
                               Zschokke, Heinrich

                               Das Goldmacherdorf

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                               Heinrich Zschokke

                               Das Goldmacherdorf

          1. Wie Oswald aus dem Kriege kommt und was die Leute sagen.

An einem Sonntag Nachmittag saen im Dorfe Goldenthal die jngern Knaben und
Mdchen unter der alten Linde und sangen, oder lachten, wenn Einer aus dem
Wirthshaus hervorstolperte, der zu tief ins Glas geschaut hatte. Die andern
Bauern mit ihren Weibern saen in drei Wirthshusern, und tranken und spielten,
und jauchzten oder balgten, wie es denn nun so geht, wenn Wein und Bier wohlfeil
sind.
    Da kam ein groer starker Mann ins Dorf. Er mochte in den Dreiigen sein,
hatte einen grauen Rock an, einen langen Sbel an der Seite, auf dem Rcken
einen Habersack. Er sah gar wild drein, denn er trug ber der Stirne eine groe
Narbe, und unter der Nase einen schwarzen Schnurrbart, da alle Kinder
davonliefen.
    Aber ein Paar alte Frauen, die er anredete, erkannten ihn sogleich, und
schrien: Ei das ist ja Schulmeisters Oswald, der vor siebenzehn Jahren unter
die Soldaten ging. Nein, schaut auch, wie ist er gewachsen und gro geworden!
Und wie die Weiber so schrien, kam Alt und Jung aus den Wirthshusern und von
der Linde herbeigelaufen, und bald war das ganze Dorf um den Oswald versammelt.
    Oswald gab allen seinen ehemaligen Bekannten die Hand, war sehr freundlich
mit Allen und sagte, er wolle nun wieder bei ihnen in Goldenthal wohnen, habe
des Soldatenlebens satt, und sei froh, mit dem Leben davongekommen zu sein. Nun
wollte ihn Jeder in ein Wirthshaus ziehen, der Eine links, der Andere rechts:
man msse eins zum Willkommen trinken; er msse von den Kriegsgeschichten
erzhlen. Oswald aber dankte ihnen und sprach: Ich bin vom Wandern mde und
will ausruhen. Wer wohnt in meines verstorbenen Vaters Haus, und wer besorgt die
Aecker desselben?
    Alsobald trat der Mller hervor und sagte: Ich habe den Weber Steffen
hineingethan, und ihm Haus und Feld in Zins gegeben. Nun aber mu er ausziehen,
da du wiedergekommen bist. Der Gemeindsrath hat mich zum Vogt gesetzt ber dein
Gtlein. Kannst ein paar Tage bei mir herbergen, bis Webers ausziehen und andere
Wohnung haben. Da will ich dir auch Rechnung ablegen.
    Also ging der Mller mit seinem Gast zur Mhle und lie ihm ein gutes
Nachtessen und ein gutes Bett bereiten. Oswald hatte aber viel zu fragen nach
dem und diesem, wie es seitdem im Dorfe ergangen sei; und der Mller und seine
Frau hatten viel zu antworten. So plauderten sie bis Mitternacht in der Mhle.
Und Oswald sah immer ber den Tisch hinber nach des Mllers zarter Tochter, die
hie Elsbeth. Und es war wohl der Mhe werth, ihr in die schwarzen Augen zu
sehen, denn Elsbeth war schn. Elsbeth aber sah ihrerseits auch gern ber den
Tisch hinber, denn Oswald war ein hbscher Mann, wenn man sich einmal an seinen
erschrecklichen Schnurrbart gewhnt hatte, und in seinen Geberden hatte er etwas
Zierliches und Geflliges, als wre er ein Herr aus der Stadt gewesen. Darum
scheute sie sich, mit ihm zu reden, und wenn er sie ansah, wute sie nicht,
wohin mit den Augen fliehen. Doch sagte sie ihm etwas vom Schnurrbart.
    Und als er folgenden Morgens zum Frhstck kam, war unter seiner Nase der
Schnurrbart schon verschwunden. Oswald htte Zeitlebens in der Mhle wohnen
mgen, denn der Mller und seine Frau waren gute Leute, und der Elsbeth sah die
Gte hell und klar aus den Augen. Aber nach acht Tagen schon konnte Oswald in
das kleine Haus seines Vaters einziehen und nach seinen Feldern sehen. Er hatte
fnf Juchart Baumgarten mit Wiesen und fnf Juchart Ackerland; dazu kaufte er
sich eine schne Kuh aus den vom Vogt ersparten Zinsen.
    Und weil das Haus alt und zerfallen war, erhielt er Holz und Steine von der
Gemeinde. Da lie er alles ausbessern, weien und hobeln und waschen. Er selber
mauerte, handlangte, fegte vom Morgen bis in die Nacht, damit es schn werde,
und ihn doch nicht viel koste.
    Im Herbst war sein kleines Haus das sauberste und schnste im ganzen Dorf,
mitten in einem Garten am Bach. Und der Garten war schn, wie einer in der
Stadt. Er hatte sogar in die Wege zwischen den Beeten Sand und Grien getragen.
Er hatte es gern, wenn Mllers Elsbeth zuweilen ber den grn angestrichenen Hag
in den Garten sah; sie hatte ihm auch Blumen beigesteuert, und versprach ihm zum
Frhjahr noch mehr.
    Die Leute zu Goldenthal wuten lange nicht, was aus dem Oswald machen? Er
war so arm aus dem Kriege gekommen, als er hineingezogen war, das sahen sie
wohl. Er hatte eine Kiste aus der Stadt bekommen mit Kleidern und Wsche; sogar
Bcher hatten darin gelegen. Das war sein Reichthum. Aber des Geldes wegen
mochte die Kiste nicht schwer gewogen haben.
    Lat ihn laufen! sagten die Einen: Er ist ein armer Teufel, und ein
dummer Teufel dazu, der im Kriege seine Sache nicht verstanden hat zu machen.
Nicht einmal Sonntags kann er ins Wirthshaus gehen und sein Glas trinken,
geschweige einen Tanz zahlen. Dabei mu er arbeiten wie ein Pferd, von
Sonnenaufgang bis in die finstere Nacht. Ein Glck fr ihn, da er vom Vater
noch etwas geerbt hat, sonst lge er der Gemeinde zur Last.
    Lat ihn laufen! sagten die Andern: Heldenthaten hat er nicht viel
verrichtet, denn er wei nicht viel zu erzhlen. Und wer wei, wo der Narr den
Hieb ber die Stirn geholt hat. Der ist froh, da er kein Pulver mehr riechen
mu.
    Lat ihn laufen! sagten wieder Andere: Er gibt nur Keinem ein gutes Wort,
und meint, weil er Soldat gewesen, msse man Respekt vor ihm haben. Wir wollen's
ihm aber zeigen. Er ist ein hochmthiger Bursch, der froh sein soll, wenn wir
ihm keinen Tritt geben.
    Lat ihn laufen! sagten noch Andere: Der hat im Kriege nichts Gutes
gelernt. Er hat Bcher, die kein Mensch lesen kann, vielleicht der Pfarrer
selber nicht. Und Zeichen und Karaktere stehen darin, da es ein Graus ist. Was
gilt's, der geht mit dem Teufel um und kann ihn beschwren.
    Gott sei bei uns! riefen Andere: Richtig ist es bei ihm nicht, das wei
man wohl. Er hat noch keinen Menschen in seine kleine Hinterstube gehen lassen,
selbst Mllers nicht, die viel mit ihm zu thun haben. Da sieht der Wchter alle
Nacht noch Licht brennen, was durch die Fensterladen schimmert. Die Stube hlt
er bestndig verschlossen, und die Vorladen der Fenster sind auch bei hellem
Tage nie auf.
    So sprachen die Leute, und machten ans Oswald nicht viel.

                         2. Was Oswald im Dorfe sieht.


Wenn sich auch die Leute nicht viel aus dem Oswald machten, war er doch sehr
zuthunlich und mit Allen freundlich. Anfangs ging er rechts und links zu Jedem
ins Haus und besuchte Einen um den Andern, fragte nach den Kindern, nach den
Gtern, nach der Art, die Felder zu bestellen und nach allen Umstnden.
    Vorzeiten war Goldenthal ein recht stattliches Dorf gewesen; zwar kein
bergroer Reichthum darin, doch Wohlhabenheit in allen Husern. Nun aber, mit
Ausnahme einiger reichen Bauern und Wirthe, wie auch des Mllers, stand es
berall schlecht. Das Elend schaute zu den Fenstern hinaus, und am Feuerherd
kochte Schmalhans ungeschmalzte Suppen. Von hundert Haushaltungen schickten wohl
zwanzig ihre Kinder zum Betteln aus; sechszig halfen sich kmmerlich im Druck
von Schuldenlasten durch, und die andern waren zum Theil noch im Stande, die
Gemeindesteuern ordentlich zu entrichten, und sich wohl aufrecht zu halten.
    Man sah es den Husern schon von auen an, wie bel es drinnen sein mochte;
man sah es an den zerfallenen Dchern; an den Mauern, von welchen der Kalk
abgefallen war; an den verschmierten Wnden und Thren; an den zerbrochenen und
mit Papier verklebten Fenstern. Kam man hinein, war Koth und Gestank; Tisch und
Bnke unsauber; der Spiegel, wenn noch einer war, seit Jahren von Fliegen blind;
der Fuboden voller Lcher; die Dielen schwarz, wie Erde, vom verhrteten
Unrath. In den Kchen befand sich wenig und schlechtes Geschirr, das nicht
einmal rein gewaschen da stand. In den Grten am Hause sah man keine Ordnung,
keine Zierlichkeit, sondern etwas Gems ganz nachlssig hingepflanzt. Man schien
froh zu sein, wenn man fr Sue und Menschen nur Erdpfel genug hatte. Vor den
Husern lagen Misthaufen. Ackergerte, Holz und was man sonst nicht unter Dach
bringen konnte, bunt durcheinander. Mnner und Weiber gingen in zerrissenen oder
grob geflickten, besudelten Kleidern; Stroh und Federn in den struppigen,
ungekmmten Haaren; Hnde und Gesicht oft Tage lang nicht gewaschen. Die kleinen
Kinder blieben oft einen halben Tag in ihren Wiegen im Unflath liegen, oder
waren sie grer, spielten sie halbnackt vor den Husern im Kothe.
    Kein Wunder, da bei solcher bettlerischen Unreinlichkeit hufig Krankheiten
entstunden. Man ging aber lieber zu einem alten Weibe, zum Scharfrichter, zu
einem Harnbeschauer und Quacksalber, wenn er es nur wohlfeil machte, als zu
einem erfahrenen und gelehrten Doktor. Wenn nun Mann oder Frau bettlgerig waren
und nicht arbeiten konnten, ging es in der Wirtschaft den Krebsgang. Da mute
ein Stck Hausgerth oder Vieh oder gar Land in der Noth verkauft, oder Geld
gegen schweren Zins entliehen werden. Das dauerte dann, bis man mehr Schulden
hatte, als man zahlen konnte; dann erfolgte Vergantung und der Bettelstab.
    Wenn Oswald da und dort guten Rath geben wollte, oder wenn er die
Unhuslichkeit und Unordnung tadelte, so bekam er mrrische Gesichter zum Dank.
Die Einen sagten: Arme Leute knnen nicht alles so schn haben, sondern mssen
es nehmen, wie es ist! Andere sagten: Was geht es dich an? Steck' du die Nase in
deinen eigenen Dreck!
    Bei den reichen Bauern sah es nun im Hause wohl besser aus, und war mehr
Hausgerth und Kleidung vorhanden. Aber doch fand man auch bei ihnen viel
Unsauberkeit und Nachlssigkeit. Denn weil sie bestndig und berall
Bettelwirthschaften vor Augen hatten, so gewhnten sie sich daran, und trieben
es nicht viel anders. Die Woche durch waren sie schmierig und zerrissen; nur
Sonntags prunkten sie hoffrtig einher. Daher hrte man auch bei ihnen nichts,
als Klagen ber die bsen Zeiten, ber die Regierung und ber die Leute im Dorf.
Denn weil im Dorfe fast alle Haushaltungen in Schulden waren, so konnten die
wenigsten zahlen. Und weil die Gemeinde selbst seit dem Kriege eine groe Schuld
von vielen tausend Gulden trug, fiel das Zahlen der Zinsen, der Gemeindesteuern
und Landesabgaben nur auf die Vermglichern. Das machte sie mivergngt und
zornig.
    Ueberhaupt war in Goldenthal Einer wider den Andern und bestndig Streit und
Zank. Keiner traute dem Andern; Jeder wute dem Andern etwas Bses nachzusagen.
Da war kein Treu und Glauben, sondern eitel Lug und Trug. Die Armen beneideten
die Reichen; die Reichen drckten und plagten die Armen. Die Reichen trieben,
wenn sie Geld ausborgten, schndlichen Wucher, und nahmen von armen Leuten, die
in der Noth waren, ihre zwlf, zwanzig und mehr Prozent Zinsen, ohne da sich
darber das christliche Gewissen schmen und grmen wollte. Die Armen hinwieder
rchten sich, wie Schelmen es machen; sie beschdigten den Reichen Bume und
Pflanzungen heimlich, stahlen ihnen Gems und Obst, Trauben und Holz und Hhner,
und was sonst zugnglich oder leicht nehmbar war. Man konnte sich auf kein Wort,
auf keinen Eid mehr verlassen. Selbst zwischen Eheleuten war eitel Ha und
Geznk. Das sahen die Kinder alle Tage und lernten nichts Besseres.
    Trotz der sichtbaren Verarmung der Gemeinde, und wiewohl jeder ber
Regierung, Obrigkeit und schlechte Zeiten klagte, und kein Geld hatte, wenn er
das Notwendigste zahlen sollte, thaten die Leute doch insgesammt gro. Das
Arbeiten lie man sich nicht allzusauer werden. Die Vermglichen, wenn sie
spter aufs Feld gingen, oder frher Feierabend machten, sprachen bei sich:
Gottlob, wir knnen's wohl so haben! Und die Armen und Taglhner, wenn sie bei
der Arbeit die Hnde fallen lieen und umhergafften, sprachen sie: Nun
unsereins ist auch kein Vieh! Man mu auch geruht haben.
    Aber wenn der Samstag Abend kam, oder der Sonntag, hatte Jeder Geld, um sich
im Wirthshaus bei Wein, Bier und Branntwein gtlich zu thun. Da hie es: Herr
Wirth, noch eine Halbe! Juchhei, Karten her! - Da ward der Wochenverdienst
durch die Gurgel gejagt, oft mehr noch. Man spielte. Der Eine verlor sein Geld,
der Andere versoff oder vertanzte den Gewinnst. Zwischenein in der Woche ward
auch das Wirthshaus nicht ganz vergessen. Diese Leute litten die Kehle nicht
ganz trocken. Unterdessen hatten die Weiber und Kinder kaum satt zu essen. War
aber Geld im Haus, wenn auch nur wenig, da mute Kaffee her und mute gekchelt
werden. Dann hie es: Lieber Gott, es kmmt an unsereins selten. Man will doch
auch einmal seinen guten Tag haben. Was hat man sonst vom Leben?
    An Feiertagen fehlte es nicht, und die wollte man doch gefeiert haben. War
im benachbarten Stdtlein Jahrmarkt, so mute man doch auch hin und sehen, wie
es in den Wirthshusern der Stadt sei, und hren, was es Neues in der Welt gebe?
Dann fehlte es auerdem nicht an allerlei Gngen und Lufen, Prozehndeln und
Schritten und Tritten vor Richter und Obrigkeit. Das brachte viel Versumni und
Ausgaben, wenig Gewinn und Vortheil. Folglich nahm in allen Husern das Vermgen
eher ab als zu. Und darum fluchte Einer wie der Andere ber schlechte Zeiten,
ber Regierung und ber die Leute im Dorf.

                     3. Was der verstndige Mller erzhlt.


Als Oswald in seinem Dorfe so viel Lasten und Snden sah, ist ihm vor Zorn das
Herz geschwollen. Er ging in die Mhle, wie er allemal that, wenn er voll
Unmuths war. Und wenn ihn da die holdselige Elsbeth anlchelte, verschwand sein
Verdru, wie eine Nebelwolke an der Stirn des Berges vor dem Glanz der Sonne.
    Oswald sprach zum Mller: Nein, wie sind doch die Leute so gottlos und die
Htten so voll Jammers! Das ist vor Zeiten nicht so gewesen. Da war der Flei
auf den Feldern, die Zierlichkeit im Dorfe, die Eintracht in den Husern und der
Reichthum in den Scheuern. Da wurden die Bauern hochgeehrt von den Stdtern, und
man nannte sie auch wohl die Herren Goldenthaler. Nun ist Alles umgekehrt, und
die Armuth sitzt neben der Bosheit unter den Dchern. Wie hat der Krieg so viel
Uebels angerichtet!
    Der Mller antwortete und sprach: Unser Dorf hat vom Kriege viel gelitten,
gleichwie andere Drfer und Stdte. Es lagerten sich fremde Vlker bei uns ein
und verzehrten unsere Vorrthe; wir muten den Kriegsleuten dienen und liefern,
was sie wollten; wir muten der Obrigkeit Zins und Steuern zahlen; wir hatten
schlechten Verdienst, denn Handel und Wandel standen still, alles Gewerb war
Verderb, und schlechte Jahre und Witterungen kamen dazu, da das Gras auf den
Feldern, das Getreide auf den Aeckern, das Obst an den Bumen und die Traube an
den Reben umkam. Aber unser Unglck stammt nicht von Krieg und Theuerung her.
Denn andere Stdte und Drfer haben gelitten, wie wir, und fangen doch wieder
an, heiter aufzuschauen. Aber in unserm Drflein wird es alle Tage schlimmer.
Andere Stdte waren in Trbsal und Armuth untergesunken, wie wir; doch heben sie
sich wieder daraus mit Gottes Hlfe hervor. Aber, dem Himmel sei's geklagt, wir
gehen nun darin unter.
    Das wolle Gott verhten! rief Oswald: Woher kommt das?
    Der Mller antwortete: Das kommt daher: die Andern strengen ihre Krfte an
und schwimmen an das Ufer; wir berlassen uns dem Spiel der Unglckswogen und
unsere Rettung dem Zufall. Ja diejenigen, welche uns helfen knnen, ziehen uns
noch tiefer in den Wasserstrudel hinein.
    Wer sind die?
    Ich will es dir wohl im Vertrauen unter vier Augen offenbaren! sagte der
Mller. Wenn es mit einer Gemeinde den Krebsgang geht, so kannst du dich darauf
verlassen, hat sie schlechte Obrigkeit. Und das ist bei uns der Fall. Unsere
Ortsvorgesetzten sind entweder eigenntzige Menschen, oder einfltige, schwache
Leute. Zwei von ihnen haben eigene Wirthshuser, und der Schwiegersohn des
dritten hat auch ein Trinkhaus. Da ist es ihnen eben recht, wenn die Leute
lieber bei ihnen hinterm Tisch, als bei der Arbeit sind. Wird die Gemeinde
versammelt, so ist es bald in diesem, bald im andern Wirthshaus, und da mu am
Ende eins getrunken werden. Haben die Durstigen kein Geld, so wird ihnen
geborgt. Knnen sie nicht zahlen, so kauft man ihnen ein wohlgelegenes Stck
Land um das andere ab, oder nimmt es fr die Schuld an; oder, was die Leute
haben, wird ffentlich versteigert. Dann sind die Bettler fertig. Daher kommt
nach und nach alles liegende Gut in die Hand einzelner reichen Leute. Wer Geld
leihen will, geht zu ihnen und bekommt um doppelten und dreifachen Zins. So
werden die Bedrftigen durch unchristlichen Wucher desto schneller zu Grunde
gerichtet.
    Ei, warum borgen die, welche Geld brauchen, nicht lieber das Geld an andern
Orten, oder in der Stadt bei rechtschaffenen Leuten? rief Oswald.
    Weil man unserer Gemeinde an andern Orten keinen Kreuzer mehr anvertraut!
erwiederte der Mller. Denn weil die Gemeindevorgesetzten bisher die
Geldaufbruchscheine fr Bedrftige auf die lderlichste und leichtsinnigste
Weise ausgestellt haben, sind die, welche Geld darauf liehen, hintenach darum
halb oder ganz betrogen worden. So haben wir durch die Nachlssigkeit der
Vorsteher allen Kredit verloren und alle Hoffnung auf fremde Hlfe. Weil uns
Niemand in der Stadt mehr borgen will, so schimpfen und fluchen unsere Leute
tagtglich auf die Stdter und drohen mit Mord und Brand. Widerfhre einmal der
Stadt ein Unglck, so wrde das die grte Freude unsers Lumpengesindels sein,
obgleich wir von der Stadt noch viel Verdienst und Almosen haben.
    Das ist abscheulich! schrie Oswald: Aber wir haben ja noch ein
ordentliches Gemeingut.
    Ja, das Gemeingut ist auch verschuldet und wird nur von den Reichen
benutzt! antwortete der Mller: Denn wenn die Vorgesetzten ein Geschft
abthun, einen Umgang an den Marchen und Grenzen halten, eine Holzanweisung
machen, oder sonst etwas extra verrichten: so wird auf Kosten der Gemeinde
geschmauset und gezecht. Damit geht das Vermgen der Gemeinde durch die Gurgel
der Vorsteher. Jeden Gang wollen sie bezahlt haben. Dazu kommt, da, weil die
Reichen Khe halten knnen und die Armen keine, so benutzen sie den Weidgang im
Wald und auf den Almenden allein fr sich, und die Armen haben keinen Nutzen und
Vortheil von den Gemeindsgtern.
    Wenn du das Alles weit, Mller: warum sagst du das nicht der ganzen
Gemeinde und ffnest ihr die Augen? fragte Oswald zornig.
    Weil es nicht hilft! erwiederte der Mller: Denn da die Meisten im Dorfe
bei den Reichen verschuldet sind, so thun die Reichen was sie wollen, und es
darf ihnen Keiner widersprechen. Und wenn unsereins gegen Mibruche den Mund
aufthun will, so toben und lrmen die Lumpenkerle alle, da man seines Lebens
kaum sicher ist. Das wissen die Vorgesetzten und die Reichen wohl. Die
betrachten die verlumpten Leute wie ihre Hunde, welche sie nach Belieben auf
jeden loslassen knnen, der ihnen in die Quer kommt.
    Das ist entsetzlich! schrie Oswald: Wenn denn die Menschen keinen
Verstand haben, so sollten sie doch ein Gewissen und Gottesfurcht haben.
    Ja, sie sollten wohl, sagte der Mller, aber woher nehmen? Unser Herr
Pfarrer ist ein alter Herr, der fr seine Pfrnde und Bequemlichkeit sorgt,
immer vom Glauben predigt, von Himmel und Hlle, und seine Kirchengeschfte
verrichtet, wie ein Anderer sein Tagwerk, und hat er es gethan, sich um Anderes
nicht bekmmert. Was man thun msse, worin die christlichen Tugenden bestehen,
und wie man sie erlangen und ausben msse - das lehrt er nicht. Er geht Jahre
lang in keines Bauern Haus, als im Nothfall, wo er gerufen wird. Folglich ist er
kein wahrer Rathgeber, kein wahrer Trster, und kennt den Zustand der Familien
lange nicht genau genug, um auch im huslichen Leben auf ihre Frmmigkeit und
Besserung hin zu arbeiten. Die Leute gehen aus Gewohnheit in die Kirche, der
Pfarrer predigt aus Gewohnheit, und mit dem Schritt aus der Kirche bleibt es bei
den gewohnten Lastern und Lderlichkeiten. Und weil die Menschen von innen in
ihrem Herzen nicht besser werden, wird es auch von auen nicht besser. Und wie
die Alten, so die Jungen.
    Was? Taugt der Schulmeister auch nichts? fragte der Oswald.
    Der Mller sagte: Seit dein Vater gestorben ist, der ein gottesfrchtiger,
verstndiger Mann war, geht es mit der Schule schlecht. Die Knaben und Mdchen
lernen zur Noth lesen, Schreiben und Rechnen, auch wohl ein Gebet. Aber von
ihren Aeltern daheim lernen sie, was sie sehen, nmlich Lug und Trug, Schwren
und Fluchen, Unzucht und Heuchelei, Raufen und Balgen, Betteln und Stehlen,
Spielen und Saufen, Miggang und Muthwillen, Hader und Neid, Verleumden und
Lstern.
    Als Oswald diese Dinge hrte, schttelte er den Kopf und ging in seiner
Seele betrbt von dannen.



         4. Wie der Oswald erschrecklich thut, und es ihm nicht hilft.


An einem Sonntage nach der Predigt wurde die ganze Gemeinde versammelt; denn es
war guter Rath theuer, woher Geld nehmen, weil im Lande eine auerordentliche
Steuer ausgeschrieben, und noch dazu der Gemeinde eine Schuld aufgekndet war,
die bisher nicht gehrig verzinset worden. Und das ganze Dorf kam nach alter
Uebung unter der groen Linde auf dem Platz zusammen. Die Vorsteher waren im
Kreise der Brgerschaft, und auer dem Kreise standen die Weiber, Tchter und
Kinder, zu hren, was vorgehe.
    Oswald war auch dahin gegangen, und hatte sich vorgenommen, seinen
Mitbrgern ber ihren traurigen Zustand die Augen zu ffnen. Daher, als die
Vorgesetzten ihre Antrge gemacht und ihre Reden geendet hatten, stieg Oswald
auf einen Stein, der mitten auf dem Wege lag. Da ward er von Jedermann gesehen.
Also hub er an zu reden:
    Liebe Mitbrger! Ich bin vorzeiten als ein Knabe von euch gegangen in den
Krieg, und bin als Mann wieder zurckgekommen. Aber wie ich in unser Dorf kam,
habe ich es kaum wieder gekannt, und mir ist in Wehmuth das Herz gebrochen, als
ich sah, wie alles verndert worden ist. Denn vorzeiten hie unser Dorf mit
Recht Goldenthal, weil es ein goldenes Thal war, worin Gottes reicher Segen
wohnte, mehr denn anderswo. Es waren bei uns die meisten Leute wohlhabend, nur
wenige arm, und Bettler gar keine. Damals pflegte man uns, wegen unsers
Wohlstandes, auch noch im ganzen Lande die Herren Goldenthaler zu heien. Denn
wir gingen nicht in zerrissenen Kleidern, wie Bettler, sondern stattlich einher,
in sauberm doch einfachem Gewande; und hatten nicht nur im Hause zur Nothdurft,
sondern auch einen Gulden darber hinaus. Damals hatte die Gemeinde keine
Schulden zu verzinsen, sondern sie bezog sogar von andern Orten Zinsen fr
ausgeliehene Kapitalien, die wir erspart hatten. Damals war alles Land
wohlgedngt und angebaut, denn Jeder hatte seine Kuh und sein Ro im Stall, und
auch wohl Geiln und Schaafe oder ein Paar Schweine daneben. Damals glich unser
Dorf schon von auen einem zierlichen Marktflecken. Die Huser standen schn und
nett, von innen wie von auen, da sich kein Herr aus der Stadt htte schmen
drfen, darin zu wohnen. Haus- und Kchengerth verkndeten, man sei wohl
versorgt, und die Fenster glnzten wie Spiegel. Wenige Leute hatten Schulden,
und wer sie hatte, dem war nicht bange, wie er sie zahlen msse. Damals bekam
ein Goldenthaler ohne Handschrift und Unterpfand aus der Stadt auf sein
ehrliches Wort hundert und mehr Gulden geborgt. Damals war fr Goldenthal noch
eine goldene Zeit.
    Wie Oswald so redete, nickten ihm Alle freundlichen Beifall, und Einige
sagten: Der Oswald hat wohl Recht!
    Er aber redete weiter und sprach: Nun ist es nicht mehr so. Man sollte
unser Dorf nicht mehr Goldenthal nennen, sondern Koth- und Dreck-, Dornen- und
Distelthal. Von unsern Aeckern ist meistens der Segen verschwunden; denn die
Einen von uns haben zu viel Land, die Andern gar keines; die Uebrigen knnen es
nicht in Ordnung anbauen und benutzen. Die Bettelei ist von Vielen nicht mehr
fr Schmach gehalten, sondern fr einen ordentlichen Beruf und Erwerb angesehen.
Die meisten Haushaltungen sind verschuldet, und eine um die andere sieht den Tag
vor, da ihr Alles versteigert und sie ausgetrieben werden mu. Die Schuldboten
verlassen unser Dorf nie. Mit den benachbarten Orten haben wir Zank und Proze,
und unter uns selber Feindschaft und Parteien. Wir haben noch den alten
Hochmuth, aber nicht mehr das alte Geld; auf den Straen Koth und in den Husern
Unflath und Gestank, den meisten Unflath aber im Herzen. Denn hier versteht sich
fast Jedermann besser aufs Saufen, als aufs Arbeiten; besser aufs Borgen, als
aufs Bezahlen; besser aufs Prellen und Stehlen, als aufs Geben; besser auf
Hinterlist, als auf Wahrheit. Wenn das so fortgeht, mssen wir in Elend und
Schande Alle untergehen. Schon haben wir zu Stadt und Land keinen Kredit mehr,
und wenn man Jemand einen Lump heien will, so sagt man: er ist ein
Goldenthaler!
    Bei diesen Worten des Oswald erhob sich ein groes Gemurmel und Druen im
Volk, und jeder sah den Oswald mit finstern Blicken an; also, da des Mllers
Elsbeth in groe Furcht gerieth. Denn sie stand auf einer Bank am Hause und
verwandte kein Auge vom Oswald, der ihr von Herzen lieb war.
    Oswald lie sich jedoch von dem Gemurre und Gesurre nicht schrecken, sondern
fuhr also fort:
    Liebe Mitbrger, wenn noch ein Tropfen redlichen und frommen Bluts in euern
Adern wallt, so schlaget Hand in Hand und sprechet: es soll und mu anders
werden! Woher kommt unser Verderben? Dahinten her kommt es, aus den
Wirthshusern! Da sind eure Lndereien in die Wein- und Bierfsser gefallen, und
eure Khe von den Spielkarten erschlagen. Da habt ihr das Sparen verlernt und
das Arbeiten vergessen. Armuth macht Diebsmuth, und Miggang ist des Teufels
Ruhebank. Das Geld eurer Vter ist verzehrt, und ihre Sonntagsrcke traget ihr
mit Lchern in den Aermeln. Habet ihr ein paar Kreuzer im Sack, trinket ihr
lustig, und Weib und Kind daheim hungern. Was soll daraus werden? - Ich frage
die Vorgesetzten! Wo ist das Vermgen der Gemeinde, und wie habt ihr
hausgehalten mit der Hinterlassenschaft unserer Vorfahren? Warum leget ihr keine
treue Rechnung ab, und gebet nicht aufrichtigen Rath, wie zu helfen sei? Warum
schmauset ihr lieber auf Gemeindsunkosten, statt der Gemeinde Gut zu sparen?
Warum verschlieet ihr nicht die Wirthshuser, und ffnet dafr Abzugsgraben fr
das Wasser im versumpften Gemeindswald oder bessert unsere halsbrechenden
Dorfwege ans? Warum machet ihr's den Leuten so leicht, wenn sie Geld borgen
wollen, und machet es ihnen so schwer, wenn sie sich vor dem Bettelstab retten
mchten?
    Wie Oswald so redete, schrien einige der Vorgesetzten: Schweig, du
Landstreicher und Taugenichts, oder wir schicken dich bei Wasser und Brod in den
Thurm, achtundvierzig Stunden lang! - Und die ganze Gemeinde brllte: Schweig!
Schweig!
    Aber Oswald erwiderte: Ihr habet Macht, mich in den Thurm zu werfen; aber
ich habe Macht, euch vor die hohe Landesregierung zu rufen. Wenn ich da eure
Wirthschaft aufdecke, wird euch bler zu Muth sein, als mir bei Wasser und Brod
ist. Ihr alle aber, Mitbrger, beweiset mir, da ich falsch rede, oder lstere.
Fraget eure Gewissen, ob das Gemeindegut vermehrt oder verheert ist? Fraget eure
Gewissen, ob ihr reicher oder rmer geworden seid; ob Treu und Glauben noch
unter uns gelten; ob Gottesfurcht und Menschenliebe unter uns herrschen, oder
hartherziger Eigennutz, Wucher, Lderlichkeit, Hinterlist, Tcke, Meineid und
falsches Wesen? Und wenn euer Gewissen keine Zunge hat, so schauet eure
zerfallenen Huser und Stlle, eure verwilderten Felder und Grten, eure leeren
Geldbeutel und Truhen, eure zerrissenen Kleider und Hemden an; die sind meine
Zeugen wider euch. Schauet eure armen verwahrlosten Kinder an, sie sind meine
Zeugen wider euch. Ihr habet mehr Sorgfalt fr eure Khe, Sue und Ziegen, als
fr eure Kinder; und Khe, Sue und Ziegen sind euch nicht so lieb, als euch
Schwelgerei und Spiel, Fra und Sauf sind.
    Oswald wollte noch mehr sagen; aber sie stieen ihn mit mrderischem Gebrll
vom Stein, und lieen ihn nicht mehr reden. Einige wollten die Hand an ihn
legen; aber er ergriff sie mit gewaltiger Faust und schleuderte sie gegen die
Andern, da sie mit den Kpfen zusammenschlugen. Er nahm einen gewaltigen
Stecken, und drohte den Ersten zu Boden zu schlagen, der sich ihm nhern wrde.
Das Geschrei gegen ihn ward immer lauter und wilder. Einige hoben Steine auf.
Oswald ging beherzt mit geschwungenem Prgel gegen den dicken Haufen, und mitten
durch denselben nach Hause. Er wusch sich, verband seine verwundete Stirn und
war ruhig.
    Da kam, bla wie der Tod, mit verweinten Augen Elsbeth und fragte: Oswald,
wie geht's dir? Und sie konnte vor Wehmuth nichts mehr sagen, und er trstete
sie und drckte sie gerhrt an sein Herz.

    5. Wie Oswald von seinen Feinden verfolgt wird, und was er dagegen thut.


Oswald hatte seit dem Tage, da er an die Gemeinde geredet, eitel Verdru und
Noth. Bse Buben warfen ihm Nachts die Fenster mit Steinen ein. In einer andern
Nacht hatten sie ihm sechs junge Obstbume abgebrochen, die er im Garten
gepflanzt hatte. In einer andern Nacht hatten sie ihm den Salat von den Beeten
gestohlen.
    Als er zu den Vorgesetzten ging und Klage fhrte, lachten sie hhnisch und
sprachen: Du httest wohl mehr Strafe verdient, wenn wir mit dir nach aller
Strenge verfahren wollten. Packe dich von hinnen, du Lstermaul!
    Oswald sagte: Wenn ihr mir gegen Bsewichter weder Recht noch Schutz
verleihen wollet, so machet in der Gemeinde bekannt, da ich mich selber zu
beschirmen wissen werde, und sich Jeder vor Schaden hten solle.
    Die Feinde aber fuhren fort, ihn zu plagen, doch nicht ohne ihren Schaden
und Schrecken. Denn als er eines Abends in der Mhle war, und sie es wuten, und
sich in seinen Garten schlichen, um ihm alles zu zerstren, geschahen pltzlich
aus den Fenstern seines Hauses zwei Schsse. Da liefen sie mit Entsetzen davon
und meinten, er msse den bsen Geist im Hause zum Wchter haben. Denn whrend
sie noch liefen, begegnete ihnen Oswald, der von der Mhle kam, und er packte
einen von ihnen und sprach mit donnernder Stimme: Warum habt ihr, wie Diebe, in
meinem Garten einbrechen wollen? Doch that er ihnen nichts zu leide. Ein
andermal, da schlechte Kerls ihm einen Possen spielen wollten, und nach
Mitternacht, vom Branntwein erhitzt, ber den Hag stiegen, der sein kleines Gut
umfing, wurden sie an den Fen blutig verwundet, da sie vor Schmerzen laut
aufschrien, und kaum ber den Hag zurck konnten.
    Diese und andere Geschichten verbreiteten im Dorfe groe Furcht, und es
wagte sich Keiner mehr des Nachts in die Gegend von Oswalds Haus.
    Er aber blieb freundlich gegen Jedermann, wie zuvor; gab dem Einen guten
Rath, dem Andern in der Noth ein Stck Geld. Doch that ihm der elende Zustand
der Gemeinde leid, und er begab sich eines Tages zum Pfarrer und klagte es.
    Der Pfarrer sprach: Ich bin Pfarrer, und habe hier nicht zu befehlen, und
kann mich in eure Hndel nicht mischen. Alles Unglck dieses Dorfes kommt daher,
da die Leute im Schlamm und Unflath der Snden untergehen. Sie fragen dem Worte
Gottes nichts nach, und verkrzen aller Orten das Einkommen meiner Pfrnde. Es
wird aber ein schweres Zorngericht des Herrn ber sie kommen, und die Langmuth
des Himmels nicht lnger ihren Snden nachschauen.
    Oswald sagte: Herr Pfarrer, mit Erlaubni, Ihr knnet doch, wenn ihr
wollet, Vieles zur Rettung der Gemeinde thun. Denn das Herz dieser Menschen ist
verwildert, weil ihr Verstand verfinstert ist. Wenn Ihr Euch der Schule annehmen
und die Jugend in guten Sitten und im christlichen Lebenswandel unterrichten
wolltet, da sie die Tugend lieben und das Laster scheuen lernte: es wrden die
guten Frchte der Besserung nicht ausbleiben.
    Der Pfarrer antwortete: Dafr ist der Schulmeister und nicht der Pfarrer.
Ich habe bei der Menge meiner wichtigen Amtsgeschfte keine Zeit dazu brig. Die
Gemeinde selbst ist Schuld, da sie keinen rechten Schulmeister haben kann, weil
sie ihn schlecht besoldet.
    Oswald sagte: Wohlehrwrdiger Herr Pfarrer, ein guter Hirt, der seine
Heerde wohl weidet, bekmmert sich auch um jedes Einzelne in derselben. Die
Leute sind unwissend, und verderbe oft blo aus Unverstand, weil sie nicht
wissen, wie sich helfen und ihre Sachen einrichten? Wenn Ihr nun bald zu dieser,
bald zu jener Haushaltung in migen Stunden ginget, und shet die Unvernunft
der armen Leute, die oft nur zu Grunde gehen, weil sie sich nicht recht zu
rathen wissen; - - shet, wie sich die armen Menschen nach und nach an ihr
Verderben gewhnen, bis sie von Haus und Hof getrieben werden; - shet, wie die
Kinder, erbrmlich verwahrloset, unmglich besser werden knnen, weil sie nur
das Schlechteste auf der Welt hren und sehen; - o, Herr Pfarrer, wenn Ihr nun
einmal ...
    Der Pfarrer unterbrach den Oswald in seiner Rede und schrie: Was ficht Euch
an? Wollet Ihr dem Pfarrer gute Lehren geben und Unterricht, was er als Pfarrer
zu thun habe? Hebet Euch weg von mir mit Euern Versuchungen. Ich bin ein
geistlicher Hirt, der fr die armen Seelen sorgt, und bete tglich fr sie. Aber
Ihr wollet mich, glaube ich, zum Sutreiber machen.
    Als der Herr Pfarrer so zornig sprach, ging Oswald von dannen und sein Herz
war sehr betrbt. Aber er konnte doch nicht ruhen, und dachte: es mu und soll
geholfen werden, und Gott wird mir beistehen.
    Und er legte Feierkleider an, nahm den Stab, und wanderte in die Hauptstadt
des Landes. Da ging er umher zu den obersten Staatsbeamten, von Haus zu Haus,
sein schweres Anliegen vorzubringen. Aber der eine von den Herren hatte ein
groes Gastmahl und konnte ihn nicht hren; der andere war spazieren gefahren
und konnte ihn nicht hren; der dritte sa eben beim Spieltisch mit den Karten
in der Hand und konnte ihn nicht hren; der vierte zhlte die eingegangenen
Zinsen und konnte ihn nicht hren; der fnfte fhrte ein junges Frauenzimmer zum
Tanzhaus und konnte ihn nicht hren. Endlich kam er zu dem letzten, der hrte
ihn an. Es war ein steinalter Mann mit einer weien Haarbeutelperrcke. Vor
diesem schttete Oswald sein Herz aus, sprach vom Elend seines Dorfes, von der
Schlechtigkeit der Vorgesetzten, von der Gleichgltigkeit des Pfarrers, von der
Unwissenheit des Schulmeisters.
    Darauf antwortete der alte Herr in der Haarbeutelperrcke ganz freundlich
und sprach zu ihm: Du Flegel, der du geistliche und weltliche Obrigkeit
verlsterst, packe dich und raisonnire nicht weiter, oder ich lasse dich ins
Zuchthaus bringen. Euer Herr Pfarrer ist ein vortrefflicher Mann, denn er ist
mein eigener Vetter.
    Mit diesem Bescheid verlie Oswald die Hauptstadt. Als er wieder auer dem
Stadtthor in die freie Luft kam, brach ihm das Herz, und er weinte laut.

                        6. Der neuerwhlte Schulmeister.


Als er am Nachmittag in das Dorf zurckkam, lie er keinen Menschen wissen,
warum er in die Hauptstadt des Landes gereiset, und wie es ihm da ergangen sei.
Vielmehr stellte er sich wohlvergngt und redete Jedermann freundlich an, selbst
seinen rgsten Feind, den Lwenwirth Brenzel, welcher im Dorfe der reichste
Mann, und im Gemeinderath der Vornehmste war. Der stand breitbeinig vor der
Hausthr, die Kappe schief auf dem Ohr, die Hnde ber den Bauch gefaltet, und
schaute gar gebieterisch rechts und links.
    Guten Abend, Herr Brenzel! rief ihm Oswald zu: Habt Ihr schon
Feierabend?
    Brenzel nickte vornehm mit dem Kopfe und sprach, ohne den Oswald anzusehen:
Ich verdiene meinen Taglohn, wenn ich mit der Hundspeitsche daheim bleibe und
die Bettler von meinem Hause treibe.
    Wie Oswald diese unchristliche Rede von einem Vorsteher der Gemeinde hrte,
welcher ein Vater der Armen, der Wittwen und Waisen sein sollte, lief es ihm
hei und kalt ber die Haut, und er verdoppelte seine Schritte, um davon zu
kommen. Desto mehr erquickte ihn, da er an der Mhle vorberging und er Elsbeth
sah, die schne Tochter des Mllers Siegfried. Sie sa auf der Bank vor dem
Hause im spielenden Schatten eines jungen Kirschbaumes und nhte neue Hemden.
Und sie ward feuerroth, wie sie den Oswald erblickte, reichte ihm die Hand
zitternd, lchelte ihn holdselig an, und ihre Augen glnzten von Thrnen.
    Warum weinest du Elsbeth? fragte Oswald erschrocken.
    Elsbeth wischte sich schnell die Augen, lchelte noch freundlicher und
sagte, indem sie den Kopf schttelte: Heute sag' ich dir's nicht, lieber
Oswald, du sollst es schon einmal erfahren. - Sie schien ihm schner und
zrtlicher, als er sie je gesehen. Aber wie viel er auch fragen mochte, er
erfuhr nicht, warum sie geweint habe.
    Darauf fragte ihn Elsbeth: Du aber bist in der Hauptstadt gewesen. Gelt, da
hast du dir ein paar lustige Tage gemacht, wohl gar mit den schnen
Stadtjungfern getanzt? Wie? - Oswald, du seufzest? Ei, ei, Oswald, das will mir
nicht gefallen. Nun hast du Heimweh zur Stadt, und in unserm armen Drflein ist
es dir nicht mehr schn genug.
    So sprach sie, und er schlug traurig die Augen nieder, ohne zu antworten. Da
trat sie nher, nahm seine Hand in die ihrige, und sagte wieder, mit einer
zitternden Stimme, die man kaum hrte: Oswald, lieber Oswald, was fehlt dir!
Sage mir auch ehrlich: was qult dich?
    Kind! rief Oswald und schlug die Augen gen Himmel auf: Gott wei es, ich
knnte glcklich sein, und ich bin es, und in der Welt nirgends mehr, als bei
dir, denn du bist herzgut. Aber mich jammern die Menschen, denn ich kenne ihrer
so viele, und die meisten sind herzschlecht. Sieh nur an das Elend der Leute in
unserm armen Goldenthal. Es wrde doch so wenig kosten, sie wieder zu erretten.
Aber man macht die armen Leute, Gott erbarm's, zum Vieh, und den hartherzigen
Reichen ist das eben recht. Die Ortsvorsteher haben ihre Stellen nur, um ihren
Hochmuth zu kitzeln, und gewaltig zu sein, und sich allerlei Vortheil zu machen.
Sie betrgen die Waisen, und plndern die Wittwen, und haben kein Gefhl und
kein Gewissen. So wird es im Dorfe immer schlechter, die Noth der meisten
Haushaltungen immer grer, und Keiner hilft. Wir haben eine Regierung - Gott
sei's geklagt! Die Herren wollen nur regieren, um zu stolziren und sich
Vortheile zu machen; aber des Volkes Noth aus dem Grunde zu heilen, das hlt
Keiner fr seine Pflicht und Schuldigkeit. Es ist bei Allen nur auf Grothuerei,
Lustbarkeit und Geld abgesehen. Da wollen sie nur ihre Familien bereichern,
ihren Shnen und Vettern aufhelfen; da wscht eine Hand die andere, da hackt ein
Rabe dem andern die Augen nicht aus, und das Land wird immer elender; und das
kmmert die Herren nicht. Sie lassen sich noch dazu fr ihre Weisheit und groe
Gnade loben, so niedertrchtig und schamlos sind sie.
    Elsbeth sagte: Ach, Oswald, herzlieber Oswald, warum grmt dich doch das?
Es ist ein gerechter Gott im Himmel, der wird die richten, die ihre Pflichten
verachten. Du bist ja unschuldig an dem Elende des Volkes. Warum grmst du dich
doch?
    Oswald sagte: Kann mir denn wohl sein in der Hlle, wo ich die
Abscheulichkeit der Teufel und die Pein der armen Seelen sehen soll? So kann mir
auch nicht wohl sein auf Erden, wo ich die Schndlichkeit der Herren in den
Stdten, und die Schndlichkeit unserer groben, stolzen Dorfknige sehe, die das
arme Volk noch tiefer in den Koth und Staub niedertreten, statt es
hervorzuziehen, wie ihre Schuldigkeit wre. Wenn dann die Unglcklichen aus
Verzweiflung zuletzt Verbrecher werden, betrgen und stehlen oder gar morden,
lt man sie recht rhrend und feierlich hinrichten; oder wenn sie sich aus
ihren Kindern weniger als aus ihrem Vieh machen, lacht man recht vornehm dazu.
Ist das nicht ein Vorspiel der Hlle? Und sind nicht unsere meisten Goldenthaler
durch ihre Armuth fast dem Vieh gleich geworden, roh, ekelhaft, grob,
unreinlich, gefhllos? Und sind sie nicht durch die Laster der Armuth noch
schlechter als das Vieh geworden, nmlich znkisch, schlgerisch,
verleumderisch, schadenfroh, diebisch, trg, nur aufgelegt zum Fressen und
Saufen?
    Elsbeth sagte: Der alte Schulmeister hat auch vom Saufen den Lohn davon.
Vorgestern Nachts kam er betrunken vom Adlerwirth und zu nahe an den Weiher,
strzte ins Wasser und ertrank. Gestern Morgens fand man ihn. Heut ist er
begraben. Zum Glck hat er nicht Weib noch Kind.
    Diese Nachricht hrte Oswald nicht ohne Bestrzung. Er fragte noch dies und
das. Er schien etwas Wichtiges zu berlegen, und ging gedankenvoll nach Hause.
Elsbeth begriff nicht, was ihm so pltzlich durch den Kopf geflogen war. Aber
sie erfuhr es am nchsten Sonntag.
    Da wurde die Gemeinde nach vollendetem Gottesdienst zusammenberufen, weil es
um die Erwhlung eines neuen Schulmeisters zu thun war. Oswald ging auch an die
Gemeinde. Elsbeth stand in der Ferne bei den Weibern und Tchtern. Sie hatte
groe Angst, da Oswald reden werde, was den Leuten mifallen knnte, und darum
ihren Vater gebeten, den Oswald, wenn er aufbrause, zu besnftigen. Auch kam der
Mller Siegfried dem Oswald nicht von der Seite.
    Der erste Vorsteher, Herr Brenzel, erffnete der Gemeinde, um was es zu thun
sei, und sagte: Weil der Schulmeisterdienst erledigt und ein geringer Dienst
mit vieler Mhe sei, indem die Besoldung nur aus vierzig Gulden bestehe, sei es
ein Glck, da er der Gemeinde einen wackern Mann vorschlagen knne, der das Amt
annehmen wolle. Das sei der Schneider Specht, dessen Profession schlecht ginge,
und der ihm mtterlicher Seits etwas verwandt wre.
    Darauf schlug der Adlerwirth Kreidemann, als zweiter Vorsteher, seinen armen
Vetter, den lahmen Geiger Schluck vor, der um so eher Vorzge verdiene, weil er,
statt vierzig Gulden zu nehmen, wegen Drftigkeit der Gemeinde mit
fnfunddreiig zufrieden sein wolle.
    Der Schneider Specht, als er sah, da sich die meisten Bauern fr den Geiger
erklren wrden, sagte demselben alle Snd' und Schande, und erbot sich, mit
dreiig Gulden zufrieden zu sein. Der Geiger ward darber so erboset, da er den
Specht einen Dieb und Ehebrecher und meineidigen Schelm hie, und sich fr
fnfundzwanzig Gulden zum Schulmeister antrug. Der Schneider erklrte, den
Geiger wegen seiner Schimpfreden vor Gericht zu ziehen; aber um so geringen Lohn
wolle er nicht schulmeistern.
    Da sich nun weiter zu dem Dienst Niemand meldete, weil sich kein Ehrenmann
zu einer Stelle hergab, die von jeher verachtet und nur von Leuten gesucht war,
die sonst nichts hatten, so war die Gemeinde schon entschlossen, sie dem
Schluck, als einen Nebenverdienst, zu geben. Denn dieser konnte doch nothdrftig
schreiben und lesen.
    Aber nun drngte sich Oswald hervor, ward bla und roth im Gesicht und rief:
Dem Kh- und Suhirten, der euer Vieh auf die Weide treibt, gebet ihr bessern
Lohn, als dem Schulmeister, der eure Shne und Tchter in Gottesfurcht und
ntzlichen Dingen unterrichten soll! Eure Kinder sind Menschen, geschaffen, ein
Ebenbild Gottes zu sein, aber nicht euer Vieh. Schmet ihr euch nicht der Snde,
die Ihr thut? - Aber ich wei gar wohl, der Gemeindsseckel ist immer leer, wenn
fr das Ntzlichste gesorgt werden soll, und Schulgeld knnen die armen Leute
nicht zahlen, die kaum Erdpfel und Brod und Salz haben. So will ich denn ein
Uebriges thun, und ich biete euch an, Schulmeister zu werden, und verlange gar
keinen Lohn. Ich sage noch einmal, ich will Schulmeister sein, es soll weder der
Gemeinde noch den Haushaltungen einen Kreuzer kosten!
    Die Leute sahen sich einander verwundert an und den Oswald. Einige wollten
ihn nicht haben und sagten, er knne oder wolle die armen Seelen der Kinder
vielleicht dem Teufel verkaufen. Aber die Meisten bedachten, da kein Anderer
den Dienst so wohlfeil bernhme, und lrmten und schrieen, Oswald solle
Schulmeister sein. Also wurden die Stimmen abgehrt und Oswald wurde zum
Schulmeister erwhlt.
    Als dies Elsbeth hrte, wollte sie vor Scham und Bestrzung in die Erde
sinken. Denn im Dorfe war, auer dem Dorfwchter und dem Suhirten, Keiner
geringer gehalten, als der Schulmeister. Sie rannte ganz auer sich zur Mhle,
als wre ihr das grte Unglck und die bitterste Schmach widerfahren. Auch der
ehrliche Mller Siegfried schttelte rgerlich den Kopf und sagte: Ich glaube,
der Oswald ist im Kopfe verrckt.
    Jedoch Oswald blieb bei seinem Entschlu. So ward er von dem Gemeinderath
nach Vorschrift der obrigkeitlichen Schulpflege in Vorschlag gebracht. Er mute
sich in der Stadt prfen lassen, und weil er eine zierliche Hand schrieb, im
Rechnen mehr verstand, als fr Bauern nthig zu sein schien, ward er frmlich
besttiget.

                           7. Wie Oswald Schule hlt.


Elsbeth, Elsbeth, qule mich nicht mit deiner Unzufriedenheit und deinem
niedergeschlagenen Wesen! sagte Oswald zu der betrbten Tochter Siegfrieds:
Siehe, die Alten sind verderbt und kaum zu bessern. Vielleicht kann ich unser
armes Dorf wieder durch gute Erziehung der Kinder in Ansehen und Ehren bringen.
Andern Weg gibt es nicht. Ein Dorfschulmeister ist freilich ein geringer und
verachteter Mann; aber wie tief hat sich doch unser Herr und Heiland erniedrigt,
um die Menschen zu bessern, zu belehren und selig zu machen. Htten wir auch
verstndige und gewissenhafte Regierungen, denen es weniger um ihre, als um des
Volkes Wohlfahrt zu thun wre, fr die sie eigentlich da sind, so wrden sie
mehr Sorgfalt und Achtung fr die Landschullehrer, als fr die Professoren an
den hohen Schulen beweisen. Aber so ist es einmal nicht in der verkehrten Welt;
Alles sieht und zieht nach oben, und versumt, was unten ist. Darum wird es
meistens oben zu schwer, und unten zu leicht, und viele Thronen stehen auf
schwachen Fen.
    Ach Oswald, Oswald! rief Elsbeth: Du weit nicht, wie bel du gethan
hast! Sie sagte jedoch nicht warum.
    Inzwischen, sobald die Wintertage kamen, fing Oswald mit der Schule an. Den
ersten Tag stellte er sich vor die Hausthre und empfing daselbst die
Schulkinder. Hatten sie kothige Schuhe, muten sie dieselben erst mit Stroh rein
fegen, und die Sohlen abkratzen am Eisen vor der Hausthre, damit sie den
saubern Fuboden des Zimmers nicht besudelten. Dann reichte er jedem zum
Willkommen freundlich die Hand. Waren aber die Hnde unreinlich, muten sie erst
zum Brunnen und Gesicht und Hnde waschen. Waren ihre Haare nicht zierlich
gekmmt, schickte er sie in ihre Huser zurck, sich kmmen zu lassen. Die aber,
welche reinlich und wohlgekmmt erschienen, kte er freundlich auf die Stirn.
    Die Buben und Mgdlein wunderten sich sehr; einige schmten sich, andere
lachten, noch andere weinten. So etwas war ihnen nie widerfahren.
    Den zweiten und dritten Tag stand Oswald wieder vor der Hausthre, und so
noch manchen Tag, bis alle so suberlich zur Schule kamen, wie er es befohlen
hatte. Nachher empfing er sie im Schulzimmer. Wer dann mit unreinlichem Haare
und Gesicht oder unsaubern Hnden und Schuhen kam, ward zum Gelchter Aller auf
einen Tritt zur Schau gestellt, und nachdem er eine Stunde da gestanden war,
heimgeschickt, um sich reinigen zu lassen.
    Viele Leute im Dorfe verdro das; allein sie hatten in der Schule nichts zu
befehlen, und muten geschehen lassen, wie es Oswald wollte. So kam es, da in
wenigen Wochen die Schulkinder, gro und klein, arm und reich, alle uerst
reinlich am Leibe wurden, wenigstens so lange sie beim Schulmeister waren.
    Oswald lie es aber dabei nicht bewenden. Nachdem die Kinder ein Vierteljahr
lang zur Ordnung gewohnt waren, gab er auf die Reinlichkeit der Kleider Acht.
Schmutz, Staub und Koth durften nicht daran haften, wenn auch die Kleider alt
und zerrissen waren. Letzteres verzieh er; das war nicht der Kinder Schuld. Wer
die ganze Woche am reinlichsten erschienen war, sowohl in der Schule, als auer
derselben, im Dorfe, auf den Gassen, in der Kirche, auf den Feldern, ward sein
Liebling. Dem gab er die erste Woche ein Bild, oder ein Stcklein Seidenband,
oder einen Bogen feines Papier zum Briefschreiben; die andere Woche abermals ein
kleines Denkzeichen seiner Freundschaft; zuletzt ffentlich vor Allen einen Ku
auf den Mund, und das gekte Kind empfing das Recht, am Sonntag mit Oswald
spazieren zu gehen, oder wenn es schneite und unfreundliches Wetter war, bei ihm
zu sein und sein groes Bilderbuch zu besehen, aus welchem Oswald schne
Geschichten zu erzhlen wute.
    Oswald war ein Mann, der sich auch bei Erwachsenen in Ansehen zu setzen
wute, der zwar nie schwor und fluchte, aber keinen frchtete; kein Wunder, da
alle Kinder Hochachtung fr ihn empfanden, und ihn zuletzt fast mehr lieb
hatten, als sie ihre Aeltern liebten. Da htte man sehen sollen, wie ihm alle
mit Ehrfurcht schmeichelten; wie freundlich sie zu ihm liefen, wenn er ihnen
begegnete; wie sie ihm seine Wnsche aus den Augen zu lesen suchten; wie ein
Wink genug war zum freudigen Gehorsam.
    Das war den Bauern in Goldenthal ganz unbegreiflich, um so mehr, da dieser
Schulmeister sich weder des Haselstockes, noch der Birkenruthe bediente. Manche
Leute wurden ngstlich und erzhlten sich die Historie von einem Ratzenfnger zu
Hameln, der auch die Kinder an sich zu locken gewut, und endlich alle in die
Hhle eines Berges gefhrt habe, wo sie mit ihm verschwunden seien. Einige alte
Bauernweiber sagten ffentlich, das ginge nicht mit rechten Dingen zu, und
riethen, man solle keine Kinder mehr zum Schulmeister lassen. Doch dazu kam es
nicht.
    Oswald aber redete und sprach: Reinheit des Herzens ist die Gesundheit der
Seele; Reinlichkeit des Leibes ist die Gesundheit des Krpers. Die Thiere mgen
sich wlzen im Koth, aber der Mensch als Gottes Ebenbild, soll sich rein erheben
zum reinen Himmel. Solches mu der Anfang aller Kinderzucht sein, da die
Kindlein wissen, sie seien Menschen und viel besser als Thiere. Dann ist aus
ihnen Alles zu machen; aus den Thieren lt sich nichts machen.
    Ferner redete Oswald und sprach: Ein Schulmeister, welcher nicht einmal
versteht, die zarten Kinderherzen durch Ernst und Liebe zu leiten, da sie ihm
willig folgen, der versteht sein Handwerk schlecht. Und man sollte billig den
Stock auf des Schulmeisters Rcken zerschlagen, womit er die Kinder zchtigt,
als htte er Affen, Hunde und andere Thiere abzurichten, die keine Vernunft und
kein menschliches Herz haben.

                      8. Was ferner in der Schule vorgeht.


Es ging aber ein Geschrei im Dorfe, der Oswald verfhre die Kinder, und bringe
ihnen eine neue Religion bei, und die Kinder knnen nichts bei ihm lernen. Denn
es sei erschrecklich anzusehen, wie die Kinder alltglich daran treiben, um in
die Schule zu kommen, da doch sonst die Jugend nicht gern mit dem Schulgehen zu
thun hat; das sei wider die Natur. Desgleichen sei es den ganzen Tag in dem
Schulhause todtenstill, wie in einer Kirche, wo man sonst Lrmen und Geschrei
der Lernenden weit hinaus ber das Dorf seit Menschengedenken gehrt habe;
selbst in den Singstunden tne es nur wie Bienengesumse. Ferner vernehme man,
da beim Gebet rgerliche Neuerungen vorfallen, und da die Kinder zur Hexerei
angeleitet wrden, wozu sie schon die verdchtigsten Zeichen malen lernten.
    Diese und andere Reden gelangten endlich selbst vor die Ohren des Herrn
Pfarrers und der hochobrigkeitlichen Schulrthe in der Stadt. Und weil in der
That Niemand wute und begriff, was der Oswald treibe, ward zur Untersuchung und
Abhlfe der Beschweren eine Kommission abgeordnet, die aus zwei Herren von der
Stadt und dem Herrn Pfarrer bestand. Diese traten eines Morgens unerwartet, ehe
die Schule angefangen war, zum Oswald und sagten, was ihr Auftrag sei, und er
solle in ihrer Gegenwart lehren, wie er gewhnlich thue.
    Da nun die Kinder einzeln ankamen, war auch in armen und zerrissenen
Kleidern Sauberkeit und Ordnung lieblich zu schauen, und wie alle erst zum
Schulmeister gingen, ihm die Hand kten, dann sich still zu ihren Sitzen
begaben, wo sie frhlich mit einander flsterten und auf die Fremden schauten.
Es waren der Kinder in allem fnfundfnzig; die Knaben saen auf der einen, die
Mgdlein auf der andern Seite.
    Nachdem sie Alle versammelt waren, sprach Oswald mit lauter Stimme: Ihr
lieben Kindlein, lasset uns vor allen Dingen erst vor dem allgegenwrtigen
lieben Gott, unserm Vater, uns demthigen, und ihm unsere Gedanken und Bitten
ehrfurchtsvoll vortragen. Und wie er dies sprach, falteten alle fnfundfnzig
Kinder ihre Hndlein und sanken auf die Knie, still vor sich zur Erde schauend.
Auch Oswald kniete nieder; und der Herr Pfarrer und die Rathsherren aus der
Stadt, da sie alles sich demthigen sahen vor dem Ewigen, folgten dem Beispiel
Aller und knieten auch. Dann las der Schulmeister ein schnes, rhrendes Gebet,
welches vor ihm auf dem Stuhle lag. Es war so verstndlich abgefat, da es auch
dem Verstande des kleinen sechsjhrigen Kindes begreiflich war. Das bewegte das
Herz eines der Rathsherren so tief, da ihm die Augen voller Thrnen wurden.
    Dann standen Alle auf, und die Aeltesten der Schule, indem sie auf eine mit
Noten und Worten beschriebene schwarze Tafel sahen, sangen mit sanfter Stimme
vierstimmig ein schnes Morgenlied. Die Kleinen sumseten den Gesang fr sich
ganz leise nach. Darauf lasen die bessern Leser aus einem Buche, abwechselnd
einen frommen Vers; jede Zeile aber ward von der ganzen Schule mit halblauter
Stimme nachgesprochen, dann das Buch geschlossen, und erst von der Schule, dann
wieder von einzelnen Kindern, die Oswald aufrief, der fromme Vers auswendig
hergesagt.
    Nach diesem wandten sich die Kinder in vier Haufen nach vier verschiedenen
Seiten vor eben so viele schwarze Tafeln, auf welchen theils lateinische, theils
deutsche Buchstaben, theils Sylben, theils ganze Zeilen in groer Vorschrift
geschrieben zu sehen waren. Alle schrieben und malten auf Rechentafeln mit Dinte
und Feder die Vorschriften nach. Oswald ging von Kind zu Kind, belobte das eine,
belehrte das andere, lie das dritte Feder und Griffel besser halten, und
dergleichen mehr.
    Nach einer Stunde theilten sich die Kinder wieder in vier Haufen, und man
sah statt eines Schulmeisters vier Schulmeister. Denn die, welche am besten
lesen konnten, stellten auf den schwarzen Tafeln gedruckte lateinische oder
deutsche Buchstabe einzeln oder in Sylben oder ganzen Stzen auf, wie Oswald es
angab. Die Buchstaben waren auf Pappe geklebt, beweglich und einzeln. Dann sah
Oswald nach, ob Alles recht gemacht sei; und jeder der kleinen Schulmeister lie
seinen Haufen die Buchstaben, die Sylben, die Wrter und Stze sprechen mit
halblauter Stimme. Keiner strte den Andern. Oswalds Auge und Ohr war bei Allen,
und mit leiser Stimme half er bald links, bald rechts nach.
    Und abermals nach einer Stunde vertheilten sich die Haufen, und statt der
Buchstaben kamen Zahlen und Rechenexempel auf die schwarzen Tafeln, und neue
Lehrmeister und Lehrmeisterinnen dazu; und die Einen sprachen Zahlen zusammen,
die Andern addirten, die Dritten subtrahirten, die Vierten sagten das
Einmaleins, und so weiter. Den besten Rechnern gab Oswald geschriebene Exempel,
die rechneten fr sich. Am Ende sagte Jeder an, was er herausgebracht. Oswald
sah in einem Bchlein nach, worin die gelsten Aufgaben standen, und sagte auf
der Stelle, ob recht oder falsch.
    Gar bewundernswrdig war die Stille, die Ordnung, die Lernbegierde Aller. So
etwas hatten die Rathsherren und der Pfarrer in ihrem Leben noch nicht gesehen.
    Als nun so der Morgen vollbracht war, begaben sich die Kinder, den
Schulmeister und die Fremden grend, still hinweg. Drauen aber war frohes
Gelchter und lauter Jubel der Kleinen.
    Und Nachmittags sah man in der Schule die Kinder wieder vor den schwarzen
Tafeln. Da zeichneten sie knstliche Figuren von geraden und krummen Linien auf
ihren Rechentafeln und Papieren, einige sogar schon Umrisse von Blumen und
wunderbaren Gefen. Dies gethan, lasen die besten Leser aus einem Buche lustige
und lehrreiche Geschichten und Gesprche vor. Da htte man die Freude der Kinder
sehen sollen ber alles das, was sie hrten. Dann befahl Oswald denen, die am
besten schreiben konnten, die angehrte Geschichte aufzuschreiben und ihm morgen
zu bringen, doch keine Fehler gegen die Rechtschreibung zu begehen. Zuletzt
nannte Oswald ffentlich mit Lobspruch die Namen derer, die an diesem Tage ihre
Sache am besten gethan. Und weil derselben sechs waren, machte er Allen die
Freude, ihnen noch eine Stunde lang etwas Schnes zu erzhlen. Und er erzhlte
ihnen eine ganz erschreckliche Geschichte von einem Manne, der in der strengsten
Winterklte auf der Landstrae schlfrig geworden und erfroren sei, da man ihn
todt in ein Dorf gebracht; und wie unwissende Bauern ihn haben sogleich in eine
warme Stube legen und aufthauen wollen. Aber ein geschickter Arzt sei gekommen,
habe den Erfrorenen entkleidet und bis an die Nase in Schnee vergraben, nachher
sogar in eiskaltes Wasser gelegt, da um die Gliedmaen dnnes Eis geworden;
dann habe er den Leib in kalte Betten in ein ungeheiztes Zimmer gebracht, mit
Wollentchern stark gerieben, bis der Todtgeglaubte wieder zum Leben gekommen
wre. Wie das zugegangen, erklrte Oswald Alles.
    So war der Schultag zu Ende.

            9. Von der Sonntagsschule, und dem Vorfall in der Mhle.


So und auf andere Weise unterrichtete Oswald die Schulkinder; alle Tage hatte er
etwas Neues fr sie. Die Rathsherren und der Herr Pfarrer gaben ihm groe
Lobsprche und nannten ihn den vortrefflichsten Schulmeister im Lande. Das
konnten die Bauern in Goldenthal nicht begreifen, und sprachen unter einander:
Wie will's doch der Oswald besser verstehen, als die alten Schulmeister, die
wir in unserer Jugend gehabt? Aber er kann allerlei Blendwerk machen, und hat es
selbst dem Pfarrer und den Rathsherren angethan. Ganz richtig ist es mit ihm
nicht!
    Im Sommer war zu Goldenthal nie Schule gehalten worden; denn die grern
Kinder muten den Aeltern in Feld- und Hausgeschften helfen. Aber Oswald nahm
auch im Sommer die Kleinern zu sich, und unterrichtete sie einige Stunden, und
gab ihnen bei sich zu spielen, oder kleine Geschfte in seinem Garten und Feld,
wohin sie ihn begleiteten und Steinchen aus dem Acker trugen, Unkraut jteten
und dergleichen. Als das die andern Kinder sahen, baten sie Oswald beweglich,
sie nicht zu vergessen, und er nahm sie, wenn Feierabend war, auch noch zu sich
und setzte den Unterricht mit ihnen fort. An Sonn- und Festtagen ging er mit
ihnen sogar spazieren in Feld und Wald; zeigte ihnen die giftigen Kruter und
erzhlte gruelhafte Geschichten davon; oder er erzhlte ihnen vom Leben und der
Haushaltung der Thiere, der zahmen und wilden; von den Quellen, Strmen und
Meeren; von den Bergen und Hhlen; von den Lndern und Menschen auf Erden; von
den Sternen, und wie weit sie von uns entfernt wren und wie gro. Das hatte er
Alles gesehen und in Bchern gelesen.
    Als das die groen erwachsenen Bursche im Dorfe sahen, bekamen einige Lust,
Sonntags ebenfalls bei Oswald zu sein. Und er erlaubte es ihnen, denn ihre groe
Unwissenheit jammerte ihn. Und er lehrte sie noch allerlei, und gab ihnen auf,
was sie in migen Stunden der Woche zu Hause lesen, rechnen und schreiben
muten. Das ging er dann Sonntags mit ihnen durch. So ward es eine wahre
Sonntagsschule. Und es kamen immer mehr junge Leute dazu. Wer aber nicht sehr
reinlich einherging, wer die Wirthshuser besuchte, wer Karten spielte, wer
jemals schwor und fluchte oder einen Raufhandel hatte, den stie er von sich. Er
war ihr Schiedsrichter, und that doch immer, als wre er Ihresgleichen. Sie
halfen ihm dankbar auch in der Woche gern bei der Feldarbeit, ohne da er es
forderte.
    Die jungen Leute aber, welche es mit Oswald hielten, wurden von ihren
Kameraden im Dorfe ausgelacht und verspottet; man hngte ihnen Uebelnamen an,
hie sie Schulmeister und Gelehrte, und spielte ihnen allerlei Possen. Und die
Gemeindsvorsteher sahen es gern, wenn man den Oswald und seine Freunde
verfolgte; denn sie frchteten, er wolle sich Anhang machen, um einst an ihre
Stelle gewhlt zu werden. Darum sagten sie ihm alles ersinnliche Bse nach, und
wiegelten bei jeder Gelegenheit die Bauern und deren Weiber gegen ihn auf. -
Oswald kam daher auch zu Niemanden; nur regelmig besuchte er die Mhle, wo er
allezeit willkommen war.
    Wie er aber eines Abends in die Mhle kam, fand er die lieben Leute darin
alle mit verstrten Gesichtern. Der alte Siegfried war still und nachdenkend,
die Mllerin kalt und verdrielich, im Hause umherfahrend und die Thren hinter
sich zuwerfend; Elsbeth hatte rothgeweinte Augen.
    Sobald Oswald mit Elsbeth allein war, sprach er: Welches Unglck ist hier
geschehen, und welcher bse Geist ist in dieses Haus des Friedens eingezogen?
Ihr Alle seid wie verwandelt. Sage mir, Elsbeth, was ist vorgegangen.
    Elsbeth antwortete mit zitternder Stimme: Gott sei's geklagt, Oswald, ich
mu es dir sagen. Ja es mu heraus. Ich bin recht unglcklich. So sprach sie,
und konnte vor Weinen und Schluchzen nicht weiter sprechen.
    Nachdem er sie beruhigt hatte, sagte sie: Nun ist's ein Jahr, Oswald, da
fandest du mich mit verweinten Augen und fragtest mich, und ich sagte dir's
nicht. Damals war der Lwenwirth Brenzel zu uns gekommen, und hatte bei meinem
Vater und meiner Mutter um mich angehalten fr seinen Sohn, der schon eine Mhle
im Dorfe Altenstein hat. Und Vater und Mutter hatten nichts dagegen, denn der
Lwenwirth ist der reichste Mann im Dorf, und erster Vorsteher der Gemeinde, der
uns viel schaden und ntzen kann; und mein Vater will keinen Schwiegersohn, als
einen Mller. Ich aber sagte, ich sei noch jung, und wolle noch ein Jahr warten,
und blieb dabei, und sie richteten bei mir nichts aus. - Nun ist das Jahr
vorbei, und auf den Tag kam der Lwenwirth mit seinem Sohne wieder. Sie haben
bei uns gespeiset, und Vater und Mutter hatten mit dem Lwenwirth schon alles in
Richtigkeit gebracht, und die Verlobung sollte heute geschehen. Aber ich habe
gesagt, ich wollte mich nie verheirathen, und bin dabei geblieben. Denn der
junge Brenzel ist ein wster Gesell, gleichwie sein Vater ein harter und wster
Mann ist. Nun ist im Hause Unglck und Herzeleid.
    Als Oswald dies hrte, ward er sehr unruhig. Er ging im Zimmer schweigend
auf und ab. Er selber hatte sich im Stillen Hoffnung gemacht, da Elsbeth einmal
seine Frau werden msse. Dann trat er mit hastigen Schritten zu ihr und sagte:
Elsbeth, liebe Elsbeth, du willst dich niemals verheirathen? So will auch ich
ohne Weib bleiben mein Lebenlang, denn ich htte kein anderes gewhlt, als dich.
Und ich habe dich allezeit mehr geliebt als mich selber, und hoffte immer, du
wrdest mir noch recht gut werden.
    Da sank Elsbeth weinend an die Brust Oswald und sprach mit gebrochener
Stimme: Ach Oswald, Gott wei es, du bist mir allzulieb geworden, mehr denn
recht ist. Aber mein Vater ist reich, und will einen reichen Sohn haben, und
ndert seinen strengen Sinn nicht. Du aber bist nur ein geringer Schulmeister,
und kannst noch lange keine Frau ernhren.
    Da schlo Oswald die gute, weinende Elsbeth in seine Arme, und drckte den
ersten Ku auf ihre Lippen und sagte: Nun bist du meine Braut und Verlobte, und
keine Macht auf Erden soll dich wieder von mir nehmen. Frchte dich nicht, du
Holdselige, denn nun gehrst du mir an.
    Und er ging hinaus, den alten Siegfried und die Mutter zu suchen. Und
Elsbeth hrte sie alle sehr laut und heftig mit einander reden, aber verstand
nichts. Und sie zitterte vor groer Angst, und wute in ihrer Noth keinen Rath.
Da fiel sie an der Fensterbank auf ihre Knie, und faltete ihre Hnde und betete
inbrnstig mit thrnenvollen Augen zum Himmel, whrend die Andern stritten. Und
als es ihr leichter ums Herz ward und sie aufstand, sah sie drauen den Oswald,
begleitet vom Vater und der Mutter, von der Mhle weg ins Dorf gehen.
    Das vermehrte die Furcht und Angst ber die Maen. Keiner in der Mhle
wute, wohin die Aeltern mit dem Oswald gegangen. Sie wute aber wohl, Oswald
war hitzig und aufbrausend, und konnte gegen die Aeltern gefehlt haben und mit
ihnen vor den Richter gegangen sein, und das war der Lwenwirth! In bergroem
Kummer betete sie viel fr Oswald und sich.
    Es war zehn Uhr Nachts, da hrte sie drauen Gerusch. Es kamen Vater und
Mutter mit Oswald. Und Siegfried nahm seine Tochter und sprach: Elsbeth, du
hast also den Oswald lieb? Sie antwortete und sprach: Kann ich dafr? Ihr
hattet ihn ja auch lieb. Da legten die Aeltern die Hnde Oswalds und Elsbeths
in einander und segneten die Beiden als ihre Kinder. Elsbeth war ganz
erschrocken, und wute nicht, ob sie trume.

                      10. Oswald kommt in schlechten Ruf.


Als am folgenden Sonntag in der Kirche der Schulmeister Oswald und Elsbeth als
Brautleute von der Kanzel herab verkndet wurden, da rissen die Goldenthaler
Bauern die Augen gewaltig auf, und die Weiber zischelten bestndig einander
etwas in die Ohren, und der Lwenwirth ging aus der Kirche, wie ein grimmiger
Lwe, und schwor, er wolle nicht ruhen, bis er den meineidigen Mller sammt
seinem ganzen Hause und dem Schulmeister zu Grunde gerichtet, aus dem Dorfe
vertrieben und Alle ins Zuchthaus gebracht htte oder an den Galgen.
Nichtsdestoweniger feierten Oswald und seine Elsbeth nach drei Wochen in der
Mhle sehr vergngt ihre Hochzeit, dem grimmigen Lwen zum Trotz.
    Und als die Neuvermhlten Abends aus der Mhle heim kamen in Oswalds Hans,
fiel Elsbeth ihrem Manne um den Hals und sagte: Ach Gott, wie bin ich so
glcklich! Ich kann noch nicht daran glauben, da Alles wahr sei. Und man sagt
wohl, es gibt betrbte, belgerathene Ehen; knnten wir auch wohl Beide jemals
aufhren, uns lieb zu haben, und knnten wir jemals wnschen, lieber getrennt,
als ewig verbunden zu sein?
    Oswald antwortete und sprach: Wir werden Beide mit einander glcklich sein,
so lange wir leben auf Erden; aber wir mssen ein dreifaches Gelbde thun. Und
so lange wir es redlich halten, wird Eintracht und Segen Gottes in unserer Ehe
sein. Von heute an lebst du fr mich, und ich lebe fr dich; und wir wollen nie
vor einander das geringste Geheimni haben, und selbst wenn wir gefehlt haben,
es uns einander sogleich offenbaren. Dadurch werden wir manchen Fehltritt und
manches Miverstndni verhten, das oft schmerzliche Folgen haben kann. Dann
aber wollen wir von unsern huslichen Sachen Niemandem, auch Vater und Mutter
nichts offenbaren, da Niemand in unsern Dingen reden knne, oder sich zwischen
uns drnge. Nur so gehren wir Beide uns ganz an, als wren wir allein in der
Welt. Endlich wollen wir niemals gegen einander bse werden, und nicht einmal
zum Scherz mit einander bse thun; denn aus Neckerei wird oft Ernst, und was man
zuweilen thut, daran gewhnt man sich leicht.
    So sprach Oswald. Und Beide thaten sich einander gegenseitig das Gelbde vor
Gott. Und wie sie den Bund mit einem Ku besiegelten, stieg vor dem Hause in
nchtlicher Stille ein sanfter schner Gesang von vielen Stimmen empor. Das
waren Oswalds Schler und Schlerinnen im Gesang, die doch auch ihrem Lehrer
eine Freude machen wollten. - Und wie die Neuvermhlten folgenden Morgens
aufgestanden waren, sahen sie viele Mnner, Weiber und Kinder in der Ferne
zusammengelaufen stehen, und auf das Haus schauen und darauf zeigen. Oswald
ffnete neugierig das Fenster, und sah sein ganzes Haus wunderbar mit
Blumenkrnzen und Blumenschnren umhngt und umsponnen. Das hatten in der Nacht
still und heimlich seine Schler und Schlerinnen gethan. Auch die kleinsten
Kinder hatten dazu Feld- und Gartenblumen gesammelt. So lange das Dorf
Goldenthal auf Erden war, hatte man dergleichen nicht erlebt, und als Oswald
wieder zur Schule ging, kamen am ersten Tage nach seiner Hochzeit alle Kinder,
gro und klein, reich und arm, und hatten sich mit Blumenstruen geschmckt,
als wre es ein groer Festtag. Das freute den Oswald und seine junge Frau recht
innig; denn das verrieth doch gute Herzen voll Liebe und Erkenntlichkeit. Und
sie kten die Kinder, lieen ihnen Kuchen backen und theilten Allen aus.
    Im Dorfe aber war viel eitles Geschwtz ber die Hochzeit, und Jeder hatte
seine Meinung darber. Denn Niemand konnte begreifen, da es dabei mit rechten
Dingen zugegangen sein solle, sintemal unerhrt war, da der reichste Mller im
Lande seine schne Tochter und einzige Erbin einem armen Schulmeister zur Frau
gegeben. Um die Elsbeth wrden auch wohl vornehme Herren aus der Stadt gefreit
haben, so schn und reich war sie. Man wollte daher gern wissen, warum der
Mller einen so einfltigen Streich gemacht habe? Aber der alte Siegfried lachte
nur, und die Leute brachten von ihm nichts heraus. Auch die alte Mllerin ward
von ihren Gevatterinnen sehr geplagt und geneckt mit dem armen, schlechten
Schulmeister, und da man einem hergelaufenen Kerl eine solche Tochter anhnge.
Die Mllerin war bei aller Gottesfurcht doch eine stolze Frau. Daher thaten ihr
die verchtlichen Reden weh, und als sie darber einst vor Zorn fast weinte,
sagte sie zur Adlerwirthin heftig: Schweigt mit euerm dummen Geschwtz; ihr
wisset so viel als nichts. Der Oswald knnte wohl den Adlerwirth und Kreuzwirth
auskaufen. Er hat mehr, als man glaubt. Das hab' ich mit meinen leiblichen Augen
gesehen. Wenn ich nur reden drfte, ich knnte euch Dinge sagen, ihr solltet
Maul und Nase aufsperren. So sprach sie und schwieg pltzlich, und war
verdrielich, da sie im Zorn mit etwas herausgeplatzt war, das sie verschweigen
wollte. Auch erfuhr die Adlerwirthin weiter nichts, und mute noch dazu
versprechen, es Keinem wieder zu sagen.
    Die Adlerwirthin sagte es auch Niemandem, als ihrer Schwester und ihrem
Manne, die vorher geloben muten, das Geheimni bei sich zu behalten. Aber sie
erklrten die Reden der Mllerin so, als habe diese mit leiblichen Augen ganze
Haufen Goldes und Silbers bei Oswald gesehen; und Oswald knne, wenn er wolle,
das ganze Dorf kaufen; und es gingen im Hause Oswalds manchmal Dinge vor, da,
wenn man sie sagen drfte, den Leuten die Haare zu Berge stehen wrden. Dem
Adlerwirth und seiner Schwgerin, als sie dies hrten, standen vor Entsetzen
wirklich schon die Haare gen Berge, und sie konnten nicht anders, und vertrauten
das Geheimni nur einigen ihrer besten Freunde.
    Nach wenigen Tagen wuten die Leute in Goldenthal weit mehr, als die
Mllerin gesagt hatte. Da hie es, der Oswald stnde mit dem Frsten der Hlle
im Bndni; dem habe er mit eigenem Blute seine arme Seele verschrieben. Doch
dreiig Jahre lang solle der Bse den Willen des Schulmeisters thun; am Ende des
letzten Jahres werde der Teufel Oswalds Seele in der heiligen Christnacht
zwischen Eilf und Zwlf holen, und dem Unglcklichen den Kopf umdrehen, da das
Antlitz im Nacken stehen bleibe. Der Schulmeister habe Gold, so viel er begehre,
und der schnen Elsbeth habe er einen Liebestrank beigebracht, daran sie htte
entweder rasend werden oder jmmerlich sterben, oder ihn heirathen mssen.
Ferner, der Oswald knne Geister bannen, Schtze heben, das Fieber besprechen,
den Khen es anthun, da sie blaue Milch oder wohl gar Blut geben mten; er
knne das Feuer bannen, sich stich- und kugelfest machen, auf einem Besen durch
die Luft reiten und viele andere Dinge mehr. Das habe er alles aus gefhrlichen
Bchern erlernt; er habe Doktor Fausts Hllenzwang, Kaiser Caroli
Halsgerichtsordnung und das Buch von Salomonis Siegelring.
    Von diesem Augenblicke an frchteten sich die Leute in Goldenthal vor dem
Schulmeister entsetzlich. Keiner that ihm etwas zu leid, aus Angst vor Oswalds
Rache und hllischem Bundesgenossen. Sogar der grimmige Lwenwirth unterstand
sich nicht, ihm oder dem Mller etwas in den Weg zu legen. Manche Leute schlugen
heimlich ein Kreuz, wenn sie dem Oswald von ungefhr begegneten.

                        11. Elsbeth steht in gutem Ruf.


Wenn aber die jungen Leute des Dorfes der Elsbeth begegneten, die da blhte wie
eine Rose, schlug Niemand vor ihr ein Kreuz, sondern Jeder nickte ihr den
freundlichsten guten Tag; und wenn sie vorbei war, blieb wohl Mancher gar still
stehen und sah ihr nach. Denn Elsbeth war eine schne Frau, und sie schien mit
jedem Tage schner zu werden, da sich selbst die Mdchen in Goldenthal darber
wunderten. Dennoch war sie nicht kostbarer gekleidet oder geputzter, als andere
Frauen waren. Aber man mochte sie sehen Sonntags oder Werkeltags, Morgens oder
Abends, sie war immer, als wollte sie zum Tanz gehen. Sie arbeitete in der
Sonnenhitze auf dem Felde und im Garten; sie ging in den Stall und besorgte Kuh
und Schwein; trug Gems und Eier zum Verkauf in die Stadt - und dabei war sie
allezeit sauber und zierlich, und kein Fleck an ihren Kleidern.
    Ich glaube beinahe, die kann auch schon hexen! sagte die Lwenwirthin,
indem sie eine Prise Schnupftabak nahm, und sich die Nase mit dem Aermel
wischte.
    Ja wohl! sagten die jungen Mnner alle: Die kann es. Wenn Elsbeth nicht
schon verheirathet wre, sie wrde uns allen die Herzen aus dem Leibe hexen, so
schn ist sie!
    Und die verheiratheten Mnner im Dorfe verfuhren gar oft grob mit ihren
Weibern, und gaben ihnen Schmhworte und Ohrfeigen, da sie nicht auch so schn
geblieben waren, wie die Schulmeisterin. Dann heulten die Weiber und fluchten
und schworen und zerkratzten ihren Mnnern das Gesicht mit ihren langgewachsenen
Ngelkrallen.
    Zwei Mdchen, welche Elsbeths Freundinnen waren und bald Hochzeit machen
wollten, kamen zu Elsbeth und sprachen: Du bist nun seit Jahr und Tag eine
Frau, und bist so hbsch wie eine Jungfrau. Und alle Mnner bewundern dich, und
alle Weiber men dich beneiden. O Elsbeth, sage uns an, wie du das machest?
Denn siehe, du weit es, sobald bei uns eine Tochter einen Mann hat, wird sie
hlich und wst, und die Liebe hrt auf. So ist es nicht bei dir.
    Die junge Schulmeisterin antwortete und sprach: Ich will es euch sagen. Die
Weiber haben allein die Schuld. So lange sie Jungfrauen sind, und den jungen
Burschen gefallen wollen, schmcken sie sich, und alles Geld, was sie haben und
verdienen, stecken sie in neuen Putz. Da sind sie sauber und glatt, da ihre
Stirn glnzt an der Sonne, und ihr Haar ist wie gemalt. Haben sie endlich einen
Mann, da denken sie nicht mehr daran, gefallen zu wollen. Da gehen sie des
Morgens lange umher mit Stroh und Bettfedern im ungekmmten Haar; vergessen,
sich jedesmal zu waschen, wenn sie unrein werden, und denken, wenn sie recht
wst kommen, das stehe einer Frau gut, und man sehe ihr an, da sie viel
handthiere. Dann mu gespart werden; der Mann braucht Geld, und man kann es
nicht mehr, wie als Tochter, in allerlei Putzkram stecken. Das Gewand wird alt
und beschmiert und schadhaft; das Ausbessern kostet viel Geld, und Selbermachen
hat keine gelernt. So gewhnt man sich an Lumperei und Sudelei, und die Frau
wird vom Unflath entstellt und wst, weil sie nichts mehr auf sich hlt. Und sie
wird endlich dem Manne selbst gleichgltig oder zum Ekel, und dann kommt der
Unfriede ins Haus, sobald die Frau mit Lchern in den Strmpfen geht.
    Die Mdchen sprachen: Elsbeth, du hast wohl Recht.
    Die junge Schulmeisterin sagte: Als ich den Oswald nahm, dachte ich
sogleich darauf, wie ich ihm bestndig gefallen knne, denn ich hatte ihn gar
lieb. Und ich nahm mir vor, noch mehr auf mich selber zu halten, als zuvor, und
nie vor seinen Augen zu erscheinen, als gewaschen und zierlich, allzeit mit
unbeflecktem Gewand. Darum nahm ich sorgfltig meine Kleider in Acht; darum
mut' es in meinem Stall und in Kche und Keller so sauber sein, als in einer
Stube. Der geringste Fleck in meinem Anzuge mute sogleich ausgemacht werden. So
blieben meine Kleider wie neu, und ich selber blieb darin meinem Manne alle Tage
neu.
    Die Mdchen sprachen: Aber Elsbeth, die Zeit zerreit endlich das sauberste
Gewand; woher ein neues Kleid anschaffen, wenn der Mann kein Geld gibt?
    Elsbeth antwortete: Ich gebrauche weniger Geld zu Kleidern, als Andere.
Denn ich bessere mit wenigen Nadelstichen das kleinste Loch aus, damit es nicht
grer werde. So kostet es nichts als Faden und Zwirn. Andere aber tragen ihr
Zeug, bis es alt ist, und lassen daran, was schadhaft ist; dann wird aus einem
kleinen Loch ein groes, und in kurzer Zeit wird alles zu Fetzen, und man mu
neues Gewand kaufen, whrend ich immerfort mein altes trage und damit viel Geld
erspare. Hausfrauen, die nicht flicken und nhen knnen, verschwenden groes
Geld und gehen doch wie aus dem Koth gezogen.
    Als Elsbeth solche Worte redete, wurden die Beiden Mdchen roth, und fingen
an zu weinen und sprachen: Wir haben nicht so sauber nhen und flicken gelernt,
wie du. Das wird uns viel Schaden im Hause bringen, und wir sehen viel Leiden
voraus, und wir knnen es nicht ndern. Und die Mdchen gingen traurig weg.
    Darauf erzhlte Elsbeth ihrem Manne das Gesprch mit den Freundinnen und
sagte, sie wolle beide nhen und flicken lehren, denn es erbarme sie, wenn die
beiden Mdchen sollten unglcklich werden.
    Oswald drckte seine gute Frau an sein Herz und sprach: Damit wirst du dir
einen Segen Gottes verdienen und selber ein Segen dieses Hauses werden. Nicht
nur die beiden Mdchen lehre, sondern Alle, die von dir lernen wollen. Viele
Haushaltungen im Dorfe werden arm und elend bei aller Arbeit und Mhe, weil die
Weiber nicht die rechte Haushaltungskunst verstehen. Sie verstehen nicht, ihre
Grten mit allerlei gesundem Gemse zu bepflanzen, damit sie Abwechslung bei den
Speisen haben. Wollen sie einmal gut kochen, thun sie viel Speck und Fett und
Schmalz und Oel an, und kostet viel, und wird doch nichts Rechtes, sondern ein
ungesundes Essen. Die schlechte Nahrung setzt schlechtes Blut ab und bse Sfte.
Davon kommen Krankheiten, die kosten viel Geld, und mit dem Arbeiten geht es bei
krnklichen Leuten schlecht. - Eben so ist's mit den Kleidern. In den Drfern
sind wohl Nherinnen, aber weil sie mit dem Nhen ihr Geld verdienen, hten sie
sich wohl, Andere anzuweisen. Die nun nicht flicken und nhen knnen, gehen mit
Lchern in Aermeln und Strmpfen, oder so grob geflickt, da das Geflickte rger
dasteht, als das Zerrissene. Immer mu bald wieder Neues angeschafft werden, das
kostet viel Geld und macht arm. Es ist wohl himmelschreiend, da nicht in jedem
Dorfe wenigstens eine brave, verstndige Frau ist, eine Pfarrerin oder
Haushlterin des Pfarrers, eine Amtmannsfrau oder eine Mllerin, oder Eine, die
das Kochen und Grtnen, das Nhen und Flicken versteht, und unentgeltlich die
Bauerntchter unterrichtet. Das wrde viel Geld und Wohlstand im Dorfe behalten,
und viele frohe, glckselige Ehen machen. Elsbeth, geh', verdiene dir einen
groen Gotteslohn.
    So sprach Oswald.
    Und alsbald lie Elsbeth freudig ihre zwei Freundinnen kommen, und zeigte
ihnen alle Tage in einer Feierabendstunde die Kunst, beim Nhen des Weizeuges
feine, gleichmige Stiche zu machen, abgeriebene oder schadhafte Stellen der
Kleider, oder Risse in denselben so suberlich zu vernhen, da man den Schaden
kaum sah. Sie lehrte sie, Hemden fr Mnner, Weiber und Kinder zuschneiden, mit
mglichster Benutzung der Lnge und Breite der Leinwand, da es nicht viel
Abfall gab; eben so Strmpfe aus Wolle und Baumwolle stricken, mit zierlichen
Zwickeln, oder die Lcher darin unsichtbar machen. Sie fhrte sie im Haus umher;
da war bestndig aufgerumt, denn Alles hatte seinen Platz, und wer etwas
gebrauchte, legte es sogleich wieder an den Platz, wohin es gehrte. Und sie
fhrte sie in den Stall und Keller; da war es reinlich und trocken, und weil man
immer gern suberte, war nie darin auf einmal viel zu thun. Und sie fhrte sie
in den Garten, und lehrte sie allerlei Kchenkruter sen und setzen, und wenn
sie reif waren, wie man sie bewahren und benutzen knne zu schmackhafter
Nahrung. Und sie fhrte sie in die Kche, und lehrte sie die Speisen sauber und
reinlich bereiten, und kochen mit wenigem Fett und einfacher Zuthat, da dennoch
alles sehr angenehm, nahrhaft und gesund ward. Zuweilen wurde sogar ein Braten
gemacht und kostete wenig. Elsbeth hatte von der Mutter gelernt, in der
Geschwindigkeit allerlei Suppen zuzubereiten und das Fleisch auf allerlei Weise
zuzurichten, und fr den Winter Bohnen, Sauerkraut, Kohl, Gurken und anderes
Gewchs einzumachen.
    Die beiden Mdchen wunderten sich sehr, denn sie hatten dergleichen bei
ihren Mttern nie gesehen, und freuten sich, wenn sie Hochzeit gehabt htten,
wie sie ihren Mnnern gtlich thun wollten, ohne da es mehr kostete, als sonst.
    Da sie nun andern Mdchen sagten, was sie bei der Schulmeisterin alles
erfuhren und lernten, und wie sie ganz wie die Elsbeth werden wollten, kam von
den andern Mdchen eins um das andere zur Elsbeth und bat, ebenfalls ein wenig
unterrichtet zu werden. Zuletzt ward es bei der Elsbeth wie eine wahre Schule.
Denn weil Elsbeth allen jungen Mnnern gefiel, wollten alle Mdchen wie Elsbeth
werden.
    Oswalds Frau hatte wohl Anfangs etwas Mhe, hintennach aber befand sie sich
gar wohl dabei. Denn nun hatte sie viel Hlfe im Garten und im Stall, und Andere
muten fr sie zuweilen kochen, und Andere fr sie feines Zeug nhen, wenn es
sonst nichts zu thun gab. Und man sah es schon folgendes Jahr vielen Grten bei
den Husern im Dorfe an, da da neue Ordnung hineingekommen sei. Und eine
Nachbarin schaute der andern ber den Hag, und sah, was sie pflanze oder se,
und wie sie es mache, und bettelte um Setzlinge oder Samen. Danach, wie der
Sommer und Herbst kam, trugen viele Bauernweiber vom Ueberflu ihres schnen
Gemses zum Verkauf in die Stadt, und brachten schnes Geld wieder nach Hause.
Das machte allen groe Freude, nur denen nicht, die es nicht so hatten. Die
gingen dann auch zur Elsbeth und fragten um dies und das. Und Elsbeth gab guten
Rath, und Alles, was sie wute und, seitdem sie unterrichtete, noch selber
gelernt hatte. Sie that das sehr gern, denn sie war herzgut, und Worte sind ja
nicht kostbar, zumal jungen Weibern.
    Das erwarb der Schulmeistern viele Liebe und angenehmen Ruf, und Jedermann
lebte ihr zu Gefallen. Und alle Welt im Dorfe hatte rechtes Mitleiden mit der
hbschen guten Frau, da sie den Oswald zum Manne habe, weil er doch in die
Hlle msse. Denn man wute wohl, er sei ein Hexenmeister, der bse Knste
treibe und mit Leib und Seele verloren gehe.

  12. Wie der Lwenwirth auf die Nase fllt, und was sich weiter begeben hat.


Oswald mochte es anstellen, wie er wollte, man legte ihm alles bel aus. Wenn er
die Kinder lehrte, da es keine Gespenster gbe, sondern da das nur Einbildung
furchtsamer und aberglubiger Leute wre: so sagte man im Dorfe, er glaube weder
einen Gott noch einen Teufel. Oder wenn er den Kindern in der Schule die
giftigen Pflanzen in den Feldern und Wldern zeigte, damit sie solche kennen und
sich vor dem Genu der Beeren und Wurzeln hten lernten: so sagte man im Dorfe,
er wolle die Kinder Giftmischerei lehren. Besonders lauerte ihm der Lwenwirth
Brenzel auf, und sammelte sorgfltig alle bsen Reden ber Oswald.
    Als er endlich genug wute, sprach er: Ich wei genug, um ihm den Hals zu
brechen. Er mu vor Gericht, und seine eigene Schwiegermutter, die Mllerin,
soll wider ihn zeugen und vor Gericht bekennen, was sie von ihm wei. Als
Vorsteher ist es meine Pflicht, zu reden. Ich kann das nicht lnger dulden, ohne
verantwortlich zu werden.
    Also machte er sich eines Sonntags auf und legte seine Staatskleider an,
setzte den dreieckigen Hut recht majesttisch auf, nahm das spanische Rohr mit
dem silbernen Knopf, und ging mit breiten Schritten zum Dorf hinaus nach der
Stadt. Er sagte aber keinem Menschen ein Wort davon, da er im Sinn habe, dem
Oswald bei der hohen Obrigkeit bses Spiel zu machen. Denn er frchtete, wenn
der Hexenmeister Wind davon bekme, der knne ihm Schaden zufgen, ehe er noch
zur Stadt gelangt wre.
    Und wie er auf der Landstrae allein ging, sprach er im Eifer laut mit sich
selber, als wenn er schon vor einem Herrn Rathsherrn stnde; und er lief dabei
immer schneller, und fuhr im Zorn bald mit der rechten, bald mit der linken Hand
in der Luft herum, wie ein Pfarrer auf der Kanzel. Bei diesem Eifer kam im
Laufen der lange Stock zwischen die Beine, also da er stolperte, und ber den
Stock auf den Erdboden fiel. Der Hut flog weit hinweg, die Nase schlug sich
platt, und seine Beine stiegen hoch aufwrts, als wolle er gar auf den Kopf
stehen. Er stand chzend und fluchend auf, und nahm seinen Hut aus dem Staube.
An seiner Stirn aber schwoll eine Beule, als wollte ein Horn heranwachsen, und
seine blutende Nase war blau, wie eine dicke Pflaume. Das hat mir gewi der
Oswald angethan! dachte er, und frchtete sich, weiter zu gehen, damit ihm
nichts Schlimmeres begegne.
    Indem er noch mit dem Schnupftuch das Blut von der Nase wischte, kam die
Strae daher in vollem Galopp ein Herr zu Pferde, Hut und Rock mit goldenen
Tressen besetzt. Der hielt vor dem Lwenwirth still und fragte hastig: Wohnt
dort im Dorfe ein gewisser Herr Oswald, und ist er zu Hause?
    Der Lwenwirth sprach: Ja, warum denn?
    Der Fremde rief: Der Erbprinz will ihn besuchen. So sprach der Fremde und
jagte davon nach Goldenthal.
    Der Lwenwirth sperrte vor Verwunderung Maul und Nase auf und sagte: Wa -
wa - was? Der Erbprinz? Ein Prinz zu dem Oswald? Wie er dies sagte, fuhr im
Galopp ein prchtiger Wagen mit sechs Pferden daher, schne Bediente vorn und
hinten auf. Darin sa ein junger Herr im blauen Oberrock, der hatte auf der
Brust einen silbernen Stern. Der Wagen fuhr vorbei nach Goldenthal.
    Der Blitz und der Hagel! schrie Brenzel: Der Prinz will gewi bei mir
einkehren. Ich bin nicht zu Hause, und nun fhrt er zum Adler! Brenzel lief,
was er konnte, ins Dorf zurck. Da gerieth ihm abermals im vollen Sprung der
lange Stock zwischen die langen Beine, da er wiederum zu Boden fiel, wie ein
Baum. Alle Rippen krachten ihm im Leibe, und seine Staatskleider waren grlich
gesalbt. Er hinkte fluchend und langsam zum Dorfe. Da er vor seinem Hause keinen
Wagen sah, ward er voll Gift und Galle, denn er dachte, der Prinz sei beim
Adlerwirth Kreidemann eingekehrt. Er hinkte also weiter, aber er sah auch keinen
Wagen beim Adler. So ging er in sein Haus zurck, und keine Seele war darin. Er
legte andere Kleider an und wusch sein Gesicht, und erschrak, wie er sich mit
der faustdicken Nase und gehrnten Stirn im Spiegel erblickte, wiewohl man im
Spiegel wegen des Fliegenkothes nicht viel sah. Nun wetterte er, wie ein
grimmiger Lwe, auf seine Leute, die alle davon gelaufen waren. Da kam die Magd
ganz odemlos und rief: Herr, beim Schulmeister ist ein lebendiger Kaiser
angekommen, oder wohl gar ein Knig! Das ganze Dorf ist vor Schulmeisters Haus
zusammengelaufen.
    Brenzel wute nicht, was thun; ging endlich aber doch hinaus vor
Schulmeisters Haus zu den Leuten. Nach einer halben Stunde kam der Erbprinz aus
der Hausthr, und hatte Oswalden an der einen und Elsbethen an der andern Hand,
und war gar freundlich mit ihnen. Und wie er in den Wagen gestiegen war, reichte
er ihnen Beiden noch einmal die Hand zum Abschiede, und dann fuhr er im
sausenden Galopp davon, Reiter voraus. Alle Bauern hatten die Hte ab und vor
Erstaunen das Maul auf.
    Nun war's im ganzen Dorfe ausgemacht, der Schulmeister knne mehr als Brod
essen. Der Prinz komme zu keinem Dorfschulmeister, blo um ihn zu besuchen, und
sei um nichts und wieder nichts so freundlich mit ihm gewesen. Groe Herren
brauchen viel Geld, und dazu brauchen sie Schatzgrber und Goldmacher und
desgleichen. Groe Herren seien nicht immer die frmmsten, das wisse man wohl,
und machen sich nichts daraus, wenn sie schlimm aus der Welt gehen, sobald sie
nur gut in der Welt leben knnen.
    Diese und andere Reden gingen von der Zeit an im Dorfe, und vielen
verlumpten und verarmten Bauern im Kopfe herum. Und Viele wurden vertraulicher
und sprachen Einer zum Andern: Wte ich nur, wie es anfangen, ich machte mir
nichts daraus. Ich verschriebe mich heute noch dem Teufel, wenn's sein mte,
und wre ich nur meine Schulden los und htte Geld genug und vollauf. Ich wollte
es ganz anders machen, wie der Schulmeister. Der Schulmeister ist ein dummer
Teufel, da er hier wohnt und lebt, wie unsereins. Ich fhre, wie der Erbprinz,
mit sechs Pferden, Bedienten und Sternen, und htte die Kche voll Braten, den
Keller voll Wein. Ja, noch heute gb' ich meine arme Seele drum.
    Solche ruchlose Reden fhrten die Leute ohne Scheu. Reichthum verdirbt das
Herz; aber die Armuth verdirbt es nicht weniger. Und wenn Armuth und Dummheit
und bse Lste beisammen sind, ist des Teufels Kleeblatt fertig. So ist es in
manche Dorfe, und so war es leider auch in Goldenthal.

                            13. Der Goldmacher-Bund.


Oswald wunderte sich nicht wenig, wie von nun an bald Dieser, bald Jener zu ihm
kam, heimlich mit ihm reden wollte, und dann mit der gottlosen Sprache
herausrckte und sagte: Oswald, du kannst Gold machen, das ganze Dorf wei es.
Lehre mich es auch. Du verstehst die schwarze Kunst. Wenn der Teufel erscheint,
ich will mich gar nicht frchten. Wenn er die Unterschrift mit meinem Blute
verlangt, ich will mich ihm mit Leib und Seele zuschreiben. Siehst du, es thut
mir Noth, sonst tht ich's nicht.
    Lange wute Oswald nicht, was er zu der Verderbtheit dieser Menschen sagen
sollte. Da ihrer endlich aber immer mehr kamen, und nicht mit Bitten nachlieen,
beschied er sie alle, doch jeden einzeln, auf eine und dieselbe
Mitternachtsstunde zu sich.
    Und alle kamen in der finstern Nacht, die er ihnen angesagt, zu seinem Hause
geschlichen, sobald es im Thurm der Dorfkirche eilf Uhr geschlagen. Er fhrte
Jeden, wie er ankam, schweigend in eine finstere Stube. Es waren ihrer
zweiunddreiig Hausvter. Jeder erschrak entsetzlich, wenn er in der Dunkelheit
an den Andern stie und etwas Lebendiges neben sich sprte. Denn Keiner wute
von den Uebrigen. Vielen flo der Angstschwei vom Gesicht, und einige hatten so
groe Furcht, da sie wieder davon gelaufen wren. Aber sie zitterten, es knne
ihnen dann das Lebenslicht ausgeblasen werden.
    So standen sie eine Stunde in tiefer Stille und Angst, und wagten kaum, zu
athmen. Da schlug's im Thurm zwlf Uhr. Und mit dem letzten Glockenschlage ging
abermals die Thre auf. Es trat ein Offizier herein, prchtig gekleidet mit
hohem Federbusch und langem Sbel, auf der Brust einen Orden. Der trug in den
Hnden zwei brennende Kerzen; die setzte er vor ihnen auf den Tisch. Als nun
Alle sich einander erkannten, schmten sie sich erst vor einander; denn sie
merkten, da sie Alle aus gleicher Absicht gekommen wren. Und sie sahen wieder
auf den glnzenden Offizier, den sie fr den bsen Geist hielten; aber sie
erkannten in ihm den leibhaftigen Oswald.
    Oswald hatte ein ernstvolles Gesicht und sprach: Sehet mich nur an, ihr
Unglcklichen; nun erkennet ihr, wer ich bin. Ich treibe keine schwarze Kunst;
ich halte es mit Gott. Ihr aber seid lngst von Gott abgefallen; ihr habet
gesoffen und geschwelgt; ihr habet betrogen und gelogen; ihr habet gestohlen und
verrathen; ihr habet gespielt und Weib und Kind vergessen; ihr habet Teufelei
getrieben und Teufelswerk. Darum seid ihr arm und verzweifelt geworden.
Ehrlichkeit aber whrt am lngsten; Gottesfurcht macht reich. In Gottes Wegen
ist Gottes Segen. Ich will nicht reich sein, aber ich bin nicht arm. Wollt ihr's
nun haben, wie ich, so machet es wie ich.
    So sprach Oswald, und zog einen groen Beutel hervor und leerte ihn auf den
Tisch aus. Da fielen klingend eitel schne Goldmnzen auf den Tisch, und rollten
umher und verblendeten die Augen. Die Bauern hatten in ihrem Leben so viel Gold
nicht beisammen erblickt. Ihre Herzen schlugen gewaltig.
    Oswald aber that den Mund auf und sprach: Wahrlich, ich sage euch, das hier
macht mich nicht glcklich, aber die Weisheit macht glcklich, mit der man dies
Geld erwirbt und benutzt. Ihr seid zu mir gekommen, ich sollte euch die Kunst
lehren, Gold zu machen. Ich will euch diese Kunst lehren. Sie ist die beste
Weisheit des Lebens, und mehr als das Gold selbst werth. Habet ihr die Weisheit,
so werdet ihr das Gold haben und es nicht mehr hochachten. Aber ihr kommet nicht
zu dem Glcke, ohne vorher geprft worden zu sein. Und die Zeit der Prfung
whrt sieben Jahre und sieben Wochen. Wer ausharrt bis ans Ende, wird Freuden
ber Freuden rnten. Wahrlich, ich sage euch, wenn diese Zeit erfllt ist, wird
Jeder von euch mehr Gold auf seinen Tisch werfen, als eure Augen hier sehen. -
Die Prfung aber ist dem Gottlosen schwer und dem Snder hart. Denn er mu sein
ganzes Herz umkehren und ein neuer Mensch werden.
    Die zweiunddreiig Hausvter hrten in banger Stille die Worte Oswalds. Sie
betrachteten ihn alle mit starren Augen.
    Wer von euch, sprach Oswald, die sieben Jahre und sieben Wochen der
Prfung bestehen will, kann bleiben. Wer sich frchtet oder im Glauben wankt,
gehe fort von hier.
    Keiner ging.
    Wohlan, rief Oswald, so msset ihr mir vor dem allgegenwrtigen Gott
sieben Gelbde geloben, und solche whrend sieben Jahren getreu halten.
    Erstens: Ihr msset sieben Jahre und sieben Wochen lang alle Wirthshuser
meiden, aber desto fleiiger zur Kirche gehen und Gottes Wort hren, und darnach
thun.
    Zweitens: Sieben Jahre und sieben Wochen lang keine Karten, keine Wrfel
berhren, und nichts, womit man um Geld spielt.
    Drittens: Sieben Jahre und sieben Wochen darf kein Fluch, kein Scheltwort
aus euerm Munde gehen, auch keine Bosheit, Lsterung und unwahre Rede.
    Viertens: Sieben Jahre und sieben Wochen mu euer Tagwerk Gebet und Arbeit
sein. Morgens und Abends sollt ihr feierlich mit Weib und Kindern auf die Knie
fallen, zu Gott beten, eure Snden bereuen. Euere Arbeit sollt ihr mit Flei und
Treue verrichten, keine Schulden mehr machen.
    Fnftens: Wer binnen sieben Jahren und sieben Wochen sich mit Wein und
Branntwein ein einziges Mal berauscht und vergeht, ist aus unserer Gemeinschaft
verstoen.
    Sechstens: Auf dem Acker, welchen ihr bauet, soll kein Unkraut wachsen, in
euern Wohnungen kein Unflath liegen. Euere Htten und die Stlle des Viehes und
alles Gerthe, was ihr habet, soll von Reinlichkeit glnzen. Daran werde ich
euch erkennen.
    Siebentens: Euer Leib soll sein ein Tempel Gottes, darum keusch, zchtig und
ehrbar; auch von aller Unreinigkeit frei an Haut und Haar und Gewand. So auch
bei Kindern. Das soll unser Zeichen sein.
    Wer nun diese sieben Gelbde geloben und halten will, der trete hervor und
reiche mir die Hand zum Bunde. Dem Schwachen wollen wir helfen.
    Als Oswald so gesprochen hatte, traten die Zweiunddreiig einer nach dem
andern hervor, jeder reichte dem Oswald die Hand ber den Tisch voller Gold, und
sprach: Ich will!
    So gehet denn heim in Frieden und wendet euch noch vor Schlafengehen im
Gebet zu Gott, da er euch Strke verleihe, das Gelbde zu halten. Wahrlich,
wahrlich, ich sage euch, wenn die Zeit erfllt ist, wird Jeder mehr Gold auf
seinen Tisch werfen, als eure Augen hier sehen! So sprach Oswald, und ermahnte
die Leute, von Allem, was sie diese Nacht gesehen und gehrt htten, keinem
Menschenkinde etwas zu verrathen, ja sogar selbst nie von dem zu reden, noch auf
das zu deuten, was diese Nacht angehe.
    Damit entfernten sich die Zweiunddreiig in groer Stille. Unterwegs sprach
Keiner mit dem Andern ein Wort. So voll waren sie von allen dem Wunderbaren, das
sie vernommen hatten. Sie hatten ganz andere Dinge erwartet zu erleben, und
gerade das Gegentheil erfahren. Mancher, wenn er an die Gelbde dachte, fhlte
zwar Bangigkeit, denn sie waren auch gar zu streng. Aber das Geheimnivolle, und
die sieben Jahre und sieben Wochen, und die Reden des Oswald, und der Tisch voll
Goldes, und der prchtige Offizier mit dem Orden auf der Brust und die schwarze
Mitternachtsstunde, das konnte Keiner wieder vergessen, und es war wie ein
seltsamer Traum.

                      14. Die Leute verwundern sich sehr.


Was gibt's denn, Velten? Kaspar, was gibt's denn? fragte der alte lahme
Wchter, als er am andern Tage durchs Dorf entlang ging: Was gibt's denn? Kommt
wieder ein Prinz oder Kaiser, oder gar ein Brgermeister aus der Stadt? Was ist
denn los, da ihr so aufputzet? So fragte er, und man lachte.
    Es fiel aber wirklich vielen Menschen auf, und war in vielen Husern ein
sonderbares Leben. Da wurden Fenster gewaschen, Fuboden gescheuert, Thren
gesubert, Tische, Schemel und Bnke gefegt. Sogar vor den Husern wurde Alles
in Ordnung gebracht, Schutt und Unflath auf die Seite geschafft, und allem, was
herum lag, ein besserer Ort gegeben. Die zweiunddreiig Hausvter wuten es
wohl, sagten aber nichts. Denn sie dachten: in sieben Jahren haben wir alle
Kisten und Kasten voll Geld.
    Als Oswald die Geschftigkeit der armen Leute sah, sprach er zu Elsbeth:
Ich wei nicht, ob ich darber traurig werden oder lachen soll. Denn siehe, was
die Leute nicht aus eigenem Gefhl, nicht aus Liebe zu Weib und Kind, nicht aus
Liebe zu Gott, nicht aus Noth und Ueberzeugung frher gethan haben, das thun sie
jetzt aus aberglubischer Furcht und Hoffnung. Wie thricht sind doch die
Menschenkinder! - Aber sie sollen durch den Aberglauben zur Erkenntni der
Wahrheit, und durch ihre Verderbtheit zur Rechtschaffenheit eingehen.
    Die Verwunderung im Dorfe ward aber von Woche zu Woche grer. Denn die
Wirthshuser wurden fast leer. Sonntags hrte man auf der Kegelbahn weder Kegel,
noch Flche, noch Gelchter. Kartenspiel und Wrfel rhrte fast Keiner mehr an.
Den Wirten ward im Keller das Bier sauer, weil es Keiner mehr trank. Von Wein
und Branntwein hatten sie nur einen geringen Absatz. Die meisten Leute blieben
daheim bei Frau und Kindern, oder gingen auf die Felder und besahen ihre wenigen
Aecker und beriethen, was in der Woche daran zu machen und zu bessern sei. Die,
welche vormals zu den lustigen Brdern gehrten, thaten jetzt gar ernsthaft und
altklug; die, welche sonst ein wstes Leben fhrten, waren in der Kirche sehr
andchtig. Die, welche sonst gern herumlagerten und mig gingen, waren jetzt
vom Morgen bis zum Abend an der Arbeit, im Taglohn oder auf ihren Feldern.
    Der Adlerwirth, wenn er Sonntags seine leeren Bnke und Tische beschaute,
brach vor Wehmuth fast in Thrnen aus. Sind denn die Leute alle verrckt
geworden im Kopf? schrie er. Was fr ein Kukuk ist ihnen in den Leib gefahren.
Das kann so nicht gehen. Dabei kann kein Ehrenmann lnger bestehen. Es mu im
Dorfe andere Ordnung werden. Das ist schndliche Ordnung!
    Der Gemeindsvorsteher Brenzel sagte: Wenn das Unwesen so fortgeht, mu ich
die Wirtschaft aufgeben. Aber ich merk' es wohl, das ist ein infames Komplott
gegen mich. Man will mich zu Grunde richten. Aber ehe das geschieht, soll das
Dorf zu Grunde gehen. Wenn ich nur dahinter kommen knnte, wer diese Teufelei
angerichtet hat.
    Sogar dem Herrn Pfarrer war die Sache aufgefallen. Er rechnete nach und
fand, da die Aenderung so vieler Menschen angefangen hatte seit dem Sonntag, da
er eine sehr lange Predigt ber die christliche Wiedergeburt durch den Glauben
gehalten hatte. Er meinte, damit habe er Alles ausgerichtet, und sagte es auch.
Nun aber verfolgten ihn seit einiger Zeit die Gemeindsvorsteher, wo sie konnten,
und die Wirthe spielten ihm allerlei bse Streiche hinterrcks, und gingen fast
gar nicht mehr zur Kirche.
    Der Adlerwirth, um sein saures Bier anzubringen, verkaufte es um halben
Preis; er schwefelte seinen Wein, und machte ihn s, und bezahlte alle Sonntage
Spielleute, die muten lustig aufspielen. Aber von den zweiunddreiig
Hausvtern, ihren Shnen und Tchtern kam Niemand.
    Der Lwenwirth suchte gleichfalls seine Kunden wieder an sich zu locken,
that freundlich, schenkte Manchem umsonst ein und fragte: Warum kommst du gar
nicht mehr trinken? Sie antworteten: Wir haben kein Geld! - Dann rief er:
Ei, Dummheit! Ihr wisset ja, ich bin nicht so streng, und borge schon. Ihr seid
mir lange gut genug. - Aber die Leute kamen doch nicht.
    Da gerieth der grimmige Lwe in Wuth und sprach: Wenn ihr mir' s so macht,
will ich euch die Faust auch zeigen. Ihr sollt an den Lwenwirth Brenzel glauben
lernen!

     15. Die Schuldbcher werden aufgethan. Die Sparkasse und die Garkche.


Nun schlich bald der Eine, bald der Andere von den armen Leuten, die zu dem
Goldmacherbund gehrten, in das Haus des Schulmeisters, und klagte seine Noth
und sprach: Siehe, Oswald, meine Gelbde, so schwer sie sind, halte ich sie
doch pnktlich. Nun ist's ein halbes Jahr, ich bete und arbeite. Nun ist's ein
halbes Jahr, ich spiele, saufe und zanke nicht mehr. Mein Haus ist schn
suberlich, Weib und Kind gehen reinlich. Keiner kann ber mich klagen. Aber die
Ortsvorsteher plagen mich auf allerlei Weise. Ich bin dem und diesem von ihnen
schuldig. Nun drohen sie, mich aus meinem Hause zu treiben, wenn ich ihnen nicht
zahle, oder nicht bei ihnen trinke. Hilf mir, Oswald, sonst kann ich das Gelbde
nicht halten. In sechs und einem halben Jahre habe ich Geld vollauf; strecke mir
eine Summe vor, ich will sie dir dann wieder zahlen.
    Oswald antwortete: Das vierte Gelbde heit: Beten, arbeiten, keine
Schulden mehr machen. Ich darf dir also kein Geld borgen. Aber la sehen, wem
und wie viel du schuldig bist; dann wollen wir nachdenken, wie aus der Noth
kommen.
    So sprach er, nahm eine Schreibfeder und Papier, setzte sich hin und schrieb
das auf, was man ihm antwortete, wenn er fragte. Er fragte aber Jeden einzeln:
Wem bist du schuldig? Wie viel und mit welchem Zins? Wofr hast du die Schuld
gemacht, und hast du Unterpfand gegeben?
    Nachdem er die ganze Schuldsumme des Mannes kannte, fragte er wieder: Womit
willst Du bezahlen? Wie viel kannst du, oder knnen Weib und Kind in der Woche
mit Taglohn verdienen? Wie viel Land und Vieh hast du, und was kannst du wohl in
mittlern Jahren von dem verkaufen, was du rntest? Wie ernhrst du dich mit den
Deinigen? Was brauchst du zur Nahrung in einer Woche, in einem Tag? Wie steht es
mit den Kleidern und Wsche und Gerth? Was mu angeschafft werden, und wo kann
man ohne Schaden sparen?
    Das alles schrieb Oswald von Jedem sorgfltig auf. Nun kam die lderliche
Haushaltungsordnung erst recht ans Tageslicht. Denn Mancher wute nicht einmal
genau, wie viel er schuldig war, und hatte nichts aufgezeichnet. Da mute man
sich erst bei den Glubigern erkundigen. Mancher war drei, vier, fnf Zinse zu
bezahlen rckstndig. Da mute man erst fr diese sorgen. Mancher mute an
Gemeindsvorsteher, von denen er in der Noth Geld entliehen hatte, acht, auch
zwlf vom Hundert verzinsen. Da mute Oswald in die Stadt gehen, an drei und
vier Prozent Geld aufnehmen, und gut dafr sprechen, damit die Wucherer bezahlt
wurden, und nicht mehr durch Wucher einen armen Mann zu Grunde richten konnten.
Mancher hatte wohl gar mehr Schulden als Vermgen. Da war schwer helfen. Doch
sprach Oswald Allen Muth ein und sagte: Sparen und arbeiten soll euch mit
Gottes Hlfe schuldenfrei machen. Folget nur in allen Dingen meinem Rath!
    Nun erst sah er von diesen Leuten, wie schlecht sie gehauset hatten; und
dies that den Leuten nun selbst in der Seele weh. Nun erst erfuhr Jeder, was er
nach Abzug aller Schulden von seinem Vermgen, als wahres Eigenthum, betrachten
knne. Das war oft blutwenig, und ihnen schauderte die Haut vor Angst und
Entsetzen darber. Nun wollten Alle sparen, Alle arbeiten. Aber wie sollten sie
es anfangen?
    Oswald hatte unbeschreiblich viel Mhe. Aber die Mhe machte ihm Freude,
weil er ein wahrer Menschenfreund war. Er machte Jedem ein Haus- und
Schuldenbchlein, worin Jeder den Zustand seines Vermgens deutlich sah. Dann
ging er wieder in die Stadt, und suchte fr Kinder und Erwachsene Arbeit von
allerlei Art. Das gelang ihm nach und nach. Und was so mit Taglhnen verdient
wurde, das mute wchentlich aufgeschrieben und aufgespart werden. Einige gaben
das Geld dem Oswald in Verwahrung; Andere gaben es ihm wchentlich, um damit
nach und nach ein fr sie aufgenommenes Kapital abzutragen.
    Als dies Mehrere thaten, und Oswald am Ende hundert und mehr Gulden
beisammenliegen sah, dachte er: Wozu soll dies Geld da todt und ohne Nutzen
liegen? Wenn es jhrlich Zins trge, hlfe es den armen Leuten ohne ihre Mhe
schon wieder zu einem kleine Gewinn und verminderte die Schuld.
    Also machte er sich ein Buch und schrieb hinein, was Jeder wchentlich von
seinem Verdienst in die Ersparnikasse zurcklegte. Dann ging er in die Stadt
und beredete einen rechtschaffenen Herrn, da er monatlich das ersparte Geld,
wren es auch nur zehn oder zwanzig Gulden, annehmen und auf Zins austhun wolle.
Es wre zum Besten armer, sparsamer Leute. Der Herr, welcher ein reicher
Kaufmann war und gern das Gute befrderte, nahm das Geld und that es an Zins,
und wenn am Ende des Jahren die Zinsen einkamen, that er sie wieder als ein
kleines Kapital aus, also, da die Zinsen wieder Zinsen eintragen muten. Oswald
aber schrieb in sein Ersparnikassenbuch zu Hause immer auf, wie viel jeder von
seinen Leuten an den Zinsen Antheil habe.
    Es war aber ein groes Glck, da die Leute und ihre Kinder, da sie Arbeit
bekamen, auch arbeiten konnten, und fast nie krank wurden. Das war sonst nicht
so. Denn wenn sie sich ehemals am Sonntage vollgesoffen hatten, waren sie am
Montage nicht zum Arbeiten aufgelegt, und hatten Kopfweh und Uebelkeit. Und weil
sie sich insgesammt oft kmmten, wuschen, und gar reinlich hielten, waren sie
von allen Uebeln und Krankheiten befreit, welche die natrlichen Strafen und
Folgen der Unreinlichkeit sind.
    Wie nun Oswald den mit ihm Verbndeten erzhlte, da er eine Ersparnikasse
errichtet habe, und da das Geld, welche sie ihm wchentlich zum Aufbewahren
brchten, Zinsen tragen msse, erstaunten sie gar sehr und freuten sich. Und
Jeder sah im Buche nach, wie viel Geld er schon zusammengebracht habe, und wie
viel Zins er am Ende des Jahres dafr zu erwarte habe. Anfangs hatten nur wenige
Haushaltungen dem Oswald ihr Geld gebracht. Nun aber sagten es die Einen den
Andern. Und wie Einer hrte, der Andere habe schon fnfzehn, zwanzig und dreiig
Gulden und mehr zurckgelegt, wurde er mivergngt und wollte es auch so haben,
und nahm sein weniges Geld und trug es auch zum Oswald und sprach: Ei, Lieber,
warum hast du mir nichts von der Ersparnikasse gesagt? Lege mein Geld, das ich
wchentlich entbehren kann, auch hinein, es sei viel oder wenig. Denn wenn ich
es im Hause habe, will es sich nicht vermehren, sondern es schwindet immer. Hat
man es, so verbraucht man es wieder. Drum besser, aus den Augen, aus dem Sinn!
Kann ich's nicht so haben bei dir, so kann ich noch lange nicht an Abzahlen
meiner Schulden denken.
    So brachte nun Jeder alle Woche Etwas, das er von seinem Verdienst erbrigen
konnte, und Einer bemhte sich mehr, als der Andere, in die Ersparnikasse zu
legen. Einige wurden so begierig, da sie beinahe Weib und Kind hungern lieen,
um desto mehr Geld zusammenzuscharren.
    Das verdro den Schulmeister, und er hob an zu reden: Es ist wohl gut, da
ihr mig seid, aber Weib und Kind mssen nicht hungern. Wer wohlgenhrt ist,
der hat auch Kraft und Muth, zu arbeiten. Freilich, manche Frau, die auch wohl
im Felde arbeiten, oder sonst Geld verdienen knnte, mu jetzt zu Hause bleiben,
und ihre Zeit beim Kochen verlieren. Wre fr jede Haushaltung von selbst schon
Gekochtes da, so wrde man kein Holz kaufen und bezahlen, oder es mit
Zeitverlust im Walde zusammenlesen mssen, sondern man knnte vielleicht sogar
jhrlich von dem Gabenholz, das die Gemeinde gibt, an Andere verkaufen und Geld
daraus lsen. Dabei wre schn zu sparen. Aber wir mssen das auf andere Weise
anfangen.
    Ihr wisset, wir haben in theuern Zeiten elende Sparsuppen gegessen. Warum
sparten wir damals, da wir nichts hatten, und nicht weit lieber jetzt, wo etwas
zu sparen wre? - Wir haben jetzt Erdpfel, Obst und Mehl und Brod und Fleisch
in wohlfeilerm Preis. Wir knnen jetzt mit demselben Gelde, wie in der theuern
Zeit, bessere Kost haben und viel ersparen. Wenn jetzt Einer fr uns Alle kocht,
ersparen viele Frauen Zeit, und knnen auf andere Weise arbeiten und verdienen.
Unter dreiig Kesseln und Hfen braucht es zwanzigmal mehr Holz an einem Tage,
als unter einem einzigen Kessel fr dreiig Haushaltungen. Das begreift ihr;
dabei ist Gewinn. Aber wo fr viele Menschen zusammen gekocht wird, ist auch an
Salz und Schmalz und Zuthat und Geschirr Ersparni. Lasset uns einen Versuch
machen.
    So sprach Oswald. Viele wollten; Andere wollten nicht. Oswald ging zum
Mller und beredete ihn, die Sparsuppe zu kochen, und dreimal wchentlich
Fleisch dazu, besonders zum Verkauf. Diejenigen, welche dazu einstanden, sagten,
wie viel Suppe und Fleisch sie tglich begehrten; es waren ihrer zuerst
siebenzehn Haushaltungen.
    Nun mute der Reihe nach jede Haushaltung, eine um die andere, wenn der Tag
an sie kam, das Holz zum Kochen, und beim Kochen einen Aufwrter oder Gehlfen
geben. Die Mllerin fhrte beim Kochen die Aufsicht. Alle Tage war Abwechslung
in Suppe und Gemse. Wer kein Geld hatte, konnte seine Portionen mit Mehl, Obst,
Gems und Erdpfeln zahlen. Das ward Keinem zu schwer. Nur wer Fleisch nahm,
zahlte Geld dafr. - Die Frau Mllerin verstand das Kochen. Die andern
Bauernweiber und Mdchen, wenn der Tag an sie kam, da sie helfen muten, lernten
viel dabei, was sie vorher nicht wuten.
    So geschah, da die zusammenstehenden Familien, wozu auch der Schulmeister
und der Mller gehrten, besser und nahrhafter aen, als andere Leute im Dorfe
und doch weit wohlfeiler. Alle Tage Suppe und Gems dazu, dreimal wchentlich
Fleisch und Braten auf allerlei Art zugerichtet. - Wie dies die Andern sahen,
da es da keine Sutrnke oder elende Sparsuppen gab, und da es noch fr kranke
Personen und Genesende gesunde Nahrung nebenbei gab, traten sie auch bei, und
Viele, die gar nicht zum Goldmacherbund gehrten. Denn sie merkten bald, da da
viel an Holz, Mhe und Zeit, viel an Speisezuthat erspart und Alles weit
wohlfeiler gemacht werden konnte.
    Es wurden fr die Garkche der Mllerin endlich der Theilhaber zu viel,
obgleich sie tglich mehrere Gehlfinnen erhielt. Da legte der Adlerwirth zu
seinem Vortheil auch eine solche Kche an. Aber alle, die zum Goldmacherbund
gehrten, blieben beim Mller. Sie hatten die verstndigsten Hausvter unter
sich ausgeschossen, die muten den Ankauf der Vorrthe und deren Verwendung
beaufsichtigen. Denn die Garkche sollte keinem Einzelnen zum Gewinn dienen,
sondern Allen zum Vortheil gereichen.

16. Wie sich die Wirthshuser im Dorfe vermindern, und was die alten Bauern dazu
                                     sagen.


In der Kche des Adlerwirths ging es anders zu. Er kochte Sausuppe. Davon wollte
Keiner essen. So blieben seine Kunden weg, weil sie nicht ihr theures Geld dafr
geben wollten. Sie traten unter einander zusammen, und wollten es machen, wie
die Leute bei der Mllerin. Aber es ging nicht, weil keine Ordnung war und weil
Einer den Andern betrog. Da lachte der Adlerwirth und freute sich, da es bei
Andern nicht besser ginge, als bei ihm.
    Bei ihm ging es aber doch schlechter als bei Andern, weil er ein
hartherziger, schlechter Mann war. Er hatte viel Geld auf bse Weise
zusammengescharrt; aber unrecht Gut gedeiht nicht. Wenn in der theuern Zeit
Steuern und milde Gaben fr die armen Leute nach Goldenthal gekommen waren,
damit man Sparsuppen kochen und austheilen knne, hatte er die Gemeindsvorsteher
beredet, lieber das baare Geld an die armen Leute auszuzahlen. Dann trat er mit
dem Lwenwirth zusammen, und sie verkauften den armen Leuten Mehl und Brod in
ganz ungeheuerm Preise. So kam das Geld alles wieder in ihren eigenen Sack
zurck. Wenn Leute im Dorfe von ihrem Heu, Vieh oder liegende Gtern aus Noth
etwas ffentlich an die Steigerung bringen wollten, so trat er mit dem
Lwenwirth und andern Vorstehern zusammen, und sie machten Satz mit einander, um
alles wohlfeil zu bekommen. Sie boten erst kleine Summen, und legten etwas zu.
Dann trat einer nach dem Andern zurck, und bot nicht mehr, weil es zu viel und
die Waare zu schlecht sei. So sagte Einer nach dem Andern. Und weil man sie fr
die verstndigsten Mnner hielt, getraute sich kein Anderer, mehr zu bieten. So
bekamen sie die Sachen wohlfeil. Wenn aber doch ein Anderer klug war und mehr
bieten wollte, schreckte man ihn mit Drohworten, zumal wenn ein solcher ihnen
schuldig war; und sie sagten: Hast du Geld genug fr so schlechte Waare, und
willst du meinen Freund berbieten: so verlange ich, du sollst mir vorher deine
Schuld bezahlen.
    So machte es der Adlerwirth. Aber unrecht Gut gedeiht nicht. Er war ein
stolzer und zornmthiger Mann, und hatte bestndig Hndel und Prozesse vor
Gericht. Sogar mit seinen Brdern und Schwestern hatte er einen Rechtsstreit
gehabt, weil er sie in der vterlichen Erbschaft durch Betrug und List bei der
Theilung sehr verkrzt hatte. Viele Leute im Dorfe waren von ihm durch das
Prozessiren zu Grunde gerichtet worden.
    Ueberhaupt war die Streitsucht in Goldenthal eine Hauptursache von der
Verarmung des Dorfs gewesen. Denn so lange die Leute noch im Wohlstand waren,
wollten sie grothun; wer einen Proze zu fhren hatte, meinte, er habe etwas
Groes und Ehrenvolles, weil Jedermann mit ihm davon sprach. Dann kamen
arglistige Advokaten und hetzten noch mehr auf, weil sie gern durch die Dummheit
und Prozewuth der Bauern Verdienst hatten. Die prozelustigen Leute waren dann
so sehr auf ihre Sache erpicht, da sie tausendmal schworen, lieber Alles daran
zu setzen, als nachzugeben. Das gefiel den Advokaten sehr wohl. Da wurden die
Prozesse durch allerlei Kunst in die Lnge gezogen, Jahr ein Jahr aus; da wurde
replizirt, triplizirt, appellirt und den einfltigen Leuten das Geld aus dem
Sack herausgefhrt, bis der Handel zehnmal mehr gekostet, als er werth war. Wer
dann verlor, schimpfte ber Parteilichkeit der Richter und sog an den
Hungerpfoten. Die Advokaten aber aen Braten.
    Seit Oswald ins Dorf gekommen, hatte er viele Leute vom Prozessiren
abgehalten. Denn wenn ihn Einer um Rath befragte, richtete er es immer so ein,
da die Sache in der Gte abgethan wurde. Und er redete und sprach: Einst
fanden zween Hunde, die sich auf einem schmalen Steg ber dem Wasser begegneten,
ein Stck Fleisch auf dem Brcklein. Und sie geriethen in Streit, wem es
gehre. Ein dritter Hund, der das Fleisch auch gern gehabt htte, kam dazu und
sagte bald diesem, bald jenem ins Ohr: Gib nicht nach. Es gehrt dir von
Rechtswegen allein! Also fingen die Beiden an, sich zu raufen und zu beien,
bis Beide in der Balgerei hinab ins tiefe Wasser fielen. Dann ging der Dritte
gemchlich zum Fleisch und fra es, und sah zu wie die Andern schwammen. So geht
es den streitfhrenden Parteien in Prozessen.
    Rechthaberei kostet viel Geld, und bringt Spott und Schande nach. Wer einen
Proze anhebt, hat schon die Hlfte von dem verloren, was er gewinnen will.
Boshafte Advokaten sind wie die zwei Schneiden einer Scheere; sie vereinigen
sich, um das zu trennen, was man zwischen beide legt. Wenn du am Ende Alles
gewinnst, hast du doch mehr verloren, als dir ersetzt werden kann: Zeit und
Arbeit, wohl gar an der Gesundheit Schaden genommen durch Verdru und Aerger,
Furcht, Sorge und schlaflose Nchte.
    So sprach Oswald. Der Adlerwirth aber fragte ihn nie, sondern hatte fast
alle Jahre einen neuen Proze. Die vielen Unkosten und Geschenke an Advokaten
und Schreiber, die vielen Lufe und Gnge und Reisen brachten ihn nach und nach
um das Seinige. Als er nun einen Streit gegen eine benachbarte Gemeinde verlor,
den er mit derselben wegen einer alten Eiche gefhrt hatte, von der er
behauptete, sie stnde auf seinem Lande und gehre nicht der Gemeinde, so kam er
in groe Noth. Denn die Eiche hatte ihn ber tausend Gulden gekostet, und er
wute nicht, woher das Geld nehmen, weil er mehr auf Haus und Land schuldig war,
als man glaubte. Und da er berall Geld aufnehmen wollte und nichts erhielt,
geriethen die in Sorgen, denen er schon schuldig war. Und sie begehrten zurck,
was sie ihm geborgt hatten. Also blieb ihm nichts brig, als all sein Gut den
Glubigern heimzuschlagen. Er mute Haus und Hof verkaufen. Das war die Folge
seiner Prozesucht.
    Weil er seine Felder schlecht besorgt hatte, gingen sie in migen Preisen
ab. Da die Leute nicht mehr hufig ins Wirthshaus gingen, weil sie entweder kein
Geld hatten, oder keins versaufen wollten, brachte auch die
Wirthshausgerechtigkeit nicht viel ein. Der Kufer des Hauses, als er sah, da
Niemand bei ihm einkehren und Geld verzehren wollte, stellte das Wirthen ganz
ein. So blieb nur der Lwenwirth noch Meister; denn die andern Wirthe und Bier-
und Weinschenken hatten gar nichts mehr zu verdienen, und die Wirtschaft schon
frher aufgegeben.
    Einige alte Bauern schttelten den Kopf und sprachen: Es ist doch bse Zeit
und wir sehen wohl, unser armes Dorf geht gnzlich zu Grunde. Vorzeiten hatten
drei Wirthe und noch einige Bier- und Weinschenken bei uns vollauf zu thun;
jetzt ist kaum Nahrung fr einen einzigen vorhanden! Wohl ist das eine Schande
fr unser Goldenthal, und ein Beweis, wie schlecht es bei uns steht.
    Oswald aber sprach zu ihnen und sagte: Mit nichten, ihr guten Leute!
sondern nun habe ich Hoffnung, da es bei uns bald besser gehen werde. Ich bin
viel in der Welt umhergereiset, und habe viele Drfer gesehen. Wo die meisten
Wirthshuser waren, da habe ich immer die meiste Armuth gefunden. Und wo kein
Wirthshaus war, als etwa, Reisende zu beherbergen, da sah man einen gewissen
Wohlstand in den Husern. Die Wirthe hngen nicht umsonst in ihre Schilde das
Bild eines Raubthieres aus, Lwen und Adler, Bren und Falken, - die Thiere
leben von Gut und Blut der Gemeinde. Sie hngen ein goldenes Kreuz aus, weil sie
Gold haben wollen, und den Leuten Kreuz und Kummer dafr lassen. Sie hngen
einen goldenen Engel aus, aber es ist ein bser Engel, der Rekruten wirbt fr
das Zucht- und Armenhaus und Gefngni.
    Wir haben im Dorfe nur noch ein Wirthshaus, aber nur zu viel daran. Stnde
es nicht da, stnden die Nachbarshuser besser. Wer am Wirthstische die
Spielkarten nicht braucht, kauft sich eine Bibel und Gotteswort ins Haus. Wer
nicht bei den Zechern um theures Geld Kopfweh kauft, freut sich daheim bei Weib
und Kind unentgeldlich. Wer dem Wirth kein Geld zahlt, behlt es im Sack. Es ist
mehr Ehre, im eigenen Keller eine Flasche Wein, als im Wirthskeller ein ganzes
Fa voll zu haben.
    So redete Oswald, und die alten Bauern nickten mit dem Kopf, denn sie
merkten wohl, er habe nicht Unrecht. Aber der Lwenwirth wollte bersten vor
Zorn, zumal, da er hrte, da Oswald den goldenen Lwen ein Raubthier geheien
hatte. Und er wrde dem Oswald gern einen Proze angehngt haben, wenn es
mglich gewesen wre. Aber der Schulmeister war klug, nahm sich in Acht und ging
dem grimmigen Lwen berall aus dem Wege, und lie denselben brllen und
schmhen.

        17. Vom Blitzstrahle im Pfarrhause und dem neuen Herrn Pfarrer.


Zu dieser Zeit war in einer Nacht ein erschreckliches Gewitter. Der ganze Himmel
stand in Flammen. Der Donner rollte, da die Huser bebten und die Fenster
klirrten. - Wenn die Bauern das ganze Jahr ruchlos blieben, so beteten sie doch
allemal beim Gewitter recht laut, und bereuten ihre Snden von ganzem Herzen so
lange, bis das Wetter vorber war. Dann lebten sie wieder wie vorhin.
    Pltzlich fuhr mit entsetzlichem Krachen und Prasseln der Blitz ins Dorf. Er
fiel wie ein Feuermeer auf das Pfarrhaus; doch zum Glck zndete er nicht und
beschdigte Niemanden. Aber am folgenden Morgen sah man, wie der Blitz das ganze
Dach zerschmettert hatte, und der alte Herr Pfarrer war vom Schrecken so hart
befallen worden, da er nach wenigen Tagen starb.
    Da schimpften die Goldenthaler auf die Regierung, und sagten: Die Regierung
ist an dem ganzen Unglck Schuld. Denn htte sie nicht verboten, beim
Hochgewitter mit der Glocke zu luten, so wre das nicht geschehen. Sonst hat
man doch das Wetter, wenn es kam, wegluten knnen; jetzt ist das verboten. Die
groen Herren haben keine Religion mehr im Leibe. Nun haben wir das Unglck. -
So sprachen die Goldenthaler.
    Oswald aber sagte: Wie denket ihr doch in euerm Herzen so thricht, und
sprechet mit euerm Munde so lsterlich. Die Regierung hat den Blitz nicht auf
das Dach des Pfarrhauses gezogen, sondern der metallene Knopf mit der eisernen
Wetterfahne hat es gethan. Denn es hat Gott in die Natur des Blitzes gelegt,
immer dem Wasser oder den Metallen auf der Erde nachzugehen, besonders den
metallenen Spitzen. Das hat Gott gethan, auf da der Mensch erkenne, wie er sich
vor der Gewalt des Blitzt verwahren knne. Denn sobald der Blitz Metalle findet,
an denen er bis in den Erdboden dringen kann, ist er unschdlich.
    So sprach Oswald, und fhrte die Bauern auf das Dach des Pfarrhauses. Da
sahen sie Alle in dem vergoldeten Knopf kleine eingeschmolzene Lcher, und
sahen, wie der Blitz den aufrechtstehenden Ngeln der Hohl- und Eckziegel am
Dache nachgelaufen war, bis unter das Dach zu einem Eisendraht, an welchem man
vor der Hausthr zu klingeln pflegte, wenn man zum Herrn Pfarrer wollte. Weil
nun der Blitz solch einen eisernen Weg zur Stunde gefunden, war das brige Haus
von ihm verschont worden, und ein kalter Schlag geblieben, wie die Bauern
sagten. Er wre aber, htte er jenes leitende Eisenzeug nicht gefunden, wohl
leicht ein gar heier Schlag geworden.
    Oswald sprach ferner: Weil die Kirchthrme hohe Spitzen tragen und viel
Eisenwerk im Innern, geschieht es oft, da der Blitz sie trifft. Und weil daher
schon mancher arme Mensch beim Gewitterluten erschlagen worden ist, hat die
hohe Obrigkeit das unntze und aberglubige Luten verboten.
    So sprach Oswald; und weil er merkte, da sich seit der Zeit viele Leute vor
dem Blitzstrahl mehr als vorher frchteten, that es ihm leid. Und er sprach:
Angst und Schrecken beim Gewitter sind ein Unglck; das Gewitter selbst ist ein
Segen des barmherzigen Gottes fr die Lnder, deren Lfte er reinigen und deren
Boden er befruchten will. Darum legt euern Kummer ab. Gehet hin, befestiget auf
dem Giebel eures Hauses eine eiserne Spitze, eines Schuhes hoch; knpfet daran
einen eisernen Draht, nicht dicker als die Spule einer groen Schreibfeder, der
mu ber das Dach herab bis zur Erde gehen in eine feuchte Stelle. So habet ihr
dem Blitz einen Weg gemacht, auf dem er unschdlich zur Erde fhrt, wenn der
Draht ein einziges Stck ist von oben bis unten, und ihr ihn sauber haltet von
allem Rost und Schmutz. Ein Blitzableiter ist ein Furchtableiter, und bewahrt
zugleich Haus und Dorf gegen ein mgliches Unglck und Feuersbrunst durch den
Strahl.
    Also redete der Schulmeister, und setzte auf sein eigenes Haus eine
Eisenspitze mit dem daran herabhngenden Draht (denn Elsbeth frchtete sich
stark bei Gewittern). Der Mller hatte dergleichen schon lngst in der Stadt
gesehen und that es auch. Viele Bauern folgten dem Beispiel nach, denn es
kostete nicht viel und half doch zur Beruhigung.
    Andere aber nahmen in ihrer Dummheit daran groes Hinderni und sagten:
Heit das nicht, unserm Herrgott nach den Augen stechen und ihm Gesetze
vorschreiben? Kann er nicht mit seinen Blitzen treffen, wen er will? Werden die
vielen Wetterstangen nicht die fruchtbringenden Gewitter verhindern und
schlechte Witterung machen?
    Da antwortete der Schulmeister und sprach: Ihr Thoren, die Wetter Gottes
gehen ber tausend Spitzen der Bume des Waldes, wie ber kahle Ebenen; und
seine Blitze befruchten den Erdboden, sie mgen in den Wipfel der Eiche oder in
Eisenstbe, oder in See'n, Flsse und Meere fallen. Aber der Herr gab uns
Einsicht, auf da wir uns bewahren sollen vor dem Schaden, den die herrlichste
Sache am unrechten Ort stiftet. Das Feuer ist mit Licht und Wrme wohl ein
herrliches Ding, aber nicht wenn das Haus brennt. Darum gab uns Gott das Wasser
zum Lschen des Feuers. Brauchet ihr nun das Wasser zum Lschen des Feuers,
warum traget ihr Bedenken, das Eisen zum Lschen des Blitzes zu gebrauchen? Es
ist kein Uebel in der Welt, Gott hat uns dagegen ein Mittel gegeben. Aber der
Mensch soll es erkennen und mit Dank empfangen. Wer nun in blinder Verstocktheit
das Mittel verschmht, ist ein Verchter von Gottes theuersten Gaben, und leidet
gerechte Strafe, es sei, da sein Haus verbrenne von der Flamme des Feuers, oder
da sein Haupt vom Blitzstrahl getroffen werde.
    Viele glaubten an diese verstndige Reden. Andere aber, die Blden und
Hochmthigen, verachteten solche Worte in ihrem Herzen, und wollten nicht
zugeben, da es der Schulmeister besser verstehe, als sie; denn sie schmten
sich dumm zu sein, und wollten ihrer Unverstndigkeit das Ansehen der Klugheit
verleihen.
    Die Stelle des verstorbenen Herrn Pfarrers blieb nicht lange unbesetzt. Der
neu erwhlte Herr Pfarrer Roderich, damals noch ein junger Mann von
siebenundzwanzig Jahren, kam ins Dorf.
    Ei! riefen einige Bauern: was soll uns dieser Knabe? Wenn die Regierung
keinen Glauben mehr hat, so soll sie uns doch bei unserm Glauben lassen, und
einen wrdigen Mann schicken, der Jahre und Erfahrung hat. Andere sprachen:
Der Herr Pfarrer ist auch einer von der neuen Mode. Gott sei es geklagt. Wenn
er predigt, spricht er so wie unsereins, und man kann wahrhaftig alles begreifen
und behalten. Das taugt nichts. Er ist nicht gelehrt genug und sollte mehr
lernen. Da mu man den alten Herrn Pfarrer selig in Ehren halten. Das war ein
ganz anderer Mann! Der predigte so schn und grndlich gelehrt, da ihn
unsereins nur nicht verstand, und wenn er anderthalb Stunden auf der Kanzel war.
Der wute unsereins herzunehmen, wenn er von der Hlle und ewigen Pein anfing
und von Bue und Glauben, und wenn er das ganze Sndenregister hersagte. Zumal
im Winter, wenn es in der Kirche fror, da man htte Ach und Weh schreien mgen,
dann machte er's am lngsten! - Wieder Andere sagten: Ja, der alte Herr selig,
das war ein Mann! Wenn er auf der Kanzel stand oder beim Altar, da war doch von
seiner groen, breiten Gestalt etwas zu sehen. Der neue Herr Pfarrer ist viel zu
schmal, und dnn wie ein Zwirnfaden. Ja, und wenn der alte Herr selig einmal
eifern wollte, hrte man ihn weit bers Dorf hinaus richtig beim Vieh auf der
Almende; und den Leuten, wenn sie aus der Kirche kamen, klangen die Ohren zwei
Stunde hernach. Der hatte eine Stimme! Aber der neue Herr Pfarrer spricht so,
als wre er bei uns in der Stube.
    So urtheilten die Leute zu Goldenthal, doch auch nicht alle.

                     18. Noch etwas von dem neuen Pfarrer.


Es gab auch Leute im Dorfe, die sahen wohl, da der Pfarrer Roderich ein recht
frommer, wrdiger und gelehrter Mann war, ungeachtet seiner Jugend, ein Mann
nach dem Herzen Gottes. Ja, wenn man ihn lange beobachtete, ward einem zu Muthe,
als wre er mehr als ein gewhnlicher Mensch, und von wahrhaft himmlischer
Abkunft. Denn er war leutselig und doch voll Ernstes; er war demthig, und
flte doch in seiner Demuth groe Ehrfurcht ein. Er schalt nie, er zrnte nie,
und war immerdar voll Sanftmuth und Geduld; und wenn er tadelte, hrte man nur
die Stimme der Liebe, die den Verirrten zurechtwies.
    Als er in Goldenthal angekommen war, besuchte er alle Familien im Dorfe und
machte sich mit allen bekannt. Nachher verging kein Tag, da er nicht bald in
dieses, bald in jenes Haus ging. Er verstand da die rechte Kunst, Vertrauen zu
erwecken. Immer wute er guten Rath zu geben, immer die Bekmmertem zu trsten,
das Herz der Frechen zu bewegen und zwischen Streitenden Vershnung zu stiften.
Gleichwie Christus der Herr, ward auch er bei armen Leuten gesehen, oder bei
denen, die im schlechtesten Ruf standen und wegen der Ruchlosigkeit ihres
Herzens bekannt waren.
    Und wenn er Sonntags auf die Kanzel trat und redete, war es ein wunderbares
Wesen. Denn Jeder glaubte, der Herr Pfarrer rede und predige nur zu ihm allein.
Jeder hrte gleichsam da die Geschichte seines eigenen Herzens, das Geheimni
seiner eigenen Fehler, und die wahren Ursachen, wie man zu denselben gekommen
und von Gott abgefallen sei, und die Art und Weise, wie man wieder zum
himmlischen Vater zurckkehren msse. Und dabei wies er immer auf Jesum Christum
und die Heiligen Gottes, als die Vorbilder des Wandels zu Gott. Das erweckte
dann in jedem Zuhrer groes Nachdenken, weil Jeglicher meinte, es sei nur von
ihm die Rede. Und man verga die Jugend des Lehrers, und seine zarte Gestalt,
und die Mildigkeit seiner Stimme. Denn seine Worte waren Himmelsworte, die da an
das Herz drangen mit Sigkeit und Entsetzen.
    Als der Herr Pfarrer zum ersten Male die Schule des Dorfes besuchte, um ihre
Einrichtung kennen zu lernen, machte die Reinlichkeit, Stille und Ordnung der
Kinder, wie sie kamen, ihm groe Freude. Wie nun aber Oswald auf die Knie fiel
und die ganze Schule niedersank zum Gebet, rhrte ihn der schne Anblick der
betenden Jugend. Und er kniete und beugte sich vor Gott, und die hellen Thrnen
flossen bei Oswalds Gebet von seinen Augen. Und er blieb liegen, als Oswald
geendet hatte, und streckte die gefalteten Hnde zum Himmel und sprach: Mein
Vater im Himmel, hre auch mein Gebet und Seufzen! Bleibe mit deiner Gnade
gegenwrtig diesen unschuldsvollen Kindern, da sie sich nie von dir verlieren;
bleibe, bis es bei ihnen Abend wird, und du sie aus der Welt voll Prfungen
hinwegrufst an dein Vaterherz. Dann, o dann, Barmherziger! vergib um Jesu willen
auch mir meine Snden, da ich knien darf mit diesen verklrten Engeln um deinen
Thron, und drben keiner fehle von uns. Und segne den Lehrer dieser frommen
Jugend, segne sein Wort und Werk, da er mchtig bleibe durch deine Macht, dein
Reich herrlich zu erweitern!
    So sprach er; dann stand er auf und sagte zu den Kindern: Liebe Kindlein,
betet fleiig fr diesen euern Lehrer, da ihn Gott euch erhalte; denn wahrlich,
dieser Mann ist euer Vater, und ohne ihn wret ihr trostlose, verlassene arme
Waisen! - Dies und anderes Schne redete er; und die Knaben und Mgdlein
schluchzten laut, und hatten nun den Schulmeister noch viel lieber, als sonst,
denn sie bedachten, er knne ihnen einst sterben. Und viele falteten die Hnde,
und sahen still und stumm mit betenden Augen durch die fallenden Thrnen gen
Himmel!
    Und als endlich die Morgenschule vollendet war, ging der Herr Pfarrer zum
Schulmeister und umarmte ihn vor allen Kindern und drckte ihn an sein Herz und
sprach: O du frommer und gerechter Mann, du sest Saaten, die dir herrlich in
der Ewigkeit aufblhen; lehre mich deinem Beispiele nachfolgen, denn du hast
vieles gethan und ich noch so wenig. Und wenn ich je den Muth verlieren sollte,
will ich herkommen und mich zu den Kindern setzen, und will werden wie sie,
hoffend, glaubend, liebend, und mich durch den Anblick deines Beispiels und
deiner Beharrlichkeit strken.
    Das war ein rechter Feiertag fr alle Kinder im Dorfe gewesen. Sie hatten
zwar den Oswald und die Elsbeth schon vorher lieb gehabt von Herzen. Nun sie
aber gesehen hatten, wie groe Ehrfurcht selbst der Herr Pfarrer ihren Lehrern
bewies, betrachteten sie Oswalden und Elsbethen recht wie hhere Wesen, und in
ihre Liebe mischte sich eine wunderbare Hochachtung.
    Pfarrer Roderich war kein halbes Jahr im Dorfe, so war er schon der rechte
Hausfreund und Rathgeber der meisten Familien. Von ihm kam allezeit die beste
Meinung, der beste Trost. Die Mhseligen und Beladenen fanden bei ihm
Erquickung. In den Htten sprach er als ein irdischer Freund. Sonntags aber ward
den Leuten immer zu Muth, als sei der liebe, heilige Mann gestorben, und er rede
in der Kirche als ein Verklrter, der aus den Himmeln gekommen oben herab, und
wolle sie nachziehe in das Ewiglich-Schne.
    
    Und er that den Armen viel Gutes; man wute es nur kaum, so bescheiden that
er das Gute. Und wo Kranke waren, fehlte er nicht. Er hatte in seinem Hause eine
kleine Apotheke von einfachen Hausmitteln. Daraus half er oft. Er las gern die
Schriften der Aerzte, und wute vieles zu heilen, ohne groe Kunst. So ward er
nicht nur ein geistlicher, sondern auch ein leiblicher Arzt der Seinen. Das
brachte ihm groes Vertrauen und vielen Gehorsam. Also that er, wie Christus der
Herr und seine Jnger, und heilete die Kranken und predigte das Reich Gottes.
    Und so geschah, da er die unwissenden Leute von allerlei aberglubigen,
sympathetischen und oft grundschdlichen Mitteln in Krankheiten abgewhnte. Sie
liefen nicht mehr zu den Kapuzinern um geweihte Zettel, nicht mehr zu den
Henkern, Scharfrichtern, Wasserbeschauern und Quacksalbern. Denn er forderte fr
seine Mhe und Arznei kein Geld, und half doch besser, als zwei Pfuscher. Wenn
aber eine Krankheit zu wichtig und schwer ward, muten die Leute sogleich auf
seinen Rath zu einem erfahrenen und gelehrten Doktor in die Stadt senden.
Anfnglich strubten sich zwar viele dagegen und hatten mehr Zutrauen zu einem
alten Weibe oder einem verschmitzten Harngucker, als zu einem rechtschaffenen
Mann, der die Arzneikunst grndlich erlernt hatte; oder sie liefen von einem
Doktor zum andern, wenn die Arznei von dem einen nicht jhlings half, und
gebrauchten allerlei Mittel durch einander, da das Uebel immer schlimmer werden
mute. Der Herr Pfarrer aber wute die Leute bald auf andern Sinn zu bringen,
denn er mute es wohl besser verstehen, da er selber im Heilen Erfahrung hatte.
Das brachte ihm Vertrauen und Gehorsam.
    Er wute auch sonst noch viele Dinge, die man bei ihm nicht vermuthete. Er
war ein geschickter Bienenvater, und wute die Bienen aufs beste zu pflegen, vor
Unfall zu hten und ihnen gesunde Nahrung zu bereiten, wenn es daran fehlen
wollte. Er hatte seine Bienenstcke aber nicht lange bei sich, sondern
verschenkte sie an die rmsten Haushaltungen, und lehrte diese, wie sie die
ntzlichen Thiere besorgen muten. Nur behielt er sich vor, wenn es neue
Schwrme gab, sie aufzufangen und denen zu geben, die noch keine besaen, bis
fast alle Familien mit Bienen versehen waren. Und weil er die Sache meisterlich
verstand, gedieh sie bei Allen. Da ward viel Honig und Wachs zur Stadt getragen
und schnes Geld dafr heimgenommen. Und mit der Zeit ist Goldenthal im ganzen
Lande berhmt geworden durch seinen Bienenstand, also da aus entlegenen
Ortschaften die Kufer kamen, und den Preis des Wachses und Honigs im Dorfe
steigerten, weil jeder den Goldenthaler Honig pries. Und sie hatten Heerden, fr
die sie kein Land und Futter gebrauchten, sondern die auf ihren zarten Flgeln
ber Felder und Wlder schwrmten und ihren Besitzern Gold ins Haus trugen.
    Und wie der Herr Pfarrer diese und andere lbliche Einrichtungen in den
Husern machte, so machte er auch dergleichen in der Kirche. Hier aber hielt es
fast schwer, besonders bei den alten Leuten, die sehr hartnckig am Alten
hingen. Wenn die Gemeinde in der Kirche sang, war es ein gewaltiges
Durcheinanderschreien, ohne Lieblichkeit und Wohllaut. Jeder schrie aus
Leibeskrften um die Wette mit dem Nachbar, als sollten die Fenster springen und
die Gewlbe des Tempels zerbersten. Die Leute wurden dabei zuweilen von der
Anstrengung kirschbraun im Gesicht.
    Schon Oswald hatte gegen dieses andachtlose Zetergeschrei viel geredet; aber
er redete in den Wind und hatte das Ansehen nicht. Darum lie er die ltern
Leute gehen, und hielt es mit den jngern und Kindern. Die lehrte er feinen,
lieblichen Gesang, vierstimmig, da es recht erbaulich und rhrend anzuhren
war. Die Bauern und ihre Weiber hrten recht gern zu; doch sie meinten, das sei
wohl gut in der Schule, aber nicht in der Kirche, und lieen es beim alten
Geschrei bewenden.
    Da griff es der Herr Pfarrer anders an. Ob er gleich die alten Lieder in
Ehren hielt, theilte er doch, als Anhang zu den alten Liedern, in den
Haushaltungen ein kleines Bchlein mit; das enthielt allerlei schne Gebete in
Versen fr solche Flle, die in den alten Liedern fehlen mochten. Und dies
Bchlein war dasselbe, was die Kinder schon lngst in der Schule gehabt und
gesungen hatten. Das war den Alten schon recht, denn es kostete sie nichts.
    Nachdem manche Woche und mancher Monat vergangen war, hielt eines Sonntags
der Herr Pfarrer eine bewegliche Predigt ber den Nutzen der Feierlichkeit beim
ffentlichen Gottesdienst. Und er sprach von Knig Davids heiligem Harfenspiel
und vom Halleluja der Engel am Throne Gottes. Und jeder Bauer versprte, da er
bisher nicht mit gehriger Andacht gesungen habe, wie die Engel Gottes singen.
Dann sagte der Herr Pfarrer zuletzt: Der Heiland hat gesprochen: lasset die
Kindlein zu mir kommen, und wehret ihnen nicht. Also wollen wir auch unsern
Shnen und Tchtern nicht wehren, zum Heiland zu kommen. Und alle Sonntage
sollen sie zuerst, ehe wir singen, einen Satz aus dem Anhang singen zu unserer
Herzenserweckung; knftigen Sonntag das erste Mal.
    So sprach er. Und am nchsten Sonntage war die Kirche gedrngt voll; und an
den schwarzen Tafeln der Kirchthren stand erst ein Vers aus dem Anhang, dann
ein altes Lied angezeichnet. Die Leute hatten von selbst das Anhangbchlein
mitgebracht. Und es scholl der Gesang der Jugend wie sanfter Engelgesang durch
die Kirchengewlbe. Es wurden viele Leuten vor Rhrung die Augen feucht, die
Herzen warm. Manche von den Alten sumseten leise und heimlich das schne Lied
nach. Dann ward von der ganzen Gemeinde das alte Lied gesungen. Der Herr Pfarrer
sprach aber zuvor: Ihr Mnner, lieben Brder, und ihr christlichen Frauen,
vergesset nicht, da unser Gott allgegenwrtig ist, und er euch hret, ob ihr
gleich vor ihm sanft singet, wie Harfen Davids. So sprach er. Die Gemeinde
sang, und so sanft, da man die schnen vierstimmigen Tne der jungen Leute hell
und deutlich dazwischen hrte. Das klang wunderlieblich. Und wenn ein altes Weib
einmal allzulaut hineinkreischte, stie sie der Nachbar an, sie solle die
Andacht nicht stren.
    So ging es manchen Sonntag. Und jeden Sonntag mischten mehrere von den Alten
ihre Stimmen zu dem Gesang der Jugend, denn er gefiel ihnen wohl. Zuletzt sang
die gesammte Gemeinde leise mit, sogar der Herr Pfarrer. Oft geschah, da man
blo aus dem Anhang singen mute.
    Wenn Fremde aus der Stadt oder aus benachbarten Drfern einmal von Ungefhr
in die Goldenthaler Kirche kamen und dem Gottesdienste beiwohnten, ward ihnen
wundersam zu Muth. Und sie waren andchtiger hier, als anderswo. Und im ganzen
Lande redeten sie davon.

   19. Glck fhrt oft zur Unglcks-Schwelle, Unglck oft zur Glcks-Quelle.


In denselben Tagen aber begab sich ein groes Unglck im benachbarten Dorfe
Ferkelhausen, wo am hellen Tage eine Feuersbrunst ausbrach, whrend die Leute
dort auf dem Felde gearbeitet hatten. Zwar aus Goldenthal, wie aus andern
naheliegenden Ortschaften, war man sogleich zur Hlfe dahin geeilt. Allein
binnen wenigen Stunde lagen sechs Wohnhuser von den Flammen in Schutt und Asche
verwandelt, und einige Stcke Viehs blieben in den Stllen lebendig verbrannt.
Solches Unheil war durch Unvorsichtigkeit von Kindern gestiftet worden, die in
einem der Huser zurckgelassen worden waren, als sich die Erwachsenen zur
Arbeit auf ihre Aecker und Wiesen begeben hatten. Die Kinder hatten in der Kche
mit der Kohlenglut auf dem Herde gespielt. - Ein Unglck kmmt selten allein,
sagt man. Und diesmal war's der Fall.
    Als Abends die Goldenthaler vom Lschen heimkamen, sahen sie vor der
Hausthr des Adlerwirths Kreidenmann einen Haufen Weiber, Knechte, Mgde
versammelt. Einige trockneten sich die Thrnen vom Auge, Andere seufzten
mitleidig; Alle standen ernst und niedergeschlagen da. Aus dem Hause aber
erschollen Stimmen lauten Jammers und Wehklagens. Denn das jngste vierjhrige
Tchterlein hatte auf entsetzliche Weise sein junges Leben eingebt. Es war
hinter dem Hause, beim Stalle, in die Mistjauche gefallen, und elendiglich in
der stinkenden Pftze ertrunken. Jedermann hatte das Kind lieb gehabt, denn es
war artig und hbsch, wie ein kleiner Engel, gewesen. Darum sah man berall so
groes Herzeleid.
    Als Herr Pfarrer Roderich zwei Tage nachher beim Begrbni des Mgdleins
rhrende Worte des Trostes gesprochen hatte, begab er sich zu seinem Freunde
Oswald und sagte: Lieber Freund, gute Worte sind allerdings lblich; aber gute
Thaten viel lblicher. Es ist besser, Unglck verhten, als darber trsten. Es
ist unverantwortlich, da Leute zur Feldarbeit gehen und ihre unmndigen Kleinen
ohne Aufsicht zu Hause sich selbst berlassen! Es ist unverantwortlich, weil
unverstndig, gegen alle Aelternpflichten gesndigt, und gefahrvoll fr sie
selbst und Andre. Warum richtet man bei uns kein Bewahrhaus der Unmndigen ein,
keine sogenannte Kleinkinderschule, wie man in vielen Stdten und Ortschaften
hat? Das ist ja gar nicht kostspielig; erspart den Aeltern Angst und Sorge, wenn
sie, um Geld zu verdienen, von Hause sich entfernen mssen, und beugt manchem
Jammer und Elend vor.
    Oswald schttelte den Kopf. Er gestand, er habe von dergleichen
Bewahrhusern, oder Kleinkinderschulen nie gehrt, noch weniger solche gesehen.
Dessen verwunderte sich der Herr Pfarrer sehr. Er ertheilte ihm darber Auskunft
und sagte: man gebe die Kinder, welche noch nicht alt genug wren die Schulen zu
besuchen, der Aufsicht einer verstndigen Frau. Diese hte und besorge die
Kleinen den ganzen Tag ber, whrend die Aeltern auer Hauses in der Arbeit
wren; spiele mit ihnen in der Stube, oder, bei gutem Wetter, im Freien; gewhne
sie zur Reinlichkeit und zum Gehorsam; lehre sie im Spielen mancherlei
Ntzliches; und gebe ihnen zu essen, was man Morgens fr sie geschickt htte.
    Es hrte Oswald die Worte des Pfarrers mit groer Aufmerksamkeit; schttelte
dann aber mit bedenklicher Miene den Kopf, und sprach: Die Bauern hier zu Lande
sind noch etwas rohes Volk. Viele Aeltern sind gewissenlose Menschen, die sich
um ihre Schweine, Ziegen und Khe weit mehr, als um ihre eignen armen Kinder
bekmmern. Ich frchte, sie wrden, wenn sie ihre Kleinen anderswo aufgehoben
wissen, ihre Aelternpflicht noch mehr vergessen lernen! - Dann aber, glaub' ich
auch, taugt es nicht, da man die kleinen Geschpfe, ehe sie das sechste Jahr
zurckgelegt haben, schon zum Lernen anhalte. Es ist zu frh. Man mu, in so
zartem Alter, vor allen Dingen nur fr Pflege ihrer Gesundheit, und fr Strkung
ihrer schwachen Krfte Sorge tragen.
    Der Herr Pfarrer konnte diesen Einwrfen des vorsichtigen
Gemeinde-Vorstehers nicht ganz unrecht geben; doch that er die Gegenfrage: Ob
sich denn die Aeltern von ihrem Pflichtgefhl und ihren Kindern wohl mehr
entwhnten, wenn sie diese, statt ohne alle Aufsicht, den ganzen Tag unter guter
Obhut und Aufsicht lieen? Und, fgte er hinzu: auch ist keine Rede davon, da
die jungen Geschpfe dort schon Lesen, Schreiben, Rechnen lernen, oder was sonst
in der Schule gelehrt wird; sondern sie sollen beim Spielen nur allerlei Dinge
erfahren, nennen und kennen lernen, die auch ihrer zarten Jugend ntzlich sind,
und neben Uebung ihrer geringen Leibeskrfte auch zur Vorbung ihrer
Verstandeskrfte dienen knnen. Dazu fhrte der wrdige Pfarrer manche Beispiele
aus Bewahrhusern an, die er selber gesehen, und bewies die Wohlthat solcher
Anstalten so sonnenklar und deutlich, da Oswald ihm endlich ganz berzeugt Hand
und Wort darauf gab, der Plan msse ausgefhrt werden.
    Und von Stund' an berlegte und sann Oswald, wie die Sache am besten
anzustellen sei? Er besprach sich mit dem braven Schullehrer Johannes Heiter,
der neulich geheirathet hatte, und dessen junge Frau geneigt schien, unter
Elsbeths und ihres Mannes Rath und Beistand, die Aufsicht zu bernehmen. Er
sprach mit dem Adlerwirth Kreidemann, der in seinem Hause einen groen Saal
besa, welcher allsonntglich sonst mit Trinkern und Karten- und Wrfelspielern
gefllt war, jetzt aber leer stand; dazu befand sich auch hinter dessen Hause
ein gerumiger Baumgarten, der zum Tummelplatz fr Kinder dienen konnte. Er
sprach mit den Beisitzern des Gemeinderaths; mit den zweiunddreiig geheimen
Bundesgenossen, und vielen Andern im Dorfe. Er nicht allein, sondern berall war
ihm auch der thtige Seelsorger in der Gemeinde mit Rath und That und Zuspruch
zur Hlfe.
    Nachdem nun Alles und Jedes bedchtig eingeleitet und vorbereitet war, trat
Oswald an einem Sonntag-Nachmittag vor der versammelten Gemeinde auf, redete und
sprach: Ihr Mnner, liebe Mitbrger, vor wenigen Wochen haben die Rauchsulen
und Feuerflammen von Ferkelhausen uns schreckhaft gewarnt, junge Kinder, welche
noch nicht zur Schule geschickt werden knnen, tagelang ohne Beaufsichtigung zu
lassen. Gedenket des grlichen Todes, welchen das Tchterlein eines unserer
Mitbrger sterben mute, als es im unbedeckten Jauchebehlter ertrank! Viele
andere hnliche Unglcksflle knnten angefhrt werden und knnen wohl gar Euch
selbst noch bevorstehen. Ich habe gelesen, wie eine Frau, die, um einige Stunden
auer dem Hause zu arbeiten, ihr zweijhriges Kind in der Wiege festband, und in
Koth und Unflath liegen und schreien lie, bis es einschlief. Als aber die
Rabenmutter zurckkam, strzte ihr durch die Stubenthr des Nachbars Schwein
entgegen. Sie fand die Wiege blutig; das arme Kind todt darin, und halb
aufgefressen.
    Deshalb lat uns thun, um hnliches Unglck zu vermeiden, wie anderer Orten
geschieht. Da schicken die Leute, welche bei ihren Geschften im Hause, oder im
Felde, oder in den Fabriken nicht selber auf die Kinder Acht haben knnen,
dieselben zu einer verstndigen Person im Dorfe. Die gibt ihnen die Nahrung,
welche von den Aeltern mitgeschickt worden ist. Die htet und bewacht die
unruhigen Kleinen; hegt und pflegt sie, spielt mit ihnen, und hlt sie
suberlich bis der Abend kmmt.
    Oswald schilderte das Alles ausfhrlich, also, da der Vorschlag Vielen
einleuchtete. Besonders waren smmtliche Bauern in dem Punkt wohl zufrieden
damit, da es ihnen gar nichts kosten solle, auer was sie den Kindern jeden Tag
zum Essen mitgeben wrden. Denn der Adlerwirth sei bereit, um billigen Zins
seinen groen Saal und den Baumgarten herzuleihen; und die junge Frau des
Schulmeisters Heiter willig, um migen Lohn die Aufsicht zu bernehmen. Zins
und Lohn werden aus der Gemeindekasse, und Beitrgen einiger hablichen Leute
bestritten werden. Man solle es doch nur wenigstens auf einen Versuch ankommen
lassen.
    Auch der Herr Pfarrer sprach dann sein lehrreiches und frommes Wort dazu:
da man die Kindlein, mit welchen Gott die Aeltern gesegnet und erfreut habe,
nicht schon von der Wiege an, wie unvernnftige Thiere, in Koth und Unflath
solle verwildern, sondern frhzeitig an Zucht und Gehorsam, Liebe und
Gottesfurcht gewhnen lassen. Darum habe schon Christus der Herr gerufen:
Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht.
    Nach diesen Reden, zu denen auch einige andere verstndige Mnner ihren
Beifall vernehmen lieen, und sagten, man lt ja Pferde, Ochsen und Schafe
hten, da sie nicht Schaden nehmen und Schaden stiften: warum denn nicht unsre
armen lieben Kinder? willigten die Versammelten in den Vorschlag ein; doch blieb
jedem berlassen, wer Lust dazu habe, sich, fr seine Kleinen, beim Schulmeister
Heiter zu melden und einschreiben zu lassen.
    In den ersten Wochen war die Anzahl der Unmndigen gering, welche man dieser
neuen Anstalt anvertraute. Allein das Beispiel der Einen zog bald die Andern
nach, zumal da selbst bemittelte Haushaltungen keinen Anstand nahmen, ihre
Allerjngsten dahin zu geben. Frau Heiter war sogar endlich genthigt,
Gehlfinnen anzunehmen, die sich freiwillig dazu erboten und abwechselnd
Beistand leisteten. Auch Elsbeth und Oswald zeigten sich dabei sehr thtig, bis
Alles im rechten Gang war; nicht minder der gute Pfarrer und mancher
rechtschaffene Hausvater im Dorfe. Anfangs liefen viele Mtter neugierig dahin,
das frhliche Leben in der Bewahrschule zu schauen, und sie konnten die artige
Einrichtung nicht laut genug loben und rhmen.
    Aber es war recht lustig, das muntere Getmmel und Treiben der Heerde von
Kindern zu sehen; wie die Einen mit einander spielten, die Andern beisammen
plauderten; Andre umherhpften und tanzten; Andre zankten; Andre schliefen;
Andre aen; Andre um die Aufseherin standen, kleine Geschichten zu hren, die
sie ganz kindlich erzhlte.
    Gab dann die junge Frau Heiter mit einem Glckchen das Zeichen, ward Alles
still. Mdchen und Bbchen nahmen durch einander auf niedrigen, langen Bnken
ihren Sitz. Dann zeigte ihnen ein Lehrer, oder die Lehrerin, allerlei Dinge vor,
einen Vogel im Kfig, ein Kleidungsstck, eine Kugel, einen Degen, eine
Feldfrucht und dergleichen, und fragte um den Namen solcher Dinge, oder sprach
den Namen vor, und alle sprachen ihn nach. So lernten sie vielerlei Sachen
kennen und nennen; das heit, sie lernten reden. Auch hrten sie gern, wozu man
dies und das gebrauche, wozu es ntzen oder schaden knne, und wovon es
verfertigt sei.
    Recht erbaulich war es zum Beispiel mit anzuhren, wenn sich, whrend die
Kleinern Spiele machten, die Grern um die Lehrerin stellten; diese dann einen
Bogen Papier in die Hhe hielt, und fragte: wo das Papier wachse? und Alle gar
altklug ber die Frage lachten und riefen: Nein, Papier wchst nicht auf den
Aeckern; es wird von Menschen gemacht. Dann aber ward ein Lumpen von Linnenzeug
vorgewiesen und erzhlt, wie daraus auf der Papiermhle Papier bereitet werde;
dann wie Flachs und Hanf auf den Aeckern wachse, gebrecht, gehechelt, gesponnen
und zu Leinwand gewoben, und wenn diese verbraucht wre, zu Papier benutzt
wrde. Das unterhielt und belustigte die wibegierigen Kleinen sehr; sie bekamen
dabei noch allerlei zu sehen, wie Samen, Pflanze, Flachs, Zwirn u.s.w.
    War's Wetter irgend leidlich, trieb sich die jugendliche Horde lrmend,
schwrmend, singend, springend im Garten umher, oder ward in Reih' und Glied
aufgestellt, Soldaten zu spielen. Die Schulmeisterin ward General; machte
Hauptleute aus denen, die schon bis 10 und 20 abzhlen und anfhren konnten;
lie sie marschiren, links und rechts schwenken, und mit ihren einzelnen Reihen
bald ein Dreieck, bald ein Viereck, bald einen Kreis u.s.w. bilden. Das gab
immer Jubel; und immer neuen Wechsel der Spiele. Niemand war dabei besser mit
Rath und That zur Hand, als der wrdige Pfarrer.
    Seitdem ist in Goldenthal allezeit eine Bewahrschule der unmndigen Kleinen
beibehalten worden. Schon nach Jahr und Tag gaben die Aeltern gern einen
geringen Beitrag zum Wochenlohn der Lehrerinnen, oder Abwrterinnen. In
Ferkelhausen und andern benachbarten Drfern folgte man dem Vorgang der
Goldenthaler bald nach; denn man sah, wie dort die Kinder, auch die rmsten,
viel reinlicher, gehorsamer, gesnder und verstndiger wurden, als anderswo.
    So mute das Unglck einer Feuersbrunst und eines ertrunkenen Mgdleins, zum
groen Glck und Segen vieler Haushaltungen gereichen.

               20. Was man von den Goldenthalern im Lande redet.


In der Stadt und in den umliegenden Drfern gab es ber die Goldenthaler
mancherlei Gesprch. Diese Leute hatten bisher immer Lumpen geheien, waren als
Saufbrder bekannt, als lderliche Vgel, als Schuldenmacher, denen man keinen
Heller anvertrauen mochte. Nun war es gar sonderbar, da es bei ihnen im Dorfe
gar nicht aussah, wie bei armen Leuten. Ihre Huser waren sauber und reinlich;
eben so Alles in schnster Ordnung auf der Gasse, hinter den Husern und in den
Grten. Es war bei ihnen artiger, als in den reichsten Drfern. Man sah im
Sommer die Mnner, Weiber und Kinder schon frh Morgens auf den Feldern. Da
trugen und streuten die Einen den Dnger, Andere jteten Unkraut aus. Immer
hatten diese Leute etwas zu thun. Und es war eine Lust, sie arbeiten zu sehen.
Es ging ihnen alles gar gelufig von der Hand. Brauchte man in der Stadt
Taglhner, so fragte man am liebsten nach Goldenthalern. Gingen die Brgerfrauen
zum Einkaufe auf den Markt, so gingen sie am liebsten zu den Goldenthalerinnen.
Denn diese waren immer sehr nett, in frischen weien Hemden, und reinlichen
Kleidern und saubern Hnden, da sie rechte Lust machten, von ihrem Gems, ihrem
Gespinnst und andern Waaren zu kaufen.
    Die Goldenthaler waren arm, das wute man wohl. Aber sie verzinsten jedesmal
ihre Schulden richtig auf den Tag. Und was gar auerordentlich war, sie hatten
in der Stadt kleine Geldsummen an Zins ausgethan. Das brachte den Leuten Kredit
und Glauben. Wenn der Pfarrer Roderich und der Schulmeister Oswald fr einen
Goldenthaler gutsprachen, lieh man lieber einem solchen, als einem aus andern
Gemeinden. Und man lieh das Kapital lieber um einen sehr migen Zins aus, weil
man vorher wute, da es sicher stehe und richtig verzinset werde. Das schaffte
den Goldenthalern gar ansehnliche Vortheile. Denn sie kndigten ihre Kapitalien
ab, wo sie groe Zinsen zu bezahlen hatten, und nahmen da Geld auf, wo sie es in
niedrigerem Zins erhielten.
    Man urtheilte allerlei ber das Dorf. Man sagte wohl, es sei da ein braver
Pfarrer, ein sehr verstndiger Schulmeister. Allein Vielen war doch die Sache
ein Rthsel. Denn ein Pfarrer und Schulmeister knnen doch auch nicht Alles; und
jeder Pfarrer im Lande glaubte so klug zu sein, oder auch noch klger, als die
Beiden in Goldenthal waren. Das machte viel Kopfbrechens. Die Bauern in der
Gegend sagten geradezu, das Ding gehe nicht mit rechten Dingen zu. Man hatte
etwas vom Oswald gehrt, und er knne Gold machen, und lehre es in seinem Dorfe
Den und Diesen. Und man neckte und hhnte die Goldenthaler damit, sie knnten
Gold machen.
    In der That war es auffallend, da die Goldenthaler Dinge zu Markte
brachten, man wute nicht, woher sie Alles hatten. Ihr Gemse, ihr Obst, ihr
Flachs, ihr Hanf, ihr Getreide, Alles war gut. Die Kinder handelten sogar mit
den schnsten Blumen und brachten solche in die Stadt. Honigwaben, ausgelassenen
Honig und Wachs hatten sie mehr, als weit umher alle brigen Drfer zusammen.
Man wute sehr gut, sie besaen keine ansehnliche Viehheerden, viele
Haushaltungen hatten etwa jede ein Paar Khe und ein Paar Ziegen. Demungeachtet
brachten arme Leute, die blo eine Kuh hatten, zentnerschwere Kse und groe
Ballen der reinsten Butter zum Verkauf. Es war ganz unbegreiflich, wie eine Kuh
so viele Butter und Kse liefern konnte. Ebenso hatten die Goldenthaler
jederzeit im Herbst die feinsten Obstsorten, schmackhafte Aepfel und Birnen, wie
Niemand anders. Woher kam das so pltzlich in wenigen Jahren?
    Die Goldenthaler muten oft selbst bei sich lachen, wenn man ihr Dorf im
Scherz das Goldmacherdorf nannte. Denn der Oswald verstand sich auf die
Obstbume, und wo er in den Grten der vornehmen Herren in der Stadt gute, feine
Obstarten wute, ging er und bat um Zweige. Dann hatte er seine jungen Leute an
der Hand, die von ihm das Pfropfen, Zweien und Aeugeln gelernt hatten. Recht wie
ein Grtner gingen sie damit um. Sie hatten wirklich besondere Messer dazu. Nun
wollte der Nachbar links und der Nachbar rechts in seinem Garten und auf seinem
Felde bessere Frucht vom Baum. Da ward nun okulirt und gepropft nach
Herzenslust. Manche Bauern hatten sich junge Wildlinge aus den Wldern geholt
und veredelt. Andere hatten aus Samen Bume gezogen und Baumschulen angelegt.
Jeder wollte es besser machen und besser haben, als der Andere. Im Eifer wurde
die Sache oft von Manchem bertrieben.
    Nun konnte man sich's in der Stadt wohl erklren, wie die Goldenthaler von
Jahr zu Jahr immer schneres und immer mehr Obst hatten, woraus sie bei gutem
Jahrgang so viel Geld lsten. Das war kein Hexenstreich. Aber keine groe
Viehheerden haben, und doch viel Kse und Butter machen, das war allerdings ein
Kunststck!
    Das Kunststck hatte Oswald aber, whrend seines Kriegslebens, irgendwo in
einem Dorfe gesehen und gelernt, und mit sich nach Goldenthal gebracht. Es war
gar artig. Die Leute wollten anfangs gar nicht daran; hintennach aber wuten sie
ihm groen Dank. Er machte es nmlich so:
    Er ging herum mit seinen Verbndeten, die Khe hatten, und sagte: Ihr habet
von euern Khen schlechten Nutzen. Man mu von einer Kuh jhrlich wenigstens
fnfzig bis hundert Gulden baares Geld lsen. Wollet ihr mit mir einstehen, so
will ich's machen. Werbet dazu noch Andere an, die Khe haben. Es gehren
wenigstens vierzig bis fnfzig Khe zusammen; dann geht's.
    Als nun die vierzig bis fnfzig Khe gefunden waren, sagte er: Nun geht's!
Er kannte einen geschickten, rechtschaffenen Senn, der das Butter- und
Ksemachen als ein Meister verstand. Dem versprach er zweihundert Gulden
Jahrlohn; dafr mute sich derselbe aber Kerzenlicht, Tcher und Waschlumpen
selbst anschaffen, so zum Ksemachen und Reinhalten der Gefe und der Waare
nthig waren. Geschirr und Salz schaffte Oswald auf Rechnung der Theilnehmer an,
von denen drei redliche Mnner zu Aufsehern bei dem neuen Gewerbe ernannt wurden
fr das erste Jahr.
    Im ehemaligen Wirthshause zum Adler war der beste Platz zum Ksemachen; ein
guter kalter Milchkeller, ein groer Keller in dem gerumigen Waschhaus. Der
Eigenthmer gab den Platz her, denn er hatte fnf Khe, und wollte die Probe
mitmachen und sehen, was dabei herauskomme. - Nun mute Holz auf Unkosten Aller
herbeigeschafft werden. Es kam. Dann bestimmte Oswald einen Tag, da muten Alle,
die zur neuen Kserei gehrten, ihre Kuhmilch in uerst sauber gewaschenen
Gefen bringen. War das Gef nicht sauber, nahm der Senn die Milch gar nicht
an; das war Gesetz. Nachher machte man aber das Gesetz noch schrfer.
    Der Senn ma die Milch, und schrieb unter eines Jeden Namen auf, wie viel
derselbe gebracht habe. Jeder konnte es fr sich auch aufzeichnen. So brachte
jede Haushaltung alle Tage Morgens und Abends die Milch ihrer Khe. Von fremden
Khen aber durfte man bei schwerer Strafe keine Milch bringen.
    Die gesammte Milch eines Tages go der Senn in der Milchkammer zusammen, und
bereitete daraus Butter und Kse. Das gab schne, frische, groe Ballen; zudem
noch Ksewasser, im Sommer ein gesundes, khlendes Getrnk.
    Nun war die Frage: Wem gehrt die schne Menge Butter und Kse von jedem
Tage? Denn alle Tage war eine solche Parthie von der Milch aller Khe der
Beigetretenen fertig. Es htte sie gern Jeder gehabt, um in die Stadt damit zu
laufen.
    Das richtete man folgendermaen ein: Alles, was die zusammengebrachte Milch
eines einzigen Tages an Butter, Kse u.s.w. abtrug, ward auch nur einem einzigen
Theilhaber mit einem Male gegeben, und zwar demjenigen, dem man die meiste Menge
Milch in der Kserei schuldig geworden war. - In den ersten paar Tagen freilich
bekamen die Ersten weit mehr an Kse und Butter, als sie Milch gebracht hatten;
denn sie bekamen ja das, was aus der Milch von allen Theilhabern gemacht war.
Allein nun wurden sie fr so viel, als sie zu viel bekommen hatten, den Uebrigen
schuldig, und was sie schuldig geworden waren, ward ihnen von Tag zu Tag an der
Milch abgezogen, die sie brachten. Das ging so lange, bis sie alle Schuld
abgethan und an Milch wieder mehr zu gut hatten, als die Uebrigen. Dann bekamen
sie wieder die an einem Tage bereitete Waare. Unterdessen hatte aber auch der,
welcher nur eine einzige Kuh besa, und alle Tage nur ein paar Maas Milch
bringen konnte, nach und nach mehr zusammengebracht, als Jeder von den Uebrigen,
wie man das wohl im Milchbuche aufgeschrieben fand. Und nun empfing er die
Frucht des Tages, bei anderthalb Zentner Butter und Kse mit einem Male.
    Die Butter konnte Jeder den Tag gleich mit sich nehmen, da sie fertig war;
Buttermilch, Ksewasser gehrten ihm auch. Den Kse aber lie man so lange im
Keller, bis er gehrig fest und gut war. Allemal an dem Tage, da Einer das Recht
hatte, die aus der Milch bereitete Waare zu beziehen, mute er dem Senn bei der
Arbeit helfen und ihm handlangen, und saubere Handtcher, Linnen, und was nthig
war, herbeischaffen.
    Zuerst war den Goldenthalern das ganze Wesen bedenklich, und es meinte
Jeglicher, er komme zu kurz dabei. Wenn Einer aber seine Menge Kse und Butter
empfing, und nun nachrechnet, wie viel Milch er gegeben: so war er hocherfreut.
Und es fand sich am Ende des ersten Jahres schon, da auf diese Weise der
mittlere Ertrag und Gewinn von einer Kuh ber 166 Gulden jhrlich stieg, und
zwar nach Abzug aller Unkosten. Das war doch ein schner Zins!
    Nun begriff man auch bald, woher das komme. Denn je frischer die Milch und
je mehr, je besser wird die Waare daraus. So was konnte eine einzelne Familie
fr sich allein beim Aufsammeln ihrer Milch nicht leisten. - Ferner: sonst war
in den Haushaltungen manche Maas Milch verschlampt und verzehrt, jetzt in den
Milchkeller der Kserei an Zins gelegt. Sonst verlor mau viel Zeit, oder hatte
keine Zeit, selber Kse zu machen; jetzt ging das von selbst. Sonst kostete es
Jedem mehr Holz zum Kochen; jetzt war es ein groes Holzersparni.
    Einige Goldenthaler versuchten anfangs zwar mit ihrer Milch Betrgereien;
aber man machte bald so strenge Gesetze, da es Keinem mehr in Sinn kam, zu
betrgen, er htte denn um alle seine gebrachte Milch bestraft und aus der
Gesellschaft gestoen sein wollen.
    Die Einrichtung aber brachte noch einen Vortheil, an den vorher kein Mensch
gedacht hatte. Nmlich, weil Jeder gern viel Milch gebracht htte, um bald viel
Kse und Butter davon zu haben, besorgte Jeder sein Vieh besser, als ehemals;
baute knstliche Grasarten an, die viel Milch erzeugen; suchte sich eine grere
Kuh zu verschaffen, statt der schlechten kleinen, oder stellte zwei Khe in den
Stall, wo er vorher nur eine hatte. Und weil Jedem daran gelegen war, da man
keine Milch von einer kranken oder kalbenden Kuh bekomme, hatten die drei
erwhlten Aufseher Macht und Recht, zu jeder Zeit in die Stlle zu gehen, und
die Pflicht, alle halbe Jahre darin Umgang zu halten. So ward ber die
Gesundheit alles Viehes wachsames Auge gehalten.

              21. Vom neuen Gemeindevorsteher und dem Lwenwirth.


Der Oswald ist doch ein Hexenmeister und Tausendsasa! sagten die Goldenthaler
lachend, wenn er wieder etwas angegeben hatte, das gelungen war. Und es gelang
ihm ziemlich Alles, was er anfing, denn er fing nichts ohne Vorbedacht an; er
bereilte und berhaspelte nichts, sondern that einen Schritt um den andern, und
nahm nie mehr auf seine Schultern, als er tragen konnte.
    Nun htte man wohl glauben sollen, der Schulmeister habe sich und seine
herzige Elsbeth mit Arbeiten berladen gehabt. Keineswegs; er wute Alles so
einzurichten, da zuletzt immer Andere ihm einen guten Theil der Arbeit abnehmen
konnten. Sogar in der Schule hatte er wenig zu thun, denn er hatte sich da einen
geschickten jungen Bauerssohn, Namens Johanns Heiter, nachgezogen. Der war von
armen Aeltern, und Oswald gab ihm bei sich Wohnung und Kost aus der Garkche,
und unterrichtete ihn in gelehrten Dingen. Oswald hatte seinen Johannes sehr
lieb, und dieser war in der Schule so meisterlich zum Unterricht, da er
Oswalden gleich kam. Und die Kinder liebten den Johannes, denn er war sanft und
freundlich, und machte ihnen das Lernen beinahe noch leichter, als Oswald.
Dieser ging oft ganze Tage seiner Feld- und Gartenarbeit nach, und freute sich,
wenn er sah, wie im Dorfe Alles nach und nach anders ward.
    Und wirklich war es seltsam zu sehen, wie Leute, die vorder arme Schlucker
gewesen, nach und nach sich von Schulden frei machten, und wie ihre Huser ein
stattliches Ansehen bekamen; hingegen, wie vormals wohlhabende Bauern, die in
ihrer alten Gewohnheit verblieben, nach und nach arm wurden, weil sie das Ihrige
verwahrlosten, verlumpten, versoffen, verprozessirten, verspielten.
    Die zweiunddreiig Bundesgenossen Oswalds hielten sich wacker und waren
allenthalben voran, wo eine neue Einrichtung von ihm gemacht ward. Ihr Beispiel
munterte dann viele Nachbarn auf, es auch so zu machen. Die jungen Bursche,
welche Oswald am Sonntage unterrichtete, und die Mdchen aus Elsbeths Nhschule
trugen bei ihren Aeltern nicht wenig zum Guten bei. Andere aber waren und
blieben im Dorfe unverbesserliche Lumpen. Und an der Spitze des schlechten Volks
stand der Lwenwirth Brenzel. Dieser war ein geschworner Feind aller neuen
Einrichtungen. Er fluchte bestndig auf die Neuerer, und sagte, die Religion
gehe dabei zu Grunde; es msse anders kommen; so knne es nicht lnger gehen.
Doch hielt ihn der Herr Pfarrer, welcher ihn viel besuchte, immer im Zaum, da
er nicht viel Bses thun konnte. Dazu kam, da Brenzel seine Hauptsttze,
nmlich den dritten Gemeindsvorsteher, von seiner Seite verlor. Dieser hatte
schon lngst bemerkt, da es mit seiner Wirthschaft den Krebsgang gehe, und sich
darber aus Verdru dem Trunk ergeben, da er keinen Tag nchtern war. Und um
schnell wieder reich zu werden, hatte er in mehrere Lotterien gesetzt und sein
Geld verlottert, bis er nichts mehr hatte. Da kamen die Glubiger, denen er
schuldig war, und nahmen ihm das Letzte.
    Nun muten neue Gemeindevorsteher gewhlt und der hohen Landesobrigkeit
vorgeschlagen werden. Da gab es im Dorfe zwei Parteien. Die Lumpen wollten Einen
oder Zwei ihres Gleichen, denen sie schuldig waren, die rechtschaffenen Leute
aber wollten das nicht. Es war viel Zanks. Viele fragten den Herrn Pfarrer
darber, wenn er sie nach seiner Gewohnheit besuchte. Er aber antwortete ihnen
und sprach:
    Ich wundere mich sehr, da Keiner von euch noch an den braven Mann gedacht
hat, der euch schon so viel Nutzen gestiftet, der so klug, so menschenfreundlich
und so thtig ist. Ich meine den Schulmeister. Wenn ihr den whlet, so habet ihr
den rechten Mann an der Spitze. Freilich, er gehrt nicht zu denen, die sich zu
einer Ehrenstelle drngen. Aber eben deswegen mu man zuerst auf ihn achten.
Denn die, welche um Ehrenstellen werben, und Andern den Rang ablaufen wollen,
haben gemeiniglich Nebenabsichten. Sie sind stolz und ehrgeizig, wollen nicht
das Beste der Gemeinde, sondern ihren Hochmuth befriedigt sehen.
    Ferner sprach er: Es ist wohl gut, da man einen wohlhabenden Mann zum
Gemeindevorsteher whlt; aber Reichthum nicht, sondern Uneigenntzigkeit ist die
hchste Tugend. Wehe der Gemeinde, die den zum Vorsteher macht, dem die meisten
Brger schuldig sind. Denn sie machen ihn zum Gewalthaber und Richter in seinen
eigenen Angelegenheiten, und sie werden Sklaven eines Dorftyrannen durch eigene
Thorheit. Sie sollen lieber den whlen, der auch den hartherzigen Glubiger und
den reichen Tyrannen in Schranken halten kann.
    Ferner sprach er: Ein guter Kopf thut viel, aber ein redliches Herz thut
noch weit mehr. Darum fraget erst: ist der Mann ein grundredlicher, hlfreicher
Mann? nachher fraget: hat er Klugheit genug, und ist er keines Reichen
Schuldner? - Der Vorsteher einer Gemeinde soll unabhngig sein, sonst ist nicht
er, sondern sein Glubiger, den er frchtet, Vorsteher des Ortes.
    Ihr knnet nicht leicht irren, den wrdigsten Mann zu finden. Denket nur
nach, welchen Mann wrdet ihr auf euerm Sterbebette am liebsten zum Vogt eurer
Wittwen und hinterlassenen Waisen machen, in der Ueberzeugung, er werde das
Glck der Eurigen wohl besorgen? Nun, diesen machet zum Vorsteher. - Oder, wenn
ihr zu einem eurer Mitbrger in Dienst treten mtet, welchen wnschtet ihr am
liebsten zu euerm Herrn? Nun, diesen machet zum Vorsteher!
    Wenn an einem Orte die Mehrheit der Vorsteher guten Willen und redliches
Gemth hat, welche das Unrecht verabscheut; so findet sich leicht zu Allem guter
Rath. Ein einziger guter Kopf ist genug. Drei gute Kpfe, ohne gutes Herz,
werden sich beisammen nicht vertragen. Denn Jeder will es besser verstehen, als
der Andere, und so kommt Zwietracht unter sie, und von ihnen in die Gemeinde.
    Saget mir, wer ist der beste Vater bei seinen Kindern; liebreich und doch
nicht schwach, streng und doch nicht hartherzig? Oder saget mir, wer ist der
beste Hausherr, dem sein Gesinde gern dienet und zugethan ist, aber den es doch
frchten mu; der Alles in seinem Hauswesen geschickt ordnet und leitet ohne
Lrmen und Gerusch, ohne Zank, ohne Zorn, und da doch Alles dabei gut geht,
wie von selber? - Diesen macht zum Hausvater der ganzen Gemeinde.
    So sprach der weise Herr Pfarrer, und Jeder dachte nun anders als vorher.
Und als die Gemeinde sich versammelte, um zween Vorsteher zu whlen, ward von
den Meisten verlangt, man solle nicht offen whlen, sondern Jeder solle seine
Stimme auf einem verschlossenen Zettel eingeben, damit Niemand wisse, wer sie
gegeben, auf da Jeder frei und ohne Furcht und Rcksicht den whlen knne, der
ihm der Wrdigste scheine. Der Lwenwirth Brenzel wollte zwar dagegen lrmen;
denn er hatte schon bestimmt, wen er zum Amtsgenossen verlange, und nun wollte
er gern diejenigen sehen, die es mit ihm hielten oder von ihm abtrnnig wren.
Aber der grimmige Lwenwirth setzte es nicht durch. Und es ward geheimes
Stimmenmehr gesammelt, und in der ersten Wahl der Schulmeister Oswald, in der
zweiten der Mller Siegfried zu Vorstehern des Dorfes erwhlt. Letzterer nahm
aber die Stelle nicht an, dieweil er Oswalds Schwiegervater wre; das tauge
nicht, da aus einer Verwandtschaft zwei Glieder beisammen im Rath sen. Also
ward, statt des Mllers, gewhlt Ulrich Stark, ein stiller, fleiiger,
verstndiger Mann.
    Dem Lwenwirth, da er diese Wahl sah, ward es ganz grn und gelb vor den
Augen. Er hoffte noch, Oswald werde sich ebenfalls weigern, die Stelle
anzunehmen. Aber er betrog sich; Oswald dankte der Gemeinde fr das Zutrauen,
und empfahl nun seinen lieben Johannes Heiter zum Schulmeister. Und Heiter ward
Schulmeister.
    Der Lwenwirth ging betubt, als wre ihm ein Kirchthurm auf den Kopf
gefallen, nach Hause. Daselbst lie er seine Wuth erst an der Katze aus, die ihm
schmeichelnd zwischen die Beine kam; dann an dem Hunde, der freundlich an ihm
hinaufspringen wollte; dann an der Magd, die ihn nicht gleich verstand, als er
ein Glas Branntewein begehrte; dann an der Frau, als die sagte, der Ulrich Stark
sei eine ehrliche Haut.

                 22. Der Gemeindsstall mu ausgemistet werden.


O Herr Jerum! O Herr Jerum! rief der Lwenwirth und kratzte sich hinter den
Ohren, so oft er daran dachte, da Oswald nun Ortsvorsteher geworden. Doch
besann er sich, und lief spornstreichs zum Oswald hin, umarmte ihn als seinen
Kollegen, gratulirte von ganzem Herzen, sagte: nun wollten sie beide rechte
Herzensfreunde werden und wie Brder leben.
    Elsbeth wunderte sich ber die gar zu schnelle Hflichkeit des Lwenwirths,
und sprach, als er fortgegangen war, zu ihrem Manne: Oswald, Oswald, httest du
doch die Stelle nicht angenommen! Denn Brenzel ist ein falscher Mann, und er
wird dir eine Grube graben und dich in die Falle bringen. Oswald, lieber Oswald,
hte dich vor dem Lwenwirth!
    Oswald kte Elsbeths finstere Stirn und sprach: Brenzel ist kein grimmiger
Lwe; ich sehe, er ist nur ein feiger, schmeichelnder, tckischer Kater. Aber
ich will ihm die Pfoten schon lhmen.
    Als nun die Vorsteher das erste Mal nebst dem Gemeindeschreiber beisammen
saen, verlangten Ulrich Stark und Oswald vor allen Dingen, die Rechnungen
einzusehen und die Gemeindebcher. Aber da fand sich Alles in groer Unordnung.
Vieles war gar nicht ins Protokoll eingetragen. Die Gemeinde hatte bei
siebentausend Gulden Schulden. Beinahe die Hlfte war sie dem Lwenwirth
schuldig, der sich fnf Prozent zinsen lie, whrend er Geld zu drei und vier
Prozent fr sich aufgenommen hatte. Die jhrlichen Gemeindssteuern waren
meistens fr allerlei Unkosten, Bemhungen, Augenscheine und Besichtigungen, fr
Reisen, Entschdigungen und dergleichen der bisherigen Gemeindsvorsteher darauf
gegangen. Besondere Rechnung war darber nicht gefhrt, sondern Alles nur in
runden Summen ausgestellt. Eben so war es mit den Einknften des Dorfspitals
oder Armenguts gegangen. Mit den Vormundschaftsrechnungen fr die Wittwen und
Waisen stand es nicht besser. Aus den Waldungen hatte man im Einverstndni mit
dem Frster nach Belieben Holz geschlagen und verkauft, wie es hie, zum Besten
der Gemeinde, ohne da man jetzt wute, wohin und wie viel. Hatte sich doch der
Lwenwirth manchmal selbst gerhmt: Mein Beil hat schon mehr Holz abgeschlagen,
als der beste Hof im ganzen Lande werth ist. - Genug, es war mit dem Gut der
Gemeinde bel gehauset, bel Rechnung gehalten; hingegen sah man wohl, die
Herren Vorgesetzten hatten sich dabei nicht vergessen. Es fand sich sogar, da
um den Spottpreis von tausend Gulden ein groes Stck Gemeindsland verkauft
worden war, da es die Vorsteher gekauft, das Geld noch nicht einmal bezahlt und
seit fnf Jahren nicht verzinset hatten. Ferner, da der Lwenwirth schon vor
eilf Jahren, im Einverstndni mit seinen Beisitzern, viertausend Gulden Kapital
aufgenommen hatte, Namens der Gemeinde; da dafr die Gemeindswlder
unterpfndlich verhaftet worden waren; da die Gemeinde den Zins unter den
brigen Steuern hatte mitzahlen mssen, und da das Kapital in den Hnden der
Vorgesetzten geblieben war.
    Da ergrimmte Oswald in seinem Gemth, und sprach: Man hat mich nicht in den
Gemeindsrath gesetzt, sondern in den Gemeindsstall, der da ist voller Unflath
und Verderben. Aber wir wollen den Stall ausmisten, und sollte der Gestank auch
durch das ganze Land dringen. Ihr habet, als Vorsteher, nicht das Gemeinbeste
vertreten, sondern ihr habet es zertreten. Ihr Vter der Wittwen und Waisen
habet eure Kinder bestohlen, und den armen Leuten verschimmeltes Brod
zugeworfen, whrend ihr aus ihrem Gute euch Wein und Braten auftischtet. Ihr
habet den, der vom Felde zwo Rben stahl, in den harten Kerker geworfen, aber
euch weiche Betten gekauft vom Gelde, das ihr der Gemeinde geraubet. Ihr
Ottergezcht, die ihr immer von Gerechtigkeit redet und in Ungerechtigkeit
schwelget, die ihr immer die Religion im Maule habet und den Teufel in der Brust
- wahrlich, wahrlich, ihr sollt rnten, was ihr geset habt: Armuth fr
Hochmuth, Galgenholz fr Ruberstolz!
    Als dies der Lwenwirth hrte, kam groes Entsetzen ber ihn, da er im
Innersten erzitterte. Er schob die Schuld auf seine ehemaligen Beisitzer, und
fiel vor Oswald weinend und heulend nieder, und beschwor denselben bei Allem,
was heilig ist, ihn nicht unglcklich zu machen.
    Aber noch denselben Tag sendete Oswald einen Bericht an die hohe Obrigkeit,
und deckte Alles auf. Und im ganzen Dorfe war groer Schrecken und allgemeine
Bestrzung; denn so viel Betrug hatte Keiner den ehemaligen Vorstehern
zugetraut. Viele wollten es gar nicht glauben, und schalten den Oswald einen
Verleumder und Bsewicht, der sich groes Ansehen geben und unschuldige Leute
ins Verderben bringen wolle. Und der Lwenwirth lief umher im Dorfe und suchte
bei seinen Freunden allerlei Zeugni, um sich gegen die schwersten
Beschuldigungen sicher zu stellen. Jedoch seine besten Freunde zuckten die
Achseln, und wollten sich in das Geschft nicht mischen. Und schneller, als er
vermuthete, erschien eine Untersuchungskommission der Regierung. Da kam alle
Schndlichkeit ans Tageslicht. Der Lwenwirth ward gefangen hinweggefhrt, um
vor Gericht beurtheilt zu werden. Er ward seiner Stelle entsetzt und kam ins
Zuchthaus. Aus seinem Vermgen wurde Vieles von dem wieder ersetzt, um was er
die Gemeinde betrogen hatte. So endete der stolze Lwenwirth; denn unrecht Gut
gedeihet nicht, und Hochmuth kommt vor dem Fall.
    Oswald aber wurde zum ersten Vorsteher der Gemeinde ernannt, und ihm ein
Ehrenmann aus dem Dorfe zum dritten Beisitzer erwhlt.
    Ueber diese schrecklichen Begebenheiten hielt der Pfarrer Roderich eine
schne lehrreiche Predigt. Er sagte: Wenn Aeltern ungerathene Kinder haben, so
mu man nicht nur die Kinder, sondern auch die Aeltern wegen schlechter Zucht
anklagen. Und wenn in einer Gemeinde Schande, Armuth und Laster zunehmen, so ist
es ein Beweis, da die Vorgesetzten nichts taugen, sondern Schuld an dem Unglck
sind. Aber Gott sendet Jedem seinen jngsten Tag zu.

                    23. Die Schulden mssen getilgt werden.


Der Oswald hatte jetzt gar viel zu schaffen. Keiner wute, was er trieb. Bald
lief er in allen Feldern herum, bald tagelang in den Wldern, bald wieder in die
Stadt.
    Ach, du armer Oswald! seufzte Elsbeth, wenn sie ihm am Abend vor dem Dorfe
entgegenging und ihn mitleidig bewillkommte: Warum kmmerst du dich so sehr,
armer Oswald, und plagest dich? Du wirst am Ende doch nur Undank und Verdru von
aller deiner Mhe haben.
    Oswald sprach: Undank ist die Mnze, womit das Volk am liebsten zahlt. Wer
aber einer Gemeinde vorsteht, der soll an seinen Gott und seine Pflichten
denken, nicht aber auf Lohn und Dank. Siehst du, liebes Herz, Gott lohnt endlich
auch gewi alles Gute, gleich wie er Bses straft.
    So redete Oswald, und that, was er sollte.
    Es ergab sich aber, da die Gemeinde noch ber sechstausend Gulden schuldig
war, theils von den Zeiten des Krieges und der Theurung her, theils durch die
schlechte Haushaltung der ehemaligen Vorgesetzten. - Und Oswald sann Tag und
Nacht, wie er diese Last von dem armen Goldenthal nehmen, oder doch vermindern
knne. Und als sein Plan endlich reif war, legte er ihn seinen Amtsgenossen vor;
die hieen ihn nach langer Berathschlagung gut, und sprachen: Wollte Gott, die
Schulden wren abgethan, so wte doch auch Jeder wieder, was er Eigenes htte,
und knnte frei athmen, und mte nicht fort und fort an das Zinsen denken.
    Darauf ward eine Besichtigung und Schtzung aller liegenden Grnde der
Ortsbrger angeordnet, damit man ungefhr wisse, wie arm oder reich Jedermann
sei; und damit Jeder auf gerechte Weise in Zukunft wegen der Steuer angelegt
werden knne. Und Jeder mute bei den Gemeindevorstehern angeben und beweisen,
wie viel Schulden er auf Haus und Gtern stehen habe; und das ward treulich in
ein Buch eingetragen und darnach Jedermann geschtzt.
    Dann trat Oswald am Sonntage nach der Kirche mit seinen zween Beisitzern vor
die versammelte Gemeinde und sprach: Ihr Mnner, liebe Mitbrger, unser Dorf
hat sechstausend vierhundert Gulden Schulden. Das Geld haben wir theils in den
benachbarten Stdten zu verzinsen, theils sind wir es hier im Dorfe uns selber
fr Heu, Haber, Fuhren und Requisitionen schuldig. Was wir auswrts zu zahlen
haben, wollen wir ein andermal besprechen. Jetzt wollen wir abthun, was sich die
Gemeinde selber schuldig geworden ist.
    Viele von uns haben an der Gemeinde noch betrchtlich fr Stroh, Haber und
andere Lieferungen aus dem letzten Kriege zu fordern. Man verzinset ihnen zwar
jhrlich, aber sie mssen doch allemal erst ihren Beitrag zur allgemeinen
Zinssumme geben. Also verzinsen sich im Grunde Viele nur ihre Sache selber. Das
ist mhsam und thricht. Nun haben wir diese Schuld auf alle Brger, nach
Magabe ihres Vermgens, vertheilt. Den Reichen trifft davon mehr, den Armen
weniger. So wird die Gemeindschuld in eine Partikularschuld verwandelt. Wer auf
diese Art so viel schuldig wird, als er selber zu fordern hat, der streicht
Schuld und Forderung, und ist frei, bekommt und zahlt keinen Zins mehr. Wer mehr
zu fordern hat, als er durch die Eintheilung schuldig wird, streicht erst so
viel von seiner Schuld weg, als ihm die Gemeinde selbst schuldig ist, und sagt:
Wer zahlt mir den Ueberschu dessen, was mir herausgebhrt? - Antwort:
Diejenigen zahlen ihn, die nichts an die Gemeinde geliefert haben im Kriege.
Diese sind als Schuldner an die Zuguthaber vertheilt, und tragen denselben
entweder die kleine Summe, die sie trifft, gleich baar ab, oder verzinsen solche
zu Vier vom Hundert.
    So redete Oswald. Viele verstanden es anfangs nicht recht. Da sie aber
einsahen, da dabei Keiner zu kurz kam, waren sie es sehr zufrieden. Denn die
Reichen, welche am meisten zu fordern hatten, die hatten auch nach Magabe mehr
an Abtragung der Gemeindsschuld zu zahlen. So blieb fr die Aermern weniger zu
entrichten brig, und Jeder fand die Einrichtung darum billig, weil die
Schatzung der Gter und des Vermgens sehr unparteiisch gemacht war.
    Am Sonntage darauf ward die Gemeinde abermals versammelt, und Oswald redete
also: Ihr Mnner, liebe Mitbrger, es ist uns gelungen, das Geld, was die
Gemeinde schuldig ist, in benachbarten Stdten zu geringerm Zins zu erhalten,
also, da Goldenthal jhrlich nur zweihundert und zwanzig Gulden Zins zu
entrichten hat. Aber es wird manchem Hausvater schwer fallen, den Beitrag zu
diesem Zins zu erschwingen aus seinem Gut. Daher ist es besser, es zahle Keiner
von euch den Zinsbetrag aus seinem Gut!
    Da erhoben alle Goldenthaler ein Gelchter, und sie riefen: Das lt sich
hren und gefllt uns ber die Maen.
    Oswald erhob die Stimme und redete weiter: Ihr Mnner, liebe Mitbrger, wir
haben noch ein groes Stck Gemeinweide. Das ist elendes Land, vom Vieh
zertreten, mit alten einzelnen Eichen darauf. Jeder von euch, dem dies Land
gehrte, wrde es besser benutzen. Aber wer benutzt es jetzt? - Niemand. Denn
die Reichen, welche viel Vieh haben und es im Sommer darauf weiden lassen, haben
offenbaren Schaden daran. Nicht nur kommen ihre Khe magerer und hungriger
Abends heim, als sie des Morgens hinausgingen, sondern es geht auch fr die
Aecker aller Dnger vom Vieh dabei verloren. Die Armen aber, die keine Kuh
halten knnen, haben gar keinen Nutzen davon, und mssen ihn den Reichen
berlassen. Ist das billig? Warum sollen reiche Brger mehr Vortheil vom
Eigenthum der Gemeinde haben, als arme? Sind wir nicht allesammt Goldenthaler?
Hat Einer nicht so viel Recht, wie der Andere? Wer hat denn den Reichen den
Nutzen des Gemeinlandes allein gegeben? - Wenn die Armen ein Stck Feld davon
htten, und knnten Klee oder andere Grasarten darauf bauen, so htten sie fr
ihre Ziegen und Schafe doppelt so viel und gesnderes, nahrhafteres Futter, als
jetzt. Also ist unser Rath, da wir das Gemeinland in gleiche Theile unter die
Brger vertheilen, da Jeder seinen Theil davon benutzen knne, wie er wolle.
Das Land aber bleibt aber ewiges Eigenthum der Gemeinde; Jeglicher empfngt
seinen Antheil nur in Pacht, und kann ihn weder verkaufen, noch verleihen, noch
vererben, noch sonst veruern; sondern derselbe fllt jedesmal nach des
Besitzers Tode an die Gemeinde zurck. Diese gibt ihn dann an einen jungen
Brger, der eigene Haushaltung fhrt und noch ohne Gemeinland ist. Jeder zahlt
jhrlich einen geringen Pachtzins von seinem Stck, und damit wird der Zins von
der Gemeindsschuld abgetragen. Also zahlt Niemand diesen Zins aus seinem eigenen
Gut, sondern aus dem, was er von der Gemeinde zum Lehen hat.
    Nachdem Oswald geredet hatte, entstand groes Nachdenken im Volk, Gemurmel,
Streit, Wortwechsel, Geschrei und Lrmen, als wre Mord und Todtschlag. Denn die
reichen Bauern, welche das Weidland bisher ausschlielich mit ihrem Vieh benutzt
hatten, wollten die Theilung nicht zugeben, schrien ber Ungerechtigkeit und
drohten mit der Regierung. Andere sagten: Wir sehen wohl, man will die Lumpen
reich machen, und die Ehrenleute im Dorfe zu Lumpen. Wer Vieh hat, der kann es
zur Weide schicken; das ist eine alte Rechtsame, die von den Vtern vererbt ist,
und die lassen wir uns nicht nehmen!
    Doch die Mehrheit der Bauern, die nicht reich waren, oder die ihr Vieh, um
mehr Dnger zu gewinnen, im Stall ftterten, setzte es durch und hob den
Weidgang auf. Alsbald mute ein Feldmesser kommen, alles Gemeinland in so viel
Theile, als Haushaltungen waren, vertheilen, und dann wurden die Stcke
verlooset. Die reichen Bauern gingen jammernd und klagend vor die Regierung und
beschwerten sich wegen der Bedrckung ihrer Rechtsame. Die Regierung aber gab
folgenden Bescheid: Das Gemeinland ist eine Rechtsame der Brger und nicht der
Khe von Goldenthal. Also kann jeder Brger das Gemeinland oder seinen Theil
benutzen wie er will. Ihr Herren aber vertheidiget nicht eure alten Rechtsame,
sondern euern von Alter stinkenden Eigennutz, und verstehet noch dazu euern
Vortheil schlecht. Derohalben bleibt von nun an der Weidgang aufgehoben. Damit
packet euch, ihr Esel, und ziehet hin in Frieden!
    Die reichen Bauern bedankten sich fr den gndigen Bescheid, und zogen heim.
Nun erst bedauerten sie den Lwenwirth Brenzel im Zuchthause, und sagten: Er
war doch bei allen seinen Fehlern ein braver Mann; er hielt auf alte
Gerechtigkeiten und Herkommen; unter ihm wre so etwas nie geschehen. Der Oswald
ist ein Franzos, ein Jakobiner, ein Neuerer, ein Bonapartler und dergleichen.

              24. Und abermals die Schulden mssen getilgt werden.


Schon im folgenden Frhjahr war Jubel und Freude in der vormaligen Wste des
Gemeinlandes. Denn wo sonst einsame Khe am kurzen schlechten oder sauern Grase
rupften und zupften, blhete nun ein wahrer Garten. Da sah man nun Bohnen,
Hopfen und Hanf, Erbsen und Flachs, Kohl und Erdpfel, Klee und Getreide in
bunter Mannigfaltigkeit. Jeder konnte leicht berechnen, da er mit der Aernte
nicht nur den kleinen Zins abtragen, sondern Ueberschu haben wrde. Selbst die
reichen Bauern, sobald sie einmal zum rechten Verstand kamen, was oft sehr
schwer bei ihnen hielt, erkannten ihren Vortheil dabei. Denn nicht nur hatten
sie Gewinn am Futter fr ihre Khe im Stall, an Milch und Dnger, sondern auch
an baarem Geld. Denn htte Jeder, wenn es nach ihrem Kopf gegangen wre, zum
Schuldenzins der Gemeinde aus seinem eigenen Sack gesteuert, so htten sie
verhltnimig das Meiste dazu haben zahlen mssen, whrend jetzt, ein Jeder
von seinem Pachtland, gleich viel Zins entrichtete. Der Oswald aber war noch
nicht zufrieden, und nicht vergebens so oft in den Wldern Tage lang
umhergestrichen. Er hatte sogar in einer benachbarten Stadt den Oberfrster
besucht, der in seinem Fach ein grundgeschickter Herr war, und hatte denselben
links und rechts in den Goldenthaler Gemeindswaldungen herumgefhrt und um Rath
gefragt. Der Oswald brtete wieder ber etwas, aber Keiner wute recht worber?
Die reichen Bauern sagten: Wir wissen's wohl, es soll wieder ber unser Fell
hergehen! Diesmal aber hatten sie sich doch geirrt.
    Jedermann war sehr neugierig, als die gesammte Brgerschaft von Goldenthal
wieder versammelt wurde, um von den Vorgesetzten wichtige Antrge zu hren.
    Oswald trat wieder hervor und sprach mit lauter Stimme: Ihr Mnner, liebe
Mitbrger! Ein Mann ohne Schuld hat Jedermanns Huld. Unser Dorf hat aber noch
Schulden. Wir verzinsen dieselben vom Pachtlande. Besser wre es, wir behielten
den Zins vom Pachtlande Jeder in seinem eigenen Sack, wenigstens zehn Jahre lang
oder lnger. Damit wre uns allen geholfen.
    Die Leute lachten und sprachen unter sich: Der Vorschlag ist nicht
unbillig.
    Oswald fuhr fort zu reden: Ich und die ehrsamen Beisitzer wollen es
bernehmen, dafr gut zu stehen, da die Gemeindeschuld ganz oder doch
grtenteils abgetragen werden soll, ohne eure Unkosten, sobald ihr einwilliget,
drei Beschlsse zu genehmigen und zu befolgen.
    Aha! schrien die reichen Bauern: Jetzt kommt der hinkende Bote nach!
    Oswald sprach: Hret mich an und denket wohl nach, ob ich wahr rede oder
nicht. Wir haben in Goldenthal ungefhr hundert Haushaltungen.
    Das ist wahr! riefen die Bauern.
    Jede Haushaltung, sagte Oswald, bekommt jhrlich drei Klafter Holz nebst
Reiswellen aus dem Gemeindswald.
    Die Bauern sagten: Das ist wieder wahr.
    Und, fuhr Oswald fort, so viel braucht jede Haushaltung; manche mehr,
manche aber auch weniger, die aus der Garkche speist. Aber alle knnten sich
mit Wenigerem behelfen, wenn sie nicht Jahr aus Jahr ein zum Brodbacken,
Obstdrren und zu den Wschen gar viel Holz nthig htten. Bedenket, wenn in
einer einzigen Woche zehn, zwanzig Familien Wsche halten oder Brod backen, wie
viel Holz in so vielen Huseln auf einmal verbrannt wird!
    Die Bauern murrten und sprachen: Das ist ganz richtig; aber wir knnen
nicht ohne Brod leben und in unreiner Wsche gehen.
    Oswald sagte: Es gibt viele Gemeinden im Lande, die weit reicher sind, denn
wir, und doch weit mehr hausen und besser sparen, als wir. Aber eben darum sind
sie reicher. Es gibt Gemeinden, sie haben nicht so viel Waldung, als wir, und
haben doch Holz genug und knnen davon sogar verkaufen. Aber wie machen sie es?
Da haben mehrere Huser zusammen nur einen einzigen Back- und Drrofen. Da trgt
jeder in der Woche seinen Teig und sein Obst hin, wenn die Reihe an ihn kommt.
Und weil der Ofen nie kalt wird, braucht Jeder nur wenig Holz zur Feuerung
hineinzuthun, um ihm die gehrige Hitze zu geben. Das nennt man hausen und
sparen! - Warum knnen wir das nicht? Warum thaten wir das nicht schon lngst?
Antwort: Weil wir zum Guten entweder zu trg oder zu unverstndig waren. Und
bedenkt noch dazu, wie leicht wir durch das Backen und Drren in den Wohnhusern
ein ganzes Dorf in Feuersgefahr setzen. Bedenket, wie viel Holz wir nur dadurch
sparen knnten, wenn wir kleinere, bequemere Stubenfen htten, die weniger Holz
fressen, statt der ungeheuern Steinmassen, die wir haben mssen, weil sie auch
zum Backen und Drren dienen sollen. Holz brennen heit Geld verbrennen!
    Bei diesen Worten kratzte sich die ganze ehrsame Gemeinde von Goldenthal
verdrielich hinter den Ohren.
    Doch der erste Vorsteher lie sich nicht stren, und sprach weiter: Schauet
rechts und links. Andere Gemeinden haben lngst schon Gemeindswaschhuser, deren
sich alle Haushaltungen nach der Reihe bedienen, und wozu sie sich einschreiben
lassen. Da ist mit dem Holz das gleiche Ersparni, wegen Feuersgefahr die
gleiche Sicherheit fr das Dorf. Wir wissen das und wir finden das lblich.
Warum mu denn bei uns jede Haushaltung noch ihre Wsche bei sich im Hause
halten? - Durch das Feuer beim Backen werden unsere Oefen, durch das Feuer beim
Waschen werden unsere Herde weit schneller ausgebrannt und schadhaft. Wir mssen
daher beide fters ausbessern lassen. Das kostet Geld. Htte die Gemeinde ein
gemeinsames Waschhaus, htte eine ganze Reihe Huser ihren gemeinsamen Backofen
zu unterhalten, das wrde ungleich weniger kosten.
    Nun denn, liebe Mnner und Mitbrger! Wir machen euch den Vorschlag zur
Errichtung von Gemeindsbackfen mit Einrichtung zum Drren, und zur Erbauung
eines gemeinsamen Waschhauses, wie andere Gemeinden haben. Die ersten Unkosten
dazu sollen aus dem Gemeindssckel gegeben werden. Wir alle wollen dazu
fuhrwerken und handlangen. Was meinet ihr?
    Die Bauern meinten vielerlei. Die Einen wollten beim Herkommen bleiben;
mehrere aber sahen ein, da ein Gemeindswaschhaus besser wre. Doch die Backfen
wollten sie nicht, weil sie dergleichen noch nicht kannten. Andere aber stimmten
auch zur Errichtung der gemeinsamen Drr- und Backfen. Als nun endlich einmal
abgestimmt werden sollte nach langem Streit, geschah es, da sowohl fr
Waschhaus als fr Backfen die grte Mehrheit war.
    Da sprach Oswald mit freudigem Antlitz: Bravo, ihr Mnner und Mitbrger,
euer Beschlu macht euch Ehre und wird euch mit Nutzen belohnen. Nun kommt das
Letzte. Wenn ihr nun weniger Holz in Zukunft gebrauchet, so brauchet denn
weniger. Machet aus dem Holz, was ihr auf diese Weise ersparet, ein Geldkapital,
und bezahlet damit die Gemeindsschulden ab. Hret mich an und helfet mir
rechnen.
    Wenn sich jede Haushaltung, die jetzt nebst Reiswellen drei Klafter Holz
empfngt, im Jahr mit zwei Klaftern durchbringt, so werden von den hundert
Haushaltungen in einem Jahr einhundert Klafter erspart. Das Klafter ist fnf
Gulden werth, bringt im Jahr fnfhundert Gulden. Binnen zehn Jahren haben wir so
fnftausend Gulden gespart und unsere Schuld bezahlt.
    Hret mich weiter. Wir haben etwas ber sechshundert Jucharten
Gemeindswaldung. Seit die hohe Regierung in den Wldern den Weidgang verboten
hat, wchst darin Alles, wie ihr wisset, freudig und hanfdick auf. Ich bin mit
dem Herrn Oberfrster durch den Wald gegangen. Er sagte: alle Jahr wchst auf
einer Juchart Land ein halbes Klafter Holz zu. Ferner sagt er: Wir mssen das
vom Stock ausgeschlagene Laubholz. wie Buchen, Erlen, Hagebuchen, Espen, Ahorn,
dreiig Jahre alt werden lassen; groe Eichen, Buchen, Tannen und was zu grobem
Bauholz dient, mu siebenzig, hundert und mehr Jahre alt werden. Folglich, wenn
wir gehrig holzen, so mssen wir alle niedere Laubholzwaldungen in dreiig
Portionen eintheilen, und alle Bauholzwaldungen in hundert und mehr Portionen.
Wenn wir nun alle Jahre von jeder Art nur eine Portion nehmen, so htten wir
natrlich alle Jahre gleich viel Holz, und schlgen nicht zu viel und nicht zu
wenig, und wir und unsere Nachkommen htten allezeit altes, reifes Holz zu
schlagen. Ferner sagt er: Wir htten im Tannenwald so altes Holz, da, wenn wir
nach der Ordnung holzten, vieles davon beralt und faul werden wrde. Wenn wir
dies in einigen Jahren wegschlgen, wrde in hundert Jahren da wieder fr unsere
Nachkommen hundertjhriges Holz stehen. - So ist denn mein Rath und der Rath der
ehrsamen Beisitzer: Wenn wir uns im Gebrauch alle Jahre hundert Klafter
absparen, so sind tausend Klafter ungefhr das Ersparni von zehn Jahren. Statt
nun zehn Jahre zu warten, holzen wir das Ersparni in zwei Jahren ab, bezahlen
unsere Schuld, behalten den Zins im Geldsack fr uns, und behelfen uns zehn
Jahre lang in jeder Haushaltung mit zwei Klaftern nebst Reiswellen.
    Als die Gemeinde diesen Vorschlag angehrt hatte, erhob sich wieder Streit
und tobendes Geschrei. Die Meisten htten gern zwar den Zins behalten, aber auch
das Holz. Man stritt bis es Nacht ward, und kam zu keinem Schlu und lief
auseinander.

                           25. Es geht immer besser.


Die wohldenkenden und verstndigen Mnner im Dorfe schttelten den Kopf und
sagten: Das Ding mit den Holzsparen setzen wir bei dieser hartnckigen Gemeinde
nie durch. Oswald aber lachte und antwortete: Nur Geduld! Gutes Ding will
seine Zeit haben. Die Leute mssen das Ding erst besprechen, beschlafen und
sattsam verdauen. Goldenthal ward nicht in einem Tage gebaut. Unsere Bauern,
wenn ihnen ein ntzlicher Vorschlag gemacht wird, der ihnen neu ist, sind wie
die Kinder, wenn sie einen unbekannten Mann erblicken. Die laufen erst schreiend
und erschrocken davon; nachher schauen sie ihn aus der Ferne an; dann kommen sie
wieder einen halben Schritt nher, wenn sie merken, da er nicht beit; endlich
spielen sie mit ihm und werden gute Freunde.
    So redete Oswald. Unterdessen ward zur Erbauung des Waschhauses und der
Backfen Anstalt gemacht. Man fllte Holz, brach Steine, fhrte Leimen und Kalk
und Ziegel herbei, Alles durch gemeines Werk. Die Haushaltungen, welche einen
Back- und Drrofen gemeinschaftlich haben wollten, traten zusammen, beredeten
die Reihenfolge im Gebrauch des Ofens, und bestimmten den sichersten und
bequemsten Platz. Oswald lie einen sehr verstndigen Maurermeister kommen, der
die besten Vortheile bei Feuerherden und Oefen anzubringen wute. Er selbst
besuchte verschiedene Drfer, um dasige Einrichtungen kennen zu lernen und das
Beste davon fr Goldenthal zu benutzen. Gegen den Herbst waren das Waschhaus und
die Oefen schon aufgerichtet und zum groem Vergngen der Goldenthaler in vollem
Gebrauch. Jetzt sprten die Haushaltungen in der That, da dabei viel Holz
erbrigt werde und grere Sicherheit vor Feuersbrunst sei.
    Aber Eins folgt aus dem Andern. Manche Leute kamen nun von selbst auf den
Gedanken, die unflthigen groen Stubenfen wren nicht mehr so nothwendig wie
ehemals; man knnte kleinere haben, die weniger Holz fren. Oswald und der Herr
Pfarrer hatten solche kleine Stubenfen, welche sogar auch zum Kochen bequem
eingerichtet waren, in ihren Stuben. In der Stadt sah man fast berall
dergleichen. Der ehemalige Lwenwirth Brenzel hatte sich auch schon solche
angeschaut, damit es bei ihm stdtischer aussehe. Es war Gewinn dabei. Man
konnte das ersparte Holz verkaufen und Geld daraus machen. Keinem kamen die
Worte Oswalds wieder aus dem Sinn: Holz verbrennen heit Geld verbrennen! Man
scheute nur die Unkosten fr das Umsetzen und Abndern der Oefen.
    Doch verschiedene von den zweiunddreiig heimlichen Genossen des
Goldmacherbundes, auf welche Oswald noch immer durch sein Ansehen groen Einflu
hatte, lieen auf sein Zureden ihre Oefen schon im Herbst verndern, besonders
da er einigen der Unbemitteltsten dazu etwas Geld vorscho. Ein geschickter Mann
aus der Stadt richtete Alles hchst vorteilhaft und einfach ein. Nun htte man
sehen sollen, wie die Nachbarn und Nachbarinnen aus allen Winkeln des Dorfes
kamen, die neuen Stubenfen, als wahre Wunderthiere, zu beschauen. Alle lachten
darber, Alle spotteten und tadelten. Hintennach, da der kalte Winter mit Eis,
Sturm und Schneeflocken ins Dorf einzog, verwunderten sie sich, da die kleinen,
von den Wnden freistehenden Oefen doch so warme Stuben machen konnten. Als aber
im Frhjahre viele von den Besitzern dieser Oefen Holz verkauften, kam den
Uebrigen die Sache sehr annehmlich vor. Die alten, ungeheuern Oefen verloren
ihre alten Vertheidiger, und zuletzt wollte Jedermann in der Stube ein kleines
Wunderthier haben. Viele, welche die Einrichtung bei den Andern gesehen hatten,
bauten sich sehr kunstvoll die Oefen selbst auf, und sogar noch mit kleinen
Verbesserungen, die allgemeinen Beifall hatten. - Im Frhjahr ging der Weibel
herum von Haus zu Haus und sagte: Geld her; der Zins von der Gemeindsschuld soll
bezahlt werden, darum bezahlet den Zins vom Pachtlande, das ihr von der Gemeinde
habet!
    Das war ein bses Geschft, so mit einmal zwei Gulden und darber fr nichts
und wieder nichts wegzugeben. Einige sagten: Hole der Kukuk die
Gemeindsschulden! Andere liefen zu Oswald und sagten: Herr Vorsteher, warum
redet Ihr nicht mehr von Euerm Vorschlag, die Gemeindsschulden mit Holz aus dem
Wald fr immer abzuthun? Fangt doch wieder an!
    Das war's, was Oswald erwartete. Und als die Gemeinde zusammen berufen war,
sagte er: Die ganze Brgerschaft ist darin einig, wie ich von allen Seiten
vernehme, die Schuld abzustoen. Keiner will jhrlich ein Klafter Holz weniger
empfangen. Nun denn, so macht es mit einem halben Klafter jhrlich ab. Das wird
bei den neuen Einrichtungen Keiner so stark vermissen, als ein ganzes. Nehmet
ihr also jhrlich, statt drei, nur zwei und ein halbes Klafter, so lange, bis
wir wieder Holz im Walde genug haben, so ist die Schuld in zwei, drei Jahren
vernichtet.
    Der Vorschlag erregte zwar auch Murren, aber er ging durch. Und als ihn die
hohe Landesregierung nicht nur billigte, sondern auch belobte, ward nahe und
fern der Holzschlag angekndigt. Es kamen viele Kufer von nahe und fern zur
Steigerung. Man schlug in Gegenwart und unter Anweisung des Oberfrsters das
lteste Bauholz, auch an vielen Orten junges an, wo es zu dicht stand, verkaufte
aber daran zwei Jahre lang, um die Preise nicht zu niedrig zu halten, und in
zwei Jahren waren sechstausend Gulden gelset, so da die Gemeindsschuld nicht
nur bezahlt, sondern auch ein schner Geldberschu fr Nothflle der Gemeinde
an Zins gethan werden konnte.
    Nun aber folgte Oswald auch dem Willen des Oberfrsters und der Regierung.
Nmlich um den Wald, als das beste Stck vom Gemeindsvermgen, recht ordentlich
bewirtschaften zu knnen, lie man einen Feldmesser kommen. Der verma alle
Waldungen und brachte sie in Karten. Der Oberfrster ging durch die Gehlze, und
nachdem er sie besichtigt hatte, theilte er sie in Portionen oder Schlge, und
schrieb dazu, welchen Schlag man in jedem Jahre abholzen knne. Und so war dabei
fr dreiig und fr hundert Jahre Vorsorge gethan. Der Oberfrster machte den
Ortsvorgesetzten eine schriftliche Lehre und Anweisung dazu, was sie alle Jahre
beim Abholzen und beim Anpflanzen neuer Schlge zu beobachten htten. Und die
Vorgesetzten machten der Gemeinde eine neue Waldordnung, darin, als in einem
Gesetz frs Dorf, geschrieben war, was knftig bei Fllung des Holzes, bei
Austheilung der Gaben, bei Anweisung notwendigen Bauholzes in der Gemeinde, bei
Freveln, bei Ernennung der Bannwarte oder Waldvgte u.s.w. zu beobachten sei,
damit Alles recht unparteiisch und gemeinntzlich vor sich gehe.
    Diese Einrichtungen waren ganz vortrefflich. Und wenn es einmal an einen
Schlag im Walde kam, der zu wenig Holz gab, ward das Fehlende aus dem Ueberschu
eines andern ersetzt. Der Bannwart empfing bessern Gehalt, damit er den Lumpen
und Holzdieben Tag und Nacht fleiiger nachgehen knne. Alle zwei Jahre wurden
die Marken und Grenzen der Wlder und Aecker und Wiesen von den Vorgesetzten,
Feldhtern, Bannwarten, Gterbesitzern u.s.w., von alten Mnnern und jungen
Knaben umgangen, besichtigt und berichtigt. Das verhtete vielen Grenzstreit,
viele Prozesse, die sonst aus Verwahrlosung der Marken entstanden waren.

                      26. Es ist noch viel Noth im Dorfe.


Das ganze Land konnte sich nicht genug ber die Goldenthaler verwundern. Denn
der Wohlstand der Leute nahm sichtlich zu. Nicht nur das Dorf hatte keine
Schulden, sondern Leute, die sonst tief darin steckten, trugen nach und nach
ihre kleinen Kapitale ab. Jedermann in der Stadt, welcher Geld austhun wollte,
lieh den Goldenthalern am liebsten; denn Jedermann wute, die Ortsvorgesetzten
waren bei Schtzung der Unterpfnder sehr gewissenhaft, und kannten haargenau,
wie viel Schuld auf einem Stck Landes haftete. Das war nicht so in andern
Gemeinden, darum hatten die Goldenthaler berall den Vorzug und das Ansehen. Und
wenn einmal ein Bettler kam, und sagte, er sei aus Goldenthal, so sprach man:
Pfui, schmst du dich nicht zu betteln, und du bist aus Goldenthal? Man
bildete sich ein, im Goldmacherdorf wren gar keine bettelarmen Leute.
    Darin aber irrte man sich sehr. Denn in diesem neuaufblhenden Dorfe war
noch immer ein ansehnlicher Bodensatz ans der alten Zeit. Da lebten einige
verlumpte Familien, die nicht zu bessern waren, der Herr Pfarrer mochte mit
ihnen reden, oder die Obrigkeit drohen, wie sie wollte. Da lebten Leute, die
lieber mig gehen, hungern und betteln wollten, als im Schwei ihres Angesichts
das saure Brod verdienen. Da lebten Leute, die sogar ihre Kinder zum Bettel-und
Diebshandwerk abrichteten, und sie Abends abprgelten, wenn sie nicht genug
gesammelt hatten. Da lebten Leute, die immer wieder das, was sie entweder
verdient, oder als Almosen bekommen hatten, fr Wein, Branntewein und allerlei
Nasch- und Leckerwaare hingaben. Man hatte auch keine Hoffnung, da die Menschen
endlich einmal aussterben wrden. Umgekehrt, sie vermehrten sich mit dem
Wohlstande der Goldenthaler. Denn sie verheiratheten sich unter einander und
setzten Kinder in die Welt, ohne sich darum zu bekmmern, wie sie sich und ihre
Kinder ernhren mchten. Die Lumpen sagten nur: Die Gemeinde hat ein Armengut,
das gehrt uns an; und es ist die Schuldigkeit der Gemeinde, sie mu uns
erhalten, sie mag wollen oder nicht. Verstoen oder verhungern lassen, darf sie
uns doch nicht.
    Dem guten Herrn Pfarrer Roderich gingen diese frechen Redensarten des
Gesindels besonders zu Herzen. Und er sagte vielmals zu den Vorstehern:
Arbeitet, wie ihr wollet: so lange ihr noch die Beispiele der Faulheit,
Ueppigkeit und Liederlichkeit, die Pflanzschule alles Lasters, im Dorfe habet,
so lange kommt die Gemeinde auf keinen grnen Zweig. Denn was rechtschaffene
Haushaltungen verdienen, davon zehren die Miggnger auch mit. Diese vermindern
immerdar das Vermgen der Andern, und verfhren durch ihre Schlechtigkeit andere
Leute zur Schlechtigkeit.
    Die Ortsvorgesetzten sahen dies so gut ein, wie der Herr Pfarrer. Aber wie
sollte man dem muthwilligen Bettel und Miggang abhelfen? Das war der Knoten! -
Im Dorfe befand sich zwar eine Art Armenhaus, welches man das Spital hie,
allein es war fr die Menge der Bettelschaft zu klein; darum kamen Viele nicht
hinein. Und man mute sich scheuen, Menschen hinein zu thun. Der Herr Pfarrer
ging oft in das sogenannt Spital, und hoffte die Leute darin zu bessern, - aber
hoffte vergebens. Hier wohnten Alt und Jung: Mnner, Weiber, die sonst kein
eigenes Obdach mehr hatten, elend beisammen. Das Haus war, wie der Herr Pfarrer
oft sagte, eine wahre Mrdergrube der Seelen. Denn die Kinder sahen und hrten
da von den Alten viele schndliche Sachen. Das Beisammensein von Personen
beiderlei Geschlechts und von den schlechtesten Sitten gab zu vielen
Ausschweifungen Anla. Das Land, welches zum Spital gehrte, war immer am
unordentlichsten besorgt, und Oswald hatte groe Mhe, im Hause selbst nur mehr
uerliche Reinlichkeit herzustellen. Aber wie sehr er auch den Kopf anstrengte,
er konnte nichts ersinnen, dies zusammengepackte, mige, lderliche Gesindel zu
ndern, und er glaubte zuletzt selbst, das sei nun einmal leider ein
nothwendiges Uebel.
    Hingegen der Herr Pfarrer hatte keine Ruhe, und wollte nicht Zeuge so vielen
Sittenverderbnisses in seiner Gemeinde sein. Er war aber ein kluger Herr, der
sich nicht geradezu in Gemeindsangelegenheiten mischte, weil er, um heilsam zu
wirken, mit allen Bewohnern des Dorfes in Freundschaft bleiben wollte. Er gab
hin und her einen guten Rath, warf einen guten Gedanken hin, und freute sich,
wenn er von diesem oder jenem Vorsteher aufgefat wurde. Dann that er gar nicht,
als wenn das von ihm herrhre; sondern er lie den Vorgesetzten die Ehre, von
selbst den rechten Weg gefunden zu haben. Das schmeichelte diesen und sie
verfolgten den rechten Weg um so williger. Pfarrer Roderich meinte auch: es sei
recht, da die Ortsvorgesetzten bei der Gemeinde in hchster Achtung stnden;
und es schade ihrem Ansehen, wenn es hiee, sie lieen sich vom Herrn Pfarrer
gngeln und lenken. Das sollte nicht sein. Auf solche Weise wirkte der weise
Mann im Stillen, ohne eigenen Ruhm, und mehr als selbst diejenigen wuten oder
glaubten, auf die er wirkte. Und wenn auch nicht Alles so geschah, wie er wohl
gewnscht htte, ward er deshalb doch nicht mivergngt, und zog die Hand nie
von der guten Sache zurck. Denn er war bescheiden genug zu glauben, da andere
Leute ebenfalls Verstand von Gott und vielleicht in vielen Dingen bessere
Erfahrung und Kenntni htten, als er. Jedes Ntzliche belobte er ungemein; das
gab groen Muth und Freudigkeit. Und wo man begriff, da gefehlt worden sei,
entschuldigte er freundlich den Irrthum; das gab wieder Trost und richtete die
Verdrossenen auf.
    Das kann nicht lnger so gehen mit unsern Gemeindsarmen und migen
Bettlern! sagte eines Tages Oswald zum Pfarrer Roderich: Aber ich wei keinen
guten Rath zu schaffen. Diese Erb-Bettler sind fr eine ehrsame Gemeinde, was
die Filzluse fr einen Menschenkrper sind: eine Plage, eine Schande; und das
Ungeziefer sauget Blut, Saft und Kraft aus, da man nicht geneset. Ich habe ein
Grausen, so oft ich unser Spital erblicke. Die Verwaltung kostet so viel und
taugt offenbar nichts, und ist nur eine Plage und Schande und Lderlichkeit.
    Pfarrer Roderich antwortete und sprach: Ihr habet mir endlich aus der Seele
gesprochen, Oswald. Htte die Gemeinde kein Spital, so htte sie auch keine
Bewohner desselben. Die meisten Bettler und Miggnger wird man allezeit in
denjenigen Orten finden, in denen das meiste Armengut angehuft ist, und wo man
die meisten Almosen austheilt.
    Oswald versetzte darauf: Ich habe freilich schon daran gedacht, das Spital
abzuschaffen. Aber damit ist nichts gebessert. Es wird in den besteingerichteten
Gemeinden immerdar Arme geben und Taugenichtse. Wohin mit diesen? - Ich habe in
andern Gemeinden gesehen, da man die dortigen Armen bei den vermglichen Bauern
umherziehen lt in die Runde, oder eine Woche lang von einer bestimmten
Haushaltung Kost oder vielleicht auch den Stall zum Schlafen erhlt. Das ist
gegen Alte und Kranke oft unmenschlich, und fr die Arbeitsfhigen Besttigung
im Miggang, seelen- und sittengefhrlich. Ich habe wieder in andern Gemeinden,
die den Bettel abschafften, gesehen, da sie ihre Bettler auf Unkosten der
Gemeinde bei gewissen Leuten verkostgeldeten. Man bergab dann die Verpflegung
des Gesindels denjenigen, die am wenigsten dafr forderten. Das waren nun wieder
hchst arme Leute, die damit ein Stckchen Geld verdienen wollten, und in so
ruchloser Gesellschaft ganz verdarben. Dabei hatte die Gemeinde gar keinen
Nutzen, sondern Schaden, denn die Bettler besserten sich nicht und steckten
Andere mit ihrer Liederlichkeit an, bei denen sie wohnten. - Ja, Herr Pfarrer,
und Blut weinen mchte ich, wenn ich zumal an arme, verwaisete Kinder denke,
welche auf diese Weise durch die Gemeinden versteigerungsweise in Verpflegung an
den Wenigstnehmenden gegeben worden sind. Ich wei, wie man in den theuern
Zeiten fr solche Kinder das Geld nahm, aber sie hungern lie; und wenn die
armen Wrmer jammerten und vor Hunger schrien, wie man sie mit Ruthen gestrichen
hat, um sie zum Schweigen zu bringen, damit die Leute es nicht vernehmen
sollten. Ich wei, wie einst der Leichnam eines solchen Kindes geffnet wurde,
fand sich im Magen nichts als etwas Gras und Wasser, und der Rcken und die
Lenden waren blutrnstig. Wahrlich, wahrlich, es ist unter Trken und Heiden
mehr Barmherzigkeit, als bei unsern rohen Bauersleuten oft gefunden wird.
    Ich wei auch gar wohl, fuhr Oswald fort, da die Vorsteher in vielen
Gemeinden an Errichtung von Armenhusern und Spitlern dachten, worein sie ihre
Bedrftigen thun wollten. Das geschah aber nicht aus wahrer Menschlichkeit;
sondern die hartherzigen, bequemen Vorsteher wollten sich damit nur die Mhe
erleichtern und die Plage abschaffen, immer an die armen Leute denken zu mssen.
Denn der Stolz der Vorsteher liebt zwar im Dorfe die Wrde, aber erleichtert
sich auf ehr- und gottvergessene Weise die Brde, wie es gehen mag!
    So sprach Oswald. Der Herr Pfarrer freute sich ber des Vorstehers
grndliche Kenntni der Dinge und sprach: Ich habe ber diesen hchstwichtigen
Gegenstand meine Gedanken einmal schriftlich verfat; leset doch diese Bltter.
Es sind viele unreife Gedanken darin; aber ndert und bessert oder verwerfet
Alles, was ihr wollet.
    Oswald nahm des Pfarrers Schrift zu sich. Er las sie mehrmals durch. Er
sprach darber mit den Beisitzern, Er ging zum Pfarrer und machte ihm allerlei
Einwrfe, hrte dessen Antworten und berieth sich wieder mit den Beisitzern.
Endlich verstand er sich mit dem Herrn Pfarrer ber einen Plan zur bessern
Versorgung der Armen im Dorfe. Dann versammelte er die achtbarsten Mnner der
Gemeinde, zog auch diese zu Rath und hrte ihre Einwendungen. Da ward wieder
allerlei abgendert und wieder verbessert.

              27. Was die Goldenthaler mit ihren Bettlern machen.


Nachdem Alles wohl berathen war, ging man ans Geschft. Doch wuten Wenige im
Dorfe, wie man so viele Bettler, Miggnger, hilflose Kranke, Gebrechliche und
Kinder, ohne ungeheure Kosten, ernhren knne und wolle.
    Zuerst wurde aus dem Armengut eine Summe Geldes, mit Genehmigung der hohen
Regierung, erhoben; damit schaffte man eine Dreherbank, Aexte, Hobel, Sgen,
Schaufeln, Spaten, Hacken und anderes Arbeitsgerthe an. Man verbesserte auch
die Kche des Spitals, um daselbst fr viele arme Familien zugleich kochen zu
knnen, und machte allerlei Aenderungen im Hause des Spitals, also da darin
eine Arbeitsstube fr Mnner, eine andere fr Weiber und zwei Krankenzimmer fr
beiderlei Geschlechts angelegt wurden. Auch ward dafr gesorgt, da fr jeden
Gesunden ein eigenes Schlafkmmerlein eingerichtet wurde. Das war eine enge
Zelle, nur zehn Schuh lang und drei Schuh breit, am Boden nur Platz fr einen
Strohsack, ein Kopfkissen mit Stroh gefllt, mit grobem Bettuch und einer warmen
Wollendecke. Jede Zelle hatte eine eigene Thr mit Luftloch. Man mu es
Bettlern nie ganz bequem machen, sagte Oswald, damit sie auch Lust bekommen,
sich durch eigenes Bemhen eine bessere Lage zu schaffen. Darum ward jeder
Winkel im Hause zu Schlafstellen benutzt. Unter dem Dache des Hauses bewahrte
man angekaufte Vorrthe von Wolle, Hanf, Nutzholz und dergleichen.
    Sobald Alles und Jedes vorbereitet war, nahmen die Vorgesetzten ein
Namensverzeichni auf von denjenigen Personen im Dorfe, welche nicht ohne
Untersttzung von der Gemeinde leben konnten. Das war bald gemacht. Man kannte
diese Leute nur allzugut. Verschiedene derselben hatten im Dorfe noch eigene
Wohnungen; Andere aber zogen ohne Obdach umher, dem Bettel nach, von Stall zu
Stall. Diejenigen nun, welche keine eigenen Wohnungen besaen, wurden
aufgefangen und ins Spital gebracht. Sie gingen willig, denn der kalte Winter
war vor der Thr. Diejenigen, welche zwar eine Stube hatten, aber mit andern
armen Leuten gedrngt beisammen wohnten, so da Alt und Jung, Leute beiderlei
Geschlechts im gleichen Gemach schlafen muten, wurden ohne Umstnde ins Spital
gefhrt. Nur diejenigen wurden in ihren Wohnungen gelassen, die darin nachweisen
konnten, da sie und ihre Kinder alle getrennt schliefen und gesund wohnten.
    Also waren smmtliche Arme und Bedrftige des Dorfes in zwei Klassen
zerfallen. Die, welche eigene Wohnungen hatten, hieen Husler; die, welche ins
Spital kamen, hieen Spittler. Beide aber wurden als Genossen der gemeinen
Armenanstalt betrachtet, ohne Unterschied. Wo Kinder waren, lie man sie gern
bei ihren Aeltern. War aber die Behausung derselben zu klein, oder waren die
Aeltern ruchlos und unsittlich oder im Spital: so suchte man die Kinder bei
guten Haushaltungen im Dorfe oder in der Stadt unterzubringen, nicht bei armen
Leuten um Geld, auch nicht bei reichen Leuten, sondern bei solchen, die durch
ihre Rechtschaffenheit bekannt waren. Diese Kinder bekamen ihre Kleider von der
Armenanstalt, und die Pflegeltern, wenn sie es verlangten, auch geringe
Entschdigung. Aber die Wenigsten, die Kinder zu sich genommen hatten, forderten
Entschdigung. Sie thaten es aus Ermahnung des Herrn Pfarrers und aus
Frmmigkeit. Der Herr Pfarrer war der rechte allgemeine Waisenvater. Er hatte
zween bse, muthwillige naschhafte Knaben, die Keiner annehmen wollte, zu sich
ins Haus genommen, und schon nach einem halben Jahre waren dieselben zu
Jedermanns Verwunderung recht gutartig geworden. Auf diese Weise brachte man die
Kinder an, und sie sahen nicht tglich mehr das bse Beispiel ihrer Aeltern, und
lernten arbeitsam und gottesfrchtig werden, da sie sonst nur zum Betteln,
Stehlen und migen Herumschwrmen gewhnt worden waren.
    Wie man die gesammten armen Leute mit ihren Kindern also vertheilte und
Jeglichem sein rechtes Obdach gab, ward zugleich von den Ortsvorgesetzten ein
Hauptgrundsatz aufgestellt, nmlich: Wer nicht im Stande ist, sich selbst zu
erhalten, und von Keinem versorgt wird, den mu die Gemeinde versorgen. Wen aber
die Gemeinde versorgen mu, den hat sie auch das Recht zu beaufsichtigen und zu
bevogten, damit er sich selbst erhalten und versorgen lerne. Das war nicht
anders als recht und billig.
    Darum ward jeder einzelnen Armenfamilie ein rechtschaffner Mann zum Vormund
oder Vogt gesetzt. Dieser Vogt hatte ber Nahrung, Kleidung, Vermgen, Schulden
und Erwerb seiner ihm bergebenen Familie Vorsorge zu thun; mute ber Ordnung
und Reinlichkeit der Husler in ihren Wohnungen und ber die Arbeit wachen, die
ihnen gegeben ward. Dabei verfuhr man sehr streng. Denn da auch die Husler ihre
Nahrung aus der Spitalkche bekamen, wo, wie in der theuren Zeit, die Sparsuppe
gemeinschaftlich gekocht wurde, und sie Kleider und Gerth von der Armenpflege
erhielten, so muten sie auch fr die Armenanstalt arbeiten, und damit ihr Brod
und was ihnen sonst zukam, wieder abverdienen. Was sie auer der aufgetragenen
Arbeit durch grern Flei verdienten, ward ihnen bezahlt. Sowohl dies Geld, als
das, was sie im Taglohn bei den Bauern verdienten, bekamen sie nicht in die
Hnde, sondern wurde in die Ersparnikasse fr sie gelegt. Denn Leute, die zu
ihrem Unterhalt Alles und Jedes empfingen, brauchten kein baares Geld; sie
muten aber erst sparen und haushalten lernen.
    Jeder Vogt mute dem Herrn Pfarrer von Zeit zu Zeit ber das Betragen und
Schicksal der anvertrauten Familie Rechenschaft geben. Denn der Herr Pfarrer war
der rechte Oberaufseher aller Vgte; er war der Pfleger aller Armen und fhrte
darber ein eigenes Buch. Fand er gegen einen Vogt zu klagen, so da derselbe
sein menschenfreundliches Amt bel versah, so ward der Unwrdige von den
Ortsvorstehern geradezu abgesetzt.
    Diese bestndige, unmittelbare Aufsicht und Bevogtung jeder armen
Haushaltung oder Person im Dorfe hatte ungemein viel Gutes. Denn weil das
Geschft der Aufsicht fr jeden Vogt nur auf eine Familie ging, war es weniger
mhsam und besser und sorgfltiger verrichtet. Jeder that das Wenige gern und
unentgeldlich aus christlichem Gemth. Es wurde bald ein ordentlicher Wetteifer
unter den Vormndern, wie jeglicher nach dem Ruhm trachtete, die ihm
anvertrauten Personen durch Rath und Anweisung und Beihlfe emporzubringen. So
hatte ganz unerwartet jede sonst verlassen gewesene arme Haushaltung einen
Freund, Vater und Frsprecher und Schutzengel gefunden, dem sie lebenslnglich
dankbar wurde.
    Nun aber war die Frage: woher Nahrung und Kleider fr die Armen nehmen? Der
Zins des Armenguts reicht nicht zu. Oswald aber sagte: Es wre wohl bse, wenn
die Leute mit gesunden Hnden nicht ihr Brod verdienen knnten. Alle zusammen,
Husler und Spittler, Mnner und Weiber machen jetzt gleichsam eine einzige
groe Haushaltung, und mssen Einer fr Alle, Alle fr Einen arbeiten. Die
Husler mssen in der Woche arbeiten, was ihnen aufgegeben wird; die Spittler
mssen des Tages acht Stunden arbeiten, mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage.
    Und so ging es. Wer nicht arbeiten wollte, der ward ins finstere Loch des
Thurms gesperrt; da sa er und bekam zum Getrnk kaltes Wasser, und zur Nahrung
geschwellte Erdpfel, kalt und ohne Salz, welche die Andern nicht hatten essen
mgen. Das war Keinem angenehm. Wer aber arbeitete, hatte tglich warme Speisen,
Suppe, Gems und zweimal in der Woche Fleisch. Wer, auer den acht
Arbeitsstunden, noch fleiiger sein wollte, konnte sich damit Geld verdienen.
Seine verfertigte Waare ward fr ihn verkauft, und das erlsete Geld fr ihn als
ein kleines Kapital in die Ersparnikasse an Zins gethan. So sammelten sie sich
ein kleines Vermgen. - Wer fluchte oder schwor, unzchtig redete, Unordnung
trieb, kam in das finstere Loch ohne Gnade und Barmherzigkeit. Wer aber fein
still und ehrbarlich lebte, der hatte Hoffnung, seinen Zustand zu verbessern. Er
konnte im Spital ein Unteraufseher oder gar Spitalmeister werden. Denn aus den
bravsten Leuten im Spital wurden die Aufseher ber die Arbeiten und das Betragen
der Andern, ber Reinlichkeit und Ordnung der Zimmer und Schlafsttten und
Kleider erwhlt. Die Aufseher berichteten Alles dem Spitalmeister, der selbst
ein Spittler war. Der Spitalmeister, so wie die Kchinnen, hatten den Vortheil,
nicht zur gemeinen Arbeit gebraucht zu werden. Was sie neben ihren
Amtsgeschften verdienen konnten, das war ihr Eigenthum und kam in die
Ersparnikasse. Die Unteraufseher hatten nur vier Stunden des Tages fr die
Gemeinschaft mitzuarbeiten; die brigen Stunden waren ihnen erlaubt, fr ihren
Vortheil fleiig zu sein. Die Kchinnen hatten es eben so. Elsbeth fhrte die
Oberaufsicht der Spitalkche. Hier unterrichtete sie zwei arme Frauen im Kochen.
Eine andere Spittlerin hatte Aufsicht ber Wsche, Kleidung und Gerth der
Spittler. - Also wurden smmtliche Spittler zwischen Furcht der Strafe und
Hoffnung des Nutzens gestellt und zu ihrem eigenen Besten hingeleitet.
    Und Arbeit gab es fr die Armenhaushaltung vollauf im ganzen Jahr. Vor allen
Dingen muten Spittler und Husler gemeinschaftlich nicht nur die Grten und
Felder des Spitals bestellen, das Getreide, Kohl, Rben, Bohnen, Salat,
Erdpfel, Flachs, Hanf, Oelpflanzen u.s.w. bauen, sondern auch gemeinschaftlich
ihr von der Gemeinde empfangenes Pachtland bearbeiten. Doch behielt jeder
Besitzer den Nutzen von seinem Stckchen Gemeinlandes, also da er, nach Abzug
dessen, was er ebenfalls der Armenanstalt noch fr Nahrung, Kleidung und Obdach
schuldig geblieben, das Uebrige verkaufen lassen konnte von seinem Vogt; der
Gewinn kam in die Ersparnikasse.
    Ferner muten die Mnner Straen verbessern; Brunnen reinigen; feuchte,
moosige Stellen des Waldes durch Abzugsgraben trocken legen; fr das Spital und
die Husler Holz fllen und spalten; im Walde leere Stellen mit jungen Tannen,
Buchen und Eichen besetzen, und sonst allerlei Maurer- und Zimmermannsarbeit zur
Ausbesserung des Spitals oder der Huslerwohnungen verrichten. Bei schlechtem
Wetter oder im Winter hatten die Mnner noch weit mehr zu thun. Da muten die,
welche mit Drehbank, Hobel und Sge etwas umzugehen wuten, Haus- und Kchen-
und Feldgerth aller Art verfertigen. Andere lernten aus Wollen- und Leingarn
ein lndliches Halbtuch weben, das sehr dauerhaft war, oder aus Hanf- und
Flachsgarn Leinwand verfertigen. Immer waren einige Websthle Winters und
Sommers in Bewegung.
    
    Die Weiber, selbst die Kinder der Husler und Spittler, muten, wenn es an
Leuten mangelte, bei der Feldarbeit helfen; auerdem bei dem Reinigen und
Ausbessern der Wsche und Kleider smmtlicher Husler und Spittler thtig sein;
Wolle, Hanf und Flachs spinnen, oder fr die Weber spulen; Strmpfe und Kappen
stricken, Bettzeug und Hemden nhen, und dergleichen mehr. Alle arbeiteten fr
Einen, und Einer fr Alle. Die Leute befanden sich dabei so gut, da nachher
noch ein paar Familien freiwillig zur Armenanstalt bergingen, da sie vorher aus
Furcht erklrt hatten, sie knnten sich ohne allen Bettel und ohne Untersttzung
von der Gemeinde erhalten.
    Diese Einrichtung war darum sehr vorteilhaft, weil die Verwaltung nun keine
Unkosten verursachte. Denn der Spittlermeister, die Unteraufseher und Kchinnen,
die Mgde, Holzspalter u.s.w. kosteten nichts. Es waren Spittler. Der Pfarrer,
die Vormnder, Oswald und Elsbeth nahmen fr ihre Liebeswerke keinen Lohn. Der
brave Schulmeister, Johannes Heiter, fhrte unentgeldlich die Buchhaltung und
Rechnung ber Einnahme, Ausgabe und erspartes Vermgen der Spittler und Husler
mit ungemeiner Pnktlichkeit.
    Ferner: die ganze Wirtschaft erhielt sich selbst. Die Leute pflanzten und
kochten ihre Nahrung selber; spannen, woben und schneiderten ihre Kleider selber
aus selbstgezogenem Hanf und Flachs; verfertigten ihre Tische, Bnke, Sthle und
Holzteller, Schrnke u.s.w. selber; besserten Zimmer, Gebude und Gerthe selber
aus. Es wurde bald mehr Nahrung gewonnen, mehr Garn und Tuch und allerlei Gerth
verfertigt, als verbraucht. Das wurde verkauft zum Nutzen der Anstalt, und fr
das Geld wieder eingekauft, was man an Wolle, Eisen u.s.w. nthig hatte. Die
fleiigern Husler verdienten noch auer den gesetzlichen Arbeitsstunden durch
mancherlei Arbeit oder Taglohn ein schnes Stck Geld. Das ward ihnen an Zins
gelegt oder angewandt, um ihnen zur Vervollkommnung ihrer Nebenarbeiten das
fehlende Werkzeug und rohe Stoffe zu verschaffen. Schon im zweiten Jahre
brauchte man den Zins vom Armenfond nicht mehr ganz.
    Weil die Leute bei einfacher Kost viel arbeiteten und Mnner und Weiber
ohnedem fast bestndig getrennt lebten, verging ihnen die Ueppigkeit von selbst.
Zudem war ein Gemeindsgesetz: es konnte Keiner heirathen, als der, welcher sich
auer der Armenanstalt, ohne Hlfe der Gemeinde, ernhren konnte.
    Das Beste, was man noch rhmen mute, war die Gottesfurcht, welche allmlig
bei diesen einst verwilderten Leuten immer mehr Eingang fand. Und auch das war
ein Verdienst des Herrn Pfarrers. Denn alle Wochen hielt er einigemal mit den
Spittlern die Abendandacht; dazu kamen auch die Husler. Da sprach er dann viel
Heilsames und Lehrreiches ber ihren Seelenzustand, und zeigte ihnen, wie durch
Gottes- und Menschenliebe in der Welt, wie in der Ewigkeit, das reinste Glck
des Herzens gefunden werde. Diese Erbauungsstunden fruchteten zur Besserung weit
mehr noch, als die Drohungen und Strafen der Obrigkeit.
    Uebrigens stand jedem Spittler und Husler vollkommen frei, die Anstalten zu
verlassen, wenn er wollte. Er mute nur zeigen, wie er sich selbststndig und
auf ehrliche Weise durch die Welt bringen knne und wolle. Und es war Gesetz,
da, wenn Jemand die Anstalt verlassen und sich ber ein Jahr lang ohne
Bettelei, ohne fremde Untersttzung, durch eigenen, huslichen Flei erhalten
und gutes Lob und Zeugni erworben hatte, da er sodann den freien Gebrauch
seines kleinen, in der Ersparnikasse befindlichen Vermgens empfing. Natrlich
hatte er dann auch keinen Vogt mehr, und war gehalten wie jeder andere Brger.
    Was die Goldenthaler Armenanstalten vorzglich von andern dergleichen
ruhmvoll und segensvoll unterschied, war: da die armen Leute gezwungen wurden,
Alles, was sie zur Nahrung, Kleidung und Bequemlichkeit gebrauchten, durchaus
selbst zu machen. Es sorgte Niemand fr sie; sie muten fr sich selbst sorgen
und arbeiten. Hier war keine stillsitzende Lebensart, hier keine ungewisse,
leichte Fabrikarbeit, wodurch arme Leute zu schwerer Arbeit nachher untauglich
werden, hier gab es keinen leichten Verdienst, wo junge Mdchen und Knaben bald
eben so viel Geld gewinnen knnen, als die Alten, was dann zur Ueppigkeit, zu
frhen Heirathen und zur Vermehrung des Lumpengesindels beitrgt. Hier mute
Jeder seine Kraft fr das anstrengen, was ihm lebenslnglich wohlthat, wenn er
es konnte; er mute graben, hacken, sen, pflanzen, dreschen, zimmern, hobeln,
spinnen, weben, schneidern.

                       28. Probieren geht ber Studieren.


Es war auch in Goldenthal, wie an andern Orten. Sobald irgend ein verstndiger
Mann etwas Neues auf die Bahn brachte, um damit etwas offenbar Schdliches
abzuschaffen, machte sich Jeder ein Geschft daraus, es zu verhindern. Dann ward
Jeder ein Bedenklichkeitskrmer und hatte Zweifel feil; dann schttelte Jeder
den Kopf, zuckte die Achseln und sang das berhmte Lied aller feigen und trgen
Memmen:

La es sein, es ist zu schwer;
Es geht nun und nimmermehr.

    Oswald wute das wohl, und war aus Erfahrung und Schaden klug geworden Htte
er seinen Goldenthalern den ganzen langen Plan von den Armenanstalten, wie er
sie im Sinn hatte, vorher bekannt gemacht, so wrde Jedermann erschrocken
gewesen sein, sich in der Betrachtung desselben verwirrt, ihn geradezu verworfen
und dabei gerufen haben:

La es sein, es ist zu schwer;
Es geht nun und nimmermehr.

    Oswald aber dachte: Probieren geht ber Studieren. Er hatte selbst seinen
ehrsamen Beisitzern nichts vom ganzen Umfang des Plans erzhlt; denn es waren
zwar wohlwollende, brave Mnner, aber ngstliche, schchterne Leute. Darum sagte
er nie mehr, als immer stckweis etwas, das eben ausgefhrt werden sollte.
    Erst wurden die Armen und Bettler mit ihren Kindern aufgezeichnet und in
Husler und Spittler eingetheilt. Nun das ging. Dann wurde fr jede Familie ein
Vogt ernannt, und ihm vom Herrn Pfarrer erklrt, was er zu thun habe. Das kam
endlich auch zu Stande. Dann schaffte man Hobel, Aexte, Sgen, auch Spinn-und
Spulrder, Wollenkarden und ein paar Websthle aus dem Armengut an. Das war
keine Hexerei; eben so wenig der Ankauf von Wolle, das Hanf- und Flachssen, das
Einfhren der Spinnerei und die Einrichtung der Spitalkche. So ward allmlig
Eins ums Andere ins Werk gesetzt; man fand jedes Einzelne nicht zu schwer; so
kam das Ganze zu Stande, und die hohe Regierung genehmigte den Plan mit
groermunterndem Lobe. Man hat hintennach erfahren, da selbst in der Regierung
einige Herren den Plan fr unausfhrbar gehalten und bespttelt hatten, da
derselbe schon, ohne da sie es wuten, ins Werk gesetzt war.
    Die meisten Sprnge machten anfangs die Spittler; sie wollten nicht in den
engen Zellen schlafen. Man sagte ihnen aber: Arbeitet fleiig, so knnet ihr
euch Wohnungen miethen oder Huser bauen. Sie wollten aber nicht arbeiten, da
kamen sie tagelang ins finstere Loch bei kalter, schmaler Kost. Das gefiel ihnen
noch weniger. Einige versuchten, ihr Loos durch Gehorsam zu verbessern, und
ergaben sich in ihr Schicksal, zumal in den Wintertagen, wo es auf der
Landstrae auch nicht angenehm zu reisen und zu schlafen war. Als sie einmal
bessere Kost und bessere Behandlung genossen und die Arbeit gelernt hatten, und
als sie schon in der Ersparnikasse einige Gulden Eigenthum fr ihre alten Tage
oder fr ihre Kinder besaen, blieben sie gern da. Denn sie wollten das kleine
an Zins gelegte Vermgen nicht im Stich lassen, und wurden begierig, es zu
vermehren. - Andere aber liefen davon und in die weite Welt hinaus, um mig zu
gehen und zu betteln. Nun, dann war's ihr eigener Schade; die Gemeinde hatte nur
den Nutzen, sie nicht mehr erhalten zu mssen. Einige von den Weggelaufenen
kamen nie wieder zum Vorschein. Das war fr Goldenthal kein Unglck. Andere
wurden, als Bettler, von den Polizeibedienten des Landes aufgefangen und wieder
zurckgebracht. Die besuchten zuerst das finstere Loch, und dann kamen sie
wieder an die gemeine Arbeit, wie zuvor. - Binnen drei Vierteljahren war es mit
allen Widerspenstigen in der Ordnung, und es gab keinen bettelnden Goldenthaler
mehr, auer einige Weggelaufene in fremden Lndern.
    Die Huslerfamilien wollten sich anfangs auch auf die Hinterfe stellen,
und den Dreck und Unflath vertheidigen, worin sie zu leben gewohnt waren. Und
sie klagten und schrien bitterlich ber die Hartherzigkeit der Goldenthaler, die
ihnen nicht mehr unentgeltlich wollten zu essen und zu trinken, und ihnen nicht
einmal Geld in die Hnde geben. Allein der Hunger und das finstere Loch machten
zuletzt auch die Sprdesten geschmeidig, und die Goldenthaler blieben dabei: wer
essen will, soll arbeiten; wer es gut haben will, soll gut thun.
    Die Verwaltung des Spitals war vorzeiten kostbarer gewesen. Jetzt kostete
sie nichts. Nicht der Pfarrer, nicht Oswald, nicht Elsbeth wollten sich am
Armengut bereichern. Die Spittler selbst muten die angewiesenen Haus- und
Unteraufsichtsgeschfte verrichten. Ward ihnen solch ein Aemtlein vertraut, war
es Belohnung ihres Wohlverhaltens; ward es ihnen genommen, war es Strafe. Einer
lauerte dem Andern dabei auf den Dienst. Die Spital-Grten und Gter gaben
Nahrung genug, und auch was die armen Familien am ehemaligen Weidland zum
Antheil empfangen hatten, wurde abtrglicher, weil es gemeinschaftlich angebaut
und besorgt ward. Die Unfleiigen bezahlten dem Spital mit dem, was sie auf dem
Pachtland rnteten, ihre Kost und Kleidung, und was sie noch erbrigten, ward in
Geld verwandelt und fr sie ein Schatz in der Ersparnikasse.
    Die Mnner im Spital stellten sich anfangs zum Hobeln und Sgen, zum
Wollekrmpeln und Weben ungeschickt genug an. Aber sie muten lernen. Ein
Meister aus der Stadt brachte das Ding bald ins Geleis; der war ein verstndiger
Mann und groer Verehrer und Freund des Herrn Pfarrers. So kostete die
Bekleidung der Armen dem Spitalgut wenig, und die Anschaffung von Bnken,
Sthlen, Bettgestellen, Schrnken und andern Gerthschaften, wie auch
Ausbesserung am Hause, fast nichts. Die Spittler muten auch fr die Husler
Gerth machen; so ward jede Familie damit wohl versehen und gewhnte sich an
einige Bequemlichkeiten.
    So wie das Armengut und Spital dabei gewann, weil so viele Hnde nur fr
Kost und Kleidung arbeiteten, so gewannen auch die Husler und Spittler dabei an
Vermgen und Eigenthum. Denn was sie auer den acht blichen Stunden mehr
arbeiteten, konnten sie zu ihrem Nutzen in Geld verwandeln und in der
Ersparnikasse an Zins legen; eben so, was sie von den Erzeugnissen ihres
Pachtlandes erbrigen und verkaufen lassen konnten. Das war kein geringer
Vortheil. Die Menschen wurden arbeitslustig und bekamen Freude am Sparen und
Vermehren ihres Eigentums, weil sie die Zeit voraussahen, da sie ganz unabhngig
leben und einen gewissen Wohlstand zu genieen im Stande waren.
    Am besten hatten es die Spitalmeister und die Aufseher, welche selbst
Spittler waren. Denn Alles, was sie neben ihren Amtsverrichtungen arbeiten
konnten und verkaufbar war, das wurde zu ihrem Nutzen verkauft. Darum war
Jedermann beflissen, sich wohl zu halten, um zu einer solchen Stelle zu
gelangen. Und diejenigen, welche das Aemtlein hatten, nahmen sich wohl in Acht,
etwas von den ihnen bertragenen Pflichten zu versumen. Der kleinste Fehler
konnte sie um den vorteilhaften Dienst bringen, auf welchen Viele hofften.
    Es gab zuletzt in der Armenanstalt Goldenthals recht geschickte Arbeiter.
Nicht nur die Bauern im Dorfe, sondern selbst viele Leute aus der Stadt kauften
von den hier verfertigten Waaren, oder lieen hier arbeiten. Und wenn so ein
geschickter Arbeiter sprte, er verdiene mehr, wenn er fr sich allein arbeite,
verlie er das Spital und miethete sich Wohnung im Dorf oder in der Stadt und
lebte fr sich selber. Das feuerte nun wieder die Andern an, ebenfalls recht
geschickt zu werden.
    Im Dorfe war natrlich Jedermann froh, nicht mehr vom Bettelgesindel geplagt
oder in Husern und Grten nchtlicher Weise bestohlen zu sein. Jeder schickte
mit Freuden, statt der Almosen, etwas ins Spital, wenn es irgend in demselben an
etwas fehlte. Allein es zeigte sich noch ein anderer Vortheil fr das Dorf, an
den vorher Niemand gedacht hatte. Nmlich, hatte es im Sommer an Feldarbeit
gemangelt, so waren andere Arbeiten im Freien vorgenommen worden. Und so war's
gekommen, da alle Gassen des Dorfes, wo man sonst bei schlechtem Wetter im Koth
bis ber die Knchel waten mute, mit Steinen besetzt wurden; da der Bach im
Dorfe, der sonst berlief und groe Pftzen bildete, mit Gemuer eingefat
stand; da die Feldwege und Fustege ohne Lcher waren; da die
Gemeindswaldungen keine Stelle mehr hatten, die nicht mit jungen Setzlingen den
erfreulichsten Nachwuchs zeigte. Weit umher im Lande sah man keinen Wald in
besserer Ordnung, und kein suberlicheres Dorf als Goldenthal. Es kamen sogar
groe Herren von der Regierung und besichtigten die Goldenthaler Anstalten und
Einrichtungen, und htten dergleichen gern berall gehabt. Allein sie sahen sich
in andern Drfern oft vergebens nach dem edeln Pfarrer Roderich, nach dem
menschenfreundlichen Oswald und seiner eifrigen Gehlfin Elsbeth um. Dennoch
ward es auch anderswo mit Abnderungen und mit Glck versucht. Und daran that
man Recht. Probiren geht ber Studieren. Und wo man mit eifriger Menschenliebe
was Rechtes will, da geschieht auch was Rechtes.

                            29. Wieder etwas Neues.


Was hat auch der Oswald wieder? fragten sich die Bauern unter einander. Denn
wenn alle Leute Feierabend hatten, lief er noch mit dem Schulmeister und einigen
jungen Burschen in den Feldern herum. Die schleppten sich mit Ketten, steckten
lange Stangen in die Erde, und Oswald sah immer ber einen kleinen, langbeinigen
Tisch nach den Stecken, und konnte sich nicht satt daran sehen. Und der
Schulmeister Heiter that es auch gern. Und an den Stecken war doch nichts zu
sehen.
    Das ging beinahe ein Jahr lang so. Und da die Bauern hrten, da Oswald das
Land und alle Felder vermessen und alle Wege und Stege in einen Plan bringen
lasse, ward Vielen bange. Denn es ging wieder die Rede vom Krieg und sie
dachten, der Oswald knne dem Feind das Land verrathen wollen.
    Es verhielt sich aber folgendermaen: Oswald verstand das Feldmessen und
hatte Bcher, die davon handelten. Und er hatte seinen Liebling, den Johannes
Heiter, auch in dieser Kunst unterrichtet, nebst andern Bauernburschen, die Kopf
dazu besaen. Weil nun die Waldungen der Gemeinde sehr genau ausgemessen waren,
kam er auf den Einfall, nach und nach in den Nebenstunden alle Gter, Wege und
Stege des ganzen Gemeindsbezirks zu vermessen und daraus eine groe Karte zu
machen.
    Auf der Karte sah man sehr deutlich jedes Stck Land, jeden Steg, jeden Hag,
jedes Haus. Eine Juchart war beinahe einen Zoll ins Geviert gro. Und die groe
Karte, wie sie fertig war, wurde im Gemeindshause aufgehngt. Da liefen nun
tagtglich Bauern hin und beschauten den Plan, und wunderten sich sehr. Denn sie
fanden sich bald zurecht, und Jeder erkannte seinen Acker, seinen Garten, seine
Wiese. Und was das Beste war: in jedem Stck Feld oder Acker stand die Gre
desselben, genau bis auf einen halben Schuh, geschrieben. Nun erst wute Jeder
recht eigentlich, wie gro seine Aecker und Wiesen waren, und er schrieb sich
die Zahlen sorgfltig ab. Das war beim Kauf und Verkauf keine Kleinigkeit; denn
bisher hatte man das Land nur nach Schritten geschtzt, und Mancher zu wenig
angegeben, Mancher zu viel. Das war allerdings nun ein groer Nutzen.
    Der Vorsteher Oswald sagte aber zu den Leuten, wenn sie den Plan
betrachteten: Das ist noch nicht der grte Nutzen; ich wei noch einen
bessern. Wenn sie ihn darum fragten, antwortete er: Habet ihr's bis Lichtme
nicht errathen, so will ich es euch dann sagen. Sie erriethen es aber nicht.
    Als nun Lichtme kam und die Gemeinde wegen verschiedener Angelegenheiten
versammelt war, trat Oswald, nachdem man alles abgethan hatte, hervor und
sprach: Ihr Alle kennet sattsam den Plan von unserm Gemeindsbezirk, wie ihn der
Schulmeister Johannes Heiter mit seinen Schlern genau und zierlich verfertiget
hat. Ihr Mnner, liebe Mitbrger, Jedermann hat dabei seine besondern Gedanken
gehabt, und auch ich die meinigen. Und diese will ich euch offenbaren.
    Wenn ich die Felder bersah, die wir im Schweie unsers Angesichts bauen,
nicht ohne Segen von Gott dem Herrn, so that es mir oft weh im Herzen, da die
Arbeit uns so viel Mhe macht, und es that mir oft weh im Herzen, da dabei
Vieles nicht so gut angebaut ist, und folglich auch nicht so viel abtrgt, als
wohl sein sollte. Und ich warf meine Augen noch einmal auf den Plan, und siehe,
da wurden auch die Augen meines Geistes erffnet, und ich erkannte einen
Hauptfehler in unserer Feldwirthschaft.
    Ihr Mnner, liebe Mitbrger, es liegt nun sonnenklar am Tage, wenn ihr euch
unter einander verstehet, so werden eure meisten Gter mit geringerem Aufwand
von Zeit und Unkosten besser besorgt werden und abtrglicher sein knnen, als
bisher.
    Da riefen viele Bauern: Dazu wollen wir uns ohne Mhe mit einander
verstehen, wenn es nicht einmal so viel kostet, als sonst!
    Oswald sprach: Ich wnsche Glck dazu. Ich will euch sagen, was bisher viel
Unkosten verursacht hat, die ihr nun sparen knnet, wenn ihr wollet. Das ist die
Zeit! - Jeder von euch hat nmlich sein Land nach und nach zusammengeerbt oder
zusammengekauft, wie es kam. Da hat er ein Stck am Berg liegen, ein anderes
hinterm Wald, ein anderes wieder jenseits der Brcke, ein anderes neben der
Landstrae, wieder ein anderes am Bach, und noch ein anderes beim Steinbruch. Da
mu er nun Viertelstunden weit unntz umherlaufen von einem Stck zum andern,
eben so die Knechte und Mgde, eben so die Fuhre mit dem Dnger. Da wird ein
Theil des Tages blo mit Gngen und Lufen verloren, wo man htte arbeiten
knnen. Da werden Magd und Knecht fr Hin- und Hergehen bezahlt, was doch nichts
eintrgt. Es wird daher um so viel weniger im Tage gearbeitet, und das Land um
so weniger mit grtem Flei bearbeitet, weil es an der nthigen Zeit gebricht.
Mancher scheut sich, noch etwas Land zu kaufen, weil er das seinige kaum recht
in Ordnung besorgen kann; und doch hat er nicht viel. Aber das Umherziehen von
einem Stck zum andern nimmt die Zeit weg. Lgen alle seine Felder beisammen und
wre ein Ganzes, er knnte mit eben so vielen Leuten in eben so vieler Zeit noch
einmal so viel Land besorgen, als er jetzt hat, und um so viel reicher sein.
    Die Bauern sagten: Das ist ganz richtig, aber es lt sich nicht ndern.
Man kann seine Aecker nicht auf den Rcken nehmen und an einen Haufen legen.
    Oswald sprach: Das knnet ihr, wenn ihr wollet, nun ihr den Plan vom
Gemeindsbezirk habet und nun Jedermann wei, wie gro jedes seiner Stcke ist.
Aber ich sage euch, die Sache hat viel Schwierigkeiten. Ihr msset mit einander
die zerstreuten Stcke austauschen, so da endlich Jeder sein Land im
Zusammenhang hat, als ein einziges Stck. Da rede Jeder mit seinen Nachbarn und
Anstern. Entschdiget einander, wo der Eine ein paar Schuhe Land mehr oder
bessern Boden hat, als der Andere. Und wenn Einer oder der Andere beim Tauschen
wirklich etwas einben sollte, so gewinnt er doppelt dadurch, da er Alles
beisammenliegend hat. Wo ihr nicht eins mit einander werdet, nehmet
unparteiische Schtzer oder billige Schiedsrichter, oder ziehet Loose. Ich sage:
lasset euch durch kein Hinderni abschrecken, oder seid darum nicht zufrieden,
weil ihr es jetzt seit vielen Jahren so gewohnt seid; es kommt darauf an, da
ihr reicher werden knnet, ohne grere Mhe.
    Als der erste Vorsteher so geredet hatte, ging die Gemeinde kopfschttelnd
aus einander. Zwar Alle sagten, der Gedanke sei gar gut; aber man wrde nun und
nimmermehr einig werden.
    Inzwischen dachten doch Einige in migen Augenblicken daran, welches Stck
von ihren Feldern sie wohl Dem und Diesem fr das seinige geben knnten, das an
das ihrige stie. Sie fingen sogar zum Spa an, davon mit den Angrenzern zu
reden. Diesen war dann das Angebotene nicht allezeit gelegen, und wnschten ein
anderes, das dem Dritten gehrte, zu empfangen. Da begrten beide Theile nun
den Dritten. Einer stie den Andern. Bald machte Jeder Plane fr sich, seine
Besitzungen auszurunden und in ein einziges Stck zu verbinden. In kurzer Zeit
griffen die Unterhandlungen um sich. Manche gelang, manche scheiterte. Immer kam
dabei etwas heraus. Es war in Goldenthal wie an einer Landversteigerung oder wie
auf einem Gtermarkt, zumal im Winter, da man mehr mige Stunden hatte und
Abends zum Gesprch zusammenkam, bald bei Diesem, bald bei Jenem. Denn ins
Wirthshaus zu gehen und das gute Geld durch die Gurgel zu jagen und einem Vieh
gleich zu werden, schmten sich alle Ehrenleute im Dorfe. Lieber tranken sie ihr
Glas bei Weib und Kind und mit denselben an einem Sonn- und Festtage.
    Oswald hatte es vorausgesagt: der Gtertausch hat Schwierigkeit! So war es
auch. Allein im ersten halben Jahr war es doch schon Fnfen fast ganz gelungen,
all ihr Land beisammen zu haben. Das verdro die Andern. Sie sahen den Nutzen
davon sehr wohl ein. Nun setzten sie den Kopf daran, es auch so weit zu bringen.
Das Gemeinhaus ward bestndig besucht am Abend. Da standen immer einige Bauern
vor der groen Karte, und handelten und stritten, da man es drauen hrte, und
liefen aus einander im Zorn, und traten wieder mit neuen Vorschlgen zusammen.
    Was war die Folge? Von Jahr zu Jahr rundeten sich die Gter immer besser zu,
und die guten Wirkungen wurden auffallend sichtbar.

                      30. Wie es im Goldmacherdorf aussah.


Wohl war Goldenthal nun ein rechtes goldenes Thal. Da lag es mitten in den
fruchtbarsten Grten, wie vergraben in den vollen Obstbumen, umringt von Wiesen
und goldenen Saatfeldern, wie mitten im Paradiese. Die Feldwege zwischen den
Aeckern waren wie Gartenwege sauber und eben, die Landstraen auf beiden Seiten
mit Obstbumen besetzt, so weit der Gemeindsbezirk ging.
    Und trat man ins Dorf, so glaubte man in kein Dorf zu treten, sondern in
einen stattlichen Marktflecken. Denn die Huser waren, wenn auch nicht alle
gro, doch alle schn und wohl unterhalten von oben bis unten; die Fenster
glnzend und hell; die Thren und Gesimse stets gewaschen oder frisch
angestrichen; die Dcher fast alle mit Ziegeln gedeckt, denn durch ein
Gemeindsgesetz waren die Strohdcher wegen Feuersgefahr verboten. Und wurde ein
neues Dach gedeckt, muten es Ziegel sein. Auf mancher First sah man
Blitzableiter, fast vor allen Fenstern Blumen; neben den Husern kleine Grten,
zierlich geordnet und daneben wohlgeschirmte Bienenkrbe.
    Die Leute grten Jeden so freundlich auf der Strae, und neckten einander
im Vorbeigehen scherzend. Man sah es ihnen wohl an, da sie unter einander gut
lebten und mit ihrem Zustande vergngt waren. Das konnte nicht anders sein.
Sogar in der Woche bei Feld- und Gartenarbeit gingen Alle, zwar schlicht und
einfach, aber doch reinlich gekleidet: man sah keine beschmierten, keine
zerrissenen Gewnder. Es gab braune, von der Sonne verbrannte Gesichter, aber
keine kothigen, mit struppigen Buschhaaren; und die Kraft und Gesundheit lachte
Allen aus den Augen. Die jungen Bursche in andern Drfern sahen am liebsten nach
den Goldenthaler Mdchen; denn sie waren nicht nur wundernett und hbsch,
sondern auch huslich, geschickt und wirthlich. Mancher reiche Bauerssohn in
andern Drfern holte sich ein Mdchen aus dem Goldmacherdorf; wenn es auch nicht
viel Geld hatte, hatte es doch viele Tugenden. Und ging ein junger Mann aus
Goldenthal auf die Heirath aus, so konnte er unter den Tchtern des Landes
whlen. Man schlug einem Goldenthaler nie leicht die Tochter ab, wenn sie auch
mehr Vermgen hatte; denn man wute, es war gar wohl angelegt. Das vermehrte den
Wohlstand der Gemeinde nicht wenig.
    Da man keine Bettler und Miggnger in Goldenthal sah, verstand sich. Aber
man erblickte auch nicht einmal dem Anschein nach arme Leute. Denn sogar die
Spittler hatten ihr sattes Essen und Trinken und ordentliches Gewand. Und trat
man ins kleinste, rmste Bauernhaus, so meinte man beinahe, es sei etwas recht
Vornehmes darin. Die Fubden waren so reinlich und gefegt, die Bnke, Sthle,
Tische so ohne Flecken und Fehl, Fenster und Spiegel so hell - kurz, es war
nicht wie in den Sauhtten mancher Bauern in andern Dorfschaften. Man bekam
rechte Lust, da zu wohnen unter den Biederleuten.
    Whrend der Sommermonate, vom Frhjahr bis zum Herbst, war es an den
Sonntagen bei schnem Wetter ein frhliches Leben zu Goldenthal. Da wimmelte es
von Besuchen aus der Stadt. Das groe, neu ausgestattete Wirthshaus, welches -
wer htte es glauben sollen? - einer von den zweiunddreiig armen Genossen des
Goldmacherbundes durch Erb und Kauf an sich gebracht hatte, war angefllt mit
stdtischen Familien, die Erfrischungen nahmen. Andere Familien kehrten in die
Wohnungen ihnen bekannter Bauern ein: saen da in den Grten bei Milch, Obst,
Honig und andern Nschereien des Dorfes; oder lagerten sich plaudernd und
spielend auf grnen Rasenpltzen, oder saen auf den saubern Bnken vor den
Husern im Schatten weit vorragender Dcher, und sahen die auf- und abwandelnden
bunten Reihen der Spaziergnger; oder traten auf den Platz unter die Linde, wo
die Jugend des Dorfes zuweilen tanzte beim heitern Gesang der Andern. Man kann
leicht denken, die Herren und Frauenzimmer aus der Stadt waren fr das
Vergngen, welches sie in Goldenthal genossen, nicht undankbar, und die von den
geflligen Landleuten angebrachten Bequemlichkeiten und Verschnerungen ihrer
Huser und Grten trugen guten Zins. Selbst im Winter fehlte es nicht an
Besuchen. Da wurden aus der Stadt Schlittenparthien nach Goldenthal gemacht. Wo
konnte man's besser haben?
    Die Leute in andern Drfern sahen und hrten das und wunderten sich fast zu
Tode, warum das bei ihnen nicht auch so sei? Sie meinten in vollem Ernst, die
Goldenthaler htten geheime Knste. Statt aber sich nach diesen Knsten recht zu
erkundigen, blieben sie ruhig auf ihrem alten Mist sitzen, und blieben, wie sie
waren. Sie zeigten nur Neid und Migunst, wenn sie von Goldenthal sprachen, und
spotteten und nannten es das Goldmacherdorf. Aber dieser Uebername war kein
Uebelname.
    Auch machten sich die Goldenthaler nicht viel daraus. Denn wohin sie kamen,
waren sie werthgehalten und geschtzt. Sie fuhren in ihrer guten Weise fort und
waren dabei des Lebens froh. Hatten sie die ganze Woche gearbeitet, war jeder
Sonntag ein rechter Ruhetag. Ins Wirthshaus freilich gingen die Goldenthaler
nicht. Sie hatten ihren Labetrunk daheim. Aber auch im Winter tanzten da des
Abends die jungen Leute bei guter Musik. Einige Mnner und Knaben waren durch
den Schulmeister Johannas Heiter im Spiel der Geigen und Flten angeleitet
worden. Sie hatten es ziemlich weit gebracht. Oft fhrten auch die jungen Snger
und Sngerinnen groe Singstcke auf, wie man dergleichen kaum in der Stadt
hrte. Die alten Mnner und Frauen kamen familienweise des Abends zu einander;
da bewirtheten sie sich mit einfacher Kost, und hatten ihre muntern Gesprche.
Von besoffenen Leuten, von Raufereien, von Prozessen, von Ausschweifungen
anderer Art hrte man gar nicht. Denn mit dem Wohlstande und der bessern
Erziehung, die aus der Schule stammte, hatte sich ein gewisses Ehrgefhl und
eine Liebe zu anstndigen Sitten unter den Bauern ausgebildet, wovon man sonst
nicht leicht in andern Drfern Aehnliches gewahr ward. Man kannte und
unterschied sie schon beim ersten Anblick in der Stadt von Landleuten aus andern
Gegenden. Sie waren in ihrer Tracht hchst einfach und suberlich, in ihrer Rede
sanft und bescheiden, in ihrem Benehmen offen und gutherzig. Sie trugen zwar
keine feine Kleider, aber dafr war ihr Betragen fein.
    Man mu wohl nicht glauben, da dies hfliche, ehrbare und lbliche Wesen
eine reine Frucht der Erziehung oder des allgemeinen Wohlstandes allein gewesen;
es war auch eine Wirkung der Gemeindegesetze. Denn wie einige Bauern reicher
geworden waren, hatte es gar nicht an solchen gefehlt, die wieder ber die
Schnur hieben und aus der Art zu schlagen drohten. Da wollten Einige hochmthig
werden, putzten ihre Tchter ungebhrlich, kleideten sich in kostbares Tuch
recht stdtisch, und thaten in allen Dingen gro. Einige andere nahmen die
Spielkarten wieder vor oder die Weinflaschen im Wirthshaus. Das erweckte aber
groes Aergerni bei den meisten rechtschaffenen Leuten, und sie sprachen:
Fngt man es so wieder an, werden wir bald wieder den Krebsgang gehen! Und es
war allgemeiner Unwille gegen diejenigen, welche von der einfachen, lblichen
Weise abwichen; und man begehrte, die Ortsvorgesetzten sollten besser ber die
Bewahrung der guten Sitten im Dorfe wachen.
    Dieser Vorwurf, welchen man den Ortsvorstehern machte, erfllte den Oswald
gar nicht mit Verdru, sondern mit wahrer Freude. So kam ein strenges
Gemeindsgesetz zu Stande; darin war aller Aufwand in den Kleidern verboten und
jedem Alter seine Tracht vorgeschrieben, und auf Kartenspiel und alles Spiel um
Geld und Geldeswerth, auf das Laster der Trunkenheit, auf Schimpfreden,
Lsterungen, Balgereien und andere Schndlichkeiten waren von der Gemeinde
einmthig harte Strafen gesetzt. So kam es, da sich Keiner berhob und
bernahm; da, wenn irgend Einer auch einmal Lust hatte, zu thun, was weder
ehrbarlich noch recht war, die Furcht vor Scham, Schande und Bestrafung ihn
wieder zurckschreckte.
    
    Alle Jahre wurde das Sittengesetz vor der ganzen Gemeinde vorgelesen. Da
muten Alt und Jung, Mnner, Weiber und Kinder es anhren. Fand man Zustze
nthig, wurden sie gemacht. Und wenn das Sittengesetz vorgelesen war, mute der
erste Vorsteher jedesmal fragen: Wollet ihr dies Gesetz halten, welches die
Grundlage unsers Wohlstandes, unserer Eintracht und Ehre ist? - Und Alt und
Jung antwortete mit lauter Stimme deutlich ein allgemeines Ja.

                               31. Die Kindtaufe.


Oswald geno zu dieser Zeit eine rechte Herzenswonne, nach der er sich lange
schon vergebens gesehnt hatte. Nmlich die liebe, gute Elsbeth hatte ihm einen
muntern Sohn zur Welt gebracht. Da war er wie im Himmel.
    Und er ging darauf zu seinem Freund, dem neuen Lwenwirth, der einer von den
wohlbekannten zweiunddreiig Bundesgenossen war. Zu diesem sprach er: Mein
Freund, ich habe doch dich noch nie um eine Geflligkeit angesprochen, und ich
komme damit zum ersten Mal. Meine Frau liegt im Kindbette, und ich kann sie
nicht verlassen, und zur Stadt gehen. Ich gebrauche aber fnfhundert Gulden,
wenn auch nur acht Tage lang, und sie sollen wo mglich in Gold sein. Willst du
mir so viel auf acht Tage leihen?
    Der Lwenwirth antwortete: Ich bin dir fr so Vieles Dank schuldig; warum
sollte ich nicht? Ich habe eben achthundert Gulden empfangen, die liegen noch
immer bei mir. Aber sie sind zum Theil in Silbermnze. Willst du, so nimm Alles
auf so lange du willst.
    Oswald sagte: Ich mchte lieber Gold; es liegt mir sehr daran.
    Der Lwenwirth versetzte: Wohlan, ich will Rath schaffen. Wann mut du es
haben?
    Oswald erwiederte: Bringe mir das Geld morgen Abend um die achte Stunde in
mein Haus. Aber sage Niemandem davon.
    Als er sein Geschft hier vollendet hatte, ging er fort und zu den brigen
einunddreiig Bundesgenossen und sagte ihnen dieselben Worte, wie dem Lwenwirth
und bat um fnfhundert Gulden, wo mglich in Gold. Und Jeder freute sich, dem
wackern Manne endlich einmal einen Freundschaftsdienst erweisen zu knnen, und
versprach, ihm das Geld zu bringen. Er bestellte Jeden auf den folgenden Tag des
Abend um die achte Stunde zu sich.
    Und sie kamen um dieselbe Stunde, da es schon dunkel war, zu ihm. Er fhrte
sie Alle in sein Zimmer, aber es war noch kein Licht angezndet. Die Leute
wunderten sich in der Stille ber die Menge der Anwesenden. Oswald ging, um
Licht zu holen. Und als er wieder in die Stube trat, mit zwei brennenden Kerzen
in der Hand, erblickten sie ihn wieder, wie sie ihn schon einmal gesehen hatten,
in prchtigen Offizierskleidern, mit hohem Federbusch auf dem Hut, einem Orden
auf der Brust und einem langen Sbel an der Seite. Sie sahen einander verwundert
an, und sahen, wie vor sieben Jahren, dieselben Gestalten, in demselben Zimmer,
um denselben Tisch, auf welchen der Offizier die Kerzen niedersetzte.
    Oswald sagte darauf: Habet ihr mir gebracht, liebe Freunde, um was ich euch
gebeten habe, so leget es hier auf den Tisch.
    Da traten sie Alle, Einer nach dem Andern, zum Tisch, und Mehrere
bedauerten, ihm die Summe nicht in Gold zahlen zu knnen. Er sagte darauf
liebreich: So ist's gleichviel. Gebet, wie ihr es habet. Und sie schtteten
Gold, Andere Silber auf den Tisch, Andere legten ihm gute Kapitalbriefe und
Zinsschriften hin.
    Darauf erhob Oswald die Stimme und sprach: Erinnert euch, es ist die Zeit
der Prfung vorber, und die sieben Jahre und sieben Wochen sind zu Ende, von
denen ich euch geredet. Und ihr habet mehr Geld auf diesen Tisch geworfen, als
ich vor sieben Jahren und sieben Wochen vor euern Augen ausschttete. Damals
waret ihr kaum im Stande, fnfhundert rothe Kreuzer auszuleihen; in der Stadt
htte sie euch Niemand anvertraut. Jetzt habet ihr binnen vierundzwanzig Stunden
Jeder fnfhundert Gulden aufgebracht, also da sechszehntausend Gulden hier
pltzlich auf dem Tisch beisammen sind. Also ist die Prfungszeit vorber, und
ich habe euch die Kunst gelehrt, Gold zu machen. Und nun werdet ihr verstehen,
was ich sagte, da ihr das erste Mal hier standet. Ich sagte aber: die Kunst ist
selbst mehr noch, als das Gold, werth; denn diese Kunst ist die beste Weisheit
des Lebens. Bleibet euern Gelbden und Gott getreu, und euer Glck und Wohlstand
wird wachsen von Tag zu Tag. Wer vom Gelbde lt, der lt von seinem Glck.
Prget dies Gelbde euern Kindern ein, und lasset sie es halten, so werden sie
Flle haben. Nun habe ich mein Wort gelst, das ich euch gegeben. Ihr seid darum
reich, weil ihr wenig bedrfet und viel erwerbet, und weil ihr Zutrauen genieet
bei den reichen Leuten, da ihre Geldscke euch offen stehen. So habet ihr Gold
machen gelernt, wie Ehrenmnner Gold machen sollen. Oder habet ihr anderes
erwartet?
    Sie lchelten allesammt und sprachen: Ei nun, wir haben wohl lngst schon
vermerken knnen, wie du es mit der Goldmacherei gemeint hast. Doch als wir
einmal zur rechten Erkenntni gekommen waren, schmten wir uns auch des dummen
Aberglaubens, der uns vormals bethrte, und wuten es dir im Herzen Dank, da du
uns auf bessere Bahn gebracht. Ohne dich und deine Hlfe wren wir aber doch nie
dahin gekommen.
    Oswald freute sich dieser Worte und der dankbaren Herzlichkeit, mit der ihm
Jeder die Hand drckte und schttelte. Und er stellte ihnen ihr Geld wieder zu,
weil er es nicht hatte gebrauchen, sondern nur ihre Zuneigung auf die Probe
setzen wollen. Sie aber sagten: Gebiete ber uns, wie du willst, Tag und Nacht.
Denn wir Alle sind dir unser Hausglck schuldig. Sprich, wir sollen fr dich
durchs Feuer gehen, wir werden gehen. Sprich, wir sollen fr dich sterben, und
wir werden den Tod nicht frchten.
    Und wie sie sich so traulich und herzlich um ihn drngten, betrachteten sie
sein schnes Kleid und den Orden auf der Brust, und htten gern erfahren, was
das bedeute.
    Er antwortete: Ich danke es euerm alten Schulmeister, meinem seligen Vater,
noch in der Erde, da er mich in vielen ntzlichen Dingen und sogar im
Feldmessen unterrichtete. Denn als ich unter die Soldaten kam, half es mir,
nebst redlichem Sinn und herzhaftem Betragen, da ich meinen Kameraden
vorgezogen ward. Ich that meine Pflicht und ward zuletzt Rittmeister. Und als
ich in einem Treffen, da sich der Erbprinz zu weit vorwagte, denselben mit
seinem Gefolge von feindlichen Reitern umgeben sah, drang ich blitzschnell mit
meiner Schwadron unter die Feinde, und rettete den Prinzen. Dafr empfing ich
diese Wunde hier auf der Stirn, und dieses Ordens- und Gnadenzeichen auf der
Brust, und als ich den Abschied beim Friedensschlu nahm, einen anstndigen
Jahrgehalt auf Lebenszeit. Auch hat der Erbprinz, als er unser Land
durchreisete, mich nicht vergessen, und mich, wie ihr wisset, sogar im
Vorbeireisen einmal besucht.
    Da ich aber heimkam nach Goldenthal, in meine liebe Heimath, und ich sah,
wie elend und verlumpt hier Alles war, verbarg ich meinen Wohlstand, um nicht
von lderlichen Bettlern belagert zu werden. Auch hatte ich alle Lust verloren,
hier zu bleiben, und wre wieder fortgezogen, htte ich nicht des Mllers
Elsbeth gesehen. Meine Elsbeth hielt mich fest. Da beschlo ich in meinem
Herzen, zu versuchen, ob ich mir das Leben bei euch lieb machen knne? Und ich
stellte mich arm und den Uebrigen gleich, um Vertrauen zu erwecken. Und ich
sagte Niemandem von meinen Ehren und Jahrgeldern, so ich gensse. Nur Elsbeths
Aeltern mute ich es am Abend, da ich um die Tochter anhielt, offenbaren, sonst
htten sie mir ihr Kind nicht gegeben, denn sie hielten mich fr arm. Als ich
aber noch am Abend den Mller Siegfried und seine Frau zu mir ins Haus fhrte,
und hier meine Uniform mit dem Orden anlegte, ihnen mein gesammeltes Geld und
den kniglichen Gnadenbrief wies, woraus sie sahen, da ich mehr Jahrgehalt
bezog, als des Mllers Mhle in drei Jahren verdienen konnte, wurden sie andern
Sinnes. Doch muten sie verschwiegenen Mund halten, denn es war nthig. Nun aber
mag es Jedermann wissen; es schadet nicht mehr.
    So erzhlte Oswald, und die Leute verwunderten sich und freuten sich ber
sein Glck. Und sie hatten vor ihm so groe Ehrfurcht bekommen, da sie ihn kaum
Du nennen wollten. Er aber sagte: Was treibet ihr auch mit mir? - Nein, ich
bleibe eures Gleichen; darum seid und bleibet meine Brder. Kein Offizierrock
und kein Orden, sondern ein wohlwollendes Herz voll Gottesfurcht macht zum
Ehrenmann. So redete er und umarmte Alle nach der Reihe, da sie sich heim
begaben; und sie dankten ihm, denn er sei der wahre Stifter ihres irdischen und
ewigen Glcks, und sie nannten ihn Vater. Und wenn er Kindtaufe halten wrde,
versprachen sie Alle, sich mit ihm zu freuen, als wre sein Fest ihr eigenes
Fest.
    Wie nun drei Tage nach diesem der Sonntag kam, da Oswalds Sohn getauft
werden sollte, war Alles im Dorfe schon frh wach. Oswald aber trat zu seiner
Elsbeth an das Bette, kte die junge Mutter und ihren holten Sugling und
sprach: Sieh', theure Elsbeth, mein Herz bricht vor Freude und Wehmuth. Mein
Shnlein, das du geboren hast, macht mir groe Wonne; aber noch grere Wonne
macht mir der Anblick unseres Dorfes. Und es ist doch wahr, die Menschen sind so
bse nicht, und nicht so herzlos, wie man oft sagt. Man soll den Glauben an die
Gte der Menschheit nie verlieren. Siehe, in dieser Nacht haben sie unser
Wohnhaus wieder mit Blumenkrnzen prchtig berdeckt und verziert, wie es am
Tage unserer Hochzeit war. Aber dabei ist es nicht geblieben. Alle Huser des
Dorfes sind mit Blumen und Zweigen verziert, als wre unser Fest das Fest jedes
Hauses. Und hinten von unserm Haus hinweg bis zur Kirchthr haben sie grnende
Birkenstangen auf beiden Seiten des Kirchwegs gepflanzt und lange Blumenschnre
von Birke zu Birke gezogen, und den ganzen Weg mit grnem Laub und allerlei
Blumen berstreut.
    So sprach Oswald und die junge Wchnerin errthete in stiller Rhrung, und
ihre Augen wurden feucht. Dann sagte sie nur: Hab' ich doch in der Nacht oft
ein Gehen und Sumsen drauen gehrt, und wute nicht, was es gab? Sie konnte
nicht im Bette bleiben, und mute auf und ans Fenster gehen und die Herrlichkeit
sehen. Da weinte sie still; denn nichts ist fr ein zartes Gemth rhrender, als
wenn es den Zusammenklang der Seelen in tugendhafter Erhebung wahrnimmt. Das ist
die wahre Verklrung der Menschheit und eine Ahnung des schnern Himmels, der
unserer wartet.
    Als Elsbeth wieder zu ihrem Sugling gegangen war, kamen ihre Aeltern, denn
sie waren die erbetenen Taufzeugen. Die Mllerin konnte nicht genug sagen, wie
ausgeschmckt die Huser wren, wie lebendig Alles im Dorfe sei, und sie rief
einmal um das andere aus: Nein, solch eine Kindtaufe ist in Goldenthal noch nie
geworden! So feiert man ja nicht die Geburt eines Frsten.
    Und wie sie noch so redete, kam ein ganzer Zug junger Mdchen und Knaben
gegen Oswalds Haus, smmtlich in Feierkleidern, Paar um Paar. Alle trugen ein
kleines Geschenk von ihren Aeltern zur Wiege des Neugebornen; die Einen
schneeweie Leinwand, die Andern Zucker, oder Mandeln, oder Blumen, oder
selbstgestrickt Strmpfe oder Handschuhe, die Andern niedliches Hausgerth,
kleine Bedrfnisse fr Kche und dergleichen. So viele Haushaltungen im Dorfe,
so viele Geschenke. Und alle Kinder kten Elsbeths Hand und sagten: Mutter
Elsbeth! und kten Oswalds Hand, indem sie blo dazu die Worte sprachen: Vater
Oswald! Aber welcher Wohllaut lag fr Oswald und Elsbeth in diesen Vater- und
Mutternamen! Es gab keinen einfachern und rhrendern Glckwunsch.
    Da luteten alle Glocken mit vollem Klange zur Kirche. Der Sugling ward zur
Taufe getragen, er voran; ihm folgten die beiden Groltern, hintennach der
tiefgerhrte Vater. Die ganze Gemeinde stand vor der Kirche in weitem Halbkreis,
Alt und Jung, und sah den Oswald kommen. Sanft und freundlich sprach Alles, wie
er vorbeiging an der Menschenmenge: Guten Morgen, Vater Oswald. Dann folgte
ihm Alles in die Kirche.
    Hier hielt der Herr Pfarrer Roderich nach vollbrachter Taufhandlung eine
schne Predigt ber die Pflicht ffentlicher Dankbarkeit des Volks gegen eine
gute Obrigkeit. Er schien noch nie so begeistert und salbungsreich geredet zu
haben. Wort auf Wort traf die Herzen. Es war im ganzen Volk die tiefste Andacht
und wachsende Rhrung. Jeder hielt an sich, seine Thrnen zu unterdrcken. Als
nun aber der Herr Pfarrer aus Schlugebet kam, und er da die bebende Stimme zu
Gott erhob fr die gute Obrigkeit von Goldenthal, wobei Jeder im Stillen an
Oswald dachte; als nun der Herr Pfarrer selber die Bewegung seines Gemths nicht
lnger zurckzwingen konnte, und ihm unter Thrnen der Name Oswald entschlpfte
- da ward lautes, heftiges Schluchzen in der ganzen Kirche. Da nun dachte Jeder
an das Alles, was dieser Oswald der Gemeinde gethan und gestiftet; Jeder
erkannte in ihm den Urheber des allgemeinen Glckes. Der Pfarrer konnte nicht
mehr reden. Er schlo; er sprach den Segen ber die fromme und dankbare
Gemeinde. Niemals war in Goldenthal mit hherer Inbrunst ein Gesang gesungen
worden, als diesmal aus dem Anhangbchlein der Vers: Fr das Leben der
Obrigkeit! - gen Himmel stieg.
    Der gute Oswald, sehr verlegen und beschmt, und doch froh gerhrt, konnte
kaum aufsehen, da er aus der Kirche ging, und begab sich, tief sein Haupt
gesenkt, durch die grende Menge zu seiner Elsbeth. Er konnte kaum reden. Zum
Mittagsmahl waren bei ihm seine Schwiegerltern und der Herr Pfarrer, der
Schulmeister und die beiden Mitvorgesetzten. Die erzhlten, da fast in allen
Husern des Dorfes Gastmhler gehalten wrden, wozu Einer den Andern eingeladen
habe; die Aermern speiseten bei den Reichern. Oswald schttelte den Kopf und
sprach: Das ist mir der Ehre allzuviel; ich habe es nicht verdient.
    Doch die allgemeine Freude machte auch ihn wieder froh und wohlgemuth. Er
ging gegen Abend, begleitet von seinen Gsten, hinaus ins Dorf, und ging da von
Haus zu Haus, und setzte sich zu jeder Familie einige Augenblicke und dankte
Allen fr so viel Liebe. Goldenthal war voller Fremden; denn man wute in der
Stadt von dem Feste, und wer konnte, eilte nun hierher, Zuschauer zu sein. Bis
in die spte Nacht whrte der Tanz der Jugend, man hrte aller Enden Musik und
Gesang vor den Husern, unter der Linde, unter den Blumenkrnzen und in den
Grten.
    Man sprach und spricht noch lange zu Goldenthal von diesem schnen Tage. Und
Oswald hie seit demselben nur Vater Oswald, und die liebenswrdige Elsbeth hie
Mutter Elsbeth.
    Wahrlich, wahrlich, was im Leben Gutes geset wird, das findet endlich immer
seinen schnen Aerntetag. Denn es lebt uns ein guter Gott, ein Vergelter voller
Barmherzigkeit und Liebe.
