
                            Arnim, Ludwig Achim von

                               Die Kronenwchter

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                             Ludwig Achim von Arnim

                               Die Kronenwchter

                                  Erster Band

                       Bertholds erstes und zweites Leben

                                   Einleitung

                            Dichtung und Geschichte

Wieder ein Tag vorber in der Einsamkeit der Dichtung! Die Glocke lutet
Feierabend, und die Pflger ziehen heim mit dem Gespann, fhren und tragen
behaglich die Kinder, die ihnen entgegen gegangen, und freuen sich ihrer Mhe in
der Ruhe. Der Pflug ruht nicht verlassen auf der letzten Erdscholle, die er ber
strzte, denn notwendig wie die Sonnenbahn scheint der Bedrftigkeit sein
Furchenzug und ein heilig strenges Gesetz bewacht ihn in der Nacht gegen Frevel.
Am Morgen setzt der Pflger seinen Weg ohne Strung fort, mit nach der Lnge
seiner Furchen den trben Morgen, wie er die helle Mitte des Tages an seinem
eignen Schatten zu ermessen versteht, und teilt nach seinen Morgenwerken die
Erdflche in festbegrenzte Morgen, wie er nach dem Tage werke der Sonne die
unendliche Zeit in Stunden teilt. Die Sonne und der Pflger kennen einander und
tun beide vereint das Ihre zum Gedeihen der Erde. Fest fortschreitend, von allen
geschtzt und geschtzt, sehen wir die Ttigkeit, die sich zur Erde wendet; sie
ist auch dauernd bezeichnet und grndet, so lange sie sich selbst treu bleibt,
mit unbewuter Weisheit das Rechte, das An gemessene, im Bau des Ackers, wie des
Hauses, in der Beugung des Weges, wie in der Benutzung des Flusses. Die
Zerstrung kommt von der Ttigkeit, die sich von der Erde ablenkt und sie noch
zu verstehen meint. Aber nach Jahrhunderten der Zerstrung erkennen die
einwandernden Anbauer des Walds mit Teilnahme die Unvergnglichkeit der
Ackerfurchen und Grund mauern untergegangener Drfer und achten sie als ein
wiedergefundenes Eigentum ihres Geschlechts, das der Gaben dieser Erde nie genug
zu haben meint. Gleichgltig werden daneben die auf gefundenen Werke des Geistes
frherer Jahrhunderte als unverstndlich und unbrauchbar aufgegeben, oder mit
sinnloser Verehrung angestaunt. Das Rechte will da errungen sein, und wie die
eine Zeit ihre geistigen Gaben ber alles schtzt und zusammen hlt, so meint
eine andere, alles schon selbst im berflusse zu besitzen und lt es zu, da
die Sibylle ihre heiligen Bcher verbrennt, um ihr nicht Dank und Lohn geben zu
mssen. Wer mit die Arbeit des Geistes auf seinem unsichtbaren Felde? Wer
bewacht die Ruhe seiner Arbeit? Wer ehrt die Grenzen, die er gezogen? Wer
erkennt das Ursprngliche seiner Anschauung? Wer kann den Tau des Paradieses von
dem ausgespritzten Gifte der Schlange unterscheiden? Kein Gesetz bewacht
Geisteswerke gegen Frevel, sie tragen kein dauerndes, ueres Zeichen, mssen in
sich den Zweifel dulden, ob bse oder gute Geister den Samen ins offene Herz
streueten; ja die anmaende Frmmigkeit nennt oft bse, was aus der Flle der
Liebe und Einsicht hervorgegangen ist. Der Arbeiter auf geistigem Felde fhlt am
Ende seiner Tagewerke nur die eigene Vergnglichkeit in der Mhe und eine Sorge,
der Gedanke, der ihn so innig beschftigte, den sein Mund nur halb auszusprechen
vermochte, sei wohl auch in der geistigen Welt, wie fr die Zeitgenossen
untergegangen. Diese hrteste aller Prfungen ffnet ihm das Tor einer neuen
Welt. Indem er diese geistige Welt gleich der umgebenden als nichtig und
vergnglich aufgibt, da fhlt er erst, da er nicht hinaus zu treten vermag, da
sein ganzes Wesen nicht nur von ihr umgeschlossen, sondern, da sogar auer ihr
nichts vorhanden sei, da kein Wille vernichten knne, was der Geist geschaffen.
Darum sei uns lieb diese trumende Freude und Sorge aller schaffenden Krfte als
ein Zeichen der hheren Ewigkeit, in die sich der Geist arbeitend versenkt und
der Zeit vergit, die immer nur weniges zu lieben versteht, alles aber frchten
lernt und mit ngstlichkeit dingt, was mitteilbar sei, oder was verschwiegen
bleiben msse. Das Verschwiegene ist darum nicht untergegangen, tricht ist die
Sorge um das Unvergngliche. Aber der Geist liebt seine vergnglichen Werke als
ein Zeichen der Ewigkeit, nach der wir vergebens in irdischer Ttigkeit,
vergebens in Schlssen des Verstandes trachten, auf die uns der Glaube vergebens
eine Anwartschaft gbe, wenn sie nicht die irdische Ttigkeit lenkte, das Spiel
des Verstandes bte, und dem Glauben aus der ttigen Erhhung in Anschauung und
Einsicht beglaubigt entgegen trte. Nur das Geistige knnen wir ganz verstehen
und wo es sich verkrpert, da verdunkelt es sich auch. Wre dem Geist die Schule
der Erde berflssig, warum wre er ihr verkrpert, wre aber das Geistige je
ganz irdisch geworden, wer knnte ohne Verzweifelung von der Erde scheiden. Dies
sei unserer Zeit ernstlich gesagt, die ihr Zeitliches berheiligen mchte mit
vollendeter, ewiger Bestimmung, mit heiligen Kriegen, ewigen Frieden und
Weltuntergang. Die Geschicke der Erde, Gott wird sie lenken zu einem ewigen
Ziele, wir verstehen nur unsere Treue und Liebe in ihnen und nie knnen sie mit
ihrer uerlichkeit den Geist ganz erfllen. Die Erfahrung mte es wohl endlich
jedem gezeigt haben, da bei dem traurigsten, wie beim freudigsten Weltgeschicke
ein mchtigeres Gegengewicht von Trauer und Freude uns selbst verliehen ist, da
sich alles in der Kraft des Geistes berleben lt und in seiner Schwche uns
nichts zu halten vermag. Es gab zu allen Zeiten eine Heimlichkeit der Welt, die
mehr wert in Hhe und Tiefe der Weisheit und Lust, als alles, was in der
Geschichte laut geworden. Sie liegt der Eigenheit des Menschen zu nahe, als sie
den Zeitgenossen deutlich wrde, aber die Geschichte in ihrer hchsten Wahrheit
gibt den Nachkommen ahndungsreiche Bilder und wie die Eindrcke der Finger an
harten Felsen im Volke die Ahndung einer seltsamen Urzeit erwecken, so tritt uns
aus jenen Zeichen in der Geschichte das vergessene Wirken der Geister, die der
Erde einst menschlich angehrten, in einzelnen, erleuchteten Betrachtungen, nie
in der vollstndigen bersicht eines ganzen Horizonts vor unsre innere
Anschauung. Wir nennen diese Einsicht, wenn sie sich mitteilen lt, Dichtung,
sie ist aus Vergangenheit in Gegenwart, aus Geist und Wahrheit geboren. Ob mehr
Stoff empfangen, als Geist ihn belebt hat, lt sich nicht unterscheiden, der
Dichter erscheint rmer oder reicher, als er ist, wenn er nur von einer dieser
Seiten betrachtet wird; ein irrender Verstand mag ihn der Lge zeihen in seiner
hchsten Wahrheit, wir wissen, was wir an ihm haben und da die Lge eine schne
Pflicht des Dichters ist. Auch das Wesen der heiligen Dichtungen ist wie die
Liederwonne des Frhlings nie eine Geschichte der Erde gewesen, sondern eine
Erinnerung derer, die im Geist erwachten von den Trumen, die sie hinber
geleiteten, ein Leitfaden fr die unruhig schlafenden Erdbewohner, von heilig
treuer Liebe dargereicht. Dichtungen sind nicht Wahrheit, wie wir sie von der
Geschichte und dem Verkehr mit Zeitgenossen fordern, sie wren nicht das, was
wir suchen, was uns sucht, wenn sie der Erde in Wirklichkeit ganz gehren
knnten, denn sie alle fhren die irdisch entfremdete Welt zu ewiger
Gemeinschaft zurck. Nennen wir die heiligen Dichter auch Seher und ist das
Dichten ein Sehen hherer Art zu nennen, so lt sich die Geschichte mit der
Kristallkugel im Auge zusammenstellen, die nicht selbst sieht, aber dem Auge
notwendig ist, um die Lichtwirkung zu sammeln und zu vereinen; ihr Wesen ist
Klarheit, Reinheit und Farbenlosigkeit. Wer diese in der Geschichte verletzt,
der verdirbt auch Dichtung, die aus ihr hervorgehen soll, wer die Geschichte zur
Wahrheit lutert, schafft auch der Dichtung einen sichern Verkehr mit der Welt.
Nur darum werden die eignen unbedeutenden Lebensereignisse gern ein Anla der
Dichtung, weil wir sie mit mehr Wahrheit angeschaut haben, als uns an den
grern Weltbegebenheiten gemeinhin vergnnt ist. Das Mitttige und
Selbstergriffene daran ist gewi mehr hemmend als aufmunternd, denn Heftigkeit
des Gefhls unterdrckt sogar die Stimme, weil diese sie zum Ma der Zeit
zwingt, wie viel weniger mag sie mit der trgen Pflugschar des Dichters, mit der
Schreibfeder zurecht kommen. Die Leidenschaft gewhrt nur, das ursprnglich
wahre, menschliche Herz, gleichsam den wilden Gesang des Menschen, zu vernehmen
und darum mag es wohl keinen Dichter ohne Leidenschaft gegeben haben, aber die
Leidenschaft macht nicht den Dichter, vielmehr hat wohl noch keiner whrend
ihrer lebendigsten Einwirkung etwas Dauerndes geschaffen und erst nach ihrer
Vollendung mag gern jeder in eignem oder fremden Namen und Begebenheit sein
Gefhl spiegeln.

                                   Waiblingen

Die Geschichten, welche hier neben der Karte von Schwaben vor uns liegen,
berhren weder unser Leben, noch unsere Zeit, wohl aber eine frhere, in der
sich mit unvorhergesehener Gewalt der sptere und jetzige Zustand geistiger
Bildung in Deutschland entwickelte. Das Bemhen, diese Zeit in aller Wahrheit
der Geschichte aus Quellen kennen zu lernen, entwickelte diese Dichtung, die
sich keineswegs fr eine geschichtliche Wahrheit gibt, sondern fr eine
geahndete Fllung der Lcken in der Geschichte, fr ein Bild im Rahmen der
Geschichte. Die Karte von Schwaben, wie sie Homanns Erben im Jahre 1734
herausgaben, mu noch jetzt nach so vielen Vernderungen, wohlgefallen. Diese
sinnreichen Nrnberger haben alle Farben ihres weltberhmten Muschelkastens
benutzt, die Grenzen der vielen Staaten augenscheinlich zu machen, auf da ein
jeder in dieser Farbenpracht den Bogen der Gnade erkennen mge, den Gott ber
dieses herrliche Land gestellt hatte, als er es nach freier Entwickelung durch
Krieg und Friede mit der Kraft seines heiligen, deutschen Reichs fr
Jahrhunderte schtzte. Ein mchtiger Strom, die Donau, entspringt in Schwaben,
begrenzt den Erbfeind der Christenheit, den Trken. Ein anderer, der Rhein,
findet erst im Bodensee seinen rechten Boden, der ihn zur Gre erzieht, wofr
er die Grenze, von der er ungern scheidet, zu einer Inselwelt durchflicht. Der
Bodensee selbst ein sanftes Abbild des Meeres, bezeichnet neben den Hhen eine
reiche Tiefe des Landes. Wer nennt alle lieblichen Strme, welche das Land
durchrauschen! Wer nennt alle Berge von Schlssern gekrnt, von denen die Strme
entspringen, von denen die Heldengeschlechter herrschend zu den fernen Ebenen
niedergezogen sind! Ganz Schwaben ist dem Reisenden ein aufgeschlagenes
Geschichtbuch, hier war der frheste Mittelpunkt deutscher Geschichten und so
seltsam alles umfassend die Deutschen sich spter schaffend und zerstrend
geregt haben, diese Vollendung in einem gewissen Sinne erreichten sie nicht
wieder und so reibt sich das Bild des Unterganges unmittelbar an den Glanz der
Hohenstaufen. Schner ist das dauernde Steigen eines Landes, das in jeder
Einrichtung das ungestrte Erbe der Jahrhunderte aufweisen kann, aber menschlich
nher tritt uns als ein Bild des eignen Geschicks diese Berhrung mit groen
Hoffnungen aus frheren Tagen in einem Volke, das bewahrtem und achtend gegen
seine Vorzeit in Urkunden, Erinnerungen und Gebruchen jedem Dorfe seine
Denkwrdigkeit erhalten hat. Suchen wir auf unsrer Karte den Neckarflu und
gehen wir mit Behagen an seinem Ufer von Reben umgrnt zum Einflusse der Rems
und da hinauf durchs reiche Wiesental nach Waiblingen, so befinden wir uns auf
dem Schauplatze unsrer Geschichte. Waiblingen versteckt sich jetzt, wie wir von
Reisenden hrten, ungeachtet es an einem Hgel hinangebaut ist, hinter
umgebenden Weinbergen. Ehemals ragte am Tore ein hoher Wachtturm hinaus, der mit
vier kleinen Trmchen und einem hhern in der Mitte, alle fnf mit Schiefer
wohlgedeckt, der Stadt schon aus der Ferne ein wehrhaftes Ansehen gab.
    Dieser Turm ist die Bhne, welche den Anfang unsrer Geschichten aus den
engen Verhltnissen eines kleineren Stdtleins zum Seltsamen erhebt; so verdient
er eine nhere Beschreibung. Die vier Trmchen traten an den vier Ecken des
Mauerwerks von Werkstcken heraus, auch ein gezhnter Gang zwischen ihnen war
zur bessern Verteidigung hinaus gebaut. Unter dem mittleren Turme befand sich
das Wachtzimmer, in dessen Mitte eine groe Wurfschleuder gegen andringende
Feinde aufgerichtet war, whrend die Wnde hinlnglich mit Armbrsten und
Harnischen behangen waren, um bei raschem Angriff gleich eine bedeutende Zahl
Brger zu rsten. Als Wchter wurde immer ein alter Kriegsmann gelhnt, der des
Schlafes entwhnt, mit den Seinen abwechselnd eine ununterbrochene Wacht
unterhalten mute. Auf seinem Bffelhorne zeigte er mit allgemein bekannten
Zeichen an, wenn sich Not und Sorge, sei es durch Kriegsscharen und Ruber, oder
durch Feuer und Wasser dem Stadtgebiete nherten. In solchem Fall kamen viel
neugierige Gesellen zum Besuch, sonst mied jeder die enge Windeltreppe des
Turms, der nicht besondere Freundschaft zu dem Wchter trug. Eine Winde im
Wchterzimmer war zu doppeltem Gebrauche eingerichtet, sie hob in einem groen
Eimer von der Stadtseite zu bestimmten Stunden seine Lebensmittel empor, und
nahm in demselben Eimer von der Landseite nach dem unerbittlichen Torschlu alle
versptete Sendungen an Rat und Brger der Stadt gegen migen Lohn auf. Bei dem
lebhaften Verkehr, dessen sich die Stadt jetzt als Vorratskammer der Neckarweine
fr Augsburg, durch Gerbereien und Ankauf von Schlachtvieh erfreute, war diese
Art Nebengewinn ein Hauptunterhalt des Wchters geworden, der nach dem frhen
Torschlusse mit Sehnsucht nach verspteten Boten auf die Strae von Augsburg
herunter blickte. Von Augsburg war das Tor genannt, so weit Augsburg davon
entlegen sein mochte. Augsburg war damals gleichsam ein heiliger Name, weil die
sichtbaren Quellen des Wohlstandes, das Geld und die Reisenden, die es brachten,
von Augsburg entsprangen und nichtimmer wieder dahin zurckkehrten; im zweiten
Buche fhrt uns die Geschichte nach diesem Mittelpunkte des Handels, zu den
reichen Geschlechtern, die, das neu entdeckte Amerika mitzuerobern, Schiffe
ausrsteten und die Kaiser durch Glanz und Erfindung froher Feste sich zu
geselliger Freude verbanden.

                                  Erstes Buch



                                Erste Geschichte

                           Die Hochzeit auf dem Turme

Der Brgermeister von Waiblingen, Herr Steller, und der Vogt des Grafen von
Wirtemberg, Herr Brix, fhrten einander in der Neujahrsnacht mit ungewissen
Schritten durch die glatten Gassen, nachdem sie einander beim Schlage der
zwlften Stunde vor dem Ratskeller den flockig fallenden Schnee vom Barte gekt
und alles gute Glck angewnscht hatten. Der Wein erweicht des Menschen Herz,
dachte der Brgermeister, ich htte nimmermehr geglaubt, da ich den Vogt so
lieb htte; dann fuhr er fort: Schade, da es so dunkel am Himmel und so wei
an der Erde ist, kein Sternlein ist zu sehen, das uns ein Zeichen gbe vom neuen
Jahre. - Kein Stern, fragte der Vogt mit schwerer Zunge, was sind denn das
fr ein Paar rote Sterne am Himmelsrande? - Das sind die Fenster des
Wachtturmes, antwortete Herr Steller lachend, kennt Ihr die nicht, aber sie
leuchten heute wohl heller als sonst, denn da ist Bettelmanns Hochzeit, der neue
Turmwchter, der Martin, hat heute die Witwe des vorigen geheuratet, weil sie
oben zu stark geworden, um die enge Windeltreppe herunter zu steigen. Wir
konnten doch wahrhaftig der Frau wegen nicht den Turm abbrechen lassen und so
mute sie sich dazu bequemen, sonst htte sie lieber unsern Schreiber, den
Berthold, geheuratet. Der Pfarrer hat sie oben mssen zusammengeben. - Aber um
Gottes willen, fragte der Vogt, wie soll die Frau hinunterkommen, wenn sie
erst tot ist, da wird ein Mensch doch noch ungeschickter, als er bei lebendigem
Leibe war. - Das wrde sich finden, wie's Sterben, meinte sie, sprach
Steller, solch armes Volk lebt in die Zeit hinein, wie's liebe Vieh, wenn es
nur Futter hat. Gute Nacht Gevatter, viel Glck zum neuen Jahre; Ihr werdet doch
allein fortkommen? So taumelten sie aus einander, der Vogt ging den beiden
roten Sternen nach und der Brgermeister gab Achtung, da sie ihm im Rcken
blieben und so fhrte das Glck der Armen die beiden Reichen wie eine
Vorbedeutung in ihre Huser heim.
    Auf dem Turme sa der alte, trockene Martin, der neue Turmwchter im
verschossenen, roten Wams, den er noch aus dem italienischen Kriege mitgebracht
hatte, zwischen Frau Hildegard, mit der er heute vermhlt war, und Berthold, dem
Ratsschreiber, wie auf dem Felde des Schachbretts zwischen Schwarz und Wei,
denn jene war reinlich in weiem, selbstgewebten Leinen, dieser sehr anstndig
in schwarzem Tuch gekleidet. Martin sprach davon, wie er sonst auf
Schlachtfeldern zwischen Tod und Teufel und jetzt wie im Schachspiel frhlich
zwischen Freund und Frau sitze und habe sich das nicht trumen lassen voraus,
dabei umfate er beide und drckte beiden die Kpfe an einander, da sie sich
kssen muten und trank dann seinen Wein auf die Erinnerung einer Neujahrsnacht,
wo er und Berthold auf den Turm stiegen und Frau Hildegard belauschten, wie sie
mit ihrer Base Zinn gegossen. - BERTHOLD: Das war eine schne Nacht, klar und
warm, die Witterung wird immer rauher in Waiblingen und die Welt geht endlich
gewi in Eis unter. - MARTIN: Kalt oder warm, untergehn mu sie doch bald,
wenn nur Hildegard so lange lebt, um den Lrmen mit uns zu beschauen. Ja in der
Nacht ging mir das Herz auf gegen dich und es zuckte mir in dem Arme, was
hilft's verhehlen, Gott wei es doch und schreibt sich alles auf. - BERTHOLD:
Du wolltest der guten Frau um den Hals fallen, die Snde vergibt der Kster. -
MARTIN: Nein Berthold, ihren Mann wollte ich zum Turm hinunterwerfen, er stand
auf der Mauer und blies das neue Jahr an, er wollte sich recht hren lassen, da
tratest du zwischen uns und so wurdest du mein guter Engel und bist es immer
geblieben und hast bei Hildegard fr mich geworben. Das kam alles vom
Zinngieen. - HILDEGARD: Habe dich damals am Fenster nicht beachtet, aber den
Zinngu habe ich aufgehoben, wie ich alles aufhebe; seht da drei Kirchtrme im
Zinn, was deutet mir das? - MARTIN: Der eine bedeutet deinen ersten Mann, der
zweite deutet auf mich und der dritte, das ist dein dritter Mann Berthold. -
HILDEGARD: Der Tod ist der dritte Mann. - BERTHOLD: Hr Martin, ich mag auf
deinen Tod zu meiner Seligkeit nicht warten; dir schadet's noch nicht, wenn du
ein paar Stunden mit offner Brust im Schneegestber auf ein Wild lauerst, ich
mu mir schon Kopf und Fe warm halten, am Schreibtische altert ein Mensch
frher, als auf dem Rosse. - MARTIN: Mit dem Reiten und Fechten ist es jetzt
aus, bin rgerlichen Gemts und das gedeiht nicht im Alter; kann ich die
Armbrust nicht mehr spannen und keinen Vogel im Fluge sehen und treffen, dann
stt mir der Gram das Herz ab. Sieh Berthold, so grm ich mich auch, da wir
von einander ziehen sollen und haben so lange mit einander Haus gehalten, ich
sorgte frs Wildbret und du fr die Fische aus dem Ratsweiher. Es liegt wenig
daran, ob einer in Seide oder nackt, wie auf dem Schlachtfelde begraben wird,
aber da wir nicht in alten Tagen einsam leben mssen, davor behte der Himmel
jeden. Hr Berthold, wir sind heute bei deinem Wein lustig, sei knftig auch
vergngt bei unserer alltglichen Hausmannskost, zieh herauf zu uns, Hildegard
wird dir mit keiner doppelten Kreide anschreiben. - BERTHOLD: Du kannst meine
Gedanken lesen, dachte schon lange daran, ob ich mir nicht dort auf der wsten
Brandstelle ein Haus in eurer Nhe errichten knnte, wo wir zusammen aus einer
Kasse lebten und mit einander teilten, was wir verdienen. - MARTIN: Damit
alles gleich wird, teilen wir auch die Frau. - HILDEGARD: Sonst bin ich mit
allem zufrieden, aber das ist gegen die zehn Gebote. - MARTIN: Und er soll
dein Herr sein, hat der Pfarrer gesagt und dabei bleibt's, Berthold schlft
hier, du nennst ihn Du wie mich, du sorgst fr ihn wie fr mich und schlgst ihm
nichts ab, er wird nichts Ungebhrliches von dir fordern. Und hier ist deine
Schlafstelle auf der alten Wurfschleuder, die doch nimmermehr gebraucht wird,
hier ziehen wir eine Wand von Latten und du berziehst sie mit Papier, so hast
du dein Haus da drin und dein Fenster und deine Schreibereien liegen da
ungestrt und wenn wir Nachts nicht schlafen knnen, so knnen wir wie bisher
mit einander reden; du sagst, was du Neues gelesen und ich, was ich in jungen
Tagen bei dem Franzosen und Italiener erlebt habe. - BERTHOLD: Du sprichst wie
aus himmlischer Eingebung, wie kann ich mich widersetzen. Seht, da kehre ich
meine Tasche um in den Topf, das ist meine ganze Habe, so tut desgleichen und so
lange der Topf nicht leer ist, greife ich dreist in eure Schsseln. - MARTIN:
Halt Bruder, du hast schon zuviel voraus, gleiche Brder, gleiche Kappen, fort
mit den Batzen, bis ich auch welche verdient habe und gleich einlegen kann. -
BERTHOLD: Hr nur, da ruft's vor dem Tore, da kommt ein reiches Trinkgeld, das
setzest du gegen meinen Sparpfennig, was der bringt, gehrt uns auch zusammen.
- MARTIN: Das wird nicht viel sein, aber du sollst deinen Willen haben; rckt
nun den Tisch, hebt den Eimer ber, nun lat die Winde langsam ablaufen: das
mut du alles lernen, Bruder Berthold, wenn du mit uns im Adlerneste hausen
willst, die Krhen werden dir oft genug den Kse vom Brot stehlen.
    Berthold hatte das alles schon gelernt und whrend Martin die Winde in
Ordnung brachte, hatte er schon den wohlbeschlagnen Eimer auf die andere Rolle
bergelegt. Frau Hildegard erinnerte Martin, seinen Schafpelz anzuziehen, er
aber lachte und sprach: Hab eher im Schnee geschlafen, als wren's Daunen, als
ich noch bei den Kronenwchtern diente, doch halt, davon darf ich nicht
schwatzen, ich hab's geschworen. - Der Reiter unter dem Tore fluchte, da es so
lange daure, und Martin wollte ihm eben in alter Kriegsmanier antworten, da bat
jener sorglich, er mchte den Eimer nicht anstoen lassen, es sei zerbrechliche
Ware darin und Martin verschluckte seine Antwort und sprach: Zu meiner Hochzeit
httet Ihr wohl das Fluchen vergessen knnen. - Der Reiter schrie herauf: Nimm
das, was im Eimer liegt, zum Hochzeitgeschenk, sei eingedenk deines Schwures,
kein Turm ist zu hoch, kein Grab zu tief fr Gottes Richterschwert und fr
unsern Pfeil. - Martin trat ernst mit dem Kasten ins Zimmer, den er aus dem
Eimer genommen, setzte ihn in der Zerstreuung auf den Apfelkuchen und brummte
vor sich: Wre ich nur nie bei den alten Mrdern gewesen! Als Frau Hildegard
wegen des Apfelkuchens schalt, sagte er: Es ist auch ein Hochzeitgeschenk, mit
dir Berthold wird es geteilt, vielleicht ist's ein feinerer Kuchen, macht es
sorglich auf, es soll sehr zerbrechlich sein. Frau Hildegard schob den
durchlcherten Deckel auf, hob eine Pelzdecke auf und sah mit groem Erstaunen
einen kleinen Knaben der auf einem Totenschdel, halb mit einem weichen Kissen
bedeckt, ruhte und schlief. Ha, fuhr Martin bei dem Anblick auf, es hat das
Zeichen! Bei dem Worte sprang er hinaus, sah aber nur noch in bedeutender
Entfernung den Reiter auf seinem Schimmel, wie sein weier Mantel im Winde
gleich einem Segel aufbauchte und wie er sich bald gleich einer Schneewolke
unter den stumpfen Weiden der Strae verlor. Er kam zurck, als Berthold mit
berwundener Sorge sprach: Es ist nicht tot, es schlft nur, tragt's ins Bette,
Frau Hildegard, aber denkt nicht, da dies liebe Kind euch allein gehrt, mein
ist die Hlfte, Martin hat's versprochen. - MARTIN: Du sprichst ja wie ein
Versucher, dem ich des Kindes Seele verschrieben habe. - BERTHOLD: Ich brauche
nicht seine Seele, ich brauche nur seine Hand, ich will's zum Schreiber
aufziehen. - MARTIN: Versuch's nur; wenn der Knabe lter wird, da merkt er
schon in sich, da er nicht zum Schreibtisch, sondern unter den Helm gehrt;
aber Hildegard, ist es dir denn lieb, ein Kind zu haben, bist ja so still emsig,
es einzupacken, als ob du es im Federbett ersufen wolltest. - HILDEGARD:
Still, hab nie ein schneres Kind gesehen, alle andern sind Holzkltze dagegen,
ein feines Bild aus Elfenbein ist dies, das mu aus hohem Geschlechte stammen;
wenn wir nur reich wren, um es fein ordentlich aufzuziehen! - MARTIN: Gott
sorgt fr die Gemslein auf den Felsenspitzen, sieh her Hildegard, sieh den
Schatz, der bei dem Kinde im Kstchen liegt. - BERTHOLD: Fnf Goldglden, alle
mit dem Stempel unsres letzten Schwabenherzogs Konradin, die sollen wunderselten
sein, die mgen in einer recht alten Sparbchse gerostet haben, bis die grimme
Not, die das liebe Kind verstoen, sie in die Welt trieb. Der Schatz soll dem
Kinde bleiben, ich sorge mit Abschreiben in den Abendstunden fr das Kind.
MARTIN: Ich sorge fr meine Hlfte, sonst hau ich sie mir von dem Kinde ab, hab
wohl keine Kinder mehr zu erwarten, will mich auch von einem Kinde streicheln
lassen: ob ich mir hier ein Kind, oder einen Hund futtre, das kostet gleich
viel! Das Kind war von dem Streite aufgewacht und forderte schreiend seine
Nahrung, die Frau war in groer Sorge, was sie ihm geben sollte, sie hoffte, da
ein glubiges Gebet zur heiligen Mutter, ihre Brust mit Milch fllen knnte,
aber Martin schttelte mit dem Kopfe und sprach: In unsrer Zeit geschehen keine
Wunder. Frau Hildegard lie sich aber nicht stren in ihrem Glauben, sondern
betete an ihrem kleinen Altare und wie sie noch so betete, da hrte sie das Kind
schlucken, das ganz allein lag, weil die beiden Mnner an den Herd gegangen
waren, um Feuer zu einem Brei anzuschren. Sie sah sich um, und erblickte ihre
groe, schwarze Ziege, die sich aus dem Stall losgerissen und auf das Bette
gesprungen war, und das Kindlein sog mit freudiger Begierde an der Ziege.
Hildegard richtete sich mit gefaltenen Hnden auf und rief die Mnner:
    Seht, seht, dem Frommen geschehen alle Tage Wunder! Berthold faltete
gleichfalls verwundert die Hnde, aber Martin sprach gleichgltig: Es ist doch
gut, da wir heut das Zicklein zum Hochzeitbraten opferten, die Ziege wre sonst
mit keiner Gewalt zum Stillen des Kinds zu zwingen gewesen, jetzt drngt es sie
dazu: es ist nicht alles Liebe, was die Menschen so nennen! Dann nahm er
Berthold bei der Hand und fhrte ihn an die andere Ecke des Zimmers, wo der
Kasten stand und sprach wehmtig und leise: Sieh da das weie Kind unter dem
gehrnten, schwarzen Tiere, das dem Teufel hnlich sieht, so kommt die Unschuld
zur Schuld und nhrt sich von ihr, so soll auch ich das Kind ernhren und bin
nicht wert solcher himmlischen Gnade. Ich halt's nicht aus! Habe so viele
blhende Jnglinge in Feldschlacht und Fehden erschlagen und werde nun zum Narrn
vor Freude, da ich der Welt ein Kind zum Ersatz aufziehe, o ich wollte, da ich
bei meinem Vater am Webstuhl ausgeharrt, oder da ich gar nicht gelebt htte.
Wer wei, wem der Schdel gehrt, der bei dem Kinde liegt, er trgt eine schwere
Narbe, wie ein Fenster, durch welches der Geist zum Himmel geflogen, vielleicht
habe ich ihm die geschlagen. Ich mute meinen Herren folgen auf den Fehden und
sie fragten mich nicht, ob sie ein Recht htten zum Blutvergieen, es hie nur:
hier gilt's, hier mut du vor, Martin. Es sind jetzt noch keine sechs Monat, da
focht ich mit einem jungen Ritter, er wehrte sich entsetzlich, da fiel ihm der
Helm ab, ich hatte ihm die Schienen durchhauen, und mein Schwert drang tief in
sein Haupt, er war schn wie eine Jungfrau, meinen Hals htte ich abschlagen
lassen, um ihn zu heilen, aber der Tod lt sich nicht wieder gut machen. Ich
sagte den Kronenwchtern mit Abscheu meinen Dienst auf, sie lieen mich ziehen.
Das Kind gleicht dem Ritter, sie haben's mir geschickt. Berthold, zieh es zum
Frieden auf, es soll fr mich beten. Berthold sah verlegen nieder, es war ihm,
als ob ein anderer, als Martin, mit ihm rede, so weich hatte er ihn nie gekannt,
er sah nach dem Schdel und wies auf etwas Blinkendes, das darin steckte. -
MARTIN: Wird wohl ein Splitter von meinem schartigen Doppelschwerte sein, oder
ein Helmring, la es stecken, so etwas, das einem Menschen den Tod brachte, mu
vergraben sein, ich werd's auch bald sein: Wenn einst andere Leute so in meinen
Schdel hinein sehen, was werden sie darin lesen?

                               Zweite Geschichte



                             Die Chronik der Stadt

Die Nacht verging unbemerkt in mancher Besorgung fr das Kind, am Morgen
bemerkte erst Frau Hildegard eine feine Schrift auf dem Kasten, der das Kind
geborgen, und Berthold las da den biblischen Spruch auf das Kind angewendet:
Gehet hin und taufet ihn im Namen des Vaters. Frau Hildegard erschrak, da
dies wohl sechs Monat alte Kind noch nicht getauft sei, und Berthold nahm es
eilig mit dem Bette in seinen Mantel, da Martin von seinem Wachtposten nicht
abkommen konnte. Erst lief er zum Brgermeister und berichtete ihm den seltsamen
Vorgang, indem er zugleich den zierlich mit blauer und roter Tinte geschriebenen
Neujahrwunsch abgab. Der Brgermeister war in sehr gndiger Stimmung, dankte
freundlich und sagte, da er dieses Kind wohl zu sich nehmen wrde, wenn er
verheiratet wre, jetzt knne es aber seinem Rufe bei den Eltern seiner Braut
schaden, brigens werde wohl zuweilen aus der Armenkasse etwas fr das Kind zu
erbrigen sein und man msse inzwischen nachforschen, wer des Kindes Eltern
wren. Das alles hatte der Schreiber sich lngst selbst bedacht, nahm es aber
doch wie hohe Weisheit an und entfernte sich demtig. Aber die Frhmesse war
inzwischen schon lngst zu Ende gegangen, als er nach der Pfarrkirche kam. Der
Geistliche trat eben hinaus, ihn fror sehr und er war nur mit Mhe zu berreden,
die Taufe sogleich zu erteilen. In der Eile verga er, sich nach Vor- und
Zunamen des Kindes zu erkundigen und fragte whrend der Handlung, wie es heien
sollte! Berthold, der es auch nicht bedacht, antwortete Berthold, und weil der
Pfarrer es fr Bertholds Kind hielt, so taufte er es Berthold mit Vornamen und
Berthold mit Zunamen, so da es nun Berthold Berthold hie, oder Berchtold
Berchtold, wie andere den guten, alten Namen schreiben. Der Tag durchbrach
siegend die Schneewolken, als Berthold im Turme das Kind aus dem warmen Mantel
hob und sich in dessen hellen Augen sonnte. Die lahme Elster, die in der vorigen
Nacht alles unter dem Bette verschlafen hatte, sprang zum Kinde mit Hildegard
und Martin und rief zu ihm: Berthold, Berthold. - Sie wei es schon, rief
Berthold verwundert, das haben ihr gewi die Sperlinge gesagt, die in der
Kirche herumflogen. Martin aber ging ruhig zu seiner Arbeit an der neuen
Lattenwand zurck und brummte vor sich: Nenne ihn, wie du willst, er wird
seinen rechten Namen doch erhalten, wenn seine Stunde schlgt, aber sieh hier,
wie fleiig ich gewesen bin; die Wand ist gleich fertig und nun schaffe Papier
zum berziehen. Auch dafr habe ich in der Schreibstube gesorgt, antwortete
Berthold, sieh die schnen, groen Bogen, habe darauf in jungen Jahren, als ich
noch mehr Freude am Schreiben hatte, die Chronik von unserm Stdtlein
geschrieben, der Knabe mag daran buchstabieren lernen. - Schade, da wir's so
zerreien mssen, sagte Martin, habe oft darber nachgedacht, wie die Leute
auf den nrrischen Einfall gekommen sind, sich hier niederzulassen, obgleich
jedermann lieber in Augsburg wohnen mchte. - Ei, sagte Berthold, du denkst,
das Glck hat immer auf dem Fleck wie jetzt gestanden, vielmehr rckt es immer
von einem Platze zum andern, weil es nie sich festsetzen darf und des Stehens
mde wird. Es gab eine Zeit, wo Augsburg kaum genannt wurde, und da stand hier
eine Stadt, die auch niemand mehr zu nennen wei, die war das Haupt von ganz
Schwaben, zwei Meilen von hier nach Schorndorf soll noch ein Stck von unsrer
alten Stadtmauer zu sehen sein, bei meinen Geschften ist mir aber die Reise zu
weit, um es zu besehen. - Und ich darf vom Turme gar nicht fort, klagte
Martin. Trste dich mit mir, meinte Hildegard, ich drfte wohl herunter, aber
bei meinem Schwindel darf ich die Windeltreppe nicht ansehen, sonst gehet alles
mit mir um, da sagen denn die bsen Leute in der Stadt, da ich zu stark
geworden sei, um die Treppe zu steigen; wer wei, ob solche Lgenreden nicht
auch in die alten Geschichten gekommen sind, so da kein Mensch jetzt mehr sagen
kann, wo die Lge aufhrt und wo die Wahrheit anfngt. - Aber ich habe es
geschrieben funden auf altem Pergament, rief Berthold, wer wrde sich die Mhe
geben, Lgen aufzuschreiben. In diesem Pergament fand ich auch, was hier steht,
da der Attila, Gottes Geiel getauft, diese Hauptstadt der alten schwbischen
Herzoge bis auf den Grund ausbrannte und da wir entweder gar nicht lebten, oder
doch keine Waiblinger wren, wenn nicht die Frau des Frankenknigs Klodwig hier
drei Hirsche mit ihrer Armbrust erlegt htte. Seinem Weibe zu Ehren baute der
Frankenknig die Stadt, nannte sie von ihr Waiblingen, versteht ihr wohl, weil
dort einem Weibe gelingt, was sonst kaum ein Mann leisten kann auf der Jagd. -
Und davon kommen wohl die drei Hirschhrner in unserm Stadtwappen? fragte
Martin. Ein schlimmes Zeichen fr uns Ehemnner, fuhr er fort, mu nur die
Wand hier recht dicht und fest zukleben. Berthold bltterte weiter und sagte
Du hast mir ein gut Stck Geschichte zugeklebt, da stehe ich schon beim Kaiser
Konrad, der so viel auf die Treue seiner Waiblinger hielt, da er es zum
Feldgeschrei der Seinen gegen die verrterischen Welfen machte. Hier Waiblinger,
hie es, wo es hart herging, und mit dem Feldgeschrei siegte er ber alle
Feinde. Der hrnerne Siegfried war ihr Anfhrer, der seinem Herrn die starke
Braut bezwungen hatte und dafr durch den tckischen Hagen sein Leben einbte;
nun von dem Mrchen singen ja noch die Fiedler auf den Straen, und es wre wohl
gut, da sie etwas Neues lernten, denn es will ihnen niemand mehr zuhren. -
Was haben mir die Italiener von Ghibellinen oder Wibellinen erzhlt,
unterbrach ihn Martin, sie schimpften sich noch so, obgleich keiner mehr wute,
was es bedeute, und da kommt all der Lrmen aus unserm Stdtlein. - Ehre
unsere Stadt alter Martin, sagte Berthold, denn sie hat viel mehr Auszeichnung
genossen zur Zeit der schwbischen Kaiser. Vor allem liebte sie der hochberhmte
Friedrich Barbarossa, erbaute auch hier einen Palast, gleich dem von Gelnhausen.
Ich habe ihn oft gesucht dort unter den Trmmern, aber ich konnte nicht ohne
Aufsehen ber das alte Mauerwerk klettern und die Leute htten gemeint, ich sei
auch so ein Schatzgrber, die immer noch bei den alten Husern, welche die groe
Feuersbrunst einstrzte, nach Gold suchen und Kohlen finden. Die Beschreibung
von dem Schlosse ist gar sehr prchtig, es bestand aus einem Hauptgebude und
einem Seitenflgel zum Anschauen der Ritterspiele. Hinter demselben war ein
seltsamer Garten von fremden Pflanzen. Alle Zimmer waren kostbar mit Teppichen
und Waffen des Morgenlandes verziert, aber am reichsten die Kapelle zu Ehren der
heiligen drei Knige, deren Leichen dort eine Nacht geruhet, als sie der Kaiser
von Mailand nach Kln sendete, wo sie noch ruhen und groe Wunder verrichten. In
dem Hause hier sollen die Anhnger des schwbischen Hauses noch lange Zeit ihre
Zusammenknfte gehalten haben, bis die groe Feuersbrunst es mit aller
Herrlichkeit gleich der rmsten Htte verzehrt hat. - so geht's auch Eurer
saubern, schn gemalten Handschrift, habt sicher nicht gedacht, sie so zu
verbrauchen, als Ihr Euch dem Schreiben unterzogen, bemerkte hier Martin. Ich
erheiterte mich als Knabe, erwiderte Berthold, mit der gewissen Zuversicht,
sie werde sich zum ewigen Andenken wie die alten Schenkbriefe der Stadt von
einem Ratsschreiber zum andern vererben, aber der Brgermeister warf sie neulich
zornig dreinreiend vor die Tre, weil er etwas von den Seinen, die ich unter
dem Namen nicht erkannt, darin gefunden, das ihm gar nicht lieb war, da nmlich
eine Jungfrau seines Geschlechts einen Lwen in unsrer Stadt geboren habe. Es
hat sich damals ein Lwe hieher verlaufen gehabt, der viele Menschen wrgte, bis
diese Jungfrau ihm entgegentrat, der er geduldig den Kopf in den Scho legte und
sich von ihr mit gemeiner Kost abspeisen lie. Da glaubten schon die Leute, sie
sei eine Heilige, bald aber kam es heraus, da sie sich ihm vermhlt habe, als
sie einen Lwen gebar, denn da zog der Alte mit seinem jungen Lwen fort, sie
aber strzte sich aus Gram in die Rems. - Sollte die Geschichte also doch wahr
sein, brummte Martin, hab sie den Kronenwchtern nie glauben wollen, von dem
Lwen stammten nachher viele Menschen, versteht Ihr mich, von ihren gelben,
lockigen Haaren wurden sie Lwen genannt, auch von ihrer Strke und kniglichen
Abkunft. Doch das stirbt hier unter uns, ich darf davon nicht reden, aber Ihr
wit doch von dem Feinde unsres Barbarossa, da der Heinrich der Lwe hie, kein
Stamm geht unter, aber erst, wenn feindliche Stmme sich innerlich vershnen und
verbinden, wird der Friede kommen auf Erden. - Aber wie ist mir, rief
Hildegard, verlie das schlummernde Kind und trat ans Fenster, es ist, als ob
es schon wieder Nacht werden wollte. - Es wird eine Schneewolke sein, meinte
Berthold. Nein, nein, seufzte Martin, ich sagte wieder ein Wort zu viel, das
geht mir nicht ungestraft hin, seht nur, die Sonne verliert ihren Glanz, da
jeder sie anschauen kann, wie ein verweintes Auge. Der schwarze Star deckt sie
immer mehr, die wird nicht wieder scheinen, seht wie die Vgel in den Tannen
sich verstecken, auch unsre Elster geht schon unters Bette zum Schlafen, die
Schatten der Bume verschwinden vom Schneegrund, denn ein Schatten deckt alles,
ich stehe vor der Sonne, da sie nicht scheinen mag. Die Brger laufen umher und
wissen nicht, woher ihnen die Strafe kommt. Hrt ihr's da unten, das brachte ich
euch! - Schweig Martin, unterbrach ihn Berthold, ich mu dir sonst den Mund
zuhalten, mir ist nicht wohl in der Dunkelheit und die Brger luten der Sonne
die Sterbeglocke, jetzt ist sie kaum noch einer Mondensichel zu vergleichen, die
am Tage da oben stehen geblieben, aber wartet geduldig, um einen Menschen geht
die Welt nicht unter. Aus meiner Chronik erinnere ich mich einer
Sonnenfinsternis, die so dunkel gewesen, da die Arbeiter der groen
Wollenwebereien in Augsburg aus Angst zu den Ihren zu kommen, einander tot
drngten und nachher war alle Not verschwunden, nur die nicht, die sie selbst in
der Angst geschaffen hatten. - Ihr habt recht, sagte Hildegard, mir ist, als
ginge die Sonne mitten am Himmel wieder auf, als wre ihr Licht tausendfach
schner als je; wie sich unsre Tauben erschwingen und Kreise um den Turm
ziehen. - Die Brger lachen ihrer Furcht, fuhr Berthold fort, schmst du
dich nicht Martin? Wr's mit der Scham abgetan und mit der Furcht, sprach
Martin in sich, ich wollte mich frchten und meiner Furcht mich schmen und den
Spott der Kinder tragen; mir aber ist es mehr als eine Sonnenfinsternis, was ich
gesehen; vergebens ziehen die Tauben ihre Kreise um mich her, sie knnen mich
nicht schtzen!

                               Dritte Geschichte



                           Der Palast des Barbarossa

Die Ehe des Turmwchters Martin blieb ohne Segen eigner Kinder, um so hher
ehrten die beiden Eheleute den kleinen Berthold und Frau Hildegard hatte
eigentlich keinen Augenblick, wo sie ihn verga. Selbst im Schlafe reichte sie
ihm noch die Hand, da er damit spielen und sie erwecken knnte, wenn er einmal
frher aufwachen sollte. Die Elster war aber des Kleinen Gespielin, die ihm nie
etwas zu leide tat, aber durch ihr Geschrei warnte, wo das Kind sich einer
Gefahr aussetzte. Martin fand sich in seiner schwarzen Seelentiefe durch den
Anblick des Knaben erhellt, schnitzte ihm Stcke und Degen, so bunt der Kleine
sie verlangte, und Berthold war eifrig beschftigt, da der Kleine frher als
andere Kinder Buchstaben kennen lernte und bald auch buchstabierte. Das wird
ein Gelehrter, sagte er mit Zuversicht und Martin lchelte, aber Berthold lie
sich dadurch nicht abbringen von seinem Unterrichte. Schon im siebenten Jahre
schrieb der Kleine eine feste Hand, rechnete schon notdrftig und wre in der
Schule als ein Wunderkind aufgetreten, wenn er sie htte besuchen drfen. Aber
Berthold setzte seinen Schreiberstolz darin, ihn allein weiter zu bringen, als
die bequemen Geistlichen in der Stadtschule es mit allen Zchtigungen bei den
Stadtkindern vermochten, und Frau Hildegard war es sehr zufrieden, weil er sonst
Unarten und Ungeziefer mit annehmen knnte. Nur Martin schttelte mit dem Kopfe
und sagte, es werde der Junge zu nichts in der Welt taugen und die beste Zeit
seines Lebens in dieser Einsamkeit verlieren, doch sah er ihn zu gern um sich,
als da er ihn mit Ernst entfernt htte. Schon im zehnten Jahre wute ihn
Berthold mit schriftlichen Aufstzen aller Art zu beschftigen, indem er ihm
einbildete, die Stadt habe ihn als Unterschreiber angenommen. Der Kleine
arbeitete sich in alles mit einem Amtseifer hinein, da Berthold schon im
zwlften Jahre des Knaben ihn dem Brgermeister zufhren konnte. Dem
Brgermeister gefiel seine gute Bildung, sein freundliches Auge, noch mehr seine
Handschrift, in der er selbst dem alten Berthold berlegen war, so knstlich
dieser die Anfnge der Kaufbriefe verzieren mochte. Der Brgermeister strich ihm
die langen gescheitelten, blonden Haare und versprach, ihn mit einem kleinen
Gehalt zur Hlfe des alten Bertholds anzustellen. Der junge Berthold dankte, da
er ihn in seiner Stelle wolle fortbestehen lassen, und Berthold klrte mit
Selbstzufriedenheit seine List auf, wie er dem Knaben durch eine eingebildete
Anstellung Lust zur Arbeit gemacht habe. Dem Brgermeister machte der Einfall
viel Spa, er erzhlte ihn seiner Tochter Apollonia, die eben eintrat, ungefhr
ein Jahr jnger als der junge Berthold, und seit dem Tode der Mutter des Vaters
Augapfel, whrend der junge Berthold von tiefer Scham ber seine Tuschung immer
heier erglhte und sich zuletzt des lauten Schluchzens und der Trnen nicht
erwehren konnte. Der alte Berthold entschuldigte ihn mit einer ihm angebornen
Bldigkeit und der Brgermeister versprach ihm ein Kleid, wenn er etwas Altes
ablegte, wo dann Jungfrau Apollonia an das grne Tuch, welches vom Ratstische
abgenommen war, erinnerte, das sich auf der linken Seite noch untadelig gefunden
htte. Der Brgermeister schenkte es auf ihre Bitte dem Knaben, dem es zwischen
den Arm von Apollonien geschoben wurde, die er dabei seitwrts durch die Trnen
ganz freundlich ansah und sich dann mit dem Vater fortbewegte.
    Als der Vater den Knaben in die Ratsstube fhrte, ihm seinen Platz anwies
und wie er die Schriften ordnen sollte, da mute der Knabe wieder weinen. Als
der Vater nach der Ursache fragte, antwortete der Knabe; Ich habe nun schon
seit Jahren etwas zu tun vermeint, es war aber lauter Nichts und nur zu meiner
bung; wenn nun das alles, was ich hier treiben soll, auch nur zu meiner Prfung
und an sich zu nichts dient? - Vielleicht, lieber Sohn, antwortete der Alte
leise, zuweilen berkommt mich so eine tiefere Einsicht und sie erschreckt mich
nicht mehr wie sonst, du aber bist ein Kind, darum weine dich aus wie ein Kind,
wirst immer noch frher wieder lachen als ich, wenn ich dich zum
Schneidermeister Fingerling fhre und dir das grne Kleid anmessen lasse, was du
mit deinem Schreiben dir verdienet hast. An dem Kleid magst du erkennen da
dennoch nichts vergebens ist, was der Mensch in gutem Willen tut. Sie gingen zu
Meister Fingerling und der kleine Berthold ward in der Werksttte vom Meister
nach allen Richtungen gemessen. Seltsam war es ihm, als er den Arm mute heben
und krmmen, wie er es sonst nie getan, er meinte in dem neuen Rocke knftig
immer so stehen zu mssen. Whrend der Meister die Umrisse des Kleids auf das
Tuch nach dem Mae kreidete und zuschnitt, sah der junge Berthold mit groer
Aufmerksamkeit der Schere nach. Ich sehe es wohl an deiner Neugierde, sprach
Fingerling, da du Lust zum Handwerk hast und da du die spttischen Reden der
andern Gewerke ber uns Schneider nicht achtest. Der junge Berthold antwortete
darauf: Ich verstehe nichts von Eurem Gewerke, lieber Meister, aber
unbarmherzig scheint es mir, wie Ihr mit der groen Schere das schn farbige
Tuch zerfetzt, mir ist's, als zerschnittet Ihr mir die Haut, so lieb habe ich
diese grne Wiesenflche; ich htte mir das Tuch bewahren sollen, statt es
zerschneiden zu lassen, um das Geschenk der edlen Jungfrau mir auf immer zu
bewahren. - Du mut ein Tuchhndler werden, sagte der fixfingrige Mann, ohne
von der geheimnisvollen Bewegung seiner Schere aufzublicken, wenn so ein
Hndler mit rechtem, eignen Wohlgefallen das Tuch aufrollt und mit der Hand
sanft berfhrt, als ob er des Kufers ganz vergessen, da gibt jeder einige
Kreuzer mehr. Ich fr mein Teil denke, das Tuch wird erst durch meinen Zuschnitt
zu etwas, wie der Mensch durch die Erziehung, ja ich sehe dann schon im Geiste
die goldne Ehrenkette in dem Wams verdienen und darauf prangen. - Ich wrde
lieber ein Tuchhndler, sagte der junge Berthold und empfahl sich dem Meister
mit besonderer Zuneigung Frau Hildegard ehrte den Knaben mit tausend
Zrtlichkeiten und noch mehr Ermahnungen, als sie seine neue Wrde vernahm, nur
Martin schttelte mit dem Kopfe und brummte vor sich: Sie haben ihn ganz
aufgegeben und vergessen. Der junge Berthold wute schon, da er um solche
Redensarten den alten Martin nicht befragen durfte, daher war auch alle
Neugierde ber dergleichen uerungen bei ihm verschwunden, er meinte, das
gehre so zu einem alten Kriegsmann, wie das Fluchen. Keiner verlor aber mehr
bei dieser nderung, als der Martin. Die Frau war jnger und konnte sich so
nicht in seine Launen fgen, wenn sie ihn auch lieb hatte, und ihre Liebe selbst
war doch nur seiner Anwartschaft zur Trmerstelle gewesen, was konnte da mit den
Jahren viel brig bleiben, auer der guten alltglichen Gewohnheit, alles als
gemeinschaftlich zu betrachten, ausgenommen das Herz und die Gedanken.
    Alle Morgen, wenn der junge Berthold vom Rathause kam, ging ihm Martin
ungeduldig entgegen, sah ihn an und lie sich berichten, was vorgefallen sei.
Auf nichts mochte er sonst hren, jetzt hatte er mit dem Liebling wieder Auge
und Ohr in die Welt gestreckt, und rgerte sich an dem vielen Unrecht, was auf
dem Rathause zur Sprache kam, und fluchte vom Jngsten Tage. Der alte Berthold
aber meinte Das Gute bringen sie nicht zum Rathaus, so wenig sie ihr Brot auf
die Strae werfen; so wissen wir im Rathause nur von den Snden, und auf der
Strae nur von der Unreinlichkeit der Menschen.
    Aber Martin wurde immer finsterer, seine Augen verdunkelten sich und es
mochte wohl ein Jahr seit der Anstellung des jungen Berthold verflossen sein,
als er einmal ungeduldig auf ihn wartete und endlich Frau Hildegard die Wacht
anvertraute, um ihm entgegen zu gehen. Endlich kam der junge Berthold, aber
nicht von der Seite des Rathauses, sondern von der Seite der wsten Brandsttte.
Erst erkannte ich dich nicht, rief ihm Martin entgegen, ist mir doch jetzt
bestndig wie damals bei der Sonnenfinsternis, die Sonne hat einen Flecken und
alles umher hat auch Flecken, nachdem ich hinein gesehen; wie kannst du mich so
lange warten lassen, ich bin so neugierig, wie sich der Streit wegen des alten
Fundaments geendet hat, worauf der Nachbar bergebauet hatte. Aber der junge
Berthold hrte nicht auf ihn, sondern umarmte ihn voller Seligkeit und rief
wiederholend: Das Haus des Barbarossa! - Was weit du denn von dem? fragte
Martin. Hab ich nicht tglich davon an der Papierwand von Vater Bertholds
Schlafkammer gelesen, habe ich nicht lesen gelernt an der Stelle, wo der Palast
in der Chronik steht, und habe immer heimlich daran gedacht, da ich ihn finden
mte, und heute habe ich ihn gefunden, als mir die alte lahme Elster beim
Heimgehen entlief. O sie wei nun alles, was ich denke, und so zeigte sie mir
den Weg und lie mich nahe kommen und hpfte weiter, wenn ich ihr den Finger
hinhielt, da sie darauf springen sollte, und so kletterte ich ihr rgerlich
ber drei Mauern nach - ohne mich umzusehen - da erst sah ich mich um, denn sie
rief weit von mir, Berthold, Berthold, - und mit freudigem Erschrecken sahe ich
mich von den mchtigen berbleibseln eines wunderbaren Gebudes umgeben, eine
Reihe ritterlicher Steinbilder steht noch fest und wrdig zwischen ausgebrannten
Fenstern am Hauptgebude, ich sahe auch das Seitengebude, ich sahe im
Hintergrunde einen seltsamen, dicht verwachsenen Garten und allerlei knstliche
Malerei an der Mauer, die ihn umgibt, - das ist Barbarossas Palast. - So
seltsam rufen sie die Ihren, sagte Martin in sich, so viel Tausende haben als
Kinder unter diesen Mauern gespielt und keinem fiel dies Gebude auf, keiner
dachte des Barbarossa. - Es ist mein, rief der Knabe, ich will es aushauen,
und will den Garten reinigen, ich wei schon, wo die Mutter wohnen soll. Komm
mit Vater, sieh es an! Du wirst sie alle wieder kennen in den Steinbildern,
unsre alten Herzoge und Kaiser, von denen du mir so viel erzhlt hast.
    Bei diesen Worten zog er den alten Martin ber die Trmmer der wsten
Stadtseite fort und Martin folgte ihm willig, aber mit Mhe, denn in dem
einsamen Wchtergange des Turms hatte er seine Sehnen zum Klettern allzu sehr
erhrtet.
    Da stand er endlich atemlos in der grnen Wildnis vor den Steinbildern und
rief: Wie sie mit Epheu bewachsen sind und ich erkenne sie doch, sieh, das ist
Barbarossa, es ist mir doch nie so wohl geworden wie an diesem Flecke, fnden
wir nur die Kapelle der heiligen drei Knige! - Ich war schon drin, sagte der
Knabe aber ich kann die Tre nicht wieder finden, auch der Alte ist fort der
mich hinfhrte, und je mehr ich sein gedenke, desto sonderbarer fllt es mir
auf, da er dem Steinbilde des Barbarossa hnlich war. Seht, hier sa ich und
staunte alles an, da klopfte er mir auf die Schulter, der Alte in dem seltsam
prchtigen Mantel, vorn mit einem roten Steine zugeheftelt, und fragte mich, ob
es mir wohlgefalle, dieses Haus in den Trmmern, er habe ein steinern Bild, wie
es gewesen, im kleinen ausgefhrt, das wolle er mir zeigen, so solle ich es
aufbauen und ich wrde viel Glck in dem Hause erleben und wenig wrde mir von
meinen Wnschen unerfllt bleiben. - Und du hast es gesehn? fragte Martin,
indem er den Knaben auf andre Art als je ansah. Freilich, antwortete der junge
Berthold; und nimmer werde ich das kleine Steinbild vergessen, ich knnte es
Euch hier auf dem Boden herzeichnen. Knnte ich nur die Tre wieder finden, wo
er mich einfhrte, es ist als ob der Alte sie mit Schutt bedeckt hat. Hier war
es, meine ich, da fhrte er mich in einen gewlbten Gang, an dessen Ende er eine
metallne Tre ffnete. Wie erschrak ich, als wir da eintraten. Das ganze
hochgewlbte Zimmer, von zwei hngenden Lampen erleuchtet schien mit Gold und
Edelsteinen, wie andre Huser mit Kalk berzogen, in der Mitte stand ein Sarg
und darin lagen drei hochehrwrdige Mnner mit Kronen und als ich den Sarg nher
betrachtete, war es dies Haus, schn neu und vollendet und schien mir gewaltig
gro, ob ich gleich drber weg und hinein sehen konnte und als ich die alten
Mnner nher betrachtete, so sah ich, da der mittlere dem Alten glich, der mich
hinein fhrte. Ich sah mich um nach dem Alten, es war mir, als wre er es
selbst, der da lag mit Knigen, aber er war fort, eine Angst fllte mein Herz,
ich wei nicht warum, ich floh aus der Kapelle, aus dem Garten ber die Mauer
und so fand ich Euch Vater Martin. - Warum flohst du dein bestes Glck,
unglcklicher Knabe? rief Martin. Aber so ist's mit dem Menschen, der bildet
sich viel auf seine Natur ein und meint, seine Liebe und sein Ha, seine Furcht
und Hoffnung mssen einen wahren Grund und Boden in der Welt haben. Der Knabe
sah den Alten an und verstand ihn nicht, sondern fuhr in seiner Rede fort: Mir
ist noch immer so bange, ich frchte, der Alte ist ein Geist gewesen. Martin
fuhr eben so in seinen Gedanken fort: Wir schaudern vor den Geistern und gehen
doch lange schon als abgeschiedene Geister umher, wenn uns die Lebenden noch fr
mitlebend halten. Hre nicht auf mich, mein Sohn, ich bin hier so vergngt, wie
ich lange nicht gewesen und da schwatze ich mit mir selbst. Wie die Linden schn
herduften, die den Garten schlieen, mir ist nie so wohlgemut gewesen. Gott
fhrt auf immer neuen Wegen zum Heil, unser Leben ist wie ein Mrchen, das eine
liebe Mutter ihrem unruhigen Kinde erfindet. - Aber wird nicht Mutter
Hildegard mit dem Essen auf uns warten? unterbrach ihn der Knabe. Sie wird
noch fter auf mich warten, antwortete der Alte, und ich werde nicht kommen,
die Treppen des Turms steige ich nicht mehr hinauf und lasse auch das Seil nicht
mehr zur Erde laufen nach tglicher Notdurft, sehe mir auch nicht mehr die Augen
aus, ob irgend ein Strauchdieb unsern Fuhrleuten auflauert, das ist nun alles
aus und ich bin hier eingesetzt, dich Berthold, den Abkmmling der Hohenstaufen
zu erziehen, dir den Gebrauch ritterlicher Waffen zu zeigen und dein Schwert zu
wetzen, da es schneidet, wenn du es brauchen sollst. Der Knabe wute ihm nicht
mehr zu antworten, sondern schmiegte sich an ihn, als er ihn aber ber sich
singen hrte, da erschrak er, denn so lange er um ihn gewesen, hatte Martin nie
gesungen, obgleich ihm ein Wchterlied anbefohlen war, sondern sich immer am
Gesange gergert und oft mit Steinen nach Knaben und Handwerksgesellen
geschleudert, die singend aus der Stadt zogen. Als aber der erste Schreck
vorber war, da hrte er dem Martin gern zu, nie hatte er eine so tiefe, ernste
Stimme gehrt, es war ihm, als ob er eine ganze Kirche aus der Ferne singen hre
und jedes Wort blieb seinem Gedchtnisse eingeprgt.

MARTIN:
Im See auf Felsenspitzen
Wird bald dein Schlo, die Pfalz,
So eckig wei dir blitzen,
Als wr's ein Krnlein Salz,
Und rings in dem Kessel von Felsen,
Da siedet das Wasser am Grund,
Ich rat es euch Wagehlsen,
Verbrennet euch nicht den Mund.

Es glnzen da sieben Trme,
Von sieben Strudeln bewacht,
Und wie der Feind sie strme,
Der alte Trmer lacht;
Die alten Salme lauern
Auf frische Helden voll Mut,
Wenn Heldenbrute trauern,
Da fttern sie ihre Brut.

Denn sieh, die Schiffe kommen
Gerstet bis zum Schlo,
Gar prchtig angeschwommen,
Da trifft sie Wirbelsto,
Und wie ein Rad der Mhle,
So drehn sie sich geschwind,
Als wr es nur zum Spiele,
Bis sie verschwunden sind.

Doch willst du einen retten,
Dem wirft der Trmer dreist
Um den Leib den Haken an Ketten
Und ihn hinber reit;
Und zeigt ihm des Schlosses Tre,
Doch wer nicht fliegen kann,
Der braucht der Leitern viere,
Eh' er zur Tre hinan.

Und ist er eingetreten,
Da stehn vier eiserne Mann,
Die stechen, eh' er kann beten,
Hlt sie der Trmer nicht an;
Sie scheuen keinen Degen
Und haben doch kein Herz,
Stabileren sie bewegen,
Sie sind gegossen aus Erz.

Und ist er da vorber,
Im grnen ummauerten Platz,
Da wird ihm wohler und trber,
Als wr er bei seinem Schatz,
Da stehen die Kirschen in Blten
Und Kaiserkronen in Glanz,
Die Nachtigall singet im Brten,
Kein Mdchen fhrt ihn zum Tanz.

Der Trmer nimmer leidet
Ein Mdchen in der Pfalz,
Und ist sie als Ritter verkleidet,
So kostet's ihr den Hals.
Doch hat er den Bart gefhlet,
Dann lt er ihn zu dir ein,
Zum Schlohof, wo Wasser spielet,
Mit buntem Strahlenschein.

Da fliet ein Brnnlein helle,
Das wie der Himmel rein,
Wie auch der See anschwelle
Von irdisch gelbem Schein;
Der Blumen stehen da viele
Am schwarzen Gemuer entlang
Und eine kleine Mhle
Steht mitten in dem Gang.

Die Mhle drehet und netzet
Den Schleifstein grau und fein,
Ein Alter schleifet und wetzet
Bestndig auf dem Stein:
Da schleifet er alle Stunden
Ein Heldenschwert am Stein,
Und hat nicht Zeit gefunden,
Da alle wrden rein.

Nun Fremdling geh nur vorber,
Dir springen die Funken ins Aug,
Bald wre es dir viel lieber
Du lgst bei den andern auch,
Denn keiner kmmt zurcke,
Der einmal hier oben war,
Es sei denn, da er sich bcke,
Und da ihm gebleicht sein Haar.

Die Zimmer des Schlosses sind enge,
Gewlbt von Doppel-Kristall,
Und blankes Silbergeprnge,
Das spielt mit den Strahlen Ball;
Da sitzet auf einem Lwen
Des letzten Grafen Sohn,
An solchen gefhrlichen Hfen
Ist das der sicherste Thron.

Er denkt an Vater und Mutter
Und an des Unsterns Nacht,
Das ist ein Heldenfutter,
Das nhrt des Herzens Macht.
Da sieht er in die Schrecken
Wie in Alltglichkeit,
Und lt sich nimmer necken
Von falscher Sorglichkeit.

Er ist so sicher in Krften,
So herrlich von Angesicht,
So glcklich in allen Geschften,
Des Unsterns achtet er nicht;
Ihm scheint der Tag der Sage
Schon freudig durch die Nacht,
Die Nacht vorm Jngsten Tage
Wird schweigend zugebracht.


                               Vierte Geschichte

                               Schatz und Messer

Du kannst nicht schweigen, rief eine Stimme aus dem Gebsche; zum drittenmal
hast du den Schwur gebrochen! - Fluch ber euch, antwortete der Alte
ergrimmt, die ihr mein freies Herz an unbesonnene Schwre gekettet, ich breche
die Kette, ich frchte euch nicht mehr. In dem Augenblicke zischte ein Pfeil
neben dem Knaben vorber in Martins Herz, er sah Martins Blut auf spritzen,
hrte seine dumpfen Flche und strzte besinnungslos ber ihn her, als wollte er
ihn mit seinem Leibe gegen jedes Wurfgeschtz seiner Feinde sichern: aber kein
zweiter Pfeil war ntig. Die lahme Elster erweckte den jungen Berthold gar bald
aus seiner Bewutlosigkeit, um ihn von der ernsten Wahrheit seines ersten,
groen Verlusts zu berzeugen. Sein Gram verwandelte sich in Zorn, er forderte
den Mrder auf, sich ihm zu stellen, allen Schimpf hufte er laut auf ihn, aber
gleichgltig hallte die Mauer von seiner Rede und Martins Richter und Feind
schien entweder gleich verschwunden, oder gegen die Reden des Knaben
gleichgltig. Die Besinnung erwachte weiter in ihm, wie er Martin, wenn ihm noch
zu helfen wre, ber die Mauern, die er allein mhsam berstiegen, nach der
bewohnten Stadt schaffen knnte. Er beschlo eben Menschen herbei zu holen, als
der alte Berthold ber die Mauern suchend gestiegen kam, beim Anblicke Bertholds
frohlockte, aber beim Anblicke Martins sich kaum fassen konnte. Er hatte beide
vor dem Tore gesucht, wo ein Vetter Martins seinen Weinberg liegen hatte. Ein
fremder geharnischter Mann, den er ansprach, hatte ihm den Garten unter der
Brandsttte bezeichnet, wo er sie gewi finden wrde, da habe er vom Berge einen
Mann im roten Wams mit einem Knaben im grnen Wams stehen sehen. So war er auf
den rechten Weg gefhrt worden, seinem lieben Martin die letzte Pflicht zu
erweisen. Seiner Verzweifelung lie er keine Zeit, sondern mit rascher Eile
suchte er einen bequemen Eingang und fand auch schnell das Tor, wo nur wenige
Steine weggewlzt zu werden brauchten, um den Leichnam Martins hindurch zu
schleppen. Er und der Knabe trugen ihn nach der Badestube. Da ward ein Aufsehen,
denn es war ein Sonnabend, und alle Handwerker wollten zum Sonntag reinlich
erscheinen, die rot angelaufenen Gestalten drangen neugierig aus der dampfenden
Badestube heraus, mancher mit Schrpfkpfen besetzt, ein andrer mit halb
beschnittenen Haaren und allen tat der alte Martin leid, weil er ein stattliches
Ansehen im Tode bewahrte. Aber der Bader untersuchte die Wunde und sagte
traurig, da vermge seine Kunst nicht mehr, der Schtze, der ihn getroffen,
msse das menschliche Herz wohl gekannt haben. Nun jammerte erst Berthold und
sein Sohn, kaum konnten sie dem eintretenden Brgermeister Antwort geben, der
sie ber den Vorfall befragte, denn schon hatte das Gercht sich verbreitet,
Berthold habe Martin aus Liebe zu dessen Frau umgebracht. Es drohte der
Brgermeister mit der Folter, als ein Bote von den Freigerichten einging, welche
durch ein Schreiben an den Brgermeister erklrten, Martin sei schon lange wegen
einer Mordtat verurteilt gewesen, aber erst jetzt von ihnen erreicht worden. So
kam nun Berthold mit seinem Sohne und seinem Jammer frei und eilte zur Frau
Hildegard, die sie gefat und von allem durch die beredte Hkerfrau am Tore
unterrichtet fanden; sie suchte Berthold damit zu trsten, da sie versicherte,
Martin htte bei seinem Husten doch wohl nicht lange mehr leben knnen. Martin
wurde mit Ehren begraben und der am innigsten und lngsten ihn betrauerte, war
der junge Berthold.
    Der junge Berthold hatte sich so treu fleiig in dem Jahre seinem Geschfte
ergeben, da der Brgermeister ihn jetzt schon brauchbarer, als den Alten fand,
der sich nur mit Mhe in eine neue Einrichtung versetzen konnte. Er gestattete
daher gern, da der Alte vorlufig die Geschfte des Martin als Trmer besorgte
und da die Schreibegeschfte smtlich dem jungen Berthold bertragen wurden. So
hatte nun der junge Berthold viel mehr Freiheit in der Anwendung seines Tages,
denn der Alte sa ihm nicht mehr zur Seite und diese Freiheit benutzte er
reichlich, den entdeckten Garten sich einzurichten. Der Eingang war beim
Heraustragen Martins erffnet, so da er jetzt vom Rathause zu der wsten
Marktseite in seine Trmmerburg schnell hinber gehen konnte, wenn er mit
angestrengter Eile seine Schreibereien beendet hatte. Er zimmerte sich eine
Gittertre, die den Eingang schlo, damit nicht mutwillige Knaben ihm seine
Arbeit verderben knnten, doch besser als diese Tr schtzte ihn die Furcht vor
geheimen Mchten, die jeder nach seiner Art sich dachte, die aber seit dem
gewaltsamen Tode Martins sich mit den alten Gerchten und Sagen gepfropft hatte.
Es tat ihm leid, da der Alte ihn nicht wieder besuchte und da er die Kapelle
der heiligen drei Knige nicht wieder finden konnte, allmhlich schien es ihm
sogar, als sei er etwas eingeschlafen gewesen und ein Traum habe ihn getuscht,
denn die schmerzliche Wirklichkeit von Martins Tode hatte jene Anschauungen in
Schatten gestellt. Als er den alten Berthold darber befragte, antwortete ihm
dieser Wir glauben, was etwas ist, und wissen, was etwas nicht ist; wir wissen
nichts, wir mssen alles glauben, aber der Glaube ist ohne Wissen nichts. Er
verstand das nicht, aber er merkte sich es doch auf sptere Tage, weil er wohl
ahndete, da etwas darin liegen msse. brigens waren des jungen Bertholds
Gartenanlagen verstndig. Wie er gern auch das Halbverstandene sich lernend
bewahrte, so verfuhr er mit dem verwilderten Gartenplane; ehe er gewaltsam Bume
umhieb, suchte er sich deutlich zu machen, was gepflanzt sei und was wild aus
Samen und Wurzel aufgewachsen. Zwar schien manches von dem Gepflanzten
untergegangen und abgestorben, aber auch mit diesen Stmmen bezeichnete sich die
Anlage des Gartens. - Allmhlich trat alles an seine rechte Stelle, indem das
berflssige hinweg genommen war. Brunnen und Gnge waren gereinigt, die
ausgeschnittenen, alten Obstbume trugen wieder und edler Wein bezog die
sonnigen Mauern. Ein wohl erhaltenes gewlbtes Zimmer bewahrte whrend des
Winters Blumenpflanzen und Smereien und so war dem jungen Berthold das erste
Jahr mit sichtbaren Zeichen seines Daseins und Wirkens vergangen.
    Da kam er eines Tages zum Abendessen und fand Frau Hildegard in stiller
Betrbnis, aber sie wischte ihm dennoch nach ihrer Gewohnheit den Schwei von
der Stirn, zog ihm die Schuhe aus und die Pantoffeln an und sagte ihm dann erst,
da sie sehr betrbt sei, weil sie schon wieder heiraten msse, der
Brgermeister wolle dem Berthold nicht anders das Trmeramt und ihm den
Ratsschreiberdienst geben. Tut es doch mir zu liebe, sagte Berthold, heiratet
den Vater, da brechen wir hier die Wand weg und haben mehr Raum. - Ja wie du's
verstehst, sagte Hildegard, der Martin hat's mir wohl prophezeit an unserm
Hochzeittage aus dem Zinngu, aber wenn mein Schwindel nicht wre, da ich die
Treppe hinunter gehen knnte, ich ginge lieber ins Kloster, als da ich wieder
ins Ehebette stiege. - Mutter du mut heiraten, sagte der Sohn, denn ins
Kloster drfte ich nicht mitgehen und ich kann dich nimmermehr verlassen.
Hildegard drckte den Knaben an ihr Herz, der alte Berthold trat vom
Wchtergange herein, sie verlobten sich unter vielen Trnen. Wirklich setzte es
der Brgermeister aus Wohlgefallen gegen den alten Berthold bei der Brgerschaft
durch, da diesmal der Mann von der Feder, statt eines Kriegsmanns, die
Trmerstelle erhielt, als Grund fhrte er an, da der alte Berthold in frheren
Zeiten doch auch der Stadt mit dem Schwerte bei mehreren Fehden gedient habe.
Der junge Berthold wurde nur vorlufig in Eid und Pflicht genommen, weil er noch
zu jung war, und der Alte behielt immer noch Gehalt und Wrde eines
Ratschreibers. Die dritte Hochzeit, welche Frau Hildegard feierte, war die
stillste von allen, der alte Berthold gestand mit inniger Rhrung, da die Wege
des Himmels unerforschlich wren, der ihm nach ruhigem Ausharren im Alter ein
Glck aufdrnge, wonach er in frheren Jahren vergeblich sich bemht; wenn er es
auch nicht lange mehr geniee, so msse er doch die Fgung des Himmels preisen.
- So ist es doch wahr, seufzte der junge Berthold, da du lter wirst und
gebeugter gehst, seltener froh bist und fter stille in dich versinkst, stirb
nur nicht so bald wie Martin, dann wren wir ganz verlassen. - Jetzt haben wir
uns noch! sagte der Alte, und ging das Wchterlied vom Turm zu blasen.
    Die mhsame Arbeit des jungen Berthold hatte die Neugierde des
herrschaftlichen Stadtvogts, des Herrn Brix, auf die Reste des alten Palasts
gewendet, und er hielt es jetzt fr seine Pflicht, da er in demselben ein
Besitztum seines Herrn, des Grafen von Wirtemberg erkannte, bei demselben
anzufragen, was damit anzufangen sei. Da nun niemand fr diese alten,
ehrenwerten Trmmer sprach, so wurden sie zum ffentlichen Verkauf bestimmt. Der
junge Berthold war untrstlich, als sein liebes Eigentum, wofr er es so lange
gehalten, zum ffentlichen Verkauf an den Meistbietenden ausgerufen wurde, er
htte dem Ausrufer den Mund zuhalten mgen, er hoffte, die Leute wrden nicht
darauf achten. Aber bald kamen Brger der Stadt, besahen sich die Gelegenheit,
maen das Grtchen rund brummten nur immer, da so viel aufzurumen, sonst gbe
es schon einen artigen Bleichplatz. Also nichts, was da gewesen, nichts was er
gepflanzt, sollte bleiben, alles sollte fr den gemeinsten Gebrauch vernichtet
werden. Da fielen ihm die fnf Goldglden ein, die ihm Martin als sein Erbe (mit
der Kiste, worin der Schdel) oftmals gezeigt und ihm wohl eingeprgt hatte, das
Geld nur dann zu brauchen, wenn er sein ganzes Glck und Geschick damit lenken
knne. Aber dies schien ihm zu wenig fr die Herrlichkeit seines Lieblingsortes,
er kannte niemand im Stdtlein so vertraulich, da er ihn htte um Rat fragen
mgen. Von Berthold und von Frau Hildegard frchtete er Widerspruch, er mute
ihnen seinen hufigen Besuch der wsten Stelle verschweigen, denn der Ort gefiel
ihnen nicht. Ganz heimlich nahm er an dem Freitage, der zur ffentlichen
Versteigerung bestimmt, sein Erbteil mit, betete in drei Kapellen und war der
erste auf dem Rathaussaale, wo die Versteigerungen abgehalten wurden. Es
versammelten sich viele, er glaubte in ihnen Seine rgsten Feinde zu sehen. Es
geschah der erste Ruf und alles schwieg. Es geschah der zweite Ruf, und er bot
mit trockener, fast erdrckter Stimme seine fnf Goldglden, und keiner berbot
ihn. Es wurde wieder zum ersten- und zweitenmal ausgeboten, und keiner berbot
ihn. Da geschah das dritte Ausgebot und er glaubte schon, den Hammer fr sich
niedergeschlagen zu sehen, als eine ihm wohlbekannte Stimme einen Gulden mehr
bot. Er sah sich erschrocken um, erstaunte aber noch mehr, als er das Antlitz
des Alten, der ihn damals in die Kapelle gefhrt, hinter sich erblickte. Und
htte er auch einen unerschpflichen Geldbeutel gehabt, gegen den htte er nicht
gewagt zu bieten, der Alte zog alle seine Gedanken auf sich und er war
verwundert, ihn hier in gewhnlicher ritterlicher Kleidung wieder zu sehen, den
er damals in so seltsamer, prchtig alter Tracht erblickt. Der Alte trat zu ihm
und fragte ihn leise, ob er denn nicht berbieten wolle? Der kleine Schreiber
antwortete ihm traurig, er habe nicht mehr Geld, auch wage er sich nicht, gegen
ihn zu bieten. - Der alte Herr erwiderte aber, da er sich irre, wenn er glaube,
da er geboten, der Schneider dort wolle sich eine Werkstatt in dem alten
Gemuer anlegen, er mge nur zubieten, und auf Gott vertrauen, mit dem Bezahlen
werde es sich schon finden. - Kaum hatte der junge Berthold das Wort gehrt, so
kam ihm ein Vertrauen ins Herz, er bot noch einen Gulden. Der Schneider
Fingerling, denn der war sein Mitbieter, rieb sich die Hnde und drckte noch
einen halben Gulden heraus, doch Berthold sprach wieder sein Voll aus. Aber
gleich fate ihn hier der Schrecken, der andere mchte nicht wieder bieten, das
Vertrauen war fort, es berzog ihn kalt und die Sinne gingen ihm fast unter, als
ihm die Trmmer des Palasts von Barbarossa fr sieben Gulden zugeschlagen
wurden. Er wollte sich an dem Alten halten und trsten, aber der war schon
fortgegangen, er fragte nach ihm, aber keiner der Nachbarn hatte ihn gekannt.
Meister Fingerling ging spttisch auf den armen Berthold los und sagte ihm: Ihr
msset viel geerbt haben, da Ihr das groe Werk unternehmt, den Platz
aufzurumen und Euch da anzubauen, wnsche Euch Glck. Mit den Worten entfernte
er sich und der Stadtdiener, welcher den Zuschlag gemacht hatte, kndigte
Berthold an, da er sogleich die Hlfte der Kaufsumme und den Rest am andern
Morgen zahlen msse, widrigenfalls die Hlfte verloren sei. Berthold reichte
seine fnf Gulden hin, mit einem Gefhle, als wren sie verloren. Das ist mehr
als die Hlfte, sagte der Mann. Das schadet doch nichts? fragte Berthold. Es
schadet nichts, wenn Ihr morgen den Rest bezahlt, sonst sind fnfe verloren.
    Sie sind verloren, dachte er, und mein lieber Garten dazu, und mit diesen
betrbten Gedanken beladen, sollte er bei der Mutter Heiterkeit erzwingen sie
merkte ihm bald etwas Trbes an und er schob es auf ein Kopfweh und lie sich
alle ihre Hausmittel gefallen. Zum Glck hatte der alte Berthold die
Versteigerung ganz vergessen, sonst htte er sich doch wohl verraten. Endlich
kam die ersehnte Zeit des Schlafes, er schlief nicht, aber er konnte doch
unbemerkt seinem Unglcke nachdenken. Frh stand er auf, sprach von notwendigen
Schreibereien und eilte statt dessen in seinen Garten. Er glaubte ihn zum
letztenmal von dem frischen Morgenlichte durchstrahlt zu sehen, seine Wehmut
betaute alle geliebten Pflanzen, bis endlich die Mdigkeit, als er sich noch
einmal in seiner Bohnenlaube ausgestreckt, ihn berwltigte. Ganz unbemerkt
versank er in eine andre Welt, die sich nur ungern mit jener befassen mag, in
der wir zu wachen meinen. Es trumte ihm manches Vorberflatternde, bis ihm das
rechte Bewutsein des Traumes aufging. Da trat zu ihm dieselbe ehrwrdige
Gestalt, die ihn beim Ausgebote zum Mehrbieten aufforderte, aber er trug wieder
das alte Kleid mit dem roten Steine zugeheftet. Und Berthold klagte ihm seine
Not mit den beiden Gulden, die ihm fehlten. Wenn es weiter nichts ist, was dich
betrbt, antwortete der Alte lchelnd, nahm ihn bei der Hand und fhrte ihn in
den Gang der alten Linden, welche das Grtchen begrenzten. Dort bei einer Linde
scharrte er mit dem Fue die Erde auf und ein eiserner Kasten voll goldner und
silberner Mnzen stand geffnet vor den freudigen Augen. Nimm so viel du
brauchen kannst von meinem kleinen Hausschatze, sagte der Alte, aber vergi
nicht, da es nur geliehenes Gut ist und da alles mein ist, was du damit kaufst
und verdienst, und da ich alles zurck fordern kann, wenn es mir gut dnkt und
ich es einem andern verleihen will. Der Zins ist nicht hart, fuhr er fort, als
ihn Berthold bedenklich ansah, ist doch dem Menschen unter gleicher Bedingnis
die Erde geschenkt, er nimmt nichts von ihr in jene Welt, als die Einsicht und
den Glauben, den er auf ihr gewonnen. Bei diesen Worten schien es Berthold, als
ob er sich in diese Worte verwandelt habe, er wollte ihm antworten, aber es war,
als ob eine Gewalt seine Stimme zurckdrckte, endlich brachte er einen Ton
heraus, erweckte sich selbst dadurch und fand sich wie ein erwachender
Nachtwandler verwirrt, erschpft und gleichsam auer sich im Lindengange stehend
wieder. Er brach halb bewutlos einen Zweig vom Baume, zhlte in Gedanken die
Bltter und fand vierundzwanzig daran, warf den Zweig zur Bezeichnung der Stelle
auf den Boden und wankte dann schlaftrunken zurck in sein Frhlingshaus, wo ihn
der tiefste Schlaf mehrere Stunden fesselte. Als er aufwachte, stand die Sonne
schon hoch, er sprang auf und sah zu seinem rger, da die Gartentre offen
stand. Es krnkte ihn jede mgliche Verletzung seines Gartens, sei es durch
eingedrungene Tiere oder Menschen, obgleich er des Traumes lngst vergessen und
seiner Armut eingedenk, den Besitz desselben bald aufzugeben dachte. Er bersah
seine Blumenbeete und fand seine Maiblumen ausgeplndert, die saftigen Stengel
der Hyazinthen weinten noch, als ob der Frevel erst begangen. Er eilte umher,
den Missetter zu entdecken, und sah im Lindengange den Rcken eines Mdchens,
das beschftigt war, einen Kranz auf ihrem Scho zu winden. Ohne sich darum zu
kmmern, wer es sein knnte, rief er mit innigem Verdrusse: Besser tausend
Augen, als eine Hand! Da blickte das schne Kind sich scheu um und er sah in
ein Paar Augen, die der Hand wohl einen tausendfach hheren Wert gegeben htten,
als alle denkbare Blumen, die sie abpflcken konnte, Augen, die ihm schon seit
dem Tage, wo sie ihm den grnen Wams schenkte, wie ein unerreichlich seliger
Sternhimmel erschienen waren. Es war Apollonia Steller, die er so zornig
angeredet hatte, sie stand auf, warf ihm den halb vollendeten Kranz auf den Kopf
und erwiderte mit einer innern Krnkung: Behalte Er seine dumme Blumen, wenn Er
sie mir nicht gnnt. Der Kranz gleitete aber von seinem Kopf in seine Hnde,
bleich von Schrecken, in unbeschreiblicher Verlegenheit, wie er seine bereilung
gut machen sollte, erfror ihm jedes entschuldigende Wort. Er drehte den Kranz,
als ob er einen Rosenkranz abbetete, oder seinen Schaden zhlen wollte, whrend
Apollonia den Garten eilig verlie. Und immer noch arbeitete er und zhlte in
bittern Gedanken an dem Kranze, whrend dieser auseinander fiel und ihm nur der
Zweig blieb, ber welchen er gebunden war. Und wieder zhlte er die Bltter
dieses Zweigs und fand vierundzwanzig daran und bei dieser Zahl ging ihm ein
Blitz durch den Kopf, als wr's die Entdeckung einer neuen Welt. Sein Traum, der
Schatz, das Haus, der Garten, alles war wieder sein, auch Apollonia glaubte er
durch diesen Reichtum noch erlangen zu knnen, da fiel ihm erst sorgenvoll ein,
da es doch wohl nur ein zuflliges Zusammentreffen mit dem Traum sein knne.
Seine Ttigkeit berwog Gram und Sorge, die Schaufel war in seiner Hand, er grub
in die Erde, da der Schwei ihm ber Wangen und Rcken lief. Jeder Einschnitt
in den schwarzen Boden war ihm ein lohnendes Gefhl, da er nher seiner
Hoffnung, - endlich klang der Spaten gegen Metall, - noch ein Abheben der Erde
und er sah die rostige Flche eines eisernen Deckels. Nun ruhte er sich einen
Augenblick, sein Schwei tropfte auf die Flche des Deckels und er sah schon das
Gold eingelegter Blumen auf demselben. Nun hob er den Kasten mit Gebet, da er
ihm nicht entschwinden mge. Da stand er, aber das Schlo wollte nicht weichen,
bis er mit einem derben Steine so krftige Schlge gegen den vorstehenden Deckel
fhrte, da das Schlo zersprang und der Deckel aufsprang. Das Geld lag nicht
unmittelbar im Kasten, sondern erst mute er einen alten ausgenhten, ledernen
Beutel aufziehen, da stand die Erscheinung des Traumes, die Flle silberner und
goldner Mnzen vor ihm. Und als er sie in beschaulicher Eile in den Kasten
strzte, so fand er noch im Beutel ein wenig verrostetes Grtelmesser, dessen
Griff in trkischer Art einen Drachenkopf bildete. Eilig nahm er zwei Gulden aus
der Menge und steckte sie zu sich, wollte eilig zum Rathause, den Rest der
Kaufsumme zu zahlen, aber nun plagte ihn schon der Reichtum: wo sollte er seihen
Schatz verbergen? Endlich glaubte er ihn unter Steinen in seinem aufgerumten
Zimmer ziemlich gesichert zu haben, nahm aber doch eine Tasche voll Geld mit, um
im Falle unseliger Beraubung nicht alles zu verlieren.
    Sein Kaufbrief war bald ausgefertigt, der Vogt sah ihn an wie einen
seltsamen Toren, der sein Geld verschwendet und obenein als verdchtig, woher er
das Geld bekommen. Beim Brgermeister erhielt er einige Verweise, da er so spt
gekommen, weil dieser zur Feier des Namenstags seiner Tochter noch ein Gedicht,
das er anfertigen lassen, abgeschrieben wollte haben. Da strengte er sich an,
jeder Schnrkel mehr an den Buchstaben sollte ihr dartun, wie er ihr mit allen
Krften zu dienen strebte. Als er diese Arbeit zur Zufriedenheit des Herrn
Brgermeisters beendet, eilte er, von seinem Garten mit einem Ku, den er der
Erde gab, Besitz zu nehmen und dann mit furchtbarer Reue alles Blhende zu Ehren
Apolloniens abzumhen. Es war ein hoher Tragekorb voll Blumen, womit er in das
Haus des Brgermeisters einrckte, die er an Apollonien abzugeben bat. Der
Brgermeister, der gerade noch im Zimmer, nahm das Geschenk als ein Zeichen
schuldiger Anhnglichkeit an sein hohes Haus, im Namen der Tochter, wohl auf, er
befahl, ihn zum Vesperbrot herein zu rufen. Da ward ihm gar frhlich, als
Apollonia mit ganz vershntem, freundlichem Blicke ihm ein Glas Wein darbot, auf
welchem ein breiter Schnitt Mandelkuchen mit krispelkrauser Oberflche lag. Wie
aber zu dem Dargebotenen zu gelangen, da er in der einen Hand sein Barett, in
der andern einige Schriften hielt, unter welche der Brgermeister seinen Namen
setzen sollte. Nach kurzer berlegung lie er beides fallen, denn das
dargebotene Glck war zu gro. Nun hrte er hinter sich ein feines Lachen,
whrend Apollonia, in seiner Seele verlegen, die Augen niederschlug. Das war
doch schn von ihr, wie sie so mit ihm fhlte, auch war es gutmtig vom
Brgermeister, da er einen ernsten Blick gegen die Lachenden aussandte und dem
Berthold vormachte, wie er erst die Pergamente htte in die Tasche stecken, das
Barett unter dem Arm einklammern sollen, um ruhig zu dem Glase Wein zu gelangen.
Berthold tat, wie ihm geheien, klemmte aber so heftig an seinem Barett, da das
kleine Eichhrnchen, welches er gewhnlich mit sich herumtrug, ihn bi und mit
dem ihm eignen Knurren in der Bosheit hinaus und wie ein Teufelchen im Zimmer
herumsprang, whrend Berthold sein Weinglas zum Teil berschwabbern lie und
nachher ngstlich mit seinem Fue den Weinfleck am Boden zu decken suchte. Nun
war das Gelchter allgemein und der Brgermeister verlie das Zimmer, um sich
nichts von seinem Ansehen gegen den Schreiber zu vergeben. Apollonia suchte ihn
jetzt dreister zu machen, schenkte ihm das Glas voll, er mute trinken und der
seltene Genu des edlen Weins und Apolloniens freundliche, braune Augen
erheiterten ihn ungemein, er kam zu einiger Fassung und sah sich um, wer denn
eigentlich so feinstimmig gelacht hatte. Da erschrak er aber recht, es standen
da zwei Mdchen, die ihm ein Paar ausgestopfte Hosen auf dem Kopf zu tragen
schienen. Seine Unbekanntschaft mit den neuen Stuttgarter Trachten hatte an
dieser Verwunderung schuld, es war eine niederlndische Tracht, die dort
nachgebildet war, und die beiden Mdchen, es waren des Vogts Brix heiratslustige
Tchter, taten sich nicht wenig darauf zu gute (sie waren krzlich in Stuttgart
gewesen) und hofften, da Apollonia sie darum beneiden wrde. - Was sieht Er
mich so gro an? fragte die eine, Babeli mit Namen, die gleich jeden in sich
verliebt glaubte. - Je Jungfer, sagte Berthold, Sie hat ja ein Paar Hosen auf
dem Kopf. - Babeli fand sich sehr gekrnkt, aber sie rmpfte kaum den Mund und
fragte weiter: Wei Er denn sonst nichts Neues? - Erzhl Er uns etwas Neues,
fiel gleich die andere, Josephine, ein. Berthold dachte, was er erzhlen sollte,
er wute nur wenig aus dem Umgange mit Menschen, aber alles, was ihm einfiel,
schien ihm zu schlecht, er wollte durchaus nicht wieder lcherlich werden.
Endlich betete er heimlich zu Gott, da ihm etwas Neues einfallen mge und da
stand's vor seiner Seele, was er krzlich erst gelesen und er sprach: Der
heilige Papst hatte erlaubt, da in unserm Lande, wegen Mangel an Fischen und
Bauml, die Milch auch in den Fasten zu genieen sei, aber ein Doktor Spenlin
hat sich widersetzt und appelliert vom Papste an das Konzilium, er sagt, es
seien genug Fische im Lande und statt des Baumls reines Nul, Leinl, Rbl,
Mohnl.... Hier lachten schon die Vogtsjungfern hellaut, wie es sich wahrlich
nicht schickte, und Apollonia sagte rgerlich, da er sich nicht besser
empfohlen: La Er uns, Er hat uns schon genug belt, wei Er denn nichts anders
zu sprechen? - Josephine, eine rechte Schnatterbchse, sagte ihm vor, er msse
von Turnieren und Fehden sprechen, von hochberhmten Frauen und Sngern, von
zarter Minne und teuren Gottesdegenen, von Blaubrten und Milchbrten, von
Fidelern und Fanten. - Von Elefanten, sagte er, steht auch was in meinem
Buche. - Ihr mt Bren anbinden, fuhr Josephine lachend fort, Euren Falben
von einer Felsenspitze zur andern einreiten und Euch endlich vom uralten
Schneemanne in Gegenwart von Rundienen und Galgenschwenglein zum Ritter schlagen
lassen und dabei Gottes Wort in einem Hausbackenbrote verehrt erhalten. -
Meister Fingerling ist garstig dabei zerkratzt worden, sagte Berthold, ohne
von dem Vortrage verwundert zu sein. - Der Schneider? fragte Babeli. - Er ist
wirklicher Katzenritter, fuhr Berthold fort, er hat vor zehn Jahren in der
Zunftstube die angebundene Katze gnzlich verbissen, er hat davon viel Ehre
gehabt, aber wenn er davon spricht, ist ihm noch immer eklig zu Mute. - Die
Geschichte machte den Vogtsjungfern viel Freude, sie behaupteten, er habe mehr
Verstand, als man erst glaube, sie lieen sich ausfhrlich von den
Katzenrittern, einem damals blichen Spa der Handwerksgenossen gegen die
Ritterschaft, erzhlen. Josephine sprach, da Berthold einem Ritter vom
Stuttgarter Hofe hnlich sehe, mit dem sie oft getanzt habe, und da versuchte
sie, wie Berthold sich im Tanze zeige. Berthold sprang hflich mit, wie ein
Mensch es macht, dem Boden und Wnde sich drehen, dem es aber doch nicht bel in
den Gliedern tut, von weiblichen Hnden so geschwenkt zu werden, htte er nur
feinere Schuhe angehabt; diese waren abgelegte von Martin, mit Ngeln, wie
Eulenspiegels Grabeiche, beschlagen. Der groe, rotwangige Bursche gefiel den
Vogtstchtern nicht bel und je lauter er stampfte, je mehr Spa machte es
ihnen, er schien ihnen, wie den Kindern der Haushund, ein Geschpf, vom Himmel
zu jeder Qulerei geschaffen. Apollonia wollte sie nicht stren, aber das Wesen
gefiel ihr gar nicht. Babeli fiel nun darauf, dem Berthold Unterricht im Tanzen
geben zu wollen, sie stie gegen seine Beine, kniff ihn und stopfte ihm den Mund
mit Kuchen, wenn er verdrielich zu werden schien. Berthold kam in dem fremden
Wesen ganz aus seinem Huschen, er meinte mit den Wlfen heulen zu mssen, und
als Apollonia mit in das Spiel hineingezogen wurde, so wuchs ihm gar der Kamm,
er erwiderte, was ihm angetan wurde, und glaubte Beifall zu ernten und sich
recht geschickt aufzufhren. So kam es, da, als ihn Babeli kniff, er wieder
kniff, aber nicht Babeli, sondern aus angestammter Neigung Apollonien in die
Backen, indem er freundlich um Vergebung bat, da er am Morgen ihr die Blumen
abgejagt. Dieses min Verbrechen wurde von den Vogtsjungfern vor Gericht gezesen
und er von den ausgelassenen Mdchen zu drei Streichen, ogt seinen eigenen
Pergamenten verdammt, weil er die ritterlichen Miinnegesetze verletzt habe, nach
welchen die Blumen dem weiblichen Geschlechte gehren. Er drohte, so oft zu
kssen, als er gestrichen wrde, da machte Josephine gleich Ernst und strich ihn
dreimal mit einer Gerte ber, die zufllig in der Stube stand. Die Streiche
brannten dem Berthold nicht halb so hei, wie seine Neigung, er umfate
Apollonien im Vergeltungsrecht und kte sie dreimal recht derb ab. Josephine
wollte ihn mit Schlgen fortbringen; das erbitterte ihn noch mehr, er kte
Apollonien immer mehr. Als ob er blind und taub wre, merkte er nicht, da der
Brgermeister eingetreten war, bis dieser ihn mit starker Hand fortri, ihn zur
Stubentre, und weiter bis zur Treppe hinzog und dort mit einem derben Futritt
und den Worten herunterfrderte: Denk Esel, da dein Huf nicht zum Liebkosen
geschaffen, nie la dich wieder vor meinen Augen sehen, Undankbarer, mit deinem
Dienste ist es aus.
    Berthold lief bewutlos aus Angewohnheit seinem Garten zu, er htte ebenso
unempfindlich ins Wasser laufen knnen. Was ist menschliches Wnschen, der
Himmel straft uns in der Erfllung unsrer Bitten, wenn sie nach dem Irdischen zu
heftig streben; was war Berthold jetzt der Garten und der Schatz, er glaubte
sich nicht mehr im Paradiese zu finden, aber die pfel schmeckten ihm noch s
in der Erinnerung. Ihm war so schwer ums Herz, selbst nach dem Turme wagte er
nicht aufzublicken, der schon in der Dunkelheit leuchtete, er hielt das alte
Messer des Schatzes voll Gram in seinen Hnden, es war ihm in dem Augenblicke
lieber, als der Schatz. Als er sich aber zufllig damit in die Hand ritzte, fand
er, es tte weh, legte das Messer wieder in den Kasten des Schatzes und begab
sich mit dem Kasten nach dem Turme, um sein ganzes Herz, Glck und Unglck, vor
den treuen Seelen auszuschtten, die heut ngstlicher, als je, seiner harrten,
weil allerlei Seltsames vom Hauskauf durch die kreischende Stimme des alten
Hkerweibs zu ihnen hinauf erschollen war.

                               Fnfte Geschichte



                                    Der Bau

Des jungen Bertholds Erzhlung wurde von dem Alten und Frau Hildegard ganz
anders aufgenommen, als er gefrchtet hatte. Sei es der Anblick des Schatzes,
das Auerordentliche im Geschick, kein einziger Vorwurf traf ihn, da er den
Kauf so heimlich aus gefhrt. Frau Hildegard wischte ihm sorgfltig jede Trne
ab, steckte seine Fe in weiche Pantoffeln und der Alte ergo zum erstenmal
seinen Zorn gegen den Brgermeister, indem er alle einzelnen Verweise aufzhlte,
die er um Kleinigkeiten erhalten. Endlich fahr er auf und sagte: Keinen Schritt
sollst du ihm nachgehen, du hast mehr Geld, als er, und was er hat, ist nicht
ehrlich gewonnen, mit Gottes Hlfe wollen wir irgend ein ansehnliches Gewerbe
anfangen, das uns gut nhrt. Stnde nur erst das Haus auf den alten Trmmern, so
gbe ich die Trmerstelle gleich auf und zge hinein. - Und ich sollte gar
allein bleiben, sagte Hildegard mit Vorwurf. Ich liee eine Brcke bauen,
antwortete der Alte, da du recht bequem heruntergehen knntest, oder wir
hingen eine bequeme Snfte an das Seil und lieen dich herab, ich habe schon in
Gedanken fr alles gesorgt. - Und ich wei schon den ganzen Bauplan, seufzte
der junge Berthold, aber wozu soll ich alle die Zimmer erbauen, ehe wir wissen,
wozu wir sie brauchen sollen und was ich darin unternehme. Zum Abschreiben
brauche ich nur ein Kmmerlein und zum tglichen Leben brauchen wir auch nur ein
Zimmer, denn wir bleiben gern beisammen. - Was klingelt denn so spt von der
Stadt her und will noch zu uns herauf? fragte der Alte und zog am Draht die
untere Tre auf, whrend der junge Berthold den Schatz unter dem Bette verbarg.
Es trat aber zu aller Verwunderung Meister Fingerling herein, entschuldigte
seinen Besuch, indem er sagte, da Berthold mit seinem Kauf einen Lieblingsplan
gestrt habe, an welchem er seit vielen Jahren arbeite; nun habe er eben im
Ratskeller bei einem Glase Wein vom Gerichtsdiener vernommen, da Berthold
seines Schreiberdienstes entsetzt und ein fahrender Schler aus der Schweiz, ein
Bacchante, der seit Jahren schon in den Straen herumsinge, vorlufig an seine
Stelle trete; da komme er nun, um zu hren, ob sich nicht durch verstndige
Besprechung alles zwischen ihnen ausrichten lasse. Der alte Berthold fragte
neugierig, was er denn eigentlich beabsichtige, Ich habe Euren Pflegesohn vom
ersten Anblicke lieb gewonnen, fuhr Fingerling fort, und seine Freude am
schnen Tuche gefiel mir sehr wohl, als er damals den grnen Wams sich machen
lie. Nun habe ich mir etwas mit langem Flei erspart, habe auf meinen
Wanderungen alles kennen gelernt, was zur Tuchmacherei gehrt, und will nicht
lnger dulden, da wir unsre Wolle nach Augsburg fahren und unser Tuch aus
Augsburg holen, ich kenne Weber und Tuchscherer, auch einen Walkmller, die sich
wohl alle hier niederlieen, wegen der Wohlfeilheit vieler Lebensmittel, wenn
ihnen nur ein Handelshaus Nahrung gbe, und das Handelshaus will ich stiften,
und wenn Euer Sohn mir den Bauplatz gibt, so soll er einen Anteil am Gewinn
haben und ich nehme ihn an Kindesstatt an, da ich bei solchem Unternehmen doch
keine Zeit mehr zum Heiraten behalte. Diese meine Absicht ist auch der Grund
gewesen, warum ich Euren Sohn nicht weiter berboten habe, ich dachte gleich:
Nun der denkt dasselbe wie du, und will auch eine Tuchhandlung anlegen und es
ist so gut, als ob du es selbst httest. - Der alte Berthold und Frau Hildegard
falteten bei dem Vortrage die Hnde, sie glaubten die hhere Hand noch nie so
sichtbar in ihren Geschicken wahr genommen zu haben und der junge Berthold war
so demtig durch sein Migeschick geworden, da er es fr eine Ehre schtzte,
von dem Schneider als Kind angenommen zu werden. Der Alte vertraute nun dem
ehrlichen Fingerling die eine Hlfte des Geheimnisses, da nmlich sein
Pflegesohn einen schnen Schatz an barem Gelde habe, der aber nach seinem
Vorgeben in der Kiste gelegen, mit der er ihn empfangen habe. Da sprang
Fingerling vor Vergngen in die Hhe, kein Tag sollte versumt werden, er wolle
gleich morgen ausreisen, die Weber aus Augsburg zu holen, whrend Berthold den
Bau eilig frdern mte. Sie kamen die Nacht gar nicht von einander, denn
Fingerling war ein unermdlicher Erzhler und beschrieb von der Dachrinne bis
zur Plinte das neue Haus der Fugger in Augsburg, die ebenfalls durch Webereien
ihren Reichtum verdient htten. Was aber mehr als alles den jungen Berthold
trstete, das war die Hoffnung, die er ihm erweckte, wenn erst die Handlung in
Flor stnde, so wrde ihn der Brgermeister mit allen zehn Fingern fr Apollonia
als Eidam zu sich hinziehen. Der Vertrag war vom Alten noch vor Sonnenaufgang
geschrieben, unterzeichnet und bei einem Kruzifix Hildegards, in welchem ein
heiliger Knochensplitter eingelegt, von allen beschworen.
    Schon am andern Tage hatte Fingerling seine Wanderung angetreten, whrend
der junge Berthold seine Schreibereien dem neuen Schreiber bergab und bei
dieser Gelegenheit zu seinem Leidwesen erfuhr, da sowohl Apollonia, als die
beiden Vogtstchter, in das Nonnenkloster der Stadt zur Erziehung gegeben
worden. Er hatte aber keine Zeit zur Trauer, denn mit rascher Eile ging's an den
Bau. Ein alter Mauermeister, mit Namen Bauer, und der Zimmermeister Mathis,
beide des alten Bertholds Ratskellerbrder, waren sehr erfreut, als sie bar Geld
sahen, um ihre Gesellen, die eben feierten, beschftigen zu knnen. Sie waren
gar verwundert ber den jungen Berthold, da der ihnen so geschickt mit Feder
und Lineal auf Papier vorreien konnte, wie der Seitenflgel, der als die
kleinere Arbeit zuerst ausgebaut werden sollte, eigentlich beschaffen gewesen,
aber Berthold hatte sich das alles in der Kapelle genau gemerkt, es stand wie
eingegraben vor seinen innern Augen. Nichts durfte an Baustoffen, an Holz,
Steinen und Kalk herbeigeschafft werden, das er nicht vorher als trefflich
erkannt hatte, und keine Arbeit wurde unternommen, von deren Zweck er sich nicht
unterrichtet htte, so da er bald mit Einsicht ber die Vollendung Aufsicht
fhren konnte. Er sparte kein gutes Wort bei den Gesellen, wenn sie zu lange
Zeit mit Messen und mit Essen zubrachten, mancher Trunk Wein zur rechten Zeit
sparte ihm viel Geld und der frhliche Tag des Richtens war schon vor dem
Herbste erreicht und ehe der Winter die Arbeit hemmte, alles mit Dach und
Fenstern geschlossen. Aber der rachschtige Brgermeister sah die Arbeit mit
Neid an. Er mochte wohl vernommen haben, da der alte Berthold laut und
ffentlich gegen ihn zur Verteidigung seines Sohnes rede, und wollte sein
Ansehen nicht sinken lassen, so brachte er einen Verdacht gegen beide in Umlauf,
als ob sie die ffentlichen Truhen mchten heimlich geffnet haben und jetzt
davon gut bauen htten; aber die beiden Bertholds hrten nichts davon, oder
lieen sich dadurch nicht stren. Whrend des Winters kam Fingerling mit seinen
Webern angezogen, brachte sie in kleinen Husern unter, die er wohlfeil
erstanden, und brachte die Wollenniederlage in das neue Haus. Eine verfallene
Mhle an der Rems wurde zum Walken eingerichtet, ein Nebengebude zur Frberei,
zu der die Gegend manche Farbestoffe seit lange baute, aber sonst weit
verschicken mute. Der junge Berthold wollte nicht nachstehen in seinem Flei,
und benutzte jede Stunde, die der Frost ihm frei gab, zur innern Einrichtung des
Hauses, zum Ankauf und zur Anfuhre der Baumaterialien fr das Hauptgebude. Bald
war der Seitenflgel belebt und die Schornsteine rauchten, die Wolle wurde da
nach ihrer Gte abgesondert, die Wolle zum Spinnen verteilt und wieder
eingenommen und zur Weberei ausgegeben, die Gewebe sorgfltig durchsehen,
gereinigt, spterhin hier auch geschoren. Die Brger sagten von den Bertholds:
Mgen sie das Geld, auf welche Art es sei, gewonnen haben, es bringt der Stadt
mehr Nutzen, als der Brgermeister mit allem Gelde geschaffen, das er zu seinen
eingestrzten Bauwerken beigetrieben hat. Der alte Berthold bekam ein neues
Leben, seine Feder war unermdlich, er knpfte berall Verbindungen an, die
Stdte standen einander gern bei und Fingerling hatte die Freude, im Frhling
den ersten Einspnnerwagen nach Augsburg mit Tchern abzusenden, ehe noch die
Leute in der Stadt selbst zu dem Tuche ein Zutrauen faten, da es wie
Augsburger Tuch halten knne. Wohl mochte auch der Brgermeister Schuld haben,
denn er setzte in Umlauf, die Tcher wren in der Farbe verbrannt, aber die
Wahrheit mute bald auch bei den Landleuten sich bewhren und wie der Mut unsrer
Bertholds nicht sank, so stieg ihr Glck. Gegen den Sommer legte Berthold sein
Trmeramt nieder, nachdem die Arbeiter in der Walkmhle eine starke Winde
eingerichtet hatten, um Frau Hildegard sicher vom Turme herabzulassen, denn er
wute voraus, da der Brgermeister ihn mit dem Abzuge gewaltig drngen wrde,
wenn er seine Dienste aufgekndigt htte.
    So traf es auch ein, denn schon am nchsten Morgen trat in den Turm mit
groem Gepolter ein alter Reisiger, Bastian mit Namen, der grimmig fluchte, da
die Sachen des alten Bertholds noch nicht fortgeschafft wren, und ihn fragte,
was er und die Seinen noch da oben zu suchen htten. Frau Hildegard weinte
heftig, da sie auf solche Art von dem geliebten Turme scheiden sollte, auf
welchem sie so ruhig bei geringem Glcke ihre Jugend und zwei Mnner berlebt
hatte. Der alte Berthold fra seinen Zorn in sich und suchte mit Vernunft dem
alten Wrgesel zu begegnen, der durchaus auf Streit und Qulerei vom
Brgermeister angewiesen war. Dem jungen Berthold ballte sich die Faust und als
der Kriegsknecht Anstalt machte, Betten und Sachen zum Fenster herunter zu
werfen, da lief er dem ungeheuren Knochengerste geschickt zwischen die Beine,
da er zu Boden fiel, und sich dabei die Nase zerstie, da er blutete. Nun
fielen alle drei ber ihn her, banden ihn mit Stricken und hingen ihn mit diesen
an den Haken der Winde, nach der Auenseite der Stadt, und lieen ihn auf der
Hlfte des Turms, wie einen geschossenen Raubvogel, als Warnungstafel hngen.
Bastian fluchte und wetterte, da er es ihnen gedenken wolle. Der alte Berthold
und Frau Hildegard gedachten aber der hohen Abkunft des Sohnes, die er so
mnnlich beurkundet hatte, und wie ihnen der Knabe zum Schutz ihrer alten Tage
gedient habe, aber sie sprachen nur heimlich davon, da der Junge nicht stolz
wrde. Nun kamen schon die Arbeiter mit dem sargartigen Kasten fr Frau
Hildegard, um sie herab zu lassen, er wurde an der Winde nach der Stadtseite
befestigt und als sie sich darein gelegt und sich immer noch frchtete, legte
sich der alte Berthold zu ihr, als wr's ihr Ehebette, der junge Berthold aber
sprang die Treppe hinunter, da der Kasten nicht hart auf das Pflaster stoen
mchte. So sank nun die seltsame Fracht zur Stadt nieder, whrend der hngende
Kriegsknecht durch die natrliche Aufwickelung des Stricks zum Turm erhoben und
von den lachenden Arbeitern frei gemacht wurde. Whrend die beiden unten
glcklich ausstiegen, schimpfte der Bastian schon zum Turme herunter, weil er
das Horn mit Sgespnen von den Arbeitern gefllt erhalten und sich den Mund
damit gar unbequem zugepappt hatte. So wollte der Himmel gar keine Rhrung im
Hause der Bertholds bei diesem wichtigen Ereignis dulden, vielleicht um sie
aufmerksam zu machen, da sie wichtigen Begebenheiten, grerem Leben entgegen
gingen; auf der Hhe des Turms hatte sich ein groes Handelshaus begrndet, das
sich bald zum Palast ausbaute. So ging's damals sehr hufig, die Welt war noch
nicht so durchwandert und umschifft, wie in unsern Tagen, es war damals dem
Himmel noch leicht, durch einen guten Gedanken einem ehrlichen Kerl unter die
Arme zu greifen und ihn zu erheben. Frau Hildegard ward unter dem Zujauchzen
einer Menge Volks, die allerlei gutmtigen Scherz, aus Neugierde sie zu sehen,
ausgehen lie, weil sie so gewaltig dick beschrieben war und sich ganz
verhltnismig vorfand, so ward sie durch den Bauwust des Hauptgebudes nach
dem Seitenflgel gefhrt, wo ihr Sohn ein paar schmucke Zimmer eingerichtet
hatte. Gott segne meinen Eingang und Ausgang, das waren ihre einzigen Worte,
dann weinte sie und flehte zu Gott da der junge Berthold immer artig und
anstndig bleiben mchte und machte sich geschftig an die Einrichtung der
Wirtschaft.
    Der alte Berthold war mit einigen Briefen beschftigt, die ihm ein fremder,
langer, etwas gebeugter, schwarz gekleideter Mann berbracht hatte. Herr,
sagte er, Ihr seid wohl gar selbst der Baumeister des hochberhmten Mnsters zu
Straburg, Er sah ihn bei diesen Worten genauer an, der Mann hatte schattige,
schwarze Augenbraunen, sein Mund schien ein Geheimnis einzukneifen und so
seltsam uerte er sich auch, er sei zwar der Baumeister des Mnsters, aber er
habe ihn nicht erbaut; er sei zwar auf andre Veranlassung gekommen, aber es sei
eine Hauptabsicht seiner Reise, den Palast des Barbarossa zu sehen, nicht eben,
was neu auf der Stelle jetzt erbaut worden, sondern wie er eigentlich in lterer
Zeit beschaffen gewesen. Der alte Berthold erzhlte ihm, was er wute, aber der
Baumeister wute schon mehr von dem ganzen Bauplane aus der bloen Anschauung,
als der Alte, so da dieser froh war, als der junge Berthold herbei kam. Er lie
ihm diesen zur Gesellschaft, als ihn Geschfte fortriefen, und der junge
Berthold fhrte ihn in den Hof.
    Der junge Herr, wie jetzt der junge Berthold gewhnlich von den Arbeitern
genannt wurde, glaubte sich nie so gut unterhalten zu haben, wie mit dem Manne,
der jede seiner Bemhungen zu schtzen wute, berall ihm mit Einsicht und gutem
Rat entgegen kam, zugleich eine Flle von Hoffnungen ber das allmhliche
Steigen und Befreien der Stdte von Frsten und herrschenden Geschlechtern vor
dem mutigen Herzen des Jnglings ausbreitete. Drfe er sich einst den
Geschlechtern gleich schtzen, dachte er, so mchte auch wohl Apollonia jeden
Unterschied der Geburt zwischen ihnen vergessen. Herr Baumeister, fragte er,
wie kommt's, da die Baumeister gern mit weit aussehenden Dingen sich
beschftigen, unser alter Mauermeister hat auch die Art, whrend sich der
Zimmermann nur mit dem abgibt, was eben zu tun not ist. - Brave, starke,
entschlossene Leute sind die Zimmerleute, erwiderte der Baumeister, haben
richtiges Augenma, wissen Schnur, Winkelma und Senkblei zu brauchen, lassen
die scharfe Axt an ihren Beinen mit Sicherheit herum fliegen, und frchten nie,
da sie sich selbst treffen; sie sind zu allen Zeiten gerecht, doch zornig
gefunden worden. Ihr Werk ist aber nicht von langer Arbeit und gewhnlich mit
dem Jahre angefangen und gerichtet, geht rasch empor und sinkt noch schneller in
Asche, denn das Feuer ist ihrer Werke unvershnlicher Feind. Wir Maurer arbeiten
daran, sie wegen dieser Vergnglichkeit ganz zu vertilgen; knnten wir es
leisten, so mte kein Spon Holz an den Gebuden sein, doch hat dies groe
Hindernisse und wir mssen uns den Babylonischen Turm noch immer vorwerfen
lassen. Was von uns aber ordentlich steht, das lt die Feuerzerstrung wie der
Himmel des Menschen Lsterung ber sich hinziehen und wartet, da es wieder
erkannt werde. Wir arbeiten mit Erzeugnis der ersten reinen Schpfung, mit
Steinen und gebrannten Erden; unsre Arbeit fordert Jahrhunderte, wenn sie gro
werden soll, sie dauert Jahrtausende. Die Axt des Zimmermanns frchtet den alten
Eichbaum, mit mhsamerem Fleie meieln wir Eichen zum Tragen der Gewlbe aus
Steinen, die wir mit weichem Kalk, Eisen und Blei zur festesten Einheit
verbinden. Wir lassen uns nicht durch die Erscheinungen des Tages irre machen,
manchmal begreift uns das mitlebende Geschlecht gar nicht, darum halten wir
unter uns zusammen in den Htten, die zu Jerusalem gestiftet, in der
Sophienkirche zu Konstantinopel lange versammelt, jetzt im Mnster zu Straburg
ihren Mittelpunkt finden. Einzeln sind wir nichts, wir mssen verbunden leben,
mssen fr verschiedne Menschenalter die Lehre des Meisters an Gesellen und
Lehrlingen verbreiten. - Aber die andern Gewerke haben gleiche Stufen
anzusteigen, sagte der junge Herr. - Sie haben die Form, fuhr der Baumeister
fort, wir haben das Wesen! Wir erkennen einander, ehe wir uns den Wert
zuschreiben, die Erscheinungen mit sicherer Einsicht bewahren zu knnen, an
welchen die irrende Liebe und der trichte Ha der Lehrlinge meistert. Die Lnge
und Breite des Baus ist in allem menschlichen Verein durch das Eigentum der
Nachbaren voraus bestimmt, die Hhe, welche zum Himmel aufsteigt, ist darum
nicht willkrlich, weil sie frei ist. Davon ahndet der Zimmermann nichts, nur
die Holzstrke bindet ihn, sonst baute er gern in den Himmel. Ihr habt hier das
Rechte aus seltner innern Einsicht getroffen, es lt sich aber auch berechnen;
der letztere Weg ist lang, aber sicher, jener ist kurz, aber unsicher und
fordert einen Sinn der Erfindung, der nicht allen erteilt ist. Unsre Kunst ist
ein allgemeines Eigentum, wie wrde sie sonst von jedem verstanden werden, aber
ihre Aufgaben sind durch das Neue im Bedrfnis und in der Bedingung jedesmal neu
zu lsen und da langt keine Berechnung aus. Die Regel nutzt nur dem, der sie
entbehren kann, den aber verdirbt sie, der sich in ihr weise glaubt; jede Regel
ist ein Rtsel, das durch andre Rtsel forthilft. Darum mssen wir nicht blo
das Wissen prfen, wenn wir einen frei sprechen, wir mssen die Kraft der
Erfindung in ihm erforscht haben. Ich sage Euch, lieber Berthold, Ihr solltet
Maurer werden. Berthold sah ihn verwundert an und sprach: Htte ich nur frher
daran gedacht, aber jetzt ist's zu spt, ich bin schon zu weit in der Handlung,
doch erzhlt mir etwas noch von Euren Bauten. Der Baumeister blickte etwas
finster um sich und sprach: Das eigne Werk und die eigne Kunst gibt berdru,
jenes, wenn es fertig und zu steigender Erfindung verpflichtet, diese, wenn wir
ber sie sprechen sollen. Fhrt mich zum Prior, der hier den Bau der
Klosterkirche besorgt, er hat mich rufen lassen und harret meiner, vielleicht
gibt uns eine andre Stunde mehr Vertraulichkeit, da ich Wortzeichen, Gru und
Handschenke, wie sie in unsrer Htte gebraucht werden, Euch mitteilen kann. -
Der junge Herr fhrte ihn nicht ohne Scheu zu der Wohnung des Priors, weil er
seit dem unglcklichen Geschicke in der Gesellschaft des Brgermeisters keine
Gesellschaft besucht hatte. Es war ein Seitengebude des Augustinerklosters, wo
sie anklopften, und gleich trat ihnen der Prior selbst entgegen, ein kleiner,
heftiger Mann mit vorstehenden Lippen und Augen, welche letztere sich in einem
roten Kreise von Augenlidern, wie in einer Abendrte bewegten, auch trug der
Prior ein grnes Schiffchen zum Schutze derselben. Er hatte kaum ein Wort von
dem Baumeister des Mnsters aus Bertholds Munde vernommen, so warf er sich
diesem mit tausend Versicherungen der Freundschaft um den Hals. Berthold wagte
nicht zu widersprechen und der Baumeister lchelte fein, hier war auch kein
Widerspruch angebracht, denn der Prior redete ohne sich unterbrechen zu lassen.
Er berichtete, da er sich eben wieder heftig mit der btissin des
Nonnenklosters gezankt habe und der Baumeister kme ihm recht gelegen, um sie
mit seinem Ansehen zur Ruhe zu bringen. Sie lt sich nicht berzeugen, sagte
er, da die Stimmen ihrer Nonnen in dem steinernen Gewlbe noch eben so gut und
besser als sonst unter der Bretterdecke klingen werden, sie meint, da der ganze
Sngerruhm ihres Chors dadurch vernichtet werde, da ich den Chor berwlbt
habe. Ich sagte ihr umsonst, da sie sich auf mich, den baulustigen
Augustinerprior verlassen knnte, sie meinte, da ich darauf nicht die Weihe
empfangen htte und da der Straburger Baumeister wohl anders darber sprechen
wrde. Nun was meint Ihr? - Der Baumeister wollte antworten, aber der Prior
fragte Berthold: Was will denn der lange Kerl; Wer ist das? - Der Irrtum
erklrte sich, der Prior fluchte und betete, da ihm der Himmel den Fluch
verzeihe, hob sich auf den Zehen in Ungeduld, strich den Bauch im Bunde, der ihn
umgrtete, und fragte Berthold, wer er sei. - Als Berthold seinen Namen nannte,
da setzte der Prior seine Brille auf, sah ihn an und sprach: Ich finde Euch gar
nicht sonderlich schn, die Apollonia erzhlt mir immer von Euch. Das ist ein
seltsam Kind, die kann nie fertig werden mit der Beichte, immer ist sie durch
Euer Andenken gestrt worden; lauf, lauf, mu ich ihr sagen, lauf lieber zum
Teufel, als da ich ewig Beichte sitzen mu. Ihr seid mir alle beide lieb, wir
wollen mit einander ein gutes Weinchen trinken und von unsern Bauten reden. Der
Berthold ist gar kein bler Anfnger, ich hab oft schon seine Arbeit belauert,
nur schade, da all die schnen Sle zu weltlichem Germpel dienen sollen, denn
was ist das Kleid des Menschen wert, wenn er selbst nur ein Madensack ist, Euer
feinstes Tuch ist nur ein bersack des Madensacks; ist der Wein alt genug, so
schenken wir ihn ein und in drei Schluck ist das Glas herunter, der Wein mag
jmmerlich rufen: Setzt ab! Da hilft nichts, er mu nieder, so auch der Mensch,
er mag zappeln, so viel er will, er mu in die Erde, da ihn die Maden fressen.
- Bei solchen Worten trank er mchtig und gab dem Baumeister durch Klopfen,
Hndedrcken, Bartstreichen allerlei nrrische Zeichen, denen Berthold in Demut
zusah und bescheidentlich aus seinem Glase nippte, voll des frohen Gefhls, da
es doch nicht in allen Gesellschaften Hiebe und Futritte regnete.
    Unterdessen war im Nonnenkloster seltsame Bewegung. Die btissin war eine
alte, sehr lebendige, drre Jungfrau, von gar unermdlicher Ttigkeit. Sie
freute sich herzlich, wenn die Novizen sich schwesterlich an sie anschlossen und
verzieh ihnen jede Unart, wenn sie nur fleiig den reichen, in Abstzen gebauten
Garten des Klosters mit ihr bearbeiteten, mit ihr die gewonnenen Frchte sorgsam
drrten und in selbst ausgewirktem Honig einmachten, auch die Kruter zur
Armenapotheke, die sie fr die Stadt bereit hielt, vorsichtig trockneten und
klein rieben. Mit den frommen Nonnen vertrug sie sich um so schlechter, nannte
sie Brigitten und Betschwestern und wurde deswegen, ungeachtet ihrer brigen
Tadellosigkeit, sehr verlstert. Die btissin lachte ber sie, durch ihre
Wirtschaftlichkeit hatte sie Geld zusammengebracht, um die verfallene
Klosterkirche neu zu erbauen, dies war ihr Stolz. Apollonia ward ihr Liebling,
weil sie in der Wirtschaft schon sehr gebt war, diese rief sie zu allem Kummer
und zu allen kleinen Freuden des Klosterlebens. Auch heute hatte sie ihr den
neuen, heftigen Streit mit dem Prior erzhlt und da ihr nichts so krnkend sein
wrde, als wenn ihr Kloster den Ruhm der feinsten und strksten Nonnenstimmen
unter dem Backofen, so nannte sie das Kirchengewlbe, verlieren sollte.
Apollonia meinte, es msse doch erst untersucht werden, ob die Stimmen so
unterdrckt wrden, ehe sie ihre Klage beim Bischof einreichte. Wie sollen
wir's versuchen, klagte die btissin, der Gang zur Kirche ist noch nicht
wieder hergestellt, es mchte eine bse Nachrede geben, wenn wir in die
ungeweihte, neue Kirche gingen, um den Gesang zu versuchen. - Und doch mu es
bald geschehen, sprach Babeli Brix, denn der Vater sagte mir, da der berhmte
Baumeister aus Straburg, vom Prior hieher gerufen, heute oder morgen ankommen
werde, um fr ihn ein Zeugnis abzulegen. - Da will er uns mit dem Namen des
Baumeisters ganz unterdrcken, rief die heftige btissin, ehe wir noch wissen,
wie sehr unsre Stimmen von dem Gewlbe erdrckt sind; wr's nur nicht zu spt,
wir gingen noch heute zur Kirche; aber ich frchte die Nachrede der Schwester
Veronika. - Da wei ich Rat, sagte Babeli listig, die ganze Stadt hat ein
Gerede von einer Nonnenprozession, lauter verfluchte Nonnen, die Nachts um zwlf
nach der Kirche ziehen und mit einem Kreuzritter sich begren, der da begraben
ist, aber keiner hat sie gesehen. Wir haben auch keine Geister gesehen, wir
besprengen uns mit geweihtem Wasser, wir sind unsrer viele, da frchten sich die
Geister; wir ziehen ganz heimlich mit Laternen, die wir unter den Kutten
verbergen, um zwlf Uhr nach der Kirche, singen eine Mette, dann knnen wir den
Prior zu einer ffentlichen Probe ausfordern, er mu zu seinem Schimpf das
Gewlbe abreien lassen. Die btissin kte Babeli in heller Freude, und hrte
nicht auf Apollonia, die ihr das Wagestck ausreden wollte, Josephine Brix
brachte eine Nachricht aus dem alten Klosterkalender, da an diesem Tage von je
her um ein Lamm gespielt worden wre. Das Kloster versammelte sich zu diesem
Spiele, so ward dieser Abend mit einem Eifer, einer Lust gewrzt, es gab ein
Zischeln, ein Vorbereiten, ein Beobachten der alten Nonnen, denen man nicht
traute, wie es nur unter eingesperrten, lebenslustigen Jungfern mglich ist.
Endlich war das lebende Gespenst, die Mutter Veronika, fort gegangen, sie hatte
Apollonien das Lamm geschenkt, weil sie am schnellsten die geistlichen Sprche
hersagen konnte, nun ging's ans Gespensterspiel.
    Jedes Mdchen nahm etwas zu ihrer Bewaffnung auf die gefhrliche Fahrt, nur
Apollonia lie sich an dem Lamm gengen, das sie eben gewonnen hatte und mit
halb heiliger Andacht ehrte. Wegen ihres frommen Ansehens mit dem Lamm mute sie
den Zug erffnen, die Laternen wurden versteckt, sie verlieen leise die
schtzenden Mauern. Ein schwarzes Ringgewlbe schien ber die Hlfte des Himmels
gezogen, hinter welchem der Mond sich bedenklich bergen mochte, die Gassen waren
leer, als ob kein Liebhaber sich in diese Gegend mit weltlichem Gesange wagte;
nur ein Kind schrie aus der Ferne, das vom Alp oder von seiner Amme gedrckt
wurde, und Lampenschimmer strahlte aus einem Krankenzimmer streifig nach dem
Zuge hin, die Fledermuse schwirrten in Lften, gar lieblich dufteten die
Nachtviolen des Klostergartens im sanften Winde. Die btissin sah das alles,
aber sie zitterte so innerlich, da es ihr wenig Freude machte, nur spottete sie
leise zu Apollonien ber den Turm, der freilich erst im Aufsteigen war. Aber als
sie der Tre nahe war, erschtterte sie die Hhe derselben und die Reihen
betender Gestalten, die sie im reifigen Bogen umschwebten. Sie konnte die
Schlssel nicht umdrehen und das schwarze Gewlbe legte sich immer dunkler ber
die freie Seite des Himmels. Die Jungfrauen drngten sie ngstlich und
ungeduldig zur Tre hin, bis sie endlich ein Herz fate und das Schlo
erffnete. Nun erhoben sich alle Laternen neugierig im ernsten Hause der Gnade,
aber das Licht scheute sich noch vor dem widerspenstigen Dunkel. Endlich
sammelten sich die Lichter am Altare, an dessen Seiten die Chre sich erhoben,
und alle staunten gerhrt ber die Herrlichkeit. Wo sie die drckende Flche der
Balken sonst mit rger im augenerhebenden, herzenbefeurenden Gesange angestarrt
hatten, da schien jetzt des Himmels Gewlbe mit Sternenglanz und therschein
sich erst zu erheben, fast schien es ihnen, als ob die Kirche oben noch nicht
geschlossen sei. Die btissin und alle Jungfrauen blieben lange stumm in
Beschmung und Bewunderung ber die Herrlichkeit einer Kunst, die sie nie
geahndet hatten. Dann stimmte die btissin ein Gloria an, und der Schall des
Chors verklrte sich so wunderbar in dem Gewlbe, da sie erschrak, als ob noch
ein andrer Chor von obenher einstimme. Als sie aber die Herrlichkeit des eignen
Ausdrucks in diesem heiligen Raume erkannt hatten, da ri Begeisterung die
unglubigen Scharen an den Haaren empor, da sie zwischen Himmel und Erde
schwebend, ein unerschpfliches Gloria der heiligen Baukunst erschallen lieen.

                               Sechste Geschichte



                         Die hohe Fremde und ihr Ritter

Der Baumeister und der Prior saen, der Zeit vergessen, bis Mitternacht beim
Weine, nur Berthold zhlte die Augenblicke, weil er die Angst der Mutter bei
seinem spteren Ausbleiben kannte, aber er wagte nicht, die beiden Herren zu
stren, deren Gesprch ihn bezauberte, weil er nie zwei Menschen ber so hohe
Dinge ausfhrlich hatte reden hren. - Kein Glas mehr, sagte der Baumeister,
sonst finde ich den Weg nach Hause nicht mehr! - Der junge Freund da wird
Euch schon fhren, sagte der Prior, er trinkt mig und hrt lieber zu, das
ist eine seltene Tugend bei den jungen Leuten unsrer Zeit. Noch ein Glas vom
Besten und dazu singen wir noch einmal das Lied vom Babylonischen Turme:

Als der Turm zu Babylon
Mit dem Haupte wankte,
Luft der Meister gleich davon,
Der vorher sich zankte,
Steckt den Plan in seine Tasche,
Saugt sich Mut aus voller Flasche,
Lt sie nicht von seinem Mund,
Bis er sieht auf ihren Grund.

Lchelnd tritt er in sein Haus,
Spricht als rechter Kenner:
Diese Rechnung war zu kraus,
Zhler ohne Nenner,
Mauern ohne Fundamente,
Sprache, die uns Menschen trennte,
Seht der Mond stie an die Spitz,
Da verbrannte sie der Blitz.

Gib dem Himmel alle Schuld,
Wenn du schlecht bestanden,
Und du gehst in eigner Huld
Nimmermehr zu schanden,
Ist der Turm dir eingefallen,
Diese Dummheit kommt von allen,
Wer das Geld hat nach dem Streit,
Gilt doch einzeln fr gescheit.

Es ist doch seltsam, sagte der Prior am Schlusse des Liedes, da bei allen
groen Bauten immer groe Streitigkeiten ausgebrochen sind, von denen in
Straburg seid Ihr noch besser, als ich, unterrichtet und nun bei meinem
kleineren Bau an der Nonnenkirche will es wieder nicht friedlich enden. Der Mond
scheint eben hell durch die Wolken, ich meine, wir besuchen einmal mein Werk,
der Mond gibt allen Bauwerken das schnste Licht, denn der farbige Flitterstaat
der vergnglichen Welt setzt dann unsre Arbeit am wenigsten zurck. - Das kann
ein Grund sein, sagte der Baumeister, aber die Verhltnisse erscheinen grer,
je weniger die bekannten Gegenstnde uns deutlich sichtbar werden; ich freue
mich auf ein Werk, das mir im Plane wohl gefllt. - So rsteten sie sich zum
Fortgehen und Berthold begleitete sie in Ergebenheit, indem er vergeblich nach
einem Vorwande suchte heimkehren zu knnen. So kamen sie in die Nhe der Kirche,
und der Baumeister lobte scholl die schnen Verhltnisse. Vielleicht wren sie
vorber gegangen, wenn nicht eine alte Hebamme mit groer Angst an ihnen vorber
laufend erzhlt htte, es sei der Umgang der Geisternonnen nach der Kirche
gegangen und singe jetzt darin. Der Prior wollte sie ausfragen, aber sie lie
sich nicht halten und schrie, als ob sie selbst gebren wollte. Der Prior
stutzte, aber der Baumeister sagte ruhig: So mssen wir uns in die Kirche
begeben, wer wei, was da fr Unfug getrieben wird, den Gesang hre ich
deutlich. - Sie gingen beide der Kirche zu, whrend Berthold halb entseelt
ihnen nachschlich, und sie doch in seiner Treulichkeit nicht verlassen wollte.
Die Tre ffnete sich leise, sie standen bald in der Mitte der Kirche und
staunten der lieblichen Erscheinung der schnen Mdchen, die entschleiert dem
Altar nahe standen, an dessen hchster Stufe Apollonia mit ihrem Lamm, von der
Last desselben gedrckt, sich niedergelassen hatte. Doch dieser Anblick und der
Gesang dauerte nur wenig Augenblicke in seiner Schnheit und Wrde: nicht
Bertholds feurig erglhende Wangen, aber der weie Mantel des Baumeisters strte
die Versammlung. Die mutige Babeli schrie zuerst auf: Der Kreuzritter! und
lief davon, ihr folgten die andern mit der btissin, nur Apollonia, deren Kleid
sich an einen Haken, woran der Teppich befestigt werden sollte, gehngt hatte,
konnte nicht aufkommen. Ihr war, als halte sie eine Hand, aus der Erde
erwachsen, endlich ri sie sich los und sprang den andern, aller
Beruhigungsworte des Priors ungeachtet, wie ein verschchtert Fllen blind nach,
aber er sowohl, wie der Baumeister und Berthold, folgten ihr. Das war auch
ntzlich, denn an der Tr des nahen Klosters, die von den geschreckten
Jungfrauen zu bereilt geschlossen war, fanden sie Apollonien in einer Art
Betubung niedergesunken. Was ratet Ihr jetzt? fragte der Prior Machen wir
Lrmen an der Tre, so ffnen sie diese darum doch nicht in ihrer Furcht und der
Lrmen knnte noch mir und dem Kloster in dieser argwhnischen, geschwtzigen
Zeit eine ble Nachrede machen. - Der Baumeister schwieg, indem er Apollonien
untersttzte, deren Lamm unser guter Berthold sorgfltig auf den Arm genommen
hatte. Endlich ermunterte sie sich mit heftigem Weinen, indem sie ihren Ruf und
die Liebe ihres Vaters schon als gnzlich verloren betrachtete. Umsonst suchte
sie der Baumeister aufzurichten, sie sprach immer von der Strenge ihres Vaters
und wie sie im Kloster so glcklich gewesen, das ihr nun auf immer verschlossen.
Der Prior sah in der Ferne einige Leute, er drngte zu einem Entschlu, schlug
Bertholds Haus vor, aber das lehnte Apollonia mit einem Seufzer ab, weil sie
sich mit ihrem Vater auf ewig verfeinden wrde. Die Tritte der Leute auf den
Pflastersteinen wurden immer hrbarer, da fhrte der Baumeister die Betrbte
fort, indem er zum Prior sagte, er wolle sie zu einer fremden Frau von gesetztem
Alter bringen, die einen Sohn suche und gewi an dieser Tochter ihre Freude
finden wrde, es sei dies dieselbe Brgerin aus Straburg, in deren
Angelegenheit er ebenfalls einen Grund seiner Reise gefunden. Das htte Euch
gleich einfallen sollen, sagte der Prior ungeduldig, mir ist nie so seltsam
bange gewesen, wie in dieser Verwirrung.
    Sie gingen schnell und schweigend, endlich klopfte der Baumeister bei einem
kleinen Wirtshause an, schnell wurde aufgetan und der Prior uerte sich sehr
berrascht, so viele Leute bei groer Erleuchtung in dienender Ttigkeit zu
finden. Sie ist reich, diese unsre Mitbrgerin, sagte der Baumeister, auch
fordern die Sitten unsrer Stadt mehr Glanz und Aufsehen, als wirkliche
Verschwendung, wir tragen schon etwas vom Stempel unsrer Nachbarn, der
Franzosen. - Der Baumeister ging voran, und die andern blieben in einem hell
erleuchteten Vorzimmer, Apollonia und Berthold sahen einander angenehm verlegen
an, der Prior kneipte ihnen die Backen und fragte: Kinder, habt ihr euch denn
nichts zu sagen? - Da trat in sehr bescheidner Tracht, aber mit edlem, festen
Anstande eine Frau in dem Alter ein, wo eine gewisse Flle reicht noch den
verlornen Reiz erster Jugend ersetzt, es war ein so wohlwollendes Gesicht, das
jeden aus der Verlegenheit ri. Sie hob das Kinn Apolloniens mit ihrer flachen
Hand in die Hhe und; sagte ihr: Schweig nur, ich wei alles schon, Geheimnisse
sind meine einzige Freude auf Erden und ich wei lange keine Nacht, die sie sich
mir so schn angefangen. Wundert Euch nicht, Herr Prior, wenn ich von der Nacht,
wie andre vom Tage, rede, ein seltsames Gelbde verpflichtet mich, den Tag zu
meiden, das Antlitz der Sonne nie aus Absicht wieder zu sehen! Es war ein sehr
unglcklicher Tag, der mir diesen Schwur abzwang, ich verlor Mann und Sohn in
einer Stunde durch die verruchten Kronenwchter. Schweigen wir davon, sagte
der Baumeister ernst, wir sind in der Fremde, wir sind nicht mehr im Verbande
treuer Stdte und Ihr kennet am besten ihre Kundschafter, wo sie herrschen.
Freilich, sagte die Frau, aber wer kann sich immer bezwingen, es fllt mir so
manches ein, indem ich die beiden jungen Leute betrachte! Du bist recht hbsch
Apollonia, bilde dir nichts darauf ein, man achtet's nur, so lange man andern
gefallen will; deine Augen sind gro und weit auseinander, wie ich es gern habe,
der Mund ist fein geschnitten, die Nase recht gut gebogen, - die ganz krummen
Nasen kann ich nicht leiden, sie sitzen im Gesicht, als ob sie die Veilchen der
Augen absicheln wollten, - dein Wuchs ist krftig, du wirst noch wachsen; ohne
gemein auszusehen, knntest du dich aller schweren Arbeit unterziehen. Aber
Kind, so gut deine Hnde gebaut sind, waschen mut du dich! - Es kommt von den
Blumen, antwortete Apollonia, mit denen das Lamm bekrnzt war und auf die ich
vor dem Kloster mich sttzte. - Einerlei, sagte die Frau, du mut dich
waschen - ein Waschbecken ihr Leute! - Die lebhafte Frau lie sich nicht
einreden und im Augenblicke trugen ein paar Mdchen ein silbernes Waschbecken
mit wohlriechendem Wasser und ein Handtuch herbei, das mit Spitzen besetzt war.
Der Baumeister war sichtbar wegen dieser Waschung in Verlegenheit, aber er
begngte sich ans Fenster zu treten, als ob er die Adspekten der Sterne belauern
wollte. Der Prior trat einen Augenblick zu ihm und sagte: Was ist das fr eine
seltsame Frau, unter dem groben Kleide sieht ein Hemde von hchster Feinheit
hervor und ist mit einem Diamanten zugesteckt, den jeder Knig in seiner Krone
tragen knnte. - Es ist so der Brauch bei unsern reichen Brgerfrauen,
antwortete der Baumeister, Ihr mt der guten Frau in gewissen Dingen nach
sehen, ihr Verstand mag wohl von manchem Unglck angegriffen sein, aber sie ist
sehr gut und mu mit aller Achtung behandelt werden. - Nun seht, sprach die
Grfin, Apolloniens schne, lnglichte Finger, welche weie, weiche Haut, nur
darum war es mir zu tun, da jeder die anerkennen sollte; wie schn wird sich
auf diesem Finger der Trauring ausnehmen - da er dir nur nichts Trauriges
bedeute! - Bei diesen Worten steckte sie gerhrt einen goldnen Ring an
Apolloniens Finger und sprach: Den behalt so lange, bis dir einer lieber ist,
als du dir selbst. - Sie ging jetzt zu Berthold ber und sagte: Und dieser
Johannes mit dem Lamme, will es scheren, um daraus feine Tcher fr die ganze
Welt zu verfertigen, ach Gott, den kann ich gar nicht ansehen, Ihr wit
Baumeister den Zug an den Augen, diese Hgel zur Stirne herauf, das kann ich gar
nicht sehen, ohne zu weinen! Ihr Leute bringt mein Mitternachtessen; wer zu
essen verlangt, lasse sich einen Teller geben, aber der Prior darf sich nicht so
nahe setzen, der arme Mann hat so rote Augen, wte ich ihn nur zu heilen! Die
Augen sehen ins Himmelreich, davon sind sie rot, sagte der Prior, ins
Himmelreich und ins Glas, kann sie nicht mehr rein polieren, sie sind dauerhaft
rot angelaufen, es ist die Frage, ob's einer fr Geld machen knnte, wenn's
verlangt wrde. - Ihr solltet bestndig Brillen mit breiten Rndern tragen
lieber Prior, sagte die Frau, so she niemand Eure Augen genauer und Ihr
knntet fr einen ertrglichen Mann gelten. Ihr Leute schafft eine Brille! Das
Essen wurde in prachtvollen, silbernen Gefen gebracht, auch silberne Teller
umgereicht und in dem Gedecke lie sich deutlich ein frstliches Wappen noch an
der Krone erkennen, ungeachtet das Schild ausgeschnitten und ein schn gewebter
Blumenstern eingenht war. Auch eine Brille kam bald, die ein Mdchen dem Prior,
der sich erst weigerte, auf die Nase steckte, mit dem Bedeuten, die gndige Frau
knne sonst aus Widerwillen nicht essen. Es wurden seltene, kostbare Speisen
aufgetragen, aber die Frau nahm nur wenig davon, Apollonia und ihr Lamm waren zu
ngstlich, um etwas zu verlangen, die andern hatten das Ihre reichlich genossen,
desto lebhafter wurde von allen Seiten ber Apolloniens Schicksal beraten. Der
Prior sollte am Morgen der btissin, die er durch Apolloniens wahren Bericht
ganz in seine Gewalt bekommen, von dem Vorgange unterrichten und Apollonia in
der Dunkelheit am folgenden Abend zu der frommen Herde zurckfhren. Dem
Brgermeister hingegen sollte alles verschwiegen bleiben, da von seiner
strrigen Gemtsart, die selbst vom eignen Vorteile nicht zu beschwichtigen war,
einiger Skandal fr das Kloster und fr Apollonien zu besorgen wre.
    Der Tisch war aufgehoben, alles war besprochen, der Prior und Berthold
wollten fortgehen, indem der letztere Mut gefat hatte, seiner Eltern zu
erwhnen, da hielt der Baumeister beide auf, sagte dem Prior, da er ihm mit
Elssser Weinen eine Antwort auf die Neckarweine schuldig wre, und Berthold
versicherte er, da er schon durch einen Boten des Priors seine Eltern
seinetwegen beruhigt habe, sie alle wren der Frau, die sie aufgenommen und die
nur bei Nacht Gesellschaft sehen drfe, zu einiger Unterhaltung verpflichtet. -
Nun freilich, sagte die Frau, auch ich bin euch dergleichen schuldig; die
beide Herren haben ihre Flasche, was fang ich aber mit euch beiden jungen Leuten
an. Stellt euch einmal an, als wret ihr verliebt, es gilt nur fr diese Nacht
und morgen ist Apollonia ein kleines, angehendes Nnnchen. - Apollonia lie es
sich gefallen, ihre Hand Berthold zu geben, mehr wurde aber nicht aus der Sache.
Willst du denn wirklich eine Nonne werden? fragte die Frstin Apollonien.
Diese antwortete ihr, da sie erst recht zufrieden im Kloster geworden, sie
msse dahin zurckkehren. - Die Frstin seufzte und sprach: Es ist schwer, dem
zu entsagen, was wir nicht kennen, wer aber die Welt mit aller ihrer Freude
kannte und alles verlor, der mag da gern absterben; suchte ich nicht den
verlornen Sohn, ich htte mich lngst in die Stille der Klostermauern
zurckgezogen.
    Ich war einst ein recht wildes Mdchen, fuhr sie nach einer Pause fort,
vielleicht merkt ihr davon nichts, als eine gewisse Lebhaftigkeit, die zuweilen
in schnellen Sprngen meiner Gedanken sich uert und die Leute bange macht,
weil ich des bergangs nicht erwhne, ich knnte wohl von Sinnen sein: unser
guter Baumeister war schon oft in dieser Meinung. Mein Vater, der keine Shne
hatte, frderte meine Neigung zu mnnlichen Beschftigungen, weil er mich auf
diese Art bestndig um sich sehen und in migen Stunden der Jagd sich mit mir
unterhalten konnte. Da fabelten wir oft, wie der Ritter durch Heldentaten aller
Art ausgezeichnet sein mte, der mein Herz rhren sollte; wir musterten alle
junge Frsten-und Grafenshne Schwabens, fanden aber keinen meiner wrdig. -
Sie ist also doch eine Frstentochter, dachte der Prior, wie htte sie sonst an
solche Freier denken knnen. - Statt aller der khnen Abenteurer ward mir ein
stiller Spinner und Weber zu Teil. - Ein Mann an der Spindel? fragte der
Prior. - Ich kann Euch nicht erklren, was mich zu ihm fhrte, antwortete die
Frau, mich bestimmte ewige Zuneigung, die nie erlschen wird, meinen Vater
andre Grnde, kurz dieselben Kronenwchter, die ihn mir gaben, entrissen ihn
mir, als er sich von ihrer Tyrannei loszureien und an den Kaiser anzuschlieen
trachtete. Nicht Bldsinn oder Schwche hatte ihn zu weiblichen Arbeiten
herabgewrdigt, er war ritterlich gebt in allen Waffen, sondern eingeborne Lust
und die vieljhrige Einsamkeit im seltsamsten Winkel der Erde hatte ihn
veranlat, bei solchen Beschftigungen Geduld zu lernen. In kunstreich gewirkten
Teppichen hatte er eine besondere Meisterschaft erreicht, in einem derselben,
den mir der Vater brachte, entdeckte er mir seine Neigung. Seht, hier in diesem
Kasten bewahre ich seine besten Arbeiten als treue Begleiter, seht dieses
Geflecht seltsamer Pflanzen, das bis zu den Sternen reicht, Kinder sitzen in den
Blumenkelchen und blicken sehnlich empor. Unter dem Dach dieser Pflanzenwelt
sitzt er selbst einsam am Webstuhle, wo mit seltsamer Knstlichkeit sich alle
Wurzeln zu einem Aufzug seiner Arbeit hin vereinen, sein Schiff aber, welches
den Einschlag trgt, ist wie ein Herz gebildet. Der Sinn dieses Bildes umfate
sein reines Dasein. Wie konnte er mit diesem Herzen, mit dieser freudigen
Anschauung der Welt die finsteren, drckenden Erwartungen seines Hauses ertragen
und durchfhren! Gern htte er im offenen Kampfe mit dessen Unterdrckern
gestritten, aber dieses katzenartige Lauern war ihm unmglich. - Apollonia
bewunderte die Herrlichkeit dieses Gewebes, der Prior wollte es durchaus nicht
glauben, da so etwas gewebt werden knne, er meinte, es sei gemalt. - Knntet
Ihr so etwas weben, sagte er zu Berthold, da wollte ich Euer Tuch auch kaufen
und Megewnder daraus schneiden lassen. - Ich schme mich unsres Ungeschicks
bei dem Anblick dieser Weberei! sagte Berthold. - Lat Euch nicht irre machen,
junger Herr, unterbrach ihn die edle Frau, wenn Ihr mit Lust und Liebe etwas
unternommen habt; oft erzhlte mir mein Mann, da er wegen einiger Spottreden
der Kronenwchter einmal die Weberei aufgeben wollte und seine Not einem alten,
geistlichen Einsiedler klagte. Der schttelte mit dem Kopfe und riet Ihm beim
werke zu bleiben, denn, sagte er, wir Menschen sind Nachtwandler mitten am Tage,
nur ein kleiner Kreis unsers Lebens ist zu unsrer Prfung der freien Wahl
berlassen, fter ist es unsre hchste Tugend, dem Gesetze und dem Triebe unsres
Herzens uns mutig zu berlassen, wo der Geist nicht widerspricht. - Kein Werk
ist zu niedrig, das mit Liebe getan wird, und die Magd, welche in emsiger
Huslichkeit den Stall reinigte, wo unser Herr geboren ward, tat ihm mehr zu
Liebe, als Frsten und Vlker jetzt vermgen, die ihm Kirchen zum Himmel
erheben. - Diese Bemerkung krnkt unsern guten Baumeister, darum wende ich mich
zu meiner Geschichte. Diese Weberei gewann mein Herz, ich mute den sehen, von
dem lernen, der so etwas schaffen konnte, und mein Ritter behauptete immer, da
seine Arbeit ihren Preis und ihren unbewuten Zweck erreicht habe, indem sie ihm
meine Neigung gewonnen. Meinem Vater war es gleichgltig, was uns verband, seine
geheime Absichten wollten uns verbinden, so sah er es doch gerne, da der Ritter
mir Tage lang auf unserm Jagdschlosse in dieser knstlichen Arbeit Unterricht
gab, und lachte, wenn ihm die Zofen hinterbrachten, da dies Geschft zwischen
uns nicht ohne Liebelei ausgehen wrde. In geselligem Spiele versteckter und
doch nicht geheimer Wnsche webten wir zusammen diesen zweiten Teppich, den wir
zusammen erfanden, als wr's eine fremde Geschichte, indem wir unsre Bilder nur
in Ermangelung andrer anwebten. Seht mich als Jgerin auf einem getigerten
Rosse, der Falke auf meiner Hand, das Jagdhorn ber den Rcken, eingefangen aber
selbst von einem goldnen Netze, in dessen Maschen listige Liebesgtter gaukeln,
dort aber den Ritter, der nicht darauf Achtung zu geben scheint, weil er das
Netz an eine Krone anzustricken und damit zu schlieen trachtet. -
Wunderschn, rief der Prior, hier ist weibliche Geschicklichkeit zu
bewundern. - Nein Herr Prior, sagte die Frau, jenes ist als Arbeit
tadelfreier, als dies Gewebe, hier ist mancher Fehler von mir nur knstlich
durch meinen Meister versteckt worden, jenes httet Ihr mehr bewundern mssen,
wenn Ihr mir schmeicheln wolltet, das ist fehlerfrei, denn es ist von ihm. Das
Gewebe machte mir viel unntzen Kummer, denn wie ich meinte, da er mich bei
dessen Endigung verstanden habe, so war mein Ritter statt dessen mit kurzem
Abschiede von mir fortgeritten, ohne sich nher ber seine Absicht zu erklren.
Zorn trat der verschmhten Liebe nach, es war mir unleidlich, dem Ritter zu
Ehren so viele liebe Gewohnheit aufgegeben, so viele Arbeit unternommen zu
haben, ohne von ihm des rechten Danks gewrdigt zu sein. Mein Ro und mein Falke
wurden wieder zu Gnaden angenommen, ich durchstrich den Wald allein, da mein
Vater, wie ich zu erzhlen verga, wegen eines Zuges zum Heiligen Grabe noch
immer abwesend war, doch nahm ich gern einen Diener des Ritters mit mir, der bei
seiner Abreise entlaufen und zu mir gekommen war. Einstmals machte mich dieser
auf ein vielstimmiges Vogelgeschrei aufmerksam. Ich ritt voll Neugierde nach dem
seltsamen Zauberklange und fand mich von einem goldnen Netze gefangen, der
Ritter hatte es ber mich geschlagen, indem dessen Enden an eine goldne Krone
befestigt waren. So hatte sich alles erfllt, mit vielen Kssen erzhlte er mir,
da er den Auftrag meines Vaters, die lang bewahrte Krone der Hohenstaufen zu
rauben und durch deren berlieferung seine Vershnung mit dem Kaiser zu machen,
erst erfllt habe. Die Krone sei in seiner Gewalt, er habe sein Gelbde erfllt
und nichts hindre unsre Verbindung. Da wendete sich mein Herz ganz zur Freude,
der Diener pfiff frhlich, er war immer mit seinem Herrn im Einverstndnisse
gewesen. Nach dem ersten Freudenergusse berichtete er mir, wie ihn das Geschick
begnstigt habe, die Krone in seine Gewalt zu bekommen. Seht hier das dritte
Gewebe, den Glasturm in der Mitte des Wassers und hier den khnen Schwimmer auf
dem abgerissenen, treibenden Holzstamme, die Krone auf dem Haupte. - Hier hielt
sie inne, aber der Prior bat dringend, um die Erzhlung, er habe so oft von der
Burg der Kronenwchter gehrt und nimmer den Ort sich deutlich machen knnen, wo
sie zu finden. - Die edle Frau fuhr dann fort: Ich la mich heute einmal gehen,
ich wei nicht warum, doch ihr seid gute Seelen und werdet mich nicht den
Unerbittlichen verraten, die mir den Gemahl raubten. Der Ritter hatte durch
seinen frheren Aufenthalt einige Kunde, in welcher Richtung das Schlo zu
suchen sei. Vierzehn Tage war er einsam mit seiner Liebe zu mir durch Wlder und
Auen hingestrichen, ein schmerzlich ses Leben, doch ungewi seines
Entschlusses, es kostete ihm viel, den Willen meines Vaters zu erfllen.
Rtselhaftes, trostloses Geschick, seine Heiligen hat uns der Himmel entzogen,
sie wandeln nicht mehr unter uns, die Engel verstecken sich den ernsteren Tagen,
und die Gewalt der Jahrhunderte fllt wie ein Fels unerwartet, oft unerkannt auf
die Brust des Erwachsenen, der gegen sie immer nur ein Neugeborner ist, und wer
ist der Engel bedrftiger, als wir Abkmmlinge groer Begebenheiten. -
    Wir, sagte der Prior mit Bedeutung. Aber in so trauriger Welt wiegten
sich dennoch, fuhr die edle Frau fort, alle Liebesgedanken an mich mit den
klingenden Federspielen auf wilden Rosen des Weges, die Quelle des Weges glnzte
von dem Heiligenschein, den sie der Welt zurckstrahlte, nichts entreit dem
jugendlichen Herzen Hoffnung und Reiselust. Endlich wurde ihm der Weg
ungewisser, die Hirten seltener, die Wlder hrten auf, Wolken versteckten ihm
die Gegend, sie lagerten sich feucht um ihn her und die Sonne ging ber ihm, wie
ein trbes Mondlicht in schwankender Bewegung. So kam der Abend still und
anteillos, als ob er in eine andre Welt bergestiegen, es wurde immer klter,
ein Steinbock, der ber eine nahe Klippe sprang, entdeckte ihm, da er an einem
Abgrunde stehe, in welchem zwei Geier mit gewaltigem Flgelrauschen sich um ein
zerschmettertes Ziegenlamm mit den Schnbeln zerzausten, da ihm die Federn ins
Gesicht flogen. Hier mute er sich wenden, er hoffte auf nahe, menschliche
Wohnung, weil er diese so lange nicht wahrgenommen, mute aber immer weiter von
den Menschen fort, immer hher hinauf eine Eisebene ansteigen, die jetzt noch
leichter, als im Sptsommer zu berschreiten war, weil das Tauwasser noch keine
bedeutende Risse darin gesprengt hatte. Es war ihm schmerzlich so weglos zu
irren, aber die hohe Luft fllte ihn mit einem seligen Mute: er msse seiner
Liebe folgen und die alten Schmerzen seines Hauses enden. Da traten ber ihm die
Sterne aus blauer Himmelswoge hervor und er war gewi, auch ich mte in dem
Augenblicke zu ihnen aufblicken und fr ihn beten, wie er fr mich. Und als er
so still an einem Eisaltare betete und seine Trnen, die er nicht halten konnte,
zum Opfer brachte, da hrte er jenseits einen Zug geharnischter Mnner rasseln,
die heftig gegen einen unter ihnen tobten, und ihm den Tod schworen, weil er auf
der Wacht eingeschlafen sei, nun mten sie darum in der kalten Nacht wie Gemsen
auf den Gletschern herumsuchen, wo der Fremdling tot oder lebendig zu finden und
zu fangen sei den ihnen der Hirte beschrieben. Ein paar lieen sich den Fremden
beschreiben und der Ritter erkannte sich deutlich an dem Panzerhemde, das rot
besetzt sei, an dem grnen Barett. So furchtbar diese Drohung war, so ging ihm
doch ein Licht auf, er sei nahe der Kronenburg. Er versteckte sich so gut, da
sie ihn nicht erblickten, obgleich ihr Atem von der wehenden Luft sichtbar ber
ihn hingetrieben wurde; dann sprang er freudig auf, als sie vorber, schritt
ber Eisspalten und kletterte ber Felsenstcke, die auf der hchsten Bergebene
wie Riesensitze zur Beratung zusammengetragen schienen. Und als er auch diese
berschritten hatte, da senkte sich das Eisfeld nach der andern Seite. Er
schritt um so schneller, je leichter es ihm jetzt wurde, auch war hier kein
Gletscher, mildere Luft wehte ihn an und in der fernen Tiefe glaubte er ein
Stdtlein mit brennenden Lichtern zu erblicken, das von einem Freudenfeste wach
erhalten worden. Er sehnte sich nach Ruhe, bald bemerkte er aber, da es der
Widerschein der Sterne gewesen, in einem groen Gewsser, das unbegrenzt vor ihm
ausgebreitet lag, was er fr Lichterglanz gehalten, bald deckte ein allgemeiner
Nebel die ganze Aussicht, er konnte nicht weiter gehen ohne Gefahr, auch
bermannte ihn der lange zurckgewiesene Schlaf. Ich lag damals schlaflos auf
weichen Betten, sein Lager war hart, auch weckte ihn zuweilen Hunger, ohne da
er ihn vor Mdigkeit aus seiner Reisetasche befriedigte, sondern er schlief
immer wieder zu schnell ein, die Klte mochte dazu mitwirken. Endlich wachte er
ganz vom Einstrahlen der Sonne, aber er ffnete nur mit Mhe die Augen, denn die
Sonne, die aus dem Wasser emporgestiegen, blendete seine Blicke, die ber
tausend Wunder, wie ber Traumbilder unglubig hinirrten! Die beschneiten Wipfel
hinter ihm wie Paradiesesmauern; Alpenrosen und Bergthymian blhten neben ihm,
ein freudiger, wundervoller Teppich, wie er ihn oft in seiner Weberei ersonnen
und doch nicht ganz erreicht hatte; vor ihm ein endloses Gewsser, der Bodensee,
der ber seine Ufer ausgetreten war und in den noch immer die Wasserflle mit
ausgerissenen Tannen und Felsenstcken niederdonnerten, die Sonne aber schwamm
ruhig auf ihm, wie ein Glutschiff. Er ging entzckt taumelnd einige Schritte,
sah nieder und warf sich erschreckt auf den Boden, schlo die Augen und drckte
die Steine an sich, wie seinen letzten Halt. ber dem Wasser schien er sich zu
schweben und ohne Hoffnung an dem glatten Felsen niederzugleiten, der gerundet
ihm die Gefahr versteckt hatte, bis er in trumenden Gedanken die Hhe der
Wlbung erreicht hatte und schon zwischen Himmel und Wasser schwebte. Sich
selbst aufgebend, meiner noch denkend, lie er sich einige Ellen niedergleiten,
da stand sein Fu an einem Vorsto fest. Er blickte hin und sah, da er einen
gehauenen, schmalen Felsensteig erreicht hatte, der ihm von der Felsenwlbung
versteckt gewesen war, er sah jetzt eine Felsenbucht zu seiner Linken, die nur
durch diesen Fugang eingnglich schien, das Wasser brauste gewaltig in
Strudeln, und in der Mitte dieses Wellenschaums stand fast wie der Schatten
eines Schlosses ein siebentrmiges, eckiges Schlo, das in seinen Trmen vllig
durchsichtig und von Glasstcken erbaut schien, da jeder der Trme einen bunten
Regenbogen auf die entfernte, schwarze Wasserflche der Bucht und auf die
schwarzen Felsen warf. Er hatte nie einen so gewaltsamen Anblick erlebt, die
Sonne schien dienstbar dem Menschenwerke und gleich stand seine berzeugung
fest, dies sei die Kronenburg, die Pfalz der Hohenstaufen. Alle Furcht war
verschwunden und Glut durchkochte seine Wangen, die Krone zu gewinnen, die ihm
durch seine Geburt gehrte. Er eilte den Felsenweg nieder; sah, da die
kunstreiche, eiserne Laufbrcke ber das Wasser gespannt war. Schon glaubte er
alles gewonnen, da sah er vor der Brcke zwlf alte, starke, geharnischte
Mnner, ihre Fe blutig, als ob sie beim schweren Steigen ber Gletscher sich
selbst verwundet htten, um einen Anhalt an der glatten Flche zu gewinnen. Es
waren dieselben, die ihn so zornig auf dem Gebirge suchten, aber sie schliefen
jetzt wie todmde Menschen unerwecklich, schienen aber nicht willig
eingeschlafen, denn sie hielten noch ihre Schwerter, als wachten sie bei der
Brcke. Da war's, als ob der Tod schon hinter ihm mit der Sense gehe, als ob die
Engel ihm die Fe vorwrts hben und stellten, da er die Brcke berschreite,
so schneidend sauste die Luft hinter ihm, als er ber die hochschwebende,
eiserne Stufenbrcke schritt, so sorglich umflogen ihn die Tauben, da er sich
nicht einsam fhle und schwindle. Ich kenne euch Regenbogenhlse, dachte er,
seid ihr heimlich mir nachgeflogen, ihr waret meine einzige Gespielen auf
Hohenstock, leitet mich, ihr treulich Liebenden! So gelangte er an den hohen
Eingang und erblickte an jeder Seite zwei eiserne Mnner mit groen
Doppelschwertern. Er zog sein Schwert, da er nicht ungercht fiele, aber sie
standen still und er sah, da ihr Antlitz von Glockengut bei der Berhrung hohl
erklang; diese herzlos Gewaltigen waren angekettet, weil die Wchter drauen auf
Kundschaft harrten. Glorreich in sich betrat er den ersten Platz, da sangen die
Vgel in ewigem, sichern Frieden und die Blumen schienen keinen Winter zu
kennen, die Erde schuf sie in einer Flle der Kraft, wie nirgend sonst;
Fruchtbume an Glasstben der Glasmauer aufgebunden, standen in voller Blte,
groe, bunte Schmetterlinge flatterten hier wie eine Herde. Und er trat weiter
in den zweiten Hof, der von Wohnungen umgeben war, da stand ein hoher
Schleifstein, der von einem rieselnden Wasser wie eine Mhle getrieben wurde und
Schwerter lagen umher, die frisch geschliffen waren. Nie hatte er solchen
Klingenglanz erblickt, er warf sein Schwert fort und whlte sich das schnste,
der feine Sand des Mhlsteins war davon noch nicht abgewischt. Aber kaum war er
so bewehrt, da brllte ihm ein Lwe entgegen, der ein ganz junges Kind, als wr
es von ihm geraubt, an den Windeln, worin es eingeschlagen, trug. Mitleid mit
dem Kinde unterdrckte jede Rcksicht, er trat auf den Lwen zu, der das Kind
nun fallen lie. Der Lwe erhob sich auf seine Hintertatzen, er durchstach das
gewaltige Ungeheuer. Das Kind schrie, er hob es auf, es schien unversehrt, das
Kind war ihm lieb wie die Krone, er hatte es erstritten, er konnte es nicht
lassen. Nun eilte er von einem Turme zum andern, die Krone zu finden, durch das
Geprnge der Silbergefe in den engen, gewlbten Gngen. Nicht schreckten ihn
in doppelten Farbenspiegelungen die gemalten Wchter, nicht die Schneckentreppen
in freier Luft, nicht die einzelnen Steine, auf denen er zur Spitze auerhalb
dem Turme schreiten mute, er sah auf das Kind in seinem Arm, wenn ihm graute.
Endlich auf dem mittelsten, hchsten Turme sah er in einer kristallenen, matt
geschliffenen Schale die Krone blinken, aber noch zwei Stufen waren zu
berwinden, die sich um die enge Spitze des Turmes wendeten. Auch diese waren
berwunden und schon hielt er die Krone in seinen Hnden, einen schlechten,
goldnen Reifen ber einen eisernen Ring geschmiedet, da merkte er erst, da er
keinen Augenblick in der Hhe verweilen drfe, sondern unmittelbar sich
zurckwenden msse, weil die obere Stufe zu schmal war, um ihn mit beiden Fen
zu tragen. Es gibt Augenblicke, die so furchtbar schnell zu einem Entschlusse
drngen, da der hhere Wille keine Zeit hat, den rohen Trieb zu bemeistern. Dem
Ritter blieb in dem Umwenden scheinbar die Wahl, entweder die Krone, oder das
Kind in die Wasserflut zu strzen, wenn er nicht mit beiden niederfallen wollte.
Da er aber das Kind herabschleuderte, war nicht seine Wahl, wie er mir oft
geschworen, sondern es geschah, ehe er whlte. Mit seinem Leben htte er das
Kind errettet, denn was war ihm die Krone? Nur als Brautgeschenk, um mich zu
erhalten, hatte sie ihm einen Wert; er htte mir gern entsagt, wenn er das Kind
htte retten knnen. Nie hat er das Schmerzliche dieses Augenblicks vergessen
und sich oft gewnscht, er wre nachgesprungen in die Flut, auch meinte er
immer, da er dafr einen gewaltsamen Tod wohl verdient habe. Das Unglck war
geschehen, das Kind seiner Hand entschlpft, er wnschte ihm nachzustrzen, aber
er kam glcklich mit der Krone zum Schloplatze nieder. Da hrte er die schweren
Wchter ber die Brcke kommen, ihm blieb kein Ausweg, als das Wasser, und darum
folgte er dem Wasser der kleinen Mhle, setzte die Krone auf sein Haupt, warf
Waffen und Kleider fort und senkte sich mit dem Flchen am glatten Bauwerke in
den See nieder, in welchem eine groe Zahl von Stmmen, mit ihren unzhligen
sten vom Berge niedergestrzt, umhertrieben und die Drehung des Wassers
hemmten. Auf Hohenstock zur Schwimmerei erzogen, half er sich leicht zu einer
Tanne hinber, aber sie war zu klein und sank unter seiner Last, doch nutzte er
ihre Hlfe, um zu einer grern sich hintreiben zu lassen, die ihn wie ein
sicheres Flo aufnahm. Da blickte er um sich, sie deckte ihn mit ihren Zweigen,
er sah, da die Kronenwchter, die des Lwen Tod und den Verlust des Kindes
wahrgenommen, umsonst riefen und suchten und schauten, sie bemerkten nicht, wo
er entkommen; er trieb unaufgehalten der breiten Seeflche zu, von brtenden
Tauben, die ihre Jungen in den Nestern nicht aufgeben wollten, in den sten
umflattert, von namenloser Qual durchbebt, sein reines Leben mit dem Morde des
Kindes befleckt zu haben. - Hier schwieg die edle Frau, indem sie einen Teppich
hervorsuchte, der Prior aber flsterte zum Baumeister: Hlt sie mich wirklich
fr so einfltig, da ich das Mrchen glauben soll, ich war so oft am Bodensee
und habe nie von solcher Felsbucht gehrt. Der Baumeister lchelte, winkte und
strich sich ber das Kinn, verzog auch den Mund, als ob er selbst nicht alles
glaube, doch sagte er: Wer kann vor den rgerlichen Seerubern da in alle
Felsenschluchten fahren, sie unterbrechen allen Handelsverkehr der Stdte.
    Nach einer Pause fuhr die edle Frau in ihrer Erzhlung fort, als ob sie das
leise Geflster gehrt htte: Vielleicht dnkt Euch diese Erzhlung des Ritters
ein Traum, den er sich ernstlich eingebildet hatte, ich frchtete fr seinen
Verstand, als ich sie vernahm und suchte ihn um so liebreicher zu trsten, je
lieber ich die Geschichte vergessen htte. Ein Blumenkranz, den er mir
mitbrachte, war mir lieber, als die berhmte Krone, ich nahm den Schlssel des
Kastens, wo er die Krone eingepackt, da er der verhaten Gedanken sich
entschlge, und zog mit ihm aus dem einsamen Jagdhause zum Schlosse meines
Vaters, der bald darauf von der Pilgerreise, die er wegen der Trken nicht
vollenden konnte, mit seinen frheren Planen beschftigt, zurckkehrte. Mit
heftiger Freude hrte er die Erzhlung des Ritters, er schien alles zu glauben,
ich mute die Krone bringen, er kte sie wie ein Heiligtum, sagte aber, sie sei
bei mir sicherer, als bei ihm, er knne nicht jedem in seiner Umgebung trauen,
seine Zeit sei noch nicht reif. Unsre Vermhlung wurde als Dank fr dieses
Brautgeschenk ungesumt, aber heimlich, vollzogen und der Ritter schien seinen
Gram vergessen zu haben. Doch als ich ihn mit der Hoffnung erfreute, Vater zu
werden, da trat es ihm schwarz in die Gedanken, die Kronenwchter mchten sich
an seinem Kinde rchen, wegen des Verlusts des begnstigten Sprlings. Er
beredete mich, scheinbar mit ihm zu einem verwandten Hause nach Flandern zu
reisen, uns aber im tiefsten Walde meines Vaters, als Bauern verkleidet,
niederzulassen. Mein Vater willigte ungern in den Plan, er fhlte sich nahe dem
Tode und htte sich gern noch die letzte Zeit den Lebenden angeschlossen, aber
er frchtete selbst Gefahr, da er zwar noch nicht seine Ausshnung mit dem
Kaiser durch berlieferung der Krone abgeschlossen, aber in der Unterhandlung
begriffen war. Wir lebten ein glckliches halbes Jahr in der Einsamkeit, ein
Diener sorgte fr unser Bedrfnis, wir trieben es in kunstreichen Webereien zur
grten Vollendung und erfreuten den Vater mit unsern Arbeiten, indem wir ihn
durch diese Abbilder knstlich in unsre Nhe zauberten. Ich wurde von einem
Sohne entbunden, genas bald wieder und nichts schien unserm Glcke zu fehlen.
    Die Fremde hielt inne, drckte ihre Stirn mit der Hand und fuhr fort: Als
wir eines Nachmittags den Huf eines Rosses durch den Wald schallen hrten, da
fuhr ich auf, wie aus einem Traume, und der Ritter erschrak bei dieser
Seltsamkeit, denn der Wald war so dicht, da niemand seinen Weg durch denselben
nahm, am wenigsten zu Rosse. Er griff nach seiner Armbrust, aber ich hielt ihn,
denn im Augenblicke entdeckte ich, es sei ein sehr alter Mann, der sich mit
seinem Ro durch die Bsche qulte, und mein unseliges Mitleiden raubte mir
alles. Der Ritter unterhielt sich mit dem Alten, er nannte sich Martin. -
Martin? fragte Berthold halblaut. - Martin nannte sich der Alte und seinen
Herrn nannte er den Ritter von Golm, der unfern mit seinem Pferde harre, sie
htten sich durch Irrlichter anfhren lassen, so wren sie schon in der Nacht
von der Strae nach Augsburg abgekommen. Der Ritter entschlo sich, sie auf die
rechte Strae zu begleiten, aber meine Neugierde erwachte, etwas Neues von der
Welt zu hren, da mein Vater nicht schreiben mochte und der alte Diener zu
einfltig war, etwas Neues zu begreifen. Der Ritter gab meinem unseligen
Verlangen nach, zur Strafe dieser Neugier habe ich ihn verloren und dem
Tageslichte entsagt, bis ich meinen Sohn wieder finde. - Er brachte den fremden
Ritter und seinen Reisigen Martin in unser Haus, ich wandte mich mit allerlei
Fragen an den Ritter, der alt und grmlich sie nur kurz beantwortete und sich
verwunderte, was wir Wald-Bauerleute uns um die hohen Huser Schwabens
kmmerten. Mein Ritter gab vor, wir htten Sollst beide in einem der Huser
gedient und htten uns in die Wildnis geflchtet, weil der Herr unsre Heirat
nicht zugeben wollen. Der alte Ritter stellte sich etwas unglubig und wollte
seine Waffen nicht ablegen, auch nichts genieen, was wir ihm vorsetzten,
vielmehr mute sein alter Martin ihm selbst etwas, das er bei sich fhrte, in
der Kche wrmen. Der unbequeme Gast verdarb uns schon alle Laune, oder war's
die Ahndung des nahen Unglcks, da der Ritter und ich mehrmals mit heimlicher
Trauer einander die Hnde drckten. So stumm saen wir drei bei einander, als
ein seltsames Knistern und Sausen ber uns meinen Ritter aus dem Traume weckte;
er riet nicht lange, was es sein knne, denn Martin strzte herein und sagte,
der Schornstein msse nicht fest gewesen sein, das Sparrwerk des Daches brenne.
Ich eilte halb sinnlos nach der Wiege des Kindes und ri es heraus, der Ritter
sprang nach dem verdeckten Behltnisse unter dem Bette, wo die Krone bewahrt
wurde, und nahm die Krone offen in seine Hand. Wir eilten mit dem Ritter und
Martin ins Freie und bemerkten dort, da der Brand nur den oberen Teil des
Daches ergriffen und da wir noch in Sicherheit so manches unsrer Arbeiten und
unseres Gertes erretten knnten. Ich gab mein Kind dem alten Ritter und sprang
ins Haus zurck, mein Gemahl folgte dem Beispiele und warf die Krone beiseite,
indem er mir folgte. Wir brachten manchen seltnen Schrank und unsre Teppiche
hinausgetragen und als wir fertig mit der Rettung unsrer besten Sachen waren,
riefen wir nach dem Ritter, weil wir ihn nicht gleich sahen. Da hrten wir in
einiger Entfernung sein Lachen und seiner Rosse Wiehern, Kind und Krone fehlten,
wir fhlten und es erstickte unsre Worte, da wir schrecklich betrogen waren,
da dieses Feuer nur angelegt worden, um zu entdecken, wo die Krone verborgen
sei. Ich blieb sinnlos stehen und lehnte mich an einen Baum, mein Ritter zog
sein Schwert und eilte den Rubern wie ein Rasender nach. Ich hrte
Waffengeklirr, ich sah Martin, den Reisigen, im Gefecht mit meinem Herrn, da
sank ich nieder. Ich meinte meinen Herrn gesehen zu haben, wie er mit blutigem,
gespaltenen Haupte zu mir trat, vor mir niedersank, mich um ein letztes Andenken
bat, und wie ich in Erstarrung den goldnen, schn geschuppten Trauring in die
Wunde drckte. Ist's ein Traum gewesen, so war er schrecklich deutlich, aber
kein andres Bild aus meinem wahnsinnigen Zustande ist mir so deutlich geblieben.
Der alte Diener, der mich fand, konnte von meinem Ritter, von dem Kinde, von der
Krone nichts entdecken, die Gestruche waren mit Blut bespritzt, mein Herz
wute, es sei das Blut des Geliebten, mein Verstand unterlag, ich fhlte bald
nichts von der Welt, deren Ungewiheit mich von ihr losgerissen hatte. Der alte
Diener fand mich sinnlos, allmhlich besann ich mich, der Tod des Vaters ging
gleichgltig meinem Ohr vorber. Erst im Hause dieses edlen Baumeisters lernte
ich wieder denken, erkannte meine Schuld, und brachte zur Shne meiner Neugierde
das schmerzliche Gelbde, das Tageslicht zu meiden, bis ich den Sohn oder den
Geliebten wieder finde. - Ihn habe dies Gelbde nicht angeraten, sagte der
Baumeister, wer etwas sucht, mu Tag und Nacht danach sich umsehen. -
Vergebens sind meine Reisen gewesen, fahr die Fremde fort, doch was ist
vergebens? Seht hier auf diesem Teppich, den ich nicht vollenden konnte, und den
ein junger Maler Sixt, der mich begleitet, mit geschicktem Pinsel fllte, das
brennende Haus, unter welchem wir ein seliges Jahr wohnten, dort den tckischen
Ritter mit Kind und Krone, den grimmigen Martin, den ich aus tiefster Seele
verfluchte, und hier den blutigen Ritter, der ein Andenken von mir begehrt. -
Aber was ist Euch, junger Herr? fragte sie ngstlich, da sie alle
zusammenfuhren, den jungen Berthold, Eure Trnen bermannen Euch, Ihr wechselt
die Farbe wie ein Kranker. - Mit gebrochener Stimme antwortete Berthold: Mir
wird gewi wohl, wenn ich ins Freie komme, erlaubt mir nur wenige Zeit, ich
werde mich erholen und Euch etwas berbringen, woran jetzt meine ganze Seligkeit
gekettet ist.
    Er eilte nach seinem Hause, fand Frau Hildegard bei ihrer Lampe sitzen und
beten, es tat ihm wehe, ihr zu sagen, da er sie wohl nicht mehr lange als seine
einzige, liebe Mutter verehren wrde, er antwortete ihr daher nur unbestimmt auf
die Frage, was er suche, und sie berichtete ihm whrend des Suchens, da der
alte Berthold wegen des ausgehngten Turmwchters zum Brgermeister spt abends
gerufen und noch nicht wieder gekommen sei, weswegen die Leute meinten, der
Brgermeister habe ihn einsetzen lassen. Diese unangenehme Nachricht ging ohne
tiefen Eindruck an ihm ber, sie merkte aber den rger und die Angst, in die er
sich versetzt fhlte, als er den Kasten mit dem geliebten Haupte durchaus nicht
an der Stelle finden konnte, wo er ihn hingestellt hatte. Frau Hildegard konnte
keine Auskunft von ihm erpressen, was er suche; die Angst, das Kennzeichen
seiner Geburt verloren zu haben, verwirrte ihn schon, er hrte auf nichts und
htte im unruhigen Durcheinanderwerfen die Kiste gewi bersehen, wenn sie
gleich vor ihm gestanden htte. Endlich sprach Frau Hildegard mitleidig: So ist
nun der Mensch, er meint, der Teufel habe sein Spiel, wenn er irgend eine
Kleinigkeit, die er braucht, nicht finden kann, und einen guten Gedanken, den
ihm wohl ein Engel zum Trost der Seinen eingeben knnte, verschluckt er darber,
als ginge er nicht verloren, wenn er zu spt kommt. La dein Suchen und rate
mir, wie wir uns mit dem Brgermeister benehmen! - Das Wort drang in sein Herz,
er fiel der Mutter Hildegard und den Hals, er suchte sie zu trsten wegen des
Vaters; dann vertraute er ihr die Hoffnungen seines kindlichen Herzens, und wie
er nur geschwiegen, um ihr die Sorge zu sparen, als ob seine Liebe schwcher
werden knnte, wenn sie sich teilte. Frau Hildegard weinte und segnete die
hhern Wege der Vorsehung, wnschte sich aber zurck in die stille Ruhe des
Turmes, wie sie der Welt nher gekommen, werde sie auch von ihr bewegt; dann
zeigte sie auf einen Wandschrank, wo unser Berthold das Heiligtum fand. Er
drckte den Schdel so heftig an Mund und Herz, da jenes Blinkende, was Martin
fr einen Helmring angesehen, aus der ffnung des Schdels sprang und ber den
Boden rollte. Es ist ein Trauring, sagte Hildegard, die ihn aufhob, hier
steht der Tag eingegraben im innern Kreise. Besinnungslos freudig sprang schon
Berthold mit Schdel und Ring die Treppe hinunter zur Wohnung der edlen Fremden.

                              Siebente Geschichte



                                   Der Sturm

Er fand nur Apollonien im Zimmer der edlen Frau, sie hatte sich zur Besorgung
einiger Briefe fortbegeben. Ohne sich Apollonien erklren zu knnen, drckte er
ihr die Hand und kte den Schdel; Apollonien durchdrang ein Entsetzen, sie
weinte, denn er schien ihr sinnlos. - Beweine nicht mein Glck, antwortete
Berthold, wer keinen Vater, keine Mutter kannte und von Fremden so mild und
zrtlich, wie ich auferzogen wurde, der ahndet erst alle Liebe, die eine rechte
Mutter zu ihm trgt, und auch dich, Apollonia darf ich ohne Scheu anblicken, aus
gutem, edlen Stamm bin ich entsprossen, bin kein Findelkind, dessen sich die
Eltern schmten, wie mir die bsartigen Knaben der Stadt sonst nachschrien, als
ich noch ein armer Schreiber war. - Bist du also vornehm geworden, fragte
Apollonia, dir gnne ich's recht von Herzen und will fr dich im Kloster beten,
da kein Glck dich verdirbt. - Du willst wieder ins Kloster? fragte Berthold
traurig. - Ich war recht glcklich und zufrieden im Kloster, antwortet:
Apollonia.
    Jetzt trat die edle Fremde ein und ihr erster Blick fiel auf den Ring, der
aus der Wunde des Schdels entfallen, in Bertholds Hand glnzte, sie sah auch
den Schdel und die tiefe Wunde, in der er so lange verborgen gelegen, sie
glaubte, die geliebte Gestalt wieder zu erblicken, und es hatte nach so langen
Leiden ihr nichts Schauerliches mehr. Mit hastiger Ungeduld, der Worte oft nicht
mchtig, stammelte Berthold seine Geschichte, wie er auf dem Schdel geruht, was
Martin oft so bedeutend von ihm gesprochen. Nun wute sie, was sie bei seinem
Anblicke gefhlt hatte, ihr war alles gewi, sie umhalste ihn mit Trnen,
drckte ihn an sich und sprach: So habe ich dich wieder, du geliebter Sohn, und
keine Macht soll dich mir rauben, du bleibst nun an meiner Seite; wie eine
Lwin, die ihre Jungen schtzt, so will ich dich mit meinem Blute bewahren! -
Wie viele Jahre meiner Liebe sind dir verloren, denn gut kann der Mensch gegen
jeden sein, aber nur das Blut bindet die Liebe unauflslich; so kann dich keine
Mutter lieben, wie ich und die heilige Mutter, der ich dich so oft in meinem
Gebete empfahl! Ach deinetwegen lerne ich die Schrecklichen wieder frchten, in
deren Gewalt dein Geschlecht seit Jahrhunderten zwischen der Hoffnung
unerreichbarer Herrlichkeit und der Furcht eines gewaltsamen Sturzes ohne Boden,
ohne Himmel schmachtet. Ich darf dich nicht von mir lassen, du mut dich
bldsinnig anstellen, um vor ihnen sicher zu sein, ihre Gaben sind wie des
Teufels Schtze, in der Nacht glnzt es wie Gold, am Tage sind es Kohlen. Was
soll ich dir schenken zu der seligen Stunde, bewahre den Ring, bis du eine
Jungfrau findest, die dir noch ber dies teure, vterliche Andenken geht,
verschenke ihn nicht leichtsinnig. - Berthold betrachtete den Ring und blickte
zu Apollonien. Die Mutter verstand beide und wollte schon die Ringe wechseln, da
blickte die aufgehende Sonne feurig durchs Fenster, da fiel die gute Frau auf
ihre Knie nieder und rief inbrnstig: Ich darf dich wieder sehen, du scheinst
in zwei Augen, die ich zu deinem Licht geboren; ruhig wird jetzt die Trauer
meiner Liebe und eine innige Gegenwart mit dem Geliebten; die Lerchen steigen
wieder freudig und die Glocken klingen wieder hell und der Verstand sieht mich
nicht mehr ungltig an. Bei den letzten Worten winkte sie dem Baumeister, der
ernst ber ihr stand und er sprach milde: Der hchste Verstand ist die Gte; wo
mir die noch fehlt, da bin ich ein unverstndiger Geselle, diesmal aber meine
ich doch etwas zusammengefhrt zu haben mit Verstand, dessen sich die hchste
Gte nicht zu schmen brauchte.
    Whrend er noch so wohlgefllig sprach, trat der Prior ein und warnte ihn
ngstlich, der Brgermeister lasse das Haus von allen Seiten durch bewaffnete
Brger umringen. Die Fremde meinte, es wre wegen der Tochter, aber der
Baumeister schttelte mit dem Kopfe und der Prior sagte, er habe ihn sehr heftig
von einer Frau sprechen hren, welche sich fr die Erbtochter eines regierenden
Hauses ausgbe, aber von den Verwandten dieses Hauses als eine Betrgerin
verfolgt wrde. Ich wei, was sie wollen, seufzte die Fremde, die edlen
Steine aus dem Erbe des Vaters, gebt es ihnen, ich besitze Diamanten von
reinerem Wasser in den Freudentrnen, die ich weine. Lat sie ein, die
neidischen Seelen, sie sollen fhlen, da sie mir nichts nehmen knnen, so lange
ich den geliebten Sohn in meinen Armen halte, er ist mein und keine Gewalt
trennt mich von ihm. Der Baumeister trat zwischen und suchte sie zu berzeugen,
der Besitz jener Kostbarkeiten knne nur ein Vorwand sein, ihr werde der Sohn
von den Unerbittlichen nicht gegnnt, um noch in ihr das Vergehen des
unglcklichen Gemahls zu rchen. Ihr wit ihn jetzt wohlbewahrt, reichlich
versorgt, sagte er, Ihr scheidet nicht auf ewig von ihm, Euer Gelbde ist
gelst, erfllt die Wnsche meiner Treue, lohnt meinen vieljhrigen Dienst! Was
ist Euch der frstliche Name, dessen viele Euch wegen der ungleichen Geburt
Eurer Mutter und wegen der Vermhlung mit dem unbekannten Ritter fr verlustig
achten. Als meine Frau kann Euch die freie Stadt Straburg schtzen. - Aber die
Fremde hob den Schdel des geliebten Gatten auf und sprach: Alles knnte ich
Euch schenken, und lohnte Eure Dienste nur gering und das einzige, was Ihr
verlangt, mein Herz, meine Hand, sie beide sind nicht mein; von meinem Gatten,
von meinem Sohne trennt mich kein Entschlu, nur die Gewalt, die mich dem Leben
entreit, kann mich von ihnen scheiden. berlat mich dem Geschicke meines
Himmels.
    In diesem Augenblicke stie der zornige Brgermeister die Leute der Fremden,
die ihn aufhalten wollten, ungeduldig von sich und trat ein, mit dem Ausrufe Im
Namen meines Grafen! Aber der Baumeister fhrte ihm in dem Augenblicke, wo er
die Fremde fr eine Gefangne erklren wollte, die zitternde Apollonia entgegen.
Diese unerklrliche Erscheinung brachte den heftigen Mann auer Fassung; htte
er Berthold erblickt, so htte sein Zorn eine Erklrung gefunden, aber die
Fremde hielt ihn noch in ihren Armen. Du hier? fragte der Brgermeister
stammelnd und Apollonia konnte schluchzend nicht antworten. Nach kurzer
Besinnung nahm er sie beim Arm, Berthold wollte sie zurckhalten, aber sie
selbst entzog ihm in der Angst die Hand, die er von der Abgewendeten ergriffen
hatte. Eine Unbestimmtheit hatte alle ergriffen, die jeden lhmte, und wie
Krankheiten im Menschen solche Vorgefhle von Erschpfung voranschicken, so
schien diesmal ein gewaltsames Ereignis in den Lften wie eine allgemeine
Krankheit des Gestirns auf alle Bewohner zu wirken. Ein Sturm erbebte durch die
Gassen der Stadt, den die innerlich Erschtterten bis jetzt berhrt hatten. Mit
steigender Heftigkeit pochten die Luftadern, die fallenden Reihen der
Dachsteine, die klirrenden Fenster, das Geschrei der Menschen, die sich in ihren
wankenden Holzgebuden nicht mehr sicher glaubten, wurden jetzt erst hrbar, wo
der Sturmwind ein schlecht verschlossenes Fenster des Zimmers, wo sich alle noch
befanden, aufschlug, Stroh und Baumste hineinfhrte und mit allem Beweglichen
im Zimmer sein tolles Spiel forttrieb. Von allen Seiten riefen Stimmen nach dem
Brgermeister, es wurde der Befehl von ihm verlangt, da alle Feuer auf den
Herden gelscht wrden, damit nicht eine allgemeine Feuersbrunst den Schrecken
erfllte. Der Mann war an so schnelle Entschlsse wenig gewhnt, er verlangte in
der Verlegenheit nach dem Rathause, aber die Tochter lie er nicht aus der Hand,
gleich wie die Fremde den Schdel und den Sohn bei allem Sturm immer fester an
sich drckte. So zog nun der Brgermeister mit der Tochter, der grimmige
Schlchter mit dem zerschmetterten Lamm ab, ber das der sichre Stall
zusammengebrochen war.
    Nun trat, als er geschieden, der Prior aus seinem Versteck heraus; er hatte
fr seinen Namen, fr sein Amt gebetet, da er nicht als Entfhrer der Tochter
in Anspruch genommen werden mchte. Er benutzte zur Flucht die ersten
Augenblicke, wer htte geglaubt, da ein feurig rotes Antlitz so bleich werden
knnte!
    Die Fremde allein schien wieder ganz ruhig und gefat, sie sprach zu
Berthold: Das Unglck ging vorber, auch der Sturm hat seine Zeit, um so
schner wird die Stille sein, in der jeder erkennt, wie viel ihm blieb. - Wir
mssen den Sturm benutzen, um fort zu ziehen, sprach der Baumeister nach
einigem Umschauen in den Vorderzimmern, ich habe die Pferde bestellt, unsre
Wache ist fortgelaufen, jeder zu den Seinen, mgen sie mich fr einen Zauberer
halten, weil ich die Gewalt der Natur als ein gutes Zeichen benutze. - Aber die
Fremde erklrte fest, da sie bleiben wolle; wenn sie ihren Ansprchen entsage,
werde sie Schutz und ruhigen Aufenthalt bei dem geliebten Sohne finden, sie
wolle nicht lnger wie das Laub im Sturme von entgegengesetzten Gewalten sich
emportreiben lassen, sie wolle ruhen an der Erde und bald auch in der Erde. -
Der Baumeister machte ihr leise Vorstellungen, aber sie lehnte alles ab, dann
nahm er mit tiefem Ernst eine Kette vom Halse, die er von ihr trug, zerri sie
und gab sie der Fremden zurck. Sie reichte ihm die Hand zum Kusse, er kniete
lngere Zeit still vor ihr. Der Wagen rollte vors Haus, er verlie Mutter und
Sohn mit Schweigen.
    Ihm folgten die meisten der Leute, welche die Fremde bis dahin als die Ihren
behandelt hatte, auch der Maler Sixt, dessen Kunst sich ihr oft in Beihlfe
verbunden hatte. Sie weinte auf, die liebe Fremde, als der Wagen im Sturme
rollte: Ich habe einen Freund verloren, sagte sie, dich aber kann ich nicht
verlieren, mein Sohn, fhre mich in dein Haus zu den treuen Seelen, die deine
Jugend bewachten, der Sturm senkt die Flgel, er hat erfllt, was er sollte, und
die zerstreuten Wolkenschflein sammeln sich wieder ruhig aneinander; es bedarf
der ganzen Gewalt und Erschtterung des Erdelements, um dem Geiste seine
Freiheit zu geben. Ich war befangen von innen und uerlich von meinen Feinden
bewacht, der Sturm hat alle Ketten abgeschttelt und ich danke dem Himmel, da
die Zerstrung, in der auch dieses Haus schwankte, mir ein neues Vertrauen
geschaffen hat. - Berthold bat die heftig bewegte Mutter, sich zu beruhigen,
das morsche Huschen zu verlassen und in dem sicheren Hause einzukehren, das er
zu irdisch ewiger Dauer begrndet und auferbaut habe. Sie sprach noch mit ihren
Dienern, dann fhrte er sie hinunter auf die Strae. Da flatterte ihm ein
Schleier in die Augen, der an einem eisernen Schildhaken hngen geblieben. War
es Apolloniens Schleier? Vielleicht ihr letzter Gru der ihm werden sollte. Er
wagte es nicht, ihn mitzunehmen, so sehr es ihn gelstete, denn er war strenge
von Berthold gegen jeden Diebstahl gewarnt worden; aber er blickte so lange es
ihm mglich nach dem Schleier um, als wre es die Geliebte, und als er dem Auge
ganz verschwunden, da stand er schon in der Nhe seines Hauses. Und nun beengte
ihn die Sorge, wie Frau Hildegard seine Mutter empfangen wrde, sie vertrug sich
nicht mit andern Frauen und hatte daher keinen Umgang. Sie liebt mich, dachte
er endlich, sie wird auch die Mutter lieben.
    Gottes Segen ber dich, lieber Sohn, rief Frau Hildegard ihm entgegen,
eben bringt Meister Fingerling die Nachricht, da unser guter, alter Turm bei
dem Sturm zusammengestrzt ist, eben als ein Wagen mit einem Fremden
hinausgefahren war; da wre ich wie der neue Trmer in meinen Snden
hingestorben und verdorben, wenn du mich nicht in das neue Haus gefhrt
httest. Es gibt Zeichen und Wunder, rief die Fremde. - Wen fhrst du mir
ins Haus? fragte Frau Hildegard. - Die Mutter, die mich geboren hat, sagte
Berthold, fhre ich zur Mutter, die mein Leben erhielt; umarmt euch, ihr lieben
Mtter, liebt euch um meinetwillen, da ich euch beide zusammen wie eine Mutter
umfassen, lieben, ehren kann. - Frau Hildegard segnete die Stunde, in welcher
jene Berthold geboren, die Fremde segnete die Stufen, auf denen sie in das Haus
angestiegen, das alles, was sie auf Erden noch liebe, den Sohn und seine treuen
Pfleger umfasse. Da sanken beide Frauen einander zrtlich in die Arme, und
Berthold drckte beide innig aneinander und freute sich still dieser Einigung.
Das Haus und die Treppe waren noch von der Feier des Einzugs mit Blumen
bestreut, Apolloniens Lamm war dem Berthold unbemerkt nach gelaufen, weil er es
getragen hatte, und schlo sich an ihn, als wte es etwas von seinem Glcke.
Die neugierigen Arbeiter, die zur Tre hineinsahen, nahmen unwillkrlich die
Mtzen ab und falteten die Hnde, sie fanden sich durch diese Zusammenstellung
an ein Gemlde der Waiblinger Kirche erinnert.

                                  Zweites Buch



                                Erste Geschichte

                             Die wunderbare Heilung

Die Gewohnheiten und der Schmuck des tglichen Lebens verwandeln sich frher in
der zerstrenden und schaffenden Hand der Zeit und des Menschen, als das
sonntgliche, kirchliche Wesen; die Kunst insbesondere versucht sich erst im
Weltleben und ber lebt ihre meisten Irrtmer in demselben, ehe das Geheiligte
die Verwandlung erfhrt, ja es scheint, da sie sich zuweilen, nach dem
Erreichen einer gewissen Hhe, unter dem Einflusse ewiger Ahndungen ganz von dem
heiligen Kreise wendet, um mit frischer, neu begrndeter Kraft sich demselben
von andrer Seite zu nahen. Es ist leicht, durch den Anblick von lteren Kirchen
uns in die Zeiten Luthers, Drers, Raphaels zu versetzen, schwerer ist's, das
husliche Leben jener Zeit noch irgendwo ungestrt erhalten zu finden. Der Bau
unsrer Huser hat sich so gnzlich verndert, wie unser Verkehr, wir glauben
bequemer zu wohnen; im Bau und Schmuck der Kirchen dagegen ist bei allen
verschiedenartigen Glaubensbekennern noch kein wesentlicher Fortschritt gemacht.
Hat ein Teil der Christen sich der Kunst in Kirchen geschmt (Reformierte), so
hat ein andrer durch bedeutungslose Anwendung derselben (man vergleiche alle
prachtvolle Jesuiterkirchen), sie weder gefrdert, noch den Dienst verherrlicht
und beides wird vor einer neuen Kunst verschwinden, deren Strahlen uns aus der
Dmmerung erwrmen; vielleicht wird ungestrt fortgearbeitet werden, wo Cranach,
Drer und Raphael ihre Pinsel niederlegten, wo die edlen Bilder vor den toten
Augen unter Staub oder Kerzendampf verblichen, oder wo die blinde Wut sie
herabri. Ehe aber diese Zeit eintreten kann, mu Alltgliches und
Sonntgliches, mu Haus und Kirche aus einem Stck gebildet sein, wie damals,
als unser Drer den heiligen Hieronymus mit seinem Lwen in sein eignes
Wohnzimmer setzte, als Cranach den Melanchthon zur Taufe, den Luther zur
Kreuzigung Christi fhrte. Das Himmlische war damals noch nicht so weit der Erde
entrckt, sondern wohnte vertraulich unter den Wahrhaften, der Knstler brauchte
sich nicht in eine andre Welt hinauf zu schrauben, er sah die Seinen im erhhten
Sinn an. Wer zu Wittenberg in Luthers Wohnzimmer geblickt hat, mu die innige,
eigene Entwickelung jener zeit erkennen, wie Blatt und Blte, Krone und Wurzel
einer Pflanze auf einander deuten, so natrlich fhlt sich jene Zeit von ihrem
innern Reichtum auch uerlich durchdrungen, ohne es selbst zu wissen; denn
lebte gleich Luther nach allen Nachrichten prachtlos und einfach, so ist doch
das Getfel, der kunstreiche Ofen, mit edlen Bildern der Wissenschaften und
Knste geschmckt, unendlich besser, einiger mit dem Stil des ganzen Gebudes,
als wir jetzt die Zimmer eines Geistlichen finden wrden. Derselbe Geschmack
herrschte im nrdlichen wie im sdlichen Teil Deutschlands, nur war letzteres
damals durch die Nhe und den Verkehr vieler reichen, freien Handelsstdte noch
reichlicher von jeder Art Knstlern befruchtet, besucht und geschmckt, und da
sich die Kunst erst damals anfing, nach Vlkern zu trennen, auch noch weniger
blo mechanische Scheinblten trieb, so strte es noch nicht so unangenehm, wie
spterhin, Niederlnder und Italiener neben deutschen Knstlern an der Ausmalung
oder Verzierung desselben Hauses arbeiten zu sehen. Manchen dieser Fremden
trieben Staatsverhltnisse nach Deutschland, andre der Erwerb, noch andre in der
ungebndigten Leidenschaftlichkeit jener Zeit unselig vergossenes Blut und
Familienrache, aus gleichem Grunde besuchten auch deutsche Knstler die Fremde,
ohne eben mit diesen Reisen nach Bildung und Unterricht zu streben, ohne sich
die heutige Narrheit auszusinnen, als ob die Kunst nur in Rom ausgeheckt wrde.
Die deutschen Knstler wuten und konnten alles, was von ihnen verlangt wurde,
und mehr forderte keiner, als sie zu leisten vermochten, auch hatte jede Stadt
ihre Knstler lieb, weil sie ihr von Gott nicht anders beschert waren, und
suchte sie zur Ehre der Stadt zu beschftigen, und hungerten zuweilen auch
damals die Knstler, so hungerten sie nicht als Knstler, sondern mit der ganzen
Stadt.
    Auch Berthold hatte sein vollendetes, groes Haus von den Steinmetzen,
Tischlern und Glasmalern der Stadt einrichten lassen, so schn als die guten
Leute vermochten, die mit rechter Anstrengung alles zur Dauer durch Wahl der
Stoffe und zur Lust durch knstliche Ausfhrung eingerichtet hatten, er kmmerte
sich nicht darum, als Fingerling ihm versicherte, es gbe in Augsburg noch
kunstreichere Mnner, er suchte seine Waiblinger Knstler und Arbeiter zu
bilden, das segnete Gott durch manche kunstreiche Hand, die sich unerwartet
hervor tat. Selbst den alten Maler Fischer verschmhte er nicht, der mit
sterbender Hand die Mutter Gottes mit dem Kinde auf die Wand ber der Haustre
gemalt und aus Schreck, da er sie so bleich und hinfllig dargestellt,
gestorben war. Obgleich sich nun mancher durchreisende Maler zur Besserung
dieses verblichenen Bildes gemeldet hatte, so wies doch Berthold alle ab, denn
er fhlte sich allmhlich absterbend dem Fleische und auflebend im Geiste. Wie
hat sich der frhliche Knabe verndert, seit Reichtum und Ehre ihn mchtiger
rsteten, wie war er so ohnmchtig und siech geworden und nur in dem engen Raume
seines Zimmers, wo die zierlichen Gitterschrnke mit seinen Handschriften vom
bunten Glase der beiden Fenster mit wechselnden Strahlen beschienen wurden, da
fhlte er sich selig erweitert zur frohen Stimmung seiner Jugendtage. Der
Neujahrstag war ihm besonders schmerzlich, weil er ihm zugleich den Verlauf
eines neuen Lebensjahres seit dem unbewuten Eintritt auf dem Turme bezeichnete
und weil Frau Hildegard es sich nicht nehmen lie, am Morgen, ehe es tagte, ihm
mit einem Kuchen die Augen zu blenden, um welchen schon mhsam der Wald
vergangener Jahre durch eben so viele kleine, brennende, bunte Lichter
ausgedrckt war. Ach die Jahre brannten tief in sein trauerndes Herz, als
wren's unbewute Snden, und er dachte der vielen verlornen Zeit, der vielen
geleerten Medizinflaschen und wie er weder in Ehre noch Minne gleich seinen
Lieblingen in den Bchern irgend etwas getan, obgleich er in seiner Stadt die
hchste Ehre, die Stelle als Brgermeister erreicht hatte. Dann sah er alle die
gemalten Briefe durch, die er am Jahreswechsel erhalten, und wnschte sich die
Zeit zurck, als er noch selbst dergleichen fr den Brgermeister Steller mit
demtiger Ehrfurcht geschrieben; da flossen seine Trnen hufiger, denn er
fhlte die Sehnsucht nach der verschollenen Apollonia wieder erwachen, die er
nach einigen Nachrichten nur jenseits der Grenzen dieses Lebens wieder zu sehen
hoffen durfte. Unwillig setzte er den Trank, den er einnehmen sollte, in den
Schrank zurck, nahm das Buch von Tristan und Isalde in die Hand und sah
nachdenkend die schnen, feinen Bilder an, mit denen es durchweg geschmckt war.
Er ist unglcklich wie ich, dachte er, aber er hat doch etwas erfahren und er
starb frher als seine Isalde.
    Der Diener trat ein und meldete einen niederlndischen Maler Sixt an.
Berthold fuhr bei dem Namen aus seiner Trumerei mit offenem Visier dem
Ankommenden entgegen, der demtig, klein und krummbeinig vor ihm reverenzte.
Seid Ihr's, lieber Sixt, sagte Berthold, ja Ihr seid's, der meiner Mutter
Begleiter gewesen, ihr hlfreich in ihren Arbeiten beistand und sie damals vor
etwa dreiig Jahren hier verlie. - Verzeihet es mir, Herr Brgermeister,
antwortete der gekrmmte Maler, ich glaubte mich nicht recht sicher bei der
edlen Grfin, denn die Leute sprachen so verschieden von ihrer Herkunft und der
Baumeister wute mir immer Arbeit nachzuweisen, da hielt ich es fr meinen
Unterhalt sicherer, mit ihm nach Straburg zu ziehen. Es ist mir aber allda sehr
kontrr ergangen, weil ich da lange vom leidigen Satanas geplagt wurde, die
Leute in kontrafetischen Bildnissen durch ihre seltsamen Zge getreulich
darzustellen, die sie nicht gern an sich erblickten, also da sie sich durch
ihre eigne Leiblichkeit denigriert fanden gegen die gute Meinung, die sie so
lange von ihren schadhaften Angesichtern bewahrt hatten. Jetzt aber bin ich
meine Aberration inne geworden und male die Leute, wie sie gern sein mchten und
empfehle mich bestens mit dieser meiner neuen Manier. - Nein alter Freund,
rief der Brgermeister, nicht in dieser neuen Manier, in der alten malt mich,
da ich um so williger sterbe, wenn meine Leiche mir schon im Abbild des
Lebenden entgegenfriert. - Hoffe zu kontentieren, Eure Exzellenz, rief der
Maler, und packte sogleich aus allen Taschen sein Malerbrett, seine Staffelei
zum Zusammenlegen, seine Farbenscheibe, wohl belegt mit allem Farbenreichtum,
seine blecherne Bchse mit Pinseln aus und stand jetzt, nachdem er sich der Last
entledigt hatte, als ein feiner, wohl gebildeter, nur etwas buckliger Mann vor
dem Brgermeister. So schnell dachte ich nicht, diese Arbeit zu unternehmen,
rief dieser, inzwischen bin ich heute frei von Geschften, und wer wei, ob ich
morgen noch lebe. - Bemerke nur wenig von dem hippokratischen Gesichte an Ihro
Hochunvermgen! sagte der Maler. Whrend der Arbeit erzhlten einander beide,
was sie whrend der langen Zwischenzeit betroffen, denn Meister Sixt war sehr
neugierig und suchte Neuigkeiten durch Gegenerzhlungen zu bezahlen. Berthold
brachte ein Gemlde mit dem Gewebe, das nach diesem, beides aber von der Hand
seiner rechten Mutter gemacht, mit einem Seufzer aus dem dunkelsten Schranke
hervor. Damals trug ich noch Farben auf den Wangen, Hoffnung im Herzen, sagte
er, seht, so kunstreich ist mein Mantel aus Blten aller Art von der Mutter
erfunden und ausgefhrt und ein Kranz von singenden Vgeln schwebt ber dem
Haupte, das begeistert den Himmel offen und tausend Engelkpfe in der
schimmernden Blue erblickt, die Mutter ist tot, die Blten sind verwelkt wie
meine Wangen und wie mein Herz mit allen Hoffnungen. Wann starb Eure verehrte
Mutter? fragte der Maler, indem er schon mit schneller Hand die Grundfarben in
den Umri peitschte. Es war am Fronleichnamsfeste vor zwanzig Jahren,
antwortete der Brgermeister, als sie einen groen Schreck, den die Ihren ihr
bereitet, nicht berleben konnte. - An dem Tage beliebte auch der Baumeister
zu sterben, sagte der Maler, und mich unredlich in meinem Geschfte zu
verlassen. Es liee sich viel darber sagen, wenn ich nur Zeit htte. Aber
Berthold bat ihn, sich Zeit zu nehmen, er wolle sie ihm bezahlen, als ob er
whrend derselben gemalt habe. - Sixt berichtete nun, da der Baumeister viel
von dem Tode der Grfin an jenem Tage mit ihm gesprochen habe, dann sei er auf
die Spitze des Mnsters, auf den Turm zur rechten Hand des Ausgangs, der allein
seine Spitze vollendet trgt, hinauf gestiegen, kletterte zu allem Erstaunen an
den Knopf hinan und warf die Fahne hinunter, welche das von ihm auf den Knopf
gesetzte Marienbild festgeschnrt, bedeckt hatte. Mit der Fahne flatterten
unzhlige gedruckte Bltter zur Erde; seht Herr, eins habe ich immer als ein
teures Andenken bewahrt und trage es bei mir: Leset es ruhig, die Augen nach
dem Schranke gerichtet, weicht nicht aus der Lage. - Berthold las aber laut
vor:

La, o Herr, das Werk der Zeiten,
Das dein Hauch hat angereget,
Heut durch meinen Mund ausdeuten,
Groes Wort sich schwer beweget,
Schwer und langsam wie die Steine,
Die aus rauhem Fels gespalten,
Sich erhoben zum Vereine
Und den hohen Turm gestalten.

Gott erschuf am zweiten Tage,
Der vom Wasser schied die Erde,
Zeugen dieser heiligen Sage,
Felsen sich zum Opferherde.
Erwin sah die heil'gen Zeugen
Drben harrend an dem Rheine,
Und im Geiste ward ihm eigen,
Was ein jeder sag und meine.

Wie sie alle ihm gebieten,
Da er sie hinber fhre,
Da sie heil'gen Dienst behten,
Da die heil'ge Kunst sie ziere;
Da aus felsenfestem Kerne
Sich erbaue Gottes Kirche,
Darum treiben Gottes Sterne
Goldne Adern durchs Gebirge.

Seht, mit diesem Goldgewinne,
Den sie zu dem Rheine senden,
Regen sie der Menschen Sinne,
Wirken sie in flei'gen Hnden,
Da sie groe Gaben schenken,
Zu der groen Mnsterkirche,
Die der Erwin will erdenken
Aus den Felsen im Gebirge.

Erwin reit mit schnellem Bleie
Viele Plne zu dem Baue,
Doch es fehlt die rechte Weihe,
Da er auch das Rechte schaue;
Zu der Wildnis jener Berge
Dringt er in Verzweiflung weiter,
Klagt, da Wahrheit sich verberge
Auf des Schnen Himmelsleiter.

Betend kommt er so zur Kirche,
Die der erste Christ erbaute,
In dem wildesten Gebirge,
Da er seinen Herren schaute;
Sieht ein zierlich Bild des Stalles,
Wo der Herr einst ward geboren,
Und das geht ihm ber alles
Und er hat es gleich erkoren.

Die Kapell aus Stabgeflechten
Ist mit Blumen reich verzieret,
Und was andre bilden mchten,
Diesem Plan der Preis gebhret;
Nein, kein Tempel alter Zeiten,
Kann entzcken wie die Htte,
Soll sich Dauerndes bereiten,
Steigt es nur aus frommer Sitte.

Wo die Krippe einst gestanden,
Ist der Altar aufgerichtet,
Wo das Kind, die Hirten standen,
Hat der Morgen ihn umlichtet,
Und zwei Trme, wo der Tauben
Keusch getrennte Liebe wohnet,
Sich erheben, wie der Glauben,
Der im Geist hoch oben thronet.

Unser guter Meister sinnet,
Da der Bau in Stein sich grndet,
Bischof Konrads Herz gewinnet,
Und der Bau wird weit verkndet,
Und Vergebung aller Snden
Wird zu diesem Bau verliehen,
Jedem, der sich da wird finden,
Treu und mutig im Bemhen.

Bischof Konrad, wohl beraten,
Kommt mit heil'gem l und Weine,
Mit dem Stabe, mit dem Spaten,
Legt geschickt die Grndungssteine.
Ringsum stehn die Arbeitsleute,
Alle Geistliche des Landes,
Alle Znfte graben heute,
Selbst die Herren edlen Standes.

Als die Weihung ist vollendet,
Tritt der Bischof still zurcke,
Doch ein Streit hat bald geschndet
Dieser Sonne Gnadenblicke,
Wohl mit Recht ist lang verkndet,
Da der Teufel sich bestelle,
Wo die Kirche wird begrndet,
Seinem Dienste die Kapelle.

Eh' der Bischof sie kann trennen,
Ist ein Kampf da ausgebrochen,
Brder wild im Kampf entbrennen,
Und der eine ist erstochen.
Wer hat diesen Streit entzndet?
Ruft der Bischof mit Entsetzen,
Neu sei dieser Bau begrndet,
Nicht mit Blut drft ihr ihn netzen.

Und es sprach der Mordgeselle:
Wo dein heil'ger Arm gegraben,
Von der lieben Gnadenstelle,
Stie er mich wie einen Knaben;
Wei, ich hab den Tod verdienet,
Da ich Bruderblut vergossen,
Doch es sei die Welt vershnet,
Ihr zum Heil sei es geflossen.

Wit, es flieen hier im Grunde
Zwei versteckte bse Quellen,
Stopft ihr nicht die Doppelwunde,
Werdet ihr den Turm nicht stellen.
Ganz umsonst sind hier die Pfhle,
Steine, Mrtel ganz vergebens,
Wenn ich's nicht zum Grab erwhle
In der Flle meines Lebens.

Eine Quelle will ich laben
Mit des armen Bruders Leiche,
Und ein Grab mir selber graben,
Da das Wasser schaudernd weiche.
Dann erst ist der Turm begrndet,
Und das Wasser ist bezwungen,
Und die Sulen hoch verbndet
Sind vom Sumpfe nicht verschlungen.

Eilet euch ihr starken Hnde,
Da ihr euer Grab vollendet,
Weh ihr glht wie Feuerbrnde,
Erde reinigt, was sie schndet.
Seid begrt ihr Rein'gungsquellen,
Schaudert nicht vor mir zurcke,
Ich umspanne eure Wellen,
Bin des Heiles feste Brcke.

Und der Bischof sieht zum Heile
Hier das Unheil ausgedeutet,
Viele Schuh tief grub in Eile
Dieser Mrder und erstreitet
Sich ein Grab in tiefen Quellen,
Die dem Meister sich verbargen,
Sicher kann er Mauren stellen
Auf den Leichnam dieses Argen.

Wo die Brder eingegraben,
Weiht der Bischof neu die Stelle,
Friedlich werden bse Knaben
Nun des heil'gen Baues Schwelle,
Und der Turm ersteigt in Eile
Ohne Streit die hchste Hhe,
Wo ich jetzt zu meinem Heile
Zu der Gnadenmutter flehe.

Flehe, da sie mich von hinnen
Zu dem Bau des Himmels nehme,
Neue Lehre zu gewinnen,
Denn als Meister ich mich schme,
Da ich diesen Turm verdorben,
Weil der Plan schon hier erfllet;
Was vollendet, ist gestorben
Und die Sehnsucht nicht mehr stillet.

Ja ich fleh um Ungewitter,
Flehe um der Blitze Strahlen,
Da sie durch das graue Gitter
Dieser Steine Flammen malen,
Da sie brechen und zerschmettern
Diesen Turm, den ich geschlossen,
Und schon blick ich zu den Wettern,
Fest entschlossen, unverdrossen,

Nein, rief Berthold und sprang auf, nein Herr, keine Blitzstrahlen sende in
mein Haus, obgleich ich des Hauses auch zuweilen berdrssig bin, nun ich es
berall vollendet habe; wegen meiner alten Mutter Hildegard schone des Hauses.
- Domine, sagte der Maler betroffen und wischte zitternd ein halbes Dutzend
Farben auf der Scheibe zusammen, die nicht zusammen gehrten, was fehlt Euch?
Das Poema ist nicht auf Euer Haus, sondern auf den Straburger Mnster gemacht;
soll ich einen Doktor rufen? Ich danke Euch, sagte Berthold und setzte sich
wieder in die rechte Lage, der Baumeister hat manche Beziehung auf mich gehabt,
ohne ihn htte ich nie die hohe Liebe einer wahren Mutter kennen gelernt und
htte nie eine tiefe Einsicht von der Nichtigkeit gewonnen, welche die Welt in
ihren Herrschern verehrt, wre in eitlem Sinn in die Absichten der berklugen
eingegangen, welche der Zeit Gewalt antun mchten. Lassen wir das, erzhlt mir
weiter von dem Baumeister. - Es alteriert Euch, sagte der Maler, darum will
ich mich der Krze befleiigen, mit einem Worte, der Baumeister kniete oben auf
dem Knopfe vor dem Marienbilde, wie ein kleines Figrchen, dergleichen am
Eingange stehen in Stein; kein Mensch wute, was daraus werden sollte, und das
Volk wurde gar sehr ungeduldig. Es wurden Schieferdecker und Zimmerleute
aufgefordert von dem Rate, den Baumeister herunter zu schaffen, aber sie
versicherten alle, es sei zu viel gewagt, weil er mit der Fahne auch die kleine
Leiter fortgestoen habe, welche ganz notwendig sei, um auf den Knopf hinauf zu
steigen, es scheine, da er nicht zurck verlange. Aber der Rat wollte nun
einmal nicht, da er da oben bleibe, da erbot sich ein verruchter Mensch, fr
einen groen Beutel mit Geld hinauf zu steigen und den Baumeister herunter zu
werfen, wenn er nicht die Zitation des Rats annehme, die ihm sogleich
schriftlich ausgefertigt, auch mit dem groen Wachssiegel bedruckt wurde. Der
Signor Birbante machte sich auf den Weg, aber viel Zeit war ber die
Ausfertigung der Zitation vergangen, und so hell es vorher war, da wir sehen
konnten, wie der Baumeister die Hnde rang und beten wollte, aber immer wieder
die Hnde rang, weil er sie nicht falten konnte, so wurde es jetzt allmhlich
trbe am Himmel, die Wolken zogen gegen den Wind, es blitzte in der Ferne. Der
verruchte Bote lie sich nicht abhalten, der Teufel hatte ihn mit dem Gelde
verblendet. Wir sahen ihn noch die Treppen der Schnecken, wie ein Wiesel lustig
hinauf rennen, eben wollte er hinaus, baff, - da haben wir's, schrien alle, die
nicht davon liefen. - Was, was?, rief Berthold, so lat doch den Pinsel aus
dem Munde, oder tut's nachher. - Es sind nur ein paar Hrchen, die ich
abbeien mu߫, antwortete der Maler, nun ist es wieder ganz gut, das kann
mancher Mensch nicht mit seinen Zhnen leisten. - Nun erzhlt nur weiter, was
geschah, rief Berthold und hielt sich am Stuhle fest ich habe mir in der Zeit
schon dreimal das Genick gebrochen, es ist ein schwindelndes Unternehmen, aus
der Schnecke heraus zu treten, ich kenne sie dort aus dem Risse und kann ihn nur
selten ansehen. - Besonders, wenn die Mauer so vom Winde bebt, antwortete der
Maler, da ist das Heraustreten nicht recht praktikabel, die Stufen waren auch
glatt vom Regen und ein Mensch, der keine Praktik in solchen Klettereien hat,
meint schon in den Schnecken, er knne wohl ausgleiten und durch die mannshohen
Nasenlcher der Steinhaube, die wie eine Brsseler Spitze gelchert ist,
hindurch fallen. - Racker, schrie Berthold auf und fate den Maler am Kragen,
sprichst du noch ein Wort von der Schwindelei, so bin ich des Todes: was wurde
aus dem Wagehals, was wurde aus dem Baumeister, sag's mit einem Worte! -
Impossibile, sagte der Maler kalt, mit einem Worte kann ich mich nicht
exprimieren; Ihr mt einen Arzt gebrauchen, ich erzhle Euch kein Wort mehr von
selbigem Vorgange. - Ihr sollt aber, rief Berthold, sonst friert mir alles
Blut in den Adern. - Nun, antwortete der Maler, auf Eure Gefahr; als der
Galgenvogel den einen Fu hinaussetzte, zischte ein Blitzstrahl an ihm vorbei
auf die groe Glocke nieder, da diese ganz fein aufschrie, da kriegte sein
Cranium auch eine Erderschtterung, er ging sacht zurck, als ob er's nicht
gewesen wre, und wieder schmetterte ein Blitz hinter ihm auf das Bleidach
zwischen beiden Trmen. Da ging mir schon der Regen durchs Hemde, ich zog mich
zurck wegen meines Zipperleins und habe erst am andern Tage gehrt, der bewute
hochadlige Galgenvogel sei von Blitzen bestndig turbieret worden, bis er sich
unter dem Mnster in dem Wassergewlbe, das ber den beiden Brdern steht,
geflchtet, sich auf einen Kahn gesetzt und vom Lande gegen des Kirchners Rat
abgestoen habe. Der Bandit ist auch nimmermehr wieder gesehen worden, am andern
Morgen schwamm sein Kahn umgekehrt und zerrissen auf dem Rheine, so da wir
erkannten, ein Arm des Rheins fliee unterm Mnster, und die Kirche mute sich
einen neuen Kahn bauen lassen, um jhrlich die Gewlbe zu untersuchen. - Und
der Baumeister? fragte Berthold ruhiger. Ja der, antwortete der Maler, der
sah am Morgen so grau aus vor dem Marienbilde, als wre er auch von Stein, doch
kniete er noch lange davor und die Leute erzhlten, er sei wohl zu Asche
verbrannt. Allmhlich hat ihn der Regen herunter gewaschen, es ist nichts mehr
von ihm zu sehen. Berthold wurde jetzt so bla, da der Maler einmal ber das
andre rief: Cospetto di bacco, ich habe nicht so viel Bleiwei bei mir, ich mu
immer mehr darauf streichen, und es will immer noch nicht ksewei werden, wie
Ihr ausseht. - Allmhlich erholte sich nun wieder Berthold und erzhlte dem
Maler, da er diese Krnklichkeit seit jener Zeit schon in sich trage, da er ihn
als einen frischen Gesellen bei seiner Mutter gesehen. - Ihr waret rot wie ein
Apfel, sagte der Maler, habet Euch vielleicht den Pfeilen des Gottes Amors zu
viel Preis gegeben. - Wr es nur das, antwortete Berthold, so wre doch
etwas mir geblieben, aber nein, mein Leben ist mir verkmmert worden, ohne da
ich einen Genu, oder eine hhere Absicht des Himmels darin erraten kann, das
Schicksal hat mich zertreten, wie der Mensch einen Wurm, der ihm zu gering ist,
als da er seinetwegen den Fu eine Linie weiter setzen sollte. Ihr wit, da
ich damals meine Mutter gefunden hatte, ich fhrte sie in den Seitenflgel, der
damals allein noch stand, zu meiner Pflegemutter, um ihr die Rechte unsrer
Brgerschaft gegen ihre Verfolger zu sichern. Es schien auch fr den Augenblick,
als ob diese sich beruhigten, seitdem sie sich von dem Baumeister losgesagt
hatte. Nun mt Ihr wissen, da mein Pflegevater Berthold damals gefangen sa
wegen einer Krnkung, die wir dem neuen Trmer angetan hatten. Der Trmer war
aber mit einer Seite des Turmes herabgestrzt, es fehlte also der Anklger. Ich
schlich mich heimlich zum Gitter vor dem Gefngnisse des Vaters, fragte ihn, was
ich tun knne, er reichte mir einen Schlssel zu seinem Schreibtisch, wo eine
Anklage gegen den Brgermeister schon aufgesetzt liege, die ich einem
Zunftmeister bergeben sollte. Ich eilte nach Hause, ich las diese Anklage, es
war darin unwiderleglich erwiesen, da der hochmtige Brgermeister die Brger
bei ffentlichen Bauten betrogen habe. Da stand ich in grlichem Zweifel, ob
ich dem lieben Pflegevater folgen und die einzige Hoffnung meines Herzens in
ihrem Vater von mir stoen und vernichten sollte. Halb tot bergab ich endlich
nach langem Kampfe diese Anklage in die rechten Hnde. Es wurde eine Versammlung
der Brger gehalten in den grten Trinkstuben, ich fhlte mich so unglcklich,
wie ein Verbrecher und mochte niemand um den Ausgang befragen. Am Morgen
erzhlte mir Fingerling mit groem Triumph, der Brgermeister sei mit seiner
Tochter und seinen kostbarsten Sachen entwichen weil er durch Zutrger
vernommen, da sein Betrug verraten sei und er von der Brgerschaft in
Untersuchung genommen werde. Bleich und zitternd fiel ich dem erschrocknen
Fingerling in die Arme, ein Blutsturz machte mir Luft, ich lag schwer darnieder
und konnte mich nicht freuen, als der Vater in Ehren heimkehrte ich war krank
zum Sterben, ich war so vernichtet in meinem Herzen, da ich gern sterben
wollte. - Signor, sagte der Maler, den Kopf etwas hher, alles brige
schadet mir nichts, erzhlt, das belebt die Zge. - Eine krnkliche Schwche
blieb mir nach der Gefahr, fuhr Berthold fort, die beiden Mtter waren
bestndig in liebevoller Sorgfalt bei meinem Bette versammelt, ich fhlte mich
zrtlich geliebt, aber von der, die ich ber alles liebte, konnte mir niemand
berichten, ob sie meiner Hlfe nicht dringend in der Fremde bedrfe. - Der
Brgermeister hatte um so mehr Grund sich zu verbergen, weil der Vogt aus seinen
Papieren erfahren hatte, da er abwechselnd mit den Kronenwchtern und mit den
Stdten heimliche Verbindungen angeknpft habe, um die Stadt reichsfrei zu
machen. Auch ber Apollonia hatte die Bosheit der Menschen ihr Gift verbreitet.
Die Nonnen gaben ihr schuld, da sie wegen heimlicher Liebeshndel dem Kloster
entwichen sei. Auf mich hufte sich alle Qual der Stadt im Gesprche der Mtter,
endlich auch noch das drckende Geschft des Brgermeisters als der Vater
Berthold mehr in der Verlegenheit, als aus berlegung von den Brgern dazu
erwhlt war. Auf mich fiel die Arbeit ganz, als der Vater durch meine frstliche
Mutter in eine zeitraubende Frmmigkeit eingeweiht wurde, beide beteten Tage
lang mit einander und in der Kirche. Auf mir, dem jedes Schreiben eine
Anstrengung kostete, ruhte das mhsame Geschft whrend des Stdtekrieges.
    Als der gute Vater kurz vor dem Tode meiner Mutter an seinem kleinen
Hausaltare tot gefunden worden und mich der Schmerz noch mehr geschwcht hatte,
erwhlte mich die Brgerschaft einmtig in seine Stelle und whlte mir zugleich
einen Stellvertreter fr alle die Geschfte, denen ich in meiner Krnklichkeit
nicht vorstehen konnte. - Darber freute sich noch gestern im Ratskeller ein
alter Brger, der es vorgeschlagen, unterbrach ihn der Maler, mit der Stadt
sei es so schn vorwrts gegangen, wie mit Eurem Hause und Eurer Weberei und
jedermann wisse jetzt vom Stdtlein Waiblingen in der Fremde zu rhmen, wie von
Eurem Tuche, da es nicht besser als in Waiblingen zu finden. Aber sagt mir,
habt Ihr die Mutter sterben sehen? - Nein, antwortete Berthold, ich war
damals so krank, da mir das Unglck lange verschwiegen blieb. - Die Leute,
meinte der Maler, wollen sie vor einiger Zeit im Kloster gesehen haben. -
Torheit des wunderschtigen Vlkchens, sie konnte keine Stunde ohne mich
leben, erwiderte Berthold, wie htte sie mir in so vielen Jahren kein Zeichen
ihres Daseins geben wollen. brigens knnt Ihr denken, lag manches Schmerzliche
fr sie in dem Verhltnisse zu meiner guten lieben Mutter Hildegard, sie mute
ihr die Hlfte ihres teuersten Rechts auf mich abtreten, und Hildegard fhlte
oft nicht, wo sie auch jene andre Hlfte tief krnkte, oder an sich ri. Dieser
Zwiespalt zeigte sich besonders bei neuen Heilmitteln, welche mir die eine, oder
die andre zubrachte, da wollte keine zurcktreten und ich mute verschlucken und
einreiben, was der Wahn von Jahrhunderten in den Kpfen der Leute an
Geduldsmitteln fr Kranke zusammengebracht hat. Seht da alle Flaschen, Kruken
und Schachteln Arzneimittel in diesem Schranke, die ich whrend der Jahre
ausgeleert habe, ein grliches Kriegesheer des blassen Todes. Auch verheiraten
wollten sie mich mehrmals und stritten sich darber, mich den Schwachen, der mit
seinem Polsterstuhle vermhlt ist. - Domine, sagte der Maler, in den
Flaschen, Kruken und Schachteln steckt Eure ganze Krankheit, mein Paracelsus und
mein Doktor Faust aus Kindlingen, der jetzt hier ist, haben die ganze Heilkunde
transfiguriert, sie tzen, schneiden, brennen, wo die andern leise berstrichen,
sie schmeien den Pinsel gegen das Bild, wo keiner fertig malen konnte, und
siehe, immer treffen sie damit den rechten Fleck, ich hole den Doktor Faust, Ihr
seid gesund, Signor. - Berthold lchelte ber den eifrigen kleinen Mann und
sprach: Mir hilft keiner, ich habe schon so viele von diesen Gelddieben
befragt, so viel von vergeblichen Mitteln leiden mssen, da ich seit Jahren
aller vergeblichen Quacksalberei entsagte; mag sein, weil ich so seltsam
entsprossen bin, da mir die Heilkunde andrer Menschen nicht anschlgt. Seht
Meister Sixt, ich tat in der Begierde nach Gesundheit noch mehr, studierte
selbst die alten Bcher der rzte, lernte von einem flchtigen Griechen, mit
Namen Laskaris, das Altgriechische, um den Hippokrates lesen zu knnen. Die
Sprache ist mir ein Trost, aber die Heilmittel des alten Arztes haben mir nicht
geholfen. Ich meine, da ich fr meine inwohnende Kraft seit den heftigen
Blutstrzen zu lang gewachsen bin, nur wer mich zusammendrngen knnte, der
knnte mich heilen und verjngen. - Das kann Faust gewilich, rief Sixt, er
hat mir schon so eine Geschichte erzhlt, wie er die Konfiguration eines
Menschen kondensiert und konzentriert habe, um ihn von dem horrorem vacui zu
heilen; ich ruf ihn, bester Herr Brgermeister.
    Und ehe noch Berthold seinen Willen drein gegeben hatte, war schon Meister
Sixt die Treppe hinunter und Berthold betrachtete sein eignes Bild, das schon in
den wenigen Stunden unter der Hand des fixen, vielgebten Mannes so weit
vorgeschritten war, da jedermann die hnlichkeit erkennen konnte. Nun hatte
sich Berthold wohl schon im Spiegel mit ganzem Gesichte, auch in einem Gemlde
schon so gesehen, aber ganz von der Seite, wie ihn Sixt nach seiner
unwiderstehlichen Tcke genommen, hatte er sich nie erblickt. So fehlte ihm
hier, was sein Bild sonst ertrglich machte, der lebendige Blick, das Friedliche
und Milde des Ausdrucks im Munde und es graute ihm vor sich selbst, er meinte
auf Erden nichts Grlicheres, keinen rgeren Spuk in mitternchtlicher
Einbildungskraft gesehen zu haben, er htte das Gemlde zerstren mgen, aber
noch lieber sich selbst; was auch der Tod ihm bringen mchte, so meinte er doch
selbst bei der Verwesung nicht bler weg zu kommen. Dieser heftigen Bewegung
folgte die Schwche, Frau Hildegard fand ihn bleich und kraftlos auf seinem
Ruhelager, als sie eintrat, ihn zum Mittagessen zu rufen.
    Sie hatte ihn am Morgen so wohl nach seiner Art verlassen, da sie ber die
schnelle nderung herzlich erschrak. Darum hrte sie mit Freuden von dem Diener,
als wr's ein Engel, da sich ein Arzt, Doktor Faust, ansagen lasse. Meister
Sixt begleitete den Wundermann, trat aber bescheidentlich, wie ein dienendes
Gestirn zurck, als das feuerrote, dicke Gesicht des Arztes, mit wei blondem
Haar und kahler Platte ausgestattet, gleich einem Vollmond in dem Zimmer des
Brgermeisters aufging. Was trug der Doktor fr auerordentliche, rote
Pluderhosen, noch nie hatte Waiblingen so etwas Faltenreiches gesehen, die
Bnder hingen daran so reichlich herunter wie an einem Erntekranze; zehn
Ehrenketten beschwerten den schwarzen Wams, der nicht minder seltsam nach
Venezianer Art geschnitten war; seine Finger waren mit unzhligen Ringen voll
Grabsteine bedeckt; auch einen prachtvollen, trkischen Dolch trug der feurige
Drache, einen Kranz mit Amuletten um seine Hften und sein Diener stellte einen
kleinen Turm voll knstlicher Scheiben, Zifferbltter in die Mitte der Stube, in
welchem unzhlige Rder schnurrten. In solchem Aufzuge war noch kein Arzt
erschienen, es war, als ob eine kleine Welt mit ihm zge, auch war sein Wesen
dermaen heroisch, da Frau Hildegard, die sonst wohl ihren Platz zu behaupten
wute, verlegen an ihren Armen auf - und niederstrich, als htte der Beichtvater
sie beim Fluchen ber ihre Mgde angetroffen. Nun sprach Faust den Kranken
lateinisch an, der ihm die Antwort in gleicher Sprache nicht schuldig blieb, und
daran hatte Frau Hildegard ihre Freude, sie meinte immer, ihr Sohn wisse alles
und noch etwas mehr. Doktor Faust berechnete nach dem Geburtstage die
Konstellation an der Maschine und den Pulsschlag nach einem Perpendikel, den er
schwingen lie und erklrte dem Brgermeister, er knne ohne Transfusion des
Blutes nicht vierzehn Tage leben. Aber ich habe schon dreiig Jahre so
krnklich fortgelebt, warum sollen diese vierzehn Tage mehr ber mich vermgen,
als dreiig Jahre? fragte Berthold. Die Konstellation ist zu Ende, schrie der
Doktor, es strzt bald alles zusammen, wie an einem Gewlbe, dem der
Schlustein entnommen wird. Die Mutter erkundigte sich, was es denn eigentlich
mit dieser Transfusion auf sich habe, wie sie gekocht und abgedmpft werde. -
Ihr Narrn, sagte Faust, wit ihr hier in dem Loche noch nichts von meiner
neuen Heilart, mit der ich den Knig von Portugal und die Knigin von Neapel
verjngt habe; durch eine groe Saugepumpe ziehe ich das alte Blut aus den Adern
des Kranken, indem ich junges, berkrftiges Blut gleichzeitig durch ein
Druckwerk in dessen Adern ergiee; das Fa ist oft noch gut, wenn auch das Bier
verdorben ist, so ist's auch mit dem Menschen; die Kunst des Arztes besteht
darin, im alten Menschen einen neuen zu erbauen. - Da soll ich also wieder zum
Kinde werden! rief Berthold. - Gewissermaen, fuhr Faust fort, fanget Ihr
ein neues Leben an, wie ein Mensch sich neu und frisch fhlt, der von einer
Fureise heimkehrt und weie Wsche angelegt hat; dreitausend habe ich erneut
und jene Mhle, in der die Alten jung werden, von der das Volk erzhlt, die
Auferstehung selbst ist nur als Nachbedeutung meiner wunderbaren Kunst zu
betrachten. - Ich habe sie oftmals mit groer Admiration verifiziert
gefunden! meckerte der Maler. Mein abgelebtes Blut will ich gern opfern,
sprach Berthold, doch niemals mcht ich einem andern sein gesundes, junges Blut
fr Geld abkaufen, noch weniger mag ich tierisches Blut in meinen Adern, das
wre Blutschuld, vor der mir graut. - O ha, entgegnete Faust, es leiden und
sterben eben so viele an zu starkem Blute, als andre an zu schwachem, ich
gleiche aus, ich helf mit einem Kunststck beiden und seltsam ist es, wo ich
einen Schwachen finde, da treff ich immer einen berstarken, als ob zwei Leben
eigentlich gesellt, zusammen innerlich gehrten. Gleich hier, bei Meister Sixt,
liegt krank in wilder Phantasei der starke Knabe Anton, der ist des Todes
Eigentum so gut wie Ihr, wenn ihm kein schwchres Blut kann eingetrichtert
werden; wenn Ihr fr Euch das groe Werk nicht wollt vollbringen, so tut es aus
Erbarmen fr den schnen Knaben, dem alle Welt in Freuden aufgeht. Ihr schttelt
mit dem Kopf, Frau Hildegard, verflucht, ich gehe augenblicklich von hier und
la den lieben Sohn krepieren; seht hier mein groes Zeugenbuch, da leset, wie
ich in Spanien, Frankreich und in Rom geehrt, hier sind sie alle abgemalt, wie
meine Kranken vor der Kur und nach der Heilung ausgesehn, seht diese Bleichheit,
Magerkeit und hier die feisten Wangen, den dicken Wanst voll wohlgefllter
Bratwrste, wie der so ritterlich turniert, der dort vom groen Stuhl sich nicht
erheben konnte. Hier meine Hand, rief Berthold mutig, ich wag's, nichts hlt
mich ab und eine Kette reiche ich Euch zum Lohne, wenn ich ein Ro zum erstenmal
besteige, schwerer als irgend ein Knig sie Euch verehrte. - Ich nehme den
Lohn an, sagte Faust, aber der Ruhm, das Glck, welches ich verbreite, ist
meine Hauptsache, mein deutsches Vaterland strahlt durch mich bis zu den Sulen
Herkulis. - Frau Hildegard staunte ihn glubig an und kte ihm die reich
beringte Hand, fr die Wohltat, die er ihrem Sohne erweisen wolle, und Faust hob
das Kinn und zog die Falten der Stirn zur kahlen Platte hinauf, als ginge ein
neuer Vorhang zur Freude der Menschen auf, dann befahl er Meister Sixt, den
kranken Anton herzufhren.
    Whrend Meister Sixt fortwippte, trat ein Diener mit Flaschen und kalten
Speisen zum Frhstock ein und der alte Fingerling, der bei seiner unermdlichen
Ttigkeit unersttlichen und doch nutzlosen Hunger hatte, zog dem Geruche nach.
Der machte Augen ber den Wundermann, glaubte ihn schon lngst gesehen zu haben
und wute nicht wo, meinte aber, er habe einmal in Bopfingen einen bsen
Gesellen hinrichten sehen durch den Strang, der habe ihm auf ein Haar geglichen,
der sei wegen eines Bunds mit dem Teufel verrufen gewesen, habe auch den Leuten
die Kpfe abgehauen und wieder anheilen knnen, doch einstmals zweie mit
einander verwechselt, woraus groer Proze entstanden. Faust schnalzte
verchtlich mit der Zunge und sprach: Das sind Kleinigkeiten, ich habe schon
mehr erlebt, ich habe alles versucht und das Hngen war nicht die schlechteste
meiner Erfahrungen, es kommt nur darauf an, den Hals zu schtzen und da man zur
rechten Zeit abgeschnitten wird, ich habe dabei sehr viel ber den Zusammenhang
zwischen Kopf und Herz gelernt und dies Mittel schon mehrmals mit Erfolg
angewendet. Fingerling sa da wie erstarrt, so ein Mensch war ihm nicht
vorgekommen, er konnte kein Wort vorbringen und zog sich ohne den Rcken ihm
zuzukehren, allmhlich zur Tre zurck, wo er auf Sixt und dessen dicken Sohn
Anton fiel, die leise eintraten. Berthold und Frau Hildegard schmten sich zu
erklren, was das alles bedeute, aber sie fhlten sich immer mehr von Fausts
Allmacht bezwungen, sie wagten nicht zu widersprechen. Welch ein prchtiger
Knabe, rief Berthold dem Anton entgegen, aber seine Augen glhen und seine
feurigen Wangen glnzen, seine Worte irren und seine Arme winden sich
jammervoll, er fat an sein Haupt, es schmerzt ihm, und wenn ich strbe und
htte dem Knaben das Leben gerettet, es sollte mir nicht leid sein. Doktor
Faust legte aber schnell seine Ehrenketten und sein Wams, seine Ringe und seinen
Spitzenkragen ab, setzte eine groe Brille auf die Nase, streifte sein Hemde
auf, da seine Muskeln wie Muse unter der Haut spielten, als er die Pumpe nun
aus dem Planetenkasten hervorhob und in Bewegung brachte, sie nach der einen
Seite an Bertholds Arm, nach der andern auf des betrbten Antons rechten Arm
anbrachte. Nun ffnete er mit einem Schnepper die Adern der beiden, wies Sixt
und Fingerling an, wo sie das Tretrad der Pumpe bewegen sollten; Frau Hildegard
wollte beten, er schlug ihr aber auf den Mund und arbeitete wie ein Rasender,
indem er nach allem zugleich sah; Fingerling meinte, er habe doppelte Augpfel
in diesen Minuten gezeigt. Die Hitze des Zimmers mehrte sich so schnell, da die
befrornen Fensterscheiben einen Regen herabtropften und den Lichtstrahlen freien
Durchzug, als ob sie auch neugierig wrden, gestatteten. Frau Hildegard bemerkte
zuerst, wie der Knabe aus der dumpfen Fieberhitze erwacht, frhlich zum Fenster
blicke und von den bunten Wappen in denselben spreche, wahr und richtig wie ein
verstndiger Sinn sich ausdrckt; dann sah sie mit noch grerer Freude, wie
sich die Wangen Bertholds mit dem edlen Lichte des starken Blutes fllten, wie
er krftiger atme und seine Arme unwillkrlich versuche, wie ein erstarrter
Vogel die angefrornen Flgel.
    Endlich schlug eine Glocke unter der Pumpe, Faust lste die saugenden
Schluche von den Armen der Kranken, verband die geschlagenen Aderwunden, legte
die Kranken bequem auf die wohlgepolsterten Bnke, die um das Zimmer liefen,
trocknete sich die Stirn, zog aus seiner Tasche eine glserne Flte und blies so
sanft trumend hinein, da beide Kranke in einen festen Schlummer fielen, auch
Frau Hildegard, Fingerling und Sixt sich nur mit Mhe des sen Schlafs
erwehrten. Aber im Augenblicke drangen zwei Arbeiter mit Feuergeschrei ins
Zimmer, der Schornstein strecke eine feurige Zunge gen Himmel. Faust, Sixt und
Fingerling, auch Frau Hildegard liefen mit den Leuten fort, so blieben die
beiden Kranken allein mit den seltsamen Maschinen und Gemlden.
    Berthold wachte zuerst aus dem Schlafe auf und konnte sich nicht gleich
erinnern, was mit ihm vorgegangen; er hatte ein Gefhl so frisch wie damals, als
sich ihm der Schatz in der Nacht gezeigt hatte, den er auch jetzt wieder
erwartete. Da fand er den Knaben Anton und blickte ihn wie einen Segen des
Himmels, wie einen Schatz an, er fhlte ein lebendiges Wohlwollen gegen ihn, als
gehrte er zu ihm, es ging ihm durchs Herz, er msse ihn an Kindesstatt
annehmen, dem er so viel danke, ja er meinte, einige hnlichkeit im Knaben mit
seinem Bilde, das daneben stand, wahrzunehmen, obgleich jener viel strker an
Muskeln und Knochen, gewaltsamer im Ausdruck, kraushaarig und dreiahrig aus
groem berflu der Natur entsprossen zu sein schien. Er weckte ihn mit sanftem
Streicheln seiner Wangen, der junge Bullenbeier wachte brummend auf, sprang
heftig empor, sah sich um, rieb sich die Augen und setzte sich heihungrig zu
dem Frhstck, das Faust auf dem mit herrlichem Teppich bedeckten, runden,
geschweiften Tische, den Adler trugen, hatte stehen lassen. Im Himmel ist gut
Leben, sagte der Knabe mit tiefer Stimme, da die Balken brummten, und Ihr
seid ein recht braver Herr Gott, wie haben mich die Teufel im Fegfeuer mit
Hunger und Durst geplagt. - Ehe der Brgermeister noch antwortete, weil er in
stillem Vergngen den derben, lebenslustigen Bengel beschaute, traten Faust und
die Mutter mit Sixt ein, und riefen: Das Feuer ist gelscht. - Recht so,
sagte der Knabe, nun will ich auch meinen Durst lschen, und leerte die
irdene, mit Ritterbildern erhaben und bunt berglaste Ehrenkanne. - Meister Sixt
trieb ihn aber unsanft von dem himmlischen Mahle und der Junge sagte: Wenn Er
mit in den Himmel gekommen ist, so wird es schmale Bissen geben und mein ganzer
Spa ist zu Ende. - Hrt Meister, sprach Berthold, ber den Knaben will ich
Euch einen Vorschlag machen, jetzt mu ich zuerst unserm Retter, Erhalter, dem
hochverehrten Faust danken, indem ich ihm die versprochne Kette umhnge. -
Gebt her den Quark, antwortete Faust, ich will sie als ein Angedenken
schtzen, sonst kann ich mir Gold genug machen und feineres, als der Bergmann
scheidet, ich werde nur freilich etwas stark, die chemische Arbeit macht mir
Mhe. brigens Herr, ich rate, Ihr wollt den Jungen haben, den lasse ich Euch
nicht, ich brauch einen zum Krutersammeln und zum Stehlen der Leichen, wenn ich
meine anatomischen Untersuchungen fortsetze. - Ich htte ihn an Kindesstatt
angenommen, sagte Berthold, aber ich mchte nicht gern Eure unzhligen
Menschen wohlttige Versuche stren. - Meister Sixt aber trat zwischen und
sagte: Mit aller Devotion, die ich gegen beide Signorias habe, kann doch aus
Dero wohlwollenden Desseins nichts werden, da gedachter Jovane mir von hoher
Hand anvertraut ist, ich denselben auch zum Farbenreiben wegen seiner Force wohl
applizieren kann so ist es mir nicht mglich, Euch mit demselben ein Prsent zu
machen. - Wenn Ihr mir den Jungen nicht berlat, sagte Faust grimmig, so
schicke ich Euch zehn schwere Krankheiten ber den Hals, Ihr sollt zugleich an
Schwind - und Windsucht, an Hei- und Wassersucht leiden. - Da stellte sich der
Knabe Anton mit drohender Faust vor den Doktor und rief: Noch ein Wort, du
alter Zauberer, so schlage ich dir die Zhne ein. - Das ist ein bser Bube,
sagte Frau Hildegard, den leide ich nicht im Hause, geht ihr Herren, mein Sohn
mu sich noch ausruhen. - Ihr habt recht, sprach Faust, packte seinen groen
Kasten auf Antons Schultern, den kleinen Bsewicht will ich mir schon zhmen!
So scheltend zogen die dreie fort und jetzt erst konnte die Mutter den Sohn
recht herzlich kssen und ausfragen Wie ist dir jetzt? Wie war dir? Glaubst du
dich gesund? Wird das lange dauern? Ach ich habe kein Zutrauen zu dem grimmigen
Doktor; er hatte so etwas Entsetzliches, als er den Knaben forderte, als wre er
ein Teufel, der die Seele zum Lohn nimmt, wer wei, was er noch von dir
fordert? Aber Berthold wurde wieder mde, verschlief noch den Tag und wachte
erst am Abend auf, beruhigte aber die besorgte Mutter gleich mit dem Ausruf:
Ich fhle grndlichen Schlaf, wie einen krftigen Wein in allen Adern, mir
war's im Traume, als erhielte ich mit jedem Augenblicke erfreuliche Nachricht
ber etwas, was mich lange bekmmert, auch kam es mir vor, als gingen die Uhren
rckwrts, so wendeten sich auch die Jahreszeiten in umgekehrter Ordnung um mich
her; ich sah schne Frauen mit Anteil und auch der Schmerz um Apollonien hatte
sich gemindert; ich fhle, da ich ganz gesund werde, da meine spteren Jahre
fr alles Versumte mich schadlos halten; geben wir Gott die Ehre, aber wir sind
dem Faust groen Dank schuldig! - Die Mutter war so innig erfreut ber seine
vernderte Gesinnung, da sie ihm wieder alle Brute mit allem, was an ihnen zu
loben, im Gesprche vorfhrte, auch hrte er ihr diesmal geduldig zu und
bekannte, da eine Heirat ihn sehr glcklich machen knnte, wenn er eine zweite
Apollonia auf Erden fnde. Sieh nur um dich, sagte die Mutter, whle, welche
du willst, es schlgt dir kein Vater seine Tochter ab, die reichsten
Geschlechter haben es mir unter der Hand durch arme Witwen sagen lassen, du
brauchtest nur anzuklopfen und dir wrde aufgetan; ich wte keinen schnern
Lohn fr mich, als wenn ich am Ende meiner Tage ein Kind von dir auf meinen
Armen wiegen knnte.
    Der Brgermeister versprach gerhrt, das Heiraten in bessere berlegung, als
bisher, zu nehmen und Frau Hildegard ging froh von ihm und lie eine fr die
Genesung des Sohnes seit lange angelobte, ewige Lampe vor dem Marienbilde am
vordern Hausgiebel mit frommen Dankgebete anznden. Die Stadt lief bei der
seltsamen Erscheinung zusammen, erzhlte sich von der Heilung des guten
Brgermeisters und brachte ihm unter Begleitung der kunstreichen Stadtpfeifer
ein freudiges Lebehoch. Berthold war tief gerhrt durch die Teilnahme der Menge,
er htte gern zu ihnen gesprochen, aber die Mutter Hildegard wollte es aus
Sorge, er mchte sich erklten, nicht dulden. Es war auch gut, denn sonst htte
er mitten durch den Jubel das Geschrei im Ratskeller gehrt, was der trunkne
Faust in demselben mit allerlei Katzen und Hunden anstellte, die er unter
Gotteslsterungen marterte, wie er sich mit dem alten Sixt um Anton zankte und
endlich von diesem zum Keller hinausgeworfen wurde und nun auf allen vieren,
weil er sich sonst nicht halten konnte, zum Spott der Knaben ber das Eis
hinkroch, bis ihm einer in einer Seitengasse einen Schweinestall ffnete, wo er
mit seinen grunzenden Glaubensgenossen eine selige Nacht verschlief.

                               Zweite Geschichte



                            Die Reise nach Augsburg

Der Morgen war ein seliges Erwachen fr den guten Berthold, die Mutter hatte es
ihm schon im Schlafe angesehen, da er sich wohl befinde, und war gleich heiter
und gesprchig. Beide dachten auf schne Gaben, die sie dem Faust verehren
wollten, als die Nachricht kam, er habe sich in groem Zorn aus der Stadt
fortbegeben, nachdem er am Morgen sein Nachtlager kennen gelernt, zugleich
beschuldigten ihn die Leute vieler schndlicher Laster. Wie kann ein Wohltter
der Menschen, mit der hchsten Weisheit und Gnade begabt, solch ein Saumatz
sein! seufzte Frau Hildegard. Aber Berthold, der viel in Rmern und Griechen
gelesen hatte, suchte ihr deutlich zu machen, wie gerade die allgemeine,
wissenschaftliche Ansicht, wenn sie allein herrschend wrde, die sittlichen
Grenzen des einzelnen Menschen auslsche; er sehe so Mannigfaltiges,
Widersprechendes geglaubt und geehrt, da er nur den Geist achte, in welchem
alles getrieben wrde. Frau Hildegard schttelte mit dem Kopfe und warnte
Berthold gegen die Bcher, da er es nicht auch einmal so treibe wie Faust, wenn
er ganz gesund wrde.
    Wirklich hatte schon Berthold am Dreiknigstage einen Lusten zum
Dreiknigsschmaus beim Herrn Brix, als die beiden Tchter, die noch immer keinen
Mann bekommen hatten, ihn besuchten und dazu einluden. Sie kamen ihm diesmal
ganz anders vor, die frische Luft hatte ihre Gesichter angeregt und es war ihm,
als ob der Glanz von Apolloniens Augen noch auf ihnen weilte. Htten die beiden
Jungfrauen durch seine Stirn sehen knnen, sie htten diese Stimmung gewi
benutzt, denn sie waren nicht freiwillig so einsam in der Welt geblieben. Aber
in ihrem ruschligen, schwatzhaften Wesen bersahen sie alle Neuigkeiten an dem
reichen Berthold, wie er heimlich der einen an den Arm fate und die andre zu
seinem Schranke hinzerrte, wo Zeichnungen von Orden, zum Dreiknigsfeste
brauchbar, durchsucht wurden. Ja er schalt nicht, als ihm Babeli einigen
Festkuchen auf die saubern Pergamentbilder krmelte. Schon nahm er sein Barett,
als die Mutter eintrat und nach seinem Beginnen fragte. Es wurde ihr erzhlt,
sie sollte auch Teil nehmen. - Auf einen Schmaus, rief die Alte, bei allen
Heiligen nein, der Schneesturm brchte dir die Krankheit in die Glieder zurck,
und heute schon so zu schwrmen, hiee Hundshaare auf eine kaum geschlossene
Wunde legen. - Mutter, sagte Berthold, ich bin ganz gesund und was ist
Gesundheit anders als der freie Gebrauch des Lebens. - Nein, nein, sagte die
Mutter, du wirst schon unartig und bist kaum ein wenig aus den Windeln, daran
sind die beiden Mdchen schuld; es ist gar nicht schicklich, da sie so den
jungen Leuten auf die Stube laufen. - Ich bin ber vierzig Jahre alt, liebe
Mutter, sagte Berthold bedeutend. - Ach lieber Gott, riefen die Mdchen, wir
sind noch lter, und trippelten mit Gelchter davon; wenn sie es recht bedacht,
htten sie lieber weinen mgen, aber sie waren drber hinaus und lngst mehr auf
Zerstreuung und Putz, als auf Liebesabenteuer gerichtet.
    Nun fragte Berthold nach Anton, seinem Gesundheitsgenossen, aber die Mutter
schimpfte heftig auf den Knaben, er habe sich nicht nur recht unbescheiden im
Essen und Trinken aufgefhrt, sondern auch die Nacht mit Faust im Keller
vertrunken, sie habe deswegen schon dem alten Sixt den Kopf gewaschen und dieser
habe ihn zur Strafe nach einem armen Dorfe zum Ausmalen der Kirche geschickt.
Berthold wagte nicht, seinen Vorschlag laut werden zu lassen, ihn ins Haus an
Kindesstatt zu nehmen.
    Mit Fingerling hatte Berthold ein ganz andres Verhltnis, jener glaubte ihm
nie genug Dank fr den Reichtum abstatten zu knnen, der durch den Schatz,
eigentlich durch seine Anwendung ber sie beide gekommen, er suchte Berthold an
den Augen abzusehen, was ihm Freude mache. Seine Lebhaftigkeit gab ihm bei
seinen weien Haaren etwas Jugendliches, er war wie ein alter Bedienter immer in
einer Art Verschwrung mit Berthold gegen die Mutter. Nie htte diese zugegeben,
da Berthold so viel Geld fr seltne Handschriften, alte Waffenstcke und andre
Altertmer ausgbe, wenn sie die Preise gewut htte. Aber Fingerling brachte
die Sachen ins Haus, als ob sie ihm von Handelsfreunden geschenkt wren, und
Frau Hildegard bedauerte nur immer den Raum, den sie einnhmen, nachdem das Haus
durch die Erbschaft der Grfin mit Gert so dicht vollgestopft wre. Bertholds
Wonne war der Waffensaal, den er mit Fingerling eingerichtet hatte und den nur
dieser mit ihm betreten durfte. Da las er ihm vor aus den Heldenbchern, jeder
Hauptheld hatte da seine Rstung, sein eigen benanntes Schwert und der
Rosengarten war eigen knstlich mit gemachten Bumen und Blumen, welche die
natrlichen bertrafen und mit Bildern von Wachs ausgefhrt, so da er die Mitte
des Saals einnahm, und da die beiden alten Spielkameraden mit den Figuren
zusammensetzten, was sich an Hauptbegebenheiten im Buche zutrug. Als Berthold
nun mit jedem Tage an Kraft und Gesundheit zunahm, da wurde er an einem
Februarsonntage gar unerwartet fr Fingerling traurig. Er konnte sich der Trnen
nicht erwehren, und Fingerling mute lange in ihn dringen, ehe er ihm die
Ursache sagte, endlich sprach er: Du mut mich recht verlachen, gutes altes
Herz, aber unsre Chriemhilde scheint mir nicht mehr so lebendig wie sonst, und
Siegfried wird so steif und unbehlflich in seinem Wesen, da ich lieber einmal
selbst ihn vorstellen mchte. Besonders verdrielich erscheinen mir aber unsre
hlzernen Pferde, kein gutes Haar ist mehr daran; - ich mchte gern einmal
selbst reiten, aber die Mutter darf es nicht wissen. - Fingerling wollte ihn
zur Ruhe ermahnen, weil sich das nicht so geheim treiben lasse, sonst sei er
selbst, obgleich kein schulgerechter, doch ein gebter Reiter auf seinen Reisen
geworden. Aber Berthold war nicht von der Sache abzubringen: Ich kann mich
nicht mehr beruhigen, seit ich Kraft in mir fhle, sprach er, - ich mchte,
da mir etwas Ritterliches begegne, wie dem Siegfried, ich tue in Gedanken
tausend Streiche in die Luft. Deine Liebe zu mir ist gro, aber du liebtest mich
gewi noch hher, wenn ich erst etwas recht Ritterliches getan htte: Ich mchte
in Verzweiflung aufschreien, da mich die Mutter von allem Reiten, Fahren,
Ringen, Armbrustschieen, Schlittschuhlaufen, wie es andre gute Gesellen der
Stadt treiben, aus Furcht wegen meiner Gesundheit abgehalten hat und ich mu
mich tot grmen, nun ich gesund bin, aber des Lebens und seiner Gaben nicht zu
brauchen wei. - Da sah Fingerling, da die Sache ihm ernstlich ans Herz griff,
er versprach alles zu tun, um diese seine Sehnsucht zu befriedigen, schlug ihm
auch vor, in einem groen Schafstalle vor der Stadt auf dem Hofe, den Berthold
krzlich gekauft hatte, eine Reitbahn fr sie beide einzurichten, auch ein Paar
gutmtige Pferde zu den ersten Versuchen aus den Ackergespannen auszusuchen. -
Da fiel ihm Berthold um den Hals und konnte kaum ruhen, bis die Sache ausgefhrt
war, ja er schlug vor, gleich nach dem Rathause zu gehen, wo von einem
Komdienspiele, worin die Waiblinger sehr ausgezeichnet waren, ein trojanisches,
hlzernes Pferd stehen geblieben, um Sitz und Haltung vorlufig zu ben. So
taten auch die beiden Freunde, schtzten Geschfte vor und verschlossen sich im
Rathaussaale, wo das hlzerne Pferd stand. Fingerling zeigte, so gut er es
wute, wie die Zgel und der Steigbgel zum Aufsteigen gefat sein wolle - mit
einem Schwunge sa Berthold oben und freute sich der Hhe. Nun gebt die
Spornen, dann geht's fort, rief Fingerling, aber haltet die Zgel, da es
nicht durchgeht, nicht zu fest und nicht zu wenig. Auch das tat Berthold,
bemerkte aber pltzlich solche Bewegung in dem Rosse, da er die Zgel immer
strker anzuhalten fr ntig fand, was aber alles nicht half, denn unaufhaltsam
strzte der stolze, von der Sonne ausgetrocknete Holzbau zusammen, Berthold an
die Erde, und aus dem hohlen Bauche sprang Anton schlaftrunken, sich die Augen
reibend, hervor. Fingerling half erschrocken seinem lieben Berthold auf, fragte
ihn sorglich, ob er sich Schaden getan, dieser aber hrte nicht auf ihn, sah
Anton verwundert an und sprach: Ist mir's doch wie ein bedeutsamer Traum, da
du aus meiner verunglckten Ritterfahrt so froh hervorgehst; begegnest du mir
vielleicht noch oft? Wie kommst du hieher? Du bist in der kurzen Zeit recht
gewachsen? - Anton antwortete mit der Bitte, seinem Vater nichts zu sagen, er
habe sich vom Lande heimlich in die Stadt geschlichen, um sich einmal bei der
Ratskellerwirtin, die ihm sehr gndig, satt zu essen, und da sei er nach Tische
im trojanischen Rosse zur Ruhe bergegangen, zugleich dankte er, da sie ihn
erweckt htten, er msse noch sechs Meilen bis zum Dorfe zurckgehen. Berthold
schenkte ihm etwas auf den Weg und Anton eilte fort. Wir geben das Reiten auf,
nicht wahr? fragte Fingerling. Nein, antwortete Berthold, ich habe gefhlt,
da ich recht dazu geschickt bin, denn die Besonnenheit hat mich keinen
Augenblick verlassen; aber dieses Vorfalls werde ich oft noch gedenken mssen.
    Schon am andern Morgen hatte Fingerling alles zum Reiten auf dem Vorwerke
eingerichtet. Der ehrliche alte Meier war sehr verwundert und erfreut ber die
Seltsamkeit des Herrn, wute aber in allem gut zu raten, da er in seiner Jugend
ein wackerer Reitersknecht gewesen war, und auch die knstlichen Aufzumungen
und Zgelbewegungen, samt der richtigen Anwendung des Sporns, wie es die
Rennpferde verlangen, wohl verstand und sich darber mitteilen konnte. Als nun
der Brgermeister zuerst an der Leine im Kreise ritt, da meinte er sich
unwiderstehlich nach einer Seite niedergezogen, aber er blieb dennoch mutig
sitzen. Als er abgestiegen, fand er sich in allen Gliedern seltsam zerschlagen,
aber er lie sich nichts merken, weder vor dem Freunde, noch vor der Mutter.
Besonders unbequem war es ihm in den nchsten Tagen, wo er heimlich anfing, zu
zweifeln, ob er zu solchen Beschwerden sich gewhnen werde. Aber der Meier
machte ihm mit seinem Lobe immer frische Lust, er rhmte seinen guten Anstand,
er werde sicher ein guter Reiter werden. Bald war er seinem Gefhrten Fingerling
berlegen, auch waren ihm bald die geduldigen Ackerpferde zu gering, die
Rennbahn zu enge. Es wurden ein Paar schne Rennpferde von einem verarmten
Ritter gegen einige Stcke Tuch eingetauscht und nun beschlossen, durch ein
feierliches Vorbeireiten das Schelten der Mutter zu besnftigen.
    Demnach tat ihr Fingerling kund, da an einem Sonntage ein fremder Ritter,
der sehr viel kaufe, bei ihnen eintreffe, sie mchte ihm ein Mahl bereiten
lassen. Das war alles geordnet und Frau Hildegard nur allein darum rgerlich,
da ihr Sohn so lange ausbleibe, da sah sie einen stattlichen Rittermann, in
voller Rstung auf hohem Ro ber den Markt traben und ging ihm feierlich an die
Tre entgegen. Der Ritter lie sein Pferd kunstreich traversieren, da sie
heimlich den bermut des Menschengeschlechts bejammerte, auf glattem Pflaster so
brotlose Knste zu machen, dann stieg er ab, - sie blickt ihm in den offnen
Helm, sie stockt in ihrem Gru, - es ist ihr lieber Sohn, der Brgermeister, der
ihr um den Hals fllt.
    Nun erst erschrak sie ber seine Khnheit, frchtete, er wrde ihr in allen
Dingen ausschrammen, nachdem er solche gefhrliche Kunst heimlich erlernt habe,
und suchte ihn mit Scheltworten und Trnen von dieser brotlosen Kunst
abzubringen. Aber Berthold hatte das alles voraus gesehen und sprach zu ihr, als
er sich an den hochgeschmckten Tisch gesetzt hatte: Seht Mutter, so ein Mahl
habt Ihr mir nie bereiten lassen, wenn ich auch den ganzen Tag zum Besten der
Stadt gearbeitet hatte; so ehret Ihr selbst die brotlosen Knste des Ritters und
wollet mich gegen etwas warnen, wozu mein Blut mich bestimmte, und woran mich
nur Leibesschwche so lange hinderte ich habe bisher vor Euch wie ein
umgekehrtes Panzerhemde erscheinen mssen, tatenlos und gedankenvoll, den Stahl
innerlich, die Polster uerlich, meine Welt war die Vorzeit, denn was die
Gegenwart brachte, konnte mich nur erschrecken, da ich sie in keiner Art zu
bestreiten wute. - Ach, seufzte Frau Hildegard, gewi ist der verwnschte
Ehrenhalt bei dir gewesen, den ich so oft mit Geld und Gaben von dir fortgekauft
habe. - Der Ehrenhalt? fragte Berthold, wei ich doch nichts von dem Manne,
was bringt er, was will er mit mir, ist er abgesandt von den Kronenwchtern?
Seid ruhig Mutter, ich diene ihnen nicht, die Trnen der Mutter, der Tod des
Vaters, auch Martins Tod, haben mich von ihnen geschieden. Meine Wnsche sind
beschrnkter, ich will nur als ein guter Brger gerstet und wehrhaft gegen
Gefahren sein, ich will mich selbst um mein Handelsgeschft kmmern, denn unser
guter Fingerling ist zwar munter, wie ein junger Geselle, aber gar alt, er soll
mich in Augsburg mit unsern Handelsfreunden bekannt machen, und darum hindert
mich nicht, da ich mit ihm gen Augsburg reite, wo der ehrwrdige, ritterliche,
in allen Knsten versuchte Kaiser Maximilian einen Reichstag ausgeschrieben hat,
der alle Handelsleute aus Schwaben zusammenfhren wird. - Frau Hildegard schlug
in Verzweiflung die Hnde ber den Kopf zusammen und rief zu Gott um Rat, wie
sie sich benehmen solle, ob sie den jungen Menschen in solche gefhrliche,
verfhrerische Stadt hinziehen lassen drfe. Die Verfhrung ist so gro߫, sagte
sie, so ein junger Mensch ist zutulich und neugierig und wenn die Leute hren,
da er nicht ohne Mittel, da drngen sich alle an ihn, er wird ausgezogen und
noch wohl gar verlacht.- Da trat Fingerling mit kluger Rede zwischen, versprach
die Fahrt mitzumachen, den Herrn Brgermeister wie seinen Augapfel zu bewachen,
versicherte, die Reise sei notwendig, weil sonst alle Websthle still stnden,
und trank auf die glckliche Heimkehr. So war die Erlaubnis zur Reise der
sorglichen Mutter ber den Kopf weggenommen.
    Als die Zeit nahete, verwunderte sie sich, da sie es erlaubt habe, dennoch
sorgte sie fleiig fr das Reisegert und packte auer der Wsche eine ganze
Apotheke und eine halbe Kche in die Mantelscke, und konnte immer noch nicht
mit ihren Anstalten fertig werden, nachdem schon Maximilian mit seinem
prachtvollen Einzuge fertig geworden war. Endlich war der Ritt angeordnet, der
Brgermeister hatte einem Ratmann die Geschfte bertragen, der Buchhalter
sorgte fr das Haus, die Pferde standen bepackt vor dem Hause, dennoch lie sich
Frau Hildegard nicht abhalten, dem Sohne noch einmal alle Warnungen einzuprgen,
die sie in der ganzen Zeit gesammelt hatte, und zum Schlu suchte sie ihn noch
mit der Ahndung zu rhren, als ob sie ihn nicht wieder she. Obgleich er diese
Ahndung schon oft gehrt hatte, so beschwerte sie doch sein Herz und er ritt die
erste Strecke gar nachdenkend in seinem Reisemantel. Endlich wurde es ihm
leichter ums Herz, er geno der ersten Freiheit seines Lebens, und der keusche
Frhling blickte mit tausend Blten, wie mit neugierigen Augen in die geheime
Sehnsucht, die ihm seit der Genesung jedes artige Jngferchen zu einer Apollonia
erhob, da er jede ehrfurchtsvoll, aber oft anblicken mute. Die Gesundheit
hatte das Samenkorn, das bis dahin in ihm wie im Sarge geruhet, schnell zum
Keimen gebracht, es sprengte das Steingewlbe, das ihn bisher umgab; er war, er
fhlte sich frei und zu etwas bestimmt. Und wie herrlich glnzte ihm das
Schwabenland, berall Zge von Reisenden; hier Kaufleute, die neben ihren
Frachtwagen einhergingen, dort Landsknechte, die einen Hauptmann suchten;
Pilger, die zu dem wunderttigen Bilde der schnen Maria in Regensburg zogen und
Frauen und Mnner, wie sie gingen und standen, mit ihrem Gesange fortrissen,
denn es war das erste Bild unter den Deutschen, in welchem die geheime Gewalt
des Heiligen mit der offenkundigen der Schnheit verbunden war. Htte Fingerling
nicht Einspruch getan, der gute Berthold wre mit zu dem Bilde gezogen, aber der
lebendige Trieb nach lebendiger Schnheit wuchs in dieser Annherung.
    In reger Geistesttigkeit, von allem angesprochen, doch ohne sonderbare
Reisevorflle, kamen die beiden Reisenden in die Nhe Augsburgs, hatten schon
mit einiger Beklemmung die weite Stadt mit ihren vielen Trmen von einer Anhhe
berschaut, als Kaiser Maximilian bei der Wertachbrcke, der Kurfrst Joachim
von Brandenburg auf der einen Seite, auf der andern Markgraf Kasimir, der schne
Verlobte, dessen hoher Braut entgegen ritten und dem Brgermeister den Weg
verrannten. Aus dem Gerede der voreilenden Menschen, mehr noch aus der
hnlichkeit mit vielen Holzschnitten erkannte Berthold den Kaiser schon in der
Ferne und wurde gezwungen, ihn recht in der Nhe zu betrachten, weil er von der
Menge, die nicht weichen wollte, an das Gelnder der Wertachbrcke angedrngt
wurde. Er freute sich, wie viel milder der Kaiser aus des hchsten Weltknstlers
Hand gekommen, als aus der Hand der Maler; der Kaiser hatte wohl recht, einmal
zu sagen: Jeder, der eine lange Nase zu pinseln wei, meint, er habe mein Bild
gemacht. Der Kaiser trug ber seinem, mit Gold eingelegten Panzer einen roten,
mit groen Perlen und grnen Edelsteinen gestickten Waffenrock, auf seinem Helme
den zweikpfigen Adler, der in der Krone wie in einem Neste seine Jungen
ausbrtete - ein Zeichen, da er diesmal die Nachfolge im Reiche fr seinen Sohn
Karl vermitteln wollte. Er ritt ein ganz weies Ro mit leibfarbenen Nstern und
Augenwinkeln in goldnem Zaumzeuge, ein Pantherfell seine Satteldecke, das mit
schweren, goldnen, betroddelten Gitterbndern um den Leib des Pferdes angezogen
war. Der Kurfrst Joachim war dagegen einfach in einem Marderpelz gekleidet,
sein Ro war schn, aber etwas scheu, so da er sich manchmal von der Seite des
Kaisers abwandte. Der Brutigam, Herr Kasimir, lie sich in einem leibfarbenen,
seidenen, mit Hermelin aufgeschlagenen, mit Silber gesticktem kurzen Mantel
sehen, einen grnen Kranz auf dem Haupte, aber seine Schnheit, seine
Freudigkeit war sein bester Kranz, so da ihm jeder die schne Braut gnnte, der
das unzhlige Volk, wogegen alle Hartschierer zu schwach, mit Freudengeschrei
entgegen jauchzte, sie recht in der Nhe zu sehen.
    Sie war in ihrem Wagen so nahe an Berthold gedrngt, da er wie einer der
Frsten zu ihrer Begrung entgegen geritten schien. Er sah die steigende Rte
ihrer Wangen unter dem Kranze von Edelsteinen; das Klopfen ihres Herzens bebte
in dem Blumenstraue, der auf der reichen Silberwoge ihres Busens unterzusinken
schien. Berthold hrte deutlich, da sie nach Herrn Kasimir fragte, den sie bis
dahin nur im Bilde gesehen, das auf ihrem Herzen an goldner Kette hing, und
Berthold meinte, sie frage ihn und zeigte nach der andern Seite des Wagens, der
nach beiden Seiten offen, nur oben mit goldnem Teppich gedeckt war. Auf der
andern Seite wartet seine Hoheit! sprach er; er wute es genau, denn ein
Nachbar hatte es ihm kurz vorher erzhlt. - Dank, Dank, Ihre kurfrstliche
Liebden, sagte die Braut, Frulein Susanna von Bayern, die ihn fr den
Kurfrsten Joachim hielt und sich jetzt an der Schnheit Kasimirs weidete, indem
sie bescheiden die Augen mit einem Wadel von Pfauenfedern deckte. Der Brutigam
beugte vor ihr ein Knie, nachdem er vom Pferde gestiegen, die Braut reichte ihm
den Mund, dann lockte sie der Kaiser auseinander, indem er in den Wagen stieg
und ihnen sagte, sie wrden einander noch lange genug sehen, auch sprach er:
Nicht wahr, liebe Tochter, wir haben gut gewhlt, wir gedenken heut bei euch
beiden, da wir auch einmal jung waren und freiten, und in der Welt wie in einem
Baum voll reifer Kirschen gegen die Sonne gedeckt zu sitzen glaubten, aber die
Kirschenzeit ist kurz, am Ende beit man mit stumpfen Zhnen die Kerne auf, die
man erst weggeworfen, und die Jahre vergehen wie die Tage, sonst war mir die
Sonne zu warm und jetzt zu kalt. Er winkte zum Fortfahren und die schne Braut
reichte Berthold die Hand, als einem Verwandten, dem sie sich freute verbunden
zu sein. Der Kaiser blickte sie befremdet an und fragte: Wre dies wohl einer
meiner lieben Vettern aus Bayern, den ich noch nicht kenne? - Ich meine, es
sei Herr Joachim, kurfrstliche Gnaden von Brandenburg, unser knftiger lieber
Herr Vetter! Wir irren, liebe Tochter, antwortete der Kaiser, dort reiten
Seine Liebden von Brandenburg. Wer seid Ihr, guter Herr? fragte er Berthold.
Und Berthold antwortete noch freundlicher, von dem Hndedruck erwrmt: Der
glcklichste Brgermeister aus Waiblingen. - Nun du ehrlicher Schwabe, sprach
Maximilian, Gott segne dir den Hndedruck meiner schnen Schwestertochter bei
deiner Frau!
    In dem Augenblicke bewegte sich der Wagen fort und Berthold versank in ein
stummes Nachsehen, nicht allein, weil er gewnscht htte, der Augenblick mchte
immer und ewig whren, sondern auch, weil es ihn recht krnkte, da er noch
keine Frau besitze. Aber kaum waren die sechs Prachtwagen, die dreihundert
bayrischen Ritter mit ihren Reisigen und Trabanten vorber, so ri der
unglaubliche Volksstrom den Brgermeister aus den Gedanken und mit sich fort
nach dem Felde an der Stadt. Jedermann wollte der Trauung in der Ulrichskirche
beiwohnen, nur Berthold wute nichts von der Ursache dieser Eile und widersetzte
sich dem Drange, um Fingerling zu erwarten, der unbemerkt schon frher von ihm
fortgetrieben war. Den Fugngern widerstand er auf seinem starken Rennpferde,
aber die Reiter, die nachfolgten, zogen ihn unwiderstehlich dem Tore zu, umsonst
lavierte er von einer Seite zur andern, wie ein Schiff, das mit halbem Winde
fhrt, die Volksmenge trieb ihn fort, wie ein hheres Geschick. Am Tore stieg
der Drang aufs hchste, denn die kaiserlichen Trabanten hinderten den Eintritt,
damit Julia Peutinger, das geehrte vierzehnjhrige Kind des Stadtschreibers,
ihre lateinische Rede an der Spitze vieler hundert wei gekleideter Jungfrauen
Augsburgs ungestrt vor der Braut halten konnte. Kaum war die Rede geendet, das
Kind im Wagen der Braut aufgenommen, die vornehmsten Jungfrauen in die nchsten
Huser zur Sicherheit gebracht, whrend der Brautzug hereinfuhr, so schlo sich
das Tor mit vieler Gewalt und die neugierige Menge war wie ein Feind
ausgeschlossen. Gleich verbreitete sich der gute Rat unter dieser Menge, ans
nchste Tor zu eilen, um dort noch zur Kirche zu gelangen. Da war aber groe
Eile wegen des Umweges ntig und um so rger wuchs das Gedrnge, Reiter
strzten, Wagen warfen um, niemand kmmerte sich darum, am schlimmsten ward
einer Schar der wei bekleideten Jungfrauen mitgespielt, die nicht Zeit gehabt
hatten, sich in die Stadt zu flchten; auf ihren weien Kleidern war der Schmutz
der bespritzten Wagen und stampfenden Rosse deutlicher zu erkennen, als auf den
dunkelfarbigen oder bunten Mnteln. Whrend der Donner des Geschtzes von den
Wllen die brige Menge immer wilder nach der Mitte des Festes hintrieb, fand
Berthold sich immer lebhafter von Mitleid gegen die Verunglckten hingezogen,
die um ihre Hoffnungen betrogen, Schmerz statt Lust eingetauscht hatten; dort
hob er einen Gestrzten aufs Pferd, hier half er einem Wagen aus dem Graben
heraus, und sah sich dabei nach Fingerling, aber vergebens um. Bei dieser
Geschftigkeit hatten sich die Leute verlaufen, es wurde ihm tausend Segen
gewnscht, aber die Trauung war inzwischen vorber gegangen, das bezeichnete der
neue Donner des Geschtzes von den Wllen, wie ihm einer mit Bedauern sagte.
    Verdrielich, seinen Freund nicht finden zu knnen, der in seinem Mantelsack
alle Empfehlungsbriefe an Handelsfreunde trug, noch verdrielicher, da an ein
Unterkommen in Wirtshusern, wie ihm jeder versicherte, jetzt gar nicht zu
denken, lie er sein Pferd langsam den Fustapfen der Menschen nach dem andern
Tore hin folgen. Schluchzend, weil sie sich einsam glaubte, ging da eine hohe
Jungfrau von krftigem Wuchse, und besah mit Trauern ihr Kleid, an welchem die
eine Seite ganz zerrissen und beschmutzt wie eine Trauerfahne erschien. Berthold
fhlte sich vom Mitleide hingezogen, er lie sein Pferd etwas schneller gehen,
da er fast an ihr vorbeigeritten wre, wenn ihn nicht die schnen blauen Augen
festgehalten htten, die gleich Vergimeinnicht am Bache ihre uersten Bltter
eintauchten und mit Tropfen fllten, ehe sie ihm, beschmt gesehen zu sein, die
langen, vierfachen Flechten des dichten, gelbbraunen, sanft gekrausten Haares
zugewendet hatte. Jetzt konnte er so recht mit miger Lust beschauen die
Wlbung des Nackens, die breiten Schultern die schlanken Hften, die weien,
runden Arme, vielleicht zum erstenmal der Sonne entblt, whrend die Hnde von
ihren Strahlen gebrunt waren, die zierlichen Fe mit hohem Spann, den edlen
Gang in der Bewegung aller Falten, die gleichsam von einem edlen Tanze
widerhallten. Noch sa der Kranz von mancherlei Feldblumen freudenstolz auf dem
Haupte der Betrbten, deren Angesicht sich in dem Rosenbusch versteckte, welcher
die Mitte des keusch geteilten Busens bezeichnete. Da war kein Mangel, kein
berflu, sondern in dem Ebenma ein rechtes Bild menschlicher Zufriedenheit,
alles schien an der hohen Jungfrau fest und beweglich zugleich, nirgends Zwang,
alles eine schne Gewohnheit der verhltnisreichen Gestalt. Er htte so gern ihr
Antlitz gesehen und besann sich auf eine Frage, aber er fand keine, so ritt er
stumm an ihrer Seite, wendete sich zu ihr und wieder von ihr ab, wie eine
Wetterfahne bei streitendem Winde, denn Apollonia fiel ihm ein, aber so bla wie
der Mond am Tage gegen diese neue Sonne seines Lebens. Er htte weinen mgen mit
ihr und mute sich freuen, denn alles lebte in ihm mit Freude an der Welt, in
solchen Augenblicken der Bestimmung zeigt sich Gott in der Herrlichkeit seiner
Welt, wie auf dem Throne, jedem nach seinem Mae. So kam wie eine hhere Gabe
ein Zutrauen in Bertholds Seele, da er mit ernster Stimme zu der Jungfrau
sprach: Ich kann Euch gewi helfen! Sie sah ihn an, schttelte mit dem Kopfe
und sprach mit Schluchzen, das gegen ihren Willen wieder ausbrach: Kein Mensch
kann mir helfen, die Leute haben mir im Gedrnge das Kleid zerrissen, was fange
ich an, wir haben es zum heutigen Tage geliehen! - Bei diesen Worten sah sie
von neuem den groen Ri und mute wieder weinen und jammerte ber die Schlge,
die sie von der Mutter erhalten wrde, obgleich sie keine Schuld bei dem Unfall
htte, es msse einer im Gedrnge mit der Degenschnalle eingehakt sein. -
Berthold versprach die Mutter zu besnftigen, er werde ihr den Drang und die Not
am Tore berichten. Ihr kennt sie nicht, sagte das Mdchen, auch hatte sie mir
alles voraus gesagt, aber meine Lust, die frstliche Braut zu sehen, war allzu
gro, und da ich sie gesehen habe, ist mein einziger Trost bei dem Unglck! -
Und nun erzhlte sie von dem Einzuge und schien ihr Unglck etwas zu vergessen,
bis sie an Huser kamen und sie dem Brgermeister das niedrige Dach ihres Hauses
zeigte, da wollte sie in Angst keinen Schritt weiter tun, sondern sich hinter
dem steinernen Brunnenbecken verstecken.
    Berthold fate seinen Entschlu, ritt voran nach dem Hause und bat die
Jungfrau langsam nachzukommen, indem er sich den Namen der Mutter, welche Frau
Zhringer hie, von ihr sagen lie. Er klopfte an das Haus und hrte sie im
Hause schelten, wer sie schon wieder stren wolle; gleich trat auch eine rstige
Frau heraus, etwas stark, doch ohne davon beschwert zu sein und vom Ansehn
jugendlicher, als sich bei einer erwachsenen Tochter vermuten lie. Sie hatte
wahrscheinlich am Webstuhle gesessen, denn sie hielt noch ein Schiff in Hnden
und fragte mit Ungeduld, was Berthold wolle. Das Ansehen, die Stimme noch mehr
erinnerten Berthold an etwas Bekanntes, inzwischen achtete er nicht darauf,
sondern brachte seine Entschuldigung der langsam sich annhernden Tochter in der
Art vor, er sei beim Einzuge auf die Tochter gedrngt worden, und habe ihr ohne
bsen Willen mit seinem Sporn das Kleid zerrissen, er biete ihr einen Gulden zur
Shne und diesen Gulden reichte er ihr zugleich dar. Der Anblick des Geldstcks
lschte alle Zornglut der Mutter, sie schalt die Tochter, da sie sich nicht
mehr in acht genommen, sie sagte Berthold, da er nicht htte reiten sollen,
wenn er sein Pferd nicht zu fhren verstehe, endlich versicherte sie aber doch,
weil er sie so hflich angesprochen, wolle sie diesmal nicht schmlen, doch sei
es zu viel, was er ihr biete, sie wolle das Stck verwechseln lassen und ihm das
zuviel herausgeben. - Vielleicht brauchet Ihr mir nichts wieder zu geben,
sprach Berthold darauf, wenn Ihr eine Bitte von mir erfllen knntet, mich fr
heute in Eurem Hause zu beherbergen, die Wirtshuser sind gefllt und alle
Empfehlungen an Handelsfreunde hat ein Freund von mir bei sich, den ich im
Gedrnge aus den Augen verloren habe. Die Mutter sah ihn bedenklich an und ma
ihn vom Kopf bis zum Fue. Ich glaube Euch wohl, sprach sie, da Ihr in der
Stadt kein Unterkommen finden wrdet, waren doch schon gestern alle Herbergen
besetzt, aber ich kann Euch nicht ins Herz sehen, was Ihr fr einer seid, und in
dieser Zeit ist jeder auf seiner Hut; es schwrmt viel loses Gesindel umher und
wir wohnen hier einsam. - Liebe Mutter, sagte die Jungfrau, er meint es
gewi ehrlich, was htte ihn sonst bewogen, meinen Schaden auf sich zu nehmen.
- Ich habe kein Haus, das sich zum Herbergen fr Mann und Ro eignet, sagte
die Mutter. - Im Stall ist wohl noch Platz, sagte die Tochter, so auch in der
Giebelstube. - Aber wer seid Ihr? fragte die Mutter. - Ich bin Berthold, der
Brgermeister aus Waiblingen.- Bei diesen Worten sah die Mutter ihn genauer an,
indem sie die Hand gegen die Sonnenblendung richtete, schwieg einige Augenblicke
und sprach: Tretet ein, es sollte nun einmal so sein, seid willkommen, Anna
soll fr Euer Ro sorgen, ich kann mich schon schtzen gegen Euch, wenn Ihr
etwas bles wollt. Berthold dankte, aber er gab nicht zu, da die Tochter sein
Pferd fhrte, er selbst fhrte es, sattelte es ab, hatte noch etwas Futter bei
sich und fllte ihm die Krippe. Dann ging er mit dem Felleisen ins Haus, wurde
in das reinliche Wohnzimmer gefhrt, wo zwei Leinenwebsthle standen. Er
beschaute in der Verlegenheit die kleinen Bilder an der Wand und fand ein Bild
von Waiblingen in deren Mitte befestigt. Die Mutter antwortete nicht auf seine
Frage, wie sie zu dem Bilde gekommen, sie schien beschftigt. Bald rief sie ihn
zum gedeckten Tische, wo ihm die Tochter mit ihren runden Armen, die gleichsam
mit weien Haaren bestubt waren, einen guten Hirsenbrei aufsetzte und eine
hlzerne Kanne mit Bier dabei hinstellte und ihn zum Essen ntigte, nachdem die
Mutter den Segen darber gesprochen hatte.

                               Dritte Geschichte



                                   Der Becher

Das kleine Mahl war lngst verzehrt und noch immer wurde von den
Merkwrdigkeiten des Reichstags und von den Festlichkeiten, welche die
Vermhlung feiern sollten, gesprochen. Die Jungfrau Anna konnte ihre Vorliebe
fr die ritterlichen Spiele, fr das Gesellenstechen, das am andern Tage gegeben
werden sollte, nicht verbergen, obgleich sie nie etwas der Art gesehen und eben
so wenig von dem Wesen dieser Spiele gehrt hatte. Da fhlte sich Berthold recht
im Mittelpunkte seiner Kenntnisse, Tage lang hatte er an einzelnen kunstreichen
Stcken, die von den Stechen erzhlt wurden, spekuliert, sie zu zeichnen sich
bemht, auch alle Gesetze und Gewohnheiten der Turniere mit seinem Freunde
Rxner gemeinschaftlich gesammelt, sein Gedchtnis bewahrte ihm jedes berhmte
Turnier und die Namen derer, welche Preise gewonnen hatten. Er unterrichtete die
Frauen von dem hohen Altertume der Kampfspiele unter den Deutschen, die nicht
wie bei andern Vlkern der alten Welt als ein miges Schauspiel fr die grere
Menschenzahl, sondern als eine allgemeine Belustigung aller ritterlichen Mnner
geachtet wurden, bei welcher nur Frauen als Zuschauer zu beachten waren. Vor
allem war das Rennen mit Spieen immerdar hochgeehrt, sagte er, und der groe
Kaiser Heinrich der Vogler hat zuerst einen groen Reichsverein darin gestiftet,
den Adel gegen Verwilderung zu schtzen und ihn dem brigen Volke als Vorbild
aufzustellen. Wer gegen den christlichen Glauben Untreue erwiesen, gegen des
Reiches Beste gefrevelt, Frauen entehrt, die Ehe gebrochen hatte, wer meineidig
und siegelbrchig erkannt, wer feldflchtig erfunden aus Feigheit oder Verrat,
wer gemordet, wer Kirchen, Witwen oder Waisen beraubt hatte, wer Wein oder
Getreide gegen die Kriegsordnung zerstrt, wer ohne Grund und Kriegsordnung
befehdet und Straenruberei getrieben hatte, sollte sein Pferd verlieren und
auf die Schranken des Turnierplatzes gesetzt werden. Diesen Gesetzen fgte
Meister Philipsen, des Kaisers Schreiber noch zweie hinzu, nmlich, da auch die
ausgeschlossen wren, die sich mit der Kaufmannschaft abgegeben und die ihren
Adel nicht mit vier Ahnen beweisen knnten. - Bei uns htten die Reichen dem
Meister Philip die beiden letzten Gesetze nicht zugegeben, meinte Frau
Zhringer, jetzt werden die reichen Fuggers hher geachtet, als tausend adlige
Heckenreiter, die hier auen in den Vorstdten den Juden ihre Beute verkaufen.
- Meine gute Frau, sagte Berthold, als jene Gesetze angenommen wurden, hatten
sie gewi ihren Grund, der Adel durfte sich nicht in fremdartigen Geschften
zerstreuen, der nahen Reichsfeinde gab's zu viele, auch mute er sich fr ein
geschlossenes Ganze im gewissen Sinne halten, sollte er anders der Ehre sich als
Opfer bringen. Demnach konnte der Kaiser wohl den Adel verleihen, aber erst die
in mehreren Geschlechtern geprften Abkmmlinge erhielten das volle Recht des
Adels. Darauf haben die Znfte der reichen Stdte hnliche Turniere bei sich
eingerichtet und seit Jahren schon sind die groen Turniere der vier deutschen
Lande ins Aufschieben gekommen. So wechselt alles gar seltsam, was nicht nach
der Zeit sich richten, oder die Zeit berwltigen kann. Statt die andern
deutschen Lande, wie sie aufblhten, in gleiche Rechte mit den frher Geordneten
einzusetzen, statt eines freundlichen Verkehrs und Zusammenhaltens mit den
Stdten, trennte sich alles in herkmmlichem Stolze. Wir werden noch mehr
erleben, bald meinen die Bauern Frsten zu sein, geben keinem mehr eine
freundliche Antwort, man braucht sie nur anzusehen, so gehen einem die groben
Knollfinken zu Leibe. Der Bundschuh in der Fahne der Speyerschen Bauern im
Aufruhr bezeichnete, da sie ihn so hoch ehrten, wie eines Ritters Stiefel mit
dem gldnen Sporn, dieser Aufruhr ist gewi nicht der letzte gewesen, besonders
in den geistlichen Landen, wo die Last doppelt drckt und weltlicher Prunk mit
geistlichem zusammen bestritten werden soll. - Ja, sagte Frau Zhringer,
wenn ich so einen Bettelmnch aus dem Bistum sehe, wie er mir mein sauer
verdientes Brot abtrotzt, um es nachher fr Wein in der Schenke zu verhandeln,
da mchte ich ihm mit meinem Bundschuh gern auf die Platte schlagen und mit den
Bauern rufen: Was ist das fr ein Wesen? Vor Mnchen mag keiner genesen. -
Sonst war alles anders, fuhr Berthold fort, das strenge, arbeitsame Leben
dieser Mnche befriedigte zu Hause alle ihre Bedrfnisse und nur, wenn sie mit
geistlichem Troste zu den Leidenden umher gingen, bedurften sie eines geringen
Unterhalts, der kaum bemerkt wurde gegen die Flle hherer Unterhaltung, die ihr
Wort verbreitete.
    Whrend dieses Gesprchs war die Tochter, die in der vorigen Nacht
arbeitsvoll und erwartungswach nicht zum Schlafe gekommen war, auf ihrer Hand
eingeschlummert, dem guten Berthold gegenber, der mit scheuem Vergngen auf die
von Schlaf und Traum lebhaft bewegte, heftig atmende Jungfrau hinblickte, denn
alles war gut an ihr, wie in der Welt nach den Schpfungstagen. Da dem lieben
Kinde nur nicht die Hnde einschlafen, sagte er endlich in Verlegenheit, sie
liegt damit an der scharfen Kante des Tisches und klemmt ihr Herz ein, es
scheint ihr sehr hei. Die Mutter nahm ein Npfchen mit Weihwasser, sprengte
damit ber die Brust des Mdchens, da diese aufschreckte und rief dann, da ihr
der Segen wohl bekommen mge nach dem Schlafe. - Ich habe nicht geschlafen,
sagte Anna, ich hrte noch von dem Stechen und wie der fremde Herr
Brgermeister den Preis und Dank gewonnen hat, wie er ihn mir darreichte und wie
ich darber so glcklich war. - Die Mutter verlachte ihre Einbildung, aber dem
Brgermeister war das Blut glhend hei in die Stirn getreten; Anna hatte mit
dem Traume die vieljhrige Sehnsucht seines Herzens zu Worte kommen lassen, der
er so lange nur heimlich nachgehngt, weil sie whrend seiner Schwche als
Wahnsinn erschienen wre. Er konnte dem innern Drange, dem uern Rufe zugleich
nicht widerstehen, er mute es wieder besttigen, da jeder Mensch, frher oder
spter, einmal ausrasen mu, er rief, da er beim heil'gen Georg fr die edle
Jungfrau eine Lanze brechen msse, der Himmel werde es fgen, da er den Traum
wahr mache, ihr sei der Preis verehrt. Nun bedauerte er, keine seiner Rstungen
mitgebracht zu haben, aber Anna erzhlte ihm von einem Waffenschmidt in der
Nhe, der immer dergleichen in Vorrat zum Verleihen habe, nur die Mutter warnte
ihn, sich in acht zu nehmen, es seien geschickte Stecher in Augsburg. Die
Warnung befeuerte seinen Mut, jetzt erst freute er sich, Fingerling aus den
Augen verloren zu haben, der htte ihm Hindernisse in den Weg gelegt; was die
Mutter einst dazu sagen wrde, brachte er aus dem Kopfe und freute sich nur, wie
er fr Alma sein Leben an das Ungewohnte setze.
    Schnell beurlaubte er sich von Mutter und Tochter und dachte zum
Waffenschmidt gehend: Fr einen Reiter, der mehr auf dem Pferde, als auf der
Erde, mehr in der Rstung, als im Schlafrock gelebt hat, ist es ein kleiner
Dienst, seiner Jungfrau zu Ehren ein Rennen einzugehen, etwa nicht mehr, als
wenn ich mich anheischig machte, ihr ein Liederbchlein schn abzuschreiben; wer
aber wie ich, mehr auf der vierbeinigten Bank, oder im Krankenbett, als auf dem
Ro und auf der Burg gelagert war, wer wie ich, kein junger Wagehals mehr ist,
wer wie ich, vieles kennt, was ihm lieb und wichtig ist, und eine warnende
Mutter stets vor sich sieht, der mag sich dieses Dienstes wegen ehren, er opfert
ihm alles, was ihn so lange bettigte und beengte.
    So kam er an zwei Lden, deren einer mit weiblichen, reichen Tanzkleidern in
Gold und Silber, der andre mit schwarzen eisernen Harnischen angefllt war,
alles zur Wahl fr diese Tage, wo Tanz und Stechen mit einander wechselten, in
heller Beleuchtung zum Kauf und Leihen ausgestellt. Da sah er sich erst
zweifelnd nach beiden um und beide Verkufer ntigten ihn mit guten Worten
einzutreten, indem er bei sich bedachte, welches von beiden, der Frauenschmuck
oder die Mnnerwaffen, mehr Heil und Ehre, mehr Unheil und Schande bereiteten.
Er fhlte sich stark genug, beides, Heil und Unheil zu ertragen, ging erst in
den Laden mit kostbaren Tanzkleidern und whlte eins, das nach seinen Gedanken
der schnen Anna besonders gut stehen msse, lie es in eine saubre Schachtel
einpacken, zahlte und trat dann zu dem Waffenschmidt. Der Meister sah ihn
seltsam an, da er zum Stechen eine Rstung begehre, denn Berthold war wohl von
hohem Wuchse, aber in dem Stubensitzen und Krnkeln etwas dnnlich angewachsen,
obgleich er jetzt in seiner Art wohl aussah. Es gibt hier starke Renner, glaube
kaum eine Rstung Euch leihen zu knnen, die gut schliet, sagte der Schmidt.
    Somit rasselte er unter allem alten Vorrat herum, der an der Seite auf einem
Haufen lag, und schrie endlich: Gefunden, ein rechtes Prachtstck, in alter Art
mit silbernem Blumenwerk ausgelegt, etwas eingerostet zwar, aber dafr seht Ihr
eine Merkwrdigkeit an ihr, die soll einem Hohenstaufen gehrt haben, ich
tauschte sie von einem Hohenemser Grafen ein, der dafr eine nach neuem
Zuschnitt annahm, die fest gegen Bchsenkugeln. Da griff Berthold mit Eifer zu,
lieh sie nicht, sondern gab gleich den geforderten Preis, zog sie an, sie pate
und er gelobte heilig, seinen Ahnen keine Schande zu machen.
    Rasselnd in der Rstung, die Schachtel in der Hand, whrend ein Knabe des
Schmidts ihm die Pferderstung, samt dem Speer nachtrug, trat er an die kleine
Tre des lieben Huschens, wo er nicht zu klopfen brauchte, da Anna aufmerksam
am geffneten Fenster seiner geharrt hatte. Er nahm dem Knaben alles ab und trat
mit freundlichem Grue zur Frau Zhringer, die bei hellem Lampenschein an ihrem
Webstuhl arbeitete. - Sollte ich mich doch fast vor Euch frchten, sagte Frau
Zhringer, erst kamet Ihr friedlich, nun in Waffen, aber ich habe die Furcht
berstanden, habe oft whrend des Kriegs mein kleines Haus mit den Waffen
schirmen mssen und der selige Mann gab mir manchmal seine Wehr, wenn er zu mde
war, hinaus zu treten und nach den Fremden zu fragen. - Ich komme wie ein
Kriegsmann, der den Frieden erkaufen mchte, sagte Berthold, seht, dieses
seltsame Kleid habe ich gekauft, versucht doch Anna, ob es Euch pat; die,
welcher ich es verehren werde, hat gleichen Wuchs mit Euch. Gewi Eure Frau?
fragte Frau Zhringer, nahm ihrer Tochter den gefalteten, hoch stehenden Kragen
ab, zog ihr das Jckchen aus, da Berthold den schnen, vollen Hals und Nacken
und die sanften Umrisse des Rckens mit selig staunendem Blicke, wie ein neu
entdecktes Paradies in bekannter Gegend umspannte und die Antwort verga. Eure
Frau kann mit dem Kleide zufrieden sein, sagte Frau Zhringer, nie sah ich
schneren Silberbrokat, die Rosen sind recht natrlich darin gewirkt und gar
kstliche Spitzen im Besatz. - Meine Frau, antwortete Berthold aus dem Traum
aufschreckend, ich habe keine Frau, ich habe nur eine Mutter, der ich es
verehren wollte. - Diese Rosen schicken sich nicht fr eine alte Frau, sagte
Frau Zhringer, whrend sie sich ber Anna innerlich freute, die einer Kaiserin
gleich mit ernst frohem Angesicht in der ungewohnten Pracht auf und nieder
stolzierte, als folge ihr ein ganzer Hofstaat zur Vermhlung. - Es pat mir
gut, sagte Anna, mag es Eurer Mutter eben so gut sitzen! Mit diesen Worten
legte sie es wieder ab, wie es ihm schien ohne Neid, denn auch das schnste
Kleid war nicht wert, so viele krftige Schnheit zu verstecken, die sie so
wenig erkannte, als versteckte, sondern unbekmmert wie bei ihrer tglichen
Arbeit im knappen Leibchen sich neben dem Geharnischten an den Webstuhl setzte,
wo dieser in spielender Freundlichkeit sich anstellte, als ob er auch die
Weberei lernen wollte. Dabei erzhlt er, wie viele Websthle er beschftige,
ohne selbst etwas davon zu verstehen, und erkundigte sich nach der Gelegenheit,
seinem verlornen Freunde Fingerling am andern Morgen nachzuspren, dem er die
Leitung dieses Geschfts hauptschlich danke. Frau Zhringer versprach, sich
selbst in den Gasthusern und Herbergen am andern Tage nach ihm umzusehen, denn
Anna mochte sie in dem Drange nicht dahin schicken und Berthold mchte sich
nicht berall zurecht finden. Whrend dieses Berichts nickte Anna mehrmals auf
Bertholds Schulter ein, und fiel gleichsam in einen Ku gegen seine Wange, ohne
da sie es wollte, deswegen trieb Frau Zhringer den Ritter in die Giebelstube,
da alle ihre Ruhe fnden. Welche selige Trume senkten ihren vielfarbig
blhenden Mohn ber den mden Ritter, auch Anna trumte und die Mutter auch, die
lange nicht getrumt hatte.
    Frh war er auf, sein Ro tchtig auszufttern, das an den vielen
Liebkosungen zu merken schien, es solle nach langer Abwesenheit wieder einmal
die Rennbahn betreten, den Kopf stolz hob und mit den Vorderfen arbeitete, als
gehe es schon in den Schranken. Dann ging er in die nahe Kirche zur Frhmesse,
mehr in Erinnerung ritterlicher Gewohnheit, als aus Andacht, denn seine Gedanken
waren ganz allein auf Anna hingerichtet und obgleich wohlgemeint, doch nicht
heilig zu nennen. Ob er sie heiraten solle, ob sie ihn wolle, ob sie nicht zu
jung sei, ob er ihr gleich seine Hand anbiete, ob er prfend warte, das
schwirrte ihm so im Kopfe umher, da er nicht auf eignen Rat sich verlassen
wollte, sondern die Vorsehung anzusprechen beschlo, indem er eine Mnze fr den
Opferstock aus seinem Beutel nahm. Er hatte sich dies als Kind schon in
zweifelhaften Fllen angewhnt, er warf die mit einem Kreuz auf der einen Seite
bezeichnete Mnze in die Hhe, fing sie in der flachen Hand auf, und war diese
heilig bezeichnete Seite oben, so billigte der Himmel seinen Vorsatz. Auch
diesmal erhielt er dreimal das Kreuz hinter einander, somit blieb ihm kein
Zweifel, da er um Anna bald anhalten msse. Er ging mutig heim, waffnete sich
und lie sich von Anna einen Kranz auf die Lanze stecken, dann ritt er von einem
gemieteten Knecht begleitet, nach dem Weinmarkte, wo die Schranken eingerichtet
waren. Die Grieswrtel machten ihm in dem Gedrnge Platz und er ritt hinter die
Seile, wo seine Waffen von den Turniervgten untersucht und untadelig gefunden
wurden. Dann wurde sein Name aufgezeichnet und er in die innern Schranken
gelassen. Die Pracht des Anblicks blendete ihn einen Augenblick, nie hatte er
einen solchen Haufen geharnischter Reiter, so viele hochgeschmckte Frauen
beisammen gesehen. Wie kann ich da siegen dachte er bescheiden in sich; aber ich
kann doch zeigen, da ich fr Anna alles wage, so dachte er weiter. Bald ward
unter den Frauen ein strmisches Bewegen, jede suchte sich hher zu stellen, das
Stechen verkndete sich durch ein betubendes Geschmetter aller Trompeten. Der
Kaiser ritt jetzt mit geschlossenem Helme durch die Schranken, machte aber nur
eine zierliche Wendung gegen Markgraf Kasimir, der ihm folgte, als ob er sagen
wollte er mchte wohl, aber knne nicht stechen, und reihete sich dann mit allen
Frsten und Herren, die seinem Beispiele folgten, hinter den Schranken der einen
Seite. Als nun die Herren das Stechen abgelehnt hatten, so begann das
Gesellenstechen, auf ein Zeichen des Ehrenhalts, nach welchem die Seile, welche
die Kmpfer zurckgehalten, von den Bahndienern mit scharfem Beil zerhauen
wurden. Je sechs und sechs wurden nun immer aufgerufen und ritten gegen
einander. Das waren nun meist tchtige Mnner, wie sie das Handwerk bildet, aber
nur wenig geschickt und ermigt, die meisten gaben mehr auf die Derbheit des
Anlaufs, als auf die Richtung und auf die Benutzung der Ble des Gegners, so
da der Kaiser, der in allem Meister war, oft herzlich ber das Ungeschick
lachen mute, wenn gewhnlich alle zusammenstrzten. Die dritte Reihe berief
auch Herrn Berthold in die Schranken, er empfahl sich dem Himmel und seiner Anna
und weil er wirklich sein Pferd sehr gut fhrte, sein Pferd auch sehr gut
eingeritten war, er sich auerdem die Art des Kaisers wohl gemerkt hatte, so
zeichnete er sich gleich vor allen aus, die bis dahin erschienen. Es geschah
bald seinetwegen Nachfrage unter den Frauen, sein Glck aber erreichte den
Gipfel, als ein Fleischer, mit Namen Kugler, in solchem Ungestm gegen ihn
anrannte, da dessen Spie abgleitete und der Schwankende ohne groe Gewalt von
ihm abgeworfen wurde, whrend er sich unerschttert hielt und gegen einen
zweiten rannte, der schon von einem abgeworfenen Gegner bgellos gemacht war.
Auch dieser fiel, und da inzwischen die andern einander herunter gestoen
hatten, so war er der erste der als Sieger aus einer Reihe blieb und
aufgezeichnet wurde. Von seinem Glcke erfllt, sah und hrte er nicht, was
weiter auf der Bahn geschah, sein Geschick war entschieden und er konnte ruhig
warten, wenn auch einer noch mehrere niederrannte, einer der Preise mute ihm
werden. Am Schlusse des Rennens wurde ihm von der neu vermhlten Markgrfin ein
silberner Becher, mit silbernen Denkmnzen ausgelegt, als Preis berreicht, sie
erkannte ihn wieder, gab ihm die Hand zum Ku und sprach: Ei, ei htte ich Euch
doch nicht angesehen, da Ihr ein so starker Renner seid! Kaum hatte er seinen
Dank gesprochen, so trat ihn ein Bote des Kaisers an und ntigte ihn zum
Mittagessen. An den Schranken war ihm eine neue Freude bereitet, hier umhalste
ihn Fingerling, der in Kraft der Empfehlungsschreiben bei Fugger die Nacht
geherbergt hatte, ihn ausrufen hrte und nun auf ihn wartete. Kaum konnte der
gute Alte seinen Jubel migen, da solche Ehre ber Berthold gekommen, zugleich
berichtete er ihm, da ein Bette fr ihn im Hause Fuggers bereitet sei und was
er fr Angst ausgestanden, seit er ihn im Gedrnge aus den Augen verloren hatte.
Berthold ging mit ihm auf dieses Zimmer, zog dort seine Rstung aus, erfrischte
sich mit Wein, erzhlte, wie gut er aufgenommen sei, vertraute Fingerling seine
Liebe, und bat ihn, mit dem Becher zur schnen Anna zu gehen, ihr zu sagen, da
er nur fr sie gewonnen sei, da er zu alt wre, um seine Entschlsse lange
aufzuschieben, sie mchte entscheiden: wolle sie ihm geneigt sein, sie mchte
den Becher ans Fenster stellen, damit er vorbergehend sein Glck erkenne und in
ihr Haus eingehe, oder im Falle sie ihn meide, fr immer vorbergehe, sich den
Schmerz und ihr die Verlegenheit zu ersparen. Zwar wollte Fingerling mit
allerlei Rat auftreten, da Rom nicht in einem Tage erbaut, die Welt nicht in
einem Tage erschaffen sei, weil Eile mit Weile auch bei Gott und den
Weltgeschicken gelte, aber der junge Hohenstaufen sprach aus Berthold mit
heftigem, fast befehlenden Drange, und Fingerling unterwarf sich als ein
ergebener Schneider. So war diese Herzensangelegenheit zu einer Entscheidung
gereift, Berthold fhlte sich leichter, als wre etwas abgetan, und ging mit
einer frohen Zuversicht nach dem Fuggerischen Saale, wo der Kaiser diesmal die
groen Tafeln hatte einrichten lassen.
    Gleich beim Eintritt, als der Ehrenhalt seinen Namen nannte begrte ihn
Marx von Treitssauerwein, des Kaisers Schreiber, in griechischer Sprache; er
hatte mit ihm schon lngere Zeit ber einige Komdien des Menander gebrieft, die
damals noch in einem schwbischen Kloster vorhanden waren, aber bald darauf von
einem hypochondrischen Abte verbrannt wurden. Es war ein freundlicher,
behaglicher Herr, wohl beleibt und den Freuden der Tafel ergeben, wenn er seine
Geschfte wohl erfllt zu haben glaubte. Berthold mute sich zu ihm an den Tisch
setzen und sie kamen im Gesprch bald auf den Kaiser; beide liebten und ehrten
ihn, aber beide hatten genug deutsche Wahrheit in sich, durch keine Freude an
Menschen sich blenden zu lassen, sondern das Menschliche in allem Gegenwrtigen
zu erkennen und nur aus der Vergangenheit sich Strahlenbilder fleckenloser
Vollendung zum Vorbild dieser Gegenwart aufzustellen. Der kaiserliche Schreiber
bedauerte, da das Schauen von unntzen Prachtzgen, von Jagden und Fischereien
dem Kaiser so viel Zeit genommen habe, es wrde sonst mehr frs Wesentliche
geschehen. Berthold gab es zu, doch rhmte er es aus seinem Gefhle, wie innig
ihn die Nhe des Kaisers bei dem heutigen Spiele mit ihm verbunden habe; wenn
die Kaiser so leicht die Ergebenheit der Menschen sich gewinnen knnten, so sei
es nicht verlorne Zeit zu schelten, die sie darauf verwendeten. Vielleicht,
sagte er, wrde der deutsche Adel sich auch viel eher in die gute Ordnung
fgen, wenn der Kaiser seine groen Turniere mehr begnstigte, sie in seiner
Gegenwart halten liee. - Falsch, sagte Treitssauerwein, da es unsre geheime
Absicht ist, den Brgerstand empor zu bringen, so mssen solche Versammlungen
des Adels gemieden werden. Ihr kennt wenig unsern Adel, der steht ein paar
Jahrhunderte zurck, ich meine den auf dem Lande, der denkt noch an die
Kreuzzge und an die Hohenstaufen, meint niemand ber sich als Gott und die
Wahrheit was ist damit bei der jetzigen List und Verruchtheit in allem Verkehr
anzufangen. Die Neuerungen, der Landfriede, die ihnen jetzt ber den Kopf
weggenommen werden, weil sie vereinzelt sind, alles das ginge zum Teufel, wenn
die Kerls mit einander zur Sprache kmen. Der Kaiser steht hoch ber der Zeit,
er hat die Welt kennen gelernt, hat sich wie eine Erdbeerpflanze an zehn Stellen
eingewurzelt, in Spanien, Portugal, Ungarn, Bhmen, und das alles, um sich gegen
dies unser verwirrtes, bermchtiges, deutsches Adelsvolk und die Menge kleiner
Frsten zu sichern; es geht jetzt ins Groe, der Adel denkt nur ans Kleine,
verachtet den Handel, statt ihn zu nutzen, verachtet das neue Kriegswesen und
kann doch mit seiner Art nur bei kleinen Zgen etwas wirken; es mchte noch
jeder als Mensch bestehen, whrend die Geschichte alles zu Nationen
zusammenfegt. Was unser Maximilian und wir nicht erleben, das kommt seinem Sohne
Karl zu Gute, ihm gehrt die Welt, die Kirche macht er frei vom Papste, darum
mchte der Kaiser ihm schon auf diesem Reichstage das Reich sichern. Die
widersprechenden Krfte mssen sich in Neid aufzehren, die Fortschritte der
hchsten Gewalt im Auslande werden auch auf Deutschland einwirken und die
stolzen Frsten, Kirchen- und Stadthupter, die wir jetzt dem Adel
entgegensetzen, werden wie ausgeprete Zitronen in ihre Winkel geworfen, wenn
sie unsre Rache gekhlt haben gegen diese bermtige Mittelgewalt, die den
Kaiser kaum wie seines Gleichen achtet. - Berthold sah verlegen nach dem Boden
und Marx fragte nach der Ursache. Soll ich's Euch sagen, sprach Berthold, der
Kaiser hat immer seine Plane zu weit gemacht, so da sie nirgends recht passen
wollten, mit aller seiner Tapferkeit und Weisheit ist er in allen Kriegen
schlecht bestanden, wie ist er von den Schweizern vernichtet worden. Er kennt zu
viel fremde Sprachen und fremde Lande, und hat darber sein eignes vergessen;
ein Volk mag doch nur von dem glcklich regiert werden, der seine Tugenden und
seine Fehler in sich gefhlt hat. Der Kaiser sieht aber nur dessen Fehler, durch
seinen Landfrieden hat er alle ritterlichen, bisher geehrten Verhltnisse fr
Straenraub erklrt, Volkssitte lt sich nicht wie ein Wams umschneidern. Der
Kaiser meint, wenn der Adel unter sich friedlich lebte, so knnte er ihn um so
eher gegen gefrchtete Frsten aufhetzen, aber die sich erst an ein
Zuhausesitzen, wie die Bauern gewhnt, lassen sich eher von dem brauchen, der
ihrem Hause am nchsten, als von dem berall weit entfernten, fremden Kaiser.
Der Kaiser will sich ein unabhngiges Heer in den Landsknechten erziehen, da er
der Lehnsfolge entbehren kann, er mag aber wohl bedenken, da er einen Haufen
ohne anders Vaterland, als das, wo es Geld gilt, sich bildet, und da dieses
Heer jedem dienen wird, auch dem Welschen, wenn er sie bezahlt. - Wird der
Kaiser noch Papst, antwortete Treitssauerwein, so macht er aus den
Landsknechten einen geistlichen Ritterorden, gibt ihm liegende Grnde in
Deutschland und Italien, wer mchte ihm dann widerstehen; das Papsttum macht er
erblich, indem er allen Geistlichen das Heiraten erlaubt, rmisches Kaisertum
und rmisches Papsttum ist dann unauflslich verbunden, der alte Spuk mit den
Hohenstaufen und ihren vermeintlichen Abkmmlingen, die berall und nirgends
stecken, sinkt wie die Stunde schlgt.
    In diesem Augenblicke wurden sie durch ein Lrmen vor dem Fenster gestrt,
das Volk schrie und lachte, alle traten an die Fenster. Sie sahen Kunz von
Rosen, den Hofnarrn des Kaisers, der wie ein Huhn, das Enten ausgebrtet hat,
neben dem Brunnen umher lief, in welchem drei Bettelmnche umher schwammen und
sich wie gebadete Muse heraus arbeiteten. Kunz kam dann heran und erzhlte, mit
welcher Begierde die Mnche dem Essen zugesehen und auf den Zehen am Rande des
Brunnens gestanden htten. Er habe sich zu ihnen gestellt und getan, als ob er
das Gleichgewicht verliere, einer habe sich am andern fest gehalten, einer den
andern hinein geworfen, so geht's den deutschen Frsten bald auch, damit
schlo er. - Aber wirst du auch Abla bekommen? fragte Marx. - Den habe ich
schon, seht da in der Tasche, auf eine Snde, die ich mir vorgenommen, den hatte
ich eben von ihnen gekauft, antwortete Kunz. Der eine graue Esel predigte
heute, so wie der Pfennig in des Papstes Kiste falle, so mten bei dem
Silberklange die Teufel eine erlste Seele loslassen. Ich antwortete ihm darauf
aus der Menge: Der Papst sei grausam, da er bei seinem Reichtum nicht alle Tage
eine Million in den Kirchenkasten wrfe, da es recht klappere, er knne sie
alle Abend wieder heraus nehmen, so htte er keinen Schaden und die armen Seelen
htten den Nutzen. - Jetzt rief der Kaiser den Kunz ab und dieser tat so
eilfertig, als ob etwas Wichtiges bevorstehe, warf aber im Vorbeigehen ein
prachtvolles, venedisches Trinkglas vom Kredenztische, das der Augsburger Rat
dem Kaiser verehrt hatte. - Die Ratsherren sprangen erschrocken und zornig auf,
viele nannten den hohen Preis des Glases, andre suchten die Stcke auf, als ob
sie das Glas wieder zusammen leimen wollten, andre baten beim Kaiser, den Narrn
zu strafen, der sich so ungeschickt durch kluge Leute drnge. Kunz warf sich vor
dem Kaiser nieder und fragte ihn, ob wohl einer von diesen, die sich fr klug
hielten und ihn fr einen Narrn, so wie er zu ihm durch den Graben geschwommen
wre, ihn zu sehen, ihn zu retten, als er in den Niederlanden gefangen sa. -
Maximilian klopfte ihm freundlich die Backen und sagte: Mit den Narren ist
immer am meisten auszurichten in der Welt, darum nimm den Titel fr keinen
Tadel: Ihr Herren beruhigt euch, ich habe das Glas verloren, aber ich will nicht
vergessen, da ihr es mir geschenkt habt. Wre es von Silber gewesen, da knnten
wir die Stcke noch brauchen und doch kostet es so viel, wie das feinste Silber
und das Geld kommt unsern Feinden, den Venezianern zugute. - Bei diesen Worten
merkten die Ratsherren, da Kunz nur ausgefhrt hatte, was seinem Herrn durch
den Kopf gegangen, sie konnten nichts darauf entgegnen und der Kaiser hob mit
einem Trunk auf das Wohl aller Jungfrauen der Stadt Augsburg die Tafel auf.
Diese Gesundheit trank Berthold mit Innigkeit herunter.

                               Vierte Geschichte



                                   Die Ringe

Ehe Berthold sich auf den Weg machte, sein Geschick zu erfahren, trat ihn
Treitssauerwein an und flsterte ihm ins Ohr, er mchte sich bereit halten, am
nchsten Morgen mit dem Kaiser zu sprechen, der ihn zu einigen Nachforschungen
ausersehen habe. Berthold fragte bestrzt, ob er sich vielleicht vorbereiten
knne auf diese Unterredung, wenn er ihm den Gegenstand der kaiserlichen
Wibegierde anzeigte. Der Geheimschreiber meinte, es wrde wohl von den
versteckten Hohenstaufen die Rede sein, fr die unter den Bauern ein Anhang
gesammelt werde. Mit diesem Worte entlie er ihn und Berthold ging doppelt
angeregt durch die Stadt zu den stillen Vorstadtgassen. Als er sich dem kleinen
Hause nherte, das mit Weinreben bezogen, durch kleine Blumengrten vor den
Fenstern gegen Neugierde gesichert war, da sah er am Fenster eine seltsame,
zweifelhafte Erscheinung. Er sah seinen Becher abwechselnd erscheinen und
verschwinden! - Lag dieses Glanzspiel in seinen Augen, wallte die Luft von der
Sonne erhitzt? Jetzt war er verschwunden, und schon wollte er sich traurig zum
Stadttore zurck wenden, da blickte er noch einmal nach dem Hause, wie zum
Abschiede und sah den Becher vor dem Fenster. Er nahte sich jetzt schnell und
sah, da Anna mit der Mutter und Fingerling am Fenster stand, da die Mutter den
Becher neckend zurckzog, wenn jene beiden ihn hinaus gestellt hatten und seine
Sorge lste sich in lebhafte Freude. Er sprang eilig ins Haus, da ihn keiner
bemerkte und lauschte nun durch die offene Stubentre. Die Mutter sagte, Anna
sei jung und unbesonnen, sie drfe nicht gleich dem fremden Manne trauen, keiner
wisse, ob er nicht zehn Brute habe sitzen lassen, dann sei er auch lter, wie
sie, knne wohl eiferschtig, bse und herrisch im Hause sein und ihr die Armut
vorrcken, weil sie ihm wenig mitbringe, vielleicht wolle er sie nur als eine
dienende Krankenwrterin seiner spteren Jahre sich annehmen. - Aber Anna
schwor, keiner knne das glauben, der Berthold einmal recht angesehen habe, sein
Antlitz sei von Ehre, Ehrlichkeit, Milde und Frmmigkeit erhht und gelutert,
da er ihr jugendlicher scheine, als Kugler und andre, die so lange sich um ihre
Hand beworben htten. Sie schwre bei der heiligen Radiana von Wellenburg in ein
Kloster zu gehen, wenn die Mutter diese Vermhlung, dies vom Himmel ihr seltsam
bescherte Glck, verhindern wolle. Die Mutter antwortete darauf: Anna, du hast
kein geistliches Blut, du bist ein frisches Mdchen, aus deinen Augen blicken
freudige Kinder, darum magst du ihn heiraten, wenn du nicht anders willst; aber
ich htte dir einen jungen Mann gegnnt, da euer berflssiges Leben mit
einander aufgegangen wre und da nicht eines dem andern nachtrauern mu. - Du
weit Mutter, antwortete Anna, die jungen Leute haben mich immer mit ihrem
Schntun traurig gemacht, als kmen ihre Worte nur aus bser Lust, als wrden
sie mich gern verderben, wenn ich es zuliee. Berthold sagt wenig, aber seine
Liebe sieht ihm aus den Augen, er hat mich lieber, als sich selbst; ihm knnte
ich mein lebelang gern und treulich als Magd dienen, wenn es mir versagt wre,
seine Frau zu sein.
    Berthold trat jetzt gerhrt zu Anna, die etwas zusammen fuhr, weil sie sich
belauscht sah, nahm ihre Hand, drckte sie an sein Herz und sprach: Anna, du
hegst so fromme, sanfte Wnsche, du denkst so gut von mir, es ist wahr, was du
von meiner Liebe zu dir denkst, wir werden glcklich sein, wenn nur nicht die
Verschiedenheit unseres Alters uns so bald zu scheiden drohte. Ach, liebes Kind,
daran bin ich jetzt zum erstenmal erinnert, das hat mir noch keiner gesagt und
seit ich gesund worden, fhle ich mich so frisch und lebenslustig, wie damals,
als mir das Geschick das erste Liebesglck entrissen. - Fingerling, der bisher
still geschwiegen, wollte Berthold etwas mitteilen, aber Anna lie ihn mit den
Beteurungen, da sie Bertholds Alter nicht wahrnehme, da ein Traum ihr gesagt
habe, sie werde eher sterben als er, nicht zu Worten kommen. Endlich sagte die
Mutter: Es ist eine seltsame Geschichte und es mu wohl der Wille des Himmels
sein, da sich alles so fgen mute; die Leute werden meinen, ich htte Euch
knstlich in mein Haus gelockt, wie in ein Garn, um mir einen reichen
Schwiegersohn zu erwerben. Aber ich will es beweisen, da ich mich nhren kann
und nhren werde knftig, wie jetzt, von meiner Hnde Arbeit. - Als Berthold
diese trostreichen Worte vernahm, da zog er von seinem Finger den Ring, den er
einst Apollonia zu geben durch die Schrecken und Wonnen des strmischen
Geschicks verhindert worden. Es ist ein bedeutungsvoller Ring, den ich Euch
biete, sagte er, nur der sollte ich ihn verehren, der ich mich auf ewig
verbinden wollte und Ihr erbt ihn von der, die ihn nie empfing, die mir frher
entrissen wurde, ehe sie meine Liebe kannte, der ich jahrelang vergeblich
nachgeseufzt und die ich in Euch wieder liebe und die mir nach dreiigjhriger,
treuer Hoffnung sie zu finden, bei Eurem Anblicke in einem Augenblicke
verschwunden ist. - Bin ich es wert, fragte Anna mit niedergeschlagenen
Augen, so lange gehegte Neigung zu verdrngen? - Wer kann Unschtzbares
messen, sagte Berthold, gibt's in dieser seligen Flle meines Herzens eine
Krnkung, so ist es nur ein inniges Bedauern, da ich so lange einer andern
denken konnte: Nimm den Ring Anna. - Sie nahm den Ring und steckte ihn an ihre
Hand, whrend sie schmeichelnd einen Ring der Mutter vom Finger zog und ihn
Berthold berreichte. - Berthold wollte den Ring kssen, als seine Augen darauf
verweilten, er mit einer Hand seine Stirne deckte, als ob er sich an etwas
erinnert fhle, whrend er ihn mit der andern dem Fenster nherte. Endlich
sprach er, als ob es ihm dmmerte: Ihn trug die Mutter, sie gab ihn Apollonien,
o sprecht: wie kam dies werte Andenken an Euch? - Jetzt konnte sich Fingerling
nicht lnger halten, er drngte sich vor und sprach in seiner lebhaften
Beweglichkeit: Warum wolltet Ihr mich nicht hren, ich wollte es Euch
zuflstern, als Ihr eintratet, es ist gewi seltsam, da Ihr sie nicht erkannt
habt, ich brachte es doch gleich heraus, wie sich Menschen in dreiig Jahren
verndern; gro war Apollonia, aber wie ist sie so stark geworden, das kommt von
der Arbeit; so nahe war sie uns und wir schrieben an alle Handelsfreunde
vergebens. Berthold sah jetzt Frau Zhringer tief in die Augen und sprach:
Verzeihet mir, ich kann dem guten Manne diesmal nicht glauben, da Ihr meine
Apollonia gewesen. - Frau Zhringer wischte eine leichte Trne aus den Augen
und sprach: Der alte Name, so lange nicht gehrt, wieder einmal von geliebten
Lippen ausgesprochen, fhrt mir die ganze Reihe verlorner Hoffnungen und Wnsche
zurck. Seid glcklich mit meiner Anna und habt Ihr mich je geliebt, nun ist
nichts verloren, was macht die grimme Zeit aus dem Menschen, kaum kann ich mich
in die alten Tage zurck denken. Ich habe Euch wohl nicht so geliebt, wie Ihr
mich und wie Ihr es verdient httet, - Anna ist mehr zrtlich und nachdenklich
als ich, ich verliere mich bei jeder Ttigkeit; ich dachte nicht in der
Unglcksnacht, da ich Euch entrissen werden knnte und doch habe ich mich hier
vermhlt, als der Vater starb; - ich hatte Euch keine Treue geschworen und ich
war hier einsam und verlassen.
    Berthold unterdrckte mit einem Kusse jede Entschuldigung, er glaubte sie
jetzt in jedem Zuge, in ihrer Stimme wieder zu gewinnen, er fand sich mit dem
Geschick des ganzen Hauses jetzt so mannigfaltig verflochten, da die Freude der
Verlobung von der Neugierde, wie es der Mutter ergangen, unterbrochen wurde, im
Hintergrunde regte sich das Gefhl, ob er ihr nicht Treue schuldig sei, ob sie
seinem Alter nicht angemessener sei, als die Tochter, er fhlte sich zu beiden
gezogen, aber den Widerspruch, der darin lag, fhlte er eigentlich noch nicht.
Frau Zhringer machte ihn nun zum Vertrauten ihrer unglcklichen Geschichte.
    Ihr Vater hatte das kleine Haus, das sie noch bewohnte, unter anderm Namen
zum Zufluchtsort gekauft, Kleider und Namen wurden gendert, so entkamen sie
aller Nachforschung, aber nicht der steten Angst, verraten zu werden. Alle
Anschlge des Vaters, im Handel sein Glck zu begrnden, wurden durch die
Nichtswrdigkeit eines Vertrauten umgestoen, der ihm das bei ihm niedergelegte
Geld nicht unter seinem jetzigen Namen ausliefern wollte. Sein Stolz mute sich
herablassen, er nhrte sich mit Schreibereien, whrend Apollonia alles zu nutzen
wute, was sie bei den Nonnen in Weberei und andrer wirtschaftlichen Arbeit
gelernt hatte. Der Vater sank immer tiefer, denn er bergab sein qulendes
Bewutsein der Zerstreuung im Trunk und vernachlssigte seine Arbeit. Der
trunkne Miggang fhrte ihn in das Haus einer bsartigen Witwe, die ihn an sich
zog, um Apollonien in ihre Gewalt zu bekommen und sie einem scheinheiligen
Snder zu verkaufen. Die Angst in diesem Verhltnisse, Apollonia von Arbeit
erschpft, vom Vater mihandelt, von der Nachbarin mit Lug und List gedrngt,
hatten alle hhere Wnsche ihres Herzens unterdrckt, sie betete nur, ehrlich
durch die Welt zu kommen. Und der Himmel gewhrte ihr diesen Wunsch durch einen
Landsknecht, der vor dem Hause bettelte, als eben der trunkene Vater mit
Schelten heimkehrte. Sie klagte vor sich, wie sie mit dem Vater fertig werden
wolle, der Landsknecht bot ihr seine Hand, er wolle ihr schon Ruhe schaffen, er
wisse etwas gegen die Trunkenheit, sie mchte ihn nur ins Haus aufnehmen. Sie
nahm ihn auf wie einen himmlischen Boten, er setzte sich zum Vater und schttete
ihm etwas in den Wein, den jener noch mit sich brachte, um ja nicht ein Funklein
Bewutsein brig zu behalten. Als er das herunter trank, machte er ein grimmig
Gesicht und mochte keinen Tropfen mehr trinken. So wute auch der Landsknecht
jener Frau, die den Vater in ihrer Gewalt hielt, etwas anzuheften, da der Vater
groen berdru gegen sie empfand. Nachdem er durch seine Knste das Haus
gereinigt hatte, vermhlte sich ihm Apollonia, aber nie gab sie ihm den Ring,
den sie einst Berthold bestimmt hatte. Der Landsknecht, Zhringer war sein Name,
nhrte sich und die Frau von vielen kunstreichen Heilmitteln frs Vieh, auch vom
Ratten- und Musegift, das er fr Geld legte, andre bel wute er zu besprechen.
Der Vater half ihm dabei, starb aber, noch ehe Anna geboren, nicht ohne
Verdacht, die Ratten um Gift betrogen zu haben; ihn qulte ein steter
Lebensberdru, seit ihm der Wein verleidet worden, ein Durst und eine Begierde,
die er nicht befriedigen konnte. Apollonia machte dem Manne Vorwrfe, da er
ihren Vater umgebracht habe mit seinen teuflischen Mitteln, sie drohte ihn
anzugeben, wenn er nicht von der schwarzen Kunst ablasse. Er schwieg und ging
aus dem Hause und lie sich seitdem nicht wieder sehen. Sie hatte Anna bald
darauf geboren, sie durch ihrer Hnde Arbeit auferzogen, bis sie geschickt genug
wurde, ihr helfen zu knnen. Sie schlo mit der Versicherung, indem sie Berthold
weinend umarmte, da es ihr vielleicht unmglich geworden wre, ihrer Neigung zu
ihm zu entsagen, nun der Zufall ihn ihr so unerwartet zurckgefhrt habe, ja
unmglich wre es ihr geworden, ihre Neigung dem Wunsche ihrer Tochter und
seiner Liebe zu ihr aufzuopfern, wenn nicht die Ungewiheit, ob ihr Mann noch
lebe, ihr jede Verbindung untersage, und darum msse sie die Wege des Himmels
preisen, die ihr bis dahin so unverstndlich gewesen. - Mit inniger Beklemmung
hrte Berthold dieses offene Bekenntnis ihrer Neigung, er fhlte auch fr sie
ein zrtliches Nachgefhl seiner Jugendsehnsucht, aber er liebte mehr jenes
Bild, das er so lange in seinen Gedanken getragen, das ihm viel lebendiger in
der Tochter, als in der Mutter selbst wieder begegnete. Die Tochter hingegen
zeigte eine seltsame Eifersucht gegen die Mutter, sie stellte sich zwischen
beide und sprach klein laut, da sie zurcktreten msse, weil die Mutter ein
lteres Recht zum voraus habe. Die Mutter achtete dieser Ziererei ihrer Tochter
nicht, sondern gab ihr einen Backenstreich, da sie sich in die Angelegenheiten
ihrer Mutter mische, und legte die Hnde Bertholds und Annens zusammen, nahm den
bescheidnen Fingerling zum Zeugen und ffnete das Fenster, da der Himmel ihren
Segen ber beide hre, wenn sie einander lieb und getreu blieben und ihren Fluch
ber den, der den andern bslich verlasse; wenn sie noch lebe, wolle sie dem ihr
Grtelmesser ins Herz stoen. - Die Frauen trugen nmlich zu jener Zeit ein
Kchenmesser neben der Geldtasche am Grtel und sie sprachen gern davon, wie die
Mnner von ihren Degen. Die beiden Glcklichen hrten nur den Segen, sie
glaubten nie des Fluchs zu bedrfen, der Himmel war noch abendklar und sie
vergaen in seliger Beschaulichkeit, da ihnen noch ein groes Fest bevorstand.
    Bald aber erinnerte sie daran der Gru eines starken Mannes, der sich mit
einer Kiste dem Hause nahte und Anna einen guten Abend bot. Das ist Meister
Kugler, der reiche Schlchter, sagte sie rgerlich zu Berthold, der freit um
mich schon seit einem Jahre und ich kann ihn nicht los werden, nun will er uns
noch den schnen Abend verderben. - Bei Verlobungen und Hochzeiten kommen
immer berlstige Gste, sagte die Mutter, aber das befehle ich dir, sei nicht
hart gegen ihn, niemand meint es besser, wie der; wre Berthold nicht zwischen
gekommen, du httest ihn doch heiraten mssen. Nun trat der Meister hinkend ein
und erzhlte, da er ein schnes Kleid bringe und sich Annens Gesellschaft zum
Ball erbitte. - Die Mutter aber dankte ihm freundlich, drckte ihm die Hand,
indem sie ihm versicherte, ihre Tochter habe schon einen Begleiter, dieser
Begleiter sei Berthold, ein alter Freund von ihr und jetzt der Tochter
Verlobter. Kugler starrte Berthold an, der starke Mann mute sich halten, so
berraschte ihn die Nachricht, endlich fate er sich und sprach: Herr Berthold,
Ihr seid zu meinem rger auf die Welt gekommen, erst stecht Ihr mich heute aus
dem Sattel und jetzt bei dem Mdchen aus. Beim heiligen Kristophel, wenn ich
Euch so ansehe, ich kann's nicht glauben, da ich Euch unterliegen mute, wovon
ich noch am linken Fue hinke, der Fu tut mir sehr weh. Nun sagen auch die
Leute, Ihr wret des Kaisers Liebling und aller heidnischen Sprachen Meister. Da
sagt mir beim heiligen Kristophel, was wollt Ihr mit der groen Dirne noch dazu,
die lat mir. Ihr kriegt berall eine vornehmere und reichere, die in
Gelehrsamkeit erzogen ist, ich aber kann keine andre brauchen, als so eine, die
ein halbes Rind aufheben und an den Haken hngen kann, wenn ich gerade nicht im
Scharrn bin, auch mu sie den Lehrburschen eins verreichen knnen, wenn sie die
Wurst nicht fein hacken. - Lieber Meister, antwortete Berthold, unser
nnchen kann mehr, als das, wollt Ihr nur ein starkes, groes Mdchen, ich
schaffe Euch in Waiblingen ein Dutzend zur Auswahl. - Darauf gebt mir die
Hand, antwortete Kugler, und so will ich mir Annen aus dem Kopf schlagen, aber
das Kleid kann sie wohl von mir noch annehmen. - Das ziehe ich an, sagte die
Mutter, um ihn zu vershnen, denn fr die Tochter hat Berthold schon gesorgt,
Ihr fahrt mich und bildet Euch ein, ich sei Eure Braut. - Ei Mutter, sprach
er, mache einen rechten Ernst daraus, ich bin dir auch recht gut und in der
Wirtschaft bist du noch brauchbarer, als Anna, ich werde gar zu sehr betrogen,
wenn ich lnger allein wirtschafte. - Nun das hat Zeit, sagte die Mutter
Apollonia, wollen uns darber noch ein zehn Jahre bedenken, aber zum Tanz gehn
wir mit einander, lat uns nur das Zimmer frei, damit wir uns dazu ankleiden
knnen.
    Berthold fhrte den heiratslustigen Meister in die Laube vor der Haustre,
bersah so die Strae und sprach, um von dem unbequemen Verhltnisse des Mannes
zu Annen abzukommen: Es ist doch eine herrliche Sache um den Eifer frs gemeine
Wohl, der in Reichsbrgern liegt, auch in den Vergngungen zeigt es sich, sie
lieben das ffentliche und Gemeinsame und setzen darin ihre Ehre, whrend die
Brger andrer Stdte ihre Feste lieber im engen Hause unter wenigen Verwandten
feiern und keinen Kreuzer fr ffentliche Lustbarkeiten zusammensteuern mgen.
Und wie sie zur Lust nicht gemeinsam gesellt sind, so trifft auch jedes Unglck
den einzelnen vernichtend, denn jeder fngt mit seiner Dummheit zu leben an und
mu auch damit auskommen. Ja ich sage Euch, bis in Kleinigkeiten macht sich eine
freie Stadt kenntlich, schon in den herrlichen Glocken tnt's entgegen aus der
Ferne, da darf keine gesprungene scharren, dann kommen viele zierliche Grten
und auch im rmsten ist noch etwas fr den Anblick getan, die Zune verziert und
angestrichen, die Stadtmauern und Tore sind aber vor allem gut erhalten und aus
den reinlichen Husern strecken sich berall die Gewerbszeichen, wie
Siegesfahnen heraus und die Wirte stehen ruhig und fest in den Tren, sie
wissen, da sie mit zu regieren haben. Sehe ich nun die vielfachen Waren in den
Lden, so erkennt sich gleich die allgemeine Verbindung unter den Stdten, der
keine Entfernung zu weit ist, das Ntzliche und Knstliche gegen gemeine
Landeserzeugnisse einzutauschen. Im Einheimischen ist alles kunstreicher, das
Brot weier, die Semmel in allerlei lockenden Gestalten, die Braten kunstreich
in der Haut gekerbt, da Hirsche und Hasen drber zu laufen scheinen. - Es
gibt nur ein Augsburg, rief Kugler, wir Augsburger haben den Schelm im Nacken,
ich sage Euch, zwlftausend Ochsen schlachten wir jhrlich und darunter sind
rechte Kerls. Auf unserm Kornhause bewahren wir hundertundeinjhrigen Roggen,
habe selbst davon krzlich ein Probebrot gegessen, es ist etwas schwrzer, aber
sehr nahrhaft; wir haben einen Tanzsaal erbaut, da knnen dreihundert Paare
schleifen, wir haben einen Knopf auf die Hauptkirche gesetzt, der wiegt 309
Pfund. Das Sprichwort sagt: Nrnberger Hand geht durch alle Land, aber nichts
geht ber Augsburger Geld, das gilt in der Neuen Welt. - brigens wird es mit
dem Gelde bald aus sein, fuhr er bedenklich fort, die reichen Geschlechter
kaufen sich auerhalb Gter, wie kleine Knigreiche, die Alten bleiben nun wohl
unter uns, aber die Jungen sind schon mehr in Cadiz, Lissabon und Antwerpen, als
bei uns zu Hause, und htten unsre Znfte nicht seit dem Aufruhr im Jahre 1368
die Hlfte der Ratsstellen zu besetzen, so wrden wir vielleicht knftig von den
Landgtern der reichen Geschlechter, wie Ihr von Stuttgart aus befehligt. Mit
dem heimlichen Gerichte htten sie uns gern untergezwungen, aber wir haben die
heimlichen Boten mehrmals so wacker durchgeblut, da sie nicht mehr wagen, sich
unserm Weihbilde zu nahen. Hrt, lieber Berthold, Ihr mt Euer Wappen in mein
Gesellenbuch malen, Ihr sprecht so vernnftig, da ich Euch recht achte und
ehre. - Recht gern, antwortete Berthold aber ich habe kein Wort gesagt, nur
wollte ich Euch bemerklich machen, da die heimlichen Gerichte eine Freiheit und
keine Last, Hohe und Niedre durch gleiches, unabwendbares Gesetz richten
sollten. Dazu bedurfte es des Geheimnisses, damit sich keiner dem entziehen
konnte, es wurde gefrchtet und hat doch nicht halb so viel Blut vergossen, als
die Halsgerichte jeder Stadt und jedes Frsten. - Ich kann es doch nicht
leiden, sagte Kugler, was ich fr ehrlich halten soll, das mu ffentlich
getrieben werden, schon in den Znften sind mir zu viele Geheimnisses, ich will
alles klar und deutlich.
    Inzwischen waren Mutter und Tochter mit ihrem Anzuge fertig geworden und
traten mit einer Laterne heraus, um den Weg nach dem Tanzsaale einzuschlagen.
Die Mutter erregte diesmal die meiste Verwunderung, besonders bei Kugler, der
sie nie recht anzusehen verstanden hatte, oder weil der schne Anzug berhaupt
dem Nachsommer, wegen des kalten Windes, der noch immer drin weht, ntzlicher
ist, genug, sie schien in der Pracht ganz verjngt, ihre Farbe in der
ungewohnten Bewegung lebhaft, ihre Augen glnzten, sie htte eher fr eine
ltere Schwester, als fr die Mutter gelten knnen; ihr Anstand war vortrefflich
und mit dem Kleide schien sie auch die angewhnte Hrte und Roheit des Ausdrucks
abgelegt zu haben. Dem guten Fingerling wurde das bescheidne Los zugeworfen, ein
Wchter des Hauses in dieser Nacht zu sein. Er fhlte sich dabei sehr zufrieden,
da er sich heimlich auf einen schnellen Ritt nach Waiblingen vorbereitete und
ausruhte, der alten Mutter diese Verlobung so gut wie mglich beizubringen, denn
er machte es gern allen recht, denen er sich verpflichtet hielt.
    Unter groem Drang, den nur Kuglers mchtige Gestalt durchbrechen konnte,
kamen sie in den herrlich beleuchteten Tanzsaal, der schon von dem Glanze der
Reichen wie ein wogendes Meer blickte, whrend die Pfeifer und Trommelschlger
durch Bsse und Posaunen verstrkt, mit den Geigen und Trompeten auf den
verschiedenen Bhnen wetteiferten, sich trennten und wieder verbanden. Als aber
der Kaiser (an seiner Seite Mathus Lang, der Bischof von Gurk) eintrat, da
verbreitete eine Stille allgemeine Ordnung. Die Gesellschaft ging paarweis
geordnet an dem Kaiser vorber und er reichte jeder Frau oder Jungfrau eine
duftende Blume aus den Krben, welche seine Edelknaben hertrugen. Anna erhielt
von ihm eine Rosenknospe und die Mutter eine stark aufgeblhete Rose. Beide
wunderten sich ber die frhzeitige Menge aller Blumen, es waren aber knstliche
Blumen aus Draht und Seide, denen durch wohlriechende le der natrliche Geruch
verliehen war. Kunz von Rosen erffnete dann den groen Reihentanz, indem er mit
einem Degen viele knstliche Fechtersprnge machte, um einen freien Raum im
Saale zu gewinnen, dabei sang er:

Platz, Platz uns jungen Gesellen,
Wir wollen zum Tanze uns stellen,
Wer reicht mir den Kranz,
Ich fhre den Tanz.
Ich bin ein Geschlechter,
Ein stattlicher Fechter,
Ich kann euch beschtzen
Mit Messern und Witzen,
Will einer euch krnken,
Ich will's ihm nicht schenken.
Kann schweben und schwanken
Mit Herz und Gedanken,
Kann treten und springen,
Wie Pfeifen erklingen,
Kann drehen und wenden
Mit drckenden Hnden,
Mit klopfendem Herzen,
Mit jauchzenden Scherzen;
Es folgen mir alle
Mit freudigem Schalle,
Schnell spielen die Geigen
Den freudigen Reigen,
Es schwanken die Dielen
Je hher sie spielen,
Es stubet das Haus,
Da geht es zum Schmaus,
Da geht es zum Wein:
Nun Liebchen, schenk ein!

Das nenn ich ein Krnzelsingen, rief der begeisterte Kugler und trabte scharf,
wie ein Gaul, wegen seines hinkenden Beines. Berthold erschrak ber sein
teuflisches Trampen, aber viele andere machten es nicht besser, der gute Kaiser
mochte wohl darber so lachen, er konnte sich gar nicht beruhigen und setzte
sogar des Bischofs groe Brillenglser auf, um diese halsbrechende Arbeit recht
genau zu betrachten. Als endlich die Mnner von Schwei triefend, als ob sie
Holz gesgt htten, ihre Schritte hemmten, lie der Kaiser den reichen
Ratsherren Stutzer zu sich kommen, von dem nachher alle windige Bursche den
Namen behalten haben, und machte den Wunsch ihm bekannt, von den jungen Frauen
und Mdchen unter sich einen Reihentanz auffhren zu sehen. Die Frauen traten
zusammen, Stutzer berichtete, der Vortrag wurde berlegt: wer war nun alt? Bald
htten sich die Frauen darber verfeindet, aber Kunz sprang hinein, holte die
Schnsten paarweis heraus und sagte: Wer schn, ist jung! Es mochte wohl fr
Frau Zhringer zeugen, da sie mit der Tochter zusammen in den Tanzkreis gefhrt
wurde. Nun erfuhr man erst, was es heie, zierlich zu tanzen, nie hatte ein
Augsburger solche Kunst in den Frauen geahndet, was der Kaiser beim ersten Blick
aufgefat hatte. Die trabenden, tropfenden Mnner standen rings, wie verzuckt,
denn die lebendigste, mannigfaltigste aller Knste, der Mittelpunkt aller, die
lebendige Malerei, Bildnerei, in der nach dem Sinne der Freude und Leidenschaft
wechselnde Musikbewegung sich gestaltet, die hochherrliche Tanzkunst war ihnen
in dieser freudigen Nacht aufgegangen, keinem aber so schn, wie unserm
Berthold, denn seine Anna bertraf alle in der Sicherheit schner Bewegung! So
schn und krftig war keine gewachsen, das zeigte sich erst hier durch die Anmut
ihrer Bewegung, wie die Schnheit eines Bildes durch richtige Beleuchtung. Kaum
wagte er mehr aufzublicken, so viel Lob erhielt sie berall, er betete in sich,
da sie keinen dieser Verehrer liebenswrdiger als ihn finden mchte, zugleich
beseufzte er die vielen Jahre, die er unter den Bchern, ohne Anschauung aller
lebenden Herrlichkeit hatte zubringen mssen. Dem Blute Antons dankte er diese
Verwandlung, er wollte es gerne nicht vergessen und doch mochte er nicht gern
daran denken, es war ihm, als ob jener dadurch auch ein Recht an seine Braut
gewinne, das er niemand gnnte. Sonst war er nicht eiferschtig, vielmehr freute
er sich ber den Ratmann Stutzer, der gegen die schne Alma so viele artige
Dienerlein machte, da es wie ein Kinderspiel aussah. Dieser Stutzer war ein
seltsamer Gesell, er stellte sich viel schlimmer an, als er war und htte gern
aller Welt Liebeshndel einzubilden gewnscht, die er weder haben mochte, noch
htte bestreiten knnen. Er sprach bald Frau Zhringer ins Ohr, bald Anna, und
dann sprach er wieder halb laut vor sich, wenn er von ihnen fern, und
verwnschte das Mdchen, es habe ihm ein Liebes angetan, und es knne doch
nichts daraus werden, da er schon zu viel Liebschaften habe. Darum machte er
Annen aus der Ferne ein ganz saures Gesicht, als ob er in ein Essigfa gerochen,
und schwnzelte dann wieder freundlich zu ihr, weil eben ein andrer mit ihr
sprechen wollte.
    Dem allen sah Berthold mit einem Gefhle der vollkommensten Sicherheit zu
und ging unbekmmert in einem Gesprche mit Kunz, der sich durch Treitssauerwein
mit ihm hatte bekannt machen lassen, durch die Nebenzimmer umher. Er war
verwundert ber den seltsamen Mann, der neben seinen Possen den tiefsten Ernst
in sich zu beherbergen vermochte. Unter den gelehrten Gesprchen ber die
griechische Literatur hatte ihn Kunz unbemerkt durch alle Zimmer des Hauses bis
unter den Haufen gefhrt, der vor dem Hause unter manchem rohen Gesp dem Feste
zuzusehen strebte, aber immer wieder von kaiserlichen Hartschierern und
Trabanten zurck geworfen wurde. Verwundert fragte endlich Berthold: Wohin er
ihn fhre und ob er ihn auch anfhren wolle. - Nein, sagte Kunz, aber ich
habe mit Euch etwas vor, es ist mit Treitssauerwein verabredet, ich konnte es
besser ausfhren, weil niemand hinter meinen seltsamen Gngen und Sprngen etwas
Ernsthaftes sucht. Die Stimme unsres Volks, die Stimme Gottes, Luther ist hier,
der Kardinal kann ihn nicht mit Wortstreit, nicht mit Drohungen dahin bringen,
seine Stze zurck zu nehmen, er will ihn jetzt mit heimlicher Gewalt
vernichten; ihn lebend oder tot nach Rom zu bringen, hat er Befehl und bei dem
vielen armen und fremden Gesindel knnte ihm dies wohl gelingen. Luther mu
fort, aber so unbemerkt, da es morgen noch niemand wei, da keiner den Kaiser
als Mitgehlfen seiner Flucht denken kann. Niemand wird Euch diese Khnheit
zutrauen, Euch habe ich ausersehen, diese schnelle Flocht mglich zu machen, da
Ihr vor dem Tore wohnt und ein Pferd besitzt. Entscheidet Euch schnell, ob Ihr
wollt, denn dort an dem erleuchteten Fenster wohnt Luther, wartet auf Euch; sei
Euch der heutige Dank im Turniere ein Vorzeichen, da der Himmel Euch zu etwas
Groem ermutigen wollte. - Berthold schlug in die dargebotne Hand des Kunz und
antwortete: Es sei, habe mich gleich an dem khnen Mnch erfreut, obgleich
nicht viel bei der Sache herauskommen wird, es wre doch schade, wenn er in
welsche Schlingen, wie der Savonarola einginge und sie ihm ein Feuer unter den
Fen anzndeten. - Warum nicht viel heraus kommen? fragte Kunz verwundert. -
Einmal, antwortete Berthold, weil er nicht durchdringen kann gegen die Menge,
welche ihren Vorteil in der Gelderpressung sucht und dann, weil es kein greres
bel ist, Geld zur Abstrafung von Gewissenspflichten zu geben, unter dem Namen
Abla, wie fr Verletzung brgerlicher Pflichten. Was hilft's den Abla
abzuschaffen, wenn die Frsten und Stdte zum Besten der Reichen, alle Strafen
mit Geld abkaufen lassen. Da das Bekenntnis und die Zahlung des Gelds freiwillig
ist, so sind sie als Zeichen der Reue recht gut, denn das Landvolk besonders
mchte lieber zehn Jahr im Sack und in der Asche ben, als einen Kreuzer
Bugeld dafr ausgeben, und Trnen, die geben sie gar leichtsinnig aus. - Aber
das Geld geht nach Rom und kehrt nicht wieder nach Deutschland, sagte Kunz,
und die schrecklichen Lehren der Ablakrmer verderben die Menschen. - Die
Lehren sind schon lngst bei uns verlacht, sagte Berthold, unsre Leute sind
darber hinaus; was aber die Geldverschleppung nach Rom betrifft, freilich, es
wre besser, Kaiser und Reich duldeten sie nicht, statt da jetzt ein armer
Mnch dies fr sie durchfechten mu. Das Ablageld knnten wir gut brauchen zur
Fhrung der schweren Reichskriege, die wir mit unsern Snden wohl verschuldet
haben. - Freilich, sagte Kunz, es ist verkehrte Zeit, das Volk wei mehr von
Gottes Wort, als die Geistlichen, und ein Mnch mu fr einen mchtigen Kaiser
und seine Frsten das Wort fhren!
    
    Unter diesen Gesprchen waren sie in Luthers Zimmer getreten, der von einer
ernsten Unterredung mit zweien Mnnern, die mit ihm das Zimmer durchschritten,
abbrach und sich zu den Eintretenden wandte. Dies ist Staupitz, der
Generalvikar des Ordens, unter welchem Luther steht, jenes der edle Langemantel,
Luthers Beschtzer, sagte Kunz, und da der in der Mitte Luther ist, steht ihm
wohl an die Stirn geschrieben. - Staupitz bat noch einmal Luthern, er mchte
nachgeben, die Zeit sei nicht reif zur bessern Einsicht, aber Luther antwortete
ihm, er kenne sich und seine Schler, und sein Werk stehe nicht mehr in seiner
Macht und seinem Willen. Dann ging er wieder zu einem Schreibpult und lie die
andern inzwischen mit Kunz und Berthold das Ntige zur Flucht verabreden, er
lie sich gern in den Vorsichten seines ueren Lebens von Freunden raten.
    Kunz wurde weggesandt, um Frau Zhringer und ihre Tochter zu
benachrichtigen, da Berthold zu einem Geschfte abgerufen, er knne sie nicht
heimfhren. Kunz lie noch Mantel und Kappe fr Luther zurck. Berthold hrte in
einem nahen Zimmer Lautenspiel, und Staupitz sagte, es sei Kurfrst Friedrich,
bei dem Bilde seiner geliebten Frstin Amalia von Schwarzburg, einer gebornen
Mansfelder Grfin, zu deren Garten ihn der Hirsch mit goldnem Geweihe gefhrt
htte. Staupitz ffnete leise die Tr, sie sahen das hellerleuchtete Bild einer
weinenden Frau in einem Lustgarten, die einen Hirsch mit goldnem Geweihe
streichelt, der Kurfrst war von ihnen abgewandt. Staupitz schlo leise die Tr
und sagte: So fand er sie vor dreiig Jahren, Ihr wrdet sie jetzt schwerlich
wieder erkennen, aber er liebt sie noch immer in gleicher Verzweiflung, denn mit
strengem Ernst hat sie ihn whrend dieser Jahre zu khnen Zgen bis Jerusalem
gesendet, aber seine Wnsche nie erfllt, wenn er ihre Auftrge vollbracht
hatte; sie glaubt mit ihrer Tugend die Herrschaft ber ihn zu verlieren, so
stirbt er keusch und kinderlos. Unsern Luther schtzt sie, Luther kann sicher
sein, so lange ihr Wille dauert. Sie hatte den seltsamen Traum in der Nacht vor
dem Tage, als Luther die Theses gegen den Abla an das Tor der Schlokirche zu
Wittenberg schlug, ein Mensch stoe mit seiner Feder dem Papst die dreifache
Krone vom Haupte und zwar mit einer Feder, die von Wittenberg bis Rom reichte,
sie fuhr nach Wittenberg und als sie Luther sah, von dem jedermann in den Tagen
sprach, da versicherte sie, er sei es gewesen. Es liee sich viel von der
seltenen Frau sagen, die immer in andrer Welt zu leben scheint, als andre
Menschen, und doch auf diese so unerbittlich wirkt, sie hat gestern geschrieben,
der Kaiser werde schwach, der Kaiser werde sterben, wir sollten fr Luthers
Sicherheit sorgen. - Amen, sagte jetzt Luther und legte die Feder nieder,
hier ist mein letztes Wort an den Kardinal und nun stehe ich in Gottes Hand,
bin fertig und bereit, wohin ihr mich senden wollt. Langemantel reichte ihm
Kunzens Mantel und Kappe und Luther lchelte des seltsamen Staats, wute ihn
kaum anzulegen, dann aber erschien er darin allen bunten Lappen zum Trotz,
gleich einem Herrscher mit khnem Blick. Wie ein Gebirge Strme nach Osten und
Westen sendet, so vereinigte der Mann ein Entgegengesetztes, was sonst nirgend
gefunden wird: Demut und Stolz, Bewutsein seiner Bahn und Hingebung an andrer
Rat, helle Verstndigkeit und blinden Glauben; noch war das Volk nicht reif,
sich solch einem Manne nachzubilden, aber seine Gegner lernten bald so viel von
ihm, wie seine Anhnger.
    Staupitz und Langemantel nahmen mit Ernst und Rhrung von ihm Abschied.
Berthold fhrte Luther herunter. Als Berthold die laute Freude des Festes hrte,
stieg ihm wohl ein schwerer Seufzer auf, ob er nicht das nahe Glck seines
Lebens an eine Angelegenheit setze, die dem ganzen Deutschland, nur ihm nicht
wichtig scheine, aber er strkte sich gleich mit seinem ritterlich gegebenen
Worte. Die Gassen wurden stiller, die Brunnen geschwtziger und der scharfe
Morgenwind trieb seinen Mutwillen mit den Schlafkammerfenstern; sie waren jetzt
am Tor, das in dieser Nacht wegen des Festes geffnet blieben, sie schritten
ohne Aufenthalt hindurch ber die Brcke, da hrten sie mit Teilnahme des
Wchters Lied:

So mancher liegt in Nten
Und liegt in Liebchens Arm,
Er liegt so still und warm,
Der Bruder will ihn tten,
Er trumt vom goldnen Ringe,
Sieht nicht die blanke Klinge,
Die um das Haupt ihm schwirrt.
So mancher flieht in Sorgen
Und steht in Gottes Hand,
Der ihm den hellen Morgen
zu seinem Trost gesandt,
Er denkt nur seiner Feinde
Und kennt nicht seine Freunde,
Die Klugheit ihn verwirrt.

Bei Gott, das ist Kunzens Stimme, sagte Berthold. - So fand mein Herz in dem
Narren Trost! antwortete Luther. Als sie in die angelehnte Tre des kleinen
Hauses der Frau Zhringer traten, fand sich Luther, der vorangegangen, von zwei
freundlichen Armen umfangen. Luther sprach: Kein lieberes Ding auf Erden, als
Frauenliebe, wem sie zu Teil mag werden! - - Da fuhr Anna vor der fremden
Stimme erschrocken zurck und Berthold trat zu ihr, freute sich, da sie schon
heimgekommen, erklrte ihr den Irrtum, sagte aber, da er diesem tapfern
geistlichen Herrn den Gru auf die Reise wohl gnne, zugleich stellte er Anna
als Braut vor und bat um Luthers Segen zur Verlobung. - Luther sprach: So tut,
wie euer Herz begehrt, was ihr in eurem Herzen gelesen habt. Frhes Aufstehen
und Freien soll niemand gereuen. Das Weib wird selig durch Kindergebren, wenn
sie bleiben im Glauben und in der Liebe und in der Zucht. Der Mann arbeitet sich
froh durch die Welt, wenn ein frommes Weib den Schwei von seiner Stirne
trocknet, er wirft seine Sorge auf Gott, tut recht, scheuet niemand, und freut
sich an der Welt, wie auf den Himmel. Amen, es geschehe! - Anna dankte unter
Trnen, sie blieb mit Luther allein, whrend Berthold sein Pferd sattelte. Und
Ihr drft nicht heiraten? sagte sie mitleidig, und wit doch den Ehestand zu
rhmen? - Freilich, sagte er, ist es gegen des Papstes Gebot, was die
Heilige Schrift gebietet: Es soll ein Bischof unstrflich sein, eines Weibes
Mann! - Nun kam Berthold mit dem Rosse vor die Tre, Luther grte freundlich
und trat hinaus. - Euch fehlen ein Paar Stiefel, sagte Berthold, gern gbe
ich Euch die meinen, aber ich sehe, sie sind Euch zu enge. - Mein Vater und
Grovater, antwortete Luther, waren arme Bauern, haben oft ohne Strmpfe und
Schuhe ihre Rosse zur Schwemme geritten und so mute ich auch tun, als ein
kleiner Knabe. Und na soll das Ro werden, als ging es in die Schwemme, acht
Meilen mu ich zurcklegen, ehe ich sicheres Geleit finde. Habt Dank und lebt
wohl, ich sende Euch das Ro mit meinem Dank beladen durch sichere Hand zurck.
    Es wurde helle, als er forttrabte, und Berthold ging nicht ungekt auf sein
Zimmer ans Giebelfenster, um ihm in die Ferne nachzusehen. Anna blieb noch vor
der Tre, sie wollte den neuen Tag in ihre Freude hineinziehen. Ein lustiger
Wind spielte in den Blumenkelchen der beiden kleinen Grten vor dem Hause und
Anna sang, indem sie ein wenig da aufrumte, was in den beiden Tagen vergessen
war:

Goldne Wiegen schwingen
Und die Mcken singen,
Blumen sind die Wiegen,
Kindlein drinnen liegen,
Auf und nieder geht der Wind,
Geht sich warm und geht gelind.

Wie viel Kinder wiegen?
Wie viel soll ich kriegen?
Eins und zwei und dreie
Und ich zhl aufs neue,
Auf und nieder geht der Wind,
Und ich weine, wie ein Kind!


                               Fnfte Geschichte

                                    Die Rose

Berthold mochte noch keine Stunde vom sen Schlaf umfangen gewesen sein, als
ihn ein Lrmen erweckte, es kamen kleine Steine an sein Fenster geflogen und er
frchtete fr die Scheiben. Er sprang eilig auf und hoffte Annen vor dem Fenster
zu erblicken. Diesmal irrte er, es war Fingerling, der zu Pferde und reisefertig
ihm berichtete: er eile nach Waiblingen, mit der Mutter alles zu besprechen und
auszugleichen, am Abend habe er sich deswegen gleich schlafen gelegt, als Anna
zurckgekehrt, zugleich sagte er ihm, wo er die Briefe wegen der
Handelsgeschfte aufbewahrt habe. Berthold dankte ihm schlaftrunken fr alle
seine Liebe, hie die Mutter schn gren und wollte sich wieder ins Bett legen,
als ihm der Befehl des Kaisers einfiel, nach Gggingen zu gehen, wo er ihn
sprechen wollte. Gleich bereitete er sich unter stetem Dehnen und Ghnen, denn
der vorige Tag hatte ihn bermdet, ffnete leise die Tr, stieg herab, ging zur
unverschlossenen Haustre hinaus und sah beim zuflligen Umblicken die liebe
Anna durch das Fenster in ihrem Bette liegen. Er schlich sich in das Zimmer.
Htte sie die Augen geffnet, kein Kaiser htte ihn von ihr fortgezogen, denn
schon jetzt war er schier entschlossen, die kaiserlichen Auftrge zu vergessen.
Aber sie schlief ruhig und fest und er hing ihr, ohne da sie es bemerkte, ein
kleines silbernes Kettchen ber, das er lange getragen, um einen Strau zu
bezahlen, den er vom Bette nahm und der ihm eigentlich wohl gegnnt und bestimmt
war.
    So erfrischt durch Anblick und Duft, trat er seinen Weg freudiger an,
erkundigte sich und fand die Strae, fand auch bald Herrn Treitssauerwein, der
ihm bedeutsam vertraute, er schreibe an einem Werke, die Taten und Geschicke
seines Herrn Maximilian zusammen zu stellen. Nun versicherte er, da Maximilian
whrend seiner ganzen Regierung auf so wunderbare Art in den bedeutendsten
Augenblicken der Unternehmung gehemmt worden sei, da er diese unendliche Reihe
von Zuflligkeiten endlich nur aus einer sehr durchdachten Gegenkraft erklren
knne, welche vielleicht jetzt kalt ihr Dasein ffentlich gegen ihn, oder gegen
seinen Stamm kund tun wrde, da sie in ihren Verbindungen so allgemein und
dringend geworden sei. Es gehe schon lange die Sage von Sprlingen der
Hohenstaufen, die in einem unzugnglichen Schlosse der zeit warteten, den
Kaiserthron zu erstreiten. Dem Kaiser sei selbst einmal, als er sich auf der
Gemsenjagd verirrt und verstiegen hatte, ein Schlo erschienen und in den Wolken
verschwunden, das gleichsam aus durchsichtigem Glase erbauet zu sein geschienen
und eine Krone in die Wolken gestreckt habe. Begierig staunte er das Wunderbild
an, suchte sich ihm zu nhern, aber bald umzog ihn die Wolke immer dichter.
Dennoch verfolgte er nach seiner Meinung die rechte Richtung, als aber der Wind
die Wolken zerstreute, fand er sich in einer noch deren Gegend wieder, wo er
nichts von dem Schlosse wahrnehmen konnte, aber auch keinen Weg, um herab zu
kommen, denn da, wo er hinauf gestiegen war in der Trbheit der Wolken, da war
in der Klarheit kein Herabsteigen mglich. Er hatte sonst die Welt in seinem
Reichsapfel spielend in Hnden getragen, jetzt trug ihn die Welt spielend in
ihrer luftigen Hand und schien zu zweifeln, ob sie ihn dem eignen Schwindel,
oder dem Sturmwinde, oder den wilden Vgeln berlassen sollte, deren Nestern er
zu nahe getreten war. Er lie sich auf die Kniee nieder, um sich im Gebet zu
verstecken, wie der Strau, vom Jger bereilt, den Kopf unterm Flgel birgt. Da
rhrte eine Hand an seine Schulter, Gottes Allgegenwart schien ihn sichtlich zu
ergreifen, er blickte mit Scheu um und sah einen heiter lchelnden, blonden
Lockenkopf, den er fr einen Engel hielt. Aber krperlich fest ergriff der Knabe
seine Hand und fhrte ihn mit Anstrengung zu einem schwierigen, doch
gefahrlosen, sehr verborgenen Seitenwege, wo weiter keine Gefahr voraus zu sehen
war. Hier blieb der Knabe und gebot ihm auf demselben, ohne sich aufzuhalten,
bis zum Sonnenuntergang fort zu gehen, nie wieder zu kehren in diese Gegend und
niemand von seiner Rettung etwas zu sagen, so lieb ihm sein Leben; denn, sagte
er, ich war geschickt, dich herab zu stoen, aber dein mildes Antlitz machte
mich ungehorsam und ich rettete dein Leben und wage jetzt das meine, wenn ich
nicht dein Schwert mitbringe, das mir als Wahrzeichen zu bringen geboten. -
Milde reichte der Kaiser dem Knaben das Schwert und sagte ihm, es sei das
Schwert Karls des Groen, zugleich bat er ihn um Aufschlu ber die Geschichte
des Schlosses und der Menschen, die es bewohnten. Aber leichtfig, ohne
Antwort, war schon der Knabe mit dem Schwerte entschwunden, der Kaiser traf nach
mehreren Tagen auf Bergbewohner, die ihn zu den Seinen fhrten. Er schwieg
wirklich, sagte, da er sein Schwert beim Klettern verloren habe, und lie
heimlich ein gleiches machen. Erst nach mehreren Jahren hat er mich jetzt, wo er
sich am Rande seines Lebens fhlt, ins Vertrauen gezogen, nachdem ihm auf andern
Wegen die Sage von Abkmmlingen der Hohenstaufen besttiget worden ist; er
frchtet fr seinen Sohn und fr die groen Entwrfe seines Lebens. Er wnscht
von Euch Nachforschung ber die geheimen Fhrer des Bauernaufruhrs, der im Jahre
1514 um Waiblingen bei Beutelspach scheinbar wegen Ma und Gewicht ausbrach,
eigentlich aber wohl von der Brderschaft des Armen Konrad, worunter Konradin
von Schwaben gemeint, angestiftet worden sei. - Berthold lchelte und meinte:
Ich bin zwar hinfllig in dieser Zeit gewesen, da ich nur das Notwendigste zur
Sicherheit unsrer Stadt anordnen konnte, aber so viel ich damals gehrt, so hat
dieser Konrad nichts mit Konradin zu tun, es war ein Bauernscherz, sie wuten
sich keinen Rat, wer sie fhren sollte, da keiner gern seinen Hals daran setzen
mochte, darum nannten sie ihren unsichtbaren Fhrer Keinrat, daraus wurde in
ihrer Aussprache Konrad. Die Sage bildet gern etwas Zweideutiges in der
Geschichte, so wurde auch dieser Name, wie die Orakel der Alten, zweifach
ausgelegt. - Treitssauerwein antwortete: Das Nchste tuscht am leichtesten,
denn aus Gewohnheit kommen wir darauf, nichts Ungewohntes darin zu vermuten;
glaubt mir, am armen Konrad war der Ernst frher, als der Scherz, der ihm zum
Deckmantel dienen sollte. - Sie hatten sich unterdessen dem Kaiser genhert,
der, mit der Armbrust hinter einem Dornbusche versteckt, ihnen Stille zuwinkte,
weil seine Hunde ihm einen Hasen eben schurecht herantrieben. Inzwischen hatten
sie beide doch schon dem Hasen zur Warnung gedient, er sprang seitwrts, der
Kaiser nahm ohne Zorn den Bolzen von der Armbrust, rief die Hunde und schickte
sie mit den Jgern zurck. Der Kaiser sprach: Nicht wahr, mein lieber
Brgermeister, es steht eigen mit der Welt, wenn sie einen Jger zum Kaiser
hat! - Gndiger Kaiser, antwortete Berthold, ich habe eben vernommen, wie
die Gemsenjagd Euch einst auf so seltsame Entdeckung gebracht, demnach mchte
auch diese Neigung wohl zu Eurem Besten Euch eingepflanzt sein. - Zu meiner
Gesundheit wenigstens, sagte Maximilian, wohl tat unser Freund Gelegenheit
etwas fr uns, aber unser Feind Ungelegenheit machte alle Nachforschungen
darber bisher vergeblich. Wir nahmen's damals nicht ernst genug, wir merken
erst jetzt an manchem Widerstande der Kurfrsten, da sie mehr von der Sache
wissen, als wir bei aller offenen Macht und heimlichen Kundschaft. Wir haben
Euch erwhlt, lieber Brgermeister, weil Ihr uns durch Marx und Kunz empfohlen
seid, und keiner auf Euch rt, uns Aufschlu in der Sache zu verschaffen. -
Berthold erklrte sich bereit, aus allen Krften mitzuwirken, und es ging ihm
ngstlich im Kopfe herum, ob er nicht dem Kaiser sagen solle, was er durch
Martin von dem Schlosse gehrt und wie er selbst zu diesem Geheimnisse gehren
mchte aber Martins Tod schwebte ihm vor, er schwieg. - Der Kaiser fuhr nun
fort: Aber Berthold, wenn nun der Papst in dem Bunde mitwirkte, seid Ihr in der
Gewalt eines Beichtvaters, oder seid Ihr darber hinaus? - Die Geistlichkeit,
antwortete Berthold, hat berall zu viel rgernis gegeben, als da die Leute
sich ihnen auf Gnade und Ungnade ergeben; was gut tut zu sagen, das wird bei uns
gebeichtet, vieles aber verstehen die geistlichen Herren nicht und es ist ihnen
auch mehr um das Beichtgeld, als um die Geheimnisse zu tun. - Das Geld, sagte
der Kaiser, ist das Blut des Staats und wie der edle Held Perzifal so
tiefsinnig wurde beim Anblicke dreier Blutstropfen im Schnee, so wird mir oft
beim Anblick eines Kreuzers recht nachdenklich, wie viel Kunst, Taten, Glck und
Weisheit durch solch ein Stcklein gefrdert und gelhmt werden knnen! Wohin
htten wir unsre Fhnlein gefhrt, wenn es nicht an Gelde gefehlt htte! Darum
lasse ich auch nicht den Luther verderben, der das deutsche Geld von Rom
abschneiden will, und danke Euch, da Ihr ihm frderlich gewesen seid, von hier
fortzukommen. Doch seht, wir sind unbemerkt von einem Umgange umgeben, also
krzlich gesagt, mein lieber Brgermeister, es ist mir sowohl um meine Feinde,
die Hohenstaufen zu tun, als auch um meinen Freund, den Knaben, der jetzt schon
ein wackrer Jngling sein mag, ich meine jenen, der mir das Leben rettete, ich
mchte ihm lohnen; sucht mir von einem oder dem andern Kunde zu schaffen, ich
werde Euch danken. Der Umgang zog singend an ihnen vorbei und endete das
Gesprch; der Kaiser, Berthold und Treitssauerwein schlossen sich an und zogen
zur groen Freude der Bauern mit ihnen nach St. Leonhard in die Kirche; die
Bauern meinten, ein so herrlicher Umgang sei nicht gehalten worden, seit
Gggingen stehe.
    Whrend der Meandacht wurde Berthold gestrt, indem ein neben ihm
Knieender, auf den er noch nicht geblickt, ihm in den Finger bi. rgerlich sah
er hin und staunte, es war eine Jungfrau, es war Anna, gleich war sein Zorn
verschwunden und er fragte heimlich, was sie hergefhrt. Sie sagte ihm, da sie
ihm Notwendiges zu erzhlen habe. Zum Glck beteten und seufzten die Bauern
umher so laut, da sie ihm leise flsternd alles erzhlen konnte, wie es
ergangen. Die Mutter hatte am Morgen das Pferd, den Herrn und auch Fingerling in
groer Verwunderung vermit, da weder Fingerling, noch Berthold ihr Vorhaben
deutlich gemacht hatten. Da Berthold sie so unerwartet auf dem Ballhause
verlassen hatte, so schwankte sie zwischen der Vermutung, Berthold reue seine
Verlobung, oder er sei davon durch einen hohen Herrn abgehalten, vielleicht
durch den Kaiser selbst, dem noch ein Ruf von Zrtlichkeit, trotz seinem Alter,
nachzog. Ihr war gestern durch Kunz bestellt worden, ein hherer Auftrag habe
ihn entfernt und er knne sie nicht heimfhren. In diesem Zweifel wendete sich
erst ihre Hrte gegen Anna, die gar nicht begreifen konnte, was ihr fehlte, sie
erfuhr erst diese Sorgen der Mutter durch Kugler, der mit einem Braten als
Geschenk sich eingestellt hatte, dem sie sich heimlich vertraute, und der Annen
sagte, er reite fort, um in Waiblingen Nachfrage zu halten, ob Berthold etwa
auch, wie Fingerling dahin zurckgekehrt sei, doch msse die Mutter und sie sich
gleich entschlieen, inzwischen seiner Wirtschaft und seinem Fleischscharrn
vorzustehen. Dort hatte Anna durch einen Kunden zufllig gehrt, er sei mit dem
Kaiser auf der Strae nach Gggingen im Gesprche gesehen worden, sie hatte sich
unter einem Vorwande fortgeschlichen, mit ihm zu sprechen und von ihm Wahrheit
zu hren, denn sie konnte nicht leugnen, da seine Kette, die sie am Morgen
gefunden, ihr wie ein schweigendes Abschiedszeichen erschienen wre. Berthold
beruhigte sie, aber ihre Trnen flossen nun um so hufiger, da sie ihrer Sorge
befreit war, und die ehrlichen Bauern meinten, es sei Andacht und Bue. Kaum war
die Messe geendet, so schlich sich Berthold mit Annen fort, so schnell, da
weder Kaiser noch Geheimschreiber seinen Weg bemerkten. Aber noch einen
Aufenthalt muten sie berstehen, der Weg fhrte sie an Stutzers Gartenhause
vorbei, der eben beschftigt war, Pfefferscke in ein Vorrathaus packen zu
lassen, und dabei sehr emsig die einzelnen ausfallenden Krner auflas, aber die
Vorbergehenden nicht weniger fest hielt, ihnen die Pracht seines Landhauses zu
zeigen. Dem kleinstdtischen Brgermeister glaubte er die Augen damit
auszuleuchten und Annen fr immer unglcklich zu machen, wenn sie nicht ein
Gleiches bei Berthold fnde. Ein Italiener hatte ihm dies Landhaus nach ganz
neuer Art erbaut, die Fassungen der Fenster waren gemalt wie Marmor, alte
Gtterbilder bedeckten die Flchen im bunten Gemisch mit Heiligen. Berthold
erklrte sich ohne Umschweife gegen den malerischen Schein, um fehlende Bauwerke
zu ersetzen. Die Schnheit eines Baus, sagte er, liegt wie die Schnheit des
menschlichen Antlitzes nicht allein in der Berechnung gewisser Verhltnisse,
sondern in dem Ausdruck innerer Vortrefflichkeit; die Dauerhaftigkeit und
Bequemlichkeit der innern Einrichtung mag sich auch gern uerlich kennbar
machen; die innere Wlbung, die Balkenlage will sich auch uerlich zeigen. Hier
ist alles das gemalt, von einer Seite erscheint es herrlich, von der andern wird
die Nichtigkeit um so deutlicher und eine glatte Wand ohne Architektur gbe
wenigstens keinen Arger. Der gute Stutzer hrte nicht auf die Rede, er sah nur
verdrielich hhnisch ihn an und sagte: Lieber Herr, entschlagt Euch solchen
Gedanken, das hat Pilati aus Florenz gebaut und gemalt. - Das macht ihm wenig
Ehre, sagte Berthold, da kann ich Euch von unserm Meister Fischer manches
Bessere zeigen in meinen Zimmern. - Stutzer wurde innerlich so bse ber den
stolzen Kleinstdter, fhrte ihn aber doch ins Haus, dessen weiter Flur von
Marmorsulen mit korinthischem Hauptschmuck glnzte; Faunen und Silenen trugen
die Treppe, welche mit einer Weinlaube berzogen war, an der durch die Wrme
hinter den geschlossenen Fenstern der Wein schon blhte. - Prchtig, sagte
Berthold, aber ich wundre mich, wie Ihr hier bestehen knnt. - Warum? fragte
Stutzer. - Einmal, meinte Berthold, knnt Ihr keine ehrliche, deutsche Frau
hier einfhren, es ist ja eben so gut, als ob Ihr sie in das ffentliche
Mnnerbad gebracht httet, und dann, wie gefallt Ihr Euch als Herr im Hause, da
Ihr doch nur winzig und drr seid, wenn so wohlgenhrtes Gttervolk, wie Hunde
auf der Treppe vor Eurer Tre harren mu. Ich ginge in Eurer Stelle unter die
trkischen Enten und welschen Hhne, die in Eurem Garten so gemchlich wandeln
und picken, statt Euch so bermig vornehm bedienen zu lassen. - Der eitle,
kleine Kerl wute nichts zu antworten, denn so war ihm noch keiner gekommen,
aber die Rede hatte die gute Folge, da er die beiden nicht lnger zwang, seine
Pracht zu beschauen; mit seiner Zudringlichkeit gegen Anna hatte er die kleine
Zchtigung verdient.
    Als sie zum kleinen Hause der Frau Zhringer kamen, waren beide etwas
ermdet, besonders Berthold, und Anna frchtete, weil es schon spt, den Zorn
der Mutter wegen ihres Ausbleibens. In solchen Betrachtungen setzten sie sich
ein wenig ins Gras des Gartens hinter dem Hause, die Sonne schien betubend
warm, die Blumen dufteten mit ihren betubenden Krften und beide nickten neben
einander ein; der Geist mchte immer Wunder tun, immer ttig sein, aber der
Krper hat die Wunder und gleicht den einzelnen Menschen mit dem ganzen
Geschlechte aus, indem er ihn mit Schlaf oder Krankheit beschwichtigt.
    Was Frau Zhringer an diesem Tage ausstand, nun auch die Tochter ausblieb
und Kuglers Wirtschaft ganz auf ihr lastete, ist schwer zu sagen, insbesondere
als Boten des Kaisers, Treitssauerweins, des Kurfrsten Friedrich kamen und nach
Berthold fragten, als ob sie ihrer recht spotten wollten. Endlich kam der Abend,
der sie den Geschften entlie, aber um so tiefer in den einsamen Gram ihres
Hauses versenkte, bis auch diesen der Schlaf ablste.
    Die Sterne glnzten schon scharf auf dem blauen Grunde, als Anna erwachte
und durch ihre Bewegung den glcklichen Trumer Berthold mit erweckte. Kaum
konnten sie es begreifen, da es natrlich im Wandel der Zeit jetzt Nacht
geworden sei; sie machten sich bittre Vorwrfe wegen der Mutter und dachten
nach, wie sie dem ausweichen knnten, auch scheute sich Anna vor bsem Ruf, wenn
eines der Nachbarn sie mit Berthold im Grase liegen gesehen. Nach vergeblichem
Beraten entschlossen sich beide, jedes in sein Zimmer zu gehen und zu tun, als
ob nicht geschlafen und nichts versumt sei; der Morgen werde ihnen der Unruhe
ohnehin genug bringen. Anna ffnete die Haustr mit einem Kunststcke: Das
lernte ich, wenn ich fr unsre Kuh auf Grasung spt ausblieb, sagte sie; dann
drckte sie Berthold sanft an sich und drckte ihn von sich, als seine
Zrtlichkeit sie zu verraten schien, und ging in das Zimmer der Mutter, wo sie
angekleidet in das groe Bett schlpfte, das sie seit dem Davonlaufen des Vaters
mit ihr teilte. Die Mutter erwachte nicht, dies erlauschte Berthold, dann ging
er leise die Treppe hinauf in seine Giebelstube. Ihm war so hei, er ri das
Fenster auf, ffnete den Wams und fand eine Rose, die ihm Anna unbemerkt hinein
geschoben hatte, er konnte das stille Lager im grnen Grasgarten erkennen, das
Gras war eingeknickt und erhob sich jetzt, die Worte hpften ihm im Munde und er
sang mit geschlossenen Augen in wehmutsvoller Freude zu den seligen Sternen, die
ihm im Herzen aufgegangen waren:

Ein Stern der Lieb im Himmelslauf
Die offne Brust sanft atmend khlt,
Der Frhling hei im Herzen spielt,
Da blht die erste Rose auf;
Du bist der Stern, dir unbewut,
Dein Atem khlet meine Brust,
Du bist der Frhling, der mich wrmt,
Der in des Herzens Blumen schwrmt,
So khlst du auen, wrmst da innen,
Die Glut verschliet dein keusch Besinnen.

Gern tat sich Lust in Bitten kund,
So lebenswarm wie Herzensblut,
Da schlo die Rose mir den Mund
Und tut mir duftend hier so gut,
Ich schwimme in dem Liebesduft
Unendlich scheint das Blau der Luft;
Die Augen fllt ein ser Drang,
O Liebestau, in Trnen Dank,
Da keusche Sterne drfen scheinen,
Und nur zerdrcktes Gras beweinen.


                               Sechste Geschichte

                                 Der Mahlschatz

Frau Zhringer erwachte, als die liebe Anna eben eingeschlafen war; sie sah die
Tochter neben sich, als sie eben ber ihre Abwesenheit nachdenken wollte, und
die Begebenheiten des vorigen Tages gewannen das Ansehen eines Traums. Sie stand
auf und schlich nach dem Zimmer Bertholds herauf, blickte durch das
Schlsselloch und sah, da er auch ruhig in seinem Bette liege. Da schien es ihr
Gewiheit, da sie sich nur mit einem bsen Traume geplagt habe. Sie ging
herunter und schmte sich, weckte die Tochter, die auch keine Lust hatte, von
der Geschichte anzufangen, so wenig wie Berthold, der auch zum Frhstck gerufen
wurde. Die Leute Kuglers weckten sie aus dieser guten Meinung, sie verlangten
von ihr Rat und nun entwickelte sich das Geheimnis. Berthold erfuhr jetzt erst,
da Kugler ihn in Waiblingen suche, er frchtete, da seine Mutter erschrecken
mchte, und behauptete, da er nur durch ein eiliges Nachreisen das Ungewitter
zerstreuen knne. Frau Zhringer gab ihm recht, und Anna wute nichts dagegen zu
erinnern, doch uerte sie die Meinung, da sie ihn gern begleiten mchte.
Berthold fate das auf und suchte der Mutter und Tochter zu beweisen, da sie
nichts in Augsburg hielte, Kuglers Wirtschaft wrde dessen Schwester gern
fhren, die eigne Wirtschaft sei schnell geordnet, die Mutter kenne Waiblingen,
und selbst wenn sie in seinem Hause nicht zu wohnen Lust htte, so sei doch eben
so leicht ein eignes Haus fr sie zu finden. In Apollonien sprach eine alte
Liebe zu dem Orte fr den Vorschlag, aber sie lie sich noch erst recht lange
bitten, bis Berthold ihre Einwilligung erzwang. Es wurde ein Fuhrmann aus der
Nachbarschaft gemietet, mit groer Hast alle Kleider, Betten und Leinenzeug
eingepackt, so da alles brige im Hause durch fremde Leute konnte besorgt
werden, wenn sie etwa gar nicht wieder an den Ort ihrer Plage und Arbeit
zurckkehren wollte. Die Geschftigkeit unterdrckte Gefhl und Betrachtung;
nach einer Stunde, als alles eingepackt, alles besorgt war, als die Pferde schon
vor dem Wagen ungeduldig die Erde stampften, da fhlte erst Frau Zhringer, da
die Zeit im Unglck, wie im Glck den Menschen an den Boden fesselt, sie konnte
nur unter heftigen Trnen die armselige Htte verlassen. Berthold hatte manches
Geschft abgemacht in aller Eile, Herren Marx und Kunz sich empfohlen, er freute
sich recht der Ruhe auf dem Wagen an Annens Seite, ein lag der Reise macht
vertraulicher, als ein Monat andrer Umgang, er freute sich, fr Mutter und
Tochter allerlei Besorgungen bernehmen zu knnen. Das Stoen des Wagens setzte
manche Erzhlung in Umlauf. Berthold suchte Apollonia mit allem bekannt zu
machen, was sich inzwischen in Wirtemberg verndert habe, wie der Graf Eberhard,
der Brtige, vom Kaiser zum Herzog gemacht sei und wie jetzt Herzog Ulrich gar
seltsam regiere. Frau Apollonia erzhlte, da sie ihn in frheren Jahren einmal
zu Augsburg gesehen, er sei ein bauchiger, dickkpfiger Herr gewesen, der sich
zuweilen aus Hochmut alles Blut ins Gesicht geblasen und gedrngt habe, wie ein
welscher Hahn. - Er war schon in die Acht erklrt, fuhr Berthold fort, aber
der Kardinal Lang machte seine Vershnung mit dem Kaiser und jetzt wirtschaftet
er noch rasender mit seinen Rten, welche nach der Bedingung dieser Vershnung
wrend sechs Jahren die Landesverwaltung fhren sollten; ein paar hat er schon
unter nichtigem Vorwande foltern lassen und einen im Kohlenfeuer fast gebraten.
    Gott stehe uns bei, sagte Apollonia. - Wir knnen ruhig leben,
antwortete Berthold, aller Zorn des Herrn ist persnlich, es leiden nur die von
ihm, die er kennt, die Rte und Herren vom Hofe, seine Frau und Kinder. - Ist
nicht seine Frau, die edle Sabina von Bayern, mit der er so prunkvoll Hochzeit
gehalten, ihm entflohen? fragte Frau Apollonia. - Freilich, antwortete
Berthold, wie konnte sie lnger das qualvolle Leben ertragen, allen Weibern
ihres Gefolgs stellte er nach. Die schrecklichste Geschichte war wohl, als er
der Frau des Hans von Hutten nachtrachtete, die ihm aber als eine ehrliche Frau
widerstand. Das krnkte ihn, er stellte sich eiferschtig wegen eines Rings, den
Hutten von seiner Herzogin erhalten hatte, um ihn seiner Frau fr ihre
Standhaftigkeit einzuhndigen, er beschied Hutten in den Beblinger Wald, gebot
ihm um Leib und Leben sich zu wehren und durchstach ihn, ehe er noch sein
Schwert gezogen hatte. Dann hing er ihn an eine Eiche mit dem Grtel und machte
als Freigraf das Zeichen des heimlichen Gerichts zum Schutz seines sinnlosen
Frevels ber den Toten. - Die Geschichte veranlate ein langes Gesprch ber
die Eifersucht, in welchem es sich uerte, da die Mutter wohl einige
Eifersucht gegen die Tochter, die Tochter aber noch viel mehr gegen die Mutter
hege und jeden Hndedruck, jeden Ku Bertholds mignne. Berthold aber nahm
diese uerungen wie einen Scherz auf, er war zu bescheiden, sich so heftige
Einwirkung auf die Gemter zuzuschreiben, zu unbekannt mit sich selbst, um zu
fhlen, da diese Eifersucht Annens wohl einen Grund in ihm haben knnte, denn
je mehr er Apollonien sprach, je mehr Erinnerungen der frhen Jahre erwachten in
ihnen beiden.
    brigens war es eine schwere Sache, dem Meister Kugler nachzureisen, um die
Sorge, die seine Anfrage in Waiblingen verbreiten konnte, durch die Gegenwart
des Vermiten zu zerstreuen. Kugler war des Reitens beim Einkauf des Viehs sehr
gewhnt, in seinem Treiben lag immer etwas Rastloses und danach hatte er auch
seinen Schecken ausgesucht, der nicht eher vom starken Trabe absetzte bis der
Herr ihn hielt. Fingerring war bequemer, sein Pferd geringer und so kam's, da
ihm Kugler vorbei geritten, ohne da einer vom andern etwas gemerkt htte, da
Fingerling sein Pferd in einen Wirtsstall gezogen und selbst einem
Mittagsschlummer auf der Ofenbank sich ergeben hatte. Er gewann einen solchen
Vorsprung, da Fingerling ihn selbst dann nicht erreichte, als Kugler einen
Handel ber ein Paar Lmmer mit einem Bauer abschlo, die Lmmer ber den Sattel
band und nun doch etwas langsamer seinen Weg fortsetzte. Als er in Waiblingen
angekommen, kmmerte er sich wenig um ein Wirtshaus, sondern lie sich nach dem
Hause des Brgermeisters weisen, wo er wie ein Wrgengel mit den Lmmern trabend
einritt. Die alte Frau Hildegard trat auf den Lrmen an die Stiege, fragte ihn,
was er wolle, und horchte auf seine Antwort sehr aufmerksam, konnte aber nicht
klug daraus werden, so wenig war der Mann zur klaren Erzhlung geeignet. Bald
fragte er nach Berthold, ob ihm ein Unglck geschehen, bald schimpfte er auf
ihn, da er entwichen sei, bald machte er ihr als Mutter Vorwrfe, da sie ihn
nicht besser gezogen habe; dabei bhten die Lmmer und Kuglers Hund zeigte den
neugierigen Haushunden knurrend die Zhne. Nachdem diese Unverstndlichkeit
etwas gewhrt hatte, so glaubte Frau Hildegard ihrem Hausrecht etwas zu
vergeben, wenn sie sich von einem Fremden so etwas bieten lasse, sie fing also
an, auf Meister Kuglers Pferd zu schimpfen, das ihr den eben gekehrten Torweg
verunreinige, auch auf den Hund, der einen ihrer Lieblinge zu zausen Anstalt
machte, zuletzt auf den Meister, der kein vernnftig Wort rede. Meister Kugler
schonte auch nicht, weil er sich im Recht glaubte; schon liefen die Leute aus
der Schreibstube mit Kntteln herbei, als ein gellendes Jagdhorn durch die
Unterhaltung schmetterte. Es war Fingerling, der sich diesen Spa ausgesonnen
hatte, um jeden Widerspruch der Alten mit seinem Jubel ber das Geschehene
zurck zu weisen und gleichsam die Sache mit Gloria zu verknden. Der Lrmen
schwieg und Fingerling stieg mit seligem Antlitze von seinem Rosse, als ob er
eine Tasche voll Rosinen trge, verkndete mit sehr abgemessener Sprache,
vielleicht wohl gar in Reimen, den Turnierruhm, des Kaisers Gnade, die Verlobung
Bertholds. Frau Hildegard schlug beide Hnde zusammen, sie meinte den Alten
wahnwitzig. Aber noch toller war's, als jene beiden in Streit gerieten, als
Kugler von dem Berthold, als von einem verlornen Manne sprach, der auch wohl ein
Ausreier sein drfte. Fingerling behandelte ihn als einen eiferschtigen Toren,
der dem ein Bein stellen wolle, der ihn aus beiden Stteln gehoben, und das
krnkte Kugler. Die Schreiberherren halfen dem schwcher gestimmten Fingerling
durch ihr begleitendes Chor, die Dienstmgde, die Arbeiter drohten in ihrer Art,
schon bissen die Hunde auf Kuglers Hund los und alles schien ber Kugler
herfallen zu wollen, als Berthold, dessen Wagenrollen niemand bei dem Schreien
beachtet hatte, mit seinen beiden Reisegenossen mitten unter ihnen stand. Kugler
wollte ihm gleich zu Leibe gehen, da sah er die beiden Begleiterinnen und
erstarrte in Verlegenheit. Die Mutter wollte Berthold umarmen, da trat sie scheu
zurck vor den beiden Frauen, die er ihr zufhrte, alles war verlegen oder
verwundert, nur nicht Fingerling, der aus seinem Jagdhorne die sesten Tne
herausdrckte, welche auch das Beien der Hunde in der Art trennte, da diese
mit allen heulenden Tnen, ihre musikalische Beistimmung gaben.
    Alles zog sich whrend dieser Kunstgewalt ins Feierliche, Berthold kte
Frau Hildegard die Hand, auch Anna folgte seinem Beispiele, die Mutter begrte
sie frmlich, worauf Frau Hildegard alle Zusammengehrigen in ihr Zimmer
ntigte. Da geschah in Ordnung die Auseinandersetzung, bei welcher Frau
Hildegard sich nicht enthalten konnte, so einige Worte von Verfhrung junger
Leute zu sprechen, und wie sie zwar die Verheiratung des jungen Menschen immer
gewnscht, aber sich doch jetzt nicht der Trnen erwehren knne, nun sie so
unerwartet, ohne ihre Vermittelung erfolge, da sie nun nicht mehr ber seine
Gesundheit im Schlafe wachen knne, nicht mehr ihr Bette neben das seine stellen
drfe. Ihr Argwohn gegen die fremden Frauen, die sie fr Abenteuerinnen hielt,
welche den Sohn knstlich beschwatzt htten, verwandelte sich bald in Teilnahme
und Rhrung, als ihr Apollonia im Verfolg der Erzhlung nher bekannt ward, von
der sie sonst wie von einem Mdchen gesprochen hatte, zu der ihr Sohn nie
aufblicken drfe, und die nun nach so vielen ausgestandenen Leiden ihren
ehemaligen Freund der Tochter abtreten msse. Ihrem Gefhle nach sollten es sich
alle noch berlegen, sie meine, der Sohn msse Apollonien heiraten, das sei er
ihr schuldig, mit ihr komme auch sein Alter berein. Der Vorschlag krnkte Annen
und Frau Hildegard hatte Mhe, sie zu trsten, als sie ihr versicherte, da sie
auf den Vorschlag gar nicht bestehe. Der ehrliche Kugler fhlte sich bei der
ganzen Sache am berflssigsten, dachte deswegen auf eine Artigkeit, sich
beliebt zu machen, und brachte die beiden Lmmer zum Geschenk, die schn
weigewaschen, wie sie waren, der Frau Hildegard so wohl gefielen, da sie
dieselben aufzuziehen beschlo. - Wo mag damals in der Schreckensnacht mein
Lamm geblieben sein? fragte Apollonia. - Von diesem Lamm stammt eine Herde,
sagte Berthold, die sich jhrlich auf dem Hofe vor der Stadt vermehrt und die
feinste Wolle im ganzen Lande trgt. Lernt mich in meiner Treue gegen Tiere
kennen, auf jenen Bumen brten jhrlich und werden von mir gefttert die
Abkmmlinge der Elster, welche mir diese Baustelle zeigte. Das gab
Veranlassung, die Fremden umher zu fhren, ihnen die Zimmer zu zeigen, die ihnen
bestimmt wren. - So endete der Tag und Frau Hildegard freute sich, dem Sohne im
Bette wieder wie sonst die Hand reichen zu knnen, und in diesem Gefhle gelobte
sie zur glcklichen Vermhlung desselben, die Mutter Maria mit dem heiligen
Kinde, die am Hause nur schlecht gemalt, vom Regen ausgelscht war, wieder
auffrischen zu lassen. Der gute Sohn sann aber inzwischen darauf, wie er seiner
Mutter eine stete Gesellschaft lassen knnte und berechnete sich, wie viel Dank
er dem alten Fingerling schuldig sei und wie dieser auch so einsam lebe. Da trug
er ihr vor, ob sie sich nicht mit dem guten Manne vermhlen wolle, im Grunde
wren sie doch in Hinsicht aller Wirtschaftsangelegenheiten lngst mit einander
verbunden; habe sie wegen ihres Schwindels sich sonst schon gegen ihren Willen
vermhlt, warum wolle sie jetzt nicht ihrem Alter und ihrer Bequemlichkeit
dieselbe Geflligkeit erweisen. Die Mutter wies das zwar von sich, sie sei schon
neunzig Jahre, aber der Sohn meinte dennoch durch zu dringen, weil sie von ihrer
Seite den Plan machte, Apollonien mit Meister Kugler zu verheiraten, wenn ihr
entlaufener Mann fr verschollen erklrt wre, so da ein Tag sie alle in
gehrige Verbindungen versetzen knne. Der Mensch denkt und Gott lenkt.
    Am Morgen wurde Anna sehr erschreckt, sie konnte sich nicht gleich erinnern,
wo sie erwache, das Zimmer erschien in der Morgenhelle anders, als Abends in der
Lampenerleuchtung. Sie rief die Mutter, aber diese hatte schon Zimmer und Bett
verlassen, und erst allmhlich besann sie sich auf alles. Sie strhlte ihre
Haare am Fenster und flocht sie auf, des herrlichen Anblicks ber den
blumenreichen Garten erfreut und darum weniger eilfertig: das alles sollte nun
bald ihr Eigentum sein, in dem Gedanken fhlte sie ein stolzes Glck. Ein
sanfter Wind wogte mit sten und Gestruchen und wie er diese einmal strker
niederbeugte, sah sie die Mutter auf einer Gartenbank neben Berthold sitzen, wie
er sie herzlich kte. Sie zitterte, sie wollte nicht glauben, aber der Wind
trat immer strker auf und es war nicht zu zweifeln; mm suchte sie alles auf,
Berthold und die Mutter zu entschuldigen, aber nichts wollte die Heftigkeit
ihres Zorns erleichtern, als ein Strom von Trnen. Als sie noch weinte und ehe
sie sich bezwingen konnte, trat die alte Frau Hildegard an ihrem Stabe ein und
lie durch ein paar Mdchen ein elfenbeinernes Schrnkchen auf den Tisch in die
Mitte der Stube setzen. Die Mgde gingen fort, die Alte hatte zu schwache Augen,
um gleich die Trnen der knftigen Schwiegertochter wahrzunehmen, auch war sie
sehr beschftigt, die Seltsamkeiten des Schrnkchens sorgsam auszupacken, so
gewann Anna Zeit, sich etwas zu fassen. - Das Schrnkchen, sagte Hildegard,
enthlt den Mahlschatz der guten Mutter unsres Bertholds, wie wird sie sich
freuen, wenn ein Blick aus jener Welt ihr gegnnt ist, diese Zeichen ihrer Liebe
in Zeichen der Liebe ihres Sohnes verwandelt zu sehen. Ich, die ich viel lter
war, als sie, sollte das alles noch vor meinem letzten Stndlein erleben. -
Anna kannte nichts von dem Gerte, freute sich aber an aller zierlichen Arbeit,
whrend sie ungeduldig nach dem Fenster hinblickte, ob ihre schmerzliche
Wahrnehmung sich ihr zu grerm Kummer wiederhole. - Frau Hildegard erklrte ihr
nun die Bedeutung jeder einzelnen Gabe des Mahlschatzes. Der Kranz mit drei
Eicheln auf einem Stiele bezeichnet, sagte sie, die Unschuld, welche bisher
unter dem hchsten Schutze der Dreieinigkeit gestanden, ihn berreichst du
meinem Berthold am Hochzeittage, wogegen er dir die goldne Kette mit den Rubinen
als ein Anerkenntnis deiner Unschuld verehrt. Dies ist das silberne
Armgeschmeide, das ihr einander anlegt, als Zeichen, da eure Hnde nicht mehr
frei sind. Dies ist der Schaugroschen, den du als Mietsgeld von dem Manne
empfngst, ein Zeichen der treuen Dienste, die du ihm und seiner Wirtschaft
leisten mut. Dafr bergibst du ihm in der Hochzeitnacht dies feine Hemd, das
du noch mit seinem Namen sauber zeichnest, und fr das Hemde gibt er dir am
Morgen diesen aus Silberdraht geflochtenen Grtel, an welchem eine Geldtasche
und ein Kchenmesser hngt, als Zeichen, da du gegen jedermann das dir
anvertraute Gut schtzen sollst. - Anna dankte ihr unter Trnen fr alle die
guten Lehren, sie wolle fleiig und treu wirtschaften, wenn nur Berthold gleiche
Treue gegen sie erweise. Das Geheimnis lie sich der Anfrage Hildegards nicht
bergen, und Anna vertraute ihr, was sie eben gesehen und was vielleicht noch
geschehe. Hildegard war betroffen, sie sagte, wenn auch jetzt zu diesen
Zrtlichkeiten nur die Erinnerung der Stelle, wo er sich zuerst mit Apollonien
begrt, den Stoff hergegeben habe, so sei freilich eine Rckkehr zu dem
Jugendgefhle eine sorgliche Sache, weswegen sie immer noch wnsche, da jene
beiden einander ehelichen mchten und da Anna einen Jngling ihres Alters
erwhle. Der Rat brachte die Jungfrau auf, sie schwor, da sie ohne Berthold
nicht leben knne, da sie auch von Luther feierlich eingesegnet sei. Da gab ihr
Hildegard den Trost, sie mchte nur schweigen und tun, als ob nichts sie krnke,
damit nicht Unfrieden in die Ehe geset wrde, sie wolle dafr sorgen, da
Apollonia nicht im Hause bleibe, so sei doch der Umgang weniger hufig. Zum
Glck sei das artige Haus des Nachbars feil, das solle der Sohn fr Apollonien
kaufen und einrichten lassen.
    Sehr unbefangen, wie es der Unschuld ihres Herzens ziemte, traten jetzt
Apollonia und Berthold ein, grten, erzhlten, wie sie im Garten des
wunderbaren Zusammentreffens, der noch wunderbareren Trennung gedacht htten,
die Annen das Leben geschenkt habe. Berthold erzhlte noch, es sei ihm einen
Augenblick vollkommen wie damals zu Mute gewesen und sie htten sich wie ein
Paar Verliebte gekt; dann habe er noch eine Inschrift an die Stelle gesetzt,
wo ihm so viel Glck geworden. Alle gingen hinunter, diese Inschrift an Ort und
Stelle zu hren, und Berthold las sie mit inniger Rhrung, es war eine Art
Gebet:

Gib Liebe mir und einen frohen Mund,
Da ich dich, Herr der Erde tue kund,
Gesundheit gib bei sorgenfreiem Gut,
Ein frommes Herz und einen festen Mut;
Gib Kinder mir, die aller Mhe wert,
Verscheuch die Feinde von dem trauten Herd;
Gib Flgel dann und einen Hgel Sand,
Den Hgel Sand im lieben Vaterland,
Die Flgel schenk dem abschiedschweren Geist,
Da er sich leicht der schnen Welt entreit.

Anna wurde von dem Gebete sehr ergriffen, sie versprach ihm mehr, als der Himmel
ihm geben knne. Es wurde von der Einrichtung des Hauses gesprochen und ehe noch
Hildegard davon anfing, erklrte Apollonia, sie wolle weder auf Kosten, noch im
Hause ihres lieben knftigen Schwiegersohns leben, aber die Stadt gefalle ihr
wieder von neuem, sie hre, da ihr ein mtterliches Erbe zugefallen sei, worauf
die Stadt keinen Anspruch machen knne, sie wolle sich ankaufen, bis sie in den
letzten Jahren zu dem Kloster zurckkehre, welchem sie damals entrissen worden.
Frau Hildegard machte trotz aller Gegenrede Bertholds, der Apollonien nicht aus
dem Hause lassen wollte, ihren Vorschlag wegen des Nachbarhauses, er gefiel
Apollonien, doch gab Berthold nur ungern seinen Willen darein, weil beide Huser
durch ein schmales Fugngergchen getrennt waren, so da keine andre
Verbindung, als durch das Zubauen der allgemeinen Strae zwischen den beiden
gestiftet werden knnte.
    Das Nachbarhaus wurde jetzt in Augenschein genommen. Es fand sich neu und
dauerhaft, denn es wurde erst vor wenig Jahren auf der wsten Stelle gebaut, nur
konnte sich Frau Apollonia nicht zufrieden geben, da ein Brunnen fehle, der ihr
als eins der liebsten und wesentlichsten Teile der Wirtschaft erscheine.
Bertholds Baulust machte gleich einen khnen Plan. Auch ihm mangelte ein tiefer
Brunnen in seinem Hofe, nur trbe, moorichte Quellen sammelten sich in dem
Behlter, das er damals bei der ersten Besitznahme des Gebudes ausgegraben
hatte, zum Ersatz hatte ihm immer der schne, tiefe Marktbrunnen gedient, der
doch sehr unbequem weit vom Hause ablag. Jetzt fiel ihm ein, beiden Husern den
Dienst zu erweisen durch einen gemeinschaftlichen Brunnen zwischen beiden, ihnen
nicht nur ein tieferes, reines Quellwasser, sondern auch die Freude der
Verbindung am Brunnen wie den Altvtern der Bibel in den Wsten Asiens zu
verschaffen. Zwar mute dann die kleine Strae, die dem ganzen Stdtlein
ntzlich war, um zu den Bleichpltzen auf kurzem Wege zu gelangen auf immer
geschlossen werden. Er schwankte, aber Apollonia trieb ihn mit der Bewunderung
seines Anschlags ber sein gutes Gewissen und seine Besonnenheit als
Brgermeister hinaus. Er fhlte, da er unrecht habe, ganz deutlich; unrecht,
weil er die ehrwrdige Scheidewand des Hohenstaufenpalasts durchbrach; unrecht,
als Verwalter des ffentlichen Vorteils, aber der Gedanke war ihm zu s, er
konnte sich nicht losreien, er htte gleich in Ungeduld Hand ans Werk legen
mgen. Er hatte so viele Gaben himmlischer Gnade erhalten, da ihn der Mangel
dieses Brunnens so qulte, als ob alles, was er besitze, gar nichts dagegen
bedeute.
    Schon versuchte er den Boden, ob er fest sei, da hrte er Frauen in dem
Gchen, die rhmten dies Gchen, wie es so reinlich und fest sei, der Regen
schade gar nicht, kein Wagen komme ihnen da entgegen, wenn sie mit dem Linnen
bepackt wren, die Kinder knnten da auch so sicher spielen, ohne Gefahr
bergefahren zu werden. Es rief in ihm, dies sei die Stimme eines warnenden
Engels, aber der Teufel stand auch schon neben ihm, der Doktor Faust, der,
wieder angekommen aus der Fremde, sich nach seinem Wohlsein erkundigte und die
Unterredung behorcht hatte. Er fhlte Bertholds Puls und sagte, sein Blut
verdicke sich, es fehle ihm entweder an Luftbewegung, oder an fleiigem
Gebrauche des reinen Wassers. Frau Apollonia fiel ihm in die Rede, da es an der
Seite der Stadt nur einen ffentlichen Brunnen gebe, der natrlich so
verunreinigt wrde, sie knne nicht leben, ohne einen Brunnen in ihrem Hause zu
haben. Faust gab ihr mit schrecklich wichtiger Gebrde allen Beifall, wollte
aber von der Wunderkur anfangen, wie er Berthold ein frisches Lebensblut
verschafft habe und da er dies schonen msse; da fhrte ihn Berthold unter
einem Vorwande bei Seite, steckte ihm eine Hand voll Geld zu, sagte ihm, er
msse diese Wunderkur verschweigen, weil er sich schme, durch fremdes Blut
genesen zu sein. Faust grinste ber das seltsame Geheimnis und brummte: Ihr
meint wohl, die Frau mchte nach dem fragen, der Euch das Blut gegeben, Ihr
solltet ihn einmal jetzt sehen, das ist ein rechter Heidengott, ein junger
Herkules geworden, er wchst wie Holunder und ist fest wie Hagebuche. Seid
ruhig, ich will schweigen, aber erfrischt Euch an gutem Wasser, ich sage Euch,
ich habe es in den Fen, wo Quellen liegen, mir wird da so wohl, als stiege ich
in ein Bad; da wo Ihr eingegraben habt, liegt entweder ein Schatz, oder eine
mchtige Quelle. - Ich will einen Rutenschlger bestellen, ehe ich anfange zu
arbeiten, meinte Berthold, Euer Gefhl kann irren. - Herr, sagte Faust
ergrimmt und seine schwarzen Augpfel traten hervor, wie Kugeln, die er eben
fortschieen wollte, Herr Brgermeister, ich wnsche Euch alle Pestilenz auf
den Hals, ich kuriere Euch nicht, wenn Ihr einen elenden Gauner von
Rutenschlger befragen wollt, wo ich Euch schon Bescheid gesagt habe. Ihr mt
hier einen Brunnen graben, oder ich schreie in der ganzen Stadt, der
Brgermeister ist ein toter Mann, der nur durch Brgerblut lebt, und ihr braucht
nur sein Blut dem Anton abzuzapfen, so mu er wie ein Blutigel, dem Salz
aufgestreut wird, auch sein Blut entlassen. Nun Herr, habe ich Euch in meiner
Gewalt, es ergibt sich keiner umsonst dem Teufel. - Berthold sagte ihm, er sei
trunken. - Faust antwortete: Trunken bin ich, denn jetzt sind es gerade
siebenundzwanzig Jahre, als ich zum letztenmal nchtern war, aber im Wein ist
Wahrheit, wenn das Wort heraus ist, so gehrt's einem andern, und wenn ein Ding
geschehen ist, so verstehen's auch die Narren, der Balbier lt sich mit dem
abgeschnittenen Haar nicht bezahlen; wte ein Mensch recht, wer er wr, er
wrde frhlich nimmermehr, aber der Wein macht lustig, das ist seine
Gerechtigkeit. - Bei diesen Worten winkte er einem verschmitzten, bleichen
Knaben, der auf ihn an der Tre wartete, lie sich eine groe Henkelflasche von
ihm reichen und wankte langsam dem Ratskeller zu, indem er zuweilen anhielt, um
mit Hlfe des Knaben, der beide Arme unterstemmte, die groe, geflochtene
Flasche ihrer letzten Tropfen in seinen Mund zu entledigen.
    Es ist ein seltsames Vieh, unser Doktor, sagte Berthold zu Apollonien, die
sich ber ihn verwunderte, aber ein Ingenium hat er, wie keiner, wenn er kaum
seinen weg sehen kann, da errt er am besten alle verborgne bel und hier hat er
eine auerordentliche Quelle entdeckt, wo wir einen Brunnen ntig haben. Ich
kann nicht ruhen, bis ich Arbeiter finde, das Werk anzugreifen; ich sehe in
Gedanken den Rand des Brunnens, die Sitze umher von Marmorstein, auf denen wir
tglich mit einander frhstcken, wenn hell und herrlich der Morgen, und wenn er
von Annen mit den ersten Gaben des Jahres, mit Krokus, Schneeglckchen und
Veilchen bekrnzt wird, wenn wir unsre Kinder dabei taufen lassen; wenn bei
Feuersgefahr dieser Brunnen die Stadt rettet, dann werden sie gern das kleine
Gchen geopfert haben und werden es mir danken.
    Um keinen Widerspruch zu erfahren, eilte er, aufgemuntert von Apollonien, zu
seinen Arbeitern, die Gasse wurde geschlossen, die Mauern durchbrochen, ehe noch
die Sonne sank und Fingerling ihm sagte, da die Znfte einen Verdru empfnden
und zusammen gekommen wren, da er eine solche gewaltsame nderung und
Zueignung ohne sie vorgenommen habe, nur ihre alte Anhnglichkeit halte sie ab,
sich heftig dagegen zu erklren. Er meinte aber die guten Leute zu kennen, er
wute, da sie einer groen, ffentlichen Lustbarkeit nicht widerstehen knnten
und bat Fingerling, alle Znfte mit Frauen und Kindern zu seinem Hochzeitfeste
einzuladen, zugleich sollte er die Angelegenheit des Brunnens hin halten; wenn
sie erst ein paar Wochen daran gewhnt wren, wrden sie einigen alten Weibern
zu liebe, die das Linnen trgen, ihm diesen Gipfel des huslichen Glcks nicht
wieder entreien.
    Anna und Hildegard vernahmen nichts von der Sache, die erstere war allzu
glcklich mit der Musterung aller Kostbarkeiten und Knstlichkeiten beschftigt,
welche die frstliche Mutter dem Hause zur berfllung aller Zimmer verlassen
hatte. Kaum gnnte sie sich Zeit zum Mittagessen, die neugierige Anna; wre
Berthold nicht mit seinem Brunnen beschftigt gewesen, es htte ihn krnken
mssen, da die Begierde auf Wirtschaftsgerte, die sie bald als Eigentum
betrachten sollte, ihre Aufmerksamkeit von ihm fr den ganzen Tag abgelenkt
hatte. Mit rastlosem Eifer wurden alle Zimmer, alle Schrnke gemustert, und Frau
Hildegard selbst hatte die Freude, manches durch die Berhrigkeit Annens wieder
zu sehen, was ihr zu schwierig war aufzuheben, selbst manches noch zu entdecken,
wovon sie bisher keine Kunde gehabt hatte. Immer hher stiegen sie und kamen im
Boden an eine Kammer, von der Frau Hildegard selbst nichts wute. Da aber die
Tre verschlossen war und kein Schlssel unter allen sich dazu vorfand, so
wurden alle durchversucht, ob sie paten. Endlich fand sich ein Schlssel von
dem Zimmer Bertholds, der auch hier aufschlo, aber die Erwartung war betrogen,
die Kammer schien nichts zu enthalten als einen mottenfrigen, grnen Wams, den
Frau Hildegard bei nherer Betrachtung fr den grnen Schreiberwams, fr die
erste Gabe Apolloniens erklrte. Der wurde von Annen mit Hildegards Einwilligung
gleich bei Seite geschafft, damit diese Erinnerung, von der er oft sprach, keine
neue Neigung und Eifersucht erwecken knnte. Nun fand sich noch ein eiserner
Kasten in einer Ecke, in welchem Anna nichts fand, als ein trkisches Messer mit
einem Drachengriff und einem ledernen Beutel, beides war seltsam schn
gearbeitet und gefiel ihr, sie meinte, es brauchen zu knnen. Aber Frau
Hildegard gebot ihr beides hinzulegen, sie wolle ihr ein besseres Messer kaufen,
das sie in der Wirtschaft brauchen knne und der Beutel scheine ihr ohnehin
verstockt zu sein. Doch Anna dachte sich schon als Herrin des Hauses, glaubte
das alles schon ihr Miteigentum, wollte mitgenieen, was ihr gefiel, und sparen,
was berflssig schien, sie meinte also, es sei verstndig, Messer und Beutel
mitzunehmen, ohne da es die Alte mit ihren blden Augen bemerke, nachher werde
sie schon vergessen, ein berflssiges Messer zu kaufen, und den Beutel brauche
sie ohnehin gleich, um allerlei kleine Gaben zu bewahren, die sie whrend der
Haussuchung erhalten hatte. So kamen beide bedeutsame Gaben alter Zeit, das
einzige, was von dem Schatze Bertholds brig, in die Gewalt der schnen Braut,
die ihre Seltsamkeit und die Gefahr, welche damit verbunden, nicht ahnden
konnte, aber das Unrecht war ihr doch deutlich, denn sie nahm beides heimlich
und es brannte sie doch schon etwas, wie den Adler die glhende Kohle, welche er
statt des Opferfleisches in das sichere Nest trug.

                              Siebente Geschichte



                                  Der Brunnen

Der Heiratsanschlag auf Fingerling hatte keinen Fortgang, der alte Junggeselle
befand sich in seiner ngstlichen Ordnung zu wohl, als da er sie htte ndern
mgen. Er fand sich durch den Antrag sehr geehrt und gengstigt, denn seine alte
Aufwrterin war gegenwrtig und machte ein bses Gesicht, auch die
Kanarienvgel, denen er etwas Grnes gebracht, schrieen zornig drein, seine drei
Schohunde knurrten - und Berthold fand es demnach geratener, zu ihren
Geschften berzugehen. Einen Vorteil hatte er inzwischen durch den verlornen
Antrag, es durfte Fingerling seine Einwendungen gegen den Brunnen aus
erwiderndem Nachgeben nicht weiter vorbringen. Dieser Brunnenplan war Berthold
aber ganz ans Herz gewachsen, seit Anna, die vorlufig mit der Mutter ins
Nachbarhaus der Schicklichkeit wegen bis zur Vermhlung gezogen war, diese
Verbindung hchst bequem fand, um spt und frh bei Berthold zu sein, mit ihm
die Zukunft und das Haus auszuschmcken. Bertholds Zrtlichkeit, die jede Stunde
durch artige Zeitvertreibe, Geschenke und Gesellschaften zu beleben wute, hatte
jede Eifersucht der Tochter wieder in den Hintergrund gestellt und bei der
Brunnenverbindung beider Huser strte sie kein sorglicher Gedanke. Sie suchte
inzwischen doch die Verbindung der Mutter mit Meister Kugler zu betreiben, der
nun einmal fest entschlossen war, nicht ohne Frau in seine Wirtschaft zurck zu
kehren, und sich inzwischen mit dem Fleischeinkauf fr das groe Fest
beschftigte, das Berthold der Stadt geben wollte. Als die Mutter ihr dieses
Ansinnen rund abschlug, weil sie von dem Tode ihres Mannes eigentlich gar nicht
unterrichtet sei, so sannen beide auf eine andre Frau fr ihn, doch vergebens.
Da traten die geschwtzigen Tchter des Vogts, Babeli und Josephine mit groem
Geschrei ein, weil sie erst jetzt die Anwesenheit ihrer liebsten Gespielin
erfahren htten, kten Apollonien, erzhlten gleich, wie viele Verehrer sie
ausgeschlagen htten, bis die andern davon abgeschreckt, sich ihnen nicht mehr
zu nahen wagten; wie sie jetzt viel verstndiger handeln wrden, wenn es ihnen
gestattet wre, ihren Weg noch einmal zu machen, wie sie nicht mehr auf irrende
Ritter, sondern auf ehrliche Zunftgenossen sehen wrden. Das Gesprch belebte
sie, die Erinnerungen schmolzen das Eis ihrer Herzen und Kugler, der nicht mehr
hinkte und sehr grostdtisch gekleidet war, trat zur rechten Zeit ein. Babelis
Stunde hatte geschlagen, zwar spt, aber um so lauter, Kugler wollte eine Frau
aus der Stadt, woher Anna stammte, sie liebten beiderseitig nicht ein zartes
Verstecken mit ihrer Zuneigung zu spielen, Apollonia und Anna frderten die
Geburt mit freundlichem Zureden, sie hatten sich erklrt und verstndigt,
geeinigt und gekt; sie waren zum uralten Vogt gelaufen, der seinen Tchtern
allen Willen lie und auch zu dieser Verlobung freundlich nickte; alles das an
einem Tage.
    Auch hievon zog Berthold fr seinen Brunnenbau wesentlichen Vorteil. Die
Brger wollten sich durch den versprochenen Schmaus wegen des vermauerten
Bleichgchens nicht beschwichtigen lassen, sie wollten aber den reichen
Brgermeister nicht unmittelbar krnken und steckten sich deshalb hinter den
Vogt, der gegen Berthold gleich einige Worte von herzoglicher Genehmigung fallen
lie. Gegenwrtig fielen diese Worte ins Wasser, womit der Vogt seine Hnde in
Unschuld wusch: wie htte er den Mann krnken sollen, der seinen knftigen
Schwiegersohn beherbergte, der gewissermaen die Veranlassung gegeben, da er
Babeli unter die Haube brachte, eine Hand wscht die andere. Vielmehr gab er
gleich den Brgern zu verstehen, wenn sie sich gegen den Bau setzten, so wrde
Berthold durch herzogliche Gnade ihn dennoch durchsetzen, ihr Widerspruch sei
vergebens. Die Brger kannten Herzog Ulrich und schwiegen, trugen es aber
Berthold nach, der doch nichts von diesem Gerede des Vogts wute.
    Das Ausgraben des Brunnens hatte groe Schwierigkeiten, weil Berthold nichts
vom Bergbau verstand, der doch hier notwendig zu Hlfe gerufen werden mute,
wenn er die oberen Quellen verschmhen und sich zur Tiefe durcharbeiten wollte.
Die Arbeiter sagten oft, Erde und Steine mchten ihnen ber den Kopf
zusammenstrzen, denn sie verstanden es nicht, durch ein Zimmerwerk die steilen
eingegrabenen Erdwnde zu sichern, doch Berthold redete es ihnen in seiner Lust
den Brunnen fertig zu sehen, immer aus, machte ihnen Mut durch Wein und Geld,
stieg auch selbst in die Tiefe und half zum Zeichen, da er keine Gefahr da
ahnde. Aber jedesmal strzte die Erde auf ihn nach und ntigte ihn, hinaus zu
gehen und sich umzuziehen, wenn sie auch keinen weiteren Schaden tat. Er lie
das Ausgraben weiter umherfahren, glaubte alles gesichert und frderte die
Arbeit um so eifriger, je weitluftiger sie wurde. So tief hat des Himmels Gnade
das Verderben versteckt, der Mensch sucht es trotz allen Gefahren auf, oft
scheint es, als ob sein hchster Mut erst in der Sehnsucht nach dem
Verderblichen erwache, als ob die berzeugung des Guten nicht diese heftige
Flamme in ihm entznden knne. Berthold hatte eben die Arbeiter verlassen, es
war am dritten Tage, da kam ein Geschrei, der Brunnen sei eingestrzt, die
Arbeiter verschttet. In Verzweiflung eilte er hin, er sah den Brunnen durch die
von zwei Seiten eingestrzten Wnde halb gefllt, der Gram seines Herzens nannte
ihn einen Mrder, er sprang hinunter, er rief jedermann zu Hlfe, alles
arbeitete in stummer Verzweifelung. Endlich gelang es, den armen Verschtteten
Luft zu schaffen, sie konnten sich schon zum Teil selbst helfen; die leblos
schienen, wurden wieder zu Atem gebracht, nur einem war der Arm zerschmettert.
Berthold sorgte reichlich fr alle, den Unfall suchte er den Frauen zu
verheimlichen, doch glaubte er sich gezwungen, den Bau so lange auszusetzen, bis
er sich erfahrne Arbeiter verschafft htte.
    Da brachte ihm Fingerling am nchsten Tage Botschaft, ein fremder, seltsam
gekleideter Mann, fast wie ein Schornsteinfeger, der eine Lederschrze hinten,
schwarz leinene Jacke und grne Mtze trage, reite sein hohes Ritterpferd in den
Hof und bringe ein Schreiben von Martin Luther. - Glck auf, sagte der
Fremdling, bergab seinen Brief mit einem freundlichen Hndedruck. Berthold
durchlas den Brief, worin ihm Luther berichtete, da er den ersten Tag wohl acht
Meilen auf dem Pferde seiner Sicherheit wegen zurckgelegt habe, am Abend aber
so steif und mde angekommen sei, da ihn die Leute htten herunter heben mssen
Ein ehrlicher Bergknappe habe es bernommen, das Pferd zurck zu bringen. Noch
wnschte er ihm viel Segen zu der Ehe, auch solle ihm der ehrliche Bergmann ein
Lied vom Ehestande vorsingen, denn der wisse aus den Tiefen, wie der Gesang in
die Tiefen des Herzens dringt. - Aber unserm Berthold klang ein andrer Gesang in
den Ohren bei den Worten, dies sei ein Bergmann, er sah ihn an wie einen hhern
Boten, er drckte ihm die Hand wie einem Bruder, er zog ihn mit sich fort, zum
Brunnen hin, zeigte ihm mit Leidwesen, wie die Tiefe zugestrzt sei, er msse
ihm Rat geben, um gefahrlos in die Erde zu dringen. Der Bergmann lachte und
sagte in seiner fremden Mundart, er wre ein so hochgelehrter Herr, der lesen
und schreiben knne, er wolle ihn mit der Kleinigkeit wohl nur zum Narren haben.
Berthold stutzte und sah ihn verwundert an, dann beteuerte er ihm, da keiner
einen Rat wisse, in die Tiefe zu kommen, so wenig es ihm gelungen in die Wolken
zu fliegen. - Der Bergmann spottete ihn aus, beschrieb ihm, wie ein Schacht
nicht anders sei, wie eine Brunnenffnung, bei der es aber auf Erz ankomme, wie
dieser oft auf mehrere hundert Fu Tiefe durch Wasser und Felsen eingetrieben
werde, wie das Wasser und Gestein heraus zu schaffen sei und wie das Pulver
jetzt alles Sprengen der Felsen erleichtere, wo sonst gar mhsam durch
Feuersbrand die Hrte gelst werden mute. Dann bestellte er sich Holz und
Zimmerleute; Berthold versprach ihm reichen Lohn.
    Die Brger hatten des Unfalls am Brunnen gespottet, jetzt konnten sie gar
nicht begreifen, was er vorhabe. Keiner der Schmiede und Zimmerleute konnte den
fremden Bergmann verstehen, denn zwischen den ungebildeten Menschen, die
verschiedne Mundart reden, ist das Verstndnis schwerer, als mit denen, die
schon ihre gewohnte Sprache durch Erlernung fremder Sprachen zu bersetzen
gewhnt sind. So mute Berthold als Dolmetscher zwischentreten, um den Leuten
deutlich zu machen, was sie hauen, sgen, bohren, hobeln, nageln und schmieden
sollten, obgleich er selbst eigentlich nicht verstand, was aus der Sache werden
solle, auch dazwischen von mancher Besorgung fr das Haus und die Braut
abberufen wurde. Es war diese Zeit des Glcks gefhrlich fr ihn, der so lange
durch seine Erziehung und seine Schwchlichkeit von der Welt in eignen Wnschen
und Leidenschaften abgehalten worden, er hatte sie nur immer durch das
gleichgltige Nebelmeer der ffentlichen Geschfte, der eignen Bedrftigkeit und
des Erwerbs angeschaut. Nun fhlte er sich auf einmal ein mitlebender Mensch,
der manches vermge, von zweien Frauen geliebt, von vielen Menschen umdrngt,
die jetzt erst Vorteil oder Unterhaltung in dem Hause suchten. Es kamen Ritter
aus der Gegend unter manchem Vorwand, versicherten ihm ihre Freundschaft, es tat
ihm wohl von Turnieren mitzureden, den gewonnenen Becher zu zeigen; dann
erregten sie seine Eifersucht, wenn sie artig gegen Apollonien und Annen waren,
auch seinen Zorn, wenn sie auf Annen nicht zu achten schienen. Er lernte aus
ihren Erzhlungen das kriegerische Jagdleben der kleinen Ritterstaaten von der
glnzenden Seite kennen und fhlte sich da mehr zu Hause, als bei sich selbst,
wo ihm die Schreibstube, das Einkaufen der Wolle, das Dingen und Zahlen, wenn es
gleich Fingerling gern besorgte, unleidlich fiel, so bald einer jener
ritterlichen Gesellen ihn in der Zahlstube besuchte. ber seine frheren Jahre
suchte er in sich ein Vergessen zu verbreiten, der Rosengarten und das
ritterliche Puppenspiel ward eingepackt, er glaubte sich selbst zum fertigen
Ritter bilden zu knnen, weil er sich gesund fhlte. Meister Sixt wurde jetzt
von Frau Hildegard ins Haus gerufen, um die Bildnisse von allen zu ewigem
Gedchtnis der schnen Zeit zu malen. Berthold schenkte ihm eine bedeutende
Geldsumme fr Anton, damit dieser ihm nie, so wenig whrend der Arbeit, wie
nachher, ins Haus komme, weil er behauptete, Frau Hildegard knne ihn nicht wohl
leiden. Er bemhte sich gar, den Anton nach Nrnberg zu Drer in die Lehre zu
bringen, aber das schlug Sixt rund ab, weil er auf die Malerei der dortigen
Meister, besonders Albrecht Drers, gar nichts hielt, sondern das Wohlgefallen
der Leute an dessen magern Gestalten fr eine Augenverblendung ausgab. Er hatte
die vollen sinnlichen Gestalten seiner niederlndischen Meister im Kopfe, so
malte er auch seine Heiligen, da noch ein sehr vollendeter Mensch auer der
Heiligkeit sich in ihnen zur Schau stellte, ein Mensch, der auch zur Snde den
Stoff in sich trug, aber in seinem Ausdruck, die Bndigung der Lust, die
Unterwerfung des blinden Triebs zu hherem Zwecke zeigte, der zugleich
durchscheinen lie, da dies alles in ihm kein toter Zwang des Gesetzes sei,
sondern ein Drang seiner Seele, ein feuriger Wille, oder was gewhnlich Glaube
genannt wird, dies Vertrauen auf einige Begeisterung des Willens fr etwas, das
alles wirkt und bildet. So tckisch Meister Sixt die schwchliche Gestalt
Bertholds einst aufgefat hatte, so reich und freudig wute er die herrlichsten
Augenblicke in Annens Gestalt und Ausdruck zu sammeln und fest zu halten,
Apollonien gab er dagegen zu viel Bses und Frau Hildegard zu viel Gemeines in
den Ausdruck, denn was ihn nicht entzckte, das machte ihn tckisch. Eine
Bosheit von ihm war es auch, da er sie durch das Zugehrige, die Eule bei
Apollonien, die Taube bei Almen und den Pfau bei Hildegard, als die drei
Gttinnen der Fabel bezeichnete, Berthold aber als Paris hinzufgte, wie er
Annen den Apfel reichte. Diese mythische Bedeutung, die niemand in Waiblingen,
als Berthold verstand, hatte dieser in Zutrauen auf Anna gebilligt, da er in ihr
allerdings etwas von einer Liebesgttin fand, auch konnte das ganze Bild, das an
den zu erbauenden Vereinigungsbrunnen (der nach Bertholds Zeichnung in das Bild
eingetragen war) den Zuschauer versetzte, eben so gut fr eine Verherrlichung
der Gartenlust, die Berthold geschaffen, gelten; so wurde es auch von den
Frauen, von allen Basen und Vettern, von Rittern und Knappen aufgenommen.
    Zu keiner Angelegenheit verhielt sich whrend dieser Arbeit unser alter Sixt
seltsamer, wie zu dem Bergbau am Brunnen, der inzwischen schon mit verschrnktem
Holze ausgesetzt war und durch ein Drehrad mit zwei Pumpen seines wilden
Gewssers entledigt wurde. Er konnte ihm seine Bewunderung nicht versagen,
begriff aber nicht, was da vorgehe. Da da unten in der Tiefe einer arbeite, kam
ihm nicht in den Sinn, sondern er meinte, das mache sich alles von selbst durch
die mirakulse Maschine. Er spritzte deswegen eines Morgens sehr unbesorgt sein
warmes Wasser, worin er die Pinsel, Farbenscheibe und Farbenbeutelchen
ausgewaschen, in den Brunnenschacht. Er hatte den Tag sehr viel an einem roten
Kleide Annens gemalt, das warme Wasser war wie Blut gertet und der Bergmann
erschrak bei seinem Grubenlichte nicht wenig, als ihm rotes, warmes Blut ber
den Kopf rann, er glaubte, da ihm eine Ader an einer Kopfwunde, woran er schon
einmal todkrank gelegen, wieder aufgesprungen sei. Er stieg entsetzt und gar
unerwartet fr Meister Sixt, wie ein Schornsteinfeger fr den Storch, der ruhig
ber dem Schornstein nistet, aus der Tiefe. Meister Sixt machte ein Kreuz mit
seinem Pinsel und wre schnell dem Berggeiste entwischt; der aber hatte ihn
schon in seinen schwarzen Fusten und sagte ihm in seiner breiten Mundart, er
solle ihm einen Arzt bestellen, ihm sei eine Ader gesprungen. Meister Sixt
versprach alles, um dem schwarzen, blutigen Manne zu entkommen. Er lief fort und
begegnete in der Strae einem Geistlichen, dem Pfarrer Sprenger, der die heilige
Speise zu einem Kranken getragen hatte; den sandte er gleich zum Trost des armen
Bergmanns. Dann lief er zum Bader, da er sich mit chirurgischem Verbande
einstelle, und begleitete diesen zum kranken Bergmanne. Der gute Bergmann hatte
inzwischen schon alle seine Snden gebeichtet, wie er hie und dort Erze bei
Seite geschafft und an die Chimisten verkauft habe, er war seiner Snden
entledigt und die heilige Speise ihm gereicht worden. Der Geistliche suchte ihm
noch Mut einzusprechen, aber der Bergmann blieb dabei, ihm wrde im Himmel auch
nichts geschenkt werden; er werde ta prav tonnern helfen mssen. Da trat der
Chirurg hin, wusch den Kopf ab, setzte seine Brille auf, schttelte mit dem
Kopfe, sah wieder, roch wieder und brllte endlich zornig: Meister Sixt, ich
schlage Euch alle Rben im Leibe zusammen, hier ischt keine Wunde, das ischt
kein Blut, sondern riecht wie Malerfarbe, Ihr habt mich zum Narren brauchen
wollen, mein Gang kostet einen Gulden, die Ehrenerklrung kostet auch einen
Gulden, und wenn ich Euch nicht totschlagen soll, so kostet's noch einen
Gulden. - Der Geistliche, als er dies vernahm, sprach Fluch und Bann ber den
drren Meister aus, da er mit dem Heiligsten seinen Spott treibe. - Meister
Sixt krhte dazwischen von seinem point d'honneur, indem er einen kleinen Degen
zog, ihn habe der schndliche Bergmann angefhrt, er sei unschuldig; der
Bergmann aber schalt grimmig auf den Maler, er habe ihm ein Fieber in den Leip
gejagt, er habe ihn mit Treck gesalpt. Schon hatte der Bergmann mit seinem
Fustel den kleinen Degen des Malers in die Luft geschnellt und wollte ihn damit
weiter auspochen, da trat Berthold aus dem Hause, ermahnte ihn zum Frieden, lie
sich den Vorgang erzhlen und erklrte allen den seltsamen Irrtum, worin sie
sich vergebens ereifert htten, zahlte dem Wundarzt eine kleine Entschdigung,
verehrte dem Geistlichen Tuch zu einem Mantel, schickte Sixt zum Bilde fort und
trieb den Bergmann an die Arbeit, die ihrer Beendigung nahe schien und die viel
Menschen ntig hatte, weil die Pumpen Tag und Nacht beschftigt werden muten.
    Der Bergmann wollte sich zwar weigern, gleich nach solcher Unortnunge und
pser Warnunge, wie er sich ausdrckte, fort zu arbeiten, aber Berthold stellte
ihm vor, da die Arbeit durch den Felsen wahrscheinlich noch an dem Tage zu der
groen Quelle fhre, auf die alle Vorzeichen deuteten. Der Bergmann dachte
seines Berufs und der Vergebung seiner Snden, er stieg ein in die Tiefe: das
Unheil war so tief verborgen, er mute es doch zu Tage frdern. Berthold hrte
den Bergmann aus der Tiefe gar herrlich singen und dachte wohl an Luthers Brief
und wie dieser fromme Bergmannssohn fr die Sehnsucht der Welt nach tiefer
Erkenntnis sein Leben daran setze, eine Quelle des Glaubens zu entdecken,
nachdem aller andrer Glaube, wie er bisher gebraucht, als getrbt befunden
worden. ngstlich fragte er den Bergmann, ob auch keine Gefahr ihm drohe, es sei
ihm so bange. - Eine feste Burg ist unser Gott, antwortete der alte Hauer,
ich la mich nicht zum zweitenmal von blinder Furcht abtreiben, es mu
hindurch, der Fels mag hier noch so fest sein, ich habe gebeichtet und gebetet.
    Beruhigt ging Berthold zu seiner Anna, fand aber dort einen sehr
schmerzlichen Brief des guten Treitssauerweins; er schrieb ihm: da der Kaiser
tglich schwcher werde, da ihm seine groen Bestrebungen lcherlich dnkten,
da er viel von den Kronenwchtern vernommen und sich lchelnd geuert habe,
da er sich gerade an den Unrechten gewendet, als er Berthold zu Nachforschungen
aufgefordert habe, er mchte wohl selbst zu ihnen gehren. Das habe er als
Freund bestritten, aber der Kaiser sei nun einmal altersschwach und beschaue
tglich seinen Sarg, den er bei sich fhre. Als er von Augsburg ohne Prunk
ausgezogen, habe er sich bei der Rennsule auf dem Lechfelde umgewendet, lange
mit seinen weisen, gtigen Augen die Stadt beschaut und endlich mit bebendem,
tiefem Atem gesprochen: Nun gesegne dich Gott, du liebes Augsburg und alle
frommen Brger darin, wohl haben wir manchen guten Mut in dir gehabt, nun werden
wir dich nicht mehr sehen! - Wo die Tonkugel eines Knaben und wo die
Geschtzkugel zur Ruhe kommen, sind beide gleich machtlos, von dem Leben nimmt
der Brger und der Kaiser mit gleichem Gefhle Abschied; da aber ein Kaiser
nach so gewaltigem, sausenden Laufe durch die Welt und ihre Geschichte noch so
menschlich mit der Stadt reden konnte, in der er wenige frohe Tage lebte, die
Treue rhrt tiefer, als das Angedenken mancher groen Tat.
    Berthold erinnerte unter solchen Betrachtungen seine Anna an jedes gute Wort
des Kaisers und beide saen fest verschlungen aneinander in Trnen, als sich ein
Lrmen hren lie nach der Hofseite, als ob ein fernes Geschtz abgefeuert
wrde. Berthold hrte gleich darauf ein Geschrei der Arbeiter am Brunnen, er
lief ans Fenster und erblickte eine Wassersule, die sich ber den Brunnen erhob
und sich dann senkte; das Wasser aber flo dann wie aus einem berkochenden
Kessel aus dem Brunnenschacht die enge Gasse zwischen den beiden Hofmauern nach
der Rems hinunter. - Gott, Gott, rief er, unser armer Bergmann!
    Mit diesem Ausruf eilte er aus dem Zimmer hinunter die Treppe, ber den Hof
zum Brunnen hin: Helft, helft! schrie er zu den Arbeitern, aber da war schon
alles versucht, den armen Bergmann heraus zu ziehen, es fehlte nur an Haken um
bis zur Tiefe des Brunnens zu gelangen. Die Leute berichteten, da sie einen
Schall in der Tiefe gehrt, als ob er den Durchbruch eines Felsenstcks, woran
er lange gearbeitet, zu Stande gebracht, aber mit einem furchtbaren Bullern, das
leichte Steine fortgeschleudert, habe sich eine Wassersule erhoben, gewi habe
er ein groes Wasserbecken im Innern des Bodens geffnet, und sei vom
Felsenstck niedergedrckt worden, sonst wrde ihn der Strom emporgetragen
haben. Kein Schwimmer knne da niederdringen, so lange der Wasserstrom mit
solcher Gewalt ausstrme, die Haken mchten ihn nicht erreichen, selbst von
langen Bumen, er sei verloren; ein Glck fr ihn sei es, da er gebeichtet habe
und gespeist sei. Die Leute sahen darin eine besondre Absicht und Gnade des
Himmels, da der Maler den Geistlichen herbeigefhrt habe. Das war kein Trost
fr Berthold, er suchte umher nach Rat und Hlfe, aber vergebens, zugleich
schmte er sich des Vorgangs vor den Frauen und vor der Stadt. Er gab den Leuten
Geld, da sie dies Unglck verschwiegen, auch im Hause sagte er nichts von dem
Vorgange, sondern berichtete nur die Erscheinung der von Faust vorausgesagten
groen Quelle. Alles eilte verwundert dahin, der Bergmann schien vergessen.
Heimlich bestellte Berthold, so wenig er sonst darauf gehalten, Seelenmessen fr
ihn zu lesen; so verschmhen nur wenige, was ihnen angenehm im Glauben ist, nur
das Unbequeme veranlat den Zweifel und die Untersuchung.
    Aber die Arbeiter schwiegen kaum so lange, als dies Geld whrte, das er
ihnen geschenkt, bald war die Geschichte ein Mrchen der Stadt, es hie, der
Bergmann habe kostbare Edelsteine im Grunde des Brunnens gefunden und sei von
Berthold herabgestrzt, um dies zu verheimlichen, er werde es knftig schon
herausarbeiten. Niemand sagte ihm so etwas wieder, da er die Wahrheit htte
offenkundig machen knnen. Die Lge wandte immer mehr Herzen von ihm, aber er
war zu bermchtig durch seinen Reichtum, durch die groe Zahl von Arbeitern,
die er beschftigte, als da irgend ein Brger eine Anklage gegen ihn gewagt
htte. Faust mehrte den Zorn der Leute, in seiner Trunkenheit sagte er seltsame
Dinge von Bertholds Heilung durch Blut, wovon er, wenn er nchtern, nichts
wissen wollte. Um diese Zeit liefen aber so viele Klagen gegen Faust ein, da
Berthold, seines rgerlichen Wandels berdrssig, ihn zur Stadt hinaus fhren
lie. Da sagte Faust ganz vernehmlich: Es solle dem Brgermeister noch gereuen;
wenn er den Anton nur erstechen knne, so wre er auch des Todes, und dazu werde
sich schon einer finden. Aber auch davon erfuhr Berthold nichts, er wurde immer
noch von den Seinen wie ein krankes Kind gegen jedes unangenehme Lftchen
bewahrt. Schnell ordneten sich die Steine um den Brunnen zu seinem Rande und zu
Sitzen umher, sein Abflu wurde sanft und ein kleiner Ausschnitt leitete den
berflu durch ein Gitter ab. Am sogenannten Polterabend vor der Hochzeit, wo
bei den rmeren alles Gert abgesondert, die alten Tpfe zerschmissen werden, um
ein neues Leben anzufangen, war der Brunnen am Abend fertig und trocken und erst
jetzt entdeckte sich allen seine Anlage. Die Sitze waren hinlnglich gehht, um
ber die Mauern nach dem Remstale hinzublicken, so da die sinkende Sonne in
ihrem abendlich gesttigten Rot aus dem Spiegel des gewundnen Flusses mit dem
Scheine mannigfaltiger Inseln blickte; unter den Mauern sangen dazu die Chre
der Bleicher auf den grnen Wiesen, Berthold wurde berrascht und berraschte
zugleich, die beiden Frauen zierten den Brunnen mit einem Blumennetze, das sie
heimlich bereitet hatten und auf bunten Stangen ber die Mitte des Brunnenrads
stellten, da es mit Duft und Farbenspiel sie wie ein Zelt umgab und die
Aussicht erhhte, indem es zuweilen sie unterbrach. So saen sie ruhig, und Anna
fhlte einmal gar keine Eifersucht, da Berthold die Mutter mit seinem andern
Arm umfate, sie sprachen wenig und blendeten sich an dem Abendrot. Der Brunnen
war zwar teuer erkauft, aber er gewhrte dem glcklichen Berthold das stolze
Gefhl, da ihn diesmal nichts geschreckt habe; die andern wuten nichts von dem
armen Bergmann. Da hrte Anna von einer Seite einen Atemzug, wo keiner der Ihren
stand, sie blickte um sich und sah einen alten Mann in rostiger Rstung, sie
fragte Berthold mit leichtem Schreck: Wer ist der fremde Mann? Er sieht aus,
als ob eines von unsern alten Steinbildern am Hause zu uns herabgestiegen wre.
Er hat mehr Zge im Gesicht, als zwei gewhnliche Menschen. Er schiebt jetzt
einen Kasten heran, es kommen mehrere, die ihm helfen, alle gerstet wie er,
alle von bleichem steinernen Angesicht. Sie gehen schweigend zurck, er bleibt.

                                Achte Geschichte



                                Das Hausmrchen

Frau Hildegard, die sich zugleich mit Berthold umsah, stie diesen vergebens an
und flsterte ihm zu, er mchte sich fortbegeben, es sei einer der
Kronenwchter, den sie sonst schon oft abgewiesen habe. Berthold fhlte einen
Mut in sich, dem Alten zu begegnen, und fragte ihn, was er wolle, warum er sich
ihnen so heimlich genaht habe! - Heimlich? antwortete der Alte mit tiefer
heiserer Stimme, als ob die bse Witterung eines Jahrhunderts darin sich
verkrochen htte, heimlich war nicht ntig, ihr saht und hrtet nichts! Mein
Name ist Kronenhelm, bin Ehrenhalt auf dem Schlosse Hohenstock, wurde viel hin
und her geschickt in Ernst und Spiel, habe Turnier ausgerufen, Fehde verkndet,
Schlsser aufgefordert, habe im Zweikampf Sonne und Schwerter gemessen,
besprochene Waffen losgesprochen, die Hexerei mit ritterlicher Ehre gebrochen,
kann blasen auf dem Ehrenhorn hoch und tief, und wenn einer sieben Jahre
schlief, ich weck ihn und schreck ihn, doch wenn einer lustig ist, bin ich auch
ein guter Christ, und zu Eurem Polterabend komm ich ber die Heide trabend, Euch
Gru zu bringen, Eure Hand zu schwingen, Geschenk und Gaben, die sollt Ihr
haben, buntes Glas, wie bald bricht das darum nehmt's wohl in acht, es hat ein
Vorfahr gemacht. Seht her seht hin, seht die Sonne darin, wie's flimmt, wie's
flammt, alles vom Lichte stammt. - Bei diesen Worten hob er aus einem Kasten,
den ihm einige Leute nachtrugen, lnglichte Glasfenster, oben als Spitzbogen
geschnitten, und stellte sie in die leeren Rume zwischen den mit Blumen
umwundnen Stangen gegen die untergehende Sonne, da die Farbenpracht des Glases
in seinem Durchscheinen in dieser vollsten aller Lichtfllungen jedes andre
denkbare Bild berstrahlte. - Berthold grte den Mann und in der Meinung, er
sei von den Frauen geschickt, drckte er den beiden Frauen die Hand und dankte
ihnen fr die seltne Freude, die sie ihm bereitet htten, er schwre ihnen, kein
Baumeister htte je so etwas Schnes ersonnen. Dieses Blumenzelt solle in feinem
Marmorstein ausgefhrt werden und die Glasfenster haltend umschlieen, da der
Brunnen eben so leicht frei, als geschlossen nach Witterung und Stimmung genutzt
werden knne, zum kalten Bad fr die heie Zeit, als warmes Bad im Winter, auch
zum sichern Mittagsschlaf beim Rauschen des Gewssers. Er rhmte Almen, wie sie
ihn in allem bertroffen, - aber Anna sah Apollonien verwundert und rgerlich
an, als ob diese heimlich sie durch Erfindung habe bertreffen wollen, - und
Apollonia noch verwunderter Annen, - der alte Ehrenhalt lachte recht von Herzen.
- Warum lacht Ihr, Alter? fragte Berthold, da ich so eifrig bin, mir hier
gleich ein Brunnenhaus fertig zu denken, woran noch mancher Meiel stumpf wird.
Ihr sehet hier noch Stangen, ich sehe schon die Blumenkrone in Marmor ber dem
Brunnen, ich sehe schon die Morgensonne von jener Seite, wie sie die Fenster
durchleuchtet, ich meine das Tal dort wird noch freundlicher scheinen, weil es
weniger blendet. - Herr, antwortete der Ehrenhalt, Eure Absicht finde ich
gar wohl erdacht, aber ich wundre mich, da Ihr diese Arbeit so wenig kennt nach
ihrem Werte und ihrer Seltenheit, da Ihr es fr eine bloe Artigkeit Eurer
Braut haltet. Solche Fenster mchte der Kaiser sich wnschen und sie nicht
bereit finden; dieser mhsam zusammengebrachte Reichtum an Schmelzfarben steht
keinem Glasmaler so zu Gebote und die Fertigkeit in der Benutzung aller ihrer
Mischungen und berlagen fordert ein vieljhriges Nachdenken. Hier ist nicht wie
in gewhnlicher Glasmalerei mit Schwarz geschattet, ein jeder Schatten sinkt in
seiner eigentmlichen Farbentiefe. Ehrt dies Geschenk, das erste, womit die
Kronenwchter Euch ein Zeichen ihres Vertrauens geben. - Wer erlaubt Euch hier
einzudringen? unterbrach ihn jetzt die alte Frau Hildegard, jetzt erkenn ich
Euch, wie oft habe ich Euch abgewiesen. - La ihn, sagte Berthold, seid
nicht bse, guter Mann, die Mutter meint es gut mit mir und frchtet Euch wegen
Martins Tod; Eure Gabe lerne ich jetzt erst recht bewundern, Ihr habt diesen
Abend seltsam verherrlicht, Ihr sollt Zeuge sein meiner Freudentage und Ihr
werdet Euch scheuen, ein Glck zu stren, um Greuel hoffnungsloser Erwartungen
zu sen. Greuel? fragte der Ehrenhalt ernst. - Ich sage Euch meine Ansicht,
antwortete Berthold, verhehlt sie nicht den Kronenwchtern. Ich meine, da ein
hochberhmtes Geschlecht nach Gottes Weisheit von der Hhe schwindet und dem
gemeineren Platz macht, wenn seine Fortdauer Greuel brtet. Denkt Euch, der
vielfache Mord, an welchem mein Vater untergegangen, wre von dem herrschenden
Geschlechte vor den Augen der Welt begangen, welch ein Vorbild den Vlkern;
jetzt schwindet er in der Unbemerktheit, nur denen verderblich, die sich darin
verwickelt finden. - Woher aber diese Greuel? antwortete der Ehrenhalt.
Fhlt Ihr solche Frevel in Eurem Blute? Seid Ihr nicht mild und schaffend in
Eurem Kreise gewesen, und war nicht eben so Euer Vater? Berhrt Euch aber der
Gedanke Eures Sturzes ernstlich, und das wird keinem fehlen, dann lernet Euch
selbst frchten; fiele die wrmende Sonne zur Erde, sie wrde uns verbrennen.
Als Euer heiliges Geschlecht herrschte, gab es ein reines, keusches
Rittergeschlecht, aber die jetzt den Namen tragen, sind es nicht. Nicht die sind
Ritter, welche mit goldnen Spornen einherstolzieren, die von den Kaisern mit
Gunst und Torheit zu Rittern geschlagen sind. Die echten Ritter sind vom harten
Geschick geschlagen und geprgt, ihr Sporn ist die Treue und ihr Schwert der
Glauben an das ewige Bestehen der Geschlechter und da dieselbe Herrlichkeit aus
dem Stamme immerdar wiedergeboren werde, wie Ihr das Wasser dieses Brunnens
ruhig abflieen lat und immerdar auf die Dauer und Gabe der Quelle rechnet.
Doch Herr, es ist nicht gut einen zu wecken, ehe er ausgeschlafen hat, Ihr mt
noch ausschlafen von dem Siechtum, das Euch lange zu ritterlichen Taten
untchtig machte, auch wollen die Kronenwchter noch nichts mit Euch, sie senden
Euch nur eine kleine Freundesgabe, da Ihr Eure Abkunft nicht verget, denn in
diesen Bildern ist viel von Eurer Abstammung erzhlt und hier sind die Reime,
die Euch hierber weitere Auskunft geben. - Mit neugierigem Stolze griff Anna
nach dem Buche und sagte: Es ist mein, denn seine Ehre ist auch meine Ehre
jetzt; aber die Zge dieser Handschrift mssen gar alt sein, ich kann sie nicht
lesen. Herr Ehrenhalt, schenkt uns noch einen Bericht aus diesem Buche, es
scheint gar lang und Ihr werdet uns das mehr in der Krze berichten knnen, da
das Abendlich bald zu verlschen droht. Tut es alter Herr, sagte Berthold,
und bot ihm einen Becher alten Neckarwein an, wenn Ihr ein ritterlicher Diener
seid, so drft Ihr schnen Jungfrauen so etwas nicht abschlagen. - Euer Wein
ist klar, wie der Jungfrauen Angesicht, antwortete der Ehrenhalt, und was Ihr
begehrt, ist unsre stete Unterhaltung in den einsamen Wachtstunden, bald
sprechen wir von den wohlbezeugten Geschichten des Hauses, von Barbarossa und
Konradin, bald von den Hausmrchen aus den Zeiten des Attila, von denen hier
eins abgebildet ist. Es berichtet von einem der alten schwbischen Knige, aus
dem Hause der Hohenstaufen, dessen Name verschieden angegeben wird, hier aber
soll er in Waiblingen sein Hoflager gehalten haben. Waiblingen war damals eine
groe Stadt. - Das wissen wir aus der Chronik, sagte Berthold. - Nun erzhlte
der Ehrenhalt das Hausmrchen nach Ordnung der Bilder, die er nach einander, wie
er in der Erzhlung fortschritt, gegen die Sonne stellte, da jeder ihre
Bedeutung zugleich erschaute.




                                  Erstes Bild


Es war nun der dritte Tag, da der Knig dem wunderbaren, kleinen, wie Silber
blinkenden Vogel ber Hhen und Tiefen bis zum Anfang des dichten Schwarzwaldes
nachschlich. Der Vogel schien aber der Jagdkunst verstndig, trug spielend eine
goldne Feder im Schnbelchen, wenn er auer dem Bereiche der Armbrust war,
wiegte sich auf dem Zweige und sang ruhig, aber im Augenblicke, wo der Knig den
Pfeil auflegte, breitete er seine Flgel aus und schwand selbst wie ein Pfeil in
die gefahrlose Weite, whrend der Knig ihm rgerlich, aber vergebens, seinen
Pfeil nachschnellte. Die Jagdwut des Knigs berwltigte seine Ermdung; seine
beiden einzigen Gefhrten, zwei Ritter, die ihm aus gutem Willen folgten, waren
schon am Morgen erschpft bei einem Einsiedler liegen geblieben. Des Knigs
Jagdlust entschdigte ihn fr alles, was er entbehrte, er berlie sich ihr nach
dem schnellen Absterben seiner beiden Eltern, das einem tckischen Gifte
zugeschrieben wurde, um seinen Kummer zu zerstreuen, da er den Mrder nicht
entdecken konnte. Gewi war es einer seiner Gaugrafen, denen er in der Trauer so
unbesorgt die Nachforschung, die Regierungsgeschfte und alle Einnahmen
berlassen hatte. Dieser schmerzliche Miggang machte ihn dem Volke
verchtlich, wenige entschuldigten ihn mit dem schmerzlichen Anlasse. Die beiden
gutmtigen Edelleute, die ihm auf seinen Irrwegen folgten, erkannten zwar das
Unglck, was er durch diese Lssigkeit ber das Land brachte, aber sie wagten
nur selten, ihm Vorstellungen zu machen, da er allmhlich in seiner Jagdlust
verwildert, gegen jede Einrede wtete, und sich selbst berredet hatte, indem er
von dem Ertrage der Jagd sich krglich nhre, so mte es seinem Volke recht
wohl sein, dem er alle seine Einnahmen berlassen htte. Aber seine Grafen
hatten dieses Erbe zur Unterdrckung des Volks durch fremde Sldner benutzt, so
wurde das reiche Land vernichtet. Jener Vogel hatte den Knig allmhlich in den
damals dreifach greren, unzugnglichen Schwarzwald gefhrt, er eilte ber die
von den Menschen bis dahin nicht berschrittene Grenze der Wildnis, ohne es
selbst wahr zu nehmen. Da bedeckte die untergehende Sonne ihr Haupt mit Asche
der brennenden Wolken, er htte seinen letzten Atem aushauchen mgen, um ihr
Feuer noch fr einen Augenblick anzufachen. Er blickte um sich, denn der Vogel
schien entschwunden, und er hrte doch seine Stimme. Welche Bume umgaben ihn
und welche zusammengestrzten Haufen von Baumstmmen, auf denen riesenhafte
Pilze mit bunten Giftfarben erwachsen waren, hier sah er eine Eidechse, die auf
den Tod einer Schlange lauerte und ihr vorsang, dort hackten unzhlige Spechte
den Takt zu dem Gesange. Wilde Reben aller Art, lebendig und abgestorben,
verflochten den Urwald, in welchem die Bume so dicht aneinander ihre ste
drngten, da er seinen Weg durch die abgestorbenen Unterste brechen mute.

Grimmig schleicht er auf den Zehen
Durch des Waldes tiefe Nacht,
Aus dem Tale zu den Hhen
Lockt der Vogel ihn und lacht,
Lacht in tausendfachen Tnen,
Schlgt mit seinen Flgeln ihn,
Recht als wollt er ihn verhhnen,
Denn das Dunkel macht ihn khn.
Wtend schlgt der Herr die Bume,
Wo er lngst entflohen ist,
Schieet in die dunklen Rume
Und die Wut sein Herz zerfrit.
Kracht die Tanne an der Tanne,
Seufzt er auch aus zorn'ger Brust,
Fhlt sich schmerzlich in dem Banne
Von der bsen Jgerlust.

So wtete sein stolzer Jagdsinn gegen den Vogel, der ihn in diese Wildnis
gefhrt, und wo er etwas flattern hrte in den gedrngten sten, da scho er
seine Bolzen hinein, doch ohne andre Frucht als die Mckenscharen auf sich
hinzuziehen, die schon in den Fichtensten ihr Nachtlager aufgeschlagen hatten.
Von ihnen gepeinigt, stampfte er auf den Boden, da sauste eine Wolke von
Erdbienen gegen ihn empor. Er strzte sich durch die trocknen ste, ihnen zu
entfliehen, da brummte an ihm vorber ein zottiger Br, der den Honig der Bienen
wittern mochte, denn er achtete des Knigs nicht, der schon sein Schwert zur
Wehr gezogen hatte. Nun hrte er wieder die Stimme des silbernen Vogels, aber er
fhlte keinen Zorn mehr gegen ihn, er war ihm eine willkommnere Gesellschaft
unter den Ungeheuern, die ihn umdrngten. Ein heftiger Durst zhmte ihn, er
hrte wohl Wasser rauschen, aber wie ein Strom, der von einer Hhe strzend
zerstubt, denn der Felsen, auf welchem er stand, bebte von dem Falle. Ein
Schritt noch, und es ist der letzte, schien ihm des Vogels Gesang zu sagen und
der Knig fhlte zum erstenmal, da er noch nicht zum Sterben vorbereitet sei.
Er betete zum erstenmal seit dem Unglcke, das ihm die lieben Eltern geraubt
hatte, denn er hatte mit dem Himmel gezrnt, in Finsternis und Wildnis kam der
Geist des Herrn ber ihn. Und als er das Haupt vom Gebete erhob, da sah er den
silbernen Vogel dicht neben sich, der einen groen, leuchtenden Johanniswurm in
seinem Schnabel trug und damit flatternd einen Fupfad erleuchtete, den er in
der Dunkelheit der Nacht und des Walds nie wahrgenommen htte. Demtig hing er
seine Armbrust ber und folgte mit Rhrung dem angefeindeten Boten des Himmels.
Seht hier auf dem Bilde, wie alles Licht von dem Johanniswurme ausgeht, welchen
der Vogel trgt, seht an der Seite Schlange und Eidechse, an jener Br und
Bienen am Abgrunde, den das brausende Wasser unterwhlt.

                                  Zweites Bild


ber eine Stunde fhrte ihn der kleine Laternentrger durch den dichten Wald.
Bei solcher Obhut konnte ihn weder das Heulen der Wlfe, noch das Liebesgeschrei
der Eulen erschrecken, aber doch fhlte er in seinem brennenden Durste, welchen
das Kauen von Blttern nur vermehrte, da er ohne eine Quelle zu finden, bald
verschmachten msse. Der Boden blieb drr oder felsig, das Nadelholz hatte alles
Leben unter sich erstickt, die Nacht war taulos, und ein fernes Blitzleuchten in
der Schwle gab nur entfernte Hoffnung zu himmlischen Quellen. Da erschien ihm,
als er schon alle Hoffnung aufgeben und eine Ader sich ffnen wollte, seinen
Durst zu stillen, das Feuer eines nahen Herdes, indem sich die Tre eines
Huschens, das von Bumen versteckt war, ffnete. Der Vogel sang frhlich und
zeigte ihm den Weg dahin durch die Gebsche und setzte sich auf den Giebel des
Huschens und lie den leuchtenden Johanniswurm frei entfliegen. Nicht aus
Vorsorge, weil Ruber die Wildnis zum Aufenthalt whlen konnten, sondern
erschpft lehnte sich der Knig an die aus wilden Rosenbschen geflochtene Wand
der Htte, ehe er einging, und dankte dem Himmel fr die gndige Fhrung. Dies
stellt das zweite Bild dar: in der Htte sehen wir einen ehrwrdigen Greis mit
langem, weien Barte, an einem Pulte schreibend, whrend schne Knaben neben ihm
an einem Tische Frchte und Becher zu einem Mahl auftragen. Die alten Reime
lehren dabei:

Lernt im Zufall Gottes Fhrung,
Wie er euch in Not begrt,
Denn es braucht oft tiefe Rhrung
Da ihr euch nicht ganz verschliet.


                                  Drittes Bild

Totenbleich tritt er zur Htte,
Wie sein eignes Schattenbild,
Trinkt vom Quell, der in der Mitte,
Gleich dem md gehetzten Wild;
Und ein Kind bringt Stuhl und Frchte,
Und der Alte Wein und Brot,
Will nicht, da er erst berichte,
Was ihn brachte in die Not.

Der Knig stillte seinen Durst, dann dankte er dem Alten, und fragte nach der
Gegend, wohin er sich verirrt habe. Der Alte schrieb schon wieder gar eifrig und
legte den Finger auf den Mund, zum Zeichen des Schweigens. Der Knig schwieg und
die Kinder fhrten ihn zum Lager am Feuer, wo ihn der Schlaf in wenig
Augenblicken berwltigte.
    Er mochte wenige Stunden geschlafen haben, als ein Funke vom frisch
angeschrten Feuer auf seine Stirn sprang und ihn erweckte. Aber die Ermdung
aller Glieder war noch zu gro, er wollte sich erheben und vermochte es nicht,
nicht einmal die Augenlider konnte er ffnen, er hrte die Unterhaltung zwischen
dem Vater und seinen Shnen, ohne da diese wahrnehmen konnten, da er erwacht
sei. Der Alte schien etwas sehr Ernstes zu bedenken, er hatte einen Dolch gegen
Himmel gehoben und sprach heftig:

Ja der Knig mu verderben,
Soll der Staat genesen sein,
Mit dem Dolche mu er sterben,
Meine Trne soll ihn weihn,
Mich entflammt nicht eigne Rache,
Mich ergreift des Landes Wut,
Denn bald nhrt der grimme Drache
Sich mit unsrer Kinder Blut.

Aber die Kinder flehten alle fr den Knig und sagten:

Wie viel Wolken ziehn vorber,
Und die Sonne scheint dann hell,
Und der Knig wird einst lieber,
Als der mutigste Rebell,
Vor dem armen Volk erscheinen,
Das vergessen alte Not,
Sich erwhlet einen Reinen
Und bestraft des Knigs Tod;
Er ist gut, es sind die Grafen,
Die mit frechem bermut,
Laster lohnen, Tugend strafen,
Ach der Knig ist so gut!

Fest entgegnete darauf der Alte und focht mit dem Dolche gegen die Luft:

Wer darf sein Geschick vergessen,
Nicht der Bettler fremd im Land,
Und kein Knig darf vermessen,
Kronen, die aus Gottes Hand,
Unter seine Diener teilen,
Um in ungestrter Ruh
In dem wilden Wald zu weilen,
Nein bei Gott, ich stoe zu.

Dem Knige war in diesem Gesprch so manches Wort wieder erwacht, was seine
beiden Edelleute bescheiden hatten fallen lassen, die Not hatte seinen Geist
erhellt, mit Jammer erkannte er sein Unrecht, richtete sich auf, ffnete seinen
Wams und sprach zum Alten: Sto zu, ich fhle mein Unrecht, ich habe mein Volk
und meine Krone lange vergessen, mge ein Wrdiger mir folgen, der es treuer
bewacht. - Der Alte und die Knaben sprangen von ihren Sitzen und sahen ihn
verwundert an. Bringt khles Wasser dem Kranken, sagte der Alte, er hat
unserm Spiele zugehorcht und whnt, er sei selbst der Schottenknig, dessen
Geschichte wir darstellen. - Ihr spielt mit dem Dolche? sprach der Knig.
Oder hat Euch mein Auge den Mut benommen? Ich will es schlieen, will mich
niederlegen wie ein Schlafender, da Ihr mich ohne Scheu morden knnt. - Bei
diesen Worten entfiel dem Knig die Krone, die er unter seinem Hute trug, und
der Alte erkannte wohl, da dies Miverstndnis einen Grund habe und keine leere
Qual der falschen Einbildung zu nennen sei. Er lie sich vor dem Knige auf ein
Knie nieder und sprach: Nicht jeder kennt die Not und das Geschick eines
andern, der die Furchen seiner Stirn erblickt, wohl mgt Ihr unser gndiger Herr
sein, den wir so lange vermissen, ich aber wage es nicht, Euch zu beraten, so
wenig ich Euch zu morden gesonnen war. Lange habe ich meine Augen nicht mehr dem
Lebenden geffnet, aber oft habe ich vor Euch in jngeren Jahren am Marktfeste
zu Waiblingen die Geschichte der Vlker auf knstlicher Bhne gesprchsweise
aufgefhrt; gedenkt Ihr meiner noch, des alten Meistersngers David, aus
Ungerland. Hier in stiller Einsamkeit durchdenke ich die Geschicke der Vlker,
und was Euch ergriffen, ist die Geschichte eines Schottenknigs, der von seinen
Barden erstochen wurde, weil ein Drache ungestrt das Land verwstete. - Der
Knig erhob den Alten, kte ihn und sprach: Mag Eure Geschichte mir fremd
sein, Eure Lehre ist mein geworden, der Snger Wort ist ein hherer Ruf und wie
es uns trifft im Innersten, im Geist, im Herzen zugleich mit einem Strahle, so
wirkt ein hherer Geist durch das Wort; wohl mgt Ihr mich noch vergessen haben
und des fernen Schottenknigs gedenken, dennoch steht mein Reich ich und meine
Gedanken im Spiegel Eures Geistes, Euch selbst unbewut und ich schaudre vor
meinem Abbild. Das Bild stellt den Knig dar, wie er seine Brust dem Dolche
entblt, whrend die Krone von seinem Haupte fllt.

                                  Viertes Bild


Der Knig fhlte sich entschlossen, wieder selbst zu herrschen und fragte nach
Kostnitz am Bodensee, wo der Graf der Nibelungen, als besonderer Gnstling des
Knigs wohnte. Gleich war ein Knabe mit einer Kienfackel dazu bereit und der
Alte gab ihm seltsame, ahndungsvolle Worte auf den Weg. Und der Knabe fhrte ihn
die wunderbarsten Wege auf umgestrzten Baumstmmen ber Abgrnde, in denen die
Wlfe heulten. So waren sie bei dem Morgenlichte schon am Waldrande, wo der
Knig den Knaben mit vielem Dank zurcksandte, gern htte er ihm auch eine Gabe
gereicht, aber schon lange hatte er kein Geld mehr gehabt und verlangt. Gegen
Abend erreichte der Knig das Schlo des Grafen der Nibelungen, versteckte seine
Krone und sein Schwert unter dem Mantel und warf die Armbrust unter einen
Steinhaufen, da er sie einst wieder finden knnte. Das Schlo war hell
erleuchtet, er mischte sich unter das mige Volk der Zuschauer, die alten Reime
sagen:

Und er geht zum hohen Schlosse,
Helle jedes Fenster blitzt,
Viele kommen da zu Rosse
Und sie haben ihn bespritzt,
Und er lt die Wagen rollen,
Steht da, wie ein armer Tropf,
Fackeln, die sie putzen wollen,
Schlagen sie auf seinen Kopf,
Da das heie Pech ihm rinnet
In den Nacken, auf das Kleid,
Wahrlich, keine Seide spinnet,
Wer so zusieht wilder Freud.
Ruhig wrmt er sich am Feuer,
Das der Wagen Spur erhellt,
Einen Brand nimmt da ein Geier,
Trgt ihn in das reife Feld,
Und des Armen Feld mu brennen,
Weil der Reiche frhlich zecht,
Doch sie werden bald erkennen,
Da noch lebt ein gttlich Recht.

Und wie der Knig dem ernstlich nachdachte, hatte sich die Menge, die keine
Gste mehr zu sehen erwartete, schon vom Wachtfeuer verlaufen, er stand allein,
als ein Haufen Reiter eine gebundne und dennoch wrdig scheinende Jungfrau auf
einem Pferde herbeifhrten und am Tore zu Boden setzten. Die Reime sagen:

Von dem Mund der Jungfrau nehmen
Sie das Band, das ihn verschlo,
Meinen, da sie sich soll schmen
Vor dem glanzerfllten Schlo.
Doch die Jungfrau ruft dem Winde,
Sagt's der keuschen Sternennacht,
Da sie ihren Gram verknde
Und die nahe bermacht:
Harter Graf, der mich geraubet,
Schlechter Knig, der nicht hrt,
Heut hat Myrte mich umlaubet,
Morgen bin ich schon zerstrt.

Diesen Raub der schnen Jungfrau seht ihr hier auf dem Bilde und wie der Knig
nach dem Degen greift.

                                  Fnftes Bild


Die Besonnenheit des Knigs beschwichtigte diese Aufwallung, er gedachte der
Zahl jener Ruber und beschlo, der armen Geraubten, deren Schnheit ihn tief
gerhrt hatte, mit sicherer Klugheit zu helfen, oder selbst der Strafe fr die
lange Vergessenheit seiner Pflicht zu unterliegen. Sein Schwert wieder im Mantel
versteckt, wie seine Krone, trat er ins Schlo und vertraute einem Diener des
Grafen, er habe seinem Herrn willkommne Botschaft von einer schnen Frau zu
berbringen. Der Diener, solcher Verhltnisse des Grafen kundig, wies ihn nicht
ab, wie der Knig wohl gefrchtet hatte, aber er brachte ihn auch nicht zum
Grafen, wie er gehofft hatte, sondern nach einem abgelegnen, unerleuchteten
Zimmer des Schlosses und verlie ihn, um seine Anwesenheit dem Grafen zu melden.
Der Knig war nicht lange mit sich allein, als Seufzer aus dem Nebenzimmer ihm
hrbar wurden; gleich dachte er, es sei die unglckliche Jungfrau, die den
Untergang ihres Lebens, zum Schutz ihrer Ehre, beschliee, und sang zu ihrer
Vertrstung:

Liebeszauber, Unschuldtrnen,
Ihr erweckt mein totes Schwert,
Wie der Blitz, der durch die Mhnen
Eines mden Rosses fhrt,
Und es bumt sich khn zum Himmel,
Wo der Donnerwagen rollt,
Mcht ihn lenken durchs Getmmel,
Da er nicht der Erde grollt.

Dieser Gesang schien die Seufzer zu stillen, bald hrte der Knig von der andern
Seite Menschentritte und der Graf trat mit einer Kerze ein, erhitzt vom Traume
der Freude, sehnschtig der Verheienen. - Bist du es selbst, liebe Freundin,
sagte er eintretend, ich schwor darauf, als mir ein Unbekannter im Mantel
verhllt gemeldet wurde, der mir frohe Botschaft bringe. - Aber statt des
Kusses, den der Graf erwartete, als jetzt der Knig den Mantel abwarf, sah er
ein Schwert in seiner Hand blitzen, er wollte zurck springen und Verrat rufen,
da erkannte er den Knig und war wie von einer Erscheinung erschttert und
verwirrt. Gndiger Herr, stammelte er, Ihr beehrt dies Fest mit Eurer
Gegenwart, mchte es Eurer wrdig sein, Euch erheitern. - Der Knig sagte
darauf mit Ruhe: Das Fest ist meiner nicht wrdig, es betrbt mich tief, die
Klage der Unschuld ist Eure Musik und das Brot der Armen drckt Eure Tische
nieder, Ihr habt mein Zutrauen getuscht, ich habe Euch meine knigliche Gewalt
bergeben, mir bleibt nur mein ritterliches Herz, einer von uns beiden ist der
Erde berzhlig, zieht lieber Graf, da Gott zwischen uns blutig richte, wer
hier herrschen soll. - Der Graf zog zwar seinen Degen, aber von dem frher
gewohnten Gefhle bernommen, dies sei sein Herr, legte er den Degen zu dessen
Fen, kniete nieder und sprach: Ich habe Euch nicht krnken wollen, gndiger
Herr, verzeihet meiner Jugend und der Freiheit, der Ihr uns berlassen hattet,
wo ich in Leidenschaft irrte. - Der Knig setzte ihm einen Fu in den Nacken,
erhob sein Schwert und sagte: Der bermut deiner Diener hat mir heies Pech auf
den Nacken geschttet, als ich ruhig dem Freudenfeuer zuschaute, an dir will ich
mich rchen, dein Tod ist in diesem Augenblick ein Schwung meines Arms! Ich will
nicht deinen Tod, doch gedenke dieses Augenblicks knftig und schwre mir
ritterliche Treue! - Der Graf hob die Hand auf und schwor ihm einen Eid der
Treue, da gab ihm der Knig seinen Degen zurck und befahl, ihn als Herrn in die
Mitte der Grafen zu fhren, die in dem Schlosse versammelt wren. Das Bild
stellt dar, wie der Knig ihm den Fu in den Nacken setzt und sein Schwert
erhebt:

Der vor allen hochgestanden,
Ist am tiefsten nun gebeugt,
Also geht der Stolz zu Schanden
Und vor Gottes Macht sich neigt.
Wer mit Mut dem Rechte dienet,
Ist erfllt von Gottes Macht,
Was er schafft, auf Erden grnet,
Was er stret, sinkt in Nacht!
Und woran er zu erkennen,
Ist die sichre Migung,
Rache will er sich nicht gnnen,
Ihm gengt die Besserung.


                                 Sechstes Bild

Der Graf, von der Wrde des Knigs in seinem leichtsinnigen Herzen frisch
erschttert, meinte sich ernstlich ihm anschlieen zu mssen, er schilderte ihm
die Verwirrung, die Bedrckung des Landes, den Trotz der meisten Grafen, die
sich gewi der Rckgabe aller Gewalt in seine Hnde widersetzen wrden. Er wolle
deswegen den Saal mit bewaffneten Dienern besetzen, da die Grafen nicht zu
ihren Waffen kommen knnten und sich in die Notwendigkeit seiner Anerkennung
ohne gewaltsamen Widerstand ergben. Fr diesen Rat ernannte ihn der Knig zum
Nachfolger in der Regierung, wenn er, der letzte des altschwbischen Hauses,
ohne eigne Kinder sterben sollte. Diese Gnade befeuerte den Grafen, er
bewaffnete schnell die besten Leute; der Saal, wo die Ritter bankettierten, ward
von ihnen besetzt, als der Knig, die Krone auf dem Haupte, das Schwert in der
Hand, von vielen bewaffneten Fackeltrgern umgeben, an seiner Seite der Graf in
den Saal trat. Da war groes Erstaunen, insbesondere als der Knig nicht
freundlich, sondern mit harter Belehrung ihnen ihre Fehler verwies, sie
bedrohete, alle enthaupten zu lassen, wenn sie nicht in Reue und Demut ihren
bermut bten. Sie sahen den Grafen und dessen Leute auf der Seite des Knigs,
sie fhlten sich verloren, wenn sie widerstehen wollten, sie knieten nieder,
gaben die Regierung in seine Hand zurck und lieen sich an ihren alten Rechten
gengen und huldigten ihm von neuem. Und als nun dies groe Werk fr das Land
geendet war, da befahl der Knig zu neuer berraschung des Grafen, die geraubte
Jungfrau in den Saal zu fhren. Und bald trat sie mit dem Morgenstern in den
Saal, der die Decke der wunderbaren Nacht lftete, und alle waren erstaunt ber
ihren Glanz, vor allen der Knig, der sie jenem liebreichen Knaben hnlich fand,
der ihn aus dem Walde zurckgefhrt hatte und der noch immer wie ein wunderbarer
Engel in seinem Andenken erschien. Der Knig kndigte ihr Freiheit an, zugleich
bat er, Im ihren Namen und ihr Geschick zu vertrauen, da er fr ihre Sicherheit
sorgen knne. Da nannte sie sich die Tochter des unglcklichen Herzogs David,
aus Ungerland, der im Kampfe gegen Attila seiner zwlf Shne, seines Landes und
Verstandes beraubt, ich unter dem Namen eines Meistersngers in dieses
Knigreich Schwaben geflchtet und sie einem Nonnenkloster in Schutz gegeben
habe; sie bat um Freiheit, ihn aufzusuchen, fr ihn zu sorgen, er Knig fragte
zagend, ob sie ihr Gelbde im Kloster schon abgelegt habe. - Sie antwortete mit
niedergeschlagnen Augen, a sie noch kein Gelbde abgelegt habe und auch keines
ablegen werde, seit sie erfahren mssen, da nicht die Klostermauern, sondern
ritterlicher Mut sie gegen Gewalt geschtzt habe. Darauf kniete der Knig vor
ihr nieder, ergriff ihre Hand und zeigte ihr einen Goldring. Und sie steckte
ihren Finger hinein, denn ihre Augen verstanden sich und nannte ihn ihren lieben
Ritter, denn sie wute nicht, da es der Knig sei. Als aber jetzt die Grafen
ihr mit gebeugtem Knie die Hand kten und das Heil ihrer neuen Knigin
ausriefen, da erkannte sie die hohe Wrde ihres Verlobten, wie sie sein hohes
Herz erkannt hatte, sie verbarg ihr Antlitz auf einer Brust und segnete alles
Unglck, in welchem der Himmel geprft, ob sie dieses Glck ertragen knne,
wobei sie ihres Vaters gedachte, wie er sich dieser Rckkehr zum alten Ansehen
eines Hauses freuen werde. Das Bild zeigt, wie sie den Finger in den Ring
steckt, die alten Reime sagen:

Seht der neue Tag zieht prchtig
In die Herzen, in die Welt,
Alle Sorge dunkel nchtig
Hat zum Grafen sich gestellt.

Wer verlor auch mehr als der Graf, auer der Herrschaft, auch die Geliebte und
nicht durch Gewalt, sondern durch ihre Neigung zum Knige.

                                 Siebentes Bild


Die schne Braut war von Mdigkeit berwltigt, im Gemache der Mutter
eingeschlummert und ihr Schlaf war lang. Der Knig gnnte sich nur kurze Rast,
es trieb ihn die Sehnsucht nach dem alten Snger, der gleichsam eine Seele
seines Volkes, unbewut sein Schicksal gelenkt hatte. Er sorgte fr die
Sicherheit seine Braut und zog mit den rstigsten Grafen und den wegkundigsten
Gebirgsjgern in den groen Schwarzwald. Er selbst ging voran weil er an den
bedeutendsten Punkten Zweige eingebrochen hatte auch fand er bald diesen seinen
Weg, den ihm der Knabe gezeigt hatte, nur fehlten jetzt alle die Brcken, auf
denen er ber Abgrnde sicher hingeschritten. Diese Verbindungen schienen mit
Absicht vernichtet zu sein. Aber der Knig lie sich dadurch nicht abhalten; die
Gebirgsjger, obgleich sie diesen wilden Teil des Waldes nur selten berhrt
hatten, wuten doch aus ihrer Erfahrung guten Rat, die schroffsten Felsen zu
umgehen und Wege zu bahnen die Jger erlegten die zornigen Bewohner der Wildnis,
die ihnen nahten, Bren, Wlfe, Luchse. Zwei Tage arbeiteten sie mit frischem
Mute, aber am dritten wurden alle stiller und langsamer mancher meinte, es sei
unmglich, da der Knig in einer Nach diese Wege gewandelt sei, er msse wohl
getrumt haben. Darum waren alle sehr berrascht, als sie wirklich beim Aufgange
de dritten Tages in einer grnen Flche, die von hohen Eichen um geben war, eine
wunderbare Kapelle erblickten, die aus hoch stmmigen, wei blhenden
Rosenbschen geflochten, von Epheu umrankt, ein Kreuz ber der Erde bildete. Der
Knig ging voran um den alten Freund durch die Zahl der Gste nicht zu
erschrecken ihm folgten die andern. Als aber der Knig die Tre ffnete, sah er
einen einfachen Altar, wo wenige Tage vorher der Alte geschrieben hatte, ein
Kreuz bezeichnete ihn und die Morgensonne glnzte prachtvoll hinber. Alle
knieeten nieder, der Knig beschlo, dem Erlser hier, wo er vom Trbsinn zur
Freude erlsworden, eine Kirche zu erbauen. Und als er ber die Art diese Baues
nachsann, erblickte er auf dem Altar den Bau vieler Bienen, welche in ihrem
Wachs die Kapelle im kleinen nachgebildet hatten.

Gleich der freundlichen Kapelle
Ist der Wachsbau ausgefhrt,
Von dem Turme bis zur Schwelle
Gleiches Ma darin regiert.
Einsam bauten diese Bienen
Wohl schon manche liebe Zeit,
Da sie diesem Altar dienen,
Da ein Schrnklein sei bereit,
Um das Heil'ge drin zu stellen
Und des heil'gen Nachtmahls Brot,
Das der Priester den Gesellen
Bei des Baues Grndung bot,
Denn da flogen sie zur Sonne,
Wie ein Kreuz geordnet hin,
Da Vertrauen mit der Wonne
Sel'ger Trnen weicht den Sinn.
Dreifach wird die Kirche schimmern
In dem Wachs, im Rosendach,
Aus Granit die Werkleut zimmern
Nun die Wlbung auch danach.

Die beiden Kapellen und die Grndung der Kirche zeigt das Bild, alle dreie
einander gleich, nur in verschiednem Mae.

                                  Achtes Bild


Nachdem der Bau angeordnet und die Arbeiter bestellt waren, zog der Knig heim,
indem er berall den Weg zu dieser Wallfahrtskirche erffnen lie. Acht Tage
nach seinem Auszuge traf er zum Schlosse des Grafen ein. Da trat seiner
freudigen Ungeduld die liebliche Braut weinend entgegen und klagte, sie habe
ihren Vater nur wieder gefunden, um sein Ableben zu betrauern. Die Vorsteherin
des Klosters habe sie zu ihm gefhrt, aber er habe, einem Toten hnlich, wenn
gleich noch atmend, in seiner Htte geruht. Zwar htten die Nachbarn, welche ihm
gern aufwarteten, weil er ihnen zum Lohn schne Geschichten erzhlte, behauptet,
er sei nicht tot, sondern schon oft in solche Entzckung verfallen, aber sie
knne nicht mehr an diesen Trost glauben, diese Strung seines Lebens dauere zu
lange. Hierauf fhrte sie den bestrzten Knig nach dem Saale, wo der Vater
unter einer Purpurdecke auf weichen Kissen ruhte. Wie sie nun die Decke mit
abgewendetem Gesichte aufhob, rief der Knig: Frommer Snger, du hast mich ins
Leben zurckgefhrt und bist selbst zu den Toten gegangen, warum sahest du nicht
die Freude deines Werkes, ehe deine Augen sich schlossen. - So war es nun
heraus, der Vater seiner Braut, der alte Herzog war eben der Meistersnger,
dessen Schauspiele und Gesnge die Stadt erfreuten, eben der, welcher den Knig
aus seiner Trgheit erweckt hatte. Das Seltsame aber war, wie er nach der
Wildnis gekommen, da die Nachbarn versicherten, er habe an jenem Tage schon in
der Verzckung auf seinem Bette gelegen. Wie nun der Knig jener hnlichkeit der
zwlf Knaben mit seiner Braut gedachte, da fiel ihm ein, ob es wohl die zwlf
Shne gewesen sein mchten, welche die Hunnen umgebracht hatten? Es schauderte
ihm, als ob er im Schwarzwalde schon ber die Grenzen des Lebens hinber
gestiegen gewesen, aber durch Warnung in dessen Mitte wieder zurck getreten
sei. Da traten die beiden treuen Begleiter seiner Jagd, die beiden Ritter,
welche erkrankt gewesen, in abgetragenen Wmsern, wie es sich an Hfen wohl
nicht ziemte, in den Saal, begrten den Knig mit Freudentrnen, erzhlten, wie
sie ihn so lange vergeblich gesucht htten, bis sie ihn endlich durch den Fang
zweier Vgel, unter denen auch der, welchem der Knig so lange nachgeschlichen,
zur Heimkehr veranlat worden wren. Dieser Fang, der ihnen so leicht geworden,
da die Vgel mit einander gespielt und sie nicht wahr genommen htten, sei ihnen
als ein gutes Zeichen erschienen und dies gute Zeichen sei nun erfllt. Bei
diesen Worten zog der eine einen Gitterkasten unter dem Mantel hervor, in
welchem die beiden Vgel, in der Gestalt wie Spechte, der eine golden, der andre
silbern, eingesperrt saen. Mit Gnade sagte der Knig den Freunden willkommen,
aber nicht ohne Widerwillen fhlte er in sich die alte, bse Jagdlust beim
Anblicke der Vgel wieder erwachen. Er kmpfte mit sich, endlich reifte sein
Entschlu, er lie den goldnen Vogel aus dem Kasten fliegen, da er durch das
Fenster ins freie Blau der Luft entflge; er wollte auch den silbernen
entfliegen lassen, aber da berwand ihn seine Jagdlust, da er die Gittertre
wieder schlo. Der goldne Vogel nutzte aber nicht das Geschenk der Freiheit, er
flog zwar fort, aber blieb auf dem Munde des halbtoten Sngers sitzen, dieser
ffnete den Mund, der Vogel schlpfte hinein und der Alte ffnete die Augen wie
ein gesund Erwachter. Der Saal war ihm fremd, er fragte, wo er sei, fragte die
Tochter, wer sie sei. Dann aber erkannte er sie beim ersten Kusse, auch der
Knig erschien ihm bekannt, und als ihn dieser an die Lehre erinnerte, die er
von ihm in der Rosenhtte empfangen, da rieb sich der Alte die Stirn und meinte,
da ihm von dem allem auch getrumt habe, da er auch seine zwlf Shne wieder
gesehen, die ihm vielen guten Rat zu dem Fastnachtsspiele gegeben htten. Dann
sei ihm aber auf dem Heimwege seine geliebte, selige Frau begegnet, die habe ihn
so ernstlich an den Himmel gemahnt und da er der irdischen Spiele vergessen
solle, darber htten sie sich so im Gesprche vertieft, da sie beide gefangen
worden. Jetzt erkannte er in dem eingesperrten silbernen Vogel die geliebte
Seele seiner Frau, er beschwor sie, ihn noch nicht zum Himmel zu entlocken, bis
er sein tiefsinniges Spiel beendet habe, und der Vogel schien mit sanftem Tone
ihm darin nachzugeben. Das Bild stellt euch dar, wie der Vogel in den Mund des
Alten schlpft.

                                  Neuntes Bild


Kaum gestattete sich der Alte die Zeit, alles zu vernehmen, was seiner Tochter
geschehen, die Frau mahnte ihn zur Arbeit, sie war ehrfurchtsvoll dem Kfig
entlassen und sa auf seiner Schulter, auf seinem Tintenfasse, auf seiner Feder,
da er nicht bei den Liebkosungen der Tochter das Schreiben unterlasse. Umsonst
fhrte diese den Vater zu weiten Aussichten in Prachtzimmer, umsonst zeigte sie
ihm den reichen Garten, der Alte schrieb gehend, stehend, sitzend, so wie sich
seine Gedanken klar machten und verdrngten. Die Tochter wute aber die Gefahr,
da er sich ihrer Liebe und der Welt entzge, wenn er seine Arbeit beendigt
habe, und da diese rasch fortrckte, so ersann sie einen Kunstgriff:

Unermdet schreibt der Alte,
Schaut begeistert in die Welt,
Sieht nicht, wie die Tochter walte,
Nur sein Werk ihm wohlgefllt.
Wenn er nun ein Blatt geschrieben,
Wirft's die Tochter heimlich fort,
Da es in den Strom getrieben
Und erloschen jedes Wort.
So der Alte unermdlich,
Ohne zrnen, ohne Groll,
Schreibt von neuem still und friedlich,
Doch sein Werk wird nimmer voll.

Als nun die Sonne an die Erde gestoen und in tausend Sterne zersprungen war, da
sank der Alte ermdet auf seinen Schreibstuhl, sein Mund ffnete sich, der
goldne Vogel entfloh singend dem Munde, und flog in den Jasminenbusch, wo der
silberne Vogel sein harrte, wo dann groe Freude zwischen ihnen war, und tausend
Bitten der Mutter kund wurden, die Arbeit bald zu enden. Aber auch der Knig
dachte bei der Lust der guten Vgel, da er seine Vermhlung, seinen Einzug in
die Hauptstadt beschleunigen msse und ordnete alles zum andern Tage. - Er
begann den Zug auf einem schwarzen Rosse, ihm folgten die Grafen, dann folgte
die Knigin auf weiem, sicheren Rlein, umgeben von den Grfinnen, den Zug
schlossen die Meistersnger, welche zu Pferde den Wagen umgaben, in welchem der
Alte sa und schrieb, das Vglein auf seiner linken Hand tragend. Das Volk
strmte mit Jubel entgegen, kte den Ankommenden die Steigbgel jeder atmete
wieder frei auf; so ging der Zug zur Kathedrale auf der Anhhe, wo wir hier noch
jetzt den vielen Bauschutt auf dem Weinberge finden, dort wurde die schne Braut
durch die Hand des Priesters dem Knige feierlich vermhlt. Dies zeigt das Bild.

                                  Zehntes Bild


Als der Knig und die Knigin am andern Morgen nach der Hochzeit aus sem
Schlaf erwachten, waren sie verwundert den Alten noch nicht erwacht auf seinem
Ruhebette, noch nicht beim Schreiben zu sehen, vielmehr bemerkten sie die beiden
Vgel in groer Ttigkeit auf einem hohen Rosenstocke, der in goldnem Gefe die
Hochzeitkammer schmckte. Die beiden Vgel hatten sich in den sten ein Nest
geflochten aus seidnen und leinenen Fden und dasselbe mit goldnen und silbernen
Federn gefttert, die sie einander spielend ausgezogen hatten. Sie lieen sich
nicht von der Anwesenheit der beiden Neuvermhlten stren, sie grten sie und
sangen zu ihnen Glckwnschungen und nahmen sen Mohn vom Munde der Tochter.
Dies war der einzige Tag, da der Alte versumte in seinen Leib zurck zu
kehren, auch war am andern Morgen die seltsame nderung vorgegangen, da die
silberne Frau ihn nicht mehr so dringend zur Arbeit anmahnte und da der Alte
sich daher mehr seinen Kindern mitteilen konnte. Dennoch schrieb er immer noch
viel und die Tochter lschte an jedem Abende alles wieder aus, da sein
Heldenspiel zwar immer schner, aber nie fertig wurde. Die Mutter war zwar
abwechselnd mit dem Neste beschftigt, aber sie war doch die meiste Zeit um den
Vater, der Tochter hingegen schenkte sie weniger Aufmerksamkeit. Eines Tages
ging sie aber gar nicht vom Nest, und die Tochter lauschte und nahm endlich
wahr, da die Mutter ein silbernes, mit goldnen Ringen bezeichnetes Ei unter den
Federn des Nestes versteckte. So legte der silberne Vogel allmhlich zwlf Eier,
jeden Tag eins und setzte sich darauf, sie auszubrten, und wechselte in dieser
Arbeit mit dem goldnen Vogel ab, so da der Alte whrend seiner ganzen Brtetest
nicht in seinen ruhenden, menschlichen Krper, nicht zu seiner Arbeit kam, denn
auch whrend sie brtete, war er emsig beschftigt, zarte Blumensmereien fr
sie herbei zu tragen, welche kein Mensch finden kann, wie die klugen Vgel sie
finden und sammeln knnen. Aber auch die Knigin rckte whrend der Brtezeit
ihrer Mutter in ihrer Leibessegnung so weit vor, da sie eines Morgens von einem
herrlichen Knaben entbunden wurde. Und kaum war er in die Welt getreten, so
entflogen zwlf schne, kleine, geflgelte Kinder, in der Gre von
Kanarienvgeln, mit goldnen und silbernen Flgeln versehen, also ganz so wie
Engel geschildert werden, aus dem Neste der silbernen Mutter, sangen den
Neugeboren an, liebkosten ihm, spielten mit ihm und reinigten, wickelten ihn mit
zrtlicher Sorge, und wehrten ihm die Fliegen und Mcken ab. Sie selbst waren
zwar klein, aber doch fertig in allen ihren Krften in die Welt geflogen und
kannten die menschliche Bedrftigkeit nur, indem sie diese andern erleichterten.
Das Bild zeigt dort im Hintergrunde das Bette; die Knigin, erschpft von der
Mhe, drckt sie dem Knige die Hand und blickt mit Wohlgefallen nach dem Kinde,
das im Vorgrunde von den kleinen Engeln gewickelt wird.

                                  Eilftes Bild


Als die Knigin das Kind von ihrer Brust entwhnt hatte, da sagte ihr der Knig,
da er in der Stunde ihrer Not die Beschleunigung des Kirchenbaus im
Schwarzwalde durch eine strenge Wallfahrt dahin gelobt habe. Sie sei nun
glcklich befreit und er wolle seinem Gelbde treu, von ihr Abschied nehmen.
Aber die Knigin erklrte, er drfe nicht allein gehen, sie msse mitziehen; sie
lie sich durch keinen Grund zurckweisen, wie Weiber sind; unter andern ersann
sie, da sie den Vater als Vogel einfangen und samt der Mutter im Kfig mit sich
nehmen wolle, damit der Vater die Zeit nicht benutze, sein Heldenspiel fertig zu
schreiben und sich ihnen auf immer zu entziehen. Die zwlf geflgelten Boten
versprachen fr den kleinen Knigssohn in ihrer Abwesenheit Sorge zu tragen, wie
sie es ohne Beihlfe andrer tglich zu tun gewohnt waren, und sich nicht
abschrecken lieen, wenn das starke Kind mit kindischem Ungeschick zuweilen
einen ergriff, drckte oder rupfte. Sie standen in solchem Falle einander so
treulich bei, da sie bald des Kindes Meister wurden, und das Kind folgte ihnen
in allem, worin es sie verstehen konnte. In dieser Obhut lieen sie nach
unzhligen Kssen das geliebte Kind und begaben sich heimlich, um jedes Gefolge
von Leuten zu vermeiden, das ihrer Demut ein Vorwurf zu sein schien, aus der
Stadt, ohne zu ahnden, da sie das Kind und die Stadt zum letztenmal gesehen
htten. Erst mehrere Stunden nach ihrer Auswanderung verbreitete sich das
Gercht derselben und groe Scharen frommer Pilger folgten ihnen nach. - Es
hatte sich aber, seit der Knig selbstndig und gerecht die Regierung bernommen
hatte, viel Glck ber alle verbreitet, nur die Grafen wollten das nicht
erkennen, weil sie sich durch die Gerechtigkeit in ihren Einnahmen sehr
beschrnkt fanden. Jener Graf des Nibelgaus, welcher sich die meiste Schuld
dieser neuen Wendung der Dinge beima, weil er sie seiner Feigheit zuschrieb,
teils von Liebe zu der Knigin geqult, nun auch von rger ber die Geburt des
Prinzen erfllt, weil dieser die Hoffnung der Nachfolge ihm raubte, fand sich
vom Geiste der Versuchung gereizt, durch den Mord des Knigs sein Schicksal
ndern zu wollen. Diese Wallfahrt, die einer seiner Diener auskundschaftete, bot
ihm die Gelegenheit zur unbemerkten Ausfhrung. Die Vormundschaft ber das
knigliche Kind konnte ihm nach dem Tode des Knigs nicht streitig gemacht
werden, wie leicht konnte es aus der Reihe der Lebenden vertilgt werden; die
Knigin hoffte er durch sein Liebesglck und durch sein Ansehen sich dann
zuzueignen. Der Graf war zum Schein zu seinem Bruder gefahren, hatte sich aber,
ohne eines Menschen Begleitung nach dem Schwarzwalde gewendet und lauerte an der
gebahnten Strae der Wallfahrer. Der ganze Weg hatte unsre beiden Pilger ganz in
die Zeit ihrer ersten Liebe versetzt, mancher Ku hemmte die Reise, sie sahen
nicht um sich, sondern vergaen sogar oft das angelobte Gebet. Umsonst warnten
sie die beiden Vgel im Kfig, der Wurfspie des Grafen hatte beide durchbohrt
und den Kfig der Vgel durchbrochen, ehe sie eine der Warnungen vernommen
hatten; ohne Schrecken, ohne Ahndung, noch freundlich lchelnd, hatte der
Mordstahl ihren Lebensfaden durchschnitten. Aber der Graf sah mit Verzweifelung
zu ihnen hin, denn nicht die Knigin sollte sein Spie treffen, aber ein
zrtlicher Ku hatte sie an den Knig gedrckt, als schon das Wurfspie seiner
Hand entschleudert war. Erst jetzt fhlte der Graf, da mehr seine Liebe zu der
Knigin als der Wunsch nach der Herrschaft ihn getrieben, er hate sich und sein
Unglck, das er sich selbst geschaffen hatte. Den Mord stellt das Bild dar.

                                 Zwlftes Bild


Bald dachte der Graf auf seine Sicherheit und eilte nach seinem Schlosse, ehe
irgend eine Kunde des Mords in das Land gekommen. Der groe Zug der Waiblinger
Pilger, welcher dem Knigspaare nachgepilgert war, entdeckte die beiden Leichen
beim Geschrei der beiden Vgel, und da jeder Versuch, sie zu beleben, vergeblich
war, so zogen sie mit ihnen traurig und still der Kirche des Erlsers zu, wo die
Geistlichen sie mit Balsam zu erhalten suchten, bis die feierliche Beisetzung
angeordnet wre. In der Hauptstadt war aber, ehe diese Trauerbotschaft einlief,
eine allgemeine Verwirrung. Der Knigssohn war verschwunden mit seinen zwlf
Engeln, niemand erriet, wer ihn knne geraubt haben. Als aber die Kunde des
Mordes anlangte, da erhob sich das Volk in Verwnschungen der Mrder, so da der
Graf von Glck zu sagen hatte, da kein Verdacht auf ihn gefallen weil ihn viele
kurz vorher bei seinem entfernten Bruder gesehen hatten. Zur Beerdigung des
Knigspaares versammelten sich alle Grafen und vieles Volk bei der wsten
Kirche, die Srge wurden geffnet, der Graf, als Nachfolger, verfluchte da
ffentlich die Mrder, sie sollten das Licht der Sonne nicht mehr sehen. In dem
Augenblicke drangen die beiden kniglichen Vgel, wie sie vom Volke genannt
wurden, aus den Wolken nieder zu ihm und hackten ihm, ehe er sich ihrer erwehren
konnte, beide Augen aus. Das Bild zeigt, wie die beiden Vgel auf ihn
eindringen, im Hintergrunde ist das Hochamt und die Leichen, an der Seite das
Volk zu sehen, die alten Reime sagen:

Mrder, ruft der ganze Haufen,
Sieh, es ist erfllt der Fluch;
Kannst du Licht der Augen kaufen
Von dem Himmel durch Betrug?
Und der Graf irrt in der Kirche,
Ruft umsonst nach Freundeshand,
Da ein andrer ihn erwrge,
Alle sind von ihm gewandt.
Blind, nach einem Ausgang suchend,
Strzt die Stufen er hinab,
Und so stirbt er, sich verfluchend,
Sein Gebein bleibt ohne Grab.


                                Dreizehntes Bild

Nun begann ein brgerlicher Krieg um den befleckten Thron. Jedes der
Grafenhuser machte Ansprche auf den Thron, ohne es laut werden zu lassen, es
uerte sich aber darin, da sie jeden strzten, der die Absicht zeigte zu
herrschen. So dauerte es wohl vierzehn Jahre, da der knigliche Palast von
keinem aus Scheu der andern bezogen wurde, als die Hunnen, unter Attila bis
Schwaben eindrangen. Gleich suchten einige der Grafen durch Attila zur
Herrschaft zu gelangen, aber er benutzte sie nur, um alle gegenseitig durch
einander aufzureiben. So kam er unter dem Zujauchzen derer, die immer noch Lohn
von ihm erwarteten, von ihren Leuten gezogen, in die Hauptstadt, in den
Schlohof. Eins seiner ersten Geschfte war, den alten, ehrwrdigen Palast teils
aus Neugierde und Habsucht, teils aus Vorsicht und der Befestigung wegen in
Augenschein zu nehmen. Die Beute war gering, die Raubsucht hatte ihm wenig
Kostbarkeiten gelassen, aber endlich fand er in einem Zimmer, das mit Epheu grn
berankt war, weil die Luft frei durch die offenen Fenster strich, einen starren,
alten Mann, der auf eine geschriebene Rolle blickte und den einer der Begleiter,
als den alten Snger, den Vater der ermordeten Knigin erkannte von dem niemand
seit ihrer Abreise etwas erfahren hatte, denn in der Bestrzung jener Zeit war
niemand in dies abgelegene Zimmer eingedrungen. Der Attila meinte, es sei ein
alter Zauberer, der immer noch lebe, die andern dachten auch, er lge nur noch
immer in der Verzckung, so wenig hatte der Tod ihm anhaben knnen. Nun wollte
Attila wissen, was in der Schrift, die vor ihm lag, woran er zuletzt
geschrieben, stehe und befahl einen der Eingebornen, weil er der Schrift
unkundig, dies Blatt ihm vorzulesen. Ein Geistlicher las aber folgende Worte zu
einem im Heldenspiel beschriebenen Triumphzuge:

Wer lebendig blieb, schreit Sieg aus, doch die Toten schweigen still,
Triumphierend zieht der Feldherr auf den blutbefleckten Thron
Und die Narrn, die ziehn den Karrn ihm, und er lacht der Narren schon;
Denn er sinnt schon im Triumphzug, wo er die verbrauchen will,
Die mit ihm zerstrt den Weltteil, und beim Raub nun mchten ruhn.
Seht, er treibt sie frisch zum Krieg fort, treibt sie schlau zum Todesnetz,
Denn er erbt auch ihre Diebsbeut, erst ihr Tod ist ihm der Sieg!
Dann erst feiert Friedens Heimkehr, wenn er einsam kehrt zurck
Und von jedem tapfern Mordknecht trgt die Schuld und das Geschick,
Da an einem Haupt bt Strafrecht, Gott vom ungerechten Krieg,
Da bei einem Namen Eis luft ber uns in Lust verwirrt,
Da in dieser Qual die Richtscheit jeder Kraft, die sich verirrt.

Als Attila diese prophetischen Worte vernommen hatte, glaubte er, sie seien ihm
zum Trotze geschrieben und gelesen, und spaltete zuerst das Haupt des
Geistlichen, der sie gelesen, wobei zum Schrecken aller, der Krper des Alten
von der Erschtterung in einen kleinen Aschenhaufen zusammenstrzte. Er und
seine treue Geliebte waren lngst der Erde entschwunden. Das Bild zeigt, wie
Attila das Schwert zweifelnd erhebt, welchen von beiden er zuerst erschlagen
mchte.

                                Vierzehntes Bild


Attila selbst fhlte sich durch dieses Ereignis erschttert, auch seine Anhnger
mochten ihm zweifelhaft scheinen, er wollte deswegen etwas Festes begrnden, und
wo er kein ererbtes Recht hatte, doch in seinem Mut ein Recht der Erwerbung
begrnden. Er lie ffentlich ausblasen, da er im Schwarzwalde am Grabe des
letzten Knigs mit jedem um die Krone Schwabens kmpfen wolle, die dann dem
Sieger unweigerlich zufallen solle, und zu dem Kampfe bestimmte er einen Tag. -
Was bisher aus dem kniglichen Kinde geworden, ist noch nicht berichtet, so aber
verhielt es sich damit. Die zwlf fliegenden Boten erhielten schnelle Kunde
durch die zum Himmel fliegenden Eltern von der Ermordung, sie hoben den
Knigssohn im Schlafe aus den Betten und trugen ihn zu einem Adlerneste in der
Nhe der Erlserkirche. Da nhrten sie ihn mit der Milch der Hirschin, bis er
krftig war, an der Erde zu gehen. Dann brachten sie ihn zu einem Einsiedler bei
der wsten Kirche, sie sorgten fr des Kindes Nahrung, der Einsiedler fr dessen
Erziehung. Er zeigte dem Kinde frh, wie das Bestehen des Glaubens vom Wohl der
Staaten abhnge, denn seit der allgemeinen Verwirrung sei kein Stein zum Bau der
Kirche angefahren worden. Der Knabe wuchs in sichtlichem Gedeihen seine dunklen
Augen spiegelten Ernst und Mutwillen, sein Mund wechselte in Wrde und Milde und
seine Stirne trat hervor von der Kraft guter Gedanken und fester Entschlsse.
Frh reifte er zum mnnlichen Jngling und bte sich selbst in jeder
ritterlichen Kunst, so weit es die Einsamkeit und der Mangel an Kampfgenossen
ihm gestatten wollte, denn die geflgelten Boten, wenn sie ihm ein Turnier unter
einander vorstellten, da er es daraus kennen lerne, waren nur wie die Gedanken
zu betrachten, die wir uns als Kind von einer Schlacht machten. So hatte er sein
funfzehntes Jahr erreicht und fragte ebnen die kleinen Boten aus, was es sei,
das ihn so schwermtig mache, als der wilde Attila mit dem Volke sich der Kirche
nahte. - Da sprach der lteste von den Zwlfen: Knigssohn, die ganze Welt ist
noch ein Geheimnis fr dich und das Leben ein ritterlicher Kampf mit ihr, nur
nach ernstem Kampfe wird sie sich dir enthllen und das Gleichartige wird dir
eigen werden und eine neue Jugend aus dir hervorgehen. Sohn der Knige, rste
dich, nicht der Tag der Liebe, sondern des Kampfes mit dem Ruber deines Landes
ist erschienen. Sohn der Knige, du kennst Ritterpflicht, wir drfen dir nur mit
unserm Gebete im Kampf beistehen, besteig dies Ro, bestreite den fremden Knig,
der jeden ausfordert, der ihm die Krone, deine Krone streitig macht, siegend
oder fallend wirst du uns ber dir wie eine Wolke sehen, unsre Trnen in Lust
und Schmerz werden auf dich fallen, auf Erden suche uns nicht mehr. - Sie
erhoben sich, die lieben Zwlfe, der Knigssohn dankte ihnen und war so zornig,
da er sie auf Erden nicht wieder sehen sollte, da er sich gern in die Lanze
des Fremden gestrzt htte. Vergebens hatte der Knig Attila seine Gegner
ausgefordert, keiner der Grafen wagte sich gegen den Riesenmann in die
Schranken; da trat der gerstete Jngling auf und der Knig lchelte seiner
schlanken Gestalt. Aber der Jngling rannte auf ihn in so zornigem Sinne, da
seine Lanze durch die Ringe des Brustharnisches in Knig Attilas Herz drang. Der
wilde Attila sthnte sein Leben aus, da blickte der Jngling dankbar zum Himmel,
zu der glnzenden Wolke, die Freudentrnen auf ihn fallen lie, dann ffnete er
den Helm und nannte seinen Vater und fhrte das Volk zu dessen Grabe, und der
Einsiedler beschwor, da er des Knigs Sohn, des Reiches Erbe sei, und setzte
auf dessen Haupt die Krone, die er dem ermordeten Knig abgenommen und heimlich
bewahrt hatte. Das Volk schwor ihm Treue als Knig und er schlug die Hunnen, die
mit ihnen da versammelt waren. Das Land war frei, der Knig weise, die Kirche
wurde vollendet. Das Bild zeigt die Krnung des jungen Knigs und das Erschlagen
der hunnischen Ritter; die alten Reime schlieen mit den Worten:

Doch die Zeit will neue Taten
 Und erzhlt ist schon genug,
 Gott im Himmel wird uns raten,
 Schtzt uns vor des Teufels Trug,
 Wird uns seine Snger senden
 In des Schmerzes Einsamkeit,
 Da wir ahnden, wie zu ende
 Das Beginnen dieser Zeit.



                                  Drittes Buch



                                Erste Geschichte

                                  Die Hochzeit

Die ewige Lampe vor dem Bilde der heiligen Mutter, welche Frau Hildegard bei der
Genesung Bertholds gestiftet hatte, war schon sichtbar, auch die messingenen
Kronen glnzten durch die offenen Fenster des Rathauses, als eine neue
Erleuchtung bei dem groen Rhrbrunnen des Marktes fr die armen Frauen
eingerichtet wurde, die dort mit groer Emsigkeit zinnerne Schsseln und Teller
abscheuerten, welche von den Hochzeitgsten auf dem Rathause geleert waren. Wie
der steinerne Ritter sein Laternchen so schn ber den Brunnen hlt, als ob er
drin krebsen wollte! sagte die eine der Frauen. - Das war noch ein guter
Einfall von dem Anton, meinte die andre, dafr schenk ich ihm das groe Stck
Schinken, das hier auf der Schssel blieb. - Und ich schenke ihm den
Backfisch, sagte die andre, aber er mu mir einen Ku geben. - Ich gebe
keinen Ku! brummte Anton und begngte sich mit dem Schinken. - Was das fr
ein Junge ist, sagte die andre, es gbe mancher etwas darum, wenn ich ihm
einen Ku anbte, und der nhme lieber einen Backenschlag dafr an. Was treibst
du dich bei den Weibern herum, wenn du nicht willst gekt sein, Anton! - Ihr
denkt wohl, ich komme euretwegen hieher, sagte Anton, mein Alter hat
Weidenruten in den Brunnen gelegt, damit sollt ihr gestrichen werden, wenn ihr
die Schsseln nicht reiner abwascht, schreit nur nicht, - die Weidenruten
braucht er zum Flechten der Ehrenpforte an Bertholds Haustor, und die
Ehrenpforte, um das Gerst zu verstecken, das wir auf Befehl der Frau Hildegard
heimlich erbauen, um morgen in aller Frhe das Bild der heiligen Mutter
aufzufrischen, wie sie zur Vermhlung ihres Sohnes gelobt hat. Denkt euch, bis
Mittag soll das alles fertig sein. - Das ist recht, sagte eine Frau, so
verdient Ihr doch auch was und die heilige Mutter war gar nicht mehr zu kennen.
-
    Mir ist's nicht recht, sagte Anton, denn meinem Alten schwindelt da oben
auf dem kleinen Gerste und da mu ich frh auf und mu alles allein pinseln. -
Ich geb dir auch einen Ku dafr, sagte die eine Frau. - Lieber lauf ich
gleich davon, antwortete Anton und ging mit seinen Weidenruten und grnen
Zweigen nach Bertholds Hause, aus welchem die Waisenknaben jetzt wieder eine
Reihe der seltsamsten Backwerke nach dem Rathause unter Fackelbeleuchtung
trugen. Die Weiber liefen vom Brunnen, lieen ihre Eimer berlaufen unter den
Rhren und ihr heies Wasser kalt werden, um diese Wunderwerke, die Trme und
Gebirge aus Teig und Frchten zu bewundern. - Gott ist mein Zeuge, sagte die
eine, aber wie die Brautmutter mit dem Teige umzugehen wei, das geht nicht mit
rechten Dingen zu: das luft ihr unter den Hnden auf, da bleibt nichts sitzen,
das hat sie noch im Kloster von der vorigen btissin gelernt, die jetzige wei
um so weniger davon, da kochen sie jetzt zum Erbarmen und die Nonnen sehen aus,
wie Gespenster. Die werden sich freuen, ber die guten Gerichte, die ihnen heut
die Brautmutter ins Kloster geschickt hat. - Hat sie denn alles allein
gekocht' fragte eine andre. - Warum nicht gar, wie kann ein Mensch so
einfltig fragen, sprach die andre, ich habe gesehen, wie sie sich unter
einander in der Arbeit geteilt haben. Die Braut hatte die Aufsicht ber alle
Braten, Meister Kugler schlachtete alles aus, Frau Hildegard besorgte die Suppen
und das gekochte Fleisch, Frau Apollonia gab sich allein mit dem Backwerke, mit
Pasteten und Kuchen ab, und der Meister Sixt kochte die Fische nach seiner
niederlndischen Art, blo aus Wasser und Salz, und bereitete aus tausenderlei
Zeugs die Tunken, ich konnte ihn gar nicht ansehen, wie er sich dabei hatte; als
er kostete, habe ich ihn mit der Nase unversehens hineingestoen, da die ganze
Kche lachte. Aber hrt, etwas mu ich euch erzhlen, das wird mir keiner
glauben, in dem Hause ist ein Kobold, Gott wei, ob es die Seele des armen
Bergmanus ist, der im Brunnen liegt, aber ich ginge um keinen Preis an den
Brunnen. Hatte gestern allerlei Kessel und Eimer, die wir beim Schlachten
brauchten, an den Brunnen im Garten gestellt, in der Kche war kein Platz, nun
blieben aber die Herrschaften am Brunnen bis zur Nacht, so konnte ich nichts
abscheuern: heute morgen finde ich alles so blank gescheuert, wie es kein Mensch
auf Erden zu Stande bringt; das war bse Teufelsarbeit, aber ich dankte Gott
dafr, denn wir hatten keine Zeit. - Der Teufel kann immer schon ein Stck
Arbeit fr uns tun, wenn wir nur nicht dabei sind, meinte eine andre,
Narrenpossen sind's, in dem Hause gibt's viel Leute, wer wei, welcher sich
ber die Kessel hergemacht hat. - Die andre stemmte beide Arme in die Seite und
wollte eben zanken, da wurden aber die groen Schsseln herunter getragen; was
jeder Gast fr die Seinen nach Hause schickte, das wollten sie alle sehen. Da
hie es: Der Vogt hat sich am besten bedacht, der Alte kann auch nur wenig
essen, begngt sich mit der Tunke, da wird sich die alte Ausgeberin freuen. -
Dafr hat er uns auch die Strae nach dem Bleichplatz zubauen lassen, sagte
die andre, das vergebe ich ihm und dem Berthold nimmermehr! - Dafr luft
jetzt das Wasser durch den Bleichplatz, sagte die andre, das ist mir mehr wert
als ein paar Schritte, die ich umlaufen mu, eine Liebe ist der andern wert! -
Wir knnten aber beides haben sagte die andre, die Brgerschaft htte es
nicht leiden sollen, aber die Einladung zum Hochzeitschmaus hatte alle zu
stummen Hunden gemacht, die vorher so laut klafften. - Und beim ersten Kinde
will er zur Taufe einen gleichen Schmaus geben, sagte die andre, das kratzt er
alles vom Tuche ab, davon ist es auch so dnn, da einer jetzt Mohn durchsen
kann. Wenn es nur bald ein Kind gbe, aber die reichen Leute mssen immer eine
Weile darauf warten, wo es uns Armen immer zu frh kommt. Was sie wieder blasen!
Das ist eine rechte Gesundheit! Da zerschmeien sie alle Glser! Nun, das ist
auch recht, so ein Glas, woraus eine ordentliche Gesundheit getrunken ist, soll
auch zu nichts anderm gebraucht werden, sonst schadet's; der Teufel wei berall
sich einzuschleichen, er hat einen spitzen Kopf und ist wie die Schlange
beschaffen, wo die mit dem Kopf durchkommt, da zieht sie den Leib nach. Hrt
nur, ich glaube, die Stadtpfeifer schlagen sich mit den fremden Fiedlern und sie
haben doch alle zu essen, an den Tag will ich mein lebelang gedenken, von der
Hochzeit werden noch Kinder und Kindeskinder reden!
    Unsre Stadtleute sprechen von groen Festschmusen, als von einer
Fronarbeit, der nur ein Fremder durch anders gefrbte Einflle Reiz verleihen
kann. Dieser berdru kommt aber vom berflu solcher Feste, die in manchen
Kreisen zum Alltglichsten gehren, so da jeder Leichnam schon aus der
Gewohnheit voraus wei, wie viel beschwerter er sich am Schlusse des Festes, als
im Anfange fhlen werde. Wie knnen sie sich in Festlichkeiten alter Zeit
versetzen? Die hchste Lust mu ihnen widrig erscheinen! Auf dem Lande sind wir
jener Zeit schon nher, die Speisen selbst haben eine geistige Berhrung mit
unsrer Ttigkeit und Einsicht, weil sie nur mit Klugheit der widerstrebenden
Witterung abgewonnen, in ihr gezogen und geerntet werden konnten. Wer berdies
Monate in seiner Hauswirtschaft zugebracht hat, der ist schon erfreut, andre
fremde Gesichter bei sich versammelt zu sehen, das Gesprch scheint sogar
strend, so lange der Genu dauert, und nur der Tafelmusik mchte man ein Recht
einrumen, das Herz unbewut anzuregen. Solch ein Fest, durch bedeutenden Anla
erzwungen, nicht mig erdacht, hat auch seinen Zwang zur Lust und diese fehlt
nimmer, niemand naht sich der Tre ohne mitzugenieen, und selbst die, welche zu
Hause bleiben, erhalten ihren Anteil durch das Heimgesandte, und lassen dann
auch Gott einen guten Mann sein. Aber neben der Lust sind auch Streitigkeiten
nicht selten, keiner hat einen Grund, sich zu verschlieen und da die Mitteilung
selten ist, so ist sie auch heftiger, insbesondere wenn die Lebensflle sich im
Genusse scheinbar erhht und ber ihre Schranken steigt. So war es im Lande der
Ditmarsen gewhnlich, das Leichenhemde zu den Hochzeiten mitzunehmen, weil keine
ohne Kampf und Mord endete.
    Auch Bertholds Hochzeitfest war nicht ohne Schimpf und Unfrieden. An dem
Herrentische blieb es freilich bei einigen stachligen Reden, die ein trunkner
Schuhmacher ber den Brunnen und die verbaute Strae mit Anspielungen auf den
Ehestand fallen lie; bei dem Tische der Stadtpfeifer ward es dagegen
ernsthafter, denn da ging's zugleich um Kunst und Lebensunterhalt, auch gab sich
keiner die Mhe, wie der Ehrenhalt am Herrentische, gute Ordnung zu bewahren,
vielmehr hetzten manche Brger die Stadtpfeifer, die fremden Meistersnger und
die Fiedler gegen einander, weil sie sich in ihrer Tcke so grundlcherlich
darstellten. Nun wei jeder, da ein Hauptunterschied zwischen den Menschen
darin liegt, da ein Teil durch den Weinrausch unbndig froh und der andre
grundlos traurig wird; wie ist da ein gutes, verstndiges Vernehmen mglich,
insbesondere wenn es sich gewhnlich noch dabei findet, da die nchtern
Lustigen trunken traurig werden, und die nchtern Ernsten im Rausche an den
Scherz jener heransteigen, die Leute fhlen sich unter einander ausgetauscht und
schlagen sich, ihre Seele wieder zu gewinnen. So war zum Feste ein lustiger,
ltlicher Snger des Herzogs von Bayern, mit Namen Grnewald angekommen, der in
Augsburg sich in Annen verliebt, wie es ihm mit allen schnen Mdchen erging,
auch bald seine Liebe bei allen Banketten besungen hatte, ohne da die Leute
eigentlich wuten, auf wen seine Liebesnoten anspielten. Er hatte Annens Wohnung
endlich ausgeforscht und in Verzweifelung, da ihr Fenster sich nie seinem
Gesange ffnete, weil sie lngst fortgereist war, hatte er sich dem Weine, ohne
Berechnung seiner Kasse so lange ergeben, bis der Wirt seine vollgekreidete
Wandtafel berrechnete, Zahlung forderte und als er diese nicht leisten konnte,
ihm den Mantel nahm. Das kmmerte den Snger wenig, er setzte davon ein lustig
Liedlein, schimpfte darin den Wirt wacker aus, dem er mit seiner Lustigkeit viel
Gste ins Haus gelockt hatte, ging mit dem Liede zum reichen Fugger und erzhlte
darin zum Schlusse, da dieser seinen Mantel ausgelst habe. Der gute Fugger
tat, wie von ihm erzhlt worden, lste den Mantel nicht nur aus, sondern gab
auch dem lustigen Grnewald ein Zehrgeld auf die Reise, aber mehr als Geld
schenkte er ihm in der Nachricht, wohin die schne Alma gezogen, was Fugger aus
Fingerlings Handelsbriefen erfahren hatte. Grnewald kte ihm die Hnde aus
Dankbarkeit, nahm ein Schreiben als Empfehlung und schritt stolz in seinem
Mantel vor dem Wirtshause vorbei, dessen Wirt ihm so teure Zeche angekreidet
hatte. Der Wirt sah sich eben nach Gsten um, als der Snger vorbeizog, und
ghnte, da erhob sich ein Windsto, blies den Mantel gar stolz auf und warf dem
Wirte den Flgel eines Fensters, das eben offen stand, auf die rote Nase. Dies
Geschichtlein hatte Grnewald auf dem Wege einem Kunstgenossen vertraut, aber es
ganz geheim zu halten gebeten, als er mit diesem zum Hochzeittage in Waiblingen
ankam, wo er sich als ein reisender Snger der Gesellschaft durch Lieder und der
schnen Anna durch Fuggers Brief so gut empfahl, da er von Berthold allen
einheimischen Sngern vorgezogen wurde. Die Bayern und Schwaben sind aber nicht
blo in der Sprache, sie sind in ihrem ganzen Wesen sehr verschieden, jene
trinken Bier, diese Wein, jene sind schwerer und ernster, diese lustig und
schnell, es kam daher den Stadtpfeifern seltsam vor, da ein bayerischer Snger
ihnen den Preis der Lustigkeit nehmen sollte. Die Schwaben sangen: Unser
Herrgott ist auch kein Bayer und andres mehr, was dem Grnewald schon zu Kopf
steigen konnte, aber er antwortete mit der Schwabenbeichte; sie sangen von der
vierbeinigten, bayerischen Nachtigall, er achtete dessen wenig, denn wie er mehr
trank, ging es ihm immer trauriger zu Herzen, da Anna sich an dem Tage vermhle
und da er nicht der Brutigam sei. Kaum merkte der Oberpfeifer Haring, da er
traurig wurde, so hielt er das fr Verzagtheit und rckte mit lustiger Bosheit
gegen ihn an. Er hatte eben das Geschichtlein des Mantels von dem Kunstgenossen
erfahren, gab sich das Ansehen, welsch reden zu knnen, indem er viel
Schimpfworte aller Vlker in allerlei fremdes Geschrei einmischte und sprach zu
einem Schler so erzhlend, indem er abwechselnd auf den Mantel des Sngers
hinwies, auch wohl den Mantel anfate, doch halb verstohlen, und Geld zhlte.
Grnewald merkte nun wohl, da er verraten sei, die Beschmung erregte seine
Galle. Um Haring zu rgern, machte ihm Grnewald boshaft nach, wie er beim
Blasen seine Backen dehne und nichts heraus bringe. Haring schlug ihm auf die
Backen, da der bayerische Wind hinaus fahre. Grnewald zog sein Messer, die
Kunstpfeifer rissen es ihm fort, drngten auf ihn ein, er war zur Rathaustre
hinaus gedrngt, ehe er zur Besinnung kam. Der Stadtpfeifer warf ihm ein Becken
auf den Kopf und rief ihm zu: Gott geleite Euch. Darber lachten die Weiber am
Brunnen gar unmig und Grnewald wollte wieder die Treppe hinanstrmen und
neues Geprassel von Tpfen strzte ber ihn her, ehe Berthold und der Ehrenhalt
es hindern konnten. In seinem Rausche, glhend und khl durchnt, lief er
hastig am Markte umher und regte alle Jammertne seiner Zither, die ihm um den
Leib hngen geblieben. Ernst sprachen die Sterne zu ihm und mit Trauer die hohen
Huser, er htte immer wieder zu Annen hinaufstrmen mgen, die Beine trugen ihn
aber unsicher, wohin sollte er sich wenden? Er sank an der Ehrenpforte nieder,
ber der Anton die letzten Bretter seines Malergerstes befestigte. Da sich
inzwischen nach Wegnahme der Tische in den Rathausslen, alles zum Reihentanz
geschickt hatte, also die Pfeifer und Fiedler vollauf zu tun hatten, die Weiber
am Brunnen aber an die Fenster neugierig sich drngten, so hatte er Mue, seinem
Geschicke nachzudenken, wenn er nur Vernunft dazu mitgebracht htte, aber sein
Nachdenken bestand immer nur im Erzhlen. Erst sprach er mit sich selbst, dann
stieg Anton vom Gerste herunter, und er fand an dem Maler einen gutmtigen
Zuhrer. Er berichtete diesem, da er gar berhmt und geachtet sei, so wenig es
ihm jetzt einer ansehe und so wenig Ehre ihm der verdammte Stadtfiedler brig
gelassen Wenn ich so ein Glas zu viel getrunken habe, sagte er endlich, da
kommt es mir immer vor, als ob ich ein Kaisersohn und einst in einem glsernen
Schlosse bei einem Lwen gewohnt habe, doch will mir das kein Mensch glauben. -
Ich glaube es Euch wohl, sagte Anton, aber seid froh, da Ihr aus dem Neste
fortgekommen seid. - Warum das, was wit Ihr davon? fragte Grnewald. - Ich
meine nur, antwortete Anton, das Schlo htte in Stcken gehen und Ihr drein
treten knnen. - Meinetwegen, antwortete Grnewald, mag es nur so ein Traum
mit dem Schlosse sein, aber das ist gewilich wahr, da ich, wie Moses auf einem
Baumaste schwimmend bei Bregenz ans Land getrieben bin und da hat mich leider
keine Knigstochter, sondern ein alter Hofnarr zu sich genommen, der hie Konrad
Naftsger aus Limpurg, von dem habe ich Zitherspiel und Meistergesang gelernt,
habe schon dreimal im Wettgesang das Gehnge gewonnen und bin in Nrnberg zum
Meister gemacht. Da gaben mir alle Ratsherren ein groes Fest und die
Stadtpfeifer bliesen vor meinem Fenster. Oft ist der Herzog von Bayern Abends zu
mir gelaufen, ein Buhlenlied sich zu bestellen, und manche Frstin drckte mir
die Hnde. So schlecht, wie hier, ist's mir noch nirgends ergangen und ich kann
nicht glauben, da ihr hier sonderlich lustig seid. - Wir sind hier nach
unsrer Art auch recht lustig, meinte Anton, aber grob sind wir auch ein
wenig. - Es scheint mir, sagte Grnewald, als ob die Leute hier gar nichts
von zierlichen, ritterlichen Festen wissen, ihr seid hier wie die Bhmen. -
Wie sind die? fragte Anton. -In Bhmen ist es noch schlimmer, davon hat
Konrad, mein Meister erzhlt, ich mu es Euch schon vorsingen, auf da Ihr
daraus erseht, wie es mir nicht allein bei solchen Fregelagen bel ergangen
ist, und da ich armer Narr mich endlich auch trsten kann.

Der Bhmen Knig gibt ein Fest;
Auf goldnem, reichbesetzten Tisch
Steht ein verstecktes Narrennest,
Ein ungeheurer Riesenfisch.
Der Knig schneidet in den Bauch,
Da springt ein kleiner Kerl heraus,
Bekleidet nach Prophetenbrauch
Und gibt sich fr den Jonas aus,
Und kt des Knigs Gnadenhand,
Die aus dem Fische ihn befreit,
Das Kerlchen spricht so schlau gewandt,
Da es den Knig recht erfreut.

Wer bist du Zwerglein, spricht der Held,
Sei mir willkommen bei dem Schmaus,
Was treibt dich in die weite Welt,
Wo bist du kleiner Mann zu Haus?
Er spricht Ich bin ein Narr frs Geld,
Ein Narr ist berall zu Haus,
Ich bleibe, wenn es Euch gefllt,
Ich gehe, wenn mein Witz zu kraus.
Beim Herrn von Limpurg war ich lang,
Der war zu sanft, ich sprach zu hart,
So machte ich zu Euch den Gang,
Um mich zu freun an Heldenart.

Der Knig ruft nun seine Narrn,
Um ihn zu prfen, ob er klug,
Und ihn zu fangen in dem Garn,
Mit einem list'gen Narrenzug;
Zwei alte Tlpel stolpern her,
Mit buntem Kleide angetan,
Doch ihre Zungen sind so schwer,
Sie greifen an den kleinen Mann,
Mit lahmen Spen ohne Mut
Und wren lieber wieder fort,
Doch unser Kleiner gar nicht ruht,
Er schenket ihnen gar kein Wort.

Der Kleine bermeistert sie,
Im fremden Land gilt der Prophet,
Er frchtet keinen, scheut sich nie,
Er wei es nicht, wie es dort steht.
Die groen Tlpel werden stumm,
Der Knig nimmt ihr hlzern Schwert
Und spricht: Ihr Narren seid zu dumm,
Der Kleine ist des Schwertes wert,
Ihr geht, der Mann im roten Kleid,
Wird eure Lhnung zahlen aus!
Der Kleine schmckt sich voller Freud,
Die beiden gehen voller Graus.

Der Kleine hhnt sie wacker aus,
Ein jeder Einfall neue schafft,
Nie dauerte so lang der Schmaus,
Wie mundet heut der Rebensaft,
Der Knig sagt zu allen laut,
Da er noch nie so lustig war,
Dem Kleinen hat er ganz vertraut,
Er sagt, was wahr, er trinkt, was klar,
Der Narr belehrt den klgsten Rat
Und wendet jeglichen Verdru,
Der Kleine denkt: Es ist ein Staat,
Wo mir ein jeder gut sein mu.

Da bringt der Mann im roten Kleid
Noch eine Schssel seinem Herrn,
Der sieht hinein mit Schadenfreud,
Und tut sie wieder dann versperrn.
Doch unser Narr ist schon so dreist,
Er blicket durch den Spalt hinein,
Obgleich der Knig es verweist,
Der Narr fngt kindisch an zu schrein.
Herr, spricht er, mit gebrochner Stimm,
Zwei Menschenhupter liegen drin;
Wer reizte Euren edlen Grimm,
Mit Frevel oder Eigensinn?

Mit nichten, spricht der Knig kalt,
Die beiden hab ich nicht gehat,
Sie wurden mir nur allzu alt,
Und haben hier nicht mehr gepat,
Es sind die Narren, die allhier
Dein guter Witz schnell berwand,
Was sollten sie nun ferner mir,
Du hast sie in ihr Nichts gesandt,
Ein kluger Mann, wenn er verdummt,
Erweckt noch aller Narren Witz;
Was ist ein Narr, der je verstummt,
Er ist auf Erden nichts mehr ntz.

Das luft dem Narren kalt wie
Eis Durchs Rckenmark zu Zung und Mund,
Dann wird ihm wieder glhend hei,
Er spricht aus bangem Herzensgrund:
Der Teufel sei hier Narr frs Geld,
Denn wagte ich mein Leben gern,
So wr ich auch ein groer Held
Und nicht ein Narr fr groe Herrn,
Ich spring zurck in meinen Fisch,
Der Narren Blut lscht allen Witz:
Wer junge Narren braucht am Tisch,
Der gnn den alten ihren Sitz..

Bei den letzten Worten fing Grnewald zu lachen an: Ich will dem alten
Stadtpfeifer gern seinen Platz gnnen, dies liebe Stdtlein hat kaum eine Strae
und auch die ist nur halb gepflastert, ich mchte hier nicht begraben sein, wenn
Anna nicht bei mir lge. Das Fest ist auch jetzt vorbei, sie kommen herunter und
ich bin schon hier. Anna soll leben, hoch, hoch und immerdar hoch.
    Der Fackelzug fhrte sie eben nach ihrem Hause vorber, ein seliger Anblick.
Als alle vorber waren und nur der Abfall der Fackeln von der leuchtenden
Erscheinung noch am Boden verglhte, sang Grnewald zu den Fenstern Annens
hinauf:

Nun kenne ich die Nacht
Und ihre Flammenspur,
Und hemme meine Uhr,
Da spt der Tag erwacht,
Und schliet die Lden dicht,
Dem ersten Morgenlicht.
Eh' Licht kann werden, bringt die Nacht,
Der Schpfung dunkle Freuden sacht;
Ich kenne die Geschichte
Und nehme die Gewichte,
Die Rder und die Glocken,
Aus meiner Uhr bedacht,
Sonst schlgt sie in der Nacht,
Und ich fahr auf erschrocken.
Nun steht die Zeit ganz still,
Des freu sich, wer da will,
Des freuet sich alsbald
Der treue Grnewald.

Anton sah verwundert den Mann an, der so in einem Atem lachen und weinen,
belustigen und rhren wollte, aber er trug ein brderliches Herz zu ihm und
ntigte ihn, da er ohne Obdach, sein Lager mit ihm zu teilen.

                               Zweite Geschichte



                               Das Bild am Giebel

Anna, die schne, junge Frau, wurde spt von der Sonne erweckt, die ber den
wolkenlosen Himmel in voller Klarheit hinzog und ihre Strahlen in den runden
Scheiben des Fensters sammelte, um mit einem Kusse ihrer Art die geschlossenen,
weichen Augenlider der Mden zu erwrmen, die sich gern dem Tag verleugnet
htte, nachdem sie den Morgen verschlafen hatte. Endlich rief sie leise ihren
Berthold, um ihn nicht zu erwecken, wenn er noch schliefe. Als sie aber keine
Antwort erhielt und die Blendung ihr gestattete umzuschauen, da sah sie, da
Berthold nicht mehr im weiten Bette zu finden, da er sich fortgeschlichen habe,
- und das krnkte sie. Sie wollte nun nicht eher aufstehen, bis er ihr selbst
die neuen goldnen Strumpfbnder gereicht htte, nachdem ihre silbernen
Strumpfbnder beim letzten Tanze feierlich zerrissen und jedem Gast ein
Stcklein zum Andenken geschenkt worden war. Mit diesem Gedanken beschftigt,
sah sie nach dem Boden des Zimmers, weil die Fenster ihr zu hell entgegen
leuchteten, und bemerkte das Schattenbild einer Leiter, auf welcher zwei Beine
standen. Mit vorgehaltener Hand suchte sie zu entdecken, woher dieses seltsame
Schattenspiel sich durch die Fenster sehen lasse, und fand bald, da eine Leiter
ans Fenster gelehnt sei, auf welcher die Beine eines Menschen stnden. Erst
glaubte sie, es sei ein Scherz Bertholds oder eines mutwilligen Bekannten, und
schmte sich, aber die feste Ruhe dieser Beine zeigte bald, der Gebeinte msse
seine Neugierde an der Mauer ber und neben dem Fenster befriedigen, und sie
hielt ihn fr einen Arbeitet, der irgend etwas an dem Hause zu verrichten habe.
Sie wollte eben mit Vorsicht aufstehen, fest versichert, der Mann knne nichts
von ihr durch die blinkenden Scheiben wahrgenommen haben, da ffnete sich der
obere Fensterflgel, und sie erinnerte sich mit Schrecken, da Berthold diesen
der Hitze wegen am Abend geffnet hatte. Es bckte sich ein Antlitz nieder, das
zu den Beinen gehren mochte, sie sah es aber nicht, denn sie war unter die
Decke gefahren. Was war zu tun? Unter der Decke war es zu hei und nicht allzu
lange auszuhalten; ihr Vorzimmer, wo Kleider lagen, war etwa zehn Schrittchen
entfernt, die Zeit mute benutzt werden, wenn der Mann nicht hineinblickte. Aber
konnte er nicht in der Zwischenzeit sich wieder niederbeugen, ehe das Vorzimmer
erreicht war? Endlich war der Entschlu gefat: in der Decke eingehllt, hatte
sie ohne umzublicken das Vorzimmer erreicht, wo sie in Eile die bequemen
Morgenkleider anlegte.
    Nun kehrte ihr gewhnlicher Mut zurck, sie schmte sich der kleinlichen
Besorgnis und wurde neugierig, die Ursache dieses Schreckens nher kennen zu
lernen. Gewi ist es Meister Sixt, dachte sie, die Mutter Hildegard gelobte,
die heilige Mutter am Giebel neu aufmalen zu lassen, wie hat mich der gute, alte
Mann so erschrecken knnen? Sie trat nun dreist ans Fenster, um dem Meister,
den sie gern in allen Sprachen welschen hrte, einen guten Morgen zu wnschen,
trat aber mit neuer Verwunderung zurck, als sie die Beine ins Auge fate. So
riesenhafte Beine mit breiten Waden, knorrigen Kncheln und wohl gepolsterten
Zehen, welche durch die zerrissenen Schuhe blickten, konnten dem drren, kleinen
Sixt nicht passen, auch war die Bekleidung fr den geschniegelten, alten
Niederlnder allzu nachlssig. Die langen, roten Tuchhosen waren nicht aus Mode,
sondern von der Hand der Zeit aufgeschlitzt, doch hatte der Eigentmer die List
gebraucht, die unvermeidlichen Lcken, die sein Bein fllte, mit roter Farbe zu
berstreichen, wodurch aber die Mcken keinesweges getuscht wurden, denn sie
ntigten oftmals die mit dem Pinsel bewaffnete, rechte Hand, die wohl zweimal so
dick, als gewhnliche Hnde war, gegen sie niederzuschlagen, als msse sie das
Gemlde auffrischen. Anna meinte, es sei ein fremder Meister, der hier seine
Kunst an ihrem Hause zeigen wollte, und sie hielt sich fr verpflichtet, ihm zum
mhsamen Werke in der Sonnenhitze einen guten Morgen zu bieten. Guten Morgen
Meister! sagte sie. - Ich bin nicht der Meister, antwortete ihr eine
mchtige, tiefe Stimme, ich bin aber sein Junge. - Wenn Ihr auch noch nicht
Meister seid, antwortete Anna, so steht Ihr doch auf Eurem Platz fest und geht
auf einem groen Fue einher, in jedem Eurer Beine hat ein Meister Sixt Platz
und wenn Eure Kunst Euer Ma hlt, so knnt Ihr einer der grten Meister
werden. - Es wrde schon etwas aus mir werden, entgegnete er mit einem
lustigen Grundton, da die Balken mitbrummten, aber der Meister gibt mir mehr
Schlge als Essen, wenn ich ein Krnchen in der Farbe nicht fein abgerieben
habe, dabei kommt niemand zu Krften, besonders wenn einem die Sonne wie hier
bestndig auf den Buckel brennt. - Wie macht er das, Euch Schlge zu geben,
fragte Anna, ich dchte, er langte kaum zu Eurer Halskrause herauf, wenn er
sich auch auf die Zehen stellte. - Der Meister ist ein listiger Mann, sagte
er und blickte durch das Fenster wie vorher, als Anna noch im Bette lag, indem
er aus dem Farbentopf, der an der Leiter hing, den Pinsel fllte. Sie sah ein
frhliches Gesicht, das wie der Vollmond im Aufgange den Fensterflgel fast
fllte, von groen, blauen Augen durchstrahlt, mit einem dichten Bart von
Milchhaaren umglnzt, erschien er, wie ein Engelskopf unter dem
Vergrerungsglase sich darstellen mchte. - Wie ist denn der Meister so gar
listig? fragte Anna und beschaute das junge Blut mit Freude, wie es in dem
erhitzten Halse pulsierte. - Der Meister ist ein listiger Mann, sagte er, das
sieht ihm keiner an. Wenn er nur jetzt kme, da schnippte ich ihn mit meinem
Finger in die Ecke, aber da wartet er ganz ruhig, wenn ich etwas ausgefressen
habe, was er fr sich zurckgelegt hatte, bis zum andern Morgen und wenn ich im
besten Morgenschlaf liege und fr keinen Preis mich rhren mag, da haut er auf
mich herum, als wre ich ein staubiger Wams da ich es wohl noch fhle, wenn ich
erwacht bin. - Vaterhand schlgt nie zu hart; das Kind, welches sie am
liebsten hat, schlgt sie am meisten, sagte Anna. - Gott behte, sprach
Anton, da die kleine Heuschrecke mein Vater wre, ich bin nur so in der Not zu
ihm gelaufen, als ich noch ein dummes Kind war, und weil er mir damals etwas
Gutes angetan hat, dafr mu ich ihm mein lebelang eigen sein. Ich wollte, ein
Koch wre mein Pflegevater, so knnte ich doch essen, was ich zusammenreibe und
koche, aber so mu ich die Wnde und die Leinewand damit beschmieren; zu einem
Weinkper taugte ich auch besser. - Einen frischen Trunk kann ich Euch schon
geben, sagte Anna, und reichte ihm eine hlzerne Kanne mit dem Abendtrunk
heraus. Er dankte kaum, sondern kippte sie wie eine Nuschale ber, sie dachte
nur, da er einen Zug daraus tun sollte. Anna sah ihn verwundert an, konnte aber
nicht bse werden, sie dachte: Es gehrt wohl etwas in den breiten Hals, auf
welchem der Adamsapfel wie ein Ziehbrunnen auf und nieder steigt, und dann sind
ihm auch so viele Tropfen in seinem Milchbart hngen geblieben, da sich die
Fliegen darin ersufen; will doch sehen, ob er nach solchem mchtigen Zuge noch
Platz fr das Essen behlt. - Will Euch doch etwas zum Zubeien bringen, sagte
sie, holte aus dem Nebenzimmer eine gebratene Hammelkeule und schnitt eine
Scheibe davon ab. Wie heit Ihr; fragte sie, hier ist die Gabel, langt zu! -
Ich heie Anton, sagte der Maler, sage Euch schnen Dank, bin heut vor Tage
aufgestanden und habe kein Frhstck bekommen, weil mich der Alte mit dem Hunger
zum Flei antreiben wollte. - Ohne Verlegenheit steckte er die Gabel durch das
abgeschnittene Stckchen in den ganzen Braten und wie ein guter Heulader
schwenkte er die Gabel, ohne etwas von der Ladung zu verlieren, in die obere
Region, wo sich am Menschen der Mund ffnet. Frau Anna rief: Ob er nicht Brot
dazu esse, das Fleisch sei fett. - Dank Euch, sagte Anton, mein Magen
vertrgt Kieselsteine, wenn ich nichts andres habe; wo ich aber gute Fracht
finde, da mach ich's wie Schiffer in den Niederlanden und nehme keinen Ballast
auf, gebt Euer Brot den Hhnern. - Mit Verwunderung sah ihm Anna zu, wie er so
eifrig essen und malen konnte, sie bekam selbst Elust bei dem Anblicke und
wollte zum Frhstck fortgehen, als Anton sie bat, noch einen Augenblick zu
verweilen, weil er den Kopf der Maria gleich beendet habe, sie mchte aber die
Augen niederschlagen, wie sie im Bette getan, denn mit fast geschlossenen Augen
habe er sie gemalt. Frau Anna schmte sich, da er sie im Bette gesehen habe,
und verbarg das hinter dem Unmute, wie er dem heiligen Bilde ihr sndliches
Angesicht geben knne. - O, sagte Anton, ich male nur das Schne an Euch, das
Hliche lasse ich weg. Die Menschen sind recht sonderbar, uns Malern trauen sie
zu, da wir das heiligste Bild aus nichts schaffen und malen knnen, aber nicht
unserm Herrgott, der die ganze Welt zwar aus nichts, aber den Menschen nach sich
als sein Ebenbild geschaffen hat, wir mssen von unserm Herrgott, aus seinen
Menschen lernen. - Aber es wre mir doch lieber gewesen, sagte Anna, wenn
Euer Meister mich abgemalt htte, wenn ich einmal gemalt sein sollte. - Der
htte sich hier lngst aus Schwindel den Hals gebrochen, antwortete Anton,
auch geht's ihm nicht so von der Hand, wie mir und auf der Mauer will alles
schnell gemalt sein, sonst stimmen die Farben nicht, wenn alles getrocknet ist.
Whrend des Gesprchs frderte sich die Arbeit und Anton suchte die Unterhaltung
deswegen immer noch zu verlngern. Ich mu Euch doch, sagte er, ein
Hochzeitlied bergeben, das der arme Grnewald auf Euch zurckgelassen hat, der
gestern von den Stadtpfeifern ist herausgedrngt worden, er hat die ganze Nacht
geweint, denn er sagte, da er Euch so lange nachgegangen und nun er Euch
gefunden, so unehrlich behandelt sei, da er sich aus Gram nicht mehr wolle
sehen lassen. - Ist er denn schon fort? fragte Anna. Ganz frh zog er fort,
antwortete Anton, aber sein Hochzeitlied habe ich unten in meiner Tasche. -
Zeigt es mir, sagte Anna, es tut mir recht leid, da er schon fortgegangen,
wir hatten ihn gestern vergessen in dem Gewirr, er sang sehr kunstreich.
    Anton stieg die Leiter hastig herunter, um das Lied zu holen da sie an der
Mauer ausgleitete, denn sie stand zu flach. Aber zum Glck fate er den
Fensterrahmen, wo Anna stand, und so kamen beide mit dem Schrecken davon; er
schwang sich unversehrt in das Zimmer, whrend die Leiter niederstrzte. - Gott
sei gedankt, rief Anna einmal ber das andre, Euch fehlt doch nichts! - Es
war mein Glck, da das Fenster offen war, antwortete er und wollte schon
fortgehen, um die Leiter aufzurichten da hrte er Schritte und laute Worte im
Vorzimmer. Es ist der Ehrenhalt, sprach Anna, er wird von mir Abschied nehmen
wollen. - Um Gottes willen verbergt mich, sprach Anton in groer
Verlegenheit, der darf mich nicht sehen, er mchte mich wieder kennen, ich bin
ihm entflohen, helft mir, ich bin verloren. Anna war so berrascht, da sie
nichts zu sagen wute, sondern halb unbewut Anton in ihre Kleiderkammer schob,
sie fhlte ein unwiderstehliches Mitleiden gegen ihn, denn Berthold hatte ihr
schon so mancherlei von der Gewalt verlauten lassen, mit der die Kronenwchter
wirkten. Er trat mit Apollonien ins Zimmer und berbrachte der jungen Frau einen
kleinen, vergoldeten Schrank, wie ein Mnster ausgedreht und geschnitten, in
welchem ein gar schnes Muttergottesbild stand. Das bergab er im Namen der
Grafen von Hohenstock, riet ihr sorgsame Pflege, wenn sie der Himmel mit einem
Kindlein segnete, und da sie sich von den gewaltsamen Ereignissen der Zeit, die
jetzt bald eintreffen mten, in der Pflege und Sorge nicht mchte stren
lassen, endlich nahm er mit einer Herzlichkeit Abschied, wie keiner dem rauhen,
alten Manne zugetraut htte. Anna, von dem seltsamen Vorfalle mit Anton
zerstreut, hrte nur unaufmerksam dem Alten zu und blieb noch unbequemer in
ihrem Gefhle, als die Mutter den Ehrenhalt nur bis zur Tre begleitete und dann
zu ihr umkehrte, um sie schnell anzukleiden, weil Berthold bei dem Brunnen mit
einer Festlichkeit auf sie warte. Anna geriet in groe Verlegenheit, weil die
Festkleider in der Kammer lagen, wo Anton sich versteckt hatte. Was soll die
Mutter denken, wenn ich ihn heraus fhre, meinte sie, oder soll ich mich hier
ankleiden, wo er mich durch die Tr erblicken kann? Aber die Mutter machte
diesen Zweifeln schnell ein Ende, indem sie ungeduldig die Tre ffnete, aus
welcher ihr Anton mit der ruhigen Anfrage entgegentrat: Also ist der Alte fort,
Gott sei gedankt, ich dachte, er htte mich am Kragen! - Die Mutter staunte,
Anna war verwirrt, was sie denken mchte, und Anton sprach wieder: Nun will ich
Euch das Hochzeitlied des guten Grnewald holen, es htte Euch gewi gejammert,
wie er von seiner Liebe zu Euch die ganze Nacht geklagt hat. - Mit diesen
Worten ging er zur Stube hinaus und Apollonia brachte erst nur unvernehmliche
Tne heraus, dann aber rief sie: Wre ich doch so ruhig entschlafen in dieser
Nacht, wie Frau Hildegard, sie wei nichts mehr von deiner Schande, sie hat dich
zum Feste geschmckt, das den lieben Sohn ihr von der Seite nahm, die Einsamkeit
hat sie nicht berlebt, und wie dankst du ihr, da sie so ihr lang gewohntes
Leben, den guten Sohn dir abtrat! Du verrtst ihn an einen Liebesboten, der wohl
gar selbst dich verfhrte, htte ich mein Messer, ich knnte dich mit kaltem
Blute umbringen! - Liebe Mutter, unterbrach sie Anna, bereile dich nicht;
um eine Kleinigkeit, an der ich gar keine Schuld habe, mir zu fluchen!
    Sieh das Malergerst vor dem Fenster, sieh die umgefallene Leiter, die der
Junge eben wieder aufrichtet, und frag ihn, wie er in das Fenster gefallen, da
sieh noch die eine Scheibe, die er eingebrochen hat. Und wie er hier war, da
versteckte er sich vor dem Ehrenhalt.- Und solche freche Lgen kannst du
gleich aus dem Stegreif ersinnen, rief die Mutter, wie oft magst du mich in
Augsburg betrogen haben, aber du sollst den guten, den lieben Berthold nicht
anfhren. Er ist jeder treuen Liebe wert, ich will ihn trsten, er soll dich
vergessen, wenn er fhlt, da doch eine Seele ganz und ewig an ihm hngt, und in
so langen Jahren sich ihm ungeteilt bewahrt hat. - Weh mir, rief Anna, du
sagst zu viel, liebe Mutter, und dein unntzes Schelten ber eine Schuld, die
mit dem leisesten Hauche den Spiegel meiner Seele nicht trbte, erffnet mir
eine schwarze Tiefe naher Besorgnisse, du liebst ihn du gestehst es dir und mir,
du glaubst mich bei ihm in Vergessenheit zu bringen, nie duldet das mein Herz,
und mit aller Glut, wie ich ihn liebe, so will ich alle Netze verbrennen, mit
denen du ihn zu dir zu ziehen strebst.
    Der Streit wre noch weiter gegangen, aber im Augenblicke klopfte Anton an
das zugeschlagene Fenster. Die Mutter ffnete und er reichte ihr ein Blatt und
sprach: Dies ist das Hochzeitlied aber verzeihet mir, da es ein wenig vom
Firnis zusammenklebt die Leiter hat beim Herunterfallen die Firniskruke
zerschlagen und bittet fr mich beim Meister, da er mich nicht dafr auch
zerschlgt, Ihr saht ja, da ich nichts dafr konnte. - Der Vortrag geschah so
natrlich und Anton sah ehrlich und offen in die Welt, da die Mutter in ihrer
Meinung irre wurde und sich endlich ganz von ihrem Irrtum berzeugte. Der
Morgen nach der Hochzeit, sagte sie endlich, ist nie ganz ohne rgernis, darum
machen auch Freunde dazu gern allerlei Spe und Schauspiele, wir wollen auch
dies dafr annehmen, als ob wir selbst mitgespielt htten. Zieh dich schnell an!
Wer lt denn hier am Hause malen, Berthold erzhlte nichts davon. - Frau
Hildegard hat dies Gelbde getan, antwortete Anna. - Die gute, selige Frau,
sagte Apollonia, mag wohl durch meinen Zorn in dieser Morgenstunde gekrnkt
sein, sie wird mir nicht zrnen, ihr Gelbde hatte den Irrtum veranlat. Sei
zufrieden Anna, werde nur nicht eiferschtig auf mich, sieh dich im Spiegel, du
blhende Rose, so freudig sah ich dich nie wie eben mitten in der Kmmernis
unsres Streits, dann sieh mich an und du wirst deine Eifersucht beruhigen,
selbst wenn du meiner Liebe zu dir nicht glauben wolltest. - Anna kte der
Mutter die Hand und sprach: Die gute Mutter Hildegard, nun kann ich ihr keine
Liebe erweisen, aber du lebst doch noch recht lange, sollst dich recht lange mit
erfreuen. Die arme Mutter Hildegard, sie hat es nicht berlebt, da ihr Sohn
fern von ihr schlafen sollte, ach da trage ich unschuldig die Schuld ihres
Todes. - Die Mutter suchte sie zu zerstreuen und sagte: Wir wollen doch einmal
lesen, was der bayerische Meistersnger dir zu Ehren gereimt hat, wahrscheinlich
hat er es schon zu tausend Bruten gesungen, denn darum luft das Sngervolk
immer so umher, da sie an fremde Orte kommen, wo ihre paar Lieder noch fr eine
Neuigkeit gelten; aber es ist schwer zu lesen vor dem Firnis, der daran klebt.

Hochzeitsterne sind verglommen,
Und das schwarze Sonntagskleid
Ist dem Himmel abgenommen,
Alle Lust erwacht in Leid;
Freudig ist nun junges Leben
hl den frischen Tag gestellt,
Der gerhrt des Blickes Beben

Tauend ber dich erhellt.
Und du glaubst dem neuen Tage,
Endlos scheint er, weil er klar,
Es versinkt in Lust die Klage,
Da kein Kranz in deinem Haar;
Sieh, dir blhen tausend Krnze,
Dieser ach versank im Flu,
Fhrt des Lebens Wellentnze,
Lebensflut im stillen Ku.

In der Kraft, die er gesegnet,
In der Hoffnung, die er regt,
Seid ihr beide euch begegnet,
Selig, wem das Herz so schlgt;
Selig, denn die tt'ge Ferne,
Der Gedanken Unbestand,
Und des Glckes Wandelsterne,
Trennen nicht dies innre Band.

Hochzeitmorgen ist gekommen,
Trgt ein feurig Freudenkleid,
Und die Welt erscheint vollkommen,
Feiert euren schnsten Eid,
Mit dem Licht vom ersten Tage,
Als die Erde jugendgrn,
Als zum heiligen Vertrage
Gott dem Menschenpaar erschien.


                               Dritte Geschichte

                                 Gute Hoffnung

Das Fest am Brunnen, welches den Morgen nach der Hochzeit feiern sollte, war
durch den Tod der guten Mutter Hildegard in seinem Wesen gestrt worden, manches
blieb unbeendigt, weil Berthold sich der geliebten Toten nicht entreien konnte,
und die scherzenden Masken sandte er alle zu dem Hause des Herrn Brix, wo Kugler
seit der Hochzeitnacht eingezogen war. Auch versptet war das Frhstck am
Brunnen durch den langen Schlaf Annens, die Sonne schien dort zu hei, und der
Tisch mit den Sesseln wurde auf Annens Bitte, unter die uralte, schattige Linde
gestellt, unter der Berthold einst den Schatz gefunden hatte. Er ward
nachdenklich und sprach wenig, so da ihm Anna Vorwrfe machte, wie er an
solchem Tage fremden Gedanken Raum gebe und da er sie am Morgen so frh
verlassen habe. Unter mancher Zrtlichkeit erzhlte er ihr nach und nach, was
ihn geqult und erweckt hatte Als wir vor dem Altare in der Nonnenkirche
standen und der Geistliche Himmel und Hlle des Ehestands mit gewaltiger Stimme
malte, da flossen meine Augen in Sorge und Seligkeit, in Vorahndungen des Lebens
und des Todes, aber ich schmte mich dieser Trnen vor dir und wendete mich ab,
um sie unbemerkt zu trocknen. Und wie ich so zur Seite blickte und meine Augen
sich aufklren, da erblicke ich einen Kriegsmann von alter Tracht, der groen
Anteil an der Feierlichkeit zu nehmen schien, da war mir, als sei es derselbe
Alte, derselbe alte Herr, den ich immer fr ein Schattenbild des Barbarossa auf
Erden gehalten, wenn er in Wolken vorberzieht, der mir hier die Kapelle der
heiligen Knige zeigte, die ich bis jetzt noch nicht wieder fand, der mir den
Schatz verlieh, der mich aufforderte, diese Baustelle zu erstehen, auf der ich
allen Reichtum erwarb, und mit Schrecken erinnerte ich mich bei einem Worte des
Geistlichen von der Wandelbarkeit des Irdischen, da der Alte mir diesen Schatz
mit allem, was ich dadurch erwerbe, nur auf so lange verliehen habe, bis er es
zurckfordere. Ich wandte mich ab von dem Alten und blickte nach dem
vergitterten Nonnenchore und sah ein Antlitz halb befreit vom Schleier, der sich
zur Seite gedrckt hatte, und meinte die geliebte Mutter, meine rechte Mutter,
sehr veralten, doch unverkennbar wieder zu sehen. Diese Erscheinungen kreuzten
sich und verwirrten mich; als ich wieder um mich blickte, waren beide
verschwunden und ich frchtete, da die lebhafte Anregung des Tages mich um den
Verstand bringe. Beim Gelag hatte ich das alles vergessen und bald war auch das
Gelag vergessen und du weit vielleicht, wie alles gekommen, aber ich schlief
doch endlich ein, schlief lange ruhig, bis ich denselben Alten, der mich in der
Kirche erschreckt hatte, wieder zu sehen glaubte. Er sagte mir, da meine Zeit
abgelaufen sei, da ich ihm alles wieder erstatten solle, was er mir geliehen,
ich sei jetzt gesund, ich kennte die Welt und ihre Geschfte und sollte mich
jetzt allein durchschlagen. Da dachte ich deiner, wie ich der Armut dich
hingeben mte, und konnte meinen Zorn nicht migen, so unbegreiflich ist der
Mensch sich selbst im Traume, ich ergriff das Messer, welches ich damals bei dem
Schatze gefunden, und durchstach den Alten, und der Alte war ich selbst, ich
hatte mich selbst erstochen. Da erwachte ich und konnte nicht wieder
einschlafen, weil Meister Sixt vor dem Hause malte und mir die letzte Ruhe nahm,
so viel mein Gewissen mir noch brig lie. Sieh nur, um diese meine innere
Vorwrfe zu mehren, hast du den Tisch hieher unbewut gesetzt, wo mir der Alte
den Schatz zeigte. - Anna lachte ber diesen Gram: Der Traum bedeutet immer
sein Gegenteil, sagte sie, das wissen alle Traumbcher, und was der Mensch im
Traume tut, mchte er wachend gern meiden; liebst du mich recht, so vergit du
alle die Einbildungen in einem Kusse von mir. - Noch etwas geht mir im Kopf
herum, fuhr Berthold fort, der Ehrenhalt hat mir nur Geschenke gebracht, um
Anforderungen an mich zu machen. Er spricht von meinem Vetter, von dem Grafen
von Hohenstock, da er bldsinnig sei, da mir das Schlo Hohenstock vielleicht
bald zufallen knne da groe Begebenheiten um uns her reiften, bei denen ich
dort Sicherheit und Anhang mir und den Meinen erringen knnte; ich sollte das
Schlo als Fremder besuchen, wie es mir gefalle. Ich mochte mich nicht darauf
einlassen, ich wollte es dir sogar verschweigen, aber der Traum, die Mglichkeit
mein erworbenes Gut zu verlieren, machten mich aufmerksam auf das Ererbte. Gib
deinen Rat, aber gelobe mir Verschwiegenheit. - Anna besann sich keinen
Augenblick, sie sah sich dort im Geiste wie die kurfrstliche Braut zu Augsburg
empfangen, sie dachte sich das Schlo im Verhltnis zu dem Hause in Waiblingen
in steigender Herrlichkeit, wie sich dies zu ihrem Huschen in Augsburg
verhalten; sie konnte sich der Sehnsucht nach diesem alten, geheimnisvollen
Stammschlosse nicht erwehren, sie versicherte Berthold, da sie ihre Zunge nur
beschwichtigen knne, in sofern ihr Berthold das Versprechen gebe, noch diesen
Sommer das Schlo zu besuchen. - Berthold gab ihrem Willen nach und beschlo
unter dem Vorwande, einen Wallfahrtsort, oder einen Sauerbrunnen besuchen zu
wollen, den Weg dahin einzuschlagen. - Sie wurden in dem Gesprche von Meister
Sixt gestrt, der feierlich mit Devotion kondolierte und gratulierte, auch
berichtete, da er den letzten Auftrag der seligen Frau Hildegard wohl beendet,
die heilige Jungfrau am Giebel aufgemalt und dafr einen Gulden in Submission
einzufordern habe, er bitte diese Votivtafel zu inspizieren und ihn zu
remunerieren, wenn das Werk seinen Meister lobe. Berthold folgte ihm mit Annen
und war sehr erstaunt, ein sehr vollkommnes Bild seiner Frau an der Stelle des
verblichenen heiligen Bildes zu sehen, und weil es ihm lieb war, so schien es
ihm recht. - Aber wie schn ist das Christuskind, rief Anna, einmal ber das
andre, schenkte mir doch der Himmel solch ein krftig freundliches Kind, in ihm
ist Segen fr die Welt und ihre reichste Zukunft. - Berthold aber zog Meister
Sixt bei Seite und fragte leise: Gleicht das Kind nicht Eurem Anton, wahrhaftig
so mu er als Kind ausgesehen haben. - Anna wollte wissen, was er gesprochen
habe, und Berthold antwortete gleichgltig: Ich erinnerte den alten Herrn, da
er dies Kind nach einem jungen Gesellen gemalt hat, der bei ihm in der Lehre
steht. Anna mute ihm innerlich recht geben und wurde uerlich so rot, da sie
sich abwenden mute, sie gedachte der unangenehmen Verwirrung am Morgen und
htte lieber das Bild gleich abreien lassen.
    Kugler und seine Frau kamen jetzt zu ihnen, um Abschied zu nehmen. Das tat
dem ehrlichen Knaben gar weh, sonst war er seelenglcklich mit seiner Wahl, er
wute nicht genug anzurhmen, was er alles zum Dank unserm Berthold antun
mchte, er wnschte, da er in Not kommen mchte, um ihm die Treue seiner
Freundschaft zu beweisen.
    Nun ging alles zur Einrichtung der Wirtschaft ber, und Anna lernte ihre
Magd Verena, die sie zunchst bediente, nher kennen. Diese klagte bei ihr
Jammer und Not ber die Magd der Mutter Apollonia, ihre leibliche Schwester,
welche Sabina sich nannte, da diese Bses von ihr rede, und auch Frau Anna
beschuldige, was sie kaum nachsagen mge, den jungen, schnen Maler Anton zu
sich ins Fenster eingelassen zu haben, sie scheine das von ihrer Frau gehrt zu
haben. Sie habe ihr darauf den Mund verboten, denn wenn einer reden wollte, so
wre genug darber zu sagen, warum Frau Apollonia immer dem Herrn im Garten
nachgehe, auch ihn ksse, es wisse jeder, da sie einst mit einander so gut wie
Eheleute gewesen, aber die Zeit sei vorber. - Anna verbot dem Mdchen zu reden,
das Mdchen aber kehrte sich wenig daran, sie war zu heftig ereifert, nur wandte
sich jetzt ihr Zorn gegen ihre Schwester, die zu demselben eigentlich die Hefen
eingerhrt hatte, sie berichtete, wie diese immer von den Schsseln beim
Auftragen nehme, nur fleiig spinne, wenn die Frau es she, gern zu den Knechten
in den Stall gehe, sich immer Wege in die Stadt mache, auch beim Einkaufen mehr
an sich als an die Herrschaft denke, da sie nur fnf Hemden habe und darunter
sei eins noch stark zerrissen und nicht einmal geflickt, ihre Schrzen wren
aber ganz unbedeutend. Aber sag nur, fragte Anna, die eigentlich aus
Gewohnheit gern den Mgden zuhrte, wie habt ihr euch so verfeindet, ihr beiden
Schwestern, nachdem ihr hier blo darum in Dienst getreten, weil ihr so nahe
beisammen wohnt. - Das Mdchen wollte die Ursache nicht sagen, ihre Schwester
sei aber an allem schuld, sie wolle ihr aber alles gebrannte Herzeleid antun. -
Anna gebot Frieden, aber das half nur gegen schnellen Ausbruch der
Feindseligkeiten. Jeden Morgen frh war immer ein dumpfes Schelten der beiden
Schwestern am Brunnen, wenn sie frh Wasser holten, ein Keifen, als ob es an
Wasser fehle, und doch lief dies im berflu.
    Berthold schalt einmal, als er spt Abends zu Apollonien gehen wollte, da
so viel Wirtschaftsgert, Eimer, Tpfe und Kupfergeschirr am Brunnen gestanden,
er sei darber gefallen. Verena machte daraus eine seltsame Historie, erzhlte
Annen, ihr Mann gehe Abends, wenn sie ihn im Garten beschftigt glaube, gar
heimlich zu Frau Apollonien, so da es Annen gar hei berlief, sie konnte mit
ihrer Mutter nicht mehr frei und offen sprechen. Darauf hrte sie in der Stadt,
da von einem Kobold die Rede sei, der an ihrem Brunnen alles Geschirr reinige,
aber auch sehr bsartig sei, wenn einer ihn stre. Sie befragte Berthold, der
lachte ber das Mrchen, er sei so oft am Brunnen gewesen. Verena aber winkte
mit den Augen bei dieser Aussage ihrer Herrin und berichtete beim Ausziehen, der
Herr poltere oft so spt bei den Geschirren am Brunnen herum, da hielten die
Leute ihn fr einen Kobold und htten schon in der Stadt ausgebracht, sie und
ihre Schwester htten sich wegen des Kobolds entzweit, wenn er nicht allen
beiden die Arbeit abnehmen wolle, er gehre nur zum Hause des Bertholds und die
Schwester setze immer ihre Gertschaften unter die ihren, aber das sei Lge, und
rief alle Heiligen zu Zeugen, da sie sich mit keinem Kobold abgebe.
    Sabina qulte mit ihrer Znkerei die Frau Apollonia weniger, weil diese
strenger war, sie nistete sich aber auf feinere Art ein. Apolloniens
Zrtlichkeit zu Berthold glaubte jetzt, wo er ihr als Schwiegersohn verbunden,
keines Zaums zu bedrfen, sie uerte ihm gern ihr Wohlwollen durch jedes gute
Zeichen, nahm jedes von ihm an, fand auch darin einen Ersatz, als es ihr schien,
da die Tochter von ihr unabhngig sei, sie weniger aufsuche und andre
Gesellschaft vorziehe. Sabina erfand sich eine Menge Freundlichkeiten von
Berthold, die sie der Frau berichtete und ihr schmeichelte, am Abend aber die
Schwester damit zu rgern. Das alles erfuhr Anna, nachdem es kaum einen halben
Tag ersonnen oder mideutet war, und machte die Stolze ihrem Berthold auch keine
Vorwrfe, so spottete sie doch wohl gegen ihn ber die Mutter und Berthold
verteidigte sie mit Wrme und sagte wohl noch mehr, als er eigentlich glaubte,
eben weil ihn die unerklrliche Hrte in der Tochter rgerte.
    Ein Zufall reifte die Stacheln an der Hecke zwischen beiden Husern.
Apollonia war in ihrer Arbeit sehr emsig, obgleich sie es jetzt nicht mehr
bedurfte, nun ein gutes Vermgen mtterlicher Seite ihr zugefallen war. Es brach
ihr spt am Webstuhle etwas in dem Kamme, sie schickte Sabina damit zum
Verfertiger, da er es gleich in Ordnung bringe. Es sieht manches wie eine
kleine Arbeit dem aus, der sie nicht zu machen versteht. Die Arbeit versptete
sich, die Nacht war dunkel hei und Apollonia ging selbst ungefhr gegen
Mitternacht an den Brunnen, um ihren Henkelkrug zu fllen. Sie nahte sich ohne
Absicht leise, denn sie ging bequem und stand nicht ohne Schauder neben einer
groen Gestalt, die am Brunnen auf etwas zu warten schien. Kaum hatte sie den
Entschlu gefat, dies unheimliche Wesen ein wenig zu betrachten, ehe sie
entliefe, so wurde ihr der Mond gnstig, trat hervor und beschien einen blonden,
herrlichen Lockenkopf, der im Augenblicke nach dem Garten Bertholds entsprang.
Die Angst und die Besonnenheit geboten ihr zu schweigen, es war Anton, sie
konnte nicht zweifeln. Was wollte er so spt? Berthold war in einem Geschfte
ausgereist, Anna hatte sich den Abend verleugnen lassen. Sie wurde wieder irre
an dem guten Glauben, den sie den Entschuldigungen der Tochter am Hochzeitmorgen
geschenkt hatte; ihre Qual war gro, denn ihre Rechtlichkeit war unerbittlich
strenge. Sie gewann es ber sich, nicht laut zu werden, es fiel ihr ein, da
Berthold von einer Reise nach Hohenstock gesprochen. Sie glaubte, da sein guter
Geist ihm den Rat eingegeben htte, und beschlo ernstlich, mit allem ihren
Einflusse auf ihn, dies Unternehmen zu frdern.
    Anton, denn er war es wirklich gewesen, hatte nicht geringeren Schrecken
ber Frau Apollonia, als diese ber ihn erfahren, er meinte sich schon beim
Meister angeklagt und bestraft. Die Bosheit der Frau, als er damals so
unschuldig in Annens Zimmer gekommen, lie ihn viel schlimmere Bosheit ahnden,
nun er in gewissem Sinne schuldig war. Er war wirklich der Kobold, der da
nchtlich am Brunnen die Geschirre reinigte, was den beiden nachlssigen Mgden
zu beschwerlich war. Er hatte sie in den Vorbereitungen der Hochzeit kennen
gelernt und war in dem Drange der Arbeiten fr seine Hlfe in der wohlbesetzten
Kche von ihnen gelohnt worden. Fr diesen Preis setzte er bei dem teuflischen
Geize des Meisters, der ihm das Brot verschlo, diese geringe Arbeit Nachts
heimlich fort, und die Sache htte lange in Ruhe geschehen knnen, wenn nicht
beide Schwestern gar zutuliche Liebe zu ihm empfunden htten. Da er aber von
eigner Gleichgltigkeit gegen beide blieb und wohl ihre guten Bissen, aber nicht
ihre Ksse annehmen mochte und sich beide doch fr schn hielten, so meinte
jede, die andre habe heimlich mehr Vertraulichkeit mit ihm und das brachte sie
gleich in Neid und Eifersucht. Als er nun gar in der nchsten Nacht ausblieb,
ward der Unfriede am Brunnen gro. Berthold kehrte am andern Morgen heim und
sprach zufllig erst bei Apollonien an, so schien seine Untreue der harrenden
Anna gewi.
    Whrend Apollonia ihm heftig zrnte, trat Berthold mit freudigem Gru und
Gaben ein, erzhlte von den schnen Burgen der befreundeten Ritter und drang in
Annen, wie Apollonia eben in ihn gedrungen war, die Reise nach Hohenstock mit
ihm zu unternehmen, es komme kein Schlchter aus jener Gegend in die Stadt, der
ihm nicht Briefe mit Anmahnungen des Ehrenhalts berbringe, dort einen Besuch
abzustatten, und je mehr er das Leben der Ritter kenne, je weniger lasse sich in
ihm das Gefhl unterdrcken, da er noch zu etwas anderm, als zur Wollrechnung,
bestimmt sei. Der Antrag kam ihr jetzt so willkommen, sie hoffte, Berthold werde
sie ausschlielich lieben, wenn sie mit ihm allein wre, sie gab ihren Beifall,
sie wollten beide vorgeben, da sie Klostereinsiedlen in der Schweiz zu besuchen
gelobt htten.
    Es war Sonntag, sie fhlte dunkel, da sie dem Manne unrecht getan habe,
oder aber wie Grnewald oft sang:

Sonntag hat ein eigen Wesen,
Innres Streben, ure Ruh,
Mag von sel'gem Glauben lesen,
Lt den Drang der Zeit nicht zu.

Sie wollte beichten und nahm ihr schwarzes Gebetbchlein, ging aber nicht zum
Hause hinaus, sondern in den Garten, wo ohne da sie es wahrnahm, der eifrige
Grtner Berthold beschftigt war, seine Lieblingsblumen selbst zum Strau fr
die Frau abzupflcken. Da kam eine hohe Frau in den Garten mit einer Harfe und
einem Kstchen, worin Feigen und Apfelsinen, trug einen grnen Hut mit einer
Feder darauf, grne Jacke mit kurzem, bunten Rock, auch bunte Strmpfe, sie
nannte sich eine Tirolerin, die aus der Hand weissage, und Apollonia meinte sie
schon in Augsburg gesehen zu haben. Anna klagte ihr, da sie vergessen habe, was
sie noch eben beichten wollte, und die Tirolerin, - oder vielmehr Grnewald, der
so verkleidet war und sich etwas mit Wahrsagen abgab, - prophezeite ihr, was er
ihr ansah, und hat alles nachher in Reimen abgesungen, wie es da erging:

Der Sonntag winkt mit stillen Blicken
Und schmckt ein jedes Blumenbeet,
Der Grtner will ein Strulein pflcken,
Weil seine Frau zur Kirche geht.
Und kann sich immer nicht entschlieen,
Wo er sein Messer brauchen soll,
Die Blumen sich im Tau noch kssen
Und Herz am Herzen hngt so voll.

Da kommt sein junges Weib gegangen,
Ihr schwarz Gebetbuch in der Hand,
Ihr Blick gesenkt im frommen Bangen,
Zur Laube hat sie sich gewandt;
Wie heimlich glht die Geiblattlaube,
Ihr Schatten ist ein duftig Bad,
Und drinnen girrt die Turteltaube
Und Nelken glnzen an dem Pfad.

Da spricht die Frau mit bangen Sorgen:
Vergessen ist die Sndenschuld,
Was wollt ich beichten heute morgen,
Ach Gott, hab nur mit mir Geduld.
Ach htte ich nur eine Stunde,
Mir fielen wieder Snden ein,
Aus welchem bsen Sndengrunde
Mag ich wohl so vergelich sein.

Der Grtner hat sich nicht verstecket,
Doch ist er nicht von ihr gesehn,
Die Reben haben ihn gedecket,
Er staunet still, wie sie so schn;
Es kniet sein Weib am Bnklein nieder
Und deckt das holde Angesicht
Und steht dann auf und saget wieder:

Was ich gesndigt, wei ich nicht.
Der Mann will eben zu ihr springen,
Und ihr in Kraft von Lieb und Lust,
Vergebung fr die Snde bringen,
Die ihrem Herzen unbewut,
Da hrt er eine Harfe klingen,
Sieht eine Frau mit grnem Hut,
Die ihr will se Frchte bringen,
Die Frau sagt wahr und ist ihr gut.

Sie kt die Hand des schnen Weibes
Und rufet mit Verwundrung aus:
Du bist gesegnet deines Leibes,
Und Segen kommt nun in dein Haus!
Beschmt will es die Frau nicht glauben,
Und klagt, wie schwer zu Mute ihr,
Tirola spricht: Eh' reif die Trauben,
Die jetzt so hart, dann glaubst du mir.

Ihr glaubt die Frau, und heil'ge Blicke
Wie Perlen sie umkrnzen schn,
Tirola singt von ihrem Glcke
Zu ihrer Harfe Vollgetn;
Was sie gedrckt, war keine Snde,
Es war die ungewohnte Lust,
Da sie den Dank zu Gott verknde,
Erhebt Gesang die freud'ge Brust.

In wessen Herz die Snde schweiget,
Da klingt des Herren Lobgesang,
Das Dasein sich so freundlich zeiget,
Wenn neue Hoffnung es durchdrang;
Sie fleht, da sie der Herr durchdringe
Mit seines Geistes Gegenwart,
Da frh ihr Kind den Geist empfinge,
Wenn es noch bildsam, rein und zart.

Da kann der Grtner sich nicht halten,
Er stimmt ins fromme Lied mit ein,
Und mu die Hnde betend falten:
So mu sich eine Kirche weihn!
Und er gelobt, an dieser Stelle,
Zum Angedenken dieser Gunst,
Will er erbauen die Kapelle
Mit hocherfahrner Bildner Kunst.

Es steht die Frau in Scham betroffen,
Woher er ihr Geheimnis wei?
Er spricht: Ich sah den Himmel offen,
Ein Engel sagte es mir leis:
Und alles Geld, was du gesparet,
Den Armen gib zum Freudenmahl,
Da Gott, der Herr, dein Kind bewahret
Und fhrt es leicht zum Sonnenstrahl.


                               Vierte Geschichte

                               Schlo Hohenstock

Der Reisewagen schwankte heftig ungeachtet des langsamen Fahrens ber die rohen
Steingerlle, die im Bergwege lagen, da Berthold lngst mit der Frau Anna
ausgestiegen war und sich zu dem Ehrenhalt und Grnewald, (der als Tirolerin
gekleidet) gesellt hatte, die neben dem Wagen gingen und mit einander den Wagen
durch Stricke, die sie an beiden Seiten angebracht, vom Umsturz abzuhalten
suchten. Das ist ein Mordweg! sagte Anna. - Es ist noch nicht unser
schlechtester Weg, meinte der Ehrenhalt, so kann er freilich nicht in Ordnung
gehalten werden, wie die Wege nach Augsburg, hier fhrt kein Gterwagen, kein
Reisender, zum Holzfahren ist er immer noch gut genug. - Warum bleiben wir
nicht hier oben, fragte Grnewald, der Wald ist khl, die Erdbeeren reif und
mein Blumengewinde wchst mir immer wunder barer in der Hand, da ich Euch
endlich damit umgrten mu, Frau Anna. Weilt hier. Der grn bewachsene,
meilenweite Sumpf da unten ist fr die Kiebitze, die darber schreien, da die
Leute ihnen ihre sommerfleckigen Eier nehmen. Und was ist das fr ein
Schwalbennest in der Mitte, sieht aus wie eine gebrochene Kinnlade mit schwarzen
Zhnen, da mchte ich nicht begraben sein. - Der Ehrenhalt verwies sie als eine
unverstndige Nrrin zur Ruhe, bei ihrem Kuhmelken und Pomeranzenverkauf werde
sie viel wissen, was zu einer Ritterburg gehre. Seht Herr, sagte er zu
Berthold, das ist Hohenstock, weil der Fels, worauf es steht, wie der Stock
eines Baumes aus dem tiefen Bruch heraus sieht. Das ist gegen jeden Angriff
sicher, wenn die Brcke und der einzige Damm zerstrt sind, der bis dahin fhrt.
Durch den Sumpf watet kein Mensch und die warmen Quellen hindern, da er je
zufriert; der Kaiser mag klug sein, aber wre er recht gescheit, so setzte er
sich in Ruhe auf Hohenstock, wrde einer der Unsern und liee die regieren, die
dazu geboren sind. Bei uns da ist alles im berflu, was sich ein Mensch
wnschen kann, Fische, Wildbret, Frchte, auf der Welt gibt's keine fruchtbarern
Grten, als die Ihr so rings an dem Schlofelsen glnzen seht. Gott gebe, da
ich von der Wacht auf der Kronenburg entlassen, dort endlich in Ruhe meine Tage
beschlieen kann. - Berthold und Anna wollte das Schlo nicht so erfreulich
erscheinen, doch uerten sie nur, da ihnen der Bau gar seltsam verwirrt
scheine, die Gebude lgen in allerlei spitzen Winkeln, selbst in Krmmungen an
einander, wie Kinder in ihren Spielen zu bauen pflegen. - Das versteht unser
einer nicht, antwortete der Ehrenhalt, aber seht, das groe Schlo nach dieser
Seite gehrt Eurer Linie, und das kleinere drben gehrt dem Grafen Rappolt, und
in dem Mittelschlosse ist die Kapelle und der Waffensaal. - Vom Grafen Rappolt
habt Ihr mir nie ausfhrlich gesprochen, sagte Berthold. - Es ist nicht viel
von ihm zu sagen, antwortete der Ehrenhalt als da er Euer Oheim ist, er ist
meist verwirrt im Kopfe und was ihm allen Verstand nimmt, ist die Liebschaft zu
seiner Ausgeberin Itha, die sein Sohn nicht mehr bei ihm dulden will, weil sie
dem alten Manne alles abstiehlt und den Ihren zusteckt. Ihr mt ihn wohl
besuchen, aber weiter kmmert Euch nicht um ihn, es kommt nichts dabei heraus,
als da Euch der alte Herr leid tut.
    Ein Wchterhorn von der Dammwarte verkndete ihre Ankunft nach dem Schlosse,
als der Weg anfing, gepflastert zu sein. Alle stiegen in den Wagen und nun ging
es fast eine Viertelstunde in vollem Lauf ber den hohen Damm, der an beiden
Seiten mit Obstbumen und Weiden besetzt war, und ber Brcken dem Schlosse zu,
dessen hohe Lage sie erst jetzt in der Ebene erkannten.
    Endlich rollten sie durch das enge Tor und da ging es langsam durch den
schmalen Burgweg hinauf, der allmhlich ansteigend um den Felsen lief, auf einer
Seite von Mauern mit Trmen gedeckt, auf der andern Seite mit kleinen Husern
und Stllen besetzt, vor denen Landleute in so schlechter Bekleidung standen,
da die Stdter sie fr Bettler hielten. Nein, sagte der Ehrenhalt, das sind
in ihrer Art sehr reiche Leute, aber sie gehen gern bequem in ihren Kleidern und
mgen sich ihr gutes Zeug nicht verderben; die haben mehr aufs Brot zu
schmieren, als Eure Federhnse in der Stadt, die sich vor Gott mit dem
Sprichwort rechtfertigen: Ein jeder sieht den Kragen und keiner in den Magen. -
Der Wagen hielt vor dem alten Schlosse und sie traten in groe, gewlbte Zimmer,
die nur von sehr kleinen, ohne Regel verteilten Fenstern erhellt waren, aber die
Aussicht war schn ber die grne Flche nach dem Gebirge, ein grnes Meer voll
Vgel, statt der Fische. Auf eigensinnige Art war der Boden zwischen den
verschiednen Zimmern verungleicht, es muten immer Stufen gestiegen werden, um
aus einem Zimmer ins andre zu gelangen. Groe, schwere Schrnke von Eichenholz,
mchtige, gepolsterte Lehrsthle, groe, runde Tische und ein Bette, in dem wohl
viere Raum hatten, zierten das grte, mit achteckigen Steinen gepflasterte
Zimmer. Hier ist das Schlafzimmer fr die Gste, sagte der Ehrenhalt, lat
Euch ja nicht merken, da Ihr eigentlich hier mehr zu befehlen httet, sonst
mt Ihr hier bleiben gegen Euren und meinen Willen. Anna erbleichte etwas, sie
schrieb es dem mit Kaliums bestreuten Boden zu, auch war mit Wacholder
geruchert, weil das Zimmer so lange unbewohnt geblieben. Anna sah zum Fenster
hinaus, um eine gewisse Beklemmung ihres Herzens aufzulsen, aber sie mute es
vor aufbringendem, blen Geruche schlieen. Ihr mt Euch nicht verwundern,
sagte der Ehrenhalt, da unten ist der groe Hundestall, doch wenn er Euch
lstig, so schaffen die Knechte morgen alles fort. Kommt heute zu dem Oheim im
zweiten Anteile, doch mu ich Euch vorher sagen, die vielen Kinder, die da
herumfaulenzen, sind keine echte, das ist so uneheliches Zeugs, von ihm und der
Frau Itha, seiner Ausgeberin, und Gott wei von wem noch sonst; haltet Euch die
vom Leibe, die schnffeln und betteln berall, sind Wild- und Fischdiebe, wie
keine auf der Welt; wenn der alte Graf ihnen nicht tglich die Haut gerbt, so
behlt der erste Anteil nichts.
    Nachdem Berthold und seine Frau angemeldet waren, so traten sie in das
Zimmer des alten Oheims, der ihnen wie ein ernstes Knochengerippe von einem
Riesen der Vorzeit entgegen trat und sie feierlich, doch verlegen, nicht als
Verwandte, sondern als Fremde begrte. Es wollte sich kein Gesprch anknpfen,
der Alte brummte einige unverstndliche Hflichkeit, whrend Berthold und Anna
mit Verwunderung das Zimmer berblickten. Ein kleines Mdchen futterte da
unzhlige, junge Hhner, whrend die alten Gluckhennen gegen einander eiferten,
eine Mstgans wackelte auch herbei und die Nudeln, mit denen sie genudelt werden
sollte, dunsteten mit schrecklichem Geruch von dem scharf geheizten Stubenofen,
in welchem gebacken wurde, whrend die Fenster gegen die Sommerhitze
verschlossen waren. Drei alte, fette Hunde, deren Haar vom steten Liegen
abgerieben war, bellten von den schmutzigen Polstersthlen, indem sie sich
ausstreckten, an der Decke wankte ein groer Wermutbschel mit den
Fliegenleichen und eine Wetterdistel drehte sich, als ob sie ein nahes, bses
Wetter verkndigte. Sollte dies aber aus einer Weltgegend kommen, so mute es
zunchst von Frau Itha ausgehen, die im Hintergrunde den geschundnen, blutigen
Krper eines Hasen spickte. Dies Ungewitter mit starken Schlgen traf aber ein
etwas erwachsenes Mdchen, das sich an Anna heran geschlichen hatte und ihr die
Rcke sacht von der Seite ein wenig aufhob um zu sehen, von welchem Zeuge ihre
Unterrcke wren, denn das erklrte sie jetzt unter der peinlichen
Backengerichtsordnung der Mutter, als einzigen Grund ihrer heimlichen
Bestrebungen. Der alte Rappolt wollte gern Frieden stiften, drckte aber dabei
vorsichtig wie eine Katze, die Schlge frchtet, die Augen zu, auch wurde seine
Vermittelung abgewiesen. Dagegen stiftete sich sogleich Friede, als ein junger,
derber Bursche Frau Ithen mit den Worten in die Hnde griff Mutter, Sie ist
verrckt, was sollen die fremden Leute von Ihr denken, Sie meint noch immer, da
Sie die Schweine unter sich hat, geh Sie mit Ihrem Kchenschmutz in die Kche.
Frau Itha entschuldigte sich und ging fort, der alte Rappolt sah mit dankbarer
Rhrung den hflichen Jngling an und erklrte sich offner gegen Berthold. Die
gute Frau sei sehr heftig, aber sie sei sein einziger Trost, er msse beherrscht
werden, Gram nehme ihm die Besinnung, und ohne ausgezankt zu werden, komme er zu
keinem Entschlusse. Sie sollten sich vor den Kronenwchtern in acht nehmen, fuhr
er nach kurzem Stillschweigen fort, eben so auch vor den andern. Er habe einen
schnen Sohn von seiner verstorbenen, geliebten Frau gehabt, mit Namen
Friedrich, den htten sie zuerst auf der Kronenburg erzogen, der sei von einem
fremden Ritter in das Wasser gestrzt worden, er habe es unter der Hand
erfahren. Darauf er nach langen Jahren Zwillingsshne, Anton und Konrad
bekommen. Bald htten ihm die Kronenwchter seinen krftigen, hell gelockten
Anton genommen und der sei entflohen, kein Mensch wisse wohin, nun sei ihm nur
noch Konrad brig, der sei ein drrer Neidhart von Jugend an gewesen und werde
jetzt auf der Kronenburg erzogen, wolle da nicht mehr gut tun, sie wrden ihn
auch bald bei Seite schaffen. Als er dies beendet, fiel er in ein Weinen und der
Bastard riet Berthold fortzugehen, denn, sagte er, kommt Vater auf die alten
Geschichten, da wei er nicht mehr, was er will, da kann die Mutter kaum mit ihm
fertig werden, da will er Waffen anlegen und darf doch nicht heraus. Er hat
einmal in seinen frhern Jahren die Kronenburg verraten wollen, ist im
unterirdischen Gange im Sperrwasser gefangen und aufgefischt worden, seitdem
mute er hier hocken. Sie wollten nur Shne von ihm haben, dann, sagten sie,
wollten sie ihn hinrichten. Wie ginge er so gerne auf die Jagd, aber er darf
nicht heraus, da sieht er drben die Hirsche am Gebirge sich sonnen, seht Ihr,
wie er hinsieht, er kennt alle am Geweihe, er darf aber nicht heraus. Das hat
ihn so unsinnig gemacht. - Aber hrt er denn nicht, was du jetzt sprachst,
fragte Berthold, indem er mit Annen fortging. - Kein Wort hrt er, wenn er so
in sich versinkt, antwortete der Knabe und nahm Abschied.
    Berthold und Anna sahen einander verlegen an, als sie auf ihrem Zimmer
allein waren, Anna war sehr enttuscht von den hohen Erwartungen grflicher
Herrlichkeit, Berthold warnte sie, gegen niemand davon zu reden, sie stnden in
einer unerbittlichen Gewalt. Die Tirolerin kam jetzt herein und brachte viele
Nachrichten von der Burgverfassung. Eben seien wohl zehn Raubgesellen in Dienst
genommen, um einem Nachbarn, der sich gegen die Bauern vergangen, das Vieh
wegzutreiben, die tobten und tanzten in der Gesindestube, niemand hre ohne
Fluchen und Schlge, was ihm gesagt wrde: der eine habe ihr das Essen
umgestoen, weil er sie durchaus kssen wollte. Die Rosse lgen im Hofe, da
niemand gehen knne, die Hunde heulten und bissen aus allen Ecken, und die Enten
strmten die Kche, der Ehrenhalt sei fort und sie wisse keinen andern Rat, als
da sie drben aus der Kche sich etwas ausbte, um ihre Herrschaft zu speisen.
    So waren beide gentigt, bei Frau Itha anzusprechen, die eben in dem Kreise
mehrerer andrer Frauen beim Mahle sa, die sie ihnen als die Weiber von
Kronenwchtern vorstellte, welche dahin gekommen, um ihren Mnnern weie Wsche
zu bringen. Alle fielen ber Frau Anna her, sie zu herzen und zu kssen. Der
Becher ging fleiig umher, Frau Itha ging zuweilen in die Schlafkammer, wo der
Alte jammerte, und brachte ihm etwas, klagte aber dann bitterlich zu Annen, was
sie fr einen alten, gebrechlichen Herrn habe, wie der sie plage, da sei sie mit
ihrem Berthold besser versorgt. Nun erzhlten die Frauen von den Taten ihrer
Mnner: wie vielen Herren der eine gedient habe, ehe er von den Kronenwchtern
aufgenommen sei, wie der andre einen Mauren im Zweikampfe erlegt habe, wo ein
dritter unter den Schweizern gegen den Herzog von Burgund gefochten und das Gold
nachher in Metzen ausgemessen habe. Der Ehrenhalt betrat jetzt das Zimmer, wurde
von allen gar ehrfurchtsvoll begrt, die Frauen baten ihn, seine Geschichten im
Morgenlande zu erzhlen, wie er dem Emir, bei dem er gefangen, mit einem
silbernen Becher den Hals zerhauen habe, worin ihm dieser Wein unter
Verwnschung des Christentums gereicht, und wie er auf dem Pferde des Emirs der
Strafe und der Gefangenschaft zugleich entkommen sei. Es wurde, als dieser Alte
erzhlte, eine lebendige Freude ausgegossen, jeder fhlte sich grer, nur
Berthold fhlte sich unendlich gering da er noch nichts Kriegerisches getan.
Noch schmerzlicher fhlte er sich gekrnkt, als Frau Anna, die ihren Mann gern
auch empfehlen wollte, mit der Turniergeschichte in Augsburg anrckte. Da riefen
alle, es sei schade, da er nicht einen Tag frher gekommen, es htten gestern
nahe der Burg ein paar Ritter auf Leben und Tod mit einander gerannt und wren
beim zweiten Anlauf auf dem Platz geblieben, durch ihre Spiee unauflslich
verbunden.
    Als sie alle auseinander gegangen, mute Berthold eingestehen, so seltsam
dies Vlkchen sei, so stehe doch jeder fest auf seinen Fen und wisse seine
Bahn; er mchte gern auch im Kriege sich versuchen und wisse nicht, wie er es
anfange. Anna dagegen wnschte sich und ihn von Herzen aus diesem Kreise, aus
dieser Gegend fort, sie behauptete, da die armen Spinnerinnen in Augsburg in
ihren Spinnstuben nicht so roh und gemein, so grob und frech sich ausgedrckt
htten, wie diese edlen, ritterlichen Frauen, Berthold habe nur nicht alles
gehrt, was sie leise unter einander und zu ihr heimlich gesprochen htten.
Berthold wollte ihren Wunsch, bald abzureisen, gern erfllen, nur bat er sie,
ihn nicht so kund werden zu lassen, auch die Wnde htten da Ohren, das ganze
Schlo sei von geheimen Gngen durchzogen, diesen sei alle Schnheit und
Regelmigkeit aufgeopfert, das habe er endlich durch seine Kenntnis vom
Bauwesen herausgebracht.
    Am andern Morgen fragte Berthold den Ehrenhalt, ob er nicht den Zug gegen
die Nachbarn mitmachen knne, wozu schon Leute geworben wren, die gestern im
Schlosse gelegen. Der Ehrenhalt lchelte ihm zum erstenmal recht freundlich zu
und sprach: Es ist recht, da Ihr etwas tun wollt, was vor der Welt besteht,
der alte Hohenstaufe regt sich in Euch, im Kriege macht der Mensch sein Schwert
zum Mastab der Welt und mit alles nach seiner Elle von vorne durch, so kommt
alles in die Lage, wie es ihm gefllt; er braucht nicht mehr zu denken, ob er es
allen Leuten recht macht, die Leute mssen ihm tun, wie er ihnen tut. Was aber
den Zug von gestern abend angeht, so ist der schon zurck und die Leute sind
entlassen. Unser junger Graf Konrad hat einmal wieder schlimme Streiche gemacht,
Ihr werdet das saubre Frchtchen heut noch sehen, ein rechter Lilaps und
Hannepampel. Kaum war der Zug beim groen Lug, so sah der Graf im Vollmondschein
ein aufgeschrztes Mdchen darin stehen, die Sumpfgras in ihre Kiepe fr die
Khe ihrer Mutter schnitt. Gleich war er verliebt, rief sie zrtlich und als sie
ihn verlachte und verhhnte, weil er schwerlich ihr da durch das Wasser nach
steigen konnte, wo diese armen Leute seit erster Kindheit Steg und Weg auswendig
lernen, so bescho er sie mit stumpfen Bolzen, als wre sie eine Festung. Das
Mdchen war aufgeschrzt und schrie ach und weh, und suchte nach der andern
Seite zu entkommen. Er setzte ihr mit den Reisigen wie einem Hirsch nach, der
ins Wasser getrieben, ein paar strzten, endlich fing er das arme, ganz
erschpfte Mdchen und brachte sie zu einem Einsiedler, der eine Art
Possenreier ist. Da wurde getafelt und getobt, da ein frommer Reisiger, der
drauen blieb, bei dem nchtlichen Sturm jeden Augenblick meinte, der Teufel
werde die ganze Gesellschaft holen. Statt des Viehes bringt uns der Graf heute
das Mdchen auf das Schlo, das er nicht lassen will und das doch zu den Ihren
verlangt. Zum Glck schicken ihn die Kronenwchter bald fort zum Herzog Wilhelm
von Bayern, er soll da dem Schwbischen Bunde dienen und die tollen Hrner sich
ablaufen. Vielleicht lt sich etwas erreichen und auch Ihr sollt dann dazu
wirken. Der Schwbische Bund ist auf unsrer Seite, wie wir sicher glauben,
Herzog Ulrich feindet ihn an, es brechen gewi Streitigkeiten aus, der Herzog
wird verjagt, der Kaiser stirbt bald, wir beherrschen das Land, vielleicht knnt
Ihr in Eurer Stadt mehr dabei wirken, als unter den Reitern, wir brauchen auch
Mnner von der Feder, der Hutten fhrt sie zu wild und unbndig.
    Die Tirolerin kam jetzt aus der Kche hereingeflchtet, Graf Konrad hinter
ihr her, der ohne Aufhren schrie: Sie hat einen Bart! Der Ehrenhalt trat ihm
entgegen: Nun Graf, ich dchte, Ihr httet heute keinen Grund, so laut zu
krhen, der Zug ist schlecht ausgefallen, Ihr mt fort von hier, die Briefe
sind geschrieben, Ihr sollt zum Herzog Wilhelm von Bayern, doch lernt vorher
noch anstndig sein im Hause des ersten Anteils. - Graf Konrad war schnell wie
verwandelt, er entschuldigte sich mit der Seltsamkeit des Bartes an einem
Mdchen, das noch so jung scheine, nahm gar artige Stellungen an und fiel Frau
Annen gar nicht unangenehm in die Augen. Er gleicht dem Malerburschen Anton
fiel ihr ein, aber sie wagte es nicht auszusprechen, weil sie dem Manne nichts
von der Geschichte am Morgen der Hochzeit erzhlt hatte. Auch Berthold dachte
umher, bis ihm die hnlichkeit mit Anton einfiel, whrend er den Grafen
begrte. Die Tirolerin war bei Konrad gleich vergessen und Grnewald kam
diesmal mit dem Schrecken davon, erkannt und vielleicht sehr hart bestraft zu
werden. Graf Konrad strengte alle seine Erfindung an, um durch artige Feste den
Tag zu verschnern.
    Er ritt mit Berthold und Anna zur Jagd, aber ein paar Gewitterschlge
brachten so unglaubliche Regengsse, da sie in wenig Minuten ganz durchnt den
Damm zur Heimkehr suchten. Ihr Weg fhrte sie an dem Felde vorbei, das zu
Hohenstock gehrte, wo die Schnitter eben mit der Ernte beschftigt gewesen, von
bewaffneten Reisigen bewacht. Aber hier hatte der Himmel mit seinem Feuer gegen
die Erde geschlagen, es brannte ein abgestorbner, wilder Birnbaum und der Hagel
schttete sich aus der Wolke, wie aus einem zerrissenen Setuche ber die
Weizenhren. Die Jagdgesellschaft mute von den Pferden steigen, weil diese wild
wurden, die Landleute deckten ihre Kinder mit Schrzen zu, aber alles schrie
jammervoll. Nur zehn Minuten mochte der Hagel geschlagen haben und die Ernte,
der Lohn eines mhevollen Jahres war wie von einem Kriegsheere in den Boden
gestampft und zerstreut. So lange das Wetter so whrte, war Konrad gar
kleinmtig, fragte wohl gar wegen des Jngsten Tages bei Berthold nach. Aber
kaum verwandelte sich der Hagel in Regen, der Regen in Sonnenstrahlen, so kannte
sein Mutwillen keine Grenze. Abgefallene Kappen und Hauben der Landleute spiete
er auf sein Jagdspie, hetzte mit seinem Pferde die Kinder wie Hasen, da
endlich Berthold seine Mibilligung nicht lnger zurckhalten konnte. Konrad
fuhr mit hlichen Reden gegen ihn an, nannte ihn einen Wollkratzer und
Federfuchser, was Frau Anna so beschmte, da sie in Trnen und dann in die
Worte ausbrach: Wie drft Ihr einen der Euren so schelten! - Nun hielt sich
Berthold nicht lnger, er sagte, da ein bedeutendes Geheimnis verraten sei, er
mchte es verschweigen und seinen Hochmut bezhmen. Aber um so rger verhhnte
ihn Konrad, schwor darauf, er sei von den Kronenwchtern zum besten gehalten mit
seiner hohen Abstammung und dafr wolle er ihn sogleich aus dem Paradies
verjagen, wo er sich flschlich eingeschlichen habe. Dabei machte er eine
Bewegung, als wolle er Berthold mit entehrenden Schlgen angreifen. - Berthold,
dessen unruhiges Pferd seine Aufmerksamkeit forderte, hatte diese Tcke Konrads
nicht beachtet, hatte nicht bemerkt, da Frau Anna im Zorne ihr Messer gezogen
und ihrem Berthold zum Schutz vor ihm schirmend gehalten, da jener es sich
durch die Hand geschlagen und nun erst den gewaltsamen Schmerz dieser Wunde
fhlte. Da war ihm aller Mut gefallen, er bat um sein Leben, er bat jammernd um
Verzeihung, um Hlfe, um einen Wundarzt, er verschwor sich bei allen Teufeln,
da er immer Unglck habe. Berthold meinte erst, da Konrad von einem
Blitzstrahl getroffen sei, jetzt aber sah er das blutige Messer in ihrer Hand
und erkannte es gleich als jenes, das er bei dem Schatze gefunden hatte, und die
Verwunderung darber machte ihn einen Augenblick unttig. Dann aber kam er dem
schwachmtigen Konrad zu Hlfe, verband seine Wunde mit allem Flei und suchte
ihn zu trsten, die Hitze habe sein Gemt verwirrt, er mchte sich heimfhren
lassen und sich zu beruhigen suchen.
    Grnewald, die Tirolerin, hatte, ehe es noch so weit gekommen, den
Ehrenhalt, der bei den Wachen der Schnitter sich befand, in groer Eile
herbeigerufen. Dieser kam eilig geritten und machte Konrad ernste Vorstellungen,
da er berall Hndel anfange und berall in den Hndeln schlecht bestehe.
Konrad war noch in der Periode der Schwachherzigkeit, er weinte ber sein
Unglck, bat tausendmal um Verzeihung und machte dem Ehrenhalt nur sanfte
Vorwrfe, da er ihm nicht anvertraut habe, diese Fremden seien mit seinem Hause
verwandt. - Wir sind's nicht, sagte Berthold, der lebhaft das Versehen seiner
Frau einsah, wir rechnen uns nur zu den Euren, weil wir seit vielen Jahren
jeden, der uns von hier gesandt, gastfreundlich aufgenommen haben, und so sollt
auch Ihr uns willkommen sein, wenn Euch der Weg durch Waiblingen fhrt. - Nach
diesen Worten wuchs dem Konrad wieder Hochmut, das Blut der Wunde war gestillt,
er schwang sich auf sein Pferd und ritt davon, indem er zum Ehrenhalt sagte: Er
mchte erkennen, da ihr Haus durch die Verbindung mit solchen Leuten keine Ehre
gewinnen knne, er msse mit der meuchelmrderisch ihm vielleicht fr immer
unbrauchbar gemachten Hand heimreiten, und das Volk lebe schon mehrere Tage auf
Kosten seines Hauses. Berthold fand sich tiefgekrnkt, er schwor, da dieser
junge Hochmut eine Art habe, seinen Zorn zu erregen, wie ihm nie etwas begegnet
sei, er fhle sich auf ihn gehetzt, wie der Jagdhund auf die Fhrte des Wildes,
ohne genau zu wissen warum. - Einem Verwandten lt sich doch eher, als jedem
andern, eine Krnkung berhren, antwortete der Ehrenhalt, doch daran erkennt
Euer Blut, woraus Ihr stammt; lernt es frchten, denn selten begegnen sich zweie
der Euren in Frieden und Einigkeit. Es fhrte uns zu weit, Euch den Grund und
die Veranlassung dieses Zwistes aus fernen Zeiten zu erzhlen, es sei genug,
Euch zu warnen; in diesem Zwiste ist alles untergegangen, was die Kronenwchter
und alle edlen Geschlechter, die ihnen anhangen, fr die Euren unternommen und
beabsichtigt hatten. Die Kronenwchter trennten deswegen die verschiednen
Zweige, lieen viele in der Unwissenheit, da sie zu diesem Geschlechte
gehrten, sorgten aber fr ihre Aufziehung, da sie brauchbar sich fnden, wenn
die Stunde schlgt. Aber auch mit diesen, wenn sie zufllig einen der Unsern
berhrten, brach Streit aus und Blutvergieen. Frau Anna hat ein Wort fallen
lassen, da Euch groes Unheil droht! Knnen wir hier alles bewahren? Kann nicht
eine Stunde kommen, wo Konrad Euch berfllt in der Sicherheit, im Schlafe;
knnen wir doch kaum Frau Itha gegen ihn schtzen, die schon einmal am Felsen
mit ihm rang, als er sie herunter strzen wollte. Ihn bndigt nur der Schrecken
in seiner Seele, da schwankt er in seinen boshaften Entschlssen, Mitleid und
Edelmut sind ihm fern. Herr Berthold, Ihr mt fort, Ihr drft noch nicht
untergehen, wir brauchen Kinder von Euch, Ihr seid hier nicht sicher, ich
geleite Euch mit der Frau nach Isny, die Tirolerin mag den Wagen mit Euren
Sachen nachfrdern! - Nehmt mich mit, rief die Tirolerin, der bse Bube
verfolgt mich berall. - Seid ruhig, sagte der Ehrenhalt, ich empfehle Euch
meinen Waffenbrdern, sie kennen ihre Pflicht. - Der Besuch war nur kurz, fuhr
der Ehrenhalt fort, aber Ihr kommt nicht um Euer Erbteil, guter Berthold, es
kann die Zeit der Not kommen, die Euch hieher treibt, Ihr wit die Wege und habt
hier den Reichtum an allem, was der Mensch zu seinem Unterhalt fordern kann,
bersehen; dies Feld ist verhagelt, der Weizen nhrt die Hirsche und Eber, seht,
wie sie schon herandringen, nun sie nicht mehr zurckgejagt werden, aber
jenseits des Waldes sind unsre Felder noch unversehrt, die Schnitter ziehen
dahin und gingen auch diese durch die Witterung verloren, so schtzen uns
Vorrte auf zehn Jahre gegen jeden Mangel. Der ganze Felsen von Hohenstock ist
innerlich zu einem groen Vorratshause ausgehhlt, da knnen wir uns ruhig
belagern lassen. Hier, wo sich der Wald ffnet, senkt noch einen Blick auf
Hohenstock, verwundert ihr Euch? - Es liegt in einem groen See, rief
Berthold, kaum ragt der hohe Damm ber das Wasser hinaus. - Seht, fuhr der
Ehrenhalt mit Behagen fort, so etwas habt Ihr weder in Waiblingen, noch in
Augsburg gesehen; der Wolkenbruch hatte unsre Fischweiher zwischen den Bergen
zum berflieen angefllt, auch ist einer ganz abgelassen, um Fische fr die
Ernte zu geben, so knnen wir unsren Sumpf knstlich anfeuchten, wenn je ein
seltsam trocknes Jahr seine Oberflche zu erhrten drohte, da Feinde sich
darber hinzugehen wagen mchten. Aber das denkt Euch einmal, was bei dem
wildesten Gewsser, beim dichtesten Walde, bei dem hchsten Berggipfel nicht
gedacht werden kann, so lange die Erde steht, ging nie ein Menschenfu ber
diese Flche, als nur auf dem einzigen Wege, auf dem Damme, den der Teufel
erbauen half, aber freilich zur Mitgabe Zank und Streit in dieses Geschlecht
pflanzte, indem solche wunderbare Liebe fr diesen wunderbarsten Fleck der Erde
entstand, da jeder ihn allein und einzig zu besitzen trachtete. - Ja, es ist
seltsam, sprach Berthold, nun ich auf lngere Zeit von dem wunderbaren
Schlosse Abschied nehme, qult es mich recht innig, da ich nicht zum
ausschlielichen Besitz desselben kommen kann, ich mchte dem Rappolt seinen
Anteil mit meinem Hause abtauschen, geht das wohl? - Nimmermehr! antwortete
der Ehrenhalt. - Gott behte mich vor dem Neste! fuhr Anna heraus, das schne
Haus in Waiblingen, wer mchte es mit dieser Vorhlle der Langeweile
vergleichen; ich atme erst wieder frisch, seit ich wei, da wir es so bald
nicht wieder sehen; noch schwebt mir aller ble Geruch, das rohe Wirtschaften
der Menschen, ihr Absterben in der Trennung von aller Welt deutlich vor, jeder
sorgte nur fr Essen und Trinken und a und trank, und der Hochmut der Frauen
und der steinerne Boden in den zimmern, der wahnsinnige Alte, der
Wacholdergeruch, die fischig riechenden Netze an allen Bumen aufgehngt, der
Kot berall, wo ein Mensch noch zu gehen Lust hatte, das Zanken und Schlagen mit
den Dienstleuten, die doch nicht des Herrn Willen taten, das Diebswesen und die
Heuchelei; wo in den Stdten findet sich das alles so zusammen, wie in diesem
Landleben. - Frau Anna sagte der Ehrenhalt, Ihr werdet sicher noch einmal
wnschen hieher zurck zu kehren, verscherzt das nicht, Ihr wit doch nur erst
wenig von unserm Burgleben, das Jahr ist uns eine Tat, die uns vom Beginnen bis
zum Schlu unter Arbeit und Festen an sich fesselt, als gehrten wir notwendig
zur Welt, ja wir fhlen uns Mitschpfer und Mitgeschaffene zugleich. Wer hat
Euch die Grillen in den Kopf gesetzt? - Jeder, der mir begegnete, rief Anna,
machte mich zum Vertrauten seiner Sorge, seiner Bosheit; seine Absichten
schienen durch jede Verleumderei und doch wollten sie deren nicht Wort haben.
Wie viele heimliche Liebeshndel, wie viel Eigennutz in der Liebe! - Sie sind
wie die Kinder geblieben, sagte der Ehrenhalt, sie mssen bis an ihr
Lebensende erzogen werden, sie sind Bauern, sie werden nie mit sich fertig, noch
weniger mit ihren Wnschen und mit ihren kleinen Feindschaften, aber eben, weil
sie nie zu leben aufhren, ist auch jedes neue Leben von ihnen zu fordern und
durch sie zu frdern. Gebt acht, was Eurem Hause die Bauern werden bringen, wenn
sie mit Macht und Andacht sich fr die Euren erheben. Ihr werdet Euch schon
eines andern bedenken, und verget nicht, zu schweigen. - Jetzt drngten sich
einige Kinder zu Annen hin, denen sie im Schlosse einige kleine Gaben geschenkt
hatten, sie weinten und wollten sie nicht abreisen lassen. Wie haben wir hier
so schnelle Freunde und Feinde gefunden, sagte Anna, sieh, wie die Kinder uns
mit Gewinden von Kornhren fest zu halten suchen. - Die Blumen hat der Hagel
nicht erschlagen, sagte die Tirolerin, Ihr weint liebe Frau, erlaubt mir, da
ich in Eurem Namen und in Eurem Grame dem Schlo einen Abschied singe:

Nun ade, du altes Schlo,
Das da ber mir gehangen,
All mein Hoffen und Verlangen,
War auch nur ein Wolkenschlo,
Nun ade, ihr ew'gen Quellen,
Die ich ghnend angesehen,
Wenn ich hier nicht werde gehen,
Hret nicht zu flieen auf,
Denn die Welt hat ihren Lauf.

Nun ade, du Berg und Tal,
Die um Waldes Lieblichkeiten
Ihre Felsenarme breiten,
Ihr seid doch wie berall,
Nun ade, ihr Kindlein kleine,
Euch alleine will ich gren,
Fr die Gaben lat euch kssen,
wit nichts von des Schlosses Qual,
Seid wie frisches Grn im Tal.

Nun ade, du alte zeit,
Die in ihren Mutterarmen
Sehnlich trug ein tief Erbarmen,
Mich zu trsten war bereit,
Aber gar nichts konnt ersinnen
Und mit mir fing an zu weinen,
Trnen froren im Besinnen,
So fiel Hagel mir zum Heil
Und zerschlug die Langeweil.

Anna kte erheitert die Tirolerin zum Dank und Abschied, der Ehrenhalt mochte
ber sie schelten, er mute sie doch nach dem verwnschten Schlosse hinsenden,
um Annens Reisegert einzupacken, whrend er mit Berthold und Anna die unbequeme
Landstrae bers Gebirge einschlug.

                               Fnfte Geschichte



                                  Traubenlese

Wer sein Haus verlt, um zu verreisen, mag ernstlich beten da er alle darin
wieder finde, aber unserm Berthold wurde dies Gebet nicht erfllt. Er kam frher
heim, als er versprochen hatte, und doch zu spt, Frau Apollonia trat ihm
entgegen vor seinem Hause, kte ihn und fragte: Ob er wohl sei. Der alte
Fingerling sei nach kurzem Krankenlager gestorben. - So sind nun alle tot, die
meine Jugend schirmten, rief Berthold, aber ich habe euch beide, ihr treuen
Seelen, mir gewonnen. Mit Trnen kte er Annen und Apollonien und fhlte sich
reich in ihrer Mitte. -
    Wo ist die Tirolerin, fragte darauf Apollonia, um die schmerzliche
Stimmung zu zerstreuen. - Wir wollen ein andersmal von ihr reden, sagte
Berthold, sie war ein Mann, hie Grnewald ein Snger des Herzogs Voll Bayern,
ist vom Grafen Konrad auf Hohenstock in ihrer Verkleidung entdeckt und dort
gefangen zurckgehalten worden. - Ich mu mich ewig schmen, rief Anna
verdrielich, lie ich sie doch aus Mitleid whrend der Reise zweimal in meinem
Bette schlafen, tglich mute sie mir die Kleider zuschnren, ich hatte so ein
blindes Vertrauen zu dem Mdchen, weil sie die schnsten Sprche von Tugend und
Frmmigkeit mir vorsagte, streng fastete, kein Gebet versumte, alles mit einem
Eifer, wie es in unsrer Zeit selten zu finden. - So hatte Sabina doch recht,
dachte Frau Apollonia in sich und betrachtete ihre Tochter mit Abscheu, doch
unterdrckte das traurige Ereignis ihren Zorn.
    Berthold hatte mehr verloren, als er sogleich berdenken konnte. Das Jahr
hatte viel an ihm verndert, es hatte ihm einen zweiten Lebenslauf geschenkt,
und der wich immer weiter von jenem ersten ab, der mit Fingerling und Hildegard
Haus und Handlung begrndete. Was er damals errungen, schien ihm jetzt an sich
nichtig, nur als Mittel seinen Durst nach Tat, Wirksamkeit und Einflu auf die
Geschicke zu befriedigen, konnte er es noch loben. - Er gedachte jener frheren,
erwerbenden Zeit, wie ein lebenslustiger Sohn seines emsigen Vaters, er ist ihm
dankbar, aber er mag nicht seinem Beispiele folgen, sondern lieber dem Gelde
einen zweckmigen Abzug verschaffen. Die kleinen Geschfte der Handlung, die
Fingerling scheinbar ohne Mhe vollbracht hatte, weil sie mit ihm ganz eins
geworden waren, fielen jetzt drckend auf den Brgermeister. Ein doppeltes
Leben ist eine schwere Aufgabe, seufzte er oft, wenn er von den nahenden
Ereignissen trumte, und von den Arbeitern mit unzhligen Anfragen, Forderungen
und Bestellungen umdrngt wurde, ich habe nicht die Kraft, zweierlei zugleich
zu tun, zu bedenken. Anna erschwerte ihm diese Aufgabe durch eine eigne,
strrige Laune, die wohl aus ihrem Zustande hervorging. Von steter bligkeit
geqult, hatte sie eine Art rger an ihm, der die Ursache dieser Leiden und sich
doch dabei vollkommen wohl befand. Sie konnte ihn oft nicht ansehen und Berthold
suchte sich dann, der Bcher und Schreibereien berdrssig, ein Stndlein
freundlicher Unterhaltung bei Apollonien, die von ihrer Magd Sabina beschwatzt,
gar viel Bses von ihrer Tochter sagte, wofr sie dem guten Berthold mit der
hchsten Freundlichkeit keinen Ersatz geben konnte. Verena war nicht mig,
jedesmal ihrer betrbten Frau zu erzhlen, wann der Herr zu Apollonien gegangen
und was die Leute sagten, wie sie so lustig wren mit einander, whrend Berthold
bei ihr immer tiefsinnig und geschftig vorbei eile. Verena wurde durch dieses
Zutragen von Neuigkeiten ihr Liebling und ihre Vertraute, von ihr erfuhr auch
Anna, da Berthold durch das Blut eben jenes Anton genesen sei, der zu ihr ins
Fenster gefallen. Es war gewissermaen ein Dank fr das geliebte Leben
Bertholds, da Anton, den Verena fr ihren Schatz ausgab, diese zu besuchen
Erlaubnis erhielt. Anton wute durch Sixt, da Berthold ihn nicht im Hause sehen
mochte, so erwartete er die Stunden, wenn jener am Brunnen zu Apollonien
gegangen war, was er von seiner Dachstube genau sehen konnte, und brachte dann
seinen Abend bei Verena zu, indem er sich wohl bewirten lie, sie malte und ihre
Zrtlichkeit von sich abwies. Der arme Junge meinte, es sei nur die gute Kche,
die ihn hinziehe, und bemerkte nicht, da er alles kalt werden lie, um Frau
Annen einen Augenblick im Durchgehen durch das Zimmer oder im Hofe zu sehen und
da sein Herz frohlockte bei einem Worte, das sie ihm im Vorbeigehen auf Verenas
Bitte sagte, um ihn zu bestimmen, sich bald niederzulassen, sich zu verheiraten
und als Meister sein Glck zu begrnden. Alle diese Besuche erfuhr Frau
Apollonia durch Sabina, die nicht ihre Schwester Verena, sondern Frau Anna als
die Ursache derselben angab, in der Hoffnung, da Anton auf diese Weise am
schnellsten aus jenem Hause vertrieben wrde. Frau Apollonia wollte mehrmals
darber reden, aber Anna machte sie durch ihre stolze Sicherheit in ihrer
Meinung so zweifelhaft; in dieser Unbestimmtheit mieden sich beide, beide sahen
einander so selten, nie kam es zu einer Erklrung, und beide glaubten mehr auf
dem Herzen zu haben, als sich durch bloes Besprechen gut machen lasse.
    Auch trat eine Strung eigner Art zwischen alle diese eingebildeten Leiden.
Herzog Ulrich wollte die Jagden in der Gegend von Waiblingen benutzen und
beschlo, sich einige Tage in dem Orte niederzulassen. Berthold und Anna sahen
eines Morgens zum Fenster hinaus, da war der Marktplatz von Jgern, Hofgesinde
und Hunden besetzt. Ein dicker Herr, ganz in grnem Samt gekleidet, ritt in der
Mitte, heftig zankend und stie mit seinem rechten Fu einem Jger in die
Rippen, der die Hunde fhrte und diese nicht zur rechten Zeit angelassen hatte.
Darber verlor der Herr das Gleichgewicht und ein Jger zog ihn in guter Absicht
wieder auf die Mitte des Pferdes. Die gute Absicht wurde ihm aber mit Futritten
vergolten und der Herr wackelte nach der andern Seite ber, so da er ganz
gelinde vom Pferde herunter sank und auf die Beine zu stehen kam. Jetzt sah sich
der Herr um, den Berthold sogleich als seinen Herzog Ulrich erkannte. Der Herzog
ging auf sein Haus zu, weil es bei weitem das grte und angesehenste in der
Stadt war. Berthold eilte ihm entgegen und der Herr war sehr gndig, fragte ohne
Aufhren, denn er wartete nie auf die Antwort, erzhlte dazwischen recht lustig
und trocknete den Schwei, der ihm reichlich von der Stirn flo, und streichelte
seine groen Hunde, die an ihm heransprangen und seine feurige Nase berochen. Er
trat ohne weitere Anfrage ins Haus und zwar in das Zimmer, wo Anna eben einiges
Tischzeug zusammenlegte. Er trat auf sie zu, befahl ihr den Tisch gleich zu
decken, er habe ein groes Mahl auf seinen Packpferden, lie auch gleich
spanischen Sekt bringen und Kuchen; trank, tunkte ein und ftterte Annen, wie
einen jungen Falken. Anna konnte ihm nicht bse sein, er machte das alles mit
einer gewissen Gutmtigkeit, whrend er sich bei Berthold nach der Zahl
streitbarer Mnner, nach der Art ihrer Bewaffnung genau erkundigte. Bald stellte
er Berthold einen neuen Vogt vor, der an die Stelle des alten, hinflligen Brix
treten sollte, er nannte ihn Grnewald, sagte, er sei noch etwas neu in den
Geschften, aber vom besten Willen beseelt, sich durch ihn belehren zu lassen,
er habe sich diese Stelle als Gnade fr ein Trinklied erbeten, das ihn entzckt
habe. Berthold war nicht wenig verwundert, den armen Snger und die Tirolerin
jetzt in schimmernden Hofkleidern als Geschftsmann einfhren zu sehen, dagegen
tat Grnewald, als sehe er ihn und die Stadt zum erstenmal, und sprach von einem
lustigen Vetter, den er habe, der sich berall herumtreibe und schon manchmal
mit ihm verwechselt sei. Berthold war beschwichtigt durch die Dreistigkeit
dieses Leugnens und Anna beschmt, aber Grnewald entwickelte ungestrt eine
Menge guter Einsichten ber die Verhltnisse der Stadt, ber ihren Weinbau und
endlich auch ber die Weinlese, die an diesem Tage ihre Freudenfeste zu feiern
begann. Der Herzog wollte alle Lust mitgenieen, er setzte alle seine Leute in
Bewegung, um im schnen Tale ein Mahl zu bereiten, er war heftig im Befehlen und
sehr ungeduldig, wenn einer ein Wort nicht verstand, obgleich er eine eigne,
abgekrzte Sprache sich angewhnt hatte, die nur seiner steten Umgebung ganz
gelufig war. So wurde nun in feierlichem Zuge nach den Weinbergen ausgegangen,
der Herzog zwischen Berthold und Anna, ging voran, ihnen folgte die Jgerschar
und alle Bewohner der Stadt, die nicht ohnehin schon drauen mit der Traubenlese
beschftigt waren. Oft wurden sie auf den engen Wegen von den Ochsenwagen mit
groen Tonnen eingetretnen Mosts in ihrem Marsche gehemmt, wo dann der Herzog
heftig zankte, sich aber durch Annens Zureden besnftigen lie, oder durch ein
Lied von Grnewald auf die schne Abschiedstunde des Jahres. Als sie endlich an
die Stelle unter dem zerstrten Schlosse gekommen waren, die Grnewald zum Feste
eingerichtet hatte, welch ein Anblick: vor ihnen Waiblingen mit vielen andern
Ortschaften im Tal, unter ihnen der Flu, umher alle gleich dicht mit Menschen,
wie mit Reben bepflanzten Berge. Beim Aufjauchzen der Jagdhrner verbreitete
sich der Jubel durch alle Anhhen, der die Ankunft ihres Herzogs verkndigte.
Bald setzte sich der Herzog zur Tafel, die von reichen Pokalen schimmernd, unter
einem gestickten, roten Baldachin aufgetragen war. Bald stieg ein Zug von halb
entkleideten Arbeitern, wie es die Hitze des Tages forderte, mit Weinblttern
gegrtet und bekrnzt, den Berg herunter, deren vordersten zweie ein nacktes,
schnes Kind in einer Butte trugen. Dies Kind trugen sie zum Herzog, da es ihm
einen Kranz von hchst seltenen, spten Weinblten aufsetzen sollte, der Herzog
aber nahm den Kranz mit freundlichem Danke und setzte ihn Annen auf den Kopf,
indem er die Gesundheit seiner schnen Wirtin ausbrachte, die dann von allen
Bergen widerhallte. Und so geschah bei jeder Gesundheit, die der Herzog
ausbrachte, und er selbst und seine Hofjunker sahen strenge darauf, da jeder
seinen Becher leerte. Grnewald allein wute sich von dem Trinken frei zu
machen, indem er fr jeden Becher ein Lied sang, das an den Felsen widerhallte,
und wurde stumpf seine Stimme, so schrie er um so rger. Das Mahl war reichlich
und der Wein stark, der Himmel wurde dunkler, die Kpfe heller, berall zndeten
sich Fackeln und Feuer, alle Arbeiter drngten sich heran von den Bergen,
hundert Melodieen pfiffen und grten unter einander, wer nicht mehr fest stehen
und sitzen konnte, tanzte sich wieder nchtern. Htte Berthold nur tanzen
knnen, aber er war schon umgesunken, wie viele andre, mit denen er auf
Tragebahren wohlbekrnzt und festgebunden, zum feierlichen Heimzuge gelegt war.
Anna schmte sich seinetwegen und war um so mehr verlegen, da der Herzog ihr
sehr zudringliche Artigkeiten sagte und Huttens unglckliche Geschichte ihr vor
Augen schwebte. Grnewald mochte an der Verlegenheit ihres Blicks ahnden, was
ihr der Herzog zuflsterte, er benutzte die Zeit, als dieser sich von ihr
abgewandt hatte, ihr unbemerkt zu sagen, sie sollte sich nicht ngstigen, er
wolle sie wie seinen Augapfel bewahren. Dann tat er wieder, als ob er taumle und
sang: Grunzt ihr, meine lieben Schweine, ich bin der verlorne Sohn, und ihr
singet als Gemeine, was ich singe von dem Thron. Und nun sprang er in das
Fenster des alten Schlosses und fing an greuliche Geisterhistorien vorzutragen,
von Verstorbenen, die zu einem Festmahl gekommen, von Geistern, mit denen
Menschen gerungen htten und die ihnen schreckliche Schlge gegeben. Der Herzog
verbot es ihm kleinlaut, es half nichts, denn alle waren zu so etwas
bernatrlichem durch Rausch und Nacht gestimmt. Zuletzt erzhlte er von einem
Kobold, der, wie er gehrt, am Brunnen Bertholds zu Waiblingen hause, auch
Nachts das Haus durchziehe. Das wurde dem Herzog zu arg, er sah sich ngstlich
um und wagte nicht zu reden, endlich sprach er unordentliche Worte, weil er sich
der Furcht schmte und brach auf. Grnewald flsterte Annen zu: Nichts in der
Welt frchtet der Herzog so kindisch, wie Geister, sie mssen ihn in der Jugend
schrecklich untergekriegt haben, weil sie seine Bosheiten wohl merkten; die
Geister sollen Euch diese Nacht gegen ihn bewachen.
    Diese Worte gaben Annen ein besseres Vertrauen, sie hrte die zudringlichen
Reden des Herzogs kaum, als er wieder Mut gefat hatte, sondern blieb mit
Berthold beschftigt, der auf der Bahre heimgetragen wurde und zuweilen seufzte.
berhaupt stand der Rckzug im grellsten Widerspiel mit der Pracht des Hinzugs;
die Menge drngte sich verwildert der Stadt zu, auch der Herzog empfing manchen
Sto, den er ungeduldig mit Gegensten erwiderte, die oft den Unschuldigsten
trafen. Ein scharfer Nachtwind erlschte die Fackeln und die eignen Leute des
Herzogs achteten seiner wenig mehr in der Dunkelheit. Im Hause Bertholds nderte
sich das alles. Der Herzog wurde feierlich von den Zurckgebliebnen empfangen,
auch war ein Nachtessen bereitet und er befahl fr ihn und Annen zu decken. Da
entschuldigte sich Anna mit ihrer Ermdung, aber er lie sie nicht fort, er warf
sich vor ihr nieder, sprach mit Rhrung, da sie alle seine Sinne verwirre,
seine festen Entschlsse fr das Wohl seines Landes breche, ihn zur Wut und
Feindschaft entznde, wenn sie es ihm nicht gewhre, die letzte Hlfte der Nacht
mit ihm zu teilen. Seine Beredsamkeit lie sie nicht zu Worten kommen, er mochte
eine Stunde ohne Aufhren zu seinen Gunsten gesprochen haben, als die Hofjunker
das Mahl forttrugen und er mit zuversichtlichem Lcheln befahl, seine
Nachtkleider zu bringen.
    Anna empfahl sich in Verlegenheit, er versprach ihr zutraulich, bald
nachzukommen, Berthold schlafe so fest, da er sie nicht stren werde, und seine
Leute schicke er alle ins Nebenhaus, da keiner sie belausche und verrate, sie
mchte gleiche Vorsicht brauchen. Auf ihre Gegenrede hrte er nicht, er ging in
sein Zimmer und sie ging in ihr Schlafzimmer, entschlossen zu entfliehen. Aber
Verena kam ihr mit der Nachricht entgegen, das Haus sei von den Wachen des
Herzogs mit dem Befehle besetzt, niemand ein-oder auszulassen. Anna fragte, wie
sie das erfahren habe. Das Mdchen berichtete, da Anton bei ihr auf Grnewald
warte, der ihm Kleider, viele Schlsseln und einen beleuchteten, als Gesicht
ausgeschnittenen Krbis habe bringen wollen, denn Anton solle diese Nacht einen
Geist spielen, aber Grnewald bleibe aus und als sie nach ihm sich umsehen
wollen, sei sie von der Wache zurck gewiesen. Sie klagte, da sie nun gezwungen
wre, Anton die ganze Nacht zu beherbergen. - Das wird dir keine Qual sein,
sagte Anna und konnte sich der Trnen nicht erwehren, aber wo finde ich Hlfe
gegen alle Qual, die meiner wartet, nun Grnewald mit seiner Klugheit mir
fehlt. Sie machte den Versuch ihren Berthold zu erwecken, aber sein tiefer
Schlaf lie ahnden da schlafbringende Mittel ihm in dem Weine beigebracht
worden. Diese Tcke des Herzogs erregte ihren Zorn, das Drachenmesser bewegte
sich in ihrer Hand, aber die Gefahr fr Berthold, die daraus entstehen konnte,
drngte auf andere Mittel. Sie erzhlte Verena ihre Not, sie beschwor das
Mdchen, ihr Rat zu geben, denn alle ihre Klugheit gehe in Zorn und Sorge unter.
Verena besann sich und sprach endlich, da sie sich ihr aufopfern wolle, wenn
sie ihr schwre, alles vor Anton geheim zu halten und sie auszustatten, auf da
Anton sie heiraten knne. Anna versprach alles, ohne ihre Absicht zu erraten.
Als aber Verena jetzt ihre Kleider anzog und sie ntigte, in das Zimmer zu Anton
sich zu begeben, da erriet sie, da dies listige Mdchen, das ungefhr in
gleicher Gre mit ihr, im Bunde mit der Nacht, den Herzog anfhren wolle. Sie
wollte ihr danken, aber Verena antwortete: Mir kostet es wenig und Euch hilft
es viel.
    Anna ging jetzt zu Anton und erzhlte ihm, sie sei nicht sicher in ihrem
Zimmer und wolle von ihm bewacht, die Nacht dort zubringen, sie habe Verena als
Schildwacht ausgestellt. In ngstlicher Stille harrten sie, denn Anna qulte
sich immer mit innrem Vorwurfe, da eine andre sich aufopfere, und Anton rgerte
sich, da Grnewald ihn so habe sitzen lassen und da Frau Anna sich ngstige,
obgleich er ihr tausendmal geschworen, da er jeden niederschlage, der Gewalt
gegen sie ben wolle; auch beteten beide, als es zwlfe schlug und sie Tritte im
Gange vernahmen. Da sauste es um sie her und lichte, blaue Flammen blickten
durch die Ritze der Tr, die Tritte wichen von dem Gange in Eile und mit groem
Krachen, als ob ein Stckfa die Treppe hinunterrolle, schien ihr Feind diese
herunter zu fallen. Die Flammen waren verschwunden, aber sie wagten nicht,
hinaus zu blicken, obgleich Anton einmal ber das andre rief: Der Grnewald ist
listiger, als ein Mensch denkt.
    Erst nach einer halben Stunde blickte Anton auf den Gang, kein Feuerdunst
war zu bemerken, aber in die Tre war eine Faust mit aufgehobnem Zeigefinger
eingebrannt, wo die Flammen durch die Ritze gespielt hatten. Das berichtete er
und lhmte Annen noch mehr in ihrem Vorsatz, Verena zu besuchen, wer konnte ihr
zusichern, da sie nicht den Herzog dort finde und da der Gefallene wirklich
der Herzog gewesen. Erzhlt mir etwas aus Euren Begebenheiten, sagte Anna,
das wird mich zerstreuen und wach erhalten, bis das Licht am Himmel und unsre
Feinde auf Erden uns Einsicht in diesen Handel verschaffen.
    Warum waret Ihr damals so entsetzt vor dem Ehrenhalt? - Euch kann ich
nichts verschweigen, liebe, gndige Frau, antwortete Anton, aber ich verrate
Euch ein schreckliches Geheimnis und wenn Ihr es nicht bewahrt, so trifft mich
gar bald die Rache der boshaften Gesellen der Kronenwchter. Habt Ihr je von
Hohenstock gehrt? - Freilich, sagte Anna sehr gespannt, Gott sei jedem
gndig, der da zu hausen gezwungen ist. - Da erlebte ich frohe Tage,
antwortete Anton, mein Vater war wohl zuweilen sinnlos, aber immerdar sehr gut
gegen mich und Konrad, meinen Bruder. Zwischen uns beiden hatte es eine
sonderbare Bewandtnis. Der Vater hatte alle seine Kinder verloren, wir waren
spt nachgeborne Zwillinge. Die Freude ber uns verwandelte sich in tiefe
Trauer, als die gute Mutter nach der schweren Geburt ihr Leben aufgab. So wurden
wir, die erst so eifrig ersehnt worden, ganz vernachlssigt. Wir wurden in den
ersten Lebenstagen einander so hnlich, da wir mit einander verwechselt wurden
und da bald keiner wute, wer von uns zuerst geboren, wer von uns beiden in der
Nottaufe den Namen Anton und welcher den Namen Konrad erhalten hatte. So trieb
der Teufel mit uns sein Spiel und wir wuten lange nichts davon, denn es sollte
verheimlicht bleiben, da wir einander nicht anfeindeten. Das hatten sie nicht
ntig zu befrchten, wir beiden Brder waren so unzertrennlich von einander auf
der Welt, wie im Mutterleibe und als Konrad die Geschichte einmal von den
Kronenwchtern abgehorcht hatte und da sie den strksten von uns fr den
ltesten erklren wollten, da gab ich kaum darauf Achtung. Ich dachte gar nicht,
da diese Entscheidung fr mich Folgen habe, da ich meinem Konrad so bald
entrissen werde. Aber einige Tage spter ward ich in der Mitternachtsstunde von
Geharnischten aus dem Bette genommen, in einen Mantel eingeschlagen und auf ein
Pferd gebunden. Das war eine Schreckensnacht, es ging so eilig fort da die
durstenden Pferde kaum ihre Zungen in den Quellwassern khlen durften, durch die
wir ritten. Wir stiegen von den Pferden, da ging's ber Hhen, in unterirdischen
Gngen durch die Felsen ber Gewsser. Die Augen wurden mir zugebunden und als
mir die Binde abgenommen, sa ich einsam mit einem Lwen in einem blhenden,
kleinen Garten. Ich war in der Kronenburg, wer knnte sie Euch beschreiben! Aber
alle ihre Wunder erfreuten mich wenig: der Lwe ward mir gleichgltig, ich
schrie nach meinem Konrad, weil ich ohne ihn nicht spielen konnte. Konrads
Mutwille war unerschpflich im Erfinden von allerlei Streichen, die ich ihm
ausfhren mute; ich schwor, da ich nichts essen, da ich zu ihrem Gram
verhungern wolle, wenn sie mir Konrad nicht schafften. Als sie meinen Ernst
merkten, beratschlagten sie unter einander. Nach wenig Tagen ward Konrad in
meine Arme gefhrt. Nun war es eigen, wie sich Konrad in den wenigen Tagen
gendert hatte! Es mochte ihn krnken, da ich als der lteste anerkannt worden,
er mochte gar nicht davon sprechen, er sah mich scheu an. Da ich mir alle Mhe
gab, ihm zu versichern, da, wenn ich erst erwachsen, wir Krone und Burg mit
einander teilen wollten, so wurde er mutwillig, wie er gewesen. Wir spielten den
Kronenwchtern manchen Streich, bemalten ihnen die Gesichter, wenn einer
einschlief, schmierten dem Lwen Butter auf die Nase, da er tagelang danach
leckte, kratzten allerlei Fratzenbilder in die glsernen Wnde. Er war
unerschpflich in solcher Erfindung und ich in der Ausfhrung und niemals
verriet ich ihn, sondern ertrug die Hiebe mit der Klinge ganz allein, die mir
dafr von den Kronenwchtern zuerkannt wurden. - So vergingen ein paar Jahre, in
denen sie mich und Konrad zu allen Knsten und Kunststcken einbten. Die Trme
kletterte ich in die Hhe als wre ich ein Eichhrnchen, eben so die Felsen
umher, ich konnte mit den Fischen um die Wette schwimmen und tauchen. In dem
allen war ich Konrad berlegen, aber um ihn nicht zu krnken, verbarg ich gar
oft, da ich mehr als er leisten konnte; was konnte er dafr, da ihm der Himmel
nicht so viel Kraft und Ausdauer verliehen hatte. Eines Tages kam ein Geflster
unter die Kronenwchter, wir wurden beide in ihre Mitte berufen. Sie erklrten
uns, da der Tag gekommen sei, uns zu bewhren, unsern Feind zu vernichten, der
Kaiser Maximilian habe sich in unser Gebirge gewagt und stehe dort auf einem
Felsgrat, er wrde uns vernichten, wenn wir nicht den Mut htten, ihn herab zu
strzen; als Wahrzeichen der Tat sollten wir sein Schwert, das Schwert Karls des
Groen, dessen er sich angemat, dem Zerschmetterten abnehmen und heimbringen.
Konrad sagte, der Felsgrat sei zu steil und unersteiglich, ich zeigte mich
gleich mutig zu dem Unternehmen, der Kaiser war mir durch die Erzhlungen der
Kronenwchter zu einem Drachen verfabelt, den zu vernichten hchstes Verdienst
schien. Als Konrad mich bereit sah, ging er zagend mit, kehrte aber wieder um,
als er den steilen Felsen vor sich sah. Ich kletterte ohne Sorgen hinauf, wo der
Kaiser sich verstiegen hatte, und sah ein mildes Antlitz im Gebet ergossen, in
seinen Untergang ergeben, und doch voll Vertrauen zum Himmel. Solch einem
Antlitz widerstehe, wer aus Felsen gehauen, ich beschlo den Kaiser zu retten,
fhrte ihn zu einem Wege, den ich beim Jagen kennen gelernt hatte, und erbat mir
zur Belohnung sein Schwert. Er streichelte mich mit der Hand, kte das Schwert
und gab es mir. Mit diesem kam ich gar beunruhigt zurck, ob ich auch frech
genug, den Wchtern seinen Tod vorlgen knnte, das Lgen war mir immer so
schwer und darum blieb keiner meiner bsen Streiche unbestraft. Konrad kam mir
zum Glck entgegen, ich fragte ihn um Rat. Er sagte mir, die Wchter htten
schon wahrgenommen, da ich den Kaiser nicht herabgestrzt htte, das Schwert
sei schon geschliffen, um mich zu enthaupten, er sei mir heimlich entgegen
gegangen, mich zu warnen, denn so gewi die Steine unter unsern Tritten den Berg
nicht hinauf, sondern herunter rollten, so gewi wrde mein Kopf zu Boden
fallen. Ich hatte schon einen Kronenwchter hinrichten sehen, gleich war die
Flocht beschlossen, ich wute alle geheime Wege und Stege, Konrad gab mir
einiges Geld, das ein Kronenwchter verloren, dem ich die Tasche aufgeschnitten
hatte; zuletzt tauschten wir noch mit den Schwertern, weil er meinte, das
kaiserliche sei mir zu schwer und knne mich mit seiner Pracht verraten. Ich
mute ihm versprechen, so weit zu wandern, bis ich das Meer vor mir sehe, sonst
erreichten mich dennoch die Kronenwchter. - Gewi hat Euch Konrad betrogen,
unterbrach ihn hier Anna ich darf Euch jetzt nicht mehr vertrauen, aber
vielleicht erzhle ich Euch bald mehr von der Sache, als Ihr selbst wit. -
Hat der Ehrenhalt auch davon gesprochen, fragte Anton ngstlich, hat er mich
ausgekundschaftet, ich bin verloren, wenn sie mich fangen, ich kenne ihre
Strenge, wohl mancher Kopf liegt getrennt vom Rumpf auf der Kronenburg, sie ben
das strenge Recht unter sich und ber uns unglckliche Hohenstaufer, die
grausamen Kronenwchter!
    Allmhlich ging Erzhlung und Nachdenken in Schlaf unter. Von allen zuerst
wachte Berthold auf, ein heftiges Weh schraubte seinen Kopf zusammen, seine
Zunge lechzte, er blickte um sich und befand sich in seinem Schlafzimmer und
seinem Bette. Er glaubte Anna neben sich zu erblicken, es war ihr Nachtkleid,
aber sie war ihm so fremd geworden in der Nacht, er rieb sich die Augen. Endlich
bemerkte er, es sei Verena und verwunderte sich noch mehr, wie das Mdchen in
die Kleider und an den Ort gekommen sei. Aber Verena hatte sich so lange gegen
den Schlaf gewehrt, da sie jetzt nicht so leicht zu erwecken war. Er ging in
das Zimmer der Verena, um sich Aufschlu zu verschaffen, und fand Anna auf einer
Seite eines Tisches und Anton auf der andern eingeschlafen. Ehe er sie erwecken
konnte, pochte schon ein Jger an, der Berthold befahl, sogleich zum Herzog zu
kommen. Da er angezogen zu Bette gebracht worden, so forderte es nur einen
Augenblick, sich in Ordnung zu bringen, er folgte dem Boten, ohne etwas von dem
Zusammenhange aller Ereignisse zu wissen.
    Berthold nahm sich zusammen, als er beim Herzog eintrat, die Neugierde hatte
fast sein Kopfweh unterdrckt, er fragte ehrerbietig: wie der Herzog unter
seinem Dache geschlafen. - Schlecht, sagte der Herzog, ich habe das Unglck
gehabt, aus dem Bette auf den Stiefelknecht zu fallen, die Stirn ist wund, das
Auge entzndet, ich brauche schon die halbe Nacht kalte Umschlge und jetzt lt
der Schmerz etwas nach. - Berthold bedauerte ihn und sagte, da er sich nach
dem Rausche auch bel befinde, zugleich uerte er seine Verwunderung, wie der
Wein des Herzogs so betubend auf ihn gewirkt habe. - Ich bin daran gewhnt,
sagte der Herzog, er ist mit trkischem Mohnsaft in der Grung versetzt, aber
es gefllt nicht jedermann. Wie haltet Ihr es aber in dem Hause aus, fuhr er
fort, das knnte ich nicht vertragen. - Berthold fragte: Ob ihn Wanzen oder
Mcken geplagt htten. - Nein, die Geister meine ich, antwortete der Herzog,
hier halte ich es keine Nacht mehr aus bei den leuchtenden Gestalten, wie alte
Kaiser mit feurigen Kronen, die einem so dicht vor den Augen herumziehen, da
man meint, sie springen in die Augen, und dann die heftigen Blitzschlge durch
alle Glieder. Ihr seht mich unglubig an! Lassen wir das, ich habe Wichtigeres
mit Euch zu verhandeln.
    Nun erzhlte der Herzog mit Auflodern, die Reutlinger htten seinen Vogt von
Achalm erschlagen, was Berthold schon wute, blo weil er in ihrer Stadt ber
einen Reutlinger gespottet hatte, den der Herzog vorher hinrichten lassen. Er
wolle jetzt sein ganzes Land bewaffnen. - Gegen die eine Stadt? fragte
Berthold. - Nicht wegen der Reutlinger mu ich mich bis zum Kinn verschanzen,
antwortete der Herzog, Ihr werdet bald mehr hren.
    Es harren zwlf Edelknaben mit Absagebriefen von dem Schwbischen Bunde vor
dem Tore, weil ich in aller Eile das Reutlinger Stadtgebiet verwsten lie. -
Bei diesen Worten wurde er so zornig, da ihm zwei Blutstrahlen aus der Nase
sprangen. Berthold reichte ihm Wasser und der Herzog sagte: Der Aderla hat
mich beruhigt, ich will jetzt den Boten, die vor den Toren harren,
entgegenreiten und Ihr begleitet mich.
    Der Herzog auf einem hohen, schweren Falben, Berthold auf seinem braunen,
treuen Rennpferde, umgeben von Grnewald und der groen Schar Diener, ritten
vors Tor, wo die Edelknabe harrten. Der Herzog winkte sie zu sich, sie
berreichten ihm die Absagebriefe, die an den Spitzen ihrer Spiee befestigt
waren, und er lie jedem dafr eine Flasche Most an den Spie hngen mit
freundlichem Grue und so schmecke der diesjhrige Wirtemberger Most und, wenn
er klar gegoren, wrde es zwischen ihnen auch klar sein.
    Die Edelknaben wurden entlassen, der Herzog sprach eifrig von der Sicherung
der Stadt gegen den Schwbischen Bund und Grnewald sehr gelehrt von allen Arten
der Befestigung. Endlich bestellte er noch durch Berthold einen Gru an Frau
Anna und da er bald wieder kommen werde und gab seinem Pferde die Spornen, um
nach Schorndorf zu reiten. Ihm folgte ein zahlreicher Jgerhaufen zu Ro und zu
Fu, mit Hunden und Falken, mit Kchenwgen und Zelten, als ob ein Volk mit Hab
und Gut auswandre.
    Alte Stille blieb nun in der Stadt zurck, die Einwohner konnten ruhig die
Traubenlese frdern, und Berthold hatte endlich Zeit sich nach dem Zusammenhange
aller der Begebenheiten zu erkundigen. Aber Grnewald wute ihm nur zu
berichten, da er durch die Vorsichtsmaregeln des Herzogs in seinem Geisterspa
gehemmt worden sei, er htte dem Anton einen Krbis und Ketten berbringen
wollen, aber die Wachen htten ihn nicht eingelassen. Im Hause hrte er von
Annen den ganzen Verlauf, so weit sie ihn wute, und kte sie tausendmal fr
ihre Vorsicht und htte dem Anton gern gelohnt, da er sich so willig zu der
Geisterfahrt gezeigt, aber dieser war schon nach Hause zu seinem Meister geeilt.
Frau Apollonia kam und klagte, wie ihr die Jger in der Kche so viel Schaden
getan, aber heimlich qulte sie sich, da Anton, wie ihr Sabina erzhlt, die
Nacht bei Annen zugebracht habe. Alle waren verwacht, verstimmt, sie
beschlossen, einmal wieder den alten Anno, den Einsiedler, auf den Weinbergen zu
besuchen. Vielleicht ist's der letzte schne Abend im Jahre, sagte Berthold,
er will auf auerordentliche Art gefeiert sein, und der Alte hat eine hhere
Freude an der Traubenlese, als wir gestern mit dem betubenden Geschrei
erreichen konnten.
    Der Weg in seinem leisen Ansteigen auf mancherlei Krmmungen zerstreute sie
mit stets wechselnder Ansicht, sie holten aus den Weinbergen Bertholds die
schnsten, gelben Trauben und erfrischten sich an dem edlen, schuldlosen Safte,
den die wilde Grung in den Tiefen der Keller bald zur wilden Raserei verfhrt.
Mit dieser Gabe stiegen sie weiter hinauf, wo Anno wohnte, den sie im Gebete vor
seiner Htte trafen. Der Platz, wo sie gestern an der Burg zum Schwrmen
gezwungen waren, lag tief unter ihnen, wie ein niedriges Erdenleben, hier
fhlten sie sich dem Himmel nher. Der alte Anno empfing sie freundlich, dankte
fr ihre Gabe und sagte, er habe an dem Tage schon eine herrliche Gabe erhalten
von einem jungen Maler Anton, ein frommes Muttergottesbild. Anna sah sich mit
Beschmung in dem Bilde wieder, auch Apollonia sah sie bedeutend an, nur
Berthold war mit dem Einsiedler allzu sehr beschftigt, um dies zu beachten.
Dieser erzhlte ihm seine Geschichte, wie er schon neunzig Jahre, vielleicht
noch lter sei, wie er so lange im Dorfe unten gewohnt habe, als er noch viele
Kinder und Kindeskinder gehabt. Als sie ihm aber allmhlich abgestorben und er
ihr Erbe geworden wre, da htte sich ihm in seinem Gram eine andre Freude und
ein andres Leben erffnet und er knne die Ereignisse dieser Welt von da an nur
immer als Gleichnisreden zur Belehrung, aber nicht als etwas, das an sich
bestehe, ansehen. Von da an habe er alle Sorgen aber nicht den Flei aufgegeben,
denn was er auf seinen ckern und Bergen ber sein Bedrfnis gewinne, das
schenke er frommen, armen Leuten, die es bedrften, oder denen, die ihn in guter
Gesinnung besuchten. Die Gesellschaft wurde bei der Erzhlung immer stiller und
aufmerksamer. Er sprach zuletzt von der Seligkeit reicher Ernte und von der
Erziehung des Menschen in dem Reichtum himmlischer Gaben, die in der Ernte
irdisch ausgesprochen wrden: wie viel herrlicher ist diese, rief er, als die
Erziehung in Reue und Jammer, aber nicht jedem ist sie gedeihlich, nicht jeder
bleibt in seiner Unschuld unstrflich, obgleich menschliche Irrtmer vom Himmel
gern bersehen werden. Darauf brachte er Brot vom frischen Weizen und einen
Becher jungen Most und sprach dabei manches fromme Wort. Es wurde dunkel, aber
Berthold konnte sich der heitern Ruhe nicht entziehen, um an alle Schrecknisse
der vorigen Nacht, an Gewalt und Geisterspuk in dem Hause erinnert zu werden,
dessen Vollendung ihm einst als hchste Glckseligkeit erschienen war. Auch die
andern wnschten zu bleiben, der Alte bot ihnen Strohmatten zum Lager an und sie
nahmen die Einladung an. Sie schliefen und beteten mit ihm, wie es die Stunden
forderten. Am Morgen bat Berthold den Alten, da er fr sein knftiges Kind
bete. Nach dem Gebete stand der Alte lange mit ausgebreiteten Armen gegen die
Sonne, die ber den Nebel wie ber ein Weizenfeld hinaufdrang, sprach dann mit
den Augen zum Himmel gewendet, von der Geburt des Herrn und sang, indem er
Annens und Bertholds Hnde ergriff und drckte:

Es schwebt ein Glanz hoch berm Gold der hren,
Sie tauchen nickend in den Segen ein,
Ein Engel weint die hellen Freudenzhren,
Am Himmel zieht ein einz'ger Stern allein.
Die Hirten schlafen noch und lcheln drein,
Sie ahnden schon, wie nah der Herr mag sein.

Dem Engel geht ein Lamm so still zur Seite,
Das trgt ein Kreuz und blickt zu allen mild,
Die Schflein sehen auf, was das bedeute,
Sie freuen sich am hhern Ebenbild:
Ihr Hirten wachet auf, verkndet laut,
Ihr habt den Herrn im fernen Glanz geschaut.

Es naht der Herr in dieses Tages Frhe,
Im Erntesegen nahet uns der Herr,
Er lohnet uns Vertrauen, Liebe, Mhe,
Er gibt sich selbst fr uns, so lohnet er,
Es ziehn die Knige zum Erntefest,
Wie kann die Htte fassen solche Gst.

Die arme Htte kann sie alle fassen,
Es macht der Glanz sie alle froh und satt,
Und seinen Thron mag jeder gern verlassen,
Der hier noch einen Platz zum Knieen hat,
Es ist ein Kind geboren in dem Glanz,
Ihm bringen sie den reichen Erntekranz.

Aus hren und aus Trauben ist gebunden
Der Kranz, den sie dem Kinde bieten dar,
Sie haben es beim Strahl des Sterns gefunden,
Der noch am Tageshimmel leuchtet klar,
Einst segnet dieses Kind das Brot, den Wein,
Gott wird euch nah im ird'schen Zeichen sein.

Hat euch der Herr im Reichtum sich verkndet,
In seiner Ernten schner Mannigfalt,
Verkndet ihn der Welt, der euch entsndet,
In dem Geschenk bt gttliche Gewalt:
Gedenkt des Herrn beim Brot, beim Becher Wein,
So kehrt der Herr im Geiste bei euch ein.


                               Sechste Geschichte

                               Das Todaustreiben

Wie mag die Erde sich scheuen, wie mchte sie so gern ihren Lauf zurck wenden,
wenn sie in den Winterhimmel tritt, der alle ihre Saaten verschttet. Sie ringt
vergebens gegen ihren eignen Umschwung. - Ob die Tiere wohl ihr Leben rhmen
mgen, welche auf einen Jahreslauf beschrnkt, nur Frhling und Sommer kennen?
Oder ob sie neidend zu den berlebenden Geschlechtern hinblicken mgen, ehe sie
sich vor der kalten Luft verkriechen?
    Trichter Neid, sie wissen nicht, wie die Bienen trauern, wenn sie ihren
Vorrat in der Winternot angreifen mssen, denn sie hatten ihn nur zur Erinnerung
der Blumenksse zusammen getragen. Sie wissen nichts von der Gefangenschaft der
Fische, wenn sich ihr Mund an der harten Eisdecke, die sie unbemerkt umschlossen
hat, blutig stt, wie sie erschrecken, wenn der Hirsch neugierig auf die
Eisdecke klopft, weil ihm verlangte nach dem klaren Bache und das Wasser ihm in
Stein verwandelt ist. Der Winter kommt den Tieren und den Menschen zur
Verwunderung, nur wenige wissen ihre Zeit voraus, wie die Wasserlilien, die zum
Blhen in rechter Zeit ihre strahlenden Hupter ber die Oberflche der Gewsser
erheben, um dann gengsam und ruhig in den Abgrund seliger Erinnerungen bis zur
Wiedergeburt zu versinken.
    Ein harter Winter war dem schnen Herbste gefolgt und whrend der Most zu
Wein wurde, froren die Reben, an denen er gewachsen. Berthold wurde am
Neujahrstag durch ein Beben seines Bettes erweckt und wollte erst nicht glauben,
die Erde habe gebebt, bis die Nachrichten von allen Seiten kamen und
eingefallene Schornsteine sie besttigten. Die treue Muttererde bebt, dachte er
im stillen, die treue Mutter hat mir kein Lebenslicht zum Neuen Jahre berbracht
und Anna denkt an so etwas nicht. Aber diese kleine Sorge ging ihm schnell in
der schwereren fr seine Stadt unter. Durch die Hoffnung eines Kindes hatten
sich seine Stadtplane, die ihn schon immer beschftigt, ber das mitlebende
Geschlecht hinaus, ber entfernte Zukunft ausgedehnt. Die Stadt sollte sich frei
und selbststndig erheben, wie Reichsstdte; nur dazu waren ihm die Anmahnungen
der Kronenwchter, sich dem Schwbischen Bunde anzuschlieen, willkommen.
Grnewald, der gar keine Meinung ber so etwas hatte, aber alles sehr geschickt
auszufhren verstand, gab ihm in allem nach, hatte er sich doch berhaupt nur
darum in die Gunst des Herzogs geschmeichelt, um in der Nhe Annens mit Ansehen
aufzutreten. Auch der Neujahrstag verging, wie so mancher andre Tag in
vergeblichen Beratschlagungen mit ihm, wie die Unternehmung des Bundes zu
beschleunigen sei, da die Erde selbst zu ungewhnlichen Unternehmungen geneigt
scheine; das Unternehmen konnte in der Klte nicht zur Geburt kommen. Der Frost
in den nchsten Tagen nach Neujahr stieg immer noch, die ltesten Eichen
spalteten sich, der edle Kaiser Maximilian starb und Berthold betrauerte ihn
aufrichtig und war mit den ffentlichen Trauerfeierlichkeiten beschftigt. Da
kam Botschaft vom Herzog Ulrich, der Reutlingen trotz dem Froste belagerte, da
sie die Rstungen beschleunigen und ihm Leute senden mchten. Berthold und
Grnewald stellten sich dem Willen des Herzogs ergeben, aber je eifriger sich
Berthold und Grnewald zur Frderung der Rstung anstellten, desto weniger
vollbrachten sie. Der Ehrenhalt kam jetzt und versprach die nahe Ankunft der
Scharen des Schwbischen Bundes, aber es zgerte sich, wie mit allen
Unternehmen, die aus dem Entschlusse vieler hervorgehen sollen. Reutlingen mute
sich ergeben, vom Geschtz in seinen wesentlichen Befestigungen zerstrt,
whrend die Grben zugefroren waren. Der Herzog hielt einen feierlichen Einzug,
die Brger muten ihm huldigen, die Reichsfreiheit war verloren, wenn der
Schwbische Bund noch lnger zgerte. Berthold htte verzweifeln mgen, whrend
er Freudenfeste zur Ehre dieses Zuwachses des Herzogtums veranstalten mute.
    Der Wind wendete sich, die zeit war im Nichtstun vorgerckt, der Frhling
lie wie ein bescheidner Freund erst anfragen, whrend Berthold vor der Tre
stand (wie er nach dem Mittagessen zu tun pflegte), um nach ihm sich umzusehen,
ob er nicht bald komme. Er fhlte sich in Frhlingsahndung ganz wehmtig. Da
blies es vom Turme, den er als Kind bewohnte, in groem Jubel schrieen alle aus
den Husern, doch wute er nicht gleich, was es bedeute, weil er als Kind nicht
unter die Leute gekommen war. Da sah er den beschrieenen Gast ber den Markt
ziehen, es war der Storch. Gleich liefen die Kinder aus allen Husern am Markt
zusammen, jedes brachte Stroh oder Lumpen und die grten verfertigten eine
gewaltige Strohpuppe, whrend die kleinen mit Tellern in die Huser liefen, um
ihren Lohn einzufordern, da sie den Winter aus der Stadt vertrieben; sie kamen
auch zu Berthold, der sie reichlich beschenkte. Nun begann der groe Zug der
Kinder, die Strohpuppe wurde an einem langen Seile geschleift und alle schrieen:

Nun treiben wir den Winter aus,
Den Tod aus unsrer Stadt hinaus.

Wie junge Rosse wiehernd einen Leichenwagen ziehen, mit den Gebissen spielen,
die sie lenken, sich von der Erde aufbumen der sie doch nicht entlaufen knnen,
so erschien unserm Berthold in seinem betrbten Herzen der frhliche Zug, er
wute nicht, welche Freude ihm an dem Tage bevor stand, was ihm der Storch an
dem Tage gebracht hatte. Anna hatte ihn an dem Tage nicht sehen wollen, sie war
krank, auch das machte ihn sehr beklemmt. Da glaubte er ein Kindergeschrei in
seinem Hause zu vernehmen, er horchte noch einmal, da kam Frau Apollonia mit
freudigem Auge und fast atemlos die Haustreppe herunter, und schrie: ein Sohn,
ein Sohn! - Berthold fhlte sich selbst entrissen von Freude, er strzte die
Treppe hinauf ins Zimmer, die Trnen liefen ihm in seligem Entzcken ber die
Wangen, schon sah er das Kind, wie es im Bade sich allmhlich von dem rger
beruhigte, aufs Trockne versetzt zu sein: Wie schn ist der Knabe, rief er,
gleicht er nicht dem Christuskinde an unserm Giebel, wie soll ich dir danken
Anna, alle Mhe, alle Qual, die du bei dem Kinde ausgestanden hast, und wie
schn blickst du mich an aus deiner Schwche. Frau Apollonia war bei den Worten
Bertholds erbleicht, sie sah das Kind ernstlich an, es war das vollkommenste
Abbild des Kindes am Hause und dies das vollkommenste kindlichste Bild Antons.
In ihrer Verlegenheit winkte sie Berthold, das Zimmer zu verlassen, es sei nicht
gut, die Wchnerinnen in ihrer ersten Ruhe zu stren. Aber er war nicht
fortzubringen von dem Kinde, er sa da, betend wie einer der heiligen drei
Knige und freute sich immer, da sein Kind dem Christuskinde gleiche. Als es
endlich eingeschlafen war und er fhlte, wie er nur hindre, statt zu helfen, und
die Strae laut wurde, schlich er fort und trat vor die Haustre. Da kamen die
Knaben von ihrem Zuge zurck, die Winterpuppe war in die Rems geworfen, sie
brachten statt ihrer eine grnende Maie und indem sie dem Brgermeister das
erste Zweiglein davon darboten, sangen sie:

So viel Bltter an dem Strau,
So viel Kinder in dein Haus,
Wnschet dir die Engelschar.

Mit dem einen ist's schon wahr! fiel Berthold ein und wendete seine Tasche um,
ihnen alles Geld zu spenden, was er bei sich trug, sie sollten sich an dem Tage
recht lustig machen, dabei zeigte er auf seinen Giebel und sprach mit Jubel:
Seht Kinder, so sieht mein Kleiner aus. - Apollonia stand hinter ihm und
seufzte in sich und dachte: Wie soll ich den armen Mann von der unseligen
hnlichkeit abbringen, er breitet seine eigne Schande aus, die Wartfrauen nennen
schon den Kleinen ihren heiligen Anton. Berthold ahndete nichts von dem
Geschwtz in seiner Seligkeit, er konnte sich nicht enthalten, Anton von Herzen
zu kssen, der zufllig den Zug der Kinder mitgemacht hatte, um ihn zu zeichnen,
und nun zurck kam. Er fhrte ihn in seine Rstkammer zu den schnen, kleinen
Puppen, mit denen er selbst einst sich die Zeit vertrieb, und freute sich mit
ihm, wenn sie den Sohn da zum erstenmal hinfhren, ihm die Puppen zum Spiel
bergeben wollten. Anton sollte das Kind malen, sobald es nur ein wenig
ausgebildet wre. Dem Anton schenkte er fr die leichte Zeichnung des
Todaustreibens einen schnen, roten Mantel mit goldner Einfassung. Anton ging so
stolz aus dem Hause, als ob er sich den Doktormantel verdient htte, oder, wie
die Leute sagten, als ob alles mit dem Mantel christlicher Liebe zugedeckt
werden sollte. Grnewald schttelte mit dem Kopfe, als er am Abend zu Frau
Apollonien ging, und sprach erst mit ihrer Magd Sabina ber Bertholds Kind und
dann mit ihr, als sie gerufen worden, denn er lie sich mit allen Leuten ein und
hatte gar kein Geheimnis.

                              Siebente Geschichte



                          Die Grber der Hohenstaufen

Kaum vier Wochen waren seit der Niederkunft vergangen, Mutter und Kind waren
frischer und schner, als je eine Wchnerin und ein so junges Kind in Waiblingen
gesehen, und die hnlichkeit beider mit dem Bilde am Giebel wuchs zu Bertholds
Freude mit jedem Tage. Eben so wuchs das Gerede der Leute in der Stadt und
Antons Verlegenheit dabei, der sich keiner Schuld bewut war. Wie oft
verwnschte er den Einfall, sich selbst in dem Christuskinde abgebildet zu
haben, und meinte es frevelhaft, seit sich Frau Anna daran versehen habe, denn
alle Weiber in der Stadt narrten ihn damit und verlangten, da er ihnen Bilder
auf den Giebel malen solle, die Mnner aber stellten sich, als ob sie ihn gar
nicht mehr in ihren Husern dulden drften. Mitten in dies Gerede, das Grnewald
in seiner unabweislichen Geschwtzigkeit und Vertraulichkeit immer neu anregte,
schrie die Kriegstrompete, da alles fr einige Zeit verstummen mute. Der
Schwbische Bund war endlich doch mit seiner Rstung fertig geworden. Unter dem
Namen Herzog Wilhelms von Bayern fhrte Georg von Frundsberg eine groe
bermacht gegen den Herzog Ulrich. Der groe Frundsberg, an der Spitze einer
geringeren Zahl, wre schon des Siegs gegen Herzog Ulrich sicher gewesen, aber
auer der Menge stand ihm der ganze Einflu der Kronenwchter zur Seite, sie
nannten ihn damals ihren Reichsfeldherrn und er wre es auch geblieben, wenn sie
ihm htten erfllen knnen, was sie ihm zugesagt hatten. Der Herzog Ulrich
sammelte sein Volk in Blaubeuren und kamen viele Boten an Berthold und Grnewald
wegen Beschleunigung der Rstung, als Berthold gerade beschftigt war, das der
ganzen Stadt zur Taufe versprochene Fest einzurichten. Alle frhlichen Anstalten
wurden gehemmt, auch dem Meister Kugler abgeschrieben, der zur Taufe eintreffen
wollte. Nun wurden die Rstungen wieder durchgesehen und der Ehrenhalt trat als
Waffenschmidt auf, weil in dem Jahre der Waiblinger Waffenschmidt gestorben war
und die Witwe zu hlich war, um sogleich einen jungen Mann fr ihre Nahrung zu
finden. Der Ehrenhalt beschaute die Brgerwaffen, ri hier eine Schiene ab, dort
schlug er eine ein, um den Brgern zu beweisen, da sie verloren gewesen, wenn
sie mit so verrosteten Waffen ausgezogen wren. Unterdessen wurde mit Herzog
Wilhelm verhandelt und was sehr seltsam, durch den herzoglichen Vogt Grnewald,
der seinen alten Herrn gern einmal wieder sehen und ihm einige neue Liebeslieder
vorsingen wollte. Der Herzog lie der Stadt Reichsfreiheit versprechen, wenn sie
ihre Streitkrfte mit ihm vereinigte. Der eifrige Berthold, durch Erziehung,
Krnklichkeit, Reichtum und Bildung immerdar von der Masse der Brger getrennt
und nur in Geschften mit ihnen bekannt, setzte voraus, da ihre Gesinnung ganz
mit der seinen bereinstimme, da sie als eine Wohltat annehmen wrden, was er
fr ein Glck erkenne. So kam's, da er sich nicht einmal die Mhe gab, die
Meinung der Znfte ber diese Angelegenheit zu erforschen, auch fehlte ihm dazu
der gute Fingerling. Die Zunftmeister wunderten sich zwar ber die langsame
Rstung, aber sie hatten gerade auch keinen bermut zu diesem ganz unntzen,
verderblichen Kriege, sie lieen es so gehen. Endlich hie es, alles sei fertig,
die ltere Mannschaft blieb zur Besatzung, Grnewald und Berthold sollten mit
den andern zu Herzog Ulrich ausziehen.
    Anton war in dieser Zeit in der unbequemsten Lage, er wollte mitziehen und
mute sich doch vor dem Ehrenhalt verstecken, und wute das bei Musterungen
nicht anders zu bewerkstelligen, als durch eine scheinbar zufllige Frbung
seines Gesichts, ber die ihn die Leute zwar auslachten, die er aus der Unruhe
jener Zeit erklrte, die nicht Zeit zum Waschen lasse; zugleich steckte er eine
Kugel in die eine Backe, als ob sie vom Zahnweh geschwollen wre, so da ihn
Meister Sixt selbst zuweilen nicht erkannte. Als nun der Zug vor dem Rathause
sich sammelte, die Weiber und Kinder die Tornister und Mantelscke weinend
herbeischleppten, konnte er sich des Lachens nicht erwehren, ihm war so
seelenglcklich zu Mute, da seine Kugel ihm aus dem Mund in einen Suppennapf
mit Klen fiel, aus welchem ein Brger eben sein letztes Mittagsmahl essen
sollte. Der Brger fing an zu essen und bi sich fast einen Zahn an der Kugel
aus, die er fr einen Klo gehalten, es war die einzige Kugel, die bei diesem
Zuge Schaden tat.
    Frau Anna war von allem unterrichtet und stellte sich daher nur traurig ber
diesen Auszug wegen der fremden Leute, die sie umgaben. Das Kind schmiegte sich
an den ausziehenden, gersteten Berthold, hatte sein Haar gefat und wollte ihn
gar nicht fortlassen, da weinten die Hebamme und die Mgde, und sie redeten
unter einander, wenn es den Pflegevater schon so fest gehalten habe, so wrde
Anton sich nie von ihm haben losreien knnen; das hrte Anna, obgleich es leise
gesprochen war, es fiel ihr schwer aufs Herz, sie dachte der hnlichkeiten nun
erst recht, verstand manche Winke der Mutter. Ihr Stolz war tief gekrnkt,
obgleich sie nichts sagte und gar nicht tat, als ob sie etwas vernommen habe.
Alles andre war ihr jetzt gleichgltig, sie sann darauf, wie sie diesen bsen
Leumund falscher Zungen zerstreue, whrend der Zug vorber zog. Sie glaubte in
jedem, der hinauf blickte, Hohn und Spott zu erkennen, sie glaubte zu hren, wie
sie ber das Christuskind auf dem Bilde sprachen. Anton mute fort aus der
Stadt, das Bild mute gendert werden, das stand ihr fest im Sinne und sie
grbelte, wie das auszufhren sei mit einer Ungeduld, da ihr Kind davon
erkrankte.
    Viele der Streiter zogen nur mit angetrunknem Mute aus, dieser Mut sank
aber, als sie ermdeten, die Pferde schienen zu erlahmen, die Fugnger ruhten
sich oft. Der Ehrenhalt erzhlte, nachdem Grnewald von einem Sphen
zurckgekommen, es wrden ihnen bald Stckkugeln ber die Kpfe sausen, sie
brauchten sich darum nicht zu bcken, denn das sei doch gewhnlich zu spt, er
erzhlte von den bayerischen Reitern, wie die so genau zusammenritten, da ihre
Spiee wie eine groe Sge glnzten, sie mchten sich gefat machen, sie stnden
schon zwischen ihnen und dem Herzog. Da sonderten sich die Verzagten, einer sang
mit bebender Stimme und wute nicht, was er sang, ein andrer, der sonst eine
schreckliche Stimme fhrte, konnte kaum so laut kommandieren, da es seine
Rotten hrten, ein Schuster unterhandelte laut mit Gott, da er wohl ein Bein
daran geben wolle, wenn er ihm nur seine beiden Arme unversehrt lasse. Aber die
Krftigen, unter denen Anton gewi einer der ersten, lieen sich diese Sorgen
wenig anfechten, sie untersuchten noch sorgfltig ihre Vorrte und warteten der
ttigen Stunde. Der Ehrenhalt erkannte nach seiner Kriegserfahrung die Sicheren,
sonderte sie auf Bertholds Befehl in eine Schar zusammen, lie sie nach einer
Seite den Feind aufsuchen, wo keiner anzutreffen war.
    Kaum eine Stunde, nachdem Anton mit diesen von der Masse sich getrennt
hatte, erblickte Berthold und die bei ihm geblieben, das groe Bundesheer beim
Ausreiten aus einem dichten Walde gleich einer berschwemmung um sich her, aus
der ein Schilfwald von Spieen und zwlf groe Kanonen, wie Krokodile mit
offenem Munde, hervorragten. Hier war weder an Sieg noch an Flocht zu denken,
sie waren beobachtet, eine Masse Fuvolk schrie schon hinter ihnen im Walde.
Berthold wendete sich zu dem erschrockenen Haufen, stellte ihnen die ganze
Gefahr ihrer Lage dar, sie mten sich auf Gnade und Ungnade ergeben. Dann aber
sagte er ihnen, da der Schwbische Bund keine Ungnade gegen sie hege, da er
ihm wiederholend Reichsfreiheit fr die Stadt habe anbieten lassen, in sofern
die Brger sich entschlssen, die Sache Herzog Ulrichs aufzugeben und mit dem
Bunde sich zu vereinigen. Sie mchten jetzt whlen, er werde sich ihrem
Entschlusse ergeben, es stehe bei ihnen, ob sie, ergeben dem trunknen Unholde,
von dem sie nie Schutz, sondern nur immer Trutz, Zwang und Zahlungsgebote
empfangen, der sie wie Hunde zu seinen Jagden, ihre Frauen zum Frevel
mibraucht, in den Wald von Spieen stechen, oder sich selbst als freie
Reichsbrger regieren, niemand als dem Kaiser verpflichtet sein, und die Hand
dem Herzog Wilhelm reichen wollten, der mit Grnewald geritten komme, um sie
ihnen zu bieten. Die Brger sahen einander verwundert an, keiner wollte
sprechen, einige fluchten auf den Brgermeister, aber da keiner Anstalt zur
Gegenwehr machte, so begrte Herzog Wilhelm Berthold und seine Brger als
Freunde, verkndete ihnen Friede und Freiheit und Berthold dankte in ihrem
Namen.
    Der ganze Zug ging nun nach Waiblingen, den Brgern wurden die Tore
geffnet, die Fremden zogen nach, die Stadt wurde besetzt, und die Bundesscharen
in die Huser gelegt. Jeder Brger war ber die nderung verwundert, am meisten
Anton mit seiner Schar, als sie keinen einzigen Feind im Felde und nun so viele
in der Stadt fanden, aber es war geschehen und die Bedrfnisse der Gste
beschftigten alle Hnde. Am andern Morgen sollte der Zug weiter gehen, vermehrt
durch die bewaffneten Brger. Berthold freute sich der khnen Taten, die seiner
warteten, aber kein Brger kam zur Versammlung, sie erklrten, da sie nicht
eidbrchig, wie der Brgermeister wren. Nichts auf der Welt hatte Berthold je
so gekrnkt, schon mute er von Frundsberg hren, da an keine Reichsfreiheit zu
denken sei, wenn die Brger sie nicht zu erstreiten sich geneigt fnden. So
hatte er ganz vergebens das Glck der Seinen an dies Unternehmen gesetzt, mit
Herzog Ulrich war keine Vershnung mglich; er fhlte, da er die Stadt nicht
gekannt, sie in seine Hoffnungen habe zwingen wollen, er konnte sich nur mit der
guten Absicht bei dem schlechten Erfolge rechtfertigen. In dem Wirbel dieser
Betrachtungen sa er fast gedankenlos mig; das Geschehene lt sich nur durch
Tat, nicht durch Nachdenken vernichten.
    Grere Bundesscharen kamen in den nchsten Tagen, die Brger hatten alle
Lebensgefahr vergessen, der sie entkommen, die Last und Kosten schienen ihnen
unerschwinglich, sie sprachen laut gegen den Brgermeister, obgleich dieser aus
freiem Willen mehr Last bernahm, als ihm im Verhltnis zukommen konnte. Er
wollte die Stadt befestigen, aber niemand zeigte sich bereitwillig, er wollte
den Rat ber alle Angelegenheiten setzen, die sonst der herzogliche Vogt
besorgte, aber keiner wollte sie bernehmen, er sah, da die reichsstdtische
Verfassung zu einer leeren Form wurde, weil sie nicht durch die Notwendigkeit
entstanden war, eine allgemeine Kraft zu begrenzen. Diese allgemeine, belebende
Kraft fehlte, die Verstndigen schwiegen, die Toren und Widerspenstigen waren
berlaut, die Verstndigen hielten ihn fr einen Schwrmer, die Schlechten
glaubten in ihm einen bestochenen Verrter, die fremden Landsknechte spotteten
seiner teuer erkauften Reichsfreiheit. Jeder suchte sich ihm und der Stadt in
der Vorsorge fr die Bedrfnisse der fremden Scharen zu entziehen, auf ihm
lastete das ganze Geschft, dabei schwrmten seine Gedanken umher nach Rat und
Trost, so mute sich ihm die Arbeit verdoppeln und die Fremden mochten zuweilen
wohl mit Recht auf den Mangel an Anordnung schelten. Sein einziger Genu war es,
seit er von diesen Fremden doch kein Heil erwartete, die Brger gegen ihren
Unwillen und bermut zu schtzen; zu jedem Streite eilte er mit rechter Lust und
setzte gar oft sein Leben an eine Kleinigkeit, die mit einiger Ruhe friedlich
geschlichtet werden konnte. Die ble Folge davon war, da strkere Besatzung in
die Stadt gelegt wurde, damit nicht einzelne wieder in solchen Streitigkeiten
unterliegen mchten, und so fhlte sich Berthold die Veranlassung einer neuen,
drckenden Last. Wren wir ruhig zu Hohenstock! rief Berthold zuweilen, aber
Anna antwortete immer: Lieber tot, als dort unter den wahnsinnigen Menschen!
    Als eine Verstrkung der Besatzung rckte auch ein sehr unbequemer
Bekannter, der Graf Konrad, mit einer Schar Reisigen ein, welche die
Kronenwchter fr ihn geworben und mit denen sie ihn zum Herzog Wilhelm
geschickt hatten. Berthold freute sich in seinem Unmut, ihre alte Streitigkeit
da fortsetzen zu knnen und lie ihn sehr hart an. Aber Konrad schien seine
Natur ausgetauscht zu haben, er antwortete nur das Notwendigste in
Bescheidenheit und bat ihn, seine frheren Unbesonnenheiten zu vergessen, die
Kronenwchter htten ihn belehrt, da sie zu einem Ziele alle beide
hinarbeiteten. Berthold sah sich durch dies Verhltnis gezwungen, obgleich es
ihm unangenehm, Konrad in sein Haus einzufhren.
    Dieser betrug sich dort ganz bescheiden und anstndig, er schien Annen ganz
verwandelt und sie fate ein gewisses Vertrauen zu ihm. Sie sah den Gram, der
ihrem Berthold schnell die Haare bleichte, sie hrte die Hrte, mit der die
Brger ihn beurteilten, durch Grnewald, der ber alles mit jedem sprach, ohne
zu beachten, ob es schade. Sie fragte einmal Konrad, was er meine, wie Berthold
knne aus den widrigen Geschften befreit werden. Der riet, da er sich fr den
Bund rste und gegen Herzog Ulrich ziehe, denn wie er hre, deute man es ihm
ohnehin bel beim Herzoge Wilhelm, da er mit seinen Brgern unttig
zurckbleibe, nachdem er versprochen, mit einer Schar zu ihm zu stoen; dort sei
jetzt fr ihn und die Seinen allein noch Sicherheit.
    Dieses Gesprch wiederholte Anna ihrem Berthold am Abend und dieser erfreute
sich des unerwarteten Auswegs; aber er wagte es nicht, sich demselben zu
berlassen, weil er den Vorwurf frchtete, sich dem drckenden Geschfte fr die
Stadt entzogen zu haben. Wer die Seinen in der Not verlt, dachte er, den
verlt Gott in seiner letzten Not, und konnte nicht einschlafen und sich zu
nichts entschlieen. Frh stand er auf und fand Apollonien am Brunnen und
berichtete ihr seinen Wunsch ins Feld zu ziehen und alle Grnde dagegen, indem
er sich ihren Rat als seine lteste, treueste, verwandteste Seele erbat.
Apollonia hatte im rger ber die Ereignisse sich die Erzhlungen der Sabina
ber Anna und Anton erst recht zu Herzen genommen, da sie diesen fr den
geheimen Grund seines unerwarteten Entschlusses annahm. Sie suchte ihn zu
trsten, indem sie ber ihre Tochter heftig weinte, sie habe es immer nicht
glauben wollen, die Tochter habe so frei und ruhig jede Warnung abgelehnt, nun
msse sie sehen, da der edelste und beste Mann das eigne Haus fliehen wolle,
das ihre Tochter ihm aus Himmel in Hlle verwandelt habe, es sei die Folge vom
bereilten Heiraten. Httet Ihr gewut, sagte sie, da eben der, mit welchem
Ihr Blut und Leben getauscht, Euer Leben so verbittern wrde, Ihr httet Euer
Siechtum ruhig ertragen. - Berthold, der gar nichts verstanden hatte, fuhr bei
diesen Worten gleichsam beschmt auf: Woher wit Ihr die Geschichte meiner
Genesung: - Von Annen, sagte die Mutter, der hat es Anton erzhlt. - O
dieser Anton, rief Berthold, dem nun auf einmal die Rede der Mutter wie durch
einen Blitz erhellt wurde, dieser Anton ist zu meinem Glck und Verderben
geboren, umsonst habe ich mich dem Migeschicke meines Stammes entzogen, es hat
mich durch Anton ergriffen. Liebe Mutter, sagt mir kein Wort, lat mich irren in
der Dmmerung, es gibt grausame hnlichkeiten, aber ich vertraue auf Anna. Was
ich zweifelhaft in meinen Gedanken wrfelte, das ist entschieden, ich ziehe
fort, ich kann nicht bleiben. Sagt mir kein Wort, verschweigt Annen, da Ihr mir
etwas gesagt, verschweigt ihr alles, Gott und die Zeit wird alles schlichten und
richten. - Anna hatte sich ihnen beiden genhert und sagte mit einiger Wehmut:
Mich lt du allein Berthold, nachdem ich so viel Schmerz und Not bei dem Kinde
ausgestanden habe, und setzest dich hier zur frheren Geliebten. - Frau
Apollonia wollte heftig antworten, aber Berthold beschwichtigte beide, indem er
sagte: Ich gehe noch heute einem ungewissen Geschicke entgegen, vergessen wir
alles berflssige, gedenkt, da wir nur noch wenige Stunden beisammen sind,
meine Ehre fordert, da ich fortziehe. - Anna schlo sich weinend an seine
Brust und gestand, so schmerzlich ihr seine Abwesenheit falle, er sei es seiner
Erhaltung schuldig, sich den Geschften zu entziehen, die ihm in wenig Wochen
die Haare gebleicht htten, deren Frucht und Lohn ihm die Undankbarkeit und der
Starrsinn der Brger entreie. - Berthold zuckte mit den Achseln und sagte:
Jetzt rcken sie mir die vermauerte Gasse vor und mchten den Brunnen
einreien, jetzt, wo jeder Tag sie dringend beschftigen und auf ihr Bestes
fhren sollte, ich habe die Leute klger, viel klger geglaubt, das ist mein
Fehler! - Boshaft und undankbar hat sie das kleine Migeschick gemacht, sagte
Anna, die Frauen sagen mir ins Angesicht Bses von dir. - Das lst die
letzten Bande, sagte Berthold, kte Annen und Apollonien und so saen alle
drei wohl eine lange Abschiedsstunde, ohne zu sprechen, von den Ahndungen der
Zukunft gerhrt.
    Er versammelte darauf die Brger, erklrte, da, wenn sie nicht mit ihm, er
ohne sie dem Bunde folgen wolle, sie mchten einen andern an seine Stelle
whlen. Zu seiner Krnkung fand er, da schon ein andrer Brgermeister heimlich
fr den Fall erwhlt worden, wenn die Fremden abziehen mten, ein Weinhndler
Kranz, sie gaben Berthold der Landesverrterei schuldig. Ihr richtet nach dem
Erfolg, Gott nach der Absicht, rief Berthold, ich biete euch die Hand zum
Abschied, obschon ihr mich tief gekrnkt habt; es wird eine Zeit kommen, wo es
euch reut, da ihr mir nicht gefolgt seid.
    Seinen Nachla hatte er schon beim Anfange der Unruhen gerichtlich geordnet,
Frau Apollonien bergab er die Oberaufsicht der Seinen, so lange Anna noch mit
ihrem Kinde beschftigt sei. Sie aen schweigend mit einander, als wre ein
Kranker unter ihnen. Nach Tische wurde ein Pferd vorgefhrt, Anna und Apollonia
weinten gleich heftig, Berthold fhlte sich beklemmt zum Ersticken. Er bersah
Haus und Garten noch einmal, und betete in der Kapelle, die eben fertig geworden
und geweiht war, da wo ihm das Kind verheien. Er fhlte sich gefater, aber als
er schon Abschied genommen, an seine Tr trat und einen frischen Maulwurfhaufen
an der Schwelle bemerkte, der sich eben herausarbeitete, da fiel ihm Mutter
Hildegard ein, die das immer als Zeichen eines Todesfalles angesehen hatte. Er
sprang noch einmal zurck, kte Annen und Apollonien und das Kind heftig,
schwang sich, ohne ein Wort zu gewinnen, auf sein Pferd, gab ihm die Spornen und
ritt ohne Umblicken fort, damit ihm nicht das Bild am Giebel wieder in die Augen
leuchte.
    Bald war er bei Frundsberg durch den Ehrenhalt eingefhrt, doch gab jener
wenig Hoffnung zu Taten; den Herzog hatten die Schweizer verlassen und darum
entlie er auch seine Landeskinder zur Verteidigung der Stdte. Diese fielen
aber ohne bedeutenden Widerstand, jedermann fhlte, der Herzog knne sich nicht
halten und er fhlte es auch bald, nahm in Tbingen von seinen Kindern
schmerzlichen Abschied und entfloh nach der Schweiz. Der Zug ging nun von einem
Stdtlein zum andern, gewhnlich geschahen kaum einige Schsse, dann wurde
unterhandelt. Berthold verga eignen Kummer bei dem Anblicke der Not, welche die
fremden Scharen auf dem Lande verbreiteten. Die Briefe von Annen und Apollonien
waren sein liebster Schmerz und sein einziger Trost, sie benutzten jede
Gelegenheit, ihm Nachricht zu geben. Einmal berichtete ihm Anna, da es in der
Stadt ein Gesptt sei, da ihr Kind noch nicht getauft worden. Er antwortete ihr
froh, da er nicht dabei zu sein brauche, sie mchte die Taufe und den Schmaus
fr die ganze Stadt ausrichten, wie er ihn vor den kriegerischen Ereignissen
angeordnet habe, er stehe vor dem Aberge und msse da wohl noch einen halben
Monat ausharren, das Fest knne vielleicht den Seinen die Neigung vieler
Mitbrger wieder gewinnen. Bald darauf erhielt er die Nachricht, da Taufe und
Fest am Tage des heiligen Anno angeordnet sei (das Kind, so war schon
verabredet, sollte diesen Namen fhren), er mchte den Tag durch sein Gebet
feiern.
    Zwei Tage vor diesem festgesetzten Tauftage wurde er zu Frundsberg gerufen
und ihm der Auftrag gegeben, in der Hlle eines Pilgers nach Kloster Einsiedlen
zu wandern, um auszuforschen, ob der Herzog in der Schweiz werbe und
Untersttzung finde. Der Auftrag war gefhrlich, jene Seite Schwabens schwrmte
von den zerstreuten Anhngern des Herzogs Ulrich, doch freute es ihn, seinen
Willen bewhren zu knnen.
    Er zog mit einem frohen Gefhle durch das Land, der Tag der Taufe brach an,
er dachte sich lebhaft nach Hause, die Sonne brannte, die Luft war schwl. Gegen
Abend traf er in Kloster Lorch ein, betete lange in der Kirche und wurde dann
von den Mnchen freundlich bewirtet, ohne da sie nach seinem Namen fragten,
denn das Pilgerkleid war ihnen Empfehlung genug.
    Die Mnche klagten, da sie allmhlich aussterben mten, bei der jetzigen
Gesinnung der Leute trete keiner in ein armes Kloster und da dies Kloster, nach
der Strenge ihrer Gelbde, ihre Welt sei, so htten sie ein lebendiges Bild vom
Weltuntergange in ihrem Kreise, der sich mit jedem Jahre verenge. Berthold sagte
ihnen, da solch ein Aussterben sein Wunsch sei. - Habt Ihr je ernstlich an das
Sterben gedacht? fragte ihn der lteste der Mnche. Kommt hinunter in die
Gruft, wo die Hohenstaufen begraben liegen, und Ihr werdet Euch am Leben fest zu
halten suchen. - Berthold schttelte mit dem Kopft, aber er bat, ihm die
Grabhallen zu zeigen, er sei lieber bei den Toten, als bei den Lebenden. - Der
alte Mnch strich nachdenklich seinen weien Bart, ergriff eine Fackel, zndete
sie am Herde an und ging mit ihm ber den Hof.
    Berthold beschaute die Sterne, welche vom nahen Gewitter nicht verdunkelt,
in der Schwle funkelten. - Was leset Ihr in den Sternen? fragte der Mnch. -
Berthold antwortete nach einem Schweigen: O wie so oft hab ich ein Zeichen
erhofft, zogen Sterne den schimmernden Bogen durch die himmlische Leere, durch
die himmlische Tiefe, da ich der irdischen Schwere endlich auf immer
entschliefe. Aber der Morgen lschte die Sterne aus, weckte die Sorgen, weckte
des Herzens Haus, und des Alltglichen Macht zwang die Ahndung der Nacht.
    Auch Euer Stndlein wird kommen! sagte gleichgltig der Alte, ffnete die
Schlsser der Kapelle und fhrte Berthold in die gewlbten Grabhallen, wo die
Hohenstaufen unter einfachen, gehauenen Grabsteinen ruhten. Berthold versuchte
die Namen auf den Grabsteinen zu lesen, aber die Buchstaben waren alt und sehr
verwittert. So ist's mit dem guten Namen der Menschen, sagte Berthold, vom
Zufall geschenkt, von der Zeit bald ausgelscht! - Der Mnch nannte ihm alle
die berhmten Namen der Hohenstaufen, die da eines zweiten Lebens harrten, und
Berthold fragte mit unerwartet aufbrechendem Zutrauen: Ehrwrdiger Vater, wer
nun zweimal schon gelebt hat, darf der noch ein drittes Leben erwarten. - Der
Alte meinte, er schwrme im Fieber und Berthold antwortete: Es mag Euch
unverstndlich sein, was ich sage, aber fhlt meinen Puls, da ich nicht krank
bin. Glaubt mir, ich bin von einem Arzt, als ich sterben sollte, mit einem
zweiten Leben, das er mir wunderbar schenkte, gar schrecklich betrogen und doch
glaube ich an jenes Leben, das uns verheien ist. - Der Mnch sagte ihm, er sei
vom Wege angegriffen, vielleicht von Kummer, sie wollten die dunkle Halle
verlassen, er mchte ausschlafen. - Berthold antwortete: Hier bei den Meinen
mchte ich ausschlafen! - Der Mnch sah ihn verwundert an und sprach: Freilich
alle Menschen sollen Brder sein, wenn sie es nur wren. - Darum ist mir so
wohl, wie mir nie gewesen, antwortete Berthold, hier ist brderliche
Einigkeit, hier verfolgen sie die Ihren nicht mehr, sie wollen gern alle
beisammen sein jenseits der Erde, darum nur lassen sie den Ihren keine Ruhe auf
Erden. - Der Mnch sah Berthold mitleidig an, er hielt ihn fr einen
Wahnsinnigen; ihn zu zerstreuen, las er von der neu errichteten, schwarz
marmornen Gedchtnistafel die Inschrift vor: Da ein Geschlecht vergehe und das
andre komme, und die Erde indessen unbeweglich bleibe und ein jegliches Ding
seine Zeit und alles unter dem Himmel seine Stunde habe, dessen gedenket man
nicht, wie es doch jedem geraten ist, denn die knftigen Zeiten werden alles
zugleich in Vergessen bringen, was wir aufzeichnen von der Vergangenheit und was
wir schaffen in der Gegenwart, denn nichts erringen wir, als die Zukunft. -
Amen, sagte Berthold, ein blauer Blitzstrahl zuckte durch die Halle, der
Donner rollte und ein Blutstrahl sprang aus der Armader Bertholds, da wo Faust
ihm das Blut Antons eingedrngt hatte, und lschte die Fackel des Mnchs. Der
Mnch lie die Fackel fallen und fate Bertholds Hand, der nun sanft auf das
Grabmal des Stammvaters der Hohenstaufen niedersank. Bser Faust! armer Anton,
junges Blut! sagte Berthold mit schwacher Stimme, seine Hand ward kalt.

                                Achte Geschichte



                                   Die Taufe

Anton hatte sich nach dem Verdrusse ber den vergeblichen Kriegszug, von
Berthold gewendet, denn er hatte sich auf den Ruhm gefreut, noch ehe er ihn
errungen, auch nahm ihn die Anwesenheit des Ehrenhalts gegen alles ein, was
unternommen wurde. Er lie sich durch keine Drohung des Meister Sixt bestimmen,
die Adler zu malen, welche an den Toren neben dem bisherigen Stadtwappen
aufgehngt werden sollten. Meister Sixt jagte ihn im Zorn darber aus dem Hause,
vielleicht auch aus List, weil der Erwerb in der unruhigen Zeit sinken und der
Preis aller Lebensmittel steigen mute und Anton, wenn er sich selbst in der
Zeit durchgeholfen, zu ihm als dem einzigen Meister in der Stadt endlich doch
zurckkehren mute, um frei gesprochen zu werden. Anton gab ihm wenig gute
Worte, da er ihn behielte, er konnte nichts mehr bei ihm lernen und sein Geiz
war unertrglich. Dem Herzog mochte er nicht zuziehen, denn ihn selbst hate und
verachtete er, es war nur die Landessache, die ihn gegen die raubschtigen
Bundesscharen einnahm. Zum Glck gab es viel in den Weinbergen zu tun, und die
Leute muten ihre Huser wegen der fremden Vlker, die da lagen, bewachen, so
da es ihm an Unterhalt fr Handarbeit nicht fehlte, vielmehr fand er
reichliches, ungemessenes Brot bei der Weinhacke, whrend er bei dem Pinsel
hatte hungern mssen. Am Sonntage half er dem alten Anno ohne Lohn und Brot, und
ging nach der Arbeit in die Stadt zu seinen Verehrerinnen Sabina und Verena, die
ihn immer schner fanden, je mehr sich sein Gesicht und sein Hals in der Sonne
brunte; die ihn um so reichlicher bewirteten, je seltener er jetzt kam.
    Anton sa eines Sonntags bei Verena im Vorzimmer von Frau Annen, als Graf
Konrad von Hohenstock, von dessen Anwesenheit er auf den Weinbergen nichts
vernommen hatte, durch das Zimmer zum Besuch bei Frau Annen, im zierlichsten,
samtnen, kurzgeschnittnen Wamse stolzierte und sein Gesicht in die angenehmste
Begrung voraus spitzte. Konrad stutzte ein wenig, als er Anton sah, es mochte
ihm wohl eine Erinnerung kommen, aber sie schien auch gleich wieder zu
verlschen; er ging durch das Zimmer, ohne sich bei ihm aufzuhalten. Anton hatte
ihn beim ersten Blicke erkannt, es war ihm zu Mute gewesen, als ob er ihm um den
Hals fallen mte. Alle Jugendstreiche fielen ihm ein, aber zugleich, ob Konrad
nicht auch hier auf dem Kriegszuge von den Kronenwchtern bewacht sein mchte.
Bald sah er auch eine jener ihm verhaten Gestalten, einen Reisigen, der nach
Konrad fragte, und schlich sich unter einem Vorwande fort.
    Auf der Strae fate ihn ein andres Gespenst am Rocke, es war Faust. Wo
steckst du Vielfra? sagte der Doktor. Lt du dich wieder hier sehen, alter
Schwamm, antwortete Anton, du meinst, weil Berthold fort ist, gbe es hier
keine Aufsicht mehr gegen solche Landstreicher. - Du berreifer Junggeselle,
schrie Faust, was weit du, wie es in der Welt hergeht, der Brgermeister, den
ich dem Berthold zum rger eingesetzt habe, ist ein Weinhndler, der ohne mich
nicht leben kann. Hast du denn schon dein zartes Brderlein gesehen, den Konrad,
den Halunken, ihr knnt nicht von einem Vater sein. - Von mir darfst du
schlecht sprechen, antwortete Anton finster, aber nicht von Bruder und Vater;
was weit denn du davon, da es mein Bruder ist? - Mehr als du weit,
antwortete Faust, war er es nicht, der dich beredete, der Kronenburg zu
entfliehen, du wrst verloren. - Freilich, sagte Anton, er hat mir das Leben
gerettet. - Es ist nicht wahr, schrie Faust, er hat dich um die Krone
betrogen, er war dir zur Hlfe nachgesendet von den Wchtern, aber er versteckte
sich aus Furcht; er beredete dich, zu fliehen und nahm dir das Schwert
Maximilians ab, und brachte es heim als Siegeszeichen, das er noch erbeutet
habe, nachdem du dich zwingen lassen, dem Kaiser den Weg zu zeigen. Und so ward
er als Erstgeborner von euch beiden durch die Entscheidung dieser khnen Tat
anerkannt, er aber hofft, da du inzwischen lngst in Hunger und Pest
untergegangen bist. - Du lgst, du Teufelsbanner, schrie Anton noch lauter
und hieb mit dem Stiel der Weinbergshacke auf dem fetten Rcken Fausts weidlich
herum. - Das kostet dir dein Leben, brummte Faust mit Zhneknirschen, denn
wem dankst du deine Gesundheit, als mir, du bist mir dein gemigtes, ruhiges
Blut schuldig. Anton achtete nicht darauf, sondern ging zornig davon, indem er
noch immer in die Luft hieb. Die Brger, die bei dem Streite herzugelaufen
waren, winkten Anton Beifall und lieen ihn ruhig gehen, der Teufelsbanner war
allen verhat, aber die meisten scheuten sich, ihm zu mifallen, weil sie seine
Kunst brauchten und seine Zauberei frchteten.
    Anton blieb jetzt vierzehn Tage auf den Weinbergen, denn er scheute den
neuen Brgermeister wegen des Vorfalls mit Faust. An einem Sonntag schlich er zu
Sabina, diese aber stellte sich erzrnt; weil er sie so lange vergessen, so
mchte er nun auch wegbleiben. Er sagte ihr vergebens seinen Grund, sie blieb
ganz kalt und er schied von ihr, um zur Schwester zu gehen. Sabina wute, da
diese ausgegangen sei, also lachte sie ihm nach und meinte, er werde bald wieder
kommen, denn da er mit Frau Anna eine Liebschaft habe, glaubte sie eigentlich
selbst nicht. Aber Anton kam nicht wieder, sie sah sich die Augen fast blind.
Anton war in Verenas Zimmer gegangen und hatte sich zu einer vollen Schssel
gesetzt, als Anna eintrat, ihn verwundert anblickte und fragte, wie ihm das
Mittagsessen geschmeckt habe, das fr sie da aufbewahrt stehe. Anton geriet in
groe Verlegenheit und erbot sich, was es koste, abzuarbeiten. Ich nehme Euch
beim Worte, sagte Anna, aber nicht heute, sondern erst in acht Tagen sollt Ihr
an die Arbeit gehen, wenn wir die Taufe feiern. Ich kann das Bild am Giebel
nicht leiden, das Ihr am Hochzeittage gemalt habt, mag es aber nicht vor den
Leuten ndern lassen, weil die gute, selige Frau Hildegard dies Bild als ein
Gelbde hat malen lassen. Ein groes Blumenbrett habe ich jetzt vor dem Fenster
auf vielen eisernen Sttzen errichtet, um Pomeranzenbume da zu setzen, das
trgt viele Menschen und meine Verena ist alle Abende darauf beschftigt, die
Windeln zum Trocknen aufzuhngen. An dem Abend ist voller Mond, Ihr knnt zum
Malen genug sehen und nehmt einen Weibermantel von mir um, da, wenn Euch einer
zufllig sieht, Ihr fr eins meiner Mgde gehalten werdet. Farben stehen noch
bereit beim groen Brunnenbilde, weil Meister Sixt das neue Marmorhaus und die
Kapelle eintrgt, die inzwischen fertig geworden. Malt die heilige Mutter und
ihr Kind, wie Ihr wollt, nur malt beide, besonders aber das Kind anders, als es
jetzt erscheint, ich kann es nicht leiden. Zum Lohn fr das Unternehmen, das ihr
niemand verraten drft, zahle ich Euch mehr, als Ihr zu einer Reise nach
Nrnberg und zu einem jhrigen Aufenthalt bei Drer braucht. Anton hrte dem
allem, was Anna nur nach lngerer berlegung und nach manchem Kampfe so deutlich
hersagen konnte, mit offenem Munde, wie einer himmlischen Botschaft zu. Die
Sehnsucht nach der Malerei hatte ihn erst ergriffen, seit er in den Weinbergen
hackte, er verglich die elende Wirkung dieser Ttigkeit (hchstens ein paar Ma
Wein mehr, die Faust in einer Stunde hinunter strzte), mit der eines Bildes,
das von Tausenden bewundert, ein paar Jahrhunderte besteht und neue Schpfungen
anregt, er hatte oft im Zorn darber die Erde bermig zerhackt. Er nahm
dankbar die Hand Annens, sprach seine Verehrung gegen Drer aus, dessen Ritter
zwischen Tod und Teufel er auf einem Schlosse gesehen hatte, - aber da hielt er
inne und sprach: Wird mir's auch gelingen, etwas Besseres am Giebel zu malen,
denn ich kenne gar nichts andres seit jener guten Stunde, in welcher mir dies
Bild gelang, aufzuzeichnen, als diese beiden Gesichter, die Euch so verhat sind
und die ich ber alles verehre? - Frau Anna machte ihm Mut und er glaubte
daran. Sie verbot ihm mit Verena ber die Angelegenheit zu reden, sie wolle sie
an dem Abend bei den Schenktischen beschftigen, er solle sich durch den Brunnen
einschleichen, wenn es dunkel geworden. Sie brach hier ab und ging in ihr
Zimmer, denn sie hrte Verena auf der Treppe.
    Diese tat, als ob sie Anton nicht she, brachte die Milch in das Zimmer
ihrer Frau, kam dann zurck und sagte: Warst du allein? - Freilich!
antwortete Anton. - Es ist unmglich, rief Verena, denn den herrlichen Braten
hast du kaum angerhrt und kalt werden lassen. - Anton leugnete, so gut sein
ehrlich Gesicht leugnen konnte. Verena sagte, da die Schwester vom Brunnen her
die Treppe hinauf geschlichen sei und behauptet habe, Frau Anna flstere
heimlich mit Anton und sie wrden beide von ihr betrogen. Sie habe ihr noch
erzhlt, am Morgen sei ein groer Streit zwischen Mutter und Tochter ber den
Namen Anno vorgefallen, den Berthold verordnet habe, weil er dem Namen Anton so
hnlich klinge, da die Leute darber spotten wrden. Anna habe so heftig
darber gezrnt, da Apollonia geschworen, sie wolle das Haus nicht mehr
betreten, sie htte sonst nur Schande von ihrer Aufsicht, das wolle sie an
Berthold schreiben und ihm alles anheim stellen. Anton verstand wenig, was das
alles bedeuten solle. Weil er sich bewut war, an allen den Gerchten und
Scherzreden unschuldig zu sein, so machte es ihm viel Vergngen, was sich die
Leute fr Grillen in den Kopf setzten, er fand sich sogar ein wenig
geschmeichelt, da die schne Anna seinetwegen in den Verdacht eines
Liebeshandels gekommen. Er verlachte den Zorn von Verena, ging fort und grte
Sabina nicht einmal im Vorbergehen.
    Zum Schmause bei der Taufe war die Brgerschaft eingeladen, auch manche
Bekannte aus der Gegend versprachen zu kommen, doch Kugler bedauerte, da er
durch die bevorstehende Entbindung seiner Frau abgehalten sei. Frau Apollonia
besorgte alles Ntige zu dem Feste in ihrem Hause, aber sie hielt ihr Gelbde,
das Haus ihrer Tochter bis zu Bertholds Rckkehr nicht zu betreten. Anna sah
darin nur ihre Liebe zu Berthold und ihren rger gegen sie und da die Vorwrfe
der Mutter aus so verhatem Grunde entstanden, so hielt sie es fr eine
verdchtige Nachgiebigkeit, wenn sie den ersten Schritt zur Vershnung tte;
wre Anton erst fort, so meinte sie, dann fiele aller Verdacht. Sie suchte sich
zu zerstreuen, indem sie Konrad und die Ritter, die er einfhrte, fter in ihrem
Hause sah, und das zerstrte ihren guten Ruf bei der Brgerschaft. Es mieden
nmlich in gemeinsamer Verabredung alle ordentliche Frauen der Stadt den Umgang
dieser verhaten, kostbaren Gste. Frau Anna, die als eine Fremde mit keiner
Frau in recht vertrauten Umgang getreten, war auch von denen, die sie sonst
zuweilen bei sich gesehen, durch Bertholds Verfeindung mit der Brgerschaft
getrennt, sie ahndete nichts von einem solchen Entschlusse und sah die Fremden
gern, blo darum, weil sie fremd waren und etwas Neues erzhlten. Die Brger
dachten sich bei dem Umgange Annens teils geheime Absichten, teils Liebschaften,
und selbst die Einladung zum Schmause bei der Taufe schien vielen so verdchtig,
da sie am Sonntage Morgens, wo er gehalten werden sollte, noch eine
Brgerversammlung in einer der grten Trinkstuben anordneten. Es waren ein paar
fremde Reisigen erstochen gefunden worden, ein paar waren wirklich im Ratskeller
von den Brgern gar bel in einer Schlgerei zugerichtet und die Brger
frchteten, da sich die Fremden fr alles auf einmal rchen mchten, wo es die
Leute am wenigsten ahndeten. Sie hrten insbesondere vom Grafen Konrad viele
Tcken, die er in der Gegend durch seine Leute hatte ausben lassen, und
meinten, da er Waiblingen nur schone, um es auf einmal recht grndlich
auszuplndern, wenn er es erst grndlich kennen gelernt habe; sie wuten nicht,
wie hoch Waiblingen in der Gunst der Kronenwchter stehe, wie viel strmischer
er seiner Liebschaft zu Annen nachgetrachtet, wenn ihn nicht ein strenges Verbot
in den Schranken der Zucht gehalten htte. Haring, der Kunstpfeifer, zur
Schusterzunft eingeschrieben, erzhlte, da es Blut geregnet habe auf das Kleid
seiner Frau, das bedeute groen Kampf, sie wren alle verloren, wenn sie einen
der Ihren im Stich lieen. Da er noch immer Grnewalds Zorn fr seine Haut
frchte, das verschwieg er, weil er ihn wohl verschuldet hatte am Hochzeitfeste,
er tat vielmehr, als ob er sich fr das Ganze aufopfere, obgleich er so viel
Vorteil vom fteren Tanz bei den Fremden erntete; er schwor, zur Sicherheit
seiner Mitbrger, einen guten Degen in seine Posaune zu stecken, und so solle
sich jeder heimlich bewaffnet einfinden, dann knnte ihre berzahl siegen. Der
neue Brgermeister hatte sich aus Vorsicht krank melden lassen, weil er aus den
trunknen Worten des Doktor Fausts auf groen Streit schlo, der sich am Abend
ereignen knnte, aber er wirkte in der Versammlung durch einen seiner Schwger,
welcher Jackel, oder der drre Jger genannt wurde. Dieser regte die Galle der
Brger, indem er ihnen ein Schimpflied in bayerischer Mundart, wie es ihm die
bayerischen Reisigen, wenn er auf die Jagd gehe, vorgesungen, mit grimmigem
Gesichte nachsang, es berichtete von neun Schwaben die gegen einen Hasen zu
Felde gezogen und davon gelaufen sind. Haring schrie wie seine Baposaune, er
wollte den Bayern schon zeigen, da sie sich in Schwaben auf die Hasenjagd
verstnden. Den Schlustein dieses schwankenden Gewlbes ffentlicher Ruhe und
Gesetzlichkeit nahm der Trmer vom Augsburger Tore (wo Berthold auferzogen),
indem er berichtete, da am Morgen der Graf Konrad mit einigen Reisigen sich da
umgesehen und die geputzten Brgerfrauen und Buerinnen, die aus- und
eingezogen, mit dem Blut einiger Tauben und Krhen, die sie geschossen,
besprtzt habe, da dadurch bei dem trben, schwlen Himmel das Gerede
entstanden, es habe Blut geregnet. - Die Gotteslsterer, rief Haring, das
neue Kleid meiner Frau so zu verderben; Blut soll es regnen, aber ihr Blut!
    So endete die Versammlung nach der Messe, es wurde dabei wacker gezecht, da
mancher nicht das Gebot des Schweigens vernahm, das sich auch auf alle
erstreckte, die mit Berthold in Verbindung standen. Haring selbst konnte gegen
Frau und Kind die Heldentaten nicht verhehlen, die er beabsichtige, wenn ihm
einer in den Weg trte. Sein Shnchen prahlte mit diesen Heldentaten gegen den
Reisigen, der dort in Wohnung lag. Der Reisige lief zu seinen Kameraden, ihnen
zu erzhlen, da bei dem Feste etwas gegen sie unter den Brgern im Werke sei.
Sie beredeten sich, wie sie einander nahe sein wollten und wie sie sich gegen
die Menge stellen wollten, um im Falle ihre Feinde berlegen wren, des Auszugs
sicher zu sein. Bei ihnen galt Konrad fr ein leichtsinniges, unerfahrnes
Grafenshnchen, das eine Liebschaft mit Frau Anna habe und alles ausschwatzen
knne, ihm blieb alles verschwiegen. So erfuhr Anna von keiner Seite etwas von
den Besorgnissen, denn alle, die zu ihrem Hause gehrten, waren seit Bertholds
Abfall von Herzog Ulrich nicht mehr in den Znften erschienen, um Vorwrfe gegen
Berthold nicht anhren zu mssen.
    Grnewald und Anton saen den Morgen einsam in ganz verschiedner Qulerei
und Betrachtung. Anton hatte den alten Anno angekleidet, der sich zur Taufe im
reinlichen Wams zeigen wollte dann hatte sich der Alte zu seinem Geberbuche
hingesetzt und Anton zu seinem Zeichenbuche. Anton hatte lange gebetet, da eine
heilige Mutter mit dem Kinde seiner Seele sich darstelle, die vollkommner und
reiner das Wesen derselben zeige, als jene, die er am Hausgiebel gemalt hatte.
Aber immer deutlicher schwebte ihm dieselbe Gestalt vor. Schon gab er sich
verloren, weil er das Bild nur verderben knne, wenn er es ndern wollte, und
wollte sich gar nicht die Mhe geben, es aufzuzeichnen. Aber endlich ri er doch
so in Gedanken, um die Hand zu beschftigen, das Bild auf, wie es ihm
vorschwebte. Die Arbeit unterhielt ihn in emsiger Ttigkeit und erst wie es
fertig war, erkannte er zu seinem Erstaunen, es sei dasselbe und doch ganz
anders wie jenes, das er auf den Giebel gemalt habe. Es war so viel fester,
reiner, erdenfreier, als jenes, da ein gemeines Auge den Ursprung aus jenem
bersehen htte, die hnlichkeit war nur noch ihm kenntlich. Seine Seligkeit
hatte keine Grenzen, aber je freudiger und reiner er zu dem erhabnen Abbilde,
das sich ihm, dem unwrdigen Arbeiter geschenkt, betete, desto unruhiger fllte
ihn Annens Bild mit Wnschen, die er nie gefhlt, mit einer Sehnsucht, der er
sich gern entzogen htte. Ihm schauderte vor dem seltsamen Abende, der seiner
wartete! Die harte Arbeit, die er in der Zeit ertragen, machte ihm den Miggang
des Sonntags gefhrlich; ruht die Mhle, so fllt sich der Mhlteich und tritt
ber die grne Wiese, die er bisher nhrte.
    Grnewald sa in der neu erbauten Kapelle, da wo Berthold die Nachricht
erlauschte, da ihm ein Kind geboren werde, und wollte ein Freudenlied auf die
Taufe dichten, wie er deren unzhlige auf alle Kinder fr Geld gemacht. Aber
kein Reim wollte sich zu allen unzhligen, freudigen Anfngen finden lassen, die
er hinaus stie. Diese Seltsamkeit rief ihm die Geschicke des Hauses zurck, er
gedachte des Bergmanns, er sah um sich und fand eine wunderherrliche, reife
Frhbirne unter den Blumen des Grases. Diese nahm er auf und zeigte sie dem
Kinde, das von Annen in den Garten getragen wurde, und sprach dazu in Reimen:

Nimm auf die abgefallne Frucht,
Es ist die seste von allen,
Es hat sie keine Hand versucht,
Weil ber ihr die Blumen wallen;
Ich aber sah nach allen Zeichen
In dieses Tages Miggang,
Und konnt ihr nicht vorber streichen,
Mich hielt ihr Duft mit sem Zwang.
Sieh an des Futritts Einsamkeit,
Der hier zu der Kapelle lenket,
Du warst mit dir in stillem Streit,
Als ich ein Zeichen dir geschenket,
So fhrt ein Zeichen zu dem andern
In meines Glckes Miggang,
Wir wollen jetzt nicht weiter wandern,
Es fllt mein Herz ein naher Klang.
Glck auf, so klingt es aus dem Grund,
Als wenn ein Bergmann ihn durchdrungen,
Es grt dies Kind sein frommer Mund,
Weil er nach ihm so khn gerungen.
Im harten Fels fand er die Quelle,
Zu einer Taufe Freudenbund,
Jetzt strahlet sie zur Sonnenhelle,
Doch dringt kein Strahl zum schwarzen Grund.

Grnewald erschrak einen Augenblick, als er den letzten Reim gesprochen, das
Wort hatte sich ihm im Munde umgedreht, er suchte seine Verlegenheit in eine
andre zu strzen, er unterhielt einmal wieder Annen mit seiner Liebe. Anna war
wohl nicht so heiter gestimmt, wie sonst, wenn sie ber seine Leidenschaft
scherzte, sie sagte ihm mit Empfindlichkeit, da er in einem Alter sei, dem
dergleichen Verwirrungen nicht mehr wohl stnden, und in einer Zeit lebe, die
mit ernsteren Dingen beschftigt wre. Grnewald hatte nie eine Ahndung gehabt,
da er so ernsthaft genommen werden knnte, er flehte um Rat bei der zrnenden
Anna, was er tun solle, um ihr wieder zu gefallen und da sie ihm nicht mehr
zrne, aber sie sagte ihm, von der Sonne und dem unruhigen Kinde geplagt, ein
kurzes Gott befohlen! und ging in ihr Haus. Wre ich nur Anton! rief er ihr
in seinem Zorne nach, es rgerte ihn, da er einst von Anton ein Bett angenommen
habe.
    Die Kapelle am Brunnen wurde zur Taufe geschmckt und das vertrieb den
rgerlichen Grnewald, weil er nun nicht mehr mit sich reden und zanken konnte.
Er setzte sich in einen Winkel des Brunnenhauses, um seinem Verdrusse recht
nachzudenken und ihn ganz aufs reine zu bringen. Es erschien ihm wie ein Befehl
von Frau Annen, da keiner, der da Wasser holte am Brunnen nach ihm frage, ihn
zum Feste einlade, ja da manche sogar seinem Ansprechen nur kurze Antwort
gaben. Er gedachte nicht der Eile, die das ganze Haus zur Bedienung der Gste
mit einem Vesperbrote beschftigte. Seine traurigen, eingebildeten Geschicke,
da er hungre und niemand ihn zum Vesperbrote lade, schnrten ihm die Kehle zu,
er rang die Hnde und weinte, da wieder ein Mensch zu gleichem traurigen
Geschicke in die Welt gesetzt und getauft werde. Der Gram ffnete sich endlich
eine Ader in der Zunge und es strmte eine trauervolle Wahrsagung ber das Kind,
das jetzt vom frommen Anno in feierlichem Zuge der Brgerschar, vorbeigetragen
wurde.

Auf Menschen sollst du nicht vertrauen,
Sie kennen nur die eigne Not,
Es berkommt sie leicht ein Grauen
Und du lebst einsam in dem Tod.

Vertrau dem Wort in deiner Seele,
Das dir nicht eigen, du bist sein,
Es dringt aus freudensel'ger Kehle,
Es klingt in deinem Jammerschrein.

Die Glocke wird umsonst geschwungen,
Trifft sie kein harter Hammerschlag,
So wird das Wort von dir errungen,
Du bebst dem Klange lange nach.

Der Kindheit Schrei'n und Freudenlallen,
Hat manchen ernsten Mann belehrt,
Das Wahre mu uns erst gefallen,
Das jeden in sich selbst bekehrt.

Des Paradieses Frucht bewahre,
Der Apfel reift zur Weihnachtszeit,
Und du wirst selbst das ewig Wahre,
Suchst du des Schnen Seligkeit.


                               Neunte Geschichte

                              Der Kampf am Brunnen

Frau Apollonia, ihrem Schwure treu, das Haus der Tochter nicht zu betreten, ging
von der heiligen Taufhandlung, der sie als Zeugin beigewohnt hatte, sogleich am
Brunnen vorbei nach ihrem Hause zurck. Sie sah Grnewald im Winkel sitzen und
meinte, er sei eingeschlafen dort und vergessen worden. Sie trat zu ihm und
sagte: Wacht auf, geht zum Schmause, wenn Ihr gleich die heilige Taufe
verschlafen habt. - Ich schlief nicht, antwortete er, aber ich wollte, da
ich geschlafen htte, da htte ich nicht gesehen, was ich nicht sehen sollte. -
Was sahet Ihr denn wieder? fragte Apollonia bestrzt. - Ich sage nichts,
antwortete er, ich habe hier sehr ernst nachgedacht ber alle Ereignisse meines
Lebens, ich bin ein ganz andrer Mensch geworden, ich will schweigen, wie ein
Kartuser; das ewige Reden, Horchen und Wiedererzhlen, was ich nicht lassen
kann, rhrt all den Schlamm in dem blumig bewachsenen Behlter des menschlichen
Herzens auf; hier ging einer vorber, der mich auch fr schlafend hielt. Habt
Ihr keinen bei der Taufe unter den Brgern vermit - Apollonia fragte kleinlaut
Anton? - Grnewald nickte, aber er sagte kein Wort, denn er bemerkte Sabinen,
die an der Tr ihnen zuhorchte. - Apollonia ging mit Achselzucken fort, aber
Sabina trat jetzt zu ihm, erzhlte ihm ganz offen, da sie eine Neigung zu Anton
habe, ihre Schwester Verena auch und da sich Anton gegen sie zwar nicht
zrtlich anstelle, da er ihr aber zuschwre, er sei mit ihrer Schwester auch
nicht vertraulicher, das habe sie so hingehalten, weil sie geglaubt, es werde
noch die Zeit kommen, wo sein Herz gegen sie erwache. Neulich sei sie ihm
nachgeschlichen, als ihre Schwester ausgegangen, da habe sie ihn mit Frau Anna
in Unterredung gehrt und sie htten aber leise geflstert, da sie nichts
verstehen knnen. Bei dieser ihm zuverlssigen Entwickelung berlief Grnewald
die Galle, er fluchte auf Frau Anna, schwor, da er keine Stunde lnger in der
Stadt leben, sondern sich der Kette entreien wolle, mge Stadtvogt werden, wer
Lust habe, mit seiner Zither und seinem Mantel sei er noch immer jung, wenn
gleich sein Scheitel kahl und sein Haar grau geworden. Sabina sah ihn verwundert
an, wollte ihn halten, meinte, es sei nicht sein Ernst, aber er lief ihr zur
Warnung mit Abscheu aus dem Hause, aus der Stadt, wie die Sturmvgel den
Schiffern dadurch zur Warnung dienen, da sie sich selbst in Sicherheit bringen
und die Kste zu erreichen suchen.
    Obgleich Frau Anna bei der durch die Kriegsgeschicke so lange verspteten
Taufe selbst htte gegenwrtig sein und den Schmaus durch ihre Gegenwart beleben
knnen, so war doch das erste gegen die Sitte und das letzte bei der Abwesenheit
ihres Mannes unschicklich. Sie hatte Grnewald gebeten, die Stelle des Wirts als
Stadtvogt zu bernehmen, aber sie sah ihn nicht wieder seit dem Morgen, wo sie
sich mit ihm gestritten hatte. Sie war daher verwundert, als sie vernahm, er sei
nicht beim Mahle erschienen und die Stelle des Wirtes sei noch unbesetzt. Sie
erhielt diese Nachricht in unbequemer berraschung durch Verena, die sie an den
Schenktisch gebannt glaubte, nachdem sie schon Anton in ihre Zimmer und zwar
zuerst in das gefhrt hatte, wo Meister Sixt an dem groen Familienbilde gemalt
hatte, um sich die Farben vor der Dunkelheit zu bereiten. Gleich schickte sie
das Mdchen mit der Bitte zur Mutter, da sie diese Stelle bernehmen mchte.
Diese schlug es ihr rund ab, noch tiefer gekrnkt durch das, was ihr Grnewald
vertraut hatte. Die Gegenwart der Mutter htte vielleicht dem Unglck
vorgebeugt. Anna sagte verdrielich zu Verena, sie solle zurckeilen, den
Ehrenplatz des Wirts mge einnehmen, wer da wolle. Kein Brger hielt sich bei
der Abwesenheit des Brgermeisters zu dieser Ehre bestimmt, so kam's, da sich
Graf Konrad dahin setzte und Faust, den er auf einmal vertraulich kennen und zu
ehren schien, die Oberstelle neben sich einrumte, was manche Brger so krnkte,
da sie augenblicklich das Fest verlieen. Den andern versenkte der gute, alte
Wein aus Bertholds Keller allen rger, Sorge und Vorsicht, viele Gesundeten
wurden von Konrad aufs Wohl der Stadt ausgebracht. Auch der Tanz wurde nach
Aufhebung der Tische mit freudig taumelnden Herzen von der Jugend, unter Konrads
Anfhrung ausgefhrt, whrend Faust mit Kunststcken, die fast wie Hexerei
aussahen, die lteren Leute und die Kinder um seinen Tisch sammelte. Er fragte
nach manchem, endlich auch nach Anton, aber keiner hatte ihn gesehen. Doch
Sabina trat zu ihm und sagte ihm etwas ins Ohr. Gleich warf er sein Kartenspiel
fort, sprang vom Tische auf und redete mit Konrad leise.
    Unterdessen war Anton sehr fleiig gewesen. - Als der Aufgang des Vollmonds
nahe schien, glaubte es Anna die rechte Zeit, Anton in ihr Schlafzimmer zu
rufen. Sie lschte das Licht als ob sie zu Bette gegangen, und rief ihn nicht
ohne Zagen hinein. Anton wurde von ihr aus einer Trumerei erweckt, deren
Gegenstand sie war. Diese Vertraulichkeiten waren ihm gefhrlich, die
Heimlichkeit erregte sein Blut, da er frchtete, nicht sicher und ordentlich
malen zu knnen. Er trat ein mit den Farben und legte alles auf das
Fensterbrett, aber da es noch nicht hell vom Mondschein, so setzte er sich zu
Anna in die Nhe des Fensters, wo sie den Aufgang des Mondes beachten konnten.
Sie sprachen gleichgltige Dinge, aber doch fhlte er ein Niegefhltes, ber das
er nie Herr werden knnte, in sich jung werden, alle Seligkeit, welche ein
jugendlich trumendes Herz in der Liebe ahndet. Wie ein Muslein, das einen
reichen Tisch im Dunkel wittert, sich aber noch nicht verraten mag, so sa er
still mit glnzenden Augen und immer rief es in ihm: das ist meine Nacht, meine
Anna, mein Haus, mein Kind! Auch Anna fhlte ein Wohlwollen gegen ihn, da er
sie aller Sorge entreien wolle, indem er das Bild ndre und nach Nrnberg
ziehe, und sprach zu ihm: Lieber Anton, hier ist Reisegeld nach Nrnberg! -
Es ist noch nicht verdient, erwiderte Anton, Ihr seid so gut, jetzt tut es
mir erst leid, da ich wandern soll, aber ich will Eurer Untersttzung Ehre
machen bei Drer; ich komme wieder als ein berhmter Meister, oder nimmermehr.
- Nimmermehr, dachte Anna, aber sie sagte es nicht, um ihn nicht zu krnken.
Die Zeit wird auch kommen, sagte sie. Er hatte sich vor ihr auf ein Knie
niedergelassen und ihren Fu gekt, sie drckte mit dem Fu ganz leise seine
Hand, die er ihm als Teppich untergelegt hatte. Die Blten der Orangen wehten
jetzt ins offene Fenster und Anna sagte: Steht auf, Anton, der erste Rand des
Monds steigt ber die Huser, wie ein umgestrztes Glutschiff, er ruft zur
Arbeit, da er nicht untergeht, ehe Ihr fertig seid. Sie wollte ihm die Hand
reichen, um ihm aufzuhelfen, aber, nach dem Monde schauend, verfehlte sie die
Hand und fuhr ber den schnen Umri seines Gesichts, da er sich lebendig in
ihr gestaltete, sie htte ihn in Ton darstellen knnen, wenn sie die Bildnerei
damals schon getrieben htte. Nun wei ich, wie es den Blinden geht, sagte sie
verlegen, und wie sie die Leute kennen! - Und er entgegnete: Und ich wei
nun, wie einem Menschen zu Mute, der sehen lernt, denn mit Eurer Hand kamen mir
die ersten Strahlen ins Auge und nun sehe ich schon Euer Antlitz im
Mondenschein. Er erhob sich und sehnte sich zu ihrem Munde, denn seine Hnde
waren von der Arbeit gehrtet und er frchtete mit einem Druck derselben sie zu
verletzen, so schwankte er nach ihrem Munde und wieder zurck und er konnte sie
nicht erreichen, denn schon stand der reine Mond ber der Erde und die
Wolkenengel verbargen scheu im Kreise umher ihre Angesichter unter farbigen
Flgeln. Der Mond ist rund und voll, sagte Anna, er schaut durchs Fenster,
wie Ihr damals an meinem Hochzeitmorgen, der Markt ist leer, drben ist alles
beim Tanze eifrig versammelt, eilt Euch lieber Anton; hier ist der Mantel der
Verena, hngt ihn um, diese Tcher ber die Leine, so kann Euch niemand sehen,
viel weniger erkennen. - Anton folgte ihrem Befehl ohne Anstand und, wie er so
verkleidet hinaustrat, stand nicht Anna, sondern das heilige Bild vor seinen
Augen, das ihn am Morgen mit seinem Umri beglckt hatte. Die Beleuchtung war
hinlnglich, er htte ohne Licht sehen knnen, so war seine Stimmung. Kein
Pinselstrich milang, die krftige Farbe berdeckte bald die schwchere seines
ersten Bilds, das in seinem Umri sehr leise und sogar unbestimmt gehalten war.
    Kaum zwei Stunden angestrengter und doch nicht gefhlter Ttigkeit bedurfte
es, um beide Gesichter dem Hheren zu nhern, was seiner Seele vorschwebte, aber
ohne zu zerstren, htte er jetzt in den nassen Farben nicht weiter ausfhren
knnen. Fr diese Hhe wird es gut genug ausgefhrt sein, sagte er zu Annen
niederblickend, die ungeduldig der Beendigung harrte. Es ist gewi recht gut
und beendigt, sagte sie und reichte ihm den Arm, da er sicher von dem
Blumenbrett auf den Stuhl und von da zur Erde kam. Euer Geld ist wohl verdient,
denke ich, sagte sie ihm dann, indem sie ihm einen Geldbeutel in seine Tasche
steckte; Ihr habt so eifrig gemalt, es wird gewi ein tchtiger Maler aus Euch,
ich habe Euch so in aller Stille beobachtet. - Darf ich denn keinen Augenblick
zum Abschiede in Eurer Nhe verweilen, antwortete er traurig, wer wei, ob wir
uns je wieder sehen, Krieg und Pest wten in der Welt. - Hier drft Ihr nicht
weilen, sagte Anna, aber ich will Euch noch auf einige Schritte bis zur
Haustre das Geleite geben, damit Ihr heute meinen guten Willen gegen Euch
kennen lernt; morgen frh drft Ihr nicht mehr unsern Turm sehen, das gelobt
mir, Ihr mchtet sonst das Geld vergeuden. - Anton versprach's und beide gingen
leise die Treppe des leeren Hauses hinunter zum Haustore. - Das Tor war aus
Vorsicht vor den Leuten, die alle zum Tanz hinber nach dem Rathaus gelaufen,
fest verschlossen. Unbekmmert wendeten sich beide nach dem Garten, gingen in
der gekhlten Nachtluft einige Schritte in den Gngen und setzten sich dann am
Brunnen. Rauschte nicht etwas neben uns? fragte Anna und wollte schon wieder
in ihr Haus zurckkehren. Aber es fiel ihr ein, da Anton knne erkannt werden,
und sie fuhr fort: Es ist gut, da Ihr vergessen habt, den Mantel Verenas
abzulegen, hier setzt noch meinen Schleier auf, so wird Euch keiner erkennen bei
der Menge fremder Menschen, welche der Sonntag und die Taufe in die Stadt
gefhrt hat. Eben wollte sie fortgehen, da hrte der Brunnen zu flieen auf,
sie bemerkte diese wunderbare Erscheinung und sagte: Seht, da ist die Arbeit
doch vergebens gewesen, er hat die Drre dieses Monats nicht berstanden, er ist
eingetrocknet. - Es ist nur der berflu߫, meinte Anton, der berzuflieen
aufhrt, fr Euer Haus ist er immer noch reichlich gefllt. - Der berflu ist
doch schn, sagte sie, ich wollte nicht, da es ein Vorzeichen fr das
Schicksal unsers Hauses wrde.
    So sprachen sie noch ihre Gedanken aus ber den seltsamen Vorfall und keiner
dachte an sich, da hrten sie die Musik des Kehraus in dem Hause der Mutter und
sahen viele Kerzen. Anna hate diese Tanzweise, sie wollte sich fortflchten
nach ihrem Hause, aber gleichzeitig kam ein andrer Zug mit der verhaten Musik
durch ihr eignes Haus in den Garten. So waren sie in dem Brunnenhause
eingeschlossen und muten hoffen, da keiner der beiden Zge dahindrngte. Aber
wie verabredet zu ihrem Verderben, sahen sie jetzt Faust mit seinem Zuge der zum
Schlutanze geordneten Paare von der Mutterseite und Graf Konrad mit gleich
starkem Zuge vom Hause gegen den Brunnen ziehen, bei Faust leuchtete Sabina mit
einer Fackel voraus, bei Konrad Verena. Gewi hat Sabina uns hier gesehen,
rief Anton, wie werden sie Euch alles zum Schaden deuten, lebt wohl, ich
verberge mich im Brunnen, ich verstehe das Untertauchen. - Aber Anna hielt den
bereilten an dem Mantel fest, auch trat schon Faust mit seinem Zuge, von einer
Abteilung Musiker begleitet, herein. Teufel, rief Faust, da finde ich endlich
eine Tnzerin, waren doch alle andern schon gepaart, und nahm die Hand Antons,
indem er zu Konrad, der mit seinem Zuge von der andern Seite eindrang, unter
boshaftem Lachen die Tanzreime des Kehraus sang: Und als der Grovater die
Gromutter nahm, da war der Grovater ein Brutigam! - Konrad ergriff mit
gleichem Ungestm Frau Annens Hand, und so ging's in dem Drange von beiden
Seiten um den Brunnen herum. Faust machte mehrere Bewegungen mit Durchschlingung
der Arme, um Anton Schleier und Mantel zu entreien, aber beide waren durch eine
zum Knoten gezogene Schleife befestigt. Holde Schnheit, schrie endlich Faust
zu Anton, ich kann nicht mehr leben, wenn ich dich nicht sehe. - Anton wagte
jetzt sein Letztes, er sprang zu Konrad, und raunte ihm ins Ohr: Ich bin Anton,
dein Bruder, rette mich gegen den Zudringlichen! - Aber Konrad antwortete laut:
Hrt, dies Riesenmdchen ist ein Mann, seht ihn an, Frau Anna mag viele Mnner
um sich leiden, wenn sie nur einen Schleier tragen. Er hatte in dem Augenblicke
das Drachenmesser aus Frau Annens Grtel gerissen, um jenes Band am Schleier,
zur Beschmung Annens, aufzuschneiden. Faust aber schlug so begeistert den Takt
des Tanzes umher, da er dieses Messer tief in Antons Arm an eben der Stelle
einschlug, wo er damals die Ader ffnete, um die Transfusion des Blutes zu
bewirken. Ein Blutstrahl sprang aus der Ader ber den Brunnen nach Frau Annen
hin, Mantel und Schleier sank von der Schulter Antons, alle erstarrten und
Konrad rief: Ich bin unschuldig an dem Blute! - Frau Anna sank erblat am
Brunnen nieder, ihr letztes Wort war: Fluch und Rache ber euch! Anton sah und
hrte nur sie und sein Zorn machte sich frei. Mit einem Faustschlage traf er
Faust, da er an die Seite taumelte, mit dem andern Konrad, der ihn halten
wollte. Das Geschrei der Frauen verkndete gleich auerhalb Mord und Totschlag,
Konrad strzte blutend aus dem Brunnenhause.
    Die Reisigen waren gleich beisammen, sie sahen ihres Fhrers Blut, sie
nahmen ihn in ihre Mitte, zogen ihre Schwerter und machten sich Luft, um nicht
im engen Gartenraume von den Brgern, die sie dazu eben vorbereitet und im Werk
glaubten, gegen die Mauern gedrngt und erschlagen zu werden. Haring rief nahe
den Reisigen die Brger zusammen, aber ehe er noch seinen Degen aus der Posaune
ziehen konnte, strzte ihn ein Reisiger auf die Posaune, diese schob sich
zusammen und die Spitze des Degens in seine Kehle, so da er als der erste Tote
fiel. Die Brger konnten in berraschung erst allmhlich zu ihren versteckten
Waffen kommen, sie konnten den Auszug der Reisigen aus dem Garten und dem Hof
auf den Rathausplatz nicht hindern, wo diese sogleich die Hauptstrae besetzten,
um zu ihren Pferden zu gelangen und im Notfall abziehen zu knnen.
    An Harings Blute erhitzte sich das Blut aller Brger. Umsonst suchten
verstndige Frauen und Tchter ihre Mnner und Brder von dem Kampfplatze in
ihre Huser zu ziehen, weil die Straen in diesem Augenblicke noch grtenteils
frei waren, whrend trichte Frauen aus Harings Verwandtschaft ihre Mnner zur
Rache aufriefen, indem sie ihnen schworen, da sie ihnen jeden Schimpf antun
wollten, wenn sie das von den bermtigen Reisigen litten. Der Brgermeister
Kranz vermehre das wilde Geschrei mit seinen Klagen um den Faust, den er blutig
fortfhrte; er hatte keine Seele, um auf die Leute in gutem zu wirken, und kein
Herz, sie in den Streit zu fhren. Sein Schwager, der drre Jger, vereinigte
dagegen alle Brger, die sich allmhlich bewaffnet einfanden, mit dem Geschrei:
Blut will Blut, wir sind zehne gegen einen.
    So tobte die Menge der Brger ihm nach auf den Marktplatz, die Reisigen
anzugreifen: whrend dort das Geschrei, das Rasseln der Rstungen, das Schlagen
der Waffen, das Trotzen und Aufmuntern der Mutigen, mit allem Jammer und
Hlferufen der Bedrngten und der Frauen aufloderte, das Getrappel der Pferde,
das Bellen der Hunde mit Feuerlrm sich mischte, versank der Garten in eine
tiefe Totenstille.
    Anna erwachte erst in dieser Stille, eine niedergefallene Kerze hatte ihr
Haar ergriffen, sie glaubte in Feuer zu stehen, aber in dem Augenblicke, wo sie
sich bewegte, sank das Haar knisternd in das Brunnenbecken, neben welchem sie
lag. Das Haar war verloren, wie bei einer Nonne, ihr Leben war gerettet, sie
besann sich und ergriff die Kerze, welche am Boden lag, und richtete sich auf.
Da erkannte sie, da sie nicht getrumt habe, und sah Anton entseelt
ausgestreckt ber die Stufen des Brunnens; mit seinem Zorne war auch seine Kraft
um so schneller durch die geffnete Ader entstrmt. Sie sah ihr Kleid von seinem
Blute gertet, es rief in ihr mit einer fremden Stimme, als wre es Berthold,
der es ihr zuriefe: Armer Anton, junges Blut! Und sie mute mit Verzweifelung
sich zurufen: Anna, Alma, du trgst sein Blut, du trgst die Schuld seines
Todes, der Brunnen der Gnade hat aufgehrt zu flieen, du kannst deine Seele
nicht rein baden.
    Wer mchte ein zweites Erdenleben um die Verzweifelung eines so reinen
Herzens erkaufen! Guter Berthold, du warst betrogen, armer Anton, dir kostet's
dein junges Blut! Die Verzweifelung trieb Annen, jedes Mittel zu versuchen, das
ausstrmende Blut von Antons Wunde zu stillen, sie schrie umsonst nach Hlfe,
die Raserei und die Furcht des Kampfes betubte alle Bewohner der Huser. Sie
zerri Schleier und Mantel, um das Blut zu stillen, aber es war zu mchtig in
seinem Andrange. Endlich kniete sie nieder, als ihre Kraft, ihre Einsicht
erschpft waren, flehte zu allen Heiligen, denen sie sich je empfohlen, und
heftete ihre Lippen auf die Wunde, ohne zu wissen, was sie tat. So still betend
hoffte sie zu vergehen, und zugleich mit dem, dessen Tod sie in falscher
Klugheit verschuldet, vor dem Richter der Welt zu stehen.
    Wird sich die Wunde nicht schlieen bei dem Gebete, bei dem Drucke so
schner Lippen! Der Lrmen des Kampfs stillt sich, die Reisigen drngen sich
fliehend zum Tore hinaus, die Brger ihnen nach: die Verwundeten sind
heimgetragen, die Toten schweigen und die Nacht wird still, da Anna die
Mhlenrder in der Rems und die Rder der Turmuhr in ihrem festen, gleichen
Gange zusammen hren kann mit ihrem heftig schlagenden Herzen. Ein Glaube dringt
mit dem Glanz der Sterne in ihr Herz, sie werde vergehen, oder Anton werde mit
der Sonne erstehen, die Augen aufschlagen, sie von der Schuld seines Todes
befreien und ihre Unschuld bezeugen, wie der glhende Stahl in der Hand
angeklagter Frauen ihre Unschuld im Gottesgerichte beweist. Ihrer Unschuld sich
bewut, drckt sie ihn so fester an sich, schliet die Todeswunde um so fester
mit ihren Lippen, ihre Lippen mit ihrem Gebete, ihren Gram mit ihrem Glauben und
wird nicht mde dieses angestrengten, heilenden Willens. Alle andre Sorge
schweigt in der einen um Antons Leben, keine Ahndung sagt ihr, da Berthold von
derselben Gewalt, die ihn heilte, entseelt auf den Leichensteinen seiner
Voreltern ruht, keine Ahndung ruft sie an die leere Wiege ihres Kindes, das
jetzt gebettet in Konrads Stahlschilde von hartem Trabe eingewiegt wird. Faust
hat es entfhrt und dem Grafen Konrad bergeben, Verena ist dem Hause entflohen,
als sie das Kind nicht gefunden hat, und Apollonia ins Kloster geflchtet, dem
sie einst vorzeitig entrissen wurde, um dort ihre Tage zu beschlieen. Welch ein
Morgen, der solchen Jammer erhellt, aber Anna hofft auf Zeichen und Wunder.
Anton wird erwachen, das glaubt ihr Herz, das erfllt ihre Gedanken, wie die
Verheiung des ewigen Lebens die glubige Seele, da sie der irdischen Sorge
entrissen, den Himmel mit ihren betenden Lippen zu berhren, mit ihren
ausgestreckten Armen zu umfassen glaubt.


                                  Zweiter Band

                               [Aus dem Nachla]

                        Vorwort [von Bettina von Arnim]

                               Zum Erstdruck 1854

Der erste Teil endet mit Annens feurigem Gebet um Antons Leben. Indes der
Kampfeslrm sich verzieht, die Reisigen aus den Toren fliehen, die Brger
nachdrngen, Verwundete hineintragen und die Toten in lautloser Nacht verlassen
sind, heftet sie, aus besinnungsloser Verzweiflung erwachend, ihre Lippen auf
die Todeswunde und schliet sie mit ihrem Gebet, ihrem Gram und ihrem Glauben,
sie werde zu Grunde gehen oder Anton mit der Sonne erstehen und sie von der
Schuld seines Todes befreien. Keine Ahnung mahnt sie, da ihr Kind durch Faust
der Wiege entrissen, von Graf Konrad in raschem Trabe davon getragen wird. Keine
Ahnung sagt ihr, da Berthold von Geistern seiner Ahnen fortgerissen durch
dieselbe Gewalt, die ihn heilte, jetzt ihn entseelt, zwischen Leichensteinen auf
des Stammvaters Gruft niedergeworfen hat. Kein Donnerschlag erweckt wieder den
sanft Hingesunkenen, dessen Armader die fremden Blutwellen entstrmen, whrend
der Mnch, der ihn dahin geleitet hatte, nun vor seinem gehrlosen Ohr von dem
schwarzen Gedchtnisstein abliest, wie ein Geschlecht gehe und das andere komme,
indes die Erde unbewegt bleibe.
    Im Eingang dieses zweiten Teils der Kronenwchter deutet alles darauf, da
hier noch kein befruchtendes Gewlk auf ihn niedergeregnet war, um ihn von dem
Staub, der auf Pergamente sich senkt, denen der Tatenlauf von Jahrhunderten
vertraut ist, zu befreien. Der Geist, der diesen ersten Teil aufzeichnete, war
lngst entflohen, ehe er den folgenden mit letzter Hand berhrt hatte, daher
sein Werk nicht vllig mit den Ereignissen des ersten bereinstimmt, obschon ein
harmonischer Einklang gefhlt wird, der den Verehrern dieses schnen, feurigen
Buchs um so anregender sein mu, weil er sie auch tiefer in die Werksttte
desselben einfhrt, der noch einmal aus seinem Dichterhimmel unter die rollenden
Donnergewlke unserer Zeiten herableuchtet.
    In diesem zweiten Band ist das Kind Oswald noch in der Mutter Obhut und
Berthold im Grabgewlbe der Waiblinger Brgermeister beigesetzt, auch tritt
Faust als frher noch nicht dagewesen auf, was alles dennoch nur auf
Namenwechsel beruht, welche die berarbeitung des ersten Bandes herbeigefhrt
haben mag.

Anton ist wieder zum Leben erwacht, Anna will aus Mitleid ihn nicht von sich
lassen und pflegt ihn in seiner Schwche, obgleich auch die Mutter ihm das Haus
verbietet; das gibt neuen Streit zwischen beiden. Anna bewhrt ihren Eigensinn,
sie wird das Gesptt der ganzen Stadt - niemand will mit ihr zu tun haben, die
Geistlichen sogar dringen auf eine bessere Lebensweise, ihr Eigensinn mehrt
sich. Anton will fort, sie lt es nicht zu, denn es kommt die Nachricht, ihr
Mann sei auf einer Sendung von einzelnen Plnderern aus Herzog Ulrichs Heer
umgebracht worden.
    Nach Antons Genesung, als er den ersten Schritt aus dem Bette tun sollte,
stand sie vor ihm und winkte aus der Ferne, wie einem Kinde, das laufen lernt,
und als das Riesenkind auf sie zu kam, da gab sie ihm einen zrtlichen Ku und
feine Hemden, die besten aus des Mannes Nachla. Anton, der vom Liegen doch
etwas herabgekommen war, hatte zu viel mit seiner Elust zu schaffen, um diese
Liebeszeichen nach dem vollen Werte aufzunehmen, er dachte erst an die
Bedeutung, als ihn einer seiner Kameraden fragte, ob er bald Hochzeit mache? Nun
hielt er aber von unntzen Reden nicht viel, er machte Frau Annen keine weiteren
Erklrungen, sondern nach ein paar Monaten, wo die Gesetze weiter nichts gegen
eine zweite Vermhlung einwenden konnten, sagte er ihr, er habe nirgendwo so gut
geschlafen, wie in ihres verstorbenen Mannes Bette, wo er versteckt gewesen, sie
solle ihn wieder dahin betten. Sie nannte ihn wohl einen Grobian, einen Esel,
hielt ihm auch eine lange Ermahnung, wobei sie ihm die Halskrause in Ordnung
legte, letztlich aber sagte sie, wenn er ihr eine gute Auffhrung verspreche, so
wolle sie sich den nchsten Sonntag mit ihm in aller Stille, wie es einer Witwe
gezieme, trauen lassen. Anton war auer sich vor Freuden, tanzte im Zimmer herum
und bat sie, seine Ungeschicklichkeit in dem neuen Stande zu verzeihen und ihn
zu belehren, er wollte sicher alles nach ihrem Willen tun. Sie machte ihm nur
eine Bedingung, da er seine alten Kameraden und das Weinhaus nicht wieder
besuchen solle; sie htte alles, sogar Hunger und Durst von ihm fordern knnen,
er htte in dem Augenblicke alles versprochen. Bei der Hochzeit waren nur ein
paar Verwandte gegenwrtig, viele waren durch das Gerede und durch die
Schnelligkeit dieses bergangs zur zweiten Ehe beleidigt, doch keiner beneidete
Anton, in den Besitz eines so ansehnlichen Vermgens zu kommen; jedermann
meinte, wenn es einer htte sein sollen, so wre es dem armen Schelm doch eher
als einem andern zu gnnen. Der erste Monat war ganz glcklich, Frau Anna war so
unerschpflich in Zrtlichkeiten gegen Anton, da jeder erstaunte, der sie so
kalt gegen ihren ersten Mann gesehen hatte; Anton durfte keinen Schritt ohne sie
aus dem Hause gehen, denn ihre Eifersucht war nach Witwenart sehr gro. Anton
hatte nun keine Beschftigung, als mit ihr zu sprechen; er fing deswegen an, was
er gelobt hatte, zu erfllen und den Altar in der Kirche, vor welchem er getraut
worden, mit einem neuen Bilde des groen Christophels, dem er geweihet war, zu
verzieren, und dazu brauchte er sich selbst als Modell sowie er den kleinen
Stiefsohn zum Bilde des Jesukindes brauchte, das jenem so viel Mhe machte ber
das Wasser zu tragen, weil es die Welt in seinen Hndchen trug. Diese Malerei
machte Frau Annen so stolz auf Mann und Kind, da sie eines Abends einige alte
Freundinnen zu sich bat, um es ihnen zu zeigen, weswegen Anton Erlaubnis
erhielt, in der Stadt nach Farben und Pinsel sich umzusehen. Ohne an etwas
anders zu denken, ging er vor dem Ratskeller vorbei, vor welchem alle seine
alten Trinkgesellen unter einem frischen Dache von abgeschnittenem Weinlaube
zechten; alle grten ihn, einer rief ihm, einer sprang auf, fate ihn beim Arm,
er wollte weitergehen, es fate ihn ein anderer beim zweiten Arm, beide kten
und herzten ihn, fragten, wie er sie so ganz vergessen, ob die Frau ihn unter
dem Pantoffel habe; er schmte sich und folgte ihrem Ziehen und Ntigen mit
langsamen Schritten. Bedenklich sa er am Tische und forderte keinen Wein, da
trank ihm ein Gerber auf seiner Frauen Gesundheit ein Glas zu; dem mute er
Bescheid tun, er forderte Wein, trank, er fand ihn besser als bei seiner Frau,
die ihn heimlich bis zur Hlfte mit Wasser mischte, rgerte sich ber den Betrug
und verlangte einen Schoppen nach dem andern. Da gingen die alten Lieder auf:
Zu Klingenberg am Maine und vom Muskateller; sein Ba fllte wieder Keller und
Markt, die Frau hrte ihn mit Schrecken bis in ihrem Hause widerklingen. Kaum
waren alle recht lustig, so wurde ein Kartenspiel vorgeschlagen; Sixt war jetzt
der reichste von allen, er konnte es nicht ausschlagen, es machte ihm auch viel
Spa, sein Glck zu versuchen. Er gewann erst, dann verlor er und wollte wieder
gewinnen, er glhte vor Ungeduld, ob ihm gleich die Zeit so schnell verging, da
der Wchter lngst abgerufen, ohne da er es bemerkt hatte; das Singen und Toben
im ganzen Keller fing eine eigne Welt an, die sich um jene auerhalb nichts
bekmmerte, die Kellner liefen mit aufgeschrzten rmeln mit Henkelkrgen,
Bechern, Seideln, Khlkesseln dazwischen, die Mgde brachten gerucherten
Schinken, Braten; jeder rief, jeder neckte sich mit ihnen, den stieen sie fort,
jenen stieen sie an, besonders aber den schnen Anton, den sie immer am
schnellsten und besten bedienten und ihm den Rcken klopften, so oft ihm etwas
in die unrechte Kehle war gekommen. Die Wirtin setzte ihm sogar einen Kranz von
Weinlaub auf den Kopf und kte ihn als ihren Bacchus, da schrieen die andern:
Frau Wirtin habt ihr uns nicht gern im Haus, faldrida, so jagt uns nur fein
gtlich hinaus, faldrida. Aber zum Sturmwind heit dies Haus, darum leben wir
alle im Saus. Ich mu auch einen kriegen, da alle Balken biegen! - Und der
kte sie alle herzhaft. Da rief einer: Martialis gefllt unsrer Gnaden, der
trank so viel Hochbecher aus, als viel seiner Buhlschaft Name Buchstaben
innhielt, so mu mein Buhlschaft Be a er bar, te o to barto, el o lo, tolo
Bartolo, em e me, lome, tolo me, Bartolome heien. Alsdann werd ich ihr des
fter gedenken, je fter man wird einschenken. O ihr lieben Weiber, wie ein
guter Fund fr euch, auf diese Weise knnen die Mnner beim Wein euer nicht
vergessen, lasset nur tapfer einschenken, heit eine schon Anne, so sag sie hei
Peternellule. Bei diesem Ruf konnte Frau Anna, die mit einem Regentuche, als
Magd, bedeckt ans offene Kellerfenster geschlichen war um ihren Mann zu
belauschen, dessen Stimme sie hatte erschallen hren, sich nicht langer halten,
sie rief hinein: Anton, Anton! Und die ganze Gesellschaft rief Frau Annen ein
Lebehoch und Segen; der lustige Wachtmeister, der eben gesungen, sprang hinaus,
nahm sie scherzend bei ihrem Arme, achtete ihres Strubens nicht und zog sie in
den Keller hinunter. Durch diese Behandlung war ihre ganze Seele schon
aufgebracht, sie mute sich gegen jemand entladen, und da war niemand mehr
geeignet als ihr Anton, der alles das Migeschick veranlat hatte; sie trat zu
ihm und rief, da er mit ihr kommen solle, aber er sah eben einen Kreuzbuben
fallen, der ihm den Stich nahm und gab nicht acht. Sie trat nher und rief
nochmals: Aber Anton! und winkte ihm, er aber schttelte rgerlich mit dem
Kopfe, weil es nur an einer Karte noch hing, ob er alles Geld, was er bei sich
hatte, verloren; da sangen Seger und Melchior zweistimmig: Die Weinlein, die
wir gieen, die soll man trinken, die Brnnlein, die da flieen, die sollen
blinken. Und wer ein steten Buhlen hat, der soll ihm winken: ja winken mit den
Augen und treten auf den Fu, es ist ein harter Orden, der seinen Buhlen meiden
mu, und noch viel hrter, da ich dies hohe Glas aussaufen mu. Whrend dieses
Gesanges war sie dicht an sein Ohr herangetreten und sprach halblaut hinein:
Hrst du nicht, du roter Weinschlauch mit deinem Kranze, ich habe es wohl
gesehen, wie dir die Metze den Kranz aufgesetzt hat und einen unehrlichen Ku
dir gegeben, ja lebte noch mein Mann, sie sollte Bue tun; hrst du noch nicht?
Da siehst du auf Herzdame, statt deine ehrliche Frau anzusehen, die dich erst zu
einem Manne gemacht; was warst du denn, du Tunichtgut, hrst du nicht? Bei
diesen Worten wollte sie ihm den Kranz abreien, der ihm bers Ohr hing,
zugleich sah Anton, da er von seiner Frau gestrt, die Herzdame zu frh
ausgespielt hatte, das Spiel, was er gewonnen htte, war nun verloren,
ungeduldig griff er um sich, um seine Ohren frei zu erhalten und schlug seiner
Frau ohne Absicht hinter die Ohren. Da war keine Zeit zum Entschuldigen, schon
fiel sie ihm in die Haare, er wute nicht, wie ihm geschah, und da er nicht sehr
empfindlich war und in seinem Haupte ziemlich wankte, so lie er es mit sich
geschehen; Seger aber sang: Frhlich, so will ich singen, schlage dein Weib um
den Kopf, ich mu dir diesen bringen, zieh dein Weib bei dem Zopf, das Lied, das
will nicht klingen, ich stopf dafr den Kropf. Anton lie alles mit sich
manchen, umsonst sagten ihm seine Kameraden, er solle es nicht leiden, er habe
zu viel angewhnte Demut gegen sie; er lachte whrend ihrer Schimpfreden und
Schlge, hob sie endlich, als der Wirt kam und sie beide ermahnte, auf seine
Arme und trug sie wie ein Kind die Treppe hinauf nach dem Hause und in ihr
Zimmer Hier wirkte der Rausch nach, kaum konnte er sie aufs Bett legen, so
taumelte er selbst quer ber, das erweckte den rger der Frau von neuem, ber
beide Betten hingesunken, war er eingeschlummert, sie konnte ihn nicht von der
Stelle heben und hatte daher nicht einmal ihr eignes Bette frei; bald fate sie
einen Arm, dann ein Bein, es war unmglich; sie begann ihn zu entkleiden, ob er
vielleicht von der Nachtkhle erwachen werde, dabei stie und schlug sie ihn, so
oft ihre Galle berlief, aber alles umsonst; wenn sie ihn eben erweckt zu haben
meinte, schlug er unerwartet um sich, da sie einmal gegen den Kachelofen
geworfen wurde, und dann drckte er sich noch fester ins Bette. Sie mute sich
endlich entschlieen, ihm eine Decke berzuwerfen und sich selbst gleich ihm
quer ber beide Betten zu legen, um ihren Gram wenigstens ein paar Stunden zu
verschlafen. Anton wachte frh auf, er konnte sich erst nicht besinnen, wo er
sei, da fiel ihm denn eins nach dem andern ein, und es reute ihn recht herzlich,
er hatte seine Frau ungemein lieb und sah auch Trnen in ihren schlafenden
Augen, er kte ihr die Trnen ab und dann ihren Mund; sie aber, die von dem
Schrecken und rger sehr ermdet war, merkte von dem allen nichts, bis er sie
zrtlich umarmte und sie seiner Freundlichkeit nicht mehr widerstehen konnte.
Ja sieh nur, wie glcklich wir sein knnten, sagte sie ihm, wenn du keine
dumme Streiche machtest; ich bin doch wahrlich noch hbscher als das freche
Wirtsweib und ksse dir gern einen Kranz statt des Kranzes, den sie dir
aufsetzt, und Wein geb ich dir, so viel du magst, alle Tage deine neun Ma und
Sonntags einen richtigen Ehrentrunk, was kann dir denn dabei fehlen? - Der
aufrichtige Anton konnte hier nicht unterdrcken, da er die Wasserverflschung
an dem Weine entdeckt; das rgerte die Frau, sie fuhr auf und sagte: Reinen
Wein willst du Tagediebe gib mir Geld dazu! mein voriger Mann, der so viel
verdiente, trank nie andern als den ich dir gebe; ja, denk nur einer, bald wird
dir nichts mehr gut genug sein, und sonst nahmst du mit allem vorlieb. - Anton,
der ein Feind vom Zanken war, beruhigte sie mit Liebkosungen, er war in der
schnsten Friedenszeit nie so zrtlich gewesen, wie heute nach dem ersten groen
Streit. Das vershnte die Frau bis zum Nachmittage, wo ihr schon allerlei
Gerchte von dem gestrigen Ereignisse zu Ohren kamen, die sie gar sehr rgerten.
Sie fing von neuem an gegen Anton zu knuttern, der sich zu seinem Altarbilde
recht begeistert gesetzt hatte; sie sagte ihm, wie sie gestern bei dem Bilde,
als sie es den Frauen gezeigt, ihn vor allen Mnnern herausgestrichen habe, wie
fleiig, wie ordentlich er geworden, wie er nie mehr zu Wein gehe und mitten in
der Unterredung habe sie seine Stimme im Keller gehrt, und wie ihr das wehe
getan, das knne sie nicht verschmerzen, die Frauen htten sie angesehen und
nicht gewut, was ihr fehle. Als jene aber weggegangen, da sei sie ihm
nachgegangen und habe ihren Jammer im Keller gesehen, und nun fing sie mit allen
Vorwrfen und Klagen ihm die Geschichte zu wiederholen an, da Anton nach ein
paar Stunden in heller Verzweiflung aufstand und unter dem Vorwande sich Farben
einzukaufen, vor dem Tore in frischer Luft sich zu ergehen beschlo. Er kam auf
einen freien Platz mit Bumen, wo er oft mit seinen Kameraden Ball geschlagen
hatte, er dachte sich, mit welcher Ungeduld er sonst dahingeeilt und fr alle
Qulereien seines Vaters hinlnglichen Ersatz mitten im Staube gefunden, in dem
sie sich getummelt, wie sie die Grten listig beraubt, die Khe auf der Weide
ausgemolken und wie sie sich so vielerlei gedacht, was aus ihnen werden sollte,
Ritter und Rte mit goldenen Ketten und Spornen, und wie aus allen so wenig
geworden. Er dachte des guten alten Brgermeisters, wie ihn der in aller
ritterlichen bung unterrichten lassen, und wie ihm alles so wohl angestanden;
er dachte, wie ihm die Welt sonst so weit gewesen und wie er nun Abends nicht
ber seiner Frauen Kammerschwelle hinausschreiten solle. In dem Augenblicke kam
Seger ganz allein den Weg zu ihm heruntergeschritten und fragte scherzweis:
Nun, hat's noch viel Schlge von der Frau gesetzt, oder hat sie Euch gar
weggejagt? Hrt, fuhr er fort, ich rate Euch als Freund, verliert Eure Hosen
nicht in den ersten Momenten, Ihr bringt sie sonst niemals wieder; so einer
Witwe mt Ihr den Daumen aufs Auge setzen, um sie nach der Hand zu ziehen, ich
wei es aus Erfahrung, mein Weib wollt es eben so machen jetzt mu sie kuschen.
Ich bin Euch gut, Ihr seid ein Kerl, der berall sein Glck machen kann bei
Weibern und bei groen Herren, was wollt Ihr bei dem Weibe verjammern? Kommt mit
in das Jgerhaus, es ist jetzt gut Wildbret und Wein dort, Eure Kameraden, an
die Ihr gestern so viel Geld verloren, kommen auch, Ihr mt es ihnen wieder
abnehmen. Anton war durstig und er schmte sich zu sagen, da er seiner Frau
wegen schon nach Hause mte; er schlenderte mit in das Jgerhaus, kegelte erst
einen Stamm ab und beredete sich mit dem Jger zu einer groen Jagd am andern
Tage, dann kamen seine Spiegesellen, und er spielte und trank mit ihnen. Das
Glck hielt diesmal zwischen ihm und den andern die Waage, es wurde ihm so
behaglich, Seger erzhlte gute Schwnke aus dem Kriege, wie er mit Sickingen
gegen Kln gezogen, wie sie die Mnche gergert, dabei fluchte er auf den Papst,
mit dem man damals aus allerlei Grnden unzufrieden war; es wurde von Luther
erzhlt, wie der des Papstes Bullen verbrannt. Anton bewunderte den tapfern Mann
und htte gern sein Bildnis malen mgen. Seinem Bilde mssen wir folgen,
sprach Seger; wahrhaftig, die Geistlichen sollen uns hier nicht mehr mit
Beichte und Abla martern und abschtzen. Darber kam es zum Streit, wobei
Anton mit seiner Strke Frieden stiftete. Erst um zwlf Uhr kam er ziemlich
bezecht, doch wohl bei Sinnen in sein Haus zurck, wo alles in der grten
Verwirrung durcheinander lief, Frau Anna war auf den Gedanken gekommen, weil sie
ihm den Nachmittag so viele Vorwrfe gemacht, er mchte in die weite Welt
gelaufen sein, und nun fhlte sie erst recht, wie lieb sie ihn hatte; mit groer
Ungeduld hatte sie Boten auf alle Straen abgesendet, an alle Tore geschickt, es
war ein Lrm in der Stadt geworden, Meister Anton Sixt sei davongelaufen, und
alles, was noch im Hause deswegen auf und versammelt geblieben, war verwundert,
ihn so frhlich und ruhig eintreten zu sehen. Die Frau war ganz elend vom
Schrecken, sie lag bleich auf einem Ruhebette; als sie ihn aber so frhlich
ankommen sah, sprang sie doch aus rger auf und ber ihn her, er aber sah sie
gro an, wie ein Adler, der einer Grasmcke die Eier ausgetrunken, die ihm dafr
auf den Rcken gesprungen und mit dem Schnabel hackt. Er fragte mit groen
Augen, was denn das bedeuten solle, und erfuhr von den Mgden die ganze
Geschichte. Diesen ffentlichen Lrmen nahm er ernstlich bel, er schwor, er sei
Herr im Hause, und wenn sich noch einer unterstehe, ohne seinen Befehl so etwas
zu tun, so werde er ihm Arm und Beine entzwei schlagen. Dabei schlug er so
grimmig auf den Tisch, da die Frau in Angst geriet und ihm gute Worte gab; sie
wollte ihn auch liebkosen, aber er wies sie von sich. Alle waren ber Herrn
Anton verwundert, der bisher kaum etwas im Hause sich zu erbitten erlaubt hatte;
schon den nchsten Tag sah er die Wirkung seines Ernstes; whrend seine Frau
noch heftig mit ihm zankte, kam der Hausknecht und fragte ihn, was fr Wein er
holen solle. Die Frau wollte vor rger umkommen, aber er bestellte sich einen
teuren Wein und lie sie toben, da er ihr alles Geld verschleudere. Wollte sie
von nun an ein gutes Wort von ihm haben, so mute sie ihm Geld geben, so viel er
haben wollte, und stillschweigen, wenn er Abends aus den Weinkellern nach Hause
kam, nachdem er tagelang mit ihnen auf der Jagd gelegen, die ihm eine
unberwindliche Leidenschaft geworden. Seine Ausgaben berstiegen bald alle ihre
Einnahmen, ans Malen hatte er nicht Zeit zu denken, aber ihre Liebe zu ihm nahm
immer zu; sie machte ihm tglich Vorwrfe, auch schlug sie wohl zuweilen, aber
das half alles nicht; sie schickte deswegen die Geistlichen ber ihn, da sie
ihm das Abendmahl versagen sollten.
    Anton merkte bald, woher dies stamme, und rgerte sich ber diese
Pfaffenwirtschaft, durch die seine Frau ihn regieren wollte, er besprach sich
mit Seger und andern in der Stadt, die heimlich Luther zugetan waren und
erklrten, da sie das Abendmahl knftig nur unter beiderlei Gestalt annehmen
wollten. Die Geistlichen betrieben die Sache fr jetzt nicht weiter, sie waren
unter sich uneinig und sahen, wie viele Anhnger die Kirchenverbesserung unter
ihnen gewnne; Frau Anna hatte an ihnen keine Hlfe in ihrem Grame,
insbesondere, als Anton das neue schne Altarbild in die Kirche geliefert hatte;
sie sagten ihr, da eine christliche Ehefrau ihrem Manne in allen zeitlichen
Angelegenheiten dienen und nachgeben msse. Das war eine harte Zeit fr Frau
Anna, insbesondere, da sie sich ihrer zweiten Niederkunft nherte und Anton
immer leichtsinniger in allerlei Verschwendung wurde. Sein frhliches Wesen und
gute Lebensart hatte ihn einigen Rittern der Gegend empfohlen, mit denen er
jagte, auch ein paarmal zu Fehden mitritt, wobei er sich den Ruf eines sichern
unerschrockenen Mannes erwarb. Da er halbe Wochen bei ihnen zugebracht hatte, so
besuchten sie ihn wieder in der Stadt, was Frau Anna bei der gewohnten Achtung,
die sie im geringen Herkommen gegen den Adel der Gegend hatte, nicht wenig in
Verlegenheit setzte. Anton zog sie mit ihrem ngstlichen linkischen Wesen auf,
und jedem solchen Besuche folgte ein Strom von Trnen, die sie aus Arger ber
sich vergo.
    Unter solchen Bekmmernissen wurde sie glcklich von einem prchtigen Jungen
entbunden, der frhlich in die Welt lachte und sie zornig anschrie. Das Kind war
aber ein Nimmersatt wie ihr Mann, dessen Namen Anton es auch in der Taufe
erhielt; sie gab ihm zwei Ammen. Der groe Anton hatte diese Zeit in stetem
Jubel verprat; er benutzte ihre Schwche, um einmal alles im Hause
durchzusehen, Kisten und Kasten, um zu wissen, ob ihr Jammer ber seine groen
Ausgaben wirklich einen Grund htte. Nun fand er freilich, da manche groe
Kiste nichts als unbedeutendes altes Gert enthielt; so fand er auch jenen
verrosteten Degen und den durchlcherten Beutel, den ihr Kurt aufgefunden hatte,
doch erstaunte er ber die Menge Leinen und anderen Vorrte.
    Als eine trichte Pracht erschienen ihm die alten Pokale von des
Brgermeisters Ahnherren, weil niemals im Hause daraus getrunken wurde. Er nahm
im Spa ein Paar mit auf den Ratskeller und bewirtete seine Freunde. Ein
Rohndler, der gerade durchreiste, bezeigte seine Lust, sie zu kaufen, whrend
er einige seiner schnsten Streithengste vorbeireiten lie. Da war nun ein
Apfelschimmel, der die ganze Neigung Antons auf sich gezogen; er konnte die
Seligkeit kaum berschlagen, so ein Pferd tglich zu reiten, was alle
Ritterpferde in der Gegend weit bertraf; er selbst trat dem Kaufmann mit der
Frage entgegen, ob sie tauschen wollten, und der Mann lie es sich gern
gefallen, die Becher anzunehmen, die mit goldenen Denkmnzen bedeckt, den Henkel
mit Edelsteinen besetzt, als Hauptschtze des Hauses geachtet wurden. Anton
machte diesen Tausch heimlich, so da keiner seiner Freunde ihn warnen konnte;
er war ganz selig darber, aber er frchtete gleich, da die Geschichte seiner
Frau zu Ohren kommen mchte, deswegen beschlo er, ein paar Tage bei dem Ritter
von Wieringen, seinem liebsten Jagdfreunde, zuzubringen. Er ritt noch den Abend
fort und lie es seiner Frau durch Segen sagen, die bei dieser Veranlassung in
bittre Klagen ber ihn ausbrach, da er ihren Mann verfhre. Seger meinte, sie
mchte sich nur auch verfhren lassen, und ihnen wre beiden geholfen, worber
die Frau in groem Zorne ihm das Haus verbot. Seger lie einige drohende Worte
fallen und sein Fluch ging noch in derselben Nacht in Erfllung. Viele haben
behauptet, er mchte selbst die Ursache des Unglcks sein: das groe Vorwerk vor
der Stadt, woher Frau Anna ihre Einnahme zog, brannte bis zum Grunde ab. Sie
raufte sich die Haare aus und weinte ber ihre unglcklichen Kinder; endlich
sagte sie aber mit Hiob: der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der
Name des Herrn sei gelobet; doch htte sie gern ihren Herrn im Hause gehabt, um
ihm ihre dringende Ermahnungen vorzutragen.
    Gegen Mittag kam Anton, aber in welchem Zustande! Er wurde von einem Bauer
mit Ochsen herein gefahren, so gelhmt und zerschunden hatte ihn nach mutiger
Gegenwehr ein Haufen reisiger Knechte liegen lassen, denen nach seinem Rosse
gelustet, die ihn berfallen und es durch berlegene Zahl nach hartem Kampfe ihm
abgenommen hatten; er glaubte, den Rokamm unter ihnen bemerkt zu haben. Seiner
Hausfrau Bewillkommnung war nicht so milde, wie sein trauriger Zustand erwarten
konnte; kaum sorgte sie fr sein notwendigstes Bedrfnis, mit Unwillen gab sie
ihm seine gewohnten neun Mae Wein und vier Pfund Rindfleisch, die er zum
Mittagessen gebrauchte, und kndigte ihm gleich an, da er nach dem Brandschaden
kein solches Mahl knftig zu erwarten habe. Er war so beschmt, da er nichts
darauf antwortete, sondern seine Frau durch Vorschlge, wie der Schaden zu
ersetzen sei, zu zerstreuen suchte; bald meinte er, ob es besser sei, das
Vorwerk jetzt zu verkaufen oder es aufzubauen. Die Frau stimmte aber fr das
Letztere und meinte, da dazu die silbernen Pokale und Becher aus des Mannes
Erbschaft verkauft werden sollten.
    Anton wagte die Augen nicht aufzuschlagen, er dachte sich den Lrmen, wenn
der Verlust der beiden bedeutendsten Stcke entdeckt wrde, und brachte es durch
seine Beredsamkeit dahin, sie zum Verkaufe zu berreden. Nach acht Tagen, wo
Antons unverwstliche Gesundheit alle Beschdigung berwunden hatte daran
mancher andre gestorben wre, ging er nach dem Ratskeiler und wurde bei einem
Becher Wein mit dem Wirte eines Kaufs einig, der ganz billig war, da Seger sehr
lebhaft fr Anton gesprochen hatte. Aus Dankbarkeit tat er Seger den Gefallen,
ihm das Kapital zu einem gewohnten Zinse auf seine Huser und Grten zu leihen,
die sehr ansehnlich waren, sowie auch Seger berall fr einen wohlhabenden Mann
galt. Frau Anna war zwar bse, da er mit dem schlechten Menschen dadurch in
Verbindung bleibe, sie konnte aber das Geschehene nicht ndern; auch war sie
jetzt mit ihrem Kinde sehr beschftigt, das so auerordentlich zunahm, als wolle
es den Vater bald einholen. Anton, im geheimen Bewutsein der Schuld mit den
Bechern, wurde in dieser Zeit so demtig wie in der ersten seines Ehestandes;
doch begegnete sie ihm mit gleicher Hrte, die er whrend der Zeiten seines
wsten Herumlebens in ihr notwendig gemacht hatte. Er dachte auch wieder an die
Malerei und verfertigte einen St. Sebastian und einen St. Petrus, die ihm gut
bezahlt wurden. Freilich war diese Einnahme immer nur gering gegen die Ausgaben,
die ihm solch Bild machte. Um ruhig und ausdauernd zu malen, mute seine
Weinkanne nie leer werden; es blieb immer nur wenig brig, um die beiden Becher,
wie er sich vorgenommen hatte, frher zu ersetzen, ehe die Frau den Verlust
wahrnehmen knne.
    Aber ein neues Unglck strte diesen Frieden von neuem: Seger lief davon und
hinterlie so viele Schulden, da seine Huser und Grten ihnen nur fr ein
Zehntel Ersatz gaben. Die Nachricht setzte Frau Annen ganz auer sich; sie
schimpfte, sie schlug ihren Mann, wo sie ihn traf, und dieser im Bewutsein, wie
viel mehr er noch verschuldet, ertrug alles geduldig. Sie gab ihm nur noch wenig
Wein; er malte desto fleiiger, und die Geistlichen gaben ihm groe
Bestellungen. In der Not, worin ihn die Frau erhielt, in der Liebe zu seinem
Knaben, die ungemein gro war, fing er an, was er so machte und gemacht hatte in
handwerksmiger Gewohnheit und besondrer Anlage, nher zu betrachten; es kam
ihm selbst wunderbar vor, was er hervorbringe; es konnte sich doch nichts von
allem in der Gegend damit messen, und seines Vaters Bilder waren neben den
seinen kaum zu dulden; insbesondre konnte er nicht begreifen, woher ihm die
frommen stillen Gesichter kmen, da er selbst einem lustigen Landsknecht glich,
auch nur mit lustigen Leuten gern umging. Da meinte er, das msse wohl von
seiner Frau ihm so vorschweben, die bei aller Hrte gegen ihn doch immer ein
sehr mildes heiliges Gesicht bewahrte, auch fleiig betete; der Gedanke
vermehrte seine Achtung gegen sie; er schlich ihr oft nach, beobachtete sie und
fand dann immer, da seine Marien und andere heilige Frauen natrlicher wrden
und mehr Beifall erhielten.
    Als er sich so mit eigner Gesinnung seiner Kunst widmete und aus dem
Handwerke hervorstrebte, griff die von Karlstein verbreitete Bilderstrmerei
auch bis in diese Gegenden um sich; der Vorwand, den Gtzendienst zu zerstren,
brachte eine Menge liederlichen Volkes zusammen, welche die Kirchen beraubte.
Mit groer Wut sprach Anton in seiner Stadt gegen die Lehre, ja er verfluchte
Luther und alle seine Anhnger, weil durch sie dieser Wahnsinn aufgeregt worden,
und wirklich hatte seine Stimme sein krperliches Ansehen die Macht, lange Zeit
alle in Ordnung zu halten. Endlich drang aber Seger, als Anton gerade wegen der
berbringung eines Gemldes abwesend war, mit einer Schar schwrmender
Landsknechte in die Stadt und hielt Predigten vom wahren Glauben. Sein Haufe
vermehrte sich schnell, und sie wollten eben in die Stadtkirche dringen, die von
den Geistlichen stark verriegelt war, als Anton anlangte, von dem Lrmen hrte,
sich mit einem Spiee bewaffnete und durch Hlfe der Geistlichen auf geheimen
Wegen in die Kirche kam, um sie zu verteidigen.
    Der Anlauf gegen die Tre ward immer wilder, endlich hob der Haufe ein Stck
Bauholz zur Tre und schwang diese wie einen Mauerbrecher dagegen; die Riegel
sprangen und alle, Seger voran, jubelten, da alles gelungen, als ihnen Anton
aus dem Dunkel der Kirche mit donnerndem Fluche und glnzendem Spiee
entgegentrat. Da eure Augen ausfallen, ihr Frevler! rief er mit grlicher
Stimme und stie Seger, der nicht weichen wollte, nieder. Du sollst den Herrn
nicht betrben, wie du mir getan, rief er weiter, du sollst noch der Arm
seiner Gerechtigkeit werden. Bei diesen Worten ergriff er ihn beim Fu und
schmetterte mit ihm, wie mit einer gebrochenen Keule, auf die rasenden Strmer
los, die von dieser Riesenkraft erschreckt, sich nach allen Richtungen
fortflchteten. Ihr Wiedehopfen, die ihr euer eigen Nest besudelt, rief er
ihnen nach, habt ihr so viel Herz euren Herrgott anzufallen, und lauft davon
vor einem Menschen? Segern legte er in einen Winkel vor der Kirche, damit
dieses Frevlers Leiche den heiligen Boden nicht besudele; jetzt wartete er noch
ein paar Stunden als Wchter und ging dann mit einer innern Zufriedenheit nach
Hause, um sich bei seiner Frau zu strken und zu erfrischen. Hier erwartete ihn
ein neuer Kampf.
    Ein Haufen hatte ihn erkannt, war in sein Haus gedrungen, hatte mit
entsetzlichem Toben der Frau erzhlt, wie sich ihr Mann gegen sie vergangen
habe, wie sie nur aus Mitleid ihr das Leben lieen, hingegen alles andere rauben
wollten. Sie waren in dieser frchterlichen Arbeit, als Anton vor das Haus trat:
einer schttete Federn zum Fenster hinaus; ein andrer durchtrat ein
Christusbild, das ihn in der Zerstrung noch mild lchelnd anblickte; ein
dritter hatte einen Teerpinsel gefunden und besudelte das Bild am Giebel, das zu
der Bekanntschaft Antons die Veranlassung gegeben; einer aber, ein gewesener
Prediger, schrie ununterbrochen eine Stelle aus dem Propheten Mich I, V. 7:
Alle ihre Gtzen sollen zerbrochen und alle ihr Hurenlohn soll mit Feuer
verbrannt werden und will alle ihre Bilder verwsten: denn sie sind von
Hurenlohn gesammelt und sollen auch wieder Hurenlohn werden. Diesen Schreier
warf Anton zuerst darnieder, dann rannte er schumend vor Wut, in das offene
Haus, und wer ihm nicht auswich, fiel unter seinen Streichen, ungeachtet er
seinen Spie aus Heftigkeit weggeworfen und blo mit der Faust auf seine Gegner
eindrang. Als alle andern geflchtet waren, legte er zwei Tote und vier
Schwerverwundete vor die Tr; da jammerte ihn der Tod dieser Leute, und seine
Frau machte ihm harte Vorwrfe, da er durch seinen trichten Eifer ihnen das
letzte zu ihrer Unterhaltung geraubt; es ward ihm zu Mute, als sei nun alles
aus. Sind sie denn auch bei dem Silberzeuge gewesen? fragte er kalt; er wollte
ihr seine alte Snde mit den beiden Bechern beichten. Da weinte sie statt der
Antwort und sagte dann: sieh selbst zu.
    Er ging hinauf und fand die Schrnke leer; jetzt fhlte er, da er sich und
die Seinen auf eine Art ernhren msse, und seine einzige Geschicklichkeit, auf
die er bisher rechnen konnte, seine Fertigkeit, heilige Bilder zu malen, die
galt nichts mehr, wo so viele hochheilige alte Bilder an allen Orten zerstrt
oder nur mit Mhe bewahrt werden konnten, wo alle Opfer und Einnahmen den
Kirchen versagt wurden; doch fhlte er in sich eine Art Trost, da die
Geschichte mit den Bechern seiner Frau vielleicht verborgen bliebe und da er
dieser Beschmung berhoben sei.
    Er trat stille in ihr Zimmer, wo sie ganz erschpft mit herunterhngenden
Armen auf ihrem Stuhle sa; es war finster, der Mond beschien ihre beiden
Kinder, die neben ihr schlummerten; die Kinder kannten ihn noch nicht, und im
Herzen der Frau sprach nichts fr ihn; er schien ihr ein schrecklicher Riese,
der all ihr Glck durch sein Ungeschick zerstrt hatte. Ach wre nur mein guter
sel'ger Mann nicht gestorben! rief sie endlich, und er wiederholte: Wr nur
der gute Brgermeister nicht gestorben, da knnte ich mir jetzt schon
ritterliche Ehre erfochten haben; was soll nun aus mir werden, wer mag jetzt
noch Bilder kaufen! Dieser neue Kummer war ihr noch nicht in die Seele
gedrungen, jetzt aber rief sie: Wehe dir, du unntzer Mann, so bist du zu gar
nichts tauglich. Dies Wort stach ihm durchs Herz, da ihm fast der Atem
versagte; er htte sich in Zorn entladen, wenn nicht in dem Augenblicke an die
Haustr geklopft worden wre.
    Er sah zum Fenster hinaus, es war ein einzelner unbewehrter Mann; er kannte
ihn nicht, machte aber doch auf und fhrte ihn in seiner Frauen Zimmer. Ihr
kommt von den Geistlichen? fragte Anton; aber zugleich erkannte er Segern, der
sehr bleich aussah, im Mondenscheine, schauderte zusammen und meinte, da ihn
ein Toter besuche. Ihr erstaunt, sprach Seger, Ihr glaubt mich tot, eine
Katze lt sich nicht leicht totschlagen; kaum waret Ihr fort, so sprang ich
auf; die Stichwunde und die Beulen haben nicht viel zu bedeuten; seid Ihr denn
rasend gewesen, mit einem alten Freunde so umzugehen, wenn er Euch auch um ein
paar Taler betrogen hat? - Wahrhaftig, sagte Anton, darum war ich so giftig
nicht, sondern weil Ihr mir das Liebste beschimpfen und zerstren wolltet, das
einzige, wovon ich lebe. - Ei was, meinte Seger, du lebst vom Essen und
Trinken; hier findest du beides nicht mehr, denn die Geistlichen schtzen dich
wahrhaftig nicht, wenn du wegen der Leute in Anspruch genommen wirst, die in
deinem Hause erschlagen; du weit, es sind angesehene Brger. Komm mit mir
heimlich fort, ich war von den Leuten zu ihrer Partei gezwungen, so wrde es dir
auch gehen; komm mit zu Schrtlin, der sammelt Landsknechte, und du verstehst
dich aufs Fechten, du kannst dein Glck machen.
    Anton stand verwundert vor Seger; der Gedanke an ritterliche Taten war ihm
oft durch den Kopf gezogen, aber seine Haut als gemeiner Landsknecht zu Markte
zu tragen, das war ihm ganz fremd; Weib und Kind aufzugeben, die er so lieb
hatte, es war ihm zu hart; und so wandte er sich in der Hoffnung, da sie es
ganz abweisen werde, zu seiner Frau: Was rtst du mir, Anna, soll ich in die
Welt ziehen und im Kriege mein Glck versuchen? - In Gottes Namen, Anton,
erwiderte sie; hier in Frieden hast du nichts getan, als uns arm und elend zu
machen, vielleicht geht dein Glck im Kriege auf; meines Vaters Bruder wurde ein
reicher Mann durch einen Kriegszug; wo sollte ich dir jetzt Zehrung schaffen.
    Mit einem Schauder berlief Anton diese kalte Abfertigung von seiner Frau;
es fiel ihm unwillkrlich ein, wie an dem Tage das Bild am Giebel ausgewischt
worden. Nun, so sagte er zitternd, soll es geschieden sein, so sei es
schnell; mein Kind will ich nur einmal noch herzen, aber aus dem Schlafe mcht
ich es nicht aufstren.
    An mir liegt dir wohl nichts, sagte die Frau; ich glaube, du knntest
mich verlassen und wtest nicht, ob du mich in Zeit und Ewigkeit wiedersehen
wrdest, aber darum gbst du mir kein gutes Wort zum Abschiede; habe ich das um
dich verdient, hast du mich darum um Gut und Ehre gebracht?
    Kommt in einer Stunde vorbei, Seger, sagte Anton; die Stunde mu noch vom
Kriegszuge abgehen; die Nacht ist lang, und ehe es tagt, sind wir weit genug zu
unsrer Sicherheit.
    Keine Viertelstunde drfen wir warten, sagte Seger, sonst sind die Tore
geschlossen, jetzt geht's noch in der Unordnung so aus und ein; was habt ihr
euch noch zu sagen, ihr httet's einander lange sagen knnen, am Ende fangt ihr
doch nur an, euch zu zanken; fallt nicht in Liebestorheit in solcher Blutzeit,
kt euch bers Jahr, wenn die Kriegsbeute im Hause floriert.
    Er hatte nicht ntig ihnen das Kssen mit seinen Worten zu verleiden, in
seiner Gegenwart war ihnen alle Lebenswrme abgeleitet. Anton schlug Licht; doch
wie ihn kein Unglck um seine Lebenslust bringen konnte, so bat er seine Frau,
ihnen aufzutischen, was die Bilderstrmer brig gelassen. Sie brachte ein Brot
und einen Krug Wein; Anton nahm den Krug, setzte ihn an ihren Mund, sie mute
einen guten Zug tun; dann trank er an der Stelle, schenkte auch den beiden
Kindern und gab dann das brige dem Waffenbruder. Das Brot steckte er in seinen
Reisesack, dann holte er seine Muskete und seinen Degen, hieb mit dem Degen
Pinsel und Paletten zusammen, die im Winkel standen, schluchzte, da er nicht
sprechen konnte, kte Kinder und Frau, die ihm nachrief: Sei mir treu, Anton;
wenn du wiederkommst, sollst du den Lohn dafr empfangen; behte dich Gott und
unsre liebe Frau im Himmel. - Fort, sagte Seger und trieb ihn wie ein
Wrgengel vor sich hin; Anton aber klang es in den Ohren: Ach ihr Berg und
tiefe, tiefe Tal, so sah ich meinen Schatz zum letztenmal, zum letztenmal und
hab sie nicht geherzt, das schmerzt. Anton ging still vor sich hin; Seger
machte im Walde den Raubvgeln nach, die auf Buhlschaft zogen; es schien ihm
recht wohl, und Anton, der in seiner derben Natur viel verschmerzen konnte,
hrte seinen Erzhlungen von Liebesabenteuern mit ganzer Aufmerksamkeit zu.
    Bis Augsburg reichten beide mit dem Gelde, das Sixt noch in seiner Tasche
gefhrt hatte; als sie die reiche Stadt vor sich sahen, da ging diesem das Herz
auf: Da werden wir auch keine Not leiden. Gleich am Tore erkundigte sich Seger
nach der Wohnung Sebastian Schrtlins von Burtenbach, der dort Landsknechte
gegen Frankreich warb. Ein brtiger Landsknecht mit weiten Pluderhosen, der da
auf Werbung lauerte, sah sie an: St. Veit, sagte er, ihr seid gute Kerle, ich
mu euch gleich zum Obersten fhren, der wird groe Freude ber euch haben, wir
wollen die Franzosen diesmal dengeln. So kamen sie vor das groe Haus
Schrtlins am Markte, aus welchem eine groe gelbe Fahne mit schwarzen
Doppeladlern flatterte; viele Landsknechte standen davor, berzhlten Geld und
sprachen von ihren Kriegszgen. Seger trat voran ins Haus, Anton folgte; da
fanden sie Schrtlin, einen Mann von stattlichem Ansehen, langen schwarzen
Bartes, langen Oberleibes, wie er auf einem rotgepolsterten Sitze neben einem
Tische sa, an welchem geschrieben wurde. Er grte freundlich mit dem Kopfe,
sah aber mehr auf Anton, denn auf Seger. Gr euch Gott, sprach er, ich meine
euch schon gesehen zu haben, woher des Weges? - Herr, sprach Seger, wir sind
beide aus Waiblingen, mich knnt Ihr wohl gesehen haben, denn ich stand nicht
weit von Euch, als wir Rom strmten. - Schrtlin sah ihn an: Je, seid Ihr's,
Seger, hab Euch seitdem nicht wiedergesehen, wo waret Ihr so lange, War der
Groe da auch dabei? - Nein, Herr, sagte Anton, noch habe ich keinen
Kriegszug mitgemacht. Das htt ich Euch nicht angesehen, sagte Schrtlin,
Ihr scheint mir ein recht versuchter Geselle. Ja, Seger, bei Rom ging's uns
gut, da haben wir seltsam hausgehalten, Kirchen und Klster nicht verschont,
einen guten Teil der Stadt abgebrannt, alle Register, Briefe und Kopistereien
zerrissen und zerschlagen, war da ein groer Jammer, wurden wir alle reich. -
Aber wie gewonnen, so zerronnen, sagte Seger, ich brachte mehr mit zurck
nach Waiblingen als irgend ein anderer Knecht, kaufte viel Huser und Grten,
verspielte es aber alles in wenigen Jahren. - Schrtlin lachte und sprach: Hab
einmal auch zu Neapolis 5000 Dukaten in einer Stunde verspielt, brachte doch aus
demselben Kriege zurck an 15000 Florenen und gute Kleider und Kleinode; dem
Allmchtigen sei Lob, ich hatte es sauer verdient. Doch zur Sache, ihr wollt
also Dienste? - SEGER: Bei gutem Handgeld, ich bin ein guter Hakenschtze, der
auch. - SCHRTLIN: Ich geb euch jedem vierzig Gulden fr den Kriegszug. -
ANTON: Ist das fr mich, der noch nicht gedient, recht und genug, so ist's fr
den zu wenig. - SCHRTLIN: Vertragt euch darum, mehr kann ich nicht geben, ihr
knnt bei mir was lernen und gut plndern. - SEGER: Ich dien bei Euch, auf!
lasse uns den Eid ablegen.
    Schrtlin befahl jetzt dem Schreiber, das Geld auszuzahlen. Unter der Zeit
traten neun Fhnlein seiner geworbenen Knechte, die noch in Augsburg lagen, vor
dem Hause zusammen. Da war ein prchtiger Trommelschlag auf groen Trommeln; die
Pfeifer taten ihr bestes, die Hakenschtzen sprangen mit zierlichen Schritten
voran, die Hauptleute spielten mit den Spieen in der Sonne, die groe Fahne
wurde herabgereicht vom Hause und in die Mitte gepflanzt; dann bestieg Schrtlin
sein Pferd, nahm seinen Streithammer in die Hand und lie die beiden
Neuangeworbenen bei der Fahne schwren, indem er sprach: Guten Abend, lieben
Kriegsleut, also lieben Landsknecht, darum wir versammlet und hier beisammen
sind, das geschieht darum, da unser gromchtiger Kaiser unser bedarf zur
Beschtzung seiner Land und Untertanen, Witwen und Waisen; derhalben werdet ihr
beiden Neuangeworbenen, Seger und Sixt, schwren, unserm gndigen Herren zwlf
Monat getreu zu dienen, auf Zgen und Wachten, gegen alle seine Feinde, zu
Wasser und zu Lande, wo uns unser gndiger Herr brauchen will.
    Hierauf sprachen die beiden: Wie mir vorgesagt und wie ich mit Worten wohl
verstanden habe, das fest und stet zu halten, schwr ich, als mir Gott helfe.
    Nach diesem Schwure ging mit Trommelschlag alles auseinander und drngte
sich um die beiden neuen Brder, um ihnen auf den Zahn zu fhlen. Anton und
Seger waren genug mit Leuten aller Art umgegangen, um sich schnell beliebt zu
machen, die guten Gesellen wurden gleich mit ihnen bekannt, und Seger machte
alle lustig, da er sie aufmahnte, in das groe Frauenhaus zu gehen. Da war
unter den jungen Burschen ein Jubel, wohl einhundert zogen mit. Dieses Haus war
damals eins der prchtigsten, wenngleich am abgelegensten in der Stadt,
ursprnglich ein groes Bad, spterhin durch die Kriegszge, die viel
liederliches Volk in die Stadt getrieben, zu dem neuen Gebrauche eingerichtet.
Aus allen Fenstern hingen Teppiche; schne Frauen saen daran und winkten mit
groen Blumenstruen, oder auch mit Luftfchern aus bunten Federn; unten im
Hause waren die groen Sle, wohin sich eine Zahl derselben, je nachdem ihrer
bestellt wurden, begab; doch ehe das geschah, versicherte sich erst der Wirt mit
seinen Helfershelfern, die mit Peitschen umhergingen, die Mdchen in ihrer
Gewalt zu erhalten, ob auch Geld unter den Leuten sei. Wer Geld auslegte, wurde
nach Gefallen gebadet und gezwagt und mit allem bewirtet, da klapperten die
Wrfel, ein Teil tanzte bei dem Schalle von Pfeifen, die Frauen wuten sich in
allem recht stolz und freventlich zu zeigen, und es kostete dann noch viel Mhe,
Geld und manchen blutigen Kopf, ehe sie sich dem Willen eines jeden fgten.
Seger tat, als sei er mit allen seit Jahren schon vertraut gewesen, aber keine
mochte ihn sonderlich leiden; er sah so kalt und tckisch aus, da sie ihn
ausschimpften wenn er ihnen zu nahe trat; hingegen drngten sich mehrere um
Anton, der bei seinem Schoppen Wein bisher in aller Treue seiner Alma gedacht
hatte. Zwei, die eine nannte sich Dido, die andere Semiramis, wollten nicht von
ihm lassen, sie drngten ihn, er mchte sagen, welcher er den Vorzug gnne, und
dabei zeigten sie so frech ihren stolzen Leib, da ihm allerdings gar wunderlich
zu Mute wurde, aber er dachte seiner Frau in aller Treue. Und wie sie ihn so mit
glnzenden Augen unter sich sitzen sahen und doch so ruhig, als habe er gar
nichts ihnen zu sagen, da fate eine gegen die andere Verdacht geheimer
Liebschaft mit ihm, und so begann der Schimpf zwischen beiden. Die hochmtige
Semiramis schlug aus gegen Dido, die es ihr mit beiden Hnden zurckgab. Der
Tisch mit Glsern strzte um, die alten Landsknechte, die sich am Feuer von
einem Weibe Waffeln backen lieen, sprangen so hastig auf, da die Butter ins
Feuer lief. Seger, der schon lange auf Antons Frauenglck eiferschtig gewesen,
sprang zu seinem Degen und drang auf ihn ein, der, staunend ber den Anfall und
des tollen Menschen wenig achtend, nur nachlssig seine Ste mit der Hand
ablenkte. Von dem verschtteten Weine war aber der Boden so glatt geworden, da
Anton fiel, und Seger htte ihn in dem Augenblicke durchstoen, wre nicht ein
junges Mdchen mit fliegenden Haaren, einen Degen in der Hand, aus der
offenstehenden Kche gesprungen, die ihn mit groer Geschicklichkeit
entwaffnete. Mehrere sprangen jetzt auf ihn und rissen ihn nher zum Lichte, da
schwankte er aber und redete so durch einander, da sie ihn entweder fr schwer
verwundet oder fr trunken halten muten; das erstere widerlegte sich bald, er
war unversehrt, da banden sie ihn an eine Leiter und legten ihn in ein
Seitenzimmer.
    Jetzt gab man erst auf Anton acht, der vor Schmerz aufschrie, ihm war im
Gefechte das obere Glied des kleinen Fingers, woran der Trauring sa, halb
abgehauen worden; er behauptete, es msse gleich im Anfange geschehen sein, denn
indem er mit der Hand den Tisch zu halten gesucht, sei er durch einen Hieb
darauf schmerzlich aus der ersten Betubung ber das Ereignis geschreckt worden.
Seine junge Retterin verband ihm den Finger, aber das war jetzt seine grte
Sorge nicht; er suchte den Ring, der von dem Gliede abgehauen worden, der aber
nicht aufzufinden war; man scharrte in allen Dielenritzen, aber vergebens;
endlich gewann die Vermutung, er sei in das Feuer gefallen, die Oberhand, und da
war jetzt nichts zu suchen und nichts zu finden, ohne Feuerschaden zu stiften.
    Anton rgerte sich ber diesen Verlust, er kam sich selbst nicht recht
vollstndig vor; inzwischen suchte er keine Bedeutung in den Vorfllen des
Lebens, und das wunderliche Mdchen, das ihn errettet hatte, zog seine ganze
Aufmerksamkeit auf sich, er dankte ihr, sie hrte kaum darauf; sie war mit
seiner Wunde beschftigt und fragte ihn, ob er gute Pflege in seiner Wohnung
habe. Wohnung, fragte Anton, daran habe ich noch nicht gedacht; wo wohnt Ihr,
Bruder? - Wir sind bei den Brgern eingemietet, sagte einer; hast du dich
bei dem Musterrollenschreiber nicht gemeldet? - ANTON: Keinesweges, ich
meinte, Seger wrde das besorgen, wie steht's mit dem? - Der ist in
vierundzwanzig Stunden noch nicht nchtern, es mu ihn einer hier bewachen,
bleib du hier, du hast frisches Geld, sie werden dir ein Nachtlager nicht
abschlagen.
    Die beiden Frauen, die das Fechten bisher auseinander geschreckt hatte,
kamen jetzt wieder aneinander, indem sie beide in seine blonden Locken griffen
und ihn zu sich zu ziehen suchten. Das Zerren tat ihm wehe, der Wirt befreite
ihn endlich, indem er die Mdchen in entgegengesetzten Ecken des Zimmers an
Bnke festband. Jetzt hatten sie Zeit, wie Hhne, die zum Kampfe angeleitet
werden, in verschlossenen Behltern einander gegenber sich gegenseitig zu
rgern; wie eine losgelassene Mhle ergossen sich schumend die Schimpfreden
dieser beiden Zwillingstchter des Mllers; ihre Schnheit hatte ihm viel
Mahlgste gelockt, bis Dido (der Name war ihr von einigen gelehrten Bacchanten
geblieben, die mit ihr verkehrten, gleichwie der Name Semiramis ihrer Schwester)
ihrer Lust die Weltfreiheit gewhrte und die Schwester aus Liebe zu ihr die
Mhle verlie.
    Dido machte jetzt ihrer Schwester harte Vorwrfe: Wie hast du dich
verstellt vor mir; wie schienst du kalt gegen die Mnner? - wie schienst du
allein mich zu lieben? - Semiramis antwortete: Was hast du je mir zur Liebe
getan? und doch habe ich Jahre lang dir gedient - deinem Eigensinn und deiner
Lust; warum habe ich dir Hunderte zugefhrt, die sich mir ergaben, und willst
mir den einen rauben, den ich liebe. - DIDO: Was willst du mit ihm, willst du
eine Rose auf Eis betten, du kannst nicht lieben, du hast nur den Schein des
Lebens, aber in deinen Adern ist kaltes Blut, du bist eine kalte Schlange. -
SEMIRAMIS: Und bin ich eine Schlange, so will ich mich um ihn winden, um seinen
Hals, mit ewigem Knoten meine Arme in seinem Nacken verknpfen und seines Mundes
Ksse aussaugen. - DIDO: Sieh, du Schngelockter, so denkt sie, so trumt sie;
sie kennt nicht die Liebe; ich will dich schtzen gegen Sonnenstrahlen wie ein
Dach von Weinlaub; deinen Lippen will ich feurigen Trank und se Speise
reichen, und willst du schlummern, da soll dich das Beben meiner linken Seite,
in der das Herz schlgt, sanft einwiegen, und dann will Ich mit deinen Haaren
den Vgeln Schlingen stellen, da du beim Erwachen von ihren Gesngen wie die
aufgehende Sonne begrt wirst. - SEMIRAMIS: Ich kann nicht reden wie die
Schwester, die verliebt zu allen gesprochen hat; aber sieh dieser Arme Glanz, wo
sie von schwarzen Fesseln gebunden; so weich, so voll sind sie, so hart das
Band; ach viel weicher und voller ist meine Seele; und viel hrter liegt sie in
den Fesseln meiner Neigung zu dir. DIDO: Sieh mich, ich bin gelblich von dem
Feuer des Goldes in mir, ein reiches Bergwerk und die reichen Stufen warten auf
dich, dein Licht brennt hell in deinen Augen, sieh, wie das Gestein flimmert und
funkelt, sieh meine Spangen mit Granaten umglnzt, sieh die Schnallen meiner
Schuhe von gelben Topasen flammend.
    Da fuhr der Wirt, der etwas eingenickt war, auf; ihr habt die Peitsche wohl
lange nicht gesehn, wollt ihr schweigen, wollt ihr wieder Hndel anstiften! -
Anton hielt ihn und sagte: er knne so harte Zucht nicht zugeben; darauf fhrte
der Wirt mrrisch die beiden Frauen fort. Anton sah jetzt seine Retterin, das
kleine Mdchen, freundlich an und fragte sie: Wie heit du? - Susanna, Herr!
- Wohl denn, Susanna, sei die keusche Susanna, so bleibe ich bei dir! - Ihr
seid sehr gtig, lieber Herr, antwortete sie, aber ich bin ein armer
Aschenprdel und habe nur eine rmliche Streu. - Mir einerlei, ich bin mde
und mchte bald Ruhe haben! - Susanna fhrte ihn unter eine Treppe, wo ihre
Schlafkammer aufgeschlagen war; sie brachte ihm eine kleine Blechlampe, wobei er
das Strohlager erkannte, von einem reinlichen, aber zerrissenen Leintuche
bedeckt; eine gemeine gewrfelte wollene Pferdedecke diente zum Kopfkissen, eine
andre zur Decke; sie zeigte ihm ein Kruzifix zum Beten und ging dann fort, um
noch die Teller in der Kche abzuwaschen. Anton verwunderte sich wohl ber das
schwarzgelockte Mdchen, das so viel fr ihn getan und so gar nichts von ihm zu
verlangen schien, dem er aus Dankbarkeit nichts htte abschlagen knnen; dann
lschte er die Lampe aus und schlief, gegen seinen Willen, schnell ein. Der
Hunger weckte ihn Morgens frhe; er hatte Abends mehr getrunken als gegessen,
doch strahlte ihm schon der Lampenschein in die Augen, ungeachtet sie mit einer
Schrze verhangen war.
    Susanne lag vor dem Kruzifixe und betete den Rosenkranz dann stand sie auf,
die zierlichste Gestalt im bergange zur weiblichen Flle, aber noch unbeendigt
und schlank. Es war jene goldene Mdchenzeit, wo sie in doppelter Gestalt zu
leben scheinen, in der knftigen und in der gegenwrtigen; aber ihr ganzes Wesen
hat eine Freiheit von dem Bedrfnisse und einen Reiz, da sie mit groer
berlegenheit alle beherrschen, da sie jede Huldigung anerkennen, aber keine
erwidern mgen. O wenn ihr nicht selbst Engel wrt in dem Alter, ihr Mdchen, so
wrden euch alle Engel schtzen, und fr alles Gute, was ihr in dem Alter
unbewut tut, knnt ihr nachher lange sndigen.
    Nachdem sie mit groer Scheu vor dem Schlafenden sich angezogen hatte, trat
sie leise zu ihm, ffnete mit wunderbar leichter Hand den Verband seines
Fingers, nahm ihn ab, kte ihn und legte ihn in eine kleine blecherne Kapsel,
die sie sich an einem Schnrchen um den Hals hing. Anton konnte es jetzt nicht
lassen, nach seinem Finger zu sehen; er frchtete, da nach der Abnahme des
Verbandes er sich die Kleider vollbluten wrde; ihm war aber, als erwachte er
aus einem Traume, wo er einen guten Freund verloren, der nun lebend vor seinem
Bette stand, als er den abgehauenen gesund und unversehrt, bis auf einen
schmalen, roten Strich, der quer durch wie ein Feuermal lief, an seiner Hand
sah. Jetzt glaubte er erst, da er trume; er bewegte ihn des Versuches wegen,
und er war seinem Willen folgsam wie sonst; auch fhlte er damit die Spitzen des
Strohs, wo an jener Seite das Bettlaken sich zurckgezogen hatte. Sie schien
seine Bewegung nicht zu bemerken, sondern war eben mit der beschwerlichen Arbeit
beschftigt, einige Steine des gepflasterten Bodens auszuheben; sie kam endlich
damit zu Stande, ffnete einen Kasten, der dort vergraben, und holte einen
mnnlichen gelben Wams, Pluderhosen, ein rotes Barett und einen Gurt mit dem
Messer heraus; das zog sie alles an und erschien dem Lauernden pltzlich in
einen schnen Edelknaben verwandelt.
    Lnger konnte er seine Verwunderung nicht bergen, er richtete sich auf und
sprach: Hast du dich verwandelt, Wundermdchen, bist du Susanne nicht mehr,
hast du mich auch verwandelt, bin ich ein Mdchen geworden? - Sie kniete sich
bescheiden nieder und bat ihn um Verzeihung, da sie ihm nicht frher ihren Plan
mitgeteilt hatte, ehe die Ausfhrung schon so weit gediehen. Ich bin in diesem
Hause geboren und auferzogen; ich kann nicht lnger hier verweilen; seit der
Geschichte gestern abend wrde ich die Neugierde aller auf mich ziehen, ich
wrde als ein Opfer bser Lust fallen, wie ich so viele fallen gesehen; nehmt
mich fort, gndiger Herr! niemand wird mich in dieser Tracht vermuten; ich gehe
Euch nach wie ein Bube aus dem Trosse, der Euch abholen soll; gestern verspracht
Ihr mir so viel zum Danke, seht, jetzt fordere ich das einzige von Euch.
    Alles, liebes Kind, will ich dir gewhren; was brauchst du der Verkleidung,
sei es mit Gewalt oder Gte, ich schaffe dich aus diesem Hause der Schande
heraus.
    Und was sollte dann aus mir werden, wer nhme mich hier in seine Dienste,
hier kennt mich jedermann, von allen Kindern bin ich ausgeschimpft worden, wenn
ich einkaufte am Markte; ich mu fort von hier, von der Stadt, von dem Lande;
ich ziehe mit Eurem Fhnlein als Trobube; zu diesem Gebrauche habe ich mir die
Kreuzer erspart, die mir zum Lohne und als Trinkgeld hier gegeben sind. Ein
Edelknabe verkaufte mir diese Tracht, der aus einer unsinnigen Leidenschaft zu
einer Frau unseres Hauses sich hier, in Mdchenkleidern versteckt, aufhielt.
    Wie hie der Knabe, wo ist er geblieben?
    Kurt hie er, aus Pforzheim; er lie sich in nchtlicher Weile mit der
geliebten Frau aus dem Fenster an den Bettchern herunter; am Morgen entdeckte
der Herr, was vorgegangen, es war aber keiner von beiden zu erforschen. Der Herr
war sehr wild, denn die Frau war ihm viel schuldig geblieben.
    Nun wohlan, meinte Anton, mein gutes Susannchen, so sei denn zum
letztenmal so genannt; Kurt heit du nun, und Gott segne unsern Feldzug; so
bring ich dich zu meiner Frau, da sollst du gute Tage leben und wie mein eignes
Kind gehalten werden.
    Susanne lachte: Wie Euer Kind? Ihr kommt mir gar nicht vor wie mein Vater;
vielleicht scheint Ihr mir, ob Ihr gleich so gro und stark seid, jnger wie
ich; seht, ich mchte Euch immer unterweisen und beraten.
    Anton war durch diese Rede in neue Verlegenheit gesetzt; er glaubte sein
Verhltnis zu ihr durch den Ausdruck vterlich gut festgesetzt zu haben; er
sprach, ohne recht zu wissen warum: Ich knnte freilich manches lernen von dir,
abgehauene Finger in einer Nacht anzuheilen.
    Ach denkt der Kleinigkeit nicht; es war gut, da ich mein sympathetisches
Mittel brauchen konnte, ich habe wohl grere Kuren damit vollbracht, hier wo
selten der Tanzboden ohne Raufereien leer wird; doch es wird schon hell in den
Gngen, sie knnten mich erkennen; zahlt Eure Zeche.
    Anton stand jetzt auf, dehnte sich mit allen Gliedern, sah noch einmal in
das wunderliche Schlafkmmerlein und weckte dann den Wirt, der entsetzlich das
verfluchte Susannchen schimpfte, die noch auf der faulen Haut liege. Er machte
ihm eine teure Rechnung; und als er wissen wollte, wofr, sagte er: Ich habe
Euch so hoch aufgeschrieben, als Ihr hereingetreten; Ihr httet das Doppelte
verzehren knnen, ich htte Euch nicht mehr abgefordert. Was habt Ihr da fr
einen feinen Burschen bei Euch?
    Er ist mein Trobube, sagte Anton sehr verlegen und schob ihn zur Tr
hinaus. Da habt Ihr Euer Geld, lebt dafr als ein schlechter Kerl wie bisher,
und dann segne Euch der Teufel mit allen seinen Gaben.
    Er wollte unter dem Toben des Wirtes fortgehen, als Seger an der Leiter
gebunden hereinsprang, den Wirt umrannte und flink voran zur Tr hinauslief; wie
ein tollgewordenes Schaltier schleppte er die breite Wagenleiter, die sich an
der Tr festhakte.
    Susanna, die jetzt die Hemmung frchten mute, kletterte ber ihn hinaus,
Anton ihr nach; der Wirt wollte wieder aufstehend beiden hitzig nach, er stieg
die Leiter hinan, da lie aber Seger dieselbe los und lief davon, so da der
Wirt sehr unsanft ber seine Treppe hinaus auf das Straenpflaster fiel.
    Die drei Flchtigen hatten nicht Lust abzuwarten, bis der Wirt mit seinen
zahlreichen Prgelknechten ihnen nachgekommen; sie liefen schnell vor Schrtlins
Haus, wo immer eine Zahl Landsknechte versammelt war. Einige, die gestern bei
dem Streite zwischen Seger und Anton gegenwrtig gewesen, fragten ihn, ob er
nicht seinen Finger mit dem Degen rchen wollte. Anton zeigte ihnen den Finger,
da er wieder angeheilt, dann ging er aber, weil er sich in seiner Ehre gekrnkt
glaubte, ganz trotzig auf Seger los und fragte ihn, wie er das gestern gemeint
habe. Seger, an welchem ein paar andere gehetzt hatten, meinte, er wre zwar
betrunken gewesen, wenn er's aber so gar ernstlich nehmen wolle, so knne er...
und dabei drehte er sich um und bleckte mit seiner langen Zunge aus dem magern
gelben Gesichte heraus.
    Der Feldwebel nahm jetzt Anton bei Seite, als er eben auf jenen losschlagen
wollte, und sagte ihm, da er ihn auf den Rosengarten vor der Stadt
herausfordern sollte. Das sei Gebrauch unter den Landsknechten.
    Susanna hatte sich bei diesem Verhalten ngstlich dem Anton angeschmiegt;
das rhrte ihn, er bat sie, wenn er fiele, nach Waiblingen zu seiner Frau zu
gehen und ihr zu sagen, da er an einer Krankheit gestorben. Susanna versprach
es, sagte ihm aber, er mchte nur erst zu Gott beten, so strbe er selig. Diese
Fassung in dem Mdchen, ihn sterben zu sehen, brachte in seine Seele ein ganz
neues Gefhl; sein Zorn gegen Seger war lngst veratmet, er war zu gutmtig, um
ihn lnger zu hassen, als die Bewegung im Blute dauerte; er war wohl schon auf
einigen Fehdezgen und Gefechten gewesen, aber da waren viele mit ihm, jeder war
mit sich auch beschftigt; so war es auch bei manchem Zusammenlauf in
Weinkellern und Gelagen, da war nichts Vorbereitetes, nichts Feierliches. Jetzt
aber konnte ihm der Feldwebel nicht genug erzhlen von allen Regeln, wie er sich
stellen, wie er die Gnge endigen msse, was er sprechen, wie er um sich blicken
sollte; er sah, wie alles auf ihn blicken wrde, welches Zutrauen sie dabei auf
seine Gre, auf seine Strke setzten, wie lcherlich es sich ausnehmen wrde,
wenn er sich feige zeigte, oder nur linkisch erschiene. Vom Gebete hatte ihm der
Feldwebel nun gar nichts berichtet; er fragte ihn, ob es im Gebrauch. Nein,
sagte jener, das ist abgekommen, aber tchtig Fluchen, das hilft.
    Vergi nicht zu beten, sagte Susanna; und schon gelobte er sich mit groer
Inbrunst, da er nicht mchte zu Schanden werden.
    Es wurde sehr hei; sie gingen am sandigen Ufer des Wassers, einer nach dem
andern, herunter, und Anton sah im Spiegel, da Seger mehrmals nach Krutern am
Boden griff, nach Kletten und Stechapfel und damit seinen Degen rieb; er fragte
den Feldwebel, was das solle. Fest soll es machen, sagte er, aber ich halte
nichts darauf; wer sich brav wehrt, ist am festesten.
    Unter solchen Reden kamen sie an das frische Grn des Rosengartens, der mit
gar nichts als mit einer dnnen seidenen Schnur umzogen war, die aber keiner von
allen Soldaten zu berspringen wagte, vielmehr rckte jeder seine Kleider in
Ordnung und trat mit gemessenen Schritten auf den Eingang zu, wo die zwlf alten
Ritter, die den Rosengarten in Worms verteidigten, in Stein gehauen standen. Sie
grten alle ehrerbietig, dann gingen sie vor den weien Rosen vorber in den
Kreis, wo die roten Rosen in hchster Flle zu einem hohen Zelte geflochten
schattend dufteten. Seger und Anton warfen ihre Mntel ab; jener bewegte sich
ungeduldig hitzig, dieser, wie er ihn so ungeduldig vor sich sah, sprte eine
Art Mitleid. Susanna schlich sich in diesem Augenblicke an ihn und flsterte ihm
zu: Lieber Herr! - Anton blickte auf und bezeichnete seine Brust mit dem
Kreuze; dabei zitterte Seger, dann aber sprang er auf Anton tckisch ein, der
seine ersten Ste, weil er sie noch nicht erwartete, nur mhsam abwenden
konnte.
    In diesem Augenblicke sprangen die beiden Frauen Dido und Semiramis, die
eigentlich an dem Ausbruche des Streites schuld gewesen waren, mit einem lauten
Halt ein! nicht ohne Gefahr zwischen die Klingen der Kmpfenden. Dido war
meergrn und Semiramis kornblumenblau gekleidet.
    Hrt, rief Semiramis, wie gromtig eine liebende Frau sein kann; ihr
wit, wir haben uns um Anton gestritten, aber sein Leben ist mir lieber als
meine Liebe, und so warf ich meine ganze Liebe auf dich, Seger; dich aber Anton,
mu ich der Dido berlassen; so seid ihr beide vershnt.
    Seger umfate sie und kniete nieder, hob sie dann auf seine Schulter und
rief: da solch ein Edelmut unerhrt sei; sie beide dankten ihnen das Leben.
    Anton stand in sich gekehrt und wute gar nicht, was er sagen sollte. Dido
hatte, ohne da er es bemerkt, ihm den Degen abgenommen, sie kte ihn, und er
merkte nichts. Susanna war von ihm getreten und hielt sich unter den Soldaten
versteckt.
    Jetzt erscholl ein lieblicher Tanz von gedmpften Trommeln, Pfeifen und
Fagotten. Dido ergriff Anton zum Reihentanz, Semiramis fhrte Seger. Der Tanz
verschlang sich immer mehr, und immer tiefer gingen seine Gedanken unter, immer
mehr traten die Sinne hervor; bald tanzte er mit einer Anmut, die er sich einst
erworben, den einzelnen Locktanz. Dido flchtete scheinbar vor ihm und von ihm
in das dichte Holz; er tanzte trauernd und suchend, da alle Rosen sich auf ihn
niedersenkten und seine Lippen khlten; er rief, aber sie kam nicht, aber alle
wurden durch ein nahes Waffengeklirr erschreckt. Alle liefen nach dem Orte, auch
Anton und Seger, aber alle kamen zu spt, um das schreckliche Ereignis zu
hindern. O Jammer, da die Zeit immer umwendet, das Geschehene zu verwandeln
nach dem Rate der Klugheit. ber das meergrne Kleid Didos, ber das blaue
Gewand der Semiramis flossen zwei rote Strme zusammen und mischten das
feindliche Blut der beiden streitenden Weiber; sie hatten einander mit den
abgenommenen Degen der Kmpfer durchbohrt.
    Semiramis rief zu Anton: Siehe, Unglckseliger, zwei Opfer deiner
gttlichen Schnheit; ich konnte nichts als sterben, seit ich dir entsagt; o
Amor! wie hat deine Flamme mich verzehrt, da ich mein eignes Haus angezndet
habe; wisset, es ist meine Zwillingsschwester, die ich zum Gefechte gezwungen,
meine Zwillingsschwester, mit der ich eintrchtig zusammen ruhte im Leibe der
Mutter, die ich zur ewigen Ruhe niedergestreckt; es ist meine
Zwillingsschwester, die mich mitnimmt in die grausenden Lieblichkeiten des
Venusberges, in welchem wir bis zum jngsten Tage schmachten mssen nach dem
Genusse, in dem wir hier uns bernahmen.
    Schweige, du arme Schwester, rief Dido mit schwacher Stimme, ich bin
deiner Leiden, deiner Snde Anfang und Ende; das Eis, auf welchem du zu Falle
gekommen. Hrt es ihr harten Kriegesseelen, und ihr werdet sie jammervoll
anblicken und fr sie beten; sie war zu stolz, zu edel fr die Snde, mich aber
ergriff sie in wilder Lust, doch wollte sie mich nicht verlassen, so war sie
geschndet vor der Welt und doch ohne Schuld; sie sorgte nur fr mich, freute
sich meines Glckes, sie aber empfand keine Liebe.
    Ach, seufzte Semiramis, die Liebe ist ein guter Jger, sie ldt uns die
Freiheit, wie den wilden Vgeln, bis wir erwachsen sind und in voller Schnheit
des Gefieders prangen, da schiet sie uns mit Pfeilen des Todes in einer Stunde
ungewarnt darnieder; wehe mir des letzten Tages, wo ich dich Anton erblickt; da
ging meine Freiheit verloren und mein Edelmut und meine Schwestertreue.
    Jammer, unendlicher Jammer schlgt an meine Brust mit todespochender Hand,
rief Dido, du hattest so viel fr mich getan, und konnte dir nicht opfern dies
eine Glck. O du doppelsinnige Liebe, ich kannte deine Tcke, deine
Unersttlichkeit, darum wollte ich dich bewahren, o meine Schwester, vor ihrem
ersten Handgelde, denn niemand dient bei ihr aus, immer neue Dienste wei sie
aus den alten zu erzwingen.
    Rei nicht so schmerzlich in meinem Hirn, Schauder der Liebe, klagte
schwcher Semiramis, wie hat dein Hauch alle Rosen des Gartens verwelkt, wie
ein giftiger Tau, wie ein glhender Wind der Wste. Es ist heller Mittag, aber
doch seh ich schrecklich rasende Sternbilder am Himmel, greulich wten die Wesen
in einander, Menschen und Tiere vermischt. Geliebter Anton, knnte ich den
reinen Himmel nur sehen, wie ich ihn noch gestern gesehen; o halte mich fest,
geliebter Anton! wer lt den Boden unter mir gleich Korn durch den Mhlstein
gehen, er sinkt, er sinkt! schon fat mich der rollende Mhlstein; mein Vater,
warum hast du deine Mhle angelassen und deiner Kinder nicht gedacht.
    Und die andere schrie: Vater, warum hast du den Strom angelassen, er treibt
mich in das Rad; das Bad war mir so khl und lieblich.
    Ja, ja, sagte der Feldwebel, werdet den Vater schon wieder finden in der
Hlle; seid doch zu beklagen, was konntet ihr dafr, da er mit euch sich
Mahlgste lockte, ihm hat's auch nicht geholfen, wie gewonnen, so zerronnen.
    Aber die armen Mllertchter hrten nicht mehr diese kalte Rede, ihr Jammer
endete fr diese Welt und ging in jener auf, und Anton lief in seiner
Herzensangst, die Ursach ihres Todes zu sein, von einer zur andern; aber die
toten Leiber erkannten nicht mehr seine Liebkosungen, die noch vor wenig
Augenblicken sie zu tausend Freudensprngen belebt htten. So sah er der
irdischen Liebe Tod, und wie ein Vogel, der aus dem Nest ausgestoen, zuerst
seiner Flgel Schwingkraft kennen lernt, so wurde es ihm nun zu Mute, als er
berdachte, was er in den Gemtern der Menschen gewirkt; sein Gemt selbst
erkannte sich in einer Freiheit von dem Boden des Jammers, und er hrte auf, ein
Leibeigner seines Bedrfnisses zu sein; er kam sich vor, als gehre er zu
Susannen, und mit dem Gedanken erinnerte er sich, wie wunderbar sie seinen
Finger geheilt.
    Kurt, rief er, wenn du mir wirklich treu bist, tue diesen armen Frauen
wie du mir getan und heile ihre Wunden.
    Herr, sagte sie, das sind Wunden der Gerichte Gottes, ber die vermag
alle Sympathie nichts; ich werde tun nach Eurem Befehle, aber ich meine, da
alles vergebens.
    Bei diesen Worten ergriff sie ein Holz und legte es unter Gebeten im Kreuze
auf die Wunden, und die armen Mdchen ffneten die Augen; da faltete ihnen
Susanna die Hnde und betete ein Vaterunser, da verschieden sie, und das
Schrecken ihrer Gesichter schien gemildert, als wre ein Jahrhundert abgebt.
    Neue Wildheit durchstrmte jetzt den Garten, der Wirt des Frauenhauses kam
mit seinen Knechten, um die entlaufenen Mdchen zurckzurufen; da er mit
Beschimpfungen von den Soldaten empfangen wurde, so hieb er mit seinen Leuten,
die in grerer Zahl waren, auf diese ein. Hier zeichnete Anton sich zuerst vor
ihnen aus, er tat Wunder; aber Susanna war an ihn gebannt wie ein Waffenzeichen
und hielt manchen Hieb ab, der ihn treffen sollte. Von beiden Seiten waren schon
mehrere schwer verwundet, als endlich der Wirt durch einen Hieb Antons mit
grlichem Geschrei fiel, worauf seine Knechte entliefen.
    Im Triumphmarsche zogen nun die Knechte in die Stadt; es wirrte Anton im
Kopfe. Seger trat zu ihm und sagte, er msse sich an dem Wirte rchen. Jetzt
sprach Anton von nichts als Zusammenschlagen des Frauenhauses; er ging so stolz
einher wie ein Hauptmann, so folgte ihm jeder und keiner wute warum. Es
sammelten sich zu ihm noch mehr Soldaten in der Stadt, und sie gingen im
Sturmmarsche auf das Frauenhaus, erbrachen die verschlossenen Tren, ergriffen
die Feuerbrnde am Herde, durchsuchten das Haus und schlugen die Hter aus allen
Ecken heraus. Die Frauen flchteten jubelnd heraus, ihre Sndenrechnungen waren
zerrissen, denn die Flamme wirbelte schon aus einem Fenster heraus, als sie noch
Tisch und Bnke und alles Gerte zerschlugen.
    Drauen waren indessen durch die Sturmglocken viel Brger versammelt, die
aus rger ber den Frevler in die Flammen zurcktrieben, aus denen sie sich
jetzt auf die Strae zu flchten suchten. Die Menge dieser Feinde war gro, aber
Anton verlor den Mut nicht; er nahm die Muskete eines Soldaten, legte an und
scho los, da die Kugel ber die Hupter der Brger hinsauste, da wuten die
Hintersten nicht, da ihrer Feinde so wenig nur waren, sie sprangen in Eile ber
eine Kirchhofsmauer, die ihnen im Rcken lag, die andern sprangen nach, wie wir
bei Schafen sehen; wenn eins emporgesprungen ist, so springen da alle nach. Die
Vordersten, die hinter sich pltzlich das Geschrei hrten und die Flocht
wahrnahmen, meinten, ihnen sei ein unbekannter Feind in den Rcken gekommen, und
frchteten sich vor zwei Feuern und liefen nach allen Richtungen.
    Die mchtige Stadt wre in dieser blinden Furcht vor wenigen Menschen leicht
zu plndern gewesen, aber die Landsknechte verachteten das; vielmehr sammelten
sie sich in Reih und Glied vor Schrtlins Hause, der sie mit Weisheit und
Entschlossenheit sogleich aus der Stadt fhrte. Anton sah in dem Gerassel der
Waffen, in dem gleichen Schritt, von dem die Erde bebte, mit einer wunderlichen
Schwermut nach den Feuerwolken, die ber der Stadt durch die Nacht schienen;
erst jetzt dachte er, wie viele Unschuldige sein blinder Eifer vielleicht in
vieljhriges Verderben gestrzt.
    Susanna, die still neben ihm gegangen war, seufzte und sagte, da sie
versinke in Mdigkeit. Da nahm er sie in seine Arme, und als der Mond aufging,
da schien sie ihm bleich wie eine Tote, und der milde Tau seiner Trnen fiel auf
die Schlfe der Mden, da sie erwachte, die Augen aufschlug und betete: Herr
vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Das Wort drckte sich in das
tiefste Gedchtnis Antons; er fhlte, da er nie gewut, was er getan, sondern
da der Zufall mit ihm gespielt; und vor dem Mdchen fate ihn eine heimliche
Scheu, wie vor einem Engel.
    Sie sprang erfrischt auf den Boden und marschierte an seiner Seite weiter
fort, bis der Haufen Halt machte und sich ber den grnen Boden streckte; da
sank ein hoher Federbusch nach dem andern ins Gras, sie aber sang noch im
frischen Morgenwinde:

Herr der Mden,
Herr der Schwachen,
Nach dem Wachen
Schenke uns des Schlafes Frieden;
Da wir ruhen von Beschwerde,
Da kein Feind uns mag beschleichen.
Decke uns mit Palmenzweigen,
Decke uns mit khler Erde.

Whrend sie so sang, heulte der Wolf im dichten Forst. Anton war der Gesang ganz
unbehaglich; er setzte sich zu Seger und fragte ihn: Wo mag das Feuer
eigentlich ausgekommen sein? - Seger lachte und sprach: Ich warf einen
Feuerbrand in einen Haufen alter Lumpen; das war ein Spa, anzusehen, wie das
alles in die Hhe flammte und das unverbrannte Zeug mit sich ri, als wren es
Brandbriefe, die berall ausfliegen sollten; dann schlo ich das Zimmer zu,
damit niemand zum Lschen herein konnte.
    Pfui Teufel! sagte Anton, das Zerschlagen habe ich wohl geraten, aber das
Verbrennen war schlecht, denn das Feuer hat seinen eigenen Weg, und keiner wei,
wen es erreicht.
    Bei diesen Worten beorderte die Trommel alle in den Ring. Schrtlin sah sehr
ergrimmt aus und hielt in der Mitte zu Pferde. Es traten zwei Abgeordnete des
Augsburger Rates auf und baten ihn um Bestrafung der Frevler, die Brand in ihrer
Stadt gestiftet htten. - Schrtlin versprach ihnen das und hielt bei dieser
Veranlassung eine Rede ber das unntze Gesindel, das ein Verderben ihrer
Kameraden sei. Es gibt, sagte er, solche Federhansen, Eisenbeier und
Spitzknechte; die halten sich zusammen, prassen, schlemmen, demmen und
verspielen ihre Besoldung bei Zeiten, schlagen sich dann bei andern ehrlichen
Gesellen zu. Wo man ihnen den Kragen nicht fllt, suchen sie Gelegenheit durch
Spiel oder Balgen andere zu berrumpeln, ziehen im Lager um oder von einem Haus
zum andern, schreien Mum, Mum, tragen Wrfel in der Hand, haben etwa den Degen
oder Wehr am Arm oder Hals hangen, sind gleich bs und freudig mit dem Maul; was
sie im Wege sehen, fallen sie an, durchstreichen die Drfer; da kann kein Armer
ein Hhnlein vor ihnen behalten, jagen sie wohl gar zum Hause hinaus, stecken
ihnen wohl gar das Haus an; aber solcher Frevel soll gestraft werden.
    Nach diesen Worten gab er Befehl zur Untersuchung. Ein paar Zeugen, des
Augsburger Wirts Knechte, sagten auf Anton aus, da er in das Haus gedrungen; er
leugnete nichts, sondern erzhlte, wie alles sich verlaufen, da er aber am
Feuer unschuldig sei.
    Schrtlin sah ihn aufmerksam an und sprach: Schade, da ich dich so bald
verliere, aus dir htte was werden knnen.
    Die drei Richter waren nach dem ersten Verhre gleich einig, da er sein
Leben verwirkt habe, doch solle ihm aus besonderer Gnade des Feldmarschalls
keine schimpfliche Strafe angetan werden, sondern er durch drei Musketenschsse
seiner Kameraden fallen.
    Anton stand da verwundert, aber nicht erschttert; es kam ihm alles wie ein
elendes Spielwerk vor; er fragte: Wie bald er denn solle der Welt absagen.
    In einer Stunde, antworteten die Richter.
    Wohl denn, sprach er, so will ich noch einen guten Trunk tun. Wein her
fr mich und fr meinen Knaben.
    Seger trat jetzt zu ihm und dankte ihm, da er ihn nicht verraten; zugleich
riet er ihm, er wolle ihm heimlich einen Dolch zustecken, damit mchte er nur
den Steckenknecht, der ihn bewachte, niederstoen und davonlaufen; er knne ihm
schwren, da keiner der Landsknechte umher ihm nachsetzen wrde, vielmehr wren
sie alle schon in Aufruhr, da einer von ihnen wegen einer Ehrensache des ganzen
Haufens zum Tode verurteilt werden sollte.
    Anton dankte ihm und nahm den Dolch; jetzt aber redete ihn Susanna an, die
den Vorschlag vernommen hatte: Herr, lat keinen Unschuldigen Euretwegen
sterben.
    Anton ward dadurch ernst und gerhrt; er tat nichts zu seiner Befreiung,
sondern dachte so in sich, was nun in wenig Augenblicken aus ihm werden wrde,
wer ihn in der Welt vermissen, und da sich alle so wohl befinden wrden wie
vorher; aber da sah er Susanna, die mit jammervollem Blicke betete, und betete
auch. Die Gedanken gingen ihm immer hher, als ihn Schrtlin aus seinem Traume
erweckte und laut sprach, er wolle doch hren ob er noch was auf Erden zu
bestellen. Dann sprach aber der Feldmarschall leise zu ihm: Ich habe dich lieb
gewonnen wegen deines tapfern Angesichts, ich will ein Groes fr dich tun,
meine Schtzen sollen die Kugeln wegbeien; stell dich, als wrst du getroffen;
der Nachrichter soll dich gleich forttragen, lauf dann, so weit du kommen
kannst, dein Handgeld sei dir geschenkt. - Anton sah ihm mit gerhrtem Blicke
in das groe ernste Gesicht, und Schrtlin blieb ihm unvergelich; er glaubte
noch vor ihm zu stehen, als er lngst fortgeritten war.
    Die Anstalten zur Hinrichtung wurden gemacht; feierlich nahmen alle
Spiegesellen von ihm Abschied und schwuren ihm sie htten ihn zum Rittmeister
erwhlt, wre er leben geblieben. Der Ernst dieser Reden durchzog endlich Anton
mit dem Gedanken, was Schrtlin ihm gesagt, habe ihm wohl nur die Furcht
ersparen sollen; das erregte seinen Stolz, und mit Khnheit kniete er auf dem
Sandberge nieder, seiner selbst gewi, uneingedenk des Ausgangs. Als aber der
erste Schtze geschossen und er nichts als den Luftzug und die Blendung
empfunden, da bereitete er sich umzustrzen, wie Schrtlin ihm befohlen. Der
zweite, ein alter Schtze, sah ihn grimmig an, zielte langsam, dann blitzte das
Pulver auf, und Anton streckte sich zusammenstrzend ber den Sandhaufen. Gleich
bedeckten ihn ein paar Steckenknechte mit einem roten Mantel und trugen ihn ins
Gehlz. Der Marsch wurde geschlagen, und die Gegend verdete sich mit jedem
Schritte.
    Anton mute noch immer tot scheinen, aber fast ertrug er den Zwang nicht
lnger, als er Susanna mit so beweglicher Stimme um ihn klagen hrte. - O Vater
im Himmel! rief sie, was soll ich auf Erden, wo mich keiner liebt, da du ihn
zu dir genommen hast, den ich liebte auf Erden; wo soll ich einen Trost finden,
da sein frhliches Angesicht mir nicht mehr leuchtet; wem gehre ich an auf
dieser Welt als ihm, der mich nicht mehr hrt; er ist mir Mutter und Vater,
Brutigam und Mann, Vaterland und Unterhalt. Hier will ich bleiben, bis meine
Klagen mit dem letzten Atem verseufzen; hier will ich beten und verhungern, denn
seines toten Angesichts bleiche Lieblichkeit ist die einzige Nahrung, wonach ich
verlange. Bei diesen Worten zog sie den Mantel hinweg, und Anton hielt sich
nicht lnger, htte es ihm auch das Leben gekostet; er umfate sie mit beiden
Armen, und sie strzte von dem Erschrecken tot in seine Arme. An seinem Herzen
erwrmte er ihr Herz, an seinen Lippen ihre Lippen, in seinen Hnden ihre Hnde,
und als sie erwachte, da fllte die Rte der Scham ihre Wangen; sie gab einen
leisen Schlag mit der Hand auf seine Brust, machte ein Kreuz ber die ihre und
sprach: Du verdirbst mir die Freude.
    Anton, der das alles in seiner bittersten Not getan, konnte ihren Mimut
nicht begreifen: Mdchen, du bist zweikpfig, wie man die Zeit malt; jetzt eben
zeigtest du mir das verkehrte Antlitz, was nicht einsieht, wie es voraus in der
Welt aussieht! - Sie aber sprach: Ich dachte nie, da mir das begegnen sollte
- aber du bist hart wie alle Mnner. - Was ist dir geschehen, fragte Anton
erstaunt, wie knnte ich, kaum aus den Klauen des Todes und des Teufels erlst,
dir liebes Kind ein Unrecht tun wollen, tun knnen? - Aber wer erlaubte dir
mein Wams zu lften? - Die Not zwang mich, du starrtest zum Paradiese hinber,
und was sollte ich hier auf drrer Heide?
    Susanna ging vor sich und sah ihn nicht an; dabei befiel ihn eine
Langeweile, eine Lust zu essen und zu trinken, da er sich von ganzem Herzen zu
seinen Kamera den zurckwnschte. Langsam ging er so bers Feld, als ihm eine
bekannte Stimme aus der Ferne rief; er sah sich um, es war Seger, der in vollem
Laufe zu ihm eilte und ihm auer Atem herstammelte, wie er es ohne ihn unter den
Landsknechten nicht mehr aushalten knne; er habe den Betrug beim Totschieen
wohl bemerkt, habe bald unter einem Vorwande der Notdurft sich in einen Graben
gesetzt und sei hinter Bumen immer fort glcklich bis zum Schieplatze
gekommen, von wo er seinen Schritten gefolgt. Nach diesen Worten warf er seine
Feldtasche und Feldflasche an den Boden, trank Anton eine gute Gesundheit in
altem Sekt zu, worauf ihm dieser guten Bescheid tat und die Flasche dann
Susannen reichte, die aber alles verschmhte.
    Halt dich hier nicht auf, sagte sie zu Anton; die Augsburger sind uns
noch nahe, ein Zufall knnte uns in ihre Hnde bringen.
    Aber Anton hrte nicht bei der Flasche und bei den Butterbroten. Seger riet
ihm, den Kurt zur Wacht in einiger Entfernung in die Tiefe zu stellen, und
Anton, indem er Susannen alles aufntigte, was er eben mit groer Lust zum Munde
fahren wollte, bat sie um diesen Liebesdienst. Susanna gehorchte
stillschweigend, Seger sah ihr ungeduldig nach. Als sie ihn nicht mehr hren
konnte, sprach er zu Anton: Hrt Anton, Euretwegen ist nun schon so gro
Unglck geschehen, Mord und Brand haben jeden Eurer Schritte gezeichnet; Ihr
seht, da Ihr zum Unglck geboren seid; Ihr wollt nichts Bses tun, aber das
Bse lt nicht von Euch; seht, so ist's mir auch gegangen.
    Anton stutzte bei dieser Anrede und fragte nach seiner Geschichte; er msse
wohl manches erfahren haben.
    Ich knnte Euch ein paar Jahre davon berichten, antwortete Seger, aber
Ihr sollt die Zeit nicht verlieren; Ihr seid in Euren besten Jahren, Ihr sollt
mir helfen. Ich bin in jenem Frstenhause geboren, das dort so wei aus den
Tannen hervorsieht; es war ein Jagdschlo der Herzoge von Schwaben und gehrt
jetzt den Graten von Reck; es hat viel Gela, um alle Snden und Missetaten zu
bergen, viel heimliche Eingnge unter der Erde, wo sich das Laster einschleicht;
so kam auch ich auf einem Schleichwege in die Welt, denn meine Mutter war eine
Nonne, die sich Agathe nannte. Ich habe sie nicht gekannt, denn Niklas, mein
Vater, hatte sie umgebracht, weil sie mich durch die Kraft des Grafen in die
Welt gesetzt hatte, was mir doch recht lieb war, denn ich htte sein Sohn nicht
sein mgen. Darauf bernahm er meine Erziehung mit groem Ernste; zuerst mute
ich den Leuten, die bei uns einkehrten, die Sacktcher und Handschuhe, wo sie
einen liegen lieen, verheimlichen; dann mute ich ihnen die Geldbeutel, wenn
sie beim Weine eingenickt waren, entfremden; ich tat das so im Spiel. Da
schickte er aber eine bse Magd mir zu, die mute sich verliebt in mich stellen
und mich in ihre Gewalt bringen; die beredete mich, einem Bacchanten
aufzulauern, der oft bei uns verkehrte und von dem sie behauptete, da er ihr
mit seiner Liebe nachstelle. Es ward mir recht sauer; ich lag wohl eine halbe
Stunde im Dorngebsch, und die Spechte hackten so frchterlich an den Bumen;
auf meine Armbrust, die gespannt neben mir im Grase ruhte, kroch eine groe
schwarze Waldschnecke und streckte bei der Spitze des Pfeiles, der darauf lag,
ihre Fhlhrner in die Weite; ich aber blickte auf und sah den Schler in seinem
weiten schwarzen Mantel einherkommen, wie er einen Apfel a, den ich noch am
Morgen mit Verlangen auf dem Schranke der Magd gesehen hatte. Meine Armbrust war
in meiner Hand, ich wute nicht wie, gezielt und losgedrckt, und der Bacchant
schrie, als htte er Bauchkneifen, und da war's still, ich aber lief hin und sah
ihn recht an; eine Seele konnte wohl nie in ihm gewesen sein, denn um das
bichen Eisen, was ihm im Herzen steckte, war sie heraus gefahren. Darauf kam
die Magd gelaufen und mein Vater; sie nahmen alles Geld aus seinen Taschen, aber
das freute mich nicht ich wollte seinen schwarzen Mantel haben, aber den wollten
sie nicht geben, weil es sonst auskme; darber schlug ich auf meinen Vater, da
er mich verfluchte. Beim Abendbrote war alles wieder vertragen, da herzte mich
die Magd, und mein Vater litt es. Darauf erklrte er mir die ganze Welt und wie
es aller Orten zugehe, da immer einer den andern bestohlen und umgebracht, die
Frsten den Edelmann, der Edelmann die Bauern; weil es denn so artig zugehe,
htten sie sich als freie Leute im Walde auch dazu vereinigt, und ich htte mein
Probstck abgelegt und sei nun auch ein rechter Kerl, der ihn einmal, wenn er
alt und schwach und zu nichts mehr gut, aus der Welt schaffen sollte.
    Dem guten Anton wurde bei diesen Worten der Wein kalt, er sah sich mit einer
schmerzlichen Sehnsucht nach seiner Susanna um; sie stand aber unter dem Hgel.
Der Himmel war rot nach einer Seite und schwarz gestreift; er meinte, da
Augsburg noch brenne, und sah wieder auf Seger, der mit grimmigem Hohn fortfuhr:
    Meines Vaters Segen machte mich herzlich froh; ans Lernen brauchte ich nun
nicht mehr zu denken, ich wurde zu allem mitgenommen, lernte meines Vaters
Raubgesellen kennen und dachte mir, da es nicht anders sein knne; ich
schmierte meine Haare mit Speck ein wie sie, konnte hungern und saufen wie sie;
die Mdchen taten mir schn, obgleich ich drr aussah wie ein Kfer; ich brachte
ihnen immer was mit vom Zuge. So ging ich in meiner Spielerei als Bettelknabe
verkleidet gar oft durch den Wald. Da trat ich einstmals an einen schmalen Steg,
wo ber ein laufendes Wasser ein einziger Baumstamm fhrte. Als ich darber
gehen wollte, trat mir ein Mann in schwarzem Mantel mit dem Apfel in der Hand
entgegen; es war der Bacchant, den ich erschossen hatte, und ich zitterte so
entsetzlich, da ich weder rck- noch vorwrts konnte. Er trat mir aber ganz
nahe und zischte mir leise in die Ohren: Bring mir deines Vaters Blut, so geb
ich dir meinen schwarzen Mantel! In dem Augenblicke tat die Luft einen blauen
Donnerschlag neben mir nieder; als ich wieder zu mir kam, lag ich im Wasser mit
den Beinen, und es war beinahe dunkel. Als ich nach Hause kam, war ich ganz
verwildert; sie brachten mich zu Bette. Immer sah ich den Bacchanten, der auf
meinen Vater wies, als wollte er sagen: Sto zu auf den, du hast ja ein
Brotmesser neben dir. In dieser Krankheit ward ich ein grimmiger Sittenrichter,
denn wenn ich den Bacchanten sah, so fing ich an den Vater zur Tugend zu
ermahnen; wenn ich aber nchtern wurde, machte ich Verse, ber die mein Vater
groe Freude hatte. Weil wir nun eben so lustig zusammen sind, will ich Euch ein
Lied vorsingen, was mir nachher die Bauern nachgesungen haben und wuten nicht,
was es recht heie; es schmeckte ihnen aber wie die neunerlei Kruter am grnen
Donnerstag.

Fr meinen Vater bettle ich
Den ganzen Tag im Staube,
Belg die Leute freventlich,
Wachs auf zu Mord und Raube.
Er hrte nimmer meine Not
Und trieb mich aus wohl in den Tod.

Ich ruf ihn oft in dunkler Nacht
In meine dunkle Kammer,
Wenn blutig mir der Mond erwacht
Und wecket allen Jammer:
Ach Vater la vom Raube ab,
Das gibt uns nie ein ehrlich Grab.

Da wirft er mich zur Tr hinaus,
Da kann ich ruhig schlafen;
Da spukt es nicht wie in dem Haus,
Weil da die Hunde blaffen.
Dafr soll Vater schlafen auch
Von Sohnes Hand nach Rubers Brauch.

Ich hab am Dornstrauch ihn erharrt,
Die Armbrust ist voll Tcke;
Es scharrt mein Fu, mein Auge starrt,
Weil ich so lang mich bcke.
Es weht vom Berge her ein Wind,
Der ist so rauh und kalt gesinnt.

Die Zunge lechzt, kein Tropfen sinkt;
Die Zeit ist schier verflossen.
Das Zeichen von dem Berge klingt,
Gleich hab ich abgeschossen!
Doch das traf nur sein Schattenbild,
Der Mond deckt ber ihn sein Schild.

Lat heute nur den Vater fliehn,
Ich krieg ihn doch noch morgen;
Ich will auf seine Fhrte ziehn,
Da lasset mich nur sorgen,
Das ist dem Jger leichte Sach,
Ich schick ihm meine Hunde nach.

Bei diesem Schlusse sprang Seger auf; - Anton, Anton! da kommt ein Augsburger
ber die betauten Spinnweben, knnt ich sie ihm zum Strick drehen; Anton, schie
ihn nieder; da hast du meine Muskete, oder du bist des Todes, sieh, er zielt auf
dich. Anton wandte sich um und sah einen alten Jgersmann, dem die Augen
entweder ausgefallen oder tief in den Kopf zurckgetreten waren, mit einer
Muskete hinter sich stehen. - Schie ihn nieder, rief Seger noch einmal. -
Fabian, Fabian! rief drohend der Alte, und bei dem Worte ri ein Vorhang in
Antons Hirn; wie eines vergangenen Lebens erinnerlich entfiel ihm alle
Gegenwart; er nahm staunend die Muskete Segers und wollte sie gegen den
Ankommenden losbrennen. In dem Augenblicke blitzte gegen ihn ein Schu auf, da
er zu Boden fiel; er glaubte etwas wie eine lange schwarze Schlange von ihm fort
ber den Boden schleichen zu sehen, und indem er den Windungen so nachsah und
ihrer Bewegungen staunte, verlor er alles Bewutsein.
    Whrend Seger den ersten Schrecken zur Flucht benutzt hatte, war Susanna
herbeigeeilt, den geliebten Herrn aus der Ohnmacht zu erwecken. Sie wollte erst
den Alten, weil er ihn verwundet, nicht zu ihm lassen, aber der Alte weinte so
schmerzlich, da sie bald an ihn glaubte. Er griff darauf mit rstiger Kraft den
Ohnmchtigen um den Leib, Susanna erhob die Fe, und so schleppten sie ihn mit
vieler Anstrengung nach dem weien Schlosse im Walde. Auf ein dreimaliges
Pfeifen des Alten lie sich die Zugbrcke herunter; es kamen mehrere alte Diener
dem Jger ehrfurchtsvoll entgegen und trugen Anton auf seinen Befehl in eins der
gerumigsten Zimmer des ersten Stockwerkes. Hier wollte Susanna ihren
sympathetischen Verband wieder versuchen, aber mit Schrecken sah sie, da die
Wunde an der Hfte, und ihre Schamhaftigkeit gestattete ihr nicht, sich zu der
Besichtigung zuzudrngen, insbesondere da ihr der Alte einen Wink gab, seinen
Wundarzt nicht zu stren, der in kunstgerechter Art die Wunde untersuchte.
    Anton litt dabei sehr schmerzlich, doch seine Strke ertrug alles; der
Wundarzt fand keine Lebensgefahr, sein Inneres war unverletzt, aber in seinem
starken Fleische hatte sich die Kugel so vertieft, da sie nicht herausgebracht
werden konnte, darum war nur eine langsame Genesung zu erwarten. Diese Nachricht
schlug Anton mehr darnieder als der Schmerz; er sehnte sich nach seiner Hausfrau
und beschlo, ihr zu schreiben, sobald er seiner Gesundheit gewi wre.
    Unter solchen Gedanken schlief er unbemerkt ein, und es trumte ihm wieder,
wie ihm so oft schon getrumt hatte, er sei auf den Armen einer schnen Frau,
die ihn mit offenem Munde kte, und halte an rotem Bande ein Lmmchen, das an
seine Schuhe beie, weil sie grn waren, und er knnte der Mutter nicht sagen,
was ihn ngstige, weil sie ihn kte und weil er nicht sprechen konnte; bis
endlich der Vater, ein groer ernster Mann, hinzugetreten und das Lmmchen
gefttert. Da wurde ihm so stille und wohl, er sah im Zimmer umher, sah die
grnen Vorhnge, das alte Bild, welches der Vater ihm immer zeigte. Es stellte
zwei Kramlden neben einander von entgegengesetzter Art dar: in dem einen
standen Harnische, gro und klein, Helme, prachtvoll befiedert, Degen und
Lanzen, ungeduldig blendend, die rasche Kraft zu wecken, die sie fhren und
brauchen sollte; in dem andern hingen viele Bilder groer Begebenheiten, mancher
Degen in raschem Schwunge, mancher Harnisch zertreten, manche Lanze zerbrochen;
vor beiden Kramlden stand aber ein Knabe zweifelnd und hielt sein Geld in
beiden Hnden; dort waren die Harnische und noch viel mehr, aber es war
Tuschung; hier hingen die Harnische wirklich, aber er wute nicht, ob ihm einer
passe, und dann halfen sie ihm nichts. In diesem Bedenken wachte er auf; es war
Tag, Susanna war neben ihm auf dem Stuhle eingeschlummert; auf sie fiel sein
erster Blick, und er dachte wieder, wie sonderbar es sei, da er jedesmal, wo er
verwundet gewesen, als er das Bein gebrochen, als er von den Rittern
niedergeworfen, denselben Traum trume. - Jetzt sah er aber auf und erst wischte
er sich die Augen, denn wirklich zierte die Wand ihm gegenber das beschriebene
Bild, auf die Mauer gemalt; die grnen Vorhnge deckten wohlttig die Fenster
zu, er fhlte, da er hier schon gewesen und tausend Freuden als Kind mit erster
warmer Frhlingsluft hier eingesogen.
    In diesem Aufbrausen alter Zeit trat der hohe ernste Alte ins Zimmer, der
ihn vom Felde fortgetragen, ergriff seine Hand und drckte sie krftig. - O
mein Vater! rief eine innere Stimme aus ihm, wie habe ich dich so lange nicht
gesehen; wie ist deiner Augen Licht erloschen!
    Der Alte sagte, seine Hand loslassend: Du schwrmst, junger Mann; zwar bist
du hnlich meiner Jugendzeit, und darum bist du mir lieb, aber meinen einzigen
Sohn hat ein Wolf zerrissen und seines Lammes geschont.
    Ich bin's, Vater! rief Anton, wo ist mein Lamm geblieben? ich hatte es so
lieb; wo ist Fabian, der mit mir spielte, dem ich meine Kirschen schenkte?
    Der Alte stutzte. - Fabian, der heuchlerische Satanas! ihn wollte ich
niederschieen, als ich dich getroffen habe.
    Das war Fabian? fragte Anton; bei uns hie er Seger; da sei ihm
verziehen, ich hatte ihn so lieb wie meinen Gott.
    Der Alte wischte sich die Augen und seufzte: O la mich trumen, harter
Gott, der immer seinen armen Knecht Rappolt gndig lie erwachen; schenk mir den
Glauben, da der fremde Mann mein Sohn; ich will ihm alles Gute tun, als wr's
mein liebes Kind; ich will ihm zeigen seine Herde, die aus den beiden Lmmern
ist gezeuget und geboren! - Bei diesen Worten ging der Alte hastig zur Tr
hinaus.
    Anton sah starr nach dem Bilde; da hrte er ein Getrappel auf den Treppen,
als kme eins der kleinen Vlker zu ihm, die nach alten Sagen in alten
Schlssern hausen und in gewissen Zimmern und Zeiten ihre Feste feiern sollen.
Er hrte die kleinen Ritter gegen die Trklinke springen, aber vergebens, sie
war zu hoch. Susanna sprang auf und ffnete sie; aber eine gedrngte Herde von
Schafen, die nimmer geschoren in prachtvollen breiten glnzenden Pelzen prangte,
ri sie fast nieder. Die ganze Herde schien mit wunderlicher Neigung in das
Zimmer und dann zu dem Bette des Verwundeten zu dringen, denn einzelne stiegen
ber die andern fort, und der Alte konnte sich kaum durch ihre Mitte drngen.
Die Schafe stiegen aber mit den Vorderfen auf Antons Bett und leckten ihm die
Hnde und reichten die weichen Schnauzen an seinen Mund.
    Du bist mein Sohn, rief der Alte, du bist mein verlorener Anton! sie
kennen dich, weil ihre Eltern von dir aufgezogen. Ach, wenn das deine Mutter
noch erlebt htte; aber sprich, mein einziger Junge, wie bist du uns entwendet?
    Anton besann sich; - Wei ich es doch selbst nicht, wie es auf einmal
anders geworden und wie ich einen andern Vater, Martin Sixt, und eine alte
hliche Mutter, Sybilla, bekommen; aber das wei ich noch, da Fabian mir
sagte, er wolle mir zeigen, wo bei Tage die Nacht sei; dann fhrte er mich in
eine Hhle, und da ich mde wurde, nahm mich drin ein fremder Mann auf die Arme,
und so kam ich von einem zum andern, und zuletzt blieb ich bei dem alten Maler.
    Fabian! rief der Alte, du bist Satanas; denn deine Jugend hat an Lastern
die alte Welt berboten. O mein Sohn, was wird es fr schwere Zeiten geben, wenn
die Teufel so von allen Seiten schon losgelassen werden! - Bei diesen
jammervollen Worten setzte er sich auf einen groen Sessel nieder und sang
seinen Schafen:

Schflein drngt euch dicht zusammen
In der heien Mittagsstunde:
Einsam steh ich in den Flammen,
Macht der Teufel seine Runde
In der schwarzen Mitternacht.

Schflein lat die Glocken klingen,
Da ihr nimmer euch verirret.
Denn wenn ich mu einsam singen,
Meine Seele sich verwirret
Vor des Teufels stiller Macht.

Der Alte hielt sich nach diesen Versen beide Augen zu, die Schafe flchteten
ngstlich von ihm; Anton erschrak, aber Susanna trat hin zu dem Alten und fate
unerschrocken seine Stirne, die herabhing, und drckte sie mit beiden Hnden.
    Du guter Engel, sagte der Alte, du hast mir wohlgetan; habe Dank! es sind
so Schwindel, die ich der groen Einsamkeit und vielem Kummer zu danken habe.
Ach, lieber Sohn, wenn du, wie ich, dein Leben verwacht httest auf der
Kronenburg, starr hingerichtet mit aller Aufmerksamkeit auf nichts, denn du
lauerst stets, ob nicht der Verrter nahe, und niemand dringt in die einsame
Wildnis, so da die Vgel zahm mit dir frhstcken, da wrdest du nicht mehr wie
eine Blume mit deinen Augen in die Welt sehen.
    Hoher Vater, sagte Anton, erzhlt mir von dieser Burg. -
    Es kommt wohl noch die Zeit dazu, meinte der Alte nachdenklich; du
gehrst dahin, du bist ihre letzte Sttze; sei eingedenk deiner hohen
Bestimmung, deiner hohen Geburt; gedenk aber auch deiner vielen Feinde, um deren
Willen du deine Abkunft hier noch verheimlichen mut; ich traue nicht allen
meinen Dienern mehr, seit Niklas uns so schndlich betrogen. - ANTON: Ich sag
mit Frundsberg: je mehr Feinde, je mehr Glck; doch sprecht, Vater, welches
adligen Namens kann ich mich rhmen; ich sage Euch zu, vor Euren Leuten zu
schweigen.
    DER ALTE: Vernimm mein Sohn, da du ein Nachkomme des Grafen von Stock
bist, der, von Kaiser Konrad mit einer Schlossertochter in Wrzburg gezeugt,
erst Huf- und Waffenschmidt im Gefolge Konradins wurde, und als solcher die
Gnade des unglcklichen Frsten sich in dem Mae verdiente, da dieser ihn noch
vor seiner Gefangennehmung als seines Vaters auer der Ehe erzeugten Sohn
anerkannte und in den Grafenstand erhob.
    Der Alte erzhlte von hier an oft abgebrochen; wir mssen seine Rede
zusammenziehen. Nach der unseligen Schlacht, wo Konradin in jugendlichem
bermute, gesiegt zu haben, die Seinen zum Verfolgen zerstreuen lie und von dem
Hinterhalte Karls angegriffen und gnzlich geschlagen wurde, flchtete er sich
mit Friedrich von sterreich, mit Lancea von Calvano, seinem Sohn Galeotto und
seinem geliebten Grafen von Stock in die Wlder. Sie zwangen einige Eseltreiber,
ihnen fr ihre kostbaren Waren und seidnen Kleider ihre groben Kittel zu
berlassen. So irrten sie im grten Mangel an ordentlicher Speisung mehrere
Tage, bis sie an das Ufer von Astura gelangten. Hier lag ein Schiffer mit seinem
Boote und wartete auf die Nacht zum Fischfang; sie segneten ihren Stern, der sie
dahin gefhrt, aber der Fischer sah sie gro an, als sie ihn baten, sie nach
Pisa zu fahren, wo ihrer Sicherheit und Freundschaft wartete. Er sagte ihnen,
wie sie als arme Leute ihn fr eine so weite Fahrt bezahlen knnten. Jetzt
faten sie in ihre Taschen und merkten erst, da sie blo eine Kiste mit
Kleinodien gerettet, da sie aber ihr Geld in den vertauschten Kleidern stecken
gelassen. Hastig zog Konradin einen kostbaren Smaragden von seinem Finger und
gab ihn dem Fischer, da er sie dafr berfahre. Dieser lachte ber den Ring und
meinte, weil sie so rmlich aussahen, er mchte nichts wert sein, sagte es aber
nicht, weil er sich vor Schlgen frchtete, sondern ging blo unter dem
Vorwande, Lebensmittel einzukaufen, nach der Stadt Astura, um sich dort nach dem
Werte des Ringes zu erkundigen. Da wurden ihm von einem immer mehr Zechinen
geboten als von dem andern; einige wollten ihn festnehmen lassen, um zu
erfahren, woher er einen so kostbaren Ring empfangen; er sagte, wie es sich
verlaufen, und war endlich froh, eine Summe fr den Ring bekommen zu haben. Mit
Wein und Brot beladen kam er zum Ufer, wo Konradin mit Ungeduld seiner harrte,
nachdem ihm der Graf von Stock vergebens geraten, ohne seiner zu warten, ihr
Heil auf dem Meere zu suchen. O htten sie es getan, denn jetzt nachdem sie mit
dem Schiffer bei schnem Winde auf dem Meere schwebten und ihre Hemden als Segel
ausgespannt, mit jeder Welle, die sie durchschnitten, das Unglck weiter von
sich gestoen zu haben whnten: jetzt waren sie schon von den Galeeren aus
Astura umkreist, und als am Morgen das Meer heiter erglnzte, da ging Konradins
Stern unter. Johannes Frangipani, der Statthalter in Astura, hatte die Erzhlung
von den armen jungen Leuten, die einem Fischer einen so kostbaren Ring
geschenkt, um sie nach Pisa berzusetzen, mit dem Argwohne angehrt, ob nicht
Konradin, der jetzt aller Orten gesucht wurde, darunter sein mchte, und
versprach sich von dessen Gefangennehmung groe Vorteile. Er sendete ihnen zwei
schnelle Galeeren nach, die auch am Morgen das Boot erreichten und die armen
Flchtigen zu Gefangenen machten und nach Astura in ein altes Schlo als
Gefangene einbrachten. Hier sollte Konradin von seinem geliebten Bruder getrennt
werden; er bersah, da dieser ihm allein ntzlich werden knnte, wenn er
loskme und seine Anhnger zu seiner Befreiung sammelte, und verpflichtete ihn,
wenn sie getrennt wrden, seine Freiheit zu suchen und zu seiner Rettung zu
brauchen; zugleich sagte er ihm den Ort und die Wege der alten Kronenburg der
Hohenstaufen, wo ihre Krone und ihr Schatz noch immer bewahrt wird, bis ein von
Gott Begnadeter alle Deutschen zu einem groen friedlichen gemeinsamen Leben
vereinigen wird. Sie nahmen mit schwerem Herzen Abschied. Knig Karl, Konradins
Sieger, belagerte Astura wenige Tage vorher, weil Frangipani seine Gefangenen
nicht ohne groen Lohn berliefern wollte; er mute sich bald bergeben;
Frangipani wurde hingerichtet und die Gefangenen nach Neapel gebracht. Auf dem
Wege machte sich unser Altvorderer, der Graf von Stock, durch die Strke seines
Arms, der einen rollenden mit zwei Pferden bespannten Wagen aufhalten konnte,
von seinen Wchtern frei; er drang bis tief in das kalabrische Gebirge und
sammelte eine Zahl von Konradins Anhngern, mit denen er durch Bestechung der
Wchter, die mehr Konradins edle Tugend als das Geld rhrte, einen Versuch
machte, ihn zu befreien. Konradin hatte aber sein ritterliches Wort dem Knige
gegeben, wenn er ihn ritterlich im Gefngnisse hielte, keinen Versuch zu machen,
daraus zu entkommen; er hrte mit unsglicher Sehnsucht des Bruders Stimme
wieder, und wie er ihm sprach von seiner Mutter und der Burg Hohenstaufen, vor
allem aber als er ihm sprach von der Kronenburg; doch seine ritterliche Ehre
widerstand ihm, er befahl, von ihm zu weichen, da er ihn nicht fr einen Teufel
halten mge, der ihm die Herrlichkeit der Welt fr seine Seele biete. Bei
diesen Worten schlug der Alte wieder beide Hnde ber seine Augen und sang noch
jammervoller als vorher zu seinen Schafen:

Schflein lauft nach allen Seiten,
Wenn der Wolf den Hund bezwungen;
Ihr knnt nimmer ihn bestreiten,
Lat ihm eure zarten Jungen,
Hab es auch also gemacht.

Schflein fort von meinem Sohne,
Seid ihr Wlf in Schafes Kleide,
Als ich wachte bei der Krone,
Brachte Satanas im Neide
Meinen Sohn in seine Macht.

Bei diesen Worten sprang der Alte auf und trieb die Schafe mit groer Angst von
dem Bette Antons fort und zur Tr hinaus; Anton wollte aufspringen, aber Susanna
hielt ihn; der Alte, fechtend wie mit einem Doppelschwerte in der Feldschlacht
trieb die Herde mit einem groen Zweige nun ungestrt zur Tr hinaus; als er
hinaus war, bat Anton Susannen, die Fenster zu erffnen, denn der Duft der Herde
machte die Zimmerluft unertrglich Als die Luft so einstrmte und die fernen
Berge in der Blendsonne rtlich bekleidet ihm erschienen, da fand sich das Gemt
des Kranken von den Entdeckungen des Tages vorbewegt, in einer Sehnsucht
aufgelst, die ihn in gesunden Tagen noch nie bernommen hatte; er dachte, was
ist's denn mehr ein Graf zu sein in einer Einde, oder ein froher Brger in der
Stadt; er wute sich nicht zu nehmen, sich nicht auszulassen, er bat Susannen,
zu ihm zu kommen, fate ihre Hnde, spielte damit, berhrte ihre Fingerspitzen
und fgte sie wie schlanke Zweige, die er zu einem Kranze flechten wollte,
ineinander, und hielt sie dann wieder zusammen und sah nach dem Lichte, das
rtlich zwischen den Fingern durchschien. Liebes Kind, so brach er endlich das
Schweigen, warum hast du mich heute nicht verbunden, wie du es damals getan?
vielleicht wre ich jetzt schon geheilt und knnte mit dir im Freien die
Wolkenzge beschauen, die hier auf der groen Ebene viel wunderbarer erscheinen,
als bei uns, wo sie von den Bergen abgeschnitten.
    Ich htte es wohl getan, sagte sie, aber ich schmte mich vor den fremden
Leuten, da Ihr halbtot waret. - ANTON: Wie kommst du zu der wunderlichen
Geschmigkeit, da der Ort deiner Erziehung aller Scham und Schande den Kopf
htte abbeien mssen. - SUSANNA: Ich habe viel Bses sehen mssen und ich
werde wohl lange darum ben. - ANTON: Ben, ja Kind, wie meinst du das. Du
sollst bei mir ben, gib mir einen Ku zur Bue; du wendest dich von
mir?SUSANNA: Ich schme mich, da Ihr dies von mir verlangt; ich bin Kurt,
Euer Knappe, der Euch treu dienen wird in Not und Gefahr; ich diene aber nicht
um Ksse ich diene um Ehre. - ANTON: Hast du dich so in deinen Rock, in deinen
Degen verliebt, Liebst du mich nicht? - SUSANNA: Nein, Herr, aber es wre mir
lieb, wenn ich Euch lieben knnte. -
    ANTON: Du meinst wegen meiner Hausfrau. - SUSANNA: Von der wei ich
nichts, als was Ihr mir gesagt habt; was wrde die mich hindern, Euch zu lieben,
der mte es ja Freude machen. ANTON: Ich meine doch nicht; sie mchte wohl
eiferschtig sein, wenn sie wte, da ich mit dir in einem Zimmer geschlafen.
SUSANNA: Daran habe ich nie gedacht, ich will es nie wieder tun, es geschah
aber aus Vorsorge fr Euch, da ich hier blieb.
    Anton dankte ihr fr ihre Gte, doch mischte sich ein Ingrimm ber ihre
Klte in diese erste nhere Bekanntschaft mit ihr, wie der Pechgeschmack, der
das erste Glas von einer frisch entpfropften Weinflasche zuweilen verdirbt, da
wir nicht beurteilen knnen, ob er edel oder unedel sei; er wnschte sich einen
munteren Gesellen von weniger Vortrefflichkeit, der in seiner Frhlichkeit
mitjubelte, der an seinem Halse hinge. Sie diente ihm mit einer Hochachtung, wie
einem hheren Wesen, das er nicht sein mochte, dessen Schwungkraft er gar nicht
in sich fhlte; so etwas wurde aber niemals in ihm zum Gedanken; er fhlte den
rger, dann fhlte er, da er unrecht gehabt, und suchte es gut zu machen.
Liebes Kind, so sprach er, indem er sich zu Susannen hinwandte, wie sieht es
denn hier im Hause eigentlich aus, lebt mein Vater ganz allein? - SUSANNA:
Herr, es ist beraus wunderlich hier bestellt mit allen Leuten, doch gefllt es
mir; die meisten sind alterschwere Mnner, die gar nicht hren knnen, aber
jeder hat sein eigen Geschft, wie die Vgel sich jeder ein besonderes Nest
bauen. - ANTON: Hast du sie besucht? - SUSANNA: Sie nahmen mich
stillschweigend mit; der eine zeigte mir seine Eichhrnchen; die Kammer hatte
Drahtfenster und war mit hohlen Bumen verziert, und drin heckten die
Eichhrnchen; kaum trat er ein, gleich kamen sie wie rote Brnde aus allen
Hhlen und seufzten zu ihm so durchdringend, da mir wohl ums Herz wurde; er
brachte jedem Nukerne und allerlei Frchte; wie zierlich setzten sie sich auf
die Hinterfe, schlugen den Schweif in die Hhe und wirbelten die Nsse erst in
ihren Vorderpfoten unter den blitzenden Augen umher, eh' sie mit dem scharfen
Zahne einsgten. Seht Herr, da hab ich eins mitgebracht, ein Junges. - ANTON:
Es hat dir die Brust blutig gekratzt, la dir das Blut abtrocknen. SUSANNA:
Es schadet nichts, es tat nicht weh; seht nur das artige Tier, jetzt legt es
sich in meiner Hand rund zusammen zum Schlaf. - ANTON: Du hast doch das hier
nicht gestohlen? - SUSANNA: Es denkt doch keiner so schlecht von mir, wie Ihr.
Der Alte hatte mich lieb, und da er die Mutter von diesem Kleinen nicht sah und
sie im Neste tot fand, da holte er das Kleine heraus und gab es mir und weinte
dann, als er die Alte schon kalt und steif fand, jetzt geht er herum und ladet
die andern zum Begrbnisse. - ANTON: Htte ich nur Farben, ich malte ihm das
Tier zum Gedchtnis. SUSANNA: Lieber Herr, gleich schaff ich Euch Farben, der
eine von den Alten ist ein Maler, und das Tier will ich Euch auch bringen, er
hat es auf Moos vor dem Hause hingestellt, bis alle Gste des Leichenzuges
beisammen sind. - ANTON: Schnell, schnell, du aufmerksame Seele.
    Susanna brachte in drei Sprngen das Eichhrnchen, und nach kurzer
Unterredung einen alten Mann, den sie Reichenthal nannte, mit allem
Malerwerkzeuge, einer ebnen Holztafel mit Kreidegrund, in die Stube gezogen.
    ANTON: Du bist zu ungestm, Kind; werter alter Herr, wollt Ihr mir Eure
Tafel und Euer Gert leihen, oder malt Ihr selbst vielleicht besser und seid
geschickter, dies tote Eichhrnchen zu malen.
    Simon versicherte ihm, da er nie etwas anderes, als Wappen gemalt nach
einem Zeichenbuche, niemals nach der Natur, und war daher nicht wenig
verwundert, als Anton mit seiner Sicherheit und Fertigkeit in ein paar Stunden
das Eichhrnchen, auf zwei gekreuzten Knochen sitzend, gemalt hatte, wie es an
einem Schdel, wie an einer Nu nagte.
    Inzwischen war im Hause, ohne da die beschftigten drei es wahrgenommen,
ein ngstliches Suchen nach dem Leichnam des Eichhrnchens gewesen; der
Leichenzug hatte sich versammelt, das mit Blumen durchflochtene Kstchen sollte
die Tote aufnehmen, aber sie war verschwunden; man suchte an allen Orten, aber
der trostlose alte Mann fand nirgends seinen Liebling wieder. Susanna mute sich
jetzt mit dem toten Eichhrnchen und mit dem Gemlde wieder zu dem Ehrenbette
aus Moos hinschleichen, jenes darin verstecken und dieses aufstellen. Der Alte,
der sich mde gesucht hatte, kam endlich, wie alle Leute, die etwas verloren,
woran ihnen viel liegt, auf den Platz zurck, wo er es vermit; seine trben
Augen sahen das Bild fr den lebenden Liebling an und ergossen sich in Trnen.
Sie sieht mich an, rief er, aber jetzt fhlten seine Hnde die Tuschung der
Farben, und diese Tuschung blieb ihm noch lieb. Wer hat mir die Freude
bereitet, fragte er, dem lohne es der Himmel mit gleicher Freude; das Bild ist
mein Schatz, mein einziges Spiel und Gesprch, an meinem Bette soll es hngen,
meinem Haupte gegenber, da es mich begre beim Einschlafen und mir begegne im
Erwachen.
    Whrend der Alte, der sich von seinen Lieblingen Eichhorn genannt hatte,
also sprach, hatte der alte Graf Rappolt von Reichenthal die Geschicklichkeit
seines Sohnes erfahren; er kam zu ihm und sprach: Lieber Sohn, ich kann dir die
Freude nicht ausdrcken, die du mir mit deiner guten Gesinnung schaffst; bei
deiner Kunst wirst du ein herrliches Leben auf der Kronenburg fhren, wir alten
Wchter wuten meist nichts Besseres zu tun, als uns mit ganzer Seele an irgend
ein Tiergeschlecht zu hngen, oder an eine Hndearbeit, und dabei gehen die
Lichter aus im Hirne!
    Fhrt mich zur Kronenburg, teurer Vater; ich mchte Euch dienen mit allen
Krften, sagte Anton.
    Du wirst vielleicht bald dazu reif gefunden werden, sprach Graf Rappolt,
vielleicht auch niemals, denn nie werde ich dich durch Gunst dazu frdern;
kannst du hungern und dursten?
    Nein!, rief Anton, lieber mcht ich mich selbst stckweis verzehren, als
hungern.
    Armer Sohn, sagte Rappolt, das hast du von deiner Mutter, da wirst du
schwere Lehrjahre ausstehen, ehe du es lernst.
    Susanna brach jetzt in Trnen aus am Fenster, der Alte untersttzte den
Sohn, sie sahen die Alten paarweis vorber ziehen; zuletzt trug der Alte die
kleine Leiche auf Moos und Blumen in einem zierlichen Korbe. Sie blieben in
einem Winkel unter Trnenweiden stehen, wo mehrere weie Denkmale schimmerten;
hier sangen sie whrend des Grabens und Einsenkens ein sanftes Lied, das
deutlich in das Fenster schallte.

Der berdru
Auch weichen mu,
Die Langeweil
Hat nimmer Heil;
Mach dich von allem frei,
So ist dir alles neu.

Das einfltige Lied hatte einen eignen Trost fr Anton, der jetzt erst merkte,
da ihn eine Art berdru und Langeweile ber die Abwechselung seines Geschicks
ergriffen hatte. Lustig wollen wir leben, rief er zum Vater, heut will ich
meinen Geburtstag feiern, denn mich durstet; lat mich unten in den Garten
tragen, Vater, schafft mir junges Volk, das tanzen und springen kann; die
Ankunft des verlornen Sohnes mu gefeiert werden.
    Einem Grafen von Stock, meinte der alte Rappolt, zieme sich wohl eine andere
Art der Freude, inzwischen zieme es sich recht gut, da heute die Hirten
herantrieben, um ihre Abgabe dem Schlosse zu entrichten, wobei sie frhlich zu
tanzen und zu singen pflegten. Wirklich lieen sich schon die Feldschalmeien auf
den Waldhgeln in Gru und Gegengru hren; die Glocken des angetriebenen Viehes
richteten die Aufmerksamkeit nach allen schnen Waldgrnden, die sonst in dem
groen Eindruck des Ganzen leicht bersehen werden. Rappolt befahl einigen
Dienern, den Sohn in der Bettstelle herunter zu tragen, wobei Susanna Achtung
gab, da nirgends von den steifen alten Mnnern angestoen wurde. Auf dem groen
Platze vor dem Jagdschlosse waren schon die jungen Stiere und Khe aufgestellt,
alle mit Blumen und bunten Bndern geschmckt; die Hirten nahmen von ihnen
zrtlichen Abschied und bergaben sie den alten Dienern des Grafen, die sogleich
Befehl erhielten, einige nach der Kronenburg zu fhren. Dann wurden groe Fsser
mit Bier auf hohe Steine festgelegt, es wurde in groe hlzerne Krge gezapft
und von den Mdchen umhergetragen, die zierlich gekleidet in roten Jacken mit
silbernen Ketten und kurzen blauen Rcken, die Haare in langen Flechten,
erschienen waren. Ein lustiger Tanz vergalt ihnen die Mhe, vier Paare tanzten
in bunter Abwechselung, die Einladung und das Geheimnis der Liebe immer
zierlicher zu verhllen, da es sich endlich ohne Schamrte kund machen konnte,
whrend die brigen alles spottend aussangen, selbst das, was noch nicht wahr
geworden. Da hie es:

Auf, schwenkt die Mdchen rum!
Es tanzt sich gut im grnen Wald,
Und seid dabei nicht stumm,
Damit es lustig schallt
Ju ja, ju ja!
Lustig wollen wir springen
Allhier im grnen Wald.

Nun waren einige Paare ber einander gefallen, da sangen sie weiter:

Das Moos ist gar zu weich,
Das Moos ist gar zu glatt:
Es war ein grner Zweig,
Der uns zu Fall gebracht;
Ju ja, ju ja!
Auf grnen Zweig wir kommen
Allhier im grnen Wald.
Wir trudeln uns herum
Auf weichem glatten Moos,
Der Maulwurf ist nicht dumm,
Der wohnt im Erdenscho;
Ju ja, ju ja!
Wir wollen uns begraben
Allhier im Erdenscho.
Deck mich mit Rosen zu
Und mit Vergimeinnicht,
Sonst hab ich keine Ruh,
Wenn mich die Sonne sticht,
Ju ja, ju ja!
La mir den Haber stechen
Allhier auf grner Heid.
Gehrt das Laub dem Baum?
Gehrt das Laub der Luft?
Es spielt damit der Baum,
Es spielt damit die Luft.
Ju ja, ju ja!
Jetzt will ich dich erst kssen,
Dann ksse mich einmal.

Anton hatte seine Herzensfreude an all dem Jubel, an dem plumpen Schwenken der
Mdchen, an dem Stampfen der Knechte; er sprang im Bette hoch auf, wenn der
Dudelsack, ein altes Ziegenfell, woran der Kopf mit messingenen Hrnern und
Korallenaugen, in eine andere Melodie umsetzte, und rgerte sich ber Susannen,
die sich hinter seinem Bette wie ein gengstigter Hund verkrochen hatte und auf
jeden schlug, der sie wieder aus dem Zufluchtsorte herausbringen wollte. Der
alte Rappolt hingegen meinte seinen Sohn zerstreuen zu mssen; er sprach von
manchen ernsthaften Begebenheiten und befahl bald, da sein Vlkchen, welches
allmhlich in der Erhitzung und Bewegung allzustark nach dem Stalle roch, sich
in eine weitere Entfernung begebe.
    Weit du, lieber Sohn, sagte er, da ich meine Jugendzeit als Kapuziner
verbetet habe?
    Nein, sprach Anton zerstreut und sah in die Ferne, wo getanzt wurde, da
mu Euch das Hosentragen nachher schwer geworden sein.
    Die Kapuze lag hei auf mir, als wr sie von geschmolzenem Blei gewesen,
lieber Sohn; wenn du eine hohe Klostermauer erblickst, denk nicht mit den Leuten
von heute, da da lauter ppigkeit die migen Leiber fllt; gemeiniglich ist
das nur ein aufgegebenes Leben, das sich in Trunkenheit zu vergessen strebt,
nachdem Not und Snde, und Ha und Bosheit, eigne und fremde, viele Jahre die
arme Jugend gegeielt hat.
    Bei diesen Worten weinte Susanna; der Alte sah sie an und sagte: Du bist
ein schner Reiterknabe, flennst wie ein altes Weib, geh fort zum Tanz und
kriech hier nicht herum wie eine Katze; was ich hier zu sprechen habe, geht dich
nichts an; fort, lauf, such dir ein Mdchen und sing ihr zrtlich vor, das
andere wird sich finden.
    Susanna aber klemmte sich fester an Anton, den eine Lust zu ihr durchdrang,
wie er ihren festen Bau berhrte; er spielte mit ihren Haaren und bat den Vater
sie zu dulden: der Knabe sei treu, aber schchtern.
    Nun, so sei wenigstens ganz ruhig, sagte der Alte, und sie konnte sich
jetzt nicht wehren, als Anton sie heimlich umfate.

                        Die Geschichte des alten Rappolt

Der alte Rappolt erzhlte nun mit einem schmerzlichen Ernste sein Leben.
    Ich bin das jngste von drei Kindern, die meine Mutter, Katharina von
Blanken, meinem Vater Wolf, als er schon hoch betagt war, geboren hatte. Gott
habe sie beide selig und lasse sie niederschauen auf diesen ersten Freudentag
meines Alters! Meinem Vater habe ich die Augen auf der Kronenburg zugedrckt; er
starb auf der Wacht, nachdem er mich mehrere Jahre in dem Geheimnisse der Krone
und der Gnge und des Gebetes wohl unterrichtet hatte. Das alles sollst auch du
lernen, mein teurer Sohn Anton, wenn du erst zu verstndigen Jahren gekommen und
Rinde angesetzt hast auf deine glatte Stirn. Von meiner Mutter wei ich nichts,
als da ich damals auer ihr nichts wute; sie spann viel und stand dazu frh
auf; von ihrem feinen Gespinst kommen alle die feinen Gedecke, worauf in der
Kronenburg am Todestage Konradins gespeiset wird. Wenn sie nun bei einem
Kienfeuer im Kamin frh Morgens aufsa, da ruhte ich nicht mit Schreien, bis sie
mich auf ein Kissen an die Erde gelegt; da lag ich auf dem Rcken und spielte
mit meinen Fen, und sah sie wohl stundenlang an und lachte, wenn sie sang.
Weiter wei ich auch nichts von ihr, dabei sog ich an meinem Finger, was sie mir
oft verbot, aber auer meinem Kissen und meinem Finger hatte ich gar kein
Spielzeug.
    Vater, fragte Anton, weit du nicht mehr, was Frau Katharina, die
Gromutter, gesungen? ich hre gern alte Lieder, denn man wei doch nicht recht,
wo sie herkommen.
    Ein paar Reime sind mir so geblieben, sagte Rappolt, nicht aus der frhen
Zeit, sondern weil sie mein Vater immer zu ihrem Angedenken wiederholte:

Mein Mann ist auf der Wacht
Die lange schwarze Nacht,
Und wenn der Morgen graut,
Und wenn der Nebel taut,
Hat er sich md gedacht,
Da bin ich frisch erwacht.
Gott segne ihn, Gott strke ihn
Und la ihn bald zu Tale ziehn.

Ich hab nur kurzen Schlaf,
Weil fern mein lieber Graf;
Noch ruhen Hahn und Kind,
Es geht ein scharfer Wind;
Doch fahr ich in die Schuh,
Ich habe keine Ruh;
Gott segne euch, Gott strke euch,
Ihr lieben Kinder, allzugleich.

Von grauer Asch bedeckt
Liegt helle Flamm versteckt,
Und dieses Feuers Strk
Zeigt Gottes Gnadenwerk.
Ich arbeit nicht allein,
Gesellig ist der Schein,
Gott segne ihn, Gott hte ihn,
In Ruh will ich den Faden ziehn.

Ist mein Gespinst zu End,
Streck ich zu Gott die Hnd
Und harre stille sein
Im Totenhemde fein,
Jed' Kind ein Hochzeithemd
Aus gleichem Stck bekmmt;
Gott segne sie, Gott strke sie,
Wenn ich zu meinem Heiland zieh.

Sieh, lieber Sohn, fuhr Rappolt mit ungewohnter sanfter Stimme fort, was sie
gesungen, das ward an ihr wahr, aber nicht an uns; sie starb so weg, kein Mensch
wute wie, ich wei es auch nicht recht, denn ich lief damals schon meinem
lteren Bruder Wolf und der Schwester Gloria nach und hatte die Mutter etwas
mehr vergessen. Als sie aber tot war und zur Erde bestattet wurde, da schrieen
wir alle erbrmlich; doch, wie es bei Kindern geht, eine alte Magd, die uns
alles Gute tat, hatte bald unsre Liebe zur Mutter geerbt; auch wuchsen wir
selbst allmhlich an, da wir nach unsrem Kopfe wirtschafteten. Wir hielten alle
drei auf strenge Ordnung, da war kein Winkelchen in unserm Zimmer, das nicht zu
etwas Bestimmtem benutzt wurde. Ich trieb viel Vogelstellerei und hatte die eine
Wand mit ausgestopften Vgeln besteckt; nebenbei war ein Bauer mit lebendigen
Vgeln, die ich in allerlei Sangweisen abrichtete, sowie ich auch noch jetzt das
wilde Geschrei von allen so genau nachzumachen wei, da sie scharenweis zu der
Kronenburg geflogen kommen und dort berwintern. Meine Schwester Gloria war sehr
geschickt mit der Nadel in allerlei knstlichem Werk; auch spielte sie das
arabische Schachspiel besser als wir beide, worber wir uns oft gergert hatten,
ihr Gert stand zwischen den Fenstern auf der andern Seite. Mein Bruder Wolf war
recht fleiig in aller Art Gelehrsamkeit, und tglich besuchte ihn ein Mnch aus
der Gegend, der ihm in allem gelehrten Wesen Unterricht gab; sein Schreibtisch
und sein Bcherschrank besetzten die dritte Seite, an der vierten stand der
Etisch. So lebten wir einen Tag wie den andern, und jeder lernte mit dem
andern; wir sagten es uns nie, wuten es auch nicht, hatten einander aber so
lieb, da wir keinen Unterschied zwischen einander zu machen wuten; auch
schliefen wir noch, wie in unserer ersten Kindheit, in einem groen Bette
zusammen, beteten zusammen und kten uns, ehe wir einschliefen.
    Lieber Sohn, zuweilen haben die Vter gro Unrecht; der Himmel verzeihe
meinem Vater, wie er uns einmal des Morgens aufgeschreckt, unter frchterlichen
Schimpfreden und Flchen, die wir nicht verstanden, aus dem Bette ri und
einzeln seinen Leuten bergab. Er hat mir in spten Jahren erst anvertraut, was
ihn damals zu dem gewaltsamen Erscheinen gebracht: es war die Warnung des
Niklas, Fabians verruchten Vaters, den wir nicht leiden mochten: wir trieben
schndliche Snden, deren Namen meine Lippen verunreinigen wrden, zusammen; er
mchte nur frhe kommen, so wrde er uns in einem Bette finden, obgleich drei
andere fr uns bereit stnden. Als er uns nun in dem groen Bette angetroffen,
hatte er in Wahrheit gemeint, der Teufel habe uns zusammengeknebelt; er brachte
uns beide, um Bue zu tun, in zwei entfernte Klster, und meine Schwester zu
einer reichen adligen Witwe ihrer Verwandtschaft in Konstanz. Nicht einmal einen
Abschied gnnte er uns Kindern, sondern einzeln schleuderte er uns aus dem
Zimmer und befahl seinen Knechten, wohin er jeden von uns auf seinem Rosse
fhren sollte. Ich war von Klte halb erstarrt, als ich in dem Waldkloster zu
Hirschingen abgesetzt wurde, und wute meiner Seele keinen Rat; ich sann
vergebens die lange Zeit, was ich verbrochen hatte, und wute mir endlich nichts
anderes zu denken, als da ich unter meinen Vgeln irgend einen verzauberten
Ritter gefangen, wie so damals die kindischen Mrchen umgingen, der sich an mir
htte rchen mssen. Ein alter Abt nahm mich gutmtig auf und brachte mich zu
einem Haufen anderer Knaben, die ihn sehr demtig begrten, aber entsetzlich
ber ihn schimpften, als er den Saal verlassen hatte; auch hrte ich bald von
ihnen so boshafte Reden, so schlimme Streiche, wie Heldentaten erzhlen, da ich
meiner Unschuld mir bewut wurde. Nach einigen Tagen, wo mein Vater mit dem Abte
mochte gesprochen haben, wurde ich zu ihm gerufen; er fragte mich so sonderbar
aus, ich wute nicht, was er wollte, ich mute ihm so viel von meiner Schwester
erzhlen, da ich ihm endlich den Argwohn nicht verbergen konnte, sie mchte
mich verleumdet haben, wie sie uns zuweilen in sonderbarer Laune allerlei
vorerzhlte, von Zwergen und Zuckerhuschen, die wir nachher umsonst im Walde
aufgesucht hatten. Der Abt besttigte meine Vermutung, wahrscheinlich aus guter
Absicht, um die vom Vater ihm vorerzhlte strafbare Neigung zwischen uns
gnzlich zu unterdrcken, aber er wute nicht, da er den schnsten Funken
offener, hingebender Freude und Freundlichkeit fr alle Zeit in mir auslschte;
wem sollte ich trauen, da meine liebreiche Gloria mich verlstert. Weh mein
Kopf:

Denke ich der Freudenflle
Meiner ersten Jugendzeit,
Schm ich mich der leeren Stille,
Und mich fat ein tiefer Neid,
Und wen kann ich mehr beneiden,
Als mich selbst in Jugendfreuden.

Der alte Rappolt hielt sich hier den Kopf, dann fuhr er fort: Von meinen
Klosterjahren wei ich dir wenig zu sagen; der Ernst, womit alles Feierliche
getrieben wurde, die Strenge aller Gesetze bezwangen mich mit den Jahren; auer
dem Kloster schien mir bald nichts Herrliches mehr zu wohnen, um uns her lag die
groe Einsamkeit, wir hrten nichts, als das wilde Geschrei der Bren, Wlfe und
Lchse daher, und in seltenen Tagen kamen Wallfahrten von armen Khlern und
Waldbauern, deren rohe Unwissenheit mich erschreckte; die Anstrengung des
Kirchendienstes, das Wachen und Lernen war die krftigste Bue; alle meine liebe
wendete sich zu den gnadenreichen Bildern der Mutter des Herrn, die mir wie
ewige Lichter in der Kirche brannten, zu denen ein heiliger Zauber alles schne
Licht aus der unendlichen Luft hinri. Nachdem ich meine Gelbde als ein
Nachfolger des heiligen Franziskus abgelegt hatte, ward ich nach andern Klstern
auf die Wanderschaft gesendet; o der Greuel, die ich anschauen mute, welche
Buhlerei mit der Welt, die sie aufgegeben hatten, welche ppigkeit mit den Gaben
der Armut! Oft sa ich im Beichtstuhl und konnte vor dem Schreien der
Chorherren, die in der Kirche saen und spielten, die Beichte der armen Snder
nicht vernehmen; ich sah die Mnche in die Huser zu den Frauen schleichen, wenn
die Mnner zur Arbeit ins Feld gegangen, da tobte ich und ward von vielen
bermannt, geschlagen, in Kerker geworfen und ohne Zehrung weiter geschickt. In
solcher Armut kam ich eines Abends von Kostnitz die Hgel herunter, und Gottes
Herrlichkeit spiegelte mir aus dem See in die Seele; die Berge hatten sich in
Feuer gekleidet, und es schien alles wie zum Tage des Gerichts, wo die Toten
erwachen und die Lebenden ihnen gleich sind und mit ihnen sich mischen; da
schien ich so frei von aller Welt, da ich bald einzukehren vergessen und mit
Verwunderung auf meinem Kopf fhlte, da meine Locken mir vom Scheitel
abgeschoren. Einige Ritter trabten mit Frauen auf mutigen Rossen vorber, sie
sahen mich nicht und sprachen mit einander von sem Liebesspiel, von der Nacht
und von der Jagd; mir ward so weh ums Herz, gern wre ich als ihr geringster
Diener mitgezogen; aber schnell waren sie mir aus den Augen, und ich stand vor
einer Klosterpforte, wo ich ohne Nachdenken anklingelte. Mir wurde aufgetan, da
es aber zu spt war, um mit den andern Mnchen im Refektorio zu speisen, so
wurden mir einige Nahrungsmittel in meine Klause gereicht; ich sprach wenig, und
der Mnch, der mir die Gastfreundschaft tat, schien auch nicht zum Reden
geneigt; beim Abschiede sagte er mir, ich mchte mich durch keinen Lrm im
Schlaf stren lassen, ich sei zu weit gegangen, um die Messe mitzusingen. Aber
der Schlaf versteckte sich meinen offenen Augen, die in die Nacht, wie in ein
Grab starrten; das erhitzte Blut glnzte in Feuergestalten vor mir, und ich
mute immer meines Bruders Wolf und meiner Schwester Gloria denken, von denen
ich so lange nichts gehrt hatte; sie sahen mich unendlich traurig an und
zerflossen dann in Lichtwolken. Dieser Bilder berdrssig, wollte ich erst auch
den Fackelschein, der bei meinem Fenster, das nach dem Klosterhof sah,
vorberzog, fr eine Tuschung kranker Sinne halten, bis ein leises Beten mich
berzeugte, da dort ein Fest gefeiert werde. Das Fenster war der Sommerluft
geffnet, ich trat heran und sah eine Reihe von Mnchen mit Fackeln in den
Hnden aus der geffneten Knochenkammer hervorgehen, die leise betend sich im
Kreise stellten. Die letzten, die heraustraten, waren ein Mnch ohne Fackel und
ohne Kappe ber das Haupt, neben ihm ging ein anderer ohne Fackel mit dem
Kruzifix, der ihm die Hnde faltete und mit ihm betete; ein Laienbruder mit
glnzendem Beile folgte beiden. Diese drei traten in die Mitte des Kreises, der
Mnch ohne Kappe kniete nieder, betete, legte sein Haupt auf den Block, und der
Laienbruder trennte es mit einem Hiebe von dem Rumpfe, das alles in einer
Schnelligkeit, da mir schwindelte; in halber Ohnmacht hrte ich das Lied
Oremus pro fideli defuncto singen; der Krper wurde zurck in die Totenkammer
gebracht, der Zug der Mnche ging bei Glockenklang in die Kirche.
    War es die Wirkung dieser schaudervollen Erscheinung, oder trug ich die
Krankheit schon im Blute, am Morgen lag ich im heftigen Fieber, aus dem ich nur
fr einzelne Stunden erwachte und bald wahrnahm, da ich in ein anderes besseres
Zimmer gebracht sei, das eine Aussicht auf ein anderes groes Gebude hatte. Ich
wurde sehr gutmtig in meiner Krankheit gepflegt, ich vermied, von jener Nacht
zu sprechen, doch endlich brachte mich mein Wrter, Pater Posidonius, selbst auf
dieses Gesprch, indem er mir erzhlte, da ich immer von einem Mnche
phantasiert htte, dem der Kopf abgeschlagen worden. Ich erzhlte ihm das
schaudervolle Nachtgesicht; er hrte zu und versicherte, das habe alles seine
Richtigkeit, ihr Kloster habe das Recht ber Leben und Tod, und der
Hingerichtete sei wegen einer Verbindung mit einer vornehmen Nonne im Kloster
gegenber hingerichtet worden. Hier hat er gewohnt, sagte er, von hier sah er zu
der Nonne ins Fenster, hier wurde er auf Befehl des Abtes weggebracht, und die
Verzweiflung gab ihm den unseligen Gedanken ein, sich kunstreiche Flgel zu
machen; das gelang ihm nicht, er kam nicht zu ihr, sondern in den Himmel, es war
eine treue Seele; sie wei nichts von seinem Tode und wartet tglich, ihn zu
sehen, denn dort haben sie kein so strenges Gesetz wie bei uns. Es wre ihm auch
nie etwas geschehen, sagte der Mnch sachte, aber der Abt hat selbst ein Auge
auf die schne Nonne geworfen.
    Kaum war der Mnch fort, so sah ich verwildert im Zimmer umher, ich wnschte
mich weit fort, ich dachte, der Unglckliche werde mir mignnen, durch das
Unglcksfenster, was ich bisher nicht der Mhe wert geachtet hatte,
hinauszublicken; wenn eine Maus durch die Kammer lief, glaubte ich seinen Geist
herschreiten zu sehen. Kaum war ich hergestellt, so wollte ich weiterziehen;
aber mir ward angedeutet, da ich die Mhe und die Kosten, die ich dem Kloster
gemacht, durch kirchliche Dienste abverdienen sollte, so blieb ich halbgezwungen
zurck. O wre ich mit Gewalt herausgebrochen, htte mein Leben selbst nicht
geschont!
    Es war an einem Sonntag abend, als ich ermdet vom Beichtstuhl mich an das
Fenster setzte, um die frische Luft zu genieen, die, mit Wohlgerchen aus dem
Garten der Nonnen durchdrungen, sich begierig in unsere Zellen ergo; da sah ich
zum erstenmal nach dem Turme mir gegenber und erblickte in der hchsten
Klarheit bei einer Lampe eine Heilige an einem Stickrahmen, denn heilig war sie
mir, das schwre ich im Anblick der Waage, die vor uns am Himmel sichtbar
geworden, mag der ewige Richter mein Herz wgen. Mein Auge sah immer weiter und
klarer, mir ward, als stnde ich unsichtbar neben ihr, so sah ich mich hinein in
jeden Zug des hohen jugendlichen Gesichtes; ich fhlte zu ihr alle Liebe, die
ich bei meiner Schwester aufgegeben. Sie fuhr pltzlich von ihrer Arbeit auf,
versteckte sie unter ihrem Bette und entriegelte die Tr; es trat eine frhliche
alte Nonne mit einem Schachbrette herein, sie kte meine Heilige, beide setzten
sich nher zum Fenster und legten das Schachbrett auf einen kleinen Tisch; die
Heilige spielte mit den weien Schachfiguren, die Alte mit den schwarzen. Das
Spiel begann; ich sah die sanfte Aufmerksamkeit der Heiligen, die Bosheit der
Alten; jene betete, diese fluchte mit ihren Augen, und beiden wurde gewhrt. Die
Nachtfalter, die erst vor dem Fenster und an der Lampe sich umhergetrieben,
verwandelten sich in Gestalten; rtliche kleine buntgeflgelte Engel umflogen
die Heilige und setzten sich auf die Figuren, die sie ziehen sollte; dahingegen
kleine schwarze geschwnzte Teufelchen mit Fledermausflgeln die Gegenzge der
Alten bezeichneten. Der Kampf des Guten und Bsen wurde auch in meiner Brust
gestritten bis tief in die Mitternacht; endlich sah ich, da meine Heilige
ermdete, sie sah nicht mehr die Engel, und die Alte ging triumphierend mit dem
gewonnenen Spiele fort. Die Heilige sank ermdet ber den Sessel, und die Teufel
und der Wind spielten in den Falten ihres Gewandes. O du heiliger Gott, welch
ein welttrumender Sinn ging mir da auf, da ich die Welt htte verachten mgen;
weichliches Gras des Frhlings und glatte Frchte des Herbstes und Sommerquellen
und Winterschlaf, alles in erstem Weine des Lebens berhret, erstes Atmen des
lebendigen Wortes, worin die Welt sich verklrt; Wunder des Glaubens, das
Unmgliches der sehnenden Seele gewhrt; Flle der Freude, die in allem
widerklingt, von allem uns wiederkehrt: ihr seid doch geahnt; aber die Liebe in
einem kindisch-ernsten Gemte, die in einem Augenblick Jahre reift, die ist
nicht geahnt in den Abgrnden ihrer trauernden Wollust, die den Menschen
vernichtet, whrend er mit allem Leben zu prangen scheint.
    Lieber Sohn, ich vergesse, da ich dich nicht zu lebhaft an das menschliche
Fleisch erinnern sollte; aber was kann ich dafr, es war eine Aufwallung, von
der mir noch jetzt der Mund bergeht; sie wute nichts von meiner Glut, in der
alle Sterne wie glhende Blasen zersprangen und den Morgenhimmel rumten. Sie
hatte fest geschlafen, bedeckte sich im Erwachen, sah empor zur blauen Luft und
sang sehr traurig:

Als ich im Grase noch spielte,
Sah ich den Himmel nicht an;
Ob er da glhte und khlte,
Nimmermehr fhlt ich den Bann,
Der ber den Bergen und Talen
Wirket in ewigen Zahlen.

Winter war freundlich willkommen,
Brachte der Frchte so viel,
Frhling war nimmer beklommen;
Selig verarmt das Gefhl
In Jahren, die frhlich vergessen,
Glcklich, wer gar nichts besessen.

Seit ich im Herzen vermhlet
Seufz im vermauerten Haus,
Hab ich den Himmel erwhlet,
Ahne die Wolken voraus,
In ihnen ist ewig Entstehen,
In mir ist ein irdisch Vergehen.

In dieser Trauer lag mein Mut, ich trat hervor an mein Fenster und nie in meinem
Leben hat mich Unwrdigen ein so herrlicher Blick getroffen; alle Adern taueten
auf, und mein Leben drang dem Tage vor. So stand ich, und meine Augen sprachen;
sie aber ergriff das Blatt einer Pappel, die vor ihrem Fenster zitterte, schrieb
mit zierlicher Schnelligkeit darauf, warf es geschickt in den Wind, und der Wind
warf es auf meine Lippen, und als meine Lippen sich satt gekt, da lasen meine
Augen unermdlich, was sie darauf geschrieben: Selig jeder Morgen, wo du mir
erscheinst, meines Herzens Heiliger, doch selig vor allen der, wo ich dich
wieder sah nach langen Tagen; sieh, alles ist grn geworden, und mein Herz geht
auf mit tausend Sonnenblumen zu dir, der Himmel ist hell und deine Wangen
glhen; wo warst du so lange?
    Ich las die Worte mit seligem Entzcken, aber wie Kinder die heilige
Schrift: sie glauben daran, sie wissen die Worte, aber sie verstehen nichts.
Woher kannte sie mich? War ich dem armen Snder so hnlich, den die Liebe zu ihr
unter das Beil gebracht? Wie sollte ich ihr antworten? Durfte ich ihr antworten?
Wollte sie auch mich verderben; Ich fragte es, und doch war mir dies Verderben
so schn. Bald schrieb ich zu ihr auf Blttern und vertraute sie dem Winde, ich
durfte ihr nichts von dem Unglcke dessen sagen, den sie in mir begrte, aber
ich klagte ihr mein Unglck, da ich sie liebte; jedoch der Wind, der uns einmal
begnstigte, schien uns jetzt fr immer feindlich abgewendet; ich sah jedem
Blatte wie einer geflgelten Seele nach, aber sie strmten alle fort, bis die
Zeit kam, die mich in die Kirche rief. Mit welchem Widerwillen begegnete mir
jetzt der Weihrauchdampf, seit mich die Grten der Nonnen mit Frhlingsduft
gestillt hatten; wie schrecklich sahen mich die gebrunten Heiligenbilder an,
seit ich die blendenden Hgel, in denen der Mondschein weidet, wenn er der Welt
versteckt ist, mit allen Herzensschlgen zittern und schimmern gesehen. Dann
aber erzitterte der feierliche Gesang des Miserere wie ein Erdbeben durch einen
Donnerschlag meine Seele bis zum tiefsten Grunde; mit jedem Worte glaubte ich
mich strafbarer und verworfener; ja, als mich dazwischen der Gedanke an die
Nonne umschlang, glaubte ich der Teufel selbst zu sein, der sich der
Gottseligkeit nur beflissen, um mit erneutem Jubel seine Sndenlust zu
empfinden. Aber meine Trnen, die ich in langen Nchten mir zur Bue und in
halber Ohnmacht vergo, lschten nimmer die Wonne des Tages aus, die mir
gegenber in immer neuen Lockungen erschien; und ihre Trnen, die ich mehrmals
auf ihren Wangen wie Diamanten in spielendem Sonnenlichte flimmern sah, rhrten
mich mehr, als alle Blutstropfen des Herrn, wie er von seinen Feinden gegeielt
worden. In diesem Kampfe mit mir vergingen Monate, in denen ich durch die
Strenge meiner Bue den vollen Ha aller Mnche auf mich zog, die froh lebten
und meine Bue einer eitlen Lust nach frommer Auszeichnung zuschrieben; jeder
lauerte mir auf, aber mein Wandel war nur tief in mir strafbar; was vor der Welt
erschien, htte heilig genannt werden knnen. Immer seltener sah ich mein heilig
Sndenbild; sie schien zu trauern.
    Es war ein dunkler Freitag, als ich nach langem Kampfe Abends an das Fenster
trat und zu meiner Teufelin hinber blickte; wie erstarrte ich aber, als ich
heftig in ihrem Zimmer reden hrte und bald darauf sie selbst, verstrt, mit
fliegendem Schleier, das Fenster erffnen sah, hinter ihr den Abt unseres
Klosters, der sie mit Angst zurckzuhalten strebte. Wie es mich bernommen, wie
ein Stein in meine Hand gekommen, wie ich es gewagt habe, ihn auf den Verfhrer
zu schleudern, der ihr so nahe stand; noch jetzt schaudert mir und schwindelt
mir.
    Nach einer lngern Unterbrechung, wo Rappolt seinen Kopf gehalten, fuhr er
ruhig fort:
    Mein Stein hatte den Abt am Haupte verwundet; ich, ohne mich zu verbergen,
stand in drohender Stellung am Fenster, alle dankbaren Blicke aufzufangen, die
mir aus den Augen der Nonne strahlten. Der Ruf des Abtes hatte bald die alte
Frau herbeigerufen, die an jenem Abende der Versuchung Schach gespielt hatte; er
ward fortgebracht, und drohend zeigte ich ihm noch meine Faust, und so stand ich
noch mit dem Gefhle eines Befreiers, als ich schon von Mnchen umgeben und
gebunden wurde. Ich fluchte dem Abt und seinen Missetaten, aber Posidonius, der
bei mir zur Wache blieb, riet, an meine eigene Seligkeit zu denken. Wo war meine
Seligkeit? Die Grausamkeit eines Eiferschtigen hatte mich in der Wohnsttte
meiner Liebe gelassen; aber wohin war sie entfhrt die meiner Augen Lustgarten,
Ernteflur und Himmelsplan war. Mein Jammer ging dem harten, alten Mnche zu
Herzen: O rief er einmal, wie wunderbar hnlich seid Ihr in Eurem Schmerze dem
armen Wolf, den gleiches Unglck und gleiche Liebe mit Euch verbunden; oft schon
sah ich verwundert die hnlichkeit Eurer Zge, hnlicher knnen Zwillinge nicht
sein; er wollte zu ihr fliegen, die euch verdirbt; von dir sind die Bltter zu
ihr geflogen, du bist entlaubt.
    Bei dem Namen Wolf gewann mein Bewutsein fr alte Erinnerungen Raum: Wolf
sagt ihr? Wohl hatte ich einen Bruder in meiner Kindheit, den ich herzte und
ehrte und von dem ich nichts wei; aber wenn der Unglckliche geliebt hat wie
ich, so war er sicher mein Bruder.
    Ich kann Euch sein Geschlecht wohl nennen, er vertraute es mir in den
letzten Tagen; sein Vater hatte sich neu vermhlt und seine Kinder erster Ehe in
Klster gebracht; er soll ein harter Mann gewesen sein, und darum mochte er wohl
heien der Graf von Stock.
    O mein armer Bruder, so wurdest du aus meinen Armen gerissen, da ich dich
sterben she als ein unschuldiger Snder, von der Mrderhand falscher Gerichte;
bald gren wir uns und tragen zusammen unsere blutigen Kpfe vor den
Richterstuhl des Herrn.
    Er wird jedem nach seinem Verdienste lohnen, sprach Posidonius. Wer aber
soll seine Ehre verknden auf Erden? rief ich. Und wie soll mein Vater bestehen,
wenn er sieht, wie er gewtet hat mit den Gliedern seiner Zukunft, mit den
letzten sten seines Stammes, auf dem auch er erwachsen?
    Sorge nicht fr ihn, sprach Posidonius, denn dir selbst steht noch das
Schwerste bevor.
    Er lie mich bald allein, und der Jammer ber den Untergang meines
Geschlechtes strmte in wilden Klngen von meinem Herzen, bis mich das Dunkel
des Abends umgeben hatte; da klinkte es sacht an meine Tr, und ein verhllter
Mnch trat leise herein, blickte mich an und fiel dann zu meinen Fen.
    Du solltest sterben um mich, rief eine Stimme, die ich nie in solcher Nhe
vernommen, die ich aber kannte, wie wir den Himmel erkennen an Wohlwollen; aber
ich rette dich, fliehe von hier, kmmere dich nicht um mich, wir sehen uns
wieder.
    Warum sollte ich sterben, warum sollte ich fliehen? fragte ich. Nur bei dir
zu bleiben nenne ich leben.
    Du bist verloren, sprach sie, der Abt hat Bltter mit Liebesworten von dir
dem Gerichte vorgelegt, die du dem falschen Winde fr mich anvertrautest; er hat
seine Wunde erffnet vor dem Gerichte, die du ihm geworfen, als er mich, sein
Beichtkind, abhalten wollte, nicht nach dir zu blicken.
    Hab ich es darum getan?
    O Himmel, sprach sie, ich wei am besten die Beichte, die er von mir
verlangte; aber siehe, dein Leben ist sonst nicht zu retten, ich mu schweigen.
    Vor einer Stunde, so sprach ich, wre ich deinem Willen gefolgt, jetzt habe
ich keinen Willen mehr; hier will ich sterben, hier, wo mein Bruder Wolf
blutete; dieselbe Sichel soll uns beide abmhen.
    O sprich, rief sie bestrzt, ich ahne und zweifle; wohl hab ich es lnger
vermutet, es seien euer zwei, die ich gesehen und liebte; du schienest mir
grer und bleicher.
    Die Sonne ging unter, der Mond ging auf; mein Bruder fiel an dem Abend unter
dem Beile, wo ich als ein mder Wanderer hier eintraf; unsere Liebe ist gleich
zu dir; er baute sich khne knstliche Flgel, zu dir zu gelangen, aber die
Eifersucht hemmte seinen Flug - auch meine Flgel sinken dem Grabe zu, und ich
bin mde des Weges; dich habe ich gesehen, ich fhle deinen Mund an meinem,
deine Trnen rinnen auf meinen Backen, und meine Trnen kssest du auf; mit dir
htte ein herrliches Geschlecht hervorgehen sollen, mein Geschlecht sinkt. -
Diese Ksse, die ich dir reiche, schenkte mir die vielgeliebte Mutter; begegnet
dir auf Erden meine Schwester Gloria, teile sie mit ihr.
    Gloria, rief sie, wer ruft mich, das ist mein Name, aber mein Herz ruft
Jammer; sage, wie wandelt sich alles um, das Feuer wird fest und die Erde
flchtig, und das Freudige will ich fliehen und die Leiden mir wnschen; ich
fhle dein Herz, und sein mchtiger Schlag sagt, da du stammest von den
Wchtern der Kronenburg, Rappolt, geliebter Bruder!
    Stirn gegen Stirn lagen wir so im stummen Erstaunen an einander und
jammerten, und sie sang mir, wie sie als Kind getan, von den Wellen, die an den
Himmel schlagen, und von den Sndern, die an der Himmelstr singen; ich aber,
ber allen Jammer hingetragen von dem sanften Flgel des Schlafes, besiegt von
seiner Macht, sank in seine empfindungsloseste Tiefe; schwarz ward es rings, und
kein Traumbild wagte sich in diese Tiefe. Aber allmhlich, wie ein Leichnam,
der, tief im Wasser versunken, in der Sehnsucht zum Lichte wieder aufstrebt, so
fhlte ich ein Erbeben und endlich ein farbig Begren in den schillernden
Wellen, in denen die aufgehende Sonne sich spiegelt. Bald lag ich in den Armen
der Schwester, und alle Scheu, die mich sonst von ihr geschieden, war vergessen;
ich wute gar nicht mehr, da sie mir Schwester war und Nonne; ich fhlte nur
mit wildentbrannten Sinnen, da sie ein Mdchen, da sie mein. Doch als ich
ihres Leibes Wonne suche, da meine ich, des Klosters Glocken schreien zu hren;
ich fhlte ganz, da mich ein Traum getuscht, ich aber wollt's nicht wissen,
ich wehrte mich, die Augen zu ffnen, um zu genieen aller Lieblichkeit. Was in
jener zarten Welt des leeren Spiels gestrt, das lebt nicht mehr; ein Windsto
zerreit die zarten bunten Flgel, die in einer Nacht sich entfalten und
versinken; seit ich die Glocken gehrt, drckte ich das Traumbild meiner Lust
immer gewaltsamer an mein Herz, da mich Gloria wie einen Heiligen umschlo, der
sich in Strahlen vor der Welt verstecken mchte. Aber immer lauter wurden die
Glocken; ich ffnete gezwungen und doch mhsam ein Auge und schlo es dann
wieder und wollte forttrumen; ich wute nicht, wo ich war, als ich es wieder
erffnete; die Erinnerung sammelte sich erst allmhlich bei dem Gelute und bei
verwirrten Stimmen, die ich hrte; ich wollte aufspringen, aber noch hielten
mich die Fesseln, mir war, wie in jener Nacht der Hinrichtung; aber bald sagte
ich mir, da ich schon hingerichtet sei, bald, da ich hingerichtet werden
sollte; alle Vorstellungen liefen ber einander und suchten einander auf
unendlichen Windeltreppen; nur eins glaubte ich wirklich und jammerte dessen,
die Schuld mit meiner Schwester; das Fieber hatte mich durch und durch wieder
ergriffen, was mich bei dem Eintritte in das Kloster berfallen hatte. Selige
Tage der Krankheit, die Welt liegt abgestorben fern, aber in uns blht alles und
regt sich in seinen bergngen; die verstndigen Stunden wagte ich nicht, durch
Fragen zu stren, und wenn ich fragte, antwortete mir Posidonius so unbestimmt,
da ich bald daraus schlo, er drfe mir nichts sagen; auch sah ich, da man
mich aus meinem Zimmer in ein entferntes Gartenhaus gebracht hatte wo mir mit
liebevoller Sorgfalt allerlei Blumen ums Bett gelegt wurden, die ich in der
Bewutlosigkeit des Fiebers gern streichelte und befhlte.
    Langsam genas ich und nahm mir endlich vor, was sich im Kloster ereignet, ob
ich nur zur Hinrichtung so mhsam aufgepflegt wrde, zu erforschen, als ein
ernster Ritter mit weien Haaren und verweinten Augen zu mir eintrat; er strzte
an meinem Bette nieder und sprach nach langem Schweigen: Sohn, wenn du wtest,
wie schwer es einem Vater wird, sein Kind um Verzeihung anzuflehen, du wrdest
mich aufheben.
    Vater, sprach ich, wenn Ihr es seid, was habe ich Euch zu verzeihen: Aber
ich bin zu schwach, Euch aufzuheben.
    Darin zeig dein Verzeihen, sagte der Vater, da du in Geduld abwartest, bis
ich dich stark genug wei, alle Ereignisse, die uns betroffen, anzuhren; jetzt
vernimm, da du nicht mehr Geistlicher bist; der Papst hat mein Flehen erhrt,
deine Gelbde gelst; du ziehest jetzt heim mit mir, um das Geschlecht der
Graten von Stock fortzufhren und ihren schweren Dienst zu vollbringen.
    Das Fieber hatte alle Heftigkeit in mir gelscht, aber nach Freiheit atmete
ich noch, und das Unbestimmte, was mir begegnen und was ich erfahren knnte,
strkte meinen Willen, gesund zu werden. Nach einer Woche war ich stark genug,
mich auf ein Pferd setzen zu lassen; erst jetzt wagte ich es, nach meiner
Schwester Gloria zu fragen; der Vater drehte sich zur aufgehenden Sonne und
wischte sich die Augen, als ob er geblendet wre, und sprach: Keine Frage,
lieber Sohn, ihr ist wohl, ein guter Vater sorgt fr alle seine Kinder.
    Als wir so an der Ebene stillschweigend hinuntergeritten waren, wo alles mir
wie eine neue Welt schien, da sprach meines Vaters Knecht: Herr, jetzt geht es
hellauf.
    Gut, sagte er, in der Hlle wird es ihnen heier werden.
    Ich blickte um und sah die wohlbekannten Zinnen und Trmchen der beiden
Klster hellflammend; erst glaubte ich im Morgenrot, aber die Mauern wurden
durchsichtig, und der irdische Dampf rang mit dem ewigen Lichte; da wandte ich
mein Pferd und wollte zurckeilen: Gott, meine Schwester! rief ich.
    Sie ist nicht mehr dort, rief mein Vater, sie ist nicht mehr hier, kein Auge
kann sie sehen, kein Ohr sie hren, sie lebt in den Gedanken, sie ist bei Gott!
    So will ich bei ihrem Grabe bleiben und wie eine Zypresse einwurzeln, rief
ich.
    Ihr Grab ist nirgends, sagte mein Vater, der teure Leib ist zu Asche
verbrannt, von der Luft verweht; so soll auch dieses Haus der Grausamkeit und
der Schande zu Asche verwehen, denn dieses Feuer habe ich angelegt.
    Vater, Eure Worte haben mich wie Stahl gehrtet, sagt mir alles, wie es sich
verlaufen, denn trauern werde ich um alles, was mir geschehen, um alles, was ich
wei, und um alles, was ich wissen mchte.
    Noch ist es nicht Zeit, sagte er, und ritt stillschweigend fort.
    Wir kamen nach dem Schlosse Stock; er stellte mich seiner zweiten Frau, mit
der er in mivergngter kinderloser Ehe lebte, als den Erben seiner Gter und
seiner ganzen Liebe vor; die Frau weinte und schien erfreut, ihr einsames Haus
durch mich belebt zu sehen; mir aber war das Haus zum Verstummen einsam; das
Geheimnis, das mich erdrckte, verschlo mich mitten in Waffenzgen, in denen
ich mich jetzt statt am Brevier bte, dem ewig Erneuenden der Tage. Kam ich
heim, so blieb ich Tage lang vor den Bildern meiner Ahnen stehen; sie umlagerten
mich auch Nachts; ich trumte von ihnen das Abenteuerlichste, und beim Erwachen
dachte ich mir schrecklich die Ewigkeit, wenn ich sie immer mit diesen
Verwandten, mchten sie auch noch so gut sein, zubringen sollte. Mehrmals
erinnerte ich meinen Vater, das Geheimnis mit meiner Schwester aufzuklren; ich
sehnte mich selbst nach dem Schrecklichsten, wenn es nur das Geheimnis meines
Unglcks aufklrte und mich mit lebendigen Bildern erfllte. Er aber sagte
ernst: Erst sollst du ein Mann werden und heiraten, ich habe fr dich gewhlt,
aber du wirst meine Wahl besttigen. Ich sagte ihm, da ich nur fr den Preis
des Geheimnisses heiraten wrde; er bewilligte das. Nicht lange nachher traf
ich, heimkehrend von einer Fehde, deine Mutter, mein Anton, bei meiner Mutter an
sie hie Mathilde von Amorbach, war ernst, schn und bergro, fast einem Manne
hnlich an Bildung, aber ihre sanfte, bescheidene Stimme machte sie bald als
Weib kenntlich. Wir wuten beide was wir miteinander sollten, man lie uns
allein, wir schwiegen lange, endlich sprach ich: Mathilde, seht diesen Ring;
sonst sa ein heller Demant in seiner Mitte, aber der Demant fiel durch einen
heftigen Schlag des Geschickes ins Meer; da liegt er unversehrt, nichts kann ihm
schaden, hell und klar liegt er in der Tiefe, wei aber nicht, wo er ist. Auch
kann ihn kein Mensch herausziehen, mein Herrlichstes ist mir verloren. Dieser
Goldring, der ihn fate, es ist reines Gold, aber er wurde nicht gesehen vor dem
Glanze des Diamanten; jetzt ist er mein alles, kann er Euch gengen? Was von mir
brig ist, soll Euer werden.
    Mathilde senkte die Augen und sprach: Ich will mit Euch trauern um alles,
was Ihr verloren, ich werde es aber nicht vermissen, denn ich kannte es nicht;
was Ihr mir bietet, ist mir aber schon zu viel, denn ich habe nur einen Ring von
Zinn, den ich Euch dagegen bieten kann.
    Darauf sagte ich ernst: Weil Ihr denn meint, da Euer Ring zu leicht sei, so
legt die Hand dazu auf die Waage, und ich lege mein Herz darein. Ich drckte bei
diesen Worten ihre Hand an mein Herz; unsere Eltern traten ins Zimmer, wir
knieten nieder, und sie segneten uns ein.
    Nachdem die Hochzeit vollbracht, strten mich nicht mehr die Ahnenbilder in
Trumen; die Ebene und die ersten Hhen waren rings in mir frhlich bebaut, nur
auf dem Gipfel lag der alte Schnee. Du warst unser erstes und einziges Kind;
dein Gemt kenne ich noch nicht, aber dein mchtiger Krperbau erinnert mich an
deine Mutter, die ohne Prahlerei, nur wenn ich es ihr geheien hatte, Hufeisen
zerbrechen konnte und Zentnerlasten mit einem Finger heben. Als du geboren und
getauft, fhrte mich der Vater auf die Kronenburg; er zeigte mir das groe
Geheimnis und das knftige Geschft meines Lebens, den schweren Dienst und die
unbestimmte Hoffnung; dann fhrte er mich nach kurzem Gebet den schwindelnden
Gang, auf den er mich schon lange durch Versuche, an hohen Felsen, an Gebuden
anzuklettern, vorbereitet hatte. Der Gang ist frchterlich; ich schwre, da
kein Feind, und wenn er die ganze Burg erstrmt, es wagt, auf die Spitze des
Turmes zu steigen, wo die Krone liegt; und doch ist dies der einzige sichtbare
Zugang. Dieser Turm ist eine zweihundert Fu ber das hchste Gebude
hervorragende Sule, an der die schmalen Stufen, auf denen nur zwei Fe Platz
zum Auftritt finden, ringsum in freier Luft ohne Gelnder laufen. Der Blick
vorwrts geht bald in unendliche Tler, bald in Felsengeklft, je nachdem sich
der Weg windet; unter einem erscheinen da abwechselnd Straenpflaster, Giebel
von Husern, die Luftbogen der Architektur, in denen die Vgel nisten; die
Menschen aber wenden die Augen weg, um nicht nachzusehen; es ist ein Gang, den
jede Fliege zum Spa geht, wohin aber der Mensch nicht gehrt, - mein armer
Anton, du mut ihn auch noch gehen. - Der Vater sagte mir, ich mchte nur ein
herzerfrischend Lied singen. Ich fing an eine lustige Weise zu pfeifen, aber
kaum war ich einmal um den Turm herum und konnte nicht mehr zurck, da sah ich
vorwrts alles doppelt; Vater, sagte ich und klammerte mich an die Stufen, ich
seh zwei Treppen, die laufen so dicht beisammen, da ich nicht wei, auf welche
ich treten soll.
    Es hat ja keine Eile, antwortete er; halte dich nur fest, ich will auf
meiner Stufe auch ruhen; ich habe mir so vorgenommen, dir endlich ein Geheimnis
aufzuklren, was so lange auf dir gelastet hat.
    Wo ist meine Schwester? fragte ich.
    Sie ist tot, antwortete er.
    Vater, ich sehe jetzt klar, rief ich, was unter mir ist, reizt und schreckt
mich nicht mehr, wir knnen ruhig ansteigen durch den Saum der Wolke, der meinen
Scheitel umhllt.
    Das Wort hatte mir Totenruhe gegeben, mit dem Worte war ich von der Erde
frei; ruhig ging ich die Stufen hinauf, als wre ich Jahrhunderte schon wie ein
Stern auf und nieder gegangen, kein Schwindel war mir schrecklich; ich sah mich
selbst in der Leere ber der Erde, ich schwebte und erschien mir in dem
bisherigen Verhltnisse zu mir tricht, es war jetzt Ernst geworden. -
    Verkrzt den Weg mit der Erzhlung, bat ich den Vater, ich will warten, wenn
Euer Atem zu kurz wird. -
    Lieber Sohn, sagte er, noch weit du nicht, warum ich euch in so frher Zeit
so hart auseinander gerissen; der gute Niklas war um euch besorgt, da eure
Liebe zu einander sndlicher Art sei, und als ich euch verschlungen in einem
Bette fand, da bernahm mich der Zorn; ich verschwor euch Shne dem Kloster und
wollte von einer andern Frau mir Erben gewinnen; die Tochter aber brachte ich zu
einer Verwandten nach Kostnitz. Diese Frau lebte mit vielen Menschen in
weltlicher Frhlichkeit, aber Gloria wandte sich zur Einsamkeit und Bue, wo ihr
der Herr erschien und mit ihr in Stunden der Entzckung sprach und sie ermahnte,
in das Kloster zu gehen. Sie war nach dieser Erscheinung gleich willig dazu,
aber alle ihre Bekannten, die so herrlich sie aufblhen sahen, suchten sie mit
Liebe und Gewalt zurckzuhalten; dies verzgerte ihren Eintritt, aber vernderte
nicht ihren Entschlu; ich mute ihrem Flehen nachgeben, obgleich es mich schon
damals, nachdem ich lange vergebens auf Kinder von meiner zweiten Frau gehofft
hatte, schwermtig reute, da ich meine beiden Shne von der Welt abgeschieden
hatte. Ihr Abschied war ein Zeichen fr mehrere junge Ritter, in fernen
Kriegszgen Zerstreuung und Ersatz zu suchen. Vor allen schmerzlich war das
Scheiden eines Ritters von Lilienfeld, der nach Jerusalem zog; aber auch sie
ging nicht in den Frieden ein, auf den sie gehofft hatte. Das Kloster war
heimlicher Snde voll, und die btissin, eine frhe Freundin des Abtes, den dein
Wurf verwundete, suchte seine Neigung sich zu erhalten, indem sie ihm die
reizendsten ihrer neuangenommenen Novizen opferte. Meine arme Tochter ahnte
nichts davon, sie sah den Abt als einen ehrwrdigen Beichtvater, auch war ihr
ganzes Gemt von der Erscheinung deines unglcklichen Bruders Wolf erschttert,
der in dem Kloster, ihr gegenber, angekommen, ihr das Bild des Herrn, das ihr
im Entzcken vorgeschwebt, fest und deutlich vor Augen mit zrtlichen Blicken
hingestellt hatte. Sie beichtete diese Erscheinung dem Abte; er legte ihr
leichte Bue auf, deinen Bruder aber beschlo er aus Eifersucht zu verderben.
Nun trug dein Bruder den geistlichen Stand mit grerem Widerstreben als du; die
Leidenschaft zur schnen Nonne raste in ihm; unbekannt mit der Welt, von der er
so lange geschieden, suchte er in dem Kreise seiner Beschftigungen mit
mechanischen Kunstwerken seiner Leidenschaft Hlfe und Rat. Unsglich war die
Mhe, sich die Gertschaften heimlich zusammenzubringen, um sich Flgel zu
bilden, die Geliebte gegenber aus dem Turme fortzutragen. Der Abt hatte ihn
schlau umstellt; beim ersten Versuche wurde er gefangen - du hast ihn sterben
sehen. Du kamst in gleiche Schlingen des Satans, und meine Tochter wurde von der
btissin angeleitet, sich dem Abte fr die Rettung deines Lebens zu versprechen.
In einem Kampfe, der zuletzt alle Besinnung erschpfte, lie sie sich die
Mnchskleider anziehen, sie wurde durch einen geheimen Gang zitternd und
ohnmchtig in das Zimmer des Abtes gefhrt. Er versprach ihr dein Leben.
    Bei diesen Worten waren wir auf der Spitze des Turmes angekommen; die Krone
lag vor mir, aber ich sah sie nicht; ich setzte mich nieder, sah in die Weite,
wo ein ausgetretener Strom ber die Wohnungen der Menschen hinrauschte, da sie
wie Schreckensfrchte an den drren Gipfeln der Bume hingen; dabei bi ich mir
auf die Finger, und der Schmerz war mir Wollust. Als mein Vater diese Heftigkeit
in mir erblickte, legte er mir Ketten an die Glieder und heftete mich fest; dann
fuhr er fort: Mein Sohn, da ich dich so schmerzlich ankette, tue ich dir zur
Sicherheit. Gloria ging, dir Lebensrettung anzukndigen, ihr erkanntet einander;
jetzt sah sie, da du ohne ihre schreckliche Aufopferung zu retten gewesen
wrest; wer konnte es dir verargen, zu deiner Schwester zrtlich geschrieben zu
haben? was du dem Abte getan, erschien jetzt nicht mehr als verliebte Raserei;
das aber fhlte sie nur wenig, eins wute sie nur, da sie in ihrem Schimpfe
nicht fort leben knnte. Du versankst in Ohnmacht und sie in Verzweiflung, aber
ihre Rettung und ihr Tod waren nahe. Der Abt hatte seine Lust gekhlt, jetzt
blieb ihm nur die Rache gegen dich; er brach sein Wort und sendete die Gesellen
seiner Bosheit, dich zum Richtplatze zu fhren; die Schwester glaubte er schon
zum Kloster zurck. Die Glocken luteten; sie mu aus den Reden der Mnche
erfahren haben, da sie dich zur Hinrichtung fhren wollten, sie ist ihnen
entgegengetreten im Dunkel und hat ihnen wie mit erstickter Stimme, wodurch sie
getuscht worden, erklrt, da sie alle Bande zerrissen, da sie aber freiwillig
sterben wolle. Die Mnche haben sie ergriffen und in stiller Feierlichkeit zum
Richtplatz gefhrt. O mein Sohn, rief er hier, wie habe ich jahrelang diese
Krone bewacht, die ich nie trage! und dieses Kind, das meine Frau getragen in
Liebe und Schmerzen, habe ich ohne Wache in der Welt irren lassen!
    Erst als sie enthauptet, erkannte der Laienbruder ihr Geschlecht, und diese
Herrlichkeit schmetterte sie alle nieder, denn sie wuten nun alle, da sie
getan, was nimmer zu vergten und mit jeder Stunde, bis zur letzten, immer
schwerer auf ihnen lasten, dann aber sie alle in die Gewalt ewiger Glut bringen
werde. Der Abt, den das verwirrte Geschrei herbeizog, verfiel in wilde Raserei;
er wtete mit dem Beile gegen den schnen Krper und gegen alle, die ihn
zurckreien wollten; endlich wurde er mit Steinen von ihnen
darniedergeschmettert, sie bereiteten einen Holzsto und verbrannten die beiden
Leichname; wie eine lnderverdende Pestilenz zog der Qualm des Abtes ber die
Stadt, aber die Leiche der Tochter wollte die Flamme nicht ergreifen, ihre
Wunden bluteten noch nach mehreren Tagen frisch wie am ersten. Da erwachte das
Gewissen eines Mnchs, er lief in die Stadt und verkndigte die Missetaten; da
kam der Ritter von Lilienfeld, der sich einst aus Liebe zu ihr in den Krieg
geflchtet, drang in das Kloster und erkannte ihre Zge. Es drangen die Brger
von Kostnitz in das Kloster, und jeder erkannte sie; da zerfiel sie in Asche,
der Wind hob sie empor wie den fliegenden Sommer, von dem wir nicht wissen,
woher er komme, noch wohin. Schnell war die Verhaftung der Schuldigen erfolgt,
du wurdest gepflegt von Mnchen, die unschuldig erfunden; ich erhielt in Rom
meines Elends Kunde, mein Jammer hallte in den Toren des Vatikans, und mir ward
gewhrt, dich zurckzufhren in die Welt, in dir mein Geschlecht und die
schweren Pflichten, die auf ihm ruhen, erfllt zu sehen.
    So endete mein Vater, als ginge ihm Atem und Stimme fr immer aus; mich aber
ergriff ein Schwindel, als htte alles Blut einen andern Lauf genommen und flhe
mich, - mein Sohn, mein Sohn! stehe mir bei, denn mir wird wieder, als wre ich
ohne Sinne zu frh auf die Welt geboren - mein Sohn, mein Sohn, steh mir bei,
denn ich zerfliee wie ein Tropfen, der aus dem milden Auge meiner Mutter
hundert Meilen tief auf den harten Scheitel meines Vaters gefallen - mein Sohn,
mein Sohn...
    Bei diesen Worten strzte Graf Rappolt nieder; Anton sprang trotz seiner
Wunde auf, aber der Schmerz und die Schwche des Beines strzten ihn zurck;
Susanna war schon mit liebevoller Sorgfalt zu dem Ohnmchtigen getreten und rief
die Diener von dem Feste zu ihrem leidenden Herrn. Die Bestrzung war gro; alle
waren um ihn beschftigt, die Musik schwieg, das Getmmel erstarrte. Nach
wenigen Minuten gab der alte Graf wieder Zeichen des Lebens, aber er war schwach
und befahl leise, ihn auf sein Zimmer zu bringen. Anton wre ganz verlassen
zurckgeblieben, htte nicht Susanna jetzt wieder alle Sorgfalt auf ihn
gewendet; sie rief bald einige Leute zusammen, die ihn auf sein Zimmer brachten.
Erst hier sammelten sich alle zerstreuten Zge der Erzhlung; das Schreckenvolle
aller Ereignisse, welche die Seinen teils berstanden, teils das Gefhrliche des
Dienstes, wozu er berufen, drckten ihn nicht nieder, aber nichts von seiner
alten Weise stimmte mehr dazu; selbst seine Frau fgte sich nicht in diese
Entbehrungen und Anstrengungen, um einen so ungewissen Zweck zu erreichen; da
er nun erreicht habe, wonach er sonst frhlich gestrebt hatte, ein ritterlicher
Mann zu werden, das war ihm noch nicht so nahe und deutlich. Er brtete so in
sich, wie er noch nie getan, forderte zuweilen Nachrichten von seinem Vater, der
sich besserte, und schlief endlich ein, so tief, so fest, da er erst erwachte,
als die Sonne schon hoch am Himmel gestiegen.
    Susanna, rief er erwachend, guten Morgen! Schaff mir ein tchtig
Frhstck, denn gestern abend ist es mir zum erstenmal begegnet, da ich das
Abendbrot vergessen habe.
    Herr, sprach sie, von wem soll ich's Euch schaffen? sie sind alle fort.
    Was? Wer?
    Ja, Herr! es mochte Morgens zwei Uhr sein, da ward ein Gelaufe; ich fragte,
sie antworteten mir, der alte Herr befinde sich schlechter, sie mten ihn
fortbringen; ich sah ihn vorbeitragen, wei aber nicht, wohin sie ihn gebracht;
sie schlossen mich ein, und ich kann noch nicht heraus aus dieser Reihe von
Zimmern.
    Anton seufzte: Gewi ist mein Vater tut, oder sterbend; so habe ich ihn
gestern zum letzten Mal gehrt und seine Leiden, aber nicht das Geheimnis
vernommen, das ich bewahren soll. Wo werde ich die Kronenburg finden? Wie werde
ich erkannt werden! - Alle Herrlichkeit ist mir wie durch Zauberei gezeigt, aber
wie ich hingreifen mchte, so vergeht alles wie Luft.
    Als Anton nun so traurig sa, sprach Susanna: Lieber Herr, Ihr habt Euern
Vater so wenig gekannt, da Ihr diese Stunden wie einen Traum ansehen knnt;
sorgt fr Euch, denn ich vermag es nicht, allein fr Euch zu sorgen; ich vermag
nicht die Tren zu sprengen, die uns einschlieen.
    Sei nicht besorgt um meine Traurigkeit, sagte Anton, es ist uns ein
bergang, denn eigentlich schm ich mich vor jedem traurigen Gesichte, das ich
mache, und ich sage dir, du sollst mich noch bitten, da ich weniger mutwillig
sei.
    Mhsam erholte sich Anton und schlich, von ihr gesttzt, auf einem Fue zur
Tr, wo ein Druck von ihm das Schlo sprengte; dann ging er zurck zu seinem
Bette, und Susanna ging aus, im Hause nach Vorrten zu suchen.
    Sie blieb lange aus; endlich kam sie mit kaltem Fleisch, Brot und Butter,
auch Weinflaschen zurck; sie war aber sehr bleich und sprach: Herr, ich habe
oft gehrt von dem Schrecken groer Unglcksflle, von Erdbeben, welche die
Huser zerstren und die Bewohner vertreiben, wie da so mancher Unglckliche von
seinen sinkenden Glcksgtern niedergeschlagen wird; das mag schrecklich sein,
aber viel schrecklicher ist die Leere dieses Hauses, wo noch alles steht und
liegt, als wohnten viele darin, und nirgends begegnet einem eine sichtbare
Gestalt, in alle Winkel blicke ich und meine die Luft von Unsichtbaren bewohnt,
aber nichts bewegt sich, als die verlassenen Lieblinge in den Kammern; die Vgel
in den Drahthuschen schreien ngstlich nach Futter, das Rindvieh brllt, den
gewhnlichen Weideplatz zu besuchen; ich soll fr alle sorgen, so glaube ich mir
geboten, und kann mit keinem umgehen; ich habe in der Stadt in unserm Hause
nichts als Hunde und Katzen mit dem Kchenabfall gefttert. -
    Liebes Kind, sagte Anton, gib ihnen die Freiheit, und ihnen ist allen
geholfen, und jedes erhlt das Seine vom Himmel aus geset; nur uns mgen wir
bedauern, denn alles was wir brauchen, bedarf menschlicher Vorbereitung, - doch
keiner sorge fr den andern Morgen; setz dich zu mir, trink ein Glas auf deinen
Schreck; erst jetzt wei ich recht, was mich so trbsinnig machte, mich
hungerte; mit dem ersten Bissen, mit dem ersten Trunke fhle ich mich glcklich
wie ein Knig, und mir soll nimmer so Trauriges begegnen wie meinem Vater. -
    Herr, Ihr seid zu khn, sagte Susanna, wer viel ertragen kann, dem wird
viel aufgelegt, denn im Schweie seines Angesichts soll jeder sein Brot essen.
- Susanna aber holte das kleine Eichhrnchen das sie ihm den Tag vorher gebracht
hatte, aus dem Winkel, wo es sich in einem Schuh eingenistet hatte, und ftterte
es erst mit einigen Nssen, die sie noch gefunden hatte, ehe sie sich zu dem
Tische setzte. Nachdem die erste Lust der Speise gestillt war, fragte Anton:
Sag, liebes Kind, wer wird mich nun verbinden?
    Ach Herr, sagte sie, daran habe ich schon lange mit Sorge gedacht; wir
sind sehr unglcklich, doch hat mir die Mutter Gottes einen Gedanken eingegeben,
Euch zu retten, ohne mich vor Euch zu schmen; Ihr bindet mir die Augen zu und
fhret mir die Hnde, da ich die Wunde mit einem grnen Blatt und feurigen
Gebete schliee.
    Anton, dem ein Scherz einfiel, gab ihr recht in dieser Gesinnung, wartete
bis sie ein Blatt geholt, verband ihr die Augen und fhrte dann ihre Hand auf
seinen Mund, indem er den Kopf tief heruntergebeugt hatte; sie senkte darauf
ihren feinen, sanftgeschweiften Mund seinen Lippen nahe, ihr Atem strmte in
Gebeten wie ein Frhlingsregen ber ihn; darauf kte sie dreimal die vermeinte
Wunde, die sich so sanft anschlo, legte zwei grne Rosenbltter im Kreuz darauf
und verband den Kopf zitternd, aus Furcht ungeschickt zu werden, weil sie ihn
fr das Oberbein hielt, mit einem Tuche, dann kniete sie nieder, sprach noch ein
stilles Gebet und wartete, bis ihr Anton das Tuch von den Augen nahm. Anton
htte gern gelacht, aber der Verband hatte seine Lippen so fest verschlossen,
da er ernstlich frchtete, der Mund mchte zur Bestrafung seines Mutwillens
zugeheilt sein und allen sen Speisen verschlossen bleiben. Susanna war ganz
versteinert, ihn mit verbundenem Kopfe zu erblicken, und zwar mit demselben
rotgestreiften Tuche umwunden, das sie um sein Bein gelegt zu haben meinte. Er
machte ihr ngstliche Zeichen, diese Binde schnell abzunehmen, die sie aber
nicht gleich verstand, sondern ihm besorgt den Kopf hielt. Endlich lste sie den
Knoten, fand die beiden Rosenbltter auf seinem Munde und warf sich beschmt
ber sein Bett und verhllte sich in der Decke. Anton brachte mit Mhe die
Lippen auseinander, auch bluteten sie, so schnell hatte das Heilmittel sie an
einander geheftet; dann lachte er herzlich und schwor jetzt Susannen, sie nicht
noch einmal anzufahren; jetzt schmerzte ihn auch die Wunde so heftig, da er an
keinen Scherz dachte sondern eilig die Augen der lieben Retterin verband und die
Wunde seines Schenkels von ihr besprechen und verbinden lie. Die Linderung war
augenblicklich, er dankte ihr freundlich und fragte sie, was er ihr als
Gegengeflligkeit erweisen knnte; sie sah vor sich nieder und bat ihn, da er
jetzt Zeit und Farben habe, ihr sein Bild so klein gemalt zu geben, da sie es
zum Andenken immer bei sich tragen knne. Anton schwor ihr, da er sich noch nie
selbst gemalt und kaum wisse, wie er aussehe, sie mchte ihm indessen ein
breites Gef mit Wasser bringen, er wolle sich gleich an die Arbeit machen.
Susanna schaffe alles in groem Eifer schnell herbei. Anton sah sich im Wasser
und mute lachen; seine groen Augen glnzten so herrlich, sein blonder Bart
krauste sich so dicht und zierlich, sein ganzer Kopf hing voll schner Locken;
das Bild gefiel ihm so wohl, da er auf einem kleinen runden Holztfelchen sein
Bild ganz so wie im Spiegel eines hellen Wassers abbildete, durch seine Locken
lie er ein paar muntere Fische spielen, eine Taube sa an der Seite und trank
aus dem Becken; er malte so eifrig, der Einfall war ihm so neu, da er ber sich
selbst verwundert war, wie geschickt und schnell er alles herausbrchte; ja er
meinte, da ihm Susanna, die immer eifrig zusah, Farben reichte und Pinsel
reinigte, ihm mit besonderen Gebeten beigestanden. Susanna war hingegen immer
noch unzufrieden damit, sie fand, es she noch immer so tot, so starr und
unbeweglich aus. Anton wute nicht, was sie wollte, er hatte nie ein
lebendigeres Bild weder gesehen noch selbst gemalt; sie htte gern ihn selbst
wie das Eichhrnchen so mit sich gefhrt, lebend aber klein und ihr folgsam; ihr
steter Tadel krnkte endlich sogar seinen Knstlerstolz, so wenig er auch davon
hatte; er meinte doch richtiger ber ein Bild urteilen zu knnen, als ein
Mdchen, das noch kein einziges gutes Bild gesehen. Als sie ihm Abends, da es
fast beendigt war, noch einmal sagte, die Augen htten nicht das volle Feuer,
rief er ungeduldig: So fahr Gott und der Teufel mit allem Sonnen- und
Hllenfeuer hinein! Ich hab mich hei genug dran gearbeitet! und warf den
Pinsel gegen das Bild. Susanna tat einen Schrei, hob das gefallene Bild auf und
rief: Seht Herr, jetzt ist Feuer in den Augen! Anton sah hin und war
verwundert, wie der Pinsel, der mit Wei gefllt war, so glcklich auf das eine
Auge gefallen war, um ihm einen Ausdruck von Lebensfeuer zu geben, den er nie
herauszubringen verstanden; er brachte jetzt den Effekt mit Absicht im andern
Auge hervor, glttete und reinigte in jenem, wo der Zufall oder Zuwurf es
verdorben hatte, und Susanna sprach leise mit den Augen zu dem Bilde und bewegte
fast unmerklich zu ihm die Hnde. Anton fragte sie, was sie ihm zum Dank gebe;
sie sagte ihm beschmt, da sie nichts habe. Er wnschte sich einen Ku und
meinte, sie mte es erraten; seine Lippen waren aufgesprungen seit dem Morgen
und schmerzten ihn, er mochte sie nicht zum Kusse darbieten. In diesen Gedanken
lie er sich Wein bringen, er wollte den Wunsch ertrnken, aber je mehr er
trank, je mehr zog es ihn zu ihren Lippen, er konnte nicht schlafen. Susanna
setzte sich neben seinem Bette auf einen Stuhl; er sah sie in allen
Beleuchtungen und malte sie schlafend; das Werk fesselte ihn, und er malte, bis
Phosphorus schon am Himmel glnzte und Susanna, die an seinem Bette gesessen,
schlaftrunken ber dasselbe hingesunken war. Da legte er den Pinsel nieder und
sang:

Ach Gott, wie tt mir gut
Ein Ku auf ihren Mund!
Die Lippe wr nicht wund,
Ich wr auf meiner Hut,
Ich wre dann gesund
Und ruhig lief mein Blut.
Ach Gott, wie tt mir gut
Ein Ku auf ihren Mund!

Die Liebe wr dann aus,
Ich wollte fleiig sein.
Es fiel mir manches ein,
Ich zge dann nach Haus;
Mit tausend Glsern Wein
Lscht sich nicht Phosphor aus;
Er stehet berm Haus
Und zndet Liebesschein.

Er schaut der Erde Rand,
Auf dem ihr Himmel liegt,
Wie hat die Erd besiegt
Der Nacht verschwiegne Hand;
Es schliet die Nebeldeck
Sie beide traulich ein,
Ganz still der Sterne Schein
Zieht ber sie hinweg.

Ach Gott, so schlie mich ein
In ihren Lippen dicht,
Im lieblichen Gesicht
Ist nichts so khl und fein;
Ich brenne hell und licht,
Erlsche mich darein;
Es kann nicht anders sein,
Und ich versag mir's nicht.

Bei diesen Worten kte er sie; Susanna sprang auf und wute nicht, wie ihr
geschehen; sie schwor, da sie Seger im Traume gesehen, der dem Vater Antons
nachstellte.
    Mein armer Vater ist tot, sagte Anton, ich habe wenig von ihm gewut, als
eine lange Geschichte, die er mir erzhlt und die ich ihm nicht glaube, wenn er
gleich darauf gestorben; la uns das Vergangene vergessen, ich bin nchtern
geworden, seit ich dich gekt, und meine Lippen sind geheilt; ich meine jetzt
ruhig zu schlafen, und hast du bei Sonnenaufgang ausgeschlafen, so la dein Bild
fr dich schlafen. Susanna sah beschmt ihr Bild und sagte: Nein Herr, so
hbsch bin ich nicht.
    Hr Susanna, sagte Anton schlaftrunken, du tadelst heute zu viel meine
Kunst, was verstehst du davon? Du bist nur ein dummes kleines Mdchen, hast
nichts Gemaltes gesehen, als deine Puppen und die Wirtshausschilder; ich mu am
besten wissen, wie du aussiehst.
    Anton schlief bei diesen Worten ein; der Wein hatte schon lange seine Zunge
schwer gemacht und machte noch am Mittag, als er erwachte, seine Augenlider
schwer. Er blinkte durch und sah mit Verwunderung, wie Susanna ihr schlafendes
Bild mit Epheu, Lilien und Rosen umkrnzt hatte und auf den Knieen davor lag und
in groer Inbrunst betete; er verstand nur einzelne Worte, sie aber betete zu
sich: O la mich werden im Wachen wie du bist, heilig im Schlaf; la deine
Engeltrume mich schtzen und mir gegenwrtig sein; dir ist so wohl, mir ist so
weh, was wird aus mir werden? - Anton hatte Scheu, sie aus dieser Andacht als
ein Lauschender mit Spott zu erwecken, vielmehr bewegte er sich erst im Bette,
da sie sein Erwachen ahnen, sich aufraffen und zu ihm setzen konnte; dann blieb
er noch einige Minuten ruhig, ehe er sich aufrichtete und nach alter Gewohnheit,
als wisse er von nichts, sein Frhstck begehrte.
    Nun, sagte er, bist du noch nicht mit deinem Bilde zufrieden? ich sehe,
du hast es mit einem Blumenkranz umfat.
    Ach Herr, sagte sie, wenn das Bild nur mit mir zufrieden ist, ich habe
solche Angst davor; was ich tue und denke, immer meine ich, es mchte dadurch im
Schlafe gestrt werden; ich habe eine groe Angst, da ich ihm nicht gut genug
bin; wie mt Ihr herrlich sein, da so etwas Eurer Hnde Werk, weniger Stunden
Flei ist.
    Anton lachte: Liebes Kind, wenn du so viel Schlge darum bekommen httest
wie ich, du maltest eben so gut, hast du denn gar nichts gelernt? - SUSANNA:
Ich war zu allem, was sie mir beibringen wollten, zu ungeschickt; ich sollte
singen, aber wenn es auch unter uns gegangen war, so blieben mir doch die Worte
in der Kehle wie ein Vogel an der Leimrute stecken, wenn ich nun mit einem
Kranze oder mit einem Becher heraustreten sollte, die Vorberziehenden zu gren
und in das Haus zu locken. - ANTON: Kannst du wohl vor mir singen, liebes
Kind, Sing etwas, mir ist wst im Kopfe von der nrrischen Nacht. - SUSANNA:
Wenn Euch mein Gesang nur gefallen wird, gern will ich's versuchen. Sie ging
hierauf im Zimmer umher, fing leise an, bald von Kssen, bald von Rittern zu
singen, wie sie in dem Frauenhause unter ppigen Buhlenliedern aufgewachsen war,
aber so leise, da Anton kaum einzelne Worte hervorschimmern sah, denn kaum
hatte sie eins ausgesprochen, so schmte sie sich davor.

Erst dreizehn Sommer zhlt die Kleine,
Da strich sie durch den grnen Wald
Und sang in seinem Dmmerscheine
Ein Lied, das durch die Wipfel schallt.
Und von den Wipfeln steigt es nieder
Wie Sonnenstrahl, wie Morgentau,
Es wird so eng ihr rotes Mieder
Im Paradies der grnen Au.

Ich trete leise auf die Strahlen,
Die in dem Grase sich ergehn
Und es mit Blumen lieblich malen;
Wird mir denn auch also geschehn?
Es ist ein Frhling wie noch keiner,
Der Atem bebend mir beginnt;
Es sind die Blumen so viel kleiner
Und sind doch alle hell gesinnt.

O Frhlingsliebe, zarte Blume,
Du se Angst im reinen Sinn;
Im Busen, ihrem Heiligtume,
Versteckt sie scheu ihr freies Kinn.
Und als sie aufblickt, ist verklungen
Das Lied im freudberauschten Wald,
Sie fhlt sich fremd den frohen Zungen,
Wovon ein jeder Baum erschallt.

Anton hatte ihr selig zugesehen; die Angst gab ihrer Stimme ein Leben der
Vollendung, er streckte sich auf sein Bette und sang ihr nach:

Dies Liedchen drngte sich zu Ohren,
Die zrtlich lauschten in dem Gras,
Dies Lied ist nimmermehr verloren,
Wenn sie es gleich recht bald verga.
In ser Angst ist es geboren,
Verstoen in die Einsamkeit,
Ich nahm es auf in meinen Ohren,
In meines Herzens Sittsamkeit.

Ich wei es mir mit Lust zu deuten;
Es suchet, was es noch nicht kennt,
Es suchet in den blauen Weiten,
Was ihm so nah im Jagdschlo brennt.
Fhlst du der Liebe Ahnung nimmer?
Im Dmmerschein, im grnen Wald,
Da suchet dich der Liebe Schimmer,
Und ihre Sonne scheint dir bald.

Wie meint Ihr das? fragte Susanna, und Anton stockte; er wute nicht, was er
sprechen sollte, er hatte sich so in angenehmer Bequemlichkeit gehen lassen; er
sah sie jetzt verlegen an, sie wurde rot und ging zur Tre hinaus.
    Nach einiger Zeit kam sie ngstlich zur Tr herein: Herr, rief sie leise,
er ist da!
    Wer? fragte Anton, hast du einen Geist gesehen? meines Vaters Geist?
    Nein, der Seger, sagte sie leise und legte den Finger auf die Lippen, er
hat das Vieh weggetrieben, Ihr knnt ihn noch sehen, da geht er am Walde.
    Bei diesen Worten erwachte eine Wut in Anton, sich an diesem seinem
Verderber zu rchen, der ihn der vterlichen Liebe entfhrt hatte; er griff nach
einem Jagdgewehre seines Vaters, das an der Wand hing, achtete nicht seines
bels, sprang ans Fenster, sah Segers hagere Gestalt deutlich bei der Herde und
- scho auf ihn; im Augenblicke vergingen ihm die Sinne. Die Aufwallung war
vorber, er seufzte: Es wird ihm sein Recht geschehen, aber ich wollte doch, es
wre alles nicht wahr; es war doch Fabian, den ich hier in meiner Kindheit so
oft mit Bewunderung betrachtet habe; ohne den schndlichen Niklas, seinen Vater,
htte wohl etwas aus ihm werden knnen, das ist nun alles aus, sein Dasein mit
die Lnge seines Leibes, und um mein Leben knnte ich ihn nicht wieder zum Reden
und Gehen, zum Essen und Trinken bringen.
    Susanna, die ihn also traurig sah, seiner eignen Schmerzen uneingedenk, nur
den undankbaren Freund bejammernd, bat ihn, da sie hinuntergehen und ihn
ansehen drfe, ob seine Wunde zu heilen; Anton nickte mit dem Kopfe, sie ffnete
die Tr und schrie erschrocken auf: Jesus Maria!
    Seger stand drauen und trat herein, indem er sprach: Anton, wir sind
quitt, ich habe Euch entfhrt, Ihr habt auf mich schieen wollen; wir haben
nichts mehr gegen einander; wir knnen jetzt manches mit einander tun, vor allem
zechen.
    Aber sage mir Seger, sag mir mein Fabian, ich erkenne dich jetzt erst ganz
wieder, wie hast du so vielfach gegen mich handeln knnen?
    Nun, Ihr wit alles schon, sagte Seger, ja seht, in frher Zeit mute ich
es auf Gehei meines Vaters Niklas tun, den nun schon lange der Teufel geholt
hat; was ich zuletzt getan, das war der verfluchten Weiber wegen in Augsburg,
und ich frag Euch selbst, ob einem ein Weib nicht den Kopf umdrehen kann, als
wr er ein Wetterhahn.
    Anton dachte sich in dem Augenblicke zwischen seine Frau und Susannen,
machte eine bedenkliche Miene und bot ihm die Hand: Es ist gut, will weiter
nicht daran denken; es ist mir lieb, da ich wieder einen habe, mit dem ich von
alten Zeiten reden kann, von alten Spen; von meiner neuen grflichen
Herrlichkeit werde ich wohl so bald nichts erfahren. Wein her, Kurt! Sagt mir
nur, warum habt Ihr meines Vaters Vieh weggetrieben?
    SEGER: Ich brauchte Geld und jetzt haben wir's beide; es kam gerade ein
Schlchter vorbei, der hatte eine schwere Geldkatze um und ein Dutzend blanke
Messer in der Scheide; der Kerl hatte solche Lust zum Schlachten, wie sein Hund
zum Blutlecken, der hatte einen Jubel an all dem fetten Schafvieh. - ANTON:
Mit den Schafen, das rgert mich, es war so ein Angedenken aus meiner Jugend;
wenn das mein Vater noch erlebt htte! - SEGER: Es geht immer anders nach dem
Tode, als die Alten meinen; meinen Vater sollte ich recht reinlich begraben, das
hatte er mir befohlen; nun hatte er sich niemals gewaschen, ich zog ihm also die
Haut ab und lie mir ein Paar Hosen daraus gerben, so war uns beiden gedient und
geholfen. - ANTON: Pfui Teufel! mit solchen Geschichten bleib mir vom Leibe.
Wie ist dein Vater gestorben? SEGER: Das wird Euch nicht sonderlich gefallen,
ich hab's Euch ja damals erzhlt, wie ich ihm den Tod zugeschworen; das habe ich
auch gehalten. - ANTON: Ihr seid ein erschrecklicher Mensch! Ich wei gar
nicht, warum ich Euren verfluchten Reden immer zuhren mu. -
    Susanna brachte jetzt Wein in einer hlzernen Kanne, die mit verschiedenen
farbigen Holzarten buntgewrfelt ausgelegt war.
    SEGER: Bringst du auch einen Fingerhut mit? Nein, das gilt nicht; jetzt
ziehen wir in den Keller, ich glaub, der Junge will sparen. - ANTON: Hr
Susanna, du bringst uns wenig.
    Susanna wurde rot und ging zur Tr hinaus; Seger lachte mit hoher Stimme:
Also ist Frau Annas Bettplatz schon wieder besetzt? das nenn ich rasch nach
solchem Gesichterschneiden, Mundlecken, Herzdrcken und Trnenquetschen. -
ANTON: Nichts davon, ich liebe noch meine Frau wie sonst und hab dies arme Kind
nicht sonderlich sndlich berhrt. - SEGER: Da seid Ihr ein Narr gewesen, so
will ich's tun. - ANTON: Beim heiligen Sixtus, ich spalt Euch das Haupt, wo
Ihr sie anrhrt; auch drft Ihr nicht sagen, da ich ihr Geschlecht verraten. -
SEGER: Ihr seid verflucht herrisch, seit Ihr den Titel eines Grafen von Stock
Euch hinters Ohr geschrieben, denn auf der Stirn drft Ihr das S doch nicht
tragen, sonst lachen Euch die Leute aus; wei noch kein Mensch, ob an der ganzen
Kronenburg etwas ist; mein Vater meinte immer, es sei ein altes Loch von einem
Bergschlosse, wo sie einen Schatz drin glaubten, den aber noch kein Mensch
gesehen; es ist so wie mit den Reliquien, hab mein Tage viel Geld damit
verdient; wo ich irgend einen alten Lumpen, ein Stck faul Holz, ein paar
ausgedrrte Knochen am Schindanger finden kann, das schneide ich zu Reliquien,
lege Zeugnis und alte Schrift bei; die Leute sind so fromm und so dumm dabei,
wie bei den echten.
    Susanna brachte wieder Wein, aber der war schnell ausgetrunken.
    Seger schwor darauf, sie mten in den Keller, bei dem Tragen verdufte die
beste Kraft, nahm auch Anton halb auf seine Schulter, halb ging er, und brachte
ihn mit chzen bis vor die Tre. Hier lie sich Anton herunter und sagte, da er
wirklich schon allein gehen knne, besah die Wnde und seufzte: Seht Seger, in
diesem Saale trug mich meine liebe Mutter oft Huckepack und sagte mir, sie sei
ein Streitpferd und ich ein Ritter, wenn ich Abends nicht einschlafen wollte. -
Meine Mutter sprach immer, ich sei ein schieler Spitzbube, wenn ich Abends
nicht schlafen wollte, und wenn sie eins zu viel getrunken hatte, schlug sie mir
dabei an die Ohren - das war mein Ritterschlag.
    Sie kamen in den Keller, da lagen viele Fsser, aber wenig Wein; endlich
zeigte ihnen Susanna das letzte, worin der heimliche Gott noch wirkte. Anton war
von dem Geruche aus dem Spundloche so begeistert, da er sich hinaufhelfen lie
und mit einem Stechheber selbst in die Glser fllte. Susanna holte auf sein
Gehei Rosen und Epheu in den Keller und umhing ihn damit; dann mute sie auch
die zahmen Singvgel des einen Alten darin fliegen lassen; die Wnde glnzten
vom Mauertropfen, es sah herrlich aus. Anton, bei dem der erste Zwang zur
Lustigkeit nach seiner Art schnell zur leichtsinnigen Freude bergegangen, legte
sein Wams ab und sang ein Lied aus der alten Zeit in Waiblingen.

Weil jetzt die Hundstag hitzig scheinen,
Macht euch im Keller Sitze,
Zieht aus den Wams bei kohlen weinen,
So weicht von euch die trge Hitze.
Ich streich die Hemdesrmel auf
Und reite auf dem Fasse;
Mein Pferd hat einen raschen Lauf,
Es ist gewi von edler Rasse.

Es dreht sich mit mir um im Kreise,
Das nenn ich recht turnieren;
Reicht mir gesalzen Brot zur Speise,
Dann will ich es noch spanisch fhren.
Mit dem Stechheber in der Hand
Sitz ich wie mit dem Schwerte,
Und manchen streckt ich in den Sand,
Der meine hohen Glser leerte.

Die Sonne zog viel Wasser heute,
Und ich sog viele Weine;
Das nenn ich eine gute Beute,
Dafr reit ich mir mde Beine:
Ich berwache ganz allein
Den Mond und auch die Sonne,
Wr nur noch drin ein Trpflein Wein,
Ich stieg nicht ab von meiner Tonne.

Seger war trunken und Susanna ermdet eingeschlafen; Anton war auch erschpft,
fegte alle Rosen, die er finden konnte, zusammen und legte sich darauf selig
fest. Am andern Morgen erwachte in allen dreien die Betrachtung, was sie dort
anfangen sollten; kaum war noch etwas zum Frhstock zu finden. Seger riet zum
Fischfang und zur Jgerei, bis sich Antons Wunde hinlnglich gebessert htte, um
sich auf den Weg zu machen. Anton lobte den Rat, und Seger machte sich mit dem
Schiezeuge auf in den Wald; Anton sah ihm nach; alle Holzschreier krchzten vor
ihm her und rauschten in ungeschicktem Fluge durch das Eichenlaub; es war als
wenn der Schrecken ihm nachfolgte.
    Susanna redete lange kein Wort. Hr Susanna, sprach Anton, es wird mir
ordentlich ngstlich hier im Zimmer.
    Herr, sagte sie, Ihr seht auch ganz entstellt aus; seht Euch einmal im
Wasserbecken an, vorgestern waret Ihr viel schner als Euer Bild, und heute viel
hlicher.
    Sonderbar, aber du hast recht, woher mag das kommen? Ist wohl ein heier
Tag heute?
    Ja, Herr, es kommt noch ein heierer Tag am Ende aller Tage, der fragt nach
Rechenschaft von allem; ich aber bitte Euch, Eures Leibes zu schonen, denn Ihr
zndet das Licht an beiden Enden an, und so verbrennt es bald; denkt wie schn
Ihr seid.
    So eindringend hatte Frau Anna ihn nie ermahnt, sie sprach nur immer vom
Gelde, das er unntz verschwende; er sah sie zrtlich an und sprach: Wrst du
nur immer bei mir gewesen, es wre manches anders.
    Schickt den Seger fort, bat Susanna.
    Wie soll ich ihn fortschicken, fragte Anton, ich kann ihn jetzt nicht
entbehren; er mu mich in Ehren durchdringen bis zu meiner Frau, da will ich ein
ganz fleiiges Leben anfangen; wenn ich mig lebe, wird mich immer noch meine
Kunst nhren.
    Seger kam gegen Mittag zurck, hatte aber nichts als eine Schnepfe
geschossen. Satanas wei es, schrie er, das Wild mu mich auf eine Meile
wittern, alles luft vor mir; was sollen wir mit dem kleinen Braten? Ich will
fort in die Gegend, will unter meinen Schandkameraden die alte Freundschaft
aufsuchen; Ihr knnt bis Abend ein paar Nester voll Kanarienvgel ausessen, die
ich unten gesehen habe, dann komm ich zurck mit Wein und Fleisch.
    Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er fort; Susanna fiel vor Antons Fen
nieder: Gott sei gelobt, der mein Gebet erhrt hat, wir sind befreit;
versucht's, gndiger Herr, Euer Fu mu heil sein; lat uns fliehen aus dem
Schlosse, ehe er mit seinen Helfershelfern zurckkommen kann, es steht uns
nichts Gutes bevor.
    Anton sah sie verwundert an: Was frchtest du, hab ich nicht Arme dich zu
schtzen? Augen, die dich bewachen und nur dich sehen? - SUSANNA: Gewi wei
er, da ich ein Mdchen bin; ich sah es ihm an, er fhrt nichts Gutes in dem
Faltenlcheln seiner Wangen
    Jetzt kam Anton etwas in den Gedanken, was er oft gemalt, aber noch niemals
gefhlt hatte, wie Engel eine Seele durch das Fegefeuer fhren; es war keine
Furcht, die sich seiner bemchtigte aber eine berzeugung, da sie recht habe
und da etwas aus ihr spreche, was er noch nicht gekannt. Er sprang von dem
Sessel auf und versuchte den Fu; er hinkte wohl noch etwas, aber er konnte
deutlich merken, da sich die Gelenkigkeit mit dem Gebrauche herstellte.
    Mdchen, sagte er und fate sie unter das Kinn, was soll das geben? Du
machst mit mir was du willst, ich mu dir schon folgen hinkend und hungernd; nun
pack ein, was wir haben.
    Er hatte nicht viel mitzunehmen; das kleine lbild von Susanna steckte er in
eine Jagdtasche, sie hing sein Bild an einem Schnrchen sich um den Hals und
lie es zwischen Wams und Hemde versinken; Anton sah ihm ber die angenehme
Stelle vergngt nach. Dann wrden die Mntel umgenommen; Anton hatte die Flinte
wieder geladen, sah noch einmal das Bild in seinem Zimmer an und dachte, nun
bist du doch den Waffen nher als den Farben, und durchzog das Haus. Einmal hat
mich Fabian aus diesem stillen Hause meiner Jugend weggelockt, heute Susanna;
sie wird mir kein Bses wollen; wohin soll ich? Alle Eintracht ist aus meiner
Lebensweise gewichen. Aber Susanna! rief er laut, wo ist das Eichhrnchen?
    Es schlft in meiner Tasche; alle andern habe ich heute schon in den Wald,
so auch die Vgel in den Himmel entlassen; erst glaubten sie nicht, da sie fort
knnten, sie gingen so langsam wie Ihr; dann aber ging es jubilierend auf und
nieder, und jedes suchte sich eine freie Nahrung.
    Nun so wollen wir uns auch nhren wie die Vgel unter dem Himmel, wie die
Lilien im Felde; sieh, an dieser Tr hab ich einmal als Kind mein ganzes
Frhstck, und es waren die ersten Kirschen im Jahr, einem Bettelknaben gegeben;
wer wei, wo uns wieder so geschieht. Ihre Schritte hallten de im Hause; die
Fliegen sogar lagen aus Mangel an Nahrung schon in Haufen unter den Fenstern,
durch deren harte Durchsichtigkeit zu entkommen sie vergebens gestrebt hatten;
ein paar Schmetterlinge, die erst den Larven in den Winkeln entkrochen,
rauschten mit ihren Flgeln noch ungeduldig an den Scheiben; Susanna lie sie
hinaus. Es ward beiden doch recht wehmtig, als sie auf den Platz des Tanzes und
der Blumen kamen; Anton und Susanne schmckten ihre Hte mit dem Schnsten, was
noch blhte. Anton, der sich jetzt schon gefat hatte, sah sich noch einmal um,
schwenkte Hut und Strau und sang dabei:

Blumenduft dem Hungernden;
Worte wenn ich liebend brenn.
Ritterschaft ohne Pferd und Helm,
Also wird es mir armem Schelm.
Schtze bewachen ist mir Pflicht,
Aber ich finde im Sckel sie nicht,
Leere Fsser im Keller stehn,
Darum mu ich nun weiter gehn.
Der mich fhrt, wei selbst keine Stra;
Ob ich gehe, ob ich's la,
Hinken mu ich doch berall,
Darum lach ich viel tausendmal.

So lustig fing sich die Wanderschaft an. Anton vermied nur die Richtung gegen
Augsburg; wo er sonst hin wollte, das wollte er erst im nchsten Orte fragen;
aber das weite Feld, das in den letzten Zeiten erst verwstet schien und noch
die Wasserfurchen aus frherer Bearbeitung zeigte, so wenig es von Bumen
beschrnkt war, lie es doch nirgend eine Turmspitze vorscheinen; die Wohnungen
der Gegend lagen meist in tieferen Tlern, das Jagdschlo war ihnen auch aus den
Augen verschwunden. Zwischen dem offenen Meere, wo alle Ksten schwinden, und
zwischen einer Flche, auf der kein Haus zu finden, ist sehr wenig Unterschied;
mhsamer ist es in jedem Falle, ber Erdflche hinzugehen, statt das Schiff
unter sich lustig gehen zu lassen, und viel verzweiflungsvoller, wenn ein neuer
Hgel hinangeschritten und die Flche sich immer weiter hinausdehnt; das
Verzweiflungsvollste aber, wenn ein Strom jetzt die tagelange Richtung des Weges
durchschneidet und einen neuen Weg erzwingen will, weil nirgend an ein
berkommen zu denken ist.
    Das alles geschah unsern Wanderern. Susanna hatte ihre Fe so schmerzlich
wund gelaufen, da sie der Trnen sich nicht enthalten konnte; Anton fhlte
Schmerz in seinem verwundeten Beine, aber er lie sich nichts merken und
trstete sie bei jedem Ausrufe mit Kssen, die sie weder merkte noch zurckwies.
Sie lagen so am Ufer des Flusses, der vom Schneeschmelzen im Gebirge ber seine
Ufer ausgetreten war; sie sahen in den Buchten die Wasserspinnen mit ewiger
Ungeduld dem Strome entgegenstreben, wenig fortrcken und meist von der nchsten
Welle doppelt so weit zurckgetrieben werden und doch ihren Weg nicht aufgeben
und endlich doch alle etwas fortrcken. Susanna zeigte still auf die langfigen
Tierchen, und sie dienten beiden zur Unterhaltung, da sie nicht merkten, wie
sich ihnen ein Mann mit einer Zither genhert hatte. Susanna erschrak, als sie
zufllig ihn erblickte; sie meinte erst, es sei Seger; der gtige Blick des
Ankommenden vertrieb bald diesen ersten Eindruck, das Zutrauen mute ihm berall
entgegen kommen. Ihr wartet auf die berfahrt, ich auch, sagte der Ankommende,
es wird nicht mehr lange dauern, so besteigt der alte Fhrmann seine Fhre.
    Eine Fhre hier?
    Seht nur in den Winkel hinter den Weiden jenseits; jetzt ist sie schwer zu
erkennen, das Wasser steht hoch, und die Kronen der Weiden treten vor; da liegt
sie; alle Abend kommt ein alter Fischer am Ufer herunter und fhrt ber.
    Du hast mich gut gefhrt, Kurt, sagte Anton, wahrscheinlich wren wir
sonst nirgends bergesetzt worden.
    Auf zehn Meilen, sagte der Fremde, sind alle Fhren, der aufrhrerischen
Bauern wegen, versenkt; es ist ein frchterliches Morden und Brennen berall;
viele Schlsser sind von ihnen beraubt und zerstrt; sie wollen an einem Tage
die ganze Rechnung mit ihren Herren abmachen und nichts schuldig bleiben. Ich
geriet in ihre Hnde, und weil ich ein Spielmann bin, taten sie mir nichts zu
leide; aber welche Greueltaten mute ich mit ansehen und dazu musizieren! da
warfen sie mir dann wohl etwas Geld ins Barett, letztlich nahmen sie es aber
alles wieder fort. Apollon, mein rechter Vorsteher, sei gelobt, da ich von
ihnen bin; in Marbach wre ich fast mit ihnen gefangen und gehangen!
    Was ist da geschehen?
    Die Bauern wollten das Stdtlein ohne Mhe einnehmen und plndern; so kamen
sie einzeln mit Jagdspieen vor die Tore und begehrten friedfertig, zur
Kirchweih eingelassen zu werden, um ihre Verwandten zu besuchen; die Hter
hatten kein Arg; der Aufruhr war noch nicht in die Gegend der Stadt gedrungen,
auch mich brachten ihrer zehn mit, und ich mute lustig vor ihnen her singen.
Auf dem Markte kamen sie alle zusammen; als sie mit einander sich zu beraten
anfingen, da sah ich die Zeit ab und ging zum Untervogt und warnte ihn vor ihrer
bsen Absicht, die ich erlauert hatte. Er dankte mir und bat, da ich nun zu
ihnen zurckkehre und gelegentlich wiederkme. Der Untervogt ging darauf zum
Obervogt Eitel von Plieningen, der auf dem Rathause einer Sitzung beiwohnte, und
fragte ihn, was er tun solle. Da wurde nun lange hin und her geraten, ob man die
Brger bewaffnen oder die Tore schlieen solle; unter der Zeit waren der Bauern
schon zu viele eingedrungen; man mute ein gut Gesicht zum bsen Spiele machen.
Inzwischen war den Bauern der Kamm gewachsen; sie schickten an den Rat, weil
viele unter ihnen keine Freunde in der Stadt htten, so lieen sie um Wein aus
dem herrschaftlichen Keller bitten. Der Vogt schlug es erst ab, es sei gegen
seinen Eid; nachher aber, als sie Rat gepflogen und die Bauern drohende Worte
ausgaben, wurden ihnen einige Fsser Wein bewilligt. Whrend die Bauern dabei
lustig wurden, sammelte der Obervogt und der Untervogt den Rat und einige
sichere Mnner auf dem Rathause; als jene das aber merkten, drangen sie zum Teil
in das Rathaus, teils blieben sie unter demselben stehen und riefen in voller
Trunkenheit jenen zu: Strzet den Rat zum Fenster hinaus! Die Bauern im Rathause
wollten auch die Tr des Ratzimmers sprengen, konnten es aber nicht mglich
machen. Dann stiegen sie in den Ofen und wollten durch denselben in das Zimmer
einbrechen; der Ofen war aber mit einem eisernen Gitter umgeben und die
Ratsherren stachen mit ihren Degen durch die Risse des zerschlagenen Ofens; sie
muten zurck. Hierauf, wie es bei Trunkenen geht, wer vom Streit mde, lt
schnell gtliche Verhandlung folgen, beschwichtigte der Obervogt ihren ganzen
Unwillen, indem er ihnen mit vernehmlicher Stimme aus dem Fenster des Rathauses
zurief, er wolle ihnen noch einigen Wein zukommen lassen. Der Wein wurde mit
neuem Jubel empfangen; ich mute zum Tanze aufspielen; die alten Bauerstiefel
trampelten auf dem Pflaster wie eine Ramme, bis sich das berma des Weines Luft
machte und einer ber sein Mdchen, der andere ber einen Misthaufen fiel und
sich nicht wieder aufrichten konnte. In solchem Taumel berkam uns die Nacht;
ich schlich mich zum Obervogt, da waren schon viel angesehene Brger bewaffnet
zusammen gekommen; er stellte ihnen ernstlich vor, wie sie es ihrer eigenen
Sicherheit und dem Eide schuldig seien, den sie der Obrigkeit geschworen htten,
mit allen Krften ihm beizustehen, das bittere Bauernvolk aus der Stadt zu
schaffen. Alle verschworen sich aufs neue, ihm treulich beizustehn, und er
befahl ihnen, sich nach dem Schlosse zu begeben und zwei Feuermrser, eine
Feldschlange, einen Doppelhaken und ein paar Bchsen, die in den unteren Zimmern
des Rathauses standen, dahin zu schaffen. Ein rgerlicher Umstand war es, da
der Konstabler Marx Spengler, der das Geschtz zu bedienen verstand, mit den
Bauern sich vollgetrunken hatte und nur mit Mhe aufgeweckt werden konnte; in
demselben Taumel war auch der Stadttrommelschlger, so da beiden ein paar feste
Brger beigesellt werden muten, die sie in ihrer Pflicht erhalten oder, wenn
sie dagegen fehlten, sie niederschieen sollten. Die Weiber der treuen Brger
muten in der Zeit siedendes Wasser in Bereitschaft halten, um die Feinde, wenn
es zum Treffen kme, damit zu verbrhen, da ihnen die stolzen Federn ausfielen.
    Bei Tagesanbruch rckten wir aus dem Schlosse die Stcke voran, doch nur mit
Pulver geladen, ich zuletzt, weil ich gar nichts dabei zu suchen hatte; der
Trommelschlger, von den beiden Brgern immerfort in die Rippen gekeilt, schlug
das Kalbfell fast zusammen; die taumelnden Bauern und die mit ihnen
einverstandenen Brger, aus dem ersten Schlaf erwacht, liefen aller Orten gegen
einander, und keiner hrte mehr Rat; da wuten sie auf einmal wieder die Namen
aller Heiligen und riefen bald diesen, bald jenen an, dessen Bild sie oftmals
mit Fen getreten, er mchte ihnen sagen, was es gebe. Der Obervogt aber schrie
mit grausamer Stimme: Ihr treulosen, aufrhrerischen Bsewichter, heut sollt ihr
alle eure Strafe empfangen, hier sollt ihr sterben! Bei diesen Worten mute der
Konstabler die Stcke lsen. Mancher fiel vor Schreck und meinte sich getroffen,
oder lag in seinem Unflat und meinte in seinem Blute; die meisten aber bckten
sich, da sie sich klein wie Muse meinten, streckten die alten Beine
auseinander, als wollten sie sich zerreien, und sprangen, wo sie konnten, ber
die Stadtmauern; wei Gott, wo sie aufgehrt haben zu laufen. Die aber von den
Brgern eingeschlossen zurckblieben, streckten die Hnde aus und baten, sie
herauszulassen und ihnen Gnade angedeihen zu lassen.
    Der Obervogt sprach zum Untervogt: Es ist doch besser, wenn wir den Wolf
erst aus dem Schafstall herauslassen, und rief dann laut: Weil euch
leichtsinnige Bsewichter eure beltat reut, so soll euch verziehen werden; aber
ihr sollt alle durch das Eselstor, wo sonst nur die Mlleresel treiben,
hinausziehen zum ewigen Schimpfe.
    Die Bauern wollten erst jeglicher zu seinem Tore hinausgehen und baten
darum, aber der Konstabler machte eine so grimmige Bewegung mit seiner Lunte in
der Trunkenheit, und der Obervogt schwor, er wolle sie, so wahr er ein Edelmann,
wie Hhner abschlachten, da sie endlich wohl gar noch Eselsohren sich gemacht
htten, wenn's verlangt worden wre; sie zogen ab, und ich mute zu ihrem Abzuge
spielen. Als sie fort waten, da ging die Untersuchung gegen die schuldigen
Brger an; da wurde der Schaden Josephs erst besehen; es sollte der Wein wieder
in den herrschaftlichen Keller geschafft werden; darber wurde mein Dank
vergessen, ich mute weiter ziehen und bin nun, wie ihr mich seht, hungernd und
durstig und ohne Geld.
    Was ist denn aber Euer Handwerk sonst? fragte Anton; wie heit Ihr? damit
ich Euch knftig nennen kann. Ich heie Anton und bin ein Maler.
    Ich habe nur ein Mundwerk, sagte der andere, kein Handwerk; ich habe mich
viele Jahre mit der Meistersngerei in Nrnberg abgeqult, hab Euch in allen
Tonarten Wrter zusammenschreiben knnen, wie die andern, habe selbst die
Seidenschwanzweise erfunden, die ihren Kunstbau durch hundertundzwanzig Reime
treibt, wurde verliebt, als ich den Gesang der drei Mnner im feurigen Ofen
darin aufgeschrieben hatte; meine Braut lachte mich aus damit und sang mir ein
Liebeslied vom schmelzenden Schnee und grnen Grase, von der Frau Nachtigall,
vom Goldring, den sie im Schnabel trgt; das behagte mir so wohl, da ich allen
meinen Narrenkram wegwarf und sang, wie mir's ums Herz war. Da wollte mich
niemand mehr in Nrnberg bei festlicher Gelegenheit haben; der gute alte Hans
Sachs, die weie Taube, gab mir aber ein Reisegeld, da ich nach Mnchen gehen
solle, um noch singen zu lernen; so bin ich immer weiter gekommen und rcke
immer nher an meine Brbel; ich aber heie Gldenkamm.
    Ihr seid ein khner Mann, sagte Anton, da Ihr den Meistergesang so
herabsetzt; habe sonst immer groes Lob davon gehrt, wei aber selbst nichts
von ihm; in meiner Stadt hatten wir keine solche Schule und schmten uns dessen;
die Nrnberger taten immer bei uns so stolz, wenn einer das Schulkleinod, die
Krone oder den Kranz gewonnen, oder wenn einer getauft und gefreiet worden.
    Das bin ich alles auch, sagte Gldenkamm, verkauf Euch aber alles, was
ich da gelernt habe, fr ein Mittagessen, es ist eine Wortschinderei; mich
hungert heute, ich habe nichts gegessen; habt Ihr nichts bei Euch?
    Nein, mein guter Gldenkamm, seufzte Anton, ich habe schon lange Euren
Ranzen angesehen, ob nichts Ebares darin sein mchte.
    Ihr seht so stattlich ritterlich angezogen aus, sagte Gldenkamm, wie
seid Ihr in solche Not gekommen?
    Anton erzhlte ihm in der Krze, was ihm begegnet, von seiner Frau, wie er
sie liebte; nur von seinem Vater und von Susannen schwieg er. Doch sah der
listige Meistersnger recht wohl, da es ein Mdchen sei und Anton ihr zrtlich
die Hand drcke.
    Die Erzhlung wurde durch die Ankunft des Fhrmanns unterbrochen, der mit
einigen Leuten ber das Feld jenseit des Flusses kam und sie bersetzte.
    Anton suchte jetzt in seinen Taschen nach Geld zum bersetzen und stampfte
mit dem Fue zornig: Habe meine Geldtasche im Bette vergessen! Wer hat nun Geld
zur berfahrt?
    Traurig sahen sich alle drei an. Umsonst tut's der Alte nimmermehr, ich
kenne ihn.
    Susanna holte jetzt das kleine Eichhrnchen aus ihrer Tasche und sagte sehr
trbsinnig: Unser armer Tucktuck verhungert, er nagt schon meine Finger an, und
nirgends, so weit ich blicke, sehe ich einen Ort, wo er was fnde, wenn wir ihn
frei lieen.
    Inzwischen wurde die Fhre ans Land gestoen und festgebunden; es stieg ein
alter Prlat und zwei Nonnen aus; jener sa zu Pferde, diese gingen zu Fu. Der
Prlat sah gleich auf das Eichhrnchen und sagte zu den Nonnen: Eure Liebden
sehen einmal den Rotschwanz! Gib her Kleiner, ein artig Tier; wie es mir die Nu
aus der Hand nimmt! sehn Eure Liebden, es nagt wie ein Zimmermann mit der Sge
in die Schale; ich wollte, es wre feil, mchte es Eure Liebden zu meinem
Angedenken verehren.
    Was gebt Ihr, gndiger Herr? fragte Gldenkamm; es ist uns zwar sehr
lieb.
    Da sind dreiig Kreuzer, sagte der Prlat, es ist teuer damit bezahlt;
aber seht nur, wie kraus ihm die Blume steht, ihr lieben Nonnen; mchte mir
daraus einen Weihwedel machen.
    Susanna lie heimlich eine Trne fallen, kte das Eichhrnchen noch einmal
und bergab es dem Prlaten, der ihr die Backen kneipte. Sie bergab das Geld
Anton, sah dem Prlaten mit den beiden Nonnen nach, denen er das zierliche
Tierchen bergab, sie segnete und in verschiedener Richtung von ihnen fortritt.
Jetzt bezahlte Anton zwei Kreuzer fr sich und Susannen; Gldenkamm sagte ihm,
da er mit Musika seine berfahrt bei ihm freispielen wollte, und Anton bezahlte
auch fr ihn. Susanna aber, wie sie auf der Fhre sa, fing heftig an zu weinen;
sie hatte das Tier so lieb gehabt, sie warf sich ihren Unverstand vor, nicht
besser dafr gesorgt zu haben. Anton suchte sie zu trsten und verga sich
darber, nannte sie bald Susanna, bald Kurt, und kte sie zrtlich. Gldenkamm
hatte das mit allerlei lustigen Liedern schon begleitet, sie hatten es aber
nicht beachtet; endlich hrte doch Anton darauf, als er ihnen nher trat und
sang:

O tiefer Strom, der alle Welt durchschnitten,
An deinem Ufer ist ein harter Stand;
Der alte Fhrmann wei da nichts von Bitten,
Er fordert Lohn und strecket aus die Hand;
Ihm lohnet fr ein schnes Kind der Ritter,
Ein armer Spielmann fleht ihn an mit Schall:
Bezahl fr mich, es klingt dafr die Zither,
Sonst kenne ich kein klingendes Metall.
Der Ritter hat bezahlt fr ihn die Fhre,
Der Spielmann singt zu seines Ritters Lust,
Von Liebesschmerz und Not und ser Zhre,
Ihm ist das tiefe Herz im Wort bewut.
Der Ritter horcht und lt die Ksse khlen,
Die auf den Lippen herzlich glhend stehn;
In leerer Luft kann er die Ksse fhlen,
Ein schmerzlich Ende durch den Anfang sehn.
Da kmmt die Fhre zu dem andern Strande,
Das schne Kind geht fort an fremder Hand;
Der Ritter ruft: Du sprengst die falschen Bande,
Ich hab mich heim zu meiner Frau gewandt!
Der Spielmann schlgt mit Jubel in die Saiten:
Nur einer Liebe folge, der sei treu;
Der Snger mag dich zu der einen leiten,
Er spielte dich, er spielte sich auch frei.

Anton hatte diese Worte mit Bestrzung gehrt, er fhlte, da er nicht in dem
Sinne an seine Frau denken konnte; noch mehr war er aber verwundert, als der
Spielmann leichtfig mit Susannen aus dem Kahne sprang, ohne da sich beide
nach ihm umsahen. Susanna hatte nichts von dem Liede vernommen, der Klang der
Zither und das Wesen des Fremden hatte ihr gefallen; sie nahm gern seinen Arm,
denn er war mit ihr in gleicher Gre, dahingegen sie zu Anton auflangen mute,
der selbst ber groe Mnner um eines Kopfes Lnge hervorragte. Anton sah ihnen
nach und sah zu gleicher Zeit ein Brot im Kahne liegen; fast mit
fortschreitendem Beine und halb aufgehobener Hand fragte er den Fhrmann, was er
fr das Brot haben wollte.
    Der Fhrmann sagte, es sei Hungersnot im Lande, unter zwanzig Kreuzern knne
er es nicht lassen.
    Aber so wartet doch, schrie Anton den raschen Fugngern nach; sind deine
Blasen am Fue schon geheilt, Susanna? Wit ihr schon, wohin ihr wollt?
    Susanna und Gldenkamm standen still.
    Alter, da habt ihr das Geld, aber sagt mir noch, wie weit das nchste Dorf
ist.
    Kann Er denn nicht sehen? sagte der Alte; liegt es ja!
    Anton sah erst jetzt in groer Entfernung ein paar schwarze Dcher, die vom
Acker wenig zu unterscheiden waren. Gldenkamm kannte das Dorf; es sei eine
Hecke fr Wanzen und Flhe, die allein htten dort gute Nahrung, meinte er.
Anton hatte bei dem Brote seine Verwunderung ber Susannen lachend vergessen; er
teilte es schnell und war mit dem seinen fast fertig, ehe die andern noch
angefangen, die ihm nun zur Ausgleichung von dem ihren aufzwangen; es wollte ihm
aber alles nicht helfen, die Lcke in seinem Innern, durch die Zehrung der
Bewegung vermehrt, lie sich nicht fllen; er nahm im Scherz kleine Steine,
hllte sie in Brotkrume und verschluckte sie; das tat ihm wohl. Susanne fand
diesen Scherz entsetzlich, sie mute weinen; aber wie ein unartiges Kind, das
die Kirschkerne nicht hinunterschlucken soll, erst tut, als wolle es dieselben
aus dem Munde nehmen, sie zeigt und dann doch verschluckt, so hatte er eine
eigene Freude an den Besorgnissen der beiden und fhlte sich endlich so wohl
gesttigt, wie damals, als er die erste Trappe seiner Frau aufzehrte. Gegen
Abend erreichten die Wanderer ein armes, sehr des Dorf; die Bauern waren
gutmtig gegen sie, aber sie hatten nichts - Hungersnot herrschte berall; das
Brot war mit Rinden und Eicheln gemischt, die Htten belriechend, dunkel, ohne
Fenster und schmutzig. Anton hatte kaum hineingeblickt, so hatte er sich schon
ber ein Heulager geworfen, um seinen ermdeten Fu zu ruhen; Susanna blickte
kaum hinein, so wurde ihr von dem blen Geruche und heien Dampfe schwindlig;
sie mute zurcktreten, und Anton drang in sie, seinetwegen sich nicht mit dem
Elende der Htte zu plagen. Sie ging also mit Gldenkamm an das Ufer des Stromes
und las einzelne Beeren fr Anton; dann setzten sich beide der Abendrte
gegenber; der Bach flsterte so freundlich; alles was am Himmel und auf Erden
geschah, war Susannen eine neue Welt. Ihre fremdartigen Fragen ergtzten den
Spielmann; sie hatte eine so vornehme Vorstellung von der Welt gehabt und ihren
eigenen Zustand in Augsburg so allen andern nachgesetzt, da sie sich jetzt
nicht beruhigen konnte, wie so viel Menschen noch elender lebten als sie; sie
redete die Buerinnen mit einer Art Rhrung an, diese aber uerten herzliches
Mitleiden mit dem jungen Burschen, der so durch die Welt ziehe. Es wurde
dunkler; da kamen die jungen Leute, trotz der Hungersnot, so vertraulich Paar
und Paar gezogen; mancher sang, viele lachten; da war kein Rckhalt in allem,
was sie meinten, und doch war es ein anderes Wesen, als in dem Frauenhause, ein
anderes Wesen, als bei den Brgerfrauen in Mnchen; sie schienen so gut wie
diese und so schlecht wie jene zu gleicher Zeit zu sein. Gldenkamm, mit seiner
gewohnten Trumerei erfllt, ging unter den Mdchen umher, wie von den rechten
Weingegenden erzhlt wird, da durchwandernde Fremde so viel davon essen drfen,
als ihnen gefllt, ohne dafr zu zahlen, aber nichts nach Hause mitnehmen
drfen; jedes Mdchen war ihm eine Traube, die er gern sogleich genossen htte,
aber die Hast, mit der er gewhnlich zu Werke ging, zerdrckte sie meist frher,
und er blieb ohne Genu. Ohne da ihm Susanna ein Zeichen ihrer Zuneigung
gegeben hatte, glaubte er sich derselben schon versichert; er bildete sich
dieses Verhltnis aus; stumm neben ihr sitzend und spielend mit einem Bande
ihres Wamses, dachte er der letzten Zeiten in den steten Unruhen, wo er oft mit
herzlicher Sehnsucht nach einem Mdchen sich umgesehen hatte, mit der er nur ein
vertrauliches Wort wechseln knne; und jetzt sa ein recht wunderbares Mdchen
neben ihm und schwatzte von aller Welt Himmels und der Erden so unnachahmlich
neu, und ihn beschftigten jetzt andere grere Anforderungen an sie; er
verachtete seine Unbefriedigung, fhlte pltzlich den glcklichen Abend und sang
zu ihr in freien Bewegungen mit leichter Begleitung der Zither:

Seliger war ich noch nie als heute,
Nach Tages Mh, an Liebchens Seite;
Spielend an Ufers Rand
Durch ihre Hand,
Mit ihrem Band,
Umzieht mich ihr ses Geschwtz
Wie ein Netz;
Darum nenn ich sie Fischerin,
Weil sie mit klugem Sinn
Mich im eignen Element erhlt,
Nachdem sie mir Reusen gestellt,
In die mich der Flu
Immer tiefer treibt im Genu.
Ich wei es und setze die Flossen nicht entgegen,
Mcht sie viel lieber ganz dicht an mich legen;
Lasse mich still von dem Strome bewegen,
Es khlet darin ein heimlicher Segen.

Konnte sonst so listig und mutig,
Und oft mit einem Herzen so blutig,
Mich entreien der Weiber Gewalt
Und Wohlgestalt;
Und wie ein Kramsvogel aus den Dohnen
Lie ich zwar Federn ohne Schonen,
Aber ich entri mich der Schlinge,
Sang frhlich und guter Dinge.

Eine Reihe Schnen, die meiner spotten
Und mit mir zanken,
Mich fragend, ob ich nun bald gesotten,
Ohne glnzende Schuppen,
Als ein Mrtyrer gerieben zur Suppen,
Wrde ben,
Da ich so flschlich konnte kssen und gren;
Herzinniglich weiden,
Stolz dann zu scheiden.

Ei seht doch, nun bin ich's wohl gar,
Der falsch und untreu und unbestimmt war:
Hab euch alle geliebt,
Ihr habt mich alle betrbt;
Die Kleine dort, weil ich nicht bei ihr blieb,
Die Gute hier, weil sie mir nicht die Zeit vertrieb,
Die Feine daneben, weil sie einem andern gehrt,
Die vierte Selbstberlebte, weil ich sie nicht immer gehrt

Die immer htte singen sollen,
Ich bin ihr wie ein Lied verschollen.
Eine aber, die tat mir weh,
Die meinte, ich sei zu flchtig zur Eh'.
Sie starb darber am Fieber
Und zieht vorber so mild, so licht,
Und streicht mir die Haare aus dem Gesicht.

Es tut mir vieles leid,
Doch bin ich unschuldig bis heut;
Ich sag's euch derb und trocken,
Ihr schttelt mit den Locken,
Ich hab euch nie versucht,
Die Gelegenheit hat mich aufgesucht.

Liebliche Kleine in frstlicher Krone,
Die mein schlummerndes Herz erweckt,
Gabst du mir nicht einen Schlag zum Hohne
Auf die Backen, da Glut sie bedeckt,
Um mit dem Kusse ihn dann zu vergten?
Lieblichste, mutest du also wten?
Mute das Glck auf jeglichen Wegen
Uns zusammenfhren mit List?
In den Bumen, ach, welches Erregen,
Wie geschmckt zu dem heiligen Christ;
Wenn du hinter den Stmmen verborgen,
Betest den frhlichsten guten Morgen!
Doch die Verwirrung des Sinns zu entflammen
Wuten die frstlichen Brder mit Lust,
Warfen uns Abends auf Blumen zusammen,
Und du ruhtest an meiner Brust;
Doch da sagte der bse Hofmeister:
Nehm Er nun Abschied, denn morgen, da reist Er.

Du ruhst, wo Gold und Silber ruht,
In den Tiefen, -
Viele Tage und Jahre verliefen,
Schnell wie zum Tanze beschuht;
Ich ward Student
Und dachte nur dein liebliches Gesicht,
Und achtete der andern Mdchen nicht,
Und wie ein Berg unbersteiglich uns getrennt,
Die hohe Felsenwand
Von Rang und Stand;
Verzweifelnd warf ich mich auf meine Bcher,
Und ward, wenn nicht gelehrt, doch siecher;
Der trben Lampe Licht
Entfrbte mein Gesicht,
Wie in dem Schacht die weien Moose sprossen,
Und sind doch auch des Lebens Mitgenossen.

Da regte sich der erste Frhlingstanz
Vor unsrer Stadt auf erstem Grn;
Der zarten Blumen erstgeborner Glanz
Verschien, als eine Jungfrau drin erschien;
Ihr Leib war schlank gestreckt, doch voll und rund.
Es ffnete sich leicht ihr roter Mund,
Da ihre Lippe zeigt der Zhne Bund.
Und dieser Bund stand gleich dem Kriegesheer
Der Tempelherren wei und gleich im Feld,
Das rings von sem Blut ein wogend Meer;
Da stand es fest, als htt es Gott gestellt.
Und dieser Zhne Glanz ward jetzt der Felsenriff,
Den ich fr eine sichre Kste hielt;
Mit vollen Segeln lief darauf mein Schiff.
Ich glaubte sie von hohem Geist umsplt;
Ich reichte ihr im Tanze meine Hand
Und blieb so Hand in Hand, bis uns das Licht
Den Rcken hatte zgernd zugewandt.
Das gute Kind zu mir kein Wrtchen spricht.
Ich war begeistert wie von jungem Wein
Und sprach zu ihr in manchem lust'gen Wort;
Sie fuhr nach Haus, ich stieg da hinterdrein,
Wo sonst nur der Bedienten schlechter Ort.
Mir war's ein Thron, ich sprang am Haus herab;
Sie sah mich an und lchelte so dumm;
Sie stieg heraus, ich diente ihr als Stab.
Statt alles Danks blieb sie noch immer stumm;
Ich trat mit ihr ins Haus, ich wut nicht wie,
Und eine Frau begrt uns nah am Tor;
Ach, warum beugt ich nicht vor ihr die Knie,
Ich war ein Tor, da ich den Tag verlor.
Wie jene, hochgeschmckt, mit braunem Haar,
War diese fein und zierlich, blond gelockt;
Ich wute nicht, ob ich im Himmel war,
So hat mein Herz bei ihrem Blick gestockt.
Der Blick war blau, so wie Vergimeinnicht,
Und ihre Worte wie ein Perlenkranz,
Doch war ich treu dem vollen Angesicht;
Es wogte noch in mir der Rausch vom Tanz.
Du bist ein gutes Kind, ich sag's dir hier,
Ich war, bei Gott, dir vierzehn Tage treu,
Studierte mich fast tot, was ich nur sagte dir;
Du sagtest nur ein Ja, ein Nein dabei.
Die blonde Frau hob alles sorgsam auf,
Was meinem frohen Mund mit Lust entfiel,
Und gab ihm Federkraft zum raschen Lauf,
Es traf ihr Witz stets alle neun im Spiel.
Allmhlich ward's mir lieb, wenn sie allein,
Ich setzte mich zu ihr, ich lie dich stehn,
Ich brachte dir den groen Hund, der mein,
Und lie ihn dir, damit du mich liet gehn.
Du warst vergngt und ich war voller Glut,
Wie ein Kamin voll hellem Flammenschein;
So trieb die Schwgerin herum mein Blut,
Ich sa so gern bei ihr - sie war nicht mein;
Die Lieb, die ich mit Sange angeregt,
Die wandte sie zum Mann, kam er nach Haus,
Und hat sich froh mit ihm zu Bett gelegt;
Ich grmte mich und blieb dann doch nicht aus.

Zum guten Glck kam eine Sngerin
Mit kaiserlichem Hofe durch die Stadt,
Die alle Welt bezaubert hat;
Ich war beim ersten Tone hin,
Ich schmiegte mich in ihres Liedes Falten;
Die gttlichen Gestalten
Der alten Helden, die sie schn besungen,
Die htt ich gerne dargestellt,
Und wie Merkur bin ich gesprungen
Ganz einsam unterm Himmelszelt,
Und wie Apollo hohen Blicks,
Hab ich gewartet meines Glcks.
Du wolltest aber immer essen,
Ich hatt es oft vergessen;
Du wolltest sen Trank,
Wenn schier mein Aug in Wehmut sank;
Du wolltest Schmuck,
Ich hatt an dem Gesang genug,
Der in den Ohren ewig tnte;
Da war ich oftmals der Verhhnte
Und lief davon,
Eh' mich beschien die Morgensonn;
Eh' noch die Schuldner konnten klopfen,
Da sa ich schon, die Schuh voll Tauestropfen
Bei einem schnen Pachtergut
Und sah den groen gelben Hut
Auf einer festlichen Gestalt;
Ich schlich mich nher zu der Schnen;
Es war die Allgewalt
Von allem, was mich konnt verhhnen
Und mich beglcken konnte,
Als sie ihr Antlitz zu mir sonnte
Und lauschte, ob ein Hase in dem Kraute,
Und mich zuletzt mit groen Augen schaute.
Sie hob die Hnde auf,
Als wollte sie in meine Arme fallen,
Und mitten in dem Lauf
Sah sie so stolz auf mich, wie Herrscher auf Vasallen;
Ich ward ihr Knecht,
Und hab gelebt so arm und schlecht,
Frh auf, spt nieder,
Schmale Kost, viele Lieder;
So hat sie mich zu prfen gemeint,
Ich hab gelacht, geweint.
Nichts wei ich mehr von der Zeit,
Mit mir, mit ihr ein ew'ger Streit;
Mir war's, als htt ich einen Schatz gefunden,
Der mir zu schwer;
Ich htt ihn gerne aufgewunden,
Doch als das Werk bald fertig
Und ich des Danks gewrtig,
Da war die Grube voll und leer.

Wieder lieb ich, da ich dein gedenke,
Wieder leid ich, da ich dich mu missen,
Nicht zu mir die toten Augen lenke,
Deine bleichen Wangen mcht ich kssen.
Wieder whn ich, da ich dich verkannte,
Wieder glaub ich, da ich dich noch habe,
Ach ich war's, den dir die Liebe sandte,
Doch der Zweifel sandte dich zum Grabe.

Gldenkamm hatte sich durch die Erinnerung rhren lassen; es war ohne seine
Absicht, da sich sein Lied zum Ernst hin wandte; es liegt das aber meist in der
Art einer Tndelei bei einem bewegten Gemte. Susanna fand sich durch seine
Ausdrcke, durch das Gefhlvolle in ihm ergriffen, und sie wute nicht wozu; es
gab nichts zu tun, sie wute nichts, als ein paar Trnen auf seinen Wangen
abzutrocknen und ihn zu streicheln.
    Anton hatten die Wanzen nicht lange schlafen lassen, denen sein glatter,
saftiger Stamm ein besonderer Leckerbissen zu sein schien; ganz zerstochen
sprang er an die Luft und sah die beiden so vertraulich beisammen sitzen. Er
konnte es sich nicht sagen, welches Gefhl ihn durchwallte; es wurde ihm so
kalt, er schmte sich seiner selbst; er htte sich gewaltsam von beiden befreien
mgen, um dieses Gefhl los zu werden; er wandte sich von ihnen, setzte sich
unter eine groe Linde, in welche ein Muttergottesbild eingelegt war, und fing
an zu beten; whrend er betete, fiel ihm seine Frau und sein Kind ein; er dachte
sich Frau und Kind in dem Muttergottesbilde, das von der Mondnacht zwar
beleuchtet, aber von der Linde dnn in schwebender Wallung beschattet war; da
ward er wieder Hausvater und Gatte und flehte um die Fortdauer seiner Liebe.
Susanna aber ward ihm gleichgltig; er dachte mit Behagen daran, da er sie
vielleicht mit Gldenkamm gut versorgen knnte; alles wurde ihm fertig vor der
Seele; er nahm sich vor ein Schmied zu werden; wenn seine Malerei nicht mehr
bezahlt wrde, da wrde ihm seine Kraft ntzen; er sah schon in Gedanken die
Kohlen in seiner Schmiede glhen, sah die Ritterpferde, die bei ihm beschlagen
wurden; da weckte ihn der Hunger und der Schmerz seiner Wunden aus der
Betrachtung; nicht blo die Wunde am Schenkel, sondern auch der Finger, die
Susanna ihm geheilt, schienen in den alten Zustand der Verletzung zurckkehren
zu wollen; er hinkte deswegen zu Susanna und Gldenkamm, die ruhig, in geringer
Entfernung von einander, im Grase eingeschlafen waren. Er fhlte weder Neid noch
Eifersucht, vielmehr war er so gutmtig, sie nicht stren zu wollen. Er selbst
machte noch einen Versuch, ob er nicht zum Schlafe gelangen knne, aber
unmglich; er wachte, bis die Morgenklte die beiden andern auch erweckte.
Susanna sah ihm gleich nach dem Erwachen an, da sein Auge getrbt sei; sie
fragte nach der Ursache, er schtzte Hunger und Schmerzen vor; sie verschaffte
ihm durch ihre schmeichelnde Frbitte bei einigen Frauen etwas Kleienbrot mit
Baumrinde gemischt; dann muten sie weiterziehen, wobei Gldenkamm, der in aller
Not an nichts als an seine Liebe dachte, recht wacker voranschritt. Susanna
wollte Anton untersttzen und verbinden, er wollte es aber nicht leiden. Heute
werden wir den schlimmsten Tag haben, sagte Gldenkamm, denn bis Pforzheim
steht kein Dorf mehr; Gras und Laub werden unsere Nahrung sein, und das ist
allzu natrlich und paradiesisch.
    In dieser schlimmen Erwartung schon halb ermdet, gingen sie stillschweigend
hinter einander eine Strecke; es zog sich ein Morgennebel ber die Ferne, und so
hofften sie, wenigstens in eine erfreulichere Gegend einzudringen; als er aber
verschwunden, sahen sie eine weite Gegend ohne Merkzeichen vor sich, von Bergen
begrenzt, die von der Hitze sehr verbrannt schienen, das Auge hatte kein Ma
mehr, um sich Ruhepunkte in gewissen Entfernungen festzuhalten; am Himmel war
auch wenig zu sehen, gleichgltige weie Wolken zogen vorber, zuweilen schien
es dunkler zu werden und regnen zu wollen, aber die Hitze war dann um so
drckender. Nach ein paar Stunden, wo sie sich mehrmals ausruhen muten, um zu
ghnen und den kalten Schwei abzutrocknen, legten sie sich vor einem
Tannenwalde nieder. Gldenkamm sang halb lallend, indem er seine Fe
streichelte:

Meine Beine, meine Beine,
Ach, ich weine um die Steine,
Da die Steine ohn Erbarmen
Reien durch den Schuh mir Armen
In die Haut,
Und die Trnen und der Schwei
Trpfeln von der Stirne hei.
Arme Braut,
Kann doch heut an deiner Seite
Nicht empfinden Lust und Freude.

Anton horchte bei diesen Worten auf und fragte ihn: Seid ihr schon so weit? Nun
wohlan, so mu ich euch wohl einsegnen.
    Tut das, mein neuer Freund, sagte Gldenkamm; und Anton nahm mit
abgewendetem Gesichte beider Hnde und legte sie in einander.
    Was macht Ihr, fragte Susanna, ich wei von nichts, ich will nichts. Was
soll mir das Zusammenlegen der Hnde?
    Seid glcklich mit einander, sagte Anton, sprang auf und schritt mutig
voran in den Wald, der vor ihnen lag; die beiden Gesellschafter schritten stumm
und langsam ihm nach; sie hatten das Verlbnis in der Mhe bald vergessen und
aufgegeben. Als sie wieder eine Stunde fortgegangen, bemerkten sie ber dem
Walde einen starken Rauch. Anton rief mit Entzcken: Feuer! Menschen! Essen!
Er glaubte sich in der Nhe einiger Khlerhtten zu befinden, aber der Rauch
wurde vom Wind herangetrieben, immer heier und strker; sie konnten sich diese
Erscheinung nicht erklren; endlich kamen sie auf einen freieren Platz mitten im
Gehlze, als eben wunderbare leichte Flammen neben ihnen ber die drren Halme
und die knisternden Tannenbume hinaufliefen, bis der Baum, der von der Hitze
ausgedrrt, in heller pyramidaler Flamme stand. Dieser freie Platz war ihre
Rettung, sie htten sonst in dem Waldbrande ersticken mssen; aber auch dort
litten sie noch von der Nhe des Feuers, das aber zu ihrem Glck nicht lange an
einem Orte weilte, sondern, wenn es die Zweige und Rinde aufgezehrt hatte, dem
grnen Stamme nur an der Spitze etwas anhaben konnte. Der Weg vor ihnen ward
schon wieder gangbar, als das Feuer sich ber den zurckgelegten Weg
verbreitete; sie sahen jetzt, wie die Vgel, ihres letzten Schutzortes beraubt,
sich teils in die Flammen strzten teils flchtend von den Dampfwirbeln
zurckgerissen wurden. Der gewaltige Anblick hatte ihre Ermdung geistig
unterdrckt; sie schritten dumpf ber die rauchenden Zweige fort, die in den Weg
gefallen waren; hin und wieder brannten sie noch, und Anton nahm Gldenkamm und
Susanna und trug sie, ihres Strubens ungeachtet, hinber; er kam in einen rger
ber die Hindernisse, die ihm die Natur entgegenstellte; das erfrischte ihn.
Nach zwei Stunden muten sie sich an einer Stelle niederlassen; sie fanden kein
Bchlein, wohin sie auch blickten; die trockene Hitze des Jahres hatte die
Quellen in den Scho der Erde zurckgeschreckt; sie groben mit den Degen eine
Hhlung und stieen bald auf dichte Felsmasse. Jetzt warfen sie alles von sich,
was den Marsch erschwerte: Anton die Muskete und den Degen, Gldenkamm seinen
Reisemantel, Susanna ihren Degen, und schritten erleichtert fort, wie Gefangene
entwaffnet, durch die schwarzen geordneten Spiee des feindlichen Heeres, das
sie in stolzer Ruhe anblickte; denn also erschienen die verbrannten jungen
Tannen. Als die Sonne ber den Mittag hinaus in strkster Hitze gegen drei Uhr
brannte, sank Susanna an den Boden, sie hatte den Schmerz der wunden Fe lange
bekmpft, sie war erschpft; Anton kniete neben ihr und hielt ihr das Haupt, sie
erholte sich wieder; Gldenkamm hatte auch nicht viel Macht zum Aufstehen, als
er sich neben ihr niedergelassen. Susanna sagte sehr matt: Was mir das Herz
abstt, ist der Gram, da ich alles dieses Unglck ber dich gebracht habe,
mein Anton; meine Ahnung hat dich von einem wahrscheinlichen Unglcke zu
befreien gesucht, um dich einem gewissen schmerzlichen Hungertode zu opfern, la
mich hier liegen, ich kann nicht weiter; suche aus dem Wald zu kommen,
vielleicht bringst du mir zur rechten Zeit noch Hlfe zurck.
    Anton sprach ihr Mut ein, er sei noch stark genug, sie zu tragen; nie wrde
er sie verlassen. Gldenkamm sagte, da er voranlaufen wolle, weil er des Weges
kundig, um ihnen Hlfe zu schaffen. Dieses Anerbieten wurde angenommen; er lief,
nach manchem gerhrten Ausdrucke seiner Leidenschaft, ohne sich umzuwenden fort;
er war wie ein Schatten entschwunden, und das Elend trat immer deutlicher
hervor. Anton fhlte bald, da nur seine Kraft den Schmerz der Wunden bisher
bekmpfte, beide hatten sich geffnet, und Arm und Fu waren so entzndet, da
er sie nicht mehr brauchen konnte; vergebens wartete er zwei Stunden, nagte Gras
und Wurzeln; endlich, es mochte sechs Uhr sein, hrten sie das Auftreten, dann
das Schnaufen von mehreren Pferden, sie rieten um Hlfe; sie sahen mit freudigem
Jubel drei krftige Pferde, von denen nur eins einen gewaffneten Reiter trug,
heransprengen; der Reiter machte vor ihnen Halt, sah herab, sie sahen hinauf -
es war Seger.
    Unwillkrlich wollte Anton nach seinem Degen greifen, da gedachte er, wie er
den Degen von sich geworfen. Seger sah ihn verwundert an und sprach: Welcher
Wurm hat sich in Euer Gehirn eingebohrt, da Ihr so unsinnig in die Welt
gelaufen seid? Ihr seid doch ein Querkopf, wie noch keiner mit dem Stei die
Welt angesehen; da liegt Ihr, elend, wie geschundene Vgel zum Braten auf
Kohlen, und mir kostet der Streich ein paar brave Kameraden. Hol Euch das
Kuzlein! ich komme den Abend mit ein paar Gesellen, bringe Futter fr Euch mit;
da schrieen mir gleich ein Dutzend alte Kerle entgegen, wo ich des alten Herrn
Sohn hingetragen; ich mag sagen was ich will, wie ich Schmchtling so eine dicke
Sau wegtragen knnte! sie wollen uns fangen, wir wollen es nicht leiden, sie
reien meine beiden Gesellen vom Pferde, ich mu ausreien, und die beiden
Pferde laufen hinter mir her.
    Anton sah nach seinen Taschen: La gut sein, es war nichts zu fressen auf
dem Schlosse. Hast du was bei dir?
    Freilich, ich werde auch nchtern ausreiten, sprach Seger; einem wilden
Eber hab ich eine Kugel durch das alte Fell gejagt, da er zusammengestrzt ist,
und mir die Keulen bei dem schnen Waldbrande ordentlich gebraten; mein Fchen
ist auch nicht mit Regenwasser gefllt, um mir die Haut damit zu waschen.
    Er besttigte diese Rede mit Vorweisung der angezeigten Lebensmittel und
warf noch ein groes Weibrot herunter, das aus dem Korbe herausfiel.
    Potz Vetter Michel, sagte er, ein paar Brote und eine gute Wurst hab ich
verloren. Aber Anton hatte schon mit Wut das Brot zerrissen und seinen Teil
verzehrt, als er die andere Hlfte Susannen kaum zugeworfen; er konnte kein Wort
sprechen, der wilde Schweinbraten war sein Leitgericht und hielt ihm diesmal in
aller Wahrheit Leib und Seele zusammen, der Wein netzte seinen Gaumen, aber er
wnschte auch Wasser; selbst das schaffte Seger, indem er rings umher in den
Wald sprengte, aus einem versteckten kleinen Teiche. Susanna nahm nichts als
Wasser; sie zeigte einen Widerwillen gegen Fleisch und Wein und konnte sich nur
wenig erholen, whrend Anton mit feurigem Gesichte neben ihr sa und ber das
Bein fluchte, da es sich noch nicht wollte brauchen lassen.
    Marsch! fort jetzt! rief Seger, binde deinen Jungen auf das kleine Pferd,
ich will dir aufs groe helfen!
    
    Htten wir nur den Gldenkamm nicht nach jener Seite geschickt, um uns
Hlfe zu erbetteln, wir knnten jetzt zum Schlosse meines Vaters zurckkehren,
sagte Anton.
    Ja, htten wir nicht, rief Seger, da wre meine Mutter noch eine Jungfer;
fort nach Pforzheim, da wird sich der Kerl irgendwo in einer Kneipe vorfinden!
    Sie ritten fort; Susanna, die nie zu Pferde gesessen, lie ihr Pferd von
Anton fhren und hielt sich mit den Hnden fest; Seger lachte ber einen so
furchtsamen Burschen. Gegen das Dunkel kamen sie aus dem Walde heraus und in die
Nhe von Pforzheim und fanden Gldenkamm, der mit einem alten Hirtenweibe aus
einem Topfe a. Kaum konnte er seine armen Gesellen auf den schnen Pferden
wiedererkennen; dann flehte er sie aber an, ihm seine Zither, die er dem alten
Weibe fr einen warmen Brei verkauft htte, einzulsen. Seger, ohne ihn zu
kennen, sprang ab, nahm stillschweigend die Zither fort, stlpte ihr den
Breitopf ber den Kopf, half Gldenkamm hinter Susannen aufs Pferd, stieg selbst
auf und sagte: Der alten Vettel soll doch endlich einmal die Lust an der Zither
vergehen; sie zittert selbst schon am ganzen Leibe; hrt, wie sie in den hohlen
Topf hineinbrllt, sie kriegt ihn nicht ab, ohne ihn zu zerschmeien oder sich
die Nase zu zerbrechen - der soll die Wohlttigkeit auf ewig vertrieben sein.
Susanna beschmte der Vorfall, aber sie waren alle zu schwach, um viel an
Edelmut zu denken; also ritten sie zu Pforzheim durch das schne Tor mit den
zwei gespitzten Trmen ein und stiegen bei der Herberge zum Hopfenblatt ab.
    Als sie im Zimmer saen, schwor Anton dem Seger in herzlicher Gesinnung und
reiner Dankbarkeit: Fr den einen Dienst mchte er sich einmal fordern, was es
sei, er wolle es ihm zu Gefallen tun. Seger schlug ein; er wird es nicht
vergessen, denn der Teufel vergit so etwas nicht. Er sorgte mit groem Eifer
fr die Bequemlichkeit Antons, der nach frohem Mahle sehr bald einschlief;
Susanna legte sich ihm zu Fen auf eine Streu, Gldenkamm wute nicht recht,
was mit sich anfangen, und begleitete noch Seger in die untere Wirtsstube, wo
dieser sich mit einigen Wilddieben in erbauliche Gesprche einlie. Am anderen
Morgen mute Anton den Wundarzt der Stadt kommen lassen, der sein Bein und seine
Wunde sehr entzndet fand und einen Gulden voraus forderte, um die ntigen
Salben und Umschlge anzuschaffen. Seger gab den Gulden sehr bereitwillig her,
verlangte aber, Anton mchte sogleich zu seiner Frau gen Waiblingen schicken, um
etwas Geld von ihr zu fordern; sie htte immer noch ein paar tausend Gulden
brig, das wisse er. Anton beredete Susannen, die er in Gedanken dem frohen
Gldenkamm schon ganz bergeben, in dessen Schutz nach Waiblingen zu wandeln;
Seger gab ihnen Reisegeld, sie sollten nur mige Tagereisen gehen; in einem
Briefe stellte Anton der Frau seine Not recht eindringlich vor, und seine
Sehnsucht, zu ihr zu kommen und dort ein Schmied zu werden, wenn seine Kunst sie
nicht mehr ernhren wollte.
    Der Zufall fhrte einen Gterwagen durch Pforzheim, der die Strae nach
Waiblingen ging, wo Susanna und Gldenkamm sich fr ein Geringes auffrachten
lieen; dem Fuhrmanne war Gesellschaft sehr willkommen, insbesondere da
allgemein ein Gerede lief, da Franz von Sickingen und Gtz von Berlichingen
wieder gegen den Schwbischen Bund verfehdet seien, die Kaufleute niederwrfen
und die Wagen plnderten. Anton gab beiden Bitte und Befehl, sich in kein
Gefecht einzulassen, denn wer jetzt recht htte in der Welt und wem etwas
gehre, das sei ganz unbestimmt. Zieht mit Gott! rief er, als Susanna mit
Trnen Abschied nahm. Gldenkamm und Susanna saen hinten auf der Hhe des
stoenden Wagens, wo eine Kiste mit scharfen Leisten ihnen zum Sitz, eine andere
als Rckenlehne diente; wre die Erinnerung des vorigen Tages nicht so ermdend
in ihren Gliedern gewesen, sie htten die bequeme Einrichtung des Wagens, der
das Nebenherlaufen zulie, weit vorgezogen; sie muten mit solcher Kunst die
einzelnen Schwankungen und Ste des Wagens ausnivellieren, um nicht
herabgerissen zu werden, da sie, bis der lange Stadtdamm zurckgelegt war, an
nichts anderes denken konnten. Erst dann berlegte sich Gldenkamm, in welches
angenehme Verhltnis ihn das gute Glck zu einem lieben, zarten Mdchen gefhrt;
er beschlo, keine Freude, die sie ihm gewhren knnte, aufzuschieben; ja er
frchtete zuweilen, da sie ihm die schlechte Benutzung jener Nacht am Wasser
als einen Mangel an Zuneigung auslegen mchte. Er unterhielt sie mit vielen
sonderbaren Liebeshistorien, denen sie ernsthafte Bemerkungen beifgte; er las
jeden ihrer Wnsche in ihren Augen, sie war ihm so freundlich; mit welcher Wonne
hob er sie in Bcklingen, wo sie die Nacht verweilen wollten, vom Wagen.
    In dem Wirtshause war ein groer Lrmen; da lagen viele Handelsleute, kein
Mensch kam heraus und begrte sie. Nach langem Schreien guckte einer wie eine
Schnecke zum Huschen heraus, der zeigte dem Fuhrmann mit der Hand, wo die
Pferde und wo die Menschen untergebracht wrden. Sie traten ein; da war eine
Hitze, weil trotz des Sommers in dieser Waldgegend eingeheizt wurde, ein
Gestank, weil sich da jeder die unreinen Kleider auszog und lftete, da Susanna
fast umzusinken vermeinte. Gldenkamm fragte nach einem Zimmer, da sagte der
brtige Hausknecht, der wie ein Hauslumpen in allen Winkeln gelegen zu haben
schien, wenn sie mit der Stube nicht zufrieden, mchten sie wo anders einkehren.
    Was war zu machen! Es gab keine andere Herberge, Susanna suchte Wasser, um
sich zu waschen, sie mute aber zum Brunnen gehen, denn jenes im Zimmer war von
den Kohlenbrennern schon so geschwrzt, da sie zwei andre Wasser ntig gehabt
htte, um sich wieder davon zu reinigen. Sehr schlimm war es, da die Hitze
vielen bel bekam, so wie das viele Essen; da gab's erst Gestank, da Gldenkamm
ein Fenster aufmachen wollte, wie schrie ihn aber der Bartmann an! wenn er in
die Luft wollte, mchte er sich hinausscheren. Da sah er nun wohl, da er unter
groben Leuten sei, die von den Nrnbergern noch sehr verschieden waren. Nach
langem Harren wurde ein Tuch, grob wie Segeltuch, ber den Tisch gebreitet,
Teller ausgesetzt, Messer und Gabel beigelegt mit Brot; alle setzten sich heran
und schabten beinahe eine halbe Stunde bis die Suppe fertig, an der schmutzigen
Brotrinde. Endlich kam dieser ungeheure Kbel voll Suppe, bald darauf ein Gemse
in gleicher Brhe, dann gekochtes Fleisch in eben solcher, endlich nach einer
Stunde etwas gebratenes Fleisch und Fisch, nachdem alle satt waren; ein saurer
Wein stand dazu auf dem Tische, wovon jeder so viel trinken mochte als er
wollte, denn alle bezahlten gleich. Da brachte der Barthans einen
Schinkenteller, worauf er einige Ringe und halbe Ringe mit Kreide gemalt hatte,
das verstanden viele und legten ihre Zeche auf den Tisch. Gldenkamm verstand es
aber nicht, er hatte all sein Geld zum Mittagessen aufgehen lassen; er wute
nichts Besseres zu tun, als den Schalksnarren zu spielen, worauf er sich schon
in Nrnberg beflissen hatte. Er stellte sich wie ein blkendes Kalb und machte
allerlei lcherliche Sprnge, die aber Susannen herzlich zuwider waren; zuletzt
sprang er auf den Tisch, streckte Hnde und Beine in die Luft, drehte sich auf
dem Bauche herum und wischte sehr geschickt alles auf dem Kreideteller aus. Der
Schwank gefiel allen; ein Kaufmann bezahlte fr ihn und fr Susannen und
schenkte ihm noch Reisegeld obenein. Susanna nur empfand von dem Augenblicke
gegen ihn einen unerklrlichen Widerwillen, er war ihr einen Augenblick wie eine
lcherliche widerliche Spinne erschienen. Als er so wohl aufgenommen, lie er
sich in allerlei Trinksprchen hren, die um so lauter belacht wurden, je
krftiger der Schmutz sie wrzte. Endlich wurde eine Streu ber den Boden
ausgebreitet, schmutzige Tcher mit Kopfkissen und wollene Decken darauf gelegt;
Gldenkamm legte sich zu den Fen Susannens. Die Lampe wurde ausgelscht, und
Gldenkamm stieg die Glut des Weines ins Herz; er nherte sich leise Susannens
Fen und kte sie mit einer Inbrunst, da sie erwachend aus unwiderstehlichem
Widerwillen ihm einen Tritt gegen den Kopf gab, der sich fr den Augenblick
zurckzog. Aber mit erneuter Liebesmacht drngte es ihn zurck, doch ein
heftiger Sto gegen die Nase erleichterte ihn vom Blute und khlte ihn dadurch.
    Frh Morgens ging es davon; der Fuhrmann fluchte, da die Kinder ein Stck
von seiner Peitsche abgeschnitten, Gldenkamm war verstimmt durch seine
aufgeschwollene Nase, Susanna konnte ihn gar nicht mehr ansehn, und das Stoen
des Wagens schien ihnen heute so ganz unertrglich, da sie abstiegen,
stillschweigend ihre Strae zu gehen. Sie hatten jetzt den Kamm des Gebirges
erreicht und sahen in ein weites reiches Tal, alle auslaufenden Spitzen des
Gebirges waren mit glnzenden Schlssern besetzt, in den grnsten Tlern
schimmerten ferne Klster; ein Wohlleben war berall, und ihre Augen schwankten
von einem Anblick zum andern wie Fllen, die im berflusse das Gras durch den
Mund gehenlassen, ohne es abzubeien, und sich lieber drin strecken und wlzen.
Die beiden Reisegefhrten waren pltzlich vershnt, und Gldenkamm lie seine
Zither so anmutig klingen, da der Fuhrmann den Takt dazu knallte, bis sie die
Stadt Waiblingen erreicht hatten.
    Das heit lange geschlafen, sagte der Wirt, als er gegen Mittag eintrat;
wollt ihr denn nicht heute nach dem Hause des gewesenen Brgermeisters gehen?
das wird heute von den Schuldleuten verkauft.
    Susanna erschrak bei diesen Worten, sie vernahm so unerwartet, da die
Umstnde von Frau Annen viel schlimmer stnden, als Anton ihr gesagt hatte; sie
beschlo sogleich zu ihr hinzugehen. Als sie vor das hohe Haus trat, da dachte
sie ihres Anton recht in Liebe, sie dachte ihn, wie er da aus und ein gegangen;
sie hatte eine ungemeine Sehnsucht, sein Weib und seine Kinder zu sehen, da
dachte sie, wrde ihr recht wohl sein, da wollte sie fr alle arbeiten, allen
dienen. Die Haustr stand offen, eine harte gellende Stimme tobte im Hause mit
hchster Verzweiflung; ein ernster Mann in Ratskleidung fhrte einen kleinen
krftigen blondgelockten Knaben, den kleinen Anton, zur Tr hinaus. Eine Frau
von ernstem Ansehen, von schnem Bau, hohen, etwas starken Leibes, in der
Kleidung vornehmer Brgerinnen, fluchte hinter dem Kinde: Du Kain, meine
Schlge kriegst du nicht, aber das Rad wird dich schlagen, Tunichtgut, wie dein
Vater, der Landstreicher, der Dieb. Mein liebes, liebes Kind hast du umgebracht,
mein Oswaldchen; Fluch ber dich, da du unstet und flchtig durch die Welt
irrest, da dich der Teufel besitze und dir in allen Gliedern bis zum jngsten
Tage gichtere, da deine Knochen noch auf dem Galgen tanzen; ja sieh dich nur
um, du Fresser, wirst bald ausgefressen haben!
    Bei diesen erschrecklichen Verfluchungen traten alle Menschen von ihr
zurck, und so schlug sie an der Treppe des groen Hausflures hart auf die Erde
nieder. Susanna, aus einem Mitleidsinstinkt, trat zu ihr und suchte sie zu sich
zu bringen; ein Mdchen trat mit Wasser herbei und sagte: Ich glaube, sie wacht
nicht wieder auf; es wre gut, da wr ihres Herzeleids ein Ende. Susanna
fragte, was geschehen; da sagte ihr das Mdchen in aller Krze, der Ratsherr
wre wegen der Versteigerung im Hause gewesen, da sei der kleine Anton voll
Blut, aber recht frhlich ins Zimmer getreten und htte die Mutter gerufen, sie
sollte einmal oben kommen, er habe sein Schwein recht schn geschlachtet und das
Blut getrunken. Die Mutter habe erst nicht anders gemeint, als er sei an ihr
Eingeschlachtetes gegangen, weil sie den Tag wegen des Umziehens alle Schweine
habe schlachten lassen; sie habe ihn gescholten, er aber habe gesagt, sie solle
nur kommen, er habe es ganz ordentlich gemacht, das Schwein habe sich recht
gewehrt. Mit Zagen sei die Mutter und der Ratsherr hinauf gegangen und habe
ihren ltesten Sohn in seinem Bette vom Bruder geschlachtet gefunden; alle
Besinnung sei ihr erst vergangen, der Ratsherr aber habe den Anton gefragt: Wie
er denn seinen Bruder ein Schwein nennen knne! Der Kleine habe darauf
geantwortet, die Mutter htte ihn immer so genannt, wenn er das Bett
verunreinigt hatte, und ihm gesagt, wenn er es wieder tte, sollt er ihn
schlachten; da habe er sich nun heut das Schlachten genau abgesehen, und als der
Bruder, der krank war, wieder das Bett verunreinigt, habe er mit einem
Messerchen ihn abgestochen. Als die Frau dieses Messerchen gesehen, habe sie
laut aufgeschrieen und gesagt: mit dem Messerchen sei ihr Anton zur Ader
gelassen worden vom Faust, als ihrem Manne das Blut eingezapft worden! - Das
kommt von solchen falschen Knsten, habe der Ratsherr gesprochen und den
Kleinen ernsthaft gefragt, warum er das Blut getrunken. Der Kleine habe
geantwortet, der Metzgerhund htte es ebenso gemacht, und er sei sich wie der
Hund auf einmal vorgekommen weil ein groer fremder Mann bei ihm gestanden, der
wie der Schlchter ausgesehen. Hierauf habe der Ratsherr mit dem Kopfe
geschttelt, das Kind aber, auf welches die Mutter wtend losgehen wollen, unter
seinen schwarzen Mantel genommen und erklrt da er es im Namen eines hochweisen
Rates zur Untersuchung mit sich fortfhre.
    Die Magd hatte eben diese Erzhlung geendigt, oft unterbrochen von Jammer
und Verwunderung, als Frau Anna aufwachte und mit neuer Verzweiflung nach ihren
Kindern fragte, nichts verschonte ihr Jammer; wie Menschen im heftigen Fieber
sich aus den Fenstern werfen, ohne der Tiefe zu achten, in die sie strzen so
rief die Unglckliche den hllischen Geist an, da er sie trste und erquicke,
da Gott ihr nicht gndig sein wolle. Bei diesen Worten verlie Susanna sie
stillschweigend, ein Grauen trieb sie aus dem Unglckshause fort, die Brger
sammelten sich schon vor demselben, fragten und gaben Sentenz, aber die Glocke
rief zu dem groen Ratssaale, wo auch Susanna begierig mit eintrat. Die
Ratsherren waren schon in andern Angelegenheiten versammelt gewesen; der
Ratsherr Arnold, welcher den Knaben aus dem Hause gefhrt, hatte im Vorbeigehen
das Glockenluten bestellt, er trat jetzt zur Verwunderung aller in den
Ratssaal, ffnete den Mantel und zeigte dann den Knaben, der ber alles, was
bisher zu ihm gesprochen und mit ihm geschehen, wie ein voller Brunnen in Trnen
berlief.
    Kind, sagte der Ratsherr, geh jetzt in diese Armesnderkammer, ich werde
dich rufen, wenn deine Mutter hier ist, die sehr zornig gesinnt ist gegen dich.
    Kaum war der Knabe in die Kammer getreten, so redete der Ratsherr
ausfhrlich und sehr rhrend zur Versammlung, erzhlte von dem Unglcke der Frau
ihres ehemals hochgeachteten Brgermeisters, wie sie durch die Verschwendung
ihres zweiten Mannes und durch die Verwstung der Bilderstrmer, in der Meister
Anton sein eigenes Haus preisgegeben habe, um das Haus Gottes zu retten, um
alles Ihre gekommen und selbst darben msse, whrend noch eine blhende Stiftung
fr die Jugend der Stadt auf ewige Zeiten das Wohlwollen und den Wohlstand ihres
wrdigen ersten Mannes verknde. Nun erzhlte er das unglckliche Ereignis, das
die arme Frau mitten im Schmerz ber die ffentliche Versteigerung
niedergedrckt habe, das Lieblingskind ihres Herzens, ihren Erstgeborenen, das
einzige Pfand der Liebe ihres verehrten ersten Mannes, so gewaltsam sich
entrissen zu sehen; der ihm aber ihr entrissen, das sei jetzt ihr letztes
einziges Eigentum, ihr letzter Trost. Jetzt entwickelte er, zur groen
Verwunderung aller, die wunderbare Geburt dieses lteren Sohnes, nachdem das
Blut Antons dem schwachen alten Brgermeister eingeflt worden, wie unnatrlich
seine Entstehung, wie der jngere Anton gleichsam sein Eigentum nur
zurckgenommen, das der Vater auf leichtsinnige Art verschwendet hatte, als er
das Blut seines Bruders getrunken; dabei beschrieb er die vllige Unbefangenheit
des Knaben, seinen festen Glauben, da er recht getan habe, dabei sein
gutmtiges Wesen, das ihn bei allen Kindern beliebt gemacht hatte; er rief die
Kindern der Versammlung auf, die alle ein gutes Zeugnis fr ihn ablegten, wie er
oft durch seine ungemeine Strke den Bruder geschtzt habe.
    Diese Erzhlungen der Kinder hatten alle bewegt; jetzt trat der Ratsherr mit
seinem Vorschlage heraus: Ich sehe, liebe Mitbrger, ihr seid alle gerhrt; ihr
habt die schwere Snde des Brudermordes, die auf dem Kleinen ruht, als eine
kindische Unwissenheit euch erklrt, ihr wrdet vielleicht ohne weitere Beweise
den Kleinen begnadigen; aber ich glaube, da der Ernst unserer Gerichte einen
ffentlichen Beweis dieser kindischen Unwissenheit fordert, den Beweis, da
dieses Kind, ber seine Jahre krperlich stark und gro aufgewachsen, doch
geistig noch unentwickelt sei und nicht etwa eine versteckte Tcke gegen den
Bruder, eine verstellte Unschuld es habe leiten knnen. Was ist aber der
Prfstein der Unschuld, wenn das, was den Wunsch eines Kindes unmittelbar
befriedigt, von ihm alle dem, was denselben Wunsch in grerem Mae, aber auf
einem Umwege befriedigen kann, vorgezogen wird; ich will mich deutlicher
erklren: wenn das Kind diesen Apfel, den ich aus der Tasche ziehe und in meine
rechte Hand nehme, diesem Vierundzwanzig-Kreuzerstcke vorzieht, das ich ihm zur
Wahl mit der linken Hand zeige, wofr es sich einen Scheffel pfel kaufen
knnte.
    Die Ratsherren gaben seinem Vorschlage ihren Beifall, manche Brger aber
baten laut fr das Kind aus Mitleiden, weil es das Geld leicht als etwas Blankes
vorziehen knne, ohne von seinem Werte etwas zu wissen; der ernste Brgermeister
aber wies sie zurck mit den Worten: Hier ist schon groe Gnade fr Recht
ergangen; ihr Brger, betet fr den Knaben. - Gerichtsdiener, ffnet die
Armesnderkammer!
    Viele beteten schon, als die schwere eiserne Tr in ihren Angeln aufknarrte,
niemand eifriger als Susanna; als aber der schne Knabe mit seinen groen Augen
verschchtert wieder heraustrat und langsam auf den Ratsherrn zugefhrt wurde,
da htte man die Herzen schlagen hren knnen.
    Der Ratsherr sprach zu dem Knaben: Die Mutter hat dir verziehen; sie wei,
da du nicht mit Willen dein schnes weies Kleidchen so blutig gemacht hast,
sie schickt dir hier zu deiner Freude zweierlei, worunter du dir eins whlen
sollst; komm her, liebes Kind, eins kannst du nur bekommen, willst du den
schnen Apfel oder das Stck Geld?
    Der Knabe sah verwundert erst nach der rechten Seite, wo der Apfel ihm
vorgehalten wurde; alle jubelten im Herzen; dann aber wandte er sich zur linken,
und keiner enthielt sich, ihm verstohlen zuzuwinken, wie manche beim Kegelspiele
die geworfene Kugel mit dem Beine nachzulenken trachten; aber ein heller
Himmelsschein strahlte jetzt durch die staubigen Fenster auf den roten Apfel,
und das Kind wendete sich hin zu ihm, fate ihn und bi gleich recht tief
hinein. Der Ratsherr wurde blutrot vor wallender Freude, er hob seine Hnde zum
Himmel und dankte stumm; manche in der Versammlung schluchzten. Der Bube a
recht vergngt seinen Apfel, und als er beinahe damit fertig, rief er bittend:
Geld auch haben!
    Der Ratsherr wurde bedenklich und fragte betreten: Was willst du denn mit
dem Gelde machen? - Der Kleine antwortete: Bruder Oswald geben, da lacht er.
- Die Antwort befriedigte alle Gemter; der Brgermeister und die Ratsherren
sprachen Gnade und lieen das Kind in das Haus des Ratsherrn fhren, der dessen
Unschuld so scharfsinnig bewhrt hatte.
    Nachdem das Kind fortgefhrt worden, beratschlagten die Herren lange Zeit,
was aus dem Kleinen werden sollte, da er nicht sobald zur Mutter zurck drfte,
bis der trnengente Schwamm der Zeit alle alte Rechnung ausgelscht habe;
darber waren alle einig, da es besser sei, ihn ein paar Jahre aus der Stadt zu
entfernen, das gab jeder zu, aber in der unruhigen Zeit war es schwer, einen
bequemen Ort fr ihn auszumitteln; endlich beschlossen sie, ihn in den vom alten
Brgermeister zu einem Waisenhause und zu einem Kinderfeste vermachten Hofe vor
der Stadt unterzubringen. Nachdem Susanna diesen Beschlu vernommen hatte, ging
sie fort; sie hatte schon vorher einige Brger vernommen, die sich beschwerten,
was so ein fremder Junge in ihrem Ratssaale zu tun habe. Im Vorbeigehen am
Ratskeller hrte sie Gldenkamm, der die ganze Geschichte mit dem Knaben in
Reime gebracht hatte und sie den Fremden mit groem Beifalle vorsang; es war den
Leuten ber die vielen Religionsstreitereien etwas ganz Neues geworden, klar und
lustig singen zu hren; auch erbosten sich manche, wenn er alte lustige Schwnke
von einem Brunnen sang, ber dem ein Mdchen gestanden; er ntigte Susanna
herein, sie mute mit ihm ein Glas Wein trinken und von dem Ausgange der Sache
erzhlen, den die meisten noch nicht wuten. Sie sprach wenig, nur wenn eine
heftige Bewegung ihr ganzes Gemt fllte, da durchbrach es die Eisrinde, die
eine harte Erziehung ihr aufgebrdet, dann sproten Blumen, wo es gezogen, und
das Wider strebende ri es mit sich fort. Alle horchten ihrer Erzhlung, alle
sprachen ihr nach; Gldenkamm, so knstlich er singen mochte, wurde nicht mehr
gehrt, alle Gste tranken ihr zu; die Wirtin brachte ihr eine herrliche frische
Festbrezel, sie konnte sich nicht genug ber den artigen Jungen verwundern, der
so schn erzhlte und nun so geschmig wie eine Jungfer mit hochroten Backen
dasitzen tt, als ob er nicht fnf zhlen knnte.
    Erst nach dem Mittagsmahle konnte sich Susanna von der lustigen Gesellschaft
losmachen, um ihren Brief und Auftrag an Frau Anna zu bestellen. Im Hause mute
sie wegen der Versteigerung noch einige Zeit warten; sie sah mit Teilnahme allen
zu, wie ein paar Hundert mit heier Begierde und wenig versteckter Absicht den
wohlfeilen Verkauf aller der Gerte wnschten, die Frau Anna bald mit einem
Seufzer, bald mit einem hervorhebenden Lobe, manche selbst mit Trnen dem
Versteigerer darreichte. Sah Susanna, da ein paar brtige Hebrer sich mit
einander heimlich beredet hatten, auf etwas nicht zusammen zu bieten, so kam ihr
die Lust, sie in die Hhe zu treiben; ein paarmal verschluckte sie das halb
ausgesprochene Wort, dann aber, als Frau Anna mit einem Seufzer einmal bei einem
Schranke dazwischen redete, die Beschlge wren ja mehr wert und es sei ihr
Brautschrank gewesen, worin ihr erster Mann ihr die Ausstattung vor der Hochzeit
verehrt, da bot Susanna einige Kreuzer hher, und mit einem Schrecken durch alle
Glieder schlug der Hammer ihr diesen Schrank zu. Das Zahlbrett wurde ihr
gereicht, voller Verzweiflung fate sie in ihre Tasche, und mit Verwunderung
fand sie mehr darin, als zur Zahlung ntig. Erst wendete sie zu Gott den Blick,
dann zahlte sie und gedachte, wie die Wirtin im Ratskeller ein paarmal ihr wie
zum Scherz, ob sie auch reich sei, in die Tasche des Wamses gegriffen;
wahrscheinlich hatte sie ihr aus Gutmtigkeit das Geld eingesteckt.
    Die Versteigerung ging gegen die Zeit, wo man htte Licht anznden mssen,
zu Ende; da gab es aber noch ein Besehen und Bereden ber alles Erkaufte.
Endlich verlief sich die Menge, und Susanna lie sich von der Magd, die sie vom
Morgen her gleich wieder kannte, zu Frau Anna fhren. Frau Anna stand in einem
Zimmer, wo die weggenommenen Sachen noch ihre Schatten, wo sie gestanden und wo
das Licht nicht hindringen konnte, zurckgelassen hatten; sie hatte ihrem toten
Oswald ein weies Hemde reinlich angezogen, sein Haupt mit einer Myrtenkrone
besteckt; sie wartete auf den Schreiner, der den Sarg bringen sollte, und sah
stumm auf das bleiche Gesicht hernieder. Die Magd sprach im Hereintreten: Der
junge Mensch, der heute Frau Brgermeisterin gehalten, als sie in Ohnmacht
gefallen, will gern einen Brief abgeben.
    Frau Anna sah auf, als wte sie wenig von allem, was mit ihr vorgehe. Wer
bist du? fragte sie.
    Ich heie Kurt von Pforzheim! antwortete schchtern Susanna.
    Da kenn ich dich schon, sagte sie; du willst wohl gut machen, da wir
einmal in Unfrieden geschieden, mein guter Kurt? Du bist in der Zeit gewachsen,
mit mir ist aber alles den Krebsgang gegangen; da waren noch gute Zeiten bei
meinem seligen Herrn, wo wir alle Tage was Neues fanden, ja gestern fielst du
mir wieder ein beim Ausrumen der Kasten, da kam mir der lederne Beutel und der
Degen wieder in die Hnde, den du aufgefunden hattest und durchaus behalten
wolltest; weit du noch, wie du mir eine Faust gemacht und mich bedroht hast,
nie wieder zu kommen wenn ich dir das beides nicht liee; damals war's wohl
genau von mir, da ich's aufbewahrte, jetzt kommt's mir zu Gute; sieh, da liegt
der Degen und da der Beutel, ich lse doch wohl einen Kreuzer daraus.
    Susanna war bei dieser Anrede in heier Verlegenheit, sie meinte, es knne
nicht fehlen, da sie sich bald verreden mte; stammelnd sagte sie: sie mchte
an die Zeiten nicht denken, das wrde sie nur traurig machen, sie habe ihr eine
kleine Freude machen wollen, indem sie ihr den Schrank, worin die Ausstattung
sich befunden wiedergekauft htte, und sie bte, ihn wieder in Besitz zu nehmen.
    Frau Anna war auer sich vor Dankbarkeit, sie lief gleich hinunter und
befhlte jede Leiste, ob auch nichts davon losgebrochen; dann trug sie ihn, er
war leicht und zum Aufsetzen auf einen Tisch eingerichtet, wieder in das
Totenzimmer und legte mit groer Hast ihr totes Kind hinein. Susanna verwunderte
sich, aber Frau Anna sprach mit groer Heftigkeit: Du lieber Schrank, du hast
all mein Glck so viele Jahre bewahrt, nun sollst du auch das Liebste, was mir
noch brig ist, zu Grabe tragen!
    Der Schreiner trat jetzt herein und sagte, da der Sag nicht fertig
geworden. Frau Anna sagte ihm: es sei ihr ganz recht, so sollte es sein, sie
wolle ihr Kind in dem Liebsten, was ihr brig sei, begraben. Der Schreiner
uerte sich nicht undeutlich, als er diesen Sarg gesehen, die Frau msse aus
Gram den Verstand verloren haben, inzwischen fgte er sich in alles. Frau Anna
sang und betete nun mit ihm und Susannen noch eine Stunde; kein Geistlicher kam
zu ihrem Troste, sie waren alle wegen der Unruhen geflchtet; dann schlo sie,
von unzhligen Seufzern unterbrochen, das Schlo und warf den Schlssel in den
Mhlbach, der an dieser Ecke des Hauses durch die Stadt flo. Der Meister
Schreiner nahm den Schrank mit dem Kinde und ging langsam die Treppe hinunter;
Frau Anna folgte, von Susannen und der Magd untersttzt.
    Es war dunkle Nacht, und ein nahendes Gewitter erhellte ihnen die Straen,
die ganz verlassen schienen; schweigend zogen sie in die Kirche, wo ihnen der
Glckner eine Nebentr ffnete und mit einer Fackel vorleuchtete. Gleichgltig
fhrte er sie durch die wunderbare Nacht des Gebudes, wo Adams Fall durch den
Apfel in dem flammenden Blitze durch die hellfarbig gebrannten Scheiben
leuchtete; Susanna machte ein Kreuz und gedachte des Apfels wie eines
wiedergewonnenen Paradieses, der heute ein gutes unschuldiges Kind von einem
schmachvollen Tode errettet hatte; sie fhlte in ihrer ganzen Seele Gottes
Herrlichkeit, vor dem alles gut wird, was auf Erden geschieht.
    
    Sie kamen jetzt an das hoch vergitterte Grabgewlbe der Brgermeister von
Waiblingen. Die schwere Tre wurde erffnet, da standen in einer langen Reihe
mit schnen metallnen Handgriffen und Zieraten die Srge aller Verstorbenen
dieses edlen Hauses dessen letzten Sprling sie dem Vater zu Fen setzten. -
Der Glckner fragte, ob das Wappen im Siegelring dem Kinde mitgegeben sei; da
beseufzte die Mutter, da sie den Schlssel zu dem Schranke in den Mhlbach
geworfen, sie trug den Siegelring noch in der Tasche. Der Glckner stellte ihr
vor, da er mit demselben Rechte dem Vater, Ihrem verehrten Brgermeister, in
den Sarg gelegt werden knnte, und hob bei diesen Worten den Deckel jenes Sarges
auf, der ihn verschlo. Frau Anna strzte bei seinem Anblick mit den Worten
nieder: Heilige Mutter Gottes, er hat sich umgedreht! - Susanna sah hin, und
wirklich lag das graue Haupt gegen das Kissen, worauf es ruhte, hingewendet, als
ob er seinen Schmerz darin ausweinte. Der Glckner wagte ihn nicht zu wenden, er
steckte ihm den Siegelring ber die Handschuhe und verschlo den Sarg. Frau Anna
hatte sich jetzt aufgerichtet und wollte ihren geliebten Mann noch sehen; das
verweigerte ihr aber der Glckner, vielmehr trieb er sie das feuchte Gewlbe zu
verlassen, weil es der Gesundheit verderblich sei. Susanna fhrte die
Unglckliche hinaus, sie sah nicht mehr die leuchtenden Blitze, die durch das
Kirchengewlbe schimmerten, sie sah immer das graue Haupt des alten Mannes vor
sich und konnte es nicht aus den Augen verlieren. Frau Anna wollte im
Herausgehen aus der Kirche dem Glckner einiges Geld in die Hand drcken, er
aber weigerte sich es anzunehmen, denn, sagte er, wir htten ja alle nichts ohne
Meister Antons mutige Verteidigung gegen die ketzerischen Hunde, die unser
wohlttiges Marienbild verbrennen wollten.
    Diese Erinnerung brachte Susannen darauf, der Frau endlich zu erffnen, sie
habe einen Brief von Anton an sie zu berbringen, aber mit diesen Worten weckte
sie schon den ganzen Eifer der armen Frau gegen ihn; sie verfluchte die Stunde,
wo sie ihn zuerst gesehen, nannte es eine geile Lust, was sie dazu getrieben,
ihn zum Manne zu machen; sie war unerschpflich alles aufzuzhlen, worum er sie
gebracht, was sie aber vor allem ihm nicht verzeihen knne, das sei die Lge und
der Betrug mit dem silbernen Pokal, den er heimlich ihr entwendet, um ein Pferd
zu kaufen, davon ihn die Ritter herunter geschmissen und wovon er ihr nachher
erzhlt da es die Bilderstrmer gestohlen. Diesen Wunderbecher konnte sie nicht
satt loben und beschreiben, sie schwor, da er nicht ein Dritteil dafr
bekommen, was er gekostet und wert gewesen. Susanna wollte die Geschichte von
ihrem Freunde nicht glauben sie fragte, wer ihr so boshafte Dinge weis gemacht
habe.
    Weis gemacht? fragte sie; hat mir nicht der Seger den Becher den andern
Tag, nachdem sie beide weggezogen, durch seinen Helfershelfer wieder anbieten
lassen? ja was hatte ich da zu bieten als tausend Flche fr jeden, der daraus
trinken wrde.
    Glaubt mir, unterbrach sie Susanna, Anton mag darin gefehlt haben, aber
er meint es recht ehrlich und gut mit Ihr.
    Mag er's meinen, wie er's vor Gott verantworten kann, rief sie, mich hat
er um all mein Glck gebracht durch seine Grotuerei, durch seine schnden
Gesellen, durch sein Fressen und Saufen; die ganze Welt hat in dem Kerl Platz,
so hat er mir Haus und Hof hinuntergeschluckt und ist davon nicht einmal satt
geworden; da ihm die Pest in den Magen schlage!
    Unter so heftigen Reden und bei den gewaltigen Wetterschlgen kamen sie an
Frau Annens Haus. Der Schreiner hatte sich stillschweigend fortgeschlichen, und
Susanna wre gern weit weg gewesen und htte lieber nackt und blo bei einer
Herde die ganze Nacht gewacht, als in so schlimmem Handel Anton verfluchen zu
hren. Sie trat mit ins Haus und bat Frau Anna den Brief zu lesen, sie reise den
andern Morgen frh fort und der Brief sei dringend zu beantworten.
    Kaum hatte Frau Anna den Brief durchlaufen, so ri sie die Augen auf und
lief heftig auf und nieder. Sie schrie: So ist der Taugenichts auch nicht
einmal zum Landsknecht gut, das sei Gott geklagt, da er solch Ungeheuer
geschaffen. Andre Kriegsknechte, der Nachbar, brachte erst gestern seiner Frau
einhundert Mark Silbers nach Haus, und meinem Mann soll ich noch Geld nach
schicken, denkt er denn, da ich Geld machen kann? Sicher hat er sich auf die
faule Haut gelegt und geschmaust statt zu fechten. Geh mein Sohn nur schnell aus
meinen Augen, da ich nicht wild werde; wie kannst du dich unterstehen, mir
solche Briefe zu bringen! - Susanna stellte ihr mit rhrenden Worten seine Not
vor, sie mchte ihm doch etwas schicken, er werde alles wieder verdienen, das
Glck werde ihm schon gnstiger werden. - Er mag sich auch durchschlagen, wie
ich mich habe durchschlagen mssen, sagte Frau Anna trocken, Gott verzeihe
ihm, was er meinem seligen ltesten Knaben angetan hat! - Je, was denn Frau?
- Seit meines Mannes Abreise wurde er vom Teufel geplagt; wenn er kaum
eingeschlafen war, berfiel ihn ein groer Schrecken, er rang sich die Hnde zum
Erbarmen, und war alsbald wie in Schwei gebadet; mit offenen Augen hielt er
sich fest an mir, aber kannte mich nicht; wenn ich ihn nun durch vieles Rtteln,
selbst durch Schlge erweckte, da wute er nichts zu sagen, als von Seger, dem
schwarzen Teufel, der den Vater in die Hlle fhrte, dann schlief er wie ein
toter Mensch ohne aufzuwachen wohl zwlf Stunden ununterbrochen, am andern
Morgen wute er nicht, was mit ihm geschehen, er wurde aber von Tage zu Tage
matter und hinflliger, da er zuletzt bestndig zu Bette bleiben mute. Das war
aber der Teufel, von dem meine beiden Kinder besessen waren und der kam nicht
aus meinem ersten Manne, der war fromm und gut, aber der zweite hatte den Teufel
im Leibe, von seinem Blute kam es auch beim ltesten.
    Susanna verstand das nicht, sie mochte aber nicht mehr davon hren, vielmehr
kam sie mit erneuten Vorstellungen fr Anton Frau Anna wieder sehr unrecht.
Heftig rief diese: Und knnte ich ihn mit einer Stecknadel loskaufen, ich stie
sie ihm lieber ins Herz! Geh Kurt, hte dich vor dem Menschen, er borgt dir
sicher was ab; er soll sich was verdienen, dann mag er sich vor mir sehen
lassen, sonst will ich ihn beim Rat verklagen. Du bist ein guter Junge, Kurt,
dir schenkte ich gerne was, aber sieh, ich hab nur noch wenig; etwas mut du
aber von mir nehmen zum Angedenken wenigstens, wenn's dir sonst auch nichts
hilft. Da hast du den Degen und den Beutel, oder willst du ihn nicht behalten
und willst recht gut sein, so gib es meinem Mann; mit dem Degen sollte er auf
Beute ziehen, und wenn er mir den Beutel voll Geld bringe, dann solle er auch
einmal wieder in meinem Bette schlafen.
    Das alles hatte sie mit einer Hrte gesprochen, die Susannen erschreckte;
sie wre ohnedies bald fortgegangen, auerdem ermahnte sie aber noch eine
bekannte Stimme zur Rckkehr nach dem Wirtshause. Gldenkamm sang vor der Tre
zur Zither:

Von Wein und von Scherz
Entfliehet mein Herz
Durch die drckende Hitze.
Durch die blendenden Blitze
Hab ich umsonst ihr gesungen:
Wohin, ach wohin ist mein Liebchen entsprungen?
Ein lieblicher Duft
Erfrischet die Luft,
Herrlich segnen die Gluten,
Sterne spiegeln in Fluten,
Schmerzliche Glut, die ich leide:
Dahin, ach dahin ist die liebliche Freude!
Und wr sie nun nah,
Und wr sie nun da,
Shen Sterne sie wieder,
Sng ihr Nachtigall Lieder;
Ich nur allein, ich mte dann schweigen.
Vorhin, ach vorhin war Liebchen mir eigen!

Susanna wute kaum, wie sie Abschied genommen und wie sie zur Tre hinaus
gekommen, sie horchte, und das ganze Haus schien ihr in schmerzlicher
Bezauberung; sie ergriff Degen und Beutel, der ihr verehrt war, grte kaum und
sprang die Treppen hinunter zur Tr hinaus zu dem Snger, dem sie ihre Trauer
erzhlte, von der hartherzigen Frau. Der arme Anton! sagten beide; dann aber
griff Gldenkamm in die Saiten und sprach ergriffen mit groer Lebendigkeit von
allerlei Plnen, wie sie sich knftig durch Schauspielerei ernhren knnten, sie
wren gerade vollstndig drei, um alles Traurige und Lustige der ganzen Welt
darzustellen.
    Htten sie gewut, wie bedrngt ihr armer Anton zu Pforzheim in der
Zwischenzeit lebte, sie wrden sich nicht so leicht beruhigt haben. Seger war
gleich nach ihrer Abreise fortgewandert, indem er Anton versicherte, er habe
kein Geld, er wolle auf Wilddiebere ausgehen; die Pferde, erzhlte er ihm, habe
er in der ersten Nach im Brettspiel verloren. Anton war nun ganz sich selbst
berlassen ohne Geld und nicht ohne Mitrauen wegen seiner Landsknechtskleidung
von dem Wirte angesehen, der fr alles gleich bar bezahl sein wollte. Die
wenigen Kreuzer, die Seger zurckgelassen, waren bald verzehrt; er wute sich
keinen Rat, als unerwartet ein Jud zu ihm eintrat um alte Kleider von ihm zu
erhandeln. Es schien ihm ein Himmelsbote, denn gleich fielen ihm seine
Pluderhosen ein, die wohl vierzig Ellen gutes Tuch enthielten; er fragte der
Juden, was er ihm zu einem Paar anderer zugeben wollte. Er mut sie ausziehen,
der Jude besah sie inwendig so lange, da Anton ihn mit der krummen Nase
hineinstie, dann hielt er sie gegen das Licht; endlich sagte er, sie wren
schon sehr dnn, er wolle ihr aber doch ein Paar andere Hosen dafr geben.
Verfluchter Jude rief Anton, was gibst du aber zu? sonst behalte ich sie.
    Nun, sagte der Jude, ich will noch ein Paar Handschuhe zu geben.
    Anton warf ihn ber diese unbequeme Rede zur Tr hinaus Wer solche Hnde
hat, braucht keine Handschuhe. Als er seine Hosen kaum wieder angezogen hatte,
klopfte der Jude wieder an die Tr und bat sehr demtig, er mchte den Handel
ihm nicht versagen, er wolle die Hosen noch einmal besehen. Anton in seiner Not
mute die Hosen wieder ausziehen, der Jude besah sie und sagte, er wolle sie nur
einem Tuchhndler zeigen, weil er nicht wte, ob das Tuch auch in der Wolle
gefrbt wre. Anton gestattete ihm das Gesuch. Der Jude ging fort, es lutete
zum Essen, aber er kam nicht wieder, Anton rief den Wirt und erzhlte ihm den
Vorfall, der aber fate einen Argwohn, er mchte die Hosen schon verkauft und
das Geld ausgegeben haben, denn er htte keinen Juden bemerkt, er wurde deswegen
zornig und drohte ihm, da er nicht lnger bei ihm wohnen drfte. Anton war in
groer Not, er ward um so hartnckiger gegen den groben Wirt, setzte ihn auf
sein Bett, zog ihm die Hosen aus, die er dann gemchlich anlegte und zu der Frau
ging. Der Wirt schmte sich, wie er bezwungen worden, und bat ihn flehentlich,
ihn nicht in seiner Ble zu verlassen, da er kein Hemde zu seiner Bedeckung
trug, sondern nur ein kurzes Wams und Brusttuch. Anton machte demnach den
Vertrag mit ihm, da er ihn ohne Schererei bis zur Rckkehr seiner Freunde wolle
in seinem Hause wohnen und zehren lassen, dafr wolle er ihm jetzt von der Frau
ein Paar andere Hosen holen. Die Frau war verwundert, Anton in ihres Mannes
Hosen, die er mchtig aufgeplatzt hatte, hereinschreiten zu sehen, sie leistete
ihm in Vorzeigung dieses Hausregimentzeichens, Gehorsam und berlieferte ihm fr
den Mann ein Paar weite Staatshosen. Anton brachte sie hinauf, er tauschte sie
aber noch gegen die alten Kchenhosen, und der Wirt empfing wieder seine Gste,
wie sie ihn immer zu sehen gewohnt waren. Eine Not war nun abgemacht, aber eine
zweite war ihm dadurch erwachsen. Die Wirtin hatte solche Hausverehrung gegen
ihn durch seine neue Tracht gewonnen, da sie ihn erst mit allen guten Brhen,
Markknochen, fetten Brustknochen berlief, die er nicht verschmhte, bis sie
sich ihm selbst auftrug, die er nicht anrhren mochte. Der Mann durfte zu dem
allen nichts sagen, er war des Gehorsams gewohnt und hatte genug im Hause zu
tun; aber der Frau war nichts recht, was Anton im Hause beginnen mochte, es sei
denn, da er sich zu ihr setzte ans Fenster, wo sie Mohrrben schabte, und ihr
gute Worte vorsagte.
    Die Frau verlor aus Liebe zu ihm alle gesunde Vernunft; sie kam in den
abenteuerlichsten Trachten, halb entblt angezogen, mit einem Fcher von
Pfauenfedern, die Rcke schnitt sie ganz kurz und schwenkte trefflich damit im
Gehen; Anton sah mit Verwunderung ihr zu, er konnte sein Unglck nicht
begreifen, da er allen Weibern so zu Herzen gehe, ohne da er es wolle. Der
Frau war aber mit solchen Betrachtungen nicht gedient.
    Antons Wunden besserten sich wirklich sehr schnell in der Ruhe deren er sich
hier erfreute, wenn nicht seine Sehnsucht nach Frau und Kindern, nach dem Vater
und nach Susannen ihn ewig im Hause umhergetrieben htten, denn hinaus lieen
ihn weder der Wirt noch die Wirtin.
    Eines Mittags kam ein gelehrter Mann mit einem Diener angeritten, er trug
ein rotsamtenes Barett auf dem Haupte und einer grnen Mantel; sein Gesicht war
sehr gro, bleich und abgezehrt sein Auge wild, auf seinem Degenknopfe standen
geheime Zeichen Kaum war er abgestiegen, so forderte er vom besten Wein, sagte
aber, da er ihm nicht schmecke; als die Wirtin dies bel vermerkte, sagte er,
da er den Wein bald reif machen wolle, go aus einer kleinen Phiole einen
gelben Tropfen hinein und kostete ihr dann. Hierauf gab er ihn am Tische herum,
und jedermann erkannte in dem Neckarwein einen spanischen Sekt. Das ist
Kleinigkeit sagte er, aber Blei in Gold zu verwandeln, das ist etwas wert.
Darauf lie er sich jedoch nicht weiter ein; er sprach nur zuweilen von allen
Hauptstdten der Welt, wenn darauf die Rede kam, mit einer Ausfhrlichkeit, doch
ohne Prahlerei, als wenn er aller Orter zugleich gelebt habe, zeigte einzelne
kleine Merkwrdigkeiten, die er daraus mitgebracht, geschnittene Steine, die
heidnische Gtter darstellten, meist von so schndlicher Art, da die Wirtin lau
lachen mute und Anton gar herzhaft auf den Fu trat. Nach Tische kramte er sein
Felleisen aus und brachte Spielkarten heraus dabei versicherte er Anton, da er
durchaus Nachmittags etwa spielen msse, er mge doch ein Solo mit ihm
versuchen. Anton sagte ihm ohne Umschweife, er habe jetzt kein Geld, er sei wie
ein Fisch im Trocknen; der Fremde versicherte ihm, da er blo zum Vergngen
spiele und das Geld nicht so eilig brauche, er wolle bar bezahlen und wenn Anton
verlre, so mge er ihm nur ein Handschrift darber ausstellen. Anton spielte
mit Eifer, weil er nicht gern verlieren mochte; es war ihm zuweilen, als ob
Susanna ihm zurufe, er solle aufstehen, doch blieb er sitzen. Abwechselnd ging
das Spiel, wie es berhaupt im Schlechten geht, bis das Verderben einen ganz
umstrickt, das Blut wallend, die Zeit flchtig, Gott und die Welt wird
vergessen. Anton stampfte mit den Fen bei jeder Summe, die hher angeschrieben
wurde, er bi sich auf die Finger und merkte es nicht; endlich dachte er, es ist
doch nur Papier, was du verlierst, und ganz unmglich zu bezahlen, frisch gewagt
ist schon gewonnen. So verlor er ber tausend Gulden; hier hielt sein Gegner
inne und sagte, er sei heute des Spieles berdrssig, auch habe Anton allzuviel
Unglck an diesem Abend. Anton schwieg und wischte sich den Schwei von der
Stirn. Sein Gegner hatte unterdessen einen Schuldschein mit Bleistift auf ein
Blatt Papier geschrieben, den Anton, ohne den Inhalt genauer zu prfen,
unterzeichnete; doch erfuhr er daraus, da sein Mitspieler sich Doktor Faust
nenne. Nachdem das Spiel geendigt, machte Faust Kunststcke mit Karten, die
unerhrt waren, er zeigte das ganze Spiel Anton und befahl ihm, eine Karte sich
zu merken. Er dachte den Eichelbube; nach kurzer Frist zeigte ihm Faust diese
Karte. Anton erschrak vor dieser Allwissenheit; nichts, was jener noch
vorbringen mochte, schien ihm mehr unmglich; so zeigte er ihm, wie er sich
Messer ohne Verletzung durch die Hand schlug, wie ihm Wasser, das er aus einem
mitgebrachten Trichter eben getrunken, wieder aus dem Ellenbogen durch den
Trichter herauslief. Anton fand sich durch diesen Wundermenschen so angezogen,
da er seiner Einladung gern folgte und ihn auf sein Zimmer begleitete. Hier
empfing ihn Faust besonders zrtlich, er drckte ihm die Hnde und fragte zu
Antons groer Beschmung, wie er, der so ritterlich ausshe, zu einem Paar
seidenen schwarzen Ratsherrnhosen komme. Anton meinte in der Verlegenheit, sie
seien khl und leicht fr seine Wunde. Faust wnschte diese Wunde zu sehen und
versprach ihm sichere Hlfe, da er seit frhen Jahren aus der Wundarzneikunde
sein Hauptgeschft gemacht habe. Anton zeigte keine Neigung dazu, da ihn die
Wunde jetzt nicht schmerzte, vielmehr dachte er mit inniger Sehnsucht an seine
Frau und an seine Kinder und fuhr heraus: Doktor, Ihr knnt so viele Knste,
knntet Ihr mir doch meine Frau zeigen, was sie und die Kinder eben tun und
denken!
    Faust sah ihn ernsthaft an: Knnt Ihr schweigen und mir danken, so soll es
geschehen, es ist eine schwere Arbeit; geht in das Nebengemach, ich werde hier
meine Kunst treiben.
    Anton trat nicht ohne zagen in ein Nebengemach, er hatte ein Buch erstanden,
was ihm den Verstand verwirren konnte, er ahnete es, aber die Begierde lie
nicht davon ab. Schon war er im Begriff den Handel aufzusagen, und trat gegen
die Tr, als er seine Frau, wie sie leibte und lebte, doch mager und mit
verweinten Augen zu sehen glaubte, wie sie vor dem ltesten Sohne Oswald
hingestreckt lag, der entseelt und blutig den kleinen Tisch vor ihr einnahm. -
Der Jammer berwltigte in diesem Augenblicke allen Schrecken im Herzen Antons,
er wollte die geliebte Frau erwecken und sich ber sie hinstrzen; indem er sich
zu ihr bewegte, geschah ein heftiger Schlag, als flge eine Mine auf, er sank
nieder; als er erwachte, stand Faust neben ihm, der ihm mancherlei Essenzen
eingeflt hatte. Anton fragte verstrt: So ist es doch alles wahr, was ich
gesehen?
    Ihr habt uns alle in groe Gefahr gesetzt, sagte Faust, durch Euren
gewaltsamen Eingriff ins Geisterreich; wohl mag ich staunen, da Ihr so
unverletzt zurckgeschleudert seid.
    Mehr brachte Anton erst weder mit Drohungen, noch mit Bitten aus ihm heraus,
als er aber endlich, da es schon spt geworden, so dringend flehte, nur noch
einmal die geliebte Frau zu sehen, da sagte ihm Faust, er knne es nur mit
groen Kosten, durch die teuersten Kunstmittel erreichen, er solle ihm also bis
zu einem gewissen Tage hundert Florien oder seine Seele versprechen. Anton
bestimmte den Tag der Rckkehr Susannens und unterschrieb fast blindlings. Mit
trauriger, doch gefater Seele wartete er jetzt im Nebengemache; endlich fing
die Wand an zurckzuwanken, Dmmerlicht blickte durch eine lange Grabeshalle,
viele Srge standen in einer Reihe. An dem Sarge seines geliebten Brgermeisters
erkannte er das Grabgewlb der Waiblinger Brgermeister, er sah es geffnet, sah
wie sich sein graues Haupt schmerzlich umgewendet hatte, sah den Schrank, worin
seine Frau ihre erste Ausstattung immer sorgsam hegte zu seinen Fen, und seine
Frau ohnmchtig daneben; doch strkte ihn Susannens Anblick neben ihr, die mit
helleuchtenden weien Schwanenflgeln ihre Trnen wegzuwischen schien. Er sah
wie sie Frau Annen erweckte, in dem Augenblicke schwand die Erscheinung. Erst
jetzt, wo Faust mit einem Lichte eintrat, bemerkte er, wie er mit beiden Hnden
tief in den morschen Stuhl eingegriffen, worauf er sich festgesetzt hatte, um
diese Erscheinung in keiner Art zu stren; sein tiefstes Innere war erschttert,
er ahnete tausendfaches Unheil, was er sich nicht zu sagen und zu klagen wute,
vor allem ngstigte ihn das Wunderbare seines Geschicks. Er fragte jetzt auch
Faust nach seinem Vater, nach dem Grafen von Stock; jener aber wies ihn hhnisch
ab, ob er ihn auch mit solchen alten Lgengeschichten ffen wolle? - Ihn habe
auch einmal dieser wahnsinnige Alte im Jagdschlosse am Walde fr seinen Sohn
erklrt, von Burgen erzhlt, die nirgend anzutreffen, von Kronen, die nimmer
wieder zu gewinnen; der Alte sitzt voll Schwindelei, sagt, ist Euch je recht
wohl geworden bei ihm?
    Das konnte Anton nicht behaupten, er hatte immer eine Angst bei dem alten
Rappolt empfunden, doch htte er gern die Ehre des Alten verteidigt.
    Faust fuhr fort: Ich sage Euch, ist der Alte kein Schelm, so ist er ein
Narr! -
    Bei diesen Worten rief eine ferne Stimme: Es ist nicht wahr!
    Wenn du sprichst, mu ich wohl schweigen, sagte Faust. Anton aber fhrte
eine unsichtbare Hand des Schreckens aus dem Zimmer, vor welchem er den Wirt und
die Wirtin in heftigem Streite antraf. Was willst du hier, sagte sie, du hast
mich hier belauschen wollen, nicht wahr, du Simpel?
    Es ist nicht wahr, es ist nicht wahr, rief er mit derselben Stimme, die
Faust eben so mchtig zum Schweigen gebracht hatte. Es ist nicht wahr, hallte
es in Antons Seele wider, alles nicht wahr, die Stimme des Hohnes hat mich
erschreckt und die Stimme des Zauberers belogen; Rappolt ist mein Vater, Oswald
lebt, meine Frau lebt, und statt aller Srge will ich von der ersten
Freudennacht nach der Wiederkehr trumen. Er versank bald in dem Pfhle, sah
sich auf einer freundlichen alten Meierei, die dem Jagdschlosse seines Vaters
Rappolt glich. Unter einem hellen Himmel zog ein hellgrner Kastanienwald in
Frhlingsblte die Berge hinauf, er dachte seiner Tagesarbeit und ging an den
hohen Ruinen vorber, welche den Weg bezeichneten, und auf jedem fand er einige
alte Mnzen, Henkeltaler, Denkmnzen, die er zu sich steckte und der Frau
brachte, die mit ausgebreiteten Armen auf ihn zueilte. Indem er sie an sich
drcken wollte, fhlte er sich von einem Paar Armen umschlungen, er meinte
seinen Traum wirklich, aber leider hatte sich im Erwachen die schne Gestalt in
die der Wirtin verwandelt. Anton wute seinen Verdru nicht anders zu verbergen,
als da er heftig ber seine Wunde schrie. Die Wirtin frchtete ihn bei ihrer
Annherung verletzt zu haben und suchte ihn zu beschwichtigen mit den
zrtlichsten Umhalsungen. Da trat Doktor Faust mit einer Nachtlampe herein und
schimpfte mit einer Wut, die schwer zu erklren war, auf die Hauswirtin und
gebot ihr sich augenblicklich zu entfernen. Die Wirtin verstand keinen Spa, sie
fiel schimpfend den heftigen Doktor mit der Schrfe ihrer Ngel an und
verwickelte sich bald so grimmig in seinen Haaren, da er seinen Diener
Mephistopheles zu Hlfe rief. Der Diener trat mit einer Ofengabel herein, setzte
die Wirtin mit wunderlicher Geschicklichkeit darauf und fhrte sie von dannen,
worauf der arme Doktor nach seinem Zimmer sich zurckzog, um die Ngelmale
auszuwaschen und mit Zndschwamm zu verbinden. Anton konnte nun wieder schlafen,
aber sein schner Traum kam nicht wieder, denn es war ein Traum der Liebe.
    Am andern Morgen war jedermann so verstrt im Hause, als wre in der Nacht
Feuer gewesen und jeder htte beim Retten seine Sachen verlegt. Doktor Faust
hatte ganz frhzeitig schon den Wirt zu sich gerufen und ihm das schlechte
Betragen seiner Frau mitgeteilt; der Wirt konnte sich vor Bosheit kaum fassen,
da seine Frau sich an einen Menschen hnge, der ihn nicht bezahle und seine
Hosen auftrage, Sakrifingerhut, schrie der kleine Knirps, sie soll es mir
heute bekommen! Indem er dies gesprochen, trat die Wirtin scheltend herein:
Fauler Esel, will Er hier schwatzen, will Er sich gleich herunterscheren, es
ist der Junker Blaubart ganz betrunken angekommen und ich habe heute keine Lust
einen Schritt zu tun fr die Fremden. Gleich, gleich, sagte der Mann; sie
drehte sich um und er schlug leise ein Schnippchen hinter ihr, da es Faust
sehen konnte. In dem groen gewlbten Wirtszimmer wurde bald ein ungemeiner
Lrmen, als wrde ein Turnierrennen darin gehalten. Der Junker hatte sein Pferd
mit hereingezogen, weil er den Stall zu schlecht gefunden hatte. Der kleine Wirt
war auf die Fensterbekleidung vor Angst gesprungen, der Junker aber hatte sich
auf sein Ro geschwungen und lie sein Pferd die Schule machen. Die Gasse stand
bald voll Menschen, die diesem auerordentlichen Schauspiel zusehen wollten und
darber die blinden Fenster einschlugen; der Junker gefiel sich immer mehr in
seiner Pracht, je mehr die Wirtin und der Hausknecht dazu in die Jammerposaune
stieen. Anton war erst von diesem Augenblicke herzlich ergtzt, insbesondere
als der Junker mit seiner Lanze die Henkelkrge sehr geschickt
herunterturnierte, die in feierlicher Ordnung auf einer Seite des Saales an der
Wand gereihet standen; doch als er sie in dieser Kunstbung meist zerschmissen
hatte, da tat es Anton leid, wie manchen guten Zug er damit getan, und befahl
dem Junker, der Krge zu schonen. Dem Junker kam dieser Zuspruch sehr ungelegen,
er legte die Lanze gegen Anton an, der sie aber sehr geschickt mit der Hand
packte und zerbrach. Als der Junker sich noch nicht zufrieden geben wollte,
sprang Anton mit groer Gewandtheit unter den Gaul, packte die Vorderbeine
zusammen und drngte ihn gegen die Tr, da der Gaul die Stufen mit ihm herunter
in den Torweg strzte und der Junker vom Bogen der Tr aus dem Sattel gehoben
auf dem Kampfplatze einsam zurckblieb. Gleich strzte die Wirtin auf den
Junker, der erst sehr betubt vom Falle sich nicht wehren konnte, der Hausknecht
fate seine Hnde, der Wirt holte einen Strick und so wurde er schnell
geknebelt, worauf Anton ihn wie ein grimmiges Wickelkind auf das Rathaus trug,
um die ganze Angelegenheit zu den Akten zu legen. Der Aktuarius sah mit
Schrecken, wie er den Junker einheften sollte, doch machte er sich unntze Mhe;
ein Vetter des Junkers, der im Rate sa, befreite ihn mit einem derben Verweise
und nahm ihn in sein Haus zu einer groen Gastierung. Hier wurde von des
Ratsherrn Tochter der ganze Vorfall dem Junker Blaubart, der sie eben heiraten
wollte, so hart vorgerckt, da er sich an dem vierschrtigen Kerl, - so nannte
er Anton - ernstlich zu rchen beschlo. Dieser sa eben beim Nachtische, der in
einigen Rettichen bestand, und schnitzte in Gedanken Taler, als ihm durch des
Junkers Knaben ein Ausforderungsbrief fr den morgenden Tag, wo er sich schon
der Wirtin, den Schuldnern und dem Teufel verschrieben hatte, abgegeben wurde.
Er versprach sich einzufinden und bat den Doktor nachher ihm Waffen zu leihen,
der aber durchaus nichts davon wissen wollte, sondern ihn zrtlich kssend an
seine Gesundheit und an die Verpflichtungen erinnerte, die er gegen ihn
bernommen. Die Not bestrmte jetzt Anton von allen Seiten, von Seger erhielt er
keine Nachricht, die Wirtin scherzte schon mit widerlicher Zrtlichkeit von der
Nacht, die der nchsten folgen solle; der Wirt sah so spttisch auf seine Hosen,
als ob er selbst schon drin zu stecken hoffe. Faust verfolgte ihn mit
abgeschmackter Freundlichkeit und selbst der Knecht Mephistopheles erlaubte sich
widrige Scherze gegen ihn, als ob er seine Not durch und durch kenne, er sah
kein Mittel, seinen Mut dem Junker zu zeigen und zu bewhren; er sa trbsinnig
in einem Winkel des Zimmers, wo er am Morgen triumphiert hatte, und spielte mit
den Hunden, die von allen sonst gestoen und getreten nur an ihm einen Schutz
fanden. Faust war mit seinem Diener, zierlich geschmckt, in das Haus des
gastierenden Ratsherrn gegangen, wo er sich durch reiche Verlobungsgeschenke den
Eintritt verschafft hatte. Anton sah ihn mit der ganzen Gesellschaft nach einem
Garten vorberziehen; zur Zerstreuung wre er ihnen gern nachgefolgt, der Abend
blickte so herrlich ber die Dcher, und die Weiber lieen ihre Augen wie Pfauen
ihren vielugigen Schweif herrlich glnzend darin umhergehen - aber die Wirtin
hatte sich in die Tr gesetzt, und ihre Zrtlichkeit zu durchdringen war ihm ein
schweres Werk, er blieb also ruhig auf seinem Schemel und wartete, da der Sohn
der Wirtin aus der Schule komme und ihm mit Geschwtz die Zeit vertreibe.
    Der kleine Georg setzte sich zu ihm und erzhlte ihm von allen Gsten, die
im Hause wren. Gegen den Doktor hatte er einen besondern Ha, ungeachtet ihm
dieser allerlei se Kuchen geschenkt hatte, er mochte sie nicht essen. Georg
erzhlte, wie er von seiner alten Wrterin von einem Wolfe gehrt habe, der vor
einem dunklen Walde in einem weien Zuckerhuschen wohne er meinte, der Wolf
sehe so aus wie der Doktor, der Wolf habe auch eine Menschenstimme und rufe den
Kindern, die hinter der Stadt spielten, alle Tage zu: Bbchen, willst du
Zucker? Endlich ging der eine kleine Bube und ein kleines Mdchen hin nach dem
weien Hause, wo sie die Stimme gehrt hatten, sahen den Zucker so recht sternig
blinken und leckten daran und knusperten was ab. Der Wolf lag ruhig drin und sah
sie recht gut, fragte aber, als wenn er sie nicht she: Wer nagt an meinem
Zuckerhuschen? - Das ist der Wind, sagten die Kinder, waren etwas still und
nagten dann wieder ein Stck ab. - Wer nagt an meinem schnen Zuckerhuschen?
fragte der Wolf noch einmal. - Es tut der Regen, antworteten die Kinder, waren
wieder eine Weile ganz stille, dann aber brachen sie noch ein gut Stck ab, um
es den andern Kindern zu bringen. Da fragte der Wolf zum dritten Male: Wer nagt
an meinem wunderschnen Zuckerhuschen? - Da wuten die Kinder nicht, was sie
antworten sollten, und der Wolf sprang heraus, packte sie mit seinen scharfen
Klauen und drohte ihnen zornig: Wenn ich euch gleich wie ein Huhn in der Suppe
zerrisse, das wre mir leicht, aber ihr seid mir noch nicht fett genug zur
Suppe, ihr habt nach Zucker gelstet, der soll euch werden; da seht, ich sperre
euch in meinen Zuckerkasten, und hier aus dem Gitterchen streckt ihr jeder euer
klein Fingerchen, da ich sehe, ob ihr recht zugenommen habt, auf da ihr mir
wohl schmeckt. - Und da muten die Kinder in den Kasten, das Bbchen sa beim
Zuckerkandis, der glnzte prchtig wie ein groer Edelstein, und das Mdchen sa
beim Kanarienzucker, der war so wei wie Schleier, und sie konnte gleich singen
wie ein Kanarienvogel, als sie kaum davon gekostet hatte, und wenn sie genug
gegessen, da kamen sie beide zusammen und tanzten vor dem Gitter und sahen
heraus, wie die schnen Blumen blhten, und alles bekam ihnen so gut, da sie
schnell gemstet waren. Da kam der Wolf und rief vor dem Gitter: Bbchen zeig
dein Fingerchen, da ich sehe, ob du fett bist, und der Bube steckte in der
Angst das Stckchen heraus, worauf der Zuckerkandis gesessen, da der Wolf mit
dem Kopfe schttelte und sprach: Et nur und seid lustig, da ihr bald fett
werdet. So ging es zweimal recht gut. Sie hatten den Wolf ganz vergessen; als
er nun aber kam und wieder sagte: Bbchen, zeig dein Fingerchen, da ich sehe,
ob du fett bist. Da konnte das Mdchen den Stock unter ihrem Zucker nicht
finden; da mute das Bbchen sein Fingerchen herausstrecken und der Wolf lachte:
Bbchen, wie bist du fett geworden, das soll mir schmecken. Darauf schlo der
Wolf den Zuckerkasten auf und fhrte die beiden zitternden Kinder an den Flu,
lie sie da stehen und wetzte seine Zhne an einem Kieselsteine, da die Funken
davon flogen. Die beiden Kinder standen ganz bla am Ufer und sahen viele Enten,
die zusammen schwammen, zu denen sang das Bbchen in groer Angst: Entchen,
baut ein Brckchen, da ich kann hinber, kriege sonst das Fieber. Die Enten
sprachen: das soll geschehn und schwammen dicht zusammen in einer doppelten
Reihe verkehrt, da Stei gegen Stei zu schwimmen kam, und die Kinder gingen
trocknen Fues ber ihren Rcken hinber. Kaum sah das der Wolf, so wurde er
grimmig und wollte ihnen nach; als er aber mitten auf der Entenbrcke war, da
schwammen sie mit groem Geschnatter aus einander und der Wolf fiel plumps ins
Wasser, worber dem kleinen Mdchen vor Lachen der Bauch platzte.
    Den werde ich wohl zunhen mssen, sagte ein fremder Mann mit
aufgestreiften Hemdsrmeln, der in das Zimmer trat. Herr, sagte er zu Anton,
das Bad ist fertig, wie mir die Frau befohlen.
    Wer hat's befohlen? fragte Anton.
    Mutter hat's befohlen, sagte Georg. Es ist der Zuckerkasten des Wolfs,
worin ich mich noch einen Tag pflegen soll, bis ich fett bin, dachte Anton fr
sich, was aber geschehen mag, das Bad ist darum nicht zu verschmhen, mag ich
auch das Weib verschmhen, mein Haar ist mir fast zu krausig, es liegt mir auch
noch genug alt Pflaster von den Wunden auf der Haut.
    So folgte er ziemlich heiter dem Bademeister, der ihm in einem engen
Zimmerchen den Bart und das Haupthaar abschnitt, ein feines Badehemde anlegte
und ihn dann durch einen langen Gang in das groe Stadtbad fhrte, das
hochgewlbt, herrlich mit Blumen verziert, von hellfarbigen Lampen dmmernd
erhellt, die vornehme Jugend der Stadt in abwechselnden Kreisen umspannte in
einem Teich. Rings umher lief ein Gang fr die Zuschauer, welche mit
Blumenkrnzen, die sie herabwarfen, die schnsten Mdchen begrten und dafr
von ihnen mit Gesang belohnt wurden, sich auch hufig eingefunden hatten, unter
denen auch der Ratsherr mit seiner Gesellschaft und Doktor Faust zu bemerken
waren. Ein schnes Mdchen, nach deren Saitenschall sich erst mehrere andere im
Wasser tanzend umgedreht hatten, wandte sich jetzt zu den Zuschauern; ihr
Badekleid hatte sich etwas erhoben und schwamm auf dem Wasser, da sie in einer
Muschel zu schweben schien, sie bat scherzend um eine Gabe bei den Zuschauern
und im Augenblicke war sie mit herabgeworfenen Blumenkrnzen wie eine Wiese im
Frhlinge bedeckt, sie dankte artig und warf dann die Blumenkrnze auch den
brigen Frauen zu, dann aber sang sie zu einer Reihe Frauen, die dieses Bad
besuchten, um sich des himmlischen Segens der Kinder zu erfreuen, und die in
einem Kreise unter frischem Weinlaube saen, das seinen grnen Schein dem Wasser
mitteilte:

In den laulich blauen Wellen
Schwimmt die Hoffnung unsichtbar,
Jedem mag sie sich gesellen,
Und umschliet die ganze Schar,
Doch die Krnze, die da fallen,
Und die Lieder, die da schallen -
Wer sie auch gespendet hat -
Nicht bezahlen sie das Bad.
Nur die gute Hoffnung lohnet
Reichlich aller Herzen Gunst
Und die Hoffnung gerne wohnet
In der Bder warmem Dunst.
Gar verschieden sind die Gaben
Guter Hoffnung unsichtbar,
Jede mcht ihr Abbild haben
Und sie stellt sich keiner dar.
Jede mu die Freunde denken
Als die Hoffnung unsichtbar,
Eilt nach Haus mit den Geschenken,
Kehrt zurck im nchsten Jahr.

Anton stand bei diesem Anblick wie versteinert in einem Winkel; alles, was er
aus heidnischen Dichtern in der Schule von Meernymphen und Bacchanten gelesen
hatte, das alles kehrte ihm in diesem reizenden Bade versinnlicht wieder, es war
ihm ein Anklang frohen Lebens, den sein Ohr nie vernommen hatte, Unglck, was
ihn bedrohte, war aus seinen Gedanken gewichen, als ihm eine mit Luft gefllte
und mit Schellen besetzte Blase pltzlich mit hellem Geklingel auf den Kopf
fiel. Es war ein neues Spiel, das auch ihn mit fortri; die Mdchen hatten eine
besondere Geschicklichkeit im Auffangen dieser schelmischen Blle, ihm ward so
leicht in dem Bemhen danach, da er sich einer der Mitgtter whnte, als er
pltzlich im Durchschreiten des Wassers auf die Wirtin zukam, die jetzt sich
unter die Badenden gemischt hatte.
    Sie konnte ihm aber seine Lust nicht verderben, vielmehr nahm er den
Rosenbusch, den er in seinen Hnden trug, und schlug damit lachend auf die
Entblte; seinem Beispiele folgten die andern im Scherze, und die Frau, welche
das immer noch fr eine Ehre anzunehmen geneigt war, mute sich doch endlich
zurckziehen, weil nach den entbltterten Rosen sehr scharfe Dornen blieben, die
ihre Leidenschaft anspornten.
    Sie war nicht lange fort, so wurde Anton von dem Bademeister herausgerufen;
alle seine neuen Bekannten grten ihn zrtlich, er stieg traurig ans Land, auf
welchem seine Sorgen ruhten, das Wasser der Vergessenheit wirkte kaum so lange,
als er darin geschwommen hatte. Als er in das Wirtszimmer zurckgekommen war,
dachte er sich zuerst einen sehr unfreundlichen Willkommen von der mit Rosen
gepeitschten Wirtin, sie hatte sich aber die groe Aufmerksamkeit, die sie
erregte, gnzlich zum Guten ausgelegt und kte ihn als den Bringer und Geber
dieser Ehre. In diesem Augenblicke wnschte sich Anton lieber dem Teufel in die
Arme und Faust und Mephistopheles traten herein. Faust hetzte gleich die Wirtin
hinaus, nahm Anton bei Seite und sagte ihm, da er das Geld morgen notwendig
brauche, um seine Spielschulden in der Ratsgesellschaft zu bezahlen, seine Ehre
sei verloren, wenn er sie nicht am andern Tage abtrage. Anton gab ihm die besten
Hoffnungen; morgen ist die Sndflut, dachte er in sich, da ist alles ein
Aufwaschen, a und trank ohne Unruhe und erzhlte so viele Historien, da der
Diener des Faust mehrmals hinter dem Stuhl des Herrn zu lachen anfing, ohne den
Befehl seines Herrn ihm Wein einschenkte und mit seinen Zustzen die
Gesellschaft erheiterte. Halb selig taumelte Anton zu Bette, er erwachte am
Morgen ziemlich spt, dann setzte er sich ans Fenster und sah die Strae nach
Waiblingen hinunter. Herr, sagte Mephistopheles, der leise zu ihm getreten,
was starren Eure Augen wie ein Wegweiser die eine Strae hinunter? Wolltet Ihr
mich nur sorgen lassen, Euch sollte niemand etwas anhaben.
    Was kannst du mir helfen? sagte Anton, der Teufel und ein altes Weib
haben mich in ihrem Rachen.
    Grmt Euch nicht, mein lustiger Herr, sagte noch einmal Mephistopheles,
ich sehe nach nichts aus, aber ich gebe Euch doch vielleicht noch einen Rat,
der Euch angenehm ist, nur wnsche ich, da Ihr mir aus Geflligkeit fr die
Dienste, die ich Euch noch leisten werde, einen Brief an meine Geliebte
schreiben wollt, denn seht, ich kann nicht schreiben und bin darum doch nicht
weniger verliebt.
    Anton versprach's ihm und der Diener drang auf schnelle Erfllung; schreibt
alle Perlen, Samt, Edelsteine in den Brief, sagte der Diener, da er nur recht
zrtlich wird. Anton sah den zerbrckelten Kerl an und konnte sich so etwas wie
Liebe gar nicht in ihm denken; halb lachte er, dann aber dachte er in sich an
Frau Anna und Susanna abwechselnd und so wogte sein Herz in voller Zrtlichkeit,
und seine Feder jagte wie der Helmbusch eines frohen Ritters ber das Papier.
    Meine Geliebte - die se Strae, die zu Dir fhrt - auf die mein Auge Tag
und Nacht blickt, wird mit den Augen nicht befahren - meine Seele aber wandelt
sie blind und versenkt sich darein und hat keine Rast und kann an keiner Sttte
weilen, bis ich sie vollbracht haben werde. - Schaudernd in Lust denke ich aber
in die Weite, fern von Dir festgehalten, und bin ein frhlicher Knecht, wenn ich
nur der Fahrt zu Dir gedenke und derer, die darauf wandeln; die beiden, die bei
Dir sind gewesen und mit Deinem liebreichen Troste bald zu mir heimkehren,
lieben werde ich sie, weil sie Dich gesehen; bald bin ich Dir nahe wie sie, und
dann will ich Dich festhalten wie meine Feder, die ich sonst beie mit meinen
Lippen, mein Bart soll Dich wrmen, denn es wird bald Winter, bewahre Dich, Du
geliebter Abgrund aller Zrtlichkeit, vor allem Fremden und bleibe rein und
bleibe mein.
    Anton fragte, ob es so richtig und wie er unterschreiben solle. Sie nennt
mich kurzweg Anton, sagte Mephistopheles, und Anton schrieb seinen Namen ruhig
unter das Briefchen, das er dem armen Kerl einhndigte.
    Was will der verliebte Racker wieder hier? erhob sich pltzlich vor der
Tr ein Geschrei, an die Tr will ich dich annageln, wenn du bei deinen Gsten
horchen willst.
    Dieses war Fausts Stimme, dagegen gellte ein Strom von Flchen aus dem Munde
der Wirtin, die von seiner Seite mit grimmigen Nasenstbern beantwortet wurden;
er schien schlagfertig und sie war wirklich im Unrecht, da sie gehorcht hatte,
sie fing nach den Nasenstbern an, ein paar Worte Franzsisch zu reden, dann
sehr vornehm etwas Spanisches, was sie aber nicht endigen konnte, denn der
Doktor hatte sie sehr geschickt die Treppe hinuntergleiten lassen, ohne groen
Schaden, doch zur groen Beunruhigung ihres Sitzfleisches, indem er sich vorne
wie ein Einspnner an ihren Unterrock angespannt hatte. Nach diesem Geschfte
trat er zu Anton herein und erinnerte ihn an sein Geld. Anton antwortete aus dem
traurigen Schicksale der Welt, da es sich gewissermaen auf Geld reime,
zugleich konnte er sich diese Einrichtung nach Gottes Weisheit nicht erklren.
Faust lachte hochmtig und sprach: Da seid Ihr weit zurck, wenn Ihr Gott als
den Schpfer der Welt anbetet, die Welt ist dem viel zu klug, sie hat sich
selbst am besten zu machen gewut; so wie ein paar Nachbarn es bald einsehen,
da es ihnen beiden besser sei, ihre Grten durch einen Zaun zu trennen, als
gemeinschaftlich auf demselben Fleck Landes bauen zu wollen, so merkten auch
bald die Erde und das Wasser, wenn sie beide etwas eigen haben wollten, so
mten sie einander gewisse Strecken abtreten; in Hinsicht der brigen blieben
sie zweifelhaft und sind noch bis jetzt streitig, im Menschen haben sie aber
beide ihren Anteil, und Erde und Wasser scheidet sich auch in ihm.
    Bei diesen Worten fhrte sich Mephistopheles so unanstndig auf, da sie das
Zimmer verlassen muten, aber eben dadurch auf die Schpfung der Luft und des
Feuers gefhrt wurden. Ihr Gesprch setzten sie beim Mittagessen fort, wo
diesmal die verliebte Wirtin nicht erschienen war, wogegen der Wirt eine ganz
andere Rolle spielte. Bei der mindesten Nachlssigkeit des Hausknechts fuhr er
heftig auf, auch mischte er sich sehr weise in alle Gesprche der Gste. Zu der
Weltschpfung sprach er: Eine Welt ist immer gegen die andere, wenn die eine
lacht, mu die andre weinen, darum sollte man sich ber beides nicht sonderliche
Gedanken machen, sondern die Trnen laufen lassen und das Lachen nicht
verbeien, denn die Welt bleibt Welt, so lange sie sein wird.
    Der Herr Wirt versteht sich auf Politik, wie ich sehe, sprach Faust, indem
er sich ernsthaft stellte; sind derselbe vielleicht im Rate angesessen?
    WIRT: Ich habe die Ehre, ein Ratsfreier zu sein, der bei wichtiger
Gelegenheit zugezogen wird, und da habe ich bemerkt, da Bileams Esel oft
schrfer sieht, als sein Herr.
    FAUST: Das wird Ihre Familie dem Hofe sehr empfehlen.
    WIRT: Des Herrn Gunst ist stets die grte Tugend, der Teufel aber ist der
beste Hofmann.
    FAUST: Sagt mir, werter Ratsfreund, wie seid Ihr bei so vieler Klugheit zu
der dicken Sau gekommen?
    WIRT: Sie ist bei mir gefallen.
    FAUST: Ja heute die Treppe herunter; es hat ihr doch nichts geschadet? Aber
seht, das Horchen kann ich von Eurer Frau nicht leiden.
    WIRT: Von wem sprecht Ihr, mein gelehrter Herr?
    FAUST: Ich sprach von Eurer Frau; ohne Umstnde, sagt mir Freund, wo habt
Ihr so viel hllische Courage gewonnen, solch ein Stock Euch aufzuhalsen?
    WIRT: Weil ich nicht danach frage, wo dieses gebrechliche Schifflein meines
Fleisches hinkomme, wenn ich nur diejenige, die darin berfhrt, sicher
durchbringe.
    FAUST: Aber gedenk doch auch an die dicke Seele des Dreimasters, dem Ihr
als eine kleine Schaluppe angebunden seid.
    WIRT: Das Nein ist nicht Nein in eines Weibes Mund, so mag auch die meine
selig werden; brigens ist der meisten Weiber Leben nichts anderes, als der
Zustand derjenigen, die im Schlafe gehen und reden.
    FAUST: Ist denn gar nichts Gutes an Eurem Rhinozeros von Frau?
    WIRT: Ein Weib ist immerdar ein Mittelding zwischen Mann und Teufel, denn
beide knnen sie brauchen und machen sich lustig mit ihnen.
    Die Frau war hereingetreten und fragte den Mann, was er da wieder geschwtzt
habe. Er sagte ihr liebreich: Engelskind, ich sagte eben, da mancher Esel
drauen sucht, der Pferde daheim hat.
    WIRTIN: Solch tricht Zeug hat er immer im Munde, was sollen dazu die Gste
sagen?
    FAUST: Eine aufgeweichte Semmel schmeckt nicht sonderlich dazu.
    WIRTIN: Mit Ihm rede ich gar nicht, denn Er ist grob; wenn du ein Mann
wrst, Mann, du gbst ihm eins an die Ohren, statt mit ihm lange zu reden.
    WIRT: Wer eins gibt, bekommt zwei wieder, es ist leichter Krieg anfangen,
als ausfhren.
    WIRTIN: Du hast recht, Herzensschatz! Dabei tat sie, als ob sie sich ihm
nhern wollte und kniff ihn in ein Ohr, da der kleine Mann vor Angst tanzte.
    Anton hatte dem allen ruhig zugehrt, als wenn es ihn weiter nichts angehe,
er dachte an den nchsten Tag und da grauste ihm, besonders vor der Wirtin, die
ihm heimlich auf den Fu trat und in den Seiten kitzelte. Nach Tische sehnte er
sich nach der Kirche, aber die Wirtin hatte schon wieder die Haustre besetzt
und wickelte Wolle. Er ging auf sein Zimmer und fhlte ein Bedrfnis sich ein
frommes Bild in der Zerknirschung seines Herzens zu malen, das seine Versuchung
ausdrcken knnte. Er nahm eine Kohle und verzierte erst ein Feld an einer
Bogenseite seines Zimmers, worauf die Abendsonne schien; er zeichnete sich
selbst verwundet, wie er kleine Steine aus Hunger it, zwei Engel, Susanna und
Gldenkamm, die vor ihm wandeln; rings umgeben ihn die Wirtin, die ihm einen
hohen Becher bietet, der Faust, der ihm die Fe hlt, whrend er vom Teufel
gefesselt wird und sich deswegen auch gegen den Junker Blaubart nicht wehren
kann, der mit eingelegter Lanze gegen ihn anreitet. Als das Bild so vor ihm
stand, fhlte er ein so heftiges Mitleiden mit sich selbst, da er sicher
meinte, es msse Gott auch zu Herzen gehen. Er warf sich nieder und betete so
auer sich, so inbrnstig und gewaltig, da er einen Rollwagen nicht hrte, der
vor dem Wirtshause angefahren war.
    Susanna und Gldenkamm, die von einem Kaufherrn mitgenommen waren, traten
ins Zimmer, als er noch auf seinen Knieen lag; sie knieten stille neben ihn hin
und als er endlich aus seiner Gottesnhe zurckkam in die scheue Ferne und
aufwachte und umblickte, da waren seine guten Engel ihm nahe, er umhalste sie
und konnte keine Worte finden. Endlich sprach er auer Atem: Nun, was macht
mein Weib? Wie geht's meinen Kindern? Was schreibt meine Frau? Wie hat sie euch
aufgenommen?
    Herr, sagte Susanna, betet noch einmal, wie uns Gott gelehrt hat in Not
und Trbsal, dann will ich Euch berichten
    Anton betete und wute nicht, was er betete, seine Freude war ihm in alle
Glieder zurckgetreten. Lebt meine Frau nicht mehr? ist mein Anton tot? fragte
er endlich.
    SUSANNA: Beruhigt Euch darber, sie leben beide, aber der Oswald ist
gestorben.
    ANTON: Zwei leben fr einen, den ich misse, Gott sei gelobt! Der Oswald war
nur ein krnkliches Kind. Wie geht's meiner Frau? Hast du ihr meine Not
geschildert und meinen guten Willen, wie ich knftig still und fleiig leben
will?
    SUSANNA: Ich habe ihr alles gesagt, aber sie schilt ber Euch, sagt, da
Ihr die silbernen Pokale verkauft habt.
    ANTON: Gott ist mein Zeuge, das hat mich oft gereut, aber meiner grimmen
Not wird sie sich darum doch erbarmen, sie hat doch noch Geld und Gut genug fr
mich und sich, wenn sie das viele Hausgert verkaufen lt.
    SUSANNA: Lieber Herr, ich war dort zur Versteigerung, aber die arme Frau
war so verwirrt, so betrbt ber den Tod ihres Shnleins, da sie mir alles
versagte; sie meinte, andre Soldaten brchten von ihren Zgen Geld heim, Ihr
aber brauchtet immer mehr Geld dazu, sie knnte Euch nichts schicken als dies
Andenken.
    ANTON: Zeig her, liebe Seele, was ist's? Was, diese rostige Klinge und
dieser zerrissene Beutel!
    SUSANNA: Es mag wohl ein Geheimnis darin sein; sie schwor, da sie erst,
wenn Ihr diesen Beutel gefllt mit Gold zurckbrchtet, Euch in ihrem Bette
wieder aufnehmen wolle, das schwor sie mir und da mute ich gehen.
    ANTON: So sei verflucht...
    SUSANNA: Flucht nicht im Unglck, denn das reuet im Glcke.
    ANTON: Was bliebe mir, wenn ich nicht fluchen drfte, fluchen aus ganzer
Seele meinem...
    SUSANNA: Fr einen Fluch ist des Menschen Mund zu klein und seine Stimme zu
schwach.
    ANTON: Ich aber kann Steine zermalmen mit meinem Munde und Glser
zersprengen mit meiner Stimme, fluchen will ich, da die Erde verdorrt, wo sie
hintritt, das gottlose Weib, fr das ich tausendfach mein Leben gegeben htte,
das verbunden mit mir durch alle heilige Gewalt mich aller Not, allen Teufeln
und Hexen berantwortet, gleichgltig hhnisch, vergangener Lust mich erinnert,
des Bettes meines Glckes, verflucht sei die Stunde...
    SUSANNA: Haltet inne, ich halte Euren Mund zu.
    ANTON: Fort von mir, ich ersticke in meiner Wut, verflucht sei der Tag, die
Nacht, der Augenblick, wo ich ihr Bett besteige, und flehte sie Voll mir die
Liebe wie ein Almosen, ein Schlag soll meine Glieder lhmen, die sich ihr
berlassen, und wie ein glhendes Eisen soll mir ihr Mund auf den Lippen glhen,
verflucht sei der Glanz ihrer Brust, da er Schnee trage statt Liebesfeuer, -
ach, wer ist rger verflucht als ich.
    SUSANNA: Herr! Wie ist Er so schrecklich, so verwandelt.
    GLDENKAMM: La ihn doch austoben, da wird ihm wohl.
    ANTON: Wohl soll mir werden, das schwr ich! - will leben wie ein Gott,
freudig in jeden Genu wie ein Meer, das nimmer auszutrinken ist. Wie sah das
Weib aus?
    SUSANNA: Schn, aber traurig und bla.
    ANTON: Ja so sah sie gewi aus, schn aber traurig, ich wei, da sie schn
ist, aber traurig soll sie werden, da sie alle Spiegel zerschlagen mu, ich
will ihr zeigen, wie ich bin, im Glcke wohl zu gngeln, aber das Unglck mag
jahrelang mit mir ringen, ich bin glatt wie ein Fisch und will ihm doch
entschlpfen, will aufziehen vor ihr in ritterlicher Pracht und meinem
berflusse soll sie zum Auffangen ihren Scho ausspannen, mich aber empfngt sie
nimmer. Wie ist der Oswald gestorben?
    SUSANNA: Der Anton hat ihn in kindischem Spiele geschlachtet.
    ANTON: Das tat wohl der Mutter wehe? der Oswald war immer ihr Liebling; er
htte es nicht tun sollen, aber er versteht's doch schon, seinen Vater zu
rchen, - jetzt sehe ich wohl, Faust hat in allem recht gehabt. Ist Oswald in
einem Sarge begraben?
    SUSANNA: Nein Herr, in einem Schrank von Nubaum, worin die Ausstattung des
ersten Mannes bewahrt gewesen.
    ANTON: Richtig, du wunderlicher Doktor, du hast einen Arm wie die Knige,
du kannst weit greifen und die Seelen aus dem Krper wie einen Splitter
herausziehen, wie sticht diese Seele, so lange sie in uns, und ist sie von uns,
dann schmerzt sie doch; du und dein Teufel, ihr mgt mir vom Leibe bleiben, habe
nichts mit euch zu tun. - Nun euch wird dursten nach der Reise, mich auch. Heda
Wein, vom besten! -
    So tobte er fort und brachte den Hausknecht an den Haaren gezogen, der ihn
zu langsam bediente, schenkte ein und trank selbst wild hinein, jetzt klopfte es
und der Wirt trat mit einer Rechnung herein. Anton lachte ihn an, bi in sein
Glas, zerkaute das Stck zu weiem Schaum und bespie ihn damit; wer das
verbeien kann, der schluckt Eure Rechnung noch dazu. Bei diesen Worten hatte
er die ganze Rechnung zerkaut und heruntergeschluckt; dem armen Ratsfreunde
verging aller Rat, er zog sich fort und wute nicht warum.
    Der Doktor Faust war der zweite, der seine Rechte bei ihm geltend machen
wollte; Anton empfing ihn artig und entlie auf sein Begehren die beiden
Gesellschafter. Faust hielt ihm seine Rechnung vor, Anton zeigte ihm seine
flache Hand: ob da wohl ein Bart se. Als Faust darauf ein scharfes Nimmermehr
antwortete, so fuhr Anton fort, eben so wenig wachsen mir hier hundert oder
tausend Gulden und Euer Teufel, der ist ein bermiger Zinsfu mit seinem
Pferdefu, ich mag ihn nicht anerkennen. Faust lchelte dazu und sprach, es sei
ja nicht so arg mit dem Teufel gemeint, es wren nur einige Stcke, die er nicht
ohne einen Mann ausfhren knne, der nackt in seinen Kreis trte und einige
unschdliche Zeremonien ber sich ergehen liee, dann sei der Schatz gehoben.
Anton dachte einen Augenblick nach, dann sprach er: So gescheh es gleich, will
heute alles abtun und Feierabend machen, geht nur in die dunkle Kammer, zieht
Eure Kreise, ich komme entkleidet zu Euch, will Euch so viel Zentner Schtze
ausheben, als der Hort der Nibelungen nimmermehr gewogen. Mit diesen Worten
trieb Anton den erhitzten Faust, der die Verschreibung ihm bereilt wieder
zustellte, in die dunkle Kammer, denn er hrte schon die nahenden Schritte der
Wirtin, die mit dem ersten Dunkel zu ihm bestellt war, er fiel ihr um den Hals
in scheinbarer Zrtlichkeit, dann bat er sie, sich zu entkleiden und in die
Kammer zu gehen, wohin er durch den Gang kommen wolle, wenn er die Sicherheit
der Gnge erst belauscht htte. Sie schwor ihm zwar, die Vorsicht sei unntz,
sie wisse im Hause ihren Befehlen Nachdruck zu geben. Anton lie sich nicht
abhalten, sondern sprang fort und verschlo die Tr hinter sich. Die Wirtin
hatte kaum ihres Schmuckes sich entledigt, so rief schon Faust, der Kreis sei
beendigt, sie glaubte Antons Stimme zu hren und schwebte mit offenen Armen in
die dunkle Kammer, aber welcher Schrecken dmpfte ihre sen Erwartungen. Faust
entdeckte schnell, er sei getuscht, und schmetterte sie in einen Winkel; sie
schrie nicht, sie brllte Rache und Verzweiflung und htte ihn vernichtet, htte
er nicht gleiche Wut ihr entgegengesetzt. Das Geschrei wurde bald so furchtbar,
da Anton ungescheut Mord aus dem Gange auf die Gasse rufen konnte, die Masse
Volk drang mit Licht in die verschlossenen durchtobten Zimmer, aber die beiden
Streiter, uneingedenk ihrer Ble benutzten die ersten Strahlen nur allein um
sich noch fester zu fassen und zu verbeien; die Hunde des Hauses wollen ihrer
Frau beistehen, aber der Pudel Fausts bi so grimmig um sich, da sie bald
heulend den Kampfplatz verlassen muten. Der Wirt allein von allen hatte genug
kaltes Blut, ein zweckmiges Mittel zur Beschwichtigung dieses sonderbaren
Religionsdisputs verschiedener Konfessionen, er brachte die Handspritze des
Hauses gefllt in eine richtige Entfernung und lie auf die Streitenden den
Wasserstrahl fallen; das erkltete ihre letzte Wut und sie wendeten sich
verschchtert und verwundet von dem Kampfplatze fort.
    Susanna hatte die Zeit schnell benutzt, um den Beutel und den Degen, welchen
sie mitgebracht, vor aller Gefahr zu retten, sie zog Anton und Gldenkamm fort
und so gingen sie mit der Menge ungestrt nach dem Wirtshause zum Anker, wo sich
Gldenkamm durch sein Lied von dem Tode des kleinen Oswald bald ein Unterkommen
verschaffte, whrend er Anton und Susannen zu Trnen rhrte. Die Abendgste, die
dort ihren Schoppen zu trinken gewohnt waren, kamen jetzt nach einander von dem
sonderbaren Vorfalle mit der Wirtin zum Hopfenblatte, der fremde Doktor sei mit
entsetzlichen Drohungen gleich fortgeritten, auch sei von dem Augenblicke aller
Wein im Keller verdorben, die Wirtin rase und sei auf Befehl des Rats in Verhaft
genommen, worber der Mann sehr vergngt scheine.
    Anton fhlte sich sehr erschpft von dem Tage, oder vielmehr war ihm das
Wachen so berdrssig, da er ewig htte schlafen mgen, er eilte auf einen
Heuboden, wo ihm zuerst ein weiches Lager vorkam, und entschlummerte sehr sanft.
Es mochte in der Mitte der Nacht sein, da weckte ihn eine Hand, er wachte auf
und meinte noch zu trumen, doch hrte er unter sich die Pferde an den
Halfterketten sich umlegend bewegen; der Mond schien durch die Luke in das
Angesicht einer Gestalt, die ihn bis zum gnzlichen Verstummen verwunderte. Zwei
Gestalten, die einander so wenig glichen, wie Anna und Susanna, jene
hochgewachsen mit blondem Haar, diese klein und mit dunklen Locken, schienen
einander durchdrungen zu haben, um diesen Bund alles Reizenden, was Antons Sinne
erregen konnte, zu errichten. Freimtig trat dieses Gemisch seiner Liebe zu ihm
und sagte, da sie auf seinen zrtlichen Brief, den ihr Mephistopheles bermacht
habe, weite Wege gegangen sei, sie zeigte ihm dabei den Brief, jetzt sei sie
erschpft und msse einige Stunden ruhn. Schon krhten die Hhne und die
Fledermuse flatterten pfeifend in die Winkel. Bei diesen Reden sank sie mde in
seine Arme; er sah im Mondschein den Brief, den er fr Mephistopheles
geschrieben, er sah im Mondschein ihrer Reize Flle, die se Unwissenheit von
Susannens Lippen, den erfahrnen Scherz von Frau Annen, er hielt sich nicht, er
wnschte sich, recht bald Frau Annen untreu sein zu knnen, aber seine Freude
war nicht gleich seiner Begierde, denn einer Toten gleich schlummerte sie, er
mochte sie nicht berhren. Bald - so hoffte er, werde der Morgen ihm alles fr
einen trichten Traum erklren, und schlief darber endlich ein.
    Die Knechte holten Heu fr die Pferde am frhen Morgen, das erweckte ihn, er
sah sich um, halb in der Furcht, da sein Schlafgesell verraten sein mchte,
halb in der Hoffnung, da er nie und niemals vorhanden gewesen; mit einiger
Beruhigung sah er nichts, doch wie er so in das Dunkel des Heues blickte, sah er
einen dnnen Schatten, der ihm die Erinnerung jener reizenden Nachtgestalt
wieder ganz lebhaft zurckfhrte, sie erfllte alle seine Sinne, aber sie
erfllte nicht sein Verlangen und er wendete sich trostlos von ihr und stieg
herunter zu Susannen und Gldenkamm, die Abends ihn gesucht und schlafend
gefunden hatten; aus ihren Reden schlo er, da sie eine fremde Gestalt bei ihm
gesehen hatten. Gldenkamm scherzte darber und Susanna sah still vor sich
nieder. Mit Umschweifen suchte sich Anton zu unterrichten, was sie gesehen
htten. Er gab vor, da es ihm in der Nacht vorgekommen als ob sich ein Mensch,
wahrscheinlich ein Trunkener, zu ihm aufs Bett gelegt, am Morgen habe er aber
niemand gesehen. Gldenkamm meinte, es wre sonderbar, wer es aber wohl mchte
gewesen sein, der ein so schnes Mdchen in solchem Zustande von sich entliee.
Anton brach hier ab und fragte, was sie zu ihrem Unterhalte beginnen wollten,
denn er sah wieder den wunderlichen Schatten im Dunkel des Zimmers, der ihn von
den Gegenwrtigen fort hin zu sich locken wollte, er drehte sich deswegen
gewaltsam nach dem Fenster.
    Gldenkamm sprach: Ihr habt in der Not unterwegs eine Kunst erfunden, die
ich mit hchster Verwunderung angesehen, Ihr habt so viel Steine
heruntergeschluckt, da ich meine, Ihr mtet ein Bergwerk im Leibe haben, doch
hat es Euch nichts geschadet bei der Ausfuhr, darum dchte ich, Ihr knntet
diese Beschaffenheit Eures Leibes als ein silberhaltiges Bergwerk ernstlich
benutzen und Euch fr Geld damit sehen lassen, auch seid Ihr so riesenhaft
stark, wie ich oftmals bemerkte, da auch dieses Aufsehen erregen wird. Meine
Singerei kennt Ihr, ich will Euch verkndigen, Susanna mag recht artig das Geld
einfordern; schade, da wir den Seger nicht bei uns haben, da liee sich auch
zuweilen allerlei tragieren.
    Anton seufzte bei diesem Vorschlage, er dachte mit einem tiefen Ausrufe der
Kronenburg und seiner groen Ahnen, und seiner Bestimmung in der Zukunft und
seines jetzigen Elends, und er meinte gewi, wenn er so etwas treibe, msse es
jenem Alten im Grabe bittern Schmerz machen, aber wieder sah er den zrtlichen
Schatten im Dunkel des Zimmers und freute sich durch diese Beschftigung den
wunderlichen Gedanken entrissen zu werden. Gut, sprach er, der Vorschlag mag
gelten, ich will Steine fressen, da sich die Steine erbarmen, mach's nur
schnell bekannt, doch mu ich dir sagen, wir dreie sind noch zu vornehm zu
solchem Unternehmen; wir mten den Seger haben, der gbe erst dem Dinge einen
gemeinen Beigeschmack, da es allen gefiele.
    Da ist der Seger, rief dessen bekannte Stimme, die seinem haarigen Krper
voreilte, was soll er wieder? er ist doch zu allem gut und keiner dankt ihm, da
habt Ihr Fasanen und Rebhhner, heut soll es ein Fressen geben.
    Steine werd ich fressen sollen, sagte Anton traurig.
    Meinetwegen auch Haare und Karbatschenstiele, sagte Seger, jetzt aber
lat uns zusehen, es wird auf dem Markte ein groer ffentlicher Zweikampf
gehalten werden!
    Da mssen wir gleich hin, sagte Gldenkamm, wer will fechten?
    Der Ritter Blaubart, sagte Seger, mit einem unbekannten Ritter, der ihn
in unserm alten Wirtshause gebunden hat.
    Das bin ich, rief Anton, bei allen Heiligen, den Lumpenkerl hatte ich
ganz vergessen. Schnell gebt mir Waffen, verflucht da wir unsre guten Degen im
Walde weggeworfen, die Meisen pfeifen jetzt darauf, und mir will der Tod dafr
auf seinen alten Knochen flten. Her da, gebt her das alte Schwert, das mein
schndliches Weib mir spttlich zugesendet hat, es ist wohl unansehnlich, es mag
aber geheime Kraft fhren.
    Vergebens suchten ihn Gldenkamm und Susanna abzuraten und zurckzuhalten;
Seger trieb ihn mit kaltem Spotte in die Schanze. Die Tore waren schon
geschlossen, der Markt mit Sand bestreut und die Schranken, die von alter Zeit
her standen, mit Griewrteln besetzt; an einer Seite stand eine Totenbahre mit
Kerzen und Bahrtchern. Der Junker stand mit seinen Freunden an einer Seite und
lie ausrufen, da dem Fremden, der ihn beleidigt habe, vom Rate ein freier
ffentlicher Kampf, mit welcher Art gleicher Waffen es sei, zugesagt worden, es
sollten sich deswegen alle Weiber und Knaben unter dreizehn Jahren entfernen;
bei Lebensstrafe solle aber niemand durch Wink und Zuruf sich in den Kampf
mischen. Ritter Blaubart hatte diese ganze Festlichkeit seiner Braut zu Ehren
durch den Schwiegervater anrichten lassen, der gegen die Meinung der andern
Ratsherren das alte Recht der Stadt, solche Kmpfe und Gottesgerichte, das seit
einem Jahrhundert nicht in Ausbung gebracht worden war, geltend machte, der
festen berzeugung, da sich niemand einfinden werde und da diese schnde
Flucht des Gegners, den er mit Faust verwechselt hatte, der fortgeritten, seines
Eidams Ehre in der Stadt herstellen werde.
    Die erste Viertelstunde war schon verlaufen und der Herold wollte eben zum
dritten Male ausrufen, als Anton mit seinem alten Degen in seinem Soldatenwams
und Ratsherrenhosen in Begleitung des rauhen Seger, des feinen Gldenkamm und
seines schnen Knaben in die Schranken trat. Der Junker lachte verchtlich ber
den wunderlichen Aufzug, doch bebte ihm heimlich das Herz. Der riesenhafte
sichere Mensch stand da so fest, als ob er wie die steinerne Rolandssule zum
ersten Gericht hingepflanzt sei. Der Junker wollte erst seine Ahnen wissen,
worauf Seger beschwor, es sei ein ehelicher Sohn des Grafen von Stock, dann
verlangte der Junker, da er in gleichen Waffen wie er mit Brustharnisch und
Schienen sich darstellen solle.
    Anton sprach: Schmeit Eure Rstung ab, so sind wir gleich gewaffnet, hab
ich gleich nur einen alten rostigen Bratspie, glaube ich doch gegen Eure
Strahlenklinge zu bestehen. Dem Anton war ungemein behaglich; wenn er den Degen
ansah, dachte er an seine Frau und es war ihm, als knne er sein ganzes Gift
gegen sie damit auslassen, er lag ihm so leicht in der Hand wie sein Pinsel und
er wollte sein Bild heute rot anlegen. Der Junker hatte ihm noch mancherlei
gesagt, aber er hrte nicht darauf, sondern versuchte fr sich die Klinge; der
Anhang des Junkers wurde selbst ungeduldig, was daraus werden sollte, und
ermahnten ihn dringend, so viele Umstnde und Kosten nicht umsonst angewendet zu
haben. Seger besonders erhitzte das junge Gemt dieses Helden, indem er sanft
von einem Hundejungen etwas fallen lie, der Mnner herauszufordern wage. Der
Junker warf endlich mit einem Fluche seine Rstung weg und um sich aus dem
Froste in die Hitze zu bringen, lie er einen Strom von Schimpfreden gegen den
Stocknarren los, so nannte er den Grafen von Stock, der es wage, sich mit ihm zu
messen; er schwor, die Leute sollten etwas sehen, da sie die Augen wegdrehen
mchten und doch nicht knnten, und schwor, so gewi ein Teufel in der Hlle, so
gewi wolle er auf dem Flecke in Antons Jacke, sie war am Herzen, ein Loch
stoen, das kein Mensch zustopfen solle.
    Die Trompeter stopften ihm den Mund, er ging auf Anton mit groer
Heftigkeit, die aber nach den ersten Wendungen und Sten immer mehr abnahm.
Anton begriff sich selbst nicht, er war kaltbltig und fhrte seinen Degen fast
blo verteidigend aber der Degen zog seine Hand zu den ungeheuersten Sten fort
Ste von so seltener Geschicklichkeit, wie er sie in der Zeit bester bung
nicht ausfhren konnte, auch lie er sich nicht hemmen und halten. Gott sei mir
und dir gndig, rief er einmal ber das andere, wie Unglckliche, die von
scheuen Pferden dicht an einem Abgrunde fortgerissen werden, und zwar bisher
ihren Weg schneller gemacht haben als sie es erwartet, aber darum doch diese Art
der Beschleunigung in keinem Fall loben mgen. Gott sei mir und dir gndig,
sagte Anton wieder, da steckte seine Klinge, die den Koller des Junkers schon
mehrmals gefrbt hatte, in dessen Herzen, da er niederstrzte und mit dem
letzten Worte jammernd bekannte, er sei schuld an diesem unseligen Streite
gewesen. Die Seinen sprangen zu seiner Hlfe herbei. Ade Gertraud, se Braut,
ade mein geliebtes Rotro, ade mein Leibhund Waidewund, das ist meine letzte
Stund. Mit diesen Worten verschied er und Anton stand neben seiner Tat wie ein
Kind, das mit ngstlicher Neugierde ein schauerliches Mrchen hrt, es wnscht
es bald zu Ende und darum horcht es desto aufmerksamer. Aber nicht lange dauerte
seine Unempfindlichkeit. Ein schnes adliges Frulein, prachtvoll rot gekleidet,
ihr Hals mit goldnen Ketten behangen, in ihren Haaren eine hohe mit Karniolen
besetzte Heftnadel, strzte sich durch die Menge der Staunenden auf den
Entseelten; ihr Jammergeschrei mischte sich mit dem Gurren der Tauben, die sich
eben auf einem hohen Rathausturme niedergelassen hatten. Rchen will ich dich,
seufzte sie, rchen soll ich dich - zog die Nadel aus ihren Haaren, da die
Locken wie die Trnen bis zur Erde herunter fielen, und warf sich mit Wut gegen
Anton, der sich von dem Jammer weggewendet hatte, aber Gldenkamm hatte mit
seiner Zither so schnell zwischen beide gehauen, da die Nadel in einem
klirrenden Zusammenklang durch die Saiten fuhr und im Holze stecken blieb.
    Auch deine Adern sind verzaubert und klingen wie Erz, rief sie in
Verzweiflung, aber leben will ich nicht, wenn ich den Geliebten nicht rche,
will mich allen Frsten zu Fen werfen, da sie mich rchen, dem will ich mich
verloben, der mich rcht, den will ich lieben, der mich rcht, dem bin ich ewig
eigen, der mich zu rchen sein Schwert in diesen verruchten Zauberer stt.
Aber keinen der vielen Ritter schien die Liebe, die er nach dem Tode genieen
sollte, zu einem Kampfe mit Anton zu reizen; ein jeder flsterte seinem Nachbar
einen andern Grund zu, warum er in diesem Augenblicke mit dem Riesen nicht
kmpfen mchte, die meisten aus Mitrauen, da so ein Versprechen aus Not nicht
gehalten werden drfte. Als keiner fr sie streiten wollte, warf sie sich wieder
bei dem Toten nieder. Hier will ich sterben, an deiner Seite ruhen bis ich am
jngsten Tage Rache schreien kann. Gldenkamm hatte jetzt die Nadel aus seiner
Zither gezogen und sang zur Trauernden hingeneigt:

Mit dem Dolch reg ich die Saiten,
Da sie in den Sonnenstrahlen
Flammen von der Liebe Qualen,
Tnen von dem harten Streiten,
Rchend seiner Jugend Glanz,
Decken mit dem Lorbeerkranz.
Leben nehmet an fr Leben,
Der gefallen unterm Schwerte,
Soll sich in dem Lied erheben
Und bestehn auf weiter Erde.
Wie auf einem Demantschild
Trag ich hoch sein herrlich Bild.
Ehre diesem tapfern Knaben,
Der dem Mchtigsten entgegen
Schwang den hellen Ritterdegen,
Denn sein Ruhm wird nicht begraben,
Der Geliebten Klagelied
Rcht durch Ruhm, der nicht verblht.
Held, du lebst in ihrem Herzen,
Strahlst aus ihren Augen mchtig,
Und es zieht die Nacht so prchtig
Nun herauf zu ihren Schmerzen,
Deines Ruhmes ew'ge Glut
Brennt in ihrer Adern Blut.

Der junge Ritter war jetzt auf die Bahre gehoben und wurde von den Griewrteln
fortgetragen, ihm nach ging Gertraud, von andern Frauen gehalten, dann folgte
der trauernde Ratsherr, ihr Vater, dessen stolze Eitelkeit dieses Unglck
zugelassen hatte; hart sah er in die Welt und die andern Ratsherren in Besorgnis
bedenklicher Folgen, die dieser Vorfall fr sie und fr die Stadt haben knne,
hatten sich von ihm abgewendet, die Brger folgten paarweis. So gingen sie bei
Anton vorber, der sich nicht verdammen konnte und doch fhlte, da er zu allem
Unglck verdammt sei.
    Als der Markt leer geworden, zog ein Sturmregen herauf, der das Blut
auszulschen von raschem Winde hinbergetrieben wurde. Anton trat unter den
Bogengang des Rathauses mit seinen Gesellen, und wie er gegen das Dunkel sah,
erschien ihm wieder die zrtliche Gestalt, die aber jetzt auch von dem
unglcklichen Frulein Gertraud eine Beimischung zeigte. Er stach mit Wut gegen
die Mauer, wo er dieses Bild gesehen, aber es wich ihm so geschwind aus und
zeigte sich wieder so freundlich in einer andern Ecke, da er htte verzweifeln
mgen, seine Begleiter glaubten, er habe den Verstand verloren; die
Gerichtsdiener hingegen, die schon wegen des Kampfes eine Gelegenheit suchten,
an ihn zu kommen, nahmen dies fr einen Angriff gegen den Rat und die Stadt, er
weigerte sich nicht; als sie ihn fangen wollten, gab er seinen Degen an Susanna,
die vergebens flehte mit ihm zusammen eingesperrt zu werden. Er wurde in einen
Turm am Markte gebracht, sein Fenster hatte die Aussicht auf den Kampfplatz,
seine Freunde konnten an den Gittern mit ihm reden und fragten ihn, ob er etwas
bedrfe. Ihr habt ja nichts mir zu geben, knntet Ihr Steine in Brot verwandeln
wie ich, da knntet Ihr noch zufrieden sein, so sprach Anton, und Gldenkamm
schwor ihm, da er fr ihn noch heute etwas verdienen wolle, und so ging er
beratschlagend mit Seger und Susannen ins Wirtshaus zurck.
    Dort fanden sich ein paar aufgeweckte Bettelmnche, die sich mit Seger
sogleich in ein lustiges Gesprch einlieen, der ihnen den Vorschlag
auseinandersetzte, fr einen Freund, der in den Narrenturm gesetzt sei, einen
lustigen Schwank aufzufhren; die beiden Mnche schlugen aus Vergngen mit den
Hnden zwischen den Fen zusammen und hoben sich whrend des Vortrags auf den
Zehen, als ob sie berfallen wollten. Seger ging gleich umher und schrie in der
Stadt das schne Schauspiel von dem Kriege auf der Wartburg aus. Die Tische
waren unterdes schon an einander gerckt und die Anzge zusammengelumpt; ein
sehr gemischtes Vlkchen fllte bald den groen Wirtssaal. Frulein Helena von
Eschilbach, von Susannen in den Kleidern der Wirtin, die sie ber die eignen
gezogen, dargestellt, erschien zuerst und betrauerte, da die Ungeschliffenheit
ihres Bruders alle Menschen von ihr zurckschrecke, sie sprach sehr zrtlich von
ihrem vielgeliebten Heinrich von Ofterdingen und erzhlte, da er jetzt zu ihr
komme, die Bekanntschaft mit dem rauhen Bruder zu machen. Gldenkamm kam nun als
Heinrich von Ofterdingen mit seinen zrtlichsten Liedern aufgetreten, so da
Helena ihm ihre Hand fest verlobte. Diesen schnen Augenblick strte die Ankunft
Segers als Wolfram von Eschilbach, er brach sogleich in erstaunliche
Schimpfreden gegen die Gesangsweisen Heinrichs aus, worber dieser sehr
entrstet ihn zum Kampfe forderte. Der Landgraf von Thringen, einer der
Bettelmnche, der auf diesen Lrmen aus seiner Regierungsstube heraustrat,
erkundigte sich nach der Ursache des Streites und als er vernommen, da die
beiden Edelleute mit einander kmpfen wollen, so hatte er Mitleid mit der
zierlichen Schwche Heinrichs, ber den der ungeschliffene Wolfram kopfhoch
hinausragte, und befahl ihnen, sie sollten den Streit mit den Waffen ausmachen,
die ihnen besser als die kriegerischen anstnden, mit der Geschicklichkeit ihrer
Rede, sie sollten Helenas Schnheit preisen, und wer besiegt werde, solle
gehangen werden. Beide nahmen den Vorschlag an; der Landgraf hoffte, da
Wolfram, den er hate, unterliegen msse, da jener in dessen Schwester verliebt
sei. Der groe Kampf wurde angeordnet, Helena sa auf einem hohen Sessel, da
beide sie sehen konnten, aber Heinrich wurde von ihrem Anblick so wonniglich
durchdrungen, da ihm die Worte wie eine berreife Saat frher entfielen, ehe
der Saitenklang sie ernten konnte; wenn er nicht singen sollte, sang er leise zu
ihr sein feuriges Lob, sollte er aber vor allen auftreten, da verstummte er.
Wolfram und alle Kampfrichter verdammten ihn deshalb zum Galgen, ehe sie ihn
aber ergreifen konnten, hatte er sich unter den Mantel Helenas geflchtet und
der Landgraf erkannte ihn als sicher in diesem heiligen jungfrulichen Schutze.
Heinrich unterhandelte nun hinter der Schrze seiner Helena mit dem Gegner, er
wolle seinen Freund Klingsohr fr sich stellen; wenn auch der berwunden wrde,
wolle er sterben. Wolfram nahm spottend den Kampf an und der andre Mnch, ein
lcherlicher runder Kerl mit doppeltem Kinn trat mit einem Gesange auf, den er
in der Dreiteufelweise gesetzt hatte und worin er Wolfram aufforderte
fortzufahren. Wolfram fand diese Forderung unchristlich, er wolle nur in
christlicher Weise singen, und da jener nicht abstehen wollte, so rhmten sie
sich beide des Sieges und Klingsohr drohte jenem beim Abschiede, er wolle ihm in
der Nacht so viele Teufel zusenden, da er ihm doch den Sieg einrumen msse.
Deswegen ging Wolfram in die Kirche und hinderte also die Trauung Heinrichs mit
Helena, die fr die Nacht festgesetzt war; inzwischen gab ihnen der Klingsohr,
der Heinrichs Bedienter war, einen geschickten Anschlag, durch allerlei
Schrecken den Wolfram in der Kirche also zu betrkeln, da er von dem Trauaktus
gar nichts bemerkte und doch nicht leugnen knnte, als Zeuge gegenwrtig gewesen
zu sein.
    Es ward nun dunkler und das Theater sollte eine Kirche darstellen, Wolfram
schlief und Klingsohr kam und gab ihm einen derben Schlag auf den Hintern,
gleich fing jener an die Schwanenweise zu singen, aber sowie er sich umzudrehen
wagte, wurde er auf alle Art von Klingsohr mihandelt, whrend Heinrich und
Helena nicht fern von ihm getraut wurden. Beide kamen jetzt und umarmten den
Bruder und Schwager, der in groer Angst, da sie der Teufel wren, vor ihnen in
alle Winkel flchtete. Nachdem Wolfram also abgengstigt worden zum groen
Vergngen des stinkenden Volkes, da erklrte der weise Landgraf die ganze
Geschichte und Wolfram konnte gegen die Heirat nichts einwenden, da alle, die zu
widersprechen das Recht htten, bei der Trauung aufgerufen worden, er aber
gegenwrtig gewesen war und geschwiegen hatte, alles endigte sich in einen Tanz,
ans Hngen wurde nicht weiter gedacht. Wolfram Seger lie zum Brautkranz
knstliche Blumen aus dem Tisch wachsen, die Helena Susanna mit Freundlichkeit
annahm. Nach dem Ende des Stckes mute Helena Susanna in ihren weiblichen
Kleidern herumgehen, um die freiwilligen Gaben der Zuschauer einzusammeln; da
sie in weiblicher Kleidung, ungeachtet ihres verbrannten Gesichtes, doch
eigentmlich schn erschien, so gab jeder eine Kleinigkeit, die sie sehr
verschmt in dem ledernen Beutel empfing, den Frau Anna ihr verehrt hatte, das
Loch darin hatte sie vorher sorgsam zugebunden, da ihrem verehrten Herrn nichts
verloren gehe. Kaum hatte sie den Umgang mit ihrem Beutel gemacht, so schlich
sie sich, ohne den Mitschauspielern etwas zu sagen in ein Nebengemach, warf die
weiblichen Kleider ab und sprang hin zu dem Turme, worin Anton lag, und blickte
durch das Gitter zu ihm hin, ehe sie ihm aus Rhrung das Mitgebrachte reichen
konnte. Nur nach vielen Bitten hatte Anton eine Lampe erhalten, nachdem ihn das
zrtliche Gespenst im Dunkel wohl zwei Stunden mit zrtlichen Liebesworten
versucht hatte; jetzt sa er bei einem groben Brote und einem Kruge Wasser und
sang, indem er Susannen, die am Fenster stand, wieder fr das Gespenst hielt:

Zrtliche Gespenster,
Weicht von meinem Fenster,
Liebe mag nicht hausen
In der Erde Grausen,
Treue mag nicht dauern
In den kalten Mauern.
Mich schmerzt der se Blumenduft,
Der lieblich atmet in die Gruft,
Was soll mir flcht'ge Frhlingsgabe?
Ich lieg versteinert in dem Grabe.

Der Wchter rief die neunte Stunde vor dem Fenster ab und sang:

Wie trat ich, Herr, so oft vermessen
Vor dein allgtig Angesicht,
Ich hab dich Herr so oft vergessen,
Doch du vergaest meiner nicht,
Du lieest deine Sonne scheinen,
Als schwarze Blindheit mich bedeckt,
Nun ich will reuig vor dir weinen,
Hast du die Sterne angesteckt,
Du stellst die Wchter meines Lebens
Auf deiner hohen Zinne aus,
Kein Flehen ist bei dir vergebens,
Bewachest auch mein kleines Haus.
Ich ziehe aus mit meinem Horne,
Bewache diese Christenstadt,
O Herr, du strafst mich nicht im Zorne,
Lt mich nicht werden md und matt.
Will dir im Schlaf mein Aug erschlieen
Du hast die Furcht mir zugesellt,
Der Wchter mu so vieles wissen,
Die Nacht ist eine eigne Welt.

Susanna stand zwischen den beiden Schreckenstimmen noch voll von dem Tumulte des
Schauspiels und wute nicht, was sie tun sollte, der Blumenstrau und das Geld
schienen ihr eine jmmerliche Gabe fr die Gre der Zeit, die vor ihr auftrat,
sie ri unwillkrlich den Beutel auf, wo sie ihn zugebunden, und das Geld fiel
klingelnd in das dunkle Gefngnis, der Wchter rief sie an und sie mute sich
von dem Fenster fortflchten.
    Anton sah das Geld am Boden und war gleich aufgesprungen, um den unbekannten
Geber zu entdecken, er trat ans Fenster, wo ihm der Wchter eine ernste gute
Nacht bot und weiter nichts sagen konnte, als da jemand am Fenster gestanden
und rasch davon gelaufen sei. Jetzt las er das Geld auf und erkannte alles fr
echte Goldgulden, es war eine Summe, wie er sie in glcklichen Zeiten nicht
besessen, was sollte er jetzt damit in unglcklicher Zeit? Berauschen wollte er
sich vor den Nachgedanken, die auf ihn eindrngten, er hatte noch nie ber sich
selbst nachgedacht wie heute, und sein Wesen, was es sei und wie es mit den
andern sich verhalte, wenn er im Kerker durch die Rache des Ratsherrn untergehe,
ob ihm die Versprechungen der Mnche im ewigen Leben gehalten wrden, das war
ihm sonderbar umhergegangen und er htte es vergessen mgen.
    Wach auf, rief er dem Gerichtsdiener, ich will Wein haben! - Hat Er
Geld? - Ja, alles mit Gott! - Und so brachte ihm der schwarze Gerichtsdiener
fr einen der Goldgulden mehr Wein, als er vertrinken machte. Er setzte die
Flaschen in eine Reihe neben sein Strohlager und leerte in hastiger Eile ein
paar, da ward ihm das de und Zweifelhafte in seinem Leben bald verbunden, er
glaubte sich ein Strudel, der alle Schiffe an sich gezogen und verderbt, er
selbst mute sich drehen, ob er gleich lieber in einer schnen Flche geruht
htte. Es ist ein eigner Zauber an mir, dachte er, es macht sich alles von
selbst, und wird alles anders als ich meine, bin ich etwa der Zauberer, der
seine Krfte nicht kennt? Jetzt will ich sie versuchen. Scheu wendete er sich
nach dem Dunkel und erblickte die zrtliche Gestalt in groer Nhe, sie sprach
auch zu ihm, als er sein Auge nicht abwendete: Zauberer, warum ziehst du mich
aus meiner Seligkeit und stt mit Degen und Blicken gegen mich und verachtest
mich? Deiner Macht mu ich gehorchen, aber du gebietest mir nicht und mein
Dasein wird ein ewiges Warten. - Bringe dich selbst um, rief er wild, opfere
dich mir, da ich deiner Dienste froh werde, indem ich dich verliere. Die
zrtliche Gestalt wendete sich um und sprach: Ich bringe mich um alles, wenn
ich dich nicht mehr sehe. - Vernichte dich, rief Anton, hnge dich. - Mit
einem Sprunge hing sie an seinem Halse: Hngen will ich mich an dich,
vernichten will ich mich in lauter Zrtlichkeit.
    Er hatte sich nur hart gestellt, sein Herz klopfte, seine Wangen brannten,
sie aber schlief in seinen Armen ein und mitten im Taumel seiner Wnsche, denen
er nicht mehr gebot, die er nicht zu hemmen wnschte, machte ihn der Anblick
ihres mden sinkenden Auges so schlaftrunken, da er eingeschlafen war, ehe er
es ahnte. Durch eine wilde Verwirrung von Schrecknissen aller Art wandelte er
trumend und kam zu einem sicheren behaglichen Leben auf hohem Schlosse, er hie
der groe Zauberer, aber er mochte nicht mehr zaubern. Nun kommen viele Gste
bei ihm zusammen, darunter auch alle, mit denen er in diesen Tagen zusammen
gewirtschaftet, er sah Seger und den Junker Blaubart unter andern neben sich und
jener bat ihn, an diesem seine alte Kunst zu beweisen, Kpfe abzubauen und
wieder anzusetzen. Ihm ist bei dieser Rede, als ob er die Kunst wirklich
verstehe, aber, so wie einen gefhrlichen Sprung, der doch einmal miraten
knnte, gnzlich abgeschworen htte, aber alle dringen in ihn, er mchte es nur
einmal noch versuchen. Sicher seiner Sache, aber doch ngstlich, weil es das
letzte Mal ist, wo er sich damit zeigen will, haut er den Kopf mit eben dem
Degen ab, den ihm Frau Anna gesendet hat, er wirft ihn spielend in die Luft und
setzt ihn dann wieder auf, aber die Muskeln wollen einander nicht anpassen und
der Kopf sieht ihn starr an. Gleich merkt er, da einer der Gste ihn daran
behindert, er bittet flehentlich ihn nicht zu stren, versucht wieder das
Aufsetzen jenes Kopfes, aber es ist durchaus, als wre ein Stck verloren, es
fgt sich nicht zusammen. Er warnt und droht dreimal, der Kopf fgt sich nicht
zusammen. Da bricht ihm der Verstand auf, er zieht aus einem Fenstergitter eine
weie Lilie auf, der hieb er die Blume ab, im Augenblicke strzte Seger neben
ihm tot nieder, aber der abgehauene Kopf fgte sich von selbst dem Rumpfe, der
Junker stand frisch vor ihm und schmhete auf Seger als auf einen verruchten
Zauberer, der ihm nach dem Leben getrachtet habe. Darauf folgten Hochzeiten und
hohe Freuden, es lagen aber viele erschlagene Bauern unter den Tischen.
    Seger hatte whrend dieser Nacht, wo Anton also trumte, wenig Ruhe gehabt,
er war bald zu Gldenkamm, bald zu Susannen gekommen und hatte ihnen unter
grimmigen Klagen versichert, da ihm am nchsten Tage der Tod bevorstehe, sie
mchten doch fr ihn beten, vielleicht knnte es ihm noch helfen, er wolle
selbst sein Geld zum Messelesen tragen. Der Wirt, den er deswegen weckte,
versicherte ihm aber, da seit der Bilderstrmung keine Messe mehr in der Stadt
gelesen werde, Seger schlug sich vor den Kopf und hatte im Zimmer keine Ruhe, er
lief durch die Gassen in grimmiger Angst und schrie ein so entsetzliches Wehe,
Wehe, Wehe durch die Stadt, da viele ehrliche Brger, die davon erwachten,
heftig erschreckt wurden, doch schrie er so fort bis an den Morgen, wo ihn die
Scharwache nach langem Kampfe festhielt. Er wurde auf den Platz gefhrt, wo
gestern das ritterliche Gefecht gehalten worden war, und stand auf dem Flecke,
wo das Blut vergossen, da klagte er grimmig ber Brand, aber die Wchter lieen
ihn nicht von der Stelle. Anton erwachte von seinem Geschrei, halb taumelnd noch
von seinem Traum sprang er ans Fenster, nach der Ursach umzuschaun, da liegen
die Blumen, die Susanna am Abend hatte fallen lassen, und eine Lilie legt sich
an das Gitter, als ob sie daraus erwachsen wre. Anton, halb noch im Traume, vor
sich den Platz berschauend, wo er gestern den Junker niedergestreckt hatte,
reit ohne Nachgedanken, blo in Erinnerung seines Traumes das Haupt der Lilie
ab, ein grimmiger Schrei erhebt sich jetzt auf dem Platze, die Wachen laufen
auseinander, so schrecklich hat Seger sie angeblickt, jetzt liegt er bleich an
dem Boden und scheint entseelt.
    Anton wendet sich fort vom Fenster und sieht im Dunkel die zrtliche
Gestalt, seine Gedanken laufen zusammen, die Angst ergreift ihn, mit einem
Drucke seiner Hand reit er die eisernen Stbe seines Fensters aus der Mauer und
steht in einem Schwunge frei vor dem Turme. Keiner bemerkt ihn, denn eben geht
ein greres Wunder die gemauerten Stufen zum Marktplatze herunter, des Junkers
bleiches Angesicht blickt aus seiner Rstung, in der ihn die Seinen in der
Kirche niedergelegt hatten, verwundert auf die Menschen herab, die vor ihm wie
vor einem Geiste flchten. Anton wei alles aus seinem Traume, aber er kann es
nicht ausdrcken, sein Auge ist schon auf einen neuen Zug geheftet, der von der
andern Seite der Kirche die Stufen herab kommt. Frulein Gertraud und ihre
jammernden Freundinnen, die den Leichnam des Ritters bekrnzen, rufen in alle
Winde den Frevel aus, der dieses trauernde Denkmal jugendlicher Schnheit ihnen
entfhrt hat, ihr Schritt ist immer heftiger; wie sie aber den Markt betreten,
sieht zu ihnen der Ritter mit ausgebreiteten Armen, die Liebe des Fruleins
weicht jetzt der Furcht, sie kann nicht fliehen, aber sie wendet sich von ihm
und schliet ihre Augen mit beiden Hnden. Es ist ein Augenblick, wo alles
stille steht, da die Ratsuhr ber den vollen Markt zu hren ist, dann aber hat
die Seele aus ihrer innersten Tiefe einen Lebensmut getrunken. Gertraud, ich
lebe, ruft der Ritter, geliebte Gertraud, sieh, mein Waidewund kennt mich und
legt sich mir zu Fen, wende dich nicht fort von mir. Kaum ruht sie selig in
seinen Armen, so eilt Susanna auf Anton zu und spricht zu ihm: Herr, waffnet
Euch, oben in der Stadt, im Wirtshause wird heftig gefochten, viel fremdes Volk
ist in der Stadt, die sie verbrennen wollen, alle rufen nach Seger, der mu ihr
Anfhrer sein.
    Nach diesem Zuruf reichte sie ihm den Degen der Frau und einen Helm, den sie
gefunden. Schon strzen die Ratsherren herbei und einzelne bewaffnete Brger,
viele sprechen von Gegenwehr. Nieder mit den Mordbrennern! schreien sie, aber
keiner fhrt sie, keiner wei die Macht zu richten.
    Da tritt Anton in ihre Mitte und schreit: Wer die Stadt lieb hat, der folge
mir! - Die Gewalt seiner Stimme und seines Ansehens unterwirft sich alle,
Ritter Blaubart selbst stellt sich an seine Seite, keiner kennt ihn und doch
trauen ihm alle, denn mit rascher Einsicht teilt er die Mnner ab, lt die
Halbbewaffneten zurck, teilt die Bewaffneten in drei Rotten, die eine fhrt er,
die andere der Ritter, die dritte Susanna. Diese drei lt er durch drei
verschiedene Straen gegen das Wirtshaus andringen, wo die fremden Mordbrenner
Seger suchen. Wo sie ziehen, geben sie den guten Brgern Mut sich ihnen zu
gesellen, ihre Zahl vermehrt sich um das Doppelte, ehe sie an dem Ort des
Kampfes ankamen wo die Brger eben nach allen Seiten vor den Fremden
zurckwichen, aber auf allen drei Seiten, wo sie fliehen wollten, von den
frischen Rotten aufgenommen und in den Kampf zurckgedrngt wurden.
    Der Kampf war ber alle Erwartung heftig, die Gegner wohl bewaffnet und so
entschieden auf Sieg oder Tod gefat, da alle Anerbietungen von Gnade bei ihnen
abgleiteten; sie selbst hatten hinter sich die Huser angezndet, da keiner der
Ihren im Wahne sich zu retten, den Kampf verlassen konnte, dabei schien eine
Religionswut sie zu begeistern, denn sie riefen grimmig den Brgern Ketzer!
Ketzer! entgegen, auch teilte das ausbrechende Feuer die Aufmerksamkeit des
Rats und der herbeieilenden Brger. Anton half nach, wo er irgend einen Kampf
zweifelhaft sah, ihn selbst scheuten die Verrter, er aber schonte sie nicht und
sein Degen arbeitete in seiner Hand, da er es selbst nicht begreifen konnte.
Sein Mut drngte ihn vor, und er war fast von den Feinden umringt, als ihm die
bekannte Stimme Fausts zurief: Komm, flchte in meine Arme, ich weinte mich
blind, wenn dein Leib durchbohrt wre. Aber mit grimmem Zorne, den er nicht
bewltigen konnte - es war ihm, wie in der Kindheit, wenn ihn groe Mdchen
verspotteten - schlug er auf den Doktor ein und streckte ihn nieder. Jetzt aber
trat ein fahrender Schler gegen ihn auf, der einen festen Degen hatte, keiner
mochte da nahe treten, viele aber ruhten einen Augenblick, denn solche Knste
hatte noch niemand geschaut, aber wie zwei rzte, welche mit ihrer Kunst bei
einer Frau, die beide lieben, gegen einander wirken und beide nichts ausrichten
knnen, weil sich ihre Mittel und Liebestrnke einander aufheben, so fochten
auch diese festen Degen gegen einander ganz vergebens, bis Gldenkamm, der
bisher unter den Fremden versteckt gewesen war, mit des Fruleins Nadel, die er
in seinem Busen bewahrt hatte, den fahrenden Schler von hinten durchstach, da
er umsank. Jetzt konnte Anton erst wieder auf die Seinen sehen, da war aber
alles rckwrts gewichen, ja alles wre verloren gewesen, wenn nicht die, welche
am Markte von ihm zurckgelassen worden, jetzt verstrkt ihnen zugezogen wren.
Unter diesen waren endlich auch gute Schtzen, die ihre Musketen geladen hatten
und den Kampf entschieden, da gab es ein Bcken, ein Schreien zu allen Heiligen,
ein Fluchen und Wrgen; die Fremden wurden endlich in den brennenden Hof des
Wirtshauses getrieben, nachdem sie ihre grte Zahl verloren hatten. In dem
Jammer dieser Glut suchten sie wieder hinauszudringen, da strzte aber das
Gebude zusammen und die letzten schrieen mit groer Wut, aber
unerschtterlicher Festigkeit Rache und Trotz gegen die ketzerische Stadt.
    Jetzt lie Anton den Brgern noch nicht Zeit ihre Gefallenen zu betrauern
und ihre Gefangenen auszuforschen, dem Feuer mute erst Einhalt getan werden,
das mit unermdlicher Ttigkeit um sich griff und zerstrte. Anton befahl,
einige kleinere Huser, die den brennenden Teil mit dem brigen Teile verband,
niederzureien, er selbst stieg voran und half mit seiner Strke; als diese
Arbeit beendigt, lie er die Spritzen an diesen bergangsorten sammeln, jenen
Teil aber dem Feuer bergeben, das ihn auch in einer Stunde nach dem Kampfe bis
zu den Kellern ausgebrannt hatte. Die Wachen blieben noch immer an ihren
Stellen; jetzt aber, wo man mitten in dem Jammer und in der Freude der Brger,
die siegend viele der Ihren verloren hatten, zu der Untersuchung schreiten
wollte, verkndeten die Hrner aller Turmwchter die Ankunft eines Heeres. Das
Zutrauen zu Anton hatte sich bis zu einer gttlichen Verehrung durch den Erfolg
vermehrt, jeder wute von seinem wunderbaren Kampfe mit dem fahrenden Schler zu
erzhlen, der allerdings ein Erzzauberer gewesen sein mute; jeder fragte jetzt
um seine Befehle und er lie schleunig die Tore schlieen, die Brcken aufziehen
und die Brger, die endlich alle bewaffnet waren, den Wall besetzen, die
Ermdeten mit Wein aus den Ratskellern strken, auch Speisen durch die Weiber
herbeitragen.
    Der anziehende Haufe wurde an seiner unordentlichen Bewegung, an dem
unbestimmten Blinken mannigfaltiger Waffen, an den Feuersulen, die hinter ihm
aller Orten aufgingen, fr ein Bauernheer erkannt, das sich unter Anfhrung des
armen Konrad schon seit einem Monat versammelt hatte. Bald trieb der Wind den
hohen Staub ber die Stadtmauer, auch klang das alte Spottlied: Der Schwbisch
Bund kummt, die Gurr gumpt, da drunten, da droben, da kummen die Schwoben mit
der kleine Gillegeia, mit der groen Gunggung.
    Anton vertrieb ihnen dieses Zutrauen, indem er auf einen Wink erst alle
kleine Gewehre, dann alle groen Stcke gegen sie losbrennen lie. Diese
unerwartete Anrede wendete sie in einem Augenblick allesamt um, die Getroffenen
ausgenommen, die jmmerlich am Boden schrieen; sie zogen sich in eine
Entfernung, wo sie vom Geschtz nicht mehr erreicht werden konnten. Kurz darauf
ritt ein Trompeter bis nahe ans Tor und begehrte eine Unterhandlung, Anton mute
auf Begehren der Ratsherren zu ihnen heraustreten. Der Abgesandte bei dem
Trompeter war der arme Konrad selbst, er bot der Stadt Friede und Schonung ihrer
Drfer an, wenn man ihnen alle Freunde, die wahrscheinlich bei ihnen gefangen
seien, ausliefern wolle, insbesondere erkundigte er sich nach Seger, der ber
alle Haufen den Oberbefehl fhrte. Anton sagte ihm, da er tot sei. Da wollte
Konrad schier aus der Haut fahren, er schlug sich gegen die Stirne und weinte
die hellen Trnen, ein paar seiner Leute begehrten von ihm Rat, er aber sprach:
Ich bin nicht Konrad, sondern kein Rat. Der arme Konrad hei ich, bin ich,
bleib ich! -Anton erzhlte ihm alle Greuel, wie es in der Stadt ergangen, ehe
sie der Fremdlinge Meister geworden seien, Konrad redete granzend dazwischen:
Ja wr Seger nur nicht so frh gestorben, da wren wir diesen Morgen schon in
der Stadt gewesen und htten gewirtschaftet; da er uns kein Zeichen mit dem
Tuche an der Mauer gab, so schlichen unsre Kundschafter zurck und meinten alles
bis morgen aufgeschoben; was mag dem guten Bruder angekommen sein, ach gndiger
Herr, es ist mit der Mutter Maria gar nichts mehr, sonst wr es uns besser
gegangen, sagt guter Herr, was habt Ihr in der Stadt fr einen Patron, wir
wollen uns auch darunter begeben.
    Hr du arme Seele, sprach Anton, du bist auch wohl zum Heerfhrer
geworden, du weit nicht wie?
    Ja Herr, woher wit Ihr das? sprach Konrad, seht Ihr's mir an der Nase
an? ja verflucht! - meine Nase hat mich immer verraten, seht nur, ich war ein
armer Knecht des Herzogs von Wrttemberg in Beutelsbach und da sagte mir einmal
der Seger, der Herzog sei ein Mensch wie ich; das kam mir gar wunderlich in die
Gesinnung, ich fragte den geistlichen Herrn, was jenen zum Herzog und mich zum
armen Konrad gemacht habe, der sagte mir, der liebe Gott, und weil wir beide,
der zum Herzog und ich zum Konrad geboren, so seien wir auch hchsten Orts dazu
gewhlt und mten wir dabei bleiben. Damit war ich ruhig und wurde bald darauf
von einem hitzigen Trunk sehr krank und der Geistliche sagte, ich solle mich nur
drein ergeben, ich msse sterben. Ich sagte ihm aber kecklich: Nein Herr, so geb
ich mich noch nicht, und er mute unverrichteter Sache abziehen, ohne da er
mich zum Tode vorbereiten konnte. Da wurde ich bald darauf wieder gesund, sa
einen Monat nachher auf meinem Kirschbaum und pflckte mir Kirschen der
geistliche Herr ging darunter weg und sah mich nicht, da lie ich ihm ein
Dutzend Kirschen auf die Nase fallen. He Konrad sprach er, seid Ihr's, wie
geht's Euch? - Recht gut, sprach ich ich bin auf einen grnen Zweig gekommen,
aber sagt Herr, wo wr ich jetzt, wenn ich Euch gefolgt wre und mich ins
Sterben begeben htte. - Seht Herr, seit dem Tage kriegte ich einen festen Mut;
was mir nicht recht war, das sagte ich und litt es nicht, wo etwas auszufechten
war, da sprach ich...
    Sprech Er nur nicht zu lange, sagte der Trompeter zu dem Feldherrn, ich
habe meine Zeit auch nicht gestohlen!
    Was ist Er? sprach der arme Konrad; Er ist Trompeter, also schweig Er,
wenn sein Kriegsoberster redet, wie soll ich Krieg fhren, wenn jeder Schliffel
drein spricht.
    Recht so, sagte Anton, Ihr versteht's, das ist Kriegsordnung.
    Nun hrt Er wohl, sprach Konrad, der Herr sagt's auch, immer soll ich
unrecht haben, sie sehen es mir alle an, da ich nur ein dummer Bauer bin. Sie
hren mich doch noch an, was ich so in meiner Dummheit rede, aber die
Ochsenpantoffel lachen mich immer aus. Nun gnd'ger Herr, da kam die neue
Pfennigsteuer und die neuen Mae in unser Land, das fand ich ganz unrecht, Ma
ist Ma, und was wir zu geben hatten, das gaben wir lange; als wir so zusammen
waren, sprach ich darber und alle gaben mir recht; da nahm ich meinen Stock,
machte einen Kreis und sagte: Wer den Pfennig nicht geben will, der komm in
diesen Kreis. Da gingen sie alle hinein und so weit war es recht gut mit dem
Spa, aber da war gleich der Geihirte und der Hammelmann, die sagten, ich solle
ihr Feldoberster werden, oder der Teufel sollte mich auf der Stelle holen. Es
waren ein paar starke Kerls, rechte Knochenbrecher, was sollte ich mich wehren,
ich sagte ihnen: Meinetwegen, wenn's nicht anders sein soll; wenn unser Herr
Treibjagen hielt, hatte ich oft schon die Jungens angestellt. Da war alles
richtig.
    Ein Bauer kam jetzt mit groem Zorne: Oberster, wir hauen Euch das Fell
lederweich, wenn Ihr nicht bald den Kram abschliet.
    Bedanke mich fr eure Dienste, sagte Konrad, mag nicht mehr euer
Feldoberster sein, alle Tage Prgel zu kriegen, man mag tun, was man will, das
hlt kein Mensch auf die Lnge aus; wenn es Euch recht ist, gnd'ger Herr, so
gehe ich mit Euch in die Stadt, Ihr braucht doch wohl einen Hausknecht, ich bin
fleiig und diese Geschichte soll meinem Vorwitz eine rechte Warnung sein.
    Die andern Bauern und der Trompeter wollten ber den armen knickbeinigen
Kerl mit derben Fusten herfallen, aber Anton schmi sie zurck, versicherte ihn
seines Schutzes und lie den Bauern durch den Trompeter sagen, wenn sie nicht
liefen, da ihnen die Beine ausfielen, so mchten sie wohl nimmermehr gesund
nach Hause kommen, dann ging er mit seinem armen Konrad in die Stadt, den er
sogleich als Knecht in seine Dienste einsetzte und bestallte mit dem Amte eines
Stallknechtes.
    Der bergang ihres Oberfeldherrn Konrad, die Nachricht von Segers und der
Seinen Tode hatte schon gewirkt, noch ehe Anton dem Rate Bericht ber seine
Sendung abgestattet hatte, die Brger sahen mit Jubel den schnellen Rckzug der
Bauern und sangen Schandlieder hinter ihnen her: Vor einem Knall sind sie
geflohn, gelobt sei unser Herr Anton. Alle dankten ihm jetzt feierlichst fr
seinen Heldenmut und Klugheit, die Tochter des Ratsherrn, die ihn gestern
erstechen wollte, berreichte ihm mit einem zrtlich verwirrten, beschmten
Blicke einen Kranz und einen herrlichen roten Mantel mit Gold gestickt. Beides
mute er anlegen, um zu dem Rate hinauf zu gehen, der ihn in einer ernsten Rede
begrte und den Ritterschlag durch des Kaisers hohe Hand ihm zusicherte. Anton
achtete wenig auf diese Rede, denn hinter dem Redner im Dunkel begrte ihn die
zrtliche Gestalt mit solcher Heftigkeit, da er erhitzt vom Kampfe sich kaum
bemeistern konnte; alle lieblichen Jungfrauengestalten, die ihn mit Gertraud
umgaben, unter denen auch viele waren, die er im Bade gesehen hatte,
verschwanden gegen den glhenden Reiz, die schamlose Lockung der zrtlichen
Gestalt, alles, was zu seiner Ehre gesprochen war, schien ihm zum rger gesagt,
denn seine ganze Sehnsucht strebte nur nach dem Augenblicke mit der frechen
Schnen allein zu sein. Neue Qualen hinderten ihn, als jetzt noch die
verwundeten Gefangenen, nachdem die Frauen entlassen, in seiner Gegenwart zum
Verhre gefhrt wurden, aber die Lichter, die jetzt den Saal erhellten,
verdrngten den zrtlichen Schatten, er gewann der Fassung und berlegung genug,
die Entwirrung alles Rtselhaften in den Begebenheiten der letzten Tage mit Ruhe
abzuwarten und abzuhorchen. Der fahrende Schler, welchen er niedergestreckt,
wurde noch lebend hereingetragen; er litt frchterlich in den Qualen seines
Gewissens, mehr als an seinen Wunden, und erklrte, da er in Rom von Mnchen
mit Seger und vielen hundert andern, die sich nur aus Zeichen kannten,
ausgesendet worden sei, die Lnder, in denen sich ein Anhang Luthers zeigte,
durch Brand und Aufruhr zu verwsten. Ihm wurde ein Geistlicher gerufen, dem er
sein Bekenntnis schwer atmend in abgerissenen Stzen ablegte, die Reihe seiner
Brandstiftungen bertraf seine Krfte; durch geheime Zeichen, die nur den Seinen
bekannt waren, heftete er das Verderben an friedliche Wohnungen, deren Bewohner
sie sahen und als kindische Spielerei duldeten, wo bald das Feuer zu ihrem
Verderben eingelegt wurde; selbst den Vgeln, deren Schutz sonst Segen ber die
Huser bringt, den frommen Schwalben, hatten sie oft brennenden Zndschwamm an
die Fe gebunden, womit sie in ihre Nester geflogen sind und ihre Jungen zuerst
dem Tode und ihre Schtzer dem Verderben bergeben haben. Hier erfuhr Anton, da
der Brand in dem Frauenhause zu Augsburg, der heimlich sein Gewissen beschwerte,
ein lngst beschlossener Bundesstreich dieser Rotte war, der ihnen aber durch
Antons Hndel und die dadurch erweckte Besorglichkeit der Brger weniger
eingetragen hatte, als sie erwartet. Daher der pltzlich wieder erwachte Ingrimm
in Segers Herzen, dessen ganzes Verhalten zu Anton, wie der Schler meinte, noch
besondere Grnde haben msse, er sei zuweilen sehr ngstlich um ihn besorgt
gewesen. Der Schler fieberte dann allerlei Geschichten unter einander, endlich
kam er auf den Anschlag gegen die Stadt, nannte die Orte, die von Seger zum
Feuereinlegen bezeichnet gewesen waren, welches Feuer schon in der Nacht htte
auskommen sollen, um die Brger am Morgen in der grten Verwirrung zu
berfallen, er bezeichnete den Ort der Mauer, wo er mit seinen Gesellen
eingeschlichen war. Er habe im Wirtshause das erste Feuer einlegen sollen und
sei fast damit fertig gewesen, als er in der Kammer von einem fremden Knaben ein
Gebet vernahm, der sich und die ganze Stadt in die gndige Vorsorge Gottes
befohlen und bekreuziget habe; die Stimme habe aber auf eine Stelle in seiner
Seele getroffen, die er hart zugefroren gemeint und jetzt so weich gefunden, da
sein ganzer Vorsatz darin versunken. Gleich habe er das eingelegte Feuer
gelscht und einige Huser weiter eingelegt, er habe sich erkundigt, wer der
Knabe sei, und man habe ihn Kurt genannt, er sei mit Seger gekommen; was ihn
aber ber alle Beschreibung gergert, denselben Knaben habe er am Morgen im
Gefechte berall gegen sich gefunden und ihm doch nichts anhaben knnen, er
wisse selbst nicht, wie ihn das so wild gemacht, da er darum auf Anton so
unermdlich losgestoen.
    Dieses war seine letzte Erzhlung, seine Notseufzer verkndigten sein Ende,
ein Kinnbackenkrampf schlo ihm den Mund, durch den nur ein dumpfes Schlucken
hervorscholl. - Die allgemeine Ermdung machte der Sitzung ein Ende, die ntige
Vorsicht fr die nahende berschattende Nacht auf den Wllen und bei der
Brandsttte beschftigte Anton noch einige Zeit, dann fhrte ihn der Ratsherr
Ehinger, der Vater der schnen Gertraud, nach seinem Hause, um ihn dort zu
bewirten und zu betten. Vergebens weigerte sich Anton aus einer Bescheidenheit,
die ihm im Glcke immer eigen war, bei ihm zu nachten, doch drang er sehr
ernstlich darauf, erst von seinen beiden Gefhrten, Gldenkamm und Susanna
Nachricht zu bekommen.
    Fr die ist lngst bei mir gesorgt, sprach der dienstfertige Mann, was
werdet Ihr aber sagen, werter Ritter, wenn ich Euch versichere, da jetzt die
Zeit gekommen, wo die Schmetterlinge aus ihren Larven fliegen und in der Sonne
glnzen.
    Anton verstand ihn nicht, jener fuhr fort: Ihr werdet sehen, da ich eine
neue Tochter gewonnen, da mein Sohn verloren und meine Tochter durch Heirat mir
entfremdet wird, und einen Sohn wohl zugleich, wenn ich die jungen Leute recht
verstehe. Ihr seht mich gro an und legt den Finger an den Mund, ich will's Euch
erklren, der Kurt von hier, der in frheren Jahren zu Waiblingen bei einem
reichen Vetter sich aufhielt, von dem nach Augsburg geschickt wurde auf die
Stadtschule und dort durch bse Lust verfhrt, mit einem ffentlichen Mdchen
flchtete, jetzt hrt, leise, denn mein Schmerz kann es Euch nicht laut sagen:
ist eben der fahrende Schler, der durch Euch und Gldenkamm gefallen ist; macht
keine Entschuldigung, ich lese sie auf Eurem Gesichte; Ihr tatet ein herrlich
Werk, ich htte es selbst vollbringen mssen, wrt Ihr nicht gewesen, es war ein
Ausbund von Verderben in diesem Knaben. Der Himmel hat ihn mir schon reichlich
in Eurem Kurt ersetzt, der Susanna heit, und in edler weiblicher Tracht alle
unsre Mdchen an Ausdruck und edlem Leben bertrifft, ein Hieb hatte den Wams
gelst, ich erkannte ihr Geschlecht und gebe sie ihrem Geschlechte zurck,
Gldenkamm ist zum Vergehen in sie verliebt und verlt sie keinen Augenblick.
    Mit diesem Gesprche hatten sie sich dem Hause des Ratsherren genhert,
Anton, von allen Gefhlen bestrmt, nahm doch mit tiefem Schmerze wahr, da ein
Jammer ber den nahen Verlust Susannens diese alle berwltigte; schweren
Herzens trat er in den Saal und mit einem freudigen Rufe sprang ihm Susanna
entgegen, die auf einem Ruhebette eingeschlummert war. Er staunte, als er sie
jetzt anschaute, und verga darber, Gldenkamm fr die Khnheit zu danken, mit
der er dem Gefechte zwischen ihm und dem fahrenden Schler ein Ende gemacht
hatte; er sah sie in vollendeter weiblicher Reife vor sich stehn, so schnell
hatte das ttige Leben, worin er sie gestrzt, ihre Entwickelung beendigt. Ihre
verbrannte Haut, im Antlitz und an den Hnden, wie eine fremde Frbung neben dem
weien Schnee ihrer Arme und ihres Halses, erinnerte an einen bergang aus einem
sehr verschiedenen Lebensklima; in aller Bewegung erschien sie sonst in dem
Ebenmae und der geschickten Verbindung einer Frau, die lange in den besten
Gesellschaften ihres Geschlechts gelebt hatte; der Anstand war ihr etwas
Eingebornes, kein Angelerntes, sie konnte ihn nicht lassen, also konnte sie auch
nicht dagegen sndigen. Bald erhoben sich noch andere befreundete Hausgenossen;
Ritter Blaubart, der an seinen frheren Wunden litt und an diesem Tage wieder
ein paar leichte Wunden erhalten hatte, bat Anton zu ihm zu treten und bot ihm
seine Hand, um damit allen vergangnen Streit auf ewig aus seinem Herzen
auszulschen. Anton gab ihm mit freundlichem Entgegenkommen beide Hnde und
schwor ihm, da er sich auf ihn verlassen drfe, wo er ihn irgend brauchen
knne. Frulein Gertraud war bei dieser ganzen Verhandlung in einer wunderlichen
Bewegung, die aber Anton wenig beachtete, weil er innerlich ganz mit Susannen
beschftigt war; sie wandte sich mit einer Unruhe, mit einer fliegenden Rte so
oft zu ihm, schien um ihren Brutigam so gar nicht mehr unruhig, und whrend sie
jenem mit steter Aufmerksamkeit Wein und Frchte und was die Kche vermochte
darbot, lie sie diesen mehrmals nach einer Labung bitten, die sie ihm dann
eilig darreichte, um von Anton etwas Neues zu vernehmen. Mein Kranz hat sich
auf Eurer Stirn verrckt, sagte sie pltzlich, als nichts seine Aufmerksamkeit
gewinnen wollte, stellte sich vor ihn, rckte an dem Kranze und drckte ihm
zuletzt einen bekmpften Ku auf die Lippen, von dem sie aus Verlegenheit
berlaut lachend, sich zu ihrem Vater umdrehte und sagte: Lieber Vater, den Ku
war ich unserm Befreier noch fr alle jene schuldig, die ich gestern auf meinen
Knieen verschwendet habe, um ihn schnell hinrichten zu lassen. - Der Vater
lachte und sprach: So seid ihr Mdchen, so war auch meine Frau selig; wenn ich
an einem Tage alles getan htte, worum sie mich gebeten, sie htte mir dafr am
nchsten Tage die Augen ausgekratzt; was wird aber der fremde Ritter dazu sagen,
von einem Mdchen gekt zu werden. - Ihr seht ja, da ich schweige, sagte
Anton, denn im Grunde kt das Frulein in mir nur ihren Ritter, weil sie ihn
nun ungestrt besitzt und mir etwas Verdienst darum zuschreiben will.
    Frulein Gertraud schien mit dieser Auslegung nicht zufrieden und durfte es
sich doch nicht merken lassen; als sie aber Antons Seite beim Nachtessen besetzt
hatte, da drckte sie ihm zrtlich die Hand, und er mute es erwidern, weil er
berhaupt niemand leicht etwas abschlagen konnte. Doch beschftigten ihn diese
Zeichen wenig, er sehnte sich nach einem Augenblicke mit Susannen allein zu
sein, und doch fand sich keiner durch die stete Gegenwart und Gesprchigkeit des
Fruleins, die immer lebhafter in ihn drang, alle kleinen Umstnde dieser Tage
zu erfahren. Anton erzhlte endlich den ganzen Vorgang ausfhrlich, verga auch
der Goldstcke nicht, die in sein Gefngnis geworfen worden und die dem
Ratsherren durch ihre Jahreszahl als uerst selten bekannt waren, er
behauptete, da niemand in der Stadt einer solchen Freigebigkeit fhig sei.
Anton erzhlte dann auch von seinem wunderbaren Traume und von den Blumen, die
er am Fenstergitter gefunden, dabei bemerkte er, da sich Susanna entfrbte, er
brach also ab, weil er eine weibliche Gespensterfurcht in ihr voraussetzte, und
ging zu der frhlichen Unterredung mit dem Obersten der Bauern ber, den er zu
diesem Zwecke ins Zimmer kommen lie, nachdem er sich einen Teller voll kleiner
Kieselsteine bestellt hatte. Konrad, sagte Anton, als jener besorglich
eingetreten und an der Tre stehen geblieben war, Konrad, wie geht es dir? -
Den armen Konrad hungert, antwortete Konrad, und da sage ich immer, ein
Mensch ist doch immer ein Mensch und alle Menschen sind Snder, ich bin freilich
ein Snder, aber ein Mensch mu doch immer essen.
    ANTON: Konrad, mchtest wohl gern mit deinem Herrn an einem Tische essen.
    KONRAD: Und aus einer Schssel noch lieber.
    ANTON: Meinst du denn, wir essen mehr als ihr armen Leute?
    KONRAD: Ihr et doch, so viel Ihr wollt und was Ihr wollt.
    ANTON: Das weit du nicht, sieh Konrad, wenn ich so feste Bauernkle sehe,
womit Ihr Euch die Kpfe einschlagen knntet, da hab ich immer groe Elust,
aber die sind zu schlecht auf einem Herrentische, die darf ich nie fordern, komm
einmal her, ob dir unsre Kost schmeckt und ob sie dir wohl bekommt.
    Konrad setzte sich ohne Umstnde Anton zur Seite, der einige Kieselsteine
vom Teller nahm, mit einer Brhe bergo und herunterschluckte; der arme Konrad
war freilich schon von dem Geklapper dieses Gerichts berrascht, meinte aber, es
seien indianische Eier, nahm sich eine tchtige Portion und bi sich darauf
einen Zahn aus.
    Anton fragte, ob er sich den Backenzahn ausgebissen htte.
    Ich bin der arme Konrad, sagte er und ging unter dem Gelchter der
Ratsherren heraus, und will der arme Konrad bleiben, Hoffart will Zwang haben,
von solcher Speise kriegt unser einer Zahnweh.
    Anton warf ihm einen Braten zu, der stehen geblieben war; Konrad verga den
Schmerz und rief: Heida, hier ist's besser unterm Tische als an dem Tische
sitzen. Anton sehnte sich jetzt nach Ruhe, es wurde seine Gesundheit getrunken
und die Stadtpfeifer lieen sich mit einer Musik vor den Fenstern hren, er nahm
ein Licht und dankte allen, da nahm ihm Susanna nach alter Gewohnheit das Licht
ab und wollte vorleuchten, Anton sah sie traurig an. Seit du in diesen Kleidern
umhergehest, kannst du mir nicht mehr als ein dienender Knabe vorgehen, Kleider
machen Menschen!
    Lieber Herr, sprach sie zchtig, ich mchte mit Euch ein Wort allein
sprechen, ist mir das auch nicht vergnnt?
    Nicht zu aller Zeit und an jedem Orte, sagte er, fhre mich nicht in
Versuchung, sondern erlse mich vom bel.
    SUSANNA: Lieber Herr, es ist etwas sehr Gutes, was ich Euch sagen mchte.
    Anton wollte sie eben mitnehmen, als Frulein Gertraud dazwischen trat und
Susanna mit der Bitte an sich zog, sie mchte bei ihr schlafen, der Ritter sei
mde und bedrfe der Ruhe. Susanna schien sich ihr ungern zu fgen, Anton ging
auf sein Zimmer, schlaftrunken und von Susannen erfllt, verga er aller
Zrtlichkeit des Gespenstes, dann wollte er einschlafen, aber die zrtliche
Gestalt stand wieder mit unendlich freundlichen Reden vor ihm.
    Wer lohnt deine Mhe, wer preist deinen Ruhm, sprach sie, ich allein,
alle andern denken nur an sich, wenn es dunkel wird, ich sehe dann, ob du
schlfst, und wache, wenn du von der Welt nichts weit, bei deinem Lager; wer
ist dir treu? ich allein; wer ist schn? ich allein, denn in mir sind alle, die
dich lieben. - Schn bist du, sagte Anton, ich mchte dich malen, wart, da
ich dich anschaue und in mein Gedchtnis prge. - Kaum blickte er sie so fest
an, so war sie verschwunden und er schlief ruhig bis zum Sptmorgen. Kaum war er
angekleidet, so klopfte es mehrmals furchtsam an seine Tre, er ffnete und es
trat Susanna in der Kleidung eines Mannes zu ihm herein. Sollte mich der
Schmuck von Euch trennen, sprach sie, lieber wollte ich in Lumpen umhergehen,
verwundert Euch nicht; bis ich in den Kleidern einer Frau fr Euch sorgen kann,
bleibe ich so, ich habe Euch viel zu erzhlen, gewhrt mir Aufmerksamkeit. -
Jener Unbekannte, der Euch die Goldgulden verehrt hat, war ich, denn ich hatte
auch die Blumen an Eurem Fenster zurckgelassen, wie aber die Kreuzer und
Heller, die wir im Wirtshause mit Komdienspielen erworben haben, sich in
Goldglden verwandelt haben, wei ich nicht, so wenig, wie die Blumen, die Seger
auf dem Tische knstlich hatte wachsen lassen, ihm selbst so gefhrlich werden
konnten. Seht hier den Beutel, derselbe den ich von Eurer Frau empfing, ich
meine, da in ihm die goldmachende Kraft heimlich verborgen sei, Ihr mt ihn
versuchen, denn wahrhaftig, in dem Degen, der so unscheinbar ist, mssen auch
geheime Krfte wirken, da er in so vielen Angriffen glcklich bestanden ist. -
Sie versuchte jetzt den Beutel und warf ein paar kleine Mnzen hinein; wie sie
diese umschttelte, fielen ein paar Goldstcke heraus. Bei Gott, rief Anton,
das ist ein Fortunatussckel, nun bin ich fr immer ein gemachter Mann, will
mich aber in acht nehmen, da ich nicht so schndlich darum komme, wie die alte
Historie von jenem berichtet. Gleich, Susanna, la einen Goldgulden in Kreuzer
wechseln, ich will mir so viel Geld in dieser edlen Mnze prgen, da ich meiner
verfluchten Frau ein Geschenk mache, das mehr wert ist als ihre alten Becher und
alle alten Klappern ihres Hauses zusammengenommen, bei Gott, sie soll eine
Achtung gegen mich bekommen, als wre ich ein Dukatenmacher, und wenn sie sich
vor mir auf die Knieen wirft, so will ich stolz vorberreiten und mein Pferd
soll ein Paar goldne Hufeisen fallen lassen, die sie begierig hinter mir
aufnehmen wird und wenn auch Pferdepfel darauf lgen; mach schnell und wechsle,
es ist die einzige Lust, die ich kaum erwarten kann, dann will ich auch dem
Ratsfreunde seine Hosen wieder schicken und meine Schuld dreifach bezahlen und
ein Bndel Ruten, womit die Frau zu ihrer Berung wie ein Sandland bepflanzt
werden mu, dabei legen, auch den andern Wirt will ich bezahlen und dann Almosen
geben, da Pforzheim in einem halben Jahre schner aufgebaut ist, als es je
gestanden. - Heiter ging er in diesen Gedanken auf und nieder, von Wrden zu
Wrden hob er sich empor, erkaufte Lnder, erweiterte durch Eroberung, und die
Krone auf der Kronenburg, die das vereinigte Deutschland beherrschen sollte,
fhlte er schon auf seiner Stirne, ihm ward so wollstig, da stand die zrtliche
Gestalt in dem Dunkel des Zimmers vor ihm. Und dir, rief er wtend, dir werf
ich diese Handvoll Dukaten an den Kopf, damit du kommst, wenn ich dich rufe, und
wegbleibst, wenn du mich strst. - Sie verschwand, Susanna trat mit einem
Beutel voll kleiner Kupfermnzen herein, die sich schnell in einen Schatz von
Golde verwandelten. Er verfuhr damit, wie er beschlossen, ein angesehener
Kaufmann schaffte ihm ein Paar viel prachtvollere Becher, als die er damals
seiner Frau heimlich verkauft hatte.
    Gldenkamm, der von dem Kampfe kaum ausgeschlafen hatte, mute die Wirte
bezahlen und necken, dann lie Anton in der ganzen Stadt die Armen, die beim
Brande das Ihre verloren, nach dem Rathause vorfordern, um dort eine
Untersttzung zu empfangen. Welcher Jubel von allen Seiten, als die Goldgulden
so leicht wie die Kreuzer verschenkt wurden, der Beutel mute den ganzen Tag
ununterbrochen arbeiten.
    Sehr verlegen trat aus der Menge sein erster Wirt im Hopfenblatte, der
kleine Ratsfreund, zu ihm: Die sich zuerst verkennen, erkennen einander
spterhin am besten, wer zuletzt lacht, der lacht am besten, meine Frau ist
durch Gottes Fgung verbrannt, ich heirate in meinem Leben nicht wieder,
herzlichen Dank fr die gndige Zahlung, ich habe viel verloren in diesem
Brande, aber meiner Frauen Tod macht aus einem geschlagenen einen reichen Mann,
ich und mein Georg wissen vor lauter Vergngen nicht, wo uns der Kopf steht; was
von Gott kommt, das gedeiht durch Gott, was aber vom Teufel kommt, das geht mit
dem Teufel unter, meine Frau ist wie ein Feuer in mein Haus gekommen und mit dem
Feuer hinausgezogen, ich verlang nicht selig zu sein, wo sie es ist.
    Ja, sagte Anton, es ist erschrecklich, wie leichtsinnig wir Mnner zu den
Weibern kommen, htet Euch knftig davor, wenn Ihr Eure Hosen behalten wollt,
Ihr habt der ganzen Stadt immer so gut geraten, aber die ganze Stadt ist dafr
an Eure Frau geraten und das taugt nicht.
    So schieden sie mit weisen Sprchen auseinander, Gldenkamm kam wie aus
einem Triumphzuge aus allen Kneipen der Stadt zurck; ganz behangen mit Krnzen
und Bndern wie eine Festtagskerze, schttelte er sich sehr rgerlich, als Anton
ihm anzeigte, da er Rstung und Pferde gekauft habe, um mit dem anderen Morgen
nach Waiblingen zu ziehen. Desto froher war Susanne, ein geheimer Kummer mute
sie in der Stadt beschwert haben, ihre Freude war heftig, sie sprang gegen ihre
Gewohnheit hoch auf und rief: Nun wird alles gut, Ihr kehret heim zu Eurer
Hausfrau, lebet treu und ehrlich und ich kann ungekrnkt in Eurer Nhe mich in
allem unterrichten lassen. - Nein liebes Mdchen, sagte Anton, du hast
meinen Fluch gehrt, jenes Glck ist fr mich kein Wunsch mehr, es liegt hinter
mir, aber ich will seine Grabsttte noch berreiten, um seiner zu spotten, es
liegt mir wie ein Balken auf meinem Haupte, da mein Weib noch immer in sich
triumphiert, wie ich in Not schmachte, als ein armer Wicht und meint mich
bestraft fr den unschuldigen Leichtsinn, der mich erheitert hat, sie soll es
sehen, da das Glck mir ewig treu ist, ich will ihr nichts schuldig bleiben,
reichlich will ich ihr ersetzen, was sie mir geschenkt, aber wenn sie dann mich
verlangt, da soll sie mich suchen und nicht finden, wie ich sie nicht gefunden
habe, als ich sie suchte. - Mit diesen Gedanken legte er sich auch ins Bette,
er sah sich schon in stolzer Rstung ber den Markt reiten, lie sein Pferd auf
den Hinterfen tanzen, und verga darber der zrtlichen Gestalt zu achten, als
ein leises Pochen seine Tr erschtterte und Frulein Gertraud zu ihm ins Zimmer
trat, in einer Hand eine Blendlaterne, in der andern einen schn geschliffenen
Degen. Anton glaubte im ersten Erwachen, sie komme in der Absicht ihn zu
ermorden, aber ihr freundliches Niederknieen an seinem Bette, der Ku, den sie
auf eine Hand drckte, lie ihn eher einen Liebesgru hoffen, wozu sein Herz
auch nicht unwillig sich regte. Er hoffte ein Wort von ihr zu hren, aber sie
schwieg, sah ihn zrtlich an und reichte einen Degen mit dem etwas ungeduldigen
Ausrufe: Da, da! - Soll der mein sein, soll ich ihn zu deiner Ehre fhren? -
Sie nickte und fing an ihn zu kssen, einerlei was sie von ihm wegri, was
Antons Begierden nicht blo entflammte, sondern auch seine Ehre gewissermaen,
die sie in Zrtlichkeit zu berwltigen strebte. Dieser Wettstreit von
Hflichkeit verwirrte ihre Lage immer mehr, war ein Ku ungewhnlich
vertraulich, so wurde der Gegengru frei und der dritte unzchtig, der vierte
htte Anton zur Schndung der Ehre der schnen Verlobten veranlat, wenn sie
nicht zurckgesprungen wre und geweint htte. Anton schauderte wie ein armer
Snder darber zusammen. Was begegnet Euch Frulein, welch ein Unglck schwebt
Euch wie ein Gespenst vor! - Sie aber antwortete: Ich will allem mich
unterwerfen, aber schenke mir den Degen, womit Ihr meinen Ritter berwunden
habt, er wird ihn und seine wilden Launen in meine Gewalt geben, wisset, da
schon zwei Frauen durch seine Heftigkeit gestorben sind. - Mein Frulein,
sagte Anton, der Degen ist mir lieber als das teuerste Glied meines Leibes, Ihr
fordert zu viel und es ist Torheit von Euch; was der Degen wirkt, das wirkt er
nur in meiner Hand, in Eurer Hand ist er eine Gerte. Bitte, bitte, sagte sie
kindisch, ich brachte Euch dieses prchtige Schwert, dessen Knopf in Italien
von Benvenuto Cellini in Stahl so herrlich geschnitten des Herkules Taten
darstellt, seht ihn bei der Lampe, wie wunderbar, und Euer Degen dagegen, halb
verrostet, der Korb zerbrochen und klappernd, wie knnt Ihr mir diese
Kleinigkeit versagen, und da ich ihn fhren kann, bei Gott, das solltet Ihr
gleich sehen; wenn Ihr ihn mir geben wolltet, ich wrde Euch zeigen, und damit
nieder strecken und mit tausend Kssen zchtigen, macht die Probe!
    Anton konnte aus ritterlicher Gesinnung nichts dagegen einwenden, er reichte
ihr seinen rostigen Flederwisch und bewaffnete sich mit dem neuen Degen.
Gertraud drang lustig auf ihn ein, er vermied es erst sie zu berhren und
wendete nur ihre Hiebe von sich ab, deswegen ging er einigemal zurck, der
wunderliche Geist des Degens hatte sie besessen und wre er nicht durch Zufall
in sein Bette gestrzt, er mchte verloren gewesen sein. Er schmte sich und
wtete in sich, mochte sich das aber nicht merken lassen; der Befreier der
ganzen Stadt von einem Mdchen berwunden, das schmerzte ihn, er suchte dies
hinter Liebkosungen zu verstecken und seine Siegerin beantwortete diese in den
abenteuerlichsten Abirrungen einer Romanphantasie, wollte er aber seiner Lust
gem sich an ihr erfreuen, da drohte sie ihm mit dem Degen. Ergrimmt darber
wollte er sich in den Degen strzen, aber sie wich vor ihm und flchtete sich
mit dem Zauberdegen von ihm fort. Seine Wut war entflammt, er ging in Konrads
Nebenzimmer und fragte, warum er nicht ihm zu Hlfe gekommen sei, er sei von
einem Fremden berfallen worden. Konrad kam schweitriefend unter der Decke
heraus und sagte: Herr, das war unmglich, erst hrte ich Degen klingen, da
verkroch ich mich unter der Decke, davon kriegte ich solche Hitze und solchen
Schwei, da wenn ich aufgestanden wre, ich mich sicher erkltet htte, die
Nchte werden wahrhaftig schon kalt. Anton konnte ber den armen Teufel nicht
lachen, er htte sich gerne Luft gemacht, seine Unruh lie ihn nicht zum Schlaf
kommen, gern htte er den Schimpf vergessen, aber er durfte nicht laut
schimpfen; er hoffte auf das zrtliche Gespenst, um seine Galle dagegen
auszuspeien Aber auch das blieb aus und nachdem er die Stunden auf und nieder
schreitend in seinem Zimmer gemessen hatte, wurde es hell, da wurde es ihm
wehmtig in seinem Herzen, er lie sich auf ein Knie nieder und betete zu dem
Gestirn, das in alle Naturen Klarheit gsse, ihn von diesen grauenvollen
Wunderlichkeiten, die ihn umdunkelten, zu erheben, in die Arme der einen ewig
einigen Liebe zu legen, die einst im gemeinsten Leben ihn so sicher und fest, so
erfllt von einem, so erheitert von allem in ruhiger Ttigkeit geduldet hatte,
vorher aber, rief es in ihm, rche mich an dem Weibe, das mich in diesen
Abgrund von Zweifeln durch Geiz und Zank gestrzt hat, la sie erblinden, da du
der Welt nicht dein strahlendes Auge entziehen mut.
    Susanna trat jetzt zierlich gerstet herein, sie sagte, da alles auf sei,
und eine Schar der edelsten Brger habe beschlossen ihn zu begleiten. Anton sah
sie nicht an, er mute die Augen niederschlagen, ein Ekel vor der Nacht schlug
ihn selbst nieder und als sie nach dem Zauberdegen fragte, da wute er kaum, was
er antworten solle. Er zwang sich zum Lachen und sprach: Sieh, ich habe gut
getauscht, was hltst du von dieser damaszierten Klinge, von dem herrlichen
Gefe?
    Recht schn, sagte Susanna, dieser trgt seine Schnheit auerhalb, jener
hatte sie in sich.
    Anton schwieg, er fhlte, da sie recht habe, er htte heute den ganzen Tag
schweigen mgen und still und einsam seinen Weg fortreiten, aber nun mute er
noch so viel Gre, so viel Feierlichkeiten ausstehen, schon stand der Haufen
reitender Brger in einer Reihe vor dem Hause, die Trompeter schmetterten lustig
in die Morgenluft, die Pauker wirbelten und lieen ihre Paukenhmmer durch die
Luft spielen, die Fahne wehte und die Glocken luteten. Jetzt gab ein Schieen
mit kleinen Gewehren das Zeichen der Feierlichkeit, die Brgerschaft rckte von
allen Seiten an, der Ratsherr trat in sein Zimmer und bereitete ihn auf ein
feierliches Lebehoch, das ihm von den Einwohnern, verbunden mit den fremden
Badegsten gegeben werden sollte. Er trat mit ihm ans Fenster, der Ratsherr
wollte das Fenster ausheben, konnte aber damit nicht fertig werden, Anton griff
zu und hob es mit einem Drucke aus den Angeln, welche Freundlichkeit der ganzen
Brgerschaft ungemein wohlgefiel. Jetzt begannen die Znfte mit ihren
Ehrenzeichen den Zug vor dem Fenster; da trugen die Zimmerleute ein gezimmertes
kleines Haus mit bunten Bndern geziert, die Maurer alle Sulenordnungen in
groen Modellen, die Bcker lieen ihren wei angezogenen Fahnenschwinger durch
eine groe Brezel springen, kurz jedes Gewerk trug sein eigenes Zeichen mit
Pracht und Zierlichkeit, jedes machte ein eigenes Geschenk und jedermann nahm an
dem geretteten Wohlstand der Stadt einen gemeinschaftlichen Anteil, einen
Ausdruck mit allen, der allen ein neues Band gegenseitigen Vertrauens wird.
Nachdem sich alle Znfte im Kreise gestellt, rief der Ritter Blaubart, wegen des
ausgezeichneten Mutes, den er am Tage der Bestrmung bewiesen, dem tapfersten
und weisesten Fhrer, Ritter Grafen von Stock, sein dreifaches Lebehoch, alles
rief dreimal mit, da Pauken und Trompeten kaum zu hren waren. Alle waren
entzckt, nur Anton sah mit innerer Scham seinen guten alten Degen in den Hnden
des Ritters, und seufzte in sich nach Gelegenheit ihn mit offener Gewalt wieder
zu gewinnen. Seine Pferde wurden jetzt vorgefhrt, sowohl die mit eignem Gold
und Geschenken aller Art beladenen, als auch die Ritterpferde, da gab es ein
Anstaunen der Pracht, er nahm einen herzlichen Abschied von seinem Hausherrn und
hing ihm eine goldne Kette um, auch Gertraud zeigte sich ihm ganz unbefangen und
frhlich, als she sie ihn zum ersten Mal, aber es war ihr noch eine Beschmung
zugedacht und die blieb nicht lange aus.
    Der arme Konrad hatte ihre Stimme in der Nacht recht wohl vernommen, er
meinte einen seiner burischen Spe an ihr vollbringen zu knnen und hatte ihr
im Vorbeigehen, wo er ihr den Rock zu kssen schien, einen Faden hindurch
gezogen, den gab er so geschickt ber seine Schulter mit den Zgeln in Antons
Hand, da dieser, indem er sein Pferd anspringen lie, die Rcke des Fruleins
emporhob, die jetzt als ein Bild der Unzchtigkeit allgemein verlacht wurde.
Dabei tat er aber so eifrig, diesen Faden abzureien, da er das bel noch
vermehrte, ehe er es fortschaffen konnte. Ritter Blaubart, unentschlossen, ob er
selbst zuspringen und den Vorhang herunter lassen sollte, oder ob dies die
Verwirrung nur vermehren mchte, vielleicht auch etwas angezogen von dem
Anblicke, bewegte er seinen Degen aus Verlegenheit in derselben Art, wie er mit
den Trompetern verabredet hatte, wenn er ihnen das Zeichen des Tusches geben
wollte, die Trompeter gehorchten im Augenblicke und der Tusch wurde hellaut
geblasen und erstickte und vermehrte das Gelchter. Wtend schrie der Vater des
Fruleins, indem er seinen Mantel ber die Tochter deckte, zu den Trompetern: ob
jetzt der Tusch sein sollte. - Das ward zum Sprchwort unter den lustigen
Gesellen und jeder feierliche Schimpf wurde seitdem ein Tusch genannt. Der Faden
war nun gerissen. Anton drehte sich um, den Vorfall gut zu machen, aber der
Faden seiner Rede schien ihm auch gerissen, er mute lachen, das Frulein lag in
Ohnmacht und die Gesellen riefen einander zu, wenn sie nun weiter wanderten,
kennten sie doch wenigstens das Wahrzeichen der Stadt; der Zunftmeister lie auf
ihr Begehren den Vorfall in Stein gehauen an dem Hause des Ratsherrn aufstellen,
der nach glcklicher Verheiratung seiner Tochter ebenfalls seine Freude daran
hatte.
    So frhlich war nun der Austritt Antons; vor dem Tore hatten ihm die
Badegste noch eine kleine berraschung gemacht, da die Bder in der Stadt
abgebrannt waren, so muten sich jetzt alle in dem groen Weiher vor der Stadt
baden, er mute nahe vorbei, alle waren hinter einem hervorragenden Ufer
versteckt, pltzlich rauschten sie zu ihm hin wie eine Schar Enten, vom Hunde
aus dem Rohre gejagt, sein Pferd scheute sich, er hielt es. Zwei Jungfrauen
erhoben sich jetzt auf knstlichen weien Flgeln und setzten ihm, indem sie
vorberstreiften, einen Perlenkranz auf sein Haupt, dabei sangen sie sehr
anmutig:

Den Nymphen der Gewsser hast du beigestanden
In ihrem Kampfe mit dem Feuer,
Du fhrtest sie, entlstest sie den Banden,
Du wurdest ihrer Macht Befreier,
Und siegend drckten sie die Flammen nieder
Und brachten sie zurck zur Unterwelt,
Dich sanft zu khlen schwingt sich ihr Gefieder,
Du hast noch weiten Weg, du khner Held!

Anton dankte ihnen anstndig und freundlich. Georg kam noch zu ihm, streichelte
sein Pferd und konnte sich nicht trsten, da er schon fortritt, und wollte ihn
durchaus begleiten, er beschenkte ihn mit schnen Frchten und trstete ihn
damit, dann ging der Zug munter weiter, die gute Stadt verschwand hinter ihm,
Gldenkamm ritt mit Susannen neben ihm, alle wunderlichen Abenteuer ihm zu
berichten, die ihnen whrend ihrer ersten Reise hier begegnet waren. Es wurde
beiden leichter, als sie sich so aussprachen. Die ungeheuren Dinge, die
Gldenkamm auf seinem Herzen drckten, wie er sich mit Susannen stehe, was aus
ihnen beiden werden solle, schwanden auf einmal in ihr Nichts.
    Anton sprach nachdenklich: Wenn ich diese mancherlei Hindernisse berdenke,
so meine ich, da ihr auf diesem Wege nicht zusammenkommen solltet, ach wre ich
so gestrt worden, so aufgehalten, ehe ich meinen alten Drachen geheiratet, da
wre ich jetzt noch ein freier Mann und knnte dich heiraten, Susanna.
    Das wre recht schn, sagte sie. - Gldenkamm entflammte von Eifersucht,
aber er versteckte sich, er wollte beide erforschen, ob sie vielleicht einander
schon nher verbunden seien, als er in seinem zutraulichen Sinne niemals geahnt
hatte. Wret Ihr lutherisch gesinnt, sagte er und sah vor sich nieder, da
knntet Ihr rasch von Eurer Frau geschieden sein, sie hat Euch ihr Haus und
Bette versagt und Susannen knntet Ihr dann heiraten.
    Sonderbar ist's, sagte Anton, da es in einer Lehre eine Snde sein kann,
was gleichsam die ganze Seele fordert, und die andre Lehre fr recht erklrt;
berhaupt seit mir selbst so viel Wunderbares begegnet ist, denke ich ber das
Wunderbare in unserm Glauben anders, ich bin allen den Wesen, vor denen ich in
scheuer Entfernung selig in ihrem kleinsten Blicke wandelte, nher gezwungen,
das Wunderbare in ihnen liebe ich nicht mehr, sondern ich meine es ein groes
Unglck, womit sie behaftet sind, aber das Herrliche, rein Menschliche in ihrem
Wandel schwebt mir in unerreichlicher Hhe und kme ich wieder zu meinen Farben,
das wrde ich auszudrcken streben; was kmmert mich jetzt die gnadenreiche
Mutter Maria, die an den geheiligten Orten manchem Leidenden geholfen hat; die
herrliche Mutter und Frau, deren weiser Unterricht ihr Kind so frh gereift hat,
da es im Tempel jugendlich auftreten konnte, die alten Graubrte zu beschmen,
die ist mir ehrwrdig, weil Millionen zu ihr anstreben und keiner sie erreicht.
    Herr, sprach Gldenkamm, der seit den letzten Ereignissen sich zu einer
Art von ernstem Verhltnisse gegen ihn gebunden fhlte, Herr, Ihr seid schon
ein Lutheraner, wenn Ihr so sprecht, wenn Ihr so frei forscht ber das
Religionswesen, wenn Ihr nur das ehren wollt, was Euch ehrwrdig scheint.
    Da bin ich gar schon weiter, sprach Anton, das lange Beten
unverstndlicher lateinischer Worte mag ich gar nicht mehr ertragen, selbst das
Gebrmmle eines solchen Beters kann mich erzrnen, immerhin mag es gut sein,
wenn Menschen mit Gewalt einem Glauben unterworfen sind, die nichts anerkennen
als die Gewalt, da sie so einen Betlrmen bei einander machen, wie jede Art
Vieh sich an solch Geschrei und auch die erkennt, die sie fttern; die Menschen
aber, die in ihrer Erkenntnis aus den brigen hervorgerissen sind, denen gengt
kein solches auswendig gelerntes Plappern.
    Herr, Ihr seid schon weit ber Luther, sprach Gldenkamm, Ihr knnt Euch
immer scheiden lassen.
    Aber hrt, sprach Susanna, wenn unsrer Inbrunst nun kein Wort gengt und
die Stummheit unsern Herzen widerspricht, sind uns da nicht Worte willkommen,
bei denen das Gefhl stets mit Heiligkeit verweilte, die von uns nie
gemibraucht sind, weil sie uns nicht verstndlich sind, whrend in unserer
Sprache selbst die frommsten Redensarten gar oft fluchend und spottend vor
unsern Ohren mibraucht sind, darum bete ich mein Ave Maria.
    Ihr wrdet Euch also niemals scheiden lassen? fragte Anton erleichtert.
    Ich verdamme keinen, der es tut, sprach Susanna, ich habe in Pforzheim
viel fromme Leute gesehen, die sich in groer Ehrbarkeit haben scheiden lassen,
ich aber, wem ich mich verlobe, dem ergebe ich mich fr Zeit und Ewigkeit, seine
Tugend und sein Laster soll mein werden, kein Geschick kann mich von ihm
trennen, mir scheint eine Ehe wie das Leben von Zwillingen, die ohne da sie es
selbst wissen, zusammengewachsen sind, nur in diesem Glauben der vollkommenen
Einigung knnte ich mich einem Manne ergeben.
    Anton drckte ihr die Hand, es dmmerte ihm eine Aufklrung seiner
wunderlichen Schicksale aus diesen Worten, er aber wute sie nicht zu deuten.
Nicht lange blieb ihnen Frist von diesem innern Leben in ihnen zu verhandeln,
die Reiter, welche mit ihren Pferden bisher sie nicht hatten einholen knnen,
ritten jetzt in ihre Nhe und der Ritter Blaubart dankte Anton in den
freundlichsten Worten, da er ihm durch das Geschenk des Degens, womit er ihn
berwunden, den vergangnen Schmerz zu einer angenehmen Erinnerung habe
umschaffen wollen; er schwor, das Schwert bis zu seinem letzten Atemzuge zu
bewahren, es solle ihm den Ernst und die Wrde verleihen, die er bisher, von
einem gtigen Vater verzogen, oft vergessen habe. Was konnte Anton so groen
Vorstzen entgegenstellen, um den Degen wieder zu erhalten; sollte er ihn wegen
seiner Zauberkraft rhmen, so verlor sein Kampf und alles sein Bemhen den Wert,
im Grunde war er auch froh wieder von einer der schrecklichen Gewalten frei zu
sein, die ihn bisher getrieben hatten.
    Den Ritter Blaubart trat jetzt ein Haufe Zigeuner an, die mit schufertigen
Gewehren, in Vortrupp und Lauscher verteilt den Weg herunterzogen, sie hatten
nichts Bsartiges im Sinn, suchten ihm aber ihre Kunst gleich deutlich zu
machen, indem sie ihn als blanken Brutigam anredeten. Er mute ihnen die Hand
zeigen und ein altes Mtterchen fahr zurck, sie sagte ihm, er werde fnf Frauen
haben und viere davon wrden gewaltsam umkommen.
    Wie geht es mir aber dann? fragte er lachend. Die Alte sagte: Buch zu!
    Diese Alte mssen wir doch etwas nher betrachten, sagte Gldenkamm, ein
bedeutenderes Gesicht ist mir nie begegnet, nicht die Zauberzeichen, womit ihr
Kragen und Hemdrmel gestickt sind, erzwingen von mir einen gewissen Glauben an
sie, diese Stirn, dieses Auge unterwerfen mich, lat Euch weissagen von ihr,
Graf Anton.
    Frau, sagte Anton, lat Euer gelbes Ungeziefer von Gesellen zurcktreten,
die Kerle mit ihren sonderbaren Fellen, nrrischen Waffen und unverstndlichen
Reden stren mich, da ist meine Hand.
    Ei, sagte die Frau, Eure Hand ist so breit, blanker Herr, da sie ein
Land bedecken knnte, und sie wird nicht hart darauf ruhen, ja das wre nun
alles recht gut, blanker Herr, aber Ihr werdet noch heiraten, das wre alles
gut, aber Ihr werdet ein junges Mdchen heiraten, das nicht bis fnf zhlen
kann.
    Susanna ward rot und Anton sah auf sie mit dem Gedanken, es knne sie wohl
betrben, da sie es nicht sei, und fragte, um einen bereinstimmendern Sinn zu
bekommen, wessen Tochter seine Frau sein werde.
    Eines Kaisers Tochter, antwortete die Frau.
    ANTON: Wann soll ich sie erkennen?
    ZIGEUNERIN: Wenn du niemand liebst als sie.
    Susanna reichte jetzt die Hand, die Zigeunerin schlug ihr leicht darauf, gab
sie ihr dann, drckte sie und sagte: Bist bald zu gro zum Hosentragen, blanke
Schwester, trag die Hosen ber dein Gewissen sorgsam, da dir nichts genommen
werde, was du nicht wieder bekmmst.
    Gldenkamm war auch schon mit der Hand bereit, die Zigeunerin lachte: Ihr
werdet noch allen aus der Not helfen ohne selbst einen Rat zu wissen, Ihr seid
ein Mann des Zufalls, seid zufrieden mit allem, was er Euch beschert, ein
verstndiges Weib tte Euch not.
    Das ist infam, schrie Gldenkamm, das Weib macht mich zum Narrn.
    Nein, sprach sie, du wirst nur zum Narrn gehalten, aber du bist keiner,
der aber dort auf einem Pferde sitzt, das er immer mit dem Zgel anzieht, wenn
es still stehen soll, der hat einhundert Narrenkappen in seinem Wappen und wird
Euch so gut bedienen, wie irgend ein Narr vornehme Herren bedient hat.
    Jedermann sah sich um, der arme Konrad pfiff in die Luft, und merkte nichts.
    Anton wollte schon weiter ziehen, indem er der Zigeunerin einen Goldgulden
berreichte, sie aber trat noch zu ihm und sprach: Sorgt fr Susanna, ich werde
sie einmal von Euch zurckfordern.
    Wer seid Ihr, warum knnt Ihr sie von mir fordern?
    Schweigt davon, sagte sie, denn keine Springwurzel ffnet mein Herz, wenn
ich nicht sprechen darf, gedenkt, da Ihr von der Krone auf hohem Turm auch
schweigen mt. Gott beht Euch, blanker Bruder.
    Die Zigeuner zogen mit ihrem wunderlichen Kram von tanzenden Bren,
Murmeltieren und abgerichteten Vgeln fort. Anton zog tief in sich versenkt
seinen Weg, da ffnete Gldenkamm, indem er lustig zujagend seinen Gram gestoen
und verschaukelt, seinen Mund und die andern sangen ihm sein frohes Reiterlied
nach.

GLDENKAMM:
Flchtig Dasein auf den Rossen,
Khnes Buhlen mit dem Winde
Schaut die Erde fortgestoen,
Rollet unter uns geschwinde.
CHOR:
Schaut die Erde fortgestoen,
Rollet unter uns geschwinde.
GLDENKAMM:
Brausend strecken sich die Rosse
Schmal wie einer Jungfrau Leib,
Was auf Erden ich genossen,
Dies ist schnellster Zeitvertreib.
CHOR:
Was auf Erden wir genossen,
Dies ist schnellster Zeitvertreib.
GLDENKAMM:
Grne ste berstreifend,
Treiben fort die lst'gen Fliegen,
Durch die grnen Wiesen
Gleiten wir in Wolkenzgen.
CHOR:
Durch die leichten Wolken schweifend
Teilet euch in gleichen Zgen.
GLDENKAMM:
Unser Hufschlag schallet doppelt
An des Waldes grner Wand,
Und die Sonne scheinet doppelt
Bebend an der Erde Rand.
CHOR:
Seht, die Sonne scheinet doppelt
Vor dem Auge froh entbrannt.
GLDENKAMM:
In den Zgen, welch Geschreie,
In den Mhnen, welch ein Hauch,
ber uns kommt eine Weihe,
Eine Trne in das Aug.
CHOR:
ber uns kommt ein Geschreie,
Holla ho nach Reiterbrauch.
GLDENKAMM:
Wir vergessen schon der Stunden,
Wo wir zwischen Mauern wohnen,
Sind vom Abendglanz gebunden
Freier Lieb zur Nacht zu fronen.
CHOR:
Abendglanz, wer dich gefunden,
Wird bei seinem Liebchen wohnen.
GLDENKAMM:
Lange drckte schweigend Bangen
Meines Herzens tiefen Grund,
Seit mein Ro ist durchgegangen,
Fllt mit Jubel sich mein Mund.
CHOR:
Uns erfasset doch ein Bangen
Auf dem glatten Wiesengrund.
GLDENKAMM:
Weggeworfen sind die Bgel,
Schwebend hlt mich Gleichgewicht,
Freies Ro, zerrei die Zgel,
Jage nach dem Sonnenlicht.
CHOR:
Fallet ihm nur in die Zgel,
Da er sich den Hals nicht bricht.

Die gute Laune der Reiter endete das gefhrliche Spiel Gldenkamms, der in einer
frevelnden Begeisterung diesen Abend fortphantasierte, wunderliche, oft freche
Liebesabenteuer anderer als seine eigene Geschichte erzhlte; indem er in
verkehrter berzeugung eines heimlichen Einverstndnisses zwischen Anton und
Susanna seine Liebe zu ihr auszulschen suchte in angenommenem Stolz, entfernte
er sie ohne Willen von sich zu einer Zeit, wo sie ihre Freundlichkeit mehr als
je zu ihm hingewendet htte, da sie vor mancher Eitelkeit Antons
zurckschreckte. Auf einer warmen Bergseite, wo in der Wiesennhe groe Haufen
des schnsten frischen trocknen Heues dufteten, beschlo Anton diese Nacht zu
rasten, alles stieg ab, die Knechte sorgten fr die Pferde, die sie mit
verbundenen Fen auf die schne Wiese fhrten und ihrer Frelust berlieen,
die Herren hatten unterdessen schon das Heu unter dem Laubdache groer Buchen
ausgebreitet und Decken darauf gelegt. Sie suchten nach Holz und fanden Bretter,
die sie als Tisch in die Mitte des Lagers zur Sicherstellung der Becher auflegen
konnten, das Brennholz muten sie aus dem hufigen Reisig zusammenlesen, alles
brach man bers Knie, was vorgefunden wurde, und Anton, indem er Feuer
angeschlagen hatte, legte den brennenden Zndschwamm in einen groen Bschel
trockner Bltter, die von Papier festgehalten waren, und bewegte sie dann heftig
in der Luft herum. Erst rauchte es, dann fing es an, rtlich durchzuleuchten,
dann brach die helle Flamme durch seine Hand, womit er schnell die angebrannte
Blttermenge unter das trockene Reisig steckte, ein Wind erhob sich, und alles
loderte mit Eile empor, da sich die Bume pltzlich in herrlicher Beleuchtung
gleichsam verwandelt wie Sulen eines Tempels mit grner Wlbung um ihn her
ordneten, herrlich knatterte mit Wohlgeruch das grne Laub des Wacholders, an
welchem die Beeren fast schwarz gereift waren; die Vgel in ihrem
Bltterdickicht erwachten und glaubten den Tag zu begren, Gldenkamm bestrkte
sie darin, denn mit wunderlicher Geschicklichkeit wute er ihren Morgengru
nachzumachen, da Finken und Hher, Meise und Specht getuscht wurden. Ehe die
Speisen bereitet waren, wurde das Weinfa aufgerichtet, Susanna als erwhlter
Mundschenk mute die Becher fllen, da gab's ein Gesundheittrinken, ein Singen
aus allen Kehlen, von Klingenberg am Maine, von dem guten Heu, Gldenkamm schrie
seine Spe dazwischen, da mancher ehrliche Pforzheimer sich wlzen mute. Als
er alle lustig geschwatzt hatte, machte er pltzlich einen ernsten Zug mit der
Hand bers Angesicht, sah auf einmal ganz anders aus und sang mit recht bitterm
Ernst:

Grimmig ist der Gott verwandelt,
Der im weine lchelnd haust,
Hat mit Schlgen mich behandelt,
In den Haaren mich gezaust.
Keiner trink vom Freudenwein,
Der ein traurig Herz verschliet,
Denn er ffnet uns allein,
Was in Trnen sich ergiet.

Wein verwandelt sich in Weinen,
Wie er lang den Namen fft,
Denn die Traurigen erscheinen
Whrend Lust sich selbst verschlft.
Trauer sitzet auf zur Wacht,
Liebe schlieet ihr das Tor,
Und die kalte feuchte Nacht
Weilet sausend ihr im Ohr.

Die lustigen Seelen waren aber noch nicht hinlnglich verschlafen, um von dem
Schreckensgesange nicht aufgeweckt zu werden, ein paar fielen ber ihn her, um
ihn zum Tanzen zu bringen, er wehrte sich, aber es half nicht, der Zwang verdro
ihn, aber es half nicht, er schlug um sich, es half nicht, ein paar knollige
Bursche hatten ihn gepackt, ein paar ludelten dazu, Anton gnnte ihm den
Unterricht in dem, was sich beim Trinken schickt. Endlich ri ihm die Geduld und
er ri sich los, die andern mit Holzbrnden hinter ihm her, das war eine Jagd,
er lief so eilig, da er einem wilden Eber beinahe in die Rippen trat, der dann
mit seinen Hauern den Verfolgern den Weg zu verhauen Lust bezeugte. Der Anblick
war den unbewaffneten Verfolgern nicht willkommen, sie waren noch gescheit genug
davon zu laufen, wobei es leicht begreiflich war da sie im allmhlichen
Erlschen aller ihrer Feuerbrnde den rechten Weg verfehlten, nur ein paar kamen
zu Anton zurck, der mit Konrad und Susannen beim Weine geblieben war. Vergebens
war jetzt das Rufen nach ihnen, die vielen Stimmen, die verwirrend einander
zuriefen, der Widerschein, der sie weiter lockte, Irrlichter, die sie in falsche
Richtungen fhrten, Morste, die sie vermeiden muten, zogen sie immer weiter
von dem schnen Lager ab, an dem sich jetzt die Knechte ergtzten, die ber
einander genug zu lachen und zu erzhlen hatten, was jeder erlebt, wie er sich
endlich wieder zurecht gefunden, um sehr lange bei der unglcklichen Ursache
dieser Zerstreuung zu verweilen. Noch waren keineswegs alle vollzhlig, wohl
aber waren manche Jger und Bauern durch das Lrmen herbeigezogen worden, auf
die man ein wachsames Auge haben mute.
    Unter diesen Fremden zog ein Hirtenmdchen Katharina die Aufmerksamkeit
aller auf sich, sie ging stolz neben ihrer Ziegenherde, ihre Gre war mnnlich,
ihre Hften hoch, ihr langes schwarzes Haar trug sie frei aufgebunden, ihre
gebogene Nase hatte einen Adlerstolz und die aufgeworfene Lippe verleugnete
diesen weder durch Ansehen, noch durch Rede. Einige junge Leute machten ihr
leichtsinnige Antrge, sie wirft alle hochmtig von sich und wenn sie um die
Ursache dieses Stolzes fragten, antwortete sie hhnisch: Weil ich eine Jungfrau
bin. - Als die Bauern sahen, da die Fremden sie neckten, fingen sie auch an
sich in etwas sehen zu lassen, der eine fragte: Was macht der Herr Vater
Edelmann auf der Burg? - Sie erwiderte stolz: Er prgelt euch Bauern! -
Gldenkamm, der ein Gefallen am Ungewhnlichen vorgab, nahte sich ihr mit vieler
Artigkeit, wodurch er ihr Zutrauen schnell zu erwerben wute, da sie von ihm
Wein und Speisen annahm, ihm auch erlaubte ihre Ziegen an sich zu locken, die er
herzte und kte, als htte sich alle Zrtlichkeit von Susanna pltzlich auf
diese Tiere geworfen, er trug sie und schttelte sie, neckte sie, bis sie gegen
ihn anliefen, dann fing er den Sto mit seinen Hnden auf. Katharina schien das
mit Wohlgefallen zu bemerken, sie sa dabei in ernster Ruhe und sang ein
Hirtenlied, das sie auf sich gemacht hatte:

Die Schferin
Mit Rittersinn,
Die Jungfrau rein
Geht ganz allein,
Der Bauernknecht
Ist ihr zu schlecht,
Aus edlem Blut
Erwchst ihr Mut.
Des Kaisers Jagd
Zieht bers Feld,
Des Kaisers Macht
Sich ihr gesellt,
Der Kaiser spricht
Ihr ins Gesicht.

                                   Der Kaiser

Vom Schlo ich zieh,
Zu dir ich flieh,
Lieb Schferin,
Nach deinem Sinn.
Mein Zepter wird
Ein Hirtenstab,
Und was ich hab,
Dich Schfrin ziert. -
Die Schfrin spricht
Vor sich ins Gras,
Ihr im Gesicht
Der Kaiser las.

                                   Schferin

Ich Schferin
Mit leichtem Sinn
Sing ruhig fort
Mein sinnig Wort:
Ein jeder bleib
Bei seiner Herd,
Den Knig ehrt
Kein Schferweib.

Der Gesang entzckte Gldenkamm, er glaubte einer vertriebenen Kaiserin begegnet
zu sein, er sagte ihr entzckt, da ihr Wesen ihre hohe Abkunft beweise, und sie
nahm diese Worte mit sichtbarem Wohlgefallen auf, auch sprach sie gern mit
Susannen, die sehr bald aus ihr herausbrachte, da sie sich fr die Tochter
eines Grafen halte. Die Bauern aber versicherten, es sei nicht wahr, der Vater
habe sie oft darum geschlagen, es sei daher gekommen, da eine Grfin in frher
Zeit sie einige Zeit zu sich genommen habe, bis ein eignes Kind die Lcke
gefllt htte, da sei sie im Schlosse nicht mehr wie sonst geliebt und verzogen
worden, das habe sie gekrnkt und sie sei fortgeflchtet. Das sei schon sehr
lange und Katharina gar nicht so jung, wie sie ausshe. Die Grfin fand diese
Auffhrung so undankbar, da sie das Mdchen nie wieder gesehen hat, Katharina
hingegen lebt in ihren Gedanken noch immer auf dem Schlosse, sie verrichtet ihre
Geschfte, dann aber nimmt sie alle vornehme Leute, die sie dort gesehen, in
Gedanken zum Besuche an, spielt mit ihnen wunderliche Abenteuer, wobei ihre
Tugend und ihr Leben oft in schrecklicher Gefahr zu sein scheinen, die sie aber
alle glcklich berwindet.
    Anton bat die Leute, Gldenkamm von diesen Einbildungen der stolzen Hirtin
nichts zu sagen; da er doch wegen einiger vermiter Reisegenossen den Tag noch
im Walde gelagert bleiben wollte, so versprach er sich davon einige
Unterhaltung. Sehr bald ging Gldenkamm mit der Hirtin in tiefen Gesprchen den
Berghang hinunter; als er zurckkam, schien er in besonders heitrer Laune ganz
in der Art, wie er in den ersten Tagen mit Susannen gewesen, er drckte jeden an
sein Herz und lchelte, als wrde er von schner Hand gekmmt.
    Allmhlich kamen die Verlorenen wieder zusammen, Ritter Blaubart war einer
der letzten, er wurde ganz erschpft und gebunden von einem Khler
herbeigefhrt. Nachdem er befragt, erzhlte er seine Abenteuer, da er durch
ungeheure Smpfe sich gearbeitet habe, wo Molch und Schlangen sich um ihn
hergeschlngelt, da er endlich vor der Htte eines armen Kohlenbrenners liegen
geblieben sei, der ihn gespeist und erquickt habe; derselbe Mensch habe ihn auch
zurckgefhrt, sei aber unterwegs so still geworden, habe sich einen gewaltigen
Stamm als Spazierstock abgebrochen und so frchterlich mit allen Muskeln
geknackt, da er jeden Augenblick gefat gewesen sei, ihn gegen sich als Mrder
umdrehen zu sehen. Dieser Gedanke hatte den Ritter endlich so durchdrungen, da
er sich ber den Fhrer von hinten hergeworfen und ihn geknebelt hatte. Nachdem
er dies vollbracht, hatte er erst die Klagen des alten Mannes vernommen, der ihm
alles Gute vorwarf, was er ihm getan, er hatte sich ber eine so schlechte
Vergeltung gergert und den alten Mann losgebunden; kaum aber ist der Khler in
Freiheit gewesen, so hat der die Gelegenheit benutzt, als er es am wenigsten
erwartet, ihn zu binden, der Ritter hatte seinen Tod fr gewi gehalten, der
Alte aber hatte ihn stillschweigend an den Platz gefhrt, wo er die Fremden
vermutete.
    Anton fragte den Khler nach der Ursach seines Betragens, der Alte brummte
ganz ruhig: Einmal war der Herr nicht recht klug, da konnte er es wohl fter
sein. Dagegen war nichts einzuwenden, alles Zutrauen ist doch nur die Folge
davon, da es niemals gebrochen; Anton suchte mit einem frohen Trinkgelage alle
zu vershnen, wozu er ein nah gelegenes verlanes Schlo erwhlte, dessen
Rittersaal, mit wilden Rosen reichlich geschmckt, die groe Menge stattlich und
bequem umfing.
    Gldenkamm war unterdes mit der stolzen Katharina beschftigt, sie kam
hufig zu der Gesellschaft zurck, er aber suchte sie auf allerlei Art davon zu
entfernen, besonders von Anton, dem sie nicht abgeneigt schien. Als sie wieder
allein war mit Gldenkamm, fing sie an ihn milder anzublicken und versicherte,
sie wolle ihm in der Nacht etwas vertrauen, er mchte nur zu ihr schleichen, sie
wrde sich unter der hohen Eiche nicht weit vom Schlosse finden lassen. Sie
sprach so ernst bei dieser Einladung, da Gldenkamm erst an ein Liebesabenteuer
gar nicht denken wollte, sie aber sah ihn zuweilen so schelmisch an und sang
dann mit leiser Stimme:

Auf den Berg bin ich gezogen,
Hab den Vgeln zugeschaut,
Wie sie da gespielet haben,
Da die Federn sind geflogen,
Und ich nahm die kleinen Gaben,
Hab ein Huschen draus erbaut.

Auf die Wiesen sah ich nieder,
Und die Lmmer, mit Gesptt
Jagten sich in Rosenhecken,
Wolle blieb da hin und wieder
An den Dornenzweigen stecken
Und ich machte draus ein Bett.

Als der Erntewagen kommen,
Zog er auch am Rosenzweig,
Weil er war zu breit geladen,
Hat der Zweig davon genommen,
Wr's verloren, war's ein Schaden,
Was ich sammle, macht mich reich.

Haus und Bett und Winterfutter
Hab ich mir nun angeschafft,
Einsam lieg ich in dem Bette,
In dem Haus befiehlt die Mutter,
Wenn ich einen Liebsten htte,
Wr ich frei aus dieser Haft.

Gldenkamm war von dieser Annherung sehr berrascht, doch ging er gleich zur
nheren Untersuchung dieses gepriesenen Heiratsguts mehr aus Neugierde, als da
sein Herz darnach verlangte. Katharina erzhlte ihm nun ausfhrlich, da sie
lange Gnse gehtet habe und Schafe und alle verlorne Federn und alle hngen
gebliebene Wolle sich aufgesammelt habe, nun sei daraus ein schnes breites
Bette geworden, auch habe sie mit hrenlesen eine kleine Scheuer gefllt, das
alles sei ihr Eigentum und wenn sie nun erst den Grafen, ihren reichen Vater,
gefunden, da werde sie in berflu leben. Gldenkamm fragte nach dem Namen
dieses Grafen, sie verwies ihn auf die Nacht, wo sie ihm alles sicher erzhlen
knne. Seht da, sprach sie, ich werde schon wieder gescholten werden von dem
alten Niklas, der sich ganz trotzig fr meinen Vater ausgibt, aber Ihr braucht
ihn nur anzusehen, so werdet Ihr finden, das sei unmglich.
    Der alte Khler kam jetzt vorbei und befahl ihr mit grimmigen Gebrden ihn
nach Hause zu geleiten, es sei finster und er werde bald nicht mehr recht sehen
knnen. Alter, bleibt hier, sagte Gldenkamm, es ist fr Euch reichlich
gesorgt mit Speise und Trank! - Ich kann nicht, sagte der Alte, die Mutter
wartet mit dem Essen. - Die wird was Schnes zugekocht haben, sagte
Katharina, kein Mensch mag mit der essen, heut ist so ihr Tag, wo sie
Rattenschwnze statt Nudeln in die Suppe tut. - Der Alte ward bse und wollte
Katharinen mit Gewalt fortreien, aber Gldenkamm warf sich dazwischen und
ntigte ihn mit Ernst in das Schlo zurck, wo er ihn der Aufsicht der Knechte
bergab, damit er ihm sein nchtliches Abenteuer nicht durchkreuze. Als er das
veranstaltet, fhlte er selbst, wie zerschlagen er war durch die Anstrengung
vergangener Nacht, durch den Tritt des Ebers in seine Rippen, er konnte sich
kaum regen, wenn er sich einmal niedersetzte, und mute vor sich selbst lachen,
wie er so eifrig einem Vergngen auflauere, das er wohl gar verschlafen msse,
doch fhlte er dabei, da die Lust ihren eigenen Kopf hat, und an den Leib nicht
gebunden ist.
    Im Schlosse ward es immer unruhiger, auf dem Hofe tanzte und schlug sich das
Bauernvolk bei dem Biere; da hatten sie bunte Federn auf ihre Kappen gesetzt, da
hatte einer schon seinen alten rostigen Degen gezogen, weil der Nachbar seine
Frau in einen Winkel gezogen, dort hatten ein paar Weiber einander bei den
Haaren und die Mnner gossen ihnen ruhig kaltes Bier ber die Kpfe; der
Dudelsack ging nicht schlecht. Im groen Schlosaale ging es beim Weine noch
etwas still zu, das ganze Zimmer war mit wilden Blumen aller Art gestreut, Anton
und die meisten seiner Gesellschaft lagen umher und schienen in der
Behaglichkeit zur Trumerei bergehen zu wollen. Endlich sprang Anton auf und
sang, indem er sich an die Spitze des langen Tisches setzte:

ANTON:
Wlzt ihr trumend euch auf Rosen,
Wecken sie mit spitzem Dorn,
Lat beim Wein der Liebe Kosen,
Denn das grt ihn auf zum Zorn.

GLDENKAMM:
Kitzelt die Lust,
Witzelt die Freude.
Mir ist bewut
Himmlische Weide.

ALLE:
Springt zum Weine, muntre Fllen,
Alle Pfropfen sollen springen;
Jeder Becher soll sich fllen
Und am andern widerklingen.

GLDENKAMM:
Springet in Lust,
Klinget in Scherzen,
Mir ist bewut
Heimliches Scherzen.

ALLE:
Eitle Lichter sollen zittern,
In der Tonflut hohen Wellen,
Alle Tische ungewittern,
Trommeln mut'ge Trinkgesellen.

GLDENKAMM:
Trommelt in Lust,
Strmet den Himmel,
Mir ist bewut
Zrtlich Getmmel.

ALLE:
Hret alle Scheiben beben,
Hret alle Wnde drhnen,
Wenn die Stimmen sich erheben,
Mu der Donner uns vershnen.

GLDENKAMM:
Bebet in Lust,
Tnet in Flle,
Mir ist bewut
Liebender Wille.

ALLE:
berall ist frohes Leben,
Wie noch keiner je erhrte,
Alle Lustigkeit von oben
Wieder zu der Erde kehrte.

GLDENKAMM:
Lebet in Lust
Jauchzender Stunden,
Mir ist bewut,
Wer sie empfunden.

ALLE:
Saget, unter welchem Zeichen
Stehen wir an diesem Tage?
Schwrt, da keiner soll entweichen
Ohne Spitz vom Festgelage.

GLDENKAMM:
Fraget in Lust,
Suchet die Zeichen,
Mir ist's bewut,
Sie ist mir eigen.

ALLE:
Einer schwanket nach der Tre,
Da wir andern fester sitzen,
Schwacher Bruder, la dich fhren,
Mut dich nicht so schnell bespitzen.

GLDENKAMM:
Bleibet in Lust
Angefhrt sitzen,
Mir bebt die Brust,
Sie zu besitzen.

ALLE:
Einer fiel, es fallen alle,
Doch in Reih und Glied wie Krieger
Harren wir mit Jubelschalle,
Wer zuletzt erst fllt als Sieger.

Alle glaubten, Gldenkamm mache einen seiner gewohnten Scherze, eine
Heimlichkeit sich einzubilden, diesmal war es aber ernst, er schlich nach der
hohen Eiche, an der Katharina, mit ihrem Schferstab gelehnt, wie eine Bildsule
stand. Der Meistersnger beschleunigte seine mden Beine und wollte ihr um den
Hals fallen, sie wies ihn mit dem Schferstabe zurck. Hre, sprach sie,
nicht zu schndem Liebeswerk hat dich die schuldlose Schferin bestimmt, nein
du edler Snger, ein greres Werk ist dir beschieden, mich sollst du fhren auf
des Vaters Schlo, zur Kronenburg, die mir verheien.
    Kronenburg? fragte Gldenkamm, und wenn ich mein Gedchtnis wie eine
Tasche umdrehe, so fllt mir nicht ein, wo der Ort gelegen sei, Mdchen la das
jetzt.
    Drei Schritt von mir, spricht sie, sonst straf ich deine Frechheit;
gedenke, da ich eine Jungfrau bin, wohl aus dem herrlichen Geschlecht der
Grafen Stock.
    Gut gesprochen, sagte Gldenkamm, der durch alles Feierliche in den
Gegensatz des Spottes gesetzt wurde, den Stock scheinst du fhren zu knnen,
da ich dich immerhin als Grfin von dem Stocke anerkennen mchte, wenn du ihn
nur bei Seite stellen wolltest, aufrichtig gesagt, es kommt nichts dabei
heraus.
    KATHARINA: Es kommt heraus, da ich des Grafen Schwester bin, dem du als
Snger zugesellt; zwar nicht im Ehestand geboren, doch aus der Liebe, sieh
diesen roten Strich um meinen Hals im Mondenscheine, dies wird dem Herrn mein
edles Blut versichern.
    GLDENKAMM: Der Strich ist mit den Augen nicht zu leugnen, doch mcht ich
ihn auch mit dem Munde mir besttigen.
    KATHARINA: Des braucht es jetzt noch nicht, doch biet ich dir die Wange
heut zum Ku, wenn du zur Ehe dich mir heut verloben willst, doch ohne meiner
Liebe zu begehren.
    GLDENKAMM: Ich knnte das Versprechen immer wagen, denn nicht umsonst
blick ich durch deine Feueraugen in dein Herz.
    KATHARINA: Was ich gebiete, kann ich selbst halten, doch ehe du
leichtsinnig diesen Bund willst eingehen, hre, was ich dir von den Meinen sagen
mu. Sie redete leiser, ich habe Schreckliches dir zu verknden, der Niklas,
der mein Vater wird genannt, der ist der Teufel und meine Mutter hat er zur
Hexenkunst verfhrt. Sie hat es mir vertraut, als sie mich ihm mit Leib und
Seele bergeben wollte, er knne sich verwandeln, erscheine oft ein stattlich
junger Jger mit einer Hahnenfeder, wenn sie ihm wohlgedient, mit Zrtlichkeit
zu lohnen. Ich tat ihr meinen Abscheu kund, da lachte sie und sprach: Vergngen
ist nicht viel dabei, das mu ich selbst gestehen, doch manche Kunst, die gar
sehr knstlich ist! Bei diesen Worten hatte sie die Stirn sich eingesalbt und
setzte sich auf eine Ofengabel und schwankte bebend um den Feuerherd, dann sank
sie tot zu Boden, da ich sie nicht erwecken mochte, doch pltzlich krachte
schwer das Dach, da wachte sie aus ihrer Ohnmacht auf und erzhlte vergngt von
tausend Dingen, die sie auf ihrer Reise nach dem Blocksberg wollt gesehen haben,
wohin der bse Geist sie in der kurzen Zeit entrckt hatte, sie sprach von der
Musik, vom Tanz, vom Glanz der groen Herren, als ob ich noch in meines Vaters
Schlo gewesen, und sicher htte sie mich in das Garn gelockt, wenn sie mir
nicht von dem Konfekt geboten htte, was sie dort eingesteckt, das war...
    GLDENKAMM: Ein Dreck.
    KATHARINA: So eine fremde Losung mocht es sein. Seitdem vermied ich sie und
suchte mir im Dorf Bekannte und mancher Freier kam, mich zu besuchen, doch wenn
sie sich bei uns zum Tisch gesetzt und sahn die Schlangen in der Suppe und den
Salat von Spinnen und gebackene Frsche, was sie als Leckerbissen ihnen
vorgesetzt, da liefen sie mit groer belkeit vom Hause fort und ich ward bald
verlacht. Seht Herr, mit solchem Haus wollt Ihr Euch khn verbinden.
    GLDENKAMM: Es macht mich eifriger nach deiner Liebe, weil sie dir ntzlich
ist und mir nichts kostet als die Keuschheit, die ich doch gegen dich bewahren
mte, wenn ich dich nicht bese; wohlan, nimm meine Hand, ich will dich fhren
zu dem Bruder.
    Sie gingen beide auf das Schlo zu, und wie Katharina den Schatten der Bume
am Boden so zuschaute, winkte sie Gldenkamm mit einem Drucke der Hand auf
einige Schattenbilder von Menschen zu achten, die in den Zweigen versteckt an
mehreren Bumen hervorsahen. Gldenkamm sah mit einem heimlichen Herz- und
Hndefrost diese sonderbare Erscheinung, wren es Geister gewesen, die jene
Bume bewohnt, so htten sie keine Schatten geworfen, es muten versteckte
Mrder sein, denn die leben wollten, fanden es herrlich lebend im Schlosse, wo
jedermann gut aufgenommen war. Stillschweigend gingen sie in das Schlo, immer
in der Sorge, da der Druck eines Fingers eine Kugel oder die Spitze einer Lanze
gegen sie aussende, doch kamen sie unverletzt in den Rittersaal, wo alles in
tobender Freude durcheinander sang und lag. Anton go durch eine Trompete den
Wein an die Erde und blies abwechselnd hinein, dabei sang er:

Trompete, du willst lustig sein,
Und giet den Wein von oben rein,
Und unten luft er wieder aus,
Da bleibt das liebe Gut im Haus,
Du blecherne Trompete,
Du willst ein rein Gelte.

Trompete, du willst lustig sein,
Ich blase dir von vorn hinein,
Du blst von hinten gar nicht fein,
Du grunzest wie ein wildes Schwein,
Du blecherne Trompete,
Was spricht von dir die Flte?

Nur mit Mhe konnte Gldenkamm Anton in diesem Gesang stren, um ihm die
sonderbare Erscheinung auf den Bumen zu melden, die Anton weiter nicht achten
mochte. Aber der Zufall hatte ihm besser gedient als seine Klugheit, der Schall
seiner Trompete hatte die Knechte geweckt, da sie die Pferde gesattelt
herausfhrten; die Bauern, die auf den Bumen versteckt die mde Frhheit zum
berfalle erwarteten, wurden ber die Trompete, ber das Lrmen im Schlosse
bedenklich, ein paar glaubten, der alte Niklas, der sich aus dem Hause
weggeschlichen, werde sie den Herrn verraten, fielen ber ihn her, banden ihn
und brachten ihn mit groem Geschrei ins Schlo, wo jedermann ihn noch in festem
Gewahrsam vermutete. Er hat uns allein verfhrt, rief einer, die gndigen
Herren heute auf den Kopf zu schlagen, ich verstehe, da wir es haben tun
wollen, er hat uns viel Geld dafr versprochen. Alles fuhr auf und sprach
untereinander, nur Anton blickte ihn ruhig scharf an und fragte ihn, warum er
das habe tun wollen.
    Ihr habt meinen Fabian umgebracht, sagte der Alte, meinen lieben Fabian.
    Bist du Niklas?
    Ich bin es, Herr!
    Hab ich dich, du Verruchter, wtete Anton, wie hast du meinen armen Vater
verfolgt; wie kann ich das je genug an dir rchen.
    Herr, sprach er, er hat Euch wohl nicht gesagt, da wir ausgeglichen
sind, er ist ein Snder wie ich, hab ich ihm wehe getan in der Jugend, so hat er
mich in spteren Jahren vernichtet; o du mein Himmelchen, meine Barbara, die
hatte ich mir fr meine alten Tage ganz allein fr mich geheiratet und als er
von seiner Frau erst keine Kinder hatte, da hat er mir Hrner aufgesetzt, - und
da seht Ihr sie stehn, Eure Halbschwester.
    Dem Teufel Hrner aufzusetzen, das ist ein liebes wertes Stck, sagte
Gldenkamm; Anton aber sah den roten Streifen um Katharinens Hals, der sein
Geschlecht bezeichnete, er fate seines Vaters hnlichkeit in ihrer hohen
Gestalt, strzte in ihre Arme und nannte sie Schwester. Niklas, sagte er,
Euch sei verziehen um dieser Schwester willen, die Ihr mir auferzogen habt,
aber sagt mir Bescheid, Ihr seid nun ein alter Mann, Euer Haar fllt vom Haupte
und Eure Knieen beben, knnt Ihr nicht endlich zum Guten kehren? - seht diese
geliebte Schwester, da so viel Herrliches neben Euch bestanden hat, so mu
Gottes Kraft gro sein, entsagt dem Teufel und allen seinen Werken.
    Hrt Niklas, sprach Katharina, seht nur, wie so ein Mann noch gutmtig zu
Euch reden kann, fr Euch sorgen mchte, den Ihr ewig verflucht habt, wendet
Euch aus des Teufels Ringen, reicht uns die Hand.
    Niklas schien weinen zu wollen, er wollte auch die Hand ausstrecken, die
Rhrung in beiden, aus dem ersten Genusse verschwisterter Gesinnung
hervorgequollen, strmte ihm aus einem Himmel, den er nie gekannt hatte; zum
erstenmal rief ihm eine innere Stimme zu: ich wollte, da ich wre wie diese! Da
warf ihn die Macht des Teufels an die Erde nieder; wie der Jger seinen Hund,
der aus Mitleid einen Hasen laufen lie, und schlgt ihn mit scharfen Dornen, so
zerschlug ihn der Teufel unsichtbar und er wand sich frchterlich, seine Lippen
wurden blau, sein Gesicht wei, seine Kleider zerri er, seine Hnde zerrang er.
So tobte er schon lange - als ein armer Einsiedler aus dem Walde geholt wurde,
der in solchen Dingen erfahren war; der krftige Fromme kniete neben ihn, packte
ihn fest und schrie ihm die krftigsten Gebete in die Ohren, besprengte auch
seine Schlfe mit Weihwasser und brachte ihn dadurch allmhlich zu einem tiefen
Schlafe, whrenddessen ihm der Einsiedler eine Tonsur schor und eine Kutte
berzog. Als Niklas nun wieder erwachte, wollte der Teufel in ihm lostoben, als
er aber das Kleid betrachtete, erschrak er und auf des Einsiedlers Gebet ging
nun wie eine Flamme aus seinem Rachen, in welcher ein schwarzer Geist sich
bewegte. Amen, sagte der Einsiedler, Amen, rief Niklas ihm weinend nach, so
sprach er ihm jetzt auch willig alle Gebete nach.
    Niklas wollte jetzt alle jmmerlichen Ereignisse seines Lebens in frommer
Gesinnung beichten, der Einsiedler erlaubte es ihm aber nicht, es mchte den
Teufel wieder locken, er msse jetzt in strenge Aufsicht genommen werden. Die
Neugierde Antons entschied, ihn, den Einsiedler, der sich Rautenstrauch nannte,
mit dem armen Snder nach der Einsiedelei zu begleiten, um das Leben eines
Einsiedlers nher kennen zu lernen. Der Aufbruch aus dem wsten Schlosse wurde
durch die Trompeten verkndigt, die Reisigen stiegen zu Pferde, die stolze
Katharina ritt an Antons Seite, so kamen sie vor den Bauern vorbei gezogen, die
sie gndig begrte, endlich zu der Herde, die sie einem jungen Hirten bergab,
der ihr oft behlflich gewesen war, die verlaufnen Ziegen zusammen zu treiben.
    Liebe Katharina, sagte der schne Schfer, sonst gibst du mir nichts zum
Abschiede, dachte ich doch einmal deine Hand mir zu gewinnen.
    Einfltiger Bauerkerl, antwortete Katharina, wie hat Er sich so etwas
einbilden knnen; erst wenn dein Holzschuh mit einem gldnen Sporne geziert ist,
will ich dich als meinen Herrn anerkennen.
    Geb Er sich zufrieden, rief ihm Gldenkamm, wer das Glck hat, fhret die
Braut nach Hause.
    Verget nicht die Bedingung, sagte Katharina ernsthaft zu Gldenkamm.
    Eine andre wunderliche Unterredung zog aber in diesem Augenblicke alle
Aufmerksamkeit zu dem Einsiedler, der einen alten Bauer heftig ausschimpfte, da
er ihm keine Vgel gebracht, da er doch wisse, da dies sein Vgelmonat sei. Der
Bauer entschuldigte sich, er sei krank gewesen, aber der Einsiedler nannte ihn
einen eselhaften Knollfinken, ohne Andacht, den er bis ins dritte Glied
verfluchen wolle, die Vgel sollten ihm nicht nur die Saat auf dem Felde,
sondern auch alle Haare aus dem Haupte ausraufen, der Geier seine Lmmer
wegtragen und seine Kinder dazu.
    Anton wollte ihm Einhalt tun, aber Rautenstrauch versicherte, da er lngst
wisse, wie man mit solchen Ochsenpantoffeln und Sauschwnzen umgehen msse.
    Gldenkamm hatte noch ein schnes Bild vom Einsiedlerleben in tiefster
Seele, er hatte auch diese Unterredung nicht gehrt, er brachte den Einsiedler
darauf, was er denn Abends in seiner Einsamkeit tue, wenn die frommen Pilger
weggezogen wren und der Schlaf seine schwarzen Flgel noch nicht ber die Augen
breite.
    Herr, sagte er, da hab ich erst noch genug mit meinem Fressen zu tun,
denn was einem die albernen Bauern bringen, ist immer entweder versalzen oder
verschmolzen, und habe ich gefressen, da mu ich mich lausen, wer tut mir das,
wenn ich es nicht selbst tue, es kriecht einem immer so etwas an von den
Bauernpudeln; die Knochen mu man sich doch auch waschen, ja Herr, es ist ein
hart Leben, was ich so im Walde fhre und nun ich alt werde, kommen die Leute
nicht mehr wie sonst zum Besuche.
    Gldenkamm fuhr entsetzt vor ihm zurck und ergo gegen Anton sein
Mibehagen ber die verfluchte Natur dieses Teufelbeschwrers; dagegen hatte
sich Rautenstrauch das volle Zutrauen des armen Konrad erworben, der sein Pferd
an Katharina hatte abtreten mssen und sich als Fuwanderer leicht zu ihm
gesellen konnte. Konrad machte ihm eine ungeheure Beschreibung von allen seinen
Geschicklichkeiten, wie er kochen, backen, fischen, schieen, alles aus dem
Grunde verstehe und seinem Pfarrer hufig bei der Messe gedient habe, so da sie
zusammen einen groen Gottesdienst anstellen knnten. Der Einsiedler sah den
rstigen Kerl an, der schien ihm vortrefflich, er wollte ihn zu allem brauchen,
wozu er sich selbst nicht mehr recht tchtig fhlte, er machte schnell alles
richtig und Konrad mute noch unterwegs von Anton seinen Abschied begehren, der
ihm auch ohne Umstnde bewilligt wurde. Jetzt nherten sie sich der Einsiedelei,
die wie in einer Wolfsgrube erbauet war, man sah sie nur, wenn man dicht davor
stand; damit aber kein Wasser sich an dem Boden sammelte, so hatte der Regen
einen Ausflu nach dem tieferen Tale aus der gemauerten Zisterne an der Seite
des Hauses. Konrad gab sich das Ansehen, als wisse er vollkommen schon mit der
Einsiedelei Bescheid, er ging mutig darauf los und fiel pltzlich durch
Strauchwerk, da er vor allen Augen wie ein Schatten verschwand.
    Rautenstrauch sagte ernsthaft: So wollte ich doch, da ihm alle Gebeine
verdrrten, wenn er mir heiligem alten Manne, mein bichen Vorrat von Lagerbier
zerbricht.
    Nicht so bereilt geflucht, sagte Anton.
    RAUTENSTRAUCH: Herr, warum soll ich nicht fluchen, ich wei es doch, da
Gott solch einen Lmmel mit Strafen heimsucht, wenn er mich gottseligen Mann in
seinem bichen Armut strt. Vermaledeiter Schlingel, Konradus, Laienbruder, hast
du mir mein Lagerbier in den Krgen zerbrochen?
    KONRAD: Herr, ich koste eben, ob es zerbrochen ist, es scheint mir aber
alles noch gut, ich bin jetzt beim dritten Krug.
    Kaum hatte der Einsiedler das Wort mit den Ohren gekostet, so sprang er in
unwiderstehlicher Wut dem armen Konrad in den Keller nach, da gab's ein
Schreien, ein Fluchen in der Tiefe, als wre ein Dutzend Dachshunde eben in
einen Dachstau gelassen, und die versammelten lustigen Seelen stimmten ein
frohes Jagdlied an:

Hatz, hatz, hatz,
Ein jeder auf seinem Platz,
Ein jeder auf der Lauer,
Den fetten Dachs, den Einsiedler,
Den treibet jetzt der Bauer,
Den treibet jetzt der Bierfiedler
In seinem Bau herum:
Fluchet ihn lahm und krumm,
Prgelt ihn taub und stumm,
Haltet das Loch nur zu,
Sonst kriegt er Ruh.

Nachdem sie beide in ihrer Grube Frieden versprochen hatten, wurden sie
herausgelassen, der alte Niklas uerte aber jetzt seine Bedenklichkeit, wie er
bei so wsten Hndeln sein Leben bessern knne, seine Frau brauche nur
hinzuzukommen, so wre der Teufel ganz los. Anton fand diese Bedenklichkeiten
gegrndet und gab ihm vorlufig die Aufsicht ber seinen eignen
Teufelsbeschwrer, worauf ihm dieser in aller Heiligkeit die Schwerenot
anfluchte. Die Gesellschaft fing schon an, ihren Ritt in diese wste Waldgegend
zu mibilligen, der Einsiedler kam vor lauter rger gar nicht dazu ihnen die
Bequemlichkeiten seines Hauses zu zeigen, die sich endlich elend genug fanden.
Es war sein Vgelmonat und er hatte durchaus nichts vorzusetzen, als ein Fa mit
kleinen und groen Vgeln, die eigentlich schon zu lange seinen totenrichtenden
Augen zur Besichtigung vorgelegt waren, er befahl Konrad die Vgel am Spiee zu
braten, whrend er einigen Bauerweibern, die sich in der kleinen Kapelle
eingefunden, die Beichte abnehmen mute. Konrad hatte eben kein Arges dabei, da
er die Vgel nicht rupfte, es war ihm nur zu langweilig, er steckte sie mit den
krausen Federn lustig an den Spie und dachte, es knne sich jeder schon selbst
den Gefallen tun, die Federn abzunehmen beim Essen. Mitten in der Beichte
kriegte aber Rautenstrauch ein Gelsten, so einen Vogel, wenn er recht frisch
gebraten, zu verzehren, er gebot also den Frauen ein paar Dutzend Paternoster zu
beten und ging indessen zu seinem Vgelkameraden, der eben, als er die Butter
mit dem schnsten Geknister darber gegossen, neugierig geworden war, wie die
Bauerweiber dort in der Beichte wohl aussehen mchten, denn seit er von seiner
Grete fort in den Krieg gezogen, hatte er kein Bauerweib in der Nhe gesehen und
die Stadtjungfern waren ihm allzu schnippisch. Der Einsiedler zog sich einen
groen Dompfaffen vom Spie und freute sich recht, wie knusprig er anzufhlen,
bi auch mutig hinein, aber die Zhne blieben ihm zwischen den rauhen Federn
stecken, die sich wieder aus einander taten. Da dir doch alle Zhne ausfallen
mgen, Bruder Konradus, seufzte er vor sich, da dir ein Reiher im Hals niste
und ein Wiedehopf dazu! - mich heiligen Mann so in der Andacht zu stren, o das
ist jmmerlich, ach da du doch eine Katze mit Haut und Haar und allen ihren
Jungen aus Hunger fressen mtest, ach Gott, du bist ungerecht gegen deinen
treuen Diener! Bei diesen Worten ging er in wildem Ekel sich den Konrad
aufzusuchen, den er aber in der Kapelle schon unter viel schrferen Klauen fand,
als alle seine gebratenen Vgel aufweisen konnten. Eine der beichtenden Frauen
war Grete, das Eheweib des armen Konrad, die eben ihr Bekenntnis abgelegt hatte,
da ihr Mann aus rger ber ihr Hausregiment den Krieg mchte angestiftet haben;
nun kam der unschuldige Kerl, der eine fremde Frau zu necken meinte, indem er
den Weihkessel ber sie ausschttete, mit einem Eimer Wassers frisch gefllt,
jetzt in ihre gewaltigen Arme fiel und die Ngelmale sehr bald aufweisen konnte.
    Gndiger Gott, rief der Einsiedler bei diesem Anblicke, du bist
allwissend, du bist die Hand deiner Getreuen, du schlgst, wem wir fluchen,
darnieder, schlage noch recht tchtig, auf da dieser ungeratene Diener deines
Wortes zum Nachdenken und zur Bue gelange. Nur sechs Nasenstber und drei
Ohrfeigen fluche ich auf dich - da hast du sie - noch drei, noch vier.
    Anton, durch Konrads Geschrei herbeigelockt, mute bei diesem Verfluchen mit
einem reuigen Gefhle jenes Fluchs gegen seine Frau gedenken, seit welchem ihm
die zrtliche Gestalt so berlstige Besuche machte, doch drngte das Mitleid
gegen den armen Geschlagenen, dem die andere Frau Greten zur Gesellschaft
diente; ihre Schwester, die Frau Niklassen, hatte sich nicht minder ber den
armen Teufel mit Faustschlgen erbarmt. Anton schmi sie auseinander, das Weib
aber so heftig gegen den Beichtstuhl, da dieser alte baufllige Sessel umfiel
und das Ansehen eines zweischlfrigen Ehebettes gewann. Der Einsiedler war dabei
nicht mig im Fluche, er rief alle Engel Gottes, da sie Anton alles Inwendige
auswrts sollten kehren, doch blieb Anton unversehrt, vielmehr setzte er sich
auf die alte Bundeslade und lie sich den Fall ordentlich vortragen. Da fand es
sich, da Frau Grete ihren Mann gerichtlich hatte vorladen lassen, wegen der
Glubiger, die er ihr als Nachla vermacht hatte, er war nicht erschienen, sie
war von ihm gerichtlich geschieden, der Hof war verkauft und sie hatte ihr
weniges Eingebrachte bei sich, um nach Dnkelspiel zu ihrem Bruder, dem
Schleifer zu gehen. Nachdem Anton vernommen, da sie geschieden, da schalt er
heftig, was sie sich noch fr eheliche Erziehungsrechte gegen ihren Mann anmae,
oder ob sie ihn etwa dadurch bewegen wolle, sich ihr wieder anzutrauen. Frau
Grete verschwor sich hoch und teuer, das Schlagen sei nur eine alte
Angewohnheit, sie htte in der ersten Hitze vergessen, da der nicht mehr ihr
Mann sei, Gott sei ihr Zeuge, da sie ihn nimmermehr wieder verlange.
    Ein evangelischer Geistlicher aus Pforzheim, der sich auch in der
Gesellschaft befand, die Anton begleitete, ein stiller Mann, der blo um zu
heiraten die neue Lehre angenommen hatte, sprach sehr erbaulich zu ihr aus den
Worten der Bibel: Besser heiraten als Brunst leiden. Er geriet darber in so
augenscheinliche Begeisterung, da der alte Rautenstrauch heute an der
funfzigjhrigen Jubelfeier seines Einsiedlerlebens zugleich den neuen Glauben
und Grete zur Frau annehmen wollte. Konrad sa ganz bestrzt unter einem Bilde
des heiligen Hubertus, von welchem die Geweihe und das Kreuz ihm ber den Kopf
sahen, Anton sah mitleidig zu ihm, er wute nicht, was er unter den Umstnden
raten solle, zwar war er der neuen Lehre nicht mehr wie sonst abgeneigt, aber
sie war doch nicht die seine; dem verruchten Leben des Einsiedlers machte sie
freilich ein Ende und das mute er loben. Der Geistliche, wie es denn berhaupt
damals whrend der Bauernkriege in ganz Schwaben etwas ungleich zuging,
examinierte den Einsiedler in grter Krze ber die Hauptlehren des neuen
Glaubens und nahm ihn mit einem Handschlage darin auf, Frau Grete sprach dem
Einsiedler alles nach und so wurden mit ihr auch weiter keine Umstnde gemacht.
Jetzt hatten sich allmhlich alle versammelt, der Einsiedler stellte sich in die
Mitte der kleinen Kapelle und beichtete seinen ganzen strflichen Lebenslauf;
der sei ihm, von dem vorigen Einsiedler in aller Frmmigkeit auferzogen, so in
den funfzig Jahren, die er nach dessen Tode die Einsiedelei verwaltet, zu einer
unschuldigen Angewohnheit geworden, mit Rhrung she er die groe hnlichkeit
und Anhnglichkeit aller Kinder zu ihm, doch habe er keine lieber gehabt, wie
Konrads Kinder, die er auch knftig ganz als die seinen anerkennen wolle, er
schlo mit einem Fluche, wer da meine, da er nicht die Wahrheit gesprochen.
Alle waren verwundert ber seine Rede, nur Niklas konnte sich nicht enthalten,
ber sein Schicksal zu weinen, das ihn aus der Gewalt eines Teufels in die
Gewalt eines viel rgern bergeben habe; seht da meine verhexte Frau, rief er,
es ist das Weib, Gretens Schwester, die sich hinter dem Beichtstuhle verbirgt,
wie kann ich hier meinem Seelenheile leben?
    Die Frau Niklassen kam ganz schmeichelnd hervor und gab zuckerse Worte,
sie sagte ihrem Manne, da sie mit ihm weiter nichts zu schaffen haben wollte,
denn wenn der Rautenstrauch sich vereheliche mit ihrer Schwester, so knne er es
auch mit ihr tun.
    Der evangelische Geistliche entsetzte sich ber diese Schlangenbrut und
verweigerte seinerseits alle Einsegnung diesem hllischen Bunde, der Einsiedler
verlachte ihn und sprach in groer Freude die Trauungsworte ber sich und seine
beiden Weiber, keiner mochte ihnen Glck wnschen, als aber ein kleiner gelber
hinkender Hirte in rotem Mantel erschien, man wute nicht, zu welcher Tre er
eingegangen, und auf seinem Dudelsack ein sehr schrecklich Gerumpel begann, da
zogen sich alle aus dieser Teufelsgrube von Einsiedelei zurck. Da kam der
Einsiedler mit beiden Frauen auf den gerumigen Platz vor der Kapelle, der
Rotmantel spielte in der Kapelle so schnell, so schnell, und sie tanzten so
wild, so wild, da ihnen die Kleider stckweise vom Leibe fielen, dabei fluchten
sie auf alle, die den Ehrentanz nicht mit ihnen machen wollten, aber jedermann
htete sich wohl bei dieser teuflischen Musik. Lange sahen ihnen die Reisenden
zu, was das werden solle, sie hatten sich schon drei Schuhe tief in die Erde
getanzt, waren ganz nackt und zermagert, ein schndlicher Anblick, sie mochten
es nicht mehr sehen, wendeten sich weg gegen den Wiesenplan, der im Mondschein
schimmerte und wo ein Fest begangen wurde von lauter zarten Gestalten, die
schwebten auf Schmetterlingsflgeln, in ewigem Wechsel vor einem Kinde, das da
im Grnen ruhete, bald nherten sie den Mund es zu kssen, bald wiegten sie es
in den Hnden, als ob es schlafend fliege, bald hoben sie es, als regierte es
ein ritterlich Ro, bald machte sich eine ganz klein, wie das Kind, kreuzte die
Hnde auf der Brust, indem sie ein Veilchen im Munde ihm bot; es gab kein
seligeres Kind, keiner mochte es stren, keiner kannte es, bis am Morgen der
Wilhelm, Katharinens Schfer und seine Eltern gelaufen kamen, als aber die
Gestalten in Tau zerrannen und das Kind nach ihnen schrie, es mit tausend Trnen
begrten weil sie es von einem Wolfe fortgetragen glaubten.
    Das Kind erzhlte, wie es so neugierig gewesen, ob im Walde keine Pflaumen
wchsen, und da wre es hierher gerannt, wo es von lauter schnen Frulein
geliebkost und eingeschlfert sei. Diese zierlichen Bilder, diese rhrenden
Ereignisse hatten allen die Teufelsgrube fast aus dem Gedchtnisse verschlagen,
als sie die Musik wieder leise vernahmen, sie blickten hin und konnten von den
drei verteufelten Seelen nicht mehr sehen, als eine Bewegung in der Erde, in die
sie sich hinein getanzt hatten, die ber ihren Kpfen sich bewegte, als wenn ein
Maulwurf eben aus der Erde sich herausgraben will. Als sie die Teufelskinder
also in des Teufels Macht selbst vernichtet sahen, da warf Anton die erste
Handvoll Erde in die Grube, alles folgte ihm, und in wenigen Stunden war diese
Lasterhhle, die lange Zeit eine Zuflucht der Frommen geschienen, dem Boden
gleich gemacht, auf da der Same des allgemeinen Weltlebens sie bald mit grnem
Grase bedecke, auf welchem unschuldige Lmmer weiden.
    Die stolze Katharina hatte ihrer Mutter Untergang ohne ein Zeichen des
Mitleidens zugeschaut; ihr Wilhelm stand in weiter Entfernung von ihr und schien
es wagen zu wollen, mit ihr zu reden, aber, lange von ihren Blicken
zurckgehalten, fate er sich doch endlich ein Herz, nahete sich ihr, indem er
den wiedergefundenen Knaben auf seinen Armen trug und sprach: Auch Eurem Kinde
wollt Ihr keinen Abschiedsku geben, Katharina, denkt doch, da es Fleisch von
Eurem Fleische ist.
    Aber nicht von einem Geschlechte, dummer Bauer, antwortete sie kalt, ich
habe fr den Knaben gesorgt, so viel ihm ntig, mit mir kann er nie sein, denn
es fliet ein gemeines Blut in ihm, auch wrde es mir nach den Sitten des neuen
Standes, dem ich jetzt angehre, nachteilig sein, wenn man vernhme, da ich als
Jungfrau schon ein Kind gehabt habe, man wrde es eine unanstndige Herablassung
nennen, mich mit einem Bauern abgegeben zu haben, darum geht nach Hause mit dem
Balge, gebt ihm gute Lehre, da er der Mutter eingedenk, wie eine Sonnenblume
das Haupt zur Sonne richte.
    Anton war hinzugetreten und erkundigte sich, was beide verhandelten, er war
nicht wenig verwundert, die stolze Jungfrau schon als Mutter begren zu knnen,
seine Gutmtigkeit sprach aber gleich drein; den kleinen Wilhelm wollte er den
jetzigen Unruhen im Lande, der Hungersnot und der Pest nicht aussetzen, er
selbst nahm das Kind auf sein Pferd, es seiner Frau statt des verstorbenen
Oswald zu bringen, beschenkte Wilhelm reichlich und munterte ihn auf, da der
Kriegssturm jetzt lustig durch die Welt ziehe, der manchen hoch erhhe, der
klein gewesen, er solle sein Glck suchen und fr seinen Kaiser werben, wer
knne voraus sagen, wie viel oder wie wenig ihm das Glck bestimme.
    Wilhelm dankte ihm mit Trnen; weil er nicht oft weinte, so lie es ihm gut.
Niemand machte bei dieser Veranlassung ein verlegneres Gesicht als Gldenkamm,
die Stirne schien ihm zu jucken, er wollte von seiner Braut Auskunft, sie aber
fragte ihn, was ihn das angehe; wenn er wegen dieses kleinen Ereignisses ihre
Vereinigung aufgeben wolle, so mge er es ihr im Augenblicke sagen, dann drfe
er ihr aber nicht mehr vor Augen kommen. Gldenkamm mochte das unreine Wasser
nicht ausschtten, ehe er frisches hatte, mit Susanna war nun doch alles vorbei.
Er nahm den weinenden Wilhelm auf die Seite und suchte ihm zu entlocken, wie er
es eigentlich angefangen habe, diese stolze und sprde Schne zu verfhren.
Wilhelm versicherte, da er es aus eignem Willen nimmermehr gewagt haben wrde;
immer ferne von ihr, doch nur sie beachtend, habe er sich gehalten, da sei aber
eines Tages die schne Katharina von andern Mdchen der Herzensklte und der
Leibesunfruchtbarkeit beschuldigt worden, was bei allen Gebirgshirtinnen der
schimpflichste Vorwurf sei, worauf sie verstummt und, zu bewhren, da Gott ihr
nicht den Segen, den er im ersten Buch Moses den Menschen erteilt hat und
wodurch sie fhig werden, ber die Vgel in der Luft und ber die Fische im
Wasser zu herrschen, von ihr zurckgenommen habe; dazu schenkte sie mir die
nchtliche Zeit, wo ich zu ihr in ihre Sennhtte schlich:

Gejagt von allen Sonnenstrahlen,
Spring ich wie's Eichhorn fessellos,
Bis ich am Abend von den Qualen
Mich flchte in der Jungfrau Scho,
Sie knnt mit Spinngeweb mich fangen,
Doch lie sie mich am Morgen los.
Ich blieb in Augenwimpern hangen,
Doch sie die sen Augen schlo,
ffnet euch wieder
Augen der Nacht,
Tauet hernieder
Schimmernde Pracht,
Krzere Tage,
Lngere Nacht,
Mindert die Plage,
Da ich erwacht.

Gldenkamm hrte ihm mit Wohlbehagen zu, er konnte es endlich mit Katharinen
nicht mehr so genau nehmen, auerordentliche Umwlzungen hatten seine Gedanken
von der Liebe so oft erfahren, da er bald mit Stolz auf die andern Menschen
herabsah, die nicht wie er gewrdigt worden, ein Ehrengemahl des stolzesten
Mdchens zu werden, das ihre eigne Mutter und ihr eignes Kind verschmht hatte.
Statt Katharinen aufzugeben, sprang er vielmehr in groem Eifer zu ihr, als er
in ihrer Nhe einen Streit hrte. Sie hatte sich auf einen Schecken des
Zunftmeisters gesetzt, der ihr besser gefiel wegen seiner Hhe als der kleinere,
aber viel kostbarere Rappe, den ihr Anton gegeben. Der Zunftmeister konnte nun
nicht anders widersprechen, als indem er heftig zankte; nun wollte er ihr recht
sanft beweisen, da es sein Pferd sei, konnte aber nichts anders herausbringen,
als Beispiele von Spitzbuben, die ehrlichen Leuten das Ihre genommen, weswegen
ihn Katharina sehr stolz anblickte und, ohne sich stren zu lassen, auf seinem
Pferde davon ritt. Der Zunftmeister sprach hinter ihr her allerlei in guter
Gesellschaft unznftige Worte, weswegen ihn Gldenkamm eben angreifen wollte,
als Anton dazwischen trat und mit einer Hand voll Gold den Tausch mit seinem
Rappen zu Stande brachte, so da sich endlich der Zug fortbewegte. Anton ritt an
Susannens Seite, die durch alle diese Erscheinungen verwirrt und erschpft,
wenig gesprochen hatte. Hr, sagte Anton, wenn ich denke, da ich nun auch
ein Kind der Frau wiederbringe, das viel schner und herrlicher als der kleine
Oswald gebildet ist, den sie verloren hat, da luft es mir kalt bern Kopf vor
lauter Vergngen, sie soll mich kennen, was ich vermag, sie soll nach mir
verlangen, aber ich - ich bin durch tausendfachen Fluch von ihr geschieden.
    Den Fluch nehmen Gottes Engel von Eurem Haupte! sprach Susanna.
    Wenn er nur in meinem Herzen verlschen wollte, sprach Anton, aber er
treibt mich unaufhrlich und gibt mir wunderliche Anschlge. Sieh, es koste mir
Leben und Ehre, ich kann es nicht lassen, vor meiner Frau in groer Pracht zu
erscheinen, um ihr meinen Verlust recht bitter ins Herz zu graben, um ihre Reue
zu schrfen, da sie mich so spttisch abgewiesen, als ich in elender Not mit
ganzer Seele zu ihr flchtete.
    SUSANNA: Aber denkt doch daran, da diese ihre verchtlichen Gaben Euch zu
so groer Segnung geworden sind, das Schwert und das Scklein. Vielleicht wute
sie das voraus.
    ANTON: Meinst du das wirklich, kannst du das ernstlich und treulich
behaupten?
    SUSANNA: Nein, - aber der Himmel hat es doch Euch zum Besten gefgt.
    ANTON: Ich bete zu ihm meinen Dank, - konnte er mir nicht die Zunge lhmen,
als ich meine Frau verfluchen wollte.
    SUSANNA: Habe ich Euch nicht den Mund geschlossen? Was hatte es denn damals
geholfen; Ihr httet sie auch dafr noch in Gedanken verflucht.
    ANTON: Weh mir, ich liebe sie noch und du hast recht.
    Sie htten wohl noch lnger gesprochen, aber mit groem Getrappel,
ausschlagend nach allen Seiten lief der Scheck, welchen Katharina geritten
hatte, vorbei, mit den Vorderfen im Zaumzeuge verwickelt, die Reiterin lag am
Boden. Der Scheck war bald gefangen, da er wegen des starken Zaumzeuges nicht
weit laufen konnte; schwerer war es aber, die stolze Katharina zu einem
Entschlusse zu bringen, sie blieb verchtlich gegen die Pferde und gegen alle
Arten des Reisens am Boden liegen; ihr ganzes Unglck, erklrte sie, sei daher
entstanden, da sie das elende Lederzeug nicht habe so lange in ihren Hnden
halten mgen. Ihr zu Gefallen muten sich alle bequemen bis zum Nachtquartier,
das sie auf einer Hhe vor Waiblingen einrichten wollten, zu Fu zu gehen; sie
hatte etwas Bezwingendes in ihrem Wesen und so ging sie mit ihrem Schferstabe
khnlich voran, whrend ihr Gldenkamm in groer Bescheidenheit die Wege zeigte.
Durch diese Zeichen von Aufmerksamkeit fand sie sich sehr behaglich, da sie fr
sich ein hohes Lied sang, whrend die Sterne ber ihr aufgingen:

Sterne, die mich krnen,
Und der Mond auf meiner Stirn,
Strafen alle, die mir hhnen
In dem eitlen frechen Hirn:
Wer von hohem Stamm entsprossen,
Flammt in hohem Weltgeschick,
ber alle die Genossen,
Die sich heben durch Geschick,
Mich erhebt des Himmels Glck.

Keine Sterne euch bescheinen,
Ordnen eurer Taten Lauf,
Denn die Sterne sind die meinen,
Meine Ahnherrn stehn darauf,
Dort der Ahnen Schwerterblitzen
Strken mich mit Ahnungsblick,
Da ich hher werde sitzen,
Da mir kommt ein hoch Geschick,
Mich erhebt des Himmels Glck.

Hier unterbrach sie Konrad, warum sie von dem Scheck heruntergefallen sei, wenn
sie so vortreffliche Ahnung ber ihre Erhebung gehabt habe? - Statt der Antwort
schlug sie ihm so krftig mit dem Schferstabe ber sein dummes Angesicht, da
er zu Boden fiel. Konrad blutete recht stark, Anton wollte ihr Vorwrfe machen,
aber er war es nicht im Stande. Der Konrad sagte ihr aber ungeachtet seiner
Schmerzen, sie mge gedenken, wer ihre Mutter, und da sie doch nur so eine
unerlaubte Frucht sei. Ohne ihm anzusehen, doch ohne sich zu erzrnen, sang sie:

Kind der Liebe, Kind der Kraft,
Kind der hchsten Leidenschaft,
Also mag mich jeder nennen,
Jeder soll an mir erkennen,
Liebe, - Kraft, -
Hohe Leidenschaft.

Kind des Himmels, Kind der Welt,
Bin ich ber euch gestellt,
Mit dem Himmel zu beraten
Da ich lenke eure Taten,
Himmel, - Welt, -
Sind in mir gesellt.

Sie blieb bei diesem Schlusse stehen und Anton erkannte in den Lichtern, die vor
ihnen im Tale leuchteten und bewegten, sein gutes Waiblingen; es berfiel ihn
eine Rhrung, was er gewesen, als er ausgegangen, einsam vom Teufel Seger
gefhrt, jetzt durch die Geburt an hohe Geschicke geknpft, schon durch Taten
mchtig und bekannt, reich an Freunden und Geld, mit ihm ein guter Engel und
eine wunderbare Schwester, und indem er so im Gedanken einige Schritte
vorgetreten war, fhlte er sein Gemt in einer Erhebung, die ihm sein altes
Wesen entfremdete; da schlug ihn eine Hand auf den Rcken, da grte ihn eine
bekannte Stimme mit den Worten: Ha Anton, Lumpenhund, liebster Herzensbube bist
du wieder hier? na was hast du geschossen?
    Es war der Jger, wo Anton sonst halbe Nchte verspielt hatte, der ihn also
begrte; wie sich aber Anton herumdrehte, da ihm das frische Wachtfeuer in die
Augen leuchtete, da trat der drre Jger zurck und meinte, er sei es wohl
nicht, er habe ja ein ernstes Angesicht wie der Kaiser. Aber Anton nahm ihn
freundlich bei der Hand, sagte ihm, da ber sein Gesicht in der kurzen Zeit so
mancher Wind gegangen, sein Herz sei noch dasselbe, des wolle er ihm bei gutem
Weine Bescheid sagen. Aber der drre Jger konnte nicht mehr in seine rechte
Laune kommen, immer wollte er noch etwas aus alter Zeit fragen, aber da blieb er
mitten inne stecken und sagte: Ei, das gesteh ich! Zuletzt stand er ganz ab
vom Reden und wendete sich zum Weine, der ihm noch nie so gut vorgekommen war,
dabei gefiel er sich bald mit Konrad ganz vortrefflich, der auch lange keinen so
geistreichen Mann wollte gesehen haben, fast brannte ihm der Geist zum Halse
hinaus.
    Gldenkamm hatte die Anordnung dieser letzten Abendtafel bernommen, er
hatte die Gste auf den Hgeln verteilt, schne Wachtfeuer wirbelten in die Luft
und Trompeter verkndigten von einem Tische zum andern, wenn Gesundheiten
ausgebracht wurden.
    Diese kriegerischen Tne, womit kriegerische Seelen gern ihre Lust wrzen,
damit jede Art der Begeisterung sich verbinde, schien im Widerhalle an den
Mauern der Stadt seine Natur zu verwandeln; was jenen auf waldiger Hhe das Blut
erwrmte, erkltete es diesen in den Mauern der Stadt Eingeschlossenen, die
schon seit lnger als vierzehn Tagen eine Belagerung von den Bauern frchteten.
Niemand erschrak aber so verdrielich, als die Eltern aus den Betten aufstanden
und sie weckten, als die Kinder, die zu dem groen Herbstfeste, das nach des
seligen Brgermeisters Stiftung mit Tanz und Geschenken aller Art im Frhling
und im Herbste gefeiert werden sollte, aufsprangen und jetzt von nichts hrten,
als wie sie in Kellern und Bodenkammern versteckt werden sollten. Die Kinder
lrmten so unerschrocken, widersetzten sich so ungestm, griffen ohne sich
abhalten zu lassen, nach den weien Feierkleidern, nach den roten Mntelchen und
blauen Baretten, die ihnen aus der Stiftung verehrt waren, da viele von ihnen,
whrend die Eltern in groer Verlegenheit mit einander beratschlagten, schon auf
dem Markte versammelt waren, als eben das erste Morgenlicht erschien. Der gute
Arnold, der Ratsherr, der damals mit seiner Weisheit das Leben des kleinen Anton
gerettet hatte, ging in seinen Amtskleidern vorber und der kleine Anton, der
zum Feste zum erstenmal wieder in die Stadt gekommen war, hing sich an ihn und
sagte, da er bei ihm bleiben wolle, die Mutter, die jetzt eine kleine Wohnung
im Keller ihres Hauses bezogen, krame schon die halbe Nacht an ihren
Habseligkeiten und habe ihm gedroht, sein neues Kleid auszuziehen. Der gute
Arnold suchte ihn und die andern Kinder mglichst zu trsten, blickte auf gen
Himmel und sagte: Hrt Kinder, mir kommt ein Gedanke von oben, betet fromm, da
er sich erflle, bleibt still zusammen, bald komme ich vom Rathause zurck und
sage euch, was ihr zu tun habt. Die Kinder knieten in der Morgensonne in Reihen
auf den Stufen der groen Treppe, die zum Mnster hinauffhrt, nieder und
beteten ein jeder, was er wute und was seinem Gemte recht demtig klang, da
der Herr ihnen die Lust des Jahres beschtze. Der Glckner sah die Betenden und
ffnete die Tore des Mnsters, da strahlte die Sonne durch das Goldglas ber dem
Altare, die Tren, welche die heilige Mutter Gottes verschlossen, sprangen auf;
da glnzte sie mit silberner Krone und ihr Kind hatte segnend zwei Finger
aufgehoben; eine Taube, die auf dem Altare eingesperrt worden, flatterte in
sanften Kreisen ber beiden und schwebte dann empor. Die Kinder schrieen bei
diesem Anblicke auf, sie htten Gewhrung ihres Gebets erhalten und zogen nach
dem Rathaus, wo ihnen Arnold mit den Worten entgegentrat: Ihr Kinder, habt ihr
Mut, fr eure Vaterstadt, die ihr lnger als wir bewohnen sollt, einen demtigen
Gang zu dem wilden Feinde zu wagen, der mit Mord und Brand seinen Weg
bezeichnet? - Vielleicht knnt ihr uns und euer Herbstfest retten, hat doch
Jesus Christus die liebreichen Worte verkndet: Lasset die Kindlein zu mir
kommen und wehret ihnen nicht; seht, das Wort wird sich behalten von Ewigkeit zu
Ewigkeit, auch das Blut wird es nicht auslschen im Herzen der wilden Krieger.
- Der kleine Anton trat mutig hervor und sprach: Gottes Wille geschehe im
Himmel wie auf Erden, ich gehe voran den Feind um Schutz fr meine liebe Mutter,
fr meinen lieben Herrn Arnold anzuflehen und fr die kleinen Buben alle, die
unter meinem Fhnlein dienen. Gleich sammelten sich diese Spielkameraden um ihn
her und riefen, da sie ihren Feldhauptmann nicht verlassen, und dabei erhoben
sie ihre kleinen hlzernen Spiee, die sie nimmer von sich lieen, wie er ihnen
befohlen.
    Nachdem Arnold den Zug der Kinder, die dem Feinde entgegen gehen sollten,
angeordnet hatte, war ein unerwartetes Hindernis zu bekmpfen; die Mtter, denen
es in keiner Art deutlich gemacht werden konnte, da die wtenden Bauern doch
keine Hussiten wren, die selbst in Naumburg durch einen Haufen Kinder, die
ihnen entgegen gegangen, von Mord und Brand abgehalten worden, es seien
Landsleute, einer Sprache und gleicher Sitte. Fast mit Gewalt muten die Weiber
von den Kindern losgerissen werden, bis Frau Anna hervortrat und sie alle
feigherzig schalt, da sie ihre Kinder hher als das Wohl der Stadt achteten und
als ihrer aller Vermgen, dagegen rief sie ihrem kleinen Anton zu, er solle sich
nicht vor ihr blicken lassen, wenn er nicht Friede und Freiheit der Stadt
erbeten habe. Als die andern Frauen diese Gesinnung vernahmen, schmten sie sich
ihrer Feigherzigkeit und segneten ihre Kinder und lieen sie im Namen Gottes
gegen den Feind ziehen der sich auf den Hgeln schon regte und sich zu einem
Sturme anzuschicken schien.
    Dieser anscheinende Sturm war das frhzeitige Aufschmcken der Pferde und
Panzer zum prachtvollen Einritte in Waiblingen, Anton selbst half dabei seinem
Diener, da nichts gebrechen solle er trug wie sein Pferd einen stahlblauen
Panzer, auf welchem der Sndenfall durch ein Weib dargestellt war, Susanna hatte
einen kurzen silbernen Brustharnisch auf Purpurunterkleidern, Katharina hatte
sich einen vergoldeten Harnisch angelegt, doch wollte sie ihr weibliches
Unterkleid aus gewrfeltem grn und roten Wollenzeuge, das sie als Schferin
trug, nicht auslassen, und der lutherische Geistliche, der seiner Studien wegen
in Frankreich gewesen war, versicherte ihr, sie gleiche dem Bilde der Jungfrau
von Orleans. Sie erkundigte sich nach den Taten der Jungfrau und nach ihrer
Abkunft und sagte dann verchtlich, da derselben schon recht geschehen, als sie
verbrannt worden, weil sie aus so niedrer Abkunft in die hohen Ereignisse der
Welt eingegriffen habe; der Geistliche fragte spottend, ob sie denn durch Taten
ihre Abkunft beweisen werde? Sie antwortete, da die Welt ihrer Taten noch nicht
wert sei, da sie ihrer Worte noch zu wenig achte.
    Whrend dieses Gesprchs nahete sich der wunderliche Zug der Kinder, die wie
ein Mohnfeld mit Wei, Rot und Blau, wie der Wind ging, abwechselten, keiner
konnte sich den Zug erklren, doch erkannte Anton, wie er sich nherte, seinen
Sohn an der Spitze, verhllte sich in seinem groen grnen Mantel und wartete
ab, was sich ereignen werde. Der Kleine konnte seinen Vater, der sein Gesicht
halb bedeckte, indem er vortrat, nicht erkennen, denn er erwartete ihn nicht und
hatte ihn nie in so fremder Tracht gesehen, er beugte vor ihm ein Knie, hob die
Hnde auf und sprach sehr gefat: Feldhauptmann, ich komme nicht fr uns Kinder
zu bitten um Schirm und Schutz, denn wir werden alle einmal als gute
Landsknechte ritterlich in die Welt ziehen und mssen alle frh oder spt auf
grner Heide unser junges Leben lassen, aber Herr, wir flehen fr die Mtter,
die uns ernhren.
    Anton konnte sich hier des Lachens und der Trnen zugleich kaum erwehren, er
unterbrach deswegen die feierliche Rede des Kleinen, indem er ihn mit
verstellter Stimme fragte: Gibt dir die Mutter auch etwas Gutes zu essen?
    Der kleine Anton sah ihn verwundert an und sprach: Sonst als der Vater noch
zu Hause war, da gab's immer was Gutes, jetzt aber kocht sie Kle einen Tag und
alle Tage.
    Das soll untersucht werden, fuhr Anton fort, ihr andern bleibt hier, du
aber Kleiner, gehe flugs hin und hole deine Mutter, sage ihr, da ich die Stadt
an allen vier Ecken anznden wolle, da kein Schwalbennest brig bleiben soll.
    Die stolze Katharina freute sich ber die gedemtigte stolze Stadt, die mit
ihren Wllen und Wachttrmen, voll Menschen, die den Ausgang ersphend, sich
regten, vor ihnen ausgebreitet lag, in der kein Schornstein rauchte, kein Wagen
fuhr, sie mute ihren Bruder umarmen, es schien ihr die neue Saat der Zeit
aufzugehen; sie gebot den guten Pforzheimern, die aus Mitleiden den Kindern
ihren Irrtum deutlich machen wollten, Stille und Ergebenheit, sie glaubte sich
hinein, da sie als feindliches Heer vor den Mauern dieser Stadt stnden und
ordnete, da jeder bei seinem Pferde bleibe, um vor jedem berfalle sicher zu
sein.
    Unterdessen kam Frau Anna, die aus den Reden des Knaben, der Kle und
Feldhauptmann, Friede und Fastenspeisen, und Kraut und Lot zusammen mischte,
nicht hatte klug werden knnen, sie kam in ihrer huslichen Kleidung, ihre
Tasche und ihre Schlssel an der Seite, und als Anton sie erblickte, hielt er
sich nicht mehr, er lie den Mantel fallen, er trat in der Pracht seiner Rstung
vor sie hin, die Wut machte ihn stumm; sie aber nach Weiberart immer beredt,
rief ihm zu: Anton, du Tunichtgut, du Geldverschwender, du liederlicher
Landschweifer, so mu ich dich hier noch als Ruhestrer wiederfinden, du gehrst
ja an den Galgen, wem hast du die schne Rstung ausgezogen, in Gold gehst du,
aber deine Frau und dein Kind mssen darben; dir soll ich noch gute Worte geben,
hab ich dich nicht verflucht, so fluche ich dir jetzt, da deine Arme verdrren,
mit denen du mich an dich gedrckt, das die Lippen dir vergehen, mit denen du
mich gekt.
    Halt inne Weib, rief Anton, ich habe dich lngst verflucht, du gibst mir
zurck alle Blitzstrahlen, die ich auf dein Haupt zusammenbeschworen, als du
mich hilfsbedrftigen Kranken, der sich von ganzer Seele nach dir sehnte, der
ein ehrlich Leben fleiig und fromm mit dir zu fhren begehrte, mit Spott von
dir wiesest, jetzt will ich dich bezahlen, wie du es verdient hast. - Bei
diesen heftigen Worten ergriff er seinen groen Sack mit Geld und warf ihn der
Frau hin, da die Gulden daraus umherflogen; da hast du deine silbernen Becher
und allen Plunder, den ich mit dir erheiratete, zehnfach wieder, kauf dir, was
dein Herz wnscht. - In diesem Augenblick kam ihm der Gedanke, er mchte den
wunderttigen Beutel mit dem Geldsacke verschenkt haben, doch konnte er sich
nicht zu der Demtigung entschlieen, auch das Kleinste von dem zurckzunehmen,
was sein bermut ihr geschenkt hatte; mag alles hin sein, ich bin
gerechtfertigt und gercht, tobte seine Leidenschaft, und mit schneller
Heftigkeit ergriff er den kleinen Wilhelm, den Susanna getragen hatte, reichte
ihn seiner Frau und sprach: Sieh Anna, da dir nichts durch mich genommen sei,
was ich nicht herrlicher dir erstatte, nimm dieses Kind, sieh wie viel
herrlicher es in die Welt lacht als das kmmerliche Altmannskind, der Oswald,
das sei dein, es ist meiner Schwester Kind, du wirst es lieben mehr als dein
eignes Kind, ziehe es auf nach deinem Gewissen, es wird eine Zeit kommen, wo ich
es von dir zurckfordre! - Das liebevolle Angesicht des frhlichen Kindes hatte
Frau Annens ganze Liebe gewonnen, sie drckte es an ihr Herz, seufzte, weinte
und sprach zu Anton: Herr, du hast alles herrlicher vollendet, als ich armes
Weib gedachte, der Mund, der dir fluchte, kann dich auch segnen, Herr, ich werde
nimmermehr froh als in deiner Nhe.
    Als Anna diese Worte sprach, erstarrte Antons Angesicht; in wohliger
Erfllung seiner Wut, gedemtigt vor ihm sollte die stolze Frau erscheinen, er
aber konnte nicht bleiben, und da der Huf seines Rosses sie zerschmettert, wenn
sie dessen Hufen umklammert htte, um es festzuhalten; er ri seine Sporen durch
ihre Hnde, die seine Beine umklammerten, er stieg auf sein hohes geharnischtes
Ro, es erhob sich und lie die goldnen Hufbeschlge fallen, die Frau Anna in
Verzweiflung aufhob, whrend der Zug in rascher Eile ihr vorbei in die Stadt
jagte, viele ihrer lachten, und nur Susanna ihr einen milden Blick und ein
Gebetbuch zuwarf; einsam blieb sie im Staube liegen, denn die Kinder, selbst ihr
eigenes, folgten jubelnd der Reiterschar, vor der die Herden im Felde nach allen
Seiten flchteten und die Brger, die aus ihrer geringen Zahl ihren guten Willen
erkannten, die Tore ffneten. Da sa sie, wie ein Stein am Wege in eigner
Schwere noch alle Lasten, die jeden drcken, ertragen mu, damit alle sich
erleichtern, sie konnte nicht empor sehen zu Gott, denn sie hatte geflucht wie
kein Frommer, aber da sah sie nieder ins Gras und sah in die Blumen und sah in
die Augen des kleinen Wilhelm und es schwand ihr Wut und Fluch, Gram und
Herzeleid, und das Kind war mit diesem Blicke an ihr Herz geknpft durch ein
Band fester als jenes im Mutterleibe, sie legte es sanft wiegend an ihr Herz und
ihr Herz hatte Freude und - der drre Jger, der sie hohnlchelnd durch das
Gebsche belauscht hatte, trat jetzt zu ihr und brachte ihr einen Brief von
ihrem Mann, es war derselbe, den er dem Mephistopheles geschrieben, der Jger
bestellte ihr dabei, sie mchte ihm das Geld bergeben, er wolle es ihr
nachtragen. Sie war so selig in dem Augenblicke, sie htte es ihm bergeben,
aber ein Lrmen erschreckte ihn, er ging zhneknirschend in den Wald, da die
Tannenste ihm ins Gesicht schlugen. Eigentlich vertrieb ihn von seinem Posten,
wo er einen Teil des Geldes zu rauben hoffte, das aus dem groen Sacke fallend
zerstreut lag, eine Schar von Zigeunern, die den Reisenden nachgezogen war,
dieselbe die Anton und Susannen unterwegs wahrgesagt hatten. Die Zigeunerknigin
trat zu Frau Anna heran und riet ihr, das Geld, das sie um sich liegen habe,
besser zu bewahren, es sei jetzt schlimme Zeit in aller Welt und wer nichts habe
und wer viel habe, beide suchten mehr zu bekommen. Frau Anna erwachte wie aus
einem Traume, sie kehrte zu ihrer huslichen Art zurck, sagte Dank fr den
guten Rat und sammelte das Zerstreute, es wurde ihr sogar Angst vor den
wunderlichen gelben Leuten, die rings mit allerlei Waffen standen. Die
Zigeunerin aber hatte ein zutrauliches Wesen, fragte sie erst nach dem Kinde,
dann nach ihrem eigenen Namen, verwunderte sich ber beide und erbot sich, sie
nach der Stadt zu begleiten, um ihren Schatz in Sicherheit zu bringen. Dieser
Mhe brauchte es aber nicht, der gute Ratsherr Arnold hatte nicht sobald den
Verlauf gehrt und Anton wieder erkannt, als er schon mit einigen Ratsfreunden
hinauseilte, der glcklichen Frau Anna mit Rat beizustehen. Ihnen bergab Frau
Anna sowohl die goldnen Hufbeschlge als auch das Gold, doch verlangte er es auf
der Stelle zu zhlen, um jeden Verdacht von sich abzulehnen. Indem sie nun die
Gulden aus dem Sack herausschtteten, fiel auch der lederne Beutel heraus, der
Geber aller dieser Reichtmer. Die Zigeunerin sah ihn zuerst und bat Frau Anna
darum, sie wolle einige Wurzeln hineintun, die sie eben eingesammelt und die
ihre Kraft verlieren machten. Frau Anna in ihrer Sparsamkeit, ungeachtet die
Frau ihr so redlich beigestanden, verweigerte es ihr, aber Herr Arnold meinte,
das Beutelchen sei einer reichen Frau ganz unwert, auch versprach die
Zigeunerin, dem Kindchen eine Violenwurzel zu schenken, auf die es beim Zahnen
beien knne. Frau Anna nahm diese Wurzel und gab das Beutelchen der Zigeunerin,
die sie noch fragte, ob sie ihr auch aus der Hand wahrsagen solle und sie dabei
an der Hand fate. Zwar hrte Frau Anna mit dem Zhlen beschftigt wenig zu,
aber die Zigeunerin mute es ihr sagen: Ihr haltet gut Haus, aber Ihr gebt das
Beste weg, das ist gut, und weil Ihr's Beste nicht achtet, wird es Euch
abtrnnig und das ist gut, Ihr kriegt noch einen Mann, ja das ist gut, er
kriegte sonst keine Frau und das ist auch gut.
    Whrend sie noch so weiter dahlen wollte, kam schon der frhliche Herbstzug
der Kinder ber das Stoppelfeld, Frau Anna eilte sich mit Zhlen und da viere
zugleich dabei beschftigt, war alles beendigt und Herr Arnold mit seinen
Gehlfen trug alles in die Stadt. Also Frau, meinen Mann kriege ich wieder,
fragte Anna, die der Zigeunerin nur halb zugehrt hatte. Werdet's schon sehen,
sagte die Zigeunerin, wenn einem Glck gesagt wird und einer hrt nicht zu, da
vergeht's ihm wie verfrorne Knospen.
    So zogen die Zigeuner fort in den Wald, Frau Anna aber lief mit dem Kinde
dem Zuge entgegen, der in allerlei Vermummung das Schneiden des Weines feierte,
sie war die einzige ohne Larve, wenn gleich viele andere ebenfalls zu erkennen
waren, ein jeder rief sie an wegen ihres Glcks, sie aber frchtete sich, da
jeder nun von ihr etwas begehren werde, und war entschlossen nichts, gar nichts
abzugeben.
    Der ganze Zug war unendlich frhlich zu beschauen, die gleich und ernsthaft
gekleideten Kinder, die in einer Kriegsordnung vorber zogen und als Panier
groe Blumenkronen hoch erhaben trugen, umgeben von den vermummten wunderlichen
Gestalten der lteren Leute, machten einen Eindruck wie ein kleines kunstreiches
Zwergenvolk, das in ein wildes Riesenland siegreich eingedrungen ist, der Himmel
schien ihnen hold, die Sonne glnzte ungetrbt auf dem blauen Grunde, kein
Zugvogel lie sich in der Luft mit mahnendem Geschrei vernehmen, vielmehr schien
ein verspteter Herbst dem Jahre zulegen zu wollen, was von dem Sommer in den
Schrecknissen der Zeit untergegangen war. Die neuangekommenen Pforzheimer
folgten dem lustigen Zuge in Gesellschaft der ernsten Ratsherren und der
bejahrteren Brger, an ihrer Spitze ging Katharina, die ihren Harnisch nicht
ablegen mochte, ihr hatte Anton seine Stelle bergeben, whrend er selbst in die
von den Kindern geffnete Kirche eingetreten war, der Einsamkeit sein Herz
auszuschtten, das allmhlich die harte Wut mit weicher Wehmut vertauschte.
Seine Frau schwebte ihm erst vor den Augen, da er sie nicht bannen konnte, bald
aber ging diese Gestalt in das freischwebende zrtliche Nebelbild ber, die ihn
allen Heiligen zum Trotz freundlich begrte, und diesmal lieblicher als je ein
Inbegriff alles Schnen war. Ihr Wesen war diesmal unausstehlich, sie suchte ihn
sogar eiferschtig zu machen, indem sie den alten brtigen Heiligen schmeichelte
und doch nebenher zu ihm hinschielte.
    Ach, seufzte Anton, Christus, hab ich deinen Tempel errettet vor der
Zerstrung, kannst du den kleinen zrtlichen Teufel nicht von mir verjagen, der
mir deinen Tempel verunreinigt, gedenke, wie du die Krmer daraus vertrieben,
ein greres Unheil ist dies zu nennen, Herr zeige, da du lebst!
    Bei diesen Worten verschwand das zrtliche Bild und er hatte Mue, seine
Vorzeit sich zu vergegenwrtigen, er sah die Bilder, die er mit Flei und Lust
geschaffen, sie waren ihm aber alle nicht recht, er zog das kleine Bild
Susannens heraus, wie viel Heiligkeit, Leben und Segen gegen alle Marien,
Katharinen und Ccilien, womit er die Altre der Kirche geschmckt hatte; es
ergriff ihn eine Wut gegen sich, gegen seine Arbeit, er konnte den Gedanken
nicht ertragen, da diese Arbeiten einst seinen Namen tragen sollten, einen
Namen, dem so groe Geschicke anvertraut waren, es drngte ihn in den Fingern,
seine Glieder zuckten ihm zum Zerstren, wie Kranken, die den Tod in sich
tragen, die Sehnsucht sich zu vernichten, sich zu zerstren, alles dient diesem
Wunsche, mit einem Zuge hatte sein Degen drei der grten Altarbilder, die auf
Holz gemalt waren, zerspalten; noch aus den Trmmern sah ihn der verspottete
Christus unter der Dornenkrone mitleidig an, aber das vermehrte nur seinen Gram
und seinen Zorn, die Blitzesschnelligkeit seines Degens, der rasch den heiligen
Christophorus niederhieb und die heilige Katharina. So wtete er, bis kein Stck
seiner Arbeiten mehr kenntlich war, und wohlgefllig sah er auf die Trmmern,
niemand hatte ihn gestrt, denn alle, bis auf wenige Wchter der Huser, waren
dem Feste nachgezogen; mit khnem Blicke stand er auf diesen bunten Brettern und
dachte, wie er mit seinem unversieglichen Reichtume, was er nicht selbst besser
leisten knne, durch das Herbeirufen der gepriesensten Maler in Verherrlichung
ersetzen wolle, da erst gedachte er wieder, ob er nicht den wunderbaren Beutel
mit den Schtzen seiner Frau in den Scho geschttet habe, er fhlte in die
Tasche seines Wamses, wo er ihn sonst zu tragen pflegte, die Tasche war leer und
so jede andere Tasche und sein Verstand lief wie eine Sanduhr aus. Da war kein
Geschehenes zu vergten, kein Zuknftiges zu beschlieen, Grnde und Gegengrnde
schaukelten ihn hoch in die Luft und senkten ihn in die Meerestiefe seines
wogenden Unmutes. Er flchtete wie aus dem Paradiese von einem Engel mit
feurigem Schwerte getrieben, aus der zerstrten Kirche, unbemerkt erreichte er
den Wald, er wollte seinen Schmerzen und seiner Verzweifelung entlaufen, indem
er sie ermdete; wie ein Kain lief er umher, der seinen Bruder erschlagen, und
lechzend blieb er endlich hinter einem Rebenhgel liegen.
    Das groe Herbstfest hatte whrend dieser Zeit immer mehr Stimmen in seinen
Jubel und Strudel hineingerissen. Die Kinder waren mit einem andchtigen
Ernteliede in den Hof gekommen, wo die Geschenke ihnen ausgeteilt werden sollten
und wo die Brger sich eine Mahlzeit hatten bereiten lassen. Der kleine Anton
hing nach kurzer Einsegnung durch einen Geistlichen die Blumenkrone vor dem
Muttergottesbilde auf, der Geistliche betete dann in einer der Feierlichkeit
angemessenen Rede fr diese Jugend, da sie der milden Gesinnung treu bleiben
mchte, in der dieses Fest von dem Brgermeister war gestiftet worden, da keine
falsche Deutung das freudige Wesen desselben lieblos herabwrdige und da die
Kindheit mit der Wunderwelt, die sie erzieht, beschtzt bleibe wie die Pracht
der Kirche, durch Meister Antons Standhaftigkeit in jenen Schreckenstagen der
Bilderstrmerei bewahrt worden sei. Bei diesen Worten suchte er Anton in der
Versammlung, weil er seine Rckkehr erfahren hatte und ihn gegenwrtig meinte,
da er ihn indessen nicht ersehen konnte, rief er den kleinen Anton zu sich auf
die erhhten Stufen, ermahnte ihn, dem Beispiele seines Vaters in allem Guten zu
folgen, der Knabe weinte ber die hohe Auszeichnung, die ihm wurde, nachdem er
von allen auf dem Pachthofe, wohin er nach dem Tode Oswalds untergebracht, als
ein Missetter angesehen worden; allgemein verbreitete sich die Rhrung und das
stille Gebet fr den Kleinen, der die ganze Stadt an jenem Tage fr sich
eingenommen hatte. Der Geistliche glaubte nach diesem Augenblicke allgemeiner
Teilnahme nichts Bedeutendes mehr sagen zu knnen, er schlo daher, indem er zum
Frieden im frhlichen Genusse ermahnte; eine Warnung, die in dieser Gegend
besonders notwendig war, wo die Bauerfrauen, die aus entfernteren Gegenden zu
Kirchweihen zogen, gern das Totenhemd fr ihre Mnner ihrem Sonntagsstaate
beipackten, um fr alle Flle gesorgt zu haben; das Volk wollte Blut sehen, um
nchtern zu werden.
    Nach der feierlichen Rede wurde wieder ein angemessener Dank fr die reiche
Ernte aus einem alten Kirchenliede gesungen, dann wurden die Kinder auf den
grnen Bleichplatz gefhrt, wo Bretter als Tische, und Decken zum Sitzen gelegt
waren, die Milchsuppe wurde in groen Braukesseln herbeigetragen und auf die
Teller gekellt, die Weizenbrte wurden ausgeworfen, die irdenen Weinkannen
ausgeteilt, der Schweinebraten nach den Einschnitten seiner harten knupprigen
Schwarte in breite Stcke zerlegt, deren weier Glanz mit brauner vielugiger
Brhe bedeckt, den Kindern ungeduldig in die Augen leuchtete; dann der
pfelkuchen, reichlich mit Honig bestrichen, das Mahl und den Mund der Kinder
schlo.
    Nach feierlichem Gebete standen sie auf und durften sich selbst in den
Grten die reifen Frhpfel abschtteln. Da gab's ein Leben, als sie die Mntel
und Barette und aus Schonung ihre neuen Wmser und Hemden abgelegt hatten, jeder
Baum schien ein volles Nest von Engeln, ein Adler schwebte lange ber ihnen und
senkte sich nieder, weil der kleine Anton, auf den hchsten sten immer voran,
und der khnste, obgleich einer der jngsten, ihm winkte, aus sehnlichem
Verlangen auf ihm zur Sonne zu reiten. Da lie sich der Adler bis nahe ber dem
Haupt des Kleinen herab, der ihm freundlich einen Apfel reichte; der Adler nahm
ihn mit seinem Schnabel, und sei es, da ihm die Gabe gengte, oder da ihn das
Geschrei der andern Kinder erschreckte, er stieg mit rastlosem Fittich der Sonne
zu und verlor sich dem geblendeten Auge in ihrer rollenden Scheibe.
    Frau Anna sa halb trumend auf dem Ehrenplatze des bezahlten Gasttisches,
ihr zur Seite war ein Platz fr Anton leer, sie wurde durch die Erzhlung aus
einem Taumel erweckt, in welchen sie das Auerordentliche der Begebenheiten
verzaubert hatte, sie freute sich ber dies Ereignis, aber dieser kleine Anton,
wenn sie ihn auch nicht mehr hate, war ihr gleichgltig, sie trank kaum seine
Gesundheit mit, die ihm gebracht wurde, und fragte nur zuweilen nach dem kleinen
Wilhelm, den sie der Verwalterin im Pachthofe bergeben hatte, um ihn zu ihrem
Kinde in die Wiege zu legen.
    Katharina sah sie mit groer Verwunderung an, sie konnte nicht begreifen,
da diese Frau, deren Wesen ihr so gemein und niedrig erschien, die Frau ihres
Bruders sein knne, und wie Frau Anna die Versicherung des Ratsherrn Arnold, da
es nichts koste, dazu benutzen wollte, sich einmal ganz satt zu essen, so stieg
der Hochmut in Katharinen so gewaltig, da sie ber den Geruch der Speisen, die
reichlicher gewrzt waren, als es in der Hexenkche ihrer Mutter herkmmlich,
die Nase rmpfte, ja wohl gar darauf nieste, da keiner den Teller anrhren
mochte und alle nur aus Rcksicht, weil sie mit den Fremden gekommen, es beim
Zischeln bewenden lieen. Als der Hunger aber so mchtig in ihr wurde, whrend
die meisten andern schon den Kse schabten, da sie die fortgeschobenen Teller
einen nach dem andern vornahm und mit dem Brote bis zum letzten ausputzte, da
konnten sich viele nicht mehr des Lachens enthalten. Sie wollte trotzig die
Ursache wissen eine dreiste Frau vertraute es ihr, da wurde sie so beleidigt,
da sie mit so elendem Volke gar nicht mehr ausdauern mochte und die
Gesellschaft verlie. Kaum war sie fort, so legten die Pforzheimer mit allen
sonderbaren Geschichtchen los, die sie von ihr unterwegs erfahren, wie sie ein
Kind gehabt und doch Jungfrau sei, da sie ein unehelich Kind und ihre Mutter
eine Hexe.
    Zum Unglck war Gldenkamm und Susanna bei diesen Erzhlungen nicht
gegenwrtig, sie htten ihnen sonst Einhalt getan, beide waren gleich nach der
feierlichen Rede in die Stadt gegangen ihren Anton aufzusuchen, den sie im
Ratskeller oder sonst bei alten Bekannten vermuteten und dem Feste zufhren
wollten.
    Nach Tische begann die Traubenlese, freilich an diesem Tage mehr zum Schein
als des Nutzens wegen, denn jeder durfte essen was er brach, jeder durfte sich
die reifsten Trauben auslesen und sich damit nach der groen Weinlaube begeben,
wo ein Fa Wein auf gemeinschaftliche Kosten ausgetrunken werden sollte.
    Beim Weine fiel es dem unbescheidnen Junker Blaubart ein, dem Waiblinger
Burgemeister einen Pforzheimer Mut zuzutrinken, wenn die Bauern einmal wirklich
vor die Stadt zgen und nicht ihre arme Kinder so voraus zu schicken.
    Der Burgemeister rief Arnold, er mchte einmal hren, was der Pforzheimer
spreche, ob es auch nicht ihrer Stadt zum Nachteil gereiche. Da gab es harte
Worte von beiden Seiten; eben sollte es zum Losschlagen kommen, als eine groe
Schar Winzer mit verdeckter Trage und groem Geschrei zur Gesellschaft heranzog.
    Es war nmlich die Sitte des Landes, da die Winzer gegen Abend auszogen und
Mdchen, die etwa mig umherliefen, auf ihre Trage legten, um sie unter dem
Namen der Herbstsau zum Gelchter aller in die Gesellschaft der Fleiigen zu
bringen, solch ein Mdchen mute sich mit allerlei Geschenken loskaufen.
    Welch eine Verwunderung, als jetzt die stolze Katharina aus der
geheimnisvollen Verhllung hervorkam und mitten im Geschrei und Gelchter wie
eine Knigin sich gebrdete. Da sie den Gebrauch nicht kannte, weil im Gebirge
kein Weinbau getrieben wurde, so hielt sie die Winzer fr Abgeordnete, die sie
auf eine recht ehrenvolle Art als Knigin des Festes der Gesellschaft
zurckfhren sollten und war natrlich jetzt verwundert, von allen als Sau! Sau!
Sau! sich anrufen zu hren und die Neigen aus aller Glser wie einen Regensturm
auf sich fallen zu fhlen.
    Gldenkamm! rief sie mit lauter Stimme; der war aber mit Susanna im
Ratskeller so gutmtig festgehalten von der Wirtin, da er seiner Geliebten
nicht gedachte, ach, seufzte sie, wre mein Wilhelm hier, er liee mich nicht
ungercht, warum habe ich die treue Seele verstoen - nun macht's nur nicht gar
zu grob, fahr sie fort, als ihr Brot und Kserinde an den Kopf flogen. Dies war
das Ziel ihrer Demtigung, denn mit einigen krftigen Schlgen lagen pltzlich
die Winzer, die sie auf dem Schandsitze festgehalten hatten, am Boden;
Katharina - Wilhelm - dein - mein - mein Leben um deine Ehre! - mehr konnten
sie nicht mit einander reden, Wilhelm wtete gegen die Menge und wre sicher
verloren gewesen, wenn nicht die Waiblinger in der Meinung, er sei ein
Pforzheimer, der den alten Streit erneuern wolle, gegen diese Gste
losgeschlagen htten.
    Da gab's ein Schlagen, Junker Blaubart hatte bald auch blaue Augen, und
htte er nicht ein Messer gehabt, so war er verloren; vielleicht wre alles
nicht so schlimm geworden, wenn nicht, sonderbar war es anzusehen, die
Weinlaube, deren Sttzen zum Schlagen ausgerissen wurden, endlich ber die
Fechtenden zusammenstrzte, die in ihrem grnen verflochtenen Netze die
Drohenden festhielt. Manche Traube khlte den zornigsten Mund, indem sie sich
auf ihm zerdrckte, und es schien, als ob sie der Freude erzogen den Streit
nicht leiden wolle.
    Aber Katharinas beleidigter Stolz litt keine Hemmung, sie verhhnte die
Waiblinger mit bittern Reden, indem sie alle weibische Mnner nannte, welche die
Ehre einer Jungfrau nicht zu achten wten.
    Wilhelm und die Pforzheimer, die bessere Messer und ein paar Degen hatten,
arbeiteten sich zuerst von dem Flechtwerke los; da sie nun auf vielen hart
herumtrampelten, die darunter vergraben lagen, so erweckte ihr Geschrei Furcht
in den andern, als erst einige flohen, wuchs die Zuversicht der Pforzheimer
ungeachtet ihrer geringen Zahl, dazu kam, da in der Dunkelheit die halb
berauschten Waiblinger, die sich unter der Laube allmhlich erhoben, einander
verkannten und mit Faustschlgen sich einander gegenseitig traktierten. Nach
einer halben Stunde waren die Waiblinger, so viele deren noch gehen konnten,
auerhalb der Mauer des Hofes, der aus alter Zeit her noch wie eine Burg
befestigt war und nur einen Zugang hatte. Wilhelm zog die Brcke auf und sah
jetzt als der einzig ganz Nchterne nach den Verwundeten auf dem Schlachtfelde.
    Katharina kam ihm mit einem goldnen Sporne entgegen, den sie einem
verwundeten Ritter Landschaden abgenommen, auch nahm sie ihr Schwert wieder, das
sie hatte in der Laube stehen lassen, und schlug ihren Geliebten zum Ritter mit
dreimaligem Ausrufe: Besser Ritter als Knecht! erst dann durfte er sich den
Sporn anschnallen, erst dann durfte er sie umarmen, dann wechselte sie im
Beisein aller Pforzheimer die Ringe mit ihm, die sie dem toten Brgermeister
abgezogen hatte, als Zeichen ihres Verlbnisses. Als er sie an seinen Mund, an
sein Herz gedrckt hatte, da fhlte er erst seine Wunden und sank auf seine Knie
und kte ihre Hnde. Sie lie es geschehen, sie sah den Sieger, den Ihren gern
zu ihren Fen, sie fragte ihn, welcher Zufall ihn in ihre Nhe gefhrt. Er
sprach, wie er ihr noch recht lange habe nachsehen wollen, ihr und dem Zuge, so
sei er von Hgel zu Hgel hinter ihnen hergegangen, er habe aber nicht gewagt
sich ihnen zu nhern, er habe sie mit Herzensjubel zuletzt auf dem Felde
belauscht, wie sie die Feldzwiebeln neben sich gekpft, auch sei er schon bereit
gewesen ihr zu Hlfe zu eilen, als die Winzer sie ergriffen, doch ihm habe es
geschienen, als sei es mit ihrem Willen. Leise sei er endlich dem Zuge der
frhlich mit Weinlaub Geschmckten gefolgt, bis er ihren Ruf nach Hlfe und
Rache vernommen. Mir ist alle Seligkeit geworden auf Erden, so sprach er, du
hast zum Ritter mich geschlagen, dein hohes Blut mit mir verlobt, und wie ein
Pferd bei einer vollen Krippe, nachdem es seines Lebens satt und froh mit seiner
Halfterkette spielt, so will ich mit dem Ringe spielen, wenn mich die Kraft
verlt noch die geliebten Hnde festzuhalten.
    Bei diesen Worten sank er um, erst jetzt sah Katharina, da er an zwei
starken Stichwunden in der Seite verblutet war, o du armer Stolz der Erde, jeden
Tropfen des gemeinen Blutes htte sie gern mit ihrem hohen Blute erkauft, ihre
Hand, die ihm den Himmel aufschlieen konnte, hatte keine Macht ihn auf der Erde
festzuhalten und ihre Augen, die ihm sonst in steter seliger Nhe vorschwebten,
versanken in die unendlich tiefen Brunnen voll Trnen wie fallende Sterne am
Todestage der Welt. Rings um den Sterbenden waren alle Lebenden auf ihre
Sicherheit bedacht, sie gedachten aber nicht, welches Pfand der
Unverletzlichkeit ihnen geblieben, die Kinder der Stadt, die sich in dem Garten
beim Spiele eben so rauften wie ihre Vter beim Weine, erst bei den Klagen der
Weiber, die aus dem Felde heimkehrend das Schrecken erfuhren und um ihre Kinder
fleheten, da man sie ihnen zurckgeben solle. Aber Blaubart erkannte schnell
seinen Vorteil, er versprach ihnen Schonung der Kinder, wenn sich alle Bewohner
von Waiblingen whrend der Nacht in die Stadt zurckzgen, da sie sicher vor
jedem berfalle den Morgen erwarten knnten.
    Herr Arnold, der glcklich entkommen war, ging diesen Vertrag ein, nur sagte
er, da sie Gldenkamm und Susanna, die von dem Lrmen aufgeschreckt ihrem Herrn
zu Hlfe eilten und den ergrimmten Flchtlingen in die Hnde gefallen waren, zur
Sicherheit des Vertrages, als Unterpfnder bewahren wollten.
    In dieser schrecklichen Nacht, wo jeder fr die seinen bebte, sich aber gern
vergessen htte, stieg zum erstenmal der groe Komet aus dem Schoe der Nacht
auf, der nachher noch so viel Blutvergieen ber die Welt gebracht hat; das traf
in das schnste Wohlleben Deutschlands. So ist uns oft das Leben eines einzelnen
Menschen ein Bild von den Schicksalen seines Volkes, oft voraus warnend, oft zu
spt. - So mgen wir auch wohl erwgen, was sich zwischen Anton und Frau Anna in
dieser Nacht ereignete. Er war erschpft an einem Rebenhgel liegen geblieben,
dort hatte ihn die Zigeunerin gefunden und mit einem brennenden Getrnke, das
damals nur den Kranken gegeben wurde und das aus der Grung der Kirschen in
knstlicher Destillation erhalten wird, wieder zu seinem Verstande gebracht, er
kannte sie wieder, sie gab ihm Speise und brachte ihm einen Gru von seinem
Vater Rappolt, der da noch lebe und ihn zu sich rufen lasse, ihm im schweren
Dienste seine jugendlich wachenden Augen zu leihen, weil er allmhlich erblinde.
Diese Nachricht beruhigte Anton, er sah wieder ein Ziel, wonach er streben
konnte, einen Schatz, durch den er den Waiblingern die Verwstung ihrer Kirche
vergten knne, eine Rache gegen seine Frau, wenn er ihr seinen berflu und
sein Erspartes zusenden konnte.
    Die Zigeunerin versprach, seiner im Walde zu warten, um ihn zum Vater zu
fhren, er eilte die Seinen von dem Feste abzuholen. Es dunkelte, als er wieder
in die Nhe des Pachthofes kam, und wie er ber die reiche Gegend sah, die
abgeerntet wieder neu belebenden Stoff den himmlischen Strahlen ausgelegt hatte,
da regte sein Herz wieder die Nhe des zrtlichen Gespenstes, es war ihm diesmal
nicht unwillkommen, doch schien es scheuer vor ihm hinter jedem Busche sich zu
verstecken, er lockte es sanft wie ein Schfer das Lamm, das einem Abgrunde nahe
steht, er gab ihm schmeichelnde Worte, pflckte weiches Laub von den Weinreben
und mochte den Vorbergehenden wohl tricht vorkommen wenn nicht der Weg an
diesem Festtage den Verirrten nur gehrt htte. Zrtlich bewegte sich das
geliebte Bild vor ihm, umsonst mahnte er es, sich ihm zu verbinden, er sei ein
Neugeborner aller Fesseln frei, seit er die Stunde verflucht, die ihn wieder mit
seiner Frau verbinde, aber die liebliche Gestalt, bald seiner Frau, bald
Susannen hnlicher, schien den Spa wie ein trichtes Kind allzuweit zu treiben,
er zrnte in seinem erhitzten Gemte, zog sein Messer und rief: Teufelin, ein
Wort, du bist mein oder bist des Todes, du teilst mein Lager oder wir sind auf
ewig geschieden wie zwei Felsen durch einen Wasserstrom!
    Da regte sich die Gestalt, da schien sie zu verschwinden, trat aber dann den
Weg hinauf ganz in der Gestalt seiner Frau, nur war sie, wie der Sternenschein
aussagte, in ihrem Angesichte frischer, sie trat auf ihn zu, umfate ihn und
konnte nicht reden. Wenn aber der Wolf seinen Fang sucht, da ist er still, da
seine Stimme nicht erschrecke, so still zwang Anton die Gestalt seinem Willen
und sie schien dem Zwange mit zgerndem Wunsche zu begegnen, sie entschliefen
beide in Lust und der Wind, der auf Blumenrdern, und der Sturm, der auf
Eisnadeln ber sie hin fuhr, konnten sie nicht erwecken. Als aber die Sonne
aufging, da trumte Anton, er falle in eine Hhle, die bis in den Kern der Erde
gehe, er wollte sich helfen und erwachte, der Zaubertrank der Zigeuner war
verraucht, er sah die Frau an seiner Seite, um die er sich und die Stunde
verflucht hatte, in der er sie wieder berhre, und die Stunde hatte schon lange
ausgeschlagen und der Fluch brannte in seinem Haupte wie brennender Zunder, der
einem Pferde in das Ohr gesteckt ist, da es durchgehe; es schauderte ihm, da
das Messer in seiner Schale zitterte, das am Grtel hing, er zog es und rief:
Du oder ich!
    Das Messer war in Frau Annas Brust, sie war es gewesen, sie selbst, sie war
vom Weine in Gedanken verwirrt, von dem Zuge der Frauen abgekommen; unbekannt
mit der Gegend war sie ihrem Mrder in die Arme gelaufen, den sie mit ihrer
Gunst stillschweigend zu vershnen trachtete, denn sie kannte ihn sonst zwar
heftig, aber ohne Falsch und was er sonst kte, das war ihm heilig dadurch auf
immer und ewig.
    Jetzt zogen die grauen Wolken ber ihr und sie wute nichts davon, die
Zugvgel flchteten vor dem neuen Wetter, sie aber war schon weiter gezogen, der
drre Jger stand aber hinter dem erstarrten Anton und fragte ihn: Bruder, ein
Wildbret, du fllst mir in meine Jagdgerechtigkeit, soll ich dich auf einen
Hirsch schmieden und durch den Wald jagen, was hast du geschossen, was so
schweit, deck deinen Mantel auf, wir wollen teilen!
    Nimm uns beide, rief endlich Anton und schlang die goldne Halskette, die
er zum Geschenke erhalten hatte, um seine beiden Hnde, da er festgebunden war,
diese gib der Erde, mich aber bergib dem Richter, der an Gottes Stelle auf
Erden richtet, mich bringe als Mrder nach Waiblingen, so will ich dich zum
Erben setzen von allem, was noch auf Erden mein ist.
    Nicht also, guter Bruder, sprach der drre Jger, haben wir gewettet; ich
habe auch mein Weib umgebracht, wir kennen uns nun besser einander und keiner
hat dem andern was vorzuwerfen, sei kein Tor, dich den Gesetzsprechern
auszuliefern, die doch keinen Armen vor Mord und Totschlag in dieser Zeit
schtzen knnen und viel tausend Landsleute um eine Frage, die keiner versteht,
niederhauen lassen, ich meine, du bist eines vornehmen Herren Kind, ich habe
auch vom Grafen Rappolt gehrt, zieh ab, hier ist kein Boden fr uns beide, was
hlt dich noch hier?
    Mein Kind! seufzte Anton, und diese Leiche.
    Fort mit ihr in den Strom, der sich hier durchqult, er mag sie tragen,
wohin er will!
    So tat der Jger, eh' er's sprach, und als Anton sich ihm nach werfen
wollte, trug er nur noch den Brief auf seiner Flche, der aus Frau Annens Busen
gefallen war, und legte ihn dem Erstarrten zu Fen. Der Anblick hielt ihn
zurck, er trat in das Bewutsein eines greren Geschickes, dem nicht zu
entfliehen sei, seine Augen weilten auf der ewig wandelnden, ewig gleichen
Flche des Stroms, der jetzt Katharinens verweintes Angesicht ihm abspiegelte,
wie sie den kleinen Wilhelm auf dem Arme, den kleinen Anton an der Hand mit
Gldenkamm und Susanna ber die Wiese aus dem Pachthofe fortzogen, whrend die
Pforzheimer, die sich alle Pferde der Sicherheit wegen zugeeignet hatten, ber
das Feld fortjagten, da sie der Grenze entkmen. Nimmer war eine Sehnsucht nach
dem Tode in Antons Seele erwacht, jetzt aber war seine Seele in den Worten: Mir
wre besser, da ich tot, als da durch mich solches Unheil in die Welt
gekommen. - Katharina ihm gegenber seufzte in den Wind, der gleichgltig ber
alles hin das Tal mit dem Flusse hinabgleitete: Mir wre besser die Schande,
als eine Ehre, die mir den Geliebten entrissen!
    Beide standen so von einander getrennt und achteten nicht, was rings
geschah, da pfiff es aus allen Bschen, und wie in einem Wirbelwind auf einen
Kreis aller bewegliche Staub und gelbe Bltter zusammengedreht sich vereinet, so
standen sie pltzlich zu beiden Seiten von den gelben bestaubten Scharen der
Zigeuner umgeben, die Anton wieder erkannte, mit der Hand von sich fortwinkte,
die Hnde dann faltete und von sich fort zu beschwren schien. Die Zigeuner
versammelten sich aber, mit der Begleitung vieler Maultrommeln und Querpfeifen
singend, immer nher um Anton und Katharinen, da ihr Hauch im Aufschreien die
blonden Locken durchschauderte:

                                    Zigeuner

Betet nur kein Vaterunser,
Ihr seid unser,
Stehet auf der Wegesscheide,
Euer Weg, der fhrt zum Galgen
Und der unsre fhrt zum Balgen,
Ihr seid auch von unsern Leuten,
Uns hilft Streiten und Erbeuten.

Sehet euch nicht um und weinet,
Ihr versteinet,
Eure Stadt seht ihr nicht wieder
Euer Haus geht auf in Feuer,
Werdet frei von dem Gemuer,
Lat euch nirgend wieder nieder,
Maurer, Zimmerleut sind Feinde
Und die Welt ist die Gemeinde.

                              Die Zigeunerknigin

Einer seh nicht nach den andern,
Ihr mt wandern.
Wo kein andrer ist geboren,
berm Stroh geschorner Felder,
berm Besenreis der Wlder,
Wo der Knig steht verloren,
Von der Erd lst euch die Schuld,
Steigt durch Tat zu Himmelshuld.

                                    Zigeuner

Springt das Grn aus Frhlingstrieben,
Sollt ihr lieben,
Sind verguldet alle Saaten,
Mt ihr ernten ohne Sen,
Scharfe Schwerter knnen mhen,
Haun aus jedem Schwein die Braten;
Graben wir nach fetten Dachsen,
Knarren bald die Wagenachsen.

Betet nur kein Vaterunser,
Ihr seid unser,
Mt mit uns auf Felsen klimmen,
Ihr seid nirgend mehr willkommen,
Wollt ihr zu einander kommen,
Mt ihr wie die Fische schwimmen,
Wer noch durch die Luft gezogen,
Hat den Teufel drum betrogen.

                              Die Zigeunerknigin

Hunger lehrt euch prophezeien,
Lat euch weihen,
Sagt erst Kindern, was sie wollen,
Jungen Mdchen sprecht vom Knaben,
Heimlich kommen euch die Gaben,
Klebt ihr nicht an Erdenschollen,
Ahnen euch der Wittrung Taten; -
Helden kann ein Held erraten.

Propheten sprechen oft zu uns aus unserm eigenen Munde, an das Unbedeutende
heften sie den Blick mit Ahnungen und wir fhlen ein gemeinsames Leben mit aller
Welt. O ihr Ahnungen, wunderbare Seher der Zukunft, eure Sternzeichen leuchten
in der unerschpflichen Tiefe unsres Herzens, ihr seid das Licht, ihr seid das
Auge zugleich und darum seid ihr nicht zu erkennen und zu begreifen mit der
Vernunft. Mit wechselnder Schnelligkeit hebt berflieend der Eimer des neuen
Lebens, da sein herabfallender berflu im Brunnen uns erst hrbar wird, wenn
der geleerte Eimer schon in leerer Gegenwart schwankend niedersinkt. Das
Herrlichste erkennt sich erst, wenn es vorbei, und darum begre ich euch
dankbar und locke euch liebevoll, ihr viel verschmhten Ahnungen; aus euch atme
ich hoffend und leicht in die Welt, durch euch schlgt jede Ader mchtiger und
freut sich ihrer unendlichen Verflechtungen, die ein Vorbild sind, wie die
unendlichen Geschlechter der Erde aus einem Blute stammend auch an ein Blut
glauben sollen, das fr alle vergossen, alle zur Seligkeit fhren wird. Wie
sehen wir ahnend so anders in die Welt, und in dem Himmel sehen wir, wie ein
allumfassendes Blau die verbrennenden Gestirne ernhrt und herstellt, woraus
wird uns in Ahnungen so wohl? - O knnten wir doch auch rckwrts unsern Blick
in eurer Kraft wenden und die Welt verstehen lernen, die unsere Erinnerung
belastet, knntet ihr das Vergessene und Verborgene uns wiederbringen, erst dann
wre unsre Welt unendlich und dazu mchte ich euch zur Stunde meiner Geburt
hinwenden, das Gefhl zu wissen, mit dem der Mensch sein Auge zum erstenmal
ffnete, zu wissen, wie er dann in der Wiederkehr des Jahres, nachdem er den
groen Kreis das erste Mal durchwandert, den Jahrestag seiner Geburt feierte, ja
dann wte ich, wie die Erde fhlt mit ihren Saaten und Wldern in jeder
Jahreszeit, ob die Tiere ihr Leben rhmen, das auf einen Jahreslauf beschrnkt
ist, oder ob sie neidend den berlebenden Geschlechtern, sich vor der Luft
verkriechen, die sie erweckt hatte, und entschlummern. Dann wte ich, wie jedem
Geschlechte der Tiere zu Mute ist, wenn der Tod des Jahres, der Winter, alle
Bltter abstreift; - was die Vgel singen, wenn diese gleich ihnen durch die
Luft fliegen, was das Gewild schreit, wenn sie ihnen das Gras bedecken und die
Fische, wenn sie wie unzhlige kleine Nachen auf der Wasserflche umhergaukeln
bis sie versinken. Eine schwerere Decke berzieht aber bald mit gleichem Wei
die vielfarbige Erde, wie mgen die Ameisen erschrecken auf ihren weiten
Wanderungen, wie mgen die Bienen trauern, wenn sie ihren Vorrat, die goldene
Erinnerung unzhliger Blumenksse in der Not angreifen, was mgen die Fische
trumen, wenn eine harte, trbe Eiswlbung sie in hrterer Gefangenschaft hlt
als die Netze, denen sie so oft entschlpft sind, und sie von der Oberflche
bannt, an der sich das Wasser erneut, in der sie so oft frhlich des
Sonnenscheins rauschten, wie sie erschrecken, nun der Hirsch, den der Teich so
lange trnkte, verwundert ber ihr Haupt hintobt und mit hartem Hufe anklopft,
bis er die Eisdecke eingeschlagen und dann selbst erschreckt den Kopf
zurckzieht, wenn ihm die scheuen Bewohner des so spiegelnden Elements
ungeduldig entgegentreten, weil sie schon erstickt sind in der kalten Nacht und
verkehrt oben aufsteigend kaum noch die Flossen zu regen vermgen. Wie sich in
der Liebeszeit des Jahres die Tiere ber einander frhlich verwunderten ber
alles, was jedem besonders verliehen, wie die Krhen da sich Flckchen Wolle zu
ihrem Neste von der Flle des Schafs abrissen und der treue Hund, der es nicht
leiden wollte, ihnen kaum eine Feder ausreien konnte und den sichern Fang
erstaunt in die Luft emporsteigen sah und vergebens danach emporsprang, wie der
ergrimmte Hahn die Enten auf dem Wasser nicht weiter verfolgen konnte, die
seinen Hhnern das Futter weggefressen, so beneiden einander alle in der
Schreckenszeit, die Krhe sieht von ihrem drren Ast den dichten Pelz des
Schafes mit Neid und mchte sich darin kleiden, Enten und Hhner sehen mit Neid
die frhlichen Zugvgel fortziehen, alle Tiere macht der Winter ernst und
boshaft und der Mensch, der alle beherrschen sollte, verkriecht sich furchtsam
vor ihnen und liest in dem Fluge, in dem Geschrei der Tiere aberglubische
Zeichen einer hhern Gewalt.
    Du armer Mensch, wrst du doch wie jene Murmeltiere einem Winterschlafe
wenigstens unterworfen, wenn du nicht mit den Zugvgeln dich in die Gegenden
ewigen Frhlings flchten kannst oder wie die Wasserlilien nur zum Blhen an die
Oberflche kommst, o da du ihnen nicht gleichtun kannst und schlafend, oder
wandernd, oder versinkend dem Winter entkommen magst; keiner von uns mag so
schnell ziehen und versinken, um der Klte zu entkommen, die in einer Nacht
halbe Weltteile berfliegt, und wer schliefe so fest, da ihn der Frost und der
Sturm nicht weckten, so schlafen nur die Toten. Die Lebenden aber wie das Grn,
das noch aus dem Schnee wunderbar hervorblickt, strecken ihre Arme von ihrem
Lager in die Welt, der Sonne entgegen, aber sie wrmt nicht mehr, sie
erschrecken vor ihr wie vor einer alten Freundin, die in einem Augenblicke ihnen
fremd geworden ist. Aber die Trompeten schmettern in allen Straen, gedmpft von
den Schneelagen, doch hrbar, der Feind ist nahe, der Freund ist in der Not, Not
und Ehre rufen ihn, doch der die ganze Welt vergessen mchte, die Schsse fallen
immer nher, das Laufen der Flchtenden hallt immer schneller, er fhlt keinen
Frost mehr, ihm ist hei wie in Frhlingsluft, die Ahnung, hier msse er
kmpfen, durchlebt ihn, ob der Himmel hell oder dunkel, nur eine Ttigkeit in
ihm und um ihn her, nur ein Bestreben, denen, die ihn vom traurigen Tode des
Erfrierens erweckt haben, sich anzuschlieen, ihre Feinde sind seine Feinde und
wre es die ganze Welt.
    Mit solchem Herze voll Ahnungen des Mutes sprang Anton unter der Schneedecke
hervor, die ihn whrend des festen Schlafes am Waldabhange unsichtbar gemacht
hatte, das grne Gras sah gedrckt, doch hell an der Stelle hervor, wo er
gelegen hatte, und dampfte von seiner Lebensglut, die zu ihm bergegangen war,
er sah es noch, so trg und trb war seine Seele, trotz der dringenden Gefahr
der Seinen, die ihn anriefen, mit seinem Zigeunernamen: Huty, Huty, wenn nur
unser Huty bei uns wre.
    Auf der andern Seite sahen ihn die Juden und riefen ihm zu: Komm zu uns
Simson, du sollst unser Fhrer sein, zieh aus dein Schwert!
    Der drre Jger weckte ihn und rief: Komm zu uns, denn bei uns ist deine
Schwester, deine Kinder, Susanna und Gldenkamm!
    Diese Worte htten Anton entschieden, sein Schwert gegen die Zigeuner zu
wenden, da erschienen ihm die Seinen wie goldne Morgenflammen, wie sie am Berge
fortzogen und nach ihm riefen, weil sie ihn berall vermit hatten. Anton!
Anton! schallten ihm die teuren Stimmen, die nach ihm riefen, und er wandte
sich zu ihnen zurck, sie sahen ihn und sprangen noch bleich vom Schrecken auf
ihn zu. Steh Katharinen bei, rief Gldenkamm, sie ist mit ihren Jungfrauen im
strksten Kampf beim schmalen Wege am Sumpfe.
    Anton eilte mit einer allmhlichen Erwrmung seines Gemts nach jener Seite,
es war ihm, als htte er nach einem Vierteljahre Kerkernacht wieder die Sonne
erblickt; ihm war, als ob er noch zu etwas tauge, und eine Rhrung durchschnitt
ihm das Herz, als drnge ihm ein blankes Schwert hindurch und machte es der Last
seines Lebens frei; die Reue war ein Greuel in diesem Leibe gewesen, der sich
nicht beugen konnte, weil er zu stark war, der sich nicht vor der Welt bend im
Staube verkriechen konnte, weil er zu gro gewachsen. Es war ihm ein Bewutsein
geworden und er sah sich in der Tat, wie der volle Mond das erleuchtete Viertel
sieht und auch in klarer Nacht an seinem Rande gesehen werden kann, er handelte,
er wute, da er handelte, und so ri ihn nichts mehr unwissend fort. Zwischen
Klothilden, die mit ihren ergebnen Zigeunermdchen die Brcke besetzt hielt, und
zwischen den Juden, die sich zum Angriffe mit Jagdspieen anschickten, war noch
ein gegenseitiges Zuschrein und wildes Unterhandeln; die Juden meinten sie durch
berredung von ihrem Passe zu vertreiben und schickten sich nur ungern dazu an
sie anzugreifen, die ihnen mutig mit gutem Degen unter die Augen trat. Der drre
Jger trat endlich zwischen beide und suchte beide zu besnftigen, sein Anblick
aber mehrte so gewaltig die Wut der Jungfrauen, da sie mit dem Geschrei Tod
dem Verrter auf ihn eindrangen, eben als Anton ganz in ihre Nhe getreten. In
diesem Augenblicke schwrzte sich der ruhelose Nachthimmel und hoch in den
Lften erschallte durch die schwarze Luft ein kriegerischer Marsch in harter
Tonart, scherzend in Wildheit. Die Juden schrieen auf: Das wtende Heer, werft
euch nieder!
    Alle warten sich nieder wie schwarze Garben auf der weien verschimmelten
Flur, auch die Jungfrauen warfen sich nieder und schimmerten wie Blutstropfen in
dem weien unschuldigen Lammfelle der Erde, Anton aber beugte sich nicht,
sondern hob drohend ber sich sein Schwert. Und bald sahen die wtenden Scharen
auf ihn und zogen doch weiter wie Kriegsvlker, die vor der Bildsule eines
feindlichen Helden lobend vorberziehen und in sich denken, da die Lebenden
recht behalten. Welch ein Gewirre von Trachten, aber alle mit Blut bezeichnet,
leicht und flatternd in ihren Hemden liefen in frhlichem Gesange; die an Wunden
gestorben, ihre Rstung war ihnen abgenommen und ihr Fhnlein war aus
zerschossenen Hemden zusammengepflastert, darauf stand geschrieben, gegen
welches Volk sie gestritten, gegen welches sie um Rache schrieen; ein trockenes
Lazarett, das aus dunklen Kasematten auf eine grne Wiese ausgefhrt wird, wo
ihre Geliebten ihnen volle Becher alten Weines reichen, so da sie in Licht,
Wein und Liebe zugleich ersoffen sich alle gesunder fhlen, als da sie noch
gesund waren, so zog dieser mutwillige Haufen, jeder mit seiner Geliebten, mit
Blumen und bunten Bndern geschmckt, und wteten hinkend auf den verstmmelten
Gliedern. Zwischendurch drang die rhrende Tonart des Kriegsgesanges der
Gersteten, die mit den Waffen in der Hand vor dem Feinde gefallen; ihre groen
Fahnen aus allen Zeiten, hatten sie mit hinbergenommen, teils die eigenen,
teils feindliche, sie lieen Anton ihre Zeit erraten, sie forderten keine Rache;
denn ihnen war geschehen, wie sie gewollt; aber ein feierlicher Ernst, eine
Gewiheit ihrer selbst, erhielt sie in einer wohlwollenden Rhrung, sie wren
gern gndig gewesen aller Welt und wollten fr die Ihren am jngsten Tage reden.
    Diesem Heldenzuge des wtenden Heeres entgegen, zog der wilde Jger aus
Osten, ein herrlicher Mann auf hohem Rosse, vor ihm her ein Wolkenzug von
hnlichen weien Jagdhunden, die suchend liefen, in ewiger Dummheit bellten und
am Himmel kein Gewild erspren konnten, hier roch einer an die Spitze einer
Tanne, da die Nacht ein Hase in ihrem Schatten geschlafen hatte, gleich kamen
alle im Kreise, und rochen und bellten, bis der wilde Jger sie mit starker
Jagdpeitsche heulend in die Weite trieb. Die beiden Zge drangen gegen einander
und wie sie einander berhrten brannte ein Blitzstrahl nieder, da die Welt in
einem Feuerabgrund zu versinken schien, dann war es schwarz vor Antons Augen, er
fhlte um sich und fhlte nichts, er wute nicht, wohin er entrckt war, es war
still um ihn her, weder Jagd noch Krieg, aber ein tiefes Atmen, als sei er ein
Frherwachter unter vielen Langschlfern.
    Endlich berhrte seine Hand eines Menschen Mund und mit einem Schrei hrte
er wieder die Stimme seiner Schwester: Anton, du lebst, nun so la uns zu Gott
beten, der uns erschttert hat.
    Anton aber fragte: Katharina, wo sind wir, in welcher Tiefe ben wir unsre
Snden?
    KATHARINA: Wir allein stehen aufrecht, wie wir standen, um uns her liegen
Freunde und Feinde im Grase hingestreckt und wagen nicht aufzublicken. Aber
sprich Anton, was berhrst du so stillschweigend meine Augen?
    ANTON: Siehst denn du mit deinen Augen, warum deckst du mir die Augen zu.
    KATHARINA: Herrlich glnzen deine Augen, wie ich nimmer sie gesehen,
weithinleuchtend ber die erschreckte Flur und die Feinde, statt zu streiten,
beten demutvoll zu dir und bitten dich um Frieden. - Anton fhlte, er sei vom
Blitzstrahl geblendet, aber er schmte sich, es zu gestehen, so verlassen von
Gott und von der Welt hatte er sich nie gefhlt, als die Feinde ihm den Jger
gebunden berschickten, da er und die Zigeuner ihnen Frieden und Freundschaft
schenken mchten, nachdem der Blitzstrahl ihren alten Anfhrer Niklas erschlagen
habe, der unter ihnen Manasse geheien.
    Anton befahl, den Gefangenen wohl zu bewachen, und die Seinen, die sich
jetzt allmhlich um ihn versammelt hatten, hoben Geiseln aus, um ihre kleinere
Zahl gegen die bermacht dieser Hhlenbewohner zu sichern. Aber alle diese
Bewegungen, diese Vorsicht, alles schien noch durch die betubende Erscheinung
verwirrt, es war als ob ein Menschenfu durch ein paar Heere streitender Ameisen
geschritten, ihre Wut ist in der allgemeinen Zerstrung erloschen und die
ergrimmten Feinde suchen gegenseitig bei einander Zuflucht. Da die Herzogin der
Zigeuner nicht gegenwrtig war, so hatte das allgemeine Zutrauen Anton als
Fhrer emporgehoben, er aber starrte in eine ewige Nacht und wenn er es ihnen
auch zu verbergen trachtete, und jeden Augenblick das Licht der Welt erwartete,
so konnte er doch nur nach langsamer Ausfrage gebieten, was der Augenblick
erheischte. Aber der Friede war den Menschen aufgedrungen in dem
gemeinschaftlichen Schauder vor greren Ereignissen, die sich der Welt nahten
und die jeder vorerst in seinem Kreise sich zu deuten suchte.
    Den wilden Jger kennen wir wohl, sagte ein Bewohner der Hhlen, es ist
der Hackelnburg mit der Tut Ursel, sie ziehn vor allen groen Festlichkeiten aus
ihrem Gebirgswinkel heraus; - wie mgen sie aber heute sich entsetzt haben, als
ihnen das wtende Heer in den Weg getreten ist, denn das bedeutet groen Krieg,
und wo die alten erschlagenen Landsknechte herziehen, daher kommt es ber
Deutschland, das wilde Kriegswetter.
    Wie ist die Geschichte mit dem Hackelnburg? fragte Susanna, die Anton
wieder traurig auf den Boden hinstarrend erblickte, wie er oft getan, seit dem
Tode seiner Frau.
    Ein alter Jude antwortete: Wir haben viel von dieser Geschichte im Lande
gehrt, in unsern Bchern steht nichts davon. Er soll ein gewaltiger Jgersmann
gewesen sein, der Hackelnburg, die Tut Ursel aber eine Nonne, die in ihrer
hchsten Andchtigkeit die andern Nonnen mit ihrer schrecklichen grunzenden
Stimme gestrt hat, Hackelnburg hat ihre Stimme im Chore gefallen, weil sie der
eines wilden Ebers hnlich, er entfhrte sie, verlie sie aber im Walde wegen
eines Traumes, der ihn warnte, er werde durch einen groen Eber umkommen. Als er
sie verlassen, durchstreifte er wieder das Jagdrevier und traf auf einen groen
Eber, zwar entsetzte er sich erst vor ihm, doch fing er ihn ab und als er ihn so
vor sich liegen sah, da stie er verchtlich mit dem Fue gegen einen der groen
Hauer und sagte: Nun, du sollst es mir auch nicht getan haben.
    Das war sehr unvorsichtig von dem Manne, das htte er lassen sollen, er
stie sich den Hauer durch den Stiefel ins Fleisch und starb bald an einer
Entzndung dieser Wunde. Nicht wahr, das htte er lassen sollen? Die Leute
sagten gleich, es sei mit dem Eber nicht richtig gewesen, sie begruben ihn mit
dem Hackelnburger zusammen, bald zeigte es sich, da er mit seinen Hunden
umziehe, wenn Feste im Lande, und die Tut Ursel vor sich herjage. Ja was ist
dagegen zu sagen?
    Der drre Jger, der gebunden und grimmig am Boden lag, rief hier: Ja das
wei ich und habe es erfahren, wie eine menschliche Seele in ein wildes Tier
einfahren kann, und sich austauschen mit der Seele des Tieres, die in den
menschlichen Leib mit Vergngen bergeht, das ist des Teufels hchster Spa und
macht ihm seinen Tiergarten voll und lustig, ach ihr Leute mgt wohl ber mich
reden und mich vielleicht umbringen und wit nicht, wie sich alles mit mir
ereignet hat und wie ich so gern anders gewesen wre, als ich geworden bin. Den
der Blitz vor einer halben Stunde erschlagen hat, Niklas, der alte bse Niklas,
ich mu jetzt darber lachen, warum der mein Vater gewesen ist, aber er war es
wirklich, ich war als Euer Untertan geboren, Anton, ich mute auf sein Gehei
Euch zu Trunk und Spiel verfhren, als Ihr durch Eure Frau zu Wrde und Ansehen
kamet.
    Anton sagte finster: Also Feinde, immer mehr Feinde, immer weniger Freunde,
sprich, was konnte Euch mein frhlich Leben schaden? Meine Augen sahen nie ber
die Stadtmauern hinaus und so wre ohne Euch, ein Tag wie der andere mir in
stiller Arbeit unverloren vorber gegangen und in mir mit Segen eingekehrt und
versunken!
    Anton, sprach der Jger, ich schwre es Euch, nicht aus Gaukelei, wie ich
oftmals getan, da es mich schmerzte, als ich um Euch mein Netz geworfen, aber
ich konnte nicht anders, der grimmige Teufel hatte mich so lange angehetzt, da
ich um alles in der Welt ihm nicht htte ungehorsam sein mgen.
    Welcher Teufel, fragte Anton, und was wollte er mit mir gerade, ich habe
ihm doch nur eine gemeine Lastertat geliefert und tue ihm keine mehr zu
Gefallen.
    Wisset, sprach der Jger, da in Italien noch jetzt zwei Parteien sich
gegen einander in den Ringmauern derselben Stadt durch hohe Huser mit Trmen
befestigen, von denen die eine jetzt unterdrckte noch von Eurem Vorfahren, der
zu Waiblingen geboren, den Seinen den Namen der Waiblinger oder Ghibellinen
verliehen hat, es war Konrad III., der lange mit Wolf, dem Bruder des gechteten
Heinrich gestritten hat. Von diesem Wolf kommen die Welfen, die sich unserm
heiligen Papste unterwerfen, es geht aber eine alte Sage, da ein neuer
Waiblinger die Unsern unterdrcken werde, darum ward mein Vater Niklas nach
Deutschland gesendet vom Papste, um Euer Geschlecht zu unterdrcken, bald war es
ihm mit Eurem Vater gelungen, auch Euch glaubte er im vergessenen armen Leben
untergegangen, als Ihr pltzlich durch Eure Heirat erhoben ihn erst aufmerksam
machtet, wie er Euch durch seine Entfhrung gerade zum rechten Waiblinger
gestempelt hatte. Nun war Euch mit Gewalt nicht viel beizukommen, denn Ihr
standet wohl ein paar Mnner, und in Wahrheit, wenn der Teufel nicht mich und
meinen Bruder Seger so unablssig geplagt htte, wir waren Euch zu gut, Ihr seht
mich darauf an, es ist aber doch wahr.
    Nein bei Gott, rief Anton, wenn Ihr nicht ein Gesicht habt, wie eine
Sonnenfinsternis vor einem berauchten Glase, so kann ich Euch nicht sehen.
    Nun wie Ihr wollt, sprach der Jger weiter, seht Ihr die aufgehende Sonne
an und berseht mich, mir ist es lieb, ich aber mu Euch erzhlen, wie ich von
meinem Vater dem Teufel bin bergeben worden. Ganze Tage lie er mir von einem
Jger von der Ehre vorerzhlen ein wildes Tier zu schieen, einen Fuchs, einen
Wolf, einen Bren! Was nicht geniebar den Menschen, ihnen aber gefhrlich sei.

                                    Nachtrag


Der drre Jger erzhlt weiter, wie er und Seger und viele andre vom Teufel in
eine Menagerie gesteckt worden, und so lange gergert bis sie sich ihm ergaben.
Sie ziehen in eine Berggegend in den Alpen, die Zigeunerknigin erzhlt ihre
Geschichte, sie ist Kaiser Karls erste Liebschaft. Die Szene spielte in den
Niederlanden, wie sie nach dem Frauenhause gebracht worden, um dem Kaiser
verleidet zu werden - nhere Beschreibung desselben - rger als Gefngnis - ihr
Kind wird von ihr getrennt - Anton mahnt dies an Susanne - sie entflieht und
kommt durch Zigeuner mit der Kronenburg in Berhrung - ihre Beschreibung
derselben usw.
    Anton in dem gesichtslosen Elend kommt auf die Kronenburg, Rappolt will sich
nicht berzeugen, da er sein Sohn ist, er jagt ihn fort und verbannt ihn bei
Lebensstrafe aus seinem Gebiete, er irret umher, blind, fliehende Hirten
erzhlen ihm von dem Drachen, der das Land verwstet. Hart betroffen in seinen
gehemmten Schritten durch Mangel des Augenlichtes reit er pltzlich sein
Schicksal an sich: Komme meiner Verhngnisse Gewaltsamstes - da ich der Sonne
nicht mehr kann ins Auge schauen, liegt mir ob, was der Sehende nicht vermag,
dem Volk vor den Fen wegrumen, was es bedrngt. Er sucht den Drachen auf, um
das Land zu befreien und den Tod zu finden; er erlegt ihn aber und erhlt durch
sein Blut das Gesicht wieder. Als er dies vollbracht hat, fhren die Hirten ihn
gegen seinen Willen zu Rappolt, der ihn als Sohn begrt; aber indem er ihn
umhalst, von dem Gifte, das der Drache in den Mantel gebissen, erkrankt er, und
verlangt von Anton, da er den Turm der Kronenburg ersteige und die Wache bei
der Krone bernehme. Nun kann Anton ohne Wanken den schwindelnden Steig
hinaufwagen, die Verzweiflung, die zum Drachenkampf ihn gesthlt hatte, hebt ihn
jetzt ber die Gefahr gleichgltig hinaus. - So bricht die Seelengre, irdisch
gezeugt, aber selig gesprochen, in ihre Blte auf. Schutzgeister nahen und
hauchen begeistigend ihn an, er erreicht unbewut die Stufen, auf denen er sich
nimmer zu halten whnte. Dort sehen wir ihn seiner Befhigungen sich
bemchtigen, sich und dem Gttergleichen zulieb, das ihn treibt, uns aber wie
eine Hieroglyphe entgegensteht, das Unbegreifliche nmlich.
    Woher die Sehnsucht in kniglichen Geschlechtern, als ob der Sonne Tag eben
ihnen erlsche? Woher die Schwere des flgellahmen Geistes zum Strzen? Zu mde
gegen die Geschicke sich aufzuraffen, die fern donnernd heranrollen ber die
ahnenden Hupter der Todeshelden?
    Wenn wir sehen unsern Helden mit raschem Selbstgefhl durchsetzen, was der
Augenblick heischt, oder sich widerstemmen dem Untergang, oder auch aus
sinkender Nacht verborgne Keime hervorbrechen, gierig den Tautropfen aufsaugend
in die vollen Blten und schmerzlich aufseufzend, so oft zu hherer Befhigung
sie Nahrung gewinnen, dann fhlen wir, wie jede leise Regung des Geschickes,
jeder Reiz gleich zur Handlung sich wandeln mu, und das Widersinnige mit
schneller Kriegswendung todverkndend niederbeugen mu, um dem Genius, der auf
ein harmonisches Dasein deutet, zu gengen.
    Anton bernimmt jetzt die Wache bei der Krone und wnscht sich den
lieblichen Geist Voluptas zurck, dem er entsagt hatte; der kommt nicht, aber
der Teufel erscheint ihm, wie er sonst gewesen, wie herrlich, frhlich, krftig,
wie jedes Auge ihn angelacht; nachher lt er ihn im Brunnen sehen, wie er
verfallen und abgemagert keinen Reiz der Snde mehr bietet. - Nun versucht er
jenen Geist, wie er ihm damals erschienen war, zu malen, indem er die Gnge zur
Burg verziert, er bringt aber das Ideal des Muttergottesbildes hervor, das immer
um eine Kopflnge hher erscheint als der Beschauende. - Tage vergehen - er
sehnt sich nach ffentlichem Berhren mit der Gesinnung des Volkes - ein freies
Land, damit nicht etwa lngst anerkannte Begriffe, sondern das wirklich
Schwankende, noch Unsichere in allem Werdenden, ins Gegenwrtige zur Eingebung,
zum allgemeinen Kunstgefhl sich frdern. Dieses wird durch ein einziges
lebendiges Beispiel dem Menschensinne nher gerckt als durch unzhlige
Besprechungen, und somit werde ich mehr Dank verdienen, sagte sich Anton, wenn
ich diese Einsamkeit verlasse und mit meinem Willen das Wesentliche darlege, als
alle Untersuchungen, die sie zweifelnd berhren, um sich auszugleichen mit
Hrten und Gesetzen. berall mssen wir den ehren, der keine Untersuchung
seines Anreizes verschweigt, unbesorgt ob einzelne wohl gar zu dem sich
verfhren lassen, was er als falsch erkundet, er fhlt, da er nicht der
einzige, nicht der unfehlbare Ausleger hherer Erkenntnisse sei, die ihm Leben
und Lernen zugefhrt haben, er scheuet keinen Weg, welcher den Hochgebildeten
anstig oder kleinlich scheinen knnte, aus dem aber der Gesamtheit Begriff und
Lehre hervorwachsen mag; ihm selbst erleuchtet sich das Forum der Knste in
vollendender Begeisterung. Im feuernden Abendrot steigt er von der Hhe herab
und verlt die Burg:

Aus meiner Zelle treibt mich fort
Die leere Einsamkeit,
Es fllet sie kein heilig Wort,
Es nhrt den innern Streit.
Das innre Leben ward nicht mein,
Weil ich das ure mied,
Das Ewige will nicht zeitlich sein,
Das in der Zeit erblht.
Es gleicht mein bleiches Angesicht
Des Grabes Bild von Stein,
Es scheint gewesen, strahlt kein Licht
Ins Innere hinein.
Die Sanduhr gleicht der Todeshand,
Lauft ab des Lebens Geist,
Es hat sie keiner umgewandt
Und keiner naht mir dreist.
Der fromme Schauder war bald hin,
Der mich der Welt entri,
Ein endlos Meer ist kein Gewinn,
Wenn ich das Land vermi.
Ich flehte, da ein hhres Wort
Der Seele Flgel wr,
Es ri mich keins zum Himmel fort,
Ich blieb mir immer schwer.
Weh jedem, dem hier nichts geschieht,
Weil alles scheint gering,
Weh jedem, der hier gar nichts sieht,
Weil er das Licht verhing,
Der sich in die Beschauung senkt
Und nichts zu schauen hat
Und was er findet, immer denkt,
Da er des Denkens satt.
Es treibt mich wieder in die Welt,
Die ich mit Hohn verlie;
Ach wie sie mir so wohl gefllt,
Die ich einst von mir stie.
Als ob ich nimmer von ihr lie,
So bin ich drin zu Haus,
Gewinn, der Seligkeit verhie,
Spielt schon das Leben aus.
Es spiegelt sich die Ewigkeit
In engster Gegenwart,
Und rckwrts die Vergangenheit
Erscheint von hchster Art,
Wie ein verlornes Paradies
Seh ich's vor meinem Blick,
Was ich betrauert, war so s,
Was ich verflucht, mein Glck.
Ich suche nach dem reichen Schmuck,
Den ich ins Wasser warf,
Mein Finger sehnt sich nach dem Druck
Von der zerschlagnen Harf,
Mein Mund nach jener Lippen Hauch,
Den Seligkeit verschliet,
O sprche er doch wieder auch,
Nun Frhling mich begrt!
Es kehret wieder jeder Keim
Aus Winters Einsamkeit,
O kehrte sie auch wieder heim
Zu dieser Frhlingszeit:
Es meidet keiner Lebensnot,
Wohin er sich entzieh,
Und wer nicht sorgt fr tglich Brot,
Geniet das ew'ge nie.
Durchbrich das Gitter, das dich hlt
Von mir wie Todesband,
Zum Schweigen schuf nicht Gott die Welt,
In ihr dies Frhlingsland.
Er gab dir mehr als einen Mund,
Der die Gebete lallt,
Es ist ein Herz des Busens Grund,
Es spricht mit Allgewalt.
Des Herzens Stimme schallt zurck,
Aus jeder Nachtigall,
Die in dem Garten sucht ihr Glck
In weier Blten Fall,
O dieser Schnee, er ist so hei
Und dieser Duft so s,
Wer's Frevel nennt, ich sag es leis,
Dies ist das Paradies.

Anton, gespornt durch Erinnerung an die Vermiten, fhlt, da die Welt des
Herrschens nicht im Alleinsein bestehe, er sei nicht von der Einsamkeit ein
Waffenbruder. - Wenn ich meinem Urbeginn entspreche, lge ich dann; - Und
diesem Trotz zu lieb soll ich nach Gelsten untergehen im Zorn aus Schwere des
Leidest Er steigt herab von der Hhe, um seine allegorische Welt aufzusuchen -
er kommt zu Drer, dessen Kunst ihm gefllt, der aber selbst nichts auf das
achtet, was Anton zu finden hofft. Cranach in seinem aristokratischen
Diensteifer fr Frsten, geht nher auf seine Hoffnungen ein - Kunstgesprch
zwischen beiden - der Kunstberuf greife ein in die Umbildung der Welt, nur sie
begrnde den Frieden, in welchem zugleich alle Elemente des Krieges bedingt
sind. - Aller Kampf ist nur, um entsagen zu lernen - die Kunst lehrt es - du
kannst sie nicht an dich reien, aber du kannst ihrer teilhaftig werden. Du
kannst ihrer nie Meister werden und doch als Meister erkannt, wenn sie dich
beherrscht. - So das Volk, erkennt den als Herrscher, in dem es verklrt sich
gespiegelt findet. - Neidest du den Hheren, so trete ihn khner an, er wird
dich bezhmen und gefangen nehmen, und dies wird deine Ehre erhhen, nicht sie
beleidigen, du willst ja ihn erreichen, nicht ihn verderben, der die Welt trgt
und hebt durch sein Werden und Lernen. Ein neuer Tag, vom Geist der Kunst
durchdrungen - des Knstlers ewig schaffende Verklrung ist's, was den Frieden
begrndet mitten im werbenden Kampf hherer Entwicklung.
    Langer Bericht ber Luther und Melanchthon. Anton wird Protestant und wieder
ber den Protestanten hinaus. Mit der Zweifelhaftigkeit der Tat kommt ihm der
geistige Zweifel, aber doch eben dadurch vergeistigt.
    Predigten Luthers ber die Unruhen. Beschreibung und Stellen. Der Tod ist
verschlungen in den Sieg. Gott aber sei Dank, der den Sieg gegeben hat. Cor. I.
15, 55.
    Ihr seid teuer erkauft, werdet nicht der Menschen Knechte. Cor. 17, 23.
Und so jemand kmpfet, wird er doch nicht gekrnt, er kmpfe denn recht. Ep.
II. Timoth. Denn Gott hat nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft
und Liebe und Zucht. II.. I, 7.
    Darum lieben Brder, fleiiget euch des Weissagens und wehret nicht mit
Zungen zu reden. Cor. 14, 39.
    ber die verschiedenen Sinne, die neben Luther die Welt bewegten. Erstens
falsches Prophetentum, zweitens Gleichheitslehre, drittens Altertmer und
Gelehrsamkeit, viertens Dummheit, die Geheimnisse nicht mehr fassen zu knnen.
    Anton geht von da zu Frundsberg, der ist fr den Bauernaufstand gewonnen,
schickt Anton hin - er kann sich nicht halten, geht nach Waiblingen unter dem
Namen Fortunat. Die Frau verliebt sich heftig in ihn und will ihn nicht lassen;
er bleibt da, wo ihn der Zufall einquartiert hat, lt den Krieg gehen, wie er
will, sie haben ein Kind, er schickt es zur Kronenburg, die Bauern werden
geschlagen. Unterdes schreibt Johann aus Leiden, die Frau soll ins Knigreich
kommen; wie sie ihn nicht kann als Johann erkennen, da richtet er sie hin.
    Anton ist der, welcher das Knigreich endet. - Er geht mit Frundsberg auf
seinen letzten Zug nach Italien, Susanna begleitet ihn als Soldat; - rhmliche
Taten ihrer Tapferkeit, indem sie ihn aus Gefahren errettet bei der Eroberung
von Rom. Die Kronenwchter berichten ihm dahin, Na; jetzt seine Zeit gekommen,
der Sitz der Welfen sei zerstrt. Er eilt nach Deutschland, bringt den Degen
Franz' I. dem Luther, der grade Hochzeit hlt: Dies erffnet das andre Buch.
    Luther und Melanchthon reden mit Anton heftig gegen die Mnsterschen
Wiedertufer. - Jetzt kommt durch die Zigeuner die Nachricht, die Krone sei in
Mnster, Anton wird entflammt und zieht dahin, ihm werden die Begebenheiten
berichtet, auch wie seine Schwester Katharina umgekommen, die Johann enthauptet
hat - Susanna ist auch unter den Weibern, sie hat die Krone in Verwahrung -
Entdeckung ihrer Geburt und ihrer Wrde (Tochter Karls V.). Anton bestimmt sie,
den Weg zu Ende zu gehen bis er ihr folge. Die Kronenwchter erwarten tricht
aus dem Bauernaufruhr ihr Aufkommen, sie begnstigen ihn, knnen ihn aber nicht
lenken, die Zigeuner fhren Anton mit dem Satanas Seger den Bauern zu und
vertrauen ihm die Absicht der Kronenwchter, er wird ein leidenschaftlicher
Verfechter der Bauernfreiheit - Zweifelhaftigkeit der Edlen, als er unter
Metzlers Bande ist. Gtz, Ulrich von Schwaben, Graf Georg von Wertheim, sind
ber Luther ergrimmt; Georg Truchse von Velsburg steht gegen ihn, nimmt ihn
gefangen; als Anton ihm seine Geschichte erzhlt, lt er ihn von sich. Die
Bauern unter Feuerbacher haben Hohenstaufen verbrannt, Anton zerstrt
Hohenstaufen und die Kronenburg.
    Trennung von Deutschland - Schmalkaldischer Bund. - Hier entsteht der groe
Streit zwischen wahren und falschen Deutschen, sie trennen sich. - Die Auflsung
ist endlich, da die Krone Deutschlands nur durch geistige Bildung erst wieder
errungen werde. So lst sich die Frage: ein Teil des Menschengeschlechtes
arbeitet immer im Geiste bis seine Zeit gekommen.
    Der Kronenwchter harter Kampf - der taube Rappolt in ihrem Kreise auf der
Hhe.

Kronenritter, Kronenritter!
Schaut im Westen das Gewitter,
Jeder steh an seiner Stelle,
Da ich in des Blitzes Helle,
Eurer Augen Sterne sehe,
Wenn ich bei der Krone stehe.
Also ruft der taube Wchter,
Und es stehn die starken Fechter
An den Speeren mit dem Kinne,
Aug auf Aug mit wachem Sinne,
Jeder auf den andern lauert,
Also hat's die Nacht gedauert.
Strme flchten von dem Himmel
Vor des Feuers wild Getmmel,
Das durch alle Fugen sprtzet,
Wo's erst Morgens ausgeblitzet,
Als die Sonne schwer beladen
Schauet auf des Landes Schaden.
Wo die goldnen hren wogen,
Schwarze Strme niederzogen,
Schwarze Tannen aus der Hhe
Schwimmen in dem weiten See,
Und die Hirsche und die Rinder
Flchten zum Gebsch geschwinder.
Doch auf den Gebirgen stehen
Blanke Sbel, die sie mhen,
Schlagen, schlagen, schonen keinen,
Vor der Kronenburg erscheinen,
Auf dem Berg ihr Lager schlagen,
Ihren Gru den Rittern sagen.
bergebt des Volkes Krone
Und wir geben euch zum Lohne
Euer Leben, eure Lehen,
Sonst mt ihr zugleich vergehen
Mit dem Volke in der Flche,
Schont des roten Blutes Bche.
Aug in Auge sich befassen
Unsre Ritter und erblassen,
Und der taube Wchter findet,
Auf den Wangen was verkndet,
Schttelt dreimal mit dem Haupte,
Weil's die Ehre nicht erlaubte.
Alle Pforten doppelt schlieet
Und mit Steinen sie begret,
Die so ungebeten kommen;
Keiner ist noch aufgeklommen,
Der nicht strzte eilig nieder,
Auf und brecht der Feinde Glieder.
Fester stehet nicht der Himmel,
Als die Ritter im Getmmel,
Und der Feinde freche Haufen
In dem wilden See ersaufen,
Andre meinten in dem Streite,
Auszuhungern unsre Leute.
Kronenritter, Kronenritter,
Ach das Hungern ist so bitter
Und der Durst, der ist ein Feuer,
Und der Schlaf ist uns so teuer
Als die Krone, wir versinken,
Gibt's fr uns nicht Schlaf noch Trinken.
Ritter, euch seh ich mit Schmerzen
Stehen wie erloschene Kerzen. -
Und er greift das Schwert mit Grimme,
Ruft mit ganz gedmpfter Stimme:
Ich zerhau dich Gnadenkrone,
Da du nicht dem Feind zum Hohne.
Wieder zu dem alten Bette
Zog den Strom der Erde Kette,
Unsers Volkes flchtige Scharen
Eilen ihren Schatz zu wahren,
Und die Feinde werden flchtig,
Als sie unser Volk ansichtig,
Jubelnd ziehen sie zum Schlosse,
Doch da rufet kein Genosse
Und weil keiner sie will fhren,
Brechen sie vom Schlo die Tren
Und sie sehen die Ritter alle
Finster blickend auf dem Walle.
Fest gelehnet an den Speeren
Stehen sie mit hohen Ehren,
Als entseelte treue Wchter
Schauen sich noch an die Fechter,
Schauen zu dem tauben Alten,
Der die Krone will zerspalten.
Nein, ein Wunder anzuschauen,
Wo sein Schwert hat eingehauen,
Sind Rubinen ausgeflossen,
Um die Krone schn entsprossen,
Da sie fester im Gewinde
Ritter und auch Volk verbinde.

Nun nach den Tagen des Streites zwischen Menschen und der Elemente Verwstung
durch das Erdbeben, nachdem Anton alle seine Waffengesellen, Schwester und
geliebte Frau untergehen sehen, flchtet er zur Hhe, zum glsernen Turm, der
wie ein Gewlk erscheint, dort zeigt ihm Rappolt, wie er, da er, nach Rom
gezogen, nun zum zweitenmal versumte sich empor zu schwingen, und wie das Bse
mit sich fortreie, nur das Gute getan und bedacht sein will. Er erzhlt ihm,
wie die Krone, whrend des Kampfes vermit, die verloren und von Seger gestohlen
war, von Susannen whrend dem Erdbeben ist wieder gebracht worden, und ihre
getreuen Wchter fr sie sich dem Tode geweiht haben. Sie strzten hinab in den
See, nur der alte Rappolt blieb einsam auf der Hhe - er legt ihm die Zeichen
dar, wie sie nun alle erfllet sind.

Ja die Zeichen sind alle erfllet,
Als sich der Himmel so dunkel umhllet,
Sonne auf blutenden Gleisen entstieg.
Wie die huslichen Tiere sich bargen,
Ha! da schauderte allen vorm Argen
Ahnend der Unterwelt nahenden Sieg.
Glhender, stiller werden die Winde,
Vgel verfliegen vom Neste geschwinde,
Sulen des Wassers wirbeln im Meer,
Rollende Donner von unten und oben
Gegen die Flammen, die unter uns toben,
Stiebet der Himmel in Blitzen sich leer.
Grende Tiefe will neu sich erheben,
Unterweltschatten durchstoen im Beben
Lieblicher Auen blhenden Grund,
Jupiter schleudert vergebens die Blitze
Von des drhnenden Gtterbergs Spitze
Nach des Vulkanes erffnetem Schlund.
Weh! die Titanen sich wieder erkhnen,
Schon die feurigen Augen erschienen,
Schon der dampfende Atem sich hebt,
Schn wie ein Fruchtbaum im Herbste zu schauen,
Aber den Frchten ist nimmer zu trauen,
Denn sie zerschmettern bald alles, was lebt.
Sehet die Zhne im geifernden Munde
Reien dem Berge die berstende Wunde,
Lange verschlo er die glhende Wut,
Sehet, der Atem der Riesen entbrennet,
Zndend mit blulicher Flamme hin rennet,
Sticket der Menschen erdreistenden Mut.
Knnten sie druend die Glieder noch regen,
Tapfer die Brust entgegen ihm legen,
Fhlten sie rchend dies Leiden nicht ganz,
Aber die glhenden Arme, sie schwinden,
Mutige Augen im Feuer erblinden,
Jammernd verrinnet begeisternder Glanz.
Erde und Himmel zusammen sich brennen,
Chaos, das alte will keiner erkennen,
Wehe dem letzten, der alles das sieht.
Jeglicher glaubt sich geblendet der letzte,
Ehe die strmende Lava sich setzte,
Wie sie jetzt dampfend hernieder sich zieht!
Doch da stehet der Glutstrom gebannet,
Langsam sich jeder vom Schrecken ermannet,
Suchet und findet das eigene Haus,
Findet die Seinen und forschet entzcket,
Wie sie dem Feinde alle entrcket,
Alle erkennen ein Wunder im Graus.
Leiser ertnet der siegende Himmel
Ziehet zum Berge der Wolken Getmmel
Strme zum alten Bette zurck.
Khlende Blitze durchspielen die Ferne.
Einzeln entznden sich wieder die Sterne
Wie der Vershneten liebender Blick.
Luna, die ziehet im glnzenden Wagen
Schauet verwundert die Freuden und Klagen,
Leuchtet, beleuchtet das Wallen der Welt,
Da die Verirrten die Straen erkennen
Und die Verwirrten sich freudig anrennen.


                         Antons Vermhlung mit Susannen

Wie beide der Erde schon abgewendet, vor dem Lichte ihrer Gedanken die Sterne
erlschen. - Geistesverklrte haben keine Planeten. - Auf der glsernen Sule
ist ihr Ehebett, der Alte hat sie eingesegnet, eh er sich in die Luft hat
sprengen lassen. Anton findet beim Erwachen Susannen nicht mehr und glaubt sie
aufgekt zu haben, sie spricht in ihm, aus ihm. Preis der Liebe des Alters, der
reinen geistigen und ihrer ewigen Lust. In ihrem Lobe, im Vertrauen auf die
Krone stirbt er. Der Hunger ist ihm nicht schmerzlich - er hat kein Verlangen
nach Speise, selbst die Luft ist ihm zu schwer.

                              Das Rtsel der Krone


Sie hat die Eigenschaft zu verschwinden, wenn ein Bser sie tragen will; sie
besteht aus zwei in einander steckenden Kreisen und Gewlben, beim Bauernaufruhr
will Seger sie fhren, da ist sie verschwunden.
    Das Rtsel der Krone soll sich lsen, wenn die in einander gewundenen
Kreisgewlbe, den letzten Stamm darstellend, als zwei, die in eins zusammen
gehen, und aus diesem einen wieder dreie von verschiedenen Namen hervorgehen.
Dies trifft ein: Anton und Seger, verwechselte Zwillinge, gehen in eins
zusammen, und aus dem einen stammen drei von verschiedenen Namen: Antons erster
Sohn Anton; der Sohn seiner Schwester Katharina, Wilhelm, den er seiner Frau zum
Ersatz fr den Sohn des Berthold bergab, dann sein jngster Sohn, den er unter
dem Namen Fortunat mit Frau Anna gehabt.
    Nach Antons Tod steigt der lteste mit seinen Brdern hinauf und findet die
Krone neben dem Leichnam des Vaters, er teilt sie zwischen beiden, indem er die
gewlbten Kreise auseinander hebt, den einen Bruder sendet er nach Norden, den
andern nach Sden er selbst setzt sich den eisernen Reifen auf, worauf die Krone
gestanden, es ist die Mauerkrone, er ist Burgherr.

Gldenkamms, oder wie er in letzter Bearbeitung des ersten Bandes umgetauft
wurde: Grnewalds Geschichte.

Er hat sein Leben verwettet in einem Gedichte und dann hat er nicht den Mut,
sich ins Wasser zu strzen, nun schmt er sich seines Lebens; er hat die Furcht
in sich entdeckt und ist nun in allem gehemmt. Will in ein Kloster flchten,
kommt vom Glockengelute fortgezogen zum Trauerzug des letzten Stammherrn von
Hohenstock, gedenket der Zeiten und Abenteuer, die er mit Susannen bestanden,
und an die hingerichtete Katharina. Seine Erschtterung, da man die Srge in die
Gewlbe nieder gelassen:

Tiefster unendlicher Schlaf, bei dir nur findet das Senkblei
Ruhe inmitten der Sorgen, tief in die Erde versenkt.
Selber der Trume strahlendes Licht verschwindet da unten,
Und die durchsichtige Flut, scheinet da ber mir schwarz.
Ach und so schwer mein Herz - Senkblei kann ich's wohl nennen,
Hoffnung zum Himmel entstieg, blieb nur Erinnerung drin.
Hier verlorne Liebe - dort die verlorne Geliebte! -
Ja der gedoppelte Schlag wecket unendliche Ruh!
Hier verlschen die Kerzen am Sarge ertrumeter Liebe,
Dort am gemordeten Leben gehen sie glhender auf.
Bin ich denn noch nicht gestillt? - erziehn mich nicht schmerzliche Tage!
Jagen Geschtze nicht lange, ernst den flchtigen Puls? -
Sah ich Zerschmetterte doch mit Gleichmut in zckenden Haufen,
Warum erschrecket mich denn, was mir so fern und vorbei? -
Denn ich suche dein Grab, Susanne, - es liegt mir so ferne.
Was dem Herzen so nah, lieget doch immer so fern.
Lwen, die mchte ich senden die heilige Sttte zu hten,
Seit du bei Menschen nicht mehr, scheinen mir Menschen zu schlecht,
Gte und Schnheit such ich fortan bei Tieren des Waldes,
Eigen waren sie dir, sie bewhrt ewig dein menschlich Geschick,
Bricht der Morgen heran, dann trinken die Trnen
Vglein mir von der Wimper und sie singen davon
Traurig ein trauriges Lied.
Zwiefach seh ich dich dort, auf schwebender Grabsttte weilen
ber der Berge grnenden Flur wie ein Wlklein am Fels:
Nemesis einmal, sternenumtanzt im Glanze der Jugend
Scheidend vom Unrecht das Recht, im eignen Busen versenket den Blick.
Kriegrische Muse dann - ewig grnender Lorbeer
Umschlinget das Haupt dir von Geisterflammen beleuchtet.
Schrecklich sind Menschen, denn sie neiden ums Licht
Geistige Flammen am Grab. Ach was leuchten die Gassen,
Whrend kein ewiges Licht brennet auf Grbern mehr. -
Ha was finde ich hier auf diesen Klippen zerstreut,
Die ich in tosender Nacht, meiner vergessen erstieg,
Hier das Purpurgewand, noch warm vom Dufte des Lebens -
Hier die Sohlen gelst - hier der Eindruck im Fels
Von beiden Fen so deutlich, zeigt, - ein gewaltiger Sprung
Hat sie beflgelt zur Hh. - Ach du schwebest wohl noch -
Es schwebten dem Wagen der Sonne, manche Gestalten zuvor,
Sie erblicke ich nicht! - Ach zu spt - schon kommen
Die Schmetterlinge ermdet, abgeschwirret zurck,
Die dich fhrten hinauf - setzen sich mir um das Haupt
Wie leiser Klage Liederkrnze,
Wohl wei ich, warum die sonnenvertrocknete Quelle
Mhsam das Wasser bewahrt unter den Steinen am Busch,
Wei warum sich das Grn des Erlengebsches erfrischet,
Wo ich lange nicht mehr hoffend auf Liebe geweilt,
Nchtern trinke ich jetzt aus dieser heiligen Quelle
Opfernd den Toten zuerst aus der gekrmmeten Hand.

Grnewalds gelehrte Unterhaltung mit dem gelehrten Bruder in der Bcherei des
Klosters: Dieser zeigt ihm das erste Schauspiel in Deutschland, deren Urheber
Reuchlin war, von dem edlen Johann von Dalberg - Bischof von Worms, mit groem
Frohlocken, da ein Deutscher etwas solches geschrieben, hochgehalten. Heut zu
Tage, wenn Homer und Demosthenes oder Euripides selbst kme, wrde man ihn
schier nicht achten. Es fngt den Leuten schier an zu ekeln vor guten Knsten
und Wissenschaften. Man geht darin wie eine Kuh in der Streue. Gelehrte Leute
werden jetzo um ihrer Menge willen verachtet und ist zu befrchten, es mchte
die Gelehrsamkeit, wenn sie aufs Hchste gestiegen, wieder auf eine Barbarei
herauskommen. Und gewi erst vor kurzer Zeit affektierte man eine neue
Schreibart aus altem und dunkeln Geprge und aus unlautern und trben Pftzen,
und hatte einen Ekel an Ciceronis heller und lauterer Reinigkeit. - Die
Religionsstreitigkeiten mehren sich und berwuchern den ganzen Boden der
Gelehrsamkeit. Grnewald auf Zureden des gelehrten Bruders bleibt im Kloster. -
Macht Sonette auf Antons Bilder.

                             Waiblingen an der Rems


Bei Waiblingen im Dorfe Brieen war ein altes Schlo, Konradin hatte es seiner
Gemahlin errichtet.
    Im Jahre 1429 haben die beiden Brder Graf Ludwig und Ulrich, an einen
Brger zu Waiblingen namens Berchthold Mssiggnger das dortige Haus verkauft,
in welchem vor Zeiten die Frsten von Waiblingen gewohnt und aus welchem
Friedrich Barbarossa entsprossen war. Dieses Haus stand nah am Markt und hatte
einen Garten und eine Scheuer hinter sich - sonst stehen die Huser fest
aneinander gebaut. In diesem Hause sollen die drei heiligen Leiber der Weisen
aus dem Morgenland, welche das Christkind beschenkt haben, ber Nacht geblieben
sein, als sie vom Morgenland durch Kln vom Kaiser Barbarossa geschickt wurden.
    Die Marienkapelle, wo die Gattin Armins begraben, sie vermachte einen glden
Becher dahin. - Koschhorn, Lidhorn, Geiersberg, Wolfhardt, sind noch alte
Familien daselbst. Die Sattlerische Familie und die Hrpische hatten eigne
Kapellen.
    Johann von Ulm fing 1488 den Turmbau in Waiblingen aus Quadratsteinen an.
    1529 wurden die Bilder erst in Basel und St. Gallen weggeschafft. 1530 die
Wiedertufer.

                                 Herzog Ulrich


Herzog Ulrich, sechzehnjhrig, kommt 1503 zur Regierung ein dicker dickkpfiger
Bengel, bauchig, lernte nichts als Latein, heiratet 1510, nachdem er einer
brandenburgischen Prinze, die sich zwei Meilen von Stuttgart bei der Witwe
Eberhards des II. aufhielt, durch Trompeter den Hof gemacht hatte; er liebte
Hans von Huttens Weib, des Erbmarschalls Tochter, es war eine vertraute
Freundschaft zwischen Sabine und Huttens Frau, was den Herzog in Eifersucht
setzte. Kanzler Lamparter. Erbmarschallstum. 1512 machte er das Nest kleiner bei
Schorndorf. Der eine der Edlen war von seinen Gtern zu Nirgends, der andre
hatte sie beim Hungerberg.
    Beutelsbach, Probe der Gewichte im Wasser, die Bauern hatten kein Zutrauen
zur Lastung. Durch kaiserlich pflzische und bayrische Gesandte der Tbinger
Vertrag.
    Jagen in Schnbuch 1515, 8. Mrz. Ulrich schrie Hans von Hutten an, sich
seines Leibes und Lebens zu wehren, stt ihn nieder, lste ihm den Grtel und
knpfte ihn an die nchste Eiche. Glaubte er sich vielleicht als Freigraf des
heimlichen Gerichts dazu berechtigt, - Seine Gemahlin flchtet nach Bayern, 2.
Okt. Der Kaiser nimmt sich seiner Schwestertochter an, erklrt die Acht,
Mathesius Lang vermittelt alles in Blaubeuern. Der Trompeter, der dem Herzog die
Nachricht brachte, widerruft. - Er versprach, die nchsten sechs Jahre eine
Verwaltung von Landhofmeister, Kanzler und Rten anzunehemn. Bei der Rckkehr
fiel ein Schu aus dem Schlosse Helfenstein, er verheerte das Land. Die Grfin
fiel ihm zu Fen.
    Alle, die den Blaubeurer Vertrag zur Anordnung eines Regimentsrats bentzen
wollten, wurden gefoltert, ein Teil an Kohlen gebraten.
    1519 kam die Nachricht, die Reutlinger htten den Vogt zu Achalm erschlagen,
er eroberte die Stadt. 1520 wurde er vom Schwbischen Bunde verjagt unter
Wilhelm von Bayern. Er kam wieder mit Schweizern, konnte sich aber nicht halten.
1520, 6. Februar, wurde das Land Karl V. berlassen. 222 000 Gulden den Bauern
bezahlt. Vierzehn Jahre blieb es unter sterreichischer Herrschaft, er litt
alles, Briefe durften nicht nach Paris, verpfndete Mompelgart, Hohentwiel
machte Kosten. Selbst Landgraf Philipp von Hessen bot ihm an, fremde Hfe zu
besuchen.
    Die sterreichische Hofhaltung war kurz, alles ward zum Schuldenzahlen
bestimmt.
    1533 trennte sich der Schwbische Bund, Landgraf Philipp gewinnt sein Land
durch die Schlacht bei Lauffen am Neckar 1534, 13. Novbr. 1547 mute Ulrichs
Pferd die Knie vor dem Kaiser beugen, er war hart und karg gegen seinen Sohn
Christoph.
    Ulrich ward wieder eingesetzt 1534.
    1535 wurde die Reformation in Wrttemberg nach Vorschrift der Augsburger
Konfession von Ulrich eingefhrt. Erhardt Schnepf von Wimpfen und Ambrosius
Blaurer von Konstanz waren die Fhrer. Leonhard Verich von Schnapf ordiniert;
als er seine erste Predigt hielt in Waiblingen und das Lied anstimmen lie: Es
ist das Heil uns kommen, so sprangen die ppstlichen Priester und Kaplne im
Aufruhr empor.
    Die Waiblinger waren gute Komdianten. In Waiblingen hat ein Mnch das
Osterlied: Christ ist erstanden dem anzustimmen befohlen, der Herr im Hause
sei, darauf haben alle geschwiegen, dann hat er unter den Frauen die aufgerufen,
welche Herr im Hause - da haben alle angefangen.
    1487 war das letzte Turnier in Waiblingen.
    Waiblingen fhrt drei Hirschhrner im Wappen.
    Von Klodwig stammen die Staufen, die Waiblinger stammen daher. Das
Kriegsgeschrei war bei der Armee: Dirs belf, hin Wlf. Bei der Armee Konrads,
des Knigs Sohn, schrieen spttisch die Waiblinger: Wo er den Winter erst
gefangen, um ihm zu zeigen, da er auf dem bloen Bauch fr Landsleute gekmpft
habe.

Frundsberg, der erste ritterliche Staatsmann in Deutschland, fest und stark in
seiner Meinung, spanische Heimlichkeit und italienische List durchschauend und
verachtend, innig berzeugt, da bei Herrschern wie Maximilian und Karl V.
nichts Groes fr Deutschland gedeihen knne, mit Luther allein zufrieden, das
Heil Deutschlands von seiner allgemeinen Reformation erwartend. Darum wollte er
den Papst strzen, da lie ihm der Papst die Krone anbieten, wenn er den goldnen
Strick um Luthers Hals gelegt habe. Anna von Wrttemberg liebte ihn und sucht
seinen Aufenthalt auf alle Weise zu erheitern.

                               Vorstze zum Anton


Unmittelbarkeit in allem, Ausfhrlichkeit. Meiden aller grellen Effekte. Das
Ende soll bestimmt sein, ehe die neue Bearbeitung angefangen wird, eine Zeit,
welche durch ihr Bestreben zum Allgemeinen alle besondern Ansprche aufhebt.
Anton zerstrt Hohenstaufen und die Kronenburg.
    Die Kinder des Fuchs haben sich berzeugt, der Stamm lasse sich nicht durch
Gift und Mord unterdrcken, so wollen sie ihn durch Verfhrung verderben. Um
sich nicht gegen Gott zu empren, mu der Mensch einen innern geheimen Feind auf
Erden suchen. Diese Geheimnisse entwickeln die neue Zeit; als sie gebildet,
erlschen jene wie Mondschein am Tage.
    Trennung von Deutschland - Schmalkaldischer Bund, hier entsteht der groe
Streit zwischen wahren und falschen Deutschen, sie trennen sich. - Die Auflsung
ist endlich, da die Krone Deutschlands nur durch geistige Bildung erst wieder
errungen werde. So lst sich die Frage: Ein Teil des Menschengeschlechts
arbeitet immer im Geist, bis seine Zeit gekommen.

Zum Seestaate. - Von den Bibern.
    Die Namen der Schiffe, dabei die Geschichte aller deutschen Helden.
    Eberhard der Gelinde, der den Adel in Heinsheim fing, der machte, da sie
sich ergaben und allen verzieh.
    Georg von Ehingen, der Sieger ber die Zricher.
    Die Verbindung mit den Meergeusen wird angedeutet.

                      Politisches Interesse im Bauernkrieg


1. Die Grafen von Stock und die brigen Edelleute suchten auf diesem Wege ihre
Ansprche gegen die greren Frsten und den Kaiser geltend zu machen.
    2. Seger oder Baader, wie er in der Umarbeitung heien soll, hatte mit der
Dienerschaft der Kronenburg das Interesse eine vllige Gleichheit
hervorzubringen und Schweizerverfassung.
    Bauernkrieg - der Bundschuh bei Speyer 1503.
    1514 Der arme Konrad im Rheintal - hier kann die Veranlassung sein, da
Anton fortgefhrt worden, Cras. VI 181.
    1519 wurde Wrttemberg an Karl V. verkauft. Die Bauern sagten, da sie die
Knechtschaft abschtteln wollten, die seit Klodwig sie belastet.
    1526 werden im Wrttembergischen allerlei Zeichen wegen des Bauernkriegs
gegeben und den Bauern die Waffen genommen, auch die Leute von bestellten
Reitern untersucht.
    1536 wurden alle Bilder weggeschafft, gleichzeitiges Auftreten der Jesuiten.
    In der Zeit zwischen dem ersten und zweiten Bauernaufruhr hat sich alles
gendert, im ersten waren sie noch fremder Absicht untertan, beim zweiten
arbeiten sie schon fr sich.
    Zeitgenossen von Anton.
    Peter Vischer der ltere, im Jahre 1519 brachte er das Sebaldusgrab mit
seinem Sohn zu Stande; 1540 das Gitter. Sein Monogramm, zwei Fische. Sein Sohn
war ein Ungeschickter, eigentlich ein Handwerker, sein Ruf gering. Das Haus
jetzt Bierschenke zum goldnen Bren. Pfarrhaus zu St. Sebald mit dem Chorerker;
die bunten Fenster gemalt von Veit Hirschvogel.
    1513 Melchior Pfinzing, Verfasser des Theuerdank, kaiserlicher Rat, war
Probst zu Sebald, nachher zu Mainz.
    Der Taufstein in der Sebaldkirche ist sehr schn von einem unbekannten
Meister.
    Adam Kraft, Steinhauer: Die Begebenheiten Christi 1492 und das
Sakramentshuslein zu St. Lorenz, 1500 fertig.
    Veit Vo, ein Bildschnitzer, 1518.
    Nach den Statuten der Malergilde muten die Gesellen wandern. Hans Schorel
1495 bei Altmar geboren, 1512 studierte in Augsburg bei Cornelius, in Utrecht
bei Mabuse, ging nach Venedig, wo Daniel von Bomberg aus Antwerpen eine
Druckerei hatte, ging nach dem heiligen Grabe - Cypern, Kandia - kehrte ber
Rhodus zurck 1520 nach Venedig, mit Aussichten, aber arm. Rhodus wurde drei
Jahr spter von den Osmanen erobert. - Der Einzug Christi in Jerusalem von ihm
mit dem wirklichen Jerusalem im Hintergrund, war sehr ausgezeichnet.
    Hemling soll aus Konstanz sein, 1439 geboren, seine Gemlde von 1479, 80, 84
und 87; - kam als Krieger von Damaskus nach Brgge. 1529

                               Zum Leben Luthers


Am Tag, als Doktor Luthers Hand
Das Kirchenrecht im Feuer verbrannt
Vor Wittenberg am Elstertor,
Als es gar heftig auf Erden fror,
War Nachts sein Herz so wach und geqult,
Ob auch das Feuer nicht heimlich noch schwelt,
Das ihm dazu vor dem Elstertor
Entzndet hatte der Studentenchor,
Es kann der Wind wohl gar zur Stadt
Noch tragen des Feuers schreckliche Saat.
Er wirft den neuen Mantel sich um,
Die Sterne golden ihn anschaun so stumm,
Er tritt hinaus ganz einsam und sieht,
Wie mancher Funke in der Asche noch glht,
Das Tor steht offen, weil niemand wacht,
Denn jeder schwrmt in dieser Nacht
Und Kinder spielen und schreien daher,
Ihm wird das Herz im Busen so schwer:
Was seht ihr den Funken so eifrig nach, -
Die in den Papieren noch blieben wach? -
Ach, sagte zum Doktor da einer der Knaben,
Die grte Freude wir daran haben,
Wenn hier die Funken in der Asche laufen;
Fast sieht es aus wie der volle Haufen,
Der aus der Kirche geht, wenn's vorbei,
Sehn wir, wer der letzte in der Kirche sei.
Ihr lieben Kinder, sagt der Doktor gerhrt,
Seht oben die Funken, die der Himmel regiert,
Sie gehen wohl unter, sie gehen nicht aus,
Sie strahlen ewig im himmlischen Haus.
In jener Kirche ist kein Vergngnis,
In dieser herrschet ein wechselnd Verhngnis.
Der Knabe sieht ihn verwundert an
Und spricht in sich: Was will denn der Mann,
Wie sollen wir mit den Sternen spielen,
Wer sich denn finden unter die vielen,
Wer kann sie im Auge deutlich bewahren,
Bald kommen die Wolken, bald sind sie im Klaren,
Wir bleiben bei unseren Freuden auf Erden,
Sie werden auch einst wohl Sternlein noch werden.
Hast recht mein Sohn, spricht Doktor Luther,
Ein jegliches Alter braucht eignes Futter,
Mit leichter Milch ernhren sich Kinder,
Der Wein ist erwachsnen Mnnern gesnder,
Und fr die Kinder soll stehen bleiben,
Womit sie die goldne Zeit sich vertreiben,
Am Morgen glaubt ich ein Groes zu leisten,
Am Abend, da lern ich von Kindern am meisten,
O wie so viele Blinde sind groe Kinder
Und auch die Ernsten spielen nicht minder,
Wenn ihre Stunde geschlagen hat,
Da sie vom Ernste sind steif und matt;
Wir auch mssen lernen lieblich zu trumen,
Wer wrde die Hlfte des Lebens versumen.
Und seit dem Tage, da hemmt er den Zorn
Gegen uerlichkeit, auch wenn sie verworrn,
Nur falsche Lehre bedroht er mit Eifer.
Gegen die sndigen Ablaverkufer,
Die in den Tempel des Herrn gedrungen,
Da hat er die Geiel mchtig geschwungen,
Was bleiben konnte von ueren Zeichen,
Das brauchte nicht vor ihm auszuweichen,
So blieben die Bilder alle bestehen,
Die berall sonst im Feuer aufgehen,
Sie sind die Freuden auf niedrer Erde,
Die einst zu Sternen des Himmels noch werden,
Und ruhig duldet er allen Hohn,
Da er der ueren Pracht verschon,
Die Nachwelt gibt einst ihm dafr den Lohn
Und bei den Kindern hat er ihn schon.


                               Zum Leben Luthers

Wer vom flachen Lande her in Eisleben einreitet und die ansteigende Kirche und
den niedersteigenden Bergbau wahrnimmt, findet die Vorstellung seiner Kindheit:
da der Ort, wo so ein Mann wie Luther geboren und gestorben, auch dem Auge
schon ausgezeichnet sein msse, berraschend erfllt; neben der festen dauernden
Sitte, welche die kleineren Stdte von Sachsen vor dem brigen Deutschlande
schon im ueren durch ordentliche Erhaltung und Reinlichkeit kenntlich macht,
hat die Umgebung der Kirche noch etwas besonders Ernstes und Feierliches; lter
als Luther, scheint sie doch seinetwegen erbaut, da Gottes Wort lauter und klar
darin gepredigt werde; sein Haus ist nicht erneut, aber altertmlich genug, um
die neugierigen Reisenden in die ernstere Gesinnung einer frheren Zeit unseres
Vaterlandes zu versetzen.

                            Beschreibung und Stellen


Sein Famulus Wolfgang Sieberger, mit dem er viel Gelehrtheit trieb, den er um
Gotteswillen nhrte, scheint bei allem Guten doch ein Langschlfer gewesen zu
sein und sich mit seinem Finkenherde viel abgegeben zu haben. XIV. B. Seite
1358. Klageschrift der Vgel an Luther ber seinen Diener Wolfgang Sieberger.
Beschreibung seines Wappens.
Abteilungen der Briefe: I. Weltliche Angelegenheiten, die ihn nichts anders als
durch seinen guten Willen angingen, (hier war er zuweilen in aller Gutmtigkeit
Hofnarr). 2. uerliche Lebensverhltnisse. 3. Innere Beziehungen seines Lebens
ohne Verhltnisse zur allgemeinen Geschichte. 4. Charakteristische uerungen.
5. Verteidigungen gegen Vorwrfe.

                       [Anmerkung von Bettina von Arnim]


Dies Wenige wurde aus der umfangreichen Sammlung der Notizen gewhlt, zum
bessern Verstndnis der Kronenwchter, nach deren ursprnglichem Plan,
Geschichte, Sitten und Gebruche von ganz Deutschland in vier Bnden umfat
werden sollte.
