
                            Eichendorff, Joseph von

                              Ahnung und Gegenwart

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                             Joseph von Eichendorff

                              Ahnung und Gegenwart

                                  Erstes Buch

                                 Erstes Kapitel

Die Sonne war eben prchtig aufgegangen, da fuhr ein Schiff zwischen den grnen
Bergen und Wldern auf der Donau herunter. Auf dem Schiffe befand sich ein
lustiges Hufchen Studenten. Sie begleiteten einige Tagereisen weit den jungen
Grafen Friedrich, welcher soeben die Universitt verlassen hatte, um sich auf
Reisen zu begeben. Einige von ihnen hatten sich auf dem Verdecke auf ihre
ausgebreitete Mntel hingestreckt und wrfelten. Andere hatten alle Augenblick
neue Burgen zu salutieren, neue Echos zu versuchen, und waren daher ohne
Unterla beschftigt, ihre Gewehre zu laden und abzufeuern. Wieder andere bten
ihren Witz an allen, die das Unglck hatten am Ufer vorberzugehen, und diese
aus der Luft gegriffene Unterhaltung endigte dann gewhnlich mit lustigen
Schimpfreden, welche wechselseitig so lange fortgesetzt wurden, bis beide
Parteien einander lngst nicht mehr verstanden. Mitten unter ihnen stand Graf
Friedrich in stiller, beschaulicher Freude. Er war grer als die andern, und
zeichnete sich durch ein einfaches, freies, fast altritterliches Ansehen aus. Er
selbst sprach wenig, sondern ergtzte sich vielmehr still in sich an den
Ausgelassenheiten der lustigen Gesellen; ein gemeiner Menschensinn htte ihn
leicht fr einfltig gehalten. Von beiden Seiten sangen die Vgel aus dem Walde,
der Widerhall von dem Rufen und Schieen irrte weit in den Bergen umher, ein
frischer Wind strich ber das Wasser, und so fuhren die Studenten in ihren
bunten, phantastischen Trachten wie das Schiff der Argonauten. Und so fahre
denn, frische Jugend! Glaube es nicht, da es einmal anders wird auf Erden.
Unsere freudigen Gedanken werden niemals alt und die Jugend ist ewig.
    Wer von Regensburg her auf der Donau hinabgefahren ist, der kennt die
herrliche Stelle, welche der Wirbel genannt wird. Hohe Bergschluften umgeben den
wunderbaren Ort. In der Mitte des Stromes steht ein seltsam geformter Fels, von
dem ein hohes Kreuz trost- und friedenreich in den Sturz und Streit der emprten
Wogen hinabschaut. Kein Mensch ist hier zu sehen, kein Vogel singt, nur der Wald
von den Bergen und der furchtbare Kreis, der alles Leben in seinen
unergrndlichen Schlund hinabzieht, rauschen hier seit Jahrhunderten
gleichfrmig fort. Der Mund des Wirbels ffnet sich von Zeit zu Zeit
dunkelblickend, wie das Auge des Todes. Der Mensch fhlt sich auf einmal
verlassen in der Gewalt des feindseligen, unbekannten Elements, und das Kreuz
auf dem Felsen tritt hier in seiner heiligsten und grten Bedeutung hervor.
Alle wurden bei diesem Anblicke still und atmeten tief ber dem Wellenrauschen.
Hier bog pltzlich ein anderes fremdes Schiff, das sie lange in weiter
Entfernung verfolgt hatte, hinter ihnen um die Felsenecke. Eine hohe, junge,
weibliche Gestalt stand ganz vorn auf dem Verdecke und sah unverwandt in den
Wirbel hinab. Die Studenten waren von der pltzlichen Erscheinung in dieser
dunkelgrnen de berrascht und brachen einmtig in ein freudiges Hurra aus, da
es weit an den Bergen hinunterschallte. Da sah das Mdchen auf einmal auf, und
ihre Augen begegneten Friedrichs Blicken. Er fuhr innerlichst zusammen. Denn es
war, als deckten ihre Blicke pltzlich eine neue Welt von blhender
Wunderpracht, uralten Erinnerungen und nie gekannten Wnschen in seinem Herzen
auf. Er stand lange in ihrem Anblick versunken, und bemerkte kaum, wie indes der
Strom nun wieder ruhiger geworden war und zu beiden Seiten schne Schlsser,
Drfer und Wiesen vorberflogen, aus denen der Wind das Gelute weidender Herden
herberwehte.
    Sie fuhren soeben an einer kleinen Stadt vorber. Hart am Ufer war eine
Promenade mit Alleen. Herren und Damen gingen im Sonntagsputze spazieren,
fhrten einander, lachten, grten und verbeugten sich hin und wieder, und eine
lustige Musik schallte aus dem bunten, frhlichen Schwalle. Das Schiff, worauf
die schne Unbekannte stand, folgte unsern Reisenden immerfort in einiger
Entfernung nach. Der Strom war hier so breit und spiegelglatt wie ein See. Da
ergriff einer von den Studenten seine Gitarre, und sang der Schnen auf dem
andern Schiffe drben lustig zu:

Die Jger ziehn in grnen Wald
Und Reiter blitzend bers Feld,
Studenten durch die ganze Welt,
So weit der blaue Himmel wallt.

Der Frhling ist der Freudensaal,
Viel tausend Vglein spielen auf,
Da schallt's im Wald bergab, bergauf:
Gr dich, mein Schatz, vieltausendmal!

Sie bemerkten wohl, da die Schne allezeit zu ihnen herbersah, und alle Herzen
und Augen waren wie frische junge Segel nach ihr gerichtet. Das Schiff nherte
sich ihnen hier ganz dicht. Wahrhaftig, ein schnes Mdchen! riefen einige,
und der Student sang weiter:

Viel rst'ge Bursche ritterlich,
Die fahren hier in Stromes Mitt,
Wie wilde sie auch stellen sich,
Trau mir, mein Kind, und frcht dich nit!

Querber bers Wasser glatt
La werben deine ugelein,
Und der dir wohlgefallen hat,
Der soll dein lieber Buhle sein.

Hier nherten sich wieder die Schiffe einander. Die Schne sa vorn, wagte es
aber in dieser Nhe nicht, aufzublicken. Sie hatte das Gesicht auf die andere
Seite gewendet, und zeichnete mit ihrem Finger auf dem Boden. Der Wind wehte die
Tne zu ihr herber, und sie verstand wohl alles, als der Student wieder
weitersang:

Durch Nacht und Nebel schleich ich sacht,
Kein Lichtlein brennt, kalt weht der Wind,
Riegl' auf, riegl' auf bei stiller Nacht,
Weil wir so jung beisammen sind!

Ade nun, Kind, und nicht geweint!
Schon gehen Stimmen da und dort,
Hoch berm Wald Aurora scheint,
Und die Studenten reisen fort.

So war es endlich Abend geworden, und die Schiffer lenkten ans Ufer. Alles stieg
aus, und begab sich in ein Wirtshaus, das auf einer Anhhe an der Donau stand.
Diesen Ort hatten die Studenten zum Ziele ihrer Begleitung bestimmt. Hier
wollten sie morgen frh den Grafen verlassen und wieder zurckreisen. Sie nahmen
sogleich Beschlag von einem gerumigen Zimmer, dessen Fenster auf die Donau
hinausgingen. Friedrich folgte ihnen erst etwas spter von den Schiffen nach.
Als er die Stiege hinaufging, ffnete sich seitwrts eine Tre und die
unbekannte Schne, die auch hier eingekehrt war, trat eben aus dem erleuchteten
Zimmer. Beide schienen bereinander erschrocken. Friedrich grte sie, sie
schlug die Augen nieder und kehrte schnell wieder in das Zimmer zurck.
    Unterdes hatten sich die lustigen Gesellen in ihrer Stube schon
ausgebreitet. Da lagen Jacken, Hte, Federbsche, Tabakspfeifen und blanke
Schwerter in der buntesten Verwirrung umher, und die Aufwrterin trat mit
heimlicher Furcht unter die wilden Gste, die halbentkleidet auf Betten, Tischen
und Sthlen, wie Soldaten nach einer blutigen Schlacht, gelagert waren. Es wurde
bald Wein angeschafft, man setzte sich in die Runde, sang und trank des Grafen
Gesundheit. Friedrich war heute dabei sonderbar zumute. Er war seit mehreren
Jahren diese Lebensweise gewohnt, und das Herz war ihm jedesmal aufgegangen, wie
diese freie Jugend ihm so keck und mutig ins Gesicht sah. Nun, da er von dem
allem auf immer Abschied nehmen sollte, war ihm wie einem, der von einem
lustigen Maskenballe auf die Gasse hinaustritt, wo sich alles nchtern
fortbewegt wie vorher. Er schlich sich unbemerkt aus dem Zimmer und trat hinaus
auf den Balkon, der von dem Mittelgange des Hauses ber die Donau hinausging.
Der Gesang der Studenten, zuweilen von dem Geklirre der Hieber unterbrochen,
schallte aus den Fenstern, die einen langen Schein in das Tal hinauswarfen. Die
Nacht war sehr finster. Als er sich ber das Gelnder hinauslehnte, glaubte er
neben sich atmen zu hren. Er langte nach der Seite hin und ergriff eine kleine
zarte Hand. Er zog den weichen Arm nher an sich, da funkelten ihn zwei Augen
durch die Nacht an. Er erkannte an der hohen Gestalt sogleich das schne Mdchen
von dem andern Schiffe. Er stand so dicht vor ihr, da ihn ihr Atem berhrte.
Sie litt es gern, da er sie noch nher an sich zog, und ihre Lippen kamen
zusammen. Wie heien Sie? fragte Friedrich endlich. Rosa, sagte sie leise
und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Hnden. In diesem Augenblicke ging die
Stubentr auf, ein verworrener Schwall von Licht, Tabaksdampf und verschiedenen
tosenden Stimmen quoll heraus, und das Mdchen war verschwunden, ohne da
Friedrich sie halten konnte.
    Erst lange Zeit nachher ging er wieder in sein Zimmer zurck. Aber da war
indes alles still geworden. Das Licht war bis an den Leuchter ausgebrannt und
warf, manchmal noch aufflackernd, einen flchtigen Schein ber das Zimmer und
die Studenten, die zwischen Trmmern von Tabakspfeifen, wie Tote, umherlagen und
schliefen. Friedrich machte daher die Tr leise zu und begab sich wieder auf den
Balkon hinaus, wo er die Nacht zuzubringen beschlo. Entzckt in allen seinen
Sinnen, schaute er da in die stille Gegend hinaus. Fliegt nur, ihr Wolken,
rief er aus, rauscht nur und rhrt euch recht, ihr Wlder! Und wenn alles auf
Erden schlft, ich bin so wach, da ich tanzen mchte! Er warf sich auf die
steinerne Bank hin, wo das Mdchen gesessen hatte, lehnte die Stirn ans Gelnder
und sang still in sich verschiedene alte Lieder, und jedes gefiel ihm heut
besser und rhrte ihn neu. Das Rauschen des Stromes und die ziehenden Wolken
schifften in seine frhlichen Gedanken hinein; im Hause waren lngst alle
Lichter verlscht. Die Wellen pltscherten immerfort so einfrmig unten an den
Steinen, und so schlummerte er endlich trumend ein.

                                Zweites Kapitel


Als die ersten Strahlen der Sonne in die Fenster schienen, erhob sich ein
Student nach dem andern von seinem harten Lager, ri das Fenster auf und dehnte
sich in den frischen Morgen hinaus. Auch Friedrich befand sich wieder unter
ihnen; denn eine Nachtigall, welche die ganze Nacht unermdlich vor dem Hause
sang, hatte ihn drauen geweckt und die khle, der Morgenrte vorausfliegende
Luft in die wrmere Stube getrieben. Singen, Lachen und muntere Reden erfllten
nun bald wieder das Zimmer. Friedrich berdachte seine Begebenheit in der Nacht.
Es war ihm, als erwachte er aus einem Rausche, als wre die schne Rosa, ihr Ku
und alles nur Traum gewesen.
    Der Wirt trat mit der Rechnung herein. Wer ist das Frauenzimmer, fragte
Friedrich, die gestern abends mit uns angekommen ist? - Ich kenne sie nicht,
aber eine vornehme Dame mu sie sein, denn ein Wagen mit vier Pferden und
Bedienten hat sie noch lange vor Tagesanbruch von hier abgeholt. - Friedrich
blickte bei diesen Worten durchs offene Fenster auf den Strom und die Berge
drben, welche heute Nacht stille Zeugen seiner Glckseligkeit gewesen waren.
Jetzt sah da drauen alles anders aus und eine unbeschreibliche Bangigkeit flog
durch sein Herz.
    Die Pferde, welche die Studenten hierherbestellt hatten, um darauf wieder
zurckzureiten, harrten ihrer schon seit gestern unten. Auch Friedrich hatte
sich ein schnes, munteres Pferd gekauft, auf dem er nun ganz allein seine Reise
fortsetzen wollte. Die Reisebndel wurden daher nun schnell zusammengeschnrt,
die langen Sporen umgeschnallt und alles schwang sich auf die rstigen Klepper.
Die Studenten beschlossen, den Grafen noch eine kleine Strecke landeinwrts zu
geleiten, und so ritt denn der ganze bunte Trupp in den heitern Morgen hinein.
An einem Kreuzwege hielten sie endlich still und nahmen Abschied. Lebe wohl,
sagte einer von den Studenten zu Friedrich, du kommst nun in fremde Lnder,
unter fremde Menschen, und wir sehen einander vielleicht nie mehr wieder. Vergi
uns nicht! Und wenn du einmal auf deinen Schlssern hausest, werde nicht wie
alle andere, werde niemals ein trauriger, vornehmer, schmunzelnder, bequemer
Philister! Denn, bei meiner Seele, du warst doch der beste und bravste Kerl
unter uns allen. Reise mit Gott! Hier schttelte jeder dem Grafen vom Pferde
noch einmal die Hand und sie und Friedrich sprengten dann in entgegengesetzten
Richtungen voneinander. Als er so eine Weile fortgeritten war, sah er sie noch
einmal, wie sie eben, schon fern, mit ihren bunten Federbschen ber einen
Bergrcken fortzogen. Sie sangen ein bekanntes Studentenlied, dessen Schluchor:

Ins Horn, ins Horn, ins Jgerhorn!

der Wind zu ihm herberbrachte. Ade, ihr rstigen Gesellen, rief er gerhrt;
ade, du schne freie Zeit! Der herrliche Morgen stand flammend vor ihm. Er gab
seinem Pferde die Sporen, um den Tnen zu entkommen und ritt, da der frische
Wind an seinem Hute pfiff.
    Wer Studenten auf ihren Wanderungen sah, wie sie frhmorgens aus dem dunkeln
Tore ausziehen und den Hut schwenken in der frischen Luft, wie sie wohlgemut und
ohne Sorgen ber die grne Erde reisen, und die unbegrenzten Augen an blauem
Himmel, Wald und Fels sich noch erquicken, der mag gern unsern Grafen auf seinem
Zuge durch das Gebirge begleiten. Er ritt jetzt langsam weiter. Bauern ackerten,
Hirten trieben ihre Herden vorber. Die Frhlingssonne schien warm ber die
dampfende Erde, Bume, Gras und Blumen ugelten dazwischen mit blitzenden
Tropfen, unzhlige Lerchen schwirrten durch die laue Luft. Ihm war recht
innerlichst frhlich zumute. Tausend Erinnerungen, Entwrfe und Hoffnungen zogen
wie ein Schattenspiel durch Seine bewegte Brust. Das Bild der schnen Rosa stand
wieder ganz lebendig in ihm auf, mit aller Farbenpracht des Morgens gemalt und
geschmckt. Der Sonnenschein, der laue Wind und Lerchensang verwirrte sich in
das Bild, und so entstand in seinem glcklichen Herzen folgendes Liedchen, das
er immerfort laut vor sich hersang:

Gr euch aus Herzensgrund:
Zwei Augen hell und rein,
Zwei Rslein auf dem Mund,
Kleid blank aus Sonnenschein!

Nachtigall klagt und weint,
Wollstig rauscht der Hain,
Alles die Liebste meint:
Wo weilt sie so allein?

Weil's drauen finster war,
Sah ich viel hellern Schein,
Jetzt ist es licht und klar,
Ich mu im Dunkeln sein.

Sonne nicht steigen mag,
Sieht so verschlafen drein,
Wnschet den ganzen Tag,
Da wieder Nacht mcht sein.

Liebe geht durch die Luft,
Holt fern die Liebste ein;
Fort ber Berg und Kluft!
Und sie wird doch noch mein!

Das Liedchen gefiel ihm so wohl, da er seine Schreibtafel herauszog, um es
aufzuschreiben. Da er aber anfing, die flchtigen Worte bedchtig aufzuzeichnen
und nicht mehr sang, mute er ber sich selber lachen und lschte alles wieder
aus.
    Der Mittag war unterdes durch die khlen Waldschluften fast unvermerkt
vorbergezogen. Da erblickte Friedrich mit Vergngen einen hohen, bepflanzten
Berg, der ihm als ein berhmter Belustigungsort dieser Gegend anempfohlen worden
war. Farbige Lusthuser blickten von dem schattigen Gipfel ins Tal herab. Rings
um den Berg herum wand sich ein Pfad hinauf, auf dem man viele Frauenzimmer mit
ihren bunten Tchern in der Grne wallfahrten sah. Der Anblick war sehr
freundlich und einladend. Friedrich lenkte daher sein Pferd um, und ritt mit dem
frhlichen Zuge hinan, sich erfreuend, wie bei jedem Schritte der Kreis der
Aussicht ringsum sich erweiterte. Noch angenehmer wurde er berrascht, als er
endlich den Gipfel erreichte. Da war ein weiter, schner und khler Rasenplatz.
An kleinen Tischchen saen im Freien verschiedene Gesellschaften umher und
speisten in lustigem Gesprch. Kinder spielten auf dem Rasen, ein alter Mann
spielte die Harfe und sang. Friedrich lie sich sein Mittagsmahl ganz allein in
einem Sommerhuschen bereiten, das am Abhange des Berges stand. Er machte alle
Fenster weit auf, so da die Luft berall durchstrich, und er von allen Seiten
die Landschaft und den blauen Himmel sah. Khler Wein und hellgeschliffene
Glser blinkten von dem Tische. Er trank seinen fernen Freunden und seiner Rosa
in Gedanken zu. Dann stellte er sich ans Fenster. Man sah von dort weit in das
Gebirge. Ein Strom ging in der Tiefe, an welchem eine hellglnzende Landstrae
hinablief. Die heien Sonnenstrahlen schillerten ber dem Tale, die ganze Gegend
lag unten in schwler Ruhe. Drauen vor der offenen Tr spielte und sang der
Harfenist immerfort. Friedrich sah den Wolken nach, die nach jenen Gegenden
hinaussegelten, die er selber auch bald begren sollte. O Leben und Reisen,
wie bist du schn! rief er freudig, zog dann seinen Diamant vom Finger und
zeichnete den Namen Rosa in die Fensterscheibe. Bald darauf wurde er unten
mehrere Reuter gewahr, die auf der Landstrae schnell dem Gebirge zu
vorberflogen. Er verwandte keinen Blick davon. Ein Mdchen, hoch und schlank,
ritt den andern voraus und sah flchtig mit den frischen Augen den Berg hinan,
gerade auf den Fleck, wo Friedrich stand. Der Berg war hoch, die Entfernung und
Schnelligkeit gro; doch glaubte sie Friedrich mit einem Blicke zu erkennen, es
war Rosa. Wie ein pltzlicher Morgenblick blitzte ihm dieser Gedanke frhlich
ber die ganze Erde. Er bezahlte eiligst seine Zeche, schwang sich auf sein
Pferd, und stolperte so schnell als mglich den sich ewig windenden Bergpfad
hinab; seine Blicke und Gedanken flogen wie Adler von der Hhe voraus. Als er
sich endlich bis auf die Strae hinausgearbeitet hatte und freier Atem schpfte,
war die Reuterin schon nicht mehr zu sehen. Er setzte die Sporen tapfer ein und
sprengte weiter fort. Ein Weg ging links von der Strae ab in den Wald hinein.
Er erkannte an der frischen Spur der Rosseshufe, da ihn die Reuter
eingeschlagen hatten. Er folgte ihm daher auch. Als er aber eine groe Strecke
so fortgeritten war, teilten sich auf einmal wieder drei Wege nach verschiedenen
Richtungen und keine Spur war weiter auf dem hrteren Boden zu bemerken.
Fluchend und lachend zugleich vor Ungeduld, blieb er nun hier eine Weile still
stehen, whlte dann gelassener den Pfad, der ihm der anmutigste dnkte, und zog
langsam weiter.
    Der Wald wurde indes immer dunkler und dichter, der Pfad enger und wilder.
Er kam endlich an einen dunkelgrnen, khlen Platz, der rings von Felsen und
hohen Bumen umgeben war. Der einsame Ort gefiel ihm so wohl, da er vom Pferde
stieg, um hier etwas auszuruhen. Er streichelte ihm den gebogenen Hals, zumte
es ab und lie es frei weiden. Er selbst legte sich auf den Rcken und sah dem
Wolkenzuge zu. Die Sonne neigte sich schon und funkelte schrge durch die
dunkeln Wipfel, die sich leise rauschend hin und her bewegten. Unzhlige
Waldvgel zwitscherten in lustiger Verwirrung durcheinander. Er war so mde, er
konnte sich nicht halten, die Augen sanken ihm zu. Mitten im Schlummer kam es
ihm manchmal vor, als hre er Hrner aus der Ferne. Er hrte den Klang oft ganz
deutlich und nher, aber er konnte sich nicht besinnen und schlummerte immer
wieder von neuem ein.
    Als er endlich erwachte, erschrak er nicht wenig, da es schon finstere Nacht
und alles um ihn her still und de war. Er sprang erstaunt auf. Da hrte er ber
sich auf dem Felsen zwei Mnnerstimmen, die ganz in der Nhe schienen. Er rief
sie an, aber niemand gab Antwort und alles war auf einmal wieder still. Nun nahm
er sein Pferd beim Zgel und setzte so seine Reise auf gut Glck weiter fort.
Mit Mhe arbeitete er sich durch die Rabennacht des Waldes hindurch und kam
endlich auf einen weiten und freien Bergrcken, der nur mit kleinem Gestruch
bewachsen war. Der Mond schien sehr hell, und der pltzliche Anblick des freien,
grenzenlosen Himmels erfreute und strkte recht sein Herz. Die Ebene mute sehr
hoch liegen, denn er sah ringsumher eine dunkle Runde von Bergen unter sich
ruhen. Von der einen Seite kam der einfrmige Schlag von Eisenhmmern aus der
Ferne herber. Er nahm daher seine Richtung dorthin. Sein und seines Pferdes
Schatten, wie er so fortschritt, strichen wie dunkle Riesen ber die Heide vor
ihm her und das Pferd fuhr oft schnaubend und strubend zusammen. So, sagte
Friedrich, dessen Herz recht weit und vergngt war, so mu vor vielen hundert
Jahren den Rittern zumute gewesen sein, wenn sie bei stiller, nchtlicher Weile
ber diese Berge zogen und auf Ruhm und groe Taten sannen. So voll adeliger
Gedanken und Gesinnungen mag mancher auf diese Wlder und Berge hinuntergesehen
haben, die noch immer dastehen, wie damals. Was mhn wir uns doch ab in unseren
besten Jahren, lernen, polieren und feilen, um uns zu rechten Leuten zu machen,
als frchteten oder schmten wir uns vor uns selbst, und wollten uns daher
hinter Geschicklichkeiten verbergen und zerstreuen, anstatt da es darauf
ankme, sich innerlichst nur recht zusammenzunehmen zu hohen Entschlieungen und
einem tugendhaften Wandel. Denn wahrhaftig, ein ruhiges, tapferes, tchtiges und
ritterliches Leben ist jetzt jedem Manne, wie damals, vonnten. Jedes Weltkind
sollte wenigstens jeden Monat eine Nacht im Freien einsam durchwachen, um einmal
seine eitlen Mhen und Knste abzustreifen und sich im Glauben zu strken und zu
erbauen. Wie bin ich so frhlich und erquickt! Gebe mir Gott nur die Gnade, da
dieser Arm einmal was Rechtes in der Welt vollbringe!
    Unter solchen Gedanken schritt er immer fort. Der Fusteig hatte sich indes
immer mehr gesenkt, und er erblickte endlich ein Licht, das aus dem Tale
heraufschimmerte. Er eilte darauf los und kam an eine elende, einsame
Waldschenke. Er sah durch das kleine Fenster in die Stube hinein. Da sa ein
Haufen zerlumpter Kerls mit brtigen Spitzbubengesichtern um einen Tisch und
trank. In allen Winkeln standen Gewehre angelehnt. An dem hellen Kaminfeuer, das
einen grlichen Schein ber den Menschenklumpen warf, sa ein altes Weib
gebckt, und zerrte, wie es schien, blutige Drme an den Flammen auseinander.
Ein Grausen berfiel den Grafen bei dem scheulichen Anblick, er setzte sich
rasch auf sein Pferd und sprengte querfeldein.
    Das Rauschen und Klappern einer Waldmhle bestimmte seine Richtung. Ein
ungeheurer Hund empfing ihn dort an dem Hofe der Mhle. Friedrich und sein Pferd
waren zu ermattet, um noch weiterzureisen. Er pochte daher an die Haustre. Eine
rauhe Stimme antwortete von innen, bald darauf ging die Tre auf, und ein
langer, hagerer Mann trat heraus. Er sah Friedrich, der ihn um Herberge bat, von
oben bis unten an, nahm dann Sein Pferd und fhrte es stillschweigend nach dem
Stalle. Friedrich ging nun in die Stube hinein. Ein Frauenzimmer stand drinnen
und pickte Feuer. Er bemerkte bei den Blitzen der Funken ein junges und schnes
Mdchengesicht. Als sie das Licht angezndet hatte, betrachtete sie den Grafen
mit einem freudigen Erstaunen, das ihr fast den Atem zu verhalten schien. Darauf
ergriff sie das Licht und fhrte ihn, ohne ein Wort zu sagen, die Stiege hinauf
in ein gerumiges Zimmer mit mehreren Betten. Sie war barfu und Friedrich
bemerkte, als sie so vor ihm herging, da sie nur im Hemde war und den Busen
fast ganz blo hatte. Er rgerte sich ber die Frechheit bei solcher zarten
Jugend. Als sie oben in der Stube waren, blieb das Mdchen stehen und sah den
Grafen furchtsam an. Er hielt sie fr ein verliebtes Ding. Geh, sagte er
gutmtig, geh schlafen, liebes Kind. Sie sah sich nach der Tre um, dann
wieder nach Friedrich. Ach, Gott! sagte sie endlich, legte die Hand aufs Herz
und ging zaudernd fort. Friedrich kam ihr Benehmen sehr sonderbar vor, denn es
war ihm nicht entgangen, da sie beim Hinausgehen an allen Gliedern zitterte.
    Mitternacht war schon vorbei. Friedrich war berwacht und von den
verschiedenen Begegnissen viel zu sehr aufgeregt, um schlafen zu knnen. Er
setzte sich ans offene Fenster. Das Wasser rauschte unten ber ein Wehr. Der
Mond blickte seltsam und unheimlich aus dunkeln Wolken, die schnell ber den
Himmel flogen. Er sang:

Er reitet nachts auf einem braunen Ro,
Er reitet vorber an manchem Schlo:
Schlaf droben, mein Kind, bis der Tag erscheint,
Die finstre Nacht ist des Menschen Feind!

Er reitet vorber an einem Teich,
Da stehet ein schnes Mdchen bleich
Und singt, ihr Hemdlein flattert im Wind,
Vorber, vorber, mir graut vor dem Kind!

Er reitet vorber an einem Flu,
Da ruft ihm der Wassermann seinen Gru,
Taucht wieder unter dann mit Gesaus,
Und stille wird's ber dem khlen Haus.

Wann Tag und Nacht in verworrenem Streit,
Schon Hhne krhen in Drfern weit,
Da schauert sein Ro und whlet hinab,
Scharret ihm schnaubend sein eigenes Grab.

Er mochte ungefhr so eine Stunde gesessen haben, als der groe Hund unten im
Hofe ein paarmal anschlug. Bald darauf kam es ihm vor, als hrte er drauen
mehrere Stimmen. Er horchte hinaus, aber alles war wieder still. Eine Unruhe
bemchtigte sich seiner, er stand vom Fenster auf, untersuchte seine geladenen
Taschenpistolen und legte seinen Reisesbel auf den Tisch. In diesem Augenblicke
ging auch die Tr auf, und mehrere wilde Mnner traten herein. Sie blieben
erschrocken stehen, da sie den Grafen wach fanden. Er erkannte sogleich die
frchterlichen Gesichter aus der Waldschenke und seinen Hauswirt, den langen
Mller, mitten unter ihnen. Dieser fate sich zuerst und drckte unversehens
eine Pistol nach ihm ab. Die Kugel prellte neben seinem Kopfe an die Mauer.
Falsch gezielt, heimtckischer Hund, schrie der Graf auer sich vor Zorn und
scho den Kerl durchs Hirn. Darauf ergriff er seinen Sbel, strzte sich in den
Haufen hinein und warf die Ruber, rechts und links mit in die Augen gedrcktem
Hute um sich herumhauend, die Stiege hinunter. Mitten in dem Gemetzel glaubte er
das schne Mllermdchen wiederzusehen. Sie hatte selber ein Schwert in der
Hand, mit dem sie sich hochherzig, den Grafen verteidigend, zwischen die
Verrter warf. Unten an der Stiege endlich, da alles, was noch laufen konnte,
Reiaus genommen hatte, sank er, von vielen Wunden und Blutverluste ermattet,
ohne Bewutsein nieder.

                                Drittes Kapitel


Als Friedrich wieder das erstemal die Augen aufschlug und mit gesunden Sinnen in
der Welt umherschauen konnte, erblickte er sich in einem unbekannten, schnen
und reichen Zimmer. Die Morgensonne schien auf die seidenen Vorhnge seines
Bettes; sein Kopf war verbunden. Zu den Fen des Bettes knieete ein schner
Knabe, der den Kopf auf beide Arme an das Bett gelehnt hatte, und schlief.
    Friedrich wute sich in diese Verwandlungen nicht zu finden. Er sann nach,
was mit ihm vorgegangen war. Aber nur die frchterliche Nacht in der Waldmhle
mit ihren Mordgesichtern stand lebhaft vor ihm, alles brige schien wie ein
schwerer Traum. Verschiedene fremde Gestalten aus dieser letzten Zeit waren ihm
wohl dunkel erinnerlich, aber er konnte keine unterscheiden. Nur eine einzige
ungewisse Vorstellung blieb ihm lieblich getreu. Es war ihm nmlich immer
vorgekommen, als htte sich ein wunderschnes Engelsbild ber ihn geneigt, so
da ihn die langen, reichen Locken rings umgaben, und die Worte, die es sprach,
flogen wie Musik ber ihn weg.
    Da er sich nun recht leicht und neugestrkt sprte, stieg er aus dem Bette
und trat ans Fenster. Er sah da, da er sich in einem groen Schlosse befand.
Unten lag ein schner Garten; alles war noch still, nur Vgel flatterten auf den
einsamen khlen Gngen, der Morgen war beraus heiter.
    Der Knabe an dem Bette war indes auch aufgewacht. Gott sei Dank! rief er
aus Herzensgrunde, als er die Augen aufschlug und den Grafen aufgestanden und
munter erblickte. Friedrich glaubte sein Gesicht zu kennen, doch konnte er sich
durchaus nicht besinnen, wo er es gesehen htte. Wo bin ich? fragte er endlich
erstaunt. Gott sei Dank! wiederholte der Knabe nur, und sah ihn mit seinen
groen, frhlichen Augen noch immer unverwandt an, als knnte er sich gar nicht
in die Freude finden, ihn wirklich wiederhergestellt zu sehen. Friedrich drang
nun in ihn, ihm den Zusammenhang dieser ganzen seltsamen Begebenheit zu
entwirren. Der Knabe besann sich einen Augenblick und erzhlte dann: Gestern
frh, da ich eben in den Wald ging, sah ich dich blutig und ohne Leben am Wege
liegen. Das Blut flo ber den Kopf, ich verband die Wunde mit meinem Tuche, so
gut ich konnte. Aber das Blut drang durch und flo immerfort, und ich versuchte
alles vergebens, um es zu stillen. Ich lief und rief nun in meiner Angst rings
im Walde umher und betete und weinte dann wieder dazwischen, da ich mir gar
nicht mehr zu helfen wute. Da kam auf einmal ein Wagen die Strae gefahren.
Eine Dame erblickte uns aus demselben und lie sogleich stillhalten. Die
Bedienten verbanden die Wunden sehr geschickt. Die Dame schien sehr verwundert
und erschrocken ber den Umstand. Darauf nahm sie uns beide mit in den Wagen und
fhrte uns hierher auf ihr Schlo. Die Grfin hat beinahe die ganze Nacht
hindurch hier am Bette gewacht. - Friedrich dachte an das Engelsbild, das sich
wie im Traume ber sein Gesicht geneigt hatte, und war noch verwirrter, als
vorher. - Aber wer bist denn du? fragte er darauf den Knaben wieder. Ich habe
keine Eltern mehr, antwortete dieser, und schlug verwirrt die Augen nieder,
ich ging eben ber Land, um Dienste zu suchen. Friedrich fate den Furchtsamen
bei beiden Hnden: Willst du bei mir bleiben? Ewig, mein Herr! sagte der
Knabe mit auffallender Heftigkeit.
    Friedrich kleidete sich nun vllig an und verlie seine Stube, um sich hier
umzusehen und ber sein Verhltnis in diesem Schlosse auf irgendeine Art
Gewiheit zu erlangen. Er erstaunte ber das Altfrnkische der Bauart und der
Einrichtung. Die Gnge waren gewlbt, die Fenster in der dicken, dunklen Mauer
alle oben in einem Bogen zugespitzt und mit kleinen runden Scheiben versehen.
Wunderschne Bilder von Glas fllten oben die Fensterbogen, die von der
Morgensonne in den buntesten Farben brannten. Alles im ganzen Hause war still.
Er sah zum Fenster hinaus. Das alte Schlo stand von dieser Seite an dem Abhange
eines hohen Berges, der, so wie das Tal, unten mit Schwarzwald bedeckt war, aus
welchem die Klnge einsamer Holzhauer heraufschallten. Gleich am Fenster, ber
der schwindlichten Tiefe war ein Ritter, der sein Schwert in den gefalteten
Hnden hielt, in Riesengre, wie der steinerne Roland, in die Mauer gehauen.
Friedrich glaubte jeden Augenblick, das Burgfrulein, den hohen Spitzenkragen um
das schne Gesicht, werde in einem der Gnge heraufkommen. In der sonderbarsten
Laune ging er nun die Stiege hinab und ber eine Zugbrcke in den Garten hinaus.
    Hier standen auf einem weiten Platze die sonderbarsten, fremden Blumenarten
in phantastischem Schmucke. Knstliche Brunnen sprangen, im Morgenscheine
funkelnd, khle hin und wider. Dazwischen sah man Pfauen in der Grne weiden und
stolz ihre tausendfarbigen Rder schlagen. Im Hintergrunde sa ein Storch auf
einem Beine und sah melancholisch in die weite Gegend hinaus. Als sich Friedrich
an dem Anblicke, den der frische Morgen prchtig machte, so ergtzte, erblickte
er in einiger Entfernung vor sich einen Mann, der hinter einem Spaliere an einem
Tischchen sa, das voll Papiere lag. Er schrieb, blickte manchmal in die Gegend
hinaus, und schrieb dann wieder emsig fort. Friedrich wollte ausweichen, um ihn
nicht zu stren, aber es war nur der einzige Weg und der Unbekannte hatte ihn
auch schon erblickt. Er ging daher auf ihn zu und grte ihn. Der Schreiber
mochte eine lange Unterredung befrchten. Ich kenne Sie wahrhaftig nicht,
sagte er halb rgerlich, halb lachend, aber wenn Sie selbst Alexander der Groe
wren, so mt ich Sie fr jetzt nur bitten, mir aus der Sonne zu gehen.
Friedrich verwunderte sich hchlichst ber diesen unhflichen Diogenes und lie
den wunderlichen Gesellen sitzen, der sogleich wieder zu schreiben anfing.
    Er kam nun an den Ausgang des Gartens, an den ein lustiges Wldchen von
Laubholz stie. An dem Saume des Waldes stand ein Jgerhaus, das ringsum mit
Hirschgeweihen ausgeziert war. Auf einer kleinen Wiese, welche vor dem Hause
mitten zwischen dem Walde lag, sa ein schnes, kaum fnfzehnjhriges Mdchen
auf einem, wie es schien, soeben erlegten Rehe, streichelte das Tierchen und
sang:

Wr ich ein muntres Hirschlein schlank,
Wollt ich im grnen Walde gehn,
Spazierengehn bei Hrnerklang,
Nach meinem Liebsten mich umsehn.

Ein junger Jger, der seitwrts an einem Baume gelehnt stand und ihren Gesang
mit dem Waldhorne begleitete, antwortete ihr sogleich nach derselben Melodie:

Nach meiner Liebsten mich umsehn
Tu ich wohl, zieh ich frh von hier,
Doch sie mag niemals zu mir gehn
Im dunkelgrnen Waldrevier.

Sie sang weiter:

Im dunkelgrnen Waldrevier,
Da blitzt der Liebste rosenrot,
Gefllt so sehr dem armen Tier,
Das Hirschlein wnscht, es lge tot.

Der Jger antwortete wieder:

Und wr das schne Hirschlein tot,
So mcht ich lnger jagen nicht;
Scheint bern Wald der Morgen rot:
Ht schnes Hirschlein, hte dich!

                                      Sie:

Ht schnes Hirschlein, hte dich!
Spricht's Hirschlein selbst in seinem Sinn,
Wie soll ich, soll ich hten mich,
Wenn ich so sehr verliebet bin?

                                      Er:

Weil ich so sehr verliebet bin,
Wollt ich das Hirschlein, schn und wild,
Aufsuchen tief im Walde drin
Und streicheln, bis es stillehielt.

                                      Sie:

Ja, streicheln, bis es stillehielt,
Falsch locken so in Stall und Haus!
Zum Wald springt's Hirschlein frei und wild
Und lacht verliebte Narren aus.

Hierbei sprang sie von ihrem Rehe auf, denn Pferde, Hunde, Jger und
Waldhornsklnge strzten auf einmal mit einem verworrenen Getse aus dem Walde
heraus und verbreiteten sich bunt ber die Wiese. Ein sehr schner, junger Mann
in Jgerkleidung und das Halstuch in einer unordentlichen Schleife herabhngend,
schwang sich vom Pferde und eine Menge groer Hunde sprangen von allen Seiten
freundlich an ihm herauf. Friedrich erstaunte beim ersten Blick ber die groe
hnlichkeit, die derselbe mit einem lteren Bruder hatte, den er seit seiner
Kindheit nicht mehr gesehen, nur da der Unbekannte hier frischer und freudiger
anzusehen war. Dieser kam sogleich auf ihn zu. Es freut mich, sagte er, Sie
so munter wiederzufinden. Meine Schwester hat Sie unterwegs in einem schlimmen
Zustande getroffen und gestern abends zu mir auf mein Schlo gebracht. Sie ist
heute noch vor Tagesanbruch wieder fort. Lassen Sie es sich bei uns gefallen,
Sie werden lustige Leute finden. Whrend ihm nun Friedrich eben noch fr seine
Gte dankte, brachte auf einmal der Wind aus dem Garten oben mehrere Bltter
Papier, die hoch ber ihre Kpfe weg nach einem nahe gelegenen Wasser
zuflatterten. Hinterdrein hrte man von oben eine Stimme Halt, halt, halt auf!
rufen, und der Mensch, den Friedrich im Garten schreibend angetroffen hatte, kam
eilends nachgelaufen. Leontin, so hie der junge Graf, dem dieses Schlo
gehrte, legte schnell seine Bchse an und scho das unbndige Papier aus der
Luft herab. Das ist doch dumm, sagte der Nachsetzende, der unterdes atemlos
angelangt war, da er die Bltter, auf welche Verse geschrieben waren, von den
Schroten ganz durchlchert erblickte. Das schne Mdchen, das vorher auf der
Wiese gesungen hatte, stand hinter ihm und kicherte. Er drehte sich geschwind
herum und wollte sie kssen, aber sie entsprang in das Jgerhaus und guckte
lachend hinter der halbgeffneten Tre hervor. Das ist der Dichter Faber,
sagte Leontin, dem Grafen den Nachsetzenden vorstellend. Friedrich erschrak
recht ber den Namen. Er hatte viel von Faber gelesen; manches hatte ihm gar
nicht gefallen, vieles andere aber ihn wieder so ergriffen, da er oft nicht
begreifen konnte, wie derselbe Mensch so etwas Schnes erfinden knne. Und nun,
da der wunderbare Mensch leibhaftig vor ihm stand, betrachtete er ihn mit allen
Sinnen, als wollte er alle die Gedichte von ihm, die ihm am besten gefallen, in
seinem Gesichte ablesen. Aber da war keine Spur davon zu finden.
    Friedrich hatte sich ihn ganz anders vorgestellt, und htte viel darum
gegeben, wenn es Leontin gewesen wre, bei dessen lebendigem, erquicklichem
Wesen ihm das Herz aufging. Herr Faber erzhlte nun lachend, wie ihn Friedrich
in seiner Werkstatt berrascht habe. Da sind Sie schn angekommen, sagte
Leontin zu Friedrich, denn da sitzt Herr Faber wie die Lwin ber ihren Jungen,
und schlgt grimmig um sich. - So sollte jeder Dichter dichten, meinte
Friedrich, am frhen Morgen, unter freiem Himmel, in einer schnen Gegend. Da
ist die Seele rstig, und so wie dann die Bume rauschen, die Vgel singen und
der Jger vor Lust in sein Horn stt, so mu der Dichter dichten. - Sie sind
ein Naturalist in der Poesie, entgegnete Faber mit einer etwas zweideutigen
Miene. - Ich wnschte, fiel ihm Leontin ins Wort, Sie ritten lieber alle
Morgen mit mir auf die Jagd, lieber Faber. Der Morgen glht Sie wie eine
reizende Geliebte an, und Sie klecksen ihr mit Dinte in das schne Gesicht.
Faber lachte, zog eine kleine Flte hervor und fing an, darauf zu blasen.
Friedrich fand ihn in diesem Augenblicke sehr liebenswrdig.
    Leontin trug dem Grafen an, mit ihm zu seiner Schwester hinberzureiten,
wenn er sich schon stark genug dazu fhle. Friedrich willigte mit Freuden ein,
und bald darauf saen beide zu Pferde. Die Gegend war sehr heiter. Sie ritten
eben ber einen weiten, grnen Anger. Friedrich fhlte sich bei dem schnen
Morgen recht in allen Sinnen genesen, und freute sich ber den anmutigen
Leontin, wie das Pferd unter ihm mit gebogenem Halse ber die Ebene hintanzte.
Meine Schwester, sagte Leontin unterweges und sah den Grafen mit verstecktem
Lachen immerfort an, meine Schwester ist viel lter als ich, und, ich mu es
nur im voraus sagen, recht hlich. So! sagte Friedrich langsam und gedehnt,
denn er hatte heimlich andere Erwartungen und Hoffnungen gehegt. Er schwieg
darauf still; Leontin lachte und pfiff ein lustiges Liedchen. Endlich sah man
ein schnes, neues Schlo sich aus einem groen Park luftig erheben. Es war das
Schlo von Leontins Schwester.
    Sie stiegen unten am Eingange des Parkes ab und gingen zu Fue hinauf. Der
Garten war ganz im neuesten Geschmacke angelegt. Kleine, sich schlngelnde
Gnge, dichte Gebsche von auslndischen Struchern, dazwischen leichte Brcken
von weiem Birkenholze luftig geschwungen, waren recht artig anzuschauen.
Zwischen mehreren schlanken Sulen traten sie in das Schlo. Es war ein groes
gemaltes Zimmer mit hellglnzendem Fuboden; ein kristallener Lustre hing an der
Decke und Ottomanen von reichen Stoffen standen an den Wnden umher. Durch die
hohe Glastr bersah man den Garten. Niemand, da es noch frh, war in der ganzen
Reihe von prachtvollen Gemchern, die sich an dieses anschlossen, zu sehen. Die
Morgensonne, die durch die Glastr schien, erfllte das schne Zimmer mit einem
geheimnisvollen Helldunkel und beleuchtete eben eine Gitarre, die in der Mitte
auf einem Tischchen lag. Leontin nahm dieselbe und begab sich damit wieder
hinaus. Friedrich blieb in der Tr stehen, whrend Leontin sich drauen unter
die Fenster stellte, in die Saiten griff und sang:

Frhmorgens durch die Winde khl
Zwei Ritter hergeritten sind,
Im Garten klingt ihr Saitenspiel,
Wach auf, wach auf, mein schnes Kind!

Ringsum viel Schlsser schimmernd stehn,
So silbern geht der Strme Lauf,
Hoch, weit rings Lerchenlieder wehn,
Schlie Fenster, Herz und uglein auf!

Friedrich war gar nicht begierig, die alte Schne kennenzulernen, und blieb
ruhig in der Tr stehen. Da hrte er oben ein Fenster sich ffnen. Guten
Morgen, lieber Bruder! sagte eine liebliche Stimme. Leontin sang:

So wie du bist, verschlafen hei,
La allen Putz und Zier zu Haus,
Tritt nur herfr im Hemdlein wei,
Siehst so gar schn verliebet aus.

Wenn du so garstig singst, sagte oben die liebliche Stimme, so leg ich mich
gleich wieder schlafen. Friedrich erblickte einen schneeweien, vollen Arm im
Fenster und Leontin sang wieder:

Ich hab einen Fremden wohl bei mir,
Der lauert unten auf der Wacht,
Der bittet schn dich um Quartier,
Verschlafnes Kind, nimm dich in acht!

Friedrich trat nun aus seinem Hinterhalte hervor und sah mit Erstaunen - seine
Rosa am Fenster. Sie war in einem leichten Nachtkleide und dehnte sich mit
aufgehobenen Armen in den frischen Morgen hinaus. Als sie so unverhofft
Friedrich erblickte, lie sie mit einem Schrei die Arme sinken, schlug das
Fenster zu und war verschwunden.
    Leontin ging nun fort, um ein neues Pferd der Schwester im Hofe
herumzutummeln und Friedrich blieb allein im Garten zurck.
    Bald darauf kam die Grfin Rosa in einem weien Morgenkleide herab. Sie hie
den Grafen mit einer Scham willkommen, die ihr unwiderstehlich schn stand.
Lange, dunkle Locken fielen zu beiden Seiten bis auf die Schultern und den
blendendweien Busen hinab. Die schnste Reihe von Zhnen sah man manchmal
zwischen den vollen, roten Lippen hervorschimmern. Sie atmete noch warm von der
Nacht; es war die prchtigste Schnheit, die Friedrich jemals gesehen hatte. Sie
gingen nebeneinander in den Garten hinein. Der Morgen blitzte herrlich ber die
ganze Gegend, aus allen Zweigen jubelten unzhlige Vgel. Sie setzten sich in
einer dichten Laube auf eine Rasenbank. Friedrich dankte ihr fr ihr hlfreiches
Mitleid und sprach dann von seiner schnen Donaureise. Die Grfin sa, whrend
er davon erzhlte, beschmt und still, hatte die langen Augenwimpern
niedergeschlagen, und wagte kaum zu atmen. Als er endlich auch seiner Wunde
erwhnte, schlug sie auf einmal die groen, schnen Augen auf, um die Wunde zu
betrachten. Ihre Augen, Locken und Busen kamen ihm dabei so nahe, da sich ihre
Lippen fast berhrten. Er kte sie auf den roten Mund und sie gab ihm den Ku
wieder. Da nahm er sie in beide Arme und kte sie unzhligemal und alle Freuden
der Welt verwirrten sich in diesen einen Augenblick, der niemals zum zweiten
Male wiederkehrt. Rosa machte sich endlich los, sprang auf und lief nach dem
Schlosse zu. Leontin kam ihr eben von der andern Seite entgegen, sie rannte in
der Verwirrung gerade in seine ausgebreiteten Arme hinein. Er gab ihr schnell
einen Ku und kam zu Friedrich, um mit ihm wieder nach Hause zu reiten.
    Als Friedrich wieder drauen im Freien zu Pferde sa, besann er sich erst
recht auf sein ganzes Glck. Mit unbeschreiblichem Entzcken betrachtete er
Himmel und Erde, die im reichsten Morgenschmucke vor ihm lagen. Sie ist mein!
rief er immerfort still in sich, sie ist mein! Leontin wiederholte lachend die
Beschreibung von der Hlichkeit seiner Schwester die er vorhin beim Herritt dem
Grafen gemacht hatte, jagte dann weit voraus, setzte mit bewunderungswrdiger
Leichtigkeit und Khnheit ber Zune und Grben und trieb allerlei Schwnke.
    Als sie bei Leontins Schlosse ankamen, hrten sie schon von ferne ein
unbegreifliches, verworrenes Gets. Ein Waldhorn raste in den unbndigsten,
falschesten Tnen, dazwischen hrte man eine Stimme, die unaufhrlich
fortschimpfte. Da hat gewi wieder Faber was angestellt, sagte Leontin. Und es
fand sich wirklich so. Herr Faber hatte sich nmlich in ihrer Abwesenheit
niedergesetzt, um ein Waldhornecho zu dichten. Zum Unglck fiel es zu gleicher
Zeit einem von Leontins Jgern ein, nicht weit davon wirklich auf dem Waldhorne
zu blasen. Faber strte die nahe Musik, er rief daher ungeduldig dem Jger zu,
still zu sein. Dieser aber, der sich, wie fast alle Leute Leontins, ber Herrn
Faber von jeher rgerte, weil er immer mit der Feder hinterm Ohre so erbrmlich
aussah, gehorchte nicht. Da sprang Faber auf und berhufte ihn mit
Schimpfreden. Der Jger, um ihn zu bertuben, schttelte nun statt aller
Antwort einen ganzen Schwall von verworrenen und falschen Tnen aus seinem
Horne, whrend Faber, im Gesichte berrot vor Zorn, vor ihm stand und
gestikulierte. Als der Jger jetzt seinen Herrn erblickte, endigte er seinen
Spa und ging fort. Faber aber hatte indes, so boshaft er auch aussah, schon
lngst der Zorn verlassen, denn es waren ihm mitten in der Wut eine Menge
witziger Schimpfwrter und komischer Grobheiten in den Sinn gekommen, und er
schimpfte tapfer fort, ohne mehr an den Jger zu denken, und brach endlich in
ein lautes Gelchter aus, in das Leontin und Friedrich von Herzen mit
einstimmten.
    Am Abend saen Leontin, Friedrich und Faber zusammen an einem Feldtische auf
der Wiese am Jgerhause und aen und tranken. Das Abendrot schaute glhend durch
die Wipfel des Tannenwaldes, welcher die Wiese ringsumher einschlo. Der Wein
erweiterte ihre Herzen und sie waren alle drei wie alte Bekannte miteinander.
Das ist wohl ein rechtes Dichterleben, Herr Faber, sagte Friedrich vergngt. -
Immer doch, hub Faber ziemlich pathetisch an, hre ich das Leben und Dichten
verwechseln. - Aber, aber, bester Herr Faber, fiel ihm Leontin schnell ins
Wort, dem jeder ernsthafte Diskurs ber Poesie die Kehle zusammenschnrte, weil
er selber nie ein Urteil hatte. Er pflegte daher immer mit Witzen, Radottements,
dazwischenzufahren und fuhr auch jetzt, geschwind unterbrechend, fort: Ihr
verwechselt mit euren Wortwechseleien alles so, da man am Ende seiner selbst
nicht sicher bleibt. Glaubte ich doch einmal in allem Ernste, ich sei die
Weltseele und wte vor lauter Welt nicht, ob ich eine Seele hatte, oder
umgekehrt. Das Leben aber, mein bester Herr Faber, mit seinen bunten Bildern,
verhlt sich zum Dichter, wie ein unbersehbar weitlufiges Hieroglyphenbuch von
einer unbekannten, lange untergegangenen Ursprache zum Leser. Da sitzen von
Ewigkeit zu Ewigkeit die redlichsten, gutmtigsten Weltnarren, die Dichter, und
lesen und lesen. Aber die alten, wunderbaren Worte der Zeichen sind unbekannt
und der Wind weht die Bltter des groen Buches so schnell und verworren
durcheinander, da einem die Augen bergehn. - Friedrich sah Leontin gro an,
es war etwas in seinen Worten, das ihn ernsthaft machte. Faber aber, dem Leontin
zu schnell gesprochen zu haben schien, spann gelassen seinen vorigen Diskurs
wieder an: Ihr haltet das Dichten fr eine gar so leichte Sache, weil es
flchtig aus der Feder fliet, aber keiner bedenkt, wie das Kind, vielleicht vor
vielen Jahren schon in Lust empfangen, dann im Mutterleibe mit Freuden und
Schmerzen ernhrt und gebildet wird, ehe es aus seinem stillen Hause das
frhliche Licht des Tages begrt. - Das ist ein langweiliges Kind,
unterbrach ihn Leontin munter, wre ich so eine schwangere Frau, als Sie da
sagen, da lacht ich mich gewi, wie Philine, vor dem Spiegel ber mich selber zu
Tode, eh ich mit dem ersten Verse niederkme. - Hier erblickte er ein Paket
Papiere, das aus Fabers Rocktasche hervorragte: eines davon war An die
Deutschen berschrieben. Er bat ihn, es ihnen vorzulesen. Faber zog es heraus
und las es. Das Gedicht enthielt die Herausforderung eines bis zum Tode
verwundeten Ritters an alle Feinde der deutschen Ehre. Leontin sowohl als
Friedrich erstaunten ber die Gediegenheit und mnnliche Tiefe der Romanze und
fhlten sich wahrhaft erbaut. Wer sollte es glauben, sagte Leontin, da Herr
Faber diese Romanze zu ebender Zeit verfertiget hat, als er Reiaus nahm, um
nicht mit gegen die Franzosen zu Felde ziehn zu drfen. Faber nahm darauf ein
anderes Blatt zur Hand und las ihnen ein Gedicht vor, in welchem er sich selber
mit hchst komischer Laune in diesem seinem feigherzigen Widerspruche
darstellte, worin aber mitten durch die lustigen Scherze ein tiefer Ernst, wie
mit groen, frommen Augen, ruhend und ergreifend hindurchschaute. Friedrich ging
jedes Wort dieses Gedichtes schneidend durchs Herz. Jetzt wurde es ihm auf
einmal klar, warum ihm so viele Stellungen und Einrichtungen in Fabers Schriften
durchaus fremd blieben und mifielen. -

Dem einen ist zu tun, zu schreiben mir gegeben,

sagte Faber, als er ausgelesen hatte. Poetisch sein und Poet sein, fuhr er
fort, das sind zwei verschiedene Dinge, man mag dagegen sagen, was man will.
Bei dem letzteren ist, wie selbst unser groer Meister Goethe eingesteht, immer
etwas Taschenspielerei, Seiltnzerei usw. mit im Spiele. - Das ist nicht so,
sagte Friedrich ernst und sicher, und wre es so, so mchte ich niemals
dichten. Wie wollt Ihr, da die Menschen Eure Werke hochachten, sich daran
erquicken und erbauen sollen, wenn Ihr Euch Selber nicht glaubt, was Ihr
schreibt und durch schne Worte und knstliche Gedanken Gott und Menschen zu
berlisten trachtet? Das ist ein eitles, nichtsnutziges Spiel, und es hilft Euch
doch nichts, denn es ist nichts gro, als was aus einem einfltigen Herzen
kommt. Das heit recht dem Teufel der Gemeinheit, der immer in der Menge wach
und auf der Lauer ist, den Dolch selbst in die Hand geben gegen die gttliche
Poesie. Wo soll die rechte, schlichte Sitte, das treue Tun, das schne Lieben,
die deutsche Ehre und alle die alte herrliche Schnheit sich hinflchten, wenn
es ihre angebornen Ritter, die Dichter, nicht wahrhaft ehrlich, aufrichtig und
ritterlich mit ihr meinen? Bis in den Tod verhat sind mir besonders jene ewigen
Klagen, die mit weinerlichen Sonetten die alte schne Zeit zurckwinseln wollen,
und, wie ein Strohfeuer, weder die Schlechten verbrennen, noch die Guten
erleuchten und erwrmen. Denn wie wenigen mchte doch das Herz zerspringen, wenn
alles so dumm geht, und habe ich nicht den Mut, besser zu sein als meine Zeit,
so mag ich zerknirscht das Schimpfen lassen, denn keine Zeit ist durchaus
schlecht. Die heiligen Mrtyrer, wie sie, laut ihren Erlser bekennend, mit
aufgehobenen Armen in die Todesflammen sprangen - das sind des Dichters echte
Brder, und er soll ebenso frstlich denken von sich; denn so wie sie den ewigen
Geist Gottes auf Erden durch Taten ausdrckten, so soll er ihn aufrichtig in
einer verwitterten, feindseligen Zeit durch rechte Worte und gttliche
Erfindungen verknden und verherrlichen. Die Menge, nur auf weltliche Dinge
erpicht, zerstreut und trge, sitzt gebckt und blind drauen im warmen
Sonnenscheine und langt rhrend nach dem ewigen Lichte, das sie niemals
erblickt. Der Dichter hat einsam die schnen Augen offen; mit Demut und
Freudigkeit betrachtet er, selber erstaunt, Himmel und Erde, und das Herz geht
ihm auf bei der berschwenglichen Aussicht, und so besingt er die Welt, die, wie
Memnons Bild, voll stummer Bedeutung, nur dann durch und durch erklingt, wenn
sie die Aurora eines dichterischen Gemtes mit ihren verwandten Strahlen
berhrt. - Leontin fiel hier dem Grafen freudig um den Hals. - Schn,
besonders zuletzt sehr schn gesagt, sagte Faber, und drckte ihm herzlich die
Hand. Sie meinen es doch alle beide nicht so, wie ich, fhlte und dachte
Friedrich betrbt.
    Es war unterdes schon dunkel geworden und der Abendstern funkelte vom
heitern Himmel ber den Wald herber. Da wurde ihr Gesprch auf eine lustige Art
unterbrochen. Die kleine Marie nmlich, die am Morgen mit dem Jger auf der
Wiese gesungen, hatte sich als Jgerbursche angezogen. Die Jger jagten sie auf
der Wiese herum, sie lie sich aber nicht erhaschen, weil sie, wie sie sagte,
nach Tabaksrauch rchen. Wie ein gescheuchtes Reh kam sie endlich an dem Tische
vorber. Leontin fing sie auf und setzte sie vor sich auf seinen Scho. Er
strich ihr die Haare aus den muntern Augen und gab ihr aus seinem Glase zu
trinken. Sie trank viel und wurde bald ungewhnlich beredt, da sich alle ber
ihre liebenswrdige Lebhaftigkeit freuten. Leontin fing an, von ihrer
Schlafkammer zu sprechen und andere leichtfertige Reden vorzubringen, und als er
sie endlich auch kte, umklammerte sie mit beiden Armen seinen Hals. Friedrich
schmerzte das ganze lose Spiel, sosehr es auch Faber gefiel, und er sprach laut
vom Verfhren. Marie hpfte von Leontins Schoe, wnschte allen mit
verschmitzten Augen eine gute Nacht und sprang fort ins Jgerhaus. Leontin
reichte Friedrich lchelnd die Hand und alle drei schieden voneinander, um sich
zur Ruhe zu begeben. Faber sagte im Weggehen: seine Seele sei heut so wach, da
er noch tief in die Nacht hinein an einem angefangenen, groen Gedichte
fortarbeiten wolle.
    Als Friedrich in sein Schlafzimmer kam, stellte er sich noch eine Weile ans
offene Fenster. Von der andern Seite des Schlosses schimmerte aus Fabers Zimmer
ein einsames Licht in die stille Gegend hinaus. Fabers Flei rhrte den Grafen,
und er kam ihm in diesem Augenblicke als ein hheres Wesen vor. Es ist wohl
gro߫, sagte er, so mit gttlichen Gedanken ber dem weiten, stillen Kreise der
Erde zu schweben. Wache, sinne und bilde nur fleiig fort, frhliche Seele, wenn
alle die andern Menschen schlafen! Gott ist mit dir in deiner Einsamkeit und Er
wei es allein, was ein Dichter treulich will, wenn auch kein Mensch sich um
dich bekmmert. Der Mond stand eben ber dem altertmlichen Turme des
Schlosses, unten lag der schwarze Waldgrund in stummer Ruhe. Die Fenster gingen
nach der Gegend hinaus, wo die Grfin Rosa hinter dem Walde wohnte. Friedrich
hatte Leontins Gitarre mit hinaufgenommen. Er nahm sie in den Arm und sang:

Die Welt ruht still im Hafen,
Mein Liebchen, gute Nacht!
Wann Wald und Berge schlafen,
Treu' Liebe einsam wacht.

Ich bin so wach und lustig,
Die Seele ist so licht,
Und eh ich liebt, da wut ich
Von solcher Freude nicht.

Ich fhl mich so befreiet
Von eitlem Trieb und Streit,
Nichts mehr das Herz zerstreuet
In seiner Frhlichkeit.

Mir ist, als mt ich singen
So recht aus tiefer Lust
Von wunderbaren Dingen,
Was niemand sonst bewut.

O knnt ich alles sagen!
O wr ich recht geschickt!
So mu ich still ertragen,
Was mich so hoch beglckt.


                                Viertes Kapitel

Friedrich gab Leontins Bitten, noch lnger auf seinem Schlosse zu verweilen,
gern nach. Leontin hatte nach seiner raschen, frhlichen Art bald eine wahre
Freundschaft zu ihm gefat, und sie verabredeten miteinander, einen Streifzug
durch das nahe Gebirge zu machen, das manches Sehenswerte enthielt. Die
Ausfhrung dieses Planes blieb indes von Tage zu Tage verschoben. Bald war das
Wetter zu neblicht, bald waren die Pferde nicht zu entbehren oder sonst etwas
Notwendiges zu verrichten, und sie muten sich am Ende selber eingestehen, da
es ihnen beiden eigentlich schwerfiel, sich, auch nur auf wenige Tage, von ihrer
hiesigen Nachbarschaft zu trennen. Leontin hatte hier seine eigenen Geheimnisse.
Er ritt oft ganz abgelegene Wege in den Wald hinein, wo er nicht selten halbe
Tage lang ausblieb. Niemand wute, was er dort vorhabe, und er selber sprach nie
davon. Friedrich dagegen besuchte Rosa fast tglich. Drben in ihrem schnen
Garten hatte die Liebe ihr tausendfarbiges Zelt aufgeschlagen, ihre
wunderreichen Fernen ausgespannt, ihre Regenbogen und goldenen Brcken durch die
blaue Luft geschwungen, und rings die Berge und Wlder wie einen Zauberkreis um
ihr morgenrotes Reich gezogen. Er war unaussprechlich glcklich. Leontin
begleitete ihn sehr selten, weil ihm, wie er immer zu sagen pflegte, seine
Schwester wie ein gemalter Frhling vorkme. Friedrich glaubte von jeher bemerkt
zu haben, da Leontin bei aller seiner Lebhaftigkeit doch eigentlich kalt sei
und dachte dabei: was hilft dir der schnste gemalte oder natrliche Frhling!
Aus dir selber mu doch die Sonne das Bild bescheinen, um es zu beleben.
    Zu Hause, auf Leontins Schlosse, wurde Friedrichs poetischer Rausch durch
nichts gestrt; denn was hier Faber Herrliches ersann und fleiig aufschrieb,
suchte Leontin auf seine freie, wunderliche Weise ins Leben einzufhren. Seine
Leute mochten alle fortleben, wie es ihnen ihr frischer, guter Sinn eingab; das
Waldhorn irrte fast Tag und Nacht in dem Walde hin und her, dazwischen spukte
die eben erwachende Sinnlichkeit der kleinen Marie wie ein reizender Kobold, und
so machte dieser seltsame, bunte Haushalt diesen ganzen Aufenthalt zu einer
wahren Feenburg. Mitten in dem schnen Feste blieb nur ein einziges Wesen einsam
und anteillos. Das war Erwin, der schne Knabe, der mit Friedrich auf das Schlo
gekommen war. Er war allen unbegreiflich. Sein einziges Ziel und Augenmerk
schien es, seinen Herrn, den Grafen Friedrich, zu bedienen, welches er bis zur
geringsten Kleinigkeit aufmerksam, emsig und gewissenhaft tat. Sonst mischte er
sich in keine Geschfte oder Lust der andern, erschien zerstreut, immer fremd,
verschlossen und fast hart, so lieblich weich auch seine helle Stimme klang. Nur
manchmal, bei Veranlassungen, die oft allen gleichgltig waren, sprach er auf
einmal viel und bewegt, und jedem fiel dann sein schnes, seelenvolles Gesicht
auf. Unter seine Seltsamkeiten gehrte auch, da er niemals zu bewegen war, eine
Nacht in der Stube zuzubringen. Wenn alles im Schlosse schlief und drauen die
Sterne am Himmel prangten, ging er vielmehr mit der Gitarre aus, setzte sich
gewhnlich auf die alte Schlomauer ber dem Waldgrunde und bte sich dort
heimlich auf dem Instrumente. Wie oft, wenn Friedrich manchmal in der Nacht
erwachte, brachte der Wind einzelne Tne seines Gesanges ber den stillen Hof zu
ihm herber, oder er fand ihn frhmorgens auf der Mauer ber der Gitarre
eingeschlafen. Leontin nannte den Knaben eine wunderbare Laute aus alter Zeit,
die jetzt niemand mehr zu spielen verstehe.
    Eines Abends, da Leontin wieder auf einem seiner geheimnisvollen Ausflge
ungewhnlich lange ausblieb, saen Friedrich und Faber, der sich nach
geschehener Tagesarbeit einen frhlichen Feierabend nicht nehmen lie, auf der
Wiese um den runden Tisch. Der Mond stand schon ber dem dunkeln Turme des
Schlosses. Da hrten sie pltzlich ein Gerusch durch das Dickicht brechen und
Leontin strzte auf seinem Pferde, wie ein gejagtes Wild, aus dem Walde hervor.
Totenbleich, atemlos, und hin und wieder von den sten blutig gerissen, kam er
sogleich zu ihnen an den Tisch und trank hastig mehrere Glser Wein nacheinander
aus. Friedrich erschtterte die schne, wste Gestalt. Leontin lachte laut auf,
da er bemerkte, da ihn alle so verwundert ansahen. Faber drang neugierig in
ihn, ihnen zu erzhlen, was ihm begegnet sei. Er erzhlte aber nichts, sondern
sagte statt aller Antwort: Ich reise fort ins Gebirge, wollt ihr mit? - Faber
sagte berrascht und unentschlossen, da ihm jetzt jede Strung unwillkommen
sei, da er soeben an dem angefangenen groen Gedichte arbeite, schlug aber
endlich ein. Friedrich schwieg still. Leontin, der ihm wohl ansah, was er meine,
entband ihn seines alten Versprechens, ihn zu begleiten; er mute ihm aber
dagegen geloben, ihn auf seinem Schlosse zu erwarten. Sie blieben nun noch
einige Zeit beieinander. Aber Leontin blieb nachdenklich und still. Seine beiden
Gste begaben sich daher bald zur Ruhe, ohne zu wissen, was sie von seiner
Vernderung und raschem Entschlusse denken sollten. Noch im Weggehen hrten sie
ihn singen:

Hinaus, o Mensch, weit in die Welt,
Bangt dir das Herz in krankem Mut!
Nichts ist so trb in Nacht gestellt,
Der Morgen leicht macht's wieder gut.

Am Morgen frhzeitig blickte Friedrich aus seinem Fenster. Da sah er Leontin
schon unten auf der Waldstrae auf das Schlo seiner Schwester zureiten. Er
eilte schnell hinab und ritt ihm nach.
    Als er auf Rosas Schlosse ankam, fand er Leontin im Garten in einem lauten
Wortwechsel mit seiner Schwester. Leontin war nmlich hergekommen, um Abschied
von ihr zu nehmen. Rosa hatte aber kaum von seinem Vorhaben gehrt, als sie
sogleich mit aller Heftigkeit den Gedanken ergriff mitzureisen. Das la ich
wohl bleiben, sagte Leontin, da schnre ich noch heut mein Bndel und reit
euch ganz allein davon. Ich will eben als ein Verzweifelter weit in die Welt
hinaus, will mich, wie Don Quijote, im Gebirge auf den Kopf stellen und einmal
recht verrckt sein, und da fllt's euch gerade ein, hinter mir dreinzuzotteln,
als reisten wir nach Karlsbad oder Pyrmont, um mich jedesmal fein natrlich
wieder auf die Beine zu bringen und zurechtzurcken. Kommt mir doch jetzt meine
ganze Reise vor, wie eine Armee, wo man vorn blitzende Schwerter und wehende
Fahnen, hinterdrein aber einen langen Schwanz von Wagen und Weibern sieht, die
auf alten Sthlen, Betten und anderm Hausgert sitzen und plaudern, kochen,
handeln und zanken, als wre da vorn eben alles nichts, da einem alle Lust zur
Courage vergeht. Wahrhaftig, wenn du mitziehst, meine weltliche Rosa, so lasse
ich das ganze herrliche, tausendfarbige Rad meiner Reisevorstze fallen, wie der
Pfau, wenn er seine prosaischen Fe besieht. - Rosa, die kein Wort von allem
verstanden hatte, was ihr Bruder gesagt, lie sich nichts ausreden, sondern
beharrte ruhig und fest bei ihrem Entschlusse, denn sie gefiel sich schon im
voraus zu sehr als Amazone zu Pferde und freute sich auf neue Spektakel.
Friedrich, der eben hier dazukam, schttelte den Kopf ber ihr hartes Kpfchen,
das ihm unter allen Untugenden der Mdchen die unleidlichste war. Noch tiefer
aber schmerzte ihn ihre Hartnckigkeit, da sie doch wute, da er nicht
mitreise, da er es nur um ihretwillen ausgeschlagen habe, und ihn wandelte
heimlich die Lust an, selber allein in alle Welt zu gehen. Leontin, der, wie auf
etwas sinnend, unterdes die beiden verliebten Gesichter angesehen hatte, lachte
auf einmal auf. Nein, rief er, wahrhaftig, der Spa ist so grer! Rosa, du
sollst mitreisen, und Faber und Marie und Erwin und Haus und Hof. Wir wollen
sanft ber die grnen Hgel wallen, wie Schfer, die Jger sollen die
ungeschlachten Hrner zu Hause lassen und Flte blasen. Ich will mit bloem
Halse gehn, die Haare blond frben und ringeln, ich will zahm Sein, auf den
Zehen gehen und immer mit zugespitztem Munde leise lispeln: O teuerste, schne
Seele, o mein Leben, o mein Schaf! Ihr sollt sehen, ich will mich bemhen, recht
mit Anstand lustig zu sein. Dem Herrn Faber wollen wir einen Strohhut mit
Lilabndern auf das dicke Gesicht setzen und einen langen Stab in die Hand
geben, er soll den Zug anfhren. Wir andern werden uns zuweilen zum Spa im
grnen Haine verirren, und dann ber unser hartes Trennungslos aus unsern
spahaften Schmerzen ernsthafte Sonette machen. - Rosa, die von allem wieder
nur gehrt hatte, da sie mitreisen drfe, fiel hier ihrem Bruder unterbrechend
um den Hals und tat so schn in ihrer Freude, da Friedrich wieder ganz mit ihr
ausgeshnt war. Es wurde nun verabredet, da sie sich noch heute abend auf
Leontins Schlosse einfinden sollten, damit sie alle morgen frhzeitig aufbrechen
knnten, und sie sprang frhlich fort, um ihre Anstalten zu treffen.
    Als Friedrich und Leontin wieder nach Hause kamen, begann letzterer, der
seinen gestrigen Schreck fast schon ganz wieder vergessen zu haben schien,
sogleich mit vieler Lustigkeit zusammenzurufen, Befehle auszuteilen und berall
Alarm zu schlagen, um, wie er sagte, das Zigeunerleben bald von allen Seiten
aufzurhren. Rosa traf, wie sie es versprochen hatte, gegen Abend ein und fand
auf der Wiese bei Mondenschein bereits alles in der buntesten Bewegung. Die
Jger putzten singend ihre Bchsen und Sattelzeug, andere versuchten ihre
Hrner, Faber band ganze Ballen Papier zusammen, die kleine Marie sprang
zwischen allen leichtfertig herum.
    Alle begaben sich heute etwas frher als gewhnlich zur Ruhe. Als Friedrich
eben einschlummerte, hrte er drauen einige volle Akkorde auf der Laute
anschlagen. Bald darauf vernahm er Erwins Stimme. Das Lied, das er sang, rhrte
ihn wunderbar, denn es war eine alte, einfache Melodie, die er in seiner
Kindheit sehr oft und seitdem niemals wieder gehrt hatte. Er sprang erstaunt
ans Fenster, aber Erwin hatte soeben wieder aufgehrt. Das Licht aus Rosas
Schlafzimmer am andern Flgel des Schlosses war erloschen, der Wind drehte
knarrend die Wetterfahne auf dem Turme, der Mond schien auerordentlich hell.
Friedrich sah Erwin wieder, wie sonst, mit der Gitarre auf der Mauer sitzen.
Bald darauf hrte er den Knaben sprechen; eine durchaus unbekannte, mnnliche
Stimme schien ihm von Zeit zu Zeit Antwort zu geben. Friedrich verdoppelte seine
Aufmerksamkeit, aber er konnte nichts verstehen, auch sah er niemand auer
Erwin. Nur manchmal kam es ihm vor, als lange ein langer Arm ber die Mauer
herber nach dem Knaben. Zuletzt sah er einen Schatten von dem Knaben fort lngs
der Mauer hinuntergehen. Der Schatten wuchs beim Mondenschein mit jedem Schritte
immer hher und lnger, bis er sich endlich in Riesengre in den Wald hinein
verlor. Friedrich lehnte sich ganz zum Fenster hinaus, aber er konnte nichts
unterscheiden. Erwin sprach nun auch nicht mehr und die ganze Gegend war
totenstill. Ein Schauer berlief ihn dabei. Sollte diese Erscheinung, dachte er,
Zusammenhang haben mit Leontins Begebenheiten? Wei vielleicht dieser Knabe um
seine Geheimnisse? Ihm fiel dabei ein, da sich sein ganzes Gesicht lebhaft
verndert hatte, als Faber heute noch einmal Leontins gestrigen unbekannten
Begegnisses erwhnte. Beinahe htte er alles fr einen berwachten Traum
gehalten, so seltsam kam es ihm vor, und er schlief endlich mit sonderbaren und
abenteuerlichen Gedanken ein.

                                Fnftes Kapitel


Als drauen Berg und Tal wieder licht waren, war der ganze bunte Trupp schon
eine Stunde weit von Leontins Schlosse entfernt. Der sonderbare Zug gewhrte
einen lustigen Anblick. Leontin ritt ein unbndiges Pferd allen voraus. Er war
leicht und nachlssig angezogen, und seine ganze Gestalt hatte etwas
Auslndisches. Friedrich sah durchaus deutsch aus. Faber dagegen machte den
allerseltsamsten und abenteuerlichsten Aufzug. Er hatte einen runden Hut mit
ungeheuer breiten Krempen, der ihn, wie ein Schirm, gegen die Sonne und Regen
zugleich schtzen sollte. An seiner Seite hing eine dick angeschwollene Tasche
mit Schreibtafeln, Bchern und anderm Reisegert herab. Er war wie ein fahrender
Scholast anzusehen. Rosa ritt mitten unter ihnen ein schnes, frommes Pferd auf
einem weiblichen, englischen Sattel. Ein langes grnes Reitkleid, von einem
goldenen Grtel zusammengehalten, schmiegte sich an ihre vollen Glieder, ein
blendendweier Spitzenkragen umschlo das schne Kpfchen, von dem hohe Federn
in die Morgenluft nickten. Zu ihrer Begleitung hatte man die kleine Marie
bestimmt, die ihr als Jgerknabe folgte. Auch Erwin ritt mit und hatte die
Gitarre an einem himmelblauen Bande umgehngt. Hinterdrein kamen mehrere Jger
mit wohlbepackten Pferden.
    Sie zogen eben ber einen freien Bergrcken weg. Die Morgensonne funkelte
ihnen frhlich entgegen. Rosa blickte Friedrich aus ihren groen Augen so frisch
und freudig an, da es ihm durch die Seele ging. Als sie auf den Gipfel kamen,
lag auf einmal ein unbersehbar weites Tal im Morgenschimmer unter ihnen.
Viktoria! rief Leontin frhlich und schwang seinen Hut. Es geht doch nichts
bers Reisen, wenn man nicht dahin oder dorthin reiset, sondern in die weite
Welt hinein, wie es Gott gefllt! Wie uns aus Wldern, Bergen, aus blhenden
Mdchengesichtern, die von lichten Schlssern gren, aus Strmen und alten
Burgen das noch unbekannte, berschwengliche Leben ernst und frhlich ansieht!
- Das Reisen, sagte Faber, ist dem Leben vergleichbar. Das Leben der meisten
ist eine immerwhrende Geschftsreise vom Buttermarkt zum Ksemarkt; das Leben
der Poetischen dagegen ein freies, unendliches Reisen nach dem Himmelreich. -
Leontin, dessen Widerspruchsgeist Faber jederzeit unwiderstehlich anregte, sagte
darauf: Diese reisenden Poetischen sind wieder den Paradiesvgeln zu
vergleichen, von denen man flschlich glaubt, da sie keine Fe haben. Sie
mssen doch auch herunter und in Wirtshusern einkehren und Vettern und Basen
besuchen, und, was sie sich auch fr Zeug einbilden, das Frulein auf dem
lichten Schlosse ist doch nur ein dummes, hchstens verliebtes Ding, das die
Liebe mit ihrem bichen brennbaren Stoffe eine Weile in die Lfte treibt, um
dann desto jmmerlicher, wie ein ausgeblasener Dudelsack, wieder zur Erde zu
fallen; auf der alten, schnen, trotzigen Burg findet sich auch am Ende nur noch
ein kahler Landkavalier usw. Alles ist Einbildung. - Du solltest nicht so
reden, entgegnete Friedrich. Wenn wir von einer innern Freudigkeit erfllt
sind, welche, wie die Morgensonne, die Welt berscheint und alle Begebenheiten,
Verhltnisse und Kreaturen zur eigentmlichen Bedeutung erhebt, so ist dieses
freudige Licht vielmehr die wahre gttliche Gnade, in der allein alle Tugenden
und groen Gedanken gedeihen, und die Welt ist wirklich so bedeutsam, jung und
schn, wie sie unser Gemt in sich selber anschaut. Der Mimut aber, die trge
Niedergeschlagenheit und alle diese Entzauberungen, das ist die wahre
Einbildung, die wir durch Gebet und Mut zu berwinden trachten sollen, denn
diese verdirbt die ursprngliche Schnheit der Welt. - Ist mir auch recht,
erwiderte Leontin lustig. - Graf Friedrich, sagte Faber, hat eine Unschuld in
seinen Betrachtungen, eine Unschuld. - Ihr Dichter, fiel ihm Leontin hastig
ins Wort, seid alle eurer Unschuld ber den Kopf gewachsen, und, wie ihr eure
Gedichte ausspendet, sagt ihr immer: Da ist ein prchtiges Kunststck von meiner
Kindlichkeit, da ist ein besonders wohleingerichtetes Stck von meinem
Patriotismus oder von meiner Ehre! - Friedrich erstaunte, da Leontin so keck
und hart aussprach, was er, als eine Lsterung aller Poesie, sich selber zu
denken niemals erlauben mochte.
    Rosa hatte unterdes ber dem Gesprche mehrere Male geghnt. Faber bemerkte
es, und da er sich jederzeit als ein galanter Verehrer des schnen Geschlechts
auszeichnete, so trug er sich an, zu allgemeiner Unterhaltung eine Erzhlung zum
besten zu geben. Nur nicht in Versen, rief Rosa, denn da versteht man doch
alles nur halb. Man rckte daher nher zusammen, Faber in die Mitte nehmend,
und er erzhlte folgende Geschichte, whrend sie zwischen den waldigen Bergen
langsam fortzogen:
    Es war einmal ein Ritter. - Das fngt ja an wie ein Mrchen, unterbrach
ihn Rosa. - Faber setzte von neuem an: Es war einmal ein Ritter, der lebte tief
im Walde auf seiner alten Burg in geistlichen Betrachtungen und strengen
Bubungen. Kein Fremder besuchte den frommen Ritter, alle Wege zu seiner Burg
waren lange mit hohem Grase berwachsen und nur das Glcklein, das er bei seinen
Gebeten von Zeit zu Zeit zog, unterbrach die Stille und klang in hellen Nchten
weit ber die Wlder weg. Der Ritter hatte ein junges Tchterlein, die machte
ihm viel Kummer, denn sie war ganz anderer Sinnesart, als ihr Vater und all ihr
Trachten ging nur auf weltliche Dinge. Wenn sie abends am Spinnrocken sa, und
er ihr aus seinen alten Bchern die wunderbaren Geschichten von den heiligen
Mrtyrern vorlas, dachte sie immer heimlich bei sich: Das waren wohl rechte
Toren, und hielt sich fr weit klger, als ihr alter Vater, der alle die Wunder
glaubte. Oft, wenn ihr Vater weg war, bltterte sie in den Bchern und malte den
Heiligen, die darin abgebildet waren, groe Schnurrbrte - Rosa lachte hierbei
laut auf. - Was lachst du? fragte Leontin Spitzig, und Faber fuhr in Seiner
Erzhlung fort: Sie war sehr schn und klger, als alle die andern Kinder in
ihrem Alter, weswegen sie sich auch immer mit ihnen zu spielen schmte, und wer
mit ihr sprach, glaubte eine erwachsene Person reden zu hren, so gescheit und
knstlich waren alle ihre Worte gesetzt. Dabei ging sie bei Tag und Nacht ganz
allein im Walde umher, ohne sich zu frchten, und lachte immer den alten
Burgvogt aus, der ihr schauerliche Geschichten vom Wassermann erzhlte. Gar oft
stand sie dann an dem blauen Flusse im Walde und rief mit lachendem Munde:
Wassermann soll mein Brutigam sein! Wassermann soll mein Brutigam sein!
    Als nun der Vater zum Sterben kam, rief er die Tochter zu seinem Bette und
bergab ihr einen groen Ring, der war sehr schwer von reinem Golde gearbeitet.
Er sagte dabei zu ihr: Dieser Ring ist vor uralten Zeiten von einer kunstreichen
Hand verfertigt. Einer deiner Vorfahren hat ihn in Palstina, mitten im Getmmel
der Schlacht, erfochten. Dort lag er unter Blut und Staub auf dem Boden, aber er
blieb unbefleckt und glnzte so hell und durchdringlich, da sich alle Rosse
davor bumten und keines ihn mit seinem Hufe zertreten wollte. Alle deine Mtter
haben den Ring getragen und Gott hat ihren frommen Ehestand gesegnet. Nimm du
ihn auch hin und betrachte ihn alle Morgen mit rechten Sinnen, so wird sein
Glanz dein Herz erquicken und strken. Wenden sich aber deine Gedanken und
Neigungen zum Bsen, so verlscht sein Glanz mit der Klarheit deiner Seele und
wird dir gar trbe erscheinen. Bewahre ihn treu an deinem Finger, bis du einen
tugendhaften Mann gefunden. Denn welcher Mann ihn einmal an seiner Hand trgt,
der kann nicht mehr von dir lassen und wird dein Brutigam. - Bei diesen Worten
verschied der alte Ritter.
    Ida blieb nun allein zurck. Ihr war lngst angst und bange auf dem alten
Schlosse gewesen, und da sie jetzt ungeheure Schtze in den Kellern ihres Vaters
vorfand, so vernderte sie sogleich ihre Lebensweise. - Gott sei Dank, sagte
Rosa, denn bis jetzt war sie ziemlich langweilig. - Faber fuhr wieder fort:
Die dunkeln Bogen, Tore und Hfe der alten Burg wurden niedergerissen und ein
neues, lichtes Schlo mit blendendweien Mauern und kleinern, luftigen Trmchen
erhob sich bald ber den alten Steinen. Ein groer, schner Garten wurde daneben
angelegt, durch den der blaue Flu vorberflo. Da standen tausenderlei hohe,
bunte Blumen, Wasserknste sprangen dazwischen, und zahme Rehe gingen darin
spazieren. Der Schlohof wimmelte von Rossen und reichgeschmckten Edelknaben,
die lustige Lieder auf ihr schnes Frulein sangen. Sie selber war nun schon
gro und auerordentlich schn geworden. Von Ost und West kamen daher nun reiche
und junge Freier angezogen, und die Straen, die zu dem Schlosse fhrten,
blitzten von blanken Reitern, Helmen und Federbschen.
    Das gefiel dem Frulein gar wohl, aber so gern sie auch alle Mnner hatte,
so mochte sie doch mit keinem einzigen ihren Ring auswechseln; denn jeder
Gedanke an die Ehe war ihr lcherlich und verhat. Was soll ich, sagte sie zu
sich selbst, meine schne Jugend verkmmern, um in abgeschiedener, langweiliger
Einsamkeit eine armselige Hausmutter abzugeben, anstatt da ich jetzt so frei
bin, wie der Vogel in der Luft. Dabei kamen ihr alle Mnner gar dummlich vor,
weil sie entweder zu unbehlflich waren, ihrem migen Witze nachzukommen, oder
auf andere, hohe Dinge stolz taten, an die sie nicht glaubte. Und so betrachtete
sie sich in ihrer Verblendung als eine reizende Fee unter verzauberten Bren und
Affen, die nach ihrem Winke tanzen und aufwarten muten. Der Ring wurde indes
von Tage zu Tage trber.
    Eines Tages gab sie ein glnzendes Bankett. Unter einem prchtigen Zelte,
das im Garten aufgeschlagen war, saen die jungen Ritter und Frauen um die
Tafel, in ihrer Mitte das stolze Frulein, gleich einer Knigin, und ihre
witzigen Redensarten berstrahlten den Glanz der Perlen und Edelgesteine, womit
ihr Hals und Busen geschmckt war. Recht wie ein wurmstichiger Apfel, so schn
rot und betrglich war sie anzusehen. Der goldene Wein kreiste frhlich herum,
die Ritter schauten khner, ppig lockende Lieder zogen hin und wieder im Garten
durch die sommerlaue Luft. Da fielen Idas Blicke zufllig auf ihren Ring. Der
war auf einmal finster geworden, und sein verlschender Glanz tat nur eben noch
einen seltsamen, dunkelglhenden Blick auf sie. Sie stand schnell auf und ging
an den Abhang des Gartens. Du einfltiger Stein sollst mich nicht lnger mehr
stren! sagte sie, in ihrem bermute lachend, zog den Ring vom Finger und warf
ihn in den Strom hinunter. Er beschrieb im Fluge einen hellschimmernden Bogen
und tauchte sogleich in den tiefsten Abgrund hinab. Darauf kehrte sie wieder in
den Garten zurck, aus dem die Tne wollstig nach ihr zu langen schienen.
    Am andern Tage sa Ida allein im Garten und sah in den Flu hinunter. Es war
gerade um die Mittagszeit. Alle Gste waren fortgezogen, die ganze Gegend lag
still und schwl. Einzelne seltsam gestaltete Wolken zogen langsam ber den
dunkelblauen Himmel; manchmal flog ein pltzlicher Wind ber die Gegend, und
dann war es, als ob die alten Felsen und die alten Bume sich ber den Flu
unten neigten und miteinander ber sie besprchen. Ein Schauder berlief Ida. Da
sah sie auf einmal einen schnen, hohen Ritter, der auf einem schneeweien Rosse
die Strae hergeritten kam. Seine Rstung und sein Helm waren wasserblau, eine
wasserblaue Binde flatterte in der Luft, seine Sporen waren von Kristall. Er
grte sie freundlich, stieg ab und kam zu ihr. Ida schrie laut auf vor Schreck,
denn sie erblickte den alten wunderttigen Ring, den sie gestern in den Flu
geworfen hatte, an seinem Finger, und dachte sogleich daran, was ihr ihr Vater
auf dem Totenbette prophezeit hatte. Der schne Ritter zog sogleich eine
dreifache Schnur von Perlen hervor und hing sie dem Frulein um den Hals, dabei
kte er sie auf den Mund, nannte sie seine Braut und versprach, sie heute abend
heimzuholen. Ida konnte nichts antworten, denn es kam ihr vor, als lge sie in
einem tiefen Schlafe, und doch vernahm sie den Ritter, der in gar lieblichen
Worten zu ihr sprach, ganz deutlich, und hrte dazwischen auch den Strom, wie
ber ihr, immerfort verworren dreinrauschen. Darauf sah sie den Ritter sich
wieder auf seinen Schimmel schwingen und so schnell in den Wald zurcksprengen,
da der Wind hinter ihm dreinpfiff.
    Als es gegen Abend kam, stand sie in ihrem Schlosse am Fenster und schaute
in das Gebirge hinaus, das schon die graue Dmmerung zu berziehen anfing. Sie
sann hin und her, wer der schne Ritter sein mge, aber sie konnte nichts
herausbringen. Eine nie gefhlte Unruhe und ngstlichkeit berfiel dabei ihre
Seele, die immer mehr zunahm, je dunkler drauen die Gegend wurde. Sie nahm die
Zither, um sich zu zerstreuen. Es fiel ihr ein altes Lied ein, das sie als Kind
oft ihren Vater in der Nacht, wenn sie manchmal erwachte, hatte singen hren.
Sie fing an zu singen:

Obschon ist hin der Sonnenschein
Und wir im Finstern mssen sein,
So knnen wir doch singen
Von Gottes Gt und seiner Macht,
Weil uns kann hindern keine Nacht,
Sein Lobe zu vollbringen.

Die Trnen brachen ihr hierbei aus den Augen, und sie mute die Zither weglegen,
so weh war ihr zumute.
    Endlich, da es drauen schon ganz finster geworden, hrte sie auf einmal ein
groes Gets von Rosseshufen und fremden Stimmen. Der Schlohof fllte sich mit
Windlichtern, bei deren Schein sie ein wildes Gewimmel von Wagen, Pferden,
Rittern und Frauen erblickte. Die Hochzeitsgste verbreiteten sich bald in der
ganzen Burg, und sie erkannte alle ihre alten Bekannten, die auch letzthinauf
dem Bankett bei ihr gewesen waren. Der schne Brutigam, wieder ganz in
wasserblaue Seide gekleidet, trat zu ihr und erheiterte gar bald ihr Herz durch
seine anmutigen und sen Reden, Musikanten spielten lustig, Edelknaben
schenkten Wein herum, und alles tanzte und schmauste in freudenreichem Schalle.
    Whrend des Festes trat Ida mit ihrem Brutigam ans offene Fenster. Die
Gegend war unten weit und breit still, wie ein Grab, nur der Flu rauschte aus
dem finstern Grunde herauf. Was sind das fr schwarze Vgel, fragte Ida, die da
in langen Scharen so langsam ber den Himmel ziehn? - Sie ziehen die ganze Nacht
fort, sagte der Brutigam, sie bedeuten deine Hochzeit. - Was sind das fr
fremde Leute, fragte Ida wieder, die dort unten am Flusse auf den Steinen sitzen
und sich nicht rhren? - Das sind meine Diener, sagte der Brutigam, die auf uns
warten. - Unterdes fingen schon lichte Streifen an, sich am Himmel aufzurichten,
und aus den Tlern hrte man von ferne Hhne krhen. Es wird so khl, sagte Ida
und schlo das Fenster. In meinem Hause ist es noch viel khler, erwiderte der
Brutigam, und Ida schauderte unwillkrlich zusammen.
    Darauf fate er sie beim Arme und fhrte sie mitten unter den lustigen
Schwarm zum Tanze. Der Morgen rckte indes immer nher, die Kerzen im Saale
flackerten nur noch matt und lschten zum Teil gar aus. Whrend Ida mit ihrem
Brutigam herumwalzte, bemerkte sie mit Grausen, da er immer blsser ward, je
lichter es wurde. Drauen vor den Fenstern sah sie lange Mnner mit seltsamen
Gesichtern ankommen, die in den Saal hereinschauten. Auch die Gesichter der
brigen Gste und Bekannten vernderten sich nach und nach, und sie sahen alle
aus wie Leichen. Mein Gott, mit wem habe ich so lange Zeit gelebt? rief sie aus.
Sie konnte vor Ermattung nicht mehr fort und wollte sich loswinden, aber der
Brutigam hielt sie fest um den Leib und tanzte immerfort, bis sie atemlos auf
die Erde hinstrzte.
    Frhmorgens, als die Sonne frhlich ber das Gebirge schien, sah man den
Schlogarten auf dem Berge verwstet, im Schlosse war kein Mensch zu finden, und
alle Fenster standen weit offen. Die Reisenden, die bei hellem Mondenscheine
oder um die Mittagszeit an dem Flusse vorbergingen, sahen oft ein junges
Mdchen sich mitten im Strome mit halbem Leibe ber das Wasser emporheben. Sie
war sehr schn, aber totenbla.
    So endigte Faber seine Erzhlung. Erschrecklich! rief Leontin, sich, wie
vor Frost, schttelnd. Rosa schwieg still. Auf Friedrich hatte das Mrchen einen
tiefen und ganz besonderen Eindruck gemacht. Er konnte sich nicht enthalten,
whrend der ganzen Erzhlung mit einem unbestimmten, schmerzlichen Gefhle an
Rosa zu denken, und es kam ihm vor, als htte Faber selber nicht ohne Absicht
gerade diese Erfindung gewhlt.
    Fabers Mrchen gab Veranlassung, da auch Friedrich und Leontin mehrere
Geschichten erzhlten, woran aber Rosa immer nur einen entfernten Anteil nahm.
So verging dieser Tag unter frhlichen Gesprchen, ehe sie es selber bemerkten,
und der Abend berraschte sie mitten im Walde in einer unbekannten Gegend. Sie
schlugen daher den ersten Weg ein, der sich ihnen darbot, und kamen schon in der
Dunkelheit bei einem Bauernhause an, das ganz allein im Walde stand, und wo sie
zu bernachten beschlossen. Die Hauswirtin, ein junges, rstiges Weib, wute
nicht, was sie aus dem ganz unerwarteten Besuche machen sollte und ma sie mit
Blicken, die eben nicht das beste Zutrauen verrieten. Die lustigen Reden und
Schwnke Leontins und seiner Jger aber brachten sie bald in die beste Laune,
und sie bereitete alles recht mit Lust zu ihrer Aufnahme.
    Nach einem flchtig eingenommenen Abendessen ergriffen Leontin, Faber und
die Jger ihre Flinten und gingen noch in den Wald hinaus auf den Anstand, da
ihnen die gefllige Buerin mit einer gewissen verstohlenen Vertraulichkeit den
Platz verraten hatte, wo das Wild gewhnlich zu wechseln pflegte. Rosa frchtete
sich nun, hier allein zurckzubleiben, und bat daher Friedrich, ihr Gesellschaft
zu leisten, welches dieser mit Freuden annahm. Beide setzten sich, als alles
fort war, auf die Bank an der Haustr vor den weiten Kreis der Wlder. Friedrich
hatte die Gitarre bei sich und griff einige volle Akkorde, welche sich in der
heitern, stillen Nacht herrlich ausnahmen. Rosa war in dieser ungewohnten Lage
ganz verndert. Sie war einmal ohne alle kleine Launen, hingebend, ungewhnlich
vertraulich und liebenswrdig ermattet. Friedrich glaubte sie noch niemals so
angenehm gesehen zu haben. Er hatte ihr schon lngst versprechen mssen, seine
ganze Jugendgeschichte einmal ausfhrlich zu erzhlen. Sie bat ihn nun, sein
Versprechen zu erfllen, bis die andern zurckkmen. Er war gerade auch
aufgelegt dazu und begann daher, whrend sie, mit dem einen Arme auf seine
Achsel gelehnt, so nahe als mglich an ihn rckte, folgendermaen zu erzhlen:
    Meine frhesten Erinnerungen verlieren sich in einem groen, schnen
Garten. Lange, hohe Gnge von gradbeschnittenen Baumwnden laufen nach allen
Richtungen zwischen groen Blumenfeldern hin, Wasserknste rauschen einsam
dazwischen, die Wolken ziehen hoch ber die dunkeln Gnge weg, ein wunderschnes
kleines Mdchen, lter als ich, sitzt an der Wasserkunst und singt welsche
Lieder, whrend ich oft stundenlang an den eisernen Stben des Gartentors stehe,
das an die Strae stt, und sehe, wie drauen der Sonnenschein wechselnd ber
Wlder und Wiesen fliegt, und Wagen, Reuter und Fugnger am Tore vorber in die
glnzende Ferne hinausziehen. Diese ganze, stille Zeit liegt weit hinter all dem
Schwalle der seitdem durchlebten Tage, wie ein uraltes, wehmtig ses Lied, und
wenn mich oft nur ein einzelner Ton davon wieder berhrt, fat mich ein
unbeschreibliches Heimweh, nicht nur nach jenen Grten und Bergen, sondern nach
einer viel ferneren und tieferen Heimat, von welcher jene nur ein lieblicher
Widerschein zu sein scheint. Ach, warum mssen wir jene unschuldige Betrachtung
der Welt, jene wundervolle Sehnsucht, jenen geheimnisvollen, unbeschreiblichen
Schimmer der Natur verlieren, in dem wir nur manchmal noch im Traume unbekannte,
seltsame Gegenden wiedersehen!
    Und wie war es denn nun weiter? fiel ihm Rosa ins Wort.
    Meinen Vater und meine Mutter, fuhr Friedrich fort, habe ich niemals
gesehen. Ich lebte auf dem Schlosse eines Vormunds. Aber eines ltern Bruders
erinnere ich mich sehr deutlich. Er war schn, wild, witzig, keck und dabei
strrisch, tiefsinnig und menschenscheu. Dein Bruder Leontin sieht ihm sehr
hnlich und ist mir darum um desto teurer. Am besten kann ich mir ihn
vorstellen, wenn ich an einen Umstand zurckdenke. An unserm altertmlichen
Schlosse lief nmlich eine groe steinerne Galerie rings herum. Dort pflegten
wir beide gewhnlich des Abends zu sitzen, und ich erinnere mich noch immer an
den eignen, sehnsuchtsvollen Schauer, mit dem ich hinuntersah, wie der Abend
blutrot hinter den schwarzen Wldern versank und dann nach und nach alles dunkel
wurde. Unsere alte Wrterin erzhlte uns dann gewhnlich das Mrchen von dem
Kinde, dem die Mutter mit dem Kasten den Kopf abschlug und das darauf als ein
schner Vogel drauen auf den Bumen sang. Rudolf, so hie mein Bruder, lief
oder ritt unterdes auf dem steinernen Gelnder der Galerie herum, da mir vor
Schwindel alle Sinne vergingen. Und in dieser Stellung schwebt mir sein Bild
noch immer vor, das ich von dem Mrchen, den schwarzen Wldern unten und den
seltsamen Abendlichtern gar nicht trennen kann. Da er wenig lernte und noch
weniger gehorchte, wurde er kalt und bel behandelt. Oft wurde ich ihm als
Muster vorgestellt, und dies war mein grter und tiefster Schmerz, den ich
damals hatte, denn ich liebte ihn unaussprechlich. Aber er achtete wenig darauf.
Das schne italienische Mdchen frchtete sich vor ihm, sooft sie mit ihm
zusammenkam, und doch schien sie ihn immer wieder von neuem aufzusuchen. Mit mir
dagegen war sie sehr vertraulich und oft ausgelassen lustig. Alle Morgen, wenn
es schn war, ging sie in den Garten hinunter und wusch sich an der Wasserkunst
die hellen Augen und den kleinen, weien Hals, und ich mute ihr whrenddessen
die zierlichen Zpfchen flechten helfen, die sie dann in einen Kranz ber dem
Scheitel zusammenheftete. Dabei sang sie immer folgendes Liedchen, das mir mit
seiner ganz eignen Melodie noch immer sehr deutlich vorschwebt:

Zwischen Bergen, liebe Mutter,
Weit den Wald entlang,
Reiten da drei junge Jger
Auf drei Rlein blank,
lieb Mutter,
Auf drei Rlein blank.

Ihr knnt frhlich sein, lieb Mutter:
Wird es drauen still,
Kommt der Vater heim vom Walde,
Kt Euch wie er will,
lieb Mutter,
Kt Euch wie er will.

Und ich werfe mich im Bettchen
Nachts ohn Unterla,
Kehr mich links, und kehr mich rechtshin,
Nirgends hab ich was,
lieb Mutter,
Nirgends hab ich was.

Bin ich eine Frau erst einmal,
In der Nacht dann still
Wend ich mich nach allen Seiten,
K, soviel ich will,
lieb Mutter,
K, soviel ich will.

Sie sang das Liedchen ganz allerliebst. Das arme Kind wute wohl damals selbst
noch nicht deutlich, was sie sang. Aber einmal fuhren die Alten, die sie darber
belauscht hatten, gar tppisch mit harten Verweisen drein, und seitdem, erinnere
ich mich, sang sie das Lied heimlich noch viel lieber.
    So lebten wir lange Zeit in Frieden nebeneinander, und es fiel mir gar nicht
ein, da es jemals anders werden knnte, nur da Rudolf immer finsterer wurde,
je mehr er heranwuchs. Um diese Zeit hatte ich mehrere Male sehr schwere und
furchtbare Trume. Ich sah nmlich immer meinen Bruder Rudolf in einer Rstung,
wie sie sich auf einem alten Ritterbilde auf unserem Vorsaale befand, durch ein
Meer von durcheinanderwogenden, ungeheuren Wolken schreiten, wobei er sich mit
einem langen Schwerte rechts und links Bahn zu hauen schien. Sooft er mit dem
Schwerte die Wolken berhrte, gab es eine Menge Funken, die mich mit ihren
vielfarbigen Lichtern blendeten, und bei jedem solchen Leuchten kam mir auch
Rudolfs Gesicht pltzlich bla und ganz verndert vor. Whrend ich mich nun mit
den Augen so recht in den Wolkenzug vertiefte, bemerkte ich mit Verwunderung,
da es eigentlich keine Wolken waren, sondern sich alles nach und nach in ein
langes, dunkles, seltsam geformtes Gebirge verwandelte, vor dem mir schauderte,
und ich konnte gar nicht begreifen, wie sich Rudolf dort so allein nicht
frchtete. Seitwrts von dem Gebirge sah ich eine weite Landschaft, deren
unbeschreibliche Schnheit und wunderbaren Farbenschimmer ich niemals vergessen
habe. Ein groer Strom ging mitten hindurch bis in eine unabsehbare, duftige
Ferne, wo er sich mit Gesang zu verlieren schien. Auf einem sanftgrnen Hgel
ber dem Strome sa Angelina, das italienische Mdchen, und zog mit ihrem
kleinen, rosigen Finger zu meinem Erstaunen einen Regenbogen ber den blauen
Himmel. Unterdes sah ich, da das Gebirge anfing sich wundersam zu regen; die
Bume streckten lange Arme aus, die sich wie Schlangen ineinanderschlungen, die
Felsen dehnten sich zu ungeheuren Drachengestalten aus, andere zogen Gesichter
mit langen Nasen, die ganze wunderschne Gegend berzog und verdeckte dabei ein
qualmender Nebel. Zwischen den Felsenplatten streckte Rudolf den Kopf hervor,
der auf einmal viel lter und selber wie von Stein aussah, und lachte bermig
mit seltsamen Gebrden. Alles verwirrte sich zuletzt und ich sah nur die
entfliehende Angelina mit ngstlich zurckgewandtem Gesichte und weiem,
flatterndem Gewande, wie ein Bild ber einen grauen Vorhang, vorberschweben.
Eine groe Furcht berfiel mich da jedesmal und ich wachte vor Schreck und
Entsetzen auf.
    Diese Trume, die sich, wie gesagt, mehrere Male wiederholten, machten einen
so tiefen Eindruck auf mein kindisches Gemt, da ich nun meinen Bruder oft
heimlich mit einer Art von Furcht betrachtete, auch die seltsame Gestaltung des
Gebirges nie wieder verga.
    Eines Abends, da ich eben im Garten herumging und zusah, wie es in der Ferne
an den Bergen gewitterte, trat auf einmal an dem Ende eines Bogenganges Rudolf
zu mir. Er war finsterer, als gewhnlich. Siehst du das Gebirge dort? sagte er,
auf die fernen Berge deutend. Drben liegt ein viel schneres Land, ich habe ein
einziges Mal hinuntergeblickt. Er setzte sich ins Gras hin, dann sagte er in
einer Weile wieder. Hrst du, wie jetzt in der weiten Stille unten die Strme
und Bche rauschen und wunderbarlich locken? Wenn ich so hinunterstiege in das
Gebirge hinein, ich ginge fort und immer fort, du wrdest unterdes alt, das
Schlo wre auch verfallen und der Garten hier lange einsam und wste. - Mir
fiel bei diesen Worten mein Traum wieder ein, ich sah ihn an, und auch sein
Gesicht kam mir in dem Augenblicke gerade so vor, wie es mir im Traume immer
erschien. Eine niegefhlte Angst berwltigte mich und ich fing an zu weinen.
Weine nur nicht! sagte er hart und wollte mich schlagen. Unterdes kam Angelina
mit neuem Spielzeuge lustig auf uns zugesprungen und Rudolf entfernte sich
wieder in den dunkeln Bogengang. Ich spielte nun mit dem muntern Mdchen auf dem
Rasenplatze vor dem Schlosse und verga darber alles Vorhergegangene. Endlich
trieb uns der Hofmeister zu Bette. Ich erinnere mich nicht, da mir als Kind
irgend etwas widerwrtiger gewesen wre, als das zeitige Schlafengehen, wenn
alles drauen noch schallte und schwrmte und meine ganze Seele noch so wach
war. Dieser Abend war besonders schn und schwl. Ich legte mich unruhig nieder.
Die Bume rauschten durch das offene Fenster herein, die Nachtigall schlug tief
aus dem Garten, dazwischen hrte ich noch manchmal Stimmen unter dem Fenster
sprechen, bis ich endlich nach langer Zeit einschlummerte. Da kam es mir auf
einmal vor, als schiene der Mond sehr hell durch die Stube, mein Bruder erhbe
sich aus seinem Bett und ginge verschiedentlich im Zimmer herum, neige sich dann
ber mein Bett und ksse mich. Aber ich konnte mich durchaus nicht besinnen.
    Den folgenden Morgen wachte ich spter auf, als gewhnlich. Ich blickte
sogleich nach dem Bette meines Bruders und sah, nicht ohne Ahnung und Schreck,
da es leer war. Ich lief schnell in den Garten hinaus, da sa Angelina am
Springbrunnen und weinte heftig. Meine Pflegeeltern und alle im ganzen Hause
waren heimlich, verwirrt und verstrt, und so erfuhr ich erst nach und nach, da
Rudolf in dieser Nacht entflohen sei. Man schickte Boten nach allen Seiten aus,
aber keiner brachte ihn mehr wieder.
    Und habt ihr denn seitdem niemals wieder etwas von ihm gehrt? fragte
Rosa.
    Es kam wohl die Nachricht, sagte Friedrich, da er sich bei einem
Freikorps habe anwerben lassen, nachher gar, da er in einem Treffen geblieben
sei. Aber aus spteren, einzelnen, abgebrochenen Reden meiner Pflegeeltern
gelangte ich wohl zu der Gewiheit, da er noch am Leben sein msse. Doch taten
sie sehr heimlich damit und hrten sogleich auf davon zu sprechen, wenn ich
hinzutrat; und seitdem habe ich von ihm nichts mehr sehen noch erfahren knnen.
    Bald darauf verlie auch Angelina mit ihrem Vater, der weitlufig mit uns
verwandt war, unser Schlo und reiste nach Italien zurck. Es ist sonderbar, da
ich mich auf die Zge des Kindes nie wieder besinnen konnte. Nur ein leises,
freundliches Bild ihrer Gestalt und ganzen lieblichen Gegenwart blieb mir brig.
Und so war denn nun das Kleeblatt meiner Kindheit zerrissen und Gott wei, ob
wir uns jemals wiedersehen. - Mir war zum Sterben bange, mein Spielzeug freute
mich nicht mehr, der Garten kam mir unaussprechlich einsam vor. Es war, als
mte ich hinter jedem Baume, an jedem Bogengange noch Angelina oder meinem
Bruder begegnen, das einfrmige Pltschern der Wasserknste Tag und Nacht
hindurch vermehrte nur meine tiefe Bangigkeit. Mir war es unbegreiflich, wie es
meine Pflegeeltern hier noch aushalten konnten, wie alles um mich herum seinen
alten Gang fortging, als wre eben alles noch, wie zuvor.
    Damals ging ich oft heimlich und ganz allein nach dem Gebirge, das mir
Rudolf an jenem letzten Abend gezeigt hatte, und hoffte in meinem kindischen
Sinne zuversichtlich, ihn dort noch wiederzufinden. Wie oft berfiel mich dort
ein Grausen vor den Bergen, wenn ich mich manchmal droben versptet hatte und
nur noch die Schlge einsamer Holzhauer durch die dunkelgrnen Bogen
heraufschallten, whrend tief unten schon hin und her Lichter in den Drfern
erschienen, aus denen die Hunde fern bellten. Auf einem dieser Streifzge
verfehlte ich beim Heruntersteigen den rechten Weg und konnte ihn durchaus nicht
wiederfinden. Es war schon dunkel geworden und meine Angst nahm mit jeder Minute
zu. Da erblickte ich seitwrts ein Licht; ich ging darauf los und kam an ein
kleines Huschen. Ich guckte furchtsam durch das erleuchtete Fenster hinein und
sah darin in einer freundlichen Stube eine ganze Familie friedlich um ein lustig
flackerndes Herdfeuer gelagert. Der Vater, wie es schien, hatte ein Bchelchen
in der Hand und las vor. Mehrere sehr hbsche Kinder saen im Kreise um ihn
herum und hrten, die Kpfchen in beide Arme aufgesttzt, mit der grten
Aufmerksamkeit zu, whrend eine junge Frau daneben spann und von Zeit zu Zeit
Holz an das Feuer legte. Der Anblick machte mir wieder Mut, ich trat in die
Stube hinein. Die Leute waren sehr erstaunt, mich bei ihnen zu sehen, denn sie
kannten mich wohl, und ein junger Bursche wurde sogleich fortgesandt, sich
anzukleiden, um mich auf das Schlo zurckzugeleiten. Der Vater setzte unterdes,
da ich ihn darum bat, seine Vorlesung wieder fort. Die Geschichte wollte mich
bald sehr anmutig und wundervoll bednken. Mein Begleiter stand schon lange
fertig an der Tr. Aber ich vertiefte mich immer mehr in die Wunder; ich wagte
kaum zu atmen und hrte zu und immer zu und wre die ganze Nacht geblieben, wenn
mich nicht der Mann endlich erinnert htte, da meine Eltern in Angst kommen
wrden, wenn ich nicht bald nach Hause ginge. Es war der gehrnte Siegfried, den
er las.
    Rosa lachte. - Friedrich fuhr, etwas gestrt, fort:
    Ich konnte diese ganze Nacht nicht schlafen, ich dachte immerfort an die
schne Geschichte. Ich besuchte nun das kleine Huschen fast tglich, und der
gute Mann gab mir von den ersehnten Bchern mit nach Hause, soviel ich nur
wollte. Es war gerade in den ersten Frhlingstagen. Da sa ich denn einsam im
Garten und las die Magelone, Genoveva, die Haimonskinder und vieles andere
unermdet der Reihe nach durch. Am liebsten whlte ich dazu meinen Sitz in dem
Wipfel eines hohen Birnbaumes, der am Abhange des Gartens stand, von wo ich dann
ber das Bltenmeer der niedern Bume weit ins Land schauen konnte, oder an
schwlen Nachmittagen die dunklen Wetterwolken ber den Rand des Waldes langsam
auf mich zukommen sah.
    Rosa lachte wieder. Friedrich schwieg eine Weile unwillig still. Denn die
Erinnerungen aus der Kindheit sind desto empfindlicher und verschmter, je
tiefer und unverstndlicher sie werden, und frchten sich vor gro gewordenen,
altklugen Menschen, die sich in ihr wunderbares Spielzeug nicht mehr zu finden
wissen. Dann erzhlte er weiter:
    Ich wei nicht, ob der Frhling mit seinen Zauberlichtern in diese
Geschichten hineinspielte, oder ob sie den Lenz mit ihren rhrenden
Wunderscheinen berglnzten - aber Blumen, Wald und Wiesen erschienen mir damals
anders und schner. Es war, als htten mir diese Bcher die goldnen Schlssel zu
den Wunderschtzen und der verborgenen Pracht der Natur gegeben. Mir war noch
nie So fromm und frhlich zumute gewesen. Selbst die ungeschickten Holzstiche
dabei waren mir lieb, ja beraus wert. Ich erinnere mich noch jetzt mit
Vergngen, wie ich mich in das Bild, wo der Ritter Peter von seinen Eltern
zieht, vertiefen konnte, wie ich mir den einen Berg im Hintergrunde mit Burgen,
Wldern, Stdten und Morgenglanz ausschmckte, und in das Meer dahinter, aus
wenigen groben Strichen bestehend, und die Wolken drber, mit ganzer Seele
hineinsegelte. Ja, ich glaube wahrhaftig, wenn einmal bei Gedichten Bilder sein
sollen, so sind solche die besten. Jene feinern, sauberen Kupferstiche mit ihren
modernen Gesichtern und ihrer, bis zum kleinsten Strauche, ausgefhrten und
festbegrenzten Umgebung verderben und beengen alle Einbildung, anstatt da diese
Holzstiche mit ihren verworrenen Strichen und unkenntlichen Gesichtern der
Phantasie, ohne die doch niemand lesen sollte, einen frischen, unendlichen
Spielraum erffnen, ja sie gleichsam herausfordern.
    Alle diese Herrlichkeit dauerte nicht lange. Mein Hofmeister, ein
aufgeklrter Mann, kam hinter meine heimlichen Studien und nahm mir die
geliebten Bcher weg. Ich war untrstlich. Aber Gott sei Dank, das Wegnehmen kam
zu spt. Meine Phantasie hatte auf den waldgrnen Bergen, unter den Wundern und
Helden jener Geschichten gesunde, freie Luft genug eingesogen, um sich des
Anfalls einer ganz nchternen Welt zu erwehren. Ich bekam nun dafr Campes
Kinderbibliothek. Da erfuhr ich denn, wie man Bohnen steckt, sich selber
Regenschirme macht, wenn man etwa einmal, wie Robinson, auf eine wste Insel
verschlagen werden sollte, nebstbei mehrere zuckergebackene, edle Handlungen,
einige Elternliebe und kindliche Liebe in Scharaden. Mitten aus dieser
pdagogischen Fabrik schlugen mir einige kleine Lieder von Matthias Claudius
rhrend und lockend ans Herz. Sie sahen mich in meiner prosaischen
Niedergeschlagenheit mit schlichten, ernsten, treuen Augen an, als wollten sie
freundlich trstend sagen: Lasset die Kleinen zu mir kommen! Diese Blumen
machten mir den farb- und geruchslosen, zur Menschheitssaat umgepflgten Boden,
in welchen sie seltsam genug verpflanzt waren, einigermaen heimatlich. Ich
entsinne mich, da ich in dieser Zeit verschiedene Pltze im Garten hatte,
welche Hamburg, Braunschweig und Wandsbek vorstellten. Da eilte ich denn von
einem zum andern und brachte dem guten Claudius, mit dem ich mich besonders
gerne und lange unterhielt, immer viele Gre mit. Es war damals mein grter,
innigster Wunsch, ihn einmal in meinem Leben zu sehen.
    Bald aber machte eine neue Epoche, die entscheidende fr mein ganzes Leben,
dieser Spielerei ein Ende. Mein Hofmeister fing nmlich an, mir alle Sonntage
aus der Leidensgeschichte Jesu vorzulesen. Ich hrte sehr aufmerksam zu. Bald
wurde mir das periodische, immer wieder abgebrochene Vorlesen zu langweilig. Ich
nahm das Buch und las es fr mich ganz aus. Ich kann es nicht mit Worten
beschreiben, was ich dabei empfand. Ich weinte aus Herzensgrunde, da ich
schluchzte. Mein ganzes Wesen war davon erfllt und durchdrungen, und ich
begriff nicht, wie mein Hofmeister und alle Leute im Hause, die doch das alles
schon lange wuten, nicht ebenso gerhrt waren und auf ihre alte Weise so ruhig
fortleben konnten. -
    Hier brach Friedrich pltzlich ab, denn er bemerkte, da Rosa fest
eingeschlafen war. Eine schmerzliche Unlust flog ihn bei diesem Anblicke an. Was
tu ich hier, sagte er zu sich selber, als alles so still um ihn geworden war,
sind das meine Entschlsse, meine groen Hoffnungen und Erwartungen, von denen
meine Seele so voll war, als ich ausreiste? Was zerschlage ich den besten Teil
meines Lebens in unntze Abenteuer ohne allen Zweck, ohne alle rechte Ttigkeit?
Dieser Leontin, Faber und Rosa, sie werden mir doch ewig fremd bleiben. Auch
zwischen diesen Menschen reisen meine eigentlichsten Gedanken und Empfindungen
hindurch, wie ein Deutscher durch Frankreich. Sind dir denn die Flgel
gebrochen, guter, mutiger Geist, der in die Welt hinausschaute, wie in sein
angebornes Reich? Das Auge hat in sich Raum genug fr eine ganze Welt, und nun
sollte es eine kleine Mdchenhand bedecken und zudrcken knnen? - Der Eindruck,
den Rosas Lachen whrend seiner Erzhlung auf ihn gemacht hatte, war noch nicht
vergangen. Sie schlummerte rckwrts auf ihren Arm gelehnt, ihr Busen, in den
sich die dunklen Locken herabringelten, ging im Schlafe ruhig auf und nieder. So
ruhte sie neben ihm in unbeschreiblicher Schnheit. Ihm fiel dabei ein Lied ein.
Er stand auf und sang zur Gitarre:

Ich hab manch Lied geschrieben,
Die Seele war voll Lust,
Von treuem Tun und Lieben,
Das Beste, was ich wut.

Was mir das Herz bewogen,
Das sagte treu mein Mund,
Und das ist nicht erlogen,
Was kommt aus Herzensgrund.

Liebchen wut's nicht zu deuten
Und lacht mir ins Gesicht,
Dreht sich zu andern Leuten
Und achtet's weiter nicht.

Und spielt mit manchem Tropfe,
Weil ich so tief betrbt.
Mir ist so dumm im Kopfe,
Als wr ich nicht verliebt.

Ach Gott, wem soll ich trauen?
Will sie mich nicht verstehn,
Tun all' so fremde schauen,
Und alles mu vergehn.

Und alles irrt zerstreuet -
Sie ist so schn und rot -
Ich hab nichts, was mich freuet,
Wr ich viel lieber tot!

Rosa schlug die Augen auf, denn das Waldhorn erschallte in dem Tale und man
hrte Leontin und die Jger, die soeben von ihrem Streifzuge zurckkehrten, im
Walde rufen und schreien. Sie hatten gar keine Beute gemacht und waren alle der
Ruhe hchst bedrftig. Die Wirtin wurde daher eiligst in Ttigkeit gesetzt, um
jedem sein Lager anzuweisen, so gut es die Umstnde zulieen. Es wurde nun von
allen Seiten Stroh herbeigeschafft und in der Stube ausgebreitet, die fr Rosa,
Leontin, Friedrich und Faber bestimmt war; die brigen sollten sonstwo im Hause
untergebracht werden. Da alles mithalf, ging es bei den Zubereitungen ziemlich
tumultuarisch her. Besonders aber zeigte sich die kleine Marie, welcher die
Jger tapfer zugetrunken hatten, ungewhnlich ausgelassen. Jeder behandelte sie
aus Gewohnheit als ein halberwachsenes Kind, fing sie auf und kte sie.
Friedrich aber sah wohl, da sie sich dabei gar knstlich strubte, um nur immer
fester gehalten zu werden, und da ihre Ksse nicht mehr kindisch waren. Dem
Herrn Faber schien sie heute ganz besonders wohl zu behagen, und Friedrich
glaubte zu bemerken, da sie sich einige Male verstohlen und wie im Fluge mit
ihm besprach.
    Endlich hatte sich nach und nach alles verloren, und die Herrschaften
blieben allein im Zimmer zurck. Faber meinte: sein Kopf sei so voll guter
Gedanken, da er sich jetzt nicht niederlegen knne. Das Wetter sei so schn und
die Stube so schwl, er wolle daher die Nacht im Freien zubringen. Damit nahm er
Abschied und ging hinaus. Leontin lachte ihm ausgelassen nach. Rosa war unterdes
in ble Laune geraten. Die Stube war ihr zu schmutzig und enge, das Stroh zu
hart. Sie erklrte, sie knne so unmglich schlafen, und setzte sich schmollend
auf eine Bank hin. Leontin warf sich, ohne ein Wort darauf zu erwidern, auf das
Stroh und war gleich eingeschlafen. Endlich berwand auch bei Rosa die Mdigkeit
den Eigensinn. Sie verlie ihre harte Bank, lachte ber sich selbst und legte
sich neben ihren Bruder hin.
    Friedrich ruhte noch lange wach, den Kopf in die Hand gesttzt. Der Mond
schien durch das kleine Fenster herein, die Wanduhr pickte einfrmig immer fort.
Da vernahm er auf einmal drauen folgenden Gesang:

Ach, von dem weichen Pfhle
Was treibt dich irr umher?
Bei meinem Saitenspiele
Schlafe, was willst du mehr?

Bei meinem Saitenspiele
Heben dich allzusehr
Die ewigen Gefhle;
Schlafe, was willst du mehr?

Die ewigen Gefhle,
Schnupfen und Husten schwer,
Ziehn durch die ncht'ge Khle;
Schlafe, was willst du mehr?

Ziehn durch die ncht'ge Khle
Mir den Verliebten her,
Hoch auf schwindlige Pfhle;
Schlafe, was willst du mehr?

Hoch auf schwindligem Pfhle
Zhle der Sterne Heer;
Und so dir das mifiele:
Schlafe, was willst du mehr?

Friedrich konnte die Stimme nicht erkennen; sie schien ihm mit Flei verndert
und verstellt. Mit besonders komischem Ausdruck wurde jedesmal das: Schlafe,
was willst du mehr? wiederholt. Er sprang auf und trat ans Fenster. Da sah er
einen dunklen Schatten schnell ber den mondhellen Platz vor dem Hause
vorberlaufen und zwischen den Bumen verschwinden. Er horchte noch lange Zeit
dort hinaus, alles blieb still die ganze Nacht hindurch.

                                Sechstes Kapitel


Ein Hifthorn drauen im Hofe weckte am Morgen die Neugestrkten. Leontin sprang
schnell vom Lager. Auch Rosa richtete sich auf. Die Morgensonne schien ihr durch
das Fenster gerade ins Gesicht. Die Locken noch verwirrt vom nchtlichen Lager,
sah sie so blhend und reizend verschlafen aus, da sich Friedrich nicht
enthalten konnte, ihr einen Ku auf die frischen Lippen zu drcken. Alles
rstete sich nun frhlich wieder zur Weiterreise. Aber nun bemerkten sie erst,
da Faber fehle. Er hatte sich, wie wir wissen, abends hinausbegeben und er war
seitdem nicht wieder in die Stube zurckgekehrt. Leontin befragte daher die
Jger, und diese sagten denn zu allgemeiner Verwunderung Folgendes aus:
    Als sie, noch vor Tagesanbruch, hinausgingen, um nach den Pferden zu sehen,
hrten sie jemand hoch ber ihnen, wie aus der Luft zu wiederholten Malen rufen.
Sie sahen ringsherum und erblickten endlich mit Erstaunen Herrn Faber, der
mitten auf dem Dache des Hauses an dem festverschlossenen Dachfenster sa und
schimpfend mit beiden Armen, wie eine Windmhle, in der Morgendmmerung focht.
Sie setzten ihm nun auf sein Begehren die Leiter an, die vor dem Hause auf der
Erde lag, und erlsten ihn so von seinem luftigen Throne. Er aber forderte,
sobald er unten war, ohne sich weiter in Erklrungen einzulassen, sogleich sein
Pferd und seinen Mantelsack heraus. Da er sehr heftig und wunderlich zu sein
schien, taten sie, was er verlangte. Als er sein Pferd bestiegen hatte, sagte er
nur noch zu ihnen: sie mchten ihren Herrn, den fremden Grafen und die Grfin
Rosa von ihm auf das beste gren, und fr die lang erwiesene Freundschaft in
seinem Namen danken; er fr seinen Teil reise in die Residenz, wo er sie frher
oder spter wiederzusehen hoffe. Darauf habe er dem Pferde die Sporen gegeben
und sei in den Wald hineingeritten.
    Lebe wohl, guter, unruhiger Freund! rief Leontin bei dieser Nachricht aus,
ich knnte wahrhaftig in diesem Augenblicke recht aus Herzensgrunde traurig
sein, so gewohnt war ich an dein wunderliches Wesen. Fahre wohl, und Gott gebe,
da wir bald wieder zusammenkommen! Amen, fiel Rosa ein; aber was in aller
Welt hat ihn denn auf das Dach hinaufgetrieben und bewogen, uns dann so
pltzlich zu verlassen? - Niemand wute sich das Rtsel zu lsen. Aber die
kleine Marie hrte whrend der ganzen Zeit nicht auf, geheimnisvoll zu kichern,
Friedrich erinnerte sich auch an das gestrige, sonderbare Nachtlied vor dem
Fenster, und nun bersahen sie nach und nach den ganzen Zusammenhang.
    Faber hatte nmlich gestern abend mit Marie eine heimliche Zusammenkunft in
der Dachkammer, wo sie schlief, verabredet. Das schlaue Mdchen aber hatte,
statt Wort zu halten, das Dachfenster von innen fest versperrt und sich, ehe
noch Faber so knstlich von ihnen weggeschlichen, in den Wald hinausbegeben, wo
sie abwartete, bis der Verliebte, der Verabredung gem, auf der Leiter das Dach
erstiegen hatte. Dann sprang sie schnell hervor, nahm die Leiter weg und sang
ihm unten das lustige Stndchen, das Friedrich gestern belauscht, whrend Faber,
stumm vor Zorn und Scham, zwischen Himmel und Erde schwebte.
    Leontin und Rosa lachten unmig und fanden den Einfall beraus herrlich.
Friedrich aber fand ihn anders und schttelte unwillig den Kopf ber das
vierzehnjhrige Mdchen.
    Sie setzten nun also ihre Reise allein weiter fort. Der Morgen war sehr
heiter, die Gegend wunderschn; dessenungeachtet konnten sie heute gar nicht
recht in die alte Lust und gewohnte Gesprchsweise hineinkommen. Faber fehlte
ihnen und wurde von allen vermit, besonders von Leontin, der fortwhrend einen
Ableiter seines berflssigen Witzes brauchte. Dazu taugte ihm aber gerade
niemand besser, als Faber, der komisch genug war, um Witz zu erzeugen und selber
witzig genug, ihn zu verstehn. Friedrich nannte daher auch alle Gesprche
zwischen Leontin und Faber egoistische Monologe, wo jeder nur sich selbst reden
hrt und beantwortet, anstatt da er bei jeder Unterhaltung mit redlichem Eifer
fr die Sache selbst in den anderen berzeugend einzudringen suchte. Am
sichtbarsten unter allen aber war Rosa verstimmt. Sie hatte sich ganz besondere,
unerhrte Ereignisse und Wunderdinge von der Reise versprochen, und da diese nun
nicht erscheinen wollten und auch der Schimmer der Neuheit von ihren Augen
gefallen war, fing sie nach und nach an zu bemerken, da es sich doch eigentlich
fr sie nicht schicke, so allein mit den Mnnern in der Welt herumzustreifen,
und sie hatte keine Ruhe und keine Lust mehr an den ewigen, langweiligen Steinen
und Bumen.
    So waren sie an einen freigrnen Platz auf dem Gipfel einer Anhhe gekommen
und beschlossen, hier den Mittag abzuwarten. Ringsum lagen niedrigere Berge mit
Schwarzwald bedeckt, von der einen Seite aber hatte man eine weite Aussicht ins
ebene Land, wo man die blauen Trme der Residenz an einem blitzenden Strome sich
ausbreiten sah. Der mitgenommene Mundvorrat wurde nun abgepackt, ein
Feldtischchen mitten in der Aue aufgepflanzt, und alle lagerten sich in einem
Kreise auf dem Rasen herum und aen und tranken. Rosa mochte launisch nichts
genieen, sondern zog, zu Leontins groem rgernis, ihre Strickerei hervor,
setzte sich allein seitwrts und arbeitete, bis sie am Ende darber einschlief.
Friedrich und Leontin nahmen daher ihre Flinten und gingen in den Wald, um Vgel
zu schieen. Die lustigen bunten Snger, die von einem Wipfel zum andern vor
ihnen herflogen, lockten sie immer weiter zwischen den dunkelgrnen Hallen fort,
so da sie erst nach langer Zeit wieder auf dem Lagerplatze anlangten.
    Hier kam ihnen Erwin mit auffallender Lebhaftigkeit und Freude
entgegengesprungen und sagte, da Rosa fort sei. Ein Wagen, erzhlte der Knabe,
sei bald, nachdem sie fortgegangen waren, die Strae hergefahren. Eine schne,
junge Dame sah aus dem Wagen heraus, lie sogleich stillhalten und kam auf die
Grfin Rosa zu, mit der sie sich dann lange sehr lebhaft und mit vielen Freuden
besprach. Zuletzt bat sie dieselbe, mit ihr zu fahren. Rosa wollte anfangs
nicht, aber die fremde Dame streichelte und kte sie und schob sie endlich halb
mit Gewalt in den Wagen. Die kleine Marie mute auch mit einsitzen, und so
hatten sie den Weg nach der Residenz eingeschlagen. - Friedrich krnkte bei
dieser unerwarteten Nachricht die Leichtfertigkeit, mit der ihn Rosa so schnell
verlassen konnte, in tiefster Seele. Als sie an den Feldtisch in der Mitte der
Aue kamen, fanden sie dort ein Papier, worauf mit Bleistift geschrieben stand:
Die Grfin Romana.
    Das dacht ich gleich, rief Leontin, das ist so ihre Weise. - Wer ist
die Dame? fragte Friedrich. - Eine junge, reiche Witwe, antwortete Leontin,
die nicht wei, was sie mit ihrer Schnheit und ihrem Geiste anfangen soll,
eine Freundin meiner Schwester, weil sie mit ihr spielen kann, wie sie will,
eine tollgewordene Genialitt, die in die Mnnlichkeit hineinpfuscht. Hierbei
wandte er sich rgerlich zu seinen Jgern, die ihre Pferde schon wieder
aufgezumt hatten, und befahl ihnen, nach seinem Schlosse zurckzukehren, um die
Reise freier und bequemer, blo in Friedrichs und Erwins Begleitung weiter
fortzusetzen.
    Die Jger brachen bald auf und die beiden Grafen blieben nun allein auf dem
grnen Platze zurck, wo es so auf einmal still und leer geworden war. Da kam
Erwin wieder gesprungen und sagte, da man den Wagen soeben noch in der Ferne
sehen knne. Sie blickten hinab und sahen, wie er in der glnzenden Ebene
fortrollte, bis er zwischen den blhenden Hgeln und Grten in dem Abendschimmer
verschwand, der sich eben weit ber die Tler legte. Von der andern Seite hrte
man noch die Hrner der heimziehenden Jger ber die Berge. Siehst du dort,
sagte Friedrich, die dunklen Trme der Residenz? Sie stehen wie Leichensteine
des versunkenen Tages. Anders sind die Menschen dort, unter welche Rosa nun
kommt; treue Sitte, Frmmigkeit und Einfalt gilt nicht unter ihnen. Ich mchte
sie lieber tot, als so wiedersehn. Ist mir doch, als stiege sie, wie eine
Todesbraut, in ein flimmernd aufgeschmcktes, groes Grab, und wir wendeten uns
treulos von ihr und lieen sie gehen. - Leontin fuhr lustig ber die Saiten der
Gitarre und sang:

Der Liebende steht trge auf,
Zieht ein Herrjemine-Gesicht
Und wnscht, er wre tot.
Der Morgen tut sich prchtig auf,
So silbern geht der Strme Lauf,
Die Vglein schwingen hell sich auf:
Bad, Menschlein, dich im Morgenrot,
Dein Sorgen ist ein Wicht!

Darauf bestiegen sie beide ihre Pferde und ritten in das Gebirge hinein.
    Nachdem sie so mehrere Tage herumgeirrt und die merkwrdigsten Orte des
Gebirges in Augenschein genommen hatten, kamen sie eines Abends schon in der
Dunkelheit in einem Dorfe an, wo sie im Wirtshause einkehrten. Dort aber war
alles leer und nur von einer alten Frau, die allein in der Stube sa, erfuhren
sie, da der Pchter des Ortes heute einen Ball gebe, wobei auch seine
Grundherrschaft sich befnde, und da daher alles aus dem Hause gelaufen sei, um
dem Tanze zuzusehen.
    Da es zum Schlafengehen noch zu zeitig und die Nacht sehr schn war, so
entschlossen sich auch die beiden Grafen, noch einen Spaziergang zu machen. Sie
strichen durchs Dorf und kamen bald darauf am andern Ende desselben an einen
Garten, hinter welchem sich die Wohnung des Pchters befand, aus deren
erleuchteten Fenstern die Tanzmusik zu ihnen herberschallte. Leontin, den diese
ganz unverhoffte Begebenheit in die lustigste Laune versetzt hatte, schwang sich
sogleich ber den Gartenzaun, und berredete auch Friedrich, ihm zu folgen. Der
Garten war ganz still, sie gingen daher durch die verschiedenen Gnge bis an das
Wohnhaus. Die Fenster des Zimmers, wo getanzt wurde, gingen auf den Garten
hinaus, aber es war hoch oben im zweiten Stockwerke. Ein groer, dichtbelaubter
Baum stand da am Hause und breitete seine ste gerade vor den Fenstern aus. Der
Baum ist eine wahre Jakobsleiter, sagte Leontin, und war im Augenblicke droben.
Friedrich wollte durchaus nicht mit hinauf. Das Belauschen, sagte er,
besonders frhlicher Menschen in ihrer Lust, hat immer etwas Schlechtes im
Hinterhalte. Wenn du Umstnde machst, rief Leontin von oben, so fange ich
hier so ein Geschrei an, da alle zusammenlaufen und uns als Narren auffangen
oder tchtig durchprgeln. Soeben knarrte auch wirklich die Haustr unten und
Friedrich bestieg daher ebenfalls eilfertig den luftigen Sitz.
    Oben aus der weiten, dichten Krone des Baumes konnten sie die ganze
Gesellschaft bersehen. Es wurde eben ein Walzer getanzt, und ein Paar nach dem
andern flog an dem Fenster vorber. Junge, flchtige konomen, wie es schien, in
knappen und eng zugespitzten Fracken fegten tapfer mit tchtigen Mdchen, die
vor Gesundheit und Freude ber und ber rot waren. Hin und wieder zogen
frhliche, dicke Gesichter, wie Vollmonde, durch diesen Sternenhimmel. Mitten in
dem Gewimmel tanzte eine hagere Figur, wie ein Satyr, in den abenteuerlichsten,
bertriebensten Wendungen und Kapriolen, als wollte er alles Affektierte,
Lcherliche und Ekle jedes einzelnen der Gesellschaft in eine einzige Karikatur
zusammendrngen. Bald darauf sah man ihn auch unter den Musikanten ebenso mit
Leib und Seele die Geige streichen. Das ist ein hchst seltsamer Gesell, sagte
Leontin, und verwendete kein Auge von ihm. Es ist doch ein sonderbares Gefhl,
erwiderte Friedrich nach einer Weile, so drauen aus der weiten, stillen
Einsamkeit auf einmal in die bunte Lust der Menschen hineinzusehen, ohne ihren
inneren Zusammenhang zu kennen; wie sie sich, gleich Marionetten, voreinander
verneigen und beugen, lachen und die Lippen bewegen, ohne da wir hren, was sie
sprechen. Oh, ich knnte mir, sagte Leontin, kein schauerlicheres und
lcherlicheres Schauspiel zugleich wnschen, als eine Bande Musikanten, die
recht eifrig und in den schwierigsten Passagen spielten, und einen Saal voll
Tanzender dazu, ohne da ich einen Laut von der Musik vernhme. - Und hast du
dieses Schauspiel nicht im Grunde tglich? entgegnete Friedrich.
Gestikulieren, qulen und mhen sich nicht berhaupt alle Menschen ab, die
eigentmliche Grundmelodie uerlich zu gestalten, die jedem in tiefster Seele
mitgegeben ist, und die der eine mehr, der andere weniger und keiner ganz
auszudrcken vermag, wie sie ihm vorschwebt? Wie weniges verstehen wir von den
Taten, ja, selbst von den Worten eines Menschen! - Ja, wenn sie erst Musik im
Leibe htten! fiel ihm Leontin lachend ins Wort. Aber die meisten fingern
wirklich ganz ernsthaft auf Hlzchen ohne Saiten, weil es einmal so hergebracht
ist und das vorliegende Blatt heruntergespielt werden mu; aber das, was das
ganze Hantieren eigentlich vorstellen soll, die Musik selbst und Bedeutung des
Lebens, haben die nrrisch gewordenen Musikanten darber vergessen und
verloren.
    In diesem Augenblicke kam ein neues Paar bei dem Fenster angeflogen, alles
machte ehrerbietig Platz und sie erblickten ein wunderschnes Mdchen, das sich
durch seinen Anstand vor allen den andern auszeichnete. Sie lehnte lchelnd die
zarte, glhende Wange an die Fensterscheibe, um sie abzukhlen. Darauf ffnete
sie gar das Fenster, teilte zierlich ihre Haare, durch die ein Rosenkranz
geflochten war, nach beiden Seiten ber die Stirn, und schaute, so wie in
Gedanken versunken, lange in die Nacht hinaus. - Leontin und Friedrich waren ihr
dabei so nahe, da sie ihren Atem hren konnten; ihre stillen, groen Augen, in
deren feuchtem Spiegel der Mond widerglnzte, standen gerade vor ihnen. Wo ist
das Frulein? rief auf einmal eine Stimme von innen, und das Mdchen wandte
sich um und verlor sich unter den Menschen. - Leontin sagte: Ich mchte den
Baum schtteln, da er bis in die Wurzeln vor Freude beben sollte, ich mchte
hier ins offene Fenster hineinspringen und tanzen, bis die Sonne aufginge, ich
mchte wie ein Vogel von dem Baume fliegen ber Berge und Wlder! - Zwei
ltliche Herren unterbrachen diese Ausrufungen, indem sie sich zum Fenster
hinauslehnten. Ihr Gesprch, so ruhig wie ihre Gesichter, ergo sich wie ein
einfrmiger, aber klarer Strom ber die neuesten politischen Zeitbegebenheiten,
von denen sie bald auf ihre Landwirtschaft ablenkten, und aus den Blitzen, die
man in der Ferne am wolkenlosen Himmel erblickte, ein gnstiges Erntewetter
prophezeieten.
    Unterdes hatte die Musik aufgehrt, das Zimmer oben wurde leerer. Man hrte
unten die Tr auf- und zugehen, verschiedene Parteien gingen bei dem schnen
Mondscheine im Garten auf und nieder, und auch die beiden alten Herren
verschwanden von dem Fenster. Da kam ein junges Paar, ganz getrennt von den
brigen, langsam auf den Baum zugewandelt. Gott steh uns bei, sagte Leontin,
da kommen gewi Sentimentale, denn sie wandeln so schwebend auf den Zehen, wie
einer, der gern fliegen mchte und nicht kann. Sie waren indes schon so nahe
gekommen, da man verstehen konnte, was sie sprachen. Haben Sie, fragte der
junge Mann, das neueste Werk von Lafontaine gelesen? Ja, antwortete das
Mdchen, in einer ziemlich buerischen Mundart, ich habe es gelesen, mein dler
Freund! und es hat mir Trnen entlockt, Trnen, wie sie jeder Fhlende gern
weint. Ich bin so froh, fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, da wir aus
dem Schwarm, von den lrmenden, unempfindlichen Menschen fort sind; die
rauschenden Vergngungen sind gar nicht meine Sache, es ist da gar nichts fr
das Herz. Er: Oh, daran erkenne ich ganz die schne Seele! Aber Sie sollten
sich der sen Melancholie nicht so stark ergeben, die edlen Empfindungen
greifen den Menschen zu sehr an. - Sie sieht aber doch, flsterte Friedrich,
blitzgesund aus und voll zum Aufspringen. Das kommt eben von dem Angreifen,
meinte Leontin. - Er: Ach, in wenigen Stunden scheidet uns das eiserne
Schicksal wieder, und Berge und Tler liegen zwischen zwei gebrochenen Herzen.
Sie: Ja, und in dem einen Tale ist der Weg immer so kotig und kaum zum
Durchkommen. Er: Und an meinem neuen schnen Parutsch gerade auch ein Rad
gebrochen. - Aber genieen wir doch die schne Natur! An ihrem Busen werd ich so
warm! Sie: O ja. Er: Es geht doch nichts ber die Einsamkeit fr ein
sanftes, berflieendes Herz. Ach! die kalten Menschen verstehen mich gar
nicht! Sie: Auch Sie sind der einzige, mein dler Freund, der mich ganz
versteht. Schon lange habe ich Sie im stillen bewundert, diesen - wie soll ich
sagen? - diesen dlen Charakter, diese schnen Sentimentre - Sentiments wollen
Sie sagen, fiel er ihr ins Wort und rckte sich mit eitler Wichtigkeit
zusammen.
    O jemine! flsterte Leontin wieder, mir juckt der Edelmut schon in allen
Fingern, ich dchte, wir prgelten ihn durch.
    Die beiden Sentimentalen hatten einander indes mit den Armen umschlungen und
sahen lange stumm in den Mond. Nun sitzt die Unterhaltung auf dem Sande, sagte
Leontin, der Witz ist im abnehmenden Monde. Aber zu seiner Verwunderung hub er
von neuem an: O heilige Melancholie! du sympathetische Harmonie
gleichgestimmter Seelen! So rein, wie der Mond dort oben, ist unsere Liebe!
Whrenddessen fing er an, heftig an dem Busenbande des Mdchens zu arbeiten, die
sich nur wenig strubte. Nun, sagte Leontin, sind sie in ihre eigentliche
Natur zurckgefallen, der Teufel hat die Poesie geholt. Das ist ja ein
verwetterter Schuft, rief Friedrich, und fing oben auf seinem Baume an, ganz
laut zu singen. Die Sentimentalen sahen sich eine Weile erschrocken nach allen
Seiten um, dann nahmen sie in der grten Verwirrung Reiaus. Leontin schwang
sich lachend, wie ein Wetterkeil, vom Baume hinter ihnen drein und verdoppelte
ihren Schreck und ihre Flucht.
    Unsere Reisenden waren nun wahrscheinlich verraten und muten also auf einen
klugen Rckzug bedacht sein. Sie zogen sich daher auf den leeren Gngen des
Gartens an den Spazierengehenden vorber und wurden so, vom Dunkel begnstigt,
von allen entweder bersehen oder fr Ballgste gehalten.
    Als sie, schon nahe am Ausgange, eben um die Ecke eines Ganges umbiegen
wollten, stand auf einmal das schne Frulein, die mit einer Begleitung von der
andern Seite kam, dicht vor ihnen. Der Mondschein fiel gerade sehr hell durch
eine ffnung der Bume und beleuchtete die beiden schnen Mnner. Das Frulein
blieb mit sichtbarer Verwirrung vor ihnen stehen. Sie grten sie ehrerbietig.
Sie dankte verlegen mit einer tiefen, zierlichen Verbeugung, und eilte dann
schnell wieder weiter. Aber sie bemerkten wohl, da sie sich in einiger
Entfernung noch einmal flchtig nach ihnen umsah.
    Sie kehrten nun wieder in ihr Wirtshaus zurck, wo sie bereits alles zu
einer guten Nacht vorbereitet fanden. Leontin war unterwegs voller Gedanken und
stiller, als gewhnlich. Friedrich stellte sich eben noch an das offene Fenster,
von dem man das stille Dorf und den gestirnten Himmel bersah, verrichtete sein
Abendgebet und legte sich schlafen. Leontin aber nahm die Gitarre und
schlenderte langsam durch das nchtliche Dorf Nach verschiedenen Umwegen kam er
wieder an den Garten. Da war unterdes alles leer geworden und totenstill, in der
Wohnung des Pchters alle Lichter verlscht und die ganze laute, frhliche
Erscheinung versunken. Ein leichter Wind ging rauschend durch die Wipfel des
einsamen Gartens, hin und wieder nur bellten Hunde aus entfernteren Drfern ber
das stille Feld. Leontin setzte sich auf den Gartenzaun hinauf und sang:

Der Tanz, der ist zerstoben,
Die Musik ist verhallt,
Nun kreisen Sterne droben,
Zum Reigen singt der Wald.

Sind alle fortgezogen,
Wie ist's nun leer und tot!
Du rufst vom Fensterbogen:
Wann kommt der Morgen rot!

Mein Herz mcht mir zerspringen,
Darum, so wein ich nicht,
Darum, so mu ich singen
Bis da der Tag anbricht.

Eh es beginnt zu tagen:
Der Strom geht still und breit,
Die Nachtigallen schlagen,
Mein Herz wird mir so weit!

Du trgst so rote Rosen,
Du schaust so freudenreich,
Du kannst so frhlich kosen,
Was stehst du still und bleich?

Und la sie gehn und treiben
Und wieder nchtern sein,
Ich will wohl bei dir bleiben!
Ich will dein Liebster sein.

Das schne Frulein war in dem Hause des Pchters ber Nacht geblieben. Sie
stand halbentkleidet an dem offenen Fenster, das auf den Garten hinausging. Wer
mgen wohl die beiden Fremden sein? sagte sie gleichgltig scheinend zu ihrer
Jungfer. - Ich wei es nicht, aber ich mchte mich gleich fortschleichen und
noch heute im Wirtshause nachfragen. - Um Gottes willen, tu das nicht, sagte
das Frulein erschrocken, und hielt sie ngstlich am Arme fest. - Morgen ist es
zu spt. Wenn die Sonne aufgeht, sind sie gewi lngst wieder ber alle Berge.
- Ich will schlafen gehen, sagte das Frulein, ganz in Gedanken versunken.
Gott wei, wie es kommt, ich bin heute so mde und doch so munter. - Sie lie
sich darauf entkleiden und legte sich nieder. Aber sie schlief nicht, denn das
Fenster blieb offen und Leontins verfhrerische Tne stiegen die ganze Nacht wie
auf goldenen Leitern in die Schlafkammer des Mdchens ein und aus.

                               Siebentes Kapitel


Stand ein Mdchen an dem Fenster,
Da es drauen Morgen war,
Kmmte sich die langen Haare,
Wusch sich ihre uglein klar.

Sangen Vglein aller Arten,
Sonnenschein spielt' vor dem Haus,
Drauen bern schnen Garten
Flogen Wolken weit hinaus.

Und sie dehnt' sich in den Morgen
Als ob sie noch schlfrig sei,
Ach, sie war so voller Sorgen,
Flocht ihr Haar und sang dabei:

Wie ein Vglein hell und reine,
Ziehet drauen muntre Lieb,
Lockt hinaus zum Sonnenscheine,
Ach, wer da zu Hause blieb'!

Die Morgensonne traf unsre Reisenden schon wieder drauen zu Pferde, und das
Dorf, wo sie bernachtet, lag dampfend hinter ihnen. Leontin hatte bereits im
Wirtshause erfahren, da das schne Frulein die Tochter eines in der Nhe reich
begterten Edelmannes sei, welcher, wie er sich sehr wohl erinnerte, mit seinem
Vater in ganz besonders freundschaftlichen Verhltnissen gestanden hatte. Es
wurde daher beschlossen, bei ihm einzusprechen.
    Gegen Abend erblickten sie das Schlo des Herrn v. A., das aus einem
freundlichen Chaos von Grten und hohen Bumen friedlich hervorragte. Sie ritten
langsam zwischen hohen Kornfeldern hin. Die Sonne, die sich eben zum Untergange
neigte, warf ihre Strahlen schief ber die Flche und spielte lustig in den
nickenden hren. Ein frhliches Singen und Wirren verschiedener Stimmen lenkte
bald die Augen der beiden Reiter von der ruhigen Landschaft vor ihnen ab, und
sie erblickten seitwrts in einiger Entfernung vom Wege ein weites Feld, wo man
soeben mit der Ernte begriffen war. Eine lange Reihe von Arbeitern wimmelte
lustig durcheinander, der laute Ruf der Merker erschallte von Zeit zu Zeit
dazwischen, und schwerbeladene Wagen zogen langsam und knarrend dem Dorfe zu. Im
Hintergrunde dieses Gewimmels sah man eine bunte Gruppe von vornehmeren Personen
gelagert, die den Arbeitern zusahen und unter denen Leontin sogleich das schne
Frulein wiedererkannte. Mitten unter ihnen ragte eine hchst seltsame Figur
hervor. Ein hagerer Mensch nmlich in einem langen, weien Mantel sa auf einem
hochbeinigten Schimmel, der den Kopf fast auf die Erde hngen lie. Von dieser
seiner Rosinante teilte die abenteuerliche Gestalt im Tone einer Predigt Befehle
an die Bauern aus, worauf jedesmal ein lautes Gelchter erfolgte.
    Leontin und Friedrich zweifelten nicht, da jene Zuschauer die Herrschaft
des Ortes seien, und da sie bemerkten, da bereits alle Augen auf sie gerichtet
waren, so bergaben sie ihre Pferde an Erwin und eilten, sich selber der
Gesellschaft vorzustellen. Herr v. A. und seine Schwester, die sich seit dem
Tode ihres Mannes beim Bruder aufhielt, erinnerten sich sogleich der ehemaligen
freundschaftlichen Verhltnisse zwischen den beiden Husern, und drckten ihre
Freude, Leontin und seinen Freund bei sich zu sehen, mit den aufrichtigsten
Worten aus. Das Frulein wurde bei ihrer Ankunft ber und ber rot und wagte
nicht, die Augen aufzuschlagen, denn sie erkannte beide recht gut wieder. Neben
ihr stand ein ziemlich junger, bleicher Mann, in dem sie sogleich dieselbe
Gestalt wiedererkannten, die gestern mit so einer ironischen Wut getanzt und
musiziert hatte. Seine auffallenden Gesichtszge hatten sich tief in Leontins
Gedchtnis gedrckt. Aber es war heut gar keine Spur von gestern an ihm, er
schien ein ganz anderer Mensch. Er sah schlicht, still und traurig und war
verlegen im Gesprche. Es war ein Theolog, der, zu arm, seine Studien zu
vollenden, auf dem Schlosse des Herrn v. A. Unterhalt, Freunde und Heimat
gefunden und dafr die Leitung des Schulwesens auf den smtlichen Gtern
bernommen hatte. Der Ritter von der traurigen Gestalt dagegen schaute von
seinem Schimmel whrend des Empfanges und der ersten Unterhaltung so unheimlich
und komisch darein, da Leontin gar nicht von ihm wegsehen konnte. Jeder Bauer,
den seine Arbeit an ihm vorberfhrte, gesegnete die Gestalt mit einem tchtigen
Witze, wobei sich jener immer heftig verteidigte. Leontin erhielt sich nur noch
mit vieler Mhe, sich nicht dareinzumischen, als die Tante endlich die
Gesellschaft aufforderte, sich nach Hause zu begeben, und alles aufbrach. Die
sonderbare Gestalt setzte sich nun voraus in Galopp. Er schlug dabei mit beiden
Fen unaufhrlich in die Rippen des Kleppers und sein weier Mantel rauschte in
seiner ganzen Lnge in den Lften hinter ihm drein. Die Bauern riefen ihm
smtlich ein freudiges Hurra nach. Herr v. A., der die Verwunderung der beiden
Gste bemerkte, sagte lachend: Das ist ein armer Edelmann, der vom Stegreif
lebt, ein irrender Ritter, der von Schlo zu Schlo zieht, und uns besonders oft
heimsucht, ein Hofnarr fr alle, die ihn ertragen knnen, halb nrrisch und halb
gescheut.
    Als sie durchs Dorf gingen, wurden sie von allen Seiten nicht nur mit dem
Hute, sondern auch mit freundlichen Worten und Mienen begrt, welches immer ein
gutmtiges und natrliches Verhltnis zwischen der Herrschaft und ihren Bauern
verrt. Sie kamen endlich an das Schlo und bersahen auf einmal einen weiten,
freundlichen und frhlich wimmelnden Hof. Alles war geschftig, nett und
ordentlich und beurkundete eine ttige Hauswirtin. Friedrich uerte diese
Bemerkung, wodurch sich die Tante ungemein geschmeichelt zu finden schien. Sie
konnte ihre Freude darber so wenig verbergen, da sie sogleich anfing, sich mit
einer Art von Wohlbehagen ber ihre huslichen Einrichtungen und die
Vergngungen der Landwirtschaft auszubreiten. Das Schlo selbst war neu, sehr
heiter, licht und angenehm, das Hausgert in den gemtlichen Zimmern ohne
besondere Wahl gemischt und smtlich wie aus einer unlngst vergangenen Zeit.
    Der Tisch in dem groen, gerumigen Tafelzimmer wurde gedeckt und man setzte
sich bald frhlich zum Abendessen. Die Unterhaltung blieb anfangs ziemlich
stockend, steif und gezwungen, wie dies jederzeit in solchen Husern der Fall
ist, wo, aus Mangel an vielseitigen, allgemeinen Berhrungen mit der Auenwelt,
eine gewisse feste, ungelenke Gewohnheit des Lebens Wurzel geschlagen hat, die
durch das pltzliche Eindringen wildfremder Erscheinungen, auf die ihr ewig
gleichfrmiger Gang nicht berechnet ist, immer eher verstimmt als umgestimmt
wird. Herr v. A., ein langer, ernster Mann, in seiner Kleidung fast pedantisch,
sprach wenig. Desto mehr fhrte seine Schwester das hohe Wort. Sie war eine
lebhafte, regsame Frau, wie man zu sagen pflegt, in den besten Jahren,
eigentlich aber gerade in den schlimmsten. Denn ihre Gestalt und unverkennbar
schnen Gesichtszge fingen soeben an, auf ein vergangenes Reich zu deuten. In
dieser gefhrlichen Sonnenwende steigt die Schnheit mrrisch, launisch und
zankend von ihrem irdischen Throne, wo sie ein halbes Leben lang geherrscht, in
die de, freudenlose Zukunft, wie ins Grab. Wohl denen seltenen greren Frauen,
welche die Zeit nicht versumten, sondern im ruhigen, gesammelten Gemte sich
eine andere Welt der Religion und Sanftmut erbauten! Sie verwechseln nur die
Throne und werden ewig lieben und geliebt werden.
    Das Gesprch fiel whrend der Tafel auch auf die Erziehung der Kinder, ein
Kapitel, von dem fast alle Weiber am liebsten sprechen und am wenigsten
verstehen. Die Tante, die nur auf eine Gelegenheit gepat hatte, ihren Geist vor
den beiden Fremden glnzen zu lassen, verbreitete sich darber in dem
gewhnlichen Tone von Aufklrung, Bildung, feinen Sitten usw. Zu ihrem Unglck
aber fiel es dem irrenden Ritter, der unterdes ganz unten an der Tafel mit Leib
und Seele gegessen hatte, ein, sich mit in das Gesprch zu mischen. Gerade, als
sie sich in ihren Redensarten eben am wohlsten gefiel, fuhr er hchst komisch
mit Wahrheiten darein, die aber alle so ungewhnlich und abenteuerlich
ausgedrckt waren, da Friedrich und Leontin nicht wuten, ob sie mehr ber die
Schrfe seines Geistes oder ber seine Verrcktheit erstaunen sollten. Besonders
brach Leontin in ein schadenfrohes Gelchter aus. Die Tante, der es nicht an
vielseitigen Talenten gebrach, um seine Verrcktheiten nicht ohne Salz zu
finden, warf ihm unwillige Blicke zu, worauf sich jener in einem philosophischen
Bombast von Unsinn verteidigte und endlich selber in ein albernes Lachen
ausbrach. Sie hatte aber doch das Spiel verspielt; denn beide Gste, besonders
Leontin, sprten bereits eine gewisse Kameradschaft mit dem rtselhaften
irrenden Ritter in sich.
    Als endlich die Tafel aufgehoben wurde, mute Frulein Julie noch ihre
Geschicklichkeit auf dem Klaviere zeigen, welches sie ziemlich fertig spielte.
Whrenddes hatte die Tante Friedrich beiseite genommen, und erzhlte ihm, wie
sehr sie bedaure, ihre Nichte nicht frhzeitig in die Residenz in irgendein
Erziehungshaus geschickt zu haben, wo allein junge Frauenzimmer das gewisse
Etwas erlernten, welches zum geselligen Leben so unentbehrlich sei. Ich bin der
Meinung, antwortete ihr Friedrich, da jungen Frulein das Landleben gerade am
besten fromme. In jenen berhmten Instituten wird durch Eitelkeit und heillose
Nachahmungssucht die kindliche Eigentmlichkeit jedes Mdchens nur
verallgemeinert und verdorben. Die arme Seele wird nach einem Modelle, das fr
alle passen soll, so lange dressiert und gemodelt, bis am Ende davon nichts
brigbleibt, als das leere Modell. Ich versichere, ich will alle Mdchen aus
solchen Instituten sogleich an ihrer Wohlerzogenheit erkennen, und wenn ich sie
anrede, wei ich schon im voraus, was sie mir antworten werden, was fr ein
Schlag von Witz oder Spa erfolgen mu, was sie fr kleine Lieblingslaunen haben
usw. Die Tante lachte, ohne jedoch eigentlich zu wissen, was Friedrich mit
alledem meine.
    Unterdes hatte das Frulein ein Volkslied angefangen. Die Tante unterbrach
sie schnell und ermahnte sie, doch lieber etwas Vernnftiges und Sanftes zu
singen. Leontin aber, den dabei seine Laune berwltigte, setzte sich statt des
Fruleins hin und sang sogleich aus dem Stegreif ein zrtliches Lied so
bertrieben und slich, da Friedrich fast bel wurde. Frulein Julie sah ihn
gro an und war dann whrend seines ganzen Gesanges in tiefe Gedanken versunken.
- Erst spt begab man sich zur Ruhe.
    Das Schlafzimmer der beiden Gste war sehr nett und sauber zubereitet, die
Fenster gingen auf den Garten hinaus. Eine geheimnisvolle Aussicht erffnete
sich dort ber den Garten weg in ein weites Tal, das in stiller, nchtlicher
Runde vor ihnen lag. In einiger Ferne schien ein Strom zu gehen, Nachtigallen
schlugen berall aus den Tlern herauf. Das mu hier eine schne Gegend sein,
sagte Leontin, indem er sich zum Fenster hinauslehnte. Sie kommt mir vor, wie
die Menschen hier im Hause, entgegnete Friedrich. Wenn ich in einen solchen
abgeschlossenen Kreis von fremden Menschen hineintrete, ist es mir immer, als
she ich von einem Berge in ein unbekanntes, weites, nchtliches Land. Da gehen
stille breite Strme, und tausend verborgene Wunder liegen seltsam zerstreut,
und die frhliche Seele dichtet bunte, lichte, glckliche Tage in die verworrene
Dmmerung hinein. Ich habe oft gewnscht, da ich die meisten Menschen niemals
zum zweiten Male wiedersehen und nher kennenlernen drfte, oder da ich immer
aufgeschrieben htte, wie mir jeder zum ersten Male vorkam. Wahrhaftig, fiel
ihm Leontin lachend ins Wort, sprichst du doch, als wrst du von neuem
verliebt. Aber du hast ganz recht, mir ist ebenso zumute, und es ist nur schade
um ein redliches Herz, das durch eine immerwhrende Tuschung so entherzt wird.
Denn wenn in jene schne, ungewisse Nacht der ersten Bekanntschaft nach und nach
der Tag anfngt herberzuschielen und die nchternen Hhne krhen, da schleicht
ein wunderbarer Geist nach dem andern abseits; was in der Nacht wie ein dunkler
Riese dastand, wird ein krummer Baum, das Tal, das aussah wie eine umgeworfene,
uralte rmische Stadt, wird ein gemeines Ackerfeld, und das ganze Mrchen nimmt
ein schales Ende. Ich knnte so fromm sein, wie ein Lmmchen und niemals eine
Anwandlung von Witz verspren, wenn nicht alles so dumm ginge. - Friedrich
sagte darauf: Nimm dich in acht mit deinem bermute! Es ist leicht und
angenehm, zu verspotten, aber mitten in der Tuschung den groen, herrlichen
Glauben an das Bessere festzuhalten, und die andern mit feurigen Armen
emporzuheben, das gab Gott nur seinen liebsten Shnen. - Ich sage dir in
vollem Ernst, erwiderte Leontin ungemein liebenswrdig, du wirst mich noch
einmal ganz bekehren, du seltsamer Mensch. Gott wei es wohl, mir fehlt noch
viel, da ich gut wre. -
    Am Morgen strahlte die Gegend in einem zauberischen Glanze in ihre Fenster
herauf. Sie eilten in den Garten hinab, wo sie nicht wenig ber die Schnheit
der Landschaft erstaunten. Der Garten selbst stand auf einer Reihe von Hgeln,
wie eine frische Blumenkrone ber der grnen Gegend. Von jedem Punkte desselben
hatte man die erheiternde Aussicht in das Land, das wie in einem Panorama
ringsherum ausgebreitet lag. Nirgends bemerkte man weder eine franzsische noch
englische durchgreifende Regel, aber das Ganze war ungemein erquicklich, als
htte die Natur aus frhlichem bermute sich selber aufschmcken wollen.
    Herr v. A. und seine Schwester, letztere, wie wir spter sehen werden, wohl
nicht ohne besondere Absicht, baten ihre Gste recht herzlich und dringend,
lngere Zeit bei ihnen zu verweilen, und beide willigten gern in den angenehmen
Aufenthalt. Doch erst, als die allmhliche Gewohnheit des Zusammenlebens ihnen
das Brgerrecht des Hauses erteilt hatte, empfanden sie die Wohltat des stillen,
gleichfrmigen, huslichen Lebens und labten sich an diesem immer neu
erfreulichen Schauspiele, das ber gutgeartete Gemter eine Ruhe und einen
gewissen festen Frieden verbreitet, den viele ein Leben lang in der bunten
Weltlust oder in der Wissenschaft selber vergebens suchen.
    Wenn die Sonne ber den Grten, Bergen und Tlern auf ging, flog auch schon
alles aus dem Schlosse nach allen Seiten aus. Herr v. A. fuhr auf die Felder,
seine Schwester und das Frulein hatten im Hofe zu tun und wurden gewhnlich
erst gegen Mittag in reinlichen, weien Kleidern sichtbar. Friedrich und Leontin
wohnten eigentlich den ganzen Vormittag drauen in dem schnen Garten. Auf
Friedrich hatte das stille Leben den wohlttigsten Einflu. Seine Seele befand
sich in einer krftigen Ruhe, in welcher allein sie imstande ist, gleich dem
unbewegten Spiegel eines Sees, den Himmel in sich aufzunehmen. Das Rauschen des
Waldes, der Vogelsang rings um ihn her, diese seit seiner Kindheit entbehrte
grne Abgeschiedenheit, alles rief in seiner Brust jenes ewige Gefhl wieder
hervor, das uns wie in den Mittelpunkt alles Lebens versenkt, wo alle die
Farbenstrahlen, gleich Radien, ausgehn und sich an der wechselnden Oberflche zu
dem schmerzlich-schnen Spiele der Erscheinung gestalten. Alles Durchlebte und
Vergangene geht noch einmal ernster und wrdiger an uns vorber, eine
berschwengliche Zukunft legt sich, wie ein Morgenrot, blhend ber die Bilder
und so entsteht aus Ahnung und Erinnerung eine neue Welt in uns und wir erkennen
wohl alle die Gegenden und Gestalten wieder, aber sie sind grer, schner und
gewaltiger und wandeln in einem anderen, wunderbaren Lichte. Und so dichtete
hier Friedrich unzhlige Lieder und wunderbare Geschichten aus tiefster
Herzenslust, und es waren fast die glcklichsten Stunden seines Lebens.
    Oft besuchte ihn dort Herr v. A. in seiner Werkstatt, doch immer nur auf
kurze Zeit, um ihn nicht zu stren; denn er schien eine heilige Scheu vor allem
zu haben, womit es einem Menschen Ernst war, obschon er, wie Friedrich aus
mehreren uerungen bemerkt hatte, insbesondere von der Dichtkunst gar nichts
hielt. Er war einer von jenen, die, durch einseitige Erziehung und eine Reihe
schmerzlicher Erfahrungen ermdet, den lebendigen Glauben an Poesie, Liebe,
Heldenmut und alles Groe und Ungewhnliche im Leben aufgegeben haben, weil es
sich so ungefge gebrdet und nirgends mehr in die Zeit hineinpassen will. Zu
berdrssig, um sich diese Rtsel zu lsen, und doch zu gromtig, um sich in
das wichtigtuende Nichts der andern einzulassen, ziehen sich solche Menschen
nach und nach kalt in sich selbst zurck und erklren zuletzt alles fr eitel
und Affektation. Daher liebte er die beiden Gste, welche seine meist sehr
genialen Bemerkungen, mit denen er das Erbrmliche aller Affektation auf die
hchste Spitze des Lcherlichen zu stellen pflegte, immer sogleich verstanden
und wrdigten. berhaupt waren ihm diese beiden eine ganz neue Erscheinung, die
ihn oft in seiner Apathie irremachte, und er gewann whrend ihres Aufenthaltes
auf dem Schlosse eine ungewhnliche Heiterkeit und Lust an sich selber. brigens
war er bis zur Sonderbarkeit einfach, redlich und gutmtig, und Friedrich liebte
ihn unaussprechlich.
    Frulein Julie fuhr fort, ihre Tante in den huslichen Geschften mit der
strengsten Ordnung zu untersttzen. Sonst war sie still und wute sich
ebensowenig wie ihr Vater in die gewhnliche Unterhaltung zu finden, worber sie
oft von der Tante Vorwrfe anhren mute. Doch verbreitete die bestndige
Heiterkeit und Klarheit ihres Gemtes einen unwiderstehlichen Frhling ber ihr
ganzes Wesen. Leontin, den ihre Schnheit vom ersten Augenblicke an heftig
ergriffen hatte, beschftigte sich viel mit ihr, sang ihr seine phantastischen
Lieder vor, oder zeichnete ihr Landschaften voll abenteuerlicher Karikaturen und
Bumen und Felsen, die immer aussehen, wie Trume. Aber er fand, da sie
gewhnlich nicht wute, was sie mit alledem anfangen sollte, da sie gerade bei
Dingen, die ihn besonders erfaten, fast kalt blieb. Er begriff nicht, da das
heiligste Wesen des weiblichen Gemtes in der Sitte und dem Anstande bestehe,
da ihm in der Kunst, wie im Leben, alles Zgellose ewig fremd bliebe. Er wurde
daher gewhnlich ungeduldig und brach dann in seiner seltsamen Art in Witze und
Wortspiele aus. Da aber das Frulein wieder viel zu unbelesen war, um diese
Sprnge seines Geistes zu verfolgen und zu verstehen, so fhrte er, statt zu
belehren, einen immerwhrenden Krieg in die Luft mit einem Mdchen, dessen Seele
war wie das Himmelblau, in dem jeder fremde Schall verfliegt, das aber in
ungestrter Ruhe aus sich selber den reichen Frhling ausbrtet.
    Desto besser schien das Frulein mit Friedrich zu stehen. Diesem erzhlte
sie zutraulich mit einer wohltuenden Bestimmtheit und Umsicht von ihrem
Hauswesen, ihrer beschrnkten Lebensweise, zeigte ihm ihre bisherige Lektre aus
der Bibliothek ihres Vaters, die meistenteils aus fabelhaften
Reisebeschreibungen und alten Romanen aus dem Englischen bestand, und tat dabei
unbewut mit einzelnen, abgerissenen, ihr ganz eignen Worten, oft uerungen,
die eine solche Tiefe und Flle des Gemtes aufdeckten, und so seltsam weit ber
den beschrnkten Kreis ihres Lebens hinausreichten, da Friedrich oft erstaunt
vor ihr stand und durch ihre groen, blauen Augen in ein Wunderreich
hinunterzublicken glaubte. Leontin sah sie oft stundenlang so zusammen im Garten
gehen und war dann gewhnlich den ganzen Tag ber ausgelassen, welches bei ihm
immer ein schlimmes Zeichen war.
    Der schne Knabe Erwin, der mit einer unbeschreiblichen Treue an Friedrich
hing, behielt indes auch hier seine Sonderbarkeiten bei. Er hatte ebenfalls
seinen Wohnplatz in dem Garten aufgeschlagen und war noch immer nicht dahin zu
bringen eine Nacht im Hause zu schlafen. Leontin hatte fr ihn eine eigne
phantastische Tracht ausgesonnen, so viel auch die Tante, die es sehr ungereimt
fand, dagegen hatte. Eine Art von spanischem Wams nmlich, himmelblau mit
goldenen Kettchen, umschlo den schlanken Krper des Knaben. Den weien Hals
trug er blo, ein zierlicher Kragen umgab den schnen Kopf, der mit seinen
dunklen Locken und schwarzen Augen wie eine Blume ber dem bunten Schmucke
ruhte. Da Friedrich hier weniger zerstreut war, als sonst, so widmete er auch
dem Knaben eine besondere Aufmerksamkeit. Er entdeckte in wenigen Gesprchen
bald an Schrfe und Tiefe eine auffallende hnlichkeit seines Gemtes mit
Julien. Nur mangelte bei Erwin das ruhige Gleichgewicht der Krfte, die alles
beleuchtende Klarheit ganz und gar. Im verborgensten Grunde der Seele schien
vielmehr eine geheimnisvolle Leidenschaftlichkeit zu ruhen, die alles verwirrte
und am Ende zu zerstren drohte. Mit Erstaunen bemerkte Friedrich zugleich, da
es dem Knaben durchaus an allem Unterrichte in der Religion gebreche. Er suchte
daher seine frhesten Lebensumstnde zu erforschen, aber der Knabe beharrte mit
unbegreiflicher Hartnckigkeit, ja mit einer Art von Todesangst auf seinem
Stillschweigen ber diesen Punkt. Friedrich lie es sich nun ernstlich angelegen
sein, ihn im Christentume zu unterrichten. Alle Morgen, wenn die Natur in ihrer
Pracht vor ihnen ausgebreitet lag, sa er mit ihm im Garten, und machte ihn mit
dem groen wunderreichen Lebenswandel des Erlsers bekannt und fand, ganz dem
Gange der Zeit zuwider, das Gemt des Knaben weit empfnglicher fr das
Verstndnis des Wunderbaren als des Alltglichen und Gewhnlichen. Seit dieser
Zeit schien Erwin innerlich stiller, ruhiger und selbst geselliger zu werden.
    In Juliens Wesen war indes, seit die Fremden hier angekommen waren, eine
unverkennbare Vernderung vorgegangen. Sie schien seitdem gewachsen und sichtbar
schner geworden zu sein. Auch fing sie an, sich mehrere Stunden des Tages auf
ihrem Zimmer zu beschftigen. Aus diesem Zimmer ging eine Glastr auf den Garten
hinaus; vor derselben standen auf einem Balkon eine Menge hoher, auslndischer
Blumen; mitten in diesem Wunderreiche von Duft und Glanz sa ein bunter Papagei
hinter goldenen Stben. Hier befand sich Julie, wenn alles ausgegangen war, und
las oder schrieb, whrend Erwin, drauen vor dem Balkon sitzend, auf der Gitarre
spielte und sang. So fand sie Friedrich einmal, als er sie zu einem Spaziergange
abholte, eben ber einem Gemlde begriffen. Es war, wie er mit dem ersten Blicke
flchtig unterscheiden konnte, ein halbvollendetes Portrait eines jungen Mannes.
Sie verdeckte es schnell, als er hereintrat, und sah ihn mit einem
durchdringenden, rtselhaften Blicke an. - Sollte sie lieben? dachte Friedrich
und wute nicht, was er davon halten sollte.

                                 Achtes Kapitel


Es war festgesetzt worden, da die ganze Familie eine kleine Reise auf ein
Jagdgut des Herrn v. A. unternehmen sollte, das einige Meilen von dem Schlosse
entfernt war. Am Morgen des bestimmten Tages wachte Friedrich sehr zeitig auf.
Er stellte sich ans Fenster. Der Hof und die ganze Gegend lag noch ruhig, am
fernen Horizonte fing bereits an der Tag zu grauen. Nur zwei Jger waren auch
schon munter und putzten unten im Hofe die Gewehre. Sie bemerkten den Grafen
nicht und schwatzten und lachten miteinander. Friedrich hrte dabei mit
Verwunderung mehrere Male Frulein Julie nennen. Der eine Jger, ein schner
junger Bursch, sang darauf mit heller Stimme ein altes Lied, wovon Friedrich
immer nur die letzten Verse, womit sich jede Strophe schlo, verstand:

Das Frulein ist ein schnes Kind,
Sie hat so muntre Augen,
Die Augen so verliebet sind,
Zu sonst sie gar nichts taugen.

Friedrich erschrak, denn er zweifelte nicht, da das Lied Julien gelten sollte.
Er berdachte das Benehmen des Fruleins in der letzten Zeit, das Verstecken des
Bildes und verschiedene hingeworfene Reden, und konnte sich selbst der Meinung
nicht erwehren, da sie verliebt sei; aber wen sie meine, blieb ihm noch immer
dunkel.
    Unterdes hatte sich der Tag immer mehr und mehr erhoben, hin und wieder im
Schlosse gingen schon Tren auf und zu, bis es endlich nach und nach lebendig
wurde. Wer es wei, was es heit, ein so schwerflliges Haus flottzumachen, der
wird sich von dem Rumpelmorgen einen Begriff machen knnen, der nun begann. Wie
auf einem Schiffe, das sich zu einer nahen Schlacht bereitet, verbreitete sich
langsam wachsend ein dunkles Getse von Eile und Geschftigkeit durchs ganze
Schlo, Betten, Koffer und Schachteln flogen aus einer Ecke in die andere, nur
noch selten hrte man die Kommandotrompete der Tante dazwischentnen. Fr
Leontin waren diese feierlichen Vorbereitungen, die Wichtigkeit, mit der jeder
sein Geschft betrieb, ein wahres Fest. Unermdlich befand er sich berall
mitten im Gewhle und suchte unter dem Scheine der Hlfleistung die Verwirrung
immer grer zu machen, bis er endlich durch seine zweideutigen Mienen den Zorn
der gesamten Frauenzimmer dergestalt gegen sich emprt hatte, da er es fr das
rtlichste hielt, Reiaus zu nehmen.
    Er setzte sich daher mit Friedrich und Viktor, so hie der Theolog, zu
Pferde und sie ritten auf das Gut hinaus. Viktor, der nun mit den beiden schon
vertrauter und gesprchiger geworden war, schien alle Trbnis dahintengelassen
zu haben, als sie ber die Berge ritten. Er war auf einmal ausgelassen lustig,
und sie konnten nicht umhin, ber den sonderbar wechselnden Menschen zu
erstaunen, der besonders ganz nach Leontins Geschmack war. Unterwegs sahen sie
den seltsamen, irrenden Ritter, der schon lange wieder das Schlo verlassen
hatte, in der Ferne auf seinem Gaule ber ein Ackerfeld hinwegstolpern. Viktor
brachte dieser Anblick ganz auer sich vor Freude. Er rief ihm sogleich mit
geschwenktem Hute zu. Da aber jener, statt stillzuhalten, seinen Gaul vielmehr
in Trab setzte, um ihnen zu entkommen, so drckte er sogleich die Sporen ein und
machte Jagd auf ihn. Er hatte ihn bald eingeholt und brachte ihn unter einem
heftigen und lauten Wortwechsel mit sich zurck. Um diese Eroberung vermehrt,
zogen sie nun frhlich weiter und erblickten nach einigen Stunden endlich das
Gut des Herrn v. A., als sie auf einer Anhhe pltzlich aus dem Walde
herauskamen. Das kleine Schlo mit seinem netten Hofe lag mitten in einem
einsamen Tale, ringsumher von Tannenwldern umschlossen. Leontin, den diese
tiefe Einsamkeit berraschte, blieb in Gedanken stehen und sagte: Wie
frchterlich schn, hier mit einem geliebten Weibe ein ganzes Leben lang zu
wohnen! Ich mchte mich um alle Welt nicht verlieben.
    Als sie unten in das Tal hinabzogen, bog auch schon auf der Hhe der Wagen
des Herrn v. A. mit seinen vier Rappen um die Waldesecke herum, und der Kutscher
knallte lustig mit der Peitsche, da es weit in die Wlder hineinschallte. Das
Frulein lehnte sich zum Wagen hinaus. Da reitet er! rief sie auf einmal
hastig. - Zum Glcke rollte der Wagen zu schnell hinab, und die Tante hatte es
nicht gehrt.
    Am folgenden Morgen, da die Gesellschaft zur Jagd aufbrach, war Leontin
schon lange drauen im Walde. Er hatte sich von den Jgern im allgemeinen die
Gegend bezeichnen lassen, wo die Jagd gehalten werden sollte, und war noch vor
Tagesanbruch allein herausgeritten. Denn ihm waren alle die weitlufigen und
schulgerechten Zurstungen, die einer solchen allgemeinen Jagd immer
vorherzugehen pflegen, in den Tod verhat. Er durchstrich daher an dem frischen
Morgen allein die einsame Heide, wo ihn oft pltzlich durch eine Lichtung des
Waldes die herrlichsten Aussichten berraschten und stundenlang festbannten. So
folgte er dem lustigen Jagdgewirre immer von weitem nach. Und wie unter ihm die
Wlder rauchten, hin und wieder Schsse fielen, und zwischen dem Gebell der
Hunde die Hrner von Zeit zu Zeit ertnten, da dichtete seine frische Seele
unaufhrlich seltsame Lieder, die er sogleich sang, ohne jemals ein einziges
aufzuzeichnen. Denn was er aufschrieb, daran verlor er sogleich die freie,
unbestimmte Lust. Es war, als brche das Wort unter seiner Hand die luftigen
Schwingen. Er beherrschte nicht, wie der besonnene Dichter, das gewaltige
Element der Poesie, der Glckliche wurde von ihr beherrscht.
    Unterdes war die Sonne schon hoch ber die Wipfel des Waldes gestiegen, nur
noch hin und her gaben die Hunde einzelne Laute, kein Schu fiel mehr und der
Wald wurde auf einmal wieder still. Die Jger durchstrichen das Revier und
riefen mit ihren Hifthrnern die zerstreuten Schtzen von allen Seiten zusammen.
So hatte sich nach und nach die Gesellschaft, auer Leontin zusammengefunden und
auf einer groen, schnen Wiese gelagert, die khl und luftig zwischen den
Waldbergen sich hinstreckte. Mehrere benachbarte Edelleute waren schon
frhmorgens mit ihren Shnen und Tchtern im Walde zur Jagd gestoen und
vermehrten nun den Trupp ansehnlich. Die Mdchen saen, wie Blumen in einen
Teppich gewirkt, mit ihren bunten Tchern lustig im Grnen, reinlich gedeckte
Tische mit Ewaren und Wein standen schimmernd unter den khlen Schatten, die
Tante ging, alles fleiig und mit gutem Sinne ordnend, umher. Julie hatte,
whrend Friedrichs und Leontins Aufenthalte auf dem Schlosse, den benachbarten
Frulein schon manches von den beiden Fremden geschrieben, vielerlei seltsame
Dinge hatte der Ruf, der auf dem Lande alles Fremde um desto hungriger ergreift,
je seltener es ihm kommt, zu ihnen getragen. Friedrich hatten sie nun
kennengelernt, aber seine ruhige, einfache Sitte befriedigte die jungen,
neugierigen Seelen keineswegs. Und doch hatte ihnen Julie immer nur von ihm mit
so vieler Wrme und Ausfhrlichkeit geschrieben, Leontin aber blo mit einigen
flchtigen Worten berhrt, aus denen sie niemals recht klug werden konnten. -
Auf einmal trat auch dieser gegenber auf der Hhe aus dem Walde, und alle die
jungen, schnen Augen flogen der hohen, schlanken Gestalt zu. Er konnte sich
nicht enthalten, als er unter sich das bunte Lustlager erblickte, seinen Hut
berm Kopfe zu schwenken. Man erwiderte von unten seine Begrung, wobei sich
insbesondere Viktor wieder auszeichnete. Er warf seinen Hut mit frhlicher Wut
hoch in die Luft, ergriff schnell seine Bchse und scho ihn so im Fluge, zu
nicht geringem Schrecken der smtlichen Frauenzimmer, wieder herab.
    Leontin war indes hinabgestiegen, und alles rckte sich nun um die
reichbedeckten Tische zusammen. Die Jger lagen, ihre Weinflaschen in der Hand,
hin und her zerstreut, ihre Hunde lechzend neben ihnen auf den Boden
hingestreckt. Der freie Himmel machte alle Herzen weit, der Wein blickte golden
aus den hellgeschliffenen Glsern, wie die Lust aus den glnzenden Augen, und
ein frhliches Durcheinandersprechen erfllte bald die Luft. Unter den fremden
Frulein befand sich auch eine Braut, ein hbsches, junges, sehr munteres
Mdchen. Ihr Brutigam war ein schner, schlanker Landjunker mit einem
bedeutenden Gesicht voll Leben, um das es jammerschade war, da es durch einige
rohe Zge entstellt wurde. Er mute sich auf das tumultuarische Andringen
smtlicher Alten feierlich neben seine Braut setzen, welches er auch ohne
weiteres tat. Knnte ich es nur ein einziges Mal in meinem Leben so weit
bringen, sagte Leontin zu Friedrich, so einen stattlichen, engelrechten
Brutigam vorzustellen! So eine ffentliche Brautschaft ist wie ein Wirtshaus
mit einem abgeschabten Cupido am Aushngeschilde, wo jedermann aus und ein gehen
und sein bichen Witz blicken lassen darf.
    Wehe der Braut, die unter lustige Trinker gert! So wurde auch hier nach
rechter deutscher Weise dem Brautpaare bald von allen Seiten mit kernigen
Anhngen zugetrunken, wofr sich die junge Braut immer zierlich und errtend
bedankte, indem sie jedesmal ebenfalls das Glas an den Mund setzte. Auch
Leontin, der sich an dem allgemeinen Getmmel von guten und schlechten Einfllen
ergtzte, und dem die feinen Lippen der Braut rosiger vorkamen, wenn sie sie in
den goldenen Rand des Weines tauchte, setzte ihr tapfer zu und trank mehr als
gewhnlich.
    Die alten Herren hatten sich indes in einen weitlufigen Diskurs ber die
Begebenheiten und Heldentaten der heutigen Jagd verwickelt und konnten nicht
aufhren, zu erzhlen, wie jener Hase so herrlich zum Schu gekommen, wie jener
Hund angeschlagen, der andre die Jagd dreimal gewendet usw. Leontin, der auch
mit in das Gesprch hineingezogen wurde, sagte: Ich liebe an der Jagd nur den
frischen Morgen, den Wald, die lustigen Hrner und das gefhrliche, freie,
soldatische Leben. - Alle nahmen sogleich Partei gegen diesen ketzerischen Satz
und berschrieen ihn heftig mit einem verworrenen Schwall von Widersprchen.
Die eigentlichen Jger vom Handwerk, fuhr Leontin lustig fort, sind die
eigentlichen Pfuscher in der edlen Jgerei, Narren des Waldes, Pedanten, die den
Waldgeist nicht verstehen; man sollte sie gar nicht zulassen, uns andern gehrt
das schne Waldrevier! Diese offenbare Kriegserklrung brachte nun vollends
alles in Harnisch. Von allen Seiten fiel man laut ber ihn her. Leontin, den der
viele Wein und die allgemeine Fehde erst recht in seine Lustigkeit
hineinversetzt hatte, wute sich nicht mehr anders zu retten: er ergriff die
Gitarre, die Julie mitgebracht, sprang auf seinen Stuhl hinauf und bersang die
Kmpfenden mit folgendem Liede:

Was wollt ihr in dem Walde haben,
Mag sich die arme Menschenbrust
Am Waldesgrue nicht erlaben,
Am Morgenrot und grner Lust?

Was tragt ihr Hrner an der Seite,
Wenn ihr des Hornes Sinn vergat,
Wenn's euch nicht selbst lockt in die Weite,
Wie ihr vom Berg frhmorgens blast?

Ihr werdt doch nicht die Lust erjagen,
Ihr mgt durch alle Wlder gehn;
Nur mde F und leere Magen -
Mir mcht die Jgerei vergehn!

O nehmet doch die Schneiderelle,
Guckt in der Kche in den Topf!
Sonntags dann auf des Hauses Schwelle
Krau euch die Ehfrau auf dem Kopf!

Die Tierlein selber: Hirsch und Rehen,
Was lustig haust im grnen Haus,
Sie fliehn auf ihre freien Hhen,
Und lachen arme Wichte aus.

Doch, kommt ein Jger, wohlgeboren,
Das Horn irrt, er blitzt rosenrot,
Da ist das Hirschlein wohl verloren,
Stellt selber sich zum lust'gen Tod.

Vor allen aber die Verliebten,
Die lad ich ein zur Jgerlust,
Nur nicht die weinerlich Betrbten -
Die recht von frisch' und starker Brust.

Mein Schatz ist Knigin im Walde,
Ich sto ins Horn, ins Jgerhorn!
Sie hrt mich fern und naht wohl balde,
Und was ich blas, ist nicht verlorn.

Ich glaube, ich blase gar schon aus des Knaben Wunderhorn, unterbrach er sich
hier selber, und sprang schnell von seinem Stuhle. Die ganze Gesellschaft war
durch das lustige Lied wieder mit ihm ausgeshnt, der Streit war vergessen, und
von allen Seiten wurde auf die Gesundheit des Sngers getrunken.
    Unterdes zog der seltsame Viktor, der sich whrend Leontins Gesang
fortgeschlichen hatte, weil er kein Lied vertragen konnte, wo er nicht selbst
mitsingen durfte, aller Augen auf ein neues Schauspiel. Er warf nmlich im
Hintergrunde, um nicht bemerkt zu werden, zu seiner eigenen Herzenslust, die
leeren Weinfchen in die Luft, whrend die Jger alle nach denselben schieen
muten, welches nicht ohne das grte Geschrei ablief. Die Tante, welche keinen
Rausch an Mnnern ertragen konnte, befrchtete eine allgemeine Anarchie und lud
die Gesellschaft, um die erhitzten Gemter zu zerstreuen, noch auf einige
Stunden zu sich auf das Jagdschlo. Alles brach daher auf und bestieg den Wagen.
Friedrich, Leontin und Viktor ritten wieder dem langen Zuge voran, den Ritter
von der traurigen Gestalt in ihrer Mitte, dessen bauflliges Pferd die Jger mit
einem Baldachin von grnen Zweigen und jungen Bumchen besteckt hatten, so da
er, gleich Mnchhausen, wie unter einer Laube ritt.
    Als sie auf dem Schlosse angekommen waren, wurden geschwind noch einige
Musikanten, so gut sie hier zu bekommen waren, zusammengebracht, und man tanzte
bis zur einbrechenden Nacht. Fr Friedrich und Leontin, die, frhzeitig in die
Welt hinausgestoen, gewohnt waren, das Leben immer nur in groen, vollendeten
Massen, gleichsam wie im Fluge, zu berhren, gewhrte dieser kleine Kreis, wo
fast alle, miteinander verwandt, nur eine Familie bildeten, eine neue
Erscheinung. Die erquickliche Art, wie die jungen Landfrulein immer mit Mund,
Hnden und den muntern Augen zugleich erzhlten, ihre kleinen Manieren und
unschuldige Koketterie, die Sorgfalt, mit welcher die Mtter nach jedem Tanze
herumgingen und ihren artigen Ktzchen die Haare aus der heien Stirne strichen
und sie ermahnten, nicht kalt zu trinken, das lchelnde Wohlbehagen, mit dem
eine jede alle Mienen Leontins und Friedrichs verfolgte, wenn sie sich mit ihren
Tchtern gut zu unterhalten schienen, alles dies machte auf die beiden Fremden
den sonderbarsten Eindruck, und sie htten mit ihrem neuen und ungewhnlichen
Wesen heut viele Herzen erobern knnen, wenn der eine nicht zu gromtig, der
andre nicht zu wild gewesen wre.
    Leontin walzte mit der niedlichen Braut. Sie tanzte auerordentlich leicht
und schn, und wie er so den schlanken, vollen Leib im Arme hatte, sah sie so
unbeschreiblich frisch und reizend aus, da er sich nicht enthalten konnte, das
schne Kind einige Male an sich zu drcken. Sie blickte heimlich lchelnd mit
listig fragenden Augen zu ihm hinauf. Sie konnten endlich beide vor Mdigkeit
nicht mehr weiter fort und er tanzte daher mit ihr bis in die nchste
Fensternische, wo sie zusammen auf die Sthle sanken.
    Nach einiger Zeit sah er sie an einem andern Fenster neben Frulein Julie in
ruhigem Gesprche sitzen. Er lehnte sich hinter ihnen an die Wand, ohne von
ihnen bemerkt zu werden. Sie erzhlte Julie, wann ihre Hochzeit sein werde,
wieviel feine Wsche sie mitbekomme, wie sie ihren kleinen Garten einrichten
wollten usw. Dort in dem Schlchen unten, fuhr sie fort, werden wir wohnen.
Leontin warf einen Blick durch das offene Fenster und sah das Dach des
Schlchens, soeben vom Abendrot beleuchtet, unbeschreiblich einsam und
verlassen aus den Wldern hervorragen. Eine groe Bangigkeit berflog da sein
Herz und er versank in tiefe Gedanken. Die Braut, die unterdes auf einmal gewahr
wurde, da er alles mit angehrt, schmte sich und verdeckte ihr Gesicht mit
beiden Hnden.
    In diesem Augenblick hrte man ein verworrenes Getse auf der Stiege, die
Tr ghnte und spie einen ganzen Knuel der seltsamsten und abenteuerlichsten
Zerrbilder und Migestalten aus, wie sie nur eine frchterlich reiche, dunkel in
sich selber arbeitende Phantasie ersinnen konnte. Viktor! - riefen Leontin und
Friedrich zugleich, und sie hatten es erraten. Dieser hatte nmlich in
mglichster Hast alles Altmodische, Lcherliche und Zerlumpte von
Kleidungsstcken, dessen er habhaft werden konnte, zusammengerafft und damit die
Bedienten und Jger des Herrn v. A. aufgeputzt. Mit einem unbertrefflich
raschen und glcklichen Witze hatte er, da er alle genau kannte, jedem
zugeteilt, was ihm zukam, und so durch eine ungewhnliche Verbindung des
Gewhnlichsten den phantasiereichsten Charakterzug erschaffen. Da keine Larven
vorhanden waren, so hatte er selber in aller Schnelligkeit die Gesichter gemalt,
und man mute zugeben, jedes war ein wahrer Triumph der freisten und schrfsten
Laune, denn eines jeden verborgenste, innerste Narrheit lachte erlst aus den
Zgen. Besonders zeichnete sich eine ber alle Maen dnne und schneiderartige
Figur aus mit einem unbeschreiblich albern lchelnden Gesichte, dem er alle
Haare rckwrts aus der glatten Stirne gekmmt hatte. Der Leib des alten Rockes
war um ebensoviel zu lang, als die knappen rmel zu kurz erschienen. Recht oben
auf dem Wirbel schwebte ein winziges Htchen, in der Hand trug er einen kleinen
Sonnenschirm. Viktor selbst fhrte in einem umgekehrten Rocke mit einer
verstimmten Geige den Zug an und war recht das Salz und die Seele des
Abenteuers. Mit einer Wut von Lust wute er einem jeden seinen eigentmlichen
Spielraum zu verschaffen, und selbst die Eitelsten dahin zu bringen, da sie
sich einmal ber sich selbst erhoben und ihre eigene Narrheit zum Narren hatten.
Und so gebrdeten sich denn auch die Ungeschicktesten meisterhaft, so wie die
Plumpheit selber komisch wird, wenn sie ber ihre eigenen Fe fllt. Herr v. A.
stand ganz still in einer Ecke und lachte, da ihm die Augen bergingen. Die
Tante, die, wie fast alle Damen, keinen unmittelbaren Spa verstand, lchelte
gezwungen. Manche andere schmten sich zu lachen, und taten sich Gewalt an,
ernsthaft auszusehen. Den irrenden Ritter aber hatte, seltsam genug, gleich beim
Eintritte des Maskenzuges eine sonderbare Furcht berfallen; er nahm Reiaus und
lie sich nicht wieder sehen.
    Viktor fhrte daher, als die Ergtzung an dem Spektakel anfing lau zu
werden, endlich die Bande wieder fort, um den flchtigen Ritter aufzusuchen. Sie
fanden ihn in einem finstern Winkel des Hofes versteckt. Er war uerst
aufgebracht und wehrte sich mit Hnden und Fen, als sie ihn aufsprten. Viktor
nahm ihn beim Arme und walzte mit ihm, wie wahnsinnig, im Hofe um den Brunnen
herum. Ein alter, dicker Gerichtsverwalter, dem sie unvermerkt die Dose mit
Kienru gefllt, und der daher, da er sich bei jeder Prise das Gesicht bemalte,
wider sein Wissen und Willen eine Hauptfigur in dem Lustspiele abgab, mute
ebenfalls an einer allgemeinen Menuett teilnehmen, die sich jetzt in dem Hofe
entspann. Ein einziges Licht stand auf einem Pfahle und warf im Winde einen
flatternden Schein ber die seltsame Verwirrung. Leontin, der sich bald anfangs
mit Leib und Seele mit hineingemischt hatte, sa hoch oben auf dem Gartenzaune
und strich die verstimmte Geige dazu. Den irrenden Ritter, der sich indes voll
Angst und Zorn mit Gewalt wieder losgemacht hatte, sah man auf seinem Pferde
mitten in der mondhellen Nacht ber die Felder entfliehen.
    Wie haben Ihnen die Streiche gefallen? fragte die Tante den Grafen
Friedrich, von dem sie ganz zuversichtlich erwartete, da er den Spa fr
unanstndig hielt. In meinem Leben, sagte Friedrich, habe ich keine Pantomime
gesehen, wo mit so einfachen Mitteln so Vollkommenes erreicht worden wre. Es
wre zu wnschen, man knnte die weltberhmten Mimiker, Grotesktnzer, und wie
sie sich immer nennen, auf einen Augenblick zu ihrer Belehrung unter diesen
Trupp versetzen. Wie armselig, nchtern und albern wrden sie sich unter diesen
tchtigen Gesellen ausnehmen, die nicht blo diese oder jene einzelne Richtung
des Komischen ngstlich herausheben, sondern Sprache, Witz und den ganzen
Menschen in Anspruch nehmen. Jene ermatten uns recht mit allgemeinen Spchen
ohne alle Individualitt, mit hergebrachten, lngst abgenutzten Mienen und
Sprngen, und vor lauter knstlichen Anstalten zum Lachen kommen wir niemals zum
Lachen selber. Hier erfindet jeder selbst, wie es ihm die Lust des Augenblickes
eingibt, und die Torheit lacht uns unmittelbar und keck ins Gesicht, da uns
recht das Herz vor Freiheit aufgeht. - Das ist wahr, sagte die Tante, ber
dieses Urteil erstaunt, unser Viktor ist ein pudelnrrischer, lustiger Mensch.
- Das glaube ich kaum, erwiderte Friedrich, ein Mensch mu sehr kalt oder
sehr unglcklich sein, um so zu phantasieren. Viktor kommt mir vor wie jener
Prinz in Sizilien, der in seinem Garten und Schlosse alles schief baute, so da
sein Herz das einzige Gerade in der phantastischen Verkehrung war.
    Es war unterdes schon spt geworden, die fremden Wagen fuhren unten vor, und
die Gesellschaft fing an Abschied zu nehmen und aufzusteigen. In dem allgemeinen
Getmmel der Bekomplimentierungen hatte die niedliche Braut noch ein Tuch
vergessen. Sie lief daher mit Julie noch einmal in das Zimmer zurck. Es war
niemand mehr darin; nur Leontin, der endlich auch die Maskenbande verlassen
hatte, kam soeben von der andern Seite herein. Das lustige Mdchen versteckte
sich schnell, da sie ihn erblickte, hinter die lange Fenstergardine und wickelte
sich ganz darein, so da nur die muntern Augen lstern auffordernd aus dem
Schleier hervorblitzten. Leontin zog das schne mutwillige Kind heraus und kte
sie auf den Mund. Sie gab ihm schnell einen herzhaften Ku wieder und rannte
eiligst zu dem Wagen zurck, wo man ihrer schon harrte. Ade, ade! sagte sie
noch am Schlage zu Julie, eigentlich aber mehr zu Leontin hingewendet, ihr seht
mich nun so bald nicht wieder, gewi nicht. - Und sie hielt Wort.
    Die Gste waren nun fort, Herr v. A. und seine Schwester schlafen gegangen,
und alles im Schlosse leer und still. Leontin sa oben im Vorsaale im offenen
Fenster. Drauen zogen Gewitter, man sah es am fernen Horizonte blitzen.
Frulein Julie ging soeben, mit einem Lichte in der Hand, ber den Hausflur nach
ihrer Schlafkammer. Er rief ihr eine gute Nacht zu. Sie war unentschlossen, ob
sie bleiben oder weitergehen sollte. Endlich kehrte sie zgernd um und trat zu
ihm ans Fenster. Da bemerkte er Trnen in ihren groen Augen; sie war ihm noch
nie so wunderschn vorgekommen. Liebe Julie! sagte er, und fate ihre kleine
Hand, die sie gern in der seinigen lie. Der Wind, der zum Fenster hereinkam,
lschte ihr pltzlich das Licht aus. Mit abgewendetem Gesicht sprach sie da
einige Worte in die Nacht hinaus, aber so leise und, wie es ihm schien, von
verhaltenem Weinen erstickt, da er nichts verstehen konnte. Er wollte sie
fragen, aber sie zog ihre Hand weg und ging schnell in ihr Schlafzimmer.
    Ohne zu wissen, was er davon halten sollte, schaute er voller Gedanken in
den finstern Hof hinunter. Dort sah er Viktor auf einem groen Steine sitzen,
den Kopf in beide Hnde gesttzt; er schien eingeschlafen. Er eilte daher selber
in den Hof hinab und nahm die Gitarre mit, die er unten im Fenster liegend fand.
Wir wollen diese Nacht auf dem Teiche herumfahren, sagte er zu Viktor, der
indes aufgewacht war. Dieser war sogleich mit voller Lust von der Partie, und so
zogen sie zusammen hinaus.
    Sie bestiegen den kleinen Kahn, der unweit vom Schlosse im Schilfe
angebunden lag, und ruderten bis in die Mitte des Sees. Die ganze Runde war
totenstill, nur einige Nachtvgel pfiffen von Zeit zu Zeit aus dem Walde
herber. Es schien, als wollte das Wetter heraufkommen, das man von ferne sah,
denn ein khler Wind flog ber den Teich voran und kruselte die ruhige Flche.
Sie glaubten Frulein Julie an dem Fenster zu bemerken. Da sang Leontin, der
vorn im Kahne aufrecht stand, folgendes Lied zur Gitarre, whrend der ewig rege
und unruhige Viktor bald tollkhn mit dem Kahne schaukelte, bald wieder in den
Wald hinausrief, da hin und her die Hunde an den nchsten Husern wach wurden:

Schlafe Liebchen, weil's auf Erden
Nun so still und seltsam wird!
Oben geht die goldne Herde,
Fr uns alle wacht der Hirt.

In der Ferne ziehn Gewitter;
Einsam auf dem Schifflein schwank
Greif ich drauen in die Zither,
Weil mir gar so schwl und bang.

Schlingend sich an Bum und Zweigen,
In dein stilles Kmmerlein,
Wie auf goldnen Leitern, steigen
Diese Tne aus und ein.

Und ein wunderschner Knabe
Schifft hoch ber Tal und Kluft,
Rhrt mit seinem goldnen Stabe
Suselnd in der lauen Luft.

Und in wunderbaren Weisen
Singt er ein uraltes Lied,
Das in linden Zauberkreisen
Hinter seinem Schifflein zieht.

Ach, den sen Klang verfhret
Weit der buhlerische Wind,
Und durch Schlo und Wand ihn spret
Trumend jedes schne Kind.

Es fing strker an zu blitzen, das Gewitter stieg herauf. Viktor schaukelte
heftiger mit dem Kahne; Leontin sang:

Es waren zwei junge Grafen
Verliebt bis in den Tod,
Die konnten nicht ruhn noch schlafen
Bis an den Morgen rot.

O trau den zwei Gesellen,
Mein Liebchen, nimmermehr,
Die gehn wie Wind und Wellen,
Gott wei: wohin, woher. -

Wir gren Land und Sterne
Mit wunderbarem Klang,
Und wer uns sprt von ferne,
Dem wird so wohl und bang.

Wir haben wohl hienieden
Kein Haus an keinem Ort,
Es reisen die Gedanken
Zur Heimat ewig fort.

Wie eines Stromes Dringen
Geht unser Lebenslauf,
Gesanges Macht und Ringen
Tut helle Augen auf.

Und Ufer, Wolkenflgel,
Die Liebe hoch und mild -
Es wird in diesem Spiegel
Die ganze Welt zum Bild.

Dich rhrt die frische Helle,
Das Rauschen heimlich, khl,
Das lockt dich zu der Welle,
Weil's drauen leer und schwl.

Doch wolle nie dir halten
Der Bilder Wunder fest,
Tot wird ihr freies Walten,
Hltst du es weltlich fest.

Kein Bett darf er hier finden.
Wohl in den Tlern schn
Siehst du sein Gold sich winden,
Dann pltzlich meerwrts drehn.

Viktor, der unterdes, ohne auf das Lied zu achten, immerfort das Echo versuchte,
zwang ihn, durch sein bermiges Rufen und Schreien, hier abzubrechen. Julie
hatte auch schon lange das Fenster geschlossen und alles im Schlosse war finster
und still. Das Gewitter zog indes gerade ber ihnen hin, die Wlder rauschten
von allen Seiten. Leontin griff strker und frmmer in die Saiten:

Schlag mit den flamm'gen Flgeln!
Wenn Blitz aus Blitz sich reit,
Steht wie in Rossesbgeln
So ritterlich mein Geist.

Waldesrauschen, Wetterblicken
Macht recht die Seele los,
Da grt sie mit Entzcken,
Was wahrhaft, ernst und gro.

Es schiffen die Gedanken
Fern wie auf weitem Meer,
Wie auch die Wogen schwanken:
Die Segel schwellen mehr.

Herr Gott, es wacht dein Wille!
Wie Tag und Lust verwehn,
Mein Herz wird mir so stille
Und wird nicht untergehn.

Sie bemerkten nun einen roten Schein, der ber dem Schlohofe zu stehen schien.
Sie hielten es fr einen Feuermann; denn die ganze Zeit hindurch hatten sie
rings in der Runde solche Erscheinungen, wie Wachtfeuer, lodern gesehen: teils
bluliche Irrlichter, die im Winde ber die Wiesen streiften, teils grere
Feuergestalten, mit zweifelhaftem Glanze durch die Nacht wandelnd. Als sie aber
wieder hinblickten, sahen sie den Feuermann ber dem Schlosse sich langsam
dehnen und riesengro wachsen, und ein langer Blitz, der soeben die ganze Gegend
beleuchtete, zeigte ihnen, da der Schein gerade vom Dache ausging. Um Gottes
willen, das ist Feuer im Schlo! rief Viktor erblassend, und sie ruderten, ohne
ein Wort zu sprechen, eiligst auf das Ufer zu.
    Als sie ans Land kamen, sahen sie bereits einen rtlichen Qualm zum
Dachfenster hervordringen und sich in frchterlichen Kreisen in die Nacht
hinauswlzen. Alles im Hause und im Hofe schlief noch in tiefster Ruhe. Viktor
machte Lrm an allen Tren und Fenstern. Leontin eilte in die Kirche und zog die
Sturmglocke, deren abgebrochene, dumpfe Klnge, die weit ber die stillen Berge
hinzogen, ihn selber im Innersten erschtterten. Der Nachtwchter ging durch die
Gassen des Dorfes und erfllte die Luft mit den grlichen Jammertnen seines
Hornes. Und so wurde endlich nach und nach alles lebendig, und rannte mit
bleichen Totengesichtern, gleich Gespenstern, bestrzt und verstrt
durcheinander. Die heftige Tante hatte bald der erste Schrecken berwltigt. Sie
lag bewutlos in Krmpfen und vermehrte so die allgemeine Verwirrung noch mehr.
    Schon schlug die helle Flamme oben aus dem Dache, das Hinterhaus stand noch
ruhig und unversehrt. Niemanden fiel es in der ersten Bestrzung ein, da
Frulein Julie im Hinterhause schlafe und ohne Rettung verloren sei, wenn die
Flamme die einzige Stiege, die dort hinauffhrte, ergriffe. Leontin dachte daran
und strzte sich sogleich in die Glut.
    Als er in ihr Schlafzimmer trat, sah er das schne Mdchen, den Kopf auf den
vollen, weien Arm gesenkt, in ungestrtem Schlafe ruhen. Alles in dem Zimmer
lag noch still und friedlich umher, wie sie es beim Entkleiden hingelegt; ein
aufgeschlagenes Gebetbuch lag an ihrer Seite. Es war ihm in diesem Augenblicke,
als she er einen schnen, goldgelockten Engel neben ihrem Bette sitzen, der
schaute mit den stillen, himmlischen Augen in das wilde Element, das sich vor
Kinderaugen frchtet. - Das Frulein schlug verwundert fragend die groen Augen
auf, als er zu ihr trat, und erblickte bald die ungewhnliche, schreckliche
Helle durch das ganze Haus. Leontin schlug schnell das Bettuch um sie herum und
nahm sie auf den Arm. Ohne ein Wort zu sprechen, umklammerte sie ihn in stummem
Schrecken. Ein heftiger Wind, der aus dem Brande selbst auszugehen schien,
faltete indes die Flammenfahnen immer mehr auseinander, der schreckliche
Feuermann griff mit seinen Riesenarmen rechts und links in die dunkle Nacht und
hatte bereits auch schon das Hinterhaus erfat. Da sah Leontin auf einmal,
mitten zwischen den Flammen, eine unbekannte weibliche Gestalt in weiem Gewande
erscheinen, die ruhig in dem Getmmel auf und nieder ging. Gott sei Dank!
hrte er zugleich drauen die Bauern rufen, wenn die da ist, wird's bald besser
gehn. - Wer ist die weie Frau? fragte Leontin, der nicht ohne innerlichen
Schauder auf sie hinblicken konnte. Julie, die ihr Gesicht fest an ihn gedrckt
hatte, berhrte in der Verwirrung die Frage, und so trug er sie hoch durch das
Feuer hindurch, ohne die Augen von der fremden Gestalt zu wenden. Kaum hatte er
aber das Frulein im Hofe niedergesetzt, als er selber, von dem Rauche, der
Hitze und Anstrengung ganz erschpft, bewutlos auf den Boden hinsank.
    Jene seltsame Erscheinung hatte whrenddessen alle mit frischem Mute
beseelt, und so war es der verdoppelten Anstrengung gelungen, die Flammen
endlich zu zwingen. Als Leontin die Augen wieder aufschlug, sah er mit Erstaunen
alles ringsumher schon leer und ruhig. Die weie Frau aber war mit dem Feuer
verschwunden, wie sie gekommen war. Er selber lag neben der Brandsttte auf
einem Kasten zwischen einer Menge geretteter Gertschaften, die unordentlich
bereinanderlagen. Julie sa neben ihm und hatte seinen Kopf auf ihrem Schoe.
Alle andern hatten sich, von der Arbeit ermattet, nach und nach zerstreut, Herr
v. A. und seine Schwester noch auf einige Stunden sich zur Ruhe begeben. Nur
Viktor, der whrend des Brandes mehrere Male bis in die innersten Zimmer
eingedrungen, und immer mitten zwischen dem zusammenstrzenden Geblk erschienen
war, sah er hoch auf einem halbabgebrannten Pfeiler eingeschlafen. Das prchtige
Feuerwerk war nun in sich selber zusammengesunken, nur hin und wieder flackerte
noch zuweilen ein Flmmchen auf, whrend einige dunkle Wachen an dem verwsteten
Platze auf und ab gingen, um das Feuer zu hten. Leontin hatte den einen Arm um
Julie geschlungen, die still neben ihm sa. Ihr Herz war so voll, wie noch
niemals in ihrem ganzen Leben. Im Innersten aufgeregt von den raschen
Begebenheiten dieser Nacht, war es ihr, als htte sie in den wenigen Stunden
Jahre berlebt; was lange im stillen geglommen, war auf einmal in helle Flammen
ausgebrochen. Mde lehnte sie ihr Gesicht an seine Brust und sagte, ohne
aufzusehen: Sie haben mir mein Leben gerettet. Ich kann es nicht beschreiben,
wie mir damals zumute war. Ich mchte Ihnen nun so gern aus ganzer Seele danken,
aber ich knnte es doch nicht ausdrcken, wenn ich es auch sagen wollte. Es ist
auch eigentlich nicht das, da Sie mich aus dem Feuer getragen haben. - Hier
hielt sie eine Weile inne, dann fuhr sie wieder fort: Die Flamme ist nun
verloschen. Wenn der Tag kommt, ist alles wieder gut und ruhig, wie sonst. Jeder
geht wieder gelassen an seine alte Arbeit und denkt nicht mehr daran. Ich werde
diese Nacht niemals vergessen.
    Sie sah bei diesen Worten gedankenvoll vor sich hin. Leontin hielt sich
nicht lnger, er zog sie an sich und wollte sie kssen. Sie aber wehrte ihn ab
und sah ihn sonderbar an. - So saen sie noch lange, wenig sprechend,
nebeneinander, bis endlich Julie die Augen zusanken. Er fhlte ihr ruhiges,
gleichfrmiges Atmen an seiner Brust. Er hielt sie fest im Arme und sa so
trumerisch die brige Nacht hindurch.
    Die Gewitter hatten sich indes ringsum verzogen, ein labender Duft stieg aus
den erquickten Feldern, Krutern und Bumen. Aurora stand schon hoch ber den
Wldern. Da weckte der khle Morgenwind Julie aus dem Schlummer. Der Rausch der
Nacht war verflogen; sie erschrak ber ihre Stellung in Leontins Armen und
bemerkte nun, da es berall licht war, mit Errten, da sie halb blo war.
Leontin hob das schne, verschlafene Kind hoch vor sich in den frischen Morgen
hinein, whrend sie ihr Gesicht mit beiden Hnden bedeckte. Darauf sprang sie
fort von ihm und eilte ins Haus, wo soeben alles anfing sich zu ermuntern.

                                Neuntes Kapitel


Am Morgen saen alle in der Stube des Jgers beim Frhstck versammelt, die
unruhigen Ereignisse dieser Nacht besprechend. Julie sah bla aus, und Leontin
bemerkte, da sie oft heimlich ber die Tasse weg nach ihm hinblickte, und
schnell wieder wegsah, wenn sein Auge ihr begegnete.
    Alle untersuchten darauf noch einmal die Brandsttte, die noch immer
fortrauchte. Man war allgemein der Meinung, da ein Blitz gezndet haben msse,
so viele Mhe sich auch der dicke Gerichtsverwalter gab, darzutun, da es
boshafterweise angelegt sei, und da man daher mit aller Strenge untersuchen und
verfahren msse. Herr v. A. verschmerzte den Verlust sehr leicht, da er ohnedies
schon lange willens war, das alte Schlchen niederreien zu lassen, um ein
neues, bequemeres hinzubauen.
    Leontin fragte endlich wieder um die weie Frau. Es ist eine reiche Witwe,
sagte Herr v. A., die vor einigen Jahren pltzlich in diese Gegend kam und
mehrere Gter ankaufte. Sie ist im stillen sehr wohlttig, und, seltsam genug,
bei Tag und bei Nacht, wo immer ein Feuer ausbricht, sogleich bei der Hand,
wobei sie dann die armen Verunglckten mit ansehnlichen Summen untersttzt. Die
Bauern glauben nun ganz zuversichtlich, sobald sie nur erscheint, msse das
Feuer sich legen, wie beim Anblick einer Heiligen. brigens empfngt und
erwidert sie keine Besuche, und niemand wei eigentlich recht, wie sie heit,
und woher sie gekommen; denn sie selber spricht niemals von ihrem vergangenen
Leben. Ja wohl, sagte der Gerichtsverwalter, mit einer wichtigen Miene, es
geht dort beraus geheimnisvoll zu. Aber es gibt auch noch Leute hinterm Berge.
Man wei wohl, wie es zugeht in der Welt. Mein Gott! die liebe Jugend - junges
Blut tut nicht gut. - Ich bitte, malen Sie uns keinen Schnurrbart an das
Heiligenbild! unterbrach ihn Leontin, der sich seine Phantasie von der
wunderbaren Erscheinung nicht verderben lassen wollte.
    Es war unterdes schon wieder aufgepackt worden, um auf das Schlo des Herrn
v. A. zurckzukehren. Leontin konnte der Begierde nicht widerstehen, die weie
Frau nher kennenzulernen. Er beredete daher Friedrich, mit ihm einen Streifzug
nach dem nahegelegenen Gute derselben zu machen. Sie versprachen beide, noch vor
Abend wieder bei der Gesellschaft einzutreffen.
    Gegen Mittag kamen sie auf dem Landsitze der Unbekannten an. Sie fanden ein
neuerbautes Schlo, das, ohne eben gro zu sein, durch seine groe, einfache
Erfindung auf das angenehmste berraschte. Eine Reihe hoher, schlanker Sulen
bildete oben den Vorderteil des Schlosses. Eine schne, steinerne Stiege, welche
die ganze Breite des Hauses einnahm, fhrte zu diesem Suleneingange hinauf. Die
Stiege erhob sich nur allmhlich und terrassenfrmig und war mit Orangen,
Zitronenbumen und verschiedenen hohen Blumen besetzt. Vor dieser blhenden
Terrasse lag ein weiter, schattenreicher Garten ausgebreitet.
    Alles war still, es schien niemand zu Hause zu sein. Auf der Stiege lag ein
schnes, etwa zehnjhriges Mdchen ber einem Tamburin, auf das sie das
zierliche Kpfchen gelehnt hatte, eingeschlummert. Oben hrte man eine Fltenuhr
spielen. Das Mdchen wachte auf, als sie an sie herankamen, und schttelte
erstaunt die schwarzen Locken aus den muntern Augen. Dann sprang sie scheu auf
und in den Garten fort, whrend die Schellen des Tamburins, das sie hoch in die
Luft hielt, hell erklangen.
    Die beiden Grafen gingen nun in den Garten hinab, dessen ganze Anlage sie
nicht weniger anzog, als das uere des Schlosses. Wie wahr ist es, sagte
Friedrich, da jede Gegend schon von Natur ihre eigentmliche Schnheit, ihre
eigene Idee hat, die sich mit ihren Bchen, Bumen und Bergen, wie mit
abgebrochenen Worten, auszusprechen sucht. Wen diese einzelnen Laute rhren, der
setzt mit wenigen Mitteln die ganze Rede zusammen. Und darin besteht doch
eigentlich die ganze Kunst und Lust, da wir uns mit dem Garten recht
verstehen. Leontin war indes mehrere Male verwundert stehengeblieben. Hchst
seltsam! sagte er endlich, als sie den Gipfel eines Hgels erreicht hatten,
diese Baumgruppen, Wldchen, Hgel und Aussichten erinnern mich ganz deutlich
an gewisse Gegenden, die ich in Italien gesehen, und an manchen glcklich
durchschwrmten Abend. Es ist wahrhaftig mehr als eine zufllige Tuschung.
    Der Abend fing bereits an, einzubrechen, als sie wieder bei den Stufen der
groen Stiege anlangten. Sie wurden beide von dem herrlichen Anblicke
berrascht, der sich ihnen dort von oben darbot. Die Gegend lag in der
abendroten Dmmerung wie ein verworrenes Zaubermeer von Bumen, Strmen, Grten
und Bergen, auf dem Nachtigallenlieder, gleich Sirenen, schifften. Wie
glcklich, sagte Friedrich, ist eine beruhigte, stille Seele, die imstande
ist, so besonnen und gleichfrmig nach allen Seiten hin zu wirken und zu
schaffen, die, von keiner besondern Leidenschaft mehr gestrt, auf der schnen
Erde wie in der Vorhalle des grern Tempels wohnt!
    Er wurde hier durch einige Saitenakkorde unterbrochen, die aus dem Garten
herauftnten. Bald darauf hrten sie einen Gesang. Friedrich horchte voll
Erstaunen, denn es war dasselbe sonderbare Lied aus seiner Kindheit, das
manchmal auch Erwin in der Nacht gesungen, und das er sonst nirgends wieder
gehrt hatte.
    Leontin war indes in das erste Zimmer hineingetreten, dessen Tr halb
geffnet stand. Er warf einen flchtigen Blick durch das Gemach. Ein altes, auf
Holz gemaltes Ritterbild hing dort an der Wand, ber welche der Abend zuckend
die letzten ungewissen Strahlen warf. Leontin trat erschttert zurck, denn er
erkannte auf einmal das beleuchtete Gesicht des Bildes. In demselben Augenblick
trat ein alter Bedienter von der andern Seite in das Zimmer und schien heftig zu
erschrecken, als er Leontin ansah. Um Gottes willen, rief Leontin ihm zu,
sagen Sie mir, wer ist der Ritter dort? Der Alte entfrbte sich und sah ihn
lange ernsthaft und forschend an. Das Bild ist vor mehreren hundert Jahren
gemalt, eine zufllige hnlichkeit mu Sie tuschen, sagte er hierauf wieder
gesammelt und ruhig. Wo ist die Frau vom Hause? fragte Leontin wieder. Sie
ist heut noch vor Tagesanbruch schnell fortgereist und kommt so bald nicht
zurck, antwortete der Bediente und entfernte sich mit einer eiligen
Verbeugung, als wollte er allen fernern Fragen ausweichen.
    Unruhig kehrte nun Leontin wieder zu Friedrich zurck, gegen den er von dem
ganzen letzten Vorfalle nichts erwhnte. Weder der Bediente, noch auch das
zierliche, scheue Mdchen, das sie vorhin schlummernd angetroffen, zeigte sich
mehr, und so ritten beide endlich gedankenvoll auf das Schlo des Herrn v. A.
zurck, wo sie spt in der Nacht anlangten.

                                Zehntes Kapitel


Die alte, gleichfrmige Ordnung der Lebensweise kehrte nun wieder auf dem
Schlosse zurck. Die beiden Gste hatten auf vieles Bitten noch einige Zeit
zugeben mssen und lebten jeder auf seine Weise fort. Friedrich dichtete wieder
fleiig im Garten oder in dem daranstoenden angenehmen Wldchen. Meist war
dabei irgendein Buch aus der Bibliothek des Herrn v. A., wie es ihm gerade in
die Hnde fiel, sein Begleiter. Seine Seele war dort so ungestrt und heiter,
da er die gewhnlichsten Romane mit jener Andacht und Frischheit der Phantasie
ergriff, mit welcher wir in unserer Kindheit solche Sachen lesen. Wer denkt
nicht mit Vergngen daran zurck, wie ihm zumute war, als er den ersten Robinson
oder Ritterroman las, aus dem ihm das frheste, lsterne Vorgefhl, die
wunderbare Ahnung des ganzen, knftigen, reichen Lebens anwehte; wie zauberisch
da alles aussah und jeder Buchstab auf dem Papiere lebendig wurde? Wenn ihm dann
nach vielen Jahren ein solches Buch wieder in die Hand kommt, sucht er begierig
die alte Freude wieder auf darin, aber der frische, kindische Glanz, der damals
das Buch und die ganze Erde berschien, ist verschwunden, die Gestalten, mit
denen er so innig vertraut war, sind unterdes fremd und anders geworden, und
sehen ihn an wie ein schlechter Holzstich, da er weinen und lachen mchte
zugleich. Mit so muntern, malerischen Kindesaugen durchflog denn auch Friedrich
diese Bcher. Wenn er dazwischen dann vom Blatte aufsah, glnzte von allen
Seiten der schne Kreis der Landschaft in die Geschichten hinein, die Figuren,
wie der Wind durch die Bltter des Buches rauschte, erhoben sich vor ihm in der
grenzenlosen, grnen Stille und traten lebendig in die schimmernde Ferne hinaus;
und so war eigentlich kein Buch so schlecht erfunden, da er es nicht erquickt
und belehrt aus der Hand gelegt htte. Und das sind die rechten Leser, die mit
und ber dem Buche dichten. Denn kein Dichter gibt einen fertigen Himmel; er
stellt nur die Himmelsleiter auf von der schnen Erde. Wer, zu trge und
unlustig, nicht den Mut versprt, die goldenen, losen Sprossen zu besteigen, dem
bleibt der geheimnisvolle Buchstab ewig tot, und er tte besser, zu graben oder
zu pflgen, als so mit unntzem Lesen mig zu gehn.
    Leontin dagegen durchstrich alle Morgen, wenn er es etwa nicht verschlief,
welches gar oft geschah, mit der Flinte auf dem Rcken Felder und Wlder,
schwamm einige Male des Tages ber die reiendsten Stellen des Flusses, der im
Tale vorbeiging, und kannte bereits alle Pfade und Gesichter der Gegend. Auch
auf das Schlo der unbekannten Dame war er schon einige Male wieder
hinbergeritten, fand aber immer niemanden zu Hause. Alle Tage besuchte er
gewissenhaft ein paar wunderliche altkluge Gesellen auf dem Felde, die er auf
seinen Streifereien ausgesprt hatte, gab ihnen Tabak zu schnupfen, den er blo
ihretwillen bei sich trug, und fhrte stundenlang eine tolle Unterhaltung mit
ihnen. Er las wenig, besonders von neuen Schriften, gegen die er eine Art von
Widerwillen hatte. Dessenungeachtet kannte er doch die ganze Literatur ziemlich
vollstndig. Denn sein wunderliches Leben fhrte ihn von selbst und wider Willen
in Berhrung mit allen ausgezeichneten Mnnern, und was er so bei Gelegenheit
kennenlernte, fate er schnell und ganz auf.
    Sowohl er, als Friedrich besuchten fast alle Nachmittage den einsamen
Viktor, dessen kleines Wohnhaus, von einem noch kleineren Grtchen umgeben, hart
am Kirchhofe lag. Dort unter den hohen Linden, die den schnberaseten Kirchhof
beschatteten, fanden sie den seltsamen Menschen vergraben in eine Werkstatt von
Meieln, Bohrern, Drehscheiben und anderm unzhligen Handwerkszeuge, als wollte
er sich selber sein Grab bauen. Hier arbeitete und knstelte derselbe tglich,
soviel es ihm seine Berufsgeschfte zulieen, mit einem unbeschreiblichen Eifer
und Fleie, ohne um die andere Welt drauen zu fragen. Ohne jemals eine
Anleitung genossen zu haben, verfertigte er Spieluhren, knstliche Schlsser,
neue, sonderbare Instrumente, und sein bei der Stille nach auen ewig unruhiger
und reger Geist verfiel dabei auf die seltsamsten Erfindungen, die oft alle in
Erstaunen setzten. Seine Lieblingsidee war, ein Luftschiff zu erfinden, mit dem
man dieses lose Element ebenso bezwingen knnte, wie das Wasser, und er wre
beinahe ein Gelehrter geworden, so hartnckig und unermdlich verfolgte er
diesen Gedanken. Fr Poesie hatte er, sonderbar genug, durchaus keinen Sinn, so
willig, ja neugierig er auch aufhorchte, wenn Leontin oder Friedrich darber
sprachen. Nur Abraham von St. Clara, jener geniale Schalk, der mit einer
ernsthaften Amtsmiene die Narren auslacht, denen er zu predigen vorgibt, war
seine einzige und liebste Unterhaltung, und niemand verstand wohl die Werke
dieses Schriftstellers so zu durchdringen und sich aus Herzensgrunde daran zu
ergtzen, als er. In diesem unfrmlichen Gemisch-Gemasch von Spott, Witz und
Humor fand sein sehr nahe verwandter Geist den rechten Tummelplatz.
    brigens hatte sich Friedrich gleich anfangs in seinem Urteile ber ihn
keineswegs geirrt. Seine Gemtsart war wirklich durchaus dunkel und
melancholisch. Die eine Hlfte seines Lebens hindurch war er bis zum Tode
betrbt, mrrisch und unbehlflich, die andere Hlfte lustig bis zur
Ausgelassenheit, witzig, sinnreich und geschickt, so da die meisten, die sich
mit einer gewhnlichen Betrachtung der menschlichen Natur begngen, ihn fr
einen zweifachen Menschen hielten. Es war aber eben die Tiefe seines Wesens, da
er sich niemals zu dem ordentlichen, immer gleichfrmigen Spiele der andern an
der Oberflche bequemen konnte, und selbst seine Lustigkeit, wenn sie oft
pltzlich losbrach, war durchaus ironisch und fast schauerlich. Dabei waren alle
Schmeichelknste und alltglichen Handgriffe, sich durch die Welt zu helfen,
seiner sprden Natur so zuwider, da er selbst die unschuldigsten,
gebruchlichsten Gunstbewerbungen, ja sogar unter Freunden alle uern Zeichen
der Freundschaft verschmhte. Vor allen sogenannten klugen, gemachten Leuten war
er besonders verschlossen, weil sie niemals weder seine Betrbnis, noch seine
Lust verstanden und ihn mit ihrer angebildeten Afterweisheit von allen Seiten
beengten. Die beiden Grafen waren die ersten in seinem Leben, die bei allen
seinen uerungen wuten, was er meine. Denn es ist das Besondere
ausgezeichneter Menschen, da jede Erscheinung in ihrer reinen Brust sich in
ihrer ursprnglichen Eigentmlichkeit bespiegelt, ohne da sie dieselbe durch
einen Beischmack ihres eigenen Selbst verderben. Er liebte sie daher auch mit
unerschtterlicher Treue bis zu seinem Tode.
    Sooft sie nachmittags zu ihm kamen, warf er sogleich alle Instrumente und
Gertschaften weit von sich und war aus Herzensgrunde lustig. Sie musizierten
dann in seiner kleinen Stube entweder auf alten, halbbespannten Instrumenten,
oder Friedrich mute einige wilde Burschenlieder auf die Bahn bringen, die
Viktor schnell auswendig wute und mit gewaltiger Stimme mitsang. Frulein
Julie, die nebst ihrem Vater von jeher Viktors beste und einzige Freundin im
Hause war, stand dann gar oft stundenlang gegenber am Zaune des Schlogartens,
strickte und unterhielt sich mit ihnen, war aber niemals zu bereden, selber zu
ihnen herberzukommen. Die Tante und die meisten andern konnten gar nicht
begreifen, wie die beiden Grafen einen solchen Geschmack an dem ungebildeten
Viktor und seinen lrmenden Vergngungen finden konnten.
    Und du seltsamer, guter, geprfter Freund, ich brauche dich und mich nicht
zu nennen; aber du wirst uns beide in tiefster Seele erkennen, wenn dir diese
Bltter vielleicht einmal zufllig in die Hnde kommen. Dein Leben ist mir immer
vorgekommen, wie ein uraltes, dunkel verbautes Gemach mit vielen rauhen Ecken,
das unbeschreiblich einsam und hoch steht ber den gewhnlichen Hantierungen der
Menschen. Eine alte verstimmte Laute, die niemand mehr zu spielen versteht,
liegt verstaubt auf dem Boden. Aus dem finstern Erker siehst du durch bunt und
phantastisch gemalte Scheiben ber das niedere, emsig wimmelnde Land unten weg
in ein anderes, ruhiges, wunderbares, ewig freies Land. Alle die wenigen, die
dich kennen und lieben, siehst du dort im Sonnenscheine wandeln und das Heimweh
befllt auch dich. Aber dir fehlen Flgel und Segel, und du reiest in
verzweifelter Lustigkeit an den Saiten der alten Laute, da es mir oft das Herz
zerreien wollte. Die Leute gehen unten vorber und verlachen dein wildes
Geklimper, aber ich sage dir, es ist mehr gttlicher Klang darin, als in ihrem
ordentlichen, allgepriesenen Geleier.
    An einem schwlen Nachmittage sa Leontin im Garten an dem Abhange, der in
das Land hinausging. Kein Mensch war drauen, alle Vgel hielten sich im
dichtesten Laube versteckt, es war so still und einsam auf den Gngen und in der
ganzen Gegend umher, als ob die Natur ihren Atem an sich hielte. Er versuchte
einzuschlummern. Aber wie ber ihm die Grser zwischen dem unaufhrlichen,
einfrmigen Gesumme der Bienen sich hin und wider neigten, und rings am fernen
Horizonte schwere Gewitterwolken gleich phantastischen Gebirgen mit groen,
einsamen Seen und himmelhohen Felsenzacken die ganze Welt enge und immer enger
einzuschlieen schienen, prete eine solche Bangigkeit sein Herz zusammen, da
er schnell wieder aufsprang. Er bestieg einen hohen, am Abhange stehenden Baum,
in dessen schwankem Wipfel er sich in das schwle Tal hinauswiegte, um nur die
frchterliche Stille in und um sich loszuwerden.
    Er hatte noch nicht lange oben gesessen, als er den Herrn v. A. und dessen
Schwester aus dem Bogengange hervorbiegen und langsam auf den Baum zukommen sah.
Sie waren in einem lauten und lebhaften Gesprche begriffen, er hrte da von
ihm die Rede war. Du magst sprechen, was du willst, sagte die Tante, er ist
bis ber die Ohren verliebt in unser Mdchen. Da mt ich keine Menschenkenntnis
haben! Und Julie kann keine bessere Partie finden. Ich habe schon lange, ohne
dir etwas zu sagen, nhere Erkundigungen ber ihn eingezogen. Er steht sehr gut.
Er vertut zwar viel Geld auf Reisen und verschiedenes unntzes Zeug, und soll zu
Hause ein etwas unordentliches und auffallendes Leben fhren; aber er ist noch
ein junger Mensch, und unser Kind wird ihn schon kirre machen. Glaube mir, mein
Schatz, ein kluges Weib kann durch vernnftiges Zureden sehr viel bewirken. Sind
sie nur erst verheiratet und sitzen ruhig auf ihrem Gtchen, so wird er schon
sein sonderbares Wesen und seine berspannten Ideen fahrenlassen und werden wie
alle andern. Hre, mein Schatz, fange doch recht bald an, ihn so von weitem
nher zu sondieren. - Das tue ich nicht, erwiderte Herr v. A. ruhig, ich
habe mich um nichts erkundigt, ich habe nichts bemerkt und nichts erfahren. Ihr
Weiber verlegt euch alle aufs Spionieren und Heiratsstiften und sehet zu weit.
Wirbt er um sie, und sie ist ihm gut, so soll er sie haben; denn er gefllt mir
sehr. Aber ich menge mich in nichts. - Mit deiner ewigen Gelassenheit, fiel
ihm hier die Schwester heftig ins Wort, wirst du noch alles verderben. Dich
rhrt das Glck deines eigenen Kindes nicht. Und ich sage dir, ich ruhe und
raste nicht, bis sie ein Paar werden! - Sie waren unterdes schon wieder von der
andern Seite hinter den Bumen verschwunden, und er konnte nichts mehr verstehn.
    Er stieg rasch vom Baume herab. Noch bin ich frei und ledig! rief er aus
und schttelte alle Glieder. Rckt mir nicht auf den Hals mit eurem soliden,
huslichen, langweiligen Glck, mit eurer abgestandenen Tugend im Schlafrock!
Wohl hat die Liebe zwei Gesichter wie Janus. Mit dem einen buhlt diese
ungetreue, reizende Fortuna auf ihrer farbigen Kugel mit der frischen Jugend um
flchtige Ksse; doch willst du sie plump haschen und festhalten, kehrt sie dir
pltzlich das andere, alte, verschrumpfte Gesicht zu, das dich unbarmherzig zu
Tode schmatzt. - Heiraten und fett werden, mit der Schlafmtze auf dem Kopfe
hinaussehen, wie drauen Aurora scheint, Wlder und Strme noch immer ohne Ruhe
fortrauschen mssen, Soldaten ber die Berge ziehn und raufen, und dann auf den
Bauch schlagen und: Gott sei Dank! rufen knnen, das ist freilich ein Glck! -
Und doch noch tausendmal widerlicher sind mir die Faungesichter von Hagestolzen,
wie sie sich um die Mauern streichen, ein bichen Rammelei und Diebsgelst im
Herzen, wenn sie noch eins haben. Pfui! Pfui!
    So jagten sich die Gedanken in seinem Kopfe rgerlich durcheinander, und er
war, ohne da er es selbst bemerkte, ins Schlo gekommen. Die Tr zu Juliens
Zimmer stand nur halb angelehnt, er ging hinein, fand sie aber nicht darin. Sie
schien es eben verlassen zu haben; denn Farben, Pinsel und andere
Malergertschaften lagen noch umher. Auf dem Tische stand ein Bild aufgerichtet.
Er betrachtete es voll Erstaunen: es war sein eignes Portrt, an welchem Julie
lange heimlich gearbeitet. Er war in derselben Jgerkleidung gemalt, in der sie
ihn zum ersten Male gesehen hatte. Mit Verwunderung glaubte er auch die Gegend,
die den Hintergrund des Bildes ausfllte, zu erkennen. Er erinnerte sich
endlich, da er Julien manchmal von seinem Schlosse, seinem Garten, den Bergen
und Wldern, die es umgeben, erzhlt hatte, und ihr reiches Gemt hatte sich nun
aus den wenigen Zgen ein ganz anderes, wunderbares Zauberland, als ihre neue
Heimat, zusammengesetzt.
    Er stand lange voller Gedanken am Fenster. Ihre Gitarre lag dort; er nahm
sie und wollte singen, aber es ging nicht. Er lehnte Sich mit der Stirn ans
Fenster und wollte sie durchaus hier erwarten, aber sie kam nicht.
    Endlich stieg er hinab, ging in den Hof und sattelte und zumte sich selber
sein Pferd. Als er eben zum Tore hinausritt, kam Julie eilfertig aus der
Gartentr. Sie schien ein Geschft vorzuhaben, sie grte ihn nur flchtig mit
freundlichen Augen und lief ins Schlo. Er gab seinem Pferde die Sporen und
sprengte ins Feld hinaus.
    Ohne einen bestimmten Weg einzuschlagen, war er schon lange herumgeritten,
als er mitten im Walde auf einen hochgelegenen, ausgehauenen Fleck kam. Er hrte
jemanden lustig ein Liedchen pfeifen und ritt darauf los. Es war zu seiner nicht
geringen Freude der bekannte Ritter, den er schon lange einmal auf seinen
Irrzgen zu erwischen sich gewnscht hatte. Er sa auf einem Baumsturze und lie
seinen Klepper neben sich weiden. Romantische, goldene Zeit des alten, freien
Schweifens, wo die ganze schne Erde unser Lustrevier, der grne Wald unser Haus
und Burg, dich schimpft man nrrisch - dachte Leontin bei diesem Anblicke, und
rief dem Ritter aus Herzensgrunde sein Hurra zu. Er stieg darauf selbst vom
Pferde und setzte sich zu ihm hin. Der Tag fing eben an, sich zu Ende zu neigen,
die Waldvgel zwitscherten von allen Wipfeln in der Runde. Von der einen Seite
sah man in einer Vertiefung unter der Heide ein Schlchen mit stillem Hofe und
Garten ganz in die Waldeinsamkeit versenkt. Die Wolken flogen so niedrig ber
das Dach weg, als sollte sich die bedrngte Seele daranhngen, um jenseits ins
Weite, Freie zu gelangen. Mit einem innerlichen Schauder von Bangigkeit erfuhr
Leontin von dem Ritter, da dies dasselbe Schlo sei, wo jetzt die muntere
Braut, die er auf jener Jagd kennengelernt, seit lange schon mit ihrem jungen
Manne ruhig wohne, wirtschafte und hause.
    Aber, sagte er endlich zu dem Ritter, wird Euch denn niemals bange auf
Euren einsamen Zgen? Was macht und sinnt Ihr denn den ganzen langen Tag? -
Ich suche den Stein der Weisen, erwiderte der Ritter ruhig. Leontin mute ber
diese fertige, unerwartete Antwort laut auflachen. Ihr seid irrisch in Eurem
Verstande, da Ihr so lacht, sagte der Ritter etwas aufgebracht. Eben weil die
Leute wohl wissen, da ich den Stein der Weisen wittere, so trachten die
Phariser und Schriftgelehrten darnach, mir durch Reden und Blicke meine
Majestt von allen Seiten auszusaugen, auszuwalzen und auszudreschen. Aber ich
halte mich an das Prinzipium: an Essen und Trinken; denn wer nicht it, der lebt
nicht, wer nicht lebt, der studiert nicht, und wer nicht studiert, der wird kein
Weltweiser, und das ist das Fundament der Philosophie. - So sprach der tolle
Ritter eifrig fort, und gab durch Mienen und Hnde seinen Worten den Nachdruck
der ernsthaftesten berzeugung. Leontin, den seine heutige Stimmung besonders
aufgelegt machte zu ausschweifenden Reden, stimmte nach seiner Art in denselben
Ton mit ein, und so fhrten die beiden dort ber die ganze Welt das
allerseltsamste und unfrmlichste Gesprch, das jemals gehrt wurde, whrend es
ringsumher schon lange finster geworden war. Der Ritter, dem ein so aufmerksamer
Zuhrer etwas Seltenes war, hielt tapfer Stich, und focht nach allen Seiten in
einem wunderlichen Chaos von Sinn und Unsinn, das oft die herrlichsten Gedanken
durchblitzten. Leontin erstaunte ber die scharfen, ganz selbsterschaffenen
Ausdrcke und die entschiedene Anlage zum Tiefsinn. Aber alles schien wie eine
ppige Wildnis, durch den lebenslangen Miggang zerrttet und fast bis zum
Wahnwitz verworren.
    Zuletzt sprach der Ritter noch von einem Philosophen, den er jhrlich einmal
besuche. Leontin war mit ganzer Seele gespannt, denn die Beschreibung von
demselben stimmte auffallend mit dem alten Ritterbilde berein, dessen Anblick
ihn auf dem Schlosse der weien Frau so sehr erschttert hatte. Er fragte nher
nach, aber der Ritter antwortete jedesmal so toll und abschweifend, da er alle
weitern Erkundigungen aufgeben mute.
    Endlich brach der Ritter auf, da er heute noch auf dem Schlosse der
niedlichen Braut Herberge suchen wollte. Leontin trug ihm an dieselbe seine
schnsten Gre auf. Der Ritter stolperte nun auf seiner Rosinante langsam ber
die Heide hinab, und unterhielt sich noch immerfort mit Leontin mit groem
Geschrei ber die Philosophie, whrend er schon lngst in der Nacht verschwunden
war.
    Leontin sah sich, nun allein, nach allen Seiten um. Alle Wlder und Berge
lagen still und dunkel ringsumher. Unten in der Tiefe schimmerten Lichter hin
und her aus den zerstreuten Drfern, Hunde bellten fern in den einsamen Hfen.
Auch in dem Schlosse des Herrn v. A. sah er noch mehrere Fenster erleuchtet. So
blieb er noch lange oben auf der Heide stehen.
    Am folgenden Morgen frhzeitig erhielt Friedrich einen Brief. Er erkannte
sogleich die Zge wieder: er war von Rosa. So lange schon hatte er sich von Tage
zu Tage vergebens darauf gefreut, und erbrach ihn nun mit hastiger Ungeduld. Der
Brief war folgenden Inhalts:

Wo bleibst Du so lange, mein innig geliebter Freund? Hast Du denn gar kein
Mitleid mehr mit Deiner armen Rosa, die sich so sehr nach Dir sehnt?
    Als ich auf der Hhe im Gebirge von euch entfhrt wurde, hatte ich mir fest
vorgenommen, gleich nach meiner Ankunft in der Residenz an Dich zu schreiben.
Aber Du weit selbst, wieviel man die erste Zeit an einem solchen Orte mit
Einrichtungen, Besuchen und Gegenbesuchen zu tun hat. Ich konnte damals durchaus
nicht dazu kommen, obschon ich immer und berall an Dich gedacht habe. Und so
verging die erste Woche, und ich wute dann nicht mehr, wohin ich meinen Brief
adressieren sollte. Vor einigen Tagen endlich kam hier der junge Marquis von P.
an, der wollte bestimmt wissen, da sich mein Bruder mit einem fremden Herrn auf
dem Gute des Herrn v. A. aufhalte. Ich eilte also, sogleich an Dich dorthin zu
schreiben. Der Marquis verwunderte sich zugleich, wie ihr es dort so lange
aushalten knntet. Er sagte, es wre ein Sjour zum Melancholischwerden. Mit der
ganzen Familie wre in der Welt nichts anzufangen. Der Baron sei wie ein
Holzstich in den alten Rittergeschichten: gedruckt in diesem Jahr, die Tante
wisse von nichts zu sprechen, als von ihrer Wirtschaft, und das Frulein vom
Hause sei ein halbreifes Gnseblmchen, ein rechtes Bild ohne Gnaden. Sind das
nicht recht nrrische Einflle? Wahrhaftig, man mu dem Marquis gut sein mit
seinem losen Maule. Siehst Du, es ist Dein Glck, denn ich hatte schon groe
Lust eiferschtig zu werden. Aber ich kenne schon meinen Bruder, solche
Bekanntschaften sind ihm immer die liebsten; er lt sich nichts einreden. Ich
bitte Dich aber, sage ihm nichts von alle diesem. Denn er kann sich ohnedies von
jeher mit dem Marquis nicht vertragen. Er hat sich schon einige Male mit ihm
geschlagen, und der Marquis hat an der letzten Wunde ber ein Vierteljahr
zubringen mssen. Er fngt immer selber ohne allen Anla Hndel mit ihm an. Ich
wei gar nicht, was er wider ihn hat. Der Marquis ist hier in allen gebildeten
Gesellschaften beliebt und ein geistreicher Mann. Ich wei gewi, Du und der
Marquis werdet die besten Freunde werden. Denn er macht auch Verse und von der
Musik ist er ein groer Kenner. brigens lebe ich hier recht glcklich, so gut
es Deine Rosa ohne Dich sein kann. Ich bekomme und erwidere Besuche, mache
Landpartien usw. Dabei fllt mir immer ein, wie ganz anders Du doch eigentlich
bist als alle diese Leute, und dann wird mir mitten in dem Schwarme so bange,
da ich mich oft heimlich wegschleichen mu, um mich recht auszuweinen. - Die
junge, schne Grfin Romana, die mich alle Morgen an der Toilette besucht, sagt
mir immer, wenn ich mich anziehe, da meine Augen so schn wren, und wickelt
sich meine Haare um ihren Arm und kt mich. - Ich denke dann immer an Dich. Du
hast das auch gesagt und getan, und nun bleibst Du auf einmal so lange aus. Ich
bitte Dich, wenn Du mir gut bist, la mich nicht so allein; es ist nicht gut so.
-
    Ich hatte mich gestern soeben erst recht eingeschrieben und hatte Dir noch
so viel zu sagen, da wurde ich zu meinem Verdrusse durch einen Besuch
unterbrochen. Jetzt ist es schon zu spt, da die Post sogleich abgehen wird. Ich
schliee also schnell in der Hoffnung, Dich bald an mein liebendes Herz zu
drcken.
    Diesen Winter wird es hier besonders brillant werden. Wie schn wre es,
wenn wir ihn hier zusammen zubrchten! Komm, komm gewi!

Friedrich legte den Brief still wieder zusammen. Unwillkrlich summte ihm der
Gassenhauer: Freut euch des Lebens usw., den Leontin gewhnlich abzuleiern
pflegte, wenn seine Schwester etwas nach ihrer Art Wichtiges vorbrachte, durch
den Kopf. Der ganze Brief, wie von einem von Lustbarkeiten Atemlosen im Fluge
abgeworfen, war wie eine Lcke in seinem Leben, durch die ihn ein fremdartiger,
staubiger Wind anblies. Habe ich es oben auf der Hhe nicht gesagt, da du in
dein Grab hinabsteigst? Wenn die Schnheit mit ihren frischen Augen, mit den
jugendlichen Gedanken und Wnschen unter euch tritt, und, wie sie die eigene,
grere Lebenslust treibt, sorglos und lstern in das liebewarme Leben
hinauslangt und sprot, sich an die feinen Spitzen, die zum Himmel streben,
giftig anzusaugen und zur Erde hinabzuzerren, bis die ganze, prchtige
Schnheit, fahl und ihres himmlischen Schmuckes beraubt, unter euch dasteht wie
euresgleichen - die Halunken!
    Er ffnete das Fenster. Der herrliche Morgen lag drauen wie eine Verklrung
ber dem Lande, und wute nichts von den menschlichen Wirren, nur von rstigem
Tun, Freudigkeit und Frieden. Friedrich sprte sich durch den Anblick
innerlichst genesen, und der Glaube an die ewige Gewalt der Wahrheit und des
festen religisen Willens wurde wieder stark in ihm. Der Gedanke, zu retten, was
noch zu retten war, erhob seine Seele, und er beschlo, nach der Residenz
abzureisen.
    Er ging mit dieser Nachricht zu Leontin, aber er fand seine Schlafstube leer
und das Bett noch von gestern in Ordnung. Er ging daher zu Julie hinber, da er
hrte, da sie schon auf war. Das schne Mdchen stand in ihrer weien
Morgenkleidung eben am Fenster. Sie kehrte sich schnell zu ihm herum, als er
hereintrat. Er ist fort! sagte sie leise mit unterdrckter Stimme, zeigte mit
dem Finger auf das Fenster und stellte sich wieder mit abgewendetem Gesichte
abseits an das andere. Der erstaunte Friedrich erkannte Leontins Schrift auf der
Scheibe, die er wahrscheinlich gestern, als er hier allein war, mit seinem Ringe
aufgezeichnet hatte. Er las:

Der fleiigen Wirtin von dem Haus
Dank ich von Herzen fr Trank und Schmaus,
Und was beim Mahl den Gast erfreut:
Fr heitre Mien und Freundlichkeit.

Dem Herrn vom Haus sei Lob und Preis!
Seinen Segen wnsch ich mir auf die Reis,
Nach seiner Lieb mich sehr begehrt,
Wie ich ihn halte ehrenwert.

Herr Viktor soll beten und fleiig sein,
Denn der Teufel lauert, wo einer allein;
Soll lustig auf dem Kopfe stehn,
Wenn alle so dumm auf den Beinen gehn.

Und wenn mein Weg ber Berge hoch geht,
Aurora sich auftut, das Posthorn weht,
Da will ich ihm rufen von Herzen voll,
Da er's in der Ferne spren soll.

Ade! Schlo, heiter berm Tal,
Ihr schwlen Tler allzumal,
Du blauer Flu ums Schlo herum,
Ihr Drfer, Wlder um und um.

Wohl sah ich dort eine Zaubrin gehn,
Nach ihr nur alle Blumen und Wlder sehn,
Mit hellen Augen Strme und Seen,
In stillem Schaun, wie verzaubert, stehn.

Ein jeder Strom wohl findt sein Meer,
Ein jeglich Schiff kehrt endlich her,
Nur ich treibe und sehne mich immerzu,
O wilder Trieb! wann lt du einmal Ruh?

Darunter stand, kaum leserlich, gekritzelt:

Herr Friedrich, der schlft in der Ruhe Scho,
Ich wnsch ihm viel Unglck, da er sich erbos,
Ins Horn, zum Schwert, frisch dran und drauf!
Philister ber dir, wach, Simson, wach auf!

Friedrich stutzte ber diese letzten Zeilen, die ihn unerwartet trafen. Er
erkannte tief das Schwerfllige seiner Natur und versank auf einen Augenblick
sinnend in sich selbst.
    Julie stand noch immerfort am Fenster, sah durch die Scheiben und weinte
heimlich. Er fate ihre Hand. Da hielt sie sich nicht lnger, sie setzte sich
auf ihr Bett und schluchzte laut. Friedrich wute wohl, wie untrstlich ein
liebendes Mdchen ist. Er verabscheute alle jene erbrmlichen Spitaltrster voll
Wiedersehens, unverhofften Windungen des Schicksals usw. Lieb ihn nur recht,
sagte er zu Julien, so ist er ewig dein, und wenn die ganze Welt
dazwischenlge. Glaube nur niemals den falschen Verfhrern: da die Mnner eurer
Liebe nicht wert sind. Die Schufte freilich nicht, die das sagen; aber es gibt
nichts Herrlicheres auf Erden, als der Mann, und nichts Schneres, als das Weib,
das ihm treu ergeben bis zum Tode. - Er kte das weinende Mdchen und ging
darauf zu ihren Eltern, um ihnen seine eigene, baldige Abreise anzukndigen.
    Er fand die Tante hchst bestrzt ber Leontins unerklrliche Flucht, die
sie auf einmal ganz irre an ihm und allen ihren Plnen machte. Sie war anfangs
bse, dann still und wie vernichtet. Herr v. A. uerte weniger mit Worten, als
durch ein ungewhnlich hastiges und zerstreutes Tun und Lassen, das Friedrich
unbeschreiblich rhrte, wie schwer es ihm falle, sich von Leontin getrennt zu
sehen, und die Trnen traten ihm in die Augen, als nun auch Friedrich erklrte,
schon morgen abreisen zu mssen. So verging dieser noch brige Tag zerstreut,
gestrt und freudenlos.
    Am andern Morgen hatte Erwin frhzeitig die Reisebndel geschnrt, die
Pferde standen bereit und scharrten ungeduldig unten im Hofe. Friedrich machte
noch eilig einen Streifzug durch den Garten und sah noch einmal von dem Berge in
die herrlichen Tler hinaus. Auch das stille, khle Pltzchen, wo er so oft
gedichtet und glcklich gewesen, besuchte er. Wie im Fluge schrieb er dort
folgende Verse in seine Schreibtafel:

O Tler weit, o Hhen,
O schner, grner Wald,
Du meiner Lust und Wehen
Andcht'ger Aufenthalt!
Da drauen, stets betrogen,
Saust die geschft'ge Welt,
Schlag noch einmal die Bogen
Um mich, du grnes Zelt!

Wann es beginnt zu tagen,
Die Erde dampft und blinkt,
Die Vgel lustig schlagen,
Da dir dein Herz erklingt:
Da mag vergehn, verwehen
Das trbe Erdenleid,
Da sollst du auferstehen
In junger Herrlichkeit.

Da steht im Wald geschrieben
Ein stilles, ernstes Wort,
Vom rechten Tun und Lieben,
Und was des Menschen Hort.
Ich habe treu gelesen
Die Worte, schlicht und wahr,
Und durch mein ganzes Wesen
Ward's unaussprechlich klar.

Bald werd ich dich verlassen,
Fremd in der Fremde gehn,
Auf buntbewegten Gassen
Des Lebens Schauspiel sehn,
Und mitten in dem Leben
Wird deines Ernsts Gewalt,
Mich Einsamen erheben,
So wird mein Herz nicht alt.

Als der junge Tag sich aus den Morgenwolken hervorgearbeitet hatte, war
Friedrich schon drauen zu Pferde. Julie winkte noch weit mit ihrem weien Tuche
aus dem Fenster nach.


                                  Zweites Buch

                                 Elftes Kapitel

Es war schon Abend, als Friedrich in der Residenz ankam. Er war sehr schnell
geritten, so da Erwin fast nicht mehr nach konnte. Je einsamer drauen der
Kreis der Felder ins Dunkel versank, je hher nach und nach die Trme der Stadt,
wie Riesen, sich aus der Finsternis aufrichteten, desto lichter war es in seiner
Seele geworden vor Freude und Erwartung. Er stieg im Wirtshause ab und eilte
sogleich zu Rosas Wohnung. Wie schlug sein Herz, als er durch die dunklen
Straen schritt, als er endlich die hellbeleuchtete Treppe in ihrem Hause
hinaufstieg. Er mochte keinen Bedienten fragen, er ffnete hastig die erste Tr.
Das groe, getfelte Zimmer war leer, nur im Hintergrunde sa eine weibliche
Gestalt in vornehmer Kleidung. Er glaubte sich verirrt zu haben und wollte sich
entschuldigen. Aber das Mdchen vom Fenster kam sogleich auf ihn zu, fhrte sich
selbst als Rosas Kammermdchen auf und versicherte sehr gleichgltig, die Grfin
sei auf den Maskenball gefahren. Diese Nachricht fiel wie ein Maifrost in seine
Lust. Es war ihm vor Freude gar nicht eingefallen, da er sie verfehlen knnte,
und er hatte beinahe Lust zu zrnen, da sie ihn nicht zu Hause erwartet habe.
Wo ist denn die kleine Marie? fragte er nach einer Weile wieder: Oh, die ist
lange aus den Diensten der Grfin, sagte das Mdchen mit germpftem Nschen und
betrachtete ihn von oben bis unten mit einer schnippischen Miene. Friedrich
glaubte, es glte seiner staubigen Reisekleidung; alles rgerte ihn, er lie den
Affen stehn und ging, ohne seinen Namen zu hinterlassen, wieder fort.
    Verdrlich nahm er den Weg zu den Redoutenslen. Die Musik schallte lockend
aus den hohen Bogenfenstern, die ihre Scheine weit unten ber den einsamen Platz
warfen. Ein alter Springbrunnen stand in der Mitte des Platzes, ber den nur
noch einzelne dunkle Gestalten hin und her irrten. Friedrich blieb lange an dem
Brunnen stehen, der seltsam zwischen den Tnen von oben fortrauschte. Aber ein
Polizeidiener, der, in seinen Mantel gehllt, an der Ecke lauerte, verjagte ihn
endlich durch die Aufmerksamkeit, mit der er ihn zu beobachten schien.
    Er ging ins Haus hinein, versah sich mit einem Domino und einer Larve, und
hoffte seine Rosa noch heute in dem Getmmel herauszufinden. Geblendet trat er
aus der stillen Nacht in den pltzlichen Schwall von Tnen, Lichtern und
Stimmen, der wie ein Zaubermeer mit rastlos beweglichen, klingenden Wogen ber
ihm zusammenschlug. Zwei groe, hohe Sle, nur leicht voneinander geschieden,
erffneten die unermelichste Aussicht. Er stellte sich in das Bogentor zwischen
beide, wo die doppelten Musikchre aus beiden Slen verworren ineinanderklangen.
Zu beiden Seiten toste der seltsame, lustige Markt, frhliche, reizende und
ernste Bilder des Lebens zogen wechselnd vorber, Girlanden von Lampen
schmckten die Wnde, unzhlige Spiegel dazwischen spielten das Leben ins
Unendliche, so da man die Gestalten mit ihrem Widerspiel verwechselte, und das
Auge verwirrt in der grenzenlosen Ferne dieser Aussicht sich verlor. Ihn
schauderte mitten unter diesen Larven. Er strzte sich selber mit in das
Gewimmel, wo es am dichtesten war.
    Gewhnliches Volk, Charaktermasken ohne Charakter vertraten auch hier, wie
drauen im Leben, berall den Weg: gespreizte Spanier, papierne Ritter, Taminos,
die ber ihre Flte stolperten, hin und wieder ein behender Harlekin, der sich
durch die unbehlflichen Zge hindurchwand und nach allen Seiten peitschte. Eine
hchst seltsame Maske zog indes seine Aufmerksamkeit auf sich. Es war ein Ritter
in schwarzer, altdeutscher Tracht, die so genau und streng gehalten war, da man
glaubte, irgendein altes Bild sei aus seinem Rahmen ins Leben hinausgetreten.
Die Gestalt war hoch und schlank, sein Wams reich mit Gold, der Hut mit hohen
Federn geschmckt, die ganze Pracht doch so uralt, fremd und fast gespenstisch,
da jedem unheimlich zumute ward, an dem er vorberstreifte. Er war brigens
galant und wute zu leben. Friedrich sah ihn fast mit allen Schnen buhlen. Doch
alle machten sich gleich nach den ersten Worten schnell wieder von ihm los, denn
unter den Spitzen der Ritterrmel langten die Knochenhnde eines Totengerippes
hervor.
    Friedrich wollte eben den sonderbaren Gast weiter verfolgen, als sich die
Bahn mit einem Janhagel junger Mnner verstopfte, die auf einer Jagd begriffen
schienen. Bald erblickte er auch das flchtige Reh. Es war eine kleine, junge
Zigeunerin, sehr nachlssig verhllt, das schne schwarze Haar mit bunten
Bndern in lange Zpfe geflochten. Sie hatte ein Tamburin, mit dem sie die
Zudringlichsten so schalkisch abzuwehren wute, da ihr alles nur um desto
lieber nachfolgte. Jede ihrer Bewegungen war zierlich, es war das niedlichste
Figrchen, das Friedrich jemals gesehen.
    In diesem Augenblicke streiften zwei schne, hohe weibliche Gestalten an ihm
vorbei. Zwei mnnliche Masken drngten sich nach. Es ist ganz sicher die Grfin
Rosa, sagte die eine Maske mit dsterer Stimme. Friedrich traute seinen Ohren
kaum. Er drngte sich ihnen schnell nach, aber das Gewimmel war zu gro, und sie
blieben ihm immer eine Strecke voraus. Er sah, da der schwarze Ritter den
beiden weiblichen Masken begegnete, und der einen im Vorbeigehen etwas ins Ohr
raunte, worber sie hchst bestrzt schien und ihm eine Weile nachsah, whrend
er lngst schon wieder im Gedrnge verschwunden war. Mehrere Parteien
durchkreuzten sich unterdes von neuem, und Friedrich hatte Rosa aus dem Gesichte
verloren.
    Ermdet flchtete er sich endlich an ein abgelegenes Fenster, um auszuruhen.
Er hatte noch nicht lange dort gestanden, als die eine von den weiblichen Masken
eiligst ebenfalls auf das Fenster zukam. Er erkannte sogleich seine Rosa an der
Gestalt. Die eine mnnliche Maske folgte ihr auf dem Fue nach, sie schienen
beide den Grafen nicht zu bemerken. Nur einen einzigen Blick! bat die Maske
dringend. Rosa zog ihre Larve weg und sah den Bittenden mit den wunderschnen
Augen lchelnd an. Sie schien unruhig. Ihre Blicke durchschweiften den ganzen
Saal und begegneten schon wieder dem schwarzen Ritter, der wie eine Totenfahne
durch die bunten Reihen drang. Ich will nach Hause - sagte sie darauf
ngstlich bittend, und Friedrich glaubte Trnen in ihren Augen zu bemerken. Sie
bedeckte ihr Gesicht schnell wieder mit der Larve. Ihr unbekannter Begleiter bot
ihr seinen Arm, drngte Friedrich, der gerade vor ihr stand, stolz aus dem Wege
und bald hatten sich beide in dem Gewirre verloren.
    Der schwarze Ritter war indes bei dem Fenster angelangt. Er blieb vor
Friedrich stehen und sah ihm scharf ins Gesicht. Dem Grafen grauste, so allein
mit der wunderbaren Erscheinung zu stehn, denn hinter der Larve des Ritters
schien alles hohl und dunkel, man sah keine Augen. Wer bist du? fragte ihn
Friedrich. Der Tod von Basel, antwortete der Ritter und wandte sich schnell
fort. Die Stimme hatte etwas so Altbekanntes und Anklingendes aus
lngstvergangener Zeit, da Friedrich lange sinnend stehen blieb. Er wollte ihm
endlich nach, aber er sah ihn schon wieder im dicksten Haufen mit einer Schnen
wie toll herumwalzen.
    Ein Getmmel von Lichtern drauen unter den Fenstern lenkte seine
Aufmerksamkeit ab. Er blickte hinaus und sah bei dem Scheine einer Fackel, wie
die mnnliche Maske Rosan nebst noch einer andern Dame in den Wagen hob. Der
Wagen rollte darauf schnell fort, die Lichter verschwanden, und der Platz unten
war auf einmal wieder still und finster.
    Er warf das Fenster zu und wandte sich in den glnzenden Saal zurck, um
sich ebenfalls fortzubegeben. Der schwarze Ritter war nirgends mehr zu sehen.
Nach einigem Herumschweifen traf er in der mit Blumen geschmckten Kredenz noch
einmal auf die nur allzu gefllige Zigeunerin. Sie hatte die Larve abgenommen,
trank Wein und blickte mit den muntern Augen reizend ber das Glas weg.
Friedrich erschrak, denn es war die kleine Marie. Er drckte seine Larve fester
ins Gesicht und fate das niedliche Mdchen bei der Hand. Sie zog sie verwundert
zurck und zeichnete mit ihrem Finger ratend eine Menge Buchstaben in seine
flache Hand, aber keiner pate auf seinen Namen.
    Er zog sie an ein Tischchen und kaufte ihr Zucker und Naschwerk. Mit
ungemeiner Zierlichkeit wute das liebliche Kind alles mit ihm zu teilen, und
blinzelte ihm dazwischen oft neugierig in die Augen. Unbesorgt um die Reize, die
sie dabei enthllte, ri sie einen Blumenstrau von ihrem Busen und berreichte
ihn lchelnd ihrem unbekannten, sonderbaren Wirte, der immerfort so stumm und
kalt neben ihr sa. Die Blumen sind ja alle schon verwelkt, sagte Friedrich,
zerzupfte den Strau und warf die Stcke auf die Erde. Marie schlug ihn lachend
auf die Hand und ri ihm die noch brigen Blumen aus. Er bat endlich um die
Erlaubnis, sie nach Hause begleiten zu drfen, und sie willigte mit einem
freudigen Hndedruck ein.
    Als er sie nun durch den Saal fortfhrte, war unterdes alles leer geworden.
Die Lampen waren grtenteils verlscht und warfen nur noch zuckende, falbe
Scheine durch den Qualm und Staub, in welchen das ganze bunte Leben verraucht
schien. Die Musikanten spielten wohl fort, aber nur noch einzelne Gestalten
wankten auf und ab, demaskiert, nchtern und bersatt. Mitten in dieser
Zerstrung glaubte Friedrich mit einem flchtigen Blicke Leontin totenbla und
mit verwirrtem Haar in einem fernen Winkel schlafen zu sehen. Er blieb erstaunt
stehen, alles kam ihm wie ein Traum vor. Aber Marie drngte ihn schnell und
ngstlich fort, als wre es unheimlich, lnger an dem Orte zu hausen.
    Als sie unten zusammen im Wagen saen, sagte Marie zu Friedrich: Ihre
Stimme hat eine sonderbare hnlichkeit mit der eines Herrn, den ich sonst
gekannt habe. Friedrich antwortete nicht darauf. Ach Gott! sagte sie bald
nachher, die Nacht ist heut gar so schwl und finster! Sie ffnete das
Kutschenfenster, und er sah bei dem matten Schimmer einer Laterne, an der sie
vorberflogen, da sie ernsthaft und in Gedanken versunken war. Sie fuhren lange
durch eine Menge enger und finsterer Gchen, endlich rief Marie dem Kutscher
zu, und sie hielten vor einem abgelegenen, kleinen Hause. Sie sprang schnell aus
dem Wagen und in das Haus hinein. Ein Mdchen, das in Mariens Diensten zu sein
schien, empfing sie an der Haustr. Er ist mein, er ist mein! rief Marie kaum
hrbar, aber aus Herzensgrunde, dem Mdchen im Vorbergehen zu und schlpfte in
ein Zimmer.
    Das Mdchen fhrte den Grafen mit prfenden Blicken ber ein kleines
Treppchen zu einer andern Tr. Warum, sagte sie, sind Sie gestern abend nicht
schon zu uns gekommen, da Sie vorbeiritten und so freundlich heraufgrten? Ich
sollte wohl nichts sagen, aber seit acht Tagen spricht und trumt die arme Marie
von nichts als von Ihnen, und wenn es lange gedauert htte, wre sie gewi bald
gestorben. Friedrich wollte fragen, aber sie schob die Tr hinter ihm zu und
war verschwunden.
    Er trat in eine fortlaufende Reihe schner, geschmackvoller Zimmer. Ein
prchtiges Ruhebett stand im Hintergrunde, der Fuboden war mit reichen
Teppichen geschmckt, eine alabasterne Lampe erleuchtete das Ganze nur dmmernd.
In dem letzten Zimmer sah er die niedliche Zigeunerin vor einem groen
Wandspiegel stehen und ihre Haare flchtig in Ordnung bringen. Als sie ihn in
dem vordern Zimmer erblickte, kam sie sogleich herbeigesprungen und strzte mit
einer Hingebung in seine Arme, die keine Verstellung mit ihren gemeinen Knsten
jemals erreicht. Der erstaunte Friedrich ri in diesem Augenblicke seinen Mantel
und die Larve von sich. Wie vom Blitze berhrt, sprang Marie bei diesem Anblicke
auf, strzte mit einem lauten Schrei auf das Ruhebett und drckte ihr mit beiden
Hnden bedecktes Gesicht tief in die Kissen.
    Was ist das! sagte Friedrich, sind deine Freunde Gespenster geworden?
Warum hast du mich geliebt, eh du mich kanntest, und frchtest dich nun vor
mir? Marie blieb in ihrer Stellung und lie die eine Hand, die er gefat hatte,
matt in der seinigen; sie schien ganz vernichtet. Mit noch immer verstecktem
Gesichte sagte sie leise und gepret: Er war auf dem Balle - dieselbe Gestalt -
dieselbe Maske. - Du hast dich in mir geirrt, sagte Friedrich, und setzte
sich neben sie auf das Bett, viel schwerer und furchtbarer irrst du dich am
Leben, leichtsinniges Mdchen! Wie der schwarze Ritter heute auf dem Balle,
tritt berall ein freier, wilder Gast ungeladen in das Fest. Er ist so lustig
aufgeschmckt und ein rstiger Tnzer, aber seine Augen sind leer und hohl, und
seine Hnde totenkalt, und du mut sterben, wenn er dich in die Arme nimmt, denn
dein Buhle ist der Teufel. - Marie, seltsam erschttert von diesen Worten, die
sie nur halb vernahm, richtete sich auf. Er hob sie auf seinen Scho, wo sie
still sitzen blieb, whrend er sprach. Ihre Augen und Mienen kamen ihm in diesem
Augenblicke wieder so unschuldig und kindisch vor, wie ehemals. Was ist aus dir
geworden, arme Marie! fuhr er gerhrt fort. Als ich das erstemal auf die
schne grne Waldeswiese hinunterkam, wo dein stilles Jgerhaus stand, wie du
frhlich auf dem Rehe saest und sangst - der Himmel war so heiter, der Wald
stand frisch und rauschte im Winde, von allen Bergen bliesen die Jger auf ihren
Hrnern - das war eine schne Zeit! - Ich habe einmal an einem kalten,
strmischen Herbsttage ein Frauenzimmer drauen im Felde sitzen gesehen, die war
verrckt geworden, weil sie ihr Liebhaber, der sich lange mit ihr herumgeherzt,
verlassen hatte. Er hatte ihr versprochen, noch an demselben Tage
wiederzukommen. Sie ging nun seit vielen Jahren alle Tage auf das Feld und sah
immerfort auf die Landstrae hinaus. Sie hatte noch immer das Kleid an, das sie
damals getragen hatte, das war schon zerrissen und seitdem ganz altmodisch
geworden. Sie zupfte immer an dem rmel und sang ein altes Lied zum
Rasendwerden. - Marie stand bei diesen Worten schnell auf und ging an den
Tisch. Friedrich sah auf einmal Blut ber ihre Hand hervorrinnen. Alles dieses
geschah in einem Augenblicke.
    Was hast du vor? rief Friedrich, der unterdes herbeigesprungen war. Was
soll mir das Leben! antwortete sie mit verhaltener, trostloser Stimme. Er sah,
da sie sich mit einem Federmesser gerade am gefhrlichsten Flecke unterhalb der
Hand verwundet hatte. Pfui, sagte Friedrich, wie bist du seitdem unbndig
geworden! Das Mdchen wurde bla, als sie das Blut erblickte, das hufig ber
den weien Arm flo. Er zog sie an das Bett hin und ri schnell ein Band aus
ihren Haaren. Sie kniete vor ihm hin und lie sich gutwillig von ihm das Blut
stillen und die Wunde verbinden. Das heftige Mdchen war whrenddessen ruhiger
geworden. Sie lehnte den Kopf an seine Kniee und brach in einen Strom von Trnen
aus.
    Da wurden sie durch Mariens Kammermdchen unterbrochen, die pltzlich in die
Stube strzte und mit Verwirrung vorbrachte, da soeben der Herr auf dem Wege
hierher sei. O Gott! rief Marie sich aufraffend, wie unglcklich bin ich!
Das Mdchen aber schob den Grafen, ohne sich weiter auf Erklrungen einzulassen,
eiligst aus dem Zimmer und dem Hause und schlo die Tr hinter ihm ab.
    Drauen auf der Strae, die leer und de war, begegnete er bald zwei
mnnlichen, in dunkle Mntel dicht verhllten Gestalten, die durch die neblige
Nacht an den Husern vorbeistrichen. Der eine von ihnen zog einen Schlssel
hervor, erffnete leise Mariens Haustr und schlpfte hinein. Desselben Stimme,
die er jetzt im Vorbeigehen flchtig gehrt hatte, glaubte er vom heutigen
Maskenballe auffallend wiederzuerkennen.
    Da hierauf alles auf der Gasse ruhig wurde, eilte er endlich voller Gedanken
seiner Wohnung zu. Oben in seiner Stube fand er Erwin, den Kopf auf den Arm
gesttzt, eingeschlummert. Die Lampe auf dem Tische war fast ausgebrannt und
dmmerte nur noch schwach ber das Zimmer. Der gute Junge hatte durchaus seinen
Herrn erwarten wollen, und sprang verwirrt auf, als Friedrich hereintrat.
Drauen rasselten die Wagen noch immerfort, Lufer schweiften mit ihren
Windlichtern an den dunklen Husern vorber, in Osten standen schon
Morgenstreifen am Himmel. Erwin sagte, da er sich in der groen Stadt frchte;
das Gerassel der Wagen wre ihm vorgekommen wie ein unaufhrlicher Sturmwind,
die nchtliche Stadt wie ein dunkler eingeschlafener Riese. Er hat wohl recht,
es ist manchmal frchterlich, dachte Friedrich, denn ihm war bei diesen Worten,
als htte dieser Riese Marie und seine Rosa erdrckt, und der Sturmwind ginge
ber ihre Grber. Bete, sagte er zu dem Knaben, und leg dich ruhig schlafen!
Erwin gehorchte, Friedrich aber blieb noch auf. Seine Seele war von den
buntwechselnden Erscheinungen dieser Nacht mit einer unbeschreiblichen Wehmut
erfllt, und er schrieb heute noch folgendes Gedicht auf:


                         Der armen Schnheit Lebenslauf

Die arme Schnheit irrt auf Erden,
So lieblich Wetter drauen ist,
Mcht gern recht viel gesehen werden,
Weil jeder sie so freundlich grt.

Und wer die arme Schnheit schauet,
Sich wie auf groes Glck besinnt,
Die Seele fhlt sich recht erbauet,
Wie wenn der Frhling neu beginnt.

Da sieht sie viele schne Knaben,
Die reiten unten durch den Wind,
Mcht manchen gern im Arme haben,
Ht dich, ht dich, du armes Kind!

Da ziehn manch redliche Gesellen,
Die sagen: Hast nicht Geld noch Haus,
Wir frchten deine Augen helle,
Wir haben nichts zum Hochzeitsschmaus.

Von andern tut sie sich wegdrehen,
Weil keiner ihr so wohl gefllt,
Die mssen traurig weitergehen,
Und zgen gern ans End der Welt.

Da sagt sie: Was hilft mir mein Sehen,
Ich wnscht, ich wre lieber blind,
Da alle furchtsam von mir gehen,
Weil gar so schn mein Augen sind. -

Nun sitzt sie hoch auf lichtem Schlosse,
In schne Kleider putzt sie sich,
Die Fenster glhn, sie winkt vom Schlosse,
Die Sonne blinkt, das blendet dich.

Die Augen, die so furchtsam waren,
Die haben jetzt so freien Lauf,
Fort ist das Krnzlein aus den Haaren,
Und hohe Federn stehn darauf.

Das Krnzlein ist herausgerissen,
Ganz ohne Scheu sie mich anlacht;
Geh du vorbei: sie wird dich gren,
Winkt dir zu einer schnen Nacht. -

Da sieht sie die Gesellen wieder,
Die fahren unten auf dem Flu,
Es singen laut die lust'gen Brder;
So furchtbar schallt des einen Gru:

Was bist du fr 'ne schne Leiche!
So wste ist mir meine Brust,
Wie bist du nun so arm, du Reiche,
Ich hab an dir nicht weiter Lust!

Der Wilde hat ihr so gefallen,
Laut schrie sie auf bei seinem Gru,
Vom Schlo mcht sie hinunterfallen
Und unten ruhn im khlen Flu. -

Sie blieb nicht lnger mehr da oben,
Weil alles anders worden war,
Von Schmerz ist ihr das Herz erhoben,
Da ward's so kalt, doch himmlisch klar;

Da legt sie ab die goldnen Spangen,
Den falschen Putz und Ziererei,
Aus dem verstockten Herzen drangen
Die alten Trnen wieder frei.

Kein Stern wollt nicht die Nacht erhellen,
Da mute die Verliebte gehn,
Wie rauscht der Flu! die Hunde bellen,
Die Fenster fern erleuchtet stehn.

Nun bist du frei von deinen Snden,
Die Lieb zog triumphierend ein,
Du wirst noch hohe Gnade finden,
Die Seele geht in Hafen ein. -

Der Liebste war ein Jger worden,
Der Morgen schien so rosenrot,
Da blies er lustig auf dem Horne,
Blies immerfort in seiner Not.


                                Zwlftes Kapitel

Rosa sa des Morgens an der Toilette; ihr Kammermdchen mute ihr weitlufig von
dem fremden Herrn erzhlen, der gestern nach ihr gefragt hatte. Sie zerbrach
sich vergebens den Kopf, wer es wohl gewesen sein mchte, denn Friedrich
erwartete sie nicht so schnell. Vielmehr glaubte sie, er werde darauf bestehen,
da sie die Residenz verlasse und das machte ihr manchen Kummer. Die junge
Grfin Romana, eine Verwandte von ihr, in deren Hause sie wohnte, sa neben ihr
am Flgel und schwelgte tosend in den Tnzen von der gestrigen Redoute. Wie ihr
andern nur, sagte sie, alle Lust so gelassen ertragen und aus dem Tanze
schnurstracks ins Bett springen knnt und der schnen Welt so auf einmal ein
Ende machen! Ich bin immer so ganz durchklungen, als sollte die Musik niemals
aufhren.
    Bald darauf fand sie Rosas Augen so s verschlafen, da sie schnell zu ihr
hinsprang und sie kte. Sie setzte sich neben sie hin und half sie von allen
Seiten schmcken, setzte ihr bald einen Hut, bald Blumen auf, und ri ebensooft
alles wieder herunter, wie ein verliebter Knabe, der nicht wei, wie er sich
sein Liebchen wrdig genug aufputzen soll. Ich wei gar nicht, was wir uns
putzen, sagte das schne Weib endlich und lehnte den schwarzgelockten Kopf
schwermtig auf den blendendweien Arm, was wir uns kmmern und noch Herzweh
haben nach den Mnnern: solches schmutziges, abgearbeitetes, unverschmtes Volk,
steifleinene Helden, die sich spreizen und in allem Ernste glauben, da sie uns
beherrschen, whrend wir sie auslachen, fleiige Staatsbrger und ehrliche
Ehestandskandidaten, die, ganz beschwitzt von der Berufsarbeit und das
Schurzfell noch um den Leib, mit aller Wut ihrer Inbrunst von der Werkstatt zum
Garten der Liebe springen, und denen die Liebe ansteht wie eine umgekehrt
aufgesetzte Percke. - Rosa besah sich im Spiegel und lachte. - Wenn ich
bedenke, fuhr die Grfin fort, wie ich mir sonst als kleines Mdchen einen
Liebhaber vorgestellt habe: wunderschn, stark, voll Tapferkeit, wild, und doch
wieder so milde, wenn er bei mir war.
    Ich wei noch, unser Schlo lag sehr hoch zwischen einsamen Wldern, ein
schner Garten war daneben, unten ging ein Strom vorber. Alle Morgen, wenn ich
in den Garten kam, hrte ich drauen in den Bergen ein Waldhorn blasen, bald
nahe, bald weit, dazwischen sah ich oft einen Reiter pltzlich fern zwischen den
Bumen erscheinen und schnell wieder verschwinden. Gott! mit welchen Augen
schaute ich da in die Wlder und den blauen, weiten Himmel hinaus! Aber ich
durfte, solange meine Mutter lebte, niemals allein aus dem Garten. Ein einziges
Mal, an einem prchtigen Abende, da der Jger drauen wieder blies, wagte ich es
und schlich unbemerkt in den Wald hinaus. Ich ging nun zum ersten Male allein
durch die dunkelgrnen Gnge, zwischen Felsen und ber eingeschlossene Wiesen
voll bunter Blumen, alte, seltsame Geschichten, die mir die Amme oft erzhlte,
fielen mir dabei ein; viele Vgel sangen ringsumher, das Waldhorn rief
immerfort, noch niemals hatte ich so groe Lust empfunden. Doch wie ich im
Beschauen so versunken ging und staunte, hatt ich den rechten Weg verloren, auch
wurde es schon dunkel. Ich irrt und rief, doch niemand gab mir Antwort. Die
Nacht bedeckte indes Wlder und Berge, die nun wie dunkle Riesen auf mich sahen,
nur die Bume rhrten sich so schaurig, sonst war es still im groen Walde. -
Ist das nicht recht romantisch? unterbrach sich hier die Grfin selbst, laut
auflachend. - Ermdet, fuhr sie wieder weiter fort, setzte ich mich endlich
auf die Erde nieder und weinte bitterlich. Da hrt ich pltzlich hinter mir ein
Gerusch, ein Reh bricht aus dem Dickicht hervor und hinterdrein der Reiter. -
Es war ein wilder Knabe, der Mond schien ihm hell ins Gesicht; wie schn und
herrlich er anzusehen war, kann ich mit Worten nicht beschreiben. Er stutzte,
als er mich erblickte, und staunend standen wir so voreinander. Erst lange
darauf fragte er mich, wie ich hierhergekommen und wohin ich wollte? Ich konnte
vor Verwirrung nicht antworten, sondern stand still vor ihm und sah ihn an. Da
hob er mich schnell vor sich auf sein Ro, umschlang mich fest mit einem Arme,
und ritt so mit mir davon. Ich fragte nicht: wohin? denn Lust und Furcht war so
gemischt in seinem wunderbaren Anblick, da ich weder wnschte, noch wagte von
ihm zu scheiden. Unterwegs bat er mich freundlich um ein Andenken. Ich zog
stillschweigend meinen Ring vom Finger und gab ihn ihm. So waren wir, nach
kurzem Reiten auf unbekannten Wegen, zu meiner Verwunderung auf einmal vor unser
Schlo gekommen. Der Jger setzte mich hier ab, kte mich und kehrte schnell
wieder in den Wald zurck.
    Aber mir scheint gar, du glaubst mir wirklich alles das Zeug da, sagte hier
die Grfin, da sie Rosa ber der Erzhlung ihren ganzen Putz vergessen und mit
groen Augen zuhorchen sah. - Und ist es denn nicht wahr? fragte Rosa. - So,
so, erwiderte die Grfin, es ist eigentlich mein Lebenslauf in der Knospe.
Willst du weiter hren, mein Pppchen?
    Der Sommer, die bunten Vgel und die Waldhornsklnge zogen nun fort, aber
das Bild des schnen Jgers blieb heimlich bei mir den langen Winter hindurch. -
Es war an einem von jenen wundervollen Vorfrhlingstagen, wo die ersten Lerchen
wieder in der lauen Luft Schwirren, ich Stand mit meiner Mutter an dem Abhange
des Gartens, der Flu unten war von dem geschmolzenen Schnee ausgetreten und die
Gegend weit und breit wie ein groer See zu sehen. Da erblickte ich pltzlich
meinen Jger wieder gegenber auf der Hhe. Ich erschrak vor Freude, da ich am
ganzen Leibe zitterte. Er bemerkte mich und hielt meinen Ring an seiner Hand
gerade auf mich zu, da der Stein im Sonnenscheine funkelnd, wunderbar ber das
Tal herberblitzte. - Er schien zu uns herber zu wollen, aber das Wasser
hinderte ihn. So ritt er auf verschiedenen Umwegen und kam an einen tiefen
Schlund, vor dem das Pferd sich zgernd bumte. Endlich wagte es den Sprung,
sprang zu kurz und er strzte in den Abgrund. Als ich das sah, sprang ich, ohne
mich zu besinnen, mit einem Schrei vom Abhange aus dem Garten hinunter. Man trug
mich ohnmchtig ins Schlo, und ich sah ihn niemals mehr wieder; aber der Ring
blitzt wohl noch jeden Frhling aus der Grne farbigflammend in mein Herz, und
ich werde die Zauberei nicht los. - Was sagte denn aber die Mutter dazu?
fragte Rosa. - Sie erinnerte sich sehr oft daran. Noch den Tag vor ihrem Tode,
da sie schon zuweilen irre sprach, fiel es ihr ein und sie sagte in einer Art
von Verzckung zu mir: Springe nicht aus dem Garten! Er ist so fromm und
zierlich umzunt mit Rosen, Lilien und Rosmarin. Die Sonne scheint gar lieblich
darauf und lichtglnzende Kinder sehen dir von fern zu und wollen dort zwischen
den Blumenbeeten mit dir spazierengehen. Denn du sollst mehr Gnade erfahren und
mehr gttliche Pracht berschauen, als andere. Und eben, weil du oft frhlich
und khn sein wirst und Flgel haben, so bitte ich dich: springe niemals aus dem
stillen Garten! - Was wollte sie denn aber damit sagen? fiel ihr Rosa ins
Wort, verstehst du's? - Manchmal, erwiderte die Grfin, an nebligen
Herbsttagen. - Sie nahm die Gitarre, trat an das offene Fenster und sang:

Laue Luft kommt blau geflossen,
Frhling, Frhling soll es sein!
Waldwrts Hrnerklang geschossen,
Mut'ger Augen lichter Schein,
Und das Wirren bunt und bunter
Wird ein magisch wilder Flu,
In die schne Welt hinunter
Lockt dich dieses Stromes Gru.

Und ich mag mich nicht bewahren!
Weit von euch treibt mich der Wind,
Auf dem Strome will ich fahren,
Von dem Glanze selig blind!
Tausend Stimmen lockend schlagen,
Hoch Aurora flammend weht,
Fahre zu! ich mag nicht fragen,
Wo die Fahrt zu Ende geht!

Was macht dein Bruder Leontin? fragte sie schnell abbrechend und legte die
Gitarre, in Gedanken versunken, hin. Wie kommst du jetzt auf den? fragte Rosa
verwundert. Er sagt von mir, antwortete die Grfin, ich sei wie eine Flte,
in der viel himmlischer Klang ist, aber das frische Holz habe sich geworfen,
habe einen genialischen Sprung, und so tauge doch am Ende das ganze Instrument
nichts. Das fiel mir eben jetzt ein.
    Rosa war froh, da gerade der Bediente hereintrat und meldete, da die
Pferde zum Spazierritte bereit seien. Denn die Reden der Grfin hatten sie heute
mehr gepret, als sie zeigte, und wre Friedrich, nach dessen immer beruhigenden
Gesprchen sie hier gar oft eine aufrichtige Sehnsucht fhlte, in diesem
Augenblicke hereingetreten, sie wre ihm gewi mit einer Leidenschaft um den
Hals gefallen, die ihn in Verwunderung gesetzt htte.
    Friedrich hatte bis weit in den Tag hinein geschlafen oder vielmehr getrumt
und stand unerquickt und nchtern auf. Die alte, schne Gewohnheit, beim ersten
Erwachen in die rstige, freie Morgenpracht hinauszutreten, und auf hohem Berge
oder im Walde die Weihe groer Gedanken fr den Tag zu empfangen, mute er nun
ablegen. Trostlos blickte er aus dem Fenster in das verwirrende Treiben der
mhselig drngenden, schwankenden Menge, und es war ihm, als knnte er hier
nicht beten. In solchen verlassenen Stunden wenden wir uns mit doppelter Liebe
nach den Augen der Geliebten, aus denen uns die Natur wieder wunderbar begrt,
wo wir Ruhe, Trost und Freude wiederzufinden whnen. Auch Friedrich eilte, seine
Rosa endlich wiederzusehen. Aber seine Erwartung sollte noch einmal getuscht
werden. Sie war, wie wir gehrt haben, eben fortgeritten, als er hinkam.
    Ungeduldig verlie er von neuem das Haus, und es fehlte wenig, da er in
einer Aufwallung nicht sogleich gar wieder fortreiste. Mig und unlustig
schlenderte er durch die Gassen zwischen den fremden Menschengesichtern, ohne zu
wissen, wohin. Die ersten Stunden und Tage, die wir in einer groen, unbekannten
Stadt verbringen, gehren meistens unter die verdrlichsten unsers Lebens.
berall von aller organischen Teilnahme ausgeschlossen, sind wir wie ein
berflssiges stillstehendes Rad an dem groen Uhrwerke des allgemeinen
Treibens. Neutral hngen wir gleichsam unser ganzes Wesen schlaff zu Boden und
haschen, da wir innerlich nicht zu Hause sind, auswrts nach einem festen,
sichern Halt. Solche Augenblicke sind es, wo wir darauf verfallen Visiten zu
machen und nach Bekanntschaften zu jagen, da uns sonst der ungestrte Zug eines
frischen, bewegten Lebens in Liebe und Ha mit Gleichen und Widrigen von selbst
krftiger und sicherer zusammenfhrt.
    So erinnerte sich auch Friedrich, da er ein Empfehlungsschreiben an den
hiesigen Minister P., den er von einsichtsvollen Mnnern als ein Wunder von
tchtiger Ttigkeit rhmen gehrt, bei sich habe. Er zog es hervor und berlas
bei dieser Gelegenheit wieder einmal den weitlufigen Reiseplan, den er bei
seinem Auszuge von der Universitt sorgfltig in seine Schreibtafel
aufgezeichnet hatte. Es rhrte ihn, wie da alle Wege so genau vorausbestimmt
waren, und wie nachher alles anders gekommen war, wie das innere Leben berall
durchdringt und, sich an keine vorberechneten Plne kehrend, gleich einem Baume
aus freier, geheimnisvoller Werkstatt seine ste nach allen Richtungen
hinstreckt und treibt, und erst als Ganzes einen Plan und Ordnung erweist.
    Unter solchen Gedanken erreichte er des Ministers Haus. Ein Kammerdiener
meldete ihn an und fhrte ihn bald darauf durch eine lange Reihe von Zimmern,
die alle fast bis zur Einfrmigkeit einfach und schmucklos waren. Erstaunt blieb
er stehen, als ihm endlich an der letzten Tr der Minister selbst entgegenkam.
Er hatte sich nach alledem Erhebenden, was er von seinem groen Streben gehrt,
einen lebenskrftigen, heldenhnlichen, freudigen Mann vorgestellt, und fand
eine lange, hagere, schwarzgekleidete Gestalt, die ihn mit unhflicher
Hflichkeit empfing. Denn so mchte man jene Hflichkeit nennen, die nichts mehr
bedeuten will, und keinen Zug mehr ihres Ursprungs, der wohlwollenden Gte, an
sich hat. Der Minister las das Schreiben schnell durch und erkundigte sich um
die Familienverhltnisse des Grafen mit wenigen sonderbaren Fragen, aus denen
Friedrich zu seiner hchsten Verwunderung ersah, da der Minister in die
Geheimnise seiner Familie eingeweihter sein msse, als er selber, und er
betrachtete den kalten Mann einige Augenblicke mit einer Art von heiliger Scheu.
    Whrend dieser Unterredung kam unten ein junger Mann in soldatischer
Kleidung die Strae herabgeritten. Wie wenn ein Ritter, noch ein heiliges Bild
voriger, rechter Jugend, dessen Anblicks unser Auge lngst entwhnt ist, uns
pltzlich begegnete, so ragte der herrliche Reiter ber die verworrene, falbe
Menge, die sein wildes Ro auseinandersprengte. Alles zog ehrerbietig den Hut,
er nickte freundlich in das Fenster hinauf, der Minister verneigte sich tief; es
war der Erbprinz.
    Auf Friedrich hatte die wahrhaft frstliche Schnheit des Reiters einen
wunderbaren Eindruck gemacht, den er, solange er lebte, nie wieder auszulschen
vermochte. Er sagte es dem Minister. Der Minister lchelte. Friedrich rgerte
das britisierende, eingefrorne Wesen, das er aus Jean Pauls Romanen bis zum Ekel
kannte, und jederzeit fr die allerschndlichste Prahlerei hielt. Auf die
Wahrhaftigkeit seines Herzens vertrauend, sprach er daher, als sich bald nachher
die Unterhaltung zu den neuesten Zeitbegebenheiten wandte, ber Staat,
ffentliche Verhandlungen und Patriotismus mit einer sorglosen, sieghaften
Ergreifung, die vielleicht manchmal um desto eher an bertreibung grenzte, je
mehr ihn der unberwindlich kalte Gegensatz des Ministers erhitzte. Der Minister
hrte ihn stillschweigend an. Als er geendigt hatte, sagte er ruhig: Ich bitte
Sie, verlegen Sie sich doch einige Zeit mit ausschlielichem Fleie auf das
Studium der Jurisprudenz und der kameralistischen Wissenschaften. Friedrich
griff schnell nach seinem Hute. Der Minister berreichte ihm eine
Einladungskarte zu einem sogenannten Tableau, welches heute abend bei einer
Dame, die durch gelehrte Zirkel berchtigt war, von mehreren jungen Damen
aufgefhrt werden sollte, und Friedrich eilte aus dem Hause fort. Er hatte sich
oben in der Gegenwart des Ministers wie von einer unsichtbaren bermacht
bedrckt gefhlt, es kam ihm vor, als ginge alles anders auf der Welt, als er es
sich in guten Tagen vorgestellt.
    Es war schon Abend geworden, als sich Friedrich endlich entschlo, von der
Einladungskarte, die er vom Minister bekommen hatte, Gebrauch zu machen. Er
machte sich schnell auf den Weg; aber das Haus der Dame, wohin die Adresse
gerichtet war, lag weit in dem andern Teile der Stadt, und so langte er ziemlich
spt dort an.
    Er wurde bei Vorweisung der Karte in einen Saal gewiesen, der, wie es
schien, mit Flei nur durch einen einzigen Kronleuchter sehr matt beleuchtet
wurde. In dieser sonderbaren Dmmerung fand er eine zahlreiche Gesellschaft,
die, lebhaft durcheinandersprechend, in einzelne Partien zerstreut umhersa. Er
kannte niemand und wurde auch nicht bemerkt; er blieb daher im Hintergrunde und
erwartete, an einen Pfeiler gelehnt, den Ausgang der Sache.
    Bald darauf wurde zu seinem Erstaunen auch der einzige Kronleuchter
hinaufgezogen. Eine undurchdringliche Finsternis erfllte nun pltzlich den Raum
und er hrte ein quiekendes, leichtfertiges Gelchter unter den jungen
Frauenzimmern ber den ganzen Saal. Wie sehr aber fhlte er sich berrascht, als
auf einmal ein Vorhang im Vordergrunde niedersank und eine unerwartete
Erscheinung von der seltsamsten Erfindung sich den Augen darbot.
    Man sah nmlich sehr berraschend ins Freie, berschaute statt eines
Theaters die groe, wunderbare Bhne der Nacht selber, die vom Monde beleuchtet
drauen ruhte. Schrge ber die Gegend hin streckte sich ein ungeheurer
Riesenschatten weit hinaus, auf dessen Rcken eine hohe weibliche Gestalt
erhoben stand. Ihr langes weites Gewand war durchaus blendendwei, die eine Hand
hatte sie ans Herz gelegt, mit der andern hielt sie ein Kreuz zum Himmel empor.
Das Gewand schien ganz und gar von Licht durchdrungen und strmte von allen
Seiten einen milden Glanz aus, der eine himmlische Glorie um die ganze Gestalt
bildete und sich ins Firmament zu verlieren schien, wo oben an seinem Ausgange
einzelne wirkliche Sterne hindurchschimmerten. Rings unter dieser Gestalt war
ein dunkler Kreis hoher, traumhafter, phantastisch ineinander verschlungener
Pflanzen, unter denen unkenntlich verworrene Gestalten zerstreut lagen und
schliefen, als wre ihr wunderbarer Traum ber ihnen abgebildet. Nur hin und her
endigten sich die hchsten dieser Pflanzengewinde in einzelne Lilien und Rosen,
die von der Glorie, der sie sich zuwandten, berhrt und verklrt wurden und in
deren Kelchen goldene Kanarienvgel saen und in dem Glanze mit den Flgeln
schlugen. Unter den dunklen Gestalten des untern Kreises war nur eine kenntlich.
Es war ein Ritter, der sich, der glnzenden Erscheinung zugekehrt, auf beide
Kniee aufgerichtet hatte und auf ein Schwert sttzte, und dessen goldene Rstung
von der Glorie hell beleuchtet wurde. Von der andern Seite stand eine schne
weibliche Gestalt in griechischer Kleidung, wie die Alten ihre Gttinnen
abbildeten. Sie war mit bunten, vollen Blumengewinden umhangen und hielt mit
beiden aufgehobenen Armen eine Zimbel, wie zum Tanze, hoch in die Hh, so da
die ganze regelmige Flle und Pracht der Glieder sichtbar wurde. Das Gesicht
erschrocken von der Glorie abgewendet, war sie nur zur Hlfte erleuchtet; aber
es war die deutlichste und vollendetste Figur. Es schien, als wre die irdische,
lebenslustige Schnheit von dem Glanze jener himmlischen berhrt, in ihrer
bacchantischen Stellung pltzlich so erstarrt. Je lnger man das Ganze
betrachtete, je mehr und mehr wurde das Zauberbild von allen Seiten lebendig.
Die Glorie der mittelsten Figur spielte in den Pflanzengewinden und den
zitternden Bltterspitzen der nchststehenden Bume. Im Hintergrunde sah man
noch einige Streifen des Abendrots am Himmel stehen, fernes, dunkelblaues
Gebirg, und hin und wieder den Strom aus der weiten Tiefe wie Silber
aufblickend. Die ganze Gegend schien in erwartungsvoller Stille zu feiern, wie
vor einem groen Morgen, der das geheimnisvoll gebundene Leben in herrlicher
Pracht lsen soll.
    Friedrich war freudig zusammengefahren, als der Vorhang sich pltzlich
erffnete, denn er hatte in der mittelsten Figur mit dem Kreuze sogleich seine
Rosa erkannt. Wie wir einen geliebten kstlichen Stein mit dem Kostbarsten
sorgfltig umfassen, so schien auch ihm der herrliche Kreis der gestirnten Nacht
drauen nur eine Folie um das schne Bild der Geliebten, zu welcher aller Augen
unwiderstehlich hingezogen wurden. An ihren groen, sinnigen Augen entzndete
sich in seiner Brust die Macht hoher, freudiger Entschlsse und Gedanken, das
Abendrot drauen war ihm die Aurora eines knftigen, weiten, herrlichen Lebens
und seine ganze Seele flog wie mit groen Flgeln in die wunderbare Aussicht
hinein.
    Mitten in dieser Entzckung fiel der Vorhang pltzlich wieder, das Ganze
verdeckend, herab, der Kronleuchter wurde heruntergelassen und ein schnatterndes
Gewhl und Lachen erfllte auf einmal wieder den Saal. Der grte Teil der
Gesellschaft brach nun von allen Sitzen auf und verlor sich. Nur ein kleiner
Teil von Auserwhlten blieb im Saale zurck. Friedrich wurde whrenddessen vom
Minister, der auch zugegen war, bemerkt und sogleich der Frau vom Hause
vorgestellt. Es war eine fast durchsichtig schlanke, schmchtige Gestalt,
gleichsam im Nachsommer ihrer Blte und Schnheit. Sie bat ihn mit so beraus
sanften, leisen, lispelnden Worten, da er Mhe hatte, sie zu verstehen, ihre
knstlerischen Abendandachten, wie sie sich ausdrckte, mit seiner Gegenwart zu
beehren, und sah ihn dabei mit blinzelnden, fast zugedrckten Augen an, von
denen er zweifelhaft war, ob sie ausforschend, gelehrt, sanft, verliebt oder nur
interessant sein sollten.
    Die Gesellschaft zog sich indes in eine kleinere Stube zusammen. Die Zimmer
waren durchaus prachtvoll und im neuesten Geschmacke dekoriert; nur hin und
wieder bemerkte man einige auffallende Besonderheiten und Nachlssigkeiten,
unsymmetrische Spiegel, Gitarren, aufgeschlagene Musikalien und Bcher, die auf
den Ottomanen zerstreut umherlagen. Friedrich kam es vor, als htte es der Frau
vom Hause vorher einige Stunden mhsamen Studiums gekostet, um in das Ganze eine
gewisse unordentliche Genialitt hineinzubringen.
    Endlich erschien auch Rosa mit der jungen Grfin Romana, welche in dem
Tableau die griechische Figur, die lebenslustige, vor dem Glanze des
Christentums zu Stein gewordene Religion der Phantasie so meisterhaft
dargestellt hatte. Rosas erster Blick traf gerade auf Friedrich. Erstaunt und
mit innigster Herzensfreude rief sie laut seinen Namen. Er wre ihr um den Hals
gefallen, aber der Minister stand eben wie eine Statue neben ihm, und manche
Augen hatte ihr unvorsichtiger Ausruf auf ihn gerichtet. Er htte sich vor
diesen Leuten ebensogern wie Don Quijote in der Wildnis vor seinem Sancho Pansa
in Purzelbumen produzieren wollen, als seine Liebe ihren Augen preisgeben. Aber
so nahe als mglich hielt er sich zu ihr, es war ihm eine unbeschreibliche Lust,
sie anzurhren, er sprach wieder mit ihr, als wre er nie von ihr gewesen und
hielt oft minutenlang ihre Hand in der seinigen. Rosa tat diese langentbehrte,
ungeknstelte, unwiderstehliche Freude an ihr im Innersten wohl.
    Es hatte sich unterdes ein niedliches, etwa zehnjhriges Mdchen
eingefunden, die in einer reizenden Kleidung mit langen Beinkleidern und kurzem
schleiernen Rckchen darber, keck im Zimmer herumsprang. Es war die Tochter vom
Hause. Ein Herr aus der Gesellschaft reichte ihr ein Tamburin, das in einer Ecke
auf dem Fuboden gelegen hatte. Alle schlossen bald einen Kreis um sie und das
zierliche Mdchen tanzte mit einer wirklich bewunderungswrdigen Anmut und
Geschicklichkeit, whrend sie das Tamburin auf mannigfache Weise schwang und
berhrte und ein niedliches italienisches Liedchen dazu sang. Jeder war
begeistert, erschpfte sich in Lobsprchen und wnschte der Mutter Glck, die
sehr zufrieden lchelte. Nur Friedrich schwieg still. Denn einmal war ihm schon
die moderne Knabentracht bei Mdchen zuwider, ganz abscheulich aber war ihm
diese gottlose Art, unschuldige Kinder durch Eitelkeit zu dressieren. Er fhlte
vielmehr ein tiefes Mitleid mit der schnen kleinen Bajadere. Sein rger und das
Lobpreisen der andern stieg, als nachher das Wunderkind sich unter die
Gesellschaft mischte, nach allen Seiten hin in fertigem Franzsisch schnippische
Antworten erteilte, die eine Klugheit weit ber ihr Alter zeigten, und berhaupt
jede Ungezogenheit als genial genommen wurde.
    Die Damen, welche smtlich sehr sthetische Mienen machten, setzten sich
darauf nebst mehreren Herren unter dem Vorsitze der Frau vom Hause, die mit
vieler Grazie den Tee einzuschenken wute, frmlich in Schlachtordnung und
fingen an, von Ohrenschmusen zu reden. Der Minister entfernte sich in die
Nebenstube, um zu spielen. - Friedrich erstaunte, wie diese Weiber gelufig mit
den neuesten Erscheinungen der Literatur umzuspringen wuten, von denen er
selber manche kaum dem Namen nach kannte, wie leicht sie mit Namen herumwarfen,
die er nie ohne heilige, tiefe Ehrfurcht auszusprechen gewohnt war. Unter ihnen
schien besonders ein junger Mann mit einer verachtenden Miene in einem gewissen
Glauben und Ansehen zu stehen. Die Frauenzimmer sahen ihn bestndig an, wenn es
darauf ankam, ein Urteil zu sagen, und suchten in seinem Gesichte seinen Beifall
oder Tadel im voraus herauszulesen, um sich nicht etwa mit etwas Abgeschmacktem
zu prostituieren. Er hatte viele genialische Reisen gemacht, in den meisten
Hauptstdten auf ffentlicher Strae auf seine eigene Faust Ball gespielt,
Kotzebue einmal in einer Gesellschaft in den Sack gesprochen, fast mit allen
berhmten Schriftstellern zu Mittag gespeist oder kleine Fureisen gemacht.
brigens gehrte er eigentlich zu keiner Partei; er bersah alle weit und
belchelte die entgegengesetzten Gesinnungen und Bestrebungen, den eifrigen
Streit unter den Philosophen oder Dichtern: Er war sich der Lichtpunkt dieser
verschiedenen Reflexe. Seine Urteile waren alle nur wie zum Spiele flchtig
hingeworfen mit einem nachlssig mystischen Anstrich, und die Frauenzimmer
erstaunten nicht ber das, was er sagte, sondern was er, in der berzeugung,
nicht verstanden zu werden, zu verschweigen schien.
    Wenn dieser heimlich die Meinung zu regieren schien, so fhrte dagegen ein
anderer fast einzig das hohe Wort. Es war ein junger, voller Mensch mit
strotzender Gesundheit, ein Antlitz, das vor wohlbehaglicher Selbstgeflligkeit
glnzte und strahlte. Er wute fr jedes Ding ein hohes Schwungwort, lobte und
tadelte ohne Ma und sprach hastig mit einer durchdringenden, gellenden Stimme.
Er schien ein wtend Begeisterter von Profession und lie sich von den
Frauenzimmern, denen er sehr gewogen schien, gern den heiligen Thyrsusschwinger
nennen. Es fehlte ihm dabei nicht an einer gewissen schlauen Miene, womit er
niedrere, nicht so saftige Naturen seiner Ironie preiszugeben pflegte. Friedrich
wute gar nicht, wohin dieser whrend seiner Deklamationen so viel Liebesblicke
verschwende, bis er endlich ihm gerade gegenber einen groen Spiegel entdeckte.
    Der Begeisterte lie sich nicht lange bitten, etwas von seinen Poesien
mitzuteilen. Er las eine lange Dithyrambe von Gott, Himmel, Hlle, Erde und dem
Karfunkelstein mit angestrengtester Heftigkeit vor, und schlo mit solchem
Schrei und Nachdruck, da er ganz blau im Gesichte wurde. Die Damen waren ganz
auer sich ber die heroische Kraft des Gedichts, sowie des Vortrags.
    Ein anderer junger Dichter von mehr schmachtendem Ansehn, der neben der Frau
vom Hause seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte, lobte zwar auch mit, warf aber
dabei einige durchbohrende, neidische Blicke auf den Begeisterten, vom Lesen
ganz Erschpften. berhaupt war dieser Friedrich schon von Anfang an durch
seinen groen Unterschied von jenen beiden Flausenmachern aufgefallen. Er hatte
sich whrend der ganzen Zeit, ohne sich um die Verhandlungen der andern zu
bekmmern, ausschlielich mit der Frau vom Hause unterhalten, mit der er eine
Seele zu sein schien, wie man von dem sen, zugespitzten Munde beider abnehmen
konnte, und Friedrich hrte nur manchmal einzelne Laute, wie: Mein ganzes Leben
wird zum Roman - berschwengliches Gemt - Priesterleben - herberschallen.
Endlich zog auch dieser ein ungeheures Paket Papiere aus der Tasche und begann
vorzulesen, unter andern folgendes Assonanzenlied:

Hat nun Lenz die silbern'n Bronnen
Losgebunden:
Knie ich nieder, sbeklommen,
In die Wunder.

Himmelreich so kommt geschwommen
Auf die Wunden!
Hast du einzig mich erkoren
Zu den Wundern?

In die Ferne s verloren,
Lieder fluten,
Da sie, rckwrts sanft erschollen,
Bringen Kunde.

Was die andern sorgen wollen,
Ist mir dunkel,
Mir will ew'ger Durst nur frommen
Nach dem Durste.

Was ich liebte und vernommen,
Was geklungen,
Ist den eignen, tiefen Wonnen
Selig Wunder!

Weiter folgendes Sonett:

Ein Wunderland ist oben aufgeschlagen,
Wo goldne Strme gehn und dunkel schallen
Und durch ihr Rauschen tief Gesnge hallen,
Die mchten gern ein hohes Wort uns sagen.

Viel goldne Brcken sind dort khn geschlagen,
Darber alte Brder sinnend wallen
Und seltsam' Tne oft herunterfallen -
Da will tief Sehnen uns von hinnen tragen.

Wen einmal so berhrt die heil'gen Lieder:
Sein Leben taucht in die Musik der Sterne,
Ein ewig Ziehn in wunderbare Ferne.

Wie bald liegt da tief unten alles Trbe!
Er kniet ewig betend einsam nieder,
Verklrt im heil'gen Morgenrot der Liebe.

Er las noch einen Haufen Sonette mit einer Art von priesterlicher Feierlichkeit.
Keinem derselben fehlte es an irgendeinem wirklich aufrichtigen kleinen
Gefhlchen, an groen Ausdrcken und lieblichen Bildern. Alle hatten einen
einzigen, bis ins Unendliche breit auseinandergeschlagenen Gedanken, sie bezogen
sich alle auf den Beruf des Dichters und die Gttlichkeit der Poesie, aber die
Poesie selber, das ursprngliche, freie, tchtige Leben, das uns ergreift, ehe
wir darber sprechen, kam nicht zum Vorschein vor lauter Komplimenten davor und
Anstalten dazu. Friedrich kamen diese Poesierer in ihrer durchaus polierten,
glnzenden, wohlerzogenen Weichlichkeit wie der fade, unerquickliche Teedampf,
die zierliche Teekanne mit ihrem lodernden Spiritus auf dem Tische wie der
Opferaltar dieser Musen vor. Er erinnerte sich bei diesem sthetischen Geschwtz
der schnen Abende im Walde bei Leontins Schlo, wie da Leontin manchmal so
seltsame Gesprche ber Poesie und Kunst hielt, wie seine Worte, je finsterer es
nach und nach ringsumher wurde, zuletzt eins wurden mit dem Rauschen des Waldes
und der Strme und dem groen Geheimnisse des Lebens, und weniger belehrten als
erquickten, strkten und erhoben.
    Er erholte sich recht an der erfrischenden Schnheit Rosas, in deren Gesicht
und Gestalt unverkennbar der herrliche, wilde, oft ungeniebare Berg- und
Waldgeist ihres Bruders zur ruhigeren, groen, schnen Form geworden war. Sie
kam ihm diesen Abend viel schner und unschuldiger vor, da sie sich fast gar
nicht in die gelehrten Unterhaltungen mit einmischte. Hchst anziehend und
zurckstoend zugleich erschien ihm dagegen ihre Nachbarin, die junge Grfin
Romana, welche er sogleich fr die griechische Figur in dem Tableau erkannte,
und die daher heute allgemein die schne Heidin genannt wurde. Ihre Schnheit
war durchaus verschwenderisch reich, sdlich und blendend und berstrahlte Rosas
mehr deutsche Bildung weit, ohne eigentlich vollendeter zu sein. Ihre Bewegungen
waren feurig, ihre groen, brennenden, durchdringenden Augen, denen es nicht an
Strenge fehlte, bestrichen Friedrich wie ein Magnet. Als endlich der
Schmachtende seine Vorlesung geendigt hatte, wurde sie ziemlich unerwartet um
ihr Urteil darber befragt. Sie antwortete sehr kurz und verworren, denn sie
wute fast kein Wort davon; sie hatte whrenddessen heimlich ein auffallend
getroffenes Portrait Friedrichs geschnitzt, das sie schnell Rosa zusteckte. Bald
darauf wurde auch sie aufgefordert, etwas von ihren Poesien zum besten zu geben.
Sie versicherte vergebens, da sie nichts bei sich habe, man drang von allen
Seiten, besonders die Weiber mit wahren Judasgesichtern, in sie, und so begann
sie, ohne sich lange zu besinnen, folgende Verse, die sie zum Teil aus der
Erinnerung hersagte, grtenteils im Augenblick erfand und durch ihre
musikalischen Mienen wunderbar belebte:

Weit in einem Walde droben,
Zwischen hoher Felsen Zinnen,
Steht ein altes Schlo erhoben,
Wohnet eine Zaubrin drinne.
Von dem Schlo, der Zaubrin Schne,
Gehen wunderbare Sagen,
Lockend schweifen fremde Tne
Pltzlich her oft aus dem Walde.
Wem sie recht das Herz getroffen,
Der mu nach dem Walde gehen,
Ewig diesen Klngen folgend,
Und wird nimmermehr gesehen.
Tief in wundersamer Grne
Steht das Schlo, schon halb verfallen,
Hell die goldnen Zinnen glhen,
Einsam sind die weiten Hallen.
Auf des Hofes stein'gem Rasen
Sitzen von der Tafelrunde
All die Helden dort gelagert,
berdeckt mit Staub und Wunden.
Heinrich liegt auf seinem Lwen,
Gottfried auch, Siegfried der Scharfe,
Knig Alfred, eingeschlafen
ber seiner goldnen Harfe.
Don Quijote hoch auf der Mauer,
Sinnend tief in ncht'ger Stunde,
Steht gerstet auf der Lauer
Und bewacht die heil'ge Runde.
Unter fremdes Volk verschlagen,
Arm und ausgehhnt, verraten,
Hat er treu sich durchgeschlagen,
Eingedenk der Heldentaten
Und der groen alten Zeiten,
Bis er, ganz von Wahnsinn trunken,
Endlich so nach langem Streiten
Seine Brder hat gefunden.

Einen wunderbaren Hofstaat
Die Prinzessin dorthin fhret,
Hat ein'n wunderlichen Alten,
Der das ganze Haus regieret.
Einen Mantel trgt der Alte,
Schillernd bunt in allen Farben
Mit unzhligen Zieraten,
Spielzeug hat er in den Falten.
Scheint der Monden helle drauen,
Wolken fliegen berm Grunde:
Fngt er drauen an zu hausen,
Kramt sein Spielzeug aus zur Stunde.
Und das Spielzeug um den Alten
Rhrt sich bald beim Mondenscheine,
Zupfet ihn beim langen Barte,
Schlingt um ihn die bunten Kreise,
Auch die Blmlein nach ihm langen,
Mchten doch sich sittsam zeigen,
Ziehn verstohlen ihn beim Mantel,
Lachen dann in sich gar heimlich.
Und ringsum die ganze Runde
Zieht Gesichter ihm und rauschet,
Unterhlt aus dunklem Grunde
Sich mit ihm als wie im Traume.
Und er spricht und sinnt und sinnet,
Bunt verwirrend alle Zeiten,
Weinet bitterlich und lachet,
Seine Seele ist so heiter.

Bei ihm sitzt dann die Prinzessin,
Spielt mit seinen Seltsamkeiten,
Immer neue Wunder blinkend
Mu er aus dem Mantel breiten,
Und der wunderliche Alte
Hielt sie sich bei seinen Bildern
Neidisch immerfort gefangen,
Weit von aller Welt geschieden.
Aber der Prinzessin wurde
Mitten in dem Spiele bange
Unter diesen Zauberblumen,
Zwischen dieser Quellen Rauschen.
Frisches Morgenrot im Herzen
Und voll freudiger Gedanken,
Sind die Augen wie zwei Kerzen,
Schn die Welt dran zu entflammen.
Und die wunderschne Erde,
Wie Aurora sie berhret,
Will mit ird'scher Lust und Schmerzen
Ewig neu sie stets verfhren.
Denn aus dem bewegten Leben
Spret sie ein Hochzeitsgren,
Mitten zwischen ihren Spielen
Mu sie sich bezwungen fhlen.

Und es hebt die ewig Schne,
Da der Morgen herrlich schiene,
In den Augen groe Trnen,
Hell die jugendlichen Glieder.
Wie so anders war es damals,
Da mich, brutlich Ausgeschmckte,
Aus dem heimatlichen Garten
Hier herab der Vater schickte!
Wie die Erde frisch und jung noch,
Von Gesngen rings erklingend,
Schauernd in Erinnerungen,
Helle in das Herz mir blickte,
Da ich, schamhaft mich verhllend,
Meinen Ring, von Glanz geblendet,
Schleudert in die prcht'ge Flle,
Als die ew'ge Braut der Erde.
Wo ist nun die Pracht geblieben,
Treuer Ernst im rst'gen Treiben,
Rechtes Tun und rechtes Lieben
Und die Schnheit und die Freude?
Ach! ringsum die Helden alle,
Die sonst schn und helle schauten,
Um mich in den lichten Tagen
Durch die Welt sich frhlich hauten,
Strecken steinern nun die Glieder,
Eingehllt in ihre Fahnen,
Sind seitdem so alt geworden,
Nur ich bin so jung wie damals. -
Von der Welt kann ich nicht lassen,
Liebeln nicht von fern mit Reden,
Mu mit Armen warm umfassen! -
La mich lieben, la mich leben!

Nun verliebt die Augen gehen
ber ihres Gartens Mauer,
War so einsam dort zu sehen
Schimmernd Land und Strm und Auen.
Und wo ihre Augen gingen:
Quellen aus der Grne sprangen,
Berg und Wald verzaubert standen,
Tausend Vgel schwirrend sangen.
Golden blitzt es berm Grunde,
Seltne Farben irrend schweifen,
Wie zu lang entbehrtem Feste
Will die Erde sich bereiten.
Und nun kamen angezogen
Freier bald von allen Seiten,
Federn bunt im Winde flogen,
Jger schmuck im Walde reiten.
Hrner lustig drein erschallen
Auf und munter durch das Grne,
Pilger fromm dazwischen wallen,
Die das Heimatsfieber spren.
Auf vielsonn'gen Wiesen flten
Schfer bei schneeflock'gen Schafen,
Ritter in der Abendrte
Knieen auf des Berges Hange,
Und die Nchte von Gitarren
Und Gesngen weich erschallen,
Da der wunderliche Alte
Wie verrckt beginnt zu tanzen.
Die Prinzessin schmckt mit Krnzen
Wieder sich die schnen Haare,
Und die vollen Krnze glnzen
Und sie blickt verlangend nieder.

Doch die alten Helden alle,
Drauen vor der Burg gelagert,
Saen dort im Morgenglanze,
Die das schne Kind bewachten.
An das Tor die Freier kamen
Nun gesprengt, gehpft, gelaufen,
Ritter, Jger, Provenzalen,
Bunte, helle, lichte Haufen.
Und vor allen junge Recken
Stolzen Blicks den Berg berannten,
Die die alten Helden weckten,
Sie vertraulich Brder nannten,
Doch wie diese uralt blicken,
An die Eisenbrust geschlossen
Brderlich die Jungen drcken,
Fallen die erdrckt zu Boden.
Andre lagern sich zum Alten,
Graust ihn'n gleich bei seinen Mienen,
Ordnen sein verworrnes Walten,
Da es jedem wohl gefiele;
Doch sie fhlen schauernd balde,
Da sie ihn nicht knnen zwingen,
Selbst zu Spielzeug sich verwandeln,
Und der Alte spielt mit ihnen.
Und sie mssen tricht tanzen,
Manche mit der Kron geschmcket
Und im purpurnen Talare
Feierlich den Reigen fhren.
Andre schweben lispelnd lose,
Andre mssen mnnlich lrmen,
Rittern reien aus die Rosse
Und die schreien gar erbrmlich.
Bis sie endlich alle mde
Wieder kommen zu Verstande,
Mit der ganzen Welt in Frieden,
Legen ab die Maskerade.
Jger sind wir nicht, noch Ritter,
Hrt man sie von fern noch summen,
Spiel nur war das - wir sind Dichter! -
So vertost der ganze Plunder,
Nchtern liegt die Welt wie ehe,
Und die Zaubrin bei dem Alten
Spielt die vor'gen Spiele wieder
Einsam wohl noch lange Jahre. -

Die Grfin, die zuletzt mit ihrem schnen, begeisterten Gesicht einer welschen
Improvisatorin glich, unterbrach sich hier pltzlich selber, indem sie laut
auflachte, ohne da jemand wute, warum. Verwundert fragte alles durcheinander:
Was lachen Sie? Ist die Allegorie schon geschlossen? Ist das nicht die Poesie?
- Ich wei nicht, ich wei nicht, ich wei nicht, sagte die Grfin lustig und
sprang auf.
    Von allen Seiten wurden nun die flchtigen Verse besprochen. Einige hielten
die Prinzessin im Gedicht fr die Venus, andre nannten sie die Schnheit, andre
nannten sie die Poesie des Lebens. Es mag wohl die Grfin selber sein, dachte
Friedrich. - Es ist die Jungfrau Maria als die groe Weltliebe, sagte der
genialische Reisende, der wenig achtgegeben hatte, mit vornehmer Nachlssigkeit.
Ei, da Gott behte! brach Friedrich, dem das Gedicht der Grfin heidnisch und
bermtig vorgekommen war, wie ihre ganze Schnheit, halb lachend und halb
unwillig aus: Sind wir doch kaum des Vernnftelns in der Religion los und
fangen dagegen schon wieder an, ihre festen Glaubensstze, Wunder und Wahrheiten
zu verpoetisieren und zu verflchtigen. In wem die Religion zum Leben gelangt,
wer in allem Tun und Lassen von der Gnade wahrhaft durchdrungen ist, dessen
Seele mag sich auch in Liedern ihrer Entzckung und des himmlischen Glanzes
erfreuen. Wer aber hochmtig und schlau diese Geheimnisse und einfltigen
Wahrheiten als beliebigen Dichtungsstoff zu berschauen glaubt, wer die
Religion, die nicht dem Glauben, dem Verstande oder der Poesie allein, sondern
allen dreien, dem ganzen Menschen, angehrt, blo mit der Phantasie in ihren
einzelnen Schnheiten willkrlich zusammenrafft, der wird ebensogern an den
griechischen Olymp glauben, als an das Christentum, und eins mit dem andern
verwechseln und versetzen, bis der ganze Himmel furchtbar de und leer wird. -
Friedrich bemerkte, da er von mehreren sehr weise belchelt wurde, als knne er
sich nicht zu ihrer freien Ansicht erheben.
    Man hatte indes an dem Tische die Geschichte der Grfin Dolores
aufgeschlagen und bltterte darin hin und her. Die mannigfaltigsten Urteile
darber durchkreuzten sich bald. Die Frau vom Hause und ihr Nachbar, der
Schmachtende, sprachen vor allen andern bitter und mit einer auffallend
gekrnkten Empfindlichkeit und Heftigkeit darber. Sie schienen das Buch aus
tiefster Seele zu hassen. Friedrich erriet wohl die Ursache und schwieg. - Ich
mu gestehen, sagte eine junge Dame, ich kann mich darein nicht verstehen, ich
wute niemals, was ich aus dieser Geschichte mit den tausend Geschichten machen
soll. Sie haben sehr recht, fiel ihr einer von den Mnnern, der sonst unter
allen immer am richtigsten geurteilt hatte, ins Wort, es ist mir immer
vorgekommen, als sollte dieser Dichter noch einige Jahre pausieren, um dichten
zu lernen. Welche Sonderbarkeiten, Verrenkungen und schreienden bertreibungen!
- Gerade das Gegenteil, unterbrach ihn ein anderer, ich finde das Ganze nur
allzu prosaisch, ohne die himmlische berschwenglichkeit der Phantasie. Wenn wir
noch viele solche Romane erhalten, so wird unsere Poesie wieder eine bloe
allegorische Person der Moral.
    Hier hielt sich Friedrich, der dieses Buch hoch in Ehren hielt, nicht
lnger. Alles ringsumher, sagte er, ist prosaisch und gemein, oder gro und
herrlich, wie wir es verdrossen und trge, oder begeistert ergreifen. Die grte
Snde aber unsrer jetzigen Poesie ist meines Wissens die gnzliche Abstraktion,
das abgestandene Leben, die leere, willkrliche, sich selbst zerstrende
Schwelgerei in Bildern. Die Poesie liegt vielmehr in einer fortwhrend
begeisterten Anschauung und Betrachtung der Welt und der menschlichen Dinge, sie
liegt ebensosehr in der Gesinnung als in den lieblichen Talenten, die erst durch
die Art ihres Gebrauches gro werden. Wenn in einem sinnreichen, einfach
strengen, mnnlichen Gemte auf solche Weise die Poesie wahrhaft lebendig wird,
dann verschwindet aller Zwiespalt: Moral, Schnheit, Tugend und Poesie, alles
wird eins in den adeligen Gedanken, in der gttlichen, sinnigen Lust und Freude,
und dann mag freilich das Gedicht erscheinen, wie ein in der Erde
wohlgegrndeter, tchtiger, schlanker, hoher Baum, wo grob und fein erquicklich
durcheinander wchst, und rauscht und sich rhrt zu Gottes Lobe. Und so ist mir
auch dieses Buch jedesmal vorgekommen, obgleich ich gern zugebe, da der Autor
in stolzer Sorglosigkeit sehr unbekmmert mit den Worten schaltet, und sich nur
zu oft daran ergtzt, die kleinen Zauberdinger kurios auf den Kopf zu stellen.
    Die Frauenzimmer machten groe Augen, als Friedrich unerwartet so sprach.
Was er gesagt, hatte wenigstens den gewissen, guten Klang, der ihnen bei allen
solchen Dingen die Hauptsache war. Romana, die es von weitem flchtig mit
angehrt, fing an, ihn mit ihren dunkelglhenden Augen bedeutender anzusehen.
Friedrich aber dachte: in euch wird doch alles Wort nur wieder Wort, und wandte
sich zu einem schlichten Manne, der vom Lande war und weniger mit der Literatur
als mit dieser Art, sie zu behandeln, unbekannt zu sein schien.
    Dieser erzhlte ihm, wie er jenem Romane eine seltsame Verwandlung seines
ganzen Lebens zu verdanken habe. Auf dem Lande ausschlielich zur konomie
erzogen, hatte er nmlich von frhester Kindheit an nie Neigung zum Lesen und
besonders einen gewissen Widerwillen gegen alle Poesie, als einen unntzen
Zeitvertreib. Seine Kinder dagegen lieen seit ihrem zartesten Alter einen
unberwindlichen Hang und Geschicklichkeit zum Dichten und zur Kunst verspren,
und alle Mittel, die er anwandte, waren nicht imstande, sie davon abzubringen
und sie zu ttigen, ordentlichen Landwirten zu machen. Vielmehr lief ihm der
lteste Sohn fort und wurde wider seinen Willen Maler. Dadurch wurde er immer
verschlossener, und seine Abneigung gegen die Kunst verwandelte sich immer
bitterer in entschiedenen Ha gegen alles, was ihr nur anhing. Der Maler hatte
indes eine unglckselige Liebe zu einem jungen, seltsamen Mdchen gefat. Es war
gewi das talentvollste, heftigste, beste und schlechteste Mdchen zugleich, das
man nur finden konnte. Eine Menge unordentlicher Liebschaften, in die sie sich
auch jetzt noch immerfort einlie, brachte den Maler oft auf das uerste, so
da es in Anfllen von Wut oft zwischen beiden zu Auftritten kam, die ebenso
furchtbar als komisch waren. Ihre unbeschreibliche Schnheit zog ihn aber immer
wieder unbezwinglich zu ihr hin, und so teilte er sein unruhvolles Leben
zwischen Ha und Liebe und allen den heftigsten Leidenschaften, whrend er
immerfort in den brigen Stunden unermdet und nur um desto eifriger an seinen
groen Gemlden fortarbeitete. - Ich machte mich endlich einmal nach der weit
entlegenen Stadt auf den Weg, fuhr der Mann in seiner Erzhlung fort, um die
seltsame Wirtschaft meines Sohnes, von der ich schon so viel gehrt hatte, mit
eigenen Augen anzusehen. Schon unterweges hrte ich von einem seiner besten
Freunde, da sich manches verndert habe. Das Mdchen oder Weib meines Sohnes
habe nmlich von ohngefhr ein Buch in die Hnde bekommen, worin sie mehrere
Tage unausgesetzt und tiefsinnig gelesen. Keiner ihrer Liebhaber habe sie
seitdem zu sehen bekommen und sie sei endlich darber in eine schwere Krankheit
verfallen. Das Buch war kein anderes, als ebendiese Geschichte von der Grfin
Dolores. Als ich in die Stadt ankomme, eile ich sogleich nach der Wohnung meines
Sohnes. Ich finde niemand im ganzen Hause, die Tr offen, alles de. Ich trete
in die Stube: das Mdchen lag auf einem Bette, bla und wie vor Mattigkeit
eingeschlafen. Ich habe niemals etwas Schneres gesehen. In dem Zimmer standen
fertige und halb vollendete Gemlde auf Staffeleien umher, Malergertschaften,
Bcher, Kleider, halbbezogene Gitarren, alles sehr unordentlich durcheinander.
Durch das Fenster, welches offenstand, hatte man ber die Stadt weg eine
entzckende Aussicht auf den weit gewundenen Strom und die Gebirge. In der Stube
fand ich auf einem Tische ein Buch aufgeschlagen, es war die Dolores. Ich wollte
die Kranke nicht wecken, setzte mich hin und fing an in dem Buche zu lesen. Ich
las und las, vieles Dunkle zog mich immer mehr an, vieles kam mir so wahrhaft
vor, wie meine verborgene innerste Meinung oder wie alte, lange wieder verlorne
und untergegangene Gedanken, und ich vertiefte mich immer mehr. Ich las bis es
finster wurde. Die Sonne war drauen untergegangen, und nur noch einzelne
Scheine des Abendrots fielen seltsam auf die Gemlde, die so still auf ihren
Staffeleien umherstanden. Ich betrachtete sie aufmerksamer, es war, als fingen
sie an lebendig zu werden, und mir kam in diesem Augenblicke die Kunst, der
unberwindliche Hang und das Leben meines Sohnes, begreiflich vor. Ich kann
berhaupt nicht beschreiben, wie mir damals zumute war; es war das erstemal in
meinem Leben, da ich die wunderbare Gewalt der Poesie im Innersten fhlte, und
ich erschrak ordentlich vor mir selber. - Es war mir unterdes aufgefallen, da
sich das Mdchen auf dem Bette noch immer nicht rhre, ich trat zu ihr,
schttelte sie und rief. Sie gab keine Antwort mehr, sie war tot. - Ich hrte
nachher, da mein Sohn heute, sowie sie gestorben war, fortgereist sei und alles
in seiner Stube so stehn gelassen habe.
    Hier hielt der Mann ernsthaft inne. Ich lese seitdem fleiig, fuhr er nach
einer kleinen Pause gesammelt fort; vieles in den Dichtern bleibt mir durchaus
unverstndlich, aber ich lerne tglich in mir und in den Menschen und Dingen um
mich vieles einsehen und lsen, was mir sonst wohl unbegreiflich war und mich
unbeschreiblich bedrckte. Ich befinde mich jetzt viel wohler.
    Friedrich hatte diese einfache Erzhlung gerhrt. Er sah den Mann aufmerksam
an und bemerkte in seinem stark gezeichneten Gesicht einen einzigen, sonderbar
dunklen Zug, der aussah wie Unglck und vor dem ihm schauderte. Er wollte ihn
eben noch um einiges fragen, das in der Geschichte besonders seine
Aufmerksamkeit erregt hatte, aber der dithyrambische Thyrsusschwinger, der
unterdes bei den Damen seinen Witz unermdet hatte leuchten lassen, lenkte ihn
davon ab, indem er sich pltzlich mit sehr heftigen Bitten zu dem guten
Schmachtenden wandte, ihnen noch einige seiner vortrefflichen Sonette
vorzulesen, obschon er, wie Friedrich gar wohl gehrt, die ganze Zeit ber
gerade diese Gedichte vor den Damen zum Stichblatt seines Witzes und Spottes
gemacht hatte. Friedrich emprte diese herzlose, doppelzngige Teufelei; er
kehrte sich schnell zu dem Schmachtenden, der neben ihm stand, und sagte: Ihre
Gedichte gefallen mir ganz und gar nicht. Der Schmachtende machte groe Augen,
und niemand von der Gesellschaft verstand Friedrichs gromtige Meinung. Der
Dithyrambist aber fhlte die Schwere der Beschmung wohl, er wagte nicht weiter
mit seinen Bitten in den Schmachtenden zu dringen und frchtete Friedrich
seitdem wie ein richtendes Gewissen. Friedrich wandte sich darauf wieder zu dem
Landmanne und sagte zu ihm laut genug, da es der Thyrsusschwinger hren konnte:
Fahren Sie nur fort, sich ruhig an den Werken der Dichter zu ergtzen, mit
schlichtem Sinne und redlichem Willen wird Ihnen nach und nach alles in
denselben klar werden. Es ist in unsern Tagen das grte Hindernis fr das
wahrhafte Verstndnis aller Dichterwerke, da jeder, statt sich recht und auf
sein ganzes Leben davon durchdringen zu lassen, sogleich ein unruhiges,
krankhaftes Jucken versprt, selber zu dichten und etwas dergleichen zu liefern.
Adler werden sogleich hochgeboren und schwingen sich schon vom Neste in die
Luft, der Strau aber wird oft als Knig der Vgel gepriesen, weil er mit groem
Gets seinen Anlauf nimmt, aber er kann nicht fliegen.
    Es ist nichts knstlicher und lustiger, als die Unterhaltung einer solchen
Gesellschaft. Was das Ganze noch so leidlich zusammenhlt, sind tausend feine,
fast unsichtbare Fden von Eitelkeit, Lob und Gegenlob usw., und sie nennen es
denn gar zu gern ein Liebesnetz. Arbeitet dann unverhofft einmal einer, der
davon nichts wei, tchtig darin herum, geht die ganze Spinnewebe von ewiger
Freundschaft und heiligem Bunde auseinander.
    So hatte auch heute Friedrich den ganzen Tee versalzen. Keiner konnte das
knstlerische Weberschiffchen, das sonst, fein im Takte, so zarte sthetische
Abende wob, wieder in Gang bringen. Die meisten wurden milaunisch, keiner
konnte oder mochte, wie beim babylonischen Baue, des andern Wortgeprng
verstehen, und so beleidigte einer den andern in der gnzlichen Verwirrung.
Mehrere Herren nahmen endlich unwillig Abschied, die Gesellschaft wurde kleiner
und vereinzelter. Die Damen gruppierten sich hin und wieder auf den Ottomanen in
malerischen und ziemlich unanstndigen Stellungen. Friedrich bemerkte bald ein
heimliches Verstndnis zwischen der Frau vom Hause und dem Schmachtenden. Doch
glaubte er zugleich an ihr ein feines Liebugeln zu entdecken, das ihm selber zu
gelten schien. Er fand sie berhaupt viel schlauer, als man anfnglich ihrer
lispelnden Sanftmut htte zutrauen mgen; sie schien ihren schmachtenden
Liebhaber bei weitem zu bersehen und, sehr aufgeklrt, selber nicht so viel von
ihm zu halten, als sie vorgab und er aus ganzer Seele glaubte.
    Wie ein rstiger Jger in frischer Morgenschnheit stand Friedrich unter
diesen verwischten Lebensbildern. Nur die einzige Grfin Romana zog ihn an.
Schon das Gedicht, das sie rezitiert, hatte ihn auf sie aufmerksam gemacht und
auf die eigentmliche, von allen den andern verschiedene Richtung ihres Geistes.
Er glaubte schon damals eine tiefe Verachtung und ein scharfes berschauen der
ganzen Teegesellschaft in derselben zu bemerken, und seine jetzigen Gesprche
mit ihr besttigten seine Meinung. Er erstaunte ber die Freiheit ihres Blicks
und die Keckheit, womit sie alle Menschen aufzufassen und zu behandeln wute.
Sie hatte sich im Augenblick in alle Ideen, die Friedrich in seinen vorigen
uerungen berhrt, mit einer unbegreiflichen Lebhaftigkeit hineinverstanden und
kam ihm nun in allen seinen Gedanken entgegen. Es war in ihrem Geiste, wie in
ihrem schnen Krper ein zauberischer Reichtum; nichts schien zu gro in der
Welt fr ihr Herz; sie zeigte eine tiefe, begeisterte Einsicht ins Leben wie in
alle Knste, und Friedrich unterhielt sich daher lange Zeit ausschlielich mit
ihr, die brige Gesellschaft vergessend. Die Damen fingen unterdes schon an zu
flstern und ber die neue Eroberung der Grfin die Nasen zu rmpfen.
    Das Gesprch der beiden wurde endlich durch Rosa unterbrochen, die zu der
Grfin trat und verdrlich nach Hause zu fahren begehrte. Friedrich, der eine
groe Betrbnis in ihrem Gesichte bemerkte, fate ihre Hand. Sie wandte sich
aber schnell weg und eilte in ein abgelegenes Fenster. Er ging ihr nach. Sie sah
mit abgewendetem Gesicht in den stillen Garten hinaus, er hrte, da sie
schluchzte. Eifersucht vielleicht und das schmerzlichste Gefhl ihres
Unvermgens, in allen diesen Dingen mit der Grfin zu wetteifern, arbeitete in
ihrer Seele. Friedrich drckte das schne, trostlose Mdchen an sich. Da fiel
sie ihm schnell und heftig um den Hals und sagte aus Grund der Seele: Mein
lieber Mann! Es war das erstemal in seinem Leben, da sie ihn so genannt.
    Es kamen soeben mehrere andere hinzu und alles fing an Abschied zu nehmen
und auseinanderzugehen; er konnte nichts mehr mit ihr sprechen. Noch im Weggehn
trat der Minister zu ihm und fragte ihn, wie es ihm hier gefallen habe? Er
antwortete mit einer zweideutigen Hflichkeit. Der Minister sah ihn ernsthaft
und ausforschend an und ging fort. Friedrich aber eilte durch die nchtliche
Stadt seiner Wohnung zu. Ein rauher Wind ging durch die Straen. Er hatte sich
noch nie so unbehaglich, leer und mde gefhlt.

                              Dreizehntes Kapitel


Es war ein schner Herbstmorgen, da ritt Friedrich eine von den langen
Straenalleen hinunter, die von der Residenz ins Land hinausfhrten. Er hatte es
schon lngst der schnen Grfin Romana versprechen mssen, sie auf ihrem
Landgute, das einige Meilen von der Stadt entfernt lag, zu besuchen, und der
blaue Himmel hatte ihn heute hinausgelockt. Sie war seit seiner Trennung von
Leontin die einzige, zu der er von allem reden konnte, was er dachte, wute und
wollte, die Unterhaltung mit ihr war ihm fast schon zum Bedrfnis geworden.
    Der Weg war ebenso anmutig als der Morgen. Er kam bald an einen von beiden
Seiten eng von Bergen eingeschlossenen Flu, an dem die Strae hinablief. Die
Wlder, welche die schnen Berge bedeckten, waren schon berall mit gelben und
roten Blttern bunt geschmckt, Vgel reisten hoch ber ihm weg dem Strome nach
und erfllten die Luft mit ihren abgebrochenen Abschiedstnen, die Friedrich
jedesmal wunderbar an seine Kindheit erinnerten, wo er, der Natur noch nicht
entwachsen, einzig von ihren Blicken und Gaben lebte.
    Einige Stunden war er so zwischen den einsamen Bergschluchten hingeritten,
als er am jenseitigen Ufer eine Stimme rufen hrte, die ihn immerfort zu
begleiten schien und vom Echo in den grnen Windungen unaufhrlich wiederholt
wurde. Je lnger er nachhorchte, je mehr kam es ihm vor, als kenne er die
Stimme. Pltzlich hrte das Rufen wieder auf und Friedrich fing nun an zu
bemerken, da er einen unrechten Weg eingeschlagen haben msse, denn die grnen
Bergesgnge wollten kein Ende nehmen. Er verdoppelte daher seine Eile und kam
bald darauf an den Ausgang des Gebirges und an ein Dorf, das auf einmal sehr
reizend im Freien vor ihm lag.
    Das erste, was ihm in die Augen fiel, war ein Wirtshaus, vor welchem sich
ein schner grner Platz bis an den Flu ausbreitete. Auf dem Platze sah er
einen, mit ungewhnlichem und rtselhaftem Gerte schwer bepackten Wagen stehen
und mehrere sonderbare Gestalten, die wunderlich mit der Luft zu fechten
schienen. Wie erstaunte er aber, als er nher kam und mitten unter ihnen Leontin
und Faber erkannte. - Leontin, der ihn schon von weitem ber den Hgel kommen
sah, rief ihm sogleich entgegen: Kommst du auch angezogen, neumodischer Don
Quijote, Lamm Gottes, du sanfter Vogel, der immer voll schner Weisen ist, haben
sie dir noch nicht die Flgel gebrochen? Mir war schon lange zum Sterben bange
nach dir! Friedrich sprang schnell vom Pferde und fiel ihm um den Hals. Er
hielt Leontins Hand mit seinen beiden Hnden und sah ihm mit grenzenloser Freude
in das lebhafte Gesicht; es war, als entznde sich sein innerstes Leben jedesmal
neu an seinen schwarzen Augen.
    Er bemerkte indes, da die Menschen ringsum, die ihm schon von weitem
aufgefallen waren, auf das abenteuerlichste in lange, spanische Mntel gehllt
waren und sich immerfort, ohne sich von ihm stren zu lassen, wie Verrckte
miteinander unterhielten. Ha, verzweifelte Sonne! rief einer von ihnen, der
eine Art von Turban auf dem Kopfe und ein gewisses tyrannisches Ansehn hatte,
willst du mich ewig bescheinen? Die Fliegen spielen in deinem Licht, die Kfer
im - ruhen selig in deinem Schoe, Natur! Und ich - und ich - warum bin ich
nicht ein Kfer geworden, unerforschlich waltendes Schicksal? - Was ist der
Mensch? - Ein Schaum. Was ist das Leben? - Ein nichtswrdiger Wurm. -
Umgekehrt, gerade umgekehrt, wollen Sie wohl sagen, rief eine andere Stimme. -
Was ist die Welt? fuhr jener fort, ohne sich stren zu lassen, was ist die
Welt? - Hier hielt er inne und lachte grinsend und weltverachtend wie Abllino
unter seinem Mantel hervor, wendete sich darauf schnell um und fate unvermutet
Herrn Faber, der eben neben ihm stand, bei der Brust. Ich verbitte mir das,
sagte Faber rgerlich, wie oft soll ich noch erklren, da ich durchaus nicht
mit in den Plan gehre! - - La dich's nicht wundern, sagte endlich Leontin
zu Friedrich, der aus dem allen nicht gescheit werden konnte, das ist eine
Bande Schauspieler, mit denen ich auf der Strae zusammengetroffen und seit
gestern reise. Wir probieren soeben eine Komdie aus dem Stegreif, zu der ich
die Lineamente unterwegs entworfen habe. Sie heit: Brgerlicher Seelenadel und
Menschheitsgre, oder der tugendhafte Bsewicht, ein psychologisches
Trauerspiel in fnf Verwirrungen der menschlichen Leidenschaften, und wird heute
abend in dem nchsten Stdtchen gegeben werden, wo der gebildete Magistrat zum
Anfang durchaus ein schillerndes Stck verlangt hat. Ich werde der Vorstellung
mit beiwohnen und habe alle Folgen ber mich genommen.
    Ja, wahrhaftig, sagte Faber, wenn das noch lange so fortgeht, so sage ich
aller gebildeten Welt Lebewohl und fange an auf dem Seile zu tanzen, oder die
Zigeunersprache zu studieren. Ich bin des Herumziehens in der Tat von Herzen
satt. - Verstellen Sie sich nur nicht immer so, fiel ihm Leontin ins Wort,
Sie kommen doch am Ende nicht weg von mir. Wir zanken uns immer und treffen
doch immer wieder auf einerlei Wegen zusammen. brigens sind diese Schauspieler
ein gar vortrefflicher Knstlerverein; sie wollen nicht gepriesen, sondern
gespeist sein, und gehen daher in der Verzweiflung der Natur noch keck und
beherzt auf den Leib.
    Es war unterdes an einen jungen Menschen von der Truppe, der auch eine Rolle
in dem Stcke bernommen hatte, die Reihe gekommen, ebenfalls seinen Teil
vorzustellen. Er benahm sich aber sehr ungeschickt und war durchaus nicht
imstande, etwas zu erfinden und vorzubringen. Ein schnes Mdchen, mit welcher
er eben die Szene spielen sollte, wurde ungeduldig, erklrte, sie wolle hier
nicht lnger einen Narren abgeben, und sprang lachend fort, der andere, ltere
Schauspieler lief ihr nach, um sie zurckzuholen, und so war die ganze Probe
gestrt.
    Der junge Mann war indes nher getreten. Friedrich sah ihm genauer ins
Gesicht, er traute seinen Augen kaum, es war einer von den Studenten, die ihm
bei seinem Abzuge von der Universitt das Geleit gegeben hatten. - Mein Gott!
wie kommst du unter diese Leute? rief Friedrich voll Erstaunen, denn er hatte
ihn damals als einen stillen und fleiigen Menschen gekannt, der vor den
Ausgelassenheiten der andern jederzeit einen heimlichen Widerwillen hegte. Der
Student gestand, da er den Grafen sogleich wiedererkannt, aber gehofft habe,
von ihm bersehen zu werden. Er schien sehr verlegen.
    Friedrich, der sich an seinem Gesichte aller alten Freuden und Leiden
erinnerte, zog ihn erfreut und vertraulich an den Tisch und der Student erzhlte
ihnen endlich den ganzen Hergang seiner Geschichte. Nicht lange nach Friedrichs
Abreise hatte sich nmlich auf der Universitt eine reisende Gesellschaft von
Seiltnzern eingefunden, worunter besonders eine Springerin durch ihre Schnheit
alle Augen auf sich zog. Viele Studenten versuchten und fanden ihr Glck. Er
aber mit seiner stillen und tiefern Gemtsart verliebte sich im Ernste in das
Mdchen, und wie ihr Herz bisher in ihrer tollen Lebensweise von der Gewalt der
Liebe ungerhrt geblieben war, wurde sie von seiner zarten, ungewohnten Art, sie
zu behandeln und zu gewinnen, berrascht und gefangen. Sie beredeten sich,
einander zu heiraten; sie verlie die Bande und er arbeitete von nun an Tag und
Nacht, um seine Studien zu vollenden und sich ein Einkommen zu erwerben. Es
verging indes lngere Zeit, als er geglaubt hatte, das Mdchen fing an, von Zeit
zu Zeit launisch zu werden, bekam hufige Anflle von Langeweile und - eh er
sich's versah, war sie verschwunden. Mein mhsam erspartes Geld, fuhr der
Student weiter fort, hatte ich indes immer wieder auf verschiedene Einflle und
Launen des Mdchens zersplittert, meine Eltern wollten nichts von mir wissen,
mein innerstes Leben hatte mich auf einmal betrogen, die Studenten lachten
entsetzlich, es war der schmerzlichste und unglcklichste Augenblick meines
Lebens. Ich lie alles und reiste dem Mdchen nach. Nach langem Irren fand ich
sie endlich bei diesen Komdianten wieder, denn es ist dieselbe, die vorhin hier
weggegangen. Sie kam sehr freudig auf mich zugesprungen, als sie mich erblickte,
doch ohne ihre Flucht zu entschuldigen oder im geringsten unnatrlich zu finden.
- Meine Mutter ist seitdem aus Gram gestorben. Ich wei, da ich ein Narr bin
und kann doch nicht anders.
    Die Trnen standen ihm in den Augen, als er das sagte. Friedrich, der wohl
einsah, da der gute Mensch sein Herz und sein Leben nur wegwerfe, riet ihm mit
Wrme, sich ernstlich zusammenzunehmen und das Mdchen zu verlassen, er wolle
fr sein Auskommen sorgen. - Der Verliebte schwieg still. - La doch die Jugend
fahren! sagte Leontin, jeder Schiffmann hat seine Sterne und das Alter treibt
uns zeitig genug auf den Sand. Du brichst dem tollen Nachtwandler doch den Hals,
wenn du ihn bei seinem prosaischen, brgerlichen Namen rufst. Aber hrter mssen
Sie sein, sagte er zu dem Studenten, denn die Welt ist hart und drckt Sie
sonst zuschanden.
    Das Mdchen kam unterdes wieder und trllerte ein Liedchen. Ihre Gestalt war
herrlich, aber ihr schnes Gesicht hatte etwas Verwildertes. Sie antwortete auf
alle Fragen sehr unterwrfig und keck zugleich, und schien nicht ble Lust zu
haben, noch lnger bei den beiden Grafen zurckzubleiben, als der
Theaterprinzipal kam und ankndigte, da alles zur Abreise fertig sei.
    Der Student drckte Friedrich herzlich die Hand und eilte zu dem
aufbrechenden Haufen. Der mit allerhand Dekorationen schwer bepackte Wagen, von
dessen schwankender Hhe der Prinzipal noch immerfort aus der Ferne seine
untertnigste Bitte an Leontin wiederholte, heute abend mit seiner hchst
ntigen Protektion nicht auszubleiben, wackelte indes langsam fort, nebenher
ging die ganze brige Gesellschaft bunt zerstreut und lustig einher, der Student
war zu Pferde, neben ihm ritt sein Mdchen auch auf einem Klepper und warf
Leontin noch einige Blicke zu, die ziemlich vertraulich aussahen, und so zog die
bunte Karawane wie ein Schattenspiel in die grne Schlucht hinein. Wie
glcklich, sagte Leontin, als alles verschwunden war, knnte der Student sein,
so frank und frei mit seiner Liebsten durch die Welt zu ziehn! wenn er nur
Talend frs Glck htte, aber er hat eine einfrmige Niedergeschlagenheit in
sich, die er nicht niederschlagen kann, und die ihn durchs Leben nur so
hinschleppt.
    Sie setzten sich nun auf dem schnen grnen Platze um einen Tisch zusammen,
der Flu flog lustig an ihnen vorber, die Herbstsonne wrmte sehr angenehm.
Leontin erzhlte, wie er den Morgen nach seiner Flucht vom Schlosse des Herrn v.
A. bei Anbruch des Tages auf den Gipfel eines hohen Berges gekommen sei, von dem
er von der einen Seite die fernen Trme der Residenz, von der andern die
friedlich reiche Gegend des Herrn v. A. bersah, ber welcher soeben die Sonne
aufging. Lange habe er vor dieser grenzenlosen Aussicht nicht gewut, wohin er
sich wenden solle, als er auf einmal unten im Tale Faber die Strae
heraufwandern sah, den, wie er wohl wute, wieder einmal die Albernheiten der
Stadt auf einige Zeit in alle Welt getrieben hatten. Wie die Stimme in der Wste
habe er ihn daher, da er gerade eben in einem ziemlich hnlichen Humor gewesen,
mit einer langen Anrede ber die Vergnglichkeit aller irdischen Dinge
empfangen, ohne von ihm gesehen werden zu knnen, und so zu sich hinaufgelockt.
- Leontin versank dabei in Gedanken. Wahrhaftig, sagte er, wenn ich mich in
jenen Sonnenaufgang auf dem Berge recht hineindenke, ist mir zumute, als knnt
es mir manchmal auch so gehn, wie dem Studenten. -
    Faber war unterdes fortgegangen, um etwas zu essen und zu trinken zu
bestellen, und Friedrich bemerkte dabei mit Verwunderung, da die Leute, wenn er
mit ihnen sprach oder etwas forderte, ihm ins Gesicht lachten oder einander
heimlich zuwinkten und die neugierigen Kinder furchtsam zurckzogen, wenn er
sich ihnen nherte. Leontin gestand, da er manchmal, wenn sie in einem Dorfe
einkehrten, vorauszueilen pflege und die Wirtsleute berrede, da der gute Mann,
den er bei sich habe, nicht recht bei Verstande sei, sie sollten nur recht auf
seine Worte und Bewegungen achthaben, wenn er nachkme. Dies gebe dann zu
vielerlei Lust und Miverstndnis Anla, denn wenn sich Faber einige Zeit mit
den Gesichtern abgebe, die ihn alle so heimlich, furchtsam und bedauernd
anshen, hielten sie sich am Ende wechselseitig alle fr verrckt. - Leontin
brach schnell ab, denn Faber kam eben zu ihnen zurck und schimpfte ber die
Dummheit des Landvolks.
    Friedrich mute nun von seinem Abschiede auf dem Schlosse des Herrn v. A.
und seinen Abenteuern in der Residenz erzhlen. Er kam bald auch auf die
sthetische Teegesellschaft und versicherte, er habe sich dabei recht ohne alle
Mnnlichkeit gefhlt, etwa wie bei einem Spaziergange durch die Lneburger Ebne
mit Aussicht auf Heidekraut. Leontin lachte hell-laut. Du nimmst solche Sachen
viel zu ernsthaft und wichtiger, als sie sind, sagte er. Alle Figuren dieses
Schauspiels sind brigens auch von meiner Bekanntschaft, ich mchte aber nur
wissen, was sie seit der Zeit, da ich sie nicht gesehen, angefangen haben, denn
wie ich soeben hre, hat sich seitdem auch nicht das mindeste in ihnen
verndert. Diese Leute schreiten fleiig von einem Mekataloge zum andern mit
der Zeit fort, aber man sprt nicht, da die Zeit auch nur um einen Zoll durch
sie weiter fortrckte. Ich kann dir jedoch im Gegenteil versichern, da ich
nicht bald so lustig war, als an jenem Abende, da ich zum ersten Male in diese
Teetaufe oder Traufe geriet. Aller Augen waren prfend und in erwartungsvoller
Stille auf mich neuen Jnger gerichtet. Da ich die ganze heilige Synode, gleich
den Freimaurern mit Schurz und Kelle, so feierlich mit poetischem Ornate angetan
dasitzen sah, konnt ich mich nicht enthalten, despektierlich von der Poesie zu
sprechen und mit unermdlichem Eifer ein Gesprch von der Landwirtschaft, von
den Runkelrben usw. anzuspinnen, so da die Damen wie ber den Dampf von
Kuhmist die Nasen rmpften und mich bald fr verloren hielten. Mit dem
Schmachtenden unterhielt ich mich besonders viel. Er ist ein guter Kerl, aber er
hat keine Mannsmuskel im Leibe. Ich wei nicht, was er gerade damals fr eine
fixe Idee von der Dichtkunst im Kopfe hatte, aber er las ein Gedicht vor, wovon
ich trotz der grten Anstrengung nichts verstand, und wobei mir unaufhrlich
des simplicianisch-teutschen Michels verstmmeltes Sprachgeprnge im Sinne lag.
Denn es waren deutsche Worte, spanische Konstruktionen, welsche Bilder,
altdeutsche Redensarten, doch alles mit beraus feinem Firnis von Sanftmut
verschmiert. Ich gab ihm ernsthaft den Rat, alle Morgen gepfefferten Schnaps zu
nehmen, denn der ewige Nektar erschlaffe nur den Magen, worber er sich
entrstet von mir wandte. - Mit dem vom Hochmutsteufel besessenen Dithyrambisten
aber bestand ich den schnsten Strau. Er hatte mit pfiffiger Miene alle Segel
seines Witzes aufgespannt und kam mit vollem Winde der Eitelkeit auf mich
losgefahren, um mich Unpoetischen vor den Augen der Damen in den Grund zu
bugsieren. Um mich zu retten, fing ich zum Beweise meiner poetischen Belesenheit
an, aus Shakespeares: Was ihr wollt, wo Junker Tobias den Malvolio peinigt, zu
rezitieren: Und bese ihn eine Legion selbst, so will ich ihn doch anreden. Er
stutzte und fragte mich mit herablassender Gengsamkeit und kniffigem Gesichte,
ob vielleicht gar Shakespeare mein Lieblingsautor sei? - Ich lie mich aber
nicht stren, sondern fuhr mit Junker Tobias fort: Ei, Freund, leistet dem
Teufel Widerstand, er ist der Erbfeind der Menschenkinder. Er fing nun an, sehr
salbungsvolle, genialische Worte ber Shakespeare ergehen zu lassen, ich aber,
da ich ihn sich so aufblasen sah, sagte weiter: Sanftmtig, sanftmtig! Ei, was
machst du, mein Tubchen? Wie geht's, mein Puthhnchen? Ei, sieh doch, komm,
tucktuck! - Er schien nun mit Malvolio zu bemerken, da er nicht in meine Sphre
gehre, und kehrte sich mit einem unsglich stolzen Blicke, wie von einem
unerhrt Tollen, von mir. O jemine! fiel die Grfin Romana hier mit ein. Sie
sagte dies so richtig und schn, da ich sie dafr htte kssen mgen. Das
schlimmste war aber nun, da ich dadurch demaskiert war, ich konnte nicht lnger
fr einen Ignoranten gelten; und die Frauenzimmer merkten dies nicht so bald,
als sie mit allerhand Phrasen, die sie hin und wieder ernascht, ber mich
herfielen. In der Angst fing ich daher nun an, wtend mit gelehrten Redensarten
und poetischen Paradoxen nach allen Seiten um mich herumzuwerfen, bis sie mich,
ich sie, und ich mich selber nicht mehr verstand und alles verwirrt wurde. Seit
dieser Zeit hat mich der ganze Zirkel und hat mich als eine Pest der Poesie
frmlich exkommuniziert.
    Friedrich, der Leontin ruhig und mit Vergngen angehrt hatte, sagte: So
habe ich dich am liebsten, so bist du in deinem eigentlichen Leben. Du siehst so
frisch in die Welt hinein, da alles unter deinen Augen bunt und lebendig wird.
Jawohl, antwortete Leontin, so buntscheckig, da ich manchmal selber zum
Narren darber werden knnte.
    Die Sonne fing indes schon an, sich zu senken, und sowohl Friedrich als
Leontin gedachten ihrer Weiterreise und versprachen einander, nchstens in der
Residenz sich wieder zu treffen. Herr Faber bat Friedrich, ihn der Grfin Romana
bestens zu empfehlen. Die Grfin, sagte er, hat schne Talente und sich durch
mehrere Arbeiten, die ich kenne, als Dichterin erwiesen. Nur macht sie sich
freilich alles etwas gar zu leicht. Leontin, den immer sogleich ein seltsamer
Humor befiel, wenn er die Grfin nennen hrte, sang lustig:

Lustig auf den Kopf, mein Liebchen,
Stell dich, in die Luft die Bein!
Heisa! ich will sein dein Bbchen,
Heute nacht soll Hochzeit sein!

Wenn du Shakespeare kannst vertragen,
O du liebe Unschuld du!
Wirst du mich wohl auch ertragen
Und noch jedermann dazu. -

Er sprach noch allerhand wild und unzchtig von der Grfin und trug Friedrich
noch einen zgellosen Gru an sie auf, als sie endlich von entgegengesetzten
Seiten auseinanderritten. Friedrich wute nicht, was er aus diesen wilden Reden
machen sollte. Sie rgerten ihn, denn er hielt die Grfin hoch, und er konnte
sich dabei der Besorgnis nicht enthalten, da Leontins lebhafter Geist in
solcher Art von Renommisterei am Ende sich selber aufreiben werde.
    In solchen Gedanken war er einige Zeit fortgeritten, als er bei einer
Biegung um eine Feldecke pltzlich das Schlo der Grfin vor sich sah. Es stand
wie eine Zauberei hoch ber einem weiten, unbeschreiblichen Chaos von Grten,
Weinbergen, Bumen und Flssen, der Schloberg selber war ein groer Garten, wo
unzhlige Wasserknste aus dem Grn hervorsprangen. Die Sonne ging eben hinter
dem Berge unter und bedeckte das prchtige Bild mit Glanz und Schimmer, so da
man nichts deutlich unterscheiden konnte.
    berrascht und geblendet gab Friedrich seinem Pferde die Sporen und ritt die
Hhe hinan. Er erstaunte ber die seltsame Bauart des Schlosses, das durch eine
fast barocke Pracht auffiel. Es war niemand zu sehen. Er trat in die weite, mit
buntem Marmor getfelte Vorhalle, durch deren Sulenreihen man von der andern
Seite in den Garten hinaussah. Dort standen die seltsamsten auslndischen Bume
und Pflanzen wie halbausgesprochene, verzauberte Gedanken, schimmernde
Wasserstrahlen durchkreuzten sich in kristallenen Bogen hoch ber ihnen,
auslndische Vgel saen sinnend und traumhaft zwischen den dunkelgrnen
Schatten umher.
    Ein wunderschner Knabe sprang indes soeben drauen im Hofe vom Pferde,
stutzte, als er im Vorbeilaufen Friedrich erblickte, sah ihn einen Augenblick
mit den groen, schnen Augen trotzig an und eilte sogleich wieder durch die
Vorhalle weiter in den Garten hinaus. Friedrich sah, wie er dort mit
bewunderungswrdiger Fertigkeit eine hohe, am Abhange des Gartens stehende Tanne
bestieg und aus dem hchsten Gipfel sich in die Gegend hinauslegte, als suche er
fern etwas mit den Augen.
    Da immer noch niemand kam, stellte sich Friedrich an ein hohes Bogenfenster,
aus dem man die prchtigste Aussicht auf das Tal und die Gebirge hatte. Noch
niemals hatte er eine so ppige Natur gesehen. Mehrere Strme blickten wie
Silber hin und her aus dem Grunde, freundliche Landstraen, von hohen Nubumen
reich beschattet, zogen sich bis in die weiteste Ferne nach allen Richtungen
hin, der Abend lag warm und schallend ber der Gegend, weit ber die Grten und
Hgel hin hrte man ringsum das Jauchzen der Winzer. Friedrich wurde bei dieser
Aussicht unsglich bange in dem einsamen Schlosse, es war ihm, als wre alles zu
einem groen Feste hinausgezogen, und er konnte kaum mehr widerstehen, selber
wieder hinunterzureiten, als er auf einmal die Grfin erblickte, die in einem
langen grnen Jagdkleide in dem erquickenden Hauche des Abends auf der
glnzenden Landstrae aus dem Tale heraufgeritten kam. Sie war allein, er
erkannte sie sogleich an ihrer hohen, schnen Gestalt.
    Als sie vor dem Schlosse vom Pferde stieg, kam der schne Knabe, der vorhin
auf der Tanne gelauert hatte, schnell herbeigesprungen, fiel ihr strmisch um
den Hals und kte sie. Kleiner Ungestm! sagte sie halb bse und wischte sich
den Mund. Sie schien einen Augenblick verlegen, als sie so unvermutet Friedrich
erblickte und bemerkte, da er diesen sonderbaren Empfang gesehen hatte. Sie
schttelte aber die flchtige Scham bald wieder von sich und bewillkommte
Friedrich mit einer Heftigkeit, die ihm auffiel. Ich bedaure nur, sagte sie,
da ich Sie nicht so bewirten kann, wie ich wnschte, alle meine Leute
schwrmen schon den ganzen Tag bei der Weinlese, ich selbst bin seit frhem
Morgen in der Gegend herumgeritten.
    Sie nahm ihn bei der Hand und fhrte ihn in das Innere des Schlosses.
Friedrich verwunderte sich, denn fast in allen Zimmern standen Tren und Fenster
offen. Die hochgewlbten Zimmer selbst waren ein seltsames Gemisch von alter und
neuer Zeit, einige standen leer und wste, wie ausgeplndert, in andern sah er
alte Gemlde an der Wand herumhngen, die wie aus schndlichem Mutwillen mit
Sbelhieben zerhauen schienen. Sie kamen in der Grfin Schlafgemach. Das groe
Himmelbett war noch unzugerichtet, wie sie es frhmorgens verlassen, Strmpfe,
Halstcher und allerlei Gert lag bunt auf allen Sthlen umher. In dem einen
Winkel hing ein Portrait, und er glaubte, soviel es die Dmmerung zulie, zu
seinem Erstaunen die Zge des Erbprinzen zu erkennen, dessen Schnheit in der
Residenz einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte.
    Die Grfin nahm den schnen Knaben, der ihnen immerfort gefolgt war,
beiseite und trug ihm heimlich etwas auf. Der Knabe schien durchaus nicht
gehorchen zu wollen, er wurde immer lauter und ungebrdiger, stampfte endlich
zornig mit dem Fue, rannte hinaus und warf die Tr hinter sich zu, da es durch
das weite Haus erschallte. Er ist doch in einer Stunde wieder da, sagte
Romana, ihm nachsehend, nahm die Gitarre, die in einer Ecke auf der Erde lag,
whrend sie Friedrich ein Krbchen mit Obst und Wein bergab, und fhrte ihn
wieder weiter eine Stiege aufwrts.
    Wie einem Nachtwandler, der pltzlich auf ungewohntem Orte aus schweren,
unglaublichen Trumen erwacht, war Friedrich zumute, als er mit ihr die letzten
Stufen erreichte, und sich auf einmal unter der weiten, freien, gestirnten
Wlbung des Himmels erblickte. Es war nmlich eine groe Terrasse, die nach
italienischer Art ber das Dach des Schlosses ging. Ringsum an der Galerie
standen Orangenbume und hohe, auslndische Blumen, welche den himmlischen Platz
mit Dften erfllten.
    Hier auf dem Dache, sagte Romana, ist mein liebster Aufenthalt. In den
warmen Sommernchten schlafe ich oft hier oben. Sie setzte sich zu ihm, reichte
ihm die Frchte und trank ihm von dem mitgenommenen Weine selber zu. Sie wohnen
hier so schwindlig hoch, sagte Friedrich, da Sie die ganze Welt mit Fen
treten. - Romana, die sogleich begriff, was er meinte, antwortete stolz und
keck: Die Welt, der groe Tlpel, der niemals gescheiter wird, wre freilich
der Mhe wert, da man ihm hflich und voll Ehrfurcht das Gesicht streichelte,
damit er einen wohlwollend und voll Applaus anlchle. Es ist ja doch nichts als
Magen und Kopf, und noch dazu ein recht breiter, bermtiger, selbstgeflliger,
eitler, unertrglicher, den es eine rechte Gtterlust ist aufs Maul zu
schlagen. - Sie brach hierbei schnell ab und lenkte das Gesprch auf andere
Gegenstnde.
    Friedrich mute dabei mehr als einmal die fast unweibliche Khnheit ihrer
Gedanken bewundern, ihr Geist schien heut von allen Banden los. Sie ergriff
endlich die Gitarre und sang einige Lieder, die sie selbst gedichtet und
komponiert hatte. Die Musik war durchaus wunderbar, unbegreiflich und oft
beinahe wild, aber es war eine unwiderstehliche Gewalt in ihrem Zusammenklange.
Der weite, stille Kreis von Strmen, Seen, Wldern und Bergen, die in groen,
halbkenntlichen Massen bereinander ruhten, rauschten dabei feenhaft zwischen
die hinausschiffenden Tne hinein. Die Zauberei dieses Abends ergriff auch
Friedrichs Herz, und in diesem sinnenverwirrenden Rausche fand er das schne
Weib an seiner Seite zum ersten Male verfhrerisch. Wahrhaftig, sagte sie
endlich aus tiefster Seele, wenn ich mich einmal recht verliebte, es wrde mich
gewi das Leben kosten! - Es reiste einmal, fuhr sie fort, ein Student hier in
der Nacht beim Schlosse vorbei, als ich eben auf dem Dache eingeschlummert war,
der sang:

Wenn die Sonne lieblich schiene
Wie in Welschland, lau und blau,
Ging' ich mit der Mandoline
Durch die berglnzte Au.

In der Nacht dann Liebchen lauschte
An dem Fenster, sverwacht,
Wnschte mir und ihr - uns beiden
Heimlich eine schne Nacht.

Wenn die Sonne lieblich schiene
Wie in Welschland, lau und blau,
Ging' ich mit der Mandoline
Durch die berglnzte Au.

Aber die Sonne scheint nicht wie in Welschland und der Student zog weiter, und
es ist eben alles nichts. - Gehn wir schlafen, gehn wir schlafen, setzte sie
langweilig ghnend hinzu, nahm Friedrich bei der Hand und fhrte ihn wieder die
Stiege hinab.
    Er bemerkte, als sie wieder in den Zimmern angekommen waren, eine
ungewhnliche Unruhe an ihr, sie hing bewegt an seinem Arme. Sie schien ihm bei
dem Mondenschimmer, der durch das offne Fenster auf ihr Gesicht fiel, totenbla,
eine Art von seltsamer Furcht befiel ihn da auf einmal vor ihr und dem ganzen
Feenschlosse, er gab ihr schnell eine gute Nacht und eilte in das ihm
angewiesene Zimmer, wo er sich angekleidet auf das Bett hinwarf.
    Das Gemach war nur um einige Zimmer von dem Schlafgemach der Grfin
entfernt. Die Tren dazwischen fehlten ganz und gar. Eine Lampe, die der Grfin
Zimmer matt erhellte, warf durch die offenen Tren ihren Schein gerade auf einen
groen, altmodischen Spiegel, der vor Friedrichs Bett an der Wand hing, so da
er in demselben fast ihr ganzes Schlafzimmer bersehen konnte. Er sah, wie der
schne Knabe, der sich unterdes wieder eingeschlichen haben mute, quer ber
einigen Sthlen vor ihrem Bette eingeschlafen lag. Die Grfin entkleidete sich
nach und nach und stieg so ber den Knaben weg ins Bett. Alles im Schlosse wurde
nun totenstill und er wendete das Gesicht auf die andere Seite, dem offenen
Fenster zu. Die Bume rauschten vor demselben, aus dem Tale kam von Zeit zu Zeit
ein frhliches Jauchzen, bald nher, bald wieder in weiter Ferne, dazwischen
hrte er auslndische Vgel drauen im Garten in wunderlichen Tnen immerfort
wie im Traume sprechen, das seltsame bleiche Gesicht der Grfin, wie sie ihm
zuletzt vorgekommen, stellte sich ihm dabei unaufhrlich vor die Augen, und so
schlummerte er erst spt unter verworrenen Phantasien ein.
    Mitten in der Nacht wachte er pltzlich auf, es war ihm, als htte er Gesang
gehrt. Der Mond schien hell drauen ber der Gegend und durch das Fenster
herein. Mit Erstaunen hrte er neben sich atmen. Er sah umher und erblickte
Romana, unangekleidet wie sie war, an dem Fue seines Betts eingeschlafen. Sie
ruhte auf dem Boden, mit dem einen Arm und dem halben Leibe auf das Bett
gelehnt. Die langen schwarzen Haare hingen aufgelst ber den weien Nacken und
Busen herab. Er betrachtete die wunderschne Gestalt lange voll Verwunderung
halbaufgerichtet. Da hrte er auf einmal die Tne wieder, die er schon im
Schlummer vernommen hatte. Er horchte hinaus; das Singen kam jenseits von den
Bergen ber die stille Gegend herber, er konnte folgende Worte verstehen:

Vergangen ist der lichte Tag,
Von ferne kommt der Glockenschlag,
So reist die Zeit die ganze Nacht,
Nimmt manchen mit, der's nicht gedacht.

Wo ist nun hin die bunte Lust,
Des Freundes Trost und treue Brust,
Des Weibes ser Augenschein?
Will keiner mit mir munter sein?

Da's nun so stille auf der Welt,
Ziehn Wolken einsam bers Feld,
Und Feld und Baum besprechen sich -
O Menschenkind! was schauert dich?

Wie weit die falsche Welt auch sei,
Bleibt mir doch Einer nur getreu,
Der mit mir weint, der mit mir wacht,
Wenn ich nur recht an Ihn gedacht.

Frisch auf denn, liebe Nachtigall,
Du Wasserfall mit hellem Schall!
Gott loben wollen wir vereint,
Bis da der lichte Morgen scheint!

Friedrich erkannte die Weise, es war Leontins Stimme. - Ich komme, herrlicher
Gesell! rief er bewegt in sich und raffte Sich schnell auf, ohne die Grfin zu
wecken. Nicht ohne Schauer ging er durch die totenstillen, weit den Gemcher,
zumte sich im Hofe selber sein Pferd und sprengte den Schloberg hinab.
    Er atmete tief auf, als er drauen in die herrliche Nacht hineinritt, seine
Seele war wie von tausend Ketten frei. Es war ihm, als ob er aus fieberhaften
Trumen oder aus einem langen, wsten, liederlichen Lustleben zurckkehre. Das
hohe Bild der Grfin, das er mit hergebracht, war in seiner Seele durch diese
sonderbare Nacht phantastisch verzerrt und zerrissen, und er verstand nun
Leontins wilde Reden an dem Wirtshause.
    Leontins Gesang war indes verschollen, er hatte nichts mehr gehrt und
schlug voller Gedanken den Weg nach der Residenz ein. Das Feenschlo hinter ihm
war lange versunken, die Bume an der Strae fingen schon an lange Schatten ber
das glnzende Feld zu werfen, Vgel wirbelten schon hin und her hoch in der
Luft, die Residenz lag mit ihren Feuersulen wie ein brennender Wald im
Morgenglanze vor ihm.

                              Vierzehntes Kapitel


Drauen ber das Land jagten zerrissene Wolken, die Melusina sang an seufzenden
Wldern, Grten und Zunen ihr unergrndlich einfrmiges Lied, die Drfer lagen
selig verschneit. In der Residenz zog der Winter prchtig ein mit
Schellengeklingel, frischen Mdchengesichtern, die vom Lande flchteten, mit
Bllen, Opern und Konzerten, wie eine lustige Hochzeit. Friedrich stand gegen
Abend einsam an seinem Fenster, Leontin und Faber lieen noch immer nichts von
sich hren, Rosa hatte ihn letzthin ausgelacht, als er voller Freuden zu ihr
lief, um ihr eine politische Neuigkeit zu erzhlen, die ihn ganz ergriffen
hatte, an der Grfin Romana hatte er seit jener Nacht keine Lust weiter, er
hatte beide seitdem nicht wiedergesehen; vor den Fenstern fiel der Schnee
langsam und bedchtig in groen Flocken, als wollte der graue Himmel die Welt
verschtten. Da sah er unten zwei Reiter in langen Mnteln die Strae ziehn. Der
eine sah sich um, Friedrich rief: Viktoria! es waren Leontin und Faber, die
soeben einzogen.
    Friedrich sprang, ohne sich zu besinnen, zur Tr hinaus und die Stiege
hinunter. Als er aber auf die Strae kam, waren sie schon verschwunden. Er
schlenderte einige Gassen in dem Schneegestber auf und ab. Da stie der
Marquis, den wir schon aus Rosas Briefe kennen, die hervorragenden Steine mit
den Zehen zierlich suchend, auf ihn. Er hing sich ihm sogleich wie ein guter
Bruder, in den Arm, und erzhlte ihm in einem Redestrome tausend Spe zum
Totlachen, wie er meinte, die sich heut und gestern in der Stadt zugetragen,
welche Damen heut vom Lande angekommen, wer verliebt sei und nicht wiedergeliebt
werde usw. Friedrich war die flache Lustigkeit des Wichts heut entsetzlich, und
er lie sich daher, da ihm dieser nur die Wahl lie, ihn entweder zu sich nach
Hause, oder in die Gesellschaft zum Minister zu begleiten, gern zu dem letztern
mit fortschleppen. Denn besser mit einem Haufen Narren, dachte er bellaunisch,
als mit einem allein.
    Er fand einen zahlreichen und glnzenden Zirkel. Die vielen Lichter, die
prchtigen Kleider, der glatte Fuboden, die zierlichen Reden, die hin und wider
flogen, alles glnzte. Er wre fast wieder umgekehrt, so ganz ohne Schein kam er
sich da auf einmal vor. Vor allen erblickte er seine Rosa. Sie hatte ein
rosasamtnes Kleid, ihre schwarzen Locken ringelten sich auf den weien Busen
hinab. Der Erbprinz unterhielt sich lebhaft mit ihr. Sie sah inzwischen mehrere
Male mit einer Art von triumphierenden Blicken seitwrts auf Friedrich; sie
wute wohl, wie schn sie war. Friedrich unterhielt sich gedankenvoll zerstreut
rechts und links. Jene Frau vom Hause, bei der er die Teegesellschaft verlebt,
war auch da und schien wieder an ihren sthetischen Krmpfen zu leiden. Sie
unterhielt sich sehr lebendig mit mehreren hbschen jungen Mnnern ber die
Kunst, und Friedrich verstand nur, wie sie zuletzt ausrief: Oh, ich mchte
Millionen glcklich machen! - Da hrte man pltzlich ein lautes Lachen aus
einem andern abgelegenen Winkel des Zimmers erschallen. Friedrich erkannte mit
Erstaunen sogleich Leontins Stimme. Die Mnner bissen sich heimlich in die
Lippen ber dieses Lachen zu rechter Zeit, obschon keiner vermutete, da es
wirklich jenem Ausruf gelten sollte, da der Lacher fern in eine ganz andere
Unterhaltung vertieft schien. Friedrich aber wute gar wohl, wie es Leontin
meinte. Er eilte sogleich auf ihn los und fand ihn zwischen zwei alten Herren
mit Percken und altfrnkischen Gesichtern, mit denen sich niemand abgeben
mochte, mit denen er sich aber kindlich besprach und gut zu vertragen schien. Er
erzhlte ihnen von seiner Gebirgsreise die wunderbarsten Geschichten vor, und
lachte herzlich mit den beiden guten Alten, wenn sie dabei ihn ber offenbaren,
gar zu tollen Lgen ertappten. Er freute sich sehr, Friedrich noch heut zu sehn,
und sagte, wie es ihm eine gar wunderlich schauerliche Lust sei, so aus der
Grabesstille der verschneiten Felder mitten in die glnzendsten Stadtzirkel
hineinzureiten, und umgekehrt.
    Sie sprachen noch manches zusammen, als der Prinz hinzutrat und Friedrich in
ein Fenster fhrte. Der Minister, sagte er zu ihm, als sie allein waren, hat
Sie mir sehr warm, ja ich kann wohl sagen, mit Leidenschaft empfohlen. Es ist
etwas Auerordentliches, denn er empfiehlt sonst keinen Menschen auf diese Art.
Friedrich uerte darber seine groe Verwunderung, da er von dem Minister
gerade das Gegenteil erwartete. Der Minister, fuhr der Prinz fort, lt sein
Urteil nicht fangen, und ich vertraue Ihnen daher. Unsere Zeit ist so gewaltig,
da die Tugend nichts gilt ohne Strke. Die wenigen Mutigen aus aller Welt
sollten sich daher treu zusammenhalten, als ein rechter Damm gegen das Bse. Es
wre nicht schn, lieber Graf, wenn Sie sich von der gemeinen Not absonderten.
Gott behte mich vor solcher Schande! erwiderte Friedrich halb betroffen,
mein Leben gehrt Gott und meinem rechtmigen Herrn. Es ist gro, sich
selber, von aller Welt losgesagt, fromm und fleiig auszubilden, sagte darauf
der Prinz begeistert, aber es ist grer, alle Freuden, alle eigenen Wnsche
und Bestrebungen wegzuwerfen fr das Recht, alles - hier strich soeben die
Grfin Romana an ihnen vorber. Der Prinz ergriff ihre Hand und sagte: So lange
von uns wegzubleiben! - Sie zog langsam ihre Hand aus der seinigen und sah nur
Friedrich gro an, als she sie ihn wieder zum ersten Male. Der Prinz lachte
unerklrlich, drckte Friedrich flchtig die Hand und wandte sich wieder in den
Saal zurck. Friedrich folgte der Grfin mit ihren herausfordernden Augen. Sie
war schwarz angezogen und fast furchtbar schn anzusehen. Von der Nacht auf dem
Schlosse erwhnte sie kein Wort.
    Leontin kam auf sie zu und erzhlte ihr, wie er erst gestern bei ihrem
Schlosse vorbeigezogen. Es war schon Nacht, sagte er, ich war so frei, mit
Faber und einer Flasche echten Rheinweins, die wir bei uns hatten, das oberste
Dach des Schlosses zu besteigen. Der Garten, die Gegend und die Galerie oben
waren tief verschneit, eine Tr im Hause mute offenstehn, denn der Wind warf
sie immerfort einfrmig auf und zu, ber der verstarrten Verwstung hielt die
Windsbraut einen lustigen Hexentanz, da uns der Schnee ins Gesicht wirbelte, es
war eine wahre Brockennacht. Ich trank dabei dem Dauernden im Wechsel ein Glas
nach dem andern zu und rezitierte mehrere Stellen aus Goethes Faust, die mir mit
den Schneewirbeln alle auf einmal eiskalt auf Kopf und Herz zuflogen. Verfluchte
Verse! rief Faber, schweig, oder ich werfe dich wahrhaftig ber die Galerie
hinunter! Ich habe ihn niemals so entrstet gesehn. Ich warf die Flasche ins Tal
hinaus, denn mich fror, da mir die Zhne klapperten. - Romana antwortete
nichts, sondern setzte sich an den Flgel und sang ein wildes Lied, das nur aus
dem tiefsten Jammer einer zerrissenen Seele kommen konnte. Ist das nicht
schn? fragte sie einige Male dazwischen, sich mit Trnen in den Augen zu
Friedrich herumwendend, und lachte abscheulich dabei. - Ah pah! rief Leontin
zornig, das ist nichts, es mu noch besser kommen! Er setzte sich hin und sang
ein altes Lied aus dem Dreiigjhrigen Kriege, dessen frchterliche Klnge wie
blutige Schwerter durch Mark und Bein gingen. Friedrich bemerkte, da Romana
zitterte. Leontin war indes wieder aufgestanden und hatte sich aus der
Gesellschaft fortgeschlichen, wie immer, wenn er gerhrt war.
    Wir aber wenden uns ebenfalls von den Blasen der Phantasie, die, wie die
Blasen auf dem Rheine, nahes Gewitter bedeuten, zu der Einsamkeit Friedrichs,
wie er nun oft nchtelang voller Gedanken unter Bchern sa und arbeitete. Wohl
ist der Weltmarkt groer Stdte eine rechte Schule des Ernstes fr bessere,
beschauliche Gemter, als der getreueste Spiegel ihrer Zeit. Da haben sie den
alten, gewaltigen Strom in ihre Maschinen und Rder aufgefangen, da er nur
immer schneller und schneller fliee, bis er gar abfliet, da breitet denn das
arme Fabrikenleben in dem ausgetrockneten Bette seine hochmtigen Teppiche aus,
deren inwendige Kehrseite ekle, kahle, farblose Fden sind, verschmt hngen
dazwischen wenige Bilder in uralter Schnheit verstaubt, die niemand betrachtet,
das Gemeinste und das Grte, heftig aneinandergeworfen, wird hier zu Wort und
Schlag, die Schwche wird dreist durch den Haufen, das Hohe ficht allein.
Friedrich sah zum ersten Male so recht in den groen Spiegel, da schnitt ihm ein
unbeschreiblicher Jammer durch die Brust, und die Schnheit und Hoheit und das
heilige Recht, da sie so allein waren, und wie er sich selber in dem Spiegel so
winzig und verloren in dem Ganzen erblickte, schien es ihm herrlich, sich selber
vergessend, dem Ganzen treulich zu helfen mit Geist, Mund und Arm. Er erstaunte,
wie er noch so gar nichts getan, wie es ihn noch niemals lebendig erbarmet um
die Welt. So schien das groe Schauspiel des Lebens, manche besondere uere
Anregung, vor allem aber der furchtbare Gang der Zeit, der wohl keines der
bessern Gemter unberhrt lie, auf einmal alle die hellen Quellen in seinem
Innern, die sonst zum Zeitvertreibe wie lustige Springbrunnen spielten, in einen
groen Strom vereinigt zu haben. Ihn ekelten die falschen Dichter an mit ihren
tauben Herzen, die, uneingedenk der himmelschreienden Mahnung der Zeit, ihre
Nationalkraft in migem Spiele verliederten. Die unbestimmte Knabensehnsucht,
jener wunderbare Spielmann vom Venusberge, verwandelte sich in eine heilige
Liebe und Begeisterung fr den bestimmten und festen Zweck. Gar vieles, was ihn
sonst bengstigte, wurde zuschanden, er wurde reifer, klar, selbststndig und
ruhig ber das Urteil der Welt. Es gengte ihm nicht mehr, sich an sich allein
zu ergtzen, er wollte lebendig eindringen. Desto tiefer und schmerzlicher mute
er sich berzeugen, wie schwer es sei, ntzlich zu sein. Mit grenzenloser
Aufopferung warf er sich daher auf das Studium der Staaten, ein neuer Weltteil
fr ihn, oder vielmehr die ganze Welt und was der ewige Geist des Menschen
strebte, dachte und wollte, in wenigen groen Umrissen, vor dessen unermener
Aussicht sein Innerstes aufjauchzte.
    Ihm trumte einmal, als er in der Nacht einst so ber seinen alten Bchern
eingeschlummert, als weckte ihn ein glnzendes Kind aus langen lieblichen
Trumen. Er konnte kaum die Augen auftun vor Licht, von so wunderbarer Hoheit
und Schnheit war des Kindes Angesicht. Es wies mit seinem kleinen Rosenfinger
von dem hohen Berge in die Gegend hinaus, da sah er ringsum eine unbegrenzte
Runde, Meer, Strme und Lnder, ungeheure, umgeworfene Stdte mit zerbrochenen
Riesensulen, das alte Schlo seiner Kinderjahre seltsam verfallen, einige
Schiffe zogen hinten nach dem Meere, auf dem einen stand sein verstorbener
Vater, wie er ihn oft auf Bildern gesehen, und sah ungewhnlich ernsthaft -
alles doch wie in Dmmerung aufarbeitend, zweifelhaft und unkenntlich, wie ein
verwischtes, groes Bild, denn ein dunkler Sturm ging ber die ganze Aussicht,
als wre die Welt verbrannt, und der ungeheure Rauch davon lege sich nun ber
die Verwstung. Dort, wo des Vaters Schiff hinzog, brach darauf pltzlich ein
Abendrot durch den Qualm hervor, die Sonne senkte sich fern nach dem Meere
hinab. Als er ihr so nachsah, sah er dasselbe wunderschne Kind, das vorhin
neben ihm gewesen, recht mitten in der Sonne zwischen den spielenden
Farbenlichtern traurig an ein groes Kreuz gelehnt, stehen. Eine
unbeschreibliche Sehnsucht befiel ihn da, und Angst zugleich, da die Sonne fr
immer in das Meer versinken werde. Da war ihm, als sagte das wunderschne Kind,
doch ohne den Mund zu bewegen oder aus seiner traurigen Stellung aufzublicken:
Liebst du mich recht, so gehe mit mir unter, als Sonne wirst du dann wieder
aufgehen, und die Welt ist frei! - Vor Lust und Schwindel wachte er auf.
Drauen funkelte der heitere Wintermorgen schon ber die Dcher, das Licht war
herabgebrannt, Erwin sa bereits angekleidet ihm gegenber und sah ihn mit den
groen, schnen Augen still und ernsthaft an.
    Zu solcher Lebensweise kam ein schner Kreis neuer, rstiger Freunde, die
auf Reisen, an gleicher Gesinnung sich erkennend, aus verschiedenen deutschen
Zonen sich nach und nach hier zusammengefunden hatten. Der Erbprinz, der mit
einer fast grenzenlosen Leidenschaft an Friedrich hing, wute den Bund durch
seine hinreiende Glut und Beredsamkeit immer frisch zu strken, so auch,
obgleich auf ganz verschiedene Weise, der ltere, besonnene Minister, der nach
einer herumschweifenden und wst durchlebten Jugend, spter, seiner greren
Entwrfe und seiner Kraft und Berufes vor allen andern, sie auszufhren sich
klar bewut, auf einmal mehrere brave aber schwchere Mnner gewaltsam
unterdrckt, ja, selbst seinen eigensten Wunsch, eine Liebe aus frherer Zeit,
aufgegeben und dafr eine freudenlose Ehe mit einem der vornehmsten Mdchen
gewhlt hatte, einzig um das Steuer des Staats in seine festere und sichere Hand
zu erhalten. - Eine gleiche Gesinnung schien alle Glieder dieses Kreises zu
verbrdern. Sie arbeiteten fleiig, hoffend und glaubend, dem alten Recht in der
engen Zeit Luft zu machen, auf Tod und Leben bereit.
    Ganz anders, abgesondert und ohne alle Berhrung mit diesem Kreise lebte
Leontin in einem abgelegenen Quartiere der Residenz mit der Aussicht auf die
beschneiten Berge ber die weiten Vorstdte weg, wo er, mit Faber
zusammenwohnend, einen wunderlichen Haushalt fhrte. Alle die Begeisterungen,
Freuden und Schmerzen, die sich Friedrich, dessen Bildung langsam aber sicherer
fortschritt, erst jetzt neu aufdeckten, hatte er lngst im Innersten empfunden.
Ihn jammerte seine Zeit vielleicht wie keinen, aber er hate es, davon zu
sprechen. Mit der grten Geisteskraft hatte er schon oft redlich alles
versucht, wo es etwas ntzen konnte, aber immer berwiesen, wie die Menge reich
an Wnschen, aber innerlich dumpf und gleichgltig sei, wo es gilt, und wie
seine Gedanken jederzeit weiter reichten als die Krfte der Zeit, warf er sich
in einer Art von Verzweiflung immer wieder auf die Poesie zurck und dichtete
oft nchtelang ein wunderbares Leben, meist Tragdien, die er am Morgen wieder
verbrannte. Seine alles verspottende Lustigkeit war im Grunde nichts, als diese
Verzweiflung, wie sie sich an den bunten Bildern der Erde in tausend Farben
brach und bespiegelte.
    Friedrich besuchte ihn tglich, sie blieben einander wechselseitig noch
immer durchaus unentbehrliche Freunde, wenngleich Leontin auf keine Weise zu
bereden war, an den Bestrebungen jenes Kreises Anteil zu nehmen. Er nannte
unverhohlen das Ganze eine leidliche Komdie und den Minister den unleidlichen
Theaterprinzipal, der gewi noch am Ende des Stcks herausgerufen werden wrde,
wenn nur darin das Wort: deutsch recht fleiig vorkme, denn das mache in der
undeutschen Zeit den besten Effekt. Besonders aber war er ein rechter Feind des
Erbprinzen. Er sagte oft, er wnschte ihn mit einem groen Schwerte seiner
Ahnherrn aus Barmherzigkeit recht in der Mitte entzweihauen zu knnen, damit die
eine ordinre Hlfte vor der andern nrrischen, begeisterten einmal Ruhe htte.
- Dergleichen Reden verstand Friedrich zwar damals nicht recht, denn seine beste
Natur strubte sich gegen ihr Verstndnis, aber sie machten ihn stutzig. Faber
dagegen, welcher, der Dichtkunst treu ergeben, immer fleiig fortarbeitete,
empfing ihn alle Tage gelassen mit derselben Frage: ob er noch immer
weltbrgerlich sei? - Gott sei Dank, antwortete Friedrich rgerlich, ich
verkaufte mein Leben an den ersten besten Buchhndler, wenn es eng genug wre,
sich in einigen hundert Versen ausfingern zu lassen. Sehr gut, erwiderte
Faber mit jener Ruhe, welche das Bewutsein eines redlichen ernsthaften Strebens
gibt, wir alle sollen nach allgemeiner Ausbildung und Ttigkeit, nach dem
Verein aller Dinge mit Gott streben; aber wer von seinem einzelnen, wenn es
berhaupt ein solches gibt, es sei Staats-, Dicht- oder Kriegskunst, recht
wahrhaft und innig, d.h. christlich durchdrungen ward, der ist ja eben dadurch
allgemein. Denn nimm du einen einzelnen Ring aus der Kette, so ist es die Kette
nicht mehr, folglich ist eben der Ring auch die Kette. Friedrich sagte: Um
aber ein Ring in der Kette zu sein, mut du ebenfalls tchtig von Eisen und aus
einem Gusse mit dem Ganzen sein, und das meinte ich. Leontin verwickelte sie
hier durch ein vielfaches Wortspiel dergestalt in ihre Kette, da sie beide
nicht weiterkonnten.
    Diese strebende, webende Lebensart schien Friedrich einigermaen von Rosa zu
entfernen, denn jede groe innerliche Ttigkeit macht uerlich still. Es schien
aber auch nur so, denn eigentlich hatte seine Liebe zu Rosa, ohne da er selbst
es wute, einen groen Anteil an seinem Ringen nach dem Hchsten. So wie die
Erde in tausend Stmmen, Strmen und Blten treibt und singt, wenn sie der alles
belebenden Sonne zugewendet, so ist auch das menschliche Gemt zu allem Groen
freudig in der Sonnenseite der Liebe. Rosa nahm Friedrichs nur seltene Besuche
nicht in diesem Sinne, denn wenige Weiber begreifen der Mnner Liebe in ihrem
Umfange, sondern messen ungeschickt das Unermeliche nach Kssen und eitlen
Versicherungen. Es ist, als wren ihre Augen zu blde, frei in die gttliche
Flamme zu schauen, sie spielen nur mit ihrem spielenden Widerscheine. Friedrich
fand sie berhaupt seit einiger Zeit etwas verndert. Sie war oft einsilbig, oft
wieder bis zur Leichtfertigkeit munter, beides schien Manier. Sie mischte oft in
ihre besten Unterhaltungen so Fremdartiges, als htte ihr innerstes Leben sein
altes Gleichgewicht verloren. ber seine seltenen Besuche machte sie ihm nie den
kleinsten Vorwurf. Er war weit entfernt, den wahren Grund von allem diesem auch
nur zu ahnen. Denn die rechte Liebe ist einfltig und sorglos.
    Eines Tages kam er gegen Abend zu ihr. Das Zimmer war schon dunkel, sie war
allein. Sie schien ganz atemlos vor Verlegenheit, als er so pltzlich in das
Zimmer trat, und sah sich ngstlich einige Male nach der andern Tr um.
Friedrich bemerkte ihre Unruhe nicht, oder mochte sie nicht bemerken. Er hatte
heut den ganzen Tag gearbeitet, geschrieben und gesonnen. Auf seiner unbekmmert
unordentlichen Kleidung, auf dem verwachten, etwas bleichen Gesichte und den
sinnigen Augen ruhte noch der Nachsommer der Begeisterung. Er bat sie, kein
Licht anzuznden, setzte sich nach seiner Gewohnheit mit der Gitarre ans Fenster
und sang frhlich ein altes Lied, das er Rosa oft im Garten bei ihrem Schlosse
gesungen. Rosa sa dicht vor ihm, voll Gedanken, es war, je lnger er sang, als
mte sie ihm etwas vertrauen und knne sich nicht dazu entschlieen. Sie sah
ihn immerfort an. Nein, es ist mir nicht mglich! rief sie endlich und sprang
auf. Er legte die Laute weg; sie war schnell durch die andere Tr verschwunden.
Er stand noch einige Zeit nachdenkend, da aber niemand kam, ging er verwundert
fort.
    Es war ihm von jeher eine eigene Freude, wenn er so abends durch die Gassen
strich, in die untern erleuchteten Fenster hineinzublicken, wie da alles,
whrend es drauen stob und strmte, gemtlich um den warmen Ofen sa, oder an
reinlich gedeckten Tischen schmauste, des Tages Arbeit und Mhen vergessend, wie
eine bunte Galerie von Weihnachtsbildern. Er schlug heute einen andern,
ungewohnten Weg ein, durch kleine, unbesuchte Gchen, da glaubte er auf einmal
in dem einen Fenster den Prinzen zu sehen. Er blieb erstaunt stehen. Er war es
wirklich. Er sa in einem schlechten berrocke, den er noch niemals bei ihm
gesehen, im Hintergrunde auf einem hlzernen Stuhle. Vor ihm sa ein junges
Mdchen in brgerlicher Kleidung auf einem Schemel, beide Arme auf seine Kniee
gesttzt, und sah zu ihm hinauf, whrend er etwas zu erzhlen schien und ihr die
Haare von beiden Seiten aus der heitern Stirn strich. Ein flackerndes Herdfeuer,
an welchem eine alte Frau etwas zubereitete, warf seine gemtlichen Scheine ber
die Stube. Teller und Schsseln waren in ihren Gelndern ringsum an den Wnden
blank und in zierlicher Ordnung aufgestellt, ein Ktzchen sa auf einem
Grovaterstuhle am Ofen und putzte sich, im Hintergrunde hing ein
Muttergottesbild, vom Kamine hell beleuchtet. Es schien ein stilles,
ordentliches Haus. Das Mdchen sprang frhlich von ihrem Sitze auf, kam ans
Fenster und sah einen Augenblick durch die Scheiben. Friedrich erstaunte ber
ihre Schnheit. Sie schttelte sich darauf munter und ungemein lieblich, als
frre sie bei dem flchtigen Blick in die strmische Nacht drauen, stieg auf
einen Stuhl und schlo die Fensterladen zu.
    Am folgenden Morgen, als Friedrich mit dem Prinzen zusammenkam, sagte er ihm
sogleich, was er gestern gesehen. Der Prinz schien betroffen, besann sich darauf
einen Augenblick und bat Friedrich, die ganze Begebenheit zu verschweigen. Er
besuche, sagte er, das Mdchen schon seit langer Zeit und gebe sich fr einen
armen Studenten aus. Die Mutter und die Tochter, die wenig auskmen, hielten ihn
wirklich dafr. Friedrich sagte ihm offen und ernsthaft, wie dies ein
gefhrliches Spiel sei, wobei das Mdchen verspielen msse, er solle lieber
alles aufgeben, ehe es zu weit kme, und vor allen Dingen gromtig das Mdchen
schonen, das ihm noch unschuldig schiene. Der Prinz war gerhrt, drckte
Friedrich die Hand und schwur, da er das Mdchen zu sehr liebe, um sie
unglcklich zu machen. Er nannte sie nur sein hohes Mdchen.
    Spter, an einem von jenen wunderbaren Tagen, wo die Bche wieder ihre
klaren Augen aufschlagen und einzelne Lerchen schon hoch in dem blauen Himmel
singen, hatte Friedrich alle seine Fenster offen, die auf einen einsamen
Spaziergang hinausgingen, den zu dieser Jahreszeit fast niemand besuchte. Es war
ein Sonntag, unzhlige Glocken schallten durch die stille, heitere Luft. Da sah
er den Prinzen wieder verkleidet in der Ferne vorbergehen, neben ihm sein
Brgermdchen, im sonntglichen Putze zierlich aufgeschmckt. Sie schien sehr
zufrieden und glcklich und drckte sich oft frhlich an seinen Arm. Friedrich
nahm die Gitarre, setzte sich auf das Fenster und sang:

Wann der kalte Schnee zergangen,
Stehst du drauen in der Tr,
Kommt ein Knabe schn gegangen,
Stellt sich freundlich da zu dir,
Lobet deine frischen Wangen,
Dunkle Locken, Augen licht,
Wann der kalte Schnee zergangen,
Glaub dem falschen Herzen nicht!

Wann die lauen Winde wehen,
Scheint die Sonne lieblich warm:
Wirst du wohl spazierengehen,
Und er fhret dich am Arm,
Trnen dir im Auge stehen,
Denn so schn klingt, was er spricht;
Wann die lauen Winde wehen,
Glaub dem falschen Herzen nicht!

Wenn die Lerchen wieder schwirren,
Trittst du drauen vor das Haus,
Doch er mag nicht mit dir irren,
Zog weit in das Land hinaus;
Die Gedanken sich verwirren,
Wie du siehst den Morgen rot;
Wann die Lerchen wieder schwirren,
Armes Kind, ach, wrst du tot!

Das Lied rhrte Friedrich selbst mit einer unbeschreiblichen Gewalt. Die
Glcklichen hatten ihn nicht bemerkt, er hrte das Mdchen noch munter lachen,
als sie schon beide wieder verschwunden waren.
    Der Winter neckte bald darauf noch einmal durch seine spten Zge. Es war
ein unfreundlicher Abend, der Wind jagte den Schnee durch die Gassen, da ging
Friedrich, in seinen Mantel fest eingewickelt, zu Rosa. Sie hatte ihm, da sie
berhaupt jetzt mehr als sonst sich in Gesellschaften einlie, feierlich
versprochen, ihn heut zu Hause zu erwarten. Er hatte eine Sammlung alter Bilder
unter dem Mantel, die er erst unlngst aufgekauft, und an denen sie sich heut
ergtzen wollten. Er freute sich unbeschreiblich darauf, ihr die Bedeutung und
die alten Geschichten dazu zu erzhlen. Wie gro war aber sein Erstaunen, als er
alles im Hause still fand. Er konnte es noch nicht glauben, er stieg hinauf. Ihr
Wohnzimmer war auch leer und kein Mensch zur Auskunft da. Der Spiegel auf der
Toilette stand noch aufgestellt, knstliche Blumen, goldene Kmme und Kleider
lagen auf den Sthlen umher; sie mute das Zimmer unlngst verlassen haben. Er
setzte sich an den Tisch und schlug einsam seine Bilder auf. Die treue
Farbenpracht, die noch so frisch aus den alten Bildern schaute, als wren sie
heute gemalt, rhrte ihn; wie da die Genoveva arm und blo im Walde stand, das
Reh vor ihr niederstrzt und hinterdrein der Landgraf mit Rossen, Jgern und
Hrnern, wie da so bunte Blumen stehen, unzhlige Vgel in den Zweigen mit den
glnzenden Flgeln schlagen, wie die Genoveva so schn ist und die Sonne
prchtig scheint, alles grn und golden musizierend, und Himmel und Erde voller
Freude und Entzckung. - Mein Gott, mein Gott, sagte Friedrich, warum ist
alles auf der Welt so anders geworden! - Er fand ein Blatt auf dem Tische,
worauf Rosa die Zeichnung einer Rose angefangen. Er schrieb, ohne selbst recht
zu wissen, was er tat: Lebe wohl auf das Blatt. Darauf ging er fort.
    Drauen auf der Strae fiel ihm ein, da heute Ball beim Minister sei. Nun
bersah er den ganzen Zusammenhang und ging sogleich hin, um sich nher zu
berzeugen. Dicht und unkenntlich in seinen Mantel gehllt, stellte er sich in
die Tr unter die zusehenden Bedienten. Er mute lachen, wie der Marquis soeben
im festlichen Staate einzog und mit einer vornehmen Geckenhaftigkeit ihn mit den
andern Leuten auf die Seite schob. Er bemerkte wohl, wie die Bedienten heimlich
lachten. Gott steh dem Adel bei, dachte er dabei, wenn dies noch seine einzige
Unterscheidung und Halt sein soll in der gewaltsam drngenden Zeit, wo
untergehen mu, was sich nicht ernstlich rafft!
    Die Tanzmusik schallte lustig ber den Saal, wie ein wogendes Meer, wo
unzhlige Sterne glnzend auf- und untergingen. Da sah er Rosa mit dem Prinzen
walzen. Alle sahen hin und machten willig Platz, so schn war das Paar. Sie
langte im Fluge ohnweit der Tr an und warf sich atemlos in ein Sofa. Ihre
Wangen glhten, ihr Busen, dessen Weie die schwarz herabgeringelten Locken noch
blendender machten, hob sich heftig auf und nieder; sie war beraus reizend. Er
konnte sehen, wie sie dem Prinzen, der lange mit Bitten in sie zu dringen
schien, tndelnd etwas reichte, das er schnell zu sich steckte. Der Prinz sagte
ihr darauf etwas ins Ohr, worauf sie so leichtfertig lachte, da es Friedrich
durch die Seele schnitt.
    Hchst sonderbar, erst hier in diesem Taumel, in dieser Umgebung glaubte
Friedrich auf einmal in des Prinzen Reden dieselbe Stimme wiederzuerkennen, die
er auf dem Maskenballe, da er Rosa zum ersten Male wiedergesehen, bei ihrem
Begleiter, und dann in dem dunklen Gchen, als er von der kleinen Marie
herauskam, bei dem einen von den zwei verhllten Mnnern gehrt hatte. - Er
erschrak innerlichst ber diese Entdeckung. Er dachte an das arme Brgermdchen,
an Leontins Ha gegen den Prinzen, an die verlorne Marie, an alle die schnen
auf immer vergangenen Zeiten, und strzte sich wieder hinunter in das lustige
Schneegestber.
    Als er nach Hause kam, fand er Erwin auf dem Sofa eingeschlummert.
Schreibzeug lag umher, er schien geschrieben zu haben. Er lag auf dem Rcken, in
der rechten Hand, die auf dem Herzen ruhte, hielt er ein zusammengelegtes Papier
lose zwischen den Fingern. Friedrich hielt es fr einen Brief, da es immer
Erwins liebstes Geschft war, ihn mit den neuangekommenen Briefen bei seiner
Nachhausekunft selbst zu berraschen. Er zog es dem Knaben leise aus der Hand
und machte es, ohne es nher zu betrachten, schnell auf.
    Er las: Die Wolken ziehn immerfort, die Nacht ist so finster. Wo fhrst du
mich hin, wunderbarer Schiffer? Die Wolken und das Meer haben kein Ende, die
Welt ist so gro und still, es ist entsetzlich, allein zu sein. - Weiter unten
stand: Liebe Julie, denkst du noch daran, wie wir im Garten unter den hohen
Blumen saen und spielten und sangen, die Sonne schien warm, du warst so gut.
Seitdem hat niemand mehr Mitleid mit mir. - Wieder weiter: Ich kann nicht
lnger schweigen, der Neid drckt mir das Herz ab. - Friedrich bemerkte erst
jetzt, da das Papier nur wie ein Brief zusammengelegt und ohne alle Aufschrift
war. Voll Erstaunen legte er es wieder neben Erwin hin und sah den lieblich
atmenden Knaben nachdenklich an.
    Da wachte Erwin auf, verwunderte sich, Friedrich und den Brief neben sich zu
sehen, steckte das Papier hastig zu sich und sprang auf. Friedrich fate seine
beiden Hnde und zog ihn vor sich hin. Was fehlt dir? fragte er ihn
unwiderstehlich gutmtig. Erwin sah ihn mit den groen, schnen Augen lange an,
ohne zu antworten, dann sagte er auf einmal schnell, und eine lebhafte
Frhlichkeit flog dabei ber sein seelenvolles Gesicht: Reisen wir aus der
Stadt und weit fort von den Menschen, ich fhr dich in den groen Wald. - Von
einem groen Walde darauf und einem khlen Strome und einem Turme darber, wo
ein Verstorbener wohne, sprach er wunderbar wie aus dunklen, verworrenen
Erinnerungen, oft alte Aussichten aus Friedrichs eigener Kindheit pltzlich
aufdeckend. Friedrich kte den begeisterten Knaben auf die Stirn. Da fiel er
ihm um den Hals und kte ihn heftig, mit beiden Armen ihn fest umklammernd.
Voll Erstaunen machte sich Friedrich nur mit Mhe aus seinen Armen los, es war
etwas ungewhnlich Verndertes in seinem Gesichte, eine seltsame Lust in seinen
Kssen, seine Lippen brannten, das Herz schlug fast hrbar, er hatte ihn noch
niemals so gesehen.
    Der Bediente trat eben ein, um Friedrich auszukleiden. Erwin war
verschwunden. Friedrich hrte, wie er darauf in seiner Stube sang:

Es wei und rt es doch keiner,
Wie mir so wohl ist, so wohl!
Ach, wt es nur einer, nur einer,
Kein Mensch sonst es wissen sollt!

So still ist's nicht drauen im Schnee,
So stumm und verschwiegen sind
Die Sterne nicht in der Hhe,
Als meine Gedanken sind.

Ich wnscht, es wre schon Morgen,
Da fliegen zwei Lerchen auf,
Die berfliegen einander,
Mein Herze folgt ihrem Lauf:

Ich wnscht, ich wre ein Vglein
Und zge ber das Meer,
Wohl ber das Meer und weiter,
Bis da ich im Himmel wr!


                              Funfzehntes Kapitel

Schwl und erwartungsvoll schauen wir in den dunkelblauen Himmel, schwere
Gewitter steigen ringsum herauf, die ber manche liebe Gegend und Freunde
ergehen sollen, der Strom schiet dunkelglatt und schneller vorbei, als wollte
er seinem Geschick entfliehen, die ganze Gegend verwandelt pltzlich seltsam
ihre Miene. Keine Glockenklnge wehen mehr fromm ber die Felder, die Wolken zu
zerteilen, der Glaube ist tot, die Welt liegt stumm, und viel Teures wird
untergehen, eh die Brust wieder frei aufatmet.
    Friedrich fhlte diesen gewitternden Druck der Luft und waffnete sich nur
desto frmmer mit jenem Ernst und Mute, den ein groer Zweck der Seele gibt. Er
warf sich mit doppeltem Eifer wieder auf seine Studien, sein ganzes Sinnen und
Trachten war endlich auf sein Vaterland gerichtet. Dies mochte ihn abhalten,
Erwin damals genauer zu beobachten, der seit jenem Abend stiller als je geworden
und sich an einem wunderbaren Triebe nach freier Luft und Freiheit langsam zu
verzehren schien. Rosa mochte er seitdem nicht wieder besuchen. Romana hatte
sich seit einiger Zeit seltsam von allen greren Gesellschaften entfernt. - Wir
aber strzen uns lieber in die Wirbel der Geschichte, denn es wird der Seele
wohler und weiter im Sturm und Blitzen, als in dieser feindlich lauernden
Stille.
    Es war ein Feiertag im Mrz, da ritt Friedrich mit dem Prinzen auf einem der
besuchtesten Spaziergnge. Nach allen Richtungen hin zogen unzhlige bunte
Schwrme zu den dunklen Toren aus und zerstreuten sich lustig in die neue,
warme, schallende Welt. Schaukeln und Ringelspiele drehten sich auf den offenen
Rasenpltzen, Musiken klangen von allen Seiten ineinander, eine unbersehbare
Reihe prchtiger Wagen bewegte sich schimmernd die Allee hinunter. Romana teilte
die Menge rasch zu Pferde wie eine Amazone. Friedrich hatte sie nie so schn und
wild gesehen. Rosa war nirgends zu sehen. Als sie an das Ende der Allee kamen,
hrten sie pltzlich einen Schrei. Sie sahen sich um und erblickten mehrere
Menschen, die bemht schienen, jemand Hlfe zu leisten. Der Prinz ritt sogleich
hinzu; alles machte ehrerbietig Platz und er erblickte sein Brgermdchen, die
ohnmchtig in den Armen ihrer Mutter lag. Wie versteinert schaute er in das
totenbleiche Gesicht des Mdchens. Er bat Friedrich, fr sie Sorge zu tragen,
wandte sein Pferd und sprengte davon. Er hatte sie zum letzten Male gesehen.
    Die Mutter, welche sich selbst von Staunen und Schreck nicht erholen konnte,
erzhlte Friedrich, nachdem er alle unntigen Gaffer zu entfernen gewut, wie
sie heut mit ihrer Tochter hierher spazierengegangen, um einmal den Hof zu
sehen, der, wie sie gehrt, an diesem Tage gewhnlich hier zu erscheinen pflege.
Ihr Kind sei besonders frhlich gewesen und habe noch oft gesagt: Wenn er doch
mit uns wre, so knnte er uns alle die Herrschaften nennen! Auf einmal hrten
sie hinter sich: Der Prinz! der Prinz! Alles blieb stehen und zog den Hut.
Sowie ihre Tochter den Prinzen nur erblickte, sei sie sogleich umgefallen. -
Friedrich rhrte die stille Schnheit des Mdchens mit ihren geschlossenen Augen
tief. Er lie sie sicher nach Hause bringen; er selbst wollte sie nicht
begleiten, um alles Aufsehn zu vermeiden.
    Noch denselben Abend spt sprach er mit dem Prinzen ber diese Begebenheit.
Dieser war sehr bewegt. Er hatte das Mdchen des Abends besucht. Sie aber wollte
ihn durchaus nicht wiedersehen und hatte ebenso hartnckig ein frstliches
Geschenk, das er ihr anbot, ausgeschlagen. brigens schiene sie, wie er hrte,
ganz gesund.
    Erwin fing um diese Zeit an zu krnkeln, es war, als erdrckte ihn die
Stadtluft. Seine seltsame Gewohnheit, die Nchte im Freien zuzubringen, hatte er
hier ablegen mssen. Es schien seit frhester Kindheit eine wunderbare
Freundschaft zwischen ihm und der Natur mit ihren Wldern, Strmen und Felsen.
Jetzt, da dieser Bund durch das beengte Leben zerstrt war, schien er, wie ein
erwachter Nachtwandler, auf einmal allein in der Welt.
    So versank er mitten in der Stadt immer tiefer in Einsamkeit. Nur um Rosa
bekmmerte er sich viel und mit einer auffallenden Leidenschaftlichkeit.
brigens erlernte er noch immer nichts, obschon es nicht am guten Willen fehlte.
Ebenso las er auch sehr wenig und ungern, desto mehr, ja fast unaufhrlich,
schrieb er, seit er es beim Grafen gelernt, sooft er allein gewesen. Friedrich
fand manchmal dergleichen Zettel. Es waren einzelne Gedanken, so seltsam weit
abschweifend von der Sinnes- und Ausdrucksart unsrer Zeit, da sie oft
unverstndlich wurden, abgebrochene Bemerkungen ber seine Umgebungen und das
Leben, wie fahrende Blitze auf durchaus nchtlichem, melancholischem Grunde,
wunderschne Bilder aus der Erinnerung an eine frher verlebte Zeit und Anreden
an Personen, die Friedrich gar nicht kannte, dazwischen Gebete wie aus der
tiefsten Seelenverwirrung eines gengstigten Verbrechers, immerwhrende
Beziehung auf eine unselige verdeckte Leidenschaft, die sich selber nie deutlich
schien, kein einziger Vers, keine Ruhe, keine Klarheit berall.
    Friedrich versuchte unermdlich seine frhere Lebensgeschichte auszuspren,
um nach so erkannter Wurzel des bels vielleicht das aufrhrerische Gemt des
Knaben sicherer zu beruhigen und ins Gleichgewicht zu bringen. Aber vergebens.
Wir wissen, mit welcher Furcht er das Geheimnis seiner Kindheit htete. Ich mu
sterben, wenn es jemand erfhrt, war dann jedesmal seine Antwort. Eine ebenso
unbegreifliche Angst hatte er auch vor allen rzten.
    Sein Zustand wurde indes immer bedenklicher. Friedrich hatte daher alles
einem verstndigen Arzte von seiner Bekanntschaft anvertraut und bat denselben,
ihn, ohne Seine Absicht merken zu lassen, des Abends zu besuchen, wann Erwin bei
ihm wre.
    Als Friedrich des Abends an Erwins Tr kam, hrte er ihn drin nach einer
rhrenden Melodie ohne alle Begleitung eines Instruments folgende Worte singen:

Ich kann wohl manchmal singen,
Als ob ich frhlich sei,
Doch heimlich Trnen dringen,
Da wird das Herz mir frei.

So lassen Nachtigallen,
Spielt drauen Frhlingsluft,
Der Sehnsucht Lied erschallen
Aus ihres Kfigts Gruft.

Da lauschen alle Herzen,
Und alles ist erfreut,
Doch keiner fhlt die Schmerzen,
Im Lied das tiefe Leid.

Friedrich trat whrend der letzten Strophe unbemerkt in die Stube. Der Knabe
ruhte auf dem Bette, und sang so liegend mit geschlossenen Augen.
    Er richtete sich schnell auf, als er Friedrich erblickte. Ich bin nicht
krank, sagte er, gewi nicht! - damit sprang er auf. Er war sehr bla. Er
zwang sich, munter zu scheinen, lachte und sprach mehr und lustiger, als
gewhnlich. Dann klagte er ber Kopfweh. - Friedrich strich ihm die nubraunen
Locken aus den Augen. Tu nicht schn mit mir, ich bitte dich! - sagte der
Knabe da, sonderbar und wie mit verhaltenen Trnen.
    Der Arzt trat eben in das Zimmer. Erwin sprang auf. Er erriet ahnend
sogleich, was der fremde Mann wolle, und machte Miene zu entspringen. Er wollte
sich durchaus nicht von ihm berhren lassen und zitterte am ganzen Leibe. Der
Arzt schttelte den Kopf. Hier wird meine Kunst nicht ausreichen, sagte er zu
Friedrich, und verlie das Zimmer bald wieder, um den Knaben in diesem
Augenblicke zu schonen. Da sank Erwin ermattet zu Friedrichs Fen. Friedrich
hob ihn freundlich auf seine Knie und kte ihn. Er aber kte und umarmte ihn
nicht wieder, wie damals, sondern sa still und sah, in Gedanken verloren, vor
sich hin.
    Schon spannen wrmere Sommernchte drauen ihre Zaubereien ber Berge und
Tler, da war es Friedrich einmal mitten in der Nacht, als riefe ihn ein Freund,
auf den er sich nicht besinnen knnte, wie aus weiter Ferne. Er wachte auf, da
stand eine lange Gestalt mitten in dem finstern Zimmer. Er erkannte Leontin an
der Stimme. Frisch auf, Herzensbruder! sagte dieser, die eine Halbkugel rhrt
sich hellbeleuchtet, die andere trumt; mir war nicht wohl, ich will den Rhein
einmal wiedersehen, komm mit! Er hatte die Fenster aufgemacht, einzelne graue
Streifen langten schon ber den Himmel, unten auf der Gasse blies der Postillion
lustig auf dem Horne.
    Da galt kein Staunen und kein Zgern, Friedrich mute mit ihm hinunter in
den Wagen. Auch Erwin war mit unbegreiflicher Schnelligkeit reisefertig.
Friedrich erstaunte, ihn auf einmal ganz munter und gesund zu sehen. Mit
funkelnden Augen sprang er mit in den Wagen, und so rasselten sie durch das
stille Tor ins Freie hinaus.
    Sie fuhren schnell durch unbersehbare stille Felder, durch einen
dunkeldichten Wald, spter zwischen engen, hohen Bergen, an deren Fu manch
Stdtlein zu liegen schien, ein Flu, den sie nicht sahen, rauschte immerfort
seitwrts unter der Strae, alles feenhaft verworren. Leontin erzhlte ein
Mrchen mit den wechselnden Wundern der Nacht, wie sie sich die Seele ausmalte,
in Worten khl spielend. Friedrich schaute still in die Nacht, Erwin ihm
gegenber hatte die Augen weit offen, die unausgesetzt, solange es dunkel war,
auf ihn geheftet schienen, der Postillion blies oft dazwischen. Der Tag fing
indes an von der einen Seite zu hellen, sie erkannten nach und nach ihre
Gesichter wieder, einzelne zu frh erwachte Lerchen schwirrten schon, wie halb
im Schlafe, hoch in den Lften ihr endloses Lied, es wurde herrlich khl.
    Bald darauf langten sie an dem Gebirgsstdtchen an, wohin sie wollten. Das
Tor war noch geschlossen. Der Torwchter trat schlaftrunken heraus, wnschte
ihnen einen guten Morgen und pries die Reisenden glckselig und beneidenswert in
dieser Jahreszeit. In dem Stdtchen war noch alles leer und still. Nur einzelne
Nachtigallen vor den Fenstern und unzhlige von den Bergen ber dem Stdtchen
schlugen um die Wette. Mehrere alte Brunnen mit zierlichem Gitterwerk rauschten
einfrmig auf den Gassen. In dem Wirtshause, wo sie abstiegen, war auch noch
niemand auf. Der Postillion blies daher, um sie zu wecken, mehrere Stcke, da
es ber die stillen Straen weg in die Berge hineinschallte. Erwin sa indes auf
einem Springbrunnen auf dem Platze und wusch sich die Augen klar.
    Friedrich und Leontin lieen Erwin bei dem Wagen zurck und gingen von der
andern Seite ins Gebirge. Als sie aus dem Walde auf einen hervorragenden Felsen
heraustraten, sahen sie auf einmal aus wunderreicher Ferne, von alten Burgen und
ewigen Wldern kommend, den Strom vergangener Zeiten und unvergnglicher
Begeisterung, den kniglichen Rhein. Leontin sah lange still in Gedanken in die
grne Khle hinunter, dann fing er sich schnell an auszukleiden. Einige Fischer
fuhren auf dem Rheine vorber und sangen ihr Morgenlied, die Sonne ging eben
prchtig auf, da sprang er mit ausgebreiteten Armen in die khlen Fluten hinab.
Friedrich folgte seinem Beispiele, und beide rstige Schwimmer rangen sich lange
jubelnd mit den vom Morgenglanze trunkenen, eisigen Wogen. Unbeschreiblich
leicht und heiter kehrten sie nach dem Morgenbade wieder in das Stdtchen
zurck, wo unterdes alles schon munter geworden. Es war die Weihe der Kraft fr
lange Kmpfe, die ihrer harrten.
    Als die Sonne schon hoch war, bestiegen sie die alte, wohlerhaltene Burg,
die wie eine Ehrenkrone ber der altdeutschen Gegend stand. Des Wirtes Tochter
ging ihnen mit einigen Flaschen Wein lustig die dunklen, mit Efeu berwachsenen
Mauerpfade voran, ihr junges, blhendes Gesicht nahm sich gar zierlich zwischen
dem alten Gemuer und Bilderwerk aus. Sie legte vor der Sonne die Hand ber die
Augen und nannte ihnen die zerstreuten Stdte und Flsse in der unermelichen
Aussicht, die sich unten auftat. Leontin schenkte Wein ein, sie tat ihnen
Bescheid und gab jedem willig zum Abschiede einen Ku.
    Sie stieg nun wieder den Berg hinab, die beiden schauten frhlich in das
Land hinaus. Da sahen sie, wie jenseits des Rheins zwei Jgerburschen aus dem
Walde kamen und einen Kahn bestiegen, der am Ufer lag. Sie kamen quer ber den
Rhein auf das Stdtchen zugefahren. Der eine sa tiefsinnig im Kahne, der andere
tat mehrere Schsse, die vielfach in den Bergen widerhallten. Erwin hatte sich
in ein ausgebrochenes Bogenfenster der Burg gesetzt, das unmittelbar ber dem
Abgrunde stand. Ohne allen Schwindel sa er dort oben, seine ganze Seele schien
aus den sinnigen Augen in die wunderbare Aussicht hinauszusehen. Er sagte voller
Freuden, er erblicke ganz im Hintergrunde einen Berg und einen hervorragenden
Wald, den er gar wohl kenne. Leontin lie sich die Gegend zeigen und schien sie
ebenfalls zu erkennen. Er sah darauf den Knaben ernsthaft und verwundert an, der
es nicht bemerkte.
    Erwin blieb in dem Fensterbogen sitzen, sie aber durchzogen das Schlo und
den Berg in die Runde. Junge, grne Zweige und wildbunte Blumen beugten sich
berall ber die dunklen Trmmer der Burg, der Wald rauschte khl, Quellen
sprangen in hellen, frischlichen Bogen von den Steinen, unzhlige Vgel sangen,
von allen Seiten die unermeliche Aussicht, die Sonne schien warm ber der
Flche, in tausend Strmen sich spiegelnd; es war, als sei die Natur hier
rstiger und lebendiger vor Erinnerung im Angesichte des Rheins und der alten
Zeit. Wo ein Begeisterter steht, ist der Gipfel der Welt, rief Leontin
frhlich aus.
    Willkommen, Freund, Bruder! sagte da auf einmal eine Stimme mit Pathos,
und ein fremder junger Mann, den sie vorher nicht bemerkt hatten, fate Leontin
fest bei der Hand. Ach, was Bruder! fuhr Leontin heraus, rgerlich ber die
unerwartete Strung. Der Fremde lie sich nicht abschrecken, sondern sagte:
Jene Worte logen nicht, Sie sind ein Verehrer der Natur, ich bin auch stolz auf
diesen Namen. Wahrhaftig, mein Herr, erwiderte Leontin geschwind, sich
komisch erwehrend, Sie irren sich entsetzlich, ich bin weder biederherzig, wie
Sie sich vorstellen, noch begeistert, noch ein Verehrer der Natur, noch - Der
Fremde fuhr ganz blind erpicht fort: Lassen Sie die Gewhnlichen sich ewig
suchen und verfehlen, die Seltenen wirft ein magnetischer Zug einander an die
mnnliche Brust, und der ewige Bund ist ohne Wort geschlossen in des
Eichenwaldes heiligen Schatten, wenn die Orgel des Weltbaues gewaltig
dahinbraust. - Bei diesen Worten fiel ihm ein Buch aus der Tasche. Sie
verlieren Ihre Noten, sagte Leontin, Schillers Don Carlos erkennend. Warum
Noten? fragte der Fremde. Darum, sagte Leontin, weil Euch die ganze Natur
nur der Text dazu ist, den Ihr nach den Dingern da aborgelt, und je schwieriger
und wrgender die Koloraturen sind, da Ihr davon ganz rot und blau im Gesichte
werdet und die Trnen samt den Augen heraustreten, je begeisterter und gerhrter
seid Ihr. Macht doch die Augen fest zu in der Musik und im Sausen des Waldes,
da Ihr die ganze Welt verget und Euch vor allem!
    Der Fremde wute nicht recht, was er darauf antworten sollte. Leontin fand
ihn zuletzt gar possierlich; sie gingen und sprachen noch viel zusammen und es
fand sich am Ende, da er ein abgedankter Liebhaber der Schmachtenden in der
Residenz sei, den er frher manchmal bei ihr gesehen. Der Einklang der Seelen
hatte sie zusammen -, und ich wei nicht was, wieder auseinandergefhrt. Er
rhmte viel, wie dieses seelenvolle Weib mit Geschmack, treu und tugendhaft
liebe. Treu? - sie ist ja verheiratet, sagte Friedrich unschuldig. Ei, was!
fiel ihm Leontin ins Wort, diese Alwinas, diese neuen Heloisen, diese
Erbschleicherinnen der Tugend sind pfiffiger als Gottes Wort. Nicht wahr, der
Teufel stinkt nicht und hat keine Hrner, und Ehebrechen und Ehebrechen ist
zweierlei? - Der Fremde war verlegen wie ein Schulknabe.
    Es neigte sich indes zum Abend, aber die Luft war schwl geworden und man
hrte von fern donnern. Das letztere war dem Fremden eben recht; der Donner, den
er nicht anders als rollend nannte, schien ihn mit einem neuen Anfalle von
Genialitt aufzublhen. Er versicherte, er msse im Gewitter einsam und im
Freien sein, das wre von jeher so seine Art, und nahm Abschied von ihnen.
Leontin klopfte ihn beim Weggehn tchtig auf die Achsel: Beten und fasten Sie
fleiig und dann schauen Sie wieder in Gottes Welt hinaus, wie da der Herr
genialisch ist. Es ist doch nichts lcherlicher, sagte er, da jener fort war,
als eine aus der Mode gekommene Genialitt. Man wei dann gar nicht, was die
Kerls eigentlich haben wollen.
    Es gewitterte indes immer strker und nher. Leontin bestieg schnell eine
hohe Tanne, die am Abhange stand, um das Wetter zu beschauen. Der Wind, der dem
Gewitter vorausflog, rauschte durch die dunklen ste des Baumes und neigte den
Wipfel ber den Abgrund hinaus. Ich sehe in das Stdtchen, in alle Straen
hinab, rief Leontin von oben, wie die Leute eilig hin und her laufen, und die
Fenster und Tren schlieen, und mit den Laden klappern vor dem heranziehenden
Wetter! Es achtet ihrer doch nicht und zieht ber sie weg. Unsern Don Carlos
sehe ich auf einer Felsenspitze, den Batterien des Gewitters gegenber, er
steht, die Arme ber der Brust verschrnkt, den Hut tief in die Augen gedrckt,
den einen Fu trotzig vorwrts, pfui, pfui, ber den Hochmut! Den Rhein seh ich
kommen, zu dem alle Flsse des Landes flchten, langsam und dunkelgrn, Schiffe
rudern eilig ans Ufer, eines seh ich mit Gott geradaus fahren; fahre, herrlicher
Strom! Wie Gottes Flgel rauschen, und die Wlder sich neigen, und die Welt
still wird, wenn der Herr mit ihr spricht. Wo ist dein Witz, deine Pracht, deine
Genialitt? Warum wird unten auf den Flchen alles eins und unkenntlich wie ein
Meer, und nur die Burgen stehen einzeln und unterschieden zwischen den wehenden
Glockenklngen und schweifenden Blitzen. Du knntest mich wahnwitzig machen
unten, erschreckliches Bild meiner Zeit, wo das zertrmmerte Alte in einsamer
Hhe steht, wo nur das einzelne gilt und sich, schroff und scharf im
Sonnenlichte abgezeichnet, hervorhebt, whrend das Ganze in farblosen Massen
gestaltlos liegt, wie ein ungeheurer, grauer Vorhang, an dem unsere Gedanken,
gleich Riesenschatten aus einer andern Welt, sich abarbeiten. - Der Wind
verwehte seine Worte in die grenzenlose Luft. Es regnete schon lange. Der Regen
und der Sturm wurden endlich so heftig, da er sich nicht mehr auf dem Baume
erhalten konnte. Er stieg herab, und sie kehrten zu der Burg zurck.
    Als das Wetter sich nach einiger Zeit wieder verzogen hatte, brachen sie aus
ihrem Schlupfwinkel auf, um sich in das Stdtchen hinunterzubegeben. Da trafen
sie an dem Ausgange der Burg mit den zwei Jgern zusammen, die sie frhmorgens
ber den Rhein fahren gesehen, und die ebenfalls das Gewitter in der Burg
belagert gehalten hatte. Es war schon dunkel geworden, so da sie einander nicht
wohl erkennen konnten. Die Bume hingen voll heller Tropfen, der enge Fusteig
war durch den Regen uerst glatt geworden. Die beiden Jger gingen sehr
vorsichtig und furchtsam, hielten sich an alle Strucher und glitten mehrere
Male bald Friedrich, bald Leontin in die Arme, worber sie vom letztern, der
ihnen durchaus nicht helfen wollte, viel Gelchter ausstehn muten. Erwin sprang
mit einer ihm sonst nie gewhnlichen Wildheit allen weit voraus, wie ein Gems
den Berg hinab.
    Allen wurde wohl, als sie nach der langen Einsamkeit in das Stdtchen
hinunterkamen, wo es recht patriarchalisch aussah. Auf den Gassen ging jung und
alt, sprechend und lachend, nach dem Regen spazieren, die Mdchen des Stdtchens
saen drauen vor ihren Tren unter den Weinlauben. Der Abend war herrlich,
alles erquickt nach dem Gewitter, das nur noch von fern nachhallte, Nachtigallen
schlugen wieder von den Bergen, vor ihren Augen rauschte der Rhein an dem
Stdtchen vorber. Leontin zog mit seiner Gitarre, wie ein reisender Spielmann
aus alter Zeit, von Haus zu Haus und erzhlte den Mdchen Mrchen, oder sang
ihnen neue Melodien auf ihre alten Lieder, wobei sie still mit ihren sinnigen
Augen um ihn herumsaen. Friedrich sa neben ihm auf der Bank, den Kopf in beide
Arme auf die Knie gesttzt, und erholte sich recht an den altfrnkischen
Klngen.
    Die zwei Jger hatten sich nicht weit von ihnen um einen Tisch gelagert, der
auf dem grnen Platze zwischen den Husern und dem Rheine aufgeschlagen war, und
schkerten mit den Mdchen, denen sie gar wohl zu gefallen schienen. Die Mdchen
verfertigten schnell einen frhlichen, bervollen Kranz von hellroten Rosen, den
sie dem einen, welcher der lustigste schien, auf die Stirn drckten. Leontin,
der wenig darauf achtgab, begann folgendes Lied ber ein am Rheine bekanntes
Mrchen:

Es ist schon spt, es wird schon kalt,
Was reitst du einsam durch den Wald?
Der Wald ist lang, du bist allein,
Du schne Braut! ich fhr dich heim!

Da antwortete der Bekrnzte drben vom andern Tische mit der folgenden Strophe
des Liedes:

Gro ist der Mnner Trug und List,
Vor Schmerz mein Herz gebrochen ist,
Wohl irrt das Waldhorn her und hin,
O flieh! du weit nicht, wer ich bin.

Leontin stutzte und sang weiter:

So reich geschmckt ist Ro und Weib,
So wunderschn der junge Leib,
Jetzt kenn ich dich - Gott steh mir bei!
Du bist die Hexe Lorelei.

Der Jger antwortete wieder:

Du kennst mich wohl - von hohem Stein,
Schaut still mein Schlo tief in den Rhein.
Es ist schon spt, es wird schon kalt,
Kommst nimmermehr aus diesem Wald!

Der Jger nahm nun ein Glas, kam auf sie los und trank Friedrich keck zu:
Unsere Schnen sollen leben! Friedrich stie mit an. Da zersprang der Rmer
des Jgers klingend an dem seinigen. Der Jger erblate und schleuderte das Glas
in den Rhein. -
    Es war unterdes schon spt geworden, die Mdchen fingen an einzunicken, die
Alten trieben ihre Kinder zu Bett, und so verlor sich nach und nach eines nach
dem andern, bis sich unsere Reisenden allein auf dem Platze sahen. Die Nacht war
sehr warm, Leontin schlug daher vor, die ganze Nacht ber auf dem Rheine nach
der Residenz hinunterzufahren, er sei ein guter Steuermann und kenne jede Klippe
auswendig. Alle willigten sogleich ein, der eine Jger nur mit Zaudern, und so
bestiegen sie einen Kahn, der am Ufer angebunden war. Den Knaben Erwin, der
whrend Leontins Liedern zu Friedrichs Fen eingeschlafen, hatten sie, da er
durchaus nicht zu ermuntern war, in den Kahn hineintragen mssen, wo er auch
nach einem kurzen, halbwachen Taumel sogleich wieder in Schlaf versank.
Friedrich sa vorn, die beiden Jger in der Mitte, Leontin am Steuerruder lenkte
keck gerade auf die Mitte los, die Gewalt des Stromes fate recht das
Schiffchen, zu beiden Seiten flogen Weingrten, einsame Schlnde und
Felsenriesen mit ausgebreiteten Eichenarmen, wechselnd vorber, als gingen die
alten Helden unsichtbar durch den Himmel und wrfen so ihre streifenden Schatten
ber die stille Erde.
    Der Himmel hatte sich indes von neuem berzogen, die Gewitter schienen
wieder nher zu kommen. Der eine von den Jgern, der berhaupt fast noch gar
nicht gesprochen, blieb fortwhrend still. Der andere mit dem Rosenkranze
dagegen sa schaukelnd und gefhrlich auf dem Rande des Kahnes und hatte beide
Beine, die bei jeder Schwankung die Wellen berhrten, darber heruntergehangen.
Er sah in das Wasser hinab, wie die flchtigen Wirbel khl aufrauschend, dann
wieder still, wunderbar hinunterlockten. Leontin hie ihn die Beine einstecken.
Was schadet's, sagte der Jger innerlich heftig, ich tauge doch nichts auf
der Welt, ich bin schlecht, wr ich da unten, wre auf einmal alles still. -
Oho! rief Leontin, Ihr seid verliebt, das Sind verliebte Sprche. Sag an, wie
sieht dein Liebchen aus? Ist's schlank, stolz, khn, voll hohen Graus', ist's
Hirsch, Pfau oder eine kleine se Maus? - Der Jger sagte: Mein Schatz ist
ein Hirsch, der wandelt in einer prchtigen Wildnis, die liegt so
unbeschreiblich hoch und einsam, und die ganze Welt bersieht man von dort, wie
sich die Sonne ringsum in Seen und Flssen und allen Kreaturen wunderbar
bespiegelt. Es ist des Jgers dunkelwste Lust, das Schnste, was ihn rhrt, zu
verderben. So nahm er Abschied von seinem alten Leben und folgte dem Hirsche
immer hher mhsam hinauf. Als die Sonne aufging, legte er oben in der klaren
Stille lauernd an. Da wandte sich der Hirsch pltzlich und sah ihn keck und
fromm an, wie den Herzog Hubertus. Da verlieen den Jger auf einmal seine
Knste und seine ganze Welt, aber er konnte nicht niederknieen, wie jener, denn
ihm schwindelte vor dem Blick und der Hhe, und es fate ihn ein seltsames
Gelst, die dunkle Mndung auf seine eigene, ausgestorbene Brust zu kehren. -
    Die beiden Grafen berhrten bei dem Winde, der sich nach und nach zu
erheben anfing, diese sonderbaren Worte des Verliebten. Fahrende Blitze
erhellten inzwischen von Zeit zu Zeit die Gegend, und ihr Schein fiel auf die
Gesichter der beiden Jger. Sie waren gar lieblich anzusehen, schienen beide
noch Knaben. Der eine hatte ein silbernes Horn an der Seite hngen. Leontin
sagte, er solle eins blasen; er versicherte aber, da er es nicht knne. Leontin
lachte ihn aus, was sie fr Jger wren, nahm das Horn und blies sehr geschickt
ein altes, schnes Lied. Der eine gesprchige Jger sagte, es fiele ihm dabei
eben ein Lied ein, und sang zu den beiden Grafen mit einer angenehmen Stimme:

Wir sind so tief betrbt, wenn wir auch scherzen,
Die armen Menschen mhn sich ab und reisen,
Die Welt zieht ernst und streng in ihren Gleisen,
Ein feuchter Wind verlscht die lust'gen Kerzen. -

Du hast so schne Worte tief im Herzen,
Du weit so wunderbare alte Weisen,
Und wie die Stern am Firmamente kreisen,
Ziehn durch die Brust dir ewig Lust und Schmerzen.

So la dein Stimme hell im Wald erscheinen!
Das Waldhorn fromm wird auf und nieder wehen,
Die Wasser gehn, und Rehe einsam weiden.

Wir wollen stille sitzen und nicht weinen,
Wir wollen in den Rhein hinuntersehen,
Und, wird es finster auf der Welt, nicht scheiden.

Kaum hatte er die letzten Worte ausgesungen, als Erwin, der durch den Gesang
aufgewacht war und bei einem langen Blitze das Gesicht des andern stillen Jgers
pltzlich dicht vor sich erblickte, mit einem lauten Schrei aufsprang und sich
in demselben Augenblicke ber den Kahn in den Rhein strzte. Die beiden Jger
schrieen entsetzlich, der Knabe aber schwamm wie ein Fisch durch den Strom und
war schnell hinter dem Gestruch am Ufer verschwunden.
    Leontin lenkte sogleich ihm nach ans Ufer und alle eilten verwundert und
bestrzt ans Land. Sie fanden sein Tuch zerrissen an den Struchern hngen; es
war fast unbegreiflich, wie er durch dieses Dickicht sich hindurchgearbeitet.
    Friedrich und Leontin begaben sich in verschiedenen Richtungen ins Gebirge,
sie durchkletterten alle Felsen und Schluchten und riefen nach allen Seiten hin.
Aber alles blieb nchtlich still, nur der Wald rauschte einfrmig fort. Nach
langem Suchen kamen sie endlich mde beide wieder auf der Hhe ber ihrem
Landungsplatze zusammen. Der Kahn stand noch am Ufer, die beiden Jger aber
unten waren verschwunden. Der Rhein rauschte prchtig funkelnd in der
Morgensonne zwischen den Bergen hin. Erwin kehrte nicht mehr zurck.

                              Sechszehntes Kapitel


Die heftige Romana liebte Friedrich vom ersten Blicke an mit der ihr
eigentmlichen Gewalt. Seitdem er aber in jener Nacht auf dem Schlosse von ihr
fortgeritten, als sie bemerkte, wie ihre Schnheit, ihre vielseitigen Talente,
die ganze Phantasterei ihres knstlich gesteigerten Lebens alle Bedeutung verlor
und zuschanden wurde an seiner hhern Ruhe, da fhlte sie zum ersten Male die
entsetzliche Lcke in ihrem Leben, und da alle Talente Tugenden werden mssen
oder nichts sind, und Schauderte vor der Lgenhaftigkeit ihres ganzen Wesens.
Friedrichs Verachtung war ihr durchaus unertrglich, obgleich sie sonst die
Mnner verachtete. Da raffte sie sich innerlichst zusammen, zerri alle ihre
alten Verbindungen und begab sich in die Einsamkeit ihres Schlosses. Daher ihr
pltzliches Verschwinden aus der Residenz.
    Sie mochte sich nicht stckweise bessern, ein ganz neues Leben der Wahrheit
wollte sie anfangen. Vor allem bestrebte sie sich mit ehrlichem Eifer, den
schnen, verwilderten Knaben, den wir dort kennengelernt, zu Gott
zurckzufhren, und er bertraf mit seiner Kraft eines unabgentzten Gemtes gar
bald seine Lehrerin. Sie knpfte Bekanntschaften an mit einigen huslichen
Frauen der Nachbarschaft, die sie sonst unsglich verachtet, und mute beschmt
vor mancher Trefflichkeit stehen, von der sie sich ehedem nichts trumen lie.
Die Fenster und Tren ihres Schlosses, die sonst Tag und Nacht offenstanden,
wurden nun geschlossen, sie wirkte still und fleiig nach allen Seiten und
fhrte eine strenge Hauszucht. Friedrich sollte ihretwegen von alledem nichts
wissen, das war ihr, wie sie meinte, einerlei. -
    Es war ihr redlicher Ernst, anders zu werden, und noch nie hatte sich ihre
Seele so rein triumphierend und frei gefhlt, als in dieser Zeit. Aber es war
auch nur ein Rausch, obgleich der schnste in ihrem Leben. Es gibt nichts
Erbarmungswrdigeres, als ein reiches, verwildertes Gemt, das in verzweifelter
Erinnerung an seine ursprngliche, alte Gte, sich lderlich an dem Besten und
Schlechtesten berauscht, um nur jenes Andenken loszuwerden, bis es, so
ausgehhlt, zugrunde geht. Wenn uns der Wandel tugendhafter Frauen wie die Sonne
erscheint, die in gleich verbreiteter Klarheit, still und erwrmend, tglich die
vorgeschriebenen Kreise beschreibt, so mchten wir dagegen Romanas rasches Leben
einer Rakete vergleichen, die sich mit schimmerndem Geprassel zum Himmel
aufreit und oben unter dem Beifallsklatschen der staunenden Menge in tausend
funkelnde Sterne ohne Licht und Wrme prchtig zerplatzt.
    Sie hatte die Einfalt, diese Grundkraft aller Tugend, leichtsinnig
verspielt; sie kannte gleichsam alle Schliche und Kniffe der Besserung. Sie
mochte sich stellen, wie sie wollte, sie konnte, gleich einem Somnambulisten,
ihre ganze Bekehrungsgeschichte wie ein wohlgeschriebenes Gedicht, Vers vor
Vers, inwendig vorauslesen, und der Teufel sa gegenber und lachte ihr dabei
immerfort ins Gesicht. In solcher Seelenangst dichtete sie oft die herrlichsten
Sachen, aber mitten im Schreiben fiel es ihr ein, wie doch alles eigentlich
nicht wahr sei - wenn sie betete, kreuzten ihr hufig unkeusche Gedanken durch
den Sinn, da sie erschrocken aufsprang.
    Ein alter, frommer Geistlicher vom Dorfe besuchte die schne Berin
fleiig. Sie erstaunte, wie der Mann so eigentlich ohne alle Bildung und doch so
hochgebildet war. Er sprach ihr oft stundenlang von den tiefsinnigsten
Wahrheiten seiner Religion, und war dabei immer so herzlich heiter, ja, oft voll
lustiger Schwnke, whrend sie dabei jedesmal in eine peinliche, gedankenvolle
Traurigkeit versank. Er fand manchmal geistliche Lieder und Legenden bei ihr,
die sie soeben gedichtet. Nichts glich dann seiner Freude darber; er nannte sie
sein liebes Lmmchen, las die Lieder viele Male sehr aufmerksam und legte sie in
sein Gebetbuch. Mein Gott! sagte da Romana in Gedanken verloren oft zu sich
selbst, wie ist der gute Mann doch unschuldig! -
    In dieser Zeit schrieb sie, weniger aus Freundschaft, als aus Laune und
Bedrfnis sich auszusprechen, mehrere Briefe an die Schmachtende in der
Residenz, im tiefsten Jammer ihrer Seele verfat. Sie erstaunte ber sich
selbst, wie moralisch sie zu schreiben wute, wie ganz klar ihr Zustand ihr vor
Augen lag und sie es doch nicht ndern konnte. Die Schmachtende konnte sich
nicht enthalten, diese interessanten Briefe ihrem Abendzirkel mitzuteilen. Man
nahm dieselben dort fr Grundrisse zu einem Romane, und bewunderte die feine
Anlage und den Geist der Grfin.
    Romana hielt es endlich nicht lnger aus, sie mute ihren hohen Feind und
Freund, den Grafen Friedrich, wiedersehen. Kaum hatte sie sich diesen Wunsch
einmal erlaubt, als sie auch schon auf dem Pferde sa und der Residenz zuflog.
Dies war damals, als sie Friedrich an dem warmen Mrzfeste so wild die Menge
teilend vorberreiten sah. Als sie nun ihren Geliebten wieder vor sich sah, noch
immer unverndert ruhig und streng wie vorher, whrend eine ganz neue Welt in
ihr auf- und untergegangen war, da schien es ihr unmglich, seine Tugend und
Gre zu erreichen. Die beiden vor ihr Leben gespannten, unbndigen Rosse, das
schwarze und das weie, gingen bei dem Anblick von neuem durch mit ihr, alle
ihre schnen Plne lagen unter den heien Rdern des Wagens zerschlagen, sie
lie die Zgel schieen und gab sich selber auf.
    Friedrich war indes noch mehrere Tage lang mit Leontin in dem Gebirge
herumgestrichen, um Erwin wiederzufinden. Aber alle Nachforschungen blieben
vergebens. Es blieb ihm nichts brig, als auf immer Abschied zu nehmen von dem
lieben Wesen, dessen wunderbare Nhe ihm durch die lange Gewohnheit fast
unentbehrlich geworden war.
    Rstig und neu gestrkt durch die khle Wald- und Bergluft, die wieder
einmal sein ganzes Leben angeweht, kehrte er in die Residenz zurck und ging
freudiger, als jemals, wieder an seine Studien, Hoffnungen und Plne. Aber wie
vieles hatte sich gar bald verndert. Die braven Gesellen, welche der Winter
tchtig zusammengehalten, zerstreute und erschlaffte die warme Jahreszeit. Der
eine hatte eine schne, reiche Braut gefunden und rechnete die gemeinsame Not
seiner Zeit gegen sein eigenes einzelnes Glck zufrieden ab, seine Rolle war
ausgespielt. Andere fingen an auf ffentlichen Promenaden zu paradieren, zu
spielen und zu liebeln, und wurden nach und nach kalt und beinahe ganz geistlos.
Mehrere rief der Sommer in ihre Heimat zurck. Aller Ernst war verwittert, und
Friedrich stand fast allein. Mehr jedoch, als diese Treulosigkeit einzelner, auf
die er doch nie gebaut, krnkte ihn die allgemeine Willenlosigkeit, von der er
sich immer deutlicher berzeugen mute. So bemerkte er, unter vielen andern
Zeichen der Zeit, oft an einem Abend und in einer Gesellschaft zwei Arten von
Religionsnarren. Die einen prahlten da, da sie das ganze Jahr nicht in die
Kirche gingen, verspotteten freigeisterisch alles Heilige und hingen auf alle
Weise, die Gott sei Dank! bereits abgenutzte und schbige Paradedecke der
Aufklrung aus. Aber es war nicht wahr, denn sie schlichen heimlich vor
Tagesanbruch, wenn der Kster aufschlo, zum Hinterpfrtchen in die Kirchen
hinein und beteten fleiig. Die andern fielen dagegen gar weidlich ber diese
her, verfochten die Religion und begeisterten sich durch ihre eigenen schnen
Redensarten. Aber es war auch nicht wahr, denn sie gingen in keine Kirche und
glaubten heimlich selber nicht, was sie sagten. Das war es, was Friedrich
emprte, die berhandnehmende Desorganisation gerade unter den Bessern, da
niemand mehr wute, wo er ist, die landesbliche Abgtterei unmoralischer
Exaltation, die eine allgemeine Auflsung nach sich fhren mute.
    Um diese Zeit erhielt Friedrich nach so vielen Monaten unerwartet einen
Brief von dem Gute des Herrn v. A. An den langen Drudenfen sowohl, als an dem
fast komisch falsch gesetzten Titel erkannte er sogleich den halbvergessenen
Viktor. Er erbrach schnell und voll Freude das Siegel. Der Brief war folgenden
Inhalts:

Es wird uns alle sehr freuen, wenn wir hren, da Sie und der Herr Graf Leontin
sich wohl befinden, wir sind hier alle Gott sei Dank! gesund. Als Sie beide
weggereist sind, war es hier so still, als wenn ein Kriegslager aufgebrochen
wre und die Felder nun einsam und verlassen stnden, im ganzen Schlosse sieht's
aus, wie in einer alten Rumpelkammer. Ich mute anfangs an den langen Abenden
auf dem Schlosse aus dem Abraham a St. Clara vorlesen. Aber es ging gar nicht
recht. Der Herr v. A. sagte: ja, wenn der Leontin dabei wre! Die gndige Frau
sagte: es wre doch alles gar zu dummes Gewsch durcheinander, und Frulein
Julie dachte Gott wei an was, und pate gar nicht auf. Es ist gar nichts mehr
auf der Welt anzufangen. Ich kann das verdammte traurige Wesen nicht leiden! Ich
bin daher schon ber einen Monat weder aufs Schlo, noch sonstwo ausgekommen.
Sie sind doch recht glcklich! Sie sehen immer neue Gegenden und neue Menschen.
Ich wei die vier Wnde in meiner Kammer schon auswendig. Ich habe meine zwei
kleinen Fenster mit Stroh verhangen, denn der Wind blst schon infam kalt durch
die Lcher herein, auch alle meine Wanduhren habe ich ablaufen lassen, denn das
ewige Picken mcht einen toll machen, wenn man so allein ist. Ich denke mir dann
gar oft, wie Sie jetzt auf einem Balle mit schnen, vornehmen Damen tanzen, oder
weit von hier am Rheine fahren oder reiten, und rauche Tabak, da das Licht auf
dem Tische oft auslischt. Gestern hat es zum ersten Male den ganzen Tag wie aus
einem Sacke geschneit. Das ist meine grte Lust. Ich ging noch sptabends, in
den Mantel gehllt, auf den Berg hinaus, wo wir immer nachmittags im Sommer
zusammen gelegen haben. Das Rauchtal und die ganze, schne Gegend war verschneit
und sah kurios aus. Es schneite immerfort tapfer zu. Ich tanzte, um mich zu
erwrmen, ber eine Stunde in dem Schneegestber herum.
    Dies hab ich schon vor einigen Monaten geschrieben. Gleich nach jener Nacht,
da ich drauen getanzt, verfiel ich in eine langwierige Krankheit. Alle Leute
frchteten sich vor mir, weil es ein hitziges Fieber war, und ich htte wie ein
Hund umkommen mssen; aber Frulein Julie besuchte mich alle Tage und sorgte fr
Medizin und alles, wofr sie Gott belohnen wird. Ich wute nichts von mir. Sie
sagt mir aber, ich htte immerfort von Ihnen beiden phantasiert und oft auch gar
in Reimen gesprochen. Ich mu mir das Zeug durch die Erkltung zugezogen haben.
- Jetzt bin ich, Gott sei Dank, wiederhergestellt, und mache wieder fleiig
Uhren. - Neues wei ich weiter nichts, als da seit mehreren Wochen ein fremder
Kavalier, der in der Nachbarschaft groe Herrschaften gekauft, zu uns auf das
Schlo kommt. Er soll viele Sprachen kennen und sehr gelehrt und bereist sein,
und will unser Frulein Julie haben. Die gndige Frau mchte es gern sehen, aber
dem Frulein gefllt er gar nicht. Wenn sie nachmittags oben im Garten beim
Lusthause sitzt und ihn von weitem unten um die Ecke heranreiten sieht, klettert
sie geschwind ber den Gartenzaun und kommt zu mir. Was will ich tun? Ich mu
sie in meiner Kammer einsperren, und gehe unterdes spazieren. Neulich, als ich
schon ziemlich spt wieder zurckkam und meine Tr aufschlo, fand ich sie ganz
bla und am ganzen Leibe zitternd. Sie war noch vllig atemlos vor Schreck und
fragte mich schnell, ob ich ihn nicht gesehen? Dann erzhlte sie mir: als es
angefangen finster zu werden, habe sie auf meinem Bette in Gedanken gesessen, da
habe auf einmal etwas an das Fenster geklopft. Sie htte den Atem eingehalten
und unbeweglich gesessen, da wre pltzlich das Fenster aufgegangen und Ihr
leibhaftiger Page, der Erwin, habe mit totenblassem Gesicht und verwirrten
Haaren in die Stube hineingeguckt. Als er sich berall umgesehen und sie auf dem
Bett erblickt, habe er ihr mit dem Finger gedroht und sei wieder verschwunden.
Ich sagte ihr, sie sollte sich solches dummes Zeug nicht in den Kopf setzen. Sie
aber hat es sich sehr zu Herzen genommen, und ist seitdem etwas traurig. Die
Tante soll nichts davon wissen. Was gibt's denn mit dem guten Jungen, ist er
nicht mehr bei Ihnen? - Soeben, wie ich dies schreibe, sieht Frulein Julie
drben ber den Gartenzaun. - Als ich sagte, da ich an Sie schriebe, kam sie
schnell aus dem Garten zu mir herber und ich mute ihr eine Feder schneiden;
sie wollte selber etwas dazuschreiben. Dann wollte sie wieder nicht und lief
davon. Sie sagte mir, ich solle Sie von ihr gren und bitten, Sie mchten auch
den Herrn Grafen Leontin von ihr gren, wenn er bei Ihnen wre. Kommen Sie
beide doch bald wieder einmal zu uns! Es ist jetzt wieder sehr schn im Garten
und auf den Feldern. Ich gehe wieder, wie damals, alle Morgen vor Tagesanbruch
auf den Berg, wo Sie und Leontin mich immer auf meinem Sitze besucht haben. Die
Sonne geht gerade in der Gegend auf, wo Sie mir immer an den schwlen
Nachmittagen beschrieben haben, da die Residenz liegt und der Rhein geht. Ich
rufe dann mein Hurra und werfe meinen Hut und meine Pfeife hoch in die Luft.
    P. S. Die niedliche Braut, auf die Sie sich vielleicht noch von dem Tanze
auf dem Jagdschlosse her erinnern, besucht uns jetzt oft und empfiehlt sich. Sie
leben recht gut in ihrer Wildnis, sie hat schon ein Kind und ist noch schner
geworden und sehr lustig. Adieu!

Friedrich legte das Papier stillschweigend zusammen. Ihn befiel eine
unbeschreibliche Wehmut bei der lebhaften Erinnerung an jene Zeiten. Er dachte
sich, wie sie alle dort noch immer, wie damals, seit hundert Jahren und
immerfort zwischen ihren Bergen und Wldern friedlich wohnen, im ewig gleichen
Wechsel einfrmiger Tage frisch und arbeitsam Gott loben und glcklich sind, und
nichts wissen von der andern Welt, die seitdem mit tausend Freuden und Schmerzen
durch seine Seele gegangen. Warum konnte er, und wie er wohl bemerkte, auch
Viktor nicht ebenso glcklich und ruhig sein? -
    Dabei hatte ihn die Nachricht von Erwins unerklrlicher, flchtiger
Erscheinung heftig bewegt. Er ging sogleich mit dem Briefe zu Leontin. Aber er
fand weder ihn, noch Faber zu Hause. Er sah durch das offene Fenster, der reine
Himmel lag blau und unbegrenzt ber den fernen Dchern und Kuppeln bis in die
neblige Weite. Er konnt es nicht aushalten; er nahm Hut und Stock und wanderte
durch die Vorstdte ins Freie hinaus. Unzhlige Lerchen schwirrten hoch in der
warmen Luft, die neugeschmckte Frhlingsbhne sah ihn wie eine alte Geliebte
an, als wollte ihn alles fragen: Wo bist du so lange gewesen? Hast du uns
vergessen? - Ihm war so wohl zum Weinen. Da blies neben ihm ein Postillion
lustig auf dem Horne. Eine schne Reisekutsche mit einem Herrn und einem jungen
Frauenzimmer fuhr schnell an ihm vorber. Das Frauenzimmer sah lachend aus dem
Wagen nach ihm zurck. Er tuschte sich nicht, es war Marie. Verwundert sah
Friedrich dem Wagen nach, bis er weit in der heitern Luft verschwunden war. Die
Strae ging nach Italien hinunter.
    Da es sich zum Abend neigte, wandte er sich wieder heimwrts. In den
Vorstdten war berall ein sommerabendliches Leben und Weben, wie in den kleinen
Landstdtchen. Die Kinder spielten mit wirrem Geschrei vor den Husern, junge
Burschen und Mdchen gingen spazieren, der Abend wehte von drauen frhlich
durch alle Gassen. Da bemerkte Friedrich seitwrts eine alte, abgelegene Kirche,
die er sonst noch niemals gesehen hatte. Er fand sie offen und ging hinein.
    Es schauderte ihn, wie er aus der warmen, frhlich bunten Wirrung so auf
einmal in diese ewig stille Khle hineintrat. Es war alles leer und dunkel
drinnen, nur die ewige Lampe brannte wie ein farbiger Stern in der Mitte vor dem
Hochaltare; die Abendsonne schimmerte durch die gemalten, gotischen, Fenster. Er
kniete in eine Bank hin. Bald darauf bemerkte er in einem Winkel eine weibliche
Gestalt, die vor einem Seitenaltare, im Gebet versunken, auf den Knien lag. Sie
erhob sich nach einer Weile und sah ihn an. Da kam es ihm vor, als wre es das
Brgermdchen, die unglckliche Geliebte des Prinzen. Doch konnte er sich gar
nicht recht in die Gestalt finden; sie schien ihm weit grer und ganz verndert
seitdem. Sie war ganz wei angezogen und sah sehr bla und seltsam aus. Sie
schien weder erfreut, noch verwundert ber seinen Anblick, sondern ging, ohne
ein Wort zu sprechen, tief in einen dunklen Seitengang hinein, auf den Ausgang
der Kirche zu. Friedrich ging ihr nach, er wollte mit ihr sprechen. Aber drauen
fuhren und gingen die Menschen bunt durcheinander, und er hatte sie verloren.
    Als er nach Hause kam, fand er den Prinzen bei sich, der, den Kopf in die
Hand gesttzt, am Fenster sa und ihn erwartete. Mein hohes Mdchen ist tot!
rief er aufspringend, als Friedrich hereintrat. Friedrich fuhr zusammen: Wann
ist sie gestorben? - Vorgestern. - Friedrich stand in tiefen Gedanken und
hrte kaum, wie der Prinz erzhlte, was er von der alten Mutter der
Dahingeschiedenen gehrt: wie das Mdchen anfangs nach der Ohnmacht in allen
Kirchen herumgezogen und Gott inbrnstig gebeten, da er sie doch noch einmal
glcklich in der Welt machen mchte. Nach und nach aber fing sie an zu krnkeln
und wurde melancholisch. Sie sprach sehr zuversichtlich, da sie bald sterben
wrde, und von einer groen Snde, die sie abzuben htte, und fragte die
Mutter oft ngstlich, ob sie denn noch in den Himmel kommen knnte? Den Prinzen
wollte sie noch immer nicht wiedersehen. Die letzten Tage vor ihrem Tode wurde
sie merklich besser und heiter. Noch den letzten Tag kam sie sehr frhlich nach
Hause und sagte mit leuchtenden Augen, sie habe den Prinzen wiedergesehen, er
sei, ohne sie zu bemerken, an ihr vorbeigeritten. Den Abend darauf starb sie.
Der Prinz zog hierbei ein Papier heraus und las Friedrich ein Totenopfer vor,
welches er heut in einer Reihe von Sonetten auf den Tod des Mdchens gedichtet
hatte. Die ersten Sonette enthielten eine wunderfeine Beschreibung, wie der
Prinz das Mdchen verfhrt. Friedrich graute, wie schn sich da die Snde
ausnahm. Das letzte Sonett schlo:

Einsiedler will ich sein und einsam stehen,
Nicht klagen, weinen, sondern bend beten,
Du bitt fr mich dort, da ich besser werde!

Nur einmal, schnes Bild, la dich mir sehen,
Nachts, wenn all' Bilder weit zurcke treten,
Und nimm mich mit dir von der dunklen Erde!

Wie gefllt Ihnen das Gedicht? - Gehn Sie in jene Kirche, die dort so dunkel
hersieht, sagte Friedrich erschttert, und wenn der Teufel mit meinen gesunden
Augen nicht sein Spiel treibt, so werden Sie sie dort wiedersehen. - Dort ist
sie begraben, antwortete der Prinz, und wurde bla und immer blsser, als ihm
Friedrich erzhlte, was ihm begegnet. Warum frchten Sie sich? sagte Friedrich
hastig, denn ihm war, als she ihn das stille, weie Bild wie in der Kirche
wieder an, wenn Sie den Mut hatten, das hinzuschreiben, warum erschrecken Sie,
wenn es auf einmal Ernst wird und die Worte sich rhren und lebendig werden? Ich
mchte nicht dichten, wenn es nur Spa wre, denn wo drfen wir jetzt noch
redlich und wahrhaft sein, wenn es nicht im Gedichte ist? Haben Sie den rechten
Mut, besser zu werden, so gehn Sie in die Kirche und bitten Sie Gott inbrnstig
um seine Kraft und Gnade. Ist aber das Beten und alle unsere schnen Gedanken um
des Reimes willen auf dem Papiere, so hol der Teufel auf ewig den Reim samt den
Gedanken! -
    Hier fiel der Prinz Friedrich ungestm um den Hals. Ich bin durch und durch
schlecht, rief er, Sie wissen gar nicht und niemand wei es, wie schlecht ich
bin! die Grfin Romana hat mich zuerst verdorben vor langer Zeit; das
verstorbene Mdchen habe ich sehr knstlich verfhrt; der damals in der Nacht zu
Marie bei Ihnen vorbeischlich, das war ich; der auf jener Redoute - Hier hielt
er inne. - Betrgerisch, verbuhlt, falsch und erbrmlich bin ich ganz, fuhr er
weiter fort. Der Migung, der Gerechtigkeit, der groen, schnen Entwrfe, und
was wir da zusammen beschlossen, geschrieben und besprochen, dem bin ich nicht
gewachsen, sondern im Innersten voller Neid, da ich's nicht bin. Es war mir nie
Ernst damit und mit nichts in der Welt. - Ach, da Gott sich meiner erbarme!
Hierbei zerri er sein Gedicht in kleine Stckchen, wie ein Kind, und weinte
fast. Friedrich, wie aus den Wolken gefallen, sprach kein einziges Wort der
Liebe und Trstung, sondern die Brust voll Schmerzen und kalt wandte er sich zum
offenen Fenster von dem gefallenen Frsten, der nicht einmal ein Mann sein
konnte.

                              Siebzehntes Kapitel


Rosa sa frhmorgens am Putztische und erzhlte ihrem Kammermdchen folgenden
Traum, den sie heut nacht gehabt: Ich stand zu Hause in meiner Heimat im
Garten; der Garten war noch ganz so, wie er ehedem gewesen, ich erinnere mich
wohl, mit allen den Alleen, Gngen und Figuren aus Buchsbaum. Ich selber war
klein, wie damals, da ich als Kind in dem Garten gespielt. Ich verwunderte mich
sehr darber, und mute auch wieder lachen, wenn ich mich ansah, und frchtete
mich vor den seltsamen Baumfiguren. Dabei war es mir, als wre mein vergangenes
Leben und da ich schon einmal gro gewesen, nur ein Traum. Ich sang immerfort
ein altes Lied, das ich damals als Kind alle Tage gesungen und seitdem wieder
vergessen habe. Es ist doch seltsam, wie ich es in der Nacht ganz auswendig
wute! Ich habe heut schon viel nachgesonnen, aber es fllt mir nicht wieder
ein. Meine Mutter lebte auch noch. Sie stand seitwrts vom Garten an einem
Teiche. Ich rief ihr zu, sie sollte herberkommen. Aber sie antwortete mir
nicht, sondern stand still und unbeweglich, vom Kopfe bis zu den Fen in ein
langes, weies Tuch gehllt. Da trat auf einmal Graf Friedrich zu mir. Es war
mir, als she ich ihn zum ersten Male, und doch war er mir wie lngst bekannt.
Wir waren wieder gute Freunde, wie sonst - ich habe ihn nie so gut und
freundlich gesehen. Ein schner Vogel sa mitten im Garten auf einer hohen Blume
und sang, da es mir durch die Seele ging, meinen Bruder sah ich unten ber das
glnzende Land reiten, er hatte die kleine Marie, die eine Zimbel hoch in die
Luft hielt, vor sich auf dem Rosse, die Sonne schien prchtig. Reisen wir nach
Italien! sagte da Friedrich zu mir. - Ich folgte ihm gleich, und wir gingen sehr
schnell durch viele schne Gegenden immer nebeneinander fort. Sooft ich mich
umsah, sah ich hinten nichts, als ein grenzenloses Abendrot, und in dem Abendrot
meiner Mutter Bild, die unterdes sehr gro geworden war, in der Ferne wie eine
Statue stehen, immerfort so still nach uns zugewendet, da ich vor Grauen davon
wegsehen mute. Es war unterdes Nacht geworden und ich sah vor uns unzhlige
Schlsser auf den Bergen brennen. Jenseits wanderten in dem Scheine, der von den
brennenden Schlssern kam, viele Leute mit Weib und Kindern, wie Vertriebene,
sie waren alle in seltsamer, uralter Tracht; es kam mir vor, als she ich auch
meinen Vater und meine Mutter unter ihnen, und mir war unbeschreiblich bange.
Wie wir so fortgingen, schien es mir, als wrde Friedrich selbst nach und nach
immer grer. Er war still und seine Mienen vernderten sich seltsam, so da ich
mich vor ihm frchtete. Er hatte ein langes, blankes Schwert in der Hand, mit
dem er vor uns her den Weg aushaute; sooft er es schwang, warf es einen
weitblitzenden Schein ber den Himmel und ber die Gegend unten. Vor ihm ging
sein langer Schatten, wie ein Riese, weit ber alle Tler gestreckt. Die Gegend
wurde indes immer seltsamer und wilder, wir gingen zwischen himmelhohen,
zackigen Gebirgen. Wenn wir an einen Strom kamen, gingen wir auf unsern eigenen
Schatten, wie auf einer Brcke, darber. Wir kamen so auf eine weite Heide, wo
ungeheure Steine zerstreut umherlagen. Mich befiel eine niegefhlte Angst, denn
je mehr ich die zerstreuten Steine betrachtete, je mehr kamen sie mir wie
eingeschlafene Mnner vor. Die Gegend lag unbeschreiblich hoch, die Luft war
kalt und scharf. Da sagte Friedrich: Wir sind zu Hause! Ich sah ihn erschrocken
an und erkannte ihn nicht wieder, er war vllig geharnischt, wie ein Ritter.
Sonderbar! es hing ein altes Ritterbild sonst in einem Zimmer unsers Schlosses,
vor dem ich oft als Kind gestanden. Ich hatte lngst alle Zge davon vergessen,
und geradeso sah jetzt Friedrich auf einmal aus. - Ich fror entsetzlich. Da ging
die Sonne pltzlich auf und Friedrich nahm mich in beide Arme und prete mich so
fest an seine Brust, da ich vor Schmerz mit einem lauten Schrei erwachte. -
    Glaubst du an Trume? sagte Rosa nach einer Weile in Gedanken zu dem
Kammermdchen. Das Mdchen antwortete nicht. Wo mag nun wohl Marie sein, die
rmste? sagte Rosa unruhig wieder. - Dann stand sie auf und trat ans Fenster.
Es war ein Gartenhaus der Grfin Romana, das sie bewohnte; der Morgen blitzte
unten ber den khlen Garten, weithin bersah man die Stadt mit ihren duftigen
Kuppeln, die Luft war frisch und klar. Da warf sie pltzlich alle
Schminkbchschen, die auf dem Fenster standen, heimlich hinaus und zwang sich,
zu lcheln, als es das Mdchen bemerkte. -
    Denselben Tag abends erhielt sie einen Brief von Romana, die wieder seit
einiger Zeit auf einem ihrer entferntesten Landgter im Gebirge sich aufhielt.
Es war eine sehr dringende Einladung zu einer Gemsenjagd, die in wenigen Tagen
dort gehalten werden sollte. Der Brief bestand nur in wenigen Zeilen und war
auffallend verwirrt und seltsam geschrieben, selbst ihre Zge schienen verndert
und hatten etwas Fremdes und Verwildertes. Ganz unten stand noch: Letzthin, als
Du auf dem Balle beim Minister warst, war Friedrich unbemerkt auch da und hat
Dich gesehen. -
    Rosa versank ber dieser Stelle in tiefe Gedanken. Sie erinnerte sich aller
Umstnde jenes Abends auf einmal sehr deutlich, wie sie Friedrich versprochen
hatte, ihn zu Hause zu erwarten, und wie er seitdem nicht wieder bei ihr
gewesen. Ein Schmerz, wie sie ihn noch nie gefhlt, durchdrang ihre Seele. Sie
ging unruhig im Zimmer auf und ab. Sie konnte es endlich nicht lnger aushalten,
sie wollte alle Mdchenscheu abwerfen, sie wollte Friedrich, auf welche Art es
immer sei, noch heute sehn und sprechen. Sie war eben allein, drauen war es
schon finster. Mehrere Male nahm sie ihren Mantel um und legte ihn zaudernd
wieder hin. Endlich fate sie ein Herz, schlich unbemerkt aus dem Hause und ber
die dunklen Gassen fort zu Friedrichs Wohnung. Atemlos mit klopfendem Herzen
flog sie die Stiegen hinauf, um, so ganz sein und um alle Welt nichts fragend,
an seine Brust zu fallen. Aber das Unglck wollte, da er eben nicht zu Hause
war. Da stand sie im Vorhaus und weinte bitterlich. Mehrere Tren gingen indes
im Hause auf und zu, Bediente eilten hin und her ber die Gnge. Sie konnte
nicht lnger weilen, ohne verraten zu werden.
    Die Furcht, so allein und zu dieser Zeit auf der Gasse erkannt zu werden,
trieb sie schnell durch die Gassen zurck, das Gesicht tief in den seidenen
Mantel gehllt. Aber das Geschick war in seiner teuflischen Laune. Als sie eben
um eine Ecke bog, stand der Prinz pltzlich vor ihr. Eine Laterne schien ihr
gerade ins Gesicht, er hatte sie erkannt. Ohne irgendein Erstaunen zu uern,
bot er ihr den Arm, um sie nach Hause zu begleiten. Sie sagte nichts, sondern
hing kraftlos und vernichtet vor Scham an seinem Arm. Er wunderte sich nicht, er
lchelte nicht, er fragte um nichts, sondern sprach artig von gewhnlichen
Dingen. - Als sie an ihr Haus kamen, bat er sie scherzend um einen Ku. Sie
willigte verwirrt ein, er umschlang sie heftig und kte sie zum ersten Male.
Eine lange Gestalt stand indes unbemerkt gegenber an der Mauer und kam
pltzlich auf den Prinzen los. Der Prinz, der sich nichts Gutes versah, sprang
schnell in ein Nebenhaus und schlo die Tr hinter sich zu. Es war Friedrich,
den der Zufall eben hier vorbeigefhrt hatte. Sie hatten beide einander nicht
erkannt. Er sa noch die halbe Nacht dort auf der Schwelle des Hauses und
lauerte auf den unbekannten Gast. Die wildesten Gedanken, wie er sie sein
Lebelang nicht gehabt, durchkreuzten seine Seele. Aber der Prinz kam nicht
wieder heraus. - Rosa hatte von der ganzen letzten Begebenheit nichts mehr
gesehen. - Der Prinz hatte sie berrascht. Noch niemals war er ihr so
bescheiden, so gut, so schn und liebenswrdig vorgekommen, und sein Ku brannte
die ganze Nacht verfhrerisch auf ihren schnen Lippen fort.
    Es war ein herrlicher Morgen, als Friedrich und Leontin in den ewigen
Zwinger der Alpen einritten, wohin auch sie von der Grfin Romana zur Jagd
geladen waren. Als sie um die letzte Bergecke herumkamen, fanden sie schon die
Gesellschaft auf einer schnen Wiese zwischen grnen Bergen bunt und schallend
zerstreut. Einzelne Gruppen von Pferden und gekoppelten Hunden standen rings in
der schnen Wildnis umher, im Hintergrunde erhob sich lustig ein farbiges Zelt.
Mitten auf der glnzenden Wiese stand die zauberische Romana in einer grnen
Jagdkleidung, sehr geschmckt, fast phantastisch wie eine Waldfee anzusehn.
Neben ihr, auf ihre Achsel gelehnt, stand Rosa in mnnlichen Jagdkleidern und
versteckte ihr Gesicht an der Grfin, da der Prinz eben zu ihr sprach, als sie
Friedrich mit ihrem Bruder von der andern Seite ankommen sah. Von allen Seiten
vom Gebirge herab bliesen die Jger auf ihren Hrnern, als bewillkommneten sie
die beiden neuangekommenen Gste. Friedrich hatte Rosa noch nie in dieser
Verkleidung gesehen und betrachtete lange ernsthaft das wunderschne Mdchen.
    Romana kam auf die beiden los und empfing sie mit einer auffallenden
Heftigkeit. Nun entlud sich auch das Zelt auf einmal eines ganzen Haufens von
Gsten, und Leontin war in dem Gewirre gar bald in seine launigste
Ausgelassenheit hineingergert, und spielte in kecken, barocken Worten, die ihm
wie von den hellen Schneehuptern der Alpen zuzufliegen schienen, mit diesem
Jagdgesindel, das ein einziger Auerochs verjagt htte. Auch hier war die
innerliche Antipathie zwischen ihm und dem Prinzen bemerkbar. Der Prinz wurde
still und vermied ihn, wo er konnte, wie ein Feuer, das berall mit seinen
Flammenspitzen nach ihm griff und ihn im Innersten versengte. Nur Romana war
heute auf keine Weise aus dem Felde zu schlagen, sie schien sich vielmehr an
seiner eigenen Weise nur immer mehr zu berauschen. Er konnte sich, wie immer,
wenn er sie sah, nicht enthalten, mit zweideutigen Witzen und Wortspielen ihre
innerste Natur herauszukitzeln, und sie hielt ihm heute tapfer Stich, so da
Rosa mehrere Male rot wurde und endlich fortgehn mute. Gott segne uns alle,
sagte er zuletzt zu einem vornehmen Mnnlein, das eben sehr komisch bei ihm
stand, da wir heute dort oben an einem schmalen Felsenabhange nicht etwa einem
von unsern Ahnherren begegnen, denn die verstehn keinen Spa, und wir sind
schwindlige Leute. -
    Hier wurde er durch das Jagdgeschrei unterbrochen, das nun pltzlich von
allen Seiten losbrach. Die Hrner forderten wie zum Kriege, die Hunde wurden
losgelassen, und alles griff nach den Gewehren. Leontin war bei dem ersten
Signal mitten in seiner Rede fortgesprungen, er war der erste unter dem Haufen
der anfhrenden Jger. Mit einer schwindelerregenden Khnheit sah man ihn, sich
an die Strucher haltend, geschickt von Fels zu Fels ber die Abgrnde immer
hher hinaufschwingen; er hatte bald alle Jger weit unter sich und verschwand
in der Wildnis. Mehrere von der Gesellschaft schrien dabei ngstlich auf. Romana
sah ihm furchtlos mit unverwandten Blicken nach; wie sind die Mnner
beneidenswert! sagte sie, als er sich verloren hatte.
    Die Gesellschaft hatte sich unterdes nach allen Richtungen hin zerstreut,
und die Jagd ging wie ein Krieg durch das Gebirge. In tiefster Abgeschiedenheit,
wo Bche in hellen Bogen von den Hhen sprangen, sah man die Gemsen schwindlig
von Spitze zu Spitze hpfen, einsame Jger dazwischen auf den Klippen erscheinen
und wieder verschwinden, einzelne Schsse fielen hin und her, das Hifthorn
verkndigte von Zeit zu Zeit den Tod eines jeden Tieres. Da sah Friedrich auf
einem einsamen Fleck nach mehreren Stunden seinen Leontin wagehalsig auf der
hchsten von allen den Felsspitzen stehen, da das Auge den Anblick kaum
ertragen konnte. Er erblickte Friedrich und rief zu ihm hinab: Das Pack da
unten ist mir unertrglich; wie sie hinter mir drein quickten, als ich vorher
hinaufstieg! Ich bleibe in den Bergen oben, lebe wohl, Bruder! Hierauf wandte
er sich wieder weiter und kam nicht mehr zum Vorschein.
    Der Abend rckte heran, in den Tlern wurde es schon dunkel. Die Jagd schien
geendigt, nur einzelne khne Schtzen sah man noch hin und wieder an den Klippen
hngen, von den letzten Widerscheinen der Abendsonne scharf beleuchtet.
Friedrich stand eben in hchster Einsamkeit an seine Flinte gelehnt, als er in
einiger Entfernung im Walde singen hrte:

Dmmrung will die Flgel spreiten,
Schaurig rhren sich die Bume,
Wolken ziehn wie schwere Trume -
Was will dieses Graun bedeuten?

Hast ein Reh du lieb vor andern,
La es nicht alleine grasen,
Jger ziehn im Wald und blasen,
Stimmen hin und wider wandern.

Hast du einen Freund hienieden,
Trau ihm nicht zu dieser Stunde,
Freundlich wohl mit Aug und Munde,
Sinnt er Krieg im tck'schen Frieden.

Was heut mde gehet unter,
Hebt sich morgen neugeboren.
Manches bleibt in Nacht verloren -
Hte dich, bleib wach und munter!

Es wurde wieder still. Friedrich erschrak, denn es kam ihm nicht anders vor, als
sei er selber mit dem Liede gemeint. Die Stimme war ihm durchaus unbekannt. Er
eilte auf den Ort zu, woher der Gesang gekommen war, aber kein Laut lie sich
weiter vernehmen.
    Als er eben so um eine Felsenecke bog, stand pltzlich Rosa in ihrer
Jgertracht vor ihm. Sie konnte der Snger nicht gewesen sein, denn der Gesang
hatte sich nach einer ganz andern Richtung hin verloren. Sie schien heftig
erschrocken ber den unerwarteten Anblick Friedrichs. Hochrot im Gesicht,
ngstlich und verwirrt, wandte sie sich schnell und sprang wie ein
aufgescheuchtes Reh, ohne der Gefahr zu achten, von Klippe zu Klippe die Hhe
hinab, bis sie sich unten im Walde verlor. Friedrich sah ihr lange verwundert
nach, spter stieg auch er ins Tal hinab.
    Dort fand er die Gesellschaft auf der schnen Wiese schon grtenteils
versammelt. Das Zelt in der Mitte derselben schien von den vielen Lichtern wie
in farbigen Flammen zu stehn, eine Tafel mit Wein und allerhand Erfrischungen
schimmerte lstern lockend zwischen den buntgewirkten Teppichen hervor, Mnner
und Frauen waren in freien Scherzen ringsumher gelagert. Die vielen wandelnden
Windlichter der Jger, deren Scheine an den Felsenwnden und am Walde auf und
nieder schweiften, gewhrten einen zauberischen Anblick. Mitten unter den
frhlich Gelagerten und den magischen Lichtern ging Romana fr sich allein, eine
Gitarre im Arm, auf der Wiese auf und ab. Friedrich glaubte eine auffallende
Spannung in ihrem Gesichte und ganzem Wesen zu bemerken. Sie sang:

In goldner Morgenstunde,
Weil alles freudig stand,
Da ritt im heitern Grunde
Ein Ritter ber Land.

Rings sangen auf das beste
Die Vglein mannigfalt,
Es schttelte die ste
Vor Lust der grne Wald.

Den Nacken, stolz gebogen,
Klopft er dem Rsselein -
So ist er hingezogen
Tief in den Wald hinein.

Sein Ro hat er getrieben,
Ihn trieb der frische Mut;
Ist alles fern geblieben,
So ist mir wohl und gut!

Sie ging whrend des Liedes immerfort unruhig auf und ab und sah mehrere Male
seitwrts in den Wald hinein, als erwartete sie jemand. Auch sprach sie einmal
heimlich mit einem Jger, worauf dieser sogleich forteilte. Friedrich glaubte
manchmal eine pltzliche, aber ebenso schnell wieder verschwindende hnlichkeit
ihres Gesanges mit jener Stimme auf dem Berge zu bemerken, da sie wieder
weitersang:

Mit Freuden mut er sehen
Im Wald ein' grne Au,
Wo Brnnlein khle gehen,
Von Blumen rot und blau.

Vom Ro ist er gesprungen,
Legt sich zum khlen Bach,
Die Wellen lieblich klungen,
Das ganze Herz zog nach.

So grne war der Rasen,
Es rauschte Bach und Baum,
Sein Ro tt stille grasen,
Und alles wie ein Traum.

Die Wolken sah er gehen,
Die schifften immerzu,
Er konnt nicht widerstehen -
Die Augen sanken ihm zu.

Nun hrt' er Stimmen rinnen,
Als wie der Liebsten Gru,
Er konnt sich nicht besinnen -
Bis ihn erweckt ein Ku.

Wie prchtig glnzt' die Aue!
Wie Gold der Quell nun flo,
Und einer sen Fraue,
Lag er im weichen Scho.

Herr Ritter! wollt Ihr wohnen
Bei mir im grnen Haus:
Aus allen Blumenkronen
Wind ich Euch einen Strau!

Der Wald ringsum wird wachen,
Wie wir beisammen sein,
Der Kuckuck schelmisch lachen,
Und alles frhlich sein.

Es bog ihr Angesichte
Auf ihn, den sen Leib,
Schaut mit den Augen lichte
Das wunderschne Weib.

Sie nahm sein'n Helm herunter,
Lst Krause ihm und Bund,
Spielt mit den Locken munter,
Kt ihm den roten Mund.

Und spielt' viel se Spiele
Wohl in geheimer Lust,
Es flog so khl und schwle
Ihm um die offne Brust.

Friedrichs Jger trat hier eiligst zu seinem Herrn und zog ihn abseits in den
Wald, wo er sehr bewegt mit ihm zu sprechen schien. Romana hatte es bemerkt. Sie
verwandte gespannt kein Auge von Friedrich und folgte ihm in einiger Entfernung
langsam in den Wald nach, whrend sie dabei weitersang:

Um ihn nun tt sie schlagen
Die Arme weich und blo,
Er konnte nichts mehr sagen,
Sie lie ihn nicht mehr los.

Und diese Au zur Stunde
Ward ein kristallnes Schlo,
Der Bach, ein Strom gewunden,
Ringsum gewaltig flo.

Auf diesem Strome gingen
Viel Schiffe wohl vorbei,
Es konnt ihn keines bringen
Aus bser Zauberei.

Sie hatte kaum noch die letzten Worte ausgesungen, als Friedrich pltzlich auf
sie zukam, da sie innerlichst zusammenfuhr. Wo ist Rosa? fragte er rasch und
streng. Ich wei es nicht, antwortete Romana schnell wieder gefat, und suchte
mit erzwungener Gleichgltigkeit auf ihrer Gitarre die alte Melodie
wiederzufinden. Friedrich wiederholte die Frage noch einmal dringender. Da hielt
sie sich nicht lnger. Als wre ihr innerstes Wesen auf einmal losgebunden,
brach sie schnell und mit fast schreckhaften Mienen aus: Du kennst noch nicht
mich und jene unbezwingliche Gewalt der Liebe, die wie ein Feuer alles verzehrt,
um sich an dem freien Spiele der eigenen Flammen zu weiden und selber zu
verzehren, wo Lust und Entsetzen in wildem Wahnsinn einander berhren. Auch die
grnblitzenden Augen des buntschillernden, blutleckenden Drachen im Liebeszauber
sind keine Fabel, ich kenne sie wohl und sie machen mich noch rasend. Oh, htte
ich Helm und Schwert wie Armida! - Rosa kann mich nicht hindern, denn ihre
Schnheit ist blde und dein nicht wert. Ja, gegen dich selber will ich um dich
kmpfen. Ich liebe dich unaussprechlich, bleibe bei mir, wie ich nicht mehr von
dir fort kann! -Sie hatte ihn bei den letzten Worten fest umschlungen.
Friedrich fuhr mit einem Male aus tiefen Gedanken auf, streifte schnell die
blanken Arme von sich ab, und eilte, ohne ein Wort zu sagen, tief in den Wald,
wo er sein Pferd bestieg, mit dem ihn der Jger schon erwartete, und fort
hinaussprengte.
    Romana war auf den Boden niedergesunken, das Gesicht mit beiden Hnden
verdeckt. Das frhliche Lachen, Singen und Glserklirren von der Wiese her
schallte ihr wie ein hllisches Hohngelchter.
    Rosa war, als sich Tag und Jagd zu Ende neigten, von Romana und aller
Begleitung, wie durch Zufall, verlassen worden. Der Prinz hatte sie den ganzen
Tag ber beobachtet, war ihr berall im Grnen begegnet und wieder verschwunden.
Sie hatte sich endlich halb zgernd entschlossen, ihn zu fliehen und hher ins
Gebirge hinaufzusteigen. Sein blhendes Bild heimlich im Herzen, das die
Waldhornsklnge immer wieder von neuem weckten, unschlssig, trumend und
halbverirrt, zuletzt noch von dem Liede des Unbekannten, das auch sie hrte,
seltsam getroffen und verwirrt, so war sie damals bis zu dem Flecke
hinaufgekommen, wo sie so auf einmal Friedrich vor sich sah. Der Ort lag sehr
hoch und wie von aller Welt geschieden, sie dachte an ihren neulichen Traum und
eine unbeschreibliche Furcht befiel sie vor dem Grafen, die sie schnell von dem
Berge hinabtrieb.
    Unten, fern von der Jagd, sa der Prinz auf einem ungeheuren Baume. Da hrte
er das Gerusch hinter sich durch das Dickicht brechen. Er sprang auf und Rosa
fiel atemlos in seine ausgebreiteten Arme. Ihr gestrtes Verhltnis zu
Friedrich, das Lied oben, und tausend alte Erinnerungen, die in der grnen
Einsamkeit wieder wach geworden, hatten das reizende Mdchen heftig bewegt. Ihr
Schmerz machte sich hier endlich in einem Strome von Trnen Luft. Ihr Herz war
zu voll, sie konnte nicht schweigen. Sie erzhlte dem Prinzen alles aus
tiefster, gerhrter Seele.
    Es ist gefhrlich fr ein junges Mdchen, einen schnen Vertrauten zu haben.
Der Prinz setzte sich neben ihr auf den Rasen hin. Sie lie sich willig von ihm
in den Arm nehmen und lehnte ihr Gesicht mde an seine Brust. Die Abendscheine
spielten schon zuckend durch die Wipfel, unzhlige Vgel sangen von allen
Seiten, die Waldhrner klangen wollstig durch den warmen Abend aus der Ferne
herber. Der Prinz hatte ihre langen Haare, die aufgegangen waren, um seinen Arm
gewickelt und sprach ununterbrochen so wunderliebliche, zauberische Worte,
gleich sanfter Quellen Rauschen, khlelockend und sinnenberauschend, wie Tne
alter Lieder aus der Ferne verfhrend herberspielen. Rosa bemerkte endlich mit
Schrecken, da es indes schon finster geworden war, und drang ngstlich in den
Prinzen, sie zu der Gesellschaft zurckzufhren. Der Prinz sprang sogleich
seitwrts in den Wald und brachte zu ihrem Erstaunen zwei gesattelte Pferde mit
hervor. Er hob sie schnell auf das eine hinauf, und sie ritten nun, so geschwind
als es die Dunkelheit zulie, durch den Wald fort.
    Sie waren schon weit auf verschiedenen, sich durchkreuzenden Wegen
fortgetrabt, aber die Wiese mit dem Zelte wollte noch immer nicht erscheinen.
Die Waldhornsklnge, die sie vorher gehrt hatten, waren schon lange verstummt,
der Mond trat schon zwischen den Wolken hervor. Rosa wurde immer ngstlicher,
aber der Prinz wute sie jedesmal wieder zu beruhigen.
    Endlich hrten sie die Hrner von neuem aus der Ferne vor sich. Sie
verdoppelten ihre Eile, die Klnge kamen immer nher. Doch wie gro war Rosas
Schrecken, als sie auf einmal aus dem Walde herauskam und ein ganz fremdes,
unbekanntes Schlo vor sich auf dem Berge liegen sah. Entrstet wollte sie
umkehren und machte dem Prinzen weinend die bittersten Vorwrfe. Nun legte der
Prinz die Maske ab. Er entschuldigte seine Khnheit mit der unwiderstehlichen
Gewalt seiner lange heimlich genhrten Sehnsucht, umschlang und kte die
Weinende und beschwor alle Teufel seiner Liebe herauf. Die Hrner klangen
lockend immerfort, und zitternd, halb gezwungen und halb verfhrt, folgte sie
ihm endlich den Berg hinauf. Es war ein abgelegenes Jagdschlo des Prinzen. Nur
wenige verschwiegene Diener hatten dort alles zu ihrem Empfange bereitet.
    Friedrich ritt indes zwischen den Bergen fort. Sein Jger, der gegen Abend
weit von der Jagd abgekommen war, hatte zufllig Rosa mit dem Prinzen auf ihrer
Flucht durch den Wald fortjagen gesehen, und war sogleich zu seinem Herrn
zurckgeeilt, um ihm diese Entdeckung mitzuteilen. Dies war es, was Friedrich so
schnell auf sein Pferd getrieben hatte.
    Als er endlich nach manchem Umwege an die letzten Felsen kam, welche diese
Wiese umschlossen, erblickte er pltzlich im Walde seitwrts eine weie Figur,
die, eine Flinte im Arm, gerade auf seine Brust zielte. Ein flchtiger
Mondesblick beleuchtete die unbewegliche Gestalt, und Friedrich glaubte mit
Entsetzen Romana zu erkennen. Sie lie erschrocken die Flinte sinken, als er
sich nach ihr umwandte, und war im Augenblick im Walde verschwunden. Ein
seltsames Graun befiel dabei den Grafen. Er setzte die Sporen ein, bis er das
ganze furchtbare Jagdrevier weit hinter sich hatte.
    Unermdet durchstreifte er nun den Wald nach allen Richtungen, denn jede
Minute schien ihm kostbar, um der Ausfhrung dieser Verrterei zuvorzukommen.
Aber kein Laut und kein Licht rhrte sich weit und breit. So ritt er ohne Bahn
fort und immerfort, und der Wald und die Nacht nahmen kein Ende.


                                  Drittes Buch

                              Achtzehntes Kapitel

Wir finden Friedrich fern von dem wirrenden Leben, das ihn gereizt und betrogen,
in der tiefsten Einsamkeit eines Gebirges wieder. Ein unaufhrlicher Regen war
lange wie eine Sndflut herabgestrzt, die Wlder wogten wie hrenfelder im
feuchten Sturme. Als er endlich eines Abends auf die letzte Ringmauer von
Deutschland kam, wo man nach Welschland heruntersieht, fing das Wetter auf
einmal an sich auszuklren, und die Sonne brach warm durch den Qualm. Die Bume
trpfelten in tausend Farben blitzend, unzhlige Vgel begannen zu singen, das
liebreizende, vielgepriesene Land unten schlug die Schleier zurck und blickte
ihm wie eine Geliebte ins Herz.
    Da er eben in die weite Tiefe zu den aufgehenden Grten hinablenken wollte,
sah er auf einer der Klippen einen jungen, schlanken Gemsenjger keck und
trotzig ihm gegenberstehn und seinen Stutz auf ihn anlegen. Er wandte schnell
um und ritt auf den Jger los. Das schien diesem zu gefallen, er kam schnell zu
Friedrich herabgesprungen und sah ihn vom Kopf bis auf den Fu gro an, whrend
er dem Pferde desselben, das ungeduldig stampfte, mit vieler Freude den
gebogenen Hals streichelte. Wer gibt dir das Recht, Reisende aufzuhalten? fuhr
ihn Friedrich an. Du sprichst ja deutsch, sagte der Jger, ihn ruhig
auslachend, du knntest jetzt auch etwas Besseres tun, als reisen! Komm nur mit
mir! Friedrich erfrischte recht das kecke, freie Wesen, das feine Gesicht voll
Ehre, die gelenke, tapfere Gestalt; er hatte nie einen schnern Jger gesehen.
Er zweifelte nicht, da er einer von jenen sei, um derentwillen er schon seit
mehreren Tagen das verlassene Gebirge vergebens durchschweift hatte, und trug
daher keinen Augenblick Bedenken, dem Abenteuer zu folgen. Der Jger ging
singend voraus, Friedrich ritt in einiger Entfernung nach.
    So zogen sie immer tiefer in das Gebirge hinein. Die Sonne war lange
untergegangen, der Mond schien hell ber die Wlder. Als sie ohngefhr eine
halbe Stunde so gewandert waren, blieb der Jger in einiger Entfernung pltzlich
stehen, nahm sein Hifthorn und stie dreimal hinein. Sogleich gaben unzhlige
Hrner nacheinander weit in das Gebirge hinein Antwort. Friedrich stutzte und
wurde einen Augenblick an dem ehrlichen Gesichte irre. Er hielt sein Pferd an,
zog sein Pistol heraus und hielt es, gefat gegen alles, was daraus werden
durfte, auf seinen Fhrer. Der Jger bemerkte es. Lauter Landsleute! rief er
lachend, und schritt ruhig weiter. Aller Argwohn war verschwunden, und Friedrich
ritt wieder nach.
    So kamen sie endlich schon bei finsterer Nacht auf einem hochgelegenen,
freien Platze an. Ein Kreis brtiger Schtzen war dort um ein Wachtfeuer
gelagert, grne Reiser auf den Hten, und ihre Gewehre neben sich auf dem Boden.
Friedrichs Fhrer war schon voraus mitten unter ihnen und hatte den Fremden
angemeldet. Mehrere von den Schtzen sprangen sogleich auf, umringten Friedrich
bei seiner Ankunft und fragten ihn um Neuigkeiten aus dem flachen Lande.
Friedrich wute sie wenig zu befriedigen, aber seine Freude war unbeschreiblich,
sich endlich am Ziele seiner Irrfahrt zu sehen. Denn dieser Trupp war, wie er
gleich beim ersten Anblick vermutet, wirklich eine Partei des Landsturmes, den
das Gebirgsvolk bei dem unlngst ausgebrochenen Kriege gebildet hatte.
    Die Flamme warf einen seltsamen Schein ber den soldatischen Kreis von
Gestalten, die rings umherlagen. Die Nacht war still und sternhell. Einer von
den Jgern, die drauen auf dem Felsen auf der Lauer lagen, kam und meldete, wie
in dem Tale nach Deutschland zu ein groes Feuer zu sehen sei. Alles richtete
sich auf und lief weiter an den Bergesrand. Man sah unten die Flammen aus der
stillen Nacht sich erheben, und konnte ungeachtet der Entfernung die strzenden
Geblke der Huser deutlich unterscheiden. Die meisten kannten die Gegend,
einige nannten sogar die Drfer, welche brennen mten. Alle aber waren sehr
verwundert ber die unerwartete Nhe des Feindes, denn diesem schrieben sie den
Brand zu. Man erwartete mit Ungeduld die Zurckkunft eines Trupps, der schon
gestern in die Tler auf Kundschaft ausgezogen war.
    Einige Stunden nach Mitternacht ohngefhr hrte man in einiger Entfernung im
Walde von mehreren Wachen das Losungswort erschallen; bald darauf erschienen
einige Mnner, die man sogleich fr die auf Kundschaft Ausgeschickten erkannte
und begrte. Sie hatten einen jungen, fremden Mann bei sich, der aber ber der
blen Zeitung, welche die Kundschafter mitbrachten, anfangs von allen bersehen
wurde. Sie sagten nmlich aus, eine ansehnliche feindliche Abteilung habe ihre
heimlichen Schlupfwinkel entdeckt und sie durch einen rastlosen, mhsamen Marsch
umgangen. Der Feind stehe nun auf dem Gebirge selbst mitten zwischen ihren
einzelnen, auf den Hhen zerstreuten Haufen, um sie mit Tagesanbruch so einzeln
aufzureiben. - Ein allgemeines Gelchter erscholl bei den letzten Worten im
ganzen Trupp. Wir wollen sehn, wer hrter ist, sagte einer von den Jgern,
unsere Steine oder ihre Kpfe! Die Jngsten warfen ihre Hte in die Luft,
alles freute sich, da es endlich zum Schlagen kommen sollte.
    Man beratschlagte nun eifrig, was unter diesen Umstnden das klgste sei.
Zum berlegen war indes nicht lange Zeit es mute fr den immer mehr
herannahenden Morgen ein rascher Entschlu gefat werden. Friedrich, der allen
wohl behagte, gab den Rat, sie sollten sich heimlich auf Umwegen neben den
feindlichen Posten hin vor Tagesanbruch mit allen den andern zerstreuten Haufen
auf einem festen Fleck zu vereinigen suchen. Dies wurde einmtig angenommen, und
der lteste unter ihnen teilte hiermit alsogleich den ganzen Haufen in viele
kleine Trupps und gab jedem einen jungen, rstigen Fhrer zu, der alle Stege des
Gebirges am besten kannte. ber die einsamsten und gefhrlichsten Felsenpfade
wollten sie heimlich mitten durch ihre Feinde gehen, alle ihre andern Haufen,
auf die sie unterwegs stoen muten, an sich ziehn und auf dem hchsten Gipfel,
wo sie wuten, da ihr Hauptstamm sich befnde, wieder zusammenkommen, um sich
bei Anbruch des Tages von dort mit der Sonne auf den Feind zu strzen.
    Das Unternehmen war gefhrlich und gewagt, doch nahmen sie sehr vergngt
Abschied voneinander. Friedrich hatte sich auch ein grnes Reis auf den Hut
gesteckt und auf das beste bewaffnet. Ihm war der junge Jger, den er zuerst auf
der Strae nach Italien getroffen, zum Fhrer bestimmt worden, zu seinen
Begleitern hatte er noch zwei Schtzen und den jungen Menschen, den die
Kundschafter vorhin mitgebracht. Dieser hatte die ganze Zeit ber, ohne einigen
Anteil an der Begebenheit verspren zu lassen, seitwrts auf einem Baumsturze
gesessen, den Kopf in beide Hnde gesttzt, als schliefe er. Sie rttelten ihn
nun auf. Wie erstaunte da Friedrich, als er sich aufrichtete und in ihm
denselben Studenten wiedererkannte, den er damals auf der Wiese unter den
herumziehenden Komdianten getroffen hatte, als er auf Romanas Schlo zum
Besuche ritt. Doch hatte er sich seitdem sehr verndert, er sah bla aus, seine
Kleidung war abgerissen, er schien ganz herunter. Sie setzten sich sogleich in
Marsch, und da es zum Gesetz gemacht worden war, den ganzen Weg nichts
miteinander zu sprechen, so konnte Friedrich nicht erfahren, wie derselbe aufs
Gebirge und in diesen Zustand geraten war.
    Sie gingen nun zwischen Wldern, Felsenwnden und unabsehbaren Abgrnden
immer fort; der ganze Kreis der Berge lag still, nur die Wlder rauschten von
unten herauf, ein scharfer Wind ging auf der Hhe. Der Gemsenjger schritt
frisch voran, sie sprachen kein Wort. Als sie einige Zeit so fortgezogen waren,
hrten sie pltzlich ber sich mehrere Stimmen in auslndischer Sprache. Sie
blieben stehen und drckten sich alle hart an die Felsenwand an. Die Stimmen
kamen auf sie los und schienen auf einmal dicht bei ihnen; dann lenkten sie
wieder seitwrts und verloren sich schnell. Dies bewog den Fhrer, einen andern,
mehr talwrts fhrenden Umweg einzuschlagen, wo sie sicherer zu sein hofften.
    Sie hatten aber kaum die untere Region erlangt, als ihnen ein Gewirre von
Reden, Lachen und Singen durcheinander entgegenscholl. Zum Umkehren war keine
Zeit mehr, seitwrts von dem Platze, wo das Schallen sich verbreitet, fhrte nur
ein einziger Steg ber den Strom, der dort in das Tal hinauskam. Als sie an den
Bach kamen, sahen sie zwei feindliche Reiter auf dem Stege, die beschftigt
waren, Wasser zu schpfen. Sie streckten sich daher schnell unter die Strucher
auf den Boden nieder, um nicht bemerkt zu werden. Da konnten sie zwischen den
Zweigen hindurch die vom Monde hell beleuchtete Wiese bersehen. Ringsum an dem
Rande des Waldes stand dort ein Kreis von Pferden angebunden, eine Schar von
Reitern war lustig ber die Aue verbreitet. Einige putzten singend ihre Gewehre,
andere lagen auf dem Rasen und wrfelten auf ihren ausgebreiteten Mnteln,
mehrere Offiziere saen vorn um ein Feldtischchen und tranken. Der eine von
ihnen hatte ein Mdchen auf dem Schoe, das ihn mit dem einen Arme umschlungen
hielt. Friedrich erschrak im Innersten, denn der Offizier war einer seiner
Bekannten aus der Residenz, das Mdchen die verlorne Marie. Es war einer von
jenen leichten, halbbrtigen Brdern, die im Winter zu seinem Kreise gehrt, und
bei anbrechendem Frhling Ernst, Ehrlichkeit und ihre gemeinschaftlichen
Bestrebungen mit den Bllen und andern Winterunterhaltungen vergaen.
    Ihn emprte dieses Elend ohne Treue und Gesinnung, wie er mit vornehmer
Zufriedenheit seinen Schnauzbart strich und auf seinen Sbel schlug, gleichviel
fr was oder gegen wen er ihn zog. Der Lauf seines Gewehres war zufllig gerade
auf ihn gerichtet; er htte es in diesem Augenblicke auf ihn losgedrckt, wenn
ihn nicht die Furcht, alle zu verraten, davon abgehalten htte.
    Der Offizier stand auf, hob sein Glas in die Hh und fing an Schillers
Reiterlied zu singen, die andern stimmten mit vollen Kehlen ein. Noch niemals
hatte Friedrich das frchterliche Lied so widerlich und hllisch-gurgelnd
geklungen. Ein anderer Offizier mit einem feuerroten Gesichte, in dem alle
menschliche Bildung zerfetzt war, trat dazu, schlug mit dem Sbel auf den Tisch,
da die Glser klirrten, und pfiff durchdringend den Dessauer Marsch drein. Ein
allgemeines wildes Gelchter belohnte seine Zote. -
    Unterdes hatten die beiden Reiter den Steg wieder verlassen. Friedrich und
seine Gesellen rafften sich daher schnell vom Boden auf und eilten ber den Bach
von der andern Seite wieder ins Gebirge hinauf. Je hher sie kamen, je stiller
wurde es ringsumher. Nach einer Stunde endlich wurden sie von den ersten Posten
der Ihrigen angerufen. Hier erfuhren sie auch, da fast alle die brigen
Abteilungen, die sich teils durchgeschlichen, teils mit vielem Mute
durchgeschlagen hatten, bereits oben angekommen wren. Es war ein freudenreicher
Anblick, als sie bald darauf den weiten, freien Platz auf der letzten Hhe
glcklich erreicht hatten. Die ganze unbersehbare Schar sa dort, auf ihre
Waffen gesttzt, auf den Zinnen ihrer ewigen Burg, die groen Augen gedankenvoll
nach der Seite hingerichtet, wo die Sonne aufgehn sollte. Friedrich lagerte sich
vorn auf einem Felsen, der in das Tal hinausragte. Unten rings um den Horizont
war bereits ein heller Morgenstreifen sichtbar, khle Winde kamen als Vorboten
des Morgens angeflogen. Eine feierliche, erwartungsvolle Stille war ber die
Schar verbreitet, einzelne Wachen nur hrte man von Zeit zu Zeit weit ber das
Gebirge rufen. Ein Jger vorn auf dem Felsen begann folgendes Lied, in das immer
zuletzt alle die andern mit einfielen:

In stiller Bucht, bei finstrer Nacht,
Schlft tief die Welt im Grunde,
Die Berge rings stehn auf der Wacht,
Der Himmel macht die Runde,
Geht um und um
Ums Land herum
Mit seinen goldnen Scharen,
Die Frommen zu bewahren.

Kommt nur heran mit eurer List,
Mit Leitern, Strick und Banden,
Der Herr doch noch viel strker ist,
Macht euren Witz zuschanden.
Wie wart ihr klug! -
Nun schwindelt Trug
Hinab vom Felsenrande -
Wie seid ihr dumm! o Schande!

Gleichwie die Stmme in dem Wald
Wolln wir zusammenhalten,
Ein' feste Burg, Trutz der Gewalt,
Verbleiben treu die alten.
Steig, Sonne, schn!
Wirf von den Hhn
Nacht und die mit ihr kamen,
Hinab in Gottes Namen!

Friedrich rgerte es recht, da der Student immerfort so traurig dabeisa. Seine
Komdiantin, wie er Friedrich hier endlich entdeckte, hatte ihn von neuem
verlassen und diesmal auch alle seine Barschaft mitgenommen. Arm und blo und
zum Tode verliebt, war er nun dem aufrhrerischen Gebirge zugeeilt, um im Kriege
sein Ende zu finden. Aber so seid nur nicht gar so talket! sagte ein Jger,
der seine Erzhlung mit angehrt hatte. Mein Schatz, sang ein anderer neben
ihm:

Mein Schatz, das ist ein kluges Kind,
Die spricht: Willst du nicht fechten,
Wir zwei geschiedne Leute sind;
Erschlagen dich die Schlechten,
Auch keins von beiden dran gewinnt.
Mein Schatz, das ist ein kluges Kind,
Fr die will ich lebn und fechten!

Was ist das fr eine Liebe, die so wehmtige, weichliche Tapferkeit erzeugt?
sagte Friedrich zum Studenten, denn ihm kam seine Melancholie in dieser Zeit,
auf diesen Bergen und unter diesen Leuten unbeschreiblich albern vor. Glaubt
mir, das Sterben ist viel zu ernsthaft fr einen sentimentalischen Spa. Wer den
Tod frchtet und wer ihn sucht, sind beide schlechte Soldaten, wer aber ein
schlechter Soldat ist, der ist auch kein rechter Mann.
    Sie wurden hier unterbrochen, denn soeben fielen von mehreren Seiten Schsse
tief unten im Walde. Es war das verabredete Zeichen zum Aufbruch. Sie wollten
den Feind nicht erwarten, sondern ihn von dieser Seite, wo er es nicht
vermutete, selber angreifen. Alles sprang frhlich auf und griff nach den
herumliegenden Waffen. In kurzer Zeit hatten sie den Feind im Angesicht. Wie ein
heller Strom brachen sie aus ihren Schluchten gegen den blinkenden Damm der
feindlichen Glieder, die auf der halben Hhe des Berges steif gespreizt standen.
Die ersten Reihen waren bald gebrochen, und das Gefecht zerschlug sich in so
viele einzelne Zweikmpfe, als es ehrenfeste Herzen gab, die es auf Tod und
Leben meinten. Es kommandierte, wem Besonnenheit oder Begeisterung die bermacht
gab. Friedrich war berall zu sehen, wo es am gefhrlichsten herging, selber mit
Blut berdeckt. Einzelne rangen da auf schwindligen Klippen, bis beide einander
umklammernd in den Abgrund strzten. Blutrot stieg die Sonne auf die Hhen, ein
wilder Sturm wtete durch die alten Wlder, Felsenstcke strzten zermalmend auf
den Feind. Es schien das ganze Gebirge selbst wie ein Riese die steinernen
Glieder zu bewegen, um die fremden Menschlein abzuschtteln, die ihn dreist
geweckt hatten und an ihm heraufklettern wollten. Mit grenzenloser Unordnung
entfloh endlich der Feind nach allen Seiten weit in die Tler hinaus.
    Nur auf einem einzigen Flecke wurde noch immer fortgefochten. Friedrich
eilte hinzu und erkannte inmittelst jenen Offizier wieder, der in der Residenz
zu seinen Genossen gehrte. Dieser hatte sich, von den Seinigen getrennt, schon
einmal gefangengegeben, als er zufllig um den Anfhrer seiner Sieger fragte.
Mehrere nannten einstimmig Friedrich. Bei diesem Namen hatte er pltzlich einem
seiner Fhrer den Sbel entrissen und versuchte wtend, noch einmal sich
durchzuschlagen. Als er nun Friedrich selber erblickte, verdoppelte er seine
fast schon erschpften Krfte von neuem und hieb in Wut blind um sich, bis er
endlich von der Menge entwaffnet wurde. Stillschweigend folgte er nun, wohin sie
ihn fhrten, und wollte durchaus kein Wort sprechen. Friedrich mochte ihn in
diesem Augenblicke nicht anreden.
    Das Verfolgen des flchtigen Feindes dauerte bis gegen Abend. Da langte
Friedrich mit den Seinigen ermdet auf einem altfrnkischen Schlosse an, das am
Abhange des Gebirges stand. Hof und Schlo stand leer; alle Bewohner hatten es
aus Furcht vor Freund und Feind feigherzig verlassen. Der Trupp lagerte sich
sogleich auf dem gerumigen Hofe, dessen Pflaster schon hin und wieder mit Gras
berwachsen war. Rings um das Schlo wurden Wachen ausgestellt.
    Friedrich fand eine Tr offen und ging in das Schlo. Er schritt durch
mehrere leere Gnge und Zimmer und kam zuletzt in eine Kapelle. Ein einfacher
Altar war dort aufgerichtet, mehrere alte Heiligenbilder auf Holz hingen an den
Wnden umher, auf dem Altare stand ein Kruzifix. Er kniete vor dem Altare nieder
und dankte Gott aus Grund der Seele fr den heutigen Tag. Darauf stand er
neugestrkt auf und fhlte die vielen Wunden kaum, die er in dem Gefechte
erhalten. Er erinnerte sich nicht, da ihm jemals in seinem Leben so wohl
gewesen. Es war das erstemal, da es ihm gengte, was er hier trieb und
vorhatte. Er war vllig berzeugt, da er das Rechte wolle, und sein ganzes
voriges Leben, was er sonst einzeln versucht, gestrebt und gebt hatte, kam ihm
nun nur wie eine lange Vorschule vor zu der sichern, klaren und groen
Gesinnung, die jetzt sein Tun und Denken regierte.
    Er ging nun durch das Schlo, wo fast alle Tren geffnet waren. In dem
einen Gemache fand er ein altes Sofa. Er streckte sich darauf; aber er konnte
nicht schlafen, so mde er auch war. Denn tausenderlei Gedanken zogen wechselnd
durch seine Seele, whrend er dort von der einen Seite durch die offene Tr den
Schlohof bersah, wo die Schtzen um ein Feuer lagen, das die alten Gemuer
seltsam beleuchtete, von der andern Seite durchs Fenster die Wolkenzge ber den
stillen, schwarzen Wldern. Er gedachte seines vergangenen ruhigen Lebens, wie
er noch mit seiner Poesie zufrieden und glcklich war, an seinen Leontin, an
Rosa, an den stillen Garten beim Herrn v. A., wie das alles so weit von hier
hinter den Bergen jetzt im ruhigen Schlafe ruhte.
    Das Feuer aus dem Hofe warf indes einen hellen Widerschein ber die eine
Wand der Stube. Da wurde er auf ein groes, altes Bild aufmerksam, das dort
hing. Es stellte die heilige Mutter Anna vor, wie sie die kleine Maria lesen
lehrte. Sie hatte ein groes Buch vor sich auf dem Schoe. An ihren Knien stand
die kleine Maria mit vor der Brust gefalteten Hndchen, die Augen fleiig auf
das Buch niedergeschlagen. Eine wunderbare Unschuld und Frmmigkeit, wie die
demtige Ahnung einer knftigen, unbeschreiblichen Schnheit und Herrlichkeit,
ruhte auf dem Gesichte des Kindes. Es war, als mte sie jeden Augenblick die
schnen, klaren Kindesaugen aufschlagen, um der Welt Trost und himmlischen
Frieden zu geben. Friedrich war erstaunt, denn je lnger er das stille Kpfchen
ansah, je deutlicher schienen alle Zge desselben in ein ihm wohlbekanntes
Gesicht zu verschwimmen. Doch verlor sich diese Erinnerung in seine frheste
Kindheit, und er konnte sich durchaus nicht genau besinnen. Er sprang auf und
untersuchte das Bild von allen Seiten, aber nirgends war irgendein Name oder
besonderes Zeichen zu sehen.
    Verwundert ging er in den Hof hinaus und fragte nach den Bewohnern des
Schlosses. Nur einige wuten Bescheid und sagten aus, das Schlo werde
gewhnlich blo von einem Vogte bewohnt und gehre eigentlich einer Edelfrau im
Auslande, die alle Jahre immer nur auf wenige Tage herkomme. Sonst konnte er
nichts erfahren. Ihm fiel dabei unwillkrlich die weie Frau ein, die er schon
fast wieder vergessen hatte. -
    Sein Schlaf war vorbei - er begab sich daher auf die alte steinerne Galerie,
die auf der Waldseite ber eine tiefe Schlucht hinausging, um dort den Morgen
abzuwarten. Dort fand er auch den gefangenen Offizier, der in einem dunklen
Winkel zusammengekrmmt lag. Er setzte sich zu ihm auf das halb abgebrochene
Gelnder.
    Das Unglck macht vieles wieder gut, sagte er, und reichte ihm die Hand. -
Der Offizier wickelte sich fester in seinen Mantel und antwortete nicht. - Hast
du denn alles vergessen, fuhr Friedrich fort, was wir in der guten Zeit
vorbereitet? Mir war es Ernst mit dem, was ich vorhatte. Ich war ein ehrlicher
Narr, und ich will es lieber sein, als klug ohne Ehre. - Der Offizier fuhr auf,
schlug seinen Mantel auseinander und rief: Schlag mich tot wie einen Hund! -
La diese weibische Wut, wenn du nichts Besseres kannst, sagte Friedrich
ruhig. Du siehst so wst und dunkel aus, ich kenne dein Gesicht nicht mehr
wieder. Ich liebte dich sonst, so bist du mir gar nichts wert. - Bei diesen
Worten sprang der Offizier, der Friedrichs ruhige Zge nicht lnger ertragen
konnte, auf, packte ihn bei der Brust und wollte ihn ber die Galerie in den
Abgrund strzen. Sie rangen einige Zeit miteinander; Friedrich war vom vielen
Blutverluste ermattet und taumelte nach dem schwindligen Rande zu. Da fiel ein
Schu aus einem Fenster des Schlosses; ein Schtze hatte alles mit angesehen. -
Jesus Maria! rief der Offizier getroffen, und strzte ber das Gelnder in den
Abgrund hinunter. - Da wurde es auf einmal still, nur der Wald rauschte finster
von unten herauf. Friedrich wandte sich schaudernd von dem unheimlichen Orte.
    Die Schtzen hatten unterdes ausgerastet, das Morgenrot begann bereits sich
zu erheben. Neue Nachrichten, die soeben eingelaufen waren, bestimmten den
Trupp, sogleich von seinem Schlosse aufzubrechen, um sich mit den andern tiefer
im Lande zu vereinigen.
    Eine seltsame Erscheinung zog jedoch bald darauf aller Augen auf sich. Als
sie nmlich auf der einen Seite des Schlosses herauskamen, sahen sie jenseits
zwischen den Bumen auf einer hohen Klippe eine weibliche Gestalt stehen, welche
zwei von den Ihrigen, die ihr nachstiegen, mit dem Degen abwehrte. Friedrich
wurde hinzugerufen. Er erfuhr, das Mdchen sei gegen Morgen allein mit
verwirrtem Haar und einem Degen in der Hand an dem Schlosse herumgeirrt, als
suche sie etwas. Als sie dann auf den erschossenen Offizier gestoen, habe sie
ihn schnell in die Arme genommen, und den Leichnam mit einer
bewunderungswrdigen Kraft und Geduld in das Gebirge hinaufgeschleppt. Zwei
Schtzen, denen ihr Herumschleichen verdchtig wurde, waren ihr bis zu diesem
Felsen gefolgt, den sie nun wie ihre Burg verteidigte.
    Als Friedrich nher kam, erkannte er in dem wunderbaren Mdchen sogleich
Marie, sie kam ihm heute viel grer und schner vor. Ihre langen, schwarzen
Locken waren auseinandergerollt, sie hieb nach allen Seiten um sich, so da
keiner, ohne sie zu verletzen, die steile Klippe ersteigen konnte. Als dieselbe
Friedrich unter den fremden Mnnern erblickte, lie sie pltzlich den Degen
fallen, sank auf die Knie und verbarg ihr Gesicht an der kalten Brust ihres
Geliebten. Die brtigen Mnner blieben erstaunt stehn. Ist in dir eine solche
Gewalt wahrhafter Liebe, sagte Friedrich gerhrt zu ihr, so wende sie zu Gott,
und du wirst noch groe Gnade erfahren!
    Die Umstnde ntigten indes immer dringender zum Aufbruch. Friedrich lie
daher einen des Weges kundigen Jger bei Marie zurck, der sie in Sicherheit
bringen sollte. Das Mdchen richtete sich halb auf und sah still dem Grafen
nach; sie aber zogen singend ber die Berge weiter, ber denen soeben die Sonne
aufging.

                              Neunzehntes Kapitel


Der Krieg wtete noch lange fort. Friedrich hatte im Laufe desselben den Ruhm
seines alten Namens durch alte Tugend wieder angefrischt. Der Frst, dem er
angehrte, war unter den Feinden. Friedrichs Gter wurden daher eingezogen. Das
Kriegsglck wandte sich, die Seinigen wurden immer geringer und schwcher, alles
ging schlecht: er blieb allein desto hartnckiger gut und wich nicht. Endlich
wurde der Friede geschlossen. Da nahm er, zurckgedrngt auf die hchsten Zinnen
des Gebirges, Abschied von seinen Hochlndern und eilte gterlos und gechtet
hinab. ber das platte Land verbreitete sich der Friede weit und breit in
schallender Freude; er allein zog einsam hindurch, und seine Gedanken kann
niemand beschreiben, als er die letzten Gipfel des Gebirges hinter sich
versinken sah. Er gedachte wenig seiner eigenen Gefahr, da rings in dem Lande
die feindlichen Truppen noch zerstreut lagen, von denen er wohl wute, da sie
seiner habhaft zu werden trachteten. Er achtete sein Leben nicht, es schien ihm
nun zu nichts mehr ntze. -
    So langte er an einem unfreundlichen, strmischen Abend in einem abgelegenen
Dorfe an. Die Grten waren alle verwstet, die Huser niedergebrannt, die
wenigen briggebliebenen schienen von den Bewohnern verlassen; es war ein
trauriges Denkmal des kaum geendigten Krieges, der an diesen Gegenden besonders
seine Wut recht ausgelassen hatte. An dem andern Ende des Dorfes fand Friedrich
endlich einen Mann, der auf einem schwarzgebrannten Balken seines umgerissenen
Hauses sa und an einem Stck trockener Brotrinde nagte. Friedrich fragte um
Unterkommen fr sich und sein Pferd. Der Mann lachte ihm widerlich ins Gesicht
und zeigte auf das abgebrannte Dorf.
    Ermdet band Friedrich sein Pferd an und setzte sich zu dem Manne hin. Er
befragte ihn, wie so groes Unglck insonderheit dieses Dorf getroffen? - Der
Mann sagte gleichgltig und wortkarg: Wir haben uns den Feinden widersetzt,
worauf unser Dorf abgebrannt und mancher von uns erschossen wurde. Was kmmert
mich aber das, und das Land und die ganze Welt, fuhr er nach einer Weile fort,
mir tut's nur leid um mich, denn zu fressen mu man doch haben! - Friedrich
sah ihn von der Seite an, wie er so an seinem Brote kauete, sein Gesicht war
hager und bleichgelb, und sah nach nichts Gutem aus.
    Eine lustige Tanzmusik schallte inzwischen immerfort durch die Nacht zu
ihnen herber. Sie kam aus einem altertmlichen Schlosse, das dem Dorfe
gegenber auf einer Anhhe stand. Die Fenster waren alle hell erleuchtet.
Inwendig sah man eine Menge Leute sich drehen und wirren; manches Paar lehnte
sich in die offenen Fenster und sah in die regnerische Gegend hinaus.
    Wem gehrt das Schlo da droben, wo es so lustig hergeht? fragte
Friedrich. Der Grfin Romana, war die Antwort. Unwillkrlich schauderte er bei
dieser unerwarteten Antwort zusammen. Erstaunt drang er nun mit Fragen in den
Mann und hrte mit den seltsamsten Empfindungen zu, da dieser erzhlte: Als die
letzte Schlacht verloren war und alles recht drunter und drber ging, heisa! da
wurde unsere Grfin so lustig! - Ihr Vermgen war verloren, ihre Gter und
Schlsser verwstet, und als unser Dorf in Flammen aufging, sahen wir sie mit
einem feindlichen Offiziere an dem Brande vorbeireiten, der hatte sie vorn vor
sich auf seinem Pferde, und so ging es fort in alle Welt. Seit einigen Tagen
hatte der Feind dort unten auf den Feldern sein Lager aufgeschlagen; da war ein
Trommeln, Jubeln, Musizieren, Saufen und Lachen, Tag und Nacht, und unsere
Grfin mitten unter ihnen, wie eine Marketenderin. Gestern ist das Lager
aufgebrochen und die Grfin gibt den Offizieren, die heute auch noch nachziehen,
droben den Abschiedsschmaus. - Friedrich war ber dieser Erzhlung in
Nachdenken versunken. - Ich sehe den Offizier noch immer vor mir, fuhr der
Mann bald darauf wieder fort, der den Befehl gab, unsere Huser anzustecken.
Ich lag eben hinter einem Zaune, ganz zusammengehauen. Er sa seitwrts nicht
weit von mir auf seinem Pferde, der Widerschein von den Flammen fiel ihm durch
die dunkle Nacht gerade auf sein wohlgenhrtes, glattes Gesicht. Ich wrde das
Gesicht in hundert Jahren noch wiedererkennen. -
    Die Lichter in dem Schlosse, whrend sie so sprachen, fingen indes an zu
verlschen, die Musik hrte auf, und es wurde nach und nach immer stiller. Der
Mann wurde seltsam unruhig. Jetzt werden die Offiziere auch fortziehn, wollen
wir ihnen nicht sicheres Geleit geben? - sagte er abscheulich lachend, und
stand auf. Friedrich bemerkte dabei, da er etwas Blitzendes, wie ein Gewehr,
unter seinem Kittel verborgen hatte. Eh er sich aber besann, war der Mann schon
hinter den Husern in der Finsternis verschwunden. Friedrich trauete ihm nicht
recht, er zweifelte nicht, da er etwas Grliches vorhabe. Er eilte ihm daher
nach, um ihn auf alle Flle zu verhindern. Tief im Walde sah er ihn noch einmal
von weitem, wie er eben eilig um eine Felsenecke herumbog; darauf verschwand er
ihm fr immer, und er hatte sich vergebens ziemlich weit vom Dorfe in dem
Gebirge verstiegen.
    Als er eben auf einer Hhe ankam, um sich von dort wieder zurechtzufinden,
stand sehr unerwartet die Grfin Romana pltzlich vor ihm. Sie hatte eine kurze
Flinte auf dem Rcken und dieselbe feenhafte Jgerkleidung, in welcher er sie
zum letzten Male auf der Gemsenjagd gesehen hatte. Versteinert wie eine
Bildsule blieb sie stehen, als sie Friedrich so unverhofft erblickte. Dann sah
sie ringsherum und sagte: Ich habe mich hier oben verirrt, ich wei den Weg
nicht mehr nach Hause - fhre mich, wohin du willst, es ist alles einerlei! -
Friedrich fiel das ungewohnte Du auf, auch bemerkte er in ihrem Gesichte jene
leidenschaftliche Blsse, die ihn sonst schon oft an ihr gestrt hatte. Die
Nacht berdeckte schon unten die stillen Wlder, der Mond ging von der andern
Seite ber den Bergen auf. Er fhrte sie an Klippen und schwindligen Abhngen
vorber den hohen, langen Berg hinab, sie sprachen kein Wort miteinander.
    So kamen sie endlich nach einem mhsamen Wege zu dem Schlosse der Grfin
zurck. Es war eine alte Burg, mitten in der Wildnis, halb verfallen, kein
Mensch war darin zu sehen. Das ist mein Stammschlo߫, sagte Romana, und ich
bin die letzte des alten, berhmten Geschlechts.
    Sie fhrte ihn durch die hohen, gewlbten Gemcher. In dem einen Zimmer lag
alles vom Feste noch unordentlich umher, zerbrochene Weinflaschen und
umgeworfene Sthle; durch das zerschlagene Fenster pfiff der Wind herein und
flackerte mit dem einzigen Lichte, das, fast schon bis an den Leuchter
herabgebrannt, in der Mitte auf einem Tische stand und spielende Scheine auf
eine Reihe altvterischer Ahnenbilder warf, die rings an den Wnden umherhingen.
    Sie sind alle schon morsch, die guten Gesellen, sagte Romana in einem
Anfalle von gespannter, unmenschlicher Lustigkeit, als sie die Verwstung
betrat, die noch vor so kurzer Zeit vom Getmmel und freudenreichen Schalle
belebt war, nahm ihre Stutzflinte vom Rcken und stie ein Bild nach dem andern
von der Wand, da sie zertrmmert auf die Erde fielen. Dazwischen kehrte sie
sich auf einmal zu Friedrich und sagte:
    Als ich mich vorhin im Gebirge umwandte, um wieder zum Schlosse
zurckzukehren, sah ich pltzlich auf einer Klippe mir gegenber einen langen,
wilden Mann stehen, den ich sonst in meinem Leben nicht gesehen, der hatte in
der einsamen Stille seine Flinte unbeweglich mit der Mndung gerade auf mich
angelegt. Ich sprang fort, denn mir kam es vor, als stehe der Mann seit tausend
Jahren immer und ewig so dort oben. - Friedrich bemerkte bei diesen verwirrten
Worten, die ihn an den Halbverrckten erinnerten, dem er vorhin gefolgt, da der
Hahn an ihrer Flinte, die sie unbekmmert in der Hand hielt und hufig gegen
sich kehrte, noch gespannt sei. Er verwies es ihr. Sie sah in die Mndung hinein
und lachte wild auf. Schweigen Sie still, sagte Friedrich ernst und streng,
und fate sie unsanft an. -
    Er trat an das eine Fenster, setzte sich in den Fensterbogen und sah in die
vom Monde beschienenen Grnde hinab. Romana setzte sich zu ihm. Sie sah noch
immer bla, aber auch in der Verwstung noch schn aus, ihr Busen war
unanstndig fast ganz entblt; sie hielt seine Hand, er bemerkte, da die
ihrige bisweilen zuckte.
    Heftiges, unbndiges Weib, sagte Friedrich, der sich nicht lnger mehr
hielt, sehr ernsthaft, gehn Sie beten! Beschauen Sie recht den Wunderbau der
hundertjhrigen Stmme da unten, die alten Felsenriesen und den ewigen Himmel
darber, wie da die Elemente, sonst wechselseitig vernichtende Feinde
gegeneinander, selber ihre rauhen, verwitternden Riesennacken und angeborne
Wildheit vor ihrem Herrn beugend, Freundschaft schlieen und in weiser Ordnung
und Frmmigkeit die Welt tragen und erhalten. Und so soll auch der Mensch die
wilden Elemente, die in seiner eigenen dunklen Brust nach der alten Willkr
lauern und an ihren Ketten reien und beien, mit gttlichem Sinne besprechen
und zu einem schnen, lichten Leben die Ehre, Tugend und Gottseligkeit in
Eintracht verbinden und formieren. Denn es gibt etwas Festeres und Greres, als
der kleine Mensch in seinem Hochmute, das der Scharfsinn nicht begreift und die
Begeisterung nicht erfindet und macht, die, einmal abtrnnig, in frecher,
mutwilliger, verwilderter Willkr wie das Feuer alles ringsum zerstrt und
verzehrt, bis sie ber dem Schutte in sich selber ausbrennt - Sie glauben nicht
an Gott! -
    Friedrich sprach noch viel. Romana sa still und schien ganz ruhig geworden
zu sein, nur manchmal, wenn die Wlder heraufrauschten, schauerte sie, als ob
sie der Frost schttelte. Sie sah Friedrich mit ihren groen Augen unverwandt
an, denn sie wute alles, was er in der letzten Zeit getan und aufgeopfert, und
es war im tiefsten Grunde nur ihre unbezwingliche Leidenschaft zu ihm im
zerknirschenden Gefhl, ihn nie erreichen zu knnen, was das heftige Weib nach
und nach bis zu diesem schwindligen Abgrund verwildert hatte. Es war, als ginge
bei seinem neuen Anblick die Erinnerung an ihre eigene ursprngliche, zerstrte
Gre noch einmal schneidend durch ihre Seele. Sie stand auf und ging, ohne ein
Wort zu sagen, nach der einen Seite fort.
    Friedrich blieb noch lange dort sitzen, denn sein Herz war noch nie so
bekmmert und gepret, als diese Nacht. Da fiel pltzlich ganz nahe im Schlosse
ein Schu. Er sprang, wie vom Blitze gerhrt, auf, eine entsetzliche Ahnung flog
durch seine Brust. Er eilte durch mehrere Gemcher, die leer und offen standen,
das letzte war fest verschlossen. Er ri die Tr mit Gewalt ein: welch ein
erschrecklicher Anblick versteinerte da alle seine Sinne! ber den Trmmern
ihrer Ahnenbilder lag dort Romana in ihrem Blute hingestreckt, das Gewehr, wie
ihren letzten Freund, noch fest in der Hand.
    Ihn berfiel im ersten Augenblicke ein seltsamer Zorn, er fate sie in beide
Arme, als mte er sie mit Gewalt noch dem Teufel entreien. Aber das wilde
Spiel war fr immer verspielt, sie hatte sich gerade ins Herz geschossen. Der
mde Leib ruhte schn und fromm, da ihn die heidnische Seele nicht mehr
regierte. Er kniete neben ihr hin und betete fr sie aus Herzensgrunde.
    Da sah er auf einmal helle Flammen zu den Fenstern hereinschlagen, durch die
offene Tr erblickte er auch schon die andern Gemcher in vollem Brande. Kein
Mensch war da, die Nacht auch gewitterstill, sie mute das Schlo in ihrer
Raserei selber angesteckt haben, vielleicht um Friedrich zugleich mit sich zu
verderben. Er nahm den Leichnam und trug ihn durch das brennende Tor ins Freie
hinaus. Dort legte er sie unter eine Eiche und bedeckte sie mit Zweigen, damit
sie die Raben nicht fren, bis er im nchsten Dorfe die ntigen Vorkehrungen zu
ihrem Begrbnisse getroffen. Dann eilte er den Berg hinab und schwang sich auf
sein Pferd.
    Hinter ihm stieg die Flamme auf die hchste Zinne der Burg und warf
grliche Scheine weit zwischen den Bumen. Das Schlo sank wie ein dunkler
Riese in dem feurigen Ofen zusammen, ber der alten, guten Zeit hielt das
Flammenspiel im Winde seinen wilden Tanz; es war, als ginge der Geist ihrer
Herrin noch einmal durch die Lohen. -

                              Zwanzigstes Kapitel


Es war Friedrich seltsam zumute, als er den andern Tag am Saume des Waldes
herauskam und den wirtlichen, zierlich bepflanzten Berg mit seinen bunten
Lusthusern und dunklen Lauben dort auf einmal vor sich sah, auf dem er beim
Antritt seiner Reise die ersten einsamen, frhlichen Stunden nach der Trennung
von seinen Universittsfreunden zugebracht hatte. berrascht blieb er eine Weile
vor der weiten, von der Sonne hell beschienenen Gegend stehen, die ihm wie ein
Traum, wie eine liebliche Zauberei vorkam; denn eine Gegend aus unserm ersten,
frischen Jugendglanze bleibt uns wie das Bild der ersten Geliebten ewig
erinnerlich und reizend. Dann lenkte er langsam den lustigen Berg hinan.
    Dort oben war alles noch wie damals, die Tische und Bnke im Grnen standen
noch immer an derselben Stelle, mehrere Gesellschaften waren wieder bunt und
frhlich ber den grnen Platz zerstreut und schmausten und lachten, aller kaum
vergangenen Not vergessend. Auch der alte Harfenist lebte noch und sang drauen
seine vorigen Lieder. Friedrich suchte das luftige Sommerhaus auf, wo er damals
gespeist und den eben verlassenen Gesellen frisch zugetrunken hatte. Dort fand
er den Namen Rosa wieder, den er an jenem schwlen Nachmittage mit seinem Ringe
in die Fensterscheibe gezeichnet. - Er hielt beide Hnde vor die Augen, so tief
berfiel ihn die Gewalt dieser Erinnerung. Die treuen Zge blitzten noch frisch
in der Sonne, aber die Zge jenes wunderschnen Bildes, das er damals in der
Seele hatte, waren unterdes im Leben verworren und verloren fr immer. -
    Er lehnte sich zum Fenster hinaus und bersah die schne, noch gar
wohlbekannte Gegend, und sein ganzer damaliger Zustand wurde ihm dabei so
deutlich, wie wenn man ein lange vergessenes, frhes Gedicht nach vielen Jahren
wiederliest, wo alles vergangen ist, was einen zu dem Liede verfhrt. Wie anders
war seitdem alles in ihm geworden! Damals segelten seine Gedanken und Wnsche
mit den Wolken ins Blaue ber das Gebirge fort, hinter dem ihm das Leben mit
seinen Reisewundern wie ein schnes, berschwenglich reiches Geheimnis lag.
Jetzt stand er an demselben Orte, wo er begonnen, wie nach einem mhsam
beschriebenen Zirkel, frhzeitig an dem andern, ernstern und stillern Ende
seiner Reise und hatte keine Sehnsucht mehr nach dem Plunder hinter den Bergen
und weiter. Die Poesie, seine damalige, se Reisegefhrtin gengte ihm nicht
mehr, alle seine ernstesten, herzlichsten Plne waren an dem Neide seiner Zeit
gescheitert, seine Mdchenliebe mute, ohne da er es selbst bemerkte, einer
hheren Liebe weichen, und jenes groe, reiche Geheimnis des Lebens hatte sich
ihm endlich in Gott gelst.
    Whrend er dies alles so berdachte, fiel ihm ein, wie Leontins Schlo ganz
in der Nhe von hier sei. Er fhlte ein recht herzliches Verlangen, diesen
seinen Bruder und jene Waldberge wiederzusehen. Der Gedanke bewegte ihn so, da
er sogleich sein Pferd bestieg und von dem Berge hinab die schattige Landstrae
wieder einschlug.
    Die Sonne stand noch hoch, er hoffte den Wald noch vor Anbruch der Nacht
zurckzulegen. Nach einiger Zeit erlangte er einen hohen Bergrcken. Die Lage
der Wlder, der Kreis von niederern Bergen ringsumher, alles kam ihm so bekannt
vor. Er ritt langsam und sinnend fort, bis er sich endlich erinnerte, da es
dieselbe Heide sei, ber welche er in jener Nacht, da er sich verirrt und das
seltsame Abenteuer in der Mhle bestanden, sein Pferd am Zgel gefhrt hatte.
Der Schlag der Eisenhmmer kam nur schwach und verworren durch das Singen der
Vgel und den schallenden Tag aus der fernen Tiefe herauf. Es war ihm, als
rckte sein ganzes Leben Bild vor Bild so wieder rckwrts, wie ein Schiff nach
langer Fahrt, die wohlbekannten Ufer wieder begrend, endlich dem alten,
heimatlichen Hafen bereichert zufhrt.
    Ein Gebirgsbach fand sich dort in der Einsamkeit mit seiner plauderhaften
Emsigkeit neben ihm ein. Er wute, da es der nmliche sei, der die schne Wiese
von Leontins Schlosse durchschnitt, und folgte ihm daher auf einem Fusteige die
Hhen hinab. Da erblickte er nach einem langen Wege unerwartet auch die
berchtigte Waldmhle im Grunde wieder. Wie anders, gespensterhaft und voll
wunderbarer Schrecken hatte ihm damals die phantastische Nacht diese Gegend
ausgebildet, die heute recht behaglich im Sonnenscheine vor ihm lag. Der Bach
rauschte melancholisch an der alten Mhle vorber, die halbverfallen dastand und
schon lange verlassen zu sein schien; das Rad war zerbrochen und stand still.
    Auf der einen Seite der Mhle war ein schner, lichtgrner Grund, ber
welchem frische Eichen ihre khlen Hallen woben. Dort sah Friedrich ein Mdchen
in einem reinlichen, weien Kleide am Boden sitzen, halb mit dem Rcken nach ihm
gekehrt. Er hrte das Mdchen singen und konnte deutlich folgende Worte
verstehen:

In einem khlen Grunde,
Da geht ein Mhlenrad,
Mein' Liebste ist verschwunden,
Die dort gewohnet hat.

Sie hat mir Treu versprochen,
Gab mir ein'n Ring dabei,
Sie hat die Treu gebrochen,
Mein Ringlein sprang entzwei.

Ich mcht als Spielmann reisen
Weit in die Welt hinaus,
Und singen meine Weisen
Und gehn von Haus zu Haus.

Ich mcht als Reiter fliegen,
Wohl in die blut'ge Schlacht,
Um stille Feuer liegen
Im Feld bei dunkler Nacht.

Hr ich das Mhlrad gehen,
Ich wei nicht, was ich will -
Ich mcht am liebsten sterben,
Da wr's auf einmal still.

Diese Worte, so aus tiefster Seele herausgesungen, kamen Friedrich in dem Munde
eines Mdchens sehr seltsam vor. Wie erstaunt, ja wunderbar erschttert aber war
er, als sich das Mdchen whrend des Gesanges, ohne ihn zu bemerken, einmal
flchtig umwandte, und er bei dem Sonnenstreif, der durch die Zweige gerade auf
ihr Gesicht fiel, nicht nur eine auffallende hnlichkeit mit dem Mdchen, das
ihm damals in der Mhle hinaufgeleuchtet, bemerkte, sondern in dieser Kleidung
und Umgebung vielmehr jenes wunderschne Kind aus lngst verklungener Zeit
wiederzusehen glaubte, mit der er als kleiner Knabe so oft zu Hause im Garten
gespielt, und die er seitdem nie wiedergesehen hatte. Jetzt fiel es ihm auch
pltzlich wie Schuppen von den Augen, da dies dieselben Zge seien, die ihm in
dem verlassenen Gebirgsschlosse auf dem Bilde der heiligen Anna in dem Gesichte
des Kindes Maria so sehr aufgefallen waren. -
    Verwirrt durch so viele sich durchkreuzende, uralte Erinnerungen, ritt er
auf das Mdchen zu, da sie eben ihr Lied geendigt hatte. Sie aber, von dem
Gerusche aufgeschreckt, sprang, ohne sich weiter umzusehen, fort, und war bald
in dem Walde verschwunden.
    Da sah er auf der Anhhe, wohin sich das Mdchen geflchtet, eine andere
weibliche Gestalt zwischen den Bumen erscheinen, gro, schn und herrlich. - Es
war Friedrich, als begre ihn sein ganzes vergangenes Leben hier wie in einem
Traume noch einmal in tausend schnwirrenden Verwandlungen; denn je nher er dem
Berge kam, je deutlicher glaubte er in jener Gestalt Julie wiederzuerkennen. Er
stieg vom Pferde und eilte die Anhhe hinauf, wo unterdes die liebliche
Erscheinung sich wieder verloren hatte.
    Oben fand er sie ruhig auf dem Boden sitzend, es war wirklich Julie.
Stille, stille, sagte sie, als er nher trat, nicht weniger berrascht als er,
und wies auf Leontin, der neben ihr, an einem Baume angelehnt, eingeschlummert
lag. Er war auffallend bla, sein linker Arm ruhte in einer Binde. Friedrich
betrachtete verwundert bald Leontin, bald Julie. Julie schien dabei das
Unschickliche ihrer einsamen Lage mit Leontin einzufallen, und sie sah errtend
in den Scho.
    Leontin war indes erwacht und machte die Augen gro auf, da er neben der
Geliebten auch noch den Freund vor sich sah. Da mag schlafen, wer Lust hat,
wenn es wieder so lustig auf der Welt aussieht, sagte er, und sprang rasch auf.
Friedrich erstaunte, wie mnnlicher seitdem sein ganzes Wesen geworden. Aber
sage, wie hat dich der Himmel wieder hierhergebracht? fuhr er fort, ich
dachte, die Zeit wrde uns beide mit verschlingen; aber ich glaube, sie frchtet
sich, uns nicht verdauen zu knnen. - Friedrich kam nun vor lauter Fragen nicht
selber zum Fragen, sosehr es ihm auch am Herzen lag; er mute sich bequemen, die
Geschichte seines Lebens seit ihrer Trennung zu erzhlen. Als er auf den Tod der
Grfin Romana kam, wurde Leontin nachdenkend. Julie, die auch sonst schon viel
von ihr gehrt, konnte sich in diese ihre seltsame Verwilderung durchaus nicht
finden und verdammte ihr schimpfliches Ende ohne Erbarmen, ja, mit einer ihr
sonst ungewhnlichen Art von Ha.
    Nach vielem Hin- und Herreden, das jedes Wiedersehen mit sich zu bringen
pflegt, bat endlich auch Friedrich die beiden, seinen Bericht mit einer
ausfhrlichen Erzhlung ihrer seitherigen Begebenheiten zu erwidern, da er aus
ihren kurzen, unzusammenhngenden Antworten noch immer nicht klug werden konnte.
Vor allem erkundigte er sich nach dem Mdchen, das, wie er meinte, zu ihnen
geflchtet sein msse. Julie sah dabei Leontin unentschlossen an. - Lassen wir
das jetzt! sagte dieser, die Gegend und meine Seele ist so klar und heiter,
wie nach einem Gewitter, es ist mir gerade alles recht lebhaft erinnerlich, ich
will dir erzhlen, wie wir hier zusammengekommen.
    Er nahm hierbei eine Flasche Wein aus einem Krbchen, das neben Julie stand,
und setzte sich damit an den Abhang mit der Aussicht in die grne Waldschlucht
bei der Mhle; Friedrich und Julie setzten sich zu beiden Seiten neben ihn. Sie
wollte ihm durchaus die Flasche wieder entreien, da sie wohl wute da er mehr
trinken werde, als seinen Wunden noch zutrglich war. Aber er hielt sie fest in
beiden Hnden. Wo es, sagte er, wieder so gut, frisch Leben gibt, wer fragt
da, wie lange es dauert! Und Julie mute sich am Ende selber bequemen,
mitzutrinken. Sie hatte sich mit beiden Armen auf seine Knie gesttzt, um die
Geschichte, die sie beinahe schon auswendig wute, noch einmal recht aufmerksam
anzuhren. Friedrich, der sie nun ruhig betrachten konnte, bemerkte dabei, wie
sich ihre ganze Gestalt seitdem entwickelt hatte. Alle ihre Zge waren
entschieden und geistreich. So begann nun Leontin folgendermaen:
    Als ich auf jener Alp whrend der Gemsenjagd von dir Abschied nahm, wurde
mir sehr bange, denn ich wute wahrhaftig nicht, was ich in der Welt eigentlich
wollte und anfangen sollte. Was recht Tchtiges war eben nicht zu tun,
gleichviel, ob am Guten oder am Schlechten; blo um der Ttigkeit willen
abzuarbeiten, wie man etwa spazierengeht, um sich Motion zu machen, war von
jeher meine grte Widerwrtigkeit. Wre ich recht arm gewesen, ich htte aus
lauter Langeweile arbeiten knnen, um mir Geld zu erwerben, und hinterdrein die
Leute berredet, es geschehe alles um des Staates willen, wie die andern tun.
Unter solchen moralischen Betrachtungen ritt ich ber das Gebirge fort, und es
tat mir recht ohne allen Hochmut leid, wie da alle die Stdte und Drfer gleich
Ameisenhaufen und Maulwurfshgeln so tief unter mir lagen; denn ich habe nie
mehr Menschenliebe, als wenn ich weit von den Menschen bin. Da wurde es nach und
nach schwl und immer schwler unten ber dem deutschen Reiche, die Donau sah
ich wie eine silberne Schlange durch das unendliche, blauschwle Land gehn, zwei
Gewitter, dunkel, schwer und langsam standen am uersten Horizonte
gegeneinander auf; sie blitzten und donnerten noch nicht, es war eine
erschreckliche Stille. - Ich erinnere mich, wie frei mir zumute wurde, als ich
endlich die ersten Soldaten unten ber die Hgel kommen und hin und wider
reiten, wirren und blitzen sah.
    Ich zog in den Krieg hinunter. Was da geschah, ist dir bekannt. Nach der
groen Schlacht, die wir verloren, war das Korps, zu dem ich gehrte, erschlagen
und zersprengt, ich selber von den Meinigen getrennt. Ich suchte durch
verschiedene Umwege mich wieder zu vereinigen, aber je lnger ich ritt, je
tiefer verirrte ich mich in dem verteufelten Walde. Es regnete und strmte in
einem fort, aber ich mochte nirgends einkehren, denn ich war innerlichst so
zornig, da ich mich in dem Wetter noch am leidlichsten befand.
    Am Abend des andern Tages fingen endlich die Wolken an sich zu zerteilen,
die Sonne brach wieder hindurch und schien warm und dampfend auf den Erdboden,
da kam ich auf einer Hhe pltzlich aus dem Walde und stand - vor Juliens
Gegend. Ich kann es nicht beschreiben, mit welcher Empfindung ich aus der
kriegerischen Wildnis meines emprten Gemts so auf einmal in die friedens- und
segensreiche Gegend voll alter Erinnerungen und Anklnge hinaussah, die, wie du
wissen wirst, zwischen ihren einsamen Bergen und Wldern mitten im Kriege in
tiefster Stille lag.
    berrascht blieb ich oben stehen. Da sah ich den blauen Strom unten wieder
gehn und Segel fahren, das freundliche Schlo am Hgel und den wohlbekannten
Garten ringsumher, alles in alter Ruhe, wie damals. Den Herrn v. A. sah ich auf
dem mittelsten Gange des Gartens hinab ruhig spazierengehen. Auf den weiten
Plnen jenseits des Stromes, ber welche die eben untergehende Sonne schrg ihre
letzten Strahlen warf, kam ein Reiter auf das Schlo zugezogen, ich konnte ihn
nicht erkennen. Julie erblickte ich nirgends.
    Es lie mir da oben nicht lnger Ruh; ich eilte den Berg hinunter, ich
wollte Julie, ihren Vater, den Viktor wiedersehen, die ganze Vergangenheit noch
einmal in einem schnellen Zuge durchleben und genieen. Tiefer unten am Abhange
erblickte ich den Reiter pltzlich wieder. Es war eine junge, hagere, verlebte
Figur, durchaus modern, einer von den gng und gben alten Jungen mit der Brille
auf der Nase. Mich berlief ein rger, da dieses modische, mir nur zu sehr
bekannte Gezcht auch schon bis in diese glcklich verborgenen Tler gedrungen
war. Er aber sah mich flchtig vornehm an, lenkte auf einem bequemeren, aber
weiteren Umwege nach dem Schlosse und verschwand bald wieder.
    Ein Bauer aus dem Dorfe des Herrn v. A., der auch von der Arbeit nach Hause
ging, hatte sich indes neben mir eingefunden. Ich erinnerte mich seines Gesichts
sogleich wieder, er aber kannte mich nicht mehr. Von diesem erfuhr ich nach
einem schnell angeknpften Gesprche, da die Tante schon seit lngerer Zeit tot
sei. - Ich fragte ihn darauf, wer der fremde Herr sei, der eben vorbeigeritten.
Er antwortete mir mit heimlicher Miene: Frulein Juliens Brutigam. -
    Hier schttelte Julie lchelnd den Kopf und wollte Leontins Erzhlung
unterbrechen. Leontin fuhr aber sogleich wieder fort:
    Es war inzwischen vllig Nacht geworden, als ich das Dorf erreichte. Ich
mochte nach jener Nachricht nun niemand aus dem Hause sprechen, noch sehen - nur
einen flchtigen Streifzug durch den alten, schuldlosen Garten wollt ich machen,
und sogleich wieder fort.
    Ich band mein Pferd an einem Baume an und stieg bern Zaun in den Garten.
Dort war jeder Gang, jede Bank, ja, jedes Blumenbeet noch immer auf dem alten
Platze, so da die Seele nach so vielen inzwischen durchlebten Gedanken und
Vernderungen diesen gemtlichen Stillstand kaum fassen konnte. Der Sturm wtete
indes noch immer heftig fort und ri ein Heer von Wolken nebst vielen
verspteten Abendvgeln, die kreischend dazwischenruderten, in einer
unabsehbaren Flucht ber den Garten hinaus, whrend unten die Bume sich neigten
und einzelne Nachtigallentne aus den Tlern durch den Wind heraufklagten; es
war eine recht dunkelschwle Gespensternacht.
    Ein ungewhnlich starkes Licht, das aus dem einen Fenster in den Garten
hinausschien, zog mich zum Schlosse hin. Ich stellte mich gerade vor das Fenster
und konnte das ganze Zimmer bersehen, das von einem Kaminfeuer so hell
erleuchtet wurde. Der Herr v. A. sa in einem Lehnstuhle und las Zeitungen,
Julie sa am Kamine und sang, hatte aber den Rcken gegen das Fenster gekehrt,
so da ich ihr Gesicht nicht sehen konnte. Was sie sang, war eine alte Romanze,
die mir schon als Kind bekannt war. Sie ist mir noch erinnerlich:

Hoch ber den stillen Hhen
Stand in dem Wald ein Haus,
Dort war's so einsam zu sehen
Weit bern Wald hinaus.

Drin sa ein Mdchen am Rocken
Den ganzen Abend lang,
Der wurden die Augen nicht trocken,
Sie spann und sann und sang:

Mein Liebster, der war ein Reiter,
Dem schwur ich Treu bis in Tod,
Der zog ber Land und weiter
Zu Kriegeslust und - not.

Und als ein Jahr war vergangen,
Und wieder blhte das Land,
Da stand ich voller Verlangen
Hoch an des Waldes Rand.

Und zwischen den Bergesbogen,
Wohl ber den grnen Plan,
Kam mancher Reiter gezogen,
Der meine kam nicht mit an.

Und zwischen den Bergesbogen,
Wohl ber den grnen Plan,
Ein Jgersmann kam geflogen,
Der sah mich so mutig an.

So lieblich die Sonne schiene,
Das Waldhorn scholl weit und breit,
Da fhrt' er mich in das Grne.
Das war eine schne Zeit! -

Der hat so lieblich gelogen
Mich aus der Treue heraus,
Der Falsche hat mich betrogen,
Zog weit in die Welt hinaus. -

Sie konnte nicht weitersingen,
Vor bitterem Schmerz und Leid,
Die Augen ihr bergingen
In ihrer Einsamkeit.

Julie ging es wohl nicht besser, denn sie stand pltzlich auf, ffnete das
Fenster und lehnte sich in die Nacht hinaus. berhaupt glaubte ich whrend des
Singens eine groe Unruhe an ihr bemerkt zu haben. Was ist das fr ein
erschrecklicher Sturm! hrt ich den Herrn v. A. drin sagen, der bedeutet noch
Krieg, Gott steh unsern Leuten bei, die schlagen sich wohl jetzt wieder. - Und
ich mu hier sitzen! sagte Julie aus tiefster Seele. - Ich stand seitwrts, an
einen Pfeiler gelehnt, und die Tne gingen in dem rasenden Winde gar seltsam
wehmtig ber den Garten hinaus, in dem ich mir nun wie ein lange Verbannter
vorkam, da Julie bald in ihrem Gesange am offenen Fenster wieder also fortfuhr:

Die Muhme, die sa beim Feuer
Und wrmet sich am Kamin,
Es flackert und sprht das Feuer,
Hell ber die Stub es schien.

Sie sprach: Ein Krnzlein in Haaren,
Das stnde dir heut gar schn,
Willst drauen auf dem See nicht fahren?
Hohe Blumen am Ufer dort stehn.

Ich kann nicht holen die Blumen,
Im Hemdlein wei am Teich
Ein Mdchen htet die Blumen,
Die sieht so totenbleich.

Und hoch auf des Sees Weite,
Wenn alles finster und still,
Da rudern zwei stille Leute, -
Der eine dich haben will.

Sie schauen wie alte Bekannte,
Still, ewig stille sie sind,
Doch einmal der eine sich wandte,
Da fat' mich ein eiskalter Wind. -

Mir ist zu wehe zum Weinen -
Die Uhr so gleichfrmig pickt,
Das Rdlein, das schnurrt so in einem,
Mir ist, als wr ich verrckt. -

Ach Gott! wann wird sich doch rten
Die frhliche Morgenstund!
Ich mchte hinausgehn und beten,
Und beten aus Herzensgrund!

So bleich schon werden die Sterne,
Es rhrt sich strker der Wald,
Schon krhen die Hhne von ferne,
Mich friert, es wird so kalt!

Ach, Muhme! was ist Euch geschehen?
Die Nase wird Euch so lang,
Die Augen sich seltsam verdrehen -
Wie wird mir vor Euch so bang!

Und wie sie so grauenvoll klagte,
Klopft's drauen ans Fensterlein,
Ein Mann aus der Finsternis ragte,
Schaut still in die Stube herein.

Die Haare wild umgehangen,
Von blutigen Tropfen na,
Zwei blutige Streifen sich schlangen,
Wie Krnzlein, ums Antlitz bla.

Er grt' sie so frchterlich heiter,
Er heit sie sein' liebliche Braut,
Da kannt sie mit Schaudern den Reiter,
Fllt nieder auf ihre Knie.

Er zielt' mit dem Rohre durchs Gitter
Auf die schneeweie Brust hin;
Ach, wie ist das Sterben so bitter,
Erbarm dich, weil ich so jung noch bin! -

Stumm blieb sein steinerner Wille,
Es blitzte so rosenrot,
Da wurd es auf einmal stille
Im Walde und Haus und Hof. -

Frhmorgens da lag so schaurig
Verfallen im Walde das Haus,
Ein Waldvglein sang so traurig,
Flog fort ber den See hinaus.

Gegen das Ende ihres Gesanges hatte Julie von ohngefhr meinen Schatten bemerkt,
den das Licht vom Zimmer lang und unbeweglich in den Garten warf. Sie sah sich
stutzend um, und da sie nichts erblicken konnte, schlo sie nachdenkend und
schweigend das Fenster. In diesem Augenblick klopfte es drin an die Stubentr.
Sie fuhr erschrocken zusammen und vom Fenster auf. Ich blickte noch einmal
hinein und sah jenen gehssigen Reiter, dem ich vorhin begegnet, eilfertig
eintreten. Er lebt! rief Julie auer sich vor Freude und strzte dem Manne um
den Hals. -
    Hatt ich schon vorher drauen in dem Fremden sogleich einen von jenen
poetischen Jngern erkannt, die's niemals zum Meister oder berhaupt zu einem
Manne bringen, so kam mir jetzt der hagere, blasse Poet neben der gesunden
Julie, die unterdes so wunderbar hoch geworden war, und deren groe Augen in
diesem Augenblicke vor Freude ordentliche Strahlen warfen, gar erbrmlich vor.
Mir kamen die Verse aus Goethes Fischerin zwischen die Zhne:

Wer soll Brutigam sein?
Zaunknig soll Brutigam sein!
Zaunknig sprach zu ihnen
Hinwieder den beiden:
Ich bin ein sehr kleiner Kerl,
Kann nicht Brutigam sein,
Ich kann nicht der Brutigam sein!

Ich schwang mich sogleich wieder ber den Gartenzaun, band mein Pferd los und
ging, es hinter mir herfhrend, aus dem Dorfe hinaus.
    Da kam ich am andern Ende desselben an dem kleinen Huschen Viktors vorber,
ich guckte ihm ins Fenster hinein, das, wie du weit, im Sommer Tag und Nacht
offensteht. Er sa eben mit dem Rcken gegen das Fenster, ber einem alten,
dicken Buche, den Kopf in die Hand gesttzt. Das Licht auf dem Tische flackerte
ungewi umher, die vielen Uhren an den Wnden pickten einfrmig immerfort, es
war eine unendliche Einsamkeit drinnen. Ich begrte ihn endlich mit dem Vers,
der ihm im ganzen Faust der liebste war: Ich guckte der Eule in ihr Nest, Hu!
die macht' ein Paar Augen! Er wandte sich schnell um, und als er mein Gesicht
vllig erkannte, sprang er auf, warf die Bcher und alles, was auf dem Tische
lag, auf die Erde und tanzte wie unsinnig in der Stube herum. Ich kletterte
sogleich durchs Fenster zu ihm hinein, ergriff eine halbbespannte Geige, die an
der Wand hing, und so walzten wir beide mit den seltsamsten Gebrden und groem
Gets nebeneinander in der kleinen Stube auf und ab, bis er endlich erschpft
vor Lachen auf den Boden hinsank. Es dauerte lange, ehe wir zu einem
vernnftigen Diskurs kamen, whrend welchem er einen ungeheuren Krug voll Wein
anschleppte. Er ist noch immer der alte, noch immer nicht fetter, nicht ruhiger,
nicht klger, und wie sonst wtend kriegerisch gegen alle Sentimentalitt, die
er ordentlich mihandelt.
    Gegen Mitternacht endlich, so viel er auch dagegen hatte, zog ich wieder von
dannen, das gelobte Land in ruhigem Schlafe hinter mir und die weite Stille
ringsumher gesegnend, whrend Viktor, der mich ein Stck begleitet hatte, auf
der letzten Hhe mir wie eine Windmhle in der Dunkelheit mit dem Hute
nachschwenkte und nachrief, bis alles in den groen, grauen Scho versunken war.
    In den Krieg denn von neuem in Gottes Namen hinaus! rief ich drauen und
nahm die Richtung auf mein Schlo, da ich indes erfahren hatte, da der
Tummelplatz jetzt dort in der Nhe sei. Bei Sonnenaufgang sah ich die Unsrigen
in dem weiten Tale bunt und blitzend zerstreut wieder, und das Herz ging mir auf
bei dem Anblick. Die lustige Bewegung, die mir von weitem so mutig
entgegenblitzte, war aber nichts anderes, als eine verworrene, grenzenlose
Flucht. Der Feind war noch ziemlich weit, ich ritt daher an den zerstreuten
Trupps langsam vorber. Da sah ich den Haufen in dumpfer Resignation
herumtaumeln, mehrere weise Mienen achselzuckend zur Schau tragen, als steckten
wohl ganz andere Plne dahinter - keinem htte das Herz im Leibe zerspringen
mgen. Da fiel mir ein, was mir Viktor oft in seinen melancholischsten Stunden
gesagt: besser, Uhren machen, als Soldaten spielen.
    Ich meinesteils war fest entschlossen, da alles, was mir ehrwrdig und lieb
auf Erden war, zugrunde gehen sollte, lieber fechtend selber mit unterzugehn,
als gefangen in der gemeinen Schande zurckzubleiben. Ich sprengte eilig auf
mein Schlo und bot alle meine Jger und Diener auf, deren Gesinnung und Treue
ich kannte, viele Freiwillige von der Armee gesellten sich wacker dazu, und so
verschanzten und besetzten wir mein Schlo und Garten, da ich wohl wute, da
der Feind bei seiner Verfolgung diesen Weg nehmen und demselben an dieser
vorteilhaften Hhe besonders viel gelegen sein mute. Wir wehrten uns
verzweifelt oder vielmehr tollkhn gegen die bermacht. Die feindlichen Kugeln
hatten mein Schlo frchterlich zerrissen, die Gesimse brannten, ein Burgtor
nach dem andern strzte in den Lohen zusammen, alles war verloren, und ich fiel,
der letzte, nieder. - Als ich die Augen wieder aufschlug, lag ich im
Sonnenscheine in dem schnen Garten des Herrn v. A. vor der groen Aussicht, und
Julie stand still neben mir. -
    Hier hielt Leontin inne, denn Julie, die sich schon einige Zeit mit
ngstlicher Unruhe umgesehen hatte, sagte ihm etwas ins Ohr, stand schnell auf
und ging in den Wald hinein, worauf Leontin, nachdem er ihr eine Weile
nachgesehen, folgendermaen wieder fortfuhr:
    Es war mir wie im Traume, als ich so wieder meinen ersten Blick in die Welt
tat, alles auf einmal so stille um mich, und Julie neben mir, die mich
schweigend und ernsthaft betrachtete. Sie sagte mir damals nichts, aber spter
erfuhr und erriet ich Folgendes: Der moderne Junge, dem ich damals in der Nacht
auf dem Schlosse des Herrn v. A. begegnet, war ein Edelmann aus der
Nachbarschaft, der erst unlngst von Universitten auf seine Gter zurckgekehrt
war. Seine fast tglichen Besuche bei Julie, seine ungebundene Art, mit ihr
umzugehen, und die voreilig geschwtzigen Andeutungen der anfangs noch lebenden
Tante veranlaten, da er binnen kurzer Zeit allgemein fr Juliens Brutigam
gehalten wurde. Er war nach seiner Art verliebt in Julie, aber ein Mdchen im
Ernste zu lieben oder gar zu heiraten, hielt er fr lcherlich, denn - er war
zum Dichter berufen. Als nachher der Krieg ausbrach und das Gercht mein
Benehmen dabei auch bis dorthin trug, pries er mit grenzenlosem Enthusiasmus,
doch immer mit der vornehmen Miene eines eigenen, hheren Standpunktes, solche
erzgediegne, lebenskrftige Naturen, ewig zusammenhaltende Granitblcke des
Gemeinwesens usw., aber selbst mit dreinschlagen konnt er nicht, denn - er war
zum Dichter berufen. brigens hat er ein ganz ordinr sogenanntes gutes Herz.
Daher ritt er, als mich allerhand widersprechende Gerchte bald fr tot, bald
fr verwundet ausgaben, aus Mitleid fr Julie auf Kundschaft aus, und kehrte
eben in jener Nacht, da ich ihm begegnete, mit der gewissen Botschaft meines
Lebens zurck, und Juliens: Er lebt! das mich damals so schnell vom Fenster und
bern Zaun und aus dem Dorfe trieb, galt mir.
    Erstaunt erfuhr Julie am Morgen von Viktor meinen schnellen Durchzug, und
bald nachher auch das Los meiner Burg. Ohne Verwirrung, im Schreck wie in der
Freude, sattelte sie noch in der Nacht, wo sie die Nachricht erhalten, ihr Pferd
und ritt, ohne ihren Vater zu wecken, mit einem Bedienten nach meinem Schlo.
Der vermeinte Brutigam, der noch dort war, lie es sich durchaus nicht nehmen,
die Romanze, wie er es nannte, mitzumachen. Er schmckte sich in aller Eile sehr
phantastisch und abenteuerlich aus, bewaffnete sich mit einem Schwert, einer
Flinte und mehreren Pistolen, obschon die Feinde mein Schlo lngst wieder
verlassen hatten, da es ihnen jetzt, bei dem groen Vorsprunge der Unsrigen,
ganz unntz geworden war. Julie suchte unermdlich zwischen den
zusammengefallenen Steinen, erkannte mich endlich und trug mich selbst aus den
dampfenden Trmmern. Der Brutigam machte ein Sonett darauf, und Julie heilte
mich zu Hause aus.
    Da aber meine Verteidigung des Schlosses als unberufen, und in einem bereits
eroberten Lande als rebellisch angesehen wird, so wurde mir vom Feinde
nachgestellt, und ich befand mich auf dem Schlosse des Herrn v. A. nicht mehr
sicher. Man brachte mich daher auf die abgelegene Mhle hier, wo mich Julie
tglich besucht, bis ich endlich jetzt wieder ganz hergestellt bin.
    So endigte Leontin seine Erzhlung. - Und wohin willst du nun? fragte
Friedrich. Jetzt wei ich nichts mehr in der Welt, sagte Leontin unmutig. -
Sie muten abbrechen, denn eben kam Julie wieder zurck und winkte Leontin
heimlich mit den Augen, als sei etwas Bewutes glcklich vollbracht.
    Sie hatten indes ber diesen Unterhaltungen alle nicht bemerkt, da es
bereits anfing dunkel zu werden. Julie wurde es zuerst gewahr, und zwar nicht
ohne sichtbare Verlegenheit, denn jetzt in der Nacht nach Hause zu reiten, war
wegen der noch immer umherstreifenden Soldaten fr ihr Geheimnis hchst
bedenklich, andererseits berfiel sie ein mdchenhafter Schauer bei dem
Gedanken, so allein mit den zwei Mnnern im Walde ber Nacht zu bleiben. Am Ende
mute sie sich doch zu dem letztern bequemen, und so lagerten sie sich denn, so
gut sie konnten, vergnglich in das hohe Gras auf der Anhhe.
    Die Nacht dehnte langsam die ungeheuren Drachenflgel ber den Kreis der
Wildnis unter ihnen, die Wlder rauschten dunkel aus der grenzenlosen Stille
herauf. Julie war ohne alle Furcht. Leontin aber, der noch matt war, fing
endlich an sich nach krftigerer Ruhe zu sehnen, und auch Julie wurde die
zunehmende Frische der Nacht nach und nach empfindlich. Sie brachen daher auf
und begaben sich zu der nahen, alten, verlassenen Mhle, wo Leontin, wie gesagt,
schon seit einigen Tagen heimlich sein Quartier hatte. Friedrich wollte drauen
auf der Schwelle bleiben und als ein wackrer Ritter die Jungfrau im Kastell
bewachen, Julie bat ihn aber errtend, mit hineinzugehen, und er willigte
lchelnd ein, whrend einem Bedienten, den Julie mitgebracht, aufgetragen wurde,
vor der Tr Haus und Pferde zu bewachen.
    Das Stbchen, das sie in Beschlag nahmen, war eng und nur zur Not vor dem
Wetter verwahrt. Ein Bett, das Julie fr Leontin mitgebracht hatte, wurde
verteilt und nebst einigem Stroh auf dem Fuboden ausgebreitet, so da es fr
alle drei hinreichte; Licht wagte man nicht zu brennen. Die beiden Grafen nahmen
das Frulein in ihre Mitte, Leontin war vor Mdigkeit bald eingeschlafen.
Friedrich bemerkte, wie Julie sich fest aufs Ohr legte und tat, als ob sie
schliefe, whrend sie beide Augen lauschend weit offen hatte und Leontin
fortwhrend ungestrt betrachtete, bis sie endlich auch mit einschlummerte.
Friedrich hatte sich mit halbem Leibe aufgerichtet und sah sich, auf den einen
Arm gesttzt, ringsum. Ein Schauder berlief ihn, sich wieder an demselben Orte
zu erblicken, wo er damals die grausige Nacht verlebt. Er gedachte des jungen
Mdchens wieder, das ihm damals in dieser Stube hier Feuer gepickt, ihm fiel
dabei die rtselhafte Gestalt ein, die er heut bei seiner Ankunft vor der Mhle
getroffen, und ihre flchtige hnlichkeit mit jener, und er versank in ein Meer
von Erinnerungen und Verwirrung. Julie hrte er leise neben sich atmen, es war
eine unendlich stille, mondhelle Nacht.
    Da erhob sich auf einmal drauen ein Gesang, von einer Zither begleitet,
zuerst vom Walde, dann wie aus der Ferne melodisch schallend, das Haus mit
wunderschnen Weisen erfllend, dann wieder weiter verhallend. Friedrich wagte
kaum zu atmen, um die Zauberei nicht zu stren. Doch, je lnger er den leise
verschwindenden Tnen lauschte, je unruhiger wurde er nach und nach; denn es war
wieder jenes alte Lied aus seiner Kindheit, das er einmal in der Nacht auf
Leontins Schlosse von Erwin auf der Mauer singen gehrt; auch schien es dieselbe
Stimme. Er raffte sich endlich auf und trat leise vor die Tr hinaus. Da lag und
schlief der Bediente quer ber der Schwelle, wie ein Toter. Drauen sah er den
Snger im hellen Mondenscheine unter den hohen Eichen wandeln. Er lief freudig
auf ihn zu - es war Erwin! - Der Knabe wandte sich schnell, und als er Friedrich
erblickte, strzte er mit einem durchdringenden Schrei zu Boden, unter ihm lag
seine Zither zerbrochen.
    Der Bediente auf der Schwelle fuhr ber dem Schrei taumelnd auf. Verrckt!
verrckt! rief er, sich aufmunternd Friedrich zu, und eilte sehr ngstlich in
das Haus hinein, um seine Herrschaft zu wecken. Friedrich schnitt dieser Ausruf
wie Schwerter durchs Herz, denn er hatte es aus des Knaben unbegreiflicher
Flucht lngst gefrchtet.
    Erwin sah indes wie aus einem langen Traume mit ungewi schweifenden Blicken
rings um sich her und dann Friedrich an, whrend sehr heftige innerliche
Zuckungen, die sich immer mehr dem Herzen zu nhern schienen, durch seinen
Krper fuhren. Abgebrochen durch den Schmerz, aber ohne sein schnes Gesicht zu
verziehen, sagte er zu Friedrich: Es war ein tiefes, weites, rosenrotes Meer,
dich sah ich darin auf dem Grunde immerfort ber hohe Gebirge gehen, ich sang
die besten alten Lieder, die ich wute, aber du erinnertest dich nicht mehr
daran, ich konnte dich niemals erjagen, und unten stand der Alte tief im Meere,
ich frchtete mich vor seinen Augen. Manchmal ruhtest du, auf mich zugewendet,
aus, da sa ich still dir gegenber und sah dich vielhundert Jahre an - ach, ich
war dir so gut, so gut! - Die Leute sagten, ich sei verrckt, ich hrte es wohl
und hrte auch drauen die Uhren schlagen und die Welt ordentlich gehn und
schallen wie durch Glas, aber ich konnte nicht mit hinein. Damals war mir wohl,
jetzt bin ich wieder krank. - Glaube nur nicht, da ich jetzt irre spreche,
jetzt wei ich wohl recht gut, was ich rede und wo ich bin - das ist ja der
Eichgrund, das ist die alte Mhle - bei diesen Worten versank er in ein starres
Nachsinnen. Dann fuhr er unter immerwhrenden Krmpfen wieder fort: Dort, wo
die Sonne aufgehn wird, ist ein groer Wald, in dem Walde wohnt ein Mann mit
dunklen Augen und einer langen Schramme ber dem rechten Auge, der kennt mich
und euch alle, er - hier nahmen die Zuckungen in immer engern Kreisen auf
einmal sehr heftig zu. Der Knabe nahm Friedrichs Hand, drckte sie fest an seine
Lippen und sagte: Mein lieber Herr! Ein pltzlicher Krampf streckte noch
einmal seinen ganzen Leib, und er hrte auf zu atmen.
    Friedrich, auer sich, strzte ber ihn her und ffnete oben schnell sein
Wams, denn es war dieselbe phantastische Kleidung, die der Knabe sonst auf dem
Schlosse des Herrn v. A. getragen hatte. Wie sehr erschrak und erstaunte er, als
ihm da der schnste Mdchenbusen entgegenschwoll, noch warm, aber nicht mehr
schlagend. - Er blieb wie eingewurzelt auf seinen Knien und starrte dem Mdchen
in das stille Gesicht, als htte er es noch nie vorher gesehn.
    Leontin und Julie waren unterdes auch aus der Mhle herbeigeeilt. Sie
schienen gar nicht erstaunt, Erwin hier zu sehen, noch weniger ber die
Entdeckung seines Geschlechts, sondern nur bestrzt ber seinen jetzigen,
unerwarteten Zustand. In stummer Geschftigkeit, ohne sich wechselseitig zu
erklren, waren alle nur bemht, ihn ins Leben zurckzurufen - aber alles blieb
vergebens, das schne, seltsame Mdchen war tot.
    Julie hatte sie trostlos vor sich auf dem Schoe liegen. Sie ruhte wie ein
Engel still und schn. Kein Atem wehte mehr suselnd durch die zarten, roten
Lippen, die sonst zu so wunderschnen Tnen sich auftaten, ihre groen Augen, so
lieblich wild, waren auf ewig verschlossen, nur eine einsame Nachtluft bewegte
noch ihre Locken hin und her. Leontin und Friedrich saen stillschweigend
gegenber. Friedrich, dem jetzt auf einmal viele Sonderbarkeiten des Mdchens
nur zu klar wurden, klagte sich in tiefem, stummem Schmerze bei sich selber an,
da er ihre zerstrende, verhaltene Liebe zu ihm so schlecht belohnt, da er sie
bei grerer Achtsamkeit htte schonen und retten knnen.
    Whrenddes fing jenseits ber dem Walde der Morgen an zu dmmern und
beleuchtete die seltsame Gruppe. Da kam pltzlich ein Bedienter von dem Schlosse
des Herrn v. A. angesprengt und brachte atemlos die Nachricht, da ein
feindlicher Offizier mit seinem Trupp in der Nhe herumstreife und ihnen, wie er
eben von Bauern erfahren, auf der Spur sei. Die Bestrzung aller ber diese
unerwartete Begebenheit war nicht gering. Leontin und Friedrich, die ein
Schicksal verfolgte, waren in diesem Augenblick noch ohne weitern Plan; soviel
war gewi, da Julie zum Vater zurckkehren und das tote Mdchen mitnehmen
mute. Die Leiche wurde daher eiligst auf ein lediges Handpferd gehoben. Dabei
entdeckte Julie ein reichgefates Medaillon, welches das Mdchen auf dem bloen
Leibe hngen hatte, und das sonst niemand jemals bei ihr bemerkt. Es war das
Portrait eines sehr schnen, etwa neunjhrigen Mdchens. Sie nahm es ab und
berreichte es Friedrich.
    Sein Gesicht vernderte sich, als er den ersten Blick darauf warf; denn es
waren die Zge der kleinen Angelina, mit der er als Kind so oft im Garten
gespielt, und welcher, wie es ihm nun ganz klarwurde, das Kind Maria auf dem
Heiligenbilde des verlassenen Gebirgsschlosses so auffallend hnlich sah. Er
betrachtete es lange gerhrt und stillschweigend. Da fielen ihm die rtselhaften
Worte wieder ein, die Erwin sterbend von dem Alten im Walde gesagt hatte. Er
zweifelte nicht, da dieser um vieles wissen msse, was ihnen Licht ber das
sonderbare Leben der Verstorbenen und ihren Zusammenhang mit seiner eigenen
Kindheit geben knne. Er erzhlte es Leontin. Dieser erschrak darber und ward
bei jedem Worte aufmerksamer; er schien den Alten selber schon gesehen zu haben,
doch sagte er nicht, wann und wo.
    Die beiden Freunde beschlossen nun, jenen Winken Erwins zufolge die Richtung
nach dem beschriebenen Walde hin zu nehmen, um dort vielleicht eine erwnschte
Auflsung zu erhalten, da berdies jene Wildnis von Feinden rein und der Weg
Leontin ziemlich bekannt war. Es wurde schnell alles vorbereitet. Sie nahmen
herzlichen Abschied von Julie, mit dem Versprechen, einander so bald als mglich
wiederzusehen, und Julie ritt nun mit ihrer sen, traurigen Last, die sie in
ihrer bunten Kleidung wie eine abgebrochene Blume auf einem Pferde neben sich
herfhrte, von der einen Seite nach Hause, whrend sie von der andern gegen
Sonnenaufgang in den groen Wald fortzogen.

                           Einundzwanzigstes Kapitel


Der Morgen stieg dampfend aus den Wldern, als die beiden Grafen schon fern ber
einen einsamen Wiesengrund hinritten, der seltsamen Ereignisse dieser Nacht
gedenkend. Der Weg war fr jeden Fremdling fast ungangbar, die Entfernung, die
sie in den wenigen Stunden zurckgelegt, ziemlich betrchtlich, sie konnten
schon langsamer und gemchlicher ziehn. Da erzhlte Leontin Friedrich Folgendes:
    Es war ein schner Sommermorgen, da Julie in ihrem Schlafzimmer, das, wie
du weit, auf den Garten hinausgeht, noch schlummerte, als sie drauen von einer
bekannten Stimme mit einem bekannten Liede geweckt wurde. Sie trat in den Garten
hinaus und sah Erwin, der wieder auf der Blumenterrasse sa und in das glnzende
Land hinaussang. Mit pochendem Herzen flog sie zu ihm und fragte ihn nach seinem
Herrn. Der Knabe sah sie aber starr an, er war bla und seltsam verwildert im
Gesichte, und aus seinen verwirrten Antworten bemerkte sie bald mit Schrecken,
da er verrckt sei. - In solchem Gemtszustande hatte er uns nmlich in jener
Nacht auf dem Rheine so unbegreiflich verlassen, und auf unzhligen Umwegen zu
dem Schlosse des Herrn v. A. sich geflchtet, wahrscheinlich aus Eifersucht,
denn die beiden Jger, die wir damals in der alten Burg trafen, und die dann mit
uns auf dem Rheine fuhren, waren, wie ich nachher erfuhr, niemand anders, als
Romana und meine Schwester Rosa, welche Erwin bei dem schnellen Lichte des
Blitzes, gleichwie mit schrferen Sinnen, pltzlich erkannt hatte. - Friedrich
verwunderte sich hier ber die gewagte Kleidung der beiden Weiber und beklagte
das unglckliche Ohngefhr, indem ihm dabei alles, was in jener Nacht
vorgegangen, wieder erinnerlich ward. - Leontin fuhr fort: Erwin verriet durch
seine jetzige verwirrte Unachtsamkeit und seine tiefe, unberwindliche Neigung
zu dir gar bald sein Geschlecht. Das unglckliche Mdchen sang sehr viel, und
ihre Lieder zeigten oft eine zeitig aufgereizte und heimlich genhrte, heftige
Sinnlichkeit. Von ihrem frhesten Leben war auch jetzt nicht das mindeste
herauszukriegen. Julie bot alles auf, sie zu retten. Sie nannte sie Erwine, gab
ihr Frauenzimmerkleider, suchte berhaupt alles erinnernde Phantastische aus
ihrer Lebensweise zu entfernen und taufte sie so, nach dem gewhnlichen
Verfahren in solchen Fllen, in gemeingltige Prosa. Das Mdchen wurde dadurch
auch stiller, aber es war eine wahre Grabesstille, von der sie sich nur manchmal
im Gesange wieder zu erholen schien.
    So traf ich sie, als ich verwundet auf dem Schlosse ankam. Mein erster
Anblick verdarb auf einmal wieder viel an ihr, doch nur vorbergehend. Viel
heftiger, und uns allen unerklrlich aber erschtterte sie der Anblick der alten
Mhle, wohin wir sie mitnahmen, als ich hingebracht wurde; sie zitterte am
ganzen Leibe. Julie nahm sie daher knftig niemals mehr mit dorthin. Gestern
aber war sie ihr heimlich nachgeschlichen, und sie war es, die du im weien
Gewande singend vor der Mhle trafst. Wir waren in nicht geringer Besorgnis, da
sie dich nicht so pltzlich wiedersehe, und Julie schickte sie daher heimlich
mit dem Bedienten sogleich wieder auf das Schlo zurck. Dort mu sie aber in
der Nacht ihrer alten Knabentracht habhaft geworden und noch einmal entwichen
sein.
    Der Schlu von Leontins Erzhlung besttigte Friedrichs Ahnung, da Erwin
wirklich dasselbe Mdchen sein msse, das ihm damals in jener frchterlichen
Nacht in der Mhle Feuer gemacht und hinaufgeleuchtet hatte, womit auch ihre
schon bemerkte hnlichkeit vollkommen bereinstimmte. Er versank darber in
Gedanken und sie beschleunigten beide stillschweigend wieder ihre Reise.
    Gegen Abend erblickten sie auf einmal von einer Hhe fern unten die Kuppeln
der Residenz. Ein von pltzlichem Regen angeschwollener Gebirgsbach hinderte sie
zugleich, ihren Weg in der bisherigen Richtung fortzusetzen. Sie blieben eine
Weile unentschlossen stehen. Die Dmmerung fing indes an, sich niederzusenken,
da bemerkten sie mit Verwunderung Feuerblicke und schnell entstehende und wieder
verschwindende Sterne in der Gegend der Residenz, die sie fr Raketen hielten.
Das sieht recht lustig aus, sagte Leontin. Hier knnen wir ohnedies nicht
weiter, la uns einen Streifzug dorthinaus wagen und sehen, was es in der Stadt
gibt. Wir kommen wohl in der Dunkelheit unerkannt durch und sind, ehe der Tag
anbricht, wieder im Gebirge. - Friedrich willigte ein, und so zogen sie ins Tal
hinunter.
    Noch vor Mitternacht langten sie vor der Residenz an. Der ganze Kreis der
Stadt war bis zu den hchsten Turmspitzen hinauf erleuchtet, und lag mit seinen
unzhligen Fenstern wie eine Feeninsel in der stillen Nacht vor ihnen. Sie
hatten die Khnheit, bis ins Tor hineinzureiten. Ein verworrener Schwall von
Musik und Lichtern quoll ihnen da entgegen. Herren und Damen wandelten wie am
Tage geputzt durch die Gassen, unzhlige Wagen mit Fackeln tosten dazwischen,
sich mannigfaltig durchkreuzend, eine frhliche Menge schwrmte hin und her. -
Nun, was gibt's denn hier noch fr eine rasende Freude? fragte Leontin endlich
einen Handwerksmann, der, ein Schurzfell um den Leib und ein Glas Branntwein
hoch in der Hand, unaufhrlich Vivat rief. Der Mann machte eine verteufelt
pfiffige Miene und htte gern die Unwissenheit der beiden Fremden tchtig
abgefhrt, wenn ihm nicht eben sein Witz versagt htte. Endlich sagte er: Der
Erbprinz hlt heute Hochzeit mit der schnen Grfin Rosa. Wer will mir da
Branntwein verbieten! Mag der Grfin voriger Brutigam Wasser saufen, denn er
ist lange tot, und ihr Bruder mit den Engeln Milch und Honig trinken, denn er
treibt sich in allen Wldern herum. Hol der Teufel alle Ruhestrer! Friede!
Friede! Es leben alle Patrioten, vivat hoch! - So taumelte der Branntweinzapf
wieder weiter.
    Die beiden Grafen sahen einander verwundert an. An Friedrichs Brust schallte
die Neuigkeit ziemlich gleichgltig vorber. Er hatte Rosa lngst aufgegeben.
Seine Phantasie, die Liebeskupplerin, war seitdem von grern Bildern
durchdrungen, alle die hellen Quellen seiner irdischen Liebe waren in einen
groen, ruhigen Strom gesammelt, der andere Wnsche und Hoffnungen zu einem
andern Geliebten trug. -
    Ein Brger, der ihr Gesprch mit dem Betrunkenen mit angehrt hatte, war
unterdes zu ihnen getreten und sagte: Es ist alles wahr, was der Kerl da so
konfus vorgebracht. Die Grfin Rosa hatte wirklich vorher schon einen Grafen zum
Liebhaber; der ist aber im Kriege geblieben und es ist gut fr ihn, denn er ist
mit Lehn und Habe dem Staate verfallen. Der Bruder der Grfin ebenfalls, aber
wir wissen von sicherer Hand, da man gegen diesen nicht streng verfahren wird
und ihm gern verzeihen mchte, wenn er nur zurckkme und Reue und Besserung
verspren lassen wollte. -
    Leontin lachte bei diesen Worten laut auf und gab seinem Pferde die Sporen.
Frischauf! sagte er zu Friedrich, ich ziehe mit den Toten, da die Lebendigen
so abgestanden sind! Ich mag keinen von ihnen mehr wiedersehen, kommen wir
wieder zurck auf unsere grnen Freiheitsburgen!
    Sie waren indes an das frstliche Schlo gekommen. Tanzmusik schallte aus
den hellen Fenstern. Eine Menge Volks war unten versammelt und gebrdete sich
wie unsinnig vor Entzcken. Denn Rosa zeigte sich eben an der Seite ihres
Brutigams am Fenster. Man konnte sie deutlich sehen. Ihre blendende Schnheit,
mit einem reichen Diadem von Edelsteinen geschmckt, funkelte und blitzte bei
den vielen Lichtern manches Herz unten zu Asche. - So hatte sie ihr hchstes
Ziel, die weltliche Pracht und Herrlichkeit, erreicht. - Sie taugte niemals
viel, Weltfutter, nichts als Weltfutter! schimpfte Leontin rgerlich immerfort.
Friedrich drckte den Hut tief in die Augen, und so zogen die beiden dunklen
Gestalten einsam durch den Jubel hindurch, zum Tore hinaus und wieder in die
Berge zurck.
    Nach mehreren einsamen Tagereisen, wobei auch die schnen Nchte zu Hlfe
genommen wurden, kamen sie endlich immer hher auf das Gebirge. Die Gegend wurde
immer grer und ernster, kaum noch lagen mehr einzelne Hirtenhtten in den
tiefen, dunkelgrnen Schluchten hin und her zerstreut, es war eine grenzenlose
Einsamkeit, nebenaus oft Streifen von unermelicher Aussicht. Ihre Herzen wurden
wieder stark und weit, und voll khler Freudenquellen.
    Da erblickten sie sehr unerwartet mitten in der Wildnis einen niedrigen,
zierlichen Zaun von weiem Birkenholz, dem es ordentlich Mhe zu kosten schien,
die wilde Freiheit der Natur, die berall ihre grnen, festen Arme wie zum
Spotte ungezogen durchstreckte, im Zaume zu halten. Sie lachten einander beide
bei dem ersten Anblicke an, denn berraschender konnte ihnen nichts kommen, als
gar eine moderne englische Anlage in dieser menschenleeren Gegend. Sie ritten
lngs des Zaunes hin, aber nirgends war die geringste Spur eines Einganges. Sie
wuten wohl, da sie bereits in dem groen Walde sein muten, den Erwine
sterbend meinte, auch waren sie nach der langen Tagereise begierig, endlich
einmal Menschen, Speise und Trank wiederzufinden, sie banden daher ihre Pferde
an und sprangen ber den Zaun hinein.
    Ein niedlicher Schlangenpfad, mit weiem Sande ausgestreut, fhrte sie dort
bis an ein groes, dichtes Gebsch von meist auslndischen Struchern, wo er
sich pltzlich in zwei Arme teilte. Sie schlugen nun jeder fr sich allein einen
derselben ein, um so desto eher zu einer erwnschten Entdeckung zu gelangen.
Doch diese schmalen Pfade gingen seltsam genug in einem ewigen Kreise immerfort
um sich selber herum, so da die beiden Grafen, je emsiger sie zuschritten, zwar
immer ganz nahe blieben, aber einander niemals erjagen oder zusammenkommen
konnten. Einige Male, wo die Gnge sich pltzlich durchkreuzten, stieen sie
unverhofft aneinander, trennten sich von neuem und standen endlich, nachdem sie
sich beinahe mde geirrt, auf einmal wieder vor dem Zaune, an demselben Orte, wo
sie ausgelaufen waren.
    Sie lachten und rgerten sich zugleich ber den sinnreichen Einfall. Doch
machte sie diese kleine Probe aufmerksam und neugieriger auf die ganze
sonderbare Anlage. Sie nahmen daher noch einmal einen beherzten Anlauf und
drangen nun mitten durch das dicke Gehege gerade hindurch. Da kamen sie bald auf
einen freien Platz zu einem Gebude. Ihre Augen konnten sich bei dem ersten
verwirrenden Anblick durchaus nicht aus dem labyrinthischen, hchst
abenteuerlichen Gemisch dieses Tempels herausfinden, so unfrmlich, obgleich
klein, war alles ber- und durcheinandergebaut. Den Haupteingang nmlich bildete
ein griechischer Tempel mit zierlichem Sulenportal, welches sehr komisch
aussah, da alles beraus niedlich und nur aus angestrichenem Holze war. Sie
traten hinein und fanden in der Halle einen hlzernen Apollo, der die Geige
strich, und dem der Kopf fehlte, weil nicht mehr Raum genug dazu briggeblieben
war. Gleich aus dem Tempel trat man in einen geschmackvollen Kuhstall nebst
einer vollstndigen hollndischen Meierei in der neuesten Manier, aber alles
leer. ber der Meierei hing, wie ein Bienenkorb, eine Art von schwebender
Einsiedelei. Den zweiten Eingang bildete ein viereckiger Turm, wie bei den alten
Burgen, der eine Ruine vorstellen sollte, und auf dessen Mauer hin und her
Blumentpfe mit Moos umherstanden. ber das ganze Gemisch hinweg endlich erhob
sich ein feingeschnitztes, buntes, chinesisches Trmchen, an welchem unzhlige
Glcklein im Winde musizierten. Unter diesem Trmchen in dem innersten Gemache
sa inmitten des getfelten Bodens ein unfrmlicher, kleiner Chinese von
Porzellan mit untergeschlagenen Beinen und dickem Bauche, und wackelte einsam
fort mit dem breiten Kahlkopfe, als der einzige Bewohner seines unsinnigen
Palastes.
    Nein, das ist zu toll! sagte Leontin, was gb ich drum, wenn wir den
Phantasten von Baumeister noch selber in seinem Zauberneste berraschten! Das
ist ja ein wahrer Surrogattempel fr allen Geschmack auf Erden.
    Whrenddes waren sie endlich in dem letzten Gemache des Gebudes angekommen,
welches mit groen, goldenen Buchstaben Gesellschaftssaal berschrieben war.
Sie erstaunten auch wirklich beim Eintritte nicht wenig ber die ungeheure
Gesellschaft, denn Wnde und Decke bestanden daselbst aus knstlich
geschliffenen Spiegeln, die ihre Gestalten auf einmal ins Unendliche
vervielfltigten. Ihr Kopf war ganz berfllt und verwirrt von dem Gesehenen.
Kein Mensch war in der weiten Runde zu hren, es grauste ihnen fast, lnger in
dieser Verrckung so einsam zu verweilen, und sie begaben sich daher schnell
wieder ins Freie.
    Sie durchstrichen darauf noch den andern Teil des Parks, der auf die
alltglichste Art mit Trauerweiden, Baumgruppchen, Brckchen usw. angefllt war.
Auch die blichen Aushngetafeln mit Inschriften waren im berflu vorhanden,
nur mit dem Unterschiede, da hier alle von einer ungeheuren Lnge und Breite
waren, so da sie die jungen Bume, an denen sie befestigt, fast bis auf die
Erde herunterzogen. Unsere Reisenden verweilten verwundert hin und wieder, und
lasen unter andern: Wachsen, Blhen, Staubwerden. - Gleich daneben stand auf
einer andern Tafel die erste Strophe von: Freuet euch des Lebens! usw. nebst
einigen andern Zoten.
    So von groben Bumen verfolgt, waren sie endlich am andern Ende des
sonderbaren Parks angekommen, wo derselbe wieder durch ein niedliches Zunchen
von dem Walde geschieden war. Noch eine ungeheure Inschrift begrte sie dort
folgendermaen: Gefhlvoller Wanderer! stehe still und vergiee einige Trnen
ber deine Narrheit! Darunter stand nur noch halbleserlich mit Bleistift
geschrieben: Und dann kehre wieder um, denn mir bist du doch nur langweilig.
Nicht ohne Bedeutung, wie es schien, stie diese letzte Partie des Gartens,
welche besonders kleinlich aus allerlei Zwergbumen nebst einem kaum bemerkbaren
Wasserfalle bestand, auf einmal an den dunkelgrnen Saum des Hochwaldes.
Zwischen Felsen strzte dort ein einsamer Strom gerade hinab, als wollte er den
ganzen Garten vernichten, wandte sich dann am Fue der Hhe pltzlich, wie aus
Verachtung, wieder seitwrts in den Wald zurck, dessen ernstes, ewig gleiches
Rauschen gegen die unruhig phantastische Spielerei der Gartenanlage fast
schmerzlich abstach, so da die beiden Freunde berrascht stillstanden. Sie
sehnten sich recht in die groe, ruhige, khle Pracht hinaus und atmeten erst
frei, als sie wirklich endlich wieder zu Pferde saen.
    Whrend sie sich so ber das Gesehene besprachen, verwundert, keine
menschliche Wohnung ringsum zu erblicken, fing indes die Gegend an etwas
lieblicher und milder zu werden. Vor ihnen erhob sich ein freundlicher, bis an
den Gipfel mit Laubwald bedeckter Berg aus dem dunkelzackigen Chaos von
Gebirgen. Hinter dem Berge schien es nach der einen Seite hin auf einmal freier
zu werden und versprach eine groe Aussicht. Sie zogen langsam ihres Weges fort,
der Himmel war unbeschreiblich heiter, der Abend sank schon hernieder und
spielte mit seinen letzten Strahlen lustig in dem lichten Grn des Berges vor
ihnen. Friedrich hatte lange unverwandt in die Gegend vor sich hinausgesehen,
dann hielt er pltzlich an und sagte: Ich wei nicht, wie mir ist, diese
Aussicht ist mir so altbekannt, und doch war ich, solange ich lebe, nicht hier.
-
    Je weiter sie kamen, je erinnernder und sehnschtiger sprach jede Stelle zu
ihm; oft verwandelte sich auf einmal alles wieder, ein Baum, ein Hgel legte
sich fremd vor seine Aussicht wie in eine uralte, wehmtige Zeit, doch konnte er
sich durchaus nicht besinnen.
    So hatten sie nach und nach den Gipfel des Berges erreicht. Freudig
berrascht standen sie beide still, denn eine berschwengliche Aussicht ber
Stdte, Strme und Wlder, so weit die Blicke in das frhlich-bunte Reich
hinauslangten, lag unermelich unter ihnen. Da erinnerte sich Friedrich auf
einmal: das ist ja meine Heimat! rief er, mit ganzer Seele in die Aussicht
versenkt. Was ich sehe, hier und in die Runde, alles gemahnt mich wie ein
Zauberspiegel an den Ort, wo ich als Kind aufwuchs! Derselbe Wald, dieselben
Gnge - nur das schne, altertmliche Schlo Ende ich nicht wieder auf dem
Berge. -
    Sie stiegen weiter und erblickten wirklich auf dem Gipfel im Gebsche die
Ruinen eines alten, verfallenen Schlosses. Sie kletterten ber die
umhergeworfenen Steine hinein und erstaunten nicht wenig, als sie dort ein
steinernes Grabmal fanden, das ihnen durch seine Schnheit sowohl, als durch
seine mannigfaltige Bedeutsamkeit auffiel. Es stellte nmlich eine junge,
schne, fast wollstig gebaute weibliche Figur vor, die tot ber den Steinen
lag. Ihre Arme waren mit knstlichen Spangen, ihr Haupt mit Pfauenfedern
geschmckt. Eine groe Schlange, mit einem Krnlein auf dem Kopfe, hatte sich
ihr dreimal um den Leib geschlungen. Neben und zum Teil ber dem schnen
Leichnam lag ein altgeformtes Schwert, in der Mitte entzweigesprungen, und ein
zerbrochenes Wappen. Aus dieser Gruppe erhob sich ein hohes, einfaches Kreuz,
mit seinem Fue die Schlange erdrckend.
    Friedrich traute seinen Augen kaum, da er bei genauerer Betrachtung auf dem
zerbrochenen Schilde sein eigenes Familienwappen erkannte. Seine Augen fielen
dabei noch einmal aufmerksamer auf die weibliche Gestalt, deren Gesicht soeben
von einem glhenden Abendstrahle hell beleuchtet wurde. Er erschrak und wute
doch nicht, warum ihn diese Mienen so wunderbar anzogen. Endlich nahm er das
kleine Portrt hervor, das sie auf Erwinens Brust gefunden hatten. Es waren
dieselben Zge, es war das schne Kind, mit dem er damals in dem Blumengarten
seiner Heimat gespielt; nur das Leben schien seitdem viele Zge verwischt und
seltsam entfremdet zu haben. Ein wehmtiger Strom von Erinnerung zog da durch
seine Seele, dem er kaum mehr in jenes frhste, helldunkle Wunderland
nachzufolgen vermochte. Er fhlte schaudernd seinen eigenen Lebenslauf in den
geheimnisvollen Kreis dieser Berge mit hineingezogen.
    Er setzte sich voller Gedanken auf das steinerne Grabmal und sah in die
Tler hinunter, wie die Welt da nur noch in einzelnen, groen Farbenmassen
durcheinander arbeitete, in welche Trme und Drfer langsam versanken, bis es
dann still wurde wie ber einem beruhigten Meere. Nur das Kreuz auf ihrem Berge
oben funkelte noch lange golden fort.
    Da hrten sie auf einmal hinter ihnen eine Schalmei ber die Berge wehen;
die Tne blieben oft in weiter Ferne aus, dann brachen sie auf einmal wieder mit
neuer Gewalt durch die ziehenden Wolken herber. Sie sprangen freudig auf. Sie
zweifelten lngst nicht mehr, da sie sich in dem Gebiete des sonderbaren Mannes
befnden, zu dem sie von Erwin hingewiesen worden. Um desto willkommener war es
ihnen, endlich einen Menschen zu finden, der ihnen aus diesem wunderbaren
Labyrinthe heraushelfe, in dem ihre Augen sowie ihre Gedanken verwirrt und
verloren waren. Sie bestiegen daher schnell ihre Pferde und ritten jenen Klngen
nach.
    Die Tne fhrten sie immerfort bergan zu einer ungeheuren Hhe, die immer
der und verlassener wurde. Ganz oben erblickten sie endlich einen Hirten,
welcher, auf der Schalmei blasend, seine Herde in der Dmmerung vor sich her
nach Hause trieb. Sie grten ihn, er dankte und sah sie ruhig und lange von
oben bis unten an. Wem dient Ihr? fragte Leontin. - Dem Grafen. - Wo wohnt
der Graf? - Dort rechts auf dem letzten Berge in seinem Schlosse. - Wer
liegt dort, fuhr Leontin fort, auf der grnen Hhe unter den steinernen
Figuren begraben? - Der Hirt sah ihn an und antwortete nicht; er wute nichts
davon und war noch niemals dort hinabgekommen. - Sie ritten langsam neben ihm
her, da erzhlte er ihnen, wie auch er weit von hier in den Tlern geboren und
aufgewachsen sei, aber das ist lange her, sagte er, und ich wei nicht mehr,
wie es unten aussieht. Darauf wnschte er ihnen eine gute Nacht, nahm seine
Schalmei wieder vor und lenkte links in das Gebirge hinein. - Sie blickten rings
um sich, es war eine weite, kahle Heide und die Aussicht zwischen den einzelnen
Fichten, die hin und her zerstreut standen, unbeschreiblich einsam, als wre die
Welt zu Ende. Es wurde ihnen angst und weh an dem Orte. Sie gaben ihren Pferden
die Sporen und schlugen rechts den Weg ein, den ihnen der einsilbige Hirt zu dem
Schlosse des Grafen angezeigt hatte.
    Es war indes vllig dunkel geworden. Die Gegend wurde noch immer hher, die
Luft schrfer; sie wickelten sich fest in ihre Mntel ein und ritten schnell
fort. Da erblickten sie endlich auf dem hchsten Gipfel des Gebirges das
verheiene Schlo. Es war, soviel sie in der Dunkelheit unterscheiden konnten,
weitlufig gebaut und alt. Der Weg fhrte sie von selbst durch ein dunkles
Burgtor in den altertmlichen, gepflasterten Hof, in dessen Mitte sich ein
groer Baum ber einem steinernen Springbrunnen wlbte.
    Das erste, das ihnen dort auffiel war ein seltsamer Mensch, mit einem
langen, breiten Talare ber den Achseln, einer Art von Krone, die etwas schief
auf dem Kopfe sa, und einem langen Hirtenstabe in der Hand. Er nherte sich
ihnen ein wenig, kehrte sich dann stolz wieder um und ging mit einem feierlich
abgemessenen Schwebetritte langsam ber den Hof, wobei der breite Mantel, wie
der Schweif eines sich aufblhenden kalkuttischen Hahnes, hinter ihm drein
rauschte. Ein alter Mann war unterdes heruntergekommen und sagte den beiden
Gsten, sein Graf sei nicht zu Hause, bat sie aber, abzusteigen. Sie hatten die
Augen noch auf jene vorberschwebende Figur gerichtet und fragten erstaunt, was
das zu bedeuten habe? Er sucht den Karfunkelstein, sagte der Alte trocken und
fhrte ihre Pferde ab.
    Ein junger Mensch, der sich inzwischen mit einem Lichte eingefunden hatte,
bat sie, ihm zu folgen, und fhrte sie stillschweigend ber verschiedene
Wendeltreppen und einen langen Bogengang in ein groes, gotisch gewlbtes Gemach
mit zwei Himmelbetten, ein paar groen, altmodischen Sthlen und einem
ungeheuren runden Tische in der Mitte. Sie bemerkten mit Verwunderung, da er
ein ledernes Reiterwams trug und seine ganze Tracht berhaupt altdeutsch sei.
Seine blonden Haare hatte er ber der Stirne gescheitelt und in schnen Locken
ber die Schultern herabhngen.
    Er setzte das Licht auf den Tisch und fragte sie, wann sie wieder
weiterzuziehen gedchten? Ach, fgte er hinzu, ohne erst ihre Antwort
abzuwarten, ach, knnt ich mitziehn! - Und wer hlt Euch denn hier? fragte
Leontin. - Es ist meine eigene Unwrdigkeit, entgegnete jener wieder, wohl
fehlt mir noch viel zu der ehrenfesten Gesinnung, zu der Andacht und der
bestndigen Begeisterung, um der Welt wieder einmal Luft zum Himmel zu hauen.
Ich bin gering und noch kein Ritter, aber ich hoffe, es durch fleiige
Tugendbung mit Gottes Gnade zu werden und gegen die Heiden hinauszuziehn; denn
die Welt wimmelt wieder von Heiden. Die Burgen sind geschleift, die Wlder
ausgehauen, alle Wunder haben Abschied genommen, und die Erde schmt sich recht
in ihrer fahlen, leeren Nacktheit vor dem Kruzifixe, wo noch eines einsam auf
dem Felde steht; aber die Heiden hantieren und gehen hochmtig vorber und
schmen sich nicht. - Er sprach dies mit einer wirklich rhrenden Demut, doch
selbst in der steigenden Begeisterung, in die er sich bei den letzten Worten
hineingesprochen hatte, blieb etwas modern Fades in seinen Zgen zurck. Leontin
fate ihn bei der Hand und wute nicht, was er aus ihm machen sollte, denn fr
einen Menschen, der seine ordentliche Vernunft besitzt, hatte er ihm doch
beinahe zu gescheit gesprochen.
    Unterdes hatte sich der Ritter nachlssig in einen Stuhl geworfen, zog eine
Lorgnette unter dem Wams hervor, betrachtete die beiden Grafen flchtig und
sagte, seine letzten Worte wohlgefllig wiederholend: Aber die Heiden gehen
vorber und schmen sich nicht. - Recht gut gesagt, nicht wahr, recht gut? -
Beide sahen ihn erstaunt an. - Er lorgnettierte sie von neuem. Aber ihr seid
doch recht einfltig, fuhr er darauf lachend fort, da ihr das alles
eigentlich so fr baren Ernst nehmt! Ihr seid wohl noch niemals in Berlin
gewesen? Seht, ich mchte wohl eigentlich ein Ritter sein, aber, aufrichtig
gesprochen, das ist doch im Grunde alles nrrisches Zeug, welcher gescheite
Mensch wird im Ernste an so etwas glauben! berdies wre es auch schrecklich
langweilig, so strenge auf Tugend und Ehre zu halten. Ich versichere euch aber,
ich bin wohl eigentlich ein Ritter, aber ihr fat das nur nicht, ihr andern
Leute, ich halte aus ganzer Seele gleichsam auf die alte Ehre, aber seht, das
ist ganz anders zu verstehen - das ist - aber ihr versteht mich doch nicht - das
ist - hierbei schien er verwirrt und zerstreut zu werden. Er zog sein
Ritterwams vom Leibe und erschien auf einmal in einem beraus modernen Neglig
vom feinsten, weien Perkal, von dem er mit vieler Grazie hin und wieder die
Staubfleckchen abzuklopfen und wegzublasen bemht war.
    Nach einer Weile nahm er das Augenglas wieder vor und musterte die beiden
Fremden, sich vornehm auf dem Sessel hin und her schaukelnd. Bei welchem
Schneider lassen Sie arbeiten? sagte er endlich. Dann stand er auf und befhlte
ihre Hemden an der Brust. Aber, mein Gott! wie kann man so etwas tragen? sagte
er, bon soir, bon soir, mes amis! Hiermit ging er, laut ein franzsisches
Liedchen trllernd, ab. In der Tr begegnete er einem Mdchen, das eben mit
einem Korbe voll Erfrischungen heraufkam. Er nahm sie sogleich in den Arm und
wollte sie kssen. Sie schien aber keinen Spa zu verstehen und warf den Ritter,
wie sie an dem Gepolter wahrnehmen konnten, ziemlich unsanft die Stiege hinab.
    Nun wahrhaftig, sagte Friedrich, hier geht es lustig zu, ich sehe nur,
wann wir beide selber anfangen, mit verrckt zu werden. - Mir war bei dem Kerl
zumute, meinte Leontin, als sollten wir ihn hundemig durchprgeln.
    Das Mdchen hatte unterdes, ohne ein Wort zu sprechen, mit unglaublicher
Geschwindigkeit den Tisch gedeckt und Essen aufgetragen. Ihre Hast fiel ihnen
auf, sie betrachteten dieselbe genauer und erschraken beide, als sie in ihr die
verlorne Marie erkannten. Sie war leichenbla, ihr schnes Haar war seltsam
aufgeputzt und phantastisch mit bunten Federn und Flitter geschmckt. Der
berraschte Leontin nahm sie sanft streichelnd bei dem weichen, vollen Arme, und
sah ihr in die sonst so frischen Augen, die er seit ihrem Abschiede auf der
Gebirgsreise nicht wiedergesehen hatte. Sie aber wand die Hand los, legte den
Finger geheimnisvoll auf den Mund, und war so im Augenblicke zur Tr hinaus.
Vergebens eilten und riefen sie ihr nach, sie war gleich einer Lazerte zwischen
dem alten Gemuer verschwunden.
    Beide hatte dieses unerwartete Begegnis sehr bewegt. Sie lehnten sich in das
Fenster und sahen ber die Wlder hinaus, die der Mond herrlich beleuchtete.
Leontin wurde immer stiller. Endlich sagte er: Es ist doch seltsam, wie
gegenwrtig mir hier eine Begebenheit wird, die mich einst heftig erschtterte;
und ich tusche mich nicht, da ich hier endlich eine Auflsung darber erhalten
werde. Friedrich bat ihn, sie ihm mitzuteilen, und Leontin erzhlte:
    Ich hatte einst ein Liebchen hinter dem Walde bei meinem Schlosse, ein
gutes, herziges, verliebtes Ding. Ich ritt gewhnlich sptabends zu ihr, und sie
litt mich wohl manchmal ber Nacht. Eines Abends, da ich eben auch hinkomme,
sieht sie ungewhnlich bla und ernsthaft aus, und empfngt mich ganz feierlich,
ohne mir, wie sonst, um den Hals zu fallen. Doch schien sie mehr traurig, als
schmollend. Wir gingen an dem Teiche spazieren, der bei ihrem Huschen lag, wo
sie mit ihrer Mutter einsam wohnte; da sagte sie mir: ich sei ja gestern abends
noch sehr spt bei ihr gewesen, und da sie mich kssen wollen, htte ich sie
ermahnt, lieber Gott, als die Mnner zu lieben, darauf htte ich noch eine Weile
sehr streng und ernsthaft mit ihr gesprochen, wovon sie aber nur wenig
verstanden, und wre dann ohne Abschied fortgegangen.
    Ich erschrak nicht wenig ber diese Rede, denn ich war jenen Abend nicht von
meinem Schlosse weggekommen. Whrend sie noch so erzhlte, bemerkte ich, da sie
pltzlich bla wurde und starr auf einen Fleck im Walde hinsah. Ich konnte
nirgends etwas erblicken, aber sie fiel auf einmal fr tot auf die Erde. -
    Als sie sich zu Hause, wohin ich sie gebracht, nach einiger Zeit wieder
erholt hatte, schien sie sich ordentlich vor mir zu frchten, und bat mich in
einer sonderbaren Gemtsbewegung, niemals mehr wiederzukommen. Ich mut es ihr
versprechen, um sie einigermaen zu beruhigen. Dessenungeachtet trieb mich die
Besorgnis um das Mdchen und die Neugierde den folgenden Abend wieder hinaus, um
wenigstens von der Mutter etwas zu erfahren.
    Es war schon ziemlich spt, der Mond schien wie heute. Als ich in dem Walde,
durch den ich hindurch mute, eben auf einem etwas freien, mondhellen Platz
herumbiege, steigt auf einmal mein Pferd und mein eigenes Haar vom Kopfe in die
Hh. Denn einige Schritte vor mir, lang und unbeweglich an einem Baume, stehe
ich selber leibhaftig. Mir fiel dabei ein, was das Mdchen gestern sagte; mir
grauste durch Mark und Bein bei dem grlichen Anblicke. Darauf fate mich, ich
wei selbst nicht wie, ein seltsamer Zorn, das Phantom zu vernichten, das immer
unbeweglich auf mich sah. Ich spornte mein Pferd, aber es stieg schnaubend in
die Hh und wollte nicht daran. Die Angst steckte mich am Ende mit an, ich
konnte es nicht aushalten, lnger hinzusehn, mein Pferd kehrte unaufhaltsam um
eine unbeschreibliche Furcht bemchtigte sich seiner und meiner, und so ging es
windschnell durch Strucher und Hecken, da die ste mich hin und her blutig
schlugen, bis wir beide atemlos wieder bei dem Schlosse anlangten. Das war jener
Abend vor unserer Gebirgsreise, da ich so wild und ungebrdet tat, als du mit
Faber ruhig am Tische auf der Wiese saest. - Spter erfuhr ich, da das Mdchen
denselben Abend um dieselbe Stunde gestorben sei. - Und so wolle Gott jeden
Schnapphahn kurieren, denn ich habe mich seitdem gebessert, das kann ich redlich
sagen!
    Friedrich erinnerte sich bei dieser wunderlichen Geschichte an eine Nacht
auf Leontins Schlosse, wie er Erwinen einmal von der Mauer sich mit einem
fremden Manne unterhalten gehrt und dann einen langen, dunklen Schatten von ihm
in den Wald hineingehn gesehen hatte. - Allerdings, sagte Leontin, habe ich
selber einmal dergleichen bemerkt, und es kam mir zu meinem Erstaunen vor, als
wre es dieselbe Gestalt, die mir im Walde erschienen. Aber du weit, wie
geheimnisvoll Erwine immer war und blieb; doch so viel wird mir nach
verschiedenen flchtigen uerungen von ihr immer wahrscheinlicher, da dieses
Bild hier in diesem Walde spuke oder lebe, es sei nun was es wolle. - Ich wei
nicht, ob du noch unsres Besuches auf dem Schlosse der Frau v. A. gedenkest.
Dort sah ich ein altes Ritterbild, vor dem ich augenblicklich zurckfuhr. Denn
es war offenbar sein Portrait. Es waren meine eigenen Zge, nur etwas lter und
ein fremder Zug auf der Stirn ber den Augen.
    Whrend Leontin noch so sprach, hrten sie auf einmal ein Gerusch auf dem
Hofe unten, und ein Reiter sprengte durch das Tor herein; mehrere Windlichter
fllten sogleich den Platz, in deren ber die Mauern hinschweifenden Scheinen
sich alle Figuren nur noch dunkler ausnahmen. Er ist's! rief Leontin. - Der
Reiter, welcher der Herr des Schlosses zu sein schien, stieg schnell ab und ging
hinein, die Windlichter verschwanden mit ihm, und es war pltzlich wieder dunkel
und still wie vorher.
    Leontin war sehr bewegt, sie beide blieben noch lange voll Erwartung am
Fenster, aber es rhrte sich nichts im Schlosse. Ermdet warfen sie sich endlich
auf die groen, altmodischen Betten, um den Tag zu erwarten, aber sie konnten
nicht einschlafen, denn der Wind knarrte und pfiff unaufhrlich an den
Wetterhhnen und Pfeilern des alten, weitlufigen Schlosses, und ein seltsames
Sausen, das nicht vom Walde herzukommen schien, sondern wie ferner Wellenschlag
tnte, brauste die ganze Nacht hindurch.

                           Zweiundzwanzigstes Kapitel


Kaum fing der Morgen drauen an zu dmmern, so sprangen die beiden schon von
ihrem Lager auf und eilten aus ihrem Zimmer auf den Gang hinaus. Aber kein
Mensch war noch da zu sehen, die Gnge und Stiegen standen leer, der steinerne
Brunnen im Hofe rauschte einfrmig fort. Sie gingen unruhig auf und ab; nirgends
bemerkten sie einen neuen Bau oder Verzierung an dem Schlosse, es schien nur das
Alte gerade zur Notdurft zusammengehalten. Bunte Blumen und kleine grne
Bumchen wuchsen hin und wieder auf dem hohen Dache, zwischen denen Vgel lustig
sangen. Sie kamen endlich ber mehrere Gnge in dem abgelegensten und
verfallensten Teile des Schlosses in ein offenes, hochgelegenes Gemach, dessen
Wnde sie mit Kohle bemalt fanden. Es waren meist flchtige Umrisse von mehr als
lebensgroen Figuren, Felsen und Bumen, zum Teil halb verwischt und
unkenntlich. Gleich an der Tr war eine seltsame Figur, die sie sogleich fr den
Eulenspiegel erkannten. Auf der andern Wand erkannte Friedrich hchst betroffen
einen groen, ziemlich weitlufigen Umri seiner Heimat, das groe alte Schlo
und den Garten auf dem Berge, den Strom unten, den Wald und die ganze Gegend.
Aber es war unbeschreiblich einsam anzusehen, denn ein ungeheurer Sturm schien
ber die winterliche Gegend zu gehen, und beugte die entlaubten Bume alle nach
einer Seite, sowie auch eine wilde Flammenkrone, die aus dem Dache des Schlosses
hervorbrach, welches zum Teil schon in der Feuersbrunst zusammenstrzte.
    Friedrich konnte die Augen von diesen Zgen kaum wegwenden, als Leontin
einen Haufen von Zeichnungen und Skizzen hervorzog, die ganz verstaubt und
vermodert in einem Winkel des Zimmers lagen. Sie setzten sich beide auf den
Fuboden hin und rollten eine nach der andern auf. Die meisten Bltter waren
komischen Inhalts, fast alle von einem ungewhnlichen Umfange. Die Zge waren
durchaus keck und oft bis zur Hrte streng, aber keine der Darstellungen machte
einen angenehmen, viele sogar einen widrigen Eindruck. Unter den komischen
Gesichtern glaubte Friedrich zu seiner hchsten Verwunderung manche alte
Bekannte aus seiner Kindheit wiederzufinden.
    Der erste Morgenschein fiel indes soeben durch die hohen Bogenfenster, und
spielte gar seltsam an den Wnden der Polterkammer und in die wunderliche Welt
der Gedanken und Gestalten hinein, die rings um sie her auf dem Boden zerstreut
lagen. Es war ihnen dabei wie in einem Traume zumute. - Sie schoben endlich alle
die Bilder wieder in den Winkel zusammen und lehnten sich zum Fenster hinaus.
    Alles war noch nchtlich und grenzenlos still, nur einige frhe Vgel zogen
pfeifend hin und her ber den Wald und begrten die ersten Morgenstrahlen, die
durch die Wipfel funkelten. Da hrten sie auf einmal drauen in einiger
Entfernung folgendes Lied singen:

Ein Stern still nach dem andern fllt
Tief in des Himmels Kluft,
Schon zucken Strahlen durch die Welt,
Ich wittre Morgenluft.

In Qualmen steigt und sinkt das Tal;
Verdet noch vom Fest
Liegt still der weite Freudensaal,
Und tot noch alle Gst.

Da hebt die Sonne aus dem Meer
Eratmend ihren Lauf:
Zur Erde geht, was feucht und schwer,
Was klar, zu ihr hinauf.

Hebt grner Wlder Trieb und Macht
Neu rauschend in die Luft,
Zieht hinten Stdte, eitel Pracht,
Blau' Berge durch den Duft.

Spannt aus die grnen Tepp'che weich,
Von Strmen hell durchrankt,
Und schallend glnzt das frische Reich,
So weit das Auge langt.

Der Mensch nun aus der tiefen Welt
Der Trume tritt heraus,
Freut sich, da alles noch so hlt,
Da noch das Spiel nicht aus.

Und nun geht's an ein Fleiigsein!
Umsumsend Berg und Tal,
Agieret lustig gro und klein
Den Plunder allzumal.

Die Sonne steiget einsam auf,
Ernst ber Lust und Weh,
Lenkt sie den ungestrten Lauf
In stiller Glorie. -

Und wie er dehnt die Flgel aus,
Und wie er auch sich stellt:
Der Mensch kann nimmermehr hinaus,
Aus dieser Narrenwelt.

Die beiden Freunde eilten Sogleich auf das sonderbare Lied hinunter und aus dem
Schlosse hinaus. Die Wlder rauchten ringsum aus den Tlern, eine khle
Morgenluft griff strkend an alle Glieder. Der Gesang hatte unterdes aufgehrt,
doch erblickten sie in jener Gegend, wo er hergekommen war, einen groen,
schnen, ziemlich jungen Mann an dem Eingange des Waldes. Er stand auf und
schien weggehn zu wollen, als er sie gewahr wurde; dann blieb er stehen und sah
sie noch einmal an, kam darauf auf sie zu, fate Friedrich bei der Hand und
sagte sehr gleichgltig: Willkommen Bruder! -
    Wie dem Schweizer in der Fremde, wenn pltzlich ein Alphorn ertnt, alle
Berge und Tler, die ihn von der Heimat scheiden, in dem Klange versinken, und
er die Gletscher wiedersieht, und den alten, stillen Garten am Bergeshange, und
alle die morgenfrische Aussicht in das Wunderreich der Kindheit, so fiel auch
Friedrich bei dem Tone dieser Stimme die mhsame Wand eines langen, verworrenen
Lebens von der Seele nieder; - er erkannte seinen wilden Bruder Rudolf, der als
Knabe fortgelaufen war, und von dem er seitdem nie wieder etwas gehrt hatte.
    Keine ruhige, segensreiche Vergangenheit schien aus diesen dunkelglhenden
Blicken hervorzusehen, eine Narbe ber dem rechten Auge entstellte ihn seltsam.
Leontin stand still dabei und betrachtete ihn aufmerksam, denn es war wirklich
dasselbe Bild, das ihm mitten im bunten Leben oft so schaurig begegnet. Oh,
mein lieber Bruder, sagte Friedrich, so habe ich dich denn wirklich wieder!
Ich habe dich immer geliebt. Und als ich dann grer wurde und die Welt immer
kleiner und enger, und alles so wunderlos und zahm, wie oft hab ich da an dich
zurckgedacht und mich nach deinem wunderbaren hrtern Wesen gesehnt! - Rudolf
schien wenig auf diese Worte zu achten, sondern wandte sich zu Leontin um und
sagte: Wie geht es Euch, mein Signor Amoroso? Durch diesen Wald geht kein Weg
zum Liebchen. - Und keiner in der Welt mehr, fiel Leontin, der wohl wute,
was er meine, empfindlich ihm ins Wort, denn Eure Possen haben das Mdchen ins
Grab gebracht. - Besser tot, als eine H - sagte Rudolf gelassen. Aber, fuhr
er fort, was treibt euch aus der Welt hier zu mir herauf? Sucht ihr Ruhe: ich
habe selber keine; sucht ihr Liebe: ich liebe keinen Menschen, oder wollt ihr
mich listig aussondieren, zerstreuen und lustig machen: so zieht nur in Frieden
wieder hinunter, et, trinkt, arbeitet fleiig, schlaft bei euren Weibern oder
Mdchen, seid lustig und lacht, da ihr euch krhend die Seiten halten mt, und
danket Gott, da er euch weie Lebern, einen ordentlichen Verstand, keinen
berflssigen Witz, gesellige Sitten und ein langes, wohlgeflliges Leben
bescheret hat - denn mir ist das alles zuwider. - Friedrich sah den Bruder
staunend an, dann sagte er: Wie ist dein Gemt so feindselig und wst geworden!
Hat dich die Liebe - Nein, sagte Rudolf, ihr seid gar verliebt, da lebt
recht wohl!
    Hiermit ging er wirklich mit groen Schritten in den Wald hinein und war
bald hinter den Bumen verschwunden. Leontin lief ihm einige Schritte nach, aber
vergebens. Nein, rief er endlich aus, er soll mich nicht so verachten, der
wunderliche Gesell! Ich bin so reich und so verrckt wie er! - Friedrich sagte:
Ich kann es nicht mit Worten ausdrcken, wie es mich rhrt, den tapfern,
gerechten, rstigen Knaben, der mir immer vorgeschwebt, wenn ich dich ansah, so
verwildert wiederzusehen. Aber ich bleibe nun gewi auch wider seinen Willen
hier, ich will keine Mhen sparen, sein reines Gold, denn solches war in ihm,
aus dem wst verfallenen Schachte wieder ans Tageslicht zu frdern. - Oh,
fiel ihm Leontin ins Wort, das Meer ist nicht so tief, als der Hochmtige in
sich selber versunken ist! Nimm dich in acht! er zieht dich eher schwindelnd zu
sich hinunter, ehe du ihn zu dir hinauf.
    Friedrich hatte der Anblick seines Bruders auf das heftigste bewegt. Er ging
schnell von Leontin fort und allein tief in den Wald hinein. Er brauchte der
stillen, vollen Einsamkeit, um die neuen Erscheinungen, die auf einmal so
gewaltsam auf ihn eindrangen, zu verarbeiten und seine seltsam aufgeregten
Geister zu beruhigen.
    Lange war er so im Walde herumgeschweift, als auch Leontin wieder zu ihm
stie. Dieser hatte whrenddes wieder jene Bilderstube bestiegen und die Zeit
unter den Zeichnungen gesessen. Dabei waren ihm in dieser Einsamkeit die Figuren
oft wie lebendig geworden vorgekommen und verschiedene Lieder eines Wahnsinnigen
eingefallen, die er, wie Sprche auf die alten Bilder, den Gestalten aus dem
Munde auf die Wand aufgeschrieben hatte.
    Die Sonne fing schon wieder an sich von der Mittagshhe herabzuneigen. Weder
Leontin noch Friedrich wuten recht, wo Sie sich befanden, denn kein
ordentlicher Weg fhrte vom Schlosse hierher. Sie schlugen daher die ohngefhre
Richtung ein, sich ber den melancholischen Rudolf besprechend. Als sie nach
langem Irren eben auf einer Hhe angelangt waren, hrten sie pltzlich mehrere
lebhafte Stimmen vor sich. Ein undurchdringliches Dickicht, durch welches von
dieser Seite kein Eingang mglich war, trennte sie von den Sprechenden. Leontin
bog die obersten Zweige mit Gewalt auseinander: da erffnete sich ihnen auf
einmal das seltsamste Gesicht. Mehrere auffallende Figuren nmlich, worunter sie
sogleich Marie, den Karfunkelsteinspher und den Ritter von gestern erkannten,
lagen und saen dort auf einer grnen Wiese zerstreut umher. Die groe
Einsamkeit, die fremdartigen, zum Teil ritterlichen Trachten, womit die meisten
angetan, gaben der Gruppe ein berraschendes, buntes und wundersames Ansehen,
als ob ein Zug von Rittern und Frauen aus alter Zeit hier ausraste.
    Marie war ihnen besonders nahe, doch ohne sie zu bemerken. Sie war mit
langen Krnzen von Gras behangen und hatte eine Gitarre vor sich auf dem Schoe.
Auf dieser spielte sie und sang das Lied, das sie damals auf dem Rehe gesungen,
als sie Friedrich zum ersten Male auf der Wiese bei Leontins Schlosse traf. Nach
der ersten Strophe hielt sie, in Gedanken verloren, inne, als wollte sie sich
auf das Weitere besinnen, und fing dann das Lied immer wieder vom Anfang an. -
    Mitten unter den Narren sa Rudolf auf einem umgefallenen Baumstamme, den
Kopf vornhin in beide Arme auf die Knie gesttzt. Er war ohne Hut und sah sehr
bla aus. Mit Verwunderung hrten sie, wie er mit ihnen allen in ein lebhaftes
Gesprch vertieft war. Er wute dem Wahnsinn eines jeden eine Tiefe und
Bedeutung zu geben, ber welche sie erstaunten, und je verrckter die Narren
sprachen, je witziger und ausgelassener wurde er in seinem wunderlichen Humor.
Aber sein Witz war scharf ohne Heiterkeit, wie Dissonanzen einer groen,
zerstrten Musik, die keinen Einklang finden knnen oder mgen.
    Leontin, der aufmerksam zugehrt hatte, war es durchaus unmglich, das wilde
Spiel lnger zu ertragen. Er hielt sich nicht mehr, ri mit Gewalt durch das
Dickicht und eilte auf Rudolf zu. Rudolf, durch sein Gesprch exaltiert, sprang
ber der pltzlichen, unerwarteten Erscheinung rasch auf, und ri dem verrckten
Ritter, der neben ihm sa, den Degen aus der Scheide. So mit dem Degen
aufgerichtet, sah der lange Mann mit seinen verworrenen Haaren und bleichem
Gesichte fast gespensterartig aus. Beide hieben in demselben Augenblicke wtend
aufeinander ein, denn Leontin ging unter diesen Verrckten nicht unbewaffnet
aus. Ein Strom von Blut drang pltzlich aus Rudolfs Arme und machte der
seltsamen Verblendung ein Ende. Alles dieses war das Werk eines Augenblicks.
    Friedrich war indes auch herbeigeeilt, und beide Freunde waren bemht, das
Blut des verwundeten Rudolfs mit ihren Tchern zu stillen, worauf sie ihn nher
an sein Schlo fhrten.
    Als er sich nach einiger Zeit wieder erholt hatte, und die Gemter beruhigt
waren, uerte Friedrich seine Verwunderung, wie er so einsam in dieser
Gesellschaft aushalten knne.
    Und was ist es denn mehr und anders, sagte Rudolf, als in der andern
gescheiten Welt? Da steht auch jeder mit seinen besondern, eigenen Empfindungen,
Gedanken, Ansichten und Wnschen neben dem andern wieder mit seinem besondern
Wesen, und wie sie sich auch, gleichwie mit Polypenarmen, knstlich betasten und
einander recht aus dem Grunde herauszufhlen trachten, es wei ja doch am Ende
keiner, was er selber ist oder was der andere eigentlich meint und haben will,
und so mu jeder dem andern verrckt sein, wenn es brigens Narren sind, die
berhaupt noch etwas meinen oder wollen. Das einzige Tolle bei jenen Verrckten
von Profession aber ist nur, da sie dabei noch glcklich sind.
    Bei diesen Worten erblickte er das vielerwhnte Medaillon von Erwin, das
Friedrich nur halbverborgen unter dem Rocke trug. Er ging schnell auf Friedrich
zu. Woher hast du das? fragte er, und nahm das Bild zu sich. Er schien bewegt,
als sie ihm erzhlten, von wem sie es hatten und da Erwin gestorben sei, doch
konnte man nicht unterscheiden, ob es Zorn oder Rhrung war. Er sah darauf das
Bild lange Zeit an und sagte kein Wort.
    Durch die Ermattung von dem Blutverluste, sowie durch den unerwarteten
Anblick des Portraits, schien seine Wildheit einigermaen gebndigt. Die beiden
Freunde drangen daher in ihn, ihnen endlich Aufschlu ber das alles zu geben,
und, wo mglich, seine Lebensgeschichte zu erzhlen, auf welche sie beide sehr
begierig waren, da sie wohl bemerkten, da er mit diesem Mdchen und vielen
andern Rtseln in einem nahen Zusammenhange stehen msse. Er war heut wirklich
ruhig genug dazu. Er setzte sich, ohne sich weiter ntigen zu lassen, neben
ihnen auf den Rasen und begann sogleich folgendermaen:

                           Dreiundzwanzigstes Kapitel


Wenn ich mein Leben berdenke, ist mir so totenstill und nchtern, wie nach
einem Balle, wenn der Saal noch wst und schwl qualmt und ein Licht nach dem
andern verlscht, weil andere Lichter durch die zerschlagenen Fenster
hineinschielen, und man reit die Kleider von der Brust und steigt drauen auf
den hchsten Berg und sieht der Sonne entgegen, ob sie nicht bald aufgehn will -
Doch ich will ruhig erzhlen:
    Die erste Begebenheit meines Lebens, an die ich mich wie an einen Traum
erinnere, war eine groe Feuersbrunst. Es war in der Nacht, die Mutter fuhr mit
uns und noch einigen fremden Leuten, auf die ich mich nicht mehr besinne, im
Kahne ber einen groen See. Mehrere Schlsser und Drfer brannten ringsumher an
den Ufern und der Widerschein von den Flammen spiegelte sich bis weit in den See
hinein. Meine Wrterin hob mich aus dem Kahne hoch in die Hhe und ich langte
mit beiden Armen nach dem Feuer. Alle die fremden Leute im Kahne waren still,
meine Mutter weinte sehr; man sagte mir, mein Vater sei tot. -
    Noch eines Umstandes mu ich dabei gedenken, weil er seltsam mit meinem
brigen Leben zusammenhngt. Als wir nmlich, soviel ich mich erinnere,
gleichsam aus Flammen in den Kahn einstiegen, erblickte ich einen Knaben etwa
von meinem Alter, den ich sonst nie gesehn hatte. Der lachte uns aus, tanzte an
dem Feuer mit hhnenden Gebrden und schnitt mir Gesichter. Ich nahm schnell
einen Stein und warf ihn ihm mit einer fr mein Alter ungewhnlichen Kraft an
den Kopf, da er umfiel. Sein Gesicht ist mir noch jetzt ganz deutlich und ich
wurde den widrigen Eindruck dieser Begebenheit niemals wieder los. - Das ist
alles, was mir von jener merkwrdigen Nacht brigblieb, deren Stille,
Wunderbilder und feurige Widerscheine sich meinem kindischen Gemte
unverlschlich einprgten. In dieser Nacht sah ich meine Mutter zum letzten
Male.
    Nachher erinnere ich mich wieder auf nichts, als Berge und Wlder, groe
Haufen von Soldaten und blitzenden Reitern, die mit klingendem Spiele ber
Brcken zogen, unbekannte Tler und Gegenden, die wie ein Schattenspiel schnell
an meiner Seele vorberflogen.
    Als ich mich endlich zum ersten Male mit Besinnung in der Welt umzuschauen
anfing, befand ich mich allein mit dir in einem fremden, schnen Schlo und
Garten unter fremden Leuten. Es war, wie du weit, unser Vormund, und das
Schlo, obschon unser Eigentum, doch nicht unser Geburtsort. Wir beide sind am
Rheine geboren. - Es mochte mir hier bald nicht behagen. Besonders stach mir
gegen das niemals in meiner Erinnerung erloschene Bild meiner Mutter, die ernst,
hoch und schlank war, die neue, kleine, wirtschaftliche und dickliche Mutter zu
sehr ab. Ich wollte ihr niemals die Hand kssen. Ich mute viel sitzen und
lernen, aber ich konnte nichts erlernen, besonders keine fremde Sprache. Am
wenigsten aber wollte mir das sogenannte gewisse Etwas in Gesellschaften
anpassen, wobei ich mich denn immer sehr schlecht und zu allgemeiner
Unzufriedenheit prsentierte. Mir war dabei das Verstellen und das zierliche
Niedlichtun der Vormnderin und des Hofmeisters unbegreiflich, die immer auf
einmal ganz andere Leute waren, wenn Gste kamen. Ja, ich erinnere mich, da ich
den letztern einige Male, wenn er so auer dem gewhnlichen Wege besonders klug
sprach, hinten am Rocke zupfte und laut auflachte, worauf ich denn jedesmal mit
drohenden Blicken aus dem Zimmer verwiesen wurde. Mit Prgeln war bei mir nichts
auszurichten, denn ich verteidigte mich bis zum Tode gegen den Hofmeister und
jedermann, der mich schlagen wollte. So kam es denn endlich, da ich bei jeder
Gelegenheit hintenangesetzt wurde. Man hielt mich fr einen trbseligen
Einfaltspinsel, von dem weder etwas zu hoffen noch zu frchten sei. Ich wurde
dadurch nur noch immer tiefsinniger und einsamer und trumte unaufhrlich von
einer geheimen Verschwrung aller gegen mich, selbst dich nicht ausgenommen,
weil du mit den meisten im Hause gut standest.
    Ein einziges liebes Bild ging in dieser dunklen, schwerer Trume vollen Zeit
an mir vorber. Es war die kleine Angelina, die Tochter eines verwandten
italienischen Marchese, der sich auch vor den Unruhen in Italien zu uns
geflchtet hatte und lange Zeit dort blieb. Du wirst dich des lieblichen,
wunderschnen Kindes erinnern, wie sie von uns Deutsch lernte und so schne,
welsche Lieder wute. Ich hatte damals Tag und Nacht keine Seelenruh vor diesem
schnen Bilde. Inzwischen glaubte ich zu bemerken, da sie berall dich mehr
begnstigte, als mich; ich war ihr zu wild, sie schien sich vor mir zu frchten.
Mein alter Argwohn, Ha und Bangigkeit nahm tglich zu, ich sa, wie in mir
selbst gefangen, bis endlich ein seltsamer Umstand alle die Engel und Teufel,
die damals noch dunkel in mir rangen, auf einmal losmachte.
    Ich war nmlich eines Abends eben mit Angelina im Garten an dem eisernen
Gitter, durch das man auf die Strae hinaussah. Angelina stand am Springbrunnen
und spielte mit den goldenen Kugeln, welche die Wasserkunst glnzend auf- und
niederwarf. Da kam eine alte Zigeunerin am Gitter vorbei und verlangte, als sie
uns drinnen erblickte, auf die gewhnliche ungestme Art, uns zu prophezeien.
Ich streckte sogleich meine Hand hinaus. Sie las lange Zeit darin. Whrenddes
ritt ein junger Mensch, der ein Reisender schien, drauen die Strae vorbei und
grte uns hflich. Die Zigeunerin sah erstaunt mich, Angelina und den
vorberziehenden Fremden wechselseitig an, endlich sagte sie, auf uns und ihn
deutend: Eines von euch dreien wird den andern ermorden. - Ich blickte dem
Reiter scharf nach, er sah sich noch einmal um, und ich erkannte erschrocken und
zornig sogleich das Gesicht desselben unbekannten Knaben wieder, der uns bei
unsrem Auszuge aus der Heimat an dem Feuer so verhhnt hatte. - Die Zigeunerin
war unterdes verschwunden, Angelina furchtsam fortgelaufen, und ich blieb allein
in dem groen, dmmernden Garten und glaubte fest, nun als Mrder auch sogar von
Gott verlassen zu sein; niemals fhlte ich mich so finster und leer.
    In der Nacht konnt ich nicht schlafen, ich stand auf und zog mich vllig an.
Es war alles still, nur die Wetterhhne knarrten im Hofe, der Mond schien sehr
hell. Du schliefst still neben mir, das Gebetbuch lag noch halb aufgeschlagen
bei dir, ich wute nicht, wie du so ruhig sein knntest. Ich kte dich auf den
Mund, ging dann schnell aus dem Hause, durch den Garten, und kehrte niemals mehr
wieder.
    Von nun an geht mein Leben rasch, bunt, ungengsam, wechselnd, und in allem
Wechsel doch unbefriedigt. Ich will nur einige Augenblicke herausheben, die
mich, wie einsam erleuchtete Berggipfel ber dem dunkelwhlenden Gewirre, noch
immer von weitem ansehn.
    Als ich zu Ende jener Nacht die letzte Hhe erreicht hatte, ging eben die
Sonne prchtig auf. Die Gegend unten, so weit die Blicke reichten, war mit
bunten Zelten, unermelich blitzenden Reihen, und Lust und Schallen berdeckt.
Einzelne bunte Reiter flogen in allen Richtungen ber den grnen Anger, einzelne
Schsse fielen bis in die tiefste Ferne hin und her im Walde. Ich stand wie
eingewurzelt vor Lust bei dem Anblick. Ich glaubte es nun auf einmal gefunden zu
haben, was mir fehlte und was ich eigentlich wollte. Ich eilte daher schnell
hinunter und lie mich anwerben.
    Wir brachen noch denselben Tag von dem Orte auf, aber schon da auf dem
Marsche fing ich an zu bemerken, da dieses nicht das Leben war, das ich
erwartete. Der platte Leichtsinn, das Prahlen und der geschftige Miggang
ekelte mich an, besonders unertrglich aber war mir, da ein einziger,
unbeschreiblicher Wille das Ganze wie ein dunkles Fatum regieren sollte, da ich
im Grunde nicht mehr wert sein sollte, als mein Pferd - und so versenkten mich
diese Betrachtungen in eine frchterliche Langeweile, aus der mich kaum die
Signale, welche die Schlacht ankndigten, aufzurtteln vermochten.
    Damals bekam mein Oberst von meinem Vormund, der mich aufgesprt hatte,
einen Brief, worin er ihn bat, mich auszuliefern. Aber es war zu spt, denn das
Treffen war eben losgegangen. Mitten im blitzenden Dampfe und Todesgewhl
erblickt ich pltzlich das beinahe bleiche Gesicht des Unbekannten wieder mir
feindlich gegenber. - Wtend, da das Gespenst mich berall verfolgte, strzte
ich auf ihn ein. Er focht so gut, wie ich. Endlich sah ich sein Pferd strzen,
whrend ich selbst, leicht verwundet, vor Ermattung bewutlos hinsank. Als ich
wieder erwachte, war alles ringsum finster und totenstill ber der weiten Ebene,
die mit Leichen bedeckt war. Mehrere Drfer brannten in der Runde, und nur
einzelne Figuren, wie am Jngsten Gericht, erhoben sich hin und her und
wandelten dunkel durch die Stille. Ein unbeschreibliches Grausen berfiel mich
vor dem wahnwitzigen Jammerspiel, ich raffte mich schnell auf und lief, bis es
Tag wurde.
    In einem Stdtchen las ich in der Zeitung die Bekanntmachung meines
Vormunds, da ich in dem Treffen geblieben sei, auch hrte ich, da der Marchese
mit seiner Tochter unser Schlo wieder verlassen habe. Ich war zu stolz und
aufgeregt, um nach Hause zurckzukehren. Indes erwachte das Bild der kleinen
Angelina von neuem in meinem Herzen. Ich bildete mir die liebliche Erinnerung
mit allen Krften meiner Seele aus, und so malte ich damals jenes
Engelskpfchen, das du hier zu meinem Erstaunen mitgebracht hast. Es ist
Angelinens Portrait.
    Mein unruhiges und doch immer in sich selbst verschlossenes Gemt bekam nun
auf einmal die erste entschiedene Richtung nach auen. Ich warf mich mit einem
unerhrten Fleie auf die Malerei und streifte mit dem Gelde, das ich mir
dadurch erwarb, in Italien herum. Ich glaubte damals, die Kunst werde mein Gemt
ganz befriedigen und ausfllen. Aber es war nicht so. Es blieb immer ein
dunkler, harter Fleck in mir, der keine Farben annahm und doch mein
eigentlicher, innerster Kern war. Ich glaube, wenn ich in meiner Angst einen
neuen Mnster htte aus mir herausbauen knnen, mir wre wohler geworden, so
felsengro lag immer meine Entzckung auf mir. Meine Skizzen waren immer besser
als die Gemlde, weil ihre Ausfhrung meistens unmglich war. Gar oft in guten
Stunden ist mir wohl eine solche Glorie von nie gesehenen Farben und
unbeschreiblich himmlischer Schnheit vorgekommen, da ich mich kaum zu fassen
wute. Aber dann war's auch wieder aus, und ich konnte sie niemals ausdrcken. -
So schmckt sich wohl jede tchtige Seele einmal ihren Kerker mit Knsten aus,
ohne deswegen zum Knstler berufen zu sein. Und berhaupt ist es am Ende doch
nur Putz und eitel Spielerei. Oder wrdet ihr den nicht fr tricht halten, der
sich im Wirtshause, wo er bernachtet, eifrig auszieren wollte? Und wir machen
so viel Umstnde mit dem Leben und wissen nicht, ob wir noch eine Stunde
bleiben!
    An einem schnen Sommerabende fuhr ich einmal in Venedig auf dem Golf
spazieren. Der Halbkreis von Palsten mit ihren still erleuchteten Fenstern
gewhrte einen prchtigen Anblick. Unzhlige Gondeln glitten aneinander vorber
ber das ruhige Wasser, Gitarren und tausend weiche Gesnge zogen durch die laue
Nacht. Ich ruderte voll Gedanken fort und immer fort, bis nach und nach die
Lieder verhallten und alles um mich her still und einsam geworden war. Ich
dachte an die ferne Heimat und sang ein altes, deutsches Lied, eines von denen,
die ich noch als Knabe Angelina gelehrt hatte. Wie sehr erstaunte ich, als mir
da auf einmal eine wunderschne weibliche Stimme von dem Altan eines Hauses mit
der nchstfolgenden Strophe desselben Liedes antwortete. Ich sprang sogleich ans
Ufer und eilte auf das Haus zu, von dem der Gesang herkam. Eine weie
Mdchengestalt neigte sich zwischen den Orangenbumen und Blumen ber den Balkon
herab und sagte flsternd: Rudolf! Ich erkannte bei dem hellen Mondenscheine
sogleich Angelina. Sie schien noch mehr sprechen zu wollen, aber die Tr auf dem
Balkon ffnete sich von innen, und sie war verschwunden.
    Verwundert und entzckt in allen meinen Sinnen, setzt ich mich an einen
steinernen Springbrunnen, der auf dem weiten, stillen Platze vor dem Hause
stand. Ich mochte ohngefhr eine Stunde dort gesessen haben, als ich die Glastr
oben leise wieder ffnen hrte. Angelina trat, sich furchtsam auf dem Platze
umsehend, noch einmal auf den Balkon heraus. Ihre schnen Locken fielen auf den
schneeweien, nur halbverhllten Busen herab, sie war barfu und im leichtesten
Nachtkleide. Sie erschrak, als sie mich wirklich noch unten erblickte. Sie legte
den Finger auf den Mund, whrend sie mit der andern Hand auf die Tr deutete,
lehnte sich stillschweigend ber das Gelnder und sah mich so lange Zeit
unbeschreiblich lieblich an. Darauf zog sie ein Papierchen hervor, warf es mir
hinab lispelte kaum hrbar: Gute Nacht! und ging zaudernd wieder hinein. - Auf
dem Zettel stand mit Bleistift der Name einer Kirche aufgeschrieben.
    Ich begab mich am Morgen zu der benannten Kirche und sah das Mdchen
wirklich zur bestimmten Stunde mit einer ltlichen Frau, die ihre Vertraute
schien, schon von weitem die Strae heraufkommen. Ich erschrak fast vor Freuden,
so beraus schn war sie geworden. Als sie mich ebenfalls erblickte, wurde sie
rot vor Scham ber die vergangene Nacht und schlug den Schleier fest ber das
Gesicht. Auf dem Wege und in der Kirche erzhlte sie mir nun ungestrt, da sie
schon lange wieder in Italien zurck seien, da ihr Vater, da ihre Mutter bei
ihrer Geburt in Todesnot war, das feierliche Gelbde getan, sie, Angelina, als
Klosterjungfrau dem Himmel zu weihn, und da der dazu bestimmte Tag nicht mehr
fern sei. - Das verliebte Mdchen sagte dies mit Trnen in den Augen.
    Wir kamen darauf noch oft, bald in der Kirche, bald in der Nacht am Balkon
zusammen; der Tag, wo Angelina aus dem vterlichen Hause fort ins Kloster
sollte, rckte immer nher heran, und wir verabredeten endlich, miteinander zu
entfliehn.
    In der Nacht, die wir zur Flucht bestimmt hatten, trat sie, mit dem
Notwendigsten versehen und reich geschmckt wie eine Braut, hervor. Die heftige
Bewegung, in der ihr Gemt war, machte ihr Gesicht wunderschn, und ich sehe sie
in diesem Zustande, in diesem Kleide, noch wie heute vor mir stehn. Sie war noch
in ihrem Leben nicht um diese Zeit allein auf der Gasse gewesen, sie wurde daher
noch im letzten Augenblick von neuem schchtern und halb unschlssig; sie weinte
und fiel mir um den Hals. Ich fate sie endlich um den Leib und trug sie in den
Kahn, den ich im Golf bereithielt. Ich stie schnell vom Ufer ab, das Segel
schwoll im lauen Winde, der Halbkreis der erleuchteten Fenster versank
allmhlich hinter uns, und wir befanden uns allein auf der stillen,
unermelichen Flche.
    Die Liebe hatte sie nun ganz in meine Gewalt gegeben. Sie wurde nun ruhig.
Innerlichst frhlich, aber still sa sie fest an mich gedrckt und sah mit den
weit offenen, sinnigen Augen unverwandt ins Meer hinaus. Ich bemerkte, da sie
oft heimlich zusammenschauerte, bis sie endlich ermdet einschlummerte.
    Da rauschte pltzlich ein Kahn mit mehreren Leuten und Fackelschein vorber
nach Venedig zu. Der eine von ihnen schwang eben seine Fackel und ich erblickte
bei dem flchtigen Scheine den unbekannten, wunderbar mit mir verknpften
Fremden wieder, der mitten im Kahne aufrecht stand. Ich fuhr unwillkrlich bei
dem Anblick zusammen, und hchst seltsam, obschon die ganze Erscheinung ohne das
mindeste Gerusch vorbergeglitten war, so wachte doch Angelina in demselben
Augenblicke von selber auf und sagte mir erschrocken, es habe ihr etwas
Frchterliches getrumt, sie wisse sich nun aber nicht mehr darauf zu besinnen.
Ich beruhigte sie und sagte ihr nichts von dem Begegnis, worauf sie denn bald
von neuem einschlief.
    Ein lauter Freudenschrei entfuhr ihrer Brust, als sie nach einigen Stunden
die hellen Augen aufschlug, denn die Sonne ging eben prchtig ber der Kste von
Italien auf, die in duftigem Wunderglanze vor uns dalag. Es war der erste
berschwengliche Blick des jungen Gemtes in das freie, lstern lockende,
reiche, noch ungewisse Leben. Wir stiegen nun ans Land und setzten unsre Reise
zu Pferde nach Rom fort. Dieses Ziehen in den blauen, lieblichen Tagen ber
grne Berge, Tler und Flsse, rollt sich noch jetzt blendend vor meiner
Erinnerung auf, wie ein mit prchtig glnzenden, wunderbaren Blumen gestickter
Teppich, auf dem ich mich selbst als lustige Figur mit bunt geflickter
Narrenjacke erblicke.
    In Rom nisteten wir uns in einem entlegenen Quartiere der Stadt ein, wo uns
niemand bemerkte. Wir fhrten einen wunderlichen, ziemlich unordentlichen
Haushalt miteinander, denn Angelina gewhnte sich sehr bald auch an das freie,
sorglose Knstlerwesen. Sie hatte, gleich als wir ans Land stiegen, Mannskleider
anlegen mssen, um nicht erkannt zu werden, und ich gab sie so fr meinen Vetter
aus. Die Tracht, in der sie mich nun auch frei auf allen Spaziergngen
begleitete, stand ihr sehr niedlich; sie sah oft aus wie Correggios Bogenschtz.
Sie mute mir oft zum Modell sitzen, und sie tat es gern, denn sie wute wohl,
wie schn sie war. Damals wurden meine Gemlde weniger hart, angenehmer und
sinnreicher in der Ausfhrung.
    
    Indes entging es mir nicht, da Angelina anfing mit der Mdchentracht nach
und nach auch ihr voriges mdchenhaftes, bei aller Liebe verschmtes Wesen
abzulegen, sie wurde in Worten und Gebrden kecker, und ihre sonst so
schchternen Augen schweiften lstern rechts und links. Ja, es geschah wohl
manchmal, wenn ich sie unter lustige Gesellen mitnahm, mit denen wir in einem
Garten oft die Nacht durchschwrmten, da sie sich berauschte, wo sie dann mit
den furchtsam dreisten Mienen und glnzend schmachtenden Augen ein ungemein
reizendes Spiel der Sinnlichkeit gab.
    Weiber ertragen solche khnere Lebensweise nicht. - Ein Jahr hatten wir so
zusammengelebt, als mir Angelina eine Tochter gebar. Ich hatte sie einige Zeit
vorher auf einem Landhause bei Rom vor aller Welt Augen verborgen, und auf ihr
eigenes Verlangen, welches meiner Eifersucht auffiel, blieb sie nun auch noch
lange nach ihrer Niederkunft mit dem Kinde dort. -
    Eines Morgens, als ich eben von Rom hinkomme, finde ich alles leer. - Das
alte Weib, welches das Haus htete, erzhlt mir zitternd: Angelina habe sich
gestern abend sehr zierlich als Jger angezogen, sie habe darauf, da der Abend
sehr warm war, lange Zeit bei ihr vor der Tr auf der Bank gesessen und
angefangen so betrbt und melancholisch zu sprechen, da es ihr durch die Seele
ging, wobei sie fters ausrief: Wr ich doch lieber ins Kloster gegangen! Dann
sagte sie wieder lustig: Bin ich nicht ein schner Jger? Darauf sei sie
hinaufgegangen, habe, whrend schon alles schlief, noch immerfort Licht gebrannt
und am offenen Fenster allerlei zur Laute gesungen. Besonders habe sie folgendes
Liedchen zum ftern wiederholt, welches auch mir gar wohlbekannt war, da es
Angelina von mir gelernt hatte:

Ich hab gesehn ein Hirschlein schlank
Im Waldesgrunde stehn,
Nun ist mir drauen weh und bang,
Mu ewig nach ihm gehn.

Frischauf, ihr Waldgesellen mein!
Ins Horn, ins Horn frischauf!
Das lockt so hell, das lockt so fein,
Aurora tut sich auf!

Das Hirschlein fhrt den Jgersmann
In grner Waldesnacht
Talunter, schwindelnd und bergan,
Zu nie gesehner Pracht.

Wie rauscht schon abendlich der Wald,
Die Brust mir schaurig schwellt!
Die Freunde fern, der Wind so kalt,
So tief und weit die Welt!

Es lockt so tief, es lockt so fein
Durchs dunkelgrne Haus,
Der Jger irrt und irrt allein,
Findt nimmermehr heraus. -

Gegen Mitternacht ohngefhr, fuhr die Alte fort, hrte ich ein leises
Hndeklatschen vor dem Hause. Ich ffnete leise die Lade meines Guckfensters und
sah einen groen Mann, bewaffnet und in einen langen Mantel vermummt, unter
Angelinas Fenster stehn, seitwrts im Gebsch hielt ein Wagen mit Bedienten und
vier Pferden. In demselben Augenblicke kam auch Angelina, ihr Kind auf dem Arme,
unten zum Hause heraus. Der fremde Herr kte sie und hob sie geschwind in den
Wagen, der pfeilschnell davonrollte. Eh ich mich besann, herauslief und schrie,
war alles in der dicken Finsternis verschwunden.
    Auf diesen verzweifelten Bericht der Alten strzte ich in das Zimmer hinauf.
Alles lag noch wie sonst umher, sie hatte nichts mitgenommen, als ihr Kind. Ein
Bild, das nach ihr kopiert war, stand noch ruhig auf der Staffelei, wie ich es
verlassen. Auf dem Tische daneben lag ein ungeheurer Haufen von Goldstcken.
Wtend und auer mir, warf ich alle das Gold, das Bild und alle andere Bilder
und Zeichnungen hinterdrein zum Fenster hinaus. Die Alte tanzte unten mit widrig
vor Staunen und Gier verzerrten Gebrden wie eine Hexe zwischen dem Goldregen
herum, und ich glaubte da auf einmal in ihren Zgen dieselbe Zigeunerin zu
erkennen, die mir damals an dem Gartengitter prophezeit hatte. - Ich eilte zu
ihr hinab, aber sie hatte sich bereits mit dem Golde verloren. - Ich lud nun
meine Pistolen warf mich auf mein Pferd und jagte der Spur des Wagens nach, die
noch deutlich zu kennen war. Ich war vollkommen entschlossen, Angelina und ihren
Entfhrer totzuschieen. - So erbrmliches Zeug ist die Liebe, diese liederliche
Anspannung der Seele! -
    So durchstreifte ich fast ganz Italien nach allen Richtungen, ich fand sie
nimmermehr. Als ich endlich, erschpft von den vielen Zgen, auf den letzten
Gipfeln der Schweiz ankam, schauderte mir, als ich da auf einmal aus dem
italienischen Glanze nach Deutschland hinabsah, wie das so ganz anders, still
und ernsthaft mit seinen dunklen Wldern, Bergen und dem kniglichen Rheine
dalag. - Ich hatte keine Sehnsucht mehr nach der Ferne und versank in eine de
Einsamkeit. Mit meiner Kunst war es aus. -
    Dagegen lockte mich nun bald die Philosophie unwiderstehlich in ihre
wunderbaren Tiefen. Die Welt lag wie ein groes Rtsel vor mir, die vollen
Strme des Lebens rauschten geheimnisvoll, aber vernehmlich, an mir vorber,
mich drstete unendlich nach ihren heiligen, unbekannten Quellen. Der khnere
Hang zum Tiefsinn war eigentlich mein angebornes Naturell. Schon als Kind hatte
ich oft meinen Hofmeister durch seltsame, ungewhnliche Fragen in Verwirrung
gebracht, und selbst meine ganze Malerei war im Grunde nur ein falsches Streben,
das Unaussprechliche auszusprechen, das Undarstellbare darzustellen. Besonders
versprte ich schon damals dieses Gelst vor manchen Bildern des groen Albrecht
Drer und Michelangelo. Ich studierte nun mit eisernem, unausgesetztem Flei
alle Philosopheme, was die Alten ahneten und die Neuen grbelten oder
phantasierten. Aber alle Systeme fhrten mich entweder von Gott ab, oder zu
einem falschen Gott.
    Alles aufgebend und verzweifelt, da ich auf keine Weise die Schranken
durchbrechen und aus mir selber herauskommen konnte, strzt ich mich nun wtend,
mit wenigen lichten Augenblicken schrecklicher Reue, in den flimmernden Abgrund
aller sinnlichen Ausschweifungen und Greuel, als wollt ich mein eigenes Bild aus
meinem Andenken verwischen. Dabei wurde ich niemals frhlich, denn mitten im
Genu mute ich die Menschen verhhnen, die, als wren sie meinesgleichen, halb
schlecht und halb furchtsam, nach der Weltlust haschten und dabei wirklich und
in allem Ernst zufrieden und glcklich waren. Niemals ist mir das Hantieren und
Treiben der Welt so erbrmlich vorgekommen, als damals, da ich mich selber darin
untertauchte.
    Eines Abends sitz ich am Pharotisch, ohne aufzublicken und mich um die
Gesellschaft zu bekmmern. Ich spielte diesen Abend wider alle sonstige
Gewohnheit immerfort unglcklich, und wagte immer toller, je mehr ich verlor.
Zuletzt setzte ich mein noch briges Vermgen auf die Karte. - Verloren! hrt
ich den Bankhalter am andern Ende der Tafel rufen. Ich springe auf und erblicke
den geheimnisvollen Unbekannten, den ich fast schon vergessen hatte. Er wurde
sichtbar bleich, als er mich erkannte. Ich wei nicht, mit welcher Medusengewalt
gerade in diesem Augenblicke sein Bild auf meine Seele wirkte. In der
Verblendung dieses Anblicks warf ich alle Karten nach dem Orte, wo die
Erscheinung gestanden, aber er war schon fort und schnell aus der Stube
verschwunden. Alle sahen mich erstaunt an, einige murrten, ich strzte zur Tr
hinaus auf die Strae.
    Ich ging eilig durch die Gassen und blickte rechts und links in die
erleuchteten Fenster hinein, wie da einige soeben ruhig und vollauf zu Abend
schmausten, dort andere ein L'hombrechen spielten, anderswo wieder lustige Paare
sich drehten und jubelten, und allen so philisterhaft wohl war. Mich hungerte
gewaltig. Betteln mocht ich nicht. Schmaust, jubelt und dreht euch nur, ihr
Narren! rief ich, und ging mit starken Schritten aus dem Tore aufs Feld hinaus.
Es war eine stockfinstere Nacht, der Wind jagte mir den Regen ins Gesicht.
    Als ich eben an den Saum eines Waldes kam, erblickte ich pltzlich hart vor
mir zwei lange Mnner, heimlich lauernd an eine Eiche gelehnt, die ich sogleich
fr Schnapphhne erkannte. Ich ging im Augenblick auf sie los, und packte den
einen bei der Brust. Gebt mir was zu essen, ihr elenden Kerle! schrie ich sie
an, und mute auch gleich darauf laut auflachen, was sie ber diese unerwartete
Wendung der Sache fr Gesichter schnitten. Doch schien ihnen das zu gefallen,
sie betrachteten mich als einen wrdigen Kumpan, und fhrten mich
freundschaftlich tiefer in den Wald hinein.
    Wir kamen bald auf einen freien, einsamen Platz, wo brtige Mnner, Weiber
und Kinder um ein Feldfeuer herumlagen, und ich bemerkte nun wohl, da ich unter
einen Zigeunerhaufen geraten war. Da wurde geschlachtet, geschunden, gekocht und
geschmort, alle sprachen und sangen ihr Kauderwelsch verworren durcheinander,
dabei regnete und strmte es immerfort; es war eine wahre Walpurgisnacht. Mir
war recht kannibalisch wohl. brigens war es, auer da sie alle ausgemachte
Spitzbuben waren, eine recht gute, unterhaltende Gesellschaft. Sie gaben mir zu
essen, Branntwein zu trinken, tanzten, musizierten und kmmerten sich um die
ganze Welt nicht.
    Mitten in dem Haufen bemerkte ich bald darauf ein altes Weib, die ich bei
dem Widerscheine der Flamme nicht ohne Schreck fr dieselbe Zigeunerin
wiedererkannte, die mir als Kind geweissagt hatte. Ich ging zu ihr hin, sie
kannte mich nicht mehr. - Von unserm letzten Zusammentreffen bei Rom wute oder
mochte sie nichts wissen. - Ich reichte ihr noch einmal die Hand hin. Sie
betrachtete alle Linien sehr genau, dann sah sie mir scharf in die Augen und
sagte, whrend sie mit seltsamen Gebrden nach allen Weltgegenden in die Luft
focht: Es ist hoch an der Zeit, der Feind ist nicht mehr weit, hte dich, hte
dich! Darauf verlor sie sich augenblicklich unter dem Haufen, und ich sah sie
nicht mehr wieder. Mir wurde dabei nicht wohl zumute und die abenteuerlichen
Worte gingen mir wunderlich im Kopfe herum.
    Indes brachten mich die andern Gesellen wieder auf andere Gedanken. Denn sie
drngten sich immer vertraulicher um mich, und erzhlten mir ihre verbten
Schwnke und Schalkstaten, worunter eine besonders meine Aufmerksamkeit auf sich
zog. Ein junger Bursch erzhlte mir nmlich, wie seine Gromutter vor vielen
Jahren einmal einer reisenden, welschen Dame, die mit einem Herrn im Wirtshause
bernachtete, ihr kleines Kind gestohlen habe, weil es so wunderschn aussah. Er
beschrieb mir dabei alle Nebenumstnde so genau, da ich fast nicht zweifeln
konnte, die reisende, welsche Dame sei niemand anders, als Angelina selbst
gewesen. - Ich sprang auf und drang in ihn, mir die Geraubte sogleich zu zeigen.
Bestrzt ber meinen unerklrlichen Ungestm, antwortete er mir: Das geraubte
Frulein wuchs teils unter uns, teils unter unsern Brdern in einer Waldmhle
auf, wo sie vor einigen Tagen pltzlich mit Mann und Maus verschwunden ist, ohne
da wir wissen, wohin? -
    So war also Erwine deine Tochter! fiel hier Friedrich seinem Bruder
erstaunt ins Wort. - Seit ich dieses kleine Bild hier gesehen, sagte dieser,
und ihre weitere Geschichte und Namen von euch gehrt habe, ist es mir gewi.
Ich habe sie spter, nachdem ich schon von der Welt geschieden war, manchmal von
der Mauer gesehn und gesprochen, wenn ich des Nachts an Leontins Schlosse
vorbeistreifte. Aber mir war der Knabe, fr den ich sie hielt, wie ihr, nur
reizend als eine besondere neue Art von Narren, als von welcher mir noch keiner
vorgekommen war. Denn auch ich konnte und mochte niemals etwas von ihrem
frheren Leben aus ihr herauskriegen. Das gute Kind frchtete wahrscheinlich
noch immer Strafe fr die unwillkrliche, schndliche Verbindung, in der sie
ihre Kindheit zugebracht. - Doch, hrt nun meine Geschichte vllig aus, denn das
viele Plaudern ist mir schon zuwider:
    Noch vor Tagesanbruch also, als wir so lagen und erzhlten, kam ein junger
Kerl von der Bande, der auf Kundschaft ausgeschickt worden war, mit frhlicher
Botschaft zurck, die sogleich den ganzen Haufen in Alarm brachte. Der reiche
Graf, sagte er nmlich aus, wird heute abend auf dem Schlosse seinen Geburtstag
feiern, da gibt's was zu schmausen und zu verdienen! Es wurde sogleich
beschlossen, dem Feste, auf was immer fr eine Art, ungeladen beizuwohnen. Das
Wetter hatte sich aufgeklrt, wir brachen daher alle schnell auf und zogen
lustig ber das Gebirge fort.
    Gegen Abend lagerten wir uns auf einem schnen, waldigen Berge, dem
grflichen Schlosse gegenber, das jenseits eines Stromes ebenfalls auf einer
Anhhe mit seinen Sulenportalen und seinem italienischen Dache sich recht
lustig ausnahm. Wir wollten hier die Dunkelheit abwarten. Der letzte Widerschein
der untergehenden Sonne flog eben wie ein Schattenspiel ber die Gegend. Unten
auf dem Flusse zogen mehrere aufgeschmckte Schiffe voll Herren und Damen mit
bunten Tchern und Federn lustig auf das Schlo zu, whrend von beiden Seiten
Waldhrner weit in die Berge hinein verhallten.
    Als es endlich ringsumher still und finster wurde, sahen wir, wie im
Schlosse drben ein Fenster nach dem andern erleuchtet wurde und Kronleuchter
mit ihren Kreisen von Lichtern sich langsam zu drehen anfingen. Auch im Garten
entstand ein Licht nach dem andern, bis auf einmal der ganze Berg mit Sternen,
Bogengngen und Girlanden von buntfarbigen Glaskugeln erleuchtet, sich wie eine
Feeninsel aus der Nacht hervorhob. Ich berlie meine Begleiter ihren
Beratschlagungen und Kunstgriffen und begab mich allein hinber zu dem Feste,
ohne eigentlich selber zu wissen, was ich dort wollte.
    Von der Seite, wo ich auf dem Berge hinaufgekommen, war kein Eingang. Ich
schwang mich daher auf die Mauer und sah, so da droben sitzend, in den
Zaubergarten hinein, aus dem mir berall Musik entgegenschwoll. Herren und
Frauen spazierten da in zierlicher Frhlichkeit zwischen den magischen Lichtern,
Klngen und schimmernden Wasserknsten prchtig durcheinander. Auch mehrere
Masken sah ich wie Geister durch den lebendigen Jubel auf und ab wandeln.
    Mich fate bei dem Anblick auf meiner Mauer oben ein blindes, wildes,
unglckseliges Gelst, mich mit hineinzumischen. Aber meine von Regen und Wind
zerzauste Kleidung war wenig zu einem solchen Abenteuer eingerichtet. Da
erblickte ich seitwrts durch ein offenes Fenster eine Menge verschiedener
Masken in der Vorhalle des Schlosses umherliegen. Ohne mich zu besinnen, sprang
ich von der Mauer herab und in das Vorhaus hinein. Eine Menge Bedienten, halb
berauscht, rannten dort mit Glsern und Tellern durcheinander, ohne mich zu
bemerken oder doch weiter zu beachten. Ich zettelte daher den bunten Plunder von
Masken ungestrt auseinander und zog zufllig eine schwarze Rittertracht nebst
Schwert und allem Zubehr hervor. Ich legte sie schnell an, nahm eine
danebenliegende Larve vor und begab mich so mitten unter das Gewirre in den
Glanz hinaus.
    Ich kam mir in der Frhlichkeit vor wie der Bse, denn mir war nicht anders
zumute, als dem Zigeunerhauptmann auf dem Jahrmarkt zu Plundersweilern. Am Ende
eines erleuchteten Bogenganges hrte ich auf einmal einige Damen ausrufen: Sieh
da, die Frau vom Hause! Welche Perlen! Welche Juwelen! Ich sehe mich schnell um
und erblicke - Angelina, die in voller Pracht ihrer Schnheit die Allee
heraufkommt. - Mein mrderischer Zorn, der mich damals durch ganz Italien hin
und her gehetzt hatte, war lngst vorber, denn ich war nicht mehr verliebt. Es
war mir eben alles einerlei auf der Welt. Ich wandte mich daher, und wollte,
ohne sie zu sprechen, in einen andern Gang herumbiegen. Wie sehr erstaunte ich
aber, als Angelina mir schnell nachhpfte und sich vertraulich in meinen Arm
hing. - Kennst du mich? rief ich ganz entrstet. - Wie sollt ich doch nicht,
sagte sie scherzend, hab ich dir denn nicht selber die Halskrause zu der Maske
genht? - Ich bemerkte nun wohl, da sie mich verkannte, konnte aber nicht
wissen, fr wen sie mich hielt, und ging daher stillschweigend neben ihr her.
    Wir waren indes von der Gesellschaft abgekommen, die Musik schallte nur noch
schwach nach, die Beleuchtung ging gar aus, von fern gewitterte es hin und
wieder. Warum bist du so still? sagte sie wieder. Ich wei nicht, fuhr sie fort,
ich bin heut traurig bei aller Lust, und ich knnte es auch nicht beschreiben,
wie mir zumute ist. Aber ihr harten Mnner achtet gar wenig darauf. - Wir kamen
an eine Laube, in deren Mitte eine Gitarre auf einem Tischchen lag. Sie nahm
dieselbe und fing an, ein italienisches Liedchen zu singen. Mitten in dem Liede
brach sie aber wieder ab. Ach, in Italien war es doch schner! sagte sie, und
lehnte die Stirn an meine Brust. Angelina! rief ich, um sie zu ermuntern. Sie
richtete sich schnell auf und lauschte dem Rufe wie einem alten, wohlbekannten
Tone auf den sie sich nicht recht besinnen konnte. - Dann sagte sie: Ich bitte
dich, singe etwas, denn mir ist zum Sterben bange! Ich nahm die Gitarre und sang
folgende Romanze, die mir in diesem Augenblick sehr deutlich durch den Sinn
ging:

Nachts durch die stille Runde
Rauschte des Rheines Lauf,
Ein Schifflein zog im Grunde,
Ein Ritter stand darauf.

Die Blicke irre schweifen
Von seines Schiffes Rand,
Ein blutigroter Streifen
Sich um das Haupt ihm wand.

Der sprach: Da oben stehet
Ein Schllein berm Rhein,
Die an dem Fenster stehet:
Das ist die Liebste mein.

Sie hat mir Treu versprochen,
Bis ich gekommen sei,
Sie hat die Treu gebrochen,
Und alles ist vorbei.

Ich bemerkte hier bei dem Scheine eines Blitzes, da Angelina heftig geweint
hatte und noch fortweinte. Ich sang weiter:

Viel Hochzeitleute drehen
Sich oben laut und bunt,
Sie bleibet einsam stehen,
Und lauschet in den Grund.

Und wie sie tanzen munter,
Und Schiff und Schiffer schwand,
Stieg sie vom Schlo herunter,
Bis sie im Garten stand.

Die Spielleut musizierten,
Sie sann gar mancherlei,
Die Tne sie so rhrten,
Als mt das Herz entzwei.

Da trat ihr Brut'gam se
Zu ihr aus stiller Nacht,
So freundlich er sie grte,
Da ihr das Herze lacht.

Er sprach: Was willst du weinen,
Weil alle frhlich sein?
Die Stern so helle scheinen,
So lustig geht der Rhein.

Das Krnzlein in den Haaren
Steht dir so wunderfein,
Wir wollen etwas fahren
Hinunter auf dem Rhein.

Zum Kahn folgt' sie behende,
Setzt' sich ganz vorne hin,
Er setzt' sich an das Ende
Und lie das Schifflein ziehn.

Sie sprach: Die Tne kommen
Verworren durch den Wind,
Die Fenster sind verglommen,
Wir fahren so geschwind.

Was sind das fr so lange
Gebirge weit und breit?
Mir wird auf einmal bange
In dieser Einsamkeit!

Und fremde Leute stehen
Auf mancher Felsenwand,
Und stehen still und sehen
So schwindlig bern Rand. -

Der Brut'gam schien so traurig
Und sprach kein einzig Wort,
Schaut in die Wellen schaurig
Und rudert immerfort.

Sie sprach: Schon seh ich Streifen
So rot im Morgen stehn,
Und Stimmen hr ich schweifen,
Am Ufer Hhne krhn.

Du siehst so still und wilde,
So bleich ist dein Gesicht,
Mir graut vor deinem Bilde -
Du bist mein Brut'gam nicht! -

Ich bitte dich um Gottes willen, unterbrach mich hier Angelina dringend, nimm
die Larve ab, ich frchte mich vor dir. - La das, sagte ich abwehrend, es gibt
frchterliche Gesichter, die das Herz in Stein verwandeln, wie das Haupt der
Medusa. - Ich hatte fast zu viel gesagt und griff rasch wieder in die Saiten:

Da stand er auf - das Sausen
Hielt an in Flut und Wald -
Es rhrt mit Lust und Grausen
Das Herz ihr die Gestalt.

Und wie mit steinern'n Armen
Hob er sie auf voll Lust,
Drckt ihren schnen, warmen
Leib an die eis'ge Brust.

Licht wurden Wald und Hhen,
Der Morgen schien blutrot,
Das Schifflein sah man gehen,
Die schne Braut drin tot.

Kaum hatte ich noch die letzte Strophe geendigt, als Angelina mit einem lauten
Schrei neben mir zu Boden fiel. Ich schaue ringsum und erblicke mein eigenes,
leibhaftiges Konterfei im Eingange des Bosketts: dieselbe schwarze Rittermaske,
die nmliche Gre und Gestalt. - La mein Weib, verfhrerisches Blendwerk der
Hlle! rief die Maske auer sich, und strzte mit blankem Schwerte so wtend auf
mich ein, da ich kaum Zeit genug hatte, meinen eigenen Degen zu ziehn. Ich
erstaunte ber die hnlichkeit seiner Stimme mit der meinigen, und begriff nun,
da mich Angelina fr diesen ihren Mann gehalten hatte. In der Bewegung des
Gefechts war ihm indes die Larve vom Gesicht gefallen, und ich erkannte mit
Grausen den frchterlichen Unbekannten wieder, dessen Schreckbild mich durchs
ganze Leben verfolgt. Mir fiel die Prophezeiung ein. Ich wich entsetzt zurck,
denn er focht unbesonnen in blinder Eifersucht und ich war im Vorteil. Aber es
war zu spt, denn in demselben Augenblicke rannte er sich wtend selber meine
Degenspitze in die Brust und sank tot nieder.
    Mein dunkler, wilder, halb unwillkrlicher Trieb war nun erfllt. Finsterer,
als die Nacht um mich, eilte ich den Garten hinab. Ein Kahn stand unten am Ufer
des Stromes angebunden. Ich stieg hinein und lie ihn den Strom hinabfahren. Die
Nacht verging, die Sonne ging auf und wieder unter, ich sa und fuhr noch
immerfort.
    Den andern Morgen verlor sich der Strom zwischen wilden, einsamen Wldern
und Schluchten. Der Hunger trieb mich ans Land. Es war diese Gegend hier. Ich
fand nach einigem Herumirren das Schlo, das ihr gesehen. Ein alter, verrckter
Einsiedler wohnte damals darin, von dessen frherem Lebenslaufe ich nie etwas
erfahren konnte. Es gefiel mir gar wohl in dieser Wste und ich blieb bei ihm.
Kurze Zeit darauf starb der Alte und hinterlie mir seine alten Bcher, sein
verfallenes Schlo und eine Menge Goldes in den Kellern. Ich htte nun wieder in
die Welt zurckkehren knnen mit dem Schatze zum allgemeinen Nutzen und
Vergngen. Aber ich passe nirgends mehr in die Welt hinein. Die Welt ist ein
groer, unermelicher Magen und braucht leichte, weiche, bewegliche Menschen,
die er in seinen vielfach verschlungenen, langweiligen Kanlen verarbeiten kann.
Ich tauge nicht dazu, und sie wirft solche Gesellen wieder aus, wie
unverdauliches Eisen, fest, kalt, formlos und ewig unfruchtbar. -
    So endigte Rudolf seine Erzhlung, welche die beiden Grafen in eine
nachdenkliche Stille versenkt hatte. Leontin hatte sich, als Rudolf das Schlo
der Angelina beschrieb, an jenen kurzen Besuch erinnert, den er nach dem Brande
mit Friedrich auf dem Schlosse der weien Frau abgelegt, und konnte sich der
Vermutung nicht erwehren, da diese vielleicht Angelina selber war. - Es war
unterdes dunkel geworden, der Mond trat eben ber den einsamen Bergen hervor.
Ihr wit nun alles, gute Nacht! sagte Rudolf schnell und ging von ihnen fort.
Sie sahen ihm lange nach, wie sein langer, dunkler Schatten sich zwischen den
hohen Bumen verlor.
    Als sie wieder oben in ihrem Zimmer waren, ergriff Leontin Mariens Gitarre,
die sie dort vergessen hatte, und sang ber den stillen Kreis der Wlder hinaus:

Nchtlich dehnen sich die Stunden,
Unschuld schlft in stiller Bucht,
Fernab ist die Welt verschwunden,
Die das Herz in Trumen sucht.

Und der Geist tritt auf die Zinne,
Und noch stiller wird's umher,
Schauet mit dem starren Sinne
In das wesenlose Meer.

Wer ihn sah bei Wetterblicken
Stehn in seiner Rstung blank:
Den mag nimmermehr erquicken
Reichen Lebens frischer Drang. -

Frhlich an den den Mauern
Schweift der Morgensonne Blick,
Da versinkt das Bild mit Schauern
Einsam in sich selbst zurck.


                           Vierundzwanzigstes Kapitel

Friedrich und Leontin vermehrten nun auch den wunderlichen Haushalt auf dem
alten Waldschlosse. Der unglckliche Rudolf lag gegen beide und gegen alle Welt
mit Witz zu Felde, sooft er mit ihnen zusammenkam. Doch geschah dies nur selten,
denn er schweifte oft tagelang allein im Walde umher, wo er sich mit sich selber
oder den Rehen, die er sehr zahm zu machen gewut, in lange Unterredungen
einzulassen pflegte. Ja, es geschah gar oft, da sie ihn in einem lebhaften und
hchst komischen Gesprche mit irgendeinem Felsen oder Steine berraschten, der
etwa durch eine mundhnliche ffnung oder durch eine weise vorstehende Nase eine
eigene, wunderliche Physiognomie machte. Dabei bildeten die Narren, welche er
auf seinen Streifzgen, die er noch bisweilen ins Land hinab machte,
zusammengerafft, eine seltsame Akademie um ihn, alle ernsthaften Torheiten der
Welt in fast schauerlicher und tragischer Karikatur travestierend. Jeder
derselben hatte seine bestimmte Tagesarbeit im Hauswesen. Durch diese
fortlaufende Beschftigung, die Einsamkeit und reine Bergluft kamen viele von
ihnen nach und nach wieder zur Vernunft, worauf sie dann Rudolf wieder in die
Welt hinaussandte und gerhrt auf immer von ihnen Abschied nahm.
    In Friedrich entwickelte diese Abgeschiedenheit endlich die ursprngliche,
religise Kraft seiner Seele, die schon im Weltleben, durch gutmtiges Staunen
geblendet, durch den Drang der Zeiten oft verschlagen und falsche Bahnen
suchend, aus allen seinen Bestrebungen, Taten, Poesieen und Irrtmern
hervorleuchtete. Jetzt hatte er alle seine Plne, Talentchen, Knste und
Wissenschaften unten zurckgelassen, und las wieder die Bibel, wie er schon
einmal als Kind angefangen. Da fand er Trost ber die Verwirrung der Zeit, und
das einzige Recht und Heil auf Erden in dem heiligen Kreuze. Er hatte endlich
den phantastischen, tausendfarbigen Pilgermantel abgeworfen, und stand nun in
blanker Rstung als Kmpfer Gottes gleichsam an der Grenze zweier Welten. Wie
oft, wenn er da ber die Tler hinaussah, fiel er auf seine Knie und betete
inbrnstig zu Gott, ihm Kraft zu verleihen, was er in der Erleuchtung erfahren,
durch Wort und Tat seinen Brdern mitzuteilen. - Leontin dagegen wurde hier oben
ganz melancholisch und wehmtig, wie ihn Friedrich noch niemals gesehen. Es
fehlte ihm hier alle Handhabe, das Leben anzugreifen. -
    Eines Tages, da sie beide zusammen einen ihnen bis jetzt noch unbekannten
Weg eingeschlagen und sich weiter als gewhnlich von dem Schlosse verirrt
hatten, kamen sie auf einmal auf eine Anhhe zwischen den Bumen heraus zu einer
wundervollen Aussicht, die sie innigst berraschte. Mitten in der
Waldeseinsamkeit stand nmlich ein Kloster auf einem Berge; hinter dem Berge lag
pltzlich das Meer in seiner schauerlichen Unermelichkeit; von der andern Seite
sah man weit in das ebene Land hinaus. Es schien eben ein Fest in dem Kloster
gewesen zu sein, denn lange, bunte Zge von Wallfahrern wallten durch das Grn
den Berg hinab und sangen geistliche Lieder, deren rhrende Weise sich gar
anmutig mit den Klngen der Abendglocken vermischte, die ihnen von dem Kloster
nachhallten.
    Leontin sah ihnen stillschweigend nach, bis ihr Gesang in der Ferne
verhallte und die Gegend in dmmernde Stille versank. Dann nahm er die Gitarre,
die hier berall seine Begleiterin war, und sang folgendes Lied:

La, mein Herz, das bange Trauern
Um vergangnes Erdenglck,
Ach, von dieser Felsen Mauern
Schweifet nur umsonst dein Blick!

Sind denn alle fortgegangen:
Jugend, Sang und Frhlingslust?
Lassen, scheidend, nur Verlangen
Einsam mir in meiner Brust?

Vglein hoch in Lften reisen,
Schiffe fahren auf der See,
Ihre Segel, ihre Weisen
Mehren nur des Herzens Weh.

Ist vorbei das bunte Ziehen,
Lustig ber Berg und Kluft,
Wenn die Bilder wechselnd fliehen,
Waldhorn immer weiter ruft?

Soll die Lieb auf sonn'gen Matten
Nicht mehr baun ihr prchtig Zelt,
bergolden Wald und Schatten
Und die weite, schne Welt? -

La das Bangen, la das Trauern,
Helle wieder nur den Blick!
Fern von dieser Felsen Mauern
Blht dir noch gar manches Glck!

Beide Freunde wurden still nach dem Liede und gingen schweigend nebeneinander
wieder nach dem Schlosse zurck. Die abgefallenen Bltter raschelten schon unter
ihren Tritten auf dem Boden, ein herbstlicher Wind durchstrich den seufzenden
Wald und verkndigte, da die frhliche Sommerzeit bald Abschied nehmen wolle.
Sie schienen beide besondern Gedanken und Entschlssen nachzuhngen, die sie an
jenem Platze gefat hatten.
    Als der Mond die alten Zinnen des Schlosses beleuchtete, trat Leontin auf
einmal reisefertig vor Friedrich. Ich ziehe fort, sagte er, der Winter kommt
bald, mir ist, als lge das ganze Leben wie diese Felsen hier auf meiner Brust,
und ein Strom von Trnen mchte aus dem tiefsten Herzen ausbrechen, um die Berge
wegzuwlzen; ich mu fort, ziehe du auch mit! - Friedrich schttelte lchelnd
den Kopf, aber im Innersten war er traurig, denn er fhlte, da sich ihr
Lebenslauf nun bedeutend und vielleicht auf immer scheiden werde.
    Leontin zog endlich sein Pferd hervor und fhrte es langsam am Zgel hinter
sich her, whrend ihm Friedrich noch eine Strecke weit das Geleite gab. Der
volle Mond ging eben ber dem stillen Erdkreise auf, man konnte in der Tiefe
weit hinaus den Lauf der Strme deutlich unterscheiden. Leontin war ungewhnlich
gerhrt und drang nochmals in Friedrich, mit hinunterzuziehn. Du weit nicht,
was du forderst, sagte dieser ernst, locke mich nicht noch einmal hinab in die
Welt, mir ist hier oben unbeschreiblich wohl, und ich bin kaum erst ruhig
geworden. Dich will ich nicht halten, denn das mu von innen kommen, sonst tut
es nicht gut. Und also ziehe mit Gott! Die beiden Freunde umarmten einander
noch einmal herzlich, und Leontin war bald in der Dunkelheit verschwunden.
    Ihm zogen nun bald auch Vgel, Laub, Blumen und alle Farben nach. Der alte,
grmliche Winter sa melancholisch mit seiner spitzen Schneehaube auf dem Gipfel
des Gebirges zog die bunten Gardinen weg, stellte wunderlich nach allen Seiten
die Kulissen der lustigen Bhne, wie in einer Rumpelkammer, auseinander und
durcheinander, baute sich phantastisch blitzende Eispalste und zerstrte sie
wieder, und schttelte unaufhrlich eisige Flocken aus seinem weiten Mantel
darber. Der stumme Wald sah aus wie die Sulen eines umgefallenen Tempels, die
Erde war wei, so weit die Blicke reichten, das Meer dunkel; es war eine
unbeschreibliche Einsamkeit da droben.
    Rudolfs seltsam verwildertem Gemt war diese Zeit eben recht. Er streifte
oft halbe Tage lang mitten im Sturm und Schneegestber auf allen den alten
Pltzen umher. Abends pflegte er hufig bis tief in die Nacht auf seiner
Sternwarte zu sitzen und die Konjunkturen der Gestirne zu beobachten. Eine Menge
alter astrologischer Bcher lag dabei um ihn her, aus denen er verschiedenes
auszeichnete und geheimnisvolle Figuren bildete.
    Nach solchen Perioden machte er dann gewhnlich wieder grere Streifzge,
manchmal bis ans Meer, wo es ihm eine eigene Lust war, ganz allein auf einem
Kahne mit Lebensgefahr in die wilde, unermeliche Einde hinauszufahren.
Bisweilen verirrte er sich auch wohl in den Tlern zu manchem einsamen
Landschlosse, wenn er in der Faschingszeit die Fenster hellerleuchtet sah. Er
betrachtete dann gewhnlich drauen die Tanzenden durchs Fenster, wurde aber
immer bald von dem rasenden Trompeten und Geigen wieder vertrieben.
    Als er einmal von so einem Zuge zurckkam, erzhlte er Friedrich, er habe
unten, weit von hier, einen groen Leichenzug gesehen, der sich bei Fackelschein
und mit schwarzbehngten Pferden langsam ber die beschneiten Felder hinbewegte.
Er habe weder die Gegend, noch die Personen gekannt, die der Leiche im Wagen
folgten. Aber Leontin sei bei dem Zuge, ohne ihn zu bemerken, an ihm
vorbergesprengt. - Friedrich erschrak ber diese dstere Botschaft. Aber er
konnte nicht erraten, welchem alten Bekannten der Zug gegolten, da sich Rudolf
weiter um nichts bekmmert hatte.
    Friedrich setzte indes noch immer seine geistlichen Betrachtungen fort. Er
besuchte, sooft es nur das Wetter erlaubte, das nahgelegene Kloster, das er an
Leontins Abschiedstage zum ersten Male gesehen, und blieb oft wochenlang dort.
Rudolf konnte er niemals bewegen, ihn zu begleiten, oder auch nur ein einziges
Mal die Kirche zu besuchen. Er fand in dem Prior des Klosters einen frommen
erleuchteten Mann, der besonders auf der Kanzel in seiner Begeisterung, gleich
einem Apostel, wunderbar und altertmlich erschien. Friedrich schied nie ohne
Belehrung und himmlische Beruhigung von ihm, und mochte sich bald gar nicht mehr
von ihm trennen. Und so bildete sich denn sein Entschlu, selber ins Kloster zu
gehen, immer mehr zur Reife.
    Der Winter war vergangen, die schne Frhlingszeit lie die Strme los und
schlug weit und breit ihr liebliches Reich wieder auf. Da erblickte Friedrich
eines Morgens, als er eben von der Hhe schaute, unten in der Ferne zwei Reiter,
die ber die grnen Matten hinzogen. Sie verschwanden bald hinter den Bumen,
bald erschienen sie wieder auf einen Augenblick, bis sie Friedrich endlich in
dem Walde vllig aus dem Gesichte verlor.
    Er wollte nach einiger Zeit eben wieder in das Schlo zurckkehren, als die
beiden Reiter pltzlich vor ihm aus dem Walde den Berg heraufkamen. Er erkannte
sogleich seinen Leontin. Sein Begleiter, ein feiner, junger Jger, sprang
ebenfalls vom Pferde und kam auf ihn zu.
    Setzen wir uns, sagte Leontin gleich nach der ersten Begrung munter,
ich habe dir viel zu sagen. Vor allem: kennst du den? Hierbei hob er dem Jger
den Hut aus der Stirne, und Friedrich erkannte mit Erstaunen die schne Julie,
die in dieser Verkleidung mit niedergeschlagenen Augen vor ihm stand. Wir sind
auf einer groen Reise begriffen, sagte er darauf. Die Jungfrau Europa, die so
hochherzig mit ihren ausgebreiteten Armen dastand, als wolle sie die ganze Welt
umspannen, hat die alten, sinnreichen, frommen, schnen Sitten abgelegt und ist
eine Metze geworden. Sie buhlt frei mit dem gesunden Menschenverstande, dem
Unglauben, Gewalt und Verrat, und ihr Herz ist dabei besonders eingeschrumpft. -
Pfui, ich habe keine Lust mehr an der Philisterin! Ich reise weit fort von hier
in einen andern Weltteil, und Julie begleitet mich. - Friedrich sah ihn bei
diesen Worten gro an. - Es ist mein voller Ernst, fuhr Leontin fort, Juliens
Vater ist auch gestorben und ich kann hier nicht lnger mehr leben, wie ich
nicht mag und darf.
    Friedrich erfuhr nun auch, da sie Land und alles, was sie hier besessen, zu
Gelde gemacht, und ein eigenes Schiff bereits in der abgelegenen Bucht, die an
das erwhnte Kloster stie, bereitliege, um sie zu jeder Stunde aufzunehmen. -
Er konnte, ungeachtet der schmerzlichen Trennung, nicht umhin, sich ber dieses
Vorhaben zu freuen, denn er wute wohl, da nur ein frisches, weites Leben
seinen Freund erhalten knne, der hier in der allgemeinen Misere durch
fruchtlose Unruhe und Bestrebung nur sich selber vernichtet htte.
    Sie sprachen dort noch lange darber. Julie sa unterdes still, mit dem
einen Arme auf Leontins Knie gesttzt, und sah beraus reizend aus. - Seid ihr
denn getraut? fragte Friedrich Leontin leise. - Julie hatte es dessenungeachtet
gehrt, und wurde ber und ber rot.
    Es wurde nun sogleich beschlossen, die Trauung noch heute in dem Kloster zu
vollziehen. Man begab sich daher in das alte Schlo, die Felleisen wurden
abgeschnallt und Julie mute sich umziehen. Friedrich bereitete unterdes
frhlich alles, was sich hier schaffen lie, zu einem lustigen Hochzeitsfeste,
whrend Leontin, der sich in dieser Lage als feierlicher Brutigam gar komisch
vorkam, allerhand Possen machte, und die seltsamsten Anstalten traf, um das Fest
recht phantastisch auszuschmcken.
    Endlich erschien Julie wieder. Sie hatte ein weies Kleid, die schnen,
goldenen Haare fielen in langen Locken ber den Nacken und die Schultern, man
konnte sie nicht ansehen ohne sich an irgendein schnes, altdeutsches Bild zu
erinnern. Sie bestiegen nun alle ihre Pferde und zogen so, Julie in die Mitte
nehmend, auf das Kloster zu. Als sie die letzte Hhe vor demselben erreichten,
wo auf einmal das Meer durch die Wlder und Hgel seinen furchtbar groen
Geisterblick hinaufsandte, tat Julie einen Freudenschrei ber den unerwarteten,
noch nie gehabten Anblick, und sah dann den ganzen Weg ber mit den groen,
sinnigen Augen stumm in das wunderbare Reich, wie in eine unbekannte, gewaltige
Zukunft. Die Glockenklnge von dem Klosterturme kamen ihnen wunderbar trstend
aus der unermelichen Aussicht entgegen.
    In dem Kloster selbst war eben das Wallfahrtsfest, das alle Jahre einige
Male gefeiert wurde, wiedergekehrt. Die Einsamkeit ringsherum war wieder bunt
belebt, eine Menge Pilger war, als sie dort ankamen, in kleinen Haufen unter den
grnen Bumen vor der Kirche gelagert, die Kirche selbst mit Blumen und grnen
Reisern freundlich geschmckt. Friedrich hatte schon frher den Prior von ihrer
Ankunft benachrichtigen lassen, und so wurden denn Leontin und Julie noch diesen
Vormittag in der Kirche feierlich zusammengegeben.
    Die Menge fremder Pilger freute sich ber das fremde Paar. Nur eine hohe,
junge Dame, die einen dichten Schleier ber das Gesicht geschlagen hatte, lag
seitwrts vor einem einsamen Altare voll Andacht auf den Knien und schien von
allem, was hinter ihr in der Kirche vorging, nichts zu bemerken. Friedrich sah
sie; sie kam ihm bekannt vor. - Diese einsame Gestalt, das unaufhrliche Ringen
und Brausen der Orgeltne, der frhliche Sonnenschein, der drauen vor der
offenen Tr auf dem grnen Platze spielte, alles drang so seltsam rhrend auf
ihn ein, als wollte das ganze vergangene Leben noch einmal mit den ltesten
Erinnerungen und lang vergessenen Klngen an ihm vorbergehen, um auf immer
Abschied zu nehmen. Ihm fiel dabei recht ein, wie nun auch Leontin fortreise und
wahrscheinlich nie mehr wiederkomme, und eine unbeschreibliche Wehmut
bemchtigte sich seiner, so da er ins Freie hinaus mute. Er ging drauen unter
den hohen Bumen vor der Kirche auf und ab und weinte sich herzlich aus.
    Die Zeremonie war unterdes geendigt, und sie ritten wieder nach dem alten
Schlosse zurck. Auf dem grnen Platze vor demselben empfing sie unter den hohen
Bumen ein reinlich gedeckter Tisch; groe Blumenstrue und vielfarbiges Obst
stand in silbernen Gefen zwischen dem golden blickenden Wein und
hellgeschliffenen Glsern, alle das frhlich bunte Gemisch von Farben gab in dem
Grn und unter blauheiterm Himmel einen frischer lockenden Schein. Man hatte,
was in dem Schlosse nicht zu finden war, schnell aus dem Kloster
herbeigeschafft. Rudolf lie sich nirgends sehen.
    Sie aen und tranken nun in der grnen Einsamkeit, whrend der Kreis der
Wlder in ihre Gesprche hineinrauschte. Julie sa still in die Zukunft versenkt
und schien innerlich entzckt, da nun endlich ihr ganzes Leben in des Geliebten
Gewalt gegeben sei.
    So kam der Abend heran. Da sahen sie zwei Mnner, die in einem lebhaften
Gesprche miteinander begriffen schienen, aus dem Walde zu ihnen heraufkommen.
Sie erkannten Rudolf an der Stimme. Kaum hatte ihn Julie, die schon von dem
vielen Weine erhitzt war, erblickt, als sie laut aufschrie und sich furchtsam an
Leontin andrckte. Es war dieselbe dunkle Gestalt, die sie aus dem Wagen bei dem
Leichenzuge ihres Vaters einsam auf dem beschneiten Felde hatte stehen sehen. -
    O seht, was ich da habe, rief ihnen Rudolf schon von weitem entgegen, ich
habe im Walde einen Poeten gefunden, wahrhaftig, einen Poeten! Er sa unter
einem Baume und schmlte laut auf die ganze Welt in schnen, gereimten Versen,
da ich bis zu Trnen lachen mute. Gib dich zufrieden, Gevatter! sagte ich so
gelind als mglich zu ihm, aber er nimmt keine Vernunft an und schimpft
immerfort. - Rudolf lachte hierbei so bermig und aus Herzensgrunde, wie sie
ihn noch niemals gesehen.
    Sie hatten indes in seinem Begleiter mit Freuden den lang entbehrten Herrn
Faber erkannt. Leontin sprang sogleich auf, ergriff ihn, und walzte mit ihm auf
der Wiese herum, bis sie beide nicht mehr weiter konnten. Et tu Brute? - rief
endlich Faber aus, als er wieder zu Atem gekommen war, nein, das ist zu toll,
der Berg mu verzaubert sein! Unten begegne ich der kleinen Marie, ich will sie
aus alter Bekanntschaft haschen und kssen, und bekomme eine Ohrfeige; weiter
oben sitzt auf einer Felsenspitze eine Figur mit breitem Mantel und Krone auf
dem Haupte, wie der Metallfrst, und will mir grmlich nicht den Weg weisen, ein
als Ritter verkappter Phantast rennt mich fast um; dann falle ich jenem
Melancholikus da in die Hnde, der nicht wei, warum er lacht; und nachdem ich
mich endlich mit Lebensgefahr hinaufgearbeitet habe, seid ihr hier oben am Ende
auch noch verrckt. - Das kann wohl sein, sagte Leontin lustig, denn ich bin
verheiratet (hierbei kte er Julie, die ihm die Hand auf den Mund legte) und
Friedrich da, fuhr er fort, will ins Kloster gehn. Aber du weit ja den alten
Spruch: sie haben sich zu Toren gemacht vor der Welt. - Und nun sage mir nur,
wie in aller Welt du uns hier aufgefunden hast?
    Faber erzhlte nun, da er auf einer Wallfahrt zu dem Kloster begriffen
gewesen, von dessen schner Lage er schon viel gehrt. Unterwegs habe er am
Meere von Schiffsleuten vernommen, da sich Leontin hier oben aufhalte, und
daher den Berg bestiegen. - Rudolf verwandte unterdes mit komischer
Aufmerksamkeit kein Auge von dem kurzen, runden, wohlhbigen Manne, der mit so
lebhaften Gebrden sprach. Faber setzte sich zu ihnen, und sie teilten ihm nun
zu seiner Verwunderung ihre Plne mit. Rudolf war indes auch wieder still
geworden und sa wie der steinerne Gast unter ihnen am Tische. Julie blickte ihn
oft seitwrts an und konnte sich noch immer einer heimlichen Furcht vor ihm
nicht erwehren, denn es war ihr, als verginge diesem kalten und klugen Gesichte
gegenber ihre Liebe und alles Glck ihres Lebens zu nichts.
    Die Nacht war indes angebrochen, die Sterne prangten an dem heitern Himmel.
Da erklang auf einmal Musik aus dem nchsten Gebsche. Es waren Spielleute aus
dem Kloster, die Leontin bestellt hatte. Rudolf stand bei den ersten Klngen
auf, sah sich rgerlich um und ging fort.
    Leontin, von den pltzlichen Tnen wie im innersten Herzen erweckt, hob sein
Glas hoch in die Hhe und rief: Es lebe die Freiheit! Wo? - fragte Faber,
indem er selbst langsam sein Glas aufhob. - Nur nicht etwa in der Brust des
Philosophen allein, erwiderte Leontin, unangenehm gestrt. Diese allgemeine,
natrliche, philosophische Freiheit, der jede Welt gut genug ist, um sich in
ihrem Hochmute frei zu fhlen, ist mir ebenso in der Seele zuwider, als jene
natrliche Religion, welcher alle Religionen einerlei sind. Ich meine jene
uralte, lebendige Freiheit, die uns in groen Wldern wie mit wehmtigen
Erinnerungen anweht, oder bei alten Burgen sich wie ein Geist auf die zerfallene
Zinne stellt, der das Menschenschifflein unten wohl zufahren heit, jene
frische, ewig junge Waldesbraut, nach welcher der Jger frhmorgens aus den
Drfern und Stdten hinauszieht, und sie mit seinem Horne lockt und ruft, jener
reine, khle Lebensatem, den die Gebirgsvlker auf ihren Alpen einsaugen, da
sie nicht anders leben knnen, als wie es der Ehre geziemt. - Aber damit ist es
nun aus. - Wenn unserer Altvordern Herzen wohl mit dreifachem Erz gewappnet
waren, das vor dem rechten Strahle erklang, wie das Erz von Dodona; so sind die
unsrigen nun mit sechsfacher Butter des huslichen Glckes, des guten
Geschmacks, zarter Empfindungen und edelmtiger Handlungen umgeben, durch die
kein Wunderlaut bis zu der Talggrube hindurchdringt. Zieht dann von Zeit zu Zeit
einmal ein wunderbarer, altfrnkischer Gesell, der es noch ehrlich und ernsthaft
meint, wie Don Quijote, vorber, so sehen Herren und Damen nach der Tafel
gebildet und gemchlich zu den Fenstern hinaus, stochern sich die Zhne und
ergtzen sich an seinen wunderlichen Kapriolen, oder machen wohl gar auch
Sonette auf ihn, und meinen, er sei eine recht interessante Erscheinung, wenn er
nur nicht eigentlich verrckt wre. - Das alte groe Racheschwert haben sie
sorglich vergraben und verschttet, und keiner wei den Fleck mehr, und darber
auf dem lockern Schutt bauen sie nun ihre Villen, Parks, Eremitagen und
Wohnstuben, und meinen in ihrer vernnftigen Dummheit, der Plunder knne so
fortbestehn. Die Wlder haben sie ausgehauen, denn sie frchten sich vor ihnen,
weil sie von der alten Zeit zu ihnen sprechen und am Ende den Ort noch verraten
knnten, wo das Schwert vergraben liegt. - Leontin ergriff hierbei hastig die
Gitarre, die neben ihm auf dem Rasen lag, und sang:

O knnt ich mich niederlegen
Weit in den tiefsten Wald,
Zu Hupten den guten Degen,
Der noch von den Vtern alt!

Und drft von allem nichts spren
In dieser dummen Zeit,
Was sie da unten hantieren,
Von Gott verlassen, zerstreut;

Von frstlichen Taten und Werken,
Von alter Ehre und Pracht,
Und was die Seele mag strken,
Vertrumend die lange Nacht!

Denn eine Zeit wird kommen,
Da macht der Herr ein End,
Da wird den Falschen genommen
Ihr unechtes Regiment.

Denn wie die Erze vom Hammer,
So wird das lockre Geschlecht,
Gehaun sein von Not und Jammer
Zu festem Eisen recht.

Da wird Aurora tagen
Hoch ber den Wald hinauf,
Da gibt's was zu siegen und schlagen,
Da wacht, ihr Getreuen, auf!

Und so, sagte er, will ich denn in dem noch unberhrten Waldesgrn eines
andern Weltteils Herz und Augen strken, und mir die Ehre und die Erinnerung an
die vergangene groe Zeit, sowie den tiefen Schmerz ber die gegenwrtige heilig
bewahren, damit ich der knftigen, bessern, die wir alle hoffen, wrdig bleibe,
und sie mich wach und rstig finde. Und du, fuhr er zu Julie gewendet fort,
wirst du ganz ein Weib sein, und, wie Shakespeare sagt, dich dem Triebe
hingeben, der dich zgellos ergreift und dahin oder dorthin reit, oder wirst du
immer Mut genug haben, dein Leben etwas Hherem unterzuordnen? Und dmmert
endlich die Zeit heran, die mich Gott erleben lasse! wirst du frhlich sagen
knnen: Ziehe hin! denn was du willst und sollst, ist mehr wert, als dein und
mein Leben? - Julie nahm ihm frhlich die Gitarre aus der Hand und antwortete
mit folgender Romanze:


                          Von der deutschen Jungfrau

Es stand ein Frulein auf dem Schlo,
Erschlagen war im Streit ihr Ro,
Schnob wie ein See die finstre Nacht,
Wollt berschrein die wilde Schlacht.

Im Tal die Brder lagen tot,
Es brannt die Burg so blutigrot,
In Lohen stand sie auf der Wand,
Hielt hoch die Fahne in der Hand.

Da kam ein rm'scher Rittersmann,
Der ritt keck an die Burg hinan,
Es blitzt sein Helm gar mannigfach,
Der schne Ritter also sprach:

Jungfrau, komm in die Arme mein!
Sollst deines Siegers Herrin sein.
Will baun dir einen Palast schn,
In prcht'gen Kleidern sollst du gehn.

Es tun dein Augen mir Gewalt,
Kann nicht mehr fort aus diesem Wald,
Aus wilder Flammen Spiel und Graus
Trag ich mir meine Braut nach Haus!

Der Ritter lie sein weies Ro,
Stieg durch den Brand hinauf ins Schlo,
Viel Knecht ihm waren da zur Hand,
Zu holen das Frulein von der Wand.

Das Frulein stie die Knecht hinab,
Den Liebsten auch ins heie Grab,
Sie selbst dann in die Flammen sprang,
ber ihnen die Burg zusammensank.

Faber brach, als sie geendigt hatte, einen Eichenzweig von einem herabhngenden
Aste, bog ihn schnell zu einem Kranze zusammen und berreichte ihr denselben,
indem er mit altritterlicher Galanterie vor ihr hinkniete. Julie drckte den
Kranz mit seinen frischgrnen, vollen Blttern lchelnd in ihre blonden Locken
ber die ernsten, groen Augen, und sah so wirklich dem Bilde nicht unhnlich,
das sie besungen. -
    Es ist seltsam, sagte Faber darauf, wie sich unser Gesprch nach und nach
beinahe in einen Wechselgesang aufgelst hat. Der weite, gestirnte Himmel, das
Rauschen der Wlder ringsumher, der innere Reichtum und die berschwengliche
Wonne, mit welcher neue Entschlsse uns jederzeit erfllen, alles kommt
zusammen; es ist, als hrte die Seele in der Ferne unaufhrlich eine groe,
himmlische Melodie, wie von einem unbekannten Strome, der durch die Welt zieht,
und so werden am Ende auch die Worte unwillkrlich melodisch, als wollten sie
jenen wunderbaren Strom erreichen und mitziehen. So fllt auch mir jetzt ein
Sonett ein, das euch am besten erklren mag, was ich von Leontins Vorhaben
halte. Er sprach:

In Wind verfliegen sah ich, was wir klagen,
Erbrmlich Volk um falscher Gtzen Thronen,
Wen'ger Gedanken, deutschen Landes Kronen,
Wie Felsen, aus dem Jammer einsam ragen.

Da mocht ich lnger nicht nach euch mehr fragen,
Der Wald empfing, wie rauschend! den Entflohnen,
In Burgen alt, an Stromeskhle wohnen,
Wollt ich auf Bergen bei den alten Sagen.

Da hrt ich Strom und Wald dort so mich tadeln:
Was willst, Lebend'ger du, hier berm Leben,
Einsam verwildernd in den eignen Tnen?

Es soll im Kampf der rechte Schmerz sich adeln,
Den deutschen Ruhm aus der Verwstung heben,
Das will der alte Gott von seinen Shnen!

Friedrich sagte: Es ist wahr, wovon Ihr Sonett da spricht, und doch billige ich
Leontins Plan vollkommen. Denn wer, von Natur ungestm, sich berufen fhlt, in
das Rderwerk des Weltganges unmittelbar mit einzugreifen, der mag von hier
flchten, so weit er kann. Es ist noch nicht an der Zeit, zu bauen, solange die
Backsteine, noch weich und unreif, unter den Hnden zerflieen. Mir scheint in
diesem Elend, wie immer, keine andere Hlfe, als die Religion. Denn wo ist in
dem Schwalle von Poesie, Andacht, Deutschheit, Tugend und Vaterlnderei, die
jetzt, wie bei der babylonischen Sprachverwirrung, schwankend hin und her
summen, ein sicherer Mittelpunkt, aus welchem alles dieses zu einem klaren
Verstndnis, zu einem lebendigen Ganzen gelangen knnte? Wenn das Geschlecht
vorderhand einmal alle seine irdischen Sorgen, Mhen und fruchtlosen Versuche,
der Zeit wieder auf die Beine zu helfen, vergessen und wie ein Kleid abstreifen,
und sich dafr mit voller, siegreicher Gewalt zu Gott wenden wollte, wenn die
Gemter auf solche Weise von den gttlichen Wahrheiten der Religion lange
vorbereitet, erweitert, gereinigt und wahrhaft durchdrungen wrden, da der
Geist Gottes und das Groe im ffentlichen Leben wieder Raum in ihnen gewnne,
dann erst wird es Zeit sein, unmittelbar zu handeln, und das alte Recht, die
alte Freiheit, Ehre und Ruhm in das wiedereroberte Reich zurckzufhren. Und in
dieser Gesinnung bleibe ich in Deutschland und whle mir das Kreuz zum Schwerte.
Denn, wahrlich, wie man sonst Missionarien unter Kannibalen aussandte, so tut es
jetzt viel mehr not in Europa, dem ausgebildeten Heidensitze.
    Faber kam aus tiefen Gedanken zurck, als Friedrich ausgeredet hatte. Wie
Ihr da so sprecht, sagte er, ist mir gar seltsam zumute. War mir doch, als
verschwnde dabei die Poesie und alle Kunst wie in der fernsten Ferne, und ich
htte mein Leben an eine reizende Spielerei verloren. Denn das Haschen der
Poesie nach auen, das geistige Verarbeiten und Bekmmern um das, was eben
vorgeht, das Ringen und Abarbeiten an der Zeit, so gro und lobenswert als
Gesinnung, ist doch immer unknstlerisch. Die Poesie mag wohl Wurzel schlagen in
demselben Boden der Religion und Nationalitt, aber unbekmmert, blo um ihrer
himmlischen Schnheit willen, als Wunderblume zu uns heraufwachsen. Sie will und
soll zu nichts brauchbar sein. Aber das versteht Ihr nicht und macht mich nur
irre. Ein frhlicher Knstler mag sich vor Euch hten. Denn wer die Gegenwart
aufgibt, wie Friedrich, wem die frische Lust am Leben und seinem
berschwenglichen Reichtume gebrochen ist, mit dessen Poesie ist es aus. Er ist
wie ein Maler ohne Farben.
    Friedrich, den die Zurckrufung der groen Bilder seiner Hoffnungen
innerlichst frhlich gemacht hatte, nahm statt aller Antwort die Gitarre, und
sang nach einer alten, schlichten Melodie:

Wo treues Wollen, redlich Streben
Und rechten Sinn der Rechte sprt,
Das mu die Seele ihm erheben,
Das hat mich jedesmal gerhrt.

Das Reich des Glaubens ist geendet,
Zerstrt die alte Herrlichkeit,
Die Schnheit weinend abgewendet,
So gnadenlos ist unsre Zeit.

O Einfalt gut in frommen Herzen,
Du zchtig schne Gottesbraut!
Dich schlugen sie mit frechen Scherzen,
Weil dir vor ihrer Klugheit graut.

Wo findst du nun ein Haus, vertrieben,
Wo man dir deine Wunder lt,
Das treue Tun, das schne Lieben,
Des Lebens fromm vergnglich Fest?

Wo findest du den alten Garten,
Dein Spielzeug, wunderbares Kind,
Der Sterne heil'ge Redensarten,
Das Morgenrot, den frischen Wind?

Wie hat die Sonne schn geschienen!
Nun ist so alt und schwach die Zeit;
Wie stehst so jung du unter ihnen,
Wie wird mein Herz mir stark und weit!

Der Dichter kann nicht mit verarmen;
Wenn alles um ihn her zerfllt,
Hebt ihn ein gttliches Erbarmen -
Der Dichter ist das Herz der Welt.

Den blden Willen aller Wesen,
Im Irdischen des Herren Spur,
Soll er durch Liebeskraft erlsen,
Der schne Liebling der Natur.

Drum hat ihm Gott das Wort gegeben,
Das khn das Dunkelste benennt,
Den frommen Ernst im reichen Leben,
Die Freudigkeit, die keiner kennt.

Da soll er singen frei auf Erden,
In Lust und Not auf Gott vertraun,
Da aller Herzen freier werden,
Eratmend in die Klnge schaun.

Der Ehre sei er recht zum Horte,
Der Schande leucht er ins Gesicht!
Viel Wunderkraft ist in dem Worte,
Das hell aus reinem Herzen bricht.

Vor Eitelkeit soll er vor allen
Streng hten sein unschuld'ges Herz,
Im Falschen nimmer sich gefallen,
Um eitel Witz und blanken Scherz.

O lat unedle Mhe fahren,
O klinget, gleit und spielet nicht
Mit Licht und Gnad, so ihr erfahren,
Zur Snde macht ihr das Gedicht!

Den lieben Gott la in dir walten,
Aus frischer Brust nur treulich sing!
Was wahr in dir, wird sich gestalten,
Das andre ist erbrmlich Ding. -

Den Morgen seh ich ferne scheinen,
Die Strme ziehn im grnen Grund,
Mir ist so wohl! - die's ehrlich meinen,
Die gr ich all aus Herzensgrund!

Faber reichte Friedrich, der die Gitarre wieder weglegte, die Hand zur
Vershnung. - Der Morgen warf unterdes wirklich schon vom Meere her ungewisse
Scheine ber den dmmernden Himmel, hin und wieder erwachten schon frhe Vgel
im Walde, alle Wipfel fingen an sich frischer zu rhren. Da sprang Leontin
frhlich mitten auf den Tisch, hob sein Glas hoch in die Hh und sang:

Khle auf dem schnen Rheine
Fuhren wir vereinte Brder,
Tranken von dem goldnen Weine,
Singend gute deutsche Lieder.
Was uns dort erfllt' die Brust,
Sollen wir halten,
Niemals erkalten,
Und vollbringen treu mit Lust!
Und so wollen wir uns teilen,
Eines Fels' verschiedne Quellen,
Bleiben so auf hundert Meilen
Ewig redliche Gesellen!

Alle stieen freudig mit ihren Glsern an, und Leontin sprang wieder vom Tische
herab. Denn soeben sahen sie Rudolf, unter beiden Armen schwer bepackt, aus der
Burg auf sie zukommen. Lustig! lustig! rief er, als er den glserklirrenden
Jubel sah, frisch, spielt auf, Flten und Geigen! Da habt ihr Gold! Hierbei
warf er zwei groe Geldscke vor ihnen auf die Erde, da die Goldstcke nach
allen Seiten in das Gras hervorrollten. - Das ist ein lustiges Metall, fuhr er
fort, wie es in die frhliche, unschuldige Welt hinaushpft und rollt, mit den
verwunderten Grsern funkelnd spielt und mit dunkelroten, irren Flammen zuckt,
liebugelnd, klingend und lockend! Verfluchter, unterirdischer, rotugiger
Lgengeist, der niemals hlt, was er verspricht! Da, nehmt alles, greift zu!
Kauft Ehre, kauft Liebe, kauft Ruhm, Lust und alles Ergtzen der Erde, seid
immer satt und immer wieder durstiger bis ans Grab, und wenn ihr einmal frhlich
und zufrieden werdet, so mgt ihr mir danken. -
    Alle sahen ihn erstaunt an. Faber sagte: Ich achte das Geld nur, wenn ich
es brauche. Aber Dichter brauchen immer Geld. Und hiermit packte er ruhig seine
Taschen voll, so da er mit dem aufgeschwollnen Rocke sehr lcherlich anzusehen
war.

Rudolf nahm hierauf kurzen Abschied von allen und wandte sich wieder nach seinem
Schlosse zurck. Friedrich eilte ihm nach, er wollte ihn so nicht gehn lassen.
Da kehrte er sich noch einmal zu ihm. Du willst ins Kloster? fragte er ihn,
und blieb stehn. Ja, sagte Friedrich, und hielt seine Hand fest, und was
willst du nun knftig beginnen? - Nichts - war Rudolfs Antwort. - Ich bitte
dich, sagte Friedrich, versenke dich nicht so frchterlich in dich selbst.
Dort findest du nimmermehr Trost. - Du gehst niemals in die Kirche. - In mir,
erwiderte Rudolf, ist es wie ein unabsehbarer Abgrund, und alles still. -
Friedrich glaubte dabei zu bemerken, da er heimlich im Innersten bewegt war. -
    O knnt ich alles Groe wecken, fuhr er dringender fort, was in dir
verzweifelt und gebunden ringt! Hast du doch selber erzhlt, da dich alle
wissenschaftliche Philosophie nicht befriedigte, da du darin Gott und dich nie
erkanntest. So wende dich denn zur Religion zurck, wo Gott selber unmittelbar
zu dir spricht, dich strkt, belehrt und trstet! - Du meinst es gut, sagte
Rudolf finster, aber das ist es eben in mir: ich kann nicht glauben. Und da
mich denn der Himmel nicht mag, so will ich mich der Magie ergeben. Ich gehe
nach gypten, dem Lande der alten Wunder. - Hiermit drckte er seinem Bruder
schnell die Hand und ging mit groen Schritten in den Wald hinein. Sie sahen ihn
nicht mehr wieder.
    Lange blickten sie ihm nach und bedauerten den unglcklich Verwirrten, als
ein Schiffer ankam, um Leontin an die Abfahrt zu mahnen, indem soeben ein
gnstiger Wind vom Lande trieb. Alle sahen einander stillschweigend an und
schienen erschrocken, da nun der Augenblick wirklich da war, den sie selber
lange vorbereitet hatten.
    Der Schiffer bernahm das wenige Gepck, und sie machten sich sogleich auf
den Weg nach dem Meere. Friedrich begleitete sie. Langsam rckten Berge und
Wlder bei jedem Schritte immer weiter hinter ihnen zurck, das Meer rollte sich
vor ihren Blicken auseinander.
    Friedrich sagte unterwegs: Mir scheint unsre Zeit dieser weiten, ungewissen
Dmmerung zu gleichen! Licht und Schatten ringen noch ungeschieden in
wunderbaren Massen gewaltig miteinander, dunkle Wolken ziehn verhngnisschwer
dazwischen, ungewi, ob sie Tod oder Segen fhren, die Welt liegt unten in
weiter, dumpfstiller Erwartung. Kometen und wunderbare Himmelszeichen zeigen
sich wieder, Gespenster wandeln wieder durch unsre Nchte, fabelhafte Sirenen
selber tauchen, wie vor nahen Gewittern, von neuem ber den Meeresspiegel und
singen, alles weist wie mit blutigem Finger warnend auf ein groes,
unvermeidliches Unglck hin. Unsere Jugend erfreut kein sorglos leichtes Spiel,
keine frhliche Ruhe, wie unsere Vter, uns hat frhe der Ernst des Lebens
gefat. Im Kampfe sind wir geboren, und im Kampfe werden wir, berwunden oder
triumphierend, untergehn. Denn aus dem Zauberrauche unsrer Bildung wird sich ein
Kriegsgespenst gestalten, geharnischt, mit bleichem Totengesicht und blutigen
Haaren; wessen Auge in der Einsamkeit gebt, der sieht schon jetzt in den
wunderbaren Verschlingungen des Dampfes die Lineamente dazu aufringen und sich
leise formieren. Verloren ist, wen die Zeit unvorbereitet und unbewaffnet
trifft; und wie mancher, der weich und aufgelegt zu Lust und frhlichem Dichten,
sich so gern mit der Welt vertrge, wird, wie Prinz Hamlet, zu sich selber
sagen: Weh, da ich zur Welt, sie einzurichten, kam! Denn aus ihren Fugen wird
sie noch einmal kommen, ein unerhrter Kampf zwischen Altem und Neuem beginnen,
die Leidenschaften, die jetzt verkappt schleichen, werden die Larven wegwerfen,
und flammender Wahnsinn sich mit Brandfackeln in die Verwirrung strzen, als
wre die Hlle losgelassen, Recht und Unrecht, beide Parteien, in blinder Wut
einander verwechseln - Wunder werden zuletzt geschehen, um der Gerechten willen,
bis endlich die neue und doch ewig alte Sonne durch die Greuel bricht, die
Donner rollen nur noch fernab an den Bergen, die weie Taube kommt durch die
blaue Luft geflogen, und die Erde hebt sich verweint, wie eine befreite Schne,
in neuer Glorie empor. - O Leontin! wer von uns wird das erleben! -
    Sie waren unterdes ans Gestade gekommen. Leontin umarmte hierauf noch einmal
die Freunde, Friedrich kte Julie auf die Stirn, und die drei bestiegen ihr
Schiff. Faber ritt landeinwrts fort. Friedrich kehrte ins Kloster zurck, um es
niemals mehr zu verlassen.
    Als er in die Kirche eintrat, fand er dort noch alles leer und still. Nur
einige fromme Pilger waren noch hin und her in den Bnken zerstreut. Auch die
hohe, verschleierte Dame von gestern bemerkte er wieder unter ihnen. Er kniete
vor einen Altar und betete. Als er wieder aufstand und sich umwandte, wobei ihm
durch ein offenes Fenster die Morgenhelle gerade auf Brust und Gesicht fiel,
sank pltzlich die Dame ohnmchtig auf den Boden nieder. Mehrere Bedienten
sprangen herbei und brachten sie vor die Tr, wo ein Wagen ihrer zu warten
schien. - Es war Rosa.
    Friedrich hatte nichts mehr davon bemerkt. Beruhigt und glckselig war er in
den stillen Klostergarten hinausgetreten. Da sah er noch, wie von der einen
Seite Faber zwischen Strmen, Weinbergen und blhenden Grten in das blitzende,
buntbewegte Leben hinauszog, von der andern Seite sah er Leontins Schiff mit
seinem weien Segel auf der fernsten Hhe des Meeres zwischen Himmel und Wasser
verschwinden. Die Sonne ging eben prchtig auf.
