihren Schleier entrissen.
    Das Leben in seinen tausendfachen Gestaltungen zu beobachten, und es in
seinen leisesten Nancen zu belauschen, schien mir allein der Aufmerksamkeit
werth, und da ich viel Unwrdiges unter frommer Hlle entdeckte, dnkte ich mich
mitten in der Frivolitt eines wenigstens nicht durch Heuchelei befleckten
Lebens weniger strafbar und verchtlich, als so mancher, der gleisnerisch den
Schein beobachtend, mit Ansprchen auf uere Tadellosigkeit ein wohlgegrndetes
Recht auf innere Geringschtzung verband.
    So fand ich oft alle Laster mit der strengsten Ausbung religiser Gebruche
vereinigt. Dies machte mein Urtheil einseitig, und erklltete mich gegen alle
Form, aber Gott starb dennoch nicht in meinem Herzen, wenn auch mein Betragen
ihn oft zu verlugnen schien. Aus den bunten Erfahrungen, die ein immerwhrender
Rausch mich sammeln lie, bildete ich mir ein System der Lebensphilosophie, das,
wie ich meinte, meiner Individualitt am genauesten angepat war, und das mir
gengte, indem es jede Foderung der Moral ausschlo, und es mir als vernnftig
darstellte, die Blthen freier Jugendlust nicht mit den scharf einschneidenden
Faden der Pflicht in Straus oder Kranz zu winden, wie die kalte Gewohnheit
verjhrter Gebruche es wollte.
    So im vollen Brausen aller Leidenschaften, die Freiheit als hchstes Gut
betrachtend, und noch nicht bersttigt durch die zgellosen Gensse, die sie
mir bot, lernte ich Sie kennen, und frher noch die Absicht meiner Tante, uns zu
verbinden.
    Gewhnt an die schimmernde Koketterie eitler und blendender Modedamen,
htten nur die schlauen Intriguen einer solchen mich damals unmerklich in den
Netzen der List und der Verstellung verstricken knnen, um mich zu einer
immerwhrenden Verbindung zu bewegen. Der hohen Einfalt, der stillen Wrde Ihres
Charakters und seiner oft an's Aengstliche grnzenden Schchternheit gelang es
nicht, mich zum Opfer meiner Freiheit zu verleiten, da der geheime Gtzendienst
der Eitelkeit in meinem Innern keine Nahrung fand, und mir der Sinn noch
verschlossen war, der das tiefe und heilige Gemth htte erkennen knnen, das in
solchen Zgen sich offenbart.
    So bebte ein leiser Schauer in mir vor der strengen, schmucklosen Wahrheit
Ihrer Gesinnung so wie Ihres Wandels unwillkhrlich zurck, und so wenig die
Raupe ihr knftiges Schmetterlingsdaseyn zu ahnen im Stande ist, eben so wenig
ahnete auch ich, da sptere Zeiten, mit der Erkenntnis Ihres ganzen Werths, die
bitterste Reue, mein Glck leichtsinnig verscherzt zu haben, in mir erwecken
wrden.
    Um den Zorn meiner Tante nicht durch Widerspruch zu reizen, beschlo ich,
indem ich mich leichtsinniger und verdorbener stellte, als ich war, Ihre gute
Meinung von meinem Charakter zu zerstren, ohne die - das wute ich wohl - eine
so fromme Gesinnung, wie die Ihrige, sich nie zu einer Verbindung auf ewig
entschlossen haben wrde.
    Der Erfolg rechtfertigte meine teufelische List. Sie wandten sich mit
Abscheu von einem Menschen weg, der es frei bekannte, da er ohne Religion und
Grundstze sei, und der dem Heiligen, was Ihre Seele verehrte, Hohn sprach. Dies
unwrdige Spiel noch durch die erheuchelte Betrbnis krnend, mit welcher ich
meiner Tante klagte, da Sie mein Herz verschmht, meine Hand verworfen htten,
kehrte ich, froh den Fesseln des Ehestandes entronnen zu seyn, in das seelenlose
Gerusch der groen Welt zurck, das mich damals fester anzog, als alle Bilder
eines reinen huslichen Glcks in der Perspective meiner Zukunft.
    Mit bitterem Schmerz, mit nagender Reue war ich mein eigener Anklger. Darf
ich - zur Wahrheit nun zurckgekehrt und durch unauslschliches Weh vershnt mit
ihr, die ich einst so freventlich verletzte, jetzt auch mein Vertheidiger seyn?
-
    Nicht lange dauerte der Rausch fort, der mein besseres Selbst umfing. Bald
erkannte ich die Nichtigkeit der Freuden, denen ich nachgejagt war, und die
Sehnsucht nach einem hheren Glck, als das schale Einerlei eines immer
zerstreuten Lebens mir bot, wandte mich ab von dem betretenen Wege, um mich
einem besseren zuzufhren.
    Aber ach, um mit Freudigkeit auf ihm fortzuwallen, htt' ich einer leitenden
Hand bedurft! Vergebens streckte ich die meinige aus - kalt, nicht von meinen
Leiden bewegt, nicht von meiner Innigkeit ergriffen, nicht durch meine Reue
erweicht, zog sich die von mir zurck, die allein mir htte die Paradiese des
Lebens ffnen knnen.
    Indessen - ich klage Sie nicht der Hrte an, Erna, ohne Sie zugleich zu
entschuldigen. Sie kannten mich zu wenig, um das Bild des Frevlers, das noch
dunkel im Hintergrunde Ihrer Seele ruhte, von dem Bilde des Gebesserten, im
Prfungsfeuer des Entbehrens Geluterten, sich selbst klar Gewordenen zu
trennen.
    Denn da mein Herz, diese Wohnung des regsten Gefhls, und - als ich auf Sie
Verzicht leisten mute - der whlendsten Verzweiflung, dennoch nicht wieder
zurcksank in den Abgrund frherer Vergehungen, aus denen das geistige Vermgen
besserer Erkenntnis mich erhoben, da ich mitten im Dunkel einer ewigen
Hoffnungslosigkeit mich rein erhielt, als winke Ihr Besitz mir als Lohn aus der
Ferne - das ists, worauf ich stolz bin, denn dies Bewutseyn lscht den Schatten
aus, den meine frheren Fehler auf die Vergangenheit werfen, und eben so wenig
wie der Himmel den zerknirschten Snder zurckstt, der reuig aus den
Labyrinthen weltlicher Verfhrung zu einem edleren Wandel zurckkehrt, eben so
wenig fhl' ich mich jetzt mehr durch meinen moralischen Werth von den besten
Menschen auf Erden geschieden - folglich stehe ich auch Ihnen nahe, denn in
herber Entsagung und unerschtterlicher Willenskraft hab' ich die Stufen
erklimmt, die zu Ihrer Hhe hinauf fhren.
    Und nun, zurckgekehrt in die Gegend, wo Sie athmen, doch ohne es zu ahnen -
durch Zufall - wenn es anders Zuflle giebt - in Ihr Haus versetzt, ohne es zu
wissen oder zu wollen, ist die ganze Kraft der Leidenschaft, die Sie mir
eingeflt haben, wieder in mir emporgeflammt, so eifrig auch mein jahrelanges
Streben war, sie durch Vernunft, Zerstreuung und die abkhlende Erinnerung
gekrnkten Stolzes und verschmhter Liebe zu ersticken. Sie wiedersehen und
alles von Neuem zu empfinden, was ich einst empfand, als ich an Ihren Besitz das
hchste Ziel meiner Wnsche knpfte, war eins. Denn obgleich die Erfahrungen des
Lebens nach und nach den Charakter abschleifen, wie der immer kreisende
Umschwung von tausend und abermal tausend Wellen endlich den scharfen Kiesel
glatt splt, so macht ein Herz, das wahrhaft geliebt hat, doch eine Ausnahme von
dieser sonst so sicheren Regel, und der unheilbare Schmerz des meinigen
berzeugt mich, da mein Gefhl fr Sie ewig eben so glhend bleiben wird, als
die Hoffnungslosigkeit unberwindlich ist, die uns scheidet.
    Diese Gewiheit in der tief verwundeten Brust, fragen Sie mich um den Zweck
dieser Zeilen? - Ach - wei ich ihn selbst? Ich habe Sie beleidigt, als ich das
Schweigen brach, das Ehrfurcht fr die Verhltnisse der Gattin und Mutter mir
htte auferlegen sollen - ich habe mit der ganzen Bitterkeit der Erkenntnis
meines verlorenen Lebens die sanfte Milde zurckgewiesen, mit der Sie die
Ghrung meines Innern zu besnftigen strebten, und mit aller Ungerechtigkeit
leidenschaftlicher Entrstung die ganze Schuld meines Elends auf Ihr weiches
Gemth gewlzt - - das ists, was ein innerer Drang mich abzubitten und abzuben
zwingt.
    Denn ich wei es ja - Sie waren es nicht allein, die mein Urtheil bestimmte,
sondern die, die es aussprach, hat unlugbar den grten Antheil an der
Entscheidung desselben, da sie den Einflu misbrauchte, den Gewohnheit und die
verjhrte Anhnglichkeit Ihres kindlichen Herzens ihr einrumen. Ich sehe ein,
Auguste ist Ihnen lieber als ich, und Sie mgen Recht haben, wenn Sie in ihr die
mtterliche Freundin ehren, die Ihre Kindheit pflegte und eine stets
theilnehmende Zeugin Ihrer Schicksale blieb. Aber lassen Sie mich in der Zahl
Ihrer Freunde nicht mit ihr in einer Klasse stehen - ich nehme eine geringere
fr eine Auszeichnung an. Denn ich verabscheue sie als den feindseligen Dmon,
der mein Daseyn vergiften half, indem sie, meinen Charakter keiner nheren
Prfung wrdigend, ihn nur durch das gefrbte Glas der Partheilichkeit
betrachtete. Sie hat mich im Geheim, und findet den Grund dazu wohl nur in sich
- denn von einer einzigen Uebereilung, die ein gebessertes Leben wieder gut zu
machen sich bemhte, konnte sie ohnmglich die Veranlassung entlehnen, mit
unvershnlicher Rachsucht Ihren Entschlu zu meinem Nachtheil zu leiten und
meine Existenz in eine unwandelbare Hlle umzuschaffen.
    Und nicht mich allein treffen die Folgen dieses heimtckischen Einwirkens.
Auch Sie, Erna! - ja ich bin mit wehmthigem Stolz davon berzeugt - auch Sie
wrden glcklich an meiner Seite gewesen seyn. Daher ist sie mir hier und in der
Ewigkeit verantwortlich fr Ihren Frieden - denn wenn ich Ihnen und Linovsky
gegenber stehe, fhle ich es klar, auch Sie hat ihr kalt verwerfendes Gemth um
den Himmel betrogen, den gegenseitige Liebe gewhrt.
    Doch nun genug. Mir bleibt nichts mehr im Leben zu wnschen und zu hoffen
brig, als da Sie Sich herablassen werden, ber meine Zukunft zu entscheiden.
    Schon habe ich, da die politische Lage der Dinge und die kriegerischen
Rstungen meines Vaterlandes uns den nahen Ausbruch gerechter Feindseligkeiten
erwarten lassen, dem Knig meine Dienste angeboten, und das Versprechen einer
zweckmigen Anstellung erhalten. Aber diese trbe Zwischenzeit, welche noch
diese Erwartung von der Erfllung des Verlangens trennt, das sich in mir nach
beschwichtigender Thtigkeit sehnt - wie soll ich sie ausfllen, Ihnen so nahe?
    Soll ich Sie meiden, oder fortfahren, Sie zu sehen? Soll ich, zu ewigem
Schweigen verdammt, mich zwingen, stumm neben Ihnen den Schmerz Ihres
unersetzlichen Verlustes zu ertragen, den jeder Blick, auf Sie gerichtet, mir
erneuert - oder darf ich dem wunden Herzen Luft machen, und - ohne die Strenge
Ihrer Grundstze zu beleidigen, es zuweilen aussprechen, was ich leide, um in
Ihrem Mitleid - ein Gefhl, das selbst die reinste Tugend nicht verbietet - den
einzigen Balsam zu finden, der mir Linderung zu geben vermag?
    Denn, Erna! die Blume, die man nicht brechen darf, um sie an seinem Busen zu
tragen - sie wird nicht durch die Thrnen entweiht, mit denen Wehmuth sie
benetzt. Entscheiden Sie - denn im Kampf mit mir selbst und mit den Dornen
meines Schicksals traue ich, unsicher schwankend, dem eigenen Ausspruch nicht,
und folge willig, wie einem hheren Gesetz, dem, was Ihre bessere Einsicht ber
mich verhngt. Und vor allem - senken Sie durch einen Blick der Gte, durch ein
Wort der Vergebung den Frieden wenigstens wieder in meine zerrissene Seele, den
es in Ihrer Macht steht, mir zurckzugeben - damit zu dem Schmerz, den zu dulden
ich verurtheilt bin, sich nicht noch der Vorwurf gesellt, Ihren Unwillen
verschuldet zu haben.

                                       X


Ziemlich spt machte er sich am anderen Tage auf den Weg, der erhaltenen
Einladung zu folgen, hauptschlich aber: sein eigener Brieftrger zu seyn.
    Er fand die Gesellschaft schon versammelt, und Erna, zierlich geputzt, und
ihre Gste mit Geist und Lebhaftigkeit unterhaltend, empfing ihn hflich, aber
ohne alle, weder freundliche noch unfreundliche, Auszeichnung.
    Er fand sie heute so hlhend, da ihre Schnheit ihn im Rosenschimmer der
Gesundheit berraschte. Ein ganz eigener Glanz funkelte zauberisch in ihrem Auge
- aber so sehr ihn auch der Anblick ihrer Reize gleich warmem Sonnenschein
entzckend durchdrang, so schmerzte es ihn doch, da diesmal auch nicht der
leiseste Wechsel ihrer Farbe ihm verrieth, da seine Erscheinung irgend einen
Eindruck auf sie mache.
    Man schien nur auf ihn gewartet zu haben, um sich zu Tische zu setzen.
Alexander whlte seinen Platz so, da er die im Auge hatte, die er im Herzen
trug, und sie scharf beobachtend, glaubte er endlich wahrzunehmen, da die
Munterkeit, die sie scheinbar beseelte, nur eine erknstelte sei, die sie nicht
ohne innere Anstrengung als eine Pflicht der Hausfrau bte.
    Als am Nachmittag die Gesellschaft sich in dem Garten zwanglos zerstreute,
gelang es ihm sie einen Augenblick allein zu sprechen.
    Schchtern, bewegt, mit dem vollen, warmen Ton der Liebe, die den geliebten
Gegenstand gekrnkt zu haben frchtet, redete er sie an, und bat um die
Erlaubnis, ihr in dem Brief, den er ihr bergab, sein ganzes Herz darlegen zu
drfen.
    Sie zgerte ein wenig, ihn anzunehmen. Doch als er die Versicherung
hinzufgte, da er nichts en halte, was ihr strenges Pflichtgefhl zu beleidigen
im Stande sei - als er betheuerte, da er, vllig resignirt auf jede Hoffnung
des Glcks, nur Ihre Entscheidung ber sein knftiges Benehmen gegen sie sich
erbitte - und da er keineswegs in der Absicht, irgend etwas dadurch zu
gewinnen, sondern blos um sich eben sowohl anzuklagen als zu rechtfertigen, die
Vergangenheit noch einmal, zum letztenmal, vor ihr ausgebreitet habe, um durch
ihren Rath geleitet, nur das Betragen zu whlen, das weder ihrem inneren noch
ueren Frieden gefhrlich zu werden drohe, nahm sie ihn hin, ihn unerffnet zu
verbergen.
    Das Wort: zum letztenmal, ist entscheidend fr mich, sagte sie leise; denn
es entschuldigt mich allein, da ich eine so geheimnisvolle Art, sich mir
mitzutheilen, begnstige. Zum letztenmale denn will ich mit Ihnen in jene Zeit
zurckschwrmen, die unwiederbringlich dahin ist, und in der wir nichts mehr zu
ndern vermgen - - dann aber richten Sie gleich mir Ihr Auge muthig in die
Zukunft, und gnnen mir die Freude, Sie in ihr gleichsam ein neues, froheres
Leben beginnen zu sehen.
    Alexander wollte der Rhrung nicht nachgeben die ihn erschtterte. Um sich
daher die Fassung zu erhalten, die bei einer leicht mglichen Unterbrechung
ihres Gesprchs ihm so nthig war, erwiederte er nichts, sondern sprach ihr nur
die Freude aus, sie heute so ungewhnlich woh zu sehen.
    Mit einem wehmthigen Lcheln blickte Erna ihn an, und leicht mit ihrem Tuch
ber de rosige Wange streifend, antwortete sie: Also haben diese tauben Blthen
auch Sie getuscht? Linovsky sieht mich ungern so bleich, wie ich nun einmal
bin, weil seine Besorgnis mich dann gleich krank vermuthet. Ihm zu Ehren prange
ich zuweilen mit erborgter Farbe, und vorzglich, wenn er einen frohen Kreis um
sich versammelt hat, damit ich nicht, einem bereits abgeschiedenen Schatten
gleich, strend unter den Lebendigen erscheine.
    Wie? so fhlen Sie Sich wirklich krank? unterbrach sie Alexander betroffen.
    Nicht eben krank, aber matt und mde, versetzte sie ruhig. Schon seit
lngerer Zeit - ich darf es Ihnen wohl bekennen - ist mir das Leben selbst in
seinen heiligsten Beziehungen so nichtig erschienen, da es mich nicht Wunder
nimmt, wenn mein Gemth mitten im Genu der reichsten Gter darbt. Wie eine
Pflanze, in harten, ungewohnten Boden versetzt, trauert und welkt, mag auch Thau
und Regen sie erfrischen und Sonnenwrme sie linde anstrahlen, so bietet auch
mir die Erde keine Nahrung fr meine Sehnsucht, keine Befriedigung des inneren
Bedrfnisses, keine Gewhrung der Ideale, die - vielleicht ertrumt und nirgends
in der Wirklichkeit existirend - doch so lebhaft vor meiner Seele schweben, als
htte ich sie einst gefunden, oder wrde ihnen noch begegnen.
    Doch, setzte sie einlenkend hinzu, als habe ihr reges Gefhl sie
unwillkhrlich ber die Schranken weiser Zurckhaltung hinbergefhrt, wozu
enthlle ich Ihrem frhlichen Sinn, der das Leben nur erst, geprft und
gelutert und seinen wahren Werth erkennend, ergreift, um es zu genieen, die
Schattenseite meiner Ansichten? Vergeben Sie mir - nur die Hoffnung, ein
besonnener, unserer wrdige Umgang werde uns in reiner tadelloser Freundschaft
einander nhern, konnte mich, die sonst gegen jedermann Verschlossene, so
geschwtzig machen.
    Und diese Hoffnung, die Sie nicht tuschen soll, da sie sich auf die Kraft
meines Charakters und auf die Festigkeit meines Willens grndet, versetzte
Alexander bewegt, verleiht mir das Recht, schon jetzt auszusprechen, da die
Wehmuth Ihres Wesens ein Echo in meinem Innern findet, das der Schmerz geheiligt
hat. Nicht der frohe, lebensmuthige Jngling steht vor Ihnen, den Sie einst in
der Zeit seiner Verirrungen kannten, sondern der ernst gereifte Mann, der bis
ber die Grnze des irrdischen Lebens hinaus das Bild seiner verfehlten Wnsche
als das Hchste sich bewahrt, was ihm das Daseyn zu bieten vermochte. Glauben
Sie, ich knnte noch hoffen? knnte vielleicht Plane entwerfen fr die
entbltterte Zukunft, die vor mir liegt, der arabischen Wste gleich, in der
kein Labequell rieselt, der brennenden Schwle Erquickung zu versprechen?
    Erna wurde sichtbar gerhrt. Sie suchte abzubrechen, und schlug das schne
Auge aufwrts, wo mit lautem Geschrei eine Schaar Zugvgel ber ihr
dahinbrauten.
    Seid mir gegrt in Euerer Hhe, Ihr geflgelten Pilger, die Ihr so frhlich
von dannen zieht, Euerem Sden entgegen! sagte sie. Ach, wer mit Euch reisen
knnte, in das schne Land, zu dem Ihr hinstrebt! -
    Wnschen Sie das? fragte Alexander.
    Nun ja, erwiederte sie verlegen, denn selten steht ja der Mensch auf einem
Punkte, von dem er sich nicht hinwegsehnt. Doch sind es eigentlich nicht die
irrdischen Fittige, nach denen ich verlange - jene hheren dehnen sich in mir,
als wollten sie die schwache Brust zersprengen, die empor tragen ins Land der
Verheiung, zum Vater der Liebe.
    Sie sah ihn bei diesen Worten so hell und klar an, als wolle sie seinen Sinn
erheben, wie ihre ahnenden Hoffnungen. Alexander konnte nichts erwiedern -
thrnenschwer schlug er die Augen nieder, und wandte sich in die Einsamkeit, da
in demselben Moment Menschen ihnen nahten, die seine Stimmung weder zu begreifen
noch zu schonen verstanden.

                                       XI


Es wurde ihm an diesem Tage keine einsame Minute der Unterhaltung mehr mit Erna.
An den Spieltisch gepflanzt, mute er sich zwingen, seine Aufmerksamkeit fr die
geringfgigsten Dinge und fr die unbedeutendsten Menschen, die an seiner
Parthie Theil nahmen, wach zu erhalten, und nur selten durfte ein durstiger
Blick zu ihr hinberstreifen, die ruhig und in der ganzen Wrde und Hoheit ihres
Charakters, mit alle der milden Gte, die ihr eigen war, die Pflichten der
Wirthin im Allgemeinen ausbte, ohne sich scheinbar um Einzelne ihrer Gste
auszeichnend zu bekmmern.
    Als nun die spten Abendstunden zur Trennung auffoderten, und Alexander
zwischen Erna und einigen anderen Damen die Verabredung treffen hrte, morgen
gemeinschaftlich die Oper besuchen zu wollen, wagte er mit dem leisen Wort des
Abschiedes, das er ihr zuflsterte, die Frage zu verbinden, ob er sich dann an
sie anschlieen drfe, um - sei es auch im strendsten Gewhl - sie wieder zu
sehen?
    Erna besann sich einen Augenblick in scheinbarer Unentschlossenheit, die
eine liebliche Rthe auf ihre bleichen Wangen trieb. Dann aber fate sie sich,
gleichsam in ihrem Innern die Kraft zu einem freien, nicht durch Convenienz
bedungenen Entschlu auffindend, und indem sie freundlich sein Lebewohl
erwiederte, setzte sie mit Wrde hinzu, da sie sich freuen werde, ihm dort zu
begegnen.
    In tiefes Nachdenken versunken, kehrte Alexander nach der Stadt zurck, und
lange noch hielten ihn die ungebndigten Wnsche, Hoffnungen, Zweifel und
Besorgnisse wach, die von Erna's Bild ausstrmten, das seine Seele so lebhaft im
innersten Heiligthum derselben trug.
    Nein! so benimmt sich die Gleichgltigkeit nicht, rief er endlich aus,
nachdem er unter unsglichen Quaalen ihr ganzes Betragen gegen ihn durchgegangen
war, und jedes ihrer Worte prfend auf die bebende Wagschaale der Furcht und des
Unglaubens erwogen hatte. Jener Funke, der am frhen Morgen ihrer Jugend in ihr
Herz fiel, und spter mir durch beleidigten Stolz und gekrnkte Empfindlichkeit
wiederum verlscht schien - er glimmt noch fort, von meiner Treue genhrt, von
meiner Ausdauer flammender als je ins Leben zurckgerufen. Und gewi, mir sagen
es die seligen Ahnungen, die meinen Busen schwellen, sie wird mich einst noch
lieben, wie ich sie liebe - ja sie liebt mich schon, und die Stunde ist nicht
mehr fern, in der sie es mir bekennen wird.
    Unglcklicher! fuhr er fort, als whrend einer langen Pause trbes
Nachdenken wiederum die Blthen seiner Hoffnung zu knicken drohte - wie darfst
du zu erlangen trumen, was so hoch und unerreichbar ber dir steht, da selbst
dein mchtigstes Streben sich nicht zu ihm emporschwingen kann? Vergebens sehnst
du dich, den Tempel deines Glcks zu betreten, dessen Himmelsglanz dir trunken
winkt - ach - Schreckenbilder bewachen seine Schwelle, und wehren dir den
Eingang! Ihre Tugenden sind es, ihre Pflichten, denen sie ja das ganze blhende
Daseyn geopfert hat - ihnen wird sie auch Dich zum Opfer bringen und selbst als
Opfer fallen!
    Dumpfer Schmerz, wie er ihn niemals nagender empfunden, raubte ihm bei
dieser Vorstellung fast die Besinnung, und um seine Marter noch zu erhhen, trat
wie der sichtbare Kakodmon seines Schicksals Linovsky's verhate Gestalt vor
sein inneres Auge, ihn, gleichsam mit dem Hohngelchter der Hlle auf den
bermthigen Lippen, daran zu mahnen, da er, er es sei, der die Herrliche
besitze, und da - wenn sie auch mit dem Gefhl des verlorenen, seiner Blthen
beraubten Lebens neben ihm wandele - sie doch eben so unbedingt sein Eigenthum
sei, wie nur immer eine Sklavin ihrem Tyrannen gehrt.
    Ha, Neid und Ingrimm in der kochenden Brust, fand er, es sei in Zukunft
eine Aufgabe ber seine Krfte, den Gegenstand seiner Liebe neben dem seines
bittersten Hasses, und diesem letzteren unterwrfig zu sehen. Htte es ihm nur
mglich geschienen, auf den Zauber ihrer sen Nhe Verzicht zu leisten, er
wrde im Gefhle tobender, knirschender Eifersucht auf der Stelle das Gelbde
ausgesprochen haben, des verhaten Nebenbuhlers Haus nie wieder zu betreten.
    Gleichwohl zhlte er, unfhig sich die herbe Prfung einer strengen
Entsagung aufzulegen, jede einzelne Stunde, die noch trennend zwischen dem
nchsten ihm beschiedenen Wiedersehen stand, und als das Opernhaus geffnet
wurde, war er einer der Ersten, der in einer Loge, welche das Ganze zu bersehen
gestattete, Platz nahm, um weder ihr Kommen, noch das Glck, sich ihr nhern zu
drfen, zu verfehlen.
    Endlich, die Symphonie rauschte bereits, erschien sie mit mehreren
Begleiterinnen, und nahm in einer Loge ihm gegenber Platz.
    Ehrerbietig grte er sie aus der Ferne, und als der erste Act vorber war,
wagte er es, sich den Damen zu nhern, und ganz zuletzt auch an sie, die seine
zarte Scheu zu verstehen schien, einige Worte der innigsten Theilnahme, mit
denen er nach ihrem Befinden fragte, zu richten.
    Mit der freundlichen Erwiederung, da ihr wohl sei, zog Erna einen Brief
hervor, den sie ihm ohne alle geheimnisvolle Umhllung mit der Bitte bergab,
ihn gelegentlich an seine Adresse zu besorgen.
    Sie wandte sich hierauf von ihm ab, und in ein eifriges Gesprch mit einer
ihrer Nachbarinnen gerathend, schien es, als habe sie von jetzt an keinen Blick
mehr fr ihn. Gepeinigt durch diese Wahrnehmung zog er sich daher, aus Furcht,
ihr durch sein Bleiben zu misfallen, in seine Loge zurck. Doch ehe er sie noch
erreicht hatte, konnte er nicht umhin, an dem flackernden Schein eines
Wandleuchters auf der brigens dunkeln, unbemerkten Gallerie die Aufschrift zu
lesen, und als er sie an sich gerichtet fand, erbrach er das Siegel mit
frhlicher Hast, und folgende Worte begegneten seinen sehnsuchtsvoll sphenden
Blicken:
    Da ich Sie angehrt habe, und da ich Ihnen antworte, ist der erste
Schritt, der mich von dem streng mir vorgezeichneten Wege meiner Pflicht
verlockt. Ich beschwre Sie, lassen Sie es zugleich den letzten seyn, und stren
Sie den stillen Wandel nicht, der mich zur Ruhe - dem einzigen Ziele, nach dem
ich streben darf - hinleitet.
    Gewi, auch ohne das erschtternde Gestndnis, das Sie fodern, wrden Sie
nicht daran zweifeln knnen, da ich Ihnen lngst vergeben habe. Mein Betragen
hat es Ihnen gesagt, wenn ich den stummen und mild gewordenen Empfindungen
meiner Brust auch keine Worte verlieh. Daher ehren Sie die vertrauenvolle
Offenheit, mit der ich es jetzt auch ausspreche, und betrachten Sie die
Versicherung, da ich Sie achte, als einen Zuruf, der aus Grbern kommt, frommen
Frieden in Ihr Gemth zu flstern - nicht als einen irrdischen Laut, der noch zu
irgend einer Hoffnung berechtigen knnte.
    Wenige sind der Erfahrungen, die ich auf meinem Wege sammelte, aber in
diesen wenigen reichte mir meine ernste Bestimmung den Kern des Lebens, und wenn
ich ihn gleich bitter fand, so erwuchs mir doch daraus der Vortheil, alles
brige nur als dmmernden Schein, als traumhnliche Entwrfe betrachten zu
lernen, mit denen der Mensch wie mit Seifenblasen spielt.
    Nur selten gestattete ich mir einen Rckblick auf die weit zurckgewichene
Kste der Vergangenheit, deren Nebel mein frhestes Morgenroth verschlangen,
aber mit Andacht trug ich, was ich einst gewnscht, geglaubt hatte, in meinem
Herzen, und meiner Kraft und meinem festen Willen vertrauend, durfte ich es
wagen, einen Bund zu schlieen, dessen Heiligkeit mich tief durchschauerte, wenn
ich den ganzen Umfang seiner Ansprche an mich auch noch nicht kannte.
    Durch schwere Kmpfe bin ich gegangen, habe mich oft erschlafft in allen
Triebfedern meines Seyns gefhlt - habe nur durch bang bestandene Prfungen mir
die Ergebung errungen, die nach vielem Schmerzesaufruhr erst die Seele lutert,
und todeswund und todesmatt erschein' ich mir am Ziele - nicht durch Sieg
gekrnt, aber doch durch das Bewutseyn gehoben, da ich immer that, was ich fr
recht hielt.
    Auch ferner wird es noch mein ernstes Bestreben seyn, es zu thun. Ich ehre
Linovsky als meinen Gemahl, dem ich mit Zutrauen die Leitung meines Schicksals
bergeben habe - ich liebe ihn, als den Vater meiner Kinder, und dieses aus dem
Anerkennen seines Werths und meiner vollsten Achtung hervorgehende Gefhl ist
wenigstens dauerhafter, als der flchtige Rausch, mit denen die erste Jugend so
oft sich und Andere tuscht. Daher spreche ich zu Ihnen als seine Gattin, die -
so weit es sich mit ihren Pflichten vereinigen lt - Ihre Freundin seyn will.
Doch niemals mehr sei zwischen uns die Rede von Empfindungen, denen wir uns
sonst htten berlassen drfen, die aber jetzt der ernste Spruch der
Verhltnisse uns auf ewig verbietet. Lassen Sie uns das Vergangene vergessen,
oder - denn Unmgliches darf ich nicht fodern - wenigstens nie wieder erwhnen.
Kommen Sie zuweilen zu uns, doch mit der Vorsicht und Schonung, die das reizbare
Gefhl meines Mannes verlangt, der sich so leicht in einer auch nur geahneten
Beeintrchtigung seiner Rechte an mein ausschlieliches Wohlwollen verletzt
sieht. Enge nur und huslich, Wenigen geffnet, ist unser Kreis, aber berwinden
Sie, um vllig einheimisch in ihm zu werden, die Abneigung gegen Augusten, die -
wenn sie auch einst in ihrer Strenge zu weit ging - doch nur die beste Absicht
hatte, die ja so oft menschlichen Irrthmern zum Grunde liegt. Dann werden wir
Alle Ihr Hinzutreten zu uns als einen Gewinn betrachten, der aus Ihrer
Bekanntschaft sich entwickelte, und ohne Blick und Urtheil von auen, ohne den
Vorwurf des inneren Richters zu scheuen, der auch das Verborgene prft, drfen
wir Theil an einander nehmen, und uns freuen, da wir einander fanden, um uns
nie wieder zu verlieren.
    Und sollte der schne Beruf, dem Sie Sich widmen, die Unabhngigkeit des
Vaterlandes vertheidigen zu wollen, Sie frher als sich dieser freundlich von
mir entworfene Plan realisiren lt, auf die Bahn kriegerischer Thtigkeit rufen
- sollte - denn dunkel ist die Zukunft - der blutige Lorbeer, den Sie zu brechen
Sich sehnen, nur fallend Ihnen werden, mit Ihrem Tode erkauft - dann - o
Alexander! das Leben ist vergnglich, aber ewig bleibend das Hhere in der
menschlichen Brust - dann wird Ihre Freundin, Ihre Schwester Ihnen fr den Rest
der eigenen Tage, und noch weiter hinaus, ein treues und inniges Andenken
bewahren.

                                      XII


In der tiefsten Bewegung las Alexander diese Zeilen. Dann, in seine Loge
zurckkehrend, und versunken in das Meer der vielfach in ihm aufgeregten Gefhle
sich in einem Winkel derselben niedersetzend, ging das Gerusch um ihn her ihm
verloren; denn es vermochte nicht seinen inneren Sinn zu berhren, da seine
ganze Seele sich in den Gedanken an Erna und in ihren Anblick versenkt hatte.
    Da sa sie ihm gegenber, ruhig, streng, mit Wrde sich behauptend, und in
dem so leise athmenden Busen nagte verheerend jede Lebenskraft, der Wurm der
Hoffnungslosigkeit, der Reue, der umsonst bekmpften Liebe.
    So wenigstens erklrte er sich den Geist ihres Briefs, der zugleich ihr
Gemth ihm aufschlo. Schon hienieden durch tausend Schmerzensstunden zum
fleckenlosen Engel verklrt, konnte er sie nicht ohne einen leisen, aber jedes
Gefhl veredelnden Schauer betrachten, und doch sprach seine Sehnsucht glhender
wie jemals, und die Welt schien ohne sie ihm ein weites Grab.
    In ihrem Anschauen vertieft, das selbst bei dem Erbleichen ihrer sonst so
strahlenden Schnheit durch den magischen Geist so anziehend war, der tief, doch
still aus dem Innersten ins Innerste drang, berraschte es ihn, pltzlich mitten
in der Vorstellung die Thre ihrer Loge ffnen und ihr ein Billet berreichen zu
sehen, das offenbar eine groe Sensation bewirkte.
    Erna hatte es nmlich kaum gelesen, als sie aufstand, einige Worte zu ihren
Nachbarinnen sprach und dann in ihren Shawl sich hllend verschwand.
    Welche Ungeduld brannte in Alexander's Seele, ehe er erfuhr, ob eine Sendung
trauriger oder gleichgltiger Art sie abgerufen. Waren ihre Kinder vielleicht
pltzlich erkrankt? - Aber nein - dann wrde die Ruhe, mit der sie schied, ihr
nicht treu geblieben seyn; denn in der Mutterliebe verrieth ihr fest
beherrschtes Wesen ja einzig, da sie auch durch leidenschaftliche Hingebung an
das Leben geknpft sei.
    Sobald es mit einiger Schicklichkeit geschehen konnte, ohne sich allzusehr
das Ansehen einer unberufenen Neugierde zu geben, trat Alexander in den Kreis,
der mit ihrer Entfernung allen seinen Zauber verloren hatte, und indem er, den
vor Augen gehabten Vorgang ignorirend, sich an die Grfin wandte, fragte er, ob
Frau von Linovsky vielleicht nicht wohl geworden sei, da er sie nicht mehr an
ihrer Seite erblicke.
    Ach nein, versetzte diese lchelnd, ihr ist ganz wohl, und ich kann mich
unmglich berwinden, das, was ihr begegnet ist, zu den Unannehmlichkeiten zu
zhlen, die uns zuweilen die ble Laune des Schicksals bietet. Ihr Herr und
Gemahl benachrichtigte sie in einem Billet von der Ankunft eines Courriers, der
ihn von Seiten seines Souverains nach **** zum Congre bescheidet, und schon
diese Nacht auf unbestimmte Zeit abzureisen zwingt. Um daher noch der
Ehegenossin die gehrigen Verhaltungsregeln vorzuschreiben, vielleicht ihren
Kerker noch enger zu umgrnzen, als da, wo sein Despotenauge seine Schranken
bewacht, berief er sie schnurstracks nach Hause. Ich wnsche ihm im Geiste eine
glckliche Reise, und hoffe, man werde die gleichsam bisher von einem Drachen
bewachte Dulderin nun endlich einmal in seiner Abwesenheit genieen drfen.
    Diese Nachricht that Alexandern wohl; denn nicht ohne bitteren Neid und
Groll vermochte er auf Erna's reinem Hausaltare Linovsky'n als den Gtzen zu
erblicken, der jedes Opfer der Aufmerksamkeit und Unterwrfigkeit als ein Recht
foderte, oder als eine Pflicht in Anspruch nahm.
    Er verlie das Schauspielhaus; denn dunkle Entwrfe, Plne und Trume
drngten sich in ihm, und winkten ihn aus den Disharmonieen, die jetzt selbst
der Wohllaut fr ihn bildete, hinaus in die Einsamkeit des nchtlichen Dunkels.
Er rannte, ohne sich selbst klar bewut zu seyn, was eigentlich in ihm vorging,
durch einige Straen, und blieb vor dem Hause stehen, in welchem Linovsky's
diplomatisches Breau sich befand.
    Alles war hell erleuchtet, und drinnen in der grten Thtigkeit begriffen.
Ob diese Mauern auch sie umschlossen - er wute es nicht - aber eine ganz eigene
Gewalt hielt ihn fest, und er blieb gegenber in einer Vertiefung stehen, um die
Dinge, die da kommen sollten, abzuwarten.
    Da wurde der Reisewagen herausgeschoben. Da du ihn nimmer zurckbringen
mchtest! war der christliche Wunsch, mit welchem Alexander ihn begrte, und
mit einer unbeschreiblichen inneren Genugthuung sah er die schweren Koffer
hinaufheben, die dem Anschein nach die Brgschaft einer langen Entfernung
bernahmen.
    Jetzt fuhr auch Erna's Wagen vor. Kutscher und Bediente, ihre Herrschaft
erwartend, unterhielten sich von den neuesten Begebenheiten, und flsterten
einander unverhohlen die Freude zu, nun eine Zeitlang des strengen Regiments
ihres Haustyrannen entrckt, und der milden Obhut der gndigen Frau bergeben zu
werden.
    Es machte ihm Vergngen, Linovsky'n auch hier nicht geliebt zu sehen; denn
gern htte er die an Ha grnzende Abneigung, die er selbst gegen ihn empfand,
in jeder anderen menschlichen Brust als ein Echo seiner eigenen Gesinnung
angetroffen. Endlich, nach langem Zgern, ffnete sich die Hausthr. Erna, von
ihrem Gemahl begleitet, trat heraus. Die letzten Worte des Abschieds, die er zu
ihr sprach, klangen fast wie Verweise oder Befehle. Sie erwiederte wenig. Nur
unmerklich neigte sie sich dem Ku entgegen, mit dem er sein Lebewohl
begleitete. Das Gerusch der kommenden Postpferde verschlang den Rest der
Unterhaltung - sie stieg ein - und es war Alexandern, als falle ein Centner von
seiner Brust, als er durch die sternenhelle Nacht sie dahinfahren sah.

                                      XIII


Es war am anderen Tag Alexander's Absicht keineswegs, sogleich, ohne alle dem
Zartgefhl wohl anstehende Zurckhaltung, sich zu Erna's Einsamkeit hindrngen
zu wollen. Ein Spiel des Zufalls und der Zerstreuung lenkte jedoch seinen
Spazierritt unwillkhrlich in die Gegend hin, wo sie wohnte, und ehe er es noch
ahnete, fand er sich in ihrer Nhe, und von ihr, die mit ihren Kindern in der
offenen Hausthr sa, bereits gesehen.
    Es war daher jetzt unvermeidlich, sie zu begren. Sie nahm ihn mit der
ruhigen Haltung auf, die ein reines Bewutseyn, verbunden mit festen
Grundstzen, gewhren, und gleich weit entfernt, ihn mit ausgezeichneter
Zuvorkommenheit wie mit Zurcksetzung zu behandeln, war in der zwar
interessanten, aber keineswegs sie individuell berhrenden Unterhaltung, die sie
einzuleiten wute, auch nicht im mindesten die Rede von der Vergangenheit.
    Alexander hatte von der Natur in seiner offenen, anmuthigen, Zutrauen
erweckenden Bildung jenen glcklichen Empfehlungsbrief empfangen, der
unwillkhrlich die Herzen gewinnt, und der besonders durch den Zauber einer
geheimen unerklrlichen Sympathie auf die Knospe zarter Kinderliebe wirkt, die
sich so gern im Schimmer chten Wohlwollens erschliet.
    Gleich im ersten Moment der Bekanntschaft hatte sich Otto schon mit der
innigsten Neigung an ihn angeschmiegt. Jetzt lchelte auch der kleine, noch
nicht jhrige Wunibald ihm mit besonderer Freundlichkeit zu, und lie sich
selbst aus dem Arm der Mutter willig in den seinigen nehmen. Mit Rhrung
betrachtete er den sen, in gesunder Lebensflle aufquellenden Knaben, der -
wie Otto mit den schnen Augen seiner Mutter ausgestattet - Wehmuth und
vergebliche Wnsche in seine Seele blickte, und unter Liebkosungen ihn
schaukelnd und mit ihm spielend stahl sich mitten unter dem Anschein ungetrbter
Heiterkeit eine Thrne ber seine Wange, die - nicht ungesehen von Erna - zur
Erde fiel.
    Mit dem Theetisch erschien auch Auguste. Das Gesprch lenkte sich auf
Litteratur. Alexander erwhnte einiger neuen Erzeugnisse derselben, die gerade
Aufsehen machten. Erna kannte sie noch nicht, und sein Vorschlag, sie ihr zu
bringen und vorzulesen, wurde ohne Weigern von ihr angenommen. Beim Abschied
bestimmte man den folgenden Tag schon zur Ausfhrung dieses Vorsatzes, und so
wurde sein tgliches Kommen sehr bald eine ganz natrlich scheinende und im
Hause nicht befremdende Erscheinung.
    Diese Stunden des Beisammenseyns, die bei dem glhendsten Interesse der
Herzen fr einander doch niemals sich gestatteten, dieses Interesse durch Worte
zu berhren, waren die glcklichsten, welche Erna sowohl als Alexander jemals
erlebt hatten.
    Jener himmlische Zustand schlummernder Leidenschaften und schweigender
Begierden, der das Wesen der Unschuld ist, wiegte an Erna's Seite Alexander's
strmisches Gemth in die wohlthuende Stille des Friedens, und schuf ihm einen
Traum von Glck, der wenigstens stets so lange dauerte, wie seine Anwesenheit
bei ihr. In der gttlichen Offenbarung ihres hohen inneren Gehalts ffnete sich
ihm eine Welt, wie sie sonst wohl nur dem Seligen sich erschliet, wo die
marternde Sehnsucht schwieg, und das brennende Verlangen sich befriedigt fhlte,
und wo es ihm klar ward, da auch ihre Freundschaft ein Gut sei, gro genug, die
Liebe aller anderen Frauen der Erde aufzuwiegen. Das entzauberte Saitenspiel
seiner Heiterkeit, bisher nur in grellen Mistnen erklingend, stimmte sich
allmhlig wieder rein. - Ruhe, jene unerlliche Basis alles Guten und Schnen,
kehrte in seine Seele zurck, und vershnte ihn mit dem Leben, das vorher aller
seiner Krnze beraubt, jetzt wieder seine strahlende Lichtseite in der reinen
Vertraulichkeit ihm zukehrte, welcher Erna ihn wrdigte.
    Auch Erna gab sich ganz und innig den tadellosen Freuden dieses Umgangs hin,
wenn gleich der geheime Kampf mit sich selbst, und das unnatrliche Ertdten
ihrer lebhaftesten Gefhle leise und unvermerkt ihre Lebenskraft aufrieb.
    Frher htte sie wohl der grundlosen Eifersucht ihres Gatten das Opfer
gebracht, Alexandern aus ihrer Gegenwart zu verbannen - aber jetzt - die Welt
lag so tief und nichtig unter ihr, und ihr Scheideblick auf das ihr im Nebel
hinschwindende Leben war zu erhaben, um mit irrdischer Sorge noch auf den
kleinlichen Regungen gehssiger Leidenschaften zu verweilen - jetzt fand sie
sich stark und selbststndig genug, sich ber die Vorurtheile hinwegzusetzen,
die wie ein giftiger Mehlthau auf ihre Freudenblthen zu fallen drohten. Es war
ihr unbezweifelt gewi, da ihr Einwirken auf Alexander ihn zu einem hheren
Standpunkt erhoben, da ihre Achtung und ihr Vertrauen den wilden Schmerz seiner
Brust gestillt, ihn geadelt, gleichsam geheiligt hatte. Wie htte sie diese
Frchte ihres sanften Strebens aufgeben knnen, um einer Grille genug zu thun,
die ihr reines Gewissen tief verachten mute? Sie glaubte nicht, das Linovsky,
sie kennend - es begehren werde - aber wre es auch, so fhlte sie doch
bestimmt, dies sei der Punkt, wo weibliche Schwche und Nachgiebigkeit sich zu
weiblicher Kraft ermannen, und jedem vom leeren Schein hergenommenen Grund der
Misbilligung khn und unerschttert begegnen msse.
    Nicht leichtsinnig und gedankenlos, sondern ernst erwgend schaute sie in
die Zukunft, und lugnete sich die Wahrheit nicht ab, da eine Neigung, wie die
ihrige zu Alexandern, streng bekmpft werden msse, um sich nicht selbst Gesetz
zu werden. Daher versagte sie ihr jede Aeuerung, die sie htte verrathen und
seine freundlich eingelullten Hoffnungen wieder aufwecken knnen. Aber da die
Stunden, die sie neben ihm verlebte, rein waren, und - schon lngst vergangen,
noch die himmlische Glorie einer Erinnerung trugen, die sie an keine verletzte
Pflicht, an keine Entweihung ihrer Wrde als Gattin und Mutter mahnte, so htte
es ihr Verrath an der Freundschaft geschienen, den einmal ihres Zutrauens werth
Gefundenen einer einseitigen Laune Preis zu geben, die nur aus ungegrndetem
Argwohn hervorging.

                                      XIV


So waren mehrere Wochen still und friedlich in harmlosen Mittheilungen
vergangen, in denen beide Ersatz fr hheres, ihnen versagtes Glck fanden, da
erschien pltzlich das Gespenst, das den unschuldsvollen Genu verscheuchte, der
bisher die Wrze ihrer Einsamkeit gewesen war.
    Linovsky nmlich kehrte zurck an den heimischen Heerd, dessen reine Flamme
er zwar nicht entweiht, aber doch fr eine hhere Gottheit glhend fand. Ihn
empfing die Gattin mit der Achtung, die sie ihrem Gemahl, dem Vater ihrer
Kinder, schuldig war, aber auch mit dem ganzen Stolz des durch keine Schuld
befleckten Bewutseyns und mit der Klte des den irrdischen Verhltnissen nicht
mehr angehrenden Gefhls. Mit alle der Eigensucht, die sich stets allein
strebte in Erna's Kreise geltend zu machen, geschrft durch Mistrauen und
Eifersucht, und vielleicht durch Ohrenblsereien bereits gereizt, forschte er
nach allen kleinen unbedeutenden Vorgngen whrend seiner Abwesenheit.
    Erna, zu lauter zur Lge, verhehlte Alexander's ftere Besuche nicht. Sie
hatte es zu lebhaft empfunden, da es ihrer Nhe, ihrer vertraulichen Hinneigung
beschieden war, ihn aus der Tiefe muthloser Verzweiflung zu erheben, und auf
eine Stufe zu sich heraufzuziehen, auf der sie ihn frei und ohne Errthen vor
aller Welt bekennen durfte. Auch hatte sie schon lngst in ihrem Innern, ohne
Grausen, den ernsten Flgelschlag des nahenden Engels vernommen, der ihr die
Pforte eines besseren Lebens zu ffnen versprach. Tief lagen daher unter ihr
alle feindseligen Urtheile der Verlumdung und der alles Gute ablugnenden
Zweifelsucht, und fest entschlossen, ihrer Pflicht getreu zu bleiben, war sie
eben so entschieden, sich nicht zu versagen, was mit ihr bestehen konnte.
    Sie bersah daher mit ruhigem Gleichmuth die nicht laut ausgesprochene
Misbilligung Linovsky's, die aber doch in mancher bitteren Anspielung und in
mancher hhnischen Seitenbemerkung sich darber uerte, da sie Alexandern
einen nheren Zutritt gestattet hatte, als dem gleichgltigen Bekannten geziemt.
    Als er nun aber selbst erschien, ahnungslos, welche pltzliche
Dazwischenkunft ihn jetzt auf einmal aus seinem Himmel strzte - als sie in den
Zgen ihres Mannes die feindselige Bitterkeit des im Verborgenen glimmenden
Grolles wahrnahm, der nur einer geringen Veranlassung von Auen bedurfte, um
unheilbringend und zerstrend hervorzubrechen, als sie den an Verachtung
grnzenden Trotz bemerkte, den Alexander seinem khlen, kaum hflichen Benehmen
entgegensetzte, da fand sie, von bangen Ahnungen ergriffen, sich zur Verhthung
rgerlicher Auftritte verpflichtet, lieber Verzicht auf die hchste, letzte
Freude ihres Lebens zu leisten, als die Furie der Zwietracht entflammen zu
helfen, und Gefahren herbeizufhren, vor deren bloen Mglichkeit sie schon
erzitterte.
    Sie beschlo daher unwiderruflich bei sich selbst, durch eine offene und
ruhige Vorstellung Alexandern zu veranlassen, da er seine Besuche einstelle, da
sie Linovsky'n offenbar so misfllig waren. Doch ehe sie noch den unbeobachteten
Augenblick fand, den sie sich zu einer kurzen Unterredung wnschte, brach der
Ungestm des Eiferschtigen die Gelegenheit vom Zaun, seinem Unmuth Luft zu
verschaffen, und den unwillkommenen Gast fr immer zu entfernen.
    Der kleine Otto nmlich hatte nur mit Schchternheit dem finstern Vater sich
genaht, und blde und frostig die Liebkosungen erwiedert, mit denen er beim
Wiedersehen seinen Erstgeborenen ans Herz drckte.
    Wie ganz anders war der Empfang, den Alexander fand. Freudig hereinstrmend,
auf seine Kniee kletternd und ihn mit beiden Armen umklammernd, als wolle er ihn
nimmer wieder loslassen, schien es wirklich, als sei Linovsky dem Knaben ein
Fremder, und als ruhe jetzt erst das liebende Kind am Busen seines Vaters.
    Dster rief Linovsky den Kleinen von Alexander's Schooe zu sich. Er
gehorchte, aber nicht aus Neigung, sondern sichtbar nur aus Furcht vor dem Zorn,
den er bereits in des Vaters Augen funkeln sah, und obgleich losgerissen von dem
lieben, freundlichen Freund, blieben seine Blicke doch unverwandt mit dem
seelenvollsten Ausdruck der zrtlichsten Anhnglichkeit an ihm hngen, wenn auch
Linovsky's Arme, gleich einem bengstigenden Gefngnis, ihn umschlossen, und
jede seiner Bewegungen hemmten.
    Hast du mich lieb, mein Kind? flsterte Linovsky zu dem goldenen Lockenkopf
sich herabbeugend.
    Ja, ach ja! antwortete der Kleine ngstlich. Erst die Mutter, hernach
Norbeck, und dann Dich.
    Linovsky erbleichte bei diesem naiven Gestndnis. Zrnend setzte er den
Knaben nieder, der sogleich wieder zu Alexandern zurckstrebte. Aber ihn heftig
beim Arm fassend und seitwrts schleudernd, sprang jetzt der Vater, seiner Wuth
nicht mehr gebietend, auf.
    Ich htte gehofft, Du wrdest mein Andenken lebendiger in des Kindes Herzen
erhalten haben, sprach er nach einer Pause mit Bitterkeit zu Erna. Aber, was in
Dir selbst augenscheinlich nur allzuschnell unterging, um neuen Gegenstnden
Platz zu machen - wie knnte es eine festere Dauer in einem so zarten Gemthe
finden, das von Pflicht und Recht noch keinen Begriff hat.
    Erna's blasses Gesicht berzog sich mit einer flammenden Rthe, aber sie
schwieg, weil sie fhlte, jede Erklrung in diesem Augenblick, sei sie auch noch
so rechtfertigend, knne den Zwist, den sie zu vermeiden suchte, nur um so
schleuniger entznden.
    Sie rief den weinenden Otto zu sich, der durch die rauhe Begegnung seines
Vaters aufs Gesicht gefallen war und blutete, und indem sie ihn, ohne Parthei
gegen Linovsky zu nehmen, trstete, und die Schuld seines Fallens auf seine
eigene Ungeschicklichkeit schob, band sie ein Tuch um seine verletzte Stirn, und
schickte ihn fort zu Augusten.
    Auch Alexander war aufgestanden. Sein Blut kochte - alle bsen Geister des
Zorns, der Rache und der Vertilgungssucht wachten blutdrstig in seinem Herzen
auf, und sehnten sich, nicht blos zu knirschen, sondern zu handeln. - Doch
Erna's Anblick, die still in ihren Leiden den rhrenden, Ruhe gebietenden Blick
auf seine herausfodernden Augen heftete, entwaffnete ihn wieder, aber er
empfand, da die schnellste Entfernung nthig sei, um sich in einer wenigstens
dem Anschein nach friedlichen Stimmung zu erhalten.
    Er griff daher nach seinem Hute. Mit beleidigender Hast zog Linovsky bei
diesem Zeichen des nahen Gehens an der Klingel, und befahl dem hereintretenden
Bedienten, Herrn von Norbeck's Pferd vorzufhren. Hierauf ging er ohne Abschied
in ein Nebenzimmer, wo er, die Thr hinter sich werfend, sich verschlo.

                                       XV


Stumm stand Erna jetzt Alexandern gegenber. Sein Gesicht brannte, von der Gluth
innerer Emprung gerthet, ein convulsivisches Zittern flog durch seinen ganzen
Krper, und krampfhaft hatte er, ohne es selbst zu wissen, beide Fuste geballt.
    Da nahte ihm die Geliebte, dem Engel des Friedens gleichend, dessen Blick
Vergebung, dessen Lcheln Vershnung ist, und seine starre Hand fassend und sie
innig drckend rief sie ihn, durch dies noch nie vorher von ihr empfangene
Zeichen ihrer Gunst, aus dem Schwefelpfuhl ohnmchtiger Wuth wieder zur
Besinnung und zur Besnftigung empor.
    Sie konnte nicht sprechen, denn zu beklemmt war ihre Brust von dem Schmerz
ber die Krnkung, die er erlitten, vom Vorgefhl der nahen, unvermeidlichen,
und - wie die Weissagung ihres Herzens ihr zuflsterte - ewigen Trennung, und
von der dunkeln Perspective in die freudenlose Zukunft an der Seite eines
rauhen, ungerechten Mannes, der nach dieser Scene das hchste Gut, das er bisher
in ihr besessen, ihre Achtung nmlich, verloren hatte.
    Nach Fassung ringend, sah sie ihm lange unverwandt in die Augen - da wurde
ihr pltzlich leichter - ihre Blicke schimmerten, wie himmlische,
trostverheiende Sterne, ehe sie in milden Thrnen hinthauten, und in diesen
Thrnen fand sie Linderung, fand sie sich selbst und ihre Kraft wieder.
    Wir mssen uns trennen, mein theuerer Freund, sprach sie; denn kein Opfer
darf mir zu schwer seyn, wenn es die Beschwichtigung des Mannes gilt, dem ich
mit allen seinen Fehlern nun einmal zugesellt und ihn zu ehren und zu schonen
verpflichtet bin. Mchte das Vereinsamte meines knftigen Lebens durch die
Ueberzeugung erheitert werden, da Sie auch mit Nachsicht auf diese Stunde
zurckblicken, und ohne Groll aus einem Kreise scheiden wollen, in dem ich Ihnen
ewig ein treues Andenken bewahre. Leben Sie wohl!
    Sie ward immer bleicher - mit halb geschlossenen Augen senkte sich ihr Blick
vorwrts - Alexander frchtete, da eine Ohnmacht sie anwandle, und fing sie in
seinen Armen auf. Da ruhte ihre kalte Wange einen flchtigen Moment an seinem
flammenden Antlitz, und seiner selbst nicht mehr mchtig, bis zur Verwegenheit
berauscht von einem nie als mglich getrumten Glck, das so unmittelbar auf die
tiefste Erschtterung der gehssigsten Gemthsbewegungen folgte, wagte er es,
seine glhenden Lippen auf ihren Mund zu drcken.
    Du liebst mich, Himmlische! rief er aus; o ich hab es immer geahnet,
geglaubt, und mit allen Krften meiner Seele gewnscht. Wie kann ich je
verzagen, nun ich den Trost dieser Gewisheit mit mir nehme - wie kann ich jemals
murren, wenn die Erinnerung dieser Stunde mein frh verblichenes Leben mit ihrem
Wiederschein verklrt?
    Da ermannte sich Erna, und wand sich los aus seinen Armen. In stiller Hoheit
stand sie vor ihm da, selbst in der Milde der Wehmuth, die sie umflo, ihn in
die Schranken der strengsten Ehrfurcht zurckweisend, die seine Khnheit
berschritten hatte. Leben Sie wohl! sagte sie noch einmal, leise und tief
gefhlt, ihm mit der Hand den letzten Abschied zuwinkend - leben Sie wohl! sagte
auch er, und strzte hinaus. - Da trat sie ans Fenster, ihn wegreiten zu sehen,
und als der Hufschlag seines Rosses nun verhallte, und seine Gestalt wie auf
Sturmwindsflgeln ihren Augen entrckt war, da wehrte sie den hufiger
hervorquellenden Thrnen nicht. Denn es war ihr klar geworden, diese Liebe, die
sie nur ungern sich selbst gestand, sei die Wurzel, wie die Blthe ihres Lebens
- das Prisma ihrer Jugend nun zerbrochen - und hinter drohenden Gewitterwolken
der letzte Glanz verschwunden, der ihr Loos vergoldete.

                                      XVI


So im Innersten erregt, dem Schmerze Preis gegeben, ohne Kraft, selbst ohne
Willen, ihn zu verbergen, fand sie Linovsky, als er, von Alexander's Entfernung
berzeugt, die Thr wieder ffnete, um zu ihr zurckzukehren.
    Sein heies Blut hatte sich in der Einsamkeit abgekhlt, er war wieder zu
sich gekommen, und hatte eingesehen, da es Unrecht sei, Erna zu verdammen, da
doch nur der kurze Maasstab vorgefater Meinung und die bereilten Irrthmer
seines Mistrauens ihn gegen sie erbittert hatten.
    Ob er gleich den, Alexandern so freundlich gewhrten Zutritt, durch nichts
entschuldigen zu knnen glaubte, so sehnte sich doch sein Herz, die zu tief
Gekrnkte, durch den Ausbruch seines Unmuths bereits bitter Bestrafte wieder zu
vershnen, und er nahte ihr jetzt wirklich in dieser friedlichen Absicht, als
der Anblick ihres stummen, unverschleierten Grams und ihrer Thrnen ihn von
Neuem zu einem Verdacht aufreizte, der ihn bis zur Wuth emprte.
    Gilt diese Fluth, die Deinen Augen entstrmt, Deinem Hausfreunde? fragte er
still ergrimmt, oder meinst Du vielleicht durch das Bitterkleesalz der Thrnen
die Flecken hinwegwaschen zu knnen, die Dein Ruf, so wie wahrscheinlich Dein
Bewutseyn durch diesen Umgang erhalten hat?
    Erna, durch den Ton, so wie durch den Sinn seiner Worte schmerzlich
verwundet, fhlte ihre Stimmung schnell aus der weichsten Wehmuth in Erbitterung
bergehen. Sie fand es inde unter ihrer Wrde, etwas auf den schneidenden Hohn
zu erwiedern, der ihr Herz zerri, und nur als er, da sie ihr Angesicht von ihm
abwandte, von Neuem vor sie trat, sie wiederholt um Antwort auf seine Fragen zu
mahnen, versetzte sie, da sie fr solche Fragen keine habe, und da er eher an
seinen Zweifeln als an ihr habe zweifeln sollen. Als sie dies mit dumpf
erloschener, beinahe lautloser Stimme gesagt hatte, sank sie ohnmchtig zu
seinen Fen nieder.
    Indessen war Alexander zur Stadt zurckgekehrt. Bilder der hohen himmlischen
Lust, die die Erinnerung in ihm erweckte, Erna in seinen Armen gehalten und sie
an seine Brust gedrckt zu haben, wechselten mit der schrecklichen Vorstellung,
sie nun nicht mehr zu sehen, ja, sie nicht einmal glcklich zu wissen, da der
Hausaltar, den sie als Opferlamm schmckte, durch Hrte und rohen Argwohn
entwrdigt war. Fr einen Augenblick wollte eine selige Hoffnung in ihm
aufdmmern. War es doch nicht unmglich, und in dem Staate, wo er lebte, sogar
leicht, Bande wieder aufzulsen, die durch unglckliche Verhltnisse das Glck
der Ehe strangulirten, statt es zu befestigen. Aber auch nur einen Augenblick
dauerte die glckliche Verblendung des Wahns, der eine solche Mglichkeit ihm
vorspiegelte. Denn ach, er kannte Erna, und wute, sie wrde eher den Tod der
Mrtyrerin an Linovsky's Seite, als getrennt von ihm, die Schmach der
Bundbrchigkeit und des befleckten Bewutseyns whlen.
    Mehrere Tage sperrte er sich - allem unzugnglich - in seine Wohnung ein,
und seine treuen Diener, die einzigen Wesen, welche Gelegenheit hatten, ihn zu
beobachten, glaubten ihn oft an der Schwelle, die in das verworrene Gebiet des
Wahnsinns hinberfhrt, so ungleich war sein Betragen, bald eine excentrische
Frhlichkeit, bald die tiefste Schwermuth ausdrckend, wie eben die Gedanken und
Gefhle in seinem Innern sich durchkreuzten.
    Endlich beschlo er wieder auszugehen. Er sann auf Thtigkeit, die ihn
zerstreuen, auf irgend einen Zweck, der ihn von dem Schauplatz des einst
besessenen, nun so grausam gestrten Glckes entfernen knne. Denn er sah wohl
ein, da bei einem leicht mglichen Zusammentreffen mit Linovsky, trotz der
Festigkeit, mit welcher er sich selbst gelobt hatte, Erna's Ruhe und ihren
Willen zu ehren, eine Reibung zwischen ihnen entstehen msse, die alsdann nur
ein blutiger Kampf zu stillen im Stande seyn werde.
    Aber noch hatte die dumpfe Ghrung in der politischen Welt, welche Krieg
drohte, kein entscheidendes Resultat hervorgebracht. In langsamen Zurstungen
und weit aussehenden Vorbereitungen zersplitterte sich der thatenlustige Geist
der Zeit, und ungeduldig sah das Heer, so wie das Volk, dem endlichen Ausbruch
baldiger Feindseligkeiten entgegen.
    Diese Erwartungen mit ganzer Seele theilend, und unstt bemht, die Zeit bis
zu ihrer Erfllung so gut wie mglich zu tdten und zu krzen, nahm sich
Alexander eines Tages vor, zur Grfin zu gehen.
    Zwar hatte ihr Umgang eben keinen sonderlichen Reiz fr ihn, da ihre
Heiterkeit nicht kindlich spielend, wie er es an Frauen liebte, sondern oft
stechend und durch Ironie verwundend war; aber die Hoffnung zog ihn mit
magnetischer Kraft zu ihr hin, vielleicht bei ihr ein Wort von Erna zu hren.
Denn es schien ihm, als sei er jetzt auf einem Punkt gekommen, wo er nun nicht
lnger Nachricht von ihr entbehren knne.
    Er begegnete, als er sich zu ihr begeben wollte, unter dem Portal des Hauses
Frau von Lahnberg mit ihrer Tochter, die eben von ihr kamen, und ihn mit vielen
freundlich seyn sollenden Verzerrungen ihrer ohnehin nicht lieblichen
Gesichtszge becomplimentirten.
    Durch Combinationen und Nachforschungen war er nach und nach dahinter
gekommen, da der bittere Verdrus, den ihm einst Mariane, seinen Erna
geschenkten Rhododendron und die Daphne an der Brust, bereitete, nur durch ein
Gewebe boshafter Lgen entstanden sei, wodurch ihre Misgunst den reichen und
blhenden Bewerber von Erna ab, und wo mglich auf sich zu lenken strebte, indem
sie jene Blumen, so wie das Geheimnis ihrer Herkunft blos ihrer Zudringlichkeit,
nicht Erna's Geringschtzung seiner Gabe verdankte.
    Seitdem hatte er weder Mutter noch Tochter eines Wortes wieder gewrdigt,
und mit kalter Hflichkeit ihre zuvorkommende Begrung erwiedernd, ging er auch
jetzt stumm an ihnen vorber.
    Wie erstaunte er aber, als er die Grfin in der lebhaftesten
Gemthsbewegung, und zugleich im Begriff, auszugehen fand.
    Ah, sind Sie es? rief sie ihm entgegen, nun Gott sei Dank, so erhalte ich
wohl frher als durch mich selbst Aufschlu ber die rthselhaften
Begebenheiten, die mich qulen, und an die ich nicht eher glauben kann, bis ich
sie auf eine Art besttigt hre, die mir keinen Zweifel mehr gestattet. Was
macht Erna?
    Das eben glaubt' ich von Ihnen zu erfahren, erwiederte Alexander, ich sah
sie lange nicht.
    Und auf welche Weise sahen Sie sie zuletzt? unterbrach ihn die Grfin, ihre
heftig gereizte Lebhaftigkeit nicht mehr im Zaume haltend. Man sagt, wie mir
eben Lahnbergs erzhlten, da Linovsky sie krzlich in einem tte  tte mit
einem Liebhaber berrascht, und sogar entdeckt habe, da sein unschuldiger
dreijhriger Knabe bereits als Postillon d'amour gebraucht worden sei - da er,
Mutter und Kind mishandelnd, auf Scheidung sinne, und ffentlich dem fluche,
der, das heilige Recht der Freundschaft misbrauchend, ihm seinen Himmel stahl.
    Wie vom Blitz getroffen, stand Alexander stumm und starr, bis er in
namenlosem Schmerz erbebte. Denn nicht nur die Ruhe, auch den Ruf der
angebeteten Frau verunglimpft zu sehen, die so engelrein vor seiner Seele stand,
raubte ihm den letzten Rest des inneren Friedens, der sich auf den Glauben
sttzte, da wenigstens der Schleier des tiefsten Geheimnisses, ihrem Zartgefhl
so wohlthtig, den Mangel ihres huslichen Glcks bedecke.
    Man sagt! fuhr er strmisch auf, dies heillose Wort ist die giftigste Natter
des geselligen Lebens, der feige Hinterhalt der Verlumdung, die die eigenen
Erfindungen unter dieser Aegide dreist verbreitet. Da sehr Viele einem solchen:
man sagt, blinden Glauben beimessen, wundert mich nicht. Aber wie konnten Sie,
Grfin, einem bloen feindseligen Gercht Ihr Ohr leihen, und an Ihrer Freundin
zweifeln?
    Ich zweifele nicht an ihrem Werth, versetzte die Grfin, aber - ungern
spreche ich es vor einem Herrn der Schpfung aus, was ein feiner Menschenkenner
schon vor Jahrhunderten von der Mehrzahl meines Geschlechtes behauptete:
Gebrechlichkeit, dein Nam' ist Weib! - Eine frhe Jugendliebe, die unter der
Asche um so beharrlicher fortglimmt, da sie nicht in lichten Flammen auflodern
durfte, eine misvergngte Ehe, nur von der Vernunft, nicht vom Herzen
geschlossen - grundlose, und darum eben doppelt ermdende, doppelt beleidigende
Eifersucht, die der Gemarterten jeden freien Aufblick ins Leben wehrt - alles
dies kann wohl am Ende selbst einen Engel von seinen himmlischen Hhen auf eine
glatte irrdische Bahn herabfhren, auf der das Straucheln so leicht ist. Und so
viel ist unbezweifelt wahr, da man Erna sehr krank zur Stadt brachte - freilich
unter dem Vorwand, dem Arzte nher zu seyn. Aber aus vielen einzelnen Umstnden
lt sich doch mit Sicherheit auf ein Misverstndnis, wo nicht auf eine
gnzliche Entzweiung zwischen ihr und Linovsky schlieen.
    Diese Nachricht beraubte Alexandern seiner ganzen Fassung. Die Maske
indifferenten Gleichmuths, hinter welcher er strebte, zu verbergen, was in
seiner Seele vorging, entfiel ihm, und weder die Gluth seiner Neigung, noch
seine Angst mehr verhehlend, beschwor er die Grfin, nachdem er ihr den wahren
Vorgang der Sache mitgetheilt hatte, ihm hlfreich zu seyn, und ihm Kunde von
Erna's wirklichem Zustande zu verschaffen.
    Eigentlich sollt' ich mich zu nichts verpflichten, sagte sie, da ich Ihr
Vertrauen nur dem Schrecken und der Ueberraschung verdanke. Ich will es jedoch
so genau nicht nehmen, und da mich selbst darnach verlangt, mich von dem
Befinden der armen Kreuztrgerin zu berzeugen, so erwarten Sie hier meine
Zurckkunft, und lassen Sie mich jetzt sogleich meinen schon frher gehabten
Vorsatz, sie zu besuchen, ausfhren.
    Sie eilte bei diesen Worten hinweg, und allen Martern der Ungewisheit Preis
gegeben, blieb Alexander zurck.

                                      XVII


Zwischen Furcht und Hoffnung schwankend, hrte er nach einer quaalvoll
durchseufzten Stunde den Wagen der Grfin zurckkommen.
    Er trat ihr bis ins Vorzimmer entgegen, aber dort, wo er sie von ihren
Leuten umgeben fand, durfte er sich keine andere Frage erlauben, als die, die
sein forschender Blick an ihre schmerzlich ergriffenen Zge und an die Spuren
der Thrnen that, die er in ihren Augen bemerkte.
    Endlich waren sie allein, und nun warf sich die Grfin erschpft und weinend
in den Sopha.
    Es ergreift mit doppelter Gewalt, wenn man Menschen, die sonst stets die
scherzhafte Seite des Daseyns auffassen, und nur dem Frohsinn und dem Lachen
sich gewidmet haben, pltzlich von tiefer Betrbnis durchdrungen sieht. Wie um
so heftiger erschtterte es jetzt Alexandern, die Grfin so zu erblicken, da ihr
Schmerz ihm auch ohne Worte das Todesurtheil der Geliebten zu verknden schien.
    Reden Sie, rief er mit dem Ungestm der namenlosesten Seelenmarter, sprechen
Sie das Entsetzliche nur aus! Erna - ich ahne es - ist verloren - sie ist todt.
    Nein, versetzte die Grfin, sich sammelnd, noch ist sie es nicht, aber bald,
frchte ich, wird die Vermuthung Ihrer Furcht wie eine prophetische Weissagung
sich besttigen. Ich habe sie sehr krank gefunden, und wie sie im Leben ein
holdes Beispiel der Tugend war, so knnte man auch jetzt von ihr zu sterben
lernen.
    Sie erzhlte ihm nun, da Erna von einem schleichenden Fieber ergriffen, in
einem Zustande der uersten Ermattung sich befinde, der dem Arzte wenig
Hoffnung, sie zu retten, gebe. Nur noch der Schatten ihrer ehemaligen Gestalt,
sei sie auch in der Blsse des nahenden Todes durch ihre sanfte Geduld, ihre
fromme Ergebung noch immer eine der anmuthigsten, herzgewinnendsten
Erscheinungen, die, nicht vom Farbenschmelz der ueren Blthe abhngig, den
Stempel einer hheren Abkunft in den verklrten Zgen tragend, flchtig ber die
Erde hinweg der besseren Heimath entgegen schweben. Linovsky behandele sie jetzt
mit zarter Schonung. Sein dsterer Gram spreche deutlich die Sorge aus, sie zu
verlieren, und Erna begegne seinem achtungsvollen Betragen mit aller Dankbarkeit
eines liebenden, mit aller Milde eines vershnten Gemths. So freundlich sie
aber auch ihren Besuch aufgenommen habe, so sei sie doch aufrichtig genug
gewesen, ihr die Bitte auszusprechen, ihn nur uerst selten zu wiederholen, da
eine durch keines Fremden Dazwischentreten gestrte Einsamkeit die einzige
Bedingung der Ruhe und Zufriedenheit ihres Gatten sei.
    Dieser Nachsatz erhhte Alexander's Schmerz, denn ach, galt dieser Wunsch
schon der Freundin, wie um so viel weiter mute er ihn von ihr verbannen, ihn,
den in Linovsky's Augen eine so schwere Schuld belastete, der als der Strer
seines huslichen Glcks in so tiefem Schatten vor seiner Seele stand! Je
leidender er sie wute, je mchtiger fhlte er sich hingezogen zu dem Kreise, wo
sie lebte und litt, und der schauderhafte Gedanke der Mglichkeit, ja sogar der
Wahrscheinlichkeit, um nicht Gewiheit zu sagen, sie fr immer zu verlieren,
kmpfte mit schmerzlicher Gewalt mit allen den Hindernissen, die sich dem khnen
Wagstck, sie noch einmal zu sehen, entgegen stellten.
    Doch, sich den Vielen anzuschlieen, die wenigstens durch Nachfragen nach
ihrem Befinden eine blos conventionelle Theilnahme ausdrckten, konnte ihm
selbst Linovsky's feindselige Gesinnung nicht wehren, und er war berzeugt, da
selbst der Groll seiner Eifersucht in diesen, ach seine Sehnsucht so drckenden
Schranken, die er sich anwies, die Gesetze der Hflichkeit ehren msse, die eine
solche bescheidene Aeuerung des wrmsten Antheils wenigstens zu dulden ihn
verpflichteten.
    Jeden Morgen mute daher der treue Benedikt hingehen, um im Namen seines
Herrn die sorgsamste Kunde einzuziehen, wie sie die Nacht zugebracht habe, und
ob noch kein Schimmer von Genesung die dunkeln Wolken seiner Furcht erhelle.
Aber ach - jeden Morgen kam er wieder, ihm durch die Nachricht, da die Kranke
immer mehr dahin schwinde, den Pfeil des Schmerzes tiefer in die Brust zu
stoen!

                                     XVIII


So war der Sptherbst herangekommen. Seine Strme hatten die Haine entblttert,
seine Regengsse die Spuren der letzten Blumen hinweggetilgt, und de und
winterlich, wie in Alexander's Herzen, sah es ringsumher in der Natur aus.
    Ohne Zweck und Ziel, nur um der inneren Angst zu entrinnen, oder vielmehr um
sie zu betuben, rannte er zuweilen stundenlang durch die Straen, und so fhrte
ihn der Zufall auch einst an ein Gewchshaus vorber, hinter dessen hohen
Glasfenstern sich die bunteste Blthenflle des Sommers vor dem zerstrenden
Einflu des Frostes geflchtet zu haben schien.
    Wehmthig, wie die Trume einer lngst verschwundenen Kindheit, begrte ihn
bei diesem Anblick seine alte Neigung zu der Pflanzenwelt wieder, und er trat
hinein, durch die Magie der Unschuld, die unsichtbar im zarten Duft der Blumen
weht, die schwarzen Geister der Schwermuth in seiner Seele zu beschwren.
    Wirklich erheiterte es ihn fr Momente, wie durch die Berhrung eines
Zauberstabs, der rauhen Jahrszeit entrckt und mitten in den reichsten Ueberflu
einer wrmeren Zone sich versetzt zu sehen.
    Gleich alten, ihm lange aus den Augen entschwundenen Bekannten lchelte er
dem reichen Kranze zu, der von blhenden Stauden und Blumen sich um ihn schlo,
und wie jeder seiner Gedanken mit dem an Erna verschmolzen war, und selbst die
heterogensten Gegenstnde ihn an sie erinnerten, so gedachte er auch hier bei
dem frischen, kraftvollen Leben, das rings um ihn her grnte und duftete, an
sie, die Frh-Verwelkende, der vielleicht eine sorgsam getroffene Auswahl unter
diesen Blumen eine momentane Freude auf ihrem Krankenbette gewhren knne.
    Wie gern htte er, da er auf andere Weise gezwungen war, gegen sie zu
verstummen, die Blumensprache des Orients jetzt benutzen mgen, um in dem
Strau, den er fr sie band, seinen Schmerz und seine Sehnsucht auszusprechen,
aber zartere Rcksichten, als die gegen sich selbst, lieen ihn unter der Menge
nur die whlen, deren milderer Duft nicht narcotisch auf ihre ergriffenen Nerven
zu wirken drohte. Einige so schne Rosen, wie sie kaum der reichste Sommer
erzieht, verbunden mit Erna's Lieblingsblume, der unscheinbaren, aber Erquickung
ausstrmenden Reseda, waren am Ende alles, was seine Vorsicht nach einer
strengen Prfung nicht verwarf.
    Er trug seine Gabe zur Grfin, die die einzige Vermittlerin war, durch deren
Hlfe er hoffen durfte, sie in Erna's Hnde zu bringen, und er fand sie -
gerhrt durch die beklommene Angst seines Herzens, die sich in jedem Worte, in
jedem Seufzer verrieth - sogleich willig, seinen Auftrag zu bernehmen. Er kte
die Blumen zum Abschied, die nun bald an ihrem Busen duften sollten, und schmte
sich der mnnlichen Thrne nicht, die auf sie herabrollte. Bewegt nahm die
Grfin sie aus seiner Hand. Sie geben Ihren Rosen, was ihnen noch fehlte, sagte
sie, auf die Thrnen deutend; das ist der Morgenthau, den kein Treibhaus
erzeugt. Ja, versetzte er dumpf und leise, der Morgenthau, der der Verkndiger
eines ewigen Schmerzes ist.
    Nicht mehr erschttert von dem Wechselfieber banger Furcht und trstender
Hoffnung, wie frher, erwartete er die Zurckkunft der treuen Freundin; denn er
wute wohl, sie hatte ihm nur die Besttigung seiner bangen Ahnung, nur die
traurigste Gewiheit des nahenden Verlustes, der ihm drohte, zu bringen.
    Gleichwohl konnte seine Phantasie, durch inneres Grauen vor diesem
Schreckenbilde geschtzt, sich Erna's Tod nicht, als so bald erfolgend,
ausmalen, da nicht noch manche Kunde von ihr die letzten Lichtstrahlen in sein
dann verdunkeltes Leben zu werfen vermchte.
    Als daher die Grfin, in Thrnen gebadet, zurckkehrte, und durch die
lakonischen Worte: nun hab ich Erna zum letztenmal gesehen! die Wurzel so wie
den Gipfel alles Seyns in ihm tdtend zerschnitt, da war ihm, als habe er zum
erstenmal in die Ruinen seiner Zukunft geblickt - als sei die drre Wste seines
Lebens ohne sie jetzt erst in ihrer ganzen schrecklichen Einsamkeit vor ihm
geffnet worden.
    Theilnehmend suchte die Grfin ihn zurckzuhalten, als er hinwegstrebte,
aber umsonst. Mute sie selbst doch sich eingestehen, da keine Besnftigung
seines Kummers, keine Linderung seiner Angst in ihrer Macht stehe. Auch bedurfte
ihr eigenes Gemth der Ruhe, um sich von dem erschtternden Anblick der Leiden
ihrer nun von den Aerzten aufgegebenen Freundin zu erholen. Daher lie sie ihn
gehen, und er strzte hinaus, und rannte, von den Furien eines wthenden
Schmerzes gegeielt, zweck- und sinnlos im Freien umher.

                                      XIX


Es war ein trber Novembertag. Voll melancholischen Ernstes senkte sich die
schwer bewlkte Himmelsdecke, Nebel aushauchend, auf ihn hernieder - kein
Sonnenstrahl durchdrang das Grau der Wolken - finster und verdet, wie in seiner
Seele, sah es rings umher in der Natur aus.
    Lange schweifte er, dster vor sich hinstarrend, umher, bis sein Weg sich
dem Kirchhofe nherte, der auen vor der Stadt in einem dunkeln Kranz von
Flieder so manchen seiner Bekannten, seiner Freunde sogar, einschlo.
    Da, im Innersten fast convulsivisch ergriffen, warf er sich auf einen Stein
am Eingang nieder, und seine heie Stirn an das kalte Gitter der Pforte lehnend,
rief er verzweiflungsvoll aus: Also hier soll ich Dich knftig suchen, Dich, die
Du wie ein schnes Meteor meinem armen Leben nur glhtest, um so frh zu
erlschen? Hier auf dem feuchten Kirchhof, in den frostigen Gewlben des Todes,
in grlicher Einsamkeit wird bald Deine Wohnung seyn! - -
    Indem hallten traurig die langsamen Pulse der Abendglocke zu ihm herber. Es
war, als ob diese Tne seine Besinnung weckten, seinen Geist ermuthigten, und
einen Entschlu in ihm aufriefen, den er fate, als sei er ihm von oben
eingegeben.
    Noch lebt sie, sprach er zu sich selbst, und was heute noch nicht unmglich
ist, sie zum letztenmal zu sehen, und den Abschiedsgru des hinscheidenden
Engels zu empfangen, wehrt mir bereits der nchste Morgen, der vielleicht schon
ber ihrer Leiche aufgeht. Alle Bedenklichkeiten, die die Spannung zwischen
Linovsky und ihm seinem Wunsch entgegenstellten, alle Hindernisse, die den
ungestrten Augenblick, nach dem er sich sehnte, zu unterbrechen drohten - -
sonst ihm so wichtig und zurckstoend scheinend - kamen ihm jetzt leicht zu
berwinden und nichtig vor.
    Er raffte sich auf und ging. Ihm war, als habe der Vorsatz, sich zu ihr
hinzudrngen, und sie, allen Schwierigkeiten zum Trotz, wieder zu sehen, sei es
auch zum letztenmale, die Welt um ihn her verndert - als knpfe ihn wieder ein
glhender Antheil an die Erde, als wehe eine andere Lebensluft als vorher, neuen
Muth und neue Kraft in seine ermattete Seele.
    Als er in die Stadt zurckkehrte, hatte sich die Dmmerung bereits in
Dunkelheit verwandelt. Wie Mistne, die seinen Schmerz verhhnten, drang das
Kutschengerassel der zerstreuungsschtigen Menge, die dem Theater zueilte, in
sein Ohr. Mhsam wand er sich hindurch, und erreichte die Strae, wo Erna
wohnte. Er stellte sich ihrem Haus gegenber, um sein ungestm klopfendes Herz
erst wieder zu einiger Ruhe zu zwingen. Tiefe Wehmuth bemchtigte sich seiner,
und lsete den tobenden Aufruhr seines Innern in mildes Zagen und Trauern auf.
Ach - da schimmerte bleich das Licht, das ihre Leiden beschien - vielleicht,
dachte er, sind morgen schon diese Fenster dunkel - unwiderstehlich trieb ihn
dieser Gedanke an, zu eilen, und ohne auf die abmahnende Stimme der Ueberlegung
zu hren, betrat er entschlossen die ihm heilige Schwelle.
    Hier schien bereits des Todes grauenvolles Schweigen zu herrschen. Alles war
de und still, wie in einem Grabe. Vergebens sah er sich nach irgend einem
menschlichen Wesen um, das Erna seine Nhe htte verknden knnen, denn er
befrchtete mit Recht das Nachtheilige einer pltzlichen Ueberraschung bei ihrer
Schwche. Endlich trat Auguste leisen Schrittes aus einem der Gemcher.
    Erschrocken, als habe sie ein Gespenst erblickt, fuhr sie zurck als sie ihn
erkannte. Sie hier? flsterte sie bebend, und vermochte nichts weiter zu sagen;
denn mit furchtbarem Ernst und vllig entschieden, seinen Willen durchzusetzen,
trat Alexander ihr nher.
    Ja, ich bin hier, sprach er, mit dem Rechte, das der Schmerz mir giebt. Ich
mu Erna noch einmal sehen. Bringen Sie, ich beschwre Sie darum, bringen Sie
mich nicht um den unersetzlichen Moment des letzten Abschieds, wie Ihr
unvershnlicher Groll mich einst um das ganze Glck meines Lebens brachte! Ich
mcht' es Ihnen jetzt schwerer verzeihen, als damals, und es ist gefhrlich, dem
Verzweifelnden eine Bitte zu verweigern.
    Sie sollen sie sehen, erwiederte Auguste in einem milden, begtigenden Tone;
denn theils ergriff sein Anblick sie in der wilden Verworrenheit des Sinnes, in
der er vor ihr stand, mit grausenerregender Ahnung dessen, was er in dieser
Stimmung fhig sei, theils wollte sie so dicht vor dem Gemach der Kranken jede
lautere Aeuerung verhten.
    Sie drngte ihn daher in ihr Zimmer, wo sie noch immer zitternd, ihn, sich
erst zu fassen und zu erholen, bat.
    Doch Alexander wehrte heftig das sanfte Zureden ab, mit dem sie ihn zu
beruhigen suchte. Ihre Beredsamkeit, sagte er bitter, vermag nichts ber mich.
Schlimm genug, da diese einst Erna von dem Wege verlockte, auf dem sie
glcklich geworden wre, und glcklich gemacht htte. Doch - das ist vorber -
aber sparen Sie das gleinerische Bemhen, mich vielleicht anderen Sinnes machen
zu wollen - die Augenblicke sind kostbar - fhren Sie mich hin zu Erna!
    Da ermannte sich Auguste. Da ruhige Vernunft, und der heie Wunsch, eine
wrdige Wahl mge das Loos meiner Freundin sichern, strenger ber Sie urtheilte,
als die Liebe, die ich nicht mehr in Erna's Brust ahnete, da sie sich in tiefer
Verschlossenheit barg - ist das ein Verbrechen, das Sie so hart zu rgen
berechtigt sind? fragte sie. Sie knnen Ihr frheres Betragen nicht
entschuldigen, und es war nur die gerechte Nemesis, die Ihre Strafe dictirte.
Mich trifft kein Vorwurf als der, da ich nicht an die Besserung eines Menschen
glaubte, dessen Ruf eben so nachtheilig, als frher seine eigenen Gestndnisse,
von seiner tiefen Verdorbenheit sprach. Doch lassen wir das! Hab ich geirrt,
indem ich strebte, Erna's Schicksal die Richtung zu geben, ach, so be ich hart
genug durch den Anblick ihres Vergehens, der mir bitterer ist, als der eigene
Tod mir wre!
    Der Thrnenstrom, der bei diesen Worten ihren Augen entstrzte, besnftigte
Alexandern einigermaen. Doch sagte er nichts, sie zu trsten und aufzurichten,
sondern erneuerte ungestm sein schon frher ausgesprochenes Verlangen.
    Sie werden gewi der Schonung, die die Leidende bedarf, nicht Ihre Wnsche
unbedingt voransetzen, antwortete Auguste. Ihr Anblick, erschien er ihr
unerwartet, knnte leicht den ohnehin nur noch matt glimmenden Funken ihres
Lebens verlschen. Daher, wenn es Ihnen nicht gengt, sie durch die Glasthr
eines Nebenzimmers zu sehen, mu ich Erna durchaus erst vorbereiten.
    Alexander beschwor sie, nicht damit zu zgern. Sie ffnete also einen
Allcoven, der an das Krankenzimmer stie, und hie ihn behutsam eintreten. Leise
verschob sie die seidene Gardine von der Glasthr, die ihn nur noch von Erna
schied, und er erblickte sie dicht neben sich auf ihrem Lager.

                                       XX


Das lang entbehrte Glck ihrer Nhe, ach, wie hob es seine Brust in
schmerzlichen Athemzgen - wie drngte seine ganze Sehnsucht sich ihr entgegen,
die in unbewuter Ruhe sein gedachte, ohne zu ahnen, wie dicht sein Herz neben
dem ihrigen schlug.
    Still in ihren Leiden, in mondheller Blsse lag sie da, in den gefalteten
Lilienhnden die Blumen haltend, die er ihr gesendet hatte. Sie war abgezehrt,
aber nicht entstellt. Denn ihr Wesen schien frei von der Angst, der sonst
sterbliche Naturen am Rande ihres Daseyns unterliegen, und tiefer Friede drckte
sich in dem Scheideblick aus, mit dem sie noch auf dem dahin schwindenden Leben
verweilte. Trumen ser Erinnerung hingegeben, erhob sie oft ihr sanftes Auge,
und es war, als ob das Anschauen der Welt, die sich in ihrem Innern bewegte,
ihren Blicken hheren Glanz, ihrem Lcheln innigere Freudigkeit verliehe. Vllig
angekleidet, schien es, als habe nur eine tiefe Ermattung sie zum Ausruhen
vermocht, nicht der Kampf mit dem nahenden Tode sie auf das Sterbebette
hingestreckt.
    Da trat Auguste zu ihr hinein. Zrtlich forschte sie mit einer fast
mtterlichen Sorgsamkeit nach Erna's momentanem Zustand, leitete dann von den
Blumen, die Alexander's Gabe waren, die Rede auf ihn selbst, und fragte sanft,
ob sie, wenn er wnsche, sie zu sehen, ihm wohl einen kurzen Besuch gestatten
wolle?
    Erna wurde sichtbar durch diese Frage erschttert. Sie richtete sich auf -
ein freudiger Schrecken zitterte bei'm Klange des geliebten Namens durch alle
ihre Nerven, und in ihren Zgen schimmerte die selige Verklrung des Danks zu
Gott ber die Mglichkeit, ihn noch einmal zu sehen, die sie still gewnscht,
aber nie gehofft, und noch weniger jemals ausgesprochen hatte.
    O, wenn er vielleicht hier ist, so sume nicht, ihn mir zu bringen! sagte
sie. Meine Augenblicke sind gezhlt, und mehr als irgend ein Mensch ahnen kann,
sehn' ich mich, ihn noch einmal zu sprechen.
    Als Alexander diese Worte vernahm, konnte er sich nicht lnger zurckhalten.
Er ffnete die Thr, die ihn von ihr trennte, und warf sich stumm an ihrem Lager
nieder, ihre Hand mit seinen Kssen und Thrnen bedeckend.
    Erna schaute ihn an mit einem Blicke, in dem ihre ganze Seele lag. So seh
ich Dich doch noch einmal wieder, ehe ich sterbe, sprach sie, und in himmlischer
Ruhe des Bewutseyns, das mir durch keinen Vorwurf diesen heiligen Moment
verbittert. Denn da ich Dich geliebt habe - Dich allein auf Erden - das wird
Gott verzeihen, da ich muthig strebte, mich rein zu erhalten im Kampfe zwischen
Neigung und Pflicht. Mein Alexander! So dicht an der dunkeln Pforte stehend, die
hinber fhrt ins Land der Vergeltung, wo jedes schwere Opfer sich belohnt, und
wo ich nicht vor mir selbst zu erschrecken brauche, oder vor dem, dessen Rechte
ich gekrnkt haben wrde, htt' ich meinem Herzen gefolgt - da darf ich Dir es
frei bekennen, da Du der Abgott meiner Seele warst, da mein erstes,
erwachendes Gefhl, so wie das letzte, das nun bald der Tod verlscht, nur Dich
umfate. Und auch jenseits noch! Ja, fest, wie ich an die Fortdauer eines
hheren Daseyns glaube, glaub' ich auch an die Dauer einer Liebe, in der allein
ich erst, als sie mir klar wurde, die ganze Tiefe meines Wesens, den ganzen
Umfang meiner geistigen Kraft erkannte.
    Starr vor sich niederblickend, betubt durch den wonnevollen Schmerz dieses
Gestndnisses am Rande des Grabes, das, die Geliebte zu verschlingen, sich
bereits geffnet hatte, hrte Alexander ihr zu.
    So geh voran, Du Himmlische! da uns hienieden das Glck nicht lcheln
wollte, sprach er, geh voran in eine bessere Heimath - ich folge Dir bald!
    Da ergriff Erna mit unbeschreiblicher Zrtlichkeit seine Hand, und drckte
sie fest an das immer schwerer schlagende Herz. Ja, ich gehe voran, und werde
Deiner warten, sagte sie; aber gelobe mir, mein Geliebter, mir nicht eher zu
folgen, ehe Gottes Wille, nicht der rasche Entschlu des Lebensberdrusses und
der Verzweiflung, Dein Ziel steckt.
    Alexander beugte sich herab auf ihre Hand, und flsterte leise, in seinem
Schmerz verloren: Du willst es - ich werde Dir gehorchen.
    Und nun la uns scheiden! fuhr sie fort. Trage das Leben, wie ein Mann, und
gedenke oft dieser Stunde, der ersten und zugleich der letzten, die das Band
meiner Zunge lsete, und mir gestattete, Dir zu bekennen, wie theuer Du mir
bist. Und wenn dereinst - ach, das Schicksal hat kein Mutterherz! - wenn meine
Kinder - - noch sind sie unter der Obhut ihres Vaters, in dem Schutz, den ihnen
die Natur anwies; aber die Verhltnisse der Menschen sind so wechselnd und
schwankend - wenn sie einst verlassen und einsam wren im engen kalten Leben, o
dann, Alexander, liebe in ihnen ihre Mutter noch fort - nimm Dich ihrer an, sei
ihr Freund, ihr Rathgeber, ihr zweiter Vater. - Betrachte sie immer als das
heilige Vermchtnis Deiner Erna. Gelobst Du mir auch dies?
    Er erwiederte: ich gelobe es!
    Und nun empfange meinen letzten Abschiedsgru, sprach sie, den innigen Segen
eines Herzens, das Dich liebte bis in den Tod! Ich werde meinem Gatten nicht
verhehlen, da ich Dich sah, aber ungern mcht ich, da er Dich hier fnde. Denn
erst mein Grab wird friedlich wieder vereinen, was das Leben so feindselig
geschieden hat. Daher erhalte mir die ungestrte Stille, die ich bedarf, um mich
zu sammeln, und mein Gemth wrdig zu dem feierlichen Schritte vorzubereiten,
der mich aus dieser mangelhaften Welt in eine bessere fhrt.
    Sie verhllte bei diesen Worten ihr Antlitz, als wollte sie ihren Augen
wehren, ihn lnger anzuschauen. Noch einmal bebte der innige Druck ihrer Hand
durch sein ganzes Wesen - dann winkte sie ihm zu, sich zu entfernen, und dumpf,
in tonloser Betubung, ohne sich dagegen aufzulehnen, oder irgend etwas zu
erwiedern, folgte er gehorsam diesem stummen Befehle.
    Und als am andern Morgen Benedikt wie gewhnlich hingegangen war, nach dem
Befinden der Kranken zu fragen, kam er wieder mit der Nachricht, die ihm Auguste
ertheilt hatte: Ihr sei jetzt recht wohl, denn bereits um Mitternacht sei sie
verschieden.
    Er scheute sich, seinem Herrn diese Schreckensbotschaft zu bringen; aber zu
seiner Verwunderung nahm sie Alexander gefat, ja sogar in stiller
Freundlichkeit des Gemths auf, ohne scheinbar von ihr ergriffen zu werden.
    Denn mit jener stillen Zufriedenheit, mit welcher man den Piloten auf hohem
Meere in seinem leichten Kahn mit den Wellen kmpfen und dann in einen sichern
Hafen sich retten she, betrachtete er das letzte heilige Asyl, in das sie sich
geflchtet hatte, und das nicht mehr dster ist, sobald der Mensch nur die
dunkle Schwelle erst berschritten hat, die dahin fhrt. Das Gefhl, aus welchem
sich ihm die hchste Wonne so wie der bitterste Schmerz entwickelt hatte,
erlosch nicht mit der irrdischen Flamme ihres Daseyns - es glhte fort in seiner
Seele, und veredelte seinen Charakter immer mehr. Als bald darauf der Krieg
endlich ausbrach, kmpfte er tapfer mit fr die Freiheit und Unabhngigkeit
seines Vaterlandes. Es war ihm wohl oft, als ob ein tiefes, lechzendes Sehnen
ihn in den wildesten Sturm der Gefahren trieb - als wenn eine leise Hoffnung ihm
zuflsterte, dort, in blutiger Schlacht, werde sein Leben sich enden. Dann aber
vernahm er jedesmal Erna's liebkosende Stimme, die ihm gebot, den Tod nicht zu
suchen, und in stiller Ergebung sein Loos zu tragen. Seufzend unterwarf er sich
der hheren Bestimmung, die vermittelst ihrer Wnsche ihn zu leben zwang, und so
viel er des kriegerischen Lorbers auch brach, so war er doch stets nur muthig,
nicht tollkhn, und milde Menschlichkeit stand, durch die Erinnerung an Erna ihm
immer gegenwrtig, selbst im tobendsten Gefecht, an seiner Seite.
    Als der Friede ihn endlich in die Residenz zurckfhrte, hatte neben vielen
Bewohnern derselben, ein bsartiges Nervenfieber auch Linovsky hinweggerafft.
    Alexander, eingedenk der letzten Bitte, die Erna an ihn that, suchte sich
Einflu in die Erziehung ihrer Kinder zu verschaffen, und es gelang ihm. In der
herrlich sich entwickelnden Blthe ihrer Anlagen, und in dem rhrenden Nachhall
mtterlicher Gte und Reinheit, der oft in ihren jungen Seelen ihm erklang, ging
ihm ein neuer Lebensfrhling auf. Treu bte er die Pflichten, die das Vertrauen
der Geliebten ihm so heilig bertrug, und es war als ob ihr Segen geistig ihn
umschwebte, wenn er mit vterlicher Innigkeit fr die Kinder ihres Herzens
sorgte. So schien die Welt ihm nicht verdet. Auf eigenes Glck Verzicht
leistend, hatte er doch einen Zweck gefunden, der seinem Daseyn Bedeutung gab,
und ihm alle Krfte seiner Seele widmend, blieb sein Gemth, in dem Erna's Bild
unauslschlich wohnte, stets ein Tempel fr das Heilige und Hhere im Leben.
