
                               Hoffmann, E. T. A.

                            Die Elixiere des Teufels

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                               E. T. A. Hoffmann

                            Die Elixiere des Teufels

          Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus, eines Kapuziners

                      Herausgegeben von dem Verfasser der

                        Fantasiestcke in Callots Manier

                            Vorwort des Herausgebers

Gern mchte ich dich, gnstiger Leser, unter jene dunkle Platanen fhren, wo ich
die seltsame Geschichte des Bruders Medardus zum ersten Male las. Du wrdest
dich mit mir auf dieselbe, in duftige Stauden und bunt glhende Blumen halb
versteckte, steinerne Bank setzen; du wrdest so wie ich recht sehnschtig nach
den blauen Bergen schauen, die sich in wunderlichen Gebilden hinter dem
sonnichten Tal auftrmen, das am Ende des Laubganges sich vor uns ausbreitet.
Aber nun wendest du dich um und erblickest kaum zwanzig Schritte hinter uns ein
gotisches Gebude, dessen Portal reich mit Staten verziert ist. - Durch die
dunklen Zweige der Platanen schauen dich Heiligenbilder recht mit klaren
lebendigen Augen an; es sind die frischen Freskogemlde, die auf der breiten
Mauer prangen. - Die Sonne steht glutrot auf dem Gebirge, der Abendwind erhebt
sich, berall Leben und Bewegung. Flsternd und rauschend gehen wunderbare
Stimmen durch Baum und Gebsch: als wrden sie steigend und steigend zu Gesang
und Orgelklang, so tnt es von ferne herber. Ernste Mnner in weit gefalteten
Gewndern wandeln, den frommen Blick emporgerichtet, schweigend durch die
Laubgnge des Gartens. Sind denn die Heiligenbilder lebendig worden und
herabgestiegen von den hohen Simsen? - Dich umwehen die geheimnisvollen Schauer
der wunderbaren Sagen und Legenden, die dort abgebildet, dir ist, als geschhe
alles vor deinen Augen, und willig magst du daran glauben. In dieser Stimmung
liesest du die Geschichte des Medardus, und wohl magst du auch dann die
sonderbaren Visionen des Mnchs fr mehr halten als fr das regellose Spiel der
erhitzten Einbildungskraft. -
    Da du, gnstiger Leser, soeben Heiligenbilder, ein Kloster und Mnche
geschaut hast, so darf ich kaum hinzufgen, da es der herrliche Garten des
Kapuzinerklosters in B. war, in den ich dich gefhrt hatte.
    Als ich mich einst in diesem Kloster einige Tage aufhielt, zeigte mir der
ehrwrdige Prior die von dem Bruder Medardus nachgelassene, im Archiv
aufbewahrte Papiere als eine Merkwrdigkeit, und nur mit Mhe berwand ich des
Priors Bedenken, sie mir mitzuteilen. Eigentlich, meinte der Alte, htten diese
Papiere verbrannt werden sollen. - Nicht ohne Furcht, du werdest des Priors
Meinung sein, gebe ich dir, gnstiger Leser, nun das aus jenen Papieren geformte
Buch in die Hnde. Entschlieest du dich aber, mit dem Medardus, als seist du
sein treuer Gefhrte, durch finstre Kreuzgnge und Zellen - durch die bunte -
bunteste Welt zu ziehen und mit ihm das Schauerliche, Entsetzliche, Tolle,
Possenhafte seines Lebens zu ertragen, so wirst du dich vielleicht an den
mannigfachen Bildern der Camera obscura, die sich dir aufgetan, ergtzen. - Es
kann auch kommen, da das gestaltlos Scheinende, sowie du schrfer es ins Auge
fassest, sich dir bald deutlich und rund darstellt. Du erkennst den verborgenen
Keim, den ein dunkles Verhngnis gebar, und der, zur ppigen Pflanze
emporgeschossen, fort und fort wuchert, in tausend Ranken, bis eine Blte, zur
Frucht reifend, allen Lebenssaft an sich zieht und den Keim selbst ttet. -
    Nachdem ich die Papiere des Kapuziners Medardus recht emsig durchgelesen,
welches mir schwer genug wurde, da der Selige eine sehr kleine, unleserliche
mnchische Handschrift geschrieben, war es mir auch, als knne das, was wir
insgemein Traum und Einbildung nennen, wohl die symbolische Erkenntnis des
geheimen Fadens sein, der sich durch unser Leben zieht, es festknpfend in allen
seinen Bedingungen, als sei der aber fr verloren zu achten, der mit jener
Erkenntnis die Kraft gewonnen glaubt, jenen Faden gewaltsam zu zerreien und es
aufzunehmen mit der dunklen Macht, die ber uns gebietet.
    Vielleicht geht es dir, gnstiger Leser, wie mir, und das wnschte ich denn
aus erheblichen Grnden recht herzlich.


                                  Erster Teil

                                Erster Abschnitt

                  Die Jahre der Kindheit und das Klosterleben

Nie hat mir meine Mutter gesagt, in welchen Verhltnissen mein Vater in der Welt
lebte; rufe ich mir aber alles das ins Gedchtnis zurck, was sie mir schon in
meiner frhesten Jugend von ihm erzhlte, so mu ich wohl glauben, da es ein
mit tiefen Kenntnissen begabter lebenskluger Mann war. Eben aus diesen
Erzhlungen und einzelnen uerungen meiner Mutter ber ihr frheres Leben, die
mir erst spter verstndlich worden, wei ich, da meine Eltern von einem
bequemen Leben, welches sie im Besitz vieles Reichtums fhrten, herabsanken in
die drckendste bitterste Armut, und da mein Vater, einst durch den Satan
verlockt zum verruchten Frevel, eine Todsnde beging, die er, als ihn in spten
Jahren die Gnade Gottes erleuchtete, abben wollte auf einer Pilgerreise nach
der heiligen Linde im weit entfernten kalten Preuen. - Auf der beschwerlichen
Wanderung dahin fhlte meine Mutter nach mehreren Jahren der Ehe zum erstenmal,
da diese nicht unfruchtbar bleiben wrde, wie mein Vater befrchtet, und seiner
Drftigkeit unerachtet war er hoch erfreut, weil nun eine Vision in Erfllung
gehen sollte, in welcher ihm der heilige Bernardus Trost und Vergebung der Snde
durch die Geburt eines Sohnes zugesichert hatte. In der heiligen Linde erkrankte
mein Vater, und je weniger er die vorgeschriebenen beschwerlichen
Andachtsbungen seiner Schwche unerachtet aussetzen wollte, desto mehr nahm das
bel berhand; er starb entsndigt und getrstet in demselben Augenblick, als
ich geboren wurde. - Mit dem ersten Bewutsein dmmern in mir die lieblichen
Bilder von dem Kloster und von der herrlichen Kirche in der heiligen Linde auf.
Mich umrauscht noch der dunkle Wald - mich umduften noch die ppig aufgekeimten
Grser, die bunten Blumen, die meine Wiege waren. Kein giftiges Tier, kein
schdliches Insekt nistet in dem Heiligtum der Gebenedeiten; nicht das Sumsen
einer Fliege, nicht das Zirpen des Heimchens unterbricht die heilige Stille, in
der nur die frommen Gesnge der Priester erhallen, die, mit den Pilgern goldne
Rauchfsser schwingend, aus denen der Duft des Weihrauchopfers emporsteigt, in
langen Zgen daherziehen. Noch sehe ich mitten in der Kirche den mit Silber
berzogenen Stamm der Linde, auf welche die Engel das wunderttige Bild der
heiligen Jungfrau niedersetzten. Noch lcheln mich die bunten Gestalten der
Engel - der Heiligen - von den Wnden, von der Decke der Kirche an! - Die
Erzhlungen meiner Mutter von dem wundervollen Kloster, wo ihrem tiefsten
Schmerz gnadenreicher Trost zuteil wurde, sind so in mein Innres gedrungen, da
ich alles selbst gesehen, selbst erfahren zu haben glaube, unerachtet es
unmglich ist, da meine Erinnerung so weit hinausreicht, da meine Mutter nach
anderthalb Jahren die heilige Sttte verlie. - So ist es mir, als htte ich
selbst einmal in der den Kirche die wunderbare Gestalt eines ernsten Mannes
gesehen, und es sei eben der fremde Maler gewesen, der in uralter Zeit, als eben
die Kirche gebaut, erschien, dessen Sprache niemand verstehen konnte und der mit
kunstgebter Hand in gar kurzer Zeit die Kirche auf das herrlichste ausmalte,
dann aber, als er fertig worden, wieder verschwand. - So gedenke ich ferner noch
eines alten fremdartig gekleideten Pilgers mit langem grauen Barte, der mich oft
auf den Armen umhertrug, im Walde allerlei bunte Moose und Steine suchte und mit
mir spielte; unerachtet ich gewi glaube, da nur aus der Beschreibung meiner
Mutter sich im Innern sein lebhaftes Bild erzeugt hat. Er brachte einmal einen
fremden wunderschnen Knaben mit, der mit mir von gleichem Alter war. Uns
herzend und kssend, saen wir im Grase, ich schenkte ihm alle meine bunten
Steine, und er wute damit allerlei Figuren auf dem Erdboden zu ordnen, aber
immer bildete sich daraus zuletzt die Gestalt des Kreuzes. Meine Mutter sa
neben uns auf einer steinernen Bank, und der Alte schaute, hinter ihr stehend,
mit mildem Ernst unsern kindischen Spielen zu. Da traten einige Jnglinge aus
dem Gebsch, die, nach ihrer Kleidung und nach ihrem ganzen Wesen zu urteilen,
wohl nur aus Neugierde und Schaulust nach der heiligen Linde gekommen waren.
Einer von ihnen rief, indem er uns gewahr wurde, lachend: Sieh da! eine heilige
Familie, das ist etwas fr meine Mappe! - Er zog wirklich Papier und Krayon
hervor und schickte sich an uns zu zeichnen, da erhob der alte Pilger sein Haupt
und rief zornig: Elender Sptter, du willst ein Knstler sein, und in deinem
Innern brannte nie die Flamme des Glaubens und der Liebe; aber deine Werke
werden tot und starr bleiben wie du selbst, und du wirst wie ein Verstoener in
einsamer Leere verzweifeln und untergehen in deiner eignen Armseligkeit. - Die
Jnglinge eilten bestrzt von dannen. - Der alte Pilger sagte zu meiner Mutter:
Ich habe Euch heute ein wunderbares Kind gebracht, damit es in Euerm Sohn den
Funken der Liebe entznde, aber ich mu es wieder von Euch nehmen, und Ihr
werdet es wohl sowie mich selbst nicht mehr schauen. Euer Sohn ist mit vielen
Gaben herrlich ausgestattet, aber die Snde des Vaters kocht und grt in seinem
Blute, er kann jedoch sich zum wackern Kmpen fr den Glauben aufschwingen,
lasset ihn geistlich werden! - Meine Mutter konnte nicht genug sagen, welchen
tiefen unauslschlichen Eindruck die Worte des Pilgers auf sie gemacht hatten;
sie beschlo aber demunerachtet, meiner Neigung durchaus keinen Zwang anzutun,
sondern ruhig abzuwarten, was das Geschick ber mich verhngen und wozu es mich
leiten wrde, da sie an irgend eine andere hhere Erziehung, als die sie selbst
mir zu geben imstande war, nicht denken konnte. - Meine Erinnerungen aus
deutlicher, selbst gemachter Erfahrung heben von dem Zeitpunkt an, als meine
Mutter auf der Heimreise in das Zisterzienser Nonnenkloster gekommen war, dessen
gefrstete btissin, die meinen Vater gekannt hatte, sie freundlich aufnahm. Die
Zeit von jener Begebenheit mit dem alten Pilger, welche ich in der Tat aus
eigner Anschauung wei, so da sie meine Mutter nur rcksichts der Reden des
Malers und des alten Pilgers ergnzt hat, bis zu dem Moment, als mich meine
Mutter zum erstenmal zur btissin brachte, macht eine vllige Lcke: nicht die
leiseste Ahnung ist mir davon brig geblieben. Ich finde mich erst wieder, als
die Mutter meinen Anzug, soviel es ihr nur mglich war, besserte und ordnete.
Sie hatte neue Bnder in der Stadt gekauft, sie verschnitt mein wildverwachsnes
Haar, sie putzte mich mit aller Mhe und schrfte mir dabei ein, mich ja recht
fromm und artig bei der Frau btissin zu betragen. Endlich stieg ich an der Hand
meiner Mutter die breiten steinernen Treppen herauf und trat in das hohe,
gewlbte, mit heiligen Bildern ausgeschmckte Gemach, in dem wir die Frstin
fanden. Es war eine groe, majesttische schne Frau, der die Ordenstracht eine
Ehrfurcht einflende Wrde gab. Sie sah mich mit einem ernsten, bis ins
Innerste dringenden Blick an und frug: Ist das Euer Sohn? - Ihre Stimme, ihr
ganzes Ansehn - selbst die fremde Umgebung, das hohe Gemach, die Bilder, alles
wirkte so auf mich, da ich, von dem Gefhl eines inneren Grauens ergriffen,
bitterlich zu weinen anfing. Da sprach die Frstin, indem sie mich milder und
gtiger anblickte: Was ist dir, Kleiner, frchtest du dich vor mir? - Wie heit
Euer Sohn, liebe Frau? - Franz, erwiderte meine Mutter, da rief die Frstin
mit der tiefsten Wehmut: Franziskus! und hob mich auf und drckte mich heftig
an sich, aber in dem Augenblick prete mir ein jher Schmerz, den ich am Halse
fhlte, einen starken Schrei aus, so da die Frstin erschrocken mich loslie
und die durch mein Betragen ganz bestrzt gewordene Mutter auf mich zusprang, um
nur gleich mich fortzufhren. Die Frstin lie das nicht zu: es fand sich, da
das diamantne Kreuz, welches die Frstin auf der Brust trug, mich, indem sie
heftig mich an sich drckte, am Halse so stark beschdigt hatte, da die Stelle
ganz rot und mit Blut unterlaufen war. Armer Franz, sprach die Frstin, ich
habe dir weh getan, aber wir wollen doch noch gute Freunde werden. - Eine
Schwester brachte Zuckerwerk und sen Wein, ich lie mich, jetzt schon dreister
geworden, nicht lange ntigen, sondern naschte tapfer von den Sigkeiten, die
mir die holde Frau, welche sich gesetzt und mich auf den Scho genommen hatte,
selbst in den Mund steckte. Als ich einige Tropfen des sen Getrnks, das mir
bis jetzt ganz unbekannt gewesen, gekostet, kehrte mein munterer Sinn, die
besondere Lebendigkeit, die nach meiner Mutter Zeugnis von meiner frhsten
Jugend mir eigen war, zurck. Ich lachte und schwatzte zum grten Vergngen der
btissin und der Schwester, die im Zimmer geblieben. Noch ist es mir
unerklrlich, wie meine Mutter darauf verfiel, mich aufzufordern, der Frstin
von den schnen herrlichen Dingen meines Geburtsortes zu erzhlen, und ich, wie
von einer hheren Macht inspiriert, ihr die schnen Bilder des fremden
unbekannten Malers so lebendig, als habe ich sie im tiefsten Geiste aufgefat,
beschreiben konnte. Dabei ging ich ganz ein in die herrlichen Geschichten der
Heiligen, als sei ich mit allen Schriften der Kirche schon bekannt und vertraut
geworden. Die Frstin, selbst meine Mutter, blickten mich voll Erstaunen an,
aber je mehr ich sprach, desto hher stieg meine Begeisterung, und als mich
endlich die Frstin frug: Sage mir, liebes Kind, woher weit du denn das
alles? - da antwortete ich, ohne mich einen Augenblick zu besinnen, da der
schne wunderbare Knabe, den einst ein fremder Pilgersmann mitgebracht htte,
mir alle Bilder in der Kirche erklrt, ja selbst noch manches Bild mit bunten
Steinen gemalt und mir nicht allein den Sinn davon gelset, sondern auch viele
andere heilige Geschichten erzhlt htte. -
    Man lutete zur Vesper, die Schwester hatte eine Menge Zuckerwerk in eine
Tte gepackt, die sie mir gab und die ich voller Vergngen einsteckte. Die
btissin stand auf und sagte zu meiner Mutter: Ich sehe Euern Sohn als meinen
Zgling an, liebe Frau, und will von nun an fr ihn sorgen. Meine Mutter konnte
vor Wehmut nicht sprechen, sie kte, heie Trnen vergieend, die Hnde der
Frstin. Schon wollten wir zur Tr hinaustreten, als die Frstin uns nachkam,
mich nochmals aufhob, sorgfltig das Kreuz beiseite schiebend, mich an sich
drckte und heftig weinend, so da die heien Tropfen auf meine Stirne fielen,
ausrief: Franziskus! - Bleibe fromm und gut! - Ich war im Innersten bewegt und
mute auch weinen, ohne eigentlich zu wissen warum. -
    Durch die Untersttzung der btissin gewann der kleine Haushalt meiner
Mutter, die unfern dem Kloster in einer kleinen Meierei wohnte, bald ein
besseres Ansehen. Die Not hatte ein Ende, ich ging besser gekleidet und geno
den Unterricht des Pfarrers, dem ich zugleich, wenn er in der Klosterkirche das
Amt hielt, als Chorknabe diente. -
    Wie umfngt mich noch wie ein seliger Traum die Erinnerung an jene
glckliche Jugendzeit! - Ach, wie ein fernes heiliges Land, wo die Freude wohnt
und die ungetrbte Heiterkeit des kindlichen unbefangenen Sinnes, liegt die
Heimat weit, weit hinter mir, aber wenn ich zurckblicke, da ghnt mir die Kluft
entgegen, die mich auf ewig von ihr geschieden. Von heier Sehnsucht ergriffen,
trachte ich immer mehr und mehr, die Geliebten zu erkennen, die ich drben, wie
im Purpurschimmer des Frhrots wandelnd, erblicke, ich whne ihre holden Stimmen
zu vernehmen. Ach! - gibt es denn eine Kluft, ber die die Liebe mit starkem
Fittich sich nicht hinwegschwingen knnte? Was ist fr die Liebe der Raum, die
Zeit! - Lebt sie nicht im Gedanken, und kennt der denn ein Ma? - Aber finstre
Gestalten steigen auf, und immer dichter und dichter sich zusammendrngend,
immer enger und enger mich einschlieend, versperren sie die Aussicht und
befangen meinen Sinn mit den Drangsalen der Gegenwart, da selbst die Sehnsucht,
welche mich mit namenlosem wonnevollem Schmerz erfllte, nun zu ttender
heilloser Qual wird! -
    Der Pfarrer war die Gte selbst, er wute meinen lebhaften Geist zu fesseln,
er wute seinen Unterricht so nach meiner Sinnesart zu formen, da ich Freude
daran fand und schnelle Fortschritte machte. - Meine Mutter liebte ich ber
alles, aber die Frstin verehrte ich wie eine Heilige, und es war ein
feierlicher Tag fr mich, wenn ich sie sehen durfte. Jedesmal nahm ich mir vor,
mit den neuerworbenen Kenntnissen recht vor ihr zu leuchten, aber wenn sie kam,
wenn sie freundlich mich anredete, da konnte ich kaum ein Wort herausbringen,
ich mochte nur sie anschauen, nur sie hren. Jedes ihrer Worte blieb tief in
meiner Seele zurck, noch den ganzen Tag ber, wenn ich sie gesprochen, befand
ich mich in wunderbarer feierlicher Stimmung, und ihre Gestalt begleitete mich
auf den Spaziergngen, die ich dann besuchte. - Welches namenlose Gefhl
durchbebte mich, wenn ich, das Rauchfa schwingend, am Hochaltare stand, und nun
die Tne der Orgel von dem Chore herabstrmten und, wie zur brausenden Flut
anschwellend, mich fortrissen - wenn ich dann in dem Hymnus ihre Stimme
erkannte, die wie ein leuchtender Strahl zu mir herabdrang und mein Inneres mit
den Ahnungen des Hchsten - des Heiligsten erfllte. Aber der herrlichste Tag,
auf den ich mich wochenlang freute, ja, an den ich niemals ohne inneres
Entzcken denken konnte, war das Fest des heiligen Bernardus, welches, da er der
Heilige der Zisterzienser ist, im Kloster durch einen groen Abla auf das
feierlichste begangen wurde. Schon den Tag vorher strmten aus der benachbarten
Stadt sowie aus der ganzen umliegenden Gegend eine Menge Menschen herbei und
lagerten sich auf der groen blumichten Wiese, die sich an das Kloster schlo,
so da das frohe Getmmel Tag und Nacht nicht aufhrte. Ich erinnere mich nicht,
da die Witterung in der gnstigen Jahreszeit (der Bernardustag fllt in den
August) dem Feste jemals ungnstig gewesen sein sollte. In bunter Mischung sah
man hier andchtige Pilger, Hymnen singend, daherwandeln, dort Bauerbursche sich
mit den geputzten Dirnen jubelnd umhertummeln - Geistliche, die in frommer
Betrachtung, die Hnde andchtig gefaltet, in die Wolken schauen -
Brgerfamilien im Grase gelagert, die die hochgefllten Speisekrbe auspacken
und ihr Mahl verzehren. Lustiger Gesang, fromme Lieder, die inbrnstigen Seufzer
der Benden, das Gelchter der Frhlichen, Klagen, Jauchzen, Jubel, Scherze,
Gebet erfllen wie in wunderbarem, betubendem Konzert die Lfte! - Aber sowie
die Glocke des Klosters anschlgt, verhallt das Getse pltzlich - soweit das
Auge nur reicht, ist alles, in dichte Reihen gedrngt, auf die Knie gesunken,
und nur das dumpfe Murmeln des Gebets unterbricht die heilige Stille. Der letzte
Schlag der Glocke tnt aus, die bunte Menge strmt wieder durcheinander, und
aufs neue erschallt der minutenlang unterbrochene Jubel. - Der Bischof selbst,
welcher in der benachbarten Stadt residiert, hielt an dem Bernardustage in der
Kirche des Klosters, bedient von der untern Geistlichkeit des Hochstifts, das
feierliche Hochamt, und seine Kapelle fhrte auf einer Tribne, die man zur
Seite des Hochaltars errichtet und mit reicher, seltener Hautelisse behngt
hatte, die Musik aus. - Noch jetzt sind die Empfindungen, die damals meine Brust
durchbebten, nicht erstorben, sie leben auf in jugendlicher Frische, wenn ich
mein Gemt ganz zuwende jener seligen Zeit, die nur zu schnell verschwunden. Ich
gedenke lebhaft eines Gloria, welches mehrmals ausgefhrt wurde, da die Frstin
eben diese Komposition vor allen andern liebte. - Wenn der Bischof das Gloria
intoniert hatte und nun die mchtigen Tne des Chors daher brausten: Gloria in
excelsis deo! - war es nicht, als ffne sich die Wolkenglorie ber dem
Hochaltar? - ja, als erglhten durch ein gttliches Wunder die gemalten Cherubim
und Seraphim zum Leben und regten und bewegten die starken Fittiche und
schwebten auf und nieder, Gott lobpreisend mit Gesang und wunderbarem
Saitenspiel? - Ich versank in das hinbrtende Staunen der begeisterten Andacht,
die mich durch glnzende Wolken in das ferne bekannte, heimatliche Land trug,
und in dem duftenden Walde ertnten die holden Engelsstimmen, und der wunderbare
Knabe trat wie aus hohen Lilienbschen mir entgegen und frug mich lchelnd: Wo
warst du denn so lange, Franziskus? - ich habe viele schne bunte Blumen, die
will ich dir alle schenken, wenn du bei mir bleibst und mich liebst immerdar. -
    Nach dem Hochamt hielten die Nonnen unter dem Vortritt der btissin, die mit
der Inful geschmckt war und den silbernen Hirtenstab trug, eine feierliche
Prozession durch die Gnge des Klosters und durch die Kirche. Welche Heiligkeit,
welche Wrde, welche berirdische Gre strahlte aus jedem Blick der herrlichen
Frau, leitete jede ihrer Bewegungen! Es war die triumphierende Kirche selbst,
die dem frommen glubigen Volke Gnade und Segen verhie. Ich htte mich vor ihr
in den Staub werfen mgen, wenn ihr Blick zufllig auf mich fiel. - Nach
beendigtem Gottesdienst wurde die Geistlichkeit sowie die Kapelle des Bischofs
in einem groen Saal des Klosters bewirtet. Mehrere Freunde des Klosters,
Offizianten, Kaufleute aus der Stadt, nahmen an dem Mahle teil, und ich durfte,
weil mich der Konzertmeister des Bischofs liebgewonnen und gern sich mit mir zu
schaffen machte, auch dabei sein. Hatte sich erst mein Innres, von heiliger
Andacht durchglht, ganz dem berirdischen zugewendet, so trat jetzt das frohe
Leben auf mich ein und umfing mich mit seinen bunten Bildern. Allerlei lustige
Erzhlungen, Spe und Schwnke wechselten unter dem lauten Gelchter der Gste,
wobei die Flaschen fleiig geleert wurden, bis der Abend hereinbrach und die
Wagen zur Heimfahrt bereitstanden.
    Sechzehn Jahre war ich alt geworden, als der Pfarrer erklrte, da ich nun
vorbereitet genug sei, die hheren theologischen Studien in dem Seminar der
benachbarten Stadt zu beginnen: ich hatte mich nmlich ganz fr den geistlichen
Stand entschieden, und dies erfllte meine Mutter mit der innigsten Freude, da
sie hiedurch die geheimnisvollen Andeutungen des Pilgers, die in gewisser Art
mit der merkwrdigen, mir unbekannten Vision meines Vaters in Verbindung stehen
sollten, erklrt und erfllt sah. Durch meinen Entschlu glaubte sie erst die
Seele meines Vaters entshnt und von der Qual ewiger Verdammnis errettet. Auch
die Frstin, die ich jetzt nur im Sprachzimmer sehen konnte, billigte hchlich
mein Vorhaben und wiederholte ihr Versprechen, mich bis zur Erlangung einer
geistlichen Wrde mit allem Ntigen zu untersttzen. Unerachtet die Stadt so
nahe lag, da man von dem Kloster aus die Trme sehen konnte, und nur irgend
rstige Fugnger von dort her die heitre, anmutige Gegend des Klosters zu ihren
Spaziergngen whlten, so wurde mir doch der Abschied von meiner guten Mutter,
von der herrlichen Frau, die ich so tief im Gemte verehrte, sowie von meinem
guten Lehrer recht schwer. Es ist ja auch gewi, da dem Schmerz der Trennung
jede Spanne auerhalb dem Kreise der Lieben der weitesten Entfernung gleich
dnkt! - Die Frstin war auf besondere Weise bewegt, ihre Stimme zitterte vor
Wehmut, als sie noch salbungsvolle Worte der Ermahnung sprach. Sie schenkte mir
einen zierlichen Rosenkranz und ein kleines Gebetbuch mit sauber illuminierten
Bildern. Dann gab sie mir noch ein Empfehlungsschreiben an den Prior des
Kapuzinerklosters in der Stadt, den sie mir empfahl gleich aufzusuchen, da er
mir in allem mit Rat und Tat eifrigst beistehen werde.
    Gewi gibt es nicht so leicht eine anmutigere Gegend, als diejenige ist, in
welcher das Kapuzinerkloster dicht vor der Stadt liegt. Der herrliche
Klostergarten mit der Aussicht in die Gebirge hinein schien mir jedesmal, wenn
ich in den langen Alleen wandelte und bald bei dieser, bald bei jener ppigen
Baumgruppe stehen blieb, in neuer Schnheit zu erglnzen. - Gerade in diesem
Garten traf ich den Prior Leonardus, als ich zum erstenmal das Kloster besuchte,
um mein Empfehlungsschreiben von der btissin abzugeben. - Die dem Prior eigne
Freundlichkeit wurde noch erhht, als er den Brief las, und er wute so viel
Anziehendes von der herrlichen Frau, die er schon in frhen Jahren in Rom kennen
gelernt, zu sagen, da er schon dadurch im ersten Augenblick mich ganz an sich
zog. Er war von den Brdern umgeben, und man durchblickte bald das ganze
Verhltnis des Priors mit den Mnchen, die ganze klsterliche Einrichtung und
Lebensweise: die Ruhe und Heiterkeit des Geistes, welche sich in dem uerlichen
des Priors deutlich aussprach, verbreitete sich ber alle Brder. Man sah
nirgends eine Spur des Mimuts oder jener feindlichen, ins Innere zehrenden
Verschlossenheit, die man sonst wohl auf den Gesichtern der Mnche wahrnimmt.
Unerachtet der strengen Ordensregel waren die Andachtsbungen dem Prior
Leonardus mehr Bedrfnis des dem Himmlischen zugewandten Geistes, als asketische
Bue fr die der menschlichen Natur anklebende Snde, und er wute diesen Sinn
der Andacht so in den Brdern zu entznden, da sich ber alles, was sie tun
muten, um der Regel zu gengen, eine Heiterkeit und Gemtlichkeit ergo, die in
der Tat ein hheres Sein in der irdischen Beengtheit erzeugte. - Selbst eine
gewisse schickliche Verbindung mit der Welt wute der Prior Leonardus
herzustellen, die fr die Brder nicht anders als heilsam sein konnte.
Reichliche Spenden, die von allen Seiten dem allgemein hochgeachteten Kloster
dargebracht wurden, machten es mglich, an gewissen Tagen die Freunde und
Beschtzer des Klosters in dem Refektorium zu bewirten. Dann wurde in der Mitte
des Speisesaals eine lange Tafel gedeckt, an deren oberem Ende der Prior
Leonardus bei den Gsten sa. Die Brder blieben an der schmalen, der Wand
entlang stehenden Tafel und bedienten sich ihres einfachen Geschirres, der Regel
gem, whrend an der Gasttafel alles sauber und zierlich mit Porzellan und Glas
besetzt war. Der Koch des Klosters wute vorzglich auf eine leckere Art
Fastenspeisen zuzubereiten, die den Gsten gar wohl schmeckten. Die Gste
sorgten fr den Wein, und so waren die Mahle im Kapuzinerkloster ein
freundliches, gemtliches Zusammentreten des Profanen mit dem Geistlichen,
welches in wechselseitiger Rckwirkung fr das Leben nicht ohne Nutzen sein
konnte. Denn indem die im weltlichen Treiben Befangenen hinaustraten und
eingingen in die Mauern, wo alles das ihrem Tun schnurstracks entgegengesetzte
Leben der Geistlichen verkndet, muten sie, von manchem Funken, der in ihre
Seele fiel, aufgeregt, eingestehen, da auch wohl auf andere Wege, als auf dem,
den sie eingeschlagen, Ruhe und Glck zu finden sei, ja, da vielleicht der
Geist, je mehr er sich ber das Irdische erhebe, dem Menschen schon hienieden
ein hheres Sein bereiten knne. Dagegen gewannen die Mnche an Lebensumsicht
und Weisheit, da die Kunde, welche sie von dem Tun und Treiben der bunten Welt
auerhalb ihrer Mauern erhielten, in ihnen Betrachtungen mancherlei Art
erweckte. Ohne dem Irdischen einen falschen Wert zu verleihen, muten sie in der
verschiedenen, aus dem Innern bestimmten Lebensweise der Menschen die
Notwendigkeit einer solchen Strahlenbrechung des geistigen Prinzips, ohne welche
alles farb- und glanzlos geblieben wre, anerkennen. ber alle hocherhaben
rcksichts der geistigen und wissenschaftlichen Ausbildung stand von jeher der
Prior Leonardus. Auerdem da er allgemein fr einen wackern Gelehrten in der
Theologie galt, so, da er mit Leichtigkeit und Tiefe die schwierigsten Materien
abzuhandeln wute und sich die Professoren des Seminars oft bei ihm Rat und
Belehrung holten, war er auch mehr, als man es wohl einem Klostergeistlichen
zutrauen kann, fr die Welt ausgebildet. Er sprach mit Fertigkeit und Eleganz
das Italienische und Franzsische, und seiner besonderen Gewandtheit wegen hatte
man ihn in frherer Zeit zu wichtigen Missionen gebraucht. Schon damals, als ich
ihn kennen lernte, war er hochbejahrt, aber indem sein weies Haar von seinem
Alter zeugte, blitzte aus den Augen noch jugendliches Feuer, und das anmutige
Lcheln, welches um seine Lippen schwebte, erhhte den Ausdruck der innern
Behaglichkeit und Gemtsruhe. Dieselbe Grazie, welche seine Rede schmckte,
herrschte in seinen Bewegungen, und selbst die unbehilfliche Ordenstracht
schmiegte sich wundersam den wohlgebauten Formen seines Krpers an. Es befand
sich kein einziger unter den Brdern, den nicht eigne freie Wahl, den nicht
sogar das von der innern geistigen Stimmung erzeugte Bedrfnis in das Kloster
gebracht htte; aber auch den Unglcklichen, der im Kloster den Port gesucht
htte, um der Vernichtung zu entgehen, htte Leonardus bald getrstet; seine
Bue wre der kurze bergang zur Ruhe geworden, und, mit der Welt vershnt, ohne
ihren Tand zu achten, htte er, im Irdischen lebend, doch sich bald ber das
Irdische erhoben. Diese ungewhnlichen Tendenzen des Klosterlebens hatte
Leonardus in Italien aufgefat, wo der Kultus und mit ihm die ganze Ansicht des
religisen Lebens heitrer ist als in dem katholischen Deutschland. So wie bei
dem Bau der Kirchen noch die antiken Formen sich erhielten, so scheint auch ein
Strahl aus jener heitern lebendigen Zeit des Altertums in das mystische Dunkel
des Christianism gedrungen zu sein und es mit dem wunderbaren Glanze erhellt zu
haben, der sonst die Gtter und Helden umstrahlte.
    Leonardus gewann mich lieb, er unterrichtete mich im Italienischen und
Franzsischen, vorzglich waren es aber die mannigfachen Bcher, welche er mir
in die Hnde gab, sowie seine Gesprche, die meinen Geist auf besondere Weise
ausbildeten. Beinahe die ganze Zeit, welche meine Studien im Seminar mir brig
lieen, brachte ich im Kapuzinerkloster zu, und ich sprte, wie immer mehr meine
Neigung zunahm, mich einkleiden zu lassen. Ich erffnete dem Prior meinen
Wunsch; ohne mich indessen gerade davon abbringen zu wollen, riet er mir,
wenigstens noch ein paar Jahre zu warten und unter der Zeit mich mehr als bisher
in der Welt umzusehen. So wenig es mir indessen an anderer Bekanntschaft fehlte,
die ich mir vorzglich durch den bischflichen Konzertmeister, welcher mich in
der Musik unterrichtete, erworben, so fhlte ich mich doch in jeder Gesellschaft
und vorzglich, wenn Frauenzimmer zugegen waren, auf unangenehme Weise befangen,
und dies sowie berhaupt der Hang zum kontemplativen Leben schien meinen innern
Beruf zum Kloster zu entscheiden. -
    Einst hatte der Prior viel Merkwrdiges mit mir gesprochen ber das profane
Leben; er war eingedrungen in die schlpfrigsten Materien, die er aber mit
seiner gewhnlichen Leichtigkeit und Anmut des Ausdrucks zu behandeln wute, so
da er, alles nur im mindesten Anstige vermeidend, doch immer auf den rechten
Fleck traf. Er nahm endlich meine Hand, sah mir scharf ins Auge und frug, ob ich
noch unschuldig sei. - Ich fhlte mich erglhen, denn indem Leonardus mich so
verfnglich frug, sprang ein Bild in den lebendigsten Farben hervor, welches so
lange ganz von mir gewichen. - Der Konzertmeister hatte eine Schwester, welche
gerade nicht schn genannt zu werden verdiente, aber doch, in der hchsten Blte
stehend, ein beraus reizendes Mdchen war. Vorzglich zeichnete sie ein im
reinsten Ebenma geformter Wuchs aus; sie hatte die schnsten Arme, den
schnsten Busen in Form und Kolorit, den man nur sehen kann. - Eines Morgens,
als ich zum Konzertmeister gehen wollte meines Unterrichts halber, berraschte
ich die Schwester im leichten Morgenanzuge, mit beinahe ganz entblter Brust;
schnell warf sie zwar das Tuch ber, aber doch schon zu viel hatten meine
gierigen Blicke erhascht, ich konnte kein Wort sprechen, nie gekannte Gefhle
regten sich strmisch in mir und trieben das glhende Blut durch die Adern, da
hrbar meine Pulse schlugen. Meine Brust war krampfhaft zusammengepret und
wollte zerspringen, ein leiser Seufzer machte mir endlich Luft. Dadurch, da das
Mdchen ganz unbefangen auf mich zukam, mich bei der Hand fate und trug, was
mir dann wre, wurde das bel wieder rger, und es war ein Glck, da der
Konzertmeister in die Stube trat und mich von der Qual erlste. Nie hatte ich
indessen solche falsche Akkorde gegriffen, nie so im Gesang detoniert, als
dasmal. Fromm genug war ich, um spter das Ganze fr eine bse Anfechtung des
Teufels zu halten, und ich pries mich nach kurzer Zeit recht glcklich, den
bsen Feind durch die asketischen bungen, die ich unternahm, aus dem Felde
geschlagen zu haben. Jetzt bei der verfnglichen Frage des Priors sah ich des
Konzertmeisters Schwester mit entbltem Busen vor mir stehen, ich fhlte den
warmen Hauch ihres Atems, den Druck ihrer Hand - meine innere Angst stieg mit
jedem Momente. Leonardus sah mich mit einem gewissen ironischen Lcheln an, vor
dem ich erbebte. Ich konnte seinen Blick nicht ertragen, ich schlug die Augen
nieder, da klopfte mich der Prior auf die glhenden Wangen und sprach: Ich
sehe, mein Sohn, da Sie mich gefat haben, und da es noch gut mit Ihnen steht,
der Herr bewahre Sie vor der Verfhrung der Welt; die Gensse, die sie Ihnen
darbietet, sind von kurzer Dauer, und man kann wohl behaupten, da ein Fluch
darauf ruhe, da in dem unbeschreiblichen Ekel, in der vollkommenen Erschlaffung,
in der Stumpfheit fr alles Hhere, die sie hervorbringen, das bessere geistige
Prinzip des Menschen untergeht. - So sehr ich mich mhte, die Frage des Priors
und das Bild, welches dadurch hervorgerufen wurde, zu vergessen, so wollte es
mir doch durchaus nicht gelingen, und war es mir erst geglckt, in Gegenwart
jenes Mdchens unbefangen zu sein, so scheute ich doch wieder jetzt mehr als
jemals ihren Anblick, da mich schon bei dem Gedanken an sie eine Beklommenheit,
eine innere Unruhe berfiel, die mir um so gefhrlicher schien, als zugleich
eine unbekannte wundervolle Sehnsucht und mit ihr eine Lsternheit sich regte,
die wohl sndlich sein mochte. Ein Abend sollte diesen zweifelhaften Zustand
entscheiden. Der Konzertmeister hatte mich, wie er manchmal zu tun pflegte, zu
einer musikalischen Unterhaltung, die er mit einigen Freunden veranstaltet,
eingeladen. Auer seiner Schwester waren noch mehrere Frauenzimmer zugegen, und
dieses steigerte die Befangenheit, die mir schon bei der Schwester allein den
Atem versetzte. Sie war sehr reizend gekleidet, sie kam mir schner als je vor,
es war, als zge mich eine unsichtbare unwiderstehliche Gewalt zu ihr hin, und
so kam es denn, da ich, ohne selbst zu wissen wie, mich immer ihr nahe befand,
jeden ihrer Blicke, jedes ihrer Worte begierig aufhaschte, ja mich so an sie
drngte, da wenigstens ihr Kleid im Vorbeistreifen mich berhren mute, welches
mich mit innerer, nie gefhlter Lust erfllte. Sie schien es zu bemerken und
Wohlgefallen daran zu finden; zuweilen war es mir, als mte ich sie wie in
toller Liebeswut an mich reien und inbrnstig an mich drcken! - Sie hatte
lange neben dem Flgel gesessen, endlich stand sie auf und lie auf dem Stuhl
einen ihrer Handschuhe liegen, den ergriff ich und drckte ihn im Wahnsinn
heftig an den Mund! - Das sah eins von den Frauenzimmern, die ging zu des
Konzertmeisters Schwester und flsterte ihr etwas ins Ohr, nun schauten sie
beide auf mich und kicherten und lachten hhnisch! - Ich war wie vernichtet, ein
Eisstrom go sich durch mein Inneres - besinnungslos strzte ich fort ins
Kollegium - in meine Zelle. Ich warf mich wie in toller Verzweiflung auf den
Fuboden - glhende Trnen quollen mir aus den Augen, ich verwnschte - ich
verfluchte das Mdchen - mich selbst - dann betete ich wieder und lachte
dazwischen wie ein Wahnsinniger! berall erklangen um mich Stimmen, die mich
verspotteten, verhhnten; ich war im Begriff, mich durch das Fenster zu strzen,
zum Glck verhinderten mich die Eisenstbe daran, mein Zustand war in der Tat
entsetzlich. Erst als der Morgen anbrach, wurde ich ruhiger, aber fest war ich
entschlossen, sie niemals mehr zu sehen und berhaupt der Welt zu entsagen.
Klarer als jemals stand der Beruf zum eingezogenen Klosterleben, von dem mich
keine Versuchung mehr ablenken sollte, vor meiner Seele. Sowie ich nur von den
gewhnlichen Studien loskommen konnte, eilte ich zu dem Prior in das
Kapuzinerkloster und erffnete ihm, wie ich nun entschlossen sei, mein Noviziat
anzutreten, und auch schon meiner Mutter sowie der Frstin Nachricht davon
gegeben habe. Leonardus schien ber meinen pltzlichen Eifer verwundert; ohne in
mich zu dringen, suchte er doch auf diese und jene Weise zu erforschen, was mich
wohl darauf gebracht haben knne, nun mit einemmal auf meine Einweihung zum
Klosterleben zu bestehen, denn er ahndete wohl, da ein besonderes Ereignis mir
den Impuls dazu gegeben haben msse. Eine innere Scham, die ich nicht zu
berwinden vermochte, hielt mich zurck, ihm die Wahrheit zu sagen, dagegen
erzhlte ich ihm mit dem Feuer der Exaltation, das noch in mir glhte, die
wunderbaren Begebenheiten meiner Kinderjahre, welche alle auf meine Bestimmung
zum Klosterleben hindeuteten. Leonardus hrte mich ruhig an, und ohne gerade
gegen meine Visionen Zweifel vorzubringen, schien er doch sie nicht sonderlich
zu beachten, er uerte vielmehr, wie das alles noch sehr wenig fr die Echtheit
meines Berufs sprche, da eben hier eine Illusion sehr mglich sei. berhaupt
pflegte Leonardus nicht gern von den Visionen der Heiligen, ja selbst von den
Wundern der ersten Verkndiger des Christentums zu sprechen, und es gab
Augenblicke, in denen ich in Versuchung geriet, ihn fr einen heimlichen
Zweifler zu halten. Einst erdreistete ich mich, um ihn zu irgend einer
bestimmten uerung zu ntigen, von den Verchtern des katholischen Glaubens zu
sprechen und vorzglich auf diejenigen zu schmlen, die im kindischen bermute
alles bersinnliche mit dem heillosen Schimpfworte des Aberglaubens abfertigten.
Leonardus sprach sanft lchelnd: Mein Sohn, der Unglaube ist der rgste
Aberglaube, und fing ein anderes Gesprch von fremden gleichgltigen Dingen an.
Erst spter durfte ich eingehen in seine herrliche Gedanken ber den mystischen
Teil unserer Religion, der die geheimnisvolle Verbindung unsers geistigen
Prinzips mit hheren Wesen in sich schliet, und mute mir denn wohl gestehen,
da Leonardus die Mitteilung alles des Sublimen, das aus seinem Innersten sich
ergo, mit Recht nur fr die hchste Weihe seiner Schler aufsparte. -
    Meine Mutter schrieb mir, wie sie es lngst geahnet, da der weltgeistliche
Stand mir nicht gengen, sondern da ich das Klosterleben erwhlen werde. Am
Medardustage sei ihr der alte Pilgersmann aus der heiligen Linde erschienen und
habe mich im Ordenskleide der Kapuziner an der Hand gefhrt. Auch die Frstin
war mit meinem Vorhaben ganz einverstanden. Beide sah ich noch einmal vor meiner
Einkleidung, welche, da mir, meinem innigsten Wunsche gem, die Hlfte des
Noviziats erlassen wurde, sehr bald erfolgte. Ich nahm auf Veranlassung der
Vision meiner Mutter den Klosternamen Medardus an. -
    Das Verhltnis der Brder untereinander, die innere Einrichtung rcksichts
der Andachtsbungen und der ganzen Lebensweise im Kloster bewhrte sich ganz in
der Art, wie sie mir bei dem ersten Blick erschienen. Die gemtliche Ruhe, die
in allem herrschte, go den himmlischen Frieden in meine Seele, wie er mich,
gleich einem seligen Traum aus der ersten Zeit meiner frhsten Kinderjahre im
Kloster der heiligen Linde umschwebte. Whrend des feierlichen Akts meiner
Einkleidung erblickte ich unter den Zuschauern des Konzertmeisters Schwester;
sie sah ganz schwermtig aus, und ich glaubte Trnen in ihren Augen zu
erblicken, aber vorber war die Zeit der Versuchung, und vielleicht war es
frevelnder Stolz auf den so leicht erfochtenen Sieg, der mir das Lcheln
abntigte, welches der an meiner Seite wandelnde Bruder Cyrillus bemerkte.
Worber erfreuest du dich so, mein Bruder? frug Cyrillus. Soll ich denn nicht
froh sein, wenn ich der schnden Welt und ihrem Tand entsage? antwortete ich,
aber nicht zu leugnen ist es, da, indem ich diese Worte sprach, ein
unheimliches Gefhl, pltzlich das Innerste durchbebend, mich Lgen strafte. -
Doch dies war die letzte Anwandlung irdischer Selbstsucht, nach der jene Ruhe
des Geistes eintrat. Wre sie nimmer von mir gewichen, aber die Macht des
Feindes ist gro! - Wer mag der Strke seiner Waffen, wer mag seiner Wachsamkeit
vertrauen, wenn die unterirdischen Mchte lauern? -
    Schon fnf Jahre war ich im Kloster, als nach der Verordnung des Priors mir
der Bruder Cyrillus, der alt und schwach worden, die Aufsicht ber die reiche
Reliquienkammer des Klosters bergeben sollte. Da befanden sich allerlei Knochen
von Heiligen, Spne aus dem Kreuze des Erlsers und andere Heiligtmer, die in
saubern Glasschrnken aufbewahrt und an gewissen Tagen dem Volk zur Erbauung
ausgestellt wurden. Der Bruder Cyrillus machte mich mit jedem Stcke sowie mit
den Dokumenten, die ber ihre Echtheit und ber die Wunder, welche sie bewirkt,
vorhanden, bekannt. Er stand rcksichts der geistigen Ausbildung unserm Prior an
der Seite, und um so weniger trug ich Bedenken, das zu uern, was sich
gewaltsam aus meinem Innern hervordrngte. Sollten denn, lieber Bruder
Cyrillus, sagte ich, alle diese Dinge gewi und wahrhaftig das sein, wofr man
sie ausgibt? - Sollte auch hier nicht die betrgerische Habsucht manches
untergeschoben haben, was nun als wahre Reliquie dieses oder jenes Heiligen
gilt? So z.B. besitzt irgend ein Kloster das ganze Kreuz unsers Erlsers, und
doch zeigt man berall wieder so viel Spne davon, da, wie jemand von uns
selbst, freilich in freveligem Spott, behauptete, unser Kloster ein ganzes Jahr
hindurch damit geheizt werden knnte. - Es geziemt uns wohl eigentlich nicht,
erwiderte der Bruder Cyrillus, diese Dinge einer solchen Untersuchung zu
unterziehen, allein offenherzig gestanden, bin ich der Meinung, da, der darber
sprechenden Dokumente unerachtet, wohl wenige dieser Dinge das sein drften,
wofr man sie ausgibt. Allein es scheint mir auch gar nicht darauf anzukommen.
Merke wohl auf, lieber Bruder Medardus, wie ich und unser Prior darber denken,
und du wirst unsere Religion in neuer Glorie erblicken. Ist es nicht herrlich,
lieber Bruder Medardus, da unsere Kirche darnach trachtet, jene geheimnisvollen
Fden zu erfassen, die das Sinnliche mit dem bersinnlichen verknpfen, ja
unseren zum irdischen Leben und Sein gediehenen Organism so anzuregen, da sein
Ursprung aus dem hhern geistigen Prinzip, ja seine innige Verwandtschaft mit
dem wunderbaren Wesen, dessen Kraft wie ein glhender Hauch die ganze Natur
durchdringt, klar hervortritt und uns die Ahndung eines hheren Lebens, dessen
Keim wir in uns tragen, wie mit Seraphsfittichen umweht. - Was ist jenes
Stckchen Holz - jenes Knchlein, jenes Lppchen - man sagt, aus dem Kreuz
Christi sei es gehauen, dem Krper - dem Gewande eines Heiligen entnommen; aber
den Glubigen, der, ohne zu grbeln, sein ganzes Gemt darauf richtet, erfllt
bald jene berirdische Begeisterung, die ihm das Reich der Seligkeit erschliet,
das er hienieden nur geahnet; und so wird der geistige Einflu des Heiligen,
dessen auch nur angebliche Reliquie den Impuls gab, erweckt, und der Mensch
vermag Strke und Kraft im Glauben von dem hheren Geiste zu empfangen, den er
im Innersten des Gemts um Trost und Beistand anrief. Ja, diese in ihm erweckte
hhere geistige Kraft wird selbst Leiden des Krpers zu berwinden vermgen, und
daher kommt es, da diese Reliquien jene Mirakel bewirken, die, da sie so oft
vor den Augen des versammelten Volks geschehen, wohl nicht geleugnet werden
knnen. - Ich erinnerte mich augenblicklich gewisser Andeutungen des Priors,
die ganz mit den Worten des Bruders Cyrillus bereinstimmten, und betrachtete
nun die Reliquien, die mir sonst nur als religise Spielerei erschienen, mit
wahrer innerer Ehrfurcht und Andacht. Dem Bruder Cyrillus entging diese Wirkung
seiner Rede nicht, und er fuhr nun fort, mit grerem Eifer und mit recht zum
Gemte sprechender Innigkeit mir die Sammlung Stck vor Stck zu erklren.
Endlich nahm er aus einem wohlverschlossenen Schranke ein Kistchen heraus und
sagte: Hierinnen, lieber Bruder Medardus, ist die geheimnisvollste,
wunderbarste Reliquie enthalten, die unser Kloster besitzt. Solange ich im
Kloster bin, hat dieses Kistchen niemand in der Hand gehabt als der Prior und
ich; selbst die andern Brder, viel weniger Fremde, wissen etwas von dem Dasein
dieser Reliquie. Ich kann die Kiste nicht ohne inneren Schauer anrhren, es ist,
als sei darin ein bser Zauber verschlossen, der, gelnge es ihm, den Bann, der
ihn umschliet und wirkungslos macht, zu zersprengen, Verderben und heillosen
Untergang jedem bereiten knnte, den er ereilt. - Das, was darinnen enthalten,
stammt unmittelbar von dem Widersacher her, aus jener Zeit, als er noch
sichtlich gegen das Heil der Menschen zu kmpfen vermochte. - Ich sah den
Bruder Cyrillus im hchsten Erstaunen an; ohne mir Zeit zu lassen, etwas zu
erwidern, fuhr er fort: Ich will mich, lieber Bruder Medardus, gnzlich
enthalten, in dieser hchst mystischen Sache nur irgend eine Meinung zu uern
oder wohl gar diese - jene - Hypothese aufzutischen, die mir durch den Kopf
gefahren, sondern lieber getreulich dir das erzhlen, was die ber jene Reliquie
vorhandenen Dokumente davon sagen. - Du findest diese Dokumente in jenem Schrank
und kannst sie selbst nachlesen. - Dir ist das Leben des heiligen Antonius zur
G'nge bekannt, du weit, da er, um sich von allem Irdischen zu entfernen, um
seine Seele ganz dem Gttlichen zuzuwenden, in die Wste zog und da sein Leben
den strengsten Bu- und Andachtsbungen weihte. Der Widersacher verfolgte ihn
und trat ihm oft sichtlich in den Weg, um ihn in seinen frommen Betrachtungen zu
stren. So kam es denn, da der heilige Antonius einmal in der Abenddmmerung
eine finstere Gestalt wahrnahm, die auf ihn zuschritt. In der Nhe erblickte er
zu seinem Erstaunen, da aus den Lchern des zerrissenen Mantels, den die
Gestalt trug, Flaschenhlse hervorguckten. Es war der Widersacher, der in diesem
seltsamen Aufzuge ihn hhnisch anlchelte und frug, ob er nicht von den
Elixieren, die er in den Flaschen bei sich trge, zu kosten begehre. Der heilige
Antonius, den diese Zumutung nicht einmal verdrieen konnte, weil der
Widersacher, ohnmchtig und kraftlos geworden, nicht mehr imstande war, sich auf
irgend einen Kampf einzulassen und sich daher auf hhnende Reden beschrnken
mute, frug ihn, warum er denn so viele Flaschen und auf solche besondere Weise
bei sich trge. Da antwortete der Widersacher: Siehe, wenn mir ein Mensch
begegnet, so schaut er mich verwundert an und kann es nicht lassen, nach meinen
Getrnken zu fragen und zu kosten aus Lsternheit. Unter so vielen Elixieren
findet er ja wohl eins, was ihm recht mundet, und er suft die ganze Flasche aus
und wird trunken und ergibt sich mir und meinem Reiche. - So weit steht das in
allen Legenden; nach dem besonderen Dokument, das wir ber diese Vision des
heiligen Antonius besitzen, heit es aber weiter, da der Widersacher, als er
sich von dannen hub, einige seiner Flaschen auf einen Rasen stehen lie, die der
heilige Antonius schnell in seine Hhle mitnahm und verbarg, aus Furcht, selbst
in der Einde knnte ein Verirrter, ja wohl gar einer seiner Schler von dem
entsetzlichen Getrnke kosten und ins ewige Verderben geraten. - Zufllig,
erzhlt das Dokument weiter, habe der heilige Antonius einmal eine dieser
Flaschen geffnet, da sei ein seltsamer betubender Dampf herausgefahren und
allerlei scheuliche sinneverwirrende Bilder der Hlle htten den Heiligen
umschwebt, ja ihn mit verfhrerischen Gaukeleien zu verlocken gesucht, bis er
sie durch strenges Fasten und anhaltendes Gebet wieder vertrieben. - In diesem
Kistchen befindet sich nun aus dem Nachla des heiligen Antonius eben eine
solche Flasche mit einem Teufelselixier, und die Dokumente sind so authentisch
und genau, da wenigstens daran, da die Flasche wirklich nach dem Tode des
heiligen Antonius unter seinen nachgebliebenen Sachen gefunden wurde, kaum zu
zweifeln ist. brigens kann ich versichern, lieber Bruder Medardus, da, so oft
ich die Flasche, ja nur dieses Kistchen, worin sie verschlossen, berhre, mich
ein unerklrliches inneres Grauen anwandelt, ja da ich whne, etwas von einem
ganz seltsamen Duft zu spren, der mich betubt und zugleich eine innere Unruhe
des Geistes hervorbringt, die mich selbst bei den Andachtsbungen zerstreut.
Indessen berwinde ich diese bse Stimmung, welche offenbar von dem Einflu
irgend einer feindlichen Macht herrhrt, sollte ich auch an die unmittelbare
Einwirkung des Widersachers nicht glauben, durch standhaftes Gebet. Dir, lieber
Bruder Medardus, der du noch so jung bist, der du noch alles, was dir deine von
fremder Kraft aufgeregte Phantasie vorbringen mag, in glnzenderen, lebhafteren
Farben erblickst, der du noch wie ein tapferer, aber unerfahrener Krieger zwar
rstig im Kampfe, aber vielleicht zu khn, das Unmgliche wagend, deiner Strke
zu sehr vertraust, rate ich, das Kistchen niemals oder wenigstens erst nach
Jahren zu ffnen, und damit dich deine Neugierde nicht in Versuchung fhre, es
dir weit weg aus den Augen zu stellen. -
    Der Bruder Cyrillus verschlo die geheimnisvolle Kiste wieder in den
Schrank, wo sie gestanden, und bergab mir den Schlsselbund, an dem auch der
Schlssel jenes Schranks hing; die ganze Erzhlung hatte auf mich einen eignen
Eindruck gemacht, aber je mehr ich eine innere Lsternheit emporkeimen fhlte,
die wunderbare Reliquie zu sehen, desto mehr war ich, der Warnung des Bruders
Cyrillus gedenkend, bemht, auf jede Art mir es zu erschweren. Als Cyrillus mich
verlassen, bersah ich noch einmal die mir anvertrauten Heiligtmer, dann lste
ich aber das Schlsselchen, welches den gefhrlichen Schrank schlo, vom Bunde
ab und versteckte es tief unter meine Skripturen im Schreibpulte. -
    Unter den Professoren im Seminar gab es einen vortrefflichen Redner,
jedesmal, wenn er predigte, war die Kirche berfllt; der Feuerstrom seiner
Worte ri alles unwiderstehlich fort, die inbrnstigste Andacht im Innern
entzndend. Auch mir drangen seine herrlichen begeisterten Reden ins Innerste,
aber indem ich den Hochbegabten glcklich pries, war es mir, als rege sich eine
innere Kraft, die mich mchtig antrieb, es ihm gleichzutun. Hatte ich ihn
gehrt, so predigte ich auf meiner einsamen Stube, mich ganz der Begeisterung
des Moments berlassend, bis es mir gelang, meine Ideen, meine Worte
festzuhalten und aufzuschreiben. - Der Bruder, welcher im Kloster zu predigen
pflegte, wurde zusehends schwcher, seine Reden schlichen wie ein halbversiegter
Bach mhsam und tonlos dahin, und die ungewhnlich gedehnte Sprache, welche der
Mangel an Ideen und Worten erzeugte, da er ohne Konzept sprach, machten seine
Reden so unausstehlich lang, da vor dem Amen schon der grte Teil der
Gemeinde, wie bei dem bedeutungslosen eintnigen Geklapper einer Mhle, sanft
eingeschlummert war und nur durch den Klang der Orgel wieder erweckt werden
konnte. Der Prior Leonardus war zwar ein ganz vorzglicher Redner, indessen trug
er Scheu zu predigen, weil es ihn bei den schon erreichten hohen Jahren zu stark
angriff, und sonst gab es im Kloster keinen, der die Stelle jenes schwchlichen
Bruders htte ersetzen knnen. Leonardus sprach mit mir ber diesen belstand,
der der Kirche den Besuch mancher Frommen entzog; ich fate mir ein Herz und
sagte ihm, wie ich schon im Seminar einen innern Beruf zum Predigen gesprt und
manche geistliche Rede aufgeschrieben habe. Er verlangte sie zu sehen und war so
hchlich damit zufrieden, da er in mich drang, schon am nchsten heiligen Tage
den Versuch mit einer Predigt zu machen, der um so weniger milingen werde, als
mich die Natur mit allem ausgestattet habe, was zum guten Kanzelredner gehre,
nmlich mit einer einnehmenden Gestalt, einem ausdrucksvollen Gesicht und einer
krftigen tonreichen Stimme. Rcksichts des uern Anstandes, der richtigen
Gestikulation unternahm Leonardus selbst mich zu unterrichten. Der Heiligentag
kam heran, die Kirche war besetzter als gewhnlich, und ich bestieg nicht ohne
inneres Erbeben die Kanzel. - Im Anfange blieb ich meiner Handschrift getreu,
und Leonardus sagte mir nachher, da ich mit zitternder Stimme gesprochen,
welches aber gerade den andchtigen wehmutsvollen Betrachtungen, womit die Rede
begann, zugesagt und bei den mehrsten fr eine besondere wirkungsvolle Kunst des
Redners gegolten habe. Bald aber war es, als strahle der glhende Funke
himmlischer Begeisterung durch mein Inneres - ich dachte nicht mehr an die
Handschrift, sondern berlie mich ganz den Eingebungen des Moments. Ich fhlte,
wie das Blut in allen Pulsen glhte und sprhte - ich hrte meine Stimme durch
das Gewlbe donnern - ich sah mein erhobenes Haupt, meine ausgebreiteten Arme,
wie von Strahlenglanz der Begeisterung umflossen. - Mit einer Sentenz, in der
ich alles Heilige und Herrliche, das ich verkndet, nochmals wie in einem
flammenden Fokus zusammenfate, schlo ich meine Rede, deren Eindruck ganz
ungewhnlich, ganz unerhrt war. Heftiges Weinen - unwillkrlich den Lippen
entfliehende Ausrufe der andachtvollsten Wonne - lautes Gebet hallte meinen
Worten nach. Die Brder zollten mir ihre hchste Bewunderung, Leonardus umarmte
mich, er nannte mich den Stolz des Klosters. Mein Ruf verbreitete sich schnell,
und um den Bruder Medardus zu hren, drngte sich der vornehmste, der
gebildetste Teil der Stadtbewohner schon eine Stunde vor dem Luten in die nicht
allzu groe Klosterkirche. Mit der Bewunderung stieg mein Eifer und meine Sorge,
den Reden im strksten Feuer Rnde und Gewandtheit zu geben. Immer mehr gelang
es mir, die Zuhrer zu fesseln, und, immer steigend und steigend, glich bald die
Verehrung, die sich berall, wo ich ging und stand, in den strksten Zgen an
den Tag legte, beinahe der Vergtterung eines Heiligen. Ein religiser Wahn
hatte die Stadt ergriffen, alles strmte bei irgend einem Anla, auch an
gewhnlichen Wochentagen, nach dem Kloster, um den Bruder Medardus zu sehen, zu
sprechen. - Da keimte in mir der Gedanke auf, ich sei ein besonders Erkorner des
Himmels; die geheimnisvollen Umstnde bei meiner Geburt am heiligen Orte zur
Entsndigung des verbrecherischen Vaters, die wunderbaren Begebenheiten in
meinen ersten Kinderjahren, alles deutete dahin, da mein Geist, in
unmittelbarer Berhrung mit dem Himmlischen, sich schon hienieden ber das
Irdische erhebe und ich nicht der Welt, den Menschen angehre, denen Heil und
Trost zu geben ich hier auf Erden wandle. Es war mir nun gewi, da der alte
Pilgram in der heiligen Linde der heilige Joseph, der wunderbare Knabe aber das
Jesuskind selbst gewesen, das in mir den Heiligen, der auf Erden zu wandeln
bestimmt, begrt habe. Aber so wie dies alles immer lebendiger vor meiner Seele
stand, wurde mir auch meine Umgebung immer lstiger und drckender. Jene Ruhe
und Heiterkeit des Geistes, die mich sonst umfing, war aus meiner Seele
entschwunden - ja alle gemtliche uerung der Brder, die Freundlichkeit des
Priors erweckten in mir einen feindseligen Zorn. Den Heiligen, den hoch ber sie
erhabenen, sollten sie in mir erkennen, sich niederwerfen in den Staub und die
Frbitte erflehen vor dem Throne Gottes. So aber hielt ich sie fr befangen in
verderblicher Verstocktheit. Selbst in meine Reden flocht ich gewisse
Anspielungen ein, die darauf hindeuteten, wie nun eine wundervolle Zeit, gleich
der in schimmernden Strahlen leuchtenden Morgenrte, angebrochen, in der, Trost
und Heil bringend der glubigen Gemeinde, ein Auserwhlter Gottes auf Erden
wandle. Meine eingebildete Sendung kleidete ich in mystische Bilder ein, die um
so mehr wie ein fremdartiger Zauber auf die Menge wirkten, je weniger sie
verstanden wurden. Leonardus wurde sichtlich klter gegen mich, er vermied, mit
mir ohne Zeugen zu sprechen, aber endlich, als wir einst, zufllig von allen
Brdern verlassen, in der Allee des Klostergartens einhergingen, brach er los:
Nicht verhehlen kann ich es dir, lieber Bruder Medardus, da du seit einiger
Zeit durch dein ganzes Betragen mir Mifallen erregst. - Es ist etwas in deine
Seele gekommen, das dich dem Leben in frommer Einfalt abwendig macht. In deinen
Reden herrscht ein feindliches Dunkel, aus dem nur noch manches hervorzutreten
sich scheut, was dich wenigstens mit mir auf immer entzweien wrde. - La mich
offenherzig sein! - Du trgst in diesem Augenblick die Schuld unseres sndigen
Ursprungs, die jedem mchtigen Emporstreben unserer geistigen Kraft die
Schranken des Verderbnisses ffnet, wohin wir uns in unbedachtem Fluge nur zu
leicht verirren! - Der Beifall, ja die abgttische Bewunderung, die dir die
leichtsinnige, nach jeder Anreizung lsterne Welt gezollt, hat dich geblendet,
und du siehst dich selbst in einer Gestalt, die nicht dein eigen, sondern ein
Trugbild ist, welches dich in den verderblichen Abgrund lockt. Gehe in dich,
Medardus! - entsage dem Wahn, der dich betrt - ich glaube ihn zu kennen! -
schon jetzt ist dir die Ruhe des Gemts, ohne welche kein Heil hienieden zu
finden, entflohen. - La dich warnen, weiche aus dem Feinde, der dir nachstellt.
- Sei wieder der gutmtige Jngling, den ich mit ganzer Seele liebte. - Trnen
quollen aus den Augen des Priors, als er dies sprach: er hatte meine Hand
ergriffen, sie loslassend, entfernte er sich schnell, ohne meine Antwort
abzuwarten. - Aber nur feindselig waren seine Worte in mein Innres gedrungen; er
hatte des Beifalls, ja der hchsten Bewunderung erwhnt, die ich mir durch meine
auerordentliche Gaben erworben, und es war mir deutlich, da nur kleinlicher
Neid jenes Mibehagen an mir erzeugt habe, das er so unverhohlen uerte. Stumm
und in mich gekehrt, blieb ich, vom innern Groll ergriffen, bei den
Zusammenknften der Mnche, und ganz erfllt von dem neuen Wesen, das mir
aufgegangen, sann ich den Tag ber und in den schlaflosen Nchten, wie ich alles
in mir Aufgekeimte in prchtige Worte fassen und dem Volk verknden wollte. Je
mehr ich mich nun von Leonardus und den Brdern entfernte, mit desto strkeren
Banden wute ich die Menge an mich zu ziehen. -
    Am Tage des heiligen Antonius war die Kirche so gedrngt voll, da man die
Tren weit ffnen mute, um dem zustrmenden Volke zu vergnnen, mich auch noch
vor der Kirche zu hren. Nie hatte ich krftiger, feuriger, eindringender
gesprochen. Ich erzhlte, wie es gewhnlich, manches aus dem Leben des Heiligen
und knpfte daran fromme, tief ins Leben eindringende Betrachtungen. Von den
Verfhrungen des Teufels, dem der Sndenfall die Macht gegeben, die Menschen zu
verlocken, sprach ich, und unwillkrlich fhrte mich der Strom der Rede hinein
in die Legende von den Elixieren, die ich wie eine sinnreiche Allegorie
darstellen wollte. Da fiel mein in der Kirche umherschweifender Blick auf einen
langen hageren Mann, der mir schrgber auf eine Bank gestiegen, sich an einen
Eckpfeiler lehnte. Er hatte auf seltsame fremde Weise einen dunkelvioletten
Mantel umgeworfen und die bereinander geschlagenen Arme darin gewickelt. Sein
Gesicht war leichenbla, aber der Blick der groen schwarzen, stieren Augen fuhr
wie ein glhender Dolchstich durch meine Brust. Mich durchbebte ein unheimliches
grauenhaftes Gefhl, schnell wandte ich mein Auge ab und sprach, alle meine
Kraft zusammennehmend, weiter. Aber wie von einer fremden zauberischen Gewalt
getrieben, mute ich immer wieder hinschauen, und immer starr und bewegungslos
stand der Mann da, den gespenstischen Blick auf mich gerichtet. So wie bittrer
Hohn - verachtender Ha lag es auf der hohen gefurchten Stirn, in dem
herabgezogenen Munde. Die ganze Gestalt hatte etwas Furchtbares - Entsetzliches!
- Ja! - es war der unbekannte Maler aus der heiligen Linde. Ich fhlte mich wie
von eiskalten grausigen Fusten gepackt - Tropfen des Angstschweies standen auf
meiner Stirn - meine Perioden stockten - immer verwirrter und verwirrter wurden
meine Reden - es entstand ein Flstern - ein Gemurmel in der Kirche - aber starr
und unbeweglich lehnte der frchterliche Fremde am Pfeiler, den stieren Blick
auf mich gerichtet. Da schrie ich auf in der Hllenangst wahnsinniger
Verzweiflung: Ha Verruchter! hebe dich weg! - hebe dich weg - denn ich bin es
selbst! - ich bin der heilige Antonius! - Als ich aus dem bewutlosen Zustand,
in den ich mit jenen Worten versunken, wieder erwachte, befand ich mich auf
meinem Lager, und der Bruder Cyrillus sa neben mir, mich pflegend und trstend.
Das schreckliche Bild des Unbekannten stand mir noch lebhaft vor Augen, aber je
mehr der Bruder Cyrillus, dem ich alles erzhlte, mich zu berzeugen suchte, da
dieses nur ein Gaukelbild meiner durch das eifrige und starke Reden erhitzten
Phantasie gewesen, desto tiefer fhlte ich bittre Reue und Scham ber mein
Betragen auf der Kanzel. Die Zuhrer dachten, wie ich nachher erfuhr, es habe
mich ein pltzlicher Wahnsinn berfallen, wozu ihnen vorzglich mein letzter
Ausruf gerechten Anla gab. Ich war zerknirscht - zerrttet im Geiste;
eingeschlossen in meine Zelle, unterwarf ich mich den strengsten Bubungen und
strkte mich durch inbrnstige Gebete zum Kampfe mit dem Versucher, der mir
selbst an heiliger Sttte erschienen, nur in frechem Hohn die Gestalt borgend
von dem frommen Maler in der heiligen Linde. Niemand wollte brigens den Mann im
violetten Mantel erblickt haben, und der Prior Leonardus verbreitete nach seiner
anerkannten Gutmtigkeit auf das eifrigste berall, wie es nur der Anfall einer
hitzigen Krankheit gewesen, welcher mich in der Predigt auf solche entsetzliche
Weise mitgenommen und meine verwirrten Reden veranlat habe: wirklich war ich
auch noch siech und krank, als ich nach mehreren Wochen wieder in das
gewhnliche klsterliche Leben eintrat. Dennoch unternahm ich es, wieder die
Kanzel zu besteigen, aber, von innerer Angst gefoltert, verfolgt von der
entsetzlichen bleichen Gestalt, vermochte ich kaum zusammenhngend zu sprechen,
viel weniger mich wie sonst dem Feuer der Beredsamkeit zu berlassen. Meine
Predigten waren gewhnlich - steif - zerstckelt. - Die Zuhrer bedauerten den
Verlust meiner Rednergabe, verloren sich nach und nach, und der alte Bruder, der
sonst gepredigt und nun noch offenbar besser redete als ich, ersetzte wieder
meine Stelle. -
    Nach einiger Zeit begab es sich, da ein junger Graf, von seinem Hofmeister,
mit dem er auf Reisen begriffen, begleitet, unser Kloster besuchte und die
vielfachen Merkwrdigkeiten desselben zu sehen begehrte. Ich mute die
Reliquienkammer aufschlieen, und wir traten hinein, als der Prior, der mit uns
durch Chor und Kirche gegangen, abgerufen wurde, so da ich mit den Fremden
allein blieb. Jedes Stck hatte ich gezeigt und erklrt, da fiel dem Grafen der
mit zierlichem altteutschen Schnitzwerk geschmckte Schrank ins Auge, in dem
sich das Kistchen mit dem Teufelselixier befand. Unerachtet ich nun nicht gleich
mit der Sprache heraus wollte, was in dem Schrank verschlossen, so drangen
beide, der Graf und der Hofmeister, doch so lange in mich, bis ich die Legende
vom heiligen Antonius und dem arglistigen Teufel erzhlte und mich ber die als
Reliquie aufbewahrte Flasche ganz getreu nach den Worten des Bruders Cyrillus
auslie, ja sogar die Warnung hinzufgte, die er mir rcksichts der Gefahr des
ffnens der Kiste und des Vorzeigens der Flasche gegeben. Unerachtet der Graf
unserer Religion zugetan war, schien er doch ebensowenig als der Hofmeister auf
die Wahrscheinlichkeit der heiligen Legenden viel zu bauen. Sie ergossen sich
beide in allerlei witzigen Anmerkungen und Einfllen ber den komischen Teufel,
der die Verfhrungsflaschen im zerrissenen Mantel trage, endlich nahm aber der
Hofmeister eine ernsthafte Miene an und sprach: Haben Sie an uns leichtsinnigen
Weltmenschen kein rgernis, ehrwrdiger Herr! - Sein Sie berzeugt, da wir
beide, ich und mein Graf, die Heiligen als herrliche, von der Religion hoch
begeisterte Menschen verehren, die dem Heil ihrer Seele sowie dem Heil der
Menschen alle Freuden des Lebens, ja, das Leben selbst opferten, was aber solche
Geschichten betrifft, wie die soeben von Ihnen erzhlte, so glaube ich, da nur
eine geistreiche, von dem Heiligen ersonnene Allegorie durch Miverstand als
wirklich geschehen ins Leben gezogen wurde. -
    Unter diesen Worten hatte der Hofmeister den Schieber des Kistchens schnell
aufgeschoben und die schwarze, sonderbar geformte Flasche herausgenommen. Es
verbreitete sich wirklich, wie der Bruder Cyrillus es mir gesagt, ein starker
Duft, der indessen nichts weniger als betubend, sondern vielmehr angenehm und
wohlttig wirkte. Ei, rief der Graf, ich wette, da das Elixier des Teufels
weiter nichts ist als herrlicher echter Syrakuser. - Ganz gewi, erwiderte
der Hofmeister, und stammt die Flasche wirklich aus dem Nachla des heiligen
Antonius, so geht es Ihnen, ehrwrdiger Herr, beinahe besser wie dem Knige von
Neapel, den die Unart der Rmer, den Wein nicht zu pfropfen, sondern nur durch
darauf getrpfeltes l zu bewahren, um das Vergngen brachte, altrmischen Wein
zu kosten. Ist dieser Wein auch lange nicht so alt, als jener gewesen wre, so
ist es doch frwahr der lteste, den es wohl geben mag, und darum tten Sie
wohl, die Reliquie in Ihren Nutzen zu verwenden und getrost auszunippen. -
Gewi, fiel der Graf ein, dieser uralte Syrakuser wrde neue Kraft in Ihre
Adern gieen und die Krnklichkeit verscheuchen, von der Sie, ehrwrdiger Herr,
heimgesucht scheinen. Der Hofmeister holte einen sthlernen Korkzieher aus der
Tasche und ffnete, meiner Protestationen unerachtet, die Flasche. - Es war mir,
als zucke mit dem Herausfliegen des Korks ein blaues Flmmchen empor, das gleich
wieder verschwand. - Strker stieg der Duft aus der Flasche und wallte durch das
Zimmer. Der Hofmeister kostete zuerst und rief begeistert: Herrlicher -
herrlicher Syrakuser! In der Tat, der Weinkeller des heiligen Antonius war nicht
bel, und machte der Teufel seinen Kellermeister, so meinte er es mit dem
heiligen Mann nicht so bse, als man glaubt - kosten Sie, Graf! - Der Graf tat
es und besttigte das, was der Hofmeister gesprochen. Beide scherzten noch mehr
ber die Reliquie, die offenbar die schnste in der ganzen Sammlung sei - sie
wnschten sich einen ganzen Keller voll solcher Reliquien u.s.w. Ich hrte alles
schweigend mit niedergesenktem Haupte, mit zur Erde starrendem Blick an; der
Frohsinn der Fremden hatte fr mich in meiner dsteren Stimmung etwas Qulendes;
vergebens drangen sie in mich, auch von dem Wein des heiligen Antonius zu
kosten, ich verweigerte es standhaft und verschlo die Flasche, wohl
zugepfropft, wieder in ihr Behltnis. -
    Die Fremden verlieen das Kloster, aber als ich einsam in meiner Zelle sa,
konnte ich mir selbst ein gewisses innres Wohlbehagen, eine rege Heiterkeit des
Geistes nicht ableugnen. Es war offenbar, da der geistige Duft des Weins mich
gestrkt hatte. Keine Spur der blen Wirkung, von der Cyrillus gesprochen,
empfand ich, und nur der entgegengesetzte wohlttige Einflu zeigte sich auf
auffallende Weise: je mehr ich ber die Legende des heiligen Antonius
nachdachte, je lebhafter die Worte des Hofmeisters in meinem Innern
widerklangen, desto gewisser wurde es mir, da die Erklrung des Hofmeisters die
richtige sei, und nun erst durchfuhr mich wie ein leuchtender Blitz der Gedanke,
da an jenem unglcklichen Tage, als eine feindselige Vision mich in der Predigt
auf so zerstrende Weise unterbrach, ich ja selbst im Begriff gewesen, die
Legende auf dieselbe Weise als eine geistreiche belehrende Allegorie des
heiligen Mannes vorzutragen. Diesem Gedanken knpfte sich ein anderer an,
welcher bald mich so ganz und gar erfllte, da alles brige in ihm unterging. -
Wie, dachte ich, wenn das wunderbare Getrnk mit geistiger Kraft dein Inneres
strkte, ja die erloschene Flamme entznden knnte, da sie in neuem Leben
emporstrahlte? - Wenn schon dadurch eine geheimnisvolle Verwandtschaft deines
Geistes mit den in jenem Wein verschlossenen Naturkrften sich offenbart htte,
da derselbe Duft, der den schwchlichen Cyrillus betubte, auf dich nur
wohlttig wirkte? - Aber war ich auch schon entschlossen, dem Rate der Fremden
zu folgen, wollte ich schon zur Tat schreiten, so hielt mich immer wieder ein
inneres, mir selbst unerklrliches Widerstreben davon zurck. Ja, im Begriff,
den Schrank aufzuschlieen, schien es mir, als erblicke ich in dem Schnitzwerk
das entsetzliche Gesicht des Malers mit den mich durchbohrenden
lebendig-totstarren Augen, und von gespenstischem Grauen gewaltsam ergriffen,
floh ich aus der Reliquienkammer, um an heiliger Sttte meinen Vorwitz zu
bereuen. Aber immer und immer verfolgte mich der Gedanke, da nur durch den
Genu des wunderbaren Weins mein Geist sich erlaben und strken knne. - Das
Betragen des Priors - der Mnche - die mich wie einen geistig Erkrankten mit
gutgemeinter, aber niederbeugender Schonung behandelten, brachte mich zur
Verzweiflung, und als Leonardus nun gar mich von den gewhnlichen
Andachtsbungen dispensierte, damit ich meine Krfte ganz sammeln solle, da
beschlo ich, in schlafloser Nacht von tiefem Gram gefoltert, auf den Tod alles
zu wagen, um die verlorne geistige Kraft wiederzugewinnen oder unterzugehn.
    Ich stand vom Lager auf und schlich wie ein Gespenst mit der Lampe, die ich
bei dem Marienbilde auf dem Gange des Klosters angezndet, durch die Kirche nach
der Reliquienkammer. Von dem flackernden Schein der Lampe beleuchtet, schienen
die heiligen Bilder in der Kirche sich zu regen, es war, als blickten sie
mitleidsvoll auf mich herab, es war, als hre ich in dem dumpfen Brausen des
Sturms, der durch die zerschlagenen Fenster ins Chor hineinfuhr, klgliche
warnende Stimmen, ja, als riefe mir meine Mutter zu aus weiter Ferne: Sohn
Medardus, was beginnst du, la ab von dem gefhrlichen Unternehmen! - Als ich
in die Reliquienkammer getreten, war alles still und ruhig, ich schlo den
Schrank auf, ich ergriff das Kistchen, die Flasche, bald hatte ich einen
krftigen Zug getan! - Glut strmte durch meine Adern und erfllte mich mit dem
Gefhl unbeschreiblichen Wohlseins - ich trank noch einmal, und die Lust eines
neuen herrlichen Lebens ging mir auf! - Schnell verschlo ich das leere Kistchen
in den Schrank, eilte rasch mit der wohlttigen Flasche nach meiner Zelle und
stellte sie in mein Schreibepult. - Da fiel mir der kleine Schlssel in die
Hnde, den ich damals, um jeder Versuchung zu entgehen, vom Bunde lste, und
doch hatte ich ohne ihn sowohl damals, als die Fremden zugegen waren, als jetzt
den Schrank aufgeschlossen? Ich untersuchte meinen Schlsselbund, und siehe, ein
unbekannter Schlssel, mit dem ich damals und jetzt den Schrank geffnet, ohne
in der Zerstreuung darauf zu merken, hatte sich zu den brigen gefunden. - Ich
erbebte unwillkrlich, aber ein buntes Bild jug das andere bei dem wie aus
tiefem Schlaf aufgerttelten Geiste vorber. Ich hatte nicht Ruh', nicht Rast,
bis der Morgen heiter anbrach und ich hinabeilen konnte in den Klostergarten, um
mich in den Strahlen der Sonne, die feurig und glhend hinter den Bergen
emporstieg, zu baden. Leonardus, die Brder bemerkten meine Vernderung; statt
da ich sonst, in mich verschlossen, kein Wort sprach, war ich heiter und
lebendig. Als rede ich vor versammelter Gemeinde, sprach ich mit dem Feuer der
Beredsamkeit, wie es sonst mir eigen. Da ich mit Leonardus allein geblieben, sah
er mich lange an, als wollte er mein Innerstes durchdringen; dann sprach er
aber, indem ein leises ironisches Lcheln ber sein Gesicht flog: Hat der
Bruder Medardus vielleicht in einer Vision neue Kraft und verjngtes Leben von
oben herab erhalten? - Ich fhlte mich vor Scham erglhen, denn in dem
Augenblick kam mir meine Exaltation, durch einen Schluck alten Weins erzeugt,
nichtswrdig und armselig vor. Mit niedergeschlagenen Augen und gesenktem Haupte
stand ich da, Leonardus berlie mich meinen Betrachtungen. Nur zu sehr hatte
ich gefrchtet, da die Spannung, in die mich der genossene Wein versetzt, nicht
lange anhalten, sondern vielleicht zu meinem Gram noch grere Ohnmacht nach
sich ziehn wrde; es war aber dem nicht so, vielmehr fhlte ich, wie mit der
wiedererlangten Kraft auch jugendlicher Mut und jenes rastlose Streben nach dem
hchsten Wirkungskreise, den mir das Kloster darbot, zurckkehrte. Ich bestand
darauf, am nchsten heiligen Tage wieder zu predigen, und es wurde mir vergnnt.
Kurz vorher, ehe ich die Kanzel bestieg, geno ich von dem wunderbaren Weine;
nie hatte ich darauf feuriger, salbungsreicher, eindringender gesprochen.
Schnell verbreitete sich der Ruf meiner gnzlichen Wiederherstellung, und so wie
sonst fllte sich wieder die Kirche, aber je mehr ich den Beifall der Menge
erwarb, desto ernster und zurckhaltender wurde Leonardus, und ich fing an, ihn
von ganzer Seele zu hassen, da ich ihn von kleinlichem Neide und mnchischem
Stolz befangen glaubte.
    Der Bernardustag kam heran, und ich war voll brennender Begierde, vor der
Frstin recht mein Licht leuchten zu lassen, weshalb ich den Prior bat, es zu
veranstalten, da mir es vergnnt werde, an dem Tage im Zisterzienserkloster zu
predigen. - Den Leonardus schien meine Bitte auf besondere Weise zu berraschen,
er gestand mir unverhohlen, da er gerade dieses Mal im Sinn gehabt habe, selbst
zu predigen und da deshalb schon das Ntige angeordnet sei, desto leichter sei
indessen die Erfllung meiner Bitte, da er sich mit Krankheit entschuldigen und
mich statt seiner herausschicken werde. -
    Das geschah wirklich! - Ich sah meine Mutter sowie die Frstin den Abend
vorher; mein Innres war aber so ganz von meiner Rede erfllt, die den hchsten
Gipfel der Beredsamkeit erreichen sollte, da ihr Wiedersehen nur einen geringen
Eindruck auf mich machte. Es war in der Stadt verbreitet, da ich statt des
erkrankten Leonardus predigen wrde, und dies hatte vielleicht noch einen
greren Teil des gebildeten Publikums herbeigezogen. Ohne das mindeste
aufzuschreiben, nur in Gedanken die Rede in ihren Teilen ordnend, rechnete ich
auf die hohe Begeisterung, die das feierliche Hochamt, das versammelte
andchtige Volk, ja selbst die herrliche hochgewlbte Kirche in mir erwecken
wrde, und hatte mich in der Tat nicht geirrt. - Wie ein Feuerstrom flossen
meine Worte, die mit der Erinnerung an den heiligen Bernhard die sinnreichsten
Bilder, die frmmsten Betrachtungen enthielten, dahin, und in allen auf mich
gerichteten Blicken las ich Staunen und Bewunderung. Wie war ich darauf
gespannt, was die Frstin wohl sagen werde, wie erwartete ich den hchsten
Ausbruch ihres innigsten Wohlgefallens, ja es war mir, als msse sie den, der
sie schon als Kind in Erstaunen gesetzt, jetzt die ihm inwohnende hhere Macht
deutlicher ahnend, mit unwillkrlicher Ehrfurcht empfangen. Als ich sie sprechen
wollte, lie sie mir sagen, da sie, pltzlich von einer Krnklichkeit
berfallen, niemanden, auch mich nicht sprechen knne. - Dies war mir um so
verdrielicher, als nach meinem stolzen Wahn die btissin in der hchsten
Begeisterung das Bedrfnis htte fhlen sollen, noch salbungsreiche Worte von
mir zu vernehmen. Meine Mutter schien einen heimlichen Gram in sich zu tragen,
nach dessen Ursache ich mich nicht unterstand zu forschen, weil ein geheimes
Gefhl mir selbst die Schuld davon aufbrdete, ohne da ich mir dies htte
deutlicher entrtseln knnen. Sie gab mir ein kleines Billett von der Frstin,
das ich erst im Kloster ffnen sollte; kaum war ich in meiner Zelle, als ich zu
meinem Erstaunen folgendes las:

Du hast mich, mein lieber Sohn (denn noch will ich Dich so nennen), durch die
Rede, die Du in der Kirche unseres Klosters hieltest, in die tiefste Betrbnis
gesetzt. Deine Worte kommen nicht aus dem andchtigen, ganz dem Himmlischen
zugewandten Gemte, Deine Begeisterung war nicht diejenige, welche den Frommen
auf Seraphsfittichen emportrgt, da er in heiliger Verzckung das himmlische
Reich zu schauen vermag. Ach! - Der stolze Prunk Deiner Rede, Deine sichtliche
Anstrengung, nur recht viel Auffallendes, Glnzendes zu sagen, hat mir bewiesen,
da Du, statt die Gemeinde zu belehren und zu frommen Betrachtungen zu
entznden, nur nach dem Beifall, nach der wertlosen Bewunderung der weltlich
gesinnten Menge trachtest. Du hast Gefhle geheuchelt, die nicht in Deinem
Innern waren, ja Du hast selbst gewisse sichtlich studierte Mienen und
Bewegungen erknstelt, wie ein eitler Schauspieler, alles nur des schnden
Beifalls wegen. Der Geist des Truges ist in Dich gefahren und wird Dich
verderben, wenn Du nicht in Dich gehst und der Snde entsagest. Denn Snde,
groe Snde ist Dein Tun und Treiben, um so mehr, als Du Dich zum frmmsten
Wandel, zur Entsagung aller irdischen Torheit im Kloster dem Himmel
verpflichtet. Der heilige Bernardus, den Du durch Deine trgerische Rede so
schnde beleidigt, mge Dir nach seiner himmlischen Langmut verzeihen, ja Dich
erleuchten, da Du den rechten Pfad, von dem Du, durch den Bsen verlockt,
abgewichen, wieder findest, und er frbitten knne fr das Heil Deiner Seele.
Gehab Dich wohl!

Wie hundert Blitze durchfuhren mich die Worte der btissin, und ich erglhte vor
innerm Zorn, denn nichts war mir gewisser, als da Leonardus, dessen mannigfache
Andeutungen ber meine Predigten ebendahin gewiesen hatten, die Andchtelei der
Frstin benutzt und sie gegen mich und mein Rednertalent aufgewiegelt habe. Kaum
konnte ich ihn mehr anschauen, ohne vor innerlicher Wut zu erheben, ja es kamen
mir oft Gedanken, ihn zu verderben, in den Sinn, vor denen ich selbst erschrak.
Um so unertrglicher waren mir die Vorwrfe der btissin und des Priors, als ich
in der tiefsten Tiefe meiner Seele wohl die Wahrheit derselben fhlte; aber
immer fester und fester beharrend in meinem Tun, mich strkend durch Tropfen
Weins aus der geheimnisvollen Flasche, fuhr ich fort, meine Predigten mit allen
Knsten der Rhetorik auszuschmcken und mein Mienenspiel, meine Gestikulationen
sorgfltig zu studieren, und so gewann ich des Beifalls, der Bewunderung immer
mehr und mehr.
    Das Morgenlicht brach in farbichten Strahlen durch die bunten Fenster der
Klosterkirche; einsam und in tiefe Gedanken versunken, sa ich im Beichtstuhl;
nur die Tritte des dienenden Laienbruders, der die Kirche reinigte, hallten
durch das Gewlbe. Da rauschte es in meiner Nhe, und ich erblickte ein groes
schlankes Frauenzimmer, auf fremdartige Weise gekleidet, einen Schleier ber das
Gesicht gehngt, die, durch die Seitenpforte hereingetreten, sich mir nahte, um
zu beichten. Sie bewegte sich mit unbeschreiblicher Anmut, sie kniete nieder,
ein tiefer Seufzer entfloh ihrer Brust, ich fhlte ihren glhenden Atem, es war,
als umstricke mich ein betubender Zauber, noch ehe sie sprach! - Wie vermag ich
den ganz eignen, ins Innerste dringenden Ton ihrer Stimme zu beschreiben. -
Jedes ihrer Worte griff in meine Brust, als sie bekannte, wie sie eine verbotene
Liebe hege, die sie schon seit langer Zeit vergebens bekmpfe, und da diese
Liebe um so sndlicher sei, als den Geliebten heilige Bande auf ewig fesselten;
aber im Wahnsinn hoffnungsloser Verzweiflung habe sie diesen Banden schon
geflucht. - Sie stockte - mit einem Trnenstrom, der die Worte beinahe
erstickte, brach sie los: Du selbst - du selbst, Medardus, bist es, den ich so
unaussprechlich liebe! - Wie im ttenden Krampf zuckten alle meine Nerven, ich
war auer mir selbst, ein nie gekanntes Gefhl zerri meine Brust, sie sehen,
sie an mich drcken - vergehen vor Wonne und Qual, eine Minute dieser Seligkeit
fr ewige Marter der Hlle! - Sie schwieg, aber ich hrte sie tief atmen. - In
einer Art wilder Verzweiflung raffte ich mich gewaltsam zusammen, was ich
gesprochen, wei ich nicht mehr, aber ich nahm wahr, da sie schweigend aufstand
und sich entfernte, whrend ich das Tuch fest vor die Augen drckte und wie
erstarrt, bewutlos im Beichtstuhle sitzen blieb. -
    Zum Glck kam niemand mehr in die Kirche, ich konnte daher unbemerkt in
meine Zelle entweichen. Wie so ganz anders erschien mir jetzt alles, wie
tricht, wie schal mein ganzes Streben. - Ich hatte das Gesicht der Unbekannten
nicht gesehen, und doch lebte sie in meinem Innern und blickte mich an mit
holdseligen dunkelblauen Augen, in denen Trnen perlten, die wie mit
verzehrender Glut in meine Seele fielen und die Flamme entzndeten, die kein
Gebet, keine Bubung mehr dmpfte. Denn diese unternahm ich, mich zchtigend
bis aufs Blut mit dem Knotenstrick, um der ewigen Verdammnis zu entgehen, die
mir drohte, da oft jenes Feuer, das das fremde Weib in mich geworfen, die
sndlichsten Begierden, welche sonst mir unbekannt geblieben, erregte, so da
ich mich nicht zu retten wute vor wollstiger Qual.
    Ein Altar in unserer Kirche war der heiligen Rosalia geweiht und ihr
herrliches Bild in dem Moment gemalt, als sie den Mrtyrertod erleidet. - Es war
meine Geliebte, ich erkannte sie, ja sogar ihre Kleidung war dem seltsamen Anzug
der Unbekannten vllig gleich. Da lag ich stundenlang, wie von verderblichem
Wahnsinn befangen, niedergeworfen auf den Stufen des Altars und stie heulende
entsetzliche Tne der Verzweiflung aus, da die Mnche sich entsetzten und scheu
von mir wichen. - In ruhigeren Augenblicken lief ich im Klostergarten auf und
ab, in duftiger Ferne sah ich sie wandeln, sie trat aus den Gebschen, sie stieg
empor aus den Quellen, sie schwebte auf blumichter Wiese, berall nur sie, nur
sie! - Da verwnschte ich mein Gelbde, mein Dasein! - Hinaus in die Welt wollte
ich und nicht rasten, bis ich sie gefunden, sie erkaufen mit dem Heil meiner
Seele. Es gelang mir endlich wenigstens, mich in den Ausbrchen meines den
Brdern und dem Prior unerklrlichen Wahnsinns zu migen, ich konnte ruhiger
scheinen, aber immer tiefer ins Innere hinein zehrte die verderbliche Flamme.
Kein Schlaf! - Keine Ruhe! - Von ihrem Bilde verfolgt, wlzte ich mich auf dem
harten Lager und rief die Heiligen an, nicht, mich zu retten von dem
verfhrerischen Gaukelbilde, das mich umschwebte, nicht, meine Seele zu bewahren
vor ewiger Verdammnis, nein! - mir das Weib zu geben, meinen Schwur zu lsen,
mir Freiheit zu schenken zum sndigen Abfall! -
    Endlich stand es fest in meiner Seele, meiner Qual durch die Flucht aus dem
Kloster ein Ende zu machen. Denn nur die Befreiung von den Klostergelbden
schien mir ntig zu sein, um das Weib in meinen Armen zu sehen und die Begierde
zu stillen, die in mir brannte. Ich beschlo, unkenntlich geworden durch das
Abscheren meines Bartes und weltliche Kleidung, so lange in der Stadt
umherzuschweifen, bis ich sie gefunden, und dachte nicht daran, wie schwer, ja
wie unmglich dies vielleicht sein werde, ja, wie ich vielleicht, von allem
Gelde entblt, nicht einen einzigen Tag auerhalb der Mauern wrde leben
knnen.
    Der letzte Tag, den ich noch im Kloster zubringen wollte, war endlich
herangekommen, durch einen gnstigen Zufall hatte ich anstndige brgerliche
Kleider erhalten; in der nchsten Nacht wollte ich das Kloster verlassen, um nie
wieder zurckzukehren. Schon war es Abend geworden, als der Prior mich ganz
unerwartet zu sich rufen lie. Ich erbebte, denn nichts glaubte ich gewisser,
als da er von meinem heimlichen Anschlage etwas bemerkt habe. Leonardus empfing
mich mit ungewhnlichem Ernst, ja mit einer imponierenden Wrde, vor der ich
unwillkrlich erzittern mute. Bruder Medardus, fing er an, dein unsinniges
Betragen, das ich nur fr den strkeren Ausbruch jener geistigen Exaltation
halte, die du seit lngerer Zeit, vielleicht nicht aus den reinsten Absichten,
herbeigefhrt hast, zerreit unser ruhiges Beisammensein, ja es wirkt zerstrend
auf die Heiterkeit und Gemtlichkeit, die ich als das Erzeugnis eines stillen
frommen Lebens bis jetzt unter den Brdern zu erhalten strebte. - Vielleicht ist
aber auch irgend ein feindliches Ereignis, das dich betroffen, daran schuld. Du
httest bei mir, deinem vterlichen Freunde, dem du sicher alles vertrauen
konntest, Trost gefunden, doch du schwiegst, und ich mag um so weniger in dich
dringen, als mich jetzt dein Geheimnis um einen Teil meiner Ruhe bringen knnte,
die ich im heitern Alter ber alles schtze. Du hast oftmals, vorzglich bei dem
Altar der heiligen Rosalia, durch anstige entsetzliche Reden, die dir wie im
Wahnsinn zu entfahren schienen, nicht nur den Brdern, sondern auch Fremden, die
sich zufllig in der Kirche befanden, ein heilloses rgernis gegeben; ich knnte
dich daher nach der Klosterzucht hart strafen, doch will ich dies nicht tun, da
vielleicht irgend eine bse Macht - der Widersacher selbst, dem du nicht
genugsam widerstanden, an deiner Verirrung schuld ist, und gebe dir nur auf,
rstig zu sein in Bue und Gebet. - Ich schaue tief in deine Seele! - Du willst
ins Freie! -
    Durchdringend schaute Leonardus mich an, ich konnte seinen Blick nicht
ertragen, schluchzend strzte ich nieder in den Staub, mich bewut des bsen
Vorhabens. Ich verstehe dich, fuhr Leonardus fort, und glaube selbst, da
besser als die Einsamkeit des Klosters die Welt, wenn du sie in Frmmigkeit
durchziehst, dich von deiner Verirrung heilen wird. Eine Angelegenheit unseres
Klosters erfordert die Sendung eines Bruders nach Rom. Ich habe dich dazu
gewhlt, und schon morgen kannst du, mit den ntigen Vollmachten und
Instruktionen versehen, deine Reise antreten. Um so mehr eignest du dich zur
Ausfhrung dieses Auftrages, als du noch jung, rstig, gewandt in Geschften und
der italienischen Sprache vollkommen mchtig bist. - Begib dich jetzt in deine
Zelle; bete mit Inbrunst um das Heil deiner Seele, ich will ein gleiches tun,
doch unterlasse alle Kasteiungen, die dich nur schwchen und zur Reise
untauglich machen wrden. Mit dem Anbruch des Tages erwarte ich dich hier im
Zimmer. -
    Wie ein Strahl des Himmels erleuchteten mich die Worte des ehrwrdigen
Leonardus, ich hatte ihn gehat, aber jetzt durchdrang mich wie ein wonnevoller
Schmerz die Liebe, welche mich sonst an ihn gefesselt hatte. Ich vergo heie
Trnen, ich drckte seine Hnde an die Lippen. Er umarmte mich, und es war mir,
als wisse er nun meine geheimsten Gedanken und erteile mir die Freiheit, dem
Verhngnis nachzugeben, das, ber mich waltend, nach minutenlanger Seligkeit
mich vielleicht in ewiges Verderben strzen konnte.
    Nun war die Flucht unntig geworden, ich konnte das Kloster verlassen und
ihr, ihr, ohne die nun keine Ruhe, kein Heil fr mich hienieden zu finden,
rastlos folgen, bis ich sie gefunden. Die Reise nach Rom, die Auftrge dahin
schienen mir nur von Leonardus ersonnen, um mich auf schickliche Weise aus dem
Kloster zu entlassen.
    Die Nacht brachte ich betend und mich bereitend zur Reise zu, den Rest des
geheimnisvollen Weins fllte ich in eine Korbflasche, um ihn als bewhrtes
Wirkungsmittel zu gebrauchen, und setzte die Flasche, welche sonst das Elixier
enthielt, wieder in die Kiste.
    Nicht wenig verwundert war ich, als ich aus den weitluftigen Instruktionen
des Priors wahrnahm, da es mit meiner Sendung nach Rom nun wohl seine
Richtigkeit hatte, und da die Angelegenheit, welche dort die Gegenwart eines
bevollmchtigten Bruders verlangte, gar viel bedeutete und in sich trug. Es fiel
mir schwer aufs Herz, da ich gesonnen, mit dem ersten Schritt aus dem Kloster
ohne alle Rcksicht mich meiner Freiheit zu berlassen; doch der Gedanke an sie
ermutigte mich, und ich beschlo, meinem Plane treu zu bleiben.
    Die Brder versammelten sich, und der Abschied von ihnen, vorzglich von dem
Vater Leonardus, erfllte mich mit der tiefsten Wehmut. - Endlich schlo sich
die Klosterpforte hinter mir, und ich war, gerstet zur weiten Reise, im Freien.

                               Zweiter Abschnitt


                            Der Eintritt in die Welt

In blauen Duft gehllt, lag das Kloster unter mir im Tale; der frische
Morgenwind rhrte sich und trug, die Lfte durchstreichend, die frommen Gesnge
der Brder zu mir herauf. Unwillkrlich stimmte ich ein. Die Sonne trat in
flammender Glut hinter der Stadt hervor, ihr funkelndes Gold erglnzte in den
Bumen, und in freudigem Rauschen fielen die Tautropfen wie glhende Diamanten
herab auf tausend bunte Insektlein, die sich schwirrend und sumsend erhoben. Die
Vgel erwachten und flatterten, singend und jubilierend und sich in froher Lust
liebkosend, durch den Wald! - Ein Zug von Bauerburschen und festlich
geschmckter Dirnen kam den Berg herauf. Gelobt sei Jesus Christus! riefen
sie, bei mir vorberwandelnd. In Ewigkeit! antwortete ich, und es war mir, als
trete ein neues Leben voll Lust und Freiheit mit tausend holdseligen
Erscheinungen auf mich ein! - Nie war mir so zumute gewesen, ich schien mir
selbst ein andrer und, wie von neuerweckter Kraft beseelt und begeistert,
schritt ich rasch fort durch den Wald, den Berg herab. Den Bauer, der mir jetzt
in den Weg kam, frug ich nach dem Orte, den meine Reiseroute als den ersten
bezeichnete, wo ich bernachten sollte; und er beschrieb mir genau einen nhern,
von der Heerstrae abweichenden Richtsteig mitten durchs Gebirge. Schon war ich
eine ziemliche Strecke einsam fortgewandelt, als mir erst der Gedanke an die
Unbekannte und an den phantastischen Plan, sie aufzusuchen, wiederkam. Aber ihr
Bild war wie von fremder unbekannter Macht verwischt, so da ich nur mit Mhe
die bleichen, entstellten Zge wiedererkennen konnte; je mehr ich trachtete, die
Erscheinung im Geiste festzuhalten, desto mehr zerrann sie im Nebel. Nur mein
ausgelassenes Betragen im Kloster nach jener geheimnisvollen Begebenheit stand
mir noch klar vor Augen. Es war mir jetzt selbst unbegreiflich, mit welcher
Langmut der Prior das alles ertragen und mich statt der wohlverdienten Strafe in
die Welt geschickt hatte. Bald war ich berzeugt, da jene Erscheinung des
unbekannten Weibes nur eine Vision gewesen, die Folge gar zu groer Anstrengung,
und statt, wie ich sonst getan haben wrde, das verfhrerische verderbliche
Trugbild der steten Verfolgung des Widersachers zuzuschreiben, rechnete ich es
nur der Tuschung der eignen aufgeregten Sinne zu, da der Umstand, da die
Fremde ganz wie die heilige Rosalia gekleidet gewesen, mir zu beweisen schien,
da das lebhafte Bild jener Heiligen, welches ich wirklich, wiewohl in
betrchtlicher Ferne und in schiefer Richtung aus dem Beichtstuhl sehen konnte,
groen Anteil daran gehabt habe. Tief bewunderte ich die Weisheit des Priors,
der das richtige Mittel zu meiner Heilung whlte, denn, in den Klostermauern
eingeschlossen, immer von denselben Gegenstnden umgeben, immer brtend und
hineinzehrend in das Innere, htte mich jene Vision, der die Einsamkeit
glhendere, keckere Farben lieh, zum Wahnsinn gebracht. Immer vertrauter werdend
mit der Idee, nur getrumt zu haben, konnte ich mich kaum des Lachens ber mich
selbst erwehren, ja mit einer Frivolitt, die mir sonst nicht eigen, scherzte
ich im Innern ber den Gedanken, eine Heilige in mich verliebt zu whnen, wobei
ich zugleich daran dachte, da ich ja selbst schon einmal der heilige Antonius
gewesen. -
    Schon mehrere Tage war ich durch das Gebirge gewandelt, zwischen khn
emporgetrmten schauerlichen Felsenmassen, ber schmale Stege, unter denen
reiende Waldbche brausten; immer der, immer beschwerlicher wurde der Weg. Es
war hoher Mittag, die Sonne brannte auf mein unbedecktes Haupt, ich lechzte vor
Durst, aber keine Quelle war in der Nhe, und noch immer konnte ich nicht das
Dorf erreichen, auf das ich stoen sollte. Ganz entkrftet setzte ich mich auf
ein Felsstck und konnte nicht widerstehen, einen Zug aus der Korbflasche zu
tun, unerachtet ich das seltsame Getrnk so viel nur mglich aufsparen wollte.
Neue Kraft durchglhte meine Adern, und erfrischt und gestrkt schritt ich
weiter, um mein Ziel, das nicht mehr fern sein konnte, zu erreichen. Immer
dichter und dichter wurde der Tannenwald, im tiefsten Dickicht rauschte es, und
bald darauf wieherte laut ein Pferd, das dort angebunden. Ich trat einige
Schritte weiter und erstarrte beinahe vor Schreck, als ich dicht an einem jhen
entsetzlichen Abgrund stand, in den sich zwischen schroffen spitzen Felsen ein
Waldbach zischend und brausend hinabstrzte, dessen donnerndes Getse ich schon
in der Ferne vernommen. Dicht, dicht an dem Sturz sa auf einem ber die Tiefe
hervorragenden Felsenstck ein junger Mann in Uniform, der Hut mit dem hohen
Federbusch, der Degen, ein Portefeuille lagen neben ihm. Mit dem ganzen Krper
ber den Abgrund hngend, schien er eingeschlafen und immer mehr und mehr
herber zu sinken. - Sein Sturz war unvermeidlich. Ich wagte mich heran; indem
ich ihn mit der Hand ergreifen und zurckhalten wollte, schrie ich laut: Um
Jesus willen! Herr! - erwacht! - Um Jesus willen! - Sowie ich ihn berhrte,
fuhr er aus tiefem Schlafe, aber in demselben Augenblick strzte er, das
Gleichgewicht verlierend, hinab in den Abgrund, da, von Felsenspitze zu
Felsenspitze geworfen, die zerschmetterten Glieder zusammenkrachten; sein
schneidendes Jammergeschrei verhallte in der unermelichen Tiefe, aus der nur
ein dumpfes Gewimmer herauftnte, das endlich auch erstarb. Leblos vor Schreck
und Entsetzen stand ich da, endlich ergriff ich den Hut, den Degen, das
Portefeuille und wollte mich schnell von dem Unglcksorte entfernen, da trat mir
ein junger Mensch aus dem Tannenwalde entgegen, wie ein Jger gekleidet, schaute
mir erst starr ins Gesicht und fing dann an, ganz bermig zu lachen, so da
ein eiskalter Schauer mich durchbebte.
    Nun, gndiger Herr Graf, sprach endlich der junge Mensch, die Maskerade
ist in der Tat vollstndig und herrlich, und wre die gndige Frau nicht schon
vorher davon unterrichtet, wahrhaftig, sie wrde den Herzensgeliebten nicht
wiedererkennen. Wo haben Sie aber die Uniform hingetan, gndiger Herr? - Die
schleuderte ich hinab in den Abgrund, antwortete es aus mir hohl und dumpf,
denn ich war es nicht, der diese Worte sprach, unwillkrlich entflohen sie
meinen Lippen. In mich gekehrt, immer in den Abgrund starrend, ob der blutige
Leichnam des Grafen sich nicht mir drohend erheben werde, stand ich da. - Es war
mir, als habe ich ihn ermordet, noch immer hielt ich den Degen, Hut und
Portefeuille krampfhaft fest. Da fuhr der junge Mensch fort: Nun, gndiger
Herr, reite ich den Fahrweg herab nach dem Stdtchen, wo ich mich in dem Hause
dicht vor dem Tor linker Hand verborgen halten will, Sie werden wohl gleich
herab nach dem Schlosse wandeln, man wird Sie wohl schon erwarten, Hut und Degen
nehme ich mit mir. - Ich reichte ihm beides hin. Nun leben Sie wohl, Herr
Graf! recht viel Glck im Schlosse, rief der junge Mensch und verschwand
singend und pfeifend in dem Dickicht. Ich hrte, da er das Pferd, was dort
angebunden, losmachte und mit sich fortfhrte. Als ich mich von meiner Betubung
erholt und die ganze Begebenheit berdachte, mute ich mir wohl eingestehen, da
ich blo dem Spiel des Zufalls, der mich mit einem Ruck in das sonderbarste
Verhltnis geworfen, nachgegeben. Es war mir klar, da eine groe hnlichkeit
meiner Gesichtszge und meiner Gestalt mit der des unglcklichen Grafen den
Jger getuscht, und der Graf gerade die Verkleidung als Kapuziner gewhlt haben
msse, um irgend ein Abenteuer in dem nahen Schlosse zu bestehen. Der Tod hatte
ihn ereilt und ein wunderbares Verhngnis mich in demselben Augenblick an seine
Stelle geschoben. Der innere unwiderstehliche Drang in mir, wie es jenes
Verhngnis zu wollen schien, die Rolle des Grafen fortzuspielen, berwog jeden
Zweifel und bertubte die innere Stimme, welche mich des Mordes und des frechen
Frevels bezieh. Ich erffnete das Portefeuille, welches ich behalten; Briefe,
betrchtliche Wechsel fielen mir in die Hand. Ich wollte die Papiere einzeln
durchgehen, ich wollte die Briefe lesen, um mich von den Verhltnissen des
Grafen zu unterrichten, aber die innere Unruhe, der Flug von tausend und tausend
Ideen, die durch meinen Kopf brausten, lie es nicht zu. Ich stand nach einigen
Schritten wieder still, ich setzte mich auf ein Felsstck, ich wollte eine
ruhigere Stimmung erzwingen, ich sah die Gefahr, so ganz unvorbereitet mich in
den Kreis mir fremder Erscheinungen zu wagen; da tnten lustige Hrner durch den
Wald, und mehrere Stimmen jauchzten und jubelten immer nher und nher. Das Herz
pochte mir in gewaltigen Schlgen, mein Atem stockte, nun sollte sich mir eine
neue Welt, ein neues Leben erschlieen! - Ich bog in einen schmalen Fusteig
ein, der mich einen jhen Abhang hinabfhrte; als ich aus dem Gebsch trat, lag
ein groes schn gebautes Schlo vor mir im Talgrunde. - Das war der Ort des
Abenteuers, welches der Graf zu bestehen im Sinne gehabt, und ich ging ihm mutig
entgegen. Bald befand ich mich in den Gngen des Parkes, welcher das Schlo
umgab; in einer dunklen Seitenallee sah ich zwei Mnner wandeln, von denen der
eine wie ein Weltgeistlicher gekleidet war. Sie kamen mir nher, aber ohne mich
gewahr zu werden, gingen sie in tiefem Gesprch bei mir vorber. Der
Weltgeistliche war ein Jngling, auf dessen schnem Gesichte die Totenblsse
eines tief nagenden Kummers lag, der andere, schlicht, aber anstndig gekleidet,
schien ein schon bejahrter Mann. Sie setzten sich, mir den Rcken zuwendend, auf
eine steinerne Bank, ich konnte jedes Wort verstehen, was sie sprachen.
Hermogen! sagte der Alte, Sie bringen durch ihr starrsinniges Schweigen Ihre
Familie zur Verzweiflung, Ihre dstre Schwermut steigt mit jedem Tage, Ihre
jugendliche Kraft ist gebrochen, die Blte verwelkt, Ihr Entschlu, den
geistlichen Stand zu whlen, zerstrt alle Hoffnungen, alle Wnsche Ihres
Vaters! - Aber willig wrde er diese Hoffnung aufgeben, wenn ein wahrer innerer
Beruf, ein unwiderstehlicher Hang zur Einsamkeit von Jugend auf den Entschlu in
Ihnen erzeugt htte, er wrde dann nicht dem zu widerstreben wagen, was das
Schicksal einmal ber ihn verhngt. Die pltzliche nderung Ihres ganzen Wesens
hat indessen nur zu deutlich gezeigt, da irgend ein Ereignis, das Sie uns
hartnckig verschweigen, Ihr Inneres auf furchtbare Weise erschttert hat und
nun zerstrend fortarbeitet. - Sie waren sonst ein froher unbefangener,
lebenslustiger Jngling! - Was konnte Sie denn dem Menschlichen so entfremden,
da Sie daran verzweifeln, in eines Menschen Brust knne Trost fr Ihre kranke
Seele zu finden sein? Sie schweigen? Sie starren vor sich hin? - Sie seufzen?
Hermogen! Sie liebten sonst Ihren Vater mit seltener Innigkeit, ist es Ihnen
aber jetzt unmglich geworden, ihm Ihr Herz zu erschlieen, so qulen Sie ihn
wenigstens nicht durch den Anblick Ihres Rocks, der auf den fr ihn
entsetzlichen Entschlu hindeutet. Ich beschwre Sie, Hermogen, werfen Sie diese
verhate Kleidung ab. Glauben Sie mir, es liegt eine geheimnisvolle Kraft in
diesen uerlichen Dingen; es kann Ihnen nicht mifallen, denn ich glaube von
Ihnen ganz verstanden zu werden, wenn ich in diesem Augenblick, freilich auf
fremdartig scheinende Weise, der Schauspieler gedenke, die oft, wenn sie sich in
das Kostm geworfen, wie von einem fremden Geist sich angeregt fhlen und
leichter in den darzustellenden Charakter eingehen. Lassen Sie mich, meiner
Natur gem, heitrer von der Sache sprechen, als sich sonst wohl ziemen wrde. -
Meinen Sie denn nicht, da, wenn dieses lange Kleid nicht mehr Ihren Gang zur
dstern Gravitt einhemmen wrde, Sie wieder rasch und froh dahin schreiten, ja
laufen, springen wrden wie sonst? Der blinkende Schein der Epauletts, die sonst
auf Ihren Schultern prangten, wrde wieder jugendliche Glut auf diese blassen
Wangen werfen, und die klirrenden Sporen wrden wie liebliche Musik dem muntern
Rosse ertnen, das Ihnen entgegenwieherte, vor Lust tanzend und den Nacken
beugend dem geliebten Herrn. Auf, Baron! - Herunter mit dem schwarzen Gewande,
das Ihnen nicht ansteht! - Soll Friedrich Ihre Uniform hervorsuchen?
    Der Alte stand auf und wollte fortgehen, der Jngling fiel ihm in die Arme.
Ach, Sie qulen mich, guter Reinhold! rief er mit matter Stimme, Sie qulen
mich unaussprechlich! - Ach, je mehr Sie sich bemhen, die Saiten in meinem
Innern anzuschlagen, die sonst harmonisch erklangen, desto mehr fhle ich, wie
des Schicksals eherne Faust mich ergriffen, mich erdrckt hat, so da, wie in
einer zerbrochenen Laute, nur Mitne in mir wohnen! - So scheint es Ihnen,
lieber Baron, fiel der Alte ein, Sie sprechen von einem ungeheuern Schicksal,
das Sie ergriffen, worin das bestanden, verschweigen Sie, dem sei aber, wie ihm
wolle, ein Jngling, so wie Sie, mit innerer Kraft, mit jugendlichem Feuermute
ausgerstet, mu vermgen, sich gegen des Schicksals eherne Faust zu wappnen, ja
er mu, wie durchstrahlt von einer gttlichen Natur, sich ber sein Geschick
erheben und so, dies hhere Sein in sich selbst erweckend und entzndend, sich
emporschwingen ber die Qual dieses armseligen Lebens! Ich wte nicht, Baron,
welch ein Geschick denn imstande sein sollte, dies krftige innere Wollen zu
zerstren. - Hermogen trat einen Schritt zurck, und den Alten mit einem
dsteren, wie im verhaltenen Zorn glhenden Blicke, der etwas Entsetzliches
hatte, anstarrend, rief er mit dumpfer, hohler Stimme: So wisse denn, da ich
selbst das Schicksal bin, das mich vernichtet, da ein ungeheures Verbrechen auf
mir lastet, ein schndlicher Frevel, den ich abbe in Elend und Verzweiflung. -
Darum sei barmherzig und flehe den Vater an, da er mich fortlasse in die
Mauern! - Baron, fiel der Alte ein, Sie sind in einer Stimmung, die nur dem
gnzlich zerrtteten Gemte eigen, Sie sollen nicht fort, Sie drfen durchaus
nicht fort. In diesen Tagen kommt die Baronesse mit Aurelien, die mssen Sie
sehen. Da lachte der Jngling wie in furchtbarem Hohn und rief mit einer
Stimme, die durch mein Innres drhnte: Mu ich? - Mu ich bleiben? - Ja,
wahrhaftig, Alter, du hast recht, ich mu bleiben, und meine Bue wird hier
schrecklicher sein als in den dumpfen Mauern. - Damit sprang er fort durch das
Gebsch und lie den Alten stehen, der, das gesenkte Haupt in die Hand gesttzt,
sich ganz dem Schmerz zu berlassen schien. Gelobt sei Jesus Christus! sprach
ich, zu ihm hinantretend. - Er fuhr auf, er sah mich ganz verwundert an, doch
schien er sich bald auf meine Erscheinung wie auf etwas ihm schon Bekanntes zu
besinnen, indem er sprach: Ach gewi sind Sie es, ehrwrdiger Herr, dessen
Ankunft uns die Frau Baronesse zum Trost der in Trauer versunkenen Familie schon
vor einiger Zeit ankndigte? - Ich bejahte das, Reinhold ging bald ganz in die
Heiterkeit ber, die ihm eigentmlich zu sein schien, wir durchwanderten den
schnen Park und kamen endlich in ein dem Schlosse ganz nahgelegenes Boskett,
vor dem sich eine herrliche Aussicht ins Gebirge ffnete. Auf seinen Ruf eilte
der Bediente, der eben aus dem Portal des Schlosses trat, herbei, und bald wurde
uns ein gar stattliches Frhstck aufgetragen. Whrend da wir die gefllten
Glser anstieen, schien es mir, als betrachte mich Reinhold immer aufmerksamer,
ja, als suche er mit Mhe eine halb erloschene Erinnerung aufzufrischen. Endlich
brach er los: Mein Gott, ehrwrdiger Herr! Alles mte mich trgen, wenn Sie
nicht der Pater Medardus aus dem Kapuzinerkloster in ..r- wren, aber wie sollte
das mglich sein? - und doch! Sie sind es - Sie sind es gewi - sprechen Sie
doch nur! - Als htte ein Blitz aus heitrer Luft mich getroffen, bebte es bei
Reinholds Worten mir durch alle Glieder. Ich sah mich entlarvt, entdeckt, des
Mordes beschuldigt, die Verzweiflung gab mir Strke, es ging nun auf Tod und
Leben. Ich bin allerdings der Pater Medardus aus dem Kapuzinerkloster in ..r-
und mit Auftrag und Vollmacht des Klosters auf einer Reise nach Rom begriffen.
- Dies sprach ich mit all der Ruhe und Gelassenheit, die ich nur zu erknsteln
vermochte. So ist es denn vielleicht nur Zufall, sagte Reinhold, da Sie auf
der Reise, vielleicht von der Heerstrae verirrt, hier eintrafen, oder wie kam
es, da die Frau Baronesse mit Ihnen bekannt wurde und Sie herschickte? - Ohne
mich zu besinnen, blindlings das nachsprechend, was mir eine fremde Stimme im
Innern zuzuflstern schien, sagte ich: Auf der Reise machte ich die
Bekanntschaft des Beichtvaters der Baronesse, und dieser empfahl mich, den
Auftrag hier im Hause zu vollbringen. Es ist wahr, fiel Reinhold ein, so
schrieb es ja die Frau Baronesse. Nun, dem Himmel sei es gedankt, der Sie zum
Heil des Hauses diesen Weg fhrte, und da Sie als ein frommer, wackrer Mann es
sich gefallen lassen, mit Ihrer Reise zu zgern, um hier Gutes zu stiften. Ich
war zufllig vor einigen Jahren in ..r- und hrte Ihre salbungsvollen Reden, die
Sie in wahrhaft himmlischer Begeisterung von der Kanzel herab hielten. Ihrer
Frmmigkeit, Ihrem wahren Beruf, das Heil verlorner Seelen zu erkmpfen mit
glhendem Eifer, Ihrer herrlichen, aus innerer Begeisterung hervorstrmenden
Rednergabe traue ich zu, da Sie das vollbringen werden, was wir alle nicht
vermochten. Es ist mir lieb, da ich Sie traf, ehe Sie den Baron gesprochen, ich
will dies dazu benutzen, Sie mit den Verhltnissen der Familie bekannt zu machen
und so aufrichtig zu sein, als es Ihnen, ehrwrdiger Herr, als einem heiligen
Manne, den uns der Himmel selbst zum Trost zu schicken scheint, wohl schuldig
bin. Sie mssen auch ohnedem, um Ihren Bemhungen die richtige Tendenz und
gehrige Wirkung zu geben, ber manches wenigstens Andeutungen erhalten, worber
ich gern schweigen mchte. - Alles ist brigens mit nicht gar zu viel Worten
abgetan. - Mit dem Baron bin ich aufgewachsen, die gleiche Stimmung unsrer
Seelen machte uns zu Brdern und vernichtete die Scheidewand, die sonst unsere
Geburt zwischen uns gezogen htte. Ich trennte mich nie von ihm und wurde in
demselben Augenblick, als wir unsere akademischen Studien vollendet und er die
Gter seines verstorbenen Vaters hier im Gebirge in Besitz nahm, Intendant
dieser Gter. - Ich blieb sein innigster Freund und Bruder und als solcher
eingeweiht in die geheimsten Angelegenheiten seines Hauses. Sein Vater hatte
seine Verbindung mit einer ihm befreundeten Familie durch eine Heirat gewnscht,
und um so freudiger erfllte er diesen Willen, als er in der ihm bestimmten
Braut ein herrliches, von der Natur reich ausgestattetes Wesen fand, zu dem er
sich unwiderstehlich hingezogen fhlte. Selten kam wohl der Wille der Vter so
vollkommen mit dem Geschick berein, das die Kinder in allen nur mglichen
Beziehungen freinander bestimmt zu haben schien. Hermogen und Aurelie waren die
Frucht der glcklichen Ehe. Mehrenteils brachten wir den Winter in der
benachbarten Hauptstadt zu, als aber bald nach Aureliens Geburt die Baronesse zu
krnkeln anfing, blieben wir auch den Sommer ber in der Stadt, da sie
unausgesetzt des Beistandes geschickter rzte bedurfte. Sie starb, als eben im
herannahenden Frhling ihre scheinbare Besserung den Baron mit den frohsten
Hoffnungen erfllte. Wir flohen auf das Land, und nur die Zeit vermochte den
tiefen zerstrenden Gram zu mildern, der den Baron ergriffen hatte. Hermogen
wuchs zum herrlichen Jngling heran, Aurelie wurde immer mehr das Ebenbild ihrer
Mutter, die sorgfltige Erziehung der Kinder war unser Tagewerk und unsere
Freude. Hermogen zeigte entschiedenen Hang zum Militr, und dies zwang den
Baron, ihn nach der Hauptstadt zu schicken, um dort unter den Augen seines alten
Freundes, des Gouverneurs, die Laufbahn zu beginnen. - Erst vor drei Jahren
brachte der Baron mit Aurelien und mit mir wieder, wie vor alter Zeit, zum
erstenmal den ganzen Winter in der Residenz zu, teils seinen Sohn wenigstens
einige Zeit hindurch in der Nhe zu haben, teils seine Freunde, die ihn
unaufhrlich dazu aufgefordert, wiederzusehen. Allgemeines Aufsehen in der
Hauptstadt erregte damals die Erscheinung der Nichte des Gouverneurs, welche aus
der Residenz dahin gekommen. Sie war elternlos und hatte sich unter den Schutz
des Oheims begeben, wiewohl sie, einen besonderen Flgel des Palastes bewohnend,
ein eignes Haus machte und die schne Welt um sich zu versammeln pflegte. Ohne
Euphemien nher zu beschreiben, welches um so unntiger, da Sie, ehrwrdiger
Herr, sie bald selbst sehen werden, begnge ich mich zu sagen, da alles, was
sie tat, was sie sprach, von einer unbeschreiblichen Anmut belebt und so der
Reiz ihrer ausgezeichneten krperlichen Schnheit bis zum Unwiderstehlichen
erhht wurde. - berall, wo sie erschien, ging ein neues, herrliches Leben auf,
und man huldigte ihr mit dem glhendsten Enthusiasmus; den Unbedeutendsten,
Leblosesten wute sie selbst in sein eignes Inneres hinein zu entznden, da er
wie inspiriert sich ber die eigne Drftigkeit erhob und entzckt in den
Genssen eines hheren Lebens schwelgte, die ihm unbekannt gewesen. Es fehlte
natrlicherweise nicht an Anbetern, die tglich zu der Gottheit mit Inbrunst
flehten; man konnte indessen nie mit Bestimmtheit sagen, da sie diesen oder
jenen besonders auszeichne, vielmehr wute sie mit schalkhafter Ironie, die,
ohne zu beleidigen, nur wie starkes brennendes Gewrz anregte und reizte, alle
mit einem unauflslichen Bande zu umschlingen, da sie sich, festgezaubert in
dem magischen Kreise, froh und lustig bewegten. Auf den Baron hatte diese Circe
einen wunderbaren Eindruck gemacht. Sie bewies ihm gleich bei seinem Erscheinen
eine Aufmerksamkeit, die von kindlicher Ehrfurcht erzeugt zu sein schien; in
jedem Gesprch mit ihm zeigte sie den gebildetsten Verstand und tiefes Gefhl,
wie er es kaum noch bei Weibern gefunden. Mit unbeschreiblicher Zartheit suchte
und fand sie Aureliens Freundschaft und nahm sich ihrer mit so vieler Wrme an,
da sie sogar es nicht verschmhte, fr die kleinsten Bedrfnisse ihres Anzuges
und sonst wie eine Mutter zu sorgen. Sie wute dem blden unerfahrnen Mdchen in
glnzender Gesellschaft auf eine so feine Art beizustehen, da dieser Beistand,
statt bemerkt zu werden, nur dazu diente, Aureliens natrlichen Verstand und
tiefes richtiges Gefhl so herauszuheben, da man sie bald mit der hchsten
Achtung auszeichnete. Der Baron ergo sich bei jeder Gelegenheit in Euphemiens
Lob, und hier traf es sich vielleicht zum erstenmal in unserm Leben, da wir so
ganz verschiedener Meinung waren. Gewhnlich machte ich in jeder Gesellschaft
mehr den stillen aufmerksamen Beobachter, als da ich htte unmittelbar eingehen
sollen in lebendige Mitteilung und Unterhaltung. So hatte ich auch Euphemien,
die nur dann und wann nach ihrer Gewohnheit, niemanden zu bersehen, ein paar
freundliche Worte mit mir gewechselt, als eine hchst interessante Erscheinung
recht genau beobachtet. Ich mute eingestehen, da sie das schnste, herrlichste
Weib von allen war, da aus allem, was sie sprach, Verstand und Gefhl
hervorleuchtete; und doch wurde ich auf ganz unerklrliche Weise von ihr
zurckgestoen, ja ich konnte ein gewisses unheimliches Gefhl nicht
unterdrcken, das sich augenblicklich meiner bemchtigte, sobald ihr Blick mich
traf oder sie mit mir zu sprechen anfing. In ihren Augen brannte oft eine ganz
eigne Glut, aus der, wenn sie sich unbemerkt glaubte, funkelnde Blitze schossen,
und es schien ein inneres verderbliches Feuer, das nur mhsam berbaut,
gewaltsam hervorzustrahlen. Nchstdem schwebte oft um ihren sonst weich
geformten Mund eine gehssige Ironie, die mich, da es oft der grellste Ausdruck
des hmischen Hohns war, im Innersten erbeben machte. Da sie oft den Hermogen,
der sich wenig oder gar nicht um sie bemhte, in dieser Art anblickte, machte es
mir gewi, da manches hinter der schnen Maske verborgen, was wohl niemand
ahne. Ich konnte dem ungemessenen Lob des Barons freilich nichts entgegensetzen
als meine physiognomischen Bemerkungen, die er nicht im mindesten gelten lie,
vielmehr in meinem innerlichen Abscheu gegen Euphemien nur eine hchst
merkwrdige Idiosynkrasie fand. Er vertraute mir, da Euphemie wahrscheinlich in
die Familie treten werde, da er alles anwenden wolle, sie knftig mit Hermogen
zu verbinden. Dieser trat, als wir soeben recht ernstlich ber die Angelegenheit
sprachen und ich alle nur mgliche Grnde hervorsuchte, meine Meinung ber
Euphemien zu rechtfertigen, ins Zimmer, und der Baron, gewohnt in allem schnell
und offen zu handeln, machte ihn augenblicklich mit seinen Plnen und Wnschen
rcksichts Euphemiens bekannt. Hermogen hrte alles ruhig an, was der Baron
darber und zum Lobe Euphemiens mit dem grten Enthusiasmus sprach. Als die
Lobrede geendet, antwortete er, wie er sich auch nicht im mindesten von
Euphemien angezogen fhle, sie niemals lieben knne und daher recht herzlich
bitte, den Plan jeder nheren Verbindung mit ihr aufzugeben. Der Baron war nicht
wenig bestrzt, seinen Lieblingsplan so beim ersten Schritt zertrmmert zu
sehen, indessen war er um so weniger bemht, noch mehr in Hermogen zu dringen,
als er nicht einmal Euphemiens Gesinnungen hierber wute. Mit der ihm eignen
Heiterkeit und Gemtlichkeit scherzte er bald ber sein unglckliches Bemhen
und meinte, da Hermogen mit mir vielleicht die Idiosynkrasie teile, obgleich er
nicht begreife, wie in einem schnen interessanten Weibe solch ein
zurckschreckendes Prinzip wohnen knne. Sein Verhltnis mit Euphemien blieb
natrlicherweise dasselbe; er hatte sich so an sie gewhnt, da er keinen Tag
zubringen konnte, ohne sie zu sehen. So kam es denn, da er einmal in ganz
heitrer, gemtlicher Laune ihr scherzend sagte, wie es nur einen einzigen
Menschen in ihrem Zirkel gebe, der nicht in sie verliebt sei, nmlich Hermogen.
- Er habe die Verbindung mit ihr, die er, der Baron, doch so herzlich gewnscht,
hartnckig ausgeschlagen.
    Euphemie meinte, da es auch wohl noch darauf angekommen sein wrde, was sie
zu der Verbindung gesagt, und da ihr zwar jedes nhere Verhltnis mit dem Baron
wnschenswert sei, aber nicht durch Hermogen, der ihr viel zu ernst und launisch
wre. Von der Zeit, als dieses Gesprch, das mir der Baron gleich wieder
erzhlte, stattgefunden, verdoppelte Euphemie ihre Aufmerksamkeit fr den Baron
und Aurelien: ja in manchen leisen Andeutungen fhrte sie den Baron darauf, da
eine Verbindung mit ihm selbst dem Ideal, das sie sich nun einmal von einer
glcklichen Ehe mache, ganz entspreche. Alles, was man rcksichts des
Unterschieds der Jahre oder sonst entgegensetzen konnte, wute sie auf die
eindringendste Weise zu widerlegen, und mit dem allen ging sie so leise, so
fein, so geschickt Schritt vor Schritt vorwrts, da der Baron glauben mute,
alle die Ideen, alle die Wnsche, die Euphemie gleichsam nur in sein Inneres
hauchte, wren eben in seinem Innern emporgekeimt. Krftiger, lebensvoller
Natur, wie er war, fhlte er sich bald von der glhenden Leidenschaft des
Jnglings ergriffen. Ich konnte den wilden Flug nicht mehr aufhalten, es war zu
spt. Nicht lange dauerte es, so war Euphemie zum Erstaunen der Hauptstadt des
Barons Gattin. Es war mir, als sei nun das bedrohliche grauenhafte Wesen, das
mich in der Ferne gengstigt, recht in mein Leben getreten und als msse ich
wachen und auf sorglicher Hut sein fr meinen Freund und fr mich selbst.
    - Hermogen nahm die Verheiratung seines Vaters mit kalter Gleichgltigkeit
auf. Aurelie, das liebe, ahnungsvolle Kind zerflo in Trnen.
    Bald nach der Verbindung sehnte sich Euphemie ins Gebirge; sie kam her, und
ich mu gestehen, da ihr Betragen in hoher Liebenswrdigkeit sich so ganz
gleich blieb, da sie mir unwillkrliche Bewunderung abntigte. So verflossen
zwei Jahre in ruhigem, ungestrten Lebensgenu. Die beiden Winter brachten wir
in der Hauptstadt zu, aber auch hier bewies die Baronesse dem Gemahl so viel
unbegrenzte Ehrfurcht, so viel Aufmerksamkeit fr seine leisesten Wnsche, da
der giftige Neid verstummen mute und keiner der jungen Herren, die sich schon
freien Spielraum fr ihre Galanterie bei der Baronesse getrumt hatten, sich
auch die kleinste Glosse erlaubte. Im letzten Winter mochte ich auch wieder der
einzige sein, der, ergriffen von der alten, kaum verwundenen Idiosynkrasie,
wieder arges Mitrauen zu hegen anfing.
    Vor der Verbindung mit dem Baron war der Graf Viktorin, ein junger, schner
Mann, Major bei der Ehrengarde und nur abwechselnd in der Hauptstadt, einer der
eifrigsten Verehrer Euphemiens und der einzige, den sie oft wie unwillkrlich,
hingerissen von dem Eindruck des Moments, vor den andern auszeichnete. Man
sprach einmal sogar davon, da wohl ein nheres Verhltnis zwischen ihm und
Euphemien stattfinden mge, als man es nach dem uern Anschein vermuten solle,
aber das Gercht verscholl ebenso dumpf, als es entstanden. Graf Viktorin war
eben den Winter wieder in der Hauptstadt und natrlicherweise in Euphemiens
Zirkeln, er schien sich aber nicht im mindesten um sie zu bemhen, sondern
vielmehr sie absichtlich zu vermeiden. Demunerachtet war es mir oft, als
begegneten sich, wenn sie nicht bemerkt zu werden glaubten, ihre Blicke, in
denen inbrnstige Sehnsucht, lsternes, glhendes Verlangen wie verzehrendes
Feuer brannte. Bei dem Gouverneur war eines Abends eine glnzende Gesellschaft
versammelt, ich stand in ein Fenster gedrckt, so da mich die herabwallende
Draperie des reichen Vorhangs halb versteckte, nur zwei bis drei Schritte vor
mir stand Graf Viktorin. Da streifte Euphemie, reizender gekleidet als je und in
voller Schnheit strahlend, an ihm vorber; er fate, so da es niemand als
gerade ich bemerken konnte, mit leidenschaftlicher Heftigkeit ihren Arm, - sie
erbebte sichtlich; ihr ganz unbeschreiblicher Blick - es war die glutvollste
Liebe, die nach Genu drstende Wollust selbst - fiel auf ihn. Sie lispelten
einige Worte, die ich nicht verstand. Euphemie mochte mich erblicken; sie wandte
sich schnell um, aber ich vernahm deutlich die Worte: Wir werden bemerkt!
    Ich erstarrte vor Erstaunen, Schrecken und Schmerz! - Ach, wie soll ich
Ihnen, ehrwrdiger Herr, denn mein Gefhl beschreiben! - Denken Sie an meine
Liebe, an meine treue Anhnglichkeit, mit der ich dem Baron ergeben war - an
meine bse Ahnungen, die nun erfllt wurden; denn die wenigen Worte hatten es
mir ja ganz erschlossen, da ein geheimes Verhltnis zwischen der Baronesse und
dem Grafen stattfand. Ich mute wohl vorderhand schweigen, aber die Baronesse
wollte ich bewachen mit Argusaugen und dann bei erlangter Gewiheit ihres
Verbrechens die schndlichen Bande lsen, mit denen sie meinen unglcklichen
Freund umstrickt hatte. Doch wer vermag teuflischer Arglist zu begegnen;
umsonst, ganz umsonst waren meine Bemhungen, und es wre lcherlich gewesen,
dem Baron das mitzuteilen, was ich gesehen und gehrt, da die Schlaue Auswege
genug gefunden haben wrde, mich als einen abgeschmackten, trichten
Geisterseher darzustellen. -
    Der Schnee lag noch auf den Bergen, als wir im vergangenen Frhling hier
einzogen, demunerachtet machte ich manchen Spaziergang in die Berge hinein; im
nchsten Dorfe begegne ich einem Bauer, der in Gang und Stellung etwas
Fremdartiges hat, als er den Kopf umwendet, erkenne ich den Grafen Viktorin,
aber in demselben Augenblick verschwindet er hinter den Husern und ist nicht
mehr zu finden. - Was konnte ihn anders zu der Verkleidung vermocht haben, als
das Verstndnis mit der Baronesse! - Eben jetzt wei ich gewi, da er sich
wieder hier befindet, ich habe seinen Jger vorberreiten gesehn, unerachtet es
mir unbegreiflich ist, da er die Baronesse nicht in der Stadt aufgesucht haben
sollte! - Vor drei Monaten begab es sich, da der Gouverneur heftig erkrankte
und Euphemien zu sehen wnschte, sie reiste mit Aurelien augenblicklich dahin,
und nur eine Unplichkeit hielt den Baron ab, sie zu begleiten. Nun brach aber
das Unglck und die Trauer ein in unser Haus, denn bald schrieb Euphemie dem
Baron, wie Hermogen pltzlich von einer oft in wahnsinnige Wut ausbrechenden
Melancholie befallen, wie er einsam umherirre, sich und sein Geschick verwnsche
und wie alle Bemhungen der Freunde und der rzte bis jetzt umsonst gewesen. Sie
knnen denken, ehrwrdiger Herr, welch einen Eindruck diese Nachricht auf den
Baron machte. Der Anblick seines Sohnes wrde ihn zu sehr erschttert haben, ich
reiste daher allein nach der Stadt. Hermogen war durch starke Mittel, die man
angewandt, wenigstens von den wilden Ausbrchen des wtenden Wahnsinns befreit,
aber eine stille Melancholie war eingetreten, die den rzten unheilbar schien.
Als er mich sah, war er tief bewegt - er sagte mir, wie ihn ein unglckliches
Verhngnis treibe, dem Stande, in welchem er sich jetzt befinde, auf immer zu
entsagen, und nur als Klostergeistlicher knne er seine Seele erretten von
ewiger Verdammnis. Ich fand ihn schon in der Tracht, wie Sie, ehrwrdiger Herr,
ihn vorhin gesehen, und es gelang mir, seines Widerstrebens unerachtet, endlich
ihn hieher zu bringen. Er ist ruhig, aber lt nicht ab von der einmal gefaten
Idee, und alle Bemhungen, das Ereignis zu erforschen, das ihn in diesen Zustand
versetzt, bleiben fruchtlos, unerachtet die Entdeckung dieses Geheimnisses
vielleicht am ersten auf wirksame Mittel fhren knnte, ihn zu heilen.
    Vor einiger Zeit schrieb die Baronesse, wie sie auf Anraten ihres
Beichtvaters einen Ordensgeistlichen hersenden werde, dessen Umgang und
trstender Zuspruch vielleicht besser als alles andere auf Hermogen wirken
knne, da sein Wahnsinn augenscheinlich eine ganz religise Tendenz genommen. -
Es freut mich recht innig, da die Wahl Sie, ehrwrdiger Herr, den ein
glcklicher Zufall in die Hauptstadt fhrte, traf. Sie knnen einer gebeugten
Familie die verlorne Ruhe wiedergeben, wenn Sie Ihre Bemhungen, die der Herr
segnen mge, auf einen doppelten Zweck richten. Erforschen Sie Hermogens
entsetzliches Geheimnis, seine Brust wird erleichtert sein, wenn er sich, sei es
auch in heiliger Beichte, entdeckt hat, und die Kirche wird ihn dem frohen Leben
in der Welt, der er angehrt, wiedergeben, statt ihn in den Mauern zu begraben.
- Aber treten Sie auch der Baronesse nher. - Sie wissen alles - Sie stimmen mir
bei, da meine Bemerkungen von der Art sind, da, so wenig sich darauf eine
Anklage gegen die Baronesse bauen lt, doch eine Tuschung, ein ungerechter
Verdacht kaum mglich ist. Ganz meiner Meinung werden Sie sein, wenn Sie
Euphemien sehen und kennen lernen. Euphemie ist religis schon aus Temperament,
vielleicht gelingt es Ihrer besonderen Rednergabe, tief in ihr Herz zu dringen,
sie zu erschttern und zu bessern, da sie den Verrat am Freunde, der sie um die
ewige Seligkeit bringt, unterlt. Noch mu ich sagen, ehrwrdiger Herr, da es
mir in manchen Augenblicken scheint, als trage der Baron einen Gram in der
Seele, dessen Ursache er mir verschweigt, denn auer der Bekmmernis um Hermogen
kmpft er sichtlich mit einem Gedanken, der ihn bestndig verfolgt. Es ist mir
in den Sinn gekommen, da vielleicht ein bser Zufall noch deutlicher ihm die
Spur von dem verbrecherischen Umgange der Baronesse mit dem fluchwrdigen Grafen
zeigte als mir. - Auch meinen Herzensfreund, den Baron, empfehle ich,
ehrwrdiger Herr, Ihrer geistlichen Sorge. -
    Mit diesen Worten schlo Reinhold seine Erzhlung, die mich auf mannigfache
Weise gefoltert hatte, indem die seltsamsten Widersprche in meinem Innern sich
durchkreuzten. Mein eignes Ich, zum grausamen Spiel eines launenhaften Zufalls
geworden und in fremdartige Gestalten zerflieend, schwamm ohne Halt wie in
einem Meer all der Ereignisse, die wie tobende Wellen auf mich hineinbrausten. -
Ich konnte mich selbst nicht wiederfinden! - Offenbar wurde Viktorin durch den
Zufall, der meine Hand, nicht meinen Willen leitete, in den Abgrund gestrzt! -
Ich trete an seine Stelle, aber Reinhold kennt den Pater Medardus, den Prediger
im Kapuzinerkloster in ..r-, und so bin ich ihm das wirklich, was ich bin! -
Aber das Verhltnis mit der Baronesse, welches Viktorin unterhlt, kommt auf
mein Haupt, denn ich bin selbst Viktorin. Ich bin das, was ich scheine, und
scheine das nicht, was ich bin, mir selbst ein unerklrlich Rtsel, bin ich
entzweit mit meinem Ich!
    Des Sturms in meinem Innern unerachtet, gelang es mir, die dem Priester
ziemliche Ruhe zu erheucheln, und so trat ich vor den Baron. Ich fand in ihm
einen bejahrten Mann, aber in den erloschenen Zgen lagen noch die Andeutungen
seltner Flle und Kraft. Nicht das Alter, sondern der Gram hatte die tiefen
Furchen auf seiner breiten offnen Stirn gezogen und die Locken wei gefrbt.
Unerachtet dessen herrschte noch in allem, was er sprach, in seinem ganzen
Benehmen eine Heiterkeit und Gemtlichkeit, die jeden unwiderstehlich zu ihm
hinziehen mute. Als Reinhold mich als den vorstellte, dessen Ankunft die
Baronesse angekndigt, sah er mich an mit durchdringendem Blick, der immer
freundlicher wurde, als Reinhold erzhlte, wie er mich schon vor mehreren Jahren
im Kapuzinerkloster zu ..r- predigen gehrt und sich von meiner seltnen
Rednergabe berzeugt htte. Der Baron reichte mir treuherzig die Hand und
sprach, sich zu Reinhold wendend: Ich wei nicht, lieber Reinhold, wie so
sonderbar mich die Gesichtszge des ehrwrdigen Herrn bei dem ersten Anblick
ansprachen; sie weckten eine Erinnerung, die vergebens strebte, deutlich und
lebendig hervorzugehen.
    Es war mir, als wrde er gleich herausbrechen: Es ist ja Graf Viktorin,
denn auf wunderbare Weise glaubte ich nun wirklich Viktorin zu sein, und ich
fhlte mein Blut heftiger wallen und aufsteigend meine Wangen hher frben. -
Ich baute auf Reinhold, der mich ja als den Pater Medardus kannte, unerachtet
mir das eine Lge zu sein schien; nichts konnte meinen verworrenen Zustand
lsen.
    Nach dem Willen des Barons sollte ich sogleich Hermogens Bekanntschaft
machen, er war aber nirgends zu finden; man hatte ihn nach dem Gebirge wandeln
gesehen und war deshalb nicht besorgt um ihn, weil er schon mehrmals tagelang
auf diese Weise entfernt gewesen. Den ganzen Tag ber blieb ich in Reinholds und
des Barons Gesellschaft, und nach und nach fate ich mich so im Innern, da ich
mich am Abend voll Mut und Kraft fhlte, keck all den wunderlichen Ereignissen
entgegenzutreten, die meiner zu harren schienen. In der einsamen Nacht ffnete
ich das Portefeuille und berzeugte mich ganz davon, da es eben Graf Viktorin
war, der zerschmettert im Abgrunde lag, doch waren brigens die an ihn
gerichteten Briefe gleichgltigen Inhalts, und kein einziger fhrte mich nur
auch mit einer Silbe ein in seine nhere Lebensverhltnisse. Ohne mich darum
weiter zu kmmern, beschlo ich dem mich ganz zu fgen, was der Zufall ber mich
verhngt haben wrde, wenn die Baronesse angekommen und mich gesehen. - Schon
den andern Morgen traf die Baronesse mit Aurelien ganz unerwartet ein. Ich sah
beide aus dem Wagen steigen und, von dem Baron und Reinhold empfangen, in das
Portal des Schlosses gehen. Unruhig schritt ich im Zimmer auf und ab, von
seltsamen Ahnungen bestrmt, nicht lange dauerte es, so wurde ich herabgerufen.
- Die Baronesse trat mir entgegen - ein schnes, herrliches Weib, noch in voller
Blte. - Als sie mich erblickte, schien sie auf besondere Weise bewegt, ihre
Stimme zitterte, sie vermochte kaum Worte zu finden. Ihre sichtliche
Verlegenheit gab mir Mut, ich schaute ihr keck ins Auge und gab ihr nach
Klostersitte den Segen - sie erbleichte, sie mute sich niederlassen. Reinhold
sah mich an, ganz froh und zufrieden lchelnd. In dem Augenblick ffnete sich
die Tre, und der Baron trat mit Aurelien herein. -
    Sowie ich Aurelien erblickte, fuhr ein Strahl in meine Brust und entzndete
all die geheimsten Regungen, die wonnevollste Sehnsucht, das Entzcken der
inbrnstigen Liebe, alles, was sonst nur gleich einer Ahnung aus weiter Ferne im
Innern erklungen, zum regen Leben; ja das Leben selbst ging mir nun erst auf,
farbicht und glnzend, denn alles vorher lag kalt und erstorben in der Nacht
hinter mir. - Sie war es selbst, sie, die ich in jener wundervollen Vision im
Beichtstuhl geschaut. Der schwermtige, kindlich fromme Blick des dunkelblauen
Auges, die weichgeformten Lippen, der wie in betender Andacht sanft vorgebeugte
Nacken, die hohe schlanke Gestalt, nicht Aurelie, die heilige Rosalie selbst war
es. - Sogar der azurblaue Shawl, den Aurelie ber das dunkelrote Kleid
geschlagen, war im phantastischen Faltenwurf ganz dem Gewande hnlich, wie es
die Heilige auf jenem Gemlde und eben die Unbekannte in jener Vision trug. -
Was war der Baronesse ppige Schnheit gegen Aureliens himmlischen Liebreiz. Nur
sie sah ich, indem alles um mich verschwunden. Meine innere Bewegung konnte den
Umstehenden nicht entgehen. Was ist Ihnen, ehrwrdiger Herr? fing der Baron
an: Sie scheinen auf ganz besondere Weise bewegt! - Diese Worte brachten mich
zu mir selbst, ja ich fhlte in dem Augenblick eine bermenschliche Kraft in mir
emporkeimen, einen nie gefhlten Mut, alles zu bestehen, denn sie mute der
Preis des Kampfes werden.
    Wnschen Sie sich Glck, Herr Baron! rief ich, wie von hoher Begeisterung
pltzlich ergriffen, wnschen Sie sich Glck! - Eine Heilige wandelt unter uns
in diesen Mauern, und bald ffnet sich in segensreicher Klarheit der Himmel, und
sie selbst, die heilige Rosalia, von den heiligen Engeln umgeben, spendet Trost
und Seligkeit den Gebeugten, die fromm und glubig sie anflehten. - Ich hre die
Hymnen verklrter Geister, die sich sehnen nach der Heiligen und, sie im Gesange
rufend, aus glnzenden Wolken herabschweben. Ich sehe ihr Haupt strahlend in der
Glorie himmlischer Verklrung, emporgehoben nach dem Chor der Heiligen, der
ihrem Auge sichtlich! - Sancta Rosalia, ora pro nobis!
    Ich sank mit in die Hhe gerichteten Augen auf die Knie, die Hnde faltend
zum Gebet, und alles folgte meinem Beispiel. Niemand frug mich weiter, man
schrieb den pltzlichen Ausbruch meiner Begeisterung irgend einer Inspiration
zu, so da der Baron beschlo, wirklich am Altar der heiligen Rosalia in der
Hauptkirche der Stadt Messen lesen zu lassen. Herrlich hatte ich mich auf diese
Weise aus der Verlegenheit gerettet, und immer mehr war ich bereit, alles zu
wagen, denn es galt Aureliens Besitz, um den mir selbst mein Leben feil war. -
Die Baronesse schien in ganz besonderer Stimmung, ihre Blicke verfolgten mich,
aber sowie ich sie unbefangen anschaute, irrten ihre Augen unstet umher. Die
Familie war in ein anderes Zimmer getreten, ich eilte in den Garten hinab und
schweifte durch die Gnge, mit tausend Entschlssen, Ideen, Plnen fr mein
knftiges Leben im Schlosse arbeitend und kmpfend. Schon war es Abend worden,
da erschien Reinhold und sagte mir, da die Baronesse, durchdrungen von meiner
frommen Begeisterung, mich auf ihrem Zimmer zu sprechen wnsche. -
    Als ich in das Zimmer der Baronesse trat, kam sie mir einige Schritte
entgegen, mich bei beiden rmen fassend, sah sie mir starr ins Auge und rief:
Ist es mglich - ist es mglich! - Bist du Medardus, der Kapuzinermnch? - Aber
die Stimme, die Gestalt, deine Augen, dein Haar! Sprich, oder ich vergehe in
Angst und Zweifel. - Viktorinus! lispelte ich leise, da umschlang sie mich
mit dem wilden Ungestm unbezhmbarer Wollust, - ein Glutstrom brauste durch
meine Adern, das Blut siedete, die Sinne vergingen mir in namenloser Wonne, in
wahnsinniger Verzckung; aber sndigend war mein ganzes Gemt nur Aurelien
zugewendet, und ihr nur opferte ich in dem Augenblick durch den Bruch des
Gelbdes das Heil meiner Seele.
    Ja! Nur Aurelie lebte in mir, mein ganzer Sinn war von ihr erfllt, und doch
ergriff mich ein innerer Schauer, wenn ich daran dachte, sie wiederzusehen, was
doch schon an der Abendtafel geschehen sollte. Es war mir, als wrde mich ihr
frommer Blick heilloser Snde zeihen und als wrde ich, entlarvt und vernichtet,
in Schmach und Verderben sinken. Ebenso konnte ich mich nicht entschlieen, die
Baronesse gleich nach jenen Momenten wiederzusehen, und alles dieses bestimmte
mich, eine Andachtsbung vorschtzend, in meinem Zimmer zu bleiben, als man mich
zur Tafel einlud. Nur weniger Tage bedurfte es indessen, um alle Scheu, alle
Befangenheit zu berwinden; die Baronesse war die Liebenswrdigkeit selbst, und
je enger sich unser Bndnis schlo, je reicher an frevelhaften Genssen es
wurde, desto mehr verdoppelte sich ihre Aufmerksamkeit fr den Baron. Sie
gestand mir, da nur meine Tonsur, mein natrlicher Bart sowie mein echt
klsterlicher Gang, den ich aber jetzt nicht mehr so strenge als anfangs
beibehalte, sie in tausend ngsten gesetzt habe. Ja bei meiner pltzlichen
begeisterten Anrufung der heiligen Rosalia sei sie beinahe berzeugt worden,
irgend ein Irrtum, irgend ein feindlicher Zufall habe ihren mit Viktorin so
schlau entworfenen Plan vereitelt und einen verdammten wirklichen Kapuziner an
die Stelle geschoben. Sie bewunderte meine Vorsicht, mich wirklich tonsurieren
und mir den Bart wachsen zu lassen, ja mich in Gang und Stellung so ganz in
meine Rolle einzustudieren, da sie oft selbst mir recht ins Auge blicken msse,
um nicht in abenteuerliche Zweifel zu geraten.
    Zuweilen lie sich Viktorins Jger, als Bauer verkleidet, am Ende des Parks
sehen, und ich versumte nicht, insgeheim mit ihm zu sprechen und ihn zu
ermahnen, sich bereit zu halten, um mit mir fliehen zu knnen, wenn vielleicht
ein bser Zufall mich in Gefahr bringen sollte. Der Baron und Reinhold schienen
hchlich mit mir zufrieden und drangen in mich, ja des tiefsinnigen Hermogen
mich mit aller Kraft, die mir zu Gebote stehe, anzunehmen. Noch war es mir aber
nicht mglich geworden, auch nur ein einziges Wort mit ihm zu sprechen, denn
sichtlich wich er jeder Gelegenheit aus, mit mir allein zu sein, und traf er
mich in der Gesellschaft des Barons oder Reinholds, so blickte er mich auf so
sonderbare Weise an, da ich in der Tat Mhe hatte, nicht in augenscheinliche
Verlegenheit zu geraten. Er schien tief in meine Seele zu dringen und meine
geheimste Gedanken zu ersphen. Ein unbezwinglicher tiefer Mimut, ein
unterdrckter Groll, ein nur mit Mhe bezhmter Zorn lag auf seinem bleichen
Gesichte, sobald er mich ansichtig wurde. - Es begab sich, da er mir einmal,
als ich eben im Park lustwandelte, ganz unerwartet entgegentrat; ich hielt dies
fr den schicklichen Moment, endlich das drckende Verhltnis mit ihm
aufzuklren, daher fate ich ihn schnell bei der Hand, als er mir ausweichen
wollte, und mein Rednertalent machte es mir mglich, so eindringend, so
salbungsvoll zu sprechen, da er wirklich aufmerksam zu werden schien und eine
innere Rhrung nicht unterdrcken konnte. Wir hatten uns auf eine steinerne Bank
am Ende eines Ganges, der nach dem Schlo fhrte, niedergelassen. Im Reden stieg
meine Begeisterung, ich sprach davon, da es sndlich sei, wenn der Mensch, im
innern Gram sich verzehrend, den Trost, die Hilfe der Kirche, die den Gebeugten
aufrichte, verschmhe und so den Zwecken des Lebens, wie die hhere Macht sie
ihm gestellt, feindlich entgegenstrebe. Ja, da selbst der Verbrecher nicht
zweifeln solle an der Gnade des Himmels, da dieser Zweifel ihn eben um die
Seligkeit bringe, die er, entsndigt durch Bue und Frmmigkeit, erwerben knne.
Ich forderte ihn endlich auf, gleich jetzt mir zu beichten und so sein Inneres
wie vor Gott auszuschtten, indem ich ihm von jeder Snde, die er begangen,
Absolution zusage; da stand er auf, seine Augenbraunen zogen sich zusammen, die
Augen brannten, eine glhende Rte berflog sein leichenblasses Gesicht, und mit
seltsam gellender Stimme rief er: Bist du denn rein von der Snde, da du es
wagst, wie der Reinste, ja wie Gott selbst, den du verhhnest, in meine Brust
schauen zu wollen, da du es wagst, mir Vergebung der Snden zuzusagen, du, der
du selbst vergeblich ringen wirst nach der Entsndigung, nach der Seligkeit des
Himmels, die sich dir auf ewig verschlo? Elender Heuchler, bald kommt die
Stunde der Vergeltung, und in den Staub getreten wie ein giftiger Wurm, zuckst
du im schmachvollen Tode, vergebens nach Hilfe, nach Erlsung von unnennbarer
Qual chzend, bis du verdirbst in Wahnsinn und Verzweiflung! - Er schritt rasch
von dannen, ich war zerschmettert, vernichtet, all meine Fassung, mein Mut war
dahin. Ich sah Euphemien aus dem Schlosse kommen mit Hut und Shawl, wie zum
Spaziergange gekleidet; bei ihr nur war Trost und Hilfe zu finden, ich warf mich
ihr entgegen, sie erschrak ber mein zerstrtes Wesen, sie frug nach der
Ursache, und ich erzhlte ihr getreulich den ganzen Auftritt, den ich eben mit
dem wahnsinnigen Hermogen gehabt, indem ich noch meine Angst, meine Besorgnis,
da Hermogen vielleicht durch einen unerklrlichen Zufall unser Geheimnis
verraten, hinzusetzte. Euphemie schien ber alles nicht einmal betroffen, sie
lchelte auf so ganz seltsame Weise, da mich ein Schauer ergriff, und sagte:
Gehen wir tiefer in den Park, denn hier werden wir zu sehr beobachtet, und es
knnte auffallen, da der ehrwrdige Pater Medardus so heftig mit mir spricht.
Wir waren in ein ganz entlegenes Boskett getreten, da umschlang mich Euphemie
mit leidenschaftlicher Heftigkeit; ihre heien, glhenden Ksse brannten auf
meinen Lippen. Ruhig, Viktorin, sprach Euphemie, ruhig kannst du sein ber
das alles, was dich so in Angst und Zweifel gestrzt hat; es ist mir sogar lieb,
da es so mit Hermogen gekommen, denn nun darf und mu ich mit dir ber manches
sprechen, wovon ich so lange schwieg. - Du mut eingestehen, da ich mir eine
seltene geistige Herrschaft ber alles, was mich im Leben umgibt, zu erringen
gewut, und ich glaube, da dies dem Weibe leichter ist als Euch. Freilich
gehrt nichts Geringeres dazu, als da auer jenem unnennbaren unwiderstehlichen
Reiz der uern Gestalt, den die Natur dem Weibe zu spenden vermag, dasjenige
hhere Prinzip in ihr wohne, welches eben jenen Reiz mit dem geistigen Vermgen
in eins verschmilzt und nun nach Willkr beherrscht. Es ist das eigne wunderbare
Heraustreten aus sich selbst, das die Anschauung des eignen Ichs vom andern
Standpunkte gestattet, welches dann als ein sich dem hheren Willen schmiegendes
Mittel erscheint, dem Zweck zu dienen, den er sich als den hchsten, im Leben zu
erringenden gesetzt. - Gibt es etwas Hheres, als das Leben im Leben zu
beherrschen, alle seine Erscheinungen, seine reichen Gensse wie im mchtigen
Zauber zu bannen, nach der Willkr, die dem Herrscher verstattet? - Du,
Viktorin, gehrtest von jeher zu den wenigen, die mich ganz verstanden, auch du
hattest dir den Standpunkt ber dein Selbst gestellt, und ich verschmhte es
daher nicht, dich wie den kniglichen Gemahl auf meinen Thron im hheren Reiche
zu erheben. Das Geheimnis erhhte den Reiz dieses Bundes, und unsere scheinbare
Trennung diente nur dazu, unserer phantastischen Laune Raum zu geben, die wie zu
unserer Ergtzlichkeit mit den untergeordneten Verhltnissen des gemeinen
Alltagslebens spielte. Ist nicht unser jetziges Beisammensein das khnste
Wagstck, das, im hheren Geiste gedacht, der Ohnmacht konventioneller
Beschrnktheit spottet? Selbst bei deinem so ganz fremdartigen Wesen, das nicht
allein die Kleidung erzeugt, ist es mir, als unterwerfe sich das Geistige dem
herrschenden, es bedingenden Prinzip und wirke so mit wunderbarer Kraft nach
auen, selbst das Krperliche anders formend und gestaltend, so da es ganz der
vorgesetzten Bestimmung gem erscheint. - Wie herzlich ich nun bei dieser tief
aus meinem Wesen entspringenden Ansicht der Dinge alle konventionelle
Beschrnktheit verachte, indem ich mit ihr spiele, weit du. - Der Baron ist mir
eine bis zum hchsten berdru ekelhaft gewordene Maschine, die, zu meinem Zweck
verbraucht, tot daliegt wie ein abgelaufenes Rderwerk. - Reinhold ist zu
beschrnkt, um von mir beachtet zu werden, Aurelie ein gutes Kind, wir haben es
nur mit Hermogen zu tun. - Ich gestand dir schon, da Hermogen, als ich ihn zum
ersten Male sah, einen wunderbaren Eindruck auf mich machte. - Ich hielt ihn fr
fhig, einzugehen in das hhere Leben, das ich ihm erschlieen wollte, und irrte
mich zum erstenmal. - Es war etwas mir Feindliches in ihm, was in stetem regen
Widerspruch sich gegen mich auflehnte, ja der Zauber, womit ich die andern
unwillkrlich zu umstricken wute, stie ihn zurck. Er blieb kalt, dster
verschlossen und reizte, indem er mit eigner wunderbarer Kraft mir widerstrebte,
meine Empfindlichkeit, meine Lust den Kampf zu beginnen, in dem er unterliegen
sollte. - Diesen Kampf hatte ich beschlossen, als der Baron mir sagte, wie er
Hermogen eine Verbindung mit mir vorgeschlagen, dieser sie aber unter jeder
Bedingung abgelehnt habe. - Wie ein gttlicher Funke durchstrahlte mich in
demselben Moment der Gedanke, mich mit dem Baron selbst zu vermhlen und so mit
einemmal all die kleinen konventionellen Rcksichten, die mich oft einzwngten
auf widrige Weise, aus dem Wege zu rumen; doch ich habe ja selbst mit dir,
Viktorin, oft genug ber jene Vermhlung gesprochen, ich widerlegte deine
Zweifel mit der Tat, denn es gelang mir, den Alten in wenigen Tagen zum albernen
zrtlichen Liebhaber zu machen, und er mute das, was ich gewollt, als die
Erfllung seines innigsten Wunsches, den er laut werden zu lassen kaum gewagt,
ansehen. Aber tief im Hintergrunde lag noch in mir der Gedanke der Rache an
Hermogen, die mir nun leichter und befriedigender werden sollte. Der Schlag
wurde verschoben, um richtiger, ttender zu treffen. - Kennte ich weniger dein
Inneres, wte ich nicht, da du dich zu der Hhe meiner Ansichten zu erheben
vermagst, ich wrde Bedenken tragen, dir mehr von der Sache zu sagen, die nun
einmal geschehen. Ich lie es mir angelegen sein, Hermogen recht in seinem
Innern aufzufassen, ich erschien in der Hauptstadt, dster, in mich gekehrt und
bildete so den Kontrast mit Hermogen, der in den lebendigen Beschftigungen des
Kriegsdienstes sich heiter und lustig bewegte. Die Krankheit des Oheims verbot
alle glnzende Zirkel, und selbst den Besuchen meiner nchsten Umgebung wute
ich auszuweichen. - Hermogen kam zu mir, vielleicht nur um die Pflicht, die er
der Mutter schuldig, zu erfllen, er fand mich in dstres Nachdenken versunken,
und als er, befremdet von meiner auffallenden nderung, dringend nach der
Ursache frug, gestand ich ihm unter Trnen, wie des Barons miliche
Gesundheitsumstnde, die er nur mhsam verheimliche, mich befrchten lieen, ihn
bald zu verlieren, und wie dieser Gedanke mir schrecklich, ja unertrglich sei.
Er war erschttert, und als ich nun mit dem Ausdruck des tiefsten Gefhls das
Glck meiner Ehe mit dem Baron schilderte, als ich zart und lebendig in die
kleinsten Einzelheiten unseres Lebens auf dem Lande einging, als ich immer mehr
des Barons herrliches Gemt, sein ganzes Ich in vollem Glanz darstellte, so da
es immer lichter hervortrat, wie grenzenlos ich ihn verehre, ja wie ich so ganz
in ihm lebe, da schien immer mehr seine Verwunderung, sein Erstaunen zu steigen.
- Er kmpfte sichtlich mit sich selbst, aber die Macht, die jetzt wie mein Ich
selbst in sein Inneres gedrungen, siegte ber das feindliche Prinzip, das sonst
mir widerstrebte; mein Triumph war mir gewi, als er schon am andern Abend
wiederkam.
    Er fand mich einsam, noch dstrer, noch aufgeregter als gestern, ich sprach
von dem Baron und von meiner unaussprechlichen Sehnsucht, ihn wiederzusehen.
Hermogen war bald nicht mehr derselbe, er hing an meinen Blicken, und ihr
gefhrliches Feuer fiel zndend in sein Inneres. Wenn meine Hand in der seinigen
ruhte, zuckte diese oft krampfhaft, tiefe Seufzer entflohen seiner Brust. Ich
hatte die hchste Spitze dieser bewutlosen Exaltation richtig berechnet. Den
Abend, als er fallen sollte, verschmhte ich selbst jene Knste nicht, die so
verbraucht sind und immer wieder so wirkungsvoll erneuert werden. Es gelang! -
Die Folgen waren entsetzlicher, als ich sie mir gedacht, und doch erhhten sie
meinen Triumph, indem sie meine Macht auf glnzende Weise bewhrten. - Die
Gewalt, mit der ich das feindliche Prinzip bekmpfte, das wie in seltsamen
Ahnungen in ihm sich sonst aussprach, hatte seinen Geist gebrochen, er verfiel
in Wahnsinn, wie du weit, ohne da du jedoch bis jetzt die eigentliche Ursache
gekannt haben solltest. - Es ist etwas Eignes, da Wahnsinnige oft, als stnden
sie in nherer Beziehung mit dem Geiste, und gleichsam in ihrem eignen Innern
leichter, wiewohl bewutlos angeregt vom fremden geistigen Prinzip, oft das in
uns Verborgene durchschauen und in seltsamen Anklngen aussprechen, so da uns
oft die grauenvolle Stimme eines zweiten Ichs mit unheimlichem Schauer befngt.
Es mag daher wohl sein, da, zumal in der eignen Beziehung, in der du, Hermogen,
und ich stehen, er auf geheimnisvolle Weise dich durchschaut und so dir
feindlich ist, allein Gefahr fr uns ist deshalb nicht im mindesten vorhanden.
Bedenke, selbst wenn er mit seiner Feindschaft gegen dich offen ins Feld rckte,
wenn er es aussprche: Traut nicht dem verkappten Priester, wer wrde das fr
was anderes halten als fr eine Idee, die der Wahnsinn erzeugte, zumal da
Reinhold so gut gewesen ist, in dir den Pater Medardus wiederzuerkennen? -
Indessen bleibt es gewi, da du nicht mehr, wie ich gewollt und gedacht hatte,
auf Hermogen wirken kannst. Meine Rache ist erfllt und Hermogen mir nun wie ein
weggeworfenes Spielzeug unbrauchbar und um so berlstiger, als er es
wahrscheinlich fr eine Bubung hlt, mich zu sehen, und daher mit seinen
stieren lebendigtoten Blicken mich verfolgt. Er mu fort, und ich glaubte dich
dazu benutzen zu knnen, ihn in der Idee, ins Kloster zu gehen, zu bestrken und
den Baron sowie den ratgebenden Freund Reinhold zu gleicher Zeit durch die
dringendsten Vorstellungen, wie Hermogens Seelenheil nun einmal das Kloster
begehre, geschmeidiger zu machen, da sie in sein Vorhaben willigten. - Hermogen
ist mir in der Tat hchst zuwider, sein Anblick erschttert mich oft, er mu
fort! - Die einzige Person, der er ganz anders erscheint, ist Aurelie, das
fromme kindische Kind; durch sie allein kannst du auf Hermogen wirken, und ich
will dafr sorgen, da du in nhere Beziehung mit ihr trittst. Findest du einen
schicklichen Zusammenhang der uern Umstnde, so kannst du auch Reinholden oder
dem Baron entdecken, wie dir Hermogen ein schweres Verbrechen gebeichtet, das du
natrlicherweise deiner Pflicht gem verschweigen mtest. - Doch davon knftig
mehr! - Nun weit du alles, Viktorin, handle und bleibe mein. Herrsche mit mir
ber die lppische Puppenwelt, wie sie sich um uns dreht. Das Leben mu uns
seine herrlichsten Gensse spenden, ohne uns in seine Beengtheit einzuzwngen.
- Wir sahen den Baron in der Entfernung und gingen ihm, wie im frommen Gesprch
begriffen, entgegen. -
    Es bedurfte vielleicht nur Euphemiens Erklrung ber die Tendenz ihres
Lebens, um mich selbst die berwiegende Macht fhlen zu lassen, die wie der
Ausflu hherer Prinzipe mein Inneres beseelte. Es war etwas bermenschliches in
mein Wesen getreten, das mich pltzlich auf einen Standpunkt erhob, von dem mir
alles in anderm Verhltnis, in anderer Farbe als sonst erschien. Die
Geistesstrke, die Macht ber das Leben, womit Euphemie prahlte, war mir des
bittersten Hohns wrdig. In dem Augenblick, da die Elende ihr loses unbedachtes
Spiel mit den gefhrlichsten Verknpfungen des Lebens zu treiben whnte, war sie
hingegeben dem Zufall oder dem bsen Verhngnis, das meine Hand leitete. Es war
nur meine Kraft, entflammt von geheimnisvollen Mchten, die sie zwingen konnte
im Wahn, den fr den Freund und Bundesbruder zu halten, der, nur ihr zum
Verderben die uere zufllige Bildung jenes Freundes tragend, sie wie die
feindliche Macht selbst umkrallte, so da keine Freiheit mehr mglich. Euphemie
wurde mir in ihrem eitlen selbstschtigen Wahn verchtlich und das Verhltnis
mit ihr um so widriger, als Aurelie in meinem Innern lebte und nur sie die
Schuld meiner begangenen Snden trug, wenn ich das, was mir jetzt die hchste
Spitze alles irdischen Genusses zu sein schien, noch fr Snde gehalten htte.
Ich beschlo, von der mir einwohnenden Macht den vollsten Gebrauch zu machen und
so selbst den Zauberstab zu ergreifen, um die Kreise zu beschreiben, in denen
sich all die Erscheinungen um mich her mir zur Lust bewegen sollten. Der Baron
und Reinhold wetteiferten miteinander, mir das Leben im Schlosse recht angenehm
zu machen; nicht die leiseste Ahnung von meinem Verhltnis mit Euphemien stieg
in ihnen auf, vielmehr uerte der Baron oft, wie in unwillkrlicher
Herzensergieung, da erst durch mich ihm Euphemie ganz wiedergegeben sei, und
dies schien mir die Richtigkeit der Vermutung Reinholds, da irgend ein Zufall
dem Baron wohl die Spur von Euphemiens verbotenen Wegen entdeckt haben knne,
klar anzudeuten. Den Hermogen sah ich selten, er vermied mich mit sichtlicher
Angst und Beklemmung, welches der Baron und Reinhold der Scheu vor meinem
heiligen, frommen Wesen und vor meiner geistigen Kraft, die das zerrttete Gemt
durchschaute, zuschrieben. Auch Aurelie schien sich absichtlich meinem Blick zu
entziehen, sie wich mir aus, und wenn ich mit ihr sprach, war auch sie ngstlich
und beklommen wie Hermogen. Es war mir beinahe gewi, da der wahnsinnige
Hermogen gegen Aurelie jene schreckliche Ahnungen, die mich durchbebten,
ausgesprochen, indessen schien mir der bse Eindruck zu bekmpfen mglich. -
Wahrscheinlich auf Veranlassung der Baronesse, die mich in nheren Rapport mit
Aurelien setzen wollte, um durch sie auf Hermogen zu wirken, bat mich der Baron,
Aurelien in den hheren Geheimnissen der Religion zu unterrichten. So
verschaffte mir Euphemie selbst die Mittel, das Herrlichste zu erreichen, was
mir meine glhende Einbildungskraft in tausend ppigen Bildern vorgemalt. Was
war jene Vision in der Kirche anderes als das Versprechen der hheren, auf mich
einwirkenden Macht, mir die zu geben, von deren Besitz allein die Besnftigung
des Sturms zu hoffen, der, in mir rasend, mich wie auf tobenden Wellen
umherwarf. - Aureliens Anblick, ihre Nhe, ja die Berhrung ihres Kleides setzte
mich in Flammen. Des Blutes Glutstrom stieg fhlbar auf in die geheimnisvolle
Werkstatt der Gedanken, und so sprach ich von den wundervollen Geheimnissen der
Religion in feurigen Bildern, deren tiefere Bedeutung die wollstige Raserei der
glhendsten verlangenden Liebe war. So sollte diese Glut meiner Rede wie in
elektrischen Schlgen Aureliens Inneres durchdringen und sie sich vergebens
dagegen wappnen. - Ihr unbewut sollten die in ihre Seele geworfenen Bilder sich
wunderbar entfalten und glnzender, flammender in der tieferen Bedeutung
hervorgehen, und diese ihre Brust dann mit den Ahnungen des unbekannten Genusses
erfllen, bis sie sich, von unnennbarer Sehnsucht gefoltert und zerrissen,
selbst in meine Arme wrfe. Ich bereitete mich auf die sogenannten Lehrstunden
bei Aurelien sorgsam vor, ich wute den Ausdruck meiner Rede zu steigern;
andchtig, mit gefalteten Hnden, mit niedergeschlagenen Augen hrte mir das
fromme Kind zu, aber nicht eine Bewegung, nicht ein leiser Seufzer verrieten
irgend eine tiefere Wirkung meiner Worte. - Meine Bemhungen brachten mich nicht
weiter; statt in Aurelien das verderbliche Feuer zu entznden, das sie der
Verfhrung preisgeben sollte, wurde nur qualvoller und verzehrender die Glut,
die in meinem Innern brannte. - Rasend vor Schmerz und Wollust, brtete ich ber
Plne zu Aureliens Verderben, und indem ich Euphemien Wonne und Entzcken
heuchelte, keimte ein glhender Ha in meiner Seele empor, der im seltsamen
Widerspruch meinem Betragen bei der Baronesse etwas Wildes, Entsetzliches gab,
vor dem sie selbst erbebte. - Fern von ihr war jede Spur des Geheimnisses, das
in meiner Brust verborgen, und unwillkrlich mute sie der Herrschaft Raum
geben, die ich immer mehr und mehr ber sie mir anzumaen anfing. - Oft kam es
mir in den Sinn, durch einen wohlberechneten Gewaltstreich, dem Aurelie erliegen
sollte, meine Qual zu enden, aber sowie ich Aurelien erblickte, war es mir, als
stehe ein Engel neben ihr, sie schirmend und schtzend und Trotz bietend der
Macht des Feindes. Ein Schauer bebte dann durch meine Glieder, in dem mein bser
Vorsatz erkaltete. Endlich fiel ich darauf, mit ihr zu beten, denn im Gebet
strmt feuriger die Glut der Andacht, und die geheimsten Regungen werden wach
und erheben sich wie auf brausenden Wellen und strecken ihre Polypenarme aus, um
das Unbekannte zu fahen, das die unnennbare Sehnsucht stillen soll, von der die
Brust zerrissen. Dann mag das Irdische, sich wie Himmlisches verkndend, keck
dem aufgeregten Gemt entgegentreten und im hchsten Genu schon hienieden die
Erfllung des berschwenglichen verheien; die bewutlose Leidenschaft wird
getuscht, und das Streben nach dem Heiligen, berirdischen wird gebrochen in
dem namenlosen, nie gekannten Entzcken irdischer Begierde. - Selbst darin, da
sie von mir verfate Gebete nachsprechen sollte, glaubte ich Vorteile fr meine
verrterische Absichten zu finden. - Es war dem so! - Denn neben mir knieend,
mit zum Himmel gewandtem Blick meine Gebete nachsprechend, frbten hher sich
ihre Wangen, und ihr Busen wallte auf und nieder. - Da nahm ich wie im Eifer des
Gebets ihre Hnde und drckte sie an meine Brust, ich war ihr so nahe, da ich
die Wrme ihres Krpers fhlte, ihre losgelsten Locken hingen ber meine
Schulter; ich war auer mir vor rasender Begierde, ich umschlang sie mit wildem
Verlangen, schon brannten meine Ksse auf ihrem Munde, auf ihrem Busen, da wand
sie sich mit einem durchdringenden Schrei aus meinen Armen; ich hatte nicht
Kraft, sie zu halten, es war, als strahle ein Blitz herab, mich zerschmetternd!
- Sie entfloh rasch in das Nebenzimmer, die Tre ffnete sich, und Hermogen
zeigte sich in derselben, er blieb stehen, mich mit dem furchtbaren,
entsetzlichen Blick des wilden Wahnsinns anstarrend. Da raffte ich alle meine
Kraft zusammen, ich trat keck auf ihn zu und rief mit trotziger gebietender
Stimme: Was willst du hier? Hebe dich weg, Wahnsinniger! Aber Hermogen
streckte mir die rechte Hand entgegen und sprach dumpf und schaurig: Ich wollte
mit dir kmpfen, aber ich habe kein Schwert, und du bist der Mord, denn
Blutstropfen quillen aus deinen Augen und kleben in deinem Barte! -
    Er verschwand, die Tre heftig zuschlagend, und lie mich allein, knirschend
vor Wut ber mich selbst, der ich mich hatte hinreien lassen von der Gewalt des
Moments, so da nun der Verrat mir Verderben drohte. Niemand lie sich sehen,
ich hatte Zeit genug, mich ganz zu ermannen, und der mir inwohnende Geist gab
mir bald die Anschlge ein, jeder blen Folge des bsen Beginnens auszuweichen.
    Sobald es tunlich war, eilte ich zu Euphemien, und mit keckem bermut
erzhlte ich ihr die ganze Begebenheit mit Aurelien. Euphemie schien die Sache
nicht so leicht zu nehmen, als ich es gewnscht hatte, und es war mir
begreiflich, da, ihrer gerhmten Geistesstrke, ihrer hohen Ansicht der Dinge
unerachtet, wohl kleinliche Eifersucht in ihr wohnen, sie aber berdem noch
befrchten knne, da Aurelie ber mich klagen, so der Nimbus meiner Heiligkeit
verlschen und unser Geheimnis in Gefahr geraten werde; aus einer mir selbst
unerklrlichen Scheu verschwieg ich Hermogens Hinzutreten und seine
entsetzlichen, mich durchbohrenden Worte.
    Euphemie hatte einige Minuten geschwiegen und schien, mich seltsamlich
anstarrend, in tiefes Nachdenken versunken. -
    Solltest du nicht, Viktorin, sprach sie endlich, erraten, welche
herrliche Gedanken, meines Geistes wrdig, mich durchstrmen? - Aber du kannst
es nicht, doch rttle frisch die Schwingen, um dem khnen Fluge zu folgen, den
ich zu beginnen bereit bin. Da du, der du mit voller Herrschaft ber alle
Erscheinungen des Lebens schweben solltest, nicht neben einem leidlich schnen
Mdchen knien kannst, ohne sie zu umarmen und zu kssen, nimmt mich wunder, so
wenig ich dir das Verlangen verarge, das in dir aufstieg. So wie ich Aurelien
kenne, wird sie voller Scham ber die Begebenheit schweigen und sich hchstens
nur unter irgend einem Vorwande deinem zu leidenschaftlichen Unterrichte
entziehen. Ich befrchte daher nicht im mindesten die verdrielichen Folgen, die
dein Leichtsinn, deine ungezhmte Begierde htte herbeifhren knnen. - Ich
hasse sie nicht, diese Aurelie, aber ihre Anspruchlosigkeit, ihr stilles
Frommtun, hinter dem sich ein unleidlicher Stolz versteckt, rgert mich. Nie
habe ich, unerachtet ich es nicht verschmhte, mit ihr zu spielen, ihr Zutrauen
gewinnen knnen, sie blieb scheu und verschlossen. Diese Abgeneigtheit, sich mir
zu schmiegen, ja diese stolze Art, mir auszuweichen, erregt in mir die
widrigsten Gefhle. - Es ist ein sublimer Gedanke, die Blume, die auf den Prunk
ihrer glnzenden Farben so stolz tut, gebrochen und dahin welken zu sehen! - Ich
gnne es dir, diesen sublimen Gedanken auszufhren, und es soll nicht an Mitteln
fehlen, den Zweck leicht und sicher zu erreichen. - Auf Hermogens Haupt soll die
Schuld fallen und ihn vernichten! - Euphemie sprach noch mehr ber ihren Plan
und wurde mir mit jedem Worte verhater, denn nur das gemeine verbrecherische
Weib sah ich in ihr, und so sehr ich nach Aureliens Verderben drstete, da ich
nur dadurch Befreiung von der grenzenlosen Qual wahnsinniger Liebe, die meine
Brust zerfleischte, hoffen konnte, so war mir doch Euphemiens Mitwirkung
verchtlich. Ich wies daher zu ihrem nicht geringen Erstaunen ihren Anschlag von
der Hand, indem ich im Innern fest entschlossen war, das durch eigne Macht zu
vollfhren, wozu Euphemie mir ihre Beihilfe aufdringen wollte.
    So wie die Baronesse es vermutet, blieb Aurelie in ihrem Zimmer, sich mit
einer Unplichkeit entschuldigend und so sich meinem Unterricht fr die
nchsten Tage entziehend. Hermogen war wider seine Gewohnheit jetzt viel in der
Gesellschaft Reinholds und des Barons, er schien weniger in sich gekehrt, aber
wilder, zorniger. Man hrte ihn oft laut und nachdrcklich sprechen, und ich
bemerkte, da er mich mit Blicken des verhaltenen Grimms ansah, so oft der
Zufall mich ihm in den Weg fhrte; das Betragen des Barons und Reinholds
vernderte sich in einigen Tagen auf ganz seltsame Weise. Ohne im uerlichen im
mindesten von der Aufmerksamkeit und Hochachtung, die sie mir sonst bezeigt,
nachzulassen, schien es, als wenn sie, gedrckt von einem wunderbaren ahnenden
Gefhl, nicht jenen gemtlichen Ton finden konnten, der sonst unsre Unterhaltung
belebte. Alles, was sie mit mir sprachen, war so gezwungen, so frostig, da ich
mich ernstlich mhen mute, von allerlei Vermutungen ergriffen, wenigstens
unbefangen zu scheinen. -
    Euphemiens Blicke, die ich immer richtig zu deuten wute, sagten mir, da
irgend etwas vorgegangen, wovon sie sich besonders aufgeregt fhlte, doch war es
den ganzen Tag unmglich, uns unbemerkt zu sprechen. -
    In tiefer Nacht, als alles im Schlosse lngst schlief, ffnete sich eine
Tapetentre in meinem Zimmer, die ich selbst noch nicht bemerkt, und Euphemie
trat herein mit einem zerstrten Wesen, wie ich sie noch niemals gesehen.
Viktorin, sprach sie, es droht uns Verrat, Hermogen, der wahnsinnige Hermogen
ist es, der, durch seltsame Ahnungen auf die Spur geleitet, unser Geheimnis
entdeckt hat. In allerlei Andeutungen, die gleich schauerlichen entsetzlichen
Sprchen einer dunklen Macht, die ber uns waltet, lauten, hat er dem Baron
einen Verdacht eingeflt, der, ohne deutlich ausgesprochen zu sein, mich doch
auf qulende Weise verfolgt. - Wer du bist, da unter diesem heiligen Kleide
Graf Viktorin verborgen, das scheint Hermogen durchaus verschlossen geblieben;
dagegen behauptet er, aller Verrat, alle Arglist, alles Verderben, das ber uns
einbrechen werde, ruhe in dir, ja wie der Widersacher selbst sei der Mnch in
das Haus getreten, der, von teuflischer Macht beseelt, verdammten Verrat brte.
- Es kann so nicht bleiben, ich bin es mde, diesen Zwang zu tragen, den mir der
kindische Alte auferlegt, der nun mit krnkelnder Eifersucht, wie es scheint,
ngstlich meine Schritte bewachen wird. Ich will dies Spielzeug, das mir
langweilig worden, wegwerfen, und du, Viktorin, wirst dich um so williger meinem
Begehren fgen, als du auf einmal selbst der Gefahr entgehst, endlich ertappt zu
werden und so das geniale Verhltnis, das unser Geist ausbrtete, in eine
gemeine verbrauchte Mummerei, in eine abgeschmackte Ehestandsgeschichte
herabsinken zu sehen!
    Der lstige Alte mu fort, und wie das am besten ins Werk zu richten ist,
darber la uns zu Rate gehen, hre aber erst meine Meinung. Du weit, da der
Baron jeden Morgen, wenn Reinhold beschftigt, allein hinausgeht in das Gebirge,
um sich an den Gegenden nach seiner Art zu erlaben. - Schleiche dich frher
hinaus und suche ihm am Ausgange des Parks zu begegnen. Nicht weit von hier gibt
es eine wilde schauerliche Felsengruppe; wenn man sie erstiegen, ghnt dem
Wandrer auf der einen Seite ein schwarzer bodenloser Abgrund entgegen, dort ist,
oben ber den Abgrund herberragend, der sogenannte Teufelssitz. Man fabelt, da
giftige Dnste aus dem Abgrunde steigen, die den, der vermessen hinabschaut, um
zu erforschen, was drunten verborgen, betuben und rettungslos in den Tod
hinabziehen. Der Baron, dieses Mrchen verlachend, stand schon oft auf jenem
Felsstck ber dem Abgrund, um die Aussicht, die sich dort ffnet, zu genieen.
Es wird leicht sein, ihn selbst darauf zu bringen, da er dich an die
gefhrliche Stelle fhrt; steht er nun dort und starrt in die Gegend hinein, so
erlst uns ein krftiger Sto deiner Faust auf immer von dem ohnmchtigen
Narren. - Nein, nimmermehr, schrie ich heftig, ich kenne den entsetzlichen
Abgrund, ich kenne den Sitz des Teufels, nimmermehr! Fort mit dir und dem
Frevel, den du mir zumutest! Da sprang Euphemie auf, wilde Glut entflammte
ihren Blick, ihr Gesicht war verzerrt von der wtenden Leidenschaft, die in ihr
tobte. Elender Schwchling, rief sie, du wagst es in dumpfer Feigheit, dem zu
widerstreben, was ich beschlo? Du willst dich lieber dem schmachvollen Joche
schmiegen, als mit mir herrschen? Aber du bist in meiner Hand, vergebens
entwindest du dich der Macht, die dich gefesselt hlt zu meinen Fen! - Du
vollziehst meinen Auftrag, morgen darf der, dessen Anblick mich peinigt, nicht
mehr leben! -
    Indem Euphemie die Worte sprach, durchdrang mich die tiefste Verachtung
ihrer armseligen Prahlerei, und im bittern Hohn lachte ich ihr gellend entgegen,
da sie erbebte und die Totenblsse der Angst und des tiefen Grauens ihr Gesicht
berflog. - Wahnsinnige, rief ich, die du glaubst ber das Leben zu
herrschen, die du glaubst, mit seinen Erscheinungen zu spielen, habe acht, da
dies Spielzeug nicht in deiner Hand zur schneidenden Waffe wird, die dich ttet!
Wisse, Elende, da ich, den du in deinem ohnmchtigen Wahn zu beherrschen
glaubst, dich wie das Verhngnis selbst in meiner Macht festgekettet halte, dein
frevelhaftes Spiel ist nur das krampfhafte Winden des gefesselten Raubtiers im
Kfig! - Wisse, Elende, da dein Buhle zerschmettert in jenem Abgrunde liegt und
da du statt seiner den Geist der Rache selbst umarmtest! - Geh und verzweifle!
    Euphemie wankte: im konvulsivischen Erbeben war sie im Begriff, zu Boden zu
sinken, ich fate sie und drckte sie durch die Tapetentre den Gang hinab. -
Der Gedanke stieg in mir darf, sie zu tten, ich unterlie es, ohne mich dessen
bewut zu sein, denn im ersten Augenblick, als ich die Tapetentre schlo,
glaubte ich die Tat vollbracht zu haben! - Ich hrte einen durchdringenden
Schrei und Tren zuschlagen.
    Jetzt hatte ich mich selbst auf einen Standpunkt gestellt, der mich dem
gewhnlichen menschlichen Tun ganz entrckte; jetzt mute Schlag auf Schlag
folgen, und, mich selbst als den bsen Geist der Rache verkndend, mute ich das
Ungeheuere vollbringen. - Euphemiens Untergang war beschlossen, und der
glhendste Ha sollte, mit der hchsten Inbrunst der Liebe sich vermhlend, mir
den Genu gewhren, der nun noch dem bermenschlichen, mir inwohnenden Geiste
wrdig. - In dem Augenblick, da Euphemie untergegangen, sollte Aurelie mein
werden.
    Ich erstaunte ber Euphemiens innere Kraft, die es ihr mglich machte, den
andern Tag unbefangen und heiter zu scheinen. Sie sprach selbst darber, da sie
vorige Nacht in eine Art Somnambulismus geraten und dann heftig an Krmpfen
gelitten, der Baron schien sehr teilnehmend, Reinholds Blicke waren zweifelhaft
und mitrauisch. Aurelie blieb auf ihrem Zimmer, und je weniger es mir gelang,
sie zu sehen, desto rasender tobte die Wut in meinem Innern. Euphemie lud mich
ein, auf bekanntem Wege in ihr Zimmer zu schleichen, wenn alles im Schlosse
ruhig geworden. - Mit Entzcken vernahm ich das, denn der Augenblick der
Erfllung ihres bsen Verhngnisses war gekommen. - Ein kleines spitzes Messer,
das ich schon von Jugend auf bei mir trug, und mit dem ich geschickt in Holz zu
schneiden wute, verbarg ich in meiner Kutte, und so zum Morde entschlossen,
ging ich zu ihr. Ich glaube, fing sie an, wir haben beide gestern schwere
ngstliche Trume gehabt, es kam viel von Abgrnden darin vor, doch das ist nun
vorbei! - Sie gab sich darauf wie gewhnlich meinen frevelnden Liebkosungen
hin, ich war erfllt von entsetzlichem teuflischen Hohn, indem ich nur die Lust
empfand, die mir der Mibrauch ihrer eignen Schndlichkeit erregte. Als sie in
meinen Armen lag, entfiel mir das Messer, sie schauerte zusammen, wie von
Todesangst ergriffen, ich hob das Messer rasch auf, den Mord noch verschiebend,
der mir selbst andere Waffen in die Hnde gab. - Euphemie hatte italienischen
Wein und eingemachte Frchte auf den Tisch stellen lassen. - Wie so ganz plump
und verbraucht, dachte ich, verwechselte geschickt die Glser und geno nur
scheinbar die mir dargebotenen Frchte, die ich in meinen weiten rmel fallen
lie. Ich hatte zwei, drei Glser von dem Wein, aber aus dem Glase, das Euphemie
fr sich hingestellt, getrunken, als sie vorgab, Gerusch im Schlosse zu hren,
und mich bat, sie schnell zu verlassen. - Nach ihrer Absicht sollte ich auf
meinem Zimmer enden! Ich schlich durch die langen, schwach erhellten Korridore,
ich kam bei Aureliens Zimmer vorber, wie festgebannt blieb ich stehen. - Ich
sah sie, es war, als schwebe sie daher, mich voll Liebe anblickend, wie in jener
Vision, und mir winkend, da ich ihr folgen sollte. - Die Tre wich durch den
Druck meiner Hand, ich stand im Zimmer, nur angelehnt war die Tre des
Kabinetts, eine schwle Luft wallte mir entgegen, meine Liebesglut strker
entzndend, mich betubend; kaum konnte ich atmen. - Aus dem Kabinett quollen
die tiefen angstvollen Seufzer der vielleicht von Verrat und Mord Trumenden,
ich hrte sie im Schlafe beten! - Zur Tat, zur Tat, was zauderst du, der
Augenblick entflieht, so trieb mich die unbekannte Macht in meinem Innern. -
Schon hatte ich einen Schritt ins Kabinett getan, da schrie es hinter mir:
Verruchter, Mordbruder! Nun gehrst du mein! und ich fhlte mich mit
Riesenkraft von hinten festgepackt. - Es war Hermogen, ich wand mich, alle meine
Strke aufbietend, endlich von ihm los und wollte mich fortdrngen, aber von
neuem packte er mich hinterwrts und zerfleischte meinen Nacken mit wtenden
Bissen! - Vergebens rang ich, unsinnig vor Schmerz und Wut, lange mit ihm,
endlich zwang ihn ein krftiger Sto, von mir abzulassen, und als er von neuem
ber mich herfiel, da zog ich mein Messer; zwei Stiche, und er sank rchelnd zu
Boden, da es dumpf im Korridor widerhallte. - Bis heraus aus dem Zimmer hatten
wir uns gedrngt im Kampfe der Verzweiflung. -
    Sowie Hermogen gefallen, rannte ich in wilder Wut die Treppe herab, da
riefen gellende Stimmen durch das ganze Schlo: Mord! Mord! - Lichter
schweiften hin und her, und die Tritte der Herbeieilenden schallten durch die
langen Gnge, die Angst verwirrte mich, ich war auf entlegene Seitentreppen
geraten. - Immer lauter, immer heller wurde es im Schlosse, immer nher und
nher erscholl es grlich: Mord, Mord! Ich unterschied die Stimme des Barons
und Reinholds, welche heftig mit den Bedienten sprachen. - Wohin fliehen, wohin
mich verbergen? - Noch vor wenigen Augenblicken, als ich Euphemien mit demselben
Messer ermorden wollte, mit dem ich den wahnsinnigen Hermogen ttete, war es
mir, als knne ich, mit dem blutigen Mordinstrument in der Hand, vertrauend auf
meine Macht, keck hinaustreten, da keiner, von scheuer Furcht ergriffen, es
wagen wrde, mich aufzuhalten; jetzt war ich selbst von tdlicher Angst
befangen. Endlich, endlich war ich auf der Haupttreppe, der Tumult hatte sich
nach den Zimmern der Baronesse gezogen, es wurde ruhiger, in drei gewaltigen
Sprngen war ich hinab, nur noch wenige Schritte vom Portal entfernt. Da gellte
ein durchdringender Schrei durch die Gnge, dem hnlich, den ich in voriger
Nacht gehrt. - Sie ist tot, gemordet durch das Gift, das sie mir bereitet,
sprach ich dumpf in mich hinein. Aber nun strmte es wieder hell aus Euphemiens
Zimmern. Aurelie schrie angstvoll um Hilfe. Aufs neue erscholl es grlich:
Mord, Mord! - Sie brachten Hermogens Leichnam! - Eilt nach dem Mrder, hrt'
ich Reinhold rufen. Da lachte ich grimmig auf, da es durch den Saal, durch die
Gnge drhnte, und rief mit schrecklicher Stimme: Wahnwitzige, wollt ihr das
Verhngnis fahen, das die frevelnden Snder gerichtet? - Sie horchten auf, der
Zug blieb wie festgebannt auf der Treppe stehen. - Nicht fliehen wollt' ich
mehr, - ja ihnen entgegenschreiten, die Rache Gottes an den Frevlern in
donnernden Worten verkndend. Aber - des grlichen Anblicks! - vor mir! - vor
mir stand Viktorins blutige Gestalt, nicht ich, er hatte die Worte gesprochen. -
Das Entsetzen strubte mein Haar, ich strzte in wahnsinniger Angst heraus,
durch den Park! - Bald war ich im Freien, da hrte ich Pferdegetrappel hinter
mir, und indem ich meine letzte Kraft zusammennahm, um der Verfolgung zu
entgehen, fiel ich, ber eine Baumwurzel strauchelnd, zu Boden. Bald standen die
Pferde bei mir. Es war Viktorins Jger. Um Jesus willen, gndiger Herr, fing
er an, was ist im Schlosse vorgefallen, man schreit Mord! Schon ist das Dorf im
Aufruhr. - Nun, was es auch sein mag, ein guter Geist hat es mir eingegeben,
aufzupacken und aus dem Stdtchen hieher zu reiten; es ist alles im Felleisen
auf Ihrem Pferde, gndiger Herr, denn wir werden uns doch wohl trennen mssen
vorderhand, es ist gewi recht was Gefhrliches geschehen, nicht wahr? - Ich
raffte mich auf, und mich aufs Pferd schwingend, bedeutete ich den Jger, in das
Stdtchen zurckzureiten und dort meine Befehle zu erwarten. Sobald er sich in
der Finsternis entfernt hatte, stieg ich wieder vom Pferde und leitete es
behutsam in den dicken Tannenwald hinein, der sich vor mir ausbreitete.

                               Dritter Abschnitt


                            Die Abenteuer der Reise

Als die ersten Strahlen der Sonne durch den finstern Tannenwald brachen, befand
ich mich an einem frisch und hell ber glatte Kieselsteine dahinstrmenden Bach.
Das Pferd, welches ich mhsam durch das Dickicht geleitet, stand ruhig neben
mir, und ich hatte nichts Angelegentlicheres zu tun, als das Felleisen, womit es
bepackt war, zu untersuchen. - Wsche, Kleidungsstcke, ein mit Gold
wohlgefllter Beutel fielen mir in die Hnde. - Ich beschlo, mich sogleich
umzukleiden; mit Hilfe der kleinen Schere und des Kamms, den ich in einem
Besteck gefunden, verschnitt ich den Bart und brachte die Haare, so gut es gehen
wollte, in Ordnung. Ich warf die Kutte ab, in welcher ich noch das kleine
verhngnisvolle Messer, Viktorins Portefeuille, sowie die Korbflasche mit dem
Rest des Teufelselixiers vorfand, und bald stand ich da, in weltlicher Kleidung
mit der Reisemtze auf dem Kopf, so da ich mich selbst, als mir der Bach mein
Bild heraufspiegelte, kaum wieder erkannte. Bald war ich am Ausgange des Waldes,
und der in der Ferne aufsteigende Dampf, sowie das helle Glockengelute, das zu
mir herbertnte, lieen mich ein Dorf in der Nhe vermuten. Kaum hatte ich die
Anhhe vor mir erreicht, als ein freundliches schnes Tal sich ffnete, in dem
ein groes Dorf lag. Ich schlug den breiten Weg ein, der sich hinabschlngelte,
und sobald der Abhang weniger steil wurde, schwang ich mich aufs Pferd, um
soviel mglich mich an das mir ganz fremde Reiten zu gewhnen. - Die Kutte hatte
ich in einen hohlen Baum verborgen und mit ihr all die feindseligen
Erscheinungen auf dem Schlosse in dem finstern Wald gebannt; denn ich fhlte
mich froh und mutig, und es war mir, als habe nur meine berreizte Phantasie mir
Viktorins blutige grliche Gestalt gezeigt und als wren die letzten Worte, die
ich den mich Verfolgenden entgegenrief, wie in hoher Begeisterung unbewut aus
meinem Innern hervorgegangen und htten die wahre geheime Beziehung des Zufalls,
der mich auf das Schlo brachte und das, was ich dort begann, herbeifhrte,
deutlich ausgesprochen. - Wie das waltende Verhngnis selbst trat ich ein, den
boshaften Frevel strafend und den Snder in dem ihm bereiteten Untergange
entsndigend. Nur Aureliens holdes Bild lebte noch wie sonst in mir, und ich
konnte nicht an sie denken, ohne meine Brust beengt, ja physisch einen nagenden
Schmerz in meinem Innern zu fhlen. - Doch war es mir, als msse ich sie
vielleicht in fernen Landen wiedersehen, ja, als msse sie, wie von
unwiderstehlichem Drange hingerissen, von unauflslichen Banden an mich
gekettet, mein werden. -
    Ich bemerkte, da die Leute, welche mir begegneten, still standen und mir
verwundert nachsahen, ja da der Wirt im Dorfe vor Erstaunen ber meinen Anblick
kaum Worte finden konnte, welches mich nicht wenig ngstigte. Whrend da ich
mein Frhstck verzehrte und mein Pferd gefttert wurde, versammelten sich
mehrere Bauern in der Wirtsstube, die, mit scheuen Blicken mich anschielend,
miteinander flsterten. - Immer mehr drngte sich das Volk zu, und mich dicht
umringend, gafften sie mich an mit dummem Erstaunen. Ich bemhte mich, ruhig und
unbefangen zu bleiben, und rief mit lauter Stimme den Wirt, dem ich befahl, mein
Pferd satteln und das Felleisen aufpacken zu lassen. Er ging, zweideutig
lchelnd, hinaus und kam bald darauf mit einem langen Mann zurck, der mit
finstrer Amtsmiene und komischer Gravitt auf mich zuschritt. Er fate mich
scharf ins Auge, ich erwiderte den Blick, indem ich aufstand und mich dicht vor
ihn stellte. Das schien ihn etwas auer Fassung zu setzen, indem er sich scheu
nach den versammelten Bauern umsah. Nun, was ist es, rief ich, Ihr scheint
mir etwas sagen zu wollen. Da rusperte sich der ernsthafte Mann und sprach,
indem er sich bemhte, in den Ton seiner Stimme recht viel Gewichtiges zu legen:
Herr! Ihr kommt nicht eher von hinnen, bis Ihr Uns, dem Richter hier am Orte,
umstndlich gesagt, wer Ihr seid, mit allen Qualitten, was Geburt, Stand und
Wrde anbelangt, auch woher Ihr gekommen und wohin Ihr zu reisen gedenkt, nach
allen Qualitten der Lage des Ortes, des Namens, Provinz und Stadt und was
weiter zu bemerken, und ber das alles mt Ihr Uns, dem Richter, einen Pa
vorzeigen, geschrieben und unterschieben, untersiegelt nach allen Qualitten,
wie es recht ist und gebruchlich! - Ich hatte noch gar nicht daran gedacht,
da es ntig sei, irgend einen Namen anzunehmen, und noch weniger war mir
eingefallen, da das Sonderbare, Fremde meines uern - welches durch die
Kleidung, der sich mein mnchischer Anstand nicht fgen wollte, sowie durch die
Spuren des belverschnittenen Bartes erzeugt wurde - mich jeden Augenblick in
die Verlegenheit setzen wrde, ber meine Person ausgeforscht zu werden. Die
Frage des Dorfrichters kam mir daher so unerwartet, da ich vergebens sann, ihm
irgend eine befriedigende Antwort zu geben. Ich entschlo mich, zu versuchen,
was entschiedene Keckheit bewirken wrde, und sagte mit fester Stimme: Wer ich
bin, habe ich Ursache zu verschweigen, und deshalb trachtet Ihr vergeblich,
meinen Pa zu sehen, brigens htet Euch, eine Person von Stande mit Eueren
lppischen Weitluftigkeiten nur einen Augenblick aufzuhalten. - Hoho! rief
der Dorfrichter, indem er eine groe Dose hervorzog, in die, als er schnupfte,
fnf Hnde der hinter ihm stehenden Gerichtsschppen hineingriffen, gewaltige
Prisen herausholend, hoho, nur nicht so barsch, gndigster Herr! - Ihre
Exzellenz wird sich gefallen lassen mssen, Uns, dem Richter, Rede zu stehen und
den Pa zu zeigen, denn, nun gerade herausgesagt, hier im Gebirge gibt es seit
einiger Zeit allerlei verdchtige Gestalten, die dann und wann aus dem Walde
gucken und wieder verschwinden wie der Gottseibeiuns selbst, aber es ist
verfluchtes Diebs- und Raubgesindel, die den Reisenden auflauern und allerlei
Schaden anrichten durch Mord und Brand, und Ihr, mein gndigster Herr, seht in
der Tat so absonderlich aus, da Ihr ganz dem Bilde hnlich seid, das die
hochlbliche Landesregierung von einem groen Ruber und Hauptspitzbuben,
geschrieben und beschrieben nach allen Qualitten, an Uns, den Richter,
geschickt hat. Also nur ohne alle weitere Umstnde und zeremonische Worte den
Pa, oder in den Turm! - Ich sah, da mit dem Mann so nichts auszurichten war,
ich schickte mich daher an zu einem andern Versuch. Gestrenger Herr Richter,
sprach ich, wenn Ihr mir die Gnade erzeigen wolltet, da ich mit Euch allein
sprechen drfte, so wollte ich alle Eure Zweifel leicht aufklren und im
Vertrauen auf Eure Klugheit Euch das Geheimnis offenbaren, das mich in dem
Aufzuge, der Euch so auffallend dnkt, herfhrt. - Ha, ha! Geheimnisse
offenbaren, sprach der Richter, ich merke schon, was das sein wird; nun, geht
nur hinaus, ihr Leute, bewacht die Tre und das Fenster und lat niemanden
hinein und heraus! - Als wir allein waren, fing ich an: Ihr seht in mir, Herr
Richter, einen unglcklichen Flchtling, dem es endlich durch seine Freunde
glckte, einem schmachvollen Gefngnis und der Gefahr, auf ewig ins Kloster
gesperrt zu werden, zu entgehen. Erlat mir die nheren Umstnde meiner
Geschichte, die das Gewebe von Rnken und Bosheiten einer rachschtigen Familie
ist. Die Liebe zu einem Mdchen niedern Standes war die Ursache meiner Leiden.
In dem langen Gefngnis war mir der Bart gewachsen und man hatte mir schon die
Tonsur geben lassen, wie Ihr's bemerken knnet, sowie ich auch in dem
Gefngnisse, in dem ich schmachtete, in eine Mnchskutte gekleidet gehen mute.
Erst nach meiner Flucht, hier im Walde, durfte ich mich umkleiden, weil man mich
sonst ereilt haben wrde. Ihr merkt nun selbst, woher das Auffallende in meinem
uern rhrt, das mich bei Euch in solch bsen Verdacht gesetzt hat. Einen Pa
kann ich Euch, wie Ihr seht, nun nicht vorzeigen, aber fr die Wahrheit meiner
Behauptungen habe ich gewisse Grnde, die Ihr wohl fr richtig anerkennen
werdet. - Mit diesen Worten zog ich den Geldbeutel hervor, legte drei blanke
Dukaten auf den Tisch, und der gravittische Ernst des Herrn Richters verzog
sich zum schmunzelnden Lcheln. Eure Grnde, mein Herr, sagte er, sind gewi
einleuchtend genug, aber nehmt es nicht bel, mein Herr! es fehlt Ihnen noch
eine gewisse berzeugende Gleichheit nach allen Qualitten! Wenn Ihr wollt, da
ich das Ungerade fr gerade nehmen soll, so mssen Eure Grnde auch so
beschaffen sein. - Ich verstand den Schelm und legte noch einen Dukaten hinzu.
Nun sehe ich, sprach der Richter, da ich Euch mit meinem Verdacht unrecht
getan habe; reiset nur weiter, aber schlagt, wie Ihr es wohl gewohnt sein mget,
hbsch die Nebenwege ein, haltet Euch von der Heerstrae ab, bis Ihr Euch des
verdchtigen uern ganz entledigt. - Er ffnete die Tr nun weit und rief laut
der versammelten Menge entgegen: Der Herr da drinnen ist ein vornehmer Herr
nach allen Qualitten, er hat sich Uns, dem Richter, in einer geheimen Audienz
entdeckt, er reiset inkognito, das heit unbekannterweise, und da ihr alle
davon nichts zu wissen und zu vernehmen braucht, ihr Schlingel! - Nun,
glckliche Reise, gnd'ger Herr! Die Bauern zogen, ehrfurchtsvoll schweigend,
die Mtzen ab, als ich mich auf das Pferd schwang. Rasch wollte ich durch das
Tor sprengen, aber das Pferd fing an, sich zu bumen, meine Unwissenheit, meine
Ungeschicklichkeit im Reiten versagte mir jedes Mittel, es von der Stelle zu
bringen, im Kreise drehte es sich mit mir herum und warf mich endlich unter dem
schallenden Gelchter der Bauern dem herbeieilenden Richter und dem Wirte in die
Arme. Das ist ein bses Pferd, sagte der Richter mit unterdrcktem Lachen. -
Ein bses Pferd! wiederholte ich, mir den Staub abklopfend. Sie halfen mir
wieder herauf, aber von neuem bumte sich schnaubend und prustend das Pferd,
durchaus war es nicht durch das Tor zu bringen. Da rief ein alter Bauer: Ei
seht doch, da sitzt ja das Zeterweib, die alte Liese, an dem Tor und lt den
gndigen Herrn nicht fort, aus Schabernack, weil er ihr keinen Groschen
gegeben. - Nun erst fiel mir ein altes zerlumptes Bettelweib ins Auge, die
dicht am Torwege niedergekauert sa und mich mit wahnsinnigen Blicken anlachte.
Will die Zeterhexe gleich aus dem Weg! schrie der Richter, aber die Alte
kreischte: Der Blutbruder hat mir keinen Groschen gegeben, seht ihr nicht den
toten Menschen vor mir liegen? ber den kann der Blutbruder nicht wegspringen,
der tote Mensch richtet sich auf, aber ich drcke ihn nieder, wenn mir der
Blutbruder einen Groschen gibt. Der Richter hatte das Pferd bei dem Zgel
ergriffen und wollte es, ohne auf das wahnwitzige Geschrei der Alten zu achten,
durch das Tor ziehen, vergeblich war indessen alle Anstrengung, und die Alte
schrie grlich dazwischen: Blutbruder, Blutbruder, gib mir Groschen, gib mir
Groschen! Da griff ich in die Tasche und warf ihr Geld in den Scho, und
jubelnd und jauchzend sprang die Alte auf in die Lfte und schrie: Seht die
schnen Groschen, die mir der Blutbruder gegeben, seht die schnen Groschen!
Aber mein Pferd wieherte laut und kurbettierte, von dem Richter losgelassen,
durch das Tor. Nun geht es gar schn und herrlich mit dem Reiten, gndiger
Herr, nach allen Qualitten, sagte der Richter, und die Bauern, die mir bis
vors Tor nachgelaufen, lachten noch einmal ber die Maen, als sie mich unter
den Sprngen des muntern Pferdes so auf und nieder fliegen sahen, und riefen;
Seht doch, seht doch, der reitet wie ein Kapuziner! -
    Der ganze Vorfall im Dorfe, vorzglich die verhngnisvollen Worte des
wahnsinnigen Weibes, hatten mich nicht wenig aufgeregt. Die vornehmsten
Maregeln, die ich jetzt zu ergreifen hatte, schienen mir, bei der ersten
Gelegenheit alles Auffallende aus meinem uern zu verbannen und mir irgend
einen Namen zu geben, mit dem ich mich ganz unbemerkt in die Masse der Menschen
eindrngen knne. - Das Leben lag vor mir wie ein finstres, undurchschauliches
Verhngnis, was konnte ich anders tun, als mich in meiner Verbannung ganz den
Wellen des Stroms berlassen, der mich unaufhaltsam dahinri. Alle Faden, die
mich sonst an bestimmte Lebensverhltnisse banden, waren zerschnitten und daher
kein Halt fr mich zu finden. Immer lebendiger und lebendiger wurde die
Heerstrae, und alles kndigte schon in der Ferne die reiche, lebhafte
Handelsstadt an, der ich mich jetzt nherte. In wenigen Tagen lag sie mir vor
Augen; ohne gefragt, ja ohne einmal eben genau betrachtet zu werden, ritt ich in
die Vorstadt hinein. Ein groes Haus mit hellen Spiegelfenstern, ber dessen
Tre ein goldner geflgelter Lwe prangte, fiel mir in die Augen. Eine Menge
Menschen wogte hinein und hinaus, Wagen kamen und fuhren ab, aus den untern
Zimmern schallte mir Gelchter und Glserklang entgegen. Kaum hielt ich an der
Tre, als geschftig der Hausknecht herbeisprang, mein Pferd bei dem Zgel
ergriff und es, als ich abgestiegen, hineinfhrte. Der zierlich gekleidete
Kellner kam mit dem klappernden Schlsselbunde und schritt mir voran die Treppe
herauf; als wir uns im zweiten Stock befanden, sah er mich noch einmal flchtig
an und fhrte mich dann noch eine Treppe hher, wo er mir ein miges Zimmer
ffnete und mich dann hflich frug, was ich vorderhand befhle, um zwei Uhr
wrde gespeiset im Saal No. 10. erster Stock u.s.w. Bringen Sie mir eine
Flasche Wein! Das war in der Tat das erste Wort, das ich der dienstfertigen
Geschftigkeit dieser Leute einschieben konnte.
    Kaum war ich allein, als es klopfte und ein Gesicht zur Tre hereinsah, das
einer komischen Maske glich, wie ich sie wohl ehemals gesehen. Eine spitze rote
Nase, ein paar kleine funkelnde Augen, ein langes Kinn und dazu ein aufgetrmtes
gepudertes Toupet, das, wie ich nachher wahrnahm, ganz unvermuteterweise hinten
in einen Titus ausging, ein groes Jabot, ein brennend rotes Gilet, unter dem
zwei starke Uhrketten hervorhingen, Pantalons, ein Frack, der manchmal zu enge,
dann aber auch wieder zu weit war, kurz mit Konsequenz berall nicht pate! - So
schritt die Figur in der Krmmung des Bcklings, der in der Tre begonnen,
herein, Hut, Schere und Kamm in der Hand, sprechend: Ich bin der Friseur des
Hauses und biete meine Dienste, meine unmageblichen Dienste gehorsamst an. -
Die kleine winddrre Figur hatte so etwas Possierliches, da ich das Lachen kaum
unterdrcken konnte. Doch war mir der Mann willkommen, und ich stand nicht an,
ihn zu fragen, ob er sich getraue, meine durch die lange Reise und noch dazu
durch bles Verschneiden ganz in Verwirrung geratene Haare in Ordnung zu
bringen. Er sah meinen Kopf mit kunstrichterlichen Augen an und sprach, indem er
die rechte Hand, grazis gekrmmt, mit ausgespreizten Fingern auf die rechte
Brust legte: In Ordnung bringen? - O Gott! Pietro Belcampo, du, den die
schnden Neider schlechtweg Peter Schnfeld nennen, wie den gttlichen
Regimentspfeifer und Hornisten Giacomo Punto Jakob Stich, du wirst verkannt.
Aber stellst du nicht selbst dein Licht unter den Scheffel, statt es leuchten zu
lassen vor der Welt? Sollte der Bau dieser Hand, sollte der Funke des Genies,
der aus diesem Auge strahlt und wie ein lieblich Morgenrot die Nase frbt im
Vorbeistreifen, sollte dein ganzes Wesen nicht dem ersten Blick des Kenners
verraten, da der Geist dir einwohnt, der nach dem Ideal strebt? - In Ordnung
bringen! - ein kaltes Wort, mein Herr! -
    Ich bat den wunderlichen kleinen Mann, sich nicht so zu ereifern, indem ich
seiner Geschicklichkeit alles zutraue. Geschicklichkeit? fuhr er in seinem
Eifer fort, was ist Geschicklichkeit? - Wer war geschickt? - Jener, der das Ma
nahm nach fnf Augenlngen und dann springend dreiig Ellen weit in den Graben
strzte? - Jener, der ein Linsenkorn auf zwanzig Schritte weit durch ein
Nhnadelhr schleuderte? - Jener, der fnf Zentner an den Degen hing und so ihn
an der Nasenspitze balancierte sechs Stunden, sechs Minuten, sechs Sekunden und
einen Augenblick? - Ha, was ist Geschicklichkeit! Sie ist fremd dem Pietro
Belcampo, den die Kunst, die heilige, durchdringt. - Die Kunst, mein Herr, die
Kunst! - Meine Phantasie irrt in dem wunderbaren Lockenbau, in dem knstlichen
Gefge, das der Zephirhauch in Wellenzirkeln baut und zerstrt. - Da schafft sie
und wirkt und arbeitet. - Ha, es ist was Gttliches um die Kunst, denn die
Kunst, mein Herr, ist eigentlich nicht sowohl die Kunst, von der man soviel
spricht, sondern sie entsteht vielmehr erst aus dem allen, was man die Kunst
heit! - Sie verstehen mich, mein Herr, denn Sie scheinen mir ein denkender
Kopf, wie ich aus dem Lckchen schliee, das sich rechter Hand ber Dero
verehrte Stirn gelegt. - Ich versicherte, da ich ihn vollkommen verstnde, und
indem mich die ganz originelle Narrheit des Kleinen hchlich ergtzte, beschlo
ich, seine gerhmte Kunst in Anspruch nehmend, seinen Eifer, seinen Pathos nicht
im mindesten zu unterbrechen. Was gedenken Sie denn, sagte ich, aus meinen
verworrenen Haaren herauszubringen? - Alles, was Sie wollen, erwiderte der
Kleine; soll Pietro Belcampo, des Knstlers Rat aber etwas vermgen, so lassen
Sie mich erst in den gehrigen Weiten, Breiten und Lngen Ihr wertes Haupt, Ihre
ganze Gestalt, Ihren Gang, Ihre Mienen, Ihr Gebrdenspiel betrachten, dann werde
ich sagen, ob Sie sich mehr zum Antiken oder zum Romantischen, zum Heroischen,
Groen, Erhabenen, zum Naiven, zum Idyllischen, zum Spttischen, zum
Humoristischen hinneigen; dann werde ich die Geister des Caracalla, des Titus,
Karls des Groen, Heinrich des Vierten, Gustav Adolfs oder Virgils, Tassos,
Boccaccios heraufbeschwren. - Von ihnen beseelt, zucken die Muskeln meiner
Finger, und unter der sonoren zwitschernden Schere geht das Meisterstck hervor.
Ich werde es sein, mein Herr, der Ihre Charakteristik, wie sie sich aussprechen
soll im Leben, vollendet. Aber jetzt bitte ich, die Stube einigemal auf und ab
zu schreiten, ich will beobachten, bemerken, anschauen, ich bitte!
    Dem wunderlichen Mann mute ich mich wohl fgen, ich schritt daher, wie er
gewollt, die Stube auf und ab, indem ich mir alle Mhe gab, den gewissen
mnchischen Anstand, den keiner ganz abzulegen vermag, ist es auch noch so lange
her, da er das Kloster verlassen, zu verbergen. Der Kleine betrachtete mich
aufmerksam, dann aber fing er an, um mich her zu trippeln, er seufzte und
chzte, er zog sein Schnupftuch hervor und wischte sich die Schweitropfen von
der Stirne. Endlich stand er still, und ich frug ihn, ob er nun mit sich einig
worden, wie er mein Haar behandeln msse. Da seufzte er und sprach: Ach, mein
Herr, was ist denn das? - Sie haben sich nicht ihrem natrlichen Wesen
berlassen, es war ein Zwang in dieser Bewegung, ein Kampf streitender Naturen.
Noch ein paar Schritte, mein Herr! - Ich schlug es ihm rund ab, mich noch
einmal zur Schau zu stellen, indem ich erklrte, da, wenn er nun sich nicht
entschlieen knne, mein Haar zu verschneiden, ich darauf verzichten msse,
seine Kunst in Anspruch zu nehmen. Begrabe dich, Pietro, rief der Kleine in
vollem Eifer, denn du wirst verkannt in dieser Welt, wo keine Treue, keine
Aufrichtigkeit mehr zu finden. Aber Sie sollen doch meinen Blick, der in die
Tiefe schaut, bewundern, ja den Genius in mir verehren, mein Herr! Vergebens
suchte ich lange all das Widersprechende, was in Ihrem ganzen Wesen, in Ihren
Bewegungen liegt, zusammenzufgen. Es liegt in Ihrem Gange etwas, das auf einen
Geistlichen hindeutet. Ex profundis clamavi ad te Domine - Oremus - Et in omnia
saecula saeculorum Amen! - Diese Worte sang der Kleine mit heisrer, qukender
Stimme, indem er mit treuster Wahrheit Stellung und Gebrde der Mnche
nachahmte. Er drehte sich wie vor dem Altar, er kniete und stand wieder auf,
aber nun nahm er einen stolzen trotzigen Anstand an, er runzelte die Stirn, er
ri die Augen auf und sprach: Mein ist die Welt! - Ich bin reicher, klger,
verstndiger als ihr alle, ihr Maulwrfe; beugt euch vor mir! Sehen Sie, mein
Herr, sagte der Kleine, das sind die Hauptingredienzien Ihres uern
Anstandes, und wenn Sie es wnschen, so will ich, Ihre Zge, Ihre Gestalt, Ihre
Sinnesart beachtend, etwas Caracalla, Ablard und Boccaz zusammengieen und so
in der Glut, Form und Gestalt bildend, den wunderbaren antik-romantischen Bau
therischer Locken und Lckchen beginnen. - Es lag so viel Wahres in der
Bemerkung des Kleinen, da ich es fr geraten hielt, ihm zu gestehen, wie ich in
der Tat geistlich gewesen und schon die Tonsur erhalten, die ich jetzt soviel
mglich zu verstecken wnsche.
    Unter seltsamen Sprngen, Grimassen und wunderlichen Reden bearbeitete der
Kleine mein Haar. Bald sah er finster und mrrisch aus, bald lchelte er, bald
stand er in athletischer Stellung, bald erhob er sich auf den Fuspitzen, kurz,
es war mir kaum mglich, nicht noch mehr zu lachen, als schon wider meinen
Willen geschah. - Endlich war er fertig, und ich bat ihn, noch ehe er in die
Worte ausbrechen konnte, die ihm schon auf der Zunge schwebten, mir jemanden
heraufzuschicken, der sich, ebenso wie er des Haupthaars, meines verwirrten
Barts annehmen knnte. Da lchelte er ganz seltsam, schlich auf den Zehen zur
Stubentre und verschlo sie. Dann trippelte er leise bis mitten ins Zimmer und
sprach: Goldene Zeit, als noch Bart und Haupthaar in einer Lockenflle sich zum
Schmuck des Mannes ergo und die se Sorge eines Knstlers war. - Aber du bist
dahin! - Der Mann hat seine schnste Zierde verworfen, und eine schndliche
Klasse hat sich hingegeben, den Bart mit entsetzlichen Instrumenten bis auf die
Haut zu vertilgen. O, ihr schnden, schmhlichen Bartkratzer und Bartputzer,
wetzt nur eure Messer auf schwarzen, mit belriechendem l getrnkten Riemen zum
Hohn der Kunst, schwingt eure betroddelten Beutel, klappert mit euern Becken und
schaumt die Seife, heies, gefhrliches Wasser umherspritzend, fragt im frechen
Frevel euere Patienten, ob sie ber den Daumen oder ber den Lffel rasiert sein
wollen. - Es gibt Pietros, die euerm schnden Gewerbe entgegenarbeiten und, sich
erniedrigend zu euerm schmachvollen Treiben, die Brte auszurotten, noch das zu
retten suchen, was sich ber die Wellen der Zeit erhebt. Was sind die tausendmal
variierten Backenbrte in lieblichen Windungen und Krmmungen, bald sich sanft
schmiegend der Linie des sanften Ovals, bald traurig niedersinkend in des Halses
Vertiefung, bald keck emporstrebend ber die Mundwinkel heraus, bald bescheiden
sich einengend in schmaler Linie, bald sich auseinanderbreitend in khnem
Lockenschwunge - was sind sie anders, als die Erfindung unserer Kunst, in der
sich das hohe Streben nach dem Schnen, nach dem Heiligen entfaltet? Ha, Pietro!
zeige, welcher Geist dir einwohnt, ja, was du fr die Kunst zu unternehmen
bereit bist, indem du herabsteigst zum unleidlichen Geschft der Bartkratzer. -
Unter diesen Worten hatte der Kleine ein vollstndiges Barbierzeug hervorgezogen
und fing an, mich mit leichter gebter Hand von meinem Barte zu befreien.
Wirklich ging ich aus seinen Hnden ganz anders gestaltet hervor, und es
bedurfte nur noch anderer, weniger ins Auge fallender Kleidungsstcke, um mich
der Gefahr zu entziehen, wenigstens durch mein ueres eine mir gefhrliche
Aufmerksamkeit zu erregen. Der Kleine stand, in inniger Zufriedenheit mich
anlchelnd, da. Ich sagte ihm, da ich ganz unbekannt in der Stadt wre und da
es mir angenehm sein wrde, mich bald nach der Sitte des Orts kleiden zu knnen.
Ich drckte ihm fr seine Bemhung und um ihn aufzumuntern, meinen Kommissionr
zu machen, einen Dukaten in die Hand. Er war wie verklrt, er beugelte den
Dukaten in der flachen Hand. Wertester Gnner und Mzen, fing er an, ich habe
mich nicht in Ihnen betrogen, der Geist leitete meine Hand, und im Adlerflug des
Backenbarts sind Ihre hohe Gesinnungen rein ausgesprochen. Ich habe einen
Freund, einen Damon, einen Orest, der das am Krper vollendet, was ich am Haupt
begonnen, mit demselben tiefen Sinn, mit demselben Genie. Sie merken, mein Herr,
da es ein Kostmknstler ist, denn so nenne ich ihn statt des gewhnlichen
trivialen Ausdrucks Schneider. - Er verliert sich gern in das Ideelle, und so
hat er, Formen und Gestalten in der Phantasie bildend, ein Magazin der
verschiedensten Kleidungsstcke angelegt. Sie erblicken den modernen Elegant in
allen mglichen Nuancen, wie er, bald keck und khn alles berleuchtend, bald,
in sich versunken, nichts beachtend, bald naiv tndelnd, bald ironisch, witzig,
bellaunigt, schwermtig, bizarr, ausgelassen, zierlich, burschikos erscheinen
will. Der Jngling, der sich zum erstenmal einen Rock machen lassen ohne
einengenden Rat der Mama oder des Hofmeisters; der Vierziger, der sich pudern
mu des weien Haars wegen; der lebenslustige Alte, der Gelehrte, wie er sich in
der Welt bewegt, der reiche Kaufmann, der wohlhabende Brger: alles hngt in
meines Damons Laden vor Ihren Augen; in wenigen Augenblicken sollen sich die
Meisterstcke meines Freundes Ihrem Blick entfalten. - Er hpfte schnell von
dannen und erschien bald mit einem groen, starken, anstndig gekleideten Manne
wieder, der gerade den Gegensatz des Kleinen machte, sowohl im uern als in
seinem ganzen Wesen und den er mir doch eben als seinen Damon vorstellte. -
Damon ma mich mit den Augen und suchte dann selbst aus dem Paket, das ihm ein
Bursche nachgetragen, Kleidungsstcke heraus, die den Wnschen, welche ich ihm
erffnet, ganz entsprachen. Ja, erst in der Folge habe ich den feinen Takt des
Kostmknstlers, wie ihn der Kleine prezis nannte, eingesehen, der in dem Sinn
durchaus nicht aufzufallen, sondern unbemerkt und doch beim Bemerktwerden
geachtet, ohne Neugierde ber Stand, Gewerbe u.s.w. zu erregen, zu wandeln, so
richtig whlte. Es ist in der Tat schwer, sich so zu kleiden, da der gewisse
allgemeinere Charakter des Anzuges irgend eine Vermutung, man treibe dies oder
jenes Gewerbe, nicht aufkommen lt, ja, da niemand daran denkt, darauf zu
sinnen. Das Kostm des Weltbrgers wird wohl nur durch das Negative bedingt und
luft ungefhr darauf hinaus, was man das gebildete Benehmen heit, das auch
mehr im Unterlassen als im Tun liegt. - Der Kleine ergo sich noch in allerlei
sonderbaren grotesken Redensarten, ja, da ihm vielleicht wenige so williges Ohr
verliehen als ich, schien er berglcklich, sein Licht recht leuchten lassen zu
knnen. - Damon, ein ernster und, wie mir schien, verstndiger Mann, schnitt ihm
aber pltzlich die Rede ab, indem er ihn bei der Schulter fate und sprach:
Schnfeld, du bist heute wieder einmal recht im Zuge, tolles Zeug zu schwatzen;
ich wette, da dem Herrn schon die Ohren wehe tun von all dem Unsinn, den du
vorbringst. - Belcampo lie traurig sein Haupt sinken, aber dann ergriff er
schnell den bestaubten Hut und rief laut, indem er zur Tre hinaussprang: So
werd' ich prostituiert von meinen besten Freunden! - Damon sagte, indem er sich
mir empfahl: Es ist ein Hasenfu ganz eigner Art, dieser Schnfeld! - Das viele
Lesen hat ihn halb verrckt gemacht, aber sonst ein gutmtiger Mensch und in
seinem Metier geschickt, weshalb ich ihn leiden mag, denn leistet man recht viel
wenigstens in einer Sache, so kann man sonst wohl etwas weniges ber die Schnur
hauen. - Als ich allein war, fing ich vor dem groen Spiegel, der im Zimmer
aufgehngt war, eine frmliche bung im Gehen an. Der kleine Friseur hatte mir
einen richtigen Fingerzeig gegeben. Den Mnchen ist eine gewisse schwerfllige,
ungelenke Geschwindigkeit im Gehen eigen, die durch die lange Kleidung, welche
die Schritte hemmt, und durch das Streben, sich schnell zu bewegen, wie es der
Kultus erfordert, hervorgebracht wird. Ebenso liegt in dem zurckgebeugten
Krper und in dem Tragen der Arme, die niemals herunterhngen drfen, da der
Mnch die Hnde, wenn er sie nicht faltet, in die weiten rmel der Kutte steckt,
etwas so Charakteristisches, das dem Aufmerksamen nicht leicht entgeht. Ich
versuchte dies alles abzulegen, um jede Spur meines Standes zu verwischen. Nur
darin fand ich Trost fr mein Gemt, da ich mein ganzes Leben als ausgelebt,
mcht' ich sagen, als berstanden ansah und nun in ein neues Sein so eintrat,
als belebe ein geistiges Prinzip die neue Gestalt, von der berbaut, selbst die
Erinnerung ehemaliger Existenz, immer schwcher und schwcher werdend, endlich
ganz unterginge. Das Gewhl der Menschen, der fortdauernde Lrm des Gewerbes,
das sich auf den Straen rhrte, alles war mir neu und ganz dazu geeignet, die
heitre Stimmung zu erhalten, in die mich der komische Kleine versetzt. In meiner
neuen anstndigen Kleidung wagte ich mich hinab an die zahlreiche Wirtstafel,
und jede Scheu verschwand, als ich wahrnahm, da mich niemand bemerkte, ja da
mein nchster Nachbar sich nicht einmal die Mhe gab, mich anzuschauen, als ich
mich neben ihn setzte. In der Fremdenliste hatte ich, meiner Befreiung durch den
Prior gedenkend, mich Leonhard genannt und fr einen Privatmann ausgegeben, der
zu seinem Vergngen reise. Dergleichen Reisende mochte es in der Stadt gar viele
geben, und um so weniger veranlate ich weitere Nachfrage. - Es war mir ein
eignes Vergngen, die Straen zu durchstreichen und mich an dem Anblick der
reichen Kaufladen, der ausgehngten Bilder und Kupferstiche zu ergtzen. Abends
besuchte ich die ffentlichen Spaziergnge, wo mich oft meine Abgeschiedenheit
mitten im lebhaftesten Gewhl der Menschen mit bittern Empfindungen erfllte. -
Von niemanden gekannt zu sein, in niemandes Brust die leiseste Ahnung vermuten
zu knnen, wer ich sei, welch ein wunderbares, merkwrdiges Spiel des Zufalls
mich hieher geworfen, ja was ich alles in mir selbst verschliee, so wohlttig
es mir in meinem Verhltnis sein mute, hatte doch fr mich etwas wahrhaft
Schauerliches, indem ich mir selbst dann vorkam wie ein abgeschiedener Geist,
der noch auf Erden wandle, da alles ihm sonst im Leben Befreundete lngst
gestorben. Dachte ich daran, wie ehemals den berhmten Kanzelredner alles
freundlich und ehrfurchtsvoll grte, wie alles nach seiner Unterhaltung, ja
nach ein paar Worten von ihm geizte, so ergriff mich bittrer Unmut. - Aber jener
Kanzelredner war der Mnch Medardus, der ist gestorben und begraben in den
Abgrnden des Gebirges, ich bin es nicht, denn ich lebe, ja mir ist erst jetzt
das Leben neu aufgegangen, das mir seine Gensse bietet. - So war es mir, wenn
Trume mir die Begebenheiten im Schlosse wiederholten, als wren sie einem
anderen, nicht mir, geschehen; dieser andere war doch wieder der Kapuziner, aber
nicht ich selbst. Nur der Gedanke an Aurelien verknpfte noch mein voriges Sein
mit dem jetzigen, aber wie ein tiefer, nie zu verwindender Schmerz ttete er oft
die Lust, die mir aufgegangen, und ich wurde dann pltzlich herausgerissen aus
den bunten Kreisen, womit mich immer mehr das Leben umfing. - Ich unterlie
nicht, die vielen ffentlichen Huser zu besuchen, in denen man trank, spielte
u.d.m., und vorzglich war mir in dieser Art ein Hotel in der Stadt lieb
geworden, in dem sich des guten Weins wegen jeden Abend eine zahlreiche
Gesellschaft versammelte. - An einem Tisch im Nebenzimmer sah ich immer
dieselben Personen, ihre Unterhaltung war lebhaft und geistreich. Es gelang mir,
den Mnnern, die einen geschlossenen Zirkel gebildet hatten, nher zu treten,
indem ich erst in einer Ecke des Zimmers still und bescheiden meinen Wein trank,
endlich irgend eine interessante, literarische Notiz, nach der sie vergebens
suchten, mitteilte und so einen Platz am Tische erhielt, den sie mir um so
lieber einrumten, als ihnen mein Vortrag sowie meine mannigfachen Kenntnisse,
die ich, tglich mehr eindringend in all die Zweige der Wissenschaft, die mir
bisher unbekannt bleiben muten, erweiterte, zusagten. So erwarb ich mir eine
Bekanntschaft, die mir wohl tat, und mich immer mehr und mehr an das Leben in
der Welt gewhnend, wurde meine Stimmung tglich unbefangener und heitrer; ich
schliff all die rauhen Ecken ab, die mir von meiner vorigen Lebensweise brig
geblieben. - Seit mehreren Abenden sprach man in der Gesellschaft, die ich
besuchte, viel von einem fremden Maler, der angekommen und eine Ausstellung
seiner Gemlde veranstaltet habe; alle auer mir hatten die Gemlde schon
gesehen und rhmten ihre Vortrefflichkeit so sehr, da ich mich entschlo auch
hinzugehen. Der Maler war nicht zugegen, als ich in den Saal trat, doch machte
ein alter Mann den Cicerone und nannte die Meister der fremden Gemlde, die der
Maler zugleich mit den seinigen ausgestellt. - Es waren herrliche Stcke,
mehrenteils Originale berhmter Meister, deren Anblick mich entzckte. - Bei
manchen Bildern, die der Alte flchtige, groen Freskogemlden entnommene Kopien
nannte, dmmerten in meiner Seele Erinnerungen aus meiner frhsten Jugend auf. -
Immer deutlicher und deutlicher, immer lebendiger erglhten sie in regen Farben.
Es waren offenbar Kopien aus der heiligen Linde. So erkannte ich auch bei einer
heiligen Familie in Josephs Zgen ganz das Gesicht jenes fremden Pilgers, der
mir den wunderbaren Knaben brachte. Das Gefhl der tiefsten Wehmut durchdrang
mich, aber eines lauten Ausrufs konnte ich mich nicht erwehren, als mein Blick
auf ein lebensgroes Portrt fiel, in dem ich die Frstin, meine Pflegemutter,
erkannte. Sie war herrlich und mit jener im hchsten Sinn aufgefaten
hnlichkeit, wie Van Dyck seine Portrts malte, in der Tracht, wie sie in der
Prozession am Bernardustage vor den Nonnen einherzuschreiten pflegte, gemalt.
Der Maler hatte gerade den Moment ergriffen, als sie nach vollendetem Gebet sich
anschickt aus ihrem Zimmer zu treten, um die Prozession zu beginnen, auf welche
das versammelte Volk in der Kirche, die sich in der Perspektive des
Hintergrundes ffnet, erwartungsvoll harrt. In dem Blick der herrlichen Frau lag
ganz der Ausdruck des zum Himmlischen erhobenen Gemts, ach, es war, als schien
sie Vergebung fr den frevelnden frechen Snder zu erflehen, der sich gewaltsam
von ihrem Mutterherzen losgerissen, und dieser Snder war ja ich selbst!
Gefhle, die mir lngst fremd worden, durchstrmten meine Brust, eine
unaussprechliche Sehnsucht ri mich fort, ich war wieder bei dem guten Pfarrer
im Dorfe des Zisterzienserklosters, ein muntrer, unbefangener, froher Knabe, vor
Lust jauchzend, weil der Bernardustag gekommen. Ich sah sie! - Bist du recht
fromm und gut gewesen, Franziskus? frug sie mit der Stimme, deren vollen Klang
die Liebe dmpfte, da sie weich und lieblich zu mir herbertnte. - Bist du
recht fromm und gut gewesen? Ach, was konnte ich ihr antworten? - Frevel auf
Frevel habe ich gehuft, dem Bruch des Gelbdes folgte der Mord! - Von Gram und
Reue zerfleischt, sank ich halb ohnmchtig auf die Knie, Trnen entstrzten
meinen Augen. - Erschrocken sprang der Alte auf mich zu und frug heftig: Was
ist Ihnen, was ist Ihnen, mein Herr? - Das Bild der btissin ist meiner, eines
grausamen Todes gestorbenen Mutter so hnlich, sagte ich dumpf in mich hinein
und suchte, indem ich aufstand, so viel Fassung als mglich zu gewinnen. Kommen
Sie, mein Herr! sagte der Alte, solche Erinnerungen sind zu schmerzhaft, man
darf sie vermeiden, es ist noch ein Portrt hier, welches mein Herr fr sein
bestes hlt. Das Bild ist nach dem Leben gemalt und unlngst vollendet, wir
haben es verhngt, damit die Sonne nicht die noch nicht einmal ganz
eingetrockneten Farben verderbe. - Der Alte stellte mich sorglich in das
gehrige Licht und zog dann schnell den Vorhang weg. - Es war Aurelie! - Mich
ergriff ein Entsetzen, das ich kaum zu bekmpfen vermochte. - Aber ich erkannte
die Nhe des Feindes, der mich in die wogende Flut, der ich kaum entronnen,
gewaltsam hineindrngen, mich vernichten wollte, und mir kam der Mut wieder,
mich aufzulehnen gegen das Ungetm, das in geheimnisvollem Dunkel auf mich
einstrmte. -
    Mit gierigen Blicken verschlang ich Aureliens Reize, die aus dem in regem
Leben glhenden Bilde hervorstrahlten. - Der kindliche milde Blick des frommen
Kindes schien den verruchten Mrder des Bruders anzuklagen, aber jedes Gefhl
der Reue erstarb in dem bittern feindlichen Hohn, der, in meinem Innern
aufkeimend, mich wie mit giftigen Stacheln hinaustrieb aus dem freundlichen
Leben. - Nur das peinigte mich, da in jener verhngnisvollen Nacht auf dem
Schlosse Aurelie nicht mein geworden. Hermogens Erscheinung vereitelte das
Unternehmen, aber er bte mit dem Tode! - Aurelie lebt, und das ist genug, der
Hoffnung Raum zu geben, sie zu besitzen! - Ja, es ist gewi, da sie noch mein
wird, denn das Verhngnis waltet, dem sie nicht entgehen kann; und bin ich nicht
selbst dieses Verhngnis?
    So ermutigte ich mich zum Frevel, indem ich das Bild anstarrte. Der Alte
schien ber mich verwundert. Er kramte viel Worte aus ber Zeichnung, Ton,
Kolorit, ich hrte ihn nicht. Der Gedanke an Aurelie, die Hoffnung, die nur
aufgeschobene bse Tat noch zu vollbringen, erfllte mich so ganz und gar, da
ich forteilte, ohne nach dem fremden Maler zu fragen und so vielleicht nher zu
erforschen, was fr eine Bewandtnis es mit den Gemlden haben knne, die wie in
einem Zyklus Andeutungen ber mein ganzes Leben enthielten. - Um Aureliens
Besitz war ich entschlossen alles zu wagen, ja es war mir, als ob ich selbst,
ber die Erscheinungen meines Lebens gestellt und sie durchschauend, niemals zu
frchten und daher auch niemals zu wagen haben knne. Ich brtete ber allerlei
Plne und Entwrfe, meinem Ziele nher zu kommen, vorzglich glaubte ich nun,
von dem fremden Maler manches zu erfahren und manche mir fremde Beziehung zu
erforschen, die mir zu wissen als Vorbereitung zu meinem Zweck ntig sein
konnte. Ich hatte nmlich nichts Geringeres im Sinn, als in meiner jetzigen
neuen Gestalt auf das Schlo zurckzukehren, und das schien mir nicht einmal ein
sonderlich khnes Wagstck zu sein. - Am Abend ging ich in jene Gesellschaft; es
war mir darum zu tun, der immer steigenden Spannung meines Geistes, dem
ungezhmten Arbeiten meiner aufgeregten Phantasie Schranken zu setzen. -
    Man sprach viel von den Gemlden des fremden Malers und vorzglich von dem
seltnen Ausdruck, den er seinen Portrts zu geben wte; es war mir mglich, in
dies Lob einzustimmen und mit einem besondern Glanz des Ausdrucks, der nur der
Reflex der hhnenden Ironie war, die in meinem Innern wie verzehrendes Feuer
brannte, die unnennbaren Reize, die ber Aureliens frommes engelschnes Gesicht
verbreitet, zu schildern. Einer sagte, da er den Maler, den die Vollendung
mehrerer Portrts, die er angefangen, noch am Orte festhielt und der ein
interessanter herrlicher Knstler, wiewohl schon ziemlich bejahrt sei, morgen
abends in die Gesellschaft mitbringen wolle.
    Von seltsamen Gefhlen, von unbekannten Ahnungen bestrmt, ging ich den
andern Abend spter als gewhnlich in die Gesellschaft; der Fremde sa mit mir
zugekehrtem Rcken am Tische. Als ich mich setzte, als ich ihn erblickte, da
starrten mir die Zge jenes frchterlichen Unbekannten entgegen, der am
Antoniustage an den Eckpfeiler gelehnt stand und mich mit Angst und Entsetzen
erfllte. - Er sah mich lange an mit tiefem Ernst, aber die Stimmung, in der ich
mich befand, seitdem ich Aureliens Bild geschaut hatte, gab mir Mut und Kraft,
diesen Blick zu ertragen. Der Feind war nun sichtlich ins Leben getreten, und es
galt, den Kampf auf den Tod mit ihm zu beginnen. - Ich beschlo, den Angriff
abzuwarten, aber dann ihn mit den Waffen, auf deren Strke ich bauen konnte,
zurckzuschlagen. Der Fremde schien mich nicht sonderlich zu beachten, sondern
setzte, den Blick wieder von mir abwendend, das Kunstgesprch fort, in dem er
begriffen gewesen, als ich eintrat. Man kam auf seine Gemlde und lobte
vorzglich Aureliens Portrt. Jemand behauptete, da das Bild, unerachtet es
sich auf den ersten Blick als Portrt ausspreche, doch als Studie dienen und zu
irgend einer Heiligen benutzt werden knne. - Man frug nach meinem Urteil, da
ich eben jenes Bild so herrlich mit allen seinen Vorzgen in Worten dargestellt,
und unwillkrlich fuhr es mir heraus, da ich die heilige Rosalia mir nicht wohl
anders denken knne, als ebenso wie das Portrt der Unbekannten. Der Maler
schien meine Worte kaum zu bemerken, indem er sogleich einfiel: In der Tat ist
jenes Frauenzimmer, die das Portrt getreulich darstellt, eine fromme Heilige,
die im Kampfe sich zum Himmlischen erhebt. Ich habe sie gemalt, als sie, von dem
entsetzlichsten Jammer ergriffen, doch in der Religion Trost und von dem ewigen
Verhngnis, das ber den Wolken thront, Hilfe hoffte; und den Ausdruck dieser
Hoffnung, die nur in dem Gemt wohnen kann, das sich ber das Irdische hoch
erhebt, habe ich dem Bilde zu geben gesucht. - Man verlor sich in andere
Gesprche, der Wein, der heute dem fremden Maler zu Ehren in berer Sorte und
reichlicher getrunken wurde als sonst, erheiterte die Gemter. Jeder wute
irgend etwas Ergtzliches zu erzhlen, und wiewohl der Fremde nur im Innern zu
lachen und dies innere Lachen sich nur im Auge abzuspiegeln schien, so wute er
doch, oft nur durch ein paar hineingeworfene krftige Worte, das Ganze in
besonderem Schwunge zu erhalten. - Konnte ich auch, so oft mich der Fremde ins
Auge fate, ein unheimliches grauenhaftes Gefhl nicht unterdrcken, so berwand
ich doch immer mehr und mehr die entsetzliche Stimmung, von der ich erst
ergriffen, als ich den Fremden erblickte. Ich erzhlte von dem possierlichen
Belcampo, den alle kannten, und wute zu ihrer Freude seine phantastische
Hasenfigkeit recht ins grelle Licht zu stellen, so da ein recht gemtlicher
dicker Kaufmann, der mir gegenber zu sitzen pflegte, mit vor Lachen trnenden
Augen versicherte, das sei seit langer Zeit der vergngteste Abend, den er
erlebe. Als das Lachen endlich zu verstummen anfing, frug der Fremde pltzlich:
Haben Sie schon den Teufel gesehen, meine Herren? - Man hielt die Frage fr
die Einleitung zu irgend einem Schwank und versicherte allgemein, da man noch
nicht die Ehre gehabt; da fuhr der Fremde fort: Nun, es htte wenig gefehlt, so
wre ich zu der Ehre gekommen, und zwar auf dem Schlosse des Barons F. im
Gebirge. - Ich erbebte, aber die andern riefen lachend: Nur weiter, weiter! -
Sie kennen, nahm der Fremde wieder das Wort, wohl alle wahrscheinlich, wenn
Sie die Reise durch das Gebirge machten, jene wilde schauerliche Gegend, in der,
wenn der Wanderer aus dem dicken Tannenwalde auf die hohen Felsenmassen tritt,
sich ihm ein tiefer schwarzer Abgrund ffnet. Es ist der sogenannte
Teufelsgrund, und oben ragt ein Felsenstck hervor, welches den sogenannten
Teufelssitz bildet. - Man spricht davon, da der Graf Viktorin, mit bsen
Anschlgen im Kopfe, eben auf diesem Felsen sa, als pltzlich der Teufel
erschien und, weil er beschlossen, Viktorins ihm wohlgefllige Anschlge selbst
auszufhren, den Grafen in den Abgrund schleuderte. Der Teufel erschien sodann
als Kapuziner auf dem Schlosse des Barons, und nachdem er seine Lust mit der
Baronesse gehabt, schickte er sie zur Hlle, sowie er auch den wahnsinnigen Sohn
des Barons, der durchaus des Teufels Inkognito nicht dulden wollte, sondern laut
verkndete: Es ist der Teufel! erwrgte, wodurch denn aber eine fromme Seele aus
dem Verderben errettet wurde, das der arglistige Teufel beschlossen. Nachher
verschwand der Kapuziner auf unbegreifliche Weise, und man sagt, er sei feige
geflohn vor Viktorin, der aus seinem Grabe blutig emporgestiegen. - Dem sei nun
allem, wie ihm wolle, so kann ich Sie doch davon versichern, da die Baronesse
an Gift umkam, Hermogen meuchlings ermordet wurde, der Baron kurz darauf vor
Gram starb und Aurelie, eben die fromme Heilige, die ich in der Zeit, als das
Entsetzliche geschehen, auf dem Schlosse malte, als verlassene Waise in ein
fernes Land, und zwar in ein Zisterzienserkloster, flchtete, dessen btissin
ihrem Vater befreundet war. Sie haben das Bild dieser herrlichen Frau in meiner
Galerie gesehn. Doch das alles wird Ihnen dieser Herr (er wies nach mir) viel
umstndlicher und besser erzhlen knnen, da er whrend der ganzen Begebenheit
auf dem Schlosse zugegen war. - Alle Blicke waren voll Erstaunen auf mich
gerichtet, entrstet sprang ich auf und rief mit heftiger Stimme: Ei, mein
Herr, was habe ich mit Ihren albernen Teufelsgeschichten, mit Ihren
Morderzhlungen zu schaffen, Sie verkennen mich, Sie verkennen mich in der Tat,
und ich bitte, mich ganz aus dem Spiel zu lassen. Bei dem Aufruhr in meinem
Innern wurde es mir schwer genug, meinen Worten noch diesen Anstrich von
Gleichgltigkeit zu geben; die Wirkung der geheimnisvollen Reden des Malers
sowie meine leidenschaftliche Unruhe, die ich zu verbergen mich vergebens
bemhte, war nur zu sichtlich. Die heitre Stimmung verschwand, und die Gste,
nun sich erinnernd, wie ich, allen gnzlich fremd, mich so nach und nach dazu
gefunden, sahen mich mit mitrauischen, argwhnischen Blicken an. -
    Der fremde Maler war aufgestanden und durchbohrte mich mit den stieren
lebendigtoten Augen wie damals in der Kapuzinerkirche. - Er sprach kein Wort, er
schien starr und leblos, aber sein gespenstischer Anblick strubte mein Haar,
kalte Tropfen standen auf der Stirn, und von Entsetzen gewaltig erfat, erbebten
alle Fibern. - Hebe dich weg, schrie ich auer mir, du bist selbst der Satan,
du bist der frevelnde Mord, aber ber mich hast du keine Macht!
    Alles erhob sich von den Sitzen: Was ist das, was ist das? rief es
durcheinander; aus dem Saale drngten sich, das Spiel verlassend, die Menschen
hinein, von dem frchterlichen Ton meiner Stimme erschreckt. Ein Betrunkener,
ein Wahnsinniger! Bringt ihn fort, bringt ihn fort, riefen mehrere. Aber der
fremde Maler stand unbeweglich, mich anstarrend. Unsinnig vor Wut und
Verzweiflung, ri ich das Messer, womit ich Hermogen gettet und das ich stets
bei mir zu tragen pflegte, aus der Seitentasche und strzte mich auf den Maler,
aber ein Schlag warf mich nieder, und der Maler lachte im frchterlichen Hohn,
da es im Zimmer widerhallte: Bruder Medardus, Bruder Medardus, falsch ist dein
Spiel, geh und verzweifle in Reue und Scham. - Ich fhlte mich von den Gsten
angepackt, da ermannte ich mich, und wie ein wtender Stier drngte und stie
ich gegen die Menge, da mehrere zur Erde strzten und ich mir den Weg zur Tre
bahnte. - Rasch eilte ich durch den Korridor, da ffnete sich eine kleine
Seitentre, ich wurde in ein finstres Zimmer hineingezogen, ich widerstrebte
nicht, weil die Menschen schon hinter mir herbrausten. Als der Schwarm vorber,
fhrte man mich eine Seitentreppe hinab in den Hof und dann durch das
Hintergebude auf die Strae. Bei dem hellen Schein der Laterne erkannte ich in
meinem Retter den possierlichen Belcampo. Dieselben scheinen, fing er an,
einige Fatalitt mit dem fremden Maler zu haben, ich trank im Nebenzimmer ein
Glschen, als der Lrm anging, und beschlo, da mir die Gelegenheit des Hauses
bekannt, Sie zu retten, denn nur ich allein bin an der ganzen Fatalitt schuld.
Wie ist das mglich? frug ich voll Erstaunen. - Wer gebietet dem Moment, wer
widerstrebt den Hingebungen des hhern Geistes! fuhr der Kleine voll Pathos
fort. Als ich Ihr Haupthaar arrangierte, Verehrter, entzndeten sich in mir
comme  l'ordinaire die sublimsten Ideen, ich berlie mich dem wilden Ausbruch
ungeregelter Phantasie, und darber verga ich nicht allein, die Locke des Zorns
auf dem Hauptwirbel gehrig zur weichen Runde abzugltten, sondern lie auch
sogar siebenundzwanzig Haare der Angst und des Entsetzens ber der Stirne
stehen, diese richteten sich auf bei den starren Blicken des Malers, der
eigentlich ein Revenant ist, und neigten sich chzend gegen die Locke des Zorns,
die zischend und knisternd auseinanderfuhr. Ich habe alles geschaut, da zogen
Sie, von Wut entbrannt, ein Messer, Verehrter, an dem schon diverse Blutstropfen
hingen, aber es war ein eitles Bemhen, dem Orkus den zuzusenden, der dem Orkus
schon gehrte, denn dieser Maler ist Ahasverus, der ewige Jude, oder Bertram de
Bornis oder Mephistopheles oder Benvenuto Cellini oder der heilige Peter, kurz
ein schnder Revenant und durch nichts anders zu bannen, als durch ein glhendes
Lockeneisen, welches die Idee krmmt, welche eigentlich er ist oder durch
schickliches Frisieren der Gedanken, die er einsaugen mu, um die Idee zu
nhren, mit elektrischen Kmmen. - Sie sehen, Verehrter, da mir, dem Knstler
und Phantasten von Profession, dergleichen Dinge wahre Pomade sind, welches
Sprichwort, aus meiner Kunst entnommen, weit bedeutender ist, als man wohl
glaubt, sobald nur die Pomade echtes Nelkenl enthlt. Das tolle Geschwtz des
Kleinen, der unterdessen mit mir durch die Straen rannte, hatte in dem
Augenblick fr mich etwas Grauenhaftes, und wenn ich dann und wann seine
skurrile Sprnge, sein komisches Gesicht bemerkte, mute ich wie im
konvulsivischen Krampf laut auflachen. Endlich waren wir in meinem Zimmer;
Belcampo half mir packen, bald war alles zur Reise bereit, ich drckte dem
Kleinen mehrere Dukaten in die Hand, er sprang hoch auf vor Freude und rief
laut: Heisa, nun habe ich ehrenwertes Geld, lauter flimmerndes Gold, mit
Herzblut getrnkt, gleiend und rote Strahlen spielend. Das ist ein Einfall und
noch dazu ein lustiger, mein Herr, weiter nichts.
    Den Zusatz mochte ihm mein Befremden ber seinen Ausruf entlocken; er bat
sich es aus, der Locke des Zorns noch die gehrige Rnde geben, die Haare des
Entsetzens krzer schneiden und ein Lckchen Liebe zum Andenken mitnehmen zu
drfen. Ich lie ihn gewhren, und er vollbrachte alles unter den
possierlichsten Gebrden und Grimassen. - Zuletzt ergriff er das Messer, welches
ich beim Umkleiden auf den Tisch gelegt, und stach damit, indem er eine
Fechterstellung annahm, in die Luft hinein. Ich tte ihren Widersacher, rief
er, und da er eine bloe Idee ist, mu er gettet werden knnen durch eine Idee
und erstirbt demnach an dieser, der meinigen, die ich, um die Expression zu
verstrken, mit schicklichen Leibesbewegungen begleite. Apage Satanas, apage,
apage, Ahasverus, allez-vous-en! - Nun das wre getan, sagte er, das Messer
weglegend, tief atmend und sich die Stirne trocknend, wie einer, der sich
tchtig angegriffen, um eine schwere Arbeit zu vollbringen. Rasch wollte ich das
Messer verbergen und fuhr damit in den rmel, als trge ich noch die
Mnchskutte, welches der Kleine bemerkte und ganz schlau belchelte. Indem blies
der Postillon vor dem Hause, da vernderte Belcampo pltzlich Ton und Stellung,
er holte ein kleines Schnupftuch hervor, tat, als wische er sich die Trnen aus
den Augen, bckte sich einmal ber das andere ganz ehrerbietig, kte mir die
Hand und den Rock und flehte: Zwei Messen fr meine Gromutter, die an einer
Indigestion, vier Messen fr meinen Vater, der an unwillkrlichem Fasten starb,
ehrwrdiger Herr! Aber fr mich jede Woche eine, wenn ich gestorben. -
Vorderhand Abla fr meine vielen Snden. - Ach, ehrwrdiger Herr, es steckt ein
infamer sndlicher Kerl in meinem Innern und spricht: Peter Schnfeld, sei kein
Affe und glaube, da du bist, sondern ich bin eigentlich du, heie Belcampo und
bin eine geniale Idee, und wenn du das nicht glaubst, so stoe ich dich nieder
mit einem spitzigen haarscharfen Gedanken. Dieser feindliche Mensch, Belcampo
genannt, Ehrwrdiger, begeht alle mgliche Laster; unter andern zweifelt er oft
an der Gegenwart, betrinkt sich sehr, schlgt um sich und treibt Unzucht mit
schnen jungfrulichen Gedanken; dieser Belcampo hat mich, den Peter Schnfeld,
ganz verwirrt und konfuse gemacht, da ich oft ungebhrlich springe und die
Farbe der Unschuld schnde, indem ich singend in dulci jubilo mit weiseidenen
Strmpfen in den Dr- setze. Vergebung fr beide, Pietro Belcampo und Peter
Schnfeld! - Er kniete vor mir nieder und tat, als schluchze er heftig. Die
Narrheit des Menschen wurde mir lstig. - Seien Sie doch vernnftig, rief ich
ihm zu; der Kellner trat herein, um mein Gepck zu holen. Belcampo sprang auf,
und wieder in seinen lustigen Humor zurckkommend, half er, indem er in einem
fort schwatzte, dem Kellner das herbeibringen, was ich noch in der Eile
verlangte. Der Kerl ist ein ausgemachter Hasenfu, man darf sich mit ihm nicht
viel einlassen, rief der Kellner, indem er die Wagentre zuschlug. Belcampo
schwenkte den Hut und rief: Bis zum letzten Hauch meines Lebens! als ich mit
bedeutendem Blick den Finger auf den Mund legte.
    Als der Morgen zu dmmern anfing, lag die Stadt schon weit hinter mir, und
die Gestalt des furchtbaren, entsetzlichen Menschen, der wie ein
unerforschliches Geheimnis mich grauenvoll umfing, war verschwunden. - Die Frage
der Postmeister: Wohin? rckte es immer wieder aufs neue mir vor, wie ich nun
jeder Verbindung im Leben abtrnnig worden und, den wogenden Wellen des Zufalls
preisgegeben, umherstreiche. Aber hatte nicht eine unwiderstehliche Macht mich
gewaltsam herausgerissen aus allem, was mir sonst befreundet, nur damit der mir
inwohnende Geist in ungehemmter Kraft seine Schwingen rstig entfalte und rege?
Rastlos durchstrich ich das herrliche Land, nirgends fand ich Ruhe, es trieb
mich unaufhaltsam fort, immer weiter hinab in den Sden, ich war, ohne daran zu
denken, bis jetzt kaum merklich von der Reiseroute abgewichen, die mir Leonardus
bezeichnet, und so wirkte der Sto, mit dem er mich in die Welt getrieben, wie
mit magischer Gewalt fort in gerader Richtung. -
    In einer finstern Nacht fuhr ich durch einen dichten Wald, der sich bis ber
die nchste Station ausdehnen sollte, wie mir der Postmeister gesagt und deshalb
geraten hatte, bei ihm den Morgen abzuwarten, welches ich, um nur so rasch als
mglich ein Ziel zu erreichen, das mir selbst ein Geheimnis war, ausschlug.
Schon als ich abfuhr, leuchteten Blitze in der Ferne, aber bald zogen schwrzer
und schwrzer die Wolken herauf, die der Sturm zusammengeballt hatte und
brausend vor sich her jagte: der Donner hallte furchtbar im tausendstimmigen
Echo wieder, und rote Blitze durchkreuzten den Horizont, soweit das Auge
reichte; die hohen Tannen krachten, bis in die Wurzel erschttert, der Regen go
in Strmen herab. Jeden Augenblick liefen wir Gefahr, von den Bumen erschlagen
zu werden, die Pferde bumten sich, scheu geworden durch das Leuchten der
Blitze, bald konnten wir kaum noch fort; endlich wurde der Wagen so hart
umgeschleudert, da das Hinterrad zerbrach. So muten wir nun auf der Stelle
bleiben und warten, bis das Gewitter nachlie und der Mond durch die Wolken
brach. Jetzt bemerkte der Postillon, da er in der Finsternis ganz von der
Strae abgekommen und in einen Waldweg geraten sei; es war kein andres Mittel,
als diesen Weg, so gut es gehen wollte, zu verfolgen und so vielleicht mit
Tagesanbruch in ein Dorf zu kommen. Der Wagen wurde mit einem Baumast gesttzt,
und so ging es Schritt vor Schritt fort. Bald bemerkte ich, der ich voranging,
in der Ferne den Schimmer eines Lichts und glaubte Hundegebell zu vernehmen; ich
hatte mich nicht getuscht, denn kaum waren wir einige Minuten lnger gegangen,
als ich ganz deutlich Hunde anschlagen hrte. Wir kamen an ein ansehnliches
Haus, das in einem groen, mit einer Mauer umschlossenen Hofe stand. Der
Postillon klopfte an die Pforte, die Hunde sprangen tobend und bellend herbei,
aber im Hause selbst blieb alles stille und tot, bis der Postillon sein Horn
erschallen lie; da wurde im obern Stock das Fenster, aus dem mir das Licht
entgegenschimmerte, geffnet und eine tiefe rauhe Stimme rief herab: Christian,
Christian! - Ja, gestrenger Herr, antwortete es unten. Da klopft und blst
es, fuhr die Stimme von oben fort, an unserm Tor, und die Hunde sind ganz des
Teufels. Nehm er einmal die Laterne und die Bchse No. 3 und sehe er zu, was es
gibt. - Bald darauf hrten wir, wie Christian die Hunde ablockte, und sahen ihn
endlich mit der Laterne kommen. Der Postillon meinte, es sei kein Zweifel, wie
er gleich, als der Wald begonnen, statt geradeaus zu fahren, seitwrts
eingebogen sein msse, da wir bei der Frsterwohnung wren, die von der letzten
Station eine Stunde rechts abliege. - Als wir dem Christian den Zufall, der uns
betroffen, geklagt, ffnete er sogleich beide Flgel des Tors und half den Wagen
hinein. Die beschwichtigten Hunde schwnzelten und schnffelten um uns her, und
der Mann, der sich nicht vom Fenster entfernt, rief unaufhrlich herab: Was da,
was da? Was fr eine Karawane? - ohne da Christian oder einer von uns Bescheid
gegeben. Endlich trat ich, whrend Christian Pferde und Wagen unterbrachte, ins
Haus, das Christian geffnet, und es kam mir ein groer starker Mann mit
sonneverbranntem Gesicht, den groen Hut mit grnem Federbusch auf dem Kopf,
brigens im Hemde, nur die Pantoffeln an die Fe gesteckt, mit dem bloen
Hirschfnger in der Hand, entgegen, indem er mir barsch entgegenrief: Woher des
Landes? - Was turbiert man die Leute in der Nacht, das ist hier kein Wirtshaus,
keine Poststation. - Hier wohnt der Revierfrster, und das bin ich! - Christian
ist ein Esel, da er das Tor geffnet. Ich erzhlte ganz kleinmtig meinen
Unfall und da nur die Not uns hier hineingetrieben, da wurde der Mann
geschmeidiger, er sagte: Nun freilich, das Unwetter war gar heftig, aber der
Postillon ist doch ein Schlingel, da er falsch fuhr und den Wagen zerbrach. -
Solch ein Kerl mu mit verbundenen Augen im Walde fahren knnen, er mu darin zu
Hause sein wie unsereins. - Er fhrte mich herauf, und indem er den
Hirschfnger aus der Hand legte, den Hut abnahm und den Rock berwarf, bat er,
seinen rauhen Empfang nicht bel zu deuten, da er hier in der abgelegenen
Wohnung um so mehr auf der Hut sein msse, als wohl fters allerlei liederlich
Gesindel den Wald durchstreife und er vorzglich mit den sogenannten
Freischtzen, die ihm schon oft nach dem Leben getrachtet, beinahe in offner
Fehde liege. Aber, fuhr er fort, die Spitzbuben knnen mir nichts anhaben,
denn mit der Hilfe Gottes verwalte ich mein Amt treu und redlich, und im Glauben
und Vertrauen auf ihn und auf mein gut Gewehr biete ich ihnen Trotz. -
Unwillkrlich schob ich, wie ich es noch oft aus alter Gewohnheit nicht lassen
konnte, einige salbungsvolle Worte ber die Kraft des Vertrauens auf Gott ein,
und der Frster erheiterte sich immer mehr und mehr. Meiner Protestationen
unerachtet weckte er seine Frau, eine betagte, aber muntre rhrige Matrone, die,
wiewohl aus dem Schlafe gestrt, doch freundlich den Gast bewillkommte und auf
des Mannes Gehei sogleich ein Abendessen zu bereiten anfing. Der Postillion
sollte, so hatte es ihm der Frster als Strafe aufgegeben, noch in derselben
Nacht mit dem zerbrochenen Wagen auf die Station zurck, von der er gekommen,
und ich von ihm, dem Frster, nach meinem Belieben auf die nchste Station
gebracht werden. Ich lie mir das um so eher gefallen, als mir selbst wenigstens
eine kurze Ruhe ntig schien. Ich uerte deshalb dem Frster, da ich wohl bis
zum Mittag des folgenden Tages dazubleiben wnsche, um mich ganz von der
Ermdung zu erholen, die mir das bestndige, unaufhrliche Fahren mehrere Tage
hindurch verursacht. Wenn ich Ihnen raten soll, mein Herr, erwiderte der
Frster, so bleiben Sie morgen den ganzen Tag ber hier und warten Sie bis
bermorgen, da bringt Sie mein ltester Sohn, den ich in die frstliche Residenz
schicke, selbst bis auf die nchste Station. Auch damit war ich zufrieden,
indem ich die Einsamkeit des Orts rhmte, die mich wunderbar anziehe. Nun, mein
Herr, sagte der Frster, einsam ist es hier wohl gar nicht, Sie mten denn so
nach den gewhnlichen Begriffen der Stdter jede Wohnung einsam nennen, die im
Walde liegt, unerachtet es denn doch sehr darauf ankommt, wer sich darin
aufhlt, Ja, wenn hier in diesem alten Jagdschlo noch so ein griesgramiger
alter Herr wohnte, wie ehemals, der sich in seinen vier Mauern einschlo und
keine Lust hatte an Wald und Jagd, da mchte es wohl ein einsamer Aufenthalt
sein, aber seitdem er tot ist und der gndige Landesfrst das Gebude zur
Frsterwohnung einrichten lassen, da ist es hier recht lebendig worden. Sie sind
doch wohl so ein Stdter, mein Herr, der nichts wei von Wald und Jagdlust, da
knnen Sie sich's denn nicht denken, was wir Jgersleute fr ein herrlich
freudig Leben fhren. Ich mit meinen Jgerburschen mache nur eine Familie aus,
ja, Sie mgen das nun kurios finden oder nicht, ich rechne meine klugen
anstelligen Hunde auch dazu; die verstehen mich und passen auf mein Wort, auf
meinen Wink und sind mir treu bis zum Tode. - Sehen Sie wohl, wie mein Waldmann
da mich so verstndig anschaut, weil er wei, da ich von ihm rede? - Nun, Herr,
gibt es beinahe immer was im Walde zu tun, da ist denn nun abends ein
Vorbereiten und Wirtschaften, und sowie der Morgen graut, bin ich aus den Federn
und trete heraus, ein lustig Jgerstckchen auf meinem Horn blasend. Da rttelt
und rappelt sich alles aus dem Schlafe, die Hunde schlagen an, sie jauchzen vor
Mut und Jagdbegier. Die Bursche werfen sich schnell in die Kleider, Jagdtasch'
umgeworfen, Gewehr ber der Schulter, treten sie hinein in die Stube, wo meine
Alte das Jgerfrhstck bereitet, und nun geht's heraus in Jubel und Lust. Wir
kommen hin an die Stellen, wo das Wild verborgen, da nimmt jeder, vom andern
entfernt, einzeln seinen Platz, die Hunde schleichen, den Kopf geduckt zur Erde,
und schnffeln und spren und schauen den Jger an wie mit klugen menschlichen
Augen, und der Jger steht, kaum atmend, mit gespanntem Hahn regungslos, wie
eingewurzelt auf der Stelle. - Und wenn nun das Wild herausspringt aus dem
Dickicht und die Schsse knallen und die Hunde strzen hintendrein, ei Herr, da
klopft einem das Herz, und man ist ein ganz andrer Mensch. Und jedesmal ist
solch ein Ausziehen zur Jagd was neues, denn immer kommt was ganz Besonderes
vor, was noch nicht dagewesen. Schon dadurch, da das Wild sich in die Zeiten
teilt, so da nun dies, dann jenes sich zeigt, wird das Ding so herrlich, da
kein Mensch auf Erden es satt haben kann. Aber, Herr, auch der Wald schon an und
vor sich selbst, der Wald ist ja so lustig und lebendig, da ich mich niemals
einsam fhle. Da kenne ich jedes Pltzchen und jeden Baum, und es ist mir
wahrhaftig so, als wenn jeder Baum, der unter meinen Augen aufgewachsen und nun
seine blanken regen Wipfel in die Lfte streckt, mich auch kennen und lieb haben
mte, weil ich ihn gehegt und gepflegt, ja ich glaube ordentlich, wenn es
manchmal so wunderbar rauscht und flstert, als sprche es zu mir mit ganz
eignen Stimmen, und das wre eigentlich das wahre Lobpreisen Gottes und seiner
Allmacht und ein Gebet, wie man es gar nicht mit Worten auszusprechen vermag. -
Kurz, ein rechtschaffener frommer Jgersmann fhrt ein gar lustig herrlich
Leben, denn es ist ihm ja wohl noch etwas von der alten, schnen Freiheit
geblieben, wie die Menschen so recht in der Natur lebten und von all dem
Geschwnzel und Geziere nichts wuten, womit sie sich in ihren gemauerten
Kerkern qulen, so da sie auch ganz entfremdet sind all den herrlichen Dingen,
die Gott um sie hergestellt hat, damit sie sich daran erbauen und ergtzen
sollen, wie es sonst die Freien taten, die mit der ganzen Natur in Liebe und
Freundschaft lebten, wie man es in den alten Geschichten lieset. -
    Alles das sagte der alte Frster mit einem Ton und Ausdruck, da man wohl
berzeugt sein mute, wie er es tief in der Brust fhle, und ich beneidete ihn
in der Tat um sein glckliches Leben, um seine im Innersten tiefbegrndete
ruhige Gemtsstimmung, die der meinigen so unhnlich war.
    Im andern Teil des, wie ich jetzt wahrnahm, ziemlich weitluftigen Gebudes
wies mir der Alte ein kleines, nett aufgeputztes Gemach an, in welchem ich meine
Sachen bereits vorfand, und verlie mich, indem er versicherte, da mich der
frhe Lrm im Hause nicht wecken wrde, da ich mich von der brigen
Hausgenossenschaft ganz abgesondert befinde und daher so lange ruhen knne, als
ich wolle, nur erst, wenn ich hinabrufe, wrde man mir das Frhstck bringen,
ich aber ihn, den Alten, erst beim Mittagsessen wiedersehen, da er frh mit den
Burschen in den Wald ziehe und vor Mittag nicht heimkehre. Ich warf mich auf das
Lager und fiel, ermdet wie ich war, bald in tiefen Schlaf, aber es folterte
mich ein entsetzliches Traumbild. - Auf ganz wunderbare Weise fing der Traum mit
dem Bewutsein des Schlafs an, ich sagte mir nmlich selbst: Nun, das ist
herrlich, da ich gleich eingeschlafen bin und so fest und ruhig schlummere, das
wird mich von der Ermdung ganz erlaben; nur mu ich ja nicht die Augen ffnen.
Aber demunerachtet war es mir, als knne ich das nicht unterlassen, und doch
wurde mein Schlaf dadurch nicht unterbrochen; da ging die Tre auf, und eine
dunkle Gestalt trat hinein, die ich zu meinem Entsetzen als mich selbst, im
Kapuzinerhabit, mit Bart und Tonsur erkannte. Die Gestalt kam nher und nher an
mein Bett, ich war regungslos, und jeder Laut, den ich herauszupressen suchte,
erstickte in dem Starrkrampf, der mich ergriffen. Jetzt setzte sich die Gestalt
auf mein Bett und grinsete mich hhnisch an. Du mut jetzt mit mir kommen,
sprach die Gestalt, wir wollen auf das Dach steigen unter die Wetterfahne, die
ein lustig Brautlied spielt, weil der Uhu Hochzeit macht. Dort wollen wir ringen
miteinander, und wer den andern herabstt, ist Knig und darf Blut trinken. -
Ich fhlte, wie die Gestalt mich packte und in die Hhe zog, da gab mir die
Verzweiflung meine Kraft wieder. Du bist nicht ich, du bist der Teufel, schrie
ich auf und griff wie mit Krallen dem bedrohlichen Gespenst ins Gesicht, aber es
war, als bohrten meine Finger sich in die Augen wie in tiefe Hhlen, und die
Gestalt lachte von neuem auf in schneidendem Ton. In dem Augenblick erwachte
ich, wie von einem pltzlichen Ruck emporgeschttelt. Aber das Gelchter dauerte
fort im Zimmer. Ich fuhr in die Hhe, der Morgen brach in lichten Strahlen durch
das Fenster, und ich sah vor dem Tisch, den Rcken mir zugewendet, eine Gestalt
im Kapuzinerhabit stehen. - Ich erstarrte vor Schreck, der grauenhafte Traum
trat ins Leben. - Der Kapuziner stberte unter den Sachen, die auf dem Tische
lagen. Jetzt wandte er sich, und mir kam aller Mut wieder, als ich ein fremdes
Gesicht mit schwarzem verwildertem Barte erblickte, aus dessen Augen der
gedankenlose Wahnsinn lachte: gewisse Zge erinnerten entfernt an Hermogen. -
Ich beschlo abzuwarten, was der Unbekannte beginnen werde, und nur irgend einer
schdlichen Unternehmung Einhalt zu tun. Mein Stilett lag neben mir, ich war
deshalb, und schon meiner krperlichen Leibesstrke wegen, auf die ich bauen
konnte, auch ohne weitere Hilfe des Fremden mchtig. Er schien mit meinen Sachen
wie ein Kind zu spielen, vorzglich hatte er Freude an dem roten Portefeuille,
das er hin und her gegen das Fenster wandte und dabei auf seltsame Weise in die
Hhe sprang. Endlich fand er die Korbflasche mit dem Rest des geheimnisvollen
Weins; er ffnete sie und roch daran, da bebte es ihm durch alle Glieder, er
stie einen Schrei aus, der dumpf und grauenvoll im Zimmer wiederklang. Eine
helle Glocke im Hause schlug drei Uhr, da heulte er, wie von entsetzlicher Qual
ergriffen, aber dann brach er wieder aus in das schneidende Gelchter, wie ich
es im Traum gehrt; er schwenkte sich in wilden Sprngen, er trank aus der
Flasche und rannte dann, sie von sich schleudernd, zur Tre hinaus. Ich stand
schnell auf und lief ihm nach, aber er war mir schon aus dem Gesichte, ich hrte
ihn die entfernte Treppe hinabpoltern und einen dumpfen Schlag, wie von einer
hart zugeworfenen Tre. Ich verriegelte mein Zimmer, um eines zweiten Besuchs
berhoben zu sein, und warf mich aufs neue ins Bette. Zu erschpft war ich nun,
um nicht bald wieder einzuschlafen; erquickt und gestrkt erwachte ich, als
schon die Sonne ins Gemach hineinfunkelte. - Der Frster war, wie er es gesagt
hatte, mit seinen Shnen und den Jgerburschen in den Wald gezogen; ein
blhendes freundliches Mdchen, des Frsters jngere Tochter, brachte mir das
Frhstck, whrend die ltere mit der Mutter in der Kche beschftigt war. Das
Mdchen wute gar lieblich zu erzhlen, wie sie hier alle Tage froh und
friedlich zusammen lebten und nur manchmal es Tumult von vielen Menschen gbe,
wenn der Frst im Revier jage und dann manchmal im Hause bernachte. So
schlichen ein paar Stunden hin, da war es Mittag, und lustiger Jubel und
Hrnerklang verkndeten den Frster, der mit seinen vier Shnen, herrlichen
blhenden Jnglingen, von denen der jngste kaum fnfzehn Jahr alt sein mochte,
und drei Jgerburschen heimkehrte. - Er frug, wie ich denn geschlafen und ob
mich nicht der frhe Lrm vor der Zeit geweckt habe; ich mochte ihm das
berstandene Abenteuer nicht erzhlen, denn die lebendige Erscheinung des
grauenhaften Mnchs hatte sich so fest an das Traumbild gereiht, da ich kaum zu
unterscheiden vermochte, wo der Traum bergegangen sei ins wirkliche Leben. -
Der Tisch war gedeckt, die Suppe dampfte, der Alte zog sein Kppchen ab, um das
Gebet zu halten, da ging die Tre auf, und der Kapuziner, den ich in der Nacht
gesehen, trat hinein. Der Wahnsinn war aus seinem Gesichte verschwunden, aber er
hatte ein dstres strrisches Ansehen. Sein Sie willkommen, ehrwrdiger Herr!
rief ihm der Alte entgegen, - sprechen Sie das Gratias und speisen Sie dann mit
uns. - Da blickte er um sich mit zornfunkelnden Augen und schrie mit
frchterlicher Stimme: Der Satan soll dich zerreien mit deinem ehrwrdigen
Herrn und deinem verfluchten Beten; hast du mich nicht hergelockt, damit ich der
dreizehnte sein soll und du mich umbringen lassen kannst von dem fremden Mrder?
- Hast du mich nicht in diese Kutte gesteckt, damit niemand den Grafen, deinen
Herrn und Gebieter, erkennen soll? - Aber hte dich, Verfluchter, vor meinem
Zorn! - Damit ergriff der Mnch einen schweren Krug, der auf dem Tische stand,
und schleuderte ihn nach dem Alten, der nur durch eine geschickte Wendung dem
Wurf auswich, der ihm den Kopf zerschmettert htte. Der Krug flog gegen die Wand
und zerbrach in tausend Scherben. Aber in dem Augenblick packten die
Jgerbursche den Rasenden und hielten ihn fest. Was! rief der Frster, du
verruchter, gotteslsterlicher Mensch, du wagst es, hier wieder mit deinem
rasenden Beginnen unter fromme Leute zu treten, du wagst es, mir, der ich dich
aus viehischem Zustande, aus der ewigen Verderbnis errettet, aufs neue nach dem
Leben zu trachten? - Fort mit dir in den Turm! - Der Mnch fiel auf die Knie,
er flehte heulend um Erbarmen, aber der Alte sagte: Du mut in den Turm und
darfst nicht eher wieder hieher kommen, bis ich wei, da du dem Satan entsagt
hast, der dich verblendet, sonst mut du sterben. Da schrie der Mnch auf wie
im trostlosen Jammer der Todesnot, aber die Jgerbursche brachten ihn fort und
berichteten, wiederkehrend, da der Mnch ruhiger geworden, sobald er in das
Turmgemach getreten. Christian, der ihn bewache, habe brigens erzhlt, da der
Mnch die ganze Nacht ber in den Gngen des Hauses herumgepoltert und
vorzglich nach Tagesanbruch geschrien habe: Gib mir noch mehr von deinem Wein,
und ich will mich dir ganz ergeben; mehr Wein, mehr Wein! Es habe dem Christian
brigens wirklich geschienen, als taumle der Mnch wie betrunken, unerachtet er
nicht begriffen, wie der Mnch an irgend ein starkes berauschendes Getrnk
gekommen sein knne. - Nun nahm ich nicht lnger Anstand, das berstandene
Abenteuer zu erzhlen, wobei ich nicht verga, der ausgeleerten Korbflasche zu
gedenken. Ei, das ist schlimm, sagte der Frster, doch Sie scheinen mir ein
mutiger frommer Mann, ein anderer htte des Todes sein knnen vor Schreck. Ich
bat ihn, mir nher zu sagen, was es mit dem wahnsinnigen Mnch fr eine
Bewandtnis habe. Ach, erwiderte der Alte, das ist eine lange abenteuerliche
Geschichte, so was taugt nicht beim Essen. Schlimm genug schon, da uns der
garstige Mensch, eben als wir, was uns Gott beschert, froh und freudig genieen
wollten, mit seinem freveligen Beginnen so gestrt hat; aber nun wollen wir auch
gleich an den Tisch. Damit zog er sein Mtzchen ab, sprach andchtig und fromm
das Gratias, und unter lustigen, frohen Gesprchen verzehrten wir das lndliche,
krftig und schmackhaft zubereitete Mahl. Dem Gast zu Ehren lie der Alte guten
Wein heraufbringen, den er mir nach patriarchalischer Sitte aus einem schnen
Pokal zutrank. Der Tisch war indessen abgerumt, die Jgerbursche nahmen ein
paar Hrner von der Wand und bliesen ein Jgerlied. - Bei der zweiten
Wiederholung fielen die Mdchen singend ein, und mit ihnen wiederholten die
Frstersshne im Chor die Schlustrophe. - - Meine Brust erweiterte sich auf
wunderbare Weise: seit langer Zeit war mir nicht im Innersten so wohl gewesen,
als unter diesen einfachen, frommen Menschen. Es wurden mehrere gemtliche
wohltnende Lieder gesungen, bis der Alte aufstand und mit dem Ausruf: Es leben
alle braven Mnner, die das edle Weidwerk ehren, sein Glas leerte; wir stimmten
alle ein, und so war das frohe Mahl, das mir zu Ehren durch Wein und Gesang
verherrlicht wurde, beschlossen.
    Der Alte sprach zu mir: Nun, mein Herr, schlafe ich ein halbes Stndchen,
aber dann gehen wir in den Wald, und ich erzhle es Ihnen, wie der Mnch in mein
Haus gekommen und was ich sonst von ihm wei. Bis dahin tritt die Dmmerung ein,
dann gehen wir auf den Anstand, da es, wie mir Franz sagt, Hhner gibt. Auch Sie
sollen ein gutes Gewehr erhalten und Ihr Glck versuchen. Die Sache war mir
neu, da ich als Seminarist zwar manchmal nach der Scheibe, aber nie nach Wild
geschossen; ich nahm daher des Frsters Anerbieten an, der hchlich darber
erfreut schien und mir mit treuherziger Gutmtigkeit in aller Eil' noch vor dem
Schlaf, den er zu tun gedachte, die ersten, unentbehrlichsten Grundstze der
Schiekunst beizubringen suchte.
    Ich wurde mit Flinte und Jagdtasche ausgerstet, und so zog ich mit dem
Frster in den Wald, der die Geschichte von dem seltsamen Mnch in folgender Art
anfing:
    Knftigen Herbst sind es schon zwei Jahre her, als meine Bursche im Walde
oft ein entsetzliches Heulen vernahmen, das, so wenig Menschliches es auch
hatte, doch, wie Franz, mein jngst angenommener Lehrling, meinte, von einem
Menschen herrhren mochte. Franz war dazu bestimmt, von dem heulenden Ungetm
geneckt zu werden, denn wenn er auf den Anstand ging, so verscheuchte das
Heulen, welches sich dicht bei ihm hren lie, die Tiere, und er sah zuletzt,
wenn er auf ein Tier anlegen wollte, ein borstiges unkenntliches Wesen aus dem
Gebsch springen, das seinen Schu vereitelte. Franz hatte den Kopf voll von all
den spukhaften Jgerlegenden, die ihm sein Vater, ein alter Jger, erzhlt, und
er war geneigt, das Wesen fr den Satan selbst zu halten, der ihm das
Weidhandwerk verleiden oder ihn sonst verlocken wolle. Die anderen Bursche,
selbst meine Shne, denen auch das Ungetm aufgestoen, pflichteten ihm endlich
bei, und umso mehr war mir daran gelegen, dem Dinge nher auf die Spur zu
kommen, als ich es fr eine List der Freischtzen hielt, meine Jger vom Anstand
wegzuschrecken. - Ich befahl deshalb meinen Shnen und den Burschen, die
Gestalt, falls sie sich wieder zeigen sollte, anzurufen, und falls sie nicht
stehen oder Bescheid geben sollte, nach Jgerrecht ohne weiteres nach ihr zu
schieen. - Den Franz traf es wieder, der erste zu sein, dem das Ungetm auf dem
Anstand in den Weg trat. Er rief ihm zu, das Gewehr anlegend, die Gestalt sprang
ins Gebsch, Franz wollte hinterdrein knallen, aber der Schu versagte, und nun
lief er voll Angst und Schrecken zu den andern, die von ihm entfernt standen,
berzeugt, da es der Satan sei, der ihm zum Trutz das Wild verscheuche und sein
Gewehr verzaubere; denn in der Tat traf er, seitdem ihn das Ungetm verfolgte,
kein Tier, so gut er sonst geschossen. Das Gercht von dem Spuk im Walde
verbreitete sich, und man erzhlte schon im Dorfe, wie der Satan dem Franz in
den Weg getreten und ihm Freikugeln angeboten, und noch anderes tolles Zeug
mehr. - Ich beschlo, dem Unwesen ein Ende zu machen und das Ungetm, das mir
selbst noch niemals aufgestoen, auf den Sttten, wo es sich zu zeigen pflegte,
zu verfolgen. Lange wollte es mir nicht glcken; endlich, als ich an einem
neblichten Novemberabend gerade da, wo Franz das Ungetm zuerst erblickt, auf
dem Anstand war, rauschte es mir ganz nahe im Gebsch, ich legte leise das
Gewehr an, ein Tier vermutend, aber eine grliche Gestalt mit rotfunkelnden
Augen und schwarzen borstigen Haaren, mit Lumpen behangen, brach hervor. Das
Ungetm stierte mich an, indem es entsetzliche heulende Tne ausstie. Herr! -
es war ein Anblick, der dem Beherztesten Furcht einjagen knnte, ja mir war es,
als stehe wirklich der Satan vor mir, und ich fhlte, wie mir der Angstschwei
ausbrach. Aber im krftigen Gebet, das ich mit starker Stimme sprach, ermutigte
ich mich ganz. Sowie ich betete und den Namen Jesus Christus aussprach, heulte
wtender das Ungetm und brach endlich in entsetzliche gotteslsterliche
Verwnschungen aus. Da rief ich: Du verfluchter, bbischer Kerl, halt ein mit
deinen gotteslsterlichen Reden und gib dich gefangen, oder ich schiee dich
nieder. Da fiel der Mensch wimmernd zu Boden und bat um Erbarmen. Meine Bursche
kamen herbei, wir packten den Menschen und fhrten ihn nach Hause, wo ich ihn in
den Turm bei dem Nebengebude einsperren lie und den nchsten Morgen den
Vorfall der Obrigkeit anzeigen wollte. Er fiel, sowie er in den Turm kam, in
einen ohnmchtigen Zustand. Als ich den andern Morgen zu ihm ging, sa er auf
dem Strohlager, das ich ihm bereiten lassen, und weinte heftig. Er fiel mir zu
Fen und flehte mich an, da ich mit ihm Erbarmen haben solle; schon seit
mehreren Wochen habe er im Walde gelebt und nichts gegessen als Kruter und
wildes Obst, er sei ein armer Kapuziner aus einem weit entlegenen Kloster und
aus dem Gefngnisse, in das man ihn wahnsinnshalber gesperrt, entsprungen. Der
Mensch war in der Tat in einem erbarmungswrdigen Zustande, ich hatte Mitleiden
mit ihm und lie ihm Speise und Wein zur Strkung reichen, worauf er sich
sichtlich erholte. Er bat mich auf das eindringendste, ihn nur einige Tage im
Hause zu dulden und ihm ein neues Ordenshabit zu verschaffen, er wolle dann
selbst nach dem Kloster zurckwandeln. Ich erfllte seinen Wunsch, und sein
Wahnsinn schien wirklich nachzulassen, da die Paroxysmen minder heftig und
seltner wurden. In den Ausbrchen der Raserei stie er entsetzliche Reden aus,
und ich bemerkte, da er, wenn ich ihn deshalb hart anredete und mit dem Tode
drohte, in einen Zustand innerer Zerknirschung berging, indem er sich kasteite,
ja sogar Gott und die Heiligen anrief, ihn von der Hllenqual zu befreien. Er
schien sich dann fr den heiligen Antonius zu halten, sowie er in der Raserei
immer tobte, er sei Graf und gebietender Herr, und er wolle uns alle ermorden
lassen, wenn seine Diener kmen. In den lichten Zwischenrumen bat er mich, um
Gottes willen ihn nicht zu verstoen, weil er fhle, da nur sein Aufenthalt bei
mir ihn heilen knne. Nur ein einziges Mal gab es noch einen harten Auftritt mit
ihm, und zwar, als der Frst hier eben im Revier gejagt und bei mir bernachtet
hatte. Der Mnch war, nachdem er den Frsten mit seiner glnzenden Umgebung
gesehen, ganz verndert. Er blieb strrisch und verschlossen, er entfernte sich
schnell, wenn wir beteten, es zuckte ihm durch alle Glieder, wenn er nur ein
andchtiges Wort hrte, und dabei schaute er meine Tochter Anne mit solchen
lsternen Blicken an, da ich beschlo, ihn fortzubringen, um allerlei Unfug zu
verhten. In der Nacht vorher, als ich den Morgen meinen Plan ausfhren wollte,
weckte mich ein durchdringendes Geschrei auf dem Gange, ich sprang aus dem Bette
und lief schnell mit angezndetem Licht nach dem Gemach, wo meine Tchter
schliefen. Der Mnch war aus dem Turm, wo ich ihn allnchtlich eingeschlossen,
gebrochen und in viehischer Brunst nach dem Gemach meiner Tchter gerannt,
dessen Tre er mit einem Futritt sprengte. Zum Glck hatte den Franz ein
unausstehlicher Durst aus der Kammer, wo die Bursche schlafen, hinausgetrieben,
und er wollte gerade nach der Kche gehen, um sich Wasser zu schpfen, als er
den Mnch ber den Gang poltern hrte. Er lief herbei und packte ihn gerade in
dem Augenblick, als er die Tre einstie, von hinten her; aber der Junge war zu
schwach, den Rasenden zu bndigen, sie balgten sich unter dem Geschrei der
erwachten Mdchen in der Tre, und ich kam gerade in dem Augenblick herzu, als
der Mnch den Burschen zu Boden geworfen und ihn meuchlerisch bei der Kehle
gepackt hatte. Ohne mich zu besinnen, fate ich den Mnch und ri ihn von
Franzen weg, aber pltzlich, noch wei ich nicht, wie das zugegangen, blinkte
ein Messer in des Mnchs Faust, er stie nach mir, aber Franz, der sich
aufgerafft, fiel ihm in den Arm, und mir, der ich nun wohl ein starker Mann bin,
gelang es bald, den Rasenden so fest an die Mauer zu drcken, da ihm schier der
Atem ausgehen wollte. Die Bursche waren ob dem Lrm alle wach worden und
herbeigelaufen; wir banden den Mnch und schmissen ihn in den Turm, ich holte
aber meine Hetzpeitsche herbei und zhlte ihm zur Abmahnung von knftigen
Untaten hnlicher Art einige krftige Hiebe auf, so da er ganz erbrmlich
chzte und wimmerte; aber ich sprach: Du Bsewicht, das ist noch viel zu wenig
fr deine Schndlichkeit, da du meine Tochter verfhren wollen und mir nach dem
Leben getrachtet, eigentlich solltest du sterben. - Er heulte vor Angst und
Entsetzen, denn die Furcht vor dem Tode schien ihn ganz zu vernichten. Den
andern Morgen war es nicht mglich, ihn fortzubringen, denn er lag totenhnlich
in gnzlicher Abspannung da und flte mir wahres Mitleiden ein. Ich lie ihm in
einem bessern Gemach ein gutes Bette bereiten, und meine Alte pflegte seiner,
indem sie ihm strkende Suppen kochte und aus unserer Hausapotheke das reichte,
was ihm dienlich schien. Meine Alte hat die gute Gewohnheit, wenn sie einsam
sitzt, oft ein andchtig Lied anzustimmen, aber wenn es ihr recht wohl ums Herz
sein soll, mu meine Anne mit ihrer hellen Stimme ihr solch ein Lied vorsingen.
- - Das geschah nun auch vor dem Bette des Kranken. - Da seufzte er oft tief und
sah meine Alte und die Anne mit recht wehmtigen Blicken an, oft flossen ihm die
Trnen ber die Wangen. Zuweilen bewegte er die Hand und die Finger, als wolle
er sich kreuzigen, aber das gelang nicht, die Hand fiel kraftlos nieder; dann
stie er auch manchmal leise Tne aus, als wolle er in den Gesang einstimmen.
Endlich fing er an, zusehends zu genesen, jetzt schlug er oft das Kreuz nach
Sitte der Mnche und betete leise. Aber ganz unvermutet fing er einmal an,
lateinische Lieder zu singen, die meiner Alten und der Anne, unerachtet sie die
Worte nicht verstanden, mit ihren ganz wunderbaren heiligen Tnen bis ins
Innerste drangen, so da sie nicht genug sagen konnten, wie der Kranke sie
erbaue. Der Mnch war so weit hergestellt, da er aufstehen und im Hause
umherwandeln konnte, aber sein Aussehen, sein Wesen war ganz verndert. Die
Augen blickten sanft, statt da sonst ein gar bses Feuer in ihnen funkelte, er
schritt ganz nach Klostersitte leise und andchtig mit gefaltenen Hnden umher,
jede Spur des Wahnsinns war verschwunden. Er geno nichts als Gemse, Brot und
Wasser, und nur selten konnte ich ihn in der letzten Zeit dahin bringen, da er
sich an meinen Tisch setzte und etwas von den Speisen geno sowie einen kleinen
Schluck Wein trank. Dann sprach er das Gratias und ergtzte uns mit seinen
Reden, die er so wohl zu stellen wute wie nicht leicht einer. Oft ging er im
Walde einsam spazieren, so kam es denn, da ich ihm einmal begegnete und, ohne
gerade viel zu denken, frug, ob er nicht nun bald in sein Kloster zurckkehren
werde. Er schien sehr bewegt, er fate meine Hand und sprach: Mein Freund, ich
habe dir das Heil meiner Seele zu danken, du hast mich errettet von der ewigen
Verderbnis, noch kann ich nicht von dir scheiden, la mich bei dir sein. Ach,
habe Mitleid mit mir, den der Satan verlockt hat und der unwiederbringlich
verloren war, wenn ihn der Heilige, zu dem er flehte in angstvollen Stunden,
nicht im Wahnsinn in diesen Wald gebracht htte. - Sie fanden mich, fuhr der
Mnch nach einigem Stillschweigen fort, in einem ganz entarteten Zustande und
ahnden auch jetzt gewi nicht, da ich einst ein von der Natur reich
ausgestatteter Jngling war, den nur eine schwrmerische Neigung zur Einsamkeit
und zu den tiefsinnigsten Studien ins Kloster brachte. Meine Brder liebten mich
alle ausnehmend, und ich lebte so froh, als es nur in dem Kloster geschehen
kann. Durch Frmmigkeit und musterhaftes Betragen schwang ich mich empor, man
sah in mir schon den knftigen Prior. Es begab sich, da einer der Brder von
weiten Reisen heimkehrte und dem Kloster verschiedene Reliquien, die er sich auf
dem Wege zu verschaffen gewut, mitbrachte. Unter diesen befand sich eine
verschlossene Flasche, die der heilige Antonius dem Teufel, der darin ein
verfhrerisches Elixier bewahrte, abgenommen haben sollte. Auch diese Reliquie
wurde sorgfltig aufbewahrt, unerachtet mir die Sache ganz gegen den Geist der
Andacht, den die wahren Reliquien einflen sollen, und berhaupt ganz
abgeschmackt zu sein schien. Aber eine unbeschreibliche Lsternheit bemchtigte
sich meiner, das zu erforschen, was wohl eigentlich in der Flasche enthalten. Es
gelang mir, sie beiseite zu schaffen, ich ffnete sie und fand ein herrlich
duftendes, s schmeckendes starkes Getrnk darin, das ich bis auf den letzten
Tropfen geno. - Wie nun mein ganzer Sinn sich nderte, wie ich einen brennenden
'Durst' nach der Lust der Welt empfand, wie das Laster in verfhrerischer
Gestalt mir als des Lebens hchste Spitze erschien, das alles mag ich nicht
sagen, kurz, mein Leben wurde eine Reihe schndlicher Verbrechen, so da, als
ich meiner teuflischen Lust unerachtet verraten wurde, mich der Prior zum ewigen
Gefngnis verurteilte. Als ich schon mehrere Wochen in dem dumpfen, feuchten
Kerker zugebracht hatte, verfluchte ich mich und mein Dasein, ich lsterte Gott
und die Heiligen, da trat im glhend roten Scheine der Satan zu mir und sprach,
da, wenn ich meine Seele ganz dem Hchsten abwenden und ihm dienen wolle, er
mich befreien werde. Heulend strzte ich auf die Knie und rief: 'Es ist kein
Gott, dem ich diene, du bist mein Herr, und aus deinen Gluten strmt die Lust
des Lebens.' - Da brauste es in den Lften wie eine Windsbraut, und die Mauern
drhnten, wie vom Erdbeben erschttert, ein schneidender Ton pfiff durch den
Kerker, die Eisenstbe des Fensters fielen zerbrckelt herab, und ich stand, von
unsichtbarer Gewalt hinausgeschleudert, im Klosterhofe. Der Mond schien hell
durch die Wolken, und in seinen Strahlen erglnzte das Standbild des heiligen
Antonius, das mitten im Hofe bei einem Springbrunnen aufgerichtet war. - Eine
unbeschreibliche Angst zerri mein Herz, ich warf mich zerknirscht nieder vor
dem Heiligen, ich schwor dem Bsen ab und flehte um Erbarmen; aber da zogen
schwarze Wolken herauf, und aufs neue brauste der Orkan durch die Luft, mir
vergingen die Sinne, und ich fand mich erst im Walde wieder, in dem ich,
wahnsinnig vor Hunger und Verzweiflung, umhertobte und aus dem Sie mich
erretteten. - So erzhlte der Mnch, und seine Geschichte machte auf mich solch
einen tiefen Eindruck, da ich nach vielen Jahren noch so wie heute imstande
sein werde, alles Wort fr Wort zu wiederholen. Seit der Zeit hat sich der Mnch
so fromm, so gutmtig betragen, da wir ihn alle lieb gewannen, und um so
unbegreiflicher ist es mir, wie in voriger Nacht sein Wahnsinn hat aufs neue
ausbrechen knnen.
    Wissen Sie denn gar nicht, fiel ich dem Frster ins Wort, aus welchem
Kapuzinerkloster der Unglckliche entsprungen ist? - Er hat mir es
verschwiegen, erwiderte der Frster, und ich mag um so weniger darnach fragen,
als es mir beinahe gewi ist, da es wohl derselbe Unglckliche sein mag, der
unlngst das Gesprch des Hofes war, unerachtet man seine Nhe nicht vermutete
und ich auch meine Vermutung zum wahren Besten des Mnchs nicht gerade bei Hofe
laut werden lassen mochte. - Aber ich darf sie wohl erfahren, versetzte ich,
da ich ein Fremder bin und noch berdies mit Hand und Mund versprechen will,
gewissenhaft zu schweigen. - Sie mssen wissen, sprach der Frster weiter,
da die Schwester unserer Frstin btissin des Zisterzienserklosters in ***
ist. Diese hatte sich des Sohnes einer armen Frau, deren Mann mit unserm Hofe in
gewissen geheimnisvollen Beziehungen gestanden haben soll, angenommen und ihn
aufziehen lassen. Aus Neigung wurde er Kapuziner und als Kanzelredner weit und
breit bekannt. Die btissin schrieb ihrer Schwester sehr oft ber den Pflegling
und betrauerte vor einiger Zeit tief seinen Verlust. Er soll durch den Mibrauch
einer Reliquie schwer gesndigt haben und aus dem Kloster, dessen Zierde er so
lange war, verbannt worden sein. Alles dieses wei ich aus einem Gesprch des
frstlichen Leibarztes mit einem andern Herrn vom Hofe, das ich vor einiger Zeit
anhrte. Sie erwhnten einiger sehr merkwrdiger Umstnde, die mir jedoch, weil
ich all die Geschichten nicht von Grund aus kenne, unverstndlich geblieben und
wieder entfallen sind. Erzhlt nun auch der Mnch seine Errettung aus dem
Klostergefngnis auf andere Weise, soll sie nmlich durch den Satan geschehen
sein, so halte ich dies doch fr eine Einbildung, die ihm noch vom Wahnsinn
zurckblieb, und meine, da der Mnch kein anderer als eben der Bruder Medardus
ist, den die btissin zum geistlichen Stande erziehen lie, und den der Teufel
zu allerlei Snden verlockte, bis ihn Gottes Gericht mit viehischer Raserei
strafte.
    Als der Frster den Namen Medardus nannte, durchbebte mich ein innerer
Schauer, ja die ganze Erzhlung hatte mich wie mit tdlichen Stichen, die mein
Innerstes trafen, gepeinigt. - Nur zu sehr war ich berzeugt, da der Mnch die
Wahrheit gesprochen, da nur eben ein solches Getrnk der Hlle, das er lstern
genossen, ihn aufs neue in verruchten gotteslsterlichen Wahnsinn gestrzt
hatte. - Aber ich selbst war herabgesunken zum elenden Spielwerk der bsen,
geheimnisvollen Macht, die mich mit unauflslichen Banden umstrickt hielt, so
da ich, der ich frei zu sein glaubte, mich nur innerhalb des Kfichts bewegte,
in den ich rettungslos gesperrt worden. - Die guten Lehren des frommen Cyrillus,
die ich unbeachtet lie, die Erscheinung des Grafen und seines leichtsinnigen
Hofmeisters, alles kam mir in den Sinn. - Ich wute nun, woher die pltzliche
Grung im Innern, die nderung meines Gemts entstanden; ich schmte mich meines
freveligen Beginnens, und diese Scham galt mir in dem Augenblick fr die tiefe
Reue und Zerknirschung, die ich in wahrhafter Bue htte empfinden sollen. So
war ich in tiefes Nachdenken versunken und hrte kaum auf den Alten, der nun,
wieder auf die Jgerei gekommen, mir manchen Strau schilderte, den er mit den
bsen Freischtzen gehabt. Die Dmmerung war eingebrochen, und wir standen vor
dem Gebsch, in dem die Hhner liegen sollten; der Frster stellte mich auf
meinen Platz, schrfte mir ein, weder zu sprechen noch sonst mich viel zu regen
und mit gespanntem Hahn recht sorglich zu lauschen. Die Jger schlichen leise
auf ihre Pltze, und ich stand einsam in der Dunkelheit, die immer mehr zunahm.
- Da traten Gestalten aus meinem Leben hervor im dstern Walde. Ich sah meine
Mutter, die btissin, sie schauten mich an mit strafenden Blicken. - Euphemie
rauschte auf mich zu mit totenbleichem Gesicht und starrte mich an mit ihren
schwarzen glhenden Augen, sie erhob ihre blutigen Hnde, mir drohend, ach, es
waren Blutstropfen, Hermogens Todeswunde entquollen, ich schrie auf! - Da
schwirrte es ber mir in starkem Flgelschlag, ich scho blindlings in die Luft,
und zwei Hhner strzten getroffen herab. Bravo! rief der unfern von mir
stehende Jgerbursche, indem er das dritte herabscho. - Schsse knallten jetzt
ringsumher, und die Jger versammelten sich, jeder seine Beute herbeitragend.
Der Jgerbursche erzhlte, nicht ohne listige Seitenblicke auf mich, wie ich
ganz laut aufgeschrien, da die Hhner dicht ber meinem Kopf weggestrichen, als
htte ich groen Schreck, und dann, ohne einmal recht anzulegen, blindlings
drunter geschossen und doch zwei Hhner getroffen; ja, es sei in der Finsternis
ihm vorgekommen, als htte ich das Gewehr ganz nach anderer Richtung
hingehalten, und doch wren die Hhner gestrzt. Der alte Frster lachte laut
auf, da ich so ber die Hhner erschrocken sei und mich nur gewehrt habe mit
Drunterschieen. - brigens, mein Herr, fuhr er fort, will ich hoffen, da
Sie ein ehrlicher frommer Weidmann und kein Freijger sind, der es mit dem Bsen
hlt und hinschieen kann, wo er will, ohne das zu fehlen, was er zu treffen
willens. - Dieser gewi unbefangene Scherz des Alten traf mein Innerstes, und
selbst mein glcklicher Schu in jener aufgeregten entsetzlichen Stimmung, den
doch nur der Zufall herbeigefhrt, erfllte mich mit Grauen. Mit meinem Selbst
mehr als jemals entzweit, wurde ich mir selbst zweideutig, und ein inneres
Grausen umfing mein eignes Wesen mit zerstrender Kraft.
    Als wir ins Haus zurckkamen, berichtete Christian, da der Mnch sich im
Turm ganz ruhig verhalten, kein einziges Wort gesprochen und auch keine Nahrung
zu sich genommen habe. Ich kann ihn nun nicht lnger bei mir behalten, sprach
der Frster, denn wer steht mir dafr, da sein, wie es scheint, unheilbarer
Wahnsinn nach langer Zeit nicht aufs neue ausbricht und er irgend ein
entsetzliches Unheil hier im Hause anrichtet; er mu morgen in aller Frhe mit
Christian und Franz nach der Stadt; mein Bericht ber den ganzen Vorgang ist
lngst fertig, und da mag er denn in die Irrenanstalt gebracht werden.
    Als ich in meinem Gemach allein war, stand mir Hermogens Gestalt vor Augen,
und wenn ich sie fassen wollte mit schrferem Blick, wandelte sie sich um in den
wahnsinnigen Mnch. Beide flossen in meinem Gemt in eins zusammen und bildeten
so die Warnung der hhern Macht, die ich wie dicht vor dem Abgrunde vernahm. Ich
stie an die Korbflasche, die noch auf dem Boden lag; der Mnch hatte sie bis
auf den letzten Tropfen ausgeleert, und so war ich jeder neuen Versuchung, davon
zu genieen, enthoben; aber auch selbst die Flasche, aus der noch ein starker
berauschender Duft strmte, schleuderte ich fort durch das offne Fenster ber
die Hofmauer weg, um so jede mgliche Wirkung des verhngnisvollen Elixiers zu
vernichten. - Nach und nach wurde ich ruhiger, ja der Gedanke ermutigte mich,
da ich auf jeden Fall in geistiger Hinsicht erhaben sein msse ber jenen
Mnch, den das dem meinigen gleiche Getrnk in wilden Wahnsinn strzte. Ich
fhlte, wie dies entsetzliche Verhngnis bei mir vorbergestreift; ja, da der
alte Frster den Mnch eben fr den unglcklichen Medardus, fr mich selbst,
hielt, war mir ein Fingerzeig der hheren, heiligen Macht, die mich noch nicht
sinken lassen wollte in das trostlose Elend. - Schien nicht der Wahnsinn, der
berall sich mir in den Weg stellte, nur allein vermgend, mein Inneres zu
durchblicken und immer dringender vor dem bsen Geiste zu warnen, der mir, wie
ich glaubte, sichtbarlich in der Gestalt des bedrohlichen gespenstischen Malers
erschienen? -
    Unwiderstehlich zog es mich fort nach der Residenz. Die Schwester meiner
Pflegemutter, die, wie ich mich besann, der btissin ganz hnlich war, da ich
ihr Bild fters gesehen, sollte mich wieder zurckfhren in das fromme
schuldlose Leben, wie es ehemals mir blhte, denn dazu bedurfte es in meiner
jetzigen Stimmung nur ihres Anblicks und der dadurch erweckten Erinnerungen. Dem
Zufall wollte ich es berlassen, mich in ihre Nhe zu bringen.
    Kaum war es Tag worden, als ich des Frsters Stimme im Hofe vernahm; frh
sollte ich mit dem Sohne abreisen, ich warf mich daher schnell in die Kleider.
Als ich herabkam, stand ein Leiterwagen mit Strohsitzen zum Abfahren bereit vor
der Haustr; man brachte den Mnch, der mit totenbleichem und verstrtem Gesicht
sich geduldig fhren lie. Er antwortete auf keine Frage, er wollte nichts
genieen, kaum schien er die Menschen um sich zu gewahren. Man hob ihn auf den
Wagen und band ihn mit Stricken fest, da sein Zustand allerdings bedenklich
schien und man vor dem pltzlichen Ausbruch einer innern verhaltenen Wut
keinesweges sicher war. Als man seine rme festschnrte, verzog sich sein
Gesicht krampfhaft, und er chzte leise. Sein Zustand durchbohrte mein Herz, er
war mir verwandt worden, ja nur seinem Verderben verdankte ich vielleicht meine
Rettung. Christian und ein Jgerbursche setzten sich neben ihm in den Wagen.
Erst im Fortfahren fiel sein Blick auf mich, und er wurde pltzlich von tiefem
Staunen ergriffen; als der Wagen sich schon entfernte (wir waren ihm bis vor die
Mauer gefolgt), blieb sein Kopf gewandt und sein Blick auf mich gerichtet.
Sehen Sie, sagte der alte Frster, wie er Sie so scharf ins Auge fat; ich
glaube, da Ihre Gegenwart im Speisezimmer, die er nicht vermutete, auch viel zu
seinem rasenden Beginnen beigetragen hat, denn selbst in seiner guten Periode
blieb er ungemein scheu und hatte immer den Argwohn, da ein Fremder kommen und
ihn tten wrde. Vor dem Tode hat er nmlich eine ganz ungemessene Furcht, und
durch die Drohung, ihn gleich erschieen zu lassen, habe ich oft den Ausbrchen
seiner Raserei widerstanden.
    Mir war wohl und leicht, da der Mnch, dessen Erscheinung mein eignes Ich
in verzerrten grlichen Zgen reflektierte, entfernt worden. Ich freuete mich
auf die Residenz, denn es war mir, als solle dort die Last des schweren finstern
Verhngnisses, die mich niederdrckt, mir entnommen werden, ja, als wrde ich
mich dort, erkrftigt, der bsen Macht, die mein Leben befangen, entreien
knnen. Als das Frhstck verzehrt, fuhr der saubre, mit raschen Pferden
bespannte Reisewagen des Frsters vor. - Kaum gelang es mir, der Frau fr die
Gastlichkeit, mit der ich aufgenommen, etwas Geld, sowie den beiden bildhbschen
Tchtern einige Galanteriewaren, die ich zufllig bei mir trug, aufzudringen.
Die ganze Familie nahm so herzlichen Abschied, als sei ich lngst im Hause
bekannt gewesen, der Alte scherzte noch viel ber mein Jgertalent. Heiter und
froh fuhr ich von dannen.

                               Vierter Abschnitt


                         Das Leben am frstlichen Hofe

Die Residenz des Frsten bildete gerade den Gegensatz zu der Handelsstadt, die
ich verlassen. Im Umfange bedeutend kleiner, war sie regelmiger und schner
gebaut, aber ziemlich menschenleer. Mehrere Straen, worin Alleen gepflanzt,
schienen mehr Anlagen eines Parks zu sein, als zur Stadt zu gehren; alles
bewegte sich still und feierlich, selten von dem rasselnden Gerusch eines
Wagens unterbrochen. Selbst in der Kleidung und in dem Anstande der Einwohner
bis auf den gemeinen Mann herrschte eine gewisse Zierlichkeit, ein Streben,
uere Bildung zu zeigen.
    Der frstliche Palast war nichts weniger als gro, auch nicht im groen Stil
erbaut, aber rcksichts der Eleganz, der richtigen Verhltnisse eines der
schnsten Gebude, die ich jemals gesehen; an ihn schlo sich ein anmutiger
Park, den der liberale Frst den Einwohnern zum Spaziergange geffnet.
    Man sagte mir in dem Gasthause, wo ich eingekehrt, da die frstliche
Familie gewhnlich abends einen Gang durch den Park zu machen pflege und da
viele Einwohner diese Gelegenheit niemals versumten, den gtigen Landesherrn zu
sehen. Ich eilte um die bestimmte Stunde in den Park, der Frst trat mit seiner
Gemahlin und einer geringen Umgebung aus dem Schlosse. - Ach! - bald sah ich
nichts mehr als die Frstin, sie, die meiner Pflegemutter so hnlich war! -
Dieselbe Hoheit, dieselbe Anmut in jeder ihrer Bewegungen, derselbe geistvolle
Blick des Auges, dieselbe freie Stirne, das himmlische Lcheln. - Nur schien sie
mir im Wuchse voller und jnger als die btissin. Sie redete liebreich mit
mehreren Frauenzimmern, die sich eben in der Allee befanden, whrend der Frst
mit einem ernsten Mann im interessanten eifrigen Gesprch begriffen schien. -
Die Kleidung, das Benehmen der frstlichen Familie, ihre Umgebung, alles griff
ein in den Ton des Ganzen. Man sah wohl, wie die anstndige Haltung in einer
gewissen Ruhe und anspruchslosen Zierlichkeit, in der sich die Residenz erhielt,
von dem Hofe ausging. Zufllig stand ich bei einem aufgeweckten Mann, der mir
auf alle mgliche Fragen Bescheid gab und manche muntere Anmerkung einzuflechten
wute. Als die frstliche Familie vorber war, schlug er mir vor, einen Gang
durch den Park zu machen und mir, dem Fremden, die geschmackvollen Anlagen zu
zeigen, welche berall in demselben anzutreffen; das war mir nun ganz recht, und
ich fand in der Tat, da berall der Geist der Anmut und des geregelten
Geschmacks verbreitet, wiewohl mir oft in den im Park zerstreuten Gebuden das
Streben nach der antiken Form, die nur die grandiosesten Verhltnisse duldet,
den Bauherrn zu Kleinlichkeiten verleitet zu haben schien. Antike Sulen, deren
Kapitler ein groer Mann beinahe mit der Hand erreicht, sind wohl ziemlich
lcherlich. Ebenso gab es in entgegengesetzter Art im andern Teil des Parks ein
paar gotische Gebude, die sich in ihrer Kleinheit gar zu kleinlich ausnahmen.
Ich glaube, da das Nachahmen gotischer Formen beinahe noch gefhrlicher ist als
jenes Streben nach dem Antiken. Denn ist es auch allerdings richtig, da kleine
Kapellen dem Baumeister, der rcksichts der Gre des Gebudes und der darauf zu
verwendenden Kosten eingeschrnkt ist, Anla genug geben, in jenem Stil zu
bauen, so mchte es doch wohl mit den Spitzbogen, bizarren Sulen, Schnrkeln,
die man dieser oder jener Kirche nachahmt, nicht getan sein, da nur der
Baumeister etwas Wahrhaftiges in der Art leisten wird, der sich von dem tiefen
Sinn - wie er in den alten Meistern wohnte, welche das willkrlich, ja das
heterogen Scheinende so herrlich zu einem sinnigen bedeutungsvollen Ganzen zu
verbinden wuten, - beseelt fhlt. Es ist mit einem Wort der seltene Sinn fr
das Romantische, der den gotischen Baumeister leiten mu, da hier von dem
Schulgerechten, an das er sich bei der antiken Form halten kann, nicht die Rede
ist. Ich uerte alles dieses meinem Begleiter; er stimmte mir vollkommen bei
und suchte nur fr jene Kleinigkeiten darin eine Entschuldigung, da die in
einem Park ntige Abwechslung und selbst das Bedrfnis, hie und da Gebude als
Zufluchtsort bei pltzlich einbrechendem Unwetter oder auch nur zur Erholung,
zum Ausruhen zu finden, beinahe von selbst jene Migriffe herbeifhre. - Die
einfachsten, anspruchslosesten Gartenhuser, Strohdcher, auf Baumstmme
gesttzt und in anmutige Gebsche versteckt, die eben jenen angedeuteten Zweck
erreichten, meinte ich dagegen, wren mir lieber als alle jene Tempelchen und
Kapellchen; und sollte denn nun einmal gezimmert und gemauert werden, so stehe
dem geistreichen Baumeister, der rcksichts des Umfanges und der Kosten
beschrnkt sei, wohl ein Stil zu Gebote, der, sich zum antiken oder zum
gotischen hinneigend, ohne kleinliche Nachahmerei, ohne Anspruch, das grandiose,
alte Muster zu erreichen, nur das Anmutige, den dem Gemte des Beschauers
wohltuenden Eindruck bezwecke.
    Ich bin ganz Ihrer Meinung, erwiderte mein Begleiter, indessen rhren
alle diese Gebude, ja die Anlage des ganzen Parks von dem Frsten selbst her,
und dieser Umstand beschwichtigt, wenigstens bei uns Einheimischen, jeden Tadel.
- Der Frst ist der beste Mensch, den es auf der Welt geben kann, von jeher hat
er den wahrhaft landesvterlichen Grundsatz, da die Untertanen nicht
seinetwegen da wren, er vielmehr der Untertanen wegen da sei, recht an den Tag
gelegt. Die Freiheit, alles zu uern, was man denkt; die Geringfgigkeit der
Abgaben und der daraus entspringende niedrige Preis aller Lebensbedrfnisse; das
gnzliche Zurcktreten der Polizei, die nur dem boshaften bermute ohne Gerusch
Schranken setzt und weit entfernt ist, den einheimischen Brger sowie den
Fremden mit gehssigem Amtseifer zu qulen; die Entfernung alles soldatischen
Unwesens, die gemtliche Ruhe, womit Geschfte, Gewerbe getrieben werden: alles
das wird Ihnen den Aufenthalt in unserm Lndchen erfreulich machen. Ich wette,
da man Sie bis jetzt noch nicht nach Namen und Stand gefragt hat und der
Gastwirt keinesweges, wie in andern Stdten, in der ersten Viertelstunde mit dem
groen Buche unterm Arm feierlich angerckt ist, worin man gentigt wird, seinen
eignen Steckbrief mit stumpfer Feder und blasser Tinte hineinzukritzeln. Kurz,
die ganze Einrichtung unseres kleinen Staats, in dem die wahre Lebensweisheit
herrscht, geht von unserm herrlichen Frsten aus, da vorher die Menschen, wie
man mir gesagt hat, durch albernen Pedantismus eines Hofes, der die Ausgabe des
benachbarten groen Hofes in Taschenformat war, geqult wurden. Der Frst liebt
Knste und Wissenschaft, daher ist ihm jeder geschickte Knstler, jeder
geistreiche Gelehrte willkommen, und der Grad seines Wissens nur ist die
Ahnenprobe, die die Fhigkeit bestimmt, in der nchsten Umgebung des Frsten
erscheinen zu drfen. Aber eben in die Kunst und Wissenschaft des vielseitig
gebildeten Frsten hat sich etwas von dem Pedantismus geschlichen, der ihn bei
seiner Erziehung einzwngte und der sich jetzt in dem sklavischen Anhngen an
irgend eine Form ausspricht. Er schrieb und zeichnete den Baumeistern mit
ngstlicher Genauigkeit jedes Detail der Gebude vor, und jede geringe
Abweichung von dem aufgestellten Muster, das er mhsam aus allen nur mglichen
antiquarischen Werken herausgesucht, konnte ihn ebenso ngstigen, als wenn
dieses oder jenes dem verjngten Mastab, den ihm die beengten Verhltnisse
aufdrangen, sich durchaus nicht fgen wollte. Durch eben das Anhngen an diese
oder jene Form, die er liebgewonnen, leidet auch unser Theater, das von der
einmal bestimmten Manier, der sich die heterogensten Elemente fgen mssen,
nicht abweicht. Der Frst wechselt mit gewissen Lieblingsneigungen, die aber
gewi niemals irgend jemandem zu nahe treten. Als der Park angelegt wurde, war
er leidenschaftlicher Baumeister und Grtner, dann begeisterte ihn der Schwung,
den seit einiger Zeit die Musik genommen, und dieser Begeisterung verdanken wir
die Einrichtung einer ganz vorzglichen Kapelle. - Dann beschftigte ihn die
Malerei, in der er selbst das Ungewhnliche leistet. Selbst bei den tglichen
Belustigungen des Hofes findet dieser Wechsel statt. - Sonst wurde viel getanzt,
jetzt wird an Gesellschaftstagen eine Pharobank gehalten, und der Frst, ohne im
mindesten eigentlicher Spieler zu sein, ergtzt sich an den sonderbaren
Verknpfungen des Zufalls, doch bedarf es nur irgend eines Impulses, um wieder
etwas anderes an die Tagesordnung zu bringen. Dieser schnelle Wechsel der
Neigungen hat dem guten Frsten den Vorwurf zugezogen, da ihm diejenige Tiefe
des Geistes fehle, in der sich, wie in einem klaren sonnenhellen See, das
farbenreiche Bild des Lebens unverndert spiegelt; meiner Meinung nach tut man
ihm aber unrecht, da eine besondere Regsamkeit des Geistes nur ihn dazu treibt,
diesem oder jenem nach erhaltenem Impuls mit besonderer Leidenschaft
nachzuhngen, ohne da darber das ebenso Edle vergessen oder auch nur
vernachlssigt werden sollte. Daher kommt es, da Sie diesen Park so wohl
erhalten sehen, da unsere Kapelle, unser Theater fortdauernd auf alle mgliche
Weise untersttzt und gehoben, da die Gemldesammlung nach Krften bereichert
wird. Was aber den Wechsel der Unterhaltungen bei Hofe betrifft, so ist das wohl
ein heitres Spiel im Leben, das jeder dem regsamen Frsten zur Erholung vom
ernsten, oft mhevollen Geschft recht herzlich gnnen mag.
    Wir gingen eben bei ganz herrlichen, mit tiefem malerischem Sinn gruppierten
Gebschen und Bumen vorber, ich uerte meine Bewunderung, und mein Begleiter
sagte: Alle diese Anlagen, diese Pflanzungen, diese Blumengruppen sind das Werk
der vortrefflichen Frstin. Sie ist selbst vollendete Landschaftsmalerin und
auerdem die Naturkunde ihre Lieblingswissenschaft. Sie finden daher
auslndische Bume, seltene Blumen und Pflanzen, aber nicht wie zur Schau
ausgestellt, sondern mit tiefem Sinn so geordnet und in zwanglose Partien
verteilt, als wren sie ohne alles Zutun der Kunst aus heimatlichem Boden
entsprossen. - Die Frstin uerte einen Abscheu gegen all die aus Sandstein
unbeholfen gemeielten Gtter und Gttinnen, Najaden und Dryaden, wovon sonst
der Park wimmelte. Diese Standbilder sind deshalb verbannt worden, und Sie
finden nur noch einige gute Kopien nach der Antike, die der Frst gewisser, ihm
teurer Erinnerungen wegen gern im Park behalten wollte, die aber die Frstin so
geschickt - mit zartem Sinn des Frsten innerste Willensmeinung ergreifend -
aufstellen zu lassen wute, da sie auf jeden, dem auch die geheimeren
Beziehungen fremd sind, ganz wunderbar wirken.
    Es war spter Abend geworden, wir verlieen den Park, mein Begleiter nahm
die Einladung an, mit mir im Gasthofe zu speisen, und gab sich endlich als den
Inspektor der frstlichen Bildergalerie zu erkennen.
    Ich uerte ihm, als wir bei der Mahlzeit vertrauter geworden, meinen
herzlichen Wunsch, der frstlichen Familie nher zu treten, und er versicherte,
da nichts leichter sei als dieses, da jeder gebildete, geistreiche Fremde im
Zirkel des Hofes willkommen wre. Ich drfe nur dem Hofmarschall den Besuch
machen und ihn bitten, mich dem Frsten vorzustellen. Diese diplomatische Art,
zum Frsten zu gelangen, gefiel mir um so weniger, als ich kaum hoffen konnte,
gewissen lstigen Fragen des Hofmarschalls ber das Woher?, ber Stand und
Charakter zu entgehen; ich beschlo daher, dem Zufall zu vertrauen, der mir
vielleicht den krzeren Weg zeigen wrde, und das traf auch in der Tat bald ein.
Als ich nmlich eines Morgens in dem zur Stunde gerade ganz menschenleeren Park
lustwandelte, begegnete mir der Frst in einem schlichten Oberrock. Ich grte
ihn, als sei er mir gnzlich unbekannt, er blieb stehen und erffnete das
Gesprch mit der Frage, ob ich fremd hier sei. - Ich bejahte es, mit dem Zusatz,
wie ich vor ein paar Tagen angekommen und blo durchreisen wollen; die Reize des
Orts und vorzglich die Gemtlichkeit und Ruhe, die hier berall herrsche,
htten mich aber vermocht, zu verweilen. Ganz unabhngig, blo der Wissenschaft
und der Kunst lebend, wre ich gesonnen, recht lange hier zu bleiben, da mich
die ganze Umgebung auf hchste Weise anspreche und anziehe. Dem Frsten schien
das zu gefallen, und er erbot sich mir als Cicerone alle Anlagen des Parks zu
zeigen. Ich htete mich zu verraten, da ich das alles schon gesehen, sondern
lie mich durch alle Grotten, Tempel, gotische Kapellen, Pavillons fhren und
hrte geduldig die weitschweifigen Kommentare an, die der Frst von jeder Anlage
gab. berall nannte er die Muster, nach welchen gearbeitet worden, machte mich
auf die genaue Ausfhrung der gestellten Aufgaben aufmerksam und verbreitete
sich berhaupt ber die eigentliche Tendenz, die bei der ganzen Einrichtung
dieses Parks zum Grunde gelegen und die bei jedem Park vorwalten sollte. Er frug
nach meiner Meinung; ich rhmte die Anmut des Orts, die ppige herrliche
Vegetation, unterlie aber auch nicht rcksichts der Gebude mich ebenso wie
gegen den Galerie-Inspektor zu uern. Er hrte mich aufmerksam an, er schien
manches meiner Urteile nicht gerade zu verwerfen, indessen schnitt er jede
weitere Diskussion ber diesen Gegenstand durch die uerung ab, da ich zwar in
ideeller Hinsicht recht haben knne, indessen mir die Kenntnis des Praktischen
und der wahren Art der Ausfhrung frs Leben abzugehen scheine. Das Gesprch
wandte sich zur Kunst, ich bewies mich als guter Kenner der Malerei und als
praktischer Tonknstler, ich wagte manchen Widerspruch gegen seine Urteile, die
geistreich und przis seine innere berzeugung aussprachen, aber auch wahrnehmen
lieen, da seine Kunstbildung zwar bei weitem die bertraf, wie sie die Groen
gemeinhin zu erhalten pflegen, indessen doch viel zu oberflchlich war, um nur
die Tiefe zu ahnen, aus der dem wahren Knstler die herrliche Kunst aufgeht und
in ihm den gttlichen Funken des Strebens nach dem Wahrhaftigen entzndet. Meine
Widersprche, meine Ansichten galten ihm nur als Beweis meines Dilettantismus,
der gewhnlich nicht von der wahren praktischen Einsicht erleuchtet werde. Er
belehrte mich ber die wahren Tendenzen der Malerei und der Musik, ber die
Bedingnisse des Gemldes, der Oper. - Ich erfuhr viel von Kolorit, Draperie,
Pyramidalgruppen, von ernster und komischer Musik, von Szenen fr die
Primadonna, von Chren, vom Effekt, vom Helldunkel, der Beleuchtung u.s.w. Ich
hrte alles an, ohne den Frsten, der sich in dieser Unterhaltung recht zu
gefallen schien, zu unterbrechen. Endlich schnitt er selbst seine Rede ab mit
der schnellen Frage: Spielen Sie Pharo? - Ich verneinte es. Das ist ein
herrliches Spiel, fuhr er fort, in seiner hohen Einfachheit das wahre Spiel
fr geistreiche Mnner. Man tritt gleichsam aus sich selbst heraus, oder besser,
man stellt sich auf einen Standpunkt, von dem man die sonderbaren
Verschlingungen und Verknpfungen, die die geheime Macht, welche wir Zufall
nennen, mit unsichtbarem Faden spinnt, zu erblicken imstande ist. Gewinn und
Verlust sind die beiden Angeln, auf denen sich die geheimnisvolle Maschine
bewegt, die wir angestoen und die nun der ihr einwohnende Geist nach Willkr
forttreibt. - Das Spiel mssen Sie lernen, ich will selbst Ihr Lehrmeister
sein. - Ich versicherte, bis jetzt nicht viel Lust zu einem Spiel in mir zu
spren, das, wie mir oft versichert worden, hchst gefhrlich und verderblich
sein solle. - Der Frst lchelte und fuhr, mich mit seinen lebhaften klaren
Augen scharf anblickend, fort: Ei, das sind kindische Seelen, die das
behaupten, aber am Ende halten Sie mich wohl fr einen Spieler, der Sie ins Garn
locken will. - Ich bin der Frst; gefllt es Ihnen hier in der Residenz, so
bleiben Sie hier und besuchen Sie meinen Zirkel, in dem wir manchmal Pharo
spielen, ohne da ich zugebe, da sich irgend jemand durch das Spiel derangiere,
unerachtet das Spiel bedeutend sein mu, um zu interessieren, denn der Zufall
ist trge, sobald ihm nur Unbedeutendes dargeboten wird. Schon im Begriff, mich
zu verlassen, kehrte der Frst sich noch zu mir und frug: Mit wem habe ich aber
gesprochen? - Ich erwiderte, da ich Leonard heie und als Gelehrter
privatisiere, ich sei brigens keinesweges von Adel und drfe vielleicht daher
von der mir angebotenen Gnade, im Hofzirkel zu erscheinen, keinen Gebrauch
machen. Was Adel, was Adel, rief der Frst heftig, Sie sind, wie ich mich
berzeugt habe, ein sehr unterrichteter, geistreicher Mann. - Die Wissenschaft
adelt Sie und macht Sie fhig, in meiner Umgebung zu erscheinen. Adieu, Herr
Leonard, auf Wiedersehen! - So war denn mein Wunsch frher und leichter, als
ich es mir gedacht hatte, erfllt. Zum erstenmal in meinem Leben sollte ich an
einem Hofe erscheinen, ja, in gewisser Art selbst am Hofe leben, und mir gingen
all die abenteuerlichen Geschichten von den Kabalen, Rnken, Intrigen der Hfe,
wie sie sinnreiche Roman- und Komdienschreiber aushecken, durch den Kopf. Nach
Aussage dieser Leute mute der Frst von Bsewichtern aller Art umgeben und
verblendet, insonderheit aber der Hofmarschall ein ahnenstolzer abgeschmackter
Pinsel, der erste Minister ein rnkevoller habschtiger Bsewicht, die
Kammerjunker mssen aber lockere Menschen und Mdchenverfhrer sein. - Jedes
Gesicht ist kunstmig in freundliche Falten gelegt, aber im Herzen Lug und
Trug; sie schmelzen vor Freundschaft und Zrtlichkeit, sie bcken und krmmen
sich, aber jeder ist des andern unvershnlicher Feind und sucht ihm hinterlistig
ein Bein zu stellen, da er rettungslos umschlgt und der Hintermann in seine
Stelle tritt, bis ihm ein gleiches widerfhrt. Die Hofdamen sind hlich, stolz,
rnkevoll, dabei verliebt und stellen Netze und Sprenkeln, vor denen man sich zu
hten hat wie vor dem Feuer! - So stand das Bild eines Hofes in meiner Seele,
als ich im Seminar so viel davon gelesen; es war mir immer, als treibe der
Teufel da recht ungestrt sein Spiel, und unerachtet mir Leonardus manches von
Hfen, an denen er sonst gewesen, erzhlte, was zu meinen Begriffen davon
durchaus nicht passen wollte, so blieb mir doch eine gewisse Scheu vor allem
Hfischen zurck, die noch jetzt, da ich im Begriff stand, einen Hof zu sehen,
ihre Wirkung uerte. Mein Verlangen, der Frstin nher zu treten, ja eine
innere Stimme, die mir unaufhrlich wie in dunklen Worten zurief, da hier mein
Geschick sich bestimmen werde, trieben mich unwiderstehlich fort, und um die
bestimmte Stunde befand ich mich, nicht ohne innere Beklemmung, im frstlichen
Vorsaal. -
    Mein ziemlich langer Aufenthalt in jener Reichs-und Handelsstadt hatte mir
dazu gedient, all das Ungelenke, Steife, Eckichte meines Betragens, das mir
sonst noch vom Klosterleben anklebte, ganz abzuschleifen. Mein von Natur
geschmeidiger, vorzglich wohlgebauter Krper gewhnte sich leicht an die
ungezwungene freie Bewegung, die dem Weltmann eigen. Die Blsse, die den jungen
Mnch auch bei schnem Gesicht entstellt, war aus meinem Gesicht verschwunden,
ich befand mich in den Jahren der hchsten Kraft, die meine Wangen rtete und
aus meinen Augen blitzte; meine dunkelbraunen Locken verbargen jedes
berbleibsel der Tonsur. Zu dem allen kam, da ich eine feine, zierliche
schwarze Kleidung im neuesten Geschmack trug, die ich aus der Handelsstadt
mitgebracht, und so konnte es nicht fehlen, da meine Erscheinung angenehm auf
die schon Versammelten wirken mute, wie sie es durch ihr zuvorkommendes
Betragen, das, sich in den Schranken der hchsten Feinheit haltend, nicht
zudringlich wurde, bewiesen. So wie nach meiner aus Romanen und Komdien
gezogenen Theorie der Frst, als er mit mir im Parke sprach, bei den Worten:
Ich bin der Frst, eigentlich den Oberrock rasch aufknpfen und mir einen
groen Stern entgegenblitzen lassen mute, so sollten auch all die Herren, die
den Frsten umgaben, in gestickten Rcken, steifen Frisuren u.s.w. einhergehen,
und ich war nicht wenig verwundert, nur einfache geschmackvolle Anzge zu
bemerken. Ich nahm wahr, da mein Begriff vom Leben am Hofe wohl berhaupt ein
kindisches Vorurteil sein knne, meine Befangenheit verlor sich, und ganz
ermutigte mich der Frst, der mit den Worten auf mich zutrat: Sieh da, Herr
Leonard! und dann ber meinen strengen kunstrichterlichen Blick scherzte, mit
dem ich seinen Park gemustert. - Die Flgeltren ffneten sich, und die Frstin
trat in den Konversationssaal, nur von zwei Hofdamen begleitet. Wie erbebte ich
bei ihrem Anblick im Innersten, wie war sie nun beim Schein der Lichter meiner
Pflegemutter noch hnlicher als sonst. - Die Damen umringten sie, man stellte
mich vor, sie sah mich an mit einem Blick, der Erstaunen, eine innere Bewegung
verriet; sie lispelte einige Worte, die ich nicht verstand, und kehrte sich dann
zu einer alten Dame, der sie etwas leise sagte, worber diese unruhig wurde und
mich scharf anblickte. Alles dieses geschah in einem Moment. - Jetzt teilte sich
die Gesellschaft in kleinere und grere Gruppen, lebhafte Gesprche begannen,
es herrschte ein freier ungezwungener Ton, und doch fhlte man es, da man sich
im Zirkel des Hofes, in der Nhe des Frsten befand, ohne da dies Gefhl nur im
mindesten gedrckt htte. Kaum eine einzige Figur fand ich, die in das Bild des
Hofes, wie ich ihn mir sonst dachte, gepat haben sollte. Der Hofmarschall war
ein alter lebenslustiger, aufgeweckter Mann, die Kammerjunker muntre Jnglinge,
die nicht im mindesten darnach aussahen, als fhrten sie Bses im Schilde. Die
beiden Hofdamen schienen Schwestern, sie waren sehr jung und ebenso unbedeutend,
zum Glck aber sehr anspruchslos geputzt. Vorzglich war es ein kleiner Mann mit
aufgesttzter Nase und lebhaft funkelnden Augen, schwarz gekleidet, den langen
Stahldegen an der Seite, der, indem er sich mit unglaublicher Schnelle durch die
Gesellschaft wand und schlngelte und bald hier, bald dort war, nirgends
weilend, keinem Rede stehend, hundert witzige, sarkastische Einflle wie
Feuerfunken umhersprhte, berall reges Leben entzndete. Es war des Frsten
Leibarzt. - Die alte Dame, mit der die Frstin gesprochen, hatte unbemerkt mich
so geschickt zu umkreisen gewut, da ich, ehe ich mir's versah, mit ihr allein
im Fenster stand. Sie lie sich alsbald in ein Gesprch mit mir ein, das, so
schlau sie es anfing, bald den einzigen Zweck verriet, mich ber meine
Lebensverhltnisse auszufragen. - Ich war auf dergleichen vorbereitet, und
berzeugt, da die einfachste, anspruchloseste Erzhlung in solchen Fllen die
unschdlichste und gefahrloseste ist, schrnkte ich mich darauf ein, ihr zu
sagen, da ich ehemals Theologie studiert, jetzt aber, nachdem ich den reichen
Vater beerbt, aus Lust und Liebe reise. Meinen Geburtsort verlegte ich nach dem
polnischen Preuen und gab ihm einen solchen barbarischen, Zhne und Zunge
zerbrechenden Namen, der der alten Dame das Ohr verletzte und ihr jede Lust
benahm, noch einmal zu fragen. Ei, ei, sagte die alte Dame, Sie haben ein
Gesicht, mein Herr, das hier gewisse traurige Erinnerungen wecken knnte, und
sind vielleicht mehr als Sie scheinen wollen, da Ihr Anstand keinesweges auf
einen Studenten der Theologie deutet.
    Nachdem Erfrischungen gereicht worden, ging es in den Saal, wo der
Pharotisch in Bereitschaft stand. Der Hofmarschall machte den Bankier, doch
stand er, wie man mir sagte, mit dem Frsten in der Art im Verein, da er allen
Gewinn behielt, der Frst ihm aber jeden Verlust, insofern er den Fonds der Bank
schwchte, ersetzte. Die Herren versammelten sich um den Tisch bis auf den
Leibarzt, der durchaus niemals spielte, sondern bei den Damen blieb, die an dem
Spiel keinen Anteil nahmen. Der Frst rief mich zu sich, ich mute neben ihm
stehen, und er whlte meine Karten, nachdem er mir in kurzen Worten das
Mechanische des Spiels erklrt. Dem Frsten schlugen alle Karten um, und auch
ich befand mich, so genau ich den Rat des Frsten befolgte, fortwhrend im
Verlust, der bedeutend wurde, da ein Louisdor als niedrigster Point galt. Meine
Kasse war ziemlich auf der Neige, und schon oft hatte ich gesonnen, wie es gehen
wrde, wenn die letzten Louisdors ausgegeben, um so mehr war mir das Spiel,
welches mich auf einmal arm machen konnte, fatal. Eine neue Taille begann, und
ich bat den Frsten, mich nun ganz mir selbst zu berlassen, da es scheine, als
wenn ich, als ein ausgemacht unglcklicher Spieler, ihn auch in Verlust brchte.
Der Frst meinte lchelnd, da ich noch vielleicht meinen Verlust htte
einbringen knnen, wenn ich nach dem Rat des erfahrnen Spielers fortgefahren,
indessen wolle er nun sehn, wie ich mich benehmen wrde, da ich mir so viel
zutraue. - Ich zog aus meinen Karten, ohne sie anzusehen, blindlings eine
heraus, es war die Dame. - Wohl mag es lcherlich zu sagen sein, da ich in
diesem blassen leblosen Kartengesicht Aureliens Zge zu entdecken glaubte. Ich
starrte das Blatt an, kaum konnte ich meine innere Bewegung verbergen; der Zuruf
des Bankiers, ob das Spiel gemacht sei, ri mich aus der Betubung. Ohne mich zu
besinnen, zog ich die letzten fnf Louisdors, die ich noch bei mir trug, aus der
Tasche und setzte sie auf die Dame. Sie gewann, nun setzte ich immer fort und
fort auf die Dame, und immer hher, sowie der Gewinn stieg. Jedesmal, wenn ich
wieder die Dame setzte, riefen die Spieler: Nein, es ist unmglich, jetzt mu
die Dame untreu werden - und alle Karten der brigen Spieler schlugen um. Das
ist mirakulos, das ist unerhrt, erscholl es von allen Seiten, indem ich still
und in mich gekehrt, ganz mein Gemt Aurelien zugewendet, kaum das Gold achtete,
das mir der Bankier einmal bers andere zuschob. - Kurz, in den vier letzten
Taillen hatte die Dame unausgesetzt gewonnen und ich die Taschen voll Gold. Es
waren an zweitausend Louisdors, die mir das Glck durch die Dame zuzugeteilt,
und unerachtet ich nun aller Verlegenheit enthoben, so konnte ich mich doch
eines innern unheimlichen Gefhls nicht erwehren. - - Auf wunderbare Art fand
ich einen geheimen Zusammenhang zwischen dem glcklichen Schu aufs Geratewohl,
der neulich die Hhner herabwarf, und zwischen meinem heutigen Glck. Es wurde
mir klar, da nicht ich, sondern die fremde Macht, die in mein Wesen getreten,
alles das Ungewhnliche bewirke und ich nur das willenlose Werkzeug sei, dessen
sich jene Macht bediene zu mir unbekannten Zwecken. Die Erkenntnis dieses
Zwiespalts, der mein Inneres feindselig trennte, gab mir aber Trost, indem sie
mir das allmhliche Aufkeimen eigner Kraft, die, bald strker und strker
werdend, dem Feinde widerstehen und ihn bekmpfen werde, verkndete. - Das ewige
Abspiegeln von Aureliens Bild konnte nichts anderes sein, als ein verruchtes
Verlocken zum bsen Beginnen, und eben dieser frevelige Mibrauch des frommen
lieben Bildes erfllte mich mit Grausen und Abscheu.
    In der dstersten Stimmung schlich ich des Morgens durch den Park, als mir
der Frst, der um die Stunde auch zu lustwandeln pflegte, entgegentrat. Nun,
Herr Leonard, rief er, wie finden Sie mein Pharospiel? - Was sagen Sie von der
Laune des Zufalls, der Ihnen alles tolle Beginnen verzieh und das Gold zuwarf?
Sie hatten glcklicherweise die Karte Favorite getroffen, aber so blindlings
drfen Sie selbst der Karte Favorite nicht immer vertrauen. - Er verbreitete
sich weitluftig ber den Begriff der Karte Favorite, gab mir die
wohlersonnensten Regeln, wie man dem Zufall in die Hand spielen msse, und
schlo mit der uerung, da ich nun mein Glck im Spiel wohl eifrigst verfolgen
werde. Ich versicherte dagegen freimtig, da es mein fester Vorsatz sei, nie
mehr eine Karte anzurhren. Der Frst sah mich verwundert an. - Eben mein
gestriges wunderbares Glck, fuhr ich fort, hat diesen Entschlu erzeugt, denn
alles das, was ich sonst von dem Gefhrlichen, ja Verderblichen dieses Spiels
gehrt, ist dadurch bewhrt worden. Es lag fr mich etwas Entsetzliches darin,
da, indem die gleichgltige Karte, die ich blindlings zog, in mir eine
schmerzhafte, herzzerreiende Erinnerung weckte, ich von einer unbekannten Macht
ergriffen wurde, die das Glck des Spiels, den losen Geldgewinn mir zuwarf, als
entsprsse es aus meinem eignen Innern, als wenn ich selbst, jenes Wesen
denkend, das aus der leblosen Karte mir mit glhenden Farben entgegenstrahlte,
dem Zufall gebieten knne, seine geheimsten Verschlingungen erkennend. - Ich
verstehe Sie, unterbrach mich der Frst, Sie liebten unglcklich, die Karte
rief das Bild der verlornen Geliebten in Ihre Seele zurck, obgleich mich das,
mit Ihrer Erlaubnis, possierlich anspricht, wenn ich mir das breite, blasse
komische Kartengesicht der Coeurdame, die Ihnen in die Hand fiel, lebhaft
imaginiere. - Doch Sie dachten nun einmal an die Geliebte, und sie war Ihnen im
Spiel treuer und wohltuender als vielleicht im Leben; aber was darin
Entsetzliches, Schreckbares liegen soll, kann ich durchaus nicht begreifen,
vielmehr mu es ja erfreulich sein, da Ihnen das Glck wohlwollte. berhaupt! -
ist Ihnen denn nun einmal die ominse Verknpfung des Spielglcks mit Ihrer
Geliebten so unheimlich, so trgt nicht das Spiel die Schuld, sondern nur Ihre
individuelle Stimmung. - Mag das sein, gndigster Herr, erwiderte ich, aber
ich fhle nur zu lebhaft, da es nicht sowohl die Gefahr ist, durch bedeutenden
Verlust in die belste Lage zu geraten, welche dieses Spiel so verderblich
macht, sondern vielmehr die Khnheit, geradezu wie in offener Fehde es mit der
geheimen Macht aufzunehmen, die aus dem Dunkel glnzend hervortritt und uns wie
ein verfhrerisches Trugbild in eine Region verlockt, in der sie uns hhnend
ergreift und zermalmt. Eben dieser Kampf mit jener Macht scheint das anziehende
Wagestck zu sein, das der Mensch, seiner Kraft kindisch vertrauend, so gern
unternimmt und das er, einmal begonnen, bestndig, ja noch im Todeskampfe den
Sieg hoffend, nicht mehr lassen kann. Daher kommt meines Bednkens die
wahnsinnige Leidenschaft der Pharospieler und die innere Zerrttung des Geistes,
die der bloe Geldverlust nicht nach sich zu ziehen vermag und die sie zerstrt.
Aber auch schon in untergeordneter Hinsicht kann selbst dieser Verlust auch den
leidenschaftlosen Spieler, in den noch nicht jenes feindselige Prinzip
gedrungen, in tausend Unannehmlichkeiten, ja in offenbare Not strzen, da er
doch nur, durch die Umstnde veranlat, spielte. Ich darf es gestehen,
gndigster Herr, da ich selbst gestern im Begriff stand, meine ganze Reisekasse
gesprengt zu sehen. - Das htte ich erfahren, fiel der Frst rasch ein, und
Ihnen den Verlust dreidoppelt ersetzt, denn ich will nicht, da sich jemand
meines Vergngens wegen ruiniere, berhaupt kann das bei mir nicht geschehen, da
ich meine Spieler kenne und sie nicht aus den Augen lasse. - Aber eben diese
Einschrnkung, gndigster Herr, erwiderte ich, hebt wieder die Freiheit des
Spiels auf und setzt selbst jenen besonderen Verknpfungen des Zufalls
Schranken, deren Betrachtung Ihnen, gndigster Herr, das Spiel so interessant
macht. Aber wird nicht auch dieser oder jener, den die Leidenschaft des Spiels
unwiderstehlich ergriffen, Mittel finden, zu seinem eignen Verderben der
Aufsicht zu entgehen und so ein Miverhltnis in sein Leben bringen, das ihn
zerstrt? - Verzeihen Sie meine Freimtigkeit, gndigster Herr! - Ich glaube
berdem, da jede Einschrnkung der Freiheit, sollte diese auch gemibraucht
werden, drckend, ja, als dem menschlichen Wesen schnurstracks entgegenstrebend,
unausstehlich ist. - Sie sind nun einmal, wie es scheint, berall nicht meiner
Meinung, Herr Leonard, fuhr der Frst auf und entfernte sich rasch, indem er
mir ein leichtes Adieu zuwarf. Kaum wute ich selbst, wie ich dazu gekommen,
mich so offenherzig zu uern, ja ich hatte niemals, unerachtet ich in der
Handelsstadt oft an bedeutenden Banken als Zuschauer stand, genug ber das Spiel
nachgedacht, um meine berzeugung im Innern so zu ordnen, wie sie mir jetzt
unwillkrlich von den Lippen flo. Es tat mir leid, die Gnade des Frsten
verscherzt und das Recht verloren zu haben, im Zirkel des Hofes erscheinen und
der Frstin nher treten zu drfen. Ich hatte mich indessen geirrt, denn noch
denselben Abend erhielt ich eine Einladungskarte zum Hofkonzert, und der Frst
sagte im Vorbeistreifen mit freundlichem Humor zu mir: Guten Abend, Herr
Leonard, gebe der Himmel, da meine Kapelle heute Ehre einlegt und meine Musik
Ihnen besser gefllt als mein Park. -
    Die Musik war in der Tat recht artig, es ging alles przis, indessen schien
mir die Wahl der Stcke nicht glcklich, indem eins die Wirkung des andern
vernichtete, und vorzglich erregte mir eine lange Szene, die mir wie nach einer
aufgegebenen Formel komponiert zu sein schien, herzliche Langeweile. Ich htete
mich wohl, meine wahre innere Meinung zu uern, und hatte um so klger daran
getan, als man mir in der Folge sagte, da eben jene lange Szene eine
Komposition des Frsten gewesen.
    Ohne Bedenken fand ich mich in dem nchsten Zirkel des Hofes ein und wollte
selbst am Pharospiel teilnehmen, um den Frsten ganz mit mir auszushnen, aber
nicht wenig erstaunte ich, als ich keine Bank erblickte, vielmehr sich einige
gewhnliche Spieltische formten und unter den brigen Herren und Damen, die sich
im Zirkel um den Frsten setzten, eine lebhafte geistreiche Unterhaltung begann.
Dieser oder jener wute manches Ergtzliche zu erzhlen, ja Anekdoten mit
scharfer Spitze wurden nicht verschmht; meine Rednergabe kam mir zustatten, und
es waren Andeutungen aus meinem eignen Leben, die ich unter der Hlle
romantischer Dichtung auf anziehende Weise vorzutragen wute. So erwarb ich mir
die Aufmerksamkeit und den Beifall des Zirkels; der Frst liebte aber mehr das
Heitre, Humoristische, und darin bertraf niemand den Leibarzt, der in tausend
possierlichen Einfllen und Wendungen unerschpflich war.
    Diese Art der Unterhaltung erweiterte sich dahin, da oft dieser oder jener
etwas aufgeschrieben hatte, das er in der Gesellschaft vorlas, und so kam es
denn, da das Ganze bald das Ansehen eines wohlorganisierten
literarisch-sthetischen Vereins erhielt, in dem der Frst prsidierte und in
welchem jeder das Fach ergriff, welches ihm am mehrsten zusagte. - Einmal hatte
ein Gelehrter, der ein trefflicher tiefdenkender Physiker war, uns mit neuen
interessanten Entdeckungen im Gebiet seiner Wissenschaft berrascht, und so sehr
dies den Teil der Gesellschaft ansprach, der wissenschaftlich genug war, den
Vortrag des Professors zu fassen, so sehr langweilte sich der Teil, dem das
alles fremd und unbekannt blieb. Selbst der Frst schien sich nicht sonderlich
in die Ideen des Professors zu finden und auf den Schlu mit herzlicher
Sehnsucht zu warten. Endlich hatte der Professor geendet, der Leibarzt war
vorzglich erfreut und brach aus in Lob und Bewunderung, indem er hinzufgte,
da dem tiefen Wissenschaftlichen wohl zur Erheiterung des Gemts etwas folgen
knne, das nun eben auf nichts weiter Anspruch mache als auf Erreichung dieses
Zwecks. - Die Schwchlichen, die die Macht der ihnen fremden Wissenschaft
gebeugt hatte, richteten sich auf, und selbst des Frsten Gesicht berflog ein
Lcheln, welches bewies, wie sehr ihm die Rckkehr ins Alltagsleben wohltat.
    Sie wissen, gndigster Herr, hob der Leibarzt an, indem er sich zum
Frsten wandte, da ich auf meinen Reisen nicht unterlie, all die lustigen
Vorflle, wie sie das Leben durchkreuzen, vorzglich aber die possierlichen
Originale, die mir aufstieen, treu in meinem Reisejournal zu bewahren, und eben
aus diesem Journal bin ich im Begriff etwas mitzuteilen, das, ohne sonderlich
bedeutend zu sein, doch mir ergtzlich scheint. - Auf meiner vorjhrigen Reise
kam ich in spter Nacht in das schne groe Dorf vier Stunden von B.; ich
entschlo mich, in den stattlichen Gasthof einzukehren, wo mich ein freundlicher
aufgeweckter Wirt empfing. Ermdet, ja zerschlagen von der weiten Reise, warf
ich mich in meinem Zimmer gleich ins Bette, um recht auszuschlafen, aber es
mochte eben eins geschlagen haben, als mich eine Flte, die dicht neben mir
geblasen wurde, weckte. In meinem Leben hatt' ich solch ein Blasen nicht gehrt.
Der Mensch mute ungeheure Lungen haben, denn mit einem schneidenden,
durchdringenden Ton, der den Charakter des Instruments ganz vernichtete, blies
er immer dieselbe Passage hintereinander fort, so da man sich nichts
Abscheulicheres, Unsinnigeres denken konnte. Ich schimpfte und fluchte auf den
verdammten tollen Musikanten, der mir den Schlaf raubte und die Ohren zerri,
aber wie ein aufgezogenes Uhrwerk rollte die Passage fort, bis ich endlich einen
dumpfen Schlag vernahm, als wrde etwas gegen die Wand geschleudert, worauf es
still blieb und ich ruhig fortschlafen konnte.
    Am Morgen hrte ich ein starkes Geznk unten im Hause. Ich unterschied die
Stimme des Wirts und eines Mannes, der unaufhrlich schrie: Verdammt sei Ihr
Haus, wre ich nie ber die Schwelle getreten. - Der Teufel hat mich in Ihr Haus
gefhrt, wo man nichts trinken, nichts genieen kann! - alles ist infam schlecht
und hundemig teuer. - Da haben Sie Ihr Geld, Adieu, Sie sehn mich nicht wieder
in Ihrer vermaladeiten Kneipe. - Damit sprang ein kleiner, winddrrer Mann in
einem kaffeebraunen Rocke und fuchsroter runder Percke, auf die er einen grauen
Hut ganz schief und martialisch gestlpt, schnell zum Hause heraus und lief nach
dem Stalle, aus dem ich ihn bald auf einem ziemlich steifen Gaule in
schwerflligem Galopp zum Hofe hinausreiten sah.
    Natrlicherweise hielt ich ihn fr einen Fremden, der sich mit dem Wirte
entzweit habe und nun abgereiset sei; eben deshalb nahm es mich nicht wenig
wunder, als ich mittags, da ich mich in der Wirtsstube befand, dieselbe komische
kaffeebraune Figur mit der fuchsroten Percke, welche des Morgens hinausritt,
eintreten und ohne Umstnde an dem gedeckten Tisch Platz nehmen sah. Es war das
hlichste und dabei possierlichste Gesicht, das mir jemals aufstie. In dem
ganzen Wesen des Mannes lag so etwas drollig Ernstes, da man, ihn betrachtend,
sich kaum des Lachens enthalten konnte. Wir aen miteinander, und ein wortkarges
Gesprch schlich zwischen mir und dem Wirt hin, ohne da der Fremde, der
gewaltig a, daran Anteil nehmen wollte. Offenbar war es, wie ich nachher
einsah, Bosheit des Wirts, da er das Gesprch geschickt auf nationelle
Eigentmlichkeiten lenkte und mich geradezu frug, ob ich wohl schon Irlnder
kennen gelernt und von ihren sogenannten Bulls etwas wisse. Allerdings!
erwiderte ich, indem mir gleich eine ganze Reihe solcher Bulls durch den Kopf
ging. Ich erzhlte von jenem Irlnder, der, als man ihn frug, warum er den
Strumpf verkehrt angezogen, ganz treuherzig antwortete: Auf der rechten Seite
ist ein Loch! - Es kam mir ferner der herrliche Bull jenes Irlnders in den
Sinn, der mit einem jhzornigen Schotten zusammen in einem Bette schlief und den
bloen Fu unter der Decke hervorgestreckt hatte. Nun bemerkte dies ein
Englnder, der im Zimmer befindlich, und schnallte flugs dem Irlnder den Sporn
an den Fu, den er von seinem Stiefel heruntergenommen. Der Irlnder zog
schlafend den Fu wieder unter die Decke und ritzte mit dem Sporn den Schotten,
der darber aufwachte und dem Irlnder eine tchtige Ohrfeige gab. Darauf
entspann sich unter ihnen folgendes sinnreiche Gesprch: Was Teufel ficht dich
an, warum schlgst du mich? - Weil du mich mit deinem Sporn geritzt hast! - Wie
ist das mglich, da ich mit bloen Fen bei dir im Bette liege? - Und doch ist
es so, sieh nur her. - Gott verdamm mich, du hast recht, hat der verfluchte Kerl
von Hausknecht mir den Stiefel ausgezogen und den Sporn sitzen lassen. - Der
Wirt brach in ein unmiges Gelchter aus, aber der Fremde, der eben mit dem
Essen fertig worden und ein groes Glas Bier heruntergestrzt hatte, sah mich
ernst an und sprach: Sie haben ganz recht, die Irlnder machen oft dergleichen
Bulls, aber es liegt keinesweges an dem Volke, das regsam und geistreich ist,
vielmehr weht dort eine solche verfluchte Luft, die einen mit dergleichen
Tollheiten wie mit einem Schnupfen befllt, denn, mein Herr, ich selbst bin zwar
ein Englnder, aber in Irland geboren und erzogen und nur deshalb jener
verdammten Krankheit der Bulls unterworfen. - Der Wirt lachte noch strker, und
ich mute unwillkrlich einstimmen, denn sehr ergtzlich war es doch, da der
Irlnder, nur von Bulls sprechend, gleich selbst einen ganz vortrefflichen zum
besten gab. Der Fremde, weit entfernt, durch unser Gelchter beleidigt zu
werden, ri die Augen weit auf, legte die Finger an die Nase und sprach: In
England sind die Irlnder das starke Gewrz, das der Gesellschaft hinzugefgt
wird, um sie schmackhaft zu machen. Ich selbst bin in dem einzigen Stck dem
Falstaff hnlich, da ich oft nicht allein selbst witzig bin, sondern auch den
Witz anderer erwecke, was in dieser nchternen Zeit kein geringes Verdienst ist.
Sollten Sie denken, da in dieser ledernen leeren Bierwirtsseele sich auch oft
dergleichen regt, blo auf meinen Anla? Aber dieser Wirt ist ein guter Wirt, er
greift sein drftig Kapital von guten Einfllen durchaus nicht an, sondern leiht
hie und da in Gesellschaft der Reichen nur einen aus auf hohe Zinsen; er zeigt,
ist er dieser Zinsen nicht versichert, wie eben jetzt, hchstens den Einband
seines Hauptbuchs, und der ist sein unmiges Lachen; denn in dies Lachen hat er
seinen Witz eingewickelt. Gott befohlen, meine Herrn! - Damit schritt der
originelle Mann zur Tre hinaus, und ich bat den Wirt sofort um Auskunft ber
ihn. Dieser Irlnder, sagte der Wirt, der Ewson heit und deswegen ein Englnder
sein will, weil sein Stammbaum in England wurzelt, ist erst seit kurzer Zeit
hier, es werden nun gerade zweiundzwanzig Jahre sein. - Ich hatte als ein junger
Mensch den Gasthof gekauft und hielt Hochzeit, als Herr Ewson, der auch noch ein
Jngling war, aber schon damals eine fuchsrote Percke, einen grauen Hut und
einen kaffeebraunen Rock von demselben Schnitt wie heute trug, auf der Rckreise
nach seinem Vaterlande begriffen, hier vorbeikam und durch die Tanzmusik, die
lustig erschallte, hereingelockt wurde. Er schwur, da man nur auf dem Schiffe
zu tanzen verstehe, wo er es seit seiner Kindheit erlernt, und fhrte, um dies
zu beweisen, indem er auf grliche Weise dazu zwischen den Zhnen pfiff, einen
Hornpipe aus, wobei er aber bei einem Hauptsprunge sich den Fu dermaen
verrenkte, da er bei mir liegen bleiben und sich heilen lassen mute. - Seit
der Zeit hat er mich nicht wieder verlassen. Mit seinen Eigenheiten habe ich
meine liebe Not; jeden Tag seit den vielen Jahren zankt er mit mir, er schmlt
auf die Lebensart, er wirft mir vor, da ich ihn berteure, da er ohne
Roastbeef und Porter nicht lnger leben knne, packt sein Felleisen, setzt seine
drei Percken auf, eine ber die andere, nimmt von mir Abschied und reitet auf
seinem alten Gaule davon. Das ist aber nur sein Spazierritt, denn mittags kommt
er wieder zum andern Tore herein, setzt sich, wie Sie heute gesehen haben, ruhig
an den Tisch und it von den ungeniebaren Speisen fr drei Mann. Jedes Jahr
erhlt er einen starken Wechsel; dann sagt er mir ganz wehmtig Lebewohl, er
nennt mich seinen besten Freund und vergiet Trnen, wobei mir auch die Trnen
ber die Backen laufen, aber vor unterdrcktem Lachen. Nachdem er noch lebens-
und sterbenshalber seinen letzten Willen aufgesetzt und, wie er sagt, meiner
ltesten Tochter sein Vermgen vermacht hat, reitet er ganz langsam und betrbt
nach der Stadt. Den dritten oder hchstens vierten Tag ist er aber wieder hier
und bringt zwei kaffeebraune Rcke, drei fuchsrote Percken, eine gleiender wie
die andere, sechs Hemden, einen neuen grauen Hut und andere Bedrfnisse seines
Anzuges, meiner ltesten Tochter, seiner Lieblingin, aber ein Ttchen Zuckerwerk
mit wie einem Kinde, unerachtet sie nun schon achtzehn Jahre alt worden. Er
denkt dann weder an seinen Aufenthalt in der Stadt, noch an die Heimreise. Seine
Zeche berichtigt er jeden Abend, und das Geld fr das Frhstck wirft er mir
jeden Morgen zornig hin, wenn er wegreitet, um nicht wiederzukommen. Sonst ist
er der gutmtigste Mensch von der Welt, er beschenkt meine Kinder bei jeder
Gelegenheit, er tut den Armen im Dorfe wohl, nur den Prediger kann er nicht
leiden, weil er, wie Herr Ewson es von dem Schulmeister erfuhr, einmal ein
Goldstck, das Ewson in die Armenbchse geworfen, eingewechselt und lauter
Kupferpfennige dafr gegeben hat. Seit der Zeit weicht er ihm berall aus und
geht niemals in die Kirche, weshalb der Prediger ihn fr einen Atheisten
ausschreit. Wie gesagt, habe ich aber oft meine liebe Not mit ihm, weil er
jhzornig ist und ganz tolle Einflle hat. Erst gestern hrte ich, als ich nach
Hause kam, schon von weitem ein heftiges Geschrei und unterschied Ewsons Stimme.
Als ich ins Haus trat, fand ich ihn im strksten Zank mit der Hausmagd
begriffen. Er hatte, wie es im Zorn immer geschieht, bereits seine Percke
weggeschleudert und stand im kahlen Kopf, ohne Rock, in Hemdrmeln dicht vor der
Magd, der er ein groes Buch unter die Nase hielt und, stark schreiend und
fluchend, mit dem Finger hineinwies. Die Magd hatte die Hnde in die Seiten
gestemmt und schrie, er mge andere zu seinen Streichen brauchen, er sei ein
schlechter Mensch, der an nichts glaube u.s.w. Mit Mhe gelang es mir, die
Streitenden auseinander zu bringen und der Sache auf den Grund zu kommen. - Herr
Ewson hatte verlangt, die Magd solle ihm Oblate verschaffen zum Briefsiegeln;
die Magd verstand ihn anfangs gar nicht, zuletzt fiel ihr ein, da das Oblate
sei, was bei dem Abendmahl gebraucht werde, und meinte, Herr Ewson wolle mit der
Hostie verruchtes Gesptte treiben, weil der Herr Pfarrer ohnedies gesagt, da
er ein Gottesleugner sei. Sie widersetzte sich daher, und Herr Ewson, der da
glaubte, nur nicht richtig ausgesprochen zu haben und nicht verstanden zu sein,
holte sofort sein englisch-deutsches Wrterbuch und demonstrierte daraus der
Bauermagd, die kein Wort lesen konnte, was er haben wolle, wobei er zuletzt
nichts als englisch sprach, welches die Magd fr das sinnverwirrende Gewsche
des Teufels hielt. Nur mein Dazwischentreten verhinderte die Prgelei, in der
Herr Ewson vielleicht den Krzeren gezogen.
    Ich unterbrach den Wirt in der Erzhlung von dem drolligen Manne, indem ich
frug, ob das vielleicht auch Herr Ewson gewesen, der mich in der Nacht durch
sein grliches Fltenblasen so gestrt und gergert habe. Ach, mein Herr! fuhr
der Wirt fort, das ist nun auch eine von Herr Ewsons Eigenheiten, womit er mir
beinahe die Gste verscheucht. Vor drei Jahren kam mein Sohn aus der Stadt
hieher; der Junge blst eine herrliche Flte und bte hier fleiig sein
Instrument. Da fiel es Herrn Ewson ein, da er ehemals auch Flte geblasen, und
lie nicht nach, bis ihm Fritz seine Flte und ein Konzert, das er mitgebracht
hatte, fr schweres Geld verkaufte.
    Nun fing Herr Ewson, der gar keinen Sinn fr Musik, gar keinen Takt hat, mit
dem grten Eifer an, das Konzert zu blasen. Er kam aber nur bis zum zweiten
Solo des ersten Allegros, da stie ihm eine Passage auf, die er nicht
herausbringen konnte, und diese einzige Passage blst er nun seit den drei
Jahren fast jeden Tag hundertmal hintereinander, bis er im hchsten Zorn erst
die Flte und dann die Percke an die Wand schleudert. Da dies nun wenige Flten
lange aushalten, so braucht er gar oft neue und hat jetzt gewhnlich drei bis
vier im Gange. Ist nur ein Schrubchen zerbrochen oder eine Klappe schadhaft, so
wirft er sie mit einem 'Gott verdamm mich, nur in England macht man Instrumente,
die was taugen!' - durchs Fenster. Ganz erschrecklich ist es, da ihn diese
Passion der Fltenblserei oft nachts berfllt und er dann meine Gste aus dem
tiefsten Schlafe dudelt. Sollten Sie aber glauben, da hier im Amtshause sich
beinahe ebenso lange, als Herr Ewson bei mir ist, ein englischer Doktor aufhlt,
der Green heit und mit Herrn Ewson darin sympathisiert, da er ebenso
originell, ebenso voll sonderbaren Humors ist? - Sie zanken sich unaufhrlich
und knnen doch nicht ohne einander leben. Es fllt mir eben ein, da Herr Ewson
auf heute Abend einen Punsch bei mir bestellt hat, zu dem er den Amtmann und den
Doktor Green eingeladen. Wollen Sie es sich, mein Herr, gefallen lassen, noch
bis morgen frh hier zu verweilen, so knnen Sie heute abend bei mir das
possierlichste Kleeblatt sehen, das sich nur zusammenfinden kann. -
    Sie stellen sich es vor, gndigster Herr, da ich mir den Aufschub der Reise
gern gefallen lie, weil ich hoffte, den Herrn Ewson in seiner Glorie zu sehen.
Er trat, sowie es Abend worden, ins Zimmer und war artig genug, mich zu dem
Punsch einzuladen, indem er hinzusetzte, wie es ihm nur leid tte, mich mit dem
nichtswrdigen Getrnk, das man hier Punsch nenne, bewirten zu mssen; nur in
England trinke man Punsch, und da er nchstens dahin zurckkehren werde, hoffe
er, kme ich jemals nach England, mir es beweisen zu knnen, da er es verstehe,
das kstliche Getrnk zu bereiten. - Ich wute, was ich davon zu denken hatte. -
Bald darauf traten auch die eingeladenen Gste ein. Der Amtmann war ein kleines
kugelrundes, hchst freundliches Mnnlein mit vergngt blickenden Augen und
einem roten Nschen; der Doktor Green ein robuster Mann von mittlern Jahren mit
einem auffallenden Nationalgesicht, modern, aber nachlssig gekleidet, Brill'
auf der Nase, Hut auf dem Kopfe. - Gebt mir Sekt, da meine Augen rot werden!
rief er pathetisch, indem er auf den Wirt zuschritt und ihn, bei der Brust
packend, heftig schttelte: Halunkischer Cambyses, sprich! wo sind die
Prinzessinnen? Nach Kaffee riecht's und nicht nach Trank der Gtter! - La ab
von mir, o Held, weg mit der starken Faust, zermalmst im Zorne mir die Rippen! -
rief der Wirt keuchend. Nicht eher, feiger Schwchling, fuhr der Doktor fort,
bis ser Dampf des Punsches, Sinn umnebelnd, Nase kitzelt, nicht eher la ich
dich, du ganz unwerter Wirt! - Aber nun scho Ewson grimmig auf den Doktor los
und schalt: Unwrd'ger Green! Grn soll's dir werden vor den Augen, ja greinen
sollst du gramerfllt, wenn du nicht ablt von schmachvoller Tat! - Nun, dacht'
ich, wrde Zank und Tumult losbrechen, aber der Doktor sagte: So will ich,
feiger Ohnmacht spottend, ruhig sein und harrn des Gttertranks, den du
bereitet, wrd'ger Ewson. - Er lie den Wirt los, der eiligst davonsprang,
setzte sich mit einer Catos Miene an den Tisch, ergriff die gestopfte Pfeife und
blies groe Dampfwolken von sich. - Ist das nicht, als wre man im Theater?
sagte der freundliche Amtmann zu mir, aber der Doktor, der sonst kein teutsches
Buch in die Hand nimmt, fand zufllig Schlegels Shakespeare bei mir, und seit
der Zeit spielt er, nach seinem Ausdruck, uralte bekannte Melodien auf einem
fremden Instrumente. Sie werden bemerkt haben, da sogar der Wirt rhythmisch
spricht, der Doktor hat ihn sozusagen eingejambt. - Der Wirt brachte den
dampfenden Punschnapf, und unerachtet Ewson und Green schwuren, er sei kaum
trinkbar, so strzten sie doch ein groes Glas nach dem andern hinab. Wir
fhrten ein leidlich Gesprch. Green blieb wortkarg, nur dann und wann gab er
auf komische Weise, die Opposition behauptend, etwas von sich. So sprach z.B.
der Amtmann von dem Theater in der Stadt, und ich versicherte, der erste Held
spiele vortrefflich. - Das kann ich nicht finden, fiel sogleich der Doktor ein,
Glauben Sie nicht, da, htte der Mann sechsmal besser gespielt, er des Beifalls
viel wrd'ger sein wrde? Ich mute das notgedrungen zugeben und meinte nur, da
dies sechsmal besser Spielen dem Schauspieler not tue, der die zrtlichen Vter
ganz erbrmlich tragiere. - Das kann ich nicht finden, sagte Green wieder, der
Mann gibt alles, was er in sich trgt! Kann er dafr, da seine Tendenz sich zum
Schlechten hinneigt? Er hat es aber im Schlechten zu rhmlicher Vollkommenheit
gebracht, man mu ihn deshalb loben! - Der Amtmann sa mit seinem Talent, die
beiden anzuregen zu allerlei tollen Einfllen und Meinungen, in ihrer Mitte wie
das exzitierende Prinzip, und so ging es fort, bis der starke Punsch zu wirken
anfing. Da wurde Ewson ausgelassen lustig, er sang mit krchzender Stimme
Nationallieder, er warf Percke und Rock durchs Fenster in den Hof und fing an,
mit den sonderbarsten Grimassen auf so drollige Weise zu tanzen, da man sich
vor Lachen htte ausschtten mgen. Der Doktor blieb ernsthaft, hatte aber die
seltsamsten Visionen. Er sah den Punschnapf fr eine Bageige an und wollte
durchaus darauf herumstreichen, mit dem Lffel Ewsons Lieder akkompagnierend,
wovon ihn nur des Wirts dringendste Protestationen abhalten konnten. - Der
Amtmann war immer stiller und stiller geworden, am Ende stolperte er in eine
Ecke des Zimmers, wo er sich hinsetzte und heftig zu weinen anfing. Ich verstand
den Wink des Wirts und frug den Amtmann um die Ursache seines tiefen Schmerzes.
- Ach, ach! brach er schluchzend los, der Prinz Eugen war doch ein groer
Feldherr, und dieser heldenmtige Frst mute sterben. Ach! ach! - und damit
weinte er heftiger, da ihm die hellen Trnen ber die Backen liefen. Ich
versuchte ihn ber den Verlust dieses wackern Prinzen des lngst vergangenen
Jahrhunderts mglichst zu trsten, aber es war vergebens. Der Doktor Green hatte
indessen eine groe Lichtschere ergriffen und fuhr damit unaufhrlich gegen das
offene Fenster. - Er hatte nichts geringeres im Sinn, als den Mond zu putzen,
der hell hineinschien. Ewson sprang und schrie, als wre er besessen von tausend
Teufeln, bis endlich der Hausknecht, des hellen Mondscheins unerachtet, mit
einer groen Laterne in das Zimmer trat und laut rief: Da bin ich, meine Herren,
nun kanns fortgehen. Der Doktor stellte sich dicht vor ihm hin und sprach, ihm
die Dampfwolken ins Gesicht blasend: Willkommen, Freund! Bist du der Squenz, der
Mondschein trgt und Hund und Dornbusch? Ich habe dich geputzt, Halunke, darum
scheinst du hell! Gut' Nacht denn, viel des schnden Safts hab' ich getrunken,
gut' Nacht, mein werter Wirt, gut' Nacht mein Pylades! - Ewson schwur, da kein
Mensch zu Hause gehen solle, ohne den Hals zu brechen, aber niemand achtete
darauf, vielmehr nahm der Hausknecht den Doktor unter den einen, den Amtmann,
der noch immer ber den Verlust des Prinzen Eugen lamentierte, unter den andern
Arm, und so wackelten sie ber die Strae fort nach dem Amtshause. Mit Mhe
brachten wir den nrrischen Ewson in sein Zimmer, wo er noch die halbe Nacht auf
der Flte tobte, so da ich kein Auge zutun und mich erst, im Wagen schlafend,
von dem tollen Abend im Gasthause erholen konnte.
    Die Erzhlung des Leibarztes wurde oft durch lauteres Gelchter, als man es
wohl sonst im Zirkel eines Hofes hren mag, unterbrochen. Der Frst schien sich
sehr ergtzt zu haben. Nur eine Figur, sagte er zum Leibarzt, haben Sie in
dem Gemlde zu sehr in den Hintergrund gestellt, und das ist Ihre eigne, denn
ich wette, da Ihr zuzeiten etwas boshafter Humor den nrrischen Ewson sowie den
pathetischen Doktor zu tausend tollen Ausschweifungen verleitet hat und da Sie
eigentlich das exzitierende Prinzip waren, fr das Sie den lamentablen Amtmann
ausgeben. - Ich versichere, gndigster Herr, erwiderte der Leibarzt, da
dieser aus seltner Narrheit komponierte Klub so in sich abgerndet war, da
alles Fremde nur dissoniert htte. Um in dem musikalischen Gleichnis zu bleiben,
waren die drei Menschen der reine Dreiklang, jeder verschieden, im Ton aber
harmonisch mitklingend der Wirt sprang hinzu wie eine Septime. - Auf diese
Weise wurde noch manches hin- und hergesprochen, bis sich, wie gewhnlich, die
frstliche Familie in ihre Zimmer zurckzog und die Gesellschaft in der
gemtlichsten Laune auseinanderging. - Ich bewegte mich heiter und lebenslustig
in einer neuen Welt. Je mehr ich in den ruhigen gemtlichen Gang des Lebens in
der Residenz und am Hofe eingriff, je mehr man mir einen Platz einrumte, den
ich mit Ehre und Beifall behaupten konnte, desto weniger dachte ich an die
Vergangenheit, sowie daran, da mein hiesiges Verhltnis sich jemals ndern
knne. Der Frst schien ein besonderes Wohlgefallen an mir zu finden, und aus
verschiedenen flchtigen Andeutungen konnte ich schlieen, da er mich auf diese
oder jene Weise in seiner Umgebung festzustellen wnschte. Nicht zu leugnen war
es, da eine gewisse Gleichfrmigkeit der Ausbildung, ja eine gewisse
angenommene gleiche Manier in allem wissenschaftlichen und knstlerischen
Treiben, die sich vom Hofe aus ber die ganze Residenz verbreitete, manchem
geistreichen und an unbedingte Freiheit gewhnten Mann den Aufenthalt daselbst
bald verleidet htte; indessen kam mir, so oft auch die Beschrnkung, welche die
Einseitigkeit des Hofes hervorbrachte, lstig wurde, das frhere Gewhnen an
eine bestimmte Form, die wenigstens das uere regelt, dabei sehr zustatten.
Mein Klosterleben war es, das hier, freilich unmerklicherweise, noch auf mich
wirkte. - So sehr mich der Frst auszeichnete, so sehr ich mich bemhte, die
Aufmerksamkeit der Frstin auf mich zu ziehen, so blieb diese doch kalt und
verschlossen. Ja, meine Gegenwart schien sie oft auf besondere Weise zu
beunruhigen, und nur mit Mhe erhielt sie es ber sich, mir wie den andern ein
paar freundliche Worte zuzuwerfen. Bei den Damen, die sie umgaben, war ich
glcklicher; mein ueres schien einen gnstigen Eindruck gemacht zu haben, und
indem ich mich oft in ihren Kreisen bewegte, gelang es mir bald, diejenige
wunderliche Weltbildung zu erhalten, welche man Galanterie nennt und die in
nichts anderm besteht, als die uere krperliche Geschmeidigkeit, vermge der
man immer da, wo man steht oder geht, hinzupassen scheint, auch in die
Unterhaltung zu bertragen. Es ist die sonderbare Gabe, ber nichts mit
bedeutenden Worten zu schwatzen und so den Weibern ein gewisses Wohlbehagen zu
erregen, von dem, wie es entstanden, sie sich selbst nicht Rechenschaft geben
knnen. Da diese hhere und eigentliche Galanterie sich nicht mit plumpen
Schmeicheleien abgeben kann, fliet aus dem Gesagten, wiewohl in jenem
interessanten Geschwtz, das wie ein Hymnus der Angebeteten erklingt, eben das
gnzliche Eingehen in ihr Innerstes liegt, so da ihr eignes Selbst ihnen klar
zu werden scheint und sie sich in dem Reflex ihres eignen Ichs mit Wohlgefallen
spiegeln. - - Wer htte nun noch den Mnch in mir erkennen sollen! - Der einzige
mir gefhrliche Ort war vielleicht nur noch die Kirche, in welcher es mir schwer
wurde, jene klsterliche Andachtsbungen, die ein besonderer Rhythmus, ein
besonderer Takt auszeichnet, zu vermeiden. -
    Der Leibarzt war der einzige, der das Geprge, womit alles wie gleiche Mnze
ausgestempelt war, nicht angenommen hatte, und dies zog mich zu ihm hin, so wie
er sich deshalb an mich anschlo, weil ich, wie er recht gut wute, anfangs die
Opposition gebildet und meine freimtigen uerungen, die dem fr kecke Wahrheit
empfnglichen Frsten eindrangen, das verhate Pharospiel mit einemmal verbannt
hatten.
    So kam es denn, da wir oft zusammen waren und bald ber Wissenschaft und
Kunst, bald ber das Leben, wie es sich vor uns ausbreitete, sprachen. Der
Leibarzt verehrte ebenso hoch die Frstin als ich und versicherte, da nur sie
es sei, die manche Abgeschmacktheit des Frsten abwende und diejenige sonderbare
Art Langeweile, welche ihn auf der Oberflche hin- und hertreibe, dadurch zu
verscheuchen wisse, da sie ihm oft ganz unvermerkt ein unschdliches Spielzeug
in die Hnde gebe. Ich unterlie nicht, bei dieser Gelegenheit mich zu beklagen,
da ich, ohne den Grund erforschen zu knnen, der Frstin durch meine Gegenwart
oft ein unausstehliches Mibehagen zu erregen scheine. Der Leibarzt stand sofort
auf und holte, da wir uns gerade in seinem Zimmer befanden, ein kleines
Miniaturbild aus dem Schreibepult, welches er mir mit der Weisung, es recht
genau zu betrachten, in die Hnde gab. Ich tat es und erstaunte nicht wenig, als
ich in den Zgen des Mannes, den das Bild darstellte, ganz die meinigen
erkannte. Nur der nderung der Frisur und der Kleidung, die nach verjhrter Mode
gemalt war, nur der Hinzufgung meines starken Backenbarts, dem Meisterstck
Belcampos, bedurfte es, um das Bild ganz zu meinem Portrt zu machen. Ich
uerte dies unverhohlen dem Leibarzt. Und eben diese hnlichkeit, sagte er,
ist es, welche die Frstin erschreckt und beunruhigt, so oft Sie in ihre Nhe
kommen, denn Ihr Gesicht erneuert das Andenken einer entsetzlichen Begebenheit,
die vor mehreren Jahren den Hof traf wie ein zerstrender Schlag. Der vorige
Leibarzt, der vor einigen Jahren starb und dessen Zgling in der Wissenschaft
ich bin, vertraute mir jenen Vorgang in der frstlichen Familie und gab mir
zugleich das Bild, welches den ehemaligen Gnstling des Frsten, Francesko,
darstellt und zugleich, wie Sie sehen, rcksichts der Malerei ein wahres
Meisterstck ist. Es rhrt von dem wunderlichen fremden Maler her, der sich
damals am Hofe befand und eben in jener Tragdie die Hauptrolle spielte. - Bei
der Betrachtung des Bildes regten sich gewisse verworrene Ahnungen in mir, die
ich vergebens trachtete klar aufzufassen. - Jene Begebenheit schien mir ein
Geheimnis erschlieen zu wollen, in das ich selbst verflochten war, und um so
mehr drang ich in den Leibarzt, mir das zu vertrauen, welches zu erfahren mich
die zufllige hnlichkeit mit Francesko zu berechtigen scheine. - Freilich,
sagte der Leibarzt, mu dieser hchst merkwrdige Umstand Ihre Neugierde nicht
wenig aufregen, und so ungern ich eigentlich von jener Begebenheit sprechen mag,
ber die noch jetzt, fr mich wenigstens, ein geheimnisvoller Schleier liegt,
den ich auch weiter gar nicht lften will, so sollen Sie doch alles erfahren,
was ich davon wei. Viele Jahre sind vergangen und die Hauptpersonen von der
Bhne abgetreten, nur die Erinnerung ist es, welche feindselig wirkt. Ich bitte,
gegen niemanden von dem, was Sie erfuhren, etwas zu uern. Ich versprach das,
und der Arzt fing in folgender Art seine Erzhlung an:
    Eben zu der Zeit, als unser Frst sich vermhlte, kam sein Bruder in
Gesellschaft eines Mannes, den er Francesko nannte, unerachtet man wute, da er
ein Deutscher war, sowie eines Malers von weiten Reisen zurck. Der Prinz war
einer der schnsten Mnner, die man gesehen, und schon deshalb stach er vor
unserm Frsten hervor, htte er ihn auch nicht an Lebensflle und geistiger
Kraft bertroffen. - Er machte auf die junge Frstin, die damals bis zur
Ausgelassenheit lebhaft und der der Frst viel zu formell, viel zu kalt war,
einen seltenen Eindruck, und ebenso fand sich der Prinz von der jungen
bildschnen Gemahlin seines Bruders angezogen. Ohne an ein strafbares Verhltnis
zu denken, muten sie der unwiderstehlichen Gewalt nachgeben, die ihr inneres
Leben, nur wie wechselseitig sich entzndend, bedingte und so die Flamme nhren,
die ihr Wesen in eins verschmolz. - Francesko allein war es, der in jeder
Hinsicht seinem Freunde an die Seite gesetzt werden konnte, und so wie der Prinz
auf die Gemahlin seines Bruders, so wirkte Francesko auf die ltere Schwester
der Frstin. Francesko wurde sein Glck bald gewahr, benutzte es mit
durchdachter Schlauheit, und die Neigung der Prinzessin wuchs bald zur
heftigsten, brennendsten Liebe. Der Frst war von der Tugend seiner Gemahlin zu
sehr berzeugt, um nicht alle hmische Zwischentrgerei zu verachten, wiewohl
ihn das gespannte Verhltnis mit dem Bruder drckte; und nur dem Francesko, den
er seines seltnen Geistes, seiner lebensklugen Umsicht halber lieb gewonnen, war
es mglich, ihn in gewissen Gleichmut zu erhalten. Der Frst wollte ihn zu den
ersten Hofstellen befrdern, Francesko begngte sich aber mit den geheimen
Vorrechten des ersten Gnstlings und mit der Liebe der Prinzessin. In diesen
Verhltnissen bewegte sich der Hof, so gut es gehen wollte, aber nur die vier
durch geheime Bande verknpften Personen waren glcklich in dem Eldorado der
Liebe, das sie sich gebildet und das anderen verschlossen. - Wohl mochte es der
Frst, ohne da man es wute, veranstaltet haben, da mit vielem Pomp eine
italienische Prinzessin am Hofe erschien, die frher dem Prinzen als Gemahlin
zugedacht war, und der er, als er auf der Reise sich am Hofe ihres Vaters
befand, sichtliche Zuneigung bewiesen hatte. - Sie soll ausnehmend schn und
berhaupt die Grazie, die Anmut selbst gewesen sein, und dies spricht auch das
herrliche Portrt aus, was Sie noch auf der Galerie sehen knnen. Ihre Gegenwart
belebte den in dstre Langeweile versunkenen Hof, sie berstrahlte alles, selbst
die Frstin und ihre Schwester nicht ausgenommen. Franceskos Betragen nderte
sich bald nach der Ankunft der Italienerin auf eine ganz auffallende Weise; es
war, als zehre ein geheimer Gram an seiner Lebensblte, er wurde mrrisch,
verschlossen, er vernachlssigte seine frstliche Geliebte. Der Prinz war ebenso
tiefsinnig geworden, er fhlte sich von Regungen ergriffen, denen er nicht zu
widerstehen vermochte. Der Frstin stie die Ankunft der Italienerin einen Dolch
ins Herz. Fr die zur Schwrmerei geneigte Prinzessin war nun mit Franceskos
Liebe alles Lebensglck entflohen, und so waren die vier Glcklichen,
Beneidenswerten in Gram und Betrbnis versenkt. Der Prinz erholte sich zuerst,
indem er bei der strengen Tugend seiner Schwgerin den Lockungen des schnen
verfhrerischen Weibes nicht widerstehen konnte. Jenes kindliche, recht aus dem
tiefsten Innern entsprossene Verhltnis mit der Frstin ging unter in der
namenlosen Lust, die ihm die Italienerin verhie, und so kam es denn, da er
bald aufs neue in den alten Fesseln lag, denen er seit nicht lange her sich
entwunden. - Je mehr der Prinz dieser Liebe nachhing, desto auffallender wurde
Franceskos Betragen, den man jetzt beinahe gar nicht mehr am Hofe sah, sondern
der einsam umherschwrmte und oft wochenlang von der Residenz abwesend war.
Dagegen lie sich der wunderliche menschenscheue Maler mehr sehen als sonst und
arbeitete vorzglich gern in dem Atelier, das ihm die Italienerin in ihrem Hause
einrichten lassen. Er malte sie mehrmals mit einem Ausdruck ohnegleichen; der
Frstin schien er abhold, er wollte sie durchaus nicht malen, dagegen vollendete
er das Portrt der Prinzessin, ohne da sie ihm ein einziges Mal gesessen, auf
das hnlichste und herrlichste. Die Italienerin bewies diesem Maler so viel
Aufmerksamkeit, und er dagegen begegnete ihr mit solcher vertraulicher
Galanterie, da der Prinz eiferschtig wurde und dem Maler, als er ihn einmal im
Atelier arbeitend antraf und er, fest den Blick auf den Kopf der Italienerin,
den er wieder hingezaubert, gerichtet, sein Eintreten gar nicht zu bemerken
schien, - rund heraussagte, er mge ihm den Gefallen tun und hier nicht mehr
arbeiten, sondern sich ein anderes Atelier suchen. Der Maler schnickte gelassen
den Pinsel aus und nahm schweigend das Bild von der Staffelei. Im hchsten
Unmute ri es der Prinz ihm aus der Hand mit der uerung, es sei so herrlich
getroffen, da er es besitzen msse. Der Maler, immer ruhig und gelassen
bleibend, bat, nur zu erlauben, da er das Bild mit ein paar Zgen vollende. Der
Prinz stellte das Bild wieder auf die Staffelei, nach ein paar Minuten gab der
Maler es ihm zurck und lachte hell auf, als der Prinz ber das grlich
verzerrte Gesicht erschrak, zu dem das Portrt geworden. Nun ging der Maler
langsam aus dem Saal, aber nah an der Tre kehrte er um, sah den Prinzen an mit
ernstem durchdringendem Blick und sprach dumpf und feierlich: Nun bist du
verloren! -
    Dies geschah, als die Italienerin schon fr des Prinzen Braut erklrt war
und in wenigen Tagen die feierliche Vermhlung vor sich gehen sollte. Des Malers
Betragen achtete der Prinz um so weniger, als er in dem allgemeinen Ruf stand,
zuweilen von einiger Tollheit heimgesucht zu werden. Er sa, wie man erzhlte,
nun wieder in seinem kleinen Zimmer und starrte tagelang eine groe aufgespannte
Leinwand an, indem er versicherte, wie er eben jetzt an ganz herrlichen Gemlden
arbeite; so verga er den Hof und wurde von diesem wieder vergessen.
    Die Vermhlung des Prinzen mit der Italienerin ging in dem Palast des
Frsten auf das feierlichste vor sich; die Frstin hatte sich in ihr Geschick
gefgt und einer zwecklosen, nie zu befriedigenden Neigung entsagt; die
Prinzessin war wie verklrt, denn ihr geliebter Francesko war wieder erschienen,
blhender, lebensfroher als je. Der Prinz sollte mit seiner Gemahlin den Flgel
des Schlosses beziehen, den der Frst erst zu dem Behuf einrichten lassen. Bei
diesem Bau war er recht in seinem Wirkungskreise, man sah ihn nicht anders, als
von Architekten, Malern, Tapezierern umgeben, in groen Bchern bltternd und
Plane, Risse, Skizzen vor sich ausbreitend, die er zum Teil selbst gemacht und
die mitunter schlecht genug geraten waren. Weder der Prinz noch seine Braut
durften frher etwas von der inneren Einrichtung sehen, bis am spten Abend des
Vermhlungstages, an dem sie von dem Frsten in einem langen feierlichen Zuge
durch die in der Tat mit geschmackvoller Pracht dekorierten Zimmer geleitet
wurden, und ein Ball in einem herrlichen Saal, der einem blhenden Garten glich,
das Fest beschlo. In der Nacht entstand in dem Flgel des Prinzen ein dumpfer
Lrm, aber lauter und lauter wurde das Getse, bis es den Frsten selbst
aufweckte. Unglckahnend sprang er auf, eilte, von der Wache begleitet, nach dem
entfernten Flgel und trat in den breiten Korridor, als eben der Prinz gebracht
wurde, den man vor der Tre des Brautgemachs, durch einen Messerstich in den
Hals ermordet, gefunden. Man kann sich das Entsetzen des Frsten, der Prinzessin
Verzweiflung, die tiefe, herzzerreiende Trauer der Frstin denken. - Als der
Frst ruhiger worden, fing er an, der Mglichkeit, wie der Mord geschehen, wie
der Mrder durch die berall mit Wachen besetzten Korridore habe entfliehen
knnen, nachzusphen; alle Schlupfwinkel wurden durchsucht, aber vergebens. Der
Page, der den Prinzen bedient, erzhlte, wie er seinen Herrn, der, von banger
Ahnung ergriffen, sehr unruhig gewesen und lange in seinem Kabinett auf und ab
gangen sei, endlich entkleidet und mit dem Armleuchter in der Hand bis an das
Vorzimmer des Brautgemachs geleuchtet habe. Der Prinz htte ihm den Leuchter aus
der Hand genommen und ihn zurckgeschickt; kaum sei er aber aus dem Zimmer
gewesen, als er einen dumpfen Schrei, einen Schlag und das Klirren des fallenden
Armleuchters gehrt. Gleich sei er zurckgerannt und habe bei dem Schein eines
Lichts, das noch auf der Erde fortgebrannt, den Prinzen vor der Tre des
Brautgemachs und neben ihm ein kleines blutiges Messer liegen gesehen, nun aber
gleich Lrm gemacht. - Nach der Erzhlung der Gemahlin des unglcklichen Prinzen
war er, gleich nachdem sie die Kammerfrauen entfernt, hastig ohne Licht in das
Zimmer getreten, hatte alle Lichter schnell ausgelscht, war wohl eine halbe
Stunde bei ihr geblieben und hatte sich dann wieder entfernt; erst einige
Minuten darauf geschah der Mord. - Als man sich in Vermutungen, wer der Mrder
sein knne, erschpfte, als es durchaus kein einziges Mittel mehr gab, dem Tter
auf die Spur zu kommen, da trat eine Kammerfrau der Prinzessin auf, die in einem
Nebenzimmer, dessen Tre geffnet war, jenen verfnglichen Auftritt des Prinzen
mit dem Maler bemerkt hatte; den erzhlte sie nun mit allen Umstnden. Niemand
zweifelte, da der Maler sich auf unbegreifliche Weise in den Palast zu
schleichen gewut und den Prinzen ermordet habe. Der Maler sollte im Augenblick
verhaftet werden, schon seit zwei Tagen war er aber aus dem Hause verschwunden,
niemand wute wohin, und alle Nachforschungen blieben vergebens. Der Hof war in
die tiefste Trauer versenkt, die die ganze Residenz mit ihm teilte, und es war
nur Francesko, der, wieder unausgesetzt bei Hofe erscheinend, in dem kleinen
Familienzirkel manchen Sonnenblick aus den trben Wolken hervorzuzaubern wute.
    Die Prinzessin fhlte sich schwanger, und da es klar zu sein schien, da der
Mrder des Gemahls die hnliche Gestalt zum verruchten Betruge gemibraucht,
begab sie sich auf ein entferntes Schlo des Frsten, damit die Niederkunft
verschwiegen bliebe, und so die Frucht eines hllischen Frevels wenigstens nicht
vor der Welt, der der Leichtsinn der Diener die Ereignisse der Brautnacht
verraten, den unglcklichen Gemahl schnde. -
    Franceskos Verhltnis mit der Schwester der Frstin wurde in dieser
Trauerzeit immer fester und inniger, und ebensosehr verstrkte sich die
Freundschaft des frstlichen Paars fr ihn. Der Frst war lngst in Franceskos
Geheimnis eingeweiht, er konnte bald nicht lnger dem Andringen der Frstin und
der Prinzessin widerstehen und willigte in Franceskos heimliche Vermhlung mit
der Prinzessin. Francesko sollte sich im Dienst eines fremden Hofes zu einem
hohen militrischen Grad aufschwingen und dann die ffentliche Kundmachung
seiner Ehe mit der Prinzessin erfolgen. An jenem Hofe war das damals, bei den
Verbindungen des Frsten mit ihm, mglich.
    Der Tag der Verbindung erschien, der Frst mit seiner Gemahlin sowie zwei
vertraute Mnner des Hofes (mein Vorgnger war einer von ihnen) waren die
einzigen, die der Trauung in der kleinen Kapelle im frstlichen Palast beiwohnen
sollten. Ein einziger Page, in das Geheimnis eingeweiht, bewachte die Tre.
    Das Paar stand vor dem Altar, der Beichtiger des Frsten, ein alter
ehrwrdiger Priester, begann das Formular, nachdem er ein stilles Amt gehalten.
- Da erblate Francesko, und mit stieren, auf den Eckpfeiler beim Hochaltar
gerichteten Augen rief er mit dumpfer Stimme: Was willst du von mir? - An den
Eckpfeiler gelehnt, stand der Maler, in fremder seltsamer Tracht, den violetten
Mantel um die Schulter geschlagen, und durchbohrte Francesko mit dem
gespenstischen Blick seiner hohlen schwarzen Augen. Die Prinzessin war der
Ohnmacht nahe, alles erbebte, vom Entsetzen ergriffen, nur der Priester blieb
ruhig und sprach zu Francesko: Warum erschreckt dich die Gestalt dieses Mannes,
wenn dein Gewissen rein ist? Da raffte sich Francesko auf, der noch gekniet, und
strzte mit einem kleinen Messer in der Hand auf den Maler, aber noch ehe er ihn
erreicht, sank er mit einem dumpfen Geheul ohnmchtig nieder, und der Maler
verschwand hinter dem Pfeiler. Da erwachten alle wie aus einer Betubung, man
eilte Francesko zu Hilfe, er lag totenhnlich da. Um alles Aufsehen zu
vermeiden, wurde er von den beiden vertrauten Mnnern in die Zimmer des Frsten
getragen. Als er aus der Ohnmacht erwachte, verlangte er heftig, da man ihn
entlasse in seine Wohnung, ohne eine einzige Frage des Frsten ber den
geheimnisvollen Vorgang in der Kirche zu beantworten. Den andern Morgen war
Francesko aus der Residenz mit den Kostbarkeiten, die ihm die Gunst des Prinzen
und des Frsten zugewendet, entflohen. Der Frst unterlie nichts, um dem
Geheimnisse, dem gespenstischen Erscheinen des Malers auf die Spur zu kommen.
Die Kapelle hatte nur zwei Eingnge, von denen einer aus den inneren Zimmern des
Palastes nach den Logen neben dem Hochaltar, der andere hingegen aus dem breiten
Hauptkorridor in das Schiff der Kapelle fhrte. Diesen Eingang hatte der Page
bewacht, damit kein Neugieriger sich nahe, der andere war verschlossen,
unbegreiflich blieb es daher, wie der Maler in der Kapelle erscheinen und wieder
verschwinden knnen. - Das Messer, welches Francesko gegen den Maler gezckt,
behielt er, ohnmchtig werdend, wie im Starrkrampf in der Hand, und der Page
(derselbe, der an dem unglcklichen Vermhlungsabende den Prinzen entkleidete
und der nun die Tre der Kapelle bewachte) behauptete, es sei dasselbe gewesen,
was damals neben dem Prinzen gelegen, da es seiner silbernen blinkenden Schale
wegen sehr ins Auge falle. - Nicht lange nach diesen geheimnisvollen
Begebenheiten kamen Nachrichten von der Prinzessin; an eben dem Tage, da
Franceskos Vermhlung vor sich gehen sollte, hatte sie einen Sohn geboren und
war bald nach der Entbindung gestorben. - Der Frst betrauerte ihren Verlust,
wiewohl das Geheimnis der Brautnacht schwer auf ihr lag und in gewisser Art
einen vielleicht ungerechten Verdacht gegen sie selbst erweckte. Der Sohn, die
Frucht einer freveligen verruchten Tat, wurde in entfernten Landen unter dem
Namen des Grafen Viktorin erzogen. Die Prinzessin (ich meine die Schwester der
Frstin), im Innersten zerrissen von den schrecklichen Begebenheiten, die in so
kurzer Zeit auf sie eindrangen, whlte das Kloster. Sie ist, wie es Ihnen
bekannt sein wird, btissin des Zisterzienser-Klosters in ***. - Ganz wunderbar
und geheimnisvoll sich beziehend auf jene Begebenheiten an unserm Hofe, ist nun
aber ein Ereignis, das sich unlngst auf dem Schlosse des Barons F. zutrug und
diese Familie so wie damals unsern Hof auseinander warf. - Die btissin hatte
nmlich, gerhrt von dem Elende einer armen Frau, die mit einem kleinen Kinde
auf der Pilgerfahrt von der heiligen Linde ins Kloster einkehrte, ihren-
    Hier unterbrach ein Besuch die Erzhlung des Leibarztes, und es gelang mir,
den Sturm, der in mir wogte, zu verbergen. Klar stand es vor meiner Seele,
Francesko war mein Vater, er hatte den Prinzen mit demselben Messer ermordet,
mit dem ich Hermogen ttete! - Ich beschlo, in einigen Tagen nach Italien
abzureisen und so endlich aus dem Kreise zu treten, in den mich die bse
feindliche Macht gebannt hatte. Denselben Abend erschien ich im Zirkel des
Hofes; man erzhlte viel von einem herrlichen bildschnen Frulein, die als
Hofdame in der Umgebung der Frstin heute zum erstenmal erscheinen werde, da sie
erst gestern angekommen.
    Die Flgeltren ffneten sich, die Frstin trat herein, mit ihr die Fremde.
- Ich erkannte Aurelien.


                                  Zweiter Teil

                                Erster Abschnitt

                                 Der Wendepunkt

In wessen Leben ging nicht einmal das wunderbare, in tiefster Brust bewahrte
Geheimnis der Liebe auf! - Wer du auch sein magst, der du knftig diese Bltter
liesest, rufe dir jene hchste Sonnenzeit zurck, schaue noch einmal das holde
Frauenbild, das, der Geist der Liebe selbst, dir entgegentrat. Da glaubtest du
ja nur in ihr dich, dein hheres Sein zu erkennen. Weit du noch, wie die
rauschenden Quellen, die flsternden Bsche, wie der kosende Abendwind von ihr,
von deiner Liebe so vernehmlich zu dir sprachen? Siehst du es noch, wie die
Blumen dich mit hellen freundlichen Augen anblickten, Gru und Ku von ihr
bringend? - Und sie kam, sie wollte dein sein ganz und gar. Du umfingst sie voll
glhenden Verlangens und wolltest, losgelset von der Erde, auflodern in
inbrnstiger Sehnsucht! - Aber das Mysterium blieb unerfllt, eine finstre Macht
zog stark und gewaltig dich zur Erde nieder, als du dich aufschwingen wolltest
mit ihr zu dem fernen Jenseits, das dir verheien. Noch ehe du zu hoffen
wagtest, hattest du sie verloren, alle Stimmen, alle Tne waren verklungen, und
nur die hoffnungslose Klage des Einsamen chzte grauenvoll durch die dstre
Einde. - Du, Fremder! Unbekannter! Hat dich je solch namenloser Schmerz
zermalmt, so stimme ein in den trostlosen Jammer des ergrauten Mnchs, der in
finstrer Zelle der Sonnenzeit seiner Liebe gedenkend, das harte Lager mit
blutigen Trnen netzt, dessen bange Todesseufzer in stiller Nacht durch die
dstren Klostergnge hallen. Aber auch du, du mir im Innern Verwandter, auch du
glaubst es, da der Liebe hchste Seligkeit, die Erfllung des Geheimnisses, im
Tode aufgeht. - So verknden es uns die dunklen weissagenden Stimmen, die aus
jener, keinem irdischen Mastab melichen Urzeit zu uns herbertnen, und wie in
den Mysterien, die die Suglinge der Natur feierten, ist uns ja auch der Tod das
Weihfest der Liebe! - -
    Ein Blitz fuhr durch mein Innres, mein Atem stockte, die Pulse schlugen,
krampfhaft zuckte das Herz, zerspringen wollte die Brust! - Hin zu ihr - hin zu
ihr - sie an mich reien in toller Liebeswut! - Was widerstrebst du, Unselige,
der Macht, die dich unauflslich an mich gekettet? Bist du nicht mein! - mein
immerdar? Doch besser wie damals, als ich Aurelien zum erstenmal im Schlosse
des Barons erblickte, hemmte ich den Ausbruch meiner wahnsinnigen Leidenschaft.
berdem waren aller Augen auf Aurelien gerichtet, und so gelang es mir, im
Kreise gleichgltiger Menschen mich zu drehen und zu wenden, ohne da irgend
einer mich sonderlich bemerkt oder gar angeredet htte, welches mir unertrglich
gewesen sein wrde, da ich nur sie sehen - hren - denken wollte. - -
    Man sage nicht, da das einfache Hauskleid das wahrhaft schne Mdchen am
besten ziere, der Putz der Weiber bt einen geheimnisvollen Zauber, dem wir
nicht leicht widerstehen knnen. In ihrer tiefsten Natur mag es liegen, da im
Putz recht aus ihrem Innern heraus sich alles schimmernder und schner
entfaltet, wie Blumen nur dann vollendet sich darstellen, wenn sie in ppiger
Flle in bunten glnzenden Farben aufgebrochen. - Als du die Geliebte zum
erstenmal geschmckt sahst, frstelte da nicht ein unerklrlich Gefhl dir durch
Nerv und Adern? - Sie kam dir so fremd vor, aber selbst das gab ihr einen
unnennbaren Reiz. Wie durchbebten dich Wonne und namenlose Lsternheit, wenn du
verstohlen ihre Hand drcken konntest! - Aurelien hatte ich nie anders als im
einfachen Hauskleide gesehen, heute erschien sie, der Hofsitte gem, in vollem
Schmuck. - Wie schn sie war! Wie fhlte ich mich bei ihrem Anblick von
unnennbarem Entzcken, von ser Wollust durchschauert! - Aber da wurde der
Geist des Bsen mchtig in mir und erhob seine Stimme, der ich williges Ohr
lieh. Siehst du es nun wohl, Medardus, so flsterte es mir zu, siehst du es
nun wohl, wie du dem Geschick gebietest, wie der Zufall, dir untergeordnet, nur
die Faden geschickt verschlingt, die du selbst gesponnen? - Es gab in dem
Zirkel des Hofes Frauen, die fr vollendet schn geachtet werden konnten, aber
vor Aureliens das Gemt tief ergreifendem Liebreiz verblate alles wie in
unscheinbarer Farbe. Eine eigne Begeisterung regte die Trgsten auf, selbst den
lteren Mnnern ri der Faden gewhnlicher Hofkonversation, wo es nur auf Wrter
ankommt, denen von auen her einiger Sinn anfliegt, jhlings ab, und es war
lustig, wie jeder mit sichtlicher Qual darnach rang, in Wort und Miene recht
sonntagsmig vor der Fremden zu erscheinen. Aurelie nahm diese Huldigungen mit
niedergeschlagenen Augen, in holder Anmut hoch errtend, auf; aber als nun der
Frst die lteren Mnner um sich sammelte und mancher bildschne Jngling sich
schchtern mit freundlichen Worten Aurelien nahte, wurde sie sichtlich heitrer
und unbefangener. Vorzglich gelang es einem Major von der Leibgarde, ihre
Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, so da sie bald in lebhaftem Gesprch
begriffen schienen. Ich kannte den Major als entschiedenen Liebling der Weiber.
Er wute mit geringem Aufwande harmlos scheinender Mittel Sinn und Geist
aufzuregen und zu umstricken. Mit feinem Ohr auch den leisesten Anklang
erlauschend, lie er schnell wie ein geschickter Spieler alle verwandte Akkorde
nach Willkr vibrieren, so da die Getuschte in den fremden Tnen nur ihre
eigne innere Musik zu hren glaubte. - Ich stand nicht fern von Aurelien, sie
schien mich nicht zu bemerken - ich wollte hin zu ihr, aber wie mit eisernen
Banden gefesselt, vermochte ich nicht, mich von der Stelle zu rhren. - Noch
einmal den Major scharf anblickend, war es mir pltzlich, als stehe Viktorin bei
Aurelien. Da lachte ich auf im grimmigen Hohn: Hei! - Hei! Du Verruchter, hast
du dich im Teufelsgrunde so weich gebettet, da du in toller Brunst trachten
magst nach der Buhlin des Mnchs? -
    Ich wei nicht, ob ich diese Worte wirklich sprach, aber ich hrte mich
selbst lachen und fuhr auf wie aus tiefem Traum, als der alte Hofmarschall,
sanft meine Hand fassend, frug: Worber erfreuen Sie sich so, lieber Herr
Leonard? - Eiskalt durchbebte es mich!
    Waren das nicht die Worte des frommen Bruders Cyrill, der mich ebenso frug,
als er bei der Einkleidung mein freveliges Lcheln bemerkte? - Kaum vermochte
ich, etwas Unzusammenhngendes herzustammeln. Ich fhlte es, da Aurelie nicht
mehr in meiner Nhe war, doch wagte ich es nicht, aufzublicken, ich rannte fort
durch die erleuchteten Sle. Wohl mag mein ganzes Wesen gar unheimlich
erschienen sein; denn ich bemerkte, wie mir alles scheu auswich, als ich die
breite Haupttreppe mehr herabsprang als herabstieg.
    
    Ich mied den Hof, denn Aurelien ohne Gefahr, mein tiefstes Geheimnis zu
verraten, wiederzusehen, schien mir unmglich. Einsam lief ich durch Flur und
Wald, nur sie denkend, nur sie schauend. Fester und fester wurde meine
berzeugung, da ein dunkles Verhngnis ihr Geschick in das meinige verschlungen
habe und da das, was mir manchmal als sndhafter Frevel erschienen, nur die
Erfllung eines ewigen unabnderlichen Ratschlusses sei. So mich ermutigend,
lachte ich der Gefahr, die mir dann drohen knnte, wenn Aurelie in mir Hermogens
Mrder erkennen sollte. Dies dnkte mir jedoch berdem hchst unwahrscheinlich.
- Wie erbrmlich erschienen mir nun jene Jnglinge, die in eitlem Wahn sich um
die bemhten, die so ganz und gar mein eigen worden, da ihr leisester
Lebenshauch nur durch das Sein in mir bedingt schien. - Was sind mir diese
Grafen, diese Freiherren, diese Kammerherren, diese Offiziere in ihren bunten
Rcken - in ihrem blinkenden Golde, ihren schimmernden Orden anders als
ohnmchtige, geschmckte Insektlein, die ich, wird mir das Volk lstig, mit
krftiger Faust zermalme. - In der Kutte will ich unter sie treten, Aurelien
brutlich geschmckt in meinen Armen, und diese stolze feindliche Frstin soll
selbst das Hochzeitslager bereiten dem siegenden Mnch, den sie verachtet. - In
solchen Gedanken arbeitend, rief ich oft laut Aureliens Namen und lachte und
heulte wie ein Wahnsinniger. Aber bald legte sich der Sturm. Ich wurde ruhiger
und fhig, darber Entschlsse zu fassen, wie ich nun mich Aurelien nhern
wollte. - Eben schlich ich eines Tages durch den Park, nachsinnend, ob es ratsam
sei, die Abendgesellschaft zu besuchen, die der Frst ansagen lassen, als man
von hinten her auf meine Schulter klopfte. Ich wandte mich um, der Leibarzt
stand vor mir. Erlauben Sie mir Ihren werten Puls! fing er sogleich an und
griff, starr mir ins Auge blickend, nach meinem Arm. Was bedeutet das? frug
ich erstaunt. Nicht viel, fuhr er fort, es soll hier still und heimlich
einige Tollheit umherschleichen, die die Menschen recht banditenmig berfllt
und ihnen eins versetzt, da sie leicht aufkreischen mssen, klingt das auch
zuweilen nur wie ein unsinnig Lachen. Indessen kann alles auch nur ein Phantasma
oder jener tolle Teufel nur ein gelindes Fieber mit steigender Hitze sein, darum
erlauben Sie Ihren werten Puls, Liebster! - Ich versichre Sie, mein Herr, da
ich von dem allen kein Wort verstehe! So fiel ich ein, aber der Leibarzt hatte
meinen Arm gefat und zhlte den Puls mit zum Himmel gerichtetem Blick - eins -
zwei, drei. - Mir war sein wunderliches Betragen rtselhaft, ich drang in ihn,
mir doch nur zu sagen, was er eigentlich wolle. Sie wissen also nicht, werter
Herr Leonard, da Sie neulich den ganzen Hof in Schrecken und Bestrzung gesetzt
haben? - Die Oberhofmeisterin leidet bis dato an Krmpfen, und der
Konsistorial-Prsident versumt die wichtigsten Sessionen, weil es Ihnen beliebt
hat, ber seine podagrischen Fe wegzurennen, so da er, im Lehnstuhl sitzend,
noch ber mannigfache Stiche betrchtlich brllt! - Das geschah nmlich, als
Sie, wie von einiger Tollheit heimgesucht, aus dem Saale strzten, nachdem sie
ohne merkliche Ursache so aufgelacht hatten, da allen ein Grausen ankam und
sich die Haare strubten! - In dem Augenblick dachte ich an den Hofmarschall
und meinte, da ich mich nun wohl erinnere, in Gedanken laut aufgelacht zu
haben, um so weniger knne das aber von solch wunderlicher Wirkung gewesen sein,
als der Hofmarschall mich ja ganz sanft gefragt htte, worber ich mich so
erfreue. Ei, Ei! - fuhr der Leibarzt fort, das will nichts bedeuten, der
Hofmarschall ist solch ein homo impavidus, der sich aus dem Teufel selbst nichts
macht. Er blieb in seiner ruhigen Dolcezza, obgleich erwhnter
Konsistorial-Prsident wirklich meinte, der Teufel habe aus Ihnen, mein Teurer,
auf seine Weise gelchelt, und unsere schne Aurelie von solchem Grausen und
Entsetzen ergriffen wurde, da alle Bemhungen der Herrschaft, sie zu beruhigen,
vergebens blieben und sie bald die Gesellschaft verlassen mute, zur
Verzweiflung smtlicher Herren, denen sichtlich das Liebesfeuer aus den
exaltierten Toupets dampfte! In dem Augenblick, als Sie, werter Herr Leonard, so
lieblich lachten, soll Aurelie mit schneidendem, in das Herz dringenden Ton:
Hermogen! gerufen haben. Ei, Ei! was mag das bedeuten? - Das knnten Sie
vielleicht wissen - Sie sind berhaupt ein lieber, lustiger, kluger Mann, Herr
Leonard, und es ist mir nicht unlieb, da ich Ihnen Franceskos merkwrdige
Geschichte anvertraut habe, das mu recht lehrreich fr Sie werden! - Immerfort
hielt der Leibarzt meinen Arm fest und sah mir starr in die Augen. - Ich wei,
sagte ich, mich ziemlich unsanft losmachend, ich wei Ihre wunderliche Reden
nicht zu deuten, mein Herr, aber ich mu gestehen, da, als ich Aurelien von den
geschmckten Herren umlagert sah, denen, wie Sie witzig bemerken, das
Liebesfeuer aus den exaltierten Toupets dampfte, mir eine sehr bittre Erinnerung
aus meinem frheren Leben durch die Seele fuhr und da ich, von recht grimmigem
Hohn ber mancher Menschen tricht Treiben ergriffen, unwillkrlich hell
auflachen mute. Es tut mir leid, da ich, ohne es zu wollen, so viel Unheil
angerichtet habe, und ich be dafr, indem ich mich selbst auf einige Zeit vom
Hofe verbanne. Mag mir die Frstin, mag mir Aurelie verzeihen. Ei, mein lieber
Herr Leonard, versetzte der Leibarzt, man hat ja wohl wunderliche
Anwandlungen, denen man leicht widersteht, wenn man sonst nur reinen Herzens
ist. - Wer darf sich dessen rhmen hienieden? frug ich dumpf in mich hinein.
Der Leibarzt nderte pltzlich Blick und Ton. Sie scheinen mir, sprach er
milde und ernst, Sie scheinen mir aber doch wirklich krank. - Sie sehen bla
und verstrt aus - Ihr Auge ist eingefallen und brennt seltsam in rtlicher
Glut... Ihr Puls geht fieberhaft... Ihre Sprache klingt dumpf... soll ich Ihnen
etwas aufschreiben? - Gift! sprach ich kaum vernehmbar. - Ho ho! rief der
Leibarzt, steht es so mit Ihnen? Nun, nun, statt des Gifts das niederschlagende
Mittel zerstreuender Gesellschaft. - Es kann aber auch sein, da... Wunderlich
ist es aber doch... vielleicht - Ich bitte Sie, mein Herr! rief ich ganz
erzrnt, ich bitte Sie, mich nicht mit abgebrochenen unverstndlichen Reden zu
qulen, sondern lieber geradezu alles... - Halt! unterbrach mich der
Leibarzt, halt... es gibt die wunderlichsten Tuschungen, mein Herr Leonard,
beinahe ist's mir gewi, da man auf augenblicklichen Eindruck eine Hypothese
gebaut hat, die vielleicht in wenigen Minuten in nichts zerfllt. Dort kommt die
Frstin mit Aurelien, ntzen Sie dieses zufllige Zusammentreffen, entschuldigen
Sie Ihr Betragen... Eigentlich... mein Gott! eigentlich haben Sie ja auch nur
gelacht... freilich auf etwas wunderliche Weise, wer kann aber dafr, da
schwachnervige Personen darber erschrecken? Adieu! -
    Der Leibarzt sprang mit der ihm eignen Behendigkeit davon. Die Frstin kam
mit Aurelien den Gang herab. Ich erbebte. - Mit aller Gewalt raffte ich mich
zusammen. Ich fhlte nach des Leibarztes geheimnisvollen Reden, da es nun galt,
mich auf der Stelle zu behaupten. Keck trat ich den Kommenden entgegen. Als
Aurelie mich ins Auge fate, sank sie mit einem dumpfen Schrei wie tot zusammen,
ich wollte hinzu, mit Abscheu und Entsetzen winkte mich die Frstin fort, laut
um Hilfe rufend. Wie von Furien und Teufeln gepeitscht, rannte ich fort durch
den Park. Ich schlo mich in meine Wohnung ein und warf mich, vor Wut und
Verzweiflung knirschend, aufs Lager! - Der Abend kam, die Nacht brach ein, da
hrte ich die Haustre aufschlieen, mehrere Stimmen murmelten und flsterten
durcheinander, es wankte und tappte die Treppe herauf - endlich pochte man an
meine Tre und befahl mir im Namen der Obrigkeit, aufzumachen. Ohne deutliches
Bewutsein, was mir drohen knne, glaubte ich zu fhlen, da ich nun verloren
sei. Rettung durch Flucht - so dachte ich und ri das Fenster auf. - Ich
erblickte Bewaffnete vor dem Hause, von denen mich einer sogleich bemerkte.
Wohin? rief er mir zu, und in dem Augenblick wurde die Tre meines
Schlafzimmers gesprengt. Mehrere Mnner traten herein; bei dem Leuchten der
Laterne, die einer von ihnen trug, erkannte ich sie fr Polizeisoldaten. Man
zeigte mir die Ordre des Kriminalgerichts, mich zu verhaften, vor; jeder
Widerstand wre tricht gewesen. Man warf mich in den Wagen, der vor dem Hause
hielt, und als ich, an den Ort, der meine Bestimmung schien, angekommen, frug,
wo ich mich befnde, so erhielt ich zur Antwort: In den Gefngnissen der obern
Burg. Ich wute, da man hier gefhrliche Verbrecher whrend des Prozesses
einsperre. Nicht lange dauerte es, so wurde mein Bette gebracht, und der
Gefangenwrter frug mich, ob ich noch etwas zu meiner Bequemlichkeit wnsche.
Ich verneinte das und blieb endlich allein. Die lange nachhallenden Tritte und
das Auf- und Zuschlieen vieler Tren lieen mich wahrnehmen, da ich mich in
einem der innersten Gefngnisse auf der Burg befand. Auf mir selbst
unerklrliche Weise war ich whrend der ziemlich langen Fahrt ruhig geworden, ja
in einer Art Sinnesbetubung erblickte ich alle Bilder, die mir vorbergingen,
nur in blassen, halberloschenen Farben. Ich erlag nicht dem Schlaf, sondern
einer Gedanken und Phantasie lhmenden Ohnmacht. Als ich am hellen Morgen
erwachte, kam mir nur nach und nach die Erinnerung dessen, was geschehen und wo
ich hingebracht worden. Die gewlbte, ganz zellenartige Kammer, wo ich lag,
htte mir kaum ein Gefngnis geschienen, wenn nicht das kleine Fenster stark mit
Eisenstben vergittert und so hoch angebracht gewesen wre, da ich es nicht
einmal mit ausgestreckter Hand erreichen, viel weniger hinausschauen konnte. Nur
wenige Sonnenstrahlen fielen sparsam hinein; mich wandelte die Lust an, die
Umgebungen meines Aufenthaltes zu erforschen, ich rckte daher mein Bette heran
und stellte den Tisch darauf. Eben wollte ich hinaufklettern, als der
Gefangenwrter hereintrat und ber mein Beginnen sehr verwundert schien. Er frug
mich, was ich da mache, ich erwiderte, da ich nur hinausschauen wollen;
schweigend trug er Tisch, Bette und den Stuhl fort und schlo mich sogleich
wieder ein. Nicht eine Stunde hatte es gedauert, als er, von zwei anderen
Mnnern begleitet, wieder erschien und mich durch lange Gnge treppauf, treppab
fhrte, bis ich endlich in einen kleinen Saal eintrat, wo mich der
Kriminalrichter erwartete. Ihm zur Seite sa ein junger Mann, dem er in der
Folge alles, was ich auf die an mich gerichtete Fragen erwidert hatte, laut in
die Feder diktierte. Meinen ehemaligen Verhltnissen bei Hofe und der
allgemeinen Achtung, die ich in der Tat so lange genossen hatte, mochte ich die
hfliche Art danken, mit der man mich behandelte, wiewohl ich auch die
berzeugung darauf baute, da nur Vermutungen, die hauptschlich auf Aureliens
ahnendes Gefhl beruhen konnten, meine Verhaftung veranlat hatten. Der Richter
forderte mich auf, meine bisherigen Lebensverhltnisse genau anzugeben; ich bat
ihn, mir erst die Ursache meiner pltzlichen Verhaftung zu sagen, er erwiderte,
da ich ber das mir schuld gegebene Verbrechen zu seiner Zeit genau genug
vernommen werden solle. Jetzt komme es nur darauf an, meinen ganzen Lebenslauf
bis zur Ankunft in der Residenz auf das genaueste zu wissen, und er msse mich
daran erinnern, da es dem Kriminalgericht nicht an Mitteln fehlen wrde, auch
dem kleinsten von mir angegebenen Umstande nachzuspren, weshalb ich denn ja der
strengsten Wahrheit treu bleiben mge. Diese Ermahnung, die der Richter, ein
kleiner drrer Mann mit fuchsroten Haaren, mit heiserer, lcherlich qukender
Stimme mir hielt, indem er die grauen Augen weit aufri, fiel auf einen
fruchtbaren Boden; denn ich erinnerte mich nun, da ich in meiner Erzhlung den
Faden genau so aufgreifen und fortspinnen msse, wie ich ihn angelegt, als ich
bei Hofe meinen Namen und Geburtsort angab. Auch war es wohl ntig, alles
Auffallende vermeidend, meinen Lebenslauf ins Alltgliche, aber weit Entfernte,
Ungewisse zu spielen, so da die weitern Nachforschungen dadurch auf jeden Fall
weit aussehend und schwierig werden muten. In dem Augenblick kam mir auch ein
junger Pole ins Gedchtnis, mit dem ich auf dem Seminar in B. studierte; ich
beschlo, seine einfachen Lebensumstnde mir anzueignen. So gerstet, begann ich
in folgender Art: Es mag wohl sein, da man mich eines schweren Verbrechens
beschuldigt, ich habe indessen hier unter den Augen des Frsten und der ganzen
Stadt gelebt, und es ist whrend der Zeit meines Aufenthaltes kein Verbrechen
verbt worden, fr dessen Urheber ich gehalten werden oder dessen Teilnehmer ich
sein knnte. Es mu also ein Fremder sein, der mich eines in frherer Zeit
begangenen Verbrechens anklagt, und da ich mich von aller Schuld vllig rein
fhle, so hat vielleicht nur eine unglckliche hnlichkeit die Vermutung meiner
Schuld erregt; um so hrter finde ich es aber, da man mich leerer Vermutungen
und vorgefater Meinungen wegen, dem berfhrten Verbrecher gleich, in ein
strenges Kriminalgefngnis sperrt. Warum stellt man mich nicht meinem
leichtsinnigen, vielleicht boshaften Anklger unter die Augen? ... Gewi ist es
am Ende ein alberner Tor, der... Gemach, gemach, Herr Leonard, qukte der
Richter, menagieren Sie sich, Sie knnten sonst garstig anstoen gegen hohe
Personen, und die fremde Person, die Sie, mein Herr Leonard, oder Herr... (er
bi sich schnell in die Lippen) erkannt hat, ist auch weder leichtsinnig noch
albern, sondern... Nun, und dann haben wir gute Nachrichten aus der... Er
nannte die Gegend, wo die Gter des Barons F. lagen, und alles klrte sich
dadurch mir deutlich auf. Entschieden war es, da Aurelie in mir den Mnch
erkannt hatte, der ihren Bruder ermordete. Dieser Mnch war ja aber Medardus,
der berhmte Kanzelredner aus dem Kapuzinerkloster in B. Als diesen hatte ihn
Reinhold erkannt, und so hatte er sich auch selbst kund getan. Da Francesko der
Vater jenes Medardus war, wute die btissin, und so mute meine hnlichkeit mit
ihm, die der Frstin gleich anfangs so unheimlich worden, die Vermutungen,
welche die Frstin und die btissin vielleicht schon brieflich unter sich
angeregt hatten, beinahe zur Gewiheit erheben. Mglich war es auch, da
Nachrichten selbst aus dem Kapuzinerkloster in B. eingeholt worden; da man
meine Spur genau verfolgt und so die Identitt meiner Person mit dem Mnch
Medardus festgestellt hatte. Alles dieses berdachte ich schnell und sah die
Gefahr meiner Lage. Der Richter schwatzte noch fort, und dies brachte mir
Vorteil, denn es fiel mir auch jetzt der lange vergebens gesuchte Name des
polnischen Stdtchens ein, das ich der alten Dame bei Hofe als meinen Geburtsort
genannt hatte. Kaum endete daher der Richter seinen Sermon mit der barschen
uerung, da ich nun ohne weiteres meinen bisherigen Lebenslauf erzhlen solle,
als ich anfing: Ich heie eigentlich Leonard Krczynski und bin der einzige Sohn
eines Edelmanns, der sein Gtchen verkauft hatte und sich in Kwiecziczewo
aufhielt. - Wie, was? - rief der Richter, indem er sich vergebens bemhte,
meinen sowie den Namen meines angeblichen Geburtsortes nachzusprechen. Der
Protokollfhrer wute gar nicht, wie er die Wrter aufschreiben sollte; ich
mute beide Namen selbst einrcken und fuhr dann fort: Sie bemerken, mein Herr,
wie schwer es der deutschen Zunge wird, meine konsonantenreichen Namen
nachzusprechen, und darin liegt die Ursache, warum ich ihn, sowie ich nach
Deutschland kam, wegwarf und mich blo nach meinem Vornamen, Leonard, nannte.
brigens kann keines Menschen Lebenslauf einfacher sein, als der meinige. Mein
Vater, selbst ziemlich unterrichtet, billigte meinen entschiedenen Hang zu den
Wissenschaften und wollte mich eben nach Krakau zu einem ihm verwandten
Geistlichen, Stanislaw Krczynski schicken, als er starb. Niemand bekmmerte sich
um mich, ich verkaufte die kleine Habe, zog einige Schulden ein und begab mich
wirklich mit dem ganzen mir von meinem Vater hinterlassenen Vermgen nach
Krakau, wo ich einige Jahre unter meines Verwandten Aufsicht studierte. Dann
ging ich nach Danzig und nach Knigsberg. Endlich trieb es mich wie mit
unwiderstehlicher Gewalt, eine Reise nach dem Sden zu machen; ich hoffte, mich
mit dem Rest meines kleinen Vermgens durchzubringen und dann eine Anstellung
bei irgend einer Universitt zu finden, doch wre es mir hier beinahe schlimm
ergangen, wenn nicht ein betrchtlicher Gewinn an der Pharobank des Frsten mich
in den Stand gesetzt htte, hier noch ganz gemchlich zu verweilen und dann, wie
ich es im Sinn hatte, meine Reise nach Italien fortzusetzen. Irgend etwas
Ausgezeichnetes, das wert wre, erzhlt zu werden, hat sich in meinem Leben gar
nicht zugetragen. Doch mu ich wohl noch erwhnen, da es mir leicht gewesen
sein wrde, die Wahrheit meiner Angaben ganz unzweifelhaft nachzuweisen, wenn
nicht ein ganz besonderer Zufall mich um meine Brieftasche gebracht htte, worin
mein Pa, meine Reiseroute und verschiedene andere Skripturen befindlich waren,
die jenem Zweck gedient htten. - Der Richter fuhr sichtlich auf, er sah mich
scharf an und frug mit beinahe spttischem Ton, welcher Zufall mich denn
auerstande gesetzt htte, mich, wie es verlangt werden mte, zu legitimieren.
Vor mehreren Monaten, so erzhlte ich, befand ich mich auf dem Wege hieher im
Gebirge. Die anmutige Jahreszeit sowie die herrliche romantische Gegend
bestimmten mich, den Weg zu Fue zu machen. Ermdet sa ich eines Tages in dem
Wirtshause eines kleinen Drfchens; ich hatte mir Erfrischungen reichen lassen
und ein Blttchen aus meiner Brieftasche genommen, um irgend etwas, das mir
eingefallen, aufzuzeichnen; die Brieftasche lag vor mir auf dem Tische. Bald
darauf kam ein Reiter dahergesprengt, dessen sonderbare Kleidung und
verwildertes Ansehen meine Aufmerksamkeit erregte. Er trat ins Zimmer, forderte
einen Trunk und setzte sich, finster und scheu mich anblickend, mir gegenber an
den Tisch. Der Mann war mir unheimlich, ich trat daher ins Freie hinaus. Bald
darauf kam auch der Reiter, bezahlte den Wirt und sprengte, mich flchtig
grend, davon. Ich stand im Begriff, weiter zu gehen, als ich mich der
Brieftasche erinnerte, die ich in der Stube auf dem Tische liegen lassen; ich
ging hinein und fand sie noch auf dem alten Platz. Erst des andern Tages, als
ich die Brieftasche hervorzog, entdeckte ich, da es nicht die meinige war,
sondern da sie wahrscheinlich dem Fremden gehrte, der gewi aus Irrtum die
meinige eingesteckt hatte. Nur einige mir unverstndliche Notizen und mehrere an
einen Grafen Viktorin gerichtete Briefe befanden sich darin. Diese Brieftasche
nebst dem Inhalt wird man noch unter meinen Sachen finden; in der meinigen hatte
ich, wie gesagt, meinen Pa, meine Reiseroute und, wie mir jetzt eben einfllt,
sogar meinen Taufschein; um das alles bin ich durch jene Verwechslung gekommen.
    Der Richter lie sich den Fremden, dessen ich erwhnt, von Kopf bis zu Fu
beschreiben, und ich ermangelte nicht, die Figur mit aller nur mglichen
Eigentmlichkeit aus der Gestalt des Grafen Viktorin und aus der meinigen auf
der Flucht aus dem Schlosse des Barons F. geschickt zusammenzufgen. Nicht
aufhren konnte der Richter, mich ber die kleinsten Umstnde dieser Begebenheit
auszufragen, und indem ich alles befriedigend beantwortete, rndete sich das
Bild davon so in meinem Innern, da ich selbst daran glaubte und keine Gefahr
lief, mich in Widersprche zu verwickeln. Mit Recht konnte ich es brigens wohl
fr einen glcklichen Gedanken halten, wenn ich, den Besitz jener an den Grafen
Viktorin gerichteten Briefe, die in der Tat sich noch im Portefeuille befanden,
rechtfertigend, zugleich eine fingierte Person einzuflechten suchte, die
knftig, je nachdem die Umstnde darauf hindeuteten, den entflohenen Medardus
oder den Grafen Viktorin vorstellen konnte. Dabei fiel mir ein, da vielleicht
unter Euphemiens Papieren sich Briefe vorfanden, die ber Viktorins Plan, als
Mnch im Schlosse zu erscheinen, Aufschlu gaben, und da dies aufs neue den
eigentlichen Hergang der Sache verdunkeln und verwirren knne. Meine Phantasie
arbeitete fort, indem der Richter mich frug, und es entwickelten sich mir immer
neue Mittel, mich vor jeder Entdeckung zu sichern, so da ich auf das rgste
gefat zu sein glaubte. - Ich erwartete nun, da ber mein Leben im allgemeinen
alles genug errtert schien, da der Richter dem mir angeschuldigten Verbrechen
nher kommen wrde, es war aber dem nicht so; vielmehr frug er, warum ich habe
aus dem Gefngnis entfliehen wollen. - Ich versicherte, da mir dies nicht in
den Sinn gekommen sei. Das Zeugnis des Gefangenwrters, der mich an das Fenster
hinaufkletternd angetroffen, schien aber wider mich zu sprechen. Der Richter
drohte mir, da ich nach einem zweiten Versuch angeschlossen werden solle. Ich
wurde in den Kerker zurckgefhrt. - Man hatte mir das Bette genommen und ein
Strohlager auf dem Boden bereitet, der Tisch war festgeschraubt, statt des
Stuhles fand ich eine sehr niedrige Bank. Es vergingen drei Tage, ohne da man
weiter nach mir frug, ich sah nur das mrrische Gesicht eines alten Knechts, der
mir das Essen brachte und abends die Lampe ansteckte. Da lie die gespannte
Stimmung nach, in der es mir war, als stehe ich im lustigen Kampf auf Leben und
Tod, den ich wie ein wackrer Streiter ausfechten werde. Ich fiel in ein trbes
dstres Hinbrten, alles schien mir gleichgltig, selbst Aureliens Bild war
verschwunden. Doch bald rttelte sich der Geist wieder auf, aber nur um strker
von dem unheimlichen, krankhaften Gefhl befangen zu werden, das die Einsamkeit,
die dumpfe Kerkerluft erzeugt hatte und dem ich nicht zu widerstehen vermochte.
Ich konnte nicht mehr schlafen. In den wunderlichen Reflexen, die der dstre
flackernde Schein der Lampe an Wnde und Decke warf, grinsten mich allerlei
verzerrte Gesichter an; ich lschte die Lampe aus, ich barg mich in die
Strohkissen, aber grlicher tnte dann das dumpfe Sthnen, das Kettengerassel
der Gefangenen durch die grauenvolle Stille der Nacht. Oft war es mir, als hre
ich Euphemiens - Viktorins Todesrcheln. Bin ich denn schuld an euerm
Verderben? Wart ihr es nicht selbst, Verruchte, die ihr euch hingabt meinem
rchenden Arm? - So schrie ich laut auf, aber dann ging ein langer, tief
ausatmender Todesseufzer durch die Gewlbe, und in wilder Verzweiflung heulte
ich: Du bist es, Hermogen! ... Nah ist die Rache! ... Keine Rettung mehr! - In
der neunten Nacht mochte es sein, als ich, halb ohnmchtig von Grauen und
Entsetzen, auf dem kalten Boden des Gefngnisses ausgestreckt lag. Da vernahm
ich deutlich unter mir ein leises, abgemessenes Klopfen. Ich horchte auf, das
Klopfen dauerte fort, und dazwischen lachte es seltsamlich aus dem Boden hervor!
- Ich sprang auf und warf mich auf das Strohlager, aber immerfort klopfte es und
lachte und sthnte dazwischen. - Endlich rief es leise, leise, aber wie mit
hlicher, heiserer, stammelnder Stimme hintereinander fort: Me-dar-dus!
Me-dar-dus! - Ein Eisstrom go sich mir durch die Glieder! Ich ermannte mich
und rief Wer da! Wer ist da? - Lauter lachte es nun und sthnte und chzte und
klopfte und stammelte heiser: Me-dar-dus... Me-dar-dus! - Ich raffte mich auf
vom Lager. Wer du auch bist, der du hier tollen Spuk treibst, stell' dich her
sichtbarlich vor meine Augen, da ich dich schauen mag, oder hre auf mit deinem
wsten Lachen und Klopfen! - So rief ich in die dicke Finsternis hinein, aber
recht unter meinen Fen klopfte es strker und stammelte: Hihihi... hihihi...
Br-der-lein... Br-der-lein... Me-dar-dus... ich bin da... bin da... ma-mach
auf... auf... wir wollen in den Wa-Wald gehn... Wald gehn! - Jetzt tnte die
Stimme dunkel in meinem Innern wie bekannt; ich hatte sie schon sonst gehrt,
doch nicht, wie mich es dnkte, so abgebrochen und so stammelnd. Ja, mit
Entsetzen glaubte ich meinen eignen Sprachton zu vernehmen. Unwillkrlich, als
wollte ich versuchen, ob es dem so sei, stammelte ich nach: Me-dar-dus...
Me-dar-dus! Da lachte es wieder, aber hhnisch und grimmig und rief:
Br-der-lein... Br-der-lein, hast... du, du mi-mich erkannt... erkannt? ...
ma-mach auf wir wo-wollen in den Wa-Wald... in den Wald! - Armer
Wahnsinniger, so sprach es dumpf und schauerlich aus mir heraus, armer
Wahnsinniger, nicht aufmachen kann ich dir, nicht heraus mit dir in den schnen
Wald, in die herrliche freie Frhlingsluft, die drauen wehen mag; eingesperrt
im dumpfen dstern Kerker bin ich wie du! - Da chzte es im trostlosen Jammer,
und immer leiser und unvernehmlicher wurde das Klopfen, bis es endlich ganz
schwieg; der Morgen brach durch das Fenster, die Schlsser rasselten, und der
Kerkermeister, den ich die ganze Zeit ber nicht gesehen, trat herein. Man
hat, fing er an, in dieser Nacht allerlei Lrm in Ihrem Zimmer gehrt und
lautes Sprechen. Wie ist es damit? - Ich habe die Gewohnheit, erwiderte ich
so ruhig, als es mir nur mglich war, laut und stark im Schlafe zu reden, und
fhrte ich auch im Wachen Selbstgesprche, so glaube ich, da mir dies wohl
erlaubt sein wird. - Wahrscheinlich, fuhr der Kerkermeister fort, ist Ihnen
bekannt worden, da jeder Versuch zu entfliehen, jedes Einverstndnis mit den
Mitgefangenen hart geahndet wird. - Ich beteuerte, nichts dergleichen htte ich
vor. - Ein paar Stunden nachher fhrte man mich hinauf zum Kriminalgericht.
Nicht der Richter, der mich zuerst vernommen, sondern ein anderer, ziemlich
junger Mann, dem ich auf den ersten Blick anmerkte, da er dem vorigen an
Gewandtheit und eindringenden Sinn weit berlegen sein msse, trat freundlich
auf mich zu und lud mich zum Sitzen ein. Noch steht er mir gar lebendig vor
Augen. Er war fr seine Jahre ziemlich untersetzt, sein Kopf beinahe haarlos, er
trug eine Brille. In seinem ganzen Wesen lag so viel Gte und Gemtlichkeit, da
ich wohl fhlte, gerade deshalb msse jeder nicht ganz verstockte Verbrecher ihm
schwer widerstehen knnen. Seine Fragen warf er leicht, beinahe im
Konversationston hin, aber sie waren berdacht und so przis gestellt, da nur
bestimmte Antworten erfolgen konnten. Ich mu Sie zuvrderst fragen, so fing
er an, ob alles das, was Sie ber Ihren Lebenslauf angegeben haben, wirklich
gegrndet ist, oder ob bei reiflichem Nachdenken Ihnen nicht dieser oder jener
Umstand einfiel, den Sie noch erwhnen wollen?
    Ich habe alles gesagt, was ich ber mein einfaches Leben zu sagen wute.
    Haben Sie nie mit Geistlichen... mit Mnchen Umgang gepflogen?
    Ja, in Krakau... Danzig... Frauenburg... Knigsberg. Am letztern Orte mit
den Weltgeistlichen, die bei der Kirche als Pfarrer und Kapellan angestellt
waren.
    Sie haben frher nicht erwhnt, da Sie auch in Frauenburg gewesen sind?
    Weil ich es nicht der Mhe wert hielt, eines kurzen, wie mich dnkt,
achttgigen Aufenthalts dort auf der Reise von Danzig nach Knigsberg zu
erwhnen.
    Also in Kwiecziczewo sind Sie geboren?
    Dies frug der Richter pltzlich in polnischer Sprache, und zwar in echt
polnischem Dialekt, jedoch ebenfalls ganz leichthin. Ich wurde in der Tat einen
Augenblick verwirrt, raffte mich jedoch zusammen, besann mich auf das wenige
Polnische, was ich von meinem Freunde Krczynski im Seminar gelernt hatte, und
antwortete:
    Auf dem kleinen Gute meines Vaters bei Kwiecziczewo.
    Wie hie dieses Gut?
    Krcziniewo, das Stammgut meiner Familie.
    Sie sprechen fr einen Nationalpolen das Polnische nicht sonderlich aus.
Aufrichtig gesagt, in ziemlich deutschem Dialekt. Wie kommt das?
    Schon seit vielen Jahren spreche ich nichts als Deutsch. Ja selbst schon in
Krakau hatte ich viel Umgang mit Deutschen, die das Polnische von mir erlernen
wollten; unvermerkt mag ich ihren Dialekt mir angewhnt haben, wie man leicht
provinzielle Aussprache annimmt und die bessere, eigentmliche darber vergit.
    Der Richter blickte mich an, ein leises Lcheln flog ber sein Gesicht, dann
wandte er sich zum Protokollfhrer und diktierte ihm leise etwas. Ich
unterschied deutlich die Worte: Sichtlich in Verlegenheit und wollte mich eben
noch mehr ber mein schlechtes Polnisch auslassen, als der Richter frug:
    Waren Sie niemals in B.?
    Niemals!
    Der Weg von Knigsberg hieher kann Sie ber den Ort gefhrt haben?
    Ich habe eine andere Strae eingeschlagen.
    Haben Sie nie einen Mnch aus dem Kapuzinerkloster in B. kennen gelernt?
    Nein!
    Der Richter klingelte und gab dem hereintretenden Gerichtsdiener leise einen
Befehl. Bald darauf ffnete sich die Tre, und wie durchbebten mich Schreck und
Entsetzen, als ich den Pater Cyrillus eintreten sah. Der Richter frug:
    Kennen Sie diesen Mann?
    Nein! ... ich habe ihn frher niemals gesehen!
    Da heftete Cyrillus den starren Blick auf mich, dann trat er nher; er
schlug die Hnde zusammen und rief laut, indem Trnen ihm aus den Augen
gewaltsam hervorquollen: Medardus, Bruder Medardus ...! um Christus willen, wie
mu ich dich wiederfinden, im Verbrechen teuflisch frevelnd. Bruder Medardus,
gehe in dich, bekenne, bereue... Gottes Langmut ist unendlich! - Der Richter
schien mit Cyrillus' Rede unzufrieden, er unterbrach ihn mit der Frage:
Erkennen Sie diesen Mann fr den Mnch Medardus aus dem Kapuzinerkloster in
B.?
    So wahr mir Christus helfe zur Seligkeit, erwiderte Cyrillus, so kann ich
nicht anders glauben, als da dieser Mann, trgt er auch weltliche Kleidung,
jener Medardus ist, der im Kapuzinerkloster zu B. unter meinen Augen Noviz war
und die Weihe empfing. Doch hat Medardus das rote Zeichen eines Kreuzes an der
linken Seite des Halses, und wenn dieser Mann... Sie bemerken, unterbrach der
Richter den Mnch, sich zu mir wendend, da man Sie fr den Kapuziner Medardus
aus dem Kloster in B. hlt und da man eben diesen Medardus schwerer Verbrechen
halber angeklagt hat. Sind Sie nicht dieser Mnch, so wird es Ihnen leicht
werden, dies darzutun; eben da jener Medardus ein besonderes Abzeichen am Halse
trgt, - welches Sie, sind Ihre Angaben richtig, nicht haben knnen - gibt Ihnen
die beste Gelegenheit dazu. Entblen Sie Ihren Hals. - Es bedarf dessen
nicht, erwiderte ich gefat, ein besonderes Verhngnis scheint mir die
treueste hnlichkeit mit jenem angeklagten, mir gnzlich unbekannten Mnch
Medardus gegeben zu haben, denn selbst ein rotes Kreuzzeichen trage ich an der
linken Seite des Halses. - Es war dem wirklich so, jene Verwundung am Halse,
die mir das diamantne Kreuz der btissin zufgte, hatte eine rote, kreuzfrmige
Narbe hinterlassen, die die Zeit nicht vertilgen konnte. Entblen Sie Ihren
Hals, wiederholte der Richter. - Ich tat es, da schrie Cyrillus laut: Heilige
Mutter Gottes, es ist es, es ist das rote Kreuzzeichen! ... Medardus... Ach,
Bruder Medardus, hast du denn ganz entsagt dem ewigen Heil? - Weinend und halb
ohnmchtig sank er in einen Stuhl. Was erwidern Sie auf die Behauptung dieses
ehrwrdigen Geistlichen? frug der Richter. In dem Augenblick durchfuhr es mich
wie eine Blitzesflamme: alle Verzagtheit, die mich zu bermannen drohte, war von
mir gewichen, ach, es war der Widersacher selbst, der mir zuflsterte: Was
vermgen diese Schwchlinge gegen dich Starken in Sinn und Geist? ... Soll
Aurelie denn nicht dein werden? - Ich fuhr heraus beinahe in wildem, hhnendem
Trotz: Dieser Mnch da, der ohnmchtig im Stuhle liegt, ist ein
schwachsinniger, blder Greis, der in toller Einbildung mich fr irgend einen
verlaufenen Kapuziner seines Klosters hlt, von dem ich vielleicht eine
flchtige hnlichkeit trage. - Der Richter war bis jetzt in ruhiger Fassung
geblieben, ohne Blick und Ton zu ndern; zum erstenmal verzog sich nun sein
Gesicht zum finstern, durchbohrenden Ernst, er stand auf und blickte mir scharf
ins Auge. Ich mu gestehen, selbst das Funkeln seiner Glser hatte fr mich
etwas Unertrgliches, Entsetzliches, ich konnte nicht weiter reden; von innerer
verzweifelnder Wut grimmig erfat, die geballte Faust vor der Stirn, schrie ich
laut auf: Aurelie! - Was soll das, was bedeutet der Name? frug der Richter
heftig. - Ein dunkles Verhngnis opfert mich dem schmachvollen Tode, sagte ich
dumpf, aber ich bin unschuldig, gewi... ich bin ganz unschuldig... entlassen
Sie mich... haben Sie Mitleiden... ich fhle es, da Wahnsinn mir durch Nerv und
Adern zu toben beginnt... entlassen Sie mich! - Der Richter, wieder ganz ruhig
geworden, diktierte dem Protokollfhrer vieles, was ich nicht verstand, endlich
las er mir eine Verhandlung vor, worin alles, was er gefragt und was ich
geantwortet sowie was sich mit Cyrillus zugetragen hatte, verzeichnet war. Ich
mute meinen Namen unterschreiben, dann forderte mich der Richter auf, irgend
etwas polnisch und deutsch aufzuzeichnen, ich tat es. Der Richter nahm das
deutsche Blatt und gab es dem Pater Cyrillus, der sich unterdessen wieder erholt
hatte, mit der Frage in die Hnde: Haben diese Schriftzge hnlichkeit mit der
Hand, die Ihr Klosterbruder Medardus schrieb? - Es ist ganz genau seine Hand,
bis auf die kleinsten Eigentmlichkeiten, erwiderte Cyrillus und wandte sich
wieder zu mir. Er wollte sprechen, ein Blick des Richters wies ihn zur Ruhe. Der
Richter sah das von mir geschriebene polnische Blatt sehr aufmerksam durch, dann
stand er auf, trat dicht vor mir hin und sagte mit sehr ernstem, entscheidendem
Ton: Sie sind kein Pole. Diese Schrift ist durchaus unrichtig, voller
grammatischer und orthographischer Fehler. Kein Nationalpole schreibt so, wre
er auch viel weniger wissenschaftlich ausgebildet, als Sie es sind.
    Ich bin in Krcziniewo geboren, folglich allerdings ein Pole. Selbst aber in
dem Fall, da ich es nicht wre, da geheimnisvolle Umstnde mich zwngen, Stand
und Namen zu verleugnen, so wrde ich deshalb doch nicht der Kapuziner Medardus
sein drfen, der aus dem Kloster in B., wie ich glauben mu, entsprang.
    Ach, Bruder Medardus, fiel Cyrillus ein, schickte dich unser ehrwrdiger
Prior Leonardus nicht im Vertrauen auf deine Treue und Frmmigkeit nach Rom? ...
Bruder Medardus! um Christus willen, verleugne nicht lnger auf gottlose Weise
den heiligen Stand, dem du entronnen.
    Ich bitte Sie, uns nicht zu unterbrechen, sagte der Richter und fuhr dann,
sich zu mir wendend, fort:
    Ich mu Ihnen bemerklich machen, wie die unverdchtige Aussage dieses
ehrwrdigen Herrn die dringendste Vermutung bewirkt, da Sie wirklich der
Medardus sind, fr den man Sie hlt. Nicht verhehlen mag ich auch, da man Ihnen
mehrere Personen entgegenstellen wird, die Sie fr jenen Mnch unzweifelhaft
erkannt haben. Unter diesen Personen befindet sich eine, die Sie, treffen die
Vermutungen ein, schwer frchten mssen. Ja selbst unter Ihren eigenen Sachen
hat sich manches gefunden, was den Verdacht wider Sie untersttzt. Endlich
werden bald die Nachrichten ber Ihre vorgebliche Familienumstnde eingehen, um
die man die Gerichte in Posen ersucht hat... Alles dieses sage ich Ihnen offner,
als es mein Amt gebietet, damit Sie sich berzeugen, wie wenig ich auf irgend
einen Kunstgriff rechne, Sie, haben jene Vermutungen Grund, zum Gestndnis der
Wahrheit zu bringen. Bereiten Sie sich vor, wie Sie wollen; sind Sie wirklich
jener angeklagte Medardus, so glauben Sie, da der Blick des Richters die
tiefste Verhllung bald durchdringen wird; Sie werden dann auch selbst sehr
genau wissen, welcher Verbrechen man Sie anklagt. Sollten Sie dagegen wirklich
der Leonard von Krczynski sein, fr den Sie sich ausgeben, und ein besonderes
Spiel der Natur Sie, selbst rcksichts besonderer Abzeichen, jenem Medardus
hnlich gemacht haben, so werden Sie selbst leicht Mittel finden, dies klar
nachzuweisen. Sie schienen mir erst in einem sehr exaltierten Zustande, schon
deshalb brach ich die Verhandlung ab, indessen wollte ich Ihnen zugleich auch
Raum geben zum reiflichen Nachdenken. Nach dem, was heute geschehen, kann es
Ihnen an Stoff dazu nicht fehlen.
    Sie halten also meine Angaben durchaus fr falsch? ... Sie sehen in mir den
verlaufenen Mnch Medardus? - So frug ich; der Richter sagte mit einer leichten
Verbeugung: Adieu, Herr von Krczynski! und man brachte mich in den Kerker
zurck.
    Die Worte des Richters durchbohrten mein Innres wie glhende Stacheln.
Alles, was ich vorgegeben, kam mir seicht und abgeschmackt vor. Da die Person,
der ich entgegengestellt werden und die ich so schwer zu frchten haben sollte,
Aurelie sein mute, war nur zu klar. Wie sollt' ich das ertragen! Ich dachte
nach, was unter meinen Sachen wohl verdchtig sein knne, da fiel es mir schwer
aufs Herz, da ich noch aus jener Zeit meines Aufenthaltes auf dem Schlosse des
Barons von F. einen Ring mit Euphemiens Namen besa sowie da Viktorins
Felleisen, das ich auf meiner Flucht mit mir genommen, noch mit dem
Kapuzinerstrick zugeschnrt war! - Ich hielt mich fr verloren! - Verzweifelnd
rannte ich den Kerker auf und ab. Da war es, als flsterte, als zischte es mir
in die Ohren: Du Tor, was verzagst du? denkst du nicht an Viktorin? - Laut
rief ich: Ha! nicht verloren, gewonnen ist das Spiel. Es arbeitete und kochte
in meinem Innern! - Schon frher hatte ich daran gedacht, da unter Euphemiens
Papieren sich wohl etwas gefunden haben msse, was auf Viktorins Erscheinen auf
dem Schlosse als Mnch hindeute. Darauf mich sttzend, wollte ich auf irgend
eine Weise ein Zusammentreffen mit Viktorin, ja selbst mit dem Medardus, fr den
man mich hielt, vorgeben; jenes Abenteuer auf dem Schlosse, das so frchterlich
endete, als von Hrensagen erzhlen und mich selbst, meine hnlichkeit mit jenen
beiden, auf unschdliche Weise geschickt hinein verflechten. Der kleinste
Umstand mute reiflich erwogen werden; aufzuschreiben beschlo ich daher den
Roman, der mich retten sollte! - Man bewilligte mir die Schreibmaterialien, die
ich forderte, um schriftlich noch manchen verschwiegenen Umstand meines Lebens
zu errtern. Ich arbeitete mit Anstrengung bis in die Nacht hinein; im Schreiben
erhitzte sich meine Phantasie, alles formte sich wie eine gerndete Dichtung,
und fester und fester spann sich das Gewebe endloser Lgen, womit ich dem
Richter die Wahrheit zu verschleiern hoffte.
    Die Burgglocke hatte zwlfe geschlagen, als sich wieder leise und entfernt
das Pochen vernehmen lie, das mich gestern so verstrt hatte. - Ich wollte
darauf nicht achten, aber immer lauter pochte es in abgemessenen Schlgen, und
dabei fing es wieder an, dazwischen zu lachen und zu chzen. - Stark auf dem
Tisch schlagend, rief ich laut: Still ihr da drunten! und glaubte mich so von
dem Grauen, das mich befing, zu ermutigen; aber da lachte es gellend und
schneidend durch das Gewlbe und stammelte: Br-der-lein, Br-der-lein... zu
dir her-auf... herauf... ma-mach auf... mach auf! - Nun begann es dicht neben
mir im Fuboden zu schaben, zu rasseln und zu kratzen, und immer wieder lachte
es und chzte; strker und immer strker wurde das Gerusch, das Rasseln, das
Kratzen - dazwischen dumpf drhnende Schlge wie das Fallen schwerer Massen. -
Ich war aufgestanden, mit der Lampe in der Hand. Da rhrte es sich unter meinem
Fu, ich schritt weiter und sah, wie an der Stelle, wo ich gestanden, sich ein
Stein des Pflasters losbrckelte. Ich erfate ihn und hob ihn mit leichter Mhe
vollends heraus. Ein dstrer Schein brach durch die ffnung, ein nackter Arm mit
einem blinkenden Messer in der Hand streckte sich mir entgegen. Von tiefem
Entsetzen durchschauert, bebte ich zurck. Da stammelte es von unten herauf:
Br-der-lein! Br-der-lein, Me-dar-dus ist da-da, herauf... nimm, nimm! ...
brich... brich... in den Wa-Wald... in den Wald! - Schnell dachte ich Flucht
und Rettung; alles Grauen berwunden, ergriff ich das Messer, das die Hand mir
willig lie und fing an, den Mrtel zwischen den Steinen des Fubodens emsig
wegzubrechen. Der, der unten war, drckte wacker herauf. Vier, fnf Steine lagen
zur Seite weggeschleudert, da erhob sich pltzlich ein nackter Mensch bis an die
Hften aus der Tiefe empor und starrte mich gespenstisch an mit des Wahnsinns
grinsendem, entsetzlichem Gelchter. Der volle Schein der Lampe fiel auf das
Gesicht - ich erkannte mich selbst - mir vergingen die Sinne. - Ein
empfindlicher Schmerz an den Armen weckte mich aus tiefer Ohnmacht! - Hell war
es um mich her, der Kerkermeister stand mit einer blendenden Leuchte vor mir,
Kettengerassel und Hammerschlge hallten durch das Gewlbe. Man war beschftigt,
mich in Fesseln zu schmieden. Auer den Hand - und Fuschellen wurde ich
mittelst eines Ringes um den Leib und einer daran befestigten Kette an die Mauer
gefesselt. Nun wird es der Herr wohl bleiben lassen, an das Durchbrechen zu
denken, sagte der Kerkermeister. - Was hat denn der Kerl eigentlich getan?
frug ein Schmiedeknecht. Ei, erwiderte der Kerkermeister, weit du denn das
nicht, Jost? ... die ganze Stadt ist ja davon voll. 's ist ein verfluchter
Kapuziner, der drei Menschen ermordet hat. Sie haben's schon ganz heraus. In
wenigen Tagen haben wir groe Gala, da werden die Rder spielen. - Ich hrte
nichts mehr, denn aufs neue entschwanden mir Sinn und Gedanken. Nur mhsam
erholte ich mich aus der Betubung, finster blieb es, endlich brachen einige
matte Streiflichter des Tages herein in das niedrige, kaum sechs Fu hohe
Gewlbe, in das, wie ich jetzt zu meinem Entsetzen wahrnahm, man mich aus meinem
vorigen Kerker gebracht hatte. Mich drstete, ich griff nach dem Wasserkruge,
der neben mir stand, feucht und kalt schlpfte es mir durch die Hand, ich sah
eine aufgedunsene scheuliche Krte schwerfllig davonhpfen. Voll Ekel und
Abscheu lie ich den Krug fahren. Aurelie! sthnte ich auf in dem Gefhl des
namenlosen Elends, das nun ber mich hereingebrochen. Und darum das armselige
Leugnen und Lgen vor Gericht? - alle gleinerischen Knste des teuflischen
Heuchlers? - darum, um ein zerrissenes, qualvolles Leben einige Stunden lnger
zu fristen? Was willst du, Wahnsinniger! Aurelien besitzen, die nur durch ein
unerhrtes Verbrechen dein werden konnte? - Denn immerdar, lgst du auch der
Welt deine Unschuld vor, wrde sie in dir Hermogens verruchten Mrder erkennen
und dich tief verabscheuen. Elender, wahnwitziger Tor, wo sind nun deine
hochfliegenden Plne, der Glaube an deine berirdische Macht, womit du das
Schicksal selbst nach Willkr zu lenken whntest; nicht zu tten vermagst du den
Wurm, der an deinem Herzmark mit tdlichen Bissen nagt, schmachvoll verderben
wirst du in trostlosem Jammer, wenn der Arm der Gerechtigkeit auch deiner
schont. So, laut klagend, warf ich mich auf das Stroh und fhlte in dem
Augenblick einen Druck auf der Brust, der von einem harten Krper in der
Busentasche meiner Weste herzurhren schien. Ich fate hinein und zog ein
kleines Messer hervor. Nie hatte ich, so lange ich im Kerker war, ein Messer bei
mir getragen, es mute daher dasselbe sein, das mir mein gespenstisches Ebenbild
herauf gereicht hatte. Mhsam stand ich auf und hielt das Messer in den strker
hereinbrechenden Lichtstrahl. Ich erblickte das silberne blinkende Heft.
Unerforschliches Verhngnis! es war dasselbe Messer, womit ich Hermogen gettet
und das ich seit einigen Wochen vermit hatte. Aber nun ging pltzlich in meinem
Innern, wunderbar leuchtend, Trost und Rettung von der Schmach auf. Die
unbegreifliche Art, wie ich das Messer erhalten, war mir ein Fingerzeig der
ewigen Macht, wie ich meine Verbrechen ben, wie ich im Tode Aurelien vershnen
solle. Wie ein gttlicher Strahl im reinen Feuer, durchglhte mich nun die Liebe
zu Aurelien, jede sndliche Begierde war von mir gewichen. Es war mir, als she
ich sie selbst, wie damals, als sie am Beichtstuhl in der Kirche des
Kapuzinerklosters erschien. Wohl liebe ich dich, Medardus, aber du verstandest
mich nicht! ... meine Liebe ist der Tod! - so umsuselte und umflsterte mich
Aureliens Stimme, und fest stand mein Entschlu, dem Richter frei die
merkwrdige Geschichte meiner Verirrungen zu gestehen und dann mir den Tod zu
geben.
    Der Kerkermeister trat herein und brachte mir bessere Speisen, als ich sonst
zu erhalten pflegte, sowie eine Flasche Wein. - Vom Frsten so befohlen,
sprach er, indem er den Tisch, den ihm sein Knecht nachtrug, deckte und die
Kette, die mich an die Wand fesselte, losschlo. Ich bat ihn, dem Richter zu
sagen, da ich vernommen zu werden wnsche, weil ich vieles zu erffnen htte,
was mir schwer auf dem Herzen liege. Er versprach, meinen Auftrag auszurichten,
indessen wartete ich vergebens, da man mich zum Verhr abholen solle; niemand
lie sich mehr sehen, bis der Knecht, als es schon ganz finster worden,
hereintrat und die am Gewlbe hngende Lampe anzndete. In meinem Innern war ich
ruhiger als jemals, doch fhlte ich mich sehr erschpft und versank bald in
tiefen Schlaf. Da wurde ich in einen langen, dstern, gewlbten Saal gefhrt, in
dem ich eine Reihe in schwarzen Talaren gekleideter Geistlicher erblickte, die
der Wand entlang auf hohen Sthlen saen. Vor ihnen, an einem mit blutroter
Decke behangenen Tisch sa der Richter und neben ihm ein Dominikaner im
Ordenshabit. Du bist jetzt, sprach der Richter mit feierlich erhabener Stimme,
dem geistlichen Gericht bergeben, da du, verstockter, freveliger Mnch,
vergebens deinen Stand und Namen verleugnet hast. Franziskus, mit dem
Klosternamen Medardus genannt, sprich, welcher Verbrechen bist du beziehen
worden? - Ich wollte alles, was ich je Sndhaftes und Freveliges begangen,
offen eingestehen, aber zu meinem Entsetzen war das, was ich sprach, durchaus
nicht das, was ich dachte und sagen wollte. Statt des ernsten, reuigen
Bekenntnisses verlor ich mich in ungereimte, unzusammenhngende Reden. Da sagte
der Dominikaner, riesengro vor mir dastehend und mit grlich funkelndem Blick
mich durchbohrend: Auf die Folter mit dir, du halsstarriger, verstockter
Mnch! Die seltsamen Gestalten rings umher erhoben sich und streckten ihre
langen Arme nach mir aus und riefen in heiseren grausigem Einklang: Auf die
Folter mit ihm! Ich ri das Messer heraus und stie nach meinem Herzen, aber
der Arm fuhr unwillkrlich herauf; ich traf den Hals, und am Zeichen des Kreuzes
sprang die Klinge wie in Glasscherben, ohne mich zu verwunden. Da ergriffen mich
die Henkersknechte und stieen mich hinab in ein tiefes unterirdisches Gewlbe.
Der Dominikaner und der Richter stiegen mir nach. Noch einmal forderte mich
dieser auf, zu gestehen. Nochmals strengte ich mich an, aber in tollem Zwiespalt
stand Rede und Gedanke. - Reuevoll, zerknirscht von tiefer Schmach, bekannte ich
im Innern alles - abgeschmackt, verwirrt, sinnlos war, was der Mund ausstie.
Auf den Wink des Dominikaners zogen mich die Henkersknechte nackt aus, schnrten
mir beide Arme ber den Rcken zusammen, und hinaufgewunden fhlte ich, wie die
ausgedehnten Gelenke knackend zerbrckeln wollten. In heillosem, wtendem
Schmerz schrie ich laut auf und erwachte. Der Schmerz an den Hnden und Fen
dauerte fort, er rhrte von den schweren Ketten her, die ich trug, doch empfand
ich noch auerdem einen Druck ber den Augen, die ich nicht aufzuschlagen
vermochte. Endlich war es, als wrde pltzlich eine Last mir von der Stirn
genommen, ich richtete mich schnell empor, ein Dominikanermnch stand vor meinem
Strohlager. Mein Traum trat in das Leben, eiskalt rieselte es mir durch die
Adern. Unbeweglich wie eine Bildsule, mit bereinander geschlagenen Armen stand
der Mnch da und starrte mich an mit den hohlen schwarzen Augen. Ich erkannte
den grlichen Maler und fiel halb ohnmchtig auf mein Strohlager zurck. -
Vielleicht war es nur eine Tuschung der durch den Traum aufgeregten Sinne? Ich
ermannte mich, ich richtete mich auf, aber unbeweglich stand der Mnch und
starrte mich an mit den hohlen schwarzen Augen. Da schrie ich in wahnsinniger
Verzweiflung: Entsetzlicher Mensch... hebe dich weg! ... Nein! ... Kein Mensch,
du bist der Widersacher selbst, der mich strzen will in ewige Verderbnis...
hebe dich weg, Verruchter! hebe dich weg! - Armer, kurzsichtiger Tor, ich bin
nicht der, der dich ganz unauflslich zu umstricken strebt mit ehernen Banden! -
der dich abwendig machen will dem heiligen Werk, zu dem dich die ewige Macht
berief. - Medardus! - armer, kurzsichtiger Tor! - schreckbar, grauenvoll bin ich
dir erschienen, wenn du ber dem offenen Grabe ewiger Verdammnis leichtsinnig
gaukeltest. Ich warnte dich, aber du hast mich nicht verstanden! Auf! nhere
dich mir! Der Mnch sprach alles dieses im dumpfen Ton der tiefen,
herzzerschneidendsten Klage; sein Blick, mir sonst so frchterlich, war sanft
und milde worden, Mensch, du bist der Widersacher selbst, der mich weicher die
Form seines Gesichts. Eine unbeschreibliche Wehmut durchbebte mein Innerstes;
wie ein Gesandter der ewigen Macht, mich aufzurichten, mich zu trsten im
endlosen Elend, erschien mir der sonst so schreckliche Maler. - Ich stand auf
vom Lager, ich trat ihm nahe, es war kein Phantom, ich berhrte sein Kleid; ich
kniete unwillkrlich nieder, er legte die Hand auf mein Haupt, wie mich segnend.
Da gingen in lichten Farben herrliche Gebilde in mir auf. - Ach! ich war in dem
heiligen Walde! - ja, es war derselbe Platz, wo in frher Kindheit der
fremdartig gekleidete Pilger mir den wunderbaren Knaben brachte. Ich wollte
fortschreiten, ich wollte hinein in die Kirche, die ich dicht vor mir erblickte.
Dort sollte ich (so war es mir) bend und bereuend Abla erhalten von schwerer
Snde. Aber ich blieb regungslos - mein eignes Ich konnte ich nicht erschauen,
nicht erfassen. Da sprach eine dumpfe, hohle Stimme: Der Gedanke ist die Tat!
- Die Trume verschwebten; es war der Maler, der jene Worte gesprochen.
Unbegreifliches Wesen, warst du es denn selbst? an jenem unglcklichen Morgen
in der Kapuzinerkirche zu B.? in der Reichsstadt, und nun? - Halt ein,
unterbrach mich der Maler, ich war es, der berall dir nahe war, um dich zu
retten von Verderben und Schmach, aber dein Sinn blieb verschlossen! Das Werk,
zu dem du erkoren, mut du vollbringen zu deinem eignen Heil. - Ach, rief ich
voll Verzweiflung, warum hieltst du nicht meinen Arm zurck, als ich in
verruchtem Frevel jenen Jngling... Das war mir nicht vergnnt, fiel der
Maler ein, frage nicht weiter! vermessen ist es, vorgreifen zu wollen dem, was
die ewige Macht beschlossen... Medardus! du gehst deinem Ziel entgegen...
morgen! - Ich erbebte in eiskaltem Schauer, denn ich glaubte den Maler ganz zu
verstehen. Er wute und billigte den beschlossenen Selbstmord. Der Maler wankte
mit leisem Tritt nach der Tr des Kerkers. Wann, wann sehe ich dich wieder? -
Am Ziele! - rief er, sich noch einmal nach mir umwendend, feierlich und stark,
da das Gewlbe drhnte - Also morgen? - Leise drehte sich die Tre in den
Angeln, der Maler war verschwunden. -
    Sowie der helle Tag nur angebrochen, erschien der Kerkermeister mit seinen
Knechten, die mir die Fesseln von den wunden Armen und Fen ablsten. Ich solle
bald zum Verhr hinaufgefhrt werden, hie es. Tief in mich gekehrt, mit dem
Gedanken des nahen Todes vertraut, schritt ich hinauf in den Gerichtssaal; mein
Bekenntnis hatte ich im Innern so geordnet, da ich dem Richter eine kurze, aber
den kleinsten Umstand mit aufgreifende Erzhlung zu machen hoffte. Der Richter
kam mir schnell entgegen, ich mute hchst entstellt aussehen, denn bei meinem
Anblick verzog sich schnell das freudige Lcheln, das erst auf seinem Gesicht
schwebte, zur Miene des tiefsten Mitleids. Er fate meine beiden Hnde und schob
mich sanft in seinen Lehnstuhl. Dann mich starr anschauend, sagte er langsam und
feierlich: Herr von Krczynski! ich habe Ihnen Frohes zu verknden! Sie sind
frei! Die Untersuchung ist auf Befehl des Frsten niedergeschlagen worden. Man
hat Sie mit einer andern Person verwechselt, woran Ihre ganz unglaubliche
hnlichkeit mit dieser Person schuld ist. Klar, ganz klar ist Ihre
Schuldlosigkeit dargetan! ... Sie sind frei! - Es schwirrte und sauste und
drehte sich alles um mich her. - Des Richters Gestalt blinkte, hundertfach
vervielfltigt, durch den dstern Nebel, alles schwand in dicker Finsternis. -
Ich fhlte endlich, da man mir die Stirne mit starkem Wasser rieb, und erholte
mich aus dem ohnmachthnlichen Zustande, in den ich versunken. Der Richter las
mir ein kurzes Protokoll vor, welches sagte, da er mir die Niederschlagung des
Prozesses bekannt gemacht und meine Entlassung aus dem Kerker bewirkt habe. Ich
unterschrieb schweigend, keines Wortes war ich mchtig. Ein unbeschreibliches,
mich im Innersten vernichtendes Gefhl lie keine Freude aufkommen. Sowie mich
der Richter mit recht in das Herz dringender Gutmtigkeit anblickte, war es mir,
als msse ich nun, da man an meine Unschuld glaubte und mich freilassen wollte,
allen verruchten Frevel, den ich begangen, frei gestehen und dann mir das Messer
in das Herz stoen. - Ich wollte reden - der Richter schien meine Entfernung zu
wnschen. Ich ging nach der Tre, da kam er mir nach und sagte leise: Nun habe
ich aufgehrt Richter zu sein; von dem ersten Augenblick, als ich Sie sah,
interessierten Sie mich auf das hchste. So sehr, wie (Sie werden dies selbst
zugeben mssen) der Schein wider Sie war, so wnschte ich doch gleich, da Sie
in der Tat nicht der abscheuliche, verbrecherische Mnch sein mchten, fr den
man Sie hielt. Jetzt darf ich Ihnen zutraulich sagen... Sie sind kein Pole. Sie
sind nicht in Kwiecziczewo geboren. Sie heien nicht Leonard von Krczynski. -
Mit Ruhe und Festigkeit antwortete ich: Nein! - Und auch kein Geistlicher?
frug der Richter weiter, indem er die Augen niederschlug, wahrscheinlich um mir
den Blick des Inquisitors zu ersparen. Es wallte auf in meinem Innern. - So
hren Sie denn, fuhr ich heraus - Still, unterbrach mich der Richter, was
ich gleich anfangs geglaubt und noch glaube, besttigt sich. Ich sehe, da hier
rtselhafte Umstnde walten, und da Sie selbst mit gewissen Personen des Hofes
in ein geheimnisvolles Spiel des Schicksals verflochten sind. Es ist nicht mehr
meines Berufs, tiefer einzudringen, und ich wrde es fr unziemlichen Vorwitz
halten, Ihnen irgend etwas ber Ihre Person, ber Ihre wahrscheinlich ganz eigne
Lebensverhltnisse entlocken zu wollen! - Doch, wie wre es, wenn Sie, sich
losreiend von allem Ihrer Ruhe Bedrohlichem, den Ort verlieen. Nach dem, was
geschehen, kann Ihnen ohnedies der Aufenthalt hier nicht wohltun. - Sowie der
Richter dieses sprach, war es, als flhen alle finstre Schatten, die sich
drckend ber mich gelegt hatten, schnell von hinnen. Das Leben war
wiedergewonnen, und die Lebenslust stieg durch Nerv und Adern glhend in mir
auf. Aurelie! sie dachte ich wieder, und ich sollte jetzt fort von dem Orte,
fort von ihr? - Tief seufzte ich auf: Und sie verlassen? - Der Richter blickte
mich im hchsten Erstaunen an und sagte dann schnell: Ach! jetzt glaube ich
klar zu sehen! Der Himmel gebe, Herr Leonard, da eine sehr schlimme Ahnung, die
mir eben jetzt recht deutlich wird, nicht in Erfllung gehen mge. - Alles
hatte sich in meinem Innern anders gestaltet. Hin war alle Reue, und wohl mochte
es beinahe frevelnde Frechheit sein, da ich den Richter mit erheuchelter Ruhe
frug: Und Sie halten mich doch fr schuldig? - Erlauben Sie, mein Herr,
erwiderte der Richter sehr ernst, da ich meine berzeugungen, die doch nur auf
ein reges Gefhl gesttzt scheinen, fr mich behalte. Es ist ausgemittelt nach
bester Form und Weise, da Sie nicht der Mnch Medardus sein knnen, da eben
dieser Medardus sich hier befindet und von dem Pater Cyrill, der sich durch Ihre
ganz genaue hnlichkeit tuschen lie, anerkannt wurde, ja auch selbst gar nicht
leugnet, da er jener Kapuziner sei. Damit ist nun alles geschehen, was
geschehen konnte, um Sie von jedem Verdacht zu reinigen, und um so mehr mu ich
glauben, da Sie sich frei von jeder Schuld fhlen. - Ein Gerichtsdiener rief
in diesem Augenblick den Richter ab, und so wurde ein Gesprch unterbrochen, als
es eben begann, mich zu peinigen.
    Ich begab mich nach meiner Wohnung und fand alles so wieder, wie ich es
verlassen. Meine Papiere hatte man in Beschlag genommen, in ein Paket gesiegelt,
lagen sie auf meinem Schreibtische, nur Viktorins Brieftasche, Euphemiens Ring
und den Kapuzinerstrick vermite ich, meine Vermutungen im Gefngnisse waren
daher richtig. Nicht lange dauerte es, so erschien ein frstlicher Diener, der
mit einem Handbillet des Frsten mir eine goldene, mit kostbaren Steinen
besetzte Dose berreichte. Es ist Ihnen bel mitgespielt worden, Herr von
Krczynski, schrieb der Frst, aber weder ich noch meine Gerichte sind schuld
daran. Sie sind einem sehr bsen Menschen auf ganz unglaubliche Weise hnlich;
alles ist aber nun zu Ihrem Besten aufgeklrt; ich sende Ihnen ein Zeichen
meines Wohlwollens und hoffe, Sie bald zu sehen. - Des Frsten Gnade war mir
ebenso gleichgltig als sein Geschenk; eine dstre Traurigkeit, die geistttend
mein Inneres durchschlich, war die Folge des strengen Gefngnisses; ich fhlte,
da mir krperlich aufgeholfen werden msse, und lieb war es mir daher, als der
Leibarzt erschien. Das rztliche war bald besprochen. Ist es nicht, fing nun
der Leibarzt an, eine besondere Fgung des Schicksals, da eben in dem
Augenblick, als man davon berzeugt zu sein glaubt, da Sie jener abscheuliche
Mnch sind, der in der Familie des Barons von F. so viel Unheil anrichtete,
dieser Mnch wirklich erscheint und Sie von jedem Verdacht rettet?
    Ich mu versichern, da ich von den nheren Umstnden, die meine Befreiung
bewirkten, nicht unterrichtet bin; nur im allgemeinen sagte mir der Richter, da
der Kapuziner Medardus, dem man nachsprte und fr den man mich hielt, sich hier
eingefunden habe.
    Nicht eingefunden hat er sich, sondern hergebracht ist er worden,
festgebunden auf einem Wagen, und seltsamerweise zu derselben Zeit, als Sie
hergekommen waren. Eben fllt mir ein, da, als ich Ihnen einst jene wunderbaren
Ereignisse erzhlen wollte, die sich vor einiger Zeit an unserm Hofe zutrugen,
ich gerade dann unterbrochen wurde, als ich auf den feindlichen Medardus,
Franceskos Sohn, und auf seine verruchte Tat im Schlosse des Barons von F.
gekommen war. Ich nehme den Faden der Begebenheit da wieder auf, wo er damals
abri. - Die Schwester unserer Frstin, wie Sie wissen, btissin im
Zisterzienserkloster zu B., nahm einst freundlich eine arme Frau mit einem Kinde
auf, die von der Pilgerfahrt nach der heiligen Linde wiederkehrte.
    Die Frau war Franceskos Witwe, und der Knabe eben der Medardus.
    Ganz recht, aber wie kommen Sie dazu, dies zu wissen?
    Auf die seltsamste Weise sind mir die geheimnisvollen Lebensumstnde des
Kapuziners Medardus bekannt worden. Bis zu dem Augenblick, als er aus dem Schlo
des Barons von F. entfloh, bin ich von dem, was sich dort zutrug, genau
unterrichtet.
    Aber wie?. .. von wem? ...
    Ein lebendiger Traum hat mir alles dargestellt.
    Sie scherzen?
    Keinesweges. Es ist mir wirklich so, als htte ich trumend die Geschichte
eines Unglcklichen gehrt, der, ein Spielwerk dunkler Mchte, hin und her
geschleudert und von Verbrechen zu Verbrechen getrieben wurde. In dem ...tzer
Forst hatte mich auf der Reise hierher der Postillon irre gefahren; ich kam in
das Frsterhaus, und dort...
    Ha! ich verstehe alles, dort trafen Sie den Mnch an...
    So ist es, er war aber wahnsinnig.
    Er scheint es nicht mehr zu sein. Schon damals hatte er lichte Stunden und
vertraute Ihnen alles?...
    Nicht geradezu. In der Nacht trat er, von meiner Ankunft im Frsterhause
nicht unterrichtet, in mein Zimmer. Ich, mit der treuen, beispiellosen
hnlichkeit, war ihm furchtbar. Er hielt mich fr seinen Doppeltgnger, dessen
Erscheinung ihm den Tod verknde. - Er stammelte - stotterte Bekenntnisse her -
unwillkrlich bermannte mich, von der Reise ermdet, der Schlaf; es war mir,
als spreche der Mnch nun ruhig und gefat weiter, und ich wei in der Tat jetzt
nicht, wo und wie der Traum eintrat. Es dnkt mich, da der Mnch behauptete,
nicht er habe Euphemien und Hermogen gettet, sondern beider Mrder sei der Graf
Viktorin. -
    Sonderbar, hchst sonderbar, aber warum verschwiegen Sie das alles dem
Richter?
    Wie konnte ich hoffen, da der Richter auch nur einiges Gewicht auf eine
Erzhlung legen werde, die ihm ganz abenteuerlich klingen mute. Darf denn
berhaupt ein erleuchtetes Kriminalgericht an das Wunderbare glauben?
    Wenigstens htten Sie aber doch gleich ahnen, da man Sie mit dem
wahnsinnigen Mnch verwechsle, und diesen als den Kapuziner Medardus bezeichnen
sollen?
    Freilich - und zwar nachdem mich ein alter blder Greis, ich glaube, er
heit Cyrillus, durchaus fr seinen Klosterbruder halten wollte. Es ist mir
nicht eingefallen, da der wahnsinnige Mnch eben der Medardus, und das
Verbrechen, das er mir bekannte, Gegenstand des jetzigen Prozesses sein knne.
Aber wie mir der Frster sagte, hatte er ihm niemals seinen Namen genannt - wie
kam man zur Entdeckung?
    Auf die einfachste Weise. Der Mnch hatte sich, wie Sie wissen, einige Zeit
bei dem Frster aufgehalten; er schien geheilt, aber aufs neue brach der
Wahnsinn so verderblich aus, da der Frster sich gentigt sah, ihn hierher zu
schaffen, wo er in das Irrenhaus eingesperrt wurde. Dort sa er Tag und Nacht
mit starrem Blick, ohne Regung, wie eine Bildsule. Er sprach kein Wort und
mute gefttert werden, da er keine Hand bewegte. Verschiedene Mittel, ihn aus
der Starrsucht zu wecken, blieben fruchtlos, zu den strksten durfte man nicht
schreiten, ohne Gefahr ihn wieder in wilde Raserei zu strzen. Vor einigen Tagen
kommt des Frsters ltester Sohn nach der Stadt, er geht in das Irrenhaus, um
den Mnch wieder zu sehen. Ganz erfllt von dem trostlosen Zustande des
Unglcklichen, tritt er aus dem Hause, als eben der Pater Cyrillus aus dem
Kapuzinerkloster in B. vorberschreitet. Den redet er an und bittet ihn, den
unglcklichen, hier eingesperrten Klosterbruder zu besuchen, da ihm Zuspruch
eines Geistlichen seines Ordens vielleicht heilsam sein knne. Als Cyrillus den
Mnch erblickt, fhrt er entsetzt zurck. Heilige Mutter Gottes! Medardus,
unglckseliger Medardus! So ruft Cyrillus, und in dem Augenblick beleben sich
die starren Augen des Mnchs. Er steht auf und fllt mit einem dumpfen Schrei
kraftlos zu Boden. - Cyrillus mit den brigen, die bei dem Ereignis zugegen
waren, geht sofort zum Prsidenten des Kriminalgerichts und zeigt alles an. Der
Richter, dem die Untersuchung wider Sie bertragen, begibt sich mit Cyrillus
nach dem Irrenhause; man findet den Mnch sehr matt, aber frei von allem
Wahnsinn. Er gesteht ein, da er der Mnch Medardus aus dem Kapuzinerkloster in
B. sei. Cyrillus versicherte seinerseits, da Ihre unglaubliche hnlichkeit mit
Medardus ihn getuscht habe. Nun bemerke er wohl, wie Herr Leonard sich in
Sprache, Blick, Gang und Stellung sehr merklich von dem Mnch Medardus, den er
nun vor sich sehe, unterscheide. Man entdeckte auch das bedeutende
Kreuzeszeichen an der linken Seite des Halses, von dem in Ihrem Proze so viel
Aufhebens gemacht worden ist. Nun wird der Mnch ber die Begebenheiten aus dem
Schlosse des Barons von F. befragt. - Ich bin ein abscheulicher, verruchter
Verbrecher, sagt er mit matter, kaum vernehmbarer Stimme, ich bereue tief, was
ich getan. - Ach, ich lie mich um mein Selbst, um meine unsterbliche Seele
betrgen! ... Man habe Mitleiden! ... man lasse mir Zeit... alles... alles will
ich gestehen! - Der Frst, unterrichtet, befiehlt sofort den Proze wider Sie
aufzuheben und Sie der Haft zu entlassen. Das ist die Geschichte Ihrer
Befreiung. - Der Mnch ist nach dem Kriminalgefngnis gebracht worden.
    Und hat alles gestanden? Hat er Euphemien, Hermogen ermordet? wie ist es
mit dem Grafen Viktorin?...
    Soviel wie ich wei, fngt der eigentliche Kriminalproze wider den Mnch
erst heute an. Was aber den Grafen Viktorin betrifft, so scheint es, als wenn
nun einmal alles, was nur irgend mit jenen Ereignissen an unserm Hofe in
Verbindung steht, dunkel und unbegreiflich bleiben msse.
    Wie die Ereignisse auf dem Schlosse des Barons von F. aber mit jener
Katastrophe an Ihrem Hofe sich verbinden sollen, sehe ich in der Tat nicht ein.
    Eigentlich meinte ich auch mehr die spielenden Personen als die
Begebenheit.
    Ich verstehe Sie nicht.
    Erinnern Sie sich genau meiner Erzhlung jener Katastrophe, die dem Prinzen
den Tod brachte?
    Allerdings.
    Ist es Ihnen dabei nicht vllig klar worden, da Francesko verbrecherisch
die Italienerin liebte? da er es war, der vor dem Prinzen in die Brautkammer
schlich und den Prinzen niederstie? - Viktorin ist die Frucht jener freveligen
Untat. - Er und Medardus sind Shne eines Vaters. Spurlos ist Viktorin
verschwunden, alles Nachforschen blieb vergebens.
    Der Mnch schleuderte ihn hinab in den Teufelsgrund. Fluch dem wahnsinnigen
Brudermrder! -
    Leise - leise lie sich in dem Augenblick, als ich heftig diese Worte
ausstie, jenes Klopfen des gespenstischen Unholds aus dem Kerker hren.
Vergebens suchte ich das Grausen zu bekmpfen, welches mich ergriff. Der Arzt
schien so wenig das Klopfen als meinen innern Kampf zu bemerken. Er fuhr fort:
Was? ... Hat der Mnch Ihnen gestanden, da auch Viktorin durch seine Hand
fiel?
    Ja! ... Wenigstens schliee ich aus seinen abgebrochenen uerungen, halte
ich damit Viktorins Verschwinden zusammen, da sich die Sache wirklich so
verhlt. Fluch dem wahnsinnigen Brudermrder! - Strker klopfte es und sthnte
und chzte; ein feines Lachen, das durch die Stube pfiff, klang wie Medardus...
Medardus... hi... hi... hi hilf! - Der Arzt, ohne das zu bemerken, fuhr fort:
    Ein besonderes Geheimnis scheint noch auf Franceskos Herkunft zu ruhen. Er
ist hchstwahrscheinlich dem frstlichen Hause verwandt. So viel ist gewi, da
Euphemie die Tochter...
    Mit einem entsetzlichen Schlage, da die Angeln zusammenkrachten, sprang die
Tr auf, ein schneidendes Gelchter gellte herein. Ho ho... ho... ho
Brderlein, schrie ich wahnsinnig auf, hoho... hieher... frisch, frisch, wenn
du kmpfen willst mit mir... der Uhu macht Hochzeit; nun wollen wir auf das Dach
steigen und ringen miteinander, und wer den andern herabstt, ist Knig und
darf Blut trinken. - Der Leibarzt fate mich in die Arme und rief: Was ist
das? was ist das? Sie sind krank... in der Tat, gefhrlich krank. Fort, fort, zu
Bette. - Aber ich starrte nach der offnen Tre, ob mein scheulicher
Doppeltgnger nicht hereintreten werde, doch ich erschaute nichts und erholte
mich bald von dem wilden Entsetzen, das mich gepackt hatte mit eiskalten
Krallen. Der Leibarzt bestand darauf, da ich krnker sei, als ich selbst wohl
glauben mge, und schob alles auf den Kerker und die Gemtsbewegung, die mir
berhaupt der Proze verursacht haben msse. Ich brauchte seine Mittel, aber
mehr als seine Kunst trug zu meiner schnellen Genesung bei, da das Klopfen sich
nicht mehr hren lie, der furchtbare Doppeltgnger mich daher ganz verlassen zu
haben schien.
    Die Frhlingssonne warf eines Morgens ihre goldnen Strahlen hell und
freundlich in mein Zimmer, se Blumendfte strmten durch das Fenster; hinaus
ins Freie trieb mich ein unendlich Sehnen, und des Arztes Verbot nicht achtend,
lief ich fort in den Park. - Da begrten Bume und Bsche rauschend und
flsternd den von der Todeskrankheit Genesenen. Ich atmete auf, wie aus langem
schwerem Traum erwacht, und tiefe Seufzer waren des Entzckens unaussprechbare
Worte, die ich hineinhauchte in das Gejauchze der Vgel, in das frhliche Sumsen
und Schwirren bunter Insekten.
    Ja! - ein schwerer Traum dnkte mir nicht nur die letztvergangene Zeit,
sondern mein ganzes Leben, seitdem ich das Kloster verlassen, als ich mich in
einem von dunklen Platanen beschatteten Gange befand. - Ich war im Garten der
Kapuziner zu B. Aus dem fernen Gebsch ragte schon das hohe Kreuz hervor, an dem
ich sonst oft mit tiefer Inbrunst flehte um Kraft, aller Versuchung zu
widerstehen. - Das Kreuz schien mir nun das Ziel zu sein, wo ich hinwallen
msse, um, in den Staub niedergeworfen, zu bereuen und zu ben den Frevel
sndhafter Trume, die mir der Satan vorgegaukelt; und ich schritt fort mit
gefalteten emporgehobenen Hnden, den Blick nach dem Kreuz gerichtet. - Strker
und strker zog der Luftstrom - ich glaubte die Hymnen der Brder zu vernehmen,
aber es waren nur des Waldes wunderbare Klnge, die der Wind, durch die Bume
sausend, geweckt hatte, und der meinen Atem fortri, so da ich bald erschpft
stillstehen, ja mich an einen nahen Baum festhalten mute, um nicht nieder zu
sinken. Doch hin zog es mich mit unwiderstehlicher Gewalt nach dem fernen Kreuz;
ich nahm alle meine Kraft zusammen und wankte weiter fort, aber nur bis an den
Moossitz dicht vor dem Gebsch konnte ich gelangen; alle Glieder lhmte
pltzlich tdliche Ermattung; wie ein schwacher Greis lie ich langsam mich
nieder, und in dumpfem Sthnen suchte ich die geprete Brust zu erleichtern. -
Es rauschte im Gange dicht neben mir... Aurelie! Sowie der Gedanke mich
durchblitzte, stand sie vor mir! - Trnen inbrnstiger Wehmut quollen aus den
Himmelsaugen, aber durch die Trnen funkelte ein zndender Strahl; es war der
unbeschreibliche Ausdruck der glhendsten Sehnsucht, der Aurelien fremd schien.
Aber so flammte der Liebesblick jenes geheimnisvollen Wesens am Beichtstuhl, das
ich oft in sen Trumen sah. Knnen Sie mir jemals verzeihen! lispelte
Aurelie. Da strzte ich, wahnsinnig vor namenlosem Entzcken, vor ihr hin, ich
ergriff ihre Hnde! - Aurelie... Aurelie... fr dich Marter! ... Tod! Ich
fhlte mich sanft emporgehoben - Aurelie sank an meine Brust, ich schwelgte in
glhenden Kssen. Aufgeschreckt durch ein nahes Gerusch, wand sie sich endlich
los aus meinen Armen, ich durfte sie nicht zurckhalten. Erfllt ist all mein
Sehnen und Hoffen, sprach sie leise, und in dem Augenblick sah ich die Frstin
den Gang heraufkommen. Ich trat hinein in das Gebsch und wurde nun gewahr, da
ich wunderlicherweise einen drren grauen Stamm fr ein Kruzifix gehalten.
    Ich fhlte keine Ermattung mehr, Aureliens Ksse durchglhten mich mit neuer
Lebenskraft; es war mir, als sei jetzt hell und herrlich das Geheimnis meines
Seins aufgegangen. Ach, es war das wunderbare Geheimnis der Liebe, das sich nun
erst in rein strahlender Glorie mir erschlossen. Ich stand auf dem hchsten
Punkt des Lebens; abwrts mute es sich wenden, damit ein Geschick erfllt
werde, das die hhere Macht beschlossen. - Diese Zeit war es, die mich wie ein
Traum aus dem Himmel umfing, als ich das aufzuzeichnen begann, was sich nach
Aureliens Wiedersehen mit mir begab. Dich Fremden, Unbekannten, der du einst
diese Bltter lesen wirst, bat ich, du solltest jene hchste Sonnenzeit deines
eigenen Lebens zurckrufen, dann wrdest du den trostlosen Jammer des in Reue
und Bue ergrauten Mnchs verstehen und einstimmen in seine Klagen. Noch einmal
bitte ich dich jetzt, la jene Zeit im Innern dir aufgehen, und nicht darf ich
dann dir's sagen, wie Aureliens Liebe mich und alles um mich her verklrte, wie
reger und lebendiger mein Geist das Leben im Leben erschaute und ergriff, wie
mich, den gttlich Begeisterten, die Freudigkeit des Himmels erfllte. Kein
finstrer Gedanke ging durch meine Seele, Aureliens Liebe hatte mich entsndigt,
ja, auf wunderbare Weise keimte in mir die feste berzeugung auf, da nicht ich
jener ruchlose Frevler auf dem Schlosse des Barons von F. war, der Euphemien -
Hermogen erschlug, sondern da der wahnsinnige Mnch, den ich im Frsterhause
traf, die Tat begangen. Alles, was ich dem Leibarzt gestand, schien mir nicht
Lge, sondern der wahre geheimnisvolle Hergang der Sache zu sein, der mir selbst
unbegreiflich blieb. - Der Frst hatte mich empfangen wie einen Freund, den man
verloren glaubt und wiederfindet; dies gab natrlicherweise den Ton an, in den
alle einstimmen muten, nur die Frstin, war sie auch milder als sonst, blieb
ernst und zurckhaltend.
    Aurelie gab sich mir mit kindlicher Unbefangenheit ganz hin, ihre Liebe war
ihr keine Schuld, die sie der Welt verbergen mute, und ebensowenig vermochte
ich auch nur im mindesten das Gefhl zu verhehlen, in dem allein ich nur lebte.
Jeder bemerkte mein Verhltnis mit Aurelien, niemand sprach darber, weil man in
des Frsten Blicken las, da er unsre Liebe, wo nicht begnstigen, doch
stillschweigend dulden wolle. So kam es, da ich zwanglos Aurelien fter,
manchmal auch wohl ohne Zeugen sah. - Ich schlo sie in meine Arme, sie
erwiderte meine Ksse, aber es fhlend, wie sie erbebte in jungfrulicher Scheu,
konnte ich nicht Raum geben der sndlichen Begierde; jeder frevelige Gedanke
erstarb in dem Schauer, der durch mein Innres glitt. Sie schien keine Gefahr zu
ahnen, wirklich gab es fr sie keine, denn oft, wenn sie im einsamen Zimmer
neben mir sa, wenn mchtiger als je ihr Himmelsreiz strahlte, wenn wilder die
Liebesglut in mir aufflammen wollte, blickte sie mich an so unbeschreiblich
milde und keusch, da es mir war, als vergnne es der Himmel dem benden
Snder, schon hier auf Erden der Heiligen zu nahen. Ja, nicht Aurelie, die
heilige Rosalia selbst war es, und ich strzte zu ihren Fen und rief laut: O
du, fromme, hohe Heilige, darf sich denn irdische Liebe zu dir im Herzen regen?
- Dann reichte sie mir die Hand und sprach mit ser milder Stimme: Ach, keine
hohe Heilige bin ich, aber wohl recht fromm und liebe dich gar sehr!
    Ich hatte Aurelien mehrere Tage nicht gesehen, sie war mit der Frstin auf
ein nahe gelegenes Lustschlo gegangen. Ich ertrug es nicht lnger, ich rannte
hin. - Am spten Abend angekommen, traf ich im Garten auf eine Kammerfrau, die
mir Aureliens Zimmer nachwies. Leise, leise ffnete ich die Tr - ich trat
hinein - eine schwle Luft, ein wunderbarer Blumengeruch wallte mir
sinnebetubend entgegen. Erinnerungen stiegen in mir auf wie dunkle Trume! Ist
das nicht Aureliens Zimmer auf dem Schlosse des Barons, wo ich... Sowie ich dies
dachte, war es, als erhbe sich hinter mir eine finstre Gestalt, und:
Hermogen! rief es in meinem Innern! Entsetzt rannte ich vorwrts, nur
angelehnt war die Tre des Kabinetts. Aurelie kniete, den Rcken mir zugekehrt,
vor einem Tabourett, auf dem ein aufgeschlagenes Buch lag. Voll scheuer Angst
blickte ich unwillkrlich zurck - ich schaute nichts, da rief ich im hchsten
Entzcken: Aurelie, Aurelie! - Sie wandte sich schnell um, aber noch ehe sie
aufgestanden, lag ich neben ihr und hatte sie fest umschlungen. Leonard! mein
Geliebter! - lispelte sie leise. Da kochte und grte in meinem Innern rasende
Begier, wildes, sndiges Verlangen. Sie hing kraftlos in meinen Armen: die
genestelten Haare waren aufgegangen und fielen in ppigen Locken ber meine
Schultern, der jugendliche Busen quoll hervor - sie chzte dumpf - ich kannte
mich selbst nicht mehr! - Ich ri sie empor, sie schien erkrftigt, eine fremde
Glut brannte in ihrem Auge, feuriger erwiderte sie meine wtenden Ksse. Da
rauschte es hinter uns wie starker, mchtiger Flgelschlag; ein schneidender
Ton, wie das Angstgeschrei des zum Tode Getroffenen, gellte durch das Zimmer. -
Hermogen! schrie Aurelie und sank ohnmchtig hin aus meinen Armen. Von wildem
Entsetzen erfat, rannte ich fort! - Im Flur trat mir die Frstin, von einem
Spaziergange heimkehrend, entgegen. Sie blickte mich ernst und stolz an, indem
sie sprach: Es ist mir in der Tat sehr befremdlich, Sie hier zu sehen, Herr
Leonard! - Meine Verstrtheit im Augenblick bemeisternd, antwortete ich in
beinahe bestimmterem Ton, als es ziemlich sein mochte, da man oft gegen groe
Anregungen vergebens ankmpfe, und da oft das unschicklich Scheinende fr das
Schicklichste gelten knne! - Als ich durch die finstre Nacht der Residenz
zueilte, war es mir, als liefe jemand neben mir her, und als flstere eine
Stimme: I... Imm... Immer bin ich bei di... dir... Br... Brderlein...
Brderlein Medardus! - Blickte ich um mich her, so merkte ich wohl, da das
Phantom des Doppeltgngers nur in meiner Phantasie spuke; aber nicht los konnte
ich das entsetzliche Bild werden, ja es war mir endlich, als msse ich mit ihm
sprechen und ihm erzhlen, da ich wieder recht albern gewesen sei und mich habe
schrecken lassen von dem tollen Hermogen; die heilige Rosalia sollte denn nun
bald mein - ganz mein sein, denn dafr wre ich Mnch und habe die Weihe
erhalten. Da lachte und sthnte mein Doppeltgnger, wie er sonst getan, und
stotterte: Aber schn... schnell... schnell! - Gedulde dich nur, sprach ich
wieder, gedulde dich nur, mein Junge! Alles wird gut werden. Den Hermogen habe
ich nur nicht gut getroffen, er hat solch ein verdammtes Kreuz am Halse, wie wir
beide, aber mein flinkes Messerchen ist noch scharf und spitzig. - Hi... hi
hi... tri... triff gut... triff gut! - So verflsterte des Doppeltgngers
Stimme im Sausen des Morgenwindes, der von dem Feuerpurpur herstrich, welches
aufbrannte im Osten.
    Eben war ich in meiner Wohnung angekommen, als ich zum Frsten beschieden
wurde. Der Frst kam mir sehr freundlich entgegen. In der Tat, Herr Leonard!
fing er an, Sie haben sich meine Zuneigung im hohen Grade erworben; nicht
verhehlen kann ich's Ihnen, da mein Wohlwollen fr Sie wahre Freundschaft
geworden ist. Ich mchte Sie nicht verlieren, ich mchte Sie glcklich sehen.
berdem ist man Ihnen fr das, was Sie gelitten haben, alle nur mgliche
Entschdigung zu gewhren schuldig. Wissen Sie wohl, Herr Leonard, wer Ihren
bsen Proze einzig und allein veranlate? wer Sie anklagte?
    Nein, gndigster Herr!
    Baronesse Aurelie! ... Sie erstaunen? Ja ja, Baronesse Aurelie, mein Herr
Leonard, die hat Sie (er lachte laut auf), die hat Sie fr einen Kapuziner
gehalten! - Nun bei Gott! sind Sie ein Kapuziner, so sind Sie der
liebenswrdigste, den je ein menschliches Auge sah! - Sagen Sie aufrichtig, Herr
Leonard, sind Sie wirklich so ein Stck von Klostergeistlichen? -
    Gndigster Herr, ich wei nicht, welch ein bses Verhngnis mich immer zu
dem Mnch machen will, der...
    Nun nun! - ich bin kein Inquisitor! - fatal wr's doch, wenn ein
geistliches Gelbde Sie bnde. - Zur Sache! - mchten Sie nicht fr das Unheil,
das Baronesse Aurelie Ihnen zufgte, Rache nehmen? -
    In welches Menschen Brust knnte ein Gedanke der Art gegen das holde
Himmelsbild aufkommen?
    Sie lieben Aurelien?
    Dies frug der Frst, mir ernst und scharf ins Auge blickend. Ich schwieg,
indem ich die Hand auf die Brust legte. Der Frst fuhr weiter fort:
    Ich wei es, Sie haben Aurelien geliebt seit dem Augenblick, als sie mit
der Frstin hier zum erstenmal in den Saal trat. - Sie werden wieder geliebt,
und zwar mit einem Feuer, das ich der sanften Aurelie nicht zugetraut htte. Sie
lebt nur in Ihnen, die Frstin hat mir alles gesagt. Glauben Sie wohl, da nach
Ihrer Verhaftung Aurelie sich einer ganz trostlosen, verzweifelten Stimmung
berlie, die sie auf das Krankenbett warf und dem Tode nahe brachte? Aurelie
hielt Sie damals fr den Mrder ihres Bruders, um so unerklrlicher war uns ihr
Schmerz. Schon damals wurden Sie geliebt. Nun, Herr Leonard, oder vielmehr Herr
von Krczynski, Sie sind von Adel, ich fixiere Sie bei Hofe auf eine Art, die
Ihnen angenehm sein soll. Sie heiraten Aurelien. - In einigen Tagen feiern wir
die Verlobung, ich selbst werde die Stelle des Brautvaters vertreten. - Stumm,
von den widersprechendsten Gefhlen zerrissen, stand ich da. - Adieu, Herr
Leonard! rief der Frst und verschwand, mir freundlich zuwinkend, aus dem
Zimmer.
    Aurelie mein Weib! - Das Weib eines verbrecherischen Mnchs! Nein! so wollen
es die dunklen Mchte nicht, mag auch ber die Arme verhngt sein, was da will!
- Dieser Gedanke erhob sich in mir, siegend ber alles, was sich dagegen
auflehnen mochte. Irgend ein Entschlu, das fhlte ich, mute auf der Stelle
gefat werden, aber vergebens sann ich auf Mittel, mich schmerzlos von Aurelien
zu trennen. Der Gedanke, sie nicht wieder zu sehen, war mir unertrglich, aber
da sie mein Weib werden sollte, das erfllte mich mit einem mir selbst
unerklrlichen Abscheu. Deutlich ging in mir die Ahnung auf, da, wenn der
verbrecherische Mnch vor dem Altar des Herrn stehen werde, um mit heiligen
Gelbden freveliges Spiel zu treiben, jenes fremden Malers Gestalt, aber nicht
milde trstend wie im Gefngnis, sondern Rache und Verderben furchtbar
verkndend, wie bei Franceskos Trauung, erscheinen und mich strzen werde in
namenlose Schmach, in zeitliches, ewiges Elend. Aber dann vernahm ich tief im
Innern eine dunkle Stimme: Und doch mu Aurelie dein sein! Schwachsinniger Tor,
wie gedenkst du zu ndern das, was ber euch verhngt ist? Und dann rief es
wiederum: Nieder - nieder wirf dich in den Staub! - Verblendeter, du frevelst!
Nie kann sie dein werden; es ist die heilige Rosalia selbst, die du zu umfangen
gedenkst in irdischer Liebe. So im Zwiespalt grauser Mchte hin und her
getrieben, vermochte ich nicht zu denken, nicht zu ahnen, was ich tun msse, um
dem Verderben zu entrinnen, das mir berall zu drohen schien. Vorber war jene
begeisterte Stimmung, in der mein ganzes Leben, mein verhngnisvoller Aufenthalt
auf dem Schlosse des Barons von F. mir nur ein schwerer Traum schien. In dstrer
Verzagtheit sah ich in mir nur den gemeinen Lstling und Verbrecher. Alles, was
ich dem Richter, dem Leibarzt gesagt, war nun nichts als alberne, schlecht
erfundene Lge, nicht eine innere Stimme hatte gesprochen, wie ich sonst mich
selbst berreden wollte.
    Tief in mich gekehrt, nichts auer mir bemerkend und vernehmend, schlich ich
ber die Strae. Der laute Zuruf des Kutschers, das Gerassel des Wagens weckte
mich, schnell sprang ich zur Seite. Der Wagen der Frstin rollte vorber, der
Leibarzt bckte sich aus dem Schlage und winkte mir freundlich zu; ich folgte
ihm nach seiner Wohnung. Er sprang heraus und zog mich mit den Worten: Eben
komme ich von Aurelien, ich habe Ihnen manches zu sagen! herauf in sein Zimmer.
Ei, ei, fing er an, Sie Heftiger, Unbesonnener! was haben Sie angefangen!
Aurelien sind Sie erschienen pltzlich wie ein Gespenst, und das arme
nervenschwache Wesen ist darber erkrankt! - Der Arzt bemerkte mein Erbleichen.
Nun nun, fuhr er fort, arg ist es eben nicht, sie geht wieder im Garten umher
und kehrt morgen mit der Frstin nach der Residenz zurck. Von Ihnen, lieber
Leonard, sprach Aurelie viel, sie empfindet herzliche Sehnsucht, Sie wieder zu
sehen und sich zu entschuldigen. Sie glaubt, Ihnen albern und tricht erschienen
zu sein.
    Ich wute, dachte ich daran, was auf dem Lustschlosse vorgegangen, Aureliens
uerung nicht zu deuten.
    Der Arzt schien von dem, was der Frst mit mir im Sinn hatte, unterrichtet,
er gab mir dies nicht undeutlich zu verstehen, und mittelst seiner hellen
Lebendigkeit, die alles um ihn her ergriff, gelang es ihm bald, mich aus der
dstern Stimmung zu reien, so da unser Gesprch sich heiter wandte. Er
beschrieb noch einmal, wie er Aurelien getroffen, die, dem Kinde gleich, das
sich nicht vom schweren Traum erholen kann, mit halb geschlossenen, in Trnen
lchelnden Augen auf dem Ruhbette, das Kpfchen in die Hand gesttzt, gelegen
und ihm ihre krankhafte Visionen geklagt habe. Er wiederholte ihre Worte, die
durch leise Seufzer unterbrochene Stimme des schchternen Mdchens nachahmend,
und wute, indem er manche ihrer Klagen neckisch genug stellte, das anmutige
Bild durch einige kecke ironische Lichtblicke so zu heben, da es gar heiter und
lebendig vor mir aufging. Dazu kam, da er im Kontrast die gravittische Frstin
hinstellte, welches mich nicht wenig ergtzte. Haben Sie wohl gedacht, fing er
endlich an, haben Sie wohl gedacht, als Sie in die Residenz einzogen, da Ihnen
so viel Wunderliches hier geschehen wrde? Erst das tolle Miverstndnis, das
Sie in die Hnde des Kriminalgerichts brachte, und dann das wahrhaft
beneidenswerte Glck, das Ihnen der frstliche Freund bereitet!
    Ich mu in der Tat gestehen, da gleich anfangs der freundliche Empfang des
Frsten mir wohl tat; doch fhle ich, wie sehr ich jetzt in seiner, in aller
Achtung bei Hofe gestiegen bin, das habe ich gewi meinem erlittenen Unrecht zu
verdanken.
    Nicht sowohl dem, als einem andern ganz kleinen Umstande, den Sie wohl
erraten knnen.
    Keinesweges.
    Zwar nennt man Sie, weil Sie es so wollen, schlechtweg Herr Leonard, wie
vorher, jeder wei aber jetzt, da Sie von Adel sind, da die Nachrichten, die
man aus Posen erhalten hat, Ihre Angaben besttigten.
    Wie kann das aber auf den Frsten, auf die Achtung, die ich im Zirkel des
Hofes geniee, von Einflu sein? Als mich der Frst kennen lernte und mich
einlud, im Zirkel des Hofes zu erscheinen, wandte ich ein, da ich nur von
brgerlicher Abkunft sei, da sagte mir der Frst, da die Wissenschaft mich adle
und fhig mache, in seiner Umgebung zu erscheinen.
    Er hlt es wirklich so, kokettierend mit aufgeklrtem Sinn fr Wissenschaft
und Kunst. Sie werden im Zirkel des Hofes manchen brgerlichen Gelehrten und
Knstler bemerkt haben, aber die Feinfhlenden unter diesen, denen Leichtigkeit
des innern Seins abgeht, die sich nicht in heitrer Ironie auf den hohen
Standpunkt stellen knnen, der sie ber das Ganze erhebt, sieht man nur selten,
sie bleiben auch wohl ganz aus. Bei dem besten Willen, sich recht vorurteilsfrei
zu zeigen, mischt sich in das Betragen des Adligen gegen den Brger ein gewisses
Etwas, das wie Herablassung, Duldung des eigentlich Unziemlichen aussieht; das
leidet kein Mann, der im gerechten Stolz wohl fhlt, wie in adliger Gesellschaft
oft nur er es ist, der sich herablassen und dulden mu das geistig Gemeine und
Abgeschmackte. Sie sind selbst von Adel, Herr Leonard, aber wie ich hre, ganz
geistlich und wissenschaftlich erzogen. Daher mag es kommen, da Sie der erste
Adlige sind, an dem ich selbst im Zirkel des Hofes unter Adligen auch jetzt
nichts Adliges, im schlimmen Sinn genommen, versprt habe. Sie knnten glauben,
ich sprche da als Brgerlicher vorgefate Meinungen aus, oder mir sei
persnlich etwas begegnet, das ein Vorurteil erweckt habe, dem ist aber nicht
so. Ich gehre nun einmal zu einer der Klassen, die ausnahmsweise nicht blo
toleriert, sondern wirklich gehegt und gepflegt werden. rzte und Beichtvter
sind regierende Herren - Herrscher ber Leib und Seele, mithin allemal von gutem
Adel. Sollten denn auch nicht Indigestion und ewige Verdammnis den Courfhigsten
etwas weniges inkommodieren knnen? Von Beichtvtern gilt das aber nur bei den
katholischen. Die protestantischen Prediger, wenigstens auf dem Lande, sind nur
Hausoffizianten, die, nachdem sie der gndigen Herrschaft das Gewissen gerhrt,
am untersten Ende des Tisches sich in Demut an Braten und Wein erlaben. Mag es
schwer sein, ein eingewurzeltes Vorurteil abzulegen, aber es fehlt auch
meistenteils an gutem Willen, da mancher Adliger ahnen mag, da nur als solcher
er eine Stellung im Leben behaupten knne, zu der ihm sonst nichts in der Welt
ein Recht gibt. Der Ahnen- und Adelstolz ist in unserer, alles immer mehr
vergeistigenden Zeit eine hchst seltsame, beinahe lcherliche Erscheinung. -
Vom Rittertum, von Krieg und Waffen ausgehend, bildet sich eine Kaste, die
ausschlielich die andern Stnde schtzt, und das subordinierte Verhltnis des
Beschtzten gegen den Schutzherrn erzeugt sich von selbst. Mag der Gelehrte
seine Wissenschaft, der Knstler seine Kunst, der Handwerker, der Kaufmann sein
Gewerbe rhmen, siehe, sagt der Ritter, da kommt ein ungebrdiger Feind, dem
ihr, des Krieges Unerfahrne, nicht zu widerstehen vermget, aber ich
Waffengebter stelle mich mit meinem Schlachtschwert vor euch hin, und was mein
Spiel, was meine Freude ist, rettet euer Leben, euer Hab und Gut. - Doch immer
mehr schwindet die rohe Gewalt von der Erde, immer mehr treibt und schafft der
Geist, und immer mehr enthllt sich seine alles berwltigende Kraft. Bald wird
man gewahr, da eine starke Faust, ein Harnisch, ein mchtig geschwungenes
Schwert nicht hinreichen, das zu besiegen, was der Geist will; selbst Krieg und
Waffenbung unterwerfen sich dem geistigen Prinzip der Zeit. Jeder wird immer
mehr und mehr auf sich selbst gestellt, aus seinem innern geistigen Vermgen mu
er das schpfen, womit er, gibt der Staat ihm auch irgend einen blendenden
uern Glanz, sich der Welt geltend machen mu. Auf das entgegengesetzte Prinzip
sttzt sich der aus dem Rittertum hervorgehende Ahnenstolz, der nur in dem Satz
seinen Grund findet: Meine Voreltern waren Helden, also bin ich dito ein Held.
Je hher das hinaufgeht, desto besser; denn kann man das leicht absehen, wo
einem Gropapa der Heldensinn kommen und ihm der Adel verliehen worden, so traut
man dem, wie allem Wunderbaren, das zu nahe liegt, nicht recht. Alles bezieht
sich wieder auf Heldenmut und krperliche Kraft. Starke, robuste Eltern haben
wenigstens in der Regel eben dergleichen Kinder, und ebenso vererbt sich
kriegerischer Sinn und Mut. Die Ritterkaste rein zu erhalten, war daher wohl
Erfordernis jener alten Ritterzeit, und kein geringes Verdienst fr ein
altstmmiges Frulein, einen Junker zu gebren, zu dem die arme brgerliche Welt
flehte: Bitte, fri uns nicht, sondern schtze uns vor andern Junkern; mit dem
geistigen Vermgen ist es nicht so. Sehr weise Vter erzielen oft dumme
Shnchen, und es mchte, eben weil die Zeit dem physischen Rittertum das
psychische untergeschoben hat, rcksichts des Beweises angeerbten Adels
ngstlicher sein, von Leibniz abzustammen als von Amadis von Gallien oder sonst
einem uralten Ritter der Tafelrunde. In der einmal bestimmten Richtung schreitet
der Geist der Zeit vorwrts, und die Lage des ahnenstolzen Adels verschlimmert
sich merklich; daher denn auch wohl jenes taktlose, aus Anerkennung des
Verdienstes und widerlicher Herablassung gemischte Benehmen gegen der Welt und
dem Staat hoch geltende Brgerliche das Erzeugnis eines dunkeln, verzagten
Gefhls sein mag, in dem sie ahnen, da vor den Augen der Weisen der veraltete
Tand lngst verjhrter Zeit abfllt und die lcherliche Ble sich ihnen frei
darstellt.
    Dank sei es dem Himmel, viele Adlige, Mnner und Frauen, erkennen den Geist
der Zeit und schwingen sich auf im herrlichen Fluge zu der Lebenshhe, die ihnen
Wissenschaft und Kunst darbieten; diese werden die wahren Geisterbanner jenes
Unholds sein.
    Des Leibarztes Gesprch hatte mich in ein fremdes Gebiet gefhrt. Niemals
war es mir eingefallen, ber den Adel und ber sein Verhltnis zum Brger zu
reflektieren. Wohl mochte der Leibarzt nicht ahnen, da ich ehedem eben zu der
zweiten Klasse gehrt hatte, die nach seiner Behauptung der Stolz des Adels
nicht trifft. - War ich denn nicht in den vornehmsten adeligen Husern zu B. der
hochgeachtete, hochverehrte Beichtiger? - Weiter nachsinnend, erkannte ich, wie
ich selbst aufs neue mein Schicksal verschlungen hatte, indem aus dem Namen
Kwiecziczewo, den ich jener alten Dame bei Hofe nannte, mein Adel entsprang und
so dem Frsten der Gedanke einkam, mich mit Aurelien zu vermhlen. -
    Die Frstin war zurckgekommen. Ich eilte zu Aurelien. Sie empfing mich mit
holder jungfrulicher Verschmtheit; ich schlo sie in meine Arme und glaubte in
dem Augenblick daran, da sie mein Weib werden knne. Aurelie war weicher,
hingebender als sonst. Ihr Auge hing voll Trnen, und der Ton, in dem sie
sprach, war wehmtige Bitte, so wie wenn im Gemt des schmollenden Kindes sich
der Zorn bricht, in dem es gesndigt. - Ich durfte an meinen Besuch im
Lustschlo der Frstin denken, lebhaft drang ich darauf, alles zu erfahren; ich
beschwor Aurelien, mir zu vertrauen, was sie damals so erschrecken konnte. - Sie
schwieg, sie schlug die Augen nieder, aber sowie mich selbst der Gedanke meines
grlichen Doppeltgngers strker erfate, schrie ich auf: Aurelie! um aller
Heiligen willen, welche schreckliche Gestalt erblicktest du hinter uns! Sie sah
mich voll Verwunderung an, immer starrer und starrer wurde ihr Blick, dann
sprang sie pltzlich auf, als wolle sie fliehen, doch blieb sie und schluchzte,
beide Hnde vor die Augen gedrckt: Nein, nein, nein - er ist es ja nicht! -
Ich erfate sie sanft, erschpft lie sie sich nieder. Wer, wer ist es nicht?
- frug ich heftig, wohl alles ahnend, was in ihrem Innern sich entfalten mochte.
- Ach, mein Freund, mein Geliebter, sprach sie leise und wehmtig; wrdest du
mich nicht fr eine wahnsinnige Schwrmerin halten, wenn ich alles... alles...
dir sagen sollte, was mich immer wieder so verstrt im vollen Glck der reinsten
Liebe? - Ein grauenvoller Traum geht durch mein Leben, er stellte sich mit
seinen entsetzlichen Bildern zwischen uns, als ich dich zum ersten Male sah; wie
mit kalten Todesschwingen wehte er mich an, als du so pltzlich eintratst in
mein Zimmer auf dem Lustschlo der Frstin. Wisse, so wie du damals, kniete
einst neben mir ein verruchter Mnch und wollte heiliges Gebet mibrauchen zum
grlichen Frevel. Er wurde, als er, wie ein wildes Tier listig auf seine Beute
lauernd, mich umschlich, der Mrder meines Bruders! Ach und du! ... deine Zge!
... deine Sprache... jenes Bild! ... la mich schweigen, o la mich schweigen.
Aurelie bog sich zurck; in halb liegender Stellung lehnte sie, den Kopf auf die
Hand gesttzt, in die Ecke des Sofas, ppiger traten die schwellenden Umrisse
des jugendlichen Krpers hervor. Ich stand vor ihr, das lsterne Auge schwelgte
in dem unendlichen Liebreiz, aber mit der Lust kmpfte der teuflische Hohn, der
in mir rief: Du Unglckselige, du dem Satan Erkaufte, bist du ihm denn
entflohen, dem Mnch, der dich im Gebet zur Snde verlockte? Nun bist du seine
Braut... seine Braut! - In dem Augenblick war jene Liebe zu Aurelien, die ein
Himmelsstrahl zu entznden schien, als, dem Gefngnis, dem Tode entronnen, ich
sie im Park wiedersah, aus meinem Innern verschwunden, und der Gedanke, da ihr
Verderben meines Lebens glnzendster Lichtpunkt sein knne, erfllte mich ganz
und gar. - Man rief Aurelien zur Frstin. Klar wurde es mir, da Aureliens Leben
gewisse mir noch unbekannte Beziehungen auf mich selbst haben msse; und doch
fand ich keinen Weg dies zu erfahren, da Aurelie, alles Bittens unerachtet, jene
einzelne hingeworfene uerungen nicht nher deuten wollte. Der Zufall enthllte
mir das, was sie zu verschweigen gedachte. - Eines Tages befand ich mich im
Zimmer des Hofbeamten, dem es oblag, alle Privatbriefe des Frsten und der dem
Hofe Angehrigen zur Post zu befrdern. Er war eben abwesend, als Aureliens
Mdchen mit einem starken Briefe hineintrat und ihn auf den Tisch zu den
brigen, die schon dort befindlich, legte. Ein flchtiger Blick berzeugte mich,
da die Aufschrift an die btissin, der Frstin Schwester, von Aureliens Hand
war. Die Ahnung, alles noch nicht Erforschte sei darin enthalten, durchflog mich
mit Blitzesschnelle; noch ehe der Beamte zurckgekehrt, war ich fort mit dem
Briefe Aureliens.
    Du Mnch oder im weltlichen Treiben Befangener, der du aus meinem Leben
Lehre und Warnung zu schpfen trachtest, lies die Bltter, die ich hier
einschalte, lies die Gestndnisse des frommen, reinen Mdchens, von den bittern
Trnen des reuigen, hoffnungslosen Snders benetzt. Mge das fromme Gemt dir
aufgehen, wie leuchtender Trost in der Zeit der Snde und des Frevels.

                            Aurelie an die btissin
                     des Zisterzienser-Nonnenklosters zu...

Meine teure gute Mutter! Mit welchen Worten soll ich Dir's denn verknden, da
Dein Kind glcklich ist, da endlich die grause Gestalt, die, wie ein
schrecklich drohendes Gespenst, alle Blten abstreifend, alle Hoffnungen
zerstrend, in mein Leben trat, gebannt wurde durch der Liebe gttlichen Zauber.
Aber nun fllt es mir recht schwer aufs Herz, da, wenn du meines unglcklichen
Bruders, meines Vaters, den der Gram ttete, gedachtest und mich aufrichtetest
in meinem trostlosen Jammer - da ich dann dir nicht wie in heiliger Beichte
mein Innres ganz aufschlo. Doch ich vermag ja auch nun erst das dstre
Geheimnis auszusprechen, das tief in meiner Brust verborgen lag. Es ist, als
wenn eine bse unheimliche Macht mir mein hchstes Lebensglck recht trgerisch
wie ein grausiges Schreckbild vorgaukelte. Ich sollte wie auf einem wogenden
Meer hin und her schwanken und vielleicht rettungslos untergehen. Doch der
Himmel half, wie durch ein Wunder, in dem Augenblick, als ich im Begriff stand,
unnennbar elend zu werden. - Ich mu zurckgehen in meine frhe Kinderzeit, um
alles, alles zu sagen, denn schon damals wurde der Keim in mein Innres gelegt,
der so lange Zeit hindurch verderblich fortwucherte. Erst drei oder vier Jahre
war ich alt, als ich einst in der schnsten Frhlingszeit im Garten unseres
Schlosses mit Hermogen spielte. Wir pflckten allerlei Blumen, und Hermogen,
sonst eben nicht dazu aufgelegt, lie es sich gefallen, mir Krnze zu flechten,
in die ich mich putzte. Nun wollen wir zur Mutter gehen, sprach ich, als ich
mich ber und ber mit Blumen behngt hatte; da sprang aber Hermogen hastig auf
und rief mit wilder Stimme: La uns nur hier bleiben, klein Ding! die Mutter
ist im blauen Kabinett und spricht mit dem Teufel! - Ich wute gar nicht, was
er damit sagen wollte, aber dennoch erstarrte ich vor Schreck und fing endlich
an, jmmerlich zu weinen. Dumme Schwester, was heulst du, rief Hermogen,
Mutter spricht alle Tage mit dem Teufel, er tut ihr nichts! Ich frchtete mich
vor Hermogen, weil er so finster vor sich hinblickte, so rauh sprach, und
schwieg stille. Die Mutter war damals schon sehr krnklich, sie wurde oft von
frchterlichen Krmpfen ergriffen, die in einen todhnlichen Zustand bergingen.
Wir, ich und Hermogen, wurden dann fortgebracht. Ich hrte nicht auf zu klagen,
aber Hermogen sprach dumpf in sich hinein: Der Teufel hat's ihr angetan! So
wurde in meinem kindischen Gemt der Gedanke erweckt, die Mutter habe
Gemeinschaft mit einem bsen hlichen Gespenst, denn anders dachte ich mir
nicht den Teufel, da ich mit den Lehren der Kirche noch unbekannt war. Eines
Tages hatte man mich allein gelassen, mir wurde ganz unheimlich zumute, und vor
Schreck vermochte ich nicht zu fliehen, als ich wahrnahm, da ich eben in dem
blauen Kabinett mich befand, wo nach Hermogens Behauptung die Mutter mit dem
Teufel sprechen sollte. Die Tre ging auf, die Mutter trat leichenbla herein
und vor eine leere Wand hin. Sie rief mit dumpfer, tief klagender Stimme:
Francesko, Francesko! Da rauschte und regte es sich hinter der Wand, sie schob
sich auseinander, und das lebensgroe Bild eines schnen, in einem violetten
Mantel wunderbar gekleideten Mannes wurde sichtbar. Die Gestalt, das Gesicht
dieses Mannes machte einen unbeschreiblichen Eindruck auf mich, ich jauchzte auf
vor Freude; die Mutter, umblickend, wurde nun erst mich gewahr und rief heftig:
Was willst du hier, Aurelie? - wer hat dich hieher gebracht? - Die Mutter,
sonst so sanft und gtig, war erzrnter, als ich sie je gesehen. Ich glaubte
daran schuld zu sein. Ach, stammelte ich unter vielen Trnen, sie haben mich
hier allein gelassen, ich wollte ja nicht hier bleiben. Aber als ich wahrnahm,
da das Bild verschwunden, da rief ich: Ach das schne Bild! wo ist das schne
Bild! - Die Mutter hob mich in die Hhe, kte und herzte mich und sprach: Du
bist mein gutes, liebes Kind, aber das Bild darf niemand sehen, auch ist es nun
auf immer fort! Niemand vertraute ich, was mir widerfahren, nur zu Hermogen
sprach ich einmal: Hre! die Mutter spricht nicht mit dem Teufel, sondern mit
einem schnen Mann, aber der ist nur ein Bild und springt aus der Wand, wenn
Mutter ihn ruft. Da sah Hermogen starr vor sich hin und murmelte: Der Teufel
kann aussehen, wie er will, sagt der Herr Pater, aber der Mutter tut er doch
nichts. - Mich berfiel ein Grauen, und ich bat Hermogen flehentlich, doch ja
nicht wieder von dem Teufel zu sprechen. Wir gingen nach der Hauptstadt, das
Bild verlor sich aus meinem Gedchtnis und wurde selbst dann nicht wieder
lebendig, als wir nach dem Tode der guten Mutter auf das Land zurckgekehrt
waren. Der Flgel des Schlosses, in welchem jenes blaue Kabinett gelegen, blieb
unbewohnt; es waren die Zimmer meiner Mutter, die der Vater nicht betreten
konnte, ohne die schmerzlichsten Erinnerungen in sich aufzuregen. Eine Reparatur
des Gebudes machte es endlich ntig, die Zimmer zu ffnen; ich trat in das
blaue Kabinett, als die Arbeiter eben beschftiget waren, den Fuboden
aufzureien. Sowie einer von ihnen eine Tafel in der Mitte des Zimmers emporhob,
rauschte es hinter der Wand, sie schob sich auseinander, und das lebensgroe
Bild des Unbekannten wurde sichtbar. Man entdeckte die Feder im Fuboden,
welche, angedrckt, eine Maschine hinter der Wand in Bewegung setzte, die ein
Feld des Tafelwerks, womit die Wand bekleidet, auseinanderschob. Nun gedachte
ich lebhaft jenes Augenblicks meiner Kinderjahre, meine Mutter stand wieder vor
mir, ich vergo heie Trnen, aber nicht wegwenden konnte ich den Blick von dem
fremden herrlichen Mann, der mich mit lebendig strahlenden Augen anschaute. Man
hatte wahrscheinlich meinem Vater gleich gemeldet, was sich zugetragen, er trat
herein, als ich noch vor dem Bilde stand. Nur einen Blick hatte er darauf
geworfen, als er, von Entsetzen ergriffen, stehen blieb und dumpf in sich
hineinmurmelte: Francesko, Francesko! Darauf wandte er sich rasch zu den
Arbeitern und befahl mit starker Stimme: Man breche sogleich das Bild aus der
Wand, rolle es auf und bergebe es Reinhold. Es war mir, als solle ich den
schnen herrlichen Mann, der in seinem wunderbaren Gewande mir wie ein hoher
Geisterfrst vorkam, niemals wiedersehen, und doch hielt mich eine
unberwindliche Scheu zurck, den Vater zu bitten, das Bild ja nicht vernichten
zu lassen. In wenigen Tagen verschwand jedoch der Eindruck, den der Auftritt mit
dem Bilde auf mich gemacht hatte, spurlos aus meinem Innern. - Ich war schon
vierzehn Jahre alt worden und noch ein wildes, unbesonnenes Ding, so da ich
sonderbar genug gegen den ernsten feierlichen Hermogen abstach und der Vater oft
sagte, da, wenn Hermogen mehr ein stilles Mdchen schiene, ich ein recht
ausgelassener Knabe sei. Das sollte sich bald ndern. Hermogen fing an, mit
Leidenschaft und Kraft ritterliche bungen zu treiben. Er lebte nur in Kampf und
Schlacht, seine ganze Seele war davon erfllt, und da es eben Krieg geben
sollte, lag er dem Vater an, ihn nur gleich Dienste nehmen zu lassen. Mich
berfiel dagegen eben zu der Zeit eine solch unerklrliche Stimmung, die ich
nicht zu deuten wute und die bald mein ganzes Wesen verstrte. Ein seltsames
belbefinden schien aus der Seele zu kommen und alle Lebenspulse gewaltsam zu
ergreifen. Ich war oft der Ohnmacht nahe, dann kamen allerlei wunderliche Bilder
und Trume, und es war mir, als solle ich einen glnzenden Himmel voll Seligkeit
und Wonne erschauen und knne nur wie ein schlaftrunknes Kind die Augen nicht
ffnen. Ohne zu wissen, warum, konnte ich oft bis zum Tode betrbt, oft
ausgelassen frhlich sein. Bei dem geringsten Anla strzten mir die Trnen aus
den Augen, eine unerklrliche Sehnsucht stieg oft bis zu krperlichem Schmerz,
so da alle Glieder krampfhaft zuckten. Der Vater bemerkte meinen Zustand,
schrieb ihn berreizten Nerven zu und suchte die Hilfe des Arztes, der allerlei
Mittel verordnete, die ohne Wirkung blieben. Ich wei selbst nicht, wie es kam,
urpltzlich erschien mir das vergessene Bild jenes unbekannten Mannes so
lebhaft, da es mir war, als stehe es vor mir, Blicke des Mitleids auf mich
gerichtet. Ach! - soll ich denn sterben? - was ist es, das mich so
unaussprechlich qult? So rief ich dem Traumbilde entgegen, da lchelte der
Unbekannte und antwortete: Du liebst mich, Aurelie; das ist deine Qual, aber
kannst du die Gelbde des Gottgeweihten brechen? - Zu meinem Erstaunen wurde
ich nun gewahr, da der Unbekannte das Ordenskleid der Kapuziner trug. - Ich
raffte mich mit aller Gewalt auf, um nur aus dem trumerischen Zustande zu
erwachen. Es gelang mir. Fest war ich berzeugt, da jener Mnch nur ein loses
trgerisches Spiel meiner Einbildung gewesen, und doch ahnte ich nur zu
deutlich, da das Geheimnis der Liebe sich mir erschlossen hatte. Ja! - ich
liebte den Unbekannten mit aller Strke des erwachten Gefhls, mit aller
Leidenschaft und Inbrunst, deren das jugendliche Herz fhig. In jenen
Augenblicken trumerischen Hinbrtens, als ich den Unbekannten zu sehen glaubte,
schien mein belbefinden den hchsten Punkt erreicht zu haben, ich wurde
zusehends wohler, indem meine Nervenschwche nachlie, und nur das stete starre
Festhalten jenes Bildes, die phantastische Liebe zu einem Wesen, das nur in mir
lebte, gab mir das Ansehen einer Trumerin. Ich war fr alles verstummt, ich sa
in der Gesellschaft, ohne mich zu regen, und indem ich, mit meinem Ideal
beschftigt, nicht darauf achtete, was man sprach, gab ich oft verkehrte
Antworten, so da man mich fr ein einfltig Ding achten mochte. In meines
Bruders Zimmer sah ich ein fremdes Buch auf dem Tische liegen; ich schlug es
auf, es war ein aus dem Englischen bersetzter Roman: Der Mnch! - Mit
eiskaltem Schauer durchbebte mich der Gedanke, da der unbekannte Geliebte ein
Mnch sei. Nie hatte ich geahnt, da die Liebe zu einem Gottgeweihten sndlich
sein knne, nun kamen mir pltzlich die Worte des Traumbildes ein: Kannst du
die Gelbde des Gottgeweihten brechen? - und nun erst verwundeten sie, mit
schwerem Gewicht in mein Innres fallend, mich tief. Es war mir, als knne jenes
Buch mir manchen Aufschlu geben. Ich nahm es mit mir, ich fing an zu lesen, die
wunderbare Geschichte ri mich hin, aber als der erste Mord geschehen, als immer
verruchter der grliche Mnch frevelt, als er endlich ins Bndnis tritt mit dem
Bsen, da ergriff mich namenloses Entsetzen, denn ich gedachte jener Worte
Hermogens: Die Mutter spricht mit dem Teufel! Nun glaubte ich, so wie jener
Mnch im Roman, sei der Unbekannte ein dem Bsen Verkaufter, der mich verlocken
wolle. Und doch konnte ich nicht gebieten der Liebe zu dem Mnch, der in mir
lebte. Nun erst wute ich, da es frevelhafte Liebe gebe, mein Abscheu dagegen
kmpfte mit dem Gefhl, das meine Brust erfllte, und dieser Kampf machte mich
auf eigne Weise reizbar. Oft bemeisterte sich meiner in der Nhe eines Mannes
ein unheimliches Gefhl, weil es mir pltzlich war, als sei es der Mnch, der
nun mich erfassen und fortreien werde ins Verderben. Reinhold kam von einer
Reise zurck und erzhlte viel von einem Kapuziner Medardus, der als
Kanzelredner weit und breit berhmt sei und den er selbst in ...r mit
Verwunderung gehrt habe. Ich dachte an den Mnch im Roman, und es berfiel mich
eine seltsame Ahnung, da das geliebte und gefrchtete Traumbild jener Medardus
sein knne. Der Gedanke war mir schrecklich, selbst wute ich nicht, warum, und
mein Zustand wurde in der Tat peinlicher und verstrter, als ich es zu ertragen
vermochte. Ich schwamm in einem Meer von Ahnungen und Trumen. Aber vergebens
suchte ich das Bild des Mnchs aus meinem Innern zu verbannen; ich unglckliches
Kind konnte nicht widerstehen der sndigen Liebe zu dem Gottgeweihten. - Ein
Geistlicher besuchte einst, wie er es wohl manchmal zu tun pflegte, den Vater.
Er lie sich weitluftig ber die mannigfachen Versuchungen des Teufels aus, und
mancher Funke fiel in meine Seele, indem der Geistliche den trostlosen Zustand
des jungen Gemts beschrieb, in das sich der Bse den Weg bahnen wolle und worin
er nur schwaches Widerstreben fnde. Mein Vater fgte manches hinzu, als ob er
von mir rede. Nur unbegrenzte Zuversicht, sagte endlich der Geistliche, nur
unwandelbares Vertrauen, nicht sowohl zu befreundeten Menschen, als zur Religion
und ihren Dienern, knne Rettung bringen. Dies merkwrdige Gesprch bestimmte
mich, den Trost der Kirche zu suchen und meine Brust durch reuiges Gestndnis in
heiliger Beichte zu erleichtern. Am frhen Morgen des andern Tages wollte ich,
da wir uns eben in der Residenz befanden, in die dicht neben unserm Hause
gelegene Klosterkirche gehen. Es war eine qualvolle, entsetzliche Nacht, die ich
zu berstehen hatte. Abscheuliche, frevelige Bilder, wie ich sie nie gesehen,
nie gedacht, umgaukelten mich, aber dann mitten drunter stand der Mnch da, mir
die Hand wie zur Rettung bietend, und rief: Sprich es nur aus, da du mich
liebst, und frei bist du aller Not. Da mut' ich unwillkrlich rufen: Ja
Medardus, ich liebe dich! - und verschwunden waren die Geister der Hlle!
Endlich stand ich auf, kleidete mich an und ging nach der Klosterkirche.
Das Morgenlicht brach eben in farbigen Strahlen durch die bunten Fenster, ein
Laienbruder reinigte die Gnge. Unfern der Seitenpforte, wo ich hineingetreten,
stand ein der heiligen Rosalia geweihter Altar, dort hielt ich ein kurzes Gebet
und schritt dann auf den Beichtstuhl zu, in dem ich einen Mnch erblickte. Hilf,
heiliger Himmel! - es war Medardus! Kein Zweifel blieb brig, eine hhere Macht
sagte es mir. Da ergriff mich wahnsinnige Angst und Liebe, aber ich fhlte, da
nur standhafter Mut mich retten knne. Ich beichtete ihm selbst meine sndliche
Liebe zu dem Gottgeweihten, ja mehr als das! ... Ewiger Gott! in dem Augenblicke
war es mir, als htte ich schon oft in trostloser Verzweiflung den heiligen
Banden, die den Geliebten fesselten, geflucht, und auch das beichtete ich. Du
selbst, du selbst, Medardus, bist es, den ich so unaussprechlich liebe. Das
waren die letzten Worte, die ich zu sprechen vermochte, aber nun flo lindernder
Trost der Kirche, wie des Himmels Balsam, von den Lippen des Mnchs, der mir
pltzlich nicht mehr Medardus schien. Bald darauf nahm mich ein alter
ehrwrdiger Pilger in seine Arme und fhrte mich langsamen Schrittes durch die
Gnge der Kirche zur Hauptpforte hinaus. Er sprach hochheilige, herrliche Worte,
aber ich mute entschlummern wie ein unter sanften, sen Tnen eingewiegtes
Kind. Ich verlor das Bewutsein. Als ich erwachte, lag ich angekleidet auf dem
Sofa meines Zimmers. Gott und den Heiligen Lob und Dank, die Krisis ist
vorber, sie erholt sich! rief eine Stimme. Es war der Arzt, der diese Worte zu
meinem Vater sprach. Man sagte mir, da man mich des Morgens in einem
erstarrten, todhnlichen Zustande gefunden und einen Nervenschlag befrchtet
habe. Du siehst, meine liebe, fromme Mutter, da meine Beichte bei dem Mnch
Medardus nur ein lebhafter Traum in einem berreizten Zustande war, aber die
heilige Rosalia, zu der ich oft flehte und deren Bildnis ich ja auch im Traum
anrief, hat mir wohl alles so erscheinen lassen, damit ich errettet werden mge
aus den Schlingen, die mir der arglistige Bse gelegt. Verschwunden war aus
meinem Innern die wahnsinnige Liebe zu dem Trugbilde im Mnchsgewand. Ich
erholte mich ganz und trat nun erst heiter und unbefangen in das Leben ein. -
Aber, gerechter Gott, noch einmal sollte mich jener verhate Mnch auf
entsetzliche Weise bis zum Tode treffen. Fr eben jenen Medardus, dem ich im
Traum gebeichtet, erkannte ich augenblicklich den Mnch, der sich auf unserm
Schlosse eingefunden. Das ist der Teufel, mit dem die Mutter gesprochen, hte
dich, hte dich! - er stellt dir nach! so rief der unglckliche Hermogen immer
in mich hinein. Ach, es htte dieser Warnung nicht bedurft. Von dem ersten
Moment an, als mich der Mnch mit vor freveliger Begier funkelnden Augen
anblickte und dann in geheuchelter Verzckung die heilige Rosalia anrief, war er
mir unheimlich und entsetzlich. Du weit alles Frchterliche, was sich darauf
begab, meine gute liebe Mutter. Ach aber, mu ich es nicht Dir auch gestehen,
da der Mnch mir desto gefhrlicher war, als sich tief in meinem Innersten ein
Gefhl regte, dem gleich, als zuerst der Gedanke der Snde in mir entstand und
als ich ankmpfen mute gegen die Verlockung des Bsen? Es gab Augenblicke, in
denen ich Verblendete den heuchlerischen frommen Reden des Mnchs traute, ja in
denen es mir war, als strahle aus seinem Innern der Funke des Himmels, der mich
zur reinen berirdischen Liebe entznden knne. Aber dann wute er mit
verruchter List, selbst in begeisterter Andacht, eine Glut anzufachen, die aus
der Hlle kam. Wie den mich bewachenden Schutzengel sandten mir dann die
Heiligen, zu denen ich inbrnstig flehte, den Bruder. - Denke Dir, liebe Mutter,
mein Entsetzen, als hier, bald nachdem ich zum erstenmal bei Hofe erschienen,
ein Mann auf mich zutrat, den ich auf den ersten Blick fr den Mnch Medardus zu
erkennen glaubte, unerachtet er weltlich gekleidet ging. Ich wurde ohnmchtig,
als ich ihn sah. In den Armen der Frstin erwacht, rief ich laut: Er ist es, er
ist es, der Mrder meines Bruders. - Ja, er ist es, sprach die Frstin, der
verkappte Mnch Medardus, der dem Kloster entsprang; die auffallende hnlichkeit
mit seinem Vater Francesko... Hilf, heiliger Himmel, indem ich diesen Namen
schreibe, rinnen eiskalte Schauer mir durch alle Glieder. Jenes Bild meiner
Mutter war Francesko... das trgerische Mnchsgebilde, das mich qulte, hatte
ganz seine Zge! - Medardus, ihn erkannte ich als jenes Gebilde in dem
wunderbaren Traum der Beichte. Medardus ist Franceskos Sohn, Franz, den Du,
meine gute Mutter, so fromm erziehen lieest und der in Snde und Frevel geriet.
Welche Verbindung hatte meine Mutter mit jenem Francesko, da sie sein Bild
heimlich aufbewahrte und bei seinem Anblick sich dem Andenken einer seligen Zeit
zu berlassen schien? - Wie kam es, da in diesem Bilde Hermogen den Teufel sah,
und da es den Grund legte zu meiner sonderbaren Verirrung? Ich versinke in
Ahnungen und Zweifel. - Heiliger Gott, bin ich denn entronnen der bsen Macht,
die mich umstrickt hielt? - Nein, ich kann nicht weiter schreiben, mir ist, als
wrd' ich von dunkler Nacht befangen und kein Hoffnungsstern leuchte, mir
freundlich den Weg zeigend, den ich wandeln soll!

(Einige Tage spter.)
Nein! Keine finstere Zweifel sollen mir die hellen Sonnentage verdstern, die
mir aufgegangen sind. Der ehrwrdige Pater Cyrillus hat Dir, meine teure Mutter,
wie ich wei, schon ausfhrlich berichtet, welch eine schlimme Wendung der
Proze Leonards nahm, den meine bereilung den bsen Kriminalgerichten in die
Hnde gab. Da der wirkliche Medardus eingefangen wurde, da sein vielleicht
verstellter Wahnsinn bald ganz nachlie, da er seine Freveltaten eingestand,
da er seine gerechte Strafe erwartet und... doch nicht weiter, denn nur zu sehr
wrde das schmachvolle Schicksal des Verbrechers, der als Knabe Dir so teuer
war, Dein Herz verwunden. - Der merkwrdige Proze war das einzige Gesprch bei
Hofe. Man hielt Leonard fr einen verschmitzten, hartnckigen Verbrecher, weil
er alles leugnete. - Gott im Himmel! - Dolchstiche waren mir manche Reden, denn
auf wunderbare Weise sprach eine Stimme in mir: Er ist unschuldig, und das wird
klar werden, wie der Tag. - Ich empfand das tiefste Mitleid mit ihm, gestehen
mute ich es mir selbst, da mir sein Bild, rief ich es mir wieder zurck,
Regungen erweckte, die ich nicht mideuten konnte. Ja! - ich liebte ihn schon
unaussprechlich, als er der Welt noch ein freveliger Verbrecher schien. Ein
Wunder mute ihn und mich retten, denn ich starb, sowie Leonard durch die Hand
des Henkers fiel. Er ist schuldlos, er liebt mich, und bald ist er ganz mein. So
geht eine dunkle Ahnung aus frhen Kindesjahren, die mir eine feindliche Macht
arglistig zu vertrben suchte, herrlich, herrlich auf in regen wonnigem Leben. O
gib mir, gib dem Geliebten Deinen Segen, Du fromme Mutter! - Ach knnte Dein
glckliches Kind nur ihre volle Himmelslust recht ausweinen an Deinem Herzen! -
Leonard gleicht ganz jenem Francesko, nur scheint er grer, auch unterscheidet
ihn ein gewisser charakteristischer Zug, der seiner Nation eigen (Du weit, da
er ein Pole ist), von Francesko und dem Mnch Medardus sehr merklich. Albern war
es wohl berhaupt, den geistreichen, gewandten, herrlichen Leonard auch nur
einen Augenblick fr einen entlaufenen Mnch anzusehen. Aber so stark ist noch
der frchterliche Eindruck jener grlichen Szenen auf unserm Schlosse, da oft,
tritt Leonard unvermutet zu mir herein und blickt mich an mit seinem strahlenden
Auge, das ach nur zu sehr jenem Medardus gleicht, mich unwillkrliches Grausen
befllt und ich Gefahr laufe, durch mein kindisches Wesen den Geliebten zu
verletzen. Mir ist, als wrde erst des Priesters Segen die finstere Gestalten
bannen, die noch jetzt recht feindlich manchen Wolkenschatten in mein Leben
werfen. Schliee mich und den Geliebten in Dein frommes Gebet, meine teure
Mutter! - Der Frst wnscht, da die Vermhlung bald vor sich gehe; den Tag
schreibe ich Dir, damit Du Deines Kindes gedenken mgest in ihres Lebens
feierlicher, verhngnisvoller Stunde etc.

Immer und immer wieder las ich Aureliens Bltter. Es war, als wenn der Geist des
Himmels, der daraus hervorleuchtete, in mein Inneres dringe und vor seinem
reinen Strahl alle sndliche, frevelige Glut verlsche. Bei Aureliens Anblick
berfiel mich heilige Scheu, ich wagte es nicht mehr, sie strmisch zu
liebkosen, wie sonst. Aurelie bemerkte mein verndertes Betragen, ich gestand
ihr reuig den Raub des Briefes an die btissin; ich entschuldigte ihn mit einem
unerklrlichen Drange, dem ich, wie der Gewalt einer unsichtbaren hheren Macht,
nicht widerstehen knnen, ich behauptete, da eben jene hhere, auf mich
einwirkende Macht mir jene Vision am Beichtstuhle habe kund tun wollen, um mir
zu zeigen, wie unsere innigste Verbindung ihr ewiger Ratschlu sei. Ja, du
frommes Himmelskind, sprach ich, auch mir ging einst ein wunderbarer Traum
auf, in dem du mir deine Liebe gestandest, aber ich war ein unglcklicher, vom
Geschick zermalmter Mnch, dessen Brust tausend Qualen der Hlle zerrissen. -
Dich - dich liebte ich mit namenloser Inbrunst, doch Frevel, doppelter,
verruchter Frevel war meine Liebe, denn ich war ja ein Mnch und du die heilige
Rosalia. Erschrocken fuhr Aurelie auf. Um Gott, sprach sie, um Gott, es geht
ein tiefes unerforschliches Geheimnis durch unser Leben; ach, Leonard, la uns
nie an dem Schleier rhren, der es umhllt, wer wei, was Grauenvolles,
Entsetzliches dahinter verborgen. La uns fromm sein und fest aneinander halten
in treuer Liebe, so widerstehen wir der dunkeln Macht, deren Geister uns
vielleicht feindlich bedrohen. Da du meinen Brief lasest, das mute so sein;
ach! ich selbst htte dir alles erschlieen sollen, kein Geheimnis darf unter
uns walten. Und doch ist es mir, als kmpftest du mit manchem, was frher recht
verderblich eintrat in dein Leben und was du nicht vermchtest ber die Lippen
zu bringen vor unrechter Scheu! - Sei aufrichtig, Leonard! - Ach wie wird ein
freimtiges Gestndnis deine Brust erleichtern und heller unsere Liebe
strahlen! - Wohl fhlte ich bei diesen Worten Aureliens recht marternd, wie der
Geist des Truges in mir wohne, und wie ich nur noch vor wenigen Augenblicken das
fromme Kind recht frevelig getuscht; und dies Gefhl regte sich strker und
strker auf in wunderbarer Weise, ich mute Aurelien alles - alles entdecken und
doch ihre Liebe gewinnen. Aurelie - du meine Heilige, - die mich rettet von...
In dem Augenblick trat die Frstin herein, ihr Anblick warf mich pltzlich
zurck in die Hlle, voll Hohn und Gedanken des Verderbens. Sie mute mich jetzt
dulden, ich blieb und stellte mich als Aureliens Brutigam khn und keck ihr
entgegen. berhaupt war ich nur frei von allen bsen Gedanken, wenn ich mit
Aurelien allein mich befand; dann ging mir aber auch die Seligkeit des Himmels
auf. Jetzt erst wnschte ich lebhaft meine Vermhlung mit Aurelien. - In einer
Nacht stand lebhaft meine Mutter vor mir, ich wollte ihre Hand ergreifen und
wurde gewahr, da es nur Duft sei, der sich gestaltet. Weshalb diese alberne
Tuschung? rief ich erzrnt; da flossen helle Trnen aus meiner Mutter Augen,
die wurden aber zu silbernen, hellblinkenden Sternen, aus denen leuchtende
Tropfen fielen und um mein Haupt kreisten, als wollten sie einen Heiligenschein
bilden, doch immer zerri eine schwarze frchterliche Faust den Kreis. Du, den
ich rein von jeder Untat geboren, sprach meine Mutter mit sanfter Stimme, ist
denn deine Kraft gebrochen, da du nicht zu widerstehen vermagst den
Verlockungen des Satans? - Jetzt kann ich erst dein Innres durchschauen, denn
mir ist die Last des Irdischen entnommen! - Erhebe dich, Franziskus! ich will
dich schmcken mit Bndern und Blumen, denn es ist der Tag des heiligen
Bernardus gekommen, und du sollst wieder ein frommer Knabe sein! - Da war es
mir, als msse ich wie sonst einen Hymnus anstimmen zum Lobe des Heiligen, aber
entsetzlich tobte es dazwischen, mein Gesang wurde ein wildes Geheul, und
schwarze Schleier rauschten herab zwischen mir und der Gestalt meiner Mutter. -
Mehrere Tage nach dieser Vision begegnete mir der Kriminalrichter auf der
Strae. Er trat freundlich auf mich zu. Wissen Sie schon, fing er an, da der
Proze des Kapuziners Medardus wieder zweifelhaft worden? Das Urteil, das ihm
hchst wahrscheinlich den Tod zuerkannt htte, sollte schon abgefat werden, als
er aufs neue Spuren des Wahnsinns zeigte. Das Kriminalgericht erhielt nmlich
die Nachricht von dem Tode seiner Mutter; ich machte es ihm bekannt, da lachte
er wild auf und rief mit einer Stimme, die selbst dem standhaftesten Gemt
Entsetzen erregen konnte: Ha ha ha! - die Prinzessin von... (er nannte die
Gemahlin des ermordeten Bruders unsers Frsten) ist lngst gestorben! - Es ist
jetzt eine neue rztliche Untersuchung verfgt, man glaubt jedoch, da der
Wahnsinn des Mnchs verstellt sei. - Ich lie mir Tag und Stunde des Todes
meiner Mutter sagen! sie war mir in demselben Moment, als sie starb, erschienen,
und tief eindringend in Sinn und Gemt, war nun auch die nur zu sehr vergessene
Mutter die Mittlerin zwischen mir und der reinen Himmelsseele, die mein werden
sollte. Milder und weicher geworden, schien ich nun erst Aureliens Liebe ganz zu
verstehen, ich mochte sie wie eine mich beschirmende Heilige kaum verlassen, und
mein dsteres Geheimnis wurde, indem sie nicht mehr deshalb in mich drang, nun
ein mir selbst unerforschliches, von hheren Mchten verhngtes Ereignis. - Der
von dem Frsten bestimmte Tag der Vermhlung war gekommen. Aurelie wollte in
erster Frhe vor dem Altar der heiligen Rosalia in der nahegelegenen
Klosterkirche getraut sein. Wachend und nach langer Zeit zum erstenmal
inbrnstig betend, brachte ich die Nacht zu. Ach! ich Verblendeter fhlte nicht,
da das Gebet, womit ich mich zur Snde rstete, hllischer Frevel sei! - Als
ich zu Aurelien eintrat, kam sie mir, wei gekleidet und mit duftenden Rosen
geschmckt, in holder Engelsschnheit entgegen. Ihr Gewand sowie ihr Haarschmuck
hatte etwas sonderbar Altertmliches, eine dunkle Erinnerung ging in mir auf,
aber von tiefem Schauer fhlte ich mich durchbebt, als pltzlich lebhaft das
Bild des Altars, an dem wir getraut werden sollten, mir vor Augen stand. Das
Bild stellte das Martyrium der heiligen Rosalia vor, und gerade so wie Aurelie
war sie gekleidet. - Schwer wurde es mir, den grausigen Eindruck, den dies auf
mich machte, zu verbergen. Aurelie gab mir mit einem Blick, aus dem ein ganzer
Himmel voll Liebe und Seligkeit strahlte, die Hand, ich zog sie an meine Brust,
und mit dem Ku des reinsten Entzckens durchdrang mich aufs neue das deutliche
Gefhl, da nur durch Aurelie meine Seele errettet werden knne. Ein frstlicher
Bedienter meldete, da die Herrschaft bereit sei, uns zu empfangen. Aurelie zog
schnell die Handschuhe an, ich nahm ihren Arm, da bemerkte das Kammermdchen,
da das Haar in Unordnung gekommen sei, sie sprang fort, um Nadeln zu holen. Wir
warteten an der Tre, der Aufenthalt schien Aurelien unangenehm. In dem
Augenblick entstand ein dumpfes Gerusch auf der Strae, hohle Stimmen riefen
durcheinander, und das drhnende Gerassel eines schweren, langsam rollenden
Wagens lie sich vernehmen. Ich eilte ans Fenster! - Da stand eben vor dem
Palast der vom Henkersknecht gefhrte Leiterwagen, auf dem der Mnch rckwrts
sa, vor ihm ein Kapuziner, laut und eifrig mit ihm betend. Er war entstellt von
der Blsse der Todesangst und dem struppigen Bart - doch waren die Zge des
grlichen Doppeltgngers mir nur zu kenntlich. - Sowie der Wagen,
augenblicklich gehemmt durch die andrngende Volksmasse, wieder fortrollte, warf
er den stieren entsetzlichen Blick der funkelnden Augen zu mir herauf und lachte
und heulte herauf: Brutigam, Brutigam! ... komm... komm aufs Dach... aufs
Dach... da wollen wir ringen miteinander, und wer den andern herabstt, ist
Knig und darf Blut trinken! Ich schrie auf: Entsetzlicher Mensch... was
willst du... was willst du von mir? - Aurelie umfate mich mit beiden Armen,
sie ri mich mit Gewalt vom Fenster, rufend: Um Gott und der heiligen Jungfrau
willen... Sie fhren den Medardus... den Mrder meines Bruders, zum Tode...
Leonard... Leonard! - Da wurden die Geister der Hlle in mir wach und bumten
sich auf mit der Gewalt, die ihnen verliehen ber den frevelnden verruchten
Snder. - Ich erfate Aurelien mit grimmer Wut, da sie zusammenzuckte: Ha ha
ha... Wahnsinniges, triges Weib... ich... ich, dein Buhle, dein Brutigam, bin
der Medardus... bin deines Bruders Mrder... du, Braut des Mnchs, willst
Verderben herabwinseln ber deinen Brutigam? Ho ho ho! ... ich bin Knig... ich
trinke dein Blut! - Das Mordmesser ri ich heraus - ich stie nach Aurelien,
die ich zu Boden fallen lassen - ein Blutstrom sprang hervor ber meine Hand. -
Ich strzte die Treppen hinab, durch das Volk hin zum Wagen, ich ri den Mnch
herab und warf ihn zu Boden; da wurde ich festgepackt, wtend stie ich mit dem
Messer um mich herum - ich wurde frei - ich sprang fort - man drang auf mich
ein, ich fhlte mich in der Seite durch einen Stich verwundet, aber das Messer
in der rechten Hand, und mit der linken krftige Faustschlge austeilend,
arbeitete ich mich durch bis an die nahe Mauer des Parks, die ich mit einem
frchterlichen Satz bersprang. Mord... Mord... Haltet... haltet den Mrder!
riefen Stimmen hinter mir her, ich hrte es rasseln, man wollte das
verschlossene Tor des Parks sprengen, unaufhaltsam rannte ich fort. Ich kam an
den breiten Graben, der den Park von dem dicht dabei gelegenen Walde trennte,
ein mchtiger Sprung - ich war hinber, und immer fort und fort rannte ich durch
den Wald, bis ich erschpft unter einem Baume niedersank. Es war schon finstre
Nacht worden, als ich, wie aus tiefer Betubung, erwachte. Nur der Gedanke, zu
fliehen wie ein gehetztes Tier, stand fest in meiner Seele. Ich stand auf, aber
kaum war ich einige Schritte fort, als, aus dem Gebsch hervorrauschend, ein
Mensch auf meinen Rcken sprang und mich mit den Armen umhalste. Vergebens
versuchte ich, ihn abzuschtteln - ich warf mich nieder, ich drckte mich
hinterrcks an die Bume, alles umsonst. Der Mensch kicherte und lachte
hhnisch; da brach der Mond hellleuchtend durch die schwarzen Tannen, und das
totenbleiche, grliche Gesicht des Mnchs - des vermeintlichen Medardus, des
Doppeltgngers, starrte mich an mit dem grlichen Blick, wie von dem Wagen
herauf. - Hi... hi... hi... Brderlein... Brderlein, immer, immer bin ich bei
dir... lasse dich nicht... lasse... dich nicht... Kann nicht lau... laufen...
wie du... mut mich tra... tragen... Komme vom Ga... Galgen... haben mich r...
rdern wollen... hi hi... So lachte und heulte das grause Gespenst, indem ich,
von wildem Entsetzen gekrftigt, hoch emporsprang wie ein von der Riesenschlange
eingeschnrter Tiger! - Ich raste gegen Baum- und Felsstcke, um ihn, wo nicht
zu tten, doch wenigstens hart zu verwunden, da er mich zu lassen gentigt sein
sollte. Dann lachte er strker, und mich nur traf jher Schmerz; ich versuchte
seine unter meinem Kinn festgeknoteten Hnde loszuwinden, aber die Gurgel
einzudrcken drohte mir des Ungetmes Gewalt. Endlich, nach tollem Rasen, fiel
er pltzlich herab, aber kaum war ich einige Schritte fortgerannt, als er von
neuem auf meinem Rcken sa, kichernd und lachend und jene entsetzliche Worte
stammelnd! Aufs neue jene Anstrengungen wilder Wut - aufs neue befreit! - aufs
neue umhalst von dem frchterlichen Gespenst. - Es ist mir nicht mglich,
deutlich anzugeben, wie lange ich, von dem Doppeltgnger verfolgt, durch finstre
Wlder floh, es ist mir so, als msse das Monate hindurch, ohne da ich Speise
und Trank geno, gedauert haben. Nur eines lichten Augenblicks erinnere ich mich
lebhaft, nach welchem ich in gnzlich bewutlosen Zustand verfiel. Eben war es
mir geglckt, meinen Doppeltgnger abzuwerfen, als ein heller Sonnenstrahl und
mit ihm ein holdes anmutiges Tnen den Wald durchdrang. Ich unterschied eine
Klosterglocke, die zur Frhmette lutete. Du hast Aurelie ermordet! Der
Gedanke erfate mich mit des Todes eiskalten Armen, und ich sank bewutlos
nieder.

                               Zweiter Abschnitt


                                    Die Bue

Eine sanfte Wrme glitt durch mein Inneres. Dann fhlte ich es in allen Adern
seltsam arbeiten und prickeln; dies Gefhl wurde zu Gedanken, doch war mein Ich
hundertfach zerteilt. Jeder Teil hatte im eignen Regen eignes Bewutsein des
Lebens, und umsonst gebot das Haupt den Gliedern, die wie untreue Vasallen sich
nicht sammeln mochten unter seiner Herrschaft. Nun fingen die Gedanken der
einzelnen Teile an, sich zu drehen wie leuchtende Punkte, immer schneller und
schneller, so da sie einen Feuerkreis bildeten, der wurde kleiner, sowie die
Schnelligkeit wuchs, da er zuletzt nur eine stillstehende Feuerkugel schien.
Aus der schossen rotglhende Strahlen und bewegten sich im farbichten
Flammenspiel. Das sind meine Glieder, die sich regen, jetzt erwache ich! So
dachte ich deutlich, aber in dem Augenblick durchzuckte mich ein jher Schmerz,
helle Glockentne schlugen an mein Ohr. Fliehen, weiter fort! - weiter fort!
rief ich laut, wollte mich schnell aufraffen, fiel aber entkrftet zurck. Jetzt
erst vermochte ich die Augen zu ffnen. Die Glockentne dauerten fort - ich
glaubte noch im Walde zu sein, aber wie erstaunte ich, als ich die Gegenstnde
rings umher, als ich mich selbst betrachtete. In dem Ordenshabit der Kapuziner
lag ich in einem hohen einfachen Zimmer auf einer wohlgepolsterten Matratze
ausgestreckt. Ein paar Rohrsthle, ein kleiner Tisch und ein rmliches Bett
waren die einzigen Gegenstnde, die sich noch im Zimmer befanden. Es wurde mir
klar, da mein bewutloser Zustand eine Zeitlang gedauert haben und da ich in
demselben auf diese oder jene Weise in ein Kloster gebracht sein mute, das
Kranke aufnehme. Vielleicht war meine Kleidung zerrissen, und man gab mir
vorlufig eine Kutte. Der Gefahr, so schien es mir, war ich entronnen. Diese
Vorstellungen beruhigten mich ganz, und ich beschlo abzuwarten, was sich weiter
zutragen wrde, da ich voraussetzen konnte, da man bald nach dem Kranken sehen
wrde. Ich fhlte mich sehr matt, sonst aber ganz schmerzlos. Nur einige Minuten
hatte ich so, zum vollkommenen Bewutsein erwacht, gelegen, als ich Tritte
vernahm, die sich wie auf einem langen Gange nherten. Man schlo meine Tre
auf, und ich erblickte zwei Mnner, von denen einer brgerlich gekleidet war,
der andere aber den Ordenshabit der Barmherzigen Brder trug. Sie traten
schweigend auf mich zu, der brgerlich Gekleidete sah mir scharf in die Augen
und schien sehr verwundert. Ich bin wieder zu mir selbst gekommen, mein Herr,
fing ich mit matter Stimme an, dem Himmel sei es gedankt, der mich zum Leben
erweckt hat - wo befinde ich mich aber? wie bin ich hergekommen? - Ohne mir zu
antworten, wandte sich der brgerlich Gekleidete zu dem Geistlichen und sprach
auf italienisch: Das ist in der Tat erstaunenswrdig, der Blick ist ganz
gendert, die Sprache rein, nur matt... es mu eine besondere Krisis eingetreten
sein. - Mir scheint, erwiderte der Geistliche, mir scheint, als wenn die
Heilung nicht mehr zweifelhaft sein knne. Das kommt, fuhr der brgerlich
Gekleidete fort, das kommt darauf an, wie er sich in den nchsten Tagen hlt.
Verstehen Sie nicht so viel deutsch, um mit ihm zu sprechen? Leider nein,
antwortete der Geistliche. - Ich verstehe und spreche italienisch, fiel ich
ein; sagen Sie mir, wo bin ich, wie bin ich hergekommen? - Der brgerlich
Gekleidete, wie ich wohl merken konnte, ein Arzt, schien freudig verwundert.
Ah, rief er aus, ah, das ist gut. Ihr befindet Euch, ehrwrdiger Herr, an
einem Orte, wo man nur fr Euer Wohl auf alle mgliche Weise sorgt. Ihr wurdet
vor drei Monaten in einem sehr bedenklichen Zustande hergebracht. Ihr wart sehr
krank, aber durch unsere Sorgfalt und Pflege scheint Ihr Euch auf dem Wege der
Genesung zu befinden. Haben wir das Glck, Euch ganz zu heilen, so knnt Ihr
ruhig Eure Strae fortwandeln, denn wie ich hre, wollt Ihr nach Rom! - Bin
ich denn, frug ich weiter, in der Kleidung, die ich trage, zu Euch gekommen?
- Freilich, erwiderte der Arzt, aber lat das Fragen, beunruhigt Euch nur
nicht, alles sollt Ihr erfahren, die Sorge fr Eure Gesundheit ist jetzt das
vornehmlichste. Er fate meinen Puls, der Geistliche hatte unterdessen eine
Tasse herbeigebracht, die er mir darreichte. Trinkt, sprach der Arzt, und
sagt mir dann, wofr Ihr das Getrnk haltet. - Es ist, erwiderte ich, nachdem
ich getrunken, es ist eine gar krftig zubereitete Fleischbrhe. - Der Arzt
lchelte zufrieden und rief dem Geistlichen zu: Gut, sehr gut! - Beide
verlieen mich. Nun war meine Vermutung, wie ich glaubte, richtig. Ich befand
mich in einem ffentlichen Krankenhause. Man pflegte mich mit strkenden
Nahrungsmitteln und krftiger Arzenei, so da ich nach drei Tagen imstande war,
aufzustehen. Der Geistliche ffnete ein Fenster, eine warme herrliche Luft, wie
ich sie nie geatmet, strmte herein, ein Garten schlo sich an das Gebude,
herrliche fremde Bume grnten und blhten, Weinlaub rankte sich ppig an der
Mauer empor, vor allem aber war mir der dunkelblaue duftige Himmel eine
Erscheinung aus ferner Zauberwelt. Wo bin ich denn, rief ich voll Entzcken
aus, haben mich die Heiligen gewrdigt, in einem Himmelslande zu wohnen? Der
Geistliche lchelte wohlbehaglich, indem er sprach: Ihr seid in Italien, mein
Bruder, in Italien! - Meine Verwunderung wuchs bis zum hchsten Grade, ich
drang in den Geistlichen, mir genau die Umstnde meines Eintritts in dies Haus
zu sagen, er wies mich an den Doktor. Der sagte mir endlich, da vor drei
Monaten mich ein wunderlicher Mensch hergebracht und gebeten habe, mich
aufzunehmen; ich befnde mich nmlich in einem Krankenhause, das von
Barmherzigen Brdern verwaltet werde. Sowie ich mich mehr und mehr erkrftigte,
bemerkte ich, da beide, der Arzt und der Geistliche, sich in mannigfache
Gesprche mit mir einlieen und mir vorzglich Gelegenheit gaben, lange
hintereinander zu erzhlen. Meine ausgebreiteten Kenntnisse in den
verschiedensten Fchern des Wissens gaben mir reichen Stoff dazu, und der Arzt
lag mir an, manches niederzuschreiben, welches er dann in meiner Gegenwart las
und sehr zufrieden schien. Doch fiel es mir oft seltsamlich auf, da er, statt
meine Arbeit selbst zu loben, immer nur sagte: In der Tat... das geht gut...
ich habe mich nicht getuscht! ... wunderbar... wunderbar! Ich durfte nun zu
gewissen Stunden in den Garten hinab, wo ich manchmal grausig entstellte,
totenblasse, bis zum Geripp ausgetrocknete Menschen, von Barmherzigen Brdern
geleitet, erblickte. Einmal begegnete mir, als ich schon im Begriff stand, in
das Haus zurckzukehren, ein langer, hagerer Mann, in einem seltsamen erdgelben
Mantel, der wurde von zwei Geistlichen bei den Armen gefhrt, und nach jedem
Schritt machte er einen possierlichen Sprung und pfiff dazu mit durchdringender
Stimme. Erstaunt blieb ich stehen, doch der Geistliche, der mich begleitete, zog
mich schnell fort, indem er sprach: Kommt, kommt, lieber Bruder Medardus! das
ist nichts fr Euch. - Um Gott, rief ich aus, woher wit Ihr meinen Namen?
- Die Heftigkeit, womit ich diese Worte ausstie, schien meinen Begleiter zu
beunruhigen. Ei, sprach er, wie sollen wir denn Euern Namen nicht wissen? Der
Mann, der Euch herbrachte, nannte ihn ja ausdrcklich, und Ihr seid eingetragen
in die Register des Hauses: Medardus, Bruder des Kapuzinerklosters zu B. -
Eiskalt bebte es mir durch die Glieder. Aber mochte der Unbekannte, der mich in
das Krankenhaus gebracht hatte, sein, wer er wollte, mochte er eingeweiht sein
in mein entsetzliches Geheimnis; er konnte nicht Bses wollen, denn er hatte ja
freundlich fr mich gesorgt, und ich war ja frei. -
    Ich lag im offnen Fenster und atmete in vollen Zgen die herrliche, warme
Luft ein, die, durch Mark und Adern strmend, neues Leben in mir entzndete, als
ich eine kleine, drre Figur, ein spitzes Htchen auf dem Kopfe, und in einen
rmlichen erblichenen berrock gekleidet, den Hauptgang nach dem Hause herauf
mehr hpfen und trippeln als gehen sah. Als er mich erblickte, schwenkte er den
Hut in der Luft und warf mir Kuhndchen zu. Das Mnnlein hatte etwas Bekanntes,
doch konnte ich die Gesichtszge nicht deutlich erkennen, und er verschwand
unter den Bumen, ehe ich mit mir einig worden, wer es wohl sein mge. Doch
nicht lange dauerte es, so klopfte es an meine Tre, ich ffnete, und dieselbe
Figur, die ich im Garten gesehen, trat herein. Schnfeld, rief ich voll
Verwunderung, Schnfeld, wie kommen Sie her, um des Himmels willen? - Es war
jener nrrische Friseur aus der Handelsstadt, der mich damals rettete aus groer
Gefahr. Ach - ach, ach! seufzte er, indem sich sein Gesicht auf komische Weise
weinerlich verzog, wie soll ich denn herkommen, ehrwrdiger Herr, wie soll ich
denn herkommen anders, als geworfen - geschleudert von dem bsen Verhngnis, das
alle Genies verfolgt! Eines Mordes wegen mute ich fliehen... Eines Mordes
wegen? unterbrach ich ihn heftig. - Ja, eines Mordes wegen, fuhr er fort,
ich hatte im Zorn den linken Backenbart des jngsten Kommerzienrates in der
Stadt gettet und dem rechten gefhrliche Wunden beigebracht. - Ich bitte
Sie, unterbrach ich ihn aufs neue, lassen Sie die Possen, sein Sie einmal
vernnftig und erzhlen Sie im Zusammenhange oder verlassen Sie mich. - Ei,
lieber Bruder Medardus, fing er pltzlich sehr ernst an; du willst mich
fortschicken, nun du genesen, und mutest mich doch in deiner Nhe leiden, als
du krank dalagst und ich dein Stubenkamerad war und in jenem Bette schlief. -
Was heit das, rief ich bestrzt aus, wie kommen Sie auf den Namen Medardus?
- Schauen Sie, sprach er lchelnd, den rechten Zipfel Ihrer Kutte geflligst
an. Ich tat es und erstarrte vor Schreck und Erstaunen, denn ich fand, da der
Name Medardus hineingenht war, sowie mich bei genauerer Untersuchung
untrgliche Kennzeichen wahrnehmen lieen, da ich ganz unbezweifelt dieselbe
Kutte trug, die ich auf der Flucht aus dem Schlosse des Barons von F. in einem
hohlen Baum verborgen hatte. Schnfeld bemerkte meine innere Bewegung, er
lchelte ganz seltsam; den Zeigefinger an die Nase gelegt, sich auf den
Fuspitzen erhebend, schaute er mir ins Auge; ich blieb sprachlos, da fing er
leise und bedchtig an: Ew. Ehrwrden wundern sich merklich ber das schne
Kleid, das Ihnen angelegt worden, es scheint Ihnen berall wunderbar anzustehn
und zu passen, besser als jenes nubraune Kleid mit schnden besponnenen
Knpfen, das mein ernsthafter vernnftiger Damon Ihnen anlegte... Ich... ich...
der verkannte, verbannte Pietro Belcampo war es, der Eure Ble deckte mit
diesem Kleide. Bruder Medardus! Ihr wart nicht im sonderlichsten Zustande, denn
als berrock - Spenzer - englischen Frack trugt Ihr simplerweise Eure eigne
Haut, und an schickliche Frisur war nicht zu denken, da Ihr, eingreifend in
meine Kunst, Euern Karakalla mit dem zehnzahnichten Kamm, der Euch an die Fauste
gewachsen, selbst besorgtet - Lat die Narrheiten, fuhr ich auf, lat die
Narrheiten, Schnfeld... Pietro Belcampo heie ich, unterbrach er mich in
vollem Zorne, ja Pietro Belcampo, hier in Italien, und du magst es nur wissen,
Medardus, ich selbst, ich selbst bin die Narrheit, die ist berall hinter dir
her, um deiner Vernunft beizustehen, und du magst es nun einsehen oder nicht, in
der Narrheit findest du nur dein Heil, denn deine Vernunft ist ein hchst
miserables Ding und kann sich nicht aufrecht erhalten, sie taumelt hin und her
wie ein gebrechliches Kind und mu mit der Narrheit in Kompanie treten, die
hilft ihr auf und wei den richtigen Weg zu finden nach der Heimat - das ist das
Tollhaus, da sind wir beide richtig angelangt, mein Brderchen Medardus. - Ich
schauderte zusammen, ich dachte an die Gestalten, die ich gesehen; an den
springenden Mann im erdgelben Mantel, und konnte nicht zweifeln, da Schnfeld
in seinem Wahnsinn mir die Wahrheit sagte. Ja, mein Brderchen Medardus, fuhr
Schnfeld mit erhobener Stimme und heftig gestikulierend fort, ja, mein liebes
Brderchen. Die Narrheit erscheint auf Erden wie die wahre Geisterknigin. Die
Vernunft ist nur ein trger Statthalter, der sich nie darum kmmert, was auer
den Grenzen des Reichs vorgeht, der nur aus Langerweile auf dem Paradeplatz die
Soldaten exerzieren lt, die knnen nachher keinen ordentlichen Schu tun, wenn
der Feind eindringt von auen. Aber die Narrheit, die wahre Knigin des Volks,
zieht ein mit Pauken und Trompeten: hussa hussa! - hinter ihr her Jubel - Jubel
- Die Vasallen erheben sich von den Pltzen, wo sie die Vernunft einsperrte, und
wollen nicht mehr stehen, sitzen und liegen, wie der pedantische Hofmeister es
will; der sieht die Nummern durch und spricht: Seht, die Narrheit hat mir meine
besten Eleven entrckt - fortgerckt - verrckt - ja sie sind verrckt worden.
Das ist ein Wortspiel, Brderlein Medardus - ein Wortspiel ist ein glhendes
Lockeneisen in der Hand der Narrheit, womit sie Gedanken krmmt. - Noch
einmal, fiel ich dem albernen Schnfeld in die Rede, noch einmal bitte ich
Euch, das unsinnige Geschwtz zu lassen, wenn Ihr es vermget, und mir zu sagen,
wie Ihr hergekommen seid und was Ihr von mir und von dem Kleide wit, das ich
trage. - Ich hatte ihn mit diesen Worten bei den Hnden gefat und in einen
Stuhl gedrckt. Er schien sich zu besinnen, indem er die Augen niederschlug und
tief Atem schpfte. Ich habe Ihnen, fing er dann mit leiser matter Stimme an,
ich habe Ihnen das Leben zum zweitenmal gerettet, ich war es ja, der Ihrer
Flucht aus der Handelsstadt behilflich war, ich war es wiederum, der Sie
herbrachte. - Aber um Gott, um der Heiligen willen, wo fanden Sie mich? - So
rief ich laut aus, indem ich ihn loslie, doch in dem Augenblick sprang er auf
und schrie mit funkelnden Augen: Ei, Bruder Medardus, htt' ich dich nicht,
klein und schwach, wie ich bin, auf meinen Schultern fortgeschleppt, du lgest
mit zerschmetterten Gliedern auf dem Rade. - Ich erbebte - wie vernichtet sank
ich in den Stuhl, die Tre ffnete sich, und hastig trat der mich pflegende
Geistliche herein. Wie kommt Ihr hieher? wer hat Euch erlaubt, dies Zimmer zu
betreten? So fuhr er auf Belcampo los, dem strzten aber die Trnen aus den
Augen, und er sprach mit flehender Stimme: Ach, mein ehrwrdiger Herr! nicht
lnger konnte ich dem Drange widerstehen, meinen Freund zu sprechen, den ich
dringender Todesgefahr entrissen! Ich ermannte mich. Sagt mir, mein lieber
Bruder, sprach ich zu dem Geistlichen, hat mich dieser Mann wirklich
hergebracht? - Er stockte. - Ich wei jetzt, wo ich mich befinde, fuhr ich
fort, ich kann vermuten, da ich im schrecklichsten Zustande war, den es gibt,
aber Ihr merkt, da ich vollkommen genesen, und so darf ich wohl nun alles
erfahren, was man mir bis jetzt absichtlich verschweigen mochte, weil man mich
fr reizbar hielt. So ist es in der Tat, antwortete der Geistliche, dieser
Mann brachte Euch, es mgen ungefhr drei bis viertehalb Monate her sein, in
unsere Anstalt. Er hatte Euch, wie er erzhlte, fr tot in dem Walde, der vier
Meilen von hier das...sche von unserm Gebiet scheidet, gefunden und Euch fr den
ihm frher bekannten Kapuzinermnch Medardus aus dem Kloster zu B. erkannt, der
auf einer Reise nach Rom durch den Ort kam, wo er sonst wohnte. Ihr befandet
Euch in einem vollkommen apathischen Zustande. Ihr gingt, wenn man Euch fhrte,
Ihr bliebt stehen, wenn man Euch loslie, Ihr setztet, Ihr legtet Euch nieder,
wenn man Euch die Richtung gab. Speise und Trank mute man Euch einflen. Nur
dumpfe, unverstndliche Laute vermochtet Ihr auszustoen, Euer Blick schien ohne
alle Sehkraft. Belcampo verlie Euch nicht, sondern war Euer treuer Wrter. Nach
vier Wochen fielt Ihr in die schrecklichste Raserei: man war gentiget, Euch in
eins der dazu bestimmten abgelegenen Gemcher zu bringen. Ihr waret dem wilden
Tier gleich - doch nicht nher mag ich Euch einen Zustand schildern, dessen
Erinnerung Euch vielleicht zu schmerzlich sein wrde. Nach vier Wochen kehrte
pltzlich jener apathische Zustand wieder, der in eine vollkommene Starrsucht
berging, aus der Ihr genesen erwachtet. - Schnfeld hatte sich whrend dieser
Erzhlung des Geistlichen gesetzt, und, wie in tiefes Nachdenken versunken, den
Kopf in die Hand gesttzt. Ja, fing er an, ich wei recht gut, da ich
zuweilen ein aberwitziger Narr bin, aber die Luft im Tollhause, vernnftigen
Leuten verderblich, hat gar gut auf mich gewirkt. Ich fange an, ber mich selbst
zu rsonieren, und das ist kein bles Zeichen. Existiere ich berhaupt nur durch
mein eignes Bewutsein, so kommt es nur darauf an, da dies Bewutsein dem
Bewuten die Hanswurstjacke ausziehe, und ich selbst stehe da als solider
Gentleman. - O Gott! - ist aber ein genialer Friseur nicht schon an und vor sich
selbst ein gesetzter Hasenfu? - Hasenfigkeit schtzt vor allem Wahnsinn, und
ich kann Euch versichern, ehrwrdiger Herr, da ich auch bei Nordnordwest einen
Kirchturm von einem Leuchtenpfahl genau zu unterscheiden vermag.- Ist dem
wirklich so, sprach ich, so beweisen Sie es dadurch, da Sie mir ruhig den
Hergang der Sache erzhlen, wie Sie mich fanden, und wie Sie mich herbrachten.
Das will ich tun, erwiderte Schnfeld, unerachtet der geistliche Herr hier
ein gar besorgliches Gesicht schneidet; erlaube aber, Bruder Medardus, da ich
dich als meinen Schtzling mit dem vertraulichen Du anrede. - Der fremde Maler
war den andern Morgen, nachdem du in der Nacht entflohen, auch mit seiner
Gemldesammlung auf unbegreifliche Weise verschwunden. So sehr die Sache
berhaupt anfangs Aufsehen erregt hatte, so bald war sie doch im Strome neuer
Begebenheiten untergegangen. Nur als der Mord auf dem Schlosse des Barons F.
bekannt wurde; als die...sche Gerichte durch Steckbriefe den Mnch Medardus aus
dem Kapuzinerkloster zu B. verfolgten, da erinnerte man sich daran, da der
Maler die ganze Geschichte im Weinhause erzhlt und in dir den Bruder Medardus
erkannt hatte. Der Wirt des Hotels, wo du gewohnt hattest, besttigte die
Vermutung, da ich deiner Flucht frderlich gewesen war. Man wurde auf mich
aufmerksam, man wollte mich ins Gefngnis setzen. Leicht war mir der Entschlu,
dem elenden Leben, das schon lngst mich zu Boden gedrckt hatte, zu entfliehen.
Ich beschlo, nach Italien zu gehen, wo es Abbates und Frisuren gibt. Auf meinem
Wege dahin sah ich dich in der Residenz des Frsten von ***. Man sprach von
deiner Vermhlung mit Aurelien und von der Hinrichtung des Mnchs Medardus. Ich
sah auch diesen Mnch - Nun! - dem sei, wie ihm wolle, ich halte dich nun einmal
fr den wahren Medardus. Ich stellte mich dir in den Weg, du bemerktest mich
nicht, und ich verlie die Residenz, um meine Strae weiter zu verfolgen. Nach
langer Reise rstete ich mich einst in frhster Morgendmmerung, den Wald zu
durchwandern, der in dstrer Schwrze vor mir lag. Eben brachen die ersten
Strahlen der Morgensonne hervor, als es in dem dicken Gebsch rauschte und ein
Mensch mit zerzaustem Kopfhaar und Bart, aber in zierlicher Kleidung, bei mir
vorbersprang. Sein Blick war wild und verstrt, im Augenblick war er mir aus
dem Gesicht verschwunden. Ich schritt weiter fort, doch wie entsetzte ich mich,
als ich dicht vor mir eine nackte menschliche Figur, ausgestreckt auf dem Boden,
erblickte. Ich glaubte, es sei ein Mord geschehen, und der Fliehende sei der
Mrder. Ich bckte mich herab zu dem Nackten, erkannte dich und wurde gewahr,
da du leise atmetest. Dicht bei dir lag die Mnchskutte, die du jetzt trgst;
mit vieler Mhe kleidete ich dich darin und schleppte dich weiter fort. Endlich
erwachtest du aus tiefer Ohnmacht, du bliebst aber in dem Zustande, wie ihn dir
der ehrwrdige Herr hier erst beschrieben. Es kostete keine geringe Anstrengung,
dich fortzuschaffen, und so kam es, da ich erst am Abende eine Schenke
erreichte, die mitten im Walde liegt. Wie schlaftrunken lie ich dich auf einem
Rasenplatze zurck und ging hinein, um Speise und Trank zu holen. In der Schenke
saen ***sche Dragoner, die sollten, wie die Wirtin sagte, einem Mnch bis an
die Grenze nachspren, der auf unbegreifliche Weise in dem Augenblicke entflohen
sei, als er schwerer Verbrechen halber in *** htte hingerichtet werden sollen.
Ein Geheimnis war es mir, wie du aus der Residenz in den Wald kamst, aber die
berzeugung, du seist eben der Medardus, den man suche, hie mich alle Sorgfalt
anwenden, dich der Gefahr, in der du mir zu schweben schienst, zu entreien.
Durch Schleichwege schaffte ich dich fort ber die Grenze und kam endlich mit
dir in dies Haus, wo man dich und auch mich aufnahm, da ich erklrte, mich von
dir nicht trennen zu wollen. Hier warst du sicher, denn in keiner Art htte man
den aufgenommenen Kranken fremden Gerichten ausgeliefert. Mit deinen fnf Sinnen
war es nicht sonderlich bestellt, als ich hier im Zimmer bei dir wohnte und dich
pflegte. Auch die Bewegung deiner Gliedmaen war nicht zu rhmen, Noverre und
Vestris htten dich tief verachtet, denn dein Kopf hing auf die Brust, und
wollte man dich gerade aufrichten, so stlptest du um wie ein miratner Kegel.
Auch mit der Rednergabe ging es hchst traurig, denn du warst verdammt einsilbig
und sagtest in aufgerumten Stunden nur Hu hu und Me... me..., woraus dein
Wollen und Denken nicht sonderlich zu vernehmen und beinahe zu glauben, beides
sei dir untreu worden und vagabundiere auf seine eigene Hand oder seinen eignen
Fu. Endlich wurdest du mit einemmal beraus lustig, du sprangst hoch in die
Lfte, brlltest vor lauter Entzcken und rissest dir die Kutte vom Leibe, um
frei zu sein von jeder naturbeschrnkenden Fessel - dein Appetit... Halten Sie
ein, Schnfeld, unterbrach ich den entsetzlichen Witzling, halten Sie ein! Man
hat mich schon von dem frchterlichen Zustande, in den ich versunken,
unterrichtet. Dank sei es der ewigen Langmut und Gnade des Herrn, Dank sei es
der Frsprache der Gebenedeiten und der Heiligen, da ich errettet worden bin!
- Ei, ehrwrdiger Herr! fuhr Schnfeld fort, was haben Sie denn nun davon!
ich meine von der besonderen Geistesfunktion, die man Bewutsein nennt und die
nichts anders ist als die verfluchte Ttigkeit eines verdammten Toreinnehmers -
Akziseoffizianten - Oberkontrollassistenten, der sein heilloses Kontor im
Oberstbchen aufgeschlagen hat und zu aller Ware, die hinaus will, sagt: Hei...
hei... die Ausfuhr ist verboten... im Lande, im Lande bleibt's. - Die schnsten
Juwelen werden wie schnde Saatkrner in die Erde gesteckt, und was
emporschiet, sind hchstens Runkelrben, aus denen die Praxis mit tausend
Zentner schwerem Gewicht eine Viertelunze belschmeckenden Zucker pret... Hei
hei... und doch sollte jene Ausfuhr einen Handelsverkehr begrnden mit der
herrlichen Gottesstadt da droben, wo alles stolz und herrlich ist. - Gott im
Himmel! Herr! Allen meinen teuer erkauften Puder  la Marchal oder  la
Pompadour oder  la reine de Golconde htte ich in den Flu geworfen, wo er am
tiefsten ist, htte ich nur wenigstens durch Transito-Handel ein Quentlein
Sonnenstubchen von dorther bekommen knnen, um die Percken hchst gebildeter
Professoren und Schulkollegen zu pudern, zuvrderst aber meine eigne! - Was sage
ich? htte mein Damon Ihnen, ehrwrdigster aller ehrwrdigen Mnche, statt des
flohfarbnen Fracks einen Sonnenmatin umhngen knnen, in dem die reichen,
bermtigen Brger der Gottesstadt zu Stuhle gehen, wahrhaftig, es wre, was
Anstand und Wrde betrifft, alles anders gekommen: aber so hielt Sie die Welt
fr einen gemeinen glebae adscriptus und den Teufel fr Ihren Cousin germain -
Schnfeld war aufgestanden und ging oder hpfte vielmehr, stark gestikulierend
und tolle Gesichter schneidend, von einer Ecke des Zimmers zur andern. Er war im
vollen Zuge, wie gewhnlich sich in der Narrheit durch die Narrheit zu
entznden, ich fate ihn daher bei beiden Hnden und sprach: Willst du dich
denn durchaus statt meiner hier einbrgern? Ist es dir denn nicht mglich, nach
einer Minute verstndigen Ernstes das Possenhafte zu lassen? Er lchelte auf
seltsame Weise und sagte: Ist wirklich alles so albern, was ich spreche, wenn
mir der Geist kommt? Das ist ja eben das Unglck, erwiderte ich, da deinen
Fratzen oft tiefer Sinn zum Grunde liegt, aber du vertrdelst und verbrmst
alles mit solch buntem Zeuge, da ein guter, in echter Farbe gehaltener Gedanke
lcherlich und unscheinbar wird, wie ein mit scheckigen Fetzen behngtes Kleid.
- Du kannst wie ein Betrunkener nicht auf gerader Schnur gehen, du springst
hinber und herber - deine Richtung ist schief! - Was ist Richtung,
unterbrach mich Schnfeld leise und fortlchelnd mit bitterser Miene. Was ist
Richtung, ehrwrdiger Kapuziner? Richtung setzt ein Ziel voraus, nach dem wir
unsere Richtung nehmen. Sind Sie Ihres Zieles gewi, teurer Mnch? - frchten
Sie nicht, da Sie bisweilen zu wenig Katzenhirn zu sich genommen, statt dessen
aber im Wirtshause neben der gezogenen Schnur zu viel Spirituses genossen und
nun wie ein schwindliger Turmdecker zwei Ziele sehen, ohne zu wissen, welches
das rechte? - berdem, Kapuziner, vergib es meinem Stande, da ich das
Possenhafte als eine angenehme Beimischung, spanischen Pfeffer zum Blumenkohl,
in mir trage. Ohne das ist ein Haarknstler eine erbrmliche Figur, ein
armseliger Dummkopf, der das Privilegium in der Tasche trgt, ohne es zu nutzen
zu seiner Lust und Freude. Der Geistliche hatte bald mich, bald den
grimassierenden Schnfeld mit Aufmerksamkeit betrachtet; er verstand, da wir
deutsch sprachen, kein Wort; jetzt unterbrach er unser Gesprch. Verzeihet,
meine Herren, wenn es meine Pflicht heischt, eine Unterredung zu enden, die euch
beiden unmglich wohl tun kann. Ihr seid, mein Bruder, noch zu sehr geschwcht,
um von Dingen, die wahrscheinlich aus Euerm frhern Leben schmerzhafte
Erinnerungen aufregen, so anhaltend fortzusprechen; Ihr knnet ja nach und nach
von Euerm Freunde alles erfahren, denn wenn Ihr auch ganz genesen unsere Anstalt
verlasset, so wird Euch doch wohl Euer Freund weiter geleiten. Zudem habt Ihr
(er wandte sich zu Schnfeld) eine Art des Vortrags, die ganz dazu geeignet ist,
alles das, wovon Ihr sprecht, dem Zuhrer lebendig vor Augen zu bringen. In
Deutschland mu man Euch fr toll halten, und selbst bei uns wrdet Ihr fr
einen guten Buffone gelten. Ihr knnt auf dem komischen Theater Euer Glck
machen. Schnfeld starrte den Geistlichen mit weit aufgerissenen Augen an, dann
erhob er sich auf den Fuspitzen, schlug die Hnde ber den Kopf zusammen und
rief auf italienisch: Geisterstimme! ... Schicksalsstimme, du hast aus dem
Munde dieses ehrwrdigen Herrn zu mir gesprochen! ... Belcampo... Belcampo... so
konntest du deinen wahrhaften Beruf verkennen... es ist entschieden! - Damit
sprang er zur Tre hinaus. Den andern Morgen trat er reisefertig zu mir herein.
Du bist, mein lieber Bruder Medardus, sprach er, nunmehr ganz genesen, du
bedarfst meines Beistandes nicht mehr, ich ziehe fort, wohin mich mein innerster
Beruf leitet... Lebe wohl! ... doch erlaube da ich zum letztenmal meine Kunst,
die mir nun wie ein schndes Gewerbe vorkommt, an dir be. Er zog Messer,
Schere und Kamm hervor und brachte unter tausend Grimassen und possenhaften
Reden meine Tonsur und meinen Bart in Ordnung. Der Mensch war mir trotz der
Treue, die er mir bewiesen, unheimlich worden, ich war froh, als er geschieden.
Der Arzt hatte mir mit strkender Arznei ziemlich aufgeholfen; meine Farbe war
frischer worden, und durch immer lngere Spaziergnge gewann ich meine Krfte
wieder. Ich war berzeugt, eine Fureise aushalten zu knnen, und verlie ein
Haus, das dem Geisteskranken wohlttig, dem Gesunden aber unheimlich und
grauenvoll sein mute. Man hatte mir die Absicht untergeschoben, nach Rom zu
pilgern, ich beschlo, dieses wirklich zu tun, und so wandelte ich fort auf der
Strae, die als dorthin fhrend mir bezeichnet worden war. Unerachtet mein Geist
vollkommen genesen, war ich mir doch selbst eines gefhllosen Zustandes bewut,
der ber jedes im Innern aufkeimende Bild einen dstern Flor warf, so da alles
farblos, grau in grau erschien. Ohne alle deutliche Erinnerung des Vergangenen,
beschftigte mich die Sorge fr den Augenblick ganz und gar. Ich sah in die
Ferne, um den Ort zu ersphen, wo ich wrde einsprechen knnen, um mir Speise
oder Nachtquartier zu erbetteln, und war recht innig froh, wenn Andchtige
meinen Bettelsack und meine Flasche gut gefllt hatten, wofr ich meine Gebete
mechanisch herplapperte. Ich war selbst im Geist zum gewhnlichen stupiden
Bettelmnch herabgesunken. So kam ich endlich an das groe Kapuzinerkloster,
das, wenige Stunden von Rom, nur von Wirtschaftsgebuden umgeben, einzeln
daliegt. Dort mute man den Ordensbruder aufnehmen, und ich gedachte, mich in
voller Gemchlichkeit recht auszupflegen. Ich gab vor, da, nachdem das Kloster
in Deutschland, worin ich mich sonst befand, aufgehoben worden, ich
fortgepilgert sei und in irgend ein anderes Kloster meines Ordens einzutreten
wnsche. Mit der Freundlichkeit, die den italienischen Mnchen eigen, bewirtete
man mich reichlich, und der Prior erklrte, da, insofern mich nicht vielleicht
die Erfllung eines Gelbdes weiter zu pilgern ntige, ich als Fremder so lange
im Kloster bleiben knne, als es mir anstehen wrde. Es war Vesperzeit, die
Mnche gingen in den Chor, und ich trat in die Kirche. Der khne, herrliche Bau
des Schiffs setzte mich nicht wenig in Verwunderung, aber mein zur Erde
gebeugter Geist konnte sich nicht erheben, wie es sonst geschah, seit der Zeit,
als ich, ein kaum erwachtes Kind, die Kirche der heiligen Linde geschaut hatte.
Nachdem ich mein Gebet am Hochaltar verrichtet, schritt ich durch die
Seitengnge, die Altargemlde betrachtend, welche, wie gewhnlich, die Martyrien
der Heiligen, denen sie geweiht, darstellten. Endlich trat ich in eine
Seitenkapelle, deren Altar von den durch die bunten Fensterscheiben brechenden
Sonnenstrahlen magisch beleuchtet wurde. Ich wollte das Gemlde betrachten, ich
stieg die Stufen hinauf. - Die heilige Rosalia - das verhngnisvolle Altarblatt
meines Klosters - Ach! - Aurelien erblickte ich! Mein ganzes Leben - meine
tausendfachen Frevel - meine Missetaten - Hermogens - Aureliens Mord - alles -
alles nur ein entsetzlicher Gedanke, und der durchfuhr wie ein spitzes glhendes
Eisen mein Gehirn. - Meine Brust - Adern und Fibern, zerrissen im wilden Schmerz
der grausamsten Folter! - Kein lindernder Tod! - Ich warf mich nieder - ich
zerri in rasender Verzweiflung mein Gewand - ich heulte auf im trostlosen
Jammer, da es weit in der Kirche nachhallte: Ich bin verflucht, ich bin
verflucht! - Keine Gnade - kein Trost mehr, hier und dort! - Zur Hlle - zur
Hlle - ewige Verdammnis ber mich verruchten Snder beschlossen! - Man hob
mich auf - die Mnche waren in der Kapelle, vor mir stand der Prior, ein hoher
ehrwrdiger Greis. Er schaute mich an mit unbeschreiblich mildem Ernst, er fate
meine Hnde, und es war, als halte ein Heiliger, von himmlischem Mitleid
erfllt, den Verlornen in den Lften ber dem Flammenpfuhl fest, in den er
hinabstrzen wollte. Du bist krank, mein Bruder! sprach der Prior, wir wollen
dich in das Kloster bringen, da magst du dich erholen. Ich kte seine Hnde,
sein Kleid, ich konnte nicht sprechen, nur tiefe angstvolle Seufzer verrieten
den frchterlichen, zerrissenen Zustand meiner Seele. - Man fhrte mich in das
Refektorium, auf einen Wink des Priors entfernten sich die Mnche, ich blieb mit
ihm allein. Du scheinst, mein Bruder, fing er an, von schwerer Snde
belastet, denn nur die tiefste, trostloseste Reue ber eine entsetzliche Tat
kann sich so gebrden. Doch gro ist die Langmut des Herrn, stark und krftig
ist die Frsprache der Heiligen, fasse Vertrauen - du sollst mir beichten, und
es wird dir, wenn du best, Trost der Kirche werden! In dem Augenblick schien
es mir, als sei der Prior jener alte Pilger aus der heiligen Linde, und nur der
sei das einzige Wesen auf der ganzen weiten Erde, dem ich mein Leben voller
Snde und Frevel offenbaren msse. Noch war ich keines Wortes mchtig, ich warf
mich vor dem Greise nieder in den Staub. Ich gehe in die Kapelle des Klosters,
sprach er mit feierlichem Ton und schritt von dannen. - Ich war gefat - ich
eilte ihm nach, er sa im Beichtstuhl, und ich tat augenblicklich, wozu mich der
Geist unwiderstehlich trieb; ich beichtete alles - alles! - Schrecklich war die
Bue, die mir der Prior auflegte. Verstoen von der Kirche, wie ein Ausstziger
verbannt aus den Versammlungen der Brder, lag ich in den Totengewlben des
Klosters, mein Leben krglich fristend durch unschmackhafte, in Wasser gekochte
Kruter, mich geielnd und peinigend mit Marterinstrumenten, die die
sinnreichste Grausamkeit erfunden, und meine Stimme erhebend nur zur eigenen
Anklage, zum zerknirschten Gebet um Rettung aus der Hlle, deren Flammen schon
in mir loderten. Aber wenn das Blut aus hundert Wunden rann, wenn der Schmerz in
hundert giftigen Skorpionstichen brannte und dann endlich die Natur erlag, bis
der Schlaf sie wie ein ohnmchtiges Kind schtzend mit seinen Armen umfing, dann
stiegen feindliche Traumbilder empor, die mir neue Todesmarter bereiteten. -
Mein ganzes Leben gestaltete sich auf entsetzliche Weise. Ich sah Euphemien, wie
sie in ppiger Schnheit mir nahte, aber laut schrie ich auf: Was willst du von
mir, Verruchte! Nein, die Hlle hat keinen Teil an mir. Da schlug sie ihr
Gewand auseinander, und die Schauer der Verdammnis ergriffen mich. Zum Gerippe
eingedorrt war ihr Leib, aber in dem Gerippe wanden sich unzhlige Schlangen
durcheinander und streckten ihre Hupter, ihre rotglhenden Zungen mir entgegen.
La ab von mir! ... Deine Schlangen stechen hinein in die wunde Brust... sie
wollen sich msten von meinem Herzblut... aber dann sterbe ich... dann sterbe
ich... der Tod entreit mich deiner Rache. So schrie ich auf, da heulte die
Gestalt: - Meine Schlangen knnen sich nhren von deinem Herzblut... aber das
fhlst du nicht, denn das ist nicht deine Qual - deine Qual ist in dir und ttet
dich nicht, denn du lebst in ihr. Deine Qual ist der Gedanke des Frevels, und
der ist ewig! - Der blutende Hermogen stieg auf, aber vor ihm floh Euphemie,
und er rauschte vorber, auf die Halswunde deutend, die die Gestalt des Kreuzes
hatte. Ich wollte beten, da begann ein sinnverwirrendes Flstern und Rauschen.
Menschen, die ich sonst gesehen, erschienen zu tollen Fratzen verunstaltet. -
Kpfe krochen mit Heuschreckenbeinen, die ihnen an die Ohren gewachsen, umher
und lachten mich hmisch an - seltsames Geflgel - Raben mit Menschengesichtern
rauschten in der Luft - Ich erkannte den Konzertmeister aus B. mit seiner
Schwester, die drehte sich in wildem Walzer, und der Bruder spielte dazu auf,
aber auf der eigenen Brust streichend, die zur Geige worden. - Belcampo, mit
einem hlichen Eidechsengesicht, auf einem ekelhaften geflgelten Wurm sitzend,
fuhr auf mich ein, er wollte meinen Bart kmmen mit eisernem glhendem Kamm -
aber es gelang ihm nicht. - Toller und toller wird das Gewirre, seltsamer,
abenteuerlicher werden die Gestalten, von der kleinsten Ameise mit tanzenden
Menschenfchen bis zum langgedehnten Rogerippe mit funkelnden Augen, dessen
Haut zur Schabracke worden, auf der ein Reuter mit leuchtendem Eulenkopfe sitzt.
- Ein bodenloser Becher ist sein Leibharnisch - ein umgestlpter Trichter sein
Helm! - Der Spa der Hlle ist emporgestiegen. Ich hre mich lachen, aber dies
Lachen zerschneidet die Brust, und brennender wird der Schmerz, und heftiger
bluten alle Wunden. - Die Gestalt eines Weibes leuchtet hervor, das Gesindel
weicht - sie tritt auf mich zu! - Ach, es ist Aurelie ! Ich lebe und bin nun
ganz dein! spricht die Gestalt. - Da wird der Frevel in mir wach. - Rasend vor
wilder Begier, umschlinge ich sie mit meinen Armen. - Alle Ohnmacht ist von mir
gewichen, aber da legt es sich glhend an meine Brust - rauhe Borsten zerkratzen
meine Augen, und der Satan lacht gellend auf: Nun bist du ganz mein! - Mit dem
Schrei des Entsetzens erwache ich, und bald fliet mein Blut in Strmen von den
Hieben der Stachelpeitsche, mit der ich mich in trostloser Verzweiflung
zchtige. Denn selbst die Frevel des Traums, jeder sndliche Gedanke fordert
doppelte Bue. - Endlich war die Zeit, die der Prior zur strengsten Bue
bestimmt hatte, verstrichen, und ich stieg empor aus dem Totengewlbe, um in dem
Kloster selbst, aber in abgesonderter Zelle, entfernt von den Brdern, die nun
mir auferlegten Bubungen vorzunehmen. Dann, immer in geringern Graden der
Bue, wurde mir der Eintritt in die Kirche und in den Chor der Brder erlaubt.
Doch mir selbst gengte nicht diese letzte Art der Bue, die nur in tglicher
gewhnlicher Geielung bestehen sollte. Ich wies standhaft jede bessere Kost
zurck, die man mir reichen wollte, ganze Tage lag ich ausgestreckt auf dem
kalten Marmorboden vor dem Bilde der heiligen Rosalia und marterte mich in
einsamer Zelle selbst auf die grausamste Weise, denn durch uere Qualen
gedachte ich die innere grliche Marter zu bertuben. Es war vergebens, immer
kehrten jene Gestalten, von dem Gedanken erzeugt, wieder, und dem Satan selbst
war ich preisgegeben, da er mich hhnend foltere und verlocke zur Snde. Meine
strenge Bue, die unerhrte Weise, wie ich sie vollzog, erregte die
Aufmerksamkeit der Mnche. Sie betrachteten mich mit ehrfurchtsvoller Scheu, und
ich hrte es sogar unter ihnen flstern: Das ist ein Heiliger! Dies Wort war
mir entsetzlich, denn nur zu lebhaft erinnerte es mich an jenen grlichen
Augenblick in der Kapuzinerkirche zu B., als ich dem mich anstarrenden Maler in
vermessenem Wahnsinn entgegenrief: Ich bin der heilige Antonius! - Die letzte
von dem Prior bestimmte Zeit der Bue war endlich auch verflossen, ohne da ich
davon ablie, mich zu martern, unerachtet meine Natur der Qual zu erliegen
schien. Meine Augen waren erloschen, mein wunder Krper ein blutendes Gerippe,
und es kam dahin, da, wenn ich stundenlang am Boden gelegen, ich ohne Hilfe
anderer nicht aufzustehen vermochte. Der Prior lie mich in sein Sprachzimmer
bringen. Fhlst du, mein Bruder, fing er an, durch die strenge Bue dein
Inneres erleichtert? Ist Trost des Himmels dir worden? - Nein, ehrwrdiger
Herr, erwiderte ich in dumpfer Verzweiflung. Indem ich dir, fuhr der Prior
mit erhhter Stimme fort, indem ich dir, mein Bruder, da du mir eine Reihe
entsetzlicher Taten gebeichtet hattest, die strengste Bue auflegte, gengte ich
den Gesetzen der Kirche, welche wollen, da der beltter, den der Arm der
Gerechtigkeit nicht erreichte und der reuig dem Diener des Herrn seine
Verbrechen bekannte, auch durch uere Handlungen die Wahrheit seiner Reue kund
tue. Er soll den Geist ganz dem Himmlischen zuwenden und doch das Fleisch
peinigen, damit die irdische Marter jede teuflische Lust der Untaten aufwge.
Doch glaube ich, und mir stimmen berhmte Kirchenlehrer bei, da die
entsetzlichsten Qualen, die sich der Bende zufgt, dem Gewicht seiner Snden
auch nicht ein Quentlein entnehmen, sobald er darauf seine Zuversicht sttzt und
der Gnade des Ewigen deshalb sich wrdig dnkt. Keiner menschlichen Vernunft
erforschlich ist es, wie der Ewige unsere Taten mit, verloren ist der, der, ist
er auch von wirklichem Frevel rein, vermessen glaubt, den Himmel zu erstrmen
durch ueres Frommtun, und der Bende, welcher nach der Bubung seinen Frevel
vertilgt glaubt, beweiset, da seine innere Reue nicht wahrhaft ist. Du, lieber
Bruder Medardus, empfindest noch keine Trstung, das beweiset die Wahrhaftigkeit
deiner Reue, unterlasse jetzt, ich will es, alle Geielungen, nimm bessere
Speise zu dir und fliehe nicht mehr den Umgang der Brder. - Wisse, da dein
geheimnisvolles Leben mir in allen seinen wunderbarsten Verschlingungen besser
bekannt worden als dir selbst. - Ein Verhngnis, dem du nicht entrinnen
konntest, gab dem Satan Macht ber dich, und indem du freveltest, warst du nur
sein Werkzeug. Whne aber nicht, da du deshalb weniger sndig vor den Augen des
Herrn erschienest, denn dir war die Kraft gegeben, im rstigen Kampf den Satan
zu bezwingen. In wessen Menschen Herz strmt nicht der Bse und widerstrebt dem
Guten; aber ohne diesen Kampf gb' es keine Tugend, denn diese ist nur der Sieg
des guten Prinzips ber das bse, sowie aus dem umgekehrten die Snde
entspringt. - Wisse frs erste, da du dich eines Verbrechens anklagst, welches
du nur im Willen vollbrachtest. - Aurelie lebt, in wildem Wahnsinn verletztest
du dich selbst, das Blut deiner eigenen Wunde war es, was ber deine Hand
flo... Aurelie lebt... ich wei es.
    Ich strzte auf die Knie, ich hob meine Hnde betend empor, tiefe Seufzer
entflohen der Brust, Trnen quollen aus den Augen! - Wisse ferner, fuhr der
Prior fort, da jener alte fremde Maler, von dem du in der Beichte gesprochen,
schon so lange, als ich denken kann, zuweilen unser Kloster besucht hat und
vielleicht bald wieder eintreffen wird. Er hat ein Buch mir in Verwahrung
gegeben, welches verschiedene Zeichnungen, vorzglich aber eine Geschichte
enthlt, der er jedesmal, wenn er bei uns einsprach, einige Zeilen zusetzte. -
Er hat mir nicht verboten, das Buch jemanden in die Hnde zu geben, und um so
mehr will ich es dir anvertrauen, als dies meine heiligste Pflicht ist. Den
Zusammenhang deiner eignen, seltsamen Schicksale, die dich bald in eine hhere
Welt wunderbarer Visionen, bald in das gemeinste Leben versetzten, wirst du
erfahren. Man sagt, das Wunderbare sei von der Erde verschwunden, ich glaube
nicht daran. Die Wunder sind geblieben, denn wenn wir selbst das Wunderbarste,
von dem wir tglich umgeben, deshalb nicht mehr so nennen wollen, weil wir einer
Reihe von Erscheinungen die Regel der zyklischen Wiederkehr abgelauert haben, so
fhrt doch oft durch jenen Kreis ein Phnomen, das all unsre Klugheit zuschanden
macht und an das wir, weil wir es nicht zu erfassen vermgen, in stumpfsinniger
Verstocktheit nicht glauben. Hartnckig leugnen wir dem innern Auge deshalb die
Erscheinung ab, weil sie zu durchsichtig war, um sich auf der rauhen Flche des
uern Auges abzuspiegeln. - Jenen seltsamen Maler rechne ich zu den
auerordentlichen Erscheinungen, die jeder erlauerten Regel spotten; ich bin
zweifelhaft, ob seine krperliche Erscheinung das ist, was wir wahr nennen. So
viel ist gewi, da niemand die gewhnlichen Funktionen des Lebens bei ihm
bemerkt hat. Auch sah ich ihn niemals schreiben oder zeichnen, unerachtet im
Buch, worin er nur zu lesen schien, jedesmal, wenn er bei uns gewesen, mehr
Bltter als vorher beschrieben waren. Seltsam ist es auch, da mir alles im
Buche nur verworrenes Gekritzel, undeutliche Skizze eines phantastischen Malers
zu sein schien und nur dann erst erkennbar und lesbar wurde, als du, mein lieber
Bruder Medardus, mir gebeichtet hattest. - Nicht nher darf ich mich darber
auslassen, was ich rcksichts des Malers ahne und glaube. Du selbst wirst es
erraten, oder vielmehr das Geheimnis wird sich dir von selbst auftun. Gehe,
erkrftige dich, und fhlst du dich, wie ich glaube, da es in wenigen Tagen
geschehen wird, im Geiste aufgerichtet, so erhltst du von mir des fremden
Malers wunderbares Buch. -
    Ich tat nach dem Willen des Priors, ich a mit den Brdern, ich unterlie
die Kasteiungen und beschrnkte mich auf inbrnstiges Gebet an den Altren der
Heiligen. Blutete auch meine Herzenswunde fort, wurde auch nicht milder der
Schmerz, der aus dem Innern heraus mich durchbohrte, so verlieen mich doch die
entsetzlichen Traumbilder, und oft, wenn ich, zum Tode matt, auf dem harten
Lager schlaflos lag, umwehte es mich wie mit Engelsfittichen, und ich sah die
holde Gestalt der lebenden Aurelie, die, himmlisches Mitleiden im Auge voll
Trnen, sich ber mich hinbeugte. Sie streckte die Hand, wie mich beschirmend,
aus ber mein Haupt, da senkten sich meine Augenlider, und ein sanfter
erquickender Schlummer go neue Lebenskraft in meine Adern. Als der Prior
bemerkte, da mein Geist wieder einige Spannung gewonnen, gab er mir des Malers
Buch und ermahnte mich, es aufmerksam in seiner Zelle zu lesen. - Ich schlug es
auf, und das erste, was mir ins Auge fiel, waren die in Umrissen angedeuteten
und dann in Licht und Schatten ausgefhrten Zeichnungen der Fresko-Gemlde in
der heiligen Linde. Nicht das mindeste Erstaunen, nicht die mindeste Begierde,
schnell das Rtsel zu lsen, regte sich in mir auf. Nein! - Es gab kein Rtsel
fr mich, lngst wute ich ja alles, was in diesem Malerbuch aufbewahrt worden.
Das, was der Maler auf den letzten Seiten des Buchs in kleiner, kaum lesbarer
bunt gefrbter Schrift zusammengetragen hatte, waren meine Trume, meine
Ahnungen, nur deutlich, bestimmt in scharfen Zgen dargestellt, wie ich es
niemals zu tun vermochte.

                   Eingeschaltete Anmerkung des Herausgebers

Bruder Medardus fhrt hier, ohne sich weiter auf das, was er im Malerbuche fand,
einzulassen, in seiner Erzhlung fort, wie er Abschied nahm von dem in seine
Geheimnisse eingeweihten Prior und von den freundlichen Brdern, und wie er nach
Rom pilgerte und berall, in Sankt Peter, in St. Sebastian und Laurenz, in St.
Giovanni a Laterano, in Sankta Maria Maggiore u.s.w. an allen Altren kniete und
betete, wie er selbst des Papstes Aufmerksamkeit erregte und endlich in einen
Geruch der Heiligkeit kam, der ihn - da er jetzt wirklich ein reuiger Snder
worden und wohl fhlte, da er nichts mehr alt das sei - von Rom vertrieb. Wir,
ich meine dich und mich, mein gnstiger Leser, wissen aber viel zu wenig
Deutliches von den Ahnungen und Trumen des Bruders Medardus, als da wir, ohne
zu lesen, was der Maler aufgeschrieben, auch nur im mindesten das Band
zusammenzuknpfen vermchten, welches die verworren anseinander laufenden Fden
der Geschichte des Medardus wie in einen Knoten einigt. Ein besseres Gleichnis
brigens ist es, da uns der Fokus fehlt, aus dem die verschiedenen bunten
Strahlen brachen. Das Manuskript des seligen Kapuziners war in altes vergelbtes
Pergament eingeschlagen und dies Pergament mit kleiner, beinahe unleserlicher
Schrift beschrieben, die, da sich darin eine ganz seltsame Hand kund tat, meine
Neugierde nicht wenig reizte. Nach vieler Mhe gelang es mir, Buchstaben und
Worte zu entziffern, und wie erstaunte ich, als es mir klar wurde, da es jene
im Malerbuch aufgezeichnete Geschichte sei, von der Medardus spricht. Im alten
Italienisch ist sie beinahe chronikenartig und sehr aphoristisch geschrieben.
Der seltsame Ton klingt im Deutschen nur rauh und dumpf wie ein gesprungenes
Glas, doch war es ntig, zum Verstndnis des Ganzen hier die bersetzung
einzuschalten; dies tue ich, nachdem ich nur noch folgendes wehmtigst bemerkt.
Die frstliche Familie, aus der jener oft genannte Francesko abstammte, lebt
noch in Italien, und ebenso leben noch die Nachkmmlinge des Frsten, in dessen
Residenz sich Medardus aufhielt. Unmglich war es daher, die Namen zu nennen,
und unbehilflicher, ungeschickter ist niemand auf der ganzen Welt, als
derjenige, der dir, gnstiger Leser, dies Buch in die Hnde gibt, wenn er Namen
erdenken soll da, wo schon wirkliche, und zwar schn und romantisch tnende,
vorhanden sind, wie es hier der Fall war. Bezeichneter Herausgeber gedachte sich
sehr gut mit dem: der Frst, der Baron u.s.w. herauszuhelfen, nun aber der alte
Maler die geheimnisvollen, verwickeltsten Familienverhltnisse ins klare stellt,
sieht er wohl ein, da er mit den allgemeinen Bezeichnungen nicht vermag ganz
verstndlich zu werden. Er mte den einfachen Chroniken-Choral des Malers mit
allerlei Erklrungen und Zurechtweisungen wie mit krausen Figuren verschnrkeln
und verbrmen. - Ich trete in die Person des Herausgebers und bitte dich,
gnstiger Leser, du wollest, ehe du weiter liesest, folgendes dir gtigst
merken. Camillo, Frst von P., tritt als Stammvater der Familie auf, aus der
Francesko, des Medardus Vater, stammt. Theodor, Frst von W., ist der Vater des
Frsten Alexander von W., an dessen Hofe sich Medardus aufhielt. Sein Bruder
Albert, Frst von W., vermhlte sich mit der italienischen Prinzessin Giazinta
B. Die Familie des Barons F. im Gebirge ist bekannt, und nur zu bemerken, da
die Baronesse von F. aus Italien abstammte, denn sie war die Tochter des Grafen
Pietro S., eines Sohnes des Grafen Filippo S. Alles wird sich, lieber Leser, nun
klrlich dartun, wenn du diese wenigen Vornamen und Buchstaben im Sinn behltst.
Es folgt nunmehr statt der Fortsetzung der Geschichte

                      das Pergamentblatt des alten Malers.

- - - Und es begab sich, da die Republik Genua, hart bedrngt von den
algierischen Korsaren, sich an den groen Seehelden Camillo, Frsten von P.,
wandte, da er mit vier wohl ausgersteten und bemannten Galeonen einen
Streifzug gegen die verwegenen Ruber unternehmen mge. Camillo, nach ruhmvollen
Taten drstend, schrieb sofort an seinen ltesten Sohn Francesko, da er kommen
mge, in des Vaters Abwesenheit das Land zu regieren. Francesko bte in Leonardo
da Vincis Schule die Malerei, und der Geist der Kunst hatte sich seiner so ganz
und gar bemchtigt, da er nichts anders denken konnte. Daher hielt er auch die
Kunst hher als alle Ehre und Pracht auf Erden, und alles brige Tun und Treiben
der Menschen erschien ihm als ein klgliches Bemhen um eitlen Tand. Er konnte
von der Kunst und von dem Meister, der schon hoch in den Jahren war, nicht
lassen und schrieb daher dem Vater zurck, da er wohl den Pinsel, aber nicht
den Zepter zu fhren verstehe und bei Leonardo bleiben wolle. Da war der alte
stolze Frst Camillo hoch erzrnt, schalt den Sohn einen unwrdigen Toren und
schickte vertraute Diener ab, die den Sohn zurckbringen sollten. Als nun aber
Francesko standhaft verweigerte, zurckzukehren, als er erklrte, da ein Frst,
von allem Glanz des Throns umstrahlt, ihm nur ein elendiglich Wesen dnke gegen
einen tchtigen Maler und da die grten Kriegestaten nur ein grausames
irdisches Spiel wren, dagegen die Schpfung des Malers die reine Abspiegelung
des ihm inwohnenden gttlichen Geistes sei, da ergrimmte der Seeheld Camillo und
schwur, da er den Francesko verstoen und seinem jngern Bruder Zenobio die
Nachfolge zusichern wolle. Francesko war damit gar zufrieden, ja er trat in
einer Urkunde seinem jngern Bruder die Nachfolge auf den frstlichen Thron mit
aller Form und Feierlichkeit ab, und so begab es sich, da, als der alte Frst
Camillo in einem harten blutigen Kampfe mit den Algierern sein Leben verloren
hatte, Zenobio zur Regierung kam, Francesko dagegen, seinen frstlichen Stand
und Namen verleugnend, ein Maler wurde und von einem kleinen Jahrgehalt, den ihm
der regierende Bruder ausgesetzt, kmmerlich genug lebte. Francesko war sonst
ein stolzer, bermtiger Jngling gewesen, nur der alte Leonardo zhmte seinen
wilden Sinn, und als Francesko dem frstlichen Stand entsagt hatte, wurde er
Leonardos frommer, treuer Sohn. Er half dem Alten manch wichtiges groes Werk
vollenden, und es geschah, da der Schler, sich hinaufschwingend zu der Hhe
des Meisters, berhmt wurde und manches Altarblatt fr Kirchen und Klster malen
mute. Der alte Leonardo stand ihm treulich bei mit Rat und Tat, bis er denn
endlich im hohen Alter starb. Da brach wie ein lange mhsam unterdrcktes Feuer
in dem Jngling Francesko wieder der Stolz und bermut hervor. Er hielt sich fr
den grten Maler seiner Zeit, und die erreichte Kunstvollkommenheit mit seinem
Stande paarend, nannte er sich selbst den frstlichen Maler. Von dem alten
Leonardo sprach er verchtlich und schuf, abweichend von dem frommen, einfachen
Stil, sich eine neue Manier, die mit der ppigkeit der Gestalten und dem
prahlenden Farbenglanz die Augen der Menge verblendete, deren bertriebene
Lobsprche ihn immer eitler und bermtiger machten. Es geschah, da er zu Rom
unter wilde, ausschweifende Jnglinge geriet, und wie er nun in allem der erste
und vorzglichste zu sein begehrte, so war er bald im wilden Sturm des Lasters
der rstigste Segler. Ganz von der falschen, trgerischen Pracht des Heidentums
verfhrt, bildeten die Jnglinge, an deren Spitze Francesko stand, einen
geheimen Bund, in dem sie, das Christentum auf frevelige Weise verspottend, die
Gebruche der alten Griechen nachahmten und mit frechen Dirnen verruchte
sndhafte Feste feierten. Es waren Maler, aber noch mehr Bildhauer unter ihnen,
die wollten nur von der antikischen Kunst etwas wissen und verlachten alles, was
neue Knstler, von dem heiligen Christentum entzndet, zur Glorie desselben
erfunden und herrlich ausgefhrt hatten. Francesko malte in unheiliger
Begeisterung viele Bilder aus der lgenhaften Fabelwelt. Keiner als er vermochte
die buhlerische ppigkeit der weiblichen Gestalten so wahrhaft darzustellen,
indem er von lebenden Modellen die Karnation, von den alten Marmorbildern aber
Form und Bildung entnahm. Statt wie sonst in den Kirchen und Klstern sich an
den herrlichen Bildern der alten frommen Meister zu erbauen und sie mit
knstlerischer Andacht aufzunehmen in sein Inneres, zeichnete er emsig die
Gestalten der lgnerischen Heidengtter nach. Von keiner Gestalt war er aber so
ganz und gar durchdrungen, als von einem berhmten Venusbilde, das er stets in
Gedanken trug. Das Jahrgehalt, was Zenobio dem Bruder ausgesetzt hatte, blieb
einmal lnger als gewhnlich aus, und so kam es, da Francesko bei seinem wilden
Leben, das ihm allen Verdienst schnell hinwegraffte und das er doch nicht lassen
wollte, in arge Geldnot geriet. Da gedachte er, da vor langer Zeit ihm ein
Kapuzinerkloster aufgetragen hatte, fr einen hohen Preis das Bild der heiligen
Rosalia zu malen, und er beschlo, das Werk, das er aus Abscheu gegen alle
christliche Heiligen nicht unternehmen wollte, nun schnell zu vollenden, um das
Geld zu erhalten. Er gedachte die Heilige nackt und in Form und Bildung des
Gesichts jenem Venusbilde gleich darzustellen. Der Entwurf geriet ber die Maen
wohl, und die freveligen Jnglinge priesen hoch Franceskos verruchten Einfall,
den frommen Mnchen statt der christlichen Heiligen ein heidnisches Gtzenbild
in die Kirche zu stellen. Aber wie Francesko zu malen begann, siehe, da
gestaltete sich alles anders, als er es in Sinn und Gedanken getragen, und ein
mchtigerer Geist berwltigte den Geist der schnden Lge, der ihn beherrscht
hatte. Das Gesicht eines Engels aus dem hohen Himmelreiche fing an, aus dstern
Nebeln hervor zu dmmern; aber als wie von scheuer Angst, das Heilige zu
verletzen und dann dem Strafgericht des Herrn zu erliegen, ergriffen, wagte
Francesko nicht, das Gesicht zu vollenden, und um den nackt gezeichneten Krper
legten in anmutigen Falten sich zchtige Gewnder, ein dunkelrotes Kleid und ein
azurblauer Mantel. Die Kapuzinermnche hatten in dem Schreiben an den Maler
Francesko nur des Bildes der heiligen Rosalia gedacht, ohne weiter zu bestimmen,
ob dabei nicht eine denkwrdige Geschichte ihres Lebens der Vorwurf des Malers
sein solle, und ebendaher hatte Francesko auch nur in der Mitte des Blatts die
Gestalt der Heiligen entworfen; aber nun malte er, vom Geiste getrieben,
allerlei Figuren rings umher, die sich wunderbarlich zusammenfgten, um das
Martyrium der Heiligen darzustellen. Francesko war in sein Bild ganz und gar
versunken, oder vielmehr das Bild war selbst der mchtige Geist worden, der ihn
mit starken Armen umfate und emporhielt ber das frevelige Weltleben, das er
bisher getrieben. Nicht zu vollenden vermochte er aber das Gesicht der Heiligen,
und das wurde ihm zu einer hllischen Qual, die wie mit spitzen Stacheln in sein
inneres Gemt bohrte. Er gedachte nicht mehr des Venusbildes, wohl aber war es
ihm, als she er den alten Meister Leonardo, der ihn anblickte mit klglicher
Gebrde und ganz ngstlich und schmerzlich sprach: Ach, ich wollte dir wohl
helfen, aber ich darf es nicht, du mut erst entsagen allem sndhaften Streben
und in tiefer Reue und Demut die Frbitte der Heiligen erflehen, gegen die du
gefrevelt hast. - Die Jnglinge, welche Francesko so lange geflohen, suchten
ihn auf in seiner Werkstatt und fanden ihn wie einen ohnmchtigen Kranken
ausgestreckt auf seinem Lager liegen. Da aber Francesko ihnen seine Not klagte,
wie er, als habe ein bser Geist seine Kraft gebrochen, nicht das Bild der
heiligen Rosalia fertig zu machen vermge, da lachten sie alle auf und sprachen:
Ei mein Bruder, wie bist du denn mit einemmal so krank worden? - Lat uns dem
skulap und der freundlichen Hygeia ein Weinopfer bringen, damit jener Schwache
dort genese! Es wurde Syrakuser Wein gebracht, womit die Jnglinge die
Trinkschalen fllten und, vor dem unvollendeten Bilde den heidnischen Gttern
Libationen darbringend, ausgossen. Aber als sie dann wacker zu zechen begannen
und dem Francesko Wein darboten, da wollte dieser nicht trinken und nicht
teilnehmen an dem Gelage der wilden Brder, unerachtet sie Frau Venus hochleben
lieen! Da sprach einer unter ihnen: Der trichte Maler da ist wohl wirklich in
seinen Gedanken und Gliedmaen krank, und ich mu nur einen Doktor herbeiholen.
Er warf seinen Mantel um, steckte seinen Stodegen an und schritt zur Tre
hinaus. Es hatte aber nur wenige Augenblicke gedauert, als er wieder hereintrat
und sagte: Ei seht doch nur, ich bin ja selbst schon der Arzt, der jenen
Siechling dort heilen will. Der Jngling, der gewi einem alten Arzt in Gang
und Stellung recht hnlich zu sein begehrte, trippelte mit gekrmmten Knien
einher und hatte sein jugendliches Gesicht seltsamlich in Runzeln und Falten
verzogen, so da er anzusehen war wie ein alter, recht hlicher Mann, und die
Jnglinge sehr lachten und riefen: Ei seht doch, was der Doktor fr gelehrte
Gesichter zu schneiden vermag! Der Doktor nherte sich dem kranken Francesko
und sprach mit rauher Stimme und verhhnendem Ton: Ei, du armer Geselle, ich
mu dich wohl aufrichten aus trbseliger Ohnmacht! - Ei, du erbrmlicher
Geselle, wie siehst du doch so bla und krank aus, der Frau Venus wirst du so
nicht gefallen! - Kann sein, da Donna Rosalia sich deiner annehmen wird, wenn
du gesundet! - Du ohnmchtiger Geselle, nippe von meiner Wunderarzenei. Da du
Heilige malen willst, wird dich mein Trank wohl zu erkrftigen vermgen, es ist
Wein aus dem Keller des heiligen Antonius. Der angebliche Doktor hatte eine
Flasche unter dem Mantel hervorgezogen, die er jetzt ffnete. Es stieg ein
seltsamlicher Duft aus der Flasche, der die Jnglinge betubte, so da sie, wie
von Schlfrigkeit bernommen, in die Sessel sanken und die Augen schlossen. Aber
Francesko ri in wilder Wut, verhhnt zu sein als ein ohnmchtiger Schwchling,
die Flasche dem Doktor aus den Hnden und trank in vollen Zgen. Wohl bekomm
dir's, rief der Jngling, der nun wieder sein jugendliches Gesicht und seinen
krftigen Gang angenommen hatte. Dann rief er die andern Jnglinge aus dem
Schlafe auf, worin sie versunken, und sie taumelten mit ihm die Treppe hinab. -
So wie der Berg Vesuv in wildem Brausen verzehrende Flammen aussprht, so tobte
es jetzt in Feuerstrmen heraus aus Franceskos Innern. Alle heidnische
Geschichten, die er jemals gemalt, sah er vor Augen, als ob sie lebendig worden,
und er rief mit gewaltiger Stimme: Auch du mut kommen, meine geliebte Gttin,
du mut leben und mein sein, oder ich weihe mich den unterirdischen Gttern! Da
erblickte er Frau Venus, dicht vor dem Bilde stehend und ihm freundlich
zuwinkend. Er sprang auf von seinem Lager und begann an dem Kopfe der heiligen
Rosalia zu malen, weil er nun der Frau Venus reizendes Angesicht ganz getreulich
abzukonterfeien gedachte. Es war ihm so, als knne der feste Wille nicht
gebieten der Hand, denn immer glitt der Pinsel ab von den Nebeln, in denen der
Kopf der heiligen Rosalia eingehllt war, und strich unwillkrlich an den
Huptern der barbarischen Mnner, von denen sie umgeben. Und doch kam das
himmlische Antlitz der Heiligen immer sichtbarlicher zum Vorschein und blickte
den Francesko pltzlich mit solchen lebendig strahlenden Augen an, da er, wie
von einem herabfahrenden Blitze tdlich getroffen, zu Boden strzte. Als er
wieder nur etwas weniges seiner Sinnen mchtig worden, richtete er sich mhsam
in die Hhe, er wagte jedoch nicht, nach dem Bilde, das ihm so schrecklich
worden, hinzublicken, sondern schlich mit gesenktem Haupte nach dem Tische, auf
dem des Doktors Weinflasche stand, aus der er einen tchtigen Zug tat. Da war
Francesko wieder ganz erkrftigt, er schaute nach seinem Bilde, es stand, bis
auf den letzten Pinselstrich vollendet, vor ihm, und nicht das Antlitz der
heiligen Rosalia, sondern das geliebte Venusbild lachte ihn mit ppigem
Liebesblicke an. In demselben Augenblick wurde Francesko von wilden freveligen
Trieben entzndet. Er heulte vor wahnsinniger Begier, er gedachte des
heidnischen Bildhauers Pygmalion, dessen Geschichte er gemalt, und flehte so wie
er zur Frau Venus, da sie seinem Bilde Leben einhauchen mge. Bald war es ihm
auch, als finge das Bild an sich zu regen, doch als er es in seine Arme fassen
wollte, sah er wohl, da es tote Leinewand geblieben. Dann zerraufte er sein
Haar und gebrdete sich wie einer, der von dem Satan besessen. Schon zwei Tage
und zwei Nchte hatte es Francesko so getrieben; am dritten Tag, als er wie eine
erstarrte Bildsule vor dem Bilde stand, ging die Tre seines Gemachs auf, und
es rauschte hinter ihm wie mit weiblichen Gewndern. Er drehte sich um und
erblickte ein Weib, das er fr das Original seines Bildes erkannte. Es wren ihm
schier die Sinne vergangen, als er das Bild, welches er aus seinen innersten
Gedanken nach einem Marmorbilde erschaffen, nun lebendig vor sich in aller nur
erdenklichen Schnheit erblickte, und es wandelte ihn beinahe ein Grausen an,
wenn er das Gemlde ansah, das nun wie eine getreuliche Abspiegelung des fremden
Weibes erschien. Es geschah ihm dasjenige, was die wunderbarliche Erscheinung
eines Geistes zu bewirken pflegt, die Zunge war ihm gebunden, und er fiel
lautlos vor der Fremden auf die Kniee und hob die Hnde wie anbetend zu ihr
empor. Das fremde Weib richtete ihn aber lchelnd auf und sagte ihm, da sie ihn
schon damals, als er in der Malerschule des alten Leonardo da Vinci gewesen, als
ein kleines Mdchen oftmals gesehen und eine unsgliche Liebe zu ihm gefat
habe. Eltern und Verwandte habe sie nun verlassen und sei allein nach Rom
gewandert, um ihn wiederzufinden, da eine in ihrem Innern ertnende Stimme ihr
gesagt habe, da er sie sehr liebe und sie aus lauter Sehnsucht und Begierde
abkonterfeit habe, was denn, wie sie jetzt sehe, auch wirklich wahr sei.
Francesko merkte nun, da ein geheimnisvolles Seelenverstndnis mit dem fremden
Weibe obgewaltet und da dieses Verstndnis das wunderbare Bild und seine
wahnsinnige Liebe zu demselben geschaffen hatte. Er umarmte das Weib voll
inbrnstiger Liebe und wollte sie sogleich nach der Kirche fhren, damit ein
Priester sie durch das heilige Sakrament der Ehe auf ewig binde. Dafr schien
sich das Weib aber zu entsetzen, und sie sprach: Ei, mein geliebter Francesko,
bist du denn nicht ein wackrer Knstler, der sich nicht fesseln lt von den
Banden der christlichen Kirche? Bist du nicht mit Leib und Seele dem freudigen
frischen Altertum und seinen dem Leben freundlichen Gttern zugewandt? Was geht
unser Bndnis die traurigen Priester an, die in dstern Hallen ihr Leben in
hoffnungsloser Klage verjammern? La uns heiter und hell das Fest unserer Liebe
feiern. Francesko wurde von diesen Reden des Weibes verfhrt, und so geschah
es, da er mit den von sndigem, freveligem Leichtsinn befangenen Jnglingen,
die sich seine Freunde nannten, noch an demselben Abende sein Hochzeitsfest mit
dem fremden Weibe nach heidnischen Gebruchen beging. Es fand sich, da das Weib
eine Kiste mit Kleinodien und barem Gelde mitgebracht hatte, und Francesko lebte
mit ihr, in sndlichen Genssen schwelgend und seiner Kunst entsagend, lange
Zeit hindurch. Das Weib fhlte sich schwanger und blhte nun erst immer
herrlicher und herrlicher in leuchtender Schnheit auf, sie schien ganz und gar
das erweckte Venusbild, und Francesko vermochte kaum, die ppige Lust seines
Lebens zu ertragen. Ein dumpfes angstvolles Sthnen weckte in einer Nacht den
Francesko aus dem Schlafe; als er erschrocken aufsprang und mit der Leuchte in
der Hand nach seinem Weibe sah, hatte sie ihm ein Knblein geboren. Schnell
muten die Diener eilen, um Wehmutter und Arzt herbeizurufen. Francesko nahm das
Kind von dem Schoe der Mutter, aber in demselben Augenblick stie das Weib
einen entsetzlichen, durchdringenden Schrei aus und krmmte sich, wie von
gewaltigen Fusten gepackt, zusammen. Die Wehmutter kam mit ihrer Dienerin, ihr
folgte der Arzt; als sie nun aber dem Weibe Hilfe leisten wollten, schauderten
sie entsetzt zurck, denn das Weib war zum Tode erstarrt, Hals und Brust durch
blaue, garstige Flecke verunstaltet, und statt des jungen schnen Gesichts
erblickten sie ein grlich verzerrtes runzliges Gesicht mit offnen
herausstarrenden Augen. Auf das Geschrei, das die beiden Weiber erhoben, liefen
die Nachbarsleute hinzu, man hatte von jeher von dem fremden Weibe allerlei
Seltsames gesprochen; die ppige Lebensart, die sie mit Francesko fhrte, war
allen ein Greuel gewesen, und es stand daran, da man ihr sndhaftes
Beisammensein ohne priesterliche Einsegnung den geistlichen Gerichten anzeigen
wollte. Nun, als sie die grlich entstellte Tote sahen, war es allen gewi, da
sie im Bndnis mit dem Teufel gelebt, der sich jetzt ihrer bemchtigt habe. Ihre
Schnheit war nur ein lgnerisches Trugbild verdammter Zauberei gewesen. Alle
Leute, die gekommen, flohen erschreckt von dannen, keiner mochte die Tote
anrhren. Francesko wute nun wohl, mit wem er es zu tun gehabt hatte, und es
bemchtigte sich seiner eine entsetzliche Angst. Alle seine Frevel standen ihm
vor Augen, und das Strafgericht des Herrn begann schon hier auf Erden, da die
Flammen der Hlle in seinem Innern aufloderten.
Des andern Tages kam ein Abgeordneter des geistlichen Gerichts mit den Hschern
und wollte den Francesko verhaften, da erwachte aber sein Mut und stolzer Sinn,
er ergriff seinen Stodegen, machte sich Platz und entrann. Eine gute Strecke
von Rom fand er eine Hhle, in die er sich ermdet und ermattet verbarg. Ohne
sich dessen deutlich bewut zu sein, hatte er das neugeborne Knblein in den
Mantel gewickelt und mit sich genommen. Voll wilden Ingrimms wollte er das von
dem teuflischen Weibe ihm geborne Kind an den Steinen zerschmettern, aber indem
er es in die Hhe hob, stie es klgliche bittende Tne aus, und es wandelte ihn
tiefes Mitleid an, er legte das Knblein auf weiches Moos und trpfelte ihm den
Saft einer Pommeranze ein, die er bei sich getragen. Francesko hatte, gleich
einem benden Einsiedler, mehrere Wochen in der Hhle zugebracht und, sich
abwendend von dem sndlichen Frevel, in dem er gelebt, inbrnstig zu den
Heiligen gebetet. Aber vor allen andern rief er die von ihm schwer beleidigte
Rosalia an, da sie vor dem Throne des Herrn seine Frsprecherin sein mge.
Eines Abends lag Francesko, in der Wildnis betend, auf den Knien und schaute in
die Sonne, welche sich tauchte in das Meer, das in Westen seine roten
Flammenwellen emporschlug. Aber sowie die Flammen verblaten im grauen
Abendnebel, gewahrte Francesko in den Lften einen leuchtenden Rosenschimmer,
der sich bald zu gestalten begann. Von Engeln umgeben sah Francesko die heilige
Rosalia, wie sie auf einer Wolke kniete, und ein sanftes Suseln und Rauschen
sprach die Worte: Herr, vergib dem Menschen, der in seiner Schwachheit und
Ohnmacht nicht zu widerstehen vermochte den Lockungen des Satans. Da zuckten
Blitze durch den Rosenschimmer, und ein dumpfer Donner ging drhnend durch das
Gewlbe des Himmels: Welcher sndige Mensch hat gleich diesem gefrevelt! Nicht
Gnade, nicht Ruhe im Grabe soll er finden, solange der Stamm, den sein
Verbrechen erzeugte, fortwuchert in freveliger Snde! - - Francesko sank nieder
in den Staub, denn er wute wohl, da nun sein Urteil gesprochen und ein
entsetzliches Verhngnis ihn trostlos umhertreiben werde. Er floh, ohne des
Knbleins in der Hhle zu gedenken, von dannen und lebte, da er nicht mehr zu
malen vermochte, im tiefen, jammervollen Elend. Manchmal kam es ihm in den Sinn,
als msse er zur Glorie der christlichen Religion herrliche Gemlde ausfhren,
und er dachte groe Stcke in der Zeichnung und Frbung aus, die die heiligen
Geschichten der Jungfrau und der heiligen Rosalia darstellen sollten; aber wie
konnte er solche Malerei beginnen, da er keinen Skudo besa, um Leinwand und
Farben zu kaufen, und nur von drftigen Almosen, an den Kirchentren gespendet,
sein qualvolles Leben durchbrachte? Da begab es sich, da, als er einst in einer
Kirche, die leere Wand anstarrend, in Gedanken malte, zwei in Schleier gehllte
Frauen auf ihn zutraten, von denen eine mit holder Engelsstimme sprach: In dem
fernen Preuen ist der Jungfrau Maria, da, wo die Engel des Herrn ihr Bildnis
auf einen Lindenbaum niedersetzten, eine Kirche erbaut worden, die noch des
Schmuckes der Malerei entbehrt. Ziehe hin, die Ausbung deiner Kunst sei dir
heilige Andacht, und deine zerrissene Seele wird gelabt werden mit himmlischem
Trost. - Als Francesko aufblickte zu den Frauen, gewahrte er, wie sie in
sanftleuchtenden Strahlen zerflossen und ein Lilien- und Rosenduft die Kirche
durchstrmte. Nun wute Francesko, wer die Frauen waren, und wollte den andern
Morgen seine Pilgerfahrt beginnen. Aber noch am Abende desselben Tages fand ihn
nach vielem Mhen ein Diener Zenobios auf, der ihm ein zweijhriges Gehalt
auszahlte und ihn einlud an den Hof seines Herrn. Doch nur eine geringe Summe
behielt Francesko, das brige teilte er aus an die Armen und machte sich auf
nach dem fernen Preuen. Der Weg fhrte ihn ber Rom, und er kam in das nicht
ferne davon gelegene Kapuzinerkloster, fr welches er die heilige Rosalia gemalt
hatte. Er sah auch das Bild in den Altar eingefugt, doch bemerkte er bei nherer
Betrachtung, da es nur ein Kopie seines Gemldes war. Das Original hatten, wie
er erfuhr, die Mnche nicht behalten mgen, wegen der sonderbaren Gerchte, die
man von dem entflohenen Maler verbreitete, aus dessen Nachla sie das Bild
bekommen, sondern dasselbe nach genommener Kopie an das Kapuzinerkloster in B.
verkauft. Nach beschwerlicher Pilgerfahrt langte Francesko in dem Kloster der
heiligen Linde in Ostpreuen an und erfllte den Befehl, den ihm die heilige
Jungfrau selbst gegeben. Er malte die Kirche so wunderbarlich aus, da er wohl
einsah, wie der Geist der Gnade in ihm zu wirken beginne. Trost des Himmels flo
in seine Seele.

Es begab sich, da der Graf Filippo S. auf der Jagd in einer abgelegenen wilden
Gegend von einem bsen Unwetter berfallen wurde. Der Sturm heulte durch die
Klfte, der Regen go in Strmen herab, als solle in einer neuen Sndflut Mensch
und Tier untergehen; da fand Graf Filippo eine Hhle, in die er sich samt seinem
Pferde, das er mhsam hineinzog, rettete. Schwarzes Gewlk hatte sich ber den
ganzen Horizont gelegt, daher war es, zumal in der Hhle, so finster, da Graf
Filippo nichts unterscheiden und nicht entdecken konnte, was dicht neben ihm so
raschle und rausche. Er war voll Bangigkeit, da wohl ein wildes Tier in der
Hhle verborgen sein knne, und zog sein Schwert, um jeden Angriff abzuwehren.
Als aber das Unwetter vorber und die Sonnenstrahlen in die Hhle fielen,
gewahrte er zu seinem Erstaunen, da neben ihm auf einem Bltterlager ein
nacktes Knblein lag und ihn mit hellen funkelnden Augen anschaute. Neben ihm
stand ein Becher von Elfenbein, in dem der Graf Filippo noch einige Tropfen
duftenden Weines fand, die das Knblein begierig einsog. Der Graf lie sein Horn
ertnen, nach und nach sammelten sich seine Leute, die hierhin, dorthin
geflchtet waren, und man wartete auf des Grafen Befehl, ob sich nicht
derjenige, der das Kind in die Hhle gelegt, einfinden wrde, es abzuholen. Als
nun aber die Nacht einzubrechen begann, da sprach der Graf Filippo: Ich kann
das Knblein nicht hilflos liegen lassen, sondern will es mit mir nehmen, und
da ich dies getan, berall bekannt machen lassen, damit es die Eltern oder
sonst einer, der es in die Hhle legte, von mir abfordern kann. Es geschah so;
aber Wochen, Monate und Jahre vergingen, ohne da sich jemand gemeldet htte.
Der Graf hatte dem Fndling in heiliger Taufe den Namen Francesko geben lassen.
Der Knabe wuchs heran und wurde an Gestalt und Geist ein wunderbarer Jngling,
den der Graf seiner seltenen Gaben wegen wie seinen Sohn liebte und ihm, da er
kinderlos war, sein ganzes Vermgen zuzuwenden gedachte. Schon fnfundzwanzig
Jahre war Francesko alt worden, als der Graf Filippo in trichter Liebe zu einem
armen bildschnen Frulein entbrannte und sie heiratete, unerachtet sie
blutjung, er aber schon sehr hoch in Jahren war. Francesko wurde alsbald von
sndhafter Begier nach dem Besitze der Grfin erfat, und unerachtet sie gar
fromm und tugendhaft war und nicht die geschworene Treue verletzen wollte,
gelang es ihm doch endlich nach hartem Kampfe, sie durch teuflische Knste zu
verstricken, so da sie sich der freveligen Lust berlie, und er seinen
Wohltter mit schwarzem Undank und Verrat lohnte. Die beiden Kinder, Graf Pietro
und Grfin Angiola, die der greise Filippo in vollem Entzcken der Vaterfreude
an sein Herz drckte, waren die Frchte des Frevels, der ihm sowie der Welt auf
ewig verborgen blieb.

Von innerm Geiste getrieben, trat ich zu meinem Bruder Zenobio und sprach: Ich
habe dem Throne entsagt, und selbst dann, wenn du kinderlos vor mir sterben
solltest, will ich ein armer Maler bleiben und mein Leben in stiller Andacht,
die Kunst bend, hinbringen. Doch nicht fremdem Staat soll unser Lndlein anheim
fallen. Jener Francesko, den der Graf Filippo S. erzogen, ist mein Sohn. Ich war
es, der auf wilder Flucht ihn in der Hhle zurcklie, wo ihn der Graf fand. Auf
dem elfenbeinernen Becher, der bei ihm stand, ist unser Wappen geschnitzt, doch
noch mehr als das schtzt des Jnglings Bildung, die ihn als aus unserer Familie
abstammend getreulich bezeichnet, vor jedem Irrtum. Nimm, mein Bruder Zenobio,
den Jngling als deinen Sohn auf, und er sei dein Nachfolger! - Zenobios
Zweifel, ob der Jngling Francesko in rechtmiger Ehe erzeugt sei, wurden durch
die von dem Papst sanktionierte Adoptionsurkunde, die ich auswirkte, gehoben,
und so geschah es, da meines Sohnes sndhaftes, ehebrecherisches Leben endete
und er bald in rechtmiger Ehe einen Sohn erzeugte, den er Paolo Francesko
nannte. - Gewuchert hat der verbrecherische Stamm auf verbrecherische Weise.
Doch kann meines Sohnes Reue nicht seine Frevel shnen? Ich stand vor ihm wie
das Strafgericht des Herrn, denn sein Innerstes lag vor mir offen und klar, und
was der Welt verborgen, das sagte mir der Geist, der mchtig und mchtiger wird
in mir und mich emporhebt ber den brausenden Wellen des Lebens, da ich
hinabzuschauen vermag in die Tiefe, ohne da dieser Blick mich hinabzieht zum
Tode.

Franceskos Entfernung brachte der Grfin S. den Tod, denn nun erst erwachte sie
zum Bewutsein der Snde, und nicht berstehen konnte sie den Kampf der Liebe
zum Verbrecher und der Reue ber das, was sie begangen. Graf Filippo wurde
neunzig Jahr alt, dann starb er als ein kindischer Greis. Sein vermeintlicher
Sohn Pietro zog mit seiner Schwester Angiola an den Hof Franceskos, der dem
Zenobio gefolgt war. Durch glnzende Feste wurde Paolo Franceskos Verlobung mit
Vittoria, Frstin von M., gefeiert, als aber Pietro die Braut in voller
Schnheit erblickte, wurde er in heftiger Liebe entzndet, und ohne der Gefahr
zu achten, bewarb er sich um Vittorias Gunst. Doch Paolo Franceskos Blicken
entging Pietros Bestreben, da er selbst in seine Schwester Angiola heftig
entbrannt war, die all sein Bemhen kalt zurckwies. Vittoria entfernte sich von
dem Hofe, um, wie sie vorgab, noch vor ihrer Heirat in stiller Einsamkeit ein
heiliges Gelbde zu erfllen. Erst nach Ablauf eines Jahres kehrte sie zurck,
die Hochzeit sollte vor sich gehen, und gleich nach derselben wollte Graf Pietro
mit seiner Schwester Angiola nach seiner Vaterstadt zurckkehren. Paolo
Franceskos Liebe zur Angiola war durch ihr stetes, standhaftes Widerstreben
immer mehr entflammt worden und artete jetzt aus in die wtende Begier des
wilden Tieres, die er nur durch den Gedanken des Genusses zu bezhmen vermochte.
- So geschah es, da er durch den schndlichsten Verrat am Hochzeitstage, ehe er
in die Brautkammer ging, Angiola in ihrem Schlafzimmer berfiel und, ohne da
sie zur Besinnung kam, denn Opiate hatte sie beim Hochzeitmahl bekommen, seine
frevelige Lust befriedigte. Als Angiola durch die verruchte Tat dem Tode nahe
gebracht wurde, da gestand der von Gewissensbissen gefolterte Paolo Francesko
ein, was er begangen. Im ersten Aufbrausen des Zorns wollte Pietro den Verrter
niederstoen, aber gelhmt sank sein Arm nieder, da er daran dachte, da seine
Rache der Tat vorangegangen. Die kleine Giazinta, Frstin von B., allgemein fr
die Tochter der Schwester Vittorias geltend, war die Frucht des geheimen
Verstndnisses, das Pietro mit Paolo Franceskos Braut unterhalten hatte. Pietro
ging mit Angiola nach Deutschland, wo sie einen Sohn gebar, den man Franz nannte
und sorgfltig erziehen lie. Die schuldlose Angiola trstete sich endlich ber
den entsetzlichen Frevel und blhte wieder auf in gar herrlicher Anmut und
Schnheit. So kam es, da der Frst Theodor von W. eine gar heftige Liebe zu ihr
fate, die sie aus tiefer Seele erwiderte. Sie wurde in kurzer Zeit seine
Gemahlin, und Graf Pietro vermhlte sich zu gleicher Zeit mit einem teutschen
Frulein, mit der er eine Tochter erzeugte, so wie Angiola dem Frsten zwei
Shne gebar. Wohl konnte sich die fromme Angiola ganz rein im Gewissen fhlen,
und doch versank sie oft in dsteres Nachdenken, wenn ihr wie ein bser Traum
Paolo Franceskos verruchte Tat in den Sinn kam, ja es war ihr oft so zumute, als
sei selbst die bewutlos begangene Snde strafbar und wrde gercht werden an
ihr und ihren Nachkommen. Selbst die Beichte und vollstndige Absolution konnte
sie nicht beruhigen. Wie eine himmlische Eingebung kam ihr nach langer Qual der
Gedanke, da sie alles ihrem Gemahl entdecken msse. Unerachtet sie wohl sich
des schweren Kampfes versah, den ihr das Gestndnis des von dem Bsewicht Paolo
Francesko verbten Frevels kosten wrde, so gelobte sie sich doch feierlich, den
schweren Schritt zu wagen, und sie hielt, was sie gelobt hatte. Mit Entsetzen
vernahm Frst Theodor die verruchte Tat, sein Inneres wurde heftig erschttert,
und der tiefe Ingrimm schien selbst der schuldlosen Gemahlin bedrohlich zu
werden. So geschah es, da sie einige Monate auf einem entfernten Schlo
zubrachte; whrend der Zeit bekmpfte der Frst die bittern Empfindungen, die
ihn qulten, und es kam so weit, da er nicht allein vershnt der Gemahlin die
Hand bot, sondern auch, ohne da sie es wute, fr Franzens Erziehung sorgte.
Nach dem Tode des Frsten und seiner Gemahlin wute nur Graf Pietro und der
junge Frst Alexander von W. um das Geheimnis von Franzens Geburt. Keiner der
Nachkmmlinge des Malers wurde jenem Francesko, den Graf Filippo erzog, so ganz
und gar hnlich an Geist und Bildung als dieser Franz. Ein wunderbarer Jngling,
vom hheren Geiste belebt, feurig und rasch in Gedanken und Tat. Mag des Vaters,
mag des Ahnherrn Snde nicht auf ihm lasten, mag er widerstehen den bsen
Verlockungen des Satans. Ehe Frst Theodor starb, reiseten seine beiden Shne
Alexander und Johann nach dem schnen Welschland, doch nicht sowohl offenbare
Uneinigkeit als verschiedene Neigung, verschiedenes Streben war die Ursache, da
die beiden Brder sich in Rom trennten. Alexander kam an Paolo Franceskos Hof
und fate solche Liebe zu Paolos jngster mit Vittoria erzeugten Tochter, da er
sich ihr zu vermhlen gedachte. Frst Theodor wies indessen mit einem Abscheu,
der dem Frsten Alexander unerklrlich war, die Verbindung zurck, und so kam
es, da erst nach Theodors Tode Frst Alexander sich mit Paolo Franceskos
Tochter vermhlte. Prinz Johann hatte auf dem Heimwege seinen Bruder Franz
kennen gelernt und fand an dem Jnglinge, dessen nahe Verwandtschaft mit ihm er
nicht ahnte, solches Behagen, da er sich nicht mehr von ihm trennen mochte.
Franz war die Ursache, da der Prinz, statt heimzukehren nach der Residenz des
Bruders, nach Italien zurckging. Das ewige unerforschliche Verhltnis wollte
es, da beide, Prinz Johann und Franz, Vittorias und Pietros Tochter Giazinta
sahen und beide in heftiger Liebe zu ihr entbrannten. - Das Verbrechen keimt,
wer vermag zu widerstehen den dunkeln Mchten!
    Wohl waren die Snden und Frevel meiner Jugend entsetzlich, aber durch die
Frsprache der Gebenedeiten und der heiligen Rosalia bin ich errettet vom ewigen
Verderben, und es ist mir vergnnt, die Qualen der Verdammnis zu erdulden hier
auf Erden, bis der verbrecherische Stamm verdorret ist und keine Frchte mehr
trgt. ber geistige Krfte gebietend, drckt mich die Last des Irdischen
nieder, und das Geheimnis der dstern Zukunft ahnend, blendet mich der
trgerische Farbenglanz des Lebens, und das blde Auge verwirrt sich in
zerflieenden Bildern, ohne da es die wahre innere Gestaltung zu erkennen
vermag! - Ich erblicke oft den Faden, den die dunkle Macht, sich auflehnend
gegen das Heil meiner Seele, fortspinnt, und glaube tricht ihn erfassen, ihn
zerreien zu knnen. Aber dulden soll ich und glubig und fromm in fortwhrender
reuiger Bue die Marter ertragen, die mir auferlegt worden, um meine Missetaten
zu shnen. Ich habe den Prinzen und Franz von Giazinta weggescheucht, aber der
Satan ist geschftig, dem Franz das Verderben zu bereiten, dem er nicht entgehen
wird. - Franz kam mit dem Prinzen an den Ort, wo sich Graf Pietro mit seiner
Gemahlin und seiner Tochter Aurelie, die eben fnfzehn Jahr alt worden,
aufhielt. So wie der verbrecherische Vater Paolo Francesko in wilder Begier
entbrannte, als er Angiola sah, so loderte das Feuer verbotener Lust auf in dem
Sohn, als er das holde Kind Aurelie erblickte. Durch allerlei teuflische Knste
der Verfhrung wute er die fromme, kaum erblhte Aurelie zu umstricken, da sie
mit ganzer Seele ihm sich ergab, und sie hatte gesndigt, ehe der Gedanke der
Snde aufgegangen in ihrem Innern. Als die Tat nicht mehr verschwiegen bleiben
konnte, da warf er sich, wie voll Verzweiflung ber das, was er begangen, der
Mutter zu Fen und gestand alles. Graf Pietro, unerachtet selbst in Snde und
Frevel befangen, htte Franz und Aurelie ermordet. Die Mutter lie den Franz
ihren gerechten Zorn fhlen, indem sie ihn mit der Drohung, die verruchte Tat
dem Grafen Pietro zu entdecken, auf immer aus ihren und der verfhrten Tochter
Augen verbannte. Es gelang der Grfin, die Tochter den Augen des Grafen Pietro
zu entziehen, und sie gebar an entfernten Orten ein Tchterlein. Aber Franz
konnte nicht lassen von Aurelien, er erfuhr ihren Aufenthalt, eilte hin und trat
in das Zimmer, als eben die Grfin, verlassen vom Hausgesinde, neben dem Bette
der Tochter sa und das Tchterlein, das erst acht Tage alt worden, auf dem
Schoe hielt. Die Grfin stand voller Schreck und Entsetzen ber den
unvermuteten Anblick des Bsewichts auf und gebot ihm, das Zimmer zu verlassen.
Fort... fort, sonst bist du verloren; Graf Pietro wei, was du Verruchter
begonnen! So rief sie, um dem Franz Furcht einzujagen, und drngte ihn nach der
Tre; da bermannte den Franz wilde, teuflische Wut, er ri der Grfin das Kind
vom Arme, versetzte ihr einen Faustschlag vor die Brust, da sie rcklings
niederstrzte, und rannte fort. Als Aurelie aus tiefer Ohnmacht erwachte, war
die Mutter nicht mehr am Leben, die tiefe Kopfwunde (sie war auf einen mit Eisen
beschlagenen Kasten gestrzt) hatte sie gettet. Franz hatte im Sinn, das Kind
zu ermorden, er wickelte es in Tcher, lief am finstern Abend die Treppe hinab
und wollte eben zum Hause hinaus, als er ein dumpfes Wimmern vernahm, das aus
einem Zimmer des Erdgeschosses zu kommen schien. Unwillkrlich blieb er stehen,
horchte und schlich endlich jenem Zimmer nher. In dem Augenblick trat eine
Frau, welche er fr die Kinderwrterin der Baronesse S., in deren Hause er
wohnte, erkannte, unter klglichem Jammern heraus. Franz frug, weshalb sie sich
so gebrde. Ach Herr, sagte die Frau, mein Unglck ist gewi, soeben sa die
kleine Euphemie auf meinem Schoe und juchzte und lachte, aber mit einemmal lt
sie das Kpfchen sinken und ist tot. - Blaue Flecken hat sie auf der Stirn, und
so wird man mir Schuld geben, da ich sie habe fallen lassen! - Schnell trat
Franz hinein, und als er das tote Kind erblickte, gewahrte er, wie das
Verhngnis das Leben seines Kindes wollte, denn es war mit der toten Euphemie
auf wunderbare Weise gleich gebildet und gestaltet. Die Wrterin, vielleicht
nicht so unschuldig an dem Tode des Kindes, als sie vorgab, und bestochen durch
Franzens reichliches Geschenk, lie sich den Tausch gefallen; Franz wickelte nun
das tote Kind in die Tcher und warf es in den Strom. Aureliens Kind wurde als
die Tochter der Baronesse von S., Euphemie mit Namen, erzogen, und der Welt
blieb das Geheimnis ihrer Geburt verborgen. Die Unselige wurde nicht durch das
Sakrament der heiligen Taufe in den Scho der Kirche aufgenommen, denn getauft
war schon das Kind, dessen Tod ihr Leben erhielt. Aurelie hat sich nach mehreren
Jahren mit dem Baron von F. vermhlt; zwei Kinder, Hermogen und Aurelie, sind
die Frucht dieser Vermhlung.

Die ewige Macht des Himmels hatte es mir vergnnt, da, als der Prinz mit
Francesko (so nannte er den Franz auf italienische Weise) nach der Residenzstadt
des frstlichen Bruders zu gehen gedachte, ich zu ihnen treten und mitziehen
durfte. Mit krftigem Arm wollte ich den schwankenden Francesko erfassen, wenn
er sich dem Abgrunde nahte, der sich vor ihm aufgetan. Trichtes Beginnen des
ohnmchtigen Snders, der noch nicht Gnade gefunden vor dem Throne des Herrn! -
Francesko ermordete den Bruder, nachdem er an Giazinta verruchten Frevel gebt!
Franceskos Sohn ist der unselige Knabe, den der Frst unter dem Namen des Grafen
Viktorin erziehen lt. Der Mrder Francesko gedachte sich zu vermhlen mit der
frommen Schwester der Frstin, aber ich vermochte dem Frevel vorzubeugen in dem
Augenblick, als er begangen werden sollte an heiliger Sttte.

Wohl bedurfte es des tiefen Elends, in das Franz versank - nachdem er, gefoltert
von dem Gedanken nie abzubender Snde, entflohen - um ihn zur Reue zu wenden.
Von Gram und Krankheit gebeugt, kam er auf der Flucht zu einem Landmann, der ihn
freundlich aufnahm. Des Landmanns Tochter, eine fromme, stille Jungfrau, fate
wunderbare Liebe zu dem Fremden und pflegte ihn sorglich. So geschah es, da,
als Francesko genesen, er der Jungfrau Liebe erwiderte, und sie wurden durch das
heilige Sakrament der Ehe vereinigt. Es gelang ihm, durch seine Klugheit und
Wissenschaft sich aufzuschwingen und des Vaters nicht geringen Nachla reichlich
zu vermehren, so da er viel irdischen Wohlstand geno. Aber unsicher und eitel
ist das Glck des mit Gott nicht vershnten Snders. Franz sank zurck in die
bitterste Armut, und ttend war sein Elend, denn er fhlte, wie Geist und Krper
hinschwanden in krnkelnder Siechheit. Sein Leben wurde eine fortwhrende
Bubung. Endlich sandte ihm der Himmel einen Strahl des Trostes. - Er soll
pilgern nach der heiligen Linde, und dort wird ihm die Geburt eines Sohnes die
Gnade des Herrn verknden.

In dem Walde, der das Kloster zur heiligen Linde umschliet, trat ich zu der
bedrngten Mutter, als sie ber dem neugebornen vaterlosen Knblein weinte, und
erquickte sie mit Worten des Trostes. -
    Wunderbar geht die Gnade des Herrn auf dem Kinde, das geboren wird in dem
segensreichen Heiligtum der Gebenedeiten! Oftmals begibt es sich, da das
Jesuskindlein sichtbarlich zu ihm tritt und frh in dem kindischen Gemt den
Funken der Liebe entzndet. -
    Die Mutter hat in heiliger Taufe dem Knaben des Vaters Namen, Franz, geben
lassen! - Wirst du es denn sein, Franziskus, der, an heiliger Sttte geboren,
durch frommen Wandel den verbrecherischen Ahnherrn entsndigt und ihm Ruhe
schafft im Grabe? Fern von der Welt und ihren verfhrerischen Lockungen, soll
der Knabe sich ganz dem Himmlischen zuwenden. Er soll geistlich werden. So hat
es der heilige Mann, der wunderbaren Trost in meine Seele go, der Mutter
verkndet, und es mag wohl die Prophezeiung der Gnade sein, die mich mit
wundervoller Klarheit erleuchtet, so da ich in meinem Innern das lebendige Bild
der Zukunft zu erschauen vermeine.
    Ich sehe den Jngling den Todeskampf streiten mit der finstern Macht, die
auf ihn eindringt mit furchtbarer Waffe! - Er fllt, doch ein gttlich Weib
erhebt ber sein Haupt die Siegeskrone! - Es ist die heilige Rosalia selbst, die
ihn errettet! - So oft es mir die ewige Macht des Himmels vergnnt, will ich dem
Knaben, dem Jnglinge, dem Manne nahe sein und ihn schtzen, wie es die mir
verliehene Kraft vermag. - Er wird sein wie -

                           Anmerkung des Herausgebers

Hier wird, gnstiger Leser, die halb erloschene Schrift des alten Malers so
undeutlich, da weiter etwas zu entziffern ganz unmglich ist. Wir kehren zu dem
Manuskript des merkwrdigen Kapuziners Medardus zurck.

                               Dritter Abschnitt


                          Die Rckkehr in das Kloster

Es war so weit gekommen, da berall, wo ich mich in den Straen von Rom blicken
lie, einzelne aus dem Volk still standen und in gebeugter, demtiger Stellung
um meinen Segen baten. Mocht' es sein, da meine strenge Bubungen, die ich
fortsetzte, schon Aufsehen erregten, aber gewi war es, da meine fremdartige,
wunderliche Erscheinung den lebhaften phantastischen Rmern bald zu einer
Legende werden mute, und da sie mich vielleicht, ohne da ich es ahnte, zu dem
Helden irgend eines frommen Mrchens erhoben hatten. Oft weckten mich bange
Seufzer und das Gemurmel leiser Gebete aus tiefer Betrachtung, in die ich, auf
den Stufen des Altars liegend, versunken, und ich bemerkte dann, wie rings um
mich her Andchtige knieten und meine Frbitte zu erflehen schienen. So wie in
jenem Kapuzinerkloster hrte ich hinter mir rufen: il Santo! - und schmerzhafte
Dolchstiche fuhren durch meine Brust. Ich wollte Rom verlassen, doch wie
erschrak ich, als der Prior des Klosters, in dem ich mich aufhielt, mir
ankndigte, da der Papst mich htte zu sich gebieten lassen. Dstre Ahnungen
stiegen in mir auf, da vielleicht aufs neue die bse Macht in feindlichen
Verkettungen mich festzubannen trachte, indessen fate ich Mut und ging zur
bestimmten Stunde nach dem Vatikan. Der Papst, ein wohlgebildeter Mann, noch in
den Jahren der vollen Kraft, empfing mich, auf einem reich verzierten Lehnstuhl
sitzend. Zwei wunderschne, geistlich gekleidete Knaben bedienten ihn mit
Eiswasser und durchfchelten das Zimmer mit Reiherbschen, um, da der Tag
berhei war, die Khle zu erhalten. Demtig trat ich auf ihn zu und machte die
gewhnliche Kniebeugung. Er sah mich scharf an, der Blick hatte aber etwas
Gutmtiges, und statt des strengen Ernstes, der sonst, wie ich aus der Ferne
wahrzunehmen geglaubt, auf seinem Gesicht ruhte, ging ein sanftes Lcheln durch
alle Zge. Er frug, woher ich kme, was mich nach Rom gebracht - kurz das
Gewhnlichste ber meine persnliche Verhltnisse, und stand dann auf, indem er
sprach: Ich lie Euch rufen, weil man mir von Eurer seltenen Frmmigkeit
erzhlt. - Warum, Mnch Medardus, treibst du deine Andachtsbungen ffentlich
vor dem Volk in den besuchtesten Kirchen? - Gedenkst du zu erscheinen als ein
Heiliger des Herrn und angebetet zu werden von dem fanatischen Pbel, so greife
in deine Brust und forsche wohl, wie der innerste Gedanke beschaffen, der dich
so zu handeln treibt. - Bist du nicht rein vor dem Herrn und vor mir, seinem
Statthalter, so nimmst du bald ein schmhliches Ende, Mnch Medardus! - Diese
Worte sprach der Papst mit starker, durchdringender Stimme, und wie treffende
Blitze funkelte es aus seinen Augen. Nach langer Zeit zum erstenmal fhlte ich
mich nicht der Snde schuldig, der ich angeklagt wurde, und so mute es wohl
kommen, da ich nicht allein meine Fassung behielt, sondern auch von dem
Gedanken, da meine Bue aus wahrer innerer Zerknirschung hervorgegangen,
erhoben wurde und wie ein Begeisterter zu sprechen vermochte: Ihr hochheiliger
Statthalter des Herrn, wohl ist Euch die Kraft verliehen, in mein Inneres zu
schauen; wohl mgt Ihr es wissen, da zentnerschwer mich die unsgliche Last
meiner Snden zu Boden drckt, aber ebenso werdet Ihr die Wahrheit meiner Reue
erkennen. Fern von mir ist der Gedanke schnder Heuchelei, fern von mir jede
ehrgeizige Absicht, das Volk zu tuschen auf verruchte Weise. - Vergnnt es dem
benden Mnche, o hochheiliger Herr, da er in kurzen Worten sein
verbrecherisches Leben, aber auch das, was er in der tiefsten Reue und
Zerknirschung begonnen, Euch enthlle! - So fing ich an und erzhlte nun, ohne
Namen zu nennen und so gedrngt als mglich, meinen ganzen Lebenslauf.
Aufmerksamer und aufmerksamer wurde der Papst. Er setzte sich in den Lehnstuhl
und sttzte den Kopf in die Hand; er sah zur Erde nieder, dann fuhr er pltzlich
in die Hhe; die Hnde bereinander geschlagen und mit dem rechten Fu
ausschreitend, als wolle er auf mich zutreten, starrte er mich an mit glhenden
Augen. Als ich geendet, setzte er sich aufs neue. Eure Geschichte, Mnch
Medardus, fing er an, ist die verwunderlichste, die ich jemals vernommen. -
Glaubt Ihr an die offenbare, sichtliche Einwirkung einer bsen Macht, die die
Kirche Teufel nennt? - Ich wollte antworten, der Papst fuhr fort: Glaubt Ihr,
da der Wein, den Ihr aus der Reliquienkammer stahlt und austranket, Euch zu den
Freveln trieb, die Ihr beginget? - Wie ein von giftigen Dnsten geschwngertes
Wasser gab er Kraft dem bsen Keim, der in mir ruhete, da er fortzuwuchern
vermochte! - Als ich dies erwidert, schwieg der Papst einige Augenblicke, dann
fuhr er mit ernstem, in sich gekehrtem Blick fort: Wie, wenn die Natur die
Regel des krperlichen Organism auch im geistigen befolgte, da gleicher Keim
nur Gleiches zu gebren vermag? ... Wenn Neigung und Wollen, - wie die Kraft,
die im Kern verschlossen, des hervorschieenden Baumes Bltter wieder grn frbt
- sich fortpflanzte von Vtern zu Vtern, alle Willkr aufhebend? ... Es gibt
Familien von Mrdern, von Rubern! ... Das wre die Erbsnde, des frevelhaften
Geschlechts ewiger, durch kein Shnopfer vertilgbarer Fluch! - Mu der vom
Snder Geborne wieder sndigen vermge des vererbten Organism ..., dann gibt es
keine Snde, so unterbrach ich den Papst. Doch! sprach er, der ewige Geist
schuf einen Riesen, der jenes blinde Tier, das in uns wtet, zu bndigen und in
Fesseln zu schlagen vermag. Bewutsein heit dieser Riese, aus dessen Kampf mit
dem Tier sich die Spontaneitt erzeugt. Des Riesen Sieg ist die Tugend, der Sieg
des Tieres die Snde. Der Papst schwieg einige Augenblicke, dann heiterte sein
Blick sich auf, und er sprach mit sanfter Stimme: Glaubt Ihr, Mnch Medardus,
da es fr den Statthalter des Herrn schicklich sei, mit Euch ber Tugend und
Snde zu vernnfteln? - Ihr habt, hochheiliger Herr, erwiderte ich, Euern
Diener gewrdigt, Eure tiefe Ansicht des menschlichen Seins zu vernehmen, und
wohl mag es Euch ziemen, ber den Kampf zu sprechen, den Ihr lngst, herrlich
und glorreich siegend, geendet. - Du hast eine gute Meinung von mir, Bruder
Medardus, sprach der Papst, oder glaubst du, da die Tiara der Lorbeer sei,
der mich als Helden und Sieger der Welt verkndet? - Es ist, sprach ich,
wohl etwas Groes, Knig sein und herrschen ber ein Volk. So im Leben
hochgestellt, mag alles rings umher nher zusammengerckt, in jedem Verhltnis
kommensurabler erscheinen, und eben durch die hohe Stellung sich die wunderbare
Kraft des berschauens entwickeln, die wie eine hhere Weihe sich kundtut im
gebornen Frsten. - - Du meinst, fiel der Papst ein, da selbst den Frsten,
die schwach an Verstande und Willen, doch eine gewisse wunderliche Sagazitt
beiwohne, die fglich fr Weisheit geltend, der Menge zu imponieren vermag. Aber
wie gehrt das hieher? - Ich wollte, fuhr ich fort, von der Weihe der
Frsten reden, deren Reich von dieser Welt ist, und dann von der heiligen,
gttlichen Weihe des Statthalters des Herrn. Auf geheimnisvolle Weise erleuchtet
der Geist des Herrn die im Konklave verschlossenen hohen Priester. Getrennt, in
einzelnen Gemchern frommer Betrachtung hingegeben, befruchtet der Strahl des
Himmels das nach der Offenbarung sich sehnende Gemt, und ein Name erschallt wie
ein die ewige Macht lobpreisenden Hymnus von den begeisterten Lippen. - Nur kund
getan in irdischer Sprache wird der Beschlu der ewigen Macht, die sich ihren
wrdigen Statthalter auf Erden erkor, und so, hochheiliger Herr, ist Eure Krone,
im dreifachen Ringe das Mysterium Eures Herrn, des Herrn der Welten, verkndend,
in der Tat der Lorbeer, der Euch als Helden und Sieger darstellt. - Nicht von
dieser Welt ist Euer Reich, und doch seid Ihr berufen zu herrschen ber alle
Reiche dieser Erde, die Glieder der unsichtbaren Kirche sammelnd unter der Fahne
des Herrn! - Das weltliche Reich, das Euch beschieden, ist nur Euer in
himmlischer Pracht blhender Thron. - Das gibst du zu, unterbrach mich der
Papst, - das gibst du zu, Bruder Medardus, da ich Ursache habe, mit diesem mir
beschiedenen Thron zufrieden zu sein. Wohl ist meine blhende Oma geschmckt mit
himmlischer Pracht, das wirst du auch wohl fhlen, Bruder Medardus, hast du
deinen Blick nicht ganz dem Irdischen verschlossen... Doch das glaub' ich
nicht... Du bist ein wackrer Redner und hast mir zum Sinn gesprochen... Wir
werden uns, merk' ich, nher verstndigen! ... Bleibe hier! ... In einigen Tagen
bist du vielleicht Prior, und spter knnt' ich dich wohl gar zu meinem
Beichtvater erwhlen... Gehe... gebrde dich weniger nrrisch in den Kirchen,
zum Heiligen schwingst du dich nun einmal nicht hinauf - der Kalender ist
vollzhlig. Gehe. - Des Papstes letzte Worte verwunderten mich ebenso wie sein
ganzes Betragen berhaupt, das ganz dem Bilde widersprach, wie es sonst von dem
Hchsten der christlichen Gemeinde, dem die Macht gegeben zu binden und zu
lsen, in meinem Innern aufgegangen war. Es war mir nicht zweifelhaft, da er
alles, was ich von der hohen Gttlichkeit seines Berufs gesprochen, fr eine
leere listige Schmeichelei gehalten hatte. Er ging von der Idee aus, da ich
mich hatte zum Heiligen aufschwingen wollen und da ich, da er mir aus besondern
Grnden den Weg dazu versperren mute, nun gesonnen war, mir auf andere Weise
Ansehn und Einflu zu verschaffen. Auf dieses wollte er wieder aus besonderen
mir unbekannten Grnden eingehen.
    Ich beschlo - ohne daran zu denken, da ich ja, ehe der Papst mich rufen
lie, Rom hatte verlassen wollen - meine Andachtsbungen fortzusetzen. Doch nur
zu sehr im Innern fhlte ich mich bewegt, um wie sonst mein Gemt ganz dem
Himmlischen zuwenden zu knnen. Unwillkrlich dachte ich selbst im Gebet an mein
frheres Leben; erblat war das Bild meiner Snden, und nur das Glnzende der
Laufbahn, die ich als Liebling eines Frsten begonnen, als Beichtiger des
Papstes fortsetzen und wer wei auf welcher Hhe enden werde, stand grell
leuchtend vor meines Geistes Augen. So kam es, da ich, nicht weil es der Papst
verboten, sondern unwillkrlich meine Andachtsbungen einstellte und statt
dessen in den Straen von Rom umherschlenderte. Als ich eines Tages ber den
spanischen Platz ging, war ein Haufen Volks um den Kasten eines Puppenspielers
versammelt. Ich vernahm Pulcinells komisches Gequke und das wiehernde Gelchter
der Menge. Der erste Akt war geendet, man bereitete sich auf den zweiten vor.
Die kleine Decke flog auf, der junge David erschien mit seiner Schleuder und dem
Sack voll Kieselsteinen. Unter possierlichen Bewegungen versprach er, da
nunmehr der ungeschlachte Riese Goliath ganz gewi erschlagen und Israel
errettet werden solle. Es lie sich ein dumpfes Rauschen und Brummen hren. Der
Riese Goliath stieg empor mit einem ungeheuern Kopfe. - Wie erstaunte ich, als
ich auf den ersten Blick in dem Goliathskopf den nrrischen Belcampo erkannte.
Dicht unter dem Kopf hatte er mittelst einer besondern Vorrichtung einen kleinen
Krper mit rmchen und Beinchen angebracht, seine eigenen Schultern und Arme
aber durch eine Draperie versteckt, die wie Goliaths breit gefalteter Mantel
anzusehen war. Goliath hielt mit den seltsamsten Grimassen und groteskem
Schtteln des Zwergleibes eine stolze Rede, die David nur zuweilen durch ein
feines Kickern unterbrach. Das Volk lachte unmig, und ich selbst, wunderlich
angesprochen von der neuen fabelhaften Erscheinung Belcampos, lie mich
fortreien und brach aus in das lngst ungewohnte Lachen der innern kindischen
Lust. - Ach, wie oft war sonst mein Lachen nur der konvulsivische Krampf der
innern herzzerreienden Qual. Dem Kampf mit dem Riesen ging eine lange
Disputation voraus, und David bewies beraus knstlich und gelehrt, warum er den
furchtbaren Gegner totschmeien msse und werde. Belcampo lie alle Muskeln
seines Gesichts wie knisternde Lauffeuer spielen, und dabei schlugen die
Riesenrmchen nach dem kleiner als kleinen David, der geschickt unterzuducken
wute und dann hie und da, ja selbst aus Goliaths eigner Mantelfalte zum
Vorschein kam. Endlich flog der Kiesel an Goliaths Haupt, er sank hin, und die
Decke fiel. Ich lachte immer mehr, durch Belcampos tollen Genius gereizt,
berlaut, da klopfte jemand leise auf meine Schulter. Ein Abbate stand neben
mir. Es freut mich, fing er an, da Ihr, mein ehrwrdiger Herr, nicht die
Lust am Irdischen verloren habt. Beinahe traute ich Euch, nachdem ich Eure
merkwrdige Andachtsbungen gesehen, nicht mehr zu, da Ihr ber solche
Torheiten zu lachen vermchtet. Es war mir so, als der Abbate dieses sprach,
als mte ich mich meiner Lustigkeit schmen, und unwillkrlich sprach ich, was
ich gleich darauf schwer bereute, gesprochen zu haben. Glaubt mir, mein Herr
Abbate, sagte ich, da dem, der in dem buntesten Wogenspiel des Lebens ein
rstiger Schwimmer war, nie die Kraft gebricht, aus dunkler Flut aufzutauchen
und mutig sein Haupt zu erheben. Der Abbate sah mich mit blitzenden Augen an.
Ei, sprach er, wie habt Ihr das Bild so gut erfunden und ausgefhrt. Ich
glaube Euch jetzt zu kennen ganz und gar und bewundere Euch aus tiefstem Grunde
meiner Seele.
    Ich wei nicht, mein Herr, wie ein armer bender Mnch Eure Bewunderung zu
erregen vermochte!
    Vortrefflich, Ehrwrdigster! - Ihr fallt zurck in Eure Rolle! - Ihr seid
des Papstes Liebling?
    Dem hochheiligen Statthalter des Herrn hat es gefallen, mich seines Blicks
zu wrdigen. - Ich habe ihn verehrt im Staube, wie es der Wrde, die ihm die
ewige Macht verlieh, als sie himmlisch reine Tugend bewhrt fand in seinem
Innern, geziemt.
    Nun, du ganz wrdiger Vasall an dem Thron des dreifach Gekrnten, du wirst
tapfer tun, was deines Amtes ist! - Aber glaube mir, der jetzige Statthalter des
Herrn ist ein Kleinod der Tugend gegen Alexander den Sechsten, und da magst du
dich vielleicht doch verrechnet haben! - Doch - spiele deine Rolle - ausgespielt
ist bald, was munter und lustig begann. - Lebt wohl, mein sehr ehrwrdiger
Herr!
    Mit gellendem Hohngelchter sprang der Abbate von dannen, erstarrt blieb ich
stehen. Hielt ich seine letzte uerung mit meinen eignen Bemerkungen ber den
Papst zusammen, so mute es mir wohl klar aufgehen, da er keinesweges der nach
dem Kampf mit dem Tier gekrnte Sieger war, fr den ich ihn gehalten, und ebenso
mute ich auf entsetzliche Weise mich berzeugen, da wenigstens dem
eingeweihten Teil des Publikums meine Bue als ein heuchlerisches Bestreben
erschienen war, mich auf diese oder jene Weise aufzuschwingen. Verwundet bis
tief in das Innerste, kehrte ich in mein Kloster zurck und betete inbrnstig in
der einsamen Kirche. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und ich erkannte
bald die Versuchung der finstern Macht, die mich aufs neue zu verstricken
getrachtet hatte, aber auch zugleich meine sndige Schwachheit und die Strafe
des Himmels. - Nur schnelle Flucht konnte mich retten, und ich beschlo mit dem
frhesten Morgen mich auf den Weg zu machen. Schon war beinahe die Nacht
eingebrochen, als die Hausglocke des Klosters stark angezogen wurde. Bald darauf
trat der Bruder Pfrtner in meine Zelle und berichtete, da ein seltsam
gekleideter Mann durchaus begehre mich zu sprechen. Ich ging nach dem
Sprachzimmer, es war Belcampo, der nach seiner tollen Weise auf mich zusprang,
bei beiden Armen mich packte und mich schnell in einen Winkel zog. Medardus,
fing er leise und eilig an, Medardus, du magst es nun anstellen, wie du willst,
um dich zu verderben, die Narrheit ist hinter dir her auf den Flgeln des
Westwindes - Sdwindes oder auch Sd-Sdwest - oder sonst und packt dich, ragt
auch nur noch ein Zipfel deiner Kutte hervor aus dem Abgrunde, und zieht dich
herauf - O Medardus, erkenne das - erkenne, was Freundschaft ist, erkenne, was
Liebe vermag, glaube an David und Jonathan, liebster Kapuziner! - Ich habe Sie
als Goliath bewundert, fiel ich dem Schwtzer in die Rede, aber sagen Sie mir
schnell, worauf es ankommt - was Sie zu mir hertreibt? - Was mich hertreibt?
sprach Belcampo, was mich hertreibt? - Wahnsinnige Liebe zu einem Kapuziner,
dem ich einst den Kopf zurechtsetzte, der umherwarf mit blutiggoldenen Dukaten -
der Umgang hatte mit scheulichen Revenants - der, nachdem er was weniges
gemordet hatte - die Schnste der Welt heiraten wollte, brgerlicher-oder
vielmehr adligerweise. - Halt ein, rief ich, halt ein, du grauenhafter Narr!
Gebt habe ich schwer, was du mir vorwirfst im freveligen Mutwillen. - O
Herr, fuhr Belcampo fort, noch ist die Stelle so empfindlich, wo Euch die
feindliche Macht tiefe Wunden schlug? - Ei, so ist Eure Heilung noch nicht
vollbracht. - Nun ich will sanft und ruhig sein wie ein frommes Kind, ich will
mich bezhmen, ich will nicht mehr springen, weder krperlich noch geistig, und
Euch, geliebter Kapuziner, blo sagen, da ich Euch hauptschlich Eurer sublimen
Tollheit halber so zrtlich liebe, und da es berhaupt ntzlich ist, da jedes
tolle Prinzip so lange lebe und gedeihe auf Erden, als nur immer mglich, so
rette ich dich aus jeder Todesgefahr, in die du mutwilligerweise dich begibst.
In meinem Puppenkasten habe ich ein Gesprch belauscht, das dich betrifft. Der
Papst will dich zum Prior des hiesigen Kapuzinerklosters und zu seinem
Beichtiger erheben. Fliehe schnell, schnell fort von Rom, denn Dolche lauern auf
dich. Ich kenne den Bravo, der dich ins Himmelreich spedieren soll. Du bist dem
Dominikaner, der jetzt des Papstes Beichtiger ist, und seinem Anhange im Wege. -
Morgen darfst du nicht mehr hier sein. - Diese neue Begebenheit konnte ich gar
gut mit den uerungen des unbekannten Abbates zusammenrumen; so betroffen war
ich, da ich kaum bemerkte, wie der possierliche Belcampo mich ein Mal ber das
andere an das Herz drckte und endlich mit seinen gewhnlichen seltsamen
Grimassen und Sprngen Abschied nahm. -
    Mitternacht mochte vorber sein, als ich die uere Pforte des Klosters
ffnen und einen Wagen dumpf ber das Pflaster des Hofes hereinrollen hrte.
Bald darauf kam es den Gang herauf; man klopfte an meine Zelle, ich ffnete und
erblickte den Pater Guardian, dem ein tief vermummter Mann mit einer Fackel
folgte. Bruder Medardus, sprach der Guardian, ein Sterbender verlangt in der
Todesnot Euern geistlichen Zuspruch und die letzte lung. Tut, was Eures Amtes
ist, und folgt diesem Mann, der Euch dort hinfhren wird, wo man Eurer bedarf.
- Mich berlief ein kalter Schauer, die Ahnung, da man mich zum Tode fhren
wolle, regte sich in mir auf; doch durfte ich mich nicht weigern und folgte
daher dem Vermummten, der den Schlag des Wagens ffnete und mich ntigte
einzusteigen. Im Wagen fand ich zwei Mnner, die mich in ihre Mitte nahmen. Ich
frug, wo man mich hinfhren wolle, - wer gerade von mir Zuspruch und letzte
lung verlange. - Keine Antwort! In tiefem Schweigen ging es fort durch mehrere
Straen. Ich glaubte an dem Klange wahrzunehmen, da wir schon auerhalb Rom
waren, doch bald vernahm ich deutlich, da wir durch ein Tor und dann wieder
durch gepflasterte Straen fuhren. Endlich hielt der Wagen, und schnell wurden
mir die Hnde gebunden, und eine dicke Kappe fiel ber mein Gesicht. Euch soll
nichts Bses widerfahren, sprach eine rauhe Stimme, nur schweigen mt Ihr
ber alles, was Ihr sehen und hren werdet, sonst ist Euer augenblicklicher Tod
gewi. - Man hob mich aus dem Wagen, Schlsser klirrten, und ein Tor drhnte
auf in schweren ungefgigen Angeln. Man fhrte mich durch lange Gnge und
endlich Treppen hinab - tiefer und tiefer. Der Schall der Tritte berzeugte
mich, da wir uns in Gewlben befanden, deren Bestimmung der durchdringende
Totengeruch verriet. Endlich stand man still - die Hnde wurden mir losgebunden,
die Kappe mir vom Kopfe gezogen. Ich befand mich in einem gerumigen, von einer
Ampel schwach beleuchteten Gewlbe, ein schwarz vermummter Mann, wahrscheinlich
derselbe, der mich hergefhrt hatte, stand neben mir, rings umher saen auf
niedrigen Bnken Dominikanermnche. Der grauenhafte Traum, den ich einst in dem
Kerker trumte, kam mir in den Sinn, ich hielt meinen qualvollen Tod fr gewi,
doch blieb ich gefat und betete inbrnstig im stillen, nicht um Rettung,
sondern um ein seliges Ende. Nach einigen Minuten dstern ahnungsvollen
Schweigens trat einer der Mnche auf mich zu und sprach mit dumpfer Stimme: Wir
haben einen Eurer Ordensbrder gerichtet, Medardus, das Urteil soll vollstreckt
werden. Von Euch, einem heiligen Manne, erwartet er Absolution und Zuspruch im
Tode! - Geht und tut, was Eures Amts ist. Der Vermummte, welcher neben mir
stand, fate mich unter den Arm und fhrte mich weiter fort durch einen engen
Gang in ein kleines Gewlbe. Hier lag in einem Winkel auf dem Strohlager ein
bleiches, abgezehrtes, mit Lumpen behngtes Geripp. Der Vermummte setzte die
Lampe, die er mitgebracht, auf dem steinernen Tisch in die Mitte des Gewlbes
und entfernte sich. Ich nahte mich dem Gefangenen, er drehte sich mhsam nach
mir um; ich erstarrte, als ich die ehrwrdigen Zge des frommen Cyrillus
erkannte. Ein himmlisches verklrtes Lcheln berflog sein Gesicht. So haben
mich, fing er mit matter Stimme an, die entsetzlichen Diener der Hlle, welche
hier hausen, doch nicht getuscht. Durch sie erfuhr ich, da du, mein lieber
Bruder Medardus, dich in Rom befndest, und als ich mich so sehnte nach dir,
weil ich groes Unrecht an dir verbt habe, da versprachen sie mir, sie wollten
dich zu mir fhren in der Todesstunde. Die ist nun wohl gekommen, und sie haben
Wort gehalten. Ich kniete nieder bei dem frommen ehrwrdigen Greis, ich
beschwor ihn, mir nur vor allen Dingen zu sagen, wie es mglich gewesen sei, ihn
einzukerkern, ihn zum Tode zu verdammen. Mein lieber Bruder Medardus, sprach
Cyrill, erst nachdem ich reuig bekannt, wie sndlich ich aus Irrtum an dir
gehandelt, erst wenn du mich mit Gott vershnt, darf ich von meinem Elende, von
meinem irdischen Untergange zu dir reden! - Du weit, da ich und mit mir unser
Kloster dich fr den verruchtesten Snder gehalten; die ungeheuersten Frevel
hattest du (so glaubten wir) auf dein Haupt geladen, und ausgestoen hatten wir
dich aus aller Gemeinschaft. Und doch war es nur ein verhngnisvoller
Augenblick, in dem der Teufel dir die Schlinge ber den Hals warf und dich
fortri von der heiligen Sttte in das sndliche Weltleben. Dich um deinen
Namen, um dein Kleid, um deine Gestalt betrgend, beging ein teuflischer
Heuchler jene Untaten, die dir beinahe den schmachvollen Tod des Mrders
zugezogen htten. Die ewige Macht hat es auf wunderbare Weise offenbart, da du
zwar leichtsinnig sndigtest, indem dein Trachten darauf ausging, dein Gelbde
zu brechen, da du aber rein bist von jenen entsetzlichen Freveln. Kehre zurck
in unser Kloster, Leonardus, die Brder werden dich, den verloren Geglaubten,
mit Liebe und Freudigkeit aufnehmen. - O Medardus... - Der Greis, von Schwche
bermannt, sank in eine tiefe Ohnmacht. Ich widerstand der Spannung, die seine
Worte, welche eine neue wunderbare Begebenheit zu verknden schienen, in mir
erregt hatten, und nur an ihn, an das Heil seiner Seele denkend, suchte ich, von
allen andern Hilfsmitteln entblt, ihn dadurch ins Leben zurckzurufen, da ich
langsam und leise Kopf und Brust mit meiner rechten Hand anstrich, eine in
unsern Klstern bliche Art, Todkranke aus der Ohnmacht zu wecken. Cyrillus
erholte sich bald und beichtete mir, er, der Fromme, dem freveligen Snder! -
Aber es war, als wrde, indem ich den Greis, dessen hchste Vergehen nur in
Zweifel bestanden, die ihm hie und da aufgestoen, absolvierte, von der hohen
ewigen Macht ein Geist des Himmels in mir entzndet, und als sei ich nur das
Werkzeug, das krpergewordene Organ, dessen sich jene Macht bediene, um schon
hienieden zu dem noch nicht entbundenen Menschen menschlich zu reden. Cyrillus
hob den andachtsvollen Blick zum Himmel und sprach: O, mein Bruder Medardus,
wie haben mich deine Worte erquickt! - Froh gehe ich dem Tode entgegen, den mir
verruchte Bsewichter bereitet! Ich falle, ein Opfer der grlichsten Falschheit
und Snde, die den Thron des dreifach Gekrnten umgibt. - Ich vernahm dumpfe
Tritte, die nher und nher kamen, die Schlssel rasselten im Schlo der Tre.
Cyrillus raffte sich mit Gewalt empor, erfate meine Hand und rief mir ins Ohr:
Kehre in unser Kloster zurck - Leonardus ist von allem unterrichtet, er wei,
wie ich sterbe - beschwre ihn, ber meinen Tod zu schweigen. - Wie bald htte
mich ermatteten Greis auch sonst der Tod ereilt - Lebe wohl, mein Bruder! - Bete
fr das Heil meiner Seele! - Ich werde bei euch sein, wenn ihr im Kloster mein
Totenamt haltet. Gelobe mir, da du hier ber alles, was du erfahren, schweigen
willst, denn du fhrst nur dein Verderben herbei und verwickelst unser Kloster
in tausend schlimme Hndel! - Ich tat es, Vermummte waren hereingetreten, sie
hoben den Greis aus dem Bette und schleppten ihn, der vor Mattigkeit nicht
fortzuschreiten vermochte, durch den Gang nach dem Gewlbe, in dem ich frher
gewesen. Auf den Wink der Vermummten war ich gefolgt, die Dominikaner hatten
einen Kreis geschlossen, in den man den Greis brachte und auf ein Hufchen Erde,
das man in der Mitte aufgeschttet, niederknien hie. Man hatte ihm ein Kruzifix
in die Hand gegeben. Ich war, weil ich es meines Amts hielt, mit in den Kreis
getreten und betete laut. Ein Dominikaner ergriff mich beim Arm und zog mich
beiseite. In dem Augenblick sah ich in der Hand eines Vermummten, der
hinterwrts in den Kreis getreten, ein Schwert blitzen, und Cyrillus' blutiges
Haupt rollte zu meinen Fen hin. - Ich sank bewutlos nieder. Als ich wieder zu
mir selbst kam, befand ich mich in einem kleinen zellenartigen Zimmer. Ein
Dominikaner trat auf mich zu und sprach mit hmischem Lcheln: Ihr seid wohl
recht erschrocken, mein Bruder, und solltet doch billig Euch erfreuen, da Ihr
mit eignen Augen ein schnes Martyrium angeschaut habt. So mu man ja wohl es
nennen, wenn ein Bruder aus Euerm Kloster den verdienten Tod empfngt, denn Ihr
seid wohl alle samt und sonders Heilige? - Nicht Heilige sind wir, sprach
ich, aber in unserm Kloster wurde noch nie ein Unschuldiger ermordet! - Entlat
mich - ich habe mein Amt vollbracht mit Freudigkeit! - Der Geist des Verklrten
wird mir nahe sein, wenn ich fallen sollte in die Hnde verruchter Mrder! -
Ich zweifle gar nicht, sprach der Dominikaner, da der selige Bruder Cyrillus
Euch in dergleichen Fllen beizustehen imstande sein wird, wollet aber doch,
lieber Bruder, seine Hinrichtung nicht etwa einen Mord nennen! - Schwer hatte
sich Cyrillus versndigt an dem Statthalter des Herrn, und dieser selbst war es,
der seinen Tod befahl. - Doch er mu Euch ja wohl alles gebeichtet haben, unntz
ist es daher, mit Euch darber zu sprechen, nehmt lieber dieses zur Strkung und
Erfrischung, Ihr seht ganz bla und verstrt aus. Mit diesen Worten reichte mir
der Dominikaner einen kristallenen Pokal, in dem ein dunkelroter, stark
duftender Wein schumte. Ich wei nicht, welche Ahnung mich durchblitzte, als
ich den Pokal an den Mund brachte. - Doch war es gewi, da ich denselben Wein
roch, den mir einst Euphemie in jener verhngnisvollen Nacht kredenzte, und
unwillkrlich, ohne deutlichen Gedanken, go ich ihn aus in den linken rmel
meines Habits, indem ich, wie von der Ampel geblendet, die linke Hand vor die
Augen hielt. Wohl bekomm' es Euch, rief der Dominikaner, indem er mich schnell
zur Tre hinausschob. - Man warf mich in den Wagen, der zu meiner Verwunderung
leer war, und zog mit mir von dannen. Die Schrecken der Nacht, die geistige
Anspannung, der tiefe Schmerz ber den unglcklichen Cyrill warfen mich in einen
betubten Zustand, so da ich mich, ohne zu widerstehen, hingab, als man mich
aus dem Wagen herausri und ziemlich unsanft auf den Boden fallen lie. Der
Morgen brach an, und ich sah mich an der Pforte des Kapuzinerklosters liegen,
dessen Glocke ich, als ich mich aufgerichtet hatte, anzog. Der Pfrtner erschrak
ber mein bleiches, verstrtes Ansehen und mochte dem Prior die Art, wie ich
zurckgekommen, gemeldet haben, denn gleich nach der Frhmesse trat dieser mit
besorglichem Blick in meine Zelle. Auf sein Fragen erwiderte ich nur im
allgemeinen, da der Tod dessen, den ich absolvieren mssen, zu grlich gewesen
sei, um mich nicht im Innersten aufzuregen, aber bald konnte ich vor dem
wtenden Schmerz, den ich am linken Arme empfand, nicht weiter reden, ich schrie
laut auf. Der Wundarzt des Klosters kam, man ri mir den fest am Fleisch
klebenden rmel herab und fand den ganzen Arm wie von einer tzenden Materie
zerfleischt und zerfressen. - Ich habe Wein trinken sollen - ich habe ihn in
den rmel gegossen, sthnte ich, ohnmchtig von der entsetzlichen Qual! -
tzendes Gift war in dem Weine, rief der Wundarzt und eilte, Mittel
anzuwenden, die wenigstens bald den wtenden Schmerz linderten. Es gelang der
Geschicklichkeit des Wundarztes und der sorglichen Pflege, die mir der Prior
angedeihen lie, den Arm, der erst abgenommen werden sollte, zu retten, aber bis
auf den Knochen dorrte das Fleisch ein, und alle Kraft der Bewegung hatte der
feindliche Schierlingstrank gebrochen. Ich sehe nur zu deutlich, sprach der
Prior, was es mit jener Begebenheit, die Euch um Euern Arm brachte, fr eine
Bewandtnis hat. Der fromme Bruder Cyrillus verschwand aus unserm Kloster und aus
Rom auf unbegreifliche Weise, und auch Ihr, lieber Bruder Medardus, werdet auf
dieselbe Weise verloren gehen, wenn Ihr Rom nicht alsbald verlasset. Auf
verschiedene verdchtige Weise erkundigte man sich nach Euch whrend der Zeit,
als Ihr krank lagt, und nur meiner Wachsamkeit und der Einigkeit der
frommgesinnten Brder mget Ihr es verdanken, da Euch der Mord nicht bis in
Eure Zelle verfolgte. So wie Ihr berhaupt mir ein verwunderlicher Mann zu sein
scheint, den berall verhngnisvolle Bande umschlingen, so seid Ihr auch seit
der kurzen Zeit Eures Aufenthalts in Rom gewi wider Euern Willen viel zu
merkwrdig geworden, als da es gewissen Personen nicht wnschenswert sein
sollte, Euch aus dem Wege zu rumen. Kehrt zurck in Euer Vaterland, in Euer
Kloster! - Friede sei mit Euch! -
    Ich fhlte wohl, da, solange ich mich in Rom befnde, mein Leben in steter
Gefahr bleiben msse, aber zu dem peinigenden Andenken an alle begangene Frevel,
das die strengste Bue nicht zu vertilgen vermocht hatte, gesellte sich der
krperliche empfindliche Schmerz des abwelkenden Armes, und so achtete ich ein
qualvolles sieches Dasein nicht, das ich durch einen schnell mir gegebenen Tod
wie eine drckende Brde fahren lassen konnte. Immer mehr gewhnte ich mich an
den Gedanken, eines gewaltsamen Todes zu sterben, und er erschien mir bald sogar
als ein glorreiches, durch meine strenge Bue erworbenes Mrtyrertum. Ich sah
mich selbst, wie ich zu den Pforten des Klosters hinausschritt, und wie eine
finstere Gestalt mich schnell mit einem Dolch durchbohrte. Das Volk versammelte
sich um den blutigen Leichnam - Medardus - der fromme bende Medardus ist
ermordet! - So rief man durch die Straen, und dichter und dichter drngten
sich die Menschen, laut wehklagend um den Entseelten. - Weiber knieten nieder
und trockneten mit weien Tchern die Wunde, aus der das Blut hervorquoll. Da
sieht eine das Kreuz an meinem Halse, laut schreit sie auf: Er ist ein
Mrtyrer, ein Heiliger - seht hier das Zeichen des Herrn, das er am Halse
trgt! - da wirft sich alles auf die Knie. - Glcklich, der den Krper des
Heiligen berhren, der nur sein Gewand erfassen kann! - Schnell ist eine Bahre
gebracht, der Krper hinaufgelegt, mit Blumen bekrnzt, und im Triumphzuge unter
lautem Gesang und Gebet tragen ihn Jnglinge nach St. Peter! - So arbeitete
meine Phantasie ein Gemlde aus, das meine Verherrlichung hienieden mit
lebendigen Farben darstellte, und nicht gedenkend, nicht ahnend, wie der bse
Geist des sndlichen Stolzes mich auf neue Weise zu verlocken trachte, beschlo
ich, nach meiner vlligen Genesung in Rom zu bleiben, meine bisherige
Lebensweise fortzusetzen und so entweder glorreich zu sterben oder, durch den
Papst meinen Feinden entrissen, emporzusteigen zu hohen Wrden der Kirche. -
Meine starke lebenskrftige Natur lie mich endlich den namenlosen Schmerz
ertragen und widerstand der Einwirkung des hllischen Safts, der von auen her
mein Inneres zerrtten wollte. Der Arzt versprach meine baldige Herstellung, und
in der Tat empfand ich nur in den Augenblicken jenes Delirierens, das dem
Einschlafen vorherzugehen pflegt, fieberhafte Anflle, die mit kalten Schauern
und fliegender Hitze wechselten. Gerade in diesen Augenblicken war es, als ich,
ganz erfllt von dem Bilde meines Martyriums, mich selbst, wie es schon oft
geschehen, durch einen Dolchstich in der Brust ermordet schaute. Doch, statt da
ich mich sonst gewhnlich auf dem spanischen Platz niedergestreckt und bald von
einer Menge Volks, die meine Heiligsprechung verbreitete, umgeben sah, lag ich
einsam in einem Laubgange des Klostergartens in B. - Statt des Blutes quoll ein
ekelhafter farbloser Saft aus der weit aufklaffenden Wunde, und eine Stimme
sprach: Ist das Blut vom Mrtyrer vergossen? - Doch ich will das unreine Wasser
klren und frben, und dann wird das Feuer, welches ber das Licht gesiegt, ihn
krnen! Ich war es, der dies gesprochen, als ich mich aber von meinem toten
Selbst getrennt fhlte, merkte ich wohl, da ich der wesenlose Gedanke meines
Ichs sei, und bald erkannte ich mich als das im ther schwimmende Rot. Ich
schwang mich auf zu den leuchtenden Bergspitzen - ich wollte einziehn durch das
Tor goldner Morgenwolken in die heimatliche Burg, aber Blitze durchkreuzten,
gleich im Feuer auflodernden Schlangen, das Gewlbe des Himmels, und ich sank
herab, ein feuchter, farbloser Nebel. Ich - ich, sprach der Gedanke, ich bin
es, der Eure Blumen - Euer Blut frbt - Blumen und Blut sind Euer
Hochzeitschmuck, den ich bereite! - Sowie ich tiefer und tiefer niederfiel,
erblickte ich die Leiche mit weit aufklaffender Wunde in der Brust, aus der
jenes unreine Wasser in Strmen flo. Mein Hauch sollte das Wasser umwandeln in
Blut, doch geschah es nicht, die Leiche richtete sich auf und starrte mich an
mit hohlen grlichen Augen und heulte wie der Nordwind in tiefer Kluft:
Verblendeter, trichter Gedanke, kein Kampf zwischen Licht und Feuer, aber das
Licht ist die Feuertaufe durch das Rot, das du zu vergiften trachtest. - Die
Leiche sank nieder; alle Blumen auf der Flur neigten verwelkt ihre Hupter,
Menschen, bleichen Gespenstern hnlich, warfen sich zur Erde, und ein
tausendstimmiger trostloser Jammer stieg in die Lfte: O Herr, Herr! ist so
unermelich die Last unsrer Snde, da du Macht gibst dem Feinde, unseres Blutes
Shnopfer zu ertten? Strker und strker, wie des Meeres brausende Welle,
schwoll die Klage! - Der Gedanke wollte zerstuben in dem gewaltigen Ton des
trostlosen Jammers, da wurde ich wie durch einen elektrischen Schlag
emporgerissen aus dem Traum. Die Turmglocke des Klosters schlug zwlfe, ein
blendendes Licht fiel aus den Fenstern der Kirche in meine Zelle. Die Toten
richten sich auf aus den Grbern und halten Gottesdienst. So sprach es in
meinem Innern, und ich begann zu beten. Da vernahm ich ein leises Klopfen. Ich
glaubte, irgend ein Mnch wolle zu mir herein, aber mit tiefem Entsetzen hrte
ich bald jenes grauenvolle Kichern und Lachen meines gespenstischen
Doppeltgngers, und es rief neckend und hhnend: - Brderchen... Brderchen...
Nun bin ich wieder bei dir... die Wunde blutet... die Wunde blutet... rot...
rot... Komm mit mir, Brderchen Medardus! Komm mit mir! - Ich wollte
aufspringen vom Lager, aber das Grausen hatte seine Eisdecke ber mich geworfen,
und jede Bewegung, die ich versuchte, wurde zum innern Krampf, der die Muskeln
zerschnitt. Nur der Gedanke blieb und war inbrnstiges Gebet: da ich errettet
werden mge von den dunklen Mchten, die aus der offenen Hllenpforte auf mich
eindrangen. Es geschah, da ich mein Gebet, nur im Innern gedacht, laut und
vernehmlich hrte, wie es Herr wurde ber das Klopfen und Kichern und
unheimliche Geschwtz des furchtbaren Doppeltgngers, aber zuletzt sich verlor
in ein seltsames Summen, wie wenn der Sdwind Schwrme feindlicher Insekten
geweckt hat, die giftige Saugrssel ansetzen an die blhende Saat. Zu jener
trostlosen Klage der Menschen wurde das Summen, und meine Seele frug: Ist das
nicht der weissagende Traum, der sich auf deine blutende Wunde heilend und
trstend legen will? - In dem Augenblicke brach der Purpurschimmer des
Abendrots durch den dstern farblosen Nebel, aber in ihm erhob sich eine hohe
Gestalt. - Es war Christus, aus jeder seiner Wunden perlte ein Tropfen Bluts,
und wiedergegeben war der Erde das Rot, und der Menschen Jammer wurde ein
jauchzender Hymnus, denn das Rot war die Gnade des Herrn, die ber ihnen
aufgegangen! Nur Medardus' Blut flo noch farblos aus der Wunde, und er flehte
inbrnstig: Soll auf der ganzen weiten Erde ich, ich allein nur trostlos der
ewigen Qual der Verdammnis preisgegeben bleiben? Da regte es sich in den
Bschen - eine Rose, von himmlischer Glut hoch gefrbt, streckte ihr Haupt empor
und schaute den Medardus an mit englisch mildem Lcheln, und ser Duft umfing
ihn, und der Duft war das wunderbare Leuchten des reinsten Frhlingsthers.
Nicht das Feuer hat gesiegt, kein Kampf zwischen Licht und Feuer. - Feuer ist
das Wort, das den Sndigen erleuchtet. - Es war, als htte die Rose diese Worte
gesprochen, aber die Rose war ein holdes Frauenbild. - In weiem Gewande, Rosen
in das dunkle Haar geflochten, trat sie mir entgegen. - Aurelie, schrie ich
auf, aus dem Traume erwachend; ein wunderbarer Rosengeruch erfllte die Zelle,
und fr Tuschung meiner aufgeregten Sinne mut' ich es wohl halten, als ich
deutlich Aureliens Gestalt wahrzunehmen glaubte, wie sie mich mit ernsten
Blicken anschaute und dann in den Strahlen des Morgens, die in die Zelle fielen,
zu verduften schien. - Nun erkannte ich die Versuchung des Teufels und meine
sndige Schwachheit. Ich eilte herab und betete inbrnstig am Altar der heiligen
Rosalia. - Keine Kasteiung, - keine Bue im Sinn des Klosters; aber als die
Mittagssonne senkrecht ihre Strahlen herabscho, war ich schon mehrere Stunden
von Rom entfernt. - Nicht nur Cyrillus' Mahnung, sondern eine innere
unwiderstehliche Sehnsucht nach der Heimat trieb mich fort auf demselben Pfade,
den ich bis nach Rom durchwandert. Ohne es zu wollen, hatte ich, indem ich
meinem Beruf entfliehen wollte, den geradesten Weg nach dem mir von dem Prior
Leonardus bestimmten Ziel genommen. -
    Ich vermied die Residenz des Frsten, nicht weil ich frchtete, erkannt zu
werden und aufs neue dem Kriminalgericht in die Hnde zu fallen, aber wie konnte
ich ohne herzzerreiende Erinnerung den Ort betreten, wo ich in frevelnder
Verkehrtheit nach einem irdischen Glck zu trachten mich verma, dem ich
Gottgeweihter ja entsagt hatte - ach, wo ich, dem ewigen reinen Geist der Liebe
abgewandt, fr des Lebens hchsten Lichtpunkt, in dem das Sinnliche und
bersinnliche in einer Flamme auflodert, den Moment der Befriedigung des
irdischen Triebes nahm; wo mir die rege Flle des Lebens, genhrt von seinem
eigenen ppigen Reichtum, als das Prinzip erschien, das sich krftig auflehnen
msse gegen jenes Aufstreben nach dem Himmlischen, das ich nur unnatrliche
Selbstverleugnung nennen konnte! - Aber noch mehr! - tief im Innern fhlte ich
trotz der Erkrftigung, die mir durch unstrflichen Wandel, durch anhaltende
schwere Bue werden sollte, die Ohnmacht, einen Kampf glorreich zu bestehen, zu
dem mich jene dunkle, grauenvolle Macht, deren Einwirkung ich nur zu oft, zu
schreckbar gefhlt, unversehends aufreizen knne. - Aurelien wiedersehen! -
vielleicht in voller Anmut und Schnheit prangend! - Konnt' ich das ertragen,
ohne bermannt zu werden von dem Geist des Bsen, der wohl noch mit den Flammen
der Hlle mein Blut aufkochte, da es zischend und grend durch die Adern
strmte. - Wie oft erschien mir Aureliens Gestalt, aber wie oft regten sich
dabei Gefhle in meinem Innersten, deren Sndhaftigkeit ich erkannte und mit
aller Kraft des Willens vernichtete. Nur in dem Bewutsein alles dessen, woraus
die hellste Aufmerksamkeit auf mich selbst hervorging, und dem Gefhl meiner
Ohnmacht, die mich den Kampf vermeiden hie, glaubte ich die Wahrhaftigkeit
meiner Bue zu erkennen, und trstend war die berzeugung, da wenigstens der
hllische Geist des Stolzes, die Vermessenheit, es aufzunehmen mit den dunklen
Mchten, mich verlassen habe. Bald war ich im Gebirge, und eines Morgens tauchte
aus dem Nebel des vor mir liegenden Tals ein Schlo auf, das ich, nher
schreitend, wohl erkannte. Ich war auf dem Gute des Barons von F. Die Anlagen
des Parks waren verwildert, die Gnge verwachsen und mit Unkraut bedeckt; auf
dem sonst so schnen Rasenplatz vor dem Schlosse weidete in dem hohen Grase
Vieh, - die Fenster des Schlosses hin und wieder zerbrochen - der Aufgang
verfallen. - Keine menschliche Seele lie sich blicken. - Stumm und starr stand
ich da in grauenvoller Einsamkeit. Ein leises Sthnen drang aus einem noch
ziemlich erhaltenen Boskett, und ich wurde einen alten eisgrauen Mann gewahr,
der in dem Boskett sa und mich, unerachtet ich ihm nahe genug war, nicht
wahrzunehmen schien. Als ich mich noch mehr nherte, vernahm ich die Worte: Tot
- tot sind sie alle, die ich liebte! - Ach, Aurelie! Aurelie - auch du! - die
letzte! - tot - tot fr diese Welt! Ich erkannte den alten Reinhold -
eingewurzelt blieb ich stehen. - Aurelie tot? Nein, nein, du irrst, Alter, die
hat die ewige Macht beschtzt vor dem Messer des freveligen Mrders. - So
sprach ich, da fuhr der Alte, wie vom Blitz getroffen, zusammen und rief laut:
Wer ist hier? - wer ist hier? Leopold! - Leopold! - Ein Knabe sprang herbei;
als er mich erblickte, neigte er sich tief und grte: Laudetur Jesus
Christus! - In omina saecula saeculorum, erwiderte ich, da raffte der Alte
sich auf und rief noch strker: Wer ist hier? - wer ist hier? - Nun sah ich,
da der Alte blind war. - Ein ehrwrdiger Herr, sprach der Knabe, ein
Geistlicher vom Orden der Kapuziner ist hier. Da war es, als erfasse den Alten
tiefes Grauen und Entsetzen, und er schrie: Fort - fort - Knabe, fhre mich
fort - hinein - hinein - verschlie die Tren - Peter soll Wache halten - fort,
fort, hinein! Der Alte nahm alle Kraft zusammen, die ihm geblieben, um vor mir
zu fliehen wie vor dem reienden Tier. Verwundert, erschrocken sah mich der
Knabe an, doch der Alte, statt sich von ihm fhren zu lassen, ri ihn fort, und
bald waren sie durch die Tre verschwunden, die, wie ich hrte, fest
verschlossen wurde. - Schnell floh ich fort von dem Schauplatz meiner hchsten
Frevel, die bei diesem Auftritt lebendiger als jemals vor mir sich
wiedergestalteten, und bald befand ich mich in dem tiefsten Dickicht. Ermdet
setzte ich mich an den Fu eines Baumes in das Moos nieder; unweit davon war ein
kleiner Hgel aufgeschttet, auf welchem ein Kreuz stand. Als ich aus dem
Schlaf, in dem ich vor Ermattung gesunken, erwachte, sa ein alter Bauer neben
mir, der alsbald, da er mich ermuntert sah, ehrerbietig seine Mtze abzog und im
Ton der vollsten, ehrlichsten Gutmtigkeit sprach: Ei, Ihr seid wohl weit her
gewandert, ehrwrdiger Herr, und recht mde geworden, denn sonst wret Ihr hier
an dem schauerlichen Pltzchen nicht in solch tiefen Schlaf gesunken. Oder Ihr
wisset vielleicht gar nicht, was es mit diesem Orte hier fr eine Bewandtnis
hat? - Ich versicherte, da ich als fremder, von Italien hereinwandernder
Pilger durchaus nicht von dem, was hier vorgefallen, unterrichtet sei. Es
geht, sprach der Bauer, Euch und Euere Ordensbrder ganz besonders an, und ich
mu gestehen, als ich Euch so sanft schlafend fand, setzte ich mich her, um jede
etwanige Gefahr von Euch abzuwenden. Vor mehrern Jahren soll hier ein Kapuziner
ermordet worden sein. So viel ist gewi, da ein Kapuziner zu der Zeit durch
unser Dorf kam, und nachdem er bernachtet, dem Gebirge zuwanderte. An demselben
Tage ging mein Nachbar den tiefen Talweg unterhalb des Teufelsgrundes hinab und
hrte mit einemmal ein fernes durchdringendes Geschrei, welches ganz
absonderlich in den Lften verklang. Er will sogar, was mir aber unmglich
scheint, eine Gestalt von der Bergspitze herab in den Abgrund strzen gesehen
haben. So viel ist gewi, da wir alle im Dorfe, ohne zu wissen, warum,
glaubten, der Kapuziner knne wohl herabgestrzt sein, und da mehrere von uns
hingingen und, soweit es nur mglich war, ohne das Leben aufs Spiel zu setzen,
hinabstiegen, um wenigstens die Leiche des unglcklichen Menschen zu finden. Wir
konnten aber nichts entdecken und lachten den Nachbar tchtig aus, als er
einmal, in der mondhellen Nacht auf dem Talwege heimkehrend, ganz voll
Todesschrecken einen nackten Menschen aus dem Teufelsgrunde wollte emporsteigen
gesehen haben. Das war nun pure Einbildung; aber spter erfuhr man denn wohl,
da der Kapuziner, Gott wei warum, hier von einem vornehmen Mann ermordet und
der Leichnam in den Teufelsgrund geschleudert worden sei. Hier auf diesem Fleck
mu der Mord geschehen sein, davon bin ich berzeugt, denn seht einmal,
ehrwrdiger Herr, hier sitze ich einst und schaue so in Gedanken da den hohlen
Baum neben uns an. Mit einemmal ist es mir, als hinge ein Stck dunkelbraunes
Tuch zur Spalte heraus. Ich springe auf, ich gehe hin und ziehe einen ganz neuen
Kapuzinerhabit heraus. An dem einen rmel klebte etwas Blut, und in einem Zipfel
war der Name Medardus hineingezeichnet. Ich dachte, arm wie ich bin, ein gutes
Werk zu tun, wenn ich den Habit verkaufe und fr das daraus gelste Geld dem
armen ehrwrdigen Herrn, der hier ermordet, ohne sich zum Tode vorzubereiten und
seine Rechnung zu machen, Messen lesen liee. So geschah es denn, da ich das
Kleid nach der Stadt trug, aber kein Trdler wollte es kaufen, und ein
Kapuzinerkloster gab es nicht am Orte; endlich kam ein Mann, seiner Kleidung
nach war's wohl ein Jger oder ein Frster, der sagte, er brauche gerade solch
einen Kapuzinerrock und bezahlte mir meinen Fund reichlich. Nun lie ich von
unserm Herrn Pfarrer eine tchtige Messe lesen und setzte, da im Teufelsgrunde
kein Kreuz anzubringen, hier eins hin zum Zeichen des schmhlichen Todes des
Herrn Kapuziners. Aber der selige Herr mu etwas viel ber die Schnur gehauen
haben, denn er soll hier noch zuweilen herumspuken, und so hat des Herrn
Pfarrers Messe nicht viel geholfen. Darum bitte ich Euch, ehrwrdiger Herr, seid
Ihr gesund heimgekehrt von Eurer Reise, so haltet ein Amt fr das Heil der Seele
Eures Ordensbruders Medardus. Versprecht mir das! - Ihr seid im Irrtum, mein
guter Freund! sprach ich, der Kapuziner Medardus, der vor mehrern Jahren auf
der Reise nach Italien durch Euer Dorf zog, ist nicht ermordet. Noch bedarf es
keiner Seelenmesse fr ihn, er lebt und kann noch arbeiten fr sein ewiges Heil!
- Ich bin selbst dieser Medardus! - Mit diesen Worten schlug ich meine Kutte
auseinander und zeigte ihm den in den Zipfel gestickten Namen Medardus. Kaum
hatte der Bauer den Namen erblickt, als er erbleichte und mich voll Entsetzen
anstarrte. Dann sprang er jhlings auf und lief, laut schreiend, in den Wald
hinein. Es war klar, da er mich fr das umgehende Gespenst des ermordeten
Medardus hielt, und vergeblich wrde mein Bestreben gewesen sein, ihm den Irrtum
zu benehmen. - Die Abgeschiedenheit, die Stille des Orts, nur von dem dumpfen
Brausen des nicht fernen Waldstroms unterbrochen, war auch ganz dazu geeignet,
grauenvolle Bilder aufzuregen; ich dachte an meinen grlichen Doppeltgnger,
und, angesteckt von dem Entsetzen des Bauers, fhlte ich mich im Innersten
erbeben, da es mir war, als wrde er aus diesem, aus jenem finstern Busch
hervortreten. - Mich ermannend, schritt ich weiter fort, und erst dann, als mich
die grausige Idee des Gespenstes meines Ichs, fr das mich der Bauer gehalten,
verlassen, dachte ich daran, da mir nun ja erklrt worden sei, wie der
wahnsinnige Mnch zu dem Kapuzinerrock gekommen, den er mir auf der Flucht
zurcklie und den ich unbezweifelt fr den meinigen erkannte. Der Frster, bei
dem er sich aufhielt und den er um ein neues Kleid angesprochen, hatte ihn in
der Stadt von dem Bauer gekauft. Wie die verhngnisvolle Begebenheit am
Teufelsgrunde auf merkwrdige Weise verstmmelt worden, das fiel tief in meine
Seele, denn ich sah wohl, wie alle Umstnde sich vereinigen muten, um jene
unheilbringende Verwechslung mit Viktorin herbeizufhren. Sehr wichtig schien
mir des furchtsamen Nachbars wunderbare Vision, und ich sah mit Zuversicht noch
deutlicherer Aufklrung entgegen, ohne zu ahnen, wo und wie ich sie erhalten
wrde.
    Endlich, nach rastloser Wanderung mehrere Wochen hindurch, nahte ich mich
der Heimat; mit klopfendem Herzen sah ich die Trme des Zisterzienser
Nonnenklosters vor mir aufsteigen. Ich kam in das Dorf, auf den freien Platz vor
der Klosterkirche. Ein Hymnus, von Mnnerstimmen gesungen, klang aus der Ferne
herber. - Ein Kreuz wurde sichtbar - Mnche, paarweise wie in Prozession
fortschreitend, hinter ihm. - Ach - ich erkannte meine Ordensbrder, den greisen
Leonardus, von einem jungen, mir unbekannten Bruder gefhrt, an ihrer Spitze. -
Ohne mich zu bemerken, schritten sie singend bei mir vorber und hinein durch
die geffnete Klosterpforte. Bald darauf zogen auf gleiche Weise die Dominikaner
und Franziskaner aus B. herbei, fest verschlossene Kutschen fuhren hinein in den
Klosterhof, es waren die Klaren Nonnen aus B. Alles lie mich wahrnehmen, da
irgend ein auerordentliches Fest gefeiert werden solle. Die Kirchentren
standen weit offen, ich trat hinein und bemerkte, wie alles sorgfltig gekehrt
und gesubert wurde. - Man schmckte den Hochaltar und die Nebenaltre mit
Blumengewinden, und ein Kirchendiener sprach viel von frisch aufgeblhten Rosen,
die durchaus morgen in aller Frhe herbeigeschafft werden mten, weil die Frau
btissin ausdrcklich befohlen habe, da mit Rosen der Hochaltar verziert werden
solle. - Entschlossen, nun gleich zu den Brdern zu treten, ging ich, nachdem
ich mich durch krftiges Gebet gestrkt, in das Kloster und frug nach dem Prior
Leonardus; die Pfrtnerin fhrte mich in einen Saal, Leonardus sa im Lehnstuhl,
von den Brdern umgeben; laut weinend, im Innersten zerknirscht, keines Wortes
mchtig, strzte ich zu seinen Fen. Medardus! - schrie er auf, und ein
dumpfes Gemurmel lief durch die Reihe der Brder: Medardus - Bruder Medardus
ist endlich wieder da! - Man hob mich auf, - die Brder drckten mich an ihre
Brust: Dank den himmlischen Mchten, da du errettet bist aus den Schlingen der
arglistigen Welt - aber erzhle - erzhle, mein Bruder - so riefen die Mnche
durcheinander. Der Prior erhob sich, und auf seinen Wink folgte ich ihm in das
Zimmer, welches ihm gewhnlich bei dem Besuch des Klosters zum Aufenthalt
diente. Medardus, fing er an, du hast auf frevelige Weise dein Gelbde
gebrochen; du hast, indem du, anstatt die dir gegebenen Auftrge auszurichten,
schndlich entflohst, das Kloster auf die unwrdigste Weise betrogen. -
Einmauern knnte ich dich lassen, wollte ich verfahren nach der Strenge des
Klostergesetzes! - Richtet mich, mein ehrwrdiger Vater, erwiderte ich,
richtet mich, wie das Gesetz es will; ach! mit Freuden werfe ich die Brde
eines elenden qualvollen Lebens ab! - Ich fhl' es wohl, da die strengste Bue,
der ich mich unterwarf, mir keinen Trost hienieden geben konnte! - Ermanne
dich, fuhr Leonardus fort, der Prior hat mit dir gesprochen, jetzt kann der
Freund, der Vater mit dir reden! - Auf wunderbare Weise bist du errettet worden
vom Tode, der dir in Rom drohte. - Nur Cyrillus fiel als Opfer... - Ihr wit
also? frug ich voll Staunen. Alles, erwiderte der Prior, ich wei, da du
dem Armen beistandest in der letzten Todesnot, und da man dich mit dem
vergifteten Wein, den man dir zum Labetrunk darbot, zu ermorden gedachte.
Wahrscheinlich hast du, bewacht von den Argusaugen der Mnche, doch Gelegenheit
gefunden, den Wein ganz zu verschtten, denn trankst du nur einen Tropfen, so
warst du hin in Zeit von zehn Minuten. - O, schaut her, rief ich und zeigte,
den rmel der Kutte aufstreifend, dem Prior meinen bis auf den Knochen
eingeschrumpften Arm, indem ich erzhlte, wie ich, Bses ahnend, den Wein in den
rmel gegossen. Leonardus schauerte zurck vor dem hlichen Anblick des
mumienartigen Gliedes und sprach dumpf in sich hinein: Gebt hast du, der du
freveltest auf jedigliche Weise; aber Cyrillus - du frommer Greis! - Ich sagte
dem Prior, da mir die eigentliche Ursache der heimlichen Hinrichtung des armen
Cyrillus unbekannt geblieben. Vielleicht, sprach der Prior, hattest du
dasselbe Schicksal, wenn du wie Cyrillus als Bevollmchtigter unseres Klosters
auftratst. Du weit, da die Ansprche unsers Klosters Einknfte des Kardinals
***, die er auf unrechtmige Weise zieht, vernichten; dies war die Ursache,
warum der Kardinal mit des Papstes Beichtvater, den er bis jetzt angefeindet,
pltzlich Freundschaft schlo und so sich in dem Dominikaner einen krftigen
Gegner gewann, den er dem Cyrillus entgegenstellen konnte. Der schlaue Mnch
fand bald die Art aus, wie Cyrill gestrzt werden konnte. Er fhrte ihn selbst
ein bei dem Papst und wute diesem den fremden Kapuziner so darzustellen, da
der Papst ihn wie eine merkwrdige Erscheinung bei sich aufnahm, und Cyrillus in
die Reihe der Geistlichen trat, von denen er umgeben. Cyrillus mute nun bald
gewahr werden, wie der Statthalter des Herrn nur zu sehr sein Reich in dieser
Welt und ihren Lsten suche und finde; wie er einer heuchlerischen Brut zum
Spielwerk diene, die ihn trotz des krftigen Geistes, der sonst ihm einwohnte,
den sie aber durch die verworfensten Mittel zu beugen wute, zwischen Himmel und
Hlle herumwerfe. Der fromme Mann, das war vorauszusehen, nahm groes rgernis
daran und fhlte sich berufen, durch feurige Reden, wie der Geist sie ihm
eingab, den Papst im Innersten zu erschttern und seinen Geist von dem Irdischen
abzulenken. Der Papst, wie verweichlichte Gemter pflegen, wurde in der Tat von
des frommen Greises Worten ergriffen, und eben in diesem erregten Zustande wurde
es dem Dominikaner leicht, auf geschickte Weise nach und nach den Schlag
vorzubereiten, der den armen Cyrillus treffen sollte. Er berichtete dem Papst,
da es auf nichts Geringeres abgesehen sei, als auf eine heimliche Verschwrung,
die ihn der Kirche als unwrdig der dreifachen Krone darstellen sollte; Cyrillus
habe den Auftrag, ihn dahin zu bringen, da er irgend eine ffentliche Bubung
vornehme, welche dann als Signal des frmlichen, unter den Kardinlen grenden
Aufstandes dienen wrde. Jetzt fand der Papst in den salbungsvollen Reden
unseres Bruders die versteckte Absicht leicht heraus, der Alte wurde ihm tief
verhat, und um nur irgend einen auffallenden Schritt zu vermeiden, litt er ihn
noch in seiner Nhe. Als Cyrillus wieder einmal Gelegenheit fand, zu dem Papst
ohne Zeugen zu sprechen, sagte er geradezu, da der, der den Lsten der Welt
nicht ganz entsage, der nicht einen wahrhaft heiligen Wandel fhre, ein
unwrdiger Statthalter des Herrn und der Kirche eine Schmach und Verdammnis
bringende Last sei, von der sie sich befreien msse. Bald darauf, und zwar
nachdem man Cyrillus aus den innern Kammern des Papstes treten gesehen, fand man
das Eiswasser, welches der Papst zu trinken pflegte, vergiftet. Da Cyrillus
unschuldig war, darf ich dir, der du den frommen Greis gekannt hast, nicht
versichern. Doch berzeugt war der Papst von seiner Schuld, und der Befehl, den
fremden Mnch bei den Dominikanern heimlich hinzurichten, die Folge davon. Du
warst in Rom eine auffallende Erscheinung; die Art, wie du dich gegen den Papst
uertest, vorzglich die Erzhlung deines Lebenslaufs, lie ihn eine gewisse
geistige Verwandtschaft zwischen ihm und dir finden; er glaubte, sich mit dir zu
einem hhern Standpunkt erheben und in sndhaftem Vernnfteln ber alle Tugend
und Religion recht erlaben und erkrftigen zu knnen, um, wie ich wohl sagen
mag, mit rechter Begeisterung fr die Snde zu sndigen. Deine Bubungen waren
ihm nur ein recht klug angelegtes heuchlerisches Bestreben, zum hheren Zweck zu
gelangen. Er bewunderte dich und sonnte sich in den glnzenden, lobpreisenden
Reden, die du ihm hieltst. So kam es, da du, ehe der Dominikaner es ahnte, dich
erhobst und der Rotte gefhrlicher wurdest, als es Cyrillus jemals werden
konnte. - Du merkst, Medardus, da ich von deinem Beginnen in Rom genau
unterrichtet bin; da ich jedes Wort wei, welches du mit dem Papst sprachst,
und darin liegt weiter nichts Geheimnisvolles, wenn ich dir sage, da das
Kloster in der Nhe Sr. Heiligkeit einen Freund hat, der mir genau alles
berichtete. Selbst als du mit dem Papst allein zu sein glaubtest, war er nahe
genug, um jedes Wort zu verstehen. - Als du in dem Kapuzinerkloster, dessen
Prior mir nahe verwandt ist, deine strenge Bubungen begannst, hielt ich deine
Reue fr echt. Es war auch wohl dem so, aber in Rom erfate dich der bse Geist
des sndhaften Hochmuts, dem du bei uns erlagst, aufs neue. Warum klagtest du
dich gegen den Papst Verbrechen an, die du niemals begingst? - Warst du denn
jemals auf dem Schlosse des Barons von F.? - Ach! mein ehrwrdiger Vater,
rief ich, von innerm Schmerz zermalmt, das war ja der Ort meiner
entsetzlichsten Frevel! - Das ist aber die hrteste Strafe der ewigen
unerforschlichen Macht, da ich auf Erden nicht gereinigt erscheinen soll von
der Snde, die ich in wahnsinniger Verblendung beging! - Auch Euch, mein
ehrwrdiger Vater, bin ich ein sndiger Heuchler? - In der Tat, fuhr der
Prior fort, bin ich jetzt, da ich dich sehe und spreche, beinahe berzeugt, da
du nach deiner Bue der Lge nicht mehr fhig warst, dann aber waltet noch ein
mir bis jetzt unerklrliches Geheimnis ob. Bald nach deiner Flucht aus der
Residenz (der Himmel wollte den Frevel nicht, den du zu begehen im Begriff
standest, er errettete die fromme Aurelie), bald nach deiner Flucht, sage ich,
und nachdem der Mnch, den selbst Cyrillus fr dich hielt, wie durch ein Wunder
sich gerettet hatte, wurde es bekannt, da nicht du, sondern der als Kapuziner
verkappte Graf Viktorin auf dem Schlosse des Barons gewesen war. Briefe, die
sich in Euphemiens Nachla fanden, hatten dies zwar schon frher kundgetan, man
hielt aber Euphemien selbst fr getuscht, da Reinhold versicherte, er habe dich
zu genau gekannt, um selbst bei deiner treuesten hnlichkeit mit Viktorin
getuscht zu werden. Euphemiens Verblendung blieb unbegreiflich. Da erschien
pltzlich der Reitknecht des Grafen und erzhlte, wie der Graf, der seit Monaten
im Gebirge einsam gelebt und sich den Bart wachsen lassen, ihm in dem Walde, und
zwar bei dem sogenannten Teufelsgrunde, pltzlich als Kapuziner gekleidet
erschienen sei. Obgleich er nicht gewut, wo der Graf die Kleider hergenommen,
so sei ihm doch die Verkleidung weiter nicht aufgefallen, da er von dem
Anschlage des Grafen, im Schlosse des Barons in Mnchshabit zu erscheinen,
denselben ein ganzes Jahr zu tragen und so auch wohl noch hhere Dinge
auszufhren, unterrichtet gewesen. Geahnt habe er wohl, wo der Graf zum
Kapuzinerrock gekommen sei, da er den Tag vorher gesagt, wie er einen Kapuziner
im Dorfe gesehen und von ihm, wandere er durch den Wald, seinen Rock auf diese
oder jene Weise zu bekommen hoffe. Gesehen habe er den Kapuziner nicht, wohl
aber einen Schrei gehrt, bald darauf sei auch im Dorf von einem im Walde
ermordeten Kapuziner die Rede gewesen. Zu genau habe er seinen Herrn gekannt, zu
viel mit ihm noch auf der Flucht aus dem Schlosse gesprochen, als da hier eine
Verwechselung stattfinden knne. - Diese Aussage des Reitknechts entkrftete
Reinholds Meinung, und nur Viktorins gnzliches Verschwinden blieb
unbegreiflich. Die Frstin stellte die Hypothese auf, da der vorgebliche Herr
von Krczynski aus Kwiecziczewo eben der Graf Viktorin gewesen sei, und sttzte
sich auf seine merkwrdige, ganz auffallende hnlichkeit mit Francesko, an
dessen Schuld lngst niemand zweifelte, sowie auf die Motion, die ihr jedesmal
sein Anblick verursacht habe. Viele traten ihr bei und wollten, im Grunde
genommen, viel grflichen Anstand an jenem Abenteurer bemerkt haben, den man
lcherlicherweise fr einen verkappten Mnch gehalten. Die Erzhlung des
Frsters von dem wahnsinnigen Mnch, der im Walde hausete und zuletzt von ihm
aufgenommen wurde, fand nun auch ihren Zusammenhang mit der Untat Viktorins,
sobald man nur einige Umstnde als wahr voraussetzte. - Ein Bruder des Klosters,
in dem Medardus gewesen, hatte den wahnsinnigen Mnch ausdrcklich fr den
Medardus erkannt, er mute es also wohl sein. Viktorin hatte ihn in den Abgrund
gestrzt; durch irgend einen Zufall, der gar nicht unerhrt sein durfte, wurde
er errettet. Aus der Betubung erwacht, aber schwer am Kopfe verwundet, gelang
es ihm, aus dem Grabe heraufzukriechen. Der Schmerz der Wunde, Hunger und Durst
machten ihn wahnsinnig - rasend! - So lief er durch das Gebirge, vielleicht von
einem mitleidigen Bauer hin und wieder gespeiset und mit Lumpen behangen, bis er
in die Gegend der Frsterwohnung kam. Zwei Dinge bleiben hier aber unerklrbar,
nmlich wie Medardus eine solche Strecke aus dem Gebirge laufen konnte, ohne
angehalten zu werden, und wie er, selbst in den von rzten bezeugten
Augenblicken des vollkommensten ruhigsten Bewutseins, sich zu Untaten bekennen
konnte, die er nie begangen. Die, welche die Wahrscheinlichkeit jenes
Zusammenhangs der Sache verteidigten, bemerkten, da man ja von den Schicksalen
des aus dem Teufelsgrunde erretteten Medardus gar nichts wisse; es sei ja
mglich, da sein Wahnsinn erst ausgebrochen, als er auf der Pilgerreise in der
Gegend der Frsterwohnung sich befand. Was aber das Zugestndnis der Verbrechen,
deren er beschuldigt, belange, so sei eben daraus abzunehmen, da er niemals
geheilt gewesen, sondern, anscheinend bei Verstande, doch immer wahnsinnig
geblieben wre. Da er die ihm angeschuldigten Mordtaten wirklich begangen,
dieser Gedanke habe sich zur fixen Idee umgestaltet. - Der Kriminalrichter, auf
dessen Sagazitt man sehr baute, sprach, als man ihn um seine Meinung frug: Der
vorgebliche Herr von Krczynski war kein Pole und auch kein Graf, der Graf
Viktorin gewi nicht, aber unschuldig auch keinesweges - der Mnch blieb
wahnsinnig und unzurechnungsfhig in jedem Fall, deshalb das Kriminalgericht
auch nur auf seine Einsperrung als Sicherheitsmaregel erkennen konnte. - Dieses
Urteil durfte der Frst nicht hren, denn er war es allein, der, tief ergriffen
von den Freveln auf dem Schlosse des Barons, jene von dem Kriminalgericht in
Vorschlag gebrachte Einsperrung in die Strafe des Schwerts umwandelte. - Wie
aber alles in diesem elenden vergnglichen Leben, sei es Begebenheit oder Tat,
noch so ungeheuer im ersten Augenblick erscheinend, sehr bald Glanz und Farbe
verliert, so geschah es auch, da das, was in der Residenz und vorzglich am
Hofe Schauer und Entsetzen erregt hatte, herabsank bis zur rgerlichen
Klatscherei. Jene Hypothese, da Aureliens entflohener Brutigam Graf Viktorin
gewesen, brachte die Geschichte der Italienerin in frisches Andenken, selbst die
frher nicht Unterrichteten wurden von denen, die nun nicht mehr schweigen zu
drfen glaubten, aufgeklrt, und jeder, der den Medardus gesehen, fand es
natrlich, da seine Gesichtszge vollkommen denen des Grafen Viktorin glichen,
da sie Shne eines Vaters waren. Der Leibarzt war berzeugt, da die Sache sich
so verhalten mute, und sprach zum Frsten: Wir wollen froh sein, gndigster
Herr, da beide unheimliche Gesellen fort sind, und es bei der ersten vergeblich
gebliebenen Verfolgung bewenden lassen. - Dieser Meinung trat der Frst aus dem
Grunde seines Herzens bei, denn er fhlte wohl, wie der doppelte Medardus ihn
von einem Migriff zum andern verleitet hatte. Die Sache wird geheimnisvoll
bleiben, sagte der Frst, wir wollen nicht mehr an dem Schleier zupfen, den ein
wunderbares Geschick wohlttig darber geworfen hat. - Nur Aurelie...-
Aurelie, unterbrach ich den Prior mit Heftigkeit, um Gott, mein ehrwrdiger
Vater, sagt mir, wie ward es mit Aurelien? - Ei, Bruder Medardus, sprach der
Prior sanft lchelnd, noch ist das gefhrliche Feuer in deinem Innern nicht
verdampft? - noch lodert die Flamme empor bei leiser Berhrung? - So bist du
noch nicht frei von den sndlichen Trieben, denen du dich hingabst. - Und ich
soll der Wahrheit deiner Bue trauen; ich soll berzeugt sein, da der Geist der
Lge dich ganz verlassen? - Wisse, Medardus, da ich deine Reue fr wahrhaft nur
dann anerkennen wrde, wenn du jene Frevel, deren du dich anklagst, wirklich
begingst. Denn nur in diesem Fall knnt' ich glauben, da jene Untaten so dein
Inneres zerrtteten, da du, meiner Lehren, alles dessen, was ich dir ber
uere und innere Bue sagte, uneingedenk, wie der Schiffbrchige nach dem
leichten unsichern Brett, nach jenen trgerischen Mitteln, dein Verbrechen zu
shnen, haschtest, die dich nicht allein einem verworfenen Papst, sondern jedem
wahrhaft frommen Mann als einen eitlen Gaukler erscheinen lieen. - Sage,
Medardus, war deine Andacht, deine Erhebung zu der ewigen Macht ganz makellos,
wenn du Aurelien gedenken mutest? - Ich schlug, im Innern vernichtet, die
Augen nieder. - Du bist aufrichtig, Medardus, fuhr der Prior fort, dein
Schweigen sagt mir alles. - Ich wute mit der vollsten berzeugung, da du es
warst, der in der Residenz die Rolle eines polnischen Edelmanns spielte und die
Baronesse Aurelie heiraten wollte. Ich hatte den Weg, den du genommen, ziemlich
genau verfolgt, ein seltsamer Mensch (er nannte sich den Haarknstler Belcampo),
den du zuletzt in Rom sahst, gab mir Nachrichten; ich war berzeugt, da du auf
verruchte Weise Hermogen und Euphemien mordetest, und um so grlicher war es
mir, da du Aurelien so in Teufelsbanden verstricken wolltest. Ich htte dich
verderben knnen, doch weit entfernt, mich zum Rcheramt erkoren zu glauben,
berlie ich dich und dein Schicksal der ewigen Macht des Himmels. Du bist
erhalten worden auf wunderbare Weise, und schon dieses berzeugt mich, da dein
irdischer Untergang noch nicht beschlossen war. - Hre, welches besonderen
Umstandes halber ich spter glauben mute, da es in der Tat Graf Viktorin war,
der als Kapuziner auf dem Schlosse des Barons von F. erschien! - Nicht gar zu
lange ist es her, als Bruder Sebastianus, der Pfrtner, durch ein chzen und
Sthnen, das den Seufzern eines Sterbenden glich, geweckt wurde. Der Morgen war
schon angebrochen, er stand auf, ffnete die Klosterpforte und fand einen
Menschen, der dicht vor derselben, halb erstarrt vor Klte, lag und mhsam die
Worte herausbrachte, er sei Medardus, der aus unserm Kloster entflohene Mnch. -
Sebastianus meldete mir ganz erschrocken, was sich unten zugetragen; ich stieg
mit den Brdern hinab, wir brachten den ohnmchtigen Mann in das Refektorium.
Trotz des bis zum Grausen entstellten Gesichts des Mannes glaubten wir doch
deine Zge zu erkennen, und mehrere meinten, da wohl nur die vernderte Tracht
den wohlbekannten Medardus so fremdartig darstelle. Er hatte Bart und Tonsur,
dazu aber eine weltliche Kleidung, die zwar ganz verdorben und zerrissen war,
der man aber noch die ursprngliche Zierlichkeit ansah. Er trug seidene
Strmpfe, auf einem Schuhe noch eine goldene Schnalle, eine weie Atlasweste...
- Einen kastanienbraunen Rock von dem feinsten Tuch, fiel ich ein, zierlich
genhte Wsche - einen einfachen goldenen Ring am Finger. - Allerdings,
sprach Leonardus erstaunt, aber wie kannst du... - Ach, es war ja der Anzug,
wie ich ihn an jenem verhngnisvollen Hochzeittage trug! - Der Doppeltgnger
stand mir vor Augen. - Nein, es war nicht der wesenlose entsetzliche Teufel des
Wahnsinns, der hinter mir herrannte, der, wie ein mich bis ins Innerste
zerfleischendes Untier, aufhockte auf meinen Schultern; es war der entflohene
wahnsinnige Mnch, der mich verfolgte, der endlich, als ich in tiefer Ohnmacht
dalag, meine Kleider nahm und mir die Kutte berwarf. Er war es, der an der
Klosterpforte lag, mich - mich selbst auf schauderhafte Weise darstellend! - Ich
bat den Prior, nur fortzufahren in seiner Erzhlung, da die Ahnung der Wahrheit,
wie es sich mit mir auf die wunderbarste, geheimnisvollste Weise zugetragen, in
mir aufdmmere. - Nicht lange dauerte es, erzhlte der Prior weiter, als sich
bei dem Manne die deutlichsten, unzweifelhaftesten Spuren des unheilbaren
Wahnsinns zeigten, und unerachtet, wie gesagt, die Zge seines Gesichts den
deinigen auf das genaueste glichen, unerachtet er fortwhrend rief: Ich bin
Medardus, der entlaufene Mnch, ich will Bue tun bei euch - so war doch bald
jeder von uns berzeugt, da es fixe Idee des Fremden sei, sich fr dich zu
halten. Wir zogen ihm das Kleid der Kapuziner an, wir fhrten ihn in die Kirche,
er mute die gewhnlichen Andachtsbungen vornehmen, und wie er dies zu tun sich
bemhte, merkten wir bald, da er niemals in einem Kloster gewesen sein knne.
Es mute mir wohl die Idee kommen: Wie, wenn dies der aus der Residenz
entsprungene Mnch, wie, wenn dieser Mnch Viktorin wre? - Die Geschichte, die
der Wahnsinnige ehemals dem Frster aufgetischt hatte, war mir bekannt worden,
indessen fand ich, da alle Umstnde, das Auffinden und Austrinken des
Teufelselixiers, die Vision in dem Kerker, kurz der ganze Aufenthalt im Kloster,
wohl die durch deine auf seltsame psychische Weise einwirkende Individualitt
erzeugte Ausgeburt des erkrankten Geistes sein knne. Merkwrdig war es in
dieser Hinsicht, da der Mnch in bsen Augenblicken immer geschrieen hatte, er
sei Graf und gebietender Herr! - Ich beschlo, den fremden Mann der Irrenanstalt
zu St. Getreu zu bergeben, weil ich hoffen durfte, da, wre Wiederherstellung
mglich, sie gewi dem Direktor jener Anstalt, einem in jede Abnormitt des
menschlichen Organismus tief eindringenden, genialen Arzte, gelingen werde. Des
Fremden Genesen mute das geheimnisvolle Spiel der unbekannten Mchte wenigstens
zum Teil enthllen. - Es kam nicht dazu. In der dritten Nacht weckte mich die
Glocke, die, wie du weit, angezogen wird, sobald jemand im Krankenzimmer meines
Beistandes bedarf. Ich trat hinein, man sagte mir, der Fremde habe eifrig nach
mir verlangt, und es scheine, als habe ihn der Wahnsinn gnzlich verlassen,
wahrscheinlich wolle er beichten; denn er sei so schwach, da er die Nacht wohl
nicht berleben werde. Verzeiht, fing der Fremde an, als ich ihm mit frommen
Worten zugesprochen, verzeiht, ehrwrdiger Herr, da ich Euch tuschen zu wollen
mich verma. Ich bin nicht der Mnch Medardus, der Euerm Kloster entfloh. Den
Grafen Viktorin seht Ihr vor Euch... Frst sollte er heien, denn aus
frstlichem Hause ist er entsprossen, und ich rate Euch, dies zu beachten, da
sonst mein Zorn Euch treffen knnte. - Sei er auch Frst, erwiderte ich, so wre
dies in unsern Mauern und in seiner jetzigen Lage ohne alle Bedeutung, und es
schiene mir besser zu sein, wenn er sich abwende von dem Irdischen und in Demut
erwarte, was die ewige Macht ber ihn verhngt habe. - Er sah mich starr an, ihm
schienen die Sinne zu vergehen, man gab ihm strkende Tropfen, er erholte sich
bald und sprach: Es ist mir so, als msse ich bald sterben und vorher mein Herz
erleichtern. Ihr habt Macht ber mich, denn so sehr Ihr Euch auch verstellen
mget, merke ich doch wohl, da Ihr der heilige Antonius seid und am besten
wisset, was fr Unheil Eure Elixiere angerichtet. Ich hatte wohl Groes im
Sinne, als ich beschlo, mich als ein geistlicher Herr darzustellen mit groem
Barte und brauner Kutte. Aber als ich so recht mit mir zu Rate ging, war es, als
trten die heimlichsten Gedanken aus meinem Innern heraus und verpuppten sich zu
einem krperlichen Wesen, das recht graulich, doch mein Ich war. Dies zweite Ich
hatte grimmige Kraft und schleuderte mich, als aus dem schwarzen Gestein des
tiefen Abgrundes zwischen sprudelndem schumigen Gewsser die Prinzessin
schneewei hervortrat, hinab. Die Prinzessin fing mich auf in ihren Armen und
wusch meine Wunden aus, da ich bald keinen Schmerz mehr fhlte. Mnch war ich
nun freilich geworden, aber das Ich meiner Gedanken war strker und trieb mich,
da ich die Prinzessin, die mich errettet und die ich sehr liebte, samt ihrem
Bruder ermorden mute. Man warf mich in den Kerker, aber Ihr wit selbst,
heiliger Antonius, auf welche Weise Ihr, nachdem ich Euern verfluchten Trank
gesoffen, mich entfhrtet durch die Lfte. Der grne Waldknig nahm mich
schlecht auf, unerachtet er doch meine Frstlichkeit kannte; das Ich meiner
Gedanken erschien bei ihm und rckte mir allerlei Hliches vor und wollte, weil
wir doch alles zusammen getan, in Gemeinschaft mit mir bleiben. Das geschah
auch, aber bald, als wir davonliefen, weil man uns den Kopf abschlagen wollte,
haben wir uns doch entzweit. Als das lcherliche Ich indessen immer und ewig
genhrt sein wollte von meinem Gedanken, schmi ich es nieder, prgelte es derb
ab und nahm ihm seinen Rock. - So weit waren die Reden des Unglcklichen
einigermaen verstndlich, dann verlor er sich in das unsinnige alberne Gewsch
des hchsten Wahnsinns. Eine Stunde spter, als das Frhamt eingelutet wurde,
fuhr er mit einem durchdringenden entsetzlichen Schrei auf und sank, wie es uns
schien, tot nieder. Ich lie ihn nach der Totenkammer bringen, er sollte in
unserm Garten an geweihter Sttte begraben werden, du kannst dir aber wohl unser
Erstaunen, unsern Schreck denken, als die Leiche, da wir sie hinaustragen und
einsargen wollten, spurlos verschwunden war. Alles Nachforschen blieb vergebens,
und ich mute darauf verzichten, jemals Nheres, Verstndlicheres ber den
rtselhaften Zusammenhang der Begebenheiten, in die du mit dem Grafen verwickelt
wurdest, zu erfahren. Indessen hielt ich alle mir ber die Vorflle im Schlo
bekannt gewordenen Umstnde mit jenen verworrenen, durch Wahnsinn entstellten
Reden zusammen, so konnte ich kaum daran zweifeln, da der Verstorbene wirklich
Graf Viktorin war. Er hatte, wie der Reitknecht andeutete, irgend einen
pilgernden Kapuziner im Gebirge ermordet und ihm das Kleid genommen, um seinen
Anschlag im Schlosse des Barons auszufhren. Wie er vielleicht es gar nicht im
Sinn hatte, endete der begonnene Frevel mit dem Morde Euphemiens und Hermogens.
Vielleicht war er schon wahnsinnig, wie Reinhold es behauptet, oder er wurde es
dann auf der Flucht, geqult von Gewissensbissen. Das Kleid, welches er trug,
und die Ermordung des Mnchs gestaltete sich in ihm zur fixen Idee, da er
wirklich ein Mnch und sein Ich zerspaltet sei in zwei sich feindliche Wesen.
Nur die Periode von der Flucht aus dem Schlosse bis zur Ankunft bei dem Frster
bleibt dunkel, sowie es unerklrlich ist, wie sich die Erzhlung von seinem
Aufenthalt im Kloster und der Art seiner Rettung aus dem Kerker in ihm bildete.
Da uere Motive stattfinden muten, leidet gar keinen Zweifel, aber hchst
merkwrdig ist es, da diese Erzhlung dein Schicksal, wiewohl verstmmelt,
darstellt. Nur die Zeit der Ankunft des Mnchs bei dem Frster wie dieser sie
angibt, will gar nicht mit Reinholds Angabe des Tages, wann Viktorin aus dem
Schlosse entfloh, zusammenstimmen. Nach der Behauptung des Frsters mute sich
der wahnsinnige Viktorin gleich haben im Walde blicken lassen, nachdem er auf
dem Schlosse des Barons angekommen. - Haltet ein, unterbrach ich den Prior,
haltet ein, mein ehrwrdiger Vater, jede Hoffnung, der Last meiner Snden
unerachtet, nach der Langmut des Herrn noch Gnade und ewige Seligkeit zu
erringen, soll aus meiner Seele schwinden; in trostloser Verzweiflung, mich
selbst und mein Leben verfluchend, will ich sterben, wenn ich nicht in tiefster
Reue und Zerknirschung Euch alles, was sich mit mir begab, seitdem ich das
Kloster verlie, getreulich offenbaren will, wie ich es in heiliger Beichte
tat. Der Prior geriet in das hchste Erstaunen, als ich ihm nun mein ganzes
Leben mit aller nur mglichen Umstndlichkeit enthllte. - Ich mu dir
glauben, sprach der Prior, als ich geendet, ich mu dir glauben, Bruder
Medardus, denn alle Zeichen wahrer Reue entdeckte ich, als du redetest. - Wer
vermag das Geheimnis zu enthllen, das die geistige Verwandtschaft zweier
Brder, Shne eines verbrecherischen Vaters, und selbst in Verbrechen befangen,
bildete. - Es ist gewi, da Viktorin auf wunderbare Weise errettet wurde aus
dem Abgrunde, in den du ihn strztest, da er der wahnsinnige Mnch war, den der
Frster aufnahm, der dich als dein Doppeltgnger verfolgte und hier im Kloster
starb. Er diente der dunkeln Macht, die in dein Leben eingriff, nur zum Spiel, -
nicht dein Genosse war er, nur das untergeordnete Wesen, welches dir in den Weg
gestellt wurde, damit das lichte Ziel, das sich dir vielleicht auftun konnte,
deinem Blick verhllt bleibe. Ach, Bruder Medardus, noch geht der Teufel rastlos
auf Erden umher und bietet den Menschen seine Elixiere dar! - Wer hat dieses
oder jenes seiner hllischen Getrnke nicht einmal schmackhaft gefunden; aber
das ist der Wille des Himmels, da der Mensch der bsen Wirkung des
augenblicklichen Leichtsinns sich bewut werde und aus diesem klaren Bewutsein
die Kraft schpfe, ihr zu widerstehen. Darin offenbart sich die Macht des Herrn,
da, so wie das Leben der Natur durch das Gift, das sittlich gute Prinzip in ihr
erst durch das Bse bedingt wird. - Ich darf zu dir so sprechen, Medardus, da
ich wei, da du mich nicht miverstehest. Gehe jetzt zu den Brdern. -
    In dem Augenblick erfate mich wie ein jher, alle Nerven und Pulse
durchzuckender Schmerz die Sehnsucht der hchsten Liebe; Aurelie - ach,
Aurelie! rief ich laut. Der Prior stand auf und sprach in sehr ernstem Ton: Du
hast wahrscheinlich die Zubereitungen zu einem groen Feste in dem Kloster
bemerkt? - Aurelie wird morgen eingekleidet und erhlt den Klosternamen
Rosalia. - Erstarrt - lautlos blieb ich vor dem Prior stehen. Gehe zu den
Brdern! rief er beinahe zornig, und ohne deutliches Bewutsein stieg ich hinab
in das Refektorium, wo die Brder versammelt waren. Man bestrmte mich aufs neue
mit Fragen, aber nicht fhig war ich, auch nur ein einziges Wort ber mein Leben
zu sagen; alle Bilder der Vergangenheit verdunkelten sich in mir, und nur
Aureliens Lichtgestalt trat mir glnzend entgegen. Unter dem Vorwande einer
Andachtsbung verlie ich die Brder und begab mich nach der Kapelle, die an dem
uersten Ende des weitluftigen Klostergartens lag. Hier wollte ich beten, aber
das kleinste Gerusch, das linde Suseln des Laubganges ri mich empor aus
frommer Betrachtung. Sie ist es... sie kommt... ich werde sie wiedersehen - so
rief es in mir, und mein Herz bebte vor Angst und Entzcken. Es war mir, als
hre ich ein leises Gesprch. Ich raffte mich auf, ich trat aus der Kapelle, und
siehe, langsamen Schrittes, nicht fern von mir, wandelten zwei Nonnen, in ihrer
Mitte eine Novize. - Ach, es war gewi Aurelie - mich berfiel ein krampfhaftes
Zittern - mein Atem stockte - ich wollte vorschreiten, aber keines Schrittes
mchtig, sank ich zu Boden. Die Nonnen, mit ihnen die Novize, verschwanden im
Gebsch. Welch ein Tag! - - welch eine Nacht! Immer nur Aurelie und Aurelie -
kein anderes Bild - kein anderer Gedanke fand Raum in meinem Innern. -
    Sowie die ersten Strahlen des Morgens aufgingen, verkndigten die Glocken
des Klosters das Fest der Einkleidung Aureliens, und bald darauf versammelten
sich die Brder in einem groen Saal; die btissin trat, von zwei Schwestern
begleitet, herein. - Unbeschreiblich ist das Gefhl, das mich durchdrang, als
ich die wiedersah, die meinen Vater so innig liebte, und unerachtet er durch
Freveltaten ein Bndnis, das ihm das hchste Erdenglck erwerben mute,
gewaltsam zerri, doch die Neigung, die ihr Glck zerstrt hatte, auf den Sohn
bertrug. Zur Tugend, zur Frmmigkeit wollte sie diesen Sohn aufziehen, aber dem
Vater gleich, hufte er Frevel auf Frevel und vernichtete so jede Hoffnung der
frommen Pflegemutter, die in der Tugend des Sohnes Trost fr des sndigen Vaters
Verderbnis finden wollte. - Niedergesenkten Hauptes, den Blick zur Erde
gerichtet, hrte ich die kurze Rede an, worin die btissin nochmals der
versammelten Geistlichkeit Aureliens Eintritt in das Kloster anzeigte und sie
aufforderte, eifrig zu beten in dem entscheidenden Augenblick des Gelbdes,
damit der Erbfeind nicht Macht haben mge, sinneverwirrendes Spiel zu treiben
zur Qual der frommen Jungfrau. Schwer, sprach die btissin, schwer waren die
Prfungen, die die Jungfrau zu berstehen hatte. Der Feind wollte sie verlocken
zum Bsen, und alles, was die List der Hlle vermag, wandte er an, sie zu
betren, da sie, ohne Bses zu ahnen, sndige und dann, aus dem Traum
erwachend, untergehe in Schmach und Verzweiflung. Doch die ewige Macht
beschtzte das Himmelskind, und mag denn der Feind auch noch heute es versuchen,
ihr verderblich zu nahen, ihr Sieg ber ihn wird desto glorreicher sein. Betet -
betet, meine Brder, nicht darum, da die Christusbraut nicht wanke, denn fest
und standhaft ist ihr dem Himmlischen ganz zugewandter Sinn, sondern da kein
irdisches Unheil die fromme Handlung unterbreche. - Eine Bangigkeit hat sich
meines Gemts bemchtigt, der ich nicht zu widerstehen vermag! -
    Es war klar, da die btissin mich - mich allein den Teufel der Versuchung
nannte, da sie meine Ankunft mit der Einkleidung Aureliens in Bezug, da sie
vielleicht in mir die Absicht irgend einer Greueltat voraussetzte. Das Gefhl
der Wahrheit meiner Reue, meiner Bue, der berzeugung, da mein Sinn gendert
worden, richtete mich empor. Die btissin wrdigte mich nicht eines Blickes;
tief im Innersten gekrnkt, regte sich in mir jener bittere, verhhnende Ha,
wie ich ihn sonst in der Residenz bei dem Anblick der Frstin gefhlt, und statt
da ich, ehe die btissin jene Worte sprach, mich htte vor ihr niederwerfen
mgen in den Staub, wollte ich keck und khn vor sie hintreten und sprechen:
Warst du denn immer solch ein berirdisches Weib, da die Lust der Erde dir
nicht aufging? ... Als du meinen Vater sahst, verwahrtest du denn immer dich so,
da der Gedanke der Snde nicht Raum fand? ... Ei, sage doch, ob selbst dann,
als schon die Inful und der Stab dich schmckten, in unbewachten Augenblicken
meines Vaters Bild nicht Sehnsucht nach irdischer Lust in dir aufregte? ... Was
empfandest du denn, Stolze, als du den Sohn des Geliebten an dein Herz drcktest
und den Namen des Verlorenen, war er gleich ein freveliger Snder, so
schmerzvoll riefst? - Hast du jemals gekmpft mit der dunklen Macht wie ich? -
Kannst du dich eines wahren Sieges erfreuen, wenn kein harter Kampf vorherging?
- Fhlst du dich selbst so stark, da du den verachtest, der dem mchtigsten
Feinde erlag und sich dennoch erhob in tiefer Reue und Bue? - Die pltzliche
nderung meiner Gedanken, die Umwandlung des Benden in den, der stolz auf den
bestandenen Kampf fest einschreitet in das wiedergewonnene Leben, mu selbst im
uern sichtlich gewesen sein. Denn der neben mir stehende Bruder frug: Was ist
dir, Medardus, warum wirfst du solche sonderbare zrnende Blicke auf die
hochheilige Frau? - Ja, erwiderte ich halblaut, wohl mag es eine hochheilige
Frau sein, denn sie stand immer so hoch, da das Profane sie nicht erreichen
konnte, doch kommt sie mir jetzt nicht sowohl wie eine christliche, sondern wie
eine heidnische Priesterin vor, die sich bereitet, mit gezcktem Messer das
Menschenopfer zu vollbringen. Ich wei selbst nicht, wie ich dazu kam, die
letzten Worte, die auer meiner Ideenreihe lagen, zu sprechen, aber mit ihnen
drngten sich im bunten Gewirr Bilder durcheinander, die nur im Entsetzlichsten
sich zu einen schienen. - Aurelie sollte auf immer die Welt verlassen, sie
sollte, wie ich, durch ein Gelbde, das mir jetzt nur die Ausgeburt des
religisen Wahnsinns schien, dem Irdischen entsagen? - So wie ehemals, als ich,
dem Satan verkauft, in Snde und Frevel den hchsten, strahlendsten Lichtpunkt
des Lebens zu schauen whnte, dachte ich jetzt daran, da beide, ich und
Aurelie, im Leben, sei es auch nur durch den einzigen Moment des hchsten
irdischen Genusses, vereint und dann als der unterirdischen Macht Geweihte
sterben mten. - Ja, wie ein grlicher Unhold, wie der Satan selbst ging der
Gedanke des Mordes mir durch die Seele! - Ach, ich Verblendeter gewahrte nicht,
da in dem Moment, als ich der btissin Worte auf mich deutete, ich preisgegeben
war der vielleicht hrtesten Prfung, da der Satan Macht bekommen ber mich und
mich verlocken wollte zu dem Entsetzlichsten, das ich noch begangen! Der Bruder,
zu dem ich gesprochen, sah mich erschrocken an: Um Jesus und der heiligen
Jungfrau willen, was sagt Ihr da! so sprach er; ich schaute nach der btissin,
die im Begriff stand, den Saal zu verlassen, ihr Blick fiel auf mich,
totenbleich starrte sie mich an, sie wankte, die Nonnen muten sie untersttzen.
Es war mir, als lisple sie die Worte: O all ihr Heiligen, meine Ahnung. Bald
darauf wurde der Prior Leonardus zu ihr gerufen. Schon luteten aufs neue alle
Glocken des Klosters, und dazwischen tnten die donnernden Tne der Orgel, die
Weihgesnge der im Chor versammelten Schwestern, durch die Lfte, als der Prior
wieder in den Saal trat. Nun begaben sich die Brder der verschiedenen Orden in
feierlichem Zuge nach der Kirche, die von Menschen beinahe so berfllt war, als
sonst am Tage des heiligen Bernardus. An einer Seite des mit duftenden Rosen
geschmckten Hochaltars waren erhhte Sitze fr die Geistlichkeit angebracht der
Tribne gegenber, auf welcher die Kapelle des Bischofs die Musik des Amts,
welches er selbst hielt, ausfhrte. Leonardus rief mich an seine Seite, und ich
bemerkte, da er ngstlich auf mich wachte; die kleinste Bewegung erregte seine
Aufmerksamkeit; er hielt mich an, fortwhrend aus meinem Brevier zu beten. Die
Klaren Nonnen versammelten sich in dem mit einem niedrigen Gitter
eingeschlossenen Platz dicht vor dem Hochaltar, der entscheidende Augenblick
kam; aus dem Innern des Klosters, durch die Gittertre hinter dem Altar fhrten
die Zisterzienser Nonnen Aurelien herbei. - Ein Geflster rauschte durch die
Menge, als sie sichtbar worden, die Orgel schwieg, und der einfache Hymnus der
Nonnen erklang in wunderbaren, tief ins Innerste dringenden Akkorden. Noch hatte
ich keinen Blick aufgeschlagen; von einer furchtbaren Angst ergriffen, zuckte
ich krampfhaft zusammen, so da mein Brevier zur Erde fiel. Ich bckte mich
darnach, es aufzuheben, aber ein pltzlicher Schwindel htte mich von dem hohen
Sitz herabgestrzt, wenn Leonardus mich nicht fate und festhielt. Was ist dir,
Medardus, sprach der Prior leise, du befindest dich in seltsamer Bewegung,
widerstehe dem bsen Feinde, der dich treibt. Ich fate mich mit aller Gewalt
zusammen, ich schaute auf und erblickte Aurelien, vor dem Hochaltar knieend. O
Herr des Himmels, in hoher Schnheit und Anmut strahlte sie mehr als je! Sie war
brutlich - ach! ebenso wie an jenem verhngnisvollen Tage, da sie mein werden
sollte, gekleidet. Blhende Myrten und Rosen im knstlich geflochtenen Haar. Die
Andacht, das Feierliche des Moments hatte ihre Wangen hher gefrbt, und in dem
zum Himmel gerichteten Blick lag der volle Ausdruck himmlischer Lust. Was waren
jene Augenblicke, als ich Aurelien zum erstenmal, als ich sie am Hofe des
Frsten sah, gegen dieses Wiedersehen. Rasender als jemals flammte in mir die
Glut der Liebe - der wilden Begier auf - O Gott, - o, all ihr Heiligen! lat
mich nicht wahnsinnig werden, nur nicht wahnsinnig - rettet mich, rettet mich
von dieser Pein der Hlle - Nur nicht wahnsinnig lat mich werden - denn das
Entsetzliche mu ich sonst tun und meine Seele preisgeben der ewigen
Verdammnis! - So betete ich im Innern, denn ich fhlte, wie immer mehr und mehr
der bse Geist ber mich Herr werden wollte. - Es war mir, als habe Aurelie teil
an dem Frevel, den ich nur beging, als sei das Gelbde, das sie zu leisten
gedachte, in ihren Gedanken nur der feierliche Schwur, vor dem Altar des Herrn
mein zu sein. - Nicht die Christusbraut, des Mnchs, der sein Gelbde brach,
verbrecherisches Weib sah ich in ihr. - Sie mit aller Inbrunst der wtenden
Begier umarmen und dann ihr den Tod geben - der Gedanke erfate mich
unwiderstehlich. Der bse Geist trieb mich wilder und wilder - schon wollte ich
schreien: Haltet ein, verblendete Toren! Nicht die von irdischem Triebe reine
Jungfrau, die Braut des Mnchs wollt ihr erheben zur Himmelsbraut! - mich
hinabstrzen unter die Nonnen, sie herausreien - ich fate in die Kutte, ich
suchte nach dem Messer, da war die Zeremonie so weit gediehen, da Aurelie
anfing, das Gelbde zu sprechen. - Als ich ihre Stimme hrte, war es, als brche
milder Mondesglanz durch die schwarzen, von wildem Sturm gejagten Wetterwolken.
Licht wurde es in mir, und ich erkannte den bsen Geist, dem ich mit aller
Gewalt widerstand. - Jedes Wort Aureliens gab mir neue Kraft, und im heien
Kampf wurde ich bald Sieger. Entflohen war jeder schwarze Gedanke des Frevels,
jede Regung der irdischen Begier. - Aurelie war die fromme Himmelsbraut, deren
Gebet mich retten konnte von ewiger Schmach und Verderbnis. - Ihr Gelbde war
mein Trost, meine Hoffnung, und hell ging in mir die Heiterkeit des Himmels auf.
Leonardus, den ich nun erst wieder bemerkte, schien die nderung in meinem
Innern wahrzunehmen, denn mit sanfter Stimme sprach er: Du hast dem Feinde
widerstanden, mein Sohn! Das war wohl die letzte schwere Prfung, die dir die
ewige Macht auferlegt! -
    Das Gelbde war gesprochen; whrend eines Wechselgesanges, den die Klaren
Schwestern anstimmten, wollte man Aurelien das Nonnengewand anlegen. Schon hatte
man die Myrten und Rosen aus dem Haar geflochten, schon stand man im Begriff,
die herabwallenden Locken abzuschneiden, als ein Getmmel in der Kirche entstand
- ich sah, wie die Menschen auseinander gedrngt und zu Boden geworfen wurden; -
nher und nher wirbelte der Tumult. - Mit rasender Gebrde, - mit wildem,
entsetzlichen Blick drngte sich ein halbnackter Mensch (die Lumpen eines
Kapuzinerrocks hingen ihm um den Leib), alles um sich her mit geballten Fusten
niederstoend, durch die Menge. - Ich erkannte meinen grlichen Doppeltgnger,
aber in demselben Moment, als ich, Entsetzliches ahnend, hinabspringen und mich
ihm entgegenwerfen wollte, hatte der wahnsinnige Unhold die Galerie, die den
Platz des Hochaltars einschlo, bersprungen. Die Nonnen stubten schreiend
auseinander; die btissin hatte Aurelien fest in ihre Arme eingeschlossen. - Ha
ha ha! - kreischte der Rasende mit gellender Stimme, wollt ihr mir die
Prinzessin rauben? - Ha ha ha! - Die Prinzessin ist mein Brutchen, mein
Brutchen - und damit ri er Aurelien empor und stie ihr das Messer, das er
hochgeschwungen in der Hand hielt, bis an das Heft in die Brust, da des Blutes
Springquell hoch emporspritzte. Juchhe - Juch Juch - nun hab ich mein
Brutchen, nun hab ich die Prinzessin gewonnen! - So schrie der Rasende auf und
sprang hinter den Hochaltar, durch die Gittertre fort in die Klostergnge. Voll
Entsetzen kreischten die Nonnen auf. - Mord - Mord am Altar des Herrn, schrie
das Volk, nach dem Hochaltar strmend. Besetzt die Ausgnge des Klosters, da
der Mrder nicht entkomme, rief Leonardus mit lauter Stimme, und das Volk
strzte hinaus, und wer von den Mnchen rstig war, ergriff die im Winkel
stehenden Prozessionsstbe und setzte dem Unhold nach durch die Gnge des
Klosters. Alles war die Tat eines Augenblicks; bald kniete ich neben Aurelien,
die Nonnen hatten mit weien Tchern die Wunde, so gut es gehen wollte,
verbunden und standen der ohnmchtigen btissin bei. Eine starke Stimme sprach
neben mir: Sancta Rosalia, ora pro nobis, und alle, die noch in der Kirche
geblieben, riefen laut: Ein Mirakel - ein Mirakel, ja sie ist eine Mrtyrin. -
Sancta Rosalia, ora pro nobis. - Ich schaute auf. - Der alte Maler stand neben
mir, aber ernst und mild, so wie er mir im Kerker erschien. - Kein irdischer
Schmerz ber Aureliens Tod, kein Entsetzen ber die Erscheinung des Malers
konnte mich fassen, denn in meiner Seele dmmerte es auf, wie nun die
rtselhaften Schlingen, die die dunkle Macht geknpft, sich lsten.
    Mirakel, Mirakel! schrie das Volk immerfort, seht ihr wohl den alten Mann
im violetten Mantel? - Der ist aus dem Bilde des Hochaltars herabgestiegen - ich
habe es gesehen - ich auch - ich auch - riefen mehrere Stimmen durcheinander,
und nun strzte alles auf die Knie nieder, und das verworrene Getmmel
verbrauste und ging ber in ein von heftigem Schluchzen und Weinen
unterbrochenes Gemurmel des Gebets. Die btissin erwachte aus der Ohnmacht und
sprach mit dem herzzerschneidenden Ton des tiefen, gewaltigen Schmerzes:
Aurelie! - mein Kind! - meine fromme Tochter! - ewiger Gott - es ist dein
Ratschlu! - Man hatte eine mit Polstern und Decken belegte Bahre
herbeigebracht. Als man Aurelien hinaufhob, seufzte sie tief und schlug die
Augen auf. Der Maler stand hinter ihrem Haupte, auf das er seine Hand gelegt. Er
war anzusehen wie ein mchtiger Heiliger, und alle, selbst die btissin,
schienen von wunderbarer scheuer Ehrfurcht durchdrungen. - Ich kniete beinahe
dicht an der Seite der Bahre. Aureliens Blick fiel auf mich, da erfate mich
tiefer Jammer ber der Heiligen schmerzliches Mrtyrertum. Keines Wortes
mchtig, war es nur ein dumpfer Schrei, den ich ausstie. Da sprach Aurelie
sanft und leise: Was klagest du ber die, welche von der ewigen Macht des
Himmels gewrdigt wurde, von der Erde zu scheiden in dem Augenblick, als sie die
Nichtigkeit alles Irdischen erkannt, als die unendliche Sehnsucht nach dem Reich
der ewigen Freude und Seligkeit ihre Brust erfllte? - Ich war aufgestanden,
ich war dicht an die Bahre getreten. Aurelie, sprach ich, - heilige Jungfrau!
Nur einen einzigen Augenblick senke deinen Blick herab aus den hohen Regionen,
sonst mu ich vergehen, in - meine Seele, mein innerstes Gemt zerrttenden,
verderbenden Zweifeln. - Aurelie! verachtest du den Frevler, der, wie der bse
Feind selbst, in dein Leben trat? - Ach! schwer hat er gebt - aber er wei es
wohl, da alle Bue seiner Snden Ma nicht mindert - Aurelie! bist du vershnt
im Tode? - Wie von Engelsfittichen berhrt, lchelte Aurelie und schlo die
Augen. O, - Heiland der Welt - heilige Jungfrau - so bleibe ich zurck, ohne
Trost der Verzweiflung hingegeben! O Rettung! - Rettung von hllischem
Verderben! So betete ich inbrnstig, da schlug Aurelie noch einmal die Augen
auf und sprach: Medardus - nachgegeben hast du der bsen Macht! Aber blieb ich
denn rein von der Snde, als ich irdisches Glck zu erlangen hoffte in meiner
verbrecherischen Liebe? - Ein besonderer Ratschlu des Ewigen hatte uns
bestimmt, schwere Verbrechen unseres freveligen Stammes zu shnen, und so
vereinigte uns das Band der Liebe, die nur ber den Sternen thront und die
nichts gemein hat mit irdischer Lust. Aber dem listigen Feinde gelang es, die
tiefe Bedeutung unserer Liebe uns zu verhllen, ja uns auf entsetzliche Weise zu
verlocken, da wir das Himmlische nur deuten konnten auf irdische Weise. - Ach!
war ich es denn nicht, die dir ihre Liebe bekannte im Beichtstuhl, aber statt
den Gedanken der ewigen Liebe in dir zu entznden, die hllische Glut der Lust
in dir entflammte, welche du, da sie dich verzehren wollte, durch Verbrechen zu
lschen gedachtest? Fasse Mut, Medardus! Der wahnsinnige Tor, den der bse Feind
verlockt hat zu glauben, er sei du und msse vollbringen, was du begonnen, war
das Werkzeug des Himmels, durch das sein Ratschlu vollendet wurde. - Fasse Mut,
Medardus - bald, bald... Aurelie, die das letzte schon mit geschlossenen Augen
und hrbarer Anstrengung gesprochen, wurde ohnmchtig, doch der Tod konnte sie
noch nicht erfassen. Hat sie Euch gebeichtet, ehrwrdiger Herr? Hat sie Euch
gebeichtet? so frugen mich neugierig die Nonnen. Mit nichten, erwiderte ich,
nicht ich, sie hat meine Seele mit himmlischen Trost erfllt. - Wohl dir,
Medardus, bald ist deine Prfungszeit beendet - und wohl mir dann! Es war der
Maler, der diese Worte sprach. Ich trat auf ihn zu: So verlat mich nicht,
wunderbarer Mann. - Ich wei selbst nicht, wie meine Sinne, indem ich weiter
sprechen wollte, auf seltsame Weise betubt worden; ich geriet in einen Zustand
zwischen Wachen und Trumen, aus dem mich ein lautes Rufen und Schreien
erweckte. Ich sah den Maler nicht mehr. Bauern - Brgersleute - Soldaten waren
in die Kirche gedrungen und verlangten durchaus, da ihnen erlaubt werden solle,
das ganze Kloster zu durchsuchen, um den Mrder Aureliens, der noch im Kloster
sein msse, aufzufinden. Die btissin, mit Recht Unordnungen befrchtend,
verweigerte dies, aber ihres Ansehens unerachtet, vermochte sie nicht die
erhitzten Gemter zu beschwichtigen. Man warf ihr vor, da sie aus kleinlicher
Furcht den Mrder verhehle, weil er ein Mnch sei, und immer heftiger tobend,
schien das Volk sich zum Strmen des Klosters aufzuregen. Da bestieg Leonardus
die Kanzel und sagte dem Volk nach einigen krftigen Worten ber die Entweihung
heiliger Sttten, da der Mrder keinesweges ein Mnch, sondern ein Wahnsinniger
sei, den er im Kloster zur Pflege aufgenommen, den er, als er tot geschienen, im
Ordenshabit nach der Totenkammer bringen lassen, der aber aus dem todhnlichen
Zustande erwacht und entsprungen sei. Wre er noch im Kloster, so wrden es ihm
die getroffenen Maregeln unmglich machen, zu entspringen. Das Volk beruhigte
sich und verlangte nur, da Aurelie nicht durch die Gnge, sondern ber den Hof
in feierlicher Prozession nach dem Kloster gebracht werden solle. Dies geschah.
Die verschchterten Nonnen hoben die Bahre auf, die man mit Rosen bekrnzt
hatte. Auch Aurelie war, wie vorher, mit Myrten und Rosen geschmckt. Dicht
hinter der Bahre, ber welche vier Nonnen den Baldachin trugen, schritt die
btissin, von zwei Nonnen untersttzt, die brigen folgten mit den Klaren
Schwestern, dann die Brder der verschiedenen Orden, ihnen schlo sich das Volk
an, und so bewegte sich der Zug durch die Kirche. Die Schwester, welche die
Orgel spielte, mute sich auf den Chor begeben haben, denn sowie der Zug in der
Mitte der Kirche war, ertnten dumpf und schauerlich tiefe Orgeltne vom Chor
herab. Aber siehe, da richtete sich Aurelie langsam auf und erhob die Hnde
betend zum Himmel, und aufs neue strzte alles Volk auf die Knie nieder und
rief: Sancta Rosalia, ora pro nobis. - So wurde das wahr, was ich, als ich
Aurelien zum erstenmal sah, in satanischer Verblendung nur frevelig heuchelnd,
verkndet.
    Als die Nonnen in dem untern Saal des Klosters die Bahre niedersetzten, als
Schwestern und Brder betend im Kreis umherstanden, sank Aurelie mit einem
tiefen Seufzer der btissin, die neben ihr kniete, in die Arme. - Sie war tot! -
Das Volk wich nicht von der Klosterpforte, und als nun die Glocken den irdischen
Untergang der frommen Jungfrau verkndeten, brach alles aus in Schluchzen und
Jammergeschrei. - Viele taten das Gelbde, bis zu Aureliens Exequien in dem Dorf
zu bleiben und erst nach denselben in die Heimat zurckzufahren, whrend der
Zeit aber strenge zu fasten. Das Gercht von der entsetzlichen Untat und von dem
Martyrium der Braut des Himmels verbreitete sich schnell, und so geschah es, da
Aureliens Exequien, die nach vier Tagen begangen wurden, einem hohen, die
Verklrung einer Heiligen feiernden Jubelfest glichen. Denn schon tages vorher
war die Wiese vor dem Kloster, wie sonst am Bernardustage, mit Menschen bedeckt,
die, sich auf den Boden lagernd, den Morgen erwarteten. Nur statt des frohen
Getmmels hrte man fromme Seufzer und ein dumpfes Murmeln. - Von Mund zu Mund
ging die Erzhlung von der entsetzlichen Tat am Hochaltar der Kirche, und brach
einmal eine laute Stimme hervor, so geschah es in Verwnschungen des Mrders,
der spurlos verschwunden blieb. -
    Von tieferer Einwirkung auf das Heil meiner Seele waren wohl diese vier
Tage, die ich meistens einsam in der Kapelle des Gartens zubrachte, als die
lange strenge Bue im Kapuzinerkloster bei Rom. Aureliens letzte Worte hatten
mir das Geheimnis meiner Snden erschlossen, und ich erkannte, da ich,
ausgerstet mit aller Kraft der Tugend und Frmmigkeit, doch wie ein mutloser
Feigling dem Satan, der den verbrecherischen Stamm zu hegen trachtete, da er
fort und fort gedeihe, nicht zu widerstehen vermochte. Gering war der Keim des
Bsen in mir, als ich des Konzertmeisters Schwester sah, als der frevelige Stolz
in mir erwachte, aber da spielte mir der Satan jenes Elixier in die Hnde, das
mein Blut wie ein verdammtes Gift in Grung setzte. Nicht achtete ich des
unbekannten Malers, des Priors, der btissin ernste Mahnung. - Aureliens
Erscheinung am Beichtstuhl vollendete den Verbrecher. Wie eine physische
Krankheit von jenem Gift erzeugt, brach die Snde hervor. Wie konnte der dem
Satan Ergebene das Band erkennen, das die Macht des Himmels als Symbol der
ewigen Liebe um mich und Aurelien geschlungen? - Schadenfroh fesselte mich der
Satan an einen Verruchten, in dessen Sein mein Ich eindringen, so wie er geistig
auf mich einwirken mute. Seinen scheinbaren Tod, vielleicht das leere Blendwerk
des Teufels, mute ich mir zuschreiben. Die Tat machte mich vertraut mit dem
Gedanken des Mordes, der dem teuflischen Trug folgte. So war der in verruchter
Snde erzeugte Bruder das vom Teufel beseelte Prinzip, das mich in die
abscheulichsten Frevel strzte und mich mit den grlichsten Qualen umhertrieb.
Bis dahin, als Aurelie nach dem Ratschlu der ewigen Macht ihr Gelbde sprach,
war mein Innres nicht rein von der Snde; bis dahin hatte der Feind Macht ber
mich, aber die wunderbare innere Ruhe, die wie von oben herabstrahlende
Heiterkeit, die ber mich kam, als Aurelie die letzten Worte gesprochen,
berzeugte mich, da Aureliens Tod die Verheiung der Shne sei. - Als in dem
feierlichen Requiem der Chor die Worte sang: Confutatis maledictis flammis
acribus addictis, fhlte ich mich erheben, aber bei dem Voca me cum
benedictis war es mir, als she ich in himmlischer Sonnenklarheit Aurelien, wie
sie erst auf mich niederblickte und dann ihr von einem strahlenden Sternenringe
umgebenes Haupt zum hchsten Wesen erhob, um fr das ewige Heil meiner Seele zu
bitten! - Oro supplex et acclinis cor contritum quasi cinis! - Nieder sank ich
in den Staub, aber wie wenig glich mein inneres Gefhl, mein demtiges Flehen
jener leidenschaftlichen Zerknirschung, jenen grausamen, wilden Bubungen im
Kapuzinerkloster. Erst jetzt war mein Geist fhig, das Wahre von dem Falschen zu
unterscheiden, und bei diesem klaren Bewutsein mute jede neue Prfung des
Feindes wirkungslos bleiben. - Nicht Aureliens Tod, sondern nur die als grlich
und entsetzlich erscheinende Art desselben hatte mich in den ersten Augenblicken
so tief erschttert; aber wie bald erkannte ich, da die Gunst der ewigen Macht
sie das Hchste bestehen lie! - Das Martyrium der geprften, entsndigten
Christusbraut! - War sie denn fr mich untergegangen? Nein! jetzt erst, nachdem
sie der Erde voller Qual entrckt, wurde sie mir der reine Strahl der ewigen
Liebe, der in meiner Brust aufglhte. Ja! Aureliens Tod war das Weihfest jener
Liebe, die, wie Aurelie sprach, nur ber den Sternen thront und nichts gemein
hat mit dem Irdischen. - Diese Gedanken erhoben mich ber mein irdisches Selbst,
und so waren wohl jene Tage im Zisterzienserkloster die wahrhaft seligsten
meines Lebens.
    Nach der Exportation, welche am folgenden Morgen stattfand, wollte Leonardus
mit den Brdern nach der Stadt zurckkehren; die btissin lie mich, als schon
der Zug beginnen sollte, zu sich rufen. Ich fand sie allein in ihrem Zimmer, sie
war in der hchsten Bewegung, die Trnen strzten ihr aus den Augen. Alles -
alles wei ich jetzt, mein Sohn Medardus! Ja, ich nenne dich so wieder, denn
berstanden hast du die Prfungen, die ber dich Unglcklichen,
Bedauernswrdigen ergingen! Ach, Medardus, nur sie, nur sie, die am Throne
Gottes unsere Frsprecherin sein mag, ist rein von der Snde. Stand ich nicht am
Rande des Abgrundes, als ich, von dem Gedanken an irdische Lust erfllt, dem
Mrder mich verkaufen wollte? - Und doch - Sohn Medardus! - verbrecherische
Trnen hab' ich geweint in einsamer Zelle, deines Vaters gedenkend! - Gehe, Sohn
Medardus! Jeder Zweifel, da ich vielleicht zu mir selbst anzurechnenden Schuld
in dir den freveligsten Snder erzog, ist aus meiner Seele verschwunden. -
    Leonardus, der gewi der btissin alles enthllt hatte, was ihr aus meinem
Leben noch unbekannt geblieben, bewies mir durch sein Betragen, da auch er mir
verziehen und dem Hchsten anheimgestellt hatte, wie ich vor seinem Richterstuhl
bestehen werde. Die alte Ordnung des Klosters war geblieben, und ich trat in die
Reihe der Brder ein wie sonst. Leonardus sprach eines Tages zu mir: Ich mchte
dir, Bruder Medardus, wohl noch eine Bubung aufgeben. Demtig frug ich, worin
sie bestehen solle. Du magst, erwiderte der Prior, die Geschichte deines
Lebens genau aufschreiben. Keinen der merkwrdigen Vorflle, auch selbst der
unbedeutenderen, vorzglich nichts, was dir im bunten Weltleben widerfuhr,
darfst du auslassen. Die Phantasie wird dich wirklich in die Welt zurckfhren,
du wirst alles Grauenvolle, Possenhafte, Schauerliche und Lustige noch einmal
fhlen, ja es ist mglich, da du im Moment Aurelien anders, nicht als die Nonne
Rosalia, die das Mrtyrium bestand, erblickst; aber hat der Geist des Bsen dich
ganz verlassen, hast du dich ganz vom Irdischen abgewendet, so wirst du wie ein
hheres Prinzip ber alles schweben, und so wird jener Eindruck keine Spur
hinterlassen. Ich tat, wie der Prior geboten. Ach! - wohl geschah es so, wie er
es ausgesprochen! - Schmerz und Wonne, Grauen und Lust - Entsetzen und Entzcken
strmten in meinem Innern, als ich mein Leben schrieb. - Du, der du einst diese
Bltter liesest, ich sprach zu dir von der Liebe hchster Sonnenzeit, als
Aureliens Bild mir im regen Leben aufging! - Es gibt Hheres als irdische Lust,
die meistens nur Verderben bereitet dem leichtsinnigen, bldsinnigen Menschen,
und das ist jene hchste Sonnenzeit, wenn, fern von dem Gedanken freveliger
Begier, die Geliebte wie ein Himmelsstrahl alles Hhere, alles, was aus dem
Reich der Liebe segensvoll herabkommt auf den armen Menschen, in deiner Brust
entzndet. - Dieser Gedanke hat mich erquickt, wenn bei der Erinnerung an die
herrlichsten Momente, die mir die Welt gab, heie Trnen den Augen entstrzten
und alle lngst verharrschte Wunden aufs neue bluteten.
    Ich wei, da vielleicht noch im Tode der Widersacher Macht haben wird, den
sndigen Mnch zu qulen, aber standhaft, ja mit inbrnstiger Sehnsucht erwarte
ich den Augenblick, der mich der Erde entrckt, denn es ist der Augenblick der
Erfllung alles dessen, was mir Aurelie, ach! die heilige Rosalia selbst, im
Tode verheien. Bitte - bitte fr mich, o heilige Jungfrau, in der dunklen
Stunde, da die Macht der Hlle, der ich so oft erlegen, nicht mich bezwinge und
hinabreie in den Pfuhl ewiger Verderbnis!

                         Nachtrag des Paters Spiridion,
                    Bibliothekar des Kapuzinerklosters zu B.

In der Nacht vom dritten auf den vierten September des Jahres 17** hat sich viel
Wunderbares in unserm Kloster ereignet. Es mochte wohl um Mitternacht sein, als
ich in der neben der meinigen liegenden Zelle des Bruders Medardus ein seltsames
Kichern und Lachen und whrenddessen ein dumpfes klgliches chzen vernahm. Mir
war es, als hre ich deutlich von einer sehr hlichen, widerwrtigen Stimme die
Worte sprechen: Komm mit mir, Brderchen Medardus, wir wollen die Braut
suchen. Ich stand auf und wollte mich zum Bruder Medardus begeben, da berfiel
mich aber ein besonderes Grauen, so da ich wie von dem Frost eines Fiebers ganz
gewaltig durch alle Glieder geschttelt wurde; ich ging demnach, statt in des
Medardus Zelle, zum Prior Leonardus, weckte ihn nicht ohne Mhe und erzhlte
ihm, was ich vernommen. Der Prior erschrak sehr, sprang auf und sagte, ich solle
geweihte Kerzen holen und wir wollten uns beide dann zum Bruder Medardus
begeben. Ich tat, wie mir geheien, zndete die Kerzen an der Lampe des
Muttergottesbildes auf dem Gange an, und wir stiegen die Treppe hinauf. So sehr
wir aber auch horchen mochten, die abscheuliche Stimme, die ich vernommen, lie
sich nicht wieder hren. Statt dessen hrten wir leise liebliche Glockenklnge,
und es war so, als verbreite sich ein feiner Rosenduft. Wir traten nher, da
ffnete sich die Tre der Zelle, und ein wunderlicher groer Mann mit weiem
krausen Bart, in einem violetten Mantel, schritt heraus; ich war sehr
erschrocken, denn ich wute wohl, da der Mann ein drohendes Gespenst sein
mute, da die Klosterpforten fest verschlossen waren, mithin kein Fremder
eindringen konnte; aber Leonardus schaute ihn keck an, jedoch ohne ein Wort zu
sagen. Die Stunde der Erfllung ist nicht mehr fern, sprach die Gestalt sehr
dumpf und feierlich und verschwand in dem dunklen Gang, so da meine Bangigkeit
noch strker wurde und ich schier htte die Kerze aus der zitternden Hand fallen
lassen mgen. Aber der Prior, der ob seiner Frmmigkeit und Strke im Glauben
nach Gespenstern nicht viel frgt, fate mich beim Arm und sagte: Nun wollen
wir in die Zelle des Bruders Medardus treten. Das geschah denn auch. Wir fanden
den Bruder, der schon seit einiger Zeit sehr schwach worden, im Sterben, der Tod
hatte ihm die Zunge gebunden, er rchelte nur noch was weniges. Leonardus blieb
bei ihm, und ich weckte die Brder, indem ich die Glocke stark anzog und mit
lauter Stimme rief: Steht auf! - steht auf! - Der Bruder Medardus liegt im
Tode! Sie standen auch wirklich auf, so da nicht ein einziger fehlte, als wir
mit angebrannten Kerzen uns zu dem sterbenden Bruder begaben. Alle, auch ich,
der ich dem Grauen endlich widerstanden, berlieen uns vieler Betrbnis. Wir
trugen den Bruder Medardus auf einer Bahre nach der Klosterkirche und setzten
ihn vor dem Hochaltar nieder. Da erholte er sich zu unserm Erstaunen und fing an
zu sprechen, so da Leonardus selbst sogleich nach vollendeter Beichte und
Absolution die letzte lung vornahm. Nachher begaben wir uns, whrend Leonardus
unten blieb und immerfort mit dem Bruder Medardus redete, in den Chor und sangen
die gewhnlichen Totengesnge fr das Heil der Seele des sterbenden Bruders.
Gerade als die Glocke des Klosters den andern Tag, nmlich am fnften September
des Jahres 17**, mittags zwlfe schlug, verschied Bruder Medardus in des Priors
Armen. Wir bemerkten, da es Tag und Stunde war, in der voriges Jahr die Nonne
Rosalia auf entsetzliche Weise, gleich nachdem sie das Gelbde abgelegt,
ermordet wurde. Bei dem Requiem und der Exportation hat sich noch folgendes
ereignet. Bei dem Requiem nmlich verbreitete sich ein sehr starker Rosenduft,
und wir bemerkten, da an dem schnen Bilde der heiligen Rosalia, das von einem
sehr alten unbekannten italienischen Maler verfertigt sein soll und das unser
Kloster von den Kapuzinern in der Gegend von Rom fr erkleckliches Geld
erkaufte, so da sie nur eine Kopie des Bildes behielten, ein Strau der
schnsten, in dieser Jahreszeit seltenen Rosen befestigt war. Der Bruder
Pfrtner sagte, da am frhen Morgen ein zerlumpter, sehr elend aussehender
Bettler, von uns unbemerkt, hinaufgestiegen und den Strau an das Bild geheftet
habe. Derselbe Bettler fand sich bei der Exportation ein und drngte sich unter
die Brder. Wir wollten ihn zurckweisen, als aber der Prior Leonardus ihn
scharf angeblickt hatte, befahl er, ihn unter uns zu leiden. Er nahm ihn als
Laienbruder im Kloster auf; wir nannten ihn Bruder Peter, da er im Leben Peter
Schnfeld geheien, und gnnten ihm den stolzen Namen, weil er beraus still und
gutmtig war, wenig sprach und nur zuweilen sehr possierlich lachte, welches, da
es gar nichts Sndliches hatte, uns sehr ergtzte. Der Prior Leonardus sprach
einmal, des Peters Licht sei im Dampf der Narrheit verlscht, in die sich in
seinem Innern die Ironie des Lebens umgestaltet. Wir verstanden alle nicht, was
der gelehrte Leonardus damit sagen wollte, merkten aber wohl, da er mit dem
Laienbruder Peter lngst bekannt sein msse. So habe ich den Blttern, die des
Bruders Medardi Leben enthalten sollen, die ich aber nicht gelesen, die Umstnde
seines Todes sehr genau und nicht ohne Mhe ad majorem dei gloriam hinzugefgt.
Friede und Ruhe dem entschlafenen Bruder Medardus, der Herr des Himmels lasse
ihn dereinst frhlich auferstehen und nehme ihn auf in den Chor heiliger Mnner,
da er sehr fromm gestorben.
