
                          Fouqu, Caroline de la Motte

                                Magie der Natur

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                          Caroline de la Motte Fouqu

                                Magie der Natur

                          Eine Revolutions-Geschichte

                                  Erstes Buch

                                 Erstes Kapitel

Um die Zeit der groen Franzsischen Revolution sah man, noch mehrere Jahre
hindurch, an den Ufern der Rhone, im sdlichen Burgund, ein hchst prachtvolles,
alterthmliches, Schlo sein unerschttertes Dasein behaupten, whrend
unscheinbare Besitzungen lngst der freigegebenen Willkhr weichen muten. Sein
Bewohner, der Marquis von Villeroi, blieb untheilnehmend, und deshalb
unangefochten in Mitten der dammlosen Fluth; und Mauern und Zinnen spiegelten
sich ruhig in der kniglichen Rhone, die, ihren jhen Sturz gleichsam bereuend,
sich pltzlich hier in scharfer Beugung westlich wendet. Sie netzte in silbernem
Wellenschlag die Wurzeln uralter Bume, die, eine zweite Wehr, den hohen Wall in
doppelten Reihen einfaten. Ueber ihren Wipfeln spielten die Fahnen vieler
kleinen Thrme ihr bewegliches Spiel mit den wechselnden Winden fort, whrend
die alte Thurmuhr in gemessenem Takt den Pulsschlag des verhngnivollen Lebens
angab.
    Der Marquis hatte Jahrelang ihren Stundenwechsel in tiefer Einsamkeit
gezhlt, ohne in die groe Reibung des Aussenlebens hineingezogen zu werden.
Sein Gemth war frher auf andere Weise getroffen. Ein Schler Mesmers, rang er
mit durstiger Seele nach dem geheimnivollen Zusammenhang der Dinge. Von
dmmernder Ahndung getrieben, dem Wunderbaren ganz rcksichtslos offen, ohne
Sinn fr das grte Wunder der Welt, Gott in den Dingen, ja ohne Ehrfurcht vor
dem Gesetzlichen in der Wissenschaft, und deshalb ohne ruhiges
Entfaltungsvermgen, griff er rasch in das aufgerollte Netz, dessen Schlingen
sich eben so pltzlich ber ihm zusammenhakten und ihn gefangen hielten. Durch
jede Bemhung, sich Luft zu machen, rankte er sich nur fester hinein. Er wollte
das groe Rthsel mit einem Schlage lsen, aber es ging ihm wie solchen, denen
das Wort entflieht, wie sie es auszusprechen im Begriff sind. In dieser
Verwirrung strebte er sich und seinen Meister zu berfliegen. Und als im Jahre
1779 seine Gattin, die er aus glhender Liebe in seinen leidenschaftlichen
Wirbeln verstrickt hielt, im Wochenbette starb, nachdem sie ihm ein schnes
Mdchenpaar geboren hatte, und der geheimnivolle Magnet die schwindende
Lebenskraft nicht fesseln konnte, ja sie vielleicht gewaltsam zerbrach, ri sich
der Marquis aus den zauberischen Banden heraus, floh die Schule der Harmonie,
Paris und die Welt, und begrub sich in diesem Schlosse, dessen Stifter ihn,
Mtterlicher Seits, mit dem Knigsgeschlecht der Burgundionen verband.
    Zu Anfang glaubte er sein Lebensgeschft abgethan, dessen Ziel verfehlt. Was
er gewollt und nicht gewollt, jegliches Streben, das ganze Dasein, ward ihm ein
Hirngespinnst, jede Thtigkeit ein lstiges, zweckloses Spiel der Krfte, dessen
er sich entschlagen zu mssen glaubte, um die thrigen Triebe nicht abermals an
den ffenden Gaukeleien abzuarbeiten. So brach er jeden Verkehr mit befreundeten
Menschen ab, und schob selbst die Sorge fr seine Kinder in fremde Hnde; indem
er sie mit einer Ruhe, die weder Glaube, noch absolute Verzweiflung, war, in
einem nahen Kloster erziehen lie.
    Die Einsamkeit lockte inde langsam seine eigenste Natur aus dieser
Scheinvernichtung hervor, und fhrte sie, durch manchen wunderbaren Ruf
angeregt, wieder in die alte Kreise zurck.

                                Zweites Kapitel


Der Marquis pflegte mehrere Stunden des Tages in einer langen Gallerie, welche
den stlichen Flgel des Schlosses mit dem westlichen verband, auf und
abzugehen, und sein lebensmdes Auge an dem bunten Schmelz der farbigen
Bogenfenster zu laben, deren purpurrothe, goldgelbe, grne und dunkelblaue
Scheiben zwar einen unkenntlich machenden, aber deshalb magischen, Schein auf
die dahinter liegende Landschaft warfen, und die Gegenstnde, in dem vernderten
Lichte der Traum- und Geisterwelt des Marquis, nher rckten. Vorzglich nahmen
sich der Strom und die darber hinziehenden Wolkenbilder seltsam aus, jenachdem
das Auge ihnen zufllig in einem bestimmten Farbenton, oder durch die gebrochene
Lichter dicht aneinandergrnzender Glasflchen, begegnete.
    Wie oft wohl Klnge an den verschlossenen Kammern der Seele vorberrauschen,
Riegel und Pforten vor ihnen zusammen strzen, und alle liebe Bilder der
Vergangenheit sich pltzlich, wie freigelaen, in wehmthiger Eil zum Herzen
drngen, so rhrte hier der bewegliche Strahl des Lebens an die dunkle
Innenwelt, und der Farben Gluth schmolz langsam die nchtige Decke hinweg. Der
Marquis fand sich angenehm in der ungehofften Verjngung berrascht; denn
unversehns war alles wieder wie sonst in ihm, Fragen, Wnsche, Erwartungen,
alles gewann dieselbe Richtung, dieselbe Gewalt der Leidenschaft, das gleiche
Steigern des Zieles. Nur, da ihn eine geheime Scheu vor urem Milingen und
jeder geselligen Gemeinschaft zu immer verborgenerm Umgang mit dem
Geheimnivollen trieb, und seinem Thun und Erscheinen ein fremdes, ja
unheimliches, Ansehn gab; wozu ein gnzlich vernachligter Anzug, oder, bei
einzelnen, feierlichen, Momenten, ein wunderlicher Aufputz, theils veralteter
Pracht und steifer Festlichkeit, theils eigenthmlicher Zusammenstellung der
Kleidung, vieles beitrug. So war er gewhnlich mit einem langen Schlafrock von
chinesischem Stoffe angethan, den ein breiter Gurt ber den Hften
zusammenhielt, ein groer ziemlich verrosteter Schlssel sah aus diesem hervor;
um den ganz unbedecktem Hals trug er, an einer langen Haarschnur, etwas, das in
einem seidnen Beutelchen nach Art geweiheter Amulete, verdeckt war. Die weiten
Aermel streifte er, indem sie ihm, bei freier, oft heftiger Bewegung hinderlich
waren, meist in die Hhe und lie die Arme unbedeckt daraus hervorsehen. Das
Haar blieb unfrisirt und ungepudert; um es inde ber der Stirn zusammen zu
halten, trug er um diese ein farbiges Tuch geknpft. Den Bart lie er sich nicht
so oft abnehmen, da dessen dunkle Blue nicht Kinn und Hals beschattet htte.
Doch vor allem auffallend an ihm war die Gewohnheit, sehr laut und beraus
schnell und anhaltend vor sich selbst zu reden, so bald er allein war. Die
innere Nothwendigkeit, dieses zu sein, und das Bedrfni, durch Wort und Geberde
aus sich herauszugehn, vielleicht auch andere, nicht gekannte, Ursachen, lieen
ihn so ungetheiltes Gesprch oft Stundenlang fhren. Seine Leute, anfnglich in
dem Glauben, ihm sei etwas zugestoen, dann aber, um ihn aufmerksamer auf sich
selbst zu machen, eilten zu ihm in das Zimmer, nach seinen Befehlen fragend?
Aber sie muten jedesmal solchen Vorwitz durch einen frchterlichen Blick ben,
den er aus dem glhendem Augenpaar auf sie niederscho, indem er mit einer Art
zitternden Donner in der Stimme rief: was wollt Ihr? Niemand verlangt Euch! Ihr
seid Gottlob weit von meinen Gedanken. Auch konnte er solche Strung sobald
nicht berwinden, und man sah ihn Tagelang mit innerer Beklemmung kmpfen, die
es sogleich nicht wieder zu einem hnlichen Strom der Rede kommen lie. Er
konnte sich niemals von diesem fremdartigen Weesen losmachen, selbst bei
unabzuweisenden Besuchen seiner Nachbarn, oder von Geschftsmnnern, ja
spterhin, in einem ausgebreiteten geselligen Verkehr, flsterte er oftmals
lange Zeit vor sich hin, und jeder lie ihn gewhren, seine Art schon kennend.
    Das erste deutliche Bewutseyn jener obenerwhnten Wiederbelebung gab dem
Marquis inde ein Augenblick, der, wie immer im Leben, der Gipfelpunkt vieler
andern war, die ihm vorbereitend vorausgingen.
    Er fand sich nemlich einst bei hereinbrechender Abenddmmerung in jener
Gallerie, wo es ihm bald ausschlieend einheimisch und wohl war. Die Jahreszeit
fiel in die Herbst-Aequinoktien. Die Natur arbeitete schwer, unter starken,
anhaltenden Strmen. Ungeheure Wolkenmassen rissen sich voneinander und thrmten
sich wieder zusammen, immer wechselnd und steigend, bis ihre tiefblauen Gipfel
sich ber das Flubett neigten und das gengstete Wasser unter sich wie mit
metallener Geiel peitschten. Dieses aber brauste und zischte und der ghrende
Brodem kmpfte gegen die heulenden Luftzge, die immer gewichtiger darher
hinfuhren, die Bume in ihren Gipfeln fassend, wie ein ungestmer, trotziger
Gast an Gemuer und Fenster mit gewaltigen Sten anschlagend. Der Marquis
gerieth gemeinhin durch die gebrochenen Tne, das pltzliche Abprallen, und
fernhin rollende Gewimmer des Sturmes, in den qulendsten Zustand. Sein ganzes
Wesen schwankte wie auf Windeswogen. Schon als Knabe fand er in solchen
Augenblicken keine Ruhe, und auch spterhin hatte er sehr peinliche Kmpfe mit
den wechselnden Naturzustnden auszuhalten. Jetzt stand er wie eingewurzelt, und
starrte gedankenvoll, doch bewutlos wie im Traume, in die aufgerhrte
Elementenwirbel. Pltzlich legte es sich wie ein weier Schein ber dem dunklen
Wolkenberge auseinander, kleine Silberflocken kreisten anfangs am Saume umher,
bis sie immer dnner und durchsichtiger ineinanderflossen, und das weie Gewlk
endlich wie ein weiter Schleier aufwallete, hinter welchem der Vollmond in
seiner ganzen, wunderlichen Herrlichkeit heraufstieg, und gleichsam auf dem
schwarzen Throne Platz nahm. Dem Marquis war es, als she die strenge
Naturgttin strafend auf ihn nieder. Er schauerte unwillkhrlich zusammen, und
schlo die geblendeten Augen.
    Der gesellige Mensch, voll heim athlicher Bilder des befreundeten Lebens,
voll vertraulich gewordenen, aus der aufgedeckten Welt geschpften Wnschen,
wei kaum, wie die Nacht an die Seele des Einsamen, Hoffnungsarmen, rhrt, wie
er dastehen, auf einen Ton horchen knne, den er vergebens dem reichen
Tagesschein abbettelte.
    Der Marquis hoffte mit gespannten Sinnen auf irgend eine groe Offenbarung.
Ihm werde, dachte er, jetzt gegeben, was er frher der Natur abzutrotzen meinte.
Doch leider sollte er nur immer tiefer in die alte Verwirrung hineingerathen!
    Das volle Mondenlicht warf einem hellen Kreis in das Zimmer, der Marquis
stand in Mitten desselben, fast regungslos, in einem Strudel ungestm
arbeitender Vorstellungen befangen. Zwei Welten schmolzen jetzt in ihm zusammen,
uere Wahrnehmung und inneres Schauen und Fhlen wurden Eins. Der wachsende
Sturm ri in seiner Seele, ohne da er sich bewut war, ihn zu hren, der
herabstrmende Regen, ja ein, zu dieser Jahreszeit ungewhnlich starkes,
Gewitter, rollte nur dumpf an ihm vorber, doch fhlte er es wie Feuergsse
durch sich hinziehn. Auch vor den geschlossenen Augen sprhete es ihm wie Feuer,
und zwar wie lauter brennende Schriftzge, von denen er gleichwohl nichts lesen
konnte. Er sprach in der Zukunft gern und oft von diesem Zustand, der ihm wie
ein Traum erinnerlich blieb, und den er, als einen Licht- und Wendepunkt seines
Lebens, sehr in Ehren hielt. Pltzlich fiel ein heftiger Donnerschlag, der,
mehrere Scheiben zerschlagend, in das Gemach hinein, eine metallene Leiste
entlngs, an einem sehr kunstreichen, in die Wand eingelassenen, Uhrwerke herab,
in die Erde fuhr. Dies Uhrwerk, von einem deutschen Meister vor mehrerern
hundert Jahren verfertigt, lie zu bestimmter Zeit einen Vogel aus
goldgeflochtenem Bauer hervorgehen, der, seine Schwingen ausspreitzend, mit
gellender Kehle die Stundenzahl angab. Die ganze Sache war seit langer Zeit ins
Stocken gerathen. Niemand erinnerte sich, das nunmehr ziemlich verachtete
Kunststckchen selbst gesehen und gehrt zu haben, man erwhnte dessen nur als
einer Merkwrdigkeit des Schlosses. Jetzt aber, wie durch einen elektrischen
Schlag entzaubert, trat der Vogel hervor, und gleichsam, als wolle er sich fr
das lange Schweigen schadlos halten, blieb er in einem schnarrenden Geschmetter,
bis das rostige Rderwerk, abgelaufen, wieder in seine Fugen zurcksprang, indem
noch zuletzt ein Ton nachklang und langsam verhallte. Da nun der Marquis mit
diesem einen letzten Tone zugleich aus seiner halben Ohnmacht aufschreckte, und
es sich fand, da es nach Mitternacht, ja nach den brigen Uhren des Schlosses,
auf den Glockenschlag Eins sei, so behauptete er, die Stunde seiner Wiedergeburt
habe zugleich auch in der Geisterwelt geschlagen, und alles, was er in dieser
erlebt und nicht erlebt, was er geahndet und innerlich gesehn, sei Mahnung zu
einem hchst wundervollen Berufe, dem er sich nun ganz ohnfehlbar weihen solle.
    Hierin ward er folgenden Tages um so mehr bestrkt, indem er jene
herausgefallene und zerbrochene Scheiben aufsammelte, und wirkliche
Schildereien, ja recht sinnvolle Gestalten, darauf wahrnahm, was er frher
niemals bemerkt, indem sie die obern Felder ausfllten und sich weiter herunter
keine gemalte, sondern, vielleicht als sptere Ergnzungen, nur farbige Glser
vorfanden. Besonders auffallend war ihm die Bildung eines Mannes mit groem Buch
und goldenem Schlssel in der Hand. Die Figur war sorgsam ausgezeichnet, nur in
Rcksicht der Kleidung schien sie keinem Zeitalter noch Volk eigends
anzugehren, sondern allein das Wunderbare der Zauberei anzudeuten. Da sich nun
dasselbe Buch mit darber liegendem Schlssel auf den brigen Glasscherben, auch
ohne die erwhnte Gestalt, zeigte, so glaubte der Marquis, hierin, in Verbindung
mit jenen im Innern gesehenen, feurigen Schriftzgen, eine Weisung zu finden,
da solches Buch noch irgendwo im Schlosse verborgen sei, welches ihm vielleicht
allein die ersehnten Aufschlsse geben knne.
    Er stellte deshalb sogleich die allergenauesten Untersuchungen an, und
gelangte endlich, am uersten Ende des Gebudes, in ein Zimmer, welches den
untern Raum eines der vielen kleinen Thrme ausmachte. Hier hatte man nun wohl
seit Jahren den lstigen Ausschu abgetragener Kleider, veralteten Hausgerths,
zerrissener und verblichener Schildereien, kurz alles dasjenige hingeworfen, was
die neuere Zeit von sich wegschiebt, ohne grade zu auf zerstrende Weise Hand
daran legen zu wollen. Unter vermodertem Plunder und einer Decke von Staub und
Spinnengewebe lagen auch wirklich Bcher, welche der Marquis sogleich hervorzog,
und einen Folianten mit Pergamentdeckel als das rechte und ersehnte erkannte. Zu
seinem Kummer aber war es in unbekannter Sprache geschrieben, und die ber jedem
Paragraphen eingestochenen Cirkel, Linien und seltsamen Figuren, reitzten seine
Begier bis zur qulendsten Leidenschaft.
    Er konnte inde den gefundenen Schatz dennoch nicht wieder fahren lassen. Er
beschlo, alles anzuwenden, das Geheimni zu entziffern, indem er ausfndig zu
machen hoffte, in welcher Sprache das Buch abgefat sei, und diese sodann ohne
weiteres erlernen zu knnen meinte.
    Voll von diesem Gedanken wollte er das Zimmer verlaen, als er auf dem
hervorspringenden Sims der Thr einen Schlssel liegen sah. Er durfte, seiner
Meinung nach, nichts unbeachtet laen, und ob er gleichwohl keinen Nutzen von
dieser Entdeckung einsah, so steckte er doch den Schlssel zu sich, und trumte
sich im Besitz vom Steine der Weisen, ohne diesen jemals zu finden, denn wenn er
auch Tage und Nchte und Monate und Jahre ber das Buch sann, und forschte, es
blieb ihm verschlossen, und keine Spur konnte ihm die eigentliche Sprache
entdecken.
    Er begngte sich demnach, mit den darin befindlichen Zeichen Versuche
anzustellen, und, indem er sie so oder so legte und stellte, brachte er
Resultate heraus, die ihm zwar nicht gngten, dennoch aber eine eigene Magie
zusammenbaueten, in welcher er sich selbst als Herrn und Meister feierte.

                                Drittes Kapitel


Auf diese Weise war dem Marquis, unter stetem Forschen und angestrengter Arbeit,
eine Reihe von Jahren in einer Gattung von Thtigkeit verflossen, welche zwar
keinen sichtbaren Einflu auf das Gestalten und den Fortgang der Dinge gewann,
ihm jedoch groe Ereignisse vorzubereiten schien. Was berall geschehen knne?
was er besonders erringen werde? darber war er wohl nicht vllig auf dem
Reinen. Nur so viel schien ihm gewi: Die Natur habe in jeder ihrer
Offenbarungen eine Stimme, und ob nun gleich diese der sinnlichen Warnehmung
meist unverstndlich bliebe, so msse die entbundene Seele doch nothwendig in
einen Rapport mit der geheimnivollen Innenwelt zu setzen und in Einverstndni
mit ihr zu bringen sein. Das groe Phnomen des Somnamblismus und der
Clairvoyance schwebte ihm hierbei vor Augen. Was dort dem Uebergewicht einer
animalischen Kraft ber die andere mglich sei, das, glaubte er, drfe der
Einwirkung hherer Krfte um so weniger entstehn. Wie diese nun zu beschwren,
wie sie von den Banden der Leiblichkeit frei zu machen seien, das war die groe
Angelegenheit seines Lebens, an die er Gesundheit, frische und freudige
Sinnenlust, den Schmuck und die heitere Klarheit des Lebens, ja alles in allem,
des Daseins ewig bewegliches Element, der Liebe und Freundschaft belebenden
Verkehr, setzte.
    Whrend er sich inde in die finstern Schachten langsam selbst vergrub, und
der Qualm und Dampf. nebelnder Ahndungen sein Herz vertrocknete und den Geist
wie ein flackerndes Licht unstt hin und her trieb, rckte ihm das wirkliche
Leben immer nher und nher, und schien die gefristete Stundenzahl mit Wucher
von ihm einzufodern.
    Sein abstruses, oft verzcktes, Wesen hatte ihm lngst den Ruf stillen
Wahnsinnes gegeben. Man war ihm mit einer Scheu begegnet, welche, bei aller
Verachtung vor bersinnlicher Trumerei, in unsern Tagen, nicht selten, im
Gemisch von Geringschtzung und augenblicklich aufflammender Ahndung eines
Etwas, das die bunte Decke des Lebens verbirgt, den Schein demthiger Furcht
gewinnt. Ein Mensch wie der Marquis zieht unwillkhrlich einen Kreis um sich
her, den das freudige, wie das freche, Leben flieht.
    Deshalb konnte die Revolution losbrechen, und sich von den Stufen des
Thrones durch Gerichtshfe und Institutionen bis zu dem stillen Verkehr des
Landmanns hinunterwlzen. Das groe Triebund Rderwerk ineinander greifender
Verhltnisse aus seinen Fugen reien, alle Bande des Gesetzes, der Ehre,
sichtbarer und unsichtbarer Liebe zerbrechen, weder Partheigeist, noch
Freundschaft, noch tapferer Muth machten sich Bahn zu dem abentheuerlich
gesinnten Mann, dem sich, in trber Verpuppung, die glnzenden Fittige niemals
lsen wollten.
    Wie der Marquis inde in jener Nacht das Gewitter schmerzlich fhlte, ohne
es deutlich zu hren, so zitterte auch jetzt sein Herz bei dem Untergange alles
dessen, was zahllose Geschlechter aus sich erwachsen sahen, wie der Leib ihres
Denkens und Schaffens Fu fate auf Erden. Der Mensch wchst mit der Form
zusammen, die er bilden half, und man zerbricht diese niemals, ohne das innere
Leben nicht auch zu berhren. Die Nachricht der Gefangennehmung des Knigs, und
spter dessen Tod, jagte dem Marquis das Blut flammend durch die Adern. Ein
unleidlicher Druck legte sich ihm auf Brust und Herz. Seine ganze Vergangenheit
war zusammengestrtzt, zu welcher ihn der Gedanke, in stillen, erschpften
Stunden, unwillkhrlich zurcktrug, und den ganzen wehmthigen Traum des Lebens
nochmals vor ihm aufrollte. Deshalb ward ihm nunmehr alles peinigend, was aus
jener Zeit zu ihm redete, und er befli sich sorgfltig, jeglichen Gegenstand zu
entfernen, welcher diese Sprache fhrte. Aus eben dem Grunde lie er die
Bildnisse seiner Eltern aus dem Zimmer tragen und sein Familienwappen ber dem
Kamin verhangen. Dieser Umstand legte den Grund nachheriger Verwirrungen, und
gab den ersten Ansto, welcher in die Ereignisse der Zeit hineindrngte. Denn es
war nicht sobald laut geworden, da der Marquis, in lichten Momenten, wie sie es
nannten, der guten Sache anhnge, ja Vater und Mutter verleugne und der groen
Angelegenheit der Menschheit huldige, als einzelne rohe Bursche versuchten,
seine Reichthmer und geheimen Knste zu ihrem Vortheil zu benutzen.
    Es war schon hoch an der Zeit, als eines Abends der ehemalige Essenkehrer
des Schlosses und zwei andere Handwerksgesellen aus dem nahen Stdtchens in
tppischer Eil zu dem Marquis eintraten. Mit gespreitzten Beinen, auf Eisen
beschlagenem Knotenstock gesttzt, standen sie da, streckten die breiten,
brtigen Gesichter auf kurtzem Halse aus Flgelartig gebogenen Schultern hervor,
und schickten lstern freche Blicke im reichen Zimmer umher. Verwogen hing die
Jakobinermtze ber einem Ohr in den Nacken herab, das struppig wilde Haar
bauschte sich unter dieser ber flacher, eingedrckter Stirn. Der Marquis fuhr
erstaunt bei ihrem Eintritt in die Hhe, aber sie legten die groben Fuste
vertraulich auf seine Schultern und Arme; und riefen Hr' Brger, Du bist von
den Unsern, wir wissens, la jetzt einmal Deine Hexenstreiche, und thu' was
rechts. Die Lyoner Knigsknechte schicken Streifparthieen im Lande umher, zieh'
mit uns! wer wei, wie lange der alte Steinhaufen so noch steht! Zieh' mit uns!
riefen alle drei und stieen die derben Knittel ermunternd auf gegen den Boden.
Oder willst Du das nicht, fuhr der Essenkehrer fort, so gieb Deine Baarschaft
her, wir brauchen Geld, Waffen, Kleider und Schuh, es ist ja fr Dich wie fr
uns, wie das Sndengeld von Dir, was Deine hllischen Vter erpreten. -
    Bleich wie der Tod, die nackten Arme drohend aufgehoben, starren Blickes,
mit verhaltenem Athem, stand der Marquis ihnen gegenber! So dreist sah die neue
Welt zum erstenmal in seine Einsamkeit hinein! Die Wuth schwellte sein Herz zum
Zerspringen. Frchterlich schrie er auf, und fiel, wie die berreitzte Natur
sich jetzt oft so in ihm zerri, in Haaranstrubenden Zuckungen zur Erde.
    Die Bursche blickten einander, wie gelhmt an Hnden und Fen, ganz
verdutzt an, dann aber, wie auf einen Wink, strtzten sie, ohne hinter sich zu
sehen, zur Thr und zum Schlosse hinaus, und meinten nicht anders, als der
Teufel gehe drin um, und es sei nicht gerathen, sich mit diesem weiter
einzulassen. Mehrere Domestiken des Marquis, welche schon lngst hnliche
Vermuthungen hegten, schlossen sich an die Flchtenden an. Wenige blieben
zurck, unter ihnen Bertrand, der bejahrte Schloverwalter. Dieser eilte zu
seinem Herrn, leistete ihm alle erdenkliche Hlfe, und verlie ihn whrend der
ganzen Nacht, in welcher der Marquis viel innere und uere Schmerzen litt,
nicht einen Augenblick. Der unerwartete Vorgang schwebte diesem unablig vor
der Seele. Er hatte so lange nichts von der Welt gesehen, nun brach sie so
frech, so verwirrend, auf ihn ein! Da diesem ersten Anfalle hnliche folgen
wrden, fhlte er wohl. Er sah sich der rohesten Willkhr blogestellt. Deshalb
fiel es ihm auch wohl ein, Eigenthum und Vaterland zu verlassen, allein sein
Blick war nirgend in der Auenwelt zu Hause, sein Denken, nach dieser Richtung
hin, so unbehlflich, er selbst so losgerissen von jeder befreundeten Beziehung
des Lebens, so eingefugt in die liebe, lange Gewohnheit tglichen Seins und
Thuns, da er sich trstete, so gut es ging, die Gefahr in weite Ferne
hinausschob, und bange Vorgefhle einschlferte.
    Der Mensch mag sich inde vor sich selbst und gegen die Welt hinstellen und
wenden wie er will, das Alte kehrt ihm nie in seiner vorigen Gestalt zurck. So
kam dem Marquis grade dasjenige, was er bewahren wollte, die gewohnte Weise,
nicht in dem vorigen Takt und Maae wieder. Mit dem migen Zusehn des
Aussenlebens war es vorbei! Jene groen, allgemeinen Fragen ber Natur und
Menschenleben wanden sich in immer engern Kreisen zu einem ganz kurz gesteckten
Zielpunkte zurck. Seine Orakelbeschwrungen klangen bald anders. Unwillkhrlich
schlo Frankreichs Boden die Welt in sich, das eigene, enge Dasein umfate die
groe Angelegenheit der Menschheit, und ewig fortschreitende Zeitentwickelungen
wurden zu Heut und Morgen. Was einmal geschehen war, konnte wiederkehren; und
bei weitem gewaltsamer, frecher, Freiheit und Leben bedrohender. Deshalb mischte
sich Unsicherheit und Zagen in alle Vorstellungen des Marquis. Er konnte nicht
mehr allein sein. Bertrand durfte ihn nicht verlaen, ja er verschmhete es
nicht, mit diesem zu reden, und Fragen ber die Tagesneuigkeiten an ihn zu
richten, welche die innere Unrnhe seines Gemthes deutlich genug offenbarten.
    In dieser Stimmung erhielt er eines Tages eine Botschaft von der Aebtissin
jenes Klosters, in welchem seine Tchter ohnweit Lyon erzogen wurden. Sie
meldete ihm durch einen Khler, welcher das Klosters Heitzung frher gepachtet
hatte, da die Gewalt auch in ihrer Provinz von neuem siege, da sie seinen
Kindern lnger keinen Schutz zusichern knne, und selbst, einzig unter Gottes
Schutz flchtend, ihr Vaterland zu verlaen gesonnen sei. Der Khler setzte
hinzu, die bedrngte Unschuld habe wohl Schande und Uebermuth zu frchten, da
unzhlige Opfer tglich unter dem blutigen Beile des Henkers fielen, Andere,
durch die Kriegesgeiel vertrieben, unstt umherwanderten, oder in Hunger und
Noth verkmen, er selbst sei mit Frau und Kind auf dem Wege nach den Savoyer
Gebirgen.
    In Chambery habe die Frau einen Bruder wohnen, dort wollten sie noch ein
Stckchen Erbschaft holen, und dann vielleicht nordwrts nach Deutschland
wandern, wo die Menschen doch einen Gott und einen Glauben htten.
    Des Mannes verkmmerte Gestalt, die Schatten, die bei den trben Worten, wie
Schreckenserinnerungen, ber sein bleiches Gesicht hinfuhren, und mehr als
alles, die Hindeutung auf schamloses Entweihen zarter, geheiligter Unschuld,
sprach mit unwiderstehlicher Gewalt zu dem Herzen des Marquis. Das Entsetzen,
die Angst, gaben ihm augenblicklich Kraft und Entschlu. Es galt die Ehre seines
Hauses, er konnte nicht zgern. So wollte er sich denn aufraffen und seine
Tchter retten, die er nicht kannte, an die er seit siebzehn Jahren zum
erstenmal in einem einzigen, alles beherrschenden, Gefhle dachte. Er zitterte
vor Ungeduld, war ganz Feuer, Muth und That, pltzlich allen bnglichen
Rcksichten vorbergeflogen. Er selbst verstand sich nicht, und glaubte, eine
unsichtbare Gewalt handle durch ihn, um so mehr, da er sein Vorhaben durch des
Khlers Bereitwilligkeit, dessen Zuhausesein in der jetzigen Welt, seinen
wackeren Sinn und thtigen Eifer, unerwartet erleichtert sah.
    Das Kloster war nicht ber funfzehn Stunden vom Schlosse entfernt. Der
Khler lie sich sogleich willig finden, den Marquis dorthin zu begleiten, der
niemand die Sorge fr seine Kinder anvertrauen wollte, je furchtbarer der
wildeste Aufruhr grade in diesem Zeitpunkte durch ganz Frankreich raste.
Vorzglich erzitterten die sdlichen Departements unter den Doppelschlgen
inlndischer und auswrtiger Feinde. Die Knigsgesinnten hoben, durch Schmerz
und Verzweiflung getroffen, einen Augenblick die gebeugten Hupter, Toulon war
in den Hnden der Englnder, Portugiesen und Spanier hatten Fu gefat bis
jenseits Perpignan, Lyon trotzte Gefahr und Tod, aber Carnot scho Feuerflammen
in die Herzen der Republikaner. Aus Savoyen strmten die Truppen, welche es
unter Montesquiou besetzten, zurck - Tod und Blutgier waren losgelaen, der
Wrgeengel ging vor beiden Partheien einher, nichts sollte bestehen, die Erde
arbeitete ein neues Leben aus den Blutwellen herauf. Durch alle diese Schrecken
sah der wachgeschttelte Vater mit steigender Ungeduld der Rettung seiner Kinder
entgegen! Deshalb hatte er auch keinen Augenblick lnger Ruhe. Die Luft im
Schlosse schien ihm das Herz zusammenzudrcken, berall wo er sich hinwandte,
was er anfate, traf es ihn wie mit elektrischen Schlgen! Er trieb und drngte
demnach mit solcher Heftigkeit, da in wenigen Stunden alles berathschlagt,
eingerichtet, und zur Abreise bereit war.

                                Viertes Kapitel


Der Morgen dmmerte kaum, als sich der Marquis in der allerwunderlichsten
Stimmung, von Schmerz und Erwartung zerrissen, mit den Waffen des stolzesten
Muthes im Innern, und den gehrigen Vertheidigungsmitteln von Auen versehen, in
den Wagen warf, und nachdem er des Khlers Frau, nebst ihrem Kinde, Bertrands
Pflege empfohlen hatte, mit seinem rstigen Begleiter in Gottes Nahmen die Reise
antrat.
    Aber es war nicht das ehemalige Frankreich, noch dessen vorige Bewohner,
welche die alte, ewig gekannte, Sonne beschien! Weder Drfer noch Felder und
Wlder sahen sich hnlich. Ganze Ortschaften lagen eingeschert, oder standen
leer; aus zerschlagenen Thren und Fenstern klafften blutgefleckte Wnde
schreiend hervor. Nirgend hatte die Pflugschaar ihre segensreiche Furchen
gezogen. Die Kammern der Reichen waren aufgerissen, geiler Ueberflu
verscheuchte Flei und Betriebsamkeit und den stillen Genu sittigen Erwerbs.
Die Aecker lagen aufgewhlt, zerstampft, tief gleisete Wege fhrten achtlos
darber hin. Auf den Weinbergen rankte sich ein wild wucherndes Gewchs zwischen
berhangendem Unkraut hin, Planken und Pfhle waren ausgerissen, Winzerwohnungen
umgestrtzt, die schwellende Traube schttete ihren Segen in den Schoo der
Erde, keine Hand wollte sie pflcken, in keinen Becher perlte der bescheidene
Most, so lange reiche Keller ihre Schtze hergaben und schumende Feuerstrme
das trockene Gehirn der Menge entzndeten. Und aus all den verwandelten
Umgebungen starrte ein neues Geschlecht mit verwilderten Blicken hervor. Sehr
mannigfach und in seltsamer Verzerrung war dessen Erscheinen! Auf das
Emprendste trieben viehische Rohheit und bettelhafter Trotz ihr wstes Spiel
unter Mnnern und Frauen. Bewaffnete und verstmmelte Weiber schleppten sich in
wilden Haufen umher, hielten Wegelagerung und waren die grausamsten
Verfolgerinnen ihrer Beute. Spindel und Nadel ruheten, das Schwerdt half
ertrozzen, was diese mhsam erwarben. Aber mehr noch als Geldgier und Rache war
Mitrauen das Schreckensgespenst, das vor jeglichem herging, und mit seinem
Pesthauch die Lebensluft vergiftete. Es zerschnitt pltzlich Vertrauen und
Zuversicht und verwirrete die reinsten Verhltnisse.
    Unversehns hatte es auch den Marquis erfat, die dstere Verwilderung um ihn
her hatte in diesem den unheimlichen Gedanken erwerkt, da der Khler
abgeschickt sei, ihn vor irgend ein Blut-Gericht zu locken, da man ihn dort der
Zauberei angeklagt habe, sein verborgenes Wesen inde scheue, deshalb keine
Gewalt gebrauchen wolle, und sich der List bediene.
    Was zu Anfang nur in dunkler Beklemmung sein Herz zusammenzog, arbeitete
sich immer deutlicher und kenntlicher herauf, wie er den Gedanken nur einmal ins
Auge fate. Jede Bewegung des Khlers ward ihm verdchtig. Er bewachte ihn mit
gespannten Blicken und steigerte seine Angst, vorzglich gegen die Nacht, auf
eine Weise, da die wildesten Mordbilder seine Seele durchzuckten. Der stille
Schlaf des mden Mannes schien ihm die abgefeimteste Heuchelei, und ein
verruchtes Mittel, ihn selbst zu hnlicher Hingebung anzulocken. Dahin lie es
nun die gengstete Natur auf keine Weise in ihm kommen, das fhlte er wohl,
indem er sein Ahnungsvermgen pries, welches ihn zu rechter Zeit vor Gefahr
warnte. Diese ward ihm aber so gewi, da er entschlossen war, umzuwenden, und
nach dem Schlosse zurckzufahren. Inde schwankte er noch, und verweilte einen
Augenblick bei der Mglichkeit, das allgemeine Elend knne ihn sehr zur Unzeit
scheu und voreilig machen, als ein neuer unerwarteter Auftritt seine ganze
Aufmerksamkeit gefangen nahm und ihn zwang, auf das Nchste und Gewisseste
hinzusehn.
    Ihr Weg fhrte sie an dem Schlosse des Baron Clairval vorbei, welcher mit
einer Schwester der verstorbenen Marquise vermhlt war. Unzhligemal kamen die
jungen Frauen in der schnen Sommerzeit des kurzen Eheglckes der Marquise hier
zusammen. Der Baron, voll gemthlicher Frhlichkeit, reich, gromthig,
gastlich, sinnreich im Genu der Zeit, zog Freunde und Bekannte in seinen
heitern Kreise. Die jugendlichste Lebenslust trieb hier ihr freudiges Spiel.
Theater, Blle, glnzende Aufzge, muthwillige Verkleidungen, gesellige
Intriguen, Freundschaft und Liebe, alles durcheinander, fllte hier Herz und
Sinne vieler sorgenfreien, lustigen Menschen, denen sich die Welt, wie eine
Knospe, pltzlich im Frhroth des Lebens ffnete. Der Marquis insbesondere
sprhete seine Feuernatur in tausend glhenden Funken umher, wohin diese fielen,
zndeten sie, und strmten bewegliches Leben durch die gesellige Lust. Ihn
selbst erfllte nur ein Gefhl, Vergtterung der jungen, bildschnen Frau, und
heftiges Verlangen, diese unauflslich an sich zu ketten, zu bannen, durch alle
Knste geheimnivoller Liebeszauberei. Damals spielte dies Verlangen nur noch
auf der frischen, farbigen Blumendecke des Lebens. Die Aufmerksamkeit des
geliebten Weibes immer neu und gespannt auf sich zu heften, zeigte er sich
dieser in mannigfacher Gestalt. Sein reiches Talent, die Gewalt und brennende
Kraft seines Willens, gaben ihm tausend Mittel dazu. Er war furchtbar herrlich
in der Tragdie, blendend und fast verwirrend im magischen Zauber ausgewhlter
Aufzge, zierlich, gewandt bei Tanz und Spiel, und unwiderstehlich fortreiend
in der leidenschaftlichen Gluth seiner Liebe. So berfllte und zersprengte er
denn auch das zarteste Herz, das sich in jenen Tagen unbefangen an das seine
legte. Seitdem sah er das Schlo nicht wieder. Mit allem, was ihm sonst gelacht,
zerfallen, blieb ihm das gastliche Gebude verschlossen. Jetzt war es bis auf
seine Grundsteine geschleift, Lust- und Fruchtgrten lagen verschttet, wo sich
einst die heitern Zimmer dem vertrautesten Menschenverkehr erffneten; wo Musik,
befreundete Gesprche und der Liebe leises, berauschendes Geflster erklangen,
da brannten jetzt Wachtfeuer, ein republikanisches Chasseur-Regiment nebst
Infantexte-Bataillon stand dort auf dem Bivouac, Gesindel aller Art hatte sich
hinzugesellt, viel abentheuerliche Gestalten lagen neben dem Auswurf des Pbels
um dampfende Kessel frisch geschlachteten Fleisches, freche Lieder schallten
durch die Luft, zwischen den Feuern sah man die Carmagnole unter wthenden
Verdrehungen tanzen, dazwischen schrieen ganze Schaaren Raubvgel, die gierig
auf die ekelhaft umhergeworfenen Eingeweide des getdteten Viehes niederfielen,
an den Seiten hielten Vedetten zu Pferde und zu Fu. Eine derselben, ein
Infanterist, vertrockneter, drftiger Statur, in weiten Lumpen hngend, mit
seltsam aufgeputztem Helm, dessen Flgelartige Schutzleder von Tigerfell sich um
das gelbe, abgeflachte Gesicht legten und es bewahrend einschlossen, brllte den
Reisenden sein qui vit? entgegen. Dem Marquis, dem Vergangenheit und Gegenwart,
wie zwei gegeneinander fassende Dolche ohnehin in die Seele schnitten, gerieth
durch den widerlich-trotzigen Anruf ganz auer sich, er sprang auf, griff nach
seinen Waffen, und war im Begriff, ein Pistol abzudrcken, als der Khler sich
ber ihn warf, seine Arme fest um ihn schlang und dem Vorposten zurief, er
bringe den wahnsinnigen Brger Villeroi in Verwahrung in das Hospital nach St.
Fons. Der Marquis schrie bei diesen Worten laut auf, und der Khler hatte alle
Mhe, sich seiner versichert zu halten, als der Republikaner ungestm den Pa zu
sehn verlangte. Da kam ein junger schner Mann, in reicher Uniform, auf
stattlichem Pferde, an den Wagen gesprengt, und gebot mit beraus milder Stimme,
den Unglcklichen fahren zu laen, der sichtlich Hlfe bedrfe. Der Ton dieser
Stimme fiel wie Balsam auf des Marquis innere Wunden, er wute nicht, wie ihm
geschah, der Zorn hatte keine Kraft mehr in ihm, Thrnen strtzten aus seinen
Augen, er wollte dem jungen Mann um alles nur einmal ins Gesicht sehn, aber der
hatte sein Pferd gewandt, und der Wagen flog schnell davon.
    Der Khler lie jetzt den Marquis aus seinen Armen. Verzeiht, lieber Herr!
sagte er leise, wenn Euch meine Worte verdrossen haben, aber ich wute kein
ander Mittel, und es ist doch nun auch alles gelungen. Der Marquis erwiederte
nichts, drckte sich in eine Ecke des Wagens und bemerkte es kaum, da
unwillkhrlich ein Gebet ber seine Lippen flog. Der Khler zog einen Rosenkranz
aus dem Futter seines Rockes und betete still mit, bis der Marquis eingeschlafen
war.
    Dieser sah im Traum den jungen Mann in allerlei bekannter Gestalt hin und
herschwanken. Paris, das verwstete Schlo, er selbst, seine frherer
Soldatenstand, alles rankte sich in ein buntes Geflecht zusammen, zuletzt trat
die verstorbene Marquise zu ihm, sie hielt den Finger auf das geheimnivolle
Buch, die magischen Zeichen flossen alle in einander, dann traten wieder
Buchstaben einzeln herauf, aber er konnte sie nicht festhalten, und verga einen
ber den andern, da wollte er fragend zu der Marquise hinsehn, die war nicht
mehr da, das Buch aber, was er in der Hand hielt, war die Bibel.
    Die Bibel! - sagte er trumend, als jetzt der Wagen hielt und der volle Tag
das Kloster beschien, welches am Abhang eines ausnehmend frischen und blhenden
Hgels vor ihm lag. Der Khler ffnete den Schlag, der Marquis sah gerhrt auf
ihn hin, reichte ihm in schweigender Beschmung die Hand, und ging nun, von der
treuen Seele geleitet, den Steg hinan.
    Sie fanden die groen Flgelthren achtlos angelehnt, das Gebude wie
ausgestorben, alle Zellen offen und leer! Dem Marquis klopfte das Herz in
unaussprechlicher Angst, auch der Khler ward unruhig, inde fanden sie keine
Spur irgend einer Gewaltthtigkeit. Freiwillige Auswanderung nur war denkbar,
doch so pltzlich erschien auch diese unbegreiflich. Sie setzten daher ihre
Nachforschungen mit mglichster Sorgfalt fort. Alle Schlupfwinkel waren bereits
durchsucht, als sie hinter einem Pfeiler in der Kapelle eine Thr wahrnahmen,
sie ffneten und eine Treppe hinuntergingen, welche zu mehrern labyrinthisch in
einander fortlaufenden Gewlben fhrte. Der schrge Strahl eines fernen
Lichtscheines gab ihrer Wanderung hier bestimmte Richtung. Sie traten auch bald
in eine weite Halle, deren schne Verhltnisse und schlanke Sulenpracht, den
Eintretenden das Gefhl heimathlicher Ruhe und tiefen Ernstes in die Seele
legte. An den Seiten standen viel kostbare Srge in Nischen, welche zugleich die
steinernen Bildnisse verstorbener Klosterfrauen einschlossen. Aus dem
Hintergrunde strahlten mehrere Kerzen herauf und verbreiteten ein heiteres Licht
ber die einfach groe Erscheinung. Das bewegliche Gemth des Marquis war auf
das Hchste gespannt, als die Aebtissin, durch den Anblick des Khlers jeder
Erklrung berhoben, von mehrern Jungfrauen begleitet, vortrat, und dem Marquis
ein beraus zartes, fast kindisches Wesen, mit blondem Lockenkpfchen und
schmeichelndem Augenpaar, zufhrte. Mehr hinter ihr, als zu ihrer Seite, schritt
eine hohe Gestalt von beraus groer Schnheit, blendendem Auge und strenger
Regelmigkeit in Wuchs und Gang, langsam, fast zgernd, einher. Der Marquis
hatte die Worte: Ihre Kinder! schon gehrt, fhlte die Kleine unter heien
Thrnen an seiner Brust, als jene, nicht scheu, nicht schroff, aber sinnig
beachtend, dastand, gleichsam, als erwarte ihr Herz, was der ungekannte Vater zu
diesem sprechen, was der ganze wunderbare Moment ihr sagen werde. Auch der
Marquis sah fragend in ihr Auge und beider Blick brannte in stummen
schauervollem Erkennen ineinander. Meine Tochter, sagte er langsam, sich des
Unbegreiflichen versichernd, sie neigte sprachlos ihre Stirn auf seine Hand und
es schien, als gehe mit dieser Berhrung sein ganzes Wesen, zu ihrer
Verstndigung, in sie ber. Unter Grbern, sagte sie, welche Betrachtung eben in
ihm aufstieg, fhrt uns das rohe Leben zusammen. Es deutet uns wohl auf den
trben Ernst unserer aller Zukunft! Die Aebtissin sah sie verwundert an, sie
hatte sie niemals so bestimmt und dreist sprechen hren. Antonie aber sank zu
ihren Fen, umfate ihre Knie und flehete mit nie geuerter Heftigkeit um
ihren Segen. Die bewegte Frau legte ihre Hnde segnend auf beide Schwestern, die
kleine lchelnde Marie inde mit besonders wehmthiger Inbrunst an ihre Brust
drckend. Drauf fhrte sie beide nochmals den Vater zu und lie der Natur still
geheimnivolle Sprache sich ungehindert offenbaren!

                                Fnftes Kapitel


Nach diesen ersten, gefeierten Momenten kam es sodann bald zwischen dem Marquis
und der Aebtissin zu den nthigen Errterungen. Sie sagte ihm: da die gehuften
Truppenmrsche dieser Tage, Lyons nahender Fall, die immer wachsende
Zgellosigkeit und Gewalt der Republikaner, ihr Kloster jedem Angriff
blosgestellt und sie zu dieser letzten Zuflucht hinabgedrngt habe, welche ihr
jedoch nur sehr Augenblicklichen Schutz gewhren drfe; sie sei deshalb erfreut,
ihre Pfleglinge seinem Hnden zurckgeben zu knnen, indem sie nur fr diese
gesorgt, ungewi, welcher Parthei er, der Marquis, beigetreten sei, oder welche
Plne er fr seine Familie entworfen habe, die sie vielleicht, nothgedrungen,
durch still vorbereitete Flucht und gnzliche Auswanderung zu durchkreutzen,
noch vor wenigen Minuten im Begriff gestanden. Er seiner Seits versicherte sie
seiner Dankbarkeit mit all der Leidenschaft, in welche ihn das zur Hlfte
gelungene Vorhaben, der Anblick seiner Kinder, alles vorher Erfahrene, der Ort
ihres Wiedersehns, und eine unruhig in seiner Seele heraufdmmernde Zukunft,
versetzte. Er redete, wie immer, auerordentlich schnell, leise, und mit
geringer Bewegung der kaum geffneten Lippen; so da der Ton seiner Stimme einem
fernen Suseln glich, und um so grlicher eingriff, wenn ihn einzelne
Erschtterungen, unversehns wie Sturmgeheul, hoben. Seine Worte fgten sich
leicht und kunstlos: aber mit der seltsamen Behendigkeit laut denkender, sich
alles aussprechender Gemther, zu einem ganz eigenthmlich wogenden Strom der
Rede zusammen. Ohne seinen Entschlu fr die Zukunft bestimmt hinzustellen,
verbreitete er sich mit der sinnlichsten Erfalichkeit ber die schaudervolle
Zerrttung seines Vaterlandes und das Verhltni jedes Gutgesinnten zu diesem;
der rasche Lauf seiner Rede entfhrte ihn zuletzt sich selbst, er sagte Worte
voll prophetischen Inhaltes, vor denen sich die Aebtissin scheu abwandte. Marie
hielt diese freundlich umfangen, und folgte mit geschftigem Blick den
ungekannten schnellen Verschlingungen des Gesprchs. Antonie ging Gedankenvoll
auf und nieder; zuweilen betrachtete sie die schnen, jetzt durch Alter und
fortwhrendes Arbeiten der Seele, scharfausgesprochenen Zge ihres Vaters. Auf
das Gesprch achtete sie wenig: mehr aber auf die Blitzartigen Bewegungen des
Marquis, vor welchen sie oft, wie davon getroffen, die Augen schlo und mit
verschrnkten Armen dastand, als wolle sie das fremde Bild vor die inneren
Spiegel tragen, unfhig es sogleich zu erkennen.
    Noch, sagte die Aebtissin, den Marquis abwrts fhrend, lge mir ob, Ihnen
in allgemeinen Unrissen das Bild Ihrer Kinder zu entwerfen und so das schnellere
Verstehn aller Theile zu erleichtern, doch glaube ich, berheben Sie mich
dieser, ohnehin gewagten, Arbeit. Beider Erscheinung sagt vieles, und, ich
leugne es nicht, die Hand wrde dem Herzen folgen, das aber ist nicht frei von
Partheilichkeit. Antonie steht allen, auch mir und der Schwester, fern. Ich habe
sie nie verstanden, und wage es nicht, sie zu ahnden. Schon als Kind war ihre
Nhe ngstend. Am Tage trumend, ohne Lust und Theilnahme zu Spiel und Arbeit,
war Nachts im Schlafe ihre Seele wie geflgelt, sie erzhlte gehrte und nicht
gehrte Dinge; und ging zum Entsetzen der Klosterfrauen durch die langen Gnge,
zur Kapelle, wo sie vor einem Schrein, in welchem das Muttergottesbild steht,
knieend, das Salve regina und Stabat Mater mit heller tnender Stimme sang. Oft
fanden wir sie noch in den Frhmetten umherschleichend, oder sie gesellte sich
im Schlafe zu uns, und fand jedesmal ihren Platz an meiner Seite. Erweckten wir
sie, so war ihr von allem dem keine Erinnerung geblieben, und sie schien unsern
Worten sogar keinen Glauben beizumessen. Da ihre Gesundheit inde durch diese
Naturunordnung litt, so war ich genthigt, dem Rath erfahrner Aerzte gem, zu
strengen Zchtigungen meine Zuflucht zu nehmen, und ich heilte sie auch wirklich
von diesem krankhaften Schlaf, der ihr oftmals die heftigsten Uebel zuzog. Doch
scheint die, einmal in ihren Grundfesten anders gebildete Organisation, stets
einen eigenthmlichen Gang zu gehn! Antonie fllt zu Zeiten, am Tage, in jenen
dem Nachtwandel hnlichen Zustand; welchen noch kein Arzt recht verstand, ihn
entweder zu hoch, auer der Sphre medicinischer Erkenntni, oder zu tief, in
die Classe gemeiner Verstellungskunst, hinabsetzend. Wie wenig letzteres nun
hier der Fall ist, bewies schon sehr frhe ein Vorfall, der mir stets
unvergelich bleiben wird. Eine junge Novize sollte ihr Gelbde ablegen. Der Tag
war festgesetzt. Die Heiligkeit, wie der uere Schein der Feier, zog Fromme und
Neugierige herbei, ganz ungewohntes Leben regte sich um die Kinder, deren Gemth
durch Hin- und Wieder-Reden, Vorkehrungen und Erwarten aufs hchste gespannt
war. Endlich schlug die Stunde. Der Zug brach auf nach der Kapelle, die, voll
gepfropft von Menschen, der scheidenden Himmelsbraut noch ein letztesmal das
Bild der bunten Welt vor die Sinne fhrte. Diese schwankte in sichtlicher
Bewegung zu den Stufen des Altars. Ein drckender Dunst zitterte durch das
Gebude und schien mit den reinen Klngen der Orgel und den hallenden
Menschenstimmen zu ringen. Ich wei selbst nicht, wie mir so bange und beklommen
ward, noch weniger, wie es kam, da Antonie, von der Hand ihrer Aufseherin
losgemacht, zu mir hintrat. Sie sah mit scharfem Blick auf die Novize, und als
diese niederkniete und sich anschickte, ihr Gelbbde abzulegen, die Musik
schwieg, und kein Athemzug aus der dichten Volksmenge gehrt ward, schlang
Antonie beide Arme ber die Brust, und sank wie todt zu meinen Fen. Ich hob
sie erschrocken auf, richtete ihr den Kopf in die Hhe, sie hatte beide Augen
geschlossen und vollkommen das Ansehn einer Schlafenden. Wie ist Dir Kind?
fragte ich leise, den Andern kaum hrbar, aber sie sagte, langsam und sehr
deutlich, mit einer Stimme, die aus keiner Menschenbrust, nicht ber
Menschenlippen zu kommen schien, tief wie aus dem hohlen Innern einer Maschine:
heit ihr, das Bildni wegwerfen, das sie an goldner Kette im Busen trgt, es
drckt mir das Herz entzwei! Ich neigte meinen Mund, so verwirrende Worte
abwehrend, auf den ihrigen, aber sie rief fast schreiend: heit ihr das Bild
wegwerfen, es ist eines Mannes Bild, ich ertrage den Schmerz nicht lnger!
Dumpfes Murmeln rollte durch die Versammlung, pltzlich wiederholten viele
Stimmen Antoniens Gebot. Der unruhige Strom wogte immer nher und nher heran,
ich wollte die Angeklagte retten, und drngte mich zu ihr hin, sie flchtete
scheu an meine Brust, aber, als habe sie Gottes Blick getroffen, so ri der
Himmel die Wahrheit an das Licht, bei der raschen Bewegung glitt das Bild aus
den Schleiern hervor und sah ernst und finster von ihrem Herzen auf die
erstaunte Menge hin. Die Unglckliche hatte alle Besinnung verloren, sie welkte
von da in einem wahnsinnigem Traume hin, der ihr niemals gestattete, das Gelbde
wahrhaft abzulegen.
    Antonie aber ward wie eine Heilige auf ihr Zimmer getragen. Ich hatte Mhe,
dem Ueberlaufenden Zudringen zu wehren. Sie schlief inde viele Stunden einen
festen ntrlichen Schlaf, und hatte, wie immer, keine Erinnerung von dem ganzen
Vorgange, ja ihre ersten Worte vielmehr waren: nun sie sagt ja nichts! als
horche sie auf das abzulegende Gelbbde, von welchem sie sich lngst etwas
Groes versprochen und mich oft danach gefragt hatte.
    Spterhin erfuhr ich, da Antonie stets ein Uebelbefinden in der Nhe der
armen Schwester sprte, und als sie einst das goldene Kettchen auf ihrem Busen
schimmern sah, fuhr es ihr stechend durch den ganzen Krper, so da sie laut
ausschrie. Doch als man sie nach der Ursach dieser Bewegung fragte, verschwieg
sie sie aus geheimer Scheu. Von dem Bilde inde wute sie wachend nicht, wie es
in ihre Seele kam? - Hier trat der Khler herzu und benachrichtigte sie, da
viel Kriegsvolk im Anmarsch sei, und so viel er von fern gesehen, glaube er,
dieselben Truppen zu erkennen, welchen sie in der Nacht begegneten. Er empfahl
Allen Stille und Zurckgezogenheit, da es nicht wahrscheinlich sei, da sie dem
Kloster vorbeiziehen werden, ohne es zuvor zu durchsuchen, er seiner Seits habe
sogleich Wagen und Pferde in Sicherheit gebracht, indem er sie in die unter den
Speichern befindlichen Gewlbe gezogen und verborgen.
    Die Aebtissin war sehr erschrocken und voll bittren Unwillens, sich noch in
den letzten Stunden ihrer harten Prfung gefhrdet zu sehn. Doch vor allen
bezeigte sich Antonie unruhig. Sie ging heftig hin und wieder, und uerte den
lebhaften Wunsch, selbst auf den obern Thurm zu steigen, um den Zug der Krieger
zu beobachten; ja als das wste Lrmen dieser schon nher auf sie zudrang, war
sie kaum von ihrem Vorhaben abzubringen.
    Inde hrte man bald in den obern Gngen Futritte schallen, Thren wurden
aufgesprengt, drauf tobte es wild in der Kapelle, heftige Kolbenste, von
lautem Viktoriaruf begleitet, verkndeten den Umsturz und die Verstummelung
geweiheter Gefe und Heiligenbilder; das Gewhl wand sich bald ber, bald neben
den Gefangenen, pltzlich drang das Stampfen vieler Pferde zu diesen hinunter,
ein dumpfer Trompetensto schmetterte durch die Hallen, alles lief wild
durcheinander, viele drngten sich die Treppen zu den Gewlben hinunter, als
eine einzelne Menschenstimme dicht neben ihnen ein lautes Commandowort rief.
Antonie fuhr auf, strtzte bis zu dem Eingang der Halle, und blieb mit
ausgebreiteten Armen dort knieend, als das Getse mehr und mehr fernabbrauste,
und sich dann gnzlich verlor
    Niemand als der Vater hatte Antonien in dem Augenblicke beobachtet, er
selbst war, wie von der gebietenden Stimme angezogen, vorgetreten, und als nun
alles ruhig war, standen sich Vater und Tochter nahe und reichten einander die
Hnde, wie solche, die sich auf einem Wege begegnen, ohne zu wissen, wohin
dieser fhrt? -
    Ob nun gleich die nahe Gefahr vorber war, so blieb es doch fr jeden
ungerathen, sich sogleich hervorzuwagen, und das Kloster jetzt zu verlaen. Die
Unruhe auf den Heerstraen zwang sie, die Nacht abzuwarten. Es ward ihnen auch
nicht schwer, die Zeit bis dahin mit vorbereitenden, der Gegenwart
zuvoreilenden, Gesprchen auszufllen. Jedes war durch den letzten Ueberfall auf
eigene Weise in Nachdenken oder Sorgen versenkt. Marie sah ganz still und
schchtern in sich hinein; auch der Marquis richtete seine Gedanken auf die
unsichere Zukunft. Antonie nur schien mit dem eben Erfahrenen beschftigt. Es
ist frchterlich, sagte sie, von Wesen bedroht zu werden, denen unser Auge
vielleicht nie begegnen wird! und wie man sonst wohl unterirdische Geister
scheut, so hatten wir das zu frchten, was unsichtbar ber uns sein Wesen trieb!
Ueber oder unter uns, sagte die Aebtissin, noch immer sehr erschttert und
ungewi ber das Nchste, es ist ewig der Ring des Schicksals, aus dem wir nicht
heraus knnen! Ring des Schicksals! wiederholte Marie, ihr fiel dabei ein
wirklicher wahrhafter Ring ein, ihre kindisch-spielende Phantasie fhrte ihr
goldene Ringe und goldene Tage vor die Sinne, Gedanken rankten sich an Gedanken,
eine liebe, heitere Welt that sich vor ihr auf, und sie dachte vergngt, da
dennoch eine Zeit kommen knne, welche ihr den Schmuck des Lebens zufhren
werde. Die Aebtissin hingegen fuhr in groer Bewegung fort; es ist gewi, man
verliert den Muth zu handeln, ja zu denken, wenn man es steht, auf wie morschem
Grunde des Menschen Werke stehn! Bedurfte es mehr, als der Frechheit niederer
Rebellen, um das zu zerstren, was Jahrhunderte erzeugten! Was hat dieser
Zeitmoment nicht alles untergraben, was spurlos vernichtet! Und wie es einem
gesegneten, arg- und sorglosen Volke im Allgemeinen erging, so ergeht es tglich
jedem Einzelnen, ob auf Frankreichs oder Chinas Boden! und keinen, keinen giebt
es, der nicht das Spiel seiner Hoffnungen, ja seiner Vorstze, ein ganzes Leben
hindurch wre! Mit Schaudern betrat ich vor vielen Jahren diese Schwellen, und
nun mir die Thore geffnet sind, was bietet mir die Welt anders, als die
bejammernswrdige Freiheit, meinen Wanderstab ber die Grnzen meines
Vaterlandes hinaussetzen zu drfen, ohne irgendwo eine Heimath, ohne ein Herz zu
finden, das zu mir gehrt! Auch Du, rief sie, Marien heftig an sich ziehend,
wirst die stillen Tage hier zu beweinen haben! Was kann das Leben anders mit Dir
thun, als Dich verlocken und hintergehn? Die Kleine sah betrbt mit fragendem
Blick auf Vater und Schwester, und als diese, berrascht von der losbrechenden
Heftigkeit der sonst so gehaltenen Frau, schwiegen, und, gleich ihr, vor dem
Augenblick zurckbebten, der sie pltzlich, in der breiten Schrankenlosigkeit
aufgelster Verhltnisse, zu Schpfern ihrer Zukunft machte, so strtzten dem
armen Kinde ihre bunten Bilder alle zusammen, und sie betete still um einen
frhen Tod, der sie der dstern Lebensnacht berheben mge.
    In dieser wachsenden Verfinsterung der Gemther brach der Abend allmhlich
herein. Die Aebtissin legte mit zitternden Hnden burische Kleider ber die
ihrigen, umwickelte sich Stirn und Kinn mit dicken Tchern, und erwartete sehr
unruhig ein verabredetes Zeichen, welches ihr die Anwesenheit ihres Fhrers und
Beschtzers ankndigen sollte; sie entdeckte dem Marquis, ihre groe
Familienhnlichkeit mit den Bourbons, von welchen sie, in geringer Abstufung,
stamme, gbe ihr die entsetzlichsten Besorgnisse, sie verliere fast den Muth,
aus diesen Mauern hervorzutreten, sie scheue jedes Menschenauge, ja die Luft,
das Licht, das ihr Gesicht berhren werde; sie wolle deshalb so geheim als
mglich nach den Ksten eilen, und nach Toulon auf ein englisches Schiff zu
gelangen suchen, wohin sie Adressen habe.
    Die Stille von Auen hatte ihnen Muth genug gegeben, nach den obern
Gemchern heraufzusteigen. Antonie blieb mehreremale auf den Treppen und in den
Gngen stehn, sie schien sich die Gestalten zu dem zu schaffen, was sie im
Taumel ihrer Sinne gehrt hatte. Antonie, sagte die Aebtissin, rufe Dir nicht
Dinge in das Gemth zurck, die uns noch blutig genug auf unserm Wege begegnen
knnen! Auch dem Marquis waren jene Erinnerungen widrig, da es ihm unschicklich,
ja entehrend, erschien, da er sich wie ein Gelhmter oder Feigling vor der
wilden Rotte verborgen halten, und jeden Gedanken an tapfern Widerstand
unterdrcken mute. Er zog daher Antonien schnell mit sich fort, und wnschte in
allem sehnlich, das Gebude je eher je lieber verlaen zu knnen. Es ward auch
nach grade so dunkel, da jeder unerkannt seines Weges zu ziehn hoffen durfte.
Alle saen nun unruhig neben, nicht mehr bei einander, denn eines jeden Gedanke
war ber die Gegenwart hinausgerckt. Man erwartete nur den Aufbruch der
Aebtissin, welche der Marquis niemals allein zurckgelaen haben wrde. Endlich
klang es von auen, als wenn zwei Eisen zusammenfielen. Das ist der Herzog! rief
die Aebtissin ganz auer sich. Der Herzog! wiederholten Alle, aber die
erschtterte Frau, welche die endliche Befreiung in ein ganz fremdartiges
Element des Lebens warf, vor welchem sie innerlich zurckbebte, hatte nur noch
Kraft, sich den alten und neuen Freunden sprachlos in die Arme zu werfen.
Antonie ward leichenbla, als sie auf diese zutrat, sie fate ihre beiden Hnde
und ri sie in wilder Heftigkeit an ihre Brust. Dann wankten alle zur groen
Pforte, durch welche nun auch ein jeder einem ganz unbekannten Leben
entgegentreten sollte.
    Drauen stand ein langer, dicht vermummter Mann, neben einem einspnnigen,
Karrenartigen Fuhrwerk. Er hielt mit einer Hand eine kleine Blendlaterne, doch
so, da der Schein nicht auf sein Gesicht fiel, die andere bot er der Aebtissin,
welche unter dumpfem Wimmern auf dem drftigen Brettchen Platz nahm. Der Mann
schwang sich dann auf das Pferd, und fhrte das kleine Fuhrwerk kaum hrbar von
dannen, als die Aebtissin sich noch einmal in die Hhe richtete, die Freunde zu
gren, Antonie schrie laut auf, und verhllte, als sehe sie etwas Unheimliches,
das Gesicht.
    Jetzt trieb auch der Khler Pferde und Wagen des Marquis aus den untern
Speichern herauf. Er hatte zuvor ein Bndel Kiehn in den Klosterhof angezndet.
Die Thiere stiegen wild und scheu aus dem dunkeln Schlupfwinkel hervor und
schttelten sich und stampften den Boden, den das grelle Licht blendend
berflog, die beiden Mdchen sahen scheu auf ihre Fhrer, welche sie inde
schnell in den Wagen hoben, und ohne weiteres mit ihnen in die dunkle Nacht
hineinfuhren.

                                Sechstes Kapitel


Schrfere Luftzge und ein dmmernder Himmel verkndeten den Anbruch des Tages,
als die Reisenden, im unbehaglichen Gefhl des Ueberwachens und dem krankhaften
Frsteln abgespannter Krfte, vor einem ehemaligen Zoll- und Gasthause an der
Landstrae hielten, um die Pferde etwas verschnaufen zu lassen und selbst einige
Stunden dort zu ruhen.
    Der Khler klopfte an der Thr, vor welcher er, erwartend da sie sich
ffne, stehn blieb; es regte sich auch drinnen, ward aber bald wieder still, er
klopfte deshalb noch einmal und strker, und voll Ungeduld, den erschpften
Frauen einige Erholung zu verschaffen, stie er ein drittesmal heftig mit dem
Fue dagegen. Endlich ward das Seitenfenster aufgeschoben, ein brtiges Gesicht
sah heraus, ein paar derbe Flche durch die Luft schmetternd. Der Khler
verlangte mit einigem Ungestm Obdach fr sich und seine Begleiter. Zum Teufel
rief jener, hier ist kein Wirthshaus! packt Euch weiter! und schlug das Fenster
zu. Die Pferde waren inde unruhig geworden, traten bald vor, bald zurck,
wodurch der Wagen, auf unangenehme Weise gerckt, hin und wieder schwankend, das
Uebelbefinden der Reisenden vermehrte; besonders litt Marie, welche das bleiche
Gesichtchen ganz erschpft an der Schwester Schulter lehnte, und nur bat: man
mge weiter fahren, da sich ihr unter dem Anhalten alles schwindelnd drehe und
sie es kaum noch ertragen knne. Dem Marquis kochte schon lngst das Blut:
gewohnt, sich durch eine lange Reihe von Jahren gehorcht zu sehn, ohne seinen
Willen irgend einer obern Gewalt zu unterwerfen, befahl er, man solle die Thr
einschlagen, wenn die Hunde keine Vernunft annehmen wollten! Er machte dabei
Miene, aus dem Wagen zu springen und selbst Hand an das Werk zu legen, als der
Khler seine Stimme noch einmal erhob, und dringend und mit mehr Hflichkeit
bat, einer jungen, kranken Dame nur einen Augenblick Ruhe und etwas Brod und
Wein zu gestatten. Drauf fielen drinnen einige Worte, und ob gleich der Khler
diese nicht verstand, so hrte er doch Schritte auf sich zukommen und sah
endlich die Thr aufgehn.
    Es war inde ziemlich hell geworden, man konnte die Gegenstnde umher genau
ins Auge fassen. Der Anblick des Mannes, der jetzt aus dem Hause, und auf den
Wagen zutrat, benahm den Frauen daher fast den Muth, auszusteigen und seinem
Anerbieten zu folgen. Er war wilden, Soldatischen Ansehns, von roher
Gesichtsbildung und plumper Galanterie. Sehr ungeschickt entschuldigte er seine
frhere Grobheit, und setzte lachend hinzu: da wenn er gewut, welche
Schnheiten zu ihm hineingewollt, er ihnen wahrhaftig die Thr nicht wrde
verschlossen haben. Marie und Antonie wandten sich betroffdn ab. Der Marquis
aber, immer noch ungeduldig, seinen Vorsatz durchgesetzt zu sehn, ri den Schlag
auf, und trat mit seinen Tchtern unter die offene Thr. Der fremde Mann sagte
ihnen, indem sie sich auf dem Hausflur befanden, dies Gebude gehre zwar nicht
ihm, es sei auch berall keine eigentliche Wirthschaft und kein fortgesetzter
Verkehr darin, allein fr etwas Glhwein und gerstetes Brod wolle er dennoch
sorgen, die zarten Pppchen mchten inde nur ihre Bequemlichkeit brauchen, und
somit ffnete er ihnen eine lange, dunkle Stube, deren rucherige, angeschmutzte
Wnde auf den ersten Blick widrig in die Sinne fielen. Doch wie mit Eiseshand
zog es den Eintretenden das Herz zusammen, als sie auf dem Boden umher wohl an
zwanzig schlafende Mnner auf Strohlagern hingestreckt sahen. Ihre Reisebndel,
Gewehre und Mtzen, lagen zerstreut, zwischen Glsern, leeren und
halbangefllten Flaschen, auf einem langen Tische; ekelhafte Spuren
verschtteten Getrnks nten noch den schmalen Gang zwischen den Lagersttten
der Schlafenden, so da man nicht wohl trockenen Fues einen Schritt gehen
konnte. Der Khler zupfte den Marquis leise beim Ermel, dieser machte eine
unschlssige Bewegung, ungewi, ob er vor, oder zurckgehn solle? Doch als
einige der Kerle sich regten, und halb aufgerichtet mit blinzelnden, kaum
geffneten, Augen schlaftrunken auf ihn hinsahen, stand er fest, jeden Gedanken
an Entfernen jetzt fr feig und niedertrchtig verwerfend. Er hie seinen
Kindern, sich neben ihn auf eine an der Wand fortlaufende Bank niederzusetzen,
und erwartete sehr gespannt, was ihm der nchste Augenblick bringen werde.
    Auch blieben sie nicht lange unangefochten. Es wlzte sich auf dem
knisternden Stroh bald eine bekannte Gestalt aus dem Winkel hervor!
aufgerichtet, das breite Gesicht zwischen beiden Hnden aufwrtsgeschoben,
starrte der Essenkehrer dem Marquis in die Augen. Bist Du es, rief er lachend,
oder bist Du es nicht? denn Dich Teufelskerl kennt nur der Teufel! Hat Dich der
endlich einmal losgelaen? Aber eine verflucht feine Nase hast Du doch, unser
Fuchsloch gleich auszuwittern! Sieh! nun bist Du mitten unter uns! Hier ist
unser Feldlager, unser Proviant- und Rathhaus, unser Kriegs- und Bluttribunal,
von hier geht es nach allen Richtungen, wo es was zu thun giebt! Sag' hast Du
das ausgesprt? Nein, entgegnete der Marquis. Nein, wiederholte jener; wie hast
Du uns denn aufgefunden? Ich wei nicht, war die Antwort. Ueber Deine dummen
Rthsel? rief der Essenlehrer aufgebracht? Sag' wie kommst Du hieher? Durch
Nacht und Dunkel und die Gewalt der Sterne, sagte der Marquis mehr vor sich hin,
als in Antwort jener Frage. Hast Du uns die da mitgebracht, rief ein junger
Bursche, dicht vor Antonien hintretend, so komm' meinethalben aus der Hlle! Ihr
sprecht das Wort so leicht aus, sagte diese, wit Ihr denn, ob Ihr nicht da
hinab mt? Sieh mal! die Hexe! schrieen lachend mehrere Stimmen! hast Du auch
Teufeleien im Kopf? Antonie sah mit ihren brennend durchbohrenden Blicken starr
auf sie hin, anfangs lachten sie, dann aber drckten sie die Augen zu, und
wandten sich, ber das vermaledeiete Hexenvolk etwas in den Bart murmelnd, von
ihr ab! Lat nur, rief der Essenkehrer, wir werden sie schon zahm machen, los
kommt sie einmal nicht, sie mag ihre Knste an uns probiren. Dem Khler schwoll
das Herz, er sah hier mehr als ein Unglck auf sie zukommen, und wute keinen
Ausweg zu finden, da das frher benutzte, halb wahre Mhrchen vom Wahnsinn des
Marquis, nichts fruchten, ja diesen aufs Aeuerste treibend, alles zum Ausbruch
bringen konnte, was vielleicht noch zu umgehen war.
    Volk ist Volk, dachte dagegen der Marquis, ob frei, ob in Banden, wer es
versteht, beherrscht es. Er maa das Huflein mit schnellem Blick. Dummer Trotz
und feige Schwelgerei lagen lang und breit auf den nchternen Gesichtern
ausgespannt. Die possenhafte Tapferkeit, die ihr Mthchen am Abknallen eines
Gewehrs und dem Tragen der Freiheitsmtze khlt, verwirrte ihn nicht. Abwrts
von ehrlichem Streit, sagte er sich, treiben sie ihr loses Wesen, sie sind der
schmutzige Schaum, den der ghrende Gedanke auswirft. Man mu sie mit dem Teufel
kirren, der in sie gefahren ist. Und somit that er einige rasche Schritte, und
stand in Mitten des eklen Knuels mit Lumpen ausstaffirter Neuerer. - Brger,
rief er, den finstern Blick in sich zurckgezogen, ich bin in dieser Nacht unter
Euch getreten, wie? das lat Euch gleich sein. Ihr seid freie Brger auf Erden,
aber ber und unter dieser waltet das Gestirn. Forscht nicht, lat Euch an dem
gngen, was Ihr seht. Ich bringe Euch Gold, ich wei, die Freiheit will durch
Gold und Eisen gewonnen sein, das Letztere wutet Ihr mit furchtbarer Hand zu
fassen. Das Erstere mssen Euch des Schicksals Mchte zufhren. Ich bin ihr
geweiheter Diener! Nehmt, was ich Euch bringe! Er streuete bei diesen Worten
einige Hnde voll Gold, welches er fr den Nothfall zu sich gesteckt hatte,
unter sie. Aber, fuhr er fort, lat Euch nicht einfallen, thrige Gedanken auf
mich und die Meinen zu richten, ich gehre Euch nicht, nicht der Welt, nicht mir
an. Die unerforschlich Tiefen, setzte er mit steigender, sich und alles was ihn
umgab, vergessender Stimme, hinzu, sie allein wissen von mir, sie gebieten ber
mich, sie reien mich fort in die Wirbel des neugebhrenden Lebens, und so
schpf' ich, und schpfe mit wuchernder Hand, das Gold aus den heiligen
Behltern der Unvergnglichen! Seine Stimme zitterte zuletzt wie ein Donner
durch das Zimmer! und, das Maa seines Wollens berspringend, hatte er sich
selbst in die Tuschung hineingesponnen, die er Andern bereitete. Als ihn der
rohe Zuruf der Menge zu sich selbst brachte, schlug er sich mit beiden Hnden
vor die Stirn und sank dem Khler halb ohnmchtig in die Arme. Dieser ward ganz
irre an ihm, ungewi, was dem Selbstbetruge oder ersonnener List angehre? Die
Kerle aber rafften ihr Geld zusammen, und, es sich einander zuzhlend, lieen
sie sich das Uebrige nicht sonderlich anfechtend.
    Jetzt trat auch der vermeintliche Hauswirth mit einem Napf dampfenden Weines
herein. Das Gold in den Hnden seiner Kameraden und mehrere durcheinander
hingestoene Worte sagten ihm genug. Er sann nicht lange nach, ri schnell den
Stpsel aus einer leeren Flasche, klemmte ihn zwischen den Henkel eines Glases,
zog drauf eine Gabel aus seiner Mtze, steckte diese in den Kork, und schpfte
so den Wein in die Glser. Eines dann in die Hhe hebend, rief er! Heil und
Brdergru den geheimen Mnzern! Nimm mich zu Deinem Gesellen Alter, und trink'
mir gute Kameradschaft zu. Der Marquis stie das Glas zurck. Du thtest gut
daran, sagte jener, denn ich gehe Dir nicht von der Falte, Du lieest uns denn
die Weiber hier! Ja, la uns die Weiber hier, brllten Alle, und halb liegend,
den Kopf auf die aufgestemmten Arme gesttzt, gossen sie sich das glhende
Getrnk in die aufgerissenen Muler. La uns die Weiber hier! scholl es noch
einmal, fast gebietend. Da kannte sich der Marquis nicht lnger. Auch nicht die
Spitze eines Haares soll Euch bleiben, schrie er! Und whrend Antonie die Hand
des Uebermthigen wegschleuderte, der ihr zur Besiegelung seines Hllenbundes
Wein einzwingen wollte, rief der Marquis, auf diesen ein Pistol abdrckend:
ihren Durst lscht nur Blut! fate sie dann mit Blitzesschnelle in die Arme,
schlang den Andern um Marien, und ehe sich das Gesindel aufraffen und nach den
Gewehren greifen konnte, strtzte er mit beiden und dem Khler zur Thr und dem
Hause hinaus, dem Wagen zu, fate selbst die Zgel der Pferde, und trieb diese,
mehr fliegend als gehend, den Weg entlngs, der frchterlichen Rotte aus den
Augen.
    Die Sonne stand hell und ruhig ber ihnen, als sie, zu sich selbst kommend,
in einem frischen blhenden Wiesenthal gleichsam zuerst Athem schpften, und die
erschtterten Gedanken in ein klares Gefhl zusammenfaten. Hier war alles
friedlich. Einige schn gefleckte Rinder weideten ruhig zwischen den Grsern,
neben ihnen schlenderte ein Knabe, sein Liedchen auf Binsenrhren pfeifend. Als
dieser die Reisenden sahe, pflckte er eine Hand voll Blumen, und warf sie ihnen
zum Morgengru in den Wagen, eine zierliche Art, die Blicke des Vorbereilenden
auf sich zu ziehen, ihn erinnernd, das Unscheinbare nicht zu bersehn, woran
sich der Marquis oft schon in hnlichen Fllen erfreuete, weshalb er auch jetzt
mit rechter Lust ein Geldstck in das hingehaltene Strohhtchen des Kindes warf.
Marie hatte Gefahr und Todesangst vergessen. Sie lehnte sich weit zum Schlage
hinaus, und freuete sich an der sonnigen Beleuchtung des Thales, dem frischen
Klee, und den vielen rothen und gelben Blumen, die in groen Bschen
umherstanden. Auch dem Marquis war leicht und wohl. Er hatte sich in der Gefahr
zusammengefat, und hielt sich nun eine Zeitlang so gesammelt, den nchsten
Kmpfen tchtig zu begegnen. Es ist nthig geworden, sagte er, da wir an die
Zukunft deutlich und mit bestimmtem Entschlu denken. So ins Blaue hinein dem
Zufall lnger vertrauen, ist tollkhnes Spiel. Auch werden die Bluthunde wohl
bald genug Ernst mit uns machen. Was sie jetzt versumten, werden sie nchstens
nachholen. Deshalb ist mein Plan nach Deutschland zu flchten; sptestens Morgen
oder Uebermorgen mssen wir die Wanderung antreten. Ich brauche nur soviel Zeit,
das Nothwendigste einzurichten, dann bin ich bereit. Euch meinen Tchtern wird
das Opfer leicht. Eure Welt ist noch berall dieselbe! Mir auch! mir auch! - was
ich suche, ist nirgend oder berall!
    Sie blieben von da nachdenkend. Die Vorstellung eines fremden Volkes,
fremder Sprache, vielleicht auch Sitten, verwickelte ihre Phantasie in
unerfreulich unbequemes Denken. Sie fanden keinen Maasstab fr das Knftige, und
waren nirgend mehr zu Hause.
    Ziemlich spt langten sie auf dem Schloe an. Der Marquis verschlo sich
sogleich in seinem Cabinet. Doch Bertrand trug fast die jungen Frulein auf ihre
Zimmer, wo das Schnste und Beste fr sie bereitet war. Allein sie genossen von
allem nur flchtig, hatten nirgend Ruhe, und baten den Alten, ihnen alle
Gemcher zu ffnen, damit sie noch Heut alles in Augenschein nhmen. Die
Augenblicke sind in dieser Zeit gemessen, sagte Antonie, wir werden die
Herrlichkeiten kaum einmal berschauen drfen.
    So durchflogen sie denn Kammern und Sle. Auch zu dem Bildersale kamen sie.
Marie hatte sich an Antoniens Arm gehngt. Diese trug die Kerze, welche sie in
die Hhe hob, als sie zwischen zwei hervorspringenden Sulen in das Zimmer
traten. Die veralteten, durch die Zeit angebrunten, Gesichter der Ritter,
Marschlle und Geistlichen, neben den wunderlich aufgeputzten Damen an ihrer
Seite, welche alle so grade und starr durcheinander hinsahen, gaben den beiden
Mdchen das beklemmende Gefhl zweier Fremdlinge, die in groe unbekannte
Versammlung treten. Schchtern schlossen sie sich aneinander, sie, die beiden
einzigen, lebenden Wesen unter so vielen verehrten Todten! Mit unaussprechlichem
Entzcken entdeckte Antonie zuerst das Bild ihrer Mutter. Sie war mit aller
Pracht hfischer Sitte, sehr reich, etwas steif, aber doch hchst edel,
abgebildet. Beiden war, als shen sie sich selbst, und auch jede die Andere, im
Spiegel. Antonie hielt das Licht in grter Ueberraschung gegen die wunderbar
verschmolzenen Zge, beide betrachteten es lange, dann sahen sie einander an,
wie sich der Blick wohl vom Conterfei vergleichend auf das Original zurck
wendet, und in berwltigender Rhrung sanken sie sich in die Arme, und weinten
das erstemal Herz an Herzen. Antonie besonders war ganz Liebe und Milde, sie
streichelte Mariens Wangen, und drckte das zarte dankbar an sie angeschmiegte
Wesen liebkosend an die Brust. Wie rhrst Du mich, da Du weinst, sagte sie, nun
siehst Du erst der Mutter ganz hnlich, die den reizend jungen Leib so
vorahndend mit aller Pracht der Welt verziert, als werde sie nun bald vom
Schmuck des Lebens scheiden! Das sagt der feuchte Blick, der sich recht wie eine
Decke ber das glhende Herz hinzieht! Denn da glht es, das fhl' ich, in den
lieben bewegten Mienen, in der ernsten, strengen Haltung, die verbirgt, was die
Welt nicht sehen soll. Die Haltung, sagte Marie, ist die Deine, darin eben,
liebe Antonie, und in den hohen Brauen und den etwas gehobenen Schwanenhals bist
Du ihr so sprechend hnlich, mir hat sie wohl nur das blonde Haar gelassen, und
die armen Augen, die so leicht ber Geringes weinen mssen! Sei nicht bse
darber, unterbrach sie Antonie, es liegt ein ganzer Himmel in diesen Augen!
Und, die Schwester wieder an sich ziehend, gingen beide in ungewohnter
Vertraulichkeit den Saal auf und nieder. Whrend dem ffneten sie eine
Glasthre, welche nach dem Balkon hinausfhrte, sie traten in dieselbe, den
Blick an der nchtigen Stille der Landschaft zu strken. Das Gebude selbst
verbarg ihnen zwar den Mond, allein dessen lichter, schneeiger Glanz spielte
dennoch um Bsche und Wiesen, und leuchtete zurck aus dem versilberten
Flubett. Unaussprechlich gewaltig, und doch mild wie die gehaltene Kraft,
rauschte der Strom in gleichmigem Wellenschlag durch die tiefe Ruhe der Natur.
Riesenhaft, in groen Massen, traten die Gegenstnde hervor, undeutlich in ihren
Umrissen und doch so ahndungsreich! die Schwestern blieben lange Zeit stumm, sie
frchteten, den leisen Schlaf des rasch bewegten Lebens zu unterbrechen. Ganz
still setzten sie sich auf die schmale Steinbank, welche dem Eisengitter des
Balkon entlngs lief, und flsterten kaum hrbare Worte.
    Antoniens Herz war wunderbar erweicht. Offen lie sie sich ber manches aus,
was in ihr vorging. Es ist traurig, sagte sie, da oft etwas Unwillkhrliches
mein ganzes Wesen zusammenzieht, und Schrecken ungekannter Art mein Blut
versteinen. So, ich darf es Dir wohl sagen, berlief's mich todeskalt, als die
Aebtissin scheidend ihren Arm um meinen Nacken legte; ein leiblich Weh stie
einen Schrei aus meiner Brust. Ihr Gesicht schien mir verzerrt, und ekler
Leichenduft umgab sie. Mein Herz war mir zum Zerspringen voll, ich htte sie um
alles in die Arme schlieen mgen, und doch vermocht ich's nichts. So geht mirs
oft mit dem was ich liebe, es flt mir pltzlich Schauder und Entsetzen ein, so
ging mirs ganz frhe mit jener schnen Nonne, und fast mu ich glauben, die
Natur habe ein unglcklich weissagend Gefhl in meine Brust gelegt, und diese
solle sich strenge dem verschlieen, was die Welt schn und freundlich nennt.
Denn wie leicht, da ich nur zerstrend lieben knnte! Ich spre so etwas in
mir! Drum liebes Kind bewach' ich mich, und zgele stets den Drang nach
Mittheilung und jenes innige Erwiedern des Empfundenen, die jedes Herz bewegen.
Denn mir und Andern, das glaube nur, wrde ich groen Schmerz bereiten, wollte
ich dem brennenden Verlangen meiner Seele Gnge leisten. Nur mir, sagte Marie,
ganz hingerissen von der leutseligen Hingebung der Schwester, nur mir gnne den
Reichthum Deines schnen Herzens. Ueberschtte, erdrcke mich damit, aber nimm
mir nicht wieder, was Du mich ahnden lieest. Sieh' meine Antonie, wir werden
vielleicht nun bald ganz allein, von allem losgerissen, in fernen, fernen Landen
leben; wenn wir nun nicht aneinander hangen, uns nicht treu in Liebe bewahren,
was soll aus mir, ja auch aus Dir Antonie werden? Liebe Schwester, la uns an
die Mutter, an die arme liebe Mutter denken! Das wollen wir! erwiederte Antonie
bewegt, und ihre Hand in die der Schwester legend, saen beide Gedankenvoll und
schweigend, als ein Getse sie aufschreckte, das erst dumpf, dann immer
anschwellender und lauter, zu ihnen herandrngte. Herr Jesus! schrie Antonie, da
sind sie schon! Indem strzte Bertrand die Stiegen herauf, und bleich und
verstrt rief er ihnen zu: da ein Schwarm Republikaner das Schlo umzingele,
und obgleich die Zugbrcken aufgezogen, sei es doch zu befrchten, da sie durch
die flachen Grben dringen, den Wall erklettern, und Pforten und Riegel sprengen
werden. Der Marquis sei auer Fassung, denn, da er sich nicht vertheidigen
knne, woran er zuerst gedacht, wisse er auch kein Rettungsmittel zu finden. So
wird er und wir Alle doch zu sterben wissen, sagte Antonie, welche voraneilend
dem Vater zurief: Ist noch etwas zu thun, so lassen Sie uns nicht sumen, wo
nicht, den Tod suchen. Noch ist es mglich, von der Wasserseite zu entfliehn,
sagte Bertrand, es kommt allein darauf an, da der Kahn auf dieser Seite des
Ufers ist, und wir unbemerkt aus dem Schlosse entkommen knnen. Ich gehe, setzte
er nach einigem Besinnen hinzu, das Nthige zu erkunden. Marie drckte ihm
sprachlos weinend die Hand, Antonie aber beschwor ihn, zu eilen, ungeduldig die
Entscheidung ihres Schicksals zu erfahren.
    Alle blieben in gleichem Maae unruhig zurck. Der Marquis lief heftig auf
und nieder, fuhr sich oft mit beiden Hnden in die Haare, und machte so
grliche Geberden, als she er schon all die Greuel, die ihn bedroheten.
Pltzlich fiel ein Bchsenschu dicht vor dem Fenster, dann noch einer, und des
Essenkehrers Stimme rief laut: nur mir nach, ich kenne hier Wege und Stege! Herr
des Lebens! schrie die Khlerfrau, Alexis, ihr fnfjhriges Shnchen, in den Arm
nehmend, nun sind sie herber, nun ists vorbei mit uns! Antonie aber zog alle
mit sich fort in die hinteren Gemcher, sie hatte selbst keinen klaren Gedanken,
sie wollte nur entfernt sein von den nahen Eingngen. Dasselbe Gefhl drngte
alle immer weiter zurck, und so flchteten sie von Zimmer zu Zimmer, und kamen
endlich in jene Polterkammer, welche dem Marquis vor vielen Jahren das
rthselhafte Buch und den Schlssel zufhrte. Antonie schob einen alten Schrank
vor die einzige Thr, die zu diesem uersten Schlupfwinkel fhrte. Und so
blieben sie einander gegenber, entsetzt, nichts mehr zu ihrer Rettung thun zu
knnen.
    Inde knisterten neben und ber ihnen Flammen, welche durch hereingeworfene
Feuerbrnde im Schlosse angeschrt waren. Die frchterlichste Angst, auf solche
Weise dem Tode nicht mehr entgehen zu knnen, ri Alle aus sich heraus, und
berwltigte jeden stilleren Ruf mahnender Gottesfurcht und Ergebung. Der
Marquis schumte vor Wuth, Antonie ging wie betubt umher; die Andern lagen
kniend am Boden. Der Qualm und Rauch drang schon durch die verrammelte Thr, als
Antonie jenen Schlssel, welchen der Vater immer bei sich trug, aus dessen
Tasche zog, ihn in eine schmale Thr, welche hinter einem Wust alten Bilder und
zerbrochener Sthle verborgen war, hineinsteckte, mit groer Anstrengung in dem
verrosteten Schlosse umdrehete, die Thr erffnete, einzelne in der breiten
Mauer eingehauene Stufen hinabstieg, und den Andern, ihr zu folgen, winkte.
Worauf sie alle einen schmalen, dunklen Steg fortgingen, ohne zu wissen, was sie
thaten, noch wohin sie gelangen wrden. Doch ehe sie sich recht besannen, waren
sie auf der andern Seite des Walles, dicht an der leuchtenden Rhone, die ihnen
den silbernen Rcken gromthig bot, sie aus den Flammen zu tragen. Dicht am
Ufer stand Bertrand mit dem Nachen, und sah verzweifelnd auf das brennende
Schlo. Doch kaum ward er ihrer ansichtig, als er auf sie zusteuerte, und die
pltzlich Erretteten, zitternd vor Wonne und Angst, in das kleine Fahrzeug
stiegen, sich einander in die Arme fielen, beteten und weinten, und halb
ohnmchtig an den Mauern hingleiteten, aus welchen die Flammen wild
hervorleckten, und die Fenster grlich erhellten, die klirrend ber ihnen
zersprangen, und die innere Verwstung kund gaben. Bald nachher sahen sie einige
ihrer Verfolger sich auf die Bume der Wallbekrnzung schwingen, und ihre
Gewehre nach dem Wasser zu abfeuern. Ruhig glitt der Kahn inde, von dem
mchtigen Strome geschtzt, weiter hinab, die Nacht verdeckte sie, wie die
heimathliche Gegend, nur die Feuer warfen noch, hell aufleuchtend, scheidende
Blicke vom Schlosse auf sie herber.


                                  Zweites Buch

                               Siebentes Kapitel

Der feuchte, lsende Hauch des Wassers, wie das linde Wiegen des Kahnes, hatte
nach grade alle Gemther beruhigt. Die Gefahr trat mit Frankreichs Ksten
zurck. Ein fremder Boden sollte ihnen eine neue Welt, neue Verhltnisse, neue
Glckseligkeit, zufhren. Die Erinnerung jener verstrenden Schreckbilder ward
von den vorberrauschenden Wellen verdrngt. Wo diese herkamen, war es anders;
dahin ging ihr Weg. Zudem boten ihnen Savoyens nahe Ufer Augenblickliche
Rettung. Und als der Khler dem Marquis vorschlug, mit ihm nach Chambery zu
gehn, und so lange dort zu bleiben, bis er einen festen Plan fr die Zukunft
gefat habe, willigte dieser ein, worauf sie sofort ans Land stiegen, und ihre
Wanderung durch das anmuthige Thal bis zur Hauptstadt voll belebender Hoffnung
fortsetzten.
    Als sie dort ankamen, und durch die schmale Gassen, zwischen hohen, schnen
Husern hingingen, ihre Blicke bald hier bald dorthin auf den belebten Gang
ungefhrdeten Verkehrs richtend, der lang entbehrten brgerlichen Sicherheit
froh, ward in mehreren Kirchen die Messe eingelutet. Der Glocken metallene
Schwingungen bebten durch die eng aneinander gereiheten Gebude, und brachen
sich, wie Himmelsruf, in den Herzen der glcklich Erretteten. Unwillkhrlich
lenkten diese ihre Schritte zu den Stufen einer Kathedrale, und dort
niedersinkend, beteten alle aus tiefstem Innern, ja in beschmender Freude, so
vieler Huld gewrdigt zu sein.
    Unter der Menge hier aus und ein strmender Menschen, streifte auch eine
rmlich in Trauer gekleidete Frau an ihnen vorbei. Sie blieb einen Augenblick
stehn, und sah leutselig froh auf die verschiedenartige Gruppe schner,
bedeutender Kpfe, als sie, pltzlich den Marquis in die Augen fassend, nher
hinzu trat; doch eben so pltzlich durch das Gedrnge neu Herzukommender
fortgerissen, sich in die groe Masse verlor.
    Der Marquis hatte weder sie, noch berall einen der Vorbergehenden bemerkt.
Durch das eigene Innere berrascht und bezwungen, hatte er gebetet, und folgte
nun fast trumend dem Khler, der ihn freundlich einlud, bei seinem Schwager
einzukehren, welcher Goldarbeiter, wohlhabend und gastlich sei, die
ausgewanderten Nachbarn daher gern aufnehmen werde. Die Frau, setzte er hinzu,
treibe daneben einen Spitzenhandel, der wie bekannt berall stark in der Stadt
getrieben werde, habe deshalb viel Verkehr, selbst im Auslande, bis nrdlich
ber die Berge hin, und, gewandt und freundlich wie sie sei, knne sie ihnen
wohl ber manches Auskunft geben.
    Dem Marquis war das ganz willkommen. Er trug auer mehrern wichtigen
Papieren noch das Schmuckkstchen der Marquise bei sich, und hoffte, mit Hlfe
des Goldarbeiters, einige Kleinigkeiten desselben vortheilhaft benutzen zu
knnen, indem es ihm wichtig war, die Papiere, alle auf bedeutende Summen
ausgestellt, nicht eher umzusetzen, als bis sein ueres Verhltni sich fest
gestaltet habe.
    Sie kamen jetzt an ein sauberes Huschen oberhalb der Leisse gelegen, als
der Khler sagte, nun sind wir an Ort und Stelle! Der Goldarbeiter hatte seine
Werkstatt in der Vorhalle aufgeschlagen, und arbeitete dort emsig. Die Thr nach
Innen zu war offen. Man sah um einen grnbehangenen Tisch Kinder und Jungfrauen
im Vorsale sitzen, alle die schweren Kissen vor sich, und die feinen Knppel,
wie zum Spiel, zwischen den Fingern hin und her werfend. Als der Khler zuerst
mit Frau und Kind herantrat, stand der Mann hflich grend von seinem Sitze
auf, doch pltzlich ward sein Gesicht hell wie die Freude, und ein Zug weichen
Mitleids um den Mund, sagte was in seinem Herzen vorging. Er nahm den Knaben auf
den Arm, hertzte und kte ihn, streichelte der Khlerin blasse Wange, und
eilte, nach einer flchtigen Unterredung, dem Marquis, voll Bereitwilligkeit,
ihn und die Seinen aufzunehmen, entgegen. Es bedurfte wenig Worte, um da alle
befreundet in das Haus traten. Auch Felicitas, die Hausfrau, zeigte sich
wohlmeinend; und gewohnt, die geschftigen Hnde flink zu rhren, hatte sie
alles bald angeordnet, Zimmer gerumt, jeden seinen Platz angewiesen,
Erfrischungen herbeigeschafft; und wohl fhlend, da Ruhe das Nothwendigste sei,
was die armen Erschpften bedrften, diese im Hause geboten, und sich mit den
Ihren zurckgezogen.
    Es gab auch wirklich Niemand unter ihnen, welcher den Schlaf nicht gesucht
und gefunden htte. Er legte sich besonders den beiden Schwestern so bleiern auf
Auge und Bewutsein, da andern Tages beider Erwachen recht beklemmend war. Das
ungewohnte Zimmer, das fremde Bett, die eigens dem Bedarf angepaten
brgerlichen Umgebungen, ja ehe sie alles das noch deutlich wahrnehmen konnten,
das lose Schwanken des innern und uern Blickes, bis er die wirkliche, nun
aufgegangene Gegenwart gefat, alles drckte sie schchtern in ihre Decken
zurck. Was gestern noch wnschenswerth erschienen, was der Noth des Augenblicks
pltzlich abhalf, war heute doch beengend. Wie aus dem Schlaf, so erwachten sie
jetzt erst aus der Verwirrung ihrer Sinne. Frankreich, dem schnen Vaterlande,
hatten sie in ngstlicher Eile den Rcken gewandt, und sich blindlings fremdem
Boden anvertrauet! Anders, sagte Antonie, ist es hier, ganz anders, das ist
gewi! ob besser oder schlechter? wir wissens nicht! Niemand von uns wei es!
Mir fllt, vielleicht zur Unzeit, die Geschichte eines Offiziers bei, welcher
whrend eines Krieges in den Transcheen kommandirend, endlich abgelst, zu
seinem Regimente geht, und aller Gefahr entgangen, auf dem Wege dahin vom
Gewitter erschlagen wird. Liebe Marie! wer wei was sich da hinter den blauen
Gebirgen fr Gewitter gegen uns aufthrmen!
    Marie sah ngstlich in dem engen Zimmerchen umher, und zu der trben
Schwester hin, deren Worte immer so schwer in ihre Seele fielen. Ihr stiegen die
Thrnen in die Augen, sie ging zum Fenster, ffnete das, und erheiterte schnell
ihren Blick, an den schnen, vollen Frchten, den Blumen, den Cither- und
Mandolinen- Klngen, den freudigen Menschenstimmen, an all dem bunten Wesen der
Menge. Sieh, o sieh! liebe Antonie, rief sie dieser zu, hier ist es wirklich gar
nicht so traurig! Die Menschen sehn recht lustig aus! bemerkst Du wohl das
kleine Mdchen, mit dem glnzenden Strohhut! wie allerliebst! sieh, wie zierlich
ihr die Mandoline ber der Schulter hngt, wie sie mit einer Hand zwei Orangen
spielend in die Hhe wirft, und immer eine wiederfngt, inde sie mit der andern
Hand leicht ber die Saiten hinfhrt, als greife sie die Tne und den Takt aus
der Luft, mit welchen sie die tanzende Bewegung ihres Krpers begleitet! komm,
ich bitte Doch, la uns das nher sehn, geh mit mir hinunter!
    Antonie folgte ihr Gedankenvoll in den Vorsal. Er war noch leer. Sie traten
in die Halle. Hier sa Alexis auf dem Sessel des Oheims, vor dessen
Arbeitstisch, und einen Stift in der Hand grub er, diesen nachahmend, in eine
kleine Silberplatte lauter Pnktchen, einen neben den andern. Antonie verwies es
ihm, aus Furcht, da er etwas verderben mchte. Das Kind hatte immer eine groe
Scheu vor ihr gehabt. Ihr strenger Blick und die starre Schnheit ihrer Zge
machten ihn heben. Jetzt sah sie besonders strafend auf ihn nieder. Er fuhr bei
dem Ton ihrer Stimme zusammen, und wollte erschrocken fliehen, als er
unversehens den Stuhl, auf dem er sa, mit dem Tisch und allem darauf liegenden,
zur Erde warf.
    Antonie ward sehr bestrtzt ber diesen Vorfall. Denn Gold und Silber,
Feile, Schmelztiegel und Goldwage, Cirkel und Maastab, alles lag neben edlen
und unedlen Steinen bunt durcheinander. Marie war ihr sogleich behlflich, alles
wieder an Ort und Stelle zu legen. Auch Antonie wollte das Ihre thun, als sie,
ein aufgesprungenes Futteral schlieend, einen schn gearbeiteten Dolch
erblickte, der sie erst mit einer Art Entsetzen erfllte, dann aber ihr Blut
glhend durch die Adern trieb. Dunkel sagte sie sich: ich will dem Goldarbeiter
davon sagen, und steckte ihn in den Busen. Da klopfte eine leise Hand auf ihre
Schulter, sie wandte sich, und die Frau in Trauer stand vor ihr, ein Kstchen
mit Arbeitsgerth und ein Kissen, worauf angefangene Spitzen befestigt waren,
unter dem Arm tragend. Verzeihen Sie, sagte diese im feinsten Pariser Accent,
wenn ich eine Unbescheidenheit begehe, indem ich Sie frage, ob Sie sich gestern
mit einem ltlichen Herrn am Eingang der groen Kathedrale befanden? ob dieser
Herr Ihr Vater war? ob Sie - O mein Gott vergeben Sie, setzte sie hinzu, als
Antonie etwas zerstreuet, und mit dem Vorhergehendem beschftigt, ungeduldig auf
sie hinsah, aber ich mu Sie bitten, mir das zu beantworten. Nun ja, sagte
Antonie, er ist mein Vater. Der aber rief jene unbeschreiblich bewegt, ist kein
anderer, kann kein anderer sein, als der Marquis von Villeroi! und ein Frulein
Villeroi steht hier vor mir! Mein liebstes Kind, umarme mich immer! ich habe
Rechte auf Dein Herz, glaube mir das! Sie zog Antonien an ihre Brust; dann aber,
sich besinnend, fragte sie hastig, wo ist Deine Schwester? lebt sie nicht mehr?
Marie nherte sich, und ihre Hand mit Schchternheit fassend, sagte sie leise,
ich bin es! Arme hbsche Kinder! rief die Dame! wandte sich dann ab, und weinte
einige Augenblicke heftig in ihr Taschentuch.
    Wo soll ich denn anfangen, sagte sie drauf gefater, Euch kenntlich zu
werden! Ihr wit nichts von Eurer Familie! Ihr seid so jung, die Vergangenheit
ist so alt! es ist so lange her, da Frankreich schn war, da Freunde und
Verwandte von einander wuten. Ihr kennt wohl Niemand! habt niemals von mir
sprechen hren! und getrumt hat Euch auch nicht von der armen ausgestoenen,
bejammernswerthen Tante Clairval!
    Marie lag schon lange schluchzend an ihrer Brust, als Antonie nachsinnend
sagte: ich habe Sie frher gesehn, meine Tante, ich erinnere mich dunkel!
Niemals, niemals, mein Kind, entgegnete die Baronin. Nach dem Tode Deiner armen
Mutter hat der Marquis sich und seine Kinder von der Welt fern gehalten. Die
Aebtissin Eures Klosters war nicht meine Freundin. Seit dem ersten Jahre Eures
Lebens trafen wir nicht wieder zusammen. Doch! doch! sagte Antonie in sich
zurcksehend, als der Marquis eben in den Vorsaal trat. Die Baronin blieb einen
Augenblick berrascht stehn! Das ist er also geworden! rief sie, so hat die Zeit
gearbeitet! Der Marquis ward bei dem Ton ihrer Stimme von verworrner Erinnerung
getroffen. Er sah fragend auf seine Tchter. Armer Schwager! sagte die Baronin,
so ist alles todt! die schne Jugend, und die Liebe, und das Andenken an den
Wahnsinn der Leidenschaft, und den beruhigenden Balsam treuer Freundschaft! Mein
Gott, Pauline, rief der Marquis, wie vom Blitze getroffen, meine liebe, meine
unglckliche Pauline! Was machen Sie hier? was wollen Sie hier? in diesem
Aufzuge, in Trauer sehe ich Sie wieder! Was ich hier will? erwiederte sie,
lieber Himmel! weinen und arbeiten, da drben haben sie mir das Herz aus dem
Busen gerissen, und nachdem sie es mit Fen getreten, stieen sie mich zum
Lande hinaus! Schlo Clairval ist geschleift, der Baron - sie stockte einen
Augenblick - die Henker schleppten ihn aufs Blutgerst, - mich wollten sie
nicht, ich wei nicht, warum ich leben mu, aber ich mu! ich thue selbst dazu,
ich friste mir das Leben, ich arbeite fr Geld; dieselbe Frau die mir sonst
hufig groe Pakete Spitzen auf heimlichem Wege zuschicken mute, hat mich nun
selbst auf heimlichem Wege hiehergebracht, und lehrt mich, fr den Schmuck, und
das elegante Bedrfni Anderer sorgen. Es liegt darin nichts besonderes, es ist
der Lauf der Dinge! und doch ist hier etwas, sie drckte beide Hnde gegen die
Brust, was sich emprt, was mir bittere Thrnen auspret. Es ist so schwer,
allem zu entsagen, was, wie das Tageslicht, Leblosem und Lebendem erst Glanz und
Farbe giebt. Doch ich rede von mir. Sagen Sie mir, wie es Ihnen erging? Was mein
Bruder macht und sein Sohn? ob sie noch in Frankreich, ob der Letztere noch bei
seinem Regimente ist?
    Beschmt, nichts von den Freunden zu wissen, sah der Marquis zur Erde, und
sagte kleinlaut, ich denke, wir begren einander alle recht bald in unserm
Vaterlande wieder. Glauben Sie das? fragte die Baronin, damit haben sich die
Leichtglubigen seit Jahren einander selbst belogen. Und wenn auch! Das Alte
kommt nicht wieder. Wie wir beide nicht noch einmal zwanzig Jahr werden knnen,
so macht auch das Gesammtleben keinen Rckschritt. Politische Crisen sind
Stufenjahre, geistige und leibliche Natur, alles geht einen Weg. Verwachsen
Kinder ihren Schuh, so verwchst der Zeitmoment Formen. Lieber Marquis, wir
betteln uns wohl einmal wieder in unser Vaterland zurck, aber die abgefallene
Frucht ist doch tod. - Sie wissen also nichts von den Meinen? fuhr sie
nachsinnend fort. Es ist schlimm! ich hatte auf meinen Bruder gehofft!
    Sie haben den Bruder wieder, liebe Pauline, sagte der Marquis sehr bewegt,
wir verlassen einander nicht! Sie mssen meinen Tchtern die Mutter ersetzen.
Ich verstehe nichts mehr von der Welt, die Welt nichts von mir, die armen Kinder
sind wohl bel daran mit mir, gewi liebe Freundin, Sie knnen nicht so
ungromthig sein, sie jetzt zu verlassen.
    Mute denn so vieles geschehn, sagte die Baronin, ehe wir uns wiederfanden!
Und sind wir nun zwei Andere geworden, da Sie Vertrauen zu mir fassen? Mein
alter Freund, ich sehe in dem umdmmertem Auge da dieselbe dunkle Gluth, die
Hochzeit- und Todtenfackeln anzndete, die Schlo Clairval mit tausend Blitzen
durchscho, vor der sich Herzen zusammenzogen und die dennoch Schmerz und
Entzcken hineinbrannte! Ich hre aus dem Ton Ihrer Stimme jene Worte des
Mahomet herausklingen, mit der Sie von der Bhne aus die Seele der Geliebten,
wie die der Freunde, heftig anfaten:

Ha, wi um meine Wuth, um alle meine Schwchen!

Und dann wieder:

Mein Leben ist ein Kampf, durch meine Migkeit
Hab ich Natur dem Joch des strengen Sinns geweiht!

Ja, ich fhl es dem unbezwinglichen Herzen an, da es Heut wie in jenem
Sinnverwirrenden Winter zu Paris die Abgrnde der Zeit wie der Erde sprengen,
der Natur ihr hohes Geheimni und die Zgel der Weltherrschaft entreien, sich
aber zum Gott und Tyrannen der Welt hinaufmeistern mchte!
    Sie sagte die letzten Worte unter heftigem Weinen, denn sie dachte an die
blhende Schwester, die ein Opfer jener vermessenen Versuche ward! Der Marquis
hatte sich in einen Stuhl geworfen, und mehr durch die Frhlingslichter jener
Zeit, als durch ihre Vorwrfe, getroffen, lie er ungehindert einzelne Thrnen
ber sein Gesicht hinrollen. Die Baronin trat zu ihm, legte die Hand auf seine
Schulter, und sagte gutmthig, ich will nicht rechten mit Ihnen, auch nicht
tadeln, was die Natur und das Leben einmal so gemacht, einmal so gewollt haben!
aber fragen mu ich Sie doch, ob Sie es Heut besser wie damals in mir dulden
werden, wenn ich ber manches anders denke, anders empfinde, wie Sie? Ich bin in
der Hauptsache dieselbe geblieben. Sie haben das so eben noch gesehn. Ich mu
sagen, wie ich es empfinde, berechnen kann ich nicht, solchen Kopf hatte ich
nie. Und wenn mich nun meine Welterfahrung, mein rasches Hineinempfinden in das
Leben, andere Dinge sehen lt, als Ihnen Ihr mystischer Feuerblick zeigt,
werden sich die Kinder da in dem Streite behaupten knnen? Was von allem wird
ihnen wahr, nothwendig, und bestehend erscheinen?
    Der Marquis schwieg einen Augenblick. Meine Freundin, hub er nach einer
Weile an, ich bin unruhig in mir selbst geworden. Ich glaubte mit dem Auenleben
fertig zu sein. Ich durfte das lange Zeit glauben, jetzt scheint die allgemein
menschliche Wirksamkeit die gefristete Stundenzahl einzufodern, ich wei nicht,
wie ich mich darin finden werde, ich wei nicht, wie ich mich berhaupt finden
soll! Der Blick fr das Maa und die Verhltnisse des ganzen Auenwerkes ist mir
verloren gegangen. Man hat den Boden unter mir verschoben, deshalb stehe ich zu
dem neuen Leben in schiefer Richtung, und alles darin strt und verletzt mich.
Urtheilen Sie nun, wie berraschend, wie erwnscht es mir ist, Sie zu finden,
der ich getrost den verwickelten Faden in die Hand geben kann, die Tchter daran
fortzuleiten, ohne selbst meine eigenste Welt zu verlassen, die ich niemals
verlassen kann, in der weder Sie, noch irgend einer mich findet, und die deshalb
jedem verschlossen bleiben mu, den nicht tiefe Nacht die flammenden
Hieroglyphen entziffern lehrte. Pauline, es ist etwas fruchtbar Heiliges um die
Nacht; glauben Sie mir das! sie spinnt ihre Fden durch Schlaf und Traum, wirkt
und webt Bilder in die Seele, die aus Grbern hinaufsteigen, die Decke von dem
tiefen Grunde wegziehen und hinweisen auf das groe Rderwerk des ewigen
Weltmechanismus! Der Schlssel, der ihre Thore ffnet - Er hielt betroffen inne,
- der Schlssel - mein Gott! wohin hat mich der gefhrt! -
    In die Welt! unterbrach ihn die Baronin etwas ungeduldig. Tuschen Sie sich
nicht, Sie kommen so leichten Kaufs nicht los! Das Leben hat Sie einmal gerufen,
es giebt Sie nicht wieder frei. Doch lassen wir das! es findet sich von selbst
am besten. Vor der Hand nur das Nchste. Der Augenblick hat uns, wie viele
Andere, unversehens zusammengefhrt. Sie reichen mir die Hand, aus Gromuth? aus
bequemer Eil die eigene Ruhe zu erretten? ich will nicht grbeln! Nehmt mich
hin, Ihr Kinder, rief sie, beide Mdchen umschlingend! Ich berge es nicht, mir
bangte recht nach Herzen, die meines Stammes Blut bewegt, sich hre wieder
Frankreichs Sprache! Paris, die Welt, die Jugend, das volle Leben ist wieder da!
Ich liebe auch das Fremde, es sieht oft so gro, oft recht zierlich aus, aber
wenn ich denke, da es mich festhalten will, dann ist mirs ein Gruel! Seht! so
habe ich unzhlige Thrnen auf die Kantenarbeit fallen lassen, die Nadeln da auf
dem grnen Kissen drckten sich mir jedesmal ins Herz zurck, die Hnde
zitterten vor Ungeduld, dacht' ich, da all die Schlingen und Oesen mein armes
Dasein so eng einspannen. Und doch werde ich noch recht oft Kanten knppeln! Es
ist ein liebes Spiel! Man wirft die Fden so hin und wieder, wie oft die
Menschen und die Ereignisse im Leben, und wenn es fertig ist, ist's doch etwas!
Werdet Ihr mich auch lieb haben Kinder? fragte sie jetzt, ohne Eure Liebe knnte
ich nicht eine Stunde unter Euch sein. Du da, mit den Junoaugen und der
wunderbaren Stirn, sie strich Antonien leise ber die Augenbrauen, was liegt da
fr eine dunkle Welt? Eine Welt voll tiefer Liebe, sagte Antonie, schnell auf
ihre Hand gebeugt. Die Baronin kte ihr die Stirn. Du hast was Eigenes, Kind,
sagte sie, was Fremdes! ich mu Dich wider Willen ansehn! Nun wir werden uns
alle in einander finden lernen!
    Marie flog jubelnd durch das Huschen, erzhlte Bertrand, Felicitas, allen
die es hren wollten, da sie eine liebe Verwandte, die Tante Clairval gefunden
htten, und nun immer mit ihr sein, mit ihr reisen, und vielleicht auch nach
Frankreich zurckkehren wrden. Alle nahmen Theil, besonders freuete sich
Felicitas des Glckswechsels ihrer ehemaligen Beschtzerin, sie setzte hinzu:
sie habe sie zwar gern ihr kleines Handwerk gelehrt; doch habe es sie jedesmal
geschmerzt, es sie so ngstlich, des Gewinnftes willen, treiben zu sehn.
    Der Marquis hatte inde der Baronin das Schmuckkstchen seiner Frau gegeben,
und sie gebeten, dasjenige herauszunehmen, was ihr jetzt am nutzbarsten zu sein
schiene. Sie empfing es nicht ohne Errthen, und hielt das sauber ausgelegte
Maroquinfutteral einen Augenblick, unschlssig, was sie thun solle? Doch ffnete
sie es. Steine und Perlen sahen schn von dem weien Sammet herauf, mit welchem
die innern Fcher ausgelegt waren. Die Baronin lie berrascht den Deckel wieder
zufallen. Helle Thrnen schossen ihr in die Augen. Die furchtbarste Sprache in
der Natur, sagte sie, hat das Leblose, es fllt wie eine Leiche auf unsere
Brust! Ein ausgerumtes Haus, ein Kleid, ja ein bloer Handschuh, knnen einem
die Seele zerreissen! und nun diese Steine! Aus jedem sieht mir das liebe
Gesichtchen entgegen! Sie setzte sich, das Futteral vor sich auf den Tisch
legend! Lange spielte sie gedankenvoll an dem silbernen Schlo, dann ffnete sie
es langsam, als wolle sie sich mit dem Anblick bekannt machen. Die Schwestern
sahen ihr neugierig ber die Schulter, aber Antonie hatte kaum einen halben
Blick hinein gethan, als sie schnell nach eines Mannes Bild, reich mit Steinen
eingefat, griff, und unruhig fragte, wer der Herr sei? Mein Bruder, der Herzog,
entgegnete die Baronin. Ohne weiter Antonien zu beachten, nahm sie das Bild, und
zu dem Marquis gewandt, sagte sie; wenn ich die glnzende Einfassung hier
abnehme, will ich denken, ein Theil von dem verlorenen Glanze des armen Herzogs,
wie des Vermgens meiner Vter, sei auf mich gekommen, und ich empfange nur, was
mir frher zukam. So schalte ich wie mit dem Meinen, und mir ist wohler Ihnen
gegenber. Kommt eine Zeit der Ausgleichung, so wird das Spiel ein ernster
Tausch, wo nicht - so lscht eine hhere Hand meinen Schuldbrief.
    Antonie fate jetzt mit groer Heftigkeit der Baronin Hnde, sah ihr fast
bittend in die Augen, lie dann langsam die Hnde sinken, und wandte sich
schweigend ab. Die Baronin verstand sie nicht, sie schttelte den Kopf, sagte
inde nichts weiter, sondern schritt gleich zur Ausfhrung dessen, was sie so
eben dem Marquis mitgetheilt hatte. Deshalb hie sie dem herzukommendem
Juwelier, ihr das Bild sauber aus der Fassung heben, diese dann abschtzen, und
den Handel selbst bernehmen, oder ihn geflligst anderweitig zu besorgen.
    Der Mann ging sogleich an die Arbeit. Felicitas stellte sich neben ihn, den
Werth der Steine mit ihm zu besprechen, sie wollte der Freundin gern zum
Vortheil, und sich auch nicht zum Schaden die Sache eingeleitet wissen, und
legte Maa und Gewicht in ihre Blicke, die auf und ab ber das Bild
hingleiteten. Die Schnheit der Zge fiel ihr daneben auch in die Sinne, sie
fate sie daher scharf auf, und sagte, da ihr die Sache klar ward: ich habe den
Herrn krtzlich gesehn, als die franzsischen Regimenter die Stadt besetzten.
Ihn gewi nicht, erwiederte die Baronin, vielleicht seinen Sohn, denn die
Aehnlichkeit ist sprechend, vergleiche ich diesen mit dem, was der Herzog in
seinem Alter war. Nun, auch mit Ihnen, gndige Frau, sagte Felicitas, ist die
Familienhnlichkeit sehr auffallend. Antonie fuhr schmerzlich mit der Hand auf
die Brust; sie fhlte dort den Dolch, welchen sie vergessen hatte, sah
verwirrend zur Erde, und ging mit gesenktem Auge zum Zimmer hinaus.

                                 Achtes Kapitel


Alles war nach und nach in ruhigen Gang gekommen. Die Baronin war wieder
geschmackvoll und bequem gekleidet, hatte ein Zimmer neben ihren Nichten
bezogen, jedes fgte sich, und wurden heimathlich und vertraut mit Lage und
Umgebung.
    Die Tante hatte es gern, wenn Marie erzhlte; sie sa dann behaglich auf dem
Ruhebett, die Arme bereinander geschlungen, den Oberleib etwas vorgebeugt, und
sah mit anmuthiger Neugier und seitwrts geneigtem Kopfe, in die weichen,
beweglichen Zge der Kleinen. Oft unterbrach sie dies auch, spielte mit ihren
blonden Locken, und sagte wohlgefllig: wie hbsches weiches Haar! Marie kte
ihr dann die schnen Hnde, und gab ihr die kleinen Schmeicheleien reichlich
wieder zurck. Antonie war meist still, doch aufmerksam, ja zrtlich bis zur
Demuth, gegen die Baronin. Sie lernte vom Juwelier allerlei feine Arbeit machen,
auch in Kupfer stechen, und in Gold und Silber graviren. Es beschftigte sie
dies dauernd, und oft bis zur Erschpfung angestrengt. Sie bemhete sich inde
vergebens, ein hchst widriges Gefhl hierbei zu bekmpfen, was sie zu Zeiten
nthigte, mit der Arbeit inne zu halten, und mehrere Stunden zu feiern. Es gab
nehmlich Tage, vorzglich bei scharfem Sonnenschein, wo ihr das Berhren aller
Metalle hchst empfindlich war. Sie versuchte sich mit allen, doch jedes wirkte
eigens unangenehm. Ganz besonders gaben ihr Kupfer und Eisen die grste Qual.
Letzteres go Todesklte durch ihren Krper, da Ersteres durch bittere Sure
ekelhaft auf Geruch- und Geschmacksnerven wirkt. Auch mit dem Golde ging es ihr
nicht besser, dies stach ihr prickelnd, wie elektrische Fnkchen, durch Arme und
Finger. Sie war an solchen Tagen, heftig, ungleich, Fieberkrank, konnte weder
bei der Werkstatt des Goldarbeiters vorbeigehn, noch diesen berall um sich
dulden. Eigen war es, da sie, auf solche Weise gereitzt, mit einer Art von
Begier den sthlernen Dolch ergriff, welchen sie heimlich von ihrem Wirthe
eingehandelt und in ihren Kleidern verborgen hatte, an diesem hin und her griff
und einen wohlthtigen Strom durch ihre Adern rinnen fhlte. Fast immer in sich
verschlossen, kam von allem dem nichts zu der Kenntni der Andern, als was die
Aufmerksamkeit dieser ersphte, oder was sich durch die sprde Sonderbarkeit
Antoniens ihnen unverstndlich aufdrang. Auch standen beide Schwestern jetzt
einander wieder entfernter. Marie war hchst behaglich und wie zu Hause bei der
Tante. Beide plauderten vor ihr Leben gern, und mochten von allem hren, was um
sie vorging. Zudem hatte Marie mit groer Freude jenes zierliche Kind, was sie
jngst so auf der Strae entzckte, unter Felicitas Schlerinnen wahrgenommen.
Sie war eine Veroneserin, um weniges jnger als Marie, noch kleiner als diese,
und auf die anmuthigste Weise lebhaft und gewandt. Beide gesellten sich leicht
zu einander, und war Marie ganz Entzcken, sah sie Giannina die ppige Tarantela
nach dem schallenden Takt der Kastagneten tanzen; oder hrte sie sie, im
Wechselmaa, den Streit zweier Liebenden mit gelufiger Zunge komisch parodiren;
so bewunderte jene in ihr das feine Franzsisch und die vornehmen Sitten.
    Die Baronin hatte Giannina schon frher lieb gewonnen, sie sah es gern, wenn
sie nach der Arbeit zu ihr herauf kam. Sie wute so wunderliche Geschichtchen zu
erzhlen, oder zrtliche Romanzen zu singen, die auch Alexis anzogen, so da er
niemals dabei fehlte. Der Herbst kndigte sich berdem jetzt, von den Gebirgen
her, schon ziemlich strmisch an; Im Freien war es nicht mehr hbsch; um den
Kamin sa es sich behaglicher. Die Baronin war nicht viel davon wegzubringen und
nie erschien sie heiterer, als wenn sie die lieben, kleinen Menschengesichter,
wie sie ihre jungen Freunde nannte, umgaben.
    Der Marquis hielt sich von all dem heitren Verkehr ziemlich entfernt. Er
hatte sich wieder in seinem Zimmer eingebauet, und kam selten und nur flchtig
zur Baronin herber. Sie dankte ihm sein Schweigen, und vermied es gern, ihn
nach der Ursach einer immer wachsenden Unruhe zu fragen, die sich deutlich in
seinem Wesen offenbarte. Doch ward sie endlich durch ihn selbst gezwungen, nher
darauf einzugehn.
    Er fand sich einst mit ihr allein, und, jedes andere Gesprch abbrechend,
entdeckte er ihr, da er gesonnen sei, sie und seine Kinder zu verlassen und
sich allein nach Aegypten einzuschiffen. Ohne auf ihr Erstaunen und das
Bestreben, ein Wort dazwischen zu reden, Acht zu haben, rckte er seinen Stuhl
nher an den ihren, und fuhr fort, ihr die Geschichte jener Gewitternacht, die
Verheiung und das Auffinden des seltsamen Buches zu erzhlen, zugleich aber
seinem Schmerz, ber den unvermeidlichen Verlust desselben bei dem Brande des
Schlosses, freien Lauf zu lassen. Er setzte hinzu, da er fest glaube, es sei in
Aegyptischer Sprache abgefat gewesen, weshalb er zu dem Quell der alten
Weisheit hineile, die verborgenen Schtze aufzusuchen. Wie kommen Sie darauf?
fragte die Baronin; warum grade in Aegyptischer Sprache? Ich sehe davon die
Ursach nicht ein! Wie sollen Aegyptische Bcher nach den Ufern der Rhone kommen?
Die alte, versteinte Zeichensprache ist ja kein Gemeingut, mit welchem, am
Weitesten zurckgegangen, Marsilias Erbauer Handelsverkehr getrieben htten!
Viel natrlicher halte ich jenes Buch fr eine Sammlung Altnordischer
Zaubersprche, welche sehr wahrscheinlich die alte wunderliche Knigin
Giselbertha, Ihre Stammmutter, aufsammeln lie. Sie wissen, was der Abbee
Cername fr seltsame Nachrichten ber sie aus dem Schloarchiv herauslas; wie
sie durch das Auflegen ihrer Hnde allerlei krperliche Schden geheilt, welche
Gabe sich lange in unsers Knigs Hause forterbte, wie sie ferner Metalladern und
den Lauf des Wassers unter der Erde durch physische Wahrnehmung herausgefhlt,
und der Wunderkrfte und Eigenheiten mehr besessen hat. Der Marquis sah
nachsinnend in die Flamme des Kamins; - doppelt schlimm, rief er, wenn es so
ist! ein vererbtes heiliges Pfand! und unersetzlich verloren, unersetzlich! -
Was hlfe es Ihnen, unterbrach ihn die Baronin, besen Sie es noch, Sie knnen
es nicht gebrauchen, niemand kann jetzt absichtlich zaubern, niemand; das ist
vorbei, das soll vorbei sein. Wer sagt Ihnen das! rief der Marquis sehr heftig.
Die Ordnung Gttlicher und weltlicher Dinge, entgegnete die Baronin. O heilige
Natur! schrie er mit gewaltiger Stimme: kreisen Deine ewige Sonnen nicht Heut
wie damals in ihren gesetzlichen Bahnen! ist ihr Verhltni zu einander ein
neues geworden! und ist der Mensch ein ausgestoener Fremdling in Deinen azurnen
Hallen? Ja, sagte die Baronin fest und sicher, ein berwachsenes Kind ist er,
das Thor ist ihm zu klein geworden, aus welchem er heraustrat, nun will er es
einschlagen, das geht nicht, er soll leise anklopfen, es wchst mit seiner
Demuth und wird hher und hher bis er bequem hineintritt! Heilig nennt Ihr die
Natur, Ihr Neuerer, und wollt Ihr doch Gewalt anthun? - Nein Marquis, Heut zu
Tage kann nur ein Kranker oder ein Teufel zaubern wollen! Pauline! - sagte der
Marquis ernst - Sie reichte ihm freundlich die Hand. Ich meine es nicht schlimm,
sagte sie, wir miverstehn einander jetzt, wie so oft. Lassen wir das! Nur das
Eine: sind die Zauberformeln rechter Art, so kommen Sie zu ihrer Bedeutung; so
viel ist einmal gewi! Wie meinen Sie das? fragte der Marquis. Es wird sich ja
zeigen, entgegnete sie. - Beide schwiegen. Das Gesprch war in sich
zurckgefallen, keiner nahm es wieder auf, und es blieb alles wie es war.
    In dem Marquis war inde ein Gedanke zur Sprache gekommen, der, sich weiter
entwickelnd, eine Art von Beruhigung fr ihn hatte. Er hielt nemlich das
geheimnivolle Buch nicht fr das einzige Erbgut seiner Stammmutter, und, die
Nothwendigkeit des eigenen Daseins durch sie erkennend, war er berzeugt, einen
Schatz geheimer Krfte in sich zu tragen, welcher, trotz dem Dunkel der Zeit,
sicher an das Licht treten werde. Er hielt sich an diese Ueberzeugung, ward
zuverliger in sich selbst, heiterer und achtsam auf die uere Umstnde, wie
auf den Gang des Lebens, in welchem er die Einflsse seiner Natur zu belauschen
hoffte. Wie seltsam und ungewhnlich er auch unter dem stten Ersphen erschien,
so trat ihm doch das Auenleben nher, er lie sich ein damit, und es wirkte
langsam und still wohlthtig auf ihn zurck.
    Die Baronin glaubte einen Umschwung in ihm bewirkt zu haben, und freuete
sich der Gewalt ihrer Worte. Doch zu klug, um durch voreiligen Triumph die
Eitelkeit und den Eigensinn des Marquis zu wecken, sammelte sie im Stillen die
Frchte ihres Sieges und war auch ihrer Seits leichter ums Herz.
    So stand es mit allen Gliedern der kleinen Familie, als sie eines Abends bei
der Baronin versammelt waren und heiter ber ihre Zukunft sprachen. Der Marquis,
berzeugt die Unruhen in Frankreich auf irgend eine Weise bald geschlichtet zu
sehn, uerte den Plan, den Winter ber ruhig in Chambery zu bleiben, und dann
erst zu bestimmen, ob sie nach Deutschland flchten oder nach Frankreich
zurckkehren wollten. Im letztern Fall, den Alle im Geheim als gewi annahmen,
erklrte er, da er unverzglich aus den Trmmern des eingescherten Schlosses
ein neues, ganz im Plan des alten, erbauen werde, da ihm die Sttte heilig,
dieser Punkt auf der Erde durch Gesetz und Natur angewiesen sei, und er ihn
auch, als die eigentliche Sphre seiner Wirksamkeit, behaupten werde.
    Die Baronin ward durch das Feuer seiner Worte an seine frheste Jugend
erinnert, und glaubte um so fester, er wolle von Anfang herauf ein ganz
frisches, sicheres Leben beginnen. Giannina bat Marien leise, sie ja nicht
allein hier zurck zu lassen, sie beschwor sie, in ihre Dienste treten zu
drfen, und beide schlossen ihren kleinen Kontrakt heimlich mit einander ab.
Alexis sa auf der Thrschwelle, sang einige von Giannina aufgefangene Strophen,
hielt ihre Mandoline zwischen den gekreuzten Beinen geklemmt, und stimmte und
klimperte daran, bis endlich eine Saite unangenehm schrillend zerri! Ha! schrie
Antonie, was war das! sie war todtenbleich und zitterte heftig. Mein Gott! sagte
die Baronin ungeduldig, was soll es sein! eine gesprungene Saite ist es, nichts
mehr und nichts weniger! Mein armes Mdchen, setzte sie begtigend hinzu, wie
magst Du denn gleich so erschrecken! Antonie fate sich, die Baronin setzte sich
zu ihr, und alle redeten nun freundlich ber die Gewalt eines pltzlich
hineinfallenden Tones, der selten der festeste Nervenbau ganz widerstehe. Auch
ich, sagte die Baronin, erschrak, und mein kleiner Unwille galt meiner wie
Deiner Schwche. Und bei Lichte gesehn, fuhr sie fort, ist auch daran nicht so
Groes zu tadeln. Wir wollen nun einmal von allem den Grund kennen; berrascht
uns die Wirkung ehe wir die Ursach ahnden, so schneidet das in unsern
Ordnungssinn, und wir schreien, wie bei anderm Schmerz! Darum ist uns Gott so
oft ein frchterlicher Gott! Verstnden wir ihn immer, er wre in jedem
Augenblick die Liebe!
    Sie schwieg hier, eine neue Ideeenreihe war in ihr angeknpft. Giannina aber
schalt den Knaben, der, schon ber Antoniens Ausrufung erschrocken, bitter
weinte. Die Kleine versuchte, nicht ohne Unwillen, das zerstrte Instrument
wieder in Ordnung zu bringen, als es an der Thr klopfte, und der Khler mit
einem langen, sehr bleichen, Mann in das Zimmer trat.
    Es dunkelte bereits, und nur die Flamme im Kamin warf ein ungewisses Licht
umher. Die Baronin trat einige Schritte vor, sah zweifelnd auf den Fremden,
schlang dann heftig beide Arme um ihn, und rief ganz auer sich: mein Bruder! O
Gott mein Bruder! Dieser zog sie ungestm an sich, und sie im Arme haltend, warf
er den Adlersblick auf die andern Gestalten umher, und maa sie langsam
erforschend. Nun Marquis! rief er, wir haben unsere Heldenbahn wrdig
geschlossen, wir knnen aufs neue Brderschaft machen, denn beim Himmel! ein
Meisterstck ist des andern werth! Wir geben der Welt ein Beispiel, was
menschliche Klugheit ist! Wollen Sie sich gtigst erklren, unterbrach ihn der
Marquis mit kaum noch gehaltener Heftigkeit. O ich bitte Sie, sagte der Herzog,
nehmen Sie es ja nicht ernsthaft. Mit dem Ernst ists vorbei, der lag in der
Exposition der Tragdie, nun alles drunter und drber geht, wirds komisch. Ich
mu Sie bitten, deutlicher zu sein, wiederholte der Marquis. Ja, dann mssen Sie
erlauben, da ich mich setze, entgegnete jener, sich in einen Stuhl
niederlassend, denn sehn Sie, ich habe meine gesunden Glieder dabei in den Kauf
gegeben, wie Sie frher den gesunden Verstand! Herzog! rief der Marquis, das
fodert Blut. Bewahre Gott, sagte dieser gelaen, die Mhe, uns die Hlse zu
brechen, knnen wir Andern berlassen, dazu hat man jetzt leichte Mittel, und
ich wei die Leute die Wege dahin zu fhren. Ich brauche keine fremde Hlfe,
schrie der Marquis, heftig auf ihn eindringend! Zum Teufel, sagte jener, ich
kann mich jetzt nicht schlagen, und hielt ihm den linken Arm abwehrend entgegen.
Alle sahen jetzt erst, da er den rechten im Bande trug, und einer Ohnmacht nahe
war. Die Baronin, aufs hchste erschrocken, that dennoch keine unntze Frage,
sagte nichts, die Gemther zu beruhigen, berzeugt, da sich alles von selbst
machen msse, und war nur bemhet, dem Bruder Hlfe zu leisten, als dieser
erschpft sagte: Beruhige Dich, Villeroi, ich will keinen Krieg mit Dir, Du hast
im Tumult Deiner Sinne die Ehre rein erhalten, Du bist der Alte! braver Camerad
vergieb mir, mein dsterer Unmuth wollte sich Luft machen, gieb mir die Hand!
wir sind nun Unglcksgefhrten, wie wir sonst Kriegsgefhrten waren. Du hast das
Liebste, was Du auf Erden hattest, im Wahnsinn geopfert, ich habe eine
unglckliche Freundin zum Schaffot gefhrt. Die Aebtissin - rief Antonie, - ja,
sagte der Herzog, das Auge langsam auf sie hinrichtend, ich wollte geschickt und
geheim ihre Freiheit sichern, ein unglcklicher Fehltritt des Pferdes strzt
dieses nieder, ich liege halbtodt am Boden, das Pferd rafft sich auf, fliegt im
Gallopp mit dem leichten Karren ber mich weg, lenkt in die groe Strae, und
fhrt das unglckliche Schlachtopfer den Bluthunden in die Hnde. Pbelhaftes
Volk, das mit seiner Schande die Erde besudelt, fngt den Karren auf, die
Aebtissin wird mihandelt, nach dem nchsten Gerichtshofe geschleppt, und, ihrer
Aehnlichkeit mit der Knigsfamilie wegen, zum Tode verdammt. Ich erwache aus
meiner Betubung, unfhig mich zu rhren, Arm und Bein zerbrochen, zertreten,
gequetscht, so liege ich, bis mich ein junges Weib, die des Weges geht, auf ihre
Schultern ladet, und nach einer nahen Htte schleppt. Unbeschreiblich ist's was
die gute Seele an mir gethan hat, ihr Mann war ein Hirt, er heilte meine
beschdigten Glieder. Kaum war ich im Stande, zu gehn, so nahm ich meinen
Wanderstab, ich zog Erkundigungen ein, erfuhr, wie mein unseliges Geschick die
verfluchte That veranlate, und wollte mir nun den Sohn wenigstens aus dem
Hllenpfuhl erretten, der stand vor Lyon, bei der Republikaner Armee. Ich bettle
und schleiche mich bis einige Meilen davon; grade da geht der Tro der
Knigsgesinnten ber, Toulon war auch erobert, viehischer Jubel schallt durch
ganz Frankreich, ich mu mit jubeln oder mein Blut durch Henkers Hand
verspritzen lassen; mein Entschlu war gefat, durch und durch krank, verzehrt
von Wuth und Schmerz, schicke ich mich an, das Vaterland zu verlaen, bei den
Trmmern vom Schlo Clairval stoe ich auf Andr, Deinen Kammerdiener, er ist
jetzt Krrner und fhrt Baumwollen-Waaren aus der Schweitz nach Frankreich, er
kannte Deinen Aufenthalt. Ich bin nun hier; was weiter aus uns allen wird, ist
Gott bekannt, hier knnen wir nicht bleiben, denn Savoyen wird in Kurzem aufs
neue besetzt sein, und ich bin zum Tode mde!
    Der Marquis, wie immer durch einen starken Ansto aufgeregt, vom Anblick des
ehemaligen Waffenbruders in die alte Zeit versetzt, fhlte seine Kraft im
aufflammenden Ehrgefhl wachsen. Ist nichts, gar nichts mehr zu thun, rief er!
Soll Frankreich untergehn? Sollen wir Nahmen, Stand, Eigenthum, alles hinwerfen,
und die Hnde in den Schoos legen? Regt sichs nun? sagte der Herzog lachend, ja
nun ist's zu spt! Ich habe meine Welt kennen gelernt! ich bin es mde, auf
Worte zu bauen! In der Vende da gab es Mnner! und in Lyon! Was Menschen thun
knnen, ist dort gethan! Ich habe lange unter den Vendern gestritten. Es ist
vorbei! Die Andern haben kein Mark, keinen Willen! Es ist unglaublich, wie sich
Menschen ber sich selbst tuschen! Auch die Guten! Bei unbezwinglicher Scheu
vor dem Streit fhlen sie gleichwohl das Gebot der Ehre und peitschen sich mit
Worten das Blut in den Adern hin und her, bis sie schon in Gedanken auf dem
Schlachtfelde stehn, da trumen sie Thaten und schlagen uns ihr noch zu
vergieendes Blut zu hohen Preisen an! Dabei bleibt es aber! Die abgenutzten
Worte Freiheit und Ehre sind wie ein Feuerzeug ohne Stahl, sie geben kein Feuer
und kein Mensch wrmt sich an einer Flamme, von der er nur reden hrt! Der
Marquis schwieg. Alle waren erschttert, gestrt. Antonie stand vor dem Herzog,
jedes seiner Worte in sich hineinziehend. Die Baronin fhlte, da niemand in
diesem Augenblick gestellt sei, etwas Zweckmiges zu wollen, und fr die Folge
den Andern vorzuschlagen; sie dachte daher an das Nchste, und hie fr jetzt
die Andern auseinandergehn, einzig auf die Pflege und Erholung des Herzogs
bedacht. Morgen, sagte sie, werden wir uns eher finden, und das Nothwendige
thun, Heute hat keiner einen gesunden Willen. Es stt sich alles wie im
Fiebertraum aneinander, wir haben so viel in Kurzem erlebt, es kann noch nicht
alles Platz in uns finden. Wir mssen es erst auseinanderpacken, und jedes an
seine Stelle legen, dann kommt der vernnftige Entschlu von selbst. Gute Nacht
also, Ihr Kinder, sagte sie, und winkte Allen, sie zu verlaen.
    Der Herzog ging mit dem Marquis, bei welchem er sich einquartirte, die
Andern muten folgen. Antonie allein blieb ganz still auf der Stelle stehn, wo
der Herzog gesessen hatte, schien von dem Gebote der Tante auch nichts gehrt zu
haben, und nur als diese es wiederholte, ging sie schweigend in ihr Zimmer.

                                Neuntes Kapitel


Die Baronin bedurfte wirklich mehr als je der Ruhe und innern Sammlung. Das
Leben war ihr aufs neue so aufgerttelt, alles trbe ineinandergewirrt, und
grade jetzt, wo die Verhltnisse anfingen, sich zu setzen. Sie wre so gern an
Ort und Stelle geblieben! Das Herumziehn in fremden Lndern, so spt im Jahre
hinein, hatte viel Unerfreuliches. Und was war am Ende davon zu erwarten? Sie
mochte die Gedanken hinwerfen, wohin sie wollte, sie mochte den Lebensplan so
oder so ordnen, es blieb alles unbegrndet, alles durch Umstnde bedingt, die
ich nicht vorher bestimmen lieen. Unter dem Vielen Hin- und Herschieben und
Stellen der Lebensverhltnisse ward es ihr inde klar, da ber diese das Leben
ganz allein zu bestimmen habe, da man sie msse kommen lassen, ohne sie sich
selbst zuschneiden zu wollen, und da der Mensch nichts anders solle und knne,
als sich in jeder Lage wrdig behaupten.
    Am Ende, sagte sie sich, ist daran auch nichts zu meistern! es wchst alles
aus tiefem, unbekanntem Grunde herauf, wir mgen die Richtungen lenken, wie wir
wollen, das Leben schlgt immer seinen eigenen Weg ein. Und hier, fuhr sie fort,
giebt uns die Menschliche Klugheit auch nicht einmal Augenblickliche Zwecke zu
bercksichtigen. Das Nothwendige liegt vor uns, wir mssen fort von hier. Wohin
wir gehen? kann uns im Grunde gleich sein. Ein jeder Ort kann der rechte, ein
jeder der unrechte sein. Wir haben keine Ursach, einen vor dem andern zu whlen.
Das Zweifelhafte hierbei mu uns, an uns selbst zweifeln, und hherer Fhrung
vertrauen lehren.
    Es ward ihr ganz leicht ums Herz, als sie sich das so anschaulich bestimmt
ausgesprochen hatte; um so mehr, da sie nicht anders glauben konnte, als
Frankreich werde dennoch das endliche Ziel aller dieser Irrfahrten sein. Und ob
sich auch dort ihrer Seele kein vertraut gebliebenes Bild zeigen wollte, so war
es doch der heimathliche Boden, welcher sich, wie glckliche Inseln, aus den
unruhigen Wellen der Ereignisse heraufhob.
    Sie ruhete hier aus, lie die Familie des Marquis ihre eigene sein, sah
mancherlei von weitem kommen, bis die Gedanken immer loser, die Bilder immer
unkenntlicher, wurden, und sie endlich einschlief.
    Sie lag inde noch zwischen Bewutsein und Traum, im anmuthigen Gefhl
unwiderstehlicher Hingebung, als ihre Vorhnge leise geffnet wurden und der
warme Hauch flsternder Lippen ihre Wange berhrte.
    Die Baronin war von Natur schrekhaft, leicht berrascht, und verfiel, durch
irgend etwas stark ergriffen, auf das Unwahrscheinlichste. Sie fuhr jetzt
schnell in die Hhe, sah inde kaum die Umrisse einer weiblichen Gestalt im
Dmmerlicht der Lampe, als sie eben so schnell in ihre Kissen zurckfiel, und
kaum hrbar stammelte: mein Heiland! die Marquise! Meine beste Tante, sagte
Antoniens Stimme, ich wollte Sie nicht erschrecken. Aber Sie haben in meinem
Herzen gelesen. Die Mutter ist es, die mich zu Ihnen fhrt. Ich habe ihretwegen
keine Ruhe. Ich mu es wissen, wie und auf welche Weise sie starb. Sonderbares
Kind! sagte die Baronin etwas beschmt, welche Stunde whlst Du auch dazu, Du
hast mich ganz verwirrt, ich trumte wohl grade. Verzeihen Sie mir, erwiederte
jene, aber ich dachte, wie unzuverlig es jetzt mit der Zeitbestimmung sei, wir
mssen vielleicht schon Morgen von hier fort, was uns zusammenfhrte, kann uns
auch wieder von einander reien, man wird anjetzt so scheu, und dazu ngstet
mich das Dunkel der Vergangenheit mehr als die ungewisse Zukunft, deshalb meine
Tante - Nun wohl, unterbrach sie die Baronin, ich will Dir gern die gewnschte
Auskunft geben. Sie richtete sich im Bette auf, und Antoniens beide Hnde
fassend, gleich als wolle sie sich versichern, da sie zu einem lebenden Wesen
rede, zog sie diese sanft zu sich nieder. Hast Du, hub sie nach einigem Besinnen
an, vielleicht von einer geheimnivollen Kraft gehrt, welche einem Wesen ber
das Andere eine furchtbare Gewalt einrumt, und die man, mit Recht oder Unrecht,
magnetisch zu nennen pflegt? - Magnetisch heit die Kraft? fiel Antonie schnell
ein. Ja, erwiederte die Baronin. Ich zweifele nicht, fuhr sie fort, es giebt so
unbegreifliche Einflsse in der Natur, welche der Einzelne freilich nur am
Einzelnen entdecken kann. Allein das Menschliche Gemth ist nicht enthaltsam, es
kann nichts kommen, nichts aus seiner Nothwendigkeit ruhig hervorgehn lassen, es
mu alles an sich reien, und wie der Effekt den Sinn trifft, und der Mensch
durch irgend ein Vermittelndes dem Herr wird, so freuet er sich schwachherzig
der Meisterschaft, und prft und bt sich an etwas Willkhrlichem, das ihm
unvermerkt Zweck wird. So ging es sicher mit mancher unerforschten Thtigkeit in
der Natur, deren Wirkung, blendend oder verletzend, als Gaukelspiel verworfen
ward, weil sie auer ihrem Zusammenhang auf Individuelles bezogen, das todte
Produkt tief verborgener, ungekannter Ursach blieb. Die bereits festgestellte
Wissenschaft duldet das nicht, und es konnte nicht fehlen, da grade dasjenige,
was dem Geisterreich so nahe gerckt schien, alle solche zu Feinden hatte,
welche nach vorgefundenem Maastabe prfen, wie im Gegentheil in denjenigen
Anhnger fand, die niemals Zeit behalten zu prfen. Dein Vater gehrte ganz
unbedingt zu den Letztern; und jemehr die kalte Zergliederung und Herabwrdigung
Anderer ihn verletzte, je leidenschaftlicher hielt er sich an dem, was er sah,
erlebte, durch sich selbst erfuhr. Und wirklich waren die Hervorbringungen des
Magnetismus so unleugbar, die Kraft des Willens erschien dabei so ber alles
herrschend, da der Marquis den weisern Einwurf, wie den frechen Tadel, auf
gleiche Weise verlachte.
    Es wre mir so unbequem, wie Dir unersprielich, wollte ich alle die
zauberischen Wirkungen des Magnetismus hier aufzeichnen. Eben so wenig kann ich
Dir ein genaues Bild der dabei vorwaltenden, mechanischen Behandlung entwerfen.
Die groe Hauptsache war, da zuerst durch magnetische, mit der flachen oder
geschlossenen Hand gefhrte, Striche, der Behandelte von dem ersten Grad mden
Ziehens der Augen, nach und nach in einen Zustand versetzt ward, in welchem die
uern Sinne vollkommen ruhen und die innern allein agiren. In diesem Zustande
hat der magnetisch Schlafende eine vollkommene Kenntni seiner selbst, sieht in
sich, wie in Andere, hinein, denkt, handelt mit Bewutsein, und redet Dinge,
welche er vielleicht wachend nicht zu sagen wte.
    Es ist unglaublich, welche Sensation diese Entdeckung in Paris machte.
Verbindungen wurden geschlossen, Gebude, Zimmer eingerichtet, Versuche gemacht,
an deren Resultate sich die gescheutesten Kpfe vergebens wagten.
    Der Marquis hatte inde bei alle dem nur Eines im Sinne. Er beherrschte das
Gemth seiner Frau, und hielt ihr Herz in Hnden. Sie war froh, seine
leidenschaftliche Zweifel stillen zu knnen, und ffnete ihm in Stunden der
Crisen willig ihr reines Innre. Da sie inde guter Hoffnung und uerst reizbar
war, so kam es dahin, da ein anhaltender Blick des Marquis sie in
convulsivische Zuckungen und dann in jenen unnatrlichen Schlaf versetzte, die
mir, als ich einst gegenwrtig war, das ngstigende Gefhl gaben, als stehe ich
zwischen dem todten Leib und der geschiedenen Seele meiner Schwester.
    Vergebens schrie ich dem Marquis ins Gewissen, da er seine Frau tdte,
beschwor ihn, sich von ihr zu entfernen, setzte Freunde, Aerzte, Himmel und
Erde, in Bewegung, sie vor ihm zu retten, allein durch einen seltsamen
Widerspruch wollte sie so wenig von ihm, als er von ihr lassen, ja sie war in
dem Maae an ihn gebannt, als seine Nhe zerstrend auf sie wirkte. So ward sie
immer schwcher, fast verworren in sich selbst, und gab in einer dieser Crisen
Euch, meine armen Kinder, das Dasein. Die Natur aber ward durch den doppelten
Kampf zerrissen, sie starb wenige Stunden darauf.
    Die Baronin schwieg sehr bewegt. Antonie sah vor sich hin. Der Tod der
Mutter hatte nichts Trbes mehr fr sie, im Gegentheil ward ihre Brust von der
sesten Wehmuth gehoben. Sie fhlte in allem dem eben Erfahrenen nur die Gewalt
tiefer, unergrndlicher Liebe. Sie konnten nicht von einander laen, sagte sie
sich leise, so fest kettet die geheimnivolle Kraft!
    Seitdem, unterbrach endlich die Baronin das Schweigen, haben nhere
Ereignisse das Auge von dem Unbegreiflichen abgezogen. Mein Kind, fuhr sie fort,
ich habe noch immer gefunden, da wenn die Menschen die Natur so recht derb
anfassen, und sie nun in ihrer Gewalt zu haben glauben, diese pltzlich ihren
Hnden entschlpft, und gro und gelassen ihren gemessenen Gang ber ihnen
hingeht; sie ruft sie an, aber unter ganz anderer Gestalt, und heit ihnen, sie
geschichtlich begleiten, wenn sie im freundlichen Verkehr mit ihr bleiben
wollen. Wer dem Moment die Flgel beschneiden und ihn zu etwas machen will, der
thut eben gar nichts! Und doch, sagte Antonie, ist das ganze Leben auch nur ein
Moment, und was geschieht nicht alles in ihm! Ach die Liebe schafft ja eine
ganze Welt hinein!
    Grade die Liebe, erwiederte die Baronin, soll viel mehr als den Augenblick
wollen. Will sie ihr Reich auf Erden so recht dicht und fest grnden, so bricht
es zusammen, und das Herz obenein.
    Aber wie bricht es! unterbrach sie Antonie, unter der allerseligsten, wie
unter der furchtbarsten Gewalt! Kind, entgegnete die Tante, erinnere Dich, da
jedes Heraustreten aus dem Gleichgewicht der Natur Krankheit ist, und da wir
uns vor dieser berall zu hten haben. Und nun geh', Du kleine Nachtwandlerin,
fuhr sie gtig fort, geh, wir kehren sonst auch die Naturordnung um, und das
thut niemals gut.
    Mir hat es wohl gethan, sagte Antonie, indem sie ihre brennende Lippen auf
die Hand der Baronin drckte. Diese kte ihr die Stirn, und sah sie, mit einer
Art von wehmthigen Beklemmung, an dem Nachtlicht vorber durch das Zimmer gehn.
    Am folgenden Morgen lie der Herzog keinen aus der Gesellschaft lange ruhen.
Er war heftig, ja ungestm, und konnte es nicht dulden, da man lange ber einen
Entschlu sann, oder die Entscheidung gar von sich wegschob. Die Baronin aber
trauete sich selbst nicht recht in Dingen, die in einem schlich oder
persnlichen Verhltni zu nahe auf sie zutraten, ihr Blick ward alsdann leicht
befangen, es ging ihr, wie solchen Augenkranken, die nur in gewisser Entfernung
eine helle Unterscheidung und Uebersicht gewinnen. Sie sagte daher dem Herzog:
Niemand wird so geblendet, so leicht bestochen, als ich wenn Mehreres
zusammentritt; verschone mich also mit jedem, was einer Auswahl unter Vielem
hnlich sieht. Ich bin entweder ganz Gefhl, oder ganz Ueberlegung. Die Letztere
allein lt es zu nichts kommen, das Erstere reit mich fort. Ist einmal ein
Unglck geschehn, so wei ich mich schnell zu finden, weil ich, zurcksehend,
die Ursach bald entdecke, soll ich dies aber umgehn, so verwickele ich mich in
den Wegen die umherlaufen. Es ist einmal meine Art so. Aendern lt sich darin
nicht viel. Schilt darber auch weiter nicht, und da Du siehst, da uns allen
ein krftig-bestimmender Wille Noth thut, so bestimme Du fr uns.
    Nun gut, sagte der Herzog, meine Parthie ist bald genommen. Der Marquis
schwindelt da noch von Abwehren der Gefahr, geheimen Einflssen, und Gott wei
was allem, aber das mu er mir nicht sagen, ich wei auf ein Haar, wie wir
stehn, ich bin auch keinesweges auf Gaukeleien der Art gestellt. Das Kurze und
das Lange von der Sache ist, da wir fort mssen, je eher je lieber, auf dem
krzesten Wege dem besten. Daher ist mein Plan, ber die Gebirge nach der
Schweiz und Deutschland zu gehn. Sind wir gleich bereits weit in der Jahreszeit
vorgerckt, und sind Wege und Wetter rauh, so ist das ein freiwilliges Uebel,
das wir uns auflegen, und keinesweges mit einem entehrenden Tode zu vergleichen,
der uns hier unfehlbar bedroht. Ich fr mein Theil wenigstens gehe, und seid ihr
klug, so folgt ihr nach. War es sonst schon immer schwer, dem raschen Andringen
seiner Worte zu widerstreben, so lie sich jetzt gegen das Gewichtige derselben
nichts einwenden. Es wurden deshalb, trotz der Unbequemlichkeit und dem
Strenden einer Winterreise, alle erforderliche Anstalten dazu getroffen.
Antonie, welche sich dem Herzog sehr ergeben zeigte, war besonders geschftig
dabei, und bertrug gewissermaen Marien, die ungern den angenehmen, ruhigen
Auffenthalt verlie, zumal da sie wegen Giannina in Verlegenheit war, und nicht
recht wute, wie sie es einzuleiten habe, da sie das gute Kind begleiten drfe.
Allein diese hatte in der Baronin eine Beschtzerin gefunden, die selbst nicht
von der Kleinen laen konnte. Sie ward daher frmlich in das Gefolge des Marquis
eingeschoben, ob man gleich ihr heiter-luftiges Wesen durch keine genauere
Dienstbeschftigung einengen wollte.
    Marie ward dadurch um vieles getrsteter, nur kostete es ihr Mhe, sich von
ihren freundlichen Wirthsleuten zu trennen. Sie gewhnte sich so leicht an
Menschen! Der Ton ihrer Stimme, ihr Lcheln, ein gutes Wort, herzliches
Benehmen' ja die eigene, selbst auf sie nicht Bezug habende, Art und Weise,
fesselte sie, und ihr weiches Herzchen brach fast, mute sie solche verlaen,
die ihr wohlgewollt, oder sie durch Geflligkeit verpflichtet hatten. Zudem go
das lautlose Gewerbe beider Eheleute, ihre stille, genaue Thtigkeit, das
Nothwendige ihres Gehens und Kommens, der angenehm belebte und doch so
friedfertige Gang ihrer Unterhaltung, ein so helles lebendiges Sein, so
behagliche Ordnung, durch das kleine Huschen, da allen darin wohl war, und
Marie oftmals mit innerm Behagen dachte, wie schn es sei, sich als Mittelpunkt
einer so geschaffenen kleinen Welt zu finden! Sie beneidete Felicitas darum, wie
denn berhaupt der Umgang dieser stets heiteren Frau, die Anlage zu mancher
huslichen Tugend und den alles frdernden und ber allem waltenden Ordnungssinn
mehr und mehr in ihr heraushob, und ihr vielfache Unterhaltung in der
wohleingerichteten Haushaltung gab. Jetzt ward der Faden ihrer kleinen
Gedankenspiele pltzlich wieder zerrissen, der einfach ruhige Farbenton ihrer
Vorstellungen gemischt, vervielfacht, ihr Blick auf Ungekanntes gelenkt, sie
konnte sich der innern Trauer so wenig wie des Gedankens erwehren, da solch
unsttes Leben sie nur verwirre, und ihr Gefhl noch oft zerreien werde.
    Ihre Zrtlichkeit fr die; welche sie verlaen sollte, mehrte sich mit jeder
Stunde, und bewegte sowohl Felicitas, wie ihren Mann, auf solche Weise, da
Erstere ihr einen feinen Spitzenschleier, Letzterer aber zwei mit einander
verbundene Goldringe, mit dem Bedeuten verehrte, solche an ihrem Hochzeitstage
von einander zu lsen und die Einigkeit und freudige Lust, die sie hier
verbunden, mit dem Geliebten zu theilen; wie Gott ihrer beider Hnde dann
zusammenfgen werde, so werde sich auch das stille Band der Einigkeit
verschlingen und Liebe und Treue nur Eine sein.
    Marie empfing die Gaben, sowohl durch ihre Bedeutung, als den lustigen Glanz
derselben, erfreuet. Sie besah sie wohl tausendmal, und steckte die Ringe unter
innerm Erzittern des Herzens an den Finger. Noch oft am Tage zog sie sie ab, und
steckte sie wieder an, sie errthete dabei, und versuchte, wie sie sich wohl
ablsen wrden, ohne dadurch verletzt zu werden. Der Goldarbeiter bemerkte es
wohl, und freuete sich ihrer unschuldigen Lust.
    Inde war alles zur Reise angefertigt, Felleisen gepackt, Wagen und Fhrer
gemiethet, Wege und Stationen berechnet, die Richtung stlich ber Aosta, den
St. Bernhard und die Walliser Gebirge, nach Thun, Bern und Basel zu genommen;
und da sie den nheren Weg ber Genf wegen der Kriegsunruhen vermeiden muten,
so sahen alle dem spteren Ruhepunkte mit Verlangen entgegen, und eilten nun
insgesammt, aus dem natrlichen Triebe das frhere Ungemach erst hinter sich zu
haben, schnell zur Abfahrt.
    Auch diesmal verlie sie der Khler nicht, um so mehr, da er sich dort
drben die Gelegenheit ansehen, und erwgen wollte, ob da seines Bleibens sein
knnte. Die krnkliche Frau aber lie er unter dem Schutze ihres Bruders zurck,
was er wohl thun durfte, da sie als Italienerin nichts von den feindlichen
Franzosen zu frchten hatte. Nur von Alexis wute er sich auf keine Weise zu
trennen, und da der Knabe so leidenschaftlich an Giannina gebannt war, und diese
ihre besten Neckereien mit ihm trieb, so fgten sich alle, und das Kind fand
sein Pltzchen.
    Der Herzog hatte seinen Aerger ber das viele Hin und her Reden, die kleinen
Bercksichtigungen, das Abschiednehmen und seltsame Erweichen bei der Trennung
von einem Ort, den man von Anfang her nur als einen Durchgangspunkt angesehen,
ja ihn niemals anders betrachtet wissen wollte. Welche Umstnde, sagte er, um
von Abend bis Morgen zu leben! wie schwerfllig macht so unzeitiges Erweichen,
und wie trge zu jeder tchtigen Betriebsamkeit! Du knntest, unterbrach ihn die
Baronin, eben so gut sagen, welche Umstnde berall, zu leben, da jeder des
Todes gewi ist! Ein jeder wei, da er hier auf Erden keine bleibende Sttte
aufschlgt, und gleichwohl! wer verge es nicht gern? wer mchte noch etwas
anfassen, erinnerte er sich jeden Augenblick, da er den Tod in Hnden halte?
Treibt man im Allgemeinen schon so tolles Narrenspiel, sich selbst zu ffen,
sagte der Herzog, so sollte man es doch nicht absichtlich, bis zur Kinderei,
vervielfachen. Es geschieht auch im Kleinen wie im Groen nicht absichtlich,
erwiederte jene, es kommt von selbst, man mu die Gegenwart eben so oft von
ganzer Seele lieben, wie sie einem in andern Augenblicken von Herzen lstig
fllt.
    Sie wandte sich bei diesen Worten nicht ohne Unwillen von dem edlen aber
schroffen Bruder, und Marien, auf welche dieser Ausfall besonders, ihrer vielen
Thrnen wegen, gerichtet war, bei der Hand nehmend, stieg sie in den Wagen, und
gab so das Zeichen zum Aufbruch.
    Es schien aber, als seien alle aus ihrem Gleise gewichen. Die heftigen, ber
die Lippen hinfliegenden Worte, hatten die Baronin verstimmt, sie fhlte dadurch
in ihrem Innern das Verhltni zu dem Bruder fr den Augenblick gestrt, sie
konnte sich niemals einen Unwillen, oder gar eine Heftigkeit, gegen die, welche
sie liebte, verzeihen, und wie sichtlich deren Unrecht war, es fiel, hatte sie
es gergt, immer doppelt auf sie zurck; deshalb tadelte sie sich auch jetzt
bitter, ja sie ging weiter, sie fand Mariens Thrnen selbst kindisch, und
verwies es ihr mit einiger Strenge, wodurch die arme Kleine nur noch bewegter,
und unfhig ward, sich sogleich zu fassen. Da nun aber Alexis, wie alle Kinder,
wenn sie weinen sehen, auch weinte, und, um dem Vorschub zu thun, laut nach der
Mutter bangte, so griff die ble Laune alle an, und Verweise und Drohungen
fielen durch einander hin, und wurden in dem engen Raum um so strender, da sie
jede heitere Betrachtung unterbrachen.
    Zudem wurden die Wege jetzt sehr beschwerlich. Die Baronin, im Fahren
ngstlich, nur gewohnt, von Paris nach Versailles, oder andere bekannte Straen
zu reisen, litt sichtlich von der qulendsten Besorgni, wie sehr sie sich auch
bekmpfte. Niemand sprach zuletzt, bis Alexis, der sich in dem Maae erheiterte,
als die andern schwiegen, Giannina anlag, ihm etwas zu erzhlen. Diese wute ein
uraltes Mhrchen von einer Bergfrau, welche Abends auf weiem Flgelpferde durch
die blaue Alpen ziehe, Krankheit und Tod ber die Menschen bringe, Jnglinge aus
den Hochzeitkammern entfhre, und wenn die Brute ihnen nachfolgten, diese in
kleine Blumen verwandele, welche man Alpenrosen zu nennen pflege. Der Knabe
wurde nun auch still, und sah ganz scheu zum Wagen hinaus, denn er frchtete,
die groe, schreckliche Dame zu sehen, wie er sich ausdrckte.
    Jenseit Aosta bestiegen die Mnner Maulthiere, die Frauen muten sich
grtentheils in Sesseln tragen laen. Antonie inde bestand mit einiger Hast
darauf, ebenfalls den Weg auf einem Maulthiere zurckzulegen. Sie hatte einen
sichern Fhrer, und ritt nun zwischen dem Herzog und ihrem Vater die steilen,
gewundenen Pfade entlngs, ohne eine Spur von Unruhe zu zeigen, weshalb sie der
Herzog oftmals freundlich anlchelte, und selbst einigen Stolz ber sie, die
Richte, zu empfinden schien.
    Es war am Ende des Dezembers. Ungleiche Windste hllten sie oftmals in
Wolken von Schnee und Hagel. Ein jeder fhlte die Klte sehr empfindlich,
Antonie hatte einen Mantel bergehangen, und den Kopf vielmals mit langen
Schleiern umwunden, allein der Wind wickelte diesen, wie das aufgeflochtene
Haar, immer wieder los, bis sie, doch etwas unsicher auf dem fremden Thier, und
sich keinesweges mit Freiheit darauf bewegend, Haar und Schleier in Gottes Namen
im Winde flattern lie, einzig darauf bedacht, wie sie sich sonst vor der Klte
verwahre, die immer schneidender ward.
    Die Reitenden gewannen leicht einen kleinen Vorsprung, so da sie die Andern
zuweilen ganz aus den Augen verloren, und dann pltzlich bei einer Beugung des
Pfades ihrer erst wieder ansichtig wurden. Als es daher bereits dunkelte, und
Antonie, unter der schwarzen Wolke ihrer Haare, den Steg etwas fern ab ritt,
schrie Alexis laut auf, und versteckte sich an Gianninas Brust, indem er rief,
da ist die Dame! da ist sie! Wirklich hatte sie ein seltsames Ansehn, was durch
die Schneewirbel noch undeutlicher, und ganz Mhrchenhaft, durchschimmerte.
    Doch Antonie ward ihrer Seits auch bald genug auf weit ernstere Weise
erschreckt. Sie stiegen bereits die nrdliche Abdachung des Bernhard hinunter,
und freueten sich, eine Htte zu finden, wo sie ausruhen und bernachten
knnten, als die Thiere pltzlich stutzten, und ihre Fhrer gleichfalls einige
Schritt, vor einem, ber den Weg liegenden Mann, still standen. Ein Todter! rief
der Eine, welcher nher herzugetreten war. Der Herzog sprang zur Erde, der
Marquis folgte ihm, doch ehe sie noch zu der Stelle kamen, war ihnen Antonie
schon vorangeflogen, hatte die Hand des Mannes gefat, und rief sehr freudig: er
lebt, er lebt!
    Ob inde gleich einige matte Pulsschlge das krankhafte Leben andeuteten, so
lag der Mann doch wie entseelt, regungslos, mit gebrochenem Auge. Das Blut war
ihm aus mehrern Wunden hervorgestrtzt, jetzt rieselte es nur schwach an der
geronnenen, zusammengeballten Kruste hin, die sich um die kranken Stellen gelegt
hatte. Sein Gesicht war todtenbleich, die Hnde starr und kalt, Rock und Gilet
waren, wie in Todesangst, weit ber die Brnst aufgerissen, der Wind strich
schneidend ber diese und die offenen Wunden hin. Antonie warf ihren Mantel ber
ihn, ri heftig an den Schleiern, und, whrend sie die Wunden mit diesen
umwickelte, rieb sie sanft hin und wieder an den bleichen, verfallenen Schlfen.
Ein grnes Netz deckte verschoben das reiche Haar, die schnsten Brauen lagen,
wie hingezeichnet, auf der freien Stirn, Antonie berhrte diese leise, als es
wie eine Erinnerung durch sie hinfuhr, sie blickte auf nach dem Herzog, der
stand, auf seinen Stock gesttzt, mit tief ber die Augen gezogenem Hut, finster
und stumm da. Antonie fhlte das Herz des Kranken jetzt strker schlagen, das
Blut schien gestillt. Nun Ihr Mnner! rief sie, was besinnt ihr Euch, soll der
Unglckliche hier vergehn? Er lebt, ich sage es Euch ja, die Besinnung kehrt
zurck, ich sehe es in den starren Zgen leise arbeiten! Wollt Ihr nicht, so
trage ich ihn auf meinem Rcken zur nchsten Htte!
    Der Herzog machte eine unwillkhrliche Bewegung zu dem Kranken hin, trat
aber wieder zurck, und stand wie eingewurzelt mit gesenkten Augen.
    Der ganze Zug war inde herangekommen. Alles stockte und drngte sich herzu.
Bertrand und der Khler waren gleich bereit, den Unglcklichen herunter zu
schaffen. Antonie half, ihn leise in die Hhe heben, deckte ihn dann behutsam
mit ihrem Mantel zu, und hie beide sachte, und soviel als mglich gleichen
Schrittes, gehn, weil ungleiche Bewegung die Wunden wieder aufreien knne. Als
sich nun beide aufmachten und langsam vorangingen, sah Antonie ihnen noch eine
Weile sorglich nach, dann fate sie den Herzog bei der Hand und sagte leise:
Mein Onkel! hassen Sie den Sohn? denn da er das ist, das sieht und fhlt sich
wohl, warum denn diese Hrte? Hm! sagte der Herzog, sich unwillig abwendend,
erst mu ich wissen, ob er mit Ehren hier ist, ehe ihn meine Liebe zu nennen
wei. - Sie sah ihn betroffen an, doch schwieg sie, und Alle setzten nun still,
und innerlich beunruhigt, ihren Weg zur Htte fort.

                                Zehntes Kapitel


Sie waren noch nicht lange auf diese Weise in Gedanken fortgeritten, als sie an
der sanftern Abflachung des Weges ein Huschen erblickten, das, zu gastlicher
Bewirthung bestimmt, gehrig erhellt, dem nchtigen Wanderer schon von fern dies
ersehnte Ziel langer, unbequemer Anstrengung zeigte.
    So nahe, dachte Antonie, war der arme mde Mann Menschlicher Hlfe, und
mute dennoch unfehlbar sterben, kamen wir nicht des Weges. Und wer wei, war es
nun nicht zu spt! -
    Sie hielten jetzt vor der Herberge. Antonie strich eilig an dem Wirthe
vorber, welcher, der vielen Gste froh, diesen entgegen trat. Ihr Haar hing
noch aufgelst, wie ein Mantel, um ihre Schultern, die Unrahe der arbeitenden
Seele glhete unstt aus Blick und Mienen, der Mann trat einen Schritt zurck,
und sah sie befremdet die Thre der Gaststube mit wilder Hast aufreien; doch
hier blieb sie eben so schnell berrascht stehn. Der Kranke sa bereits
aufgerichtet in einem Lehnstuhl, sein bleiches Gesicht ruhete in der
aufgestemmten Hand. Bertrand, ehemaliger Feldchirurgus, schien eben seine Wunden
untersucht und verbunden zu haben, der Khler legte ihm jetzt sanft den Mantel
auf Brust und Schultern, whrend Bertrand die feinen Instrumente sauber
abwischte und wieder in die rothe Tasche einlegte, Antoniens blutiger
abgerissener Schleier lag noch zu des Kranken Fen. Sie bckte sich danach, und
steckte ihn eben unter das Busentuch, als der junge Mann aufblickte, und, fast
erschrocken, mit fliegender Rthe im Gesicht, beide Arme auf die Lehnen des
Stuhls gestemmt, den Oberleib gehoben, eine rasche Bewegung ihr entgegen machte,
aber mit einem tiefen Athemzug aus der kranken Brust, erschpft, halb in die
alte Ohnmacht zurcksank.
    Antonie that einen lauten Schrei, denn sie glaubte nicht anders, als er
sterbe, da in diesem Augenblick die entsetzlichste Blsse sein Gesicht berzog.
Auf diesen Schmerzeston strtzte auch der Herzog hinein, welcher bis dahin wie
im Kampfe mit sich selbst zgernd vor dem Hause stehn geblieben war, und das
Ansehn hatte, als erwarte er die Uebrigen der Gesellschaft, welche eben auch
eintraten. Doch fate er sich sogleich, als er den Sohn lebend, ja unter
Bertrands Hnden besser fand, als er es frher dachte. Er blieb im Hintergrunde
des Zimmers, und schien abzuwarten, bis es Zeit sein werde, zu reden. Allein die
Baronin hatte kaum einen Blick auf den Kranken geworfen, als sie alle
fortdrngte, an seinen Sessel niederkniete, seine Hnde kte, und unter einem
Strom von Thrnen wiederholt rief: Adalbert, Adalbert, mein Adalbert, bist Du es
wirklich?
    Dieser vernahm kaum den Ton ihrer Stimme, als sich die sanfteste
Freundlichkeit ber das liebe, weiche Angesicht ausbreitete, und er mit aller
Anstrengung seiner erschpften Krfte, ja mit ritterlicher Zierlichkeit, bemhet
war, die Tante vom Boden aufzuheben! Allein sie verharrte in ihrer Stellung, und
sagte, noch immer heftig weinend, la mich so, o la mich so! ich bin Dir nher
und danke zugleich Gott in Demuth fr Deine Rettung. Mein liebstes Kind! es ist
mir wie ein Traum, da ich Dich hier sehe! Ach Adalbert! rief sie, jetzt
Frankreich, ihr eignes und des Neffen Leid beweinend, was ist aus Schlo
Clairval, aus Dir und uns Allen geworden! Wir leben, meine Tante! erwiederte
jener mit besnftigender Stimme, und haben die Ehre gerettet. Hast Du nun auch
Deinem Vaterlande den Rcken gekehrt? fragte die Baronin, und die armen
bethrten Mitbrger verlaen? Ist es denn unvermeidlich geworden, da Ihr Euch
Alle auf eine oder die andere Weise Eurer Pflicht entziehet? Davor bewahre mich
Gott! sagte Adalbert rasch einfallend, nur der Schuld entziehen wir uns! Der
Degen, den mir mein Knig im Nahmen meines Vaterlandes gab, soll kein Blutbeil
werden! Der Soldat, meine Tante treibt nicht des Nachrichters Handwerk! Das
fhlten alle meine Cameraden mit mir, unser Regiment ist aufgelst, das ganze
Officierscorps, in Treue und Ehre verbunden, harret ein jeder, in wrdiger
Zurckgezogenheit, der Stimme seines Volkes das jetzt Teufel bethren!
    Gottlob! rief der Herzog. Er mute sich einen Augenblick auf den Marquis
sttzen, denn seine Standhaftigkeit war durch den allermhseligsten Kampf
erschttert! Doch kaum hatte Adalbert den Ton dieser Stimme gehrt, als ihn
niemand zurck hielt, er glitt vom Sessel auf die Knie nieder, und schleppte
sich, beide Arme ausgebreitet, zu den Fen des todt geglaubten, lang entbehrten
Vaters! Mein Sohn, stammelte der Herzog, noch immer bemhet, die innere Bewegung
zu verbergen! Mein Sohn! rief er endlich, diesen mit aller Gewalt des
berwltigenden Entzckens an die starke, liebevolle Brust drckend.
    Alle hatten sich herzugedrngt, es war, als sei der schne tapfere Vetter
erst in diesem Augenblick der Welt und ihnen insgesammt gegeben. Marie hatte im
Gefhl unaussprechlicher Verehrung auch ein Knie vor dem Herzog gebeugt, und
kte ganz still, dem eignen Herzen Gnge zu thun, die Falten seines Mantels!
Als daher Adalbert zuerst von der Brust des Vaters aufblickte, sah er das
weinende Mdchen an seiner Seite. Er reichte ihr sehr gerhrt die Hand, und als
die Tante rief: Deine kleine Cousine Villeroi, so umarmten beide niegesehene
Verwandte einander in dieser Stellung, welche ohnehin die Form gewohnter Sitte
weit hinter sich lie.
    Antonie sah zwischen dem Vater und der Tante hin, sehr ernst, fast
gebietend, auf beide nieder, so da Adalbert, als er auch auf sie durch die
Tante aufmerksam gemacht ward, den Blick senkte, und sie mit ehrfurchtsvoller
Scheu, den Kopf tief neigend, begrte.
    Die Freude ist ein Balsam, der oft schneller und wirksamer heilt, als die
erprobteste Arzenei. Adalbert fhlte sich gehoben, frei und stark in der Brust.
Sein Blut flo so leicht durch die Adern, sein Herz klopfte so frei und ruhig.
Alle gewannen dadurch Muth, auch an sich zu denken. Man freuete sich der endlich
errungenen Bequemlichkeit, erfrischte und strkte sich, und setzte dem Wunsch,
sich mitzutheilen, und voneinander zu hren, lnger keine ngstigende Grnzen.
Der Herzog sorgte inde fr Adalberts Gesundheit und behagliches Sein, mit einer
Zrtlichkeit, welche doppelt rhrend war, jemehr sie unwillkhrlich aus dem
gehaltensten und festesten Innern hervorbrach. Er bestand darauf, da der Kranke
seinen vorigen Platz einnehme, holte selbst Mntel und Decken herbei, um ihn vor
der eindringenden Zugluft zu bewahren, er beugte sich zur Erde nieder, und
umlegte und umwand den Sessel damit, ja die frher bezhmte Liebe wute sich auf
keine Weise selbst zu gngen, und Vater und Sohn schienen in die zarten
Verhltnisse zurckgekehrt, wo die unbeholfene Kindheit noch des Vterlichen
Beistandes bedarf, und die gegenseitige Beziehung zu einander durch leibliche
Nothwendigkeit fester zusammengezogen erscheint. Auch war Adalbert schmeichelnd
und gerhrt wie ein Kind. Er lie des Vaters Hand nicht aus der seinen, und
richtete alle seine Worte ausschlieend an ihn, als habe er nur ihm von einem
ganzen Leben Rechenschaft zu geben.
    Die Ereignisse der letzten Tage wurden bald das ausschlieende Gesprch.
Adalbert hatte wenig mehr zu sagen, als der Vater bereits wute. Seit der
Einnahme von Lyon und Robespierres Blutherrschaft hatte sich sein Regiment
aufgelst. Er hatte denselben Weg wie sie gemacht, und war wenige Stunden vor
ihnen auf der Stelle liegen geblieben, wo sie ihn gefunden, Erschpfung und
Anstrengung hatten seine, bey Lyon empfangene, Wunden aufgerissen, er mute
sterben, wenn sie ihn nicht retteten. Marie umarmte bei diesen Worten Antonien,
sie schmeichelte der Tante, Giannina nahm den kleinen Alexis auf den Schoos,
herzte ihn, und erlaubte ihm willig, mit einem kleinen Riechflschchen zu
spielen, das sie an einer feinen Kette um den Hals trug. Antonie sah sie
befremdet an, sie konnte ihre Liebkosungen nicht erwiedern, es ngstete sie
selbst das frhliche Wesen, ihre Brust war durch alles Vorhergehende beklemmt,
sie drckte, wie sie es in solchen Augenblicken oft that, die Hand gegen die
Brust, um tief aus dem Innern heraus zu athmen, da durchschauerte sie etwas
Unbegreifliches, es zog wie der zitternde Hauch eines warmen Luftstromes durch
sie hin, Thrnen traten ihr in die Augen, sie kte die Schwester leise und
zrtlich.
    Die Nacht foderte inde jeden zu Schlaf und Ruhe auf. Auch gebot der Herzog
bald Stille, und da nur das eine Zimmer und weiter keine Lagersttten vorhanden
waren, so muten sich alle bequemen, in ihren Sesseln beieinander zu
bernachten. Fr den Kranken ward ausschlieend gesorgt, die andern richteten
sich ein, wie es eben ging.
    Alle schliefen bald. Nur Antonie fand keine Ruhe; ihr brannte es wie Feuer
in den Adern. Sie stand auf, schlich leise im Zimmer auf und ab, und lie ihre
Blicke leicht ber die Schlafenden hingleiten. So oft sie Adalbert nahe trat,
oder ihr Auge fest auf ihn richten wollte, ward dessen Schlaf unruhig, er warf
sich hin und her, und sie mute sich abwenden, aus Furcht, ihn zu erwecken.
Unwillkhrlich sah sie von ihm weg auf Marien hin; und mute sich gestehn, da
sie nie ein zarteres Engelskpfchen gesehen habe. Hchst unbefangen sa die
Kleine, beide Hnde ber der Brust gefaltet, neben der Tante, ihr Kopf war
dieser auf die Schultern gesunken, die blonden Lckchen kruselten sich weich
ber den Schlfen, ihr Schatten lag fast wie ein Nebelstreifen auf dem klaren,
ruhigen Gesicht. Zu ihren Fen sa Alexis, den kleinen Krauskopf halb in ihrem
Schoo verhllt.

                                Eilftes Kapitel


Der anbrechende Tag fand Antonien noch ruhelos, am Kamine sitzend, und
beschftiget, die Flamme hell und lebendig darin zu erhalten. Ob sie gleich
selbst von ungewohnter Hitze brannte, so konnte sie doch nicht fort von dem
beweglichen Elemente, das den dunklen Fragen ihrer Seele geheime Antwort zu
geben schien. Sie fhlte eine Unendlichkeit in sich, und hatte kein Wort, kein
Bild, keinen Gedanken dafr, hier sah sie Unendliches auer sich, senkte
tiefsinnig den Blick hinein, und empfand mit geheimer Wollust ihr eigenes Wesen
wieder. So trumte sie bewutlos fort, bis ihr Auge und Wangen unertrglich
brannten. Sie hielt die Hand schtzend vor der Flamme, und lftete mit der
andern das sittig anschlieende Busentuch, als zu ihrem Schrecken der
vergessene, blutgefleckte Schleier in ihren Schoos niederfiel. Mein Gott! rief
sie, dies Blut! - sein Blut - so nahe trug ich's auf dem Herzen! - sie schauerte
zusammen, barg das Gesicht in beide Hnde, und stammelte leise: O Gott! O Gott!
es ist mein eigenes Herzensblut geworden!
    Jetzt fhlte sie, wie alles war, sie wute es, sie sagte es sich ganz
bestimmt. - Der also, dachte sie, der ward mir so unleugbar auf diesen Wege
zugefhrt! Darum muten wir hierher und grade hierher - wie leicht konnte es
anders sein! Mein armer Freund! und Dein Blut mute flieen! sie sah mit tiefer,
wehmthiger Zrtlichkeit zu ihm hin. Er war erwacht, und schien etwas betroffen
ihrem Blicke zu begegnen. Es war gewi, man konnte nichts Schneres, nichts
Ergreifenderes sehen, als sie in diesem Augenblick. Der strenge Ernst ihrer
Mienen war erweicht, ihre Wangen glheten wie zwei Purpurrosen, das Haar war
fest geordnet, die Stirn frei und der knigliche Blick von sanfter Trauer ber
des verhngnivolle, schne, schmerzliche, Leben gemildert. Die lnglich feinen
Hnde waren herabgesunken, Hals und Kopf weniger gehoben als sonst, es war, als
sei ihr Stolz, ihr Muth, ihr Herz, gebrochen!
    Doch jetzt war auch Marie erwacht. Sie rieb mit beiden Hndchen die Augen
klar, dann faltete sie sie wieder, und betete leise, ohne aufzusehen. Ihre
Lippen bewegten sich anmuthig wie zwei Rosenknospen, die im suselnden
Morgenhauch einander leicht berhren, Adalbert glaubte, das linde Wehen zu
fhlen, als sie hell aufsah, wie die Freude lchelte, ihn schweigend grte, und
nur mit Zeichen fragte, ob seine Wunden noch schmerzten? aus Furcht, den Schlaf
der Andern zu stren. Ihre Bewegungen hatten dabei so viel Liebliches, und wenn
sie die Hand mit der allerschuldlosesten Unbefangenheit bald hier bald dort auf
die Brust legte, um die Stelle seiner Wunden anzudeuten, so hatte es fast das
Ansehn, als betheure sie irgend eine liebevolle Zusicherung, so da Adalbert,
auf das Anmuthigste gerhrt, lebhaft wnschte, es mchte so sein, und, einen
Augenblick dem sen Wahne nachgebend, so viel Zrtlichkeit und Ergebung in
seine Geberden- und Zeichensprache legte, da Antonie, davon erschreckt,
unwillkhrlich in die Hhe fuhr, und durch das etwas heftige Fortschieben ihres
Stuhles die Andern erweckte.
    Jetzt ward alles laut und lebendig. Man hatte sich begrt, befragt, Mittel
und Wege zur weitern Reise bestimmt, Alles war bereit. Adalbert sollte Antoniens
Platz in der Baronin Wagen einnehmen. Antonie hatte sich einmal zu den Mnnern
gesellt, sie mute jetzt schon den unbequemern Sitz, und das luftigere Fuhrwerk,
welches beide, wenn sie nicht ritten, vorzugsweise gewhlt hatten, dem kranken
Vetter zu Liebe, ertragen. Der Herzog wollte nun einmal keine von den andern
Frauen neben sich haben, er frchtete ihr verzrteltes Wesen, er kannte Antonien
nur gesund, fest, und in jedem Augenblick Muthvoll. So blieb es dann dabei, da
Adalbert Marien gegenber, im fest verschlossenen Reisewagen sa, und sie ihn
fr mehrern Stunden aus den Augen verlor. Zwar hatte er sich nur mhsam in die
Anordnung gefgt, und der gtigen Freundin so verbindlich und rhrend fr das
groe Opfer gedankt, welches sie so willig bringe, da sie gern tausendmal fr
ihn gestorben wre, aber er reiste mit Marien, und ihr Herz litt von doppelten
Qualen. -
    In hnlicher Stimmung verlebte sie alle folgende Reisetage. Es half ihr
wenig, da sie sich rasch fortbewegte, und die Gegenstnde um sie her
wechselten, denn, obgleich die fortrollenden Rder zu irgend einem Ziele
fhrten, so war dieses doch ungekannt, ja ungewi, da es stets von Umstnden
abhing, ob sie da oder dort verweilen wrden. Zudem war jedes weitere Vordringen
ein neues Abreien, ein neuer Kampf, denn hatten die frh einbrechenden Abende
alle an irgend einem Orte versammelt, wo sie bernachteten, machten sie dort nur
eine Familie aus, drngte die Unbekanntschaft mit auswrtigen Umgebungen, die
Fremdlinge auf einander zurck, so ri sie der folgende Morgen wieder
auseinander, ja warf sie oftmals auf andere Wege, wo sie sich nicht begegneten,
denn der Herzog liebte, mit dem beweglichern, leicht gebaueten Wagen,
Seitenpfade einzuschlagen, wohin die andern nicht folgen konnten. Seiner
Ungeduld, seinem Hinstrmen auf ein Ziel, mute sich alles fgen. Der Marquis
war froh, an Ort und Stelle zu kommen, und lie ihn gewhren. Antonie schwieg;
aber von da hatte sie nur ein Augenmerk, ein Einziges, was sie beschftigte, und
zwar, wie weit jener Wagen zurckbleibe, und ob er sie beim Wechseln der Pferde,
beim nothwendigen Aufenthalt einer halben oder ganzen Stunde, ihrerseits, nicht
einholen knne? und lie dies Zusammentreffen auch nichts als einen flchtigen
Gru, eine Erkundigung, den gemeinschaftlichen Genu irgend einer Erfrischung
zu, man trat doch in eine Art von Verhltni zu einander, denn es entging ihr
nicht, wie die vielen kleinen Zuflligkeiten, die gemeinsamen Begegnisse, die
Vertraulichkeit jener mehrten, wie das uere Berhren auch ein inneres ward,
wie die Gemther mit den Verhltnissen zusammenfielen; deshalb wnschte sie,
bald die Zeit beflgeln, bald ihren Lauf anhalten zu knnen. So berechnete sie
stets, und nahm ngstlich dies und jenes zum Maastabe an. Doch ward ihre Brust
oft grade da zerschnitten, wo sie Trost erwartete.
    Einst fgte es sich, da beide Wagen am Ausgang eines Waldes zusammentrafen.
Antonie hatte lngst Stimmen hinter sich gehrt, welche immer in der
Waldumgrnzung vernehmlicher herberklingen. Sie war hchst erfreuet, und sah
mit Vergngen, wie sie eine Zeitlang, auf ganz gleichlaufenden Wegen, neben
einander hinfuhren, als, hchst unerwnscht, der Postillon des grern Wagens
einen Vorsprung zu gewinnen suchte, und der Herzog, sein frheres Recht
behauptend, selbst in die Zgel griff, die Pferde ungestm antrieb, ber Stock
und Stein hinflog, und einen Wettstreit veranlate, der wenig Erfreuliches
erwarten lie. Auch trafen sie bei der Einbiegung in einen Hohlweg so heftig
zusammen, da des Herzogs Wagen halb umgeworfen, gegen die Seitenwand gedrckt
ward, und smmtliche Pferde in einer Verwirrung drunter und drber hinstrzten,
da alles wie ein Knuel todt und beschdigt ineinander zu liegen schien. Der
Herzog gerieth auer sich. Die Erinnerung jenes unglcklichen Sturzes, der
seiner Freundin das Leben kostete, setzte ihn in ungemessene Wuth, auch der
Marquis fluchte und schimpfte, und gebot mit vorauseilender Heftigkeit, alles
schnell wieder herzustellen. Dies wilde Durcheinanderrufen, das Gekrach des
Falles, die Unbehlflichkeit ihrer Lage, alles gab den Unerfahrenen die grte
Angst, Marie glaubte die Schwester, alle Freunde in Gefahr, und, sich dicht an
Adalbert anklammernd, flehete sie ihn um Rettung. Er fhlte das kleine Herzchen
so ngstlich schlagen, er sah Thrnen in ihren Augen, ihre Hnde lagen bittend
zusammengefaltet in den seinen, er rief bewegt, Marie wer drfte Dich je
ungerhrt weinen sehen! schlang dann seinen Arm dichter um sie, trug sie
geschickt aus dem Wagen den Abhang hinauf, und lie die zierlich feine Gestalt
leise auf einen Stein niedersinken. Marie sah ihm freundlich in die Augen, sie
wollte ihn zu der andern Beistand fortdrngen, doch schien es ihr so undankbar,
sie hatte nicht das Herz dazu, und blieb halb verlegen, halb unbewut, was sie
thue, dem lieben Freunde gegenber, der sich zrtlich ber sie neigte, und einen
flchtigen Ku auf ihre Stirn drckte.
    Als er denn endlich wieder zu der Tante und Antonien eilte, hatte diese den
Verdru, da alles ohne ihn gethan war, und der Herzog bereits, mit dem Verbote,
ihm nicht den Willen zu durchkreuzen, weiter fuhr.
    Auch in den ruhigern Abendstunden ging es ihr nicht besser. Marie hatte
Romanzen und kleine Lieder von dem Vetter gelernt, Giannina begleitete sie auf
der Mandoline, alle drei sangen und musizirten die halben Abende mit einander,
und, seit jenem letzten Vorfalle, flossen Stimmen wie Blicke des Lehrers und der
Schlerin so innig zusammen, da Antonie ihr Elend langsam auf sich zukommen
sah! -
    Es ist eine Tuschung, sagte sie, es kann nicht sein, es soll nicht sein,
das Schicksal hat anders gesprochen! Er darf sich nicht verblenden wollen! Sie
sa des Nachts oft Stundenlang in ihrem Bette auf, und sann, wie es enden werde?
Denn es schien ihr so unertrglich, wie unmglich, da er lange in dieser
ngstigenden Tuschung verharre.
    Deshalb drngte sie sich zu Adalbert, sie horchte auf die Gesprche, in
welche er sich fter mit dem Marquis und seinem Vater ber die gegenwrtige
Verfassungen, ber die Lage Frankreichs, und ihrer aller Beziehung zu dem
Vaterlande, sehr angelegentlich verwickelte. Sie durchdrang schnell seine
Ansicht, und da diese das Allgemeine wie das Einzelne umfate, so war sie bald,
mit unbegreiflicher Gewandheit, ganz heimathlich in dem fremden Gebiete. Beide
lteren Mnner vertheidigten die alte, seit Jahrhunderten geheiligte Form, mit
Feuer und dem nichts aufkommen lassenden Gewicht der Erfahrung. Adalbert fhlte
die Nothwendigkeit einer Umwlzung, er sprach lebhaft, schn und eindringlich,
so lange er hoffen konnte, verstanden zu werden, schwieg aber, wenn der Herzog,
vom Gegenstande abspringend, den Schwindelgeist der Jugend angriff. Dann lie
Antonie oftmals einzelne Worte fallen, wie aus Adalberts tiefstem Innern
herausgehoben, welche alle zwangen, auf sie zu merken, und dem Gesprch nicht
selten eine ernstere, auf das Wesentliche zurckgehende, Wendung gaben.
    Auf hnliche Weise griff sie fast berall ein. Oft traf es sich, da bei
vorfallenden Streitigkeiten ber militairische Operationen, Stellungen und
Mrsche der Corps, Adalbert seine Meinung durch einige flchtig auf das Papier
hingeworfene Striche untersttzte, und der Herzog sie dann, mit seinem
Eigensinn, als undeutlich verwarf. Antonie an Sauberkeit und Schrfe der
Umrisse, durch das Kupferstechen und Radiren gewhnt, wute nicht selten im
Fortgange des Sprechens, seine rasche Andeutungen genauer im Kleinen anzugeben,
wodurch der Herzog, schon aus Bewunderung und Liebe fr sie, bezwungen ward.
Adalbert konnte sie nicht bersehen. Sie ri seine Aufmerksamkeit, seine
Verehrung an sich. Doch lie der erste Eindruck eine peinigende Scheu zurck,
und er flchtete nicht selten vor der Gewalt ihrer Herrschaft, zu Mariens
kindlicher, hellen Engelswelt. Ihm hatte das Leben so selten gelacht, die
Verhltnisse der Gesellschaft hatten ihm so groe Schmerzen gegeben! auch jetzt
war er zerrissen in seiner Wirksamkeit, das Ziel blieb ihm verrckt, wie
Vaterland, Stellung zur Welt und Gebrauch der Krfte umdunkelt waren. Er
scheuete Antoniens Ernst, wie den trben Rckblick in die Vergangenheit. Marie
war heiter, ihre kleine Thtigkeit hatte immer etwas Freundliches, das Leben
Anfrischendes, zum Ziel. Man sah so viel Schnes in ihr werden, sie entwickelte
mit jedem Worte, mit jeder That, eine Zukunft aus sich hervor, welche in eine
Welt voll Liebe und Wohlwollen zurckwies. Man ward an nichts Einzelnes bei ihr
erinnert, aber man fhlte sich so ganz, so vollstndig, so bereit, den jungen,
frischen Lebensweg mit ihr einzuschlagen. Adalbert verga, da er je etwas
Widerwrtiges erfahren habe, wenn er bei dem guten Kinde war. Und er war viel um
sie, denn es blieb auf der ganzen Reise bei der frhern Einrichtung, obgleich
seine Gesundheit zum Theil wiederhergestellt war, und er sehr wohl freie Luft,
und anhaltende Bewegung ertragen konnte. Die Tante war einmal an die Art und
Weise gewhnt, der leichte Gang des Gesprchs, die kleinen Neckereien, der
Gesang, ja das liebliche Wechselspiel aufkeimender Neigung, alles erfreute sie.
Ueberdem fand sie es langweilig, da Frauen und Mnner, auf einer ohnehin
beschwerlichen Reise, so ngstlich geschieden, die Tage von einander vertrumen
sollten! Und an einen Umtausch mit Antonien gegen eine der andern Frauen, war
bei des Herzogs Gesinnung nicht zu denken.
    So kamen sie denn, auf eigene Weise gestimmt und verstimmt, endlich in Basel
an. Man hatte, von Bern aus, die nthigen Vorkehrungen getroffen. Der Marquis,
wie der Herzog, fanden wohl eingerichtete Wohnungen. Und ob beide Familien
gleich durch ein paar Straen von einander getrennt waren, so fhlte Adalbert
diesen Zwischenraum sehr strend. Antonie hingegen athmete freier. Alles
verhielt sich nun anders! Beziehungen und Verhltnisse waren gleichmig
vertheilt, ihre Einwirkung auf sein Gemth blieb gehindert, hier ri der Morgen
nicht ein, was der Abend aufgebauet, hier mute das Schicksal erfllen, was es
verheien hatte!
    In der volkreichen, bequem gelegenen Stadt, fanden sich viele Ausgewanderte
zusammen. Mehrere Bekannte aus der Pariser Welt stieen leicht zu einander. Dem
Herzog war der Anblick eines Mitbrgers im Auslande, unter diesen Umstnden, ein
Stich ins Herz. Er vermied jeglichen, so gut sichs thun lie. Die Baronin
hkelte sich an alles an, was ihr die Vergangenheit zurckrief, und bauete sich
aus jedem morschen Bruchstck auch ein Stckchen alte Welt zusammen, sie wute
recht gut, was es damit zu bedeuten habe, aber es sah doch so aus, wie sonst,
und war hbsch und bestechlich. Das Neue, pflegte sie wohl zu sagen, mu erst
aus mir herauswachsen, und ich hinein altern. Jetzt ist es noch so unbequem!
    Unter denen, welche ihr aus den ehemaligen Kreisen am meisten zusagten, war
der Chevalier Cerane. Er hatte viel gereist, viel gesehen, viel erfahren, war
von schneller Umsicht, groer Gewandheit, leicht, und berall, zu Hause, trug
einen Abri jeglicher Wissenschaft und Kunst in sich, und behauptete in jedem
Augenblick ein freundlich, harmlos Gemth. Man sah ihn fast immer in
Gesellschaft zweier Damen, von denen die Prsidentin als die ltere, Wittwe;
Viktorine, ihre Nichte, aber noch verheirathet war. Ohne einer von beiden mit
besonderer Neigung zugethan zu sein, war er durch Gewohnheit an sie gefesselt.
Vertrauet mit ihrem Ideengange, ihrer Vorliebe fr diese oder jene
Lebensansicht, eingepat in Takt und Maa ihrer Gesprchsformeln, wute er
stets, wo er einzugreifen, wie weit er zu gehn habe. Zudem war die Prsidentin
Schriftstellerin, hatte einen scharfen, genauen Blick fr das Einzelne, wute
dies leicht aufzufassen, und nicht ohne Witz zusammenzustellen, ihre
Miniaturbildchen waren daher, der Aehnlichkeit wegen, immer interessant, um so
mehr, da sie alle den Farbeton bekannter, und nur zu sehr vermiter Umgebungen
trugen. Viktorine, jung, elegant, im Gemisch origineller Eitelkeit, mit
Entsagung und Hingebung drappirt, warf sich der Welt als ein interessantes
Rthsel in den Weg, an welchem sich der Chevalier den Kopf zu zerbrechen schien,
ob er sie gleich vollkommen auswendig wute. So waren die drei Personen einander
unentbehrlich geworden. Der Baronin gereichte es zu besonderer Lust, sie um sich
zu versammeln, sie ihre Kunststckchen machen zu laen; und hatte Viktorine
gleich manches gegen die unbefangene Wahrheit dieser Frau, gegen das rasche
Aussprechen ihres Gefhls, einzuwenden, rgerte sie ihr festhaltender Blick, der
sich dieser, unwillkhrlich, bis auf den Grund fremder Gemther senkte, so fand
sie sich dennoch durch ihre Auszeichnung geschmeichelt, und, der Eigenliebe
nichts zu vergeben, berredete sie sich, die Baronin suche ihren Umgang, die
still erzogenen Nichten zu bilden.
    Antonie sah inde streng und kalt, wie ein altes Steinbild, das man zufllig
in einen modernen Gesellschaftssaal geschoben htte, in jene Kreise hinein. Sie
trug nichts in sich, was sie mit dem Fremden verbinden konnte. Die Welt lag ihr
fern, was sie von Menschen kannte, war ihr nur durch Beziehungen lieb, und das
einzige Wesen, in welchem Leben und Schmerz und Seeligkeit zusammenflossen, das
trat ihr, wie die eigene Seele, weit aus dem hellen, dreisten Lichtscheine
zurck.
    Mit Marien war es schon anders. Ganz Glck, ganz Freude, im Gefhl still
empfundener, still getheilter Liebe, htte man sie eher mit den lieben Frauen
Bildchen vergleichen knnen, die so selig bescheiden aus dem goldenen Rahmen,
wie aus der freundlichen Schranke weiblichen Gengens, hervorblicken. Ihr
Verhltni zu Adalbert, das schweigend von ihr, wie von allen, auer Antonien
und dem Herzoge, anerkannt ward, schied sie zwar von den Uebrigen, allein da
ltere und reifere Personen sich stets an der zarten Entwickelung kindlicher
Menschen erfreuen, und glckliche Liebe immer einen himmlischen Zauber ber
solche verbreitet, die sie in sittiger Verborgenheit hegen, so behauptete Marie
doch unwillkhrlich einen erfreulichen Platz in der Gesellschaft; vorzglich
rumten ihr diesen grade diejenigen Frauen ein, welche den schmalen Pa, der sie
in die Matronenkreise hinberfhrt, schon zur Hlfte hinter sich hatten, und das
mhsam bezwungene Herz noch an jenen Nachklngen bestechlich erweichten. Die
Mnner hingegen, denen eine Verlobte oder bestimmt Liebende meist uninteressant
wird, gaben Antonien, des Abentheuerlichen ihrer Erscheinung wegen, grere
Aufmerksamkeit. Wie still, wie untheilnehmend sie auch dasa, ihr lautloses
Erscheinen, einzelne tief hervorgeholte Worte, ihr dunkelglhendes Auge, das
langsame Schreiten durch die Zimmer hin, und wieder die jhe Hast in Mienen und
Geberden, die bei einzelnen Vorfllen heiter wie elektrische Funken
durchbrachen, alles an ihr bte die Magie des Unbegreiflichen, der selten irgend
ein Gemth widersteht. Der Chevalier besonders sah mit einer Art
leidenschaftlicher Neugier auf sie hin. Sie gehrte zu dem Wenigen, was er nicht
bequem in seiner eigenen Stellung zur Welt erfassen konnte, und doch so gern
verstanden, mit vielem andern, was er besa, in Uebereinstimmung gebracht htte!
Er nherte sich ihr deshalb, und fhlte leise in sie hinein, welche Satte er
anzuschlagen habe? Antoniens krzlich zurckgelegte Reise gab sehr natrliche
Veranlassung, das Gesprch zu erffnen. Sie uerte sich gern darber, sie trug
jene Bilder immer in ihrer Seele, von dem Uebergange ber den Bernhard, den
steilen einsamen Pfaden, den gewaltigen Riesenmassen, an denen sich diese
hinwinden, von der Groheit und tiefsinnigen Ruhe der Natur in den unterhalb
liegenden Thlern, redete sie mit Liebe und Rhrung. Der Chevalier hatte nicht
sobald ihr Hinneigen zu groen Naturgegenstnden entdeckt, als er sie geschickt
auf das, was er in der Art gesehen und erfahren, auf seine Reisen, auf seinen
Aufenthalt in den Amerikanischen Inseln, zu lenken wute. Er besa die
Gewandheit aller der Menschen, die sich mehr bei dem Gesehenen als dem dabei
Empfundenen aufzuhalten pflegen, und jenes in anschaulicher Deutlichkeit und
eigenthmlichem Farbentone auer sich hinzustellen wissen. Antonie hrte ihm
aufmerksam zu Nichts von allem, was er schilderte, war ihr fremd, es war, als
rede er von ihrer Heimath, er ri sie aus der trumerischen Gegenwart heraus, in
welcher ihr alles dmmernd und unklar erschien, sie folgte ihm willig zum
fremden tief hallenden Strande, die Natur war dort eine andere, auch ihr
Geschick ward dort ein anderes, Adalbert war um sie, bis dahin waren sie
geflchtet, das trgerische Europa weit hinter sich lassend, nun Durchzogen sie
die gewaltigen Wlder, ber ihnen ein fremder Himmel, in seinen Gezelten
schweift der mchtige Riesengeier in weit gezogenen Kreisen, fremde Stimmen
schlagen an ihr Ohr, ungeheure Thiere sehen bedrohlich auf sie hin, ein
ungekannt Geschlecht scheint sich ihrer zu verwundern, allein mit dem Geliebten
in der fremd belebten Wste brennen ihre Herzen in der Tropen ewigen Gluth
zusammen. Antonie war ganz Ohr, ganz inneres, unaussprechlich heies, flammendes
Leben!
    So fanden sich denn beide aus ganz verschiedener Ursach, in ganz
entgegengesetzter Richtung des Innern, uerlich stets zusammen. Es blieb nicht
unbemerkt, man lchelte und spottete freundlich darber. Und wirklich hatte sich
der Chevalier, indem er ein Gemth auf groen Umwegen ergrnden wollte, in
diesem verloren, und die Herrschaft ber sich selbst auf eine Weise eingebt,
wie es denen immer geht, welche sich an etwas wagen, was ber ihre Krfte hinaus
reicht. Schon konnte er nicht von Antonien getrennt sein, ohne eine lebhafte
Unruhe zu empfinden, die so merklich aus der gezwungenen Haltung seines
Gesprchs, aus dem mhsamen Abwenden seiner Blicke von der Thr wo sie
einzutreten pflegte, aus allen den kleinen Bewegungen hervorleuchtete, welche
ein erfahrenes Auge niemals bersieht, da die Baronin ihre herzliche Freude
daran hatte. Denn ihr konnte es nicht ganz entgehn, was Antonie, obgleich
dunkel, doch ihr vernehmlich, ahnden lie. Sie sah jetzt einen Ausweg aus dieser
entstehenden Verwirrung, und lobte sich im Stillen den Zauber geselligen
Verkehrs, der leicht und freudig das Strende ausgleiche, wenn die Einsamkeit
jede Anregung mit ngstigender Gewalt anpacke, und alles so einzeln und deshalb
so ungeheuer hinstelle.
    Frhlich wie sie war, dachte sie nur an Frohes. Kleine gesellige Feste waren
ihr von je eine liebe Unterhaltung, und jetzt riefen sie ihr die Zeit zurck, wo
die Menschen in Ruhe und Sicherheit, sich selbst, ihrer Regierung, und ihrem
Gott vertrauend, mit dem Leben ein heiteres Spiel trieben. Die Ruhe war
wenigstens in ihrer Nhe scheinbar begrndet. Der Herzog weniger strmisch, von
Zeit zu Zeit sogar huslich in ihrer Mitte, der Marquis, in der Gesellschaft
eines niederschsischen Arztes, dessen Bekanntschaft er gemacht, wohl
unterhalten, alles hatte ein zufriedenes Ansehn. Sie erinnerte sich jetzt, da
sie in diesem Jahre das Fest der heiligen drei Knige zu feiern vergessen, da
sie dies nicht vorbei gehn lassen, da sie es nachfeiern mten. Alle stimmten
ihr bei, es ward zum Tage Maria festgesetzt. Die lustige Knigswahl, welche an
diesem Feste, in ganz Frankreich, durch das ohngefhre Zufallen einer, in einen
Kuchen hineingebackenen, Bohne, scherzhaft getroffen, und fr einen Abend
behauptet wird, gab schon vorher Stoff zu mancher Lust und mancher Neckerei. Der
Tag kam. Das Loos entschied fr den Chevalier. Ihm blieb die Wahl einer Knigin.
Er besann sich einen Augenblick, dann reichte er Antonien nicht ohne Rhrung die
Hand. Antonie hatte anders gewnscht, anders gehofft, Einer konnte ihrer Meinung
nach, hier nur Knig sein! Das Loos hatte sich vergriffen. Sie sah zgernd
umher, sie erwartete, alle sollten fhlen wie sie! eine Gegenwahl schien ihr
natrlich. Aber statt dessen drngte man sie, dem Herrscher zu folgen, ihr Herz
stubte sich selbst gegen das augenblickliche Spiel, und sie schritt neben dem
fremden, ihr aufgedrungenen Mann, mit unbeschreiblichem Stolz und wahrhaft
kniglicher Miene einher. Alle huldigten ihr, und Adalbert neigte, als ihr vom
Knig erwhlter Hofmarschall, halb scherzhaft, halb in berraschender
Aufwallung, ein Knie vor der schnen Gebieterin.
    Whrend dem Abendessen ward die Freude, wie immer, ungebundener. Der Wein
entfesselte manche Zunge. Die kurze Lust steigerte sich mit jedem Augenblick, es
schien, sie wolle ihr Maa auf lange Zeit erschpfen. Adalbert sang mit sehr
schner Stimme Kriegslieder, er sa neben Marien, Antonien gegenber, er trank
rasch und viel, unter stetem Sprechen und Singen. Mienen und Geberden waren
unendlich beredet. Er schien Antonien etwas sagen zu mssen, sagen zu wollen, er
machte oft eine Bewegung zu ihr hin, doch der Herzog, ebenfalls vom Weine
angeregt, verlie fast Antoniens Sessel nicht. Endlich hoben sie die Tafel auf.
Adalbert nahete sich Antonien, er zog sie leise in ein Fenster, und, die
glhenden Finger auf ihre Hand gelegt, sagte er heimlich flsternd, meine
Freundin, meine Knigin, ein Wort von Ihren Lippen kann zwei Menschen beglcken,
wollen Sie es sprechen? Antonie, unfhig zu reden, die Gluth seiner Finger wie
heie Zangen an ihrem Herzen fhlend, athmete kaum. Adalbert ri unruhig ihre
Hand an seine Brust, und sagte nun heftig und schnell: Antonie, Sie haben Gewalt
ber meinen Vater, ich liebe Marien mehr wie mein Leben, sagen Sie ihm, da er
mir sie gebe, ich kann sonst nicht in Europa bleiben, sie allein kann mich mit
dem Schicksale vershnen, ich fliehe sonst in einen andern Welttheil, der Sohn
geht ihm fr immer, sagen Sie ihm das Antonie, fr immer verloren! O! meine
schne Schwester, reden Sie, reden Sie fr mich! Wollen Sie? Antonie hatte
lngst nichts mehr gehrt, sie sah nur die Bewegung seiner Lippen, sein Athem
berhrte sie, sie war wie eine Trumende und erwiederte Gedankenlos auf sein
wiederholtes Fragen, ein dumpfes Ja.
    Der Herzog hatte sie, wie den Sohn, genau beobachtet, er trat zu ihr, als
jener sie verlie. In seiner Seele war nur ein Gedanke. Er fragte zrtlich: Ist
alles richtig? seid Ihr einig? Antonie sah ihn krankhaft lchelnd an, und
wiederholte ihr freudloses Ja.
    Voll Entzcken eilte er nun zu Adalbert, drckte ihn ungestm an die Brust,
und als dieser fast erstaunt fragt, habe ich Ihre Einwilligung? - fllt er ihm
heftig in die Rede, und bekrftigt seine Zusage mit einem heilig gegebenen
Worte. Doch, gelhmt vor Schreck, bleibt er stumm, als auch Marie seine Hand
fate und beide Glckliche sich umarmen.
    Das Wort war gegeben. Pflicht und Ehre waren Brge geworden. Er hatte nichts
mehr zu sagen. Wie ein groer Migriff sah ihn der ganze Abend an. Das
Unvermeidliche war nicht zu vermeiden. Er fhlte das tief, und stand noch in
sich versunken, als sich der Marquis, die Baronin, alle um ihn versammelten, und
Adalbert, der sich nicht kannte, der alles schon beendigt, sein Glck vollkommen
gesichert wissen wollte, ihm anlag, Heute, noch diesen Abend, die Trauung
vollziehn zu laen. Der Herzog nickte bejahend mit dem Kopfe. Ein Geistlicher
war zur Stelle, die Tante flocht Marien das kleine Orangenbouquet durch das
Haar, Adalbert brachte Antonien, welche sich auf dergleichen verstand, die
beiden verbundene Ringe Mariens, mit der Bitte, sie geschickt von einander zu
lsen. Ohne Verwunderung blicken zu laen, ja ohne Theilnahme irgend einer Art,
empfing sie die Ringe. Sie trat damit zum Licht, und, eine kleine Zange aus
einem Portefeuille nehmend, brach sie hin und her an der Verbindung. Sie schien
selbst nicht zu wissen, was sie thue, denn pltzlich brachen beide Ringe
entzwei, und das Stiftchen was sie zusammenhielt, flog weit davon. Im selben
Augenblick drang es wie ein helles Lachen aus Antoniens Brust, sie sank nieder
zur Erde und blieb bewutlos liegen.
    Der Deutsche Arzt, welcher zugegen war, und die Unglckliche schon lngst
theilnehmend betrachtete, sprang auf sie zu, und trug sie zum Zimmer hinaus.
    Doch Adelbert war Heut durch nichts zu erschrecken, durch nichts zu stren,
er sorgte schnell fr zwei andere Ringe und die Ceremonie ward ohne Antonien,
doch nicht ohne bange, ngstigende Vorgefhle, vollzogen.


                                  Drittes Buch

                                Zwlftes Kapitel

Der Arzt sa inde bei Antoniens Bett, und that behutsam einige leise Fragen an
sie, welche sie langsam und mit groer Anstrengung beantwortete. Ueberhaupt
schien ihr Zustand ganz dem hnlich, welchen die Aebtissin frherhin mit so
groer Bewegung erwhnte.
    Der vorsichtige Mann trug Sorge, sie vor jedem Ueberfalle, vor jeder
unwillkommenen Strung, zu bewahren. Er verweigerte selbst den Freunden allen
Zutritt, und senkte, was er unwillkhrlich erfahren, gewissenhaft in die
verschlossene Tiefen seiner Seele. Doch konnte er es so wenig wissen, als
verhindern, da sich Alexis in der Nacht unbemerkt auf sein Brettchen warf, das
nur durch eine dnne Bretterwand von Antoniens Lager getrennt war. Und erst viel
spter traten die Vorstellungen hervor, welche das Kind wie im Traume berhrten.
    Als es darauf am folgenden Morgen in Adalbert Tag ward, besannen sich auch
die Andern, und erschraken fast ber den gestrigen Taumel, der, so
unvorbereitet, eine wirkliche, bleibende That veranlate. Die ruhig-gesetzliche
Klarheit um sie her schob die Erinnerung ihrer raschen Freude in den
Hintergrund, und, wie ein Vorwurf, wie eine Warnung, reiheten sich Antonie, ihr
Zusammenstrtzen, der helle Schrei, der ihrer Brust entfuhr, der Vorfall mit den
Ringen, an den bleichen Saum der Nacht, und schienen in den hellen Tag herber
zu sehen. Adalbert allein blieb heiter. Ihm war, wie Jemand, der von einem
ersehnten Gute trumt, mit Bangigkeit erwacht, und sich pltzlich im Besitz
desselben sieht. Das Ziel seiner Wnsche schien erreicht Er wollte sein Dasein
nur dauernd begrnden. Tausend Plane flogen ihm durch den Sinn. Frankreichs
Schicksal konnte nicht lange unentschieden bleiben. Seiner Rckkehr dahin lag,
bei gemigterer Verfassung, nichts im Wege. Er hatte fr die Freiheit mit
strengem Eifer, mit Auszeichnung, gefochten, sich allein ruchloser Willkhr
entzogen. Alle natrliche Bande zwischen dem Vaterlande und ihm waren
unzerschnitten, und konnten sich in jedem Augenblicke enger zusammenziehn. Er
hatte das nie so angesehen, nie so empfunden. Frher erwartete er, alles annoch
Bestehende werde zusammenbrechen, und aus dem allgemeinen Umsturz solle das Neue
und Bessere hervorgehn; jetzt glaubte er an ein mgliches Zurcktreten der
berstrmenden Willenskraft, er hoffte auf eine weise, begtigende Hand, welche
die Grnzen aufs neue scharf und bestimmt ziehe. Alle konnten noch glcklich,
noch zufrieden werden; er rechnete darauf mit einer Zuversicht, wie sie nur der
Glckliche kennt. Marie theilte seine Hoffnungen, ihr huslichansiedelnd Gemth
schuf sich in Gedanken schon all die freudige Wirksamkeit, die ein heimathliches
Eigenthum der thtigen Frauenliebe bereitet.
    So innig froh durch Besitz und Hoffnung, empfingen beide junge Gatten ihre
glckwnschenden Freunde. Mariens Gesichtchen glnzte wie der Schmelz des
Frhrothes. Sie war nur durch Eines beunruhigt. Die Schwester gab ihr Sorgen,
und Niemand wute recht, wie es mit ihr stehe? Endlich trat der Arzt in das
Zimmer. Ein jeder bestrmte ihn mit Fragen. Der Chevalier war kaum noch Herr
seiner Ungeduld. Er trug die Gewiheit dessen, was Antoniens Uebelbefinden zum
Grunde lag, dunkel in sich, die innere Angst sagte ihm etwas, das er nicht
sogleich verstehn mochte. Jetzt erschien ihm der ernste deutsche Mann wie ein
rettender Engel. Er hoffte, dieser solle etwas anders, etwas ganz Gewhnliches,
ber jenes Ereigni sagen, er flchtete sich mit seinen Sorgen schon dahinter,
als dieser, die Ungeduldigen hflich abwehrend, seinen Platz neben der Baronin
nahm, und mit seiner gewohnten Besonnenheit sagte: Der Arzt besonders soll
bescheiden in der Beurtheilung solcher Flle sein, welche nicht in der
aufgedeckten Folgereihe wirkender Motive und Ursachen liegen, da seine
Wissenschaft, vielleicht mehr als jede andere, mit der geheimnivollen,
unerforschten, Natur verkehrt. Er darf so wenig einzelne Anklnge zu
ausgesprochenen Worten umbilden, als sie berhren wollen. Er soll stets mit
stillem, tief in das Innere zurckgehenden Sinn beobachten, aber weder die
Sucht, etwas Auerordentliches aufgefunden zu haben, noch der kleinliche Kitzel,
Entdeckungen Anderer verspotten zu wollen, darf ihn auf Nebenwege verlocken. Die
heilige Ehrfurcht gegen das Wesen der Dinge erlaubt kein allzudreistes
Hervortreten, und deshalb ist dem Arzt besonnenes Schweigen unerlliche
Pflicht.
    Hiermit schwieg er wirklich, und niemand gewann sogleich den Muth zu
erneueter Frage. Die Baronin allein, ob er gleich ihre eigenste Meinung ganz
unleugbar aussprach, wollte es dennoch hierbei nicht bewenden laen. Es schien
ihr zuviel laut geworden zu sein, um es so unberhrt bei Seite zu legen. Sie
selbst hatte gestern in der Ueberraschung manches ber Antoniens wunderbares
Wesen, die inneren Offenbarungen, welche sie frherhin schmerzhaft durchzuckten,
und alle in ihr erspheten Eigenthmlichkeiten, fallen lassen, sie wollte jenen
Aeuerungen das Abentheuerliche benehmen, indem sie dem Arzt zwang,
umstndlicher auf das Vorliegende einzugehn. Deshalb sagte sie: wie sehr Sie im
Allgemeinen recht haben, empfindet niemand deutlicher als ich. Doch thut es im
Einzelnen fters Noth, da des Erfahrenen Urtheil schwankende Vorstellungen
berichtige, da Irrthmer und Abwege ja allein daraus entstehn, da wir auf
keinem sichern Grunde Fu gefat, und nur auf flchtigen Erdschollen unsere
systematische Gebude aufgethrmt haben. Sie fuhr jetzt fort, manches kluge Wort
ber Antonien zu reden, und alles zur Sprache zu bringen, was sie selbst ber
diese wute.
    Es ist unleugbar, erwiederte der Arzt, nach einigem Besinnen, und wir drfen
es wohl mit Zuversicht behaupten, da, wie in allem organischen Leben
Wechselbeziehungen statt finden, diese sich auch unter den Menschen, sowohl
gegenseitig, als der bewutlosen Natur gegenber, offenbaren. Was hier nun
jedesmal das Vermittelnde ist, ob ein Aeueres, oder ein Inneres, ob beides
zugleich? der sinnvolle, denkende Beobachter wird es prfen, ohne gleichwohl
seinen Muthmaungen den Stempel der Unfehlbarkeit aufzudrcken. Vieles, das
sehen wir wohl, soll dem Einzelnen dunkel bleiben, was ber seinen Zeitmoment
hinaus liegt. Die ganze Menschheit reift immer erst langsam in eine groe Idee
hinein, und diese entwickelt sich whrend dem durch das Leben selbst aus ihrer
Wurzel rein heraus. Die Natur macht uns den Umgang mit ihr nicht allezeit
leicht. Sie verkndet sich dem Einen heut, und scheint sich dem Andern Morgen zu
widersprechen. Sie wirft uns groe Phnomene wie Rthsel in den Weg. Der Mensch
soll sich daran wagen, aber ich wiederhole es, mit Ehrfurcht und Bescheidenheit,
was zu dreist, zu pltzlich, an das Licht gerissen wird, dem ergeht es wie
solchen alterthmlichen Schtzen, welche lange Zeit der Erde Schoo verbarg, sie
zerbrckeln an der jhen Luftberhrung. Und sicher, wir graben auch nur
versunkene Schtze aus.
    Durch hnliche Wechselbeziehung, sagte die Baronin, welche lange in tiefen
Gedanken da sa, wrden die oft bestrittenen Wirkungen der Sympathie und
Antipathie pltzlich berichtigt sein, und wie diesem, das Knarren einer Thr,
das Schneiden in Kork, das Reiben zweier Metalle aneinander, jenem aber, der
Duft einer Blume, die Ausdnstung eines Thieres, Uebelkeiten und physische
Schmerzen geben, so drften Blick, Ton, Mienen und Geberdensprache, ja die bloe
Atmosphre eines Menschen, anziehende oder abstoende Gewalt ber einen Dritten
ausben knnen, und Neigung oder Abneigung wrde ein Gemth beherrschen, ehe es
sich selbst davon Rechenschaft zu geben wte. Sehr traurig, - fuhr sie fort,
bleibt es, wenn solche Zuflligkeiten ber ein Leben entscheiden sollen.
    Zuflligkeiten, erwiederte der Arzt, drfen wir wohl nichts nennen, was
durch innere Nothwendigkeit begrndet ist. Alles, was die Individualitt eines
Menschen so, oder so bestimmt, geht aus dem Zusammenhang des Ganzen hervor, und
selbst dasjenige, was von auen hereinwirkend, als zufllig betrachtet wird,
bekommt erst durch die innere Gegenkraft seine bleibende Richtung. Man kann
nicht immer sagen, wie das Strende entstanden sei, allein wir empfinden dessen
trben Grund in dem Eindruck, welchen es auf uns macht.
    Das Frchterliche hierbei ist, fiel der Chevalier ein, da man den
Auendingen eine unumschrnkte Gewalt ber sich einrumt, und es den Umstnden
berlassen bleibt, ob zwei Wesen in Conflikt gerathen sollen, welche ohne uere
Vermittelung wohl nie von einander gewut htten. Er seufzte bei diesen Worten
unwillkhrlich, und schien sich seinem bedrohlichen Geschick hinzugeben.
    Vergessen wir nicht, erwiederte der Arzt, da die Natur ein Wechselgesprch
mit uns fhrt, und da die Vernunft auch eine Stimme hat!
    Die Vernunft! rief der Chevalier, ist sie in oder auerhalb dem
Zusammenhange des Ganzen begriffen? Im ersten Fall, wird sie nicht von der
ganzen Folge nothwendiger Fortentwickelungen mit bestimmt werden? Oder, wo
wollen sie ihr sonst ihren Platz anweisen?
    Gewi, nahm die Baronin hier rasch das Wort, ist die Vernunft in jedem
Lebenskreise eingeschlossen, aber wie ein Auge, das alle Verhltnisse
zusammenfat, und zu dem innern Spiegel zurckfhrt, ruht es mitten darinne;
jeder Mensch ist wie ein kleiner Weltherrscher anzusehen, und da keiner dieser
Lebenskreise fr sich allein ist, sondern alle, wie ein Nrnberger Ei, in
einander gefgt sind, so lernt das Auge erst einen, als den Familienkreis,
berschauen, dann geht es weiter und weiter, und umfat die Welt. Wie leicht
wird uns bei einem erweiterten Horizont, und wie sehnen sich alle danach!
    Sie werden mir aber doch nicht streiten, unterbrach sie der Chevalier, da
diese Erweiterung sowohl durch Raum- als Zeitverhltnisse hedingt ist, und da
individuelle, wie allgemein geschichtliche, Entwickelungen hier das ihre thun.
Wie oft, rief er, durch das Gewicht eigener Erfahrung untersttzt, wird dies
innere Auge, um Ihr Gleichni beizubehalten, von undurchdringlichen Nebeln
umschleiert, die so nothwendig, wie unwillkhrlich, aus dem Kampf des Lebens
erwuchsen. Wo, ich bitte sie, bleibt da die Freiheit der Vernunft?
    In sich selbst, entgegnete der Arzt, in dem Vermgen, sich nach Innen zu dem
hchsten Wesen zu flchten, an ihm zu strken, von ihm zu erfahren, was wir
wollen und men!
    Der Chevalier schttelte unglubig den Kopf, als Antonie bleich und schwach,
auf Marien gesttzt, in das Zimmer trat. Man begegnete ihr sehr liebreich, ohne
sie gleichwohl durch zudringliche Fragen oder ein unruhig beeiferndes
Entgegenkommen zu qulen. Es gewann sogar das Ansehen, als lasse man der
Unterhaltung den einmal begonnenen Lauf. Antonie schien wenig auf die Uebrigen
zu merken, sie setzte sich neben Marien ins Fenster, und arbeitete ruhig an
einem Haargeflecht, das sie mit groer Sauberkeit zu ordnen verstand. Zuweilen
blickte sie auf, und hauchte einen flchtigen Ku auf Mariens Stirn; Viktorine
ging mit der Prsidentin das Zimmer auf und ab, der Herzog stand dster auf
Antonien sehend, dieser gegenber, die Andren redeten eifrig, vorzglich fate
der Chevalier den Faden immer wieder auf, sobald die Unterhaltung einen
Augenblick stockte, und da diese von dem Besondern auf das Allgemeine
hinauslief, so schien man den Gegenstand ein fr allemal erschpfen zu wollen.
Adalbert war auch hinzugetreten. Man kam, wie gewhnlich, von Einem in das
Andere; und das gemeinsame Gebiet der Ahndungen, Trume und Vorgefhle, ward
nach allen Richtungen durchzogen. Einige, welche das Allgemeine bestritten,
stellten gleichwohl, unwillkhrlich fortgezogen, einzelne Thatsachen in einem
Gemisch von Unglauben und innerer Scheu als sonderbare Zuflligkeiten auf. Man
sprach hin und her, ber die Mglichkeit wechselseitiger Einwirkung aus der
Ferne. Mehrere bezweifelten sie, andere, unter ihnen der Arzt, meinten, der
Punkt lasse sich schwerlich angeben, wo noch Mittheilung mglich sei,
insbesondere, da man die Agenten keinesweges kenne, welche vermittelnd wirken,
und die verschiedenen Naturen solche auf eigenthmliche Weise fordern und finden
mssen. Der Marquis entschied fr die Nothwendigkeit unsichtbarer Verbindung
durch alle Welten. Er verlor sich in die weiten Sternenrume, bezog ihren Lauf
auf des Menschen Dasein und Bestimmung, und verwirrte sowohl Gegenstand als
Ausgangspunkt des Streites, durch das Viele und Seltsame, was er durcheinander
warf. Ohne so weit auszuholen, sagte Adalbert einlenkend, wrden mehrere
Erfahrungsstze schon hinlnglich fr das Ferngefhl beweisen, und da dieses,
einmal angenommen, auf Schritte, oder Meilen ausgedehnt, seiner Idee nach immer
dasselbe bleibt, so kann ich aus meinem eigenen Leben einen furchtbaren Beitrag
zu vielen andern hierber gesammelten Beobachtungen liefern. Er schwieg einen
Augenblick, und schien die raschen Worte zu bereuen, alles war inde gespannt,
und man drang lebhaft in ihn, fortzufahren.
    Ich hatte, begonn er endlich, in den schnen Jnglingstagen, wo das Herz so
neu und die Hoffnung so frisch und muthig ist eine holde Freundin gefunden, die
ihr junges, liebliches Leben, in der zrtlichen Anhnglichkeit zu mir, jeden Tag
reizender entwickelte. Familienbande hatten sie mir, wie Dich meine Marie, nahe
gebracht. Des Jnglings Seele will durch eine freundlichere Hand geweckt sein,
als die gewohnten Tagesverhltnisse ihm zufhren. Sie berhrt zugleich sein
ganzes Dasein, und ffnet alle verschlossenen Behlter des berschumenden
Jugendlebens. Ich liebte in dem zarten Kinde die Welt, meine Bestimmung, die
Ehre, Gott, eine tiefe unergrndliche Unendlichkeit. Unsere Verbindung
entwickelte sich mit unsern Ansichten und Vorstellungen von dem Leben. Die
Politik der Eltern meiner Geliebten fhrte inde eine andere Sprache als unsere
Herzen, das arme Kind ward fr das Kloster bestimmt. Ich wthete, drohete,
versuchte das Unerhrteste, die Jugend erschpft sich nie in Hoffnungen, aber
sie weicht mit gesunder Kraft schnell dem Unabwendbaren. Ist das Entscheidende
einmal geschehn, so kehrt der Muth in sich selbst zurck, und ertrgt ein Uebel,
das er vorher mit Riesengewalt von sich zu stoen bemht war. Meine junge
Freundin hatte ein ergeben, fgsam Gemth, sie konnte sich dem Willen der Eltern
nicht widersetzen. Aber ihr zartes Herz brach unter den Ketten, die auf ihr
lasteten. Man hatte sie unbarmherzig von der Welt und ihrer freundlichen
Bestimmung geschieden. Ein Jahr lebte sie das trbe, enge Klosterleben, in
zweckloser Vorbereitung, denn sie starb, noch ehe sie den Schleier nahm. Die
Veranlassung ihres Todes blieb mir lange verborgen. Nach mehreren Jahren erfuhr
ich das Nhere hierber aus einem Briefe der Aebtissin jenes Klosters. Es ist
vergebens, schrieb mir diese, man versucht es nie ungestraft, Gott zu tuschen,
hier hat ein unmndig Kind des Herrn Sache gefhrt. Am Tage der Einkleidung -
Adalbert ward durch Antoniens Annherung unterbrochen, sie war aufgestanden und
stellte sich hinter seinen Stuhl, er wandte sich seitwrts gegen sie, und
richtete seine Worte zu ihr hin. Am Tage der Einkleidung, fuhr er fort, war die
Novize bereits im Begriff, den Eid abzulegen, als ein wunderbares Kind betubt
zur Erde sinkt, und in einem Zustande, den ich Schlaf nennen mu, laut in die
Versammlung ruft, und der Freundin heit, das Bild wegwerfen, das sie an goldner
Kette im Busen trgt, es drcke ihr das Herz entzwei! -
    Der Marquis fate Antoniens Hand, die kalt und zitternd in der seinen lag. -
Adalbert hielt einen Augenblick inne, ihre Bewegung auf rckkehrendes Uebelsein
deutend, denn sagte er weiter: Es war mein Bild, mein unglckselig Bild, was auf
dem armen, gequlten Herzen verborgen lag, niemand wute darum, auch das Kind
hatte es nie gesehen. Die Unglckliche bebte bei den frchterlichen Worten, und,
sich zur Aebtissin neigend, reit sie selbst in unvorsichtiger Bewegung das
stumme Zeugni ihrer verrtherischen Liebe an das Licht. Aller Augen richten
sich darauf, dumpfes Murren rollt zu ihr heran, und, als habe sie Gottes Gericht
getroffen, so strzt sie leblos nieder und kehrt niemals zur Vernunft zurck.
    Antonie schlug hier beide Hnde zusammen und mit aufwrtsgerichteten Blicken
ging sie schweigend zur Thr hinaus. Der Marquis und der Arzt folgten ihr nach,
allein sie hatte sich in dem entferntesten Zimmer eingeschlossen, und antwortete
keinem von beiden auf ihr wiederholtes Andringen, eingelassen zu werden, denn
sie lag betend am Boden und gelobte es sich, Gottes Fingerzeig von nun an streng
zu folgen. In ihr war kein Zweifel mehr. Es lag klar und unwidersprechlich vor
ihr; sie war Adalberts Schutzgeist. Schon damals hatte sie ihn vor der ewigen
Verdammni gerettet, einen Meineid veranlat zu haben, das Herz mute brechen,
das er dem Himmel entrissen hatte, ehe es sich neuem Frevel hingab. Spter
hauchte sie den Tod von seiner Stirn, und gestern zerbrachen die unglckseligen
Vermhlungsringe in ihrer Hand, als warnend untrgliches Zeichen. Niemand hatte
das beachtet, sie wute es jetzt, ihr war es Pflicht, ein Band zu trennen, gegen
welches Gott gesprochen hatte. Der Marquis belehrte, rckkehrend, die Anwesenden
von dem Antheil, welchen Antonie an jenem Ereigni hatte. Adalbert erschrak
heftig. So nahe stand ihm das Werkzeug ewiger Rache! Sein Verhltni zu dem
seltsamen Wesen schien ein anderes geworden, und wie eine Geweihete mute er sie
betrachten, als sie ruhig, ja heiter, zur Gesellschaft wiederkehrte.
    Auf Marien hatte Adalberts Erzhlung ebenfalls einen peinlichen Eindruck
gemacht. Die frhe Jugendliebe erschien ihr so reizend! Adalbert noch so innig,
so leidenschaftlich, in ihr fortlebend! Sie erinnerte sich des schnen, frh
gefallenen Opfers gar wohl. Der Tag war ihr immer unvergelich geblieben. Es
war, als she sie die bleiche, schmachtende Gestalt in diesem Augenblicke
niedersinken, und durch eine wunderbare Tuschung der Sinne, lieh sie dieser die
eigenen Zge, wie sie ihr unendlich Leid in sich selbst bertrug. Sie konnte
sich der Thrnen nicht enthalten, ihr Herz schlug so ngstlich, sie sank an
Adalberts Brust, der sie liebreich, aber verstrt und eigen zerstreut, an sich
drckte, ohne gleichwohl nach der Ursach ihres Kummers zu fragen.
    Die Prsidentin nutzte die allgemein verbreitete Stimmung zu ihrem Vortheil,
und sehr berzeugt, da ein jeder willig etwas auer ihm liegendes ergreifen
werde, schlug sie vor, eine von ihr krzlich verfate Dichtung vorzulesen. Sie
hatte richtig geurtheilt. Ihr Anerbieten ward von allen Seiten, sowohl aus
Artigkeit, als Mibehagen mit der innern Gegenwart, angenommen. Man schlo
sogleich einen engen Kreis um die Vorleserin, die, mit voller, angenehmer
Stimme, recht wohltnende Worte las. So viel Behendigkeit sie inde im Auffassen
und Darstellen gesellschaftlicher Verhltnisse, eigenthmlicher Sonderbarkeiten
der Menschen, und daraus entstehender Verwirrungen des Lebens und der
Schicksalsbestimmungen besa, so fehlte es ihr doch gnzlich an Umsicht und
Tiefe, wenn sie ber diese leicht angedeuteten Kreise hinausschweifte. Da sie
nun jetzt durch eigenes und fremdes Migeschick widerwrtig getroffen,
politische Ansichten und Zwecke schrfer ins Auge gefat und hufig in sich
umhergeworfen hatte, so wagte sie sich unbedacht in dies weite Feld; das sie
noch unsicherer betrat, indem sie den Schauplatz nach dem Oriente verlegte,
wohin die Phantasie nur unbequem hinbergetragen und in die entwachsene
Mrchenform gezwngt wurde. Den Zuhrern war dabei, als seien sie auf einem
Maskenball. Bei jedem Schritte stieen sie auf ein Bekanntes, dessen Verkleidung
gleichwohl, wie eine abhaltende Scheidewand, die alte Vertraulichkeit hinderte.
Man war zu Hause und auch wieder nicht, der Standpunkt fr Wahrnehmung und
Mitgefhl blieb verrckt, niemand konnte mit der behaglichen Theilnahme recht zu
Stande kommen, da die Ereignisse, statt frisch und beweglich aus gesunder Wurzel
zu erwachsen, wie eine Reihe aus dem Zusammenhang gerissener Erfahrungsstze,
aufeinander gepackt dalagen, und das Schmerzliche, was ein jeder in der Zeit mit
durchlebt, mit durcharbeitet hatte, das im rstigen Gegenstreit berwunden war,
jetzt schroff und schneidend in die Seele zurckfiel. Zudem griffen die hufig
vorkommenden politischen Diskussionen alte Streitpunkte ungeschickt an, und da
sie smmtlich, auf Zuflligkeiten begrndet, aller soliden Basis ermangelten, so
verletzten sie nicht selten Wahrheit und Sitte, und lieen alle Partheien
unbefriedigt.
    Es stand daher nach beendigter Vorlesung mit der geselligen Heiterkeit um
nichts besser, als zuvor, und die Verlegenheit, mit welcher ein jeder das
drftige Lob ber kaum geffnete Lippen drckte, gehrte in die Reihe aller
peinlichen Zustnde, die an diesem Tage auf einander folgten.
    Der Herzog nahm inde ziemlich mrrisch den Faden der Unterhaltung bei der
eben verhandelten Politik auf, und brachte das Gesprch nach und nach leidlich
in Gang. Er griff die Prsidentin nicht ohne Grnde an, behauptete inde mit
seiner gewohnten Strenge, Frauen haben gar keine Stimme ber ffentliche
Angelegenheiten, weil ihnen der innere, wie der uere Maastab, zu deren
Beurtheilung, fehle. Was, fragte er, wollen Sie als Grundsatz, was als Zweck
annehmen? Sie haben nur Familienruhe, Lebensglanz, oder hchst abentheuerliche
Weltbrgerliche Ideen im Sinne. Gewhnlich ist etwas Einseitiges der trbe Quell
ihrer Ehr- und Freiheitsliebe; ja sie haben kein anderes Vaterland, als den
engen Raum, welchen die vier Pfle ihrer huslichen Wirksamkeit einschlieen.
Die Welt mgen sie hier ahnden und fhlen, Liebes-und Lebensverhltnisse mgen
sie hier begrnden, aber Staatsverhltnisse werden sie nie begreifen, weil diese
auf Bedingungen beruhen, deren Wesen ihnen nur undeutlich vorschwebt.
Abgeschlossenes Recht, Gewalt, erfassender Wille, stehn ihnen so fern, wie der
hohe Gedanke kniglicher Weltherrschaft. Sie trumen davon, wie von allem, aber
empfunden hat es keine.
    Viktorine, auf welche diese Worte hauptschlich gerichtet waren, nahm sie
auch ganz ausschlieend bel auf. Ihr Mann focht mit den Englndern gegen das
Vaterland, und so wenig man es tadeln mochte, da sie sein Verfahren, wie die
hierbei zum Grunde liegende Ansichten, billigte, so konnten es ihr die Mnner
niemals verzeihen, da sie mit sarkastischen Ausfllen solche angriff, welche
anderen Grundstzen folgten. Sie stand daher in einer Art kriegerischem
Verhltni mit Vielen unter ihnen, wenn Andere im Gegentheil die Oriflamme in
ihrer Hand gewnscht htten. Jetzt insbesondere hatte sie sich in ihrer einmal
genommenen Stellung zu behaupten. Sie vertheidigte sich daher nachdrcklich,
doch, wie immer, ohne Wortreichthum, mit gedmpfter, etwas gedehnter, Stimme,
welche den bescheidenen Rckzug anzukndigen schien, im Grunde aber den Feind zu
heftigerem Angriff verlocken sollte. Den Sinn fr Ehre, sagte sie sanft, werden
Sie uns wenigstens lassen mssen, da sie es allein ist, um derentwillen wir die
Mnner lieben.
    Drehen Sie den Satz um, unterbrach sie der Herzog lachend, Sie lieben die
Ehre, der Mnner willen. Denn diese Gattung der Ehre liegt auerhalb ihrer Welt.
Aber es ist Frauenart, sich in alles Fremde hineinzuwerfen und das Einzelne ins
Allgemeine, Grnzenlose auszudehnen. Die Theilnahme an dem Ruf, der gnstigen
Stellung eines Mannes, macht ihnen glauben, ihr Wesen wie das der Mnner
berhaupt, glhe und flamme in Thatendurst und ritterlichem Stolz. Ihr Wesen ist
Liebe, wenn sie lieben, verstehn sie alles, sind sie alles, aber sie sollen sich
auch nur liebend zeigen. Bei ihrem Antheil an dem Heil und Segen eines Staates,
eines Volkes, soll immer die zrtliche Sorge fr befreundete Wesen und durch
diese fr alle Menschen hervorsehen, denn das Wort Volk an und fr sich, ist
ihnen nichts, so wenig wie Staat und Regierung.
    Sie schweigen zu dem Allem, flsterte der Chevalier Antonien zu, haben Sie
nichts zur Rechtfertigung Ihres Geschlechtes zu erwiedern?
    Wir sollen lieben, sagte sie zerstreuet, war es nicht so? Erschreckt Sie das
Gebot, fragte er leiser, wollen Sie ihm folgen? knnen Sie es Antonie?
    Sie sah ihn befremdet an, eine wunderliche Rthe flammte ber ihre Stirn,
sie rckte einigemal ngstlich hin und her, dann, als knne sie seine Nhe nicht
ertragen, stand sie hastig auf, und setzte sich an das andere Ende des Zimmers.
    Der Herzog fuhr inde fort, seinem Unwillen Luft zu machen. Wten die
Frauen nur, sagte er weiter, wie sehr sie sich aus dem Vortheil geben, wenn sie
sich an etwas wagen, dem sie nicht gewachsen sind. Die fremden Mienen zu den
fremden Gedanken und Worten, die erhhete Stimme, die unnatrliche Gluth in
ihren Augen, und all die gemachte Exaltation, lassen es die Mnner vergessen,
wer gegen sie streitet, Worte reihen sich an Worte, und wenn der Mann sein Leben
an eine Meinung setzt, wodurch behauptet sich die Frau vor sich und der Welt,
hat sie die Wrde ihres Geschlechtes verletzt?
    Viktorine stand aufs hchste beleidigt von ihrem Sitze auf; Thrnen des
allerbittersten Unmuthes traten ihr in die Augen. Der Herzog fate sie
begtigend bei der Hand, warum, sagte er sanfter, wollen sie dem Schicksal etwas
abtrotzen und sich drftig aneignen, was Ihnen nicht werden sollte? warum wollen
sie sich des schnen Vorrechtes begeben, durch ihr bloes Erscheinen zu
herrschen, Gesinnungen wie Thaten zu zgeln. Was sollen Ihnen die ungeschickten
Waffen, die sie nicht zu lenken wissen, die unsicher umher schwanken, und meist
nur sie selbst verletzen.
    Niemals, versetzte Viktorine, werde ich mich berzeugen, da wir aus irgend
einer Sphre menschlicher Wirksamkeit ausgeschlossen seien. Wie hufig sind es
grade Frauen, welche die Zgel des Staates geheim und sicher lenken, und nicht
selten verdanken es die Mnner nur ihnen, wenn sie auf ihrem rechtem Platze
stehn.
    Meine schne Freundin, entgegnete der Herzog, in Staatsintriguen sind die
Frauen immer die Ueberlisteten, sie werden zufllige Mittel, man giebt ihnen ein
buntes Seilchen in die Hand, und macht ihnen wei, sie lenken das gewaltige
Fahrzeug, inde sie selbst weit sichrer durch Eitelkeit, Ruhmsucht und andere
unreine Motive gelenkt werden.
    Weiser Einflu, sagte die Prsidentin, ist sehr wohl von gewinnschtiger
Intrigue zu unterscheiden. Wie viel erhabene Frstinnen haben durch ihr ruhiges
Erkennen, geschicktes Sondern, und schnelles Durchdringen, Gatten und Shne zum
Vortrefflichen gefhrt, wie viele waren selbst vom Throne aus das Heil ihrer
Vlker.
    Es ist wohl unleugbar, hub hierauf der Doktor an, da den Frauen ein Organ
fr jedes Verstndni inwohnt; und sie augenblicklich in verwandtliche Berhrung
mit allem setzt, was ihnen nahe tritt. Sie erlangen dadurch eine geheimnivolle
Gewalt ber Dinge und Menschen, welche selbst der gesellschaftliche
Sprachgebrauch zauberisch nennt. Solch ein Zauber war von jeher anerkannt, die
kniglichen Frauen der Vorzeit bten ihn, mittelbar in das uere Leben und
dessen Gestaltung einwirkend; aber es gehrt dazu das treueste Verharren in der
eigenen Natur, denn, wie es Ihre Worte erschpfend sagten, in der Liebe, welche
der Frauen Wesen ist, verstehn und sind diese allein jedes und alles.
    Als nun hierauf Viktorine unvershnt und die Prsidentin unbefriedigt die
Gesellschaft verlieen und der kleine Kreis sich immer enger zusammenzog, fragte
der Chevalier die Baronin, wie ihr die Vorlesung behagt habe? Ich kann das noch
nicht wissen, erwiederte sie. Noch nicht! wiederholte er, mein Gott, wann wollen
Sie es denn erfahren? Ich wei nicht, war ihre Antwort, vielleicht zufllig
einmal, wenn mir die Dichtung ganz von ohngefhr in die Hnde fllt und ich sie
wieder vergessen habe. Mir ist es allezeit ngstlich, Werke meiner Bekannten von
ihnen selbst vortragen zu hren. Ich behalte kein freies Urtheil dabei. Mir ist
bange, sie entweder zu berschtzen, oder nicht hoch genug zu stellen. Darber
geht mir der Totaleindruck verloren. Es ist so schwer, Menschen, die man essen
und trinken, Gewhnliches im Tageslauf denken und thun sieht, pltzlich auf
einer hhern Stufe zu erblicken, sie dreist zu der ganzen Welt reden zu hren,
man kann sich nicht einbilden, da dies nicht zuviel gewagt sei, man vermischt
die einzelnen Stunden der Erhebung mit ihrem brigen Leben, und glaubt sie
frherhin oder jetzt mikannt zu haben; so wird das Urtheil trbe, und es kommt
zu keinem gesunden Gedanken.
    Antonie, welche whrend dem unruhig auf und ab gegangen war, fragte jetzt
den Arzt, ob man nicht in alten Bchern das Leben jener wunderthtigen Frauen,
deren er zuvor Erwhnung gethan, aufgezeichnet fnde? und ob sie solche
Schriften wohl zu lesen bekommen knne? sie erinnere sich aus ihrer Kindheit,
ein Lied von einer Zauberknigin gehrt zu haben, es schwebe ihr aber nur ganz
dunkel vor, sei ihr auch nichts Besonderes daraus erinnerlich, allein sie fhle
oft eine wehmthig Sehnsucht nach dem alten Liede, und mge gern etwas hnliches
hren.
    Der erfahrene Mann sah mit Bedauern, da seine unschuldigen Worte die kranke
Phantasie des armen Kindes in ein dunkles Meer verwirrender Bilder hineingezogen
hatten. Er lenkte daher ihren Wunsch, mehr ber das geheime Wirken einzelner
Geweiheten der Vorzeit zu erfahren, auf die genauere Kenntni der Naturkrfte
berhaupt; rieth ihr, beweglichern Verkehr mit dem Lebendigen; freien,
vertrauten Umgang mit der Gegenwart zu pflegen, verhie ihr freundlich, sie in
das geschftige Innenleben der Natur einzufhren, und suchte ihren Blick auf
alle Weise von dem trben Wiederschein verblichener Gestaltungen abzulenken.
    In Antonien war aber das Wort Zauberei wie ein zndender Funke
hineingefallen. Sie dachte, es ist alles unbegreifliches Wunder, was uns
umgiebt, warum sollen wir selbst nichts Wunderbares vollbringen drfen! Und gbe
es einen Zauber, ihn an mich zu bannen, wie ich an ihn gebannt bin, weshalb
sollte ich nicht? - Es giebt so viel Verborgenes im Menschen, wovon er selbst
nichts wei - Gott hat es ihm eingepflanzt - Gott will - Sie konnte es nicht
vergessen, wozu sie Gott ausersehen habe. Ihre Eltern fielen ihr ein. Sie
konnten nicht von einander laen, sagte sie! - ihr Herz bebte in freudigem
Entzcken; sie beschlo, sich dem Marquis zu nhern, von ihm ber vieles
Auskunft zu erhalten. Auch das Anerbieten des Arztes nahm sie an, sie hoffte,
mehr unter seiner Anleitung zu ergrnden, als er ihr offenbaren konnte; denn
gewinnen mute sie sich den Geliebten, das war im Himmel wie in ihrem Herzen
beschlossen!

                              Dreizehntes Kapitel


Whrend ein unnatrlich Beginnen der nothwendigen Ordnung des Lebens vorgreifen
wollte, entfaltete sich der Frhling nach alten, ewigen Gesetzen, und schien es
den Menschen an das Herz zu legen, sich der stillen Fhrung der Natur ruhig zu
berlaen. Unwetter und Strme hatten ausgekmpft, die Erde lachte ein neues
Dasein in jedes Herz hinein, ihre feste Rinde gewann ein lockeres duftiges
Ansehn, man sah sie arbeiten, und wenn sie Abends wogender Dampf umzog, und
wieder in ein groes Meer umzuwandeln schien, schwirrende Insekten durcheinander
brausten, und tief unten alles hmmerte und pochte, dann fhlte jeder die Welt
aufs neue in sich entstehn! Marie, wie Giannina und Alexis, waren die
allerseligsten Kinder! Tagelang schweiften sie umher, sie waren nicht im Hause
zu erhalten, und Marie, welche im Kloster ein eigenes Grtchen hatte, lie nicht
ab mit Bitten, bis ihr Adalbert auch jetzt ein Sommerhaus, mit recht
freundlicher Umgebung, vor dem Thore miethete. Hier war sie ganz in ihrem
Element, sie verstand und trieb die Blumenzucht mit vielem Eifer. Alexis ging
ihr dabei ganz besonders zur Hand. Der Knabe hatte Geschick und Trieb zu allem,
was er Andere machen sah, deshalb war er auch berall, wo es etwas zu thun gab,
und berall aufmerkend, behend und tauglich. Giannina lief viel hin und her,
allein mit der Arbeit wollte es nicht recht von statten gehn, inde erhielt sie
das Geschft stets heiter, und Adalbert mute sich eingestehn, da er nichts
reizenderes kenne, als die drei zarten Wesen, welche, wie Elfen auf grnem
Boden, ihr freundlich Beginnen so leicht und anmuthig frderten. Sie hatten
recht nach Feeenart einen Blumenthron unter zwei dicht ineinander verwachsenen
Ulmen erbauet. Eine Wand schlanker Kelchblumen, hoher Feuerlilien und glhrothen
Mohnes, fate den lieblichen Sitz ein, am Boden blheten Doppelveilchen und
Anemonen, den Rasen aber bezog ein Gewinde der schnsten Vinka. Adalbert sa
hier oft Stundenlang, und tndelte mit Marten, die, immer geschftig, sich nur
einzelne Augenblicke abstahl, um dem geliebten Mann in die Arme zu fliegen, und
allen freundlichen Spott und die tausend kleinen Neckereien von seinem Lippen
wegzukssen. Nicht selten feierte Giannina solche Augenblicke mit ihrer Herrin,
und, sich in die Zweige der starken Ulme schwingend, sa sie ber dem jungen
Ehepaare, wiegte sich nachlig in dem Grn, und stimmte ein scherzendes
Liedchen auf ihrer Mandoline an.
    Einst waren alle hier versammelt, als die Baronin herzukam und Marien bat,
sie nebst mehrern Andern auf einem Spatziergang den Rhein hinunter zu begleiten,
wo sie in einer Meierei zu Abend essen und Nachts zu Wasser rckkehren wollten.
Marie lie sich sogleich willig finden. Giannina sollte ihr Instrument
mitnehmen, Alexis, der zeither ganz artig das Flageolet blies, durfte auch nicht
fehlen, man versprach sich unendliches Vergngen. Auch Adalbert ward bestrmt,
mit zu gehn, er hatte noch Geschfte, wollte inde gewi nachkommen. Antonie war
mit dem Marquis; man wute nicht, ob sie zu dem lustigen Feste gestimmt seien,
doch ward Bertrand aufgetragen, sie einzuladen, wenn sie aus ihren Zimmern
kmen.
    Die Andern waren zum Aufbruch bereit. Marie hatte ihren Strohhut mit Mohn
geschmckt, und sah sehr reizend aus, als sie, von ihren jungen Gefhrten
begleitet, den Zug erffnete. Giannina wute sich nicht zu laen vor innerer
Lust, sie bewegte den kleinen Krper in tausend zierlichen Verdrehungen,
spielte, sang und tanzte, und zwang Alexis, in ihre komische Liedchen und
Geberdensprache mit einzustimmen.
    Adalbert blieb noch auf seinem Platze sitzen, sah innerlich entzckt der
anmuthigen Frau nach, und sich selbst in unzhlige liebliche Bilder hinein, bis
der Blumenduft, das Suseln der Bltter, die schwle Stille um ihn her, seine
Augen schlo und er fest einschlief. Nicht lange, so theilte sich die Blumenwand
hinter ihm, Antonie beugte sich leise hervor, legte ihre rechte Hand unter sein
Herz, und flsterte, mit den Lippen fast seine Schlfe berhrend: La mein Bild
in Dich eingehn, halte es fest, wie es der Traum Dir zeigt, werde mein fr alle
Ewigkeit.
    Sie wiederholte die Worte mehreremale, wie lebhaft sich auch Adalbert regte,
und gegen den Traum anzukmpfen schien, endlich seufzte er tief, ffnete seine
Arme, und breitete sie ihr entgegen. Antonie hauchte einen flchtigen Ku ber
seine Lippen, und zog sich hinter die Blumen zurck.
    Es war bereits dunkelnder Abend geworden, als die Fehlenden, einer nach dem
andern, zur brigen Gesellschaft stieen. Marie flog Adalbert entgegen, er
begrte sie zerstreut, seine Blicke flogen berall unruhig umher, endlich
fanden sie Antonien, diese sa im Hintergrunde unter dem Vorgebu der Hausthr,
um welche die Uebrigen einen Kreis geschlossen hatten. Ihr schneeweies Kleid,
das in einen hohen, weit abstehenden Kragen, dicht unter dem Kinn, zusammenlief,
das Blendende ihrer fast blutlosen Haut, und die groen, dunkelglhenden Augen,
gaben ihr in der abendlichen Dmmerung etwas beraus Wunderbares und
Schauerliches. Adalbert bebte, als er sie sah, doch konnte er seine Augen nicht
von ihr wenden. Sie schien gelassen, nur einmal fiel ihr Blick mit
unbeschreiblicher Gewalt auf ihn nieder. Er senkte, wie davon getroffen, den
Kopf auf Mariens Schulter, hinter deren Stuhl er stand, diese bog das
Gesichtchen nach ihm zurck, so da ihr Mund seine Wange streifte. Zum erstenmal
befiel ihn tdtliche Angst bei ihren Liebkosungen, er machte sich schnell los,
und eilte in das Grtchen der Meierwohnung.
    Hier traf er den Herzog, welcher mit groer Aufmerksamkeit den Flei und die
Anordnungen des thtigen Besitzers beachtete. Alles war hier wohl bersehen,
benutzt und bekommen. Innerer Wohlstand, Stille und behagliches Gngen, schienen
durch die einfache Anlage hindurch zu sehen. Der Herzog redete gebrochenes
deutsch mit den Arbeitern, er schien ber manches Auskunft zu wnschen. Als er
Adalbert ansichtig ward, ging er ihm heiter entgegen; und indem er ihn auf die
friedliche Betriebsamkeit der Leute aufmerksam machte, sagte er: mein Sohn, man
ist nicht unglcklich, wenn man so ein strmisches Leben beschliet. Adalbert
sah ihn betroffen an, als er fortfuhr: fr uns ist wenig anders zu erwarten. Die
thrigen Trume, welche wir lange nhrten, schrumpfen zu nichts zusammen. Unser
Vaterland ist ein anderes geworden, seit die Republik sich konstituirte. Die
Ruhe kehrt allmhlich darin zurck, aber weder mein Einflu, noch die alte
Stellung zur Welt, kehren wieder; damit ist es vorbei, wie mit dem Glanz unsers
Hauses, ich lerne das begreifen, deshalb freue ich mich jetzt Deiner einfachen
Aussohnung mit dem Schicksal, Deiner frhen Resignation! Du hast ein huslich,
bescheiden Weib zur Gefhrtin gewhlt, ich hatte Anfangs andere Plne, ich
dachte Antonie - Antonie, rief Adalbert entsetzt, Antonie mein Vater! La Dich
das nicht befremden, entgegnete der Herzog, sie ist ein wunderbares Wesen von
kniglichem Stolz und hoher Entschlossenheit, sie hat mir oft seltsame Gedanken
gegeben, ich konnte nie in ihre Augen sehen, ohne so etwas von Weltherrschaft zu
trumen. La das jetzt! es ist so besser, ich sehe das ein. Zwar glaube ich, hat
sie Dich geliebt, heftig, gewaltsam, wie ihre ganze Natur es fodert, aber auch
das ist wohl vorbei! Und Du hast glcklicher fr Dich, fr uns Alle, gewhlt.
Die stille heitere Marie pat sich wohl fr ein beschrnktes Dasein, das unser
aller Loos geworden ist. Mich drckt dies auch nicht mehr. Das Leben reibt nach
grade alle Stacheln der Ehrsucht stumpf. Wie ich hier so mitten in der kleinen
Schpfung stand, und die Familie ihre Gerthschaften nach gethaner Arbeit bei
Seite legte, die Hnde freudig schwenkend zusammenschlug und nun Feierabend
machte, mir ward mit ihnen wohl, unzhligemal habe ich Deine Marie so spielend
arbeiten sehen, ich mute mit Liebe an sie denken, und ich kann sagen, ich
freuete mich Deiner Wahl zum erstenmal recht von Herzen.
    Er umarmte hier Adalbert und fhrte ihn zu der Gesellschaft zurck. Die war
besonders laut und aufgewekt. Das Abendessen war bereit. Man sa um einen runden
Tisch. Antonie hatte noch ihren vorigen Platz, der Kreis war dadurch nicht
geschlossen, da man neben ihr einen Raum lie fr die Ab- und zu- Gehenden aus
dem Hause. Adalbert stand, ohne es zu wollen, neben ihr, doch redeten sie
einander nicht an, beide aen nichts, sondern tranken nur ein wenig Milch. Sein
Blut kochte, die Hand zitterte ihm, mit der er an Antonien vorbei, nach dem
Glase fate, unversehens vergriff er sich, er nahm Antoniens Glas, das er mit
wilder Hast herunterstrzte.
    Inde hatte die frhliche Laune allgemein um sich gegriffen, auch der Herzog
war munterer als je, und stimmte schne Kriegslieder an. Adalbert mute auch
singen, er stockte erst, dann aber ward er ganz zu Flammen und Gluth, die eigene
Stimme schien ihm den Taumel seines Hochzeitsabends zurckzurufen, er kannte
sich kaum noch! Auch Giannina und Alexis waren durch die anregende Abendluft,
den Gesang, den wrzigen Duft der Wiesenkruter, wie betubt. Das ausgelassene
Mdchen tanzte mit ungewhnlicher Heftigkeit, und fast gnzlichem Zerflieen der
ppigsten Geberden, die Tnze ihres Landes; die Saiten schrillten wunderbar
dazwischen, und wenn sie auf dem Anger, in dem heraufgezogenen Mondlicht so
leicht hinschwebte, glaubte man wirklich, eine feenartige Erscheinung zu sehen.
    Der Kahn war jetzt angekommen, der sie zurckfhren sollte. Es war an keinen
Aufschub mehr zu denken. Man stieg ein. Adalbert nahm das Ruder, um nur auer
sich Beschftigung zu finden. Eine Zeitlang glitt man schweigend ber den Wellen
hin, es war, als snftige das Wasser die unruhige Frhlichkeit. Alexis, der
alles nach alles mit machen mute, hatte sich inde auch eines Ruders
bemchtigt, man achtete Anfangs nicht viel darauf, weil er sich auch hierbei
gewandt zeigte. Doch das wilde Spiel des ganzen Tages hatte sein Blut
unnatrlich angeregt, der Kopf war ihm schwer, die Arme schwcher als sonst, er
lehnte sich zu weit hinaus, und scho vorn herber ins Wasser. Ein lauter Schrei
aller Anwesenden durchdrang noch die Luft, als Adalbert schon seinen Rock
abgeworfen hatte, und frisch in die Wellen untertauchte. Mit Gewalt mute man
Marien zurckhalten. sich ihm nicht nachzustrzen, Antonie aber lag kniend im
Boden, beide Arme ber den Bord des Kahnes ausgebreitet kein Laut drang aus
ihrer Brust, sie schien nichts von sich zu wissen. Jetzt arbeitete sich Adelbert
wieder herauf, den Knaben lebendig ber sich haltend. Ein Augenblick, und er war
im Kahn, der Knabe in den Hnden der Frauen, die den kleinen Unbedacht mit ihren
Shawls und Tchern rieben und ihn hineinwickelten, um alle bse Folgen zu
vermeiden. Antonie begriff inde von allem nichts, als Adalberts jhen Sprung.
Sie lag noch unbeweglich da, als der Kahn ans Land stie. Da sie sich am vordern
Rande des Schiffes befand, so reichte ihr Adalbert zuerst die Hand, um sie
hinaus zu fhren; sie sah ihn mit dem sesten Lcheln an, bist Du wirklich
gerettet? fragte sie. Seine Hand zitterte schon in der ihren, als er bewutlos
stammelte, nein Antonie, nein, ich bin von nun an rettungslos! Der Mond hatte
sich hinter einer dichten Wolke versteckt, es war ganz dunkel um sie, als sie
das kleine Brettchen betraten, das nach dem Ufer fhrte, Antonie glitt aus,
Adalbert fate sie strker in seine Arme. O Gott, Adalbert! flsterte Antonie,
berwltigt von seiner Nhe. Du liebst mich noch, rief er wild, es ist nicht
vorbei, ich fhle es an dem sen Beben Deines himmlischen Leibes, sage mir es
Antonie, sage es dem Himmel, da Du mich liebst. Sie standen jetzt auf der
Rhede; ja, erwiederte sie gefat, ja ich sage Dir es und dem Himmel, da ich
Dich liebe! Der Mond warf in diesem Augenblick einen leichten Strahl auf ihre
Stirn. Gttlich Wesen! rief Adalbert wie verzckt, ich gehre Dir von jetzt bis
in alle Ewigkeit!

                              Vierzehntes Kapitel


Alexis war trotz aller Vorkehrungen am folgenden Tage dennoch bedeutend krank.
Schon in der Nacht hatte er starkes Fieber, sprach und wimmerte ngstlich, und
schreckte zusammen, als thue er aufs neue den ersetzlichen Fall. Der Khler war
abwesend, er hatte weiter nrdlich hin eine Geschftsreise unternommen, und den
Knaben Mariens Pflege berlassen. Diese war nun aufs uerste beunruhigt. Sie
wich nicht von seiner Seite, und da er in der Fieberhitze nicht im Bette
aushalten mochte, so lag er entweder auf ihrem Schoos, oder doch, den Kopf an
ihre Brust gelehnt, auf einem Bnkchen, das sie mit Decken belegte und bald hier
hin und dort hin trug, wie es die Unruhe des armen Kindes foderte. Alles
Spielzeug hie sie herbeischleppen, jede Zerstreuung mute ihm augenblicklich
werden. Er hatte nach Kinder Weise in Kisten und Kasten mancherlei
hineingekramt, wonach man oft lange vergebens suchen mute. Jetzt verlangte er
nach einem Beutelchen, worin, wie er sagte, schne Dinge seien. Man fand es
endlich im Garten auf dem schattigen Blumensitz. Alexis ffnete die Schnur, und
schttete unter mehrern bunten Steinchen, einigen Silberpfennigen und glnzenden
Muscheln, die beiden zerbrochenen Ringe in Martens Schoos. Sie fuhr
unwillkhrlich zusammen, diese hier zu finden, da sie sie lange vergebens
gesucht hatte. Das Kind, durch ihre Bewegung erschreckt, glaubte, sie wolle ihm
die Kleinodien nehmen, und rief weinerlich, ich habe sie ja von der Erde
aufgenommen, und wollte sie wieder mit Wachs zusammenkleben, wie der Onkel in
Chambery, aber es ging ja nicht. Nein, nein guter Junge, erwiederte Marie, ihn
auf die brennende Stirn kssend, es ging auch nicht, sei nur ruhig, und spiele
fort. Hre mal, hub er nach einer Weile an, die Ringe hat die Antonie entzwei
gemacht, es war recht unartig von ihr! Sie hat es nicht gern gethan, entgegnete
Marie. Ja, rief er heftig, ja, sie hat es mit Willen gethan, ich wei es.
Alexis! drohete Marie sanft, so etwas mut Du nicht sagen! Es ist aber doch
wahrhaftig wahr, schluchzte er, durch Krankheit und Widerspruch gereitzt, sie
hat mir es ja selbst gesagt. Dir? fragte Marie, Kind, wann denn? I! damals,
entgegnete er, wie sie so hlich war! damals, - Nachts, - sein Auge flammte
hell auf, er sprach entsetzlich schnell, sie setzte sich bei mir aufs Bett, und
da schnarrte es so in ihrer Brust wie die groe Hausuhr, und da trumte mir, -
und, da sagte sie - ich wei nicht recht, - ich glaube, - Adalbert gehrt mir!
Er gehrt mir! ich la ihn nun und nimmermehr, ich habe die Ringe zerbrochen,
ich will alles zerbrechen, und dann kam was von Blut, von verschreiben, ich wei
nicht mehr, aber gesagt hat sie mirs gewi.
    Das Schicksal hat mich ihr verschrieben, schrie Adalbert, der in einem
Seitencabinet arbeitete, rette mich Marie, rette mich Engel! rief er vor sie
hinstrzend. Marien schwindelte es, sie dachte in die Erde zu sinken. Das Kind
hatte sich ngstlich an ihren Hals geklammert, Adalbert umfate ihre beiden Knie
und drckte sie unter heftigem Weinen an seine Brust. In dem Augenblicke trat
Antonie in das Zimmer. Alexis lag mit halb offnen Augen, die Fieberhitze
flimmerte zitternd ber die zufallenden Wimpern und ri sie krampfhaft in die
Hhe; als er Antonien sah, sagte er furchtsam; sieh mal, sieh mal, da ist die
bse Hexe wieder! Nicht doch, flsterte Marie sanft, und wandte sein Kpfchen
abwrts nach der Wand. Doch als Adalbert Antoniens Blicke begegnete, fuhr er mit
beiden Hnden vor die Augen und rief in unmigem Schmerz, ich bin
unwiederbringlich verloren! Marie winkte ihm, sich zu entfernen, er schwankte
nach seinem Zimmer. Antonie, sagte sie darauf, Du hast grausame Gewalt gebt!
Mutest Du ihn verderben, wenn Du ihn liebst? und willst Du alles tdten, was
seinem Herzen nahe war?
    Antonie stand regungslos da. Marie weinte still. Das Kind war auf ihrem
Schooe eingeschlafen. Jetzt trat Antonie zu ihr, reichte ihr die Hand, und
sagte: Schwester, gieb ihn freiwillig auf, Dein darf er einmal nicht bleiben. Du
bist frchterlich, seufzte Marie. Aber tusche Dich nicht, Gott hat unsern
Schwur angenommen, er allein kann den Eid lsen. Er hat auch meinen Schwur
angenommen, entgegnete Antonie, auch den seinen, durch welchen er mein ist!
Meineid dringt nicht auf zu Gott, sagte Marie, den halten die Engel mit ihren
Schwingen zurck, er fllt auf die Erde nieder! da aber, da set er unabsehbares
Elend! Sie verbarg ihr Gesicht in des Knaben Locken, den Blicken der Schwester
zu entgehn!
    Diese sank vor ihr auf die Knie, und mit aufgehobenen Hnden sagte sie: ich
beschwre Dich bei allem Heiligen, gieb ihn freiwillig auf!
    Geh! erwiederte Marie gefat, Gott wird zwischen uns richten! Er hat
gesprochen, stammelte jene, in der hchsten Seelenangst, - zerbrachen nicht die
Ringe in meiner Hand? -
    Ach! sthnte Marie, - die Ringe lagen jetzt, ein bei Seite geworfenes
Spielzeug, neben dem kranken Kinde. Nun, rief sie, so mge uns des Ewigen Hand
aus diesem Labyrinthe fhren!
    Sie hrten jetzt ein Gerusch im Vorzimmer. Antonie stand auf, die Baronin
trat eilig herein. Was geht hier vor? fragte sie mit ihrer gewohnten Heftigkeit;
Alexis todtkrank, ihr beide in Thrnen, Adalbert und der Chevalier wie zwei
Rasenden an mir vorbei, die Treppe hinunter, zum Hause hinaus, was habt Ihr? was
ist geschehn? Adalbert und der Chevalier? rief Antonie, die es wie ein
Ahndungsblitz durchzuckte, das hat etwas zu bedeuten! Freilich, Ihr Kinder,
sagte die Baronin, aber was denn, was denn? Ich wei nicht, entgegnete Antonie,
schon halb zur Thr hinaus, als ihr der Herzog in den Weg trat, und sie
schweigend in das Zimmer hineinfhrte. Niemand hatte jetzt den Muth zu einer
Frage, oder auch nur zu einer verrathenden Bewegung. Der Knabe ist krank, sagte
er, freundlich zu Marien gewandt. Sie bejahete es leise. Er betrachtete sie
lange; sieh Pauline, rief er nach einer Weile, gleicht sie nicht der Mutter zum
sprechen, grade jetzt, jetzt in diesem Augenblick! Marie streckte ihm die Arme
entgegen, ihr Herz ertrug den Kampf nicht lnger, sie weinte an seiner Brust auf
doppelte Weise zerrissen Sagt mir um Gottes Willen, rief die Baronin, was ist es
denn, was Euch so auer Euch setzt? Da sie ein Opfer wird, wie die Mutter,
entgegnete er heftig losbrechend, das ist es, da die Teufelsknste, die
Aberwitz und freche Klgelei zum Spielwerk machten, ihr das Herz brechen, da
die tollen Fratzen uns noch lange nicht Elend genug bereitet haben, da - o ich
mchte rasend werden! - Wo ist Adalbert, was ist es mit ihm und dem Chevalier?
fragte Marie. Bleibe ruhig, mein Kind erwiederte der Herzog, ihn fhrt, ihn
schtzt die Ehre, sie rettet ihn und uns vielleicht.
    Antonie machte eine rasche Bewegung nach der Thr. Nicht von der Stelle,
rief der Herzog, sie zurckhaltend. Verwirrungen anzetteln mgen die Weiber,
lsen knnen sie nur Mnner. Marie faltete ihre Hnde zum beten. Recht mein
Kind, sagte er, da suche Du Hlfe, der Weg ist Dir offen geblieben. Antonie sank
wie zerschmettert auf den Boden, und beide Arme gen Himmel gebreitet, rief sie,
fhre Du meine Sache! O! verdammet mich nicht, wimmerte sie, des Herzogs Knie
umfassend, Ihr wit es alle nicht, was mich treibt!
    Die Baronin hatte die Ungewiheit nicht lnger ertragen knnen, sie war
hinausgeeilt, und kam nach einigen Augenblicken mit dem Arzt zurck, der ihr,
von allem unterrichtet, das Nthige mitgetheilt hatte. Der Doktor reichte dem
Herzog ein zusammengefaltetes Blatt. Gottlob! rief dieser, so ist er fort! Fort?
wiederholten beide Schwestern. Mein Gott, Du bist gewaltig! seufzte Marie, beide
Hnde auf das kranke Herz legend.
    Der Marquis kam jetzt auch herzu. Sie haben sich herrlich geschlagen, sagte
er dem Herzog halb laut, der Chevalier ist durch die Schulter geschossen,
Adalbert hat einen Streifschu am rechten Arm unbedeutend, und keinesweges
geeignet, ihn an seiner Reise zu hindern. Der Chevalier, ohne zum Tode zu sein,
wird das Bett hten, und Adalberts Flucht hat einen Grund vor der Welt, der
Anstand ist behauptet. Und die Ehre, fiel der Herzog ein, hat uns alle gerettet,
indem sie heilig geachtet ward. - Marie, fuhr er zu dieser gewendet fort, Dein
Mann ward vom Chevalier beleidigt, welcher Rechte auf Antonien zu haben glaubt,
und gestern etwas Zweideutiges beim Heraustreten aus dem Kahne will gehrt
haben. Worte, mein Kind, sind innere Waffen, welche die ueren herausfordern.
Adalbert fate die Gelegenheit begierig auf, den tollen Gaukeleien ein Ende zu
machen. Er mute mir versprechen, berlebe er den Ausgang, nach Ruland zu
flchten. Es ist geschehn. Jetzt fordere ich Haltung und Ruhe von allen. Das
Uebrige wird sich finden.

                              Funfzehntes Kapitel


Marie und der Arzt blieben die ganze Nacht ber bei dem kranken Alexis; und
obgleich das Kind nach Mitternacht ruhiger schien, so wollte ihn die sorgsame
Pflegerin doch nicht verlassen. Ihre Haltung war die edelste, ihr Wesen klar und
bestimmt. Der kleine Unmuth, die ungezgelte Trauer, der sie sich wohl bei
geringfgigern Ereignissen hinzugeben pflegte, schien in die schwankende
Kindeszeit zurckgesunken, der sie pltzlich entwachsen war.
    Sie redete gefat mit dem Arzt ber mancherlei, nur erwhnte sie Adalberts
nicht mit einer Silbe. Antoniens wunderbare Natur schien sie sich klar machen zu
wollen. Sie kam immer auf diese zurck. Es ist eigen, sagte sie einmal, da wir
einander so verschieden und doch so hnlich sind. Auch im Aeuern ist das
auffallend. Man sagt, Zwillinge gleichen sich oft zum Verwechseln. Bei uns ist
das nur zum Theil der Fall! So im Tone der Stimme, im Gange, in der Handschrist,
die gleichwohl schon mehr durch das Innere bedingt wird, und in diesem ist das
verwandtliche Begegnen auerordentlich! Sie schwieg einige Augenblicke betrbt.
Ich erinnere mich, fuhr sie fort, da wir in den frhesten Kinderjahren oft
pltzlich zugleich ber ein Spielzeug herfielen, da wir so lange darber
weinten und zankten, bis es beiden genommen ward! - Wie oft spielen Kinder so
ihr ganzes kommendes Schicksal im voraus! Der Arzt fate sie gerhrt bei der
Hand: rechnen Sie darauf, sagte er, da Gott einem Jeden giebt oder vielmehr
lt, was von je her sein eigen zu sein bestimmt war. Das thue ich auch, Herr
Doktor, entgegnete Marie, wie knnte ich sonst wohl noch leben!
    Sie redeten hierauf ruhig weiter, und er, um sie zu zerstreuen, erzhlte ihr
manch merkwrdiges Beispiel der eben erwhnten Familienhnlichkeiten, welche
sich in einer langen Reihe von Jahren durch ein ganzes Geschlecht dergestalt
wiederholen, da man alle des gleichen Namens durch einen hervorklingenden
Grundton wiedererkenne. Oftmals, fuhr er fort, ist die Aehnlichkeit nicht so
durchgehend, sie springt ber, wie von Groeltern auf Enkelkinder, anderer Seits
wird sie auch wohl durch Vermischungen gnzlich unterbrochen, und tritt erst
nach mehrern Stufenfolgen gewissermaaen fremd als etwas Neues auf, ob wir
gleich nur das Alte darin erkennen sollten. So ist auch die Individualitt der
Volksstmme allein zu begreifen.
    Mir fllt bei dem, was sie zuvor ber Geschlechtsvermischungen sagten, ein,
entgegnete Marie, da die Reinerhaltung des Adels, die Ahnenproben, und alles
was dahin gehrt, wohl auf der Vorliebe fr jene Eigenthmlichkeit beruhen. Und
war der alte, einfache Grund wahrhaft gut, so mgen wir uns auch wohl hten,
etwas Fremdes darauf zu verpflanzen.
    Man mu hierbei, nahm jener das Wort, viel auf die Kraft der Naturen
rechnen. Es sichtet sich alles nach und nach, was im Kampf der Zeiten
bereinander geworfen wurde. Und fast immer finden wir in jeder Familie irgend
eine vershnende Erscheinung, welche, das Alte und Neue zusammenfassend, den
bergetretenen Lebensstrom, auf eine oder die andere Weise, in seine Schranken
zurckfhrt. Wie oft, da ein Kind in Verwirrung und Schmerz geboren, bewutlos
Friede und Freude ber sein Haus mit auf die Welt bringt.
    Er dachte hierbei an Marien, welche ihm immer wie ein vershnender Engel
erschienen war. Sie aber deutete es anders, und blickte ernst und nachdenklich
vor sich hin, dann reichte sie dem Arzt unter flchtigem Errthen die Hand, und
ging, da der Tag bereits angebrochen und Alexis fest eingeschlafen war, in ihr
Zimmer zurck.
    Nichts glich der wehmthigen Theilnahme, der innigen Zrtlichkeit, mit
welcher die Baronin ihrem unglcklichen Kinde, wie sie Marien nannte, entgegen
kam. Alles was sie selbst jemals erfahren und gelitten hatte, alle trbe Tage
und Stunden, wanden sich wieder aus dem alten Abgrund der Zeit herauf. So vieles
hatte sie eingebt, so vieles heldenmthig entbehrt, nichts Groes mehr vom
Schicksal verlangt, in das Unabwendbare hatte sie sich schnell gefunden, aber
Familienfrieden, behagliches Theilen der letzten Lebensfreuden mit den theuern
Verwandten, darauf hatte sie gerechnet, das, dachte sie, sei nicht zu viel
gefodert, und nun war alles zerrissen, was sich so natrlich, so von selbst,
zusammengefgt. Sie war von dem letztem Schlage wie zerschmettert.
    Doch konnte sie nicht lange in einem Zustande verharren der sie zu allem
tauglichen unfhig, zu jeder wohlthtigen Erheiterung Anderer ungeschickt
machte. Sie gewann Kraft, sich aus einer Kette abspannender Erinnerungen und
trber Weltansichten herauszureien. Das alte Gleichgewicht war bald wieder in
ihr hergestellt. Sie fate die Gegenwart klar auf, und arbeitete einer bessern
Zukunft dadurch entgegen, da sie sich mit dem Arzte vereinte, Antoniens
widerstrebendes Gemth dem Gesetz und der Nothwendigkeit zu unterwerfen.
    Erneuen, das wute sie wohl, lassen sich Menschen nicht. Wegzuwischen,
anders zu machen, war hier nichts, das Alte mute bleiben. Die Leidenschaft
stumpft sich inde an dem Unmglichen ab, oder sie wendet sich gegen die Brust,
die sie hegt. Die Natur mute zeigen, zu was sie hier Muth habe, zum Besiegen
oder Zerstren!
    Antonien ward daher die Unmglichkeit, jemals zu Adalberts Besitz zu
gelangen, hell und anschaulich auseinander gelegt. Du kannst ihn, sagte die
Tante, bis ans Ende der Welt, aus der Welt treiben, aber was gewinnst Du dabei?
Antonie schwieg. Gehrt er dir darum mehr, wenn er Euch beide flieht? fuhr die
Baronin fort, was hilft es Dir denn, ein Band locker und lose auseinander zu
halten, das Du niemals zerreien kannst? An Dir ist es also, den fremden Mann
aufzugeben, und Deine eingebildeten Rechte bescheiden fahren zu lassen!
    Fremder Mann! rief Antonie, Gott! Gott! Hier brennt sein Bild, sagte sie,
die Hand der Baronin auf ihre Brust drckend, meine Tante, Sie wissens ja, Sie
sagten es selbst, Sie konnten nicht von einander lassen, die unglcklichen
Eltern! Wie soll ich denn von ihm lassen! Schieben, rhren Sie nicht an seinem
Bilde, Sie drcken es sonst so tief hinein, da ich schreien mu! Es schnitt mir
ja von Kindheit an blutige Wunden ins Herz, wie soll ich es denn jetzt wegwerfen
knnen! Wie fodern nur berall Menschen grade das Unmenschlichste! Lassen Sie
dem Schicksal ungehindert seinen Lauf, ich bitte Sie!
    Die Baronin ging nach jedem neuen Versuche trostloser von dem krankhaft
verwirrten Mdchen zurck. Es strkte sich ihr wohl das Herz an Mariens ruhigem
Walten, an ihrem milden Thun mit Alexis, der unter ihrer Pflege wieder
aufblhete, und sie Stundenlang auf ihren Spatziergngen begleitete, aber sie
sah in dem allen keinen Ausweg, und zitterte vor irgend einem entscheidenden
Schlage! Ueberall begriff sie die Fassung ihres zarten, so leicht zu
verletzenden Kindes, nicht, die keine Anstrengung, keine Gattung ntzlicher
Thtigkeit verschmhete, niemals klagte, niemals Adalberts Namen nannte, und
jeden Fremden in schicklicher Entfernung zu halten wute. Zwar hatte sich die
Prsidentin bald genug eingestellt, erst leise angechlagen, dann dreister nach
dem eigentlichen Grund des seltsamen Duells nachgegraben, auf die unbesonnene
Heftigkeit der Mnner gescholten, es lcherlich gefunden, da solche, welchen
das Verhltni verbiete, die Waffen fr das Vaterland zu fhren, und die es
gewissermaen entwaffnet habe, nun ihre Blutgier gegen einander richten, und
dies aus Ursachen - wobei sie lauernd inne hielt, - denen wohl dieselben
lhmenden Verhltnisse, die ewige, nie zu erschpfende, Politik zum Grunde
liege. Marie entgegnete ihr inde gelassen, da sie das ernste Ereigni nicht
lcherlich finden knne, andern mge es so erscheinen, es sei hiermit, wie
berall mit jedem enthusiastischen Aufwallen, das den Gleichgltigen immer zum
Spotte reize. Dann aber lie sie sich auf nichts weiter ein, und die Prsidentin
verzweifelte an der strengen Entschlossenheit des sonst so geschmeidigen, fast
unterwrfigen Wesens. Sie tadelte deshalb Marien, und meinte, sie habe doch im
Grunde viel von Antoniens starrem Trotz. Viktorine hingegen hob die gekrnkte
Frau auf alle Weise heraus, und suchte an dieser ihre ganze Liebesfhigkeit, und
den Schatz weiblicher Tugenden an den Tag legen zu wollen. Mit der Miene einer
barmherzigen Schwester stattete sie der Leidenden unablig Leidensbesuche ab,
kam und ging zu jeder Stunde, verschmhete jede andere gesellige Mittheilung,
hatte tausend leise Aufmerksamkeiten, und war von einer Aufopferung welche die
Welt nicht unbeachtet, nicht unerkannt, lassen konnte. Gleichwohl war sie nicht
zu bereden, Antonien ein einzigesmal in ihrer Abgeschlossenheit aufzusuchen. Die
Unglckliche litt zeither an einem unertrglichen Herzkrampf, der sie oft halbe
Tage lang unfhig machte, ein Wort herauszubringen. Die Baronin lag deshalb
Viktorinen oftmals an, ihre Gte zwischen beiden Schwestern zu theilen, doch sie
entschuldigte sich anfangs unter frostiger Zurckhaltung, endlich aber sagte
sie, nicht ohne entstellende Bitterkeit: ich war immer von strengen Sitten,
geprfter Auswahl meiner Freunde, und gestehn Sie mir, wrde eine junge Frau, in
den Tagen der guten Gesellschaft, Frulein Antonien ungestraft in Paris haben
sehen knnen? Sie knnen es sich nicht verbergen, da der Schein, trotz aller
klugen Maaregeln ihrer Familie, gegen sie ist, und ich gestehe Ihnen, ich liebe
meinen Ruf zu sehr, um ihm durch bel angebrachte Nachgiebigkeit schaden zu
wollen. Die Baronin stutzte, doch machte sie eine so stolze als abwehrende
Bewegung mit dem Kopfe, und sagte mit gezwungener Haltung: dagegen lt sich
nichts einwenden, das hat die Sitte sanktionirt. Doch kaum hatte sich Viktorine
entfernt, als sie mit losbrechender Heftigkeit ausrief, wie grausam und wie
ungeschickt sind diese unsichern Geschpfe, die niemals wissen, wie sie mit sich
und der Welt stehn, die ohne jene edle Haltung starker, reiner Naturen das
elende Spiel fremder Fingerzeige sind, die kalten Blutes warme Herzen todt
drcken, weil sie ihrer Meinung nach zu rasch schlagen, und die sich besinnen
werden, ob sie eine Mcke in einer regnigen Mainacht aus dem Fenster setzen
sollen, wenn grade ein Bewunderer dabei steht! O ich kenne sie auswendig, diese
Frauen von sogenannten Grundstzen, sie waren mir immer ein Greuel! weil sie
leise, leise einen Tropfen Gift nach dem andern in den Ruf eines vielleicht
bethrten Geschpfes schtten, und dessen Fall dadurch beschleunigen, weil sie
selbst die Liebe, die sie nicht kennen, durch geistige Buhlerei verkrppeln, zu
der ihnen das komponirte Wesen einen Freibrief auswirken half. Denn ich habe sie
ja gesehen, diese selbe Frauen, wie sie ihr studirtes Mienenspiel und die
kleinen Mittel ihrer armen Natur in Bewegung setzen, wenn es gilt, einen Mann zu
bestricken, den sie nicht lieben, nicht achten, der grade da und Mode ist. Maske
ist ihr ganzes Wesen, an der ich mich stets getrieben fhle, zu rcken, und sie
wegzuschieben. Die Welt sieht das auch ein, denn es ist ja zum Sprachgebrauch
geworden, von solchen, die eben nichts anders thun als figuriren, gemeinhin zu
sagen, sie behaupten ihre Rolle gut in der Welt, sie fallen nie aus ihrer Rolle!
Wie anders ist es mit jenen hellen, durchsichtigen Engelsseelen, die an dem
Unrecht hingehn, ohne Scheu vor Befleckung, oder die Starken, die berwunden
haben, und mild und gtig auf die hinblicken, die noch im Kampf begriffen sind.
Unter allen weiblichen Tugenden ist sanfte Duldung die schnste. Sie kte hier
Marien auf die Stirn, welche sich zrtlich an sie schmiegte, wie immer, Liebe
und freundliches Anerkennen bei der mtterlichen Freundin findend.
    So standen alle Theile zu einander, so hatte ein jeder Monate lang das Leben
hingehalten, Sorgen und Bekmmerni in sich verschlossen, gehofft und
gefrchtet, als endlich Briefe von Adalbert einliefen. Es waren fliegende
Bltter an den Herzog addressirt, ohne Datum, ohne Ort des Auffenthalts. Ihr
Inhalt war folgender.
    Zu wem unter Euch Allen soll ich reden? ich bin Euch Allen verschuldet! Ich
kann an keinen ohne Schmerz, ohne Vorwurf, denken! Marie! Antonie! Wo ist hier
ein Ausweg! War das ganze vorige Leben nicht da? Sagt, ich bitte Euch, ist
Wahrheit in den Augenblick, den ich nicht weggeben, den ich nicht erlebt haben
mchte? Es ist mir wie im Traum! - ich hatte einen Traum - O Gott! Trume
greifen vor und zurck, welches ist nun das rechte?
    Warum treibe ich mich in so heftiger Eil von Ort zu Ort? Wohin will ich
denn? was soll ich in einer ganz fremden Welt! Ich ngstige die Postmeister,
verleite die Postillone ihre Pferde todtzujagen, strze mich bis in die Nacht
unter unbekannte Gegenstnde hin, reie dann die Menschen unbarmherzig aus ihrem
Schlaf, gnne Niemand Ruhe, weil ich sie selbst nirgend finde, setze nach kurzer
Frist alles wieder in Bewegung, und schleppe mich heute wie gestern trostlos in
der Irre umher. Wozu nur das? Ich sehe dem allem kein Ende?
    Es mu anders werden! Gestern fand ich in einer Stadt franzsische
Kriegsgefangene. Es waren Leute von meinem Regiment dabei. Sie erkannten mich
gleich! ich glaubte Musik zu hren, als das Wort, Camerad, ber ihre Lippen
flog. Ist denn der Mann noch etwas anderes als Soldat! Sie fragten mich wo ich
hinwolle? Ich stand beschmt unter ihnen. Wei ich es selbst! wei es irgend
eine Seele?
    Ich mchte nach Frankreich zurck! Der - sche Gesandte bot mir es an, mir
die nthige Erlaubni auszuwirken, es gehn viel Emigrirte von hier dahin ab. Ich
will wieder Kriegsdienste nehmen! Es mu anders werden!
    Marie! meine Marie, weinst Du? Gott im Himmel! warum hast Du mich so elend
gemacht! Vergieb mir Engel! aber ich kann, ich darf nicht zu Dir zurck!
    Marie faltete die Bltter zitternd zusammen, nachdem sie sie gelesen und
hndigte sie dem Herzoge wieder ein.
    Es ist im Grunde gut, sagte dieser, unruhig in ihr Auge blickend, da sich
die alte Kriegslust wieder in ihm regt; so schlgt doch etwas Bestimmtes den
widerwrtigen Streit nieder, er nimmt sich zusammen, er richtet sich an groen
Beispielen auf, und die gesunde Natur heilt sich nach und nach aus. Meinst Du
nicht mein Kind? Marie drckte ihm die Hand, und weinte still in ihr
Taschentuch. Sieh, fuhr er fort, wir knnen ja nun auch nach Frankreich zurck.
Wir sind ihm dann nher. Ich mu es Dir nur sagen, Dein Vater und ich haben seit
Kurzem daran gearbeitet. Was sollen wir Krfte und Mittel im Auslande
verschleudern? Wir haben ohnehin genug eingebt; mit der Wiedererstattung
daheim sieht es freilich milich aus, inde hat der Marquis Hoffnung, sein
Stammhaus an der Rhone wieder zu erlangen, und haben wir erst festen Fu gefat,
so findet sich auch manches andere zu thun und zu erlangen.
    Sein Stammhaus, sagte Marie, die Flammen haben es ja verschttet. Er denkt
es wieder aufzubauen, entgegnete der Herzog, la ihn sich daran wagen, es
beschftigt ihn und lenkt ihn von thrigen Grbeleien ab. Sein Stammhaus -
wiederholte Marie noch einmal. Sie hielt einen Augenblick inne, dann sagte sie
mit fester Stimme, mein Vater, ich kann nicht zweifeln, Gott habe zwischen mir
und Antonien entschieden, die Natur lt sich nicht irren, sie hat ihr einfaches
Wort gesprochen, Adalbert ist durch sie an mich gebunden, er ist Vater. - Der
Herzog sah sie berrascht und zugleich mit Ehrfurcht an, kte ihre Stirn, und
sagte, meine Tochter, bewahre das als ein heiliges Geheimni, das in dieser
Verwirrung noch nicht an das Licht treten soll. Vertraue Dich Niemand als dem
Arzte, greife der Entscheidung durch nichts vor, la die Natur ungehindert ihren
zuverligen Sieg bereiten. Sie will uns in ihre stille Ordnung zurck haben.
Mein Gott! sagte er nach augenblicklichen Nachsinnen, wie ungestm ist der
Mensch! wie arbeitet er sich an dem Unmglichen ab, und dann kommt ihm das Gute
unversehens von selbst, aber anders, ganz anders wie er es dachte! Mein Kind! es
ist viel Wunderbares in dem Leben!
    Von jetzt betrieb er nun die Vershnung mit dem Vaterlande auf alle Weise,
was ihm um so leichter ward, da die gemigte Gewalt der Direktoren nach der
dritten Constitution, den Ausgewanderten die Thore der Heimath ffnete.
Frankreich hatte um diese Zeit mit einem Theil seiner auswrtigen Feinde Frieden
geschlossen. Es begrndete sich nun in sich selbst und zog die vertriebenen
Mitbrger theils durch die wieder aufgehende Ruhe, theils durch die
allernatrlichsten, unzerreibarsten Bande, nach und nach an sich. Auch der
Khler ward des Suchens und vergeblichen Ansiedelns in der Fremde mde, und
schon im Herbst begleitete er den Marquis, der, den Wiederaufbau des
Rhoneschlosses betreibend, vorauseilte, nach Frankreich zurck, wie er ihn
frher aus diesem fhrte.
    Die Andern sollten unter dem Schutz des Herzogs in kleinen Tagereisen
folgen, und in Besanon Nachricht ber ihren fernern Aufenthalt erwarten, da
vielleicht ein Theil des Schlosses stehn geblieben sei, und sie dort bis zur
Wiederherstellung des Ganzen einziehen knnten. Marie fgte sich in alles, ohne
grade besondern Hoffnungen Raum geben zu wollen. Doch wie es auch werden mochte,
ngstlicher konnte ihre Lage nirgend sein, als hier, wo ihr alles so liebe,
glckliche Tage zurckrief, und wo sie jetzt die dunkle Gegenwart doppelt
drckte. Auch konnte sie es nicht wehren, da manch verheiender Traum
unmerklich aus der unbekannten Zukunft heraufstieg; sie drckte ihn wohl scheu
und bescheiden zurck, aber er war doch einmal da gewesen, und jeder Blick in
die Ferne zeigte ein mgliches Glck, da die nahen Umgebungen im Gegentheil nur
Strung und Sorgen enthielten. Denn Antoniens Zustand ward mit jedem Tage
leidenschaftlicher, ihr Sinn immer finsterer. Sie kam wenig mehr unter Menschen.
Meist allein in ihrem Zimmer, war sie beschftigt, Scenen aus ihrem Leben,
welche Bezug auf Adalbert hatten, mit groer Kraft und erschtternder Wahrheit,
in reichen und schn zusammengestellten Gruppen, mit Kreide auf das Papier zu
werfen. Vorzglich verweilte sie bei dem Uebergang ber den Gotthard. Alle
andern Gestalten waren nur eben angegeben, Adalbert allein mit der hchsten
Liebe in rhrender Aehnlichkeit ausgezeichnet. Niemand konnte den Zug tiefen
Leidens in seinem Gesicht ohne Wehmuth sehen. So mochte sie sich ihn am liebsten
denken. Oft wenn sie stundenlang an seinem Bilde gearbeitet hatte und seine
Lippen sich wie zum Sprechen zu ffnen schienen, dann drckte sie die ihren
darauf, und verwischte mit ihren Thrnen die trgerisch verlockende Erinnerung!
    Die herannahende Vernderung ihres Aufenthaltes war ihr willkommen. Sie
verlangte sogar mit Heftigkeit darnach. In den letzten Tagen vor ihrer Abreise
zeigte sie sich geselliger, oftmals heiter und liebreich, ihr war, als sei die
Entscheidung nun ganz nahe. Sie sprach mit Liebe von der Rhone und dem
blhenden, heimathlichen Boden! zuweilen hoffte sie, die Flammen sollen nur das
Innere des schnen Schlosses angegriffen und die Mglichkeit gelassen haben, es
wieder bewohnen zu knnen. Sie pries dem Arzt die Herrlichkeit der schnen
Besitzung, und lag ihm an, sie dahin zu begleiten. Sie hatte sich einmal an
seine milde Behandlung gewhnt, selbst auf gewisse Weise Vertrauen zu ihm
gefat. Es schien ihr trstlich, sich ihn als eine Art von Mittelsperson
zwischen ihr und der brigen Familie zu denken, er war vielleicht der Einzige,
der sie verstand, seit sich auch der Herzog von ihr wandte. Sie hatte eine so
beherrschende Gewalt in ihren Worten und Mienen, sie bestimmte nicht eigentlich
durch Grnde, allein sie berwltigte die Grnde Anderer so, da der leutselige
Mann, durch Theilnahme fr eine der wunderbarsten Erscheinungen der Zeit, wie
fr eine ganze liebenswrdige Familie, bewogen, in ihren Vorschlag willigte.
    Am Vorabend der Reise trat der Chevalier zum erstenmal nach jenem
unglckseligen Vorfall wieder in ihren Kreis. Ein jeder ward durch seinen
Anblick erschttert. Er nahete sich Antonien, und in ehrerbietiger Entfernung
sagte er: ich habe Sie beleidigt, mein Frulein, mein Blut konnte den Frevel
nicht wegwischen, ich will ihn abben, auf welche Weise Sie es wollen, unter
allen Strafen die Sie mir auflegen knnen, ist wohl die hrteste, Sie zu
fliehen, doch ich bin Ihnen so sehr verschuldet, da ich mich auch dieser
unterwerfen mu. Wissen Sie aber eine freundlichere Art, die trben
Miverstndnisse auszugleichen, wollen sie mir die schne Pflicht - Antonie
winkte mit der Hand - der Krampf stellte sich wieder ein, er zog ihr das Herz
zusammen, sie konnte nicht reden, und als der Chevalier bermannt zu ihren Fen
sank, bezeigte sie die unertrglichste Unruhe. Ich bin ein Thor! rief er, stolz
aufspringend, ein Unrecht gegen Sie durch ein greres gegen mich selbst
aufheben zu wollen. Man gewinnt nie sogleich durch die erste vernderte Stellung
das verlorene Gleichgewicht wieder, aber ein franzsischer Ritter hat es noch
immer gefunden, wenn es die Ehre gebietet. Ich denke, es zweifelt niemand an
mir, sagte er, zuversichtlich umhersehend, die kleinen Wolken auf der Stirn wird
der ruhige Tagesschein bald wieder wegwischen. Er grte anstndig, und verlie
einigermaen zufrieden mit sich selbst, den Schauplatz einer kurzen, ziemlich
hart bestraften, Thorheit.

                              Sechzehntes Kapitel


Der Marquis ward gleich bei seinem Eintritt in Frankreich auf eigene Weise
berrascht. Was er auch bis dahin von der neuen Verfassung gehrt, was er selbst
darber gelesen hatte, er fand kein eigentliches Bild dafr in seiner Phantasie.
An die Vorstellung des Gesetzlichen, der wiederbegrndeten Ordnung, reihete sich
unwillkhrlich die Erinnerung des ehemals Bestandenen. Es blieb ihm stets das
Alte, er mochte es zurecht legen und stellen wie er wollte.
    In dieser dunklen, wenn auch nicht ausgesprochenen, Erwartung, betrat er
jetzt franzsischen Boden. Sitte und Nothwendigkeit hatten nach grade genauere
Schranken gezogen. Eine jede Thtigkeit fand ihre eigene Sphre. Betriebsamkeit
und tchtiges Wesen suchten berall wieder zu schaffen, zu erneuern. War inde
das Leben in seinen Grundbestimmungen, auf die Weise, hier wie berall, dasselbe
geblieben, so war die Form desselben dennoch so ganz anders geworden, da er
sich nicht darin zu finden wute, und grade durch die gesetzliche Feststellung
des Neuen am meisten erschreckt ward. So lange noch alles in der allgemeinen
Crisis begriffen, und ein jeder mir in die Ghrung hineingezogen war, konnte das
zerrissene Gefhl nicht zum eigentlichen Bewutsein gelangen, doch jetzt, wo
sich der Tumult arbeitender Krfte gelegt, und wirklich etwas gestaltet hatte,
prallte das Auge scheu vor dem Fremden, Ungewohnten, zurck. Der Marquis empfand
den Sto in der Fortentwickelung der Zeit, allein er konnte sich nicht besinnen,
auf welchem Punkte er selbst stehe!
    Um nichts besser ging es ihm beim Wiederfinden seines alten Besitzthumes, in
welchem man kaum noch die Spur menschlichen Wohnsitzes erkannte. Das mchtige
Schlo war vllig in sich zusammengestrzt, und die gewaltigen Massen
bereinanderliegender Steine schienen Frieden mit der Gegenwart geschlossen zu
haben, die wohl nicht mehr an ihnen rhren mochte. Eine grne Moosdecke hatte
sich schon ber das dunkle Gemuer ausgelegt, von der Terrasse herauf wanden
sich Wein- und Epheuranken an einzelne Pfeilerstmpfe hinan, die Bume, welche
es von der Wallseite schtzten, waren abgehauen, nichts von allem war sich
gleich geblieben, als die prachtvolle Rhone, die, wie die Natur, an der
verwstenden Zeit, in stiller Nothwendigkeit vorberging.
    Nirgend mochte menschlicher Sinn hier an an heimathliches Ansiedeln, an
friedlichen Lebensverkehr denken. Das Einzige, was sich noch in bewohnlichen
Stand setzen lie, war ein ehmals moderner Garten-Pavillon, dessen Auenwnde
ziemlich unverfehrt geblieben, und von dem nur die Bedachung und das Innere der
Gemcher zerstrt waren. Alle umfassende Plne des Marquis, alle seine
Hoffnungen und Wnsche schrumpften demnach, bei genauerer Besichtigung des
Vorgefundenen, auf die Wiederherstellung dieses einen, armen Restes ehemaliger
Herrlichkeit, zusammen!
    Zwar konnte er nicht sogleich einen Plan aufgeben, in welchem er seit langer
Zeit lebte. Er hatte immer gehofft, das Alte wieder zu erneuern, und sich in
mitten des kniglichen Gebudes gleichsam als Zauberer betrachtet, welcher die
Bande zwischen Vor- und Mitwelt vershnend zusammenhalte. Jetzt lag der tiefe
Grund freilich verschttet, aber er hoffte, die Zeit, die so Groes verschuldet,
werde auch nach und nach seinen Wnschen begtigend entgegen kommen.
    Kaum hatte er sich inde an die neue Arbeit gewagt, Plne entworfen,
Arbeiter angestellt, und selbst sein aufmerksames Auge darauf gerichtet, als er
an dem Fortgange des Ganzen das lebhafteste Interesse nahm. Er hatte nie etwas
Aeueres erschaffen, ihm ward die Ringmauer des neuen Gehftes eine Art
magischer Kreis, in welchem er mit unglaublicher Schnelligkeit wirkte! Es war
noch so vieles zu thun, so vieles aus der widrigen Verwilderung herauszureien!
Und zu dem behaglichen Gefhl, auf dem Boden seiner Vter zu schalten und
walten, gesellte sich bald die zuversichtliche Hoffnung, welche Mariens Briefe
ihm nunmehr mittheilten, da deren Zustand nicht lnger zu verbergen war, und
sie, ihrer Entbindung nahe, eine groe Sehnsucht nach dem Ort ihrer Bestimmung
hegte.
    Die Familie hatte einen Theil des kurzen Winters in Besanon verlebt, und
traf nun zu Anfang des Mrzes bei dem Marquis ein, den sie in ganz fremder
Umgebung fanden. Vom alten Schlo sah man hier nichts. Das erneuete Gebude lag
zwischen heitern Pflanzungen, welche, noch ziemlich jung, der Raubsucht zu
geringer Ausbeute dienend, unangetastet geblieben waren, und jetzt einen leicht
gewundenen Pfad beschatteten, der sich an dem flacher werdenden Ufern des
Stromes hinwand. Der Sden schickt seine Frhlingsblthen frh. Das Gras duftete
hier schon von tausend wrzigen Krutern, die Bume sahen nach und nach aus
ihren Blthenaugen hervor, alles schien sich zu Empfang und Freude zu schmcken.
Der Khler, welcher berall rstig Hand anlegte, und sich, als alter
Waldbewohner, auf Bume und Pflanzungen verstand, hatte manches zu Verschnung
der neuen Anlagen beigetragen. Man mute sich in der kleinen Schpfung
behaglich, recht huslich wohl fhlen.
    Die Baronin war wie im Himmel. Sie hrte, sah und empfand in allem ihr
Frankreich wieder. Sie strte weder das Neue, noch vermite sie das Alte! Alles
war, wie es sein mute, sein konnte, sie hatte nichts daran auszusetzen. Sie
mochte alle Menschen glcklich denken! Marie trug sie auf den Hnden. Um alles
htte sie Adalbert herzaubern, ihr ihn wiedergeben, Antonien beruhigen, schadlos
halten mgen! Sie hoffte deshalb manches in dem zrtlichen Ungestm ihres
Herzens, was sie sich selbst nicht anzugeben wute, da auch wirklich kein
eigentlicher Ausweg zu finden, kein Trost bei dem gnzlichen Mangel an Nachricht
ber Adalbert zu ertheilen war. Marie behielt inde Muth, und die stille
Ergebung, welche es ihr allein mglich machte, Antoniens zerreienden Schmerz zu
ertragen, der diese befiel, so oft sie Marien ansichtig ward. Die arme Marie zog
sich dann bescheiden und sanft zurck, und weinte oft im Stillen ber den
unbegreiflichen Widerspruch der Natur, welcher der Einen das zur Pein werden
lasse, was das einzige und hchste Glck der Andern sei. Sie fragte auch wohl
ihre Freunde, wie sich die immer wachsende Verwirrung lsen, wie alles enden
solle, und diese wuten sie dann freilich einzig auf Gott zurckzufhren, der
einmal alles so zugelassen habe, und es nach seinem Willen fgen werde.
    Der Marquis aber war weder so gelassen, noch in dem Unvermeidlichen gefat.
Ihn verlie zu Anfang der alte Glaube, als sei er zur Wiederauffindung der
magischen Krfte seines Stammes ausersehen, auch keinesweges. Nur hatte er, wie
immer, durch seine Zeit getrieben, einen neuen Weg einschlagen, und indem er
sich in die Auenwelt wagte, rhrte diese auf eigene Weise an sein Inneres. Er
ward unruhig ber das Vergangene, es irrte und strte ihn, besonders der Anblick
des alten Schlosses, das er auch mit einer Art von Scheu vermied. Er wandte sich
nun mit groer Heftigkeit in die Zukunft, und strebte ngstlich, das langsame
Wenden des Zeitmomentes zu berfliegen. Alles sollte schon da, alles zum Empfang
des Kindes, das aus seinem Blute ausgegangen war, bereit, und er im Stande sein,
dieses in seinen Geheimnissen auferziehend, zur Blthe einer neuen
Weltherrlichkeit zu bilden. Doch erschreckte ihn unter solchen Vorstellungen oft
pltzlich Antoniens gespenstisches Erscheinen. Sie schlich wie ein Spuk an dem
Schlogemuer hin, und sah verwirrend aus dem alten Leben herauf. Dem Marquis
war zuweilen, als sei mit ihrer Geburt der Natur Gewalt angethan, und das lngst
Verschollene freventlich ans Licht gerissen worden. Er gedachte dabei der Stunde
ihrer Geburt, des damaligen Aufruhrs seiner Sinne, der Marquise, ihrer Leiden;
Mariens herannahende Niederkunft mischte sich beengend unter diese Bilder, er
fhlte sich pltzlich in Erinnerung und Erwarten zerrissen, in keinem Zeitpunkt
seines Lebens behaglich froh. Die verarbeiteten Krfte erschpften sich endlich
in dem steten Kampfe; er verfiel in eine Abspannung, welche, von einem
abzehrenden Fieber begleitet, Alle, und besonders den Arzt, fr sein Leben bange
machte.
    Um diese Zeit ward Marie sehr leicht und glcklich von einem Knaben
entbunden. Am nemlichen Tage erhielt der Herzog die bestimmte Nachricht, da
Adalbert bei der Armee in Savoyen fechte, und ihnen folglich nahe sei. Doch
wollte er, im Augenblick des eben erffneten Feldzuges, sein Gemth nicht durch
eine Nachricht erschttern, von der es nicht wohl voraus zu sehen war, wie sie
ihn treffen werde. Er begngte sich daher, ihm zu schreiben, da sie alle nach
Frankreich zurckgekehrt seien, und er selbst vor der Hand noch auf den Gtern
des Marquis bei diesem lebe. Zugleich bat er ihn dringend, sobald als mglich
etwas Nheres von sich hren zu lassen, und sowohl ihm, als seiner Familie, ber
seine gegenwrtige Lage Auskunft zu geben.
    Antonie gerieth durch die Nhe des Geliebten, wie durch des Kindes Geburt,
in den allerentsetzlichsten Zustand. Ihr Abscheu gegen die neue Wohnung trieb
sie jetzt noch rastloser im Freien umher. Stundenlang lag sie wimmernd auf dem
alten Gestein, und breitete ihre Arme ber die Rhone hinaus, dem armen
Vertriebenen entgegen. Wie ausgestoen von aller Welt brachen sich ihre Klagen
an den zusammengestrzten Mauern. Der Strom rauschte ernst dazwischen, und
schien ihr aus der Tiefe Antwort zu bringen. Oft lockte sie sein wogendes Bett,
doch fhlte sie sich starr und wie eisern in den Gliedern, sobald sie sich dem
Wasser zu sehr nahete. Sie hatte hnliche Wirkungen schon frher, Zeitenweise,
versprt, es ging ihr fast auf hnliche Weise damit, wie mit dem Berhren der
Metalle, vorzglich bei hellem Sonnenschein. Doch wie auch der Flu selbst aus
der Ferne auf sie wirkte, sie konnte von ihrem Lieblingssitz auf der hohen
Terasse nicht lassen, ob sie es gleich zum ftern durch verstrkten Herzkrmpfe
und die peinlichste Angst ben mute. Hier war sie allein, hier trat ihr
Adalbert nahe, hier war er ihr eigen, daheim war alles ungestaltet, das Leben,
ihr Herz, zerrissen! Vielleicht stockte das arme Herz einmal auf immer in dieser
seligen Abgeschiedenheit!

                             Siebenzehntes Kapitel


Es war Ende Mai, drei Wochen nach der Schlacht bei Lodi, da Marie ihren Knaben
taufen, und ihn nach ihrem Vater nennen lie. Der Marquis war so schwach, da er
das Bett nicht mehr verlie, und die heilige Handlung vor diesem verrichtet
werden mute.
    Antonie hatte sich nur mit Mhe whrend derselben im Zimmer erhalten, sie
strzte verstrt hinaus, und warf sich athemlos auf die Schloterrasse nieder.
Gott hatte das Kind in seine Liebesarme aufgenommen! Die Vershnungsworte waren
ber dasselbe ausgesprochen, es war geheiliget, ihr Recht auf Adalbert
vernichtet, der Natur geheimnivolles Walten blieb ein unentworrenes Rthsel.
Sie starrte finster in sich hinein, sie konnte nicht beten, nicht weinen!
    Die Sonne neigte sich bereits, und warf ihre Strahlen scheidend ber den
Strom, als mehrere flache Fahrzeuge, von jungen Weibern gefhrt, mit Wsche
beladen, an das Ufer stieen. Die Schifferinnen befestigten ihre Khne, traten
mit den weien, nackten Fen, auf einzelne freiliegende Steine des Walles, und
flink und munter splten sie das Linnen in dem klaren Wasser. Das Klatschen der
Wsche schien den Takt zu ihren Liedchen zu schlagen, die sie frohen Muthes, mit
schnen, hellen Stimmen sangen. Diese Tne, welche aus dem Wasser
heraufzusteigen schienen, lockten zuerst Thrnen aus Antoniens Augen. Ihr
grnzenloses Elend, wie das ganze, verfehlte Streben ihres krankhaften Daseins,
fiel mit solcher Gewalt auf sie nieder, da sich ihre Sinne verwirrten, und sie
kaum noch wute, wo sie sei, und was in ihr vorgehe. Fast war die Sonne
hinunter, weie Nebelkreise stiegen ber die Wiesen, jenseit des Stromes herauf;
bald dampfte das Wasser in dichten Wolkenwirbeln, der Abendvogel zog schwirrend
vorber, die Stimmen dort unten klangen noch. Jetzt sangen sie das Lied von
einer Zauberknigin, die einem armen, schnen Kinde den Buhlen entfhrt, ihn in
Liebesnetze verstrickt, durch bse Kunst an sich gekettet hlt, bis diese sich
verzweifelnd in die Wellen strzt, und jeden Abend den Treulosen aus flsterndem
Rohrgesusel an sich ruft. Die Stimmen schweigen pltzlich, denn eben jetzt
rauscht es zitternd durch die schwankenden Rohrhalme. Antonie fhrt schreiend in
die Hhe, die Weiber, vom Lande stoend, sahen sie, wie sie mit drohender
Geberde aus dem wsten Gemuer heraufblickte, und verhllten Gesichtes gleiten
sie pfeilschnell die Rhone hinunter. Antonie bleibt regungslos, wie verzckt,
stehn, das Herz stockt ihr in der Brust, sie kann kaum noch athmen, das Blut
scheint in den Adern zu kochen, sie greift krampfhaft umher, in der Angst fat
sie den Dolch, und stt ihn langsam, langsam, sich an dem Stahle khlend, in
die kranke Brust hinein.
    Ihre Augen waren noch nicht geschlossen, als, nicht weit von ihr, zwei
Mnner in der abendlichen Dmmerung auf dem Gestein niedersaen. Antonie
richtete sich in die Hhe: Adalbert! rief sie schwach, er schwankte, von dem
Andern gefhrt, zu ihren Fen. Das Wasser rauschte, wie an jenem Abend, neben
ihnen, der Mond warf, wie damals, seinen verklrenden Schein auf Antonien, sie
sagte stark, mit aufwrts gewandtem Auge: ich gebe Dich frei, Adalbert! dann
sank sie, auf immer verstummend, an die Trmmer ihres Stammhauses nieder.

                              Achtzehntes Kapitel


Der Marquis hatte sich inde ungewhnlich gegen Abend erholt, er sa
aufgerichtet im Bett, Marie auf einem Fubnkchen neben ihm, das Kind lag in
blendend weien Tchern auf ihrem Schoo, seine groen Augen schon hell nach dem
Lichte wendend, durch das offne Fenster strichen angenehme Luftzge, die nahen
Pappeln und Linden schtteten ihren Blthenduft in das Zimmer, Marie tndelte
leise mit dem Knaben, der Marquis sah lchelnd auf beide, und redete viel und
heiter mit der Baronin und dem Herzoge, welche ihren Platz zu den Fen des
Bettes genommen hatten, der Arzt reichte ihm von Zeit zu Zeit einige Tropfen mit
Wein vermischt, und bezeigte sich berall sehr aufmerksam. Nicht lange, so
schlief der Kranke erschpft ein. Da klopfte es an der Thr, sie ging auf, und
es traten zwei Mnner in Uniform herein. Auf das Gerusch schreckte der Marquis
in die Hhe. Das Erste was ihm in die Augen fiel, war jene Gestalt, welche ihm
bei Schlo Clairval in den Weg trat, er fuhr heftig auf, la mich! schrie er,
rhr mich nicht an! der kranke Brger Villeroi geht zu den Barmherzigen im
Himmel! Ich transportire Verwundete, erwiederte jener ruhig, wie zum Rapport,
der brave Camerad hat bei Lodi was weggekriegt, er kann den Sbel leider Gottes
nicht mehr fhren, die rechte Hand ist ihm entzwei geschossen, er soll sich bei
den Seinigen ausheilen. Ich will mich ausheilen, sagte Adalbert leise mit
abgewandtem Gesicht. Seine Stimme rief dem Marquis den jungen, schlanken
Chasseur-Offizier in diesem Augenblick zuerst wieder zurck. Mein guter Engel!
rief er betroffen, Du, Adalbert! Marie lag schon lngst auf ihren Knieen, das
Kind mit aufgehobenen Hnden Adalbert entgegen haltend, dieser schwankte zu ihr
hin, er kniete ebenfalls vor dem Kinde, beide Eltern spiegelten sich in dessen
hellen Augen, ihre Thrnen mischten sich auf den zarten Hndchen, die damit zu
spielen schienen. Dieser Thau wusch alle fremde Bilder aus Adalberts Seele, rein
und heilig, drckte er Frau und Kind an sein Herz, das er Marien auf immer
wiedergegeben fhlte. Alle waren wie neu geboren, der Herzog segnete erst jetzt
mit freier Brust die Verbindung seines Sohnes ein, Marie schwamm in
Freudenthrnen, sie war wieder ein seliges Kind geworden, sie schmiegte sich
zrtlich und liebkosend an Vater und Freunde, als der finstere Kriegsmann einige
Schritte vortrat, und mit seiner barschen Stimme sagte, ich wollte nur melden,
da drauen bei dem alten Mauerwerk ein Frauenzimmer in ihrem Blute liegt, die
hineingeschafft werden mu. Todesbote! rief der Marquis entsetzt, der Herzog und
der Arzt strtzten zum Zimmer hinaus, Adalbert sah bleich zur Erde. Ist sonst
noch etwas hier zu thun? fragte dessen wilder Camerad, Adalbert winkte
verneinend mit der Hand, und jener verlie sie ungesumt. Todesbote! wiederholte
der Marquis, sich in seine Decken verhllend.
    Adalbert, sagte die Baronin, trinke jetzt beherzt die letzten Tropfen aus
Deinem Leidensbecher. Es ist Thorheit, wenn man denkt, das Gewaltsame knne mild
enden! Ein Ausrenken oder Verzerren der schnen Naturverhltnisse kann nur durch
einen Sto oder Schlag in seine Ordnung zurckspringen. Der Schlag ist erfolgt.
Sieh nun auf die heitere Ordnung des Lebens! Adalbert drckte bejahend ihre
Hand.
    Jetzt kam der Arzt zurck. Wie ist sie gestorben? fragte der Marquis. Nach
dem starken Anschwellen der Blutadern zu urtheilen, entgegnete jener, hat sie in
der Angst des gewaltsamen Krampfes, wie schon fter, Khlung vom Stahle
erwartet, und sich den Dolch bewutlos in die Brust gestoen. Der Marquis
faltete schweigend die Hnde. Alle blieben lange stumm. Darauf foderte er, fast
bittend, man solle ihm sein unglcklich Kind noch einmal zeigen.
    Antonie lag sauber, in jenem weiem Gewande mit hohem abwrtsstehendem
Kragen, auf einem Ruhebett im Nebenzimmer, der Arzt ffnete die Thr dahin in
dem Augenblick, als Giannina und Alexis ihr eine Krone von dunklen Malven auf
das Haupt setzten. Ihr Gesicht, wei wie Marmor, schien ruhig, der Krper lag
grade, die Hnde gefaltet auf der Brust. Der Marquis lie sich in die Hhe
richten und sah freundlich zu ihr hin. Er verbot, die Thr wieder zu schlieen,
bat Alle, die Nacht bei ihm zu bleiben, und verlangte selbst den Korb des
kleinen Renaud dicht an sein Bett gerckt zu sehen.
    So blieben alle versammelt; zwischen dem Tode, dem aufblhenden und
hinscheidenden Leben, her und hin gehend. Gegen Mitternacht sagte der Marquis:
es ist alles Gegenwart in der Liebe! ich lebe jetzt alle schne Augenblicke aufs
neue mit der Marquise! es ist alles wieder da, ganz da! Es ist schn mit dem
zugleich! aber der Mensch ertrgt es nicht, er ist zu schwach! deshalb kann er
auch die Vergangenheit niemals durch die That zur Gegenwart machen! es geht
niemals, niemals! Er seufzte tief; ward unruhig, und schien etwas zu verlangen.
Marie legte ihm schweigend ein Cruzifix auf die Brust. Er griff mit beiden
Hnden danach, befhlte es lange, und rief dann freudig, das ist die Figur der
Welt! Der Erlser - der Schlssel des groen Buches - mein Gott! stammelte er
gebrochen, Du bist die Liebe, - in Dir - ist ewige - Gegenwart. Sein Kopf sank
auf die Brust, die Lippen berhrten das Kreuz, der Athem flog leicht zum
letztenmale darber hin. Der Arzt drckte ihm schweigend die schnen, starren
Augen zu. Dann sagte er bewegt: so hat er denn ein Wunder erlebt, das einzige
und ewige, die Fortentwickelung der Zeit! -
    Nach wenigen Tagen wurden Vater und Tochter neben dem alten Schlosse an den
Ufern der Rhone beigesetzt. Marie schuf hier einen neuen Blumensitz, und Antonie
lebte ohne Zauberei still und friedlich in Adalberts Seele, dem ein
freundlich-heiteres Dasein an Mariens Liebe und seines Kindes Leben aufging. Die
alten Wunder waren von der Erde verschwunden, aber die Liebe schuf tglich neue.
Die Magie ihres Familienstammes blhete in Marien auf so eigene reizende Weise
wieder auf, da sie ihres Gatten Herz in stets unauflslichern Banden an sich
zog.
    Die Baronin und Giannina verlieen sie niemals, doch den Herzog trieb die
erwachte Liebe zum Vaterlande noch in mach neues Kriegsunternehmen. Auch Alexis
ward in der Folge Soldat, whrend sein Vater das Grab seines alten Freundes
htete.
