
                               Hoffmann, E. T. A.

                        Lebensansichten des Katers Murr

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                               E. T. A. Hoffmann

                        Lebensansichten des Katers Murr

   nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in
                          zuflligen Makulaturblttern

                                  Erster Band

                           Vorwort des Herausgebers1

Keinem Buche ist ein Vorwort ntiger, als gegenwrtigem, da es, wird nicht
erklrt, auf welche wunderliche Weise es sich zusammengefgt hat, als ein
zusammengewrfeltes Durcheinander erscheinen drfte.
    Daher bittet der Herausgeber den gnstigen Leser, wirklich zu lesen, nmlich
dies Vorwort.
    Besagter Herausgeber hat einen Freund, mit dem er ein Herz und eine Seele
ist, den er ebenso gut kennt, als sich selbst. Dieser Freund sprach eines Tages
zu ihm ungefhr also: Da du, mein Guter, schon manches Buch hast drucken lassen
und dich auf Verleger verstehst, wird es dir ein leichtes sein, irgendeinen von
diesen wackern Herren aufzufinden, der auf deine Empfehlung etwas druckt, was
ein junger Autor von dem glnzendsten Talent, von den vortrefflichsten Gaben
vorher aufschrieb. Nimm dich des Mannes an, er verdient es.
    Der Herausgeber versprach, sein Bestes zu tun fr den schriftstellerischen
Kollegen. Etwas verwunderlich wollt' es ihm nun wohl bednken, als sein Freund
ihm gestand, da das Manuskript von einem Kater, Murr geheien, herrhre und
dessen Lebensansichten enthalte; das Wort war jedoch gegeben, und da der Eingang
der Historie ihm ziemlich gut stilisiert schien, so lief er sofort, mit dem
Manuskript in der Tasche, zu dem Herrn Dmmler Unter den Linden und proponierte
ihm den Verlag des Katerbuchs.
    Herr Dmmler meinte, bis jetzt habe er zwar nicht unter seinen Autoren einen
Kater gehabt, wisse auch nicht, da irgendeiner seiner werten Kollegen mit einem
Mann des Schlages bis jetzt sich eingelassen, indessen wolle er den Versuch wohl
machen.
    Der Druck begann, und dem Herausgeber kamen die ersten Aushngebogen zu
Gesicht. Wie erschrak er aber, als er gewahrte, da Murrs Geschichte hin und
wieder abbricht und dann fremde Einschiebsel vorkommen, die einem andern Buch,
die Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler enthaltend, angehren.
    Nach sorgfltiger Nachforschung und Erkundigung erfuhr der Herausgeber
endlich folgendes. Als der Kater Murr seine Lebensansichten schrieb, zerri er
ohne Umstnde ein gedrucktes Buch, das er bei seinem Herrn vorfand, und
verbrauchte die Bltter harmlos teils zur Unterlage, teils zum Lschen. Diese
Bltter blieben im Manuskript und - wurden, als zu demselben gehrig, aus
Versehen mit abgedruckt!
    De- und wehmtig mu nun der Herausgeber gestehen, da das verworrene
Gemisch fremdartiger Stoffe durcheinander lediglich durch seinen Leichtsinn
veranlat, da er das Manuskript des Katers htte genau durchgehen sollen, ehe er
es zum Druck befrderte, indessen ist noch einiger Trost fr ihn vorhanden.
    Frs erste wird der geneigte Leser sich leicht aus der Sache finden knnen,
wenn er die eingeklammerten Bemerkungen, Mak. Bl. (Makulatur-Blatt) und M. f. f.
(Murr fhrt fort) gtigst beachten will, dann ist aber das zerrissene Buch
hchst wahrscheinlich gar nicht in den Buchhandel gekommen, da niemand auch nur
das mindeste davon wei. Den Freunden des Kapellmeisters wenigstens wird es
daher angenehm sein, da sie durch den literarischen Vandalismus des Katers zu
einigen Nachrichten ber die sehr seltsamen Lebensumstnde jenes in seiner Art
nicht unmerkwrdigen Mannes kommen.
    Der Herausgeber hofft auf gtige Verzeihung.
    Wahr ist es endlich, da Autoren ihre khnsten Gedanken, die
auerordentlichsten Wendungen oft ihren gtigen Setzern verdanken, die dem
Aufschwunge der Ideen nachhelfen durch sogenannte Druckfehler. So sprach z.B.
der Herausgeber im zweiten Teile seiner Nachtstcke Pag. 326 von gerumigen
Bosketts, die in einem Garten befindlich. Das war dem Setzer nicht genial genug,
er setzte daher das Wrtlein Bosketts um in das Wrtlein Kasketts. So lt in
der Erzhlung das Frulein Scuderi2 der Setzer pfiffigerweise besagtes
Frulein statt in einer schwarzen Robe, in einer schwarzen Farbe von schwerem
Seidenzeug erscheinen u.s.w.
    Jedem jedoch das Seine! Weder der Kater Murr, noch der unbekannte Biograph
des Kapellmeisters Kreisler soll sich mit fremden Federn schmcken, und der
Herausgeber bittet daher den gnstigen Leser dringend, bevor er das Werklein
liest, nachfolgende nderungen zu veranstalten, damit er von beiden Autoren
nicht besser oder schlechter denke, als sie es verdienen.
    brigens werden nur die Haupterrata bemerkt, geringere dagegen der
Diskretion des gtigen Lesers berlassen.
    (Es folgt die Angabe einer Reihe von Druckfehlern.)
    Schlielich darf der Herausgeber versichern, da er den Kater Murr
persnlich kennen gelernt und in ihm einen Mann von angenehmen milden Sitten
gefunden hat. Er ist auf dem Umschlage dieses Buchs frappant getroffen.

Berlin, im November 1819
                                                               E. T. A. Hoffmann

                               Vorrede des Autors


Schchtern - mit bebender Brust, bergebe ich der Welt einige Bltter des
Lebens, des Leidens, der Hoffnung, der Sehnsucht, die in sen Stunden der Mue,
der dichterischen Begeisterung meinem innersten Wesen entstrmten.
    Werde, kann ich bestehen vor dem strengen Richterstuhl der Kritik? Doch ihr
seid es, ihr fhlenden Seelen, ihr rein kindlichen Gemter, ihr mir verwandten
treuen Herzen, ja, ihr seid es, fr die ich schrieb, und eine einzige schne
Trne in eurem Auge wird mich trsten, wird die Wunde heilen, die der kalte
Tadel unempfindlicher Rezensenten mir schlug!

Berlin, im Mai (18 - )
                                                                            Murr
                                                    (tudiant en belles lettres)

                                    Vorwort


                            Unterdrcktes des Autors

Mit der Sicherheit und Ruhe, die dem wahren Genie angeboren, bergebe ich der
Welt meine Biographie, damit sie lerne, wie man sich zum groen Kater bildet,
meine Vortrefflichkeit im ganzen Umfange erkenne, mich liebe, schtze, ehre,
bewundere und ein wenig anbete.
    Sollte jemand verwegen genug sein, gegen den gediegenen Wert des
auerordentlichen Buchs einige Zweifel erheben zu wollen, so mag er bedenken,
da er es mit einem Kater zu tun hat, der Geist, Verstand besitzt und scharfe
Krallen.

Berlin, im Mai (18-)
                                                                            Murr
                                                 (Homme de lettres trs renomm)

N. S. Das ist zu arg! - Auch das Vorwort des Autors, welches unterdrckt werden
    sollte, ist abgedruckt! - Es bleibt nichts brig, als den gnstigen Leser zu
    bitten, da er dem schriftstellerischen Kater den etwas stolzen Ton dieses
    Vorworts nicht zu hoch anrechnen und bedenken mge, da, wenn manche
    wehmtige Vorrede irgendeines andern empfindsamen Autors in die wahre
    Sprache der innigen Herzensmeinung bersetzt werden sollte, es nicht viel
    anders herauskommen wrde.
                                                                            d.H.

                                Erster Abschnitt


                              Gefhle des Daseins
                             Die Monate der Jugend

Es ist doch etwas Schnes, Herrliches, Erhabenes um das Leben! - O du se
Gewohnheit des Daseins! ruft jener niederlndische Held in der Tragdie aus. So
auch ich, aber nicht wie der Held in dem schmerzlichen Augenblick, als er sich
davon trennen soll - nein! - in dem Moment, da mich eben die volle Lust des
Gedankens durchdringt, da ich in jene se Gewohnheit nun ganz und gar
hineingekommen und durchaus nicht willens bin, jemals wieder hinauszukommen. -
Ich meine nmlich, die geistige Kraft, die unbekannte Macht, oder wie man sonst
das ber uns waltende Prinzip nennen mag, welches mir besagte Gewohnheit ohne
meine Zustimmung gewissermaen aufgedrungen hat, kann unmglich schlechtere
Gesinnungen haben als der freundliche Mann, bei dem ich Kondition gegangen, und
der mir das Gericht Fische, das er mir vorgesetzt, niemals vor der Nase
wegzieht, wenn es mir eben recht wohlschmeckt.
    O Natur, heilige hehre Natur! wie durchstrmt all deine Wonne, all dein
Entzcken meine bewegte Brust, wie umweht mich dein geheimnisvoll suselnder
Atem! - Die Nacht ist etwas frisch, und ich wollte - doch jeder, der dies lieset
oder nicht lieset, begreift nicht meine hohe Begeisterung, denn er kennt nicht
den hohen Standpunkt, zu dem ich mich hinaufgeschwungen! - Hinaufgeklettert wre
richtiger, aber kein Dichter spricht von seinen Fen, htte er auch deren viere
so wie ich, sondern nur von seinen Schwingen, sind sie ihm auch nicht
angewachsen, sondern nur Vorrichtung eines geschickten Mechanikers. ber mir
wlbt sich der weite Sternenhimmel, der Vollmond wirft seine funkelnden Strahlen
herab, und in feurigem Silberglanz stehen Dcher und Trme um mich her! Mehr und
mehr verbraust das lrmende Gewhl unter mir in den Straen, stiller und stiller
wird die Nacht - die Wolken ziehen - eine einsame Taube flattert in bangen
Liebesklagen girrend um den Kirchturm! - Wie! - wenn die liebe Kleine sich mir
nhern wollte? - Ich fhle wunderbar es sich in mir regen, ein gewisser
schwrmerischer Appetit reit mich hin mit unwiderstehlicher Gewalt! - O, kme
sie, die se Huldin, an mein liebekrankes Herz wollt' ich sie drcken, sie
nimmer von mir lassen - ha, dort flattert sie hinein in den Taubenschlag, die
Falsche, und lt mich hoffnungslos sitzen auf dem Dache! - Wie selten ist doch
in dieser drftigen, verstockten, liebeleeren Zeit wahre Sympathie der Seelen. -
    Ist denn das auf zwei Fen aufrecht Einhergehen etwas so Groes, da das
Geschlecht, welches sich Mensch nennt, sich die Herrschaft ber uns alle, die
wir mit sichererem Gleichgewicht auf vieren daherwandeln, anmaen darf? Aber ich
wei es, sie bilden sich was Groes ein auf etwas, was in ihrem Kopfe sitzen
soll, und das sie die Vernunft nennen. Ich wei mir keine rechte Vorstellung zu
machen, was sie darunter verstehen, aber so viel ist gewi, da, wenn, wie ich
es aus gewissen Reden meines Herrn und Gnners schlieen darf, Vernunft nichts
anders heit, als die Fhigkeit, mit Bewutsein zu handeln und keine dumme
Streiche zu machen, ich mit keinem Menschen tausche. - Ich glaube berhaupt, da
man sich das Bewutsein nur angewhnt; durch das Leben und zum Leben kommt man
doch, man wei selbst nicht wie. Wenigstens ist es mir so gegangen, und wie ich
vernehme, wei auch kein einziger Mensch auf Erden das Wie und Wo seiner Geburt
aus eigner Erfahrung, sondern nur durch Tradition, die noch dazu fters sehr
unsicher ist. Stdte streiten sich um die Geburt eines berhmten Mannes, und so
wird es, da ich selbst nichts Entscheidendes darber wei, immerdar ungewi
bleiben, ob ich in dem Keller, auf dem Boden oder in dem Holzstall das Licht der
Welt erblickte oder vielmehr nicht erblickte, sondern nur in der Welt erblickt
wurde von der teuren Mama. Denn wie es unserm Geschlecht eigen, waren meine
Augen verschleiert. Ganz dunkel erinnere ich mich gewisser knurrender,
prustender Tne, die um mich her erklangen, und die ich beinahe wider meinen
Willen hervorbringe, wenn mich der Zorn berwltigt. Deutlicher und beinahe mit
vollem Bewutsein finde ich mich in einem sehr engen Behltnis mit weichen
Wnden eingeschlossen, kaum fhig, Atem zu schpfen, und in Not und Angst ein
klgliches Jammergeschrei erhebend. Ich fhlte, da etwas in das Behltnis
hinabgriff und mich sehr unsanft beim Leibe packte, und dies gab mir
Gelegenheit, die erste wunderbare Kraft, womit mich die Natur begabt, zu fhlen
und zu ben. Aus meinen reich berpelzten Vorderpfoten schnellte ich spitze
gelenkige Krallen hervor und grub sie ein in das Ding, das mich gepackt, und
das, wie ich spter gelernt, nichts anders sein konnte, als eine menschliche
Hand. Diese Hand zog mich aber heraus aus dem Behltnis und warf mich hin, und
gleich darauf fhlte ich zwei heftige Schlge auf den beiden Seiten des
Gesichts, ber die jetzt ein, wie ich wohl sagen mag, stattlicher Bart
herberragt. Die Hand teilte mir, wie ich jetzt beurteilen kann, von jenem
Muskelspiel der Pfoten verletzt, ein paar Ohrfeigen zu, ich machte die erste
Erfahrung von moralischer Ursache und Wirkung, und eben ein moralischer Instinkt
trieb mich an, die Krallen ebenso schnell wieder einzuziehen, als ich sie
hervorgeschleudert. Spter hat man dieses Einziehen der Krallen mit Recht als
einen Akt der hchsten Bonhomie und Liebenswrdigkeit anerkannt und mit dem
Namen Samtpftchen bezeichnet.
    Wie gesagt, die Hand warf mich wieder zur Erde. Bald darauf erfate sie mich
aber aufs neue beim Kopf und drckte ihn nieder, so da ich mit dem Mulchen in
eine Flssigkeit geriet, die ich, selbst wei ich nicht, wie ich darauf verfiel,
es mute daher physischer Instinkt sein, aufzulecken begann, welches mir eine
seltsame innere Behaglichkeit erregte. Es war, wie ich jetzt wei, se Milch,
die ich geno, mich hatte gehungert, und ich wurde satt, indem ich trank. So
trat, nachdem die moralische begonnen, die physische Ausbildung ein.
    Aufs neue, aber sanfter als vorher, faten mich zwei Hnde und legten mich
auf ein warmes weiches Lager. Immer besser und besser wurde mir zumute, und ich
begann mein inneres Wohlbehagen zu uern, indem ich jene seltsame, meinem
Geschlecht allein eigene Tne von mir gab, die die Menschen durch den nicht
unebenen Ausdruck: spinnen bezeichnen. So ging ich mit Riesenschritten vorwrts
in der Bildung fr die Welt. Welch ein Vorzug, welch ein kstliches Geschenk des
Himmels, inneres physisches Wohlbehagen ausdrcken zu knnen durch Ton und
Gebrde! - Erst knurrte ich, dann kam mir jenes unnachahmliche Talent, den
Schweif in den zierlichsten Kreisen zu schlngeln, dann die wunderbare Gabe,
durch das einzige Wrtlein Miau Freude, Schmerz, Wonne und Entzcken, Angst
und Verzweiflung, kurz, alle Empfindungen und Leidenschaften in ihren
mannigfaltigsten Abstufungen auszudrcken. Was ist die Sprache der Menschen
gegen dieses einfachste aller einfachen Mittel, sich verstndlich zu machen! -
Doch weiter in der denkwrdigen, lehrreichen Geschichte meiner ereignisreichen
Jugend! -
    Ich erwachte aus tiefem Schlaf, ein blendender Glanz umflo mich, vor dem
ich erschrak, fort waren die Schleier von meinen Augen, ich sah! -
    Ehe ich mich an das Licht, vorzglich aber an das buntscheckige Allerlei,
das sich meinen Augen darbot, gewhnen konnte, mute ich mehrmals hintereinander
entsetzlich niesen, bald ging es indessen mit dem Sehen ganz vortrefflich, als
habe ich es schon mehrere Zeit hintereinander getrieben.
    O das Sehen! es ist eine wunderbare herrliche Gewohnheit, eine Gewohnheit,
ohne die es sehr schwer werden wrde, berhaupt in der Welt zu bestehen! -
Glcklich diejenigen Hochbegabten, denen es so leicht wird als mir, sich das
Sehen anzueignen.
    Leugnen kann ich nicht, da ich doch in einige Angst geriet und dasselbe
Jammergeschrei erhob, wie damals in dem engen Behltnis. Sogleich erschien ein
kleiner, hagerer alter Mann, der mir unvergelich bleiben wird, da ich, meiner
ausgebreiteten Bekanntschaft unerachtet, keine Gestalt, die ihm gleich oder auch
nur hnlich zu nennen, jemals wieder erblickt habe. Es trifft sich hufig bei
meinem Geschlecht, da dieser, jener Mann einen wei und schwarz gefleckten Pelz
trgt, selten findet man aber wohl einen Menschen, der schneeweies Haupthaar
haben sollte und dazu rabenschwarze Augenbraunen, dies war aber der Fall bei
meinem Erzieher. Der Mann trug im Hause einen kurzen hochgelben Schlafrock, vor
dem ich mich entsetzte und daher, so gut es bei meiner damaligen
Unbehilflichkeit gehen wollte, von dem weichen Kissen herab zur Seite kroch. Der
Mann bckte sich herab zu mir mit einer Gebrde, die mir freundlich schien und
mir Zutrauen einflte. Er fate mich, ich htete mich wohl vor dem Muskelspiel
der Krallen, die Ideen Kratzen und Schlge verbanden sich von selbst, und in der
Tat, der Mann meinte es gut mit mir, denn er setzte mich nieder vor einer
Schssel ser Milch, die ich begierig auflutschte, worber er sich nicht wenig
zu freuen schien. Er sprach vieles mit mir, welches ich aber nicht verstand, da
mir damals als einem jungen unerfahrnen Kiekindiewelt von Kterchen das
Verstehen der menschlichen Sprache noch nicht eigen. berhaupt wei ich von
meinem Gnner nur wenig zu sagen. So viel ist aber gewi, da er in vielen
Dingen geschickt - in Wissenschaften und Knsten hocherfahren sein mute, denn
alle, die zu ihm kamen (ich bemerkte Leute darunter, die gerade da, wo mir die
Natur einen gelblichen Fleck im Pelze beschert hat, d.h. auf der Brust, einen
Stern oder ein Kreuz trugen), behandelten ihn ausnehmend artig, ja zuweilen mit
einer gewissen scheuen Ehrfurcht, wie ich spterhin den Pudel Skaramuz, und
nannten ihn nicht anders, als mein hochverehrtester, mein teurer, mein
geschtzter Meister Abraham! - Nur zwei Personen nannten ihn schlechtweg Mein
Lieber! Ein groer drrer Mann in papageigrnen Hosen und weiseidenen
Strmpfen und eine kleine, sehr dicke Frau mit schwarzem Haar und einer Menge
Ringe an allen Fingern. Jener Herr soll aber ein Frst, die Frau hingegen eine
jdische Dame gewesen sein.
    Dieser vornehmen Besucher unerachtet, wohnte Meister Abraham doch in einem
kleinen hochgelegenen Stbchen, so da ich meine ersten Promenaden sehr bequem
durchs Fenster aufs Dach und auf den Hausboden machen konnte. -
    Ja! es ist nicht anders, auf einem Boden mu ich geboren sein! - Was Keller,
was Holzstall - ich entscheide mich fr den Boden! - Klima, Vaterland, Sitten,
Gebruche, wie unauslschlich ist ihr Eindruck, ja, wie sind sie es nur, die des
Weltbrgers uere und innere Gestaltung bewirken! - Woher kommt in mein Inneres
dieser Hhesinn, dieser unwiderstehliche Trieb zum Erhabenen? Woher diese
wunderbar seltene Fertigkeit im Klettern, diese beneidenswerte Kunst der
gewagtesten genialsten Sprnge? - Ha! es erfllt eine se Wehmut meine Brust! -
Die Sehnsucht nach dem heimatlichen Boden regt sich mchtig! - Dir weihe ich
diese Zhren, o schnes Vaterland, dir dies wehmtig jauchzende Miau! - Dich
ehren diese Sprnge, diese Stze, es ist Tugend darin und patriotischer Mut! -
Du, o Boden, spendest mir in freigebiger Flle manch Muslein, und nebenher kann
man manche Wurst, manche Speckseite aus dem Schornstein erwischen, ja wohl
manchen Sperling haschen und sogar hin und wieder ein Tublein erlauben.
Gewaltig ist die Liebe zu dir, o Vaterland! -
    Doch ich mu rcksichte meiner -
    (Mak. Bl.)  - - und erinnern Sie sich, gndigster Herr, denn nicht des
groen Sturms, der dem Advokaten, als er zur Nachtzeit ber den Pontneuf
wandelte, den Hut vom Kopfe herunter in die Seine warf? - hnliches steht im
Rabelais, doch war es eigentlich nicht der Sturm, der dem Advokaten den Hut
raubte, den er, indem er den Mantel dem Spiel der Lfte preisgab, mit der Hand
fest auf den Kopf gedrckt hielt, sondern ein Grenadier ri mit dem lauten
Ausruf: Es weht ein groer Wind, mein Herr, vorberlaufend, schnell den feinen
Kastor dem Advokaten unter der Hand von der Percke, und nicht dieser Kastor war
es, der in die Wellen der Seine hinabgeschleudert wurde, sondern des Soldaten
eignen schnden Filz fhrte wirklich der Sturmwind in den feuchten Tod. Sie
wissen nun, gndigster Herr, da in dem Augenblick, als der Advokat ganz
verblfft dastand, ein zweiter Soldat mit demselben Ausruf: Es weht ein groer
Wind, mein Herr! vorberrennend, den Mantel des Advokaten beim Kragen packte und
ihn ihm herabri von den Schultern, und da gleich darauf ein dritter Soldat mit
demselben Ausruf: Es weht ein groer Wind, mein Herr! vorbeilaufend, ihm das
spanische Rohr mit dem goldnen Knopf aus den Hnden wand. Der Advokat schrie aus
allen Krften, warf dem letzten Spitzbuben die Percke nach und ging dann
barhuptig ohne Mantel und Stock hin, um das merkwrdigste aller Testamente
aufzunehmen, um das seltsamste aller Abenteuer zu erfahren. Sie wissen das
alles, gndigster Herr!
    Ich wei, erwiderte der Frst, als ich dies gesprochen, ich wei gar nichts
und begreife berhaupt nicht, wie Ihr, Meister Abraham, mir solches wirres Zeug
vorschwatzen knnt. Den Pontneuf kenne ich allerdings, er befindet sich zu
Paris, und bin ich zwar niemals darber zu Fue gegangen, wohl aber oft darber
gefahren, wie es meinem Stande geziemt. Den Advokaten Rabelais habe ich niemals
gesehen und um Soldatenstreiche in meinem ganzen Leben mich nicht bekmmert. Als
ich in jngern Jahren noch meine Armee kommandierte, lie ich wchentlich einmal
smtliche Junkers durchfuchteln fr die Dummheiten, die sie begangen oder
knftig noch begehen mchten, das Prgeln der gemeinen Leute war aber die Sache
der Leutenants, die damit meinem Beispiel gem auch allwchentlich verfuhren,
und zwar Sonnabends, so da Sonntags es keinen Junker, keinen gemeinen Kerl in
der ganzen Armee gab, der nicht seine gehrige Tracht Schlge erhalten, wodurch
die Truppen, nchst der eingeprgelten Moralitt, auch ans Geschlagenwerden
berhaupt gewhnt wurden, ohne jemals vor dem Feinde gewesen zu sein, und in
diesem Fall nichts anders tun konnten als schlagen. - Das leuchtet Euch ein,
Meister Abraham, und nun sagt mir um tausend Gottes willen, was wollt Ihr mit
Eurem Sturm, mit Eurem auf dem Pontneuf beraubten Advokaten Rabelais, wo bleibt
Eure Entschuldigung, da das Fest sich auflste in wilder Verwirrung, da mir
eine Leuchtkugel ins Toupet fuhr, da mein teurer Sohn in das Bassin geriet und
von verrterischen Delphinen bespritzt wurde ber und ber, da die Prinzessin
entschleiert mit aufgeschrztem Rock wie Atalanta durch den Park fliehen mute,
- da - da - wer zhlt die Unglcksflle der verhngnisvollen Nacht! - Nun,
Meister Abraham, was sagt Ihr?
    Gndigster Herr, erwiderte ich, mich demutsvoll verbeugend, was war an allem
Unheil schuld, als der Sturm - das grliche Unwetter, welches einbrach, als
alles im schnsten Gange. Kann ich den Elementen gebieten? - Hab' ich denn nicht
selbst dabei schlimmes Malheur erlitten, habe ich nicht wie jener Advokat, den
ich untertnigst bitte, nicht mit dem berhmten franzsischen Schriftsteller
Rabelais zu verwechseln, Hut, Rock und Mantel verloren? Habe ich nicht -
    Hre, unterbrach hier den Meister Abraham Johannes Kreisler, hre,
Freund, noch jetzt, unerachtet es schon ziemlich lange her ist, spricht man von
dem Geburtstage der Frstin, dessen Feier du angeordnet hast, wie von einem
dunklen Geheimnis, und gewi hast du nach deiner gewhnlichen Art und Weise viel
Abenteuerliches begonnen. Hielt das Volk dich schon immer fr eine Art von
Hexenmeister, so scheint dieser Glaube durch jenes Fest noch um vieles strker
geworden zu sein. Sage mir nur geradezu, wie sich alles begeben. Du weit, ich
war damals nicht hier -
    Eben das, fiel Meister Abraham dem Freunde ins Wort, geben das, da du
nicht hier, da du, der Himmel wei, von welchen Furien der Hlle getrieben,
fortgerannt warst wie ein Wahnsinniger, eben das machte mich toll und wild, eben
deshalb beschwor ich die Elemente herauf, ein Fest zu stren, das meine Brust
zerschnitt, da du, der eigentliche Held des Stcks, fehltest, ein Fest, das nur
erst drftig und mhsam daherschlich, dann aber ber geliebte Personen nichts
brachte als die Qual bengstigender Trume - Schmerz - Entsetzen! - Erfahre es
jetzt, Johannes, ich habe tief in dein Inneres geschaut und das gefhrliche -
bedrohliche Geheimnis erkannt, das darin ruht, ein grender Vulkan, in jedem
Augenblick vermgend loszubrechen in verderblichen Flammen, rcksichtslos alles
um sich her verzehrend! - Es gibt Dinge in unserm Innern, die sich so gestalten,
da die vertrautesten Freunde darber nicht reden drfen. Darum verhehlte ich
dir sorglich, was ich in dir erschaut, aber mit jenem Fest, dessen tieferer Sinn
nicht die Frstin, sondern eine andere geliebte Person und dich selbst traf,
wollte ich dein ganzes Ich gewaltsam erfassen. Die verborgensten Qualen sollten
lebendig werden in dir und wie aus dem Schlaf erwachte Furien mit verdoppelter
Kraft deine Brust zerfleischen. Wie einem zum Tode Siechen sollte Arzenei, dem
Orkus selbst entnommen, die im strksten Paroxysmus kein weiser Arzt scheuen
darf, dir den Tod bereiten oder Genesung! - Wisse Johannes, da der Frstin
Namenstag zusammentrifft mit dem Namenstage Julias, die auch, wie sie, Maria
geheien.
    Ha! rief Kreisler, indem er, zehrendes Feuer im Blick, aufsprang, Ha! -
Meister! ist dir die Macht gegeben, mit mir freches hhnendes Spiel zu treiben?
- Bist du das Verhngnis selbst, da du mein Inneres erfassen magst?
    Wilder unbesonnener Mensch, erwiderte Meister Abraham ruhig, wann wird
endlich der verwstende Brand in deiner Brust zur reinen Naphthaflamme werden,
genhrt von dem tiefsten Sinn fr die Kunst, fr alles Herrliche und Schne, der
in dir wohnt! - Du verlangtest von mir die Beschreibung jenes verhngnisvollen
Festes; so hre mich denn ruhig an, oder ist deine Kraft gebrochen ganz und gar,
da du das nicht vermagst, so will ich dich verlassen. -
    Erzhle, sprach Kreisler mit halberstickter Stimme, indem er, beide Hnde
vors Gesicht, sich wieder hinsetzte. Ich will, sprach Meister Abraham,
pltzlich einen heitern Ton annehmend, ich will dich, lieber Johannes, gar
nicht ermden mit der Beschreibung aller der sinnreichen Anordnungen, die
grtenteils dem erfindungsreichen Geiste des Frsten selbst ihren Ursprung
verdankten. Da das Fest am spten Abend begann, so versteht es sich von selbst,
da der ganze schne Park, der das Lustschlo umgibt, erleuchtet war. Ich hatte
mich bemht, in dieser Erleuchtung ungewhnliche Effekte hervorzubringen, das
gelang aber nur zum Teil, da auf des Frsten ausdrcklichen Befehl in allen
Gngen, mittelst auf groen schwarzen Tafeln angebrachter buntfarbiger Lampen,
der Namenszug der Frstin brennen mute, nebst der frstlichen Krone darber. Da
die Tafeln an hohen Pfhlen angenagelt, so glichen sie beinahe illuminierten
Warnungsanzeigen, da man nicht Tabak rauchen oder die Maut nicht umfahren
solle. Der Hauptpunkt des Festes war das durch Gebsch und knstliche Ruinen
gebildete Theater in der Mitte des Parks, welches du kennst. Auf diesem Theater
sollten die Schauspieler aus der Stadt etwas Allegorisches agieren, welches
lppisch genug war, um ganz auerordentlich zu gefallen, htte es auch nicht der
Frst selbst verfat, und wre es daher auch nicht, um mich des geistreichen
Ausdrucks jenes Schauspieldirektors, der ein frstliches Stck auffhrte, zu
bedienen, aus einer durchlauchtigen Feder geflossen. Der Weg vom Schlo bis zum
Theater war ziemlich weit. Nach der poetischen Idee des Frsten sollte der
wandelnden Familie ein in den Lften schwebender Genius mit zwei Fackeln
vorleuchten, sonst aber kein Licht brennen, sondern erst, nachdem die Familie
und das Gefolge Platz genommen, das Theater pltzlich erleuchtet werden. Deshalb
blieb besagter Weg finster. Vergebens stellte ich die Schwierigkeit dieser
Maschinerie vor, welche die Lnge des Wegs herbeifhrte, der Frst hatte in den
Ftes de Versailles etwas hnliches gelesen, und da er hinterher den poetischen
Gedanken selbst gefunden, bestand er auf dessen Ausfhrung. Um jedem
unverdienten Vorwurf zu entgehen, berlie ich den Genius samt den Fackeln dem
Theater-Maschinisten aus der Stadt. - Sowie nun das frstliche Paar, hinter ihm
das Gefolge, aus der Tre des Salons trat, wurde ein kleines pausbackiges
Mnnlein, in die Hausfarben des Frsten gekleidet, mit zwei brennenden Fackeln
in den Hndchen, vom Dache des Lustschlosses herabgezogen. Die Puppe war aber zu
schwer, und es begab sich, da kaum zwanzig Schritt davon die Maschine stockte,
so da der leuchtende Schutzgeist des frstlichen Hauses hngen blieb und, da
die Arbeiter strker anzogen, sich ber kugelte. Nun schleuderten die brennenden
abwrts gekehrten Wachskerzen glhende Tropfen zur Erde. Der erste dieser
Tropfen traf den Frsten selbst, der indessen mit stoischem Gleichmut den
Schmerz verbi, wiewohl er in der Gravitt des Schrittes nachlie und schneller
vorwrts eilte. Der Genius schwebte jetzt fort ber der Gruppe, die der
Hofmarschall mit den Kammerjunkern nebst andern Hofchargen bildete, Fe oben,
Kopf unten, so da der Glutregen aus den Fackeln bald diesen, bald jenen auf den
Kopf und auf die Nase traf. Den Schmerz zu uern und so das frohe Fest zu
stren, htte den Respekt verletzt, es war daher hbsch anzusehen, wie die
Unglcklichen, eine ganze Kohorte stoischer Scvolas, mit grlich verzerrten
Gesichtern und doch mit Gewalt die Qual niederkmpfend, ja wohl gar ein Lcheln
erzwingend, das dem Orkus anzugehren schien, daherschritten, lautlos, kaum
bangen Seufzern Raum gebend. Dazu wirbelten die Pauken, schmetterten die
Trompeten, riefen hundert Stimmen: Vivat, vivat die gndigste Frau Frstin!
Vivat der gndigste Herr Frst! so da der durch den wunderlichen Kontrast jener
Laokoontischen Gesichter mit dem lustigen Jubel erzeugte tragische Pathos der
ganzen Szene eine Majestt gab, wie kaum zu denken.
    Der alte dicke Hofmarschall konnte es endlich nicht mehr ertragen; als ihn
ein glhender Tropfen gerade auf die Backe traf, sprang er in grimmer Wut der
Verzweiflung seitwrts, verwickelte sich aber in die Stricke, die, zur
Flugmaschine gehrend, gerade an der Seite hart ber dem Boden fortliefen, und
strzte mit dem lauten Ausruf: Alle Teufel! nieder zur Erde. In demselben Moment
hatte auch der luftige Page seine Rolle ausgespielt. Der gewichtige Hofmarschall
zog ihn mit Zentnerschwere nieder, er strzte herab mitten unter das Gefolge,
das, laut aufschreiend, auseinanderprallte. Die Fackeln verlschten, man befand
sich in der dicksten Finsternis. Dies alles geschah dicht vor dem Theater. Ich
htete mich wohl, den Znder anzustecken, der alle Lampen, alle Feuerbecken des
Platzes auf einmal in Brand setzen mute, sondern wartete damit ein paar
Minuten, um der Gesellschaft Zeit zu lassen, sich in Baum und Gebsch gehrig zu
verwirren. Licht - Licht - rief der Frst wie der Knig im Hamlet, Licht - Licht
eine Menge heisere Stimmen durcheinander. Als der Platz erleuchtet, glich der
auseinandergesprengte Haufe einem geschlagenen Heer, das sich mhsam
zusammenfindet. Der Oberkammerherr bewies sich als ein Mann von Gegenwart des
Geistes, als der geschickteste Taktiker seiner Zeit; denn in wenigen Minuten war
vermge seiner Bemhungen die Ordnung wiederhergestellt. Der Frst trat mit der
nchsten Umgebung auf eine Art von erhhten Blumenthron, der in der Mitte des
Zuschauer-Platzes errichtet. Sowie das frstliche Paar sich niederlie, fielen
vermge einer sehr pfiffigen Vorrichtung jenes Maschinisten eine Menge Blumen
auf dasselbe herab. Nun wollte es aber das dunkle Verhngnis, da eine groe
Feuerlilie dem Frsten gerade auf die Nase fiel und sein ganzes Gesicht glutrot
berstubte, wodurch er ein ungemein majesttisches, der Feierlichkeit des
Festes wrdiges Ansehen gewann.
    Das ist zu arg - das ist zu arg, rief Kreisler, indem er eine rasende
Lache aufschlug, da die Wnde drhnten.
    Lache nicht so konvulsivisch, sprach Meister Abraham, auch ich lachte in
jener Nacht unmiger als jemals, ich fhlte mich eben zu allerlei tollem
Mutwillen aufgelegt und htte wie der Spukgeist Droll selbst gern alles noch
mehr durcheinanderjagen, noch mehr verwirren mgen, aber desto tiefer drangen
dann die Pfeile, die ich gegen andere gerichtet, ein in meine eigene Brust. -
Nun! - ich will es nur sagen! Den Moment des lppischen Blumenbewerfens hatte
ich gewhlt, um den unsichtbaren Faden festzuknpfen, der sich nun durch das
ganze Fest ziehen und, wie ein elektrischer Leiter, das Innerste der Personen
durchbeben sollte, die ich mit meinem geheimnisvollen geistigen Apparat, in den
sich der Faden verlor, mir in Rapport gesetzt denken mute. - Unterbrich mich
nicht, Johannes - hre mich ruhig an. - Julia sa mit der Prinzessin hinter der
Frstin seitwrts, ich hatte beide im Auge. Sowie Pauken und Trompeten
schwiegen, fiel Julien eine unter duftenden Nachtviolen versteckte aufbrechende
Rosenknospe in den Scho, und wie strmender Hauch des Nachtwindes schwammen die
Tne deines tief ins Herz dringenden Liedes herber: Mi lagner tacendo della
mia sorte amara. - Julie war erschrocken, als aber das Lied, das ich, ich sag'
es, damit du ber die Art des Vortrags etwa nicht in bange Zweifel gertst, von
unsern vier vortrefflichen Bassetthornisten ganz in der Ferne spielen lie -
begann, entfloh ein leichtes Ach ihren Lippen, sie drckte den Strau an die
Brust, und ich hrte deutlich, da sie zur Prinzessin sprach: Er ist gewi
wieder da! - Die Prinzessin umarmte Julien mit Heftigkeit und rief so laut: Nein
nein - ach, niemals, da der Frst sein feuriges Antlitz umdrehte und ihr ein
zorniges Silence! zuwarf. Der Herr mochte auch wohl eben nicht gerade auf das
liebe Kind sehr bse sein, aber ich will es hier bemerken, da die wunderbare
Schminke, ein Tiranno ingrato in der Oper htte sich nicht zweckmiger anmalen
knnen, ihm wirklich das Ansehen eines fortwhrenden unvertilgbaren Zorns gab,
so da die rhrendsten Reden, die zartesten Situationen, welche husliches Glck
auf dem Throne allegorisch darstellten, rein verloren schienen; Schauspieler und
Zuschauer gerieten darber in nicht geringe Verlegenheit. Ja selbst, wenn der
Frst bei den Stellen, die er sich zu dem Behuf in dem Exemplar, das er in der
Hand hielt, rot angestrichen, der Frstin die Hand kte und mit dem Tuch eine
Trne von dem Auge wegdrckte, schien es in verbissenem Ingrimm zu geschehen; so
da die Kammerherrn, die diensttuend ihm zur Seite standen, sich zuflsterten: O
Jesus, was ist unserm gndigsten Herrn! - Ich will dir nur sagen, Johannes, da,
whrend die Schauspieler das alberne Zeug vorne auf dem Theater hertragierten,
ich mittelst magischer Spiegel und anderer Vorrichtungen hinterwrts in den
Lften ein Geisterschauspiel darstellte zur Verherrlichung des Himmelskindes,
der holden Julia, da eine Melodie nach der andern, die du in hoher Begeisterung
geschaffen, ertnte, ja da oft ferner, oft nher, wie banger ahnungsvoller
Geisterruf, der Name: Julia erklang. - Aber du fehltest - du fehltest, mein
Johannes! Und wenn ich auch, nachdem das Schauspiel geendet, meinen Ariel
rhmen, wie Shakespeares Prospero den seinigen, wenn ich auch sagen mte, da
er alles trefflich vollfhrt, so fand ich doch das, was ich mit tiefem Sinn
angeordnet zu haben glaubte, schal und matt. - Die Julia hatte alles mit feinem
Takt verstanden. Doch schien sie nur angeregt wie von einem lieblichen Traum,
dem man brigens keine sonderliche Einwirkung ins wache Leben verstattet. Die
Prinzessin war dagegen tief in sich gekehrt. Arm in Arm lustwandelte sie mit
Julien in den erleuchteten Gngen des Parks, whrend der Hof in einem Pavillon
Erfrischungen zu sich nahm. - Ich hatte den Hauptschlag in diesem Moment
vorbereitet, aber du fehltest - du fehltest, mein Johannes. - Voller Unmut und
Zorn rannte ich umher, ich sah zu, ob alle Anstalten zu dem groen Feuerwerk,
womit das Fest schlieen sollte, gehrig geordnet. Da gewahrte ich, aufschauend
zum Himmel, ber dem fernen Geierstein, im Schimmer der Nacht, die kleine
rtliche Wolke, die jedesmal ein Wetter bedeutet, das still heraufzieht und dann
hier ber uns mit einer frchterlichen Explosion losbricht. Zu welcher Zeit
diese Explosion geschehen mu, berechne ich, wie du weit, nach dem Stand der
Wolke, auf die Sekunde. Keine Stunde konnte es mehr dauern, ich beschlo daher,
mit dem Feuerwerk zu eilen. In dem Augenblick vernahm ich, da mein Ariel mit
jener Phantasmagorie begonnen, die alles, alles entscheiden sollte, denn ich
hrte am Ende des Parks in der kleinen Marienkapelle den Chor dein Ave maris
stella singen. Ich eilte schnell hin. Julia und die Prinzessin knieten in dem
Betstuhl, der vor der Kapelle im Freien angebracht. Kaum war ich an Ort und
Stelle, als - aber du fehltest - du fehltest, mein Johannes! - La mich darber
schweigen, was sich jetzt begab - Ach! - wirkungslos blieb das, was ich fr ein
Meisterstck meiner Kunst gehalten, und ich erfuhr, was ich blder Tor nicht
geahnt. -
    Heraus mit der Sprache, rief Kreisler, alles, alles sage, Meister! wie es
sich begeben.
    Mitnichten, erwiderte Meister Abraham, es ntzt dir nichts, Johannes, und
mir zerschneidet es die Brust, wenn ich noch sagen soll, wie meine eignen
Geister mir Graus einjagten und Entsetzen! - Die Wolke! - glcklicher Gedanke!
So soll, rief ich wild aus, denn alles in toller Verwirrung enden, und rannte
fort nach dem Platz des Feuerwerks. Der Frst lie mir sagen, wenn alles fertig
sei, sollte ich das Zeichen geben. Das Auge nicht abwendend von der Wolke, die
vom Geierstein weg hher und hher heraufzog, lie ich, als sie mir hoch genug
schien, die Bller lsen. Bald war der Hof, die ganze Gesellschaft an Ort und
Stelle. Nach dem gewhnlichen Spiel mit Feuerrdern, Raketen, Leuchtkugeln und
anderm gemeinen Zeuge ging endlich der Namenszug der Frstin in chinesischem
Brillantfeuer auf, doch hoch ber ihm in Lften schwamm und verschwamm in
milchweiem Licht der Name Julia. - Nun war es Zeit. - Ich zndete die Girandola
an, und wie zischend und prasselnd die Raketen in die Hhe fuhren, brach das
Wetter los mit glutroten Blitzen, mit krachenden Donnern, von denen Wald und
Gebirge erdrhnten. Und der Orkan brauste hinein in den Park und strte auf den
tausendstimmig heulenden Jammer im tiefsten Gebsch. Ich ri einem fliehenden
Trompeter das Instrument aus der Hand und blies lustig jauchzend darein, whrend
die Artilleriesalven der Feuertpfe, der Kanonenschlge, der Bller wacker dem
rollenden Donner entgegenknallten.
    Whrend Meister Abraham also erzhlte, sprang Kreisler auf, schritt heftig
im Zimmer auf und ab, focht mit den Armen um sich und rief endlich ganz
begeistert: Das ist schn, das ist herrlich, daran erkenne ich meinen Meister
Abraham, mit dem ich ein Herz bin und eine Seele!
    O, sprach Meister Abraham, ich wei es ja, das Wildeste, Schauerlichste
ist dir eben recht, und doch habe ich das vergessen, was dich ganz und gar den
unheimlichen Mchten der Geisterwelt preisgegeben htte. Ich hatte die
Wetterharfe, die, wie du weit, sich ber das groe Bassin hinzieht, anspannen
lassen, auf der der Sturm als ein tchtiger Harmoniker gar wacker spielte. In
dem Geheul, in dem Gebraus des Orkans, in dem Krachen des Donners erklangen
furchtbar die Akkorde der Riesenorgel. Schneller und schneller schlugen die
gewaltigen Tne los, und man mochte wohl ein Furienballett vernehmen, dessen
Stil ungemein gro zu nennen, wie man es beinahe zwischen den leinewandnen
Wnden des Theaters nicht zu hren bekommt! - Nun! - in einer halben Stunde war
alles vorber. Der Mond trat hinter den Wolken hervor. Der Nachtwind suselte
trstend durch den erschrockenen Wald und trocknete die Trnen weg von den
dunklen Bschen. Dazwischen ertnte noch dann und wann die Wetterharfe wie
dumpfes, fernes Glockengelute. - Mir war wunderbarlieb zumute. Du, mein
Johannes, erflltest mein Inneres so ganz und gar, da ich glaubte, du wrdest
gleich vor mir aufsteigen aus dem Grabhgel verlorner Hoffnungen, unerfllter
Trume und an meine Brust sinken. Nun in der Stille der Nacht kam der Gedanke,
was fr ein Spiel ich unternommen, wie ich gewaltsam den Knoten, den das dunkle
Verhngnis geschlungen, zerreien wollen, aus meinem Innern herausgetreten,
fremdartig, in anderer Gestaltung, auf mich los, und indem mich kalte Schauer
durchbebten, war ich es selbst, vor dem ich mich entsetzen mute. - Eine Menge
Irrlichter tanzten und hpften im ganzen Park umher, aber es waren die Bedienten
mit Laternen, welche die auf der schnellen Flucht verlernen Hte, Percken,
Haarbeutel, Degen, Schuhe, Shawls zusammensuchten. Ich machte mich davon. Mitten
auf der groen Brcke vor unserer Stadt blieb ich stehen und schaute noch einmal
zurck nach dem Park, der vom magischen Schimmer des Mondes umflossen dastand
wie ein Zaubergarten, in dem das lustige Spiel flinker Elfen begonnen. Da fiel
mir ein feines Piepen in die Ohren, ein Quken, das beinahe dem eines
neugebornen Kindes glich. Ich vermutete eine Untat, bckte mich tief ber das
Gelnder und entdeckte im hellen Mondschein ein Ktzchen, das sich mhsam an den
Pfosten angeklammert, um dem Tod zu entgehen. Wahrscheinlich hatte man eine
Katzenbrut ersufen wollen, und das Tierchen war wieder hinaufgekrochen. Nun,
dacht' ich, ist's auch kein Kind, so ist es doch ein armes Tier, das dich um
Rettung anqukt, und das du retten mut.
    O du empfindsamer Just, rief Kreisler lachend, sage, wo ist dein
Tellheim?
    Erlaube, fuhr Meister Abraham fort, erlaube, mein Johannes, mit dem Just
magst du mich kaum vergleichen. Ich habe den Just berjustet. Er rettete einen
Pudel, ein Tier, das jeder gern um sich duldet, von dem sogar angenehme
Dienstleistungen zu erwarten mittelst Apportieren, Handschuhe-, Tabaksbeutel-und
Pfeife-Nachtragen u.s.w., aber ich rettete einen Kater, ein Tier, vor dem sich
viele entsetzen, das allgemein als perfid, keiner sanften, wohlwollenden
Gesinnung, keiner offenherzigen Freundschaft fhig ausgeschrieen wird, das
niemals ganz und gar die feindliche Stellung gegen den Menschen aufgibt, ja,
einen Kater rettete ich aus purer uneigenntziger Menschenliebe. - Ich kletterte
ber das Gelnder, griff nicht ohne Gefahr herab, fate das wimmernde Ktzchen,
zog es hinauf und steckte es in die Tasche. Nach Hause gekommen, zog ich mich
schnell aus und warf mich, ermdet und erschpft wie ich war, aufs Bett. Kaum
war ich aber eingeschlafen, als mich ein klgliches Piepen und Winseln weckte,
das aus meinem Kleiderschrank herzukommen schien. - Ich hatte das Ktzchen
vergessen und es in der Rocktasche gelassen. Ich befreite das Tier aus dem
Gefngnis, wofr es mich dermaen kratzte, da mir alle fnf Finger bluteten.
Schon war ich im Begriff, den Kater durchs Fenster zu werfen, ich besann mich
aber und schmte mich meiner kleinlichen Torheit, meiner Rachsucht, die nicht
einmal bei Menschen angebracht ist, viel weniger bei der unvernnftigen Kreatur.
- Genug, ich zog mit aller Mhe und Sorgfalt den Kater gro. Es ist das
gescheiteste, artigste, ja witzigste Tier der Art, das man sehen kann, dem es
nur noch an der hhern Bildung fehlt, die du, mein lieber Johannes, ihm mit
leichter Mhe beibringen wirst, weshalb ich denn gesonnen bin, dir den Kater
Murr, so habe ich ihn benannt, fernerhin zu berlassen. Obschon Murr zurzeit,
wie die Juristen sich ausdrcken, noch kein homo sui juris ist, so habe ich ihn
doch um seine Einwilligung gefragt, ob er in deine Dienste treten wolle. Er ist
durchaus damit zufrieden.
    Du faselst, sprach Kreisler, du faselst, Meister Abraham! du weit, da
ich Katzen nicht sonderlich leiden mag, da ich dem Geschlecht der Hunde bei
weitem den Vorzug gebe. -
    Ich bitte, erwiderte Meister Abraham, ich bitte dich, lieber Johannes,
recht von Herzen, nimm meinen hoffnungsvollen Kater Murr wenigstens so lange zu
dir, bis ich heimkehre von meiner Reise. Ich habe ihn schon deshalb mitgebracht,
er ist drauen und wartet auf gtigen Bescheid. Sieh ihn wenigstens an.
    Damit ffnete Meister Abraham die Tre, und auf der Strohmatte
zusammengekrmmt, schlafend, lag ein Kater, der wirklich in seiner Art ein
Wunder von Schnheit zu nennen. Die grauen und schwarzen Streifen des Rckens
liefen zusammen auf dem Scheitel zwischen den Ohren und bildeten auf der Stirne
die zierlichste Hieroglyphenschrift. Ebenso gestreift und von ganz
ungewhnlicher Lnge und Strke war der stattliche Schweif. Dabei glnzte des
Katers buntes Kleid und schimmerte, von der Sonne Geleuchtet, so da man
zwischen dem Schwarz und Grau noch schmale goldgelbe Streifen wahrnahm. Murr!
Murr! rief Meister Abraham, krrr - krrr, erwiderte der Kater sehr
vernehmlich, dehnte - erhob sich, machte den auerordentlichsten Katzenbuckel
und ffnete ein Paar grasgrne Augen, aus denen Geist und Verstand in funkelndem
Feuer hervorblitzten. Das behauptete wenigstens Meister Abraham, und auch
Kreisler mute so viel einrumen, da der Kater etwas Besonderes, Ungewhnliches
im Antlitz trage, da sein Kopf hinlnglich dick, um die Wissenschaften zu
fassen, sein Bart aber schon jetzt in der Jugend wei und lang genug sei, um dem
Kater gelegentlich die Autoritt eines griechischen Weltweisen zu verschaffen.
    Wie kann man aber auch berall gleich schlafen, sprach Meister Abraham zum
Kater, du verlierst alle Heiterkeit darber und wirst vor der Zeit ein
grmliches Tier. Putz' dich fein, Murr!
    Sogleich setzte sich der Kater auf die Hinterfe, fuhr mit den Samtpftchen
sich zierlich ber Stirn und Wangen und stie dann ein klares freudiges Miau
aus.
    Dies ist, fuhr Meister Abraham fort, dies ist der Herr Kapellmeister
Johannes Kreisler, bei dem du in Dienste treten wirst. Der Kater glotzte den
Kapellmeister mit seinen groen funkelnden Augen an, begann zu knurren, sprang
auf den Tisch, der neben Kreislern stand, und von da ohne weiteres auf seine
Schulter, als wolle er ihm etwas ins Ohr sagen. Dann setzte er wieder herab zur
Erde und umkreiste schwnzelnd und knurrend den neuen Herrn, als wolle er recht
Bekanntschaft mit ihm machen.
    Gott verzeih mir, rief Kreisler, ich glaube gar, der kleine graue Kerl
hat Verstand und stammt aus der illustren Familie des gestiefelten Katers her!
    So viel ist gewi, erwiderte Meister Abraham, da der Kater Murr das
possierlichste Tier von der Welt ist, ein wahrer Pulcinell, und dabei artig und
sittsam, nicht zudringlich und unbescheiden, wie zuweilen Hunde, die uns mit
ungeschickten Liebkosungen beschwerlich fallen. -
    Indem ich, sprach Kreisler, diesen klugen Kater betrachte, fllt es mir
wieder schwer aufs Herz, in welchen engen Kreis unsere Erkenntnis gebannt ist. -
Wer kann es sagen, wer nur ahnen, wie weit das Geistesvermgen der Tiere geht! -
Wenn uns etwas oder vielmehr alles in der Natur unerforschlich bleibt, so sind
wir gleich mit Namen bei der Hand und brsten uns mit unserer albernen
Schulweisheit, die eben nicht viel weiter reicht als unsere Nase. So haben wir
denn auch das ganze geistige Vermgen der Tiere, das sich oft auf die
wunderbarste Art uert, mit der Bezeichnung Instinkt abgefertigt. Ich mchte
aber nur die einzige Frage beantwortet haben, ob mit der Idee des Instinkts, des
blinden willkrlosen Triebes, die Fhigkeit zu trumen vereinbar sei. Da aber
z.B. Hunde mit der grten Lebhaftigkeit trumen, wei jeder, der einen
schlafenden Jagdhund beobachtet hat, dem im Traum die ganze Jagd aufgegangen. Er
sucht, er schnuppert, er bewegt die Fe, als sei er im vollen Rennen, er
keucht, er schwitzt. - Von trumenden Katern wei ich zurzeit nichts. -
    Der Kater Murr, unterbrach Meister Abraham den Freund, trumt nicht
allein sehr lebendig, sondern er gert auch, wie deutlich zu bemerken, hufig in
jene sanfte Reverien, in das trumerische Hinbrten, in das somnambule
Delirieren, kurz, in jenen seltsamen Zustand zwischen Schlafen und Wachen, der
poetischen Gemtern fr die Zeit des eigentlichen Empfanges genialer Gedanken
gilt. In diesem Zustande sthnt und chzt er seit kurzer Zeit ganz ungemein, so,
da ich glauben mu, da er entweder in Liebe ist oder an einer Tragdie
arbeitet.
    Kreisler lachte hell auf, indem er rief: Nun so komm denn, du kluger,
artiger, witziger, poetischer Kater Murr, la uns -
    (M. f. f.) ersten Erziehung, meiner Jugendmonate berhaupt noch vieles
anfhren.
    Es ist nmlich wohl hchst merkwrdig und lehrreich, wenn ein groer Geist
in einer Autobiographie ber alles, was sich mit ihm in seiner Jugend begab,
sollte es auch noch so unbedeutend scheinen, recht umstndlich sich auslt.
Kann aber auch wohl einem hohen Genius jemals Unbedeutendes begegnen? Alles, was
er in seiner Knabenzeit unternahm oder nicht unternahm, ist von der hchsten
Wichtigkeit und verbreitet helles Licht ber den tiefern Sinn, ber die
eigentliche Tendenz seiner unsterblichen Werke. Herrlicher Mut geht auf in der
Brust des strebenden Jnglings, den bange Zweifel qulen, ob die innere Kraft
auch wohl genge, wenn er lieset, da der groe Mann als Knabe auch Soldat
spielte, sich in Naschwerk bernahm und zuweilen was weniges Schlge erhielt,
weil er faul war, ungezogen und tlpisch. Gerade wie ich, gerade wie ich, ruft
der Jngling begeistert aus und zweifelt nicht lnger, da auch er ein hoher
Genius ist trotz seinem angebeteten Idol.
    Mancher las den Plutarch oder auch wohl nur den Cornelius Nepos und wurde
ein groer Held, mancher die Tragdiendichter der Alten in der bersetzung und
nebenher den Calderon und Shakespeare, den Goethe und Schiller und wurde, wo
nicht ein groer Dichter, doch ein kleiner allerliebster Versmacher, wie ihn die
Leute ebenso gern haben. So werden meine Werke auch gewi in der Brust manches
jungen geist- und gemtreichen Katers das hhere Leben der Poesie entznden, und
nimmt denn der edle Katerjngling meine biographischen Belustigungen auf dem
Dache vor, geht er ganz ein in die hohen Ideen des Buchs, das ich soeben unter
den Klauen habe, dann wird er im Entzcken der Begeisterung ausrufen: Murr,
gttlicher Murr, grter deines Geschlechts, dir, dir allein verdanke ich alles,
nur dein Beispiel macht mich gro. -
    Es ist zu rhmen, da Meister Abraham bei meiner Erziehung sich weder an den
vergessenen Basedow hielt, noch die Pestalozzische Methode befolgte, sondern mir
unbeschrnkte Freiheit lie, mich selbst zu erziehen, insofern ich mich nur in
gewisse Normalprinzipien fgte, die Meister Abraham sich als unbedingt notwendig
fr die Gesellschaft, die die herrschende Macht auf dieser Erde versammelt,
dachte, da sonst alles blind und toll durcheinanderrennen und es berall
vertrakte Rippenste und garstige Beulen setzen, eine Gesellschaft berhaupt
nicht denkbar sein wrde. Den Inbegriff dieser Prinzipien nannte der Meister die
natrliche Artigkeit im Gegensatz der konventionellen, der gem man sprechen
mu: Ich bitte ganz gehorsamst um gtige Verzeihung, wenn man von einem Lmmel
angerannt oder auf den Fu getreten worden. Mag es sein, da jene Artigkeit den
Menschen ntig ist, so kann ich doch nicht begreifen, wie sich ihr auch mein
freigebornes Geschlecht fgen soll, und war nun das Hauptregens, mittelst dessen
der Meister mir jene Normalprinzipien beibrachte, ein gewisses sehr fatales
Birkenreis, so kann ich mich wohl mit Recht ber Hrte meines Erziehers
beklagen. Davongelaufen wre ich, htte mich nicht der mir angeborne Hang zur
hhern Kultur an den Meister festgebunden. - Je mehr Kultur, desto weniger
Freiheit, das ist ein wahres Wort. Mit der Kultur steigen die Bedrfnisse, mit
den Bedrfnissen - Nun, eben die augenblickliche Befriedigung mancher
natrlichen Bedrfnisse ohne Rcksicht auf Ort und Zeit, das war das erste, was
mir der Meister mittelst des verhngnisvollen Birkenreises total abgewhnte.
Dann kam es an die Gelste, die, wie ich mich spter berzeugt habe, lediglich
aus einer gewissen abnormen Stimmung des Gemts entstehen! Ebendiese seltsame
Stimmung, die vielleicht von meinem psychischen Organismus selbst erzeugt wurde,
trieb mich an, die Milch, ja selbst den Braten, den der Meister fr mich
hingestellt, stehen zu lassen, auf den Tisch zu springen und das wegzunaschen,
was er selbst genieen wollte. Ich empfand die Kraft des Birkenreises und lie
es bleiben. - Ich sehe es ein, da der Meister recht hatte, meinen Sinn von
dergleichen abzulenken, da ich wei, da mehrere meiner guten Mitbrder, weniger
kultiviert, weniger gut erzogen als ich, dadurch in die abscheulichsten
Verdrielichkeiten, ja in die traurigste Lage auf ihre Lebenszeit geraten sind.
Ist es mir doch bekannt worden, da ein hoffnungsvoller Katerjngling den Mangel
an innerer geistiger Kraft, seinem Gelst zu widerstehen, einen Topf Milch
auszunaschen, mit dem Verlust seines Schweifs ben und, verhhnt, verspottet,
sich in die Einsamkeit zurckziehen mute. Also der Meister hatte recht, mir
dergleichen abzugewhnen; da er aber meinem Drange nach den Wissenschaften und
Knsten Widerstand leistete, das kann ich ihm nicht verzeihen. -
    Nichts zog mich in des Meisters Zimmer mehr an, als der mit Bchern,
Schriften und allerlei seltsamen Instrumenten bepackte Schreibtisch. Ich kann
sagen, da dieser Tisch ein Zauberkreis war, in den ich mich gebannt fhlte, und
doch empfand ich eine gewisse heilige Scheu, die mich abhielt, meinem Triebe
ganz mich hinzugeben. Endlich eines Tages, als eben der Meister abwesend war,
berwand ich meine Furcht und sprang herauf auf den Tisch. Welche Wollust, als
ich nun mitten unter den Schriften und Bchern sa und darin whlte. Nicht
Mutwille, nein, nur Begier, wissenschaftlicher Heihunger war es, da ich mit
den Pfoten ein Manuskript erfate und so lange hin und her zauste, bis es, in
kleine Stcke zerrissen, vor mir lag. Der Meister trat hinein, sah, was
geschehen, strzte mit dem krnkenden Ausruf: Bestie, vermaledeite! auf mich
los und prgelte mich mit dem Birkenreis so derb ab, da ich mich, winselnd vor
Schmerz, unter den Ofen verkroch und den ganzen Tag ber durch kein freundliches
Wort wieder hervorzulocken war. Wen htte dies Ereignis nicht abgeschreckt auf
immer, selbst die Bahn zu verfolgen, die ihm die Natur vorgezeichnet! Aber kaum
hatte ich mich ganz erholt von meinen Schmerzen, als ich, meinem
unwiderstehlichen Drange folgend, wieder auf den Schreibtisch sprang. Freilich
war ein einziger Ruf meines Meisters, ein abgebrochner Satz wie z.B. Will er!
- hinlnglich, mich wieder herab zu jagen, so da es nicht zum Studieren kam;
indessen wartete ich ruhig auf einen gnstigen Moment, meine Studien anzufangen,
und dieser trat denn auch bald ein. Der Meister rstete sich eines Tages zum
Ausgehen, alsbald versteckte ich mich so gut im Zimmer, da er mich nicht fand,
als er, eingedenk des zerrissenen Manuskripts, mich herausjagen wollte. Kaum war
der Meister fort, so sprang ich mit einem Satz auf den Schreibtisch und legte
mich mitten hinein in die Schriften, welches mir ein unbeschreibliches
Wohlgefallen verursachte. Geschickt schlug ich mit der Pfote ein ziemlich dickes
Buch auf, welches vor mir lag, und versuchte, ob es mir nicht mglich sein
wrde, die Schriftzeichen darin zu verstehen. Das gelang mir zwar anfangs ganz
und gar nicht, ich lie aber gar nicht ab, sondern starrte hinein in das Buch,
erwartend, da ein ganz besonderer Geist ber mich kommen und mir das Lesen
lehren werde. So vertieft, berraschte mich der Meister. Mit einem lauten: Seht
die verfluchte Bestie! sprang er auf mich zu. Es war zu spt, mich zu retten,
ich kniff die Ohren an, ich duckte mich nieder, so gut es gehen wollte, ich
fhlte schon die Rute auf meinem Rcken. Aber die Hand schon aufgehoben, hielt
der Meister pltzlich inne, schlug eine helle Lache auf und rief: Kater -
Kater, du liesest? ja, das kann, das will ich dir nicht verwehren. Nun sieh -
sieh! - was fr ein Bildungstrieb dir inwohnt. - Er zog mir das Buch unter den
Pfoten weg, schaute hinein und lachte noch unmiger als vorher. Das mu ich
sagen, sprach er dann, ich glaube gar, du hast dir eine kleine Handbibliothek
angeschafft, denn ich wte sonst gar nicht, wie das Buch auf meinen
Schreibtisch kommen sollte? - Nun, lies nur - studiere fleiig, mein Kater,
allenfalls magst du auch die wichtigen Stellen im Buche durch sanfte Einrisse
bezeichnen, ich stelle dir das frei! - Damit schob er mir das Buch
aufgeschlagen wieder hin. Es war, wie ich spter erfuhr, Knigge, ber den
Umgang mit Menschen, und ich habe aus diesem herrlichen Buch viel
Lebensweisheit geschpft. Es ist so recht aus meiner Seele geschrieben und pat
berhaupt fr Kater, die in der menschlichen Gesellschaft etwas gelten wollen,
ganz ungemein. Diese Tendenz des Buchs ist, soviel ich wei, bisher bersehen
und daher zuweilen das falsche Urteil gefllt worden, da der Mensch, der sich
ganz genau an die im Buch aufgestellten Regeln halten wollte, notwendig berall
als ein steifer herzloser Pedant auftreten msse.
    Seit dieser Zeit litt mich der Meister nicht allein auf dem Schreibtisch,
sondern er sah es sogar gern, wenn ich, arbeitete er selbst, heraufsprang und
mich vor ihm unter die Schriften hinlagerte.
    Meister Abraham hatte die Gewohnheit, oftmals viel hintereinander laut zu
lesen. Ich unterlie dann nicht, mich so zu postieren, da ich ihm ins Buch
sehen konnte, welches bei den scharfblickenden Augen, die mir die Natur
verliehen, mglich war, ohne ihm beschwerlich zu fallen. Dadurch, da ich die
Schriftzeichen mit den Worten verglich, die er aussprach, lernte ich in kurzer
Zeit lesen, und wem dies etwa unglaublich vorkommen mchte, hat keinen Begriff
von dem ganz besonderen Ingenium, womit mich die Natur ausgestattet. Genies, die
mich verstehen und mich wrdigen, werden keinen Zweifel hegen rcksichts einer
Art Ausbildung, die vielleicht der ihrigen gleich ist. Dabei darf ich auch nicht
unterlassen, die merkwrdige Beobachtung mitzuteilen, die ich rcksichts des
vollkommenen Verstehens der menschlichen Sprache gemacht. Ich habe nmlich mit
vollem Bewutsein beobachtet, da ich gar nicht wei, wie ich zu diesem
Verstehen gekommen bin. Bei den Menschen soll dies auch der Fall sein, das nimmt
mich aber gar nicht wunder, da dies Geschlecht in den Jahren der Kindheit
betrchtlich dmmer und unbeholfener ist als wir. Als ein ganz kleines Kterchen
ist es mir niemals geschehen, da ich mir selbst in die Augen gegriffen, ins
Feuer oder ins Licht gefat oder Stiefelwichse statt Kirschmus gefressen, wie
das wohl bei kleinen Kindern zu geschehen pflegt.
    Wie ich nun fertig las und ich mich tglich mehr mit fremden Gedanken
vollstopfte, fhlte ich den unwiderstehlichsten Drang, auch meine eignen
Gedanken, wie sie der mir inwohnende Genius gebar, der Vergessenheit zu
entreien, und dazu gehrte nun allerdings die freilich sehr schwere Kunst des
Schreibens. So aufmerksam ich auch meines Meisters Hand, wenn er schrieb,
beobachten mochte, durchaus wollte es mir doch nicht gelingen, ihm die
eigentliche Mechanik abzulauren. Ich studierte den alten Hilmar Curas, das
einzige Schreibevorschriftsbuch, welches mein Meister besa, und wre beinahe
auf den Gedanken geraten, da die rtselhafte Schwierigkeit des Schreibens nur
durch die groe Manschette gehoben werden knne, welche die darin abgebildete
schreibende Hand trgt, und da es nur besonders erlangte Fertigkeit sei, wenn
mein Meister ohne Manschette schriebe, sowie der gebte Seiltnzer zuletzt nicht
mehr der Balancierstange bedarf. Ich trachtete begierig nach Manschetten und war
im Begriff, die Dormeuse der alten Haushlterin fr meine rechte Pfote
zuzureien und zu aptieren, als mir pltzlich in einem Moment der Begeisterung,
wie es bei Genies zu geschehen pflegt, der geniale Gedanke einkam, der alles
lste. Ich vermutete nmlich, da die Unmglichkeit, die Feder, den Stift so zu
halten wie mein Meister, wohl in dem verschiedenen Bau unserer Hnde liegen
knne, und diese Vermutung traf ein. Ich mute eine andere, dem Bau meines
rechten Pftchens angemessene Schreibart erfinden und erfand sie wirklich, wie
man wohl denken mag. - So entstehen aus der besonderen Organisation des
Individuums neue Systeme. -
    Eine zweite bse Schwierigkeit fand ich in dem Eintunken der Feder in das
Tintenfa. Nicht glcken wollt' es mir nmlich, bei dem Eintunken das Pftchen
zu schonen, immer kam es mit hinein in die Tinte, und so konnte es nicht fehlen,
da die ersten Schriftzge, mehr mit der Pfote als mit der Feder gezeichnet,
etwas gro und breit gerieten. Unverstndige mochten daher meine ersten
Manuskripte beinahe nur fr mit Tinte beflecktes Papier ansehen. Genies werden
den genialen Kater in seinen ersten Werken leicht erraten und ber die Tiefe,
ber die Flle des Geistes, wie er zuerst aus unversiegbarer Quelle
aussprudelte, erstaunen, ja ganz auer sich geraten. Damit die Welt sich
dereinst nicht zanke ber die Zeitfolge meiner unsterblichen Werke, will ich
hier sagen, da ich zuerst den philosophisch sentimental didaktischen Roman
schrieb: Gedanke und Ahnung oder Kater und Hund. Schon dieses Werk htte
ungeheures Aufsehen machen knnen. Dann, in allen Stteln gerecht, schrieb ich
ein politisches Werk unter dem Titel: ber Mausefallen und deren Einflu auf
Gesinnung und Tatkraft der Katzheit; hierauf fhlt' ich mich begeistert zu der
Tragdie: Rattenknig Kawdallor. Auch diese Tragdie htte auf allen nur
erdenklichen Theatern unzhligemal mit dem lrmendsten Beifall gegeben werden
knnen. Den Reihen meiner smtlichen Werke sollen diese Erzeugnisse meines hoch
emporstrebenden Geistes erffnen, ber den Anla, sie zu schreiben, werde ich
mich gehrigen Orts auslassen knnen.
    Als ich die Feder besser zu halten gelernt, als das Pftchen rein blieb von
Tinte, wurde auch freilich mein Stil anmutiger, lieblicher, heller, ich legte
mich ganz vorzglich auf Musenalmanache, schrieb verschiedene freundliche
Schriften und wurde brigens sehr bald der liebenswrdige gemtliche Mann, der
ich noch heute bin. Beinahe htte ich schon damals ein Heldengedicht gemacht in
vierundzwanzig Gesngen, doch als ich fertig, war es etwas anderes worden, wofr
Tasso und Ariost noch im Grabe dem Himmel danken knnen. Sprang wirklich ein
Heldengedicht unter meinen Klauen hervor, beide htte kein Mensch mehr gelesen.
    Ich komme jetzt auf die -
    (Mak. Bl.) - zum bessern Verstndnis doch ntig sein, dir, geneigter Leser,
das ganze Verhltnis der Dinge klar und deutlich auseinander zu setzen.
    Jeder, der nur ein einziges Mal im Gasthofe des anmutigen Landstdtchens
Sieghartsweiler abgestiegen ist, hat sogleich von dem Frsten Irenus reden
gehrt. Bestellte er nmlich bei dem Wirt nur ein Gericht Forellen, die in der
Gegend vorzglich, so erwiderte derselbe gewi: Sie haben recht, mein Herr!
unser gndigster Frst essen auch dergleichen ungemein gern, und ich vermag die
angenehmen Fische gerade so zu bereiten, wie es bei Hofe blich. Aus den
neuesten Geographien, Landkarten, statistischen Nachrichten wute der
unterrichtete Reisende aber nichts anders, als da das Stdtchen Sieghartsweiler
samt dem Geierstein und der ganzen Umgebung lngst dem Groherzogtum, das er
soeben durchreiset, einverleibet worden; nicht wenig mute es ihn daher
verwundern, hier einen gndigsten Herrn Frsten und einen Hof zu finden. Die
Sache hatte aber folgenden Zusammenhang. Frst Irenus regierte sonst wirklich
ein artiges Lndchen nicht fern von Sieghartsweiler, und da er mittelst eines
guten Dollonds von dem Belvedere seines Schlosses im Residenzmarktflecken seine
smtlichen Staaten zu bersehen vermochte, so konnt' es nicht fehlen, da er das
Wohl und Weh seines Landes, das Glck der geliebten Untertanen stets im Auge
behielt. Er konnte in jeder Minute wissen, wie Peters Weizen in dem
entferntesten Bereich des Landes stand, und ebensogut beobachten, ob Hans und
Kunz ihre Weinberge gut und fleiig besorgten. Man sagt, Frst Irenus habe sein
Lndchen auf einem Spaziergange ber die Grenze aus der Tasche verloren, so viel
ist aber gewi, da in einer neuen, mit mehrern Zustzen versehenen Ausgabe
jenes Groherzogtums das Lndchen des Frsten Irenus einfoliiert und
einregistriert war. Man berhob ihn der Mhe des Regierens, indem man ihm aus
den Revenen des Landes, das er besessen, eine ziemlich reichliche Apanage
aussetzte, die er eben in dem anmutigen Sieghartsweiler verzehren sollte.
    Auer jenem Lndchen besa Frst Irenus noch ein ansehnliches bares
Vermgen, das ihm unverkrzt blieb, und so sah er sich aus dem Stande eines
kleinen Regenten pltzlich versetzt in den Stand eines ansehnlichen
Privatmannes, der zwanglos nach freier Willkr sich das Leben gestalten konnte,
wie er wollte.
    
    Frst Irenus hatte den Ruf eines feingebildeten Herrn, der empfnglich fr
Wissenschaft und Kunst. Kam nun noch hinzu, da er oft die lstige Brde der
Regentschaft schmerzlich gefhlt, ja, ging auch schon einmal von ihm die Rede,
da er den romanhaften Wunsch, in einem kleinen Hause, an einem murmelnden Bach,
mit einigem Hausvieh ein einsames idyllisches Leben procul negotiis zu fhren,
in anmutige Verse gebracht, so htte man denken sollen, da er nun, den
regierenden Herrn vergessend, sich einrichten werde mit dem gemtlichen
Hausbedarf, wie es in der Macht steht des reichen unabhngigen Privatmannes. Dem
war aber ganz und gar nicht so!
    Es mag wohl sein, da die Liebe der groen Herren zur Kunst und Wissenschaft
nur als ein integrierender Teil des eigentlichen Hoflebens anzusehen ist. Der
Anstand erfordert es, Gemlde zu besitzen und Musik zu hren, und bel wrde es
sein, wenn der Hofbuchbinder feiern und nicht die neueste Literatur fortwhrend
in Gold und Leder kleiden sollte. Ist aber jene Liebe ein integrierender Teil
des Hoflebens selbst, so mu sie mit diesem zugleich untergehen und kann nicht
als etwas fr sich Fortbestehendes Trost gewhren fr den verlornen Thron oder
das kleine Regentensthlchen, auf dem man zu sitzen gewohnt.
    Frst Irenus erhielt sich beides, das Hofleben und die Liebe fr die Knste
und Wissenschaften, indem er einen sen Traum ins Leben treten lie, in dem er
selbst mit seiner Umgebung sowie ganz Sieghartsweiler figurierte.
    Er tat nmlich so, als sei er regierender Herr, behielt die ganze
Hofhaltung, seinen Kanzler des Reichs, sein Finanzkollegium etc. etc. bei,
erteilte seinen Hausorden, gab Cour, Hofblle, die meistenteils aus zwlf bis
funfzehn Personen bestanden, da auf die eigentliche Courfhigkeit strenger
geachtet wurde als an den grten Hfen, und die Stadt war gutmtig genug, den
falschen Glanz dieses trumerischen Hofes fr etwas zu halten, das ihr Ehre und
Ansehen bringe. So nannten die guten Sieghartsweiler den Frsten Irenus ihren
gndigsten Herrn, illuminierten die Stadt an seinem Namensfeste und an den
Namenstagen seines Hauses und opferten sich berhaupt gern auf fr das Vergngen
des Hofes wie die atheniensischen Brgersleute in Shakespeares
Sommernachtstraum.
    Es war nicht zu leugnen, da der Frst seine Rolle mit dem wirkungsvollsten
Pathos durchfhrte und diesen Pathos seiner ganzen Umgebung mitzuteilen wute. -
So erscheint ein frstlicher Finanzrat in dem Klub zu Sieghartsweiler finster,
in sich gekehrt, wortkarg! - Wolken ruhen auf seiner Stirne, er versinkt oft in
ein tiefes Nachdenken, fhrt dann auf, wie pltzlich erwachend! - Kaum wagt man
es, laut zu sprechen, hart aufzutreten in seiner Nhe. Es schlgt neun Uhr, da
springt er auf, nimmt seinen Hut, vergebens sind alle Bemhungen, ihn
festzuhalten, er versichert mit stolzem tiefbedeutendem Lcheln, da ihn
Aktenste erwarteten, da er die Nacht wrde opfern mssen, um sich zu der
morgenden, hchst wichtigen, letzten Quartalsitzung des Kollegiums
vorzubereiten; eilt hinweg und hinterlt die Gesellschaft in ehrfurchtsvoller
Erstarrung ber die enorme Wichtigkeit und Schwierigkeit seines Amts. - Und der
wichtige Vortrag, auf den sich der geplagte Mann die Nacht ber vorbereiten mu?
- Je nun, die Waschzettel aus smtlichen Departements, der Kche, der Tafel, der
Garderobe etc. frs verflossene Vierteljahr sind eingegangen, und er ist es, der
in allen Waschangelegenheiten den Vortrag hat. - So bemitleidet die Stadt den
armen frstlichen Wagenmeister, spricht jedoch, von dem sublimen Pathos des
frstlichen Kollegiums ergriffen: Strenge, aber gerecht! Der Mann hat nmlich
erhaltener Instruktion gem einen Halbwagen, der unbrauchbar geworden,
verkauft, das Finanz-Kollegium ihm aber bei Strafe augenblicklicher Kassation
aufgegeben, binnen drei Tagen nachzuweisen, wo er die andere Hlfte gelassen,
die vielleicht noch brauchbar gewesen. -
    Ein besonderer Stern, der am Hofe des Frsten Irenus leuchtete, war die
Rtin Benzon, Witwe in der Mitte der dreiiger Jahre, sonst eine gebietende
Schnheit, noch jetzt nicht ohne Liebreiz, die einzige, deren Adel zweifelhaft,
und die der Frst dennoch ein fr allemal als courfhig angenommen. Der Rtin
heller durchdringender Verstand, ihr lebhafter Geist, ihre Weltklugheit,
vorzglich aber eine gewisse Klte des Charakters, die dem Talent zu herrschen
unerllich, bten ihre Macht in voller Strke, so da sie es eigentlich war,
die die Faden des Puppenspiels an diesem Miniaturhofe zog. Ihre Tochter, Julia
geheien, war mit der Prinzessin Hedwiga aufgewachsen, und auch auf die
Geistesbildung dieser hatte die Rtin so gewirkt, da sie in dem Kreise der
frstlichen Familie wie eine Fremde erschien und sonderbar abstach gegen den
Bruder. Prinz Ignaz war nmlich zu ewiger Kindheit verdammt, beinahe bldsinnig
zu nennen.
    Der Benzon gegenber, ebenso einflureich, ebenso eingreifend in die engsten
Verhltnisse des frstlichen Hauses, wiewohl auf ganz andere Weise als sie,
stand der seltsame Mann, den du, geneigter Leser, bereits kennst als Matre de
Plaisir des Irenusschen Hofes und ironischen Schwarzknstler.
    Merkwrdig genug ist es, wie Meister Abraham in die frstliche Familie
geriet.
    Des Frsten Irenus hochseliger Herr Papa war ein Mann von einfachen milden
Sitten. Er sah es ein, da irgendeine Kraftuerung das kleine schwache
Rderwerk der Staatsmaschine zerbrechen msse, statt ihm einen besseren Schwung
zu geben. Er lie es daher in seinem Lndlein fortgehen, wie es zuvor gegangen,
und fehlt' es ihm dabei an Gelegenheit, einen glnzenden Verstand oder andere
besondere Gaben des Himmels zu zeigen, so begngte er sich damit, da in seinem
Frstentum jedermann sich wohl befand, und da, rcksichts des Auslandes, es ihm
so ging wie den Weibern, die dann am tadelfreisten sind, wenn man gar nicht von
ihnen spricht. War das Frsten kleiner Hof steif, zeremonis, altfrnkisch,
konnte der Frst gar nicht eingehen in manche loyale Ideen, wie sie die neuere
Zeit erzeugt, so lag das an der Unwandelbarkeit des hlzernen Gestelles, das
Oberhofmeister, Hofmarschlle, Kammerherrn in seinem Innern mhsam
zusammengerichtet. In diesem Gestelle arbeitete aber ein Triebrad, das kein
Hofmeister, kein Marschall jemals htte zum Stillstehen bringen knnen. Dies war
nmlich ein dem Frsten angeborner Hang zum Abenteuerlichen, Seltsamen,
Geheimnisvollen. - Er pflegte zuweilen, nach dem Beispiel des wrdigen Kalifen
Harun Al Raschid, verkleidet Stadt und Land zu durchstreichen, um jenen Hang,
der mit seiner brigen Lebenstendenz in dem sonderbarsten Widerspiel stand, zu
befriedigen oder wenigstens Nahrung dafr zu suchen. Dann setzte er einen runden
Hut auf und zog einen grauen Oberrock an, so da jedermann auf den ersten Blick
wute, da der Frst nun nicht zu erkennen.
    Es begab sich, da der Frst also verkleidet und unerkennbar die Alleen
durchschritt, die von dem Schlo aus nach einer entfernten Gegend fhrten, in
der einzeln ein kleines Huschen stand, von der Witwe eines frstlichen
Mundkochs bewohnt. Gerade vor diesem Huschen angekommen, gewahrte der Frst
zwei in Mntel gehllte Mnner, die zur Haustre hinausschlichen. Er trat zur
Seite, und der Historiograph des Irenusschen Hauses, dem ich dies nachschreibe,
behauptet, der Frst sei selbst dann nicht bemerkt und erkannt worden, wenn er
statt des grauen Oberrocks das glnzendste Staatskleid angehabt mit dem
funkelnden Ordensstern darauf, aus dem Grunde, weil es stockfinsterer Abend
gewesen. Als die beiden verhllten Mnner dicht vor dem Frsten langsam
vorbergingen, vernahm dieser ganz deutlich folgendes Gesprch. Der eine:
Bruder Exzellenz, ich bitte dich, nimm dich zusammen, sei nur dieses Mal kein
Esel! - Der Mensch mu fort, ehe der Frst etwas von ihm erfhrt, denn sonst
behalten wir den verfluchten Hexenmeister auf dem Halse, der uns mit seinen
Satansknsten alle ins Verderben strzt. Der andere: Mon cher frre, ereifere
dich doch nur nicht so, du kennst meine Sagazitt, mein savoir faire. Morgen
werf' ich dem gefhrlichen Menschen ein paar Karolin an den Hals, und da mag er
seine Kunststckchen den Leuten vormachen, wo er will. Hier darf er nicht
bleiben. Der Frst ist berdies ein -
    Die Stimmen verhallten, der Frst erfuhr daher nicht, wofr ihn sein
Hofmarschall hielt, denn kein anderer als dieser und sein Bruder, der
Oberjgermeister, waren die Personen, welche aus dem Hause schlichen und das
verfngliche Gesprch fhrten. Der Frst hatte beide sehr genau an der Sprache
erkannt.
    Man kann denken, da der Frst nichts Angelegentlicheres zu tun hatte, als
jenen Menschen, jenen gefhrlichen Hexenmeister aufzusuchen, dessen
Bekanntschaft ihm entzogen werden sollte. Er klopfte an das Huschen, die Witwe
trat mit einem Licht in der Hand heraus und fragte, da sie den runden Hut und
den grauen Oberrock des Frsten gewahrte, mit kalter Hflichkeit: Was steht zu
Ihren Diensten, Monsieur? Monsieur wurde nmlich der Frst angeredet, wenn er
verkleidet war und unkenntlich. Der Frst erkundigte sich nach dem Fremden, der
bei der Witwe eingekehrt sein sollte, und erfuhr, da der Fremde kein anderer
sei als ein sehr geschickter, berhmter, mit vielen Attestaten, Konzessionen und
Privilegien versehener Taschenspieler, der hier seine Knste zu produzieren
gedenke. Soeben, erzhlte die Witwe, wren zwei Herrn vom Hofe bei ihm gewesen,
die er vermge der ganz unerklrlichen Sachen, welche er ihnen vorgemacht,
dermaen in Erstaunen gesetzt, da sie ganz bla, verstrt, ja ganz auer sich
das Haus verlassen htten.
    Ohne weiteres lie sich der Frst hinauffhren. Meister Abraham (niemand
anders war der berhmte Taschenspieler) empfing ihn wie einen, den er lngst
erwartet, und verschlo die Tre.
    Niemand wei, was nun Meister Abraham begonnen gewi ist es aber, da der
Frst die ganze Nacht ber bei ihm blieb, und da am andern Morgen Zimmer
eingerichtet wurden auf dem Schlosse, die Meister Abraham bezog, und zu denen
der Frst aus seinem Studierzimmer mittelst eines geheimen Ganges unbemerkt
gelangen konnte. Gewi ist es ferner, da der Frst den Hofmarschall nicht mehr:
mon cher ami nannte und sich von dem Oberjgermeister niemals mehr die
wunderbare Jagdgeschichte von dem weien gehrnten Hasen, den er (der
Oberjgermeister) bei seinem ersten jgerischen Ausflug in den Wald nicht
schieen knnen, erzhlen lie, welches die Gebrder in Gram und Verzweiflung
strzte, so, da beide sehr bald den Hof verlieen. Gewi endlich, da Meister
Abraham nicht allein durch seine Phantasmagorien, sondern auch durch das
Ansehen, das er sich immer mehr und mehr bei dem Frsten zu erwerben wute, Hof,
Stadt und Land in Erstaunen setzte.
    Von den Kunststcken, die Meister Abraham vollfhrte, erzhlt oben
bemeldeter Historiograph des Irenusschen Hauses so viel ganz Unglaubliches, da
man es nicht nachschreiben kann, ohne alles Zutrauen des geneigten Lesers aufs
Spiel zu setzen. Dasjenige Kunststck, welches aber der Historiograph fr das
Wunderbarste von allen hlt, ja, von dem er behauptet, da es hinlnglich
beweise, wie Meister Abraham offenbar mit fremden unheimlichen Mchten in
bedrohlichem Bunde stehe, ist indes nichts anders als jenes akustische
Zauberspiel, das spter unter der Benennung des unsichtbaren Mdchens so viel
Aufsehen gemacht, und das Meister Abraham schon damals sinnreicher,
phantastischer, das Gemt ergreifender aufzustellen wute, als es nachher jemals
geschehen.
    Nebenher wollte man auch wissen, da der Frst selbst mit dem Meister
Abraham gewisse magische Operationen unternehme, ber deren Zweck unter den
Hofdamen, Kammerherrn und andern Leuten vom Hofe ein angenehmer Wettstreit
alberner, sinnloser Vermutungen entstand. Darin waren alle einig, da Meister
Abraham dem Frsten das Goldmachen beibringe, wie aus dem Rauch, der aus dem
Laboratorio bisweilen dringe, zu schlieen, und da er ihn eingefhrt in
allerlei ntzliche Geisterkonferenzen. Alle waren ferner davon berzeugt, da
der Frst das Patent fr den neuen Brgermeister im Marktflecken nicht
vollziehe, ja, dem frstlichen Ofenheizer keine Zulage bewillige, ohne den
Agathodmon, den Spiritum familiarem oder die Gestirne zu befragen.
    Als der alte Frst starb und Irenus ihm in der Regierung folgte, verlie
Meister Abraham das Land. Der junge Frst, der von des Vaters Neigung zum
Abenteuerlichen, Wunderbaren durchaus nichts ererbt, lie ihn zwar ziehen, fand
aber bald, da Meister Abrahams magische Kraft vorzglich sich darin bewhre,
einen gewissen bsen Geist zu beschwren, der sich an kleinen Hfen nur gar zu
gern einnistet, nmlich den Hllengeist der Langenweile. Dann hatte auch das
Ansehen, in dem Meister Abraham bei dem Vater stand, tiefe Wurzel gefat in dem
Gemt des jungen Frsten. Es gab Augenblicke, in denen dem Frsten Irenus
zumute wurde, als sei Meister Abraham ein berirdisches Wesen, ber alles, was
menschlich, erhaben, stehe es auch noch so hoch. Man sagt, da diese ganz
besondere Empfindung von einem kritischen unvergelichen Moment in der
Jugendgeschichte des Frsten herrhre. Als Knabe war er einst mit kindischer
berlstiger Neugier in Meister Abrahams Zimmer eingedrungen und hatte lppisch
eine kleine Maschine, die der Meister eben mit vieler Mhe und Kunst vollendet,
zerbrochen, der Meister aber in vollem Zorn ber den verderblichen Ungeschick
dem kleinen frstlichen Bengel eine fhlbare Ohrfeige zugeteilt und ihn dann mit
einiger nicht ganz sanfter Schnelligkeit hinausgefhrt aus der Stube auf den
Korridor. Unter hervorquellenden Trnen konnte der junge Herr nur mit Mhe die
Worte hervorstammeln: Abraham - soufflet - so da der bestrzte Oberhofmeister
es fr eine gefahrvolle Wagnis hielt, tiefer einzudringen in das frchterliche
Geheimnis, das zu ahnen er sich unterstehen mute.
    Der Frst fhlte lebhaft das Bedrfnis, den Meister Abraham als das
belebende Prinzip der Hofmaschine bei sich zu behalten; vergebens waren aber
alle seine Bemhungen, ihn zurckzubringen. Erst nach jenem verhngnisvollen
Spaziergange, als Frst Irenus sein Lndchen verloren, als er die chimrische
Hofhaltung zu Sieghartsweiler eingerichtet, fand sich auch Meister Abraham
wieder ein, und in der Tat, zu gelegenerer Zeit htte er gar nicht kommen
knnen. Denn auerdem da -
    (M. f. f.) - merkwrdige Begebenheit, die, um mich des gewhnlichen
Ausdrucks geistreicher Biographen zu bedienen, einen Abschnitt in meinem Leben
machte.
    - Leser! - Jnglinge, Mnner, Frauen, unter deren Pelz ein fhlend Herz
schlgt, die ihr Sinn habt fr Tugend - die ihr die sen Bande erkennet, womit
uns die Natur umschlingt, ihr werdet mich verstehen und - mich lieben!
    Der Tag war hei gewesen, ich hatte ihn unter dem Ofen verschlafen. Nun
brach die Abenddmmerung ein, und khle Winde sausten durch meines Meisters
geffnetes Fenster. Ich erwachte aus dem Schlaf, meine Brust erweiterte sich,
durchstrmt von dem unnennbaren Gefhl, das, Schmerz und Lust zugleich, die
sesten Ahnungen entzndet. Von diesen Ahnungen berwltigt, erhob ich mich
hoch in jener ausdrucksvollen Bewegung, die der kalte Mensch Katzenbuckel
benennet! - Hinaus - hinaus trieb es mich in die freie Natur, ich begab mich
daher aufs Dach und lustwandelte in den Strahlen der sinkenden Sonne. Da vernahm
ich Tne von dem Boden aufsteigen, so sanft, so heimlich, so bekannt, so
anlockend, ein unbekanntes Etwas zog mich hinab mit unwiderstehlicher Gewalt.
Ich verlie die schne Natur und kroch durch eine kleine Dachluke hinein in den
Hausboden. - Hinabgesprungen, gewahrte ich alsbald eine groe, schne, wei und
schwarz gefleckte Katze, die, auf den Hinterfen sitzend in bequemer Stellung,
eben jene anlockenden Tne von sich gab und mich nun mit forschenden Blicken
durchblitzte. Augenblicklich setzte ich mich ihr gegenber und versuchte, dem
innern Trieb nachgebend, in das Lied einzustimmen, das die wei und schwarz
Gefleckte angestimmt. Das gelang mir, ich mu es selbst sagen, ber die Maen
wohl, und von diesem Augenblick an datiert sich, wie ich fr die Psychologen,
die mich und mein Leben studieren, hier bemerke, mein Glaube an mein inneres
musikalisches Talent und, wie zu erachten, mit diesem Glauben auch das Talent
selbst. Die Gefleckte blickte mich an schrfer und emsiger, schwieg pltzlich,
sprang mit einem gewaltigen Satz auf mich los! Ich, nichts Gutes erwartend,
zeigte meine Krallen, doch in dem Augenblick schrie die Gefleckte, indem ihr die
hellen Trnen aus den Augen strzten: Sohn - o Sohn! komm! - eile in meine
Pfoten! - Und dann, mich umhalsend, mich mit Inbrunst an die Brust drckend:
Ja, du bist es, du bist mein Sohn, mein guter Sohn, den ich ohne sonderliche
Schmerzen geboren! -
    Ich fhlte mich tief im Innersten bewegt, und schon dies Gefhl mute mich
berzeugen, da die Gefleckte wirklich meine Mutter war, demunerachtet fragte
ich doch, ob sie auch dessen ganz gewi sei.
    Ha, diese hnlichkeit, sprach die Gefleckte, diese hnlichkeit, diese
Augen, diese Gesichtszge, dieser Bart, dieser Pelz, alles erinnert mich nur zu
lebhaft an den Treulosen, Undankbaren, der mich verlie. - Du bist ganz das
getreue Ebenbild deines Vaters, lieber Murr (denn so wirst du ja geheien), ich
hoffe jedoch, da du mit der Schnheit des Vaters zugleich die sanftere
Denkungsart, die milden Sitten deiner Mutter Mina erworben haben wirst. - Dein
Vater hatte einen sehr vornehmen Anstand, auf seiner Stirne lag eine
imponierende Wrde, voller Verstand funkelten die grnen Augen, und um Bart und
Wangen spielte oft ein anmutiges Lcheln. Diese krperlichen Vorzge so wie sein
aufgeweckter Geist und eine gewisse liebenswrdige Leichtigkeit, mit der er
Muse fing, lieen ihn mein Herz gewinnen. - Aber bald zeigte sich ein hartes
tyrannisches Gemt, das er so lange geschickt zu verbergen gewut. - Mit
Entsetzen sag' ich es! - Kaum warst du geboren, als dein Vater den unseligen
Appetit bekam, dich nebst deinen Geschwistern zu verspeisen.
    Beste Mutter, fiel ich der Gefleckten ins Wort, beste Mutter, verdammen
Sie nicht ganz jene Neigung. Das gebildetste Volk der Erde legte den sonderbaren
Appetit des Kinderfressens dem Geschlecht der Gtter bei, aber gerettet wurde
ein Jupiter, und so auch ich! -
    Ich verstehe dich nicht, mein Sohn, erwidert Mina, aber es kommt mir vor,
als sprchest du albernes Zeug, oder als wolltest du gar deinen Vater
verteidigen. Sei nicht undankbar, du wrest ganz gewi erwrgt und gefressen
worden von dem blutdrstigen Tyrannen, htte ich dich nicht so tapfer verteidigt
mit diesen scharfen Krallen, htte ich nicht, bald hier, bald dort hinfliehend
in Keller, Boden, Stlle, dich den Verfolgungen des unnatrlichen Barbaren
entzogen. - - Er verlie mich endlich; nie habe ich ihn wiedergesehen! Und doch
schlgt noch mein Herz fr ihn! - Er war ein schner Kater! - Viele hielten ihn
seines Anstandes, seiner feinen Sitten wegen fr einen reisenden Grafen. - Ich
glaubte nun, im kleinen huslichen Zirkel meine Mutterpflichten bend, ein
stilles ruhiges Leben fhren zu knnen, doch der entsetzlichste Schlag sollte
mich noch treffen. - Als ich von einen kleinen Spaziergange einst heimkehrte,
weg warst du samt deinem Geschwister! - Ein altes Weib hatte mich Tages zuvor in
meinem Schlupfwinkel entdeckt und allerlei verfngliche Worte von ins Wasser
werfen und dergleichen gesprochen! - Nun! ein Glck, da du, mein Sohn,
gerettet, komm nochmals an meine Brust, Geliebter! -
    Die gefleckte Mama liebkoste mich mit aller Herzlichkeit und fragte mich
dann nach den nhern Umstnden meines Lebens. Ich erzhlte ihr alles und verga
nicht, meiner hohen Ausbildung zu erwhnen, und wie ich dazu gekommen.
    Mina schien weniger gerhrt von den seltenen Vorzgen des Sohnes, als man
htte denken sollen. Ja! sie gab mir nicht undeutlich zu verstehen, da ich
mitsamt meinem auerordentlichen Geiste, mit meiner tiefen Wissenschaft auf
Abwege geraten, die mir verderblich werden knnten. Vorzglich warnte sie mich
aber, dem Meister Abraham ja nicht meine erworbenen Kenntnisse zu entdecken, da
dieser sie nur ntzen wrde, mich in der drckendsten Knechtschaft zu erhalten.
    Ich kann mich, sprach Mina, zwar gar nicht deiner Ausbildung rhmen,
indessen fehlt es mir doch durchaus nicht an natrlichen Fhigkeiten und
angenehmen, mir von der Natur eingeimpften Talenten. Darunter rechne ich z.B.
die Macht, knisternde Funken aus meinem Pelz hervorstrahlen zu lassen, wenn man
mich streichelt. Und was fr Unannehmlichkeiten hat mir nicht schon dieses
einzige Talent bereitet! Kinder und Erwachsene haben unaufhrlich auf meinen
Rcken herumhantiert jenes Feuerwerks halber, mir zur Qual, und wenn ich unmutig
wegsprang oder die Krallen zeigte, mute ich mich ein scheues wildes Tier
schelten, ja wohl gar prgeln lassen. -
    Sowie Meister Abraham erfhrt, da du schreiben kannst, lieber Murr, macht
er dich zu seinem Kopisten, und als Schuldigkeit wird von dir gefordert, was du
jetzt nur aus eigenem Antriebe zu deiner Lust tust. -
    Mina sprach noch mehreres ber mein Verhltnis zum Meister Abraham und ber
meine Bildung. Erst spter habe ich eingesehen, da das, was ich fr Abscheu
gegen die Wissenschaften hielt, wirkliche Lebensweisheit war, die die Gefleckte
in sich trug.
    Ich erfuhr, da Mina bei der alten Nachbarsfrau in ziemlich drftigen
Umstnden lebe, und da es ihr oft schwer falle, ihren Hunger zu stillen. Dies
rhrte mich tief, die kindliche Liebe erwachte in voller Strke in meinem Busen,
ich besann mich auf den schnen Heringskopf, den ich vom gestrigen Mahle
erbrigt, ich beschlo, ihn darzubringen der guten Mutter, die ich so unerwartet
wiedergefunden.
    Wer ermit die Wandelbarkeit der Herzen derer, die da wandeln unter dem
Mondschein! - Warum verschlo das Schicksal nicht unsere Brust dem wilden Spiel
unseliger Leidenschaften! - Warum mssen wir, ein dnnes schwankendes Rohr, uns
beugen vor dem Sturm des Lebens? - Feindliches Verhngnis! - O Appetit, dein
Name ist Kater! - Den Heringskopf im Maule, kletterte ich, ein pius Aeneas, aufs
Dach - ich wollte hinein ins Bodenfenster! - Da geriet ich in einen Zustand,
der, auf seltsame Weise mein Ich meinem Ich entfremdend, doch mein eigentliches
Ich schien. - Ich glaube mich verstndlich und scharf ausgedrckt zu haben, so
da in dieser Schilderung meines seltsamen Zustandes jeder den die geistige
Tiefe durchschauenden Psychologen erkennen wird. - Ich fahre fort! -
    Das sonderbare Gefhl, gewebt aus Lust und Unlust, betubte meine Sinne -
berwltigte mich - kein Widerstand mglich, - ich fra den Heringskopf! -
    ngstlich hrte ich Mina miauen, ngstlich sie meinen Namen rufen - Ich
fhlte mich von Reue, von Scham durchdrungen, ich sprang zurck in meines
Meisters Zimmer, ich verkroch mich unter den Ofen. Da qulten mich die
ngstlichsten Vorstellungen. Ich sah Mina, die wiedergefundene gefleckte Mutter,
trostlos, verlassen, lechzend nach der Speise, die ich versprochen, der Ohnmacht
nahe - Ha! - der durch den Rauchfang sausende Wind rief den Namen Mina - Mina -
Mina rauschte es in den Papieren meines Meisters, knarrte es in den
gebrechlichen Rohrsthlen, Mina - Mina - lamentierte die Ofentre - O! es war
ein bitteres herzzerschneidendes Gefhl, das mich durchbohrte! - Ich beschlo,
die Arme womglich einzuladen zur Frhstcksmilch. Wie khlender wohltuender
Schatten kam bei diesem Gedanken ein seliger Frieden ber mich! - Ich kniff die
Ohren an und schlief ein! -
    Ihr fhlenden Seelen, die ihr mich ganz versteht, ihr werdet es, seid ihr
sonst keine Esel, sondern wahrhaftige honette Kater, ihr werdet es, sage ich,
einsehen, da dieser Sturm in meiner Brust meinen Jugendhimmel aufheitern mute
wie ein wohlttiger Orkan, der die finstern Wolken zerstubt und die reinste
Aussicht schafft. O! so schwer anfangs der Heringskopf auf meiner Seele lastete,
doch lernte ich einsehen, was Appetit heit, und da es Frevel ist, der Mutter
Natur zu widerstreben. Jeder suche sich seine Heringskpfe und greife nicht vor
der Sagazitt der andern, die, vom richtigen Appetit geleitet, schon die ihrigen
finden werden.
    So schliee ich diese Episode meines Lebens, die -
    (Mak. Bl.) - - nichts verdrielicher fr einen Historiographen oder
Biographen, als wenn er, wie auf einem wilden Fllen reitend, hin und her
sprengen mu ber Stock und Stein, ber cker und Wiesen, immer nach gebahnten
Wegen trachtend, niemals sie erreichend. So geht es dem, der es unternommen, fr
dich, geliebter Leser, das aufzuschreiben, was er von dem wunderlichen Leben des
Kapellmeisters Johannes Kreisler erfahren. Gern htte er angefangen: In dem
kleinen Stdtchen N. oder B. oder K., und zwar am Pfingstmontage oder zu Ostern
des und des Jahres, erblickte Johannes Kreisler das Licht der Welt! - Aber
solche schne chronologische Ordnung kann gar nicht aufkommen, da dem
unglcklichen Erzhler nur mndlich, brockenweis mitgeteilte Nachrichten zu
Gebote stehen, die er, um nicht das Ganze aus dem Gedchtnisse zu verlieren,
sogleich verarbeiten mu. Wie es eigentlich mit der Mitteilung dieser
Nachrichten herging, sollst du, sehr lieber Leser, noch vor dem Schlusse des
Buchs erfahren, und dann wirst du vielleicht das rhapsodische Wesen des Ganzen
entschuldigen, vielleicht aber auch meinen, da trotz des Anscheins der
Abgerissenheit doch ein fester durchlaufender Faden alle Teile zusammenhalte.
    Eben in diesem Augenblick ist nichts anders zu erzhlen, als da nicht lange
nachher, als Frst Irenus in Sieghartsweiler sich niedergelassen, an einem
schnen Sommerabend Prinzessin Hedwiga und Julia in dem anmutigen Park zu
Sieghartshof lustwandelten. Wie ein goldner Schleier lag der Schein der
sinkenden Sonne ausgebreitet ber dem Walde. Kein Blttlein rhrte sich. In
ahnungsvollem Schweigen harrten Baum und Gebsch, da der Abendwind komme und
mit ihnen kose. Nur das Getse des Waldbachs, der ber weie Kiesel fortbrauste,
unterbrach die tiefe Stille. Arm in Arm verschlungen, schweigend wandelten die
Mdchen fort durch die schmalen Blumengnge, ber die Brcken, die ber die
verschiedenen Schlingungen des Bachs fhrten, bis sie an das Ende des Parks, an
den groen See kamen, in dem sich der ferne Geierstein mit seinen malerischen
Ruinen abspiegelte.
    Es ist doch schn! rief Julia recht aus voller Seele. La uns, sprach
Hedwiga, in die Fischerhtte treten. Die Abendsonne brennt entsetzlich, und
drin ist die Aussicht nach dem Geierstein aus dem mittlern Fenster noch schner
als hier, da die Gegend dort nicht Panorama, sondern in gruppierter Ansicht,
wahrhaftes Bild erscheint.
    Julia folgte der Prinzessin, die, kaum hineingetreten und zum Fenster
hinausschauend, sich nach Crayon und Papier sehnte, um die Aussicht in der
Beleuchtung zu zeichnen, welche sie ungemein pikant nannte.
    Ich mchte, sprach Julia, ich mchte dich beinahe um deine
Kunstfertigkeit beneiden, Bume und Gebsche, Berge, Seen so ganz nach der Natur
zeichnen zu knnen. Aber ich wei es schon, knnte ich auch so hbsch zeichnen
als du, doch wird es mir niemals gelingen, eine Landschaft nach der Natur
aufzunehmen, und zwar um desto weniger, je herrlicher der Anblick. Vor lauter
Freude und Entzcken des Schauens wrd' ich gar nicht zur Arbeit kommen. - Der
Prinzessin Antlitz berflog bei diesen Worten Julias ein gewisses Lcheln, das
bei einem sechzehnjhrigen Mdchen bedenklich genannt werden drfte. Meister
Abraham, der im Ausdruck zuweilen etwas seltsam, meinte, solch Muskelspiel im
Gesicht sei dem Wirbel zu vergleichen auf der Oberflche des Wassers, wenn sich
in der Tiefe etwas Bedrohliches rhrt. - Genug, Prinzessin Hedwiga lchelte;
indem sie aber die Rosenlippen ffnete, um der sanften unknstlerischen Julia
etwas zu entgegnen, lieen sich ganz in der Nhe Akkorde hren, die so stark und
wild angeschlagen wurden, da das Instrument kaum eine gewhnliche Guitarre zu
sein schien.
    Die Prinzessin verstummte, und beide, sie und Julia, eilten vor das
Fischerhaus.
    Nun vernahmen sie eine Weise nach der andern, verbunden durch die
seltsamsten bergnge, durch die fremdartigste Akkordenfolge. Dazwischen lie
sich eine sonore mnnliche Stimme hren, die bald alle Sigkeit des
italienischen Gesanges erschpfte, bald, pltzlich abbrechend, in ernste dstere
Melodien fiel, bald rezitativisch, bald mit starken, krftig akzentuierten
Worten dreinsprach. -
    Die Guitarre wurde gestimmt - dann wieder Akkorde - dann wieder abgebrochen
und gestimmt - dann heftige, wie im Zorn ausgesprochene Worte - dann Melodien -
dann aufs neue gestimmt. -
    Neugierig auf den seltsamen Virtuosen, schlichen Hedwiga und Julia nher und
nher heran, bis sie einen Mann in schwarzer Kleidung gewahrten, der, den Rcken
ihnen zugewendet, auf einem Felsstck dicht an dem See sa und das wunderliche
Spiel trieb mit Singen und Sprechen.
    Eben hatte er die Guitarre ganz und gar umgestimmt auf ungewhnliche Weise
und versuchte nun einige Akkorde, dazwischen rufend: Wieder verfehlt - keine
Reinheit - bald ein Komma zu tief, bald ein Komma zu hoch! -
    Dann fate er das Instrument, das er von dem blauen Bande, an dem es ihm um
die Schultern hing, losgenestelt, mit beiden Hnden, hielt es vor sich hin und
begann: Sage mir, du kleines eigensinniges Ding, wo ruht eigentlich dein
Wohllaut, in welchem Winkel deines Innersten hat sich die reine Skala
verkrochen? - Oder willst du dich vielleicht auflehnen gegen deinen Meister und
behaupten, sein Ohr sei totgehmmert worden in der Schmiede der
gleichschwebenden Temperatur und seine Enharmonik nur ein kindisches
Vexierspiel? Du verhhnst mich, glaub' ich, unerachtet ich den Bart viel besser
geschoren trage als Meister Stefano Pacini, detto il Venetiano, der die Gabe des
Wohllauts in dein Innerstes legte, die mir ein unerschliebares Geheimnis
bleibt. Und, liebes Ding, da du es nur weit, willst du den unisonierenden
Dualismus von Gis und As oder Cis und Des - oder vielmehr smtlicher Tne
durchaus nicht verstatten, so schicke ich dir neun tchtige teutsche Meister auf
den Hals, die sollen dich ausschelten, dich kirre machen mit enharmonischen
Worten. - Und du magst dich nicht deinem Stefano Pacini in die Arme werfen, du
magst nicht wie ein keifendes Weib das letzte Wort behalten wollen. - Oder bist
du vielleicht gar dreist und stolz genug, zu meinen, da alle schmucke Geister,
die in dir wohnen, nur dem gewaltigen Zauber folgen der Magier, die lngst von
der Erde gegangen, und da in den Hnden eines Hasenfues -
    Bei dem letzten Worte hielt der Mann pltzlich inne, sprang auf und schaute,
wie in tiefen Gedanken versunken, in den See hinein. - Die Mdchen, gespannt
durch des Mannes seltsames Beginnen, standen wie eingewurzelt hinter dem
Gebsch; sie wagten kaum zu atmen.
    Die Guitarre, brach der Mann endlich los, ist doch das miserabelste,
unvollkommenste Instrument von allen Instrumenten, nur wert, von girrenden
liebeskrankenden Schfern in die Hand genommen zu werden, die das Embouchoir zur
Schalmei verloren haben, da sie sonst es vorziehen wrden, erklecklich zu
blasen, das Echo zu wecken mit den Kuhreigen der sesten Sehnsucht und
klgliche Melodien entgegenzusenden den Emmelinen in den weiten Bergen, die das
liebe Vieh zusammentreiben mit dem lustigen Geknalle empfindsamer Hetzpeitschen!
- O Gott! - Schfer, die wie ein Ofen seufzen mit Jammerlied auf ihrer Liebsten
Brau'n - lehrt ihnen, da der Dreiklang aus nichts anderm bestehe als aus drei
Klngen und niedergestoen werde durch den Dolchstich der Septime, und gebt
ihnen die Guitarre in die Hnde! - Aber ernsten Mnnern von leidlicher Bildung,
von vorzglicher Erudition, die sich abgegeben mit griechischer Weltweisheit und
wohl wissen, wie es am Hofe zu Peking oder Nanking zugeht, aber den Teufel was
verstehen von Schferei und Schafzucht, was soll denen das chzen und Klimpern?
- Hasenfu, was beginnst du? Denke an den seligen Hippel, welcher versichert,
da, sh' er einen Mann Unterricht erteilen im Klavierschlagen, es ihm zumute
werde, als stte besagter Lehrherr weiche Eier - und nun Guitarre klimpern -
Hasenfu! - Pfui Teufel! - Damit schleuderte der Mann das Instrument weit von
sich ins Gebsch und entfernte sich raschen Schrittes, ohne die Mdchen zu
bemerken.
    Nun, rief Julia nach einer Weile, lachend, nun, Hedwiga, was sagst du zu
dieser verwunderlichen Erscheinung? Wo mag der seltsame Mann her sein, der erst
so hbsch mit seinem Instrument zu sprechen wei und es dann verchtlich von
sich wirft wie eine zerbrochene Schachtel?
    Es ist unrecht, sprach Hedwiga wie im pltzlich aufwallenden Zorn, indem
ihre verbleichten Wangen sich blutrot frbten, es ist unrecht, da der Park
nicht verschlossen ist, da jeder Fremde hinein kann.
    Wie, erwiderte Julia, der Frst sollte, meinst du, engherzig den
Sieghartsweilern - nein, nicht diesen allein, jedem, der des Weges wandelt,
gerade den unmutigsten Fleck der ganzen Gegend verschlieen! das ist unmglich
deine ernste Meinung! - Du bedenkst, fuhr die Prinzessin noch bewegter fort,
du bedenkst die Gefahr nicht, die fr uns daraus entsteht. Wie oft wandeln wir
so wie heute allein, entfernt von aller Dienerschaft, in den entlegensten Gngen
des Waldes umher! - Wie, wenn einmal irgendein Bsewicht -
    Ei, unterbrach Julia die Prinzessin, ich glaube gar, du frchtest, aus
diesem, jenem Gebsch knnte irgendein ungeschlachter mrchenhafter Riese oder
ein fabelhafter Raubritter hervorspringen und uns entfhren auf seine Burg! -
Nun, das wollte der Himmel verhten! - Aber sonst mu ich dir gestehen, da mir
irgendein kleines Abenteuer hier in dem einsamen romantischen Walde recht
hbsch, recht anmutig bednken mchte. - Ich denke eben an Shakespeare Wie es
euch gefllt, das uns die Mutter so lange nicht in die Hnde geben wollte, und
das uns endlich Lothario vorgelesen. Was gilt es, du wrdest auch gern ein
bichen Celia spielen, und ich wollte deine treue Rosalinde sein. - Was machen
wir aus unserm unbekannten Virtuosen?
    O, erwiderte die Prinzessin, eben dieser unbekannte Mensch - Glaubst du
wohl, Julia, da mir seine Gestalt, seine wunderlichen Reden ein inneres Grauen
erregten, das mir unerklrlich ist? - Noch jetzt durchbeben mich Schauer, ich
erliege beinahe einem Gefhl, das, seltsam und entsetzlich zugleich, alle meine
Sinne gefangen nimmt. In dem tiefsten dunkelsten Gemt regt sich eine Erinnerung
auf und ringt vergebens, sich deutlich zu gestalten. - Ich sah diesen Menschen
schon in irgendeine frchterliche Begebenheit verflochten, die mein Herz
zerfleischte - vielleicht war es nur ein spukhafter Traum, dessen Andenken mir
geblieben - Genug - der Mensch mit seinem seltsamen Beginnen, mit seinen wirren
Reden deuchte mir ein bedrohliches gespenstisches Wesen, das uns vielleicht
verlocken wollte in verderbliche Zauberkreise.
    Welche Einbildungen, rief Julia, ich fr mein Teil verwandle das schwarze
Gespenst mit der Guitarre in den Monsieur Jacques oder gar in den ehrlichen
Probstein, dessen Philosophie beinahe so lautet, wie die wunderlichen Reden des
Fremden. - Doch hauptschlich ist es nun ntig, die arme Kleine zu retten, die
der Barbar so feindselig in das Gebsch geschleudert hat. -
    Julia - was beginnst du - um des Himmels willen, rief die Prinzessin; doch
ohne auf sie zu achten, schlpfte Julia hinein in das Dickicht und kam nach
wenigen Augenblicken triumphierend, die Guitarre, die der Fremde weggeworfen, in
der Hand, zurck.
    Die Prinzessin berwand ihre Scheu und betrachtete sehr aufmerksam das
Instrument, dessen seltsame Form schon von hohem Alter zeigte, htte das auch
nicht die Jahrzahl und der Namen des Meisters besttigt, den man durch die
Schallffnung auf dem Boden deutlich wahrnahm. Schwarz eingetzt waren nmlich
die Worte: Stefano Pacini fec. Venet. 1532.
    Julia konnte es nicht unterlassen, sie schlug einen Akkord auf dem
zierlichen Instrument an und erschrak beinahe ber den mchtigen vollen Klang,
der aus dem kleinen Dinge heraustnte. O herrlich - herrlich, rief sie aus und
spielte weiter. Da sie aber gewohnt, nur ihren Gesang mit der Guitarre zu
begleiten, so konnte es nicht fehlen, da sie bald unwillkrlich zu singen
begann, indem sie weiter fortwandelte. Die Prinzessin folgte ihr schweigend.
Julia hielt inne; da sprach Hedwiga: Singe, spiele auf dem zauberischen
Instrumente, vielleicht gelingt es dir, die bsen, feindlichen Geister, die
Macht haben wollten ber mich, hinabzubeschwren in den Orkus.
    Was willst du, erwiderte Julia, mit deinen bsen Geistern, die sollen uns
beiden fremd sein und bleiben, aber singen will ich und spielen, denn ich wte
nicht, da jemals mir ein Instrument so zur Hand gewesen, mir berhaupt so
zugesagt htte, als eben dieses. Mir scheint auch, als wenn meine Stimme viel
besser dazu laute als sonst. - Sie begann eine bekannte italienische Kanzonetta
und verlor sich in allerlei zierliche Melismen, gewagte Lufe und Capriccios,
Raum gebend dem vollen Reichtum der Tne, der in ihrer Brust ruhte.
    War die Prinzessin erschrocken ber den Anblick des Unbekannten, so
erstarrte Julia zur Bildsule, als er, da sie eben in einen andern Gang
einbiegen wollte, pltzlich vor ihr stand.
    Der Fremde, wohl an dreiig Jahre alt, war nach dem Zuschnitt der letzten
Mode schwarz gekleidet. In seinem ganzen Anzuge fand sich durchaus nichts
Sonderbares, Ungewhnliches, und doch hatte sein Ansehen etwas Seltsames,
Fremdartiges. Trotz der Sauberkeit seiner Kleidung war eine gewisse
Nachlssigkeit sichtbar, die weniger von Mangel an Sorgfalt als davon
herzurhren schien, da der Fremde gezwungen worden, einen Weg zu machen, auf
den er nicht gerechnet, und zu dem sein Anzug nicht pate. Mit aufgerissener
Weste, das Halstuch nur leicht umschlungen, die Schuhe dick bestubt, auf denen
die goldnen Schnllchen kaum sichtbar, stand er da, und nrrisch genug sah es
aus, da er an dem kleinen dreieckigen Htchen, das nur bestimmt, unter den
Armen getragen zu werden, die hintere Krempe herabgeschlagen hatte, um sich
gegen die Sonne zu schtzen. Er hatte sich durchgedrngt durch das tiefste
Dickicht des Parks, denn sein wirres schwarzes Haar hing voller Tannadeln.
Flchtig schaute er die Prinzessin an und lie dann den seelenvollen leuchtenden
Blick seiner groen dunklen Augen auf Julia ruhen, deren Verlegenheit noch
dadurch erhht wurde, so da ihr, wie es in dergleichen Fllen ihr zu geschehen
pflegte, die Trnen in die Augen traten.
    Und diese Himmelstne, begann der Fremde endlich mit weicher sanfter
Stimme, und diese Himmelstne schweigen vor meinem Anblick und zerflieen in
Trnen?
    Die Prinzessin, den ersten Eindruck, den der Fremde auf sie gemacht, mit
Gewalt niederkmpfend, blickte ihn stolz an und sprach dann mit beinahe
schneidendem Ton: Allerdings berrascht uns Ihre pltzliche Erscheinung, mein
Herr! man erwartet um diese Zeit keine Fremden mehr im frstlichen Park. - Ich
bin die Prinzessin Hedwiga. -
    Der Fremde hatte sich, sowie die Prinzessin zu sprechen begann, rasch zu ihr
gewendet und schaute ihr jetzt in die Augen, aber sein ganzes Antlitz schien ein
andres worden. - Vertilgt war der Ausdruck schwermtiger Sehnsucht, vertilgt
jede Spur des tief im Innersten aufgeregten Gemts, ein toll verzerrtes Lcheln
steigerte den Ausdruck bitterer Ironie bis zum Possierlichen, bis zum Skurrilen.
- Die Prinzessin blieb, als trfe sie ein elektrischer Schlag, mitten in der
Rede stecken und schlug, blutrot im ganzen Gesicht, die Augen nieder.
    Es schien, als wollte der Fremde etwas sagen, in dem Augenblick begann
indessen Julia: Bin ich nicht ein dummes trichtes Ding, da ich erschrecke,
da ich weine wie ein kindisches Kind, das man ertappt ber dem Naschen! - Ja,
mein Herr, ich habe genascht, hier die trefflichsten Tne weggenascht von Ihrer
Guitarre - die Guitarre ist an allem schuld und unsere Neugier! - Wir haben Sie
belauscht, wie Sie mit dem kleinen Dinge so hbsch zu sprechen wuten, und wie
Sie dann im Zorne die Arme wegschleuderten in das Gebsch, da sie im lauten
Klageton ausseufzte, auch das haben wir gesehen. Und das ging mir so recht tief
ins Herz, ich mute hinein in das Dickicht und das schne liebliche Instrument
aufheben. - Nun, Sie wissen wohl, wie Mdchen sind, ich klimpere etwas auf der
Guitarre, und da fuhr es mir in die Finger - ich knnt' es nicht lassen. -
Verzeihen Sie mir, mein Herr, und empfangen Sie Ihr Instrument zurck.
    Julia reichte die Guitarre dem Fremden hin.
    Es ist, sprach der Fremde, ein sehr seltnes klangvolles Instrument, noch
aus alter guter Zeit her, das nur in meinen ungeschickten Hnden - doch was
Hnde - was Hnde! - Der wunderbare Geist des Wohllauts, der diesem kleinen
seltsamen Dinge befreundet, wohnt auch in meiner Brust, aber eingepuppt, keiner
freien Bewegung mchtig; doch aus Ihrem Innern, mein Frulein, schwingt er sich
auf zu den lichten Himmelsrumen, in tausend schimmernden Farben, wie das
glnzende Pfauenauge. - Ha, mein Frulein! als Sie sangen, aller sehnschtige
Schmerz der Liebe, alles Entzcken ser Trume, die Hoffnung, das Verlangen
wogte durch den Wald und fiel nieder wie erquickender Tau in die duftenden
Blumenkelche, in die Brust horchenden Nachtigallen! - - Behalten Sie das
Instrument, nur Sie gebieten ber den Zauber, der in ihm verschlossen! -
    Sie warfen das Instrument fort, erwiderte Julia hoch errtend.
    Es ist wahr, sprach der Fremde, indem er mit Heftigkeit die Guitarre
ergriff und an seine Brust drckte, es ist wahr, ich warf es fort und empfange
es geheiligt zurck; nie kommt es mehr aus meinen Hnden! -
    Pltzlich verwandelte sich nun das Antlitz des Fremden wieder in jene
skurrile Larve, und er sprach mit hohem schneidenden Ton: Eigentlich hat mir
das Schicksal oder mein Kakodmon einen sehr bsen Streich gespielt, da ich
hier so ganz ex abrupto, wie die Lateiner und noch andere ehrliche Leute sagen,
vor Ihnen erscheinen mu, meine hochverehrtesten Damen! - O Gott, gndigste
Prinzessin, riskieren Sie es, mich anzuschauen von Kopf bis zu Fu. Sie werden
denn aus meinem Ajustement zu entnehmen geruhen, da ich mich auf einer groen
Visitenfahrt befinde. - Ha! ich gedachte eben bei Sieghartsweiler vorzufahren
und der guten Stadt, wo nicht meine Person, doch wenigstens eine Visitenkarte
abzugeben. - O Gott! fehlt es mir denn an Konnexionen, meine gndigste
Prinzessin? - War nicht sonst der Hofmarschall Dero Herrn Vaters mein Intimus? -
Ich wei es, sah er mich hier, so drckte er mich an seine Atlasbrust und sagte
gerhrt, indem er mir eine Prise darbot: Hier sind wir unter uns, mein Lieber,
hier kann ich meinem Herzen und den angenehmsten Gesinnungen freien Lauf lassen.
- Audienz htte ich erhalten bei dem gndigsten Herrn Frsten Irenus und wre
auch Ihnen vorgestellt worden, o Prinzessin! Vorgestellt worden auf eine Weise,
da ich mein bestes Gespann von Septime-Akkorden gegen eine Ohrfeige setze, ich
htte Ihre Huld erworben! - Aber nun! - hier im Garten am unschicklichsten Orte,
zwischen Ententeich und Froschgraben, mu ich mich selbst prsentieren, mir zum
ewigen Malheur! - O Gott, knnt' ich nur was weniges hexen, knnt' ich nur
subito diese edle Zahnstocherbchse (er zog eine aus der Westentasche hervor)
verwandeln in den Schmuckesten Kammerherrn des Irenusschen Hofes, welcher mich
beim Fittig nhme und sprche: Gndigste Prinzessin, hier ist der und der! -
Aber nun! - che far, che dir! - Gnade - Gnade, o Prinzessin, o Damen! - o
Herren!
    Damit warf sich der Fremde vor der Prinzessin nieder und sang mit
kreischender Stimme: Ah piet, piet Signora!
    Die Prinzessin fate Julien und rannte mit ihr unter dem lauten Ausruf: Es
ist ein Wahnsinniger, ein Wahnsinniger, der dem Tollhause entsprungen! so
schnell von dannen, als sie es nur vermochte.
    Dicht vor dem Lustschlosse kam die Rtin Benzon den Mdchen entgegen, die
atemlos ihr beinahe zu Fen sanken. Was ist geschehen, um des Himmels willen,
was ist euch geschehen, was bedeutet die bereilte Flucht? So fragte sie. Die
Prinzessin vermochte, auer sich, verstrt wie sie war, nur in abgebrochenen
Reden etwas von einem Wahnsinnigen herzustammeln, der sie berfallen. Julia
erzhlte ruhig und besonnen, wie sich alles begeben, und schlo damit, da sie
den Fremden durchaus nicht fr wahnsinnig, sondern nur fr einen ironischen
Schalk, wirklich fr eine Art von Monsieur Jacques halte, der zur Komdie im
Ardenner Walde passe.
    Die Rtin Benzon lie sich alles nochmals wiederholen, sie fragte nach dem
kleinsten Umstande, sie lie sich den Fremden beschreiben in Gang, Stellung,
Gebrde, Ton der Sprache u.s.w. Ja, rief sie dann, ja, es ist nur zu gewi,
er ist es, er ist es selbst, kein anderer kann - darf es sein.
    Wer - wer ist es? fragte die Prinzessin ungeduldig.
    Ruhig, liebe Hedwiga, erwiderte die Benzon, Sie haben Ihren Atem umsonst
verkeucht, kein Wahnsinniger ist dieser Fremde, der Ihnen so bedrohlich
erschien. Welchen bittern unziemlichen Scherz er sich auch seiner barocken
Manier gem erlaubte, so glaube ich doch, da Sie sich mit ihm ausshnen
werden.
    
    Nimmermehr, rief die Prinzessin, nimmermehr sehe ich ihn wieder, den -
unbequemen Narren.
    Ei, Hedwiga, sprach die Benzon lachend, welcher Geist gab Ihnen das Wort
unbequem ein, das nach dem, was vorgegangen, viel besser pat, als Sie
vielleicht selbst glauben und ahnen mgen.
    Ich wei auch gar nicht, begann Julia, wie du auf den Fremden so zrnen
magst, liebe Hedwiga! - Selbst in seinem nrrischen Tun, in seinen wirren Reden
lag etwas, das auf seltsame und gar nicht unangenehme Weise mein Innerstes
anregte. - Wohl dir, erwiderte die Prinzessin, indem ihr die Trnen in die
Augen traten, wohl dir, da du so ruhig sein kannst und unbefangen, aber mir
zerschneidet der Hohn des entsetzlichen Menschen das Herz! - Benzon! - wer ist
es, wer ist der Wahnsinnige? - Mit zwei Worten, sprach die Benzon, erklre
ich alles. Als ich mich vor fnf Jahren in -
    (M. f. f.) - mich berzeugte, da in einem echten, tiefen Dichtergemt auch
kindliche Tugend wohnt und Mitleid mit dem Bedrngnis der Genossen.
    Eine gewisse Schwermut, wie sie oft junge Romantiker befllt, wenn sie den
Entwicklungskampf der groen erhabenen Gedanken in ihrem Innern bestehen, trieb
mich in die Einsamkeit. Unbesucht blieben mehrere Zeit hindurch Dach, Keller und
Boden. Ich empfand mit jenem Dichter die sen idyllischen Freuden im kleinen
Huschen am Ufer eines murmelnden Bachs, umschattet von dster belaubten
Hngebirken und Trauerweiden, und blieb, mich meinen Trumen hingebend, unter
dem Ofen. So kam es aber, da ich Mina, die se schngefleckte Mutter, nicht
wiedersah. - In den Wissenschaften fand ich Trost und Beruhigung. O, es ist
etwas Herrliches um die Wissenschaften! - Dank, glhender Dank dem edlen Mann,
der sie erfunden. - Wie viel herrlicher, wie viel ntzlicher ist diese Erfindung
als jene des entsetzlichen Mnchs, der zuerst es unternahm, Pulver zu
fabrizieren, ein Ding, das mir, seiner Natur und Wirkung nach, in den Tod
zuwider. Die richtende Nachwelt hat auch den Barbaren, den hllischen Barthold,
gestraft mit hhnender Verachtung, indem man noch heutigen Tages, um einen
scharfsinnigen Gelehrten, einen umschauenden Statistiker, kurz, jeden Mann von
exquisiter Bildung recht hoch zu stellen, sprichwrtlich sagt: Er hat das
Pulver nicht erfunden!
    Zu Belehrung der hoffnungsvollen Katerjugend kann ich nicht unbemerkt
lassen, da ich, wollte ich studieren, mit zugedrckten Augen in die Bibliothek
meines Meisters sprang und dann das Buch, was ich angekrallt, herauszupfte und
durchlas, mochte es einen Inhalt haben, wie es wollte. Durch diese Art zu
studieren gewann mein Geist diejenige Biegsamkeit und Mannigfaltigkeit, mein
Wissen den bunten glnzenden Reichtum, den die Nachwelt an mir bewundern wird.
Der Bcher, die ich in dieser Periode des dichterischen Schwermuts
hintereinander las, will ich hier nicht erwhnen, teils weil sich dazu eine
schicklichere Stelle vielleicht finden wird, teils weil ich auch die Titel davon
vergessen, und dies wieder gewissermaen darum, weil ich die Titel meistenteils
nicht gelesen und also nie gewut habe. - Jedermann wird mit dieser Erklrung
zufrieden sein und mich nicht biographischen Leichtsinnes anklagen.
    Mir standen neue Erfahrungen bevor.
    Eines Tages, als mein Meister eben in einen groen Folianten vertieft war,
den er vor sich aufgeschlagen, und ich, dicht bei ihm unter dem Schreibtisch,
auf einem Bogen des schnsten Royalpapiers liegend, mich in griechischer Schrift
versuchte, die mir vorzglich in der Pfote zu liegen schien, trat rasch ein
junger Mann hinein, den ich schon mehrmals bei dem Meister gesehen, und der mich
mit freundlicher Hochachtung, ja mit der wohltuenden Verehrung behandelte, die
dem ausgezeichneten Talent, dem entschiedenen Genie gebhrt. Denn nicht allein
da er jedesmal, nachdem er den Meister begrt, zu mir sprach: Guten Morgen,
Kater! so kraule er mir auch jedesmal mit leichter Hand hinter den Ohren und
streichelte mir sanft den Rcken, so da ich in diesem Betragen wahre
Aufmunterung fand, meine innern Gaben leuchten zu lassen vor der Welt.
    Heute sollte sich alles anders gestalten!
    Wie sonst niemals, sprang nmlich heute dem jungen Mann ein schwarzes
zottiges Ungeheuer mit glhenden Augen nach, zur Tre hinein und, als es mich
erblickte, gerade auf mich zu. Mich berfiel eine unbeschreibliche Angst, mit
einem Satz war ich auf dem Schreibtisch meines Meisters und stie Tne des
Entsetzens und der Verzweiflung aus, als das Ungeheuer hoch hinaufsprang nach
dem Tisch und dazu einen mrderlichen Lrm machte. Mein guter Meister, dem um
mich bange, nahm mich auf den Arm und steckte mich unter den Schlafrock. Doch
der junge Mann sprach: Seid doch nur ganz unbesorgt, lieber Meister Abraham.
Mein Pudel tut keiner Katze was, er will nur spielen. Setzt den Kater nur hin,
sollt Euch freuen, wie die Leutchen miteinander Bekanntschaft machen werden,
mein Pudel und Euer Kater.
    Mein Meister wollte mich wirklich niedersetzen, ich klammerte mich aber fest
an und begann klglich zu lamentieren, wodurch ich es denn wenigstens dahin
brachte, da der Meister mich, als er sich niederlie, dicht neben sich auf dem
Stuhle litt.
    Ermutigt durch meines Meisters Schutz, nahm ich, auf den Hinterpfoten
sitzend, den Schweif umschlangen, eine Stellung an, deren Wrde, deren edler
Stolz meinem vermeintlichen schwarzen Gegner imponieren mute. Der Pudel setzte
sich vor mir hin auf die Erde, schaute mir unverwandt ins Auge und sprach zu mir
in abgebrochnen Worten, die mir freilich unverstndlich blieben. Meine Angst
verlor sich nach und nach, ganz und gar und ruhig geworden im Gemt, vermochte
ich zu bemerken, da in dem Blick des Pudels nichts zu entdecken als
Gutmtigkeit und biederer Sinn. Unwillkrlich fing ich an, meine zum Vertrauen
geneigte Seelenstimmung durch sanftes Hin- und Herbewegen des Schweifes an den
Tag zu legen, und sogleich begann auch der Pudel mit dem kurzen Schweiflein zu
wedeln auf die unmutigste Weise.
    O! mein Inneres hatte ihn angesprochen, nicht zu zweifeln war an dem Anklang
unserer Gemter! - Wie, sprach ich zu mir selbst, wie konnte dich das
ungewohnte Betragen dieses Fremden so in Furcht und Schrecken setzen? - Was
bewies dieses Springen, dieses Klaffen, dieses Toben, dieses Rennen, dieses
Heulen anders, als den in Liebe und Lust, in der freudigen Freiheit des Lebens
heftig und mchtig bewegten Jngling? - O, es wohnt Tugend, edle
Pudeltmlichkeit in jener schwarz bepelzten Brust! - Durch diese Gedanken
erkrftigt, beschlo ich den ersten Schritt zu tun zu nherer, engerer Einigung
unserer Seelen und herabzusteigen von dem Stuhl des Meisters.
    
    Sowie ich mich erhob und dehnte, sprang der Pudel auf und in der Stube umher
mit lautem Klaffen! - uerungen eines herrlichen lebenskrftigen Gemts! - Es
war nichts mehr zu befrchten, ich stieg sogleich herab und nherte mich
behutsam leisen Schrittes dem neuen Freunde. Wir begannen jenen Akt, der in
bedeutender Symbolik die nhere Erkenntnis verwandter Seelen, den Abschlu des
aus dem inneren Gemt heraus bedingten Bndnisses ausdrckt, und den der
kurzsichtige frevelige Mensch mit dem gemeinen unedlen Ausdruck Beschnffeln
bezeichnet. Mein schwarzer Freund bezeigte Lust, etwas von den Hhnerknochen zu
genieen, die in meiner Speiseschssel lagen. So gut ich es vermochte, gab ich
ihm zu verstehen, da es der Weltbildung, der Hflichkeit gem sei, ihn als
meinen Gast zu bewirten. Er fra mit erstaunlichem Appetit, whrend ich von
weitem zusah. - Gut war es doch, da ich den Bratfisch beiseite gebracht und
einmagaziniert unter mein Lager. - Nach der Tafel begannen wir die unmutigsten
Spiele, bis wir uns zuletzt, ganz ein Herz und eine Seele, umhalsten und, fest
aneinandergeklammert, uns ein Mal ber das andere berkugelnd, uns innige Treue
und Freundschaft zuschworen.
    Ich wei nicht, was dieses Zusammentreffen schner Seelen, dieses
Einandererkennen herziger Jnglingsgemter Lcherliches in sich tragen konnte;
so viel ist aber gewi da beide, mein Meister und der fremde junge Mann,
unaufhrlich aus vollem Halse lachten, zu meinem nicht geringen Verdru.
    Auf mich hatte die neue Bekanntschaft einen tiefen Eindruck gemacht, so da
ich in der Sonne und im Schatten, auf dem Dach und unter dem Ofen nichts dachte,
nichts sann, nichts trumte, nichts empfand als Pudel - Pudel - Pudel! - Dadurch
ging mir das Innerste Wesen des Pudeltums mchtig auf mit glnzenden Farben, und
durch diese Erkenntnis wurde das tiefsinnige Werk geboren, dessen ich schon
erwhnte, nmlich: Gedanke und Ahnung oder Kater und Hund. Sitten, Gebruche,
Sprache beider Geschlechter entwickelte ich als tief bedingt durch ihr
eigentmlichstes Wesen und bewies, wie beide nur diverse Strahlen, aus einem
Prisma geworfen. Vorzglich fate ich den Charakter der Sprache auf und bewies,
da, da Sprache berhaupt nur symbolische Darstellung des Naturprinzips in der
Gestaltung des Lauts sei, mithin es nur eine Sprache geben knne, auch das
Ktzische und Hndische in der besondern Formung des Pudelischen, Zweige eines
Baums wren, von hherem Geist inspirierte Kater und Pudel sich daher
verstnden. Um meinen Satz ganz ins klare zu stellen, fhrte ich mehrere
Beispiele aus beiden Sprachen an und machte auf die gleichen Stammwurzeln
aufmerksam, von: Bau - Bau - Mau - Miau - Blaf blaf - Auvau - Korr - Kurr - Ptsi
- Pschrzi u.s.w.
    Nachdem das Buch vollendet, fhlte ich die unwiderstehlichste Lust, das
Pudelische wirklich zu erlernen, welches mir vermge meines neu erworbenen
Freundes, des Pudels Ponto, wiewohl nicht ohne Mhe, gelang, da das Pudelische
fr uns Kater wirklich eine schwere Sprache. Genies finden sich indes in alles,
und ebendiese Genialitt ist es, die ein berhmter menschlicher Schriftsteller
verkennt, wenn er behauptet, da, um eine fremde Sprache, mit allen
Eigentmlichkeiten des Volks, dem Volke nachzusprechen, man durchaus was weniges
ein Narr sein msse. Mein Meister hatte freilich dieselbe Meinung und mochte
eigentlich nur die gelehrte Kenntnis der fremden Sprache statuieren, welche
Kenntnis er dem Parlieren entgegensetzte, worunter er die Fertigkeit verstand,
in einer fremden Sprache ber nichts und um nichts reden zu knnen. Er ging so
weit, da er das Franzsischsprechen unserer Herren und Damen vom Hofe fr eine
Art von Krankheit hielt, die, wie kataleptische Zuflle, mit schrecklichen
Symptomen eintrete, und hrte ich ihn diese absurde Behauptung gegen den
Hofmarschall des Frsten selbst ausfhren.
    Erzeigen Sie, sprach Meister Abraham, erzeigen Sie mir die Gte, beste
Exzellenz, und beobachten Sie sich selbst. Hat Ihnen der Himmel nicht ein
schnes volltnendes Stimmorgan verliehen, und wenn Ihnen das Franzsische
ankommt, da beginnen Sie pltzlich zu zischen, zu lispeln, zu schnarren, und
dabei verzerren sich Dero angenehme Gesichtszge ganz erschrecklich, und selbst
der hbsche, feste, ernste Anstand, dessen Dieselben sonst mchtig, wird
verstrt durch allerlei seltsame Konvulsionen. Was kann dies alles anders
bedeuten als emprtes Treiben irgendeines fatalen Krankheitskobolds im Innern!
- Der Hofmarschall lachte sehr, und zum Lachen war auch wirklich Meister
Abrahams Hypothese von der Krankheit fremder Sprachen.
    Ein sinnreicher Gelehrter gibt in irgendeinem Buche den Rat, da man sich
bemhen mge, in der fremden Sprache, die man rasch erlernen will, zu denken.
Der Rat ist vortrefflich, seine Ausfhrung aber nicht ohne Gefahr. Es gelang mir
nmlich sehr bald, pudelisch zu denken, ich vertiefte mich aber in diese
pudelische Gedanken so sehr, da meine eigentliche Sprachfertigkeit zurckblieb
und ich selbst nicht verstand, was ich dachte. Diese nicht verstandenen Gedanken
brachte ich meistenteils zu Papier, und ich erstaune ber die Tiefe dieser
Sprache, die ich unter dem Titel Akanthusbltter gesammelt, und die ich noch
nicht verstehe.
    Ich glaube, da diese kurzen Andeutungen ber die Geschichte meiner
Jugendmonate hinreichen drften, dem Leser ein deutliches Bild davon zu geben,
was ich bin, und wie ich es wurde.
    Unmglich kann ich mich aber von der Bltezeit meines merkwrdigen
ereignisreichen Lebens trennen, ohne noch eines Vorfalls zu erwhnen, der
gewissermaen meinen bertritt in die Jahre der reifern Bildung bezeichnet. Die
Katerjugend wird daraus lernen, da keine Rose ohne Dornen ist, und da dem
mchtig emporstrebenden Geiste manches Hindernis gelegt, mancher Stein des
Anstoes in den Weg geworfen wird, an dem er sich die Pfoten wundstoen mu. -
Und der Schmerz solcher Wunden ist empfindlich, sehr empfindlich! -
    Gewi hast du mich, geliebter Leser, beinahe beneidet um meine glckliche
Jugendzeit, um den gnstigen Stern, der ber mich wachte! - In Drftigkeit von
vornehmen, aber armen Eltern geboren, dem schmachvollen Tode nahe, komme ich
pltzlich in den Scho des berflusses, in den Peruschacht der Literatur! -
Nichts verstrt meine Bildung, nichts widerstrebt meinen Neigungen, mit
Riesenschritten gehe ich der Vollkommenheit entgegen, die mich hoch erhebt ber
meine Zeit. Da hlt mich pltzlich ein Zollverwalter an und fordert den Tribut,
dem alles hienieden unterworfen!
    Wer htte denken sollen, da unter den Blumen der sesten, innigsten
Freundschaft die Dornen verborgen, die mich ritzen, verwunden, blutig verwunden
muten!
    Jeder, der ein gefhlvolles Herz im Busen trgt, wie ich, wird aus dem, was
ich ber mein Verhltnis mit dem Pudel Ponto gesagt, sehr leicht entnehmen
knnen, was der Teure mir war, und doch mute er es sein, der den ersten Anla
gab zu der Katastrophe, die mich gnzlich verderben konnte, htte der Geist
meines groen Ahnherrn nicht ber mich gewacht. - Ja, mein Leser, ich hatte
einen Ahnherrn, einen Ahnherrn, ohne den ich gewissermaen gar nicht existieren
wrde - einen groen vortrefflichen Ahnherrn, einen Mann von Stande, Ansehen,
Vermgen, ausgebreiteter Wissenschaft, mit einer ganz vortrefflichen Sorte
Tugend, mit der feinsten Menschenliebe begabt, einen Mann von Eleganz und
Geschmack, nach dem neuesten Geschmack - einen Mann, der - doch dies alles jetzt
nur beilufig gesagt, knftig mehr von dem Wrdigen, der niemand anders war als
der weltberhmte Premierminister Hinz von Hinzenfeldt, der der Welt so teuer, so
ber alles wert worden unter dem Namen des gestiefelten Katers. -
    Wie gesagt, knftig mehr von dem edelsten der Kater! -
    Konnt' es anders sein; mut' ich, als ich mich im Pudelischen leicht und
zierlich auszudrcken vermochte, mit meinem Freunde Ponto nicht davon reden, was
mir das Hchste im Leben war, nmlich von mir selbst und von meinen Werken? So
kam es, da er mit meinen besondern Geistesgaben, mit meiner Genialitt, mit
meinem Talent bekannt wurde, und hier entdeckte ich zu meinem nicht geringen
Leid, da ein unberwindlicher Leichtsinn, ja ein gewisser bermut es dem jungen
Ponto unmglich machte, in den Knsten und Wissenschaften etwas zu tun. Statt in
Erstaunen zu geraten ber meine Kenntnis, versicherte er, da es gar nicht zu
begreifen, wie ich darauf fallen knnen, mich mit derlei Dingen abzugeben, und
da er seinerseits, was Knste betreffe, sich lediglich darauf beschrnke, ber
den Stock zu springen und seines Herrn Mtze aus dem Wasser zu apportieren, die
Wissenschaften anlangend, er aber der Meinung sei, da Leute wie ich und er sich
nur den Magen dabei verdrben und allen Appetit gnzlich verlren.
    Bei einem solchen Gesprch, in dem ich mich mhte, meinen jungen
leichtsinnigen Freund eines Bessern zu belehren, geschah das Entsetzliche. Denn
ehe ich mir's versah, sprang -
    (Mak. Bl.) - Und immer werden Sie, erwiderte die Benzon, mit dieser
phantastischen berspanntheit, mit dieser herzzerschneidenden Ironie nichts
anstiften als Unruhe - Verwirrung vllige Dissonanz aller konventionellen
Verhltnisse, wie sie nun einmal bestehen.
    O wundervoller Kapellmeister, rief Johannes Kreisler lachend, der solcher
Dissonanzen mchtig!
    Sei'n Sie ernst, fuhr die Rtin fort, sei'n Sie ernst, Sie entkommen mir
nicht durch bittern Scherz! Ich halte Sie fest, lieber Johannes! - Ja, so will
ich Sie nennen, mit dem sanften Namen Johannes, damit ich wenigstens hoffen
darf, da hinter der Satyrmaske am Ende ein sanftes weiches Gemt verborgen. Und
dann! - nimmermehr werde ich mich davon berzeugen, da der bizarre Name
Kreisler nicht eingeschwrzt, nicht einem ganz andern Familiennamen
untergeschoben sein sollte! -
    Rtin, sprach Kreisler, indem sein ganzes Gesicht in einem seltsamen
Muskelspiel an tausend Falten und Furchen vibrierte, teuerste Rtin, was haben
Sie gegen meinen ehrlichen Namen? - Vielleicht fhrte ich sonst einen andern,
aber das ist lange her, und mir geht es so wie dem Ratgeber in Tiecks Blaubart,
der da sagt: Ich hatte sonst einmal einen ganz vortrefflichen Namen, durch die
Lnge der Zeit hab' ich ihn fast vergessen, ich kann mich nur noch dunkel daran
erinnern. -
    Besinnen Sie sich, Johannes! rief die Rtin, ihn mit leuchtenden Blicken
durchbohrend, der halbvergessene Name kommt Ihnen gewi wieder in den
Gedanken.
    Durchaus nicht, Teuerste, erwiderte Kreisler, es ist unmglich, und ich
vermute beinahe, da die dunkle Erinnerung, wie ich sonst, was eben meine uere
Gestalt rcksichte des Namens als Lebenspasseport betrifft, anders gestaltet,
aus der angenehmen Zeit herrhrt, da ich eigentlich noch gar nicht geboren. -
Erzeigen Sie mir die Gte, Verehrungswrdigste, betrachten Sie meinen schlichten
Namen im gehrigen Licht, und Sie werden ihn, was Zeichnung, Kolorit und
Physiognomie betrifft, allerliebst finden! Noch mehr! stlpen Sie ihn um,
sezieren Sie ihn mit dem grammatischen Anatomiermesser, immer herrlicher wird
sich sein innerer Gehalt zeigen. Es ist ganz unmglich, Vortreffliche, da Sie
meines Namens Abstammung in dem Worte Kraus finden und mich, nach der Analogie
des Wortes Haarkrusler, fr einen Tonkrusler oder gar fr einen Krusler
berhaupt halten knnen, da ich mich alsdann eben Krusler schreiben mte. Sie
knnen nicht wegkommen von dem Worte Kreis, und der Himmel gebe, da Sie denn
gleich an die wunderbaren Kreise denken mgen, in denen sich unser ganzes Sein
bewegt, und aus denen wir nicht herauskommen knnen, wir mgen es anstellen, wie
wir wollen. In diesen Kreisen kreiselt sich der Kreisler, und wohl mag es sein,
da er oft, ermdet von den Sprngen des St.-Veits-Tanzes, zu dem er gezwungen,
rechtend mit der dunklen unerforschlichen Macht, die jene Kreise umschrieb, sich
mehr als es einem Magen, der ohnedies nur schwchlicher Konstitution, zusagt,
hinaussehnt ins Freie. Und der tiefe Schmerz dieser Sehnsucht mag nun wieder
eben jene Ironie sein, die Sie, Verehrte, so bitter tadeln, nicht beachtend, da
die krftige Mutter einen Sohn gebar, der in das Leben eintritt wie ein
gebietender Knig. Ich meine den Humor, der nichts gemein hat mit seinem
ungeratenen Stiefbruder, dem Spott! - Ja, sprach die Rtin, eben dieser
Humor, dieser Wechselbalg einer ausschweifenden grillenhaften Phantasie, ohne
Gestalt, ohne Farbe, von dem ihr harten Mnnerseelen selbst nicht wit, fr wen
ihr ihn ausgeben sollt nach Stand und Wrden, ebendieser ist es, den ihr uns
gern als etwas Groes, Herrliches unterschieben mchtet, wenn ihr alles, was uns
lieb und wert, in bitterm Hohn zu vernichten trachtet. - Wissen Sie wohl,
Kreisler, da Prinzessin Hedwiga noch jetzt ganz auer sich ist ber Ihre
Erscheinung, ber Ihr Betragen im Park? Reizbar wie sie ist, verwundet sie jeder
Scherz, in dem sie nur die leiseste Verspottung ihrer Persnlichkeit findet,
berdies aber beliebten Sie, lieber Johannes, sich ihr als ein vollkommen
Wahnsinniger darzustellen und ihr so ein Entsetzen zu erregen, das sie htte auf
das Krankenlager werfen knnen. Ist das zu entschuldigen?
    Ebensowenig, erwiderte Kreisler, als wenn ein Prinzelein es unternimmt,
in dem offnen Park ihres Herrn Papas einem Fremden von honettem Ansehen, der ihr
zufllig begegnet, durch ihre kleine Person imponieren zu wollen.
    Dem sei, wie ihm wolle, fuhr die Rtin fort, genug, Ihre abenteuerliche
Erscheinung in unserm Park htte bse Folgen haben knnen. Da sie abgewandt,
da die Prinzessin wenigstens sich an den Gedanken gewhnt, Sie wiederzusehen,
alles das haben wir meiner Julia zu verdanken. Sie allein nimmt Sie in Schutz,
indem sie in allem, was Sie begonnen, was Sie gesprochen, nur den Ergu einer
berspannten Laune findet, wie sie oft einem tief verletzten oder zu reizbaren
Gemt eigen. Mit einem Wort, Julia, die erst vor kurzer Zeit Shakespeares: Wie
es euch gefllt, kennen gelernt, hat Sie gerade mit dem melancholischen Monsieur
Jacques verglichen.
    O du ahnendes Himmelskind, rief Kreisler, indem ihm die Trnen in die
Augen traten.
    berdies, sprach die Benzon weiter, hat meine Julia in Ihnen, als Sie auf
der Guitarre phantasierten und, wie sie erzhlt, dazwischen sangen und sprachen,
den sublimen Musiker und Komponisten erkannt. Sie meint, in dem Augenblick sei
ihr ein ganz besonderer Geist der Musik aufgegangen, sie habe, wie von
unsichtbarer Macht dazu gezwungen, singen und spielen mssen, und das sei ihr
gar anders geglckt, als sonst jemals. - Erfahren Sie es nur, Julia konnte sich
gar nicht darin finden, da sie den seltsamen Mann nicht wiedersehen, da er ihr
nur wie ein anmutig wunderlicher, musikalischer Spuk erschienen sein solle;
wogegen die Prinzessin mit aller ihr eignen Heftigkeit behauptete, da ein
zweiter Besuch des gespenstischen Wahnsinnigen ihr den Tod geben wrde. Da die
Mdchen sonst ein Herz und eine Seele, und niemals eine Entzweiung unter ihnen
stattgefunden, so konnt' ich mit vollem Recht behaupten, da sich jene Szene aus
frher Kindheit umgekehrt wiederhole, als Julia einen etwas bizarren Skaramuz,
der ihr einbeschert worden, durchaus in den Kamin werfen wollte, die Prinzessin
hingegen ihn in Schutz nahm und fr ihren Liebling erklrte.
    Ich lasse mich, fiel Kreisler der Benzon laut lachend in die Rede, ich
lasse mich, ein zweiter Skaramuz, von der Prinzessin in den Kamin werfen und
vertraue der sen Huld der holden Julia. - Sie mssen, fuhr die Benzon fort,
die Erinnerung an den Skaramuz fr einen humoristischen Einfall halten, und
diesen knnen Sie Ihrer eignen Theorie gem nicht bel deuten. brigens mgen
Sie es sich wohl vorstellen, da ich in der Schilderung, die die Mdchen mir von
Ihrer Erscheinung, von dem ganzen Vorfall im Park machten, Sie augenblicklich
wiedererkannte, und da es Juliens Sehnsucht, Sie wiederzusehen, gar nicht
bedurfte; ohnedies htte ich in dem nchsten Augenblick alle Leute, die mir zu
Gebote standen, in Bewegung gesetzt, den ganzen Park, ganz Sieghartsweiler
durchsuchen lassen, um Sie, der mir bei kurzer Bekanntschaft so wert geworden,
wiederzufinden. Alle Nachforschungen blieben vergebens, ich glaubte Sie
verloren, um so mehr mute ich erstaunen, als Sie heute morgen bei mir
eintraten. Julia ist bei der Prinzessin, welch ein Zwiespalt der verschiedensten
Empfindungen wrde sich erheben, wenn die Mdchen in diesem Augenblick Ihre
Ankunft erfhren. - Was Sie, den ich als wohlbestallten Kapellmeister an dem
Hofe des Groherzogs glaubte, so pltzlich herbringt, darber verlange ich nur
dann Aufschlu, wenn es Ihnen recht und gemtlich sein wird, mir darber etwas
zu sagen.
    Kreisler war, als die Rtin dies alles sprach, in tiefes Nachdenken
versunken. Er starrte zur Erde nieder und fingerte an der Stirne wie einer, der
sich auf etwas Vergessenes zu besinnen trachtet.
    Ach, begann er, als die Rtin schwieg, ach, das ist eine sehr alberne
Geschichte, kaum des Erzhlens wert. Doch so viel ist gewi, da das, was die
kleine Prinzessin fr die wirren Reden eines Wahnwitzigen zu halten geruht hat,
in der Wahrheit begrndet ist. In der Tat befand ich mich damals, als ich das
Unglck hatte, die kleine Reizbare im Park zu erschrecken, auf einer
Visitenfahrt, denn ich kam eben von einer Visite, die ich niemanden anders
abstattete als dem Durchlauchtigsten Groherzoge selbst, und hier in
Sieghartsweiler wollte ich nun ja eben mit den auerordentlichsten, angenehmsten
Visiten kontinuieren.
    O Kreisler, rief die Rtin, ein wenig lchelnd, niemals lachte sie stark
und laut, o Kreisler, das ist gewi wieder irgendein bizarrer Einfall, dem Sie
freien Lauf gestattet. Irre ich nicht, so liegt die Residenz wenigstens dreiig
Stunden entfernt von Sieghartsweiler?
    So ist es, erwiderte Kreisler, aber man wandelt in einem Garten, der mir
in solch groem Stil angelegt scheint, da selbst ein Le Notre darber erstaunen
mte. Statuieren Sie nun, Verehrte, nicht meine Visitenfahrt, so mgen Sie
bedenken, da ein empfindsamer Kapellmeister, Stimme in Kehle und Brust,
Guitarre in der Hand, lustwandelnd durch duftende Wlder, ber frisch grnende
Wiesen, ber wild getrmtes Steingeklft, ber schmale Stege, unter denen die
Waldbche schumend fortbrausen, ja, da ein solcher Kapellmeister, als
Solosnger einstimmend in die Chre, die berall ihn umtnen, sehr leicht
hineingeraten kann in einzelne Partien des Gartens, absichtslos, ohne es zu
wollen. So mag ich hineingeraten sein in den frstlichen Park zu Sieghartshof,
der nichts ist als eine etwas kleinliche Partie in dem groen Park, den die
Natur anlegte. - Doch nein, es ist dem nicht so! - Als Sie vorhin davon
sprachen, wie ein ganzes lustiges Jgervolk aufgeboten worden, mich einzufangen
als jagdbares Wild, das sich verlaufen, gewann ich erst die innere feste
berzeugung von der Notwendigkeit meines Hierseins. Eine Notwendigkeit, die
mich, htte ich auch meinen irren Lauf fortsetzen wollen, ins Garn treiben
mute. - Sie erwhnten gtig, da meine Bekanntschaft Ihnen wert geworden,
muten mir dabei nicht jene verhngnisvollen Tage der Verwirrung, der
allgemeinen Not einfallen, in denen uns das Schicksal zusammenfhrte? Sie fanden
mich damals hin und her schwankend, unfhig, einen Entschlu zu fassen,
zerrissen im innersten Gemt. Sie nahmen mich auf mit freundlicher Gesinnung,
und indem Sie, mir den klaren wolkenlosen Himmel einer ruhigen, in sich
abgeschlossenen Weiblichkeit auftuend, mich zu trsten gedachten, tadelten und
verziehen Sie zugleich die tolle Ausgelassenheit meines Treibens, welches Sie
durch den Drang der Umstnde herbeigefhrter trostloser Verzweiflung
zuschrieben. Sie entzogen mich einer Umgebung, die ich selbst fr zweideutig
anerkennen mute, Ihr Haus wurde das friedliche freundliche Asyl, in dem ich,
Ihren stillen Schmerz ehrend, den meinigen verga. Ihre Gesprche voll
Heiterkeit und Milde wirkten als wohltuende Arznei, ohne da Sie meine Krankheit
kannten. Nicht die bedrohlichen Ereignisse, die meine Stellung im Leben
vernichten konnten, waren es, die so feindlich auf mich wirkten. Lngst hatte
ich gewnscht, Verhltnisse aufzugeben, die mich drckten und ngstigten, und
nicht zrnen konnte ich auf das Schicksal, welches das bewirkte, was auszufhren
ich selbst so lange nicht Mut und Kraft genug gehabt hatte. Nein! - Als ich mich
frei fhlte, da erfate mich jene unbeschreibliche Unruhe, die, seit meinen
frhen Jugendjahren, so oft mich mit mir selbst entzweit hat. Nicht die
Sehnsucht ist es, die, wie jener tiefe Dichter so herrlich sagt, aus dem hheren
Leben entsprungen, ewig whrt, weil sie ewig nicht erfllt wird, weder getuscht
noch hintergangen, sondern nur nicht erfllt, damit sie nicht sterbe; nein - ein
wstes wahnsinniges Verlangen bricht oft hervor nach einem Etwas, das ich in
rastlosem Treiben auer mir selbst suche, da es doch in meinem eignen Innern
verborgen, ein dunkles Geheimnis, ein wirrer rtselhafter Traum von einem
Paradies der hchsten Befriedigung, das selbst der Traum nicht zu nennen, nur zu
ahnen vermag, und diese Ahnung ngstigt mich mit den Qualen des Tantalus. Dies
Gefhl bemeisterte sich schon, als ich noch ein Kind, meiner oft so pltzlich,
da ich mitten aus dem frohsten Spiel mit meinen Kameraden davonlief in den
Wald, auf den Berg, dort mich niederwarf auf die Erde und trostlos weinte und
schluchzte, unerachtet ich eben der tollste, ausgelassenste von allen gewesen.
Spter lernte ich mich selbst mehr bekmpfen, aber nicht auszusprechen vermag
ich die Marter meines Zustandes, wenn in der heitersten Umgebung gemtlicher
wohlwollender Freunde, bei irgendeinem Kunstgenu, ja selbst in den Momenten,
wenn meine Eitelkeit in Anspruch genommen wurde auf diese, jene Weise, ja! wenn
mir dann pltzlich alles elend, nichtig, farblos, tot erschien und ich mich
versetzt fhlte in eine trostlose Einde. Nur einen Engel des Lichts gibt es,
der Macht hat ber den bsen Dmon. Es ist der Geist der Tonkunst, der oft aus
mir selbst sich siegreich erhebt, und vor dessen mchtiger Stimme alle Schmerzen
irdischer Bedrngnis verstummen. -
    Immer, nahm die Rtin das Wort, immer habe ich geglaubt, da die Musik
auf Sie zu stark, mithin verderblich wirke; denn indem bei der Auffhrung
irgendeines vortrefflichen Werks Ihr ganzes Wesen durchdrungen schien,
vernderten sich alle Zge Ihres Gesichts. Sie erblaten, Sie waren keines
Wortes mchtig, Sie hatten nur Seufzer und Trnen und fielen dann her mit dem
bittersten Spott, mit tief verletzendem Hohn ber jeden, der auch nur ein Wort
ber das Werk des Meisters sagen wollte. - Ja wenn -
    O beste Rtin, fiel Kreisler der Benzon ins Wort, indem er, so ernst und
tiefbewegt er zuvor gesprochen, pltzlich den besondern Ton der Ironie wieder
aufnahm, der ihm eigen, o beste Rtin, das ist nun alles anders geworden. Sie
glauben gar nicht, Verehrte, was ich an dem groherzoglichen Hofe artig und
gescheit geworden bin. Ich kann mit der grten Seelenruhe und Gemtlichkeit zum
Don Juan und zur Armida den Takt schlagen, ich kann der ersten Sngerin
freundlich zuwinken, wenn sie in der merkwrdigsten Kadenz auf den Sprossen der
Tonleiter herumhopst, ich kann, wenn der Hofmarschall nach Haydns Jahreszeiten
mir zuflstert: C'toit bien ennuyant, man cher matre de chapelle, lchelnd mit
dem Kopfe nicken und eine bedeutungsvolle Prise nehmen, ja, ich kann es geduldig
anhren, wenn der kunstverstndige Kammer- und Spektakelherr mir weitluftig
demonstriert, da Mozart und Beethoven den Teufel was von Gesang verstnden, und
da Rossini, Pucitta und wie die Mnnerchen alle heien mgen, sich  la hauteur
aller Opernmusik geschwungen. - Ja, Verehrte, Sie glauben nicht, was ich whrend
meiner Kapellmeisterschaft profitiert, vorzglich aber die schne berzeugung,
wie gut es ist, wenn Knstler frmlich in Dienst treten, der Teufel und seine
Gromutter knnte es sonst mit dem stolzen bermtigen Volke aushalten. Lat den
braven Komponisten Kapellmeister oder Musikdirektor werden, den Dichter Hofpoet,
den Maler Hofportrtisten, den Bildhauer Hofportrtmeiler, und Ihr habt bald
keine unntze Phantasten mehr im Lande, vielmehr lauter ntzliche Brger von
guter Erziehung und milden Sitten! -
    Still still, rief die Rtin unmutig, halten Sie ein, Kreisler, Ihr
Steckenpferd fngt wieder an sich zu bumen nach gewhnlicher Art und Weise.
brigens merke ich Unrat und wnsche jetzt in der Tat recht sehnlich zu wissen,
welch ein schlimmes Ereignis Sie zur schnellen bereilten Flucht aus der
Residenz ntigte. Denn auf eine solche Flucht deuten alle Umstnde Ihrer
Erscheinung im Park.
    Und ich, sprach Kreisler ruhig, indem er seinen Blick fest auf die Rtin
heftete, und ich kann versichern, da das schlimme Ereignis, welches mich
forttrieb aus der Residenz, unabhngig von allen uern Dingen, nur in mir
selbst lag.
    Eben jene Unruhe, von der ich vorhin vielleicht mehr und ernster sprach, als
gerade ntig, berfiel mich mit strkerer Macht als jemals, es war meines
Bleibens nicht lnger. - Sie wissen, wie ich mich auf meine Kapellmeisterschaft
bei dem Groherzog freute. Trichterweise glaubte ich, da, in der Kunst lebend,
meine Stellung eben mich ganz beschwichtigen, da der Dmon in meinem Innern
besiegt werden wrde. Aus dem wenigen, was ich erst ber meine Bildung am
groherzoglichen Hofe angebracht, werden Sie, Verehrte, aber entnehmen, wie sehr
ich mich tuschte. Erlassen Sie mir die Schilderung, wie ich durch fade
Spielerei mit der heiligen Kunst, zu der ich notgedrungen die Hand bieten mute,
durch die Albernheiten seelenloser Kunstpfuscher, abgeschmackter Dilettanten,
durch das ganze tolle Treiben einer Welt voll Kunst Gliederpuppen immer mehr und
mehr dahin gebracht wurde, die erbrmliche Nichtswrdigkeit meiner Existenz
einzusehen. An einem Morgen mut' ich zum Groherzog, um meine Einwirkung bei
den Festlichkeiten, die in den nchsten Tagen stattfinden sollten, zu erfahren.
Der Spektakelherr war, wie natrlich, zugegen und strmte auf mich ein mit
allerlei sinn- und geschmacklosen Anordnungen, denen ich mich fgen sollte.
Vorzglich war es ein von ihm selbst verfater Prolog, den er, als hchste
Spitze der Theaterfeste, von mir komponiert verlangte. Da diesmal, so sprach er
zum Frsten, einen stechenden Seitenblick auf mich werfend, nicht von gelehrter
teutscher Musik, sondern von geschmackvollem italienischen Gesange die Rede sein
solle, so habe er selbst einige zarte Melodien aufgesetzt, die ich gehrig
anzubringen. Der Groherzog genehmigte nicht nur alles, sondern nahm auch
Gelegenheit, mir berhaupt anzudeuten, da er meine fernere Ausbildung durch
eifriges Studium der neuern Italiener hoffe und erwarte. - Wie ich so erbrmlich
dastand! - ich verachtete mich selbst tief - alle Demtigungen erschienen mir
gerechte Strafe fr meinen kindischen aberwitzigen Langmut! - Ich verlie das
Schlo, um nie wieder zurckzukehren. Noch denselben Abend wollte ich meine
Entlassung fordern, aber selbst dieser Entschlu konnte mich nicht ber mich
selbst beruhigen, da ich mich schon durch einen geheimen Ostrazismus verbannt
sah. Die Guitarre, die ich zu anderm Behuf mitgenommen, nahm ich aus dem Wagen,
den ich, vors Tor gekommen, fortschickte, und lief hinaus ins Freie,
unaufhaltsam fort, immer weiter fort! - Schon sank die Sonne, immer breiter und
schwrzer wurden die Schatten der Berge, des Waldes. Unertrglich, ja
vernichtend, war mir der Gedanke, zurckzukehren nach der Residenz - Welche
Macht zwingt mich zum Rckweg? so rief ich laut. Ich wute, da ich mich auf dem
Wege nach Sieghartsweiler befand, ich gedachte meines alten Meisters Abraham,
von dem ich Tages zuvor einen Brief erhalten, worin er, meine Lage in der
Residenz ahnend, mich wegwnschte von dort, mich zu sich einlud. -
    Wie, unterbrach die Rtin den Kapellmeister, wie, Sie kennen den
wunderlichen Alten?
    Meister Abraham, fuhr Kreisler fort, war der innigste Freund meines
Vaters, mein Lehrer, zum Teil mein Erzieher! - Nun, Verehrte, wissen Sie
ausfhrlich, wie ich in den Park des wackern Frsten Irenus kam, und werden
nicht mehr daran zweifeln, da ich, kommt es darauf an, imstande bin, ruhig, mit
erforderlicher historischer Genauigkeit und so angenehm zu erzhlen, da mir
selbst davor graut. berhaupt kommt mir die ganze Geschichte meiner Flucht aus
der Residenz, wie gesagt, so albern vor und von solch allen Geist zerstrender
Nchternheit, da man selbst nicht davon sprechen kann, ohne in erkleckliche
Schwachheit zu verfallen. - Mchten Sie, Teure, aber die seichte Begebenheit als
krampfstillendes Wasser der erschrockenen Prinzessin beibringen, damit sie sich
beruhige, und daran denken, da ein ehrlicher deutscher Musikus, den, als er
gerade seidene Strmpfe angezogen und sich in einem saubern Kutschkasten vornehm
gebrdete, Rossini und Pucitta und Pavesi und Fioravanti und Gott wei, welche
andere inis und ittas in die Flucht schlugen, sich unmglich sehr gescheit
betragen kann. Verzeihung ist zu hoffen, will ich hoffen! - Als poetischen
Nachklang des langweiligen Abenteuers vernehmen Sie aber, beste Rtin, da in
dem Augenblick, da ich, gepeitscht von meinem Dmon, fortrennen wollte, mich der
seste Zauber festbannte. Schadenfroh trachtete der Dmon eben das tiefste
Geheimnis meiner Brust zuschanden zu machen, da rhrte der mchtige Geist der
Tonkunst die Schwingen, und vor dem melodischen Rauschen erwachte der Trost, die
Hoffnung, ja selbst die Sehnsucht, die die unvergngliche Liebe selbst ist und
das Entzcken ewiger Jugend. - Julia sang! -
    Kreisler schwieg. Die Benzon horchte auf, gespannt auf das, was nun
nachfolgen wrde. Da der Kapellmeister sich in stumme Gedanken zu verlieren
schien, fragte sie mit kalter Freundlichkeit: Sie finden den Gesang meiner
Tochter in der Tat angenehm, lieber Johannes?
    Kreisler fuhr heftig auf, das, was er sagen wollte, erstickte aber ein
Seufzer aus der tiefsten Brust.
    Nun, fuhr die Rtin fort, das ist mir recht lieb. Julia kann von Ihnen,
lieber Kreisler, was den wahren Gesang betrifft, recht viel lernen, denn da Sie
hier bleiben, sehe ich nun als eine ausgemachte Sache an.
    Verehrteste, begann Kreisler, aber in dem Augenblick ffnete sich die
Tre, und Julia trat hinein.
    Als sie den Kapellmeister gewahrte, verklrte ihr holdes Antlitz ein ses
Lcheln, und ein leises: Ach! hauchte von ihren Lippen.
    Die Benzon stand auf, nahm den Kapellmeister bei der Hand und fhrte ihn
Julien entgegen, indem sie sprach: Nun mein Kind, da ist der seltsame - -
    (M. f. f.) - der junge Ponto los auf mein neuestes Manuskript, das neben mir
lag, fate es, ehe ich's verhindern konnte, zwischen die Zhne und rannte damit
spornstreichs auf und davon. Er stie dabei ein schadenfrohes Gelchter aus, und
schon dies htte mich vermuten lassen sollen, da nicht bloer jugendlicher
Mutwille ihn zur bsen Tat spornte, sondern da noch etwas mehr im Spiele war.
Bald wurde ich darber aufgeklrt.
    Nach ein paar Tagen trat der Mann, bei dem der junge Ponto in Diensten,
hinein zu meinem Meister. Es war, wie ich nachher erfahren, Herr Lothario,
Professor der sthetik am Gymnasio zu Sieghartsweiler. - Nach gewhnlicher
Begrung schaute der Professor im Zimmer umher und sprach, als er mich
erblickte: Wolltet Ihr nicht, lieber Meister, den Kleinen dort aus der Stube
entfernen? - Warum, fragte der Meister, warum? - Ihr konntet doch sonst die
Katzen leiden, Professor, und vorzglich meinen Liebling, den zierlichen,
gescheiten Kater Murr! - Ja, sprach der Professor, indem er hhnisch lachte,
ja zierlich und gescheit, das ist wahr! - Aber tut mir den Gefallen, Meister,
und entfernt Euern Liebling, denn ich habe Dinge mit Euch zu reden, die er
durchaus nicht hren darf. - Wer? rief Meister Abraham, indem er den
Professor anstarrte. Nun, fuhr dieser fort, Euer Kater. Ich bitte Euch, fragt
nicht weiter, sondern tut, warum ich Euch bitte. - Das ist doch seltsam,
sprach der Meister, indem er die Tre des Kabinetts ffnete und mich hineinrief.
Ich folgte seinem Ruf, ohne da er es gewahrte, schlpfte ich aber wieder hinein
und verbarg mich im untersten Fach des Bcherschranks, so da ich unbemerkt das
Zimmer bersehen und jedes Wort, was gesprochen wurde, vernehmen konnte.
    Nun mchte ich, sprach Meister Abraham, indem er sich dem Professor
gegenber in seinen Lehnstuhl setzte, nun mchte ich doch in aller Welt wissen,
welch ein Geheimnis Ihr mir zu entdecken habt, das meinem ehrlichen Kater Murr
verschwiegen bleiben soll.
    Sagt mir, begann der Professor sehr ernst und nachdenklich, sagt mir
zuvrderst, lieber Meister, was haltet Ihr von dem Grundsatz, da, nur
krperliche Gesundheit vorausgesetzt, sonst ohne Rcksicht auf angeborne
geistige Fhigkeit, auf Talent, auf Genie, vermge einer besonders geregelten
Erziehung aus jedem Kinde in kurzer Zeit, mithin noch in den Knabenjahren, ein
Heros in Wissenschaft und Kunst geschaffen werden kann?
    Ei, erwiderte der Meister, was kann ich von diesem Grundsatz anders
halten, als da er albern und abgeschmackt ist? Mglich, ja sogar leicht mag es
sein, da man einem Kinde, das die Auffassungsgabe, wie sie ungefhr bei den
Affen anzutreffen, und ein gutes Gedchtnis besitzt, eine Menge Dinge
systematisch eintrichtern kann, die es dann vor den Leuten auskramt; nur mu es
diesem Kinde durchaus an allem natrlichen Ingenium fehlen, da sonst der innere
bessere Geist der heillosen Prozedur widerstrebt. Wer wird aber jemals solch
einen einfltigen, mit allerlei verschluckbaren Brocken des Wissens dick
gemsteten Jungen einen Gelehrten im echten Sinne des Worts nennen?
    Die Welt, rief der Professor heftig, die ganze Welt! - O, es ist
entsetzlich! - Aller Glaube an die innere, hhere, angeborne Geisteskraft, die
allein nur den Gelehrten, den Knstler schafft, geht ja ber jenen heillosen,
tollen Grundsatz zum Teufel! -
    Ereifert Euch nicht, sprach der Meister lchelnd, soviel wie ich wei,
ist bis jetzt in unserm guten Teutschland nur ein einziges Produkt jener
Erziehungsmethode aufgestellt worden, von dem die Welt eine Zeitlang sprach und
zu sprechen aufhrte, als sie einsah, da das Produkt eben nicht sonderlich
geraten. Zudem fiel die Bltezeit jenes Prparats in die Periode, als gerade die
Wunderkinder in die Mode gekommen, die, wie sonst mhsam abgerichtete Hunde und
Affen, gegen ein billiges Entree ihre Knste zeigten.
    So sprecht Ihr nun, nahm der Professor das Wort, so sprecht Ihr nun,
Meister Abraham, und man wrde Euch glauben, kennte man nicht den verborgenen
Schalk in Euch, wte man nicht, da Euer ganzes Leben eine Reihe der
wunderlichsten Experimente darbietet. Gesteht es nur, Meister Abraham, gesteht
es nur, Ihr habt ganz im stillen, im geheimsten Geheim, experimentiert nach
jenem Grundsatz, aber berbieten wolltet Ihr den Mann, den Verfertiger jenes
Prparats, von dem wir sprachen. - Ihr wolltet, wart Ihr ganz fertig,
hervortreten mit Eurem Zgling und alle Professoren in der ganzen Welt in
Erstaunen versetzen und Verzweiflung, Ihr wolltet den schnen Grundsatz: non ex
quovis ligno fit Mercurius ganz und gar zuschanden machen! - Nun! kurz, der
quovis ist da, aber kein Mercurius, sondern ein Kater! - Was sagt Ihr, rief
der Meister, indem er laut auflachte, was sagt Ihr, ein Kater?
    Leugnet es nur nicht, fuhr der Professor fort, leugnet es nur nicht, an
dem Kleinen dort in der Kammer habt Ihr jene abstrakte Erziehungsmethode
versucht, Ihr habt ihn lesen, schreiben gelehrt, Ihr habt ihm die Wissenschaften
beigebracht, so da er sich schon jetzt unterfngt, den Autor zu spielen, ja
sogar Verse zu machen.
    Nun, sprach der Meister, das ist doch in der Tat das Tollste, was mir
jemals vorgekommen! - Ich meinen Kater erziehen, ich ihm die Wissenschaften
beibringen! - Sagt, was fr Trume rumoren in Eurem Sinn, Professor? - Ich
versichere Euch, da ich von meines Katers Bildung nicht das mindeste wei,
dieselbe auch fr ganz unmglich halte.
    So? fragte der Professor mit gedehntem Ton, zog ein Heft aus der Tasche,
das ich augenblicklich fr das mir von dem jungen Ponto geraubte Manuskript
erkannte, und las:

                          Sehnsucht nach dem Hheren

Ha, welch Gefhl, das meine Brust beweget?
Was sagt dies unruh- - ahnungsvolle Beben,
Will sich zum khnen Sprung der Geist erheben,
Vom Sporn des mcht'gen Genius erreget?

Was ist es, was der Sinn im Sinne trget,
Was will dem liebesdrangerfllten Leben
Dies rastlos brennend feurig-se Streben,
Was ist es, das im bangen Herzen schlget?

Entrckt werd' ich nach fernen Zauberlanden,
Kein Wort, kein Laut, die Zunge ist gebunden,
Ein sehnlich Hoffen weht mit Frhlingsfrische,

Befreit mich bald von drckend schweren Banden.
Ertrumt, ersprt, im grnsten Laub gefunden!
Hinauf mein Herz! beim Fittich ihn erwische!

Ich hoffe, da jeder meiner gtigen Leser die Musterhaftigkeit dieses herrlichen
Sonetts, das aus der tiefsten Tiefe meines Gemts hervorflo, einsehen und mich
um so mehr bewundern wird, wenn ich versichere, da es zu den ersten gehrt, die
ich berhaupt verfertigt habe. Der Professor las es aber in seiner Bosheit so
ohne allen Nachdruck, so abscheulich vor, da ich mich kaum selbst erkannte, und
da ich, von pltzlichem Jhzorn, wie er jungen Dichtern wohl eigen, bermannt,
im Begriff war, aus meinem Schlupfwinkel hervor dem Professor ins Gesicht zu
springen und ihn die Schrfe meiner Krallen fhlen zu lassen. Der kluge Gedanke,
da ich doch, wenn beide, der Meister und der Professor, sich ber mich
hermachten, notwendig den krzern ziehen msse, lie mich meinen Zorn mit Gewalt
niederkmpfen, jedoch entfuhr mir unwillkrlich ein knurrendes Miau, das mich
unfehlbar verraten haben wrde, htte der Meister nicht, da der Professor mit
dem Sonett fertig, aufs neue eine drhnende Lache aufgeschlagen, die mich
beinahe noch mehr krnkte als des Professors Ungeschick.
    Hoho, rief der Meister, wahrhaftig, das Sonett ist eines Katers
vollkommen wrdig, aber noch immer verstehe ich nicht Euern Spa, Professor,
sagt mir nur lieber geradezu, wo Ihr hinauswollt.
    Der Professor, ohne dem Meister zu antworten, bltterte im Manuskript und
las weiter:

                                    Glosse

Liebe schwrmt auf allen Wegen,
Freundschaft bleibt fr sich allein,
Liebe kommt uns rasch entgegen,
Aufgesucht will Freundschaft sein.

Schmachtend wehe, bange Klagen
Hr' ich berall ertnen,
Ob den Sinn zum Schmerz gewhnen,
Ob zur Lust, ich kann's nicht sagen,
Mchte oft mich selber fragen,
Ob ich trume, ob ich wache.
Diesem Fhlen, diesem Regen,
Leih ihm, Herz, die rechte Sprache;
Ja, im Keller, auf dem Dache,
Liebe schwrmt auf allen Wegen!

Doch es heilen alle Wunden,
Die der Liebesschmerz geschlagen,
Und in einsam stillen Tagen
Mag, von aller Qual entbunden,
Geist und Herz wohl bald gesunden;
Art'ger Ktzchen los Gehudel,
Darf es auf die Dauer sein?
Nein! - fort aus dem bsen Strudel,
Unterm Ofen mit dem Pudel,
Freundschaft bleibt fr sich allein!

Wohl ich wei es -

Nein, unterbrach hier der Meister den lesenden Professor, nein, mein Freund,
Ihr macht mich in der Tat ungeduldig, Ihr oder ein anderer Schalk hat sich den
Spa gemacht, im Geist eines Katers, der nun gerade mein guter Murr sein soll,
Verse zu machen, und nun foppt Ihr mich den ganzen Morgen damit herum. Der Spa
ist brigens nicht bel und wird vorzglich dem Kreisler sehr wohl gefallen, der
wohl nicht unterlassen drfte, damit eine kleine Parforcejagd anzustellen, in
der Ihr am Ende selbst ein gehetztes Wild sein knntet. Aber nun lat Eure
sinnreiche Einkleidung fahren und sagt mir ganz ehrlich und trocken, was es mit
Eurem seltsamen Spa eigentlich fr eine Bewandtnis hat.
    Der Professor schlug das Manuskript zusammen, sah dem Meister ernst ins Auge
und sprach dann: Diese Bltter brachte mir vor einigen Tagen mein Pudel Ponto,
der, wie Euch bekannt sein wird, mit Eurem Kater Murr in freundschaftlichen
Verhltnissen lebt. Zwar trug er das Manuskript zwischen den Zhnen, wie er nun
einmal alles zu tragen gewohnt ist, indessen legte er es mir doch ganz
unversehrt in den Scho und gab mir dabei deutlich zu verstehen, da er es von
keinem andern habe, als von seinem Freunde Murr. Als ich nun einen Blick
hineinwarf, fiel mir gleich die ganz besondere, eigentmliche Handschrift auf,
als ich aber einiges gelesen, stieg in mir, selbst wei ich nicht, auf welche
unbegreifliche Art, der seltsame Gedanke auf, Murr knnte das alles selbst
gemacht haben. So sehr mir die Vernunft, ja, eine gewisse Lebenserfahrung, der
wir alle nicht entgehen knnen, und die am Ende nun wieder weiter nichts ist als
die Vernunft, so sehr mir also eben diese Vernunft sagt, da jener Gedanke
unsinnig, da Kater weder zu schreiben noch Verse zu machen imstande, so konnte
ich ihn doch durchaus nicht los werden. Ich beschlo, Euern Kater zu beobachten,
und stieg, da ich von meinem Ponto wute, da Murr viel auf Eurem Boden
hausiere, auf meinen Boden, nahm einige Dachziegel herab, so da ich mir die
freie Aussicht in Eure Dachluken verschaffte. Was gewahrte ich! - Hrt es und
erstaunt! - In dem einsamsten Winkel des Bodens sitzt Euer Kater! - sitzt
aufgerichtet vor einem kleinen Tisch, auf dem Schreibzeug und Papier befindlich,
sitzt und reibt sich bald mit der Pfote Stirn und Nacken, fhrt sich bers
Gesicht, tunkt bald die Feder ein, schreibt, hrt wieder auf, schreibt von
neuem, berliest das Geschriebene, knurrt (ich konnte es hren), knurrt und
spinnt vor lauter Wohlbehagen. - - Und um ihn her liegen verschiedene Bcher,
die, nach ihrem Einband, aus Eurer Bibliothek entnommen. -
    Das wre ja der Teufel, rief der Meister, nun so will ich dann gleich
nachsehen, ob mir Bcher fehlen.
    Damit stand er auf und trat an den Bcherschrank. Sowie er mich erblickte,
prallte er drei Schritte zurck und blickte mich an voll Erstaunen. Aber der
Professor rief: Seht Ihr wohl, Meister! Ihr denkt, der Kleine sitzt harmlos in
der Kammer, in die Ihr ihn eingesperrt, und er hat sich hineingeschlichen in den
Bcherschrank, um zu studieren, oder noch wahrscheinlicher, um uns zu
belauschen. Nun hat er alles gehrt, was wir gesprochen, und kann seine
Maregeln darnach nehmen. - Kater, begann der Meister, indem er fortwhrend
den Blick voll Erstaunen auf mich ruhen lie, Kater, wenn ich wte, da du,
deine ehrliche natrliche Natur ganz und gar verleugnend, dich wirklich darauf
verlegtest, solche vertrackte Verse zu machen, wie sie der Professor vorgelesen,
wenn ich glauben knnte, da du wirklich den Wissenschaften nachstelltest, statt
den Musen, ich glaube, ich knnte dir die Ohren wund zwicken, oder gar -
    Mich berfiel eine schreckliche Angst, ich kniff die Augen zu und tat, als
schliefe ich fest. -
    Aber nein, nein, fuhr der Meister fort, schaut nur einmal her, Professor,
wie mein ehrlicher Kater so sorglos schlft, und sagt selbst, ob er in seinem
gutmtigen Antlitz etwas trgt, das auf solche geheime wunderbare Schelmereien,
wie Ihr sie ihm schuld gebt, gedeutet werden knnte - Murr! - Murr! -
    So rief der Meister mich an, und ich unterlie nicht wie gewhnlich mit
meinem Krr - Krr - zu antworten, die Augen aufzuschlagen, mich zu erheben und
einen hohen, sehr anmutigen Katzenbuckel zu machen.
    Der Professor warf mir voller Zorn mein Manuskript an den Kopf, ich tat
aber, (die mir angeborne Schlauheit gab es mir ein) als wollte er mit mir
spielen, und zerrte, springend und tnzelnd, die Papiere hin und her, so da die
Stcke umherflogen.
    Nun, sprach der Meister, nun ist es ausgemacht, da Ihr ganz unrecht
habt, Professor, und da Euch Ponto etwas vorlog. Seht nur hin, wie Murr die
Gedichte bearbeitet, welcher Dichter wrde sein Manuskript handhaben auf die
Weise?
    Ich habe Euch gewarnt, Meister, tut nun, was Ihr wollt, erwiderte der
Professor und verlie das Zimmer.
    Nun glaubte ich, der Sturm sei vorber, wie sehr war ich im Irrtum! -
Meister Abraham hatte sich, mir zum groen Verdru, gegen meine
wissenschaftliche Bildung erklrt, und demunerachtet er so getan, als glaube er
den Worten des Professors gar nicht, so wurde ich doch bald gewahr, da er mir
auf allen Gngen nachsprte, mir den Gebrauch seiner Bibliothek dadurch
abschnitt, da er den Schrank sorgfltig verschlo, und es durchaus nicht mehr
leiden wollte, da ich mich, wie sonst, auf seinen Schreibtisch unter die
Papiere legte.
    So kam Leid und Kmmernis ber meine keimende Jugend! Was kann einem Genie
mehr Schmerz verursachen, als sich verkannt, ja verspottet zu sehen, was kann
einen groen Geist mehr erbittern, als da auf Hindernisse zu stoen, wo er nur
allen mglichen Vorschub erwartete! - Doch, je strker der Druck, desto
gewaltiger die Kraft der Entlastung, je straffer der Bogen gespannt, desto
schrfer der Schu! - War mir die Lektre versperrt, so arbeitete desto freier
mein eigner Geist und schuf aus sich selbst.
    Unmutig, wie ich war, brachte ich in dieser Periode manche Nchte, manche
Tage in den Kellern des Hauses zu, wo mehrere Musefallen aufgestellt waren und
sich berdem viele Kater verschiedenen Alters und Standes versammelten.
    Einem tapfern philosophischen Kopf entgehen berall nicht die geheimsten
Beziehungen des Lebens im Leben, und er erkennt, wie sich eben aus denselben das
Leben gestaltet in Gesinnung und Tat. So gingen mir auch in den Kellern die
Verhltnisse der Musefallen und der Katzen in ihrer Wechselwirkung auf. Es
wurde mir, als einem Kater von edlem echten Sinn, warm ums Herz, wenn ich
gewahren mute, wie jene tote Maschinen in ihrem pnktlichen Treiben eine groe
Schlaffheit in den Katerjnglingen hervorbrachten. Ich ergriff die Feder und
schrieb das unsterbliche Werk, dessen ich schon vorhin gedachte, nmlich: ber
Musefallen und deren Einflu auf Gesinnung und Tatkraft der Katzheit. In
diesem Bchlein hielt ich den verweichlichten Katerjnglingen einen Spiegel vor
die Augen, in dem sie sich selbst erblicken muten, aller eignen Kraft
entsagend, indolent, trge, ruhig es ertragend, da die schnden Muse nach dem
Speck liefen! - Ich rttelte sie aus dem Schlafe mit donnernden Worten. - Nchst
dem Nutzen, den das Werklein schaffen mute, hatte das Schreiben desselben auch
noch den Vorteil fr mich, da ich selbst indessen keine Muse fangen durfte,
und auch nachher, da ich so krftig gesprochen, es wohl keinem einfallen konnte,
von mir zu verlangen, da ich selbst ein Beispiel des von mir ausgesprochenen
Heroismus im Handeln geben solle.
    Damit knnte ich nun meine erste Lebensperiode schlieen und zu meinen
eigentlichen Jnglingsmonaten, die an das mnnliche Alter streifen, bergehen;
unmglich kann ich aber den gnstigen Lesern die beiden letzten Strophen der
herrlichen Glosse vorenthalten, die mein Meister nicht hren wollte. Hier sind
sie:

Wohl, ich wei es, widerstehen
Mag man nicht dem sen Kosen,
Wenn aus Bschen duft'ger Rosen
Se Liebeslaute wehen.
Will das trunkne Aug' dann sehen,
Wie die Holde kommt gesprungen,
Die da lauscht an Blumenwegen,
Kaum ist Sehnsuchts-Ruf erklungen,
Hat sich schnell hinangeschwungen.
Liebe kommt uns rasch entgegen.

Dieses Sehnen, dieses Schmachten
Kann wohl oft den Sinn bercken,
Doch wie lange kann's beglcken,
Dieses Springen, Rennen, Trachten!
Holder Freundschaft Trieb' erwachten,
Strahlten auf bei Hespers Scheine.
Und den Edlen brav und rein,
Ihn zu finden, den ich meine,
Klettr' ich ber Maur und Zune,
Aufgesucht will Freundschaft sein.

(Mak. Bl.) - - gerade den Abend in solch heitrer gemtlicher Stimmung, wie man
sie an ihm nicht versprt hatte seit gar geraumer Zeit. Und diese Stimmung war
es, die das Unerhrte geschehen lie. Denn ohne wild aufzufahren und
davonzurennen, wie er sonst in gleichem Fall wohl zu tun pflegte, hrte er ruhig
und sogar mit gutmtigem Lcheln den langen und noch langweiligern ersten Akt
eines entsetzlichen Trauerspiels an, den ein junger hoffnungsvoller Leutenant
mit roten Wangen und wohlgekruseltem Haupthaar verfat hatte und mit aller
Prtension des glcklichsten Dichters vortrug. Ja, als besagter Leutenant, da er
geendet, ihn heftig fragte, was er von der Dichtung halte, begngte er sich, mit
dem mildesten Ausdruck des innern Ergtzens im ganzen Gesicht dem jungen Kriegs-
und Vershelden zu versichern, da der Aushngeakt, das gierigen sthetischen
Leckermulern dargebotene Koststck, in der Tat herrliche Gedanken enthalte, fr
deren originelle Genialitt schon der Umstand sprche, da auch anerkannt groe
Dichter wie z.B. Calderon, Shakespeare und der moderne Schiller darauf gefallen.
Der Leutenant umarmte ihn sehr und verriet mit geheimnisvoller Miene, da er
gedenke, noch denselben Abend eine ganze Gesellschaft der auserlesensten
Fruleins, unter denen sogar eine Grfin befindlich, die spanisch lese und in l
male, mit dem vortrefflichsten aller ersten Akte zu beglcken. Auf die
Versicherung, da er daran ungemein wohl tun werde, lief er voller Enthusiasmus
von dannen.
    Ich begreife, sprach jetzt der kleine Geheime Rat, ich begreife dich
heute gar nicht, lieber Johannes, mit deiner unbeschreiblichen Sanftmut! - Wie
war es dir mglich, das durchaus abgeschmackte Zeug so ruhig, so aufmerksam
anzuhren! - Angst und bange wurde mir, als der Leutenant uns, die wir,
unbewacht, keine Gefahr ahnten, berfiel und uns rettungslos eingarnte in die
tausendfltigen Schlingen seiner endlosen Verse! - Ich dachte, jeden Augenblick
wrdest du dazwischen fahren, wie du es sonst wohl tust bei geringerem Anla;
aber du bleibst ruhig, ja, dein Blick spricht Wohlgefallen aus, und am Ende,
nachdem ich fr meine Person ganz schwach und elend worden, fertigst du den
Unglckseligen ab mit einer Ironie, die er nicht einmal zu fassen imstande, und
sagst ihm wenigstens nicht zur Warnung fr knftige Flle, da das Ding viel zu
lang sei und merklich amputiert werden msse.
    Ach, erwiderte Kreisler, ach, was htte ich denn ausgerichtet mit diesem
klglichen Rat! - Kann denn ein prgnanter Dichter wie unser liebe Leutenant
wohl mit Nutzen irgendeine Amputation an seinen Versen vornehmen, wachsen sie
ihm nicht nach unter der Hand? - Und weit du denn nicht, da berhaupt die
Verse unserer jungen Dichter die Reproduktionskraft der Eidechsen besitzen,
denen die Schwnze munter wiederum hervorschieen, hat man sie auch an der
Wurzel weggeschnitten! - Wenn du aber meinst, da ich des Leutenants Leserei
ruhig angehrt, so bist du in groem Irrtum! - Der Sturm war vorber, alle
Grser und Blumen im kleinen Garten erhoben ihre gebeugten Hupter und
schlrften begierig den Himmelsnektar ein, der aus den Wolkenschleiern in
einzelnen Tropfen herabfiel. Ich stellte mich unter den groen blhenden
Apfelbaum und horchte auf die verhallende Stimme des Donners in den fernen
Bergen, die wie eine Weissagung von unaussprechlichen Dingen in meiner Seele
widerklang, und schaute auf zu dem Blau des Himmels, das wie mit leuchtenden
Augen dort und dort durch die fliehenden Wolken blickte! - Aber dazwischen rief
der Onkel, ich solle fein ins Zimmer und mir den neuen geblmten Schlafrock
nicht verderben durch ungeziemliche Nsse und mir nicht den Schnupfen holen im
feuchten Grase. Und dann war es wieder nicht der Onkel, welcher sprach, sondern
irgendein Filou von Papagei oder Starmatz hinterm Busch oder im Busch oder Gott
wei wo sonst machte sich den unntzen Spa, mich damit zu necken, da er mir
allerlei kstliche Gedanken aus dem Shakespeare zurief nach seiner Manier. Und
das war nun wieder der Leutenant und sein Trauerspiel! - Geheimer Rat, gib dir
die Mhe zu merken, da es eine Erinnerung an meine Knabenzeit war, die mich dir
und dem Leutenant entfhrte. Ich stand wirklich, ein Junge von hchstens zwlf
Jahren, in des Onkels kleinem Garten und hatte den schnsten Zitz als Schlafrock
an, den jemals eine Kattundruckerseele ersonnen, und vergebens hast du, o
Geheimer Rat, heute dein Knigsrucherpulver verschwendet, denn ich habe nichts
versprt als das Aroma meines blhenden Apfelbaums, nicht einmal das Haarl des
Versifikanten, der sein Haupt salbt, ohne es jemals schtzen zu knnen gegen
Wind und Wetter durch eine Krone, vielmehr nichts aufstlpen darf, als Filz und
Leder, durch das Reglement ausgeprgt zu einem Tschako! - Genug, Bester, du
warst von uns dreien das einzige Opferlamm, das sich dem infernalischen
Trauerspielmesser des dichterischen Helden darbot. Denn whrend ich mich, alle
Extremitten sorglich einziehend, in das kleine Schlafrckchen eingepuppt hatte
und mit zwlfjhriger, zwlfltiger Leichtigkeit hineingesprungen war in
mehrbesagten Garten, verbrauchte Meister Abraham, wie du siehst, drei bis vier
Bogen des schnsten Notenpapiers, um allerlei ergtzliche Phantasmata
zuzuschneiden. Auch er ist also dem Leutenant entwischt! -
    Kreisler hatte recht, Meister Abraham verstand sich darauf, Kartonbltter so
zuzuschneiden, da, fand man auch aus dem Gewirre durchschnittner Flecke nicht
das mindeste deutlich heraus, doch, hielt man ein Licht hinter das Blatt, in den
auf die Wand geworfenen Schatten sich die seltsamsten Gestalten in allerlei
Gruppen bildeten. Hatte nun Meister Abraham schon an und fr sich selbst einen
natrlichen Abscheu gegen alles Vorlesen, war ihm noch besonders des Leutenants
Verselei im Grunde des Herzens zuwider, so konnt' es nicht fehlen, da er, kaum
hatte der Leutenant begonnen, begierig nach dem steifen Notenpapier griff, das
zufllig auf dem Tische des Geheimen Rats lag, eine kleine Schere aus der Tasche
langte und eine Beschftigung begann, die ihn dem Attentat des Leutenants
gnzlich entzog.
    Hre, begann nun der Geheime Rat, hre, Kreisler, - also eine Erinnerung
an deine Knabenzeit war es, die in deine Seele kam, und dieser Erinnerung mag
ich es wohl zuschreiben, da du heute so mild bist, so gemtlich, - hre, mein
innigstgeliebter Freund! es wurmt mir, wie allen, die dich ehren und lieben, da
ich von deinem frhern Leben so ganz und gar nichts wei, da du der leisesten
Frage darber so unfreundlich ausweichst, ja, da du absichtlich Schleier ber
die Vergangenheit wirfst, die doch zuweilen zu durchsichtig sind, um nicht durch
allerlei in seltsamer Verzerrung durchschimmernde Bilder die Neugierde zu
reizen. Sei offen gegen die, denen du doch schon dein Vertrauen schenktest. -
    Kreisler blickte den Geheimen Rat an mit groen Augen voll Verwunderung, wie
einer, der, aus dem tiefen Schlafe erwachend, eine fremde unbekannte Gestalt vor
sich erblickt, und fing dann sehr ernsthaft an:
    Am Tage Johannis Chrysostomi, das heit am vierundzwanzigsten Januar des
Jahres Eintausendsiebenhundert und etzliche dazu, um die Mittagsstunde, wurde
einer geboren, der hatte ein Gesicht und Hnde und Fe. Der Vater a eben
Erbsensuppe und go sich vor Freuden einen ganzen Lffel voll ber den Bart,
worber die Wchnerin, unerachtet sie es nicht gesehen, dermaen lachte, da von
der Erschtterung dem Lautenisten, der dem Sugling seinen neuesten Murki
vorspielte, alle Saiten sprangen und er bei der atlasnen Nachthaube seiner
Gromutter schwor, was Musik betreffe, wrde der kleine Hans Hase ein elender
Stmper bleiben ewiglich und immerdar. Darauf wischte sich aber der Vater das
Kinn rein und sprach pathetisch: Johannes soll er zwar heien, jedoch kein Hase
sein. Der Lautenist -
    Ich bitte dich, unterbrach der kleine Geheime Rat den Kapellmeister, ich
bitte dich, Kreisler, verfalle nicht in die verdammte Sorte von Humor, die mir,
ich mag's wohl sagen, den Atem versetzt. Verlange ich denn, da du mir eine
pragmatische Selbstbiographie geben, will ich denn mehr, als da du mir
vergnnen sollst, einige Blicke in dein frheres Leben zu tun, ehe ich dich
kannte? - In der Tat magst du eine Neugierde nicht verargen, die keine andere
Quelle hat als die innigste Zuneigung recht aus dem tiefsten Herzen. Und
nebenher mut du es dir, da du nun einmal seltsam genug auftrittst, gefallen
lassen, da jeder glaubt, nur das bunteste Leben, eine Reihe der fabelhaftesten
Ereignisse knne die psychische Form so auskneten und bilden, wie es bei dir
geschehen. - O des groben Irrtums, sprach Kreisler, indem er tief seufzte, o
des groben Irrtums, meine Jugendzeit gleicht einer drren Heide ohne Blten und
Blumen, Geist und Gemt erschlaffend im trostlosen Einerlei! -
    Nein nein, rief der Geheime Rat, dem ist nicht so, denn ich wei
wenigstens, da in dieser Heide ein hbscher kleiner Garten steht, mit einem
blhenden Apfelbaum, der mein feinstes Knigspulver berduftet. Nun! ich meine,
Johannes, du rckst hervor mit der Erinnerung aus deiner frhern Jugendzeit, die
heute, wie du erst sagtest, deine ganze Seele befngt.
    Ich dchte, sprach Meister Abraham, indem er dem eben fertig gewordenen
Kapuziner die Tonsur einschnitt, ich dchte auch, Kreisler, da Ihr in Eurer
heutigen passablen Stimmung nichts Besseres tun knntet, als Euer Herz oder Euer
Gemt, oder wie Ihr sonst gerade Euer inneres Schatzkstlein nennen mget,
aufschlieen und dies, jenes daraus hervorlangen. Das heit, da Ihr nun einmal
verraten, da Ihr wider den Willen des besorgten Oheims im Regen hinausliefet
und aberglubischer Weise auf die Weissagungen des sterbenden Donners horchtet,
so mget Ihr immer noch mehr erzhlen, wie sich damals alles begab. Aber lgt
nicht, Johannes, denn Ihr wit, da Ihr, was wenigstens die Zeit betrifft, als
Ihr die ersten Hosen truget und dann der erste Haarzopf Euch eingeflochten
wurde, unter meiner Kontrolle stehet.
    Kreisler wollte etwas erwidern, aber Meister Abraham wandte sich schnell zum
kleinen Geheimen Rat und sprach: Sie glauben gar nicht, Vortrefflichster, wie
unser Johannes sich dem bsen Geist des Lgens ganz und gar hingibt, wenn er,
wie es jedoch gar selten geschieht, von seiner frhesten Jugendzeit erzhlt.
Gerade, wenn die Kinder noch sagen: P P und M M! und mit den Fingern ins
Licht fahren, gerade zu der Zeit will er schon alles beachtet und tiefe Blicke
getan haben ins menschliche Herz.
    Ihr tut mir unrecht, sprach Kreisler, mild lchelnd, mit sanfter Stimme,
Ihr tut mir groes Unrecht, Meister! Sollt' es mir denn mglich sein, Euch was
weismachen zu wollen von frhreifem Geistesvermgen, wie es wohl eitle Gecken
tun? - Und ich frage dich, Geheimer Rat, ob es dir auch nicht widerfhrt, da
oft Momente lichtvoll vor deine Seele treten aus einer Zeit, die manche
erstaunlich kluge Leute ein bloes Vegetieren nennen und nichts statuieren
wollen als bloen Instinkt, dessen hhere Vortrefflichkeit wir den Tieren
einrumen mssen? - Ich meine, da es damit eine eigene Bewandtnis hat! - Ewig
unerforschlich bleibt uns das erste Erwachen zum klaren Bewutsein! - Wre es
mglich, da dies mit einem Ruck geschehen knnte, ich glaube, der Schreck
darber mte uns tten. - Wer hat nicht schon die Angst der ersten Momente im
Erwachen aus tiefem Traum, bewutlosem Schlaf empfunden, wenn er, sich selbst
fhlend, sich auf sich selbst besinnen mute? - Doch, um mich nicht zu weit zu
verlieren, ich meine, jeder starke psychische Eindruck in jener Entwicklungszeit
lt wohl ein Samenkorn zurck, das eben mit dem Emporsprossen des geistigen
Vermgens fortgedeiht, und so lebt aller Schmerz, alle Lust jener Stunden der
Morgendmmerung in uns fort, und es sind wirklich die sen wehmutsvollen
Stimmen der Lieben, die wir, als sie uns aus dem Schlafe weckten, nur im Traum
zu hren glaubten, und die noch in uns forthallen! - Ich wei aber, worauf der
Meister anspielt. Auf nichts anders als auf die Geschichte von der verstorbenen
Tante, die er mir wegstreiten will, und die ich, um ihn erklecklich zu rgern,
nur gerade dir, Geheimer Rat, erzhlen werde, wenn du mir versprichst, mir was
weniges empfindelnde Kinderei zugute zu halten. - Was ich dir von der Erbssuppe
und dem Lautenisten - - O, unterbrach der Geheime Rat den Kapellmeister, o
still, still, nun merk' ich wohl, du willst mich foppen, und das ist denn doch
wider alle Sitte und Ordnung.
    Keinesweges, fuhr Kreisler fort, keinesweges, mein Herz! Aber von dem
Lautenisten mu ich anfangen, denn er bildet den natrlichsten bergang zur
Laute, deren Himmelstne das Kind in se Trume wiegten. Die jngere Schwester
meiner Mutter war Virtuosin auf diesem zurzeit in die musikalische Polterkammer
verwiesenen Instrument. Gesetzte Mnner, die schreiben und rechnen knnen und
wohl noch mehr als das, haben in meiner Gegenwart Trnen vergossen, wenn sie
blo dachten an das Lautenspiel der seligen Mamsell Sophie, mir ist es deshalb
gar nicht zu verdenken, wenn ich, ein durstig Kind, meiner selbst nicht mchtig,
noch ohne in Wort und Rede aufgekeimtes Bewutsein, alle Wehmut des wunderbaren
Tonzaubers, den die Lautenistin aus ihrem Innersten strmen lie, in begierigen
Zgen einschlrfte. - Jener Lautenist an der Wiege war aber der Lehrer der
Verstorbenen, klein von Person, mit hinlnglich krummen Beinen, hie Monsieur
Turtel und trug eine sehr saubere weie Percke mit einem breiten Haarbeutel,
sowie einen roten Mantel. - Ich sage das nur, um zu beweisen, wie deutlich mir
die Gestalten aus jener Zeit aufgehen, und da weder Meister Abraham noch sonst
jemand daran zweifeln darf, wenn ich behaupte, da ich, ein Kind von noch nicht
drei Jahren, mich finde auf dem Scho eines Mdchens, deren mildblickende Augen
mir recht in die Seele leuchteten, da ich noch die se Stimme hre, die zu mir
sprach, zu mir sang, da ich es noch recht gut wei, wie ich der anmutigen
Person all meine Liebe, all meine Zrtlichkeit zuwandte. Dies war aber eben
Tante Sophie, die in seltsamer Verkrzung Fchen gerufen wurde. Eines Tages
lamentierte ich sehr, weil ich Tante Fchen nicht gesehen hatte. Die Wrterin
brachte mich in ein Zimmer, wo Tante Fchen im Bette lag, aber ein alter Mann,
der neben ihr gesessen, sprang schnell auf und fhrte, heftig scheltend, die
Wrterin, die mich auf dem Arm hatte, hinaus. Bald darauf kleidete man mich an,
hllte man mich ein in dicke Tcher, brachte man mich ganz und gar in ein
anderes Haus zu andern Personen, die smtlich Onkel und Tanten von mir sein
wollten und versicherten, da Tante Fchen sehr krank sei und ich, wre ich bei
ihr geblieben, ebenso krank geworden sein wrde. Nach einigen Wochen brachte man
mich zurck nach meinem vorigen Aufenthalt. Ich weinte, ich schrie, ich wollte
zu Tante Fchen. Sowie ich in jenes Zimmer gekommen, trippelte ich hin an das
Bette, in dem Tante Fchen gelegen, und zog die Gardinen auseinander. Das Bette
war leer, und eine Person, die nun wieder eine Tante von mir war, sprach, indem
ihr die Trnen aus den Augen strzten: Du findest sie nicht mehr, Johannes, sie
ist gestorben und liegt unter der Erde. -
    Ich wei wohl, da ich den Sinn dieser Worte nicht verstehen konnte, aber
noch jetzt, jenes Augenblicks gedenkend, erbebe ich in dem namenlosen Gefhl,
das mich damals erfate. Der Tod selbst prete mich hinein in seinen Eispanzer,
seine Schauer drangen in mein Innerstes, und vor ihnen erstarrte alle Lust der
ersten Knabenjahre. - Was ich begann, wei ich nicht mehr, wte es vielleicht
niemals, aber erzhlt hat man mir oft genug, da ich langsam die Gardinen fahren
lie, ganz ernst und still einige Augenblicke stehen blieb, dann aber, wie tief
in mich gekehrt und darber nachsinnend, was man mir eben gesagt, mich auf ein
kleines Rohrsthlchen setzte, das mir eben zur Hand. Man fgte hinzu, da diese
stille Trauer des sonst zu den lebhaftesten Ausbrchen geneigten Kindes etwas
unbeschreiblich Rhrendes gehabt, und da man selbst einen nachteiligen
psychischen Einflu gefrchtet, da ich mehrere Wochen in demselben Zustande
geblieben, nicht weinend, nicht lachend, zu keinem Spiel aufgelegt, kein
freundlich Wort erwidernd, nichts um mich her beachtend. -
    In diesem Augenblick nahm Meister Abraham ein in Kreuz- und Querzgen
wunderlich durchschnittenes Blatt zur Hand, hielt es vor die brennenden Kerzen,
und auf der Wand reflektierte sich ein ganzer Chor von Nonnen, die auf seltsamen
Instrumenten spielten.
    Hoho! rief Kreisler, indem er die ganz artig geordnete Gruppe der
Schwestern erblickte, hoho, Meister, ich wei wohl, woran Ihr mich erinnern
wollt! - Und noch jetzt behaupte ich keck, da Ihr unrecht tatet, mich
auszuschelten, mich einen strrigen, unverstndigen Burschen zu nennen, der
durch die dissonierende Stimme seiner Torheit einen ganzen singenden und
spielenden Konvent aus Ton und Takt bringen knne. Hatte ich nicht zu der Zeit,
als Ihr mich, zwanzig oder dreiig Meilen weit von meiner Vaterstadt, in das
Clarissenkloster fhrtet, um die erste wahrhaft katholische Kirchenmusik zu
hren; hatte ich, sag' ich, damals nicht den gerechtesten Anspruch auf die
brillanteste Lmmelhaftigkeit, da ich gerade mitten in den Lmmeljahren stand?
War es nicht desto schner, da demunerachtet der lngst verwundene Schmerz des
dreijhrigen Knaben erwachte mit neuer Kraft und einen Wahn gebar, der meine
Brust mit allem ttenden Entzcken der herzzerschneidendsten Wehmut erfllte? -
Mute ich nicht behaupten und alles Einredens unerachtet dabei bleiben, da
niemand anders das wunderliche Instrument, die Trompette marine geheien, spiele
als Tante Fchen, unerachtet sie lngst verstorben? - Warum hieltet Ihr mich
ab, einzudringen in den Chor, wo ich sie wiedergefunden htte in ihrem grnen
Kleide mit rosfarbnen Schleifen! -
    Nun starrte Kreisler hin nach der Wand und sprach mit bewegter, zitternder
Stimme: Wahrhaftig! - Tante Fchen ragt hervor unter den Nonnen! - Sie ist auf
eine Fubank getreten, um das schwierige Instrument besser handhaben zu knnen.
- Doch der Geheime Rat trat vor ihn hin, so da er ihm den Anblick des
Schattenbildes entzog, fate ihn bei beiden Schultern und begann: In der Tat,
Johannes, es wre gescheiter, du berlieest dich nicht deinen seltsamen
Trumereien und sprchest nicht von Instrumenten, die gar nicht existieren, denn
in meinem Leben habe ich nichts gehrt von einer Trompette marine! -
    O, rief Meister Abraham lachend, indem er, das Blatt unter den Tisch
werfend, den ganzen Nonnenkonvent samt der chimrischen Tante Fchen mit ihrer
Trompette marine schnell verschwinden lie, o mein wrdigster Geheimer Rat, der
Herr Kapellmeister ist auch jetzt, wie immer, ein vernnftiger, ruhiger Mann und
kein Phantast oder Haselant, wofr ihn gern viele ausgeben mchten. Ist es nicht
mglich, da die Lautenistin, nachdem sie Todes verblichen, sich mit Effekt auf
das wunderbare Instrument verlegte, welches Sie vielleicht noch jetzt hin und
wieder in Nonnenklstern wahrnehmen und darber in Erstaunen geraten knnen? -
Wie! - die Trompette marine soll nicht existieren? - Schlagen Sie doch nur
diesen Artikel geflligst in Kochs "musikalischem Lexikon" nach, das Sie ja
selbst besitzen.
    Der Geheime Rat tat es auf der Stelle und las laut:
    Dieses alte, ganz einfache Bogeninstrument bestehet aus drei dnnen, sieben
Schuh langen Brettern, die unten, wo das Instrument auf dem Fuboden aufstehet,
sechs bis sieben Zoll, oben aber kaum zwei Zoll breit und in der Form eines
Triangels zusammengeleimt sind, so da das Korpus, welches oben eine Art von
Wirbelkasten hat, von unten bis oben verjngt zuluft. Eins von diesen drei
Brettern macht den Sangboden aus, der mit einigen Schalllchern versehen und mit
einer einzigen, etwas starken Darmsaite bezogen ist. Bei dem Spielen stellt man
das Instrument schief vor sich hin und stemmt den obern Teil desselben gegen die
Brust. Mit dem Daumen der linken Hand berhrt der Spieler die Saite da, wo die
zu greifenden Tne liegen, ganz gelinde und ungefhr ebenso wie bei dem Flautino
oder Flageolet auf der Geige, whrend mit der rechten Hand die Saite mit dem
Bogen angestrichen wird. Der eigentmliche Ton dieses Instruments, der dem Tone
einer gedmpften Trompete gleicht, wird durch den besondern Steg hervorgebracht,
auf welchem die Saite unten auf dem Resonanzboden ruhet. Dieser Steg hat beinahe
die Gestalt eines kleinen Schuhes, der vorn ganz niedrig und dnne, hinten
hingegen hher und strker ist. Auf dem hintern Teile desselben liegt die Saite
auf und verursacht, wenn sie angestrichen wird, durch ihre Schwingungen, da
sich der vordere und leichte Teil des Steges auf dem Sangboden auf und nieder
bewegt, wodurch der schnarrende und der gedmpften Trompete hnliche Ton
hervorgebracht wird! -
    Baut mir ein solches Instrument, rief der Geheime Rat mit glnzenden
Augen, baut mir ein solches Instrument, Meister Abraham, ich werfe meine
Nagelgeige in den Winkel, Berhre nicht mehr den Euphon, sondern setze Hof und
Stadt in Erstaunen, auf der Trompette marine die wunderbarsten Lieder spielend!
-
    Ich tue das, erwiderte Meister Abraham, und mge, bester Geheimer Rat,
der Geist von Tante Fchen im grntaftnen Kleide ber Sie kommen und Sie eben
als Geist begeistern! -
    Der Geheime Rat umarmte entzckt den Meister, aber Kreisler trat zwischen
beide, indem er beinahe rgerlich sprach: Ei! seid Ihr nicht rgere Haselanten,
als ich jemals einer gewesen bin, und dabei unbarmherzig gegen den, den Ihr zu
lieben vorgebt! - Begngt Euch doch damit, da Ihr mit jener Beschreibung eines
Instruments, dessen Ton mein Innerstes durchbebte, mir Eiswasser ber die heie
Stirn gegossen, und schweigt von der Lautenistin! - Nun! Du wolltest ja,
Geheimer Rat, ich sollte von meiner Jugend sprechen, und schnitt der Meister
dazu Schattenbilder, die zu Momenten aus jener Zeit paten, so konntest du mit
der schnen, mit Kupferstichen verzierten Ausgabe meiner biographischen Skizzen
zufrieden sein. Als du aber den Artikel aus dem Koch lasest, fiel mir sein
lexikalischer Kollege Gerber ein, und ich erblickte mich, ein Leichnam,
ausgestreckt auf der Tafel liegend, bereit zur biographischen Sektion. - Der
Prosektor knnte sagen: Es ist gar nicht zu verwundern, da in dem Innern dieses
jungen Mannes durch tausend Adern und derchen lauter musikalisches Blut luft,
denn das war der Fall bei vielen seiner Blutsverwandten, deren Blutsverwandter
er eben deshalb ist. - Ich will nmlich sagen, da die mehrsten von meinen
Tanten und Onkels, deren es, wie der Meister wei und du eben erst erfahren
hast, eine nicht geringe Anzahl gab, Musik trieben und noch dazu meistenteils
Instrumente spielten, die schon damals sehr selten waren, jetzt aber zum Teil
verschwunden sind, so da ich nur noch im Traum die ganz wunderbar klingenden
Konzerte vernehme, die ich ungefhr bis zu meinem zehnten, eilften Jahr hrte. -
Mag es sein, da deshalb mein musikalisches Talent schon im ersten Aufkeimen die
Richtung genommen hat, die in meiner Art zu instrumentieren sich kundtun soll,
und die man als zu phantastisch verwirft. - Kannst du dich, Geheimer Rat, der
Trnen enthalten, wenn du recht schn auf dem uralten Instrument, auf der Viola
d'Amore, spielen hrst, so danke dem Schpfer fr deine robuste Konstitution;
ich fr mein Teil flennte betrchtlich, als der Ritter Eer sich darauf hren
lie, frher aber noch mehr, wenn ein groer ansehnlicher Mann, dem die
geistliche Kleidung ungemein gut stand, und der nun wieder mein Onkel war, mir
darauf vorspielte. So war auch eines andern Verwandten Spiel auf der Viola di
Gamba gar angenehm und verlockend, wiewohl derjenige Onkel, der mich erzog oder
vielmehr nicht erzog, und der das Spinett mit barbarischer Virtuositt zu
hantieren wute, ihm mit Recht Mangel an Takt vorwarf. Der Arme geriet auch bei
der ganzen Familie in nicht geringe Verachtung, als man erfahren, da er in
aller Frhlichkeit nach der Musik einer Sarabande eine Menuett  la Pompadour
getanzt. Ich knnte Euch berhaupt viel erzhlen von den musikalischen
Belustigungen meiner Familie, die oft einzig in ihrer Art sein mochten, aber es
wrde manches Groteske mit unterlaufen, worber Ihr lachen mtet, und meine
werten Verwandten Eurem Gelchter preiszugeben, das verbietet der Respectus
Parentelae.
    Johannes, begann der Geheime Rat, Johannes! Du wirst es mir in deiner
Gemtlichkeit nicht verargen, wenn ich eine Saite in deinem Innern anschlage,
deren Berhrung dich vielleicht schmerzt. - Immer sprichst du von Onkeln, von
Tanten, nicht gedenkst du deines Vaters, deiner Mutter! -
    O mein Freund, erwiderte Kreisler mit dem Ausdruck der tiefsten Bewegung,
o mein Freund, eben heute gedachte ich, - doch nein, nichts mehr von
Erinnerungen, von Trumen, nichts von dem Augenblick, der heute alles nur
gefhlte, nicht verstandene Weh meiner frhen Knabenzeit weckte, aber eine Ruhe
kam dann in mein Gemt, die der ahnungsvollen Stille des Waldes gleicht, wenn
der Gewittersturm vorber! - Ja, Meister, Ihr habt recht, ich stand unter dem
Apfelbaum und horchte auf die weissagende Stimme des hinsterbenden Donners! - Du
kannst dir deutlicher die dumpfe Betubung denken, in der ich wohl ein paar
Jahre fortleben mochte, als ich Tante Fchen verloren, wenn ich dir sage, da
der Tod meiner Mutter, der in diese Zeit fllt, keinen sonderlichen Eindruck auf
mich machte. Weshalb aber mein Vater mich ganz dem Bruder meiner Mutter berlie
oder berlassen mute, darf ich dir nicht sagen, da du hnliches in manchem
verbrauchten Familienroman oder in irgendeiner Ifflandschen Hauskreuzkomdie
nachlesen kannst. Es gengt, dir zu sagen, da, wenn ich meine Knaben-, ja einen
guten Teil meiner Jnglingsjahre im trostlosen Einerlei verlebte, dies wohl eben
dem Umstande zuzuschreiben, da ich elternlos war. Der schlechte Vater ist noch
immer viel besser als jeder gute Erzieher, mein' ich, und mir schauert die Haut,
wenn Eltern in lieblosem Unverstande ihre Kinder von sich lassen und verweisen
in diese, jene Erziehungsanstalt, wo die Armen ohne Rcksicht auf ihre
Individualitt, die ja niemanden anders als eben den Eltern recht klar aufgehen
kann, nach bestimmter Norm zugeschnitten und appretiert werden. - Was nun eben
die Erziehung betrifft, so darf sich kein Mensch auf Erden darber verwundern,
da ich ungezogen bin, denn der Oheim zog oder erzog mich ganz und gar nicht,
sondern berlie mich der Willkr der Lehrer, die ins Haus kamen, da ich keine
Schule besuchen und auch durch irgendeine Bekanntschaft mit einem Knaben meines
Alters die Einsamkeit des Hauses, das der unverheiratete Oheim mit einem alten
trbsinnigen Bedienten allein bewohnte, nicht stren durfte. - Ich besinne mich
nur auf drei verschiedene Flle, in denen der beinahe bis zum Stumpfsinn
gleichgltige, ruhige Oheim einen kurzen Akt der Erziehung vornahm, indem er mir
eine Ohrfeige zuteilte, so da ich wirklich whrend meiner Knabenzeit drei
Ohrfeigen empfangen. Ich knnte dir, mein Geheimer Rat, da ich eben zum
Schwatzen so aufgelegt, die Geschichte von den drei Ohrfeigen als ein
romantisches Kleeblatt auftischen, doch hebe ich nur die mittelste heraus, da
ich wei, da du auf nichts so erpicht bist als auf meine musikalischen Studien
und es dir nicht gleichgltig sein kann, zu erfahren, wie ich zum erstenmal
komponierte. - Der Oheim hatte eine ziemlich starke Bibliothek, in der ich nach
Gefallen stbern und lesen durfte, was ich wollte; mir fielen Rousseaus
Bekenntnisse in der deutschen bersetzung in die Hnde. Ich verschlang das Buch,
das eben nicht fr einen zwlfjhrigen Knaben geschrieben, und das den Samen
manches Unheils in mein Inneres htte streuen knnen. Aber nur ein einziger
Moment aus allen, zum Teil sehr verfnglichen Begebenheiten erfllte mein Gemt
so ganz und gar, da ich alles brige darber verga. Gleich elektrischen
Schlgen traf mich nmlich die Erzhlung, wie der Knabe Rousseau, von dem
mchtigen Geist seiner innern Musik getrieben, sonst aber ohne alle Kenntnis der
Harmonik, des Kontrapunkts, aller praktischen Hilfsmittel, sich entschliet,
eine Oper zu komponieren, wie er die Vorhnge des Zimmers herablt, wie er sich
aufs Bette wirft, um sich ganz der Inspiration seiner Einbildungskraft
hinzugeben, wie ihm nun sein Werk aufgeht, gleich einem herrlichen Traum! - Tag
und Nacht verlie mich nicht der Gedanke an diesen Moment, mit dem mir die
hchste Seligkeit ber den Knaben Rousseau gekommen zu sein schien! - Oft war es
mir, als sei ich auch schon dieser Seligkeit teilhaftig geworden, und dann, nur
von meinem festen Entschlu hinge es ab, mich auch in dies Paradies
hinaufzuschwingen, da der Geist der Musik in mir ebenso mchtig beschwingt.
Genug, ich kam - dahin, es meinem Vorbilde nachmachen zu wollen. Als nmlich an
einem strmischen Herbstabend der Oheim wider seine Gewohnheit das Haus
verlassen, lie ich sofort die Vorhnge herab und warf mich auf des Oheims
Bette, um, wie Rousseau, eine Oper im Geiste zu empfangen. So vortrefflich aber
die Anstalten waren, so sehr ich mich abmhte, den dichterischen Geist
hinanzulocken, doch blieb er in strrischem Eigensinn davon! - Durchaus summte
mir, statt aller herrlichen Gedanken, die mir aufgehen sollten, ein altes
erbrmliches Lied vor den Ohren, dessen weinerlicher Text begann: Ich liebte nur
Ismenen, Ismene liebt' nur mich, und lie, so sehr ich mich dagegen strubte,
nicht nach. Jetzt kommt der erhabene Priesterchor: Hoch von Olympos' Hhn', rief
ich mir zu, aber: Ich liebte nur Ismenen, summte die Melodie fort und
unaufhrlich fort, bis ich zuletzt fest einschlief. Mich weckten laute Stimmen,
indem ein unertrglicher Geruch mir in die Nase fuhr und den Atem versetzte! Das
ganze Zimmer war von dickem Rauch erfllt, und in dem Gewlk stand der Oheim und
trat die Reste der flammenden Gardine, die den Kleiderschrank verbarg, nieder
und rief: Wasser her - Wasser her! bis der alte Diener Wasser in reichlicher
Flle herbeibrachte, ber den Boden ausgo und so das Feuer lschte. Der Rauch
zog langsam durch die Fenster. Wo ist nur der Unglcksvogel? fragte der Oheim,
indem er im Zimmer umherleuchtete. Ich wute wohl, welchen Vogel er meinte, und
blieb muschenstill im Bette, bis der Oheim hinantrat und mir mit einem
zornigen: Will Er wohl gleich heraus! auf die Beine half. Steckt mir der
Bsewicht das Haus ber dem Kopfe an! fuhr der Onkel fort. - Ich versicherte auf
weiteres Befragen ganz ruhig, da ich auf dieselbe Weise wie der Knabe Rousseau
nach dem Inhalt seiner Bekenntnisse es getan, eine Opera seria im Bett
komponiert htte, und da ich durchaus gar nicht wisse, wie der Brand
entstanden. Rousseau? Komponiert? Opera seria? - Pinsel! So stotterte der Oheim
vor Zorn und teilte mir die krftige Ohrfeige zu, die ich als die zweite
empfing, so da ich, vor Schreck erstarrt, sprachlos stehen blieb, und in dem
Augenblick hrte ich wie einen Nachklang des Schlages ganz deutlich: Ich liebte
nur Ismenen etc. etc.. Sowohl gegen dieses Lied als gegen die Begeisterung des
Komponierens berhaupt empfand ich von diesem Augenblick an einen lebhaften
Widerwillen.
    Aber wie war nur das Feuer entstanden? fragte der Geheime Rat.
    Noch, erwiderte Kreisler, noch in diesem Augenblick ist es mir
unbegreiflich, durch welchen Zufall die Gardine in Brand geriet und einen
schnen Schlafrock des Oheims sowie drei oder vier schn frisierte Toupets, die
der Oheim als partielle Perckenstudien aus einer Gesamtfrisur aufzusetzen
pflegte, mit in ihr Verderben ri. Mir ist es auch immer so vorgekommen, als
habe ich nicht des unverschuldeten Feuers, sondern nur der unternommenen
Komposition halber die Ohrfeige erhalten. - Seltsam genug war es die Musik
allein, die zu treiben mich der Oheim mit Strenge anhielt, unerachtet der
Lehrer, getuscht von dem nur momentanen Widerwillen, den ich dagegen uerte,
mich fr ein durchaus unmusikalisches Prinzip hielt. Was ich brigens lernen
oder nicht lernen mochte, das war dem Oheim vllig gleich. uerte er manchmal
lebhaften Unwillen, da es so schwer hielt, mich zur Musik anzuhalten, so htte
man denken sollen, da er von Freude htte durchdrungen sein mssen, als nach
ein paar Jahren der musikalische Geist sich so mchtig in mir regte, da er
alles brige berflgelte; das war aber nun wieder ganz und gar nicht der Fall.
Der Oheim lchelte blo ein wenig, wenn er bemerkte, da ich bald mehrere
Instrumente mit einiger Virtuositt spielte, ja, da ich manches kleine Stck
aufsetzte zur Zufriedenheit der Meister und Kenner. Ja, er lchelte blo ein
wenig und sprach, wenn man ihn mit Lobeserhebungen anfuhr, mit schlauer Miene:
Ja, der kleine Neveu ist nrrisch genug. -
    So ist, nahm der Geheime Rat das Wort, so ist es mir aber ganz
unbegreiflich, da der Oheim deiner Neigung nicht Freiheit lie, sondern dich
hineinzwang in eine andere Laufhahn. Soviel ich nmlich wei, ist deine
Kapellmeisterschaft eben nicht von lange her.
    Und auch nicht weit her, rief Meister Abraham lachend und fuhr, indem er
das Bildnis eines kleinen, wunderlich gebauten Mannes an die Wand warf, weiter
fort: Aber nun mu ich mich des wackern Oheims, den mancher verruchte Neffe den
O-weh-Onkel nannte, weil er sich mit Vornamen Ottfried Wenzel schrieb, ja, nun
mu ich mich seiner annehmen und der Welt versichern, da, wenn der
Kapellmeister Johannes Kreisler es sich einfallen lie, Legationsrat zu sein und
sich abzuqulen mit seiner innersten Natur ganz widrigen Dingen, niemand weniger
daran schuld ist als eben der O-weh-Onkel. - O still, sprach Kreisler, o
still davon, Meister, und nehmt mir dort den Oheim von der Wand, denn macht' er
auch wirklich lcherlich genug aussehen, so mag ich doch eben heute ber den
Alten, der lange im Grabe ruht, nicht lachen! -
    Ihr bernehmt Euch heute ja ganz in geziemlicher Empfindsamkeit, erwiderte
der Meister; Kreisler achtete aber nicht darauf, sondern sprach, sich zum
kleinen Geheimen Rat wendend: Du wirst es bedauern, mich zum Schwatzen gebracht
zu haben, da ich dir, der vielleicht das Auerordentliche erwartete, nur
Gemeines, wie es sich tausendmal im Leben wiederholt, auftischen kann. - So ist
es auch gewi, da es nicht Erziehungszwang, nicht besonderer Eigensinn des
Schicksals, nein, da es der gewhnlichste Lauf der Dinge war, der mich
fortschob, so da ich unwillkrlich dort hinkam, wo ich eben nicht hin wollte. -
Hast du nicht bemerkt, da es in jeder Familie einen gibt, der sich, sei es
durch besonderes Genie oder durch das glckliche Zusammentreffen gnstiger
Ereignisse, zu einer gewissen Hhe hinaufschwang, und der nun, ein Heros, in der
Mitte des Kreises steht, zu dem die lieben Verwandten demtig hinaufblicken,
dessen gebietende Stimme vernommen wird in entscheidenden Sprchen, von denen
keine Appellation mglich? - So ging es mit dem jngern Bruder meines Oheims,
der dem musikalischen Familiennest entflohen war und in der Residenz als
Geheimer Legationsrat in der Nhe des Frsten eine ziemlich wichtige Person
vorstellte. Sein Emporsteigen hatte die Familie in eine staunende Bewunderung
gesetzt, die nicht nachlie. Man nannte den Legationsrat mit feierlichem Ernst,
und wenn es hie: Der Geheime Legationsrat hat geschrieben, der Geheime
Legationsrat hat das und das geuert, so horchte alles in stummer Ehrfurcht
auf. Dadurch schon seit meiner frhesten Kindheit daran gewhnt, den Oheim in
der Residenz als einen Mann anzusehen, der das hchste Ziel alles menschlichen
Strebens erreicht, mute ich es natrlich finden, da ich gar nichts anders tun
konnte, als in seine Futapfen treten. Das Bildnis des vornehmen Oheims hing in
dem Prunkzimmer, und keinen grern Wunsch hegte ich, als so frisiert, so
gekleidet umherzugehen wie der Oheim auf dem Bilde. Diesen Wunsch gewhrte mein
Erzieher, und ich mu wirklich als zehnjhriger Knabe anmutig genug ausgesehen
haben, im himmelhoch frisierten Toupet und kleinen zirkelrunden Haarbeutel, im
zeisiggrnen Rock mit schmaler silberner Stickerei, seidenen Strmpfen und
kleinem Degen. Dies kindische Streben ging tiefer ein, als ich lter worden, da,
um mir Lust zur trockensten Wissenschaft einzuflen, es gengte, mir zu sagen,
dies Studium sei mir ntig, damit ich, dem Oheim gleich, dereinst Legationsrat
werden knne. Da die Kunst, welche mein Inneres erfllte, mein eigentliches
Streben, die wahre einzige Tendenz meines Lebens sein drfe, fiel mir um so
weniger ein, als ich gewohnt war, von Musik, Malerei, Poesie nicht anders reden
zu hren als von ganz angenehmen Dingen, die zur Erheiterung und Belustigung
dienen knnten. Die Schnelle, mit der ich, ohne da sich jemals auch nur ein
einziges Hindernis offenbart htte, durch mein erlangtes Wissen und durch den
Vorschub des Oheims in der Residenz, in der Laufbahn, die ich gewissermaen
selbst gewhlt, vorwrts schritt, lie mir keinen Moment brig, mich umzuschauen
und die schiefe Richtung des Weges, den ich genommen, wahrzunehmen. Das Ziel war
erreicht, umzukehren nicht mehr mglich, als in einem nicht geahnten Moment die
Kunst sich rchte, der ich abtrnnig worden, als der Gedanke eines ganzen
verlornen Lebens mich mit trostlosem Weh erfate, als ich mich in Ketten
geschlagen sah, die mir unzerbrechlich dnkten! -
    Glckselig, rief der Geheime Rat, glckselig, heilbringend also die
Katastrophe, die dich aus den Fesseln befreite!
    Sage das nicht, erwiderte Kreisler, zu spt trat die Befreiung ein. Mir
geht es wie jenem Gefangenen, der, als er endlich befreit wurde, dem Getmmel
der Welt, ja dem Licht des Tages so entwhnt war, da er nicht vermgend, der
goldnen Freiheit zu genieen, und sich wieder zurcksehnte in den Kerker.
    Das ist, nahm Meister Abraham das Wort, das ist nun eine von Euern
konfusen Ideen, Johannes, mit denen Ihr Euch und andere plagt! - Geht! geht! -
Immer hat es das Schicksal mit Euch gut gemeint, aber da Ihr nun einmal nicht
im gewhnlichen Trott bleiben knnt, da Ihr rechts, links herausspringt aus dem
Wege, daran ist niemand schuld als Ihr selbst. Recht habt Ihr indessen wohl,
da, was Eure Knabenjahre betrifft, Euer Stern besonders waltete, und - -

                               Zweiter Abschnitt


                        Lebenserfahrungen des Jnglings
                            Auch ich war in Arkadien

(M. f. f.) Nrrisch genug und zugleich ungemein merkwrdig wr' es doch,
sprach eines Tages mein Meister zu sich selbst, wenn der kleine graue Mann dort
unter dem Ofen wirklich die Eigenschaften besitzen sollte, die der Professor ihm
andichten will! - Hm! ich dchte, er knnte mich dann reich machen, mehr als
mein unsichtbares Mdchen es getan. Ich sperrt' ihn ein in einen Kficht, er
mte seine Knste machen vor der Welt, die reichlichen Tribut dafr gern zahlen
wrde. Ein wissenschaftlich gebildeter Kater will doch immer mehr sagen als ein
frhreifer Junge, dem man die Exerzitia eingetrichtert. - berdem erspart' ich
mir einen Schreiber! - Ich mu dem Dinge nher auf die Spur kommen!
    Ich gedachte, als ich des Meisters verfngliche Worte vernahm, der Warnung
meiner unvergelichen Mutter Mina, und wohl mich htend, auch nur durch das
geringste Zeichen zu verraten, da ich den Meister verstanden, nahm ich mir fest
vor, auf das sorgfltigste meine Bildung zu verbergen. Ich las und schrieb daher
nur das Nachts und erkannte auch dabei mit Dank die Gte der Vorsehung, die
meinem verachteten Geschlecht manchen Vorzug vor den zweibeinichten Geschpfen,
die sich, Gott wei warum, die Herren der Schpfung nennen, gegeben hat.
Versichern kann ich nmlich, da ich bei meinen Studien weder des Lichtziehers
noch des lfabrikanten bedurfte, da der Phosphor meiner Augen hell leuchtet in
der finstersten Nacht. Gewi ist es daher auch, da meine Werke erhaben sind
ber den Vorwurf, der irgendeinem Schriftsteller aus der alten Welt gemacht
wurde, da nmlich die Erzeugnisse seines Geistes nach der Lampe rchen.
    Doch innig berzeugt von der hohen Vortrefflichkeit, mit der mich die Natur
begabt hat, mu ich doch gestehen, da alles hienieden gewisse
Unvollkommenheiten in sich trgt, die wieder ein gewisses abhngiges Verhltnis
verraten. Von den leiblichen Dingen, die die rzte nicht natrlich nennen,
unerachtet sie mir eben recht natrlich dnken, will ich gar nicht reden,
sondern nur rcksichts unsers psychischen Organismus bemerken, da sich auch
darin jene Abhngigkeit recht deutlich offenbaret. Ist es nicht ewig wahr, da
unsern Flug oft Bleigewichte hemmen, von denen wir nicht wissen, was sie sind,
woher sie kommen, wer sie uns angehngt?
    Doch besser und richtiger ist es wohl, wenn ich behaupte, da alles bel vom
bsen Beispiel herrhrt, und da die Schwche unserer Natur lediglich darin
liegt, da wir dem bsen Beispiel zu folgen gezwungen sind. berzeugt bin ich
auch, da das menschliche Geschlecht recht eigentlich dazu bestimmt ist, dies
bse Beispiel zu geben.
    Bist du, geliebter Katerjngling, der du dieses liesest, nicht einmal in
deinem Leben in einen Zustand geraten, der dir selbst unerklrlich, dir berall
die bittersten Vorwrfe und vielleicht auch - einige tchtige Bisse deiner
Kumpane zuzog? Du warst trge, znkisch, ungebrdig, gefrig, fandest an nichts
Gefallen, warst immer da, wo du nicht sein solltest, fielst allen zur Last,
kurz, warst ein ganz unausstehlicher Bursche! - Trste dich, o Kater! Nicht aus
deinem eigentlichen, tiefern Innern formte sich diese heillose Periode deines
Lebens, nein, es war der Zoll, den du dem ber uns waltenden Prinzip dadurch
darbrachtest, da auch du dem bsen Beispiel der Menschen, die diesen
vorbergehenden Zustand eingefhrt haben, folgtest. Trste dich, o Kater! denn
auch mir ist es nicht besser ergangen!
    Mitten in meinen Lukubrationen berfiel mich eine Unlust - eine Unlust
gleichsam der bersttigung von unverdaulichen Dingen, so da ich ohne weiteres
auf demselben Buch, worin ich gelesen, auf demselben Manuskript, woran ich
geschrieben, mich zusammenkrmmte und einschlief. Immer mehr und mehr nahm diese
Trgheit zu, so da ich zuletzt nicht mehr schreiben, nicht mehr lesen, nicht
mehr springen, nicht mehr laufen, nicht mehr mit meinen Freunden im Keller, auf
dem Dache mich unterhalten mochte. Statt dessen fhlte ich einen
unwiderstehlichen Trieb, alles das zu tun, was dem Meister, was den Freunden nie
angenehm sein, womit ich ihnen beschwerlich fallen mute. Was den Meister
anlangt, so begngte er lange Zeit hindurch sich damit, mich fortzujagen, wenn
ich zu meiner Lagersttte immer Pltze erkor, wo er mich durchaus nicht leiden
konnte, bis er endlich gentigt wurde, mich etwas zu prgeln. Immer wieder auf
des Meisters Schreibtisch gesprungen, hatt' ich nmlich so lange hin und her
geschwnzelt, bis die Spitze meines Schweifs in das groe Tintenfa geraten, mit
der ich nun auf Boden und Kanapee die schnsten Malereien ausfhrte. Das brachte
den Meister, der keinen Sinn fr dieses Genre der Kunst zu haben schien, in
Harnisch. Ich flchtete auf den Hof, aber beinah' noch schlimmer ging es mir
dort. Ein groer Kater von Ehrfurcht gebietendem Ansehen hatte lngst sein
Mifallen ber mein Betragen geuert; jetzt, da ich, freilich tlpischerweise,
einen guten Bissen, den er zu verzehren eben im Begriff, vor dem Maule
wegschnappen wollte, gab er mir ohne Umstnde eine solche Menge Ohrfeigen von
beiden Seiten, da ich ganz betubt wurde und mir beide Ohren bluteten. - Irre
ich nicht, so war der wrdige Herr mein Oheim, denn Minas Zge strahlten aus
seinem Antlitz, und die Familienhnlichkeit des Barts unleugbar. - Kurz, ich
gestehe, da ich mich in dieser Zeit in Unarten erschpfte, so da der Meister
sprach: Ich wei gar nicht, was dir ist, Murr, ich glaube am Ende, du bist
jetzt in die Lmmeljahre getreten! Der Meister hatte recht, es war meine
verhngnisvolle Lmmelzeit, die ich berstehen mute, nach dem bsen Beispiel
der Menschen, die, wie gesagt, diesen heillosen Zustand, als durch ihre tiefste
Natur bedingt, eingefhrt haben. Lmmeljahre nennen sie diese Periode,
unerachtet mancher zeit seines Lebens nicht herauskommt, unsereins kann nur von
Lmmelwochen reden, und ich meinerseits kam nun auf einmal heraus mittelst eines
starken Rucks, der mir ein Bein oder ein paar Rippen htte kosten knnen.
Eigentlich sprang ich heraus aus den Lmmelwochen auf vehemente Weise.
    Ich mu sagen, wie das sich begab:
    Auf dem Hofe der Wohnung meines Meisters stand eine inwendig reich
ausgepolsterte Maschine auf vier Rdern, wie ich nachher einsehen lernte, ein
englischer Halbwagen. Nichts war in meiner damaligen Stimmung natrlicher, als
da mir die Lust ankam, mit Mhe hinaufzuklettern und hineinzukriechen in diese
Maschine. Ich fand die darin befindlichen Kissen so angenehm, so anlockend, da
ich nun die mehrste Zeit in den Plostern des Wagens verschlief, vertrumte.
    Ein heftiger Sto, dem ein Knattern, Klirren, Brausen, wirres Lrmen folgte,
weckte mich, als eben se Bilder von Hasenbraten und dergleichen vor meiner
Seele vorbergingen. Wer schildert meinen jhen Schreck, als ich wahrnahm, da
die ganze Maschine sich mit ohrbetubendem Getse fortbewegte, mich hin und her
schleudernd auf meinen Polstern. Die immer steigende und steigende Angst wurde
Verzweiflung, ich wagte den entsetzlichen Sprung heraus aus der Maschine, ich
hrte das wiehernde Hohngelchter hllischer Dmonen, ich hrte ihre
barbarischen Stimmen: Katz - Katz, huz huz! hinter mir her kreischen, sinnlos
rannte ich in voller Furie von dannen, Steine flogen mir nach, bis ich endlich
hineingeriet in ein finstres Gewlbe und ohnmchtig niedersank.
    Endlich war es mir, als hre ich hin und her gehen ber meinem Haupte, und
schlo aus dem Schall der Tritte, da ich wohl schon hnliches erfahren, da ich
mich unter einer Treppe befinden msse. Es war dem so! -
    Als ich nun aber herausschlich, Himmel! da dehnten sich berall unabsehbare
Straen vor mir aus, und eine Menge Menschen, von denen ich nicht einen einzigen
kannte, wogte vorber. Kam noch hinzu, da Wagen rasselten, Hunde laut bellten,
ja, da zuletzt eine ganze Schar, deren Waffen in der Sonne blitzten, die Strae
einengte; da dicht bei mir einer urpltzlich so ganz erschrecklich auf eine
groe Trommel schlug, da ich unwillkrlich drei Ellen hoch aufsprang, ja, so
konnte es nicht fehlen, da eine seltsame Angst meine Brust erfllte! - Ich
merkte nun wohl, da ich mich in der Welt befand - in der Welt, die ich aus der
Ferne von meinem Dache erblickt, oft nicht ohne Sehnsucht, ohne Neugierde, ja,
mitten in dieser Welt stand ich nun, ein unerfahrner Fremdling. Behutsam
spazierte ich dicht an den Husern die Strae entlang und begegnete endlich ein
paar Jnglingen meines Geschlechts. Ich blieb stehen, ich versuchte ein Gesprch
mit ihnen anzuknpfen, aber sie begngten sich, mich mit funkelnden Augen
anzuglotzen, und sprangen dann weiter. Leichtsinnige Jugend, dacht' ich, du
weit nicht, wer es war, der dir in den Weg trat! - so gehen groe Geister durch
die Welt, unerkannt, unbeachtet. - Das ist das Los sterblicher Weisheit! - Ich
rechnete auf grere Teilnahme bei den Menschen, sprang auf einen hervorragenden
Kellerhals und stie manches frhliche, wie ich glaubte, anlockende Miau aus,
aber kalt, ohne Teilnahme, kaum sich nach mir umblickend, gingen alle vorber.
Endlich gewahrte ich einen hbschen blondgelockten Knaben, der mich freundlich
ansah und endlich, mit den Fingern schnalzend, rief: Mies - Mies! -
    Schne Seele, du verstehst mich, dacht' ich, sprang herab und nahte mich
ihm, freundlich schnurrend. Er fing mich an zu streicheln, aber indem ich
glaubte, mich dem freundlichen Gemt ganz hingeben zu knnen, kniff er mich
dermaen in den Schwanz, da ich vor rasendem Schmerz aufschrie. Das eben schien
dem tckischen Bsewicht rechte Freude zu machen, denn er lachte laut, hielt
mich fest und versuchte das hllische Manver zu wiederholen. Da fate mich der
tiefste Ingrimm, von dem Gedanken der Rache durchflammt, grub ich meine Krallen
tief in seine Hnde, in sein Gesicht, so da er aufkreischend mich fahren lie.
Aber in dem Augenblick hrte ich auch rufen: - Tyras - Kartusch - hez, hez! -
Und laut blaffend setzten zwei Hunde hinter mir her. - Ich rannte, bis mir der
Atem verging, sie waren mir auf den Fersen - keine Rettung. - Blind vor Angst
fuhr ich hinein in das Fenster eines Erdgeschosses, da die Scheiben
zusammenklirrten und ein paar Blumentpfe, die auf der Fensterbank gestanden,
krachend hineinfielen in das Stbchen. Erschrocken fuhr eine Frau, die an einem
Tisch sitzend arbeitete, in die Hhe, rief dann: Seht die abscheuliche Bestie,
ergriff einen Stock und ging auf mich los. Aber meine zornglhenden Augen, meine
ausgestreckten Krallen, das Geheul der Verzweiflung, das ich ausstie, hielten
sie zurck, so da, wie es in jenem Trauerspiel heit, der zum Schlagen
aufgehobene Stock in der Luft gehemmt schien und sie dastand, ein gemalter
Wtrich, parteilos zwischen Kraft und Willen! - In dem Augenblick ging die Tre
auf, schnellen Entschlu fassend, schlpfte ich dem eintretenden Mann zwischen
den Beinen durch und war so glcklich, mich aus dem Hause herauszufinden auf die
Strae.
    Ganz erschpft, ganz entkrftet, gelangte ich endlich zu einem einsamen
Pltzchen, wo ich mich ein wenig niederlassen konnte. Da fing aber der wtendste
Hunger an, mich zu peinigen, und ich gedachte nun erst mit tiefem Schmerz des
guten Meisters Abraham, von dem mich ein hartes Schicksal getrennt. - Aber wie
ihn wiederfinden! - Ich blickte wehmtig umher, und als ich keine Mglichkeit
sah, den Weg zur Rckkehr zu erforschen, traten mir die blanken Trnen in die
Augen.
    Doch neue Hoffnung ging mir auf, als ich an der Ecke der Strae ein junges
freundliches Mdchen wahrnahm, die vor einem kleinen Tische sa, auf dem die
appetitlichsten Brte und Wrste lagen. Ich nherte mich langsam, sie lchelte
mich an, und um mich ihr gleich als einen Jngling von guter Erziehung, von
galanten Sitten darzustellen, machte ich einen hheren, schneren Katzenbuckel
als jemals. Ihr Lcheln wurde lautes Lachen. Endlich eine schne Seele, ein
teilnehmendes Herz gefunden! - O Himmel, wie tut das wohl der wunden Brust! So
dachte ich und langte mir eine von den Wrsten herab, aber in demselben Nu
schrie auch das Mdchen laut auf, und htte mich der Schlag, den sie mit einem
derben Stck Holz nach mir fhrte, getroffen, in der Tat, weder die Wurst, die
ich mir im Vertrauen auf die Loyalitt, auf die menschenfreundliche Tugend des
Mdchens herabgelangt, noch irgendeine andere htte ich jemals mehr genossen.
Meine letzte Kraft setzte ich daran, der Unholdin, die mich verfolgte, zu
entrinnen. Das gelang mir, und ich erreichte endlich einen Platz, wo ich die
Wurst in Ruhe verzehren konnte.
    Nach dem frugalen Mahle kam viel Heiterkeit in mein Gemt, und da eben die
Sonne mir warm auf den Pelz schien, so fhlte ich lebhaft, da es doch schn sei
auf dieser Erde. Als aber dann die kalte feuchte Nacht einbrach, als ich kein
weiches Lager fand wie bei meinem guten Meister, als ich, vor Frost starrend,
vom Hunger aufs neue gepeinigt, am andern Morgen erwachte, da berfiel mich eine
Trostlosigkeit, die an Verzweiflung grenzte. Das ist (so brach ich aus in
laute Klagen), das ist also die Welt, in die du dich hineinsehntest von dem
heimatlichen Dache? - Die Welt, wo du Tugend zu finden hofftest und Weisheit und
die Sittlichkeit der hhern Ausbildung! - O diese herzlosen Barbaren! - Worin
besteht ihre Kraft als im Prgeln? Worin ihr Verstand als in hohnlachender
Verspottung? Worin ihr ganzes Treiben als in scheelschtiger Verfolgung
tieffhlender Gemter? - O, fort - fort aus dieser Welt voll Gleinerei und
Trug! - Nimm mich auf in deine khlen Schatten, ser heimatlicher Keller! - O
Boden! - Ofen - o Einsamkeit, die mich erfreut, nach dir mein Herz sich sehnt
mit Schmerz!
    Der Gedanke meines Elends, meines hoffnungslosen Zustandes bermannte mich.
Ich kniff die Augen zu und weinte sehr.
    Bekannte Tne schlugen an mein Ohr. Murr - Murr! - geliebter Freund, wo
kommst du her? Was ist mit dir geschehen?
    Ich schlug die Augen auf, der junge Ponto stand vor mir!
    So sehr mich Ponto auch gekrnkt hatte, doch war mir seine unverhoffte
Erscheinung trstlich. Ich verga die Unbill, die er mir angetan, erzhlte ihm,
wie sich alles mit mir begeben, stellte ihm unter vielen Trnen meine traurige,
hilflose Lage vor, schlo damit, ihm zu klagen, da mich ein ttender Hunger
qule.
    Statt mir, wie ich geglaubt, seine Teilnahme zu bezeugen, brach der junge
Ponto in ein schallendes Gelchter aus. Bist du, sprach er dann, bist du
nicht ein ausgemachter trichter Geck, lieber Murr? - Erst setzt sich der Hase
in eine Halbchaise hinein, wo er nicht hingehrt, schlft ein, erschrickt, als
er weggefahren wird, springt hinaus in die Welt, wundert sich gar mchtig, da
ihn, der kaum vor die Tre seines Hauses geguckt, niemand kennt, da er mit
seinen dummen Streichen berall schlecht ankommt, und ist dann so einfltig,
nicht einmal den Rckweg finden zu knnen zu seinem Herrn. - Sieh, Freund Murr,
immer hast du geprahlt mit deiner Wissenschaft, mit deiner Bildung, immer hast
du vornehm getan gegen mich, und nun sitzest du da, verlassen, trostlos, und all
die groen Eigenschaften deines Geistes reichen nicht hin, dich zu belehren, wie
du es anfangen mut, deinen Hunger zu stillen und nach Hause zurckzufinden zu
deinem Meister! - Und wenn sich nun der, den du tief unter dir glaubtest, nicht
deiner annimmt, so stirbst du zuletzt eines elendiglichen Todes, und keine
sterbliche Seele frgt was nach deinem Wissen, nach deinem Talent, und keiner
von den Dichtern, denen du dich befreundet glaubtest, setzt ein freundliches:
Hic jacet! an die Stelle, wo du aus lauter Kurzsichtigkeit verschmachtetest!
Siehst du, da ich wohl auch durch die Schulen gelaufen bin und lateinische
Brocken einmischen kann, trotz einem? - Aber du hungerst, armer Kater, und
diesem Bedrfnis mu zuerst abgeholfen werden, komm nur mit mir.
    Der junge Ponto hpfte frhlich vorauf, ich folgte niedergeschlagen, ganz
zerknirscht ber seine Reden, die mir in meiner hungrigen Stimmung viel Wahres
zu enthalten schienen. Doch wie erschrak ich, als -
    (Mak. Bl.) - fr den Herausgeber dieser Bltter das angenehmste Ereignis von
der Welt, da er das ganze merkwrdige Gesprch Kreislers mit dem kleinen
Geheimen Rat brhwarm wieder erfuhr. Dadurch wurde er in den Stand gesetzt, dir,
geliebter Leser, wenigstens ein paar Bilder aus der frhern Jugendzeit des
seltnen Mannes, dessen Biographie er aufzuschreiben gewissermaen gentigt, vor
die Augen zu bringen, und er vermeint, da, was Zeichnung und Kolorit betrifft,
diese Bilder wohl fr charakteristisch und bedeutsam genug gelten knnen.
Wenigstens mag man nach dem, was Kreisler von Tante Fchen und ihrer Laute
erzhlt, nicht daran zweifeln, da die Musik mit all ihrer wunderbaren Wehmut,
mit all ihrem Himmelsentzcken recht in die Brust des Knaben mit tausend Adern
verwuchs, und nicht zum Verwundern mag's darum auch sein, da eben dieser Brust,
wird sie nur leise verwundet, gleich heies Herzblut entquillt. Auf zwei Momente
aus dem Leben des geliebten Kapellmeisters war bemeldeter Herausgeber besonders
begierig, ja, wie man zu sagen pflegt, ganz versessen. Nmlich, auf welche Weise
Meister Abraham in die Familie geriet und einwirkte auf den kleinen Johannes,
und welche Katastrophe den ehrlichen Kreisler aus der Residenz warf und
umstempelte zum Kapellmeister, welches er htte von Haus aus sein sollen,
wiewohl man der ewigen Macht trauen darf, die jeden zu rechter Zeit an die
rechte Stelle setzt. Manches ist darber ausgemittelt worden, welches du, o
Leser, sogleich erfahren sollst.
    Frs erste ist gar nicht daran zu zweifeln, da zu Gninesmhl, wo Johannes
Kreisler geboren und erzogen wurde, es einen Mann gab, der in seinem ganzen
Wesen, in allem, was er unternahm, seltsam und eigentmlich erschien. berhaupt
ist das Stdtlein Gninesmhl seit jeher das wahre Paradies aller Sonderlinge
gewesen, und Kreisler wuchs auf, umgeben von den seltsamsten Figuren, die einen
desto strkern Eindruck auf ihn machen muten, als er wenigstens whrend der
Knabenzeit mit seinesgleichen keinen Umgang pflegte. Jener Mann trug aber mit
einem bekannten Humoristen gleichen Namen, denn er hie Abraham Liscov und war
ein Orgelbauer, welches Metier er bisweilen tief verachtete, zu anderer Zeit
aber hoch in den Himmel erhob, so da man nicht recht wute, was er eigentlich
wollte.
    So wie Kreisler erzhlt, wurde in der Familie von dem Herrn Liscov immer mit
hoher Bewunderung gesprochen. Man nannte ihn den geschicktesten Knstler, den es
geben knne, und bedauerte nur, da seine tollen Grillen, seine ausgelassenen
Einflle ihn von jedermann entfernt hielten. Als einen besondern Glcksfall
rhmte dieser, jener, da Herr Liscov wirklich dagewesen und seinen Flgel neu
befiedert und gestimmt habe. Eben von Liscovs phantastischen Streichen wurde
dann auch manches erzhlt, welches auf den kleinen Johannes ganz besonders
wirkte, so da er sich von dem Mann, ohne ihn zu kennen, ein ganz bestimmtes
Bild entwarf, sich nach ihm sehnte und, als der Oheim versicherte, Herr Liscov
wrde vielleicht kommen und den schadhaften Flgel reparieren, jeden Morgen
fragte, ob Herr Liscov denn nicht endlich erscheinen werde. Dieses Interesse des
Knaben fr den unbekannten Herrn Liscov steigerte sich aber bis zur hchsten
unstaunenden Ehrfurcht, als er in der Hauptkirche, die der Oheim in der Regel
nicht zu besuchen pflegte, zum erstenmal die mchtigen Tne der groen schnen
Orgel vernahm, und als der Oheim ihm sagte, niemand anders als eben Herr Abraham
Liscov habe dies herrliche Werk verfertigt. Von diesem Augenblick an verschwand
auch das Bild, das Johannes sich von Herrn Liscov entworfen, und ein ganz
anderes trat an seine Stelle. Herr Liscov mute nach des Knaben Meinung ein
groer schner Mann sein, von stattlichem Ansehen, hell und stark sprechen und
vor allen Dingen einen pflaumfarbnen Rock tragen mit breiten goldnen Tressen wie
der Pate Kommerzienrat, der so gekleidet ging, und vor dessen reicher Tracht der
kleine Johannes den tiefsten Respekt hegte.
    Als eines Tages der Oheim mit Johannes am offnen Fenster stand, kam ein
kleiner hagerer Mann die Strae herab geschossen, in einem Roquelaur von
hellgrnem Berkan, dessen offne rmelklappen seltsam im Winde auf und nieder
flatterten. Dazu hatte er ein kleines dreieckiges Htchen martialisch auf die
weigepuderte Frisur gedrckt, und ein zu langer Haarzopf schlngelte sich herab
ber den Rcken. Er trat hart auf, da das Straenpflaster drhnte, und stie
auch bei jedem zweiten Schritt mit dem langen spanischen Rohr, das er in der
Hand trug, heftig auf den Boden. Als der Mann vor dem Fenster vorbeikam, warf er
aus seinen funkelnden pechschwarzen Augen dem Oheim einen stechenden Blick zu,
ohne seinen Gru zu erwidern. Dem kleinen Johannes bebte es eiskalt durch alle
Glieder, und zugleich war es ihm zumute, als msse er ber den Mann entsetzlich
lachen und knne nur nicht dazu kommen, weil ihm die Brust so beengt. Das war
der Herr Liscov, sprach der Oheim. Das wute ich ja, erwiderte Johannes, und
er mochte recht haben. Weder ein groer stattlicher Mann war Herr Liscov, noch
trug er einen pflaumfarbnen Rock mit goldnen Tressen, wie der Pate
Kommerzienrat, seltsam, ja wunderbar genug begab es sich aber, da Herr Liscov
ganz genau so aussah, wie der Knabe sich ihn frher gedacht hatte, ehe er das
Orgelwerk vernommen. Noch hatte sich Johannes nicht von seinem Gefhl erholt,
das dem eines jhen Schrecks zu vergleichen, als Herr Liscov pltzlich
stillstand, sich umdrehte, die Strae entlang hinanpolterte, bis vor das
Fenster, dem Oheim eine tiefe Verbeugung machte, davonrannte unter lautem
Gelchter.
    Ist das, sprach der Oheim, ist das wohl ein Betragen fr einen gesetzten
Mann, der in den Studiis nicht unerfahren, der als privilegierter Orgelbauer zu
den Knstlern zu rechnen, und dem die Gesetze des Landes verstatten, einen Degen
zu tragen? Sollte man nicht vermeinen, er habe schon am lieben frhen Morgen zu
tief ins Glas geguckt oder sei dem Tollhause entsprungen? Aber ich wei es, nun
wird er herkommen und den Flgel in Ordnung bringen.
    Der Oheim hatte recht. Schon andern Tages war Herr Liscov da, aber statt die
Reparatur des Flgels vorzunehmen, verlangte er, der kleine Johannes sollte ihm
vorspielen. Dieser wurde auf den mit Bchern bepackten Stuhl gesetzt, Herr
Liscov ihm gegenber am schmalen Ende des Flgels sttzte beide Arme auf das
Instrument und sah dem Kleinen starr ins Antlitz, welches ihn dermaen auer
Fassung brachte, da die Menuetts, die Arien, die er aus dem alten Notenbuche
abspielte, holpricht genug gingen. Herr Liscov blieb ernst, aber pltzlich
rutschte der Knabe herab und versank unter des Flgels Gestell, worber der
Orgelbauer, der ihm mit einem Ruck die Fubank unter den Fen weggezogen, eine
unmige Lache aufschlug. Beschmt rappelte sich der Knabe hervor, doch in dem
Augenblick sa Herr Liscov auch schon vor dem Flgel, hatte einen Hammer
hervorgezogen und hmmerte auf das arme Instrument so unbarmherzig los, als
wolle er alles in tausend Stcken schlagen. Herr Liscov, sind Sie von Sinnen!
schrie der Onkel, aber der kleine Johannes, ganz entrstet, ganz auer sich ber
des Orgelbauers Beginnen, stemmte sich mit aller Gewalt gegen den Deckel des
Instruments, so, da er mit lautem Krachen zuschlug, und Herr Liscov schnell den
Kopf zurckziehen mute, um nicht getroffen zu werden. Dann rief er: Ei, lieber
Onkel, das ist nicht der geschickte Knstler, der die schne Orgel gebaut hat,
er kann es nicht sein, denn dieser hier ist ja ein alberner Mensch, der sich
betrgt wie ein ungezogner Bube! -
    Der Oheim verwunderte sich ber die Dreistigkeit des Knaben; aber Herr
Liscov sah ihn lange starr an, sprach: Er ist wohl ein kurioser Monsieur!
ffnete leise und behutsam den Flgel, zog Instrumente hervor, begann seine
Arbeit, die er in ein paar Stunden beendete, ohne ein einziges Wort zu sprechen.
    Seit diesem Augenblick zeigte sich des Orgelbauers entschiedene Vorliebe fr
den Knaben. Beinahe tglich kam er ins Haus und wute den Knaben bald fr sich
zu gewinnen, indem er ihm eine ganz neue bunte Welt erschlo, in der sich sein
reger Geist mutiger und freier bewegen konnte. Eben nicht lblich war es, da
Liscov, vorzglich als Johannes schon in Jahren mehr vorgerckt, den Knaben
anregte zu den seltsamsten Foppereien, die oft gegen den Oheim selbst gerichtet
waren, der freilich, beschrnkten Verstandes und voll der lcherlichsten
Eigenheiten, dazu reichen Anla bot. Gewi ist es aber, da, wenn Kreisler ber
die trostlose Verlassenheit in seinen Knabenjahren klagt, wenn er das zerrissene
Wesen, das ihn oft in seiner innersten Natur verstrt, jener Zeit zuschreibt,
wohl das Verhltnis mit dem Oheim in Anschlag zu bringen ist. Er konnte den
Mann, der Vaterstelle zu vertreten berufen, und der ihm mit seinem ganzen Tun
und Wesen lcherlich erscheinen mute, nicht achten.
    Liscov wollte den Johannes ganz an sich reien, und es wre ihm gelungen,
htte sich nicht des Knaben edlere Natur dagegen gestrubt. Ein durchdringender
Verstand, ein tiefes Gemt, eine ungewhnliche Erregbarkeit des Geistes, alles
das waren anerkannte Vorzge des Orgelbauers. Was man aber Humor zu nennen
beliebte, war nicht jene seltne wunderbare Stimmung des Gemts, die aus der
tieferen Anschauung des Lebens in all seinen Bedingnissen, aus dem Kampf der
feindlichsten Prinzipe sich erzeugt, sondern nur das entschiedene Gefhl des
Ungehrigen, gepaart mit dem Talent, es ins Leben zu schaffen, und der
Notwendigkeit der eignen bizarren Erscheinung. Dies war die Grundlage des
verhhnenden Spottes, den Liscov berall ausstrmen lie, der Schadenfreude, mit
der er alles als ungehrig Erkannte rastlos verfolgte bis in die geheimsten
Winkel. Eben diese schadenfrohe Verspottung verwundete des Knaben zartes Gemt
und stand dem innigsten Verhltnis, wie es der in wahrhafter innerer Gesinnung
vterliche Freund herbeigefhrt haben wrde, entgegen. Zu leugnen ist aber auch
nicht, da der wunderliche Orgelbauer recht dazu geeignet war, den Keim des
tiefem Humors, der in des Knaben Innern lag, zu hegen und zu pflegen, der denn
auch sattsam gedeihte und emporwuchs. -
    Herr Liscov pflegte viel von Johannes' Vater zu erzhlen, dessen
vertrautester Freund er in seinen Jnglingsjahren gewesen, zum Nachteil des
erziehenden Oheims, der merklich in den Schatten trat, wenn der Bruder in hellem
Sonnenlicht erschien. So rhmte auch eines Tages der Orgelbauer den tiefen
musikalischen Sinn des Vaters und verspottete die verkehrte Art, wie der Oheim
dem Knaben die ersten Elemente der Musik beigebracht. Johannes, dessen ganze
Seele durchdrungen war von dem Gedanken an den, der ihm der Nchste gewesen, und
den er nie gekannt, wollte immer noch mehr hren. Da verstummte aber Liscov
pltzlich und sah wie einer, dem irgendein das Leben erfassender Gedanke vor die
Seele tritt, starr zum Boden nieder.
    Was ist Euch, Meister, fragte Johannes, was bewegt Euch so? -
    Liscov fuhr auf wie aus einem Traum und sprach lchelnd: Weit du noch,
Johannes, wie ich dir die Fubank wegzog unter den Beinen und du hinabschobst
unter den Flgel, da du mir des Oheims abscheuliche Murkis und Menuetten
vorspielen mutest?
    Ach, erwiderte Johannes, wie ich Euch zum ersten Male sah, daran mag ich
gar nicht denken. Es machte Euch gerade Spa, ein Kind zu betrben.
    Und das Kind, nahm Liscov das Wort, war dafr tchtig grob. - Doch
nimmermehr htt' ich damals geglaubt, da in Euch ein solch tchtiger Musiker
verborgen, und darum, Shnlein, tu mir den Gefallen und spiele mir einen
ordentlichen Choral vor auf dem papiernen Positiv. Ich will den Balg treten.
    - Es ist hier nachzuholen, da Liscov groen Geschmack fand an allerlei
wunderlichen Spielereien und den Johannes damit sehr ergtzte. Schon als
Johannes noch ein Kind, pflegte Liscov bei jedem Besuch ihm irgend etwas
Seltsames mitzubringen.
    Empfing das Kind bald einen Apfel, der in hundert Stcke zerfiel, wenn er
abgeschlt wurde, oder irgendein seltsam geformtes Backwerk, so wurde der
erwachsene Knabe bald mit diesem, bald mit jenem berraschenden Kunststck aus
der natrlichen Magie erfreut, so half der Jngling optische Maschinen bauen,
sympathetische Tinten kochen u.s.w. An der Spitze der mechanischen Knsteleien,
die der Orgelbauer fr den Johannes verfertigte, stand aber ein Positiv mit
achtfigem Gedackt, dessen Pfeifen von Papier geformt, das mithin jenem
Kunstwerk des alten Orgelbauers aus dem siebzehnten Jahrhundert, Eugenius
Casparini geheien, glich, welches in der kaiserlichen Kunstkammer in Wien zu
sehen. Liscovs seltsames Instrument hatte einen Ton, dessen Strke und Anmut
unwiderstehlich hinri, und Johannes versichert noch, da er niemals darauf
spielen knnen, ohne in die tiefste Bewegung zu geraten, und da ihm dabei
manche wahrhaft fromme Kirchenmelodie hell aufgegangen. -
    Auf diesem Positiv mute Johannes nun dem Orgelbauer vorspielen. Nachdem er,
wie Liscov verlangt, ein paar Chorle gespielt, fiel er in den Hymnus:
Misericordias domini cantabo, den er vor wenigen Tagen gesetzt. - Da Johannes
geendet, so sprang Liscov auf, drckte ihn strmisch an die Brust, rief laut
lachend: Hasenfu, was foppst du mich mit deiner lamentablen Kantilena? Wr'
ich nicht immer und ewig dein Kalkant gewesen, nichts Vernnftiges httest du
jemals herausgebracht. - Aber nun renne ich fort und lasse dich im Stich ganz
und gar, und du magst dir in der Welt einen andern Kalkanten suchen, der es mit
dir so gut meint als ich! - Dabei standen ihm die hellen Trnen in den Augen.
Er sprang zur Tre heraus, die er sehr heftig zuschlug. Dann steckte er aber
nochmals den Kopf hinein und sprach sehr weich: Es kann nun einmal nicht anders
sein. - Adieu, Johannes! - Wenn der Oheim seine rotgeblmte Gros-de-Tourweste
vermit, so sage nur, ich htte sie gestohlen und liee mir daraus einen Turban
machen, um dem Grosultan vorgestellt zu werden! - Adieu, Johannes! - Kein
Mensch konnte begreifen, warum Herr Liscov so pltzlich die angenehme Stadt
Gninesmhl verlassen, warum er niemanden entdeckt, wohin er sich zu wenden
entschlossen.
    Der Oheim sprach: Lngst hab' ich vermutet, da der unruhige Geist sich auf
und davon machen wrde, denn er hlt es, unerachtet er schne Orgeln verfertigt,
doch nicht mit dem Spruch: Bleibe im Lande und nhre dich redlich! - Es ist nur
gut, da unser Flgel imstande; nach dem berspannten Menschen selbst frag' ich
nicht viel! - Anders dachte wohl Johannes, dem Liscov berall fehlte, und dem
nun ganz Gninesmhl ein totes dstres Gefngnis dnkte.
    So kam es, da er den Rat des Orgelbauers befolgen und sich, in der Welt
einen andern Kalkanten suchen wollte. Der Oheim meinte, da er seine Studien
vollendet, knne er in der Residenz sich unter den Fittich des Geheimen
Legationsrates begeben und vollends ausbrten lassen. - Es geschah so! -
    In diesem Augenblick rgert sich gegenwrtiger Biograph ber alle Maen,
denn indem er an den zweiten Moment aus Kreislers Leben kommt, von dem er dir,
geliebter Leser, zu erzhlen versprochen, nmlich wie Johannes Kreisler den
wohlerworbnen Posten eines Legationsrates verlor und gewissermaen aus der
Residenz verwiesen wurde, wird er gewahr, da alle Nachrichten, die ihm darber
zu Gebote stehen, rmlich, drftig, seicht, unzusammenhngend sind. -
    Es gengt indessen am Ende wohl, zu sagen, da bald, nachdem Kreisler in die
Stelle seines verstorbenen Oheims getreten und Legationsrat geworden, ehe man
sich's versah, ein gewaltiger gekrnter Kolo den Frsten in der Residenz
heimsuchte und ihn als seinen besten Freund so innig und herzlich in seine
eiserne Arme schlo, da der Frst darber den besten Teil seines Lebensatems
verlor. Der Gewaltige hatte in seinem Tun und Wesen etwas ganz
Unwiderstehliches, und so kam es, da seine Wnsche befriedigt werden muten,
sollte auch, wie es wirklich geschah, darber alles in Not und Verwirrung
geraten. Manche fanden die Freundschaft des Gewaltigen etwas verfnglich,
wollten sich wohl gar dagegen auflehnen, gerieten aber selbst darber in das
verfngliche Dilemma, entweder die Vortrefflichkeit jener Freundschaft
anzuerkennen oder auerhalb Landes einen andern Standpunkt zu suchen, um
vielleicht den Gewaltigen im richtigeren Licht zu erblicken.
    Kreisler befand sich unter diesen.
    Trotz seines diplomatischen Charakters hatte Kreisler geziemliche Unschuld
konserviert, und ebendeshalb gab es Augenblicke, in denen er nicht wute, wozu
sich entschlieen. Eben in einem solchen Augenblick erkundigte er sich bei einer
hbschen Frau in tiefer Trauer, was sie berhaupt von Legationsrten halte. Sie
erwiderte vieles in zierlichen artigen Worten, am Ende kam aber so viel heraus,
da sie von einem Legationsrat gar nicht viel halten knne, sobald er sich auf
enthusiastische Weise mit der Kunst beschftige, ohne sich ihr ganz zuzuwenden.
    Vortrefflichste der Witwen, sprach darauf Kreisler, ich reie aus!
    Als er bereits Reisestiefeln angezogen und mit dem Hut in der Hand sich
empfehlen wollte, nicht ohne Rhrung und gehrigen Abschiedsschmerz, steckte ihm
die Witwe den Ruf zur Kapellmeisterstelle bei dem Groherzog, der das Lndchen
des Frsten Irenus verspeist, in die Tasche.
    Kaum ist es ntig, hinzuzufgen, da die Dame in Trauer niemand anders war,
als die Rtin Benzon, die eben des Rates verlustig geworden, da der Gemahl
verstorben.
    Merkwrdigerweise trug es sich zu, da die Benzon eben zu der Zeit, als -
    (M. f. f.) - Ponto gerade zu auf das Brot und Wrste feilhaltende Mdchen
loshpfte, die mich, da ich freundlich bei ihr zulangte, beinahe totgeschlagen.
Mein Pudel Ponto, mein Pudel Ponto, was tust du, nimm dich in acht, hte dich
vor der herzlosen Barbarin, vor dem rachedrstenden Wurstprinzip! - So rief ich
hinter Ponto her, ohne auf mich zu achten, setzte er aber seinen Weg fort, und
ich folgte in der Ferne, um, sollte er in Gefahr geraten, mich gleich aus dem
Staube machen zu knnen. - Vor dem Tisch angekommen, richtete sich Ponto auf den
Hinterfen in die Hhe und tnzelte in den zierlichsten Sprngen um das Mdchen
her, die sich darber gar sehr erfreute. Sie rief ihn an sich, er kam, legte den
Kopf in ihren Scho, sprang wieder auf, bellte lustig, hpfte wieder um den
Tisch, schnupperte bescheiden und sah dem Mdchen freundlich in die Augen.
    Willst du ein Wrstchen, artiger Pudel? So fragte das Mdchen, und als nun
Ponto, anmutig schwnzelnd, laut aufjauchzte, nahm sie zu meinem nicht geringen
Erstaunen eine der schnsten grten Wrste und reichte sie dem Ponto dar.
Dieser tanzte wie zur Danksagung noch ein kurzes Ballett und eilte dann zu mir
mit der Wurst, die er mit den freundlichen Worten hinlegte: Da i, erquicke
dich, Bester! Nachdem ich die Wurst verzehrt, lud mich Ponto ein, ihm zu
folgen, er wolle mich zurckfhren zum Meister Abraham.
    Wir gingen langsam nebeneinander her, so da es uns nicht schwer fiel,
wandelnd vernnftige Gesprche zu fhren.
    Ich seh' es wohl ein, (so begann ich die Unterredung) da du, geliebter
Ponto, es viel besser verstehst, in der Welt fortzukommen, als ich. Nimmermehr
wrd' es mir gelungen sein, das Herz jener Barbarin zu rhren, welches dir so
ungemein leicht wurde. Doch verzeih! - In deinem ganzen Benehmen gegen die
Wurstverkuferin lag doch etwas, wogegen mein innerer mir angeborner Sinn sich
auflehnt. Eine gewisse unterwrfige Schmeichelei, ein Verleugnen des
Selbstgefhls, der edleren Natur - nein! guter Pudel, nicht entschlieen knnte
ich mich, so freundlich zu tun, so mich auer Atem zu setzen mit angreifenden
Manoeuvres, so recht demtig zu betteln, wie du es tatest. Bei dem strksten
Hunger, oder wenn mich ein Appetit nach etwas Besonderem anwandelt, begnge ich
mich, hinter dem Meister auf den Stuhl zu springen und meine Wnsche durch ein
sanftes Knurren anzudeuten. Und selbst dies ist mehr Erinnerung an die
bernommene Pflicht, fr meine Bedrfnisse zu sorgen, als Bitte um eine
Wohltat.
    Ponto lachte laut auf, als ich dies gesprochen, und begann denn: O Murr,
mein guter Kater, du magst ein tchtiger Literatus sein und dich wacker auf
Dinge verstehen, von denen ich gar keine Ahnung habe, aber von dem eigentlichen
Leben weit du gar nichts und wrdest verderben, da dir alle Weltklugheit
gnzlich abgeht. - Frs erste wrdest du vielleicht anders geurteilt haben, ehe
du die Wurst genossen, denn hungrige Leute sind viel artiger und fgsamer als
satte, dann aber bist du rcksichts meiner sogenannten Unterwrfigkeit in groem
Irrtum. Du weit ja, da das Tanzen und Springen mir groes Vergngen macht, so
da ich es oft auf meine eigene Hand unternehme. Treibe ich nun, eigentlich nur
zu meiner Motion, meine Knste vor den Menschen, so macht es mir ungemeinen
Spa, da die Toren glauben, ich tte es aus besonderen Wohlgefallen an ihrer
Person und nur, ihnen Lust und Freude zu erregen. Ja, sie glauben das, sollte
auch eine andere Absicht ganz klar sein. Du hast, Geliebter, das lebendige
Beispiel davon soeben erfahren. Mute das Mdchen nicht gleich einsehen, da es
mir nur um eine Wurst zu tun war, und doch geriet sie in volle Freude, da ich
ihr, der Unbekannten, meine Knste vormachte, als einer Person, die dergleichen
zu schtzen vermgend, und eben in dieser Freude tat sie das, was ich bezweckte.
Der Lebenskluge mu es verstehen, allem, was er blo seinetwegen tut, den
Anschein zu geben, als tte er es um anderer willen, die sich dann hoch
verpflichtet glauben und willig sind zu allem, was man bezweckte. Mancher
erscheint gefllig, dienstfertig, bescheiden, nur den Wnschen anderer lebend
und hat nichts im Auge als sein liebes Ich, dem die andern dienstbar sind, ohne
es zu wissen. Das, was du also unterwrfige Schmeichelei zu nennen beliebst, ist
nichts als weltkluges Benehmen, das in der Erkenntnis und der foppenden
Benutzung der Torheit anderer seine eigentlichste Basis findet.
    O Ponto, erwiderte ich, du bist ein Weltmann, das ist gewi, und ich
wiederhole, da du dich auf das Leben besser verstehst als ich, aber
demunerachtet kann ich kaum glauben, da deine seltsamen Knste dir selbst
Vergngen machen sollten. Wenigstens ist mir das entsetzliche Kunststck durch
Mark und Bein gegangen, als du in meiner Gegenwart deinem Herrn ein schnes
Stck Braten apportiertest, es sauber zwischen den Zhnen haltend, und nicht
eher einen Bissen davon genossest, bis dein Herr dir die Erlaubnis zuwinkte.
    Sage mir doch, fragte Ponto, sage mir doch, guter Murr, was sich nachher
begab!
    Beide, erwiderte ich, dein Herr und Meister Abraham, lobten dich ber
alle Maen und setzten dir einen ganzen Teller mit Braten hin, den du mit
erstaunlichem Appetit verzehrtest.
    Nun, fuhr Ponto fort, nun also, bester Kater, glaubst du wohl, da, htt'
ich apportierend das kleine Stck Braten gefressen, da ich dann eine solch
reichliche Portion und berhaupt Braten erhalten? Lerne, o unerfahrner Jngling,
da man kleine Opfer nicht scheuen darf, um Groes zu erreichen. Mich wundert's,
da bei deiner starken Lektre dir nicht bekannt worden, was es heit, die Wurst
nach der Speckseite werfen. - Pfote aufs Herz, mu ich dir gestehen, da, trf'
ich einsam im Winkel einen ganzen schnen Braten an, ich ihn ganz gewi
verzehren wrde, ohne auf die Erlaubnis meines Herrn zu warten, knnt' ich das
nur unbelauscht vollbringen. Es liegt nun einmal in der Natur, da man im Winkel
ganz anders handelt als auf offner Strae. - brigens ist es auch ein aus tiefer
Weltkenntnis geschpfter Grundsatz, da es ratsam ist, in Kleinigkeiten ehrlich
zu sein.
    Ich schwieg einige Augenblicke, ber Pontos geuerte Grundstze
nachdenkend, mir fiel ein, irgendwo gelesen zu haben, ein jeder msse so
handeln, da seine Handlungsweise als allgemeines Prinzip gelten knne, oder wie
er wnsche, da alle rcksichts seiner handeln mchten, und bemhte mich
vergebens, dies Prinzip mit Pontos Weltklugheit in bereinstimmung zu bringen.
Mir kam in den Sinn, da alle Freundschaft, die mir Ponto in dem Augenblick
erzeigte, wohl auch gar zu meinem Schaden, nur seinen eignen Vorteil bezwecken
knne, und ich uerte dies unverhohlen.
    Kleiner Schker, rief Ponto lachend, von dir ist gar nicht die Rede! - Du
kannst mir keinen Vorteil gewhren, keinen Schaden verursachen. Um deine toten
Wissenschaften beneide ich dich nicht, dein Treiben ist nicht das meinige, und
solltest du dir es etwa beikommen lassen, feindliche Gesinnungen gegen mich zu
uern, so bin ich dir an Strke und Gewandtheit berlegen. Ein Sprung, ein
tchtiger Bi meiner scharfen Zhne wrde dir auf der Stelle den Garaus machen.
    Mich wandelte eine groe Furcht an vor meinem eignen Freunde, die sich
vermehrte, als ein groer schwarzer Pudel ihn freundlich nach gewhnlicher Art
begrte und beide, mich mit glhenden Augen anblickend, leise miteinander
sprachen.
    Die Ohren angekniffen, drckte ich mich an die Seite, doch bald sprang
Ponto, den der Schwarze verlassen, wieder auf mich zu und rief: Komm nur, mein
Guter!
    Ach Himmel, fragte ich in der Bestrzung, wer war denn der ernste Mann,
der vielleicht ebenso weltklug als du?
    Ich glaube gar, erwiderte Ponto, du frchtest dich vor meinem guten
Oheim, dem Pudel Skaramuz? Ein Kater bist du schon und willst nun gar ein Hase
werden. -
    Aber, sprach ich, warum warf der Oheim mir solche glhende Blicke zu, und
was flstertet ihr so heimlich, so verdchtig miteinander? - - Nicht
verhehlen, erwiderte Ponto, nicht verhehlen will ich's dir, mein guter Murr,
da mein alter Oheim etwas mrrisch ist und, wie es denn nun bei alten Leuten
gewhnlich der Fall, an verjhrten Vorurteilen hngt. Er wunderte sich ber
unser Beisammensein, da die Ungleichheit unsers Standes jede Annherung
verbieten msse. Ich versicherte, da du ein junger Mann von vieler Bildung und
angenehmem Wesen wrst, der mich bisweilen sehr belustige. Da meinte er, denn
knne ich mich wohl dann und wann einsam mit dir unterhalten, nur solle ich's
mir nicht etwa einfallen lassen, dich mitzubringen in eine Pudelassemblee, da du
nun und nimmermehr assembleefhig werden knntest, schon deiner kleinen Ohren
halber, die nur zu sehr deine niedere Abkunft verrieten und von tchtigen
grogeohrten Pudeln durchaus fr unanstndig geachtet wrden. - Ich versprach
das.
    Htt' ich schon damals etwas gewut von meinem groen Ahnherrn, dem
gestiefelten Kater, der mter und Wrden erlangte, dem Busenfreunde Knig
Gottliebs, ich wrde dem Freunde Ponto sehr leicht bewiesen haben, da jede
Pudelassemblee sich geehrt fhlen msse durch die Gegenwart eines Abkmmlings
aus der illustersten Familie, so mute ich, aus der Obskuritt noch nicht
hervorgetreten, es aber leiden, da beide, Skaramuz und Ponto, sich ber mich
erhaben dnkten. - Wir schritten weiter fort. Dicht vor uns wandelte ein junger
Mann, der trat mit einem lauten Ausruf der Freude so schnell zurck, da er
mich, sprang ich nicht schnell zur Seite, schwer verletzt haben wrde. Ebenso
laut schrie ein anderer junger Mann, der, die Strae herab, jenem entgegenkam.
Und nun strzten sich beide in die Arme, wie Freunde, die sich lange nicht
gesehen, und wandelten dann eine Strecke vor uns her, Hand in Hand, bis sie
stillstanden und, ebenso zrtlich voneinander Abschied nehmend, sich trennten.
Der, der vor uns hergeschritten, sah dem Freunde lange nach und schlpfte dann
schnell in ein Haus hinein. Ponto stand still, ich desgleichen. Da wurde im
zweiten Stock des Hauses, in das der junge Mann getreten, ein Fenster geffnet,
ein bildhbsches Mdchen schaute heraus, hinter ihr stand der junge Mann, und
beide lachten sehr, dem Freunde nachschauend, von dem sich der junge Mann soeben
getrennt. Ponto sah herauf und murmelte etwas zwischen den Zhnen, welches ich
nicht verstand.
    Warum weilst du hier, lieber Ponto, wollen wir nicht weiter gehen? So
fragte ich, Ponto lie sich aber nicht stren, bis er nach einigen Augenblicken
heftig den Kopf schttelte und dann schweigend den Weg fortsetzte.
    La uns, sprach er, als wir auf einen mit Bumen umgebenen, mit Statuen
verzierten, anmutigen Platz gelangten, la uns hier ein wenig verweilen, guter
Murr. Mir kommen jene beiden jungen Mnner, die sich so herzlich auf der Strae
umarmten, nicht aus dem Sinn. Es sind Freunde wie Damon und Pylades.
    Damon und Pythias, verbesserte ich, Pylades war der Freund des Orestes,
den er jedesmal getreulich im Schlafrock zu Bette brachte und mit Kamillentee
bediente, wenn die Furien und Dmonen dem armen Mann zu hart zugesetzt. Man
merkt, guter Ponto, da du in der Geschichte nicht sonderlich bewandert.
    Gleichviel, fuhr der Pudel fort, gleichviel, aber die Geschichte von den
beiden Freunden wei ich sehr genau und will sie dir erzhlen mit allen
Umstnden, so wie ich sie zwanzigmal von meinem Herrn erzhlen hrte. Vielleicht
wirst du neben Damon und Pythias, Orestes und Pylades als drittes Paar Walter
und Formosus nennen. Formosus ist nmlich derselbe junge Mann, der dich beinahe
zu Boden getreten, in der Freude, seinen geliebten Walter wiederzusehen. - Dort
in dem schnen Hause mit den hellen Spiegelfenstern wohnt der alte steinreiche
Prsident, bei dem sich Formosus durch seinen leuchtenden Verstand, durch seine
Gewandtheit, durch sein glnzendes Wissen so einzuschmeicheln wute, da er dem
Alten bald war wie der eigne Sohn. Es begab sich, da Formosus pltzlich all
seine Heiterkeit verlor, da er bla aussah und krnklich, da er in einer
Viertelstunde zehnmal aus tiefer Brust aufseufzte, als wolle er sein Leben
aushauchen, da er, ganz in sich gekehrt, ganz in sich verloren, fr nichts in
der Welt mehr seine Sinne aufschlieen zu knnen schien. - Lange Zeit hindurch
drang der Alte vergebens in den Jngling, da er ihm die Ursache seines geheimen
Kummers entdecken mge; endlich kam es heraus, da er bis zum Tode verliebt war
in des Prsidenten einzige Tochter. Anfangs erschrak der Alte, der mit seinem
Tchterlein ganz andere Dinge im Sinne haben mochte, als sie an den rang- und
amtlosen Formosus zu verheiraten, als er aber den armen Jngling immer mehr und
mehr hinwelken sah, ermannte er sich und fragte Ulriken, wie ihr der junge
Formosus gefalle, und ob er ihr schon etwas von seiner Liebe gesagt. - Ulrike
schlug die Augen nieder und meinte, erklrt habe sich der junge Formosus zwar
gar nicht gegen sie, aus lauter Zurckhaltung und Bescheidenheit, aber gemerkt
habe sie wohl lngst, da er sie liebe, denn so was sei wohl zu bemerken.
brigens gefalle ihr der junge Formosus recht wohl, und wenn sonst dem nichts im
Wege stnde, und wenn der Herzenspapa nichts dagegen habe, und - kurz, Ulrike
sagte alles, was Mdchen bei derlei Gelegenheit zu sagen pflegen, die nicht mehr
in der ersten, vollsten Blte stehen und fleiig denken: Wer wird der sein, der
dich heimfhrt? - Darauf sprach der Prsident zum Formosus: Richte dein Haupt
auf, mein junge! - Sei froh und glcklich, du sollst sie haben, meine Ulrike!
und so wurde Ulrike die Braut des jungen Herrn Formosus. Alle Welt gnnte dem
hbschen bescheidenen Jngling sein Glck, nur einer geriet darber in Gram und
Verzweiflung, und das war Walter, mit dem Formosus ein Herz und eine Seele
aufgewachsen. Walter hatte Ulriken einigemal gesehen, auch wohl gesprochen und
sich in sie verliebt, vielleicht noch viel rger als Formosus! - Doch ich rede
immer von Liebe und verliebt sein und wei nicht, ob du, mein Kater, schon
jemals in Liebe gewesen bist und also dies Gefhl kennst? - Was mich
betrifft, erwiderte ich, was mich betrifft, lieber Ponto, glaube ich nicht,
da ich schon geliebt habe oder liebe, da ich mir bewut bin, noch nicht in den
Zustand geraten zu sein, wie ihn mehrere Dichter beschreiben. Den Dichtern ist
nicht allemal ganz zu trauen, nach dem, was ich aber sonst darber wei und
gelesen habe, mu die Liebe eigentlich nichts anders sein als ein psychischer
Krankheitszustand, der sich bei dem menschlichen Geschlecht als partieller
Wahnsinn darin offenbart, da man irgendeinen Gegenstand fr etwas ganz anders
hlt, als was er eigentlich ist, z.B. ein kleines dickes Ding von Mdchen,
welche Strmpfe stopft, fr eine Gttin. Doch fahre nur fort, geliebter Pudel,
in deiner Erzhlung von den beiden Freunden Formosus und Walter. -
    Walter (so sprach Ponto weiter) strzte dem Formosus an den Hals und
sprach unter vielen Trnen: Du raubst mir das Glck meines Lebens, aber da du
es bist, da du glcklich wirst, das ist mein Trost, lebe wohl, mein Geliebter,
lebe wohl auf ewig! - Darauf lief Walter in den Busch, wo er am dicksten war,
und wollte sich totschieen. Es unterblieb aber, weil er in der Verzweiflung
vergessen hatte, das Pistol zu laden, er begngte sich daher mit einigen
Ausbrchen des Wahnsinnes, die jeden Tag wiederkehrten. Eines Tages trat
Formosus, den er in vielen Wochen nicht gesehen, ganz unvermutet zu ihm hinein,
als er eben vor Ulrikens Pastellgemlde, das unter Glas und Rahmen an der Wand
hing, auf den Knieen lag und grlich lamentierte: Nein, rief Formosus, indem er
den Walter an seine Brust drckte: nein, ich konnte deinen Schmerz, deine
Verzweiflung nicht ertragen, dir opfere ich gern mein Glck. - Ich habe Ulriken
entsagt, ich habe den alten Vater dahin gebracht, da er dich zum Eidam annimmt!
- Ulrike liebt dich, vielleicht ohne es selbst zu wissen. - Bewirb dich um sie,
ich scheide! - lebe wohl! - Er wollte fort, Walter hielt ihn fest. Es war
diesem, als lge er im Traum, er glaubte an alles nicht frher, als bis Formosus
ein eigenhndiges Billett des alten Prsidenten hervorzog, worin es ungefhr
hie: Edler Jngling! du hast gesiegt, ungern lasse ich dich, aber ich ehre
deine Freundschaft, die dem Heroismus gleicht, von welchem man in den alten
Skribenten lieset. Mag Herr Walter, der ein Mann ist von lblichen Eigenschaften
und ein schnes eintrgliches Amt hat, sich um meine Tochter Ulrike bewerben,
will sie ihn ehelichen, so habe ich meinerseits nichts dagegen. Formosus
verreiste wirklich, Walter bewarb sich um Ulriken, Ulrike wurde wirklich Walters
Frau. - Der alte Prsident schrieb nun nochmals an Formosus, berhufte ihn mit
Lobsprchen und fragte, ob es ihm vielleicht Vergngen machen wrde, nicht etwa
als Entschdigung, denn er wisse wohl, da es in solchem Fall keine gebe,
sondern nur als ein geringes Zeichen seiner innigen Zuneigung dreitausend Taler
anzunehmen. Formosus antwortete, der Alte kenne die Geringfgigkeit seiner
Bedrfnisse, Geld mache, knne ihn nicht glcklich machen und nur die Zeit ihn
trsten ber einen Verlust, an dem niemand schuld sei, als das Schicksal,
welches in der Brust des teuren Freundes die Liebe zu Ulriken entzndet, und nur
dem Schicksal sei er gewichen, von irgendeiner edlen Tat daher gar nicht die
Rede. brigens nehme er das Geschenk an unter der Bedingung, da der Alte es
einer armen Witwe, die da und da mit einer tugendhaften Tochter in trostlosem
Elende lebe, zuwende. Die Witwe wurde ausfindig gemacht und erhielt die dem
Formosus zugedachten dreitausend Reichstaler. Bald darauf schrieb Walter dem
Formosus: Ich kann nicht mehr leben ohne dich, kehre zurck in meine Arme!
Formosus tat es und erfuhr, als er gekommen, da Walter seinen schnen
eintrglichen Posten aufgegeben, unter der Bedingung, da Formosus, der sich
lngst einen hnlichen gewnscht, ihn erhalte. Formosus erhielt den Posten
wirklich und geriet, rechnete man die getuschte Hoffnung rcksichts der Heirat
mit Ulriken ab, in die behaglichste Lage. Stadt und Land erstaunte ber den
Wettstreit des Edelmuts beider Freunde, ihre Tat wurde als Nachklang aus einer
lngst vergangenen schnern Zeit vernommen, als Beispiel aufgestellt eines
Heroismus, dessen nur hohe Geister fhig.
    In der Tat, begann ich, als Ponto schwieg, in der Tat, nach allem, was
ich gelesen, mssen Walter und Formosus edle krftige Menschen sein, die in
treuer Aufopferung freinander nichts von deiner gerhmten Weltklugheit wissen.
    Hm, erwiderte Ponto hmisch lchelnd, es kommt darauf an! - Ein paar
Umstnde, von denen die Stadt keine Notiz genommen, und die ich zum Teil von
meinem Herrn erfahren, teils selbst belauscht habe, sind noch nachzuholen. - Mit
der Liebe des Herrn Formosus zu der reichen Prsidententochter mu es doch nicht
so arg gewesen sein, wie der Alte glaubte, denn im hchsten Stadium dieser
ttenden Leidenschaft unterlie der junge Mann nicht, nachdem er den Tag ber
verzweifelt, jeden Abend eine hbsche niedliche Putzmacherin zu besuchen. Als
Ulrike nun aber seine Braut worden, fand er bald, da das engelsmilde Frulein
das eigne Talent besa, sich bei schicklicher Gelegenheit pltzlich in einen
kleinen Satan zu verwandeln. Auerdem kam ihm aus sichrer Quelle die
verdrieliche Nachricht zu, da Frulein Ulrike in der Residenz, was Liebe und
Liebesglck betrifft, ganz besondere Erfahrungen gemacht, und nun ergriff ihn
pltzlich ein unwiderstehlicher Edelmut, vermge dessen er die reiche Braut dem
Freunde abtrat. Walter hatte sich in seltsamer Verwirrung in Ulriken, die er an
ffentlichen Orten im hchsten Glanz aller Toilettenknste gesehen, wirklich
verliebt, und Ulriken ihrerseits war es ziemlich einerlei, wer von beiden sich
ihr als Gemahl anheftete, Formosus oder Walter. Dieser hatte auch wirklich ein
schnes eintrgliches Amt, bei dessen Verwaltung aber solche krause Streiche
gemacht, da er der Entsetzung binnen weniger Zeit entgegensehen mute. Er zog
es vor, frher zugunsten seines Freundes den Abschied zu nehmen und so durch
einen Akt, der alle Kennzeichen der edelsten Gesinnung trug, seine Ehre zu
retten. Die dreitausend Taler wurden in guten Papieren einer alten, sehr
anstndigen Frau eingehndigt, die zuweilen die Mutter, zuweilen die Muhme,
zuweilen die Aufwrterin jener hbschen Putzmacherin vorstellte. Bei diesem
Geschft erschien sie in doppelter Gestalt. Erst bei dem Empfang des Geldes als
Mutter, dann, als sie das Geld berbrachte und einen guten Tragelohn empfing,
als Aufwrterin des Mdchens, die du kennst, lieber Murr, da sie eben erst mit
dem Herrn Formosus zum Fenster hinausschaute. - brigens wissen beide, Formosus
und Walter, lngst, auf welche Weise sie sich in edelmtiger Gesinnung
berboten, sie haben sich, um wechselseitigen Lobeserhebungen auszuweichen,
lange vermieden, und deshalb waren ihre heutigen Begrungen, als der Zufall sie
auf der Strae zusammenfhrte, so herzlich. -
    In dem Augenblick entstand ein frchterlicher Lrm. Die Menschen liefen
durcheinander, schrien: Feuer! - Feuer! Reuter sprengten durch die Straen -
Wagen rasselten. - Aus den Fenstern eines Hauses, unfern uns, strmten
Rauchwolken und Flammen. - Ponto sprang schnell vorwrts, ich aber in der Angst
kletterte eine hohe Leiter hinauf, die an ein Haus gelehnt, und befand mich bald
auf dem Dache in voller Sicherheit. Pltzlich kam mir -
    (Mak. Bl.) - ganz unvermutet ber den Hals, sprach Frst Irenus, ohne
Anfrage des Hofmarschalls, ohne Vorwort des diensttuenden Kammerherrn, beinahe -
ich sag' Euch das unter uns, Meister Abraham, bringt es nicht etwa unter die
Leute - beinahe unangemeldet - keine Liverei in den Vorzimmern. Die Esel
spielten Brausebart im Vestibule. Spielen ist ein groes Laster. Schon in die
Tre getreten, erwischte ihn der Tafeldecker, der zum Glck gerade durchging,
beim Rockscho und fragte, wer der Herr sei, und wie er ihn dem Frsten
servieren solle. Aber er hat mir wohl gefallen, es ist ein ganz artiger Mensch.
Sagtet Ihr nicht, da er sonst nichts weniger gewesen wre als ein purer simpler
Musikant? sogar von einigem Stande? -
    Meister Abraham versicherte, da Kreisler allerdings sonst in ganz anderen
Verhltnissen gelebt, die es ihm sogar vergnnt, an der frstlichen Tafel zu
speisen, und da nur der verwstende Sturm der Zeit ihn aus diesen Verhltnissen
vertrieben. brigens wnsche er aber, da der Schleier, den er ber die
Vergangenheit geworfen, unverrckt liegen bleiben mge.
    Also, nahm der Frst das Wort, also von Adel, vielleicht Baron - Graf -
vielleicht gar - Nun, man mu nicht zu weit gehen in trumerischer Hoffnung! -
Ich habe ein Faible fr dergleichen Mysterien! Es war eine schne Zeit nach der
franzsischen Revolution, als Marquis Siegellack fabrizierten und Comtes
Nachtmtzen strickten von Filet und nichts sein wollten als simple Monsieurs,
und man sich erlustigte auf dem groen Maskenball. - Ja, was den Herrn von
Kreisler betrifft! - Die Benzon versteht sich auf so etwas, sie rhmte ihn, sie
empfahl mir ihn, sie hat recht. An der Manier, den Hut unter dem Arm zu halten,
erkannte ich gleich den Mann von Bildung, von feinem gelutertem Ton.
    Der Frst setzte noch einiges Lob ber Kreislers uere Erscheinung hinzu,
so da Meister Abraham berzeugt war, sein Plan msse gelingen. Er hatte nmlich
im Sinn, den Herzensfreund dem eingebildeten Hofstaat einzuschieben als
Kapellmeister und ihn so in Sieghartsweiler festzuhalten. Als er nun aber aufs
neue davon sprach, erwiderte der Frst ganz entschieden, da daraus ganz und gar
nichts werden knne.
    Sagt selbst, fuhr er dann fort, sagt selbst, Meister Abraham, ob es
mglich sein wrde, den angenehmen Mann in meinen engeren Familienkreis zu
ziehen, wenn ich ihn zum Kapellmeister und so zu meinem Offizianten mache? - Ich
knnte ihm eine Hofcharge verleihen und ihn zum Maitre de Plaisir oder des
Spectacles machen, aber der Mann versteht die Musik aus dem Grunde und ist auch,
wie Ihr sagt, im Theaterwesen wohl erfahren. Nun weiche ich aber nicht ab von
dem Grundsatz meines hchstseligen, in Gott ruhenden Herrn Vaters, der immer
behauptete, besagter Maitre msse um des Himmels willen sich auf die Sachen,
deren Maitre er reprsentiere, nicht verstehen, da er sich sonst gar zu sehr
darum bekmmere und sich viel zu sehr fr die Menschen, die dabei beschftigt,
als da sind Schauspieler, Musikanten u.s.w., interessiere - Also dafr behalte
Herr von Kreisler die Maske des fremden Kapellmeisters und schreite damit hinein
in die inneren Gemcher des frstlichen Hauses nach dem Beispiel eines
hinlnglich vornehmen Mannes, der vor einiger Zeit in der freilich verwerflichen
Maske eines schnden Histrionen die auserlesensten Zirkel mit den unmutigsten
Faxen amsierte.
    Und, rief der Frst dem Meister Abraham, der sich fortbegeben wollte, zu,
und da Ihr gewissermaen den Charg d'Affaires des Herrn von Kreisler zu machen
scheinet, so will ich es Euch nicht verhehlen, da nur zwei Dinge mir nicht
recht an ihm gefallen wollen, die vielleicht mehr Gewohnheiten sind als
wirkliche Dinge. - Ihr versteht schon, wie ich das meine. - Frs erste starrt er
mir, wenn ich mit ihm spreche, geradezu ins Antlitz. Ich habe doch konsiderable
Augen, kann frchterlich daraus blitzen, wie weiland Friedrich der Groe, kein
Kammerjunker, kein Page wagt es aufzuschauen, wenn ich, den entsetzlichen Blick
auf ihn schieend, frage, ob das mauvais sujet schon wieder Schulden gemacht
oder den Marzipan aufgefressen, aber der Herr von Kreisler, den mag ich
anblitzen, wie ich will, er macht sich gar nichts daraus, sondern lchelt mich
an auf eine Weise, da - ich selbst die Augen niederschlagen mu. Dann hat der
Mann eine solche besondere Art zu sprechen, zu antworten, das Gesprch
fortzufhren, da man zuweilen ordentlich glaubt, das, was man selbst gesagt,
sei eben nicht sonderlich gewesen, man wre gewissermaen eine Be - Beim St.
Januar, Meister, das ist ganz unausstehlich, und Ihr mt dafr sorgen, da Herr
von Kreisler sich diese Dinge oder Gewohnheiten abgewhne.
    Meister Abraham versprach zu tun, was Frst Irenus von ihm verlangte, und
wollte aufs neue davon, da erwhnte der Frst noch des besondern Widerwillens,
den Prinzessin Hedwiga gegen den Kreisler geuert, und meinte, da das Kind
seit einiger Zeit von seltsamen Trumen und Einbildungen geplagt werde, weshalb
der Leibarzt die Molkenkur zum nchsten Frhjahr angeraten. Hedwiga sei nmlich
jetzt auf den sonderbaren Gedanken geraten, da Kreisler dem Tollhause
entsprungen und allerlei Unheil anrichten werde bei nchster Gelegenheit.
    Sagt, sprach der Frst, sagt, Meister Abraham, ob der vernnftige Mann
wohl nur die mindeste Spur der Geisteszerrttung an sich trgt? Abraham
erwiderte, da Kreisler zwar ebensowenig verrckt sei als er selbst, jedoch sich
zuweilen etwas seltsam gebrde und in einen Zustand gerate, der beinahe dem des
Prinzen Hamlet zu vergleichen, dadurch aber nur um so interessanter werde. -
Soviel wie ich wei, nahm der Frst das Wort, war der junge Hamlet ein
vortrefflicher Prinz aus einem alten angesehenen Regentenhause, der sich nur
zuzeiten mit der sonderbaren Idee herumtrug, da smtliche Hofleute sich auf das
Fltenblasen verstehen sollten. Hohen Personen steht es wohl an, auf Seltsames
zu verfallen, es vermehrt den Respekt. Was bei dem Mann ohne Rang und Stand eine
Absurditt zu nennen, ist bei ihnen blo die angenehme Kapriole eines ungemeinen
Geistes, welche Staunen erregen mu und Bewunderung. - Herr von Kreisler sollte
fein im geraden Wege bleiben, will er aber durchaus den Prinzen Hamlet
imitieren, so ist das ein schnes Streben nach dem Hheren, vielleicht veranlat
durch seine berwiegende Neigung zu den musikalischen Studien. Man mag es ihm
verzeihen, wenn er bisweilen sich wunderlich betragen will. -
    Es schien, als wenn Meister Abraham heute nun einmal nicht aus dem Zimmer
des Frsten kommen sollte; denn wiederum rief der Frst ihn zurck, als er schon
die Tre geffnet, und verlangte zu wissen, woher der seltsame Widerwille der
Prinzessin Hedwiga gegen den Kreisler wohl rhren mge. Meister Abraham erzhlte
die Art, wie Kreisler der Prinzessin und Julien zum erstenmal im Park zu
Sieghartshof erschienen, und meinte, da die aufgeregte Stimmung, in der der
Kapellmeister damals gewesen, auf eine Dame von zarten Nerven wohl habe
feindlich wirken mssen.
    Der Frst gab mit einiger Heftigkeit zu erkennen, wie er hoffe, da Herr von
Kreisler nicht wirklich zu Fue nach Sieghartshof gekommen, sondern da der
Wagen hier oder dort im breiten Fahrwege des Parks gehalten, da nur gemeine
Abenteurer zu Fue zu reisen pflegten.
    Meister Abraham meinte, da man zwar das Beispiel eines tapfern Offiziers
vor Augen habe, der von Leipzig nach Syrakus gelaufen, ohne sich ein einziges
Mal die Stiefeln versohlen zu lassen, was aber den Kreisler betreffe, so sei er
berzeugt, da ein Wagen wirklich im Park gehalten. - Der Frst war zufrieden. -
    Whrend sich dies im Gemach des Frsten begab, sa Johannes bei der Rtin
Benzon vor dem schnsten Flgel, den jemals die kunstreiche Nannette Streicher
gebaut, und begleitete Julien das groe leidenschaftliche Rezitativ der
Klytmnestra aus Glucks Iphigenia in Aulis. -
    Gegenwrtiger Biograph ist leider gentigt, seinen Helden, soll das Portrt
richtig sein, als einen extravaganten Menschen darzustellen, der, vorzglich was
die musikalische Begeisterung betrifft, oft dem ruhigen Beobachter beinahe wie
ein Wahnsinniger erscheint. Er hat ihm schon die ausschweifende Redensart
nachschreiben mssen, da als Julia sang, aller sehnschtige Schmerz der Liebe,
alles Entzcken ser Trume, die Hoffnung, das Verlangen durch den Wald wogte
und niederfiel wie erquickender Tau in die duftenden Blumenkelche, in die Brust
horchender Nachtigallen. Kreislers Urteil ber Julias Gesang scheint hiernach
eben nicht von sonderlichem Wert. Versichern kann aber bemeldeter Biograph bei
dieser Gelegenheit dem gnstigen Leser, da Julias Gesang, den er, dem Himmel
sei's geklagt, niemals selbst hrte, etwas Geheimnisvolles, etwas ganz
Wunderbares in sich getragen haben mu. Ungemein solide Leute, die sich erst
seit kurzer Zeit den Zopf wegschneiden lassen, die, nachdem sie einen tchtigen
Rechtsfall, eine malitis merkwrdige Krankheit oder einen jungen Ankmmling von
Straburger Pastete gehrig erprobt, der Umgang mit Gluck, Mozart, Beethoven,
Spontini im Theater nicht im mindesten aus der schicklichen Seelenruhe brachte,
ja, solche Leute haben oft versichert, da, snge das Frulein Julia Benzon,
ihnen ganz absonderlich zumute wrde, sie knnten gar nicht sagen, wie. Eine
gewisse Beklommenheit, die ihnen denn doch ein unbeschreibliches Wohlbehagen
errege, bemchtige sich ihrer ganz und gar, und oft kmen sie auf den Punkt,
Narrenstreiche zu machen und sich zu gebrden wie junge Phantasten und
Versmacher. Anzufhren ist auch ferner, da einmal, als Julia bei Hofe sang,
Frst Irenus vernehmlich chzte, und als der Gesang geendet, geradezu
losschritt auf Julien, ihre Hand an den Mund drckte und dabei sehr weinerlich
sprach: Bestes Frulein! - Der Hofmarschall wagte zu behaupten, Frst Irenus
habe der kleinen Julia wirklich die Hand gekt, und dabei wren ihm ein paar
Trnen aus den Augen getrpfelt. Auf Anla der Oberhofmeisterin wurde aber diese
Behauptung als ungeziemend und dem Wohl des Hofes zuwider unterdrckt.
    Julia, einer vollen metallreichen, glockenreinen Stimme mchtig, sang mit
dem Gefhl, mit der Begeisterung, die aus dem im Innersten bewegten Gemt
hervorstrmt, und darin mochte wohl der wunderbare unwiderstehliche Zauber
liegen, den sie auch heute bte. Der Atem jedes Zuhrers stockte, als sie sang,
jeder fhlte seine Brust beengt von sem namenlosen Weh, erst ein paar
Augenblicke nachher, als sie geendet, brach das Entzcken los im strmischen
ungemessensten Beifall. Nur Kreisler sa da, stumm und starr, zurckgelehnt in
den Sessel; dann stand er leise und langsam auf, Julia wandte sich zu ihm mit
einem Blick, der deutlich fragte: War es denn auch wohl so recht? - Errtend
schlug sie aber die Augen nieder, als Kreisler, die Hand aufs Herz legend, mit
zitternder Stimme lispelte: Julia! und dann mit gebcktem Haupte mehr schlich
als ging hinter den Kreis, den die Damen geschlossen.
    Mit Mhe hatte die Rtin Benzon Prinzessin Hedwiga dahin vermocht, in der
Abendgesellschaft zu erscheinen, wo sie den Kapellmeister Kreisler antreffen
mute. Sie gab nur nach, als die Rtin ihr sehr ernsthaft vorstellte, wie
kindisch es sein wrde, einen Mann zu meiden, blo weil er nicht zu den auf eine
Art und Weise wie Scheidemnze ausgeprgten zu rechnen, sondern sich in freilich
hin und wieder bizarrer Eigentmlichkeit darstelle. Zudem habe Kreisler auch
Eingang gefunden bei dem Frsten, und unmglich wrd' es daher sein, den
seltsamen Eigensinn durchzufhren.
    Prinzessin Hedwiga wute sich den ganzen Abend ber so geschickt zu drehen
und zu wenden, da Kreisler, dem es, harmlos und gefgig, wie er war, wirklich
galt, die Prinzessin zu vershnen, alles Mhens unerachtet sich nicht ihr nhern
konnte. Den geschicktesten Manoeuvres wute sie zu begegnen mit schlauer Taktik.
- Desto mehr mute der Benzon, die das alles bemerkt, es auffallen, als die
Prinzessin jetzt pltzlich den Kreis der Damen durchbrach und geradezu
losschritt auf den Kapellmeister. So tief in sich versunken stand Kreisler da,
da erst die Anrede der Prinzessin, ob er allein denn keine Zeichen, keine Worte
habe fr den Beifall, den Julia errungen, ihn aus dem Traume weckte.
    Gndigste, erwiderte Kreisler mit einem Ton, der die innere Bewegung
verriet, Gndigste, nach der bewhrten Meinung berhmter Schriftsteller haben
die Seligen statt des Worts nur Gedanken und Blick. - Ich war, glaub' ich, im
Himmel!
    So ist, erwiderte die Prinzessin lchelnd, unsere Julia ein Engel des
Lichts, da sie vermochte, Ihnen das Paradies zu erschlieen. - Jetzt bitte ich
Sie aber, auf einige Augenblicke den Himmel zu verlassen und einem armen
Erdenkinde, wie ich es nun einmal bin, Gehr zu geben. -
    Die Prinzessin hielt inne, als erwarte sie, da Kreisler etwas sage. Da
dieser sie aber schweigend anschaute mit leuchtendem Blick, schlug sie die Augen
nieder und wandte sich rasch um, so da der leicht umgeworfene Shawl von den
Schultern hinabwallte. Kreisler fate ihn im Fallen. Die Prinzessin blieb
stehen. Lassen Sie uns, sprach sie dann mit unsicherm schwankendem Ton, als
ringe sie mit irgendeinem Entschlu, als wrd' es ihr schwer, es herauszusagen,
was sie im Innern beschlossen - lassen Sie uns von poetischen Dingen ganz
prosaisch reden. Ich wei, Sie geben Julien Unterricht im Gesange, und ich mu
gestehen, da sie seit der Zeit in Stimme und Vortrag unendlich gewann. Das gibt
mir die Hoffnung, da Sie imstande wren, selbst ein mittelmiges Talent, wie
das meinige, zu heben. - Ich meine, da -
    Die Prinzessin stockte hocherrtend, die Benzon trat hinzu und versicherte,
da die Prinzessin sich selbst groes Unrecht tue, wenn sie ihr musikalisches
Talent mittelmig nenne, da sie das Pianoforte vorzglich spiele und recht
ausdrucksvoll singe. Kreisler, dem die Prinzessin in ihrer Verlegenheit auf
einmal ber alle Maen liebenswrdig erschien, ergo sich in einen Strom
freundlicher Redensarten und schlo damit, da ihm nichts Glcklicheres begegnen
knne, als wenn die Prinzessin es vergnne, ihr beizustehen im Studium der Musik
mit Rat und Tat.
    Die Prinzessin hrte den Kapellmeister an mit sichtlichem Wohlgefallen, und
als er geendet und der Benzon Blick ihr die seltsame Scheu vor dem artigen Mann
vorwarf, da sprach sie halb leise: Ja, ja, Benzon, Sie haben recht, ich bin
wohl oft ein kindisches Kind! - In demselben Augenblick fate sie, ohne
hinzublicken, nach dem Shawl, den Kreisler noch immer in den Hnden hielt, und
den er ihr nun hinreichte. Selbst wute er nicht, wie es sich begab, da er
dabei der Prinzessin Hand berhrte. Aber ein heftiger Pulsschlag drhnte ihm
durch alle Nerven, und es war, als wollten ihm die Sinne vergehen. -
    Wie einen Lichtstrahl, der durch finstere Wolken bricht, vernahm Kreisler
Juliens Stimme. Ich soll, sprach sie, ich soll noch mehr singen, lieber
Kreisler, man lt mir keine Ruhe. - Wohl mchte ich das schne Duett versuchen,
das Sie mir letzthin gebracht. - Sie drfen das, nahm die Benzon das Wort,
Sie drfen das meiner Julie nicht abschlagen, lieber Kapellmeister - fort an
den Flgel! -
    Kreisler, keines Wortes mchtig, sa am Flgel, schlug die ersten Akkorde
des Duetts an, wie von einem seltsamen Rausch betrt und befangen. Julia begann:
Ah che mi manca l'anima in si fatal momento - - Es ist ntig zu sagen, da die
Worte dieses Duetts nach gewhnlicher italischer Weise ganz einfach die Trennung
eines liebenden Paars aussprachen, da auf momento natrlicherweise sento und
tormento gereimt war, und da es, wie in hundert andern Duetten hnlicher Art,
auch nicht an dem Abbi pietade o cielo und an der pena di morir fehlte. Kreisler
hatte indessen diese Worte in der hchsten Aufregung des Gemts mit einer
Inbrunst komponiert, die beim Vortrage jeden, dem der Himmel nur passable Ohren
gegeben, unwiderstehlich hinreien mute. Das Duett war den leidenschaftlichsten
dieser Art an die Seite zu stellen und, da Kreisler nur nach dem hchsten
Ausdruck des Moments und nicht darnach strebte, was eben ganz ruhig und bequem
von der Sngerin aufzufassen, in der Intonation ziemlich schwer geraten. So kam
es, da Julia schchtern, mit beinahe ungewisser Stimme begann, und da Kreisler
eben nicht viel besser eintrat. Bald erhoben sich aber beide Stimmen auf den
Wellen des Gesanges wie schimmernde Schwne und wollten bald mit rauschendem
Flgelschlag emporsteigen zu dem goldnen strahlenden Gewlk, bald in ser
Liebesumarmung sterbend untergehen in dem brausenden Strom der Akkorde, bis tief
aufatmende Seufzer den nahen Tod verkndeten und das letzte Addio in dem Schrei
des wilden Schmerzes wie ein blutiger Springquell herausstrzte aus der
zerrissenen Brust.
    Niemand befand sich in dem Kreise, den das Duett nicht tief ergriffen,
vielen standen die hellen Trnen in den Augen, selbst die Benzon gestand, da
sie selbst im Theater bei irgendeiner gut dargestellten Abschiedsszene hnliches
noch nicht empfunden. Man berhufte Julien und den Kapellmeister mit
Lobsprchen, man sprach von der wahren Begeisterung, die beide beseelt, und
stellte die Komposition vielleicht noch hher, als sie es verdiente.
    Der Prinzessin Hedwiga hatte man whrend des Gesanges die innere Bewegung
wohl angemerkt, unerachtet sie bemht war, ruhig zu scheinen, ja durchaus jede
Teilnahme zu verbergen. Neben ihr sa ein junges Ding von Hofdame mit roten
Wangen, zum Weinen und Lachen gleich aufgelegt, der raunte sie allerlei in die
Ohren, ohne da es ihr gelang, irgend andere Antwort zu erhalten als einzelne
Wrter, in der Angst der hfischen Konvenienz ausgestoen. Auch der Benzon, die
an der andern Seite sa, flsterte sie gleichgltige Dinge zu, als hre sie gar
nicht auf das Duett; die nach ihrer strengen Manier bat aber die Gndigste, die
Unterhaltung aufzusparen bis nach geendetem Duett. Jetzt aber sprach die
Prinzessin, im ganzen Gesicht glhend, mit blitzenden Augen so laut, da sie die
Lobsprche der ganzen Gesellschaft bertnte: Es wird mir nun wohl erlaubt
sein, auch meine Meinung zu sagen. Ich gebe zu, da das Duett als Komposition
seinen Wert haben mag, da meine Julie vortrefflich gesungen hat, aber ist es
recht, ist es billig, da man im gemtlichen Zirkel, wo freundliche Unterhaltung
obenanstehen soll, wo wechselseitige Anregungen Rede, Gesang forttreiben sollen
wie einen zwischen Blumenbeeten sanft murmelnden Bach, da man da extravagante
Sachen auftischt, die das Innere zerschneiden, deren gewaltsamen zerstrenden
Eindruck man nicht verwinden kann? Ich habe mich bemht, mein Ohr, meine Brust
zu verschlieen dem wilden Schmerz des Orkus, den Kreisler mit unser leicht
verletzliches Inneres verhhnender Kunst in Tnen aufgefat hat, aber niemand
war so gtig, sich meiner anzunehmen. Gern will ich meine Schwche Ihrer Ironie
preisgeben, Kapellmeister, gern will ich gestehen, da der ble Eindruck Ihres
Duetts mich ganz krank gemacht hat. - Gibt es denn keinen Cimarosa, keinen
Paesiello, deren Kompositionen recht fr die Gesellschaft geschrieben sind?
    O Gott, rief Kreisler, indem sein Gesicht in dem mannigfaltigsten
Muskelspiel vibrierte, wie es allemal zu geschehen pflegte, wenn der Humor
aufstieg in dem Innern, o Gott, gndigste Prinzessin! - wie ganz bin ich
rmster Kapellmeister Ihrer gtigen gndigen Meinung! - Ist es nicht gegen alle
Sitte und Kleiderordnung, die Brust mit all der Wehmut, mit all dem Schmerz, mit
all dem Entzcken, das darin verschlossen, anders in die Gesellschaft zu tragen,
als dick verhllt mit dem Fichu vortrefflicher Artigkeit und Konvenienz? Taugen
denn alle Lschanstalten, die der gute Ton berall bereitet, taugen sie wohl
was, sind sie wohl hinlnglich, um das Naphthafeuer zu dmpfen, das hie und da
hervorlodern will? Splt man noch so viel Tee, noch so viel Zuckerwasser, noch
so viel honettes Gesprch, ja noch so viel angenehmes Dudeldumdei hinunter, doch
gelingt es diesem, jenem freveligen Mordbrenner, eine Congrevische Rakete ins
Innere zu werfen, und die Flamme leuchtet empor, leuchtet und brennt sogar,
welches dem puren Mondschein niemals geschieht! - Ja! gndigste Prinzessin! -
ja, ich! - aller Kapellmeister hienieden unseligster, ich habe schndlich
gefrevelt mit dem entsetzlichen Duett, das wie ein hllisches Feuerwerk mit
allerlei Leuchtkugeln, Schwanzraketen, Schwrmern und Kanonenschlgen durch die
ganze Gesellschaft gefahren ist und, leider merk' ich's, fast berall gezndet
hat! - Ha! - Feuer - Feuer - Mordio! - es brennt - Spritzenhaus auf - Wasser -
Wasser- Hilfe, rettet!
    Kreisler strzte zu auf den Notenkasten, zog ihn hervor unter dem Flgel,
ffnete ihn - warf die Noten umher, ri eine Partitur heraus, es war Paesiellos
Molinara, setzte sich an das Instrument, begann das Ritornell der bekannten
hbschen Ariette: La Rachelina molinarina, mit der die Mllerin auftritt -
    Aber lieber Kreisler! sprach Julie ganz schchtern und erschrocken.
    Doch Kreisler warf sich vor Julien nieder auf beide Knie und flehte:
Teuerste, holdseligste Julia! Erbarmen Sie sich der hochverehrten Gesellschaft,
gieen Sie Trost in die hoffnungslosen Gemter, singen Sie die Rachelina!
    - Tun Sie es nicht, so bleibt mir nichts brig, als mich hier vor Ihren
sichtlichen Augen hinabzustrzen in die Verzweiflung, an deren Rand ich mich
bereits befinde, und Sie halten den verlornen Maitre de la Chapelle vergebens am
Rockscho, denn indem Sie gutmtig rufen: Bleibe bei uns, o Johannes! so ist er
schon hinabgefahren zum Acheron und wagt im dmonischen Shawltanz die
allerzierlichsten Sprnge: darum singen Sie, Werte!
    Julia tat, wiewohl, so schien es, mit einigem Widerwillen, warum Kreisler
sie gebeten.
    Sowie die Ariette geendet, begann Kreisler sofort das bekannte komische
Duett des Notars mit der Mllerin. -
    Julias Gesang in Stimme und Methode neigte sich ganz zum Ernsten,
Pathetischen, demungeachtet stand ihr eine Laune zu Gebote, wenn sie komische
Sachen vortrug, die die reizendste Liebenswrdigkeit selbst war. Kreisler hatte
sich den seltsamen, aber unwiderstehlich hinreienden Vortrag der italienischen
Buffi zu eigen gemacht, das ging heute aber beinahe bis zur bertreibung, denn
indem Kreislers Stimme nicht dieselbe schien, da sie dem hchsten dramatischen
Ausdruck in tausend Nuancen sich fgte, so schnitt er dabei auch solche
absonderliche Gesichter, die einen Cato zum Lachen gebracht htten.
    Es konnte nicht fehlen, da alle laut aufjauchzten, losbrachen in
schallendem Gelchter.
    Kreisler kte Julien entzckt die Hand, die sie ihm ganz unmutig schnell
wegzog. Ach, sprach Julie, ach, Kapellmeister, ich kann mich nun einmal in
Ihre seltsame Launen - abenteuerliche mcht' ich sie nennen, ich kann mich nun
einmal gar nicht darin finden! - Dieser Todessprung von einem Extrem zum andern
zerschneidet nur die Brust! - Ich bitte Sie, lieber Kreisler, verlangen Sie
nicht mehr, da ich mit tief bewegtem Gemt, wenn noch die Tne der tiefsten
Wehmut widerklingen in meinem Innern, da ich dann Komisches singe, sei es auch
noch so artig und hbsch. Ich wei es - ich vermag es, ich setze es durch, aber
es macht mich ganz matt und krank. - Verlangen Sie es nicht mehr! - Nicht wahr,
Sie versprechen mir das, lieber Kreisler? -
    Der Kapellmeister wollte antworten, in dem Augenblick umarmte aber die
Prinzessin Julien, strker, ausgelassener lachend, als es irgendeine
Oberhofmeisterin fr schicklich halten oder verantworten kann.
    Komm an meine Brust, rief sie, du aller Mllerinnen holdeste,
stimmreichste, launigste! - Du mystifizierst alle Barone, Amtsverweser, Notare
in der ganzen Welt, und wohl noch gar - Das brige, was sie noch sagen wollte,
ging unter in der drhnenden Lache, die sie von neuem aufschlug.
    Und dann sich rasch zum Kapellmeister wendend: Sie haben mich ganz mit sich
ausgeshnt, lieber Kreisler! O, jetzt verstehe ich Ihren springenden Humor. - Er
ist kstlich, in der Tat kstlich! - Nur in dem Zwiespalt der verschiedensten
Empfindungen, der feindlichsten Gefhle geht das hhere Leben auf! - Haben Sie
Dank, herzlichen Dank - da! - ich erlaube Ihnen, mir die Hand zu kssen!
    Kreisler fate die ihm dargebotene Hand, und wiederum, wiewohl nicht so
heftig als zuvor, durchdrhnte ihn der Pulsschlag, so da er einen Moment zu
zgern gentigt, ehe er nun die zarten enthandschuhten Finger an den Mund
drckte, sich mit solchem Anstand verbeugend, als sei er noch Legationsrat.
Selbst wute er nun nicht, wie es kam, da ihm diese physische Empfindung bei
dem Berhren der frstlichen Hand ungemein lcherlich bednken wollte. Am
Ende, sprach er zu sich selbst, als die Prinzessin ihn verlassen, am Ende ist
die Gndigste eine Art von Leydner Flasche und walkt honette Leute durch mit
elektrischen Schlgen nach frstlichem Belieben! -
    Die Prinzessin hpfte, tnzelte im Saal umher, lachte, trllerte dazwischen:
La Rachelina molinarina und herzte und kte bald diese, bald jene Dame
versicherte, nie in ihrem Leben sei sie froher gewesen, und das habe sie dem
wackern Kapellmeister zu verdanken. Der ernsten Benzon war das alles im hchsten
Grade zuwider, sie konnte es nicht lassen, die Prinzessin endlich beiseite zu
ziehen und ihr ins Ohr zu flstern: Hedwiga, ich bitte Sie, welch ein
Betragen!
    Ich dchte, erwiderte die Prinzessin mit funkelnden Augen, ich dchte,
liebe Benzon, wir lieen heute das Hofmeistern und gingen alle zu Bette! - Ja! -
zu Bette - zu Bette! Und damit rief sie nach ihrem Wagen.
    Schweifte die Prinzessin aus in krampfhafter Lustigkeit, so war Julia
indessen still und trbe geworden. Den Kopf auf die Hand gesttzt, sa sie am
Flgel, und ihr sichtliches Verbleichen, das umflorte Auge bewies, da ihr Unmut
bis zum physischen Weh sich gesteigert.
    Auch Kreislern war das Brillantfeuer des Humors verlscht. Jedem Gesprch
ausweichend, tappte er mit leisen Schritten nach der Tre. Die Benzon trat ihm
in den Weg. Ich wei nicht, sprach sie, welche sonderbare Verstimmung heute
mir - -
    (M. f. f.) alles so bekannt, so heimisch vor, ein ses Aroma, selbst wut'
ich nicht, von welchen vortrefflichen Braten, wallte in blulichen Wolken ber
die Dcher daher, und wie aus weiter - weiter Ferne, im Suseln des Abendwindes,
lispelten holde Stimmen: Murr, mein Geliebter, wo weiltest du so lange? -

Was ist's, das die beengte Brust
Mit Wonneschauer so durchbebt,
Den Geist zum Himmel hoch erhebt,
Ist's Ahnung hoher Gtterlust?
Ja - springe auf, du armes Herz,
Ermut'ge dich zu khnen Taten,
Umwandelt ist in Lust und Scherz
Der trostlos bittre Todesschmerz,
Die Hoffnung lebt - ich rieche Braten!

So sang ich und verlor mich, des entsetzlichen Feuerlrms nicht achtend, in die
angenehmsten Trume! Doch auch hier auf dem Dache sollten mich noch die
schreckhaften Erscheinungen des grotesken Weltlebens, in das ich
hineingesprungen, verfolgen. Denn ehe ich mir's versah, stieg aus dem Rauchfange
eines jener seltsamen Ungetme empor, die die Menschen Schornsteinfeger nennen.
Kaum mich gewahrend, rief der schwarze Schlingel: Husch Katz! und warf den
Besen nach mir. Dem Wurfe ausweichend, sprang ich ber das nchste Dach hinweg
und hinunter in die Dachrinne. Doch wer schildert mein frohes Erstaunen, ja,
meinen freudigen Schreck, als ich wahrnahm, da ich mich auf dem Hause meines
wackern Herrn befand. Behende kletterte ich von Dachluke zu Dachluke, doch alle
waren verschlossen. Ich erhob meine Stimme, jedoch umsonst, niemand hrte mich.
Indessen wirbelten die Rauchwolken von dem brennenden Hause hoch auf,
Wasserstrahlen zischten dazwischen, tausend Stimmen schrieen durcheinander, das
Feuer schien bedrohlicher zu werden. Da ffnete sich die Dachluke, und Meister
Abraham schaute heraus in seinem gelben Schlafrock. Murr, mein guter Kater
Murr, da bist du ja - Komm hinein, komm hinein, kleiner Graupelz! So rief der
Meister freudig, als er mich erblickte. Ich unterlie nicht, ihm durch alle
Zeichen, die mir zu Gebote standen, auch meine Freude zu erkennen zu geben: es
war ein schner herrlicher Moment des Wiedersehens, den wir feierten. Der
Meister streichelte mich, als ich zu ihm hinein in den Dachboden gesprungen, so
da ich vor Wohlbehagen in jenes sanfte, se Knurren ausbrach, das die Menschen
in hhnender Verspottung mit dem Worte spinnen bezeichnen. Ha, ha, sprach
der Meister lachend, ha ha, mein Junge, dir ist wohl, da du vielleicht von
weiter Wanderung zurckgekehrt bist in die Heimat, du erkennst nicht die Gefahr,
in der wir schweben. - Beinahe mchte ich wie du ein glcklicher harmloser Kater
sein, der sich den Teufel was schert um Feuer und Spritzenmeister, und dem kein
Mobiliare verbrennen kann, da das einzige Mobile, dessen sein unsterblicher
Geist mchtig, er selbst ist. -
    Damit nahm mich der Meister auf den Arm und stieg herab in sein Zimmer.
    Kaum waren wir hineingetreten, als Professor Lothario uns nachstrzte, dem
noch zwei Mnner folgten.
    Ich bitte Euch, rief der Professor, ich bitte Euch um des Himmels willen,
Meister! Ihr seid in der dringendsten Gefahr, das Feuer schlgt schon ber Euer
Dach. - Erlaubt, da wir Eure Sachen wegtragen. -
    Der Meister erklrte sehr trocken, da in solcher Gefahr der jhe Eifer der
Freunde viel verderblicher sich gestalte, als die Gefahr selbst, da das, was vor
dem Feuer geborgen, gewhnlich zum Teufel ginge, wiewohl auf schnere Art. Er
selbst habe in frherer Zeit einem Freunde, der von Feuer bedroht, in dem
wohlwollendsten Enthusiasmus betrchtliches chinesisches Porzellan durchs
Fenster geworfen, damit es nur ja nicht verbrenne. Wollten sie aber fein ruhig
drei Nachtmtzen, ein paar graue Rcke und andere Kleidungsstcke, worunter eine
seidne Hose vorzglich zu beachten, nebst einiger Wsche in einen Koffer, Bcher
und Manuskripte in ein paar Krbe packen, seine Maschinen aber nicht mit einem
Finger anrhren, so werde es ihm lieb sein. Stehe dann das Dach in Flammen, so
wolle er samt dem Mobiliar sich von dannen machen.
    Erst aber, (so schlo er) erst aber erlaubt, da ich meinen Hausgenossen
und Stubenkameraden, der soeben von weiten Reisen mde, ermattet zurckgekommen,
mit Speis' und Trank erquicke, nachher mget ihr wirtschaften! -
    Alle lachten sehr, da sie gewahrten, da der Meister niemanden anders
gemeint als mich.
    Es schmeckte mir herrlich, und die schne Hoffnung, die ich auf dem Dach in
sehnsuchtsvollen sen Tnen ausgesprochen, wurde ganz erfllt.
    Als ich mich erquickt, setzte mich der Meister in einen Korb; neben mir, es
war dazu Platz, stellte er eine kleine Schssel mit Milch hin und deckte den
Korb sorgfltig zu.
    Wart's ruhig ab, sprach der Meister, wart's ruhig ab, mein Kater, in
dunkler Behausung, was aus uns noch werden wird, nippe zum Zeitvertreib von
deinem Lieblingstrank, denn springst oder trottierst du hier im Zimmer umher, so
treten sie dir den Schwanz, die Beine entzwei im Tumult des Rettens. Kommt es
zur Flucht, so trage ich dich selbst mit mir fort, damit du dich nicht wieder
verlufst, wie es schon geschehen. Sie glauben nicht, wandte sich nun der
Meister zu den andern, Sie glauben nicht, verehrteste Herren und Helfer in der
Not, was der kleine graue Mann im Korbe, was das fr ein herrlicher
grundgescheiter Kater ist. Naturhistorische Galls behaupten, da sonst mit den
vortrefflichsten Organen, als da sind Mordlust, Diebessinn, Schelmerei u.s.w.,
ausgersteten Katern von leidlicher Edukation doch der Ortsinn gnzlich mangele,
da sie, einmal sich verlaufen, die Heimat nie wiederfnden, aber mein guter
Murr macht davon eine glnzende Ausnahme. Seit ein paar Tagen vermite ich ihn
und betrauerte recht herzlich seinen Verlust, heut, soeben ist er zurckgekehrt
und hat, wie ich mit Recht vermuten darf, noch dazu die Dcher benutzt als
angenehme Kunststrae. Die gute Seele hat nicht allein Klugheit bewiesen und
Verstand, sondern auch die treueste Anhnglichkeit an seinen Herrn, weshalb ich
ihn nun noch viel mehr liebe als vorher. - Mich erfreute des Meisters Lob ganz
ungemein, mit innerm Wohlbehagen fhlte ich meine berlegenheit ber mein ganzes
Geschlecht, ber ein ganzes Heer verirrter Kater ohne Ortsinn und wunderte mich,
da ich selbst das ganz Ungemeine meines Verstandes nicht hinlnglich
eingesehen. Zwar dacht' ich daran, da eigentlich der junge Ponto mich auf den
rechten Weg und der Wurf des Schornsteinfegers auf das rechte Dach gebracht,
indessen glaubte ich doch nicht im mindesten an meiner Sagazitt und an der
Wahrheit des Lobes, das mir der Meister erteilte, zweifeln zu drfen. Wie
gesagt, ich fhlte meine innere Kraft, und dies Gefhl brgte mir fr jene
Wahrheit. Da unverdientes Lob viel mehr erfreue und den Gelobten viel mehr
aufblhe als verdientes, wie ich einmal las oder jemanden behaupten hrte, das
gilt wohl nur von den Menschen, gescheite Kater sind frei von solcher Torheit,
und ich glaube bestimmt, da ich vielleicht ohne Ponto und Schornsteinfeger den
Rckweg nach Hause gefunden htte, und da beide sogar nur den richtigen
Ideengang im Innern verwirrten. Das bichen Weltklugheit, womit der junge Ponto
so prahlte, wre mir auch wohl zugekommen auf andere Weise, wenngleich die
mancherlei Begebenheiten, die ich mit dem liebenswrdigen Pudel - mit dem
aimable rou erlebte, mir guten Stoff gaben zu den freundschaftlichen Briefen,
in welche ich meine Reisebeschreibung einkleidete. In allen Morgen- und
Abendzeitungen, in allen eleganten und freimtigen Blttern knnten diese Briefe
mit Effekt abgedruckt stehen, da mit Geist und Verstand darin die glnzendsten
Seiten meines Ichs hervorgehoben sind, was doch jedem Leser am interessantesten
sein mu. Aber ich wei es schon, die Herren Redakteurs und Verleger fragen:
Wer ist dieser Murr? und erfahren sie denn, da ich ein Kater bin, wiewohl der
vortrefflichste auf Erden, so sprechen sie verchtlich: Ein Kater und will
schreiben! - Und htt' ich Lichtenbergs Humor und Hamanns Tiefe - von beiden
habe ich viel Gutes vernommen, sie sollen fr Menschen nicht bel geschrieben
haben, sind aber Todes verblichen, welches fr jeden Schriftsteller und Dichter,
der leben will, eine durchaus riskante Sache ist - und, sag' ich noch einmal,
htt' ich Lichtenbergs Humor und Hamanns Tiefe, doch erhielte ich das Manuskript
zurck, blo weil man mir vielleicht meiner Krallen halber keine amsante
Schreibart zutraut. So was chagriniert! - O Vorurteil, himmelschreiendes
Vorurteil, wie befngst du doch die Menschen und vorzglich diejenigen, die da
heien Verleger!
    Der Professor und die, die mit ihm gekommen, machten nun einen grimmigen
Spektakel um mich her, der meines Bednkens wenigstens bei dem Verpacken der
Nachtmtzen und der grauen Rcke nicht ntig gewesen wre.
    Auf einmal rief drauen eine hohle Stimme: Das Haus brennt! - Hoho,
sprach der Meister Abraham, da mu ich auch dabei sein, bleibt nur ruhig, ihr
Herren! Wenn die Gefahr da ist, bin ich wieder hier, und wir packen an! -
    Und damit verlie er eilig das Zimmer.
    Mir wurde in meinem Korbe wirklich bange. Das wilde Getse - der Rauch, der
nun in das Zimmer zu dringen begann, alles mehrte meine Angst! Allerlei schwarze
Gedanken stiegen in mir auf! - Wie wenn der Meister mich verge, wenn ich
schmachvoll umkommen mte in den Flammen! - Ich fhlte, die furchtbare Angst
mochte es verschulden, ein besonderes hliches Kneifen im Leibe. - Ha! dacht'
ich, wenn im Herzen falsch, wenn neidisch ob meiner Wissenschaft, mich los zu
werden, enthoben jeder Sorg' zu sein, nun mich der Meister noch in diesen Korb
gespunden. - Wie wenn selbst dieser unschuldsweie Trank - wie, wr' es Gift,
das er mit schlauer Kunst hier zubereitet, mir den Tod zu geben? - Herrlicher
Murr, selbst in der Todesangst denkst du in Jamben, lt nicht aus der Acht, was
du im Shakespeare-Schlegel einst gelesen! -
    Meister Abraham steckte jetzt den Kopf zur Tre hinein und sprach: Die
Gefahr ist vorber, ihr Herren! Setzt euch nur ruhig hin an jenen Tisch und
trinkt die paar Flaschen Wein aus, die ihr in dem Wandschrank gefunden, ich
meinesteils begebe mich noch ein wenig aufs Dach und will erklecklich spritzen.
- Doch halt, erst mu ich nachsehen, was mein guter Kater macht.
    Der Meister trat vollends hinein, nahm den Deckel von dem Korbe, in dem ich
sa, sprach mir zu mit freundlichen Worten, erkundigte sich nach meinem
Wohlbefinden, fragte, ob ich vielleicht noch einen gebratenen Vogel verspeisen
wolle, welches alles ich mit mehrmaligem sen Miau erwiderte und mich recht
bequem ausstreckte, welches mein Meister mit Recht fr das beredte Zeichen nahm,
da ich satt sei, noch im Korbe zu bleiben wnsche, und stlpte den Deckel
wieder auf.
    Wie wurde ich nun von der guten freundlichen Gesinnung berzeugt, die
Meister Abraham fr mich hegte. Ich htte mich meines schnden Mitrauens
schmen mssen, wenn es berhaupt fr einen Mann von Verstande schicklich wre,
sich zu schmen. Am Ende, dacht' ich, war auch die frchterliche Angst, das
ganze Unheil ahnende Mitrauen weiter nichts als poetische Schwrmerei, wie sie
jungen genialen Enthusiasten eigen, die dergleichen oft frmlich brauchen als
berauschendes Opium. Das beruhigte mich ganz und gar.
    Kaum hatte der Meister die Stube verlassen, als der Professor, ich knnt' es
durch eine kleine Ritze des Korbes bemerken, sich mit mitrauischen Blicken nach
dem Korbe umschaute und dann den andern zuwinkte, als habe er ihnen irgend
Wichtiges zu entdecken. Dann sprach er mit so leiser Stimme, da ich kein
Wrtlein verstanden, htte der Himmel nicht in meine spitze Ohren mir
unglaublich scharfes Gehr gelegt: Wit ihr wohl, wozu ich eben jetzt Lust
htte? - Wit ihr wohl, da ich hingehen zu jenem Korbe, ihn ffnen und dem
verfluchten Kater, der drinnen sitzt, und der uns jetzt vielleicht alle mit
seinem bermtigen Selbstgenugsein verhhnt, dies spitze Messer in die Kehle
stoen mchte?
    Was fllt Euch ein, rief ein anderer, was fllt Euch ein, Lothario, den
hbschen Kater, den Liebling unseres wackern Meisters, wolltet Ihr umbringen? -
Und warum sprecht Ihr denn so leise?
    Der Professor, ebenso mit gedmpfter Stimme wie vorher weiter sprechend,
erklrte, da ich alles verstehe, da ich lesen und schreiben knne, da mir
Meister Abraham auf eine, freilich geheimnisvolle, unerklrliche Weise die
Wissenschaften beigebracht, so da ich schon jetzt, wie ihm der Pudel Ponto
verraten, schriftstellere und dichte, und da das alles dem schelmischen Meister
zu nichts anderm dienen werde als zur Verspottung der vortrefflichsten Gelehrten
und Dichter.
    O, sprach Lothario mit unterdrckter Wut, o, ich seh' es kommen, da
Meister Abraham, der ohnedem das Vertrauen des Groherzogs in vollem Mae
besitzt, da er mit dem unglckseligen Kater alles durchsetzt, was er nur will.
Die Bestie wird Magister legens werden, die Doktorwrde erhalten, zuletzt als
Professor der sthetik Collegia lesen ber den Aeschylos - Corneille -
Shakespeare! - ich komme von Sinnen! - der Kater wird in meinen Eingeweiden
whlen und hat ganz infame Krallen! -
    Alle gerieten bei diesen Reden Lotharios, des Professors der sthetik, in
das tiefste Erstaunen. Einer meinte, es sei ganz unmglich, da ein Kater lesen
und schreiben lernen knne, da diese Elemente aller Wissenschaft nchst der
Geschicklichkeit, der nur der Mensch fhig, eine gewisse berlegung, man mchte
sagen, Verstand erforderten, der sogar nicht allemal bei dem Menschen, dem
Meisterstck der Schpfung, anzutreffen, viel weniger bei gemeinem Vieh!
    Bester, nahm ein anderer, wie mir's in meinem Korbe schien, sehr
ernsthafter Mann das Wort, Bester, was nennen Sie gemeines Vieh? - Es gibt gar
kein gemeines Vieh. Oft in stille Selbstbetrachtung versunken, empfinde ich den
tiefsten Respekt vor Eseln und andern ntzlichen Tieren. Ich begreife nicht,
warum einer angenehmen Hausbestie von glcklichen natrlichen Anlagen nicht
sollte das Lesen und Schreiben beigebracht werden, ja, warum - sich ein solches
Tierlein nicht sollte erheben knnen zum Gelehrten und Dichter? - Ist denn das
so etwas Beispielloses? - An Tausendundeine Nacht, als der besten historischen
Quelle voll pragmatischer Authentizitt, mag ich gar nicht denken, sondern Sie,
mein Allerliebster, nur an den gestiefelten Kater erinnern, einen Kater, der
voll Edelmut, durchdringendem Verstande war und tiefer Wissenschaft.
    Voll Freude ber dieses Lob eines Katers, der, wie mir eine deutliche Stimme
im Innern sagte, mein wrdiger Ahnherr sein mute, konnt' ich mir nicht
enthalten, zwei-, dreimal ziemlich stark zu niesen. - Der Redner hielt inne, und
alle schauten sich ganz verschchtert um nach meinem Korbe.
    Contentement mon cher, rief endlich der ernsthafte Mann, der eben
gesprochen, und fuhr dann weiter fort: Irre ich nicht, so erwhnten Sie, teurer
sthetiker, vorhin eines Pudels Ponto, der Ihnen des Katers dichterisches und
wissenschaftliches Treiben verraten. Dies bringt mich denn auf Cervantes hchst
vorzgliche Berganza, von dessen neuesten Schicksalen in einem gewissen neuen,
hchst abenteuerlichen Buche Nachricht gegeben wird. Auch dieser Hund gibt ein
entscheidendes Beispiel ber das Naturell und ber die Bildungsfhigkeit der
Tiere. Aber, nahm der andere das Wort, aber mein teurer, liebster Freund,
welche Beispiele fhren Sie denn da an? Von dem Hunde Berganza spricht ja
Cervantes, der bekanntlich ein Romanschreiber war, und die Geschichte vom
gestiefelten Kater ist ja ein Kindermrchen, welches Herr Tieck freilich mit
solcher Lebendigkeit uns vor Augen gebracht hat, da man beinahe die Torheit
begehen knnte, wirklich daran zu glauben. Also zwei Dichter allegieren Sie, als
wren es ernste Naturhistoriker und Psychologen, nun sind aber Dichter nichts
weniger als das, sondern ausgemachte Phantasten, die lauter eingebildetes Zeug
ausbrten und vorbringen. Sagen Sie, wie mag denn aber ein verstndiger Mann wie
Sie sich auf Dichter berufen, um das zu bewahrheiten, was wider Sinn und
Verstand luft? Lothario ist Professor der sthetik, und es ist billig, da er
als solcher bisweilen etwas weniges ber die Schnur haue, aber Sie -
    Halt, sprach der Ernste, halt, mein Liebster, ereifern Sie sich nicht.
Bedenken Sie fein, da, wenn vom Wunderbaren, Unglaublichen die Rede, man
fglich Dichter allegieren darf, denn simple Historiker verstehen den Teufel was
davon. Ja, wenn das Wunderbare in Schick und Form gebracht und als reine
Wissenschaft vorgetragen werden soll, wird der Beweis irgendeines
Erfahrungssatzes am besten aus berhmten Dichtern entnommen, auf deren Wort man
bauen darf. Ich fhre Ihnen, und damit werden Sie, selbst ein gelehrter Arzt,
zufrieden sein - ja! sage ich, ich fhre Ihnen das Beispiel eines berhmten
Arztes an, der in seiner wissenschaftlichen Darstellung des animalischen
Magnetismus, um unsern Rapport mit dem Weltgeiste, um das Dasein eines
wunderbaren Ahnungsvermgens unleugbar ins Licht zu stellen, sich auf Schiller
und dessen Wallenstein bezieht, welcher sagt: Es gibt im Menschenleben
Augenblicke und Dergleichen Stimmen gibt's - es ist kein Zweifel - - und wie es
denn weiter heit. Sie knnen das Weitere selbst nachlesen in der Tragdie. -
Ho ho! erwiderte der Doktor, - Sie springen ab - Sie geraten in den
Magnetismus und sind imstande, zuletzt zu behaupten, da nchst allen Wundern,
die dem Magnetiseur zu Gebote stehen, er auch den Schulmeister fr empfngliche
Kater abgeben knnte. -
    Nun, sprach der Ernste, wer wei, wie der Magnetismus auf Tiere wirkt.
Kater, die schon das elektrische Fluidum in sich tragen, wie Sie sich gleich
berzeugen knnen - -
    Pltzlich an Mina denkend, die ber dergleichen Versuche, die mit ihr
angestellt worden, so bitter klagte, erschrak ich so heftig, da ich ein lautes
Miau ausstie!
    Bei dem Orkus, rief der Professor erschrocken, bei dem Orkus und all
seinem Entsetzen, der hllische Kater hrt uns, versteht uns - Herz gefat - mit
diesen Hnden erwrg' ich ihn. -
    Ihr seid nicht klug, sprach der Ernste Ihr seid wahrhaftig nicht klug,
Professor. Nimmermehr leide ich, da Ihr dem Kater, den ich schon jetzt herzlich
liebgewonnen, ohne das Glck seiner nhern Bekanntschaft zu genieen, da Ihr
ihm nur das geringste Leid zufgt. Am Ende mu ich glauben, da Ihr eiferschtig
seid auf ihn, weil er Verse macht? Professor der sthetik kann ja der kleine
graue Mann niemals werden, darber beruhigen Sie sich nur ganz. Steht es denn
nicht deutlich in den uralten akademischen Statuten, da berhandgenommenen
Mibrauchs halber keine Esel mehr zur Professur gelangen sollen, und ist diese
Verordnung nicht auch auf Tiere auszudehnen von jeder Art und Gattung, mithin
auch auf Kater?
    Mag es sein, sprach der Professor unmutig, mag es sein, da der Kater
niemals weder Magister legens, noch Professor der sthetik werden wird, als
Schriftsteller tritt er doch auf ber kurz oder lang, findet der Neuheit wegen
Verleger und Leser, schnappt uns gute Honorare weg -
    Ich finde, erwiderte der Ernste, ich finde durchaus keine Ursache, warum
dem guten Kater, dem aimablen Liebling unsers Meisters, es verwehrt sein solle,
eine Bahn zu betreten, auf der sich so viele ohne Rcksicht auf Kraft und
Haltung umhertummeln. Die einzige Maregel, die dabei zu beobachten, wre, da
man ihn ntigte, sich die spitzen Krallen verschneiden zu lassen, und das wre
vielleicht das einzige, was wir jetzt gleich tun knnten, um sicher zu sein, da
er uns nie verwunde, wenn er ein Autor worden.
    Alle standen auf. Der sthetiker griff nach der Schere.
    Man kann sich meine Lage denken, ich beschlo, mit Lwenmut anzukmpfen
gegen die Verunglimpfung, die man mir zugedacht, den ersten, der sich mir nahen
wrde, zu zeichnen auf ewige Zeiten; ich rstete mich zum Sprunge, sowie der
Korb geffnet werden wrde.
    In dem Augenblick trat Meister Abraham hinein, und vorber war meine Angst,
die schon sich steigern wollte zur Verzweiflung. Er ffnete den Korb, und noch
ganz auer mir, sprang ich mit einem Satz hinaus und scho dem Meister wild
vorbei unter den Ofen.
    Was ist dem Tiere widerfahren? rief der Meister, die andern mitrauisch
anblickend, welche dastanden ganz verlegen und, vom bsen Gewissen geplagt, gar
nicht zu antworten vermochten.
    So bedrohlich auch meine Lage im Gefngnis war, doch empfand ich inniges
Wohlbehagen darber, was der Professor von meiner mutmalichen Laufbahn sagte,
sowie sein deutlich ausgesprochner Neid mich hchlich erfreute. Ich fhlte schon
das Doktorhtlein auf meiner Stirne, ich sah mich schon auf dem Katheder! -
Sollten meine Vorlesungen denn nicht am hufigsten besucht werden von der
wibegierigen Jugend? - Sollte wohl ein einziger Jngling von milden Sitten es
bel deuten knnen, wenn der Professor bte, keine Hunde ins Kollegium zu
bringen? - Nicht alle Pudel hegen solch freundlichen Sinn wie mein Ponto, und
dem Jgervolk mit langen hangenden Ohren ist nun vollends gar nicht zu trauen,
da sie berall mit den gebildetsten Leuten meines Geschlechts unntze Hndel
anfangen und sie mit Gewalt ntigen zu den unartigsten uerungen des Zorns, als
da ist Pruhsten - Kratzen - Beien etc. etc.
    Wie hchst fatal mt' es -
    (Mak. Bl.) - nur der kleinen rotwangigen Hofdame gelten, die Kreisler bei
der Benzon gesehen. Tun Sie mir, sprach die Prinzessin, tun Sie mir den
Gefallen, Nannette, gehen Sie selbst herab und sorgen Sie, da man die
Nelkenstcke in meinen Pavillon trage, die Leute sind saumselig genug, um nichts
auszurichten. - Das Frulein sprang auf, verbeugte sich sehr zeremonis, flog
dann aber schnell zum Zimmer heraus, wie ein Vogel, dem man den Kfig geffnet.
    Ich kann, wandte sich die Prinzessin zum Kreisler, ich kann nun einmal
nichts herausbringen, wenn ich nicht mit dem Lehrer allein bin, der den
Beichtvater vorstellt, dem man ohne Scheu alle Snden vertrauen kann. berhaupt
werden Sie, lieber Kreisler, die steife Etikette bei uns seltsam, werden es
lstig finden, da ich berall von Hofdamen umgeben, gehtet werde wie die
Knigin von Spanien. - Wenigstens sollte man hier in dem schnen Sieghartshof
mehr Freiheit genieen. Wre der Frst im Schlosse, ich htte Nannette nicht
fortschicken drfen, die sich selbst bei unseren musikalischen Studien
ebensosehr langeweilt, als sie mich geniert. - Fangen wir noch einmal an, jetzt
wird es besser gehen. - Kreisler, bei dem Unterricht die Geduld selbst, begann
das Gesangstck, welches die Prinzessin einzustudieren unternommen, von neuem,
aber so sichtlich Hedwiga sich auch mhte, soviel Kreisler auch einhelfen
mochte, sie verirrte sich in Takt und Ton, sie machte Fehler ber Fehler, bis
sie, glutrot im ganzen Gesicht, aufsprang, an das Fenster lief und hinausschaute
in den Park. Kreisler glaubte zu bemerken, da die Prinzessin heftig weine, und
fand seinen ersten Unterricht, den ganzen Auftritt etwas peinlich. Was konnte er
Bessers tun als versuchen, ob der feindliche unmusikalische Geist, der die
Prinzessin zu verstren schiene, sich nicht bannen lasse eben durch Musik. Er
lie daher allerlei angenehme Melodien fortstrmen, variierte die bekanntesten
Lieblingslieder in kontrapunktischen Wendungen und melismatischen Schnrkeln, so
da er zuletzt sich selbst darber wunderte, wie er so scharmant den Flgel zu
spielen verstehe, und die Prinzessin verga samt ihrer Arie und ihrer
rcksichtslosen Ungeduld.
    Wie herrlich doch der Geierstein in der leuchtenden Abendsonne steht,
sprach die Prinzessin, ohne sich umzuwenden.
    Kreisler war eben in einer Dissonanz begriffen, natrlicherweise mute er
diese auflsen und konnte daher nicht mit der Prinzessin den Geierstein und die
Abendsonne bewundern. Gibt's wohl einen reizendern Aufenthalt weit und breit
als unser Sieghartshof, sprach Hedwiga lauter und strker als vorher. - Nun
mute Kreisler wohl, nachdem er einen tchtigen Schluakkord angeschlagen, zu
der Prinzessin an das Fenster treten, der Aufforderung zum Gesprch hflich
gengend.
    In der Tat, sprach der Kapellmeister, in der Tat, gndigste Prinzessin,
der Park ist herrlich, und ganz besonders ist es mir lieb, da smtliche Bume
grnes Laub tragen, welches ich berhaupt an allen Bumen, Struchern und
Grsern sehr bewundere und verehre, und jeden Frhling dem Allmchtigen danke,
da es wieder grn worden und nicht rot, welches in jeder Landschaft zu tadeln,
und bei den besten Landschaften, wie z.B. Claude Lorrain, oder Berghem, ja
selbst bei Hackert, der blo seine Wiesengrnde was weniges pudert, nirgends zu
finden.
    Kreisler wollte weiter reden, als er aber in dem kleinen Spiegel, der zur
Seite des Fensters angebracht, der Prinzessin todbleiches, seltsam verstrtes
Antlitz erblickte, verstummte er vor dem Schauer, der sein Inneres durcheiste.
    Die Prinzessin unterbrach endlich das Schweigen, indem sie, ohne sich
umzuwenden, immerfort hinausschauend, mit dem rhrenden Ton der tiefsten Wehmut
sprach: Kreisler, das Schicksal will es nun einmal, da ich Ihnen berall wie
von seltsamen Einbildungen geplagt - aufgeregt, ich mchte sagen, albern
erscheine, da ich Ihnen Stoff darbieten soll, Ihren schneidenden Humor an mir
zu ben. Es ist Zeit, Ihnen zu erklren, da und warum Sie es sind, dessen
Anblick mich in einen Zustand versetzt, der dem nervenerschtternden Anfall
eines heftigen Fiebers zu vergleichen. Erfahren Sie alles. Ein offnes Gestndnis
wird meine Brust erleichtern und mir die Mglichkeit verschaffen, Ihren Anblick,
Ihre Gegenwart zu ertragen. - Als ich Sie zum erstenmal dort im Park antraf, da
erfllten Sie, da erfllte Ihr ganzes Betragen mich mit dem tiefsten Entsetzen,
selbst wute ich nicht warum! - aber es war eine Erinnerung aus meinen frhsten
Kinderjahren, die pltzlich mit all ihrem Schrecken in mir aufstieg, und die
sich erst spter in einem seltsamen Traume deutlich gestaltete. - An unserm Hofe
befand sich ein Maler, Ettlinger geheien, den Frst und Frstin sehr hoch
hielten, da sein Talent wunderbar zu nennen. Sie finden auf der Galerie
vortreffliche Gemlde von seiner Hand, auf allen erblicken Sie die Frstin in
dieser, jener Gestalt in der historischen Gruppe angebracht. Das schnste
Gemlde, das die hchste Bewunderung aller Kenner erregt, hngt aber in dem
Kabinett des Frsten. Es ist das Portrt der Frstin, die er, als sie in der
hchsten Blte der Jugend stand, ohne da sie ihm jemals gesessen, so hnlich
malte, als habe er das Bild aus dem Spiegel gestohlen. Leonhard, so wurde der
Maler mit seinem Vornamen am Hofe genannt, mu ein milder guter Mensch gewesen
sein. Alle Liebe, deren meine kindische Brust fhig, ich mochte kaum drei Jahre
alt sein, htte ich ihm zugewandt, ich wollte, er sollte mich nie verlassen.
Aber unermdlich spielte er auch mit mir, malte mir kleine bunte Bilder, schnitt
mir allerlei Figuren aus. Pltzlich, es mochte ein Jahr vergangen sein, blieb er
aus. Die Frau, der meine erste Erziehung anvertraut, sagte mir mit Trnen in den
Augen, Herr Leonhard sei gestorben. Ich war untrstlich, ich mochte nicht mehr
in dem Zimmer bleiben, wo Leonhard mit mir gespielt. Sowie ich nur konnte,
entschlpfte ich meiner Erzieherin, den Kammerfrauen, lief im Schlosse umher,
rief laut den Namen: Leonhard! Denn immer glaubt' ich, es sei nicht wahr, da er
gestorben, und er sei irgendwo im Schlosse versteckt. So begab es sich, da ich
auch an einem Abend, als die Erzieherin sich nur auf einen Augenblick entfernt,
mich aus dem Zimmer schlich, um die Frstin aufzusuchen. Die sollte mir sagen,
wo Herr Leonhard sei, und mir ihn wiederschaffen. Die Tren des Korridors
standen offen, und so gelangte ich wirklich zur Haupttreppe, die ich hinauf lief
und oben, auf gut Glck, in das erste geffnete Zimmer trat. Als ich mich nun
umschaute, wurde die Tre, die, wie ich meinte, in die Gemcher der Frstin
fhren mute, und an die ich zu pochen im Begriff stand, heftig aufgestoen, und
hinein strzte ein Mensch in zerrissenen Kleidern, mit verwildertem Haar. Es war
Leonhard, der mich mit frchterlich funkelnden Augen anstarrte. Totenbleich,
eingefallen, kaum wiederzuerkennen war sein Antlitz. Ach, Herr Leonhard, rief
ich, wie siehst du aus, warum bist du so bla, warum hast du solche glhende
Augen, warum starrst du mich so an? - Ich frchte mich vor dir! - O sei doch gut
wie sonst - male mir wieder hbsche bunte Bilder! - Da sprang Leonhard mit einem
wilden wiehernden Gelchter auf mich los, - eine Kette, die um den Leib
befestigt schien, klirrte ihm nach - kauerte nieder auf den Boden, sprach mit
heiserer Stimme: Ha ha, kleine Prinze - bunte Bilder? - Ja, nun kann ich erst
recht malen, malen - nun will ich dir ein Bild malen und deine schne Mutter!
nicht wahr, du hast eine schne Mutter? - Aber bitte sie, da sie mich nicht
wieder verwandelt - ich will nicht der elende Mensch Leonhard Ettlinger sein -
der ist lngst gestorben. Ich bin der rote Geier und kann malen, wenn ich
Farbenstrahlen gespeist! - Ja, malen kann ich, wenn ich heies Herzblut habe zum
Firnis, - und dein Herzblut brauche ich, kleine Prinze! - Und damit fate er
mich, ri mich an sich, entblte mir den Hals, mir war's, als she ich ein
kleines Messer in seiner Hand blinken. Auf das durchdringende Angstgeschrei, das
ich ausstie, strzten Diener hinein und warfen sich her ber den Wahnsinnigen.
Der schlug sie aber mit Riesenkraft zu Boden. In demselben Augenblicke polterte
und klirrte es aber die Treppe herauf, ein groer, starker Mann sprang hinein
mit dem lauten Ausruf: Jesus, er ist mir entsprungen! Jesus, das Unglck! -
Warte, warte, Hllenkerl! - So wie der Wahnsinnige diesen Mann gewahrte,
schienen ihn pltzlich alle Krfte zu verlassen, heulend strzte er zu Boden.
Man legte ihm die Ketten an, die der Mann mitgebracht, man fhrte ihn fort,
indem er entsetzliche Tne ausstie wie ein gefesseltes wildes Tier.
    Sie mgen sich es denken, mit welcher verstrenden Gewalt dieser
entsetzliche Auftritt das vierjhrige Kind erfassen mute. Man versuchte mich zu
trsten, mir begreiflich zu machen, was wahnsinnig sei. Ohne dies ganz zu
verstehen, ging doch ein tiefes namenloses Grausen durch mein Inneres, das noch
jetzt wiederkehrt, wenn ich einen Wahnsinnigen erblicke, ja, wenn ich nur an den
frchterlichen Zustand denke, der einer fortgesetzten, ununterbrochenen
Todesqual zu vergleichen. - Jenem Unglcklichen sehen Sie hnlich, Kreisler, als
wren Sie sein Bruder. - Vorzglich erinnert mich Ihr Blick, den ich oft seltsam
nennen mchte, nur zu lebhaft an Leonhard, und dies ist es, was mich, als ich
Sie zum erstenmal erblickte, auer Fassung brachte, was mich noch jetzt in Ihrer
Gegenwart beunruhigt - bengstigt! -
    Kreisler stand da, tief erschttert, keines Wortes mchtig. Von jeher hatte
er die fixe Idee, da der Wahnsinn auf ihn lauere, wie ein nach Beute lechzendes
Raubtier, und ihn einmal pltzlich zerfleischen werde; er erbebte nun in
demselben Grausen, das die Prinzessin bei seinem Anblick erfat, vor sich
selbst, rang mit dem schauerlichen Gedanken, da er es gewesen, der die
Prinzessin in der Raserei ermorden wollen.
    Nach einigen Augenblicken des Schweigens fuhr die Prinzessin fort: Der
unglckliche Leonhard liebte insgeheim meine Mutter, und diese Liebe, schon
selbst Wahnsinn, brach zuletzt aus in Wut und Raserei.
    So, sprach Kreisler sehr weich und mild, wie er pflegte, wenn ein Sturm im
Innern vorbergegangen, so war in Leonhards Brust nicht die Liebe des Knstlers
aufgegangen.
    Was wollen Sie damit sagen, Kreisler? fragte die Prinzessin, indem sie
sich rasch umwandte.
    Als, erwiderte Kreisler sanft lchelnd, als ich einst in einem
hinlnglich toll lustigen Schauspiel einen Witzbold von Diener die Spielleute
mit der sen Anrede beehren hrte: Ihr guten Leute und schlechten Musikanten,
teilte ich, wie der Weltenrichter, flugs alles Menschenvolk in zwei verschiedene
Haufen, einer davon bestand aber aus den guten Leuten, die schlechte oder
vielmehr gar keine Musikanten sind, der andere aber aus den eigentlichen
Musikanten. Doch niemand sollte verdammt, sondern alle sollten selig werden,
wiewohl auf verschiedene Weise. - Die guten Leute verlieben sich leichtlich in
ein paar schne Augen, strecken beide Arme aus nach der angenehmen Person, aus
deren Antlitz besagte Augen strahlen, schlieen die Holde ein in Kreise, die,
immer enger und enger werdend, zuletzt zusammenschrumpfen zum Trauring, den sie
der Geliebten an den Finger stecken als pars pro toto - Sie verstehen einiges
Latein, gndigste Prinze - als pars pro toto sag' ich, als Glied der Kette, an
der sie die in Liebeshaft Genommene heimfhren in das Ehestandegefngnis. Dabei
schreien sie denn ungemein: O Gott - oder o Himmel! oder, sind sie der
Astronomie ergeben, o ihr Sterne! oder haben sie Inklination zum Heidentum, o
all ihr Gtter, sie ist mein, die Schnste, all mein sehnend Hoffen erfllt! -
Also lrmend, gedenken die guten Leute es nachzumachen den Musikanten, jedoch
vergebens, da es mit der Liebe dieser durchaus sich anders verhlt. - Es begibt
sich wohl, da besagten Musikanten unsichtbare Hnde urpltzlich den Flor
wegziehen, der ihre Augen verhllte, und sie erschauen, auf Erden wandelnd, das
Engelsbild, das, ein ses unerforschtes Geheimnis, schweigend ruhte in ihrer
Brust. Und nun lodert auf in reinem Himmelsfeuer, das nur leuchtet und wrmt,
ohne mit verderblichen Flammen zu vernichten, alles Entzcken, alle namenlose
Wonne des hheren, aus dem Innersten emporkeimenden Lebens, und tausend
Fhlhrner streckt der Geist aus in brnstigem Verlangen und umnetzt die, die er
geschaut, und hat sie und hat sie nie, da die Sehnsucht ewig drstend fortlebt!
- Und sie, sie selbst ist es, die Herrliche, die, zum Leben gestaltete Ahnung,
aus der Seele des Knstlers hervorleuchtet als Gesang - Bild - Gedicht! - Ach,
Gndigste, glauben Sie mir, sei'n Sie berzeugt, da wahre Musikanten, die mit
ihren leiblichen Armen und den darangewachsenen Hnden nichts tun als passabel
musizieren, sei es nun mit der Feder, mit dem Pinsel oder sonst, in der Tat nach
der wahrhaften Geliebten nichts ausstrecken als geistige Fhlhrner, an denen
weder Hand noch Finger befindlich, die mit konvenabler Zierlichkeit einen
Trauring erfassen und anstecken knnten an den kleinen Finger der Angebeteten;
schnde Mesalliancen sind daher durchaus nicht zu befrchten, und scheint
ziemlich gleichgltig, ob die Geliebte, die in dem Innern des Knstlers lebt,
eine Frstin ist oder eine Bckerstochter, insofern letztere nur keine Eule.
Besagte Musikanten schaffen, und sie in Liebe gekommen, mit der Begeisterung des
Himmels herrliche Werke und sterben weder elendiglich dahin an der Schwindsucht,
noch werden sie wahnsinnig. Sehr verdenke ich es daher dem Herrn Leonhard
Ettlinger, da er in einige Raserei verfiel, er htte, nach der Art echter
Musikanten, die durchlauchtige Frau Frstin ohne allen Nachteil lieben knnen,
wie er nur wollte! -
    Die humoristischen Tne, die der Kapellmeister anschlug, gingen bei dem Ohr
der Prinzessin vorber, unvernommen oder bertnt von dem Nachhall der Saite,
die er berhrt, und die in der weiblichen Brust, schrfer gespannt, strker
vibrieren mute als alle brigen.
    Die Liebe des Knstlers, sprach sie, indem sie niedersank in den Lehnstuhl
und wie im Nachsinnen den Kopf auf die Hand sttzte, die Liebe des Knstlers! -
so geliebt zu werden! - o, es ist ein schner herrlicher Traum des Himmels - nur
ein Traum, ein leerer Traum. -
    Sie scheinen, nahm Kreisler das Wort, Sie scheinen, Gndigste, fr Trume
eben nicht sehr portiert, und doch sind es lediglich die Trume, in denen uns
recht die Schmetterlingsflgel wachsen, so da wir, dem engsten festesten Kerker
zu entfliehen, uns bunt und glnzend in die hohen, in die hchsten Lfte zu
erheben vermgen. Jeder Mensch hat doch am Ende einen angebornen Hang zum
Fliegen, und ich habe ernste honette Leute gekannt, die am spten Abend sich
blo mit Champagner, als einem dienlichen Gas, fllten, um in der Nacht,
Luftballon und Passagier zugleich, aufsteigen zu knnen. -
    Sich so geliebt zu wissen, wiederholte die Prinzessin noch bewegter als
zuvor.
    Und, sprach, als die Prinzessin schwieg, Kreisler weiter, und was die
Liebe des Knstlers betrifft, wie ich sie zu schildern mich bemht, so haben
Sie, Gndigste, freilich das bse Beispiel des Herrn Leonhard Ettlinger vor
Augen, der Musikant war und lieben wollte, wie die guten Leute, worber sein
schner Verstand freilich etwas wacklicht werden konnte, aber ebendeshalb, mein'
ich, war Herr Leonhard kein echter Musikant. Diese tragen die erkorne Dame im
Herzen und wollen nichts als ihr zu Ehren singen, dichten, malen und sind in der
vorzglichsten Courtoisie den galanten Rittern zu vergleichen, ja, was
unschuldsvolle Gesinnung betrifft, ihnen vorzuziehen, da sie nicht verfahren wie
sonst diese, die blutdrstiger Weise, waren nicht gleich Riesen, Drachen bei der
Hand, die schtzbarsten Leute niederstreckten in den Staub, um der Herzensdame
zu huldigen! -
    Nein, rief die Prinzessin, wie erwachend aus einem Traum, nein, es ist
unmglich, da in der Brust des Mannes ein solch reines Vestas Feuer sich
entznden sollte! - Was ist die Liebe des Mannes anders als die verrterische
Waffe, die er gebraucht, einen Sieg zu feiern, der das Weib verdirbt, ohne ihn
zu beglcken. -
    Kreisler wollte sich eben ber solche absonderliche Gesinnungen einer
siebzehn-, achtzehnjhrigen Prinzessin hchlich verwundern, als die Tre aufging
und Prinz Ignatius hineintrat.
    Der Kapellmeister war froh, ein Gesprch zu enden, das er sehr gut mit einem
wohleingerichteten Duett verglich, in dem jede Stimme ihrem eigentmlichen
Charakter getreu bleiben mu. Whrend die Prinzessin, so behauptete er, im
wehmtigen Adagio beharrt und nur hie und da einen Mordent, einen Pralltriller
angebracht, sei er als ein vorzglicher Buffo und erzkomischer Chanteur mit
einer ganzen Legion kurzer Noten parlando dazwischengefahren, so da er, da das
Ganze ein wahres Meisterstck der Komposition und der Ausfhrung zu nennen,
nichts weiter gewnscht, als der Prinzessin und sich selbst zuhren zu knnen
aus irgendeiner Loge oder einem schicklichen Sperrsitz.
    Also Prinz Ignatius trat hinein mit einer zerbrochenen Tasse in der Hand,
schluchzend und weinend.
    Es ist ntig, zu sagen, da der Prinz, unerachtet hoch in die zwanzig, doch
sich noch immer nicht von den Lieblingsspielen der Kinderjahre trennen konnte.
Ganz vorzglich liebte er schne Tassen, mit denen er stundenlang in der Art
spielen konnte, da er sie in Reihen vor sich hinstellte auf den Tisch und diese
Reihen immer anders und anders ordnete, so da bald die gelbe Tasse neben der
roten, dann die grne bei der roten u.s.w. stehen mute. Dabei freute er sich so
innig, so herzlich wie ein frohes zufriedenes Kind.
    Das Unglck, worber er jetzt lamentierte, bestand darin, da ihm der kleine
Mops unversehens auf den Tisch gesprungen war und die schnste der Tassen
herabgeworfen hatte.
    Die Prinzessin versprach, dafr zu sorgen, da er eine Mundtasse im neuesten
Geschmack aus Paris erhalten solle. Da gab er sich zufrieden und lchelte mit
dem ganzen Gesicht. Jetzt erst schien er den Kapellmeister zu bemerken. Er
wandte sich zu ihm mit der Frage, ob er auch viele schne Tassen besitze.
Kreisler wute schon, von Meister Abraham hatte er es erfahren, was man darauf
zu antworten. Er versicherte nmlich, da er keinesweges solche schne Tassen
besitze wie der gndigste Herr, und da es ihm auch ganz unmglich sei, so viel
Geld darauf zu verwenden, als der gndigste Herr es tue.
    Sehn Sie wohl, erwiderte Ignaz sehr vergngt, sehen Sie wohl, ich bin ein
Prinz und kann deshalb schne Tassen haben, wie ich nur mag, aber das knnen Sie
nicht, weil Sie kein Prinz sind, denn weil ich nun einmal ganz gewi ein Prinz
bin, so sind schne Tassen - Tassen und Prinzen und Prinzen und Tassen gingen
nun durcheinander in immer mehr verwirrter Rede, und dabei lachte und hpfte
Ignatius und klopfte in die Hnde vor seligem Vergngen! - Hedwiga schlug
errtend die Augen nieder, sie schmte sich des imbezillen Bruders, sie
frchtete mit Unrecht Kreislers Spott, dem, nach seiner innersten
Gemtsstimmung, des Prinzen Albernheit als ein Zustand des wirklichen Wahnsinnes
nur ein Mitleid erregte, das eben nicht wohltun konnte, vielmehr die Spannung
des Augenblicks vermehren mute. Um den Armen nur abzubringen von den unseligen
Tassen, bat die Prinzessin ihn, die kleine Handbibliothek in Ordnung zu bringen,
die in einem zierlichen Wandschrank aufgestellt stand. Ganz vergngt, unter
frhlichem Gelchter begann der Prinz sogleich die sauber gebundenen Bcher
herauszunehmen und, sie, nach dem Format sorglich ordnend, so hinzustellen, da
die goldnen Schnitte, nach auen stehend, eine blanke Reihe formten, worber er
sich ber alle Maen freute.
    Frulein Nannette strzte hinein und rief laut: Der Frst, der Frst mit
dem Prinzen! - O mein Gott, sprach die Prinzessin, meine Toilette, in der
Tat, Kreisler, wir haben die Stunden verplaudert, ohne daran zu denken. - Ich
habe mich ganz vergessen! - Mich und den Frsten und den Prinzen. Sie
verschwand mit Nannetten in das Nebengemach. Prinz Ignaz lie sich in seinem
Geschft gar nicht stren.
    Schon rollte der Staatswagen des Frsten heran; als Kreisler sich unten an
der Haupttreppe befand, stiegen eben die beiden Laufer in Staatslivree aus der
Wurst. - Das mu nher erklrt werden.
    Frst Irenus lie nicht ab von dem alten Brauch, und so hatte er zur selben
Zeit, als kein schnellfiger Hanswurst in bunter Jacke vor den Pferden
herzulaufen gentigt wie ein gehetztes Tier, in der zahlreichen Dienerschaft von
allen Waffen auch noch zwei Laufer, artige hbsche Leute von gesetzten Jahren,
wohlgefttert und nur zuweilen von Unterleibsbeschwerden geplagt wegen der
sitzenden Lebensweise. Viel zu menschenfreundlich war nmlich der Frst gesinnt,
um irgendeinem Diener zuzumuten, da er sich zuzeiten umsetze in ein Windspiel
oder einen andern vergngten Kter, um indessen doch die gehrige Etikette im
Ansehen zu erhalten, muten die beiden Laufer, fuhr der Frst in Gala aus,
vorauffahren auf einer passablen Wurst und an schicklichen Stellen, wo z.B.
einige Gaffer sich versammelt, etwas die Beine rhren, als Andeutung des
wirklichen Laufs. - Es war hbsch anzusehen. -
    Also - die Laufer waren eben ausgestiegen, die Kammerherrn traten ins
Portal, und ihnen folgte Frst Irenus, an dessen Seite ein junger Mann von
stattlichem Ansehen daherschritt, in reicher Uniform der neapolitanischen Garde,
Sterne und Kreuze auf der Brust. - Je vous salue, Monsieur de Krsel, sprach
der Frst, als er Kreisler erblickte. - Krsel pflegte er zu sagen statt
Kreisler, wenn er bei festlichen, feierlichen Gelegenheiten Franzsisch sprach
und sich auf keinen deutschen Namen recht besinnen konnte. Der fremde Prinz -
denn den jungen stattlichen Mann hatte doch wohl die Frulein Nannette gemeint,
als sie rief, da der Frst komme mit dem Prinzen - nickte Kreislern im
Vorbeigehen flchtig zu mit dem Kopfe, eine Art der Begrung, die Kreislern
selbst von den vornehmsten Personen ganz unausstehlich war. Er bckte sich daher
bis tief an die Erde auf solch burleske Weise, da der dicke Hofmarschall, der
berhaupt Kreislern fr einen ausgemachten Spamacher und alles fr Spa hielt,
was er tat und sprach, nicht umhin konnte, etwas zu kichern. Der junge Frst
warf aus seinen dunkeln Augen Kreislern einen glhenden Blick zu, murmelte
zwischen den Zhnen: Hasenfu߫ und schritt dann schnell dem Frsten nach, der
sich mit milder Gravitt nach ihm umschaute. - Fr einen italienischen
Gardisten, rief Kreisler laut lachend dem Hofmarschall zu, spricht der
durchlauchtige Herr ein passables Deutsch, sagen Sie ihm, beste Exzellenz, da
ich ihm dafr dienen mit dem auserlesensten Neapolitanisch und dabei kein
artiges Romanisch, am wenigsten aber als Gozzische Maske schndes Venetianisch
einschwrzen, kurz kein X vor ein U machen will. - Sagen Sie ihm, beste
Exzellenz - Aber die Exzellenz stieg schon, die Schultern hoch heraufgezogen
als Bollwerk und Schutzschanze der Ohren, die Treppe herauf. -
    Der frstliche Wagen, mit dem Kreisler gewhnlich nach Sieghartshof zu
fahren pflegte, hielt, der alte Jger ffnete den Schlag und fragte, ob's
gefllig wre. In dem Augenblick rannte aber ein Kchenjunge vorbei, heulend und
schreiend: Ach, das Unglck - ach, das Malheur! - Was ist geschehen? rief
ihm Kreisler nach. Ach, das Unglck, erwiderte der Kchenjunge, noch heftiger
weinend, da drinnen liegen der Herr Oberkchenmeister in der Verzweiflung, in
purer Raserei und wollen sich durchaus das Ragoutmesser in den Leib stoen, weil
der gndigste Herr pltzlich befohlen hat zu soupieren und es ihm an Muscheln
fehlt zum italienischen Salat. Er will selbst nach der Stadt, und der Herr
Oberstallmeister weigern sich anspannen zu lassen, da es an einer Order des
gndigsten Herrn fehlt. - Da ist zu helfen, sprach Kreisler, der Herr
Oberkchenmeister steige in gegenwrtigen Wagen und versehe sich mit den
schnsten Muscheln in Sieghartsweiler, whrend ich zu Fu nach selbiger Stadt
promeniere. - Damit rannte er fort in den Park. -
    Groe Seele - edles Gemt - scharmanter Herr! rief ihm der alte Jger
nach, indem ihm die Trnen in die Augen traten. -
    In den Flammen des Abendrots stand das ferne Gebirge, und der goldne
glhende Widerschein gleitete spielend ber den Wiesenplan, durch die Bume,
durch die Bsche, wie getrieben von dem Abendwinde, der sich suselnd erhoben.
    Kreisler blieb mitten auf der Brcke stehen, die ber einen breiten Arm des
Sees nach dem Fischerhuschen fhrte, und schaute in das Wasser hinab, in dem
sich der Park mit seinen wunderbaren Baumgruppen, der hoch darber emporragende
Geierstein, der seine weiblinkende Ruinen auf dem Haupte wie eine seltsame
Krone trug, abspiegelte in magischem Schimmer. Der zahme Schwan, der auf den
Namen Blanche hrte, pltscherte auf dem See daher, den schnen Hals stolz
emporgehoben, rauschend mit den glnzenden Schwingen. Blanche, Blanche, rief
Kreisler laut, indem er beide Arme weit ausstreckte, singe dein schnstes Lied,
glaube ja nicht, da du dann sterben mut! Du darfst dich nur singend an meine
Brust schmiegen, dann sind deine herrlichsten Tne mein, und nur ich gehe unter
in brnstiger Sehnsucht, whrend du in Liebe und Leben daherschwebst auf den
kosenden Wellen! - Selbst wute Kreisler nicht, was ihn pltzlich so tief
bewegte, er sttzte sich auf das Gelnder, schlo unwillkrlich die Augen. Da
hrte er Julias Gesang, und ein unnennbar ses Weh durchbebte sein Inneres.
    Dstere Wolken zogen daher und warfen breite Schatten ber das Gebirge, ber
den Wald, wie schwarze Schleier. Ein dumpfer Donner drhnte im Morgen, strker
sauste der Nachtwind, rauschten die Bche, und dazwischen schlugen einzelne Tne
der Wetterharfe an wie ferne Orgelklnge, aufgescheucht erhob sich das Geflgel
der Nacht und schweifte kreischend durch das Dickicht.
    Kreisler erwachte aus dem Traume und erblickte seine dunkle Gestalt im
Wasser. Da war es ihm, als schaue ihn Ettlinger, der wahnsinnige Maler, an aus
der Tiefe. Hoho, rief er herab, hoho, bist du da, geliebter Doppeltgnger,
wackerer Kumpan? - Hre, mein ehrlicher Junge, fr einen Maler, der etwas ber
die Schnur gehauen, der in stolzem bermut frstliches Herzblut verbrauchen
wollte statt Firnis, siehst du passabel genug aus. - Ich glaube am Ende, guter
Ettlinger, da du illustre Familien genarrt hast mit deinem wahnsinnigen
Treiben! - Je lnger ich dich anschaue, desto mehr gewahre ich an dir die
vornehmsten Manieren, und so du magst, will ich der Frstin Maria versichern, du
wrst, was deinen Stand oder deine Lage im Wasser betrifft, ein Mann von dem
importantesten Range, und sie knne dich lieben ohne alle weitere Umstnde. -
Willst du aber, Kumpan, da die Frstin noch jetzt deinem Bilde gleiche, so mut
du es nachtun dem frstlichen Dilettanten, der seine Portrts ausglich mit den
zu Portrtierenden durch geschicktes Anpinseln der letztern! - Nun! - Haben sie
dich einmal unverdienterweise hinabgeschickt in den Orkus, so trage ich dir
hiemit allerlei Neuigkeiten zu! - Wisse, verehrter Tollhauskolonist, da die
Wunde, die du dem armen Kinde, der schnen Prinzessin Hedwiga, beibrachtest,
noch immer nicht recht geheilt ist, so da sie vor Schmerz manchmal allerlei
Faxen macht. Trafst du denn ihr Herz so hart, so schmerzlich, da ihr noch jetzt
heies Blut entquillt, wenn sie deine Larve erblickt, so wie Leichname bluten,
wenn der Mrder hinantritt? Rechne es mir nicht zu, Guter, da sie mich fr ein
Gespenst hlt, und zwar fr das deinige. - Aber bin ich so recht in voller Lust,
ihr zu beweisen, da ich kein schnder Revenant bin, sondern der Kapellmeister
Kreisler, dann kommt mir der Prinz Ignatius in die Quere, der offenbar an einer
Paranoia laboriert, an einer fatuitas, stoliditas, die nach Kluge eine sehr
angenehme Sorte der eigentlichen Narrheit ist. - Mache mir nicht alle Gesten
nach, Maler, wenn ich ernsthaft mit dir rede! - Schon wieder? Frchtete ich mich
nicht vor dem Schnupfen, ich sprnge zu dir herab und prgelte dich erklecklich.
- Schere dich zum Teufel, halunkischer Mimiker!
    Kreisler sprang schnell fort.
    Es war nun ganz finster geworden, Blitze leuchteten durch die schwarzen
Wolken, der Donner rollte, und der Regen begann in groen Tropfen herabzufallen.
Aus dem Fischerhuschen strahlte ein helles blendendes Licht, dem eilte Kreisler
schnell entgegen.
    Unfern der Tre, im vollen Schimmer des Lichts, erblickte Kreisler sein
Ebenbild, sein eignes Ich, das neben ihm daherschritt. Vom tiefsten Entsetzen
erfat, strzte Kreisler hinein in das Huschen, sank atemlos, zum Tode
erbleicht, in den Sessel.
    Meister Abraham, der vor einem kleinen Tische sa, auf dem eine Astrallampe
ihre blendende Strahlen umherwarf, in einem groen Folianten lesend, fuhr
erschrocken in die Hhe, nahte sich Kreisler, rief: Um des Himmels willen, was
ist Euch, Johannes, wo kommt Ihr her am spten Abend - was hat Euch so
entsetzt! -
    Mit Mhe ermannte sich Kreisler und sprach dann mit dumpfer Stimme: Es ist
nun nicht anders, wir sind unserer zwei - ich meine ich und mein Doppeltgnger,
der aus dem See gesprungen ist und mich verfolgt hat hieher. - Seid barmherzig,
Meister, nehmt Euern Dolchstock, stot den Halunken nieder - er ist rasend,
glaubt mir das, und kann uns beide verderben. Er hat drauen das Wetter
heraufbeschworen. - Die Geister rhren sich in den Lften, und ihr Choral
zerreit die menschliche Brust! - Meister - Meister, lockt den Schwan herbei, -
er soll singen - erstarrt ist mein Gesang, denn der Ich hat seine weie kalte
Totenhand auf meine Brust gelegt, die mu er wegziehen, wenn der Schwan singt -
und sich wieder untertauchen in den See. - Meister Abraham lie Kreislern nicht
weiter reden, er sprach ihm zu mit freundlichen Worten, ntigte ihm einige
Glser eines feurigen italienischen Weins ein, den er eben zur Hand hatte, und
fragte ihm dann nach und nach ab, wie sich alles begeben.
    Aber kaum hatte Kreisler geendet, als Meister Abraham, laut lachend, rief:
Da sieht man den eingefleischten Phantasten, den vollendeten Geisterseher! -
Was den Organisten betrifft, der Euch drauen in dem Park schauerliche Chorale
vorgespielt hat, so ist das niemand anders gewesen als der Nachtwind, der durch
die Lfte brausend daherfuhr, und vor dem die Saiten der Wetterharfe erklangen.
Ja ja, Kreisler, die Wetterharfe habt Ihr vergessen, die zwischen den beiden
Pavillons am Ende des Parks aufgespannt ist3. Und was Euern Doppeltgnger
betrifft, der im Schimmer meiner Astrallampe neben Euch herlief, so will ich
Euch sogleich beweisen, da, sobald ich nur vor die Tr trete, auch mein
Doppeltgnger bei der Hand ist, ja, da ein jeder, der zu mir hineintritt, solch
einen Chevalier d'Honneur seines Ichs an der Seite leiden mu.
    Meister Abraham trat vor die Tre, und sogleich stand in dem Schimmer ein
zweiter Meister Abraham ihm zur Seite.
    Kreisler merkte die Wirkung eines verborgenen Hohlspiegels und rgerte sich
wie jeder, dem das Wunderbare, woran er geglaubt, zu Wasser gemacht wird. Dem
Menschen behagt das tiefste Entsetzen mehr, als die natrliche Aufklrung
dessen, was ihm gespenstisch erschienen, er will sich durchaus nicht mit dieser
Welt abfinden lassen; er verlangt etwas zu sehen aus einer andern, die des
Krpers nicht bedarf, um sich ihm zu offenbaren.
    Ich kann, sprach Kreisler, ich kann nun einmal, Meister, Euren seltsamen
Hang zu solchen Foppereien nicht begreifen. Ihr prpariert das Wunderbare, wie
ein geschickter Mundkoch, aus allerlei scharfen Ingredienzien und meint, da die
Menschen, deren Phantasie, wie der Magen der Schlemmer, flau geworden, irritiert
werden mssen durch solches Unwesen. Nichts ist abgeschmackter, als wenn man bei
solchen vermaledeiten Kunststckchen, die einem die Brust zusammenschnren,
dahinterkommt, da alles natrlich zugegangen.
    Natrlich! - natrlich, rief Meister Abraham, als ein Mann von ziemlichem
Verstande solltet Ihr doch einsehen, da nichts in der Welt natrlich zugeht,
gar nichts! - Oder glaubt Ihr, werter Kapellmeister, da deshalb, weil wir mit
uns zu Gebote stehenden Mitteln eine bestimmte Wirkung hervorzubringen vermgen,
uns die aus dem geheimnisvollen Organism strmende Ursache der Wirkung klar vor
Augen liegt? - Ihr habt doch sonst vielen Respekt vor meinen Kunststcken
gehabt, unerachtet Ihr die Krone davon niemals schautet. - Ihr meint das
unsichtbare Mdchen, sprach Kreisler.
    Allerdings, fuhr der Meister fort, eben dieses Kunststck - es ist wohl
mehr als das - wrde Euch bewiesen haben, da die gemeinste, am leichtesten zu
berechnende Mechanik oft mit den geheimnisvollsten Wundern der Natur in
Beziehung treten und dann Wirkungen hervorbringen kann, die unerklrlich, -
selbst dies Wort im gewhnlichen Sinn genommen, bleiben mssen. - Hm, sprach
Kreisler, wenn Ihr nach der bekannten Theorie des Schalls verfuhret, den
Apparat geschickt zu verbergen wutet und ein schlaues gewandtes Wesen an der
Hand hattet -
    O Chiara! rief Meister Abraham, indem Trnen in seinen Augen perlten, o
Chiara, mein ses liebes Kind!
    Kreisler hatte noch nie den Alten so tief bewegt gesehen, wie dieser denn
von jeher keiner wehmtigen Empfindung Raum geben wollte, sondern dergleichen
wegzuspotten pflegte.
    Was ist das mit der Chiara? fragte der Kapellmeister.
    Es ist wohl dumm, sprach der Meister lchelnd, es ist wohl dumm, da ich
Euch heute erscheinen mu wie ein alter weinerlicher Geck, aber die Gestirne
wollen es nun einmal, da ich von einem Moment meines Lebens mit Euch reden
soll, ber den ich so lange schwieg. - Kommt her, Kreisler, schaut dieses groe
Buch, es ist das merkwrdigste, was ich besitze, das Erbstck eines
Tausendknstlers, Severino geheien, und eben sitze ich da und lese die
wunderbarsten Sachen und schaue die kleine Chiara an, die darin abgebildet, und
da strzt Ihr hinein, auer Euch selbst, und verachtet meine Magie in dem
Augenblick, als ich eben in der Erinnerung schwelge an ihr schnstes Wunder, das
mein war in der Bltezeit meines Lebens!
    Nun erzhlt nur, rief Kreisler, damit ich stracks mit Euch heulen kann -
    Es ist, begann Meister Abraham, es ist nun eben nicht sehr merkwrdig,
da ich, sonst ein junger krftiger Mann von ganz hbschem Ansehn, aus
bertriebenem Eifer und groer Ruhmbegier mich matt und krank gearbeitet hatte
an der groen Orgel in der Hauptkirche zu Gninesmhl. Der Arzt sprach: Laufen
Sie, werter Orgelbauer, laufen Sie ber Berg und Tal, weit in die Welt hinein,
und das tat ich denn wirklich, indem ich mir den Spa machte, berall als
Mechaniker aufzutreten und den Leuten die artigsten Kunststcke vorzumachen.
Dies ging recht gut und brachte mir viel Geld ein, bis ich auf den Mann stie,
Severino geheien, der mich derb auslachte mit meinen Kunststckchen und durch
manches mich beinahe dahin gebracht htte, mit dem Volk zu glauben, er stehe mit
dem Teufel oder wenigstens mit andern honetteren Geistern im Bunde. Das mehreste
Aufsehen erregte sein weibliches Orakel, ein Kunststck, das eben spter unter
dem Namen des unsichtbaren Mdchens bekannt worden. Mitten im Zimmer, von der
Decke herab, hing frei eine Kugel von dem feinsten klarsten Glase, und aus
dieser Kugel strmten, wie ein linder Hauch, die Antworten auf die an das
unsichtbare Wesen gerichtete Fragen. Nicht allein das unbegreiflich Scheinende
dieses Phnomens, sondern auch die ins Herz dringende, das Innerste erfassende
Geisterstimme der Unsichtbaren, das Treffende ihrer Antworten, ja ihre wahrhafte
Weissagungsgabe verschaffte dem Knstler unendlichen Zulauf. Ich drngte mich an
ihn, ich sprach viel von meinen mechanischen Kunststcken, er verachtete aber,
wiewohl im andern Sinn, als Ihr es tut, Kreisler, all mein Wissen und bestand
darauf, ich sollte ihm eine Wasserorgel bauen zu seinem huslichen Gebrauch,
unerachtet ich ihm bewies, da, wie auch der verstorbene Herr Hofrat Meister zu
Gttingen in seinem Traktat: De veterum Hydraulo versichre, an einem solchen
Hydraulos gar nichts sei und nichts erspart werde als einige Pfund Luft, die
man, dem Himmel sei es gedankt, doch noch berall umsonst haben knne. Endlich
beteuerte Severino, er brauche die sanfteren Tne eines solchen Instruments, um
der Unsichtbaren beizustehen, und er wolle mir das Geheimnis entdecken, wenn ich
auf das Sakrament schwre, es weder selbst zu gebrauchen, noch andern zu
entdecken, wiewohl er glaube, da es nicht leicht mglich sein werde, sein
Kunstwerk nachzuahmen ohne - hier stockte er und machte ein geheimnisvoll ses
Gesicht, wie weiland Cagliostro, wenn er von seinen zaubrischen Verzckungen zu
Weibern sprach. Voll Begier, die Unsichtbare zu schauen, versprach ich die
Wasserorgel zu verfertigen, so gut es ginge, und nun schenkte er mir sein
Zutrauen, - gewann mich sogar lieb, als ich ihm willig Beistand leistete in
seinen Arbeiten. Eines Tages, eben wollte ich zu Severino gehen, war das Volk
auf der Strae zusammengelaufen. Man sagte mir, ein anstndig gekleideter Mann
sei ohnmchtig zu Boden gefallen. Ich drngte mich durch und erkannte Severino,
den man eben aufhob und ins nchste Haus trug. Ein Arzt, der des Weges gekommen,
nahm sich seiner an. Severino schlug, nachdem verschiedene Mittel angewandt, mit
einem tiefen Seufzer die Augen auf. Der Blick, mit dem er unter den krampfhaft
zusammengezogenen Augenbraunen mich anstarrte, war furchtbar, alle Schrecken des
Todeskampfs glhten darin in dstrem Feuer. Seine Lippen bebten, er versuchte zu
reden und vermocht's nicht. Endlich schlug er einigemal heftig mit der Hand auf
die Westentasche. Ich fate hinein und zog einige Schlssel hervor: Das sind die
Schlssel Eurer Wohnung, sprach ich, er nickte mit dem Kopfe: Das ist, fuhr ich
fort, indem ich ihm einen von den Schlsseln vor Augen hielt, das ist der
Schlssel zu dem Kabinett, in das Ihr mich niemals hineinlassen wolltet. Er
nickte aufs neue. Als ich aber weiterfragen wollte, begann er wie in
frchterlicher Angst zu chzen und zu sthnen, kalte Schweitropfen standen ihm
auf der Stirne, er breitete die Arme aus und bog sie im Zirkel zusammen, wie
wenn man etwas umfat, und wies auf mich: Er will, sprach der Arzt, da Sie
seine Sachen, seine Apparate in Sicherheit bringen, vielleicht, stirbt er,
behalten sollen? Severino nickte strker mit dem Kopfe, schrie endlich: Corre!
und sank aufs neue ohnmchtig zurck. Schnell eilte ich nun nach Severinos
Wohnung, vor Neugier, vor Erwartung bebend, ffnete ich das Kabinett, in dem die
geheimnisvolle Unsichtbare verschlossen sein mute, und erstaunte nicht wenig,
als ich es ganz leer fand. Das einzige Fenster war dicht verhngt, so da das
Licht nur hineindmmerte, und ein groer Spiegel hing an der Wand, der Tre des
Zimmers gegenber. Sowie ich zufllig vor diesen Spiegel trat und meine Gestalt
im schwachen Schimmer erblickte, durchstrmte mich ein seltsames Gefhl, als
befnde ich mich auf dem Isolierstuhl einer Elektrisiermaschine. In demselben
Augenblick sprach die Stimme des unsichtbaren Mdchens auf italienisch:
Verschont mich nur heute, Vater! - Geielt mich nicht so grausam, Ihr seid ja
doch nun gestorben! - Schnell ffnete ich die Tre des Zimmers, so, da das
volle Licht hineinstrmte, aber keine lebendige Seele konnt' ich erblicken: Es
ist gut, sprach die Stimme: es ist gut, Vater, da Ihr Herrn Liscov geschickt
habt, aber der lt es nicht mehr zu, da Ihr mich geielt, er zerbricht den
Magnet, und Ihr knnt nicht mehr aus dem Grabe heraus, in das er Euch legen
lt, Ihr mget Euch struben, wie Ihr wollt, denn Ihr seid doch nun ein
Verstorbner und gehrt nicht mehr dem Leben. Ihr knnt wohl denken, Kreisler,
da mich tiefe Schauer durchbebten, da ich niemand sah, und die Stimme doch
dicht vor meinen Ohren schwebte. Teufel, sprach ich laut, um mich zu ermutigen:
sh' ich nur irgendwo ein lumpiges Flschlein, so wrd' ich es zerschmeien, und
der diable boiteux stnde, seinem Kerker entronnen, leibhaftig vor mir, aber so
- Nun kam es mir pltzlich vor, als gingen die leisen Seufzer, die durch das
Kabinett wehten, aus einem Verschlage hervor, der in der Ecke stand und mir viel
zu klein schien, um ein menschliches Wesen zu beherbergen. Doch ich springe hin,
ffne den Schieber, und zusammengekrmmt, wie ein Wurm, liegt ein Mdchen darin,
starrt mich an mit groen, wunderbar schnen Augen, streckt endlich mir den Arm
entgegen, als ich rufe: Komm heraus, mein Lmmchen, komm heraus, meine kleine
Unsichtbare! - Ich fasse endlich die Hand, die sie emporhlt, und ein
elektrischer Schlag fhrt mir durch alle Glieder. - Halt, rief Kreisler,
halt, Meister Abraham, was ist das, als ich das erstemal zufllig der
Prinzessin Hedwiga Hand berhrte, ging es mir ebenso, und noch immer, wiewohl
schwcher, fhl' ich dieselbe Wirkung, wenn sie mir sehr gndig die Hand
reicht. - Hoho, erwiderte Meister Abraham, hoho, am Ende ist unser
Prinzelein eine Art von Gymnotus electricus oder Raja torpedo oder Trichiurus
indicus, wie in gewisser Art meine se Chiara es war, oder auch wohl nur eine
muntere Hausmaus, wie jene, die dem wackern Signor Cotugno eine tchtige
Ohrfeige versetzte, als er sie beim Rcken erfate, um sie zu sezieren, was Ihr
freilich mit der Prinzessin nicht im Sinn haben konntet! - Doch sprechen wir ein
andermal von der Prinzessin, und bleiben wir jetzt bei meiner Unsichtbaren! -
Als ich, erschrocken ber den unvermuteten Schlag des kleinen Torpedo,
zurckprallte, sprach das Mdchen mit wunderbar anmutigem Ton auf deutsch: Ach,
nehmet es doch ja nur nicht bel, Herr Liscov, aber ich kann nicht anders, der
Schmerz ist gar zu gro. - Ohne mich weiter mit meinem Erstaunen aufzuhalten,
fate ich die Kleine sanft bei den Schultern, zog sie aus dem abscheulichen
Gefngnis, und ein zart gebautes liebliches Ding in der Gre eines
zwlfjhrigen Mdchens, nach der krperlichen Ausbildung zu urteilen, aber
wenigstens sechzehn Jahre alt, stand vor mir. Schaut nur dort ins Buch hinein,
das Bild ist hnlich, und Ihr werdet gestehen mssen, da es kein lieblicheres
ausdrucksvolleres Antlitz geben kann, wozu Ihr aber rechnen mt, da das
wunderbare, das Innerste entzndende Feuer der schnsten schwarzen Augen in
keinem Bilde zu erreichen. Jeder, der nicht auf eine Schneehaut und Flachshaar
erpicht ist, mute das Gesichtlein fr vollendet schn anerkennen, denn freilich
war die Haut meiner Chiara etwas zu braun, und ihr Haar glnzte im brennenden
Schwarz. - Chiara - Ihr wit nun schon, da die kleine Unsichtbare so geheien
wer - Chiara fiel vor mir nieder, ganz Wehmut und Schmerz, ein Trnenstrom
strzte ihr aus den Augen, und sie sprach mit einem unnennbaren Ausdruck: Je
suis sauve. Ich fhlte mich von dem tiefsten Mitleid durchdrungen, ich ahnte
entsetzliche Dinge! - Man brachte jetzt Severinos Leiche, ein zweiter Anfall des
Schlages hatte ihn, gleich nachdem ich ihn verlassen, gettet. Sowie Chiara den
Leichnam gewahrte, versiegten ihre Trnen, sie schaute den toten Severino an mit
ernstem Blick und entfernte sich dann, als die Leute, die mitgekommen, sie
neugierig betrachteten und lachend meinten, das sei wohl gar am Ende das
unsichtbare Mdchen in dem Kabinett. Ich fand es unmglich, das Mdchen allein
zu lassen bei dem Leichnam, die gutmtigen Wirtsleute erklrten sich bereit, sie
bei sich aufzunehmen. Als ich nun aber, nachdem sich alles entfernt, hineintrat
ins Kabinett, sa Chiara vor dem Spiegel in dem seltsamsten Zustande. Mit fest
auf den Spiegel gerichteten Augen schien sie nichts zu gewahren, gleich einer
Mondschtigen. Sie lispelte unverstndliche Worte, die aber immer deutlicher und
deutlicher wurden, bis sie, Deutsch, Franzsisch, Italienisch, Spanisch
wechselnd, von Dingen sprach, die sich auf entfernte Personen zu beziehen
schienen. - Ich bemerke zu meinem nicht geringen Erstaunen, da gerade die
Stunde eingetreten, in der Severino das weibliche Orakel reden zu lassen
pflegte. - Endlich schlo Chiara die Augen und schien in tiefen Schlaf
verfallen. Ich nahm das arme Kind in meine Arme und trug sie herab zu den
Wirtsleuten. Am andern Morgen fand ich die Kleine heiter und ruhig, erst jetzt
schien sie ihre Freiheit ganz zu begreifen und erzhlte alles, was ich zu wissen
verlangte. - Es wird Euch nicht verschnupfen, Kapellmeister, unerachtet Ihr
sonst auf gute Geburt was haltet, da meine kleine Chiara nichts anders war als
ein Zigeunermgdlein, die mit einer ganzen Bande des schmutzigen Volks auf dem
Markte in irgendeiner groen Stadt, von Hschern bewacht, sich von der Sonne
braten lie, als eben Severino vorberging. Blanker Bruder, soll ich dir
wahrsagen? rief ihn das achtjhrige Mdchen an. Severino sah der Kleinen lange
in die Augen, lie sich dann wirklich die Zge seines Handtellers deuten und
uerte ein besonderes Erstaunen. Er mute etwas ganz Besonderes an dem Mdchen
gefunden haben, denn sogleich trat er zu dem Polizeileutenant, der den Zug der
verhafteten Zigeuner fhrte, und meinte, er wolle was Erkleckliches geben, wenn
es ihm vergnnt wrde, das Zigeunermdchen mit sich zu nehmen. Der
Polizeileutenant erklrte barsch, es sei hier kein Sklavenmarkt, setzte indessen
hinzu, da, da die Kleine doch eigentlich nicht zu den wirklichen Menschen zu
rechnen und das Zuchthaus nur molestiere, so stnde sie zu Befehl, wenn der Herr
zehn Dukaten zur Stadtarmenkasse zahlen wolle. Severino zog sogleich seinen
Beutel hervor und zhlte die Dukaten ab. Chiara und ihre alte Gromutter, beide
hatten die ganze Verhandlung gehrt, fingen an zu heulen und zu schreien und
wollten sich nicht trennen. Da traten aber die Hscher hinzu, schmissen die Alte
auf den Leiterwagen, der zum Abfahren bereit stand, der Polizeileutenant, der
vielleicht seinen Beutel in dem Augenblick fr die Stadtarmenkasse halten
mochte, steckte die blanken Dukaten ein, und Severino schleppte die kleine
Chiara fort, die er dadurch mglichst zu beruhigen suchte, da er ihr auf
demselben Markt, wo er sie gefunden, ein hbsches neues Rcklein kaufte und sie
berdies mit Zuckerwerk ftterte. - Es ist gewi, da Severino damals eben das
Kunststck mit dem unsichtbaren Mdchen im Kopf hatte und in der kleinen
Zigeunerin alle Anlagen fand, die Rolle der Unsichtbaren zu bernehmen. Neben
einer sorgfltigen Erziehung suchte er auf ihren Organism, der zu einem erhhten
Zustande besonders geeignet, zu wirken. Er brachte diesen erhhten Zustand, in
dem ein prophetischer Geist in dem Mdchen aufglhte, durch knstliche Mittel
hervor, - denkt an Mesmer und seine furchtbaren Operationen - und versetzte sie
jedesmal, wenn sie wahrsagen sollte, in diesen Zustand. Ein unglckliches
Ungefhr lie ihn wahrnehmen, da die Kleine nach empfundenem Schmerz vorzglich
reizbar war, und da dann ihre Gabe, das fremde Ich zu durchschauen, bis zum
Unglaublichen stieg, so da sie ganz vergeistigt schien. Und nun geielte sie
der entsetzliche Mensch jedesmal vor der Operation, die sie in den Zustand des
hhern Wissens versetzte, auf die grausamste Weise. Zu dieser Qual kam noch, da
Chiara, die rmste, oft tagelang, wenn Severino abwesend, sich zusammenkrmmen
mute in jenem Verschlag, damit, drnge selbst jemand in das Kabinett, doch
Chiaras Gegenwart ein Geheimnis bliebe. Ebenso machte sie die Reisen mit
Severino in jenem Kasten. Unglcklicher, frchterlicher war Chiaras Schicksal
als das jenes Zwerges, den der bekannte Kempelen mit sich fhrte, und der, in
dem Trken versteckt, Schach spielen mute. - Ich fand in Severinos Pult eine
namhafte Summe in Gold und Papieren, es gelang mir, der kleinen Chiara dadurch
ein gutes Einkommen zu sichern, den Apparat zum Orakel, das heit die
akustischen Vorrichtungen im Zimmer und Kabinett vernichtete ich, sowie manches
andere Kunstwerk, das nicht transportabel, wogegen ich nach Severinos deutlich
ausgesprochenem Vermchtnis manches Geheimnis aus seinem Nachla mir zu eigen
machte. Dies alles abgetan, nahm ich von der kleinen Chiara, die die Wirtsleute
halten wollten wie ihr liebes Kindlein, den wehmtigsten Abschied und verlie
den Ort. - Ein Jahr war vergangen, ich wollte zurck nach Gninesmhl, wo der
Hochlbliche Magistrat die Reparatur der Stadtorgel von mir verlangte, aber der
Himmel hatte ein besonderes Wohlgefallen daran, mich als Taschenspieler
hinzustellen vor den Leuten, und gab daher einem verfluchten Spitzbuben die
Macht, meine Brse, in der mein ganzer Reichtum befindlich, zu stehlen und mich
so zu zwingen, noch als berhmter, mit vielen Attesten und Konzessionen
versehener Mechaniker Knste zu machen des ntigen Proviants halber. - Das
geschah an einem rtchen unfern Sieghartsweiler. Eines Abends sitze ich und
hmmere und feile an einem Zauberkstchen, da geht die Tre auf, ein weibliches
Wesen tritt herein, ruft: Nein, ich konnte es nicht lnger ertragen, ich mute
Euch nach, Herr Liscov - ich wre gestorben vor Sehnsucht! - Ihr seid mein Herr,
gebietet ber mich! - strzt auf mich zu, will mir zu Fen fallen, ich fange
sie auf in meinen Armen - es ist Chiara! - Kaum erkenne ich das Mdchen, wohl
einen Fu hher, strker ist sie geworden, ohne da das den zartesten Formen
ihres Wuchses geschadet! - Liebe se Chiara! rief ich tiefbewegt und drckte
sie an meine Brust! Nicht wahr, spricht nun Chiara, Ihr leidet mich bei Euch,
Herr Liscov, Ihr verstoet nicht die arme Chiara, die Euch Freiheit und Leben zu
verdanken hat? - Und damit springt sie schnell an den Kasten, den eben ein
Postknecht hineinschiebt, drckt dem Kerl so viel Geld in die Hand, da er, mit
einem groen Katzensprung zur Tre hinaus, laut ruft: Ei der Daus, das liebe
Mohrenkind, ffnet den Kasten, nimmt dieses Buch heraus, gibt mir es, sprechend:
Da, Herr Liscov, nehmt das Beste aus Severinos Nachla, das Ihr vergessen, fngt
an, whrend ich das Buch aufschlage, ganz getrost Kleider und Wsche auszupacken
- Ihr mget denken, Kreisler, da mich die kleine Chiara in nicht geringe
Verlogenheit setzte; aber - nun ist es Zeit, Kerl, da du auf mich was halten
lernst, da du, weil ich dir half, dem Oheim die reifen Birnen vom Baume naschen
und ihm hlzerne mit saubrer Malerei hinhngen oder ihm gedngtes
Pomeranzenwasser hinstellen in der Giekanne, womit er die auf dem Rasen zum
Bleichen ausgespannten weien Kanevashosen bego und einen schnen Marmor
herausbrachte ohne Mhe, - kurz, weil ich dich zu tollen Narrenstreichen
anfhrte, da du, sag' ich, sonst mich selbst zu nichts anderm machtest, als zu
einem puren Schalksnarren, der niemals ein Herz, oder wenigstens die
Hanswurstjacke so dick darbergelegt hatte, da er nichts von seinen Schlgen
sprte! - Brste dich nicht, Mensch, mit deiner Empfindsamkeit, mit deinen
Trnen, denn siehe, schon wieder mu ich, so wie du es nur zu oft tust,
niedertrchtig flennen, aber der Teufel hole doch alles, wenn man erst im hohen
Alter jungen Leuten das Innere aufschlieen soll wie eine Chambre garnie. -
Meister Abraham trat ans Fenster und schaute hinaus in die Nacht. Das Gewitter
war vorber, im Suseln des Waldes hrte man die einzelnen Tropfen fallen, die
der Nachtwind hinabschttelte. Von fern her aus dem Schlosse ertnte lustige
Tanzmusik. Prinz Hektor, sprach Meister Abraham, Prinz Hektor erffnet die
Partie  la Chasse mit einigen Sprngen, glaub' ich -
    Und Chiara? fragte Kreisler.
    Recht, fuhr Meister Abraham fort, indem er sich erschpft in den Lehnstuhl
niederlie, recht, mein Sohn, da du mich erinnerst an Chiara, denn ich mu in
dieser verhngnisvollen Nacht den Kelch der bittersten Erinnerung nun einmal
ausschlrfen bis auf den letzten Tropfen. - Ach! - sowie Chiara geschftig hin
und her hpfte, wie aus ihren Blicken die reinste Freude strahlte, da fhlt' ich
es wohl, da es mir ganz unmglich sein wrde, mich jemals von ihr zu trennen,
da sie mein Weib werden msse. - Und doch sprach ich: Aber Chiara, was soll ich
mit dir anfangen, wenn du nun hier bleibst? - Chiara trat vor mich hin und
sprach sehr ernst: Meister, Ihr findet in dem Buch, das ich Euch gebracht, die
genaue Beschreibung des Orakels, Ihr habt ja ohnedies die Vorrichtungen dazu
gesehen. - Ich will Euer unsichtbares Mdchen sein! - Chiara, rief ich ganz
bestrzt, Chiara, was sprichst du? - Kannst du mich fr einen Severino halten? -
O schweigt von Severino, erwiderte Chiara. - Nun, was soll ich Euch alles
umstndlich erzhlen, Kreisler, Ihr wit ja schon, da ich alle Welt in
Erstaunen setzte mit meinem unsichtbaren Mdchen, und mget mir wohl zutrauen,
da ich es verabscheute, auch nur durch irgendein knstliches Mittel meine liebe
Chiara aufzuregen oder auf irgendeine Weise ihre Freiheit zu verschrnken. - Sie
deutete mir selbst Zeit und Stunde an, wenn sie sich fhig fhlte oder vielmehr
fhlen wrde, die Rolle der Unsichtbaren zu spielen, und nur dann sprach mein
Orakel. - berdies war meiner Kleinen jene Rolle zum Bedrfnis geworden. Gewisse
Umstnde, die Ihr knftig erfahren sollt, brachten mich nach Sieghartsweiler. Es
lag in meinem Plan, sehr geheimnisvoll aufzutreten. Ich bezog eine einsame
Wohnung bei der Witwe des frstlichen Mundkochs, durch die ich sehr bald das
Gercht von meinen wunderbaren Kunststcken an den Hof brachte. Was ich erwartet
hatte, geschah. Der Frst - ich meine den Vater des Frsten Irenus, - suchte
mich auf, und meine weissagende Chiara war die Zauberin, die, wie von
berirdischer Kraft beseelt, ihm oft sein eignes Inneres erschlo, so da er
manches, was ihm sonst verschleiert gewesen, jetzt klar durchschaute. Chiara,
die mein Weib worden, wohnte bei einem mir vertrauten Mann in Sieghartshof und
kam zu mir im Dunkel der Nacht, so da ihre Gegenwart ein Geheimnis blieb. Denn
seht, Kreisler, so versessen sind die Menschen auf Wunder, da, war auch das
Kunststck mit dem unsichtbaren Mdchen nicht anders mglich, als durch die
Mitwirkung eines menschlichen Wesens, sie doch das ganze Ding fr eine dumme
Fopperei geachtet haben wrden, sobald sie erfuhren, da das unsichtbare Mdchen
von Fleisch und Bein. Sowie denn in jener Stadt den Severino nach seinem Tode
alle Leute einen Betrger schalten, da es herausgekommen, da eine kleine
Zigeunerin im Kabinett gesprochen, ohne die knstliche akustische Einrichtung,
die den Ton aus der Glaskugel kommen lie, auch nur im mindesten zu beachten. -
Der alte Frst starb, ich hatte die Kunststcke, die Geheimniskrmerei mit
meiner Chiara herzlich satt, ich wollte mit meinem lieben Weibe hinziehen nach
Gninesmhl und wieder Orgeln bauen. Da blieb eine Nacht Chiara, die zum
letztenmal die Rolle des unsichtbaren Mdchens spielen sollte, aus, ich mute
die Neugierigen unbefriedigt fortschicken. Mir schlug das Herz vor banger
Ahnung. - Am Morgen lief ich nach Sieghartshof, Chiara war zur gewhnlichen
Stunde fortgegangen. - Nun, Kerl, was schaust du mich so an? Ich hoffe, da du
keine alberne Frage tun wirst! - Du weit es ja - Chiara war spurlos
verschwunden, nie - nie - hab' ich sie wieder gesehen! -
    Meister Abraham sprang rasch auf und strzte ans Fenster. Ein tiefer Seufzer
machte den Blutstropfen Luft, die aus der aufgerissenen Herzwunde quollen.
Kreisler ehrte den tiefen Schmerz des Greises durch Schweigen.
    Ihr knnet, begann endlich Meister Abraham, Ihr knnet nun nicht mehr
zurck nach der Stadt, Kapellmeister. Mitternacht ist heran, drauen, Ihr wit
es, hausen bse Doppeltgnger, und allerlei anderes bedrohliches Zeug knnt' uns
in den Kram pfuschen. Bleibt bei mir! - Toll, ganz toll mt' es ja -
    (M. f. f.) aber sein, wenn dergleichen Unschicklichkeiten vorfielen an
heiliger Sttte - ich meine im Auditorio. - Es wird mir so enge, so beklommen
ums Herz - ich vermag, von den erhabensten Gedanken durchstrmt, nicht weiter zu
schreiben - ich mu abbrechen, mu ein wenig spazierengehen! -
    Ich kehre zurck an den Schreibtisch, mir ist besser - Aber wovon das Herz
voll ist, davon geht der Mund ber und auch wohl der Federkiel des Dichters! -
Ich hrt' einmal den Meister Abraham erzhlen, in einem alten Buche stnde etwas
von einem kuriosen Menschen, dem eine besondere Materia peccans im Leibe
rumorte, die nicht anders abging als durch die Finger. Er legte aber hbsches
weies Papier unter die Hand und fing so alles, was nur von dem bsen rumorenden
Wesen abgehen wollte, auf und nannte diesen schnden Abgang Gedichte, die er aus
dem Innern geschaffen. Ich halte das Ganze fr eine boshafte Satire, aber wahr
ist es, zuweilen fhrt mir ein eignes Gefhl, beinahe mcht' ich's geistiges
Leibkneifen nennen, bis in die Pfoten, die alles hinschreiben mssen, was ich
denke. - Eben jetzt geht's mir so - es kann mir Schaden tun, betrte Kater
knnen in ihrer Verblendung bse werden, sogar mich ihre Krallen fhlen lassen,
aber es mu heraus! -
    Mein Meister hatte heute den ganzen Vormittag hindurch in einem
schweinsledernen Quartanten gelesen, als er sich endlich zur gewhnlichen Stunde
entfernte, lie er das Buch aufgeschlagen auf dem Tische liegen. Schnell sprang
ich herauf, um neugierig, verpicht auf die Wissenschaften, wie ich nun einmal
bin, zu erschnuppern, was das wohl fr ein Buch sein knne, worin der Meister
mit so vieler Anstrengung studiert. Es war das schne herrliche Werk des alten
Johannes Kunisperger vom natrlichen Einflu der Gestirne, Planeten und zwlf
Zeichen. Ja wohl, mit Recht kann ich das Werk schn und herrlich nennen, denn,
indem ich las, gingen mir da nicht die Wunder meines Seins, meines Wandelns
hienieden auf in voller Klarheit? - Ha! indem ich dieses schreibe, flammt ber
meinem Haupt das herrliche Gestirn, das in treuer Verwandtschaft in meine Seele
hinein-, aus meiner Seele hinausleuchtet - ja, ich fhle den glhenden,
sengenden Strahl des langgeschweiften Kometen auf meiner Stirne, - ja, ich bin
selbst der glnzende Schwanzstern, das himmlische Meteor, das in hoher Glorie
prophetisch druend durch die Welt zieht. So wie der Komet alle Sterne
berleuchtet, so verschwindet ihr, stell' ich nur nicht meine Gaben unter den
Scheffel, sondern lasse mein Licht gehrig leuchten, und das dependiert ganz von
mir - ja, so verschwindet ihr alle in finstre Nacht, ihr Kater, andere Tiere und
Menschen! - Aber trotz der gttlichen Natur, die aus mir, dem geschwnzten
Lichtgeist, herausstrahlt, teile ich doch nicht das Los aller Sterblichen? -
Mein Herz ist zu gut, ich bin ein zu empfindsamer Kater, mchte mich gern
gemtlich anschlieen den Schwchern und gerate darber in Trauer und Herzeleid.
- Denn mu ich nicht berall gewahren, da ich allein stehe wie in der tiefsten
Einde, da ich nicht dem jetzigen Zeitalter, nein, einem knftigen der hhern
Ausbildung angehre, da es keine einzige Seele gibt, die mich gehrig zu
bewundern versteht? Und es macht mir doch so viel Freude, wenn ich tchtig
bewundert werde, selbst das Lob junger gemeiner, ungebildeter Kater tut mir
unbeschreiblich wohl. Ich wei sie vor Erstaunen auer sich selbst zu setzen,
aber was hilft's, sie knnen doch, bei aller Anstrengung, nicht den rechten
Lobposaunenton treffen, schreien sie auch noch so sehr Mau - Mau! - An die
Nachwelt mu ich denken, die mich wrdigen wird. Schreib' ich jetzt ein
philosophisches Werk, wer ist's, der die Tiefen meines Geistes durchdringt? La
ich mich herab, ein Schauspiel zu dichten, wo sind die Schauspieler, die es
aufzufhren vermgen? La ich mich ein auf andere literarische Arbeiten;
schreib' ich z.B. Kritiken, die mir schon deshalb anstehen, weil ich ber alles,
was Dichter, Schriftsteller, Knstler heit, schwebe, mich gleich berall selbst
als, freilich unerreichbares, Muster, als Ideal der Vollkommenheit hinstellen,
deshalb auch allein ein kompetentes Urteil aussprechen kann, wer ist's, der sich
auf meinen Standpunkt hinaufzuschwingen, meine Ansichten mit mir zu teilen
vermag? - Gibt es denn Pfoten oder Hnde, die mir den verdienten Lorbeerkranz
auf die Stirne drcken knnten? - Doch dafr ist guter Rat vorhanden, das tue
ich selbst und lasse den die Krallen fhlen, der sich etwa unterstehen mchte,
an der Krone zu zupfen. - Es existieren wohl solche neidische Bestien, ich
trume oft nur, da ich von ihnen angegriffen werde, fahre, in der Einbildung,
mich verteidigen zu mssen, mir selbst ins Gesicht mit meinen spitzen Waffen und
verwunde klglich das holde Antlitz - Man wird auch wohl im edeln Selbstgefhl
etwas mitrauisch, aber es kann nicht anders sein. Hielt ich es doch neulich fr
einen versteckten Angriff auf meine Tugend und Vortrefflichkeit, als der junge
Ponto mit mehreren Pudeljnglingen auf der Strae ber die neuesten
Erscheinungen des Tages sprach, ohne meiner zu erwhnen, unerachtet ich doch
kaum sechs Schritte von ihm an der Kellerluke meiner Heimat sa. Nicht wenig
rgerte es mich, da der Fant, als ich ihm Vorwrfe darber machte, behaupten
wollte, er habe mich wirklich gar nicht bemerkt.
    Doch es ist Zeit, da ich euch, mir verwandte Seelen einer schnern
Nachwelt, - o, ich wollte, diese Nachwelt befnde sich schon mitten in der
Gegenwart und htte gescheite Gedanken ber Murrs Gre und sprche diese
Gedanken laut aus mit so heller Stimme, da man nichts anderes vernehmen knnte
vor dem lauten Geschrei, - ja, da ihr etwas Weiteres davon erfahrt, was sich
mit eurem Murr zutrug in seinen Jnglingsjahren. - Pat auf, gute Seelen, ein
merkwrdiger Lebenspunkt tritt ein. -
    Des Mrzen Idus war angebrochen, die schnen milden Strahlen der
Frhlingssonne fielen auf das Dach, und ein sanftes Feuer durchglhte mein
Inneres. Schon seit ein paar Tagen hatte mich eine unbeschreibliche Unruhe, eine
unbekannte wunderbare Sehnsucht geplagt, - jetzt wurde ich ruhiger, doch nur um
bald in einen Zustand zu geraten, den ich niemals geahnt! -
    Aus einer Dachluke, unfern von mir, stieg leis und linde ein Geschpf
heraus, - o, da ich es vermchte, die Holdeste zu malen! - Sie war ganz wei
gekleidet, nur ein kleines schwarzes Samtkppchen bedeckte die niedliche Stirn,
sowie sie auch schwarze Strmpfchen an den zarten Beinen trug. Aus dem
lieblichsten Grasgrn der schnsten Augen funkelte ein ses Feuer, die sanften
Bewegungen der feingespitzten Ohren lieen ahnen, da Tugend in ihr wohne und
Verstand, sowie das wellenfrmige Ringeln des Schweifs hohe Anmut aussprach und
weiblichen Zartsinn! -
    Das holde Kind schien mich nicht zu erschauen, es blickte in die Sonne,
blinzelte und nieste. - O, der Ton durchbebte mein Innerstes mit sen Schauern,
meine Pulse schlugen - mein Blut wallte siedend durch alle Adern, - mein Herz
wollte zerspringen, - alles unnennbar schmerzliche Entzcken, das mich auer mir
selbst setzte, strmte heraus in dem lang gehaltenen Miau! das ich ausstie. -
Schnell wandte die Kleine den Kopf nach mir, blickte mich an, Schreck, kindliche
se Scheu in den Augen. - Unsichtbare Pfoten rissen mich hin zu ihr mit
unwiderstehlicher Gewalt - aber sowie ich auf die Holde lossprang, um sie zu
erfassen, war sie schnell wie der Gedanke hinter dem Schornstein verschwunden! -
Ganz Wut und Verzweiflung, rannte ich auf dem Dache umher und stie die
klglichsten Tne aus, alles umsonst - sie kam nicht wieder! - Ha, welcher
Zustand! - mir schmeckte kein Bissen, die Wissenschaften ekelten mich an, ich
mochte weder lesen noch schreiben. - Himmel! rief ich andern Tages aus, als
ich die Holde berall gesucht auf dem Dache, auf dem Boden, in dem Keller, in
allen Gngen des Hauses, und nun trostlos heimkehrte, als, da ich die Kleine
bestndig in Gedanken, mich nun selbst der Bratfisch, den mir der Meister
hingesetzt, aus der Schssel anstarrte mit ihren Augen, so da ich laut rief im
Wahnsinn des Entzckens: Bist du es, Langersehnte? und ihn auffra mit einem
Schluck: ja, da rief ich: Himmel, o Himmel! Sollte das Liebe sein? ich wurde
ruhiger, ich beschlo als ein Jngling von Erudition, mich ber meinen Zustand
ganz ins klare zu setzen, und begann sogleich, wiewohl mit Anstrengung, den Ovid
de arte amandi durchzustudieren sowie Mansos Kunst zu lieben, aber keines
von den Kennzeichen eines Liebenden, wie es in diesen Werken angegeben, wollte
recht auf mich passen. Endlich fuhr es mir pltzlich durch den Sinn, da ich in
irgendeinem Schauspiel4 gelesen, ein gleichgltiger Sinn und ein verwilderter
Bart seien sichere Kennzeichen eines Verliebten! - Ich schaute in einen Spiegel,
Himmel, mein Bart war verwildert! - Himmel, mein Sinn war gleichgltig!
    Da ich nun wute, da es seine Richtigkeit hatte mit meinem Verliebtsein,
kam Trost in meine Seele. Ich beschlo, mich gehrig mit Speis' und Trank zu
strken und dann die Kleine aufzusuchen, der ich mein ganzes Herz zugewandt.
Eine se Ahnung sagte mir, da sie vor der Tre des Hauses sitze, ich stieg die
Treppe hinab und fand sie wirklich! - O welch ein Wiedersehen! - wie wallte in
meiner Brust das Entzcken, die unnennbare Wonne des Liebesgefhls. - Miesmies,
so wurde die Kleine geheien, wie ich von ihr spter erfuhr, Miesmies sa da in
zierlicher Stellung auf den Hinterfen und putzte sich, indem sie mit den
Pftchen mehrmals ber die Wangen, ber die Ohren fuhr. Mit welcher
unbeschreiblichen Anmut besorgte sie vor meinen Augen das, was Reinlichkeit und
Eleganz erfordern, sie bedurfte nicht schnder Toilettenknste, um die Reize,
die ihr die Natur verliehen, zu erhhen! Bescheidner als das erstemal nahte ich
mich ihr, setzte mich zu ihr hin! - Sie floh nicht, sie sah mich an mit
forschendem Blick und schlug dann die Augen nieder. - Holdeste, begann ich
leise, sei mein! - Khner Kater, erwiderte sie verwirrt, khner Kater, wer
bist du? Kennst du mich denn? - Wenn du aufrichtig bist so wie ich und wahr, so
sage und schwre mir, da du mich wirklich liebst. - O, rief ich begeistert,
ja bei den Schrecken des Orkus, bei dem heiligen Mond, bei allen sonstigen
Sternen und Planeten, die knftige Nacht scheinen werden, wenn der Himmel
heiter, schwre ich dir's, da ich dich liebe! - Ich dich auch, lispelte die
Kleine und neigte in ser Verschmtheit das Haupt mir zu. Ich wollte sie voll
Inbrunst umpfoten, da sprangen aber mit teuflischem Geknurre zwei riesige Kater
auf mich los, zerbissen, zerkratzten mich klglich und wlzten mich zum berflu
noch in die Gosse, so da das schmutzige Splwasser ber mich zusammenschlug.
Kaum konnt' ich mich aus den Krallen der mordlustigen Bestien retten, die meinen
Stand nicht achteten, mit vollem Angstgeschrei lief ich die Treppe herauf. Als
der Meister mich erblickte, rief er, laut lachend: Murr, Murr, wie siehst du
aus? Ha, ha! ich merke schon, was geschehen, du hast Streiche machen wollen, wie
der im Irrgarten der Liebe herumtaumelnde Kavalier, und dabei ist's dir bel
ergangen! - Und dabei brach der Meister zu meinem nicht geringen Verdru aufs
neue aus in ein schallendes Gelchter. Der Meister hatte ein Gef mit lauwarmem
Wasser fllen lassen, darein stlpte er mich ohne Umstnde einigemal ein, so da
mir vor Niesen und Prusten Hren und Sehen verging, wickelte mich dann fest in
Flanell ein und legte mich in meinen Korb. Ich war beinahe besinnungslos vor Wut
und Schmerz, ich vermochte kein Glied zu rhren. Endlich wirkte die Wrme
wohlttig auf mich, ich fhlte meine Gedanken sich ordnen. Ha, klagte ich,
welch neue bittere Tuschung des Lebens! - Das ist also die Liebe, die ich
schon so herrlich besungen, die das Hchste sein, die uns mit namenloser Wonne
erfllen, die uns in den Himmel tragen soll! - Ha! - mich hat sie in die Gosse
geworfen! - ich entsage einem Gefhl, das mir nichts eingebracht als Bisse, ein
abscheuliches Bad und niedertrchtige Einmummung in schnden Flanell! - Aber
kaum war ich wieder in Freiheit und genesen, als aufs neue Miesmies mir
unaufhrlich vor Augen stand und ich, jener ausgestandenen Schmach wohl
eingedenk, zu meinem Entsetzen gewahrte, da ich noch in Liebe. Mit Gewalt nahm
ich mich zusammen und las als ein vernnftiger gelehrter Kater den Ovid nach, da
ich mich wohl erinnerte, in der Ars amandi auch auf Rezepte gegen die Liebe
gestoen zu sein.
    Ich las die Verse:

Venus otia amat. Qui finem quaeris amoris,
Cedit amor rebus, res age, tutus eris!

Mit neuem Eifer wollt' ich mich dieser Vorschrift gem in die Wissenschaften
vertiefen, aber Miesmies hpfte auf jedem Blatte mir vor den Augen, Miesmies
dachte - las - schrieb ich! - Der Autor, dacht' ich, mu andere Arbeit meinen,
und da ich von andern Katern gehrt, da die Musejagd ein ungemein angenehmes
zerstreuendes Vergngen sein solle, war es ja mglich, da unter den rebus auch
die Musejagd begriffen sein konnte. Ich begab mich daher, sowie es finster
worden, in den Keller und durchstrich die dstern Gnge, indem ich sang: Im
Walde schlich ich still und wild, gespannt mein Feuerrohr -
    Ha! - statt des Wildes, das ich zu jagen trachtete, schaute ich aber
wirklich ihr holdes Bild, aus den tiefen Grnden trat es wirklich berall
hervor! Und dabei zerschnitt der herbe Liebesschmerz mein nur zu leicht
verwundbar Herz! Und ich sprach: Lenk' auf mich die holden Blicke,
jungfrulichen Morgenschein, und als Braut und Brut'gam wandeln Murr und
Miesmies selig heim. Also sprach ich, freud'ger Kater, hoffend auf des Sieges
Preis. - Armer! Mit verhllten Augen floh sie, scheue Katz', dachein! -
    So geriet ich Bedauernswrdiger immer mehr und mehr in Liebe, die ein
feindlicher Stern mir zum Verderben in meiner Brust entzndet zu haben schien.
Wtend, mich auflehnend gegen mein Schicksal, fiel ich aufs neue her ber den
Ovid und las die Verse:

Exige, quod cantet, si qua est sine voce puella,
Non didicit chordas tangere, posce lyram.

Ha, rief ich, zu ihr hinauf aufs Dach! - Ha, ich werde sie wiederfinden, die
se Huldin, da, wo ich sie zum erstenmal erblickte, aber singen soll sie, ja
singen, und bringt sie nur eine einzige falsche Note heraus, dann ist's vorbei,
dann bin ich geheilt, gerettet. Der Himmel war heiter, und der Mond, bei dem
ich der holden Miesmies Liebe zugeschworen, schien wirklich, als ich auf das
Dach stieg, um sie zu erlauern. Lange gewahrte ich sie nicht, und meine Seufzer
wurden laute Liebesklagen.
    Ich stimmte endlich ein Liedlein an im wehmtigsten Ton, ungefhr
folgendermaen:

Rauschende Wlder, flsternde Quellen,
Strmender Ahnung spielende Wellen,
Mit mir o klaget!
Saget, o saget!
Miesmies, die Holde, wo ist sie gegangen,
Jngling in Liebe, Jngling, wo hat er
Miesmies, die se Huldin, umfangen?
Trstet den Bangen.
Trstet den gramverwilderten Kater!
Mondschein, o Mondschein,
Sag' mir, wo thront mein
Artiges Kindlein, liebliches Wesen!
Wtender Schmerz kann niemals genesen!
Trostloser Liebender kluger Berater,
Eil' ihn zu retten
Von Liebesketten,
Hilf ihm, o hilf dem verzweifelnden Kater.

Seht ein, geliebter Leser, da ein wackerer Dichter weder sich im rauschenden
Walde befinden, noch an einer flsternden Quelle sitzen darf, ihm strmen der
Ahnung spielende Wellen doch zu, und in diesen Wellen erschaut er doch alles,
was er will, und kann davon singen, wie er will. Sollte jemand ber die hohe
Vortrefflichkeit obiger Verse zu sehr in Erstaunen geraten, so will ich
bescheiden ihn darauf aufmerksam machen, da ich mich in der Ekstase befand, in
verliebter Begeisterung, und nun wei jeder, da jedem, der von dem Liebesfieber
ergriffen, konnt' er auch sonst kaum Wonne auf Sonne und Triebe auf Liebe
reimen, konnt' er, sag' ich, auf diese nicht ganz ungewhnlichen Reime trotz
aller Anstrengung sich durchaus nicht besinnen, pltzlich das Dichten ankommt
und er die vortrefflichsten Verse heraussprudeln mu, wie einer, der vom
Schnupfen befallen, unwiderstehlich ausbricht in schreckliches Niesen. Wir haben
dieser Ekstase prosaischer Naturen schon viel Vortreffliches zu verdanken, und
schn ist es, da oft dadurch menschliche Miesmiese von nicht sonderlicher
Beaut auf einige Zeit einen herrlichen Ruf erhielten. Geschieht das nun am
drren Holz, was mu sich am grnen begeben? - Ich meine, werden schon hndische
Prosaiker blo durch die Liebe umgesetzt in Dichter, was mu erst wirklichen
Dichtern geschehen in diesem Stadium des Lebens? - Nun! weder im rauschenden
Walde sa ich, noch an flsternder Quelle, ich sa auf einem kahlen hohen Dache,
das bichen Mondschein war kaum zu rechnen, und doch flehte ich in jenen
meisterhaften Versen Wlder und Quellen und Wellen und zuletzt meinen Freund
Ovid an, mir zu helfen, mir beizustehen in der Liebesnot. Etwas schwer wurde es
mir, Reime zu den Namen meines Geschlechts zu finden, den gewhnlichen, Vater,
wute ich selbst in der Begeisterung nicht anzubringen. Da ich aber wirklich
Reime fand, bewies mir aufs neue den Vorzug meines Geschlechts vor dem
menschlichen, da auf das Wort Mensch sich bekanntlich nichts reimt, weshalb, wie
schon irgendein Witzbold von Theaterdichter bemerkt hat, der Mensch ein
ungereimtes Tier ist. Ich bin dagegen ein gereimtes. - Nicht vergebens hatte ich
die Tne der schmerzhaften Sehnsucht angeschlagen, nicht vergebens Wlder,
Quellen, den Mondschein beschworen, mir die Dame meiner Gedanken zuzufhren,
hinter dem Schornstein kam die Holde daherspaziert mit leichten anmutigen
Schritten. Bist du es, lieber Murr, der so schn singt? So rief mir Miesmies
entgegen. Wie, erwiderte ich mit freudigem Erstaunen, wie, du kennst mich,
ses Wesen? - Ach, sprach sie, ach, ja wohl, du gefielst mir gleich beim
ersten Blick, und es hat mir in der Seele weh getan, da meine beiden unartigen
Vettern dich so unbarmherzig in die Gosse - Schweigen wir, unterbrach ich
sie, schweigen wir von der Gosse, bestes Kind - o sage mir, sage mir, ob du
mich liebst? - Ich habe mich, sprach Miesmies weiter, nach deinen
Verhltnissen erkundigt und erfahren, da du Murr hieest und bei einem sehr
gtigen Mann nicht allein dein reichliches Auskommen httest, sondern auch alle
Bequemlichkeiten des Lebens genssest, ja, diese wohl mit einer zrtlichen
Gattin teilen knntest! - o, ich liebe dich sehr, guter Murr! - Himmel, rief
ich im hchsten Entzcken, Himmel, ist es mglich, ist es Traum, ist es
Wahrheit? - O halte dich - halte dich, Verstand, schnappe nicht ber! - Ha! bin
ich noch auf der Erde? - Sitze ich noch auf dem Dache? - Schwebe ich nicht in
den Wolken? Bin ich noch der Kater Murr? Bin ich nicht der Mann im Monde? - Komm
an meinen Busen, Geliebte - doch sage mir erst deinen Namen, Schnste. - Ich
heie Miesmies, erwiderte die Kleine, s lispelnd in holder Verschmtheit, und
setzte sich traulich neben mir hin. Wie schn sie war! Silbern glnzte ihr
weier Pelz im Mondschein, in sanftem schmachtendem Feuer funkelten die grnen
uglein. Du -
    (Mak. Bl.) - httest, geliebter Leser, das freilich schon etwas frher
erfahren knnen, aber der Himmel gebe, da ich nicht noch mehr querfeldein
springen mu, als es bis jetzt schon geschehen. - Also, wie gesagt, dem Vater
des Prinzen Hektor war es ebenso ergangen wie dem Frsten Irenus, er hatte,
selbst wute er nicht wie, sein Lndlein aus der Tasche verloren. Prinz Hektor,
der zu nichts wenigerem aufgelegt, als zum stillen, friedlichen Leben, der,
unerachtet ihm der Frstenstuhl unter den Beinen weggezogen, doch gern aufrecht
stehen und, statt zu regieren, wenigstens kommandieren wollte, nahm franzsische
Dienste, war ungemein tapfer, ging aber, als ihn eines Tages ein Zithermdel
anplrrte: Kennst du das Land, wo die Zitronen glhn, sofort nach dem Lande,
wo dergleichen Zitronen wirklich glhn, das heit nach Neapel, und zog statt der
franzsischen Uniform eine neapolitanische an. Er wurde nmlich so geschwinde
General, wie es nur irgendeinem Prinzen geschehen kann. - Als der Vater des
Prinzen Hektor gestorben, schlug Frst Irenus das groe Buch auf, worin er
selbst smtliche frstliche Hupter in Europa verzeichnet, und notierte den
erfolgten Tod seines frstlichen Freundes und Gefhrten im Malheur. Nachdem dies
geschehen, schaute er lange den Namen des Prinzen Hektor an, rief dann sehr
laut: Prinz Hektor! und klappte den Folianten so heftig zu, da der
Hofmarschall entsetzt drei Schritte zurckprallte. Nun stand der Frst auf, ging
langsam im Zimmer auf und ab und schnupfte so viel Spaniol als ntig, um eine
ganze Welt von Gedanken in Ordnung zu bringen. Der Hofmarschall sprach viel von
dem seligen Herrn, der nchst vielen Reichtmern ein aimables Herz besessen, vom
jungen Prinzen Hektor, der vergttert werde in Neapel von dem Monarchen und der
Nation u.s.w. Frst Irenus schien das alles nicht zu beachten, er blieb
pltzlich dicht vor dem Hofmarschall stehen, schaute ihn an mit dem
entsetzlichen Friedrichsblick, sprach sehr stark: Peut-tre und verschwand in
das Nebenkabinett.
    Gott, sprach der Hofmarschall, der gndigste Frst haben gewi die
konsiderabelsten Gedanken, vielleicht gar Plne.
    Es war dem so. - Frst Irenus dachte an den Reichtum des Prinzen, an seine
Verwandtschaft mit mchtigen Huptern, er rief sich die berzeugung ins
Gedchtnis, da Prinz Hektor gewi noch den Degen mit dem Zepter vertauschen
werde, und ihm kam der Gedanke, da die Vermhlung des Prinzen mit der
Prinzessin Hedwiga von den ersprielichsten Folgen sein knne. Ganz im
geheimsten Geheim mute der Kammerherr, den der Frst sogleich absandte, um dem
Prinzen seinerseits namhaftes Beileid ber den Tod des Vaters zu bezeigen, das
bis auf die Farbe der Haut wohlgetroffene Miniaturbild der Prinzessin in die
Tasche stecken. - Es ist hier zu bemerken, da die Prinzessin in der Tat eine
vollendete Schnheit zu nennen gewesen, htte ihre Haut weniger ins Gelbe
gespielt. Daher war ihr die Beleuchtung des Kerzenscheins gnstig. -
    Der Kammerherr richtete den geheimen Auftrag des Frsten - niemanden, selbst
nicht der Frstin, hatte dieser das mindeste von seiner Absicht vertraut, - sehr
geschickt aus. Als der Prinz das Gemlde sah, geriet er beinahe in dieselbe
Ekstase, wie sein prinzlicher Kollege in der Zauberflte. Wie Tamino htte er
beinahe, wenn auch nicht gesungen, doch gerufen: Dies Bildnis ist bezaubernd
schn, und dann weiter: Soll die Empfindung Liebe sein? Ja, ja, die Liebe
ist's allein! - Bei Prinzen ist es sonst eben nicht die Liebe allein, die sie
streben lt nach der Schnsten, indessen dachte Prinz Hektor gerade nicht an
andere Verhltnisse, als er sich hinsetzte und an den Frsten Irenus schrieb,
es mge ihm vergnnet sein, sich um Herz und Hand der Prinzessin Hedwiga zu
bewerben.
    Frst Irenus antwortete, da, da er mit Freuden in eine Vermhlung willige,
die er schon seines verstorbenen frstlichen Freundes halber aus dem Grunde des
Herzens wnsche, es gar keiner weitern Bewerbung eigentlich bedrfe. Da aber die
Form sauviert werden msse, mge der Prinz einen artigen Mann von dem gehrigen
Stande nach Sieghartsweiler senden, den er ja auch gleich mit Vollmacht versehen
knne, die Trauung zu vollziehen und, nach altem schnem Herkommen, gestiefelt
und gespornt den Bettsprung zu unternehmen. Der Prinz schrieb zurck: Ich komme
selbst, mein Frst! -
    Dem Frsten war das nicht recht, er hielt die Trauung durch einen
Bevollmchtigten fr schner, erhabner, frstlicher, hatte sich im Innersten auf
das Fest gefreut und beruhigte sich nur damit, da vor dem Beilager ein groes
Ordensfest gefeiert werden knne. Er wollte nmlich das Grokreuz eines
Hausordens, den sein Vater gestiftet hatte, und den kein Ritter mehr trug, nicht
tragen durfte, dem Prinzen umhngen auf die solenneste Weise.
    Prinz Hektor kam also nach Sieghartsweiler, um die Prinzessin Hedwiga
heimzufhren und nebenher das Grokreuz eines verschollenen Hausordens zu
erhalten. Es schien ihm erwnscht, da der Frst seine Absicht geheimgehalten,
er bat vorzglich rcksichts Hedwigas, in diesem Schweigen zu verharren, da er
erst der vollen Liebe Hedwigas versichert sein msse, ehe er mit seiner
Bewerbung hervortreten knne.
    Der Frst verstand nicht recht, was der Prinz damit sagen wollte, und
meinte, da, soviel er wisse und sich erinnere, diese Form, was nmlich die
Versicherung der Liebe vor dem Beilager betrfe, in frstlichen Husern niemals
blich gewesen sei. Verstehe der Prinz aber darunter weiter nichts als die
uerung eines gewissen Attachements, so drfe das vorzglich whrend des
Brautstandes wohl eigentlich nicht stattfinden, knne aber, da doch die
leichtsinnige Jugend ber alles, was die Etikette gebiete, hinwegzuspringen
geneigt, ja in der Krze abgemacht werden, drei Minuten vor dem Ringewechseln.
Herrlich und erhaben wr's freilich, wenn das frstliche Brautpaar in diesem
Augenblick einigen Abscheu gegeneinander bewiese, leider wren aber diese Regeln
des hchsten Anstandes in neuester Zeit zu leeren Trumen geworden.
    Als der Prinz Hedwiga zum erstenmal erblickte, flsterte er seinem
Adjutanten in den andern unverstndlichem neapolitanischen Dialekt zu: Bei
allen Heiligen! Sie ist schn, aber unfern des Vesuvs geboren, und sein Feuer
blitzt aus ihren Augen.
    Prinz Ignaz hatte sich bereits sehr angelegentlich erkundigt, ob es in
Neapel schne Tassen gebe, und wieviel davon Prinz Hektor besitze, so da
dieser, durch die ganze Tonleiter der Begrungen durchgestiegen, sich wieder zu
Hedwiga wenden wollte, als die Tren sich ffneten und der Frst den Prinzen
einlud zu der Prachtszene, die er durch die Zusammenberufung smtlicher
Personen, welche nur im mindesten was Hoffhiges an und in sich trugen, im
Prunksaal bereitet. Er war diesmal in dem Auswhlen weniger strenge gewesen als
sonst, da der Zirkel in Sieghartshof eigentlich fr eine Landpartie zu achten.
Auch die Benzon war zugegen mit Julien.
    Prinzessin Hedwiga war still, in sich gekehrt, teilnahmlos, sie schien den
schnen Fremdling aus dem Sden nicht mehr, nicht weniger zu beachten als jede
andere neue Erscheinung am Hofe und fragte ziemlich mrrisch ihr Hoffrulein,
die rotwangige Nannette, ob sie nrrisch worden, als diese nicht aufhren
konnte, ihr ins Ohr zu flstern, der fremde Prinz sei doch gar zu hbsch, und
eine schnere Uniform habe sie zeit ihres Lebens nicht gesehen.
    Prinz Hektor entfaltete nun vor der Prinzessin den bunten prahlenden
Pfauenschweif seiner Galanterie, sie, beinahe verletzt durch den Ungestm seiner
slichen Verzcktheit, fragte nach Italien, nach Neapel. Der Prinz gab ihr die
Beschreibung eines Paradieses, in dem sie als herrschende Gttin wandelte. Er
bewhrte sich als ein Meister in der Kunst, zu der Dame so zu sprechen, da
alles, alles sich gestaltet als ein Hymnus, der ihre Schnheit, ihre Anmut
preist. Mitten aus diesem Hymnus sprang aber die Prinzessin heraus und hin zu
Julien, die sie in der Nhe gewahrte. Die drckte sie an ihre Brust, nannte sie
mit tausend zrtlichen Namen, rief: Das ist meine liebe, liebe Schwester, meine
herrliche se Julia! als der Prinz, etwas betroffen ber Hedwigas Flucht,
hinzutrat. Der Prinz heftete einen langen seltsamen Blick auf Julien, so da
diese, ber und ber errtend, die Augen niederschlug und sich scheu zur Mutter
wandte, die hinter ihr stand. Aber die Prinzessin umarmte sie aufs neue und
rief: Meine liebe, liebe Julia und dabei traten ihr die Trnen in die Augen.
Prinzessin, sprach die Benzon leise, Prinzessin, warum dieses krampfhafte
Benehmen? Die Prinzessin, ohne die Benzon zu beachten, drehte sich zu dem
Prinzen, dem wirklich ber alles das der Strom der Rede versiegt, und war sie
erst still, ernst, mimutig gewesen, so schweifte sie beinahe jetzt aus in
seltsamer krampfhafter Lustigkeit. Endlich lieen die stark gespannten Saiten
nach, und die Melodieen, die nun aus ihrem Innern heraustnten, waren weicher,
milder, jungfrulich zarter. Sie war liebenswrdiger als jemals, und der Prinz
schien ganz und gar hingerissen. Endlich begann der Tanz. Der Prinz, nachdem
mehrere Tnze gewechselt, erbot sich, einen neapolitanischen Nationaltanz
anzufhren, und es gelang ihm bald, den Tanzenden die volle Idee davon zu geben,
so da sich alles gar artig fgte und selbst der leidenschaftlich zrtliche
Charakter des Tanzes gut hervortrat.
    Niemand hatte aber eben diesen Charakter so ganz begriffen als Hedwiga, die
mit dem Prinzen tanzte. Sie verlangte die Wiederholung, und als der Tanz zum
zweitenmal geendet, bestand sie, des Mahnens der Benzon, die auf ihren Wangen
schon die verdchtige Blsse wahrnahm, nicht achtend, darauf, zum drittenmal den
Tanz auszufhren, der ihr nun erst recht gelingen werde. Der Prinz war entzckt.
Er schwebte hin mit Hedwiga, die in jeder Bewegung die Anmut selbst schien. Bei
einer der vielen Verschlingungen, die der Tanz gebot, drckte der Prinz die
Holde strmisch an die Brust, aber in demselben Augenblick sank auch Hedwiga
entseelt in seinen Armen zusammen. -
    Der Frst meinte, eine unschicklichere Strung eines Hofballs knne es nicht
geben, und nur das Land entschuldige vieles. -
    Prinz Hektor hatte selbst die Ohnmchtige in ein benachbartes Zimmer auf ein
Sofa getragen, wo ihr die Benzon die Stirne rieb mit irgendeinem starken Wasser,
das der Leibarzt zur Hand gehabt. Dieser erklrte brigens die Ohnmacht fr
einen Nervenzufall, den die Erhitzung des Tanzes veranlat, und der sehr bald
vorbergehen werde.
    Der Arzt hatte recht, nach wenigen Sekunden schlug die Prinzessin mit einem
tiefen Seufzer die Augen auf. Der Prinz, sobald er vernommen, die Prinzessin
habe sich erholt, drang durch den dichten Kreis der Damen, von dem sie
umschlossen, kniete nieder bei dem Sofa, klagte sich bitter an, da er allein
schuld sei an dem Begegnis, das ihm das Herz durchschneide. Sowie die Prinzessin
ihn aber erblickte, rief sie mit allen Zeichen des Abscheues: Fort, fort! und
sank aufs neue in Ohnmacht.
    Kommen Sie, sprach der Frst, indem er den Prinzen bei der Hand erfate,
kommen Sie, bester Prinz, Sie wissen nicht, da die Prinzessin oft an den
seltsamsten Reverien leidet. Wei der Himmel, auf welche sonderbare Weise Sie
ihr in diesem Augenblick erschienen sind! - Imaginieren Sie sich, bester Prinz,
schon als Kind - entre nous soit dit - schon als Kind hielt mich einmal die
Prinzessin einen ganzen Tag hindurch fr den Gromogul und prtendierte, ich
solle in Samtpantoffeln ausreiten, wozu ich mich auch endlich entschlo, wiewohl
nur im Garten.
    Prinz Hektor lachte dem Frsten ohne Umstnde ins Gesicht und rief nach dem
Wagen.
    Die Benzon mute, so wollt' es die Frstin aus Besorgnis fr Hedwiga, mit
Julien im Schlosse bleiben. Sie wute, welche psychische Macht sonst die Benzon
ber die Prinzessin bte, und ebenso, da dieser psychischen Macht auch
Krankheitszuflle der Art zu weichen pflegten. In der Tat geschah es auch
diesmal, da Hedwiga in ihrem Zimmer sich bald erholte, als die Benzon ihr
unermdlich zugeredet mit sanften Worten. Die Prinzessin behauptete nichts
Geringeres, als da im Tanzen der Prinz sich in ein drachenartiges Ungeheuer
verwandelt und mit spitzer glhender Zunge ihr einen Stich ins Herz gegeben
habe. Gott behte, rief die Benzon, am Ende ist Prinz Hektor gar das mostro
turchino aus der Gozzischen Fabel! - Welche Einbildungen, zuletzt wird es sich
so begehen wie mit Kreisler, den Sie fr einen bedrohlichen Wahnsinnigen
hielten! - Nimmermehr, rief die Prinzessin heftig und setzte dann lachend
hinzu, wahrhaftig, ich wollte nicht, da mein guter Kreisler sich so pltzlich
in das mostro turchino verwandelte wie Prinz Hektor! -
    Als am frhsten Morgen die Benzon, die bei der Prinzessin gewacht, in
Juliens Zimmer trat, kam ihr diese entgegen, erblat, bernchtig, das Kpfchen
gehngt wie eine kranke Taube. Was ist dir, Julie? rief ihr die Benzon, die
nicht gewohnt, die Tochter in solchem Zustande zu sehen, erschrocken entgegen.
Ach, Mutter, sprach Julie ganz trostlos, ach, Mutter, niemals mehr in diese
Umgebungen, mein Herz erbebt, wenn ich an die gestrige Nacht denke. - Es ist
etwas Entsetzliches in diesem Prinzen; als er mich anblickte, ich kann dir's
nicht beschreiben, was in meinem Innern vorging. - Ein Blitzstrahl fuhr ttend
aus diesen dunklen unheimlichen Augen, von dem getroffen ich rmste vernichtet
werden konnte. - Lache mich nicht aus, Mutter, aber es war der Blick des
Mrders, der sein Opfer erkoren, das mit der Todesangst gettet wird, noch ehe
der Dolch gezckt! - - Ich wiederhol' es, ein ganz fremdes Gefhl, ich vermag es
nicht zu nennen, bebte wie ein Krampf mir durch alle Glieder! - Man spricht von
Basilisken, deren Blick, ein giftiger Feuerstrahl, augenblicklich ttet, wenn
man es wagt, sie anzuschauen. Der Prinz mag solchem bedrohlichen Untier
gleichen.
    Nun, rief die Benzon laut lachend, nun mu ich in der Tat glauben, da es
mit dem mostro turchino seine Richtigkeit hat, da der Prinz, ist er gleich der
schnste, liebenswrdigste Mann, zweien Mdchen erschienen ist als Drache, als
Basilisk. Der Prinzessin traue ich die tollsten Einbildungen zu, aber da meine
ruhige sanfte Julie, mein ses Kind, sich hingeben sollte nrrischen Trumen -
- Und Hedwiga, unterbrach Julie die Benzon, und Hedwiga, ich wei nicht,
welch eine bse feindliche Macht sie losreien von meinem Herzen, ja, mich
hineinstrzen will in den Kampf einer frchterlichen Krankheit, der in ihrem
Innern wtet! - Ja, Krankheit nenne ich der Prinzessin Zustand, gegen den die
rmste nichts vermag. Als sie gestern sich schnell abwandte von dem Prinzen, als
sie mich liebkoste, umarmte, da fhlte ich, wie sie in Fieberhitze glhte. Und
dann das Tanzen, das entsetzliche Tanzen! Du weit, Mutter, wie ich die Tnze
hasse, in denen es den Mnnern vergnnt, uns zu umschlingen. - Es ist mir, als
mten wir in dem Augenblick alles aufgeben, was Sitte und Anstand erfordern,
und den Mnnern eine bermacht einrumen, die wenigstens den zartfhlenden unter
ihnen unerfreulich bleiben wird. - Und nun Hedwiga, die nicht aufhren konnte,
jenen sdlichen Tanz zu tanzen, der mir, je lnger er dauerte, desto
abscheulicher schien. Rechte teuflische Schadenfreude war es, die aus den Augen
des Prinzen blitzte -
    Nrrin, sprach die Benzon, was fllt dir alles ein! - Doch! - Ich kann
deine Gesinnung ber das alles nicht tadeln, bewahre sie treulich, aber sei
nicht ungerecht gegen Hedwiga, denke berhaupt gar nicht weiter nach, was mit
ihr ist und mit dem Prinzen, schlage es dir aus dem Sinn! - Willst du, so werd'
ich dafr sorgen, da du eine Zeitlang weder Hedwiga noch den Prinzen sehen
darfst. Nein, deine Ruhe soll nicht gestrt werden, mein gutes liebes Kind! Komm
an mein Herz! - Damit umarmte die Benzon Julien mit aller mtterlichen
Zrtlichkeit.
    Und, fuhr Julie fort, indem sie das glhende Antlitz an die Brust der
Mutter drckte, und aus der entsetzlichen Unruhe, die ich empfand, mochten auch
wohl die seltsamen Trume kommen, die mich ganz verstrt haben.
    Was trumtest du denn? fragte die Benzon.
    Mir war's, sprach Julie weiter, mir war's, ich wandle in einem herrlichen
Garten, in dem unter dichtem dunklem Gebsch Nachtviolen und Rosen durcheinander
blhten und ihr ses Aroma in die Lfte streuten. Ein wunderbarer Schimmer, wie
Mondesglanz, ging auf in Ton und Gesang, und wie er die Bume, die Blumen mit
goldnem Strahl berhrte, bebten sie vor Entzcken, und die Bsche suselten, und
die Quellen flsterten in leisen sehnschtigen Seufzern. Da gewahrte ich aber,
da ich selbst der Gesang sei, der durch den Garten ziehe, doch so wie der Glanz
der Tne verbleiche, msse ich auch vergehen in schmerzlicher Wehmut! - Nun
sprach aber eine sanfte Stimme: Nein! Der Ton ist die Seligkeit und keine
Vernichtung, und ich halte dich fest mit starken Armen, und in deinem Wesen ruht
mein Gesang, der ist aber ewig wie die Sehnsucht! - Es war Kreisler, der vor mir
stand und diese Worte sprach. Ein himmlisches Gefhl von Trost und Hoffnung ging
durch mein Inneres, und selbst wute ich nicht - ich sage dir alles, Mutter! -
ja, selbst wute ich nicht, wie es kam, da ich Kreislern an die Brust sank. Da
fhlte ich pltzlich, wie mich eiserne Arme fest umschlangen und eine
entsetzliche hhnende Stimme rief: Was strubst du dich, Elende, du bist ja
schon gettet und mut nun mein sein. - Es war der Prinz, der mich festhielt. -
Mit einem lauten Angstgeschrei fuhr ich auf aus dem Schlafe, ich warf mein
Nachtkleid ber und lief ans Fenster, das ich ffnete, da die Luft im Zimmer
schwl und dunstig. In der Ferne gewahrte ich einen Mann, der mit einem
Perspektiv nach den Fenstern des Schlosses schaute, dann aber die Allee
hinabsprang auf seltsame, ich mchte sagen, nrrische Weise, indem er von beiden
Seiten allerlei Entrechats und andere Tnzerpas ausfhrte, mit den Armen in den
Lften herumfocht und, wie ich zu vernehmen glaubte, laut dazu sang. Ich
erkannte Kreislern, und indem ich ber sein Beginnen herzlich lachen mute, kam
er mir doch vor wie der wohlttige Geist, der mich schtzen wrde vor dem
Prinzen. Ja, es war, als wrde mir jetzt erst Kreislers inneres Wesen recht
klar, und ich she jetzt erst ein, wie sein schalkisch scheinender Humor, von
dem mancher sich oft verwundet fhle, aus dem treuesten herrlichsten Gemte
komme. Ich htte hinablaufen in den Park, ich htte Kreislern alle Angst des
entsetzlichen Traums klagen mgen! -
    Das ist, sprach die Benzon ernst, das ist ein einfltiger Traum und das
Nachspiel noch einfltiger! - Du bedarfst der Ruhe, Julie, ein leichter
Morgenschlummer wird dir wohltun, auch ich gedenke noch ein paar Stunden zu
schlafen.
    Damit verlie die Benzon das Zimmer, und Julie tat, wie ihr geheien.
    Als sie erwachte, strahlte die Mittagssonne in die Fenster hinein, und ein
starker Duft von Nachtviolen und Rosen strmte durch das Zimmer. Was ist das,
rief Julie voll Erstaunen, was ist das! - mein Traum! - Doch wie sie sich
umschaute, lag ber ihr auf der Lehne des Sofas, auf dem sie geschlafen, ein
schner Strau jener Blumen! -
    Kreisler, mein lieber Kreisler, sprach Julie sanft, nahm den Strau und
geriet in trumerisches Sinnen.
    Prinz Ignaz lie anfragen, ob es ihm nicht erlaubt sei, Julien ein Stndchen
zu sehen. Schnell kleidete sich Julie an und eilte in das Zimmer, wo Ignaz sie
schon mit einem ganzen Korbe voll Porzellantassen und chinesischer Puppen
erwartete. Julie, das gute Kind, lie es sich gefallen, stundenlang mit dem
Prinzen, der ihr tiefes Mitleid einflte, zu spielen. Kein Wort der Neckerei
oder wohl gar der Verachtung entschlpfte ihr, wie es wohl andern bisweilen,
vorzglich der Prinzessin Hedwiga, geschah, daher kam es, da dem Prinzen Julias
Gesellschaft ber alles ging und er sie oft gar seine kleine Braut nannte. - Die
Tassen waren aufgestellt, die Puppen geordnet, Julie hielt eben im Namen eines
kleinen Harlekins eine Anrede an den Kaiser von Japan (beide Pppchen standen
einander gegenber), als die Benzon hineintrat.
    Nachdem sie eine Weile dem Spiele zugeschaut, drckte sie Julien einen Ku
auf die Stirn und sprach: Du bist doch mein liebes gutes Kind! -
    Es war spte Dmmerung eingebrochen. Julie, die, wie sie gewnscht, bei der
Mittagstafel nicht erscheinen drfen, sa einsam in ihrem Zimmer und erwartete
die Mutter. Da schlichen leise Tritte hinan, die Tre ffnete sich, und
totenbleich, mit starren Augen, in weiem Kleide, gespenstisch, trat die
Prinzessin hinein. Julia, sprach sie leise und dumpf Julia! - Nenne mich
tricht, ausgelassen - wahnsinnig, aber entziehe mir nicht dein Herz, ich bedarf
deines Mitleids, deines Trostes! - Es ist nichts als der berreiz, die heillose
Erschpfung des abscheulichen Tanzes, die mich krank gemacht hat, aber es ist
vorber, mir ist besser! - Der Prinz ist fort nach Sieghartsweiler! - Ich mu
in die Luft, la uns hinabwandeln in den Park! -
    Als beide, Julie und die Prinzessin, sich am Ende der Allee befanden,
strahlte ein helles Licht ihnen aus dem tiefsten Dickicht entgegen, und sie
vernahmen fromme Gesnge. Das ist die Abendlitanei aus der Marienkapelle, rief
Julia.
    Ja, sprach die Prinzessin, wir wollen hin, la uns beten! - Bete du auch
fr mich, Julie!
    Wir wollen, erwiderte Julie, vom tiefsten Schmerz ber der Freundin
Zustand ergriffen, wir wollen beten, da nie ein bser Geist Macht habe ber
uns, da unser reines frommes Gemt nicht verstrt werden mge durch des Feindes
Verlockung.
    Eben zogen, als die Mdchen bei der Kapelle angekommen, die am uersten
Ende des Parks befindlich, die Landleute von dannen, die die Litanei vor dem mit
Blumen geschmckten und mit vielen Lampen erleuchteten! Marienbilde gesungen.
Sie knieten nieder in dem Betstuhl. Da begannen die Snger auf dem kleinen Chor,
der zur Seite des Altars angebracht, das Ave maris stella, das Kreisler erst
vor kurzem komponiert.
    Leise beginnend, brauste der Gesang strker und mchtiger auf in dem dei
mater alma, bis die Tne, in dem felix coeli porta dahinsterbend,
fortschwebten auf den Fittichen des Abendwindes.
    Noch immer lagen die Mdchen auf den Knien, tief versunken in brnstige
Andacht. Der Priester murmelte Gebete, und aus weiter Ferne, wie ein Chor von
Engelstimmen aus dem nchtlichen verschleierten Himmel, hallte der Hymnus: O
sanctissima, den die heimziehenden Snger angestimmt.
    Endlich erteilte ihnen der Priester den Segen. Da standen sie auf und fielen
sich in die Arme. Ein namenloses Weh, aus Entzcken und Schmerz gewoben, schien
gewaltsam sich loswinden zu wollen aus ihrer Brust, und Blutstropfen, dem wunden
Herzen entquollen, waren die heien Trnen, die aus ihren Augen strzten. Das
war er, lispelte die Prinzessin leise. Er war's, erwiderte Julie. - Sie
verstanden sich.
    In ahnungsvollem Schweigen harrte der Wald, da die Mondscheibe aufsteige
und ihr schimmerndes Gold ber ihn ausstreue. Der Choral der Snger, noch immer
vernommen in der Stille der Nacht, schien entgegenzuziehen dem Gewlk, das
glhend aufflammte und sich ber den Bergen lagerte, die Bahn des leuchtenden
Gestirns bezeichnend, vor dem die Sterne erblaten.
    Ach, sprach Julia, was ist es denn, das uns so bewegt, das so mit tausend
Schmerzen unser Inneres durch schneidet? - Horche doch nur, wie das ferne Lied
so trstend zu uns herberhallt! Wir haben gebetet, und aus den goldnen Wolken
sprechen fromme Geister zu uns herab von himmlischer Seligkeit. - Ja, meine
Julia, erwiderte die Prinzessin ernst und fest, ja, meine Julia, ber den
Wolken ist Heil und Seligkeit, und ich wollte, da ein Engel des Himmels mich
hinauftrge zu den Sternen, ehe mich die finstre Macht erfate. Ich mchte wohl
sterben, aber ich wei es, dann trgen sie mich in die frstliche Gruft, und die
Ahnherrn, die dort begraben, wrden es nicht glauben, da ich gestorben bin, und
erwachen aus der Totenerstarrung zum entsetzlichen Leben und mich hinaustreiben.
Dann gehrte ich ja aber weder den Toten an noch den Lebendigen und fnde
nirgends Obdach.
    Was sprichst du, Hedwiga, um aller Heiligen willen; was sprichst du? rief
Julie erschrocken.
    Mir hat, fuhr die Prinzessin fort, in demselben festen, beinahe
gleichgltigen Ton beharrend, mir hat dergleichen einmal getrumt. Es kann aber
auch sein, da ein bedrohlicher Ahnherr im Grabe zum Vampir geworden, der mir
nun das Blut aussaugt. Davon mgen meine hufigen Ohnmachten herrhren.
    Du bist krank, rief Julia, du bist sehr krank, Hedwiga, die Nachtluft
schadet dir, la uns forteilen.
    Damit umschlang sie die Prinzessin, die sich schweigend fortfhren lie.
    Der Mond war nun hoch heraufgestiegen ber den Geierstein, und in magischer
Beleuchtung standen die Bsche, die Bume und flsterten und rauschten, mit dem
Nachtwinde kosend, in tausend lieblichen Weisen.
    Es ist doch schn, sprach Julie, o es ist doch schn auf der Erde, beut
uns die Natur nicht ihre herrlichsten Wunder dar wie eine gute Mutter ihren
lieben Kindern? - Meinst du? erwiderte die Prinzessin und fuhr dann nach
einer Weile fort: Ich wollte nicht, da du mich erst ganz verstanden httest,
und bitte, alles nur fr den Ergu einer bsen Stimmung zu halten. - Du kennst
noch nicht den vernichtenden Schmerz des Lebens. Die Natur ist grausam, sie hegt
und pflegt nur die gesunden Kinder, die kranken verlt sie, ja richtet
bedrohliche Waffen gegen ihr Dasein. - Ha! du weit, da mir sonst die Natur
nichts war als eine Bildergalerie, hingestellt, um die Krfte des Geistes und
der Hand zu ben, aber jetzt ist es anders worden, da ich nichts fhle, nichts
ahne, als ihr Entsetzen. Ich mchte lieber in erleuchteten Slen zwischen bunter
Gesellschaft wandeln, als einsam mit dir in dieser mondhellen Nacht. -
    Julien wurde nicht wenig bange, sie bemerkte, wie Hedwiga immer schwcher,
erschpfter wurde, so da die Arme all ihre geringe Kraft anwenden mute, um sie
im Gehen aufrecht zu erhalten.
    Endlich hatten sie das Schlo erreicht. Unfern desselben, auf der steinernen
Bank, die unter einem Holunderbusch stand, sa eine finstre verhllte Gestalt.
Sowie Hedwiga diese gewahrte, rief sie voll Freude: Dank der Jungfrau und allen
Heiligen, da ist sie! und ging, pltzlich erkrftigt und sich von Julien
losmachend, auf die Gestalt los, die sich erhob und mit dumpfer Stimme sprach:
Hedwiga, mein armes Kind! - Julia gewahrte, da die Gestalt eine von Kopf bis
zu Fu in braune Gewnder gehllte Frau war, die tiefen Schatten lieen die Zge
ihres Gesichts nicht erkennen. Von innern Schauern durchbebt, blieb Julia
stehen.
    Beide, die Frau und die Prinzessin, lieen sich auf die Bank nieder. Die
Frau strich ihr sanft die Haarlocken von der Stirne, legte dann die Hnde darauf
und sprach langsam und leise in einer Sprache, die Julie sich nicht erinnern
konnte, jemals gehrt zu haben. Nachdem dies einige Minuten gewhrt, rief die
Frau Julien zu: Mdchen, eile nach dem Schlo, rufe die Kammerfrauen, sorge,
da man die Prinzessin hineinschaffe. Sie ist in sanften Schlaf gesunken, von
dem sie gesund und froh erwachen wird.
    Julie, ihrem Erstaunen nicht einen Augenblick Raum gebend, tat schnell, wie
ihr geheien.
    Als sie mit den Kammerfrauen ankam, fand man die Prinzessin, sorgsam in
ihren Shawl eingehllt, wirklich im sanften Schlaf, die Frau war verschwunden.
    Sage mir, sprach Julie am andern Morgen, als die Prinzessin ganz genesen
erwacht und keine Spur innerer Zerrttung sich zeigte, was Julie befrchtet,
sage mir um Gott, wer war die wunderbare Frau?
    Ich wei es nicht, erwiderte die Prinzessin, ein einziges Mal in meinem
Leben habe ich sie gesehen. Du erinnerst dich, wie ich einmal, noch ein Kind, in
eine tdliche Krankheit verfallen, so da die rzte mich aufgaben. Da sa sie in
einer Nacht pltzlich an meinem Bette und lullte mich, wie heute, ein in sen
Schlummer, von dem ich ganz genesen erwachte. - In der gestrigen Nacht trat zum
erstenmal das Bild dieser Frau mir wieder vor die Augen, es war mir, als msse
sie mir wieder erscheinen und mich retten, und so hat es sich wirklich begeben.
- Tu es mir zuliebe und schweige ganz von der Erscheinung, la dir auch nichts
merken durch Wort oder Zeichen, da uns etwas Wunderbares begegnet. Denke an den
Hamlet und sei mein lieber Horatio! - Es ist gewi, da es mit dieser Frau eine
geheimnisvolle Bewandtnis haben mu, aber, mag das Geheimnis mir und dir
verschlossen bleiben, weiteres Forschen bednkt mir gefhrlich. - Ist es nicht
genug, da ich genesen bin und froh, frei von allen Gespenstern, die mich
verfolgten? - Alles verwunderte sich ber der Prinzessin so pltzlich
wiedergekehrte Gesundheit. Der Leibarzt behauptete, der nchtliche Spaziergang
nach der Marienkapelle habe durch die Erschtterung aller Nerven so drastisch
gewirkt, und er nur vergessen, denselben ausdrcklich zu verordnen. Die Benzon
sprach aber in sich hinein: Hm! - Die Alte ist bei ihr gewesen - mag das
diesmal hingehen! - Es ist nun an der Zeit, da jene verhngnisvolle Frage des
Biographen: Du -
    (M. f. f.) liebst mich also, holde Miesmies? O wiederhol' es mir, wiederhol'
es mir tausendmal, damit ich noch in ferneres Entzcken geraten und so viel
Unsinn aussprechen mge, wie es einem von dem besten Romandichter geschaffenen
Liebeshelden geziemt! - Doch, Beste, du hast meine erstaunliche Neigung zum
Gesange sowie meine Kunstfertigkeit darin schon bemerkt, wrd' es dir wohl
gefllig sein, Teure, mir ein kleines Liedchen vorzusingen? - Ach, erwiderte
Miesmies, ach, geliebter Murr, zwar bin ich auch in der Kunst des Gesanges
nicht unerfahren, aber du weit, wie es jungen Sngerinnen geht, wenn sie zum
erstenmal singen sollen vor Meistern und Kennern! - Die Angst, die Verlegenheit
schnrt ihnen die Kehle zu, und die schnsten Tne, Trillos und Mordenten
bleiben auf die fatalste Weise in der Kehle stecken wie Fischgrten. - Eine Arie
zu singen ist dann pur unmglich, weshalb der Regel nach mit einem Duett
begonnen wird. La uns ein kleines Duett versuchen, Teurer, wenn's dir
gefllig! - Das war mir recht. Wir stimmten nun gleich das zrtliche Duett an:
Bei meinem ersten Blick flog dir mein Herz entgegen etc. etc. Miesmies begann
furchtsam, aber bald ermutigte sie mein krftiges Falsett. Ihre Stimme war
allerliebst, ihr Vortrag gerundet, weich, zart, kurz, sie zeigte sich als wackre
Sngerin. Ich war entzckt, wiewohl ich einsah, da mich Freund Ovid wiederum im
Stich gelassen. Da Miesmies mit dem cantare so herrlich bestanden, so war es mit
dem chordas tangere gar nichts, und ich durfte nicht erst nach der Guitarre
verlangen. -
    Miesmies sang nun mit seltner Gelufigkeit, mit ungemeinem Ausdruck, mit
hchster Eleganz das bekannte: Di tanti palpiti etc. etc. Von der heroischen
Strke des Rezitativs stieg sie herrlich hinein in die wahrhaft ktzliche
Sigkeit des Andantes. Die Arie schien ganz fr sie geschrieben, so da auch
mein Herz berstrmte und ich in ein lautes Freudengeschrei ausbrach. Ha! -
Miesmies mute mit dieser Arie eine Welt fhlender Katerseelen begeistern! - Nun
stimmten wir noch ein Duett an aus einer ganz neuen Oper, das ebenfalls herrlich
gelang, da es ganz und gar fr uns geschrieben schien. Die himmlischen Rouladen
gingen glanzvoll aus unserm Innern heraus, da sie meistenteils aus chromatischen
Gngen bestanden. berhaupt mu ich bei dieser Gelegenheit bemerken, da unser
Geschlecht chromatisch ist, und da daher jeder Komponist, der fr uns
komponieren will, sehr wohl tun wird, Melodieen und alles brige chromatisch
einzurichten. Leider hab' ich den Namen des trefflichen Meisters, der jenes
Duett komponiert, vergessen, das ist ein wackrer lieber Mann, ein Komponist nach
meinem Sinn. -
    Whrend dieses Singens war ein schwarzer Kater heraufgestiegen, der uns mit
glhenden Augen anfunkelte. Bleiben Sie geflligst von dannen, bester Freund,
rief ich ihm entgegen, sonst kratze ich Ihnen die Augen aus und werfe Sie vom
Dache herab, wollen Sie aber eins mit uns singen, so kann das geschehen. - Ich
kannte den jungen schwarzgekleideten Mann als einen vortrefflichen Bassisten und
schlug daher vor, eine Komposition zu singen, die ich zwar sonst nicht sehr
liebe, die sich aber zu der bevorstehenden Trennung von Miesmies sehr gut
schickte. - Wir sangen: Soll ich dich, Teurer, nicht mehr sehen! Kaum
versicherte ich aber mit dem Schwarzen, da die Gtter mich bewahren wrden, als
eine gewaltige Ziegelscherbe zwischen uns durchfuhr und eine entsetzliche Stimme
rief: Wollen die verfluchten Katzen wohl die Muler halten! - Wir stoben, von
der Todesfurcht gehetzt, wild auseinander in den Dachboden hinein. - O der
herzlosen Barbaren ohne Kunstgefhl, die selbst unempfindlich bleiben bei den
rhrendsten Klagen der unaussprechlichen Liebeswehmut und nur Rache und Tod
brten und Verderben! -
    Wie gesagt, das, was mich befreien sollte von meiner Liebesnot, strzte mich
nur noch tiefer hinein. Miesmies war so musikalisch, da wir beide auf das
anmutigste miteinander zu phantasieren vermochten. Zuletzt sang sie meine eignen
Melodien herrlich nach, darber wollte ich denn nun ganz und gar nrrisch werden
und qulte mich schrecklich ab in meiner Liebespein, so da ich ganz bla, mager
und elend wurde. - Endlich, endlich, nachdem ich mich lange genug abgehrmt,
fiel mir das letzte, wiewohl verzweifelte Mittel ein, mich von meiner Liebe zu
heilen. - Ich beschlo, meiner Miesmies Herz und Pfote zu bieten. Sie schlug
ein, und sobald wir ein Paar worden, merkte ich auch alsbald, wie meine
Liebesschmerzen sich ganz und gar verloren. Mir schmeckte Milchsuppe und Braten
vortrefflich, ich gewann meine joviale Laune wieder, mein Bart kam in Ordnung,
mein Pelz erhielt wieder den alten schnen Glanz, da ich nun die Toilette mehr
beachtete als vorher, wogegen meine Miesmies sich gar nicht mehr putzen mochte.
Ich fertigte demunerachtet, wie zuvor geschehen, noch einige Verse auf meine
Miesmies, die um so hbscher, um so wahrer empfunden waren, als ich den Ausdruck
der schwrmerischen Zrtlichkeit so immer mehr und mehr heraufschrob, bis er mir
die hchste Spitze erreicht zu haben schien. Ich dedizierte endlich der Guten
noch ein dickes Buch und hatte so auch in literarisch-sthetischer Hinsicht
alles abgetan, was von einem honetten treuverliebten Kater nur verlangt werden
kann. brigens fhrten wir, ich und meine Miesmies, auf der Strohmatte vor der
Tre meines Meisters ein huslich ruhiges, glckliches Leben. - Doch welches
Glck ist hienieden auch nur von einigem Bestand! - Ich bemerkte bald, da
Miesmies oft in meiner Gegenwart zerstreut war, da sie, wenn ich mit ihr
sprach, verwirrtes Zeug antwortete, da ihr tiefe Seufzer entflohen, da sie nur
schmachtende Liebeslieder singen mochte, ja, da sie zuletzt ganz matt und krank
tat. Fragte ich denn, was ihr fehle, so streichelte sie mir zwar die Wangen und
erwiderte: Nichts, gar nichts, mein liebes gutes Papachen, aber das Ding war
mir doch gar nicht recht. Oft erwartete ich sie vergebens auf der Strohmatte,
suchte sie vergebens im Keller, auf dem Boden, und fand ich sie denn endlich und
machte ihr zrtliche Vorwrfe, so entschuldigte sie sich damit, da ihre
Gesundheit weite Spaziergnge erfordere, und da ein rztlicher Kater sogar eine
Badereise angeraten. Das war mir wieder nicht recht. Sie mochte wohl meinen
versteckten rger gewahren und lie es sich angelegen sein, mich mit
Liebkosungen zu berhufen, aber auch in diesen Liebkosungen lag so etwas
Sonderbares, ich wei es nicht zu nennen, das mich erkltete, statt mich zu
erwrmen, und auch das war mir nicht recht. Ohne zu vermuten, da dies Betragen
meiner Miesmies seinen besonderen Grund haben knnte, wurde ich nur inne, da
nach und nach auch das letzte Fnkchen der Liebe zu der Schnsten erlosch, und
da in ihrer Nhe mich die ttendste Langeweile erfate. Ich ging daher meine
Wege und sie die ihrigen; kamen wir aber einmal zufllig auf der Strohmatte
zusammen, so machten wir uns die liebevollsten Vorwrfe, waren dann die
zrtlichsten Gatten und besangen die friedliche Huslichkeit, in der wir lebten.
    Es begab sich, da mich einmal der schwarze Bassist in dem Zimmer meines
Meisters besuchte. Er sprach in abgebrochenen geheimnisvollen Worten, fragte
dann strmisch, wie ich mit meiner Miesmies lebe - kurz, ich merkte wohl, da
der Schwarze etwas auf dem Herzen hatte, das er mir entdecken wollte. Endlich
kam es denn auch zum Vorschein. Ein Jngling, der im Felde gedient, war
zurckgekehrt und lebte in der Nachbarschaft von einer kleinen Pension, die ihm
ein dort wohnender Speisewirt an Fischgrten und Speisabgang ausgeworfen. Schn
von Figur, herkulisch gebaut, wozu noch kam, da er eine reiche fremde Uniform
trug, schwarz, grau und gelb, und wegen bewiesener Tapferkeit, als er mit
wenigen Kameraden einen ganzen Speicher von Musen reinigen wollen, das
Ehrenzeichen des gebrannten Specks auf der Brust trug, fiel er allen Mdchen und
Frauen in der Gegend auf. Alle Herzen schlugen ihm entgegen, wenn er auftrat
keck und khn, den Kopf emporgehoben, feurige Blicke um sich werfend. Der hatte
sich, wie der Schwarze versicherte, in meine Miesmies verliebt, sie war ihm
ebenso mit Liebe entgegengekommen, und es war nur zu gewi, da sie heimliche
verliebte Zusammenknfte hielten allnchtlich hinter dem Schornstein oder im
Keller.
    Mich wundert, sprach der Schwarze, mich wundert, bester Freund, da Sie
bei Ihrer sonstigen Sagazitt das nicht lngst bemerkt, aber liebende Gatten
sind oft blind, und es tut mir leid, da Freundespflicht mir gebot, Ihnen die
Augen zu ffnen, da ich wei, da Sie in Ihre vortreffliche Gattin ganz und gar
vernarrt sind.
    O Muzius, so hie der Schwarze, o Muzius, rief ich, ob ich ein Narr
bin, ob ich sie liebe, die se Verrterin! Ich bete sie an, mein ganzes Wesen
gehrt ihr! - Nein, sie kann mir das nicht tun, die treue Seele! - Muzius,
schwarzer Verleumder, empfange den Lohn deiner Schandtat! - Ich hob die
gekrallte Pfote auf, Muzius blickte mich freundlich an und sprach sehr ruhig:
Ereifern Sie sich nicht, mein Guter, Sie teilen das Los vieler vortrefflichen
Leute, berall ist schnder Wankelmut zu Hause und leider vorzglich bei unserm
Geschlecht. Ich lie die aufgehobene Pfote wieder sinken, sprang wie in voller
Verzweiflung einigemal in die Hhe und schrie dann wtend: Wr' es mglich,
wr' es mglich! - O Himmel - Erde! was noch sonst? - Nenn' ich die Hlle mit! -
Wer hat mir das getan, der schwarzgraugelbe Kater? - Und sie, die se Gattin,
treu und hold sonst, sie konnte, hll'schen Trugs voll, den verachten, der oft,
an ihrem Busen eingewiegt, in sen Liebestrumen selig schwelgte? - O fliet,
ihr Zhren, fliet der Undankbaren! - Himmel tausend sapperment, das geht nicht
an, den bunten Kerl am Schornstein soll der Teufel holen!
    Beruhigen Sie sich, sprach Muzius, beruhigen Sie sich doch nur, Sie
berlassen sich zu sehr der Wut des jhen Schmerzes. Als Ihr wahrer Freund mag
ich Sie jetzt weiter nicht in Ihrer angenehmen Verzweiflung stren. Wollen Sie
sich in Ihrer Trostlosigkeit ermorden, so knnte ich Ihnen zwar mit einem
tchtigen Rattenpulver aufwarten, ich will es aber nicht tun, da Sie sonst ein
lieber, scharmanter Kater sind und es jammerschade wre um Ihr junges Leben.
Trsten Sie sich, lassen Sie Miesmies laufen, es gibt der anmutigen Katzen noch
viele in der Welt. - Adieu, Bester! - Damit sprang Muzius fort durch die
geffnete Tre.
    Sowie ich still, unter dem Ofen liegend, mehr nachsann ber die
Entdeckungen, die mir der Kater Muzius gemacht, fhlte ich wohl etwas in mir
sich regen wie heimliche Freude. Ich wute nun, wie ich mit Miesmies daran war,
und die Qulerei mit dem ungewissen Wesen war am Ende. Hatte ich aber
anstandshalber erst die gehrige Verzweiflung geuert, so glaubte ich, da
derselbe Anstand es erfordere, dem Schwarzgraugelben zu Leibe zu gehen.
    Ich belauschte zur Nachtzeit das Liebespaar hinter dem Schornstein und fuhr
mit den Worten: Hllischer bestialischer Verrter auf meinen Nebenbuhler
grimmig los. Der aber, an Strke, wie ich leider zu spt bemerkte, mir weit
berlegen, packte mich, ohrfeigte mich grlich ab, da ich mehreres Pelzwerk
einbte, und sprang dann schnell fort. Miesmies lag in Ohnmacht, als ich mich
ihr aber nherte, sprang sie ebenso behende als ihr Liebhaber auf und ihm nach
in den Dachboden hinein.
    Lendenlahm, mit blutigen Ohren schlich ich herab zu meinem Meister und
verwnschte den Gedanken, meine Ehe konservieren zu wollen, hielt es auch fr
gar keine Schande, die Miesmies dem Schwarzgraugelben ganz und gar zu
berlassen.
    Welch ein feindliches Schicksal, dacht' ich, der himmlischromantischen
Liebe halber werde ich in die Gosse geworfen, und das husliche Glck verhilft
mir zu nichts anderm als zu grlichen Prgeln.
    Am andern Morgen erstaunte ich nicht wenig, als ich, aus dem Zimmer des
Meisters heraustretend, Miesmies auf der Strohmatte fand. Guter Murr, sprach
sie sanft und ruhig, ich glaube zu fhlen, da ich dich nicht mehr so liebe als
sonst, welches mich sehr schmerzt.
    O teure Miesmies, erwiderte ich zrtlich, es zerschneidet mir das Herz,
aber ich mu es gestehen, seit der Zeit, da sich gewisse Dinge begeben, bist du
mir auch gleichgltig geworden.
    Nimm es nicht bel, sprach Miesmies weiter, nimm es nicht bel, ser
Freund, aber es ist mir so, als wrst du mir schon lngst ganz unausstehlich
gewesen.
    Mcht'ger Himmel, rief ich begeistert, welche Sympathie der Seelen, mir
geht es so wie dir.
    Nachdem wir auf diese Weise einig geworden, da wir uns einander ganz
unausstehlich wren und uns notwendigerweise trennen mten auf ewig, umpfoteten
wir uns auf das zrtlichste und weinten heie Trnen der Freude und des
Entzckens! -
    Dann trennten wir uns, jeder war hinfort von der Vortrefflichkeit, von der
Seelengre des andern berzeugt und pries sie jedem an, der davon hren mochte.
    Auch ich war in Arkadien, rief ich und legte mich auf die schnen Knste
und Wissenschaften eifriger als jemals.

(Mak. Bl.) - Euch, sprach Kreisler, ja, ich sag' es Euch aus tiefer Seele,
diese Ruhe scheint mir bedrohlicher als der wtendste Sturm. Es ist die dumpfe
taube Schwle vor dem zerstrenden Gewitter, in der sich jetzt alles an dem Hofe
bewegt, den Frst Irenus im Duodez-Format mit vergoldetem Schnitt, wie einen
Almanach, ans Tageslicht gebracht. Vergebens steckt der gndigste Herr
unaufhrlich glnzende Feste auf, wie Gewitterableiter, als zweiter Franklin,
die Blitze werden doch einschlagen und vielleicht sein eignes Staatskleid
versengen. - Es ist wahr, Prinzessin Hedwiga gleicht jetzt in ihrem ganzen Wesen
einer hell und klar hinstrmenden Melodie, statt da sonst wilde, unruhige
Akkorde durcheinander auffuhren aus ihrer wunden Brust, aber - Nun! und Hedwiga
schreitet jetzt in verklrtem freundlichem Stolz an dem Arm des wackern
Neapolitaners daher, und Julia lchelt ihn an auf ihre holdselige Weise und lt
sich seine Galanterien gefallen, die der Prinz, ohne ein Auge von der bestimmten
Braut zu lassen, ihr so geschickt zuzuwenden wei, da sie ein junges
unerfahrnes Gemt wie Ricochet-Schsse schrfer treffen mssen, als wenn das
bedrohliche Geschtz geradezu darauf gerichtet! - Und doch glaubte sich, wie mir
die Benzon erzhlt, erst Hedwiga von dem mostro turchino erdrckt, und der
sanften ruhigen Julia, dem Himmelskinde wurde der schmucke General en Chef zum
schnden Basilisk! - O ihr ahnenden Seelen, ihr hattet ja recht! - Teufel, hab'
ich denn nicht in Baumgartens Welthistorie gelesen, da die Schlange, die uns um
das Paradies gebracht, stolzierte in goldgleiendem Schuppenwams? - Das fllt
mir ein, wenn ich den goldverbrmten Hektor sehe. - Hektor hie brigens sonst
ein sehr wrdiger Bullenbeier, der unbeschreibliche Liebe und Treue zu mir
hegte. - Ich wollt', er wr' bei mir, und ich knnt' ihn dem frstlichen
Namensvetter in die Rocksche hetzen, wenn er sich so recht spreizt zwischen
dem holden Schwesterpaar! Oder sagt, Meister, da Ihr so manches Kunststck
wisset, sagt mir, wie ich es anfange, mich bei schicklicher Gelegenheit in eine
Wespe zu verwandeln und den frstlichen Hund dermaen zu turbieren, da er aus
seinem verfluchten Konzept kommt! -
    Ich habe, nahm Meister Abraham das Wort, ich habe Euch ausreden lassen,
Kreisler, und frage Euch nun, ob Ihr mich ruhig anhren wollt, wenn ich Euch
gewisse Dinge entdecke, die Eure Ahnungen rechtfertigen?
    Bin ich, erwiderte Kreisler, bin ich denn nicht ein gesetzter
Kapellmeister - ich meine das nicht im philosophischen Sinn, da ich mein Ich
gesetzt als Kapellmeister; sondern beziehe das blo auf die geistige Fhigkeit,
in honetter Gesellschaft ruhigzubleiben, wenn mich ein Floh sticht.
    Nun also, fuhr Meister Abraham fort, wisset, Kreisler, da ein seltsamer
Zufall mir tiefe Blicke in des Prinzen Leben vergnnt hat. Ihr habt recht, wenn
Ihr ihn mit der Schlange im Paradiese vergleicht. Unter der schnen Hlle - die
werdet Ihr ihm nicht absprechen - liegt giftige Verderbtheit, ich mchte lieber
sagen, Verruchtheit, verborgen. - Er fhrt Bses im Schilde - er hat, aus
vielem, was sich zugetragen, wei ich's, er hat es abgesehen auf die holde
Julia. -
    Hoho, schrie Kreisler, indem er im Zimmer umhersprang, hoho, blanker
Vogel, sind das deine sen Lieder? - Wetter, Wetter, der Prinz ist ein
tchtiger Kerl, er greift zu, mit beiden Krallen auf einmal, nach gebotenen und
verbotenen Frchten! - Holla, ser Neapolitaner, du weit nicht, da Julien ein
wackrer Kapellmeister, mit hinlnglicher Musik im Leibe, zur Seite steht, der
hlt dich, sowie du dich ihr nherst, fr einen verdammten Ouartquinten-Akkord,
der aufgelst werden mu. Und der Kapellmeister tut, was seines Berufs ist, das
heit, er lst dich auf, indem er dir eine Kugel durch das Gehirn jagt oder dir
gegenwrtigen Stockdegen durch den Leib rennt! - Damit zog Kreisler seine
Stockklinge heraus, setzte sich in Fechterpositur und fragte den Meister, ob er
Anstand genug besitze, einen frstlichen Hund zu durchspieen. - Seid doch nur
ruhig, erwiderte Meister Abraham, seid doch nur ruhig, Kreisler, es bedarf
solcher Heldentaten gar nicht, um dem Prinzen das Spiel zu verderben. Es gibt
andere Waffen fr ihn, und die geb' ich Euch in die Hand. Gestern war ich im
Fischerhuschen, der Prinz kam mit seinem Adjutanten vorber. Sie gewahrten mich
nicht. Die Prinzessin ist schn, sprach der Prinz, aber die kleine Benzon ist
gttlich! Mein ganzes Blut wallte siedend auf, als ich sie sah - ha, sie mu
mein werden, noch ehe ich der Prinzessin die Hand reiche. - Glaubst du, da sie
unerbittlich sein wird? - Welches Weib hat Euch widerstanden, gndigster Herr,
erwiderte der Adjutant, Aber beim Teufel, fuhr der Prinz fort, sie scheint ein
frommes Kind zu sein - und ein argloses, fiel ihm der Adjutant lachend ins Wort:
und die frommen arglosen Kindlein sind es ja eben, die, berrascht von dem
Angriff des sieggewohnten Mannes, duldend unterliegen und dann alles fr Gottes
Fgung halten, wohl gar in ungemeine Liebe geraten zu dem Sieger! - Das kann
Euch auch so gehen, gndigster Herr. - Das wre toll genug, rief der Prinz. Aber
knnte ich sie nur allein sehen, - wie das anfangen? - Nichts, erwiderte der
Adjutant, nichts ist leichter als das. Ich habe bemerkt, da die Kleine oft
allein lustwandelt in diesem Park. Wenn nun - Jetzt verhallten die Stimmen in
der Ferne, ich konnte nichts mehr verstehen! - Wahrscheinlich wird irgendein
hllischer Plan schon heute ausgefhrt, und der mu vereitelt werden. Ich knnte
das selbst tun, aber aus gewissen Ursachen mchte ich mich zurzeit dem Prinzen
nicht zeigen, daher mt Ihr, Kreisler, gleich fort nach Sieghartshof und
aufpassen, wenn Julia etwa in der Dmmerung, wie sie zu tun pflegt, nach dem See
lustwandelt, um den zahmen Schwan zu fttern. Diesen Gang hat wahrscheinlich der
italienische Bsewicht erlauscht. - Doch, empfangt die Waffe, Kreisler, und die
hchst ntige Instruktion, damit Ihr im Kampf gegen den bedrohlichen Prinzen als
ein guter Feldherr Euch zeigen mget! -
    Der Biograph erschrickt abermals ber das total Abrupte der Nachrichten, aus
denen er gegenwrtige Geschichte zusammenstoppeln mu. - Wre hier nicht
schicklich einzurcken gewesen, welche Instruktion Meister Abraham dem
Kapellmeister erteilte? Denn zeigt sich auch spter die Waffe selbst, so wird es
dir, geliebter Leser, doch unmglich sein, einzusehen, was es damit fr eine
Bewandtnis hat. Doch kein einziges Wrtlein wei der unglckliche Biograph
zurzeit von jener Instruktion, mittelst der (so viel scheint gewi) der wackre
Kreisler in ein ganz besonderes Geheimnis eingeweiht wurde. - Doch! gedulde
dich, gnstiger Leser, noch ein wenig, bemeldeter Biograph setzt seinen
Schreibedaumen zum Pfande, da noch vor dem Schlu des Buchs auch dieses
Geheimnis an den Tag kommen soll. - Es ist nun zu erzhlen, da, sowie die Sonne
zu sinken begann, Julia, ein Krbchen mit Weibrot am Arm, singend durch den
Park wandelte zum See und sich mitten auf die Brcke unweit des Fischerhuschens
stellte. Aber Kreisler lag im Hinterhalt des Gebsches und hatte einen tchtigen
Dollond vor den Augen, mit dem er scharf hinberschaute durch die Strucher, die
ihn versteckten. Der Schwan pltscherte heran, und Julie warf ihm Brocken hinab,
die er begierig wegnaschte. Julie fuhr fort im lauten Gesange, und so kam es,
da sie es nicht gewahrte, wie Prinz Hektor schnell heraneilte. Als er pltzlich
bei ihr stand, fuhr sie zusammen, wie im heftigen Schreck. Der Prinz fate ihre
Hand, drckte sie an die Brust, an die Lippen und legte sich dann dicht neben
Julien ber das Gelnder der Brcke. Julia ftterte, indem der Prinz eifrig
sprach, den Schwan, in den See hinabschauend. - Schneide nicht solche infame
se Gesichter, Potentat! Merkst du denn nicht, da ich dicht vor dir auf dem
Gelnder sitze und dich erkecklich maulschellieren kann? - O Gott, warum frben
sich deine Wangen in immer hherem Purpur, du holdes Himmelskind? - Warum
blickst du jetzt den Bsen so seltsam an? - Du lchelst? - Ja, es ist der
glhende Gifthauch, vor dem sich deine Brust ffnen mu, wie vor dem sengenden
Sonnenstrahl sich die Knospe in den schnsten Blttern entfaltet, um desto jher
hinzusterben! - So sprach Kreisler, das Paar beobachtend, das der gute Dollond
ihm dicht herangerckt. - Der Prinz warf jetzt auch Brocken hinab, der Schwan
verschmhte sie aber und brach in ein lautes widriges Geschrei aus. Nun schlang
der Prinz den Arm um Julia und warf so die Brocken hinab, als solle der Schwan
glauben, da es Julia sei, die ihn fttere. Dabei berhrte seine Wange beinahe
die Wange Julias. - Recht so, sprach Kreisler, recht so, gndigster Halunke,
umkralle, wrdiger Stovogel, nur deine Beute recht fest, hier liegt aber einer
im Busch, der schon auf dich zielt und sogleich dir deinen glnzenden Fittich
lahm schieen wird, und es steht denn erbrmlich mit dir und deiner Freijagd!
    Nun fate der Prinz Julias Arm, und beide schritten dem Fischerhuschen zu.
Dicht vor demselben trat aber Kreisler aus dem Gebsch, schritt auf das Paar zu
und sprach, indem er sich vor dem Prinzen tief bckte: Ein herrlicher Abend,
eine ungemein heitere Luft, ein erquickliches Aroma darin, Sie mssen sich,
gndigster Herr, hier befinden wie in dem schnen Neapolis. - Wer sind Sie,
mein Herr? fuhr ihn der Prinz barsch an. Doch in demselben Augenblick machte
sich auch Julia los von seinem Arm, trat freundlich auf Kreislern zu, reichte
ihm die Hand und sprach: O wie herrlich, lieber Kreisler, da Sie wieder da
sind. Wissen Sie wohl, da ich mich recht herzlich nach Ihnen gesehnt habe? - In
der Tat, die Mutter schilt, da ich mich gebrde wie ein weinerliches
ungezogenes Kind, wenn Sie nur einen einzigen Tag ausbleiben. Ich knnte krank
werden vor Verdru, wenn ich glaube, da Sie mich, meinen Gesang aus der Acht
lassen. - Ha, rief der Prinz, giftige Blicke schieend auf Julien, auf
Kreislern, ha, Sie sind Monsieur de Krsel. Der Frst sprach sehr gnstig von
Ihnen! - Gesegnet, sprach Kreisler, indem sein ganzes Gesicht in hundert
Falten und Fltchen seltsam vibrierte, gesegnet sei der gute Herr dafr, denn
so wird es mir vielleicht gelingen, das zu erhalten, warum ich Sie, gndigster
Prinz, anflehen wollte, nmlich Ihre angenehme Protektion. - Ich habe die khne
Ahnung, da Sie mir auf den ersten Blick Ihr Wohlwollen zuwandten, da Sie im
Vorbergehen aus hchst eigner Bewegung mich zum Hasenfu zu kreiren geruhten,
und da nun Hasenfe zu allem nur Ersinnlichen taugen, so - Sie sind,
unterbrach ihn der Prinz, Sie sind ein spahafter Mann - - Ganz und gar
nicht, fuhr Kreisler fort, ich liebe zwar den Spa, aber nur den schlechten,
und der ist nun wieder nicht spahaft. Gegenwrtig wollt' ich gern nach Neapel
gehen und beim Molo einige gute Fischer- und Banditenlieder aufschreiben ad usum
delphini. Sie sind, bester Prinz, ein gtiger kunstliebender Herr, sollten Sie
mir vielleicht durch einige Empfehlungen - - Sie sind, unterbrach ihn der
Prinz aufs neue, Sie sind ein spahafter Mann, Monsieur de Krsel, ich liebe
das, ich liebe das in der Tat, aber jetzt mag ich Sie in Ihrem Spaziergange
nicht aufhalten - Adieu! - Nein, gndigster Herr, rief Kreisler, ich kann
die Gelegenheit nicht vorberlassen, ohne mich Ihnen in meinem vollsten Lster
zu zeigen. Sie wollten in das Fischerhuschen treten, dort steht ein kleines
Pianoforte, Frulein Julia ist gewi so gtig, mit mir ein Duett zu singen! -
Mit tausend Freuden, rief Julia und hing sich an Kreislers Arm. Der Prinz bi
die Zhne zusammen und schritt stolz voran. Im Gehen flsterte Julia Kreislern
ins Ohr: Kreisler! welche seltsame Stimmung? - O Gott, erwiderte Kreisler
ebenso leise, o Gott, und du liegst eingelullt in betrenden Trumen, wenn die
Schlange sich naht, dich zu tten mit giftigem Bi? - Julia blickte ihn an im
tiefsten Erstaunen. Nur ein einziges Mal, im Moment der hchsten musikalischen
Begeisterung, hatte Kreisler sie Du genannt. -
    Als das Duett geendet, brach der Prinz, der schon whrend des Gesanges
fters brava, bravissima gerufen, aus in strmischen Beifall. Er bedeckte Julias
Hnde mit feurigen Kssen, er schwor, da kein Gesang jemals so sein ganzes
Wesen durchdrungen, und bat Julien, es zu verstatten, da er einen Ku auf die
Himmelslippen drcke, ber die der Nektarstrom der Paradieseslaute geflossen.
    Julia wich scheu zurck. Kreisler trat vor den Prinzen hin und sprach: Da
Sie mir, Gndigster, auch nicht ein Wrtlein des Lobes zuwenden wollen, das ich
als Komponist und wackrer Snger ebensogut verdient zu haben vermeine als
Frulein Julia, so merke ich schon, da ich mit meinen schwachen musikalischen
Kenntnissen nicht stark genug wirke. Aber auch in der Malerei bin ich erfahren
und werde die Ehre haben, Ihnen ein kleines Bildnis zu zeigen, das eine Person
vorstellt, deren merkwrdiges Leben und seltsames Ende mir so bekannt ist, da
ich alles jedem erzhlen kann, der es nur hren will. - berlstiger Mensch!
murmelte der Prinz. Kreisler zog ein Kstchen aus der Tasche, nahm ein kleines
Bildnis heraus und hielt es dem Prinzen entgegen. Er blickte hin, alles Blut
schwand von dem Antlitz, seine Augen starrten, seine Lippen bebten, zwischen den
Zhnen murmelnd: Maledetto! strzte er fort.
    Was ist das? rief Julia, zum Tode erschrocken, um aller Heiligen willen,
was ist das, Kreisler - sagen Sie mir alles!
    Tolles Zeug, erwiderte Kreisler, lustige Streiche, Teufelsbannerei! Sehn
Sie, teures Frulein, wie der gtige Prinz mit den allerlngsten Schritten,
deren seine gndigsten Beine mchtig, ber die Brcke luft. - Gott! er
verleugnet ganz seine se idyllische Natur, er schaut nicht einmal in den See,
er verlangt nicht mehr, den Schwan zu fttern, der liebe gute - Teufel!
    Kreisler, sprach Julia, Ihr Ton geht eiskalt durch mein Inneres, ich ahne
Unheil - was haben Sie mit dem Prinzen?
    Der Kapellmeister trat von dem Fenster weg, an dem er gestanden, schaute
tief bewegt Julia an, die vor ihm stand, die Hnde gefaltet, als wolle sie den
guten Geist anflehen, da er die Angst von ihr nehme, die ihr Trnen aus den
Augen prete. Nein, sprach Kreisler, kein feindlicher Miton soll den
Wohllaut des Himmels verstren, der in deinem Gemt wohnt, du frommes Kind! - In
gleinerischer Verkappung gehen die Geister der Hlle durch die Welt, aber sie
haben keine Macht ber dich, und du darfst sie nicht erkennen in ihrem schwarzen
Tun und Treiben! - Sei'n Sie ruhig, Julia! - lassen Sie mich schweigen, es ist
nun alles vorber! -
    In dem Augenblick trat die Benzon hinein in groer Bewegung. Was ist
geschehen, rief sie, was ist geschehen? - Wie rasend strzt der Prinz dicht
bei mir vorber, ohne mich zu sehen. Dicht bei dem Schlo kommt ihm der Adjutant
entgegen, sie sprechen beide heftig miteinander, dann gibt der Prinz, so glaubt'
ich zu bemerken, dem Adjutanten irgendeinen wichtigen Auftrag, denn indem der
Prinz in das Schlo schreitet, strzt der Adjutant in grter Eil' nach dem
Pavillon, in dem er wohnt. - Der Grtner sagte mir, du httest mit dem Prinzen
auf der Brcke gestanden, da berfiel mich, selbst wei ich nicht warum, die
frchterliche Ahnung irgend etwas Entsetzlichen, das sich begeben - ich eilte
her, sagt, was ist geschehen? - Julia erzhlte alles. Geheimnisse? fragte die
Benzon scharf, indem sie einen durchbohrenden Blick auf Kreislern warf. Beste
Rtin, antwortete Kreisler, es gibt Augenblicke - Lagen - Situationen
vielmehr, mein' ich, in denen der Mensch durchaus das Maul halten mu, da er,
sobald er es ffnet, nichts herausbringt als konfuses Zeug, das die vernnftigen
Leute irritiert! -
    Dabei blieb es, unerachtet die Benzon verletzt schien durch Kreislers
Schweigen.
    Der Kapellmeister begleitete die Rtin mit Julien bis ans Schlo, dann begab
er sich auf den Rckweg nach Sieghartsweiler. Sowie er in den Laubgngen des
Parks verschwunden, trat der Adjutant des Prinzen aus dem Pavillon und verfolgte
denselben Weg, den Kreisler genommen. Bald darauf fiel tief im Walde ein Schu!
    In derselben Nacht verlie der Prinz Sieghartsweiler, er hatte sich bei dem
Frsten schriftlich beurlaubt und baldige Rckkehr versprochen. Als am andern
Morgen der Grtner mit seinen Leuten den Park durchsuchte, fand er Kreislers
Hut, an dem blutige Spuren befindlich. Er selbst war und blieb verschwunden. Man
-


                                  Zweiter Band

                               Dritter Abschnitt

                                 Die Lehrmonate
                          Launisches Spiel des Zufalls

(M. f. f.) Sehnsucht, heies Verlangen erfllt die Brust, aber hat man endlich
das gewonnen, nach dem man rang mit tausend Not und Sorgen, so erstarrt jenes
Verlangen alsbald zur todkalten Gleichgltigkeit, und man wirft das errungene
Gut von sich wie ein abgenutztes Spielzeug. Und kaum ist dies geschehen, so
folgt bittre Reue der raschen Tat, man ringt aufs neue, und das Leben eilt dahin
in Verlangen und Abscheu. - So ist einmal der Katz. - Richtig bezeichnet dieser
Ausdruck mein Geschlecht, zu dem sich auch der hochmtige Lwe zhlt, den
deshalb auch der berhmte Hornvilla in Tiecks Oktavian einen groen Katz
nennt. - Ja, wiederhole ich, so und nicht anders ist einmal der Katz, und das
katzliche Herz ein ganz wankelmtiges Ding.
    Des ehrlichen Biographen erste Pflicht ist, aufrichtig zu sein und sich
beileibe nicht selbst zu schonen. Ganz aufrichtig, Pfote aufs Herz, will ich
daher gestehen, da trotz des unsglichen Eifers, mit dem ich mich auf die
Knste und Wissenschaften legte, doch oft der Gedanke an die schne Miesmies
pltzlich in mir aufstieg und mein Studium unterbrach ganz und gar.
    Es war mir, als htte ich sie nicht lassen sollen, als htte ich ein
treuliebendes Herz verschmht, das nur von einem falschen Wahn augenblicklich
verblendet. Ach! oft, wenn ich mich an dem groen Pythagoras erlaben wollte (ich
studierte zu der Zeit viel Mathematik), verschob pltzlich ein zartes
schwarzbestrumpftes Pftchen alle Katheten und Hypotenusen, und vor mir stand
sie selbst, die holde Miesmies, ihr kleines allerliebstes Samtkppchen auf dem
Haupt, und aus dem anmutigen Grasgrn der schnsten Augen traf mich der
funkelnde Blick des zrtlichsten Vorwurfs. - Welche niedliche Seitensprnge,
welches holdselige Wirbeln und Schlngeln des Schweifs! - Umpfoten wollt' ich
sie mit Entzcken neu entflammter Liebe, doch verschwunden war die neckende
Truggestalt. -
    Nicht fehlen konnt' es, da dergleichen Trumereien aus dem Arkadien der
Liebe mich in eine gewisse Schwermut versenkten, die der gewhlten Laufbahn als
Dichter und Gelehrter schdlich werden mute, zumal sie bald in eine Trgheit
ausartete, der ich nicht zu widerstehen vermochte. Mit Gewalt wollte ich mich
herausreien aus diesem verdrielichen Zustande, einen raschen Entschlu fassen,
Miesmies wieder aufzusuchen. Doch, hatte ich schon die Pfote auf die erste
Treppenstufe gesetzt, um hinaufzusteigen in die obern Regionen, wo ich die Holde
zu finden hoffen durfte, so wandelte mich Scham und Scheu an, und ich zog die
Pfote wieder zurck und begab mich traurig unter den Ofen.
    Dieser psychischen Bedrngnisse unerachtet, erfreute ich mich indessen doch
eines auerordentlichen krperlichen Wohlseins, ich nahm merklich zu, wo nicht
in Wissenschaften, so doch in der Strke meines Leibes und bemerkte, wenn ich
mich im Spiegel anschaute, mit Vergngen, da mein rundbackiges Antlitz nchst
der jugendlichen Frische etwas Ehrfurchtgebietendes zu erhalten begann.
    Selbst der Meister gewahrte meine vernderte Stimmung. Es ist wahr, sonst
knurrte ich und machte lustige Sprnge, wenn er mir schmackhafte Speisung
reichte, sonst wlzte ich mich zu seinen Fen, kaboltzte und sprang wohl auch
auf seinen Scho, wenn er, nachdem er morgens aufgestanden, mir zurief: Guten
Morgen, Murr! - Jetzt unterlie ich das alles und begngte mich mit einem
freundlichen Miau! und jener anmutig stolzen Erhebung des Rckens, die dem
geneigten Leser unter dem Namen: Katzenbuckel bekannt sein wird. Ja, ich
verachtete jetzt sogar das mir sonst so liebe Vogelspiel. - Es mchte fr junge
Gymnastiker oder Turner meines Geschlechts lehrreich sein zu sagen, worin dieses
Spiel bestand. - Mein Meister band nmlich eine oder ein paar Schreibfedern an
einen langen Faden und lie sie schnell in der Luft auf- und absteigen,
ordentlich fliegen. Im Winkel lauernd und die richtigen Tempos wahrnehmend,
sprang ich nun so lange nach den Federn, bis ich sie erwischte und wacker
zerzauste. Dies Spiel ri mich oft ganz hin, ich hielt die Federn wirklich fr
einen Vogel, ich geriet in Feuer und Flammen, so da Geist und Krper, zugleich
in Anspruch genommen, sich bildeten und strkten. - Ja, selbst dies Spiel
verachtete ich jetzt und blieb ruhig auf meinem Kissen liegen, der Meister
mochte seine Federn fliegen lassen, soviel er wollte. - Kater, sprach der
Meister eines Tages zu mir, als ich, wenn die Feder, an meine Nase streifend,
selbst auf mein Kissen flog, kaum blinzelnd die Pfote darnach ausstreckte,
Kater, du bist gar nicht mehr wie sonst, du wirst mit jedem Tag trger und
fauler. Ich glaube, du frissest, du schlfst zu viel.
    Ein Lichtstrahl fiel bei diesen Worten des Meisters in meine Seele! - Nur
dem Andenken an Miesmies, an das verscherzte Paradies der Liebe hatte ich meine
trge Traurigkeit zugeschrieben, nun erst gewahrte ich aber, wie das irdische
Leben mich mit meinen aufwrts strebenden Studien entzweit und seine Ansprche
geltend gemacht hatte. Es gibt Dinge in der Natur, die es deutlich erkennen
lassen, wie die gefesselte Psyche dem Tyrannen, Krper genannt, ihre Freiheit
hinopfern mu. Zu diesen Dingen rechne ich nun ganz vorzglich den
wohlschmeckenden Brei von Mehl, ser Milch und Butter, sowie ein breites, mit
Rohaaren wohlgepolstertes Kissen. Jenen sen Brei wute die Aufwrterin des
Meisters gar herrlich zu bereiten, so da ich jeden Morgen zum Frhstck zwei
tchtige Teller voll mit dem grten Appetit verzehrte. Hatte ich aber dermaen
gefrhstckt, dann wollten mir die Wissenschaften gar nicht mehr munden, sie
kamen mir vor wie trockene Speise, und nichts half es auch, wenn ich, davon
ablassend, mich rasch in die Poesie warf. Die hochgepriesensten Werke der
neuesten Autoren, die gerhmtesten Trauerspiele hochgefeierter Dichter konnten
meinen Geist nicht festhalten, ich geriet in ein ausschweifendes Gedankenspiel,
unwillkrlich trat die kunstfertige Aufwrterin des Meisters in Konflikt mit dem
Autor, und es wollte mir gemuten, als verstehe jene sich viel besser auf die
gehrige Gradation und Mischung der Fettigkeit, Se und Strke als dieser. -
Unglckliche trumerische Verwechselung des geistigen und leiblichen Genusses! -
Ja, trumerisch kann ich sie nennen, diese Verwechslung, denn Trume stiegen auf
und lieen mich jenes zweite gefhrliche Ding, das breite, mit Rohaaren
gepolsterte Kissen suchen, um sanft darauf zu entschlummern. Dann erschien mir
das se Bild der holden Miesmies! - Himmel, so stand wohl alles im
Zusammenhange, Milchbrei, Verachtung der Wissenschaften, Melancholie, Polster,
unpoetische Natur, Liebesandenken! - Der Meister hatte recht, ich fra, ich
schlief zuviel! - Mit welchem stoischen Ernst nahm ich mir vor, miger zu sein,
aber schwach ist des Katers Natur, die besten, herrlichsten Entschlsse
scheiterten an dem sen Geruch des Milchbreies, an dem einladend
aufgeschwellten Polster. - Eines Tages hrt' ich den Meister, da er zum Zimmer
herausgetreten, auf dem Flur zu jemanden sagen: Mag es sein, meinetwegen,
vielleicht heitert ihn Gesellschaft auf. Aber macht ihr mir dumme Streiche,
springt ihr mir auf die Tische, schmeit ihr mir das Tintenfa um oder sonst was
herab, so werf' ich euch alle beide zum Tempel heraus.
    Darauf ffnete der Meister die Tre ein wenig und lie jemanden herein.
Dieser Jemand war aber kein anderer als Freund Muzius. Beinahe htte ich ihn
nicht wiedererkannt. Seine Haare, sonst glatt und glnzend, waren struppig und
unscheinbar, die Augen lagen ihm tief im Kopf, und sein sonst zwar etwas rauhes,
aber doch ganz leidliches Wesen hatte etwas bermtiges, Brutales angenommen.
Na, prustete er mich an, na, findet man Euch einmal! Mu man Euch aufsuchen
hinter Euerm verfluchten Ofen? - Doch mit Verlaub! Er trat an den Teller und
verzehrte die Backfische, die ich mir aufgespart hatte zum Abendbrot. Sagt,
sprach er dazwischen, sagt mir nur ins Teufels Namen, wo Ihr steckt, warum Ihr
auf kein Dach mehr kommt, Euch nirgends mehr sehen lat, wo es munter hergeht?
    Ich erklrte, da, nachdem ich die Liebe zur holden Miesmies aufgegeben,
mich die Wissenschaften ganz und gar beschftigt htten, weshalb denn an
Spaziergnge nicht zu denken gewesen wre. Nicht im mindesten sehne ich mich
nach Gesellschaft, da ich bei dem Meister alles htte, was mein Herz nur
wnschen knne, Milchbrei, Fleisch, Fische, ein weiches Lager u.s.w. Ein ruhiges
sorgenfreies Leben, das sei fr einen Kater von meinen Neigungen und Anlagen das
ersprielichste Gut, und um so mehr mt' ich frchten, da dies, ginge ich aus,
verstrt werden knne, da, wie ich leider wahrgenommen, meine Inklination zur
kleinen Miesmies noch nicht ganz erloschen und ihr Wiedersehen mich leicht zu
bereilungen hinreien drfe, die ich nachher vielleicht sehr schwer zu bereuen
haben wrde.
    Ihr knnt mir nachher noch einen Backfisch aufwixen! So sprach Muzius,
putzte sich mit gekrmmter Pfote nur ganz obenhin Maul, Bart und Ohren und nahm
den Platz dicht neben mir auf dem Polster.
    Rechnet, begann Muzius, nachdem er zum Zeichen seiner Zufriedenheit ein
paar Sekunden gesponnen, mit sanfter Stimme und Gebrde, rechnet es Euch, mein
guter Bruder Murr, fr ein Glck an, da ich auf den Einfall geriet, Euch zu
besuchen in Eurer Klause, und da der Meister mich zu Euch lie ohne Widerrede.
Ihr seid in der grten Gefahr, in die ein tchtiger junger Kerl von Kater, der
Grtz' im Kopfe hat und Strke in den Gliedern, nur geraten kann. Das heit, Ihr
seid in der Gefahr, ein arger abscheulicher Philister zu werden. Ihr sagt, da
Ihr den Wissenschaften zu strenge obliegt, um Zeit brig zu behalten, Euch
umzusehen unter Katern. Verzeiht, Bruder, das ist nicht wahr, Ihr seht, rund,
gemstet, spiegelglatt, wie ich Euch finde, gar nicht aus wie ein Bcherwurm,
wie ein Lukubrant. Glaubt mir, das verfluchte bequeme Leben ist es, was Euch
faul und trge macht. Ganz anders wird Euch zumute sein, wenn Ihr Euch wie
unsereins abstrapazieren mtet, bis Ihr einmal ein paar Fischgrten erwischtet
oder ein Vglein finget. -
    Ich dachte, unterbrach ich den Freund, da Ihre Lage gut und glcklich zu
nennen, Sie waren ja sonst -
    Davon, fuhr mich Muzius zornig an, davon ein andermal, aber nennt mich
nicht Sie, das verbitt' ich mir, sondern Ihr, bis wir Schmolles getrunken haben.
- Doch Ihr seid ein Philister und versteht Euch nicht auf den Komment.
    Nachdem ich mich bei dem erzrnten Freunde zu entschuldigen gesucht, fuhr er
sanfter fort: Also wie gesagt, Eure Lebensart taugt nichts, Bruder Murr. Ihr
mt heraus, Ihr mt heraus in die Welt. -
    Himmel, rief ich voll Schreck, was sprecht Ihr, Bruder Muzius, in die
Welt soll ich? - Habt Ihr vergessen, was ich Euch vor einigen Monaten im Keller
davon erzhlte, wie ich einst hinaussprang aus einem englischen Halbwagen in die
Welt? Welche Gefahren mir von allen Seiten drohten? Wie mich endlich der gute
Ponto rettete und zurckbrachte zu meinem Meister? Muzius lachte hmisch. -
Ja, sprach er dann, ja, das ist es eben, darin liegt es eben, der gute Ponto!
- Der stutzerische, superkluge, narrenhafte, stolze Heuchler, der sich Eurer
annahm, weil er gerade nichts Besseres zu tun wute, weil es ihn gerade
belustigte, der, suchtet Ihr ihn auf in seinen Assembleen und Koterien, Euch gar
nicht wiedererkennen, ja Euch, weil Ihr nicht seinesgleichen seid, herausbeien
wrde! Der gute Ponto, der, statt Euch einzufhren in das wahre Weltleben, Euch
unterhielt mit albernen, menschlichen Geschichten! - Nein, guter Murr, jenes
Ereignis hat Euch eine ganz andere Welt gezeigt, als die ist, in welche Ihr
hineingehrt! Glaubt mir aufs Wort, all Euer einsames Studieren hilft Euch ganz
und gar nichts und ist Euch vielmehr noch schdlich. Denn Ihr bleibt dennoch ein
Philister, und es gibt auf der ganzen weiten Erde nichts Langweiligeres und
Abgeschmackteres als einen gelehrten Philister!
    Aufrichtig gestand ich dem Freunde Muzius, da ich den Ausdruck Philister
sowie seine eigentliche Meinung nicht ganz fasse. O mein Bruder, erwiderte
Muzius, indem er anmutig lchelte, so da er in dem Augenblick sehr hbsch
aussah und wieder ganz der alte propre Muzius schien, o mein Bruder Murr, ganz
vergeblich wrde der Versuch sein, Euch dieses alles zu erklren, denn
nimmermehr knnt Ihr begreifen, was ein Philister ist, solange Ihr selbst einer
seid. Wollt Ihr indessen zur Zeit mit einigen Grundzgen eines Katzphilisters
vorliebnehmen, so kann -
    (Mak. Bl.) - - gar seltsames Schauspiel. In der Mitte des Zimmers stand
Prinzessin Hedwiga; ihr Antlitz war leichenbla, todstarr ihr Blick. Prinz
Ignatius trieb sein Spiel mit ihr, wie mit einer Gliederpuppe. Er hob ihr den
Arm in die Hhe, der stehen blieb und sank, wenn er ihn niederbeugte. Er stie
sie sanft vorwrts, sie ging, er lie sie stehen, sie stand, er setzte sie in
den Sessel, sie sa. So vertieft war der Prinz in dies Spiel, da er die
Eintretenden gar nicht bemerkte.
    Was machen Sie da, Prinz! - So rief ihm die Frstin zu, da versicherte er
kichernd und frhlich sich die Hnde reibend, da Schwester Hedwiga jetzt gut
und artig geworden und alles tue, was er wnsche, auch ihm gar nicht so
widerspreche und ihn ausschelte wie sonst. - Und damit begann er aufs neue,
indem er militrisch kommandierte, die Prinzessin in allerlei Stellungen zu
bringen, und jedesmal, wenn sie wie festgezaubert in der Stellung blieb, die er
ihr gegeben, lachte er laut und sprang vor Freuden in die Hhe. Das ist nicht
zu ertragen, sprach die Frstin leise mit zitternder Stimme, indem Trnen ihr
in den Augen glnzten, doch der Leibarzt trat auf den Prinzen zu und rief mit
strengem gebietendem Ton: Lassen Sie das bleiben, gndigster Herr! Dann nahm
er die Prinzessin in die Arme, lie sie sanft nieder auf die Ottomane, die im
Zimmer befindlich, und zog die Vorhnge zu. Es ist, wandte er sich dann zur
Frstin, es ist zurzeit der Prinzessin nichts ntiger als die unbedingteste
Ruhe, ich bitte, da der Prinz das Zimmer verlasse.
    Prinz Ignatius stellte sich sehr ungebrdig an und klagte schluchzend, da
jetzt allerlei Leute, die gar keine Prinzen wren und nicht einmal von Adel,
sich unterfingen, ihm zu widersprechen. Er wolle nun bei der Prinzessin
Schwester bleiben, die ihm lieber geworden sei als seine schnsten Tassen, und
der Herr Leibarzt habe ihm gar nichts zu befehlen.
    Gehen Sie, lieber Prinz, sprach die Frstin sanft, gehen Sie in Ihre
Zimmer, die Prinzessin mu jetzt schlafen, und nach der Tafel kommt Frulein
Julia.
    Frulein Julia! rief der Prinz, indem er kindisch lachte und hpfte,
Frulein Julia! - Ha, das ist schn, der zeige ich die neuen Kupferstiche, und
wie ich abgebildet bin in der Geschichte vom Wasserknig als Prinz Lachs mit dem
groen Orden! - damit kte er der Frstin zeremonis die Hand und reichte die
seinige mit stolzem Blick dar dem Leibarzt zum Ku. Der fate aber die Hand des
Prinzen und fhrte ihn zur Tre, die er ffnete, sich hflich verneigend. Der
Prinz lie es sich gefallen, auf diese Art hinausgewiesen zu werden.
    Die Frstin sank, ganz Schmerz und Erschpfung, nieder in den Lehnstuhl,
sttzte den Kopf in die Hand und sprach mit dem Ausdruck des tiefsten Wehs leise
vor sich hin: Welche Todsnde lastet auf mir, da mich der Himmel so hart
straft. - Dieser Sohn zu ewiger Unmndigkeit verdammt - und nun - Hedwiga -
meine Hedwiga! - Die Frstin verfiel in trbes dstres Nachdenken.
    Der Leibarzt hatte indessen mit Mhe der Prinzessin ein paar Tropfen
irgendeiner heilsamen Arztnei eingeflt und die Kammerfrauen herbeigerufen, die
die Prinzessin, deren automatischer Zustand sich nicht im mindesten nderte,
fortbrachten in ihre Zimmer, nachdem sie von dem Leibarzt die Weisung erhalten,
bei dem kleinsten Zufall, den die Prinzessin erleiden knne, ihn sogleich
herbeizurufen.
    Gndigste Frau, wandte sich der Leibarzt zur Frstin, so hchst seltsam,
so hchst besorglich auch der Zustand der Prinzessin scheinen mag, so glaube ich
doch mit Gewiheit versichern zu knnen, da er bald aufhren wird, ohne die
mindesten gefhrlichen Folgen zu hinterlassen. Die Prinzessin leidet an jener
ganz besondern, wunderbaren Art des Starrkrampfs, die in der rztlichen Praxis
so selten vorkommt, da mancher hochberhmte Arzt niemals in seinem Leben
Gelegenheit fand, dieselbe zu beobachten. Ich mu mich daher in der Tat
glcklich schtzen - Der Leibarzt stockte -
    Ha, sprach die Frstin mit bitterm Ton, daran erkenne ich den praktischen
Arzt, der grenzenloses Leiden nicht achtet, wenn er nur seine Kenntnis
bereichert.
    Noch, fuhr der Leibarzt fort, ohne den Vorwurf der Frstin zu beachten,
noch vor ganz kurzer Zeit fand ich in einem wissenschaftlichen Buche das
Beispiel eines Zufalls, der ganz dem gleich ist, in den die Prinzessin
verfallen. Eine Dame (so erzhlt mein Autor) kam von Vesoul nach Besanon, um
einen Rechtshandel zu betreiben. Die Wichtigkeit der Sache, der Gedanke, da der
Verlust des Prozesses die letzte, hchste Stufe der empfindlichsten
Widerwrtigkeiten, die sie erduldet, sein und sie in Not und Elend strzen
mute, erfllte sie mit der lebhaftesten Unruhe, die bis zu einer Exaltation
ihres ganzen Gemts stieg. Sie brachte die Nchte schlaflos zu, a wenig, man
sah sie in der Kirche auf ungewhnliche Weise niederfallen und beten, genug, auf
verschiedene Art tat sich der abnorme Zustand kund. Endlich aber an demselben
Tage, da ihr Proze entschieden werden sollte, traf sie ein Zufall, den die
anwesenden Personen fr einen Schlagflu hielten. Die herbeigerufenen rzte
fanden die Dame in einem Lehnstuhle unbeweglich mit gen Himmel gerichteten
funkelnden Augen, offenen und unbeweglichen Augenlidern, mit erhobenen Armen und
gefaltenen Hnden. Ihr vorher trauriges bleiches Gesicht war blhender,
heiterer, angenehmer als sonst, ihr Atemzug ungehindert und gleich, der Puls
weich, langsam, ziemlich voll, beinahe wie bei einer ruhig schlafenden Person.
Ihre Glieder waren biegsam, leicht und lieen ohne den geringsten Widerstand
sich in alle Stellungen bringen. Aber darin uerte sich die Krankheit und die
Unmglichkeit irgendeiner Tuschung, da die Glieder von selbst nicht aus der
Stellung kamen, in die sie versetzt worden. Man drckte ihr Kinn abwrts, der
Mund ffnete sich und blieb offen. Man hob einen Arm, nachher den andern auf,
sie fielen nicht abwrts, man bog sie ihr nach dem Rcken hin, streckte sie hoch
in die Hhe, so da es jedem unmglich gewesen sein wrde, sich lange in dieser
Stellung zu behaupten, und doch geschah es. Man mochte den Krper so sehr
herabbeugen, als man wollte, immer blieb er in dem vollkommensten Gleichgewicht.
Sie schien gnzlich ohne Empfindung, man rttelte, kneipte, qulte sie, stellte
ihr die Fe auf ein heies Kohlenbecken, schrie ihr in die Ohren, sie werde
ihren Proze gewinnen, alles umsonst, sie gab kein Zeichen des willkrlichen
Lebens von sich. Nach und nach kam sie zu sich selbst, doch fhrte sie
unzusammenhngende Reden - Endlich -
    Fahren Sie fort, sprach die Frstin, als der Leibarzt innehielt, fahren
Sie fort, verschweigen Sie mir nichts, und sei es das Entsetzlichste! - Nicht
wahr? - in Wahnsinn verfiel die Dame!
    Es gengt, sprach der Leibarzt weiter, es gengt, hinzuzufgen, da ein
sehr bser Zustand der Dame nur vier Tage hindurch anhielt, da sie in Vesoul,
wohin sie zurckkehrte, vllig genas und nicht die mindesten schlimmen Folgen
ihrer harten ungewhnlichen Krankheit versprte. -
    Whrend die Frstin aufs neue in trbes Nachdenken versank, verbreitete sich
der Leibarzt weitluftig ber die rztlichen Mittel, die er anzuwenden gedenke,
um der Prinzessin zu helfen, und verlor sich zuletzt in solche wissenschaftliche
Demonstrationen, als sprche er in einer rztlichen Beratung zu den tief
gelehrtesten Doktoren.
    Was, unterbrach endlich die Frstin den wortreichen Leibarzt, was helfen
alle Mittel, die die spekulierende Wissenschaft darbietet, wenn das Heil, das
Wohl des Geistes gefhrdet?
    Der Leibarzt schwieg einige Augenblicke, dann fuhr er fort: Gndigste Frau,
das Beispiel von der wunderbaren Starrsucht jener Dame in Besanon zeigt, da
der Grund ihrer Krankheit in einer psychischen Ursache lag. Man fing, als sie zu
einiger Besinnung gekommen, ihre Kur damit an, da man ihr Mut einsprach und ihr
den bsen Proze als gewonnen darstellte. - Einig sind auch die erfahrensten
rzte darber, da eben irgendeine pltzliche starke Gemtsbewegung jenen
Zustand am ersten hervorbringt. Prinzessin Hedwiga ist reizbar bis zum hchsten
ungewhnlichen Grade, ja, ich mchte den Organismus ihres Nervensystems manchmal
schon an und fr sich selbst abnorm nennen. Gewi scheint es, da irgendeine
heftige Erschtterung des Gemts auch ihren Krankheitszustand erzeugte. Man mu
die Ursache zu erforschen suchen, um psychisch mit Erfolg auf sie wirken zu
knnen! - Die schnelle Abreise des Prinzen Hektor - Nun, gndigste Frau, die
Mutter drfte vielleicht tiefer schauen als jeder Arzt und diesem die besten
Mittel an die Hand geben knnen zur heilsamen Kur.
    Die Frstin erhob sich und sprach stolz und kalt: Selbst die Brgerfrau
bewahrt gern die Geheimnisse des weiblichen Herzens, das Frstenhaus erschliet
sein Inneres nur der Kirche und ihren Dienern, zu denen der Arzt sich nicht
zhlen darf!
    Wie, rief der Leibarzt lebhaft, wer vermag das leibliche Wohl so scharf
zu trennen von dem geistigen? Der Arzt ist der zweite Beichtvater, in die Tiefe
des psychischen Seins mssen ihm Blicke vergnnt werden, wenn er nicht jeden
Augenblick Gefahr laufen will, zu fehlen. Denken Sie an die Geschichte jenes
kranken Prinzen, gndigste Frau -
    Genug! unterbrach die Frstin den Arzt beinahe mit Unwillen, genug! - Nie
werde ich mich bewegen lassen, eine Unschicklichkeit zu begehen, ebensowenig als
ich glauben kann, da irgendeine Unschicklichkeit auch nur in Gedanke und
Empfindung die Krankheit der Prinzessin veranlat haben kann.
    Damit entfernte sich die Frstin und lie den Leibarzt stehen.
    Wunderliche, sprach dieser zu sich selbst, wunderliche Frau, diese
Frstin! Gern mchte sie andere, ja sich selbst berreden, da der Kitt, womit
die Natur Seel' und Krper zusammenleimt, wenn es darauf ankommt, etwas
Frstliches zu bilden, von ganz besonderer Art sei und keinesweges dem zu
vergleichen, den sie bei uns armen Erdenshnen brgerlicher Abkunft verbraucht.
- Man soll gar nicht daran denken, da die Prinzessin ein Herz hat, so wie jener
hfische Spanier, der das Geschenk von seidnen Strmpfen, das gute
niederlndische Brger seiner Frstin machen wollten, deshalb verschmhte, weil
es unschicklich sei, daran zu erinnern, da eine spanische Knigin wirklich Fe
habe wie andere ehrliche Leute! - Und doch: zu wetten ist es, da in dem Herzen,
dem Laboratorio alles weiblichen Wehs, die Ursache des frchterlichsten aller
Nervenbel zu suchen ist, das die Prinzessin befallen. -
    Der Leibarzt dachte an Prinz Hektors schnelle Abreise, an der Prinzessin
bermige krankhafte Reizbarkeit, an die leidenschaftliche Art, wie sie sich
(so hatte er es vernommen) gegen den Prinzen betragen haben sollte, und so
schien es ihm gewi, da irgendein pltzlicher Liebeszwist die Prinzessin bis zu
jher Krankheit verletzt. - Man wird sehen, ob des Leibarztes Vermutungen Grund
hatten oder nicht. Was die Frstin betrifft, so mochte sie hnliches vermuten
und eben deshalb alle Nachfrage, alles Forschen des Arztes fr unschicklich
halten, da der Hof berhaupt jedes tiefere Gefhl als unstatthaft verwirft und
gemein. - Die Frstin hatte sonst Gemt und Herz, aber das seltsam halb
lcherliche, halb widrige Ungeheuer, Etikette genannt, hatte sich auf ihre Brust
gelegt wie ein bedrohlicher Alp, und keine Seufzer, kein Zeichen des innern
Lebens sollte mehr hinaufsteigen aus dem Herzen. Gelingen mut' es ihr daher,
selbst Szenen der Art, wie sie sich eben mit dem Prinz und der Prinzessin
begeben, zu verwinden und den stolz abzuweisen, der nichts wollte als helfen.
    Whrend sich dies im Schlosse begab, ereignete sich auch im Park manches,
was hier beizubringen ist.
    In dem Gebsch links bei dem Eingange stand der dicke Hofmarschall, zog ein
kleines goldnes Dschen aus der Tasche, wischte, nachdem er eine Prise Tabak
genommen, mit dem Rockrmel einigemal darber weg, reichte es dem
Leibkammerdiener des Frsten hin und sprach also: Schtzenswerter Freund, ich
wei, Sie lieben dergleichen artige Pretiosen, nehmen Sie gegenwrtiges Dschen
als ein geringes Zeichen meines gndigen Wohlwollens an, auf das Sie stets
rechnen knnen. - Doch sagen Sie, Liebster, wie kam das mit dem seltsamen
ungewhnlichen Spaziergange?
    Mich untertnigst zu bedanken, erwiderte der Leibkammerdiener, indem er
die goldne Dose einsteckte. Dann rusperte er sich und fuhr fort: Versichern
kann ich, hochgebietende Exzellenz, da unser gndigster Herr sehr alarmiert
sind seit dem Augenblick, als der gndigsten Prinzessin Hedwiga, man wei nicht
wie, die fnf Sinne abhanden gekommen. Heute standen sie am Fenster ganz hoch
aufgerichtet wohl eine halbe Stunde und trommelten mit den gndigsten Fingern
der rechten Hand schrecklich auf die Spiegelscheibe, da es klirrte und krachte.
Aber lauter hbsche Mrsche von anmutiger Melodie und frischem Wesen, wie mein
seliger Schwager, der Hoftrompeter, zu sagen pflegte. - Exzellenz wissen, mein
seliger Schwager, der Hoftrompeter, war ein geschickter Mann, er brachte sein
Flattergrob heraus wie ein Duschen, seine Grobstimme, seine Faulstimme klang
wie Nachtigallschlag, und was das Prinzipalblasen betrifft - Alles,
unterbrach der Hofmarschall den Schwtzer, alles wei ich, mein Bester! Ihr
seliger Herr Schwager war ein vortrefflicher Hoftrompeter, aber jetzt, was
taten, was sprachen Durchlaucht, als sie die Mrsche zu trommeln geruht hatten?
    Taten, sprachen! fuhr der Leibkammerdiener fort, hm! - eben nicht viel.
Durchlaucht wandten sich um, sahen mich starr an mit recht feurigen Augen, zogen
die Klingel auf furchtbare Weise und riefen dabei laut: Franois - Franois! -
Durchlaucht, ich bin schon hier, rief ich. Da sprachen aber der gndigste Herr
ganz zornig: Esel, warum sagt Er das nicht gleich! Und darauf: Mein
Promenadenkleid! - Ich tat, wie mir geheien. Durchlaucht geruhten den
grnseidenen berrock ohne Stern anzulegen und sich nach dem Park zu begehen.
Sie verboten mir, Ihnen zu folgen, aber - hochgebietende Exzellenz, man mu doch
wissen, wo sich der gndigste Herr befinden, wenn etwa ein Unglck - Nun! - ich
folgte so ganz von weitem und gewahrte, da der gndigste Herr sich in das
Fischerhuschen begaben.
    Zum Meister Abraham! - rief der Hofmarschall ganz verwundert. So ist es,
sprach der Leibkammerdiener und schnitt ein sehr wichtiges geheimnisvolles
Gesicht.
    Ins Fischerhuschen, wiederholte der Hofmarschall, ins Fischerhuschen
zum Meister Abraham! - Nie haben Durchlaucht den Meister aufgesucht im
Fischerhuschen! -
    Ein ahnungsvolles Stillschweigen folgte, dann sprach der Hofmarschall
weiter: Und sonst uerten Durchlaucht gar nichts? - Gar nichts, erwiderte
der Leibkammerdiener bedeutungsvoll. Doch, fuhr er schlau lchelnd fort, ein
Fenster des Fischerhuschens geht heraus nach dem dicksten Gebsch, es ist dort
eine Vertiefung, man versteht jedes Wort, was drinnen im Huschen gesprochen
wird - man knnte - - Bester, wenn Sie das tun wollten! rief der Hofmarschall
entzckt. - Ich tue es, sprach der Kammerdiener und schlich leise fort. Doch
als er aus dem Gebsch hervortrat, stand der Frst, der eben nach dem Schlo
zurckkehrte, dicht vor ihm, so da er ihn beinahe berhrte. In scheuer
Ehrfurcht prallte er zurck: Vous tes un grand Tlpel! donnerte ihn der Frst
an, rief dem Hofmarschall ein kaltes dormez bien! zu und entfernte sich mit
dem Leibkammerdiener, der ihm folgte, ins Schlo.
    Ganz bestrzt blieb der Hofmarschall stehen, murmelte: Fischerhuschen -
Meister Abraham - dormez bien - und beschlo, sogleich zu dem Kanzler, des
Reichs zu fahren, um sich ber die auerordentliche Begebenheit zu beraten und
womglich die Konstellation herauszufinden, die am Hofe ob dieses Ereignisses
sich erzeugen knne. -
    Meister Abraham hatte den Frsten bis eben an das Gebsch begleitet, in dem
sich der Hofmarschall und der Leibkammerdiener befanden, hier war er umgekehrt
auf Gehei des Frsten, der nicht wollte, da man ihn aus den Fenstern des
Schlosses in Gesellschaft des Meisters bemerke. - Der geneigte Leser wei, wie
gut es dem Frsten gelungen, seinen einsamen geheimen Besuch bei dem Meister
Abraham im Fischerhuschen zu verbergen. Aber noch eine Person auer dem
Kammerdiener hatte den Frsten, ohne da er es ahnen konnte, belauscht.
    Beinahe war Meister Abraham angelangt in seiner Wohnung, als ihm ganz
unvermutet aus den Gngen, die schon zu dunkeln begannen, die Rtin Benzon
entgegentrat.
    Ha, rief die Benzon mit bittrem Lachen, der Frst hat sich bei Euch Rats
erholt, Meister Abraham. In der Tat, Ihr seid die wahre Sttze des frstlichen
Hauses, dem Vater und dem Sohne lat Ihr Eure Weisheit und Erfahrung zuflieen,
und wenn guter Rat teuer oder gar nicht zu haben - - So, fiel Meister Abraham
der Benzon ins Wort, so gibt es eine Rtin, die eigentlich das glanzvolle
Gestirn ist, das hier alles erleuchtet, und unter dessen Einflu auch nur ein
armer alter Orgelbauer bestehen und sein einfaches Leben ungestrt durchfristen
kann.
    Scherzt, sprach die Benzon, scherzt nicht so bitter, Meister Abraham, ein
Gestirn, das glanzvoll geleuchtet, kann, unserm Horizont entfliehend, schnell
verbleichen und endlich ganz untergehen. Die seltsamsten Ereignisse scheinen
sich durchkreuzen zu wollen in diesem einsamen Familienkreise, den eine kleine
Stadt und ein paar Dutzend Menschen mehr als eben darin wohnen, Hof zu nennen
gewohnt sind. - Die schnelle Abreise des sehnlich erwarteten Brutigams -
Hedwigas bedrohlicher Zustand! - In der Tat, tief niederbeugen mute dies den
Frsten, wre er nicht ein ganz gefhlloser Mann. -
    Nicht, unterbrach der Meister Abraham die Benzon, nicht immer waren Sie
dieser Meinung, Frau Rtin. -
    Ich verstehe Euch nicht, sprach die Benzon mit verchtlichem Ton, indem
sie dem Meister einen stechenden Blick zuwarf und dann schnell das Gesicht
abwandte. -
    Frst Irenus hatte im Gefhl des Vertrauens, das er dem Meister Abraham
schenken, ja der geistigen bermacht, die er ihm zugestehen mute, alle
frstliche Bedenklichkeiten beiseite gestellt und im Fischerhuschen sein ganzes
Herz ausgeschttet, auf alle uerungen der Benzon ber die verstrenden
Ereignisse des Tages aber geschwiegen. Dies wute der Meister, und um so weniger
durfte ihm die Empfindlichkeit der Rtin auffallen, wiewohl er sich verwunderte,
da, kalt und in sich verschlossen, wie sie war, sie diese Empfindlichkeit nicht
besser zu verbergen vermachte.
    Wohl mute es aber die Rtin tief schmerzen, da sie das Monopol der
Vormundschaft ber den Frsten, das sie sich angeeignet, aufs neue und zwar in
einem kritischen, verhngnisvollen Augenblick gefhrdet sah.
    Aus Grnden, die sich vielleicht spter klar entwickeln drften, war die
Verbindung der Prinzessin Hedwiga mit dem Prinzen Hektor der Rtin feurigster
Wunsch. Auf dem Spiele stand diese Verbindung, so mute sie glauben und jede
Einmischung eines Dritten in diese Angelegenheit ihr bedrohlich erscheinen.
berdies sah sie sich zum erstenmal von unerklrlichen Geheimnissen umringt, zum
erstenmal schwieg der Frst; konnte sie, die gewohnt, das ganze Spiel des
phantastischen Hofes zu regieren, tiefer gekrnkt werden?
    Meister Abraham wute, da einem aufgeregten Weibe nichts besser
entgegenzusetzen ist als unberwindliche Ruhe, er sprach daher kein Wrtchen,
sondern schritt schweigend daher neben der Benzon, die sich in tiefen Gedanken
nach jener Brcke wandte, die der geneigte Leser schon kennt. Sich auf das
Gelnder sttzend, schaute die Rtin hinein in die fernen Bsche, denen die
sinkende Sonne noch, wie zum Abschiede, goldene leuchtende Blicke zuwarf.
    Ein schner Abend, sprach die Rtin, ohne sich umzuwenden. Gewi,
erwiderte Meister Abraham, gewi, still, ruhig, heiter wie ein unbefangenes,
unverstrtes Gemt.
    Sie knnen, fuhr die Rtin fort, das vertraulichere Ihr, mit dem sie sonst
den Meister anredete, aufgebend, Sie knnen, mein lieber Meister, es mir nicht
verargen, da ich mich schmerzhaft berhrt fhlen mu, wenn der Frst pltzlich
nur Sie zu seinem Vertrauten macht, nur Sie zu Rate zieht in einer
Angelegenheit, ber die eigentlich die welterfahrene Frau besser zu raten, zu
entscheiden wei. Doch vorber, ganz vorber ist die kleinliche Empfindlichkeit,
die ich nicht zu bergen vermochte. Ich bin ganz beruhigt, da nur die Form
verletzt ist. Der Frst selbst htte mir das alles sagen sollen, was ich nun
erfahren habe auf andere Weise, und ich kann in der Tat alles, was Sie, lieber
Meister, ihm erwiderten, nur hchlich billigen. - Selbst will ich gestehen, da
ich etwas tat, was eben nicht lobenswert ist. Mag es nicht sowohl weibliche
Neugierde, als die tiefste Teilnahme an allem, was sich in dieser frstlichen
Familie begibt, entschuldigen. Erfahren Sie es, Meister, ich habe Sie belauscht,
Ihre ganze Unterredung mit dem Frsten angehrt, jedes Wort verstanden -
    Den Meister Abraham erfate bei diesen Worten der Benzon ein seltsames, von
hhnender Ironie und tiefer Verbitterung gemischtes Gefhl. Ebensogut wie jener
Leibkammerdiener des Frsten hatte Meister Abraham bemerkt, da man in der
buschichten Vertiefung, dicht vor dem einen Fenster des Fischerhuschens
versteckt, jedes Wort vernehmen konnte, was drinnen gesprochen wurde. Durch eine
geschickte akustische Vorrichtung war ihm indessen gelungen, es zu bewirken, da
jedes Gesprch im Innern des Huschens dem drauen Stehenden nur wie ein
verwirrtes unverstndliches Gerusch klang und es schlechterdings unmglich
blieb, auch nur eine Silbe zu unterscheiden. - Erbrmlich mute es daher dem
Meister erscheinen, wenn die Benzon zu einer Lge ihre Zuflucht nahm, um hinter
Geheimnisse zu kommen, die sie zwar ahnen machte, aber nicht der Frst, und die
dieser daher auch nicht wohl dem Meister Abraham vertrauen konnte. - Man wird
erfahren, was der Frst mit dem Meister im Fischerhuschen verhandelte. -
    O, rief der Meister, o meine Gndigste, es war der rege Geist der
lebensweisen unternehmenden Frau selbst, der Sie an das Fischerhuschen fhrte.
Wie kann ich armer alter, jedoch unerfahrner Mann mich in allen diesen Dingen
zurechtfinden ohne Ihren Beistand? Eben wollt' ich alles, was mir der Frst
vertraut, weitluftig hererzhlen, aber es bedarf keiner fernern Erluterungen,
da Ihnen schon alles bekannt. Mchten Sie, Gndige, mich wrdig achten, sich
ber alles, was vielleicht schlimmer sich darstellen mag, als es wirklich ist,
recht von Herzen auszusprechen.
    Meister Abraham traf den Ton der biedern Zutraulichkeit so gut, da die
Benzon, all ihrer Scharfsichtigkeit unerachtet, nicht gleich zu entscheiden
wute, ob es hier auf eine Mystifikation abgesehen sei oder nicht, und die
Verlegenheit darber schnitt ihr jeden Faden ab, den sie erfassen und zur fr
den Meister verfnglichen Schlinge htte verknpfen knnen. So geschah es aber,
da sie, vergebens nach Worten ringend, wie festgebannt auf der Brcke
stehenblieb und hinabschaute in den See.
    Der Meister weidete sich einige Augenblicke an ihrer Pein, dann richteten
sich aber seine Gedanken auf die Begebnisse des Tages. Er wute wohl, wie
Kreisler in dem Mittelpunkt eben dieser Begebnisse gestanden, ein tiefer Schmerz
ber den Verlust des teuersten Freundes erfate ihn, und unwillkrlich entfloh
ihm der Ausruf: Armer Johannes!
    Da wandte sich die Benzon rasch zu dem Meister und sprach mit losbrechender
Heftigkeit: Wie, Meister Abraham, Ihr seid doch nicht so tricht, an Kreislers
Untergang zu glauben? Was kann ein blutiger Hut beweisen? - Was sollte ihn auch
so pltzlich zu dem schrecklichen Entschlu gebracht haben, sich selbst zu tten
- man htte ihn ja auch gefunden. -
    Nicht wenig erstaunte der Meister, die Benzon von Selbstmord sprechen zu
hren, hier, wo ein ganz anderer Verdacht sich zu regen schien; ehe er indessen
antworten konnte, fuhr die Rtin fort: Wohl uns, wohl uns, da er fort ist, der
Unglckliche, der berall, wo er sich blicken lt, nur verstrendes Unheil
anrichtet. Sein leidenschaftliches Wesen, seine Verbitterung, nicht anders kann
ich seinen hochgepriesenen Humor bezeichnen, steckt jedes reizbare Gemt an, mit
dem er dann sein grausames Spiel treibt. Zeugt die hhnende Verachtung aller
konventionellen Verhltnisse, ja der Trotz gegen alle bliche Formen von
bergewicht des Verstandes, so mssen wir alle unsere Knie beugen vor diesem
Kapellmeister, doch soll er uns in Ruhe lassen und sich nicht auflehnen gegen
alles, was durch die richtige Ansicht des wirklichen Lebens bedingt und als
unsere Zufriedenheit begrndend anerkannt wird. Darum! - dem Himmel sei gedankt,
da er fort ist, ich hoffe ihn nie wiederzusehen.
    Und doch, sprach der Meister sanft, und doch waren Sie sonst die Freundin
meines Johannes, Frau Rtin, und doch nahmen Sie sich seiner an in einer bsen
kritischen Zeit und fhrten ihn selbst auf die Bahn, von der ihn nur eben jene
konventionellen Verhltnisse, die Sie so eifrig in Schutz nehmen, wegverlockt
hatten? - Welch ein Vorwurf trifft jetzt so pltzlich meinen guten Kreisler? -
Was fr Bses hat sich aus seinem Innern aufgetan? Will man ihn darum hassen,
weil in den ersten Augenblicken, da der Zufall ihn in eine neue Region geworfen,
das Leben feindlich auf ihn zutrat, weil das Verbrechen ihn bedrohte, weil - ein
italienischer Bandit ihm nachschlich? -
    Die Rtin fuhr bei diesen Worten sichtlich zusammen. Welch, sprach sie
dann mit zitternder Stimme, welch einen Gedanken der Hlle hegt Ihr in der
Brust, Meister Abraham? - Aber wre es so, wre Kreisler wirklich gefallen, so
wurde in dem Augenblick die Braut gercht, die er verdorben. Eine innere Stimme
sagt es mir, Kreisler allein ist schuld an dem frchterlichen Zustande der
Prinzessin. Schonungslos spannte er die zarten Saiten im innern Gemt der
Kranken, bis sie zersprangen. - So war, erwiderte Meister Abraham giftig, so
war der italienische Herr ein Mann von raschem Entschlu, der die Rache der Tat
vorausschickte. Sie haben ja, Gndige, alles angehrt, was ich mit dem Frsten
gesprochen im Fischerhuschen, Sie wissen daher auch, da Prinzessin Hedwiga in
demselben Augenblick, als der Schu im Walde fiel, zur Leblosigkeit erstarrte.
    In der Tat, sprach die Benzon, man mchte an all das chimrische Zeug
glauben, das uns jetzt aufgetischt wird, an psychische Korrespondenzen und
dergleichen! - Doch! noch einmal, wohl uns, da er fort ist, der Zustand der
Prinzessin kann und wird sich ndern. - Das Verhngnis hat den Strer unserer
Ruhe vertrieben und - sagt selbst, Meister Abraham, ist nicht unser Freund im
Innersten zerrissen auf solche Weise, da das Leben ihm keinen Frieden mehr zu
geben vermag? - Gesetzt also wirklich, da -
    Die Rtin endete nicht, aber Meister Abraham fhlte den Zorn, den er mit
Mhe unterdrckt, hoch aufflammen.
    Was, rief er mit erhhter Stimme, was habt ihr alle gegen diesen
Johannes, was hat er euch Bses getan, da ihr ihm keine Freistatt, kein
Pltzchen gnnt auf dieser Erde? - Wit ihr's nicht? - Nun, so will ich es euch
sagen. - Seht, der Kreisler trgt nicht eure Farben, er versteht nicht eure
Redensarten, der Stuhl, den ihr ihm hinstellt, damit er Platz nehme unter euch,
ist ihm zu klein, zu enge; ihr knnt ihn gar nicht fr euresgleichen achten, und
das rgert euch. Er will die Ewigkeit der Vertrge, die ihr ber die Gestaltung
des Lebens geschlossen, nicht anerkennen, ja, er meint, da ein arger Wahn, von
dem ihr befangen, euch gar nicht das eigentliche Leben erschauen lasse, und da
die Feierlichkeit, mit der ihr ber ein Reich zu herrschen glaubt, das euch
unerforschlich, sich gar spahaft ausnehme, und das alles nennt ihr
Verbitterung. Vor allen Dingen liebt er jenen Scherz, der sich aus der tiefern
Anschauung des menschlichen Seins erzeugt und der die schnste Gabe der Natur zu
nennen, die sie aus der reinsten Quelle ihres Wesens schpft. Aber ihr seid
vornehme ernste Leute und wollet nicht scherzen - Der Geist der wahren Liebe
wohnt in ihm, doch vermag dieser ein Herz zu erwrmen, das auf ewig zum Tode
erstarret ist, ja, in dem niemals der Funke war, den jener Geist zur Flamme
aufhaucht? Ihr mget den Kreisler nicht, weil euch das Gefhl des bergewichts,
das ihr ihm einzurumen gezwungen, unbehaglich ist, weil ihr ihn, der Verkehr
treibt mit hheren Dingen, als die gerade in euern engen Kreis passen,
frchtet. -
    Meister, sprach die Benzon mit dumpfer Stimme, Meister Abraham, der
Eifer, mit dem du fr deinen Freund sprichst, fhrt dich zu weit. Du wolltest
mich verletzen? - Nun wohl, es ist dir gelungen, denn du hast Gedanken in mir
geweckt, die lange, lange schlummerten! - Todstarr nennst du mein Herz? - Weit
du denn, ob jemals der Geist der Liebe freundlich zu ihm gesprochen, ob ich
nicht allein in konventionellen Verhltnissen des Lebens, die der berspannte
Kreisler verchtlich finden mag, Trost und Ruhe fand? - Glaubst du denn nicht
berhaupt, alter Mann, der auch wohl so manches Leid erfahren, da es ein
gefhrliches Spiel ist, sich ber jene Verhltnisse erheben und dem Weltgeist
nher treten zu wollen in der Mystifikation des eignen Seins? Ich wei es, die
klteste regungsloseste Prosa des Lebens selbst hat mich Kreisler gescholten,
und es ist sein Urteil, das sich in dem deinigen ausspricht, wenn du mich
todstarr nennst, aber habt ihr jemals dieses Eis zu durchblicken vermocht, das
meiner Brust schon lngst ein schtzender Harnisch war? - Mag bei den Mnnern
die Liebe nicht das Leben schaffen, sondern es nur auf eine Spitze stellen, von
der herab noch sichre Wege fhren, unser hchster Lichtpunkt, der unser ganzes
Sein erst schafft und gestaltet, ist der Augenblick der ersten Liebe. Will es
das feindliche Geschick, da dieser Augenblick verfehlt wurde, verfehlt ist das
ganze Leben fr das schwache Weib, das untergeht in trostloser Unbedeutsamkeit,
whrend das mit strkerer Geisteskraft begabte sich mit Gewalt emporrafft und
eben in den Verhltnissen des gewhnlichen Lebens eine Gestaltung erringt, die
ihm Ruhe und Frieden gibt. - La es dir sagen, alter Mann - hier in der
Dunkelheit der Nacht, die das Vertrauen verschleiert, la es dir sagen! - Als
jener Moment in mein Leben trat, als ich den erblickte, der alle Glut der
innigsten Liebe, deren die weibliche Brust nur fhig, in mir entzndete - da
stand ich vor dem Traualtar mit jenem Benzon, der ein guter Ehemann wurde wie
kein anderer. Seine vllige Bedeutungslosigkeit gewhrte mir alles, was ich, um
ein friedfertiges Leben zu fhren, nur wnschen konnte, und nie ist eine Klage,
ein Vorwurf meinen Lippen entflohen. Nur den Kreis des Gewhnlichen nahm ich in
Anspruch, und wenn dann selbst in diesem Kreise sich manches begab, das mich
unvermerkt irreleitete, wenn ich manches, das strafbar erscheinen mchte, mit
nichts anderm zu entschuldigen wei als mit dem Drange des augenblicklichen
Verhltnisses, so mag das Weib mich zuerst verdammen, die so wie ich den
schweren Kampf durchkmpfte, der zu gnzlicher Verzichtung auf alles hhere
Glck fhrt, sollte dies auch nichts anders sein als ein ser trumerischer
Wahn. - Frst Irenus machte meine Bekanntschaft. - Doch ich schweige von dem,
was lngst vergangen, nur von der Gegenwart soll noch die Rede sein. - Ich hab'
es dir vergnnt, in mein Innerstes zu schauen, Meister Abraham, du weit nun,
warum ich, so wie die Dinge sich hier gestalten, jedes Hineindrngen eines
fremdartigen exotischen Prinzips als bedrohlich frchten mu. Mein eigenes
Geschick in jener verhngnisvollen Stunde grinset mich an wie ein furchtbar
warnendes Gespenst. Retten mu ich die, die mir teuer sind, ich habe meine Plne
gemacht. - Meister Abraham, seid mir nicht entgegen, oder, wollt Ihr in den
Kampf treten mit mir, so seht Euch vor, da ich Eure besten Taschenspielerknste
nicht zuschanden mache!
    Unglckliche Frau, rief Meister Abraham.
    Unglcklich nennst du mich, erwiderte die Benzon, mich, die ich ein
feindliches Geschick zu bekmpfen wute und mir da, wo alles verloren schien,
Ruhe und Zufriedenheit gewann?
    Unglckliche Frau, rief Meister Abraham nochmals mit einem Ton, der von
seiner innern Bewegung zeugte, arme unglckliche Frau! Ruhe, Zufriedenheit
vermeinst du gewonnen zu haben und ahndest nicht, da es die Verzweiflung war,
die, ein Vulkan, alle flammende Gluten aus deinem Innern hinausstrmen lie, und
da du nun die tote Asche, aus der keine Blte, keine Blume mehr sprot, in
starrer Betrung fr das reiche Feld des Lebens hltst, das dir noch Frchte
spenden soll. - Ein knstliches Gebude willst du auffhren auf den Grundstein,
den ein Blitzstrahl zermalmte, und befrchtest nicht, da es einstrzen wird in
dem Augenblick, da lustig bunte Bnder wehen von der Blumenkrone, die den Sieg
des Baumeisters verknden soll? - Julia - Hedwiga - ich wei es, fr sie wurden
jene Plne knstlich gewoben! - Unglckliche Frau, hte dich, da jenes
unheilbringende Gefhl, jene eigentliche Verbitterung, die du mit groem Unrecht
meinem Johannes vorwirfst, nicht aus deinem eignen tiefsten Innern hervortritt,
so da deine weisen Entwrfe weiter nichts sind als das feindliche Auflehnen
gegen ein Glck, das du niemals genossest, und das du nun selbst deinen Lieben
mignnst. - Ich wei mehr von deinen Entwrfen, als du es glauben magst, mehr
von deinen gerhmten Verhltnissen des Lebens, die dir Ruhe bringen sollen, und
die - dich verlockten zu strafbarer Schande! -
    Ein dumpfer unartikulierter Schrei, den die Benzon bei diesen letzten Worten
des Meisters ausstie, verriet ihre tiefe Erschtterung. Der Meister hielt inne,
da aber die Benzon ebenfalls schwieg, ohne sich von der Stelle zu rhren, fuhr
er gelassen fort: Zu nichts wenigerm habe ich Lust, als mich in irgendeinen
Kampf mit Ihnen zu begeben, Gndige! Was aber meine sogenannten
Taschenspielerknste betrifft, so wissen Sie ja recht gut, werteste Frau Rtin,
da seit der Zeit, da mein unsichtbares Mdchen mich verlassen - In dem
Augenblick erfate den Meister der Gedanke an die verlorne Chiara mit einer
Gewalt, wie seit langer Zeit nicht mehr, er glaubte ihre Gestalt zu erblicken in
der dunklen Ferne, er glaubte ihre se Stimme zu vernehmen. - O Chiara! -
meine Chiara! So rief er in der schmerzlichsten Wehmut. -
    Was ist Euch, sprach die Benzon, sich schnell nach ihm umwendend, was ist
Euch, Meister Abraham! - welchen Namen nanntet Ihr? - Doch noch einmal, lat
ruhen alles Vergangene, beurteilt mich nicht nach jenen seltsamen Ansichten des
Lebens, die Ihr mit Kreislern teilt, versprecht mir das Vertrauen nicht zu
mibrauchen, das Euch Frst Irenus geschenkt, versprecht mir nicht entgegen zu
sein in meinem Tun und Treiben.
    So ganz vertieft in das schmerzliche Andenken an seine Chiara war Meister
Abraham, da er kaum vernahm, was die Rtin sprach, und nur unverstndliche
Worte zu erwidern vermochte.
    Weiset, fuhr die Rtin fort, weiset mich nicht zurck, Meister Abraham,
Ihr seid, wie es scheint, in der Tat mit manchem mehr bekannt, als ich vermuten
durfte, doch ist es mglich, da ich auch noch Geheimnisse bewahre, deren
Mitteilung Euch sehr viel wert sein wrde, ja, da ich Euch vielleicht einen
Liebesdienst erzeigen knnte, an den Ihr gar nicht denkt. Lat uns zusammen
diesen kleinen Hof beherrschen, der in der Tat des Gngelbandes bedarf. - Chiara
rieft Ihr mit einem Ausdruck des Schmerzes der - Ein starkes Gerusch vom
Schlosse her unterbrach die Benzon. Meister Abraham erwachte aus Trumen, das
Gerusch - -
    (M.f.f.) - ich folgendes beibringen. Ein Katzphilister beginnt, ist er auch
noch so durstig, die Schssel Milch vom Rande rund umher an aufzulecken, damit
er sich nicht Schnauze und Bart bemilche und anstndig bleibe, denn der Anstand
gilt ihm mehr, als der Durst. Besuchst du einen Katzphilister, so bietet er dir
alles nur mgliche an, versichert dich aber, wenn du scheidest, blo seiner
Freundschaft und frit nachher heimlich und allein die Leckerbissen, die er dir
angeboten. Ein Katzphilister wei vermge eines sichern untrglichen Takts
berall, auf dem Boden, im Keller u.s.w. den besten Platz zu finden, wo er sich
so wohlbehaglich und bequem hinstreckt, als es nur geschehen kann. Er erzhlt
viel von seinen guten Eigenschaften, und wie er, dem Himmel sei Dank, nicht
klagen knne, da das Schicksal diese guten Eigenschaften bersehen. Sehr
wortreich setzt er dir auseinander, wie er zu dem guten Platz gekommen, den er
behaupte, und was er noch alles tun werde, um seine Lage zu verbessern. Willst
du nun aber auch endlich von dir und deinem geringer gnstigen Schicksal etwas
sagen, so kneift der Katzphilister sofort die Augen zu und drckt die Ohren an,
tut auch wohl, als wenn er schliefe, oder spinnt. Ein Katzphilister leckt sich
fleiig den Pelz rein und glnzend und passiert selbst auf der Mausjagd keine
nasse Stelle, ohne bei jedem Schritt die Pfoten auszuschtteln, damit er, geht
auch das Wild darber verloren, doch in allen Verhltnissen des Lebens ein
feiner, ordentlicher, wohlgekleideter Mann bleibe. Ein Katzphilister scheut und
vermeidet die leiseste Gefahr und bedauert, befindest du dich in solcher und
sprichst seine Hilfe an, unter den heiligsten Beteuerungen seiner
freundschaftlichen Teilnahme, da gerade in dem Augenblick es seine Lage, die
Rcksichten, die er nehmen msse, es ihm nicht erlaubten dir beizustehen.
berhaupt ist alles Tun und Treiben des Katzphilisters bei jeder Gelegenheit
abhngig von tausend und tausend Rcksichten. Selbst z.B. gegen den kleinen
Mops, der ihm in den Schwanz gebissen auf empfindliche Weise, bleibt er artig
und hflich, um es nicht mit dem Hofhunde zu verderben, dessen Protektion er zu
erlangen gewut, und er nutzt nur den nchtlichen Hinterhalt, um jenem Mops ein
Auge auszukratzen. Tages darauf bedauert er den teuern Mopsfreund gar von Herzen
und schmlt ber die Bosheit arglistiger Feinde. brigens gleichen diese
Rcksichten einem wohlangelegten Fuchsbau, der dem Katzphilister Gelegenheit
gibt, berall zu entwischen in dem Augenblick, als du ihn zu fassen glaubst. Ein
Katzphilister bleibt am liebsten unter dem heimischen Ofen, wo er sich sicher
fhlt, das freie Dach verursacht ihm Schwindel. - Und seht Ihr nun wohl, Freund
Murr, das ist Euer Fall. Sage ich Euch nun, da der Katzbursch offen, ehrlich,
uneigenntzig, herzhaft, stets bereit, dem Freunde zu helfen, ist, da er keine
andere Rcksichten kennt, als die Ehre und redlicher Sinn gebieten, genug, da
der Katzbursch durchaus der Antipode des Katzphilisters ist, so werdet Ihr
keinen Anstand nehmen, Euch zu erheben aus dem Philistertum, um ein ordentlicher
tchtiger Katzbursch zu werden. -
    Lebhaft fhlte ich die Wahrheit in Muzius' Worten. Ich sahe ein, da ich nur
das Wort Philister nicht gekannt, wohl aber den Charakter, da mir schon manche
Philister, d.h. schlechte Katzkerle vorgekommen waren, die ich herzlich
verachtet hatte. Um so schmerzhafter fhlte ich daher den Irrtum, von dem
befangen ich in die Kategorie jener verchtlichen Leute htte geraten knnen,
und beschlo Muzius' Rat in allem zu folgen, um so vielleicht noch ein tchtiger
Katzbursche zu werden. - Ein junger Mensch sprach einst zu meinem Meister von
einem treulosen Freunde und bezeichnete diesen mit einem sehr seltsamen, mir
unverstndlichen Ausdruck. Er nannte ihn einen pomadigen Kerl. Nun war es mir,
als sei das Beiwort pomadig sehr passend dem Hauptwort Philister hinzuzufgen,
und ich befragte Freund Muzius darum. Kaum hatte ich aber das Wort pomadig
ausgesprochen, als Muzius laut jauchzend aufsprang und, mich krftig umhalsend,
rief: Herzensjunge, nun gewahre ich, da du mich ganz verstanden hast - ja,
pomadiger Philister! das ist die verchtliche Kreatur, die sich auflegt gegen
das edle Burschentum, und die wir berall, wo wir sie finden, tothetzen mchten.
Ja, Freund Murr, du hast jetzt schon dein inneres wahrhaftes Gefhl fr alles
Edle, Groe bewiesen, la dich nochmals an diese Brust drcken, in der ein
treues deutsches Herz schlgt. - Damit umhalste mich Freund Muzius aufs neue
und erklrte, wie er in der nchstfolgenden Nacht mich einzufhren gedenke in
das Burschentum, ich mge mich nur in der Mitternachtsstunde einfinden auf dem
Dache, wo er mich abholen werde zu einem Fest, das ein Katzsenior veranstaltet,
nmlich der Kater Puff.
    Der Meister trat ins Zimmer. Ich sprang wie gewhnlich ihm entgegen,
schmiegte mich, wlzte mich auf dem Boden, um ihm meine Freude zu bezeugen. Auch
Muzius glotzte ihn an mit zufriedenem Blick. Nachdem der Meister etwas weniges
mir Kopf und Hals gekraut, sah er sich um im Zimmer und sprach, da er alles in
gehriger Ordnung fand: Nun, das ist recht! Eure Unterhaltung ist still und
friedlich gewesen, wie es anstndigen, gut erzognen Leuten geziemt. Das verdient
belohnt zu werden.
    Der Meister schritt zu der Tre hinaus, die nach der Kche fhrte, und wir,
Muzius und ich, seine gute Absicht erratend, schritten hinter ihm her mit einem
frhlichen Mau - Mau - Mau! Wirklich ffnete auch der Meister den Kchenschrank
und holte die Skelette und Knchelchen von ein paar jungen Hhnern hervor, deren
Fleisch er gestern verzehrt hatte. Es ist bekannt, da mein Geschlecht
Hhnerskelette zu den allerfeinsten Leckerbissen rechnet, die es geben kann, und
daher kam es, da Muzius Augen in glanzvollem Feuer strahlten, da er den
Schweif in den anmutigsten Windungen schlngelte, da er laut schnurrte, als der
Meister die Schssel vor uns hinsetzte auf den Boden. Des pomadigen Philisters
wohl eingedenk, schob ich dem Freunde Muzius die besten Bissen hin, die Hlse,
die Buche, die Steie, und begngte mich mit den grbern Schenkel- und
Flgelknochen. Als wir mit den Hhnern fertig waren, wollte ich den Freund
Muzius fragen, ob ihm vielleicht mit einer Tasse ser Milch gedient sei. Doch
den pomadigen Philister stets vor Augen, unterlie ich es und schob statt dessen
die Tasse, welche, wie ich wute, unter dem Schrank stand, hervor und lud Muzius
freundlich ein zuzusaufen, indem ich ihm Bescheid tat. - Muzius soff die Tasse
rein aus, dann drckte er mir die Pfote und sprach, whrend ihm die hellen
Trnen in die Augen traten: Freund Murr, Ihr lebt lukullisch, aber Ihr habt mir
Euer treues, biederes und edelmtiges Herz kundgetan, und so wird die eitle Lust
der Welt Euch nicht verlocken zum schnden Philistertum! Habt Dank, habt innigen
Dank! -
    Mit einem biedern deutschen Pfotendruck nach altvrderischer Sitte nahmen
wir Abschied. Muzius war, gewi um die tiefe Rhrung, die ihm Trnen ausprete,
zu verbergen, mit einem halsbrechenden Satze schnell zum offnen Fenster heraus
auf das nchst anstoende Dach. - Selbst mich, den die Natur doch mit
vorzglicher Schwungkraft begabt, setzte dieser gewagte Satz in Erstaunen, und
ich fand Gelegenheit, aufs neue mein Geschlecht zu preisen, das aus gebornen
Turnern besteht, die keines Springstocks, keiner Kletterstange bedrfen.
    brigens gab mir Freund Muzius auch den Beweis, wie oft hinter einem rauhen
abschreckenden uern sich ein zartes, tief fhlendes Gemt verbirgt. -
    Ich kehrte ins Zimmer zu meinem Meister zurck und legte mich unter den
Ofen. Hier in der Einsamkeit die Gestaltung meines bisherigen Seins bedenkend,
meine letzte Stimmung, meine ganze Lebensweise erwgend, erschrak ich bei dem
Gedanken, wie nahe ich dem Abgrunde gewesen, und Freund Muzius erschien mir
trotz seines struppigen Balgs wie ein schner rettender Engel. In eine neue Welt
sollte ich treten, die Leere im Innern sollte ausgefllt, ein anderer Kater
sollte ich werden, mir klopfte das Herz vor banger freudiger Erwartung.
    Noch lange war es nicht Mitternacht, als ich den Meister mit der
gewhnlichen Redensart: Ma - - au bat, mich hinauszulassen. Recht gerne,
erwiderte er, indem er die Tre ffnete, recht gerne, Murr. Aus dem ewigen
unterm Ofen liegen und schlafen kommt gar nichts heraus. Geh - geh, da du
wieder in die Welt unter Kater kommst. Vielleicht findest du gemtsverwandte
Katerjnglinge, die sich mit dir ergtzen in Ernst und Scherz.
    Ach! - der Meister ahnte wohl, da ein neues Leben mir bevorstand! -
Endlich, nachdem ich bis Mitternacht gewartet, stellte sich Freund Muzius ein
und fhrte mich fort ber verschiedene Dcher, bis endlich auf einem beinahe
ganz platten italienischen Dache uns zehn stattliche, nur ebenso nachlssig und
seltsam wie Muzius gekleidete Katerjnglinge mit lautem Jubelgeschrei empfingen.
Muzius stellte mich den Freunden vor, rhmte meine Eigenschaften, meinen treuen
biedern Sinn, hob vorzglich hervor, wie ich ihn mit Backfischen, Hhnerknochen
und ser Milch gastlich bewirtet, und schlo damit, da ich als tchtiger
Katzbursch aufgenommen sein wolle. Alle gaben ihre Beistimmung.
    Es erfolgten nun gewisse Feierlichkeiten, die ich indessen verschweige, da
geneigte Leser meines Geschlechts vielleicht argwhnen, ich sei in einen
verbotenen Orden getreten, und noch jetzt Red' und Antwort darber von mir
verlangen knnten. Ich versichere aber auf Gewissen, da von einem Orden und
seinen Bedingnissen, als da sind Statuten, geheime Zeichen u.s., durchaus nicht
die Rede war, sondern da der Verein lediglich auf Gleichheit der Gesinnung
beruhte. Denn es fand sich bald, da jeder von uns se Milch lieber zu sich
nahm als Wasser, Braten lieber als Brot.
    Nachdem die Feierlichkeiten vorber, empfing ich von allen den brderlichen
Ku und Pfotendruck, und sie nannten mich: Du! - Dann setzten wir uns zu einem
einfachen, aber frhlichen Mahl, dem eine wackere Zecherei folgte. Muzius hatte
trefflichen Katzpunsch bereitet. - Sollte ein lsterner Katerjngling nach dem
Rezept dieses kstlichen Getrnks Begierde tragen, so kann ich leider darber
keine gengende Auskunft geben. So viel ist gewi, da die hohe Annehmlichkeit
des Geschmacks sowie die siegende Kraft vorzglich durch eine derbe Zutat von
Heringslake hervorgebracht wird.
    Mit einer Stimme, die weit ber viele Dcher hinwegdonnerte, intonierte nun
der Senior Puff das schne Lied: Gaudeamus igitur! - Mit Wonne fhlte ich mich
im Innern und uern ganz trefflicher Juvenis und mochte gar nicht an den
tumulus denken, den ein dstres Verhngnis unserm Geschlecht selten in der
stillen friedlichen Erde gnnt. Es wurden noch verschiedene schne Lieder
gesungen, wie z.B. Lat die Politiker nur sprechen u.s.w., bis der Senior Puff
mit gewichtiger Pfote auf den Tisch schlug und verkndete, da nun das wahre
echte Weibelied, nmlich das Ecce quam bonum gesungen werden msse, und
intonierte sofort den Chor: Ecce etc. etc.
    Noch nie hatte ich dieses Lied gehrt, dessen Komposition ebenso tief
gedacht, so harmonisch und melodisch richtig, als wunderbar und geheimnisvoll zu
nennen. Der Meister ist, soviel ich wei, nicht bekannt geworden, doch schreiben
viele dieses Lied dem groen Hndel zu, andere dagegen behaupten, da es lange,
lange vor Hndels Zeit schon existiert habe, da nach der Chronik von Wittenberg
es schon gesungen worden, als Prinz Hamlet noch Fuchs gewesen. Doch gleichviel,
wer es gemacht hat, das Werk ist gro und unsterblich und vorzglich zu
bewundern, wie die in den Chor eingeflochtenen Solos den Sngern freien
Spielraum lassen zu den anmutigsten unerschpflichsten Vernderungen. Einige
dieser Vernderungen, die ich in dieser Nacht hrte, habe ich treu im Gedchtnis
behalten.
    Als der Chor geendet, fiel ein schwarz und wei gefleckter Jngling ein:

Gar zu spitzig klafft der Spitz,
Gar zu grob der Pudel.
Jenem gnnt den Stei zum Sitz,
Dem die Schnauz zum Hudel.

Chor. Ecce quam etc. etc.

Darauf ein Grauer:

Hflich zieht die Mtz' vom Kopf,
Kommt Philister gangen.
Froh gebrdet sich der Tropf,
Will vor nichts ihm bangen.

Chor. Ecce quam etc. etc.

Darauf ein Gelber:

Schwimmen mu der muntre Fisch,
Vgelein mu fliegen,
Floss' und Federn wachsen frisch,
Werd't sie nimmer kriegen.

Chor. Ecce quam etc. etc.

Darauf ein Weier:

Miaut und knurrt und knurrt und miaut.
Nur beileib' nicht kratzen;
Seid galant, da man euch traut,
Schonet eure Tatzen.

Chor. Ecce quam etc. etc.

Darauf Freund Muzius:

Denkt Herr Aff' nach seinem Ma
Alle uns zu messen!
Spitzt das Maul, trgt hoch die Nas',
Wird uns doch nicht fressen.

Chor. Ecce quam etc. etc.

Ich sa neben Muzius, an mir war daher jetzt die Reihe, mit einem Solo
einzufallen. Alle Solos, die bis jetzt vorgetragen, wichen so sehr von den
Versen ab, die ich sonst gedichtet, da ich in Unruhe und Angst geriet, den Ton,
die Haltung des Ganzen zu verfehlen. Daher kam es, da ich, als der Chor
geendet, noch schwieg. Schon erhoben einige die Glser und riefen: pro poena,
als ich mich mit aller Gewalt zusammennahm und sofort sang:

Pfot' in Pfot' und Brust an Brust
Soll uns nichts verdstern.
Katzbursch sein ist unsere Lust,
Trotzen Katzphilistern!

Chor. Ecce quam etc. etc.

Meine Variation fand den lautesten, unerhrtesten Beifall. Die hochherzigen
Jungen strmten jubelnd auf mich ein, umpfoteten mich, drckten mich an ihre
klopfende Brust. Auch hier erkannte man also den hohen Genius in meinem Innern.
Es war einer der schnsten Augenblicke meines Lebens. - Nun wurde noch manchen
groen berhmten Katern, vorzglich solchen, die, ihrer Gre und Berhmtheit
unerachtet, sich von aller und jeder Philisterei entfernt gehalten und es
bewiesen hatten durch Wort und Tat, ein feuriges Lebehoch! gebracht, und dann
schieden wir auseinander.
    Der Punsch war mir doch etwas zu Kopfe gestiegen, die Dcher schienen sich
zu drehen, kaum vermochte ich mittelst des Schweifes, den ich als
Balancierstange benutzte, mich aufrecht zu erhalten. Der treue Muzius, meinen
Zustand bemerkend, nahm sich meiner an und brachte mich glcklich durch die
Dachluke nach Hause.
    Wste im Kopfe, wie ich mich noch niemals gefhlt, konnte ich lange nicht -
    (Mak. Bl.) - - ebenso gut gewut, als die scharfsinnige Frau Benzon, aber
da ich gerade heute, eben jetzt von dir Nachricht erhalten sollte, du treue
Seele, das hat mein Herz nicht geahnt. So sprach Meister Abraham, verschlo den
Brief, den er erhalten, und in dessen Aufschrift er mit freudiger berraschung
Kreislers Hand erkannt hatte, ohne ihn zu ffnen, in den Schubkasten seines
Schreibtisches und ging hinaus in den Park. - Meister Abraham hatte schon seit
vielen Jahren die Gewohnheit, Briefe, die er erhielt, stunden-, ja, oft tagelang
unerffnet liegen zu lassen. Ist der Inhalt gleichgltig, sprach er, so kommt
es auf den Verzug nicht an; enthlt der Brief eine bse Nachricht, so gewinne
ich noch einige frohe oder wenigstens ungetrbte Stunden; steht eine Freudenpost
darin, so kann ein gesetzter Mann wohl es abwarten, da die Freude ihm ber den
Hals komme. Diese Gewohnheit des Meisters ist zu verwerfen, denn einmal ist
solch ein Mensch, der Briefe liegen lt, ganz untauglich zum Kaufmann, zum
politischen oder literarischen Zeitungsschreiber, dann leuchtet es aber auch
ein, wie manches Unheil sich sonst noch bei Personen, die weder Kaufleute sind
noch Zeitungsschreiber, daraus erzeugen kann. - Was gegenwrtigen Biographen
betrifft, so glaubt er ganz und gar nicht an Abrahams stoischen Gleichmut,
sondern rechnet jene Gewohnheit vielmehr einer gewissen ngstlichen Scheu zu,
das Geheimnis eines verschlossenen Briefes zu entfalten. - Es ist eine ganz
eigene Lust Briefe zu empfangen, und darum sind uns die Personen besonders
angenehm, die zunchst uns diese Lust verschaffen, nmlich die Brieftrger, wie
schon irgendwo ein geistreicher Schriftsteller bemerkt hat. Dies mag eine
anmutige Selbstmystifikation genannt werden. Der Biograph erinnert sich, da,
als er einst auf der Universitt mit dem sehnlichsten Schmerz lange vergebens
auf einen Brief von einer geliebten Person gewartet hatte, er den Brieftrger
mit Trnen im Auge bat, ihm doch recht bald einen Brief aus der Vaterstadt zu
bringen, er solle auch dafr ein namhaftes Trinkgeld erhalten. Der Kerl
versprach, was von ihm verlangt wurde, mit pfiffiger Miene, brachte den Brief,
der in der Tat nach wenigen Tagen einging, triumphierend, als habe es nur an ihm
gelegen Wort zu halten, und strich das versprochene Trinkgeld ein. - Doch wei
der Biograph, der eben vielleicht selbst gewissen Selbstmystifikationen zu sehr
Raum gibt - doch wei er nicht, ob du, geliebter Leser, mit ihm gleichen Sinnes,
mit jener Lust eine seltsame Angst fhlest, die dir, indem du den erhaltenen
Brief ffnen willst, Herzklopfen verursacht, selbst wenn es kaum mglich, da
der Brief Wichtiges fr dein Leben enthalten sollte. - Mag es sein, da dasselbe
die Brust beengende Gefhl, mit dem wir in die Nacht der Zukunft schauen, auch
hier sich regt und da eben deshalb, weil ein leichter Druck der Finger
hinreicht, das Verborgene zu enthllen, der Moment auf einer Spitze steht, die
uns beunruhigt. Und! - wie viele schne Hoffnungen zerbrachen schon mit dem
verhngnisvollen Siegel, und die lieblichen Traumbilder, die aus unserm eignen
Innern gestaltet, unsere brnstige Sehnsucht selbst schienen, zerrannen in
nichts und das kleine Blttchen war der Zauberfluch, vor dem der Blumengarten,
in dem wir zu wandeln gedachten, verdorrte, und das Leben lag vor uns wie eine
unwirtbare trostlose Wstenei! - Scheint es gut, den Geist zu sammeln, ehe jener
leichte Druck der Finger das Verborgene erschliet, so kann dies vielleicht
Meister Abrahams sonst verwerfliche Gewohnheit entschuldigen, die brigens auch
gegenwrtigem Biographen anklebt aus einer gewissen verhngnisvollen Zeit, in
der beinahe jeder Brief, den er erhielt, der Bchse Pandoras glich, aus der,
sowie sie geffnet, tausend Unheil und Ungemach aufstieg ins Leben. - Hat aber
nun auch Meister Abraham des Kapellmeisters Brief verschlossen in seinen
Schreibepult oder Schreibtischkasten, und ist er auch spazieren gegangen in den
Park, doch soll der geneigte Leser den Inhalt sogleich buchstblich erfahren. -
Johannes Kreisler hatte folgendes geschrieben:

                           Mein herzlieber Meister!

La fin couronne les oeuvres! htte ich rufen knnen, wie Lord Clifford in
Shakespeares Heinrich dem Sechsten, als ihm der sehr edle Herzog von York eins
versetzt hatte zum Tode. Denn bei Gott, mein Hut strzte schwer verwundet ins
Gebsch und ich ihm nach, rcklings wie einer, von dem man in der Schlacht zu
sagen pflegt, Er fllt, oder er ist gefallen. - Dergleichen Leute stehen aber
selten wieder auf, dagegen tat das aber Euer Johannes, mein lieber Meister, und
das auf der Stelle. - Um meinen schwer verwundeten Kameraden, der nicht sowohl
an meiner Seite als ber oder von meinem Haupte gefallen, konnte ich mich gar
nicht bekmmern, da ich genug zu tun hatte, durch einen tchtigen Seitensatz
(ich nehme das Wort Satz hier weder in philosophischem noch in musikalischem,
sondern lediglich in gymnastischem Sinn) der Mndung einer Pistole auszuweichen,
die jemand etwa drei Schritte davon auf mich hielt. Doch ich tat noch mehr als
das, ich ging pltzlich aus der Defensive in die Offensive ber, sprang auf den
Pistolanten los und stie ihm ohne weitere Umstnde meinen Stockdegen in den
Leib. - Immer habt Ihr mir den Vorwurf gemacht, Meister, da ich des
historischen Stils nicht mchtig und unfhig, etwas zu erzhlen ohne unntze
Phrasen und Abschweifungen. Was sagt Ihr zu der bndigen Darstellung meines
italienischen Abenteuers in dem Park zu Sieghartshof, den ein hochsinniger Frst
so mild beherrscht, da er selbst Banditen toleriert vergnglicher Abwechslung
halber?
    Nehmt, lieber Meister, das bisher Gesagte nur fr die vorlufige
epitomatische Inhaltsanzeige des historischen Kapitels, das ich, erlaubt es
meine Ungeduld und der Herr Prior, statt eines ordinren Briefes fr Euch
aufschreiben will. - Wenig nachzuholen ist ber das eigentliche Abenteuer im
Walde. - Gewi war es mir sogleich, da, als der Schu fiel, ich davon
profitieren sollte, denn im Niederstrzen empfand ich einen brennenden Schmerz
an der linken Seite meines Kopfs, den der Konrektor in Gninesmhl mit Recht
einen hartnckigen nannte. Hartnckigen Widerstand hatte der wackere Knochenbau
nmlich geleistet dem schnden Blei, so da die Streifwunde kaum zu achten. -
Aber sagt mir, lieber Meister, sagt mir auf der Stelle oder heute abend oder
wenigstens morgen in aller Frhe, in wessen Leib meine Stockklinge gefahren?
Sehr lieb wrde es mir sein zu vernehmen, da ich eigentlich gar kein gemeines
Menschenblut vergossen, sondern blo einigen prinzlichen Ichor; und es will mir
ahnen, als wre dem so. - Meister! - so htte der Zufall mich denn zu der Tat
gefhrt, die der finstere Geist mir verkndete bei Euch im Fischerhuschen! -
War vielleicht diese kleine Stockklinge in dem Augenblick, als ich sie brauchte
zur Notwehr gegen Mrder, das furchtbare Schwert der Blutschuld rchenden
Nemesis? - Schreibt mir alles, Meister, und vor allen Dingen, was es mit der
Waffe, die Ihr mir in die Hand gabt, mit dem kleinen Bilde fr eine Bewandtnis
hat. - Doch nein - nein, sagt mir davon nichts. Lat mich dieses Medusenbild,
vor dessen Anblick der bedrohliche Frevel erstarrt, bewahren, mir selbst ein
unerklrliches Geheimnis. Es ist mir, als wrde dieser Talisman seine Kraft
verlieren, sobald ich wte, was fr eine Konstellation ihn gefeit zur
Zauberwaffe! - Wollt Ihr mir's glauben, Meister, da ich bis jetzt Euer kleines
Bild noch gar nicht einmal recht angeschaut? - Ist es an der Zeit, so werdet Ihr
mir alles sagen, was mir zu wissen ntig, und dann gebe ich den Talisman zurck
in Eure Hnde. Also fr jetzt kein Wort weiter davon! - Doch fortfahren will ich
nun in meinem historischen Kapitel.
    Als ich besagtem Jemand, besagtem Pistolanten meinen Stockdegen in den Leib
gerannt, so da er lautlos niederstrzte, sprang ich fort mit der
Schnellfigkeit eines Ajax, da ich Stimmen im Park zu hren und mich noch in
Gefahr glaubte. Ich gedachte nach Sieghartsweiler zu laufen, aber die Dunkelheit
der Nacht lie mich den Weg verfehlen. Schneller und schneller rannte ich fort,
immer noch hoffend, mich zurechtzufinden. Ich durchwatete Feldgraben, ich
erklimmte eine steile Anhhe und sank endlich in einem Gebsch vor Ermattung
nieder. Es war, als blitze es dicht vor meinen Augen, ich fhlte einen
stechenden Schmerz am Kopf und erwachte aus tiefem Todesschlaf. Die Wunde hatte
stark geblutet, ich machte mir, das Taschentuch benutzend, einen Verband, der
dem geschicktesten Kompagnie-Chirurgus auf dem Schlachtfelde zur Ehre gereicht
haben wrde, und schaute nun ganz froh und frhlich umher. Unfern von mir
stiegen die mchtigen Ruinen eines Schlosses empor. - Ihr merkt es, Meister, ich
war zu meiner nicht geringen Verwunderung auf den Geierstein geraten.
    Die Wunde schmerzte nicht mehr, ich fhlte mich frisch und leicht, ich trat
heraus aus dem Gebsch, das mir zum Schlafgemach gedient, die Sonne stieg empor
und warf blinkende Streiflichter auf Wald und Flur wie frhliche Morgengre.
Die Vgel erwachten in den Gebschen und badeten sich zwitschernd im khlen
Morgentau und schwangen sich auf in die Lfte. Noch in nchtliche Nebel gehllt
lag tief unter mir Sieghartshof, doch bald sanken die Schleier, und im
flammenden Gold standen Bume und Bsche. Der See des Parks glich einem blendend
strahlenden Spiegel: ich unterschied das Fischerhuschen wie einen kleinen
weien Punkt - sogar die Brcke glaubte ich deutlich zu schauen. - Das Gestern
trat auf mich ein, aber als sei es eine lngst vergangene Zeit, aus der mir
nichts geblieben, als die Wehmut der Erinnerung an das ewig Verlorne, die in
demselben Augenblick die Brust zerreit und mit ser Wonne erfllt, Haselant,
was willst du denn eigentlich damit sagen, was hast du denn in dem lngst
vergangenen Gestern auf ewig verloren? So ruft Ihr mich an, Meister, ich hre
es. - Ach Meister, noch einmal stelle ich mich hin auf jene hervorragende Spitze
des Geiersteins - noch einmal breite ich die Arme aus wie Adlersflgel, mich
dort hinzuschwingen, wo ein ser Zauber waltete, wo jene Liebe, die nicht in
Raum und Zeit bedingt, die ewig ist wie der Weltgeist, mir aufging in den
ahnungsvollen Himmelstnen, die die drstende Sehnsucht selbst sind und das
Verlangen! - Ich wei es, dicht vor meiner Nase setzt sich ein Teufelskerl von
hungrigem Opponenten hin, der nur opponiert des indischen Gerstenbrots halber,
und fragt mich hhnisch, ob es mglich sei, da ein Ton dunkelblaue Augen haben
knne. Ich fhre den bndigsten Beweis, da der Ton eigentlich auch ein Blick
sei, der aus einer Lichtwelt durch zerrissene Wolkenschleier hinabstrahle; der
Opponent geht aber weiter und frgt nach Stirn, nach Haar, nach Mund und Lippen,
nach Armen, Hnden, Fen und zweifelt durchaus mit hmischem Lcheln, da ein
bloer purer Ton mit diesem allem begabt sein knne. - O Gott, ich wei, was der
Schlingel meint, nmlich nichts weiter, als da, solange ich ein glebae
adscriptus sei, wie er und die brigen, solange wir alle nicht blo
Sonnenstrahlen fren und uns manchmal noch auf einen andern Stuhl setzen mten
als auf den Lehrstuhl, es mit jener ewigen Sehnsucht, die nichts will als sich
selbst und von der jeder Narr zu schwatzen wei - Meister! ich wnschte nicht,
da Ihr auf die Seite des hungrigen Opponenten trtet - es wrde mir unangenehm
sein. - Und sagt selbst, knnte Euch wohl eine einzige vernnftige Ursache dazu
treiben? - hab' ich jemals Hang gezeigt zu trister Sekundanernarrheit? - Ja,
hab' ich, zu reifen Jahren gekommen, mich nicht stets nchtern zu erhalten
gewut, hab' ich etwa jemals gewnscht, ein Handschuh zu sein, blo um Julias
Wange zu kssen, wie Vetter Romeo? - Glaubt es nur, Meister, die Leute mgen
auch sagen, was sie wollen, im Kopf trag' ich nichts als Noten und im Gemt und
Herzen die Klnge dazu, denn, alle Teufel! wie sollt ich sonst imstande sein,
solche manierliche, bndige Kirchenstcke zu setzen, als die Vesper es ist, die
da eben vollendet auf dem Pulte liegt. - Doch - schon wieder war es um die
Historie geschehen - ich erzhle weiter.
    Aus der Ferne vernahm ich den Gesang einer krftigen Mnnerstimme, der sich
immer mehr und mehr nherte. Bald gewahrte ich denn auch einen
Benediktiner-Geistlichen, der, auf dem Fusteig unterwrts fortwandelnd, einen
lateinischen Hymnus sang. Nicht weit von meinem Platze stand er still, hielt
inne mit dem Singen und schaute, indem er den breiten Reisehut vom Kopfe nahm
und sich mit einem Tuch den Schwei von der Stirne trocknete, in der Gegend
umher, dann verschwand er ins Gebsch. Mir kam die Lust an, mich zu ihm zu
gesellen, der Mann war mehr als wohlgenhrt, die Sonne brannte strker und
strker, und so konnt' ich wohl denken, da er ein Ruhepltzchen gesucht haben
wrde im Schatten. Ich hatte mich nicht geirrt, denn in das Gebsch tretend,
erblickte ich den ehrwrdigen Herrn, der sich auf einen dick bemoosten Stein
niedergelassen hatte. Ein hheres Felsstck dicht daneben diente ihm zum Tisch;
er hatte ein weies Tuch darber ausgebreitet und holte eben aus dem Reisesack
Brot und gebratenes Geflgel hervor, das er mit vielem Appetit zu bearbeiten
begann: Sed praeter omnia bibendum quid, so rief er sich selbst zu und schenkte
aus einer Korbflasche Wein ein in einen kleinen silbernen Becher, den er aus der
Tasche hervorgezogen. Eben wollte er trinken, als ich mit einem Gelobt sei Jesus
Christ! zu ihm hintrat. Mit dem Becher an den Lippen schaute er auf, und ich
erkannte im Augenblick meinen alten gemtlichen Freund aus der
Benediktiner-Abtei zu Kanzheim, den ehrlichen Pater und Prfektus Chori
Hilarius. In Ewigkeit! stammelte Pater Hilarius, indem er mich mit weit
aufgerissenen Augen starr anblickte. Ich dachte sogleich an meinen Kopfputz, der
mir vielleicht ein fremdes Ansehen geben mochte, und begann: O mein sehr
geliebter wrdiger Freund Hilarius, haltet mich nicht fr einen verlaufenen
vagabundierenden Hindus, auch nicht fr ein auf den Kopf gefallenes Landeskind,
da ich doch nun einmal nichts anderes bin und sein will, als Euer Intimus, der
Kapellmeister Johannes Kreisler! -
    Beim heil'gen Benedikt, rief Pater Hilarius freudig, ich hatte Euch gleich
erkannt, herrlicher Kompositor und angenehmer Freund, aber per diem sagt mir, wo
kommt Ihr her, was ist Euch geschehen, Euch, den ich mir in floribus dachte am
Hofe des Groherzogs?
    Ich nahm gar keinen Anstand, dem Pater krzlich alles zu erzhlen, was sich
mit mir begeben, und wie ich gentigt gewesen, dem, dem es beliebt, nach mir,
wie nach einem aufgestellten Ziel, Probeschsse zu tun, meinen Stockdegen in den
Leib zu stoen, und wie besagter Zielschieer wahrscheinlich ein italienischer
Prinz gewesen, der Hektor geheien, wie mancher wrdige Pirschhund. - Was nun
beginnen, zurckkehren nach Sieghartsweiler oder - ratet mir, Pater Hilarius!
    So schlo ich meine Erzhlung. - Pater Hilarius, der manches - Hm! - so! -
ei! - heiliger Benedikt - dazwischen geworfen, sah jetzt vor sich nieder,
murmelte: Bibamus! und leerte den silbernen Becher auf einen Zug.
    Dann rief er lachend: In der Tat, Kapellmeister, der beste Rat, den ich Euch
frs erste erteilen kann, ist, da Ihr Euch fein zu mir hersetzt und mit mir
frhstckt. Ich kann Euch diese Feldhhner empfehlen, erst gestern scho sie
unser ehrwrdiger Bruder Macarius, der, wie Ihr Euch wohl erinnert, alles
trifft, nur nicht die Noten in den Responsorien, und wenn Ihr den Kruteressig
vorschmeckt, mit dem sie angefeuchtet, so verdankt Ihr das der Sorgfalt des
Bruders Eusebius, der sie selbst gebraten mir zu Liebe. Was aber den Wein
betrifft, so ist er wert, die Zunge eines landflchtigen Kapellmeisters zu
netzen. Echter Bocksbeutel, carrissime Johannes, echter Bocksbeutel aus dem St.
Johannis-Hospital zu Wrzburg, den wir, unwrdige Diener des Herrn, erhalten in
bester Qualitt. - Ergo bibamus!
    Damit schenkte er den Becher voll und reichte ihn mir hin. - Ich lie mich
nicht ntigen, ich trank und a wie einer, der solcher Strkung bedarf.
    Pater Hilarius hatte den anmutigsten Platz gewhlt, um sein Frhstck
einzunehmen. Ein dichtes Birkengebsch beschattete den blumichten Rasen des
Bodens, und der kristallhelle Waldbach, der ber hervorragendes Gestein
pltscherte, vermehrte noch die erfrischende Khle. Die einsiedlerische
Heimlichkeit des Orts erfllte mich mit Wohlbehagen und Ruhe, und whrend Pater
Hilarius mir von allem erzhlte, was sich seit der Zeit in der Abtei begeben,
wobei er nicht verga, seine gewhnlichen Schwnke und sein hbsches
Kchenlatein einzumischen, horchte ich auf die Stimmen des Waldes, der Gewsser,
die zu mir sprachen in trstenden Melodien.
    Pater Hilarius mochte mein Schweigen der bittern Sorge zuschreiben, die mir
das Geschehene verursachte.
    Seid, begann er, indem er mir den aufs neue gefllten Becher hinreichte,
seid guten Muts, Kapellmeister! Ihr habt Blut vergossen, das ist wahr, und Blut
vergieen ist Snde, doch distinguendum est inter et inter - Jedem ist sein
Leben das liebste, er hat es nur einmal. Ihr habt das Eurige verteidigt, und das
verbietet die Kirche keinesweges, wie sattsam zu erweisen, und weder unser
hochwrdiger Herr Abt, noch irgendein anderer Diener des Herrn wird Euch die
Absolution versagen, seid Ihr auch unversehens in frstliche Eingeweide
gefahren. - Ergo bibamus! - Vir sapiens non te abhorrebit, Domine! -
    Aber, teuerster Kreisler, kehrt Ihr zurck nach Sieghartsweiler, so wird man
Euch garstig befragen ber das cur, quomodo, quando, ubi, und wollt Ihr den
Prinzen des mrderischen Angriffs zeihen, wird man Euch glauben? Ibi jacet lepus
in pipere! - Aber seht, Kapellmeister, wie - doch, bibendum quid - Er leerte den
vollgeschenkten Becher und fuhr dann fort: Ja, seht, Kapellmeister, wie der gute
Rat kommt mit dem Bocksbeutel. - Erfahrt, da ich mich eben zum Kloster
Allerheiligen begeben wollte, um mir von dem dortigen Prfektus Chori Musik zu
holen zu den nchsten Festen. Ich habe die Kasten schon zwei-, dreimal
umgekehrt, es ist alles alt und verbraucht, und was die Musik betrifft, die Ihr
uns komponiert habt whrend Eures Aufenthalts in der Abtei, ja, die ist gar
schn und neu, aber - nehmt mir es nicht bel, Kapellmeister, so auf kuriose
Weise gesetzt, da man keinen Blick wenden darf von der Partitur. Will man nur
ein bichen durchs Gitter schielen nach dieser, jener hbschen Dirne unten im
Schiff, gleich hat man einen Halt verfehlt oder sonst was und schlgt einen
falschen Takt und schmeit das Ganze um - Pump, da liegt's, und Di - di - Diedel
diedel greift Bruder Jakob in die Orgeltasten! - ad patibulum cum illis - Ich
durfte also - doch bibamus! -
    Nachdem wir beide getrunken, flo der Strom der Rede also weiter: Desunt,
die nicht da sind, und die nicht da sind, knnen nicht gefragt werden, ich
dchte daher, Ihr wandertet sogleich mit mir zurck nach der Abtei, die, schlgt
man Richtwege ein, kaum zwei Stunden von hier entfernt ist. In der Abtei seid
Ihr gesichert gegen alle Nachstellungen, contra hostium insidias, ich bringe
Euch hin als lebendige Musik, und Ihr bleibt da, solange es Euch gefllt, oder
solange Ihr es geraten findet. Der hochwrdige Herr Abt versorgt Euch mit allem
Ntigen. Ihr kleidet Euch in die feinste Wsche und zieht das
Benediktiner-Gewand darber, das Euch sehr wohl stehen wird. Aber damit Ihr
nicht unterweges ausseht, wie der Wundgeschlagene auf dem Bilde vom mitleidigen
Samariter, so setzt meinen Reisehut auf, ich werde mir den Kapuschon ber die
Glatze ziehn. - Bibendum quid, Liebster!
    Damit leerte er den Becher noch einmal, schwenkte ihn aus im nahen Waldbach,
packte alles schnell in seinen Reisesack, drckte mir seinen Hut auf die Stirne
und rief ganz frhlich: Kapellmeister, wir drfen nur ganz langsam und bequem
einen Fu vor den andern setzen und kommen doch gerade an, wenn sie luten ad
conventum, conventuales, d.h. wenn der hochwrdige Abt sich zu Tische setzt.
    Ihr drft wohl denken lieber Meister, da ich gegen den Vorschlag des
frhlichen Paters Hilarius nicht das mindeste einzuwenden hatte, da es mir
vielmehr gar willkommen sein mute, mich an einen Ort zu begeben, der mir in so
mancher Hinsicht ein wohlttiges Asyl werden konnte.
    Wir schritten gemchlich fort unter allerlei Gesprchen und langten so, wie
Pater Hilarius es gewollt, in der Abtei an, als man gerade die Tischglocke
lutete.
    Um vor der Hand allen Fragen zuvorzukommen, sagte Pater Hilarius dem Abt,
da, da er zufllig erfahren, wie ich mich in Sieghartsweiler aufhalte, er es
vorgezogen, statt der Musik aus dem Kloster Allerheiligen, lieber den
Komponisten zu holen, der ja ein ganzes unerschpfliches Magazin von Musik in
sich trage.
    Der Abt Chrysostomus (mich dnkt, ich htte Euch schon viel von ihm erzhlt)
empfing mich mit jener gemtlichen Freude, die nur wahrhaft guter Gesinnung
eigen, und lobte den Entschlu des Paters Hilarius! -
    Seht mich nun, Meister Abraham, wie ich, umgeschaffen zum passablen
Benediktinermnch, in einem hohen gerumigen Zimmer des Hauptgebudes der Abtei
sitze und emsig Vespern und Hymnen ausarbeite, ja, wie ich schon mitunter
Gedanken notiere zu einem feierlichen Hochamt, wie sich die singenden und
spielenden Brder, die Chorknaben versammeln, wie ich emsig Proben halte, wie
ich hinter dem Gitter des Chors dirigiere! In der Tat, so vergraben fhle ich
mich in diese Einsamkeit, da ich mich mit Tartini vergleichen mchte, der, die
Rache des Kardinals Cornaro frchtend, in das Minoritenkloster zu Assisi floh,
wo ihn endlich nach Jahren ein Paduaner entdeckte, der sich in der Kirche befand
und den verlornen Freund auf dem Chore erblickte, als ein Windsto den Vorhang,
der das Orchester verhllte, einige Augenblicke aufhob. - Es htte Euch selbst,
Meister, so mit mir gehen knnen wie jenem Paduaner, aber ich mute Euch ja doch
sagen, wo ich geblieben, Ihr knntet sonst Wunder gedacht haben, was aus mir
geworden. - Hat man vielleicht meinen Hut gefunden und sich gewundert, da ihm
der Kopf abhanden gekommen? - Meister! eine besondere wohlttige Ruhe ist in
mein Inneres gekommen; sollte ich vielleicht hier am Ankerplatz gelandet sein?
Als ich neulich an dem kleinen See, der in der Mitte des weitluftigen Gartens
der Abtei liegt, wandelte und mein Bild, neben mir wandelnd, im See erblickte,
da sprach ich: Der Mensch, der da unten neben mir hergeht, das ist ein ruhiger
besonnener Mensch, der, nicht mehr wild umherschwirrend in vagen unbegrenzten
Rumen, die gefundene Bahn festhlt, und es ist ein Glck fr mich, da der
Mensch kein andrer ist als ich selbst. - Aus einem andern See schaute mich einst
ein fataler Doppeltgnger an - Doch still - still von dem allen. - Meister,
nennt mir keinen Namen - erzhlt mir nichts - auch nicht einmal, wen ich
gespiet - Aber von Euch selbst schreibt mir viel - Die Brder kommen zur Probe,
ich schliee mein historisches Kapitel und zugleich meinen Brief. Lebt wohl,
mein guter Meister, und gedenkt meiner! etc. etc. etc. etc.

- In den fernen, wild verwachsenen Gngen des Parks einsam wandelnd, bedachte
Meister Abraham das Schicksal des geliebten Freundes, und wie er ihn, kaum
wieder gewonnen, aufs neue verloren. Er sah den Knaben Johannes, sich selbst in
Gninesmhl vor dem Flgel des alten Onkels, der Kleine hmmerte mit stolzem
Blick Sebastian Bachs schwerste Sonaten herunter mit beinahe mnnlicher Faust,
er steckte ihm dafr eine Dte Zuckerwerk heimlich in die Tasche - Es war ihm,
als sei dies erst wenige Tage her, und er mute sich verwundern, da der Knabe
eben kein anderer als der Kreisler, der in ein wunderliches launenhaftes Spiel
geheimnisvoller Verhltnisse verflochten schien. - Aber mit dem Gedanken an jene
vergangene Zeit, an die verhngnisvolle Gegenwart stieg das Bild seines eignen
Lebens vor ihm auf.
    Sein Vater, ein strenger eigensinniger Mann, hatte ihn beinahe mit Zwang zu
der Kunst des Orgelbaues angehalten, die er selbst trieb wie ein gewhnliches
rohes Handwerk. Er litt nicht, da irgendein anderer als der Orgelbauer selbst
Hand anlege an das Werk, und so muten die Lehrlinge gebte Tischler, Zinngieer
u. s. werden, ehe sie zu der innern Mechanik gelangten. - Genauigkeit,
Dauerhaftigkeit, gute Spielart des Werks galt dem Alten fr alles; fr die
Seele, fr den Ton hatte er keinen Sinn, und merkwrdig genug sprach sich dies
aus in den Orgeln, die er baute, und denen man mit Recht einen harten spitzen
Klang vorwarf. Nchstdem war der Alte den kindischen Knsteleien verjhrter Zeit
ganz und gar ergeben. So hatte er an einer Orgel die Knige David und Salomo
angebracht, die whrend des Spiels wie vor Verwunderung die Kpfe drehten; so
fehlte es keinem seiner Werke an paukenden, posaunenden, taktierenden Engeln,
mit den Flgeln schlagenden krhenden Hhnen u.s.w. Abraham konnte oft
verdienten oder nicht verdienten Schlgen nicht anders entgehen und dem Alten
eine uerung vterlicher Freude entlocken, als wenn er vermge eigner
Erfindungsgabe irgendeine neue Knstelei, etwa ein schrfer tnendes Kikeriki
herausgebracht fr den nchsten Orgelhahn. Mit angstvoller Sehnsucht hatte
Abraham die Zeit herbeigewnscht, in der er dem Handwerksgebrauch gem auf die
Wanderschaft gehen sollte. Endlich kam diese Zeit heran, und Abraham verlie das
vterliche Haus, um nie wieder zurckzukehren .
    Auf dieser Wanderung, die er in Gemeinschaft mit andern Gesellen, meistens
wsten, rohen Burschen, unternahm, sprach er einst ein in der Abtei St. Blasius,
die im Schwarzwalde belegen, und hrte dort das berhmte Orgelwerk des alten
Johann Andreas Silbermann. In den vollen herrlichen Tnen dieses Werks ging zum
erstenmal der Zauber des Wohllauts auf in seinem Innern, er fhlte sich in eine
andere Welt versetzt, und von dem Augenblick an war er ganz Liebe fr eine
Kunst, die er sonst mit Widerwillen treiben mssen. - Nun kam ihm aber auch sein
ganzes Leben in der Umgebung, wie er es bis jetzt gefhrt hatte, so nichtswrdig
vor, da er alle Kraft aufbot, sich herauszureien aus dem Schlamm, in den er
sich versunken glaubte. - Sein natrlicher Verstand, seine Fassungsgabe lieen
ihn in der wissenschaftlichen Bildung Riesenschritte machen, und doch - fhlte
er oft die Bleigewichte, die die frhere Erziehung, das Forttreiben in der
Gemeinheit ihm angehngt. - Chiara, die Verbindung mit diesem seltsamen
geheimnisvollen Wesen, das war der zweite Lichtpunkt in seinem Leben, und so
bildete beides, jenes Erwachen des Wohllauts und Chiaras Liebe, einen Dualismus
seines poetischen Seins, der wohlttig hineinwirkte in seine rohe, aber krftige
Natur. - Kaum den Herbergen, kaum den Schenken, wo im dicken Tabaksqualm
Zotenlieder ertnten, entronnen, brachte der Zufall oder vielmehr die
Geschicklichkeit in mechanischen Knsteleien, denen er den Anstrich des
Geheimnisses zu geben wute (wie der geneigte Leser schon erfahren), den jungen
Abraham in Umgebungen, die ihm eine neue Welt sein muten, und in denen er, ewig
Fremdling bleibend, sich nur dadurch aufrecht erhielt, da er den festen Ton
behauptete, den seine innere Natur ihm angegeben. Dieser feste Ton wurde mit der
Zeit immer fester, und da er keineswegs der eines simplen Grobians, sondern auf
klaren gesunden Menschenverstand, richtige Lebensansicht und daraus sich
erzeugenden treffenden Spott basiert war, so knnt' es nicht fehlen, da da, wo
der Jngling sich nur aufrecht erhalten und toleriert worden, der Mann als ein
zu frchtendes Prinzip groen Respekt einflte. Es ist nichts leichter als
gewissen vornehmen Leuten zu imponieren, die immer noch weiter unter dem stehen,
wofr man sie etwa halten mochte. Daran dachte nun Meister Abraham eben in dem
Augenblick, als er von seinem Spaziergange wieder an das Fischerhuschen
gekommen, und schlug eine laute herzliche Lache auf, die Luft machte seiner
gepreten Brust.
    Zur innigsten Wehmut, die ihm sonst wohl gar nicht eigen, hatte den Meister
nmlich das lebhafte Andenken an den Moment in der Kirche der Abtei St. Blasius
und an die verlorne Chiara gestimmt. Warum, sprach er zu sich selbst, warum
blutet eben die Wunde jetzt so hufig, die ich lngst verharscht glaubte, warum
hnge ich jetzt leeren Trumereien nach, da es mir scheint, als msse ich ttig
eingreifen in das Maschinenwerk, das ein bser Geist falsch zu treiben scheint!
- Der Meister fhlte sich bengstigt durch den Gedanken, da er, selbst wute er
nicht wodurch, in seinem eigentmlichsten Tun und Treiben sich gefhrdet sah,
bis, wie gesagt, er im Ideengange auf die vornehmen Leute kam, ber die er
lachte und augenblicklich merkliche Linderung versprte.
    Er trat ins Fischerhuschen, um nun Kreislers Brief zu lesen. -
    In dem frstlichen Schlosse hatte sich Merkwrdiges begeben. Der Leibarzt
sprach: Wunderbar! - es geht ber alle Praxis, ber alle Erfahrung hinaus! -
Die Frstin: So mute es kommen, und die Prinzessin ist nicht kompromittiert!
Der Frst: Htt' ich's nicht ausdrcklich verboten, aber die Crapule der
dienenden Esel hat keine Ohren - Nun - der Oberforstmeister soll dafr sorgen,
da der Prinz kein Pulver mehr in die Hnde bekommt! Die Rtin Benzon: Dank
dem Himmel, sie ist gerettet! - Whrenddessen schaute Prinzessin Hedwiga zum
Fenster ihres Schlafgemachs heraus, indem sie dann und wann abgebrochene Akkorde
anschlug auf derselben Guitarre, die Kreisler im Unmut von sich warf und aus
Julias Hnden, wie er meinte, geheiligt zurckempfing. Auf dem Sofa sa Prinz
Ignatius und weinte und klagte: Es tut weh, es tut weh, vor ihm aber Julia,
die emsig beschftigt war, in eine kleine silberne Schssel hinein - rohe
Kartoffeln zu schaben.
    Alles dieses bezog sich auf ein Ereignis, das der Leibarzt mit vollem Recht
wunderbar nannte und ber alle Praxis erhaben. Prinz Ignatius hatte sich, wie
der geneigte Leser schon mehrmals erfahren, den unschuldig tndelnden Sinn, die
glckliche Unbefangenheit des sechsjhrigen Knaben erhalten und spielte daher
gern wie dieser. Unter anderm Spielzeuge besa er auch eine kleine, aus Metall
gegossene Kanone, die ihm zu seinem Lieblingsspiel diente, an dem er sich jedoch
hchst selten ergtzen konnte, da manche Dinge dazu gehrten, die nicht gleich
zur Hand waren, nmlich einige Krner Pulver, ein tchtiges Schrotkorn und ein
kleiner Vogel. Hatte er das alles, so lie er seine Truppen aufmarschieren,
hielt Kriegsgericht ber den kleinen Vogel, der eine Rebellion angezettelt in
des frstlichen Papas verlornem Lande, lud die Kanone und scho den Vogel, den
er mit einem schwarzen Herzen auf der Brust an einen Leuchter gebunden, tot,
zuweilen aber auch nicht, so da er mit dem Federmesser nachhelfen mute, um die
gerechte Strafe an dem Hochverrter zu vollstrecken.
    Fritz, des Grtners zehnjhriger Knabe, hatte dem Prinzen einen gar hbschen
bunten Hnfling verschafft und dafr, wie gewhnlich, eine Krone erhalten.
Sogleich war dann aber der Prinz in die Jgerstube geschlichen, gerade wenn die
Jger abwesend, hatte richtig Schrotbeutel und Pulverhorn gefunden und sich
daraus mit der ntigen Munition versehen. Schon wollte er mit der Exekution
beginnen, die Beschleunigung zu fordern schien, da der bunte zwitschernde Rebell
alle nur mglichen Mittel versuchte zu entwischen, als es ihm einfiel, da er
der Prinzessin Hedwiga, die jetzt so artig geworden, durchaus nicht die Lust
versagen drfe, bei der Hinrichtung des kleinen Hochverrters gegenwrtig zu
sein. Er nahm also den Kasten, worin seine Armee befindlich, unter den einen,
die Kanone unter den andern Arm, den Vogel aber in die hohle Hand und schlich,
da es ihm von dem Frsten untersagt worden, die Prinzessin zu sehen, leise,
leise nach Hedwigas Schlafgemach, wo er sie in dem fortdauernden kataleptischen
Zustande auf dem Ruhebette angekleidet liegen fand. Schlimm und, wie man sehen
wird, zugleich gut war es, da die Kammerfrau die Prinzessin eben verlassen.
    Ohne weiteres band nun der Prinz den Vogel an einen Leuchter, lie die Armee
in Reihe und Glied treten und lud die Kanone, dann hob er die Prinzessin vom
Ruhebette, lie sie an den Tisch treten und erklrte, da sie jetzt den
kommandierenden General vorstelle, er seinerseits bleibe der regierende Frst
und brenne nebenher die Artillerie ab, welche den Rebellen tte. - berflu an
Munition hatte den Prinzen verfhrt und er nicht allein das Geschtz berladen,
sondern auch Pulver rund umher auf den Tisch verstreut. Sowie er das Stck
abprotzte, gab es nicht allein einen ungewhnlichen Knall, sondern das
umhergestreute Pulver flog auch auf und verbrannte ihm tchtig die Hand, so da
er laut aufschrie und gar nicht einmal bemerkte, da die Prinzessin in dem
Augenblick der Explosion hart zu Boden gestrzt war. Der Schu hallte durch die
Korridors, alles strzte, Unglck ahnend, herbei, und selbst Frst und Frstin
drngten sich, alle Etikette im jhen Schreck vergessend, mit der Dienerschaft
durch die Tre hinein. Die Kammerfrauen hoben die Prinzessin von dem Boden und
legten sie auf das Ruhebett, whrend man nach dem Leibarzt, nach dem Chirurgus
rief. Der Frst ersah aus den Anstalten auf dem Tische sehr bald, was geschehen,
und sprach zum Prinzen, der entsetzlich schrie und lamentierte, mit
zornfunkelnden Augen: Sieht Er, Ignaz! das kommt von Seinen dummen kindischen
Faxen. Lass' Er sich Brandsalbe auflegen und heul' Er nicht, wie ein
Straenjunge! - Mit einem Birkenreis - sollt - Hint - Die bebenden Lippen
lieen keine Deutlichkeit der Sprache zu, der Frst wurde unverstndlich und
verlie gravittisch das Zimmer. Tiefes Entsetzen hatte die Dienerschaft erfat,
denn erst zum drittenmal redete der Frst den Prinzen an mit Er und Ignaz, und
jedesmal bewies er den wildesten, schwer zu shnenden Zorn.
    Als der Leibarzt erklrte, die Krisis sei eingetreten, und er hoffe, da der
bedrohliche Zustand der Prinzessin nun bald vorber und sie vllig genesen
werde, sprach die Frstin mit weniger Teilnahme, als man wohl denken sollte:
Dieu soit lou, man gebe mir weitere Nachricht. Den weinenden Prinzen schlo
sie aber zrtlich in ihre Arme, trstete ihn mit sen Worten und folgte dann
dem Frsten.
    Indessen war die Benzon, die im Sinn gehabt, mit Julien die unglckliche
Hedwiga zu sehen, im Schlosse angekommen. Kaum hrte sie, was geschehen, als sie
hinaufeilte nach dem Zimmer der Prinzessin, zuflog auf das Ruhebette,
niederkniete, Hedwigas Hand fate und ihr starr in die Augen blickte, whrend
Julia heie Trnen vergo, whnend, da wohl der Todesschlaf ber die
Herzensfreundin kommen werde. Da holte Hedwiga tief Atem und sprach mit dumpfer,
kaum vernehmlicher Stimme: Ist er tot? - Sogleich hielt Prinz Ignatius ein mit
Weinen trotz seines Schmerzes und erwiderte in voller Freude ber die gelungene
Exekution lachend und kichernd: Ja ja - Prinzessin Schwester, ganz tot, gerade
durch das Herz geschossen. - Ja, sprach die Prinzessin weiter, indem sie die
Augen, die sie aufgeschlagen, wieder sinken lie, ja, ich wei es. Ich sah den
Blutstropfen der aus dem Herzen quoll, aber er fiel in meine Brust, und ich
erstarrte zu Kristall, und er nur lebte in dem Leichnam! - Hedwiga, begann
die Rtin leise und zrtlich, Hedwiga, erwachen Sie aus bsen unglcklichen
Trumen, Hedwiga, erkennen Sie mich? Die Prinzessin winkte sanft mit der Hand,
als wolle sie verlassen sein. Hedwiga, fuhr die Benzon fort, Julia ist hier.
Ein Lcheln schimmerte auf Hedwigas Wangen. Julia beugte sich ber sie hin,
drckte einen leisen Ku auf die erblaten Lippen der Freundin. Da lispelte
Hedwiga kaum hrbar: Es ist nun alles vorber, in wenigen Minuten bin ich ganz
erkrftigt, ich fhl' es. -
    Niemand hatte sich bis jetzt um den kleinen Hochverrter bekmmert, der mit
zerfleischter Brust auf dem Tisch lag. Nun fiel er Julien ins Auge, und erst in
dem Augenblick wurde sie auch inne, da Prinz Ignatius wieder das abscheuliche,
ihr verhate Spiel gespielt. Prinz, sprach sie, indem ihre Wangen sich hoch
rteten, Prinz, was hat Ihnen der arme Vogel getan, da Sie ihn ohne Erbarmen
tten hier im Zimmer? - Das ist ein rechtes einfltiges grausames Spiel - Sie
haben mir lngst versprochen, es zu lassen, und doch nicht Wort gehalten - Aber!
tun Sie es noch einmal, niemals ordne ich mehr Ihre Tassen oder lehre Ihre
Pppchen reden oder erzhle Ihnen die Geschichte vom Wasserknig! - Nicht bse
sein, wimmerte der Prinz, nicht bse sein, Frulein Julia! Aber es war ein
bunter Erzschelm. Er hatte allen Soldaten heimlich die Rocksche abgeschnitten
und berdem eine Rebellion angezettelt. Aber es tut weh - es tut weh! - Die
Benzon blickte den Prinzen, dann Julien an mit seltsamem Lcheln, dann rief sie:
Was das fr ein Wehklagen ist ber ein paar verbrannte Finger! - Aber es ist
wahr, der Chirurgus wird ewig mit seiner Brandsalbe nicht fertig. Doch hilft ein
gemeines Hausmittel auch wohl ungemeinen Leuten. Man schaffe rohe Kartoffeln
herbei! Sie schritt nach der Tre, aber wie pltzlich von irgendeinem Gedanken
erfat, blieb sie stehen, kehrte um, schlo Julien in die Arme, kte sie auf
die Stirne und sprach: Du bist mein gutes liebes Kind und wirst immer das ganz
sein, was du sein sollst! - Hte dich nur vor berspannten wahnsinnigen Toren
und verschliee dein Gemt dem bsen Zauber ihrer verlockenden Reden! - Damit
warf sie noch einen forschenden Blick auf die Prinzessin, die sanft und s zu
schlummern schien, und verlie das Zimmer.
    Der Chirurgus trat hinein mit einem ungeheuren Pflaster in den Hnden, unter
vielen Beteuerungen versichernd, da er schon seit geraumer Zeit gewartet in den
Zimmern des gndigsten Prinzen, da er nicht vermuten knnen, da er in dem
Schlafgemach der gndigsten Prinzessin - Er wollte mit dem Pflaster los auf den
Prinzen, die Kammerfrau, die ein paar stattliche Kartoffeln auf einer silbernen
Schssel herbeigebracht, vertrat ihm aber den Weg und versicherte, da fr
Verletzungen durch Brand geschabte Kartoffeln das allerbeste Mittel wren. Und
ich, fiel Julia der Kammerfrau ins Wort, indem sie ihr die silberne Schssel
abnahm, und ich selbst will fr Sie, mein Prinzchen, das Pflaster gar fein
bereiten.
    Gndigster Herr, sprach der Chirurg erschrocken, bedenken Sie! - ein
Hausmittel fr verbrannte Finger eines hohen frstlichen Herrn! - Die Kunst -
die Kunst soll - mu hier allein helfen! Er wollte von neuem auf den Prinzen
los, der prallte aber zurck und rief: Weg da, weg da! Frulein Julia soll mir
das Pflaster bereiten, die Kunst soll sich zum Zimmer hinausscheren!
    Die Kunst empfahl sich samt ihrem wohlprparierten Pflaster, indem sie
giftige Blicke auf die Kammerfrau warf.
    Strker und strker hrte Julia die Prinzessin atmen, doch wie erstaunte
sie, als -
    (M. f. f.) - einschlafen. Hin und her wlzte ich mich auf meinem Lager; ich
versuchte alle nur mgliche Stellungen. Bald streckte ich mich lang aus, bald
wickelte ich mich rund zusammen, lie den Kopf auf den weichen Pfoten ruhen und
ringelte den Schweif zierlich um mich herum, so da er die Augen bedeckte, bald
warf ich mich auf die Seite, lie die Pfoten wegstarren vom Leibe, den Schweif
in lebloser Gleichgltigkeit hinabhngen vom Lager. Alles - alles vergebens! -
Wirrer und wirrer wurden Vorstellungen, Gedanken, bis ich endlich in jenes
Delirium fiel, das kein Schlaf, sondern ein Kampf zwischen Schlafen und Wachen
zu nennen, wie Moritz, Davidson, Nudow, Tiedemann, Wienholt, Reil, Schubert,
Kluge und andere physiologische Schriftsteller, die ber Schlaf und Traum
geschrieben und die ich nicht gelesen, mit Recht behaupten.
    Die helle Sonne schien in des Meisters Zimmer hinein, als ich aus diesem
Delirium, aus diesem Kampf zwischen Schlafen und Wachen, wirklich zum klaren
Bewutsein erwachte. Aber welch ein Bewutsein, welch ein Erwachen! - O
Katerjngling, der du dieses liesest, spitze die Ohren und lies aufmerksam, da
dir die Moral nicht entwische! - Nimm dir zu Herzen, was ich ber einen Zustand
sage, dessen unnennbare Trostlosigkeit ich dir nur mit schwachen Farben
schildern kann. - Nimm dir diesen Zustand, wiederhole ich, zu Herzen und dich
selbst mglich in acht, wenn du zum erstenmal in einer Katzburschengesellschaft
Katzpunsch genieest. Nippe mig und berufe dich, will man das nicht leiden,
auf mich und meine Erfahrung, der Kater Murr sei deine Autoritt, die jeder,
hoff' ich, anerkennen und gelten lassen wird.
    Nun also! - Was zuvrderst mein physisches Befinden betrifft, so fhlte ich
mich nicht allein matt und elend, sondern was mir ganz besondere Qualen schuf,
war ein gewisser kecker abnormer Anspruch des Magens, der eben seiner Abnormitt
halber nicht durchzusetzen war und nur einen unntzen Rumor im Innern
verursachte, an dem sogar die affizierten Ganglien teilnahmen, die in ewigem
physischem Wollen und Nichtvermgen krankhaft zitterten und bebten. - Es war ein
heilloser Zustand! -
    Aber beinahe noch empfindlicher war die psychische Affektion. Mit der
bittern Reue und Zerknirschung eines Gestern halber, das ich doch eigentlich gar
nicht fr tadelnswert achten konnte, kam eine trostlose Gleichgltigkeit in
meine Seele gegen alles irdische Wohl! - Ich verachtete alle Gter der Erde,
alle Gaben der Natur, Weisheit, Verstand, Witz u.s.w. Die grten Philosophen,
die geistreichsten Dichter galten mir nicht hher als Lumpenpuppen, sogenannte
Hansemnner, und was das rgste war, auf mich selbst dehnte sich jene Verachtung
aus, und ich glaubte zu erkennen, da ich nichts sei als ein ganz gewhnlicher
miserabler Mausekatz! - Niederschlagenderes gibt es nicht! Der Gedanke, da ich
in dem grten Jammer befangen, da die ganze irdische Erde berhaupt ein
Jammertal sei, vernichtete mich in namenlosen Schmerz. - Ich kniff die Augen zu
und weinte sehr! -
    Du hast geschwrmt, Murr, und nun ist dir miserabel zumute? - Ja, ja, so
geht's! - Nun schlaf' nur aus, alter Junge, dann wird's besser werden! - So
rief der Meister mir zu, als ich das Frhstck stehen lie und einige
Schmerzenstne von mir gab. Der Meister! - o Gott, er wute nicht, er kannte
nicht meine Leiden! - er ahnte nicht, wie Burschentum und Katzpunsch wirkt auf
ein zartfhlendes Gemt! -
    Es mochte Mittag sein, noch hatte ich mich nicht vom Lager gerhrt, als
pltzlich, der Himmel wei, wie er sich hineinzuschleichen gewut, Bruder Muzius
vor mir stand. - Ich klagte ihm meinen unseligen Zustand, statt aber, wie ich
gehofft, mich zu bedauern, mich zu trsten, schlug er eine unmige Lache auf
und rief: Hoho, Bruder Murr, es ist weiter nichts als die Krisis, der bergang
von unwrdiger philistriger Knabenschaft zum wrdigen Burschentum, die dich
glauben lt, da du krank bist und elend. Du bist das edle Kommerschieren noch
nicht gewohnt! - Aber tu mir den Gefallen und halte das Maul und klage nicht
etwa dem Meister dein Leiden. Unser Geschlecht ist berdem schon verrufen genug
dieser Scheinkrankheit halber, und der schmhschtige Mensch hat ihr einen Namen
gegeben, der sich auf uns bezieht, und den ich nicht wiederholen mag. Aber raffe
dich auf, nimm dich zusammen, komm mit mir, die frische Luft wird dir wohl tun,
und dann mut du vor allen Dingen Haare auflegen. Komm nur, du wirst schon
praktisch erfahren, was das heit.
    Bruder Muzius bte seit der Zeit, als er mich dem Philistertum entrissen,
eine unbedingte Herrschaft ber mich aus; ich mute tun, was er wollte. Mhsam
stand ich daher auf von meinem Lager, dehnte mich, so gut es bei den
erschlafften Gliedern gehen wollte, und folgte dem treuen Bruder aufs Dach. Wir
spazierten einigemal auf und nieder, und in der Tat, mir wurde etwas wohler,
frischer zumute. Dann fhrte mich Bruder Muzius hinter den Schornstein, und hier
mute ich, wollte ich mich auch dagegen struben, zwei, drei Schnpschen reine
Heringslake nehmen. Dies waren die Haare, die ich, nach Muzius' Ausdruck,
auflegen sollte. - O, wunderbarer als wunderbar war die drastische Wirkung
dieses Mittels! Was soll ich sagen? - Des Magens abnorme Ansprche schwiegen,
der Rumor war gestillt, das Gangliensystem beruhigt, das Leben wieder schn, ich
schtzte das irdische Wohl, die Wissenschaft, die Weisheit, den Verstand, den
Witz u.s., ich war mir selbst wiedergegeben, ich war wieder der herrliche,
hchst exzellente Kater Murr! - O Natur, Natur! Kann es denn geschehen, da ein
paar Tropfen, die der leichtsinnige Kater geniet in unzhmbarer freier Willkr,
Rebellion zu erwecken vermgen gegen dich, gegen das wohlttige Prinzip, das du
mit mtterlicher Liebe in seine Brust gepflanzt hast, und nach dem er berzeugt
sein mu, da die Welt mit ihren Freuden, als da sind Bratfische, Hhnerknochen,
Milchbrei etc., die beste sei und er das Allerbeste in dieser Welt, da ihre
Freuden nur fr ihn und seinethalber geschaffen sind? - Aber - ein
philosophischer Kater erkennt das, es ist tiefe Weisheit darin - jener trostlose
ungeheure Jammer ist nur das Gegengewicht, das die zum Forttreiben in der
Bedingung des Seins ntige Reaktion bewirkt, und so ist derselbe (der Jammer
nmlich) in dem Gedanken des ewigen Weltalls begrndet! - Legt Haare auf,
Katerjnglinge! und trstet euch dann mit diesem philosophischen Erfahrungssatz
eures gelehrten, scharfsinnigen Standesgenossen.
    Es gengt zu sagen, da ich nun manche Zeit hindurch ein frisches frohes
Burschenleben fhrte auf den Dchern ringsumher, in Kompagnie mit Muzius und
andern kreuzbraven, biderben fidelen Jungen, weien, gelben und bunten. Ich
komme zu einer wichtigern Begebenheit meines Lebens, die nicht ohne Folgen
blieb.
    Als ich nmlich einmal bei dem Anbruch der Nacht, im Schimmer des hellen
Mondscheins, mit dem Bruder Muzius zu einer Kneiperei, die die Burschen
angeordnet, gehen wollte, begegnete mir jener schwarz, grau, gelbe Verrter, der
mir meine Miesmies geraubt. Wohl konnt' es sein, da ich bei dem Anblick des
verhaten Nebenbuhlers, dem ich noch dazu schndlicherweise unterliegen mssen,
etwas stutzte. Er ging indessen hart an mir vorbei, ohne mich zu gren, und es
wollte mich bednken, als lchle er mich verhhnend an, im Gefhl der bermacht,
die er ber mich gewonnen. Ich dachte an die verlorne Miesmies, an die
erhaltenen Prgel, das Blut kochte mir in den Adern! Muzius bemerkte meine
Aufwallung, und da ich ihm mitteilte, was ich bemerkt zu haben glaubte, so
sprach er: Du hast recht, Bruder Murr. Der Kerl schnitt solch ein schiefes
Gesicht und trat dabei so keck auf: am Ende wollte er dich wirklich tuschieren.
- Nun, das wollen wir bald erfahren. Irre ich nicht, so hat der bunte Philister
hier in der Nhe eine neue Liebschaft angesponnen, er schleicht alle Abende hier
auf diesem Dache umher. Warten wir ein wenig, vielleicht kommt der Monsieur bald
zurck, und da kann sich ja wohl das brige bald finden.
    In der Tat dauerte es nicht lange, so kam der Bunte wieder trotzig zurck
und ma schon von weitem mich mit verchtlichen Blicken. Ich trat ihm herzhaft
und keck entgegen, wir gingen so hart aneinander vorber, da unsere Schweife
sich unsanft berhrten. Sogleich blieb ich stehen, drehte mich um und sprach mit
fester Stimme: Mau! - Er blieb ebenfalls stehen, drehte sich um und erwiderte
trotzig: Mau! - Dann ging ein jeder seinen Weg.
    Das war Tusch, rief Muzius ganz zornig aus, ich werde den bunten
trotzigen Kerl morgen koramieren.
    Muzius begab sich den andern Morgen zu ihm hin und fragte ihn in meinem
Namen, ob er meinen Schweif berhrt. Er lie mir erwidern, er htte meinen
Schweif berhrt. Darauf ich, habe er meinen Schweif berhrt, so msse ich das
fr Tusch nehmen. Darauf er, ich knne es nehmen, wie ich wollte. Darauf ich,
ich nehme es fr Tusch. Darauf er, ich sei gar nicht imstande zu beurteilen, was
Tusch sei. Darauf ich, ich wisse das sehr gut und besser als er. Darauf er, ich
sei nicht der Mann dazu, da er mich tuschieren solle. Darauf ich nochmals, ich
nehme es aber fr Tusch. Darauf er, ich sei ein dummer Junge. Darauf ich, um
mich in Avantage zu setzen, wenn ich ein dummer Junge sei, so sei er ein
niedertrchtiger Spitz! - Dann kam die Ausforderung.
    (Randglosse des Herausgebers. O Murr, mein Kater! Entweder hat sich der
Ehrenpunkt seit Shakespeares Zeit nicht gendert, oder ich ertappe dich auf
einer schriftstellerischen Lge. Das heit, auf einer Lge, die dazu dienen
soll, der Begebenheit, die du erzhlst, mehr Glanz und Feuer zu geben! - Ist die
Art, wie es zum Duell mit dem bunten Pensionr kam, nicht die rein
ausgesprochene Parodie von Probsteins siebenmal zurckgeschobener Lge in Wie
es euch gefllt? Finde ich nicht in deinem angeblichen Duellproze die ganze
Stufenleiter von dem hflichen Bescheid, dem feinen Stich, der groben
Erwiderung, der beherzten Abfertigung bis zum trotzigen Widerspruch, und kann es
dich wohl einigermaen retten, da du anstatt mit der bedingten offenbaren Lge
mit ein paar Schimpfreden schlieest? - Murr! mein Kater! die Rezensenten werden
ber dich herfallen, aber bewiesen hast du doch wenigstens, da du den
Shakespeare mit Verstand und Nutzen gelesen, und das entschuldigt vieles.)
    Aufrichtig gestanden, fuhr es mir doch etwas in die Glieder, als ich die
Ausforderung erhielt, die auf den Kratz lautete. Ich dachte daran, wie bel mich
der bunte Verter zugerichtet hatte, als, von Eifersucht und Rache getrieben,
ich ihn angriff, und wnschte wenigstens die Avantage, zu der mir Freund Muzius
verholfen, hinweg. Muzius mochte gewahren, da ich beim Lesen des blutfordernden
Handbilletts erblate, und berhaupt meine Seelenstimmung bemerken. Bruder
Murr, sprach er, mir scheint, als ob dir das erste Duell, das du bestehen
sollst, etwas in die Glieder fhre? - Keinen Anstand nahm ich, dem Freunde mein
ganzes Herz zu ffnen, ihm zu sagen, was meinen Mut erschtterte.
    O mein Bruder, sprach Muzius, o mein geliebter Bruder Murr! Du
vergissest, da damals, als der bermtige Frevler dich ausprgelte auf schnde
Weise, du noch ein blutjunger Neuling und kein wackrer, tchtiger Bursche warst
wie jetzt. Auch war dein Kampf mit dem Bunten kein ordentliches Duell nach Regel
und Recht, ja nicht einmal ein Renkontre zu nennen, sondern nichts weiter als
eine philistermige Balgerei, die unanstndig ist fr jeden Katzbursch. Merk'
dir's, Bruder Murr, da der auf unsre besondre Gaben neidische Mensch uns die
Neigung vorwirft, uns auf ehrwidrige beschimpfende Weise zu prgeln, und fllt
unter seinem Geschlecht dergleichen vor, dies mit dem Schimpf- und Spottnamen:
Katzbalgerei bezeichnet. Schon darum wird und mu ein ordentlicher Kater, der
Ehre im Leibe hat und auf gute Sitten hlt, jedes bse Renkontre der Art
vermeiden; er beschmt den Menschen, der unter gewissen Umstnden sehr geneigt
ist, zu prgeln und geprgelt zu werden. - Also, geliebter Bruder, la alle
Furcht und Scheu fahren, bewahre dein tapfres Herz und sei berzeugt, da du im
ordentlichen Duell genugsame Rache fr alle erfahrne Unbill nehmen und den
bunten Gecken dermaen zerkratzen kannst, da er das dumme Liebeln und alberne
Daherstolzieren wohl auf einige Zeit lassen wird. - Doch halt! - Eben will mich
bednken, da nach dem, was zwischen euch vorgefallen, der Zweikampf auf den
Kratz keinen gengenden Ausschlag geben kann, da ihr euch vielmehr auf
entscheidendere Weise, nmlich auf den Bi, schlagen mt. - Wir wollen die
Meinung der Burschen hren! -
    Muzius trug in einer sehr wohlgesetzten Rede den Fall, der sich mit mir und
dem Bunten ereignet, der Burschenversammlung vor. Alle stimmten dem Redner bei,
und ich lie daher dem Bunten durch Muzius sagen, ich nehme die Ausforderung
zwar an, knnte und wrde bei der Schwere der erlittenen Beschimpfung mich aber
nicht anders schlagen, als auf den Bi. Der Bunte wollte zwar Einwendungen
machen, vorschtzen, er habe stumpfe Zhne u.s.w.; da aber Muzius ihm nach
seiner ernsten und festen Weise erklrte, da hier nur durchaus von dem
entscheidenderen Duell auf den Bi die Rede sein knne, und da, wenn er dies
nicht eingehen wolle, er den niedertrchtigen Spitz auf sich sitzen lassen
mte, entschlo er sich zu diesem Duell auf den Bi. - Die Nacht, in der der
Zweikampf vor sich gehen sollte, kam heran. Ich stellte mich auf dem Dache des
Hauses, das an der Grenze des Reviers lag, mit Muzius um die bestimmte Stunde
ein. Auch mein Gegner kam bald mit einem stattlichen Kater, der beinahe bunter
gefleckt war und noch viel trotzigere, keckere Zge im Antlitz trug als er
selbst. Er war, wie wir vermuten konnten, sein Sekundant; beide hatten
verschiedene Feldzge als Kameraden zusammen gemacht und befanden sich auch
beide bei der Eroberung des Speichers, die dem Bunten den Orden des gebrannten
Specks erwarb. Auerdem hatte sich, wie ich nachher erfuhr, auf des um-und
vorsichtigen Muzius Anla eine kleine lichtgraue Katze eingefunden, die sich
ganz auerordentlich auf Chirurgie verstehen und die schlimmsten, gefhrlichsten
Wunden zweckmig behandeln und in kurzer Zeit heilen sollte. - Es wurde noch
verabredet, da der Zweikampf in drei Sprngen stattfinden, und falls bei dem
dritten Sprunge noch nichts Entscheidendes geschehen, weiter beschlossen werden
sollte, ob das Duell in neuen Sprngen fortzusetzen, oder die Sache als
abgemacht anzusehen. Die Sekundanten maen die Schritte aus, und wir setzten uns
gegenber in Positur. Der Sitte gem erhoben die Sekundanten ein Zetergeschrei,
und wir sprangen aufeinander los.
    Im Augenblick hatte mein Gegner, indem ich ihn fassen wollte, mein rechtes
Ohr gepackt, das er dermaen zerbi, da ich wider Willen laut aufschrie.
Auseinander! rief Muzius. Der Bunte lie ab, wir gingen in die Position
zurck.
    Neuer Zeter der Sekundanten, zweiter Sprung. Nun glaubte ich meinen Gegner
besser zu fassen, aber der Verrter duckte sich und bi mir in die linke Pfote,
da das Blut in dicken Tropfen hervorquoll. - Auseinander! rief Muzius zum
zweitenmal. Eigentlich, sprach der Sekundant meines Gegners, sich zu mir
wendend, eigentlich ist nun die Sache ausgemacht, da Sie, mein Bester, durch
die bedeutende Wunde an der Pfote hors de combat gesetzt sind. Doch Zorn,
tiefer Ingrimm lieen mich keinen Schmerz fhlen, und ich entgegnete, da es
sich bei dem dritten Sprunge finden wrde, inwiefern es mir an Kraft gebrche
und die Sache als abgemacht anzusehen. Nun, sprach der Sekundant mit
hhnischem Lachen, nun, wenn Sie denn durchaus von der Pfote Ihres Ihnen
berlegenen Gegners fallen wollen, so geschehe Ihr Wille! - Doch Muzius klopfte
mir auf die Schulter und rief: Brav, brav, mein Bruder Murr, ein echter Bursche
achtet solch einen Ritz nicht! - Halt dich tapfer!
    Zum drittenmal Zeter der Sekundanten, dritter Sprung! - Meiner Wut
ungeachtet hatte ich die List meines Gegners gemerkt, der immer etwas seitwrts
sprang, weshalb ich ihn fehlte, whrend er mich mit Sicherheit packte. - Diesmal
nahm ich mich in acht, sprang auch seitwrts, und als er mich zu fassen glaubte,
hatte ich ihn schon dermaen in den Hals gebissen, da er nicht schreien, nur
sthnen konnte. Auseinander! rief jetzt der Sekundant meines Gegners. Ich
sprang sogleich zurck, der Bunte sank aber ohnmchtig nieder, indem das Blut
reichlich aus der tiefen Wunde hervorquoll. Die hellgraue Katze eilte sogleich
auf ihn zu und bediente sich, um vor dem Verbande das Blut einigermaen zu
stillen, eines Hausmittels, das, wie Muzius versicherte, ihr stets zu Gebote
stand, da sie es immer bei sich fhrte. Sie go nmlich sofort eine Flssigkeit
in die Wunde und besprengte berhaupt den Ohnmchtigen ganz und gar damit, die
ich ihres scharfen beizenden Geruchs halber fr stark und drastisch wirkend
halten mute. Thedensche Arkebusade war es nicht, auch nicht Eau de Cologne. -
Muzius drckte mich feurig an seine Brust und sprach: Bruder Murr, du hast
deine Ehrensache ausgefochten wie ein Kater, dem das Herz auf dem rechten Flecke
sitzt. - Murr, du wirst dich erheben zur Krone des Burschentums, du wirst keinen
Makel dulden und stets bei der Hand sein, wenn es darauf ankommt, unsre Ehre zu
erhalten. - Der Sekundant meines Gegners, der so lange dem hellgrauen Chirurgus
beigestanden, trat nun trotzig auf und behauptete, da ich im dritten Gange
gegen den Komment gefochten. Da setzte sich aber Bruder Muzius in Positur und
erklrte mit funkelnden Augen und hervorgestreckten Krallen, da der, der
solches behaupte, es mit ihm zu tun habe, und da die Sache gleich auf der
Stelle ausgemacht werden knne. Der Sekundant hielt es fr geraten, nichts
weiter darauf zu erwidern, sondern packte stillschweigend den wunden Freund, der
was weniges zu sich selbst gekommen, auf den Rcken und marschierte mit ihm ab
durch die Dachluke. - - Der aschgraue Chirurgus fragte an, ob er meiner Wunden
halber mich auch etwa mit seinem Hausmittel bedienen solle. Ich lehnte das aber
ab, so sehr mich auch Ohr und Pfote schmerzten, sondern machte mich im
Hochgefhl des errungenen Sieges, der gestillten Rache fr Miesmies' Entfhrung
und erhaltene Prgel auf den Weg nach Hause.
    Fr dich, o Katerjngling, habe ich mit gutem Bedacht die Geschichte meines
ersten Zweikampfs so umstndlich aufgeschrieben. Auerdem da dich diese
merkwrdige Geschichte ber den Ehrenpunkt belehrt ganz und gar, so kannst du
auch noch manche fr das Leben hchst ntige und ntzliche Moral daraus
schpfen. Wie z.B. da Mut und Tapferkeit gar nichts ausrichten gegen Finten,
und da daher das genaue Studium der Finten unerllich ist, um nicht zu Boden
getreten zu werden, sondern sich aufrecht zu erhalten. Chi no se ajuta, se
nega, sagt Brighella in Gozzis glcklichem Bettler, und der Mann hat recht,
vollkommen recht. - Sieh das ein, Katerjngling, und verachte keinesweges
Finten, denn in ihnen liegt, wie im reichen Schacht, die wahre Lebensweisheit
verborgen.
    - Als ich herabkam, fand ich des Meisters Tr verschlossen und mute daher
mit der Strohmatte, die davor lag, als Nachtlager vorliebnehmen. Die Wunden
hatten mir einen starken Blutverlust verursacht, und mir wurde in der Tat etwas
ohnmchtig zumute. Ich fhlte mich sanft fortgetragen. Es war mein guter
Meister, der (ich mochte wohl, ohne es zu wissen, etwas gewinselt haben) mich
vor der Tr gehrt, aufgemacht und meine Wunden bemerkt hatte. Armer Murr,
rief er, was haben sie mit dir gemacht? das hat tchtige Bisse gegeben - nun,
ich hoffe, du wirst deinen Gegnern nichts geschenkt haben! - Meister, dacht'
ich, wenn du wtest! und aufs neue fhlte ich mich von dem Gedanken des
vollstndig erfochtenen Sieges, der Ehre, die ich mir gewonnen, gar mchtig
erhoben. - Der gute Meister legte mich auf mein Lager, holte aus dem Schrank
eine kleine Bchse, in der Salbe befindlich, hervor, bereitete zwei Pflaster und
legte sie mir auf Ohr und Pfote. Ruhig und geduldig lie ich alles geschehen und
stie nur ein kleines leises Mrrr! aus, als der erste Verband mich etwas
schmerzen wollte. - Du bist, sprach der Meister, ein kluger Kater, Murr! du
verkennst nicht, wie andre knurrige Wildfnge deines Geschlechts, die gute
Absicht deines Herrn. Halt dich nur ruhig, und wenn es Zeit ist, da du die
Wunde an der Pfote heil leckst, so wirst du schon selbst den Verband lsen. Was
aber das wunde Ohr betrifft, so kannst du nichts dafr tun, armer Geselle, und
mut das Pflaster leiden.
    Ich versprach das dem Meister und reichte zum Zeichen meiner Zufriedenheit
und Dankbarkeit fr seine Hilfe ihm meine gesunde Pfote hin, die er wie
gewhnlich nahm und leise schttelte, ohne sie im mindesten zu drcken. - Der
Meister verstand mit gebildeten Katern umzugehen.
    Bald sprte ich die wohlttige Wirkung der Pflaster und war froh, da ich
des kleinen aschgrauen Chirurgus fatales Hausmittel nicht angenommen. Muzius,
der mich besuchte, fand mich heiter und krftig. Bald war ich imstande ihm zu
folgen zur Burschenkneiperei. Man kann denken, mit welchem unbeschreiblichen
Jubel ich empfangen wurde. Allen war ich doppelt lieb geworden.
    Von nun an fhrte ich ein kstliches Burschenleben und bersah es gern, da
ich dabei die besten Haare aus dem Pelze verlor. - Doch gibt es hienieden ein
Glck, das von Dauer sein sollte? Lauert bei jeder Freude, die man geniet,
nicht schon der -
    (Mak. Bl.) - hohen und steilen Hgel, im flachen Lande htte er fr einen
Berg gegolten, belegen. Ein breiter, bequemer, von duftendem Gebsch
eingeschlossener Weg, an dessen beiden Seiten hufig angebrachte steinerne Sitze
und Lauben die gastliche Sorge fr die wandernden Pilger bewiesen, fhrte
hinauf. Oben angekommen, gewahrte man erst die Gre und Pracht des Gebudes,
das man in der Ferne nur fr eine einzeln dastehende Kirche gehalten. Wappen,
Bischofsmtze, Krummstab und Kreuz, ber dem Tor in Stein gehauen, zeigten, da
sonst hier eine bischfliche Residenz gewesen, und die Inschrift: Benedictus,
qui venit in nomine domini lud fromme Gste ein zum Eintritt. Aber jeder, der
eingetreten, blieb wohl unwillkrlich stehen, berrascht, erfat von dem Anblick
der Kirche, die mit ihrer prchtigen, im Stil des Palladio erbauten Faade, mit
ihren beiden hohen luftigen Trmen in der Mitte stand als Hauptgebude, an das
sich von beiden Seiten Flgel anschlossen. In dem Hauptgebude befanden sich
noch die Zimmer des Abts, in den Seitenflgeln dagegen die Wohnungen der Mnche,
das Refektorium, andere Versammlungssle, sowie auch Zimmer zur Aufnahme
einkehrender Fremden. Unfern dem Kloster lagen die Wirtschaftsgebude, die
Meierei, das Haus des Amtmanns; tiefer im Tal umflocht aber das schne Dorf
Kanzheim den Hgel mit der Abtei wie ein bunter ppiger Kranz.
    Dieses Tal breitete sich aus bis an den Fu des fernen Gebirges. Zahlreiche
Herden weideten in den von spiegelhellen Bchen durchschnittenen Wiesengrnden,
frhlich zogen die Landleute aus den Drfern, die hin und wieder verstreut
lagen, durch die reichen Kornfelder, jubelnder Gesang der Vgel scholl aus den
anmutigen Gebschen, sehnschtiger Hrnerschall rief herber aus der fernen
dunklen Waldung, beschwingt mit weien Segeln, glitten schwer beladene Khne auf
dem breiten Flu, der das Tal durchstrmte, schnell vorber, und man vernahm die
frohen Gre der Schiffer. berall ppige Flle, reichlich gespendeter Segen der
Natur, berall reges, ewig forttreibendes Leben. Die Aussicht in die lachende
Landschaft vom Hgel herab, aus den Fenstern der Abtei, erhob das Gemt und
erfllte es zugleich mit innigem Wohlbehagen.
    Mocht' es sein, da man dem innern Schmuck der Kirche, der edlen, grandiosen
Grundanlage unerachtet, bei dem vielen bunten, vergoldeten Schnitzwerk und der
kleinlichen Bilderei mit Recht den Vorwurf der berladung, des mnchischen
Ungeschmacks machen knnte, so fiel dafr der reine Stil, in dem die Zimmer des
Abts gebaut und verziert waren, desto mehr ins Auge. Aus dem Chor der Kirche
trat man unmittelbar in einen gerumigen Saal, der zur Versammlung der
Geistlichen und zugleich zur Aufbewahrung der Instrumente und Musikalien diente.
Aus diesem Saal fhrte ein langer Korridor, der eine jonische Sulenstellung
bildete, in die Gemcher des Abts. Seidene Tapeten, auserlesene Gemlde der
besten Meister aus verschiedenen Schulen, Bsten, Staten groer Mnner der
Kirche, Teppiche, zierlich ausgelegte Fubden, kostbares Gert, alles deutete
hier auf den Reichtum des wohldotierten Klosters. Dieser Reichtum, der in dem
Ganzen herrschte, war aber nicht jener glnzende Prunk, der das Auge blendet,
ohne ihm wohlzutun, und der Staunen, aber nicht Wohlbehagen erzeugt. Alles war
an seiner rechten Stelle angebracht, nichts wollte prahlerisch die
Aufmerksamkeit fr sich allein fesseln und die Wirkung des andern zerstren, und
so dachte man nicht an die Kostbarkeit dieses, jenes einzelnen Schmucks, sondern
fhlte sich von dem Ganzen gemtlich angeregt. Das durchaus Gehrige in der
Anordnung brachte diesen gemtlichen Eindruck hervor, und eben das richtig
entscheidende Gefhl des Gehrigen mchte wohl das sein, was man guten Geschmack
zu nennen pflegt. Das Bequeme, Wohnliche dieser Gemcher des Abts grenzte an das
ppige, ohne in der Tat ppig zu werden, und so durfte es keinen Ansto geben,
da ein Geistlicher alles dies selbst angeordnet und herbeigeschafft. Der Abt
Chrysostomus hatte, als er vor wenigen Jahren nach Kanzheim kam, die abteiliche
Wohnung einrichten lassen, wie sie sich jetzt fand, und sein ganzer Charakter,
seine ganze Art zu sein sprach sich schon lebhaft aus in dieser Einrichtung, ehe
man ihn selbst sah und bald die hohe Stufe seiner geistigen Bildung gewahrte.
Noch in den vierziger Jahren, gro, wohlgebaut, geistvollen Ausdruck im mnnlich
schnen Antlitz, Anmut und Wrde im ganzen Betragen, flte der Abt jedem, der
sich ihm nahte, die Ehrfurcht ein, die sein Stand forderte. Eifriger Kmpfer fr
die Kirche, rastloser Verfechter der Rechte seines Ordens, seines Klosters,
schien er doch nachgiebig und duldsam. Aber eben diese scheinbare Nachgiebigkeit
war eine Waffe, die er wohl zu fhren und damit jeden Widerstand, selbst den der
obersten Gewalt, zu besiegen wute. Durfte man denn auch ahnen, da hinter
einfachen salbungsreichen Worten, die aus dem treusten Herzen zu kommen
schienen, sich mnchische Schlauheit verberge, so gewahrte man nur die
Gewandtheit eines eminenten Geistes, der in die tiefern Verhltnisse der Kirche
eingedrungen. Der Abt war ein Zgling der Propaganda in Rom. - Selbst gar nicht
geneigt, den Ansprchen des Lebens zu entsagen, insofern sie mit geistlicher
Sitte und Ordnung vertrglich, lie er seinen zahlreichen Untergebenen alle
Freiheit, die sie nur nach ihrem Stande fordern konnten. So kam es denn, da,
whrend einige dieser, jener Wissenschaft ergeben, in einsamer Zelle studierten,
andere lustig umherschwrmten in dem Park der Abtei und sich erlustigten im
heitern Gesprch, whrend einige, zu schwrmerischer Andacht geneigt, fasteten
und ihre Zeit hinbrachten in stetem Gebet, andere sich es wohl schmecken lieen
an der reichbesetzten Tafel und ihre religisen bungen auf die Ordensregel
beschrnkten, whrend einige die Abtei nicht verlassen mochten, andere sich auf
weitere Wege begaben, auch wohl, kam die Zeit heran, das lange Priestergewand
vertauschten mit dem kurzen Jgerrock und sich als wackre Weidmnner
herumtummelten. Waren nun aber die Neigungen der Brder verschieden, und durfte
jeder der seinigen nachhngen, wie er wollte, so kamen sie alle in der
enthusiastischen Vorliebe fr die Musik berein. Beinahe ein jeder war
ausgebildeter Musiker, und es gab Virtuosen unter ihnen, die der besten
frstlichen Kapelle Ehre gemacht haben wrden. Eine reiche Musikaliensammlung,
eine Auswahl der vortrefflichsten Instrumente setzte jeden in den Stand, die
Kunst zu treiben, wie er wollte, und hufige Auffhrungen auserlesener Werke
erhielten jeden in praktischer bung.
    Eben diesem musikalischen Treiben gab nun Kreislers Ankunft in der Abtei
einen neuen Schwung. Die Gelehrten schlugen ihre Bcher zu, die Andchtigen
krzten ihre Gebete ab, alle versammelten sich um Kreisler, den sie liebten, und
dessen Werke sie hochschtzten wie keine anderen. Der Abt selbst hing ihm an mit
inniger Freundschaft, und er sowie alle brigen beeiferten sich, ihm ihre
Achtung, ihre Liebe darzutun, wie sie es nur vermochten. War nun die Gegend, in
der die Abtei lag, ein Paradies zu nennen, gewhrte das Leben im Kloster die
bequemste Behaglichkeit, wozu ein leckrer Tisch und edler Wein, fr den der
Vater Hilarius sorgte, wohl auch zu rechnen, herrschte unter den Brdern die
gemtliche Heiterkeit, welche von dem Abt selbst ausging, schwamm berdem
Kreisler, den die Kunst rastlos beschftigte, recht in seinem Elemente, so
konnt' es nicht fehlen, da sein bewegtes Gemt ruhig wurde wie seit langer Zeit
nicht mehr. Selbst der Zorn seines Humors dmpfte sich, er wurde sanft und weich
wie ein Kind. Aber noch mehr als das alles, er glaubte an sich selbst,
verschwunden war jener gespenstische Doppeltgnger, der emporgekeimt aus den
Blutstropfen der zerrissenen Brust. -
    Irgendwo5 heit es von dem Kapellmeister Johannes Kreisler, da seine
Freunde es nicht dahin htten bringen knnen, da er eine Komposition
aufgeschrieben, und sei dies wirklich einmal geschehen, so habe er doch das
Werk, soviel Freude er auch ber das Gelingen geuert, gleich nachher ins Feuer
geworfen. - So mag es sich begeben haben in einer sehr verhngnisvollen Zeit,
die dem armen Johannes den rettungslosen Untergang drohte, von der gegenwrtiger
Biograph bis jetzt aber nicht recht viel wei. Jetzt in der Abtei Kanzheim
wenigstens htete sich Kreisler wohl, die Kompositionen zu vernichten, die recht
aus seinem Innersten hervorgingen, und seine Stimmung sprach sich in dem
Charakter ser wohltuender Wehmut aus, den seine Werke trugen, statt da er
sonst nur zu oft im mchtigen Zauber aus der Tiefe der Harmonik die gewaltigen
Geister hinaufbeschwor, die die Furcht, das Entsetzen, alle Qualen
hoffnungsloser Sehnsucht aufregen in der menschlichen Brust. -
    - Man hatte eines Abends im Chor der Kirche die letzte Probe eines Hochamts
gehalten, mit dem Kreisler fertig worden und das am folgenden Morgen aufgefhrt
werden sollte. Die Brder waren zurckgekehrt in ihre Zellen, Kreisler allein
weilte in dem Sulengange und schaute hinaus in die Gegend, die im Schimmer der
letzten Strahlen der sinkenden Sonne vor ihm lag. Da war es ihm, als vernhme er
aus weiter Ferne noch einmal sein Werk, das ihm eben lebendig dargestellt von
den Brdern. Als nun aber das Agnus dei kam, da erfate ihn aufs neue und
strker die namenlose Wonne jener Augenblicke, in denen ihm dieses Agnus
aufgegangen. Nein, rief er aus, indem glhende Trnen seine Augen fllten;
nein! - ich bin es nicht, du allein! du mein einziger Gedanke, du mein einziges
Sehnen! -
    Wunderbar war es wohl, auf welche Weise Kreisler diesen Satz, in dem der
Abt, die Brder den Ausdruck der brnstigsten Andacht, der himmlischen Liebe
selbst fanden, hervorgebracht hatte. Ganz erfllt von dem Hochamt, das er zu
setzen begonnen, aber noch lange nicht vollendet hatte, trumte er in einer
Nacht, der Heiligentag, fr den die Komposition bestimmt, sei da, das Hochamt
eingelutet, er stehe an dem Pult, die fertige Partitur vor sich, der Abt,
selbst Messe lesend, intoniere, und sein Kyrie fange an. -
    Satz auf Satz folge nun, die Auffhrung, gediegen und kraftvoll, berrasche
ihn, reie ihn fort bis zum Agnus dei. Da gewahre er zu seinem Schreck in der
Partitur weie Bltter, keine Note aufgeschrieben, die Brder schauten ihn, der
pltzlich den Taktstock sinken lassen, an, gewrtig, da er endlich anfangen,
da die Stockung endlich aufhren werde. Aber bleischwer drcke ihn Verlegenheit
und Angst nieder, und er knne, ungeachtet er das ganze Agnus fertig in seiner
Brust bewahre, nur es nicht herausbringen in die Partitur. Da erschiene aber
pltzlich eine holde Engelsgestalt, trete an den Pult, snge das Agnus mit Tnen
des Himmels, und diese Engelsgestalt wre Julia! - Im Entzcken hoher
Begeisterung erwachte Kreisler und schrieb das Agnus auf, das im seligen Traum
ihm aufgegangen. - Und diesen Traum trumte Kreisler nun noch einmal, er vernahm
Julias Stimme, hher und hher schlugen die Wellen des Gesanges, als nun der
Chor einfiel: Dona nobis pacem, er wollte untergehen in dem Meer von tausend
seligen Wonnen, das ihn berstrmte.
    Ein leiser Schlag auf die Schulter weckte Kreisler aus der Ekstase, in die
er geraten. Es war der Abt, der vor ihm stand und ihn mit Wohlgefallen
anblickte.
    Nicht wahr, begann der Abt, nicht wahr, mein Sohn Johannes, was du tief
in deinem Gemt empfunden, was dir gelang, herrlich und krftig in das Leben zu
rufen, das erfreut jetzt deine ganze Seele? - Ich meine, du dachtest an dein
Hochamt, das ich zu den besten Werken zhle, die du jemals geschaffen.
    Kreisler starrte den Abt stillschweigend an, noch war er keines Wortes
mchtig.
    Nun, nun, fuhr der Abt lchelnd fort, steige herab aus der obern Region,
zu der du dich hinaufgeschwungen! - Ich glaube gar, du komponierst in Gedanken
und lssest so nicht ab von der Arbeit, die dir freilich eine Lust ist, wiewohl
eine gefhrliche, da sie zuletzt deine Krfte aufzehrt. Entschlage dich jetzt
aller schaffenden Gedanken, la uns in diesem khlen Gange auf und ab wandeln
und unbefangen miteinander plaudern.
    Der Abt sprach nun von den Einrichtungen des Klosters, von der Lebensweise
der Mnche, rhmte den wahrhaft heiter-frommen Sinn, den alle in sich trgen,
und fragte zuletzt den Kapellmeister, ob er (der Abt) sich nicht tusche, wenn
er bemerkt zu haben glaube, da Kreisler seit den Monaten, da er sich in der
Abtei befinde, ruhiger, unbefangener, dem ttigen Forttreiben in der hohen
Kunst, die den Dienst der Kirche verherrliche, geneigter geworden.
    Kreisler konnte nicht anders als dies zugeben und berdies versichern, da
die Abtei sich ihm aufgetan wie ein Asyl, in das er geflchtet, und da er sich
so heimisch dnke, als sei er wirklich Ordensbruder und werde das Kloster
niemals mehr verlassen.
    Lassen Sie, so endete Kreisler, lassen Sie mir, ehrwrdiger Herr, die
Tuschung, die dies Kleid befrdert. Lassen Sie mich glauben, da, von
bedrohlichem Sturm verschlagen, mich die Gunst des vershnten Geschicks an einem
Eilande stranden lie, wo ich geborgen, wo nie mehr der schne Traum zerstrt
werden kann, der nichts anders ist, als die Begeisterung der Kunst selbst.
    In der Tat, erwiderte der Abt, indem eine besondere Freundlichkeit sein
Antlitz berstrahlte, in der Tat, mein Sohn Johannes, das Kleid, das du
angelegt, um als unser Bruder zu erscheinen, steht dir wohl, und ich wollte, da
du es nie wieder ablegtest. Du bist der wrdigste Benediktiner, den man nur
sehen kann.
    Doch, fuhr der Abt nach einem kurzen Stillschweigen fort, indem er
Kreislers Hand fate, doch, kein Scherz ist hier zu treiben. Sie wissen, mein
Johannes, wie lieb Sie mir gewesen sind seit dem Augenblick, als ich Sie kennen
lernte, wie meine innige Freundschaft, sich mit der hohen Achtung fr Ihr
ausgezeichnetes Talent paarend, immer hher gestiegen ist. Fr den, den man
liebt, wird man mit Sorge erfllt, und eben diese Sorge war es, die mich Sie
seit der Zeit Ihres Aufenthalts im Kloster bis zur ngstlichkeit beobachten
lie. Das Resultat dieser Beobachtungen brachte mich zu einer berzeugung, die
ich nicht aufgeben darf! - Lngst wollt' ich Ihnen in dieser Hinsicht mein
ganzes Herz ffnen, ich wartete auf einen gnstigen Augenblick, er ist gekommen!
- Kreisler! Entsagen Sie der Welt, treten Sie in unsern Orden! -
    So sehr sich auch Kreisler in der Abtei gefiel, so willkommen es ihm war,
einen Aufenthalt verlngern zu knnen, der ihm Ruhe und Frieden gab, indem er
seine rege knstlerische Ttigkeit in Anspruch nahm, doch berraschte ihn der
Antrag des Abts auf beinahe unangenehme Weise, da er an nichts weniger mit
wirklichem Ernst gedacht als, seine Freiheit aufgebend, sich unter die Mnche
stecken zu lassen auf immer, wiewohl ihm manchmal schon solch eine Grille
aufgestiegen und dies vom Abt bemerkt sein mochte. Ganz verwundert schaute er
den Abt an, der ihn aber nicht zum Worte kommen lie, sondern fortfuhr: Hren
Sie mich erst ruhig an, Kreisler, ehe Sie mir antworten. Wohl mu es mir
angelegen sein, der Kirche einen tchtigen Diener zu gewinnen, indessen verwirft
die Kirche selbst jede knstliche berredung und will nur, da der innere Funke
der wahren Erkenntnis angeregt werde, damit er zur hell lodernden Flamme des
Glaubens aufleuchte und jede Betrung vernichte. Und so will ich nur das, was
dunkel und verworren vielleicht in Ihrer eignen Brust liegt, entfalten, Ihnen
selbst zur deutlichen Erkenntnis bringen. Darf ich zu Ihnen, mein Johannes, denn
von den aberwitzigen Vorurteilen sprechen, die man in der Welt gegen das
Klosterleben hegt? - Immer mu den Mnch irgendein ungeheures Schicksal in die
Klause getrieben haben, wo er, aller Lust der Welt entsagend, unter bestndiger
Qual ein trostloses Leben vertrauert. So wre das Kloster der finstre Kerker, wo
die trostloste Trauer um ewig verlornes Gut, die Verzweiflung, der Wahnsinn
erfinderischer Selbstqual sich eingesperrt, wo abgehrmte bleiche Todesgestalten
ein elendes Dasein hinschleppten und ihre herzzermalmende Angst aushauchten in
dampfmurmelnden Gebeten!
    Kreisler konnte sich nicht eines Lchelns erwehren, denn er gedachte, als
der Abt von abgehrmten bleichen Todesgestalten sprach, so manches wohlgenhrten
Benediktiners und vorzglich des wackern rotwangichten Hilarius, der keine
grere Qual kannte, als Wein zu trinken von schlechtem Gewchs, und nur die
Angst, die ihm eine neue Partitur verursachte, welche er nicht gleich verstand.
    Sie belcheln, sprach der Abt weiter, Sie belcheln den Kontrast des
Bildes, das ich aufstellte, mit dem Klosterleben, wie Sie es hier kennen
gelernt, und haben gewi Ursache dazu. - Mag es auch sein, da mancher,
zerrissen von irdischem Leid, alles Glck, alles Heil der Welt fr immer
aufgebend, in das Kloster flieht, wohl ihm dann, da die Kirche ihn aufnimmt und
er in ihrem Scho einen Frieden findet, der allein ihn ber alles erlittene
Ungemach trsten und ihn erheben kann ber das verderbliche Geschick im
weltlichen Treiben. Aber wie viele gibt es, die der wahre innere Hang zum
andchtigen kontemplativen Leben in das Kloster fhrt, die, ungefgig in der
Welt, jeden Augenblick verstrt durch das Andringen aller kleinlichen
Verhltnisse, wie sie sich nun einmal im Leben erzeugen, nur in selbstgewhlter
Einsamkeit sich wohl befinden. Dann gibt es aber andere, die ohne entschiedenen
Hang zum klsterlichen Leben doch nirgends anders hingehren als eigentlich ins
Kloster. - Ich meine diejenigen, die Fremdlinge in der Welt sind und bleiben,
weil sie einem hheren Sein angehren und die Ansprche dieses hheren Seins fr
die Bedingung des Lebens halten, so aber rastlos das verfolgend, was hienieden
nicht zu finden, ewig drstend in nie zu befriedigender Sehnsucht, hin und her
schwanken und vergeblich Ruhe suchen und Frieden, deren offne Brust jeder
abgeschossene Pfeil trifft, fr deren Wunden es keinen Balsam gibt als die
bittre Verhhnung des stets wider sie bewaffneten Feindes. Nur die Einsamkeit,
ein einfrmiges Leben ohne feindliche Unterbrechung und vor allem das stete
freie Aufschauen zur Lichtwelt, der sie angehren, kann das Gleichgewicht
herstellen und sie im Innern eine berirdische Zufriedenheit fhlen lassen, die
in dem wirren Treiben der Welt nicht zu erringen. - Und Sie - Sie, mein
Johannes, gehren zu diesen Menschen, die die ewige Macht im Druck des Irdischen
hoch erhebt zum Himmlischen. Das rege Gefhl des hhern Seins, das Sie ewig mit
dem schalen irdischen Treiben entzweien wird, entzweien mu, strahlt mchtig
heraus in der Kunst, die einer andern Welt gehrt und die, ein heiliges
Geheimnis der himmlischen Liebe, mit Sehnsucht in Ihrer Brust verschlossen ist.
Die glhendste Andacht selbst ist diese Kunst, und, ihr ganz ergeben, haben Sie
nichts mehr gemein mit einer buntscheckigen Welttndelei, die Sie von sich
werfen mit Verachtung, wie der zum Jngling gereifte Knabe das abgenutzte
Spielzeug. - Entfliehen Sie fr immer den aberwitzigen Neckereien hohnlchelnder
Toren, die Sie, mein armer Johannes, oft geqult haben bis aufs Blut! - Der
Freund breitet die Arme aus, Sie zu empfangen, Sie einzufhren in den sichern
Port, den kein Gewittersturm bedroht! -
    Tief, sprach Johannes, da der Abt schwieg, ernst und dster, tief fhle
ich die Wahrheit Ihrer Worte, mein ehrwrdiger Freund! tief, da ich wirklich
nicht in eine Welt tauge, die sich mir gestaltet wie ein ewiges rtselhaftes
Miverstndnis. Und doch - ich gestehe es frei, erregt mir der Gedanke Schauer
auf Kosten so mancher berzeugung, die ich mit der Muttermilch eingesogen, dies
Kleid zu tragen, wie einen Kerker, aus dem ich nimmer wieder heraus kann. Es ist
mir, als wenn dem Mnch Johannes dieselbe Welt, in der der Kapellmeister
Johannes doch so manches hbsche Grtlein voll duftender Blumen fand, pltzlich
eine de unwirtbare Wste sein wrde, als wenn, einmal in das rege Leben
verflochten, die Entsagung -
    Entsagung, unterbrach der Abt den Kapellmeister mit erhhter Stimme,
Entsagung? - Gibt es fr dich, Johannes, eine Entsagung, wenn der Geist der
Kunst immer mchtiger wird in dir, wenn du mit starkem Fittich dich erhebst in
die leuchtenden Wolken? - Welche Lust des Lebens gibt es denn noch, die dich
betren knnte? Doch (so fuhr der Abt mit sanfterer Stimme fort) doch wohl hat
die ewige Macht ein Gefhl in unsere Brust gelegt, das mit unbesiegbarer Gewalt
unser ganzes Wesen erschttert; es ist das geheimnisvolle Band, das Geist und
Krper verbindet, indem jener nach dem hchsten Ideal einer chimrischen
Glckseligkeit zu streben vermeint und doch nur will, was dieser als notwendiges
Bedrfnis in Anspruch nimmt, und so eine Wechselwirkung entsteht, die in der
Fortexistenz des menschlichen Geschlechts bedingt ist. - Nicht hinzufgen darf
ich, da, ich von der Geschlechtsliebe spreche, und da, ich es allerdings fr
nichts Geringes achte, ihr ganz zu entsagen. - Doch, Johannes, wenn du entsagst,
so rettest du dich vom Verderben; niemals, niemals kannst du, wirst du des
eingebildeten Glcks der irdischen Liebe teilhaftig werden.
    Der Abt sprach die letzten Worte so feierlich, mit solcher Salbung, als lge
das Buch des Schicksals offen vor ihm, und er verkndige daraus dem armen
Kreisler alles bedrohliche Leid, dem zu entgehen, er sich hineinretten msse ins
Kloster.
    Da begann aber auf Kreislers Antlitz jenes seltsame Muskelspiel, das den
Geist der Ironie zu verknden pflegte, der seiner mchtig worden. Hoho, sprach
er, hoho! Ew. Hochehrwrden haben unrecht, haben durchaus unrecht. Ew.
Hochwrden irren sich in meiner Person, werden konfuse durch das Gewand, das ich
angelegt, um en masque einige Zeit hindurch die Leute zu foppen und, selbst
unerkannt, ihnen ihre Namen in die Hand zu schreiben, damit sie wissen, woran
sie sind! - Bin ich denn nicht ein passabler Mensch, noch in den besten Jahren,
von leidlich hbschem Ansehn und sattsam gebildet und artig? - Kann ich nicht
den schnsten schwarzen Frack ausbrsten, ihn anlegen und, was die Unterkleider
betrifft, ganz Seide keck hineintreten vor jede rotwangichte Professors-, vor
jede blau- oder braunugichte Hofratstochter und, alle Sigkeit des
zierlichsten Amoroso in Gebrde, Antlitz und Ton, ohne weiteres fragen:
Allerschnste, wollen Sie mir Ihre Hand geben und Ihre ganze werte Person dazu,
als Attinenz derselben? Und die Professorstochter wurde die Augen niederschlagen
und ganz leise lispeln Sprechen Sie mit Papa! oder die Hofratstochter mir gar
einen schwrmerischen Blick zuwerfen und dann versichern, wie sie schon lange im
stillen die Liebe bemerkt, der ich nun erst Sprache geliehen, und beilufig vom
Besatz des Brautkleides sprechen. Und, o Gott! die respektiven Herrn Vter, wie
gern wrden sie die Tochter losschlagen auf das Gebot einer solchen respektablen
Person als es ein groherzoglicher Exkapellmeister ist! - Aber ich knnte mich
auch versteigen in das hhere Romantische, eine Idylle beginnen und der glauen
Pachterstochter mein Herz offerieren und meine Hand, wenn sie eben Ziegenkse
bereitet, oder, ein zweiter Notar Pistofolus, in die Mhle laufen und meine
Gttin suchen in den Himmelswolken des Mehlstaubs! - Wo wrde ein treues
ehrliches Herz verkannt werden, das nichts will, nichts verlangt als Hochzeit -
Hochzeit - Hochzeit! - Kein Glck in der Liebe? - Ew. Hochehrwrden bedenken gar
nicht, da ich eigentlich recht der Mann dazu bin, um in der Liebe ganz horrend
glcklich zu sein, deren einfaches Thema weiter nichts ist als: Willst du mich,
so nehm' ich dich! dessen weitere Variationen nach dem Allegro brillante der
Hochzeit dann in der Ehe weiter fortgespielt werden. Ew. Hochehrwrden wissen
ferner nicht, da ich schon vor mehrerer Zeit sehr ernsthaft daran gedacht, mich
zu vermhlen. Ich war damals freilich noch ein junger Mensch von weniger
Erfahrung und Ausbildung, nmlich erst sieben Jahr alt, aber das
dreiunddreiigjhrige Frulein, das ich zu meiner Braut erkieset, versprach mir
doch mit Hand und Mund, keinen andern Mann zu nehmen als mich, und ich wei
selbst nicht, warum sich die Sache nachher zerschlug. Bemerken Ew. Hochehrwrden
doch nur, da mir das Glck der Liebe lachte von Kindesbeinen an, und nun -
Seidene Strmpfe her - seidene Strmpfe her - Schuhe her, um gleich mit beiden
Freiersfen hineinzufahren und unmig zu rennen nach der, die schon den
niedlichsten Zeigefinger ausgestreckt hat, damit er stracks bereift werde. -
Wre es nicht fr einen ehrsamen Benediktiner unanstndig, sich in Hasensprngen
zu erlustieren, ich tanzte sogleich hier auf der Stelle vor Ew. Hochehrwrden
Augen einen Matelot oder eine Gavotte oder einen Hopswalzer aus purer Freude,
die mich ganz bernimmt, wenn ich nur an Braut und Hochzeit denke. - Hoho! - was
Liebesglck und Heirat betrifft, da bin ich ein ganzer Kerl! - Ich wnschte, Ew.
Hochehrwrden mchten das einsehen. - Ich habe, erwiderte der Abt als
Kreisler nun endlich innehielt, ich habe Sie nicht unterbrechen mgen in Ihren
seltsamen Scherzreden, Kapellmeister, die eben das beweisen, was ich behaupte. -
Wohl fhle ich auch den Stachel, der mich verwunden sollte, aber nicht verwundet
hat! - Wohl mir, da ich nie an jene chimrische Liebe geglaubt, die krperlos
in den Lften schwebt und nichts gemein haben soll mit dem Bedingnis des
menschlichen Prinzips! - Wie ist es mglich, da Sie bei dieser krankhaften
Spannung des Geistes - Doch genug hievon! - Es ist an der Zeit, dem bedrohlichen
Feinde nher zu treten, der Sie verfolgt - Haben Sie whrend Ihres Aufenthalts
in Sieghartshof nicht von dem Schicksal jenes unglcklichen Malers, jenes
Leonhard Ettlinger gehrt? - Kreislern durchfuhren die Schauer das unheimlichen
Grauens, als der Abt diesen Namen nannte. Weggelscht vom Antlitz war jede Spur
jener bittern Ironie, die ihn zuvor erfat, und er fragte mit dumpfer Stimme:
Ettlinger? - Ettlinger? was soll mir der? - was habe ich mit dem zu schaffen? -
Nie hab' ich ihn gekannt, nur ein Spiel erhitzter Phantasie war es, als ich
einmal whnte, er sprche zu mir herauf aus dem Wasser.
    Ruhig, sprach der Abt sanft und milde, indem er Kreislers Hand fate,
ruhig, mein Sohn Johannes! - Nichts hast du gemein mit jenem Unglcklichen, den
die Verirrung einer zu mchtig gewordenen Leidenschaft in das tiefste Verderben
strzte. Doch zum warnenden Beispiel mag dir sein entsetzliches Schicksal
dienen. Mein Sohn Johannes! - auf noch schlpfrigerem Wege befindest du dich als
jener, drum entflieh - entflieh! - Hedwiga! - Johannes! ein bser Traum hlt die
Prinzessin fest in Banden, die unauflslich scheinen, wenn ein freier Geist sie
nicht durchschneidet! - Und du? -
    Tausend Gedanken gingen auf in Kreisler bei diesen Worten des Abts. Er
gewahrte, da der Abt nicht allein mit allen Begebnissen des frstlichen Hauses
zu Sieghartshof, sondern auch mit dem bekannt war, was sich dort whrend seines
Aufenthalts zugetragen. Klar wurd' es ihm, da die krankhafte Reizbarkeit der
Prinzessin wohl in seiner Annherung eine Gefahr befrchten lassen, an die er
gar nicht gedacht, und eben diese Furcht, wer anders konnte sie hegen und darum
wnschen, da er vom Schauplatz ganz abtrete, als die Benzon? - Eben diese
Benzon mute mit dem Abt in Verbindung stehen, von seinem (Kreislers) Aufenthalt
in der Abtei unterrichtet sein, und so war sie die Triebfeder alles Beginnens
des ehrwrdigen Herrn. Lebhaft gedachte er aller Momente, in denen die
Prinzessin wirklich, wie von einer im Innern aufkeimenden Leidenschaft befangen,
erschienen, aber, selbst wute er nicht, warum bei dem Gedanken, da er selbst
der Gegenstand jener Leidenschaft sein knne, es ihn erfate wie
Gespensterfurcht. Es war ihm, als wolle eine fremde geistige Macht gewaltsam in
sein Inneres dringen und ihm die Freiheit des Gedankens rauben. Prinzessin
Hedwiga stand pltzlich vor ihm, starrte ihn an mit jenem seltsamen Blick, der
ihr eigen, aber in dem Augenblick drhnte ein Pulsschlag ihm durch alle Nerven,
wie damals, als er zum erstenmal der Prinzessin Hand berhrte. Doch war ihm auch
nun jene unheimliche Angst entnommen, er fhlte eine elektrische Wrme wohlttig
sein Inneres durchgleiten, er sprach leise wie im Traum: Kleiner schalkischer
Raja torpedo, neckst du mich schon wieder und weit doch, da du nicht
ungestraft verwunden darfst, da ich aus reiner Liebe zu dir Benediktinermnch
geworden?
    Der Abt betrachtete den Kapellmeister mit durchbohrendem Blick, als wollte
er sein ganzes Ich durchschauen, und begann dann ernst und feierlich: Mit wem
redest du, mein Sohn Johannes?
    Kreisler wurde aber wach aus seinen Trumen; es fiel ihm ein, da der Abt,
war er von allem, was sich in Sieghartshof zugetragen, unterrichtet, vor allen
Dingen den weiteren Verlauf der Katastrophe, die ihn fortgetrieben, wissen
mute, und wohl war ihm daran gelegen, mehr davon zu erfahren.
    Mit, erwiderte er dem Abt, skurril lchelnd, mit niemanden anders sprach
ich, hochehrwrdiger Herr, als, wie Sie ja vernommen haben, mit einer
schalkischen Raja torpedo, die sich ganz unberufenerweise in unser vernnftiges
Gesprch mischen und mich noch konfuser machen wollte, als ich es schon wirklich
bin. - Doch aus allem mu ich ja zu meinem groen Leid gewahren, da diverse
Leute mich fr ebensolch einen groen Narren halten als den seligen
Hofportrtisten Leonardus Ettlinger, der eine erhabene Person, die sich
natrlicherweise aus ihm gar nichts machen konnte, nicht blo malen wollte,
sondern auch lieben, und zwar so ganz ordinr wie Hans seine Grete. O Gott! hab'
ich es denn jemals an Respekt fehlen lassen, wenn ich die schnsten Akkorde
griff zu schnder Singefaselei! - Habe ich jemals unziemliche oder grillenhafte
Materien aufs Tapet zu bringen gewagt, von Entzcken und Schmerz, von Liebe und
Ha, wenn der kleine frstliche Eigensinn sich seltsam gebrden in allerlei
wunderbaren Gemtsergtzlichkeiten und ehrsame Leute vexieren wollte mit
magnetischen Visionen? - habe ich solches jemals getan? Sagt -
    Doch, unterbrach ihn der Abt, doch sprachst du, mein Johannes, einst von
der Liebe des Knstlers -
    Kreisler starrte den Abt an, dann rief er, indem er die Hnde zusammenschlug
und den Blick aufwrts richtete: O Himmel! Das also! - Schtzbare Leute,
sprach er dann weiter, indem jenes skurrile Lcheln auf dem Antlitz wieder die
Oberhand gewann und dabei die innere Wehmut die Stimme beinahe erstickte,
schtzbare Leute allzumal, habt ihr denn nicht jemals irgendwo, sei es auch auf
ordinren Brettern, den Prinzen Hamlet zu einem ehrlichen Mann, Gldenstern
geheien, sagen gehrt: Ihr knnt mich zwar verstimmen, aber nicht auf mir
spielen? - Wetter! - das ist ja ganz mein Kasus! - Warum belauscht ihr den
harmlosen Kreisler, wenn der Wohllaut der Liebe, der in seiner Brust
verschlossen, euch nur mitnt? - O Julia! -
    Der Abt schien, pltzlich von etwas ganz Unerwartetem berrascht, vergebens
Worte zu suchen, whrend Kreisler vor ihm stand und ganz verzckt in das
Feuermeer schaute, das im Abend emporgewogt.
    Da erhoben sich die Glockentne von den Trmen der Abtei und zogen,
wunderbare Stimmen des Himmels, durch das golden leuchtende Abendgewlk.
    Mit euch, rief Kreisler, indem er beide Arme weit ausbreitete, mit euch
will ich ziehen, ihr Akkorde! Von euch getragen, soll sich aller trostlose
Schmerz emporrichten zu mir und sich selbst vernichten in meiner eignen Brust,
und eure Stimmen sollen wie himmlische Friedensboten es verknden, da der
Schmerz untergegangen in der Hoffnung, in der Sehnsucht der ewigen Liebe.
    Die Abendhora, sprach der Abt, wird eingelutet, ich hre die Brder
kommen. Morgen, mein lieber Freund, sprechen wir vielleicht weiter von manchen
Begebnissen in Sieghartshof. -
    Ei, rief Kreisler, dem nun erst wieder einfiel, was er von dem Abt zu
wissen verlangt, ei, hochehrwrdiger Herr, ich will viel erfahren von lustiger
Hochzeit und dergleichen! - Prinz Hektor wird doch nun nicht zaudern, die Hand
zu ergreifen, nach der er schon aus der Ferne gelangt? Dem herrlichen Brutigam
ist doch nichts Arges widerfahren?
    Da verschwand alles Feierliche aus des Abts Antlitz, und er sprach mit dem
gemtlichen Humor, der ihm sonst wohl eigen: Nichts ist dem herrlichen
Brutigam geschehen, mein ehrlicher Johannes, aber seinen Adjutanten soll im
Walde eine Wespe gestochen haben. - Hoho, erwiderte Kreisler, hoho! eine
Wespe, die er mit Feuer und Dampf vertreiben wollte!
    Die Brder traten in den Korridor und -
    (M. f. f.) - bse Feind und sucht den guten Bissen einem ehrlichen harmlosen
Kater recht vor dem Maule wegzuschnappen? - Nicht lange dauerte es nmlich, so
erhielt unser gemtliche Verein auf dem Dache einen Sto, der ihn erschtterte
zum gnzlichen Verfall. - Jener bse, alles katzliche Behagen verstrende Feind
erschien uns nmlich in der Gestalt eines gewaltigen wtenden Philisters, namens
Achilles. Mit seinem homerischen Namensvetter war er in weniger Hinsicht zu
vergleichen, man mte denn annehmen, da des letzteren Heldentum vorzglich
auch in einer gewissen unbehilflichen Tappigkeit und in groben topfhohlen
Redensarten bestanden. Achilles war eigentlich ein gemeiner Fleischerhund, stand
aber in Diensten als Hofhund, und der Herr, bei dem er in Dienst getreten, hatte
ihn, um sein Attachement an das Haus zu befestigen, anketten lassen, so da er
nur des Nachts frei umherlaufen konnte. Mancher von uns bedauerte ihn sehr,
trotz seines unleidlichen Wesens, er aber lie sich den Verlust seiner Freiheit
gar nicht zu Herzen gehen, da er tricht genug war, zu vermeinen, die schwer
lastende Kette gereiche ihm zur Ehre und Zierde. Achilles fand sich nun zu
seinem nicht geringen Verdru durch unsere Konvivia in der Nacht, wenn er
umherlaufen und das Haus beschtzen sollte gegen jede Unbill, im Schlafe gestrt
und drohte uns als Ruhestrern Tod und Verderben. Da er aber seiner
Unbehilflichkeit halber nicht einmal auf den Boden, geschweige denn auf das Dach
kommen konnte, so machten wir uns aus seinen Drohungen auch nicht das
allermindeste, sondern trieben unser Wesen so nach- wie vorher. Achilles nahm
andere Maregeln; er begann den Angriff gegen uns, wie ein guter General manche
Schlacht, mit verdeckten Angriffen und dann mit offenbarer Plnkelei.
    Verschiedene Spitze, denen Achilles zuweilen die Ehre antat, mit ihnen zu
spielen, indem er sie mit seinen ungeschickten Tatzen handhabte, muten nmlich
auf sein Gehei, sobald wir unsern Gesang begannen, dermaen bestialisch bellen,
da wir keine vernnftige Note verstehen konnten! - Noch mehr! - Bis auf den
Dachboden drangen einige dieser Philisterknechte und trieben, ohne sich mit uns,
wenn wir ihnen die Krallen zeigten, auf irgendeinen offnen ehrlichen Kampf
einlassen zu wollen, solch einen frchterlichen Lrm mit Schreien und Bellen,
da, wurde erst nur der Hofhund in seinem Schlaf gestrt, jetzt der Herr des
Hauses selbst kein Auge zudrcken konnte und, da der Zeterspektakel gar nicht
enden wollte, die Hetzpeitsche ergriff, um die Tumultuanten ber seinem Haupte
zu vertreiben.
    - O Kater, der du dieses liesest, ist dir, trgst du wahren mnnlichen Sinn
in der Brust, hellen Verstand im Kopf, hast du keine verwhnten Ohren, ist dir,
sage ich, denn jemals etwas abscheulicher, widriger, verhater und dabei
erbrmlicher vorgekommen als das kreischende, gellende, durch alle Tonarten
dissonierende Gebelle in Harnisch geratener Spitze? - Diese kleinen wedelnden,
schmatzenden, sich niedlich gebrdenden Kreaturen, nimm dich fr sie in acht,
Kater! trau' ihnen nicht. Glaube mir, eines Spitzes Freundlichkeit ist
gefhrlicher als die hervorgestreckte Kralle des Tigers! - Schweigen wir von
bittren Erfahrungen, die wir in dieser Hinsicht leider! nur zu oft gemacht, und
kehren wir zurck zu dem ferneren Verlauf unsrer Geschichte.
    Also wie gesagt, der Herr ergriff die Peitsche, um die Tumultuanten vom
Boden zu vertreiben. Was aber geschah? die Spitze schwanzwedelten dem erzrnten
Herrn entgegen, leckten ihm die Fe und stellten ihm vor, wie aller Zeterlrm
nur seiner Ruhe wegen erhoben, unerachtet er eben dadurch aus aller behaglichen
Ruhe gekommen. Gebellt htten sie blo, um uns, die wir allerlei unduldsamen
Unfug trieben auf dem Dache mit Singen von Liedern in allzu hell klingenden
Tonarten u.d., zu verjagen. Der Herr lie sich leider durch der Spitze
geschwtzige Beredsamkeit um so mehr dahin bringen, alles zu glauben, als der
Hofhund, den er darum zu befragen nicht unterlie, in dem bittern Ha, den er
wider uns im Innern trug, es besttigte. Uns traf nun die Verfolgung! - berall
wurden wir vertrieben, von Hausknechten mit Besenstielen, mit geworfenen
Dachziegeln, ja! berall waren Schlingen und Fuchseisen aufgestellt, in die wir
uns verfangen sollten und leider! wirklich verfingen. Selbst mein lieber Freund
Muzius fiel ins Malheur, das heit in ein Fuchseisen, welches ihm die rechte
Hinterpfote jmmerlich zerquetschte!
    So war es um unser frhliches Zusammenleben geschehen, und ich kehrte zurck
unter den Ofen des Meisters, beweinend in tiefer Einsamkeit das Schicksal meiner
unglcklichen Freunde. -
    - Eines Tages trat Herr Lothario, der Professor der sthetik, in meines
Herrn Zimmer, und hinter ihm her - sprang Ponto hinein.
    Gar nicht zu sagen vermag ich, welch ein unangenehmes unheimliches Gefhl
mir Pontos Anblick verursachte. War er auch geradezu selbst weder Hofhund noch
Spitz, so gehrte er doch zu dem Geschlecht, dessen ble feindselige Gesinnung
mein Leben in der lustigen Katzburschen-Gesellschaft verstrt hatte, und schon
deshalb mir mitsamt aller Freundschaft, die er mir erwiesen, dennoch zweideutig.
bendem schien mir in Pontos Blick, in seinem ganzen Wesen etwas bermtiges,
Verhhnendes zu liegen, und ich beschlo daher, ihn lieber gar nicht zu
sprechen. Leise, leise schlich ich weg von meinem Kissen und war mit einem Satz
im Ofen, dessen Tre gerade offen stand, die ich hinter mir anzog.
    Herr Lothario sprach nun mit dem Meister so manches, was meine Teilnahme um
so weniger erregte, als ich meine ganze Aufmerksamkeit auf den jungen Ponto
gerichtet hatte, der, nachdem er, recht stutzermig ein Liedchen trllernd, im
Zimmer herumgetnzelt, auf die Fensterbank gesprungen war, zum Fenster
hinausschaute und, wie es Fanfarons zu tun pflegen, jeden Augenblick
vorbergehenden Bekannten zunickte, auch wohl gar ein wenig blaffte, gewi um
die Blicke vorbergehender Schnen seines Geschlechts auf sich zu ziehen. - An
mich schien der Leichtsinnige gar nicht zu denken, und unerachtet ich, wie
gesagt, ihn gar nicht zu sprechen wnschte, so war es mir doch gar nicht recht,
da er nicht nach mir fragte, gar keine Notiz von mir nahm.
    Ganz anderer und, wie es mich bednken wollte, viel artigerer und
vernnftigerer Gesinnung war der sthetische Professor, Herr Lothario, der,
nachdem er sich berall im Zimmer nach mir umhergeschaut, zu dem Meister sprach:
Aber wo ist denn Euer vortrefflicher Monsieur Murr! - .
    Es gibt fr einen ehrlichen Katzburschen keine schndere Benennung als das
fatale Wort: Monsieur, indessen mu man von sthetikern in der Welt viel leiden,
und so verzieh ich dem Professor die Unbill.
    Meister Abraham versicherte, da ich seit einiger Zeit meine eignen Gnge
gehabt und vorzglich nachts selten zu Hause gewesen, wovon ich denn mde und
ermattet geschienen. Soeben habe ich auf dem Kissen gelegen, und er wisse in der
Tat nicht, wohin ich eben jetzt so schnell verschwunden.
    Ich vermute, sprach der Professor weiter, ich vermute fast, Meister
Abraham, da euer Murr - Doch ist er auch hier irgendwo versteckt und lauscht? -
Lat uns doch einmal ein wenig nachsehen.
    Leise zog ich mich in den Hintergrund des Ofens, aber man kann denken, wie
ich die Ohren spitzte, da nun von mir die Rede. - Der Professor hatte vergebens
alle Winkel durchsucht zu nicht geringer Verwunderung des Meisters, der lachend
rief: In der Tat, Professor, Ihr tut meinem Murr unglaubliche Ehre an!
    Hoho, erwiderte der Professor, der Verdacht, den ich gegen Euch, Meister,
hege wegen des pdagogischen Experiments, vermge dessen ein Kater zum Dichter
und Schriftsteller wurde, kommt mir nicht aus der Seele. Gedenkt Ihr nicht mehr
des Sonetts, der Glosse, die mein Ponto Euerm Murr recht unter den Pfoten
weggeraubt? - Doch dem sei, wie ihm wolle, ich nutze Murrs Abwesenheit, um Euch
eine schlimme Vermutung mitzuteilen und Euch recht dringend zu empfehlen,
achtsam zu sein auf Murrs Betragen. - Sowenig ich mich sonst um Katzen
bekmmere, doch ist es mir nicht entgangen, da manche Kater, die sonst ganz
artig und manierlich waren, jetzt pltzlich ein Wesen annehmen, das gegen alle
Sitte und Ordnung grblich anstt.
    Statt wie sonst sich demtig zu biegen und zu schmiegen, stolzieren sie
trotzig daher und scheuen sich gar nicht, durch funkelnde Blicke, durch zorniges
Knurren ihre ursprngliche wilde Natur zu verraten, auch wohl gar die Krallen zu
zeigen. Sowenig sie auf ein bescheidenes stilles Betragen achten, ebenso wenig
ist ihnen daran gelegen, was das uere betrifft, als gesittete Weltleute zu
erscheinen. Da ist an kein Putzen dies Bartes, an kein Glnzendlecken des Fells,
an kein Abbeien der zu lang gewordenen Krallen zu denken; zottig und rauh mit
struppigem Schweif rennen sie daher, allen gebildeten Katzen ein Greuel und
Abscheu. Was aber vorzglich tadelnswert erscheint und nicht geduldet werden
darf, sind die heimlichen Zusammenknfte, die sie zur Nachtzeit halten und dabei
ein tolles Wesen treiben, welches sie Gesang nennen, unerachtet dabei nichts
vernehmbar als ein widersinniges Geschrei, dem es an schicklichem Takt,
ordnungsmiger Melodie und Harmonie gnzlich mangelt. Ich frchte, ich frchte,
Meister Abraham, da Euer Murr sich auf die schlechte Seite gelegt hat und
teilnimmt an jenen unanstndigen Belustigungen, die ihm nichts einbringen knnen
als tchtige Prgel. - Es sollte mir leid tun, wenn alle Mhe, die Ihr auf den
kleinen Grauen verwandt, umsonst wre und er sich trotz aller Wissenschaft zu
dem gewhnlichen wsten Treiben gemeiner liederlicher Kater herabliee. - Als
ich mich, meinen guten Muzius, meine hochherzigen Brder verkannt sah auf so
schnde Weise, entfloh mir unwillkrlich ein Schmerzenslaut. Was war das? rief
der Professor, ich glaube gar, Murr sitzt doch versteckt im Zimmer! - Ponto!
Allons! - Such', such'! - Mit einem Satz war Ponto herunter von der Fensterbank
und schnffelte im Zimmer umher. Vor der Ofentre blieb er stehen, knurrte,
bellte, sprang herauf. - Er ist im Ofen, das hat keinen Zweifel! So sprach der
Meister und ffnete die Tre. Ich blieb ruhig sitzen und blickte den Meister mit
klaren glnzenden Augen an. Wahrhaftig, rief der Meister, wahrhaftig, da
sitzt er ganz hinten im Ofen. - Nun? - bequemt Er sich hervorzukommen? - Ob Er
heraus will!
    Sowenig ich auch Lust hatte, meinen Versteck zu verlassen, so mute ich doch
wohl dem Befehl des Meisters gehorchen, wollte ich es nicht auf Gewalt gegen
mich ankommen lassen und dabei den krzeren ziehen. Langsam kroch ich daher
hervor. Kaum war ich aber an das Tageslicht gekommen, als beide, der Professor
und der Kleister, laut riefen: Murr! - Murr! wie siehst du aus! - Was sind das
fr Streiche! -
    Freilich war ich ber und ber voller Asche, und kam noch hinzu, da
wirklich mein ueres seit einiger Zeit merklich gelitten, so da ich mich in
der Schilderung, die der Professor von schismatischen Katern gemacht,
wiedererkennen mute, so konnte ich mir freilich die erbrmliche Figur, in der
ich erschien, wohl denken. Verglich ich nun eben meine erbrmliche Figur mit der
meines Freundes Ponto, der in seinem stattlichen, glnzenden, schn gekruselten
Pelz in der Tat ganz hbsch anzusehen, so erfllte mich tiefe Scham, und ich
kroch still und betrbt in den Winkel.
    Ist das, rief der Professor, ist das der gescheite sittige Kater Murr?
der elegante Schriftsteller, der geistreiche Dichter, der Sonette schreibt und
Glossen? - Nein, das ist ein ganz gemeiner Katz, der sich in Kchen auf den
Herden herumtreibt und sich auf sonst weiter nichts versteht, als Muse zu
fangen in Kellern und auf Bden! - Hoho! sag' mir doch, mein sittiges Vieh, ob
du bald zu promovieren verlangst oder gar das Katheder zu besteigen als
Professor der sthetik? - In der Tat, ein netter Doktorhabit, in den du dich
geworfen! -
    So ging es fort in verhhnenden Redensarten; was konnt' ich tun, als, wie es
bei derlei Fllen, nmlich wenn ich ausgehunzt wurde, meine Sitte war, die Ohren
dicht ankneifen an den Kopf.
    Beide, der Professor und der Meister, schlugen zuletzt eine helle Lache auf,
die mir das Herz durchbohrte. Beinahe noch empfindlicher war mir aber Pontos
Betragen. Nicht allein da er durch Mienen und Gebrden den Hohn seines Herrn
teilte, so bewies er auch durch allerlei Seitensprnge offenbar seine Scheu,
sich mir zu nahen, wahrscheinlich frchtete er seinen schnen reinen Pelz zu
beschmutzen. Es ist nichts Geringes fr einen Kater, der sich solcher
Vortrefflichkeit bewut ist als ich, von einem stutzerhaften Pudel dergleichen
Verachtung dulden zu mssen.
    Der Professor geriet nun mit dem Meister in ein weitluftiges Gesprch, das
sich nicht auf mich und auf mein Geschlecht zu beziehen schien, und von dem ich
eigentlich wenig verstand. Doch so viel vernahm ich wohl, da davon die Rede
war, ob es besser sei, dem oftmals wirren ungezgelten Treiben exaltierter
Jugend mit offner Gewalt entgegenzutreten oder es nur einzugrenzen auf
geschickte unbemerkbare Weise und Raum zu geben der eignen Erkenntnis, in der
sich jenes Treiben alsbald selbst vernichtet. Der Professor war fr die offne
Gewalt, da die Gestaltung der Dinge zum uern Wohl es fordere, da jeder
Mensch, alles Widerstrebens unerachtet, so zeitig als mglich in die Form
gepret werde, wie sie durch das Verhltnis aller einzelnen Teile zum Ganzen
bedingt werde, da sonst sogleich eine verderbliche Monstrositt entstehe, die
allerlei Unheil verursachen knne. - Der Professor sprach dabei etwas von
Pereatbringen und Fenstereinwerfen, welches ich aber durchaus nicht verstand. -
Der Meister meinte dagegen, da es mit jugendlichen exaltierten Gemtern so gehe
wie mit den Partiell-Wahnsinnigen, die der offne Widerstand immer wahnsinniger
mache, wogegen die selbst errungene Erkenntnis des Irrtums radikal heile und nie
einen Rckfall befrchten lasse.
    Nun, rief der Professor endlich, indem er aufstand und Stock und Hut
ergriff, nun, Meister, was die offne Gewalt gegen exaltiertes Treiben betrifft,
so werdet Ihr mir doch insofern recht geben, da sie da schonungslos eintreten
mu, wenn jenes Treiben verstrend hineingreift in das Leben, und so ist es, um
wieder auf Euren Kater Murr zurckzukommen, denn doch recht gut, da, wie ich
hre, tchtige Spitze die verwnschten Kater auseinandergetrieben haben, die so
bestialisch sangen und dabei Wunder sich groe Virtuosen dankten.
    Wie man es nimmt, erwiderte der Meister, htte man sie singen lassen,
vielleicht wren sie das geworden, was sie sich irrtmlicherweise schon zu sein
dnkten, nmlich in der Tat gute Virtuosen, statt da sie jetzt vielleicht an
der wahren Virtuositt zweifeln ganz und gar.
    Der Professor empfahl sich, Ponto sprang hinterdrein, ohne mich einmal, wie
er doch sonst mit vieler Freundlichkeit getan, eines Abschiedsgrues zu
wrdigen.
    Ich, wandte sich nun der Meister zu mir, ich bin selbst bisher
unzufrieden gewesen mit deinem Betragen, Murr, und es ist Zeit, da du einmal
wieder ordentlich und vernnftig wirst, damit du wieder zu besserm Rufe
gelangest, als in dem du jetzt zu stehen scheinst. Wre es mglich, da du mich
ganz verstndest, so wrde ich dir raten, immer still, freundlich zu sein, und
alles, was du beginnen magst, ohne alles Gerusch zu vollbringen, denn auf diese
Weise erhlt man sich den guten Ruf am besten. - Ja, ich wrde dir als Beispiel
zwei Leute zeigen, von denen der eine jeden Tag still fr sich allein im Winkel
sitzt und so lange eine Flasche Wein nach der andern trinkt, bis er in vllig
trunknen Zustand gert, den er aber vermge langer praktischer bung so gut zu
verbergen wei, da ihn niemand ahnet. Der andere trinkt dagegen nur dann und
wann in Gesellschaft frhlicher gemtlicher Freunde ein Glas Wein; das Getrnk
macht ihm Herz und Zunge frei, er spricht, indem seine Laune steigt, viel und
eifrig, doch ohne Sitte und Anstand zu verletzen, und eben ihn nennt die Welt
einen leidenschaftlichen Weintrinker, whrend jener geheime Trunkenbold fr
einen stillen migen Mann gilt. Ach, mein guter Kater Murr! Kenntest du den
Lauf der Welt, so wrdest du einsehen, da ein Philister, der stets die
Fhlhrner einzieht, es am besten hat. Aber wie kannst du wissen, was ein
Philister ist, unerachtet es wohl in deinem Geschlecht auch dergleichen genug
geben mag.
    Bei diesen Worten des Meisters konnte ich mich im Bewutsein der
vortrefflichen Katerkenntnis, die ich mir durch des wackern Muzius Belehrungen
sowohl als durch eigne Erfahrung erworben, eines lauten freudigen Prustens und
Knurrens nicht erwehren.
    Ei, rief der Meister laut lachend, ei, Murr, mein Kater! ich glaube gar,
du verstehst mich, und der Professor hat recht, der in dir einen besondern
Verstand entdeckt haben will und dich gar frchtet als seinen sthetischen
Nebenbuhler?
    Zur Besttigung, da dem wirklich so sei, gab ich ein sehr klares,
wohltnendes Miau von mir und sprang ohne weiteres dem Meister auf den Scho.
Nicht bedacht hatte ich indessen, da der Meister gerade seinen Staatsschlafrock
von gelbem, grogeblmtem, seidenem Zeuge angezogen, den ich notwendigerweise
beschmutzen mute. Mit einem zornigen: Will Er wohl! schleuderte der Meister
mich so heftig von sich, da ich berpurzelte und, ganz erschrocken die Ohren
unkneifend, die Augen zudrckend, niederduckte auf den Fuboden. Gepriesen sei
aber die Gutmtigkeit meines guten Meisters! Nun, sprach er freundlich, nun,
nun, Murr, mein Kater! so bse war es nicht gemeint! - Ich wei es, deine
Absicht war gut, du wolltest mir deine Zuneigung beweisen, aber das tatst du auf
tppische Weise, und geschieht dieses, so fragt man freilich den Henker was nach
der Absicht! - Nun, komm nur her, kleiner scherling, ich mu dich putzen, damit
du wieder aussiehst wie ein honetter Kater!
    Damit warf der Meister den Schlafrock ab, nahm mich in die Arme und lie es
sich nicht verdrieen, mir mit einer weichen Brste den Pelz rein zu brsten und
dann die Haare mit einem kleinen Kamm glnzend zu kmmen.
    Als die Toilette geendet und ich bei dem Spiegel vorber spazierte,
erstaunte ich selbst, wie ich so pltzlich ein ganz anderer Kater worden. Ich
konnt es gar nicht unterlassen, mich selbst behaglich anzuschnurren, so schn
kam ich mir vor, und nicht leugnen mag ich, da in dem Augenblick sich groe
Zweifel gegen die Anstndigkeit und Ntzlichkeit des Burschenklubs in mir
regten. Da ich in den Ofen gekrochen, schien mir ein wahrer Barbarismus, den
ich nur einer Art Verwilderung zuschreiben konnte, und nicht einmal ntig war
daher die Warnung des Meisters, der mir zurief: Da Er mir nur nicht wieder in
den Ofen kriecht!
    In der folgenden Nacht war es mir, als vernehme ich an der Tre ein leises
Kratzen und ein furchtsames Miau! das mir sehr bekannt vorkam. Ich schlich heran
und fragte, wer da sei. - Da erwiderte (ich erkannte ihn sogleich an der Stimme)
der wackre Senior Puff: Ich bin es, trauter Bruder Murr, und habe dir eine
hchst betrbte Nachricht zu bringen! - O Himmel, was -
    (Mak. Bl.) - groes Unrecht getan, meine liebe se Freundin. - Nein! mehr
bist du mir als das, meine treue Schwester! Ich habe dich nicht genug geliebt,
dir nicht genug vertraut. Erst jetzt ffnet sich dir meine ganze Brust, erst
jetzt, da ich wei -
    Die Prinzessin stockte, ein Trnenstrom strzte ihr aus den Augen, aufs neue
drckte sie Julien zrtlich an ihr Herz.
    Hedwiga, sprach Julie sanft, hast du mich denn nicht sonst mit ganzer
Seele geliebt, trugst du denn jemals Geheimnisse in dir, die du mir nicht
vertrauen wolltest? - Was weit du, was hast du erst jetzt erfahren? Doch nein,
nein! Kein Wort weiter, bis diese Pulse wieder ruhig schlagen, bis diese Augen
nicht mehr so dster glhen. -
    Ich wei nicht, erwiderte die Prinzessin, pltzlich zur Empfindlichkeit
gereizt, ich wei nicht, was ihr alle wollt. Krank soll ich noch sein, und nie
fhlte ich mich krftiger, gesnder. Der seltsame Zufall, der mich traf, hat
euch erschreckt, und doch mag es sein, da solche elektrische Schlge, die den
ganzen Organismus des Lebens ins Stocken bringen, mir gerade ntig und
ntzlicher sind als alle Mittel, die eine blde drftige Kunst in unglckseliger
Selbsttuschung darbietet. - Wie er mir fatal ist, dieser Leibarzt, der die
menschliche Natur zu handhaben vermeint wie ein Uhrwerk, das man abstuben,
aufziehen mu! - Grauenhaft ist er mir mit seinen Tropfen, mit seinen Essenzen.
- Von diesen Dingen soll mein Wohl abhngig sein? - So wre ja das Leben
hienieden eine entsetzliche Neckerei des Weltgeistes.
    Und, unterbrach Julie die Prinzessin, und eben diese berspannung ist der
Beweis, da du noch krank bist, meine Hedwiga, und dich viel mehr schonen
solltest, als du es wirklich tust.
    Auch du willst mir weh tun! So rief die Prinzessin, sprang hastig auf und
eilte ans Fenster, das sie ffnete und hinausschaute in den Park. Julie folgte
ihr nach, umschlang sie mit einem Arm und bat mit der zrtlichsten Wehmut, da
sie doch wenigstens den rauhen Herbstwind scheuen und sich die Ruhe gnnen mge,
die der Leibarzt fr so heilsam geachtet. Die Prinzessin erwiderte indessen, da
sie sich gerade durch den kalten Luftzug, der zum Fenster hineinstrme, erquickt
und gestrkt fhle.
    Recht aus dem innigsten Gemt heraus sprach nun Julia von der
letztvergangenen Zeit, in der ein finstrer bedrohlicher Geist gewaltet, und wie
sie alle innere Kraft aufbieten mssen, um nicht verstrt zu werden von so
mancher Erscheinung, die ihr ein Gefhl erregt, dem sie kein anderes
gleichstellen knne als die wahre ttende Gespensterfurcht. Dahin rechnete sie
vorzglich den geheimnisvollen Zwiespalt, der sich zwischen dem Prinzen Hektor
und Kreisler erhoben, und der das Entsetzlichste ahnen lassen, denn nur zu gewi
sei es, da der arme Johannes fallen sollen von der Hand des rachschtigen
Italieners und nur, wie Meister Abraham versichere, durch ein Wunder gerettet
worden.
    Und, so sprach Julia, und dieser furchtbare Mann, er sollte dein Gemahl
werden? - Nein - nimmermehr! Dank der ewigen Macht! du bist gerettet! Niemals
kehrt er zurck. Nicht wahr, Hedwiga? Niemals!
    Niemals! erwiderte die Prinzessin mit dumpfer, kaum vernehmbarer Stimme.
Dann seufzte sie auf aus tiefer Brust und sprach leise weiter wie im Traume:
Ja, dieses reine Himmelsfeuer soll nur leuchten und wrmen, ohne mit
verderblichen Flammen zu vernichten, und aus der Seele des Knstlers leuchtet
die zum Leben gestaltete Ahnung - sie selbst - seine Liebe hervor! So sprachst
du hier an dieser Stelle. -
    Wer, rief Julia ganz bestrzt, wer sprach so? - An wen dachtest du,
Hedwiga?
    Die Prinzessin fuhr mit der Hand ber die Stirne, als msse sie sich
besinnen auf die Gegenwart, der sie entrckt. Dann wankte sie, von Julien
untersttzt, zum Sofa, auf dem sie sich ganz erschpft niederlie. Julia, um die
Prinzessin besorgt, wollte die Kammerfrauen herbeirufen, Hedwiga zog sie aber
sanft nieder auf den Sofa, indem sie leise lispelte: Nein, Mdchen! - Du, du
allein sollst bei mir bleiben, glaube ja nicht, da mich etwa Krankheit erfat.
- Nein, es war der Gedanke der hchsten Seligkeit, der zu mchtig wurde, der
diese Brust zersprengen Wollte, und dessen Himmelsentzcken sich gestaltete wie
ttender Schmerz. Bleibe bei mir, Mdchen, du weit es selbst nicht, welch einen
wunderbaren Zauber du ber mich zu ben vermagst! - La mich schauen in deine
Seele wie in einen klaren reinen Spiegel, damit ich mich selbst nur
wiedererkenne! - Julia! oft ist es mir, als kme die Begeisterung des Himmels
ber dich, und die Worte, die wie Liebeshauch ber deine sen Lippen strmten,
wren trostreiche Prophezeiung. Julia! - Mdchen, bleibe bei mir, verlasse mich
nie - nie!
    Damit sank die Prinzessin, indem sie Julias Hnde festhielt, mit
geschlossenen Augen zurck in den Sofa.
    Wohl war Julia an Augenblicke gewhnt, in denen Hedwiga geistig krankhafter
berspannung erlag, doch fremd, ganz fremd und rtselhaft war ihr der
Paroxysmus, wie er sich eben jetzt zeigte. Sonst war es eine leidenschaftliche
Verbitterung, die, erzeugt von dem Miverhltnis des innern Gefhls mit der
Gestaltung des Lebens, beinahe bis zum Gehssigen sich steigernd, Julias
kindliches Gemt verletzte. Jetzt schien Hedwiga, wie sonst niemals, ganz
aufgelst in Schmerz und namenloser Wehmut, und dieser trostlose Zustand rhrte
Julien in eben dem Grade, als ihre Angst stieg um die geliebte Freundin.
    Hedwiga, rief sie, meine Hedwiga, ich verlasse dich ja nicht, kein
treueres Herz neigt sich zu dir als das meinige, aber sprich, o sprich doch nur,
vertraue mir doch nur, welch eine Qual dein Inneres zerreit? - Mit dir will ich
klagen, mit dir will ich weinen!
    Da verbreitete sich ein seltsames Lcheln auf Hedwigas Antlitz, ein sanftes
Rot schimmerte auf den Wangen, und ohne die Augen zu ffnen, lispelte sie leise:
Nicht wahr, Julia, du bist nicht in Liebe?
    Seltsam fhlte sich Julia von dieser Frage der Prinzessin getroffen, als
durchbebe sie ein jher Schreck.
    In welches Mdchens Brust regen sich nicht Ahnungen einer Leidenschaft, die
das Hauptbedingnis scheint seiner Existenz, denn nur das liebende Weib ist dies
ganz. Doch ein reiner, kindlicher, frommer Sinn lt diese Ahnungen ruhen, ohne
weiter zu forschen, ohne im lsternen Vorwitz das se Geheimnis enthllen zu
wollen, das nur in dem Moment aufgeht, den eine dunkle Sehnsucht verheien. So
war es mit Julia, die pltzlich ausgesprochen hrte, was sie zu denken nicht
gewagt, und gengstigt, als zeihe man sie einer Snde, der sie selbst nicht klar
sich bewut, ihr eignes Innres ganz zu durchschauen sich mhte.
    Julia, wiederholte die Prinzessin, du liebst nicht? - sage es mir! - sei
aufrichtig.
    Wie sonderbar, erwiderte Julia, wie seltsam du mich fragst, was kann, was
soll ich dir antworten?
    Sprich, o sprich, flehte die Prinzessin. - Da ward es sonnenhell in Julias
Seele, und sie fand Worte, das auszusprechen, was sie deutlich erblickte in
ihrem eignen Innern.
    Was, so begann Julia sehr ernst und gefat, was geht vor in deinem Gemt,
Hedwiga, indem du mich so frgst? Was ist dir die Liebe, von der du sprichst?
Nicht wahr, man soll sich hingezogen fhlen zu dem Geliebten mit solcher
unwiderstehlichen Macht, da man nur ist, nur lebt in dem Gedanken an ihn, da
man sein ganzes Ich aufgibt um ihn, da er allein uns alles Sehnen, alles
Hoffen, alles Verlangen, die ganze Welt dnkt? Und diese Leidenschaft soll die
hchste Stufe der Seligkeit gewhren? - Mich schwindelt's vor dieser Hhe, denn
dem Blick herab ghnt der bodenlose Abgrund mit allen Schrecknissen des
rettungslosen Verderbens entgegen. Nein, Hedwiga, diese Liebe, die ebenso
entsetzlich ist als sndhaft, hat dies Gemt nicht erfat, und fest will ich
halten an dem Glauben, da es ewig rein, ewig davon frei bleiben wird. Doch wohl
mag es sich begeben, da ein Mann vor allen brigen in uns die hchste Achtung,
ja, bei der mnnlich eminenten Kraft seines Geistes wahre Bewunderung erregt.
Doch noch mehr als das, wir fhlen uns in seiner Nhe von einem gewissen
gemtlichen Wohlbehagen geheimnisvoll durchstrmt, erhoben ber uns selbst, es
scheint, als wenn unser Geist dann erst recht erwache, als wenn uns das Leben
dann erst recht leuchte, und so sind wir froh, wenn er kommt, und traurig, wenn
er geht. - Nennst du dieses Liebe? - Nun, warum sollte ich es dir nicht
gestehen, da unser verlorne Kreisler mir dies Gefhl erweckt hat, und da ich
ihn schmerzlich vermisse.
    Julia, rief die Prinzessin, pltzlich auffahrend und Julien mit glhendem
Blick durchbohrend, Julia, kannst du ihn dir denken in den Armen einer andern,
ohne zu vergehn in namenloser Qual?
    Hoch errtete Julia, und mit einem Ton, der erkennen lie, wie sehr sie sich
verletzt fhlte, erwiderte sie: Nie habe ich ihn mir gedacht in meinen Armen!
-
    Ha! - du liebst ihn nicht - du liebst ihn nicht! - so schrie die
Prinzessin gellend auf und sank dann wieder zurck in dem Sofa!
    O, sprach Julie, o, da er wiederkehrte! - Rein und schuldlos ist das
Gefhl, das ich fr den teuern Mann hege in dieser Brust, und sehe ich ihn
niemals wieder, so wird der Gedanke an ihn, den Unvergelichen, in mein Leben
hineinleuchten wie ein schner heller Stern. - Doch gewi, er kehrt zurck! -
Denn wie kann -
    Niemals, unterbrach die Prinzessin Julien mit schroffem schneidendem Ton,
niemals kann, darf er wiederkehren, denn wie man vernimmt, befindet er sich in
der Abtei Kanzheim und wird, sich der Welt entziehend, in den Orden des heiligen
Benedikt treten.
    Julien kamen die hellen Trnen in die Augen, sie stand schweigend auf und
begab sich an das Fenster.
    Deine Mutter, fuhr die Prinzessin fort, deine Mutter hat recht, ganz
recht. Wohl uns, da er fort ist, dieser Wahnsinnige, der sich wie ein bser
Geist eindrngte in unseres Herzens Rat, der uns in unserm eignen Innern zu
zerreien wute. - Und die Musik war das Zaubermittel, mit dem er uns
umstrickte. - Nie mag ich ihn wiedersehen. -
    Dolchstiche waren fr Julien die Worte der Prinzessin, sie griff nach Hut
und Shawl.
    Du willst, rief die Prinzessin, du willst mich verlassen, meine se
Freundin? - Bleibe - bleibe - trste mich, wenn du kannst! - Unheimliches Grauen
geht durch diese Sle, durch den Park! denn wisse - Damit fhrte Hedwiga Julien
an das Fenster, zeigte nach dem Pavillon hin, in dem der Adjutant des Prinzen
Hektor gewohnt hatte, und begann mit dumpfer Stimme: Schau' dort hin, Julia,
jene Mauern verbergen ein bedrohliches Geheimnis; der Kastellan, die Grtner
beteuern, da seit der Abreise des Prinzen niemand dort wohne, da die Tre fest
verschlossen, und doch - O schau' nur hin - Schau' nur hin! - siehst du es
nicht, am Fenster?
    In der Tat gewahrte Julia an dem Fenster, das in dem Giebel des Pavillons
angebracht war, eine dunkle Gestalt, die in demselben Augenblick wieder schnell
verschwand.
    Hier drfe, meinte Julia, indem sie fhlte, wie Hedwigas Hand krampfhaft in
der ihrigen bebte, von einem bedrohlichen Geheimnis oder gar von etwas
Gespenstischem durchaus nicht die Rede sein, da es nur zu leicht mglich, da
irgend jemand von der Dienerschaft den leeren Pavillon unbefugterweise benutze.
Der Pavillon knne ja augenblicklich durchsucht und so auf der Stelle aufgeklrt
werden, was es mit der Gestalt, die sich am Fenster blicken lasse, fr eine
Bewandtnis habe; die Prinzessin versicherte aber dagegen, da der alte treue
Kastellan dies lngst auf ihren Wunsch getan und beteuert, da er in dem ganzen
Pavillon auch nicht die Spur eines menschlichen Wesens gefunden.
    La es, sprach die Prinzessin, la es dir erzhlen, was sich vor drei
Nchten begab! - Du weit, da mich oft der Schlaf flieht, und da ich dann
aufzustehen und so lange durch die Zimmer zu wandeln pflege, bis mich eine
Mdigkeit berfllt, der ich mich berlasse und es wirklich zum Einschlafen
bringe. So geschah es, da mich vor drei Nchten Schlaflosigkeit in dies Zimmer
trieb. Pltzlich zitterte der Widerschein eines Lichts an der Wand vorber, ich
schaute durch das Fenster und gewahrte vier Mnner, von denen einer eine
Blendlaterne trug, und die in der Gegend des Pavillons verschwanden, ohne da
ich bemerken konnte, ob sie wirklich hineingingen in den Pavillon. Nicht lange
dauerte es aber, so wurde eben jenes Fenster hell, und Schatten huschten
inwendig hin und her. Dann wurde es wieder finster, aber durch das Gebsch
strahlte nun bald ein blendender Schimmer, der aus der Tre des geffneten
Pavillons kommen mute. Immer mehr nherte sich der Schein, bis endlich aus dem
Gebsch ein Benediktinermnch hinaustrat, der in der linken Hand eine Fackel, in
der rechten aber ein Kruzifix trug. Ihm folgten vier Mnner, eine mit schwarzen
Tchern behngte Bahre auf den Schultern. Nur einige Schritte waren sie gezogen,
als ihnen eine in einen weiten Mantel eingehllte Gestalt entgegentrat. Sie
standen still, setzten die Bahre nieder, die Gestalt zog die Tcher weg, und ein
Leichnam wurde sichtbar. Mir wollten die Sinne vergehn, kaum gewahrte ich noch,
da die Mnner die Bahre aufhoben und dem Mnch schnell nacheilten auf dem
breiten Seitenwege, der bald zum Park hinausfhrt auf die Strae nach der Abtei
Kanzheim. Seit dieser Zeit lt sich jene Gestalt am Fenster sehen, und
vielleicht ist es der Spuk eines Ermordeten, der mich ngstigt.
    Julia war geneigt, den ganzen Vorgang, wie ihn Hedwiga erzhlte, fr einen
Traum oder, stand sie in der Tat wach am Fenster, fr das tuschende Spiel der
aufgeregten Sinne zu halten. Wer sollte, wer konnte der Tote sein, den man unter
solchen geheimnisvollen Umstnden aus dem Pavillon forttrug, da niemand vermit
worden, und wer mochte daran glauben, da dieser unbekannte Tote noch spuken
solle in der Behausung, aus der man ihn fortgebracht? Julia uerte dieses alles
der Prinzessin und fgte noch hinzu, da jene Erscheinung am Fenster auch wohl
auf optischer Illusion beruhen, auch wohl gar ein Scherz des alten Magikers,
Meister Abraham, sein knne, der ja oft sein Wesen treibe mit solchem Spiel und
vielleicht dem leeren Pavillon einen gespenstischen Einsassen gegeben habe.
    Wie, sprach die Prinzessin, die ihre ganze Fassung wieder gewonnen, sanft
lchelnd, wie man doch gleich mit der Erklrung bei der Hand ist, geschieht das
Wunderbare, bernatrliche! - Was den Toten betrifft, so vergissest du das, was
sich in dem Park begab, ehe Kreisler uns verlie. - Um Gott, rief Julia,
sollte denn wirklich eine grliche Tat begangen sein? - Wer? - von wem?
    Du weit, fuhr Hedwiga fort, du weit ja, Mdchen, da Kreisler lebt. -
Aber auch er lebt, der in Liebe ist zu dir - Sieh mich nicht so erschrocken an!
- Solltest du das nicht lngst ahnen, was ich dir sagen mu, damit dir es klar
werde, was, lnger verborgen, dich verderben knnte? - Prinz Hektor liebt dich,
dich, Julia, mit all der wilden Leidenschaft, die seiner Nation eigen. Ich war,
ich bin seine Braut, du aber, Julia, bist seine Geliebte. Die letzten Worte
betonte die Prinzessin auf eine eigne scharfe Weise, ohne brigens jenen
besonderen Akzent hineinzulegen, der dem Gefhl innerer Krnkung eigen.
    O ewige Macht, rief Julia heftig, indem ihr die Trnen aus den Augen
strzten, Hedwiga, willst du denn meine Brust zerreien? - Welcher finstre
Geist spricht aus dir! - Nein, nein, gern will ich es leiden, da du aller bsen
Trume halber, die dich verstrten, an mir rmsten Rache nimmst, aber nie werde
ich an die Wahrheit dieser bedrohlichen Phantome glauben! - Hedwiga! - besinne
dich doch nur, du bist ja nicht mehr die Braut des entsetzlichen Mannes, der uns
erschien wie das Verderben selbst! Nie kehrt er zurck, niemals wirst du sein!
    Doch, erwiderte die Prinzessin, doch! - Fasse dich nur Mdchen! - Nur
dann, wenn die Kirche mich mit dem Prinzen verbunden, lst sich vielleicht das
ungeheure Miverstndnis des Lebens, das mich elend macht! - Dich rettet des
Himmels wunderbare Fgung. - Wir trennen uns, ich folge dem Gemahl, du bleibst!
- Die Prinzessin verstummte vor innerer Bewegung, auch Julia war keines Wortes
mchtig, beide fielen sich schweigend, in Trnen zerflieend, an die Brust!
    Man meldete, da der Tee serviert sei. Julia war aufgeregter, als es ihr
besonnenes ruhiges Gemt zuzulassen schien. Es war ihr unmglich, in der
Gesellschaft zu bleiben, und die Mutter erlaubte ihr gern, nach Hause zu gehen,
da die Prinzessin sich ebenfalls nach Ruhe sehnte.
    Frulein Nannette versicherte auf Befragen der Frstin, da die Prinzessin
den Nachmittag und Abend sich sehr wohl befunden, indessen mit Julien durchaus
allein sein wollen. Soviel sie im Nebenzimmer beobachten knnen, htten beide,
die Prinzessin und Julia, sich allerlei Geschichten erzhlt, auch Komdie
gespielt und bald gelacht, bald geweint.
    Die lieben Mdchen, sprach der Hofmarschall leise. Die aimable
Prinzessin, das liebe Mdchen! verbesserte der Frst, indem er den Hofmarschall
mit groen Augen anblitzte. Dieser wollte in der Bestrzung ber den
entsetzlichen Fehlgriff ein ziemliches Stcklein Zwieback, das er sattsam in Tee
getrnkt, auf einmal hinunterschlucken. Das blieb ihm aber in der Kehle stecken,
und er brach aus in ein frchterliches Husten, so da er schnell den Saal
verlassen mute und nur dadurch gerettet werden konnte vom schnden
Erstickungstode, da der Hoffourier im Vorsaal mit gebter Faust ein
wohlgesetztes Paukensolo ausfhrte auf seinem Rcken.
    Nach zwei Unschicklichkeiten, deren er sich schuldig gemacht, frchtete
indessen der Hofmarschall noch die dritte zu begehen, er wagte es daher nicht
zurckzukehren in den Saal, sondern lie sich bei dem Frsten mit pltzlich ihm
angewandelter Krankheit entschuldigen.
    Durch des Hofmarschalls Abwesenheit wurde aber die Whistpartie zerrissen,
wie sie der Frst gewhnlich zu spielen pflegte.
    Als nun die Spieltische geordnet, war alles in gespannter Erwartung, was der
Frst in diesem kritischen Fall tun werde. Der tat aber nichts, als da er, da
auf seinen Wink die brigen sich zum Spiel gesetzt hatten, die Hand der Rtin
Benzon fate, sie zum Kanapee fhrte und Platz nehmen hie, indem er selbst sich
ihr zur Seite hinsetzte.
    Unlieb, sprach er dann sanft und leise, wie immer zur Benzon, unlieb wre
es mir doch gewesen, wenn der Hofmarschall erstickt wre am Zwieback. Doch
schien er Abwesenheiten des Geistes zu haben, wie ich es schon oftmals bemerkt,
da er die Prinzessin Hedwiga ein Mdchen nannte, und wrde daher im Whist
miserabel gewesen sein. - berhaupt, liebe Benzon, ist es mir heute recht
erwnscht und angenehm, statt des Spiels mit Ihnen hier in der Einsamkeit einige
Worte vertraulich zu wechseln wie sonst. Ach - wie sonst! Nun, Sie kennen mein
Attachement fr Sie, geliebte Frau! Nie kann es aufhren, ein frstliches Herz
ist jedesmal ein treues, sobald nicht unabwendbare Verhltnisse ein anderes
gebieten.
    Bei diesen Worten kte der Frst der Benzon viel zrtlicher die Hand, als
es Stand, Alter und Umgebung zu erlauben schienen. Die Benzon versicherte mit
vor Freude funkelnden Augen, da sie lngst den Moment ersehnt, mit dem Frsten
vertraulich zu reden, da sie ihm so manches mitzuteilen habe, was ihm nicht
unangenehm sein werde.
    Erfahren Sie, sprach die Benzon, erfahren Sie, gndigster Herr, da der
Geheime Legationsrat aufs neue geschrieben, da unsere Angelegenheit pltzlich
eine gnstigere Wendung genommen, da -
    Still, unterbrach sie der Frst, still, beste Frau, nichts von
Regierungsgeschften! Auch der Frst trgt Schlafrcke und setzt eine Nachtmtze
auf, wenn er, beinahe erdrckt von der Last des Regierens, sich zur Ruhe begibt,
wovon freilich Friedrich der Groe, Knig von Preuen, eine Ausnahme machte,
der, wie es Ihnen als einer belesenen Frau bekannt sein wird, auch im Bette
einen Filzhut aufsetzte. Nun, ich meine, da auch der Frst immer zuviel von dem
in sich trgt, was - nun! was eben, wie die Leute sagen, das sogenannte
brgerliche Verhltnis, Ehe, Vaterfreuden u.s.w. begrndet, um sich diesen
Gefhlen ganz zu entschlagen, und es ist mindestens pardonnabel, wenn er sich
ihnen berlt in Augenblicken, da der Staat, die Vorsorge fr den gehrigen
Anstand am Hofe und im Lande nicht sein ganzes Selbst in Anspruch nimmt. - Gute
Benzon! solche Augenblicke sind die jetzigen; fertig liegen sieben
Unterschriften in meinem Kabinett, und nun lassen Sie mich den Frsten ganz
vergessen, lassen Sie mich hier beim Tee ganz Hausvater sein, der deutsche
Hausvater vom Freiherrn von Gemmingen. Lassen Sie mich von meinen - ja von
meinen Kindern reden, die mir solchen Kummer verursachen, da ich oft in eine
ganze unschickliche Gemtsunruhe verfalle. - Von Ihren, sprach die Benzon mit
spitzem Ton, von Ihren Kindern soll die Rede sein, gndigster Herr? Das heit
also von dem Prinzen Ignaz und von der Prinzessin Hedwiga! - Sprechen Sie,
gndigster Herr, sprechen Sie, vielleicht kann ich Rat und Trost geben wie
Meister Abraham. - Ja, sprach der Frst weiter, ja, Rat und Trost, der
mchte mir manchmal vonnten sein. - Sehn Sie, gute Benzon, was zuerst den
Prinzen betrifft, so bedurfte er freilich nicht besonderer Geistesgaben, die die
Natur denjenigen zuzuteilen pflegt, die sonst ihres Standes halber obskur und
fhllos bleiben wrden, aber etwas mehr Esprit wre ihm doch zu wnschen, er ist
und bleibt ein - Simple! - Sehn Sie nur, da sitzt er und baumelt mit den Fen
und spielt eine falsche Karte aus nach der andern und kichert und lacht wie ein
Knabe von sieben Jahren! - Benzon! entre nous soit dit, nicht die Kunst des
Schreibens, insofern sie ihm ntig, ist ihm beizubringen; sein frstlicher Name
sieht aus wie eine Eulenkralle. Ewige Barmherzigkeit, was soll daraus werden!
Neulich wurde ich in meinen Geschften gestrt durch ein abscheuliches Gebelle
vor meinem Fenster, ich schaue heraus, um den unangenehmen Spitz fortjagen zu
lassen, und was mu ich erblicken! Sollten Sie es glauben, gute Frau! Es ist der
Prinz, der wie wahnsinnig laut bellend hinter dem Grtnerburschen herspringt! -
Sie spielen mitsammen Hase und Hund! - Ist wohl nur einiger Verstand darin, sind
das frstliche Passionen? - Kann der Prinz wohl jemals zu der geringsten
Selbstndigkeit kommen?
    Darum, erwiderte die Benzon, darum ist es ntig, da der Prinz alsbald
vermhlt werde und eine Gemahlin erhalte, deren Anmut, deren Liebreiz, deren
klarer Verstand seine schlafenden Sinne weckt, und die gutmtig genug ist, sich
ganz zu ihm hinabzuneigen, um ihn dann allmhlich zu sich heraufzuziehen. Diese
Eigenschaften sind dem weiblichen Wesen, das dem Prinzen angehren soll,
unerllich, um ihn aus einem Seelenzustande zu retten, der, mit Schmerz spreche
ich es aus, gndigster Herr, zuletzt in wirklichen Wahnsinn ausarten kann. Eben
daher drfen auch nur diese seltenen Eigenschaften entscheiden und der Stand
nicht in allzustrengen Betracht kommen.
    Niemals, sprach der Frst, indem er die Stirne runzelte, niemals gab es
Mesalliancen in unserm Hause, lassen Sie ab von einem Gedanken, den ich nicht
billigen kann. Immer war und bin ich noch bereit, sonst Ihre Wnsche zu
erfllen! -
    Da, erwiderte die Benzon mit scharfem Ton, da ich nicht wte,
gndigster Herr! - Wie oft muten gerechte Wnsche schweigen chimrischer
Rcksichten halber. Aber es gibt Ansprche, die aller Verhltnisse spotten. -
    Laissons cela, unterbrach der Frst die Benzon, indem er sich ausrusperte
und Tabak nahm. Nach einigen Augenblicken des Stillschweigens fuhr er fort:
Noch mehr Kummer als der Prinz macht mir die Prinzessin. Sagen Sie, Benzon, wie
war es mglich, da uns eine Tochter von dieser seltsamen Gemtsart, noch mehr
von dieser absonderlichen Krankhaftigkeit, die selbst den Leibarzt in
Verlegenheit setzt, geboren werden konnte? Hat sich die Frstin nicht immer
einer blhenden Gesundheit erfreut, hat sie zu mystischen Nervenzufllen
inkliniert? Bin ich selbst nicht, was Leib und Seele betrifft, ein robuster
Frst gewesen? Wie kommen wir zu dem Kinde, das, gestehen mu ich es zu meinem
bittern Leidwesen, mir oft - ganz verrckt erscheint, alles frstlichen
Anstandes los und ledig? - Auch mir, erwiderte die Benzon, auch mir ist der
Organismus der Prinzessin unbegreiflich. - Die Mutter ist sich immer klar,
verstndig, von jeder zu heftigen verderblichen Leidenschaftlichkeit frei
gewesen. - Die letzten Worte sprach die Benzon dumpf und leise vor sich hin,
indem sie den Blick niedersenkte. Sie meinen die Frstin? fragte der Frst mit
Akzent, da es ihm nicht anstndig schien, da dem Worte: Mutter nicht das
Prdikat: Frstin hinzugefgt.
    Wen sonst, erwiderte die Benzon gespannt, wen sonst sollte ich meinen?
    Hat, sprach der Frst weiter, hat mich nicht der letzte fatale Zufall der
Prinzessin um den Erfolg meiner Bemhungen und die Freude ihrer baldigen
Vermhlung, meinen Wnschen gem, gebracht? - Denn, gute Benzon, entre nous
soit dit, der Prinzessin pltzliche Katalepsie, die ich blo einer starken
Erkltung zuschreibe, war wohl lediglich schuld an der pltzlichen Abreise des
Prinzen Hektor. - Er will abbrechen, und - juste ciel! selbst mu ich es
gestehen, ich kann es ihm nicht ganz verdenken, so da, verbte nicht ohnehin
der Anstand jede weitre Annherung, schon dieses mich, den Frsten, abhalten
mte, jetzt noch Schritte zu tun zur Erfllung eines Wunsches, den ich freilich
sehr ungern und nur notgedrungen aufgebe. Recht werden Sie mir nmlich geben,
geliebte Frau, da es immer etwas ngstliches hat mit einer Gemahlin, die
solchen wunderlichen Zufllen unterworfen. Kann eine solche frstliche und
zugleich kataleptische Gemahlin nicht mitten in der glnzendsten Cour davon
erfat werden, automatisch dastehen und smtliche wrdige Anwesende zwingen, es
ihr nachzutun und regungslos zu bleiben? - Freilich kann man wohl auch eine von
einer allgemeinen Katalepsie befallene Cour sich als die feierlichste und
erhabenste denken, die es in der Welt nur geben mag, da die leiseste Verletzung
der ntigen Wrde auch dem Leichtsinnigsten unmglich. Doch ein Gefhl, das mich
eben in solchen hausvterlichen Augenblicken, wie die jetzigen hier beim Spiel,
befllt, lt es mich bemerken, da ein solcher Zustand der Braut dem
frstlichen Brutigam einiges frstelndes Grauen erregen kann, und darum -
Benzon! Sie sind eine liebenswrdige, verstndige Frau, fnden Sie vielleicht
eine Mglichkeit, die Sache mit dem Prinzen zu redressieren, irgendein Mittel -
    Es bedarf, unterbrach die Benzon lebhaft den Frsten, es bedarf dessen
gar nicht, gndigster Herr! Nicht der Prinzessin Krankheit trieb den Prinzen so
schnell fort, ein anderes Geheimnis ist hier im Spiele, und in dieses Geheimnis
ist der Kapellmeister Kreisler verflochten.
    Wie, rief der Frst voll Erstaunen, wie, was sagen Sie, Benzon? der
Kapellmeister Kreisler? So sollte es doch wahr sein, da er -
    Ja, sprach die Rtin weiter, ja, gndigster Herr, ein Zwiespalt zwischen
ihm und dem Prinzen Hektor, der vielleicht geschlichtet werden sollte auf zu
heroische Weise, war es, der den Prinzen entfernte. -
    Zwiespalt, unterbrach der Frst die Benzon, Zwiespalt - geschlichtet -
heroische Weise! - Der Schu im Park - der blutige Hut! - Benzon! es ist ja
unmglich - der Prinz - der Kapellmeister! - ein Duell - ein Renkontre, beides
ist ja undenkbar! -
    So viel, fuhr die Benzon fort, so viel, gndigster Herr, ist gewi, da
Kreisler auf der Prinzessin Gemt nur zu mchtig einwirkte, da jene seltsame
Angst, ja, jenes Entsetzen, das sie erst empfand in Kreislers Gegenwart, sich
gestalten wollte zur verderblichen Leidenschaft. Mglich, da der Prinz scharf
genug sah, dies zu gewahren, da er in Kreisler, der ihm von Anfang an
entgegentrat mit feindlicher verhhnender Ironie, einen Widersacher fand, den er
sich vom Halse schaffen zu mssen glaubte, und da hieraus sich eine Tat
erzeugte, die freilich nur dem blutigen Ha des gekrnkten Ehrgefhls, der
Eifersucht verziehen werden darf, und die, Dank sei der ewigen Macht, nicht
gelang. Ich gestehe, da dies alles die schnelle Abreise des Prinzen nicht
erklrt, und da, wie gesagt, noch ein dunkles Geheimnis waltet. Der Prinz floh,
wie mir Julia erzhlt, entsetzt vor einem Bilde, das Kreisler bei sich trug und
ihm vorzeigte. - Nun, mag dem sein, wie ihm wolle, Kreisler ist fort, und der
Prinzessin Krisis ist vorber! - Glauben Sie mir, gndigster Herr, blieb
Kreisler, so flammte die heftigste Leidenschaft fr ihn auf in der Prinzessin
Brust, und sie wre lieber gestorben, als da sie dem Prinzen ihre Hand gegeben
htte. Alles hat sich jetzt anders gestaltet, bald kehrt Prinz Hektor zurck,
und die Vermhlung mit der Prinzessin endigt alle Besorgnisse.
    Sehn Sie, rief der Frst zornig, sehn Sie, Benzon, die Insolenz des
schnden Musikanten! - In ihn will die Prinzessin sich verlieben, seinetwegen
die Hand des liebenswrdigsten Prinzen ausschlagen! - Ah le coquin! - Nun
verstehe ich Euch, Meister Abraham, erst ganz! - Ihr sollt mir den fatalen
Menschen vom Halse schaffen, da er niemals wiederkehrt. -
    Jede, sprach die Rtin, jede Maregel, die der weise Meister Abraham
deshalb etwa vorschlagen drfte, wrde berflssig sein, da das Erforderliche
deshalb schon geschehen ist. Kreisler befindet sich in der Abtei Kanzheim, und
wie mir der Abt Chrysostomus schreibt, wird er wahrscheinlich sich entschlieen,
der Welt zu entsagen und in den Orden zu treten. Die Prinzessin hat dies schon
erfahren von mir zur gnstigen Stunde, und da ich dabei keine sonderliche
Gemtsbewegung der Prinzessin gewahrte, brgt mir dafr, da die bedrohliche
Krisis, wie gesagt, schon vorber.
    Herrliche, nahm der Frst das Wort, herrliche, liebenswrdige Frau!
welches Attachement beweisen Sie mir und meinen Kindern! Wie sorgen Sie fr das
Wohl, fr das Beste meines Hauses!
    Wirklich, sprach die Benzon mit bittrem Ton, wirklich? - tue ich das?
Konnte, durfte ich immer fr das Wohl Ihrer Kinder sorgen?
    Die Benzon legte auf die letzten Worte einen besonderen Nachdruck, der Frst
sah schweigend vor sich nieder und spielte mit den Daumen der zusammengefalteten
Hnde. Endlich murmelte er leise: Angela! - noch immer keine Spur? - ganz
verschwunden?
    So ist es, erwiderte die Benzon, und ich frchte, da das unglckliche
Kind das Opfer irgendeiner Schndlichkeit geworden ist. Man wollte sie in
Venedig gesehen haben, aber gewi war dies ein Irrtum. - Gestehen Sie es,
gndigster Herr, es war grausam - entsetzlich, da Sie Ihr Kind von der Brust
der Mutter reien lieen, es in ein trostloses Exil verbannten! - Diese Wunde,
die mir Ihre Strenge schlug, werde ich niemals verschmerzen!
    Benzon, sprach der Frst, habe ich Ihnen, dem Kinde nicht ein
ansehnliches Jahrgehalt ausgesetzt? - konnte ich mehr tun? Mute ich nicht,
blieb Angela bei uns, jeden Augenblick befrchten, da unsere foiblesses
verraten werden und auf unangenehme Weise die anstndige Ruhe unseres Hofes
zerstren konnten? - Sie kennen die Frstin, gute Benzon! Sie wissen, da sie
manchmal besondere Grillen hat. -
    Also, nahm die Benzon das Wort, also Geld, ein Jahrgehalt soll die Mutter
entschdigen fr allen Schmerz, fr alle Trauer, fr alle bittre Klage um das
verlorene Kind? - In der Tat, gndigster Herr! es gibt eine andere Art, fr sein
Kind zu sorgen, die die Mutter besser zufriedenstellt als alles Gold! -
    Die Benzon sprach diese Worte mit einem Blick, mit einem Ton, der den
Frsten in einige Verlegenheit setzte.
    Vortreffliche Frau, begann er betreten, warum diese seltsame Gedanken! -
Glauben Sie denn nicht, da mir ebenfalls das spurlose Verschwinden unserer
lieben Angela sehr unangenehm, sehr fatal ist? Es mu ein artiges schnes
Mgdlein geworden sein, da es von hbschen scharmanten Eltern geboren. Aufs
neue kte der Frst der Benzon sehr zrtlich die Hand, die sie aber schnell
wegzog und mit funkelndem durchbohrendem Blick dem Frsten ins Ohr flsterte:
Gestehen Sie es, gndigster Herr, Sie waren ungerecht, grausam, als Sie darauf
bestanden, da das Kind entfernt werden msse. Ist es nicht Ihre Pflicht, den
Wunsch nicht zurckzuweisen, dessen Erfllung ich, gutmtig genug, wirklich fr
einigen Ersatz all meines Leids ansehen will? - Benzon, erwiderte der Frst
noch kleinlauter als zuvor, gute herrliche Benzon, kann denn unsere Angela
nicht wiedergefunden werden? Ich will Heroisches tun fr Ihre Wnsche, teure
Frau! Ich will mich dem Meister Abraham anvertrauen, mich mit ihm beraten. - Es
ist ein vernnftiger erfahrner Mann, vielleicht kann er helfen.
    O, unterbrach die Benzon den Frsten, o des weisen Meisters Abraham!
Glauben Sie denn, gndigster Herr, da Meister Abraham wirklich aufgelegt ist,
fr Sie etwas zu unternehmen, da er Ihnen, Ihrem Hause getreulich anhngt? Und
wie sollte er imstande sein, etwas herauszubringen ber Angelas Schicksal,
nachdem in Venedig, in Florenz alle Nachforschungen vergeblich geblieben sind
und, was das Schlimmste ist, ihm jenes geheimnisvolle Mittel geraubt wurde,
dessen er sich sonst bediente, um das Unbekannte zu erforschen.
    Sie, sprach der Frst, Sie meinen sein Weib, die bse Zauberin Chiara.
    Sehr, erwiderte die Benzon, sehr fraglich mchte es sein, ob die
vielleicht nur inspirierte, mit hhren wunderbaren Krften begabte Frau diesen
Namen verdient. Auf jeden Fall war es ungerecht, unmenschlich, dem Meister das
geliebte Wesen zu rauben, an dem er hing mit ganzer Seele, ja, die ganz ein Teil
seines Ichs war.
    Benzon, rief der Frst ganz erschrocken, Benzon, ich verstehe Sie heute
nicht! - Mir schwindelt's im Kopfe! Waren Sie selbst nicht dafr, da das
bedrohliche Geschpf, vermge dessen der Meister bald alle unsere Verhltnisse
beherrschen konnte, entfernt werden mchte? Billigten Sie nicht selbst mein
Schreiben an den Groherzog, in dem ich vorstellte, da, da jede Zauberei im
Lande lngst verboten, Personen, die in dieser Art beeigenschaftet, ihr Wesen
trieben, nicht geduldet werden drften und sicherheitshalber ein wenig
eingesperrt werden mten? Geschah es nicht aus purer Schonung gegen den Meister
Abraham, da der mysterisen Chiara nicht der offne Proze gemacht, sondern da
sie in aller Stille aufgegriffen und fortgeschafft wurde, wohin wei ich nicht
einmal, da ich mich darum nicht weiter bekmmert? - Welch ein Vorwurf kann mich
hier treffen?
    Verzeihung, erwiderte die Benzon, Verzeihung, gndigster Herr, aber es
ist doch in der Tat der Vorwurf des wenigstens bereilten Verfahrens, der Sie
wohl mit Recht trifft. - Aber! - erfahren Sie es, gndigster Herr! Meister
Abraham ist davon unterrichtet, da seine Chiara weggeschafft wurde auf Ihren
Anla. Er ist still, er ist freundlich, aber glauben Sie nicht, Gndigster Herr,
da Ha und Rache brtet in seinem Innern gegen den, der ihm sein Liebstes
raubte auf Erden? Und diesem Mann wollen Sie vertrauen, wollen ihm Ihr Inneres
erschlieen? - Benzon, sprach der Frst, indem er sich die Schweitropfen von
der Stirne wegtrocknete, Benzon! Sie alterieren mich sehr - ganz
unbeschreiblich, mcht' ich sagen! - Barmherziger! kann ein Frst so aus der
Kontenance gebracht werden? Mu, beim Teufel - Gott, ich glaube gar, ich fluche
wie ein Dragoner hier beim Tee! - Benzon! warum sprachen Sie nicht frher! - Er
wei schon alles! - Im Fischerhuschen, gerade als ich ganz auer mir war ber
der Prinzessin Zustand, da flo mir das Herz, der Mund ber. - Ich sprach von
Angela, entdeckte ihm - Benzon, schrecklich ist es! - j'tois un - Esel! - Voil
tout!
    Und er erwiderte? So fragte die Benzon gespannt.
    Beinahe, sprach der Frst weiter, beinahe ist es mir so, als habe der
Meister Abraham zuerst angefangen, von unserem frheren Attachement zu sprechen,
und wie ich ein glcklicher Vater sein knnen, statt da ich nun ein
malheureuser sei. - So viel ist aber richtig, da, als ich meine Beichte
geendet, er lchelnd erklrte, wie er schon lngst alles wisse und hoffe, da
sich vielleicht in ganzer kurzer Zeit aufklren werde, wo Angela geblieben. -
Mancher Trug wrde dann vernichtet werden, manche Tuschung zerrinnen.
    Das, sprach die Benzon mit bebenden Lippen, das sagte der Meister?
    Sur mon honneur, erwiderte der Frst, das sprach er. - Tausend sapperment
- pardonnieren Sie, Benzon, aber ich bin im Zorn - wenn der Alte es mir
nachtragen sollte? - Benzon, que faire?
    Beide, der Frst und die Benzon, starrten sich sprachlos an.
Durchlauchtigster Herr, lispelte leise ein Kammerlakei, indem er dem Frsten
Tee prsentierte. Bte! schrie aber der Frst, im hastigen Aufspringen dem
Lakei Prsentierteller samt der Tasse aus den Hnden schleudernd; alles fuhr
entsetzt von den Spieltischen in die Hhe, das Spiel war geendet, der Frst,
sich mit Macht bezwingend, lchelte ein freundliches Adieu den Erschrockenen
zu und begab sich mit der Frstin in die inneren Gemcher. Auf jedem Gesicht las
man aber ganz deutlich: Gott, was ist das, was bedeutet das? - Der Frst
spielte nicht, sprach so lange, so ungelegentlich mit der Rtin und geriet dann
in solch entsetzlichen Zorn! -
    Unmglich konnte die Benzon auch nur entfernt ahnen, was sie in ihrer
Wohnung, die in einem Seitengebude dicht neben dem Schlosse belegen, fr ein
Auftritt erwartete. - Kaum eingetreten, strzte ihr nmlich ganz auer sich
Julia entgegen und - Doch! gegenwrtiger Biograph ist sehr zufrieden, da er
diesmal das, was sich mit Julia whrend des frstlichen Tees begeben, viel
besser und deutlicher zu erzhlen vermag als manches andere Faktum der bis jetzt
wenigstens etwas verworrenen Geschichte! - Also! - Wir wissen, da Julien
erlaubt wurde, frher nach Hause zurckzukehren. Ein Leibjger leuchtete ihr mit
einer Fackel vor. Kaum waren sie aber einige Schritte von dem Schlosse entfernt,
als der Leibjger pltzlich stillstand und die Fackel hoch emporhob. Was gibt
es? fragte Julia. Ei, erwiderte der Leibjger, ei, Frulein Julia, haben Sie
wohl die Gestalt bemerkt, die dort vor uns so schnell forthuschte? Ich wei gar
nicht, was ich davon denken soll, seit mehreren Abend schleicht hier ein Mensch
umher, der bei seiner Heimlichkeit was Bses im Schilde fhren mu. Wir haben
ihm schon nachgestellt auf alle nur mgliche Weise, aber er entwischt uns unter
den Hnden, ja, er wird vor unsern Augen unsichtbar wie ein Gespenst oder wie
der Gottseibeiuns selbst.
    Julia dachte an die Erscheinung im Giebelfenster des Pavillons und fhlte
sich von unheimlichen Schauern durchbebt. Fort, ach nur schnell fort, rief sie
dem Jger zu, der meinte aber lachend, das liebe Frulein mge sich nur nicht
frchten, denn ehe ihr etwas geschehe, msse ihm erst das Gespenst den Hals
umdrehen, berdem habe aber wohl das unbekannte Ding, was sich in der Gegend des
Schlosses blicken lasse, Fleisch und Bein wie andere ehrliche Leute und sei ein
furchtsamer lichtscheuer Hase.
    Julia schickte ihr Mdchen, das ber Kopfschmerz und Fieberfrost klagte, zu
Bette und legte ohne ihre Beihilfe die Nachtkleider an.
    Nun, als sie einsam auf ihrem Zimmer, ging noch einmal alles in ihrer Seele
auf, was Hedwiga in einem Zustande zu ihr gesprochen, den sie nur krankhafter
berspannung zuschreiben wollte. Und doch war es gewi, da eben jene krankhafte
berspannung nur eine psychische Ursache haben konnte. - Mdchen von solch
unbefangenem reinem Gemt, wie Julia, erraten in derlei intrikaten Fllen wohl
selten das Richtige. So glaubte auch Julia, als sie sich alles nochmals in den
Sinn gerufen, nichts anderes, als da Hedwiga von jener entsetzlichen
Leidenschaft ergriffen, die sie selbst ihr so furchtbar, als die Ahnung davon in
ihrer eignen Seele lag, geschildert, und da Prinz Hektor der Mann sei, dem sie
ihr eignes Selbst geopfert. - Nun, schlo sie ferner, sei, der Himmel wisse wie,
der Wahn in Hedwiga aufgestiegen, da der Prinz in anderer Liebe befangen, und
habe sie geqult wie ein frchterliches, rastlos sie verfolgendes Gespenst, so
da daraus sich die heillose Zerrttung im Innern erzeugt. Ach, sprach Julia
zu sich selbst, ach, du gute liebe Hedwiga, kehrte Prinz Hektor zurck, wie
bald wrdest du dich berzeugen, da du von deiner Freundin nichts zu
befrchten! - Doch in dem Augenblick, als Julia diese Worte sprach, trat der
Gedanke, da der Prinz sie liebe, so aus dem Innersten hervor, da sie vor
seiner Macht und Lebendigkeit erschrak, da sie sich von unnennbarer Angst
erfat fhlte, es knne doch wahr, was die Prinzessin glaube, und ihr Verderben
gewi sein. Jener seltsame fremdartige Eindruck, den des Prinzen Blick, sein
ganzes Wesen auf sie gemacht, kam ihr wieder zu Sinn, jenes Entsetzen durchbebte
aufs neue ihre Glieder. Sie gedachte jenes Moments auf der Brcke, als der
Prinz, sie umschlingend, den Schwan ftterte, all der verfnglichen Worte, die
er damals sprach, und die, so harmlos ihr damals alles vorgekommen, ihr jetzt
von tieferer Bedeutung schienen. Aber auch des verhngnisvollen Traums gedachte
sie, als sie sich von eisernen Armen fest umschlungen gefhlt und es der Prinz
gewesen, der sie festgehalten, als sie dann erwacht, den Kapellmeister im Garten
erblickt und sein ganzes Wesen ihr klar geworden und sie daran geglaubt, da er
sie schtzen werde vor dem Prinzen.
    Nein, rief Julia laut, nein, es ist nicht so, es kann dem nicht so sein,
es ist nicht mglich! Es ist der bse Geist der Hlle selbst, der diese
sndhaften Zweifel in mir rmsten aufregt! - Nein, er soll nicht Macht haben
ber mich! -
    Mit dem Gedanken an den Prinzen, an jene gefahrvollen Augenblicke regte sich
in Julias tiefer Brust eine Empfindung, deren Bedrohlichkeit nur daran zu
erkennen, da sie die Scham weckte, die das wallende Blut ihr in die Wangen,
heie Trnen ihr in die Augen trieb. Wohl der holden frommen Julia, da sie
Kraft genug besa, den bsen Geist zu beschwren, ihm keinen Raum zu verstatten,
in dem er fest fuen knnen. Es ist hier noch wiederholt zu bemerken, da Prinz
Hektor der schnste liebenswrdigste Mann war, den man nur sehen konnte, da
seine Kunst zu gefallen auf die tiefe Weiberkenntnis gegrndet war, die ihm das
Leben voll glcklicher Abenteuer erworben, und da eben ein junges unbefangenes
Mdchen wohl erschrecken machte vor der siegenden Kraft seines Blicks, seines
ganzen Wesens.
    O Johannes, sprach sie sanft, du guter herrlicher Mann, kann ich denn
nicht bei dir den Schutz suchen, den du mir versprochen? Kannst du nicht selbst
zu mir trstend reden mit den Himmelstnen, die recht widerhallen in meiner
Brust? -
    Damit ffnete Julia das Pianoforte und begann die Kompositionen Kreislers,
die ihr die liebsten waren, zu spielen und zu singen. In der Tat fhlte sie sich
bald getrstet, erheitert, der Gesang trug sie fort in eine andere, es gab
keinen Prinzen, ja keine Hedwiga mehr, deren krankhafte Phantome sie verstren
durften!
    - Nun noch meine liebste Kanzonetta! - So sprach Julia und begann das von
so vielen Komponisten gesetzte: Mi lagnero tacendo etc. In der Tat war
Kreislern dieses Lied vor allen brigen gelungen. Der se Schmerz der
brnstigsten Liebessehnsucht war darin in einfacher Melodie mit einer Wahrheit,
mit einer Strke ausgedrckt, die jedes fhlende Gemt unwiderstehlich ergreifen
mute. Julia hatte geendet, in das Andenken an Kreisler ganz und gar versunken,
schlug sie noch einzelne Akkorde an, die ein Echo schienen ihrer innern Gefhle.
Da ging die Tre auf, sie schaute hin, und ehe sie sich vom Sitz erheben konnte,
lag Prinz Hektor ihr zu Fen und hielt sie fest, beide Hnde erfassend. Laut
schrie sie auf vor jhem Schreck, doch der Prinz beschwor sie bei der Jungfrau
und allen Heiligen, ruhig zu sein, ihm nur zwei Minuten den Himmel ihres
Anblicks, ihres Worts zu gnnen. Mit Ausdrcken, wie sie nur die Raserei der
heftigsten Leidenschaft einzugeben vermag, sagte er ihr dann, da er nur sie,
nur sie anbete, da der Gedanke der Vermhlung mit Hedwiga ihm schrecklich,
todbringend sei. Da er deshalb fliehen wollen, doch bald, von der Macht einer
Leidenschaft, die erst mit seinem Tode enden knne, getrieben, zurckgekehrt
sei, nur um Julien zu sehen, zu sprechen, ihr zu sagen, da nur sie allein sein
Leben, sein alles sei! -
    Fort, rief Julia in trostloser Herzensangst, fort - Sie tten mich,
Prinz!
    Nimmermehr, schrie der Prinz, indem er in Liebeswut Julias Hnde an die
Lippen drckte, nimmermehr, der Moment ist da, der Leben ber mich bringt oder
Tod! - Julia! Kind des Himmels! Kannst du mich, kannst du den verwerfen, dessen
ganzes Sein, dessen Seligkeit du bist? - Nein, du liebst mich, Julia, ich wei
es, so sprich es aus, da du mich liebst, und alle Himmel berschwenglichen
Entzckens sind mir geffnet!
    Damit umschlang der Prinz die vor Entsetzen und Angst halb ohnmchtige Julia
und drckte sie heftig an seine Brust.
    Weh mir, rief sie mit halberstickter Stimme, weh mir - erbarmt sich
niemand meiner?
    Da erhellte Fackelglanz die Fenster, und mehrere Stimmen lieen sich vor der
Tre hren. Julia fhlte einen glhenden Ku auf den Lippen brennen, und schnell
war der Prinz entflohen.
    Also - ganz auer sich, strzte, wie gesagt, Julia der eintretenden Mutter
entgegen, und mit Entsetzen vernahm diese, was sich begeben. Sie begann damit,
die arme Julia zu trsten, wie sie nur vermochte, ihr zu versichern, da sie den
Prinzen zu seiner Scham aus dem Versteck, in dem er sich befinden msse,
hervorziehen werde.
    O, sprach Julia, o, tue das nicht Mutter, ich mu vergehen, wenn der
Frst, wenn Hedwiga erfhrt - Sie fiel schluchzend an der Mutter Brust, ihr
Antlitz verbergend.
    Du hast recht, erwiderte die Rtin, du hast recht, mein liebes gutes
Kind, niemand darf zurzeit wissen, ahnen, da der Prinz sich hier befindet, da
er dir nachstellt, du liebe fromme Julia! - Die im Komplott sind, mssen
schweigen. Denn da es deren gibt, die im Bunde sind mit dem Prinzen, hat nicht
den mindesten Zweifel, da er sonst ebensowenig unbemerkt hier in Sieghartshof
sich htte aufhalten, als in unsre Wohnung schleichen knnen. - Unbegreiflich
ist es mir, wie es dem Prinzen mglich wurde, aus dem Hause zu entfliehen, ohne
mir und Friedrich, der mir vorleuchtete, zu begegnen! Den alten Georg fanden wir
im tiefen unnatrlichen Schlaf, aber wo ist Nanny? - Weh mir, lispelte Julia,
weh mir, da sie krank war und ich sie fortschicken mute.
    Vielleicht, sprach die Benzon, vielleicht kann ich ihr Arzt sein, und
stie rasch die Tre des Nebenzimmers auf. Da stand die kranke Nanny vllig
angekleidet; sie hatte gelauscht und sank nun vor Schreck und Furcht nieder, der
Benzon zu Fen.
    Wenige Fragen der Benzon reichten hin, um zu erfahren, da der Prinz durch
den alten, fr so treu gehaltenen Kastellan -
    (M. f. f.) - mut' ich erfahren! - Muzius, mein treuer Freund, mein herziger
Bruder war an den Folgen der bsen Verwundung am Hinterbeine Todes verblichen. -
Die Trauerpost traf mich sehr hart, nun erst fhlte ich, was mir Muzius gewesen!
- In knftiger Nacht sollte, wie mir Puff sagte, in dem Keller desselben Hauses,
wo der Meister wohnte, und wo man die Leiche hingeschafft, die Totenfeier
gehalten werden. Ich versprach, mich nicht allein zu gehriger Zeit einzufinden,
sondern auch fr Speise und Trank zu sorgen, damit nach alter edler Sitte auch
das Trauermahl gehalten werden knne. Ich besorgte dies auch wirklich, indem ich
den Tag ber nach und nach meinen reichlichen Vorrat an Fischen, Hhnerknochen
und Gemse hinabtrug. - Fr Leser, die alles gern auf das genaueste erklrt
haben und daher auch wohl wissen mchten, wie ich es angefangen, das Getrnk
hinab zu transportieren, bemerke ich, da ohne weiteres Mhen mir eine
freundliche Hausmagd dazu verhalf. Die Hausmagd, welche ich gar oft im Keller zu
treffen und auch wohl in ihrer Kche zu besuchen pflegte, schien meinem
Geschlecht und insonderheit mir ganz vorzglich gewogen, so da wir uns nie
sahen, ohne auf anmutige Weise miteinander zu spielen. Sie reichte mir manchen
Bissen, der eigentlich schlechter war, als wie ich ihn von meinem Meister
empfing, den ich aber doch verzehrte und dabei tat, als wenn er mir ganz
vorzglich schmeckte, aus purer Galanterie. So was rhrt wohl das Herz einer
Hausmagd, und sie tat, worauf es eigentlich abgesehen war. Ich sprang ihr
nmlich auf den Scho, und sie kratzte mir so lieblich Kopf und Ohren, da ich
ganz Wonne und Seligkeit war und an die Hand mich gar sehr gewhnte, die
Wachtags ihren Besen fhrt und Sonntags denn am besten karessiert! - An diese
freundliche Person wandte ich mich nun in dem Augenblick, als sie aus dem
Keller, in dem ich mich gerade befand, einen groen Topf voll ser Milch
herauftragen wollte, und uerte auf ihr verstndliche Weise den lebhaften
Wunsch, die Milch fr mich zu behalten. Nrrischer Murr, sprach das Mdchen,
die ebensogut wie alle brigen Leute im Hause, ja wie die ganze Nachbarschaft
meinen Namen wute, nrrischer Murr, du willst gewi die Milch nicht fr dich
allein, du willst gewi traktieren! Nun, behalt nur die Milch, kleiner
Graukittel, ich mu oben schon fr andere sorgen! Damit setzte sie den Topf mit
Milch auf den Boden nieder, streichelte mir, der ich in den zierlichsten
Purzelbumen meine Freude und meinen Dank zu erkennen gab, noch was weniges den
Rcken und stieg denn die Kellertreppe hinauf. - Merke dir, o Katerjngling,
hiebei, da die Bekanntschaft, ja ein gewisses sentimentell gemtliches
Verhltnis mit einer freundlichen Kchin fr junge Leute unseres Standes und
Geschlechts ebenso angenehm ist als ersprielich.
    Um die Mitternachtsstunde begab ich mich hinab in den Keller. Trauriger,
herzzerreiender Anblick! Da lag in der Mitte auf einem Katafalk, der freilich,
dem einfachen Sinn, den der Verstorbene stets in sich trug, gem, nur in einem
Bndel Stroh bestand, die Leiche des teuern geliebten Freundes! - Alle Kater
waren schon versammelt, wir drckten uns, keines Wortes mchtig, die Pfoten,
setzten uns, heie Trnen in den Augen, in einen Kreis rings um den Katafalk
umher und stimmten einen Klagegesang an, dessen die Brust durchschneidende Tne
furchtbar in den Kellergewlben widerhallten. Es war der trostloseste,
entsetzlichste Jammer, der jemals gehrt worden, kein menschliches Organ vermag
ihn herauszubringen.
    Nachdem der Gesang geendet, trat ein sehr hbscher, anstndig in Wei und
Schwarz gekleideter Jngling aus dem Kreise, stellte sich an das Kopfende der
Leiche und hielt nachfolgende Standrede, welche er mir, unerachtet er sie aus
dem Stegreif gesprochen, schriftlich mitteilte.

                                   TRAUERREDE

                am Grabe des zu frh verblichenen Katers Muzius,
                         der Phil. und Gesch. Befliss.,
                 gehalten von seinem treuen Freunde und Bruder,
                              dem Kater Hinzmann,
                         der Poes. und Bereds. Befliss.

                    Teure in Betrbnis versammelte Brder!
                          Wackre hochherzige Bursche!

Was ist der Kater! - ein gebrechliches vergngliches Ding, wie alles, was
geboren auf Erden! - Ist es wahr, was die berhmtesten rzte und Physiologen
behaupten, da der Tod, dem alle Kreatur unterworfen, hauptschlich in dem
gnzlichen Aufhren alles Atmens bestehe, o, so ist unser biedere Freund, unser
wackere Bruder, dieser treue tapfere Genosse in Freud und Leid, o, so ist unser
edle Muzius gewi tot! - Seht, da liegt der Edle auf dem kalten Stroh und hat
alle Viere von sich gestreckt! - Nicht der leiseste Atemzug stiehlt sich durch
die auf ewig geschlossenen Lippen! Eingefallen sind die Augen, die sonst bald
sanftes Liebesfeuer, bald vernichtenden Zorn strahlten in grngleiendem Gold!
Totenblsse berzieht das Antlitz, schlaff hngen die Ohren, hngt der Schweif
herab! - O Bruder Muzius, wo sind nun deine lustigen Sprnge, wo ist deine
Heiterkeit, deine gute Laune, dein klares frhliches Miau! das alle Herzen
erfreute, dein Mut, deine Standhaftigkeit, deine Klugheit, dein Witz? - Alles,
alles hat dir der bittre Tod geraubt, und du weit vielleicht nun nicht einmal
genau, ob du gelebt hast? - Und doch warst du die Gesundheit, die Kraft selbst,
gerstet gegen alles krperliche Weh, als solltest du ewig leben! Kein Rdchen
des Uhrwerks, das dein Inneres trieb, war ja auch schadhaft, und der Todesengel
hatte sein Schwert nicht ber dein Haupt geschwungen, weil das Rderwerk
abgelaufen und nicht mehr wieder aufgezogen werden konnte. - Nein! ein
feindliches Prinzip griff gewaltsam hinein in den Organismus und zerstrte
frevelnd, was noch lange htte bestehen knnen. - Ja! - Noch oft htten diese
Augen freundlich gestrahlt, noch oft wren lustige Einflle, frhliche Lieder
diesen Lippen, dieser erstarrten Brust entstrmt, noch oft htte dieser Schweif,
frohen Mutes innere Kraft verkndend, sich in Wellenlinien geringelt, noch oft
htten diese Pfoten Strke und Gewandtheit bewiesen in den mchtigsten
gewagtesten Sprngen - und nun - - O, kann es die Natur zulassen, da das, was
sie auf lange Dauer mhsam konstruiert hat, vor der Zeit zerstrt werde, oder
gibt es wirklich einen finstren Geist, Zufall genannt, der in despotischer
frevelnder Willkr hineingreifen darf in die Schwingungen, die alles Sein dem
ewigen Naturprinzip gem zu bedingen scheinen? - O du Toter, knntest du das
hier der betrbten, jedoch lebendigen Versammlung sagen! - Doch, werte
Anwesende, wackre Brder, lat uns solchen tiefsinnigen Betrachtungen nicht
nachhngen, sondern uns ganz der Klage um den viel zu frh verlornen Freund
Muzius zuwenden. - Es ist gebruchlich, da der Trauerredner den Anwesenden die
ganze vollstndige Biographie mit lobpreisenden Zustzen und Anmerkungen
vortrgt, und dieser Gebrauch ist sehr gut, da durch einen solchen Vortrag auch
in dem betrbtesten Zuhrer der Ekel der Langeweile erregt werden mu, dieser
Ekel aber nach der Erfahrung und dem Ausspruch bewhrter Psychologen am besten
jede Betrbnis zerstrt, weshalb denn auf jene Weise der Trauerredner beide
Pflichten, die, dem Verewigten die gehrige Ehre zu erweisen, und die, die
Hinterlassenen zu trsten, auf einmal erfllt. Man hat Beispiele, und sie sind
natrlich, da der Gebeugteste nach solcher Rede ganz vergngt und munter von
hinnen gegangen ist; ber der Freude, erlst zu sein von der Qual des Vortrags,
verschmerzte er den Verlust des Hingeschiedenen. - Teure, versammelte Brder!
wie gern folgte auch ich dem lblichen bewhrten Gebrauch, wie gern trge ich
euch die ganze ausfhrliche Biographie des erblaten Freundes und Bruders vor
und setzte euch um aus betrbten Katern in vergngte, aber es geht nicht, es
geht wahrhaftig nicht. - Seht das ein, teure, geliebte Brder, wenn ich euch
sage, da ich von dem eigentlichen Leben des Verblichenen, was Geburt,
Erziehung, weiteres Fortkommen betrifft, beinahe gar nichts wei, da ich daher
euch lauter Fabeln auftischen mte, wozu der Ort hier bei der Leiche des
Erblaten viel zu ernst und unsere Stimmung viel zu feierlich ist. - Nichts fr
ungut, Bursche, aber ich will statt alles weitern langweiligen Sermons nur mit
wenigen schlichten Worten sagen, was fr ein schmhliches Ende der arme Teufel,
der hier starr und tut vor uns liegt, nehmen mute, und was es fr ein wackrer,
tchtiger Kerl im Leben war! - Doch, o Himmel! ich falle aus dem Ton der
Beredsamkeit, unerachtet ich derselben beflissen und, will es das Schicksal,
Professor poeseos et eloquentiae zu werden hoffe! -
    (Hinzmann schwieg, putzte sich mit der rechten Pfote Ohren, Stirn, Nase und
Bart, betrachtete lange unverwandten Blicks die Leiche, rusperte sich aus, fuhr
nochmals mit der Pfote bers Gesicht und sprach dann mit erhhtem Tone weiter.)
    O bittres Verhngnis! - o grauser Tod! mutest du auf solch grausame Weise
den verewigten Jngling hinraffen in der Blte seiner Jahre? - Brder! ein
Redner darf dem Zuhrer nochmals sagen, was dieser schon erfahren bis zum
berdru, darum wiederhole ich, was ihr schon alle wit, da nmlich der
dahingeschiedene Bruder fiel als ein Opfer des wtenden Hasses der
Spitzphilister. - Dorthin auf jenes Dach, wo sonst wir uns ergtzten in Friede
und Freude, wo frhliche Lieder schallten, wo Pfot' in Pfot' und Brust an Brust
wir ein Herz, eine Seele waren, wollte er hinaufschleichen, um in stiller
Einsamkeit mit dem Senior Puff das Andenken jener schnen Tage, wahrer Tage in
Aranjuez, die nun vorber, zu feiern, da hatten die Spitzphilister, die auf jede
Weise, jede Erneuerung unsers frohen Katerbundes hintertreiben wollten, in die
dunklen Winkel des Bodens Fuchseisen hingestellt; in eins derselben geriet der
unglckliche Muzius, zerquetschte sich das Hinterbein und - mute sterben! -
Schmerzhaft und gefhrlich sind die Wunden, die Philister schlagen, denn sie
bedienen sich jederzeit stumpfer schartiger Waffen, doch stark und krftig von
Natur, htte der Dahingeschiedene, der bedrohlichen Verletzung unerachtet,
wieder aufkommen knnen, aber der Gram, der tiefe Gram, sich von schnden
Spitzen berwunden, in seiner schnen glanzvollen Laufbahn ganz zerstrt zu
sehen, der stete Gedanke an die Schmach, die wir alle erlitten, das war es, was
an seinem Leben zehrte. - Er litt keinen gehrigen Verband, nahm keine Arzenei -
man sagt, er wollte sterben! -
    (Ich, wir alle konnten uns bei diesen letzten Worten Hinzmanns nicht lassen
vor grimmen Schmerz, sondern brachen all in solch ein klgliches Geheul und
Jammergeschrei aus, da ein Felsen htte erweicht werden knnen. Als wir uns nur
einigermaen beruhigt hatten, so da wir zu hren vermochten, sprach Hinzmann
mit Pathos weiter.)
    O Muzius! o schau' herab! schau' die Trnen, die wir um dich vergieen,
hre die trostlose Klage, die wir um dich erheben, verewigter Kater! - Ja,
schau' auf uns herab oder hinauf, wie du es nun eben vermagst, sei im Geiste
unter uns, wenn du noch berhaupt eines Geistes mchtig und derselbige, der dir
innegewohnt, nicht schon anderweitig verbraucht worden! - Brder! - wie gesagt,
ich halte das Maul ber die Biographie des Erblaten, weil ich nichts davon
wei, aber desto lebhafter sind mir die vortrefflichen Eigenschaften des
Verewigten im Gedchtnis, und die will ich euch, meine teuersten geliebtesten
Freunde, vor die Nase rcken, damit ihr den entsetzlichen Verlust, den ihr durch
den Tod des herrlichen Katers erlitten, im ganzen Umfange fhlen mget!
Vernehmet es, o Jnglinge, die ihr geneigt seid, nie abzuweichen von dem Pfade
der Tugend, vernehmt es! - Muzius war, was wenige im Leben sind, ein wrdiges
Glied der Katzengesellschaft, ein guter treuer Gatte, ein vortrefflicher
liebender Vater, ein eifriger Verfechter der Wahrheit und des Rechts, ein
unermdlicher Wohltter, eine Sttze der Armen, ein treuer Freund in der Not! -
Ein wrdiges Glied der Katzengesellschaft? - Ja! denn immer uerte er die
besten Gesinnungen und war sogar zu einiger Aufopferung bereit, wenn geschah,
was er wollte, feindete auch nur ausschlielich diejenigen an, die ihm
widersprachen und seinem Willen sich nicht fgten. Ein guter treuer Gatte? Ja! -
denn er lief andern Ktzchen nur dann nach, wenn sie jnger und hbscher waren
als sein Gemahl und unwiderstehliche Lust ihn dazu trieb. Ein vortrefflicher
liebender Vater? Ja! denn niemals hat man vernommen, da er, wie es wohl von
rohen lieblosen Vtern unsers Geschlechts zu geschehen pflegt, im Anfall eines
besonderen Appetits eines seiner erzielten Kleinen verspeiset; es war ihm
vielmehr ganz recht, wenn die Mutter sie smtlich forttrug und er von ihrem
dermaligen Aufenthalt weiter nichts erfuhr. Ein eifriger Verfechter der Wahrheit
und des Rechts? Ja! - denn sein Leben htte er gelassen dafr, weshalb er, da
man nur einmal lebt, sich um beides nicht viel kmmerte, welches ihm auch nicht
zu verargen. Ein unermdlicher Wohltter, eine Sttze der Armen? Ja! denn
jahraus jahrein trug er am Neujahrstage ein kleines Heringsschwnzlein oder ein
paar subtile Knchelchen hinab in den Hof fr die armen Brder, die der Speisung
bedurften, und konnte wohl, da er auf diese Weise seine Pflicht als wrdiger
Katzenfreund erfllte, diejenigen bedrftigen Kater mrrisch anknurren, die
auerdem noch etwas von ihm verlangten. Ein treuer Freund in der Not? Ja! denn
geriet er in Not, so lie er nicht ab selbst von denjenigen Freunden, die er
sonst ganz vernachlssigt, ganz vergessen hatte. - Verewigter! was soll ich noch
sagen von deinem Heldenmut, von deinem hohen geluterten Sinn fr alles Schne
und Edle, von deiner Gelehrsamkeit, von deiner Kunstkultur, von all den tausend
Tugenden, die sich in dir vereinten! Was, sag' ich, soll ich sagen davon, ohne
unsern gerechten Schmerz ber dein klgliches Hinscheiden nicht noch um vieles
zu vermehren! - Freunde, gerhrte Brder! - denn in der Tat, an einigen
unzweideutigen Bewegungen bemerke ich zu meiner nicht geringen Befriedigung, da
es mir gelang, euch zu rhren - Also! - gerhrte Brder! - Lat uns ein Beispiel
nehmen an diesem Verstorbenen, lat uns alle Mhe anwenden, ganz in seine
wrdige Futapfen zu treten, lat uns ganz das sein, was der Vollendete war, und
auch wir werden im Tode die Ruhe des wahrhaft weisen, des durch Tugenden jeder
Art und Gattung geluterten Katers genieen wie dieser Vollendete! - Seht nur
selbst, wie er so still daliegt, wie er keine Pfote rhrt, wie ihm all mein Lob
seiner Vortrefflichkeit auch nicht ein leises Lcheln des Wohlgefallens
abgewonnen! - Glaubt ihr wohl, Traurige! da der bitterste Tadel, die grbsten
beleidigendsten Schmhungen ebenso jeden Eindruck auf den Verewigten verfehlt
haben wrden? Glaubt ihr wohl, da selbst der dmonische Spitzphilister, trte
er hinein in diesen Kreis, dem er sonst unmageblich beide Augen ausgekratzt
haben wrde, jetzt ihn nur im mindesten in Harnisch bringen, seine sanfte se
Ruhe verstren drfte?
    ber Lob und Tadel, ber alle Anfeindungen, alle Foppereien, allen
neckhaften Spott und Hohn, ber allen wirrigen Spuk des Lebens ist unser
herrliche Muzius erhaben, er hat kein anmutiges Lcheln, keine feurige Umarmung,
keinen biedern Pfotendruck mehr fr den Freund, aber auch keine Krallen, keine
Zhne mehr fr den Feind! - Er ist vermge seiner Tugenden zu der Ruhe gelangt,
der er im Leben vergebens nachgestrebt! - Zwar will es mich beinahe bednken,
da wir alle, so wie wir hier zusammen sitzen und heulen um den Freund, zu der
Ruhe kommen wrden, ohne gerade so ein Ausbund von aller Tugend zu sein als er,
und da es wohl noch ein anderes Motiv geben msse, tugendhaft zu sein, als
gerade die Sehnsucht nach dieser Ruhe, indessen ist das nur solch ein Gedanke,
den ich euch zu fernerer Bearbeitung berlasse. - Soeben wollte ich euch ans
Herz legen, euer ganzes Leben vorzglich dazu anzuwenden, um so schn sterben zu
lernen als Freund Muzius, indessen will ich es lieber nicht tun, da ihr mir so
manches Bedenkliche entgegensetzen knntet. Ich meine nmlich, da ihr mir
einwenden drftet, der Verewigte htte auch lernen sollen, behutsam zu sein und
Fuchseisen zu vermeiden, um nicht zu sterben vor der Zeit. Dann gedenke ich aber
auch, wie ein sehr junger Katerknabe auf gleiche Ermahnung des Lehrers, da der
Kater sein ganzes Leben darauf verwenden msse, um sterben zu lernen,
schnippisch genug erwiderte, es knne doch so gar schwer nicht sein, da es jedem
gelinge aufs erste Mal! - Lat uns jetzt, hochbetrbte Jnglinge, einige
Augenblicke stiller Betrachtung widmen! -
    (Hinzmann schwieg und fuhr sich wiederum mit der rechten Pfote ber Ohren
und Gesicht, dann schien er in tiefes Nachdenken zu versinken, indem er die
Augen fest zudrckte. Endlich, als es zu lange whrte, stie ihn der Senior Puff
an und sprach leise: Hinzmann, ich glaube gar, du bist eingeschlafen. Mache
nur, da du fertig wirst mit deinem Sermon, denn wir verspren alle einen
desperaten Hunger. Hinzmann fuhr in die Hhe, setzte sich wieder in die
zierliche Rednerstellung und sprach weiter.)
    Teuerste Brder! - ich hoffte noch zu einigen erhabenen Gedanken zu
gelangen und gegenwrtige Standrede glnzend zu schlieen, es ist mir aber gar
nichts eingefallen, ich glaube, der groe Schmerz, den ich zu empfinden mich
bemht, hat mich ein wenig stupid gemacht. Lat uns daher meine Rede, der ihr
den vollkommensten Beifall nicht versagen knnet, fr geschlossen annehmen und
jetzt das gewhnliche De oder Ex profundis anstimmen! -
    So endete der artige Katerjngling seinen Trauersermon , der mir zwar in
rhetorischer Hinsicht wohl geordnet und von guter Wirkung zu sein schien, an dem
ich aber doch manches auszusetzen fand. Mir kam es nmlich vor, da Hinzmann
gesprochen, mehr um ein glnzendes Rednertalent zu zeigen, als den armen Muzius
noch zu ehren nach seinem betrbten Hinscheiden. Alles, was er gesagt, pate gar
nicht recht auf den Freund Muzius, der ein einfacher, schlichter, gerader Kater
und, ich hatte es ja wohl recht erfahren, eine treue gutmtige Seele gewesen.
berdem war auch das Lob, das Hinzmann gespendet, von zweideutiger Art, so da
mir eigentlich die Rede hinterher mifiel und ich whrend des Vortrags blo
durch die Anmut des Redners und durch seine in der Tat ausdrucksvolle
Deklamation bestochen worden. Auch der Senior Puff schien meiner Meinung zu
sein; wir wechselten Blicke, die, Hinzmanns Rede betreffend, von unserm
Einverstndnis zeugten.
    Dem Schlu der Rede gem stimmten wir ein De profundis an, das womglich
noch viel jmmerlicher, viel herzzerschneidender klang als das entsetzliche
Grabeslied vor der Rede. - Es ist bekannt, da die Snger von unserm Geschlecht
den Ausdruck des tiefsten Wehs, des trostlosesten Jammers, mag nun die Klage
wegen zu sehnschtiger oder verschmhter Liebe oder um einen geliebten
Verstorbenen ertnen, ganz vorzglich in der Gewalt haben, so da selbst der
kalte gefhllose Mensch von Gesngen solcher Art tief durchdrungen wird und der
gepreten Brust nur Luft zu machen vermag durch seltsames Fluchen. - Als das De
profundis geendigt, hoben wir die Leiche des verewigten Bruders auf und senkten
sie in ein tiefes, in einer Ecke des Kellers befindliches Grab.
    In diesem Augenblick begab sich aber das Unerwartetste und zugleich anmutig
Rhrendste der ganzen Totenfeier. Drei Katzenmdchen, schn wie der Tag, hpften
heran und streuten Kartoffel- und Petersilienkraut, das sie im Keller gepflckt,
in das offne Grab, whrend eine ltere ein einfaches herziges Lied dazu sang.
Die Melodie war mir bekannt, irre ich nicht, so fngt der Originaltext des
Liedes, dem die Stimme untergeschoben, mit den Worten an: O Tannenbaum! o
Tannenbaum! u.s.w. Es waren, wie mir der Senior Puff ins Ohr sagte, die Tchter
des verstorbenen Muzius, die auf diese Weise des Vaters Trauerfest mit begingen.
    Nicht das Auge abwenden konnte ich von der Sngerin; sie war allerliebst,
der Ton ihrer sen Stimme, selbst das Rhrende, tief Empfundene in der Melodie
des Trauerliedes ri mich hin ganz und gar; ich konnte mich der Trnen nicht
enthalten. Doch der Schmerz, der mir sie ausprete, war von ganz besonderer
seltsamer Art, da er mir das seste Wohlbehagen erregte.
    Da ich es nur geradezu heraussage! - Mein ganzes Herz neigte sich der
Sngerin hin, es war mir, als habe ich nie eine Katzenjungfrau erblickt von
dieser Anmut, von diesem Adel in Haltung und Blick, von dieser siegenden
Schnheit. -
    Das Grab wurde mit Mhe von vier rstigen Katern, die so viel Sand und Erde
herankratzten, als nur mglich, gefllt, die Beerdigung war vorbei, und wir
gingen zu Tische. Muzius' schne liebliche Tchter wollten sich entfernen, das
litten wir jedoch nicht, sie muten vielmehr teilnehmen am Trauermahl, und ich
wute es so geschickt anzufangen, da ich die Schnste zur Tafel fhrte und mich
dicht neben ihr hinsetzte. Hatte mir erst ihre Schnheit geglnzt, hatte mich
ihre se Stimme bezaubert, so versetzte mich jetzt ihr heller klarer Verstand,
die Innigkeit, die Zartheit ihres Gefhls, das rein weibliche fromme Wesen, das
aus ihrem Innern hervorstrahlte, in den hchsten Himmel des Entzckens. Alles
erhielt in ihrem Munde, in ihren sen Worten einen ganz eigenen Zauberreiz, ihr
Gesprch war ganz liebliche zarte Idylle. - So sprach sie z.B. mit Wrme von
einem Milchbrei, den sie wenige Tage vor des Vaters Tode nicht ohne Appetit
genossen, und als ich sagte, da bei meinem Meister solch ein Brei ganz
vorzglich bereitet wrde und zwar mit einer guten Zutat von Butter, da blickte
sie mich an mit ihren frommen, grnstrahlenden Taubenaugen und fragte mit einem
Ton, der mein ganzes Herz durchbebte: O gewi - gewi, mein Herr? - Sie lieben
auch den Milchbrei? - Mit Butter! wiederholte sie dann, wie in schwrmerische
Trume versinkend. - Wer wei nicht, da hbschen blhenden Mdchen von sechs
bis acht Monaten (so viele konnte die Schnste zhlen) nichts besser kleidet als
ein kleiner Anstrich von Schwrmerei, ja da sie dann oft ganz unwiderstehlich
sind. So geschah es, da ich, ganz in Liebe entflammt, die Pfote der Schnsten
heftig drckend, laut rief: Englisches Kind! frhstcke mit mir Milchbrei, und
es gibt keine Seligkeit des Lebens, gegen die ich mein Glck austausche! - Sie
schien verlegen, sie schlug errtend die Augen nieder, doch lie sie ihre Pfote
in der meinigen, welches die schnsten Hoffnungen in mir erregte. Ich hatte
nmlich einmal bei meinem Meister einen alten Herrn, der, irre ich nicht, ein
Advokat war, sagen gehrt, es sei fr ein junges Mdchen sehr gefhrlich, ihre
Hand lange in der Hand eines Mannes zu lassen, weil dieser es mit Recht fr eine
traditio brevi manu ihrer ganzen Person ansehen und allerlei Ansprche darauf
begrnden knne, die dann nur mit Mhe zurckzuweisen. - Zu solchen Ansprchen
hatte ich nun aber groe Lust und wollte eben damit beginnen, als das Gesprch
durch eine Libation zu Ehren des Verstorbenen unterbrochen wurde. - Die drei
jngeren Tchter des hingeschiedenen Muzius hatten indessen eine frohe Laune,
eine schalkhafte Naivitt entwickelt, ber die alle Kater entzckt waren. Schon
durch Speise und Trank merklich dem Gram und Schmerz entnommen, wurde nun die
Gesellschaft immer froher und lebendiger. Man lachte, man scherzte, und als die
Tafel aufgehoben, war es der ernste Senior Puff selbst, welcher vorschlug, ein
Tnzchen zu machen. Schnell war alles fortgerumt; drei Kater stimmten ihre
Kehlen, und bald sprangen und drehten sich Muzius' aufgeweckte Tchter mit den
Jnglingen wacker herum.
    Nicht von der Seite wich ich der Schnsten, ich forderte sie auf zum Tanz,
sie gab mir die Pfote, wir flogen in die Reihen. - Ha! wie ihr Atem an meiner
Wange spielte! wie meine Brust an der ihrigen bebte! wie ich ihren sen Leib
mit meinen Pfoten umschlangen hielt! - O des seligen, himmlisch seligen
Augenblicks!
    Als wir zwei, auch wohl drei Hopser getanzt, fhrte ich die Schnste in eine
Ecke des Kellers und bediente sie galanter Sitte gem mit einigen
Erfrischungen, wie sie sich eben vorfinden lassen wollten, da das Fest
eigentlich auf einen Ball nicht eingerichtet. Nun lie ich meinem innern Gefhl
ganz freien Lauf. Ein Mal bers andere drckte ich ihre Pfote an meine Lippen
und versicherte ihr, da ich der glcklichste Sterbliche sein werde, wenn sie
mich ein bichen lieben wolle.
    Unglcklicher, sprach pltzlich eine Stimme dicht hinter mir,
Unglcklicher, was beginnst du! - es ist deine Tochter Mina!
    Ich erbebte, denn wohl erkannte ich die Stimme! - Es war Miesmies! -
Launisch spielte der Zufall mit mir, da in dem Augenblick, als ich Miesmies
ganz vergessen zu haben geglaubt, ich erfahren, was ich nicht ahnen knnen, ich
in Liebe kommen mute zu eignem Kinde! - Miesmies war in tiefer Trauer, ich
wute selbst nicht, was ich davon denken sollte. Miesmies, sprach ich sanft,
Miesmies, was fhrt Sie hieher, warum in Trauer und - o Gott! - jene Mdchen -
Minas Schwestern? - Ich erfuhr das Seltsamste! - Mein gehssiger Nebenbuhler,
der Schwarzgraugelbe, hatte sich gleich nachher, als er in jenem mrderischen
Zweikampf meiner ritterlichen Tapferkeit erlegen, von Miesmies getrennt und war,
als nur seine Wunden geheilt, fortgegangen, niemand wute wohin. Da warb Muzius
um ihre Pfote, die sie ihm willig reichte, und es machte ihm Ehre und bewies
sein Zartgefhl, da er mir dies Verhltnis gnzlich verschwieg. So waren aber
jene muntre naive Ktzchen nur meiner Mina Stiefschwestern!
    O Murr, sprach Miesmies zrtlich, nachdem sie erzhlt, wie sich das alles
ergeben, o Murr! Ihr schner Geist hat sich nur in dem Gefhl geirrt, das ihn
berstrmte. Es war die Liebe des zrtlichsten Vaters, nicht des verlangenden
Liebhabers, die in Ihrer Brust erwachte, als Sie unsre Mina sahen. Unsere Mina!
o welch ein ses Wort! - Murr! knnen Sie dabei unempfindlich bleiben, sollte
alle Liebe erloschen sein in Ihrem Innern gegen die, die Sie so innig liebte - o
Himmel, noch so innig liebt, die Ihnen treu geblieben bis in den Tod, wre nicht
ein anderer dazwischengekommen und htte sie verlockt durch schnde
Verfhrungsknste? - O Schwachheit, dein Name ist Katz! Das denken Sie, ich wei
es, aber ist es nicht Katertugend, der schwachen Katze zu verzeihen? - Murr! Sie
sehen mich gebeugt, trostlos ber den Verlust des dritten zrtlichen Gatten,
aber in dieser Trostlosigkeit flammt aufs neue die Liebe auf, die sonst mein
Glck, mein Stolz, mein Leben war! - Murr! hren Sie mein Gestndnis! - ich
liebe Sie noch, und ich dchte, wir verhei - Trnen erstickten ihre Stimme!
    Mir war bei dem ganzen Auftritt sehr peinlich zumute. Mina sa da, bleich
und schn wie der erste Schnee, der manchmal im Herbste die letzten Blumen kt
und gleich in bittres Wasser zerflieen wird!
    (Anmerkung des Herausgebers. Murr! - Murr! schon wieder ein Plagiat! - In
Peter Schlemihls wundersamer Geschichte beschreibt der Held des Buchs seine
Geliebte, auch Mina geheien, mit denselben Worten.)
    Schweigend betrachtete ich beide, Mutter und Tochter, die letzte gefiel mir
doch unendlich viel besser, und da bei unserm Geschlecht die nchsten
verwandtschaftlichen Verhltnisse kein kanonisches Ehehindernis - Vielleicht
verriet mich mein Blick, denn Miesmies schien meine innerste Gedanken zu
durchschauen. Barbar! rief sie, indem sie schnell auf Mina lossprang und sie
heftig umpfotend an ihre Brust ri, Barbar! was willst du beginnen? - Wie? du
kannst dies dich liebende Herz verschmhen und Verbrechen hufen auf
Verbrechen! Unerachtet ich nun gar nicht begriff, was fr Ansprche Miesmies
geltend machen und welche Verbrechen sie mir vorwerfen konnte, so fand ich es,
um den Jubel, in den sich das Trauerfest aufgelst, nicht zu verstren, doch
geratener, gute Miene zu machen zu bsem Spiel. Ich versicherte daher der ganz
aus sich selbst gekommenen Miesmies, da blo die unaussprechliche hnlichkeit
Minas mit ihr mich irregefhrt und ich geglaubt habe, dasselbe Gefhl entflamme
mein Inneres, das ich fr sie, die noch immer schne Miesmies, in mir trage.
Miesmies trocknete alsbald ihre Trnen, setzte sich dicht zu mir und fing ein so
vertrauliches Gesprch mit mir an, als sei nie etwas Bses unter uns
vorgefallen. Hatte nun noch der junge Hinzmann die schne Mina zum Tanz
aufgefordert, so kann man denken, in welcher unangenehmen peinlichen Lage ich
mich befand.
    Ein Glck fr mich war es, da der Senior Puff endlich Miesmies aufzog zum
Kehraus, da sie mir sonst noch allerlei seltsame Propositionen htte machen
knnen. Ich schlich leise, leise aus dem Keller herauf und dachte: Kommt Zeit,
kommt Rat!
    Ich sehe dieses Trauerfest fr den Wendepunkt an, in dem sich meine
Lehrmonate schlossen und ich eintrat in einen Kreis des Lebens.

(Mak. Bl.) - Kreisler veranlat, sich in aller Frhe in die Gemcher des Abts zu
begeben. Er fand den hochehrwrdigen Herrn, wie er eben, mit Beil und Meiel in
der Hand, beschftigt war, eine groe Kiste aufzuschlagen, in welcher der Form
nach ein Gemlde eingepackt sein mute. Ha! rief der Abt dem eintretenden
Kreisler entgegen, gut, da Ihr kommt, Kapellmeister! Ihr knnet mir beistehen
in einer schweren mhseligen Arbeit. Die Kiste ist mit tausend Ngeln
zugehmmert, als solle sie verschlossen bleiben in Ewigkeit. Sie kommt
geradesweges aus Neapel, und es ist ein Gemlde darin, das ich vorderhand in
meinem Kabinett aufhngen und den Brdern nicht zeigen will. Darum rief ich mir
keinen zur Hilfe; aber nun sollt Ihr mir helfen, Kapellmeister. Kreisler legte
Hand an, und nicht lange dauerte es, so war das groe schne Gemlde, das in
einen prchtigen vergoldeten Rahmen gefat, aus der Kiste zutage gefrdert.
Nicht wenig verwunderte sich Kreisler, als er in dem Kabinett des Abts die
Stelle ber dem kleinen Altar, wo sonst ein sehr anmutiges Bild von Leonardo da
Vinci, die heilige Familie darstellend, aufgehngt war, leer fand. Der Abt hatte
dies Gemlde fr eins der besten geachtet, welche die an alten Originalen reiche
Sammlung besa, und doch sollte dieses Meisterstck Platz machen einem Gemlde,
dessen groe Schnheit, aber auch entschiedene Neuheit Kreisler auf den ersten
Blick erkannte. -
    Mit groer Mhe hatten beide, der Abt und Kreisler, das Gemlde an der Wand
mit Mauerschrauben befestigt, und nun stellte sich der Abt in das rechte Licht
und schaute das Bild mit einem solch innigen Wohlbehagen, mit solch sichtlicher
Freude an, da es schien, als sei auer der in der Tat bewundrungswrdigen
Malerei noch ein besonderes Interesse hier im Spiele. - Der Gegenstand des
Gemldes war ein Mirakel. Von der strahlenden Glorie des Himmels umflossen,
erschien die heilige Jungfrau; in der linken Hand trug sie einen Lilienzweig,
mit den beiden Mittelfingern der rechten Hand berhrte sie aber die nackte Brust
eines Jnglings, und man sah, wie unter den Fingern dickes Blut aus einer offnen
Wunde hervortropfte. Der Jngling erhob sich halb von dem Lager, auf das er
ausgestreckt, er schien aus dem Todesschlafe zu erwachen, noch hatte er nicht
die Augen geffnet, aber das verklrte Lcheln, das auf seinem schnen Antlitz
ausgebreitet, zeigte, da er die Mutter Gottes schaute im seligen Traum, da ihm
der Schmerz der Wunde entnommen, da der Tod keine Macht mehr hatte ber ihn. -
Jeder Kenner mute die korrekte Zeichnung, die geschickte Anordnung der Gruppe,
die richtige Verteilung des Lichts und Schattens, den grandiosen Wurf der
Gewnder, die hohe Anmut der Gestalt Marias, vorzglich auch die lebensvolle
Farbe, die den modernen Knstlern meistens nicht zu Gebote steht, hchlich
bewundern. Worin sich aber am meisten und, wie es in der Natur der Sache liegt,
auch am entschiedensten der wahre Genius des Knstlers offenbarte, war der
unbeschreibliche Ausdruck der Gesichter. Maria war das schnste, anmutigste
Weib, das man nur sehen konnte, und doch lag auf dieser hohen Stirne des Himmels
gebietende Majestt, strahlte berirdische Seligkeit in mildem Glanz aus diesen
dunklen Augen. Ebenso war die himmlische Verzckung des zum Leben erwachenden
Jnglings mit einer seltenen Kraft des schpferischen Geistes vom Knstler
aufgefat und dargestellt. - Kreisler kannte in der Tat kein einziges Gemlde
der neuern Zeit, das er diesem herrlichen Bilde htte an die Seite stellen
knnen; er uerte dies dem Abt, indem er sich ber alle einzelne Schnheiten
des Werks weitluftig auslie und dann hinzufgte, da in der neuesten Zeit wohl
kaum Gediegeneres hervorgebracht worden.
    Das, sprach der Abt lchelnd, das hat seinen guten Grund, wie Ihr,
Kapellmeister, sogleich erfahren sollt. - Es ist ein eignes Ding mit unsern
jungen Knstlern, sie studieren und studieren, erfinden, zeichnen, machen
gewaltige Kartons, und am Ende kommt Totes, Starres hervor, das nicht eindringen
kann ins Leben, weil es selbst nicht lebt. Statt des alten groen Meisters, den
sie sich zum Muster und Vorbild gewhlt haben, Werke sorglich zu kopieren und so
einzudringen in seinen eigentmlichsten Geist, wollen sie gleich die Meister
selbst sein und Similia malen, verfallen aber darber in eine Nachahmerei der
Nebendinge, die sie ebenso kindisch und lcherlich erscheinen lt als jenen,
der, um einem groen Mann gleichzukommen, ebenso zu husten, zu schnarren, etwas
gebckt zu gehen sich mhte wie dieser. - Es fehlt unsern jungen Malern an der
wahren Begeisterung, die das Bild in aller Glorie des vollendetsten Lebens aus
dem Innern hervorruft und ihnen vor Augen stellt. Man sieht, wie sich dieser,
jener vergebens abqult, um endlich in jene erhhte Stimmung des Gemts zu
geraten, ohne die kein Werk der Kunst geschaffen wird. Was dann aber die rmsten
fr wahre Begeisterung halten, wie sie den heitern, ruhigen Sinn der alten Maler
erhob, ist nur das seltsam gemischte Gefhl von hochmtiger Bewunderung des
selbst gefaten Gedankens und von ngstlicher, qulender Sorge, nun bei der
Ausfhrung es dem alten Vorbilde auch in der kleinsten Kleinigkeit nachzutun. -
So wird denn oft die Gestalt, die, selbst lebendig, ins helle freundliche Leben
treten sollte, zur widerlichen Fratze. Unsere jungen Maler bringen es nicht zur
deutlichen Anschauung der im Innern aufgefaten Gestalt, und mag es vielleicht
nicht lediglich daher kommen, da sie, gert ihnen auch sonst alles so ziemlich
gut, doch die Frbung verfehlen? - Mit einem Wort, sie knnen hchstens
zeichnen, aber durchaus nicht malen. Unwahr ist es nmlich, da die Kenntnis der
Farben und ihrer Behandlung verloren gegangen sein, da es den jungen Malern an
Flei fehlen sollte. Denn was das erste betrifft, so ist es unmglich, da die
Malerkunst seit der christlichen Zeit, in der sie sich erst als wahrhaftige
Kunst gestaltete, nie geruht hat, sondern Meister und Schler eine
ununterbrochene, fortlaufende Reihe bilden und der Wechsel der Dinge, der
freilich nach und nach die Abweichungen vom Wahrhaftigen herbeifhrte, auf die
bertragung des Mechanischen keinen Einflu haben konnte. Anlangend aber den
Flei der Knstler, so mchte ihnen eher berma als Mangel daran vorzuwerfen
sein. Ich kenne einen jungen Knstler, der ein Gemlde, lt es sich auch
ziemlich gut an, so lange bermalt und bermalt, bis alles in einen stumpfen
bleiernen Ton hinschwindet und so vielleicht erst dem innern Gedanken gleicht,
dessen Gestalten nicht in das vollendete, lebendige Leben treten konnten. - Seht
da, Kapellmeister, ein Bild, aus dem wahres herrliches Leben haucht, und das
darum, weil es die wahre fromme Begeisterung schuf! - Das Mirakel ist Euch
deutlich. Der Jngling, der sich dort vom Lager erhebt, wurde in gnzlicher
Hilflosigkeit von Mrdern berfallen und zum Tode getroffen. Laut rief er, der
sonst ein gottloser Frevler gewesen, der die Gebote der Kirche in hllischem
Wahn verachtet, die heilige Jungfrau um Hilfe an, und es gefiel der himmlischen
Mutter Gottes, ihn aus dem Tode zu erwecken, damit er noch lebe, seine Irrtmer
einsehe und sich in frommer Hingebung der Kirche weihe und ihrem Dienst. -
Dieser Jngling, dem die Gottgesandte so viel Gnade angedeihen lie, ist
zugleich der Maler des Bildes. -
    Kreisler bezeugte darber, was ihm der Abt sagte, seine nicht geringe
Verwunderung und schlo damit, da auf diese Weise das Mirakel ja in der
neuesten Zeit sich zugetragen haben msse.
    Auch Ihr, sprach der Abt mit sanftem mildem Ton, auch Ihr, mein lieber
Johannes, seid also der trichten Meinung, da das Gnadentor des Himmels jetzt
verschlossen sei, so da das Mitleiden, die Barmherzigkeit in der Gestalt des
Heiligen, den der bedrngte Mensch in der zermalmenden Angst des Verderbens
brnstig anflehte, nicht mehr hindurchwandeln, selbst dem Bedrftigen erscheinen
und ihm Frieden und Trost bringen knne? - Glaubt mir, Johannes nie haben die
Wunder aufgehrt, aber des Menschen Auge ist erbldet in sndigem Frevel, es
kann den berirdischen Glanz des Himmels nicht ertragen und vermag daher nicht
die Gnade der ewigen Macht zu erkennen, wenn sie sich kundtut in sichtbarlicher
Erscheinung. - Doch, mein lieber Johannes, die herrlichsten gttlichsten Wunder
geschehen in dem innersten Gemt des Menschen selbst, und diese Wunder soll er
laut verknden, wie er es nur vermag, in Wort, Ton oder Farbe. So hat jener
Mnch, der das Bild malte, das Wunder seiner Bekehrung herrlich verkndet, und
so - Johannes, ich mu von Euch reden, es strmt mir aus dem Herzen - und so
verkndet Ihr in mchtigen Tnen das herrliche Wunder der Erkenntnis des ewigen
klarsten Lichts aus Euerm tiefsten Innern heraus. Und da Ihr das vermget, ist
das nicht auch ein gnadenvolles Wunder, das die ewige Macht geschehen lt zu
Euerm Heil?
    Kreisler fhlte sich von des Abts Worten gar seltsam erregt; so wie es
selten geschehen, trat der volle Glaube an seine innere schpferische Kraft
lebendig hervor, und ihn durchbebte ein seliges Wohlbehagen.
    Nicht den Blick hatte Kreisler indessen abgewandt von dem wunderbaren
Gemlde, aber wie es wohl zu geschehen pflegt, da wir auf Bildern, vorzglich
wenn, wie es hier der Fall, starke Lichteffekte im Vor-oder Mittelgrunde
angebracht sind, die in den dunklen Hintergrund gestellten Figuren erst spter
entdecken, so gewahrte auch jetzt erst Kreisler die Gestalt, die, in einen
weiten Mantel gehllt, den Dolch, auf den nur ein Strahl der Glorie der
Himmelsknigin zu fallen schien, so da er kaum bemerkbar blinkte, in der Hand,
durch die Tre entfloh. Es war offenbar der Mrder; im Entfliehen blickte er
rckwrts, und sein Gesicht trug den furchtbaren Ausdruck der Angst und des
Entsetzens.
    Wie ein Blitz traf es den Kreisler, als er in dem Antlitz des Mrders die
Zge des Prinzen Hektor erkannte, nun war es ihm auch, als habe er den zum Leben
erwachenden Jngling schon irgendwo, wiewohl nur sehr flchtig, gesehen. Eine
ihm selbst unerklrliche Scheu hielt ihn zurck, diese Bemerkungen dem Abt
mitzuteilen, dagegen fragte er den Abt, ob er es nicht fr strend und anstig
halte, da der Maler ganz im Vorgrunde, wiewohl im Schlagschatten, Gegenstnde
des modernen Anzuges angebracht und, wie er jetzt erst sehe, auch den
erwachenden Jngling, also sich selbst modern gekleidet.
    In der Tat war auf dem Bilde und zwar zur Seite des Vorgrundes ein kleiner
Tisch und ein dicht daneben stehender Stuhl angebracht, auf dessen Lehne ein
trkischer Shawl hing, so wie auf dem Tisch ein Offiziershut mit einem
Federbusch und ein Sbel lagen. Der Jngling trug einen modernen Hemdkragen,
eine Weste, die ganz aufgeknpft, und einen dunklen, ebenfalls ganz
aufgeknpften berrock, dessen Schnitt aber einen guten Faltenwurf zulie. Die
Himmelsknigin war gekleidet, wie man sie auf den Bildern der besten alten Maler
zu sehen gewohnt ist.
    Mir ist, erwiderte der Abt auf Kreislers Frage, mir ist die Staffage im
Vorgrunde sowie des Jnglings berrock nicht allein keinesweges anstig,
sondern ich meine auch, da der Maler nicht von des Himmels Gnade, sondern von
weltlicher Torheit und Eitelkeit htte durchdrungen sein mssen, wenn er auch
nur in dem geringfgigsten Nebenpunkte von der Wahrheit abgewichen wre. So wie
es sich wirklich begab, getreu nach Ort, Umgebung, Kleidung der Personen u.s.w.
mute er das Mirakel darstellen, so sieht auch jeder auf den ersten Blick, da
sich das Mirakel in unsern Tagen begab, und so wird das Gemlde des frommen
Mnchs zur schnen Trophe der siegenden Kirche in diesen Zeiten des Unglaubens
und der Verderbtheit.
    Und doch, sprach Kreisler, und doch ist mir dieser Hut, dieser Sbel,
dieser Shawl, dieser Tisch, dieser Stuhl - ist mir das alles, sage ich, fatal,
und ich wollte, der Maler htte diese Staffage des Vorgrundes weggelassen und
sich selbst ein Gewand umgeworfen statt des berrocks. Sagt selbst,
hochehrwrdiger Herr, knnt Ihr Euch eine heilige Geschichte denken im modernen
Kostm, einen heiligen Joseph im Flauschrock, einen Heiland im Frack, eine
Jungfrau in einer Robe, mit umgeworfenem trkischen Shawl? Wrde Euch das nicht
als eine unwrdige, ja abscheuliche Profanation des Erhabensten erscheinen? Und
doch stellten die alten, vorzglich die deutschen Maler alle biblischen und
heiligen Geschichten in dem Kostm ihres Zeitalters dar, und ganz falsch mchte
die Behauptung sein, da sich jene Trachten besser zur malerischen Darstellung
eigneten als die jetzigen, die freilich, bis auf manche Kleidung der Weiber,
albern und unmalerisch genug sind. Doch bis ins bertriebene, bis ins
Ungeheuere, mcht' ich sagen, gingen ja manche Moden der Vorzeit; man denke an
jene ellenhoch aufgekrmmte Schnabelschuhe, an jene bauschichte Pluderhosen, an
jene verschnittene Wmser und rmel u.s.w., vollends unausstehlich und Antlitz
und Wuchs entstellend waren aber manche Weibertrachten, wie man sie auf alten
Bildern findet, auf denen das junge blhende, bildschne Mdchen blo der Tracht
halber das Ansehn hat einer alten grmlichen Matrone. Und doch sind gewi jene
Bilder niemanden anstig gewesen.
    Nun, erwiderte der Abt, nun kann ich Euch, mein lieber Johannes, mit
wenigen Worten recht den Unterschied der alten frommen und der jetzigen
verderbteren Zeit vor Augen bringen. - Seht, damals waren die heiligen
Geschichten so in das Leben der Menschen eingedrungen, ja, ich mchte sagen, so
im Leben bedingt, da jeder glaubte, vor seinen Augen habe sich das Wundervolle
begeben, und jeden Tag knne die ewige Allmacht gleiches geschehen lassen. So
ging dem frommen Maler die heilige Geschichte, der er seinen Sinn zugewendet, in
der Gegenwart auf; unter den Menschen, wie sie ihn im Leben umgaben, sah er das
Gnadenreiche geschehen, und wie er es lebendig geschaut, brachte er es auf die
Tafel. Heutzutage sind jene Geschichten etwas ganz Entferntes, das als fr sich
bestehend und in die Gegenwart nicht eintretend, nur in der Erinnerung ein
mattes Leben mhsam behauptet, und vergebens ringt der Knstler nach lebendiger
Anschauung, da, mag er es sich auch selbst nicht gestehen, sein innerer Sinn
durch das weltliche Forttreiben verflacht ist. - Ebenso fade und lcherlich ist
es aber hiernach, wenn man den alten Malern Unkenntnis des Kostms vorwirft und
darin die Ursache findet, warum sie nur die Trachten ihrer Zeit in ihren
Gemlden aufstellten, als wenn unsere jungen Maler sich mhen, die
abenteuerlichsten geschmackwidrigsten Trachten des Mittelalters in ihren
Abbildungen heiliger Geschichten anzubringen, dadurch aber zeigen, da sie das,
was sie abzubilden unternommen, nicht unmittelbar im Leben anschauten, sondern
sich mit dem Reflex davon begngten, wie er ihnen im Gemlde des alten Meisters
aufging. Eben daher, mein lieber Johannes, weil die Gegenwart zu profan, um
nicht mit jenen frommen Legenden im hlichen Widerspruch zu stehen, weil
niemand imstande ist, sich jene Wunder als unter uns geschehen vorzustellen,
eben daher wrde allerdings die Darstellung in unserem modernen Kostm uns
abgeschmackt, fratzenhaft, ja frevelig bednken. Liee es aber die ewige Macht
geschehen, da vor aller unser Augen nun wirklich ein Wunder geschehe, so wrde
es durchaus unzulssig sein, das Kostm der Zeit zu ndern, so wie die jungen
Maler nun freilich, wollen sie einen Sttzpunkt finden, darauf bedacht sein
mssen, in alten Begebenheiten das Kostm des jedesmaligen Zeitalters, so wie es
erforschlich, richtig zu beobachten. - Recht, wiederhole ich noch einmal, recht
hatte der Maler dieses Bildes, da er die Gegenwart andeutete, und eben jene
Staffage, die Ihr, lieber Johannes, verwerflich findet, erfllt mich mit frommen
heiligen Schauern, da ich selbst einzutreten whne in das enge Gemach des Hauses
zu Neapel, wo sich erst vor ein paar Jahren das Wunder der Erweckung jenes
Jnglings begab. -
    Kreisler wurde durch die Worte des Abts zu Betrachtungen mancherlei Art
veranlat; er mute ihm in vielem recht geben, nur meinte er doch, da, was die
hhere Frmmigkeit der alten Zeit und die Verderbtheit der jetzigen betreffe,
aus dem Abt gar zu sehr der Mnch spreche, der Zeichen, Wunder, Verzckungen
verlange und wirklich schaue, deren ein frommer kindlicher Sinn, dem die
krampfhafte Ekstase eines berauschenden Kultus fremd bleibe, nicht bedrfe, um
wahrhafte christliche Tugend zu ben; und eben diese Tugend sei keineswegs von
der Erde verschwunden, und knne dies wirklich geschehen, so wrde die ewige
Macht, die uns aufgegeben und dem finstern Dmon freie Willkr gegnnt, uns auch
durch kein Mirakel zurckbringen wollen auf den rechten Weg. -
    Alle diese Betrachtungen behielt indessen Kreisler fr sich und betrachtete
schweigend noch immer das Bild. Aber immer mehr traten auch, wie bei nherem und
nherem Anschauen, die Zge des Mrders aus dem Hintergrunde hervor, und
Kreisler berzeugte sich, da das lebendige Original der Gestalt niemand anders
sein knne als Prinz Hektor.
    Mich dnkt, begann Kreisler, mich dnkt, hochehrwrdiger Herr, ich
erblicke dort im Hintergrunde einen wackern Freischtzen, der es abgesehen hat
auf das edelste Tier, nmlich auf den Menschen, den er pirscht auf mannigfache
Weise. Er hat diesmal, wie ich sehe, ein treffliches wohlgeschliffnes Fangeisen
zur Hand genommen und gut getroffen, mit dem Schiegewehr hapert's aber
merklich, da er vor nicht langer Zeit auf dem Anstand einen muntren Hirsch
garstig fehlte. - In der Tat, mich gelstet's gar sehr nach dem Curriculum vitae
dieses entschlossenen Weidmanns, sei es auch nur ein epitomatischer Auszug aus
demselben, der mir schon zeigen knnte, wo ich eigentlich meine Stelle finde,
und ob es nicht geraten, mich nur gleich an die heilige Jungfrau zu wenden wegen
eines mir vielleicht ntigen Frei- und Schutzbriefes! -
    Lat, sprach der Abt, lat nur die Zeit hingehn, Kapellmeister! mich
sollt' es wundern, wenn Euch nicht in kurzem so manches klar wrde, das jetzt
noch in trbem Dunkel liegt. - Es kann sich noch vieles Euern Wnschen, die ich
erst jetzt erkannt, gar freudig fgen. Seltsam - ja, so viel kann ich Euch wohl
sagen - seltsam genug scheint es, da man in Sieghartshof ber Euch im grbsten
Irrtum ist. Meister Abraham mag vielleicht der einzige sein, der Euer Innres
durchschaut.
    Meister Abraham, rief Kreisler, Ihr kennt den Alten, hochehrwrdiger
Herr?
    Ihr, erwiderte der Abt lchelnd, Ihr verget, da unsere schne Orgel
ihre neue wirkungsvolle Struktur der Geschicklichkeit Meister Abrahams zu
verdanken hat! - Doch knftig mehr! - Wartet nur in Geduld der Dinge, die da
kommen werden. -
    Kreisler beurlaubte sich beim Abt; er wollte hinab in den Park, um so
manchen Gedanken nachzuhngen, die ihn durchkreuzten; doch als er schon die
Treppe hinabgestiegen war, hrte er hinter sich herrufen: Domine, domine
Capellmeistere! - paucis te volo! - Es war der Pater Hilarius, welcher
versicherte, da er mit hchster Ungeduld auf das Ende der langen Konferenz mit
dem Abt gewartet. Soeben habe er sein Kellermeisteramt verrichtet und den
herrlichsten Leistenwein abgezogen, der seit Jahren im Keller gewesen. Ganz
unumgnglich ntig sei es, da Kreisler sogleich einen Pokal davon leere zum
Frhstck, um die Gte des edlen Gewchses zu erkennen und sich zu berzeugen,
da es ein Wein sei, der, feurig, geist- und herzstrkend, fr einen tchtigen
Kompositor und echten Musikanten geboren.
    Kreisler wute wohl, da es vergeblich sein wrde, dem begeisterten Pater
Hilarius entgehen zu wollen, und es war ihm selbst recht, bei der Stimmung, in
die er sich versetzt fhlte, ein Glas guten Wein zu genieen, er folgte daher
dem frhlichen Kellermeister, der ihn in seine Zelle fhrte, wo er auf einem
kleinen, mit einer saubern Serviette bedeckten Tischchen schon eine Flasche des
edlen Getrnks sowie frisch gebacknes Weibrot und Salz und Kmmel vorfand. -
Ergo bibamus! rief Pater Hilar, schenkte die zierlichen grnen Rmer voll und
stie mit Kreislern frhlich an. Nicht wahr, begann er, nachdem die Pokale
geleert, nicht wahr, Kapellmeister, unser hochwrdiger Herr will Euch gern in
den langen Rock hinein vexieren? - Tut's nicht, Kreisler! - Mir ist wohl in der
Kutte, ich mchte sie um keinen Preis wieder ablegen, aber distinguendum est
inter et inter! - Fr mich ist ein gut Glas Wein und ein tchtiger Kirchengesang
die ganze Welt, aber Ihr - Ihr! Nun, Ihr seid noch zu ganz andern Dingen
aufgehoben, Euch lacht noch das Leben auf ganz andere Weise, Euch leuchten noch
ganz andre Lichter als die Altarskerzen! - Nun, Kreisler, kurz von der Sache zu
reden - stot an! - Vivat Euer Mdel, und wenn Ihr Hochzeit macht, so soll Euch
der Herr Abt, alles Verdrusses unerachtet, durch mich von dem besten Wein
senden, der nur in unserm reichen Keller befindlich!
    Kreisler fhlte sich durch Hilarius' Worte berhrt auf unangenehme Weise, so
wie es uns schmerzt, wenn wir etwas Zartes, Schneereines erfat sehn von plumpen
ungeschickten Hnden. Was, sprach Kreisler, indem er sein Glas zurckzog, was
Ihr nicht alles wit, nicht alles erfahrt in Euern vier Mauern.
    Domine, rief Pater Hilarius, Domine Kreislere, nichts fr ungut, video
mysterium, aber ich will das Maul halten! Wollt Ihr nicht auf Euer - Nun! Lat
uns frhstcken in Camera et faciemus bonum cherubim - und bibamus, da der Herr
uns hier in der Abtei die Ruhe und Gemtlichkeit erhalten mge, die bisher
geherrscht.
    Ist, fragte Kreisler gespannt, ist denn die jetzt in Gefahr gekommen? -
    Domine, sprach Pater Hilarius leise, indem er Kreislern vertraulich nher
rckte, Domine dilectissime! Ihr seid lange genug bei uns, um zu wissen, in
welcher Eintracht wir leben, wie sich die verschiedensten Neigungen der Brder
in einer gewissen Heiterkeit einigen, die von allem, von unserer Umgebung, von
der Milde der Klosterzucht, von der ganzen Lebensweise begnstigt wird. -
Vielleicht hat das am lngsten gedauert. Erfahrt es, Kreisler! eben ist Pater
Cyprianus angekommen, der lngst erwartete, der von Rom aus dem Abt auf das
dringendste empfohlen wurde. Es ist noch ein junger Mann, aber auf diesem
ausgedrrten starren Antlitz ist auch nicht eine Spur eines heitern Gemts zu
finden, vielmehr liegt in den finstren abgestorbenen Zgen eine unerbittliche
Strenge, die den bis zur hchsten Selbstqual gesteigerten Asketiker verkndet.
Dabei zeugt sein ganzes Wesen von einer gewissen feindseligen Verachtung alles
dessen, was ihn umgibt, die vielleicht wirklich dem Gefhl einer geistlichen
bermacht ber uns alle ihren Ursprung verdanken mag. - Schon erkundigte er sich
in abgebrochenen Worten nach der Klosterzucht und schien groes rgernis an
unserer Lebensweise zu nehmen. - Gebt acht, Kreisler, dieser Ankmmling wird
unsre ganze Ordnung, die uns so wohlgetan, verkehren! Gebt acht, nunc probo! Die
Strenggesinnten werden sich leicht an ihn anschlieen, und bald wird sich eine
Partei wider den Abt bilden, der vielleicht der Sieg nicht entgehen kann, weil
es mir gewi scheint, da Pater Cyprianus ein Emissar Sr. ppstlichen Heiligkeit
ist, dessen Willen sich der Abt beugen mu. - Kreisler! was wird aus unserer
Musik, aus Eurem gemtlichen Aufenthalt bei uns werden! - Ich sprach von unserm
wohleingerichteten Chor, und wie wir die Werke der grten Meister recht wacker
auszufhren imstande, da schnitt aber der finstre Asketiker ein entsetzliches
Gesicht und meinte, dergleichen Musik sei fr die profane Welt, aber nicht fr
die Kirche, aus der sie der Papst Marcellus der Zweite mit Recht ganz verbannen
wollen. - Per diem, wenn es keinen Chor mehr geben soll und man mir vielleicht
auch den Weinkeller verschliet, so - doch vor der Hand bibamus! - Man mu sich
vor der Zeit keine Gedanken machen, ergo - gluc-gluc.
    Kreisler meinte, da es sich wohl mit dem neuen Ankmmling, der vielleicht
strenger schiene, als er es wirklich sei, besser fgen und er seinerseits nicht
glauben knne, da der Abt bei dem festen Charakter, den er stets bewiesen, so
leicht dem Willen eines fremden Mnchs nachgeben werde, zumal es ihm selbst an
wichtigen, erfolgreichen Verbindungen in Rom gar nicht fehlte.
    In dem Augenblick wurden die Glocken gezogen, ein Zeichen, da die
feierliche Aufnahme des fremden Bruders Cyprianus in den Orden des heiligen
Benedikt vor sich gehen solle.
    Kreisler begab sich mit dem Pater Hilarius, der mit einem halbngstlichen
bibendum quid noch die Neige seines Rmers schnell hinunterschluckte, auf den
Weg nach der Kirche. Aus den Fenstern des Korridors, den sie durchschritten,
konnte man in die Gemcher des Abts hineinschauen. Seht, seht! rief Pater
Hilar, indem er den Kreisler in die Ecke eines Fensters zog. Kreisler schaute
hinber und gewahrte in dem Gemach des Abts einen Mnch, mit dem der Abt sehr
eifrig sprach, indem eine dunkle Rte sein Antlitz berzog. Endlich kniete der
Abt nieder vor dem Mnch, der ihm den Segen gab.
    Hab' ich recht, sprach Hilarius leise, hab' ich recht, wenn ich in diesem
fremden Mnch, der mit einem Mal hinabschneit in unsre Abtei, etwas Besonderes,
Seltsames suche und finde?
    Gewi, erwiderte Kreisler, gewi hat es mit diesem Cyprianus eine eigne
Bewandtnis, und mich sollt' es wundern, wenn nicht gewisse Beziehungen sich sehr
bald kundtun sollten.
    Pater Hilarius begab sich zu den Brdern, um mit ihnen in feierlicher
Prozession, das Kreuz vorauf, die Laienbrder mit angezndeten Kerzen und Fahnen
an den Seiten, in die Kirche zu ziehen.
    Als nun der Abt mit dem fremden Mnch dicht bei Kreisler vorberkam,
erkannte dieser auf den ersten Blick, da Bruder Cyprianus eben der Jngling
war, den auf jenem Bilde die heilige Jungfrau aus dem Tode zum Leben erweckte. -
Doch noch eine Ahnung erfate Kreislern pltzlich. Er rannte herauf in sein
Zimmer, er holte das kleine Bildnis hervor, das ihm Meister Abraham gegeben;
kein Zweifel! er erblickte denselben Jngling, nur jnger, frischer und in
Offizieruniform abgebildet. - Als nun -

                               Vierter Abschnitt


                      Erspriessliche Folgen hherer Kultur
                         Die reiferen Monate des Mannes

(M.f.f.) Hinzmanns rhrenden Sermon, das Trauermahl, die schne Mina, Miesmies'
Wiederfinden, der Tanz, alles das hatte in meiner Brust einen Zwiespalt der
widersprechendsten Gefhle erregt, so da ich, wie man im gewhnlichen Leben
gemeinhin sagt, mich eigentlich gar nicht zu lassen wute und in einer gewissen
trostlosen Bangigkeit des Gemts wnschte, ich lge im Keller in der Grube wie
Freund Muzius. Das war nun freilich sehr arg, und ich wte gar nicht, was aus
mir geworden wre, lebte nicht der wahre, hohe Dichtergeist in mir, der sofort
mich mit reichlichen Versen versorgte, die ich niederzuschreiben nicht
unterlie. - Die Gttlichkeit der Poesie offenbart sich vorzglich darin, da
das Versemachen, kostet auch der Reim hin und wieder manchen Schweitropfen,
doch ein wunderbares inneres Wohlbehagen erregt, das jedes irdische Leid
berwindet, sowie man denn wissen will, da es sogar oftmals schon Hunger und
Zahnschmerzen besiegt hat. Jener soll, da der Tod ihm den Vater, die Mutter, die
Gattin raubte, zwar bei jedem Todesfall, wie billig, ganz auer sich, aber doch
bei dem Gedanken an das herrliche Trauer-Carmen, das er nun im Geist zu
empfangen gedachte, niemals untrstlich gewesen sein und blo noch einmal sich
verheiratet haben, um die Hoffnung abermaliger tragischer Begeisterung derselben
Art nicht aufzugeben. -
    Hier sind die Verse, die meinen Zustand, sowie den bergang von Leid zur
Freude mit poetischer Kraft und Wahrheit schildern.

Was wandelt, horch! durch finstre Rume,
In der Keller Einsamkeit?
Was ruft mir zu: Nicht lnger sume!
Wes Stimme klagt ein herbes Leid?
Dort liegt der treue Freund begraben,
Nach mir verlangt sein irrer Geist.
Mein Trost soll ihn im Tode laben,
Ich bin's, der Leben ihm verheit!

Doch nein! - das ist kein flcht'ger Schatten,
Der solche Tne von sich gibt!
Sie seufzen nach dem treuen Gatten,
Nach ihm, der noch so hei geliebt!
In alte Liebesketten fallen,
Rinaldo will's, er kehrt zurck,
Doch wie! - schau' ich nicht spitze Krallen?
Nicht eiferscht'gen Zornes Blick?

Sie ist's - die Frau! - wohin entfliehen! -
Ha! welch Gefhl bestrmt die Brust.
Im keuschen Schnee der Jugend blhen
Seh' ich des Lebens hchste Lust.
Sie springt, sie naht, und immer heller
Wird's um mich Hochbeglckten her.
Ein ser Duft durchweht den Keller,
Die Brust wird leicht, das Herz wird schwer.

Der Freund gestorben - sie gefunden -
Entzcken! - Wonne! - bittrer Schmerz!
Die Gattin - Tochter - neue Wunden! -
Ha! - sollst du brechen, armes Herz?
Doch kann den Sinn wohl so betren
Ein Trauermahl, ein lust'ger Tanz?
Nein - diesem Treiben mu ich wehren,
Mich blendet nur ein falscher Glanz.

Hinweg, ihr eitlen Truggebilde,
Gebt hherm Streben willig Raum!
Gar manches fhrt die Katz im Schilde,
Sie liebt, sie hat und wei es kaum.
Kein Ton, kein Blick, senkt eure Augen,
O Mina, Miesmies, falsch Geschlecht!
Verderblich Gift, nicht will ich's saugen,
Ich flieh', und Muzius sei gercht.

Verklrter! - ja, bei jedem Braten,
Bei jedem Fisch gedenk' ich dein!
Denk' deiner Weisheit, deiner Taten,
Denk' Kater ganz wie du zu sein.
Gelang es hnd'schem Frevelwitze
Dich zu verderben, edler Freund,
So trifft die Schmach blutgier'ge Spitze,
Es rchet dich, der um dich weint.

So flau, so jammervoll im Busen
War mir's, ich wute gar nicht wie,
Doch hoher Dank den holden Musen,
Dem khnen Flug der Phantasie.
Mir ist jetzt wieder leidlich besser,
Spr' gar nicht g'ringen Appetit,
Bin Muzius gleich ein wackrer Esser
Und ganz in Poesie erglht.

Ja Kunst! du Kind aus hohen Sphren,
Du Trsterin im tiefsten Leid,
O! - Verslein la mich stets gebren
Mit genialer Leichtigkeit.
Und: Murr, so sprechen edle Frauen,
Hochherz'ge Jnglinge, o Murr;
Du Dichterherz, ein zart Vertrauen
Weckt in der Brust dein s Gemurr!

Die Wirkung des Versleinmachens war zu wohlttig, ich konnte mich nicht mit
diesem Gedicht begngen, sondern machte mehre hintereinander mit gleicher
Leichtigkeit, mit gleichem Glck. Die gelungensten wrd' ich hier dem geneigten
Leser mitteilen, htte ich nicht im Sinn, dieselben nebst mehreren Witzwrtern
und Impromptus, die ich in migen Stunden angefertigt, und ber die ich schon
beinahe vor Lachen bersten mgen, unter dem allgemeinen Titel: Was ich gebar in
Stunden der Begeisterung herauszugeben. - Zu meinem nicht geringen Ruhm mu ich
es sagen, da selbst in meinen Jnglingsmonaten, wenn der Sturm der Leidenschaft
noch nicht verbraust ist, ein heller Verstand, ein feiner Takt fr das Gehrige
die Oberhand behielt ber jeden abnormen Sinnenrausch. So gelang es mir auch,
die pltzlich aufgewallte Liebe zu der schnen Mina gnzlich zu unterdrcken.
Einmal mute mir denn doch bei ruhiger berlegung diese Leidenschaft in meinen
Verhltnissen etwas tricht vorkommen; dann erfuhr ich aber auch, da Mina, des
uern Scheins kindlicher Frmmigkeit unerachtet, ein keckes eigensinniges Ding
sei, die bei gewissen Anlssen den bescheidensten Katerjnglingen in die blanken
Augen fahre. Um mir aber jeden Rckfall zu ersparen, vermied ich sorglich Mina
zu sehen, und da ich Miesmies' vermeintliche Ansprche und ihr seltsames
berspanntes Wesen noch mehr scheute, so hielt ich mich, um ja keiner von beiden
zu begegnen, einsam im Zimmer und besuchte weder den Keller, weder den Boden,
noch das Dach. Der Meister schien dies gern zu sehen; er erlaubte, da ich,
studierte er am Schreibtisch, mich hinter seinem Rcken auf den Lehnstuhl setzen
und mit vorgestrecktem Halse durch den Arm in das Buch gucken durfte, welches er
eben las. - Es waren ganz hbsche Bcher, die wir, ich und mein Meister, auf
diese Art zusammen durchstudierten, wie z.B. Arpe, de prodigiosis naturae et
artis operibus, Talismanes et Amuleta dictis, Beckers bezauberte Welt,
Francisci Petrarka Gedenkbuch u.a.m. Diese Lektre zerstreute mich ungemein
und gab meinem Geist einen neuen Schwung. -
    Der Meister war ausgegangen, die Sonne schien so freundlich, die
Frhlingsdfte wehten so anmutig zum Fenster hinein; ich verga meine Vorstze
und spazierte hinauf auf das Dach. Kaum war ich aber oben, als ich auch schon
Muzius' Witwe erblickte, die hinter dem Schornstein hervorkam. - Vor Schreck
blieb ich regungslos stehen wie eingewurzelt; schon hrte ich mich bestrmt mit
Vorwrfen und Beteuerungen. - Weit gefehlt. - Gleich hinter her folgte der junge
Hinzmann, rief die schne Witwe mit sen Namen, sie blieb stehen, empfing ihn
mit lieblichen Worten, beide begrten sich mit dem entschiedenen Ausdruck
inniger Zrtlichkeit und gingen dann schnell an mir vorber, ohne mich zu gren
oder sonst im mindesten zu beachten. Der junge Hinzmann schmte sich ganz gewi
vor mir, denn er senkte den Kopf zu Boden und schlug die Augen nieder, die
leichtsinnige kokette Witwe warf mir aber einen hhnischen Blick zu.
    Der Kater ist, was sein psychisches Wesen betrifft, doch eine gar nrrische
Kreatur. - Htte ich nicht froh sein knnen, sein mssen, da Muzius' Witwe
anderweitig mit einem Liebhaber versehen, und doch konnte ich mich eines
gewissen innern rgers nicht erwehren, der beinahe das Ansehen hatte von
Eiferschtelei. - Ich schwor, niemals mehr das Dach zu besuchen, wo ich groe
Unbill erlebt zu haben glaubte. Statt dessen sprang ich nun fleiig auf die
Fensterbank, sonnte mich, schaute, um mich zu zerstreuen, auf die Strae hinab,
stellte allerlei tiefsinnige Betrachtungen an und verband so das Angenehme mit
dem Ntzlichen.
    Ein Gegenstand dieser Betrachtungen war denn auch, warum es mir noch niemals
eingefallen, mich aus eignem freien Antriebe vor die Haustre zu setzen oder auf
der Strae zu lustwandeln, wie ich es doch viele von meinem Geschlecht tun sah,
ohne alle Furcht und Scheu. Ich stellte mir das als etwas hchst Angenehmes vor
und war berzeugt, da nun, da ich zu reiferen Monaten gekommen und
Lebenserfahrung genug gesammelt, von jenen Gefahren, in die ich geriet, als das
Schicksal mich, einen unmndigen Jngling, hinausschleuderte in die Welt, nicht
mehr die Rede sein knne. Getrost wandelte ich daher die Treppe herab und setzte
mich frs erste auf die Trschwelle in den hellsten Sonnenschein. Da ich eine
Stellung annahm, die jedem auf den ersten Blick den gebildeten, wohlerzogenen
Kater verraten mute, versteht sich von selbst. Es gefiel mir vor der Haustre
ganz ungemein. Indem die heien Sonnenstrahlen meinen Pelz wohlttig auswrmten,
putzte ich mit gekrmmter Pfote zierlich Schnauze und Bart, worber mir ein paar
vorbergehende junge Mdchen, die den groen, mit Schlssern versehenen Mappen
nach, die sie trugen, aus der Schule kommen muten, nicht allein ihr groes
Vergngen bezeugten, sondern mir auch ein Stckchen Weibrot verehrten, welches
ich nach gewohnter Galanterie dankbarlichst annahm. -
    Ich spielte mehr mit der mir dargebotenen Gabe, als da ich sie wirklich zu
verzehren Anstalt machte, aber wie gro war mein Entsetzen, als pltzlich ein
starkes Brummen dicht bei mir dieses Spiel unterbrach und der mchtige Alte,
Pontos Oheim, der Pudel Skaramuz, vor mir stand. Mit einem Satz wollte ich fort
aus der Tre, doch Skaramuz rief mir zu: Sei Er kein Hasenfu und bleib Er
ruhig sitzen; glaubt Er, ich werd' Ihn fressen? -
    Mit der demtigsten Hflichkeit fragte ich, worin ich vielleicht dem Herrn
Skaramuz nach meinen geringen Krften dienen knne, der erwiderte aber barsch:
In nichts, in gar nichts kann Er mir dienen, Mosje Murr, und wie sollte das
auch mglich sein? Aber fragen wollt' ich Ihn, ob Er vielleicht wei, wo mein
liederlicher Neffe steckt, der junge Ponto. Er hat sich ja wohl schon einmal mit
Ihm herumgetrieben, und ihr scheinet zu meinem nicht geringen rger ein Herz und
eine Seele. Nun? - sag' Er nur an, ob Er wei, wo der Junge herumschwrmt; ich
habe ihn schon seit mehreren Tagen mit keinem Auge gesehen.
    Verlegen durch des mrrischen Alten stolzes wegwerfendes Betragen,
versicherte ich kalt, da von einer engen Freundschaft zwischen mir und dem
jungen Ponto gar nicht die Rede sei und auch niemals die Rede gewesen wre.
Zumal in der letzten Zeit habe sich Ponto, den ich brigens gar nicht
aufgesucht, ganz von mir zurckgezogen.
    Nun, brummte der Alte, nun, das freut mich, das zeigt doch, da der Junge
Ehre im Leibe hat und nicht gleich bei der Hand ist, mit Leuten allerlei
Gelichters sein Wesen zu treiben.
    Das war denn doch nicht auszuhalten, der Zorn bermannte mich, das
Burschentum regte sich in mir, ich verga alle Furcht und prustete dem schnden
Skaramuz ein tchtiges: Alter Grobian! ins Gesicht, hob auch die rechte Pfote
mit ausgespreizten Krallen in die Hhe und zwar in der Richtung nach des Pudels
linkem Auge. Der Alte wich zwei Schritte zurck und sprach weniger barsch, als
vorher: Nun, nun, Murr! nichts fr ungut, Ihr seid sonst ein guter Kater, und
da will ich Euch denn raten, nehmt Euch in acht vor dem Blitzjungen, dem Ponto!
Er ist, Ihr mget es glauben, eine ehrliche Haut, aber leichtsinnig! -
leichtsinnig! zu allen tollen Streichen aufgelegt, kein Ernst des Lebens, keine
Sitte! - Nehmt Euch in acht, sag' ich, denn bald wird er Euch verlocken in
allerlei Gesellschaften, wo Ihr gar nicht hin gehrt und Euch mit unsglicher
Mhe zu einer Art des sozialen Umgangs zwingen mt, die Euerer innersten Natur
zuwider, und ber die Eure Individualitt, Eure einfache ungeheuchelte Sitte,
wie Ihr sie mir eben bewiesen, zugrunde geht. - Seht, guter Murr, Ihr seid, wie
ich schon gesagt, als Kater schtzenswert und habt fr gute Lehre ein williges
geneigtes Ohr! - Seht! - soviel tolle, unangenehme, ja zweideutige Streiche auch
ein Jngling verfhren mag, zeigt er nur dann und wann jene weichliche, ja oft
sliche Gutmtigkeit, wie sie Leuten von sanguinischem Temperament immer eigen,
so heit es denn gleich mit dem franzsischen Ausdruck: Au fond ist er doch ein
guter Kerl, und das soll denn alles entschuldigen, was er beginnt gegen alle
Sitte und Ordnung. Aber der fond, in dem der Kern des Guten steckt, liegt so
tief, und ber ihm hat sich so viel Unrat eines ausgelassenen Lebens gesammelt,
da er im Keime ersticken mu. - Fr wahrhaftes Gefhl des Guten wird einem aber
oft jene alberne Gutmtigkeit aufgetischt, die der Teufel holen soll, wenn sie
nicht vermag, den Geist des Bsen in einer glnzenden Maske zu erkennen. Traut,
o Kater, den Erfahrungen eines alten Pudels, der sich was in der Welt versucht,
und lat Euch nicht durch das verdammte: Au fond ist er ein guter Kerl, betren.
- Seht Ihr etwa meinen liederlichen Neffen, so mget Ihr ihm alles geradezu
heraussagen, was ich mit Euch gesprochen, und Euch seine fernere Freundschaft
gnzlich verbitten. - Gott befohlen! - Ihr fret das wohl nicht, guter Murr?
    Damit nahm der alte Pudel Skaramuz das Stckchen Weibrot, das vor mir lag,
hurtig ins Maul und schritt dann gemchlich von dannen, indem er mit gesenktem
Haupt die lang behaarten Ohren an der Erde schleppen lie und ein ganz klein
wenig mit dem Schweif wedelte. -
    Gedankenvoll schaute ich dem Alten nach, dessen Lebensweisheit mir ganz
eingehn wollte. Ist er fort, ist er fort? So lispelte es dicht hinter mir, und
ich erstaunte nicht wenig, als ich den jungen Ponto erblickte, der sich hinter
die Tre geschlichen und so lange gewartet hatte, bis der Alte mich verlassen.
Pontos pltzliche Erscheinung setzte mich gewissermaen in Verlegenheit, da mir
des alten Onkels Auftrag, den ich jetzt eigentlich htte ausrichten mssen, doch
etwas bedenklich schien. Ich dachte an jene entsetzlichen Worte, die Ponto mir
einst zugerufen: Solltest du es dir etwa beikommen lassen, feindliche
Gesinnungen gegen mich zu uern, so bin ich dir an Strke und Gewandtheit
berlegen. Ein Sprung, ein tchtiger Bi meiner scharfen Zhne wrde dir auf der
Stelle den Garaus machen. Ich fand es sehr ratsam, zu schweigen. -
    Diese inneren Bedenklichkeiten mochten mein ueres Betragen kalt und
gezwungen erscheinen lassen, Ponto guckte mich an mit scharfem Blick. Dann brach
er aus in eine helle Lache und rief: Ich merk' es schon, Freund Murr! Mein
Alter hat dir allerlei Bses vorgeredet von meinem Treiben, er hat mich
liederlich, allen tollen Streichen und Ausschweifungen ergeben geschildert. Sei
nicht so tricht, von dem allem auch nur ein Wrtchen zu glauben. Frs erste! -
Schau' mich recht aufmerksam an und sage mir, was du von meiner uern
Erscheinung hltst? - Den jungen Ponto betrachtend, fand ich, da er nie so
wohlgenhrt, so glau ausgesehen, da nie diese Nettigkeit, diese Eleganz in
seinem Anzuge, nie diese wohltuende bereinstimmung in seinem ganzen Wesen
geherrscht. Ich uerte ihm dies unverhohlen.
    Nun wohl, sprach Ponto, nun wohl, guter Murr, glaubst du wohl, da ein
Pudel, der sich in schlechter Gesellschaft umhertreibt, der niedrigen
Ausschweifungen ergeben, der recht systematisch liederlich ist, ohne
eigentlichen Geschmack daran zu finden, sondern blo aus Langeweile, wie es denn
nun wirklich bei vielen Pudeln der Fall ist - glaubst du wohl, da ein solcher
Pudel so aussehen kann, wie du mich findest? Du rhmst vorzglich die Harmonie
in meinem ganzen Wesen. Schon das mu dich belehren, wie sehr mein grmlicher
Onkel im Irrtum ist; denke, da du ein literarischer Kater bist, an jenen
Lebensweisen, welcher dem, der an einem Lasterhaften vorzglich das
Unharmonische der ganzen Gestaltung rgte, erwiderte: Ist es mglich, da das
Laster Einheit haben kann? - Wundere dich, Freund Murr, nicht einen Augenblick
ber die schwarzen Verleumdungen meines Alten. Grmlich und geizig, wie denn nun
einmal Oheime sind, hat er deshalb seinen ganzen Zorn auf mich geworfen, weil er
par honneur einige kleine Spielschulden bezahlen mssen, die ich bei einem
Wurstkrmer aufgeborgt hatte, der bei sich verbotenes Spiel duldete und den
Spielern oft in Zervelaten, Grtzen und Lebern (zu Wrsten aptiert nmlich)
bedeutende Vorschsse machte. Dann aber denkt der Alte noch immer an eine
gewisse Periode, in der meine Lebensweise eben nicht rhmlich war, die aber
lngst vorber und dem herrlichsten Anstande gewichen ist.
    In dem Augenblick kam ein kecker Pintscher des Weges, guckte mich an, als
hab' er meinesgleichen noch niemals gesehen, schrie mir die grbsten Insolenzen
in die Ohren und schnappte dann nach dem Schweif, den ich lang aus von mir
gestreckt, welches ihm zu mifallen schien. Sowie ich aber hochaufgerichtet mich
zur Wehre setzen wollte, war Ponto auch schon auf den ungesitteten Krakehler
losgesprungen, hatte ihn zu Boden getreten und zwei-, dreimal berrannt, so da
er unter dem jammervollsten Lamento, den Schweif fest eingeklemmt, schnell
davonfuhr wie ein abgeschossener Pfeil.
    Dieser Beweis, den Ponto mir von seiner guten Gesinnung, von seiner ttigen
Freundschaft gab, rhrte mich ungemein, und ich dachte, da hier das: au fond
ist er ein guter Kerl! welches der Onkel Skaramuz mir hatte verdchtig machen
wollen, doch auf Ponto anzuwenden sei in besserm Sinn und ihn mit mehrerem
Grunde entschuldigen knne als manchen andern. berhaupt wollt' es mich
bednken, da der Alte gewi zu schwarz gesehen und Ponto zwar leichtsinnige,
aber nie schlechte Streiche machen knne. Alles dieses uerte ich meinem
Freunde ganz unverhohlen und dankte ihm dabei dafr, da er meine Verteidigung
bernommen, in den verbindlichsten Ausdrcken.
    Es freut, erwiderte Ponto, indem er, wie es seine Art war, mit muntren
schalkischen Augen umherblickte, es freut mich, guter Murr, da der pedantische
Alte dich nicht irregemacht hat, sondern da du mein gutes Herz erkennst. -
Nicht wahr, Murr, ich nahm den bermtigen Jungen tchtig vor? - Er wird daran
denken lange Zeit. Eigentlich habe ich ihm heute schon den ganzen Tag aufgepat,
der Bengel stahl mir gestern eine Wurst und mute dafr gezchtigt werden. Da
dabei auch nebenher die Unbill gercht wurde, die du von ihm erfahren, und da
ich in dieser Art dir meine Freundschaft bewhren konnte, ist mir gar nicht
unlieb; ich schlug, wie man im Sprchwort zu sagen pflegt, zwei Fliegen mit
einer Klappe. - Nun aber wiederum auf unser voriges Gesprch zurckzukommen! -
Betrachte mich, guter Katz, noch einmal recht genau und sage mir, ob du denn gar
keine merkwrdige Vernderung in meinem uern wahrnimmst? -
    Ich schaute meinen jungen Freund aufmerksam an und - ach der Tausend! nun
erst fiel mir das silberne, zierlich gearbeitete Halsband ins Auge, das er trug,
und auf dem die Worte graviert waren: Baron Alzibiades von Wipp. Marschallstrae
Nr. 46.
    Wie, rief ich erstaunt, wie, Ponto, du hast deinen Herrn verlassen, den
sthetischen Professor, und dich zu einem Baron begeben?
    Verlassen, erwiderte Ponto, habe ich nun eigentlich den Professor nicht,
sondern er hat mich von sich gejagt mit Futritten und Prgeln.
    Wie konnte das geschehen? sprach ich, dein Herr bewies dir ja sonst alle
Liebe und Gte wie nur mglich.
    Ach, antwortete Ponto, das ist eine dumme rgerliche Geschichte, die nur
durch das sonderbare Spiel des neckenden Zufalls zu meinem Glck ausschlug. An
der ganzen Sache war blo meine alberne Gutmtigkeit schuld, der freilich ein
wenig eitle Prahlerei beigemischt. In jeder Minute wollt' ich meinem Herrn
Aufmerksamkeiten erweisen und ihm dabei mein Geschick, meine Ausbildung zeigen.
Deshalb war ich auch gewohnt, alles, was an Kleinigkeiten am Fuboden lag, dem
Herrn ohne weitere Aufforderung zu apportieren. Nun! - Du weit vielleicht, da
der Professor Lothario eine blutjunge und dabei bildhbsche Frau hat, die ihn
auf das zrtlichste liebt, woran er gar nicht zweifeln darf, da sie es ihm jeden
Augenblick versichert und ihn gerade dann mit Liebkosungen berhuft, wenn er,
in Bchern begraben, sich auf die zu haltende Vorlesung vorbereitet. Sie ist die
Huslichkeit selbst, da sie das Haus niemals vor zwlf Uhr verlt, da sie doch
schon um halb eilf Uhr aufgestanden, und, einfach in ihren Sitten, verschmht
sie nicht, mit der Kchin, mit dem Stubenmdchen die huslichen Angelegenheiten
bis ins tiefste Detail zu beraten und sich, ist das Wochengeld gewisser, nicht
etatsmiger Ausgaben halber zu frh aus dem Beutel entwischt, und darf der Herr
Professor nicht angegangen werden, ihrer Kasse zu bedienen. Die Zinsen dieser
Anlehne trgt sie ab in kaum getragnen Kleidern, sowie diese und auch wohl
Federhte, in die die erstaunte Welt der Mgde Sonntags das Stubenmdchen
geputzt sieht, als Lohn fr gewisse geheime Gnge und andre Geflligkeiten
gelten drften. Bei so vielen Vollkommenheiten mag wohl einer liebenswrdigen
Frau die kleine Torheit (ist es berhaupt Torheit zu nennen) kaum verargt
werden, da ihr eifrigstes Streben, all ihr Tichten und Trachten dahin geht,
stets nach der letzten Mode gekleidet zu gehen, da ihr das Eleganteste, das
Teuerste nicht elegant, nicht teuer genug ist, da sie, hat sie ein Kleid
dreimal, einen Hut viermal getragen, den trkschen Shawl einen Monat hindurch
umgehngt, eine Idiosynkrasie dagegen empfindet und die kostbarste Garderobe
wegwirft um einen Spottpreis oder, wie gesagt, die Mgde sich darin putzen lt.
Da die Frau eines Professors der sthetik Sinn hat fr schne uere
Gestaltung, ist wohl gar nicht zu verwundern, und nur erfreulich kann es dem
Gemahl sein, wenn dieser Sinn sich darin offenbart, da die Gemahlin mit
sichtlichem Wohlgefallen den Blick der feuerblitzenden Augen auf schnen
Jnglingen ruhen lt, diesen auch wohl zuweilen etwas nachluft. Manchmal
bemerkte ich, da dieser, jener artige junge Mann, der die Vorlesungen des
Professors besuchte, die Tre des Auditoriums verfehlte und statt dieser die
Tre, welche zum Zimmer der Professorin fhrte, leise ffnete und ebenso leise
hineintrat. Beinahe mute ich glauben, da diese Verwechslung nicht ganz
absichtslos geschah oder wenigstens niemanden gereute, denn keiner eilte, seinen
Irrtum zu verbessern, sondern jeder, der hineingetreten, kam erst nach einer
guten Zeit heraus und zwar mit solch lchelndem zufriednem Blick, als ob ihm der
Besuch bei der Professorin ebenso angenehm und ntzlich gewesen als eine
sthetische Vorlesung des Professors. Die schne Ltitia (so hie des Professors
Frau) war mir nicht sonderlich gewogen. Sie litt mich nicht in ihrem Zimmer und
mochte recht haben, da freilich der kultivierteste Pudel nicht dort hingehrt,
wo er bei jedem Schritt Gefahr luft, Florspitzen zu zerreien, Kleider zu
beschmutzen, die auf allen Sthlen umherliegen. Doch wollt' es der Professorin
bser Genius, da ich einmal bis in ihr Boudoir hineindrang. - Der Herr
Professor hatte eines Tages bei einem Mittagsmahl mehr Wein getrunken als gerade
dienlich und war darber in eine hochbegeisterte Stimmung geraten. Zu Hause
angekommen, ging er, ganz gegen seine Gewohnheit, geradezu in das Kabinett
seiner Frau, und ich schlpfte, selbst wute ich nicht, was fr eine besondere
Lust mich dazu antrieb, mit hinein durch die Tre. Die Professorin war in
Hauskleidern, deren Weie dem frischgefallnen Schnee zu vergleichen, ihr ganzer
Anzug zeigte nicht sowohl eine gewisse Sorglosigkeit als die tiefste Kunst der
Toilette, die sich hinter dem Einfachen verbirgt und wie ein versteckter Feind
desto gewisser siegt. Die Professorin war in der Tat allerliebst, und strker
als sonst empfand dies der halbberauschte Professor, der, ganz Liebe und
Entzcken, die holde Gattin mit den sesten Namen nannte, mit den zrtlichsten
Liebkosungen berhufte und darber gar nicht eine gewisse Zerstreuung, ein
gewisses unruhiges Mibehagen bemerkte, das sich in dem ganzen Wesen der
Professorin nur zu deutlich aussprach. Mir war die steigende Zrtlichkeit des
begeisterten sthetikers unangenehm und lstig. Ich kam auf meinen alten
Zeitvertreib und suchte am Boden umher. Gerade als der Professor in der hchsten
Ekstase laut rief: Gttliches, hehres, himmlisches Weib, la uns - tnzelte ich
auf den Hinterbeinen zu ihm heran und apportierte ihm zierlich und wie bei
diesem Akt jedesmal ein wenig mit dem Stutzschweif wedelnd, den feinen
pomeranzfarbnen Mnnerhandschuh, den ich unter dem Sofa der Frau Professorin
gefunden. - Starr blickte der Professor den Handschuh an und rief, wie pltzlich
aufgeschreckt aus einem sen Traum: Was ist das? - Wem gehrt dieser Handschuh?
wie ist er in dies Zimmer gekommen? - Damit nahm er den Handschuh mir aus der
Schnauze, besah ihn, hielt ihn an die Nase und rief dann wieder: Wo kommt dieser
Handschuh her? Ltitia, sprich, wer ist bei dir gewesen? - Wie du, erwiderte die
holde treue Ltitia mit dem ungewissen Ton der Verlegenheit, den sie sich
vergebens mhte zu unterdrcken wie du nun auch seltsam bist, lieber Lothar, wem
soll, wem wird der Handschuh gehren? Die Majorin war hier und konnte bei dem
Abschiede den Handschuh nicht finden, den sie auf der Treppe ausgestreut zu
haben glaubte. - Die Majorin, schrie der Professor ganz auer sich, die Majorin,
die kleine zartgebaute Frau, deren ganze Hand hineingeht in diesen Daumen! -
Hll' und Teufel, welcher Zierbengel war hier? - Denn nach parfmierter Seife
riecht das verfluchte Ding! - Unglckliche, wer war hier, welcher
verbrecherische Trug der Hlle zerstrte hier meine Ruhe, mein Glck? -
Schndliches, verruchtes Weib! -
    Die Professorin machte gerade Anstalt, in Ohnmacht zu fallen, als das
Stubenmdchen hineintrat und ich, froh, des fatalen Ehestandsauftritts, den ich
veranlat, entledigt zu werden, schnell hinaussprang.
    Den andern Tag war der Professor ganz stumm und in sich gekehrt; ein
einziger Gedanke schien ihn zu beschftigen, einer einzigen Idee schien er
nachzugrbeln. Ob er es nur sein mag! - Das waren die Worte, die dann und wann
den verstummen Lippen unwillkrlich entflohen. Gegen Abend nahm er Hut und
Stock, ich sprang und bellte freudig; er sah mich lange an, helle Trnen traten
ihm in die Augen, er sprach mit dem Ton der tiefsten innigsten Wehmut: Mein
guter Ponto! - treue ehrliche Seele! - Dann lief er schnell vors Tor und ich
dicht hinter ihm her, fest entschlossen, den armen Mann aufzuheitern mittelst
aller Knste, die mir nur zu Gebote standen. Dicht vor dem Tore begegnete uns
der Baron Alzibiades von Wipp, einer der zierlichsten Herrn in unserer Stadt,
auf einem schnen Englnder. Sowie der Baron den Professor gewahrte,
kurbettierte er zierlich an ihn heran und fragte nach des Professors, dann aber
nach der Frau Professorin Wohlbefinden. Der Professor stotterte in der
Verwirrung einige unverstndliche Worte hervor. In der Tat, sehr heie
Witterung! sprach nun der Baron und zog ein seidnes Tuch aus der Rocktasche,
schleuderte aber mit demselben Schwunge einen Handschuh heraus, den ich
gewohnter Sitte gem meinem Herrn apportierte. Hastig ri mir der Professor den
Handschuh fort und rief: Das ist Ihr Handschuh, Herr Baron? - Allerdings,
erwiderte dieser, verwundert ber des Professors Heftigkeit, allerdings, ich
glaube, ich schleuderte ihn in dem Augenblick aus der Rocktasche, und der
dienstfertige Pudel hob ihn auf. - So habe ich, sprach der Professor mit
schneidendem Ton, indem er den Handschuh, den ich unter dem Sofa in der
Professorin Zimmer hervorgesucht, ihm hinreichte, so habe ich das Vergngen,
Ihnen den Zwillingsbruder dieses Handschuhs, den Sie gestern verloren,
berreichen zu knnen.
    Ohne des sichtlich betretenen Barons Antwort abzuwarten, rannte der
Professor wild von dannen.
    Ich htete mich wohl, dem Professor in das Zimmer seiner teuren Gattin zu
folgen, da ich den Sturm ahnen konnte, der sich bald, bis auf den Flur
hinausbrausend, vernehmen lie. Aber in einem Winkel des Flurs lauschte ich und
gewahrte, wie der Professor, alle Flammen der Wut im rotgleienden Antlitz, das
Stubenmdchen zur Stubentr, dann aber, als sie sich noch unterfing, einige
kecke Worte zu sprechen, zum Hause hinauswarf. Endlich in spter Nacht kam der
Professor ganz erschpft auf seinem Zimmer an. Ich gab ihm meine innige
Teilnahme an seinem trben Malheur durch leises Winseln zu verstehen. Da
umhalste er mich und drckte mich an seine Brust, als sei ich sein bester
innigster Freund. Guter, ehrlicher Ponto, so sprach er mit ganz klglichem Ton,
treues Gemt, du, du allein hast mich aus dem betrenden Traum geweckt, der mich
meine Schande nicht erkennen lie, du hast mich dahin gebracht, da ich das Joch
abwerfen, in das mich ein alsches Weib gespannt hatte, da ich wieder ein freier
unbefangener Mensch werden kann! Ponto, wie soll ich dir das danken! - Nie - nie
sollst du mich verlassen, ich will dich hegen und pflegen wie meinen besten
treusten Freund, du allein wirst mich trsten, wenn ich bei dem Gedanken an mein
hartes Migeschick verzweifeln will.
    Diese rhrenden uerungen eines edlen dankbaren Gemts wurden durch die
Kchin unterbrochen, welche mit blassem verstrten Gesicht hereinstrzte und dem
Professor die entsetzliche Botschaft hinterbrachte, da die Frau Professorin in
den frchterlichsten Krmpfen liege und den Geist aufgeben wolle. Der Professor
flog hinab! -
    Mehrere Tage hindurch sah ich nun den Professor beinahe gar nicht. Meine
Speisung, fr die sonst mein Herr liebreich selbst sorgte, war der Kchin
bertragen, die aber, eine mrrische garstige Person, mir mit Widerwillen statt
der sonstigen guten Gerichte nur die elendesten, kaum geniebaren Bissen
zukommen lie. Zuweilen verga sie mich auch ganz und gar, so da ich gentigt
wurde, bei guten Bekannten zu schmarotzen, auch wohl auf Beute auszugehen, um
nur meinen Hunger zu stillen.
    Endlich schenkte mir, als ich eines Tages hungrig und matt mit
herabhngenden Ohren im Hause herumschlich, der Professor einige Aufmerksamkeit.
Ponto, rief er lchelnd, wie denn berhaupt sein Antlitz ganz Sonnenschein war,
Ponto, mein alter ehrlicher Hund, wo hast du denn gesteckt? Hab' ich dich doch
so lange nicht gesehen! Ich glaube gar, man hat dich ganz gegen meinen Willen
vernachlssigt und nicht sorgsam gefttert? - Nun, komm nur, komm, heute sollst
du wieder von mir selbst deine Speise erhalten.
    Ich folgte dem gtigen Herrn in das Ezimmer. Die Frau Professorin,
aufgeblht wie eine Rose, wie der Herr Gemahl vollen Sonnenglanz im Antlitz, kam
ihm entgegen. Beide taten zrtlicher miteinander als jemals, sie nannte ihn:
englischer Mann, er sie aber: mein Muschen, und dabei herzten und kten sie
sich wie ein Turteltaubenpaar. Es war eine rechte Freude, das anzusehn. Auch
gegen mich war die holde Frau Professorin freundlich wie sonst niemals, und du
kannst denken, guter Murr, da ich mich bei meiner angebornen Galanterie artig
und zierlich zu betragen wute. - Wer htte ahnen knnen, was ber mich verhngt
war! - Es wrde mir selbst schwer fallen, dir ausfhrlich all diese
heimtckischen Streiche zu erzhlen, die meine Feinde mir spielten, um mich zu
verderben, und noch mehr als das, es wrde dich ermden. Beschrnken will ich
mich darauf, nur einiges zu erwhnen, welches dir ein treues Bild meiner
unglcklichen Lage geben wird. - Mein Herr war gewohnt, mir im Speisezimmer,
whrend er selbst a, die gewhnlichen Portionen an Suppe, Gemse und Fleisch in
einem Winkel am Ofen zu verabreichen. Ich a mit solchem Anstande, mit solcher
Reinlichkeit, da auch nicht das kleinste Fettfleckchen auf dem getfelten
Fuboden sichtbar. Wie gro war daher mein Entsetzen, als eines Mittags der
Napf, kaum hatte ich mich ihm genhert, in hundert Stcke zersprang und die
Fettbrhe sich ergo ber den schnen Fuboden. Zornig fuhr der Professor auf
mich los mit argen Scheltworten, und unerachtet die Professorin mich zu
entschuldigen suchte, las man doch den bittern Verdru in ihrem blassen Gesicht.
Sie meinte, drfte auch der garstige Flecken nicht wohl fortzubringen sein, so
knnte ja doch die Stelle abgehobelt oder eine neue Tafel eingesetzt werden. Der
Professor hegte einen tiefen Abscheu gegen solch Reparaturen, er hrte schon die
Tischlerjungen hobeln und hmmern, und so waren es die liebreichen
Entschuldigungen der Professorin, die ihn mein vermeintliches Ungeschick erst
recht fhlen lieen und mir noch auer jenen Scheltworten ein tchtiges paar
Ohrfeigen einbrachten. - Ich stand da im Bewutsein meiner Unschuld, ganz
verblfft, und wute gar nicht, was ich denken, was ich sagen sollte. - Erst als
mir dasselbe zwei - dreimal geschehen, merkte ich die Tcke! - Man hatte mir
halb zerbrochene Schsseln hingestellt, die bei der leisesten Berhrung in
hundert Stcke zerfallen muten. Ich durfte nicht mehr im Zimmer bleiben,
drauen erhielt ich Speise von der Kchin, aber so krglich, da ich, von
nagendem Hunger getrieben, manches Stck Brot, manchen Knochen zu erschnappen
suchen mute. Darber entstand denn nun jedesmal ein gewaltiger Lrm, und ich
mute mir eigenntzigen Diebstahl da vorwerfen lassen, wo nur von der
Befriedigung des dringendsten Naturbedrfnisses die Rede sein konnte. Es kam
noch rger! - Mit groem Geschrei klagte die Kchin, da ihr eine schne
Hammelkeule aus der Kche verschwunden, und da ich sie ganz gewi gestohlen.
Die Sache kam als eine wichtigere husliche Angelegenheit vor den Professor. Der
meinte, da er sonst nie den Hang zum Diebstahl an mir bemerkt, und da auch
mein Diebsorgan durchaus nicht ausgebildet sei. Auch wre es nicht denkbar, da
ich eine ganze Hammelkeule so verspeiset, da keine Spur mehr davon vorhanden. -
Man suchte nach und - fand in meinem Lager die berbleibsel der Keule! - Murr!
sieh, mit der Pfote auf der Brust schwre ich's dir, da ich vllig unschuldig
war, da es mir nicht in den Sinn gekommen, den Braten zu stehlen, doch, was
halfen die Beteuerungen meiner Unschuld, da der Beweis wider mich sprach! - Um
so ergrimmter war der Professor, als er meine Partie genommen und sich in seiner
guten Meinung von mir getuscht sah. - Ich erhielt eine tchtige Tracht Prgel.
- Lie mich der Professor auch nachher den Widerwillen fhlen, den er gegen mich
hegte, so war die Frau Professorin desto freundlicher, streichelte mir, was sie
sonst nie getan, den Rcken und gab mir sogar dann und wann einen guten Bissen.
Wie konnt' ich ahnen, da das alles nur gleinerischer Trug, und doch sollte
sich dies bald zeigen. - Die Tre des Ezimmers stand offen, mit leerem Magen
schaute ich sehnschtig hinein und gedachte schmerzvoll jener guten Zeit, als
ich, wenn das se Aroma des Bratens sich verbreitete, nicht vergebens den
Professor bittend anschaute und dabei, wie man zu sagen pflegt, ein wenig
schnffelte! Da rief die Professorin: Ponto, Ponto! und hielt mir geschickt
zwischen dem zarten Daumen und dem niedlichen Zeigefinger ein schnes Stck
Braten hin. - Mag es sein, da ich im Enthusiasmus des aufgeregten Appetits ein
wenig heftiger zuschnappte als gerade ntig, doch gebissen habe ich nicht die
zarte Lilienhand, das kannst du mir glauben, guter Murr. Und doch schrie die
Professorin laut auf: Der bse Hund! und fiel wie ohnmchtig zurck in den
Sessel, und doch sah' ich zu meinem Entsetzen wirklich ein paar Blutstropfen am
Daumen. Der Professor geriet in Wut; er schlug mich, trat mich mit Fen,
mihandelte mich so unbarmherzig, da ich mit dir, mein guter Kater, hier wohl
nicht vor der Tre se im lieben Sonnenschein, htte ich mich nicht durch die
schleunige Flucht zum Hause hinaus gerettet. An Rckkehr war nicht zu denken.
Ich sah ein, da gegen die schwarze Kabale, die die Professorin aus reiner
Rachgier wegen des freiherrlichen Handschuhs gegen mich angezettelt, nichts
auszurichten, und beschlo, mir gleich einen andern Herrn zu suchen. Sonst wre
das der schnen Gaben halber, die mir die gtige, mtterliche Natur verliehen,
ein leichtes gewesen, Hunger und Gram hatten mich aber so heruntergebracht, da
ich bei meinem miserablen Aussehn in der Tat befrchten mute, berall
abgewiesen zu werden. Traurig, von drckenden Nahrungssorgen geqult, schlich
ich vors Tor. Ich erblickte den Herrn Baron Alzibiades von Wipp, der vor mir
herging, und ich wei nicht, wie mir der Gedanke kam, ihm meine Dienste
anzubieten. Vielleicht war es ein dunkles Gefhl, da ich auf diese Weise
Gelegenheit erhalten wrde, mich an dem undankbaren Professor zu rchen, wie es
sich spter denn auch wirklich begab. - Ich tnzelte an den Baron heran, wartete
ihm auf und folgte, als er mich mit einigem Wohlgefallen betrachtete, ihm ohne
Umstnde nach in seine Wohnung. Sehen Sie, so sprach er zu einem jungen
Menschen, den er seinen Kammerdiener nannte, unerachtet er sonst keinen andern
Diener hatte, Sehen Sie, Friedrich, was sich da fr ein Pudel zu mir eingefunden
hat. Wr' er nur hbscher! Friedrich rhmte dagegen den Ausdruck meines
Antlitzes sowie den zierlichen Wuchs und meinte, ich msse von meinem Herrn
schlecht gehalten sein und habe ihn wahrscheinlich deshalb verlassen. Setzte er
noch hinzu, da Pudel, die sich so von selbst aus freiem Antriebe einfnden,
gewhnlich treue rechtschaffene Tiere wren, so konnte der Baron nicht umhin,
mich zu behalten. Unerachtet ich nun durch Friedrichs Vorsorge ein recht glaues
Ansehn gewann, so schien der Baron doch nicht sonderlich viel auf mich zu halten
und litt es nur eben zur Not, da ich ihn auf seinen Spaziergngen begleitete.
Das sollte anders kommen. - Wir begegneten auf einem Spaziergange der
Professorin. - Erkenne, guter Murr, das gemtliche Gemt - ja, so will ich sagen
- eines ehrlichen Pudels, wenn ich versichere, da, unerachtet mir die Frau sehr
weh getan, ich doch eine ungeheuchelte Freude empfand, sie wiederzusehen. - Ich
tanzte vor ihr her, bellte lustig und gab ihr meine Freude auf alle nur mgliche
Weise zu erkennen. Sieh da, Ponto! rief sie, streichelte mich und blickte den
Baron von Wipp, der stehengeblieben, bedeutend an. Ich sprang zu meinem Herrn
zurck, der mich liebkoste. Er schien auf besondere Gedanken zu geraten;
mehrmals hintereinander murmelte er in sich hinein: Ponto! - Ponto, wenn das
mglich sein sollte!
    Wir hatten einen nahegelegenen Lustort erreicht; die Professorin nahm Platz
mit ihrer Gesellschaft, bei der sich jedoch der liebe gutmtige Herr Professor
nicht befand. Unfern davon setzte sich Baron Wipp, so da er, ohne sonderlich
von den andern bemerkt zu werden, die Professorin bestndig im Auge behielt. Ich
stellte mich vor meinen Herrn und guckte ihn an, indem ich leise mit dem Schweif
wedelte, als erwarte ich seine Befehle. Ponto, wiederholte er, Ponto, sollte es
mglich sein! - Nun, setzte er nach einem kurzen Stillschweigen hinzu, nun, es
kommt auf den Versuch an! - Damit nahm er einen kleinen Papierstreifen aus der
Brieftasche, schrieb einige Worte mit Bleistift darauf, rollte ihn zusammen,
steckte ihn mir unter das Halsband, wies nach der Professorin und rief leise:
Ponto - Allons! - Nicht ein solcher kluger, in der Welt gewitzigter Pudel htte
ich sein mssen, als ich es wirklich bin, um nicht sogleich alles zu erraten.
Ich machte mich daher sogleich an den Tisch, wo die Professorin sa, und tat,
als verspre ich groen Appetit nach dem schnen Kuchen, der auf dem Tische
stand. Die Professorin war die Freundlichkeit selbst, sie reichte mir Kuchen mit
der einen Hand, whrend sie mich mit der andern am Halse kraute. Ich fhlte, wie
sie den Papierstreifen hervorzog. Bald darauf verlie sie die Gesellschaft und
begab sich in einen Nebengang. Ich folgte ihr. Ich sah, wie sie des Barons Worte
eifrig las, wie sie aus ihrem Strickkstchen einen Bleistift hervorholte, auf
denselben Zettel einige Worte schrieb und ihn dann wieder zusammenrollte. Ponto,
sprach sie dann, indem sie mich mit schalkischem Blick betrachtete, Ponto! du
bist ein sehr kluger vernnftiger Pudel, wenn du zu rechter Zeit apportierst! -
Damit steckte sie mir das Zettelchen unter das Halsband, und ich unterlie
nicht, eiligst hinzuspringen zu meinem Herrn. Der mutmate sogleich, da ich
Antwort brchte, denn er zog alsbald den Zettel unter dem Halsbande hervor. -
Der Professorin Worte muten sehr trstlich lauten und angenehm, denn des Barons
Augen funkelten vor lauter Freude, und er rief entzckt: Ponto - Ponto, du bist
ein herrlicher Pudel, mein guter Stern hat mir dich zugefhrt. Du kannst denken,
guter Murr, da ich nicht weniger erfreut war, da ich einsah, wie ich nach dem,
was sich soeben zugetragen, in der Gunst meines Herrn hoch steigen msse.
    In dieser Freude machte ich beinahe unaufgefordert alle nur mgliche
Kunststcke. Ich sprach wie der Hund, starb, lebte wieder auf, verschmhte das
Stck Weibrot vom Juden und verzehrte mit Appetit das vom Christen u.s.w. Ein
ungemein gelehriger Hund! So rief eine alte Dame, die neben der Professorin sa,
herber. Ungemein gelehrig! erwiderte der Baron. Ungemein gelehrig! hallte der
Professorin Stimme nach wie ein Echo. - Ich will dir nur ganz kurz sagen, guter
Murr, da ich den Briefwechsel auf die erwhnte Weise fortwhrend besorgte und
noch jetzt besorge, da ich zuweilen sogar mit Briefchen in des Professors Haus
laufe, wenn er gerade abwesend. Schleicht aber manchmal in der Abenddmmerung
der Herr Baron Alzibiades von Wipp zur holden Ltitia, so bleibe ich vor der
Haustre und mache, lt sich der Herr Professor nur in der Ferne blicken, solch
einen grimmigen Teufelslrm mit Bellen, da mein Herr ebensogut als ich die Nhe
des Feindes wittert und ihm ausweicht. -
    Mir kam es vor, als knne ich Pontos Betragen doch nicht recht billigen, ich
dachte an des verewigten Muzius, an meinen eignen tiefen Abscheu vor jedem
Halsbande, und schon dies setzte mich darber ins klare, da ein ehrliches
Gemt, so, wie es ein rechtschaffener Kater in sich trgt, dergleichen
Liebeskuppeleien verschmhe. Alles dieses uerte ich dem jungen Ponto ganz
unverhohlen. Der lachte mir aber ins Gesicht und meinte, ob denn die Moral der
Katzen so gar strenge sei, und ob ich selbst nicht schon hin und wieder ber die
Schnur gehauen, d.h. etwas getan, was fr den engen moralischen Schubkasten
etwas zu breit sei. - Ich dachte an Mina und verstummte.
    Frs erste, sprach Ponto weiter, frs erste, mein guter Murr, ist es ein
ganz gemeiner Erfahrungssatz, da niemand seinem Schicksal entgehen kann, er mag
es nun anstellen, wie er auch will; du kannst als ein Kater von Bildung das
Weitre darber nachlesen in einem sehr belehrenden und ganz angenehm
stilisierten Buche, Jacques le fataliste betitelt. War es nach dem ewigen
Ratschlu bestimmt, da der Professor der sthetik, Herr Lothario, ein - Nun, du
verstehst mich, guter Katz, aber zudem hat ja der Professor durch die Art, wie
er sich bei der merkwrdigen Handschuhgeschichte - sie sollte mehr Zelebritt
erhalten, schreib was darber, Murr - benommen, seinen ganz entschiedenen, ihm
von der Natur eingepflanzten Beruf bewiesen, in jenen groen Orden zu treten,
den so viele, viele Mnner tragen mit der gebietendsten Wrde, mit dem schnsten
Anstande, ohne es zu wissen. Diesen Beruf htte Herr Lothario erfllt, gb' es
auch keinen Baron Alzibiades von Wipp, keinen Ponto. Hatte aber wohl berhaupt
Herr Lothario etwas anderes, Besseres um mich verdient, als da ich gerade
seinem Feinde mich in die Arme warf? - Dann aber fand auch der Baron gewi
andere Mittel, sich mit der Professorin zu verstehen, und derselbe Schaden kam
ber den Professor, ohne mir den Nutzen zu bringen, den ich jetzt wirklich von
dem angenehmen Verhltnis des Barons mit der holden Ltitia verspre. Wir Pudel
sind nicht solche berstrenge Moralisten, da wir in unserm eignen Fleische
whlen und die im Leben schon sonst knapp genug zugeschnittene gute Bissen
verschmhen sollten. -
    Ich fragte den jungen Ponto, ob denn der Nutzen, den ihm sein Dienst bei dem
Baron Alzibiades von Wipp verschaffe, in der Tat so gro und wichtig sei, da er
das Unangenehme, das Drckende der damit verbundenen Knechterei aufwiege. Damit
gab ich ihm nicht undeutlich zu verstehen, da eben diese Knechterei einem
Kater, dessen Freiheitssinn in der Brust unauslschlich, immer widerlich bleiben
msse.
    Du redest, erwiderte Ponto stolz lchelnd, du redest guter Murr, wie du
es verstehst, oder vielmehr wie es dir deine gnzliche Unerfahrenheit in den
hhern Verhltnissen des Lebens erscheinen lt. Du weit nicht, was es heit,
der Liebling eines solchen galanten gebildeten Mannes zu sein, als es der Baron
Alzibiades von Wipp wirklich ist. Denn da ich seit der Zeit, als ich mich so
klug und dienstfertig benommen, sein grter Liebling geworden, darf ich dir, o
mein freiheitsliebender Katz, wohl nicht erst sagen. Eine kurze Schilderung
unserer Lebensweise wird dich das Angenehme, das Wohlttige meiner jetzigen Lage
sehr lebhaft fhlen lassen. - Des Morgens stehen wir (ich und mein Herr nmlich)
nicht zu frh, aber auch nicht zu spt auf; das heit, auf den Schlag eilf Uhr.
- Ich mu dabei bemerken, da mein breites weiches Lager unfern dem Bette des
Barons aufgeschlagen ist, und da wir viel zu harmonisch schnarchen, um beim
pltzlichen Erwachen zu wissen, wer geschnarcht hat. - Der Baron zieht an der
Glocke, und sogleich erscheint der Kammerdiener, der dem Baron einen Becher
rauchender Schokolade, mir aber einen Porzellannapf voll des schnsten sen
Kaffees mit Sahne bringt, den ich mit demselben Appetit leere wie der Baron
seinen Becher. Nach dem Frhstck spielen wir ein halbes Stndchen miteinander,
welche Leibesbewegung nicht allein unserer Gesundheit zutrglich ist, sondern
auch unsern Geist erheitert. Ist das Wetter schn, so pflegt der Baron auch wohl
zum offnen Fenster hinauszuschauen und die Vorbergehenden mit dem Fernglas zu
begucken. Gehen gerade nicht viele vorber, so gibt es noch eine andere
Belustigung, die der Baron eine Stunde hindurch fortsetzen kann, ohne zu
ermden. - Unter dem Fenster des Barons ist ein Stein eingepflastert, der sich
durch eine besonders rtliche Farbe auszeichnet, in der Mitte dieses Steins
befindet sich aber ein kleines eingebrckeltes Loch. Nun kommt es darauf an, so
geschickt herabzuspucken, da gerade in dieses kleine Loch hineingetroffen wird.
- Durch viele anhaltende bung hat es der Baron dahin gebracht, da er auf das
dritte Mal Treffen pariert und schon manche Wette gewann. Nach dieser
Belustigung tritt der sehr wichtige Moment des Anziehens ein. Das geschickte
Kmmen und Kruseln des Haars, vorzglich aber das kunstmige Knpfen des
Halstuchs besorgt der Baron ganz allein ohne Hilfe des Kammerdieners. Da diese
beiden schwierigen Operationen etwas lange dauern, so benutzt Friedrich die
Zeit, um mich auch anzukleiden. D.h. mit einem in lauwarmes Wasser eingeweichten
Schwamm wscht er mir den Pelz, kmmt die langen Haare, die der Friseur an
schicklichen rtern zierlich stehen lassen, mit einem genugsam engen Kamme durch
und legt mir das schne silberne Halsband um, das der Baron mir gleich verehrte,
als er meine Tugenden entdeckt. Die folgenden Augenblicke sind der Literatur und
den schnen Knsten gewidmet. Wir gehen nmlich in eine Restauration oder in ein
Kaffeehaus, genieen Beefsteak oder Karbonade, trinken ein Glschen Madeira und
gucken etwas weniges in die neuesten Journale, in die neuesten Zeitungen. Dann
beginnen die Vormittags Visiten. Wir besuchen diese, jene groe Schauspielerin,
Sngerin, ja auch wohl Tnzerin, um ihr die Neuigkeiten des Tages, hauptschlich
aber den Verlauf irgendeines Debts von gestern abend, zu hinterbringen. Es ist
merkwrdig, mit welchem Geschick der Baron Alzibiades von Wipp seine Nachrichten
einzurichten wei, um die Damen stets bei guter Laune zu erhalten. Niemals ist
es der Gegnerin oder wenigstens Kombattantin gelungen, sich nur einen Teil des
Ruhms anzueignen, der die Gefeierte krnt, die er soeben im Schmollzimmerchen
heimsucht. - Man hat die Arme ausgezischt - ausgelacht - Und ist denn wirklich
erhaltener glnzender Beifall nicht wohl zu verschweigen, so wei der Baron ganz
gewi ein neues skandalses Geschichtchen von der Dame aufzutischen, das ebenso
begierig vernommen als verbreitet wird, damit gehriges Gift die Blumen des
Kranzes vor der Zeit tte. - Die vornehmeren Visiten bei der Grfin A., bei der
Baronesse B., bei der Gesandtin C. u.s.w. fllen die Zeit aus bis halb vier Uhr;
und nun hat der Baron seine eigentlichen Geschfte abgemacht, so da er um vier
Uhr sich beruhigt zu Tische setzen kann. Dies geschieht gewhnlich wieder in
einer Restauration. Nach Tische gehen wir zu Kaffee, spielen auch wohl eine
Partie Billard und machen denn, erlaubt es die Witterung, eine kleine Promenade;
ich bestndig zu Fu, der Baron aber manchmal zu Pferde. So ist die
Theaterstunde herangekommen, die der Baron niemals versumt. Er soll im Theater
eine beraus wichtige Rolle spielen, da er das Publikum nicht allein von allen
Verhltnissen der Bhne und der auftretenden Knstler in Kenntnis setzen,
sondern auch das gehrige Lob, den gehrigen Tadel anordnen, so aber berhaupt
den Geschmack im richtigen Geleise erhalten mu. Er fhlt einen natrlichen
Beruf dazu. Da man den feinsten Leuten meines Geschlechts ungerechterweise den
Eingang in das Theater durchaus nicht verstattet, so sind die Stunden whrend
der Vorstellung die einzigen, in denen ich mich von meinem lieben Baron trenne
und mich allein auf meine eigne Hand belustige. Wie dies nun geschieht, und wie
ich die Konnexionen mit Windspielen, englischen Wachtelhunden, Mpsen und andern
vornehmen Leuten benutze, das sollst du knftig erfahren, guter Murr! - Nach dem
Theater speisen wir wieder in einer Restauration, und der Baron berlt sich in
heitrer Gesellschaft ganz seiner frohen Laune. Das heit, alle sprechen, alle
lachen und finden alles auf Ehre gttlich, und keiner wei, was er spricht, und
worber er lacht, und was als auf Ehre gttlich gerhmt werden darf. Darin
besteht aber das Sublime der Konversation, das ganze soziale Leben derer, die
sich zur eleganten Lehre bekennen, wie mein Herr. Manchmal fhrt aber auch wohl
der Baron noch in spter Nacht in diese, jene Gesellschaft und soll dort ganz
exzellent sein. Auch davon wei ich nichts, denn der Baron hat mich noch niemals
mitgenommen, wozu er vielleicht seine guten Grnde haben mag. - Wie ich auf
weichem Lager in der Nhe des Barons herrlich schlafe, habe ich dir schon
gesagt. Gestehe aber nun selbst, guter Katz, wie nach der Lebensweise, die ich
hier ausfhrlich beschrieben, mich der alte mrrische Oheim eines wsten,
liederlichen Wandels anklagen kann? - Es ist wahr, da ich, schon hab' ich dir
's gestanden, vor einiger Zeit gerechten Anla gab zu allerlei Vorwrfen. Ich
trieb mich umher in schlechter Gesellschaft und fand eine besondere Lust darin,
mich berall, vorzglich in Vermhlungsschmuse ungebeten einzudrngen und ganz
unntzen Skandal anzufangen. Alles dies geschah aber nicht aus reinem Trieb zu
wster Balgerei, sondern aus bloem Mangel an hherer Kultur, die ich bei den
Verhltnissen, wie sie in dem Hause des Professors bestanden, nicht erhalten
konnte. Jetzt ist das alles anders. Doch! - wen erblick' ich? - Dort geht der
Baron Alzibiades von Wipp! - Er sieht sich nach mir um - er pfeift! - A revoir
Bester! -
    Schnell wie der Blitz sprang Ponto seinem Herrn entgegen. Das uere des
Barons entsprach ganz dem Bilde, das ich mir wohl nach dem, was Ponto von ihm
gesagt, machen durfte. - Er war sehr gro und nicht sowohl schlank gewachsen als
spindeldrr. Kleidung, Stellung, Gang, Gebrde, alles konnte fr den Prototypus
der letzten Mode gelten, die aber, bis ins Phantastische hinaus getrieben,
seinem ganzen Wesen etwas Seltsames, Abenteuerliches gab. Er trug ein kleines,
sehr dnnes Rhrchen mit einer sthlernen Krcke in der Hand, ber das er Ponto
einigemal springen lie. So herabwrdigend mir auch dieses schien, gestehen
mute ich doch, da Ponto mit der hchsten Geschicklichkeit und Strke jetzt
eine Anmut verband, die ich sonst noch niemals an ihm bemerkt. berhaupt, wie
nun der Baron mit vorgestreckter Brust, den Leib eingezogen, mit einem
sonderbaren ausgespreizten Hahnentritt weiter fortwandelte und Ponto in sehr
zierlichen Kurbetten bald vorwrts, bald nebenher sprang und sich nur ganz
kurze, zum Teil stolze Begrungen vorbergehender Kameraden erlaubte, so sprach
sich darin ein gewisses Etwas aus, das, ohne mir deutlich zu werden, dennoch mir
imponierte. - Ich ahnte, was mein Freund Ponto mit der hheren Kultur gemeint,
und suchte, soviel mglich, darber ganz ins klare zu kommen. Das hielt aber
sehr schwer, oder vielmehr, meine Bemhungen blieben ganz vergebens. -
    Spter habe ich eingesehen, da an gewissen Dingen alle Probleme, alle
Theorien, die sich in dem Geiste bilden mgen, scheitern, und da nur durch die
lebendige Praxis die Erkenntnis zu erringen; die hhere Kultur, die beide, der
Baron Alzibiades von Wipp und der Pudel Ponto, in der feinen Welt erlangt,
gehrt aber zu diesen gewissen Dingen. -
    Der Baron Alzibiades von Wipp lorgnettierte mich im Vorbergehen sehr
scharf. Es schien mir, als ls' ich Neugierde und Zorn in seinem Blick. Sollte
er vielleicht Pontos Unterhaltung mit mir gewahrt und ungndig vermerkt haben?
Mir wurde etwas ngstlich zumute, ich eilte schnell die Treppe hinauf. -
    Ich sollte nun, um alle Pflichten eines tchtigen Selbstbiographen zu
erfllen, wiederum meinen Seelenzustand beschreiben und knnte das nicht besser
tun als mittelst einiger sublimer Verse, die ich seit einiger Zeit so recht, wie
man zu sagen pflegt, aus dem Pelzrmel schttle. Ich will -
    (Mak. Bl.) - - mit diesem einfltigen armseligen Spielwerk den besten Teil
meines Lebens vergeudet. - Und nun jammerst du, alter Tor, und klagst das
Geschick an, dem du vermessen Trotz botest! - Was gingen dich die vornehmen
Leute, was ging dich die ganze Welt an, die du verhhntest, weil du sie fr
nrrisch hieltest und selbst am nrrischsten warst! - Beim Handwerk, beim
Handwerk mutest du bleiben, Orgeln bauen und nicht den Hexenmeister spielen und
den Wahrsager. - Sie htten sie mir nicht gestohlen, mein Weib wre bei mir, ein
tchtiger Arbeiter s' ich in der Werkstatt, und rstige Gesellen klopften und
hmmerten um mich her, und wir frderten Werke, die sich hren und sehen lieen
wie keine andere weit und breit. - Und Chiara! - vielleicht hingen muntre Knaben
mir am Halse, vielleicht schaukelte ich ein schmuckes Tchterlein auf den Knien.
- Tausend Teufel, was hlt mich ab, da ich nicht den Augenblick davonrenne und
das verlorne Weib suche in der ganzen weiten Welt! - Damit warf Meister
Abraham, der dies Selbstgesprch gehalten, das kleine begonnene Automat sowie
alles Handwerkszeug unter den Tisch, sprang auf und schritt heftig hin und her.
- Der Gedanke an Chiara, der ihn jetzt beinahe niemals verlie, rief alle
schmerzliche Wehmut in seinem Innern hervor, und wie mit Chiara damals sein
hheres Leben begonnen, verlie ihn auch jetzt jener trotzige, dem Gemeinen
entsprossene Unwille darber, da er ber sein Handwerk hinweggeschaut und
wirkliche Kunst zu ben sich unterfangen. - Er schlug Severinos Buch auf und
schaute lange die holde Chiara an. - Wie ein Mondschtiger, der, der ueren
Sinne beraubt, nur nach dem innern Gedanken automatisch handelt, ging Meister
Abraham dann zu einem Kasten, der in einem Winkel des Zimmers stand, rumte
Bcher und Sachen, womit er bepackt, herunter, ffnete ihn, nahm die Glaskugel,
den ganzen Apparat zum geheimnisvollen Experiment mit dem unsichtbaren Mdchen
hervor, befestigte die Kugel an einer dnnen seidnen Schnur, die von der Decke
herabhing, stellte im Zimmer alles so her, wie es zu dem versteckten Orakel
ntig. Erst als er mit allem fertig geworden, erwachte er aus der trumerischen
Betubung und erstaunte nicht wenig darber, was er begonnen. Ach, jammerte er
dann laut, indem er ganz ermattet, ganz trostlos in den Lehnstuhl sank, ach,
Chiara, arme, verlorne Chiara, niemals werd' ich wieder deine se Stimme
verknden hren, was in des Menschen tiefster Brust verschlossen. Kein Trost
mehr auf Erden, - keine Hoffnung als das Grab! -
    Da schwankte die Glaskugel hin und her, und ein melodischer Ton lie sich
vernehmen, wie wenn Windeshauch leise hinstreift ber die Saiten der Harfe. Aber
bald wurde der Ton zu Worten:

Noch ist Leben nicht dahin,
Trost und Hoffnung nicht verschwunden,
Was vermag der frmmste Sinn,
Hlt ihn schwerer Eid gebunden?
Meister! Mut! - du wirst gesunden,
Blick' auf zu der Dulderin,
Die da heilt die tiefsten Wunden,
Bittrer Schmerz bringt dir Gewinn.

O du barmherziger Himmel, lispelte der Alte mit bebenden Lippen, sie ist es
selbst, die zu mir spricht von dem hohen Himmel herab; sie wandelt nicht mehr
unter den Lebendigen! - Da lie sich jener melodische Ton abermals vernehmen,
und noch leiser, noch entfernter erklangen die Worte:

Nicht erfat der bleiche Tod,
Die im Herzen Liebe tragen;
Dem glnzt noch das Abendrot,
Der am Morgen wollt' verzagen.
Bald kann dir die Stunde schlagen,
Die entreit dich aller Not;
Zu vollbringen magst du wagen,
Was die ew'ge Macht gebot.

Strker anschwellend und wieder verhallend, lockten die sen Tne den Schlaf
herbei, der den Alten einhllte in seinen schwarzen Fittich. Aber in dem Dunkel
ging strahlend wie ein schner Stern der Traum vergangenen Glcks auf, und
Chiara lag wieder an des Meisters Brust, und beide waren wieder jung und selig,
und kein finstrer Geist vermochte den Himmel ihrer Liebe zu trben. -
    - Hier hat, wie der Herausgeber es dem geneigten Leser bemerklich machen
mu, der Kater wieder ein paar Makulaturbltter ganz weggerissen, wodurch in
dieser Geschichte voller Lcken wiederum eine Lcke entstanden. Nach der
Seitenzahl fehlen aber nur acht Kolumnen, die eben nichts besonders Wichtiges
enthalten zu haben scheinen, da das Folgende sich im ganzen noch so ziemlich an
das Vorhergegangene reiht. Also weiter heit es:
    - - - nicht erwarten durfte. Frst Irenus war berhaupt ein abgesagter
Feind von allen ungewhnlichen Vorfllen, vorzglich wenn seine eigne Person in
Anspruch genommen wurde, die Sache nher zu untersuchen. Er nahm daher, wie er
es in kritischen Fllen zu tun pflegte, eine Doppeltprise, starrte den Leibjger
an mit dem bekannten niederschmetternden Friedrichsblick und sprach: Lebrecht,
ich glaube, wir sind ein mondschtiger Trumer und sehen Gespenster und machen
einen ganz unntigen Hallas?
    Durchlauchtigster Herr, erwiderte der Leibjger in sehr ruhiger Fassung,
lassen Sie mich fortjagen wie einen ordinren Schuft, wenn nicht alles
buchstblich wahr ist, wie ich es erzhlt habe. Ich wiederhole es keck und
freimtig: Rupert ist ein ausgemachter Spitzbube.
    Wie, rief der Frst in vollem Zorn, wie, Rupert, mein alter treuer
Kastellan, der funfzig Jahre dem Frstenhause gedient, ohne jemals ein Schlo
einrosten zu lassen oder im Auf- und Zuschlieen zu mankieren, der soll ein
Spitzbube sein? Lebrecht! - Er ist besessen, Er ist rasend! Himmeltausend Sapp
-
    Der Frst stockte wie immer, wenn er sich auf dem Fluchen ertappte, das
allem frstlichen Anstande entgegen. Der Leibjger nutzte diesen Augenblick, um
ganz geschwinde einzufallen: Durchlauchtigster Herr werden nur gleich so hitzig
und fluchen denn so grlich, und man darf ber so etwas doch nicht schweigen,
man kann doch nichts behaupten als die reine Wahrheit. - Wer ist hitzig,
sprach der Frst gelassener, wer flucht? - Esel fluchen! - Ich will, da Er mir
die ganze Sache in gedrngter Krze wiederhole, damit ich in einer geheimen
Sitzung alles meinen Rten vortragen kann zur umstndlichen Beratung und
Entscheidung ber die fernerhin zu ergreifenden Maregeln. Ist Rupert wirklich
ein Spitzbube, so - Nun, das Weitere wird sich denn finden.
    Wie gesagt, begann der Leibjger, als ich gestern Frulein Julien
vorleuchtete, schlpfte derselbe Mensch, der hier schon lngst herumschleicht,
bei uns vorber. Halt, dacht' ich in meinem Sinn. Den Urian wirst du doch
ertappen, und lschte, als ich das liebe Frulein bis oben heraufgebracht, meine
Fackel aus und stellte mich ins Dunkel. Nicht lange dauerte es, so kam derselbe
Mensch aus dem Gebsch hervor und klopfte leise an das Haus. Behutsam schlich
ich einher. Da wurde das Haus geffnet, und ein Mdchen trat heraus, und mit
diesem Mdchen schlpfte der Fremde hinein. Es war die Nanni, Sie kennen sie
doch, durchlauchtigster Herr, der Frau Rtin schne Nanni?
    Coquin, rief der Frst, mit hohen gekrnten Huptern spricht man nicht
von schnen Nannis, doch! - fahr' Er fort, mon fils. - Ja, sprach der
Leibjger weiter, ja, die schne Nanni, ich htt' ihr solchen dummen Verkehr
gar nicht zugetraut. - Also weiter nichts als eine einfltige Liebschaft, dacht'
ich in meinem Sinn; aber es wollt' mir gar nicht in den Kopf, da nicht noch was
anders dahinterstecken sollte. Ich blieb am Hause stehen. Da kam nach einer
guten Weile die Frau Rtin zurck, und kaum war sie ins Haus getreten, als oben
ein Fenster geffnet wurde und mit unglaublicher Behendigkeit der fremde Mann
hinaussprang, gerade in die schnen Nelken und Levkojenstcke hinein, die dort
vergattert stehen, und die das liebe Frulein Julia selbst so sorglich wartet.
Der Grtner lamentiert schrecklich; er ist mit den zerbrochenen Scherben drauen
und wollte bei dem durchlauchtigsten Herrn selbst Klage fhren. Ich habe ihn
aber nicht hineingelassen, denn der Schlingel ist angesoffen schon am frhen
Morgen. - Lebrecht, unterbrach der Frst den Leibjger, Lebrecht, das
scheint eine Imitation zu sein, denn selbiges kommt schon in der Oper von Herrn
Mozart, Figaros Hochzeit geheien, vor, die ich zu Prag geschaut. Bleib' Er der
Wahrheit getreu, Jger! - Auch, sprach Lebrecht weiter, auch nicht eine
Silbe rede ich anders, als ich es bekrftigen kann mit einem krperlichen Eide.
- Der Kerl war hingestrzt, und ich gedachte ihn nun zu fassen; doch schnell wie
der Blitz raffte der Kerl sich auf und rannte spornstreichs - wohin? was denken
Sie wohl, durchlauchtigster Frst, wohin er rannte? - Ich denke nichts,
erwiderte der Frst feierlich, turbier' Er mich nicht mit lstigen Fragen nach
Gedanken, Jger! sondern erzhle Er ruhig so lange, bis die Geschichte aus ist,
dann will ich denken.
    Gerade, fuhr der Jger fort, gerade nach dem unbewohnten Pavillon rannte
der Mensch. Ja - unbewohnt! - Sowie er an die Tre geklopft, wurd' es inwendig
hell, und wer nun heraustrat, war niemand anders als der saubere ehrliche Herr
Rupert, dem der Fremde hineinfolgte ins Haus, das er nun wieder fest verschlo.
Sie sehen, durchlauchtigster Herr, da Rupert Verkehr treibt mit fremden
gefhrlichen Gsten, die bei ihrer Schleicherei gewi Bses im Schilde fhren.
Wer wei, worauf alles abzielt, und es ist ja mglich, da selbst mein
durchlauchtigster Frst hier in dem stillen ruhigen Sieghartshof von schlechten
Menschen bedroht wird.
    Da Frst Irenus sich fr eine hchst bedeutende frstliche Person hielt, so
konnt' es nicht fehlen, da er manchmal von allerlei hfischen Kabalen und bsen
Nachstellungen trumte. Des Jgers letzte uerung fiel ihm deshalb gar schwer
aufs Herz, und er versank einige Augenblicke in tiefes Nachsinnen. Jger,
sprach er dann mit weit aufgerissenen Augen, Jger! Er hat recht. Die Sache mit
dem fremden Menschen, der hier herumschleicht, mit dem Licht, das sich zur
Nachtzeit im Pavillon sehen lt, ist bedenklicher, als sie im ersten Augenblick
erscheint. - Mein Leben steht in Gottes Hand! Aber mich umgeben treue Diener,
und sollte einer sich fr mich aufopfern, so wrde ich ganz gewi die Familie
reichlich bedenken! - Verbreit' Er das unter meinen Leuten, guter Lebrecht! - Er
wei, ein frstliches Herz ist frei von jeder Bangigkeit, von jeder menschlichen
Todesfurcht, aber man hat auch Pflichten gegen sein Volk, ihm mu man sich
konservieren, zumal wenn der Thronerbe noch unmndig. Darum will ich das Schlo
nicht eher verlassen, bis die Kabale im Pavillon zerstrt ist. - Der Frster
soll mit den Revierjgern und allen brigen Forstbedienten herankommen, alle
meine Leute sollen sich bewaffnen. Der Pavillon soll sogleich umstellt, das
Schlo fest verschlossen werden. Besorg' Er das, guter Lebrecht. Ich selbst
schnalle meinen Hirschfnger um, lade Er meine Doppeltpistolen, aber vergesse Er
nicht den Schieber vorzulassen, damit kein Unglck geschieht. - Und da man mir
Nachricht gibt, wenn etwa die Zimmer des Pavillons erstrmt und so die
Verschworenen gezwungen werden sollen, sich zu ergeben, damit ich mich
zurckziehen kann in die innern Gemcher. Und da man die Gefangenen auf das
sorglichste durchsucht, ehe sie vor den Thron gebracht werden, damit keiner etwa
in der Verzweiflung - doch, was steht Er, was sieht Er mich an, was lchelt Er,
was soll das heien, Lebrecht?
    Ei, erwiderte der Leibjger mit pfiffiger Miene, ei, durchlauchtigster
Herr, ich meine nur, da es gar nicht vonnten, den Frster mit seinen Leuten
herzubeordern.
    Warum nicht, fragte der Frst erzrnt, warum nicht? - Ich glaube gar, Er
untersteht sich, mir zu widersprechen? - Und in jeder Sekunde steigt die Gefahr!
Tausend Sapp - Lebrecht, werf' Er sich aufs Pferd - der Frster - seine Leute -
geladene Bchsen - den Augenblick sollen sie einrcken. -
    Sie sind, sprach der Leibjger, sie sind aber schon da, durchlauchtigster
Herr!
    Wie - was! - rief der Frst, indem er den Mund offen behielt, um dem
Erstaunen Luft zu gnnen.
    Schon, fuhr der Jger fort, schon als der Morgen graute, war ich drauen
beim Frster. Schon ist der Pavillon so sorglich umstellt, da keine Katze
herauskann, viel weniger ein Mensch.
    Er ist, sprach der Frst gerhrt, Er ist ein vortrefflicher Jger,
Lebrecht, und ein treuer Diener des frstlichen Hauses. Rettet Er mich aus
dieser Gefahr, so kann Er sicher auf eine Verdienstmedaille rechnen, die ich
selber erfinden und ausprgen lassen werde von Silber oder von Gold, je nachdem
bei der Erstrmung des Pavillons weniger oder mehr Menschen geblieben sind.
    Erlauben, sprach der Jger, erlauben Sie es, durchlauchtigster Herr, so
gehen wir nun gleich ans Werk. Das heit, wir schlagen die Tre des Pavillons
ein, nehmen das Gesindel, das darin hauset, gefangen, und alles ist vorber. Ja,
ja, den Kerl, der mir so oft entschlpft, der solch ein verfluchter Springer
ist, den verdammten Kerl, der sich dort im Pavillon als ein ungebetener Gast
selbst einquartiert hat, den will ich schon fassen, den Spitzbuben den, der
Frulein Julien turbiert hat! -
    Welcher Spitzbube, fragte die Rtin Benzon, in das Zimmer tretend,
welcher Spitzbube hat Julien turbiert? Wovon sprecht Ihr, guter Lebrecht? -
Der Frst schritt feierlich, bedeutsam, wie jemand, dem Groes, Ungeheures
begegnet, das er mit aller Strke des Geistes bemht ist zu tragen, der Benzon
entgegen. Er fate ihre Hand, drckte sie zrtlich und sprach dann mit sehr
weicher Stimme: Benzon! Selbst in der einsamsten, tiefsten Zurckgezogenheit
folgt die Gefahr dem frstlichen Haupt. - Es ist das Los der Frsten, da alle
Milde, alle Gte des Herzens sie nicht schtzt vor dem feindlichen Dmon, der
den Neid, die Herrschsucht entflammt in der Brust verrterischer Vasallen! -
Benzon, die schwrzeste Verrterei hat ihr schlangenhaariges Medusenhaupt
erhoben gegen mich, Sie finden mich in der dringendsten Gefahr! - Aber bald ist
der Augenblick der Katastrophe da, diesem Getreuen verdanke ich vielleicht bald
mein Leben, meinen Thron! - Und ist es anders beschlossen - nun, so ergebe ich
mich in mein Schicksal. - Ich wei, Benzon, Sie konservieren Ihre Gesinnungen
gegen mich, und so kann ich wie jener Knig in dem Trauerspiel eines deutschen
Dichters, mit dem Prinzessin Hedwiga mir neulich den Tee verdarb, hochsinnig
rufen: Nichts ist verloren, denn Sie blieben mein! - Kssen Sie mich, gute
Benzon! - Teures Malchen, wir sind und bleiben die Alten! - Guter Gott, ich
radotiere wohl in der Seelenangst! - Lassen Sie uns gefat sein, meine Liebe,
wenn die Verrter gefangen sind, werd' ich sie mit einem Blick vernichten. -
Leibjger, es beginne der Angriff auf den Pavillon. - Der Leibjger wollte
schnell fort. Halt, rief die Benzon, was fr ein Angriff? - auf welchen
Pavillon?
    Der Leibjger mute auf Befehl des Frsten nochmals ber den ganzen Vorfall
genauen Rapport erstatten.
    Immer mehr und mehr schien die Benzon durch des Leibjgers Erzhlung
gespannt zu werden. Als er geendet, rief die Benzon lachend: Nun, das ist das
drolligste Miverstndnis, das es wohl geben mag. Ich bitte, gndigster Herr,
da der Frster mit seinen Leuten sogleich nach Hause geschickt werde. - Es ist
von gar keiner Verschwrung die Rede, Sie befinden sich nicht in der mindesten
Gefahr, gndigster Herr! - Der unbekannte Bewohner des Pavillons ist schon Ihr
Gefangener.
    Wer, fragte der Frst voll Erstaunen, wer, welcher Unglckselige bewohnt
den Pavillon ohne meine Erlaubnis? -
    Es ist, raunte die Benzon dem Frsten ins Ohr, es ist Prinz Hektor, der
sich im Pavillon verbirgt!
    Der Frst prallte einige Schritte zurck, als trfe ihn pltzlich ein Schlag
von unsichtbarer Hand, dann rief er: Wer? - wie? est-il possible! - Benzon!
trume ich? - Prinz Hektor? Des Frsten Blicke fielen auf den Leibjger, der
ganz verblfft den Hut in der Hand zusammenknillte. - Jger, schrie der Frst
ihn an, Jger! Scher' Er sich herab, der Frster, die Leute, sie sollen fort -
fort nach Hause! kein Mensch soll sich blicken lassen! - Benzon, wandte er sich
dann zur Rtin, gute Benzon, knnen Sie es sich vorstellen, einen Kerl, einen
Spitzbuben hat Lebrecht den Prinzen Hektor genannt! - Der Unglckliche! - Doch
es bleibt unter uns, Benzon, es ist ein Staatsgeheimnis. - Sagen Sie, erklren
Sie mir nur, wie es geschehen konnte, da der Prinz vorgibt abzureisen und sich
hier versteckt, als wolle er auf Abenteuer ausgehen?
    Die Benzon sah sich durch die Beobachtungen des Leibjgers aus groer
Verlegenheit gerettet. Hatte sie sich vollkommen berzeugt, da es ihrerseits
nicht ratsam, dem Frsten die Gegenwart des Prinzen in Sieghartshof, am
wenigsten aber seinen Anschlag auf Julien zu entdecken, so konnte doch auch die
Sache nicht in der Lage bleiben, die mit jeder Minute sich fr Julien, fr das
ganze Verhltnis, das sie, die Benzon selbst, mit aller Mhe aufrechterhielt,
bedrohlicher gestalten mute. Jetzt, da der Leibjger den Schlupfwinkel des
Prinzen erlauscht und dieser Gefahr lief, auf nicht sehr ehrenvolle Weise
hervorgezogen zu werden, konnte, durfte sie ihn verraten, ohne Julia
preiszugeben. Sie erklrte also dem Frsten, da wahrscheinlich ein Liebeszwist
mit der Prinzessin Hedwiga den Prinzen vermocht, eine schnelle Abreise
vorzugeben und sich mit seinem treusten Kammerdiener ganz in der Nhe der
Geliebten zu verstecken. Da dies Beginnen etwas Romanhaftes, Abenteuerliches in
sich trage, sei nicht zu leugnen, doch welcher Liebende habe nicht Hang zu
dergleichen. brigens sei des Prinzen Kammerdiener ein sehr eifriger Liebhaber
ihrer Nanni und durch diese ihr das Geheimnis verraten worden.
    Ha! rief der Frst, dem Himmel sei es gedankt, so war es der Kammerdiener
und nicht der Prinz selbst, der sich zu Ihnen ins Haus stahl und dann durchs
Fenster sprang in die Blumentpfe, wie der Page Cherubin. - Mir stiegen schon
allerlei unangenehme Gedanken auf. Ein Prinz und durchs Fenster springen, wie
knnte sich das wohl in aller Welt reimen!
    Ei, erwiderte die Benzon schalkisch lachend, ich kenne doch eine
frstliche Person, die den Weg zum Fenster heraus nicht verschmhte, als -
    Sie, unterbrach der Frst die Rtin, Sie alterieren mich, Benzon, Sie
alterieren mich ganz ungemein! - Schweigen wir von vergangenen Dingen, berlegen
wir lieber, was jetzt mit dem Prinzen anzufangen! Alle Diplomatie, alles
Staatsrecht, alles Hofgesetz holt der Teufel in dieser verdammten Lage! - Soll
ich ihn ignorieren? - soll ich ihn zufllig finden? - soll ich - soll ich? Alles
dreht sich in meinem Kopfe wie ein Wirbel. Das kommt davon, wenn frstliche
Hupter sich zu wunderlichen Romanstreichen herabwrdigen!
    Die Benzon wute in der Tat nicht, wie das weitere Verhltnis mit dem
Prinzen zu formen. Doch auch dieser Verlegenheit wurde abgeholfen. Noch ehe die
Rtin nmlich dem Frsten antworten konnte, trat der alte Kastellan Rupert
hinein und berreichte dem Frsten ein klein zusammengefaltetes Billett, indem
er schelmisch lchelnd versicherte, es kme von einer hohen Person, die er gar
nicht weit von hier die Ehre htte unter Schlo und Riegel zu bewahren. Er
wute, sprach der Frst sehr gndig zu dem Alten, Er wute also, Rupert, da?
- Nun, ich habe Ihn immer fr einen ehrlichen treuen Diener meines Hauses
gehalten, und Er hat sich auch jetzt als einen solchen bewhrt, da Er, wie es
Seine Pflicht war, dem Befehl meines erhabenen Eidams gehorchet. - Ich werde an
Seine Belohnung denken. Rupert dankte in den demtigsten Ausdrcken und
entfernte sich aus dem Zimmer.
    Es begibt sich gar oft im Leben, da einer fr besonders ehrlich und
tugendhaft gehalten wird gerade in dem Augenblick, wenn er einen
Spitzbubenstreich begangen. Daran dachte die Benzon, die von des Prinzen bsem
Anschlage besser unterrichtet und berzeugt war, da der alte heuchlerische
Rupert in das bse Geheimnis eingeweiht.
    Der Frst erbrach das Billett und las:

Che dolce pi, che pi giocondo stato
Saria, di quel d'un amoroso core?
Che viver pi felice e pi beato,
Che ritrovarsi in servit d'Amore
Se non fosse l'huom sempre stimulato
Da quel sospetto rio, da quel timore,
Da quel martir, da quella frenesia,
Da quella rabbia, detta gelosia.

In diesen Versen eines groen Dichters finden Sie, mein Frst, die Ursache
meines geheimnisvollen Beginnens. Ich glaubte mich nicht geliebt von der, die
ich anbete, die mein Leben ist, all mein Sehnen und Hoffen, fr die alle
brnstige Glut lodert in der entflammten Brust. Wohl mir! - ich habe mich eines
bessern berzeugt, ich wei seit wenigen Stunden, da ich geliebt bin, und trete
aus meinem Schlupfwinkel hervor. - Liebe und Glck, das sei das Losungswort, das
mich ankndigt. - Bald begre ich Sie, mein Frst, mit der Ehrfurcht des
Sohnes.
                                                                        Hektor.

Vielleicht ist es dem geneigten Leser nicht ganz unlieb, wenn der Biograph hier
auf zwei Sekunden die Geschichte ruhen lt und den Versuch einer bersetzung
jener italienischen Verse einschiebt. - Sie knnten ungefhr also lauten:

Gb's sres noch, gb's hheres Entzcken,
Als wenn das Herz entbrannt in brnst'ger Liebe?
Knnt' den ein sel'gres Himmelslos beglcken,
Der in des mcht'gen Gottes Fesseln bliebe?
Vermchte nicht den Menschen zu bercken
Der finstre Geist, Verdacht, der Furcht Getriebe,
Trostlose Qual, Wahnsinns wuchernder Samen,
Der Hlle Furie, Eifersucht ihr Namen!

Der Frst las das Billett zwei-, dreimal sehr aufmerksam durch, und je fter er
es las, desto finstrer zogen sich die Falten auf seiner Stirne zusammen.
Benzon, sprach er endlich, Benzon! was ist das mit dem Prinzen? Verse,
italienische Verse an ein frstliches Haupt, an einen gekrnten Schwiegervater,
statt deutlicher, vernnftiger Erklrung? - Was soll das! - Es ist kein Verstand
darin. Der Prinz scheint berspannt zu sein auf ganz ungebhrliche Weise. Die
Verse sprechen, soviel ich davon verstehe, von dem Glck der Liebe und von den
Qualen der Eifersucht. Was will der Prinz mit der Eifersucht, auf wen um tausend
Himmels willen kann er hier eiferschtig sein? - Sagen Sie mir, gute Benzon,
finden Sie in diesem Billett des Prinzen auch nur ein Fnkchen gesunden
Menschenverstand?
    Die Benzon entsetzte sich ber den tiefern Sinn, der in den Worten des
Prinzen lag, und den sie nach dem, was sich gestern in ihrem Hause begeben,
leicht erraten konnte. Zugleich mute sie aber die feine Wendung bewundern, die
der Prinz ersonnen, um ohne weitern Ansto aus seinem Versteck hervortreten zu
drfen. Weit entfernt, sich auch nur leise darber gegen den Frsten zu uern,
mhte sie sich aber, aus der Lage der Dinge soviel Vorteil zu ziehen, als nur
mglich. Kreisler und Meister Abraham, das waren die Personen, von denen sie
Verwirrung ihrer geheimen Plne befrchtete, und gegen diese glaubte sie jede
Waffe brauchen zu mssen, die ihr der Zufall in die Hand spielte. Sie erinnerte
den Frsten daran, was sie ihm ber die Leidenschaft gesagt hatte, die in der
Prinzessin Brust emporgelodert. Dem Scharfblick des Prinzen, fhrte sie ferner
an, knne die Stimmung der Prinzessin ebensowenig entgangen sein, als Kreislers
seltsames berspanntes Betragen ihm Anla genug gegeben haben msse, irgendein
wahnsinniges Verhltnis zwischen beiden zu vermuten. So sei hinlnglich erklrt,
warum der Prinz den Kreisler auf den Tod verfolgt, warum er, da er den Kreisler
gettet zu haben geglaubt, dem Schmerz, der Verzweiflung der Prinzessin aus dem
Wege gegangen, dann aber, als er von Kreislers Leben unterrichtet, von Liebe und
Sehnsucht getrieben, zurckgekehrt sei und die Prinzessin heimlich beobachtet
habe. Niemanden anders als Kreislern habe daher die Eifersucht gegolten, von der
die Verse des Prinzen sprchen, und es sei um so ntiger und ratsamer, dem
Kreisler forthin keinen Aufenthalt in Sieghartshof zu gestatten, als er mit dem
Meister Abraham ein gegen alle Verhltnisse des Hofes gerichtetes Komplott
geschmiedet zu haben scheine.
    Benzon, sprach der Frst sehr ernsthaft, Benzon, ich habe darber
nachgedacht, was Sie mir ber die unwrdige Neigung der Prinzessin gesagt haben,
und glaube jetzt von allem auch nicht ein Wort. Frstliches Blut wallt in den
Adern der Prinzessin. -
    Glauben Sie, fuhr die Benzon heftig auf, indem sie bis unter die Augen
errtete, glauben Sie, gndigster Herr, da das frstliche Weib ber den
Pulsschlag, ber die innere Ader des Lebens gebieten knne wie kein anderes?
    Sie sind, sprach der Frst verdrielich, Sie sind heute in sehr seltsamer
Stimmung, Rtin! - Ich wiederhole es, entstand in dem Herzen der Prinzessin
irgendeine abgeschmackte Leidenschaft, so war das nur ein krankhafter Zufall -
ein Krampf sozusagen - sie leidet ja an Spasmen - von dem sie sich sehr bald
ganz erholt haben wrde. Was aber den Kreisler betrifft, so ist das ein ganz
amsanter Mensch, dem nur gehrige Kultur fehlt. Ich kann ihm gar nicht solche
bermtige Keckheit zutrauen, sich der Prinzessin annhern zu wollen. Keck ist
er, aber auf ganz andere Weise. Glauben Sie wohl, Benzon, da nach seiner
wunderlichen Art gerade eine Prinzessin bei ihm gar kein Glck machen wrde,
sollt' es denkbar sein, da eine dergleichen hohe Person sich herablassen
knnte, in ihn verliebt zu werden? Denn - Benzon, entre nous soit dit, - er
macht sich gar nicht sonderlich viel aus uns hohen Huptern, und das ist eben
die lcherliche abgeschmackte Torheit, die ihn unfhig macht, am Hofe zu
verweilen. Mag er daher entfernt bleiben; kehrt er aber zurck, so sei er mir
herzlich willkommen. Denn nicht genug, da er denn doch, wie ich vom Meister
Abraham - ja, den Meister Abraham, den lassen Sie mir aus dem Spiele, Benzon,
die Komplotte, die er geschmiedet, haben immer zum Wohl des frstlichen Hauses
gereicht. - Wie ich doch sagen wollte! Ja! - Nicht genug, da der Kapellmeister,
wie mir Meister Abraham gesagt, fliehen mssen auf ungebhrliche Weise,
unerachtet er von mir freundlich aufgenommen, so ist und bleibt er ein ganz
gescheiter Mensch, der mich amsiert trotz seines nrrischen Wesens, et cela
suffit!
    Die Rtin erstarrte vor innerer Wut, sich so kalt abgefertigt zu sehen. Ohne
es zu ahnen, war sie, als sie frhlich den Strom hinabschwimmen wollte, auf eine
verborgene Klippe gestoen. -
    Es entstand auf dem Schlohofe ein groes Gerusch. Eine lange Reihe Wagen
rasselte heran, begleitet von einem starken Kommando groherzoglicher Husaren.
Der Oberhofmarschall, der Prsident, die Rte des Frsten, mehrere von der
vornehmen Welt aus Sieghartsweiler stiegen aus. Dorthin war die Nachricht
gekommen, da in Sieghartshof eine wider das Leben des Frsten gerichtete
Revolution ausgebrochen, und nun kamen die Getreuen nebst andern Verehrern des
Hofes, sich um die Person des Frsten zu stellen, und brachten die Verteidiger
des Vaterlandes mit, die sie sich vom Gouverneur mit vieler Mhe erbeten.
    Vor lauter Beteurungen der Versammelten, da sie Leib und Leben fr den
gndigsten Herrn zu opfern bereit wren, kam der Frst gar nicht zu Worte. Eben
wollt' er endlich beginnen, als der Offizier, der das Kommando fhrte,
hineintrat und den Frsten nach dem Operationsplan fragte.
    Es liegt in der menschlichen Natur, da, wenn die Gefahr, die uns Furcht
einjagte, sich vor unsern Augen auflst in einen eitlen nichtigen Popanz, uns
dies immer mit groem Unmut erfllt. Der Gedanke, der wirklichen Gefahr
glcklich entgangen zu sein, nicht, da gar keine vorhanden, erregt uns Freude.
    So geschah es denn auch, da der Frst seinen Unmut, seinen Verdru ber den
unntigen Tumult kaum unterdrcken konnte.
    Da der ganze Lrm ber ein Stelldichein eines Kammerdieners mit einer Zofe,
ber die romanhafte Eiferschtelei eines verliebten Prinzen entstanden, sollte,
konnte er das sagen? Er sann hin und her; die ahnungsvolle Stille im Saal, nur
unterbrochen von dem mutigen, Sieg versprechenden Wiehern der Husarenpferde, die
drauen hielten, drckte ihn bleiern nieder.
    Endlich rusperte er sich und begann sehr pathetisch: Meine Herren! Die
wunderbare Fgung des Himmels - Was wollen Sie, mon ami?
    Mit dieser an den Hofmarschall gerichteten Frage unterbrach der Frst sich
selbst. Wirklich hatte der Hofmarschall sich mehrmals gebckt und durch Blicke
zu verstehen gegeben, da er was Wichtiges zu hinterbringen. Es kam heraus, da
soeben sich Prinz Hektor melden lassen.
    Des Frsten Gesicht heiterte sich auf, er sah, da er ber die vermeintliche
Gefahr, in der sein Thron geschwebt, sehr kurz sein und die ehrwrdige
Versammlung wie mit einem Zauberschlage in eine Bewillkommnungscour umsetzen
knne. Er tat dies! -
    Nicht lange dauerte es, so trat Prinz Hektor hinein, in Galauniform glnzend
gekleidet, schn, krftig, stolz wie der fernhintreffende Gtterjngling. Der
Frst machte ein paar Schritte vorwrts ihm entgegen, fuhr aber auch gleich
zurck, als trfe ihn der Blitz. Dicht hinter dem Prinzen Hektor her sprang
Prinz Ignatius in den Saal. Der frstliche Herr wurde leider mit jedem Tage
dmischer und abgeschmackter. Die Husaren auf dem Schlohofe muten ihm ganz
ausnehmend gefallen haben, denn er hatte einen Husaren vermocht, ihm Sbel,
Tasche und Tschako zu geben, und sich in diese Herrlichkeiten geputzt. - So
kurbettierte er, als se er zu Pferde, in kurzen Sprngen mit dem blanken Sbel
in der Faust im Saal umher, indem er die eiserne Scheide tchtig auf dem Boden
nachklirren lie, und lachte und kicherte dabei ganz ungemein anmutig. Partez -
dcampez! - Allez-vous-en - tout de suite. So rief der Frst mit glhenden
Augen und donnernder Stimme dem erschrockenen Ignaz entgegen, der sich ganz
geschwind davonmachte.
    Keiner von den Anwesenden hatte so wenig Takt, den Prinzen Ignaz, die ganze
Szene zu bemerken. -
    Der Frst, im vollsten Sonnenglanz der vorigen Milde und Freundlichkeit,
sprach nun mit dem Prinzen einige Worte, und dann gingen beide, der Frst und
der Prinz, im Kreise der Versammelten umher und redeten mit diesem, jenem ein
paar Worte. Die Cour war beendigt, d.h. die geistreichen, tiefsinnigen
Redensarten, deren man sich bei solcher Gelegenheit zu bedienen pflegt, waren
gehrig verspendet, und der Frst begab sich mit dem Prinzen in die Gemcher der
Frstin, dann aber, da der Prinz darauf bestand, die geliebte Braut zu
berraschen, in das Gemach der Prinzessin. Sie fanden Julia bei ihr. -
    Mit der Hast des feurigsten Liebhabers flog der Prinz hin zur Prinzessin,
drckte ihre Hand hundertmal zrtlich an die Lippen, schwur, da er nur in dem
Gedanken an sie gelebt, da ein unglckliches Miverstndnis ihm die Qualen der
Hlle bereitet, da er die Trennung von der, die er anbete, nicht lnger
ertragen knne, da nun ihm alle Seligkeit des Himmels aufgegangen. -
    Hedwiga empfing den Prinzen mit unbefangener Heiterkeit, die ihr sonst eben
nicht eigen. Sie begegnete den zrtlichen Liebkosungen des Prinzen geradeso, wie
es eine Braut wohl tun mag, ohne sich im voraus zuviel zu vergeben; ja, sie
verschmhte es nicht, den Prinzen mit seinem Versteck ein wenig aufzuziehn und
zu versichern, da sie keine Verwandlung hbscher und anmutiger sich denken
knne, als die eines Haubenstocks in einen Prinzenkopf. Denn fr einen
Haubenstock habe sie den Kopf gehalten, der sich in dem Giebelfenster des
Pavillons blicken lassen. Dies gab Anla zu allerlei artigen Neckereien des
glcklichen Paars, die selbst den Frsten zu ergtzen schienen. Nun glaubte er
den groen Irrtum der Benzon rcksichts des Kreisler erst recht einzusehen, da
nach seiner Meinung Hedwigas Liebe zu dem schnsten der Mnner sich deutlich
genug aussprach. Geist und Krper der Prinzessin schienen in der seltenen hohen
Blte zu stehen, wie sie glcklichen Bruten ganz besonders eigen. - Gerade
entgegengesetzt verhielt es sich mit Julien. Sowie sie den Prinzen erblickte,
bebte sie zusammen, von innerm Schauer erfat. Bla wie der Tod, stand sie da
mit tief zu Boden gesenkten Augen, keiner Bewegung mchtig, kaum fhig, sich
aufrecht zu erhalten. -
    Nach einer guten Weile wandte sich der Prinz zu Julien mit den Worten:
Frulein Benzon, wenn ich nicht irre?
    Eine Freundin der Prinzessin von der frhsten Kindheit her, gleichsam ein
Schwesternpaar! - Whrend der Frst diese Worte sprach, hatte der Prinz Julias
Hand gefat und ihr leise, leise zugehaucht: Nur du bist's, die ich meine! -
Julia schwankte, Trnen der bittersten Angst drngten sich unter den Wimpern
hervor; sie wre niedergestrzt, htte die Prinzessin nicht schnell einen Sessel
herbeigeschoben.
    Julia, sprach die Prinzessin leise, indem sie sich ber die rmste
hinberbeugte, Julia, fasse dich doch nur! - Ahnest du denn nicht den harten
Kampf, den ich kmpfe? - Der Frst ffnete die Tre und rief nach Eau de Luce.
Solches, sprach der ihm entgegentretende Meister Abraham, solches fhre ich
nicht bei mir, aber guten ther. Ist jemand ohnmchtig geworden? - ther hilft
auch!
    So kommt, erwiderte der Frst, so kommt schnell hinein, Meister Abraham,
und helft Frulein Julien.
    Doch sowie Meister Abraham in den Saal trat, sollte sich das Unerwartete
begeben.
    Geisterbleich starrte Prinz Hektor den Meister an, sein Haar schien sich zu
struben, kalter Angstschwei ihm auf der Stirne zu stehen. Einen Schritt
vorwrts, den Leib zurckgebogen, die Arme dem Meister entgegengestreckt, war er
dem Macbeth zu vergleichen, wenn pltzlich Bankos entsetzliches blutiges
Gespenst den leeren Platz der Tafel fllt. - Ruhig holte der Meister sein
Flschchen hervor und wollte sich Julien nahen.
    Da war es, als ermanne sich der Prinz wieder zum Leben. Severino, seid
Ihr's selbst? - So rief der Prinz mit dem dumpfen Ton des tiefsten Entsetzens.
Allerdings, erwiderte Meister Abraham, ohne im mindesten aus seiner Ruhe zu
kommen, oder nur die Miene zu verndern, allerdings. Es ist mir lieb, da Ihr
Euch meiner erinnert, gndigster Herr; ich hatte die Ehre, Euch vor etlichen
Jahren in Neapel einen kleinen Dienst zu erzeigen.
    Der Meister trat noch einen Schritt vorwrts, da fate ihn der Prinz beim
Arm, zog ihn mit Gewalt auf die Seite, und nun erfolgte ein kurzes Gesprch, von
dem niemand der im Saal Befindlichen etwas verstand, da es zu schnell und im
neapolitanischen Dialekt gefhrt wurde.
    Severino! - Wie kam der Mensch zu dem Bildnis?
    Ich gab es ihm zur Schutzwehr gegen Euch.
    Wei er?
    Nein!
    Werdet Ihr schweigen?
    Zurzeit - ja!
    Severino! - Alle Teufel sind mir auf den Hals gehetzt! - Was nennt Ihr
zurzeit?
    Solange Ihr artig seid und den Kreisler in Ruhe lat und auch jene da! -
    - Nun lie der Prinz den Meister los und trat an ein Fenster. - Julia hatte
sich indessen erholt. Mit dem unbeschreiblichen Ausdruck herzzerreiender Wehmut
den Meister Abraham anschauend, lispelte sie mehr, als da sie sprach: O mein
guter lieber Meister, Ihr knnt mich wohl retten! - Nicht wahr, Ihr gebietet
ber so manches? - Eure Wissenschaft kann noch alles zum Guten lenken! - Der
Meister gewahrte in Julias Worten den wunderbarsten Zusammenhang mit jenem
Gesprch, als habe sie in der hhern Erkenntnis des Traums alles verstanden und
wisse um das ganze Geheimnis!
    Du bist, sprach der Meister Julien leise ins Ohr, du bist ein frommer
Engel, und darum hat der finstre Hllengeist der Snde keine Macht ber dich.
Vertraue dich mir ganz; frchte nichts und fasse dich mit aller Kraft des
Geistes. - Denke auch an unsern Johannes.
    Ach, rief Julia schmerzlich, ach, Johannes! - er kehrt zurck, nicht
wahr, Meister? ich werde ihn wiedersehen!
    Gewi, erwiderte der Meister und legte den Finger auf den Mund; Julia
verstand ihn. -
    Der Prinz mhte sich, unbefangen zu scheinen; er erzhlte, da der Mann, den
man hier, wie er vernehme, Meister Abraham nenne, vor mehreren Jahren in Neapel
Zeuge einer sehr tragischen Begebenheit gewesen sei, in die er, der Prinz,
selbst verflochten, wie er gestehen msse. - Die Begebenheit zu erzhlen, sei
jetzt nicht an der Zeit, doch wolle er knftig damit nicht zurckhalten. -
    Der Sturm im Innern war zu heftig, als da sein Tosen nicht auf der
Oberflche htte sichtbar sein sollen, und so stimmte des Prinzen verstrtes
Antlitz, dem jeder Blutstropfen entschwunden schien, sehr schlecht berein mit
dem gleichgltigen Gesprch, zu dem er sich nun zwang, um nur ber den
kritischen Moment hinwegzukommen. Besser als dem Prinzen gelang es der
Prinzessin, die Spannung des Augenblicks zu besiegen. Mit der Ironie, die selbst
den Argwohn, die Verbittrung verflchtigt zum feinsten Hohn, neckte Hedwiga den
Prinzen umher in dem Labyrinth seiner eignen Gedanken. Er, der gewandteste
Weltmann, noch mehr, ausgerstet mit allen Waffen einer Ruchlosigkeit, die alles
Wahrhafte, jede Gestaltung des Lebens vernichtet, vermochte nicht diesem
seltsamen Wesen zu widerstehen. Je lebhafter Hedwiga sprach, je feuriger und
zndender die Blitze des geistreichsten Spottes einschlugen, desto verwirrter,
bengstigter schien sich der Prinz zu fhlen, bis dies Gefhl zum Unertrglichen
stieg und er sich schnell entfernte.
    Dem Frsten geschah das, was ihm bei solchen Ansten jedesmal zu geschehen
pflegte; er wute gar nicht, was er von dem allen denken sollte. Er begngte
sich mit einigen franzsischen Brocken ohne sonderliche Bedeutung, die er dem
Prinzen zuwarf und die dieser mit ebensolchen erwiderte.
    Der Prinz war schon zur Tre heraus, als Hedwiga, pltzlich im ganzen Wesen
verndert, zum Fuboden niederstarrte und mit einem seltsamen, das Herz
durchschneidenden Ton laut rief: Ich sehe die blutige Spur des Mrders! - Dann
schien sie aus dem Traum zu erwachen, drckte Julien strmisch an ihre Brust und
lispelte ihr zu: Kind, mein armes Kind, la dich nicht betren!
    Geheimnisse, sprach der Frst verdrielich, Geheimnisse, Einbildungen,
Albernheiten, Romanenstreiche! Ma foi, ich kenne meinen Hof nicht mehr! -
Meister Abraham! Ihr bringt meine Uhren in Ordnung, wenn sie nicht richtig
gehen, ich wollt', Ihr knntet hier nachsehen, was fr Schaden das Rderwerk
genommen, das sonst niemals stockte. - Doch was ist das mit dem Severino?
    Unter diesem Namen, erwiderte der Meister, lie ich in Neapel meine
optische und mechanische Kunststcke sehen.
    So - so, sprach der Frst, sah den Meister starr an, als schwebe ihm eine
Frage auf den Lippen, drehte sich aber dann schnell um und verlie schweigend
das Zimmer. -
    Man hatte geglaubt, die Benzon befinde sich bei der Frstin, dem war aber
nicht so, sie hatte sich in ihre in Wohnung begeben.
    Julia sehnte sich nach der freien Luft; der Meister fhrte sie in den Park
und, lustwandelnd durch die halb entlaubten Gnge, sprachen sie von Kreisler und
seinem Aufenthalt in der Abtei. Sie waren an das Fischerhuschen gekommen. Julia
trat hinein, um sich zu erholen; Kreislers Brief lag auf dem Tisch, der Meister
meinte, es sei gar nichts darin, das Julia Scheu tragen drfe zu erfahren.
    Whrend Julia den Brief gelesen, hatten sich ihre Wangen hher gefrbt, und
sanftes Feuer, Abglanz des erheiterten Gemts, strahlte aus ihren Augen.
    Siehst du, sprach der Meister freundlich, siehst du wohl, mein liebes
Kind, wie der gute Geist meines Johannes auch aus der Ferne trstend zu dir
spricht? Was hast du von bedrohlichen Anschlgen zu frchten, wenn
Standhaftigkeit, Liebe und Mut dich schtzen vor den Bsen, die dir
nachstellen!
    Barmherziger Himmel, rief Julia mit emporgerichtetem Blicke, schtze mich
nur vor mir selber! Sie erbebte wie im jhen Schreck ber die Worte, die sie
willenlos ausgestoen. Halb ohnmchtig sank sie in den Sessel und bedeckte mit
beiden Hnden ihr glhendes Antlitz.
    Ich verstehe, sprach der Meister, ich verstehe dich nicht Mdchen, du
verstehst dich vielleicht selbst nicht, und darum magst du dein eignes Innres
recht auf den Grund erforschen und dir nichts etwa verschweigen aus weichlicher
Schonung. -
    Der Meister berlie Julien dem tiefen Nachsinnen, in das sie versunken, und
schaute mit bereinandergeschlagenen Armen hinauf zu der geheimnisvollen
Glaskugel. - Da schwoll ihm die Brust vor Sehnsucht und wunderbarer Ahnung.
    Dich, sprach er, dich mu ich ja fragen, mit dir mu ich mich ja beraten,
mit dir, du meines Lebens schnes, herrliches Geheimnis! Schweige nicht, la
deine Stimme hren! - Du weit es ja, niemals war ich ein gemeiner Mensch,
unerachtet mich manche dafr hielten. Denn in mir glhte alle Liebe, die der
ewige Weltgeist selbst ist, und der Funke glimmte in meiner Brust, den der Hauch
deines Wesens anfachte zur hellen frhlichen Flamme! - Glaube nicht, Chiara, da
dies Herz darum, weil es lter worden, vereiset ist und nicht mehr so rasch zu
schlagen vermag als damals, da ich dich dem unmenschliche Severino entri;
glaube nicht, da ich jetzt weniger deiner wert geworden, als ich es damals war,
da du selbst mich aufsuchtest! - Ja! - la nur deine Stimme hren, und ich will
mit der Hast des Jnglings dem Ton so lange nachrennen, bis ich dich gefunden,
und dann wohnen wir wieder zusammen und treiben in zauberischer Gemeinschaft die
hhere Magie, welche alle Menschen, selbst die allergemeinsten, notgedrungen
erkennen, ohne daran zu glauben. - Und wandelst du nicht mehr leiblich hier auf
Erden, spricht deine Stimme aus der Geisterwelt zu mir herab, so bin ich auch
damit zufrieden und werde auch denn wohl noch ein tchtigerer Kerl, als ich
jemals gewesen. - Doch nein, nein! - Wie lauteten die trstenden Worte, die du
zu mir sprachst?

Nicht erfat der bleiche Tod,
Die im Herzen Liebe tragen,
Dem glnzt noch das Abendrot,
Der am Morgen wollt' verzagen!

Meister, rief Julia, die sich aus dem Sessel erhoben und dem Alten in tiefem
Erstaunen zugehorcht hatte, Meister! mit wem redet Ihr? was wollt Ihr beginnen?
- - Ihr nanntet den Namen: Severino, gt'ger Himmel! redete der Prinz, als er
sich von seinem Entsetzen erholt hatte, Euch nicht selbst an mit diesem Namen?
Welches furchtbare Geheimnis liegt hier verborgen?
    Der Alte kam bei diesen Worten Julias augenblicklich aus dem erhhten
Zustande zurck, und auf seinem Gesicht verbreitete sich, wie es schon lange
nicht mehr geschehen, jene seltsame, beinahe grinsende Freundlichkeit, die mit
seinem brigens treuherzigen Wesen in dem wunderlichsten Zwiespalt stand und
seiner ganzen Erscheinung den Anstrich einer etwas unheimlichen Karikatur gab.
    Mein schnes Frulein, sprach er mit dem grellen Ton, in dem
aufschneiderische Geheimniskrmer gewhnlich ihre Wunder anzupreisen pflegen,
mein schnes Frulein, nur ein wenig Geduld, ich werde bald die Ehre haben,
Ihnen hier im Fischerhuschen die allerwunderbarsten Dinge zu zeigen. - Diese
tanzenden Mnnlein, dieser kleine Trke, welcher wei, wie alt jeder in der
Gesellschaft ist, diese Automate, diese Palingenesien, diese deformierten
Bilder, diese optischen Spiegel - alles hbsches magisches Spielzeug, aber das
beste fehlt mir noch. Mein unsichtbares Mdchen ist da! - Bemerken Sie, dort
oben sitzt sie bereits in der Glaskugel. Sie spricht aber noch nicht, sie ist
noch mde von der weiten Reise, denn sie kommt gerades Weges aus dem fernen
Indien. - In einigen Tagen, mein schnes Frulein, kommt meine Unsichtbare, und
dann wollen wir sie befragen wegen des Prinzen Hektor, wegen Severino und andern
Begebnissen der Vergangenheit und Zukunft! - Fr jetzt nur etwas weniges
schlichtes Amsement.
    Damit sprang der Meister mit der Schnelle und Lebendigkeit eines Jnglings
im Zimmer umher, zog die Maschinen an, ordnete die magischen Spiegel. Und in
allen Winkeln wurde es rege und lebendig, die Automaten schritten daher und
drehten die Kpfe, und ein knstlicher Hahn schlug mit den Flgeln und krhte,
whrend Papageien gellend dazwischenkreischten, und Julia selbst und der Meister
standen drauen sogut wie im Zimmer. Julien wollte, unerachtet sie an
dergleichen Possen genugsam gewhnt, dennoch bei der seltsamen Stimmung des
Meisters ein Grauen anwandeln. Meister, sprach sie ganz erschrocken, Meister,
was ist Euch widerfahren?
    Kind, erwiderte der Meister in seiner ernsten Manier, Kind etwas Schnes
und Wunderbares, aber es taugt nicht recht, da du es erfhrst. Doch! - La die
lebendigtoten Dinger hier ihre Faxen ausspielen, whrend ich dir von manchem
soviel vertraue, als dir zu wissen ntig und ntzlich. - Meine liebe Julia,
deine eigne Mutter hat dir ihr mtterliches Herz verschlossen, ich will es dir
ffnen, da du hineinzublicken, da du die Gefahr, in der du schwebst, zu
erkennen und dich ihr zu entziehen vermagst. - Erfahre also frs erste ohne
weitere Umschweife, da deine Mutter nichts Geringeres fest in ihrem Sinn
beschlossen hat, als dich - -
    (M.f.f.) - es indessen lieber bleiben lassen - Katerjngling, sei bescheiden
wie ich und nicht gleich berall bei der Hand mit deinen Versen, wenn die
schlichte ehrliche Prosa hinreicht, deine Gedanken auszuspinnen. - Verse sollen
in dem in Prosa geschriebenen Buche das leisten, was der Speck in der Wurst,
nmlich hin und wieder in kleinen Stckchen eingestreut, dem ganzen Gemengsel
mehr Glanz der Fettigkeit, mehr se Anmut des Geschmacks verleihen. Ich frchte
nicht, da dichterische Kollegen dies Gleichnis zu gemein und unedel finden
werden, da es von unsrer Lieblingsspeise entnommen und in der Tat manchmal ein
guter Vers einem mittelmigen Roman ebenso dienlich sein kann als ein fetter
Speck einer magern Wurst. Ich sage das als ein Kater von sthetischer Bildung
und Erfahrung. - So sehr nach meinen bisherigen philosophischen und moralischen
Grundstzen Pontos ganzes Verhltnis, seine Lebensweise, seine Art, sich in der
Gunst des Herrn zu erhalten, mir unwrdig, ja ein wenig miserabel vorkommen
mochte, doch hatte mich sein ungezwungener Anstand, seine Eleganz, seine
anmutige Leichtigkeit im sozialen Umgange gar sehr bestochen. Mit aller Gewalt
wollte ich mich selbst berreden, da ich bei meiner wissenschaftlichen Bildung,
bei meinem Ernst in allem Tun und Treiben auf einer viel hheren Stufe stehe als
der unwissende Ponto, der nur hier und da etwas von den Wissenschaften
aufgeschnappt. Ein gewisses gar nicht zu unterdrckendes Gefhl sagte mir aber
ganz unverhohlen, da Ponto berall mich in den Schatten stellen wrde; ich
fhlte mich gedrungen, einen vornehmern Stand anzuerkennen und den Pudel Ponto
zu diesem Stande zu rechnen. -
    Ein genialer Kopf wie der meinige hat bei jedem Anla, bei jeder
Lebenserfahrung immer seine besonderen eigentmlichen Gedanken, und so geriet
ich auch, meine innere Seelenstimmung, mein ganzes Verhltnis mit Ponto wohl
berlegend, in allerlei sehr artige Betrachtungen, die der ferneren Mitteilung
wohl wert sind. - Wie kommt es, sprach ich zu mir selbst, indem ich sinnig die
Pfote an die Stirn legte, wie kommt es, da groe Dichter, groe Philosophen,
sonst geistreich, lebensweise, sich im sozialen Verhltnis mit der sogenannten
vornehmeren Welt so unbehilflich zeigen? Sie stehen jederzeit da, wo sie eben in
dem Augenblick nicht hingehren, sie sprechen, wenn sie gerade schweigen
sollten, und schweigen umgekehrt da, wo gerade Worte ntig, sie stoen in der
Form der Gesellschaft, wie sie sich nun eben gestaltet hat, entgegengesetztem
Streben berall an und verletzen sich selbst und andere; genug, sie gleichen
dem, der, wenn eben eine ganze Reihe muntrer Spaziergnger eintrchtig
hinauswandelt, sich allein zum Tore hineindrngt und nun, mit Ungestm seinen
Weg verfolgend, diese ganze Reihe verstrt. Man schreibt, ich wei es, dies dem
Mangel gesellschaftlicher Kultur zu, die am Schreibtische nicht zu erlangen, ich
meine indessen, da diese Kultur gar leicht zu erlangen sein, und da jene
unbesiegbare Unbehilflichkeit wohl noch einen andern Grund haben msse. - Der
groe Dichter oder Philosoph mte es nicht sein, wenn er seine geistige
berlegenheit nicht fhlen sollte; aber ebenso mte er nicht das jedem
geistreichen Menschen eigne tiefe Gefhl besitzen, um nicht einzusehen, da jene
berlegenheit deshalb nicht anerkannt werden darf, weil sie das Gleichgewicht
aufhebt, das stets zu erhalten die Haupttendenz der sogenannten vornehmeren
Gesellschaft ist. Jede Stimme darf nur eingreifen in den vollkommenen Akkord des
Ganzen, aber des Dichters Ton dissoniert und ist, kann er unter andern Umstnden
auch ein sehr guter sein, dennoch in dem Augenblick ein schlechter Ton, weil er
nicht zum Ganzen pat. - Der gute Ton besteht aber so wie der gute Geschmack in
der Unterlassung alles Ungehrigen. Nun meine ich ferner, da der Unmut, der
sich aus dem widersprechenden Gefhl der berlegenheit und der ungehrigen
Erscheinung bildet, den in dieser sozialen Welt unerfahrnen Dichter oder
Philosophen hindert, das Ganze zu erkennen und darber zu schweben. Es ist
ntig, da er in dem Augenblick seine innere geistige berlegenheit nicht zu
hoch anschlage, und unterlt er dies, so wird er auch die sogenannte hhere
gesellschaftliche Kultur, die auf nichts anders hinausluft, als auf das
Bemhen, alle Ecken, Spitzen wegzuhobeln, alle Physiognomien zu einer einzigen
zu gestalten, die eben deshalb aufhrt eine zu sein, nicht zu hoch anschlagen.
Dann wird er, verlassen von jenem Unmut, unbefangen das innerste Wesen dieser
Kultur und die armseligen Prmissen, worauf sie beruhet, leicht erkennen und
schon durch die Erkenntnis sich einbrgern in die seltsame Welt, welche eben
diese Kultur als unerllich fordert. - Auf eigne Weise verhlt es sich mit den
Knstlern, die, sowie Dichter, Schriftsteller, der Vornehme hie und da in seine
Zirkel ladet, um der guten Sitte nach auf eine Art von Mzenat Anspruch machen
zu knnen. Diesen Knstlern klebt leider gewhnlich etwas vom Handwerk an, und
deshalb sind sie entweder demtig bis zur Kriecherei oder ungezogen bis zur
Bengelhaftigkeit.
    (Anmerk. der Herausgeb.: - Murr, es tut mir leid, da du dich so oft mit
fremden Federn schmckst. Du wirst, wie ich mit Recht befrchten mu, dadurch
bei den geneigten Lesern merklich verlieren. - Kommen alle diese Betrachtungen,
mit denen du dich so brstest, nicht geradehin aus dem Munde des Kapellmeisters
Johannes Kreisler, und ist es berhaupt mglich, da du solche Lebensweisheit
sammeln konntest, um eines menschlichen Schriftstellers Gemt, das wunderlichste
Ding auf Erden, so tief zu durchschauen?)
    Warum, dacht' ich ferner, sollt' es aber einem geistreichen Kater, ist er
auch Dichter, Schriftsteller, Knstler, nicht gelingen knnen, sich zu jener
Erkenntnis der hhern Kultur in ihrer ganzen Bedeutsamkeit hinaufzuschwingen und
sie selbst zu ben mit aller Schnheit und Anmut der uern Erscheinung? - Hat
denn die Natur dem Geschlecht der Hunde allein den Vorzug jener Kultur gegnnt?
Sind wir Kater, was Tracht, Lebensweise, Art und Gewohnheit betrifft, auch etwas
von dem stolzen Geschlecht verschieden, so haben wir doch ebensogut Fleisch und
Blut, Krper und Geist, und am Ende knnen es die Hunde auch gar nicht anders
anfangen als wir, ihr Leben fortzusetzen. Auch Hunde mssen essen, trinken,
schlafen u.s.w., und es tut ihnen weh, wenn sie geprgelt werden. - Was weiter!
- ich beschlo, mich dem Unterricht meines jungen vornehmen Freundes, des Pudels
Ponto, hinzugeben, und, ganz mit mir einig, begab ich mich zurck in meines
Meisters Zimmer; ein Blick in den Spiegel berzeugte mich, da der bloe ernste
Wille, nach hherer Kultur zu streben, schon vorteilhaft auf meine uere
Haltung gewirkt. - Ich betrachtete mich mit dem innigsten Wohlgefallen. - Gibt
es einen behaglichern Zustand, als wenn man mit sich selbst ganz zufrieden ist?
- Ich spann! -
    Andern Tages begngte ich mich nicht damit, vor der Tre zu sitzen, ich
lustwandelte die Strae herab, da erblickte ich in der Ferne den Herrn Baron
Alzibiades von Wipp, und hinter ihm her sprang mein munterer Freund Ponto.
Gelegeners konnte mir nicht kommen; ich nahm mich soviel wie mglich in Anstand
und Wrde zusammen und nherte mich dem Freund mit jener unnachahmlichen Grazie,
die, unschtzbares Geschick der gtigen Natur, keine Kunst zu lehren vermag. -
Doch! - entsetzlich! Was mute geschehen! - Sowie mich der Baron gewahrte, blieb
er stehen und betrachtete mich sehr aufmerksam durch die Lorgnette, dann rief er
aber: Allons - Ponto! Hu - Hu - Katz! Katz! - Und Ponto, der falsche Freund,
sprang in voller Furie auf mich los! - Entsetzt, aus aller Fassung gebracht
durch den schndlichen Verrat, war ich keines Widerstandes fhig, sondern duckte
mich so tief nieder, als ich konnte, um Pontos scharfen Zhnen zu entgehen, die
er mir knurrend zeigte. Ponto sprang aber mehrmals ber mich hinweg, ohne mich
zu fassen, und flsterte mir in die Ohren: Murr! Sei doch kein Tor und frchte
dich etwa! - du siehst ja, da es kein Ernst ist, ich tue das nur meinem Herrn
zu Gefallen! Nun wiederholte Ponto seine Sprnge und tat sogar, als packe er
mich bei den Ohren, ohne mir indessen im mindesten wehe zu tun. Jetzt, raunte
mir Ponto endlich zu jetzt trolle dich ab, Freund Murr! dort hinein ins
Kellerloch! - Ich lie mir das nicht zweimal sagen, sondern fuhr schnell davon,
wie der Blitz. - Unerachtet der Versicherung Pontos, mir keinen Schaden
zuzufgen, war mir doch nicht wenig bange, denn wissen kann man in solchen
kritischen Fllen immer nicht recht, ob die Freundschaft stark genug sein wird,
das angeborne Naturell zu besiegen. -
    Als ich hineingehuscht war in den Keller, spielte Ponto die Komdie, die er
seinem Herrn zu Ehren begonnen, weiter fort. Er knurrte und bellte nmlich vor
dem Kellerfenster, steckte die Schnauze durch das Gitter, tat, als sei er ganz
auer sich darber, da ich ihm entwischt sei und er mich nun nicht verfolgen
knne. Siehst du, sprach aber Ponto zu mir in den Keller hinein, siehst du,
erkennst du nun aufs neue die ersprielichen Folgen der hhern Kultur? - In dem
Augenblick habe ich mich gegen meinen Herrn artig, folgsam bewiesen, ohne mir
deine Feindschaft zuzuziehen, guter Murr. So macht es der wahre Weltmann, den
das Schicksal bestimmt hat, Werkzeug in der Hand eines Mchtigeren zu sein.
Angehetzt mu er losfahren, aber dabei so viel Geschick beweisen, da er nur
dann wirklich beit, wenn es gerade auch in seinen eigenen Kram taugt. - In
aller Schnelle erffnete ich meinem jungen Freunde Ponto, wie ich gesonnen sei,
etwas von seiner hhern Kultur zu profitieren, und fragte, ob und auf welche
Weise er mich vielleicht in die Lehre nehmen knne. - Ponto sann einige Minuten
nach und meinte denn, am besten sei es, wenn mir gleich anfangs ein lebendiges
deutliches Bild der hheren Welt aufgehe, in der er jetzt zu leben das Vergngen
habe, und dies knne nicht besser geschehen, als wenn ich ihn heute abend zur
niedlichen Badine begleite, die gerade whrend der Theaterzeit Gesellschaft bei
sich she. - Badine war aber Windspiel in Diensten der frstlichen
Oberhofmeisterin. -
    Ich putzte mich heraus, so gut ich es vermochte, las noch etwas im Knigge
und durchlief auch ein paar ganz neue Lustspiele von Picard, um ntigenfalls
auch mich im Franzsischen gebt zu zeigen, und ging dann hinab vor die Tre.
Ponto lie nicht lange auf sich warten. Wir wandelten eintrchtig die Strae
hinab und gelangten bald in Badinens hell erleuchtetet Zimmer, wo ich eine bunte
Versammlung von Pudeln, Spitzen, Mpsen, Bolognesern, Windspielen vorfand, teils
im Kreise sitzend, teils gruppenweise in die Winkel verteilt. -
    Das Herz klopfte mir nicht wenig in dieser fremdartigen Gesellschaft mir
feindlicher Naturen. Mancher Pudel blickte mich an mit einer gewissen
verchtlichen Verwunderung, als wolle er sagen: Was will ein gemeiner Kater
unter uns sublimen Leuten? Hin und wieder fletschte auch wohl ein eleganter
Spitz die Zhne, so da ich merken konnte, wie gern er mir in die Haare gefahren
wre, htte der Anstand, die Wrde, die sittige Bildung der Gste nicht jede
Prgelei als unschicklich verboten. - Ponto ri mich aus der Verlegenheit, indem
er mich der schnen Wirtin vorstellte, die mit anmutiger Herablassung
versicherte, wie sehr sie sich freue einen Kater von meinem Ruf bei sich zu
sehen. - Nun erst, als Badine einige Worte mit mir gesprochen, schenkte mir
dieser, jener mit wahrhaft hndischer Bonhommie mehr Aufmerksamkeit, redete mich
auch wohl an und gedachte meiner Schriftstellerei, meiner Werke, die ihm
zuweilen ordentlichen Spa gemacht. Das schmeichelte meiner Eitelkeit, und ich
gewahrte kaum, da man mich fragte, ohne meine Antworten zu beachten, da man
mein Talent lobte, ohne es zu kennen, da man meine Werke pries, ohne sie zu
verstehen. - Ein natrlicher Instinkt lehrte mich antworten, wie ich gefragt
wurde, nmlich ohne Rcksicht auf diese Frage berall kurz absprechen in solch
allgemeinen Ausdrcken, da sie auf alles nur Mgliche bezogen werden konnten,
durchaus keiner Meinung sein und nie das Gesprch von der glatten Oberflche
hinunterziehen wollen in die Tiefe. - Ponto versicherte mir im Vorbeistreifen,
da ein alter Spitz ihm versichert, wie ich fr einen Kater amsant genug sei
und Anlagen zur guten Konversation zeige. - So etwas erfreut auch den
Mimtigen! -
    - Jean Jacques Rousseau gesteht, als er in seinen Bekenntnissen auf die
Geschichte von dem Bande kommt, das er stahl, und ein armes unschuldiges Mdchen
fr den Diebstahl zchtigen sah, den er begangen, ohne die Wahrheit zu gestehen,
wie schwer es ihm werde, ber diese Untiefe seines Gemts hinwegzukommen. - Ich
befinde mich eben jetzt in gleichem Fall mit jenem verehrten Selbstbiographen. -
Habe ich auch kein Verbrechen zu gestehen, so darf ich doch, will ich wahrhaft
bleiben, die groe Torheit nicht verschweigen, die ich an demselben Abende
beging, und die lange Zeit hindurch mich verstrte, ja meinen Verstand in Gefahr
setzte. - Ist es aber nicht ebenso schwer, ja oft noch schwerer, eine Torheit zu
gestehen als ein Verbrechen?
    - Nicht lange dauerte es, so berfiel mich solch eine Unbehaglichkeit, solch
ein Unmut, da ich mich weit fort wnschte unter den Ofen des Meisters. Es war
die grlichste Langeweile, die mich zu Boden drckte, und die endlich mich alle
Rcksichten vergessen lie. Ganz still schlich ich mich in eine entfernte Ecke,
um dem Schlummer nachzugeben, zu dem mich das Gesprch rundumher einlud.
Dasselbe Gesprch nmlich, das ich erst in meinem Unmut vielleicht gar
irrtmlich fr das geistloseste, fadeste Geschwtz gehalten, kam mir nun vor wie
das eintnige Geklapper einer Mhle, bei dem man sehr leicht in ein ganz
angenehmes gedankenloses Hinbrten gert, dem dann der wirkliche Schlaf bald
folgt. - Eben in diesem gedankenlosen Hinbrten, in diesem sanften Delirieren
war es mir, als funkle pltzlich ein helles Licht vor den geschlossenen Augen.
Ich blickte auf, und dicht vor mir stand ein anmutiges schneeweies
Windspielfrulein, Badines schne Nichte, Minona geheien, wie ich spter
erfuhr.
    Mein Herr, sprach Minona mit jenem slispelnden Ton, der nur zu sehr
widerklingt in des feurigen Jnglings erregbarer Brust, mein Herr, Sie sitzen
hier so einsam, Sie scheinen sich zu ennuyieren? - Das tut mir leid! - Aber
freilich, ein groer tiefer Dichter wie Sie, mein Herr, mu, in hhern Sphren
schwebend, das Treiben des gewhnlichen sozialen Lebens schal und oberflchlich
finden.
    Ich erhob mich etwas bestrzt, und es tat mir weh, da mein Naturell,
strker als alle Theorien des gebildeten Anstandes, mich zwang, wider meinen
Willen den Rcken hoch zu erheben, einen sogenannten Katzenbuckel zu machen,
worber Minona zu lcheln schien.
    Gleich mich zur bessern Sitte erholend, fate ich aber Minonas Pfote,
drckte sie leise an meine Lippen und sprach von begeisterten Augenblicken,
denen der Dichter oft erliege. Minona hrte mich an mit solchen entscheidenden
Zeichen der innigsten Teilnahme, mit solcher Andacht, da ich mich selbst immer
hher steigerte zur ungemeinen Poesie und zuletzt mich selbst nicht recht
verstand. - Minona mochte mich ebensowenig verstehen, aber sie geriet ins
hchste Entzcken und versicherte, wie oft es schon ihr inniger Wunsch gewesen,
den genialen Murr kennen zu lernen, und da einer der glcklichsten,
herrlichsten Momente ihres Lebens der gegenwrtige sei. - Was soll ich sagen! -
Bald fand sich's, da Minona meine Werke, meine sublimsten Gedichte gelesen -
nein! nicht nur gelesen, sondern in der hchsten Bedeutung aufgefat hatte!
Mehreres davon wute sie auswendig und sagte es her mit einer Begeisterung, mit
einer Anmut, die mich in einen ganzen Himmel voll Poesie versetzte, vorzglich,
da es meine Verse waren, die die Holdeste ihres Geschlechts mir anzuhren gab.
    Mein bestes, rief ich ganz hingerissen, mein bestes, holdestes Frulein,
Sie haben dies Gemt verstanden! Sie haben meine Verse auswendig gelernt; o all
ihr Himmel! gibt es eine hhere Seligkeit fr den aufwrtsstrebenden Dichter?
    Murr, lispelte Minona, genialer Kater, knnen Sie glauben, da ein
fhlendes Herz, ein poetisch gemtliches Gemt Ihnen entfremdet bleiben kann? -
Minona seufzte nach diesen Worten aus tiefer Brust, und dieser Seufzer gab mir
den Rest. - Was anders? - Ich verliebte mich in das schne Windspielfrulein
dermaen, da ich, ganz toll und verblendet, nicht bemerkte, wie sie mitten in
der Begeisterung pltzlich abbrach, um mit einem kleinen Zierbengel von Mops
gnzlich fades Zeug zu schwatzen, wie sie mir den ganzen Abend auswich, wie sie
mich auf eine Art behandelte, die mich htte deutlich erkennen lassen sollen,
wie sie mit jenem Lobe, mit jenem Enthusiasmus niemand anders gemeint, als sich
selbst. - Genug, ich war und blieb ein verblendeter Tor, lief der schnen Minona
nach, wie und wo ich nur konnte, besang sie in den schnsten Versen, machte sie
zur Heldin mancher anmutig verrckten Geschichte, drngte mich in Gesellschaften
ein, wo ich nicht hingehrte, und erntete dafr so manchen bittern Verdru, so
manche Verhhnung, so manches krnkende Ungemach.
    Oft in khlen Stunden trat mir selbst die Albernheit meines Beginnens vor
Augen; dann kam mir aber wieder nrrischerweise der Tasso und mancher neuere
Dichter von ritterlicher Gesinnung ein, dem es an einer hohen Herrin liegt, der
seine Lieder gelten, und die er aus der Ferne anbetet wie der Manchaner seine
Dulzinea, und da wollt' ich denn wieder nicht schlechter und unpoetischer sein
als dieser und schwur dem Gaukelbilde meiner Liebestrume, dem anmutigen weien
Windspielfrulein, unverbrchliche Treue und Ritterdienst bis in den Tod. Einmal
von diesem seltsamen Wahnsinn erfat, fiel ich aus einer Torheit in die andere,
und selbst mein Freund Ponto fand fr ntig, sich, nachdem er mich ernstlich vor
den heillosen Mystifikationen gewarnt, in die man mich berall zu verstricken
suchte, von mir zurckzuziehen. Wer wei, was noch aus mir geworden wre, wenn
nicht ein guter Stern ber mich gewaltet! - Dieser gute Stern lie es nmlich
geschehen, da ich einst am spten Abend zur schnen Badine hinschlich, nur um
die geliebte Minona zu sehen. Ich fand indessen alle Tren verschlossen, und
alles Warten, alles Hoffen, bei irgendeiner Gelegenheit hineinzuschlpfen, blieb
ganz vergebens. Das Herz voll Liebe und Sehnsucht, wollte ich der Holden
wenigstens meine Nhe kundtun und begann unter dem Fenster eine der zrtlichsten
spanischen Weisen, die jemals empfunden und gedichtet worden sind. Es mu gar
lamentabel anzuhren gewesen sein!
    Ich hrte Badine bellen, auch Minonas se Stimme knurrte etwas dazwischen.
Ehe ich aber mir's versah, wurde das Fenster rasch geffnet und ein ganzer Eimer
eiskaltes Wasser ber mich ausgeleert. Man kann denken, mit welcher Schnelle ich
abfuhr in meine Heimat. Die volle Glut im Innern und Eiswasser auf den Pelz
harmoniert aber so schlecht miteinander, da unmglich jemals Gutes und
wenigstens ein Fieber daraus entstehen kann. So ging es mir. Im Hause meines
Meisters angekommen, schttelte mich der Fieberfrost tchtig. Der Meister mochte
aus der Blsse meines Antlitzes, aus dem erloschenen Feuer meiner Augen, aus der
brennenden Glut der Stirne, an meinem unregelmigen Puls meine Krankheit ahnen.
Er gab mir warme Milch, die ich da mir die Zunge am Gaumen klebte vor Durst,
eifrig verzehrte; dann wickelte ich mich ein in die Decke meines Lagers und gab
ganz der Krankheit nach, die mich erfat. Erst verfiel ich in allerlei
Fieberphantasien von vornehmer Kultur, Windspielen u.s.w., nachher wurde mein
Schlaf ruhiger und endlich so tief, da ich ohne bertreibung glauben mu, ich
habe drei Tage und drei Nchte hintereinander fort geschlafen.
    Als ich endlich erwachte, fhlte ich mich frei und leicht, ich war von
meinem Fieber und - wie wundervoll! auch von meiner trichten Liebe ganz
genesen! Ganz klar wurde mir die Narrheit, zu der mich der Pudel Ponto
verleitet, ich sah ein, wie albern es war, mich als einen gebornen Kater unter
Hunde zu mischen, die mich verhhnten, weil sie nicht meinen Geist zu erkennen
vermochten, und die sich bei der Bedeutungslosigkeit ihres Wesens an die Form
halten muten, mir also nichts darbieten konnten als eine Schale ohne Kern. -
Die Liebe zur Kunst und Wissenschaft erwachte in mir mit neuer Strke, und
meines Meisters Huslichkeit zog mich mehr an als jemals. Die reiferen Monate
des Mannes kamen, und weder Katzbursch noch kultivierter Elegant, fhlte ich
lebhaft, da man beides nicht sein drfe, um sich gerade so zu gestalten, wie es
die tieferen und bessern Ansprche des Lebens erfordern.
    Mein Meister mute verreisen und fand es fr gut, mich auf die Zeit seinem
Freunde, dem Kapellmeister Johannes Kreisler, in die Kost zu geben. Da mit
dieser Vernderung meines Aufenthalts eine neue Periode meines Lebens anfngt,
so schliee ich die jetzige, aus der du, o Katerjngling! so manche gute Lehre
fr deine Zukunft entnommen haben wirst. -
    (Mak. Bl.) - - als schlgen entfernte dumpfe Tne an sein Ohr, und er hre
die Mnche durch die Gnge schreiten. Als Kreisler sich vllig aus dem Schlaf
emporraffte, gewahrte er denn auch aus seinem Fenster, da die Kirche
erleuchtet, und vernahm den murmelnden Gesang des Chors. Die Mitternachtshora
war vorber, es mute daher irgend etwas Ungewhnliches sich ereignet haben, und
Kreisler durfte mit Recht vermuten, da vielleicht ein schneller unvermuteter
Tod einen der alten Mnche dahingerafft, den man jetzt der Klostersitte gem in
die Kirche getragen. Rasch warf der Kapellmeister sich in die Kleider und begab
sich nach der Kirche. - Auf dem Gange begegnete er dem Pater Hilarius, der laut
ghnend und ganz schlaftrunken hin und her wankte, keines festen Schrittes
mchtig, und die angezndete Kerze, statt aufrecht, abwrts zu Boden hielt, da
das Wachs prasselnd herabtropfte und jeden Augenblick drohte, das Licht zu
verlschen. Hochehrwrdiger Herr, stammelte Hilarius, als Kreisler ihn anrief,
hochehrwrdiger Herr Abt, das ist gegen alle bisherige Ordnung. Exequien in der
Nacht! - zu dieser Stunde - Und blo weil Bruder Cyprianus darauf besteht! -
Domine - libera nos de hoc monacho! - -
    Es gelang endlich dem Kapellmeister, den halbtrumenden Hilarius zu
berzeugen, da er nicht der Abt, sondern Kreisler sei, und nun erfuhr er von
ihm mit Mhe, da man in der Nacht, von woher, wisse er nicht, den Leichnam
eines Fremden nach dem Kloster gebracht, den Bruder Cyprianus allein zu kennen
schiene, und der kein gemeiner Mann gewesen sein mte, da sich der Abt auf
Cyprianus' dringendes Gesuch dazu verstanden, die Exequien auf der Stelle zu
halten, damit morgen nach der ersten Hora die Exportation erfolgen knne.
    Kreisler folgte dem Pater in die Kirche, die, nur sparsam beleuchtet, einen
seltsamen schauerlichen Anblick gewhrte.
    Man hatte nur die Kerzen des groen metallenen Kronleuchters, der vor dem
Hochaltar von der hohen Decke herabhing, angezndet, so da der flackernde
Schein kaum das Schiff der Kirche vollkommen erhellte, in die Seitengnge aber
nur geheimnisvolle Streiflichter warf, in denen die Statuen der Heiligen, zum
gespenstischen Leben erwacht, sich zu bewegen und daherzuschreiten schienen.
Unter dem Kronleuchter in der hellsten Beleuchtung stand der offne Sarg, in dem
der Leichnam lag, und die Mnche, die ihn umringten, schienen, bleich und
regungslos, selbst Tote, in der Geisterstunde den Grbern entstiegen. Mit
dumpfer heiserer Stimme sangen sie die eintnigen Strophen des Requiems, und
wenn sie dazwischen schwiegen, vernahm man nur von auen her das ahnungsvolle
Rauschen des Nachtwindes, und die hohen Fenster der Kirche knisterten seltsam,
als klopften die Geister der Verstorbenen an das Haus, in dem sie die fromme
Totenklage vernahmen. Kreisler nahte sich bis an die Reihe der Mnche und
erkannte in dem Toten den Adjutanten des Prinzen Hektor. -
    Da regten sich die finstern Geister, die so oft Macht hatten ber ihn, und
griffen schonungslos mit scharfen Krallen in seine wunde Brust. -
    Neckender Spuk, sprach er zu sich selbst, treibst du mich her, damit
jener erstarrte Jngling bluten soll, weil man sagt, da der Leichnam blute,
wenn der Mrder sich nahe? - Hoho! wei ich denn nicht, da er all sein Blut
wegbluten mute in den schlimmen Tagen, als er seine Snden abbte auf dem
Siechbette? - Er hat keinen bsen Tropfen mehr brig, mit dem er seinen Mrder
vergiften knnte, kme er ihm auch in die Nhe, den Johannes Kreisler aber am
wenigsten, denn der hat mit der Natter nichts zu schaffen, die er zu Boden trat,
als sie schon die spitze Zunge ausgestreckt zur Todeswunde! - Schlage die Augen
auf, Toter, damit ich dir fest ins Antlitz blicke, damit du gewahrst, da die
Snde keinen Teil hat an mir! - aber du vermagst es nicht! - Wer hie dich das
Leben einsetzen gegen das Leben? Warum spieltest du trgerisches Spiel mit dem
Morde und warst nicht gefat, es zu verlieren? - Aber deine Zge sind sanft und
gut, du stiller blasser Jngling, der Todesschmerz hat jede Spur verruchter
Snde weggelscht von deinem schnen Antlitz, und ich knnte sagen, der Himmel
htte dir sein Gnadentor geffnet, weil die Liebe in deiner Brust gewesen, wenn
sich das jetzt ziemte. - Doch wie! - wenn ich mich in dir geirrt? - Wenn nicht
du, kein bser Dmon, nein, wenn mein guter Stern deinen Arm gegen mich erhoben,
um mich dem entsetzlichsten Verhngnis zu entreien, das im schwarzen
Hintergrunde auf mich lauert? - Nun magst du die Augen aufschlagen, blasser
Jngling, nun magst du mit einem Blick der Vershnung alles, alles entdecken,
und sollt' ich untergehen in Wehmut um dich oder aus entsetzlicher furchtbarer
Angst, da der schwarze Schatten, der hinter mir schleicht, mich nun gleich
erfassen wird. - Ja! schaue mich an, - doch! nein, nein, du knntest mich
anblicken wie Leonhard Ettlinger, ich knnte glauben, du seist er selbst, und da
mtest du mit mir hinab in die Tiefe, aus der ich oft seine hohle Geisterstimme
vernehme. - Doch wie, du lchelst? - deine Wangen, deine Lippen frben sich?
Trifft dich nicht die Waffe des Todes? - Nein, nicht noch einmal will ich mit
dir ringen, aber -
    Kreisler, der whrend dieses Selbstgesprchs unbewut auf einem Knie
gelegen, beide Ellbogen auf das andere gesttzt und die Hnde unter das Knie
gestemmt hatte, fuhr hastig auf und wrde gewi Seltsames, Wildes begonnen
haben; doch in demselben Augenblick schwiegen die Mnche, und die Knaben auf dem
Chor intonierten mit sanfter Begleitung der Orgel das Salve regina. Der Sarg
wurde verschlossen, und die Mnche schritten feierlich von dannen. - Da lieen
die finstern Geister ab von dem armen Johannes, und ganz aufgelst in Wehmut und
Schmerz folgte er mit gebeugtem Haupt den Mnchen. Eben wollte er
hinausschreiten zur Tre, als sich in einem finstern Winkel eine Gestalt erhob
und hastig auf ihn losschritt.
    Die Mnche standen still, und der volle Schein ihrer Lichter fiel auf einen
groen stmmigen Burschen, der etwa achtzehn bis zwanzig Jahre alt sein mochte.
Sein Antlitz, nichts weniger als hlich zu nennen, trug den Ausdruck des
wildesten Trotzes; die schwarzen Haare hingen ihm struppig um den Kopf, das
zerrissene Wams von buntgestreifter Leinwand bedeckte kaum seine Ble, und
ebensolche Schifferhosen gingen nur bis an die bloen Waden, so da der
herkulische Bau seines Krpers vllig sichtbar.
    Du Verdammter, wer hie dich meinen Bruder ermorden? So schrie der Bursche
wild auf, da es in der Kirche widerhallte, sprang wie ein Tiger auf Kreisler
los und packte ihn mit einem mrderischen Handgriff bei der Kehle.
    Doch ehe Kreisler, ganz entsetzt ber den unerwarteten Angriff, an Gegenwehr
denken konnte, stand schon Pater Cyprianus bei ihm und sprach mit starker
gebietender Stimme: Giuseppo, verruchter sndhafter Mensch! was machst du hier?
Wo hast du die Altmutter gelassen? - Packe dich augenblicklich fort! -
Hochehrwrdiger Herr Abt, lat die Klosterknechte herbeirufen, sie sollen den
mrderischen Buben zum Kloster hinauswerfen!
    Der Bursche hatte, sowie Cyprianus vor ihm stand, sogleich von Kreisler
abgelassen. Nun, nun, rief er mrrisch, macht nur nicht gleich ein solches
tolles Wesen davon, wenn man sein Recht behaupten will, Herr Heiliger! - Ich
gehe ja schon von selbst, Ihr drft keine Klosterknechte auf mich loshetzen. -
Damit sprang der Bursche schnell davon durch eine Pforte, die man zu
verschlieen vergessen, und durch die er wahrscheinlich sich in die Kirche
geschlichen hatte. Die Klosterknechte kamen, man fand aber keinen Anla, den
Verwegenen in tiefer Nacht weiter zu verfolgen.
    Es lag in Kreislers Natur, da gerade die Spannung des Auerordentlichen,
des Geheimnisvollen wohlttig auf sein Gemt wirkte, sobald er den Sturm des
Augenblicks, der ihn zu vernichten drohte, siegreich bekmpft.
    So geschah es, da dem Abt die Ruhe wunderbar und befremdlich vorkommen
mute, mit der Kreisler andern Tages vor ihm stand und von dem erschtternden
Eindruck sprach, den unter solchen seltsamen Umstnden der Anblick des Leichnams
dessen auf ihn gemacht, der ihn ermorden wollen, und den er in gerechter Notwehr
erschlagen.
    Weder, sprach der Abt, weder die Kirche noch das weltliche Gesetz kann
Euch, lieber Johannes, irgendeine strafbare Schuld an dem Tode jenes sndhaften
Menschen beimessen. Doch werdet Ihr aber lange nicht die Vorwrfe einer innern
Stimme verwinden knnen, die Euch sagt, es sei besser gewesen, selbst zu fallen
als den Gegner zu tten, und dies beweiset, da der ewigen Macht das Opfer des
eignen Lebens wohlgeflliger ist als seine Erhaltung, kann diese nur durch eine
rasche blutige Tat geschehen. - Doch lat uns zurzeit davon abbrechen, da ich
anderes, Nherliegendes mit Euch zu reden.
    Welcher sterbliche Mensch ermit, wie der kommende Augenblick die Gestaltung
der Dinge ndern kann. - Nicht lange ist es her, als ich fest berzeugt war, da
dem Heil Eurer Seele nichts zutrglicher sein knne, als der Welt zu entsagen
und in unsern Orden zu treten. - Ich bin jetzt anderer Meinung und wrde Euch
raten, so lieb und wert Ihr mir auch geworden, die Abtei recht bald zu
verlassen. - Werdet nicht irre an mir, lieber Johannes! Fragt mich nicht, warum
ich meiner Gesinnung entgegen dem Willen eines andern, der alles umzustoen
droht, was ich mit Mhe geschaffen, mich unterwerfe. - Tief mtet ihr in die
Geheimnisse der Kirche eingeweiht sein, um mich zu verstehen, wollt' ich auch
mit Euch ber die Motive meiner Handlungsweise reden. - Doch freier kann ich
wohl mit Euch sprechen als mit jedem andern. Vernehmt also, da in kurzer Zeit
der Aufenthalt in der Abtei Euch nicht mehr die wohlttige Ruhe gewhren wie
bisher, ja, da Euer innerstes Streben einen tdlichen Sto erhalten und das
Kloster Euch ein der, trostloser Kerker dnken wird. Die ganze Klosterordnung
ndert sich, die mit frommer Sitte vereinbare Freiheit hrt auf, und der finstre
Geist fanatischer Mncherei herrscht bald mit unerbittlicher Strenge in diesen
Mauern. - O mein Johannes, Eure herrlichen Gesnge werden nicht mehr unsern
Geist erheben zur hchsten Andacht, der Chor wird abgeschafft, und bald hrt man
nichts als die eintnigen Responsorien, von den ltesten Brdern mhsam gelallt
mit heiserer unreiner Stimme. -
    Und, fragte Kreisler, und alles dieses geschieht auf Anla des fremden
Mnchs Cyprianus?
    Es ist, erwiderte der Abt beinahe wehmtig, indem er die Augen
niederschlug, es ist dem so, guter Johannes, und da es nicht anders sein kann,
daran bin ich nicht schuld. - Doch, setzte der Abt nach kurzem Stillschweigen
mit erhhter feierlicher Stimme hinzu, doch alles, wodurch der feste Bau, der
Glanz der Kirche befrdert werden kann, mu geschehen, und kein Opfer ist zu
gro! -
    Wer ist, sprach Kreisler unmutig, wer ist denn der hohe mchtige Heilige,
der ber Euch gebietet, der imstande war, durch das bloe Wort mir jenen
mrderischen Burschen vom Leibe zu schaffen?
    Ihr seid, erwiderte der Abt, Ihr seid, lieber Johannes, in ein Geheimnis
verflochten, ohne es zurzeit ganz zu kennen. Doch bald erfahrt ihr mehr,
vielleicht mehr, als ich selbst davon wei, und zwar durch den Meister Abraham.
- Cyprianus, den wir noch jetzt unsern Bruder nennen, ist einer der Erkornen. Er
wurde gewrdigt, mit den ewigen Mchten des Himmels in unmittelbare Berhrung zu
treten, und wir mssen schon jetzt in ihm den Heiligen verehren. - Was jenen
verwogenen Burschen betrifft, der sich whrend der Exequien in die Kirche
geschlichen hatte und Euch mrderisch anpackte, so ist er ein verlaufener, halb
wahnsinniger Zigeunerbube, den unser Vogt schon einige Mal hat derb auspeitschen
lassen, weil er den Leuten im Dorfe die fetten Hhner aus den Stllen gestohlen.
Um den zu vertreiben, bedurfte es eben nicht eines besondern Mirakels. - Indem
der Abt die letzten Worte sprach, zuckte ein leises ironisches Lcheln in den
Mundwinkeln und verschwand ebenso schnell.
    Kreisler erfllte der tiefste bitterste Unmut; er sah ein, da der Abt bei
allen Vorzgen seines Geistes, seines Verstandes lgnerische Gaukelei trieb, und
da alle Grnde, die er damals anfhrte, um ihn zum Eintritt ins Kloster zu
bewegen, ebenso nur einer versteckten Absicht zum Vorwand dienen sollten als
diejenigen, die er nun fr das Gegenteil aufstellte. - Kreisler beschlo, die
Abtei zu verlassen und sich aller bedrohlichen Geheimnisse, die ihn bei lngerem
Bleiben noch verstricken konnten in ein Gewebe, dem nicht mehr zu entrinnen,
vllig zu entschlagen. Als er aber nun gedachte, wie er ja gleich zurckkehren
knne nach Sieghartshof zum Meister Abraham, wie er sie ja wiedersehen, wieder
hren knne, sie, seinen einzigen Gedanken, da fhlte er in der Brust jene se
Beklemmung, in der sich die glhendste Liebessehnsucht kundtut. -
    Ganz vertieft wandelte Kreisler den Hauptgang des Parks hinab, als ihn der
Pater Hilarius ereilte und sogleich begann: Ihr wart beim Abt, Kreisler, er
sagte Euch alles! - Nun, hatte ich recht? - Wir sind alle verloren! - Dieser
geistliche Komdiant - es ist heraus, das Wort, wir sind unter uns! - Als er -
Ihr wit, wen ich meine - in der Kutte nach Rom kam, lie ihn die ppstliche
Heiligkeit sogleich zur Audienz. Er fiel nieder auf die Knie und kte den
Pantoffel. Ohne einen Wink aufzustehen, lie ihn aber die ppstliche Heiligkeit
eine ganze Stunde lang liegen. Das sei deine erste kirchliche Strafe, fuhr die
Heiligkeit ihn an, als er sich endlich erheben durfte, und hielt nun eine lange
Predigt ber die sndlichen Irrtmer, in die Cyprianus verfallen. - Nachher
erhielt er langen Unterricht in gewissen geheimen Gemchern und zog denn aus! -
Es hat lange keinen Heiligen gegeben! - Das Mirakel - nun, Ihr habt das Bild
gesehen, Kreisler - das Mirakel, sage ich, hat erst in Rom seine wahre Gestalt
erhalten. - Ich bin nichts als ein ehrlicher Benediktiner-Mnch, ein tchtiger
praefectus chori, wie Ihr mir einrumen werdet, und trinke der
alleinseligmachenden Kirche zu Ehren gern ein Glschen Nierensteiner oder
Bocksbeutel, aber! - Mein Trost ist, da er nicht lange hier bleiben wird. -
Herumziehen mu er. Monachus in claustro non valet ova duo: sed quando est
extra, bene valet triginta. - Er wird denn auch wohl Wunder tun - Seht,
Kreisler, seht, da kommt er den Gang herauf - Er hat uns erblickt und wei, wie
er sich gebrden mu. -
    Kreisler erblickte den Mnch Cyprianus, der langsam feierlichen Schrittes,
den stieren Blick zum Himmel gerichtet, die Hnde gefaltet, wie in einer frommen
Ekstase begriffen, den Laubgang hinaufkam.
    Hilarius entfernte sich schnell, Kreisler blieb aber verloren in den Anblick
des Mnchs, der in seinem Antlitz, in seinem Wesen etwas Seltsames, Fremdartiges
trug, das ihn unter allen brigen Menschen auszuzeichnen schien. Ein groes
ungewhnliches Verhngnis lt lesbare Spuren zurck, und so mocht' es auch
sein, da ein wunderbares Geschick des Mnchs uere Erscheinung gestaltet
hatte, wie sie sich nun eben zeigte.
    Der Mnch wollte vorberschreiten, ohne in seiner Verzckung Kreislern zu
bemerken, der fhlte sich aber aufgelegt, dem strengen Abgesandten des
Oberhaupts der Kirche, dem feindlichen Verfolger der herrlichsten Kunst in den
Weg zu treten.
    Er tat es mit den Worten: Erlaubt, ehrwrdiger Herr, da ich Euch meinen
Dank abstatte. Ihr befreitet mich durch Euer krftiges Wort zur rechten Zeit aus
den Hnden des groben Lmmels von Zigeunerbuben, er htte mich erwrgt wie ein
gestohlnes Huhn! -
    Der Mnch schien aus einem Traume zu erwachen, er fuhr mit der Hand ber die
Stirne und blickte Kreislern lange starr an, als msse er sich auf ihn besinnen.
Dann verzog sich aber sein Antlitz zum furchtbaren durchbohrenden Ernst, und,
Flammen des Zorns in den Augen, rief er mit starker Stimme: Verwegener
frevelhafter Mensch, Ihr httet verdient, da ich Euch hinfahren lie in Euern
Snden! Seid Ihr nicht der, der den heiligen Kultus der Kirche, die vornehmste
Sttze der Religion, profaniert durch weltlichen Klingklang? Seid Ihr es nicht,
der hier durch eitle Kunststcke die frmmsten Gemter betrte, da sie sich
abwandten von dem Heiligen und weltlicher Luft frnten in ppigen Liedern?
Kreisler fhlte sich durch diese wahnsinnigen Vorwrfe ebenso verletzt als
erhoben durch den albernen Hochmut des fanatischen Mnchs, der mit so leichten
Waffen zu bekmpfen.
    Ist es, sprach Kreisler sehr ruhig und dem Mnch fest ins Auge blickend,
ist es sndhaft, die ewige Macht zu preisen in der Sprache, die sie uns selbst
gab, damit das Himmelsgeschenk die Begeisterung der brnstigsten Andacht, ja die
Erkenntnis des Jenseits in unserer Brust erwecke, ist es sndhaft, sich auf den
Seraphsfittichen des Gesanges hinwegzuschwingen ber alles Irdische und in
frommer Sehnsucht und Liebe hinaufzustreben nach dem Hchsten, so habt Ihr
recht, ehrwrdiger Herr, so bin ich ein arger Snder. Erlaubt aber, da ich der
entgegengesetzten Meinung bin und fest glaube, da dem Kultus der Kirche die
wahrhafte Glorie der heiligsten Begeisterung fehlen wrde, wenn der Gesang
schweigen sollte.
    So flehet, erwiderte der Mnch strenge und kalt, so flehet zur heiligen
Jungfrau, da sie die Decke von Euern Augen nehmen und Euch den verdammlichen
Irrtum erkennen lassen mge.
    Ein Komponist6, sprach Kreisler sanft lchelnd, wurde von jemanden
gefragt, wie er es denn anfange, da seine geistlichen Kompositionen durchaus
andchtige Begeisterung atmeten. Wenn es, erwiderte darauf der fromme kindliche
Meister, mit dem Komponieren nicht so recht fort will, so bete ich, im Zimmer
auf und ab gehend, einige Ave, und dann kommen mir die Ideen wieder. Derselbe
Meister sagte von einem andern groen geistlichen Werk7: Erst als ich zur Hlfte
in meiner Komposition vorgerckt war, merkte ich, da sie geraten wre; ich war
auch nie so fromm als whrend der Zeit, da ich daran arbeitete; tglich fiel ich
auf meine Knie nieder und bat Gott, da er mir Kraft zur glcklichen Ausfhrung
dieses Werkes verleihen mge. - Mich will bednken, ehrwrdiger Herr, als wenn
weder dieser Meister noch der alte Palestrina sich um Sndhaftes bemht, und da
nur ein in asketischer Verstocktheit erkaltetes Herz nicht zu der hchsten
Frmmigkeit des Gesanges entflammt werden kann.
    Menschlein, fuhr der Mnch zornig auf, wer bist du denn, da ich mit dir,
der du dich hinwerfen mtest in den Staub, rechten soll? - Fort aus der Abtei,
damit du nicht lnger das Heilige verstrst! -
    Tief emprt ber des Mnchs gebieterischen Ton, rief Kreisler heftig: Und
wer bist du denn, wahnsinniger Mnch, da du dich erheben willst ber alles, was
menschlich? - Bist du frei geboren von der Snde? - Hast du nie ber Gedanken
der Hlle gebrtet? Bist du nie ausgewichen auf dem schlpfrigen Pfad, den du
wandeltest? Und wenn die heilige Jungfrau dich wirklich gnadenvoll dem Tode
entri, den du vielleicht irgendeiner grauenvollen Tat verdanktest, so geschah
es, da du, in Demut deine Snde erkennen und sie ben, nicht aber mit
freveliger Prahlerei dich der Gnade des Himmels, ja der heiligen Krone rhmen
solltest, die du niemals erwerben wirst.
    Der Mnch stierte Kreislern an mit Tod und Verderben sprhenden Blicken,
indem er unverstndliche Worte lallte.
    Und, fuhr Kreisler fort mit steigendem Affekt, und, stolzer Mnch, als du
noch diesen Rock trugst -
    Damit hielt Kreisler das Bild, das er vom Meister Abraham erhalten, dem
Mnch vor Augen; doch sowie dieser es erblickte, schlug er sich wie in wilder
Verzweiflung mit beiden Fusten vor die Stirn und stie einen herzzermalmenden
Schmerzenslaut aus, als trfe ihn ein Todesstreich -
    Fort mit dir, rief nun Kreisler, fort mit dir aus der Abtei, du
verbrecherischer Mnch! - Hoho, mein Heiliger, wenn du vielleicht auf den
Hhnerdieb stest, mit dem du in Gemeinschaft, so sage ihm, du knntest und
wolltest ein andermal mich nicht wieder schtzen, doch solle er sich in acht
nehmen und von meiner Kehle wegbleiben, sonst wrde ich ihn spieen wie eine
Lerche oder wie seinen Bruder, denn aufs Spieen - Kreisler entsetzte sich in
diesem Augenblick vor sich selber; der Mnch stand vor ihm starr, regungslos,
noch immer beide Fuste vor die Stirn gedrckt, keines Wortes, keines Lautes
mchtig, es war Kreislern, als rausche es im nahen Gebsch, als werde gleich der
wilde Giuseppo auf ihn losstrzen. Er rannte von dannen; die Mnche sangen eben
im Chor die Abendhora, und Kreisler begab sich in die Kirche, weil er hoffte,
dort sein tief aufgeregtes, tief verletztes Gemt zu beruhigen.
    Die Hora war geendet, die Mnche verlieen den Chor, die Lichter
verlschten. Kreislers Sinn hatte sich zu den alten frommen Meistern gewendet,
deren er in dem Streit mit dem Mnch Cyprianus gedacht. - Musik - fromme Musik
war aufgegangen in ihm, Julia hatte gesungen, und nicht mehr brauste der Sturm
in seinem Innern. Er wollte fort durch eine Seitenkapelle, deren Tre in den
langen Gang ging, welcher zu einer Treppe und hinauf in sein Zimmer fhrte.
    Als Kreisler in die Kapelle trat, erhob sich ein Mnch mhsam vom Boden, auf
dem er ausgestreckt vor dem wunderttigen Marienbilde gelegen hatte, das dort
aufgestellt war. In dem Schein der ewigen Lampe erkannte Kreisler den Mnch
Cyprianus, aber matt und elend schien er eben aus einer Ohnmacht zu sich selbst
gekommen. Kreisler leistete ihm hilfreiche Hand; da sprach der Mnch mit leiser
wimmernder Stimme: Ich erkenne Euch - Ihr seid Kreisler! Habt Barmherzigkeit,
verlat mich nicht, helft mir zu jenen Stufen, ich will mich dort niederlassen,
aber setzt Euch zu mir, dicht zu mir, nur die Gebenedeite darf uns hren. - bt
Mitleiden, fuhr nun der Mnch fort, als beide auf den Stufen des Altars saen,
bt Mitleiden, Gnade, vertraut mir, ob Ihr nicht das verhngnisvolle Bildnis
von dem alten Severino erhieltet, ob Ihr um alles, um das ganze furchtbare
Geheimnis wisset?
    Frei und offen versicherte Kreisler, da er das Bildnis vom Meister Abraham
Liscov erhalten, und erzhlte ohne Scheu alles, was sich in Sieghartshof
begeben, und wie er nur aus mancherlei Kombinationen auf irgendeine Greueltat
schliee, deren lebhafte Erinnerung sowie die Furcht des Verrats das Bildnis
wecke. Der Mnch, der bei einigen Momenten in Kreislers Erzhlung tief
erschttert geschienen, schwieg jetzt einige Augenblicke. Dann begann er
ermutigt mit festerer Stimme: Ihr wit zuviel, Kreisler, um nicht alles
erfahren zu mssen. Vernehmt, Kreisler, jener Prinz Hektor, der Euch auf den Tod
verfolgte, es ist mein jngerer Bruder. Wir sind Shne eines frstlichen Vaters,
dessen Thron ich geerbt haben wrde, htte ihn nicht der Sturm der Zeit
umgeworfen. Wir nahmen, da eben der Krieg ausgebrochen, beide Dienste, und der
Dienst war es, der zuerst mich und dann auch meinen Bruder nach Neapel brachte.
- Ich hatte mich damals aller bsen Lust der Welt hingegeben, und vorzglich die
wilde Leidenschaft zu den Weibern ri mich ganz und gar hin. Eine Tnzerin,
ebenso schn als verrucht, war meine Geliebte, und berdem lief ich den
liederlichen Dirnen nach, wo ich sie fand.
    So geschah es, da ich eines Tages, als es schon zu dunkeln begann, auf dem
Molo ein paar Geschpfe dieser Art verfolgte. Beinahe hatte ich sie erreicht,
als dicht neben mir eine Stimme gellend rief: Was das Prinzchen doch fr ein
allerliebster Taugenichts ist! - Da luft er gemeinen Dirnen nach und knnte in
den Armen der schnsten Prinzessin liegen! - Mein Blick fiel auf ein altes
abgelumptes Zigeunerweib, die ich vor wenigen Tagen in der Strae Toledo von den
Sbirren wegfhren gesehen, weil sie einen Wasserverkufer, so krftig er schien,
im Zank mit ihrer Krcke zu Boden geschlagen. Was willst du von mir, alte Hexe?
So rief ich das Weib an, die mich aber in dem Augenblick mit einem Strom der
abscheulichsten niedrigsten Schimpfreden berschttete, so da das mige Volk
bald sich um uns versammelte und ber meine Verlegenheit ausbrach in ein tolles
Gelchter. - Ich wollte fort, da hielt mich aber das Weib beim Kleide fest, ohne
vom Boden aufzustehen, und sprach, pltzlich mit den Schimpfreden einhaltend,
leise, indem sich ihr abscheuliches Antlitz zum grinsenden Lcheln verzog: Ei,
mein ses Prinzlein, willst du denn nicht bei mir bleiben? Willst du nichts
hren von dem schnsten Engelskinde, das in dich vernarrt ist? - Damit erhob
sich das Weib mhsam, indem sie sich an meinen Armen festklammerte, und
zischelte mir von einem jungen Mdchen in die Ohren, das schn und anmutig wie
der Tag und noch unschuldig sei. - Ich hielt das Weib fr eine gemeine Kupplerin
und wollte mich, da gerade mein Sinn nicht dahin stand, ein neues Abenteuer
anzuknpfen, mit ein paar Dukaten von ihr losmachen. Sie nahm aber das Geld
nicht und rief, als ich mich entfernte, mir laut lachend nach: Geht nur, geht,
mein feiner Herr, Ihr werdet mich bald aufsuchen mit groem Kummer und Weh im
Herzen! - Einige Zeit war vergangen, ich hatte nicht mehr an das Zigeunerweib
gedacht, als eines Tages auf dem Spaziergange, Villa reale genannt, eine Dame
vor mir herging, die mir in ihrem Wesen so wunderbar anmutig schien, wie ich
noch keine gesehen. Ich eilte ihr voraus, und als ich ihr Antlitz erblickte, war
es mir, als ffne sich der leuchtende Himmel aller Schnheit. - So dachte ich
nmlich damals als ein sndiger Mensch, und da ich den frevelhaften Gedanken
wiederhole, mag Euch statt aller Beschreibung des Liebreizes, mit dem die ewige
Macht die holde Angela geschmckt hatte, um so mehr dienen, als mir jetzt nicht
geziemen und auch wohl nicht gelingen wrde, viel zu reden ber irdische
Schnheit. Zur Seite der Dame ging oder hinkte vielmehr an einem Stabe eine sehr
alte, ehrbar gekleidete Frau, die nur durch ihre ganz ungewhnliche Gre und
seltsame Unbehilflichkeit auffiel. Trotz des vllig vernderten Anzuges, trotz
der tiefen Haube, die einen Teil des Antlitzes verhllte, erkannte ich in der
alten Frau doch augenblicklich das Zigeunerweib vom Molo. Das fratzenhafte
Lcheln der Alten, ihr leises Kopfnicken bewies mir, da ich mich nicht irre. -
Ich konnte den Blick nicht abwenden von dem anmutigen Wunder; die Holde schlug
die Augen nieder, der Fcher entfiel ihrer Hand. Schnell hob ich ihn auf; indem
sie ihn nahm, berhrte ich ihre Finger; sie zitterten; da loderte das Feuer
meiner verdammlichen Leidenschaft in mir auf, und ich ahnte nicht, da die erste
Minute der schrecklichen Prfung gekommen, die mir der Himmel auferlegt. Ganz
betubt, ganz im Sinn verwirrt, stand ich da und bemerkte kaum, da die Dame mit
ihrer alten Begleiterin in eine Kutsche stieg, die am Ende der Allee gehalten
hatte. Erst als der Wagen fortrollte, kam ich zur Besinnung und strzte nach wie
ein Rasender. Ich kam noch zu rechter Zeit, um zu sehen, da der Wagen vor einem
Hause in der engen kurzen Strae hielt, die nach dem groen Platz Largo delle
Piane fhrt. Beide, die Dame und ihre Begleiterin, stiegen aus, und da der Wagen
sogleich fortfuhr, als sie in das Haus getreten, konnte ich mit Recht vermuten,
da dort ihre Wohnung. Auf dem Platz Largo delle Piane wohnte mein Bankier,
Signore Alessandro Sperzi, und selbst wei ich nicht, wie ich auf den Einfall
geriet, diesen Mann jetzt gerade heimzusuchen. Er glaubte, ich kme Geschfte
halber, und begann sehr weitluftig ber mein Verhltnis zu reden. Mein ganzer
Kopf war aber erfllt von der Dame, ich dachte, ich hrte nichts anders, und so
kam es, da ich dem Signor Sperzi statt aller Antwort das anmutige Abenteuer des
Augenblicks erzhlte. Signor Sperzi wute mir mehr von meiner Schnen zu sagen,
als ich hatte ahnen knnen. Er war es, der jedes halbe Jahr von einem
Handelshause in Augsburg eine ansehnliche Rimesse fr eben jene Dame erhielt.
Sie wurde Angela Benzoni genannt, die Alte aber mit dem Namen Frau Magdala
Sigrun bezeichnet. Signor Sperzi mute dagegen dem Augsburger Handlungshause
ber das ganze Leben des Mdchens die genaueste Nachricht geben, so da er, da
es ihm auch frher obgelegen, ihre ganze Erziehung, sowie jetzt ihren Haushalt
zu leiten, in gewisser Art als ihr Vormund anzusehen. Der Bankier hielt das
Mdchen fr die Frucht eines verbotenen Verhltnisses unter Personen des
vornehmsten Standes. - Ich bezeigte dem Signor Sperzi meine Verwunderung
darber, da man ein solches Kleinod einem so zweideutigen Weibe anvertraue, als
die Alte sei, die sich in schmutzigen zerlumpten Zigeunerkleidern auf den
Straen herumtreibe und vielleicht gar die Kupplerin spielen wollte. Der Bankier
versicherte dagegen, da es keine treuere, sorgsamere Pflegerin gebe als die
Alte, die mit dem Mdchen hergekommen, als es erst zwei Jahre alt gewesen. Da
die Alte sich zuweilen als Zigeunerin vermumme, sei eine wunderliche Grille, die
man ihr wohl in diesem Lande der Maskenfreiheit nachsehen knne. - Ich darf, ich
mu kurz sein! - Die Alte suchte mich bald auf in ihrem Zigeunerhabit und fhrte
mich selbst zu Angela, die mir, in holder jungfrulicher Scham hocherrtend,
ihre Liebe gestand. Noch immer hatte ich in meinem verirrten Wesen geglaubt, die
Alte sei eine ruchlose Nhrerin der Snde, aber bald wurde ich des Gegenteils
berfhrt. Angela war keusch und rein wie Schnee, und da, wo ich sndhaft zu
schwelgen gedachte, lernte ich an eine Tugend glauben, die ich freilich jetzt
fr ein hllisches Blendwerk des Teufels erkennen mu. In ebendem Grade, als
meine Leidenschaft hher und hher stieg, neigte ich mich auch mehr und mehr der
Alten hin, die mir unaufhrlich in die Ohren raunte, da ich mich mit Angela
vermhlen solle. Mte dies auch zur Zeit heimlich geschehen, so komme doch wohl
der Tag, an dem ich ffentlich der Gemahlin das frstliche Diadem auf die Stirn
drcken werde. - Angelas Geburt sei der meinigen gleich. -
    - Wir wurden in einer Kapelle der Kirche San Filippo getraut. - Ich glaubte
den Himmel gefunden zu haben, ich entzog mich allen Verbindungen, ich gab den
Dienst auf, man sah mich nicht mehr in jenen Kreisen, in denen ich sonst
frevelnd allen Lsten gefrnt. - Eben diese vernderte Lebensweise verriet mich.
Jene Tnzerin, von der ich mich losgesagt, forschte aus, wohin ich mich jeden
Abend begab, und ahnend, da daraus sich vielleicht der Keim ihrer Rache
entwickeln knne, entdeckte sie meinem Bruder das Geheimnis meiner Liebe. - Mein
Bruder schlich mir nach, berraschte mich in Angelas Armen. - Mit einer
scherzhaften Wendung entschuldigte Hektor seine Zudringlichkeit und machte mir
Vorwrfe, da ich, gar zu selbstschtig, ihm nicht einmal das Vertrauen eines
aufrichtigen Freundes geschenkt; doch ich merkte nur zu deutlich, wie betroffen
er war ber Angelas hohe Schnheit. Der Funke war gefallen, die Flamme der
wtendsten Leidenschaft angefacht in seinem Innern. - Er kam oft, wiewohl nur in
den Stunden, wenn er mich zu finden wute. - Ich glaubte zu bemerken, da
Hektors wahnsinnige Liebe erwidert wurde, und alle Furien der Eifersucht
zerfleischten meine Brust. - Da war ich dem Graus der Hlle verfallen! - Einst,
als ich eintrat in Angelas Gemach, glaubte ich Hektors Stimme im Nebenzimmer zu
vernehmen. - Den Tod im Herzen, blieb ich eingewurzelt stehen. Doch pltzlich
strzte Hektor aus dem Nebengemach hinein mit glutrotem Antlitz und
wildrollenden Augen wie ein Rasender. Verdammter, du sollst mir fernerhin nicht
in den Weg treten! So rief er schumend vor Wut und stie mir den Dolch, den er
schnell hervorgezogen, in die Brust bis an das Heft. - Der herbeigerufene
Chirurgus fand, da der Sto durch das Herz gegangen. - Die Hochgebenedeite hat
mich gewrdigt, mir das Leben wieder zu schenken durch ein Mirakel. -
    Die letzten Worte sprach der Mnch mit leiser, zitternder Stimme und schien
dann in trbes Sinnen verloren.
    Und, fragte Kreisler, und was wurde aus Angela?
    Als, erwiderte der Mnch mit hohler geisterartiger Stimme, als der Mrder
die Frchte seiner Greueltat genieen wollte, da erfate die Geliebte der
Todeskrampf, und sie verschied in seinen Armen. - Gift -
    Dies Wort gesprochen, fiel der Mnch nieder aufs Gesicht und rchelte wie
ein Sterbender. - Kreisler setzte durch die Glocke, die er anzog, das Kloster in
Bewegung. Man eilte herbei und schaffte den ohnmchtigen Cyprianus in den
Krankensaal. -
    Kreisler fand am andern Morgen den Abt in ganz besonders heitrer Laune. -
Ha ha, rief er ihm entgegen, ha ha, mein Johannes, Ihr wollt an kein Mirakel
der neuesten Zeit glauben, und Ihr habt gestern in der Kirche selbst das
Wunderbarste Mirakel bewirkt, das es nur geben mag. - Sagt, was habt Ihr mit
unserm stolzen Heiligen gemacht, der daliegt wie ein reuiger zerknirschter
Snder und uns alle in kindischer Todesangst hchlich um Verzeihung gebeten hat,
da er sich ber uns erheben wollen! - Habt Ihr ihn, der von Euch nun Beichte
verlangte, vielleicht selbst beichten lassen? -
    Kreisler fand gar keine Ursache, auch nur das mindeste von dem zu
verschweigen, was sich mit ihm und dem Mnch Cyprianus begeben. Er erzhlte
daher umstndlich alles, von der freimtigen Strafpredigt an, die er dem
einbildischen Mnch gehalten, als er die heilige Tonkunst herabgewrdigt, bis
auf den schrecklichen Zustand, in den er verfallen, als er das Wort: Gift!
ausgesprochen. Dann erklrte Kreisler, da er eigentlich doch noch immer nicht
wisse, warum das Bild, habe sich auch Prinz Hektor davor entsetzt, gleiche
Wirkung auf den Mnch Cyprianus hervorgebracht. Ebenso sei er darber noch ganz
im Dunkeln geblieben, auf welche Weise Meister Abraham in jene grauenvolle
Begebenheit verflochten.
    In der Tat, sprach der Abt anmutig lchelnd, in der Tat, mein lieber Sohn
Johannes, wir stehen jetzt ganz anders gegenber als noch vor wenigen Stunden.
Ein standhaftes Gemt, ein fester Sinn, vorzglich aber wohl ein tiefes
richtiges Gefhl, das wie eine wunderbar wahrsagende Erkenntnis in unserer Brust
verborgen, richtet vereint mehr aus als der schrfste Verstand, der gebteste,
alles scheidende Blick. Du hast es bewiesen, mein Johannes, indem du die Waffe,
die man dir in die Hand gab, ohne dich ganz ber ihre Wirkung zu belehren, so
geschickt in dem richtigen Moment zu gebrauchen wutest, da du auf der Stelle
den Feind zu Boden schlugst, den vielleicht der durchdachteste Plan nicht so
leicht aus dem Felde getrieben haben wrde. Ohne es zu wissen, hast du mir, dem
Kloster, vielleicht auch der Kirche berhaupt einen Dienst erwiesen, dessen
ersprieliche Folgen nicht zu bersehen sind. - Ich will, ich darf jetzt gegen
dich ganz aufrichtig sein, ich wende mich ab von denen, die mir Falsches
vorspiegeln wollten zu deinem Nachteil, du kannst auf mich rechnen, Johannes! -
Da der schnste Wunsch, der in deiner Brust ruht, erfllt werde, dafr la mich
sorgen. Deine Cecilia, du weit, welches holde Wesen ich meine - doch still
jetzt davon! - Das, was du noch von jener entsetzlichen Begebenheit in Neapel zu
wissen verlangst, ist mit wenigen Worten gesagt. - Frs erste hat es unserm
wrdigen Bruder Cyprianus beliebt, in seiner Erzhlung einen kleinen Umstand zu
bergehen. - Angela starb an dem Gift, das er ihr beigebracht in dem hllischen
Wahnsinn der Eifersucht. - Meister Abraham befand sich damals in Neapel unter
dem Namen Severino. Er glaubte Spuren seiner verlornen Chiara zu finden und fand
sie wirklich, da ihm jene alte Zigeunerin in den Weg kam, Magdala Sigrun
geheien, die du schon kennst. An den Meister wandte sich die Alte, als das
Schrecklichste geschehen, und ihm vertraute sie, ehe sie Neapel verlie, jenes
Bildnis, dessen Geheimnisse du noch nicht kennst. Drcke den sthlernen Knopf an
dem Rande, dann springt Antonios Bildnis, das nur einer Kapsel zum Deckel dient,
auf, und du erblickst nicht allein Angelas Bildnis, sondern dir fallen auch noch
ein paar Blttchen in die Hnde, die von der uersten Wichtigkeit sind, da sie
dir den Beweis des doppelten Mordes liefern. - Du siehst nun, warum dein
Talisman so kraftvoll wirkt. - Meister Abraham soll noch mit dem Bruderpaar in
mancherlei Berhrung gekommen sein, doch davon wird er dir selbst noch besser
erzhlen knnen als ich. - La uns jetzt hren, Johannes, wie es mit dem kranken
Bruder Cyprianus steht! -
    Und das Mirakel? So fragte Kreisler, indem er den Blick auf die Stelle der
Wand ber dem kleinen Altar warf, wo er selbst mit dem Abt das Bild, dessen sich
der geneigte Leser wohl noch erinnert, befestigt hatte. Nicht wenig verwunderte
er sich aber, als er statt dieses Bildes wieder Leonardo da Vincis heilige
Familie erblickte, die ihren alten Platz eingenommen. - Und das Mirakel? -
fragte Kreisler zum zweitenmal. Ihr meint, erwiderte der Abt mit seltsamem
Blick, Ihr meint das schne Bild, welches sonst hier aufgehngt war? - Ich habe
es unterdessen in den Krankensaal aufstellen lassen. Vielleicht strkt der
Anblick unsern armen Bruder Cyprianus, vielleicht hilft ihm die Hochgebenedeite
zum zweitenmal. -
    Kreisler fand auf seinem Zimmer ein Schreiben des Meisters Abraham des
Inhalts:

                                Mein Johannes!

Auf! - auf! - verlat die Abtei, eilt her, so schnell Ihr knnt! - Der Teufel
hat hier zu seiner Lust eine ganz besondere Hetzjagd angestellt! - Mndlich
mehr, das Schreiben wird mir blutsauer, denn es steckt mir alles im Halse und
droht mich zu ersticken. Von mir, von dem Hoffnungsstern, der mir aufgegangen,
nicht ein Wort. Nur so viel in aller Eil'. - Die Rtin Benzon findet Ihr nicht
mehr, wohl aber die Reichsgrfin von Eschenau. Das Diplom aus Wien ist
angekommen und die knftige Heirat Julias mit dem wrdigen Prinzen Ignaz so gut
wie erklrt. Frst Irenus beschftigt sich mit der Idee des neuen Throns, auf
dem er sitzen wird als regierender Herr. Die Benzon oder vielmehr die Grfin von
Eschenau hat ihm das versprochen. Prinz Hektor hat indessen Versteckens
gespielt, bis er nun wirklich fortmute zur Armee. - Bald kehrt er wieder, und
dann soll eine Doppelthochzeit gefeiert werden. - Es wird lustig sein. - Die
Trompeter splen sich schon die Gurgeln aus, die Fiedler schmieren die Bogen,
die Lichtzieher in Sieghartsweiler gieen die Fackeln - aber! - - Nchstens ist
der Namenstag der Frstin, da unternehm' ich Groes, aber Ihr mt hier sein.
Kommt nur lieber gleich auf der Stelle, wenn Ihr dies gelesen habt! Lauft, was
Ihr knnt. Bald seh' ich Euch. - Apropos! - Nehmt Euch doch vor den Pfaffen in
acht, aber den Abt lieb' ich sehr. - Adieu!

So kurz und so inhaltsreich war dies Brieflein des alten Meisters, da -

                         Nachschrift des Herausgebers8


Am Schlu des zweiten Bandes ist der Herausgeber gentigt, den geneigten Lesern
eine sehr betrbte Nachricht mitzuteilen. - Den klugen, wohlunterrichteten
philosophischen, dichterischen Kater Murr hat der bittre Tod dahin gerafft
mitten in seiner schnen Laufbahn. Er schied in der Nacht vom neunundzwanzigsten
bis zum dreiigsten November nach kurzen, aber schweren Leiden mit der Ruhe und
Fassung eines Weisen dahin. - So gibt es wieder einen Beweis, da es mit den
frhreifen Genies immer nicht recht fort will; entweder sie steigen in einem
Antiklimax hinab zur charakter- und geistlosen Gleichgltigkeit und verlieren
sich in der Masse, oder sie bringen es in Jahren nicht hoch. - Armer Murr! der
Tod deines Freundes Muzius war der Vorbote deines eignen, und sollt ich dir den
Trauersermon halten, er wrde mir ganz anders aus dem Herzen kommen als dem
teilnahmelosen Hinzmann; denn ich habe dich lieb gehabt und lieber als manchen -
Nun! - schlafe wohl! - Friede deiner Asche! -
    Schlimm ist es, da der Verblichene seine Lebensansichten nicht geendet hat,
die also Fragment bleiben mssen. Dagegen haben sich in den nachgelassenen
Papieren des verewigten Katers noch so manche Reflexionen und Bemerkungen
gefunden, die er in der Zeit aufgeschrieben zu haben scheint, als er sich bei
dem Kapellmeister Kreisler befand. Ferner war aber auch noch ein guter Teil des
von dem Kater zerrissenen Buchs vorhanden, welches Kreislers Biographie enthlt.
    Der Herausgeber findet es daher der Sache nicht unangemessen, wenn er in
einem dritten Bande, der zur Ostermesse erscheinen soll, dies von Kreislers
Biographie noch Vorgefundene den geneigten Lesern mitteilt und nur hin und
wieder an schicklichen Stellen das einschiebt, was von jenen Bemerkungen und
Reflexionen des Katers der weitern Mitteilung wert erscheint.

                                    Funoten


1 E. T. A. Hoffmanns.

2 Taschenbuch zum geselligen Vergngen bei Gleditsch, 1820.

3 Der Abt Gattoni zu Mailand lie von einem Turme zum andern fnfzehn eiserne
Saiten ausspannen und dergestalt stimmen, da sie die diatonische Tonleiter
angaben. Bei jeder Vernderung in der Atmosphre erklangen diese Saiten strker
oder schwacher, nach dem Ma jener Vernderung. Man nannte diese olsharfe im
groen Riesen- oder Wetterharfe.

4 Der Kater meint Shakespeares Wie es euch gefllt, dritter Aufzug, zweite
Szene. A. d. H.

5 Fantasiestcke in Callots Manier. Neue Ausgabe. Teil 1. S. 32.

6 Joseph Haydn.

7 Die Schpfung.

8 E. T. A. Hoffmanns.

