
                          Fouqu, Caroline de la Motte

                    Der Spanier und der Freiwillige in Paris

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                          Caroline de la Motte Fouqu

                    Der Spanier und der Freiwillige in Paris

                    Eine Geschichte aus dem heiligen Kriege

                                 Erstes Kapitel

Die groe metallene Wanduhr schlug unter langen schnarrenden Abstzen zehn. Die
junge Blansche sprang unruhig auf, schob den schweren, verblichenen Sammetsessel
an die Seite und trat zu ihrer Mutter. Diese schrieb unter hufigen Thrnen in
schnellen, flchtigen Zgen eilig fort, und ohne aufzusehen, fuhr sie
schmeichelnd mit der flachen Hand ber das zarte Gesichtchen der Tochter. Doch
pltzlich von den eignen, niedergeschriebenen Worten berwltigt, warf sie sich
an ihres Kindes Brust, und rief unter lautem, ungehemmten Schluchzen: Gott, mein
Gott, die Freude ist gewaltiger als der Schmerz! wie soll ich es denn ertragen,
meinen rechtmigen Knig, die Tochter meiner unglcklichen Knigin
wiederzusehen! Blansche, liebes, liebes Kind, die Vorsehung schenkt uns die
Bourbons wieder! Trume ich auch wirklich nicht? ist es denn wahr?
    Frau von Saint Alban hatte die Hnde gefalten, und sah, gleichsam ber das
Unbegreifliche nachsinnend, in unaussprechlichem Entzcken gen Himmel. Blansche
kniete vor ihr, und von den Thrnen der Mutter aufs tiefste erschttert, weinte
sie still in ihr Tuch.
    Beide hielten sich eine Zeit lang fest umschlungen, dem Glck der nchsten
Gegenwart voll Theilnahme und Vertrauen hingegeben, als der alte Kammerdiener
eintrat und sein Erscheinen ihnen sagte, da der unruhig erwartete Augenblick
nun gekommen sei. Frau von Saint Alban sah gerhrt auf den treuen Armand. Er war
fein und sorgfltig gepudert, trug einen langen Rock von violetter Seide mit
veralteter Stickerei, Points Manschetten und gernderte Schnallen, sein
scharfes, hageres Gesicht war ernst, doch strebte er vergeblich durch feierliche
Haltung und gemessene Worte die groe Bewegung seiner Seele zu verbergen. Just
so gekleidet, so gerhrt und so frmlich war er vor sechs und zwanzig Jahren als
Frau von Saint Alban dies Haus zuerst betrat, dessen schlechtere Zimmer sie
zeither bescheidentlich bewohnte. Armand, sagte sie, ihm die Hand reichend, wir
knnten denken, wir htten geschlafen und wachten jetzt erst wieder auf, aber
die Zeit hat entsetzlich gearbeitet, ihre Spuren schneiden schringend in die
Sinne. Sie blickte fast beschmt auf die knappe, mhsam ergnzte Kleidung, auf
das beschdigte, gebrechliche Gerth, die abgesprungene Vergoldung, und den
langen, eingelegten Spiegel, der ihr das Bild der schnen Blansche so blhend
und so schmucklos zurckwarf. Sich abwendend sprang sie hastig auf, wie man wohl
thut, wenn eine strende Empfindung unbequem in unsere Freude hineinsieht,
faltete darauf das beschriebene Blatt zusammen, siegelte und addressirte unter
angenehmem Lcheln, wog dann den Brief hoffnungsvoll zwischen Daum und
Zeigefinger und eilte mit kurzen, schnellen Schritten in ein Seitenzimmer.
    Blansche sah ihr bewegt nach. Sie wute an wen der Brief gerichtet war, und
da er den ersten, freien, innigen Gru der Mutter an die Herzogin von Angouleme
enthielte, den mndlich auszusprechen ihr die Beschrnkung ihrer Lage fr den
Augenblick noch verbot. Zum erstenmal lastete der Druck enger Verhltnisse
peinlich auf dem kleinen Herzen, es regte sich ein wehmthiger Streit, das
Auenleben war weniger hell, sie sah mit einiger Beschmung auf sich selbst
zurck, als Frau von Saint Alban mit einem Lilienzweig vor sie hintrat. Diese
schwieg eine kleine Weile, ihr stockten die Worte in der Brust, sie verschluckte
die Thrnen, und sagte dann mit einer lieblichen, ihr eignen Neigung des Kopfes:
mein armes Kind, das ist der einzige Schmuck, den ich dir geben kann, denk'
aber, das befreiete Frankreich habe ihn dir geschenkt, und trage ihn so mit
Ehrfurcht und Dankbarkeit.
    Blansche war vor ihr hingesunken und fhlte mit Stolz die Lilie zwischen
ihren blonden Locken befestigen. Frau von Saint Alban hing darauf einen Schleier
ber, legte ein schwarzes Sammetmntelchen an, und die etwas vergelbten weien
Handschuh sorgfltig anziehend, gab sie der Tochter die Hand. Armand ffnete
beide Flgelthren, und eilte dann in schicklicher Entfernung voraus an den
Schlag eines bescheidenen Miethswagens. Den einen Fu auf dem Tritt, wandte sich
Frau von Saint Alban noch einmal, Gott! sagte sie, Freude wie Schmerz pressen
die Brust ngstlich zusammen, und jeder Entscheidung, der glcklichen wie der
unglcklichen, geht eine erstickende Beklommenheit voran.
    Als nun der Schlag zufiel und der Kutscher sich fragend umwandte, sagte sie:
nach der Kathedrale! ich will meinen Knig betend vor Gottes Thron begren.

                                Zweites Kapitel


Der Wagen fuhr langsam durch die gedrngten Straen. Jeden Augenblick stockte
die ungeheure, immer aufschwellendere Menschenmasse. Cabriolets und Kutschen,
Truppenabtheilungen, feierliche Aufzge, alles gerieth verwirrend aneinander,
das Gelute der Glocken, die Trommeln und Pfeiffen, die Pauken und Trompeten,
die schreiende, jubelnde, schwatzende Menge, die ganze wogende Stadt betubte
die arme Blansche, die zitternd neben der Mutter sa, und jedesmal mit
ersticktem Schrei zusammenfuhr, wenn das Volk sich immer dichter und dichter
heranpressend, den Wagen fast zu tragen schien. Frau von Saint Alban wute
nichts von allem dem, sie sahe, sie hrte alles und nichts, sie war in einem
Taumel, in einer Bewegung, die das Einzelne verschlang, tausendmal lie sie die
Fenster nieder und zog sie wieder auf, sie winkte, sie grte Bekannte und
Unbekannte, streckte die Hand zum Wagen hinaus, reichte und drckte sie dem
Nchsten dem Besten, ihre ganze Seele schwamm in der Freude Frankreichs.
Blansche hatte keinen Begriff von den Leidenschaften und der Vernderlichkeit
der Menschen; in ihrem Kloster, von dem sie sich seit drei Tagen zum erstenmale
trennte, ging alles so sacht und eben, so grade und nothwendig zu, dort freuete
man sich auch, aber anders, stiller, innerlicher, sie wute gar nicht wie ihr
hier war, sie glaubte zuletzt, der tolle Strom werde sie unbarmherzig mit
fortziehn.
    Endlich waren sie vor der Kirche. Der Wagen hielt. Mit zitternden, wankenden
Knieen traten sie in den Dom. Es waren eben noch nicht viel Menschen hier
versammelt. Die Meisten trieb es nach Auen hin. Frau von Saint Alban kniete vor
einem Betpult, Blansche an ihrer Seite, beide, den Kopf auf die Brust gesenkt,
die Augen geschlossen, beteten unter leisen, immer wachsenden Schauern, je nher
der heranrollende Freuderuf den Namen des Knigs an ihr Ohr trug. Jetzt trat
Ludwig der Geprfte unter die leinene Halle. Sein wrdevolles, edles Angesicht
entfaltete sich heiter als er zwischen den getheilten Reihen hingetragen, nun
vor dem Hochaltar, den heiligen Boden betretend, niederkniete, und das Gebetbuch
aus des Erzbischofs Hnden empfing. Die Wunder einer groen, unerhrten Zeit,
die Gewalt gttlichen Willens, der mit dem Knig so sinnlich nahe trat, die tief
empfundene heilige Scheu vor dem Geweiheten des Schicksals, zgelte die
taumelnden Sinne. Minutenlang ward kein Athemzug gehrt, Blick und Minen lagen
in heiligen Banden, Blansche sahe zitternd vor sich nieder. Jetzt ward das:
Domine salvum fac regem angestimmt, ihr schwindelte, sie schlug die schnen
blauen Augen auf, die Kirche war gepfropft voll, die geprete Luft trat ihr zum
Herzen, die Tne schienen in wunderbaren Gestalten an ihr hinumzuziehn,
ngstlich umblickend streiften ihre Augen an einem jungen Mann vorber, der sich
nach ihr hinwandte und sie mit Theilnahme betrachtete. Die Haltung seines Kopfes
war beraus edel, er hatte die Arme bereinander geschlagen und schien in jeder
Bewegung gehalten. Die ganz schwarze Kleidung und das aufwrts gehobene, nach
einer Seite der Stirn hingeworfene, blulich schwarze Haar gab ihm zudem ein
dster ernstes Ansehn. Blansche zitterte heftiger, die Sinne vergingen ihr, sie
fhlte sich zusammensinken, als sie ein starker Arm umfate und sie gewandt und
schnell an dem kniglichen Gefolge hin, nach der Halle trug. Sie athmete tief an
des fremden Mannes Brust, sah dankbar in seine dunkle melankolische Augen, und
fhlte sich alsobald von ihm verlassen an der Seite einer ltlichen Frau, dem
kniglichen Leibarzt gegenber, der ihr geschftig die Schlfe mit starken
Wassern rieb, und sie wohlmeinend der frischen Luft entgegenfhrte.
    Sie erholte sich bald, doch sie fhlte sich mit Bangigkeit allein unter
Fremden. Sie schrie laut auf und strzte ihrer Mutter, die sich endlich zu ihr
durcharbeitete, schluchzend und mit einer Freude in die Arme, als htten sie
Jahre getrennt.
    An einen Pfeiler gelehnt, das Gedrnge an sich vorbeilassend, erzhlte
Blansche in groer Bewegung ihr kleines Abentheuer, whrend sie Armand und den
Wagen erwarteten. Die Mutter war voll Dankbarkeit, voll Ungeduld, den
gromthigen Ritter ihrer Tochter zu sehen, als Blansche rief, das ist er! das
ist er gewi! Frau von Saint Alban theilte die Menge, erreichte, fate den
jungen Mann - und lie nun ihr volles Herz in reichen Wortstrmen berflieen.
Der Fremde dankte bescheiden, doch einsilbig und nachdem er gefragt, ob er noch
ntzlich sein knne, entfernte er sich unter etwas stolzer, ernster Verbeugung;
die Tochter wie die Mutter sahen ihm gedankenvoll nach und fuhren, jedes in sich
beschftigt, nach Hause.

                                Drittes Kapitel


Als Blansche am folgenden Morgen zu ihrer Mutter kam, fand sie einen ltlichen
fremden Herrn, im dunkeln Frack mit dem Ludwigskreutz im Knopfloch neben ihr
sitzen. Frau von Saint Alban rief, sogleich auf sie zueilend, mit unglaublicher
Schnelligkeit: der Herzog, dein Oheim, liebste Blansche, der so lange Jahre mit
seinem Knig auf fremdem, unheimathlichen Boden lebte und litt, er ist in alle
seine Wrden wieder eingesetzt, er liebt uns wie immer, er will unser Glck; wir
werden knftig bei einander wohnen und alles, alles Leid ist vergessen. Sie
drckte die Tochter heftig an sich, und warf sich dann in groer Rhrung an des
Herzogs Brust. Dieser erwiederte schweigend, mit liebreichem Ernst und herzlich
wohlmeinender Geberde der Schwester rasche Freude, indem er sich etwas beeilte
die junge anmuthige Nichte in angebohrner Galanterie und hfisch bequemer Sitte
zu begren.
    Blansche besa jene anmuthige Verbindlichkeit der Worte und Minen, welche
schnell in ein unbefangnes Verhltni setzt. Ihre Bldigkeit schwand sogleich
vor einer tief empfundenen innern Berhrung, es blitzte dann etwas von der
Lebhaftigkeit der Mutter hervor, doch weniger glhend, eher wehmthig heiter.
Die groe Unschuld ihres Sinnes hielt noch jeden herben Lebensstreit fern,
welcher Leiden schafft und ber die Grnzen vollstndiger Natur hinausstreift.
Doch ffnen sich die Tiefen des Daseins oft vorahndend in jungen Gemthern, und
machen das Gefhl an sich ernst und heilig in der innerlichen Erwartung naher
und groer Lebenserfahrungen. Wenn daher der Oheim in ihr klares, weiches
Gesichtchen wie in die Maientage seiner Jugend verjngt zurcksah, so empfand
sie ihrer Seits voll Ehrfurcht und Theilnahme bei seinem Anblick die schwere
Arbeit der Zeit.
    Der Herzog betrachtete sie mit vergleichenden Blicken auf die Mutter, es
schien, er suche die Vergangenheit in neu belebten, redenden Zeichen wieder auf.
Doch lie sich hier eben keine sonderliche Uebereinkunft finden. Frau von Saint
Alban war von kleinem, zartem Bau und sehr lebendiger Gewandtheit, ihre groen,
feurigen Augen beleuchteten in spielenden Blitzen ein bleiches Gesicht und
beraus bewegliche, feine Zge. Ohne Unruhe oder ngstigende Ueberflle in ihrem
Wesen zu spren, empfand man doch eine hchst empfngliche, stets mit Vielem
beschftigte Seele, ihre redende Physiognomie reflektirte das Auen- und
Innenleben in ununterbrochener Berhrung, und schien nur auf diesem Wege die
Sicherheit der Reife erlangt zu haben. Man fhlte sich ihr gegenber behaglich
angeregt, zu Theilnahme und Mitleben getrieben. Blansche im Gegentheil war hoch
und schlank, ihre stillen, edlen Zge strahlten im Frieden unangeweheter
Jugendblthe, die schwimmenden blauen Augen empfingen ihr sanftes Licht nur von
der Eintracht innerer Unschuld und Gte. Der Gang, die Bewegungen waren leicht,
doch leise und eben, nirgend eine Spur leidenschaftlicher Heftigkeit, und zog
auch eine dunkle Frage, eine unverstandene Bangigkeit durch sie hin, so perlete
wohl ein Thrnchen in den Augen, aber der ruhige Einklang des holden Ganzen
blieb ungestrt. Man konnte sie Stundenlang sehen, empfinden, ohne sich etwas
anderen als wachsender Liebe, freudiger unbekmmerter Hingebung bewut zu
werden, ihre anmuthige Nhe war durchaus beschwichtigend und heiter.
    Das eine schne Kind, sagte der Herzog zur Schwester gewandt, ist dir allein
noch geblieben. Ach Trgis! mein Trgis! rief Frau von Saint Alban aufs
lebhafteste erschttert. Alle Freude war aus den Blicken, aus der Seele
pltzlich weggewischt, sie konnte sich kaum fassen und die Erinnerung ber das
wunde Herz hinziehen lassend, lehnte sie, das Tuch vor den Augen, den Kopf
abwrts von dem Bruder, an einen Wandpfeiler. Der Herzog sahe fragend auf
Blansche. Diese entgegnete leise, um die Mutter zu schonen: mein Bruder fiel
ohne Zweifel in Spanien, wir haben seitdem nicht wieder von ihm gehrt. Im
Dienste des Tyrannen? unterbrach sie der Herzog heftig. Blansche senkte die
Augen. War das nicht zu vermeiden? setzte er begtigend hinzu. Es giebt
Verhltnisse, Herr Herzog, sagte Blansche schchtern, die Augen noch immer nicht
aufschlagend, welche das Gefhl bezwingen und uns harte Pflichten auflegen, mein
Bruder hat das sehr bitter empfunden. Die Ehre, gutes Kind, erwiederte der
Oheim, ist immer die erste Pflicht: Ach, seufzte Blansche, ich hrte den armen
Trgis wohl sagen, in unserm unglcklichen Frankreich habe man nur die
persnliche Ehre zu retten. Dem jungen redlichen Gemthe bleibe glcklicher
Weise noch der Degen sich selbst einen Weg damit zu bahnen.
    Der Herzog spielte, vor sich hinsehend, mit dem Stock auf den Teppich. Hm!
sagte er, halb in Gedanken, die Jugend - freilich, sie will leben - es ist ein
Unterschied, man sucht eine Wirksamkeit, einen Namen, und dann die Fesseln der
Zeit, alles Hohe und Groe in den Staub getreten. - Ach! rief er aufblickend,
htte er seinen Knig gesucht! Bruder, sagte Frau von Saint Alban, das trbe
Gesicht seitwrts nach ihm hingewandt, er hat wohl seinen Gott gefunden. Der
Herzog schlo sie sehr gerhrt in die Arme und uerte sich beruhigend und
liebreich ber ihren gerechten Schmerz.
    Es gelang ihm auch bald diesen zu mildern, man kam nach und nach wieder in
die vorige heitere Haltung zurck. Die kleine Erschtterung hatte sie unbewut
einander genhert, ein jedes hatte sich, vom Gefhle berrascht, unbewunden
geuert, man kannte, man schtzte sich in der bezeugten Treue fester
Gesinnungen. Entstehendes Vertrauen windet unwillkhrlich ein Band nach dem
andern vom Herzen los, man will sich in jeder Beziehung lieb werden, und alles
was im wohlbegrndeten Verhltni vielleicht unberhrt liegen bliebe, tritt
hervor, und macht sich Luft. Frau von Saint Alban hatte tausenderlei zu sagen
und zu fragen, der Herzog seiner Seits manches aus seinem abgerissenen,
zerstckelten Leben zu ergnzen. Die letzte Vergangenheit lag beiden gleich
nahe. Vieles wurde von den Sorgen und der Angst, von der heftigen Bewegung
geredet, welche groen Umwlzungen stets vorangeht, alles ward noch einmal
durchempfunden, und so kam man auch auf heute und gestern. Frau von Saint Alban
konnte den Eindruck nicht genugsam beschreiben, den der Anblick des Knigs auf
sie gemacht habe. Sie sagte, es sei ihr ein Zittern durch alle Glieder gegangen,
die Knie habe sich von selbst gebeugt und ohne es zu wissen, htte sie das
Domine salvum fac regem mitgesungen, wobei ihr nicht anders gewesen, als rolle
dumpfer Donner ber ihr hin und die Erde schwinde unter ihren Fen. Beiden
Geschwistern war es zugleich unbegreiflich und hchst rhrend einander unerkannt
so nahe gewesen zu sein. Frau von Saint Alban wute berall nicht viel von dem
was um sie vorgegangen war und wie ihre Tochter so pltzlich von ihrer Seite
kam. Sie uerte sich ber diesen letzten Vorfall mit behaglicher Liebe fr
Blansche und einer Art mtterlichen Triumpfs. Viel, sagte sie, gebe ich darum,
den jungen Fremden noch einmal wiederzusehen, ob er gleich meinen Dank etwas
frostig und sprde von sich wies. Hieran, fuhr sie fort und an den richtigen,
ohne Accent, gleichwohl etwas langsam und feierlich gesprochenen Worten habe ich
den Deutschen oder den Spanier erkannt. Und grade in diese beide Nationen, just
weil sie uns so hassen, bin ich ganz verliebt. Es war Charakter in der
Physiognomie, mein Bruder, das versichere ich dich, sehr viel Charakter, und
eine Melankolie und eine Weltverachtung, die unsere Theilnahme immer anregt,
wre es auch nur um den stolzen, kalten Sinn zu bezwingen.
    Blansche war whrend dem an das Fenster getreten und knpfte in bunten
Seiden allerlei Figuren und Bilder, der schwierigen Mosaic-Arbeit gleich. Der
Herzog ma lchelnd ihre schne Gestalt, und sagte leise zur Schwester geneigt,
wer wei, ist es diesem Engel nicht aufbehalten, den freundlich feindlichen
Fremden zu vershnen! Glaube mir, wir Franzosen brauchen solche Engel.

                                Viertes Kapitel


Frau von Saint Alban hatte recht gesehen. Der junge Mann, der ihre Dankbarkeit
verdiente, ihre Theilnahme, ihren Stolz reizte, war ein Spanier, Don Alonzo de
Mendoz. Seit Jahren in franzsischer Gefangenschaft, hatte ihn jetzt Ferdinand
der Siebente in Auftrgen nach Paris gesandt. Hier lastete die Luft
centnerschwer auf seiner Brust. Der pltzliche Umschwung uerer Gestaltung
konnte ihn weder mit der Gegenwart berhaupt, noch mit einer Nation vershnen,
die ihm in allen Bedingungen seines Wesens entgegenstand, die er aus
persnlicher nicht ausgewaschener Ehrenkrnkung, aus Grundsatz und Ueberzeugung
hassen zu mssen glaubte. Alles, bis auf die unbetonte, dumpf verschwimmende
Sprache war ihm an ihr in der Seele zuwider. Er hielt sich deshalb still und
eingezogen, und wehrte das Auenleben von sich ab, so viel es die Natur seines
Geschftes wie seiner Stellung zu hiesiger Welt erlaubte.
    Zu den Kunstschtzen flchtete er noch am liebsten. Sie ermangelten eben
auch durch rohe Gewaltthat heimathlicher Uebereinkunft, und er konnte sie sich,
losgerissen wie sie waren, ganz frei von aller strenden Beziehung aneignen.
    Unter den hohen Gebilden frherer, arbeitender Gedanken ward ihm das Herz
weit, er verga Zeit und Ort, sich selbst, und lie den beschwichtigenden
Eindruck stiller Harmonie friedlich ber sich walten. Er konnte sich so
hineinsehen und empfinden, da er, wie in vlliger Einsamkeit nicht allein,
wenig oder gar nicht auf solche achtete, die Neugier und Ruhmsucht, das
Auerordentliche gesehen zu haben, hieher lockte, sondern auch unbewut an
Gleichfhlende vorberging.
    Wie sich inde der Mensch auch umbauen und verschanzen mag, Empfnglichkeit
ohne Mittheilung wird zur drckenden Ueberflle. Man schwelgt ungesellig,
heimlich und im Dunkeln. Das Licht des antwortenden Auges fehlt. Herz und Gemth
brauchen den spiegelnden Strom der Rede, um sich klar zu werden.
    Unzhligemal schwebte auf Alonzos Lippe ein Laut der Bewunderung, jener
staunende Ruf der Seele, die pltzlich das Geahndete erkennt. Aber er drngte
ihn ngstlich in sich zurck, und erstickte fast im Uebermaa des Entzckens.
    Sehr willkommen daher, wenn gleich berraschend, war es ihm, als er eines
Tages einen jungen preuischen Offizier an seiner Seite vernahm, der mit
gleicher Lust und Innerlichkeit aufmerksam ein vor ihnen stehendes Bild
betrachtete, und das beseelte Auge langsam zu Alonzo hinwendend, ihn bequem und
sicher in spanischer Sprache anredete.
    Alonzo ehrte die preuische Armee weit mehr als er es sagen konnte, er
achtete die Ration wie die seine, und konnte nicht ohne demthige Rhrung den
reinsten Heldenknig sehen und nennen hren. Wenn er gleichwohl die
ehrenwerthesten aller Kampf- und Waffengenossen auch jetzt nicht aufgesucht
hatte, sich nicht von ihnen finden lie, so lag es wohl darin, da der Spanier
wie der Deutsche niemals unaufgefordert in des Andern Weg tritt, und beide es
verschmheten die franzsische Sprache in diesem Augenblick zur Vermittlerin zu
machen. Denn es ist natrlich und dem Menschen eigen, sich von dem mit
Widerwillen abzuwenden, was man los zu werden einmal beschlossen hat. Es fiel
daher jetzt jede bisherige Scheidewand vor Alonzo nieder. Hatte ihn frher die
frische, frhliche Weise der tapfern Preuen, ihre naive Wibegier und
aufmerkende Theilnahme eben so wie die abhaltende Hflichkeit ihres Benehmens
erfreuet, so gelangte er hier durch die Flle frei und krftig gebildeter
Knstlernatur, den Scharfsinn und die gemthvollste Gewandtheit unversehens zum
Einverstndni deutscher Nationalitt.
    Wer sich eine Zeitlang vor der Welt verschlossen und alles daraus abgewehrt
hat, was ihn ansprechen knnte, wird dem neu hineinfallenden Lebensstrahle um so
mehr Gewalt ber sich gnnen mssen. Die wohlthtige Wrme und Klarheit eines
hellen Gesprches treibt Blut und Sinn und Worte zu schnellerem Lauf, ein Funke
zndet den andern, es glhet von allen Seiten. Gedanken brennen zusammen, die
Flamme leuchtet weit ber die gewohnten Grnzen hinaus.
    Alonzo fhlte sich immer freier und verstndlicher, sein Gefhl immer
lebendiger umgetrieben, je leiser und sachter der junge Fremde ihm entgegentrat,
ohne ihn gleichwohl absichtlich suchen zu wollen. Beide gingen bald von der
Kunst zu dem Leben und der Gegenwart ber, und in den Slen, als der gemeinsamen
Heimath, auf und ab gehend, redeten sie ohne Zwang ber den gemischten und
hchst wunderbaren Eindruck, den Paris unter den gegenwrtigen Zeitumstnden auf
sie mache. Alonzo htete seinen Ha zu sorgfltig, um ihn in Worten zersplittern
zu wollen, er uerte sich nur im allgemeinen, da er den ganzen Streit nicht
fr geschlichtet halte, so lange noch ein Einziger in dem eigenen Bewutsein
gefesselt bleibe. Er knne sich nun einmal mit der Freiheit nicht beruhigen, die
ihm Andre erkmpften. Teuflische List habe ihn um die Mitwirkung betrogen und
da er das nicht rchen drfe, hetze ihm eben das Blut durch alle Adern. Ehe
gebe es auch keine Ruhe fr ihn, bis dies heie Blut auf eine oder die andere
Art sich gekhlt habe. Der Deutsche war bei weitem milder. Er konnte manches
Tadelnswerthe nicht in Abrede sein, gleichwohl ging er, als etwas
Auerwesentlichem, nur leicht darber hin. Ueberall betrachtete er in dem Ort
nicht sowohl die Hauptstadt Frankreichs, als vielmehr den Brenn- und
Scheidepunkt ungeheurer Reibungen, die sich hier sichtend, befriedigt und
vollstndig in die ruhige Natur ihrer Bestimmung zurcktreten mten. Die
wechselnden Berhrungen so verschiedenartiger Elemente, fuhr er fort, knnen
schon an sich nicht kalt lassen, zudem spiegeln sich die groen Ereignisse in
eines jedem Dasein eigenthmlich zurck, und wenn man acht darauf hat, werden
Kunst und Leben eben nicht zu kurz dabei kommen.
    Alonzo hatte ihn unter dem Reden aufmerksam beachtet. Es ging ein leises,
weiches Minenspiel ber sein jugendlich braunes Gesicht, das die Zge hchst
angenehm belebte. Um den Mund vorzglich schwebte ein feines sittiges Lcheln,
in welchem sich Gte und Schalkheit wunderbar mischten. Er ffnete die Lippen
nur wenig, wenn er sprach, doch ohne den Ton zu pressen, schlpften die Worte
behend, wie leichtfertige Boten darber hin, whrend sich der kaum
hervorgelockte Bart wie ein ernster Wolkenstreif darber hinzog. Die Augen waren
den stillen Grubenlichtern zu vergleichen, die in ihrem dunklen Glanz sicher in
tiefe Schachten dringen, ohne durch flackernden Schein die Sinne zu irren. Er
trug sich wohl und edel, ob er gleich weder gro noch hervorstechend gebauet
war. Gestalt, Ton und Geberde, alles an ihm verkndete innere Uebereinstimmung,
die in ihrer leisen, biegsamen Sicherheit nichts abwehrt und sich immer bewahrt.
    Es war nicht leicht mglich den bildenden Knstler in ihm zu verkennen. Auch
erfuhr Alonzo bald im Laufe des Gesprchs, da er Mahler sei, Philipp heie und
als Freiwilliger nur fr die Kriegszeit Soldat geworden, jetzt in die stille
Knstler-Laufbahn zurcktrete.
    Beide schieden darauf mit dem Versprechen, einander wieder aufzusuchen. Als
nun Alonzo einen herrlichen Barber Hengst bestieg, der drauen am Thore auf ihn
wartete, blieb Philipp mit untergeschlagenen Armen vor ihm stehn, und sagte
lchelnd: Alonzo gebe ihm das Bild zu einem ritterlich maurischen Helden der
alten Spanierwelt, auch spre er etwas von der eiferschtigen Gluth in seinen
Augen, er wolle sich hten, ihm in den Weg zu treten. Alonzo sah sich nicht
ungern in jene Zeit zurckgewiesen, und als Philipp schalkhaft grend, in eine
Seitengasse bog, blickte er ihm mit einer Befriedigung und einem Wohlwollen
nach, wie er es lange nicht in dem Maae empfanden hatte.
    In dieser erhheten glcklichern Stimmung ritt er ganz behaglich durch den
khlen Abend hin, ohne sonderlich von dem lstigen Schwarm umher gestrt zu
werden. Die Nhe liebenswrdiger Menschen hebt uns immer eine Zeit lang ber uns
selbst hinaus, und trennen wir uns nun, so glimmt und dmmert das Herz noch eine
Weile in sich fort, ohne da wir uns gerade davon Rechenschaft geben. Wir knnen
nicht sagen was in uns vorgeht, wir lassen das Unbekannte eben walten. Alonzo
erging es nicht anders.
    Die duftigen, verschwimmenden Abendlichter schienen sich in seinem Innern
zurckzuspiegeln, er trumte so nachempfindend fort bis ihn das ganz
unertrgliche Gedrnge an den Boulewards hin, alle zehn Schritt einmal zwang,
seinen unruhigen schnaubenden Barber anzuhalten. Das stolze Thier warf
ungeduldig den Kopf in die Hhe, und machte mahl auf mahl Mine, ber alles das
wegzusetzen, Alonzo mute in einem Strafen und Zgeln bleiben. In diesem
unbequemen Geschft rgerte ihn so viel zwecklose Beweglichkeit, das heisere
Durcheinanderschreien, die Fremden, die sich nach dem Grterlebten in
eingefleischtem Vorurtheil, zu dem Unbedeutenden drngen konnten, die
vergiftende Thorheit, der Schmutz, die Snde doppelt und dreifach, und er wrde
es dem Barber just eben nicht verdacht haben, wenn er den Boden aufwhlend all
der geschftigen Verdorbenheit ihr Grab gegraben htte. Im hchsten Unwillen
hielt er hart an einem krzlich eingescherten Hause. Tanzende Affen,
Leierkasten, Marionetten, Struermdgen und Betteln der Invaliden,
Hundecomedien und Vaudeville-Snger, alles schwirrte, gaukelte und prete sich
an ihm hin. Auf einem niedergebrannten Pfeiler dicht neben ihm sa ein braunes
Mdgen von zartem Alter in knappem blauen Kattunhemd und drber hingeworfenem
dunkeln Mantel, dessen Risse und Schlitzen und abgetragene Wolle eine
weitluftig berkommene Erbschaft verriethen. Neben ihr kauerte sich ein altes,
drres Mtterchen frstelnd zusammen, die blinden Augen in der Kleinen Schoos
gedrckt. Diese sang in demselben leiernden Ton, die gefaltenen Hnde von Zeit
zu Zeit mit auswendig gelernter, zur Gewohnheit gewordener Geberde gen Himmel
hebend; um Gottes und des Heilands Liebe willen, fr eine arme Blinde ein paar
Sous. Alonzo warf ihr Geld hin! Das Kind stand auf und verneigte sich, indem sie
ihr: Herr, Gott wird es Ihnen vergelten: eben so nothwendig, eben so eintnig
wie die frhern Worte hersagte. Die Alte aber, vom Klange des Geldes aufgeweckt,
richtete sich in die Hhe und mit den geschlossenen Augen mhsam zu Alonzo
hinaufblinzelnd, rief sie: das schnste Herz Frankreichs wird so viel Gromuth
lohnen. - Alonzo schauerte zurck, theils vor dem gespenstischem Anblick des
Weibes, theils vor der unwillkommenen Prophezeihung. Er wandte sich mit einiger
Heftigkeit, doch die Blinde reckte sich, auf den Schultern des Mdgens gesttzt,
zu ihm hin, indem sie sagte: Bereuen Sie es ja nicht, wenn es Sie bereilte, es
ist auch zu Ihrem Glck.
    Alonzo glaubte, sie fasele, er wute im Grunde nicht recht was sie wolle,
das eben ngstete ihn. Er spornte sein Pferd an und theilte in ein paar wilden
Galoppsprngen die gaffende Menge, die bewundernd nachrief: herrlich! herrlich!
auf Ehre echt englisch! - Die Thoren! dachte Alonzo, ohne im Herzen ganz sicher
zu sein, ob es nicht ebenfalls Thorheit genannt werden knne, sich durch ein
paar Worte so jagen und hetzen zu lassen. -

                                Fnftes Kapitel


Er konnte gleichwohl den wsten Eindruck jener Worte mehrere Tage hindurch nicht
los werden. Und was ihn vollends belstigte, war die Nothwendigkeit, mit
verschiedenen Behrden verhandeln zu mssen, wozu ihn die Beschaffenheit seiner
Sendung ganz natrlich verpflichtete. Berhrungen der Art waren ihm stets
verletzend. Er konnte nun einmal sein Gefhl nicht bezwingen. Er empfand die
Verschiedenheit diplomatischer und ritterlicher Galanterie ums o schrfer, je
reiner das letztere Element in ihm ausgesprochen war. Was auch die franzsische
Behendigkeit ersinnen, was die regelrechte ausgleichende Sprache auch
verbindliches sagen mochte, er ahndete, er sah berall den Hohn, die
Geringschtzung leichtsinniger Beschrnktheit; und unertrglich drckte ihn die
versteckt gehaltene Ueberlegenheit, mit welcher Besiegte zu ihren Siegern reden
durften. Ihm kochte das Blut jedesmal, da er so oft etwas hnliches hrte, alle
Sinne geriethen in Aufruhr, er mute sich selbst entfliehen, und Ha und Stolz
und jede heie Regung beleidigter Natur tdten, um Sitte und Anstand retten zu
knnen.
    Ganz ermattet von so unseligen Kmpfen, flchtete er einst zu Philipp,
dessen Wohnung er ausgemittelt hatte. Der junge ritterliche Knstler sa im
dunkeln, leicht umgeworfenen Mantelkragen, mit bergeschlagenem Hemdestreif und
entbltem Hals, pfeiffend vor einer saubern Staffelei. Alonzo blieb ganz
verwundert vor ihm stehen. Wie denn, sagte er, sie haben Lust und Mue gefunden,
hier selbst etwas zu bilden? Wo nehmen sie nur den Frieden, die Eintracht im
Innern her? Nun, entgegnete jener lchelnd, was soll ich mich weiter in dem
Tumult verlieren! Auch sind mir die Eindrcke nicht so neu, ich war frher hier
und finde daher manchen unbesetzten Augenblick. Mir schien es billig, da ich
dem einzigen beruhigenden Eindruck, den ich hier empfing, Gestalt und Dauer gebe
und ein vershnendes und werthes Andenken aus so merkwrdiger Zeit in die
Heimath zurckbringe. Alonzo war nher getreten. Er sah zur Zeit nur die noch
erst hchst drftig und weich gehaltenen Umrisse eines Engelskopfes auf dem
Leinen. Das Gesichtchen blickte beraus unschuldig aus einer weilichen
Lichtwolke hervor, die fast blendend an dem nchtlichen Himmel vorberzog.
Unterwrts arbeitete ein dunkel wogendes Meer, dessen nakte, kalte Kreideufer in
wunderlich hieroglyphischen Spitzen und Zacken heraussprang. Den Hintergrund
deckten tiefblaue Dunststreifen, man unterschied keinen einzigen Gegenstand. Die
schauerliche Einde und tief empfundene Seele des Bildes erfllte Alonzo mit
Ehrfurcht. Er hielt das Ganze fr eine Vision, deren der Knstler hier gewrdigt
worden und sah andchtig auf dessen Arbeit.
    Wie inde nicht leicht im Innern ein Ton angeschlagen wird, den forthallend
nicht noch viel andre Klnge und Stimmen wecken und sich ganz eigne Akkorde und
Chre bilden sollte, so rauschte auch jetzt etwas durch Alonzo hin wie der
dunkle Flgelschlag der Nacht, von dem die einsame Seele in Sehnsucht erbebte.
Alle Empfindungen wurden wach, sie fuhren schauernd aneinander, das Herz stockte
fast in den gewaltsamen Wirbeln. Er hatte sich ber Philipps Sessel gelehnt, und
sah und empfand sich in das Bild hinein, ohne eben deutlich zu denken oder gar
zu reden. Die Arbeit ging inde still fort. Philipp war ohnehin nicht einer von
vielen Worten. Es war ihm schon recht, da nichts Fremdes in sein Thun und
Sinnen hineinfiel, Alonzos Blicke begleiteten ihn vielmehr auf ganz eigene,
geheime Weise. Mehr und mehr ging ein warmer Hauch von dem Lichtglanz der Wolke
aus, Philipp selbst bog sich fast geblendet zurck, das strahlende Engelsgesicht
sah wie ein Friedensbote zwischen silberne Mondflmmchen hindurch, die
Landschaft war unbegreiflich hell geworden, die wste Angst der Nacht sank ganz
zusammen. Pltzlich fuhr Alonzo mit beiden Hnden ber die Augen, er sah und
sah, seine Blicke wurden immer fester, immer flammender, mein Gott, rief er, wie
kommen Sie grade zu diesen Zgen? das ist ja das Gesicht des Mdgens, das ich
neuerlich aus dem Gedrnge der Cathedrale trug. Thaten Sie das? fragte Philipp,
den Kopf nach ihm hinwendend, nun da kann es ja sein, da es dieselbe ist, die
ich neben der Mutter knieend, in so seligem Schauen des reinen, ungetrbten
Himmels fand, da ihr still entzckter Blick wie linder Engelsgrus ber die
unruhig wirre Menge zu schweben schien. Ich habe nie etwas Klareres gesehen. Die
blonden Haare spielten so kindlich weich um Schlfe und Wangen, der
eingeflochtene Lilienkranz spiegelte sich in dem ruhigen Schein der Stirn
zurck, doch nichts glich dem lsenden, beschwichtigenden Zauber jener
schwimmenden, ganz von Begeisterung aufwrts gehobenen Augen, sie sahen, sie
empfanden nur das Licht ewiger Liebe. Nirgend noch begegnete ich so fester
Andacht in Mitten so sndlichen Tobens.
    Philipp hatte mit groer Lebhaftigkeit geredet, die Begeisterung spielte in
rthlichen Streifen auf seiner Stirn, seine Augen schienen grer als sonst, sie
bewegten sich leuchtend in ihren Kreisen. Doch wie die Jugend oft beschmt da
inne hlt, wo sie mit liebenswrdigem Selbstvergessen ber sich hinauszugehen
bereit war, so zgelte auch hier anmuthige Bldigkeit Philipps Zunge, er
schwieg, sah Alonzo noch einen Augenblick nachsinnend an, und wandte sich dann
zu seiner Arbeit zurck.
    Daher also, sagte Alonzo zerstreuet. Wie konnte Sie nur die Franzsin so
begeistern? Das lassen Sie sich weiter nicht anfechten, entgegnete Philipp, das
kommt hier ganz und gar nicht in Betracht. Es ist Gottlob nicht sowohl die
Frage, wo sich ein Knstler befindet, als ob berhaupt ein Knstlerauge da ist,
denn Offenbarungen denke ich giebt es berall!
    Alonzos Blicke hingen unverwandt an dem Bilde, er schien ganz
hineingewachsen. Offenbarungen, wiederholte er langsam, giebt es berall! Und
alle Werkzeuge der Offenbarung sind geheiligt? Fragen Sie sich das noch,
unterbrach ihn Philipp lchelnd? Alonzo wandte sich mit einiger Heftigkeit
abwrts. Er trat zum Fenster und starrte mehrere Augenblicke finster in die
dunkle, unter menschliche Thorheit veraltete und verjngte Stadt; Ha und
Unwille behaupteten wieder ihr verjhrtes Recht. Er athmete tief auf, und ohne
das Bild weiter anzusehen, reichte er Philipp die Hand, drckte und schttelte
sie und fragte mit abwehrender Eile: wo treffen wir einander nun wohl wieder?
Jener sah ihn etwas befremdet an, doch eine leise Empfindlichkeit schnell
unterdrckend, entgegnete er heiter und zuversichtlich: Nun es trifft sich ja
wohl bald einmal auf diese oder die andre Weise.
    Er war aufgestanden und beschftigt, Pinsel und Palette an die Seite zu
legen. Das Bild stand frei. Alonzos Blicke streiften unwillkhrlich daran hin.
Er ri sich unter glhendem Errthen davon los, als Philipp wieder zu ihm
gekehrt, seinen Augen begegnete. Alonzo drckte den jungen, anmuthigen Knstler
an seine Brust und flog wie ein Getriebener aus dem Zimmer.

                                Sechstes Kapitel


In Paris war es inde nach und nach zu einer gewissen Ordnung gekommen. Die
Eingebornen hatten sich in gnzlicher Sicherheit beruhigt, die Fremden leidlich
gewhnt. Das Neue war alt geworden. Kein Mensch wunderte sich mehr. Man
langweilte sich so alltglich aneinander hin, und die Stadt wrde vergessen
haben, wie ihr geschahe, htten Kaiser und Knige nicht von Zeit zu Zeit ihre
Truppen zur Heerschau versammelt. Dahin drngte denn doch immer wieder Alt und
Jung. Man ward es nicht mde die schnen, krftigen Gestalten, den Glanz, die
Behendigkeit und wrdig stille Haltung der ritterlichen Helden zu bewundern. Der
Trompete weckender Klang, der Waffen heller Schein, das Hurrah, der
pfeilschnelle Flug behender leichtfiger Pferde, das Leben, die Bewegung war
doch jedesmal wieder neu und verlockte Herz und Augen.
    Einst hatte der Knig von Preuen seine Garden zusammenberufen. In langen
glnzenden Reihen fllten sie die Avene von Saint Germain. Ihr kniglicher
Fhrer hielt neben dem unvollendet gebliebenen Triumpfbogen von Jena. Die Lust
ewiger rchender Vergeltung blitzte aus Aller Augen. Ohne Stolz, mit
treuherziger Vergnglichkeit sahen die zuversichtlichen, ehrenfesten Krieger auf
jenes schmhende Denkmal, und nachdenklich erwogen sie, wie wunderbar Gott der
Zeit und den Krften gebiete, nur fertige, was bestehen solle.
    Unzhlige Wagen hielten dicht aneinander gereihet, unzhliges Volk wimmelte
dazwischen, Adjudanten und Commandirte rauschten nur so eben an den Zuschauern
hin, man hrte nicht den Hufschlag ihrer Pferde, halb schreitend, halb fliegend
schienen diese kaum den Erdboden zu berhren. Federbsche wogten, Bajonette
blitzten, Helm und Kra leuchtete golden in spielenden Sonnenstrahlen. Voll und
gewaltig schmetterten helle Kriegsklnge dazwischen, alles Leben wurde wach,
alle Herzen schlugen freier, man musterte, verglich und lobte nicht mehr, man
sahe, man jubelte nur.
    Alonzo hielt im Gefolge eines englischen Generals nahe an der Barriere de
l'Etoile. Hier hatten sich viel Wagen zusammengedrngt, der Lrm war ungeheuer,
Alonzos Pferd wieherte jedem Trompetensto nach, und stampfte und schttelte
schumend an dem zgelnden Gebi. Er strich ihm wohl begtigend den schlanken
Hals, und meisterte und wendete sich mit ihm bald rechts bald links, aber in der
Seele war ihm wie dem feurigen Thier; vorwrts! rief es mit tausend Stimmen und
die Zhne zusammenbeiend, schlug er die zndenden Augen gen Himmel. Er
beachtete es nicht, da dicht hinter ihm viel Lrmens und Gelchter war; ein
junger franzsischer Offizier sprengte mit fliegendem Ellenbogen und
schwerflliger Beweglichkeit bald hin bald her, hatte berall zu sehen und zu
reden. Jetzt bog die lange Wagenreihe etwas seitwrts, die Preuische Garde d
Corps marschirte vorbei. Unwillkhrlich lief ein leises Murmeln durch die Menge,
man hatte nie etwas Schneres gesehen. Ernst und gemessen ging der Zug vorbei.
Alonzos Herz bebte bei dem Rasseln der Waffen, dem stolzen, sichern Tritt der
Pferde, dem heitern Glanz freudiger Maiengesichter. Er hatte sich etwas
genhert, um genauer zu sehen. Sein Pferd arbeitete und drngte ungestm an die
Wagen hin, er war gezwungen es zu beachten als er eben an einem perlfarbenen
Muschelwagen mit silbernen Verzierungen streifte und durch einen gewaltigen Satz
ein junges schlankes Frauenzimmer tdtlich erschreckte, die mit dem Rcken gegen
ihn gewandt, die eine Hand auf dem Knopf des Schlages gesttzt, stehend, die
Regimenter vorberziehen sah. Sie fuhr leise aufschreiend zusammen, und blickte
etwas bleich und verstrt nach dem schnaubenden Barber um. Ein leichter Strohhut
mit blarothen Rosen beschattete das feine Gesichtchen, gleichwohl waren diese
Augen nicht zu verkennen, Alonzo neigte sich berrascht vor seiner Unbekannten
aus der Kathedrale. Der junge laut bewegliche Franzose, der sich schon frher
viel um diesen Wagen zu schaffen machte, hielt auf jener Seite, so da er
Blansche gegenber war, er machte in diesem Augenblick eine etwas rasche
Bewegung zu Alonzo hin, ffnete die schmahlen, eingezogenen Lippen und stand im
Begriff etwas Scharfes zu sagen, als sich Fahrende und Reuter pltzlich in
Bewegung setzten und alles aneinander und durcheinander zur Stadt lenkte.
    Alonzo war immer grader und hher auf seinem Pferde geworden und schien noch
jene gedrohete Anrede zu erwarten. Jetzt scho er pfeilschnell nach der Barriere
zu, er htte die Welt darum gegeben, dem bermthig fragendem Gesicht noch
einmal zu begegnen, aber das wste Gewirr wickelte sich immer dunkler, immer
unkenntlicher in einander, ganz von weitem zeigte sich die silberne Muschel von
vier Apfelschimmeln gezogen, noch einmal. Alonzo hielt die Hand wie geblendet
vor die Augen. Als er wieder aufsah, stand ein allerliebstes zierliches Kind,
mit den aufgehobenen Armen ein Krbchen voll der glhendsten Rosen haltend,
neben ihm. Mine und Geberde sagte: schner lieber Herr, kaufen Sie doch. Alonzo
blickte ganz tiefsinnig in die hellen Rosenlichter, es trabte ein Preuischer
Freiwilliger vorbei und sang:

Ihr habt uns geladen
Wie ringen wir baden
Durch Blut und durch Wolken
An's herrliche Ziel.

Alonzo hatte frherhin auf spanischem Boden tapfere Deutsche gekannt, die der
allgemein heiligen Sache im fremden Streite dienten. Das Wort Blut war ihm
wohlbekannt, es fiel wunderbar in sein Ohr; er wandte sich nach dem Reuter und
griff fast zugleich in das weiche Blumenmeer, die rothen, duftenden Wellchen
spielten khlend um seine Finger, er fate eine Hand voll Blumen und sagte ganz
unwillkhrlich: rothe Rosen, rothes Blut: und Geld in das Krbchen werfend,
trabte er ganz in sich versunken nach seinem Quartier.

                               Siebentes Kapitel


Hatte Alonzo bis dahin still und verborgen gelebt, so hielt er es jetzt seiner
Ehre gem, berall, so viel sichs thun lie, an ffentlichen Orten zu
erscheinen. Kein Mensch sollte ihn vergebens suchen, keine an ihn gerichtete
Frage unbeantwortet bleiben. Er war dehalb, alles Widerwillens ohnerachtet,
fast zu jeder Stunde im Palais Royal zu finden. Sein stattlich stolzes Wesen,
der feste Trotz, mit dem er etwas zu erwarten schien, die kalte Geringschtzung
in Blick und Minen bezeichnete ihn bald genug. Karikaturen und Vaudevilles
malten den tiefsinnig sprden Spanier auf komisch neckende Weise, ohne da er
selbst eine Ahndung davon hatte. Sein Auge war auf ganz Anderes gerichtet. Mit
scharfem Adlerblick fate er jedes verwandte Gesicht, ohne gleichwohl seinen
Mann finden zu knnen.
    Unwillkhrlich hatte er denn doch manche Bekanntschaft gemacht, sich manchem
Kreise angeschlossen. Es konnte nicht fehlen, da er hin und her zur Theilnahme
gezwungen, in Gesprche verwickelt ward, in denen er ein tiefes, beraus edles
Gemth offenbarte. So fand er sich bald gesucht und schon in den ersten Tagen
unter mehreren verbndeten Offizieren einheimisch. Es kam hier vieles zur
Sprache, das die gemischten, oft verletzenden Verhltnisse der Zeit mit immer
gesteigertem Unwillen aus den emprten Herzen ri, man stachelte sich so
gegenseitig und es sprheten Funken, die oft nur des zndenden Gegenstandes
ermangelten, um hell aufzuflammen. Niemand machte just ein Hehl daraus, da er
das Land, die Stadt und die Einwohner hasse, da dies Gefhl rechtmig und nun
und nimmermehr auszurotten sei. Wir haben es leider nur allzuzeitig vergessen,
sagte einst ein wackrer Oestreicher, wie uns seit dem spanischen
Successionskriege her und wohl frher dies Volk gehofmeistert und durch seinen
sndlichen Einflu unterjocht hat. Das waren Franzosen wie jetzt. Man sagt
immer: die Revolution und der Napoleon habe alles so schlimm gemacht, aber es
lese nur Eins wie es damals zuging, Treue und Glauben war niemals drin.
    Da hinter, sagte ein blonder, hochgewachsener Brandenburger, sind nun wohl
nach grade auch alle gekommen, mit dem Vertrauen ist's meist aus und jedweder
bleibt gefat und auf seiner Hut. Was schmeichelt man ihnen denn noch lange,
unterbrach ihn der Oestreicher, und lt sie glauben, sie seien nicht besiegt.
Es htte nicht viel gefehlt, wir maten die grnen Zweige verstecken, weil ihnen
das ehrenwerthe Feldzeichen in die Augen schlug. Darf sich wohl Einer rein
heraus Sieger nennen, wir umgehen und umgehen das Wort und thun mit ihnen, wie
mit kranken Kindern, darber werden sie vollends thricht und vorlaut. Ich
glaube, sagte der Brandenburger aufstehend, man macht es mit den Franzosen wie
mit den Besessenen, man scheuet und windet sich vor ihren krampfigen Zuckungen,
und lt sie laufen. Ich habe nur eine Zeitlang das Wesen so mit angesehen, und
all' die Manvres und Kunststckchen vormachen lassen, es war mir spahaft
genug, da sie mich zu imponiren glaubten, aber es nehme mir kein Mensch bel,
lange hlt man das nicht aus, zuletzt wird man ganz mde und matt und geht ihnen
gern aus dem Wege.
    Ein feiner, schlanker Russe, der eine Zeitlang lchelnd in den Streit hinein
gesehen hatte, sagte jetzt in etwas gepretem weichem franzsisch, wir htten
doch alle sammt unrecht, die Nation zu hassen, da wir ihrer Sprache jede
gesellige Mittheilung und selbst den jetzigen, kameradschaftlichen Verkehr
verdanken. Auch knnen wir es uns nicht wohl ableugnen, da, die
augenblicklichen Miverstndnisse abgerechnet, Paris der Sitz aller urbanen
Gewandheit, des feinsten Gesellschaftswitzes und einer Cultur ist, wie wir sie
anderswo nur im matten Wiederscheine finden. Die Franzosen bleiben immer unsre
Vorbilder und wir streben vergebens sie zu erreichen. Gestehen wir es nur, wir
bleiben bei allem Stolz weit hinter ihnen zurck. Solch Streben, fiel der Preue
ein, verdient solchen Lohn. Gottlob! bei uns ist die alte Comdie ausgetrommelt.
Es bringt sie kein Mensch mehr aufs Tapet. Wir fangen denn doch nach grade an
uns zu ehren. Im Selbstgefhl liegt die Selbststndigkeit, darauf soll der
deutsche Ritter wieder seine Burgen bauen, und denn wirds auch mit der
vielgepriesenen Welt- und Gesellschaftssprache ein Ende mit Schrecken nehmen.
Ich sehe gar nicht ein, weshalb sie nicht zu entbehren sei. Es kommt nur darauf
an, da nothwendiger Ausgleichungen im Leben wegen, das klassisch, poetische
Italinisch Hofsprache werde. Welch ganz anderer Geist wrde in die Gesellschaft
bergehen. Und gleichwohl, fiel der Russe ein, bestechen die Franzosen uns heut
wie immer, uns reitzt und lockt die Meisterschaft dessen, was wir kennen, ohne
es zu knnen. Mich nicht, fiel ein alter Landwehroffizier ein, mich wahrhaftig
nicht. Ich wollte das Meer verschlnge das ganze Land, ehe ist doch keine Ruhe
in der Welt.
    Philipp war whrend dem hinzugekommen. Er lachte ber des alten guten Mannes
Eifer, und malte seinen Vernichtungswunsch noch deutlicher aus, indem er in den
Franzosen schon Seeungeheuer sahe, die nach tausend und tausend Jahren die
Uferfahrenden durch wunderlichen Spuk erschrecken wrden und deren rthselhafte
Fabeln die spten Nachkommen von diesem Kriege und der Ahnherrn tapfere Thaten
hren sollten. Man lachte und umspann Zorn und Unwillen in allerlei possenhaften
Ausfllen.
    Alonzo hatte sich etwas entfrbt als Philipp ihm zutraulich auf die Schulter
klopfte und neckend fragte: Wie nehme ich es denn, da Sie zu dem allem
schweigen? Was sollen Worte? entgegnete jener. Wir sehens ja, man khlt sich
gegenseitig wieder ab. Es ist immer ein miges Geschft, das Skelett eigner
Empfindung einem Andern ins Herz drcken zu wollen, jener wirft es heraus wie es
ihm beschwert und behlt hchstens einen widrigen Eindruck davon.
    Er hatte sich selbst im Reden erbittert und sah tiefsinnig und kalt an
Philipp hin. Dieser schlenderte neben ihm, an etwas anders denkend, hin Beide
traten in die Vorhfe des ungeheuren Gebudes. Es war schon spt, der Nachtwind
wehete khl. Im Caff de la Rotonde erlosch ein Licht nach dem andern. Die
Patrouillen gingen sphend umher, die Menge verlie sich. Mich friert, sagte
eine bebende Stimme dicht neben Alonzo, gehn wir, mir ist so angst, es ist Zeit,
niemand kommt mehr, alles wird still. Alonzo wandte sich nach der Stimme hin, er
erkannte die Blinde von den Boulevards, an der Hand des braunen Kindes. Da
steh'n noch zwei, flsterte dieses; wo? fragte die Alte. Die Kleine bog die
drre Hand der Mutter bittend nach Alonzo. Doch diese zog sie sogleich zurck;
la nur, sagte sie, la, tritt niemand mehr in den Weg, es ist keine gute
Stunde, sthre niemand, hrst du, komm, jeder hat sein Geschft, ach Gott, mir
wird so angst! Sie keuchte an Alonzo vorbei, er hrte sie noch dumpf aus der
Ferne sthnen, bis sie in dem Caveau des aveugles verschwand! -
    Wo wollen Sie hin? fragte Philipp, als sich Alonzo schnell nach den Zimmern
zurckwandte, aus denen sie gekommen waren. Ich habe drinnen etwas zu zahlen
vergessen, erwiederte dieser flchtig. Lassen Sie's doch bis morgen, rief ihm
Philipp nach, Sie hrens ja, es ist keine Zeit mehr zu Geschften. Alonzo stand
einen Augenblick unschlssig, doch gleich darauf war er verschwunden. Philipp
ging einige Zeit auf und ab, in der Absicht ihn zu erwarten. Er htte ihn gern
noch gesprochen. Doch whrte es lange. Er konnte das nicht begreifen und halb
verdrielich, halb von einem beklommenden Vorgefhl getrieben, folgte er dem
Zgernden nach.
    Es war fast berall schon de und leer. In einem hintern Spielzimmer endlich
fand er Alonzo an einen Pfeiler gelehnt, mit festem Blick auf mehrere
franzsische Offiziere sehend, die unter tollem lautem Gelchter einen jungen
Cameraden aus ihrer Mitte zuhrten. Dieser hielt ein Blatt in der Hand, und fuhr
mit dem lnglichen Zeigefinger, seinem Witz bei sehr beweglichem Minenspiel mehr
Nachdruck gebend, geschftig darber hin. Man trieb hier sichtlich hchst leere
und flache Possen. Philipp trat daher ganz entrstet zu Alonzo, ihm zuflsternd,
um Gotteswillen was thun Sie hier? lockt Sie die verrenkte Spahaftigkeit so
unwiderstehlich an? Es hatte mich vorlngst, entgegnete Alonzo mit unverwandtem
Blick, einer der Herrn etwas zu fragen, ich erwarte nun da ers thue. Ah! so!
erwiederte Philipp, ohne sonderlich den Sinn jener Worte zu beachten. Er hatte
viel anderes in Gedanken, und bersah leicht was um ihn vorging. Nachlig zog
er einen Stuhl in eine Fenstervertiefung, sttzte den Ellenbogen auf den Sims
und den Kopf in die Hand gelegt, richtete er die dunkeln Augenlichter in die
Nacht stiller trumender Erinnerungen. Jetzt ward es jedoch laut neben ihm, er
lie die Hand sinken und wandte das Gesicht nach dem Gerusche hin. Der junge
Franzose trat mit eingeknicktem Beine und nachlig schleppendem Gange, die
geringschtzige Weise des Kaisers Napoleon nachahmend, Kopf und Nase in die Hhe
geworfen vor Alonzo, und fragte mit Talmas Heldenmine: ob er etwas an ihm
auszusetzen finde, da er ihn seit lange auf belstigende Weise fixire. Ich
erwartete Sie, entgegnete Alonzo trocken. Sollte, fuhr der Franzose die Antwort
berhrend, fort, in Spanien, wie ich Ursache habe zu glauben, unsre freie,
reiche Lebensgewandtheit noch fremd sein, so erlauben Sie mir Ihnen zu sagen,
da es bei uns hchst auffallend ist, jemand anzusehn, ohne ihn zu begren. Der
Gebrauch verbietet das durchaus, es darf nie geschehn! Alonzo stand, beide Hnde
bereinander auf den aufgestemmten Sbel gelegt, hchst stolz und feierlich vor
ihm, und mit einem Feuerblick, an dem der Franzose fahrig hin und her flog,
sagte er gelassen, ich habe mich niemals um franzsische Gebruche bekmmert,
spanische Rittersitte, aber denke ich, sollte man in Frankreich kennen gelernt
haben. Die Bekanntschaft, fiel der Franzose rasch ein, ist nicht seit gestern,
sie war gegenseitig, auch ermangelten wir nicht hnliche Notizen zu sammeln. Er
hob ein bemaltes Blatt gegen die flache Hand gelehnt, schrg gegen Alonzo auf,
und mit gekniffenem fuchsartigen Lcheln setzte er hinzu: wenn Umstnde und
Nationaldekrete uns die Waffen aus der Hand winden, so sehen Sie, da wir die
Waffe des Spottes unbestritten besitzen, vor der dennoch ganz Europa zittert.
Alonzo hatte nur ein halbes Auge an die bunte Fratze gewandt, in welcher er sein
und seiner Nation karikirtes Bild in der Person des Donquichot aus einem
Lieblingsstck der Varits, Croque mitaine genannt, in allen seinen Zgen
sprechend hnlich, erkannte. Der Zorn flammte leuchtend auf seiner Stirn, er
behielt die eine Hand an dem Sbel, neigte die andre gleichsam winkend gegen
seinen Gegner, und sagte mit stiller Sicherheit, wir Spanier pflegen die
Franzosen nur mit Blut zu malen. Er winkte noch einmal, und vorausgehend, setzte
er hinzu, ich bitte zu folgen.
    Philipp hatte schon lngst sein weies Barett in die Augen gedrckt, das
Schwerdt heftig unter die Arme geklemmt, sich ungeduldig die Hnde gerieben und
bald den einen bald den andern Fu zum Weggehen gehoben. Er zitterte vor innerer
kaum verhaltener Wuth, er htte den Uebermthigen auf der Stelle niederstoen
mgen. Jetzt stand er unter heftigem Herzklopfen neben Alonzo. Der Franzose
lchelte auf eigne hhnisch verbindliche Weise, redete ein paar Worte mit seinen
Cameraden und folgte Alonzo dann mit theatralischer Vornehmheit.
    Sie gingen rasch und schweigend durch Straen und ber Pltze, jetzt standen
sie an einer Gartenmauer. Alles war still, der Raum bequem. Die Entfernung ward
ausgeschritten, man stellte sich. Alonzo blickte noch einmal umher, er sah ber
die ausgebogene Mauer zwischen dunkeln Buchenwnden auf einen frischen
Rasenplatz, hohe Rosen und Lilien weheten duftend herber, ganz von fern
schimmerte ein weies Gewand, wie ein Lichtwlkchen durch die Schatten. Arme
Taube! dachte Alonzo, so nahe bei dir rauscht vielleicht der Todesengel. Er hob
das schne Auge ernst gen Himmel, silberne Mondlichter spielten auf seinem
Gesicht, die dunklen Locken wogten in der Nachtluft, das Schwerdt blitzte in
seiner Rechten. Mit Gott, rief er, die freie Hand aufs ungestme Herz drckend,
schnell trafen dann die scharfen Waffen aneinander, es ging eine Weile Stich um
Stich, drauf taumelte der Franzose, der Sbel fiel ihm aus der Hand, das Blut
sprang dicht unter dem Herzen hervor, todtenbleich sank er in seines Kameraden
Arme. Alonzo schpfte Athem, da rauschte das weie Gewand immer nher und nher
heran, das Gartenpfrtchen sprang auf, Trgis, mein Trgis, rief eine
Engelsstimme! Bediente strzten herbei, man umringte, man bestrmte den
Verwundeten und trug ihn endlich unter lautem Jammergeschrei in den Garten. Die
Thr schlug hinter ihm zu, alles ward still, Alonzo stand auf Philipp gesttzt,
einsam in der khlen Nacht. Er seufzte tief, drckte Philipp die Hand und ging
von dem stillen, innigen Jngling begleitet, im wunderbarsten Taumel der Sinne
nach Hause.

                                 Achtes Kapitel


Philipp war des andern Tages schon geraume Zeit bei Alonzo, ohne da beide noch
eigentlich mit einander geredet htten, es wute eben keiner recht anzufangen,
inde Blick und Minen tausend Fragen an des Andern Seele thaten.
    Sie haben wohl nichts gehrt, hub endlich Alonzo an, das Auge unsicher auf
Philipp gerichtet. Doch, entgegnete dieser, ich wei wenigstens, da Ihr Gegner
lebt, da er der Sohn einer Frau von Saint Alban und eines Herzogs Neffe ist, in
Spanien fr den Unterdrcker focht, und da just nicht viel an ihm verloren
wre, falls der Himmel dennoch ber ihn beschlossen htte. Er hatte dies
Letztere schon mit halbem Lcheln gesagt und der lustige Glanz der Augen zeigte,
da er auf dem schnsten Wege war, seiner neckenden Laune Bahn zu machen.
    Gestehe ich es Ihnen nur, fiel Alonzo niedersitzend ein, mir ist es lieb,
da er lebt. So lange ich gegen das namenlose Wesen focht, schlugen Ha und
Rache flammend ber mir zusammen, ich sahe, ich hrte nichts als die verhaten
Tne, die meine Brust unter tausend Qualen unaufhrlich zerrissen. Ich dankte
dem Himmel fr diesen Augenblick, der tzende Aerger war mir Labsal und da mir
nun die warmen Blutquellen hell entgegensprudelten, athmete ich leicht, Gott,
dachte ich, hat gerichtet. Als aber jene Klagestimme mir einen Namen nannte, da
war es mit dem Zorne pltzlich aus, ich fhlte ein menschliches, von warmen
Herzen geliebtes Wesen nahe. Der wunde Jngling kam mir mit einem male ganz
anders vor, er lag so bleich, so rhrend da, aller Uebermuth war von der Stirn
weggehaucht, sie schien mir ganz klar und rein. Der Schmerz zuckte wehmthig an
seiner Lippe, es ging mir durch alle Nerven, ich htte ihn kssen, ihn Bruder
nennen mgen. Philipp, darf auch der Mensch so ber den tief bewartesten,
heiligsten Gefhlen schalten lassen, darf er dem Mitleid diese Gewalt einrumen?
    Philipp war auf- und abgegangen. Die Schultern etwas gehoben, mit der Hand
auf Allgemein hinweisend, sagt er: Gott trgt auch Mitleid mit dem Snder, wir
sollen uns freuen, wenn wir einmal eine freie gttliche Regung in uns spren.
Was ngstigen wir uns berhaupt ber etwas, was einmal nicht anders sein kann.
    Sie erkannten sie gleich? fragte Alonzo ohne aufzusehen. Jener wandte sich
rasch, sah ihm scharf ins Auge und halb ernst halb lchelnd, sagte er unter
leichtem Errthen, glauben Sie, da das anders mglich sei? Alonzo schwieg.
Philipp blieb vor ihm stehen. Mir war, sagte er, als habe sich eine von den
hohen Lilien herbergeneigt und lege sich nun an des gefallenen Jnglings Brust.
Es kam alles so schnell, so traumartig.
    Alonzo fate seine Hand. Ich reise, lieber Philipp, ich mu hier fort, die
Luft drckt mich entsetzlich. Ich habe meiner Mutter schon geschrieben. Es geht
nicht lnger. Sie mu sich bei dem Knige fr mich verwenden, er wird mich
zurckrufen, er siehts ja, ich tauge hier nichts, wie konnte er mich auch
whlen!
    Ich wollte, ich knnte Sie begleiten, sagte Philipp, seine Hand immer noch
in der seinen haltend, aber mein Weg ist mir schon vorgezeichnet.
    Bei allem dem, fuhr Alonzo ganz in Gedanken fort, wie gut da er lebt. Er
schien ihr so werth, so unaussprechlich theuer zu sein! Wenn er - o hchst
wunderbarer unbegreiflicher Gott! -
    Beide schwiegen unter ernstem Nachdenken als ein Wagen vor dem Hause
anhielt, und man Alonzo, Trgis Oheim, den Herzog meldete. Stre ich Sie, sagte
Philipp aufbrechend, so leben Sie fr jetzt wohl. Im Gegentheil, erwiederte
Alonzo, Ihre Nhe thut mir ganz unumgnglich noth. Ich denke es kmmt hier noch
wohl mancherlei zur Sprache, und wir halten und bewahren uns nie besser, als
wenn wir wissen, da uns ein Freund beachtet. Nun fiel jener lachend ein, das
wird einmal wieder einen komischen Aufzug geben, am Ende sollen Sie sich wohl
gar noch mit dem alten Herrn herumschlagen. Ich dchte Sie berlieen mir das,
wir knnen leicht die Rollen vertauschen, er kennt keinen von uns beiden, und
ich zeige ihm dann sein eignes Gesicht, ich wei schon all die Minen, Phrasen
und Luftsprnge der Gedanken auswendig, er soll glauben sich in einem Spiegel zu
sehen, hren Sie nur, da geht's los. Die Thren schlugen auf, der ltlich
wrdige Mann trat ein und gab durch sein bloes Erscheinen den beiden Jnglingen
Ehrfurcht. Sie neigten sich schweigend gegen ihn. Das stille Leiden vieler
Jahre, die Kraft und Ruhe der Ueberwindung lag auf den verfallenden Zgen, er
richtete die groen Augen nach Alonzo; die Nacht hereinbrechenden Alters
umdmmerte bereits ihre frhere Gluth, und gab ihnen jenes wehmthig
verschwimmende Licht, das leise zum Herzen redet. Mit altadelich sicherm
Anstande sagte er darauf, ich fhle mich gedrungen Sie aufzusuchen, ihnen
persnlich zu erffnen, wovon mein Herz voll ist. Sie sind zum Unglck meines
Hauses auf unverzeihliche Weise gereitzt worden, und haben nach wrdig
anerkannter Sitte ihr Recht genommen, ich kann jenes nur bedauern, wie dieses
ehren. Wenn inde der leichtsinnige Uebermuth eines Unbesonnenen, wenn die
emprende Frechheit meines vergifteten Frankreichs sich so verletzend gegen Sie,
gegen eine ganze edle Nation uern durfte, werden Sie dem Bereuenden, dem
Todtwunden verzeihen? werden Sie einer verzweifelnden Mutter den Trost geben
wollen, da kein Fluch ihrem Liebling ins Grab folgt? Mein Herr, Sie haben
keinen Begriff von dem Schmerze, alle Lebenshoffnungen in seinem Kinde, in
seinem eignen Blute scheitern zu sehen! Herr Herzog, entgegnete Alonzo in groer
Bewegung, Ihnen ist es zu wohl bekannt, da der geendete Kampf auch den Streit
beendet. Die Ehre ist befriedigt, das Gefhl hat keine Stimme mehr; auch ist
dieses beruhigt, und ich darf Ihnen mein Ritterwort geben, da ich um so freier
von allem Groll bin, als durchaus keine weitern Beziehungen zwischen mir und
meinem Gegner statt finden, und nur die allgemeinen, tief liegenden Elemente
verschiedener Nationalitt sich durch uns einen Weg bahnten, um aneinander zu
gerathen. Die Gesetze wie die Weihe der Waffen haben hier geschlichtet und
entschieden. Den Frieden der Gemther behindert fortan nichts weiter. Wenn Sie,
nahm der Herzog auf innige Weise das Wort, wenn Sie meiner Schwester das selbst
sagen, wenn Sie uns die Beruhigung Ihrer Nhe nur auf kurze Augenblicke gnnen
wollten. Alonzo sah ihn betreten an. Sie erschrecken, fuhr jener fort, schon vor
der bloen Mglichkeit persnlicher Befreundung, Sie hegen die lebhafteste Scheu
gegen jede Art von Gemeinschaft mit allem was Franzose heit? Ich kann Sie nicht
tadeln, aber eben da ich es nicht kann, lastet hrter als der Fluch der
Verbannung auf mir. Ich will Sie, fgte er einlenkend hinzu, weiter nicht in
Verlegenheit setzen. Sie werden es ja nicht bersehen wollen, da es auch hier
tapfere und freie Herzen giebt, die Pflicht und Ehre, Gott und Gewissen ber
alles hoch halten, und diesen Ihre Theilnahme schenken, je mehr Sie sie zu
bedauern Ursach finden. Er hatte die letzten Worte mit frommen Eifer gesprochen,
in seinen Augen glnzte eine Thrne. Alonzo sahe beschmt vor sich nieder. Ich
gehe, sagte der Herzog nach kurzem Schweigen um vieles getrsteter von ihnen als
ich kam, ich sehe Ihr menschliches Gefhl berwiegt den Nationalha bei weitem,
wenn dieser gleich nicht duldet, da Sie sich aussprechen drfen. Ich verstehe
Sie, junger Mann, und noch einmal, ich ehre Sie deshalb. Wo das Recht und die
Wahrheit, rief Alonzo sehr bewegt, so gebietend sprechen, ist es nicht lnger
erlaubt zu wanken. Sie haben mich bezwungen, Herr Herzog, ich bitte Sie zu
glauben, da Sie, da Ihre Familie meine Theilnahme in einem weit hhern Maae
besitzen als ich es sagen kann, da ich stolz sein werde, Ihnen das zu bezeigen.
Sie waren unter diesen Worten bis an die Thr gekommen. Der Herzog wandte sich
noch einmal und mit prfendem Blick auf beide Fremdlinge, rief er, mchten Sie
doch Frankreich wahrhaft befreien knnen!
    Philipp sah ihm gedankenvoll nach. Wie eitel die Jugend ist, sagte er nach
einer Pause zu Alonzo gewandt, wie klug und sicher waren wir vorher, und wie
stehen wir nun da! Mich rgern meine voreiligen Worte! Leben Sie wohl, ich bin
verdrlich, wei nicht recht wie ich mit mir selbst dran bin. Der Ha ist von
dieser Welt, aber die Gerechtigkeit ist Gottes, das fhle ich wohl! Der Krieg
macht doch wst und einseitig, es mu wieder anders werden! Leben Sie fr heute
wohl.
    Hren Sie doch, rief Alonzo ihn zurckhaltend, Sie schlugen noch so eben
vor, wir sollten unsere Rollen in dieser Sache vertauschen, so ganz denke ich
Sie nicht beim Worte zu nehmen, doch einigermaen mssen Sie in meiner Seele
handeln. Gott wei es, setzte er tiefsinnig hinzu, ich bin mir selbst fremd
geworden, wer mag sagen, wie weit das gehn kann, ich mu mich bei Zeiten zgeln,
ich darf mich keiner allzu groen Weichheit hingeben, und doch bin ich der
Familie, dem braven alten Manne etwas schuldig, es mu etwas gescheh'n, ich darf
nicht in dieser gemessenen Zurckhaltung verharren. Wollen Sie in meinem Namen
zu dem Kranken, zu der Mutter gehn? Ihnen wird es leichter sein, ein allgemein
begtigendes Wort zu sprechen, ohne doch zu viel zu sagen. Sie werden das schon
zu machen wissen, und verschaffen mir dadurch Zeit, mich zu sammeln. Es hat mich
dies alles sehr berrascht, ich mu mich wirklich erst wiederfinden. Vielleicht
begngen sich auch die Menschen mit dieser einen Hflichkeit, sie wollen die
Formen beobachtet wissen, sie vergessen nachher das Uebrige. Thun Sie es immer,
lieber Philipp. Ich merke wohl, sagte dieser, es ist eine erschreckliche Sache
mit den Worten, sie fallen einem so unversehens aus dem Munde und verstricken
nachher in Dinge, die besser fern blieben. Ohne meinen unzeitigen Spa vorhin
wren Sie gar nicht auf den Gedanken gekommen. Nun ich gehe, fuhr er fort, aber
was daraus entsteht, setzte er mit halb verstecktem Ernst hinzu, kommt dennoch
auf Sie.

                                Neuntes Kapitel


Alonzo vermied es auf alle Weise, mit sich zur Sprache zu kommen. Er lie die
innern Wogen ber Herz und Brust zusammenschlagen, ohne viel zu rhren und zu
rcken. Die beklemmende Schwle hielt jeden freiern Lebensstrom gefangen. Das
eben war ihm recht, er scheuete die eigne Khnheit.
    Gleichwohl erwartete er Philipps Rkkehr mit weit mehr Unruhe als ihm lieb
war. Er wollte etwas hren, etwas erfahren, er wute selbst nicht was? Mit jeder
Minute schwoll das Verlangen, die Sehnsucht immer strmischer an. Er ging heftig
auf und ab, Thre und Fenster standen offen, er wollte durch kein falsches
Gerusch lnger getuscht werden. Bei dem ersten Tritt, dem ersten Laut seiner
Stimme, wollte er Philipp entgegentreten, er mute doch endlich kommen, es
konnte gar nicht fehlen.
    Ob der Kranke wohl noch lebt? fragte er zuweilen, mit dem allerinnigsten,
tiefsten Mitleid, dazwischen drang eine andre Frage herauf, der er niemals Herr
werden konnte, sie sah ihn so lange und so fest an, bis er ganz verwirrt die
Hand auf die Augen drckte und nichts mehr hren und nichts mehr sehen mochte.
    So qulte er sich stundenlang. Endlich sagte er ganz trotzig: mag er kommen
oder nicht, was ist's weiter? - Er ging aus, und vertrumte den Abend ber in
Theater und Caffees. Aber mitten unter den tausend Lampen, unter den fremden
Menschengesichtern schlich es wie ein Gespenst heran? was ist das schlanke,
weinende Mdgen dem wunden Jngling? liebt sie den Bruder, liebt sie den Freund
in ihm? Und kann sie anders als den Mrder hassen? -
    Als er spt nach Hause kam, erfuhr er, da ihm Philipp aufgesucht, ihn zu
sprechen gewnscht, gleichwohl etwas eilig und zerstreut, nichts an ihn
zurckgelassen habe. Gleichviel! sagte Alonzo, es ist auch so gut. Doch legte er
sich ins Fenster und hoffte, jener solle noch einmal heransprechen. Es blieb
inde alles wie es war. Seltsam ist es bei allem dem, sagte er mimthig, da
Philipp nicht wenigstens ein paar Zeilen schreibt! wer wei, was er mir zu sagen
hatte! Es war schon tief in der Nacht. Er warf sich aufs Bett. Ihm ward
unertrglich hei. An Schlaf war nicht zu denken. Er sprang wieder auf, ging im
Zimmer hin und her und griff dann in Gedanken nach der Guitarre, und da sie
verstimmt war, spannte er an den Saiten, und rhrte in die Tne, ohne etwas mehr
als einzelne Akkorde anzuschlagen. Er sa dem Nachtlicht gegen ber, die Klnge
hallten leise an ihm hin, ein khler Lufthauch strich durch das offene Fenster,
auf den Straen war es still geworden, Alonzo sann und spielte sich so in eine
tiefe Wehmuth hinein, als ein kleiner weier Schmetterling, den man Nacht- oder
Todtenvogel zu nennen pflegt, in blendenden Kreisen aus dem Dunkel an das Licht
flog und vorberschwirrend bald wieder verschwand. Alonzo wehete ein Schauer an,
er wute nicht woher noch worber. Lange nachher kam es ihm vor, als hre er
noch das Schillern der bleichen Flgel, er griff deshalb strker in die Saiten
und stimmte zuletzt unter lautem Begleiten der Stimme einen Choral an, vor dem
seine Seele sich hob und dehnte.
    Er hatte die ganze Nacht ber aufgesessen und die heie Brust dem frischen,
beruhigendem Morgenstrahl geffnet. Der Thau lag perlend auf einem kleinen
Blumengrtchen unter seinen Fenstern. Levkoyen und Reseda dufteten balsamisch,
durch die Bltter suselte der Morgenwind und schttelte die hellen Tropfen
erquicklich auf den Rasen. Es ward recht still und hell in Alonzo, und er konnte
sogar dem erwachenden Leben umher, vom einfrmigen Treiben der Hkerer und
Verkufer an bis zum emsigen Flei in der geffneten Werkstatt freudig zu sehen.
Nach und nach ward alles lauter, auch in seiner nchsten Nhe. Es war noch
frhe, als er folgenden Zettel von Philipp erhielt:
    Sie waren gestern Abend nicht zu finden, ich habe Sie vergeblich gesucht.
Heute bin ich gedrngt und eilig. Nur so viel, Ihr Auftrag ist ausgerichtet und
aufgenommen wie Sie wnschen knnen. Man sagt es nicht, aber man erwartet Sie.
Sie htten unrecht, dies Vertrauen zu tuschen. Leben Sie fr ein paar Tage
wohl. Ich mache einen kleinen Streifzug nach Versailles und dort umher. Gott mit
Ihnen!
    Weich und offen und unbewaffnet gegen unerwartete Eindrcke, wie Alonzo es
in der frhen Morgenstunde war, trafen ihn die flchtigen unbefriedigenden
Zeilen hchst unangenehm. Er warf den Zettel heftig vor sich hin. Es ist doch
wahr, rief er, Knstler sind schroffe Egoisten, sich selbst in der Kunst
heraufschmeichelnd und verwhnend, lassen sie alles andre im Leben, all' die
tausend rhrenden Beziehungen des Daseins unbeachtet, und krnken unaufhrlich
durch Nachligkeit und Leichtsinn! In Versailles! was will er da! nach alten
Bildern jagen, je verbleichter und bestubter, je lieber sind sie ihm freilich,
die heie, lebendige Nhe des wartenden Freundes, was ist sie dagegen! sie fllt
nur unbequem in seine Trume. Die Gegenwart ist so wahr, sie sieht so scharf und
nahe ins Auge, die Phantasie hat nicht Raum, nicht Zeit zu spielen, sie will die
That, die rund herausgesprochene, feste That, man hat es leichter drben hin zu
sehen und jeden flchtig auf sich selbst zurckzuwerfen!
    Er war in groer Bewegung auf- und abgegangen. Da blitzte es dunkel in ihm
auf, er hat mir wohl gar etwas zu verbergen! er will mit der Sprache nicht
heraus, ich soll selber sehen. Das ist so recht! dem unangenehmen Eindruck geht
man aus dem Wege.
    Immer unwilliger, immer zerrissener im Innern beschlo er jetzt all' der
Qulerei ein Ende zu machen. Der schwere Gang zu Frau von Saint Alban ward
unternommen. Der Weg war lang, Alonzo htte ihn noch um Stunden ausdehnen mgen.
Endlich fuhr der Wagen jener wohlbekannten Mauer entlngst. Der Tag schien hell
und deutlich auf die verhngnivolle Stelle nieder, das Pfrtchen stand offen,
Kinder liefen hinein und heraus und sammelten in Krbchen die abgefallenen
Rosenbltter, um sie weiter zum Verkauf zu tragen. Ein alter Mann stand daneben
und htete die blhenden Zweige vor Beschdigung. Es ward alles so wirklich, so
bengstigend um Alonzo. Vor einem dunkeln Eisengatter, am Eingange einer dichten
hochgewlbten Kastanienallee hielt jetzt der Wagen. Der Schlag flog auf, Alonzo
blieb lnger keine Wahl, er war gemeldet, angenommen, so trat er denn in Gottes
Namen in den schattigen Gang. Die Brust war ihm so beklemmt, da er ein paarmal
hustete und stille stand, um nur des stockenden Athems wieder Herr zu werden.
Eine breite Rasentreppe herauf zwischen knstlichen Blumenbeeten erstieg er
mhsam die Terassen, und trat nun unter das Portal des vornehmen altvterlichen
Gebudes. Gewlbte Gnge, in Stuck gearbeitete Verzierungen, breite Fliesen, ein
paar steinerne Ritterbilder, an die sich die freche Hand der Zeit vergeblich
wagte, alles hier sprach von gediegener, fester Sinnesweise. Armand ffnete
feierlich, mit gesenktem Blick einzig auf sein Geschft bedacht, eine Thr, und
Alonzo stand vor Frau von Saint Alban.
    Wie er hieher gekommen? was er hier sollte? es war ihm selbst ein Rthsel.
Er verbeugte sich tief, als die lebhafte Frau mit schnellem Blick an ihm
hinfliegend ausrief: das erwartete ich. Sie muten es sein! Ich erkannte sie
sogleich und das ist bei dem Tumulte dieser Zeit recht sehr viel, Sie sehen, wie
tief Sie in unserm Herzen leben. Alonzo hatte bei dem ersten Laut ihrer Stimme
die Mutter seiner Unbekannten wiedergefunden. Ein Strahl unaussprechlicher
Freude blitzte durch seine Seele. Es scheint, fuhr Frau von Saint Alban fort,
Ihr Eintritt in dies Haus bringt Segen. Mein Sohn ist heut um vieles wohler, er
dankt das unfehlbar Ihrer gestrigen Botschaft, die ihm sichtlich wohl that.
    Die linde verbindliche Weise, mit der das zerrissene Mutterherz dem Trost zu
geben bemhet war, der ihr so unaussprechlich wehe that, verwirrte Alonzo
vollends. Gndige Frau, stammelte er unter flammendem Errthen, wie ich Ihnen
gegenberstehe, Sie trauen mir zu, da ich es fhle. Ihre Gte macht mich vor
mir selbst schuldiger als ich es wirklich bin. Ich kann Ihnen nichts, gar nichts
sagen, da nicht zu viel oder zu wenig wre. Ihr scharfer Geist aber macht es
Ihnen klar, da es unglckliche Werkzeuge in der Hand des Himmels giebt, die
ohne ihre Schuld bestimmt sind, den Frieden Anderer zu trben. Gewi es giebt im
Leben verhngnivolle Augenblicke, die dunkel und gewaltsam ber uns gebieten.
Da mein Gewissen rein ist, sagt Ihnen mein Anblick, wie knnte ich anders vor
Ihnen erscheinen. Ach mein Herr, entgegnete Frau von Saint Alban, indem sie ihn
gtig bei der Hand fassend, neben sich niedersetzen lie, Sie finden in mir eine
herb geprfte, viel erfahrene Brgerin dieser Welt. Das Glck kenne ich nur
trgerisch und doch bin ich nicht unglcklich. Ich mte nach so vielen
Tuschungen verzweifeln und doch hoffe ich gern, es ist mir nthig, und so oder
so, am Ende geht mir doch mancher Wunsch aus, und es schickt und fgt sich mir
zum Heil. Ich beweinte und betrauerte lange den einzigen Sohn. Ich gab ihn auf.
Da fand ich ihn wieder. Aber anders, ganz anders, hchst fremd, und doch mein
Kind. Sein Leben ward mir ein Schmerz. Ich war nicht ohne Schuld, ich htte es
denken knnen. Wer darf den Pesthauch dieser Luft ungestraft einathmen! Unter
allen Grueln der Revolution aufgewachsen, hatte ich ihn gehegt, bewahrt und so
tief ist der Grund, den ein frommer Sinn in eines Kindes Herzen legt, da der
falsche Schein nur augenblicklich weichen darf, so tritt das rechte Wesen
lebendig hervor. Mein Trgis war so weich, so hold, so leicht beweglich, der
Hllendmon der Armee, fate und bearbeitete das arme, junge Herz. Mein Herr,
Thorheit und Leichtsinn sind Gespielen der Jugend, wer darf einen Stein auf ihn
werfen? Glcklich alle die, welche ein reines Vaterland haben, und bescheidene
Vorliebe und feste Treue hegen drfen!
    Sie schwieg einige Sekunden, den Blick tiefsinnig am Boden geheftet. Drauf
leicht und vertraulich zu Alonzo gewandt, sagte sie lchelnd, es scheint, der
Himmel habe es sich vorgesetzt, unsre Bekanntschaft nicht fallen zu lassen. Zu
stolz, meinen Dank anzunehmen, zwingt Sie die Vorsehung nun zum Mitleid. Sie
erinnern sich, da es ein menschliches Auge ist, dem Sie Thrnen auspreten, und
eilen menschlich fhlend es zu trocknen. Sie sahen, es mute so kommen,
widerstreben Sie denn nicht lnger, lassen Sie uns Freunde sein. Sie hatte ihre
Hand mtterlich auf die seinige gelegt, Alonzo drckte sie gerhrt an die
Lippen. Ich bin stolz darauf, entgegnete er lebhaft, von Ihnen gndige Frau
erkannt zu sein, Sie tadeln nicht, was mich frherhin bestimmte, Sie fhlen, was
mich jetzt zu Ihnen fhrt, und zweifeln keinen Augenblick an dem, was Sie zu
unverhohlen in meiner Seele lesen.
    Nun denn, sagte Frau von Saint Alban aufstehend, so ist Friede zwischen uns,
und so Gott will, ein festerer als alle Politik der Welt zu schlieen vermag.
Lassen Sie mich Sie nun meiner Familie vorstellen, der arme Kranke sehnt sich
unaussprechlich Ihre Hand brderlich zu fassen. Sie nahm Alonzos Arm und ging
mit ihm durch mehrere Zimmer in einen kleinen Gartensaal. Trgis lag unter
leichter Decke auf einem Ruhebett, den Kopf matt an Blansches Brust gelehnt.
Diese hielt seine Hnde in der ihrigen, das Gesicht wandte sich gedankenvoll
nach dem offenen Fenster. Hohe Blumen wiegten drauen die Kelche hin und wieder,
Bienen und glnzende Kfer summten begehrlich an ihnen hin, der Kranke
schlummerte in leichten Fiebertrumen. Zuweilen hob Blansche die lngliche Hand,
und wehete leicht die Fliegen von des armen Trgis Stirn. Alonzo und die Mutter
waren herzugetreten. Blansche wagte nicht sich zu regen, aus Furcht den Bruder
zu erwecken, eine leichte Neigung des Kopfes, der gesenkte Blick und das feinste
Errthen begrten inde den Eintretenden. Alonzo betrachtete sie in stummer
Ueberraschung. Die reichen blonden Haare waren in dichten Flechten aufgesteckt,
Brust und Arme umschlo ein knappes weies Kleid, das Gesichtchen sahe aus hohem
Spitzenkragen, so schuldlos rein und friedlich wie der Engelskopf auf Philipps
Bilde. Er htte stundenlang so gegen ihr ber stehen knnen, ohne das tiefe
Schweigen in ihm und um ihn durch einen Laut zu unterbrechen. Frau von Saint
Alban war nicht so geduldig. Sie machte eine rasche Bewegung, Trgis schlug die
Augen auf, ein leichter Schatten flog ber seine Stirn, die bleichen Wangen
frbten sich leise. Alonzo hatte seine Hand gefat und sah hell und vershnlich
in die schnen, sich mehr und mehr belebenden Augen. Es ist mein Loos, sagte
jener mit rhrender Stimme, Sie berall als Sieger zu sehen, Sie werden es inde
begreifen, da auch der Ueberwundene ein stolzes Herz hegen darf, und nur im
wiedergefundenen Selbstgefhl sich und dem Schicksal verzeihet, ihm so
gedemthiget zu haben. So gefallen und so gehoben darf ich Ihren brderlichen
Hndedruck erwiedern. Alonzo ging ein tiefer Schauder durch die Seele, als er
den matt gebrochenen Klang der jugendlichen Stimme hrte, er sah mit bangem
Herzklopfen die feinen, kaum geffneten Lippen unter dem Sprechen beben, und als
Trgis erschpft auf die Kissen zurcksank, beugte er sich unwillkhrlich ihn zu
untersttzen. Frau von Saint Alban weinte in groer Rhrung, ihres Sohnes Stirn
kssend, Blansche allein sah ruhig und klar auf den ritterlichen
Vershnungsbund. Es kostete ihr auch weder Anstrengung, noch sprte man einen
Wechsel in ihrem Wesen, als sich nach und nach das Gesprch gewhnlich
gestaltete und alles mehr und mehr das Ansehn eines ruhig befreundeten
Krankenbesuches gewann. Sie blieb unbefangen und innig, alle ihre Achtsamkeit
auf den Bruder gerichtet; und theilte so den Andern eine Stille und Wrme mit,
die Alle beglckte. Alonzo verga, wo er war. Er fhlte sich ganz einheimisch,
im Innern mit einer Familie verwachsen, von der er sich nur spt und mhsam
losri.

                                Zehntes Kapitel


Von da kostete es Alonzo weder Kampf noch Ueberredung zu seinen neuen, wunderbar
gewonnenen Freunden zurckzukehren. Unwillkhrlich fhrte ihn der Weg jeden Tag
zu ihnen. Er bte die angenehme Pflicht des Trostes und der Theilnahme mit einer
Freudigkeit, in der er sich bald genug selbst verga. Sein Blut flo leichter,
sein Blick ward heller, der strenge Frost seines Wesens linder, er empfand sich
mit unaussprechlicher Rhrung, ohne sich zu kennen, ohne zu forschen und zu
fragen. Der Schmerz wie die Freude, jedes heilige und wahre Gefhl ziehet
schnell das Band unter den Menschen zusammen. Wie durch ein Wunder war Alonzo
pltzlich zu Hause unter den Fremden. Kam er, so hatte man ihn immer schon
erwartet, seine Gegenwart schien allen mit einem male unentbehrlich, und nur
unter herzlichen Versicherungen baldiger Wiederkehr schied man von einander.
Blansche empfing ihn jedesmal mit verschmter und doch hchst edler
Verbindlichkeit. Dem sen Gemisch ihrer reizenden Natur widerstand leicht
niemand, das Stimmchen so hell und rein, so einfache Worte und kindlich
herzliches Lachen, die allerliebste Freudigkeit ber Kleines und Groes, und
doch wieder so fest und ruhig, so heilig still. Von solcher unbefangenen
Hingebung, von diesem ernsten Selbsterfassen hatte Alonzo frher nie eine
Vorstellung gehabt. Alles war leise an dem zierlichen Mdgen, ihr Gehen und
Kommen, ihr Neigen und Gren, jede Handreichung, die sie dem Bruder leistete,
selbst die Worte flogen nur suselnd ber die feinen Lippen, man glaubte eine
Blume wehen und rauschen zu hren und athmete ihr Wesen wie den Duft der
Maienglckchen, ihr linder Zauber hielt alle Gemther gefangen. Litt Trgis,
weinte die Mutter, sahen der Oheim und Alonzo zweifelhaft drin, so
beschwichtigte ihr frommer Blick den Aufruhr der Sinne, die Herzen wandten sich
unwillkhrlich zu dem, den ihr Auge suchte, und still und ergeben erwartete man
des Himmels ewigen Willen.
    In solcher Nhe hatte Alonzo weder an Gefahr noch Trennung gedacht. Ihm war
wohl, und er hielt das Strende abwrts. Auch blieb er sich selbst und seiner
neuen Verbindung. Riemand hemmte den verborgenen Andrang und Wachsthum seiner
Gefhle. Philipp war immer noch nicht wieder da. Alonzo dachte nicht an ihn, er
vermite ihn nicht, er vermite nichts in der Welt, er schien alles zu besitzen,
was ihn beglcken durfte.
    Sehr berrascht war er daher, als er eines Morgens den abwesend geglaubten
an Trgis Bett zwischen Blansche und ihrer Mutter im ruhigen Gesprch begriffen
fand. Alle drei traten ihm entgegen. Die alte Freude begrte ihn heut wie
immer. Er erwiederte sie zerstreuet und als ihm Philipp lchelnd zuflsterte:
ich war gewi, Sie hier zu finden, dehalb suchte ich Sie auch nur hier, konnte
er sich nicht entschlieen, in seine harmlose Neckerei einzugehen, sondern blieb
ernst und einsylbig. Ihm war als sehe er in Philipps Augen wie in einen Spiegel,
alles was er frher gedacht, empfunden und gesagt hatte, ward ihm mit einem male
gegenwrtig. Er fhlte sich unsicher, durch die Nhe des Freundes auf unbequeme
Weise gedruckt. Die Uniform, welche Philipp trug, erinnerte ihn an Krieg und
Streit, und seine Stellung zu Frankreich, eine Beschmung, deren er nicht Herr
werden konnte, hielt Herz und Zunge gefangen. Dazu lagen Philipps Blicke in
stiller Beschaulichkeit immer fester und innerlicher auf Blansches Zgen, er
konnte es sich nicht ableugnen, da der Glanz und die Seele des hellen
Knstlerauges eine Welt ausstrme, die unter tief empfundenen Schauren das
verborgene Dasein wecke. Philipp kannte nur ein Leben, er hatte sich ihm
hingegeben, sein ganzes Wesen in ihm aufgelst, er achtete nach Jnglings- und
Knstlerweise wenig auf das, was um ihn vorging, ruhig horchte er der
Offenbarung, welche ihm durch des Menschenbildes ewige Verkndigung aufging.
    Alonzo befiel eine Angst, da er nicht zu bleiben wute. Er stand auf und
setzte sich nieder, redete kurz und hastig, ohne mit sich zurecht zu kommen.
Frau von Saint Alban spottete ber seine Unruhe. Aber er konnte sich nun einmal
nicht finden, schtzte Geschfte vor, und eilte nach Hause.
    So zerrissen und geklemmt, traf ihn folgender Brief seiner Mutter auf das
peinlichste.
    Alonzo, ich sehe Dich ungern in einer Stimmung, die Deiner Wrde wie Deinem
Frieden drohet. Was ngstet dem Adler das wste Geflatter der Raben. Der Spanier
lebt stets in Mitten seiner Welt, voll Ehre und Ruhm. An diese Glorie reicht
kein Gleien, noch Flimmern. Richte Du dein Auge nach der Sonne, und la der
Nacht ihr dunkles Wesen. Was geht's Dich an! Dein unruhiger Ha gefllt mir
nicht. Er zeigt von Ungleichheit und Streit, man hat niemals, was man
unbeachtet lie.
    Dein Verhltni, dein Geschft, sagst du, drcken dich? Die Pflicht darf
niemand eine Last sein. Uebe sie ruhig, sie wird Dein Gemth klar machen.
    Des Knigs Vertrauen ehrt Dich. Ich darf nichts dazu noch davon thun. Er hat
Dich gesandt, fordre nicht, da ich Dich zurckrufe. Alonzo, die Welt hat ihre
Ketten abgeschttelt, bist du noch unterjocht, da du seufzst? Wehre den
krnklichen Aerger von dir, er mattet das Herz ab und lockt die Schmach auf
unser Haupt. Denke an den Heiland und seinen Stellvertreter auf Erden, er
duldete und klagte nicht, und berwand! Was kann Alonzo de Mendez mit einem Volk
zu theilen haben, das nicht Gott, nicht Glauben, nicht Treue kennt! Vergi es
nicht, da Deinem Blick das Unwrdige nicht begegnen darf, nicht begegnen kann,
wenn er rein ist. Mein Sohn bete, und harre aus. Schlage das Kreuz Morgens und
Abends auf Brust und Lippen, la nichts Unreines hineinfallen, nichts
Unbesonnenes herausgehn. Bete mein Kind, Deine Mutter betet mit dir. Bewahre
Auge und Sinn.
    Er hielt das Blatt in der Hand, und sah starr auf die strengen, heftig
bewegten Zge. Seine Augen fllten sich mit Thrnen. Hat sie dich verstanden,
Unglckseliger, rief er unter gewaltiger Angst, hat ihr ahndendes Herz es
ausgesprochen, ohne es zu wollen, ohne es zu wissen? und ist es nun wahr? Mein
Gott ja, der Streit ist es, der Ha und die Liebe, die mich noch um Sinn und
Verstand bringen werden. Er prete die gefaltenen Hnde schmerzlich gegen die
Brust. Blansches Bild stieg fromm und rhrend in ihm auf, er sah das liebe Auge,
den kleinen, rosigen Mund, das zarte weiche Minenspiel, es kam ihm vor als weine
sie, als rede sie zu ihm! Ach Blansche, rief er, willst du den Freund nicht
lassen, rufen Deine sanften Engelblicke ihn zurck? Armes Herz, du weit nichts
von Feindschaft und Eigensinn der Menschen! -

                                Eilftes Kapitel


Einen ganzen langen Tag hatte Alonzo zugebracht, ohne Blansche zu sehen. Es war
so wst und dumpf in ihm, da er nichts dachte, nichts zu wollen vermochte. Was
in ihm vorging, was trbe und schwer aus der tiefen Seele heraufdrngte, und die
Bande lang gehegter Festigkeit und Ruhe zu sprengen drohte, es schwebte ihm
dunkel vor, er wute es nicht zu nennen, doch an der ghrenden Angst im Herzen
sprte er, da er sich lnger selbst nicht trauen drfe, und arbeitete nun ber
einen Gedanken, der ihn retten knne.
    Unter dem unsichern Dmmern ging die Zeit unbemerkt an ihm hin. Der Abend
nahete, er hatte nichts gewonnen, der Pfeil steckte nur noch tiefer in der
Wunde. Und wie denn Umstnde und Ereignisse selten die Hand bieten uns zu
retten, wenn wir es selbst nicht anzufangen wissen, im Gegentheil Kraft und
Wille nur noch ngstlicher verstricken, so waren auch folgende Zeilen, die
Alonzo jetzt erhielt, wenig geeignet es zu einem klaren Entschlu in ihm kommen
zu lassen. Frau von Saint Alban schrieb ihm:
    Was hlt Sie ab, da Sie nicht kommen? Ich bin glcklich, und dehalb
brauche ich Sie; Trgis ist heut so still, so schmerzensfrei, ich hoffe so viel,
drfen Sie uns fehlen, wenn wir hoffen? Lassen Sie jetzt alles andre bei Seite,
auch ihren gestrigen chinesischen Ernst, Sie waren mir ganz fremd geworden.
Ueberlegen Sie nicht lange, kommen Sie. Wir rechnen auf Sie, Hat denn, rief
Alonzo pltzlich aufgeschttelt, hat denn die Ehre zwei Stimmen? Darf sie das
Eine gebieten und zugleich untersagen? Kann ich hier zurckbleiben? Soll ich den
Verdacht auf mich laden, als habe ich wie ein Mrder meines Gegners Tod gewollt,
zweideutig mit dem Worte Vershnung gespielt und dem Genesenden jetzt gehssig
den Rcken gewandt? Soll ich kleinmthig mit mir selber heucheln und aus
frherer That eine Lge machen? Blansche, darf ich das Gift des Mitrauens in
deinen Freudenbecher gieen? Nein Engel, zweifeln sollst du nie an deinem
Freund.
    Er war unter diesen Worten schon ber die Schwelle der Thr, schon aus dem
Hause getreten. Immer schneller und schneller trug ihn die Ungeduld nun
vorwrts. Er hatte zuletzt keinen Athem mehr, und stand verschnaufend an dem
Gartenpfrtchen. Es war nur angelehnt, er trat hinein. Der Tag war fast ganz
gesunken. Der Himmel unendlich rein und duftig. Hin und her funkelte schon ein
Sternchen durch das bleichende Licht. Die blassen Umrisse des Mondes traten
leuchtend hervor. Alles war still; schweigend ging er an den flsternden
Blumenwnden hin. Die glhende Lichnis, der hochflammende Mohn neigten sich
grend auf ihren zarten Stengeln, von fern sah er in den geffneten Saal, die
Thren standen auf, Blansche schwebte daran hin und wieder. Wie sie ihn
erblickte, flog sie zurck, bald darauf trat sie mit der Mutter heraus, ihm
entgegen. Alle drei hatten eine Freude, als wren sie einander aufs neue
gegeben. Zuerst schalt Frau von Saint Alban, dann erzhlte sie von ihrer
Hoffnung, von Trgis sichtlicher Besserung. Alonzo hatte beiden den Arm geboten,
er ging, ohne Worte zu finden, zwischen ihnen. Blansche war so innig, so
gerhrt, ihre Blicke richteten sich aufwrts zum Himmel. Alonzo suchte ihr Auge,
sie sah ihn lchelnd an, aber es schwebte eine Wehmuth um ihren Lippen, vor der
sein ganzes Herz zitterte. Leise drckte er ihren Arm an seine Brust. Die Mutter
trat zuerst in den Saal. Alonzo hielt noch Blansches Hand, ihre Finger
schlpften leicht durch die seinigen, ihm war als flge ein sanfter Druck, fast
wie ein Lufthauch, drber hin. Alle Nerven bebten ihm, die glhenden Augen lagen
verzehrend auf Blanches Gestalt. Sie war schon weit von ihm, neben dem Bruder,
der aufgerichtet im Bett, Alonzo freundlich zunickte. Diesem ging die Welt noch
in wunderlichen, ungleichen Kreisen hin und wieder. Er sahe und hrte nur halb.
Gleichwohl fiel ihm die auerordentliche Blsse und der feste, beinah verklrte
Blick des Kranken auf. Er trat berrascht zu ihm. Trgis redete stark und
schnell. Er schien voll Theilnahme, empfnglich fr alles. Seine Zrtlichkeit
fr die Mutter hatte etwas unbeschreiblich Reizendes. Ueberall entfaltete er in
der groen Beweglichkeit der Zge unwiderstehliche Anmuth.
    Frau von Saint Alban sah liebkosend auf ihn nieder, mein bestes Kind, sagte
sie, wenn werde ich dich wieder so frisch und freudig pfeifend und singend die
Treppe hinauffliegen, deinen raschen Schritt durch Zimmer und Sle schallen
hren. Gott wei es, mir ist all' die Tage so still und ngstlich gewesen, wie
im Grabe. Blansche barg das Gesicht in Trgis Kissen. Es wird alles nach grade
kommen, sagte der Oheim auf- und abgehend. Ja Gottlob, fiel Frau von Saint Alban
ein, den heutigen Tag darf ich als eine Crisis ansehen, heut' ist er ganz
umgewandelt. Nicht wahr, Trgis, dir ist viel leichter? Viel, erwiederte der
Kranke, dankbar, ihre schmeichelnde Hand mit seinen Lippen suchend. Blansche
kte ihm auf die Stirn, sie hatte ihm Frchte und Blumen, und alles was ihr
junges Herz erfreuen konnte, auf die Decken gelegt. Er sah sie liebreich an, auf
seinen Lippen schwebten die herzlichsten, sesten Worte, doch schwieg er, und
lie die Blicke in stiller Rhrung an sie hingleiten. Als sie aber aus Furcht
ihn zu hindern, zurcktrat, hielt er sie bei der Hand: bleibe so, sagte er
leise, deine sanfte Nhe thut mir wohl. Ueberall ngstete ihn das zerstreuete
Umhergehn im Zimmer. Er wollte niemand entfernt wissen, und sahe es gern, als
der Theetisch dicht an sein Bett geschoben ward, und alle nun ruhig umhersaen.
    Frau von Saint Alban war von der sorglosesten Heiterkeit. Ein wenig
vorgelehnt, mit bereinandergeschlagenen Armen, sa sie recht behaglich da, und
sprach von Trgis Krankheit wie von etwas, das nun berwunden, nur noch in der
Erinnerung schrecklich sei. Ein Vorgefhl von dem, was mich treffen wrde, sagte
sie, hatte ich doch wohl. Mir trumte, ich sah Trgis ganz klein in seiner Wiege
liegen. Ich wollte ihn putzen und trug allerlei veraltete Stcke Zeug und
staubigen Wust herbei. Sehr geschftig hielt ich das zusammengetragene prfend
gegen das Licht. Eins kam mir ganz auserlesen vor, ich zeigte es mehreren, die
umherstanden, man lobte es sehr, ich legte es zurecht, als ich es aber dem Kinde
nun anthun wollte, sah ich mit einem mal, da es ein steifer, schwerer grauer
Mantel war, ich erschrack sehr, und lie vor Entsetzen das hliche Ding auf die
Wiege fallen. Mir zitterten alle Glieder beim Erwachen, und als ich gar drber
nachdachte, und die Nacht mir das Blut rascher durch die Adern jagte, befiel
mich solch ein Schauder, da ich nicht zu athmen wute. Frher, fuhr sie fort,
habe ich niemals darber reden wollen. Aber nun, da das Unglck geschehen und
zum Theil wieder gehoben ist, hat es weiter nichts zu bedeuten.
    Wie gebannt lagen alle Blicke am Boden, niemand wagte die Augen
aufzuschlagen, niemand sprach. Frau von Saint Alban bedachte zurcksehend das
Vergangene, und blieb einen Augenblick gedankenvoll. Nach einer Weile sagte
Trgis: ich vermisse ungern den jungen Deutschen unter uns, er brachte mir die
erste vershnende Bothschaft von Ihnen Alonzo, ich wollte er wre hier, mein
Friedensbote! Er kommt wohl gewi noch, entgegnete Frau von Saint Alban, denn
hat er auch nicht das Ansehn die Menschen zu suchen, so kann er doch nicht von
ihnen lassen. Ihm steht das etwas sprde Verschmhen im Umgang recht wohl. Der
Knstler mu nicht allzuviel umhersehen, es strt ihn nur, darum liebe ich den
abhaltenden Ernst, ja den ganzen wunderlichen Trotz in Philipp, der doch auch
niemals die gute Sitte und den Anstand verletzt. Und denn, fuhr sie fort, hat er
so innige verklrte Augen, so heilig verschmte Blicke, sein treuer Mund redet
so liebe Worte. Ich bin gewi, er hegt und bewahrt im Herzen, was Andre fahrig
am Leben veruern. Sie redeten noch mancherlei ber Philipp und das Uebersehen
und flchtige Abschtzen der Jugend. Es liegt, nahm der Herzog das Wort, in dem
Nichts oder Alles, dem Entweder: Oder der Jnglingsseele einzig der Keim zu
festerer Lebensgestaltung. Die Verhltnisse der Gesellschaft, die Behaglichkeit
des Daseins vermitteln und gleichen nachher aus, wogegen frherhin die frische
Jugend in Zorn und Bewunderung aufloderte. Wir lassen es eben gehn, aber was wir
empfinden und denken, es wird bla und fahl. Wer nicht ber alles lieben und aus
voller Seele verabscheuen kann, der denke nicht zu leben. Frau von Saint Alban
legte zutraulich ihre Hand auf seine Schulter, sie dachte mit Ehrfurcht an die
feste Treue seines ganzen Lebens, und wie er sich auch im wiederkehrenden Glcke
nicht verleugne. Doch das Gesprch auf Vergangenes zurcklenkend, nicht allzu
ernst werden zu lassen, sagte sie mit angenehmen Lcheln: nun, wenn wir Frauen
uns auch nicht so streng und scharf bezeigen, so bt auch das Alter keinesweges
diese niederschlagende Gewalt ber uns. Ich fr mein Theil empfinde noch immer
die lebendigste Theilnahme, ich kann mich heute wie ehemals mit derselben
Lebhaftigkeit dem Schmerz und der Freude entgegenwerfen, und so auer mir vor
Entzcken und Leidwesen gerathen, tadeln, loben, lieben, hassen, schelten und
entschuldigen, als wre ich achtzehn Jahr. Die Frauen, entgegnete der Herzog,
mit gutmthiger Galanterie ihre Hand kssend, wollen schon hher beachtet sein.
Wir sollten ihnen billig eine andre Sphre anweisen, sie stehn keinesweges so
mitten inne im Lebensverkehr, oder wissen sich doch drber hinauszuheben, die
Zeit kann ihnen, wenn sie inde wollen, eben nicht sonderlich viel anhaben. Zu
Anfang sind sie in lieblicher Unbestimmtheit alles zugleich, man ahndet jede
schne Tugend in ihnen, man empfindet den schuldlosen Einklang aller Gefhle an
ihrer Seite, dann zwingt sie das Geschick so oder so in eine besondere Richtung,
und scheint sie zu bestimmen. Sie stehn ausgesprochen vor uns, und man vermit
nicht selten die verschwimmende Weichheit und anmuthige Sorglosigkeit frherer
Zeit an ihnen. Absichtlich berechnet, verschlossen oder zerrissen, verarbeiten
und durchsteuern sie so ein paar Umschwungsperioden, dann aber haben sie
gesiegt, oder sind erlegen. Wir fhlen uns wohl bei den ltern Frauen, deren
Wesen sich klrt und setzt und ihnen die Gluth der Reife lt. Man sprt noch
all' die tausend Elemente menschlicher Leidenschaften und wird durch sie mit dem
Leben in bewegliche Verhltnisse gesetzt, ohne jemals das Unbequeme
gegenwrtiger Vorwirrung zu empfinden.
    Frau von Saint Alban begleitete seine Worte mit beiflligem Blicke, jedes
Stufenjahr weiblicher Anmuth, sagte sie lchelnd, findet doch in Frankreich
seinen Ritter. Niemand taste mir mein galantes Frankreich an! Alonzo sahe
berrascht auf sie hin. Es fuhr schneidend durch seine Seele, er sprte ein
unangenehmes Beben und das Unheimliche verborgener Strung. Aengstlich suchte er
Blansche. Sie sa in qualvoller Anstrengung neben Trgis, seine Hand in der
ihrigen, von Zeit zu Zeit einen Strau weier Rosen gegen die heien,
berflieenden Augen drckend. Ach! dachte er, knntest Du so alle schringende
Wunden der Seele khlen.
    Philipp war inde geruschlos eingetreten, er grte sittig und still, und
nahm seinen Platz zu Trgis Fen, Blansche gegenber. Seine Blicke lagen
mitempfindend auf beiden Geschwistern. Blansche hielt sich kaum noch, ihr Bruder
sah sie oft lang und forschend an. Wehet es Sie nicht zu khl aus der offnen
Thr entgegen? fragte Philipp den Kranken. Dieser lchelte und machte eine
verneinende Bewegung. Er schien schlafen zu wollen, die Wimpern senkten sich so
bleiern nieder. Alle redeten nun leiser, das Licht ward unter einer gefrbten
Glasglocke gedmpft, die mondhelle Nacht spielte in grenden Flmmchen durch
die bewegten Zweige vor Thr und Fenstern, in den Blttern suselte es hrbar
durch die wispernden Worte. Blansche schlpfte zur Thr hinaus. Alonzo sah sie
in den dunkelsten Gngen langsam auf- und niedergehen. Er konnte nicht
zurckbleiben, er folgte ihr unsicher und beklommen nach. Die Stirn an eine
junge schlanke Birke, wie an Schwesterbrust gelehnt, unvermgend sich lnger zu
bezwingen, weinte das arme bekmmerte Kind aus voller heier Seele. Alonzo fate
ihre Hand, sie wehrte es nicht, sie dachte nichts, sie fhlte nur den
unaussprechlich tiefen Schmerz. Blansche, flsterte er scheu und innig, meine
arme Freundin, was ngstet Sie nur gerade jetzt so herzzerreiend, so
unbezwinglich? Er stirbt, ach Gott er stirbt ja! schluchzte sie. Sehn Sie's denn
nicht! Sieht's denn kein Mensch als ich, welch' ein Lcheln ihm den ganzen Tag
schon um die Lippen schwebte, so lcheln nur Engel, das ist der Tod! - Der Tod!
wiederholte Alonzo schaudernd! ihm war als stoe er erst jetzt den kalten Stahl
in des armen Trgis Brust! Es schien ihm ganz unglaublich, ganz unerhrt, da es
jemals dahin kam! Wie im Traum blieb er vor Blansche stehn, er lie ihre Hand
fahren und sahe starr vor sich nieder. Ich konnte, klagte sie leise, lnger die
entsetzliche Angst nicht aushalten. Ganz langsam hrte ich den Todesengel
heranrauschen und als Trgis die Augen senkte, da brach mir das Herz, da war
mir's als sehe ich den dunkel glnzenden Fittig, der sein liebes, liebes Gesicht
beschattete. Sich abwendend, weinte sie still in die kleinen, vorgehaltenen
Hnde. Ihre Thrnen fielen brennend in Alonzos Herz, zerreiender als Vorwrfe
es gekonnt, klagten sie ihn an, er hatte nicht den Muth, Blansche anzusehn, und
eiskalt berlief es ihn, als sie pltzlich gefat und ernst sagte: die Mutter
ahndet es nicht, sie ist so kindlich vertrauend, alles, alles berhrt sie. Mein
Gott, wie wird ihr sein, wenn nun der verhate graue Todtenmantel auf ihren
Liebling niederfllt.
    Sie schlug die Augen bittend zum Himmel und ging langsam nach dem Hause zu.
Alonzo wagte es nicht sie zu begleiten. Er blieb den einen Arm um die Birke
geschlungen tiefsinnig zurck. Der weie Stamm leuchtete so hell im Mondenlicht,
die schwanken Zweige spielten khlend um seine Schlfe, aber ihn konnte nichts
erfreuen, nichts trsten. Das Leuchten und Flstern jagte ihm nur Graus in die
Seele, er wand sich von dem Baume wie aus Gespenstes Armen und schritt rasch
durch die Gnge Blansche nach.
    Bei dem Kranken war es dunkler und stiller geworden. Frau von Saint Alban
hatte sich entfernt, der Herzog und Philipp saen etwas abwrts, ohne zu reden.
Alonzo sah schchtern umher, er glaubte dem Todesengel irgendwo zu begegnen. Ich
bitte, sagte Blansche zu ihrem Oheim gewandt, lassen Sie uns noch einige Stunden
hier versammelt bleiben, ich frchte mein Trgis ist nicht mehr lange unter uns.
Der Herzog strich ihr die blasse Wange und sah mit feuchten Augen auf das
schmerzliche Beben ihrer Lippen, die nur mhsam die wenigen Worte
herausbrachten. Er versprach zu thun was sie wolle und gestattete, da der
Beichtvater geholt ward, der unter frommem Gebet die scheidende Seele des
Sterbenden geleitet.
    Philipp sah ernst in den Garten hinein. Ueber dem breiten Rasenplatz hin
zogen Nachtdnste in seltsamen Nebelbildern aufwrts. Alonzo war seinen Blicken
gefolgt. Es ist eine tiefsinnige Bedeutung deutscher Sprache, sagte Philipp
leise, da Nebel umgekehrt Leben ist, und Eines in dem Andern liegt. So ist es
ja denn auch wirklich, und erst wenn die Wahn-und Trugspiele sinken, bricht die
Lebenssonne an! Er hatte die Knie bereinander geschlagen, und das Gesicht in
die aufgestemmte Hand gesenkt, als spre er im Innern das Dmmern ew'ger Glorie.
    Trgis griff inde unruhig mit den Hnden in die Luft, dann zupfte er an den
Decken und schien in Gedanken Blumen zu zerpflcken. Noch einmal schlug er die
gebrochenen Augen auf, er machte eine verlangende Bewegung mit den durstenden
Lippen. Der Geistliche hielt das Crucifix an seinen Mund. Blansche zitterte
heftig, doch fate sie sich schnell. Niederkniend betete sie mit Engelsklarheit,
Alonzo und Philipp an ihrer Seite. Es ist vorbei! sagte der Geistliche zu den
Umstehenden gewandt. Blansche richtete sich auf. Sie drckte die Hand aufs Herz.
Der Athem verging ihr. Tief aufseufzend sank sie ohnmchtig an Alonzos Brust. Er
hielt sie, er trug sie wie ehemals aus der Kirche. Erde und Dasein, Leben und
Tod, alles was Worte nennen, schwand vor seinen Blicken. Er fhlte das arme Herz
matt an seinem schlagen, den holden Leib kraftlos hingegeben in seinen Armen
ruhen! Das zarte Kpfchen senkte sich gebeugt auf tiefbewegter Brust, ein
scharfer Nachthauch schien es, habe der schlanken Blume wehe gethan. Alonzo
frchtete sie mit seinem Athem zu berhren. Ganz leise legte er sie im
Nebenzimmer auf ein Ruhebett, ein Schauder, eine Scheu wehete ihn an, er hatte
sie einen Augenblick sein genannt, zum zweitenmal hatte sie Gott unter heil'ger
Weihe an seine Brust gelegt, doch er durfte, er konnte sie so nicht halten, er
selber lie sie aus seinen Armen los. Noch hielt er ihre beiden Hnde, er kniete
schweigend neben ihr, kein Wort, kein Laut drang ber seine Lippen. Jetzt regte
sie sich, sie schlug die Augen auf. Blansche, flsterte er, sagen Sie, das Sie
mir den ungeheuren Schmerz verzeihen, da Sie mich nicht hassen! Sie sahe klar
zum Himmel, wie kme, sagte sie, in dieser Stunde Ha in meine Seele. Er starb
ja vershnt. Vor dem Klang ihrer weichen, rhrenden Stimme sprangen alle Banden
von seiner Seele. Nichts mehr sehend als sie, unfhig zu denken, alles andre
vergessend, rief er ganz auer sich, so nehmen Sie denn das Opfer meines ganzen
Lebens, Blansche, lassen Sie mich nur fr Sie Herz und Dasein haben, verwerfen
Sie mich nicht, ich bin, ich athme nur durch Sie! Aufgerichtet, innig in sein
schnes Auge sehend, schwieg Blansche einen Augenblick, dann legte sie die
errthende Wange wieder auf die Kissen zurck und winkte Alonzo schweigend, mit
linder Gte in Blick und Bewegung, sie zu verlassen.
    Er gehorchte. Wie im Traume schwankte er nach dem Saale zurck. Philipp
stand seitwrts neben der Leiche, den einen Arm ber sie hingestreckt, drckte
er sanft dem schlummernden Jngling die Augen zu, die seinen schwammen in
dunkelm Glanz, er sah fast aus wie der Todesengel selbst. Der alte Herzog lehnte
weinend an ein Fenster. Die Lichte waren ausgebrannt, der Morgen dmmerte fahl
herein, Einer erschrack vor des Andern Leichenblsse. Armand trat ein, er nahm
seinen Platz zu seines jungen Herrn Fen, der Herzog wandte sich traurig zu den
beiden Freunden, die schwere Nacht, sagte er, war berstanden, wir wollen uns
alle einen hellen Morgen wnschen! Er neigte sich sehr liebreich und ging, das
Taschentuch gegen die brennenden Augen haltend, aus dem Zimmer. Noch einmal
faten beide Trgis Hand, sie sahen sich gerhrt an und sanken laut schluchzend
einander in die Arme. Schweigend, mit gesenktem Blick gingen sie darauf durch
den hellen, lauter werdenden Tagesschein, in der Seele schmerzliches Entzcken
und die Verheiung unvergnglichen Daseins.

                                Zwlftes Kapitel


Es vergingen mehrere Tage, ohne da Alonzo Blansche und ihre Mutter sahe. Die
Familie begleitete die Leiche nach einem unweit gelegenen Landgute. Alles war
leer und de im Hause, niemand als Armand zurckgeblieben. Es gereichte
gleichwohl Alonzo zum Trost dahin zurckzukehren und des Abends unter den Blumen
und Bumen sitzend, von Blansche trumen zu knnen. Zuweilen gesellte sich der
alte Diener zu ihm. Dieser redete gern von dem frhern Glanz und der langen
Prfungszeit seiner Herrschaft. Er erzhlte von der Hochzeitfeier der Frau von
Saint Alban, und den vielen Gsten, von seinem Gehen und Laufen, und wie die
verstorbene Herzogin Mutter gesagt habe: es ist wahr, niemand in der Welt
versteht zu serviren wie der Armand; worauf der selige Herr von Saint Alban
lchelnd erwiederte: er hat mich stets auf meinen Reisen begleitet, er war
berall in London, Wien und Petersburg mit mir, er hat die feinere Lebensart
gebildeter Menschen studirt und kennt die Weise guter Huser. Dieser Tag, der
wie eine Ordensfeier in seine Dienstjahre fiel, ward denn pltzlich durch die
Schrecken der Revolution verdunkelt. Er wute von den damaligen Grueln und der
sinnreichen Bosheit der Rebellen viel zu erzhlen, beweinte noch heut den Knig
und die Knigin, und schlo gewhnlich mit der Versicherung: Strme Blutes, mein
Herr, sind hier geflossen, Strme Blutes, sie haben die alte Zuverligkeit, den
Respekt und die Devotion aus den Herzen der Franzosen weggesplt. Glauben Sie
mir, ich erkenne meine Mitbrger nicht, alles ist seitdem anders geworden, auch
der junge Herr von Saint Alban war angesteckt, das Gift hatte ihn gewonnen,
hatte ihn gefat, ich verstehe mich darauf, so etwas krnkelt heimlich fort,
haben Sie mich verstanden, so etwas wird niemals ganz ausgeheilt, glauben Sie
mir, der Tod hat es gut mit ihm gemeint.
    Alonzo half ihm ber alles dies hinaus zu Blansches Jugendleben hin. Armand
schenkte ihm inde keinen Schreckenstag, kein bedeutendes oder unbedeutendes
Ereigni, und nur Schritt vor Schritt erfuhr er, da Frau von Saint Alban Trgis
im Arm, viele Meilen zu Fu flchten mssen, mit seinem Beistand und
Geistesgegenwart endlich nach Holland bergeschifft, und lange nachher durch den
Schutz einer deutschen Frstin in ihr Vaterland zurckgekehrt sei. Hier, fuhr er
fort, lebte sie in ehrwrdiger Verborgenheit einige Jahre an der Seite ihres
krnkelnden Mannes und gab erst wenige Monate nach seinem Tode der schnen
Blansche das Licht der Welt. Armes Kind, sagte sie bei ihrer Geburt, du hast
nicht Vater, nicht Vaterland, was willst du in deiner verwaisten Familie! Doch
ich lchelte, und dachte bei mir, dies ist, oder ich kenne mich nicht darauf,
das schnste Kind der Welt und recht gemacht die Ungerechtigkeit des Geschickes
zu vershnen. Frau von Saint Alban war um ihre Erziehung verlegen. Sie hatte
inde ein zu stolzes Herz und zu gute Sitten, um von ihren Grundstzen
abzuweichen, und widerstand daher allen Versuchungen, die sie mit der verderbten
Gesellschaft des heutigen Frankreichs in Berhrung setzen konnte. Doch die
Vorsehung sieht ins Verborgene, und wei die Aufopferungen der Tugend zu lohnen.
Die Aebtissin vom Kloster Sainte Genevieve sah die kleine Blansche, nahm sie zu
sich, und erzog sie in Demuth und Weisheit bis zu diesem Tag.
    Alonzo ward es nicht mde, auf verschiedene Fragen und Wendungen fast immer
mit denselben Phrasen, dieselben Antworten zu hren. Die Sprache, die
geschwtzige Beredsamkeit, das narciartige Selbstbespiegeln, beugeln und
belehren, schien ihm nicht mehr lstig! Er hatte sich in die Weise hineinsingen
lassen, sie war ihm schon nicht mehr fremd, er fhlte sich sogar nie
gemchlicher, nie entfernter von Streit und Ungleichheit, als wenn die
veralteten Redensarten so schnarrlend an ihm hinleierten und jeder mahnende
Aufschwung der Phantasie vor dem Paschritt eingefugter Alltglichkeit
unterduckte. Armand kam ihm ganz gescheut vor, er erinnerte ihn an alles, was
ihm die feinere franzsische Welt gezeigt, die Blthe geselligen und
litterrischen Witzes von Frau von Svign. an bis auf den heutigen Tag gelehrt
hatte. Die Bildungsfhigkeit der Individuen fiel ihm zum erstenmale auf, er
bemerkte, da wenn man Armands Erzhlungen Wort fr Wort aufschriebe, und sie in
irgend einem franzsischen Roman einschalten wollte, man just kein Buch dadurch
verschlechtern wrde.
    Der gute, redselige Alte ward es denn auch nicht mde die Conversation zu
machen, und Alonzo durch Garten und Haus umherfhrend, das Geringfgige und
Gewhnliche so zu erklren, so umstndlich zu entwickeln und dergestalt als
Auerordentliches hinzustellen, da jener oftmals irre an sich selber ward und
nicht wute, ob er auch wirklich jemals etwas Aehnliches sahe. Doch in so fern
nur irgend eine Beziehung auf Blansche zu entdecken war, folgte Alonzo der
weitschweifigen Anekdotenkrmerei und Erklrungssucht wie ein gebundener Lwe,
ohne Widerstreben.
    Einst traten sie in eine schmale staubige Gallerie. Unter mehreren leer
gewordenen Feldern hingen hin und her vergelbte Familienbilder, meist
verzeichnet, unschn, in steifen, gezwngten Stellungen, den Tapetenfiguren
hnlich. Ganz im Schatten, aus dichtem Spinnengewebe, wie durch einen Schleier
sah ein hbsches, blondes Gesichtchen auf die Beschauer nieder. Alonzo glaubte
Blansche im veralteten Putz zu sehen. Armand auf seine Blicke aufmerksam, war
sogleich auf einem Stuhl gestiegen und fuhr mit einem Tuch reinigend ber das
Bild. Eine junge Dame stand unter sehr hellem Himmel, und lie mit der einen
Hand einen Schmetterling aufwrts fliegen, whrend sie mit der andern den
brunlichen Carmelitermantel ber die Schultern hing. Waren Minen und Geberden
gleich etwas peinlich und geziert, so war doch Seele in dem Gedanken und ein
wehmthiger Anklang, der Alonzo blitzesschnell traf. Die Herzogin von la
Valliere, sagte Armand erklrend, sie war Frau von Saint Alban mtterlicher
Seits verwandt. Die schne la Valliere rief Alonzo, das demthige Veilchen! Sie
starb im Kloster, fiel jener ein. Ich wei, entgegnete Alonzo gedankenvoll. Du
frh gebrochenes Herz, sagte er gegen das Bild gewandt, die Welt hat dich
zertreten, verworfen, aber du lebst in jeder fhlenden Seele fort. Sie ward
selig gesprochen, unterbrach ihn Armand mit Erhebung. Sie hatte dreiig Jahr
gebt, und war nun mit der Welt fertig. - War mit der Welt fertig, wiederholte
Alonzo, wer das sagen knnte! Und doch vergessen, doch in staubige Winkel
geworfen! Er schttelte Armand die Hand und schlich ganz aufgestrt und
tiefsinnig durch den Garten, in Willens nach Hause zu gehen. Doch wie er sich
aus den Buchenhecken wendend, nun den Rckweg antreten wollte, sahe er des
Herzogs Wagen zu dem Eisengatter hineinbiegen. Er war im Begriff ihm
nachzueilen. Doch besann er sich. Es fiel ihm ein, da sein pltzlicher Anblick
wohl die kaum beruhigten Gemther stren knne. Er sagte sich das zuerst, wie
man sich wohl aus schicklicher Rksicht an etwas Hinderndes erinnert, allein
kaum hatte er es ausgesprochen, so erschrak er auch auf das heftigste vor dem
entsetzlichen Gedanken. Ja, ja, rief er, mein Anblick wird sie stren, mu sie
ewig stren! wie ein Gespenst werde ich zwischen ihre fromme Ergebung treten,
werde die ungeheure Pflicht mir verzeihen zu mssen, in die zurckgezogene
Herzen drcken. Unter Eisesschauern, scheu, in Todesangst werden sie mir
gegenber stehn. Kann ich den Schmerzesstachel aus ihrer Seele ziehn, kann ich
das Geschehene ungeschehen machen? Wie soll die Mutter mir vergeben! Sie dachte
es wohl, da das Unglck ihr so fern schien, jetzt aber! - Blansche - und du?
wirst du hassen und lieben zugleich! Ach Gott! was die Rhrung, was des offnen
Grabes Stimme Dir aus dem Herzen ri, was Du bewegt verhieest, es ist auch wohl
jetzt verklungen. Der stumme Schmerz verschliet dir nun die Welt, du bist ernst
und ruhig; von da zur Klte und Strenge ist nur ein Schritt! Verdammen wird
deine Engelsmilde mich just nicht, doch abwehren, zurckdrngen wirst du den
feindlichen Strer!
    Er ging heftig in den dunkeln Schattengngen auf und ab. Die Nacht war
wolkig und khl, durch die Fenster sah er Licht, nur am Gartensaale hin war
alles verschlossen, vor der Glasthre war noch eine uere hlzerne angelehnt,
breite eiserne Querstangen lagen wie Riegel darber. Hier, dachte Alonzo, hier
trugen sie den Sarg hinaus zwischen den Blumen hin! alle rauschten und klagten
ber das frh gebrochene Leben! Er sahe den Leichenzug, den bleichen
Kerzenschein, der Blumen wunderliches Wanken. Zufllig stie der Wind gegen die
Thr, sie bebte zwischen den Eisenklammern, ihm war als falle sie jetzt erst zu.
Gruft und Gewlbe und des Todes dunkle Angst zog durch seine Sinne. Er blieb vor
der Thre stehen. Alles ausgestorben, rief er! und durch dich Unglckseliger!
Das war der namenlose Druck, die Pein, die mich hier in Frankreich folterte. Der
Ha, der Freiheitsdurst war es nicht allein! Das stolze Herz verlangte nach den
groen Worten, es konnte nichts die heie Brust fllen, die unbestimmte Angst
wollte einen Namen haben. Darum befeindete ich das arme, verblendete Volk und
dich, du lieber verfhrter Jngling! So hmisch ri mich mein Geschick in den
Abgrund. Ich htte dich versteh'n sollen! der Vorschmack dieser Hllenqualen der
lag mir in der Seele!
    Hier klopfte es leise auf seine Schulter. Er fuhr rasch zurck. Jesus! mein
Erlser rief er, das Kreutz schlagend. Ihm war nicht anders, als sehe er Trgis
vor sich steh'n. Was erschrecken Sie nur so heftig, rief eine bekannte Stimme
fast unter gleichen Schauern bebend! Sind Sie es Philipp, sagte Alonzo etwas
beschmt. Ja, entgegnete dieser, zutraulich seine Hand fassend, ich komme fr
einige Tage Abschied zu nehmen. Alonzo konnte sich noch nicht recht von dem
gehabten Schreck erholen, er betrachtete ihn ganz verwirrt. Philipp war in einen
weien Beutemantel gewickelt, das kleine Barett lag nachlig auf die dunkeln
Locken, so da diese hervorquillend die Stirn beschatteten und vom Nachthauch
bewegt, einen unkenntlich machenden Schein aufs Gesicht warfen. Ich werde, sagte
er, jenen durch seine Stimme beruhigend, noch in dieser Nacht von hier in
Auftrgen versandt. Ich denke es ist das letzte Geschft der Art, was mir
berkommt. Morgen wird der Friede unterzeichnet, ich fodre dann meinen Abschied.
Er kann mir nicht entstehn. Bis dahin bleibe ich bei meinem Regimente. Doch
sobald ich frei bin, kehre ich noch einmal zurck, um alsdann von hier meinen
Weg nach Rom zu nehmen. Nach Rom, wiederholte Alonzo gedankenvoll. Meine ganze
Seele, fuhr jener fort, durstet danach. Haben Sie nicht gelesen, wie der heilige
Vater, auf dem Altane stehend, den Segen austheilte und das Weihwasser mild
trufelnd vom Himmel sprhete? O die ewige Liebe wei es, wieviel tausend Wunden
jetzt an diesem Balsam heilen mssen! Sein herrliches Auge glnzte wie ein
milder Stern im Dunkeln. Alonzo fhlte sich leise erschttert. Glauben Sie mir,
fuhr Philipp fort, wir leben in einer dreisten, khnen Zeit, die tiefsinnigsten
Wunder werden herausgerissen, ans Licht geworfen, beklgelt, besprochen. Alle
wollen alles wissen, es thut uns Noth, da wir uns in Demuth zurckziehn und
still und heimlich werden. Die Luft hier ist trocken und khl, sie wirft einen
fahlen Staub auf das Mysterium des Lebens. Wir halten den blassen Nebel fr
Licht und wenden das Auge bequem ohne Blendung hier hin und dorthin, und bleiben
doch immer auf dem alten Fleck. Vor jener Sonne aber reit das Netz, wir werden
erschrecken und das eben brauchen wir. - Sie gingen schweigend weiter. Vor
Alonzos Wohnung standen sie noch einen Augenblick. Sie kommen also gewi wieder,
fragte Alonzo? - gewi, erwiederte Philipp, doch meines Bleibens darf hier nur
kurz sein. Auch Sie, setzte er hinzu, thun wohl bald von hier fortzukommen.
Alonzo drckte verlegen seine Hand. Der Kampf, sagte Philipp ernst, ist kein
Unglck, wohl aber die Beschwichtigung. Nichts ist dem Menschen so gefhrlich
als sich mit dem ausshnen, was ihm feindlich entgegenstehen soll, und Frevel
wird es, alles Hohe und Herrliche der Seele augenblicklichen Beziehungen
unterwerfen, und denken zu wollen, man sei eben nicht grer als das Herz es
wolle. Sein Blick flammte, des Geistes fromme Erleuchtung hob ihn ber sich
selbst hinaus, heftig drckte er den Freund an seine Brust, Gott verlasse Sie
nicht, rief er, und eilte dann fort zu seinem Geschft.
    Alonzo sah ihm nach. Ob es Philipp, ob es ein Bote des Himmels, der eben
geredet, war, er wute es nicht, sein Herz bebte, er wollte ihm folgen, - doch
trstlich war es ihm zugleich, da er ihn nun nicht mehr erreichen konnte.

                              Dreizehntes Kapitel


Alonzo erfuhr bald, da Frau von Saint Alban mit ihrer Tochter im Kloster Sainte
Genevieve sei und dort die stille Trauerzeit zuzubringen denke. Er war noch in
den bangsten Zweifeln, ob er sie dort aufsuchen drfe als eine Einladung der
liebenswrdigen Frau ihn schnell ber alle Unsicherheit hinaushob. Sie schrieb
ihm:
    Mein armer junger Freund. Ich mu Sie sehen, wir gehren von nun an
zusammen, das Unglck verbindet uns; denn mein Gott! wie unglcklich mssen Sie
jetzt sein! Ich habe alle die Zeit mit wahrem Schmerz an Sie gedacht. Und ich
Alonzo - ich? denken Sie nicht, da Sie mein Gefhl begreifen, da Sie es nur
entfernt ahnden knnen! Wie ich an dem frchterlichen Tage die Augen aufschlug!
wie es Nacht war und Nacht blieb, wie es an meinem Herzen ri und ich es mit
aller Lebenskraft halten wollte! Es ist gescheh'n, es ist vorbei! Das Herz ist
mir aus der Brust gefallen, sie ist seitdem ganz hohl und leer, nur Blansches
Bild schwankt noch drin umher. Das arme Kind! sie lernt so frhe weinen! Die
Augen sind ihr so trbe, die Wangen so bleich, matt und krank die Stimme, der
Gang langsam und schleppend. Ich sahe das mit neuen Sorgen, aber ich habe noch
keine Kraft zur Angst, wie mte ich sein, um ein neues Unglck fassen zu
knnen, Sie werden das alles lesen, die Thrnen werden Ihnen in die Augen
treten, Sie werden glauben mitzufhlen! Ach mein Herr, der Schmerz der hier
whlt, zittert nur matt in einer andern Seele wieder! Die Einbildungskraft
schafft das nicht, die Natur strubt sich es vorher zu offenbaren, nur wenn das
Schicksal sie beschleicht und zwingt, dann tritt sie aus aller Ordnung und wird
entsetzlich!
    Ich lerne jetzt die Worte recht verachten! sie beschneiden das Gefhl, es
kommt ganz eng und matt heraus. Ein Ton, - ein einziger Ton! O Gott, was sagt
der nicht! Zuweilen, wenn es mich so befllt, das Namenlose mich packt, ich in
der Angst die Hnde krampfhaft zusammenpresse, und ein Schrei aus meiner Brust
dringt, dann beben selbst der Engel Seelen, die Heiligen weinen, und Menschen
ahnden, was ein Mutterherz spaltet und zerbricht!
    Alonzo, der graue Mantel ist nun doch niedergefallen! sie haben ihm das
liebe Gesicht verhllt. Das schwere Kleid liegt auf ihm. Vielleicht erbarmt sich
der Frhling und streuet leichte Blumen darauf.
    Wie ich sonst wohl sein Bett sorgsam zurecht legte, jedes Fltchen aus den
Tchern strich, die Vorhnge zuzog, Luft und Zug abwehrte, so hte ich nun sein
Grab, pflanze und begiee und spiele Leben, aber kein Auge dankt mir, keine
Lippe ffnet sich nicht mehr!
    Ich htte unrecht vor Ihnen so zu klagen? Nein, nein, Sie drfen es hren,
Ihre Seele ist rein von aller Schuld, das schwre ich! Aber auch seine? nicht
wahr Alonzo, auch er ist gereinigt?
    Gott wei es, ich liebe Sie jetzt mehr als sonst. Sie sind mir ein
schmerzliches Andenken; und der Schmerz thut mir so wohl! Kommen Sie denn mein
trber, armer Freund. Ich erwarte Sie.
    Es bedurfte der herzerschtternden Worte nicht, um Alonzos ganzes Wesen
gefangen zu nehmen. Er hatte ja schon lange keinen andern Wunsch, keinen andern
Gedanken mehr. Das Unglck, was er ber diese Familie gebracht, erschien ihm so
ungeheuer, da sein Leben nicht hinreichte es auszugleichen. Von jetzt kannte er
keine andre Pflicht als die Thrnen zu trocknen, die er ausgepret. Er hielt
sich dazu fr berufen. Umsonst hatte ihn das Verhngni nicht so wunderbar
gestellt.
    Kaum hatte er die letzte Zeile gelesen, so flog er zu Frau von Saint Alban.
Sie schrie laut als sie ihn sahe. Er strzte zu ihren Fen, er drckte ihre
Hnde an seine Brust, seine Augen lagen bittend auf den ihrigen. Sie weinte ohne
ein Wort hervorbringen zu knnen, doch ihm unter den Thrnen freundlich
zulchelnd, war sie bemht, Friede in das allzubewegte Herz zu gieen. Blansche
stand in groer Anstrengung abwrts. Mit der einen Hand das herabhngende
Batisttuch haltend, stemmte sie sich gegen ein Tischchen, die andre spielte in
einer neben ihr stehenden Cypressenstaude. Ohne Verrckung der ruhig klaren
Zge, flossen die Thrnen perlend ber ihre Wangen, die Augen senkten sich zur
Erde, ein bleiches Roth flog an sie hin, als sie schchtern aufsehend, Alonzos
rhrenden Blicken begegnete. Er sahe sie leicht beben. Das war der Strahl, so
fhlte er, der ihre Seelen auf ewig vermhlte.
    Frau von Saint Alban hatte sich schnell gefat. Sie zeigte sich ruhiger als
es Alonzo erwarten durfte. Mit unaussprechlicher Gte hob sie ihn vom Boden auf,
hie sie ihn neben ihr sitzen. Alles Liebkosende und Se ihrer Stimme wandte
sie an, um jede Scheu, jede Besorgni aus seiner Seele zu wischen. Wie sie nun
so herzlich bemhet war, ihn zu beruhigen und der dstere Zweifel doch nicht von
seiner Stirn weichen wollte, sagte sie: denken Sie nicht, da es anders in mir
sei, wenn ich Sie nicht sehe. Ich habe eine sehr lebhafte Vorstellung von den
Leidenschaften der Menschen, und wie sie aneinander gerathend das Unerhrteste
erzeugen. In ruhigen Stunden liegt der Grund von den Ereignissen, die mich am
hrtesten treffen, ganz unumwunden vor mir, ich gewinne eine Einsicht und werde
stiller und ergebener in dem, was einmal so kommen mute. Man beschuldigt die
Frauen, es komme bei ihnen alles darauf an, eine Ursach, eine Veranlassung
auffinden zu knnen, wenn sie sagen drfen, das ist es, daher kam es, so sind
sie fertig in sich, der Erfolg mge dann sein, welcher er wolle. Ich wei es
nicht, ob die Befriedigung miger Neugier das Herz stillen knne, doch leugnen
werde ich es nicht, da, was einmal in nothwendiger Folge vor mir entsteht und
wird, aufhrt mich wie ein Gespenst mit verstrendem Sinn und Geist umhllenden
Schauder zu erfllen. Die helle, freiwillige Ergebung in dem Unabwendbaren ist
mir eigen, ist den Frauen berhaupt so nothwendig. Wir knnen so wenig thun, wir
mssen so viel leiden! wie kmen wir nur mit uns selbst zurecht, wie bewahrten
wir die Duldung und Liebe, wenn ein eingebohrner Sinn nicht von selbst Dinge und
Gefhle zu ordnen wte? Ich habe es in den gepretesten, engsten Verhltnissen
erfahren, da man sich nur dann frei bewegt, wenn man so viel als mglich jedes
an seinen Platz zu stellen vermag. Ich wei Sie zu stellen, Alonzo, auch meinen
Trgis. Glauben Sie mir, ich kenne die ewige Ausgleicherin Zeit. Frankreich hat
ber seine Krfte hinausgegriffen, es hat sich berlebt, es ist welk und matt
geworden. Ihm geht es wie jener Coquette, die tglich roth trug, und es nicht
begreifen konnte, da einmal der Tag kam, wo sie aufhren mute, da sie es erst
gestern und vorgestern that. Der Aufenthalt im Auslande hat mich ber vieles
belehrt. Wir passen nicht unter die junge Welt, glauben Sie, ich fhle das, und
ohne zu wissen, was mit uns werden solle, begreife ich doch jeden Widerstreit.
    Frau von Saint Alban kam von hier auf das wechselnde Unglck ihres
Vaterlandes zu reden, und was seit Jahrzehnte an ihm gepret und gezehrt htte.
Sie verweilte mit Theilnahme bei allem Schnen und Erwnschten, was es zum
Lebensgenusse biete. Mehr und mehr erreichte sie sich ber sein trbes Geschick.
Die Demthigung, welche es erfahren, schmerzte sie tief, der Unwille gegen die
Verbndete blitzte unwillkhrlich auf, sie tadelte diese niemals, aber sie lobte
das Eigenthmliche franzsischer Nationalitt mit warmer, eingeborner
Partheilichkeit, und konnte sich nicht enthalten zu sagen, das jugendlich
gewordene Europa solle in seinem aufstrebenden Stolze nicht vergessen, da es
lange in franzsischer Schule ging, man knne nicht immer angeben, welchen
Rutzen man von diesem oder jenem Unterricht gezogen, es solle sich nicht durch
unbilliges Herabwrdigen selbst beflecken. Wenn sie gleich der Verderbtheit
nicht das Wort reden, und schreiende Thatsachen entschuldigen wollte, so sahe
sie diese doch mehr in den Zeitumstnden, in der Form zuflliger Gestaltung als
in den verschlammten Wust vergifteter Lebenskraft begrndet. Und prophezeihete
sie auch noch viel unsgliches Unheil fr Frankreich, so ahndete sie doch sein
phnixartiges Vergngen und das beschmte Anerkennen ungerechter Feinde. Ein
lebhafter Sinn steigerte den Streit in ihrer Brust, bis sie, nicht mehr
ausreichend, in matte Wehmuth verfiel. Die Vergnglichkeit, der Wechsel alles
irdischen Lebens trat ausgleichend vor sie hin, sie ward stiller und weinte
viel.
    Alonzo fhlte sich beengt. Es war das erstemal, da zwischen ihnen
Nationalverschiedenheiten berhrt, gergt wurden. Frau von Saint Alban in allen
ihren Gefhlen aufgelst, sprach sich rcksichtslos aus, die Worte reiheten sich
unberechnet aneinander und rollten eines durch das andre fortgezogen, in der
Fluth unvereinbarer Empfindungen weiter. Endlich stand sie auf und ging in ein
Nebenzimmer, wo sie unter vielen Papieren kramte und ordnete. Auch sie also!
dachte Alonzo, auch sie kann den Stolz und die Herbigkeit nicht verleugnen, wie
gerecht sie auch zu sein denkt. Er nherte sich Blansche. Sie war an das Fenster
getreten. Errthend gab sie es zu, da er ihre Hand fasse. Blansche, fragte er
leise, wenn Sie in dieser Zeit an mich dachten, wie erschien Ihnen mein Bild?
Haben Sie es in keinem Augenblick mit Schmerz und Unwillen zurckgedrngt? Haben
Sie nie den Unglcklichen verwnscht, der zu Ihrer Qual Frankreichs Boden
betrat? Meine Seele, erwiederte Blansche still gefat, wei nichts von der
wsten Qual, die Sie in mir voraussetzen. Ich habe recht friedlich und wie zum
Trost in den letzten Stunden an Sie gedacht. Ich wute Sie voll Theilnahme und
Mitgefhl, Ihr Andenken ist ganz rein und ungetrbt in mir.
    Das Fenster war offen, sie sahen ber die Klostermauern in das weite Feld.
Volle Kornhren wogten im glhenden Abendroth wie ein leise wallendes Meer, die
Sonne warf scheidend die schrfsten blendensten Lichter zurck, Blansche stand
ganz glnzend wie verklrt neben Alonzo. Unwillkhrlich sank er vor ihr nieder
und mit den heien Lippen die Falten ihres Kleides berhrend, rief er, heiliger
Engel! sage, da du mich nicht verwirfst, da du das Opfer meines Lebens
annimmst! Blansche faltete die Hnde, drckte sie gegen die Brust und die Augen
zum Himmel gehoben, sagte sie, Gott willst du ein Opfer, nimm mich, la ihn
schuldlos, den Frieden seiner Seele unangefochten! Sie senkte das Gesicht in
beide Hnde, und blieb einige Sekunden still, drauf sich zu Alonzo wendend und
ihn sanft vom Boden aufhebend, fuhr sie zutraulich fort: mein Freund, ich wei
wenig von der Welt, ihre Verhltnisse sind mir meist unverstndlich und was sich
dunkel und verworren um mich her getrieben, macht mich nicht begierig mehr zu
erfahren. Was das Leben von mir fodern wird, es wird es mir ja sagen; ich will
es gefat erwarten. Was aber in mir lebt, - Sie haben den stillen Gedanken Worte
gegeben, ich hege keine Scheu es auszusprechen, ja Alonzo, in mir lebt Ihr Bild,
es hat mein ganzes Herz genommen, und ich widerstehe der sanften Gewalt nicht.
Geht es Ihnen auch so, so lassen Sie uns in dem innern, geheim gehaltenen
Verkehr beglckt und heiter sein, vertrauen Sie Gott, lassen Sie das Uebrige
kommen, noch wei ich gewi, ist die Stunde nicht da, wo die Welt, wo ein Mensch
auer uns darum wissen darf. Alonzo wagte nicht zu sprechen, sie anzurhren,
seine ganze Seele war in ihr, doch Wort und Bewegung schien ihm zu roh, zu khn
fr dies durchsichtig helle Wesen, ihre Blicke flossen lautlos in einander, die
Lippen verschlossen den allzudreisten Klang.
    Frau von Saint Alban war wieder hineingetreten. Sie fand Alonzo
gedankenvoll, ohne Worte. Freundlich, mit hchst liebenswrdiger Beschmung, die
Hand auf seine Schulter gelegt, sagte sie: hat mein rasches Gefhl Sie vorher
beleidigt, armer Freund? Ich habe es schon lngst vergessen, da Sie nicht immer
zu uns gehrten, wollen Sie, da ich Worte und Gefhl beherrschend, mich
absichtlich daran erinnern soll? - Alonzo war viel zu bewegt, um an irgend etwas
auer Blansche und an sein Glck zu denken. Mein Gott, entgegnete er zerstreut,
ich glaube, es ist berall Friede, im Himmel und auf Erden, was bleibt uns noch
zu wnschen brig? Freilich, sagte Frau von Saint Alban, Sie haben wohl recht,
man ist lange nicht durchdrungen, lange nicht entzckt genug ber diese
Himmelsgabe! Aber so ist das Herz, niemals gngt ihm das Eine, das Hchste, es
zieht sich mhsam herab in den Streit hinein, es kann nicht Ruhe halten. Nun,
Alonzo, nicht wahr, wir streiten nicht mit einander? Nein, gewi nicht, gndige
Frau, rief er hastig, bei Ihnen ist Liebe und Gte und eine Welt voll Glck. Er
war im Begriff mehr zu sagen, Blansche sah ihn warnend an. Frau von Saint Alban
war wieder mit sich selbst Eins und ber das Vergangene beruhigt. Alonzo allein
wute nirgend hin mit dem gedrngten Herzen, wie im Taumel redete er lebhaft und
confus, kte mit immer wachsender Innigkeit verschiedentlich Frau von Saint
Alban die Hand und rettete endlich die berstrmende Leidenschaft vor allzu
bedrohlichem Ausbruch durch frhes Entfernen.

                              Vierzehntes Kapitel


Es war gescheh'n, der Bund war geschlossen. Was Alonzo noch vor wenigen Wochen
ein frecher Spott ber sich selbst geschienen htte, war Schritt vor Schritt
heraufgedrungen, hatte sich Bahn gemacht, stand ausgesprochen vor ihm, und hatte
seine Gewalt ber ein andres Wesen ausgestreckt, das zu ihm gehrte, das von nun
an Pflicht und Ehre an sein Herz legten, das er nicht mehr lassen konnte.
    Er erwachte des folgenden Morgens etwas schchtern, ohne rechtes Vertrauen
zu seinem Glck, zu sich selbst. Sein Stolz war geknickt, er verhllte sich in
den Zweifel an menschliche Kraft berhaupt. Er fing an, der Nothwendigkeit ein
furchtbares Recht ber That und Gedanken einzurumen und sahe mit Unsicherheit
dem fortrollenden Rade der Zeit kein Ziel.
    Philipp hatte ihm einen Theil seiner Sachen zum Aufbewahren zurckgelassen.
Auch das unvollendet gebliebene Bild. Es stand auf einem Tischchen, die
Rckseite nach auen, gegen die Wand gelehnt. Alonzo hatte es schon mehrere male
betrachtet, und immer wieder mit einiger Unruhe abwrts gestellt. Unausgefhrte
Gemhlde haben stets etwas schauerlich Rhrendes. Das unerschaffene Geheimni
liegt noch wie ein Schleier darber, das ausgesprochene Leben hat kein Recht
daran. Dies Bild ganz besonders sah wie ein Geisterhauch aus der dunkeln
Traumwelt herber. Alonzo ward immer bewegter, je fter und lnger er es ansah.
So ist es, rief er sehr erschttert, so ist es, aufwrts rufst du den Blick,
unter dir, auf der trb bewegten Welle ist nicht Halt, nicht Raum fr des
Menschenfu. Das steile Ufer, der kahle Strand, alles glatt und schroff und
zurckweisend, nirgend wo der Mensch dem Menschen begegnen mag! O lge ich, wo
Trgis liegt, wir wren wohl weniger getrennt! Weies Nachtwlkchen mit den
blendenden Schmetterlings-Schwingen weisest du dahin? Mahntest du nicht umsonst,
bleicher warnender Todtenvogel? - Er setzte das Bild schweigend an seine Stelle,
und den bangen Druck im Innern los zu werden, ging er, sich an Aeuerem
zerstreuend, in die Stadt umher.
    Der Friede war bekannt gemacht, der Abmarsch der Truppen bestimmt. Die
Freude der Franzosen gewann mehr und mehr ein bermthiges Gesicht. Des
rettenden Schutzes uneingedenk, die lstigen Mahner armen Unvermgens
verwnschend, blheten sich aufs neue viele in Eitelkeit und Hochmuth. Was man
nicht ungeschehen machen konnte, wollte man doch wenigstens lcherlich machen.
Vertrauen, Migung, ritterliche Treue, alles ward durch solche verhhnt, die
mit behender Gewandheit, mit gespanntem Scharfsinn ber alles jenes hinaus ein
einziges Gesetz bten und ehrten, die es sich tglich zuriefen: Zgle das
Gefhl, nutze den Vortheil der Gegenwart, deren rasche, auf Aeueres gestellte
und geschliffene Fertigkeit tausendmal die Arg- und Harmlosen berlistet,
tausendmal in Unbedeutendem den Sieg ber sie davon getragen hatten. Deutsche
und Russen hoben den Kopf stolz ber das fratzenhafte Andrngen hinaus, und
wehrten mhelos, mit kaum gehobener Hand, die Pfeile ab, die man hhnisch genug
in ihrem Rcken verscho. Sie athmeten schon in Gedanken berrheinische Luft,
sie schttelten den Staub von ihren Fen und dankten Gott und freueten sich der
Erlsung. Wie nach einem Schiffbruch der Gengstete Land sehend, dem Bruder
entzckt die Hand reicht, sie drckt und schttelt und mit freiem Blick die
Spanne mit, die ihn noch vom Ufer trennt, so traten jetzt Bekannte und
Unbekannte, Stammverschiedene und Mitbrger eines Landesstriches zu einander,
und was die Unbekanntschaft der Sprache nicht zu sagen verstattete, das zeigten
Minen und Geberden und die nach Osten winkende Hand. Jubelnd, den schlanken Leib
wie zum Gru geneigt, in dem behenden Arm die Lanze schwingend, sausten flinke
Cosakken durch die Straen und wie sie an den Franzosen vorberflogen, fuhren
diese doch etwas zusammen, der Witz erstarb auf ihren Lippen, sie schluckten ihn
beklemmt hinunter und verbargen geschickt das rasche Wort, bis die furchtbaren
Rcher Seine und Rhein hinter sich hatten.
    Alonzo verga, da er zurckbleiben mute. Er gesellte sich zu mehreren
jungen Fremden, die frisch und froh gesinnt in dem lustigsten Behagen der
berstandenen Prfungsstunden gedachten und einander mit immer wachsender
Innerlichkeit und Rhrung die Rckkehr in die Heimath ausmahlten. Ich kann mir
kaum denken, sagte ein hbscher frischer Jngling, mit dem einnehmendsten
Gesicht und den freundlichsten, herzlichsten Augen, wie es sein wird, wenn ich
die liebe gute Mutter, den Grovater, die Schwestern und alle herzensgute
Menschen wiedersehen werde. Als wir uns trennten, - es war eine abscheuliche
Zeit, das ganze Land von feindlichen Bundesgenossen berschwemmt, die
Hauptstadt! - ach ich mag gar nicht mehr daran denken! wie Gefangene, in
brgerlichen Kleidern muten wir Offiziere uns hineinschleichen, wir Preuen
kennen das sonst nicht, unser Stolz ist die Uniform, mir war als mte ich den
armen Snderrock anzieh'n und wre es nicht um meine Mutter gescheh'n, mich
htten wahrhaftig nicht zehn Pferde nach Berlin gebracht. Sie war aber voller
Muth, schenkte mir den Sbel hier und wie ihr die Thrnen in die Augen traten,
drngte sie mich selbst sanft zur Thr hinaus! wie leicht htten wir uns niemals
wiedergesehn! Bei Ltzen war es hart dran! Sein lterer Bruder stand hinter ihm,
zupfte an dem wohlgehaltenen Bart und strich einigemal ber die
schngezeichneten, etwas stolzen Augenbraunen. Gottlob, sagte er, den Kopf
gehoben, mit vornehmen zu ihm gehrigen Wesen, es ist niemand unter uns, der
nicht leichten Herzens zurckkehren knnte. Unser ganzer Stamm hat seinem Namen
Ehre gemacht, wir sind uns in allem, auch in unserm Abscheu und Ekel gegen dies
Land treu geblieben. Alonzo fuhr es durch alle Nerven. Ich fr mein Theil, fuhr
jener fort, nehme noch eine Portion Widerwillen mehr nach Hause, als ich
mitbrachte, und das will wahrhaftig viel sagen, denn mir kochte die Rache schon
im Herzen, seit ich als Knabe in den Schulferien zum erstenmal nach Hause
kommend, die unverschmten Gste wie lstige Brumfliegen durch die Zimmer
summsen hrte, alle Freude war mir verdorben, ich empfand wie Knechtschaft in
den kleinsten Lebensbeziehungen drcke, und schwur es einst zu rchen und habe
Wort gehalten! Die Herren mochten schon damals spren, was ihnen die
heranwachsende Jugend fr ein Sppchen bereite, sie erinnerten die Mutter mit
vieler Weisheit meinen Stolz zu migen, ich hege, wie sie sagten, eine vornehme
Geringschtzung gegen fremde marquante Personen, die mir spterhin nachtheilig
werden knnte. Wir haben jetzt viele von den marquanten Personen marquirt, und
ich denke sie werden sich nie wieder aus ihren Grnzen verlaufen. Man sage was
man wolle, nahm ein Andrer das Wort, die Rache ist doch die eigentliche Shnung
der Ehre, und wir sollen nicht glauben, durch so ein zimperlich baumwollenes
Wesen, unsrer Wrde gerade einen groen Zuwachs gegeben zu haben, auf den Schlag
gehrt der Stich, das ist alte Sitte, also doppelte Bezahlung. Nun, ich denke,
erwiederte der Erstere, schuldig sind wir ihnen just nichts geblieben. Diese
Wiedervergeltung ist denn aber auch nchst dem befreieten Bewutsein, das einzig
krftige wahrhafte Gefhl, was man hier haben konnte. In meinem ganzen Leben ist
es noch nicht so leer und schal in mir gewesen als hier. Die Luft ist
ansteckend, es ist gut da wir sie gekostet haben, wir werden davon zu sagen
wissen. Hoffentlich wird sich die nrrische Wuth nach Frankreich und Paris zu
reisen, bei Kind und Kindeskind gelegt haben. Was ist denn auch Groartiges,
Hohes und Heiliges ehemals von hier aus auf Europa bergegangen? Welche Ausbeute
gewann der franzsirte Auslnder? Liederlichen Witz, schlaffe und flache
Philosophie, engherzige Moral und ausgeartete Beredsamkeit, das waren die
Schtze, an denen er den eingebornen Reichthum setzte. Und denke niemand, man
knne so ungestraft aus sich herausgehen, wie zum Spiele, das Eine thun, das
Andre nicht lassen, das ist nichts, entweder warm oder kalt - Gott haben oder
nicht, dazwischen giebt's kein drittes.
    Alonzo stand wie auf Kohlen. So hatte er ja auch gedacht, eben so empfunden,
so lange er sich dem Ungleichartigen entgegenstellend, Sitte und Sinnesart und
Menschen aus der Ferne an sich vorbeigehen lie, das war die unbewundene
Strenge, die noch kein vermittelndes Element mildern konnte. Alles was der
hochherzige Jngling im gerechten Unwillen sagte, hatte ihn ja auch tausendmal
durchzuckt, seinen Zorn entflammt und tiefe, unbezwingliche Verachtung in seine
Seele gelegt. Und nichts war anders geworden, alles noch heute so wahr und doch
sein Gefhl so himmelweit verschieden! Wenn Ha eine Strafe unserer Snden ist,
dachte er, womit, Ewiger, habe ich es verdient, da ich lieben durfte, wo Andre
das emprte Herz abwenden. Er erschrak ber die dreiste Frage, und sahe
schchtern und verlegen, als habe ein Mensch in sein Innres gelesen, im Kreise
umher. Nicht weit von ihm stand ein fein gebaueter, sehr schlanker Offizier, das
helle Haar lag schlicht und kurz an beiden Seiten der Schlfe, reine blaue Augen
sahen bescheiden und mehr im sinnigen Nachdenken mit sich als Andern
beschftigt, vor sich nieder, sein Gesicht war kurz, fast kindlich gerundet, die
Zge klein. Er hatte noch wenig geredet, seine Freude, dies Land zu verlassen,
schien still und bestimmt. Das Widerwrtige lag schon weit hinter ihm. Jetzt zog
er aus einer grnen Saffiantasche ein kleines Buch, er hielt es behend und
sauber, der Deckel war von mattem Golde, auf der einen Seite sahe man die
Verkndigung, auf der andern die Verklrung sehr sauber in Oel gemalt. Er blies
fast ngstlich die anfliegenden Stubchen ab, ffnete es und zu einem nahe
stehenden Freunde gewandt, sagte er mit angenehm nordischem Organ: der Kreis
wird nun bald geschlossen sein, wer wei welche Blume die Endpunkte des Kranzes
verbindet. Nur keine franzsische Immortelle, entgegnete sein Nachbar lchelnd,
er hielt den Finger, ohne das Blatt zu berhren, gegen die aufgeschlagene Seite
des Buches. Nicht doch! rief jener fast unwillig, du weit ja, dies alles sind
die Blthen eines Jahres, soll das schne franzsische Mdchen nicht auch ihren
Platz finden drfen? Auf dem feinen, fast listigen Gesicht des Andern, spielte
unaufhrlich neckender Muthwille, o ja, erwiederte er unbefangen, da kann sie
recht schn stehn, sie nimmt just keiner bessern den Raum weg, und es ist auch
um des Contrastes willen gut. Was diese Lippen brigens fr eine Sprache reden,
fuhr er fort, eine leicht entworfene Zeichnung betrachtend, ist doch wirklich
keine Frage, man sieht das krause Gelispel aus dem zugekniffenem, nur in der
Mitte spitz geffnetem Munde, kann da wohl ein herzliches Wort heraus? Er hatte
dies Letztere in franzsischer Sprache, zu Alenzo gewendet, gesagt, der es
hchst verlegen, unter fliegendem Errthen bejahte. Dieser suchte inde die
innere Bewegung unter einer ueren zu verbergen, indem er angelegentlich auf
die vorgehaltene Zeichnung sahe, und sie in allen ihren Theilen zu studiren
schien. Der Besitzer des kleinen Buches schlug gefllig noch einige andere
Bltter um, und vergnnte Alonzo in das zarteste Blthennez kindlicher,
unendlich sinnvoller Gedankenspiele hineinzusehen. Hier, sagte er, hat alles was
in dieser unermelichen Zeit im tiefsten Schmerz, in der reinsten Freude meine
Seele durchzog, was Freundschaft mir gegeben, was Liebe mich ahnden lie,
duftige, traumartige Gestalt gewonnen, der Hauch, der von diesen Bildern wehet,
denke ich, soll mein ganzes Leben erfrischen. Alonzo bltterte in dem
Arabeskengedicht, Blumenkelche schlossen sich auf, helle Menschengesichter sahen
aus dem geheimnivollen Bltterkragen hervor, khne Heldensnger auf fliegendem
Pferde Regenbogenbrcke erstrmend, ernste Schlachtscenen, tiefsinnige,
trauernde Liebe, Engelskpfe aus Passionsblumen, unverbrchlicher Treue fester
Bund, alles rankte sich phantastisch an Erlebtem und Gedachtem hin. Was eine
treu bewahrte Seele in demthigen Schauern hier geahndet, es war auch Liebe,
freundliche allumfangende Engelsliebe, nirgend ein Zwiespalt, nirgend Kampf,
keine Spur von unausreichendem Weltsinn, das ganze verderbte Frankreich war so
rein an der unbefleckten Einbildungskraft hingegangen, nichts als das zarte
Mdgenbild fiel in die Erinnerung zurck. Alonzo schlo beschmt das Buch, er
gab es dem stillen Jngling wieder, ohne seinen Blick zu suchen, die Bilder
gaukelten fast ngstlich vor ihm her, was sich auf so ruhiger Fluth
zurckgespiegelt, wie sollten die dunklen Wellen das bewahren?
    Doch was er heut gesehen und gehrt, es war nichts gegen die Qual der
folgenden Tage. Alle verbndete Truppen fort, kein verwandtes gleichfhlendes
Wesen zu finden, das dreiste laute Geschrei der Eingebohrnen oben auf, kein
andrer Ton in den Straen als dieser eine! Ganz dumpf und hohl schlugen die
Klnge zum erstenmale wieder an sein Ohr, wie gechtet wand er sich dann umher,
alles Leben schien geschwunden, die Angst der Verdammni klemmte ihm die Brust.
Ich unter diesen? fragte er sich besinnend? - Er flog zu Blansche, sie war in
der Messe, ihre Mutter unwohl, verstimmt, der Aufenthalt im Kloster fing an
diese zu drcken, die Einsamkeit machte sie schwer, alles haftete an ihr, sie
empfand ihr Unglck mit ungekannter Herbigkeit, gleichwohl war der Entschlu
hier einige Zeit zu verleben, einmal ausgesprochen, ohne Unanstndigkeit war
daran nichts zu ndern, so suchte sie denn ihren Kreis zu erweitern, sie war
sich das schuldig, sie zog ihre Freunde herbei. Zum erstenmale fand Alonzo
mehrere, bis jetzt ungekannte Glieder der Familie bei Frau von Saint Alban
versammelt. Die fremden Gesichter fielen ihm unangenehm auf. Man empfing ihn
ziemlich leichthin, das Gesprch ward wie es war, fortgesetzt, ohne ihm das Wort
zu gnnen. Man redete schnell und flchtig durcheinander, die Verhltnisse
Frankreichs wurden auf unangenehme anmaende Weise berhrt, der Fremden mit
Bosheit und blen Willen gedacht. Frau von Saint Alban wollte einlenken und
zugleich nicht allzuviel wagen, ihr Verhltni zu Alonzo schien ihr in diesem
Augenblick milich. Eine Dame, welche man die Marschallin nannte, deren Witz man
stillschweigend das Patent des guten Geschmackes und liebenswrdigen Muthwillens
gab, machte ein hmisches Epigramm nach dem andern. Bei Gelegenheit der
Deutschen rief sie: que de vertus ils me font hair! sie nannte sie les braves
forcs und des faiseurs de gloire oder Messieurs du grand air, wute ihren
verschiedenen Dialekt und den langfigen weit ausgeholten Schritt ihres
sublimen grammairen Franzsisch grotesk nachzuahmen, bezeichnete ihr stilles
innerliches Wesen durch des manires du fauxbourg St. Denis, verlegte die
Wohnsitze der Preuen hart an die Pole, machte die Kosacken zu ihren Nachbarn
und Wlfe und Bren zu ihren Feldkameraden; von den Russen sprach sie gar nicht
anders als des btes qui s'abreuvent de l'air de Paris pour en donner aux
habitans de Petersbourg. Doch nichts in der Welt stellte sie sich so komisch
vor, als les dames de l'hpital de Berlin mit einem mal aus dem fond des
boutiques de Paris ausstaffirt zu sehen. Wie, sagte sie, der ganze Einzug in
diese Mauern ein Spiel war, das sie sich selbst gaben, so sind auch die
Trophen, die sie nach Hause schicken, Hauben und Bnder und Schuhe, fr ihr
Geld erhandelt, das emsige Mtter und Frauen krglich ersparten und das man fr
unser Vergngen prgen lie. Alonzo trat das Blut zum Herzen, die Augen rollten
drohend in ihren Kreisen, er warf einen flammenden Blick auf die Dame, vor dem
sie die elektrischen Spitzen ihres Witzes einzog: Moskau und Madrid, sagte er
mit gezwungener Klte, haben sich nicht gleichen Vortheils zu rhmen, man wrde
in ganz Europa das franzsische Sousstck vergebens suchen und gleichwohl fanden
wir Moskauer Silber und Shawls, Berliner Porzellan und spanische Tcher in Menge
hier, ja der einzelne Eigenthmer sah oft pltzlich seinen Namen in
franzsischen guten Husern auf lngst vermiten Bchern und Karten und
Gerthen. Jenseit der Vogesen und Pyrenen wei man, wie Sie sehen, von den
droits du vainceur noch zu wenig. Er war aufgestanden, verneigte sich, ohne
etwas anders als das verletzte Recht, die befleckte Wahrheit, alle Foltern des
gereizten Selbstgefhls, in den tapfern Waffenbrdern zu empfinden, eilte er von
hier weg in die tiefe Einsamkeit seiner entlegenen Wohnung.

                              Funfzehntes Kapitel


Der Aerger zitterte ihm noch lange in Herz und Gliedern. Er hrte noch immer die
hhnenden Worte, er sah das lchelnde, verschmitzte Gesicht; und Frau von Saint
Alban hatte zu dem allem geschwiegen, sie hatte nichts versucht, um dem
anwachsenden Uebermuth Einhalt zu thun, sie hatte ihm das Wort berlassen und
eben dadurch das Widerwrtige, Nieauszugleichende herbeigefhrt. Gesinnungen
waren laut geworden, die bis dahin nur geahndet, unter dem Schleier zarter
Schonung ihren Stachel verbargen. - Jetzt war der Damm durchbrochen. Was Blut
und Tod nicht vermochten, das unbezwingliche Wort hatte es fr ewig und immer
angefacht. Die rasche That konnte ein dunkler Augenblick erzeugt haben, Liebe
und Mitleid fhlten sich gro im Verzeihen, wie aber der lang verkleidete
Unwille das Innere schreiend auseinander ri, und das Herz des Lebens
zerfleischte, da war an kein vergeben und vergessen zu denken. Die Kluft, die
von jetzt zwischen Alonzo und der franzsischen Familie lag, verdeckten nicht
Worte, nicht Thaten. Nur an Blansche konnte er sich noch mit seinen Gedanken
wenden, sie war ber Streit und Unwillen, ber Vaterland und Welt hinaus
gehoben, beziehungslos ewig Eins in seinem Herzen. Er flchtete zu ihr, er
schrieb ihr in diesen qualvollen Stunden.
    Warum meine Blansche, mute ich Sie vergeblich suchen, warum waren Sie so
weit von ihrem Freunde? Ihr Auge, ihre Stimme, ihre Nhe htte alles abgewendet!
Es sollte so sein! Alles um uns her mute erst zusammenbrechen, der feindliche
Ha alles untergraben, alles dunkel werden, nirgend eine Rettung, als in uns in
unsrer Liebe! Ich habe das lange geahndet, jetzt ist es ja ganz unauslschlich
da! Erschrecken Sie Blansche? Ich nicht. Ich habe mich nun erst ganz wieder, ich
fhle mich wie ber allen Streit hinaus. Was geht mich dies Frankreich an, was
habe ich mit seinen Einwohnern zu schaffen! Nichts, in der Welt nichts! Sind Sie
auch eine Brgerin Frankreichs, Blansche? O um Gottes Willen berreden Sie sich
das nicht. Sie sind es nicht, Sie drfen es nicht sein! Welches Land, welches
Volk ist stolz genug, Sie sein zu nennen? Sie eine Franzsin! Wie thricht und
wie unwahr! Der Liebe gehren Sie, das ist Ihre Heimath. Bin ich mit dieser
zerfallen, Blansche? Sagen Sie das wirklich! Wie ihre stillen Zge dies dunkle
Land erhellen! wie ich bei Ihnen all' die Strungen verga! Wird das nun anders
sein? Ich wei es, Ihre Mutter kann das nie verzeihen! Wo werde ich Sie denn
wiedersehen? wann wird Ihr liebes frommes Auge Friede in meine Seele gieen?
Meinen Sie etwa, ich sei nun entschlossen, Frankreich zu fliehen, Sie
aufzugeben? Haben Sie denn ein Herz, Blansche und denken Sie so Entsetzliches?
Nein, ich bleibe, ich werde Sie suchen, und so Gott will, finden. Kann Blansche
durch die Meinung ihrer Freunde bestimmt werden? Kann irgend etwas mein Bild in
Ihrem Herzen verrcken, so stand es niemals fest und dann mge es nur lieber
gleich zerbrechen.
    Der eben ausgesprochene Gedanke trat so lebhaft auf ihn zu, er sah ihn so
entsetzlich an, da er ganz gelhmt und erschrocken die Feder wegwarf und nun
auch nicht wieder mit sich zurecht kam.
    Des folgenden Tages eilte er mit jenen Zeilen zu Blansche, in der Absicht
sie ihr heimlich einzuhndigen. Die kleine Scheu vor Frau von Saint Alban konnte
ihn nicht zurcke halten. Im Gegentheil empfand er einigen Stolz, ihr so frei
und unbekmmert unter die Augen zu treten. Er traf Blansche allein. Sie schien
etwas berrascht ihn zu sehen, doch war sie nicht unruhig, noch verlegen. Er gab
ihr das Blatt. Sie sah ihn gro an, an mich? fragte sie, von Ihnen? Was knnen
Sie mir denn zu sagen haben, das ich so blde, so ngstlich in diesem Papier
einwickeln mte? Lesen Sie, bat Alonzo. Sie faltete kopfschttelnd das Blatt
auseinander, und es vor sich hinlegend, las sie, den Kopf in die Hand gesttzt,
sehr langsam und genau, ohne durch irgend eine ngstliche Anstrengung die
Klarheit ihrer Zge zu trben. Alonzo ging whrend dem heftig auf und ab.
Zuweilen blieb er stehen, sah sie dringend an, oder zhlte ungeduldig die
ablaufenden Sekunden an der Wanduhr. Jetzt hatte sie geendigt. Sie legte das
Blatt sorgfltig in seine Falten zurck, und verschlo es, ohne aufzusehn in dem
Nhetischchen. Alonzo fate ihre Hand. Sie sahe ihn lchelnd an; was sind Sie
nur so unruhig, sagte sie mit anmuthiger Freundlichkeit. Sie thun so viel
Fragen, lieber Alonzo, ich wei nicht, wie ich das knnte, ich habe eine
auerordentliche Scheu vor dem Ausgesprochenen, lassen Sie doch dem Geheimni,
das bisher waltete, ferner seinen stillen Gang. Sie wollen mir entgehen,
Blansche, unterbrach sie Alonzo hier, Sie wissen mir nichts zu antworten, Sie
selber sind unsicher. Freilich, entgegnete sie leutselig, Sie knnten mich
ngstlich machen, ich habe Sie so nicht erwartet, ich glaubte Sie auf das
Unvermeidliche gefat, Sie sind so entzweiet mit allem, so unsicher, wo ist denn
die Ueberzeugung und die Treue, die allein beglcke? Von welcher Ueberzeugung,
Blansche, fiel Alonzo ein, reden Sie hier? Von der einfachsten und
natrlichsten, die es giebt, von der Wahrheit des Wesens, das Sie liebend in
ihrer Seele tragen, Alonzo, mein Freund, knnen Sie zweifeln und vertrauen
zugleich? Sagen Sie mir, Blansche, hub Alonzo nach einigem Besinnen an, was soll
ich bei so widerstrebenden Verhltnissen fr ein Opfer von Ihrem Muthe erwarten
drfen? Tuschen wir uns nicht; es ist pltzlich ein gewaltsamer Ri zu Ihren
Fen entstanden, Sie sind allein mit mir am jenseitigen Ufer, dorthin das
Jugendland, die Mutter, die Freunde, Blansche, werden Sie mich nicht auch
verlassen wollen? Was drngen Sie doch, rief Blansche wehmthig, unser
verborgenes Dasein so hastig in das bunte Leben hinein, und geben ihm die
dreiste Figur und Sprache! Ach mein Freund, die Scheu, die ich davor habe, sagt
mir, da wir niemals aus dieser Verborgenheit hinaus sollen. Also doch! rief
Alonzo heftig, Sie selbst verweisen mich zu ewigem Verstummen, zu Entsagung und
Tod! Was Blansche, was denken Sie aus mir zu machen? Wollen Sie den
Ueberlstigen aus Ihrer Gegenwart verbannen? Oder soll ich in verzehrender Gluth
ein ngstliches, peinliches Leben auf- und abwinden, ein Leben, in welchem
Streit und Zorn das einzig Lebendige ist? Das einzig Lebendige? rief Blansche
mit gefaltenen Hnden, o Herr, mein Gott, so lehr du ihn doch, was Leben ist!
    Frau von Saint Alban war herein getreten. Sie warf einen schnellen, scharfen
Blick auf Blansche, der dann blitzartig an Alonzo vorberflog. Sie schien
gerhrt, gereitzt, heftig und schnell wieder besonnen. Sie wute das Gesprch am
Rande der Vertraulichkeit hinzuhalten, Alonzo hatte sich just nicht zu beklagen,
gleichwohl schwebte etwas Aengstigendes im Hinterhalte, was gern herauswollte,
und nur der Gelegenheit ermangelte. Man wehrte diese ab, denn niemand hatte Lust
es zu einer Erklrung kommen zu lassen. Frau von Saint Alban war Meisterin der
Conversation, sobald Sie es wollte. Es schien, sie knne ihrer innern Bewegung
pltzlich Einhalt thun. Mit Gewandtheit fate sie jedes Aeuere an, warf es hin
und wieder, und machte es in der Wechselberhrung der Laune und des Witzes nach
und nach zu etwas, das unterhielt, ohne zu beschftigen. Alonzo verga an ihrer
Seite einen kurzen Augenblick, was seine Seele so schwer belastete, was aus der
Ferne drohete, was zum Theil schon ganz nahe war. Die flchtigen Worte wirbelten
sich so leicht wie ein geflliger Tanz an ihm hin, und stahlen seinen Beifall
und sein Wohlgefallen, ohnerachtet des Disperaten ihres beiderseitigen
Verhltnisses. Zum Lachen gezwungen, verga er leicht worber und verlor ein
paar Stunden an einem Spiel, dessen absichtlichen Gang er weit entfernt war zu
ahnden. Als er endlich durch Blansches schwebenden Gang und ihr lautloses
Verschwinden aufgeschreckt ward, verlie er Frau von Saint Alban etwas wst und
betubt, ohne ins Klare ber sie und sich selbst kommen zu knnen.
    Auf den Straen sang man das Couplet auf Heinrich den Vierten. Er hatte das
tausend und tausendmal gehrt, heute frappirten ihn die Worte angenehm. Das
hchst wunderbare Gemisch von Galanterie, gutmthiger Treuherzigkeit und
neckendem Volkssinn sprhete auf eigene Weise an sein Gemth. Er glaubte eine
Einsicht in den Volkscharakter gewonnen zu haben. Der Duft frischer Jugendzeit
wogte noch in dem alten Liede. Die anmuthigen Gestalten franzsischen Ritter-
und Heldenthums traten hchst lebendig in ihrer feinen, jovialen Sitte in seine
Erinnerung zurck. Er glaubte noch verwandte Elemente in dem Herzog und Trgis
entdecken zu knnen. Er dachte an die ritterlichen Knige, an die rhrenden
Worte Ludwig des Achtzehnten vor seinem Einzug in Paris: die Religion allein
vermag mich diese Dornenkrone auf mein greises Haupt zu setzen. Er sahe das
wrdig stille Angesicht, er fhlte den Kampf und die Leiden der geweiheten
Knigsfamilie, tiefe Ehrfurcht erfllte ihn. Er war milder gegen alles, was er
sahe. Er ging heute in die Varits au franois, er glaubte sein Unrecht gegen
Frau von Saint Alban nicht genug abben zu knnen. Das reizende, ergreifende
Spiel groer Knstler bezwang seine strenge Abneigung! Vieles ward ihm hier
klar, was ihm im Leben verwirrte, die Funken originellen, treffenden Witzes
sprheten fast blendend umher, der behende, flchtige Verstand wagte die
raschesten Flge, er ri die Bewunderung um so eher fort, als niemand vor sich
selbst zu besteh'n, zurckbleiben wollte. Alonzo glaubte sich dem allem mehr und
mehr verwandter, je mahnender er zur Theilnahme gezwungen ward. Er stand im
Begriff noch heute an Blansche zu schreiben, sich selbst hart anzuklagen, das
arme schne Herz durch Ungestm und schroffen Ernst erschreckt zu haben. Er
wollte es ihr bekennen, da er alles zu hoch und trbe und gewaltsam genommen,
da er es empfinde, wie im Erkennen fremder Eigenthmlichkeit der Friede im
Leben aufgehe, es schien ihm der Gedanke an Vershnung mit allem, was dem lieben
Geschpf angehrte, so s, er wollte ihr das sagen und noch vieles andre, wovon
sein Herz voll war, als ihm eine Einladung des Herzogs, diesen zu Frau von Saint
Alban zu begleiten, die Hoffnung gab, Blansche morgen zu sehen, und in der alten
Eintracht und dem schnen, wechselseitigen Vertrauen mit ihr und ihren Freunden.
Er schrieb jetzt nicht. Er dachte und malte sich die Stunden nchster Zukunft in
dem Gewinn schwankender, unruhiger Leidenschaft bald lockend, bald ngstigend
aus, die Bilder flossen ungewi in einander, und er mute sich zuletzt fragen,
was von dem allem darfst du denn wnschen, bethrtes Herz?

                              Sechszehntes Kapitel


Alonzo sa schon ber eine Stunde Blansche in hchster Spannung gegenber, ohne
ihr ein Wort sagen zu knnen. Unter mehrern Anwesenden war ein junger Verwandter
um sie beschftigt, in dessen leisem altfranzsischen Wesen sie sich mit der
unbefangensten Heiterkeit ausnehmend zu gefallen schien. Sie nannte ihn Louis,
und Frau von Saint Alban mein armer, kleiner Vetter, mit einem Ton, der die
Theilnahme und das Vertrauen herzlicher Gesinnungen ganz rcksichtslos
aussprach. Der junge Mann trug den Lilienorden, war von edler Familienbildung,
und sachten, etwas schchternen Manieren, die eine kleine Beimischung des
Fremdartigen und Auslndischen an sich trugen. Auch war er ber dem Rhein
erzogen. Der Kampf erweiterter Bildung und schmerzlich empfundener,
unaustilglicher Blutsverwandtschaft hatte trbe Jahre hindurch tiefe Furchen in
die junge Stirn gedrckt und das reiche, dunkel wallende Haar hin und her
gebleicht. Oft nach den launigsten Ausbrchen sanken seine Zge pltzlich
zusammen, es lag dann eine Trauer auf diesem Gesicht, die nicht Sehnsucht, nicht
Rckerinnerung, die Lebenserfahrung im allgemeinen so wunderbar erzeugte. Frau
von Saint Alban hob ihn auf alle Weise heraus, die brige Familie suchte ihn mit
Frankreich zu befreunden, wohin er erst seit kurzem zurckgekehrt war, man
neckte ihn und verspottete seine gemischten Sitten. Eine hbsche pikante
Brnette sagte mit bedeutendem Seitenblick auf Blansche, er werde sich wohl nach
und nach entgermanisiren, man erlaubte sich manche Anspielung auf sein
Verhltni in der Familie, deren Aeltester er nach des Herzogs Tode ward. Er
pflegte denn wohl mit einem komischen Seufzer, O du mein Gott! auszurufen und
durch einen burlesken Gedankenspruch Spott und Laune auf etwas Anderes zu
richten. Er redete etwas gepret, die Gedanken rissen sich nur mhsam von dem
Innern los, dafr gab er aber auch mit jedem Wort ein Stck Herz in den Kauf.
Frau von Saint Alban rief mal auf mal: wie gut er ist! Die kleine Brnette aber
konnte sich nicht enthalten, ihn auszulachen, und die auslndischen
Sonderbarkeiten und die eigne behutsame Weise, wie eines solchen, der stets
anzustoen oder zu fallen denkt, aufs lebhafteste zu rgen. Sie flsterte Alonzo
zu, Louis nehme sich aus wie ein altfranzsisches Bild, das man in Deutschland
unter Glas und Nahmen geschoben und ihm glauben gemacht habe, es sei ein
deutsches Kunstwerk. Er passe sich eben deshalb nicht recht in franzsischen
Zimmern und ber dem Rhein wittere man doch auch den Franzosen in ihm. Ich mag
es nicht leiden, setzte sie hinzu, wenn man sich so verschieben lt und am Ende
nirgend zu Hause ist. Deshalb hasse ich auch die meisten Nordlnder, die uns zu
Liebe ihre Nationalitt aufopfern, hier nicht geachtet und dort nicht
verstanden, was wird aus ihnen? Gleichwohl sagte Alonzo, dem die schnen Lippen
die Worte anmuthig ins Herz lchelten, steht nicht zu leugnen, da viele
Auslnder durch stete Uebung eine gewisse Meisterschaft in der franzsischen
Eleganz errungen haben, die doch anzuerkennen und von Ihnen, gndige Frau, zu
loben wre. Zu loben? rief sie heftig, weshalb denn? etwa weil sie auf plumpen
Stelzen ungeschickt, eckig und langsam unsre freie, leichte Bewegungen einzeln
und auswendig gelernt nachahmen? O ich hre sie auf zehn Meilen kommen, diese
gemachten Pariser! steif, formell oder impertinent, nicht achtend wie ihnen
veraltete Galanterie oder un mal appris de nos jours im Kopfe spukt, wenn so ein
alter Herr mir die Reminiszenze des goldnen Zeitalters wieder auftischt und die
ganze Conversation aus lauter Citaten alter bestubter Bibliotheken besteht,
dann schnappe ich nach Luft, denn der Bcherdunst schmeckt nach schwarzer
Wsche, die man ausgezogen und lngst weggeworfen hat.
    Doch ber allen Ausdruck widerlich sind mir jene eifrigen Lehrlinge einer
gewissen Schule, die kunstgerecht den Schmutz verderbter Dichter, wie die
Aussprche der Sorbonne, einstudiren und sie in Slen und Boudoirs geltend
machen, die methodisch die Einbildungskraft beflecken, Mangelhaftigkeit im
Leichtsinn heucheln, sich brutal in der Liebe und ungeschickt in der
Treulosigkeit anstellen, kurz die durch groteske Nachffung das Gefhl auf alle
Weise verletzen. Und sind sie denn anders, dachte Alonzo, die Originale zu
diesen Copien? Verweilet man denn nicht noch am liebsten bei den verkncherten
Gestalten, durch die, rhrend genug, ein Anklang verschollener Zeit wehet?
Stehet man gleich neben ihnen auf dem Grenzstein versunkener Galanterie, so
sprt man doch wehmthige Sehnsucht nach dem, wohin die letzten bleichenden
Lichter unter Ludwig dem Vierzehnten zurckweisen. Noch wagt sich die Liebe
Liebe zu nennen, noch verspottet niemand den Prinzen und Helden, der in still
bescheidener Demuth seiner Dame durch ein ganzes Leben huldigt, keine Zunge
lstert den ehrfurchtsvollen Dienst geheimer Treue, galante Rittersitte hat noch
Raum auf Erden, Henriette von England darf ohne Errthen ihr Bild auf einer
Heldenbrust wissen, der Leumund schweigt, denn uneigenntzige Liebe ist noch
kein Unding geworden, und tausende kennen ihr heiliges Panier. Kann das
veraltete Wesen gleich nicht sonderlich mehr gefallen, so rhrt es doch und
verzeihlich wird es, mit dem Schein zu spielen, wenn man das Wesen empfindet.
Doch verloren ist die Seele, die mit dem wesenlosen, giftigen Dunst heutiger
Sitte liederliche Gaukeleien treibt. Er sah finster umher, Louis sa etwas
abwrts, die Hand wie einen Schirm gegen die Stirn gehalten, so da die Augen
ungestrt in sich hinein sehend bei Selbstgeschaffenem verweilten. Der Herzog
hatte ihn einige Augenblicke beobachtet, mit Alonzo abwrts tretend, sagte er:
die freie Gemeinschaft der Geister konnte ihm die leibliche Sicherheit des
Daseins nicht ergnzen, die man nur im Vaterlande empfindet, so innig ist der
Mensch mit der Heimath verwachsen, wie thrigt darber hinaus zu wollen! Man ist
umsonst bemhet das Ungleichartige zu verschmelzen. Der Natur widerstreben,
heit sich ewigen bittern Kampf bereiten! Wenig sind diesem gewachsen! Auch mein
junger Vetter nicht! Er ist zerrissen, nicht hier, nicht dort zu Hause, und
gleichwohl zieht ihn seine Vorwelt hieher. Was ist ein Dasein, mein Herr, ohne
Erinnerungen? Darf der Mensch an eine Zukunft denken wollen, wenn er die
Vergangenheit vernichtet? -
    Es schien Alonzo fast als lege der Herzog eine besondere Bedeutsamkeit in
diese Worte. Was konnte er sagen wollen? hatte er in seinem Herzen gelesen? Und
wollte der ruhig erfahrene Mann ihn warnend auf sich selbst zurckfhren? Alles
kam ihm heut so absichtlich, so besonders vor. Frau von Saint Alban war von der
gesuchtesten Hflichkeit, sie wollte ihn recht eigentlich gegen ihre Familie
herausheben, doch alle frhere Innigkeit, das leichte anmuthige Vertrauen wandte
sich auf Louis, fr Alonzo hatte sie nur Phrasen und achtungsvolles Bezeigen.
Einmal als die Rede von einem jungen Auslnder war, den man frher in Paris
gekannt und liebenswrdig gefunden hatte, sagte sie mit wegwerfender Bitterkeit,
es ist ein Fremder! ich achte ihn ohne ihn zu verstehn, man versteht niemals das
Fremde. Ihr Blick flog an Alonzo vorbei, er sahe sie errthen, er fhlte, da
sie mit Absicht redete. Ihm ward sehr beklommen. Er suchte Blansche. Sie war in
ein Nebenzimmer getreten und spielte gedankenvoll mit den Fingern gegen die
Fensterscheiben. Was ist es, Blansche, sagte er dringend, was hier im Dunkel
ghnt, was ich kommen hre? Sie wenigstens drfen mich nicht tuschen wollen.
Blansche schlug die Augen zum Himmel auf. Sind Sie einig mit sich, lispelte sie
leise, was ngstet sie? was kann kommen, das Ihr Herz bezwnge? O um Gottes
willen, Wahrheit, rief er heftig, nackte, trockene Wahrheit? ich verstehe sie
nicht, ich will sie nicht verstehen, diese dunkle Andeutungen! Von Ihnen will
ich es hren, Blansche, Sie sollen mir es sagen, da Sie, da alle wortbrchig
waren, da Sie Herz und Leben zerreien, zertreten, da alles frhere Lge und
Possenspiel war, da Sie das heilige Wort zurcknehmen. Blansche sahe ihn
warnend an, hten Sie sich, Alonzo, sagte sie, da Sie es nicht zurckgeben. Sie
war fort, ehe er sich besinnen konnte. Einen Augenblick darauf sahe er sie
lchelnd neben Andren stehn. Sie war ihm ein Rthsel. Ihr Blick traf dann und
wann bittend und beruhigend auf den seinen, er wute ihr nicht zu antworten,
seine Unruhe wuchs mit jedem Augenblick.
    Frau von Saint Alban streifte im Vorbergehen an seinen Arm. Sie sahe
entschuldigend zu ihm auf, sein dsteres Auge begegnete dem ihrigen. Die alte
Rhrung flog ber ihr Gesicht. Sie neigte den Kopf etwas seitwrts und mit
lieblich weicher Stimme sagte sie: es mu sein, lieber Alonzo, es mu wahrhaftig
sein. Sie selbst haben es so bestimmt gesagt; man schmeichelt sich immer eine
Weile, aber der Irrthum hlt nicht vor! - Er wollte ihre Hand fassen, er wollte
sie zwingen, ihm zu sagen, was sein msse? was er selbst gesagt, gethan habe?
doch sie war ihm entschlpft. Man ging auseinander, der Herzog sagte gelassen:
der Wagen erwartet uns. Alonzo sahe ihn betroffen an. Doch jener war schon in
der Thr, er mute ihm folgen.
    Sie saen schweigend neben einander, der Wagen flog an der dunkeln
Klostermauer hin. Alonzo sahe seinen Schatten, der immer lnger ward und endlich
zurckzubleiben schien. Trbes Selbst, dachte er seufzend, du zerflieest in
Nacht und Traum, keine Spur bleibt von dir zurck. Lieber Alonzo, hub der Herzog
jetzt an, ich htte fast vergessen, Ihnen zu sagen: da Ihr Geschft hier
beendigt ist. Ihre Auftrge sind beantwortet, es liegt alles bereit, der
Minister erwartet Sie, auch die Abschiedsaudienz beim Knige ist fr Sie
nachgesucht und auf Morgen festgesetzt. Nachgesucht und festgesetzt? rief Alonzo
mit flammender Stirn, wer mischte sich in meine Angelegenheiten? Ich, entgegnete
der Herzog. Junger Mann, fuhr er sehr ernst fort, vergessen Sie nicht, da nach
dem Tode meines Neffen mein Ansehn, meine Vorsprache Sie allein hier erhielt.
Ich hegte damals andre Wnsche, man hrt auch im Alter nicht auf an dem Leben zu
meistern und etwas anderes daraus machen zu wollen, als es sein kann. Der Ha
ist so trbe, Wohlwollen und Theilnahme so trstlich! Aus dem Verein der
Familien, dachte ich, solle die Vershnung entzweieter Nationen hervorgehen.
Opfer waren gefallen, die Rache hatte ihr Recht genommen, der Natur heilige
Anfoderungen sollten sich durch sich selbst ausgleichen, ich durfte einen
Augenblick an Erdenglck denken. Und weshalb, fiel Alonzo ganz berwltigt ein,
weshalb wollen Sie so gerechte, so bescheidene Wnsche aufgeben? weshalb, ich
beschwre Sie, wollen Sie mich unbarmherzig aus der Reihe Ihrer Hoffnungen
ausstreichen? Warum, wenn ich Sie anders zu verstehen wage, warum wollen Sie das
linde Band meinen Hnden entreien, da Sie, da Ihre Familie mit dem Schicksale
ausshnen knnte? Sie gehren nicht zu uns, entgegnete der Herzog kalt. Ha, wie
glhend er sei, kann Blut lschen, Verachtung tritt in den Staub und nie kann
man lieben, was man befleckte? Lassen Sie uns davon schweigen, ich fhle mein
Blut noch brausend genug, um es frchten zu mssen. Sie selbst haben zur rechten
Zeit den Wahn zerrissen, und mit ihm jeden aufblhenden Verein, wir fallen ganz
und auf immer auseinander, und wollen Sie sich anders treu bleiben, so drfen
Sie nie daran denken, diese Kluft zu berschreiten. Dacht' ich's doch, rief
Alonzo, franzsische Eitelkeit konnte niemals verzeihen, was sie durch tausend
und tausend rgere Beleidigungen unserm emprten Gefhl abprete. Alles und
jedes erlaubt sie sich zu sagen, und die einfachste Thatsache darf ihr nicht
unter die Augen gerckt werden! Was ich mir und meinem Gott unter heiem Schmerz
bekenne, entgegnete der Herzog, soll mir dennoch kein Anderer laut
entgegenrufen, und wer es thut, dessen Anblick wird ewig den Stachel in meine
Seele drcken und Gift und Galle aus eiternder Wunde pressen. Und dehalb also,
sagte Alonzo spttisch, soll ich Frankreich meiden, weil Ihnen mein Anblick
unangenehme Wahrheiten ins Gedchtni ruft! sehr despotisch bei meiner Ehre! Nun
ich denke, Alonzo de Mendez geht wohin ihn seine Pflicht ruft, entgegnete der
Herzog mehr galant als aufrichtig. Es ist die Frage, fiel Alonzo ein, welche
Pflicht mir die hhere ist. Die der Ehre, ohne Zweifel, erwiederte jener.
    Beide schwiegen einige Augenblicke aus Furcht zu viel zu sagen. Wozu denn
nur, rief Alonzo pltzlich vom Zorne berwltigt, das ganze Spiel des heutigen
Tages, wozu dies Zusammenkommen, die trgerische Freundlichkeit und all' das
Gleissen, dem Herz und Seele fehlte! Sie sind sehr ungerecht, unterbrach ihn der
Herzog, wir waren es Ihnen und uns schuldig, im besten Vernehmen zu scheiden.
Die Welt darf nie wissen, wenn wir uns in der Wahl unserer Freunde vergriffen.
Ihre neulichen Ausflle hatten Sie auf unangenehme Weise fr Sie und unser Haus
affischirt, das mute durch die Achtung, die wir persnlich gegeneinander an den
Tag legten, ausgeglichen werden. Noch einmal muten Sie in der Gesellschaft
erscheinen. Das ist geschehen, auf die schicklichste Weise fr alle Theile.
Jeder unangenehme Eindruck ist vertilgt. Da Sie unwissend so gefhrt wurden,
werden Sie der Migung Ihrer Freunde Dank wissen. Und Blansche, rief Alonzo mit
bebenden Lippen, sie wute darum? Sie konnte die Hand zu dem allem bieten?
Blansche, erwiederte der Herzog, wei, was sie sich, ihrem Namen und Vaterlande
schuldig ist. Der Wagen hielt. Noch einmal, fuhr der Herzog fort, lassen Sie
jeden persnlichen Unwillen schweigen, denken Sie, da eine unbezwingliche
Naturnothwendigkeit so entscheidet, da Sie diese vielleicht schrfer als ich
empfinden und da niemand gegen das Geschick ankmpft. Ich werde, entgegnete
Alonzo, etwas stolz von seinem Sitz aufstehend, wie ich denke, Gelegenheit
finden zu zeigen, da ich nur Vorschriften von mir selbst anzunehmen wei, und
hierin, wie in allen, den Gesetzen der Ehre folge. Er grte flchtig und
beeilte seine Schritte, um jeder Antwort berhoben zu sein. -

                             Siebenzehntes Kapitel


In dem raschen Andrang aller Empfindungen, fand Alonzo ganz von selbst Gedanken
und Entschlu. Eins stand fest in ihm, darum drehete sich alles Andre in
natrlicher Ordnung. Er wollte jener feinen Absichtlichkeit zum Trotz in Paris
bleiben und sollte Leib und Seele darber zu Grunde gehen. Das einmal
Eingeleitete war nicht abzubrechen, das sahe er wohl, seine Mission war hiermit
beendet, gleichwohl fand er sich andrer Seits eben dadurch um so unabhngiger
und zu ganz rcksichtslosem Verhalten berechtigt.
    Er betrieb demnach alles auf das sorgfltigste und schnellste, empfing und
expedirte Depeschen, beurlaubte sich in der Qualitt eines Abgesandten, schickte
Couriere ab, schtzte Krankheit vor und etablirte sich von da an ganz eigentlich
zu Angriff und Vertheidigung.
    Fr alles andre, als seine eigensten Wnsche todt, ging er nirgend hin als
in die Messe, wo er Blansche zu finden hoffen durfte. Durch viele Tage erwartete
er sie inde Morgens und Nachmittags vergeblich. Er ward nicht mde zu gehen und
zu kommen. Liebe, Stolz, gekrnktes Recht, alles hielt ihm sein Ziel unverrckt
vor die Augen, die Leidenschaft hatte ihre Blitze zurckgezogen, die Nacht
tiefen Geheimnisses lag ber sein ernstes Gesicht und gab dem unbezwinglichen
Willen das Ansehen ruhiger Eintracht und festen Gleichmuthes. In welchen Zustand
ihn inde der harte Kampf, die gescheiterte Erwartungen setzten, wie streitend
Gefhl gegen Gefhl anstrebte, was die Leidenschaft wollte und nicht wollte, das
werden folgende Zeilen an Philipp deutlich machen.
    Wenn die stille Gluth Ihrer Augen der Leitstern zu Ihrem Herzen war, so
haben Sie sie geliebt, Philipp, hei, verzehrend, mit allem Schmerz und aller
Lust der durstenden Seele. Das ist der Fluch des Menschen, da ihn Gtterbilder
ffen, und den Himmel vor den trunkenen Blicken zaubern. Es ist alles Lge hier!
alles! auch sie, zweifeln Sie nicht. Wie knnte es anders sein! das absichtlich
berechnete, auswendig gelernte Spiel fngt mit dem ersten Strahle des
Bewutseins an. Tugend heit es und Weisheit, Leib und Leben und jeden freien
Aufflug des Geistes in die enge Klammern nchterner Sitte einzupressen, das sind
die Formeln, die man dem weichen Kinderhirn eindrckt, ein paar kncherne
Phrasen die ganze Mitgift auf der weit auslaufenden Lebensreise. Unbesonnen
nennt man dies Volk, leichtsinnig und flatterhaft im Denken und Thun,
schnelleres Blut, heit es, treibe sie flchtig an dem Ernst des Lebens hin,
nicht Bosheit, nicht Snde sei in ihnen, unbedacht wie unzuverlig drfe man
sie hchstens schelten. Htten wir niemals einen Franzosen gesehen, wir knnten
uns unter dem beweglichen Bilde harmlosen Genu und den spielenden Schaum
ungewisser Jugendlohe denken. Aber wie schlgt uns das welke, sich selbst
berlebende Gerippe in greiser Kindheit in die Augen! mitrauisch und lauernd
wie das Alter, auf fremder Unkosten erfahren, zu Hause auf der glatt getretenen
Bahn gewandt, in Maa und Takt selbst erfundener Convenienz, verlocken uns die
grulichen Kindergestalten und prunken mit Weisheit, wenn sie den armen Vorrath
ihres Herzens zu verschlieen, und Vertrauen und Liebe und Hoffnung zu betrgen
wissen! Das ist die Klugheit der Welt, Philipp, nach der man Jahrhunderte rang,
der man Altre bauete, die auch noch nicht aufhrte, die Leichtglubigen zu
blenden. Geschwtzig wie die Weiber, das Geheimste entweihend, schlau wie sie,
da verschlossen, wo es den eignen Vortheil gilt, tuschen sie, reien sie das
Innere auf, und verletzen die offne Seele mit tausend giftigen Dolchen.
Diplomatiker sind sie, das glaube ich, so lange Andre es wollen! Aber es giebt
eine Kraft, die all' die abgenutzten Fden mit einem Griff zerreit! Glauben
Sie, da sie mir jemals verziehen, mich selbst gegen einen Franzosen behauptet
zu haben? Glauben Sie das? Mit Gromuth haben sie eine Weile vor mir, vor der
Welt, vor sich selbst gespielt, das war in ihrem Leben noch nicht vorgekommen,
das pate zu irgend einer Theaterscene, es hatte Blut gekostet, es war
hochtragisch! Aber die ganz gemeine, unzubestreitende Wahrheit, die so blank und
baar da lag, die sich nicht drehen, nicht wenden, aus der sich nichts machen
lie, die konnten sie nicht vertragen, da hatte das Spiel ein Ende, die kalten
Herzen hatten nur sich geliebt! Knnte ich Ihnen die lange Comdie erzhlen,
knnte ich Ihnen sagen, wie sie so natrlich zu hintergehen wuten! Auch sie
Philipp, ach Gott! auch sie konnte mich tuschen! Und wie denn am Ende alles so
berechnet, so gemigt, so vernnftig klar und ruhig endete! Ich sollte
einsehen, empfinden, dankbar sein! Gottlob, ich fhlte mich selbst. Freuet Sie
das? - Nun mich auch. Und ich denke, es wird uns allen frommen. Ich bin jetzt
frei, und bleibe doch hier, aus eigner Kraft, verstehn Sie mich? Man hie mich
gehen. Jetzt ganz gewi gehe ich nicht. Ich mu Blansche sehen, ich mu sie
sprechen. So leichten Kaufes kommt sie nicht los. Vor Gott hat sie gelobt, vor
Gott mu sie wiederrufen. Knnte ich Ihnen den Blick malen, so gro und still!
Vertrauen sollte ich ihr! Herr Gott, ich that es unbedingt, Seele und Leben
gehrten ihr, sie hat damit gespielt! Begreifen Sie es? Das Rthsel eben soll
sie mir lsen. Weiter will ich ja nichts, sie ist es mir schuldig, mein Glaube,
meine Seligkeit hngt davon ab. Philipp, ich wollte, Sie wren hier! Wie unter
Todten lebe ich, keine, keine Seele mein! -
    Die letzten Worte waren von einem Strom unbezwinglich hervorbrechender
Thrnen verwischt. Alonzo schob das Blatt weg, den Kopf in die gefaltenen Hnde
gelehnt, weinte er hei und bitterlich. Das Gerusch eines Eintretenden
schreckte ihn auf. Beschmt ri er sich empor. Seine Weichheit schien ihm ganz
kindisch, er fate sich zusammen, und die eine Hand vor den Augen empfing er mit
der Andern mehrere Briefe, unter denen die Schriftzge seiner Mutter ihm das
Blut beklemmend zum Herzen trieben. Er brach das Siegel mit kaum erzwungener
Fassung und las, ohne recht zu wissen, was? folgendes:
    Mit Erstaunen und einem Befremden, von dem ich nicht wei, ist's des
Schreckens oder Zorns Erstarren, erfahre ich, dein Geschft, Alonzo, sei
beendigt, und du gleichwohl noch in Paris. Ich will nicht denken, was ich mich
zu hren schmte, und ehe verschliee sich diese Lippe auf ewig, als da sie
Unwrdiges von meinem Blute sage. Gleichviel auch welche Ursach! - keine als
Unvermgen des Leibes ist gltig, und auch denn noch, wenn die gelhmten Glieder
ihren Dienst versagen, die schwindende Kraft nicht weiter kann, treibe die Angst
der Verdammni, den morschen Leichnam ber die verfluchte Erde hin nach
geweiheter Sttte!
    Nur das Eine Alonzo hre. Den geschftslosen Mann, der aus Neigung oder
Trgheit in Paris verweilt, mu ich verachten, denn da der Einzelne nicht dem
ganzen Volke stehen kann, duckt er dehmthig unter und lt die Woge des
Uebermuths feige ber sich zusammenschlagen. Lcheln mu er, wenn ihm das Blut
tropfend aus den Augen sprhet, Spa verstehen, unbeachtet die Pfeile schwirren
hren, und wenn's hoch kommt, sie versenden helfen. Anders ist es, wenn ein
gegebenes Ziel zu strenger Arbeit ruft, er sieht nicht rechts, nicht links, ihn
schtzt das Panier der Pflicht. Doch des Miggngers fahrig Auge, was kann es
anders wollen, als sich im Schmutz der Snde baden? Alonzo hast du denn jenseit
der Pyrenen noch ein Vaterland? Darfst du dein eigen sein, ein Dasein, Sitte
und Gesetz, Gott und einen Heiland haben? O da ich dich das fragen mu? Ist
denn dein Stab so ganz und gar gebrochen, kreist denn keine Ader meines Blutes
in deinem Herzen mehr? Ich will's nicht denken, doch mu ich zittern, weinen -
und wenn's sein mu, dich geliebtes Kind verfluchen!
    O Mutter, Mutter, rief Alonzo hnderingend, verblendet denn die Leidenschaft
und macht sie zugleich so scharf und hellesehend! Gute Mutter! wir werden von
einer Flamme getrieben, nenne sie Zorn oder Liebe!
    Eine lange Zeit sa er ganz tiefsinnig da, die entsetzlichen Worte dreheten
sich ihm wie eine kreisende Scheibe im Gehirn umher. Er hatte gar keine
Gedanken, ihm war, als werde er wahnsinnig, und so ging er dann wie im Traume,
ohne Wille und ohne Widerstand zur gewohnten Stunde in die Messe. Er wute kaum
noch was er hier wollte. Die Augen lagen gesenkt am Boden, die Arme schlaff und
matt in einander geschlungen, er betete mechanisch, und lie betubt die Worte
an sich vorberklingen, als das Wispern einer weichen Stimme neben ihm,
pltzlich tausend Funken zugleich in seiner Seele anschlugen. Blansche kniete
mit dem Rcken nach ihm gewandt, das Gesicht auf die Stufen eines kleinen Altars
gesenkt, ber welchem Maria abgebildet war, wie sie das schlafende Jesuskind mit
Liebe und Zuversicht betrachtet, ohne die wunderbare duftige Gestalten zu sehen,
die im Traum an des Kindes Bettchen vorbergehen und ihm die Zukunft offenbaren,
der Engel mit den Marterwerkzeugen schwebt leicht vorber, zuletzt berstrahlt
des Heilands Verklrung die weilichen Wolkenspiele. Blansche hob den Kopf in
die Hhe, sie sahe das Bild fest an, ihr Blick schien zu sagen, heilige Mutter,
von dir geht das trbe Erdenleben aus, aber du gabst uns den Erlser! Alonzo
sahe und ahndete von dem allem nichts, er fhlte nur Blansches Nhe. Seiner kaum
noch mchtig, unter ungestmen Klopfen der kochenden Brust, warf er sich neben
sie nieder und mit einem Tone und Blick, vor dem das zarte Mdchen
zusammenschauerte, flsterte er, jetzt Blansche, jetzt knnen Sie mir lnger
nicht entgehn. Hier im Angesicht aller Heiligen wagen Sie es zu sagen, da Sie
mich verstoen, da Sie Ihr eignes Wort zurcknehmen, da Sie mich hassen! Sie
sahe ihn wehmthig an. Thrnen strmten aus ihren schnen Augen. O Gott, sagte
sie leise, so haben Sie mich denn nie verstanden; und kein Vertrauen, keine
Ahndung meiner Liebe ist in Ihrer Seele! Sie lieben mich noch, Blansche? rief
Alonzo ganz auer sich, o sagen Sie nichts, kein einziges Wort weiter, auf Ihrer
Zunge schwebt etwas, das ich nicht wissen will, nicht wissen darf, wenn Sie mich
lieben - ja unterbrach ihn Blansche ernst, ich liebe Sie, fest und
uneigenntzig, wie Sie nicht lieben knnen. Jetzt Alonzo, fuhr sie aufstehend
fort, wissen Sie, was Ihnen fr diese Welt zu wissen frommt, kann es Ihnen
gngen, so sind wir beide nicht zu beklagen - wenn nicht - ich kann nur aus der
Ferne mit Ihnen weinen. Unsre Wege scheiden sich von hier, und ich fodre es im
Namen der Kirche, deren Boden kein vermessener Schritt entweihen soll, folgen
Sie mir nicht, Alonzo, bei Gott und seinem allmchtigen Sohn bleiben Sie zurck.
Sie hatte die letzten Worte mit bebenden Lippen in tdtlicher Seelenangst
gesprochen. Alonzo war einen Augenblick wie gelhmt, dann strzte er ihr nach,
drngte und strmte alles aus seinem Wege, doch sie war fort, wie durch hhere
Gewalt seinen Blicken entrckt.
    Nun erst war es entschieden in ihm, nun wute er bestimmt, was er immer
gewollt hatte. Blansche sollte, mute sein werden und ginge auch Ruhe und
Frieden und seiner Seelen Seeligkeit drber zu Grunde. Immer stachelnder und
angstvoller wards nun in ihm. - Der Weltklugheit zum Trotz wollte er mit Gewalt
besitzen, was man ihm listig entzog. Frau von Saint Alban, der Herzog, seine
Mutter - es bestrmte und drngte ihn alles so wunderbar, Ha und Pflicht, und
mitten inne die fressende, verlangende Liebe - ein khner Schlag mute die
dumpfe Wetterschwle auf einemmal auseinander reissen, er mute Athem schpfen,
er hielt es so nicht aus.
    Ganz ermattet setzte er sich an seinen Schreibtisch. Der angefangene Brief
an Philipp lag vor ihm. Er durchlas das Geschriebene noch einmal. Es schwirrte
ihm confus durch die Sinne, er griff nach einer Feder, seine Seele durstete nach
Mittheilung, Worte, dachte er, mssen die pressenden Bande lsen. Er las laut,
was er niederschrieb:
    Ich wei nicht, Philipp, wie mir ist, noch was aus mir werden soll! Htte
mir ein Sterblicher gesagt, es wird ein Augenblick kommen, wo Don Alonzo de
Mendez schwankend zwischen Ehre und Liebe und Pflicht dastehn und nicht wissen
wird, welchen Weg er einschlagen soll, ein Blick htte den Frevler vernichtet.
Und jetzt - mein Gott, was wolltest du mit deiner Creatur, als du an geweihter
Sttte das schne Mdchen in meine Arme legtest und von da den Zunder in die
offne Seele warfst! Sollte ich lschen, ehe ich brennen fhlte? heimlich
dmmerte die Gluth herauf, schlich langsam durch die Adern, bis pltzlich alle
Pulse rascher schlugen, die Flamme aufblitzte, Erinnerung, Bewutsein, ein
ganzes hingetrumtes Leben verschlang. Warum ich Ihnen das sage? Sie mssen
alles wissen. Ich habe Blansche wiedergesehen, lieber Philipp, sie ist
unschuldig, unschuldig wie ein Lamm, das man zur Schlachtbank fhrt. Soll ich
sie fallen sehen, wenn ich sie retten kann? Mitten aus dem fahlen Dunst, der das
arme Herz beengt, reie ich sie heraus, verlassen Sie sich darauf. Fragen Sie
mich, ob ich das Blut der Mendez mit meiner Feinde Blut beflecken wolle? Feinde
- Philipp? Wie sagte Sie doch einmal? ich erinnere mich! der Ha ist von dieser
Welt, aber die Gerechtigkeit ist Gottes. - Ja, ja, mein Leidens- und
Liebesgefhrte, der Ha ist von dieser Welt! lassen wir ihn da sein blutig Wesen
treiben. Haben Sie nicht selbst dem Engel Blansche Schwingen gegeben, da er
ber das trbe nchtige Meer hinaus den Blick vershnend zum Himmel trage? Hat
die Kunst dem Gedanken Dasein verliehen, soll das Leben zgernd zurckesteh'n?
    Ich wei nicht, wehalb mich vor Ihnen bangt. Drfen Sie tadeln, was Sie
selbst thaten? Philipp, es giebt Winke und Stimmen in der Natur, die wir nicht
berhren drfen. Umsonst trifft nicht Eines zum Andern, das Schicksal will
etwas, es zwingt uns, denn ber nichts spottet der Himmel so als ber
menschliche Absicht. Sie haben es ja erfahren, was wundern Sie sich ber Andre!
Sein Sie nicht weiser in Worten als Gefhlen. Gefhle allein sind wahr, alles
andre ist todtes, angelerntes Gesetz. Was wissen wir auch von Gesetzen! Jedweder
trgt einen eignen Schlssel zu diesem Hieroglyphen in sich. Das ist die
gttliche Freiheit. Ich folge ihr, Philipp. Leben Sie wohl!
    Er siegelte mit einer Hast, als wre ihm um die Antwort zu thun gewesen, und
ermahnte seine Leute zu schneller Besorgung. Philipp war noch nicht allzufern
bei seinem Regimente. Alonzo htte ihn gern hier gehabt und auch wieder nicht.
Ihm war doch etwas leichter, nachdem er geschrieben hatte, nachdem er denken
konnte, es werde ein menschliches Wesen fhlen, wie ihm zu Muthe sei. Erhlt ein
gefrchtetes Uebel gleich Riesengre und Gewiheit durch das Wort, so mildert
Klage und Mittheilung das schon vorhandene gekannte Leiden. Alonzo kam sich
gestrkt und fest durch den Schlu seines Briefes vor. Eines war seinem Willen
doch auch schon wirklich gelungen, er hatte Blansche gesehen und gesprochen. Sie
liebt ihn, ber sie war er beruhigt. Alles andre mute ja auch kommen, wenn er
es nur ernstlich wollte.
    So durch sich selbst gehoben und zuversichtlich geworden, ging er noch spt,
um Luft zu schpfen nach den Elisaischen Feldern. Schon von fern sahe er die
kleine silberne Muschel und die vier Apfelschimmel des Herzogs, sie hielt an der
Barriere, niemand war darin, ein paar mige Knaben standen auf dem
Lackaienbrett und schaukelten an den Riemen. Alonzo beeilte seine Schritte, doch
ehe er heran kommen konnte, winkte ein Bediente, der Wagen bog in eine Allee,
Frau von Saint Alban und nach ihr Blansche an der Hand ihres jungen Vetters,
Louis de Bocourt, stiegen hinein. Dieser stand noch am Schlage, und gab Blansche
einen Strau wilder Kruter und Blumen, die sie sehr sorgfltig zusammenfate
und ihn damit grend beim Abfahren vertraulich winkte. Louis ging langsam nach
der Seite, wo Alonzo stand. Er bckte sich von Zeit zu Zeit nach kleinen
unscheinbaren Grsern oder Pflanzen und beachtete sie genau in allen ihren
Fasern und Theilchen. Sein gutes, stilles Gesicht schien unter diesem Geschft
heiterer, sein Auge heller und von einem Strahl ruhiger und sicher gestellter
Forschgier angenehm belebt. Er war jetzt dicht vor Alonzo getreten, ohne ihn zu
sehen. Diesem war es lieb, einem Wesen zu begegnen, auf dem Blansches Augen
freundlich geruhet hatten, er redete ihn an. Louis in seiner schchternen,
unendlich verbindlichen Hflichkeit, sagte etwas verlegen grend, o mein Gott!
ich wute nicht - Frau von Saint Alban glaubte Sie lngst abwesend von hier. Sie
glaubte das, wiederholte Alonzo etwas trocken, mich dnkt sie htte eine bessere
Meinung von meiner Hflichkeit hegen sollen, da keine Ursach denkbar ist,
wehalb ich mich so unter ihren Augen wegstehlen sollte, ohne sie zuvor begrt
zu haben. Doch, entgegnete jener achselzuckend, hat sie mir nicht anders gesagt,
indem sie mit Bedauern und vieler Theilnahme und Liebe von Ihnen, mein Herr,
sprach. Beide gingen einige Augenblicke schweigend neben einander, Louis etwas
gedrckt, Alonzo etwas hoch und vornehm. Erst seit kurzem, hub dieser an, sind
Sie in Ihr Vaterland zurckgekehrt? - Ganz neuerlich, erwiederte Louis. Sie
waren lange abwesend, fuhr Alonzo fort, Sie werden Ihre schne Cousine kaum
wiedergekannt haben. Auf des jungen Bocourt Gesicht schwebte eine rhrende
Freude, mit innigem Lcheln sagte er, ein recht liebes Mdchen habe ich in ihr
gefunden, von ungemeinem Liebreiz und einer Unschuld und Durchsichtigkeit, die
an die frheste Kindesreinheit der Menschen erinnert. Er sagte das so warm und
wahr, so ganz ohne Bezug auf irgend etwas auer Blansche, da Alonzo
hingerissen, sich selbst vergessend ausrief: nicht wahr, Sie fhlen das! O wer
ist auch so unglcklich, dagegen verschlossen zu bleiben. Sie hat mir, fuhr
jener an Eigenes denkend, fort, das Sinnbild der Lilien klar gemacht, und wie es
immer solche Engel gab, die ber Frankreich schwebten. Blansche ist ein Engel
des Friedens und der Ruhe und erinnert zugleich an alles unbefangen Liebliche
und Sinnvolle besserer Zeit, sie vershnt mit einem Lande, das aus seinem Schoos
solche Blthen hervorgehen lie. Alonzo sahe ihn gro an, ihn also vershnt sie
mit dem Vaterlande, dachte er, und mich entzweiet sie mit dem meinigen
vielleicht auf ewig! Ich habe, hub Louis nach kurzer Pause auf's neue an,
geraume Zeit hindurch die Natur in ihrem leisen Verkehr mit der Pflanzenwelt
begleitet, und hier ein heimathliches Verhltni gefunden, das ich bei den
Menschen so rein und unbestritten nicht antraf. Blansche nun scheint mir in
diese Blumenwelt ganz entschieden zu gehren. Sie steht so rein und bestimmt vor
mir da, da gar kein Zweifel obwaltet, ja durch einen Zug geheimen
Einverstndnisses glaube ich die stille Natur in ihren verwandten Elementen ganz
zu verstehen. Ich wei nicht was sie thun oder sagen knnte, worber ich
unsicher an ihr wrde. So genau, sagte Alonzo mit einem scharfen Blick, glauben
Sie Blansche zu kennen? Was man so eigentlich unter kennen versteht, entgegnete
jener, mchte ich nicht sagen, es knnte sein, da sie ganz anders zu handeln
durch sich selbst bestimmt wrde, als ich mir's vorgestellt htte, doch sollte
mich das nicht irre machen, ich wrde sogleich wissen, da es so sein mute,
dies zusammenklingende gleichartige Wesen kann sich selbst nicht untreu werden.
    Sie waren unter diesem Gesprch auf eine Brcke gekommen, ihre Wege schieden
sich. Louis war einigermaen blde und beschmt, so viel geredet, sich so
umstndlich geuert zu haben. Sein gutmthiges Lcheln, die Art seiner schnell
in sich zurcktretenden Verbeugung war auf gewisse Weise eine Entschuldigung
dieser allzugroen Freimthigkeit. Alonzo wute nicht recht, was er von ihm
denken sollte. Er ging still vor sich hin und sagte sich selbst: was der da so
trocken und schwerfllig hinspricht, ist das Grte, was ein Mensch von dem
Andern sagen kann, solch' Vertrauen ist gttlicher Art, es mte den ganzen
Menschen begeistern, er bleibt gelassen, er meinte es so nicht, er ist gelehrt,
er zwngt alles, was er sieht, in ein System und classifizirt Blansche wie
Augentrost und Rosmarin. Was will er von dir wissen, schne Blansche! dein Herz
ist der Schlssel zu deinem lieblichen Selbst, das aber soll mir keine Natur
oder Kunstverwandschaft in aller Welt streitig machen!

                              Achtzehntes Kapitel


Je mehr die Gluth eigener Leidenschaft in Alonzo anwuchs, je fester bauete er
sein Glck und seine Hoffnungen auf Blansches Liebe. Er berzeugte sich ganz
innig und unbezweifelt, da die gleiche Qual, wie sehr sie diese auch zu bergen
wisse, an dem armen Herzen nage, und sie endlich ber jeden Widerstand hinaus in
seine Arme treiben werde. Alles kam fr ihn darauf an, Blansche geheim und
ungestrt zu sprechen. Er war so gewi wie von seinem Dasein, da sie der Gewalt
seiner Worte nicht widerstehen werde. Er hatte es ihrer Angst, den bleichen,
bebenden Lippen, dem feuchten Glanz der schnen Augen ja angesehen, wie all' ihr
Leben zum Herzen dringe, wie sie dieses nur unter trben Schmerzen zgle. Was
konnte er wollen, da nicht auch ihr geheimer, schchterner Wunsch war! sie
sollte das in seinen Armen fhlen, ihm unter leisen, heimlichen Schauern
bekennen. Er rang und sphete nur nach Mittel sie zu sehen. In der Messe durfte
er nicht hoffen sie zu finden. Frau von Saint Alban und dem Herzog mochte er in
dieser Stimmung nicht begegnen, gleichwohl verschmhete sein Stolz wie die Natur
seiner Liebe jeden Schritt, den Blansche's Wrde zu nahe trat. Unter wechselnden
Strmen und Beschwichtigungen der Seele verwarf er jetzt, was er zuvor als
wnschenswerth und nothwendig erkannte, und vergeudete Zeit und Kraft in
ungleichen Kmpfen.
    Er erfuhr, da Blansche mit ihrer Mutter das Kloster verlassen hatte, und
wieder bei dem Herzog wohne. Es war ihm ein Trost sie dort zu wissen. Er ritt
und fuhr und ging spt und frh an dem dunkeln Eisengatter hin, ohne da es sich
gastlich wie ehemals vor ihm aufschlo. Es schien, die Familie verharre noch in
der angenommenen klsterlichen Stille. Nur des jungen Bocourt Cabriolet sahe er
zuweilen unter den Kastanien halten. Er ahndete wohl, was Frau von Saint Alban
mit dieser auszeichnenden Vertraulichkeit wolle und welche Wnsche Louis hegen
durfte. Gleichwohl konnte er dem unbefangenen, anspruchlosen Herzen nicht feind
sein, das sich unter der stillen Begnstigung natrlicher Verhltnisse
vielleicht zum erstenmale ganz einig fhlte. Er empfand sogar ein
schmeichelndes, wohlthuendes Mitleid mit ihm und sprte selbst einige Neigung
Louis Gutmthigkeit und ablich bewahrter Sinnesweise zu vertrauen. Es dnkte ihm
wahrscheinlich durch freie Erffnung der wahrhaften Lage der Dinge, die
Theilnahme des treuen Menschen zu gewinnen, er erwartete von der
Uneigenntzigkeit des geprften, an nichts verwhnten Gemthes um so mehr, als
er deren bedurfte. Selbst nicht aus noch ein wissend, in der Verwirrung dunkler,
treibender Gefhle wenig auf Gottes Beistand rechnend, dachte er dem Geschick
vertrauen zu mssen, das ihm vielleicht in Blansche's Verwandten einen Freund
zufhrte.
    Sehr berrascht war er daher, als er Louis bei ihrem nchsten
Zusammentreffen etwas feierlich, bei weitem weniger schchtern, vielmehr in der
Stellung des Erwartens und Kommenlassens fand. Alonzo brannte vor Ungeduld, die
fremde angelegte Rinde zu lsen und zu dem Kern des wohlwollenden Innern zu
kommen, doch jener blieb behutsam, sprach mit seiner gewohnten leisen
Hflichkeit wenig, nannte Frau von Saint Alban gar nicht und suchte sich auf
alle Weise los zu machen. Haben Sie ihn auch umstrickt, dachte Alonzo, und
fhren sie ihn nun an den knstlich gesponnenen Fden? oder hat er sich selbst
so diplomatisch berfeint? Kann denn hier nichts wahrhaft und ungetncht
bleiben? Sie standen noch bei einander als mehrere franzsische
Truppen-Detaschements, die frher Paris verlassen muten, jetzt wiederkehrend,
an ihnen vorbeizogen. Die vergelbten, abgeflachten Gestalten gingen unter
brutalem Trotz und dumpfen Gemurr durch die Straen. Der dnne Wirbel matter
Trommeln, das Zittern heiserer Trompeten verkndete ihre unerfreuliche Ankunft.
Die Menge achtete bei stetem Hin- und Hertreiben wenig auf sie. Einzelne blieben
stehn, es fielen tonlose Worte aus den hohlen Kehlen, wie dunkle Flammen aus
qualmender Gluth aufprasseln, der Name des Kaisers, Fluch der Fremden, Schmhung
der Regierung schallten rasch und drohend durcheinander. Gemthloser
Halbverstand zischelte daneben und blies luftigen Witz in die glimmenden Kohlen.
Auf Louis Gesicht lag ein selbstzufriedenes Lcheln. Das ist etwas! sagte er, in
den Kerlen steckt Nationalitt, da ist Furchtlosigkeit und Leichtsinn, der
gewohnt ist mit der Gefahr zu spielen, da ist Kern und Mark, das macht sich wohl
von selbst. Was, fragte Alonzo befremdet, was soll sich von selbst machen? Eine
Verfassung, entgegnete jener, die nicht da ist. Und die auch diese
Uebermthigen, fiel Alonzo ein, wahrhaftig nicht wollen, was sollte den
Gesetzlosen die stille Ordnung des Daseins? Erwarten Sie doch nichts von dem
ghrenden Unrath, dem der flchtige Geist unter unnatrlicher Uebertreibung
verflog. Glauben Sie mir, das gehet so in sich selbst und verbrkelt im Wechsel
der Zeit. Ich meine nicht, sagte Louis etwas empfindlich, die Elemente sind
offenbar vorhanden, sie verlangen nach Bestimmtheit, nach Farbe und Physionomie.
Die haben sie schon, erwiederte Alonzo rasch, und eine so fertige, so
ausgesprochene, da sie an Carikatur grnzt, nicht ein Tttelchen darf die Zeit
hinzusetzen, so fllt das mrbe Staubwerk zusammen. Das Rad der Zeit, entgegnete
jener, geht um sich selbst herum, was da ist, soll etwas, wo Leben zu spren
ist, drfen wir an Verjngung denken. Gallien hat sich vielfach verjngt, sagte
Alonzo lchelnd, doch waren es Fremdlinge, welche die verderbte Frucht zu
brechen und neue Keime des Daseins durch gesunde Vermischung hervorzurufen
wuten. An solche Verjngung will ich glauben. Es ist mit der Gesundheit, sagte
Louis, nur berall nicht weit her, die Keime sind im Ganzen faul, denn ach du
mein Gott, der Rock, den die Gegenwart angelegt hat, ist mit Lumpen geflickt,
das hlt nicht ber das nchste Bedrfni hinaus, in der Nhe kann man die
Fasern nackt und blos liegen sehen, man zieht dann einen neuen an und es ist
eben so gut. Alles bleibt am Ende gebrechliches Stckwerk und die Erfahrung
giebt zuletzt noch die beste Auskunft, wie wir wieder nach Hause finden. Das ist
berall Eins.
    Alonzo war es, als wrde ihm ein Riegel vor die Brust geschoben. Er war ganz
still geworden. Das ist also Weisheit, dachte er, die an alles zweifelt und
hchstens das Alte wiederkommen sieht, just so, wie es auf einem gewissen Punkt
war. Auch dies warme Herz, das so liebendes Verlangen in sich trgt, ehe giebt
er alles auf als das Eine, was ihm einen Leib gab, aus dem er nicht heraus kann.
Er konnte nicht mit Louis streiten, und ihm auch nicht vertrauen. Er fhlte, sie
verstanden einander nicht. Jener hatte sich gewissermaen behauptet und war nun
wieder mild und einlenkend wie immer. Man sahe offenbar, er war auf Alonzo
aufmerksam gemacht und hatte einen Angriff erwartet. Dies alles, was fremde
Absichtlichkeit ahnden lie, verschlo Alonzo Herz und Lippen, er trennte sich
sehr lau und ging in verdrlicher Ungewiheit in sich selbst zurck.
    Auf seinen migen Streifzgen durch Straen, ber Pltze und Brcken
gerieth er eines Tages an eine kleine Glcksbude. Unter leinenem Dach, auf
niederm Schemel sa ein alter Invalide, die beiden Krcken lagen gekreutzt gegen
seine Knie, neben ihm stand Alonzos wohlbekannte Blinde, den Becher und die
Glckswrfel in den zitternden Hnden. Das kleine braune Mdchen hielt einen
schmutzigen verknitterten Bogen in der Hand, von dem sie Nummern und Gewinnste
ablas. Auf langen rothen Bndern, hingen in verschlungenen Bogen am Saum des
berhangenden Daches grne Brsen, Ringe und Tuchnadeln, Ohrgehnge,
Uhrschlssel und andrer schillernder Tand sorgfltig aneinander gereihet, und
sahe vornehm auf braune Tabacksdosen, messingene Leuchter, Balsambchschen und
dergleichen mehr herab. Die blinde Glcksgttin hatte Alonzo angelockt. Er
setzte Geld in ein kleines zinnernes Becken, das ihm der Alte herhielt und nahm
die Becher, schttelte die Wrfel hin und her, und warf mahl auf mahl eine
Niete. Er ward rgerlich, auch in dieser Kleinigkeit kein Glck zu haben. Der
alte Soldat lchelte ber den Eifer des vornehmen Herrn, der so erpicht auf
einen kleinen Gewinst schien. Endlich fiel ihm ein kleiner goldner Schlssel zu,
mehr als Zierrath als zum Nutzen an einer Uhr zu tragen. Die Blinde hatte ihn
geschickt von dem Bande losgeknpft und hielt ihn Alonzo hin. Dieser besann sich
noch einen Augenblick. Nehmen Sie immer, sagte sie, er gehrt ihnen. Sie
bedrfen seiner nicht, setzte der galante Franzose hinzu, dehalb hielt ihn das
Schicksal so lange zurck; die Herzen schlieen sich Ihnen von selbst auf, hten
Sie sich keinen Mibrauch davon zu machen. Ein Schlssel! dachte Alonzo, diesen
gedankenvoll zwischen den Fingern hin und her drehend, welch Geheimni soll er
mir erffnen? Pltzlich fuhr es ihm wie ein Blitz durch den Sinn, vielleicht das
Rthsel meines ganzen Lebens! Er sahe die Alte scharf an, durch sie hatte er ihn
bekommen, sie konnte, sie sollte vielleicht mehr fr ihn thun, von Anfang her
war sie ihm hier prophetisch gewesen. Immer hatte er sie vor einem
entscheidenden Augenblick gesehen. Er beschied sie zu den andern Morgen nach
seiner Wohnung, fest entschlossen ihren Beistand in Anspruch zu nehmen. Noch in
selbiger Stunde schrieb er Blansche:
    Ein wunderliches Wesen, von dem ich nicht wei, wie es in meinen Weg kommt,
noch was das Schicksal mit ihr will, bringt Dir diese Zeilen, liebste Blansche.
Ich wei nichts von Dir, als da du mich liebst, daran glaube ich, darauf baue
ich. Doch kann ich Frankreich nicht verlassen, ohne dich zuvor gesprochen zu
haben. Du sollst ber mich bestimmen. Ich verstehe nichts mehr von mir, von der
Welt, von den Menschen, ich lebe und denke in Dir, Blansche. Kannst Du wollen,
da es anders sei? O knntest Du dies zerrissene Innere sehen! wtest Du, was
an eines Menschen Seele zerren und martern kann! - Und weit Du es nicht,
Blansche? Bist Du so ruhig? Ich beschwre Dich, la Dir von niemand Dinge
einreden, die Deinem schnen Herzen fremd sind. Denke an Deinen armen Freund!
fhle, da Du ihm mit dem holden, berauschenden Gestndni Deiner Liebe Rechte
gegeben hast, die keine Klugheit, keine Rcksicht der Welt aufheben kann; die
ich, erwge es wohl, nur mit meinem Leben aufgeben kann. Einmal nur la mich
Dich sprechen, ruhig, ungehindert, allein, Blansche. Kannst Du, so verbanne mich
dann auf ewig von Dir. Denkst Du es zu knnen? Unmglich, unmglich! Was willst
Du mit einem armen, nchternen Leben ohne Liebe? Sieh ich mchte dir alles
opfern, Namen, Vaterland, den Stolz und die Hoffnung khner feuriger Jugend,
alle Gedanken, alle Wnsche, die mhselige Arbeit angestrengter Jahre, darfst Du
zgern, Dein zerrissenes entartetes Frankreich hinter Dir zu lassen? Hast Du ein
anderes Glck als das meine? Sieh ich bin so stolz, so khn und dreist, wenn ich
aus der Ferne zu Dir rede, und Du beherrschest mich so gewaltig, wenn ich Dich
sehe, Blansche, um Gotteswillen mibrauche Deine Gewalt nicht. Ich bitte Dich,
versage mir lieber die Gunst Dich zu sehen, als Dich streng und ernst wie
neulich zu finden! Nein, Blansche, nein, hre das voreilige Wort nicht, willige
vor allem andern in meine Bitte, la mich zu Dir reden, la mich dir ein
einzigesmal alles, alles sagen, was auf diesem Herzen lastet. Morgen Abend,
schne Blansche, bin ich an dem Gartenpfrtchen, Engel, la es mich offen
finden! und wenn Du wolltest - wenn du Deinem Freunde folgen knntest - ein
Wagen ist bereit, meine angebetete Geliebte, England giebt dem Gedanken wie dem
Herzen eine Freistatt! -
    Die Alte kam des andern Tages. Alonzo sprach mit ihr. Sie verstand ihn
schnell. Leicht, meinte sie, sei es, in des Herzogs Hause Eingang zu finden und
ein Herzchen wie Blansche zu rhren. Vor Abend versprach sie Antwort.
    Es ward Alonzo ganz leicht. Es gab Augenblicke, wo er gar nicht an seinem
Glcke zweifelte. Er konnte sich die Zukunft mit allem, was sie Reizendes hatte,
ausmalen, das Aengstigende, Trbe legte er bei Seite. Blansche liebte ihn ja,
was hatte er denn noch zu frchten! Gleichwohl liefen die Stunden ab, sein Herz
schlug immer gewaltiger. Er hatte auf keiner Stelle Ruhe. Jetzt brachte man ihm
einen Brief, die Blinde, rief er, und ri das Blatt von einander. Es war
Philipps Hand, er schrieb ihm:
    Muten Sie denn mein stilles Innere aufreien, um das Ihrige daran zu
messen und zu beruhigen? Warum berhrten Sie ein Geheimni, das geahndet noch zu
zart ist, um es zu denken? Sie haben dem leisen Traume Worte gegeben, und die
bescheidene Woge ber des Stromes Bett hinausgerissen! Dachten Sie rein zu
werden, wenn Sie sich Mitschuldige schufen? Sie haben fehl geschlossen. Der
Maastab, den Sie anlegen, pat hier nicht. Anders ist es mit der Kunst, anders
mit dem Leben. Mein schnes Ideal bleibt fr alle Ewigkeit rein, wenn Sie das
Ihrige im Sturm eigenntziger Leidenschaft tausendfach zerreien. Dem Leben
gehrt der unstte Wunsch, der Kunst die stille Anschauung. Was fahren Sie so
ungestm in den verborgenen Schacht, in welchem Sie nie zu Hause waren, wo Sie
durch ihr dreistes Erscheinen nur hindern, ohne selbst belehrt zu werden?
Mignnen Sie mir den demthigen Heiligendienst nicht, da Sie so laut den
Gttern dieser Welt dienen!
    Ihr Brief ist ein trber Beleg, wie auch ein starkes Herz sich selbst untreu
werden kann. Ich verstehe es nicht, Sie mit Worten zu bestreiten, es ist wohl so
weitluftig als unntz. Doch wenn Sie mich mit den eignen Waffen zu schlagen
glauben, so mu ich mich schon vor Ihnen behaupten, und Sie auf den Sinn
aufmerksam machen, in welchem diese gebraucht wurden. Der Ha ist von dieser
Welt, habe ich gesagt. Sie gehren in ihr, darum hassen Sie aus fester Seele,
was nicht zu lieben ist. Werfen Sie nicht alles bereinander, verwischen Sie die
Grnzen nicht! es kommt nichts als Unsicherheit, Reue, Trotz und Klte aus dem
wsten Selbstbetrug heraus. Gott allein darf alles lieben wollen, fr uns giebt
es Leben und Tod, Ha und Liebe! - Machen Sie sich nicht wei, Ihre Brust sei
weit genug, die ganze Welt zu umfassen. Wir halten nichts, wenn wir nach allem
greifen. Und tchtig gefat will die Welt sein, hren Sie wohl, tchtig, nicht
lose und halb. Um Gottes Willen bertnchen und verkleiden Sie den gerechten
Zorn nicht, der allein Vershnung schafft! Im Uebrigen sehen Sie zu, wie weit
Sie das schmeichelnde Gelispel bestochener Sinne locken wird. Don Alonzo, Don
Alonzo, darf auch ein dritter zwischen ihnen und der Ehre den Dolmetscher
machen? Stolzer Castilier, konnte es dahin kommen, und duldet die freie Brust
das kranke Herz!

                              Neunzehntes Kapitel


Der Abend dunkelte durch die Fenster, Blitze zuckten in der Luft, der Regen
schlug rasselnd gegen die Fenster. Alonzo hielt Philipps Brief in der Hand und
sah starr in das Unwetter hinein. Da klopfte es leise. Das braune Kind fhrte
die blinde Mutter ber die Thrschwelle, Haar und Kleider trieften, die Alte
schauerte frstelnd zusammen. Mhsam wickelte sie aus einem alten Stck Leinen
einen kleinen Zettel, den sie Alonzo mit zitternden Hnden hinhielt. Er griff
hastig danach, seine Blicke verschlangen die kleinen, mit Bleistift
geschriebenen Zeilen, er las folgendes Das Gartenpfrtchen wird sich gegen 11
Uhr Abends ffnen, ich werde Sie sprechen. - Blansche -
    Gold fiel in der Blinden Schoos, Alonzo drckte ihr taumelnd die welken
Hnde, Himmel und Erde war sein, er htte alle Herzen beglcken, alle Thrnen
trocknen mgen. Sie lie das Geld prfend zwischen den Fingern hin und her
fallen, dann wog sie das Smmchen bedchtig, indem sie sagte, man sollte denken,
mir wre der Schlssel zu verborgenen Goldkammern zugekommen, aber das
bedeuteten mir die funkelnden Sterne. Meine arme Augen, fuhr sie fort, haben Sie
niemals gesehen, doch mssen Sie es sein, ich erkannte Sie an der Stimme, Sie
sind mir im Traume erschienen. Alonzo ward es unheimlich, als sie jetzt Zug fr
Zug seine Gestalt beschrieb, und dann fortfuhr: ich mute Sie just ber dieselbe
Brcke fhren, wo wir neulich zusammentrafen. Die Brcke war sehr lang, ber uns
hing eine dunkle Wolke, sie sah aus wie ein langer fliegender Mantel. Sie gingen
ganz stolz vor mir her, und es kam mir zuletzt vor als stnden Sie in der Wolke
und stieen mit dem Kopf gegen den Himmel. Ich hatte ngstlich in die Hhe
gesehen, da stolperte ich und es war mir als schlge mich jemand in den Rcken,
so da mir der Kopf auf die Brust sank und ich niedersahe, ich erschrak aber
sehr, als mir zwei rothe Blutstropfen ber die Stirn rannen und auf die Erde
niederfielen. Ich lasse Dir mein Herzblut zurck, sagten Sie, und als ich
aufblickte, waren Sie und die Wolke fort, aber im Osten funkelten viele, viele
tausend Sterne und ein weilicher Streif zog durch die rothe Gluth. Meiner Liebe
Himmel! rief Alonzo ganz entzckt, du hast auch mir den Weg dahin gebahnt, gute
Alte, dein stiller Abend soll nun ferner auch hell und ungetrbt bleiben. Er
drckte noch mehr Geld in ihre Hand und geleitete sie freudig an die Thr.
    Das Wetter tobte inde ungestm fort. Alonzo zitterte, da Blansche
vielleicht gehindert werden knnte, Wort zu halten. Doch wickelte er sich in
seinen Mantel und ging ungeduldig durch Regen und Sturm dem ersehnten Augenblick
entgegen. Er kam an der kleinen Thr an. Es war noch meist um eine Stunde zu
frh, alles war dunkel, das Schlo verriegelt, unter ungeduldigen Herzschlgen
die Hand an den Degen gelegt, ging er auf und nieder, als halte er Wache hier.
Die schwanken Baumstmme jenseit der Mauer wanden sich ngstlich unter heulenden
Windsten, das Laub schttelte sich rauschend, es rang und arbeitete peinlich
in der Natur. Alonzo setzte sich ermdet auf einen Stein an der Thr. Die Knie
bereinandergeschlagen, seine Waffen im Arm, sa er, den Kopf auf die Brust
gesenkt, tiefsinnig da, und lie es nun ber sich toben und flstern und
wimmern, er hrte auf nichts als Blansche's leisen Schritt, den er alle
Augenblicke ber den knirrenden Kies zu vernehmen glaubte. Die Zeit verging
langsam, allerlei lief ihm durch den Sinn, er hatte die Augen geschlossen und
sah in wachsender Fiebergluth Bild auf Bild vor sich aufsteigen. Die Blinde, der
alte Stelzfu, dann ein hoher, greiser Herr in seiner Landestracht, sahe ihn
streng und scheltend an, Alonzo kannte ihn wohl aus alter Bildersammlung, es war
sein Ahnherr, den er frhe ehren gelernt. Die hohe Gestalt schien ihm so
ngstlich nahe, da er aufsprang und einen Schritt zurcktrat. Alonzo, rief eine
leise Stimme, die Thre ging auf, Blansche trat heraus, hinter ihr ein Mann,
dessen Gesicht im Mantelkragen verdeckt lag. Bei seinem Anblick alles, auch
Blansche vergessend, zog Alonzo das Schwerdt aus der Scheide, und: der dritte
ist hier berflig, rufend, drang er auf den vermummten Begleiter ein. Sehen
Sie um sich, sagte Blansche mit gebietender Stimme, dieser Boden hat schon
einmal theures Blut getrunken, zgeln Sie die Unglck bringende Hand! Alonzo
lie Arm und Degen sinken und mit einem Schauer, als stehe Turgis Schatten mit
aufgehobenem Finger vor ihm, fragte er leise, was wollen Sie mit mir, Blansche,
machen Sie es kurz, ich bin gefat. Die Erinnerung, mein armer Freund,
entgegnete sie sanft, die Sie jetzt so lhmend trifft, sagt Ihnen, was fr diese
Welt zwischen uns steht. Es ist nicht des Bruders junger, frh geopferter Leib,
es ist die Unvereinbarkeit ewig geschiedener Elemente. Alonzo, es ist ein Wahn,
das Leben auf ungleichem Boden gestalten zu wollen. Niemand kann aus sich
heraus. Sie knnen uns das nie verzeihen, der Ha bahnt sich tausend Wege,
beflecken Sie die Liebe nicht so sehr, sie in solchen Kampf herabzuziehen! Ein
andrer Erdenfleck ward Ihnen angewiesen, ein andrer mir, was die Grnzen
berstrahlt, ist ein himmlisches Licht, es scheint eine kleine Weile, dann zieht
es sich betrbt zurck, es weilt nicht auf dieser Erde. Sie gehren hier nicht
her, ich habe das immer beklemmend gefhlt, die Angst hat mich in Ihrer Nhe nie
verlassen, darum mein Freund - sie drckte leise seine Hand, ihr Blick lag
ungewi und bang am Boden, Alonzo fhlte ihre Finger auf den seinigen ruhend,
ohne aus seiner starren, dstern Hingebung zu erwachen. Wir trennen uns,
flsterte Blansche kaum hrbar, dies Leben gehrt der Pflicht, ich habe es mir
gelobt, vor diesem Zeugen wiederhole ich es Ihnen und mir. Philipp schlug den
Mantel zurck und fate bebend ihre dargereichte Hand. Alonzo sahe ihn
verwundert an. Jetzt bog ein Reisewagen um die Ecke, Alonzo erkannte Gepck und
Leute, es war sein eigner, ha! ich verstehe, rief er, heftig zitternd, Blansche
stand abgewandt, ihre Brust arbeitete unter leisem Schluchzen. Nach Osten, sagte
Philipp, die Hand nach dem klaren Himmel hebend, der von dort aus die tief
blauen Gewitterschauer langsam aufrollte. Nach Osten, wiederholte Alonzo
langsam. Er sank an Philipps Brust, Thrnen erstickten seine Stimme. Darauf den
Kopf muthig in die Hhe gehoben, sagte er, mit krftigem Blick und Hndedruck:
junger Preue, ihr tapfres Volk war der Wegweiser fr Europa, ich folge Ihnen,
treuer Bundesgenosse! - Nach Rom dann, sagte Philipp, Alonzo schttelte ihm
bejahend die Hand. Da warf sich Blansche an sein krankes Herz, der Scheideku,
rief sie, sei Ihre Weihe. - Er drckte sie heftig an sich, - Blansche, Blansche
stammelte er unter unsglichem Schmerz - sie wand sich sanft los und verschwand
hinter der zufallenden Thr.
    Stumm standen beide Freunde einander gegenber. Ein stiller Heilgendienst?
war es nicht so? fragte Alonzo nach einer kleinen Weile. Philipp winkte
bejahend. Es mag, fuhr jener fort, leicht der einzige Weg zum Glcke sein, was
wir im Leben anfassen, es ist todt und welk, - Philipp fhrte ihn schweigend zum
Wagen. Als sie nun einstiegen und der Postillion in sein Horn stie und die
Rder sich fortbewegten, da brach Alonzos letzte Kraft zusammen. Er warf sich in
die Ecke des Wagens, und weinte ohne alle Kraft, dem Schmerz zu widersteh'n.
Philipp hatte seine Hand gefat, er wagte kein Wort in den augenblicklichen
schweren Kampf hineinzureden. Der Wagen rasselte ber das Steinpflaster, sie
fuhren ber die Brcke, wo der Alten kleine Bude stand, Alonzo bog sich weit zum
Schlage hinaus, das Wetter war still und klar, tausend Sterne funkelten ber
seinem Kopf, im Osten dmmette schon die rothe Morgengluth, jetzt waren sie an
der Barriere, Alonzo ri pltzlich seine Hand aus Philipps los, warum folge ich
Ihnen dann, rief er mit wildem Blick, was wollt Ihr Alle von mir, wer hat ber
mich zu gebieten? Blansche, entgegnete Philipp, Sie wissen's ja - o Gott, o
Gott, rief Alonzo, beide Hnde vor die Augen drckend, sie - freilich sie will
es! Was, hub Philipp nach kurzer Pause an, was hoffen Sie denn auch, nach dem
letzten, hchsten Moment ihres ganzen Lebens noch Groes zu gewinnen? Blansche
lag an Ihrer Brust, sie gehrte Ihnen - was noch kommen konnte, was ist's
dagegen. Im Genu sprt der Mensch die Armuth des Daseins. Wie voll und lebendig
der Gedanke, wie reich die Phantasie. Das Errungene, Erlebte, wie trbe und
gemischt, wie kahl und nchtern; glauben Sie's doch, nur in der schaffenden
Kraft des Gedankens ist Leben!

                              Zwanzigstes Kapitel


Wochen waren verflossen. Alonzo schrieb seiner Mutter aus Rom:
    Von den Stufen der vershnten, verzeihenden Kirche wende ich mich zu Ihnen,
meine hohe, strenge Mutter. Wenn die Liebe mich das Leben vergessen lie, so
wute sie auch Wege zu finden, mich mit seinen Anfoderungen auszugleichen. Worte
sagen nicht, was ich hier erfuhr. Der Mensch whne nicht, groe Offenbarungen
kommen ihm durch sich selbst. Auge und Sinne mssen empfangen, ehe die Seele
erzeugt. In den Schauren geheimnivoller Stille sahe Jesu Auge aus menschlicher
Bildung auf mich nieder und ich empfand die Prfung wie die Weihe des Lebens.
Wem die Glorie gttlicher Sendung nie geleuchtet, wer vor dem herandringenden
Geheimni niemals erbebte, wer das tiefsinnige Rthsel in des Menschen, in des
Geweiheten Nhe nicht empfand, den durchzuckte nie hhere Ahndung, dem ist das
Innere todt.
    Ich bin gestrkt, zu neuem Dasein gerstet. Mein Vaterland ruft mich, vieles
verwirrt sich dort aufs neue, vieles mu sich lsen. Sie sehen mich in Kurzem
wieder. Was aus der Vergangenheit mir blieb, mge Sie nicht stren, es ist die
still begleitende Wehmuth, die niemand, der die Welt erkennt, verlt. Sie sind
gerecht, dehalb bin ich Ihrer wie meiner selbst gewi. -
    Whrend Philipp nun immer stiller und innerlicher seiner Kunst lebte und
durch frische Heiterkeit einen hellen Glanz in Alonzo zurckwarf, bereitete
dieser auf solche Weise seine Rkkehr nach Spanien vor. Er hatte sich schon von
seinem treuen Gefhrten getrennt, als er, recht wie ein Abschiedsgru des
kurzen, schwindenden Traumes, einen Brief von Frau von Saint Alban erhielt; sie
schrieb ihm:
    Wten Sie, wie schwer es mir geworden ist, was es mich gekostet hat, wie
lieb ich Sie habe! doch alles war dagegen, ich sahe es wohl nachher, wie sehr
ich mich auch anfangs selbst betrog. Ich habe geweint, geschluchzt, mit mir, mit
dem Herzoge gescholten, ich wollte Blansche den letzten Abend, der mir so viel
Thrnen gekostet hat, zurckrufen, Sie im Triumph in unser Haus einholen, ich
wre Ihnen um den Hals gefallen, - aber was wre es gewesen? Sie htten mich
nicht verstanden, so vieles in uns ist Ihnen ganz fremd, das ist es eben! das
hat mich in den Tod beleidigt, das vergit sich nicht. Lieber guter, junger
Freund, der Mensch stelle sich wie er wolle, er ist unter Bedingungen da, von
denen hngt er ab, die lassen ihn nicht, Sie nun ganz und gar gehrten nicht zu
uns. -
    Blansche ist so vernnftig, so still und freundlich! das liebe Kind! gestern
fragte der Herzog seine Nichte, ob sie sich der Worte noth erinnere, die sie ihm
bei ihrem ersten Wiedersehen gesagt habe: es giebt Verhltnisse, die das Gefhl
bezwingen und uns harte Pflichten auflegen. Blansche kte seine Hand, und
erwiederte lchelnd, ich habe noch nicht aufgehrt so zu denken. Mein armer
Alonzo, thut Ihnen das wehe? - Ich berge es Ihnen nicht, lieber Freund, ich habe
viel an Louis und eine Verbindung mit meiner Tochter gedacht. Bocourt ist so
bescheiden, er versteht das sanfte Kind so gut, aber es wird nichts draus!
Blansche liebt ihn wie einen Bruder, doch ich glaube, sie strbe lieber als
diesen Schritt zu thun. Sie fragte mich gestern, wo nhme ich denn ein Gemth zu
solchem Betruge her? - Ich schwieg, lieber Alonzo, ich errthete vor mir selbst,
Pflicht und Gesetz halten die stillen Seelen stets in schicklichem
Gleichgewicht, ich beneide sie darum!
    Ich frchte, Blansche hat weit anderes im Sinn. Sie geht fast tglich nach
dem Kloster St. Genevieve. Klage ich darber, so sieht sie mich so bittend an,
da es mir das Herz bricht. Gestern fand ich sie vor dem Bilde der schnen La
Vallire. Armand mute es ihr herunterheben, sie wischte und suberte daran und
betrachtete es mit leidenschaftlicher Theilnahme. Blansche! rief ich, Thrnen
strzten mir aus den Augen, sie flog an meine Brust, ich zog sie sanft an mich,
mein Kind, fragte ich leise, denkst du daran mir Schmerz zu machen? sie weinte;
was recht ist, sagte sie darauf, wird Sie nicht betrben. Ich wei es, Alonzo,
ich werde Himmel und Erde in Bewegung setzen, zu hintertreiben, was ich frchte,
was ich nicht nennen mag, und werde es doch nicht hindern. Es geschieht gewi,
meine Angst sagt mirs.
    Ich suche Sie heut, lieber Alonzo, um Ihnen zu sagen, wovon mir das Herz
voll ist. Es ist wohl das letzte mal. Es ist recht betrbt, da es so ist! ach
so vieles ist betrbt im Leben. Es wird alles, alles anders als man denkt! Haben
Sie mir denn vergeben, Alonzo? - thun Sie es lieber junger Freund, glauben Sie
nur, ich bin auch nicht glcklich, es wird so kraus und bunt um mich her,
vielleicht lerne ich mich noch finden! So sagen wir uns nun Lebewohl aus weiter
Ferne? Alonzo, ich hre nicht auf ein Kind zu sein! ich weine ber das, was ich
selbst gewollt!
    Fromme Blansche! rief Alonzo, reife nur in deiner Einsamkeit zur Heiligen
herauf! Was willst du auch unter den ungleichen, engen Gemthern, in der
frostigen, abgeblaten Welt, die sich den eignen Boden untergrbt und den Tag
der Rache gewaltsam heranruft. Der Tag wird kommen, tausend Stimmen verlangen,
tausend Herzen dursten danach, denn noch ist nichts abgebt und keine Schuld
getilgt. Ihr Weltklugen mischt nur die Karten und berechnet das Spiel, das
Schicksal spielt auch mit und ist ein unzuberechnender Gegner! - Sanfte
Blansche, bete du, und rste deine Schtzlinge, la die Kunst unter Philipps
geweiheter Hand gro gewaltig aufblhen, gnne deinem Freunde mit glhenden
Waffen seinen Namen in das Buch der Geschichte zu schreiben, und gelte es auch
deinem Frankreich und mte der versteinte Hochmuth noch einmal vor dem Spanier
und dem Freiwilligen erzittern!
    Er warf sich mit diesen Worten in den Wagen und eilte Kraft und Muth in den
Unruhen des Vaterlandes, in neuem glimmenden Krieg zu messen.
