
                           Fischer, Caroline Auguste

                                   Margarethe

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                            Caroline Auguste Fischer

                                   Margarethe

                                   Ein Roman

                                        

                            Von der Verfasserin von

                              Gustavs Verirrungen

                         Stephani an seine Verwandten.

Scheltet nur! es ist nichts angefangen, noch weniger vollendet. Eure
Empfehlungsschreiben sind nicht abgegeben und euere Auftrge nicht besorgt. Der
Alte! - werdet ihr rufen. O nein! nicht ganz der Alte. Seit acht Tagen, die ich
hier bin, noch kein Schauspiel besucht, alle Kunstschtze unbesehen, alle
mondhellen Nchte durchschlafen.
    Ihr werdet das Alles begreifen, wenn ich euch sage, da Bernhard pltzlich
in Dienstesangelegenheiten verreist war, von meiner Ankunft nichts wute und nun
gerade am Abende vor seinem Geburtstage zurckkehren wollte. Da nahmen mich dann
sogleich die Kinder in Beschlag und forderten Altre, verschlungene Namen und
Illuminationen. Das herrliche Weib, die Mutter, schmte sich beinahe ihres
Ungestmms; doch ging ihr der Tadel auch nicht von Herzen, und so machten die
kleinen Qulgeister mit mir, was sie wollten.
    Bernhards Ueberraschung war unbeschreiblich. Er verga im ersten Augenblicke
Weib und Kind. O die glckseligen Menschen! Ich sage euch, mein sehnschtiger
Geist ist befriedigt, oder wenn ihr wollt, eingewiegt, seitdem ich das Alles so
dicht um mich her sehe.
    Die Kinder nennen mich den grossen Bruder und Abends mag ich mich flchten,
wohin ich will, sie wissen mich aufzufinden und an das Rasenpltzchen zu
bringen, wo des Erzhlens kein Ende wird; es sey denn, da uns die Mutter zum
Abendessen herein treibt.
    Gelingt es ihnen aber nicht, mich von der Gegend zu entfernen, komme ich
frher als sie, so bin ich unbeweglich und sie mssen mich allein lassen. Auch
des Morgens drfen sie mich nicht stren. So hoffe ich doch noch etwas zu Stande
zu bringen und, seyd nur ruhig, euere Auftrge sollen auch besorgt werden.

Es ist eine liebliche Gegend und schon vom sdlichen Hauche belebt. Landschaft
mchte ich aber doch nicht hier studiren: denn, wie gesagt, es bleibt Alles beim
Lieblichen, und Scenen wie bei uns, fehlen ganz und gar. Um so treuer widme ich
mich dem historischen Fache, fr welches ich, wie ihr wit, unschtzbare
Kleinode hier finde.
    Ob das nun der Zweck meines Lebens werden soll? - Ich bitte euch, lat mich!
lat mich doch! Ich gebe euch nichts zu bereuen, darauf knnt ihr bauen.
    Wenn nun der Anblick himmlischer Schnheit mich erquickt, wenn mein
umdsterter Geist heller, mein hochpochendes Herz ruhiger wird, handle ich dann
wider euch? wider mich? Denkt an euere Angst, ich wrde mich der Bhne widmen -
war sie gegrndet? Vertraut nur der Mutter, wenn ihr mir wieder nicht glaubt.
Sie wute immer frher als ich selbst, was ich wollte.

Ich bin im Schauspiele gewesen, und es hat mich wunderbarer als jemals
angezogen. Besonders tief hat mich das Ballet erschttert. Sie haben Tnzer!
eine Tnzerin! bei dem allwissenden Gott, das ist ein Geschpf sonder Gleichen!
Thrnen des Entzckens fllen mein Auge, wenn ich daran zurckdenke.
    Ich wei nicht, warum man bei uns so viel Komisches in das Ballet verflicht.
Hier ist Ernst, hoher, heiliger Ernst. Ich kann, ich mag euch noch nicht sagen,
welche Ahnungen das Alles in mir erweckt hat. Ich wollte, ihr kmet und shet
selbst.

Seht, ich prfe, vergleiche, finde nichts ihr Gleiches, Aehnliches; nicht einmal
unter den Werken der Kunst. Das ist Alles todt neben ihr.
    Nur in dieser Lebendigkeit, sagen ihre Feinde, liege der ganze Reiz ihrer
unvergleichlichen Schnheit. Die Thoren bilden sich ein, das sey Tadel. O da
sie den Blicken dieser Menschen Preis gegeben ist! die ihren Werth kaum ahnen.
Ob sie das wei? Ob sie wei, wie sie verkannt wird? Sonderbar genug hat mich
bis jetzt eine gewisse Scheu abgehalten. Aber soll sie das ferner? Sie ist nicht
mnnlich diese Scheu - und was frcht' ich? - Wahrlich es fehlt mir die Antwort!

Wohin ich sehe, wohin ich gehe, da schwebt sie. Diese Scheu war Ahnung, Ahnung,
da sie mein ganzes Wesen umfangen wrde. Ich denke nichts mehr, als sie.
    Bernhard scheint mich zurckhalten zu wollen. Wovon? Von Anbetung der
hchsten, seelenvollsten Schnheit, die ich je sah? Und ihr Auge ruht mit
Wohlgefallen auf mir. Sie ahnet, da ich sie kenne; verstehen wir keiner den
Andern. Doch hat sie noch kein Wort von mir gehrt. Wie knnt' ich auch
sprechen, wenn diese Rosenlippen sich ffnen! O nur diesen Mund mcht' ich euch
zeichnen!
    Ein erbrmlicher Mensch, ein Graf, bat mich letzt um ihr Bild; aber ich
schlugs ab und gab vor, Portrt sey nicht mein Fach. Doch stellt er sich, als
gbe er die Hoffnung nicht auf, und meinte, wenn sie mir nur sitzen wolle, wrde
ich mich schon erbitten lassen. Erbitten!

Morgen! Morgen! Aber da dieser Mensch mich bei ihr einfhrt, soll ich es
dulden? Nein, wie sie es auch nimmt, ich gehe frher.
    Mathilde erblate, da sie es hrte, und Bernhard ward roth, wie vor Zorn.
Bald htte mich das erbittert; doch Mathildens Blick machte, da ich mich
schnell wieder fate. Die Kinder drngten sich dicht um mich her, als geschhe
ein Unglck, und Bernhard verlie pltzlich das Zimmer.
    Die guten besorglichen Menschen nehmen das Alles ganz anders, befrchten
eine gemeine Verbindung: von mir! von ihr! - Mathilden sprch' ich, beruhigte
ich gern; aber Bernhard ist bei ihr.

Ich war bei ihr. Ein ganzes Zimmer voll Rosen duftete mir entgegen; Sthle,
Tische, der Fuboden, Alles mit Rosen bedeckt. Sie selbst schwebte aus einem
andern Rosenzimmer herein, gestand mir diese Rosenleidenschaft, die sich jeden
Frhling erneuere, und ihr den Winter ertragen helfe. Uebrigens, fgte sie
hinzu, scheinen mir die Mnner am liebenswrdigsten, welche die wenigsten Rosen
zertreten.
    Auf diese Worte setzte ich mich schnell ihr zur Seite. Sie war wunderbar
schn, fhlte es, lchelte, und wurde noch schner. Ich starrte sie eine Weile
sprachlos an, aber da ihr Auge fragend auf mir ruhete, fate ich mich endlich
und wagte meine Bitte.
    Ach ja! - antwortete sie - der Graf hat mir schon lange davon gesagt,
aber ich habe immer gezweifelt, da irgend Jemand die nthige Geduld mit mir
haben wrde, denn lange auf einer Stelle zu bleiben, ist mir unmglich.
    Ich versicherte ihr, dies sey gar nicht nthig, und ich hoffe um so mehr fr
meine Arbeit, je weniger Zwang sie sich anthun werde.
    O wenn das ist! - rief sie mit einer unaussprechlich reizenden Bewegung -
so knnen wir anfangen, wann Sie wollen.
    Wir sprachen nun noch einiges ber den Anzug, und sie gestand mir, da sie
sich fr die Bhne in ganze Stcke Zeug kleide, welche, ohne Hlfe des
Schneiders, sich nach ihrer Laune fgen mten, dann reichte sie mir noch ein
Paar Rosen, und verschwand in das andere Rosenzimmer.
    Den Abend sah ich sie noch als Psyche und so will ich sie bitten, sich malen
zu lassen.

Bernhard war nicht bei Tisch und doch nicht verreist; Mathildens Augen waren
roth, die Kinder fragten nach dem Vater, der Aelteste wollte ihn holen und sie
verbot es. Lnger nun zu schweigen war mir unmglich. Mathilde - sagt' ich -
warum sind wir getrennt? -
    Warum? O Gott! Bernhard sagt, ich sey Schuld.
    Sie?
    Ja, ich htte Sie frher warnen sollen.
    Was frchten Sie?
    Ach Gott! da die ganze Ruhe Ihres Lebens verloren gehe.
    Wenn ich das bewundere, was Jeder, der ein fhlendes Herz hat, bewundert?
    Bewunderten Sie es so, was htt' es dann fr Noth? Sie lieben! lieben! und
wen! -
    Mathilde! wen! - rief ich ausser mir.
    Sie verbarg das Gesicht in den Hnden und eilte weinend davon.

Ich war heftig erschttert, und schlo die ganze Nacht kein Auge. Mein Gott, wie
werde ich diese besorglichen Menschen zurckbringen! Unbegreiflich ist es mir,
wie sie, bei ihrer Bildung, sich von so ganz rohen Urtheilen hinreissen lassen.
Sie, die mich liebten, die noch vor Kurzem, da sie mich in euerer Mitte sahen,
Schtze fr etwas, das meinen gedrckten Geist htte erheben knnen, geboten
haben wrden, sie verbittern jetzt meine Freude.
    Heute wollte sie mir sitzen; glcklicher Weise wurde sie abgehalten. Wer
wte, was sonst aus mir, aus dem Bilde geworden wre.

Ich sah sie gestern auf der Bhne. O du! Inbegriff von tausendfltigem Leben!
von Seligkeit! bist du es; die sie lstern? - Morgen, Morgen! Wird meine Hand
nicht zittern?

Mag Alles wahr seyn, was ihr vermuthet und frchtet; mich kmmert das nicht
mehr. Diese gttlichste Form, die mein Auge je sah, war bestimmt, einen
gttlichen Geist zu umschliessen. Kann dieser Geist nun irren, geirrt haben, war
es mglich, da er sich selbst verkannte, eben weil andere ihn verkannten? - Das
nun ist gerade euere Sache zu beweisen. Und, wie gesagt, mich kmmert das nicht
mehr.
    Kommt und seht. Meint ihr, ihr httet schon gesehen? - Ich sage euch, ihr
irrt. Und strt mich nur nicht in meiner Seligkeit! Was hattet ihr? Was botet
ihr, mich zu retten, da ich trostlos meine Bcher anstarrte? sie die mein Herz
mit immer giftigern Zweifeln erfllten. Ihr betrachtet mich, wie einen Kranken,
trumt von Gefahr und von Tod. Seyd ruhig! Jetzt, gerade jetzt fhle ich die
ganze Kraft, die volle Lebendigkeit meines Geistes. Naht mir der Tod, den ihr
frchtet, ich erkenne ihn, rette mich, bin genesen schneller, als ihr glaubt.

Nicht als Psyche, als Hebe will ich sie malen. Sie ist die ewige Jugend. In
dieses Auge voll Leben und Seligkeit darf nichts Schmachtendes kommen. Ich
vertraute das einem lieben, herzlichen Jungen, der mich versteht, und wie ich
der Kunst leidenschaftlich ergeben ist. Er wandte mir ein, ihr Krper sey, wenn
gleich entfernt von ppiger Flle, dennoch zu vollendet und es fehle ihrem
Gesichte Hebens characteristischer Zug. Fehlen! Haben kann sie etwas, was Hebe
nicht hat; fehlen kann ihr nichts.
    Wir stritten lange darber. Endlich meinte er, wenn das Gemlde fertig sey,
werden wir sehen.
    Die Menschen haben alle etwas gegen sie, knnen es nicht leiden, da ich so
mit ganzer Seele an ihr hnge. Am Ende ist es der blosse Neid - freilich bei
diesem herrlichen Jungen wohl nicht - denn ihr Auge ruht mit Wohlgefallen auf
mir.

Es qult mich, da irgend etwas Wahres an seiner Bemerkung seyn mchte. - Aber
bin ich nicht ein Thor? Warum will ich sie so oder so? warum nicht ganz als sie
selbst malen? - Die Tnzerin! - da liegt es! die Menschen haben mich schon mit
ihren kleinlichen Vorurtheilen angesteckt. Glcklicherweise ist von dem Allen
noch nichts laut geworden, und ich behalte freies Feld.

Die Zeichnung ist fertig und das Bild untermalt. Sie, sie selbst ist es. Nicht
ruhend, nicht stehend, schwebend, wie ich sie immer sehe, auch dann, wenn ich
fern von ihr bin.
    Die armen Menschen! sie erzhlen mir allerhand, fragen mich um dieses und
jenes, und geben nachher nicht undeutlich zu verstehen: da ich wohl so gewissen
Abwesenheiten unterworfen seyn msse. - Ganz recht! ich bin abwesend. O Gott,
mchte ich es ewig so seyn! Eine Flle von Seligkeit durchstrmt mein ganzes
Wesen. Ich schliesse Mathilde, Bernhard, dessen Zorn mich schon lange nicht mehr
beleidigt, in die Arme, und sie fhlen es, wiewohl, sonderbar genug, trauernd,
da ich selig bin.
    Wunderbar verstehen mich die Kinder. Sie wissen, da ich Alles thue, was sie
wollen; da sie dafr aber auch schweigen und mein Rasenpltzchen heilig halten
mssen. Sie nahen sich mir immer nur mit bedeutendem Lcheln, in das sich bei
den lteren, eben so sonderbar, wie bei Bernhard und Mathilden, etwas
Wehmthiges mischt.

Alle Knste sind verschwistert, deuten alle die Sehnsucht nach der
verschleierten Mutter, lindern, trsten, geben Antwort auf tausend weinende
Fragen; aber keine erheitert so schnell als Malerei. Seht, ich habe sie nicht,
male nur ihr Gewand und mein Geist schwebt in Sonnenschein.
    Wunderbare Gewalt der Farben! noch wunderbarere Gewalt der
gttlich-menschlichen, der menschlich-gttlichen Form! O es ist mein
gelungenstes Bild! das sagen Alle. Aber idealisirt - setzen sie hinzu. Und ich
sage nein. Sie selbst, nichts als sie selbst ist es; aber in ihrem glcklichsten
Momente. So sehen sie sie nicht, so knnen sie sie nicht sehen; denn dazu gehrt
nicht allein das Auge des Knstlers, sondern das Auge der Liebe, das
allenthalben das Wahrste, das heit: das Schnste entdeckt.
    Nun qulen sie mich um Copien. Jetzt, da sie festgehalten ist auf der
Leinwand, ahnen sie doch ihren Werth. Die sind mir nun gerade die
Unertrglichsten, die das lugnen, Alles auf die Kunst schieben, und sich in ein
ewiges Geschwtz ber Bescheidenheit und dergleichen vertiefen wollen. Ich wei
am besten, was an dieser Bescheidenheit ist. War ich begeistert, durch dieses
gttliche Auge bin ich es geworden. Morgen bringe ich ihr das Bild.

Eben war sie aufgestanden und sa im Garten unter blhenden Gestruchen. O sie
war schner als das Bild. Ich kniete nieder und berreicht' es ihr. Sie sprach
von Lohn. Das schmerzte tief. Aber die Nachtigall schlug. Sie beugte sich nieder
und ihr Rosenmund berhrte meine Stirne. Ich bin belohnt.

Gestern, da ich zu ihr ging, begegnete mir der Graf. Er kehrte pltzlich um und
klagte in ihrer Gegenwart: sie habe ihm das Bild nicht ohne meine Zustimmung
lassen wollen, und es sey doch fr ihn gemalt. Da sey Gott vor! - rief ich
erzrnt. - Wie so? - sagt' er verwundert - ich verstehe mich zu jedem Preis.
Kann seyn! - erwiedert' ich gefater und mit scheinbarer Klte - das Bild ist
fr mich und fr Niemand anders. Doch haben sie es mir zugesagt - fiel er ein.
Da rief ich, pltzlich wieder ausser aller Fassung: ist erlogen! Wie! - sagte er
mit einem widerlich affectirten Zorn - Sie unterstehen sich? Das verdient eine
Zchtigung! Die Ihnen werden soll! - entgegnete ich schnell, und so verliessen
wir beide das Zimmer.
    Wir schlugen uns. Ich bekam eine leichte Schmarre ber die linke Wange und
er einen ernsthafteren Hieb, als ich wollte, ber den einen Arm. Seitdem ist er
artiger und bettelt nur um die Copie. Ich sage weder nein, noch ja; glaube aber
nicht, da ich sie mache. Warum? - Es widersteht mir; weiter kann ich nichts
sagen.

Der Frst hatte von dem Bilde gehrt und lie mich rufen. Welch ein
liebenswrdiger Mensch! welch ein wahrhafter Adel in allen Bewegungen! welch ein
schnes, tiefes Zartgefhl fr die Kunst!
    Er fragte mich: wem das Bild eigentlich gehre; ich gestand ihm, da es
Anfangs fr mich bestimmt gewesen, da Rosamunde aber von Lohn gesprochen, mich
wirklich belohnt, und es sich demnach zum Eigenthum erkauft, ich aber bis jetzt
gezittert habe, es ihr ganz zu berlassen, aus Furcht, es mge in unrechte Hnde
kommen, es wieder mitgenommen und seitdem allerhand Kleinigkeiten daran
verbessert habe.
    Er fate mit sonderbarer Heftigkeit meine Hand, und fragte, welche Summe ich
bekommen habe. Ich sah beschmt vor mir nieder, und konnte die Worte nicht
finden. Er aber drang immer heftiger in mich, und ich gestand die Wahrheit.
    O du lieblicher Schwrmer! - rief er - kann man dich so gewinnen? dann
bist du mehr mein, als irgend eines Anderen! Ich habe Ksse zu verkaufen, die du
mir mit noch kstlicheren Gemlden einhandeln sollst. Das heit viel gesagt,
wenn man dieses sieht - denn du mut nur wissen, da ich es und zwar in deiner
eigenen Wohnung gesehen habe - doch soll es nicht zu viel gesagt seyn. Hier seh'
ich sie all! - rief er begeistert, indem er die Hand auf meine Stirne legte -
die schnen Gebilde! sie sollen mir hervor und ich will der Zauberer seyn, der
sie ruft!
    Seitdem mu ich tglich zu ihm kommen, und wie ihr seht, wre es nun wohl
Thorheit, eine andere Laufbahn zu whlen.

Auch der Frst ist gegen sie. Das schmerzt tief. Wer ist der Blinde? ich oder
sie Alle? -
    Gestern sa ich zu ihren Fssen, sie streichelte meine Wange, und mein Auge
blickte thrnenvoll zu ihr auf. Warum weinest du? - fragte sie.
    Ach! - sagte ich - sie wissen nicht, wer du bist! lstern, verkennen dich
ganz. -
    Was glaubst du? - fragte sie weiter mit ihrem Zauberlcheln.
    O! - rief ich - ich fhle Schmerz! Knnt' ich dich retten vor ihren Blicken!
-
    Sie schwieg.
    Giebt es kein Mittel? - rief ich angstvoll und lauter - O sag'! giebt es
kein Mittel? -
    Fasse dich! - sprach sie - und sag was du meinest.
    Was ich meine? - rief ich unwillig aufspringend - Fhlst du nicht, was ich
meine? -
    Der verhate Mensch, der Graf, trat herein, und ich ging.

Meine hohe Freude hat sich in Schmerz verwandelt. Ich kann sie nicht mehr auf
der Bhne sehen. O wer versteht mich, wem soll ich es klagen?
    Schade, da sie nicht Schauspielerin ist - rief letzt ein unertrglicher
Mensch. Gott sey gelobt, da sie nicht Schauspielerin ist! - rief ich mit
glhenden Wangen. Der dumme hliche Mensch schien auf eine spitzige Antwort zu
sinnen. Aber der Frst schob mich in sein Kabinet und sagte: fangen Sie mir nur
nicht von dergleichen mit meinem Tollkopf an! da hat er seine eigenen Grillen.
    Ach er glaubt mich zu schonen! und ein einziger spttischer Blick von ihm
ist mehr, als Alles, was sie schwatzen.

                            Gretchen an ihre Mutter.


Herzliebste Mutter! ich bin recht glcklich und wohl angekommen, und von all dem
Unglcke, wovor uns so bange war, ist mir gar nichts begegnet. Der Herr Vetter
sagt, das komme daher, weil ich fleissig gebetet und gar keine bsen Gedanken
gehabt habe; das knne einem gleich jedermann ansehen, und nehme sich in Acht,
einen zu beleidigen.
    Nun, herzliebste Mutter! so braucht sie sich denn gar nicht mehr zu
frchten, da mir ein Leides geschehe.
    Was das aber fr eine schne Stadt ist und wie viel prchtige Sachen man da
zu sehen bekommt, das kann sie sich gar nicht vorstellen. Die Frauen sind fast
alle sehr freundlich und haben fast alle recht gute Augen; die Mnner aber haben
fast alle sehr hliche Augen, und gefallen mir nicht. Sie sieht wohl, da ich
ihre Lehre noch nicht vergessen habe: ich solle den Leuten nur gleich nach den
Augen sehen.
    Einen jungen Herrn habe ich aber gesehen, der kommt mir gerade wie ein Engel
vor, und ich wei gewi, herzliebste Mutter, da er ihr eben so vorkommen wrde.
Er wohnt bei dem Herrn Prsidenten, und malt so schne Bilder, da einem die
Thrnen in die Augen kommen, wenn man sie ansieht, und da man des Nachts davon
trumt.
    Der Herr Vetter konnte uns nicht genug davon erzhlen, als er die vielen
Bilderrahmen hingebracht hatte, und sagte auch, die Frau Prsidentin wolle dem
jungen Herrn gar zu gern ein Dutzend recht feine schne Hemden schenken, und
ob's denn gar nicht mglich wre, da die Frau Base sie nhen knne; denn die
Frau Prsidentin werde wohl vor den vielen Kindern und vor der grossen
Haushaltung nicht dazu kommen.
    Als nun die Frau Base hinging, die Leinwand abzuholen, bat ich gar zu sehr,
ob ich nicht mitgehen drfe? Die Frau Base sagte aber: das schicke sich nicht.
Der Herr Vetter wurde aber fast bse, und sagte: das schicke sich recht wohl;
ich sey ehrlicher Leute Kind und knne allenthalben hinkommen, und wenn ich so
sittsam und gottesfrchtig bleibe, mssen alle Menschen Freude an mir haben, und
die Mutter habe mich gerade in die Stadt geschickt, da ich mich ein wenig
umthun und nicht leutescheu werden solle, und die Frau Prsidentin sey eine
Frau, die ihres Gleichen nicht habe, und sey ein grosses Glck fr mich, wenn
ich manchmal hinkommen drfe.
    So nahm mich die Frau Base dann mit, und whrend sie von der Frau
Prsidentin die Leinwand empfing, sah ich in den Garten, und da sa der junge
Herr in tiefen Gedanken und sah aus, wie ein trauernder Engel.
    Die Frau Prsidentin erzhlte auch, da er eine Gemthskrankheit habe, und
da sie recht in Verlegenheit wegen seines Zimmers sey, denn es knne ihm
Niemand vorsichtig genug mit den Gemlden umgehen, und seitdem eine alte
Aufwrterin, an die er einmal gewhnt gewesen, todt sey, wisse sie gar nicht
mehr, was sie anfangen solle.
    Die Frau Base sagte: da ich die Aufwartung nicht wohl bernehmen knne, es
der Herr Vetter auch nicht leiden werde, denn er sey ein wenig eigen; da ich
aber jeden Tag, wenn der junge Herr ausgegangen sey, kommen solle, das Zimmer zu
reinigen; denn sie habe mich schon zugelehrt, und ich wisse mit feinen kostbaren
Mbeln recht gut umzugehen; da die Frau Prsidentin aber mit dem Herrn Vetter
ja nicht von Geld und dergleichen sprechen solle; sonst werde er es nicht
leiden. Auch der junge Herr drfe nichts davon wissen; sonst knne es gleich ein
bses Gerede geben.
    Die Frau Prsidentin freute sich gar sehr darber und streichelte mich, und
nannte mich ihr liebes Kind. Der Herr Vetter hatte auch nichts dagegen; sagte
aber: ich msse ihr erst schreiben, habe nicht nthig, den Leuten dienstbar zu
werden; da es aber die Frau Prsidentin sey, mchte ich ihr nicht verhehlen, da
er es gern she; doch wolle er nichts gesagt haben, sobald sie nicht ihren
vollen Willen darein gbe.
    Und so bitte ich sie denn, herzliebste Mutter, leide sie es doch! und gebe
sie dem Boten nur mndliche Antwort, damit sie durch das Schreiben nicht zu
lange aufgehalten werde. Nun, ich befehle sie dem lieben Gott, herzliebste
Mutter.

                            Gretchen an ihre Mutter.


Ich danke ihr tausendmal, herzliebste Mutter! und ich habe auch dem Boten das
schne Silberstck von der Frau Pathe geschenkt. Ich wei gewi, da sie nicht
bs werden wird; denn ich habe ja oft gesehen, da sie auch in der Freude so
etwas weggeschenkt hat.
    Sey sie nur ruhig, herzliebste Mutter! Sie soll gewi Freude an mir erleben.
Alle Leute, die mich kennen lernen, haben mich gleich ber die Maassen lieb, und
da gebe ich mir immer mehr Mhe, da ich Alles recht schn und ordentlich mache.
Ich habe auch der Frau Base an den Hemden geholfen, und zuletzt hat sie gesagt,
ich knne sie nur ganz allein machen, denn so gute Augen habe sie doch nicht
mehr.
    Nun mu ich ihr aber etwas gestehen, herzliebste Mutter, wovon ich nicht
wei, ob es Recht ist.
    Sie kennt ja das schne Liederbuch, was mir der Herr Pfarrer geschenkt hat.
Da hab' ich nun, als die Hemden ganz fertig waren, und sie die Frau Base nicht
mehr in die Hnde bekam, des Nachts allerhand schne Verse aus dem Buche
hineingenht. Immer einen ganzen Vers um den Hals, und einen um die beiden
Aermel, auf jedem die Hlfte; und vorn auf der Brust, wei sie ja, macht man
immer so ein doppeltes Herzchen von Leinwand, da es nicht einreissen soll; das
hab' ich aber viel grsser gemacht, denn es hlt besser, und ich htte auch
sonst nicht die grosse Krone aus meinem Zeichentuche darber nhen knnen, denn
es sind gar zu viel Zierrathen daran; so aber sieht es sehr schn aus, und da
der junge Herr eine Gemthskrankheit hat, so kann der liebe Gott es wohl einmal
fgen, da er die schnen Verse bemerkt, und da sie ihn trsten, wenn er am
allerbetrbtesten ist.
    Ach liebste Mutter, ich glaube gewi nicht, da sie bs darber wird. Es
betrbt mich nur, da ich es der Frau Base noch nicht gesagt habe, denn ich
schme mich jetzt, da ich es heimlich gemacht. Meint sie aber, da es Unrecht
ist, wenn ich es lnger verschweige, so will ich es sagen.
    Nun, ich befehle sie dem lieben Gott, herzliebste Mutter, und lasse sie mich
doch bald ihre Meinung wissen.

                         Stephani an seine Verwandten.


Sie vermeidet mich. O mein Gott! bin ich ihr Feind? - Wenn es mglich wre, da
sie mich verkenne, meine wahrhafte Liebe nicht begriffe, wre sie dann noch
meiner wrdig? -
    Fort! der Gedanke vergiftet mich! Sie, die Grausamen, die sich weiden an
meiner Marter, haben ihn mir gegeben.
    Liebe verschlo mir den Mund, Liebe soll mir ihn ffnen. Schmerz werd' ich
hervorbringen. O mein Innerstes selbst wird er durchdringen. Am Ende ist es wohl
Feigheit und Eigensucht, da ich noch zaudere. - Dieser Vorstellung bedurft' es,
um mich unwiderruflich zu bestimmen.

Es war des Frsten Geburtstag, und sie feierte ihren glnzendsten Sieg. Der
Beifall wurde ein anhaltendes Jauchzen. Aber sie war tdtlich ermdet und klagte
ber Schmerzen in der Brust.
    Ich trug sie in ihr Zimmer. Meine Hnde zitterten, und das laute Schlagen
meines Herzens versetzte mir den Athem.
    Wie dein Herz schlgt - sagte sie.
    O! - rief ich, mit halb erstickter Stimme - so trage ich dich bald, wenn das
deine aufhrt zu schlagen.
    So bald noch wohl nicht - antwortete sie mit erzwungenem Lcheln - doch was
seyn mu, mu seyn.
    Meiner gedenkst du nicht dabei!
    Hltst du mich fr unsterblich?
    Ist das eine Antwort auf meine Klage?
    Du klagst das allgemeine Loos der Menschheit.
    O nein! - rief ich ausser mir - Ich klage, da du der Ruhe deines Herzens,
deiner Jugend und Schnheit das Grab grbst.
    Schn und jung zu sterben, wahrlich ein neidenswerthes Loos!
    Meiner gedenkst du nicht? - rief ich abermals - Erwiedere mir nichts! Ruhe
und schweige! Was du hrtest, erprete mir der Schmerz. Bald, ein andermal,
wollen wir uns gegenseitig vertrauen, was uns drckt.
    Mich drckt nichts! - sagte sie dennoch mit Lcheln.
    Ich rief ihre Frauen und entfloh, den giftigen Stachel im Herzen.

Am andern Tage kam sie mir wieder blhend, wie ihre Rosen, entgegen. Ich setzte
mich traurig und schwieg.
    Nun? - sagte sie - siehst du nun, da du irrst?
    Ich sehe - antwortete ich - da dich nichts drckt, nicht einmal der Kummer,
mir welchen zu bereiten.
    Und wenn dein Kummer ohne Grund wre?
    So wr' er dennoch Kummer. Aber deinen Worten fehlt der Sinn. Kein Kummer
ist ohne Grund, denn er grndet sich immerdar auf die Vorstellungsart
desjenigen, der ihn empfindet.
    Was mt ich nun thun, dich zu beruhigen?
    Was du thun mtest? - rief ich mit glhenden Wangen - du mtest mich
lieben und dich selbst!
    Es giebt der Arten zu lieben so mancherlei. Soll ich dir sagen, welche du
von mir forderst? - Wohlan ich will es versuchen! und du wirst hoffentlich
gestehen, da ich dich sehr wohl begreife. Aufgeben soll ich mein wahres,
lebendiges Leben, um ein Scheinleben, einen verkappten Tod mit dir zu versuchen.
Unterbrich mich nicht! Gestern gebotest du mir Schweigen. Darf ich dich bitten,
dir heute dasselbe zu gebieten.
    Angenommen, du wolltest lugnen, was ich jetzt sagte, wie wrdest du es
anfangen, das Gegentheil zu beweisen? - Wer von euch, die ihr uns da von unten
herauf bekrittelt, lebt wirklich? Ihr? Dichter und Knstler? - O ja! wenn eine
nie befriedigte Sehnsucht nach einem unerreichbaren Ideale Leben heit. Ist nun
aber Sehnsucht Schmerz, wiewohl gemilderter Schmerz, also das Gegentheil von
Wohlseyn, welches allein den Namen Leben verdient; wer kann behaupten: da ihr
lebt? Mt ihr nun aber dem wahren Leben entsagen; wem von den Andern wollt ihr
es zusprechen? - Euern Frsten, Staatsbeamten, Rechtsbeflissenen, Kaufleuten,
Handwerkern? wohl schwerlich.
    Nur Genu ist dir Leben!
    Und dir? was ist es dir? Nichts, oder das Streben nach einem knftigen
(Gegenwrtiges verachtest du) in allen Perioden deines Daseyns immer knftigen
Genusse. Aber du wolltest mich nicht unterbrechen, und so erlaube, da ich die
Zeit benutze, und dir schnell das Gemlde unseres knftigen Lebens, wofern deine
Vorstellungen mich bestimmten, vorhalte.
    Angenommen demnach, ich stiege hinauf, oder hinunter zu den Frauen, welche
du mir ohne Zweifel als Muster vorhalten wirst, und die es euch allen, Weisen
und Unweisen, nur in so fern sind, als sie zu den Mnnern, denen sie das
Schicksal unterworfen hat, passen. Wie mt' ich nun seyn, um zu dir zu passen,
deine Forderungen zu befriedigen? -
    Da ewige Schnheit und Jugend eine der unerllichsten ist, wirst du, wo
nicht laut, doch im Herzen sicherlich bekennen. Von euch zugegeben oder
gelugnet, bleibt es nicht minder wahr, da Alter und Hlichkeit in euern Augen
Verbrechen sind, die ihr bestraft, wie und wodurch ihr nur knnt.
    Eine sogenannte glckliche Ehe kann demnach nur statt finden, wo die Frau
jene euch allen sehr natrlich vorkommende Strafe in Demuth erduldet, und mit
weiser List, die ihr der grossen Nutzbarkeit wegen auch der heiligen Jungfrau im
Nothfalle erlaubet, es gar nicht zu bemerken scheint, wenn ihr gestrenger Herr
und Meister, des ewigen Strafens mde, sich heimlich oder ffentlich nach einem
Gegenstande umsieht, wo er frs erste nicht verpflichtet ist, dieses unangenehme
Amt zu verwalten. - Du wolltest mich nicht unterbrechen! - Das Unerllichste
habe ich genannt. Doch, warum will ich unterscheiden? Das Folgende ist nicht
minder nothwendig, und eben deswegen gleich unerllich.
    Was ist es? Nichts weniger als die Unendlichkeit, die du in mir umfassen
willst. Wehe mir in dem Augenblicke, wo du die Tuschung gewahrst! Du rchst
dich, rchst dich um so sicherer, je weniger du eine nahe Aussicht hast, dich
auf hnliche Weise zu tuschen. Fr alle deine zerstrten Hoffnungen werde ich
bssen.
    Halt' ein! - rief ich aufspringend - halte ein, Grausame! Willst du mich
langsam tdten, so ists auch morgen noch Zeit!
    Ich strzte fort, und meine armen Freunde brachten die Nacht an meinem Lager
zu. Ich lag im Fieber ohne Besinnung.

Ein gttliches Kind stand ihnen zur Seite. Es reichte mir Trank. Ein Paar grosse
Tropfen aus seinen Himmelaugen fielen hinein. Doch lchelte es. Begierig
verschlang ich den Trank, und das Feuer, was mein Inneres zu verzehren drohete,
wurde gelscht. Ich fiel in Schlummer und trumte fort von dem Kinde. Ach ich
erwachte! und Niemand wollt' es gesehen haben.1

Zwei Tage irrt' ich herum auf Felsen und Hhen. Meine Kunst lag darnieder; doch
zeichnete ich ein Mdchen von untadelichem Wuchse, das einen Korb mit Frchten
auf dem Kopfe trug.2
    Oft sah sie sich um, vielleicht nach dem Geliebten - doch nein! ihr Gang,
ihre Haltung hatten so viel wunderbar Jungfruliches, Schwebendes - nein, auf
der Erde hatte sie noch keinen Geliebten. - Ja, oft sah sie sich um; aber ihr
Profil konnte ich dennoch nicht fassen. Ich ersetzt' es aus der Phantasie, ach
und da ich zu Hause kam, hatte die Gestalt alle Zge der Schrecklichen, die mein
Herz zerreit.
    Der Frst, der mich oft berrascht, fand mich darin vertieft und versunken.
Immer Sie und nichts als Sie - rief er drohend und lchelnd. - Ich sprach
schnell von etwas Anderem. So kamen wir auf die hohe Grazie der Stellung. Sie
gefiel ihm so beraus wohl, da er in mich drang, ein Gemlde nach der Zeichnung
in Lebensgrsse zu entwerfen.
    So wuchere ich dennoch mit meinem Schmerze, ohne es zu wissen und zu wollen.

Wer ist mein Feind und verrth mein Innerstes? Ach ich bin es selbst! Sie wissen
es, da ich durch sie leide, und wollen mich rchen. So mu ich sie wieder
sehen, wo ich am meisten sie frchte; denn ich dulde es nicht, da man sie
krnkt. Ist es Geschwtz, oder Wahrheit, was sie von meinem Werthe faseln?
Wohlan! in ihr mgen sie mich ehren.

Sie bedurfte meines Schutzes nicht, und meine Hrte gegen den Frsten, die mich
schmerzt, war berflssig. Ich hatte gedroht, ihn zu verlassen, wofern nicht die
ernsthaftesten Vorkehrungen gegen Alles, was sie beleidigen knnte, getroffen
wrden. Ich konnte nicht anders.
    Sie schwebte herein, und Alles verstummte. Gttlich reizender ist sie wohl
niemals gewesen. Ihre bittersten Feinde wurden an diesem Abende gewonnen. Der
Frst kam in die kleine Loge, die er sonst immer fr sich allein behielt, und
mir nun eingegeben hat. Als sie verschwand, fate er pltzlich meine Hand, und
zog mich fort. Sein Wagen fuhr leer davon, und wir durchschweiften die Gassen.
    Wie wre es, - sagt' er mich aufhaltend - wenn ich versuchte, ob sie wrdig
ist, zu dir erhoben zu werden? Wie wre es, wenn ich mich melden liesse? -
    Sie wrden nicht angenommen werden - antwortete ich mit Empfindlichkeit.
    Warum nicht?
    Weil sie Niemand so spt noch sieht.
    Auch den Frsten nicht?
    Ich glaube nicht.
    Wollen es versuchen! - sagte er forteilend, und ohne weiter auf mich zu
achten. Nur da wir vor dem Hause standen, drckte er mir die Hand, und hie mich
einen Augenblick warten.
    So gewi ich auch war, sie werde ihn abweisen, so wenig mchte ich diesen
Augenblick noch einmal leben. Doch war er kurz, denn der Frst kehrte schnell
wieder zurck.
    Du hattest Recht! - rief er - und ich bekenne, da es mich wundert, da du
Recht hattest. Wahrlich! das Mdchen ist eine Ausnahme und der Mhe werth, es
kennen zu lernen. Die Zofen empfingen mich recht artig und ergeben; aber von dem
Willen ihrer Gebieterin abzuweichen, schien ihnen unmglich. Das deutet auf
vollkommene Herrschaft auch ber diese Leute, die doch sonst leicht zu bestechen
sind, und wer die Herrschaft vollkommen ausbt, der ist der Herrschaft wrdig
und stets ein erhabenes Gemth.
    Ich zog seine Hand schnell an mein Herz, denn das waren mir Worte des
Lebens. Er drckte mich fest gegen das seinige, nahm mich mit in den Pallast und
befahl das Nachtessen in seinem Kabinete aufzutragen.
    So blieben wir zusammen bis weit in die Nacht, und ich vertraute ihm das
ganze, tiefe Klagelied meiner Liebe.

Nimm mich einmal mit - sagte er, als wir uns trennten - Ich knnte sie zu mir
kommen lassen; aber das ist doch immer unartig von unser einem, und mich nun
noch feierlich melden, wrde auch ein dummes Aufsehen machen. An dem Frsten ist
ihr, wie es scheint, nicht viel gelegen, la sehen, wie sie deinen Freund
aufnimmt.
    Wir gingen. Ich hatte sie in zwei Tagen nicht allein gesehen, und es war mir
lieb, da er mitging, denn ich frchtete mein Herz.
    Wie unaussprechlich schn war sie! Zum erstenmale sah ich den Frsten
verlegen um die Worte, und seinen freien, herrlichen Anstand in Schchternheit
verwandelt.
    Er fate sich endlich, sprach von dem letzten Abende, und vertiefte sich in
das Lob ihrer Kunst, was eigentlich ihrer Schnheit gehrte. O ich fhle es wohl
- sagte er - welch ein Opfer mein Freund von Ihnen fordert, aber was ist der
Liebe zu schwer und zu gro? -
    Nichts! - antwortete sie - Es kommt nur darauf an, ob das Opfer ihm frommt.
    Auch danach frgt die Liebe nicht.
    Das sollte sie doch. Eine Blume, die auf mtterlichem Boden erhalten, uns
lange ergtzt, verwelkt schnell in unsern Hnden und wird bald weggeworfen.
Knnte sie lieben, durch Worte, oder Blicke uns warnen, sie wrde uns bewegen,
um unserer selbst willen sie nicht zu pflcken.
    Recht gut, da sie das nicht kann! denn sonst wrde sie nie das Eigenthum
eines Einzigen, wrde nie von ihm als Eigenthum geliebt, genossen und bedauert
werden.
    Das mgte fr den Einzigen schlimmer, als fr sie selbst seyn.
    Das ist die Frage! - rief der Frst aufspringend und mit grossen Schritten
das Zimmer messend - das ist die Frage. Und - setzte er nach einer Weile hinzu -
giebt es kein Alter? Verzeihen Sie! es ist vielleicht grausam, Sie in der
hchsten Blte daran zu erinnern - aber giebt es kein Alter? und ist es nicht
furchtbarer fr die Weiber als fr uns?
    O ja! fr die Freien, so wie fr die, welche Einer sich als Eigenthum
unterworfen hat. Nur mit dem Unterschiede, da die Letzten, frh oder spt, den
Mihandlungen ausgesetzt sind, vor denen sich die Ersten schtzen knnen.
    Welchen Mihandlungen? Wer wird ein liebendes Weib mihandeln, das uns
Jugend und Schnheit geopfert, vor mehreren Verirrungen still gewarnt, und die
unvermeidlichen gromthig verziehen hat? Wer wird, wer kann das mihandeln?
    Der, der den reizbarsten Sinn fr Jugend und Schnheit hat, und der eben
deswegen, wenn beide entfliehen, unaussprechlich elend die schreckliche Leere
seines Herzens mit irgend etwas, sollte es auch mit dem Hasse seyn, auszufllen
gezwungen ist. Der kann es und wird es.
    Nimmermehr! Er wird Mitleiden haben mit ihrem Schicksale und mit dem
seinigen, er wird sie jetzt gromthig lieben, so wie er sie vormals geniessend
und vielleicht eigenschtig geliebt hat.
    Kann seyn! - fiel sie schnell ein - ich aber denke niemals von Allmosen zu
leben.
    Schweigend sah er sie eine Weile an: Bewundern kann ich sie - sagte er dann
- aber vor der Liebe haben Sie mich geschtzt. Bleibst du? - fuhr er dann sich
zu mir wendend fort - ich gehe.

Du bleibst? - sagte sie, als er uns verlassen hatte - Das ist nach solcher
Aufforderung sehr gromthig.
    Rosamunde! - antwortete ich - vermeide solche Worte! Sie klingen wie Spott
und ber wen mchtest du hier spotten?
    Ich meinte im vollen Ernste, was ich jetzt sagte, und war von Spott sehr
weit entfernt. Es ist in der That sehr gromthig, da du, nachdem ich mich
gegen alle deine Wnsche erklrte, hier bleibst.
    Es ist liebevoll, und so wrdest du es nennen, wenn du die Liebe kenntest.
    Ich kenne sie, und werde dich davon berzeugen, wenn du Geduld hast, die
Geschichte meines Lebens zu hren. Nur erwarte das Ende des Karnevals, dann habe
ich mehr Ruhe.
    Sie entfernte sich schnell, und ihre Augen waren voll Thrnen.

                            Gretchen an ihre Mutter.


Wie geht es ihr, herzliebste Mutter? und was denkt sie wohl, da ich so lange
nicht geschrieben? Es giebt gar zu viel zu thun, und in des Herrn Prsidenten
Hause ist auch viel Leiden gewesen. Der junge Herr kam zu einer ganz
ungewhnlichen Zeit zu Hause, und wurde von Stunde an so krank, da er uns Alle
in grossen Schrecken versetzte.
    Wir durften ihn gar nicht allein lassen, und wenn die Frau Prsidentin nicht
konnte, mute ich bei ihm bleiben. Der Herr Vetter hatte zwar ausdrcklich
verlangt, er solle nicht wissen, da ich im Hause sey: aber im ersten Schrecken
dachte Niemand daran, und nachher sahen wir wohl, da er keinen von uns kannte.
    Wie mir aber war, herzliebste Mutter! wenn ich so an seinem Bette stand,
kann ich ihr gar nicht sagen. Ich glaube gewi, da er mit uns verwandt ist, nur
da wir es noch nicht wissen. Doch hat er etwas ganz Wunderbares an sich, was
wir nicht haben. Alles, was er anrhrt, kommt mir vor, als htte es einmal auf
dem Altare gelegen, das Glas, aus welchem er trinkt, kommt mir wie ein Kelch,
und das Zimmer, was er bewohnt, wie eine Kirche vor.
    Und so ists auch mit seinen Bildern. Sie stellen wohl ordentliche Menschen
vor, ja, so natrlich und traulich, da einem ist, als htte man sie lange
gekannt und geliebt; aber dann doch wieder so hoch und wunderbar, da einem
wird, wie zu Weihnacht oder Ostern, wenn alle Glocken unter Kanonendonner luten
und alle Menschen festlich gekleidet in stillen Schaaren zur Kirche ziehen.
    Ich habe schon oft gedacht, herzliebste Mutter! und hoffe doch, ich werde
mich nicht damit versndigen, da in Herrn Stephani ein ganz eigentlich
gttlicher Geist wohnen msse. Er soll zwar eine Gemthskrankheit haben, und das
ist freilich bei einem gttlichen Geiste nicht mglich; man sagt aber auch, da
die Person, welche er liebt, seiner nicht wrdig, und er eben deswegen so
betrbt sey. Das ist ja aber dann eine wahrhaft gttliche Betrbni. Weinte
nicht unser Heiland ber Jerusalem, und war das eine Gemthskrankheit?

Herzliebste Mutter! mir ist etwas sehr Sonderbares begegnet. Als Herr Stephani
krank war, trat pltzlich ein sehr schner Mann herein, gegen den der Herr
Prsident und die Frau Prsidentin und der Herr Doctor sehr ehrerbietig waren.
Das bemerkte ich wohl, gab aber, vor Angst und Schrecken, nicht weiter Acht auf
ihn. Dieser Mann war aber der Frst, was ich freilich nach seinem dunkeln, ganz
einfachen Kleide nicht glaubte.
    Er hatte nachher gefragt: wer ich wre; und die Frau Prsidentin hatte ihm
allerhand von mir erzhlen mssen. Auch von den Hemden hatte sie ihm gesagt, und
da ich wegen der Sprche, die darauf genht wren, so bange vor der Frau Base
gewesen. Er hatte hierauf gesagt, er mge auch wohl solche Hemden haben, aber,
da er nicht krank am Gemthe sey, mit Sprchen, die sich fr Frsten schicken.
    Das hat mich sehr erschreckt, herzliebste Mutter! denn ich wei keine
Sprche, die sich fr Frsten schicken, und wenn ich mir auch einbildete, ich
wte welche, knnte ich mir doch kein Herz fassen, sie hinein zu nhen. Was
helfen auch Sprche, die man sich bestellt und bezahlt?
    Ach alle meine heimliche Freude an den Hemden ist dahin, und wenn ich ber
die Strasse gehe, denk' ich immer, die Leute werden sagen: da geht das Mdchen,
das den Leuten Sprche in die Hemden nht! und ich habe es doch nur ein
einzigesmal gethan, und ist mir gar nicht eingefallen, es mehreren Leuten zu
thun.
    Ich sagte das auch der Frau Prsidentin, und bat sie, es dem Frsten
vorzustellen. Er hat aber geantwortet: ich soll nicht bange seyn, es werde es
Niemand erfahren, und ich solle nur zu ihm kommen, er wolle selbst mit mir
darber sprechen. Das thue ich aber gewi nicht, herzliebste Mutter! ehe sie
nicht die Sache mit dem Herrn Pfarrer berlegt und er die Sprche gewhlt hat.
Eile sie, herzliebste Mutter! denn der Herr Vetter sagt: solche Leute seyen
nicht an das Warten gewhnt.

                            Gretchen an ihre Mutter.



                              Herzliebste Mutter!

Ich bin recht inniglich betrbt, wegen Alles dessen, was ich ihr geschrieben
habe, und in grosser Angst, der Herr Pfarrer mge sagen, ich solle die Sprche
fr den Frsten nhen. O htt' ich mich doch nur keinem Menschen vertraut!
    Nun soll ich doch nicht auf ihre Antwort warten, schon morgen zu dem Frsten
gehen, und ihm selbst sagen, was ich geschrieben habe. Die Frau Prsidentin will
mich begleiten. Ich glaube aber gewi, da ich krank werde.
    Doch ich will auf Gott vertrauen. Vielleicht kommt morgen der Brief von dem
Herrn Pfarrer. Da wei ich ja gleich, was ich thun soll, und brauche nicht zu
sagen, was ich geschrieben habe.




                              Herzliebste Mutter!


Ich bin nicht krank geworden und wirklich bei dem Frsten gewesen. Die Frau
Prsidentin sagte, ich solle nur mein weisses Kleid anziehen, und meine Haare
hbsch flechten, so wre es recht gut. Die Frau Base wollte mir aber noch ihren
Brautschmuck angeben, und mir den einen Ohrring ber der Stirn auf einem Bande
fest machen. Das kam mir aber gar zu hlich vor, und ich bat sie mit Thrnen,
sie mge es doch nicht von mir verlangen, ich wolle ja lieber den ganzen Schmuck
in einem Schchtelchen mitnehmen und ihn der Frau Prsidentin zeigen; die werde
gewi meiner Meinung seyn. Sie war es auch und sagte, ich habe ganz Recht
gehabt.
    So gingen wir dann zum Frsten. Er war sehr freundlich und sah mich eine
Weile an, ohne was zu sagen. Endlich fragt' er mich, warum ich so betrbt wre.
Ich erschrack anfangs, denn ich wute nicht, ob ich die Wahrheit sagen drfe.
Aber der liebe Gott gab es mir pltzlich in's Herz, da ich sie doch nur sagen,
und mich nicht frchten solle.
    Gndigster Herr! - fing ich darauf an und sah ihm auch recht gerade ins
Gesicht - ich bitte Sie, da Sie nicht unwillig auf mich werden! aber ich mu es
nur rein heraus sagen, da ich ber die Hemden so betrbt bin, und besonders
darber, da sie wissen wollen, was ich geschrieben habe. Ich kann Sie
versichern, da ich so etwas, wenn ich ein Frst wre, niemals von den Leuten
verlangen wrde. Bedenken Sie auch selbst, wie wrde Ihnen seyn, wenn Sie das,
was Sie einem Freunde schrieben, Andern vertrauen sollten?
    Gutes Kind! - antwortete er - wir haben eigentlich keinen Freund. Wir
gehren dem Ganzen, sollen und drfen keinem Einzelnen gehren, dafr gehrt
aber auch uns kein Einziger.
    Das jammerte mich nun unbeschreiblich, das Weinen war mir nahe, und es
gereuete mich recht schmerzlich, was ich wegen der Hemden gesagt hatte.
    Ach gndigster Herr! - fing ich endlich wieder an - Gott ist mein Zeuge, da
ich Ihnen gern die Hemden nhen wollte, wenn ich nur Sprche wte, die sich fr
Frsten schicken, und ich will es Ihnen auch gestehen, da ich meine Mutter
gebeten habe, mit dem Herrn Pfarrer deswegen zu sprechen. Wei der nun Sprche,
die sich fr Frsten schicken, so will ich sie Ihnen ja herzlich gerne nhen.
    Du hast nicht wohl gethan! - sagte er verdrlich - Es war mir nicht um die
Sprche eines Pfarrers zu thun.
    Das verdro mich nun aber auch; denn ich kann es nicht leiden, wenn man
etwas ber den Herrn Pfarrer sagt, und antwortete darum ganz hastig: Ja gndiger
Herr! Sie haben aber auch nicht wohl gethan, so etwas von einem armen,
einfltigen Mdchen zu verlangen, und so kommt immer Eins aus dem Andern.
    Die Frau Prsidentin sah mich erschrocken an, ich erschrack nun auch, und
wute nicht mehr, was ich anfangen sollte. Aber der Frst fate mich sehr gtig
bei der Hand und sagte: Du hast Recht, und es soll nicht wieder geschehen. Eins
mut du mir aber doch versprechen: sieh ich habe viel Arbeit und Sorge, und
erblicke selten was Erfreuliches. Am wenigsten gefallen mir die Menschen, von
denen ich umgeben bin; aber ein solches Gesicht, wie das deinige, kann mir den
ganzen Tag erheitern. Wenn du nun des Morgens auf einige Augenblicke zu mir
kmest und brchtest mir etwas - du magst es mir schenken - Blumen, ein Paar
Frchte, oder was du sonst willst; so wr' ich auf den ganzen Tag gestrkt, und
htten viel tausend Menschen gut davon. Sey nicht bange und sieh mich nur an,
ich bin kein bser Mensch, und ist mir unmglich, dich zu beleidigen. Nein, ich
will vterlich fr dich sorgen, und wenn du dieses oder jenes lernen willst, so
vertrau' es mir nur; aber es mu Alles dein freier Wille seyn.
    Das ist schn! gndigster Herr - antwortete ich - denn sonst wre ich gewi
wieder sehr betrbt gewesen, und mein Kommen htte Ihnen nichts geholfen. Nun
will ich aber meiner Mutter schreiben, und wenn die nichts dawider hat, so komme
ich gewi. Er war sehr erfreut, und begleitete uns bis in das usserste Zimmer.
    Schreibe sie mir bald, herzliebste Mutter.

                         Stephani an seine Verwandten.


Alles will mich trsten. So mu ich denn wohl des Trostes sehr bedrfen. Sie ist
abermals krank, und ihr Zustand bedenklich. Einige wollen mich vorbereiten auf
das, was vielleicht geschehen knnte, wrde; aber dann ist mein Schmerz ohne
Grnzen. O wer von ihnen, die sich erfrechten, sie zu lstern, der lauten Stimme
meines Herzens zu widersprechen, kannte sie wirklich? Hret die Geschichte ihres
Lebens! Hret sie selbst.

                            Rosamundens Geschichte.

Ich war von eilf Kindern das jngste. Alle wurden von meiner Mutter getrnkt,
ich allein mute einer Fremden anvertraut werden, und blieb immerdar fremd unter
meinen Geschwistern. Auch meine Eltern kannten mich nicht, und vereinigten sich
bald in dem Urtheile: da von meiner Fassungskraft nicht viel zu erwarten sey.
    Von dem Augenblicke, wo ich dieses entdeckte, war es mir unmglich, ihnen
anders, als sie mich dachten, zu erscheinen. Diese Eigenheit ist mir mein ganzes
Leben hindurch geblieben und es braucht nur Jemand eine unvortheilhafte Meinung
von mir zu ussern, um sie durch tausend kleinen Zuflligkeiten besttigt zu
sehen.
    Es wre mir wohl mglich, sie alle zu meinem Vortheile zu benutzen, und die
gegen mich eingenommenen Menschen vielleicht fr immer zu gewinnen, aber eine
unberwindliche Scheu hlt mich davon ab, auch ist mir eine berlegte
Freundschaft und Anhnglichkeit unertrglich.
    So kam es denn, da ich, mitten unter Eltern und Geschwistern in immer
tiefere Einsamkeit gerieth, und zuletzt beinahe gnzlich verstummte. Dafr aber
war ich allein immerdar begeistert. Unaufhrlich schwebten tragische Situationen
vor meinem Sinne, denen ich durch Stimm' und Geberde Leben zu geben bemht war.
    Aber wie oft mute ich vor meinen Geschwistern aus einem dstern Winkel in
den andern fliehen und das, was ich mit Thrnenstrmen, mit Triumph und
Klagegesang luftdurchtnend htte verknden mgen, in mein Inneres
verschliessen. Ganz konnte ich es gleichwohl nicht ohne mein Leben durch die
gewaltige Empfindung zerstrt zu sehen. Was blieb mir brig, als Tanz und
Geberde?
    Ich trauerte Anfangs darber; entdeckte aber bald, da eben dieses gnzliche
Verstummen mir eine eigene, heilige Welt bildete, wo ich das den brigen
Knsten, trotz allem Bemhen, dennoch Unaussprechliche seelenerhebend andeuten
konnte. Aber wen erhob ich? - Mich selbst und Tausende, die um mich versammelt
waren. Wer waren diese Tausende? Geister, die vor meinem inneren Sinne so
lebendig schwebten, als htten sie geathmet.
    Von Niemanden gekannt, erreichte ich so das fnfzehnte Jahr. Meine Schwester
hatte das siebenzehnte zurckgelegt, und wurde allgemein fr ein sehr reizendes
und geistvolles Mdchen gehalten. Nur das erste war sie wirklich, doch schien
sie mir damals, so wie Andern, das letzte in eben dem Grade, und ich war fest
berzeugt, in ihrer Gegenwart nicht besser als durch Schweigen fr mich sorgen
zu knnen.
    Eben deswegen blieb ich aber auch ganz unbemerkt neben ihr, und von allen
Mnnern, die sie umflatterten, war gewi kein einziger, der mein Herz geahnet
htte. Ich fand dieses, durch meine Kindheit vorbereitet, sehr natrlich, und
sogar dann, als meine ganze Lebenskraft fr einen der eifrigsten Anbeter meiner
Schwester erwachte, kam es mir nicht in den Sinn, von ihm geliebt werden zu
knnen.
    Diese Ueberzeugung von Unliebenswrdigkeit usserte sich immerdar minder
oder mehr bei mir; gleichwohl half ich meine Schwester, die sich gern putzte,
verschnern, und wenn auch oft ein stechender Schmerz meine Brust durchfuhr,
that ich doch, in stiller Trauer, Alles, was sie wollte.
    Dieses gefiel ihr, sie machte mich zu ihrer Vertrauten, und bereitete mir
dadurch einen neuen schmerzlichen Genu: sie sprach von dem Geliebten.
    Er war sehr schn, ein mir oft schreckliches Lcheln ausgenommen, was meine
Liebe, wre ich auch minder von der Unmglichkeit, geliebt zu werden, berzeugt
gewesen, immerdar in meine Brust zurckgeschreckt haben wrde.
    Meine Schwester bersah dieses Lcheln, vertraute ihm ihr Herz und ihr
Schicksal, wurde seine Gattin. Mit heimlichem Schaudern begleitete ich sie zum
Altare, ergriff, als sie in die Kirche trat, pltzlich ihr Kleid und wollte sie
nicht lassen. Aber er fhlte ihr Zgern und ri sie mit fort, so, da ein Stck
ihres Kleides in meinen Hnden blieb.
    Tiefsinnig betrachtete ich das Stck, und folgte langsam zum Altare. In dem
Augenblicke, wo sie das Ja sagen sollte, versagte ihr die Stimme. Sie sah mich
an und erbleichte. Aber der Geistliche fragte sie zum zweitenmale, und sie sagte
das schreckliche Ja.
    Die Hochzeit war lrmend, aber die Braut traurig, und der Brutigam witzig.
Es berfiel mich ein Grauen bei diesem Witze, und bei dem mir so furchtbaren
Lcheln traten mir brennende Thrnen in die Augen.
    Noch acht Tage sollte meine Schwester im vterlichen Hause verweilen, dann
wollte er sie nach Italien auf seine Gter fhren.
    Erst jetzt, da meiner Mutter die eine Tochter entrissen werden sollte,
schien ihr die andere etwas werth, und sie widerstand fortwhrend Charlottens
Bitte um meine Begleitung.
    Der achte Trauertag brach an, Alles war zur Abreise bereit; aber meine
Mutter unbeweglich. Schon sa meine Schwester im Wagen; aber noch einmal
streckte sie die Hnde nach mir aus. Sprachlos starrte ich sie an, sprang dann
pltzlich in den Wagen, winkte dem Kutscher, und schlug die Thre hinter mir zu.
    Ungeduldig hatten die Pferde lange gewartet, nun aber rissen sie uns fort im
heftigsten Gallop. Meine Mutter, mein vterliches Haus, meine Vaterstadt
verschwand, der heimische Boden entfloh, Feuerfunken sprhten umher, hinaus in
die fremde Welt rissen uns die schnaubenden Pferde.
    Meine Schwester umklammerte mich mit Thrnen. Ich aber konnte nicht weinen.
Ich wute ja schon, da es keine Thrnen und keine Worte fr meine Empfindungen
gab, und betrachtete die Menschen, welche die ihrigen dadurch auszudrcken
suchten, mit fortwhrendem Erstaunen. Ich hielt meine Schwester, und sah
schweigend in die Ferne.
    Als wir die Grnze erreichten, schien sie des Trostes nicht mehr fhig, ihre
Thrnen flossen unaufhaltsam, und sie bestrmte uns mit Bitten, sie in ihrem
Vaterlande zu lassen. Antonio zchtigte sie mit dem beissendsten Spotte. Nun
schwieg sie wie ich, und in Kurzem waren wir auf italienischem Boden.
    Der reine Himmel, die balsamische Luft, der lachende Frhling, zu einer
Zeit, wo sie ihr vterliches Haus mit Schnee bedeckt verlassen hatte, das Alles
schien meine arme Schwester wohlthtig zu zerstreuen. Um so tiefer verwundete es
mich, als ihr Mann fortfuhr, sie mit boshaften Witzeleien an ihren vorigen
Schmerz zu erinnern. Als er ihr aber mit hmischem Lcheln vorschlug, wofern sie
ihn nicht begleiten wolle, stehe es ihr nun frei, wieder zurckzukehren, war es,
als werde mir das knftige Schicksal der Unglcklichen durch einen Blitzstrahl
erleuchtet.
    Zum erstenmale brach ich das Schweigen, und stellte ihn, sobald ich es vor
meiner Schwester unbemerkt thun konnte, dieser Aeusserung wegen zur Rede. Er
versicherte, sie sey vlliger Ernst; im Fall ich aber nicht Lust habe, meine
Schwester zu begleiten, knne ich bei ihm bleiben, und solle es recht gut haben.
    Ich fhlte meine Wangen pltzlich erkalten, dann all mein Blut gewaltsam
hineinstrmen; aber meine Schwester trat zu uns, und ich schwieg.
    Mit Einbruch der Nacht erreichten wir Florenz; hrten aber zu unserm
Erstaunen, da Antonio alle nthigen Vorkehrungen traf, diese schne Stadt schon
am dritten Tage zu verlassen.
    Sogleich fragte ich meine Schwester, wo sich die beiden Wechsel, welche hier
umgesetzt werden sollten, befnden. Sie sagte mir, da Antonio sie schon zweimal
gefordert, aber mit andern wichtigen Papieren, welche ganz unten in ihrem Koffer
lgen, noch nicht habe erhalten knnen.
    Mit Heftigkeit entri ich ihr die Schlssel, lie augenblicklich den Koffer
in mein Zimmer bringen, fand die Wechsel, und verbarg sie mit einem Ringe von
grossem Werthe in meinem Bette. Die Juwelen meiner Schwester waren leider in
Antonio's Koffer.
    Ich schlo kein Auge, und diese Nacht schien mir die lngste meines Lebens.
Kaum war es Tag, als ich zu dem Kaufmann eilte, und ihm Alles entdeckte. Er
sagte mir, da er zwar noch keine Nachricht erhalten, mir aber, wenn ich es
verlange, die Summe auszahlen wolle. Ich beschwor ihn, es nicht zu thun, und die
Sache ihren gewhnlichen Gang gehen zu lassen.
    Schon war ich von meiner Schwester vermit worden, und Antonio fragte mich,
wo ich gewesen? Ich sagte es, und versicherte, ohne auf seine wthenden Blicke
zu achten, da es nun wohl unmglich seyn werde, am dritten Tage weiter zu
reisen. Ich aber - rief er - werde es mglich machen! - und strzte fort, ohne
weiter auf uns zu achten.
    Meine unglckliche Schwester, usserst befremdet und erschttert, tadelte
meinen Vorwitz, wie sie es nannte, und beschwor mich, ihren Mann doch ja nicht
wieder auf solche Weise zu reizen. Ich antwortete, wie gewhnlich durch
Schweigen; kmpfte aber doch mit mir selbst, ob ich ihr nicht Alles entdecken
solle.
    Noch war ich nicht mit mir einig, als Antonio zurckkehrte. Er kommt! -
sagte ich nun schnell - frchte nichts und verla dich auf mich! Alles, was ich
that, war nothwendig. Mit diesen Worten verlie ich das Zimmer, und verschlo
mich in das meinige.
    Zu meinem Erstaunen blieb Alles ganz ruhig. Ich wurde zum Essen gerufen, und
htte mich nicht Antonio's giftiges Lcheln gewarnt, ich wrde ihn fr
unbefangen gehalten haben. Aber eben dieses schreckliche Lcheln erregte mir
Zweifel, und ich eilte noch spt zu dem Kaufmanne, mich zu berzeugen.
    Er hatte nichts ausgezahlt, und Antonio mit der Weisung zurckgeschickt: er
werde sich an die Person halten, welche den Wechsel vorgezeigt habe. So ging ich
dann einigermassen beruhigt zu Haus, und fiel endlich in Schlaf.
    Ich erwachte sehr spt, und fand meine Schwester in grosser Unruhe. Antonio
hatte sich Nachts von ihrer Seite geschlichen und war abgereist, ohne da Jemand
im Hause Auskunft geben konnte, wohin. Was glaubst du davon? - rief meine
unglckliche Schwester - Ich brauche nichts zu glauben - antwortete ich - Ich
wei Alles! Was zu retten war, ist gerettet! dein Herz ist leider verloren! doch
hoffentlich nicht auf immer. Fasse dich! Was ich dir gestern sagte, wiederhol'
ich dir heute: du kannst dich auf mich verlassen. Willst du zurckkehren ins
vterliche Haus?
    Sie schrie laut auf bei diesen Worten und verbarg ihr Gesicht in den Hnden.
    Willst du nicht - wohlan! so machen wir uns selbst ein Schicksal.
    Das Schicksal macht sich nicht! - rief sie laut schluchzend. -
    Wir wollen sehen! - erwiederte ich - Wre dein Herz nur geheilt!
    Nimmer! - fiel sie ein.
    Wie bald! - fuhr ich fort - knnt' ich dir nur einen Theil meiner tiefen
Verachtung gegen den Elenden mittheilen! Doch, traure aus du Unglckliche, und
la mich sorgen!
    Mit diesen Worten bracht' ich sie wieder auf ihr Lager, und eilte, den Arzt
zu benachrichtigen. Aber er versicherte mir, seine Hlfe sey hier berflssig,
und Alles von der Zeit zu erwarten.
    So war ich denn fr den Augenblick beruhigt, und konnte meine ganze
Aufmerksamkeit unserer Lage widmen.
    Ich sah bald, da die Wechsel samt dem Ringe uns kaum ein Paar Jahre vor
Mangel schtzen knnten, und da meine Schwester, nach dem, was sie geussert,
sich nicht entschliessen werde, in das vterliche Haus zurckzukehren. Ich
selbst mute es mir nach ihrer Zurckkunft mit Jammer erfllt denken; doch nahm
ich mir vor, sie noch einmal auf das Aeusserste zu prfen, und nur dann, wenn
ich ihren Widerwillen unberwindlich gefunden, einen festen Entschlu zu fassen.
    Jemals zu heirathen schien mir, bei der Ueberzeugung, ich werde nie geliebt
werden, unmglich. Auch hatte ich sogenannte glcklichen Ehen genug beobachtet,
um zu wissen, da Ein Theil durchaus der Leidende seyn msse, um dieses
scheinbare Glck hervorzubringen und zu erhalten. Leiden erregte mir aber nicht
Furcht, sondern Eckel. Es schien mir eine Krankheit, die, besonders wo sie
anhaltend wre, den Tod des Geistes nothwendig zur Folge haben msse. So war ich
dann fest entschlossen, es zu fliehen, wie und wo es mir drohen mge, und seine
beiden furchtbarsten Feinde, Freiheit und Thtigkeit, zu erhalten.
    Aber worauf sollte sich diese Thtigkeit wenden? Auf die Geschfte des
gemeinen Lebens? - Das schien mir gleichfalls unmglich. War es gedenkbar, da
sie mich vor Geistesleiden, vor Geistestod schtzten? Wurden sie nach einem
gewissen Zeitmaasse, wurden sie harmonisch verrichtet? Drckten sie die grosse
Angelegenheit der Menschheit: den Kampf des Unordentlichen mit dem Ordentlichen,
des Hlichen mit dem Schnen, oder, was dasselbe ist: des Guten mit dem Bsen
aus?
    Tief lag es als Ahnung in meiner Seele, da dieses der geheime Sinn aller
Knste, und der Grund aller Gewalt sey, welche sie an den Menschen ben. Ich
hatte beweisen gesehen, da Tne Gestalten hervorbringen, und diese hohe
Bedeutung wrde mich zur Musik hingezogen haben, htte sie mich nicht zu
gewaltsam ergriffen; so da ich meine Empfindung durch Tanz ausdrcken, oder
untergehen mute. So war mir dann das Rthsel meiner Jugend gelst, und der
Entschlu, als tragische Tnzerin aufzutreten, befestigt.
    Ich theilte ihn meiner Schwester mit; aber es whrte lange, ehe sie sich von
der Wahrhaftigkeit meines Berufes berzeugen, und ber die gemeine Ansicht
erheben konnte. Gleichwohl begriff sie, da irgend etwas Ausserordentliches
geschehen msse, und lie mich, ohne mir gerade beizupflichten, wenigstens
gewhren.
    Ich benutzte diese Stimmung, und eilte, meinen Entschlu auszufhren. Nur
kurze Zeit lie man mich als Nebentnzerin auftreten, und schon an meinem
sechszehnten Geburtstage wurde mir eine der Hauptrollen bergeben. Man schien
viel von mir zu erwarten, und das Haus konnte die Zuschauer nicht fassen.
    Mein Auge berflog die Menge, die Geister meiner Kindheit umschwebten mich,
und gttliche Kraft belebte meine Glieder. Ich tanzte, tanzte die Geschichte
meiner Kindheit, tanzte meine gestorbene Liebe, meine Sehnsucht nach der
unvergnglichen Schnheit. Der Beifall wurde rauschend, wie ein seliger Geist
schwebte ich ber der Menge, die Ungeliebte pltzlich von Tausenden geliebt. Ich
fhlte es, fhlte mit unaussprechlicher Wonne, da ich das Rechte gewhlt habe,
der kleinlichen Erdennoth entrckt, ein freier Geist durch die Kunst sey.
    Mein Heimgang wurde ein Triumphzug. Ich war mit Rosen geschmckt, von beiden
Seiten flogen Rosen in meinen Wagen, und ich blieb seit diesem Abende, unter dem
Namen Rosamunde, ein Liebling der Florentiner.
    Seitdem gehrt der geheimnivolle Duft der Rosen zu meinem Wohlbefinden, und
ich suche ihr schnes Leben mit der ussersten Sorgfalt zu bewahren.
    Oft haben mich Knstler versichert, wie tief sie auch Anfangs durch den
Beifall der Menge erschttert seyen, habe derselbe doch bald allen Reiz fr sie
verloren, und sey ihnen am Ende beinahe eckelhaft geworden.
    Mir nicht also. Ich feierte mein eigentliches Leben nur mit dieser von ihnen
verachteten Menge, und fhlte geisterhebend, da alles andere Leben kaum den
Namen Leben verdiene. Ihr Beifall schien mir der Chor zu meinem Tanze, durch den
ich die Schwere beinahe berwunden, und mich dem Himmel genhert hatte. Wir alle
feierten einen seligen Triumph.
    Meine unglckliche Schwester allein trauerte bei meinem Glcke. Ihre Liebe
wurde Krankheit. Mir ganz unhnlich nhrte und pflegte sie ihren Kummer und wie
jede Linderung zurck.
    Die Bedauernswrdige litt auch noch durch meine Forderungen. Ihren Zustand
gnzlich verkennend whnte ich noch immer, sie werde sich ber ihr Schicksal
erheben. Vergebens! Ihre Kraft war dahin, und ich sah endlich mit tiefem Jammer,
da ich mich schrecklich geirrt hatte. Es zeigten sich Spuren eines langsamen
Giftes, und ein anderer Arzt, den ich nun schnell berief, verhelte mir nicht,
da ich mich auf ihren Verlust vorbereiten msse.
    Nach dringenden Bitten erhielt ich die Erlaubni, mich ganz ihrer Pflege
widmen zu knnen, bis sie entweder genesen, oder ihr Leiden fr immer geendigt
seyn werde.
    Ach nicht lange verwaltete ich mein trauriges Amt! In wenigen Tagen lag sie
ohne Hoffnung darnieder, und entschlummerte noch frher, als der Arzt und wir
alle geglaubt hatten.
    Florenz sah mich trauern und trauerte mit mir. Zart schonend enthielt man
sich lange, mich an mein Versprechen zu erinnern, und schon blhten Rosen auf
meiner Schwester Grabe, als man mich endlich darum mahnte. Zum erstenmale
erschien ich nun wieder ffentlich, und die Begeisterung dieses Abends war eine
der hchsten meines Lebens.
    Viele Mnner warben jetzt um mein Herz. Ein russischer Graf unter allen am
eifrigsten. Er sah mich Reichthum und Wohlleben zurckweisen, und glaubte mit
seiner Hand Alles zu berbieten. Um so grsser war sein Erstaunen, als ich auch
diese, wiewohl dankbar, aber gleichfalls mit Lcheln zurckwie.
    Mut ich nicht lcheln, da Menschen, die ich ihrer Armuth wegen bedauerte,
mich bereichern wollten? da der gute Graf, der mich so frei sah, wie ein
menschlicher Geist es werden konnte, mich durch vornehme Sclaverei zu beglcken
dachte? Begeistert und selig ber Tausende schwebend, sollte ich mich da unten,
wo es mir vielleicht schon nach Jahresfrist nicht mehr gelang, die Falten seiner
flachen Stirne zu verwischen, erhoben glauben! -
    Diese unbegreifliche Eitelkeit, welcher ich mehrere seines Standes und
Geschlechtes ergeben sah, war eben so wenig, als das Schicksal der unglcklichen
Weiber, welche ihrer sogenannten Liebe vertraueten, geschickt, mir eine hhere
Meinung von den Mnnern beizubringen. Beantwortete ich ihre Antrge immer noch
mit Lcheln! so war dies vielleicht ein gutmthigerer Ausdruck meiner
Empfindung, als sie rechtmssigerweise erwarten konnten.
    Gleichwohl war es eben dieses Lcheln, was mir eine Menge der bittersten
Feinde erweckte. Jeder, dessen Wnsche nicht erfllt wurden, schlo auf einen
glcklichern Nebenbuhler, und schrieb es nur der Tiefe meiner Heuchelei zu, wenn
er ihn nicht entdeckte.
    Oft wurde die Erbitterung allgemein, und mein Untergang beschlossen. Ich
wute es; aber vertraute der Kunst. Mit Recht; denn sie verwandelte mehrmals an
Einem Abende das ganze Heer meiner Feinde in eben so viele Lobpreiser und
Beschtzer.
    Immer durch die Kunst berwunden, gaben sie es endlich auf, mich zu
verfolgen, und nur dann, als sie dich tiefer als sie Alle erregt sahen,
beschlossen sie, dich und Alles, was sie lngst verziehen hatten, noch einmal
auf das empfindlichste zu rchen.
    Ob es ihnen gelungen ist, hast du gesehen. Willst du mich nun in Frieden
scheiden lassen; sie werden meine Ruhe nicht mehr stren.

                            Gretchen an ihre Mutter.



                              Herzliebste Mutter!

Was sie mir geschrieben, habe ich nicht recht verstanden. Der Herr Vetter und
die Frau Prsidentin sagen aber, das thue nichts, sie habe es nur so in der
Angst hingeschrieben, und werde jetzt wohl begreifen, da ich es nicht verstehen
knne. Auch bedeute es Alles nichts anderes, als da ihr bange sey, ich werde
nicht so fromm und gottesfrchtig bleiben, als sie mich hergeschickt habe.
    Da sey sie aber nur ganz ausser Sorge, herzliebste Mutter! Es ist ja nicht
mit mir, wie mit einigen andern unglcklichen Leuten, die nur fromm und
gottesfrchtig aus Zwang sind. Ich bin es ja, weil ich meine Freude daran habe,
und ist mir ja Alles zuwider, was mich daran hindern kann. Es betrbt mich aber
recht inniglich, da sie nur daran zweifeln und sogar glauben kann, ich wrde
ganz anders werden. Ach bilde sie sich so was nicht ein, herzliebste Mutter! Ich
hab's ihr ja schon gesagt, sie soll gewi Freude an mir erleben, und ich wre
auch nicht zum Frsten gegangen, wenn sie es mir verboten htte. Aber der Herr
Vetter und die Frau Prsidentin sagen: sie habe es mir nicht verboten, und die
verstehen ja doch ihren Brief besser als ich, wenn ich ihn auch noch so oft
lese.
    Der Frst ist zwar wohl manchmal ein wenig hastig und sonderbar; aber doch
sonst ein sehr braver Herr. Ich frchte mich darum auch gar nicht mehr, und sage
Alles, wie ich es denke. Es freuet ihn gar herzlich, das kann ich sehen, und
wenn er manchmal noch so verdrielich ist - er mag auch wohl seine Noth haben -
wird er doch immer heiter, wenn ich komme.
    Sehr gut ist's, da der Herr Vetter einen Garten hat; sonst wte ich nicht,
was ich dem Frsten bringen sollte. So aber giebts immer Blumen und Frchte, und
der Frst versichert, es seyen die schnsten und wohlschmeckendsten, die er in
seinem Leben gesehen und gegessen habe, und die auf seiner Tafel werden ihm ganz
zum Eckel.
    Wie das nun zugeht, kann ich nicht begreifen. Wenn andere Leute Gastereien
geben, suchen sie doch immer Blumen und Frchte vom Hofgrtner zu bekommen, und
mssen also wohl wissen, da es die schnsten sind. Doch was soll man mit
solchen grossen Herren anfangen? Man mu nur schweigen, und es so hingehen
lassen.
    Liebstes Gretchen! - sagte er letzt, als ich eben den Korb vor ihn
hinstellte - du bringst mir nun alle Tage so viel Schnes, ja das Schnste, was
ich sehe; denkst du dann aber niemals daran, da ich dir auch etwas dafr geben
mu?
    Ach, gndigster Herr! - antwortete ich - ich bin nur froh, da ich immer
etwas zu bringen habe, und der Tag geht so schnell hin, und ich habe an so viel
andere Sachen zu denken, da mir das noch gar nicht eingefallen ist.
    So! - antwortete er sehr ernsthaft, stand schnell auf, und ging mit grossen
Schritten vor mir hin und her. Mit einemmale blieb er aber stehen, fate meine
beiden Hnde, und sagte sehr freundlich: Hre liebstes Gretchen! ich wei, du
hltst mich fr deinen Freund und sagst mir Alles ganz aufrichtig. -
    Ja, das wei Gott! - fiel ich ein - und ich wrde mich auch versndigen,
wenn ich es nicht thte.
    Nun so sage mir doch einmal - fuhr er fort - woran denkst du nun wohl den
ganzen Tag am meisten?
    Das kann ich Ihnen wohl sagen, gndigster Herr! - antwortete ich - Sie
kennen ja den jungen Herrn in des Herrn Prsidenten Hause? der, der letzthin
krank war, der die schnen Bilder malt?
    Ja, ja, ich wei! ich wei! - rief er ungeduldig, lie pltzlich meine Hnde
los, und ging von mir weg.
    Mir war, als wr' er bse, und doch konnte ich nicht begreifen worber.
Indem ich noch darber nachdachte, und nicht gleich wute, was ich anfangen
sollte, kam er wieder auf mich zu. Warum schweigst du Gretchen? - fragt' er, und
nun kam es mir vor, als wr' er betrbt - Gereuet es dich, was du gesagt hast?
    Lieber Gott! - sagt' ich - wie knnte mich das gereuen? Es kam mir nur vor,
als wren Sie erzrnt; ich wute freilich nicht worber.
    Kehre dich nicht daran! - antwortete er - Uns geht mancherlei durch den
Kopf. Fahre fort, Gretchen! fahre fort! - und indem er dieses sagte, prete er
meine Hnde so stark, da sie mich schmerzten.
    Gndigster Herr! - sagt' ich - ich merke nun wohl, da Sie ber den armen
jungen Herrn, und besonders darber erzrnt sind, da er nicht von der Person,
die ihn so unglcklich macht, lassen kann. Aber bedenken Sie nur, es hngt ja
nicht von einem Menschen ab, wen und wie sehr er lieben will.
    Weit du das? - rief er hastig - Das weit du!
    Wie sollt' ichs denn nicht wissen! - sagt' ich lchelnd - man hrt ja davon
so mancherlei Geschichten, die noch viel wunderbarer sind, als die mit dem
jungen Herrn.
    Aber Gretchen - sagte er - sollte denn die Vernunft gar nichts ber einen
Menschen vermgen? -
    Da konnt' ich aber das Lachen nicht lassen, und antwortete: nehmen Sie es
mir nicht bel, gndiger Herr! aber das kommt mir gar zu possirlich vor, wenn
man die Liebe durch die Vernunft austreiben will. Grosser Gott! die Liebe ist ja
das Allervernnftigste auf der Erde. Vor dem lieben Gott wird der, der da liebt,
immer und ewig Recht behalten, und nur der da hasset, wird verdammt werden, und
zwar durch seinen eigenen Ha. Man sieht's ja auch alle Tage, die Liebe erhlt,
und der Ha zerstrt. Nun wre es ja aber unvernnftig, wenn ich mir einbildete:
der liebe Gott wolle seine eigenen Werke zerstrt haben. O nein! er hat den
Menschen die Liebe gegeben, damit sie erhalten werden, und hat den Heiland
gesandt, damit er die Menschen durch sein heiliges Leben an die Liebe - an das
Eine, was Noth thut, - erinnere.
    Liebstes Gretchen - sagte der Frst - du sprichst da von einer ganz andern
Liebe.
    Nun konnt' ich wieder das Lachen nicht lassen, denn es war mir einmal so
lcherlich zu Muthe. Gndigster Herr! - sagt' ich - nehmen Sie es mir nicht
bel, da ich heute so viel lache; aber das ist nun wieder ganz was Sonderbares,
da die Leute einen Unterschied unter der Liebe machen. Liebe ist Liebe, sie mag
vermischt seyn, womit sie will. So wie Gold Gold bleibt, mag auch noch so viel
anderes Metall dazu kommen. Wie unvollkommen die Leute auch anfangen zu lieben,
das thut Alles nichts, wenn sie nur immer fortfahren, werden sie es schon einmal
lernen. Wenn sie aber hassen, sich im Hassen ben, kann in Ewigkeit nichts Gutes
herauskommen.
    Du wirst aber doch nicht lugnen - sagte der Frst nun wieder - da die
Liebe viel Unheil anrichten kann.
    Ach lassen Sie sich so was nicht wei machen, gndiger Herr! - fiel ich
schnell ein - die Liebe hat, so lange sie da ist, noch kein Unheil angerichtet.
Alles, was die Leute von dieser sogenannten Liebe erzhlten, war nichts, als ein
herausgeputzter Ha, und der mag freilich viel Unheil angerichtet haben.
    Aber es kann doch Verhltnisse geben, - fuhr er fort - in welchen die Liebe
unerlaubt ist.
    Das mgen mir schne Verhltnisse seyn! - rief ich nun wieder lachend - wo
die Liebe unerlaubt ist! Solch ein Verhltni mcht' ich wohl einmal sehen, in
welchem mir das Lieben verboten werden knnte!
    Gretchen - sagt' er nun sehr ernsthaft - du lachst; aber denke nur einmal
darber nach: ob es nicht solche Verhltnisse giebt. -
    O ja! - rief ich noch lauter lachend, indem ich meinen Korb nahm - ich will
darber nachdenken! unterdessen, gndiger Herr! denken Sie auch einmal darber
nach: ob es nicht Verhltnisse giebt, in welchen einem das Athemholen verboten
werden knne.
    O Mdchen! - rief er nun, indem er mich fest um den Leib fate - gieb mir
einen einzigen - Apfel wollt' er gewi sagen. Aber ich zeigte auf seinen Tisch,
wo schon zwlf der allerschnsten lagen. Da schmte er sich, und lie mich
pltzlich wieder los.

Den andern Tag kam ich wieder und brachte ihm Erdbeeren und Blumen. Er nahm sie,
setzte sie schweigend vor sich hin, und reichte mir die Hand. Wer pflckt die
Erdbeeren? - fragt' er dann.
    Ich, gndigster Herr!
    Aber du hast ja so viel zu thun.
    Dazu mu immer Zeit werden.
    Aber die Erdbeeren sind jetzt selten. Du mut wohl lange suchen?
    Das schadt nichts! Ich thue es ja gern.
    Aber gestern sagtest du mir, du dchtest an den jungen Maler in des
Prsidenten Hause am meisten. Das Suchen sthrt dich aber.
    O ganz und gar nicht! indem ich suche, kann ich ja denken, was ich will.
    Du hast Recht! Du kannst denken, was du willst - sagte er, lie meine Hand
los, stand pltzlich auf, und ging wieder, was er immer thut, wenn ihm etwas
nicht Recht ist, mit grossen Schritten auf und ab.
    Gndiger Herr! - sagt' ich darum gleich - es wird noch wohl so herauskommen,
da Sie nicht allein bse auf den armen jungen Herrn, sondern auch auf mich
sind.
    Wer sagt dir, da ich bse auf euch bin?
    Ach gndigster Herr! ich bin nur ein einfltiges Mdchen; aber wenn Jemand
bs auf mich ist, das kann ich gleich merken, und wenn Sie so mit grossen
Schritten auf und ab gehen, da wei ich immer schon, wie viel es an der Zeit
ist.
    Gretchen! - sagt' er nun mit einemmale wieder lchelnd - ich gebe dir mein
Ehrenwort, da du nicht weit, wie viel es an der Zeit ist. Sey ruhig! Ich bin
weder bs auf ihn, noch auf dich; wrde es nur dann seyn, wenn du anders
sprchest, als du dchtest.
    Das wr' schn! - rief ich.
    Nein! nein! - fuhr er fort - ich wei, da du das nicht kannst und nicht
willst. So sag' mir aber denn einmal, was denkst du nun so immer ber den Maler
und sein Verhltni mit der Tnzerin?
    Ach, gndigster Herr! wie soll ich Ihnen das beschreiben! Sagte mir Einer:
hundert Meilen von hier wchst ein Kraut, was ihm helfen kann, ich ginge und
holte es herbei. Oder sagte Einer: ich will ihm helfen; aber du sollst mir dein
ganzes Leben dafr dienen; ich riefe geschwind: hilf ihm, und ich will dir mein
ganzes Leben dafr dienen und arbeiten, da mir das Blut aus den Hnden spritzt.
    Aber Gretchen, wenn du nun das Alles thtest, und es wrde ihm wirklich
dadurch geholfen, weit du dann aber auch, da er es erkennen wrde?
    Gndigster Herr! - antwortete ich - dergleichen thut man nicht, da es
erkannt werde. Wollte Gott, ich knnt' ihm nur helfen! mcht' er es meinetwegen
nimmermehr erfahren.
    Jetzt ging er wieder eine ganze Weile mit grossen Schritten tiefsinnig auf
und ab. Hat er dich niemals gesehen? - fragt' er endlich.
    Niemals! ausser da er krank war; aber da wut' er ja nichts von sich selbst.
    Hast du auch niemals gewnscht, er mge dich sehen?
    Ach Gott, nein! ich habe es immer gefrchtet.
    Gefrchtet? -
    Ja! denn ich wei schon vorher, da ich in grosse Verlegenheit kommen und
mich sehr einfltig benehmen werde. Im Stillen ihm dienen, seine Schmerzen
lindern, ist meine innigste Freude. Da schon einiges davon bekannt wurde, hat
mich eine Weile ganz betrbt gemacht. Mir war, als wrde mir was genommen. Jetzt
hab' ichs verschmerzt, und ist mir wieder so still und heilig in seinem Zimmer,
wie in einer Kirche.
    Was malt er jetzt?
    Ich habe nicht gesehen, da er etwas Neues angefangen; aber man hat genug an
dem, was fertig ist, zu sehen.
    Weit du auch, warum er nicht malt?
    Sie ist krank.
    Ja! und ihr Zustand bedenklich. Die Aerzte sprechen sehr zweifelhaft davon.
Wenn sie strbe -
    Dann wre der gute Herr fr uns Alle verloren.
    Vielleicht auch fr immer gerettet.
    Das glaub' ich nicht! Was sie ihm war, wird keine ihm werden.
    Sie liebt ihn nicht.
    Das ists eben.
    Warum ists das eben?
    Ich kann es auch nicht begreifen; aber die Frau Prsidentin sagt es.
    Die Prsidentin. Aber du, was sagst du?
    Ach, gndiger Herr! ich hab' es ja schon gesagt, da ich es nicht begreife.
Aber wie vieles giebt es nicht, was man nicht begreift. So erzhlte letzt eine
Dame bei der Frau Prsidentin, ein junges Mdchen habe sich in einen ganz
wilden, ausschweifenden jungen Menschen verliebt, so da die Eltern gar nicht
mehr gewut htten, was sie mit ihr anfangen sollten. Da habe ihnen eine
Freundin gerathen, sie sollen einen jungen Mann, der aber ber 18 Jahre alt seyn
msse - ein Mdchen brauche nur 14 zu seyn - aufsuchen. Habe dieser junge Mann
noch niemals aus Eitelkeit einem jungen Mdchen gefallen wollen - aus Liebe
schade es nichts - und berhaupt noch keine bsen Gedanken gehabt; so drfe er
nur ein Stckchen von dem feinsten Scharlache Nachts und Tags, drei Monate lang,
auf dem Herzen tragen, und er knne damit das Mdchen retten.
    Wie so?
    Ja, das Stckchen Tuch msse ihr dann auch aufs Herz gebunden werden. Habe
der junge Mensch aber, in der Zeit, wo er es getragen, etwas Bses gedacht oder
gethan; so helfe es nichts.
    Nun wie ging es? Half es wirklich?
    Ach sie haben keinen solchen jungen Menschen gefunden.
    Ich glaube es! Aber du, Gretchen, knntest das einmal mit dem Maler
versuchen.
    Ich hab' es schon versucht.
    Du hast es versucht?
    Ja! aber auf eine andere Art. Die Dame setzte noch hinzu: wenn auch die
Leute einen solchen jungen Mann gefunden htten, wr' es noch immer die Frage
gewesen, ob er die Liebe des Mdchens gewnscht htte. Dafr sey aber auch Rath.
Man brauche nur nicht das Stckchen Tuch dem Mdchen gerade aufs Herz zu binden,
sondern nur Alles, was sie an sich trage, und berhre, damit zu bestreichen, so
werde sie doch gleich ruhig und alle ihre Leidenschaften gemssigter.
    Und du?
    Ja, mein seliger Vater sagte immer, all dergleichen sey Aberglauben. Man
sieht aber doch heut zu Tage, da manches fr Aberglauben gehalten worden, was
es nicht ist, sondern wirklich tief in der Natur liegt. So dacht' ich dann:
hilft es nicht, so schadet es doch auch keinem Menschen, du kannst es immerhin
versuchen.
    
    Du trgst ein solches Stckchen Tuch?
    Ja, ich trage es.
    Und nach drei Monaten wirst du es ihm aufs Herz binden lassen?
    Gott bewahre!
    Warum Gott bewahre? Es wre ihm ja dann fr immer geholfen.
    Ach Gott, nein! ich mag es nicht!
    Das ist sonderbar! Du willst ihm helfen, und dann willst du es wieder nicht.
    Ach, gndiger Herr! - rief ich - Verstehen sie mich doch nur recht! Ich will
ja wohl, da ihm geholfen; aber nicht, da er gezwungen werde, mich zu lieben.
    Ich sehe nicht ein - sagte er nun ganz heftig - warum du dich so sehr
dagegen wehrst! Liebe ist ja Liebe, sagst du, sie mag kommen, woher, und mag
vermischt seyn, womit sie will. Wie schlecht er dich Anfangs auch liebt, er wird
es schon einmal lernen.
    Ach, gndiger Herr! - rief ich nun, und konnte das Weinen nicht mehr
zurckhalten - das htte ich nicht geglaubt, da Sie meine einfltigen Worte so
gegen mich kehren, und so durch und durch bs auf mich werden wrden! Was ich
Ihnen jetzt vertrauete, hat noch kein Mensch, ja meine Mutter nicht einmal
erfahren.
    Nicht wahr? - sagte er nun recht bitter lchelnd - es gereuet dich, da du
so aufrichtig warest? Doch nein! es darf dich nicht gereuen, und du mut nun
aufrichtig bleiben, sonst verliert ja der Scharlach seine Kraft.
    Das war mir nun ein rechter Stich durchs Herz. Ich ri das Stckchen Tuch
hervor, hielt es ihm hin und rief: nehmen Sie es, gndiger Herr! wenn Sie das
glauben. Sie haben keinen Freund, sagen Sie, und trauen keinem Menschen recht
mehr, als mir. Aber nun trauen Sie ja auch mir nicht mehr, und da sind Sie noch
viel unglcklicher als der arme junge Herr.
    Er sah mich mit grossen Augen an, nahm das Stckchen Tuch und betrachtete es
von allen Seiten. Dann gieng er schnell damit zum Fenster - ich erschrack und
dachte; er wolle es hinaus werfen; denn er glaubt doch nicht daran, das konnt'
ich an seinen Mienen sehen - verbarg es in seinen Busen und kam dann wieder ganz
freundlich auf mich zu.
    Gretchen! - sagte er - ich sehe nun wohl, da wir beiden, der arme Maler, so
wie ich, uns nur deines Mitleids zu erfreuen haben. Viel knnen wir uns freilich
nicht darauf einbilden.
    Grosser Gott! - rief ich - was knnten Sie sich denn auch darauf einbilden?
-
    La das! - sagte er - untersuche das nicht! Was wir auch knnten; du hast
uns davor geschtzt. Geh lieber Engel! (es war nrrisch, da er mich nun mit
einemmale einen Engel nannte, nachdem er kurz zuvor geglaubt hatte, meine ganze
Aufrichtigkeit komme von dem Stckchen Tuche her). Ich habe mancherlei zu
berlegen, besonders aber, wie ich dir meine grossen und manchfaltigen Schulden
abtragen will.
    So nahm ich dann mein Krbchen, und ging voller Gedanken ber all das
Sonderbare, was ich von dem Frsten gesehen und gehrt hatte.
    Er ist wohl, wie sie immer gesagt hat, da die Mnner sind, aufbrausend und
launisch, aber doch gleich wieder gut und herzlich, und gar nicht so, wie der
Herr Vetter sagt, da die Frsten sind. Sie sieht auch, herzliebste Mutter! da
ich ihr Alles, wie sie es verlangt hat, schreibe. Das werde ich auch immer thun,
damit sie wei, da sie nicht nthig hat, angst meinetwegen zu seyn.
    Nun lebe sie wohl, herzliebste Mutter! Ich arbeite viel auf die Weihnacht
fr die Frau Prsidentin; denn die Reihe der lieben Kinder ist gar zu lang, und
sie kann es nicht allein bestreiten. Wenn der Bote aber zurckkmmt, habe ich
doch einen ganzen Pack Geschriebenes wieder fertig. Man braucht nur ein bischen
frh aufzustehen, so mu sich Alles schicken.

                         Stephani an seine Verwandten.


Sie wurde an einen der benachbarten Hfe mit verdoppeltem Gehalte berufen. Der
Brief kam gerade an dem Tage, als sie zum erstenmale das Bett verlassen hatte.
Sie gab ihn mir lchelnd und sagte: die guten Leute glauben, mit Geld sey Alles
gethan. Aber ich will bei meiner Schwester ruhen, und gehe nicht weiter; es sey
denn, da man mich gehen heit.
    Ich hinterbrachte diese Worte dem Frsten, und er kam am folgenden Tage, ihr
das, was sie aufgeopfert hatte, zu ersetzen.
    Von jeder Krankheit ersteht sie schner, und ich sah, da ihr Anblick ihn
abermals berraschte. Er gestand es mir, und versicherte, er werde sie um keinen
Preis gehen lassen. Ihre Kunst sey unersetzlich.
    Und ihre Gestalt! - rief ich.
    Das mcht' ich nicht so geradezu behaupten - antwortete er.
    Kennen Sie etwas Schneres? - rief ich abermals.
    Ja! - rief er eben so lebhaft; aber es war sichtbar, da er seine
Lebhaftigkeit bereuete.
    Schon lange verbarg er mir etwas; aber ich war zu sehr mit meinem Schmerze
beschftigt, auch mocht' ich mich nicht aufdringen. So schwieg ich denn auch
jetzt, und zeichnete, wie ich oft whrend des Sprechens zu thun pflege.
    Es war eine Gruppe spielender Knaben, welche ich auf dem Wege zu ihm mit
Entzcken betrachtet hatte. Er ging kmpfend mit sich selbst auf und ab, blieb
dann wieder eine Weile bei mir stehen, und betrachtete die Zeichnung.
    Himmlische Unschuld! - rief er - Fr wen die Knaben?
    O ich wei nicht! Fr mich selbst! Lebende habe ich doch nicht zu hoffen.
    Unselige Leidenschaft! Wenn ich so sehe, wie sie deine Jugendkraft verzehrt!
dich mir der Kunst raubt - dann mcht' ich bereuen, was ich gethan habe, mchte
sie ziehen lassen, mchte dich retten, um welchen Preis es auch sey!
    Von ihr getrennt, wr' ich gerettet? - Ewig - verlre die Kunst etwas an mir
- ewig fr sie verloren! Mein Leben ruht tief in Rosamunden, nur von ihren
Lippen empfang ich es wieder. Trennung? - Wahnsinn! Selbstmord! Wohin sie auch
geht, ich folge, so gewi mein Schatten mir selbst.
    Unbegreiflich!
    Warum? Sie ist das Vollkommenste, was ich kenne. In ihr ruht eine Welt
herrlicher Gebilde. Nur sie durchschaut mein Innerstes, kennt den leisesten
Wunsch meiner Seele .....
    Wie? Und das Weib lt dich verschmachten? O wenn ich sie nicht gerade sehe,
und durch ihre Schnheit bestochen werde; ergreift mich oft eine ordentliche
Wuth, und ich knnte das kalte, selbstschtige Geschpf ermorden.
    Sie blht schon dem Tode entgegen.
    Und zieht dich mit in die Gruft. Bei Gott ich fordre Rechenschaft von ihr!
Ich kann und darf es nicht lnger mit ansehen. Du gehrst nicht allein dir! du
gehrst uns, der Kunst, der Welt! Melde ihr, da ich komme, da sie sich bereit
halte, entscheidende Antwort zu geben.
    Wann?
    Morgen! wenn es irgend meine Geschfte erlauben.
    So wird es dann gut seyn - erwiederte ich, indem ich ihm die Geschichte
ihres Lebens, die ich, seit ich sie empfing, bestndig mit mir herumtrage,
berreichte - dieses vorher zu lesen. Und hierauf entfernt' ich mich schnell,
ohne seine Antwort abzuwarten.
    Am folgenden Tage lie er mich pltzlich, als ich gerade vor der Staffelei
sa, rufen. Aber ich lie ihm zurck melden, da es mir, ohne Gefahr fr mein
Bild, welches mir theilweise eintrocknen wrde, unmglich sey zu erscheinen. Es
seyen die spielenden Knaben. Wenn sie ganz untermalt waren, wrde ich aufwarten.
Er soll lernen - dacht' ich - wofern er es noch nicht wei, da die Kunst, wie
das Gemth, frei ist.
    Aber er lie mir sogleich zurck sagen: ich solle mich nicht stren. Er
wolle sich gedulden, bis das Bild vollendet sey, und, wre es ihm mglich,
selbst lieber kommen.
    Diese pltzliche Nachgiebigkeit, diese tiefe Verehrung vor der Kunst, rhrte
mich dann wieder bis in das Innerste der Seele, und ich htte ihm zu Fssen
fallen, und Vergebung meiner Hrte von ihm erflehen mgen.
    Er kam wirklich, war so liebe-, freudevoll, so entzckt von dem Bilde, so
ganz entfernt zu ahnen, ich habe mich gegen ihn vergangen, da ich wie
vernichtet vor ihm stand, und nichts, als hliche, falsche Scham mich abhielt,
ihm meine tiefe Reue zu bekennen.
    Er gab mir die Handschrift zurck, gestand, da sie ihm vieles erlutere, er
aber dennoch auf Entscheidung dringen werde.
    Am folgenden Tage gingen wir zu ihr. Ich sah, da er eine harte Anrede im
Sinne hatte, aber im Augenblicke, da wir eintraten, verndert und im hchsten
Grade verwirrt wurde. Sein Unmuth darber war unverkennbar. Sich selbst und dem
mchtigen Eindrucke zum Trotze, schien er nun seinen Vorsatz ausfhren zu
wollen. Wie gewhnlich ging er mit grossen Schritten auf und ab, whrend ich mit
Rosamunden die spielenden Knaben, die ich auf ihr Bitten hatte zu ihr bringen
lassen, betrachtete.
    Endlich trat er auch zu dem Bilde, und rief, nachdem er es gleichfalls eine
Weile betrachtet hatte: glckselige Mutter, die solche Kinder der Welt
hinterlt! Wie arm ist das gepriesenste Weib neben ihr! Nach wenigen Jahren
ihre Spur nicht mehr zu finden! Nutzlos verwelkt ihre Schnheit, verloschen in
dem Andenken der Menschen!
    Rosamunde sah schweigend vor sich nieder.
    Wozu seyd ihr da? - fuhr er fort - als gleich Blumen das Auge zu ergtzen,
das innerste Leben zu erquicken, und Frchte zu tragen? Euer schnelles Verblhen
predigt euch jeden Augenblick die treffende Aehnlichkeit dieses Bildes. Was seyd
ihr? was bleibt ihr, wenn Frchte nicht an euer kurzes Daseyn erinnern?
    Blumen - antwortete sie lchelnd. -
    Blumen! - wiederholte er spttisch. -
    Die durch ihre Schnheit - fuhr sie sanft und heiter fort - das Auge
ergtzen, das innerste Leben erquicken, nur keine Frchte tragen.
    Und wenn es bey dem Ersten nur bleibt?
    Das Erste schliet das Zweite schon in sich. Alle Schnheit erquickt das
innigste Leben.
    Sie kann auch zur Marter werden - rief er heftig - Darber haben Sie als
Weib keine Stimme. Sehen Sie ihn an! - fuhr er fort, und sein Zorn stieg hher -
Er stirbt! und Sie haben ihn mir, der Kunst und der Welt ermordet! Glauben Sie,
da ich das so dulden werde? Ich sage Ihnen nein! ich werde es nicht dulden. Von
mir fordert ihn die Kunst, die Welt, und wten Sie, was das gesagt heit, so
wrd' ich sagen: von Ihnen. Aber Sie haben nur Gefhl fr Ihren eigenen Werth.
Doch stirbt Ihre Kunst mit Ihnen. Nicht so bei ihm! er wird von ihr berlebt.
Nach Jahrhunderten werden seine Bilder ergtzen, und Menschen ber Erdennoth
erheben. Ein unvergngliches Denkmal knnten Sie sich stiften, wenn Sie sein
Leben verlngerten. Aber Sie verkrzen es, und so seyen Sie meines Hasses gewi;
es sey denn, da Sie pltzlich bereuen. Gern will ich auch Ihre Kunst meinem
Volke erhalten, denn ich bin ihm dafr, wie fr alles Schne, was ihm als das
hchste Bildungsmittel geraubt werden kann, verantwortlich. Aber dann eilen Sie,
sich zu entschliessen! Seyen Sie ein Weib, ein wahrhaft schnes, ein liebendes
Weib! Opfern Sie sich auf, und werden Sie - gelstet Sie nach Ruhm - durch
dieses Opfer grsser, als der, dem Sie sich opfern.
    Ich zweifele - erwiederte sie - da er das Opfer annhme, und nhme er es
an, so wre er dessen nicht wrdig.
    O ja! - rief er, glhend vor Zorn - Er wr' es! er wr' es! Wem anders, als
dem Manne, gehrt die Schnheit der Frau?
    Ich glaube - fuhr sie sehr sanft und lchelnd fort - sie gehret ihr selbst;
so wie ihr Herz und ihr Leben. Wem sie es auch giebt, es ist ein freies
Geschenk; oder es giebt keine Freiheit mehr auf Erden.
    Er ma nun wieder mit grossen Schritten das Zimmer, blieb dann pltzlich vor
ihr stehen, und fragte, wie er glaubte, sehr gefat; aber mit blitzenden Augen -
Wo aber soll das enden? das frag' ich Sie, und darauf will ich Antwort.
    Es endet mit meinem Leben - antwortete sie ruhig - und davon ist nicht viel
mehr brig.
    Tuschung! Schwrmerei! Wer, der Sie sieht, kann das glauben? Wohlan Sie
wollen nicht endigen! so endige dann ich, auf eine Art, die Sie nimmermehr
erwarten. Verstehen Sie mich? auf eine Art, die Sie nimmermehr ahnen.
    Ich habe verstanden - antwortete sie. -
    Nein, Sie haben mich nicht verstanden! - rief er - Ich kenne ein Mdchen,
das schner ist, als Sie..... Ha sehen Sie! erbleichen Sie nur! Ja schner! Ein
Mdchen, das nichts kennt, nichts wei, als lieben. Ein Engel stralend von
Unschuld. Sein Ideal, dafr brg' ich mit meinem Leben! sein Ideal, das er
aufgab, da er Sie kennen lernte, whnend es sey auf Erden nicht zu finden. Es
ist gefunden! Jubelnd als Mann und als Knstler wird er bekennen, da es
gefunden ist. Mit unendlichem Preise gegen den Allgtigen, der ihn schon lebend
in seinen Himmel erhob. Ja, ein himmlisches, tausendfltiges Leben wird er
beginnen! Unsterbliche Werke wird er hervorbringen. Dieser Engel, voll ewiger
Unschuld und Liebe, das Urbild aller Schnheit wird er ihm werden, und sein Bild
wird der Nachwelt den ewigen Frieden aus jedem seiner Werke zulcheln. Sie, o
Sie sind verschwunden, vertilgt aus seinem Gedchtnisse! Gedenkt er Ihrer, so
ist es, wie einer schweren Krankheit, wo sein Geist verfinstert, seine Kraft
gelhmt war, wo sein Schatten nur lebte. Wollen Sie das? Wollen Sie, da ich so
endige?
    Wofern nicht auch mein Geist gnzlich verfinstert ist, so mu ich das
wollen.
    Wie!
    Ist dieses Mdchen sein Ideal, kann es mich aus seinem Herzen vertilgen: so
wre ja das Opfer, was Sie fordern, zwecklos, widersinnig, ja schndlich; denn
ich verkennete durch dieses Verschleudern meines Herzens, meines Lebens, den
Werth, welchen sogar Sie mir noch beilegen. Ist seine Liebe zu mir Krankheit,
und geneset sein Geist nur durch Verbindung mit diesem Mdchen, wie eigenschtig
und hassenswrdig, ihn nicht genesen zu lassen. Nur dann, sagen Sie, wird sein
wahres, sein himmlisches Knstlerleben beginnen, nur dann wird er die
unsterblichen Werke hervorbringen, die nun mit ihm untergehen. Was fordert die
Welt nun von mir? was kann und mu sie nun fordern? Da er erhalten werde, um
welchen Preis es auch sey, ja, da, liebt' ich ihn, sogar dieser Liebe nicht
geachtet werde.
    Mit diesen Worten schien ein Lichtstral in seine Seele zu fallen. Er
betrachtete sie mit schweigender Rhrung, und sagte dann sanft: Warum aber, wenn
sie ihn lieben, zwingen Sie mich zu dieser Hrte? warum wollen Sie ihn nicht
sich selbst und uns Allen erhalten?
    Es ist ja eben die Frage, ob ich dieses vermag?
    Ja Sie vermgen es! Das Herz hat seine Launen. Wie himmlisch auch mir und
Vielen das Mdchen erscheint, Ihnen gehrt nun einmal sein Herz, und ber
Verwandschaft der Geister lt sich nicht rechten.
    Aber das Alles ist Tuschung. Sieht er das Mdchen, mu sie verschwinden.
Doch was thut's? hat doch seine Laune ihr freies Spiel gehabt. Mir
Weggeworfenen, Nichtgeachteten mag das Herz nur brechen. Hat er doch Alles
gekonnt, was er gewollt hat.
    Nun ging er wieder schweigend und heftig auf und ab. Sie strafen mich hart
sagte er dann - fr meine unbesonnenen Worte.
    Oft - erwiederte sie - scheint uns unbesonnen, was das Besonnenste ist.
Indem Sie mir die Zukunft so wahr und treu vorhielten, wurden Sie mein
Wohlthter, und Ihre Hrte wurde die hchste Gte. Sie haben mich mir selbst
erhalten, mich vor dem grausamsten Spiele geschtzt. Ein Spiel, was die Mnner
mit unserm ganzen herabgewrdigten Geschlechte treiben, und dessen Anblick mir
das Herz schon lange emprt und zerrissen hat. Ich will die Schmach dieses
schndlich mihandelten Geschlechts nicht lnger mit ansehen. Ich bin dem Tode
geweiht, will es seyn, wer darf es mir wehren?
    Er trat jetzt schnell auf sie zu, wollte etwas sagen; aber mute sich
abwenden, denn seine Augen fllten sich mit Thrnen.
    Wie aber - hub er endlich an - wenn das Herz, was so oft Recht hatte, auch
hier Recht gehabt htte? Wenn er, den wir fr den Unvernnftigsten hielten, der
Vernnftigste gewesen wre? allein Ihren ganzen tiefen Werth, gegen den auch ich
leider verblendet war, empfunden und fr alle Zeiten gewrdigt htte? Wenn seine
Ahnung, da Nichts sie ersetzen kann, Wahrheit wrde? er sich Ihnen nach ins
Grab strzte, und Sie jenseits errnge? O wenn er fr uns dennoch verloren wre!
    Wer wre Schuld daran? - rief ich durch dieses Aufzhlen meiner Schmerzen
aus trostloser Betubung erwachend - wer wre Schuld daran, als die, welche
dieses hohe, und wahrhaft liebende Wesen irre machten ber seinen tiefen und
ewigen Werth. Wer wre Schuld daran, als die, welche mein Herz besser verstehen
wollten, als ich selbst. Lngst wre sie mein, htten grausame Vernnftler mich
nicht fr Augenblicke geblendet, und mir ihre verwirrten Ansichten aufgedrungen.
Ach sie trauet nicht mehr der Kraft meines Herzens! Jetzt ist sie verloren, und
ich bin es mit ihr!
    Nein! - rief er - du bist es nicht und sollst es nicht seyn! Nicht wir
allein haben geirrt; auch sie. Hatte sie nicht in ihrem eigenen Herzen den
Maastab ihres Werthes? mute sie sich von uns Kurzsichtigen bethren lassen?
Htte sie deine Wnsche erfllt, lngst wren wir beschmt. Sie wird sie
erfllen, denn sie hat ein liebendes Herz, und unser aller Trauer wird sich in
Freude verwandeln.
    Sie lchelte; aber ihr Lcheln war ein Stral der untergehenden Sonne, und in
meinem Herzen blieb die Trauer.

                            Gretchen an ihre Mutter.


Endlich, herzliebste Mutter! kann ich einmal wieder schreiben. Wir haben Nacht
und Tag auf die Weihnacht gearbeitet. Dafr ists aber auch eine Freude geworden,
wie ich in meinem Leben nicht gesehen habe.
    Die Frau Prsidentin macht es recht klug. Alles, was die Kinder das ganze
Jahr durch nthig haben, spart sie auf die Weihnacht. Sie htten - sagt sie -
tausendmal mehr Freude daran, und hielten es viel werther.
    Der Herr Prsident ist ein vortrefflicher Herr; aber doch ein bischen sehr
ernsthaft, und meint, die Frau Prsidentin mache gar zu viel aus dem Feste, und
fr die ltesten Kinder sey das ganze Wesen nicht mehr passend. Die Frau
Prsidentin aber meint, man knne gar nicht genug aus dem Feste machen. Es sey
die traurigste Zeit im ganzen Jahre, und ein wahres Glck fr Gro und Klein,
da das Fest gerade in diese Zeit falle. Was den Kindern an Spielen in freier
Luft abgehe, ersetze die Freude vor und nach Weihnacht. Sie halte ihren Geist
munter, und strke sie gegen vielerlei Unarten, und mit dem wildesten Buben sey
im ganzen Jahre nicht so gut auszukommen.
    Das giebt dann der Herr Prsident fr die Kleinen wohl zu; spricht aber doch
immer von der Unschicklichkeit fr die Grossen. Die Grossen, sagt aber die Frau
Prsidentin, seyen eben die Hauptsache. Sie wissen Alles, was die Kleinen
bekommen, helfen es mit herbeischaffen und zubereiten, und freuen sich
tausendmal vorher ber die Freude der Kleinen. Sie geben sich auch um diese Zeit
ein viel weniger gelehrtes Ansehen gegen sie, schlichten mancherlei
Streitigkeiten, eben weil sie Freude im Sinne htten, mit Gte, und gestern
haben sie ihnen noch zugerufen - sie habe es im Nebenzimmer gehrt - ach wer
will sich denn streiten! hrt ihr denn nicht die Glocken? es geht ja auf
Weihnacht!
    Nun immerhin! - sagte der Herr Prsident, und lachte doch wieder recht
freundlich - aber das sag' ich dir! in meiner Nhe kann ich den Spectakel nicht
mehr dulden. Meine Geschfte leiden darunter.
    Der Saal - meinte die Frau Prsidentin - sey ja noch zwei Zimmer von dem
seinigen entfernt.
    Nichts! nichts! - rief aber der Herr Prsident - der ganze Tro luft dann
von Morgen bis Abend auf und ab, und des Thrzuschlagens wird kein Ende.
    So blieb uns dann nichts brig, als Herrn Stephani's Vorzimmer; denn im
Wohn- und Ezimmer ist man keinen Augenblick sicher vor den Kleinen. Seit
Rosamundens Krankheit war auch Herr Stephani noch keinen Abend zu Hause; sondern
entweder bei ihr, oder bei dem Frsten.
    So schaften wir dann in der Dmmerung den grossen Tisch mit allem Zubehr
herein, und putzten so prchtig auf, da die ltesten Kinder vor Freude auf den
Sthlen herumsprangen, und die Frau Prsidentin genug zu wehren hatte.
    Da nun aber Alles fertig war, umringten sie sie mit einemmale und riefen:
ach du allerweltsssseste Mutter! - so nennen sie sie immer, wenn sie recht
bitten wollen - nun thue uns aber noch einen einzigen Gefallen! mach' es nun
einmal ganz so, wie die andern Leute, und la auch ein Christkind dabei kommen!
Sieh! Gretchen kann das Christkind seyn. Gieb ihr dein silberflornes Kleid! Wir
haben schon eine Krone von dem Stck Goldstoff, was du uns schenktest, gemacht,
und vom Hofgrtner einen Palmzweig dazu bekommen. Wir haben die Krone schon vor
acht Tagen gemacht, mochten sie dir aber nicht zeigen. Sonst httest du es dem
Vater gesagt, und der htt' es nicht gelitten. Nun aber, wenn es so mit
einemmale kommt, wird er sich prchtig darber freuen. Du weit es ja! wenn er
auch manchmal etwas nicht leiden will, freuet er sich doch nachher darber, und
sagt dann: so, ja so wre es ganz anders, als er gedacht htte. Und es macht ja
auch gar keine Unruhe, und Gretchen zerreit dir auch nichts an dem Kleide. O
allerweltsssseste Mutter! thue es nur! Und so liessen sie nicht nach, bis sie
endlich Ja nickte.
    Nun wurde ich geschwind in der Frau Prsidentin Kammer gezogen, bekam das
silberflorne Kleid an, den Palmzweig in die Hand, und die goldene Krone dazu
auf. Meine Haare wurden ganz lang herunter gekmmt, und da sie sich ein wenig
locken, pate es recht gut dazu.
    Aber es war spt ber dem Allen geworden, beinahe wren die Kleinen
eingeschlafen; da sie aber das gewhnliche Zeichen mit der Glocke hrten, wurden
sie Alle wieder munter, und strmten nun mit einemmale herein.
    Aber, mein Gott! wie wurde mir! als Herr Stephani, der Frst und der Herr
Prsident hinter ihnen her kamen. Ich stand oben am Tische, und sollte mich gar
nicht rhren; htte aber vor Zittern bald den Palmzweig fallen lassen. Nun
wurden mich auch erst die Kinder recht gewahr, und riefen mit einemmale: ach
Gretchen! Gretchen ist das Christkind!
    Ich htte in die Erde sinken mgen, so schmte ich mich. Nun trat aber noch
Herr Stephani hinzu, und betrachtete mich so erstaunt, als hielte er mich fr
ein wirkliches Christkind. Darber kamen mir dann vor Verlegenheit die Thrnen
in die Augen, und ich wurde so bestrzt und betubt, da ich gar nicht mehr
wute, was ich anfangen sollte.
    Die Kinder hatten sich indessen an die Spielsachen gemacht; aber Herr
Stephani stand noch immer unbeweglich und staunte mich an. Ach Gott! htte mir
ein Mensch von meinem Putze geholfen, ich htte ihm Alles zu Gefallen gethan.
Vor Angst bekam ich entsetzliche Kopfschmerzen, die vielen Lichter blendeten
mich auch, und ohne mehr recht zu wissen, was ich that, nahm ich die Krone ab,
und gab sie mit dem Palmzweige Herrn Stephani.
    Ich wollte nun geschwind hinauslaufen; aber die Knie zitterten mir so
schrecklich, da ich kaum die paar Schritte zur Thre machen konnte. Das war
aber gewi ein grosses Glck; denn sonst htt' ich vor Angst das ganze Kleid
zerrissen.
    Die Frau Prsidentin kam gleich hinter mir her, und sagte, der Herr
Prsident habe befohlen, ich solle den Abend mit an ihrem Tische essen. Das war
nun gewi eine grosse Ehre; konnte sie aber doch nicht annehmen; sondern mute
zu Hause gehen, und mich geschwind zu Bette legen. Mir war, als htt' ich ein
Fieber; fiel aber doch bald in Schlaf, und wachte den andern Morgen, beim
herrlichen Glockengelute, frisch und munter wieder auf.###
    Ich war wohl eigentlich nicht krank; sondern nur von dem vielen Nhen bis
tief in die Nacht, und von dem Schrecken, sehr angegriffen. Nach der Kirche ging
ich aber doch gleich wieder zu der Frau Prsidentin. Lieber Gott! was hatt' ich
aber da wieder fr ein freudiges Schrecken! In der Frau Prsidentin Stube war
fr mich beschert. Ich wollt' es Anfangs gar nicht glauben, da das Alles fr
mich seyn sollte. Aber die Kinder riefen immer: ja, Gretchen, es ist Alles fr
dich! Nimm's nur! nimm's nur! es ist Alles fr dich! Sieh, das prchtige Clavier
und die Harfe, und die Kiste mit lauter feinen weissen Kleidern hat dir der
Frst, das schne Stck Leinwand und die hbsche Nhlade die Mutter, und das
Gesangbuch mit Silber beschlagen der Vater, und wir haben dir Alle von unserm
Honigkuchen, Zuckergebackenen, Aepfeln und Nssen dazu beschert. Nimm! nimm! -
riefen die Kleinen darein - schmeckt gut, und sollst doch, wenn wir auch unsers
aufgegessen haben, Alles behalten, und wollen nichts wieder von dir fordern!
    Nun entstand mit einemmale im Nebenzimmer ein Gelchter. Es ist der Frst
und Herr Stephani und der Vater! - flsterten die Aeltesten - sie haben sich
versteckt und zugesehen, wie du erschrocken bist, und dich gefreut hast, und du
wirst jetzt eine ordentliche vornehme Dame, und sollst Clavier und Harfe
spielen, und Singen und Zeichnen lernen, und gar nicht mehr fr die Leute nhen.
    Was schwatzt ihr denn da? - sagte endlich die Frau Prsidentin - Lat doch
das arme Mdchen zu sich selbst kommen! Und nun zeigte sie mir Alles und sagte:
es sey wirklich fr mich, und der Frst wolle mich Alles lernen lassen, und wenn
es die Mutter und der Herr Vetter zufrieden wren, wolle sie mich ganz zu sich
ins Haus nehmen. Ich solle es ihr heute gleich schreiben und bitten, da sie es
berlege, und mir bald Antwort gbe. Es sey ja Alles zu meinem wahren Glcke;
denn zu etwas Anderem werde sie nimmermehr rathen.
    Das sagte sie auch zu dem Herrn Vetter. Der wurde aber ganz betrbt, und
sagte: er werde es nicht verschmerzen, und werde ihm kein Essen mehr schmecken.
    Da hie mich aber die Frau Prsidentin hinausgehen, und sagte, sie wolle mit
dem Herrn Vetter allein sprechen. Sie mu ihm gewi recht zugeredet haben, denn
als er zu Hause kam, sagte er: packe zusammen Gretchen, und mache, da du aus
dem Hause kommst. Aber thue's heimlich, sprich mir nichts von Abschied, und wenn
du mich alten Mann nicht krnken willst, so sieh des Tages wenigstens einmal
nach mir. Hoffrtig wirst du nicht werden, das wei ich schon, und so gehe mit
Gott! Ich will in die Werksttte und will's verarbeiten.
    Ich hielt' ihn aber fest bei der Hand, und sagte: liebster Herr Vetter! sey
er doch nicht gar zu betrbt! sonst kann ich nicht aus dem Hause, und was hilft
mir all mein Glck, wenn er es nicht ertragen kann?
    Ich will's ertragen - sagte er wischte sich aber die Thrnen ab - und jetzt
la mich gehen! Ich will dir ein Andenken machen, das sollen mir die jungen,
neumodischen Bursche ungehudelt lassen, und soll Jedermann Respect dafr haben.
    Ich aber konnte nun auch das Weinen nicht mehr lassen, und htte beinahe
gewnscht, es mgte ganz anders gekommen seyn. Als ich mich aber recht
ausgeweint hatte, wurde ich mit einemmale wieder heiter, und dachte: wie, wenn
du nun aber dem Vetter in der einen Stunde, wo du etwa kommen kannst, mehr
Freude machtest, als sonst am ganzen Tage? - Kannst ja immer vorher daran
denken, kannst ihm ein Gericht, was er gern it, oder sonst etwas Angenehmes
bereiten, kannst dir die Zeitungen anschaffen, und ihm gleich, ehe er es noch
sonst wo erfhrt, das Neueste daraus erzhlen. Den Mgden kannst du auch immer
etwas mitbringen, da sie besser arbeiten und mit der Frau Base nicht uneinig
werden, und wenn sie's geworden sind, lt sich auch in einer Stunde viel wieder
gut machen.
    So dacht' ich, und packte meine Sachen zusammen. Als ich nun aber Alles
ausgeleert hatte, wurde mir doch wieder ganz wehmthig, und als ich mich endlich
in der Dmmerung fortschlich, kam ich doch mit ganz rothgeweinten Augen zu der
Frau Prsidentin.
    Nun lebe sie wohl, herzliebste Mutter! Ich hoffe doch, da sie nicht bse
darber wird, da ich ihre Erlaubni nicht abgewartet habe. Der Herr Vetter
hatte aber keine Ruhe mehr, und sagte: was geschehen msse, solle gleich
geschehen, denn das Aufschieben knne er vollends nicht aushalten, und er wolle
es schon bei ihr verantworten.
    Nun lebe sie nochmals wohl, herzliebste Mutter! Ich wnsche ihr ein
frliches neues Jahr, und bitte Gott, da er sie auf all ihren Wegen begleite.

                         Stephani an seine Verwandten.


Ich habe eine himmlische Erscheinung gehabt, und in meine ganz umdsterte Seele
ist ein belebender Lichtstral gefallen. Alles schien mir dem Grabe geweiht; aber
das Glockengelute zum heiligen Feste scheint mir jetzt nur Auferstehung zu
verkndigen. Ein unverwelklicher Frhling ist mir aufgegangen, alle Blumen
ffnen mir Seligen den Kelch, und ich kann nichts denken, als Leben.
    O es war kein Traum! Das gttliche Mdchen, was mir einst Trank im
brennenden Fieber reichte, was Niemand gesehen haben wollte, ich hab' es
gesehen.
    O ihr versteht mich nicht, und so mu ich erzhlen.
    Die spielenden Knaben waren ganz fertig, der Frst trug grosses Verlangen,
sie zu sehen, und wollte mich mit Bernhard, der gerade bei ihm war, in meine
Werksttte begleiten. Als wir aber vor das Haus kamen, schien mein ganzes
Vorzimmer in Flammen zu stehen. Bernhard erschrack so wie wir, fate sich aber
bald, und rief zu unserm Erstaunen mit Lcheln: ich wette, das haben die Weiber
angestellt!
    Schnell drangen wir nun durch den Haufen des gaffenden Volks, und Bernhard,
vielleicht seiner Sache doch nicht gewi, eilte voraus. Als er aber das Zimmer
ffnete, leuchtete uns mit einemmale eine ganze Christbescherung mit allen neun
Kindern entgegen. Anfangs sah ich nichts als die Kinder; pltzlich aber stralte
mir vom andern Ende des Tisches ein Mdchen im Gewande der Himmelsknigin
entgegen.
    Ich trete nher, sehe ein Wunder unvergleichlicher Schnheit, eine Jungfrau
im hchsten Sinne des Worts. Meine Knie wollen sich beugen. Da nimmt sie die
Krone vom Haupt, und reicht sie mir mit einem Palmzweige. In dem Augenblicke
fllt ein Lichtstral in meine Seele. Ich erkenne das himmlische Kind, was mir im
Fieber einst Trank reichte. Aber die gttliche Erscheinung wendet sich von mir
und verschwindet.
    Betubt staun' ich ihr nach, da tritt der Frst zu mir, betrachtet
schweigend, was sie mir gegeben, wendet sich dann ebenfalls schnell, beinahe
unwillig von mir weg, und verlt uns.
    Noch erstaunter betracht' ich nun die Gabe, als eins der Kinder ruft: sieh
Mutter! Gretchen hat die Kron' und den Palmzweig Herrn Stephani gegeben!
    Wer ist Gretchen? - frag' ich nun schnell. -
    Sie ist die Tochter eines Landschulmeisters - antwortet Mathilde - nach
unserer Stadtsprache, ein ganz ungebildetes Mdchen; aber gewi die engelreinste
Seele, die man finden kann.
    Ja wohl! - fiel Bernhard ein - und nie habe ich sie in einem passendern
Kleide gesehen. Sie hat mich auf das herrlichste berrascht; doch schien sie es
noch mehr, als wir Alle. Sieh doch nach ihr und bitte sie, diesen Abend bei uns
zu bleiben.
    Mathilde aber kam mit der Antwort zurck: ihr sey nicht wohl, und sie habe
gebeten, sich schnell nach Hause begeben zu drfen. Es ist wahrscheinlich nichts
als Schrecken und Ermdung - fuhr sie fort - morgen wird sie wieder hergestellt
seyn, und wir werden ihr hier im Hause Alles bescheren knnen. Auf diese Worte
fingen die Kinder an zu jubeln, und ich trat gedankenvoll in mein Zimmer.
    Den andern Morgen holten sie mich mit der Nachricht: es solle Gretchen
beschert werden, der Frst sey da; wolle sich aber mit uns im Nebenzimmer
verbergen, um recht zu sehen, wie Gretchen erstaunen und sich freuen werde.
    Ich sah sie wieder. O du himmlische, himmlische Unschuld! Du
liebenswrdigstes aller Geschpfe, die auf Erden geboren wurden! wofern du nicht
gerade vom Himmel stiegest. Du meine innigste, heiligste Erscheinung! die ich
oft auf der Leinwand darstellen wollte, damit ich sie auch mit krperlichem Auge
schauen mchte; die dann aber zerflo, nicht sichtbar werden wollte. Die ich
dann schnell wieder, wie ein heiliges Geheimni, in mein Innerstes verschlo,
trauernd, da es mir nicht vergnnt sey, dich als sichtbare Gottheit den
Menschen zu hinterlassen.
    O du athmest wie ich! Krper bist du dennoch geworden. Sey, werde
unsterblich! oder verschwinde nur nicht von der Erde, bevor meine Augen sich
schliessen! Was soll ich sehen, wenn ich dich nicht mehr sehe? -
    So weit hatt' ich geschrieben, als ein Gerusch mich aus meiner Entzckung
weckte. Es war der Frst.
    Was treibst du? - fragte er - Alle deine usseren Sinne waren verschlossen.
Man meldete mich dir, ich trat mit Gerusch zu dir ein, und du bliebst
unbeweglich.
    Ich betheuerte, da kein Mensch bei mir gewesen, da ich ihn gesehen habe,
ohne zu begreifen, woher er so pltzlich gekommen. Gleichwohl - antwortete er -
ist mir mein Laufer auf deiner Schwelle begegnet. Aber, wie gesagt, du warest
der Erde vllig entrckt. Htt' ich dich malend gefunden, wr' es begreiflich
gewesen; aber mich dnkt, du schriebst, oder hattest geschrieben.
    An meinen liebsten Verwandten - sagt' ich - dessen Briefe an Alle und fr
Alle gelten. Man sieht mir viel nach, und so schreibe ich ohn' alle Rcksicht.
Auch wird ein Brief in unserer Familie wie ein Heiligthum gehalten, und ein
Jeder, der daraus das Geringste verriethe, wrde ein Verbrechen zu begehen
glauben.
    Eine Lehre fr mich! - rief er - denn wie drft' ich nun, wie sehr mich mein
Herz dazu drngt, nach dem Inhalte fragen? -
    Er hielt inne und schien auf Antwort zu warten. Ich aber sah schweigend vor
mich nieder. - Eins aber - fuhr er fort - ist mir dennoch vergnnt, rathen ist
mir nicht untersagt. Du schriebst, so rath' ich nun, von der, von welcher du
immer schreibst. Er sah mich forschend an, ich wollte seinen Blick vermeiden;
aber eine brennende Rthe berzog meine Wangen.
    Nicht? nicht? - rief er, und ging, als er keine Antwort bekam, in heftiger
Bewegung auf und ab, blieb dann pltzlich wieder vor mir stehen, ergriff meine
Hande, und sagte mit der hchsten Wehmuth: Stephani! du schriebst nicht von ihr?
nicht von Rosamunden? -
    Nein! - sagt' ich halblaut, und wandte mein Gesicht von ihm weg.
    Du wendest dich weg? - rief er - du schreibst nicht von ihr? So wei ich....
und pltzlich hielt er wieder inne, und ging, kmpfend mit sich selbst, auf und
ab. Stephani - fing er dann wieder an - das Einzige sage mir! von wem schriebst
du?
    Von dem wunderbaren Mdchen - antwortete ich nun - welches mir in Gestalt
der Himmelsknigin erschien, mir im Fieber einst Trank reichte, Niemand wollte
gesehen haben, und ich am Ende fr ein Gebilde meiner Phantasie hielt.
    Jetzt nicht mehr! - rief er. -
    Wie kann ich? - fuhr ich fort - Da liegt die Krone und die Palme und gestern
sah ich sie ja zum zweitenmale mit Ihnen. -
    O ich bin ein armer Mann! - rief er abermals, und warf sich in einen Sessel.
    Sein Zustand drang mir tief durch die Seele. Dankbarkeit begeisterte mich.
Mein Frst und mein Wohlthter - hub ich an - geben Sie dem Schmerze nicht Raum!
Kann es Sie beruhigen, wenn mein ganzes Herz offen vor Ihnen liegt, wohlan
blicken Sie hinein! und so mge mich Gott in der letzten Stunde verlassen,
wofern Ihnen eine Empfindung, deren ich mir bewut bin, verborgen bleibt!
    Er sah mich gerhrt und zweifelhaft an.
    Lesen Sie dann! - fuhr ich fort - und wenn Ihnen dieses Blatt entdeckt, da
Ihre Weissagung erfllt ist; so erfahren Sie auch zu gleicher Zeit, da dieses
wunderbare Mdchen ein berirdisches Wesen fr mich ist. Das kann es bleiben.
Nur seinen Anblick entziehen Sie mir nicht! sonst mchte meine schon umdsterte
Seele gnzlich verfinstert werden.
    O! - rief er - es ist geschehen! Ich wollte mein Unglck und mute es
wollen. Wer konnte mich schtzen vor meinem eigenen Willen?
    Ich mein Frst kann es vielleicht! Ich kann, ich darf vielleicht ihrem edeln
Willen Einhalt thun. O wie tief fhl' ich mich beschmt, gezchtigt, fr so
manche Knstlerlaune, die ich dem feinfhlendsten, edelsten Menschen und Frsten
entgegensetzte! Mchte mein Blut fliessen, diesen Fleck in meinem Leben zu
vertilgen! oder mcht' ich wrdig seyn, ihm, der es zu einem himmlischen erheben
wollte, einen himmlischen Lohn durch ewige Entsagung zu bereiten!
    Zu spt! - rief er - das Schicksal hat lngst schon bereitet! Wen sie liebt,
dem wird sie gehren! verwahrte sie der Andere hinter dreifachen Riegeln.
    Wen wird sie lieben? - fiel ich ein - als den grssesten Menschenfreund,
ihren grssesten Wohlthter? der mit dem Strale seiner hohen Vernunft ihre
schne Seele erleuchtet.
    O! - rief er lchelnd - sie kann unserer Vernunft, wie unseres Lichtes
entbehren! Ihre Vernunft ist die hchste Liebe! Liebe ihre hchste Vernunft! Ihr
Herz hell und tief, wie der blaue Himmel! Ihr ganzes Leben und Weben nichts als
Wahrheit und Licht!
    Ich hab' es gesehen! - fiel ich ein - denn meine Knie wollten sich beugen.
Sie ist meine innigste, heiligste Erscheinung. Ich habe sie gesehen, lange, eh'
ich sie sah!
    Diese unbesonnenen Worte verwundeten abermals sein edles Herz. Er sprang auf
und verlie mich.

                            Gretchen an ihre Mutter.



                              Herzliebste Mutter!

Mir ist, als wre ich in den Himmel gekommen. Des Nachts trum' ich auch immer
von Engeln, trume, da ich schon die Harfe und das Clavier spielen knnte, und
da sie mir zuhrten. Die Harfe, die mir immer etwas schwer vorkommt, und mich
manchmal, weil ich sie noch nicht recht zu halten verstehe, ein wenig drckt,
ist mir im Traume ganz leicht. Ja, ich schwebe mit ihr frei in der Luft, singe
aus voller Brust Lieder, die ich in meinem Leben nicht hrte, greife voll
Zuversicht in die Saiten, und bebe von unaussprechlicher Wonne, wenn sie
ertnen.
    O meine herzallerliebste Mutter! was bin ich so selig! Sehe sie! ich kann
gar nicht mehr beten, wie sonst, und Gebete aus den Gebetbchern kann ich auch
nicht mehr beten. Ich kann nur die Hnde falten, und manchmal auf das Clavier,
und manchmal auf die Harfe blicken. Und dann kann ich das Weinen nicht mehr
lassen, denn ich bin gar zu selig, und der ganze herrliche Tag, wo ich so viel
lernen werde, steht mir vor Augen.
    Wenn ich nun so gar nicht mehr wei, was ich sagen und wie ich beten soll,
dann trste ich mich mit der Nacht, wo ich in den herrlichen Liedern, die ich
nie gelernt habe, Alles sagen kann, was ich jetzt mu verschweigen.
    Der vortreffliche Mann, der Frst, wute wohl, was mir gut war. Er sah, da
ich Manches dachte, was ich nicht ausdrcken konnte. Er hat mir eine Sprache
gegeben, und in dieser Sprache will ich ihm danken.
    Seit mehreren Tagen hab' ich ihn nicht gesehen; denn er hat der Frau
Prsidentin gesagt: ich solle nicht kommen. Anfangs erschrack ich darber. Aber
die Frau Prsidentin sagte: er habe gar zu viel Geschfte, und drfe nicht
gestrt werden.
    Herrn Stephani seh' ich nun alle Tage; aber es ist sonderbar, wir sprechen
kein Wort miteinander. Das thut auch nichts; denn wenn ich nur seine Stimme
hre, ist's einerlei, mit wem er spricht.
    Herzliebste Mutter! ich sagte ihr einmal, er gliche einem trauernden Engel.
Sehe Sie nur in die grosse Bilderbibel. Da wo der junge Tobias zu seinem Vater
kommt. Gerade so, wie der Engel, der dabei steht, sieht er. Aber traurig ist er
nicht mehr. Besonders nicht, wenn er einem unvermuthet entgegen kommt.
    Gestern trug ich gerade einen Veilchenbusch, den ich heimlich fr die Frau
Prsidentin gezogen hatte, in ihr Schlafzimmer, und gerade, wie ich in die Thre
trat, kam er mir entgegen.
    Es waren Fremde bei der Frau Prsidentin; und da hatte er sich geflchtet.
Sie qulen ihn gewhnlich mit Lobsprchen, und wollen mit Gewalt in sein Zimmer,
und seine Bilder sehen. Das kann er aber nicht leiden.
    So standen wir dann wieder dicht voreinander, wie am Weihnachtsabend. Aber
ich wei nicht, wie es kam - diesesmal war ich gar nicht verlegen; sondern sah
ihm so freudig ins Gesicht, als ob ich im Traume die Harfe spielte, und dazu
snge.
    Auch er sah vor Freude ganz verklrt aus, und es war wirklich, als htten
wir uns lange verloren, und jetzt erst gefunden.
    Der Blumentopf glitt leise an mir nieder auf den Teppich. Er hob ihn auf,
gab ihn mir wieder, und wartete schweigend, bis ich das Zimmer verlassen hatte.
    Herzliebste Mutter! ich habe seitdem erst begriffen, was in der Bibel vom
Anschauen Gottes steht, und da die Geister schon dadurch selig wrden.

                         Stephani an seine Verwandten.


Wie viel widersprechende Gefhle vermag des Menschen Brust zu umfassen! Reue,
Dankbarkeit, Entzcken. Welches ist das Herrschende? welches wird es bleiben?
Ach ich wei es nicht! - Was wollt ich vor wenigen Wochen? Was will ich jetzt?
Warum tdtet mich diese Frage nicht? - Mich! Kann auch ein Seliger getdtet
werden?
    Soll ich hin zu ihr? soll ihr gestehen, da sie mich besser kannte, als ich
mich selbst? - Aber was liegt dann in diesem Bekenntnisse? liegt nicht darin,
sie sey mir weniger geworden? und ist das wahr? Nein, bei dem allwissenden Gott!
das ist nicht wahr! Mcht' ich sie lassen? sie verlieren? O ich kann es nicht
denken! eben so wenig, als von der Himmlischen, die mich umschwebt, verbannt
werden. Was will ich dann? -
    Ach! ich lie die Feder fallen, breitete meine Arme weit aus, und rief: sie
beide! - Sie beide! - Ich? - Wer bin ich, da ich diesen Wunsch dachte? laut
rief? Was that ich, ihn denken zu drfen? - Nichts! Aber tief in meinem Innern
fhl' ich den Werth dieser Unvergleichlichen; tief in meinem Inneren fhl' ich,
da kein Mann ihn so wrdigen kann und wird. Woher ich das wei? O ich sehe es!
Wird irgend Einer von Allen, die mich umgeben und der Kunst huldigen, von
Schnheit so ergriffen, durchdrungen, wie ich? Wre das, so mten sie sie
darstellen, wie ich; denn alle Darstellungsgabe ist nichts, als Uebermaa des
Gefhls, des inneren Lebens, das gewaltsam hervorbricht, um getrennt von dem,
welchem es zu mchtig ward, ein eigenes, selbststndiges Leben zu beginnen.
    Ist es nicht lngst bekannt, da nur der sich ein Gut am meisten zueignet,
der es am meisten zu wrdigen und zu geniessen versteht? - Wenn das ist; darf
ich dann nicht rufen: sie sind mehr mein, als irgend eines Andern! - Wenn das
ist; darf ich mich dann nicht niederwerfen vor Gott, und bitten: gieb, erhalt'
sie mir Beide! und liegt in dieser Bitte mehr, als ich mit meinem innigsten
Gefhle, mit meinem mchtigsten Bedrfnisse rechtfertigen kann und will? -
    Ach, wohin bin ich gerathen! Ist mein Wille das Schicksal? - Unglcklicher!
bin ich es, der Verzicht thun wollte?

Was klag' ich? Wem lchelt das Schicksal dennoch so wie mir? Whrend ich den
Blick zur Erde heftete, wurde himmlischer Trost mir bereitet.
    Die Stadt Pisa fordert eine Madonna, als Altarblatt, von mir. Ja, ihr sollt
sie haben! Gerade ich kann sie euch geben!
    Ach die nthigen Vorbereitungen halten mich noch auf! Aber warum soll ich
warten? Kann ich nicht selbst Handwerker, Handlanger werden? Ja, das will ich!
und reinigen will ich die Farben, da alles Irrdische daraus verschwindet.
Gefrbtes Licht sollen sie bleiben; auch da, wo sie Schatten werden mssen.
    Rosamunde, du schwebtest! Margarethe, du sollst schweben, wie sie! Aus
eigener Kraft erhob sich jene von der Erde; du warst vom Anfange erhoben. Genien
meines Lebens! Kunst und Liebe hlt euch in meiner Nhe! Halleluja, ihr knnt
nicht mehr von mir weichen!

                            Gretchen an ihre Mutter.



                              Herzliebste Mutter!

Es war gestern des Frsten Namenstag. Ich wute es schon lange, und hatte meinen
Lehrer gebeten, mich ein recht schnes Lied zu lehren, was ich meinem theuern
Wohlthter singen knnte. Es war ein prchtiges Lied, und mein Lehrer sagte, ich
snge es recht gut.
    Ach, wie freuete ich mich! Ich zog das schnste von den weissen Kleidern an,
mit dem feinen goldenen Grtel, den mir der Frst dazu geschenkt hat, und dem
Perlenhalsbande mit dem goldenen Schlosse. Ich war gewi recht schn geputzt,
und als ich fertig war, dacht' ich einmal ber das andere: ach, wenn doch meine
herzliebste Mutter hier wre, und mich she! denn ich bin ja doch ihre einzige
Freude auf der Erde.
    Der Herr Prsident lie mich auf das Schlo fahren, und meine Harfe wurde
mir bis in das Vorzimmer gebracht. Als ich aber in des Frsten Zimmer treten
sollte, wurde mir bange, und ich dachte: ach, die Harfe ist so schwer! wie
ungeschickt wirst du damit hineinkommen! Aber es ging besser, als ich dachte.
    Dicht neben der Thre ist eine Erhhung, auf diese kniete ich, und setzte
die Harfe etwas tiefer vor mir nieder. Ich sagte nichts, sondern fing gleich an
zu spielen und zu singen. Es berraschte den Frsten ausserordentlich, und
gefiel ihm ber die Maassen; denn er kam in grosser Bewegung auf mich zu, und
sagte: was kniest du Engel? Steh' auf!
    Ich aber blieb immer noch liegen, und spielte das Lied erst ganz aus, und
sang die letzten Verse, welche die schnsten sind, viel besser als die ersten.
Die grosse Freude, da ich ihm mit so schnen Worten danken konnte, trieb alle
Angst von mir weg, und die Harfe klang, wie im Traume.
    Er aber nahm sie mir aus dem Arme, und sagte wiederum: O, steh' auf! Wer
kann dich so sehen! -
    Nein! - rief ich - gndiger Herr! lassen Sie mich Ihnen so danken fr das
Leben, was Sie mir gegeben haben! Ach ich war todt vorher! Nur jetzt leb' ich
wirklich! fhle jeden Tag ein erhhteres Leben! Was soll ich, was kann ich thun,
Ihnen zu danken? O, mchten Sie etwas recht Schweres von mir fordern! Etwas, das
kein Mensch thun knnte, als ich.
    Steh' auf! - rief er wieder - Du lieber Engel! was dir schwer wird, kann mir
nicht frommen! nur was dir leicht wrde, knnte mich beglcken.
    O! - rief ich wieder - gndiger Herr! ich will es lernen! ich will es
lernen! bis es mir leicht wird.
    Er lchelte schmerzhaft, hob mich auf, und fhrte mich hinunter ins Zimmer.
Nun sah er mich eine ganze Weile schweigend und gerhrt an, und sagte dann: mich
dnkt, du bist grsser geworden Gretchen!
    Das glaub' ich wohl, gndiger Herr! - antwortete ich - Es ist so lange, da
ich nicht zu Ihnen kommen durfte.
    Du wolltest also doch zu mir kommen? Ich glaubte, du httest nicht einmal an
mich gedacht.
    Da wr' ich wohl ein verabscheuungswrdiges Geschpf, wenn ich an den nicht
dchte, der mein grssester Wohlthter ist. O, Nacht und Tag hab' ich an Sie
gedacht und Gottes Segen fr Sie erfleht.
    Doch wei ich Jemand, an den du noch viel mehr dachtest.
    Nun den mcht' ich wohl sehen!
    Wie! - rief er erstaunt und sah mich wieder eine Weile forschend und
schweigend an.
    Ich kann mir nun wohl einbilden, gndiger Herr! - sagte ich - da Sie Herrn
Stephani meinen. Aber von dem kann ich eben so wenig sagen, da ich an ihn
denke, als ich sagen kann, da ich an mein Auge, oder an mein Herz denke. Er
steht mir immerdar vor Augen, ich mag ihn sehen oder nicht. Ich habe auch meiner
Mutter schon lngst geschrieben: ich glaube er sey unser Verwandter, und habe
immer zu uns gehrt.
    Ich also - rief er ganz empfindlich - gehre nicht zu euch?
    Ach, gndigster Herr! - sagte ich - Sie sind ja ein Frst! wie knnen Sie
denn zu uns gehren? Freilich - setzt' ich schnell hinzu: denn es fiel mir wie
ein Stein auf's Herz, was er vormals von den Frsten, und da sie keine Freunde
htten, gesagt hatte - freilich! wenn der Vater zu den Kindern, wenn Gott zu den
Menschen gehrt, wenn unsere innigste Liebe Sie uns zu eigen machen kann, so
gehren Sie zu uns, und werden immer zu uns gehren.
    O, schweig! - rief er - das klingt, als httest du es von meinen Hofleuten
gelernt. Es war mein Trost, da du diese Sprache nie lernen wrdest. Den
wenigstens httest du mir lassen knnen.
    Gndiger Herr! - sagte ich - Gott gebe, da es Ihre Hofleute so gut mit
Ihnen meinen, wie ich! Dann wird Ihr Widerwille gegen sie sehr ungerecht seyn.
Da ich mich aber ungeschickt und unbesonnen ausdrcke, habe ich immer geglaubt,
wrden Sie mir zu gute halten.
    Davon ist nicht die Rede! - sagte er verdrlich - Wenn ich dir etwas nicht
zu gute halte, so ist es eben das Geschickte und Besonnene.
    Ach, gndiger Herr! - rief ich nun, und konnte das Weinen nicht mehr
zurckhalten - ich habe es schon lange gemerkt, da, so gtig und gndig Sie
auch gegen mich sind, doch etwas in mir seyn mu, was Ihnen zuwider ist. Ich
bitte Sie flehentlich! sagen Sie mir, was es ist? Was ist das Geschickte und
Besonnene? Ich will es ablegen. Was man ernstlich will, sagte mein seliger
Vater, das kann man auch, und der allwissende Gott ist mein Zeuge! da ich es
ernstlich will. Aber gerade jetzt, da Sie mich geschickt und besonnen nannten,
ging mir Ihr Zustand tief durch die Seele. Mu ich und kann ich das nun auch
ablegen?
    Nun kam er mit einemmale wieder ganz freundlich und gerhrt auf mich zu und
sagte: weine nicht, du heiliges Herz! Ich will es berlegen, ja ich will es
berlegen, ob es gut ist, da ich dir sage, was du nicht weit. Geh in Frieden!
meine Geschfte rufen mich jetzt. Aber deine Harfe la mir hier. Ich schicke dir
zur Stund eine andere.
    Ich wollte mir nun ein Herz fassen und seine Hand kssen; aber er zog sie
schnell weg und sagte: O Gretchen! Gretchen! geh geschwind!
    Aber ich hatte mich schon zu sehr versptet, und mute in meinem ganzen
Putze zu Tische gehen; so da Herr Stephani einmal ber das andere lchelte,
wenn er mich ansah. Doch war es gewi kein spttisches Lcheln. Als aber die
Kinder fragten: ei Gretchen! wo bist du denn so schn geputzt hingewesen? und
die Frau Prsidentin antwortete: beim Frsten, da lchelte Herr Stephani nicht
mehr, sondern blickte traurig vor sich nieder.
    Ach, herzliebste Mutter! warum wirft sich doch immer etwas zwischen die
Menschen, da sie sich nicht so lieben, wie sie sich lieben knnten? Es ist
gewi etwas zwischen dem Frsten und Herrn Stephani. Und das wird es auch wohl
seyn, wovon der Frst sagt: er wolle berlegen, ob es mir gut sey, da ich es
wisse. -
    O nein! es wird mir nicht gut seyn. Aber ihnen wird es noch weniger gut
seyn; und darum werde ich auch nicht ruhen, bis ich es weggerumt habe.
    Der Ha ist gewi das grsseste wahre Leiden auf der Erde. Ja, ich mu ihr
gestehen, herzliebste Mutter! da er mir wie eine ordentliche Verrcktheit
vorkommt, die mein tiefstes Mitleiden erweckt, und da ich es darum so recht
inniglich mit meinem ganzen Wesen begreife, wie der Heiland sein Leben opfern
konnte, damit sich die Menschen nur lieben lernten.
    Ach, herzliebste Mutter! ich erschrecke davor, wenn ich denke, da es
Hochmuth oder Gotteslsterung seyn knnte; aber ihr darf ich es doch nicht
verhelen, da mir immer wunderbarer zu Muthe wird, je lter ich werde, ja, da
mir ganz anders wird, als den jungen Mdchen, die ich kenne. Sie bekommen immer
mehr Gefhl fr die Freude, und ich immer mehr fr den Schmerz, nicht fr den
eigenen, sondern fr den fremden. Wenn ich so Mtter ihre Kinder, Kinder ihre
Mtter beweinen sehe, ach noch gestern sah ich es, dann ergreift es mich mit
unbeschreiblicher Gewalt, und ich werfe mich nieder, und flehe zu Gott, er mge
doch die Menschen vom Tode erlsen. O, wenn sie von der Snde, von der Strafe
der Snden, durch einen Gerechten erlst werden konnten, warum nicht auch vom
Hasse und vom Tode?
    O, meine herzliebste Mutter! wenn man sich durch ein ganz reines Leben
wrdig machen knnte, als ein Opfer fr die Menschheit angenommen zu werden; -
wenn es genug wre, da Einer ber Alles liebte, Einer eines vieltausendfachen
Todes strbe; damit kein Ha, kein Todeskampf mehr auf Erde gefunden wrde. O
meine Herzensmutter! wre ein solcher Tod nicht der tiefsten Sehnsucht wrdig? -

                         Stephani an seine Verwandten.


Noch wei Niemand, was ich vorhabe, und Alles erstaunt ber die ungewhnlichen
Vorbereitungen. Da mein Zimmer ein viel zu beschrnkter Raum fr das Bild ist,
hat man mir auf mein Bitten den Saal eingerumt. Er ist durch eine grosse
Glasthre mit dem Wohnzimmer verbunden, und so kann ich die Himmlische
beobachten, wann ich will. Glckseliger! kein Kummer darf mir nahen.

Auge! du gttliches! ich habe dich! und dich geschlossener heiliger Mund! O, mir
sagt's mein Geist! dich wird wohl kein Mann jemals berhren. Geschhe es, dann
wre sein irrdisches Daseyn beschlossen, und er schwebte entsndigt zu den
Seraphinen, die dich bildeten.

                            Gretchen an ihre Mutter.



                              Herzliebste Mutter!

Unser Wohnzimmer ist ganz verndert, und doch ist keine Vernderung darin
vorgegangen. Aber Herr Stephani malt in dem grossen Saale, der daran stt, und
seitdem ist Alles ganz anders. Die Gemlde scheinen lebendig zu werden, und
scheinen freudig zu lcheln, die Menschen scheinen Gemlde zu werden, und alles
Hliche zu vermeiden. Der Saal ist geheimnivoll und prchtig, wie eine Kirche.
Mehrere Fenster sind verhangen; aber in die offenen blickt die Sonne, wie ein
gttlicher Geist.
    Das Bild, was Herr Stephani malt, steht mit der Rckseite gegen die
Glasthre unseres Zimmers. Alles ist verschlossen, Niemand darf hinein. Es mu
etwas ganz Auserordentliches vorstellen; denn Herr Stephani sieht aus, wie ein
Entzckter, wenn er zurcktritt, um es zu betrachten. Da er dieses sehr oft
thut, und das Bild von ganz ungewhnlicher Grsse ist; so sagt die Frau
Prsidentin: es msse wahrscheinlich bestimmt seyn, aus einer grossen Entfernung
gesehen zu werden.
    Gestern hab' ich auch gesehen, da es wirklich so seyn mu. Herr Stephani
ging ganz bis an das Ende des Saals, der sehr lang ist, um das Bild zu
betrachten.
    O, wenn nur auch gleich ein Maler da gewesen wre, der ihn htte malen
knnen! Es wrde ein eben so wunderbares Gemlde, ja, vielleicht ein noch
wunderbareres, als das, woran er arbeitet, geworden seyn.
    So habe ich noch keinen Menschen gesehen. Sein Haar schien sich zu heben,
sein Auge stralte, wie eine Sonne, sein Arm streckte sich aus; er wollte malen
und hatte die Entfernung vergessen. Pltzlich wurde er sie gewahr, und kam
wieder auf das Bild zugeflogen.
    O wie wurde mir, herzliebste Mutter! - Ich ging schnell in mein Zimmer, und
spielte kniend ein Danklied.

                         Stephani an seine Verwandten.


Der Frst war da, sah mich malen, und wollte wissen, was ich vorhabe. Niemand
konnte es ihm sagen, und so lie er mich gestern zu sich rufen. Ich sah den
Laufer durch die Glasthre, konnte wohl denken, da es mir glte, und trat
heraus zu bitten: der Frst mge mir erlauben, ihm Abends aufwarten zu drfen.
Ich war auf den Morgen bestellt. Die seltene Gte dieses grossen Menschen macht
einen dreist, und er ahnet nicht einmal, da diese Dreistigkeit etwas
Ungeziemendes enthalte.
    Whrend ich aber mit dem Laufer sprach, war Frnzchen, ein Kind von zwei
Jahren, mit seinem Steckenpferde durch die offene Thre getrabt, und stand nun,
wie versteinert, vor dem Bilde. Sobald er zu sich selbst kam, rief er berlaut:
Gretchen! Gretchen! und wollte im vollen Gallop wieder davon.
    Aber ich nahm ihn gefangen, bedeutete ihm, da es eine grosse Freude, wie am
Christabend werden solle, aber Niemand etwas davon wissen drfe. Wolle er artig
und verschwiegen seyn, so solle er Farben und Pinsel bekommen, und mir unten an
dem Bilde malen helfen.
    Er versprach Alles; verlangte aber sogleich Pinsel und Farben, legte sein
Steckenpferd zur Seite, und machte sich an das Geschft. Jetzt wurden ihn die
andern draussen gewahr, und verlangten nun auch eingelassen zu werden. Er aber
versicherte ihnen sehr ernsthaft: das knne nicht geschehen. Sie seyen viel zu
laut und unartig; er aber sey artig und verschwiegen, habe auch Farben und
Pinsel, und sie mgen nur gleich weiter ziehen, und uns nicht stren. Wollen sie
nun etwa bse darber werden, und sein Steckenpferd zerschlagen, so gehe das
auch nicht; denn er habe es bei sich behalten.
    Es ist ein herrliches Kind, mit einem grossen, brennenden Dichterauge. Ich
will ihn unter die himmlischen Heerscharen, von denen die Heilige angebetet
wird, versetzen, und mich soll wundern, ob er sich findet.

Wenn sie aufsteht, sich setzt, sich zu den Kindern beugt - wie ganz anders, als
die brigen weiblichen Krper! - keine Begierde, Leidenschaft in irgend einer
Bewegung. O, wie soll ich es ausdrcken! - Nichts, nichts Irrdisches! Heilig!
heilig vom himmlischen Haupte bis zur Ferse! und nie wird das sichtbarer, als
wenn sie steht.
    Will ich dann mit einem Worte meine ganze Seligkeit ausdrcken, so sage ich
leise: die Jungfrau! - Ich wei nicht, ob ihr den erhabenen Reiz dieses Wortes
nachempfindet? - Mir ist es die hchste Musik. Auch sage man von der
Gttlichkeit der mnnlichen Gestalt, was man wolle, zu dieser Heiligkeit erhebt
sie sich nicht. Ich wei wohl, was man mir einwenden kann. Aber versteht mich!
    Die hchste mnnliche Schnheit, welche jemals dargestellt ist, wurde
entweder zum Kampfe gerstet, oder nach siegreich gekmpftem Kampfe dargestellt
(Jupiter, Apoll). Tief in der Seele jener Knstler, welche das Ideal mnnlicher
Schnheit darstellten, lag also die Ahnung: da Kraft; keinesweges Sittlichkeit
das Erste sey, wonach sie zu streben haben.
    Ihr zweifelt? - Wohlan! macht die Probe! Werft die Kraft weg! lat Schnheit
und Sittlichkeit. Habt ihr einen Mann? - Das behaupten wir nicht! - ruft ihr -
Haben wir die Kraft als nothwendiges Erforderni gelugnet? Aber schn, zum
edeln Zwecke geleitet, harmonisch, mit einem Worte: sittlich soll sie seyn. Das
aber lugne ich euch geradezu. War Jupiters, Apolls Kraft eine sittliche? - Aber
lugnet einmal, da es eine mnnliche war!
    Was folgt hieraus? - da das Ideal der mnnlichen Schnheit nie ohne Kraft,
wohl aber ohne Sittlichkeit, um wie viel mehr ohne Heiligkeit bestehen knne.
    Fhrt nur keine Venus an! denn wofern sie euch mehr, als idealisirter
Liebreiz ist, thut ihr ihr zu viel Ehre. Ich aber spreche von einer Jungfrau im
hchsten Sinne des Worts, und vor der fllt eure Venus nieder; sey es auch, da
sie in dieser Stellung jene an Reiz tausendmal bertreffe. Was beweit das fr
euch? - Aber denkt euch einmal den knienden Jupiter, den knienden Apoll -
Wahnsinn! - Nicht wahr? Ihr gesteht es?
    Oder seyd ihr noch nicht zufrieden? Wollt ihr der Proben noch mehrere? Gut!
so fragt euch dann: wer ist der unmnnlichste Mann? der Hlichste? der
Unsittlichste? - Keinesweges! es ist der Schwchste. Nun fragt weiter: welches
ist das unweiblichste Weib? - das strkste? das hlichste? - keinesweges! es
ist das unreinste, das unsittlichste.
    Und so mt ihr dann zugeben: da, wollt ihr Mnnlichkeit mit einem Worte
ausdrcken, ihr Kraft, Weiblichkeit, ihr Reinheit, oder, was dasselbe ist,
sittliche Schnheit sagen msset.
    Gesteht, ihr seyd berwunden! und wenn ihr es nicht gesteht; so kommt und
seht mein Bild.

Ich bin weit von der Furcht entfernt, ihr mchtet das Alles fr kindischen
Dnkel nehmen. Ihr kennt mich ja. - O nein! nein! ich will mich nicht halten!
will laut triumphiren, da es mir gelang, da ich gewrdigt wurde, die
Himmlische darzustellen. O, ich bin zu selig, als da ich irrdische Rcksichten
nehmen knnte.
    Verzeiht dem Knstler! ich halte das Bild fr eine Angelegenheit der
Menschheit. Schlsse der Tod einst das Auge des heiligen Mdchens, ihr und
andere knnten sagen: es habe niemals gelebt. Eure Venus mte dann das Hchste
bedeuten, und ein ganzes herabgewrdigte Geschlecht wrde vielleicht seine hohe
Bestimmung verkennen, und glauben, es sey nicht mehr werth, als wir es gelten
lassen wollen.

                            Gretchen an ihre Mutter.



                              Herzliebste Mutter!

Vor einigen Tagen war der Frst da, kam gerade in das Wohnzimmer, und sah Herrn
Stephani malen. Er wollte wissen, welch ein Gemlde es sey; aber Niemand konnte
ihm Auskunft geben. Da lie er mich rufen und sagte: nicht wahr, Gretchen! du
weit, was er malt? Nein! gndigster Herr! - antwortete ich - Es wei es kein
Mensch, ausser Frnzchen. Sehen Sie! da steht er schon wieder bei Herrn
Stephani. Aber wir knnen nichts aus ihm bringen: als da es ein Weihnachtsbild
sey, er auch mit darauf stehe, und daran helfe, weil er artig und verschwiegen
sey, und da ich am meisten darber erschrecken und mich freuen werde.
    Und Stephani?
    Ja, der spricht mit Niemand mehr, scheint auch nichts von Allem, was um ihn
vorgeht, zu bemerken. Selten kommt er zum Essen, und dann haben wir an den
Kindern genug zu wehren; denn er giebt ihnen Antworten, die gar nicht auf ihre
Fragen passen. Dann lachen die kleinen Schelme, wir mgen winken, wie wir
wollen. Die Aeltesten aber reden ihn gar nicht mehr an, sondern betrachten ihn
mit einer zrtlichen Furcht, und machen gleich Platz, wenn er irgendwo
durchgeht.
    Aber mit dir Gretchen spricht er doch?
    Ich wte die Zeit nicht, da er ein Wort mit mir gewechselt htte!
    Er wollte vor einigen Tagen zu mir kommen.
    Ach, gndigster Herr! zrnen Sie ja nicht deswegen auf ihn! Er liebt und
verehrt Sie vor allen andern Menschen; aber er vergit Alles, was nicht das Bild
ist.
    Unmglich! - rief er - oder das Bild ..... Dann hielt er pltzlich inne, und
sah mich an, als ob er mir bis auf den Grund des Herzens sehen wollte.
    Was sehen Sie mich nun so an, gndigster Herr? - sagte ich - Trauen Sie mir
nun schon wieder nicht, und glauben, da ich mehr wei, als ich sage?
    Nein, Gretchen! - rief er wieder - ehe glaube ich, da ich mehr wei, als du
sagst.
    Da er aber so laut rief, hatte Herr Stephani ihn gehrt, und kam zu uns
herein. Er entschuldigte sich sehr, da er nicht gekommen. Aber der Frst sagte:
lassen Sie das! lassen Sie das! Doch warum sind Sie so grausam gegen uns? -
Keiner Ihrer Freunde wei, was Sie arbeiten.
    Es ist ein Altarblatt - antwortete Herr Stephani - was die Stadt Pisa bei
mir bestellt hat.
    Der Frst wollte nun eben fragen: was es denn vorstelle, da erschrack Herr
Stephani so, da er ganz roth wurde, ffnete pltzlich die Thre, und lie den
Frsten hineingehen. Er mu gewi befrchtet haben, ich wrde das Bild auch
sehen wollen; denn er sahe mich so bittend und so angstvoll an, da es mir im
Herzen wehe that, und ich geschwind sagte: lieber Herr Stephani! ich will nicht
mit hinein.
    Da sah er mich noch einmal an, und es war, als wolle er mir mit diesem
Blicke seine ganze Seele geben.
    Herzliebste Mutter! diesen Blick werde ich in meinem ganzen Leben nicht
vergessen. Denn es ist mir, als htte ich wirklich mit diesem Blicke etwas
bekommen, und als sey es mir hier mitten in der Brust geblieben.

                         Stephani an seine Verwandten.


Der Frst hat das Bild gesehen, und ist heftig dadurch erschttert worden. Lange
staunte er es sprachlos an. Dann fiel er mir pltzlich um den Hals und sagte:
versprich mir, da du erfllen willst, warum ich dich bitte! - Ich erschrack;
denn ich ahnete, was er wollte.
    Du thust es nicht! - rief er - Mir nicht? deinem Freunde nicht, der Alles
fr dich thun wrde? Ich bitte dich, sage nicht nein! Mache den Pisanern eine
Copie. La mir dieses Bild. - Die Hnde sanken mir nieder.
    O, mein Gott! - rief er abermals - du kannst es nicht? -
    Ich mu es knnen - antwortete ich - sobald Sie es wollen.
    Er schwieg, und betrachtete das Bild von neuem. Sage mir aufrichtig - hub er
dann wieder an - warst du wirklich entschlossen, dieses Bild wegzugeben? -
    Nein - sagte ich - aber ich habe mich oft deswegen getadelt.
    Wie so?
    Die Pisaner haben keine Copie von mir gefordert.
    Glaubst du, da sie den Unterschied fhlen?
    Ich fhle ihn.
    Aber was wrdest du am Ende gethan haben?
    Ich wei es nicht.
    Die Idee bleibt dieselbe.
    Die Idee - aber die Ausfhrung! -
    Wie? du getraust dich nicht?
    Wie viel ich mir trauen, mit Recht trauen konnte, mute die Folge erst
lehren.
    Wie viel Zeit hat man dir gelassen?
    Das ist die Hauptschwierigkeit. Man wnscht sehnlich, die Kirche mge zu
Ostern eingeweiht, und das Bild zugleich aufgestellt werden.
    Sie knnen dir nichts vorschreiben.
    Nein. Aber sie haben mich dringend gebeten.
    Es ist himmelschreiend, dieses Bild von dem Volke verruchern zu lassen.
    Doch wird es schwerlich mehr, als gerade an diesem Orte wirken.
    Wohlan, so trete ich mit ihnen in Unterhandlung. Wir haben auch Kirchen. Mag
es dem Volke dann bleiben; aber mir soll es auch nicht ganz entrissen werden. In
meiner Nhe will ich es behalten. Wenn sie es zufrieden sind - fuhr er, meine
Hand mit Heftigkeit ergreifend, fort - wenn ich ihnen verspreche, versprechen
darf: du wollest das Bild zum zweitenmale, diesem vollkommen gleich darstellen?
- Sie sollen es von mir geschenkt, und nach meinem Tode auch das erste als
Vermchtni erhalten? Wie dann? Wie dann? -
    O! - rief ich - dann ist uns Allen geholfen, und wir bleiben ewig Ihre
Schuldner!
    Oder wir die deinigen! - fiel er ein, und schlo mich fest in die Arme.
    In diesem Augenblicke waren wir seitwrts von dem Bilde gekommen, und das
heilige Mdchen erblickte uns. Der Frst bemerkte es, und sagte: Du Glckseliger
besitzest sie zweimal! whrend ich Armer von elenden verzerrten Halbmenschen
umgeben bin.
    Sie hat geklagt - antwortete ich - da sie nicht zu Ihnen kommen drfe.
    Ach ich frchtete mich selbst! frchtete ein Gestndni nicht mehr
zurcknehmen zu knnen, was ihren hohen Kindersinn fr immer zerstrt htte.
Denn ich wei es! bleibe ich in den Schranken, so ist es diese himmlische
Unbefangenheit allein, die mich hlt. Meine lauernden Hflinge haben mich
errathen und mir eine Reihe Schnheiten vorgefhrt, von denen du manche deines
Pinsels wrdig gefunden haben wrdest. Vergebens! Berauscht haben sie mich; aber
das Nchternwerden konnten sie nicht hindern.
    Ich gestehe, da dieses Bekenntni eine Art Freude bei mir erweckte. Ich
fhlte mich der Himmlischen nher, und fhlte mich ihrer wrdiger. Er errieth
mich augenblicklich, und eine finstre Wolke verbreitete sich ber sein schnes
Gesicht. Dann verlie er mich pltzlich, und ging, wie gewhnlich, wenn er
uneins mit sich selbst ist, heftig auf und ab.
    Ein Paar heimliche Blitze aus seinen Augen schossen an mir vorber. Ach, ich
begriff und beklagte ihn. Eben so pltzlich als er mich verlassen hatte, blieb
er jetzt vor mir stehen, und als ob er seine Empfindung in einem Worte
zusammenpressen wollte, sagte er im Tone des Vorwurfs: Rosamunde! - Ich sah vor
mir nieder. Rosamunde! - wiederholte er, meinen Arm ergreifend, als ob er mich
aus einem Traume wecken wollte - Rosamunde! was macht sie, die Unglckliche? -
    Ich habe sie - antwortete ich - seit ich das Bild anfing, nicht gesehen.
    Sie liebt dich.
    Doch nicht so, wie sich selbst.
    Wenn sie dir aus Liebe entsagte, liebte sie dich nicht, wie sich selbst?
    Sie hat niemals gestanden, da sie mir aus Liebe entsagte.
    Wenn die That redet, was bedarf es der Worte?
    Sie frchtete unglcklich mit mir zu werden.
    Sie frchtete dich unglcklich zu machen.
    Sie bt eine schne Kunst, und so mu ihr Herz ewig getheilt bleiben.
    Und das deine?
    Ich bedarf zur Ausbung der meinigen der Schnheit ausser mir. Sie aber
stellt sie durch sich selbst dar, und ist demnach unabhngiger von der Liebe,
wie von der Schnheit.
    Du aber scheinst jetzt eben so unabhngig von ihr, wie von ihrer Liebe zu
seyn.
    Wenn das ist, mein Frst! mu ich glauben, es sey ein Verbrechen? - Sie
sagten mir einst, ich werde ein hheres Ideal kennen lernen. Wenn ich es kennen
lernte, fhrte ich, oder das Schicksal es herbei? - Wenn ich, wie Sie und andere
behaupten, die Schnheit reiner und erhabener, als bisher geschah, darstellte,
so mute ich sie auch tiefer empfinden. Strafen Sie mich dann, da ich das bin,
wozu die Natur mich bildete.
    Warlich! sie hat dich und uns Alle tiefer durchschaut, als wir glaubten.
Meine Hrte gegen sie gereuet mich bitter. Aber sie so gnzlich zu verlassen -
dazu wr' ich nicht fhig.
    Gott ist mein Zeuge! da ich sie weder verlassen habe, noch verlassen
wollte. Sie ist und bleibt mir unaussprechlich theuer, und so gewi ich lebe,
hat Niemand ihren hohen Werth inniger, als ich, gewrdigt. Aber das, was mich in
diesen Tagen beschftigte, mute meine ganze Seele einnehmen. Und Sie selbst,
mein Frst! frage ich: konnt' es auf andere Weise werden, was es ist?
    Die Unglckliche!
    Wahrlich! nicht unglcklicher als ich selbst.
    Du! du? unglcklich?
    Bin ich es nicht, so ist es die Kunst allein, die mich schtzt. Was kann ich
ausser ihr hoffen! -
    Wie, wenn ich nicht wre?
    Ich bin mir bewut, diesen Gedanken niemals gedacht zu haben, und es
schmerzt mich, da ihn irgend Jemand denkt. Aus mir wird er nie kommen.
    Natrlich wr' er gleichwohl.
    Es ist manches natrlich, was mir verchtlich und meiner durchaus unwrdig
scheinen wrde. Ich gelobte Ihnen einst ewige Entsagung. Kann ich mehr thun, als
dieses Gelbde erneuern?
    O, ich wei! ich wei - rief er mit flammendem Auge - woher sie dir kommt,
diese gewaltige Kraft! Du bietest aus, wovon du gewi bist, da es dir nie
genommen werden knne. Aber wie? wenn du irrtest? - Wenn ich sie dahin setzte,
wohin sie gehrt? Wenn ich mich ber elende Vorurtheile erhbe? - Denk' einmal
diesen Gedanken ganz aus, und dann sag' mir, was du empfindest.
    Mit diesen Worten verlie er mich, und der brige Theil des Tages war fr
mich und die Kunst verloren.

                            Gretchen an ihre Mutter.



                              Herzliebste Mutter!

Ich konnte das vorigemal nicht weiter schreiben; denn ich war gar zu heftig
erschttert. Ach der Frst ist ein guter Herr; aber er verndert sich gar zu
pltzlich, und kann oft bse werden, wenn man es am wenigsten denkt.
    Ich schrieb ihr, da Herr Stephani ihn mit in das Zimmer genommen; was er
gewi keinem andern Menschen gethan haben wrde. Anfangs schien der Frst auch
hchlich darber erfreut. Er umarmte Herrn Stephani, und sah sehr gtig dabei
aus. Mit einemmale aber wurde er heftig, und sein Gesicht gnzlich verndert. Es
entstand ein Wortwechsel, ich hrte den Namen Rosamunde, und ehe ich es mich
versah, strzte der Frst ganz entrstet durch das Zimmer; so, da seine Leute
kaum herbeifliegen und ihm folgen konnten.
    Herr Stephani kam nicht zu Tische; malte aber auch nicht; sondern ging
gleich auf sein Zimmer. Mir war es unmglich, einen Bissen zu essen, und das
Herz schlug mir so gewaltig, da ich kaum Athem holen konnte.
    Die Frau Prsidentin wollte wissen, was vorgegangen sey; aber ich konnte ihr
nichts sagen, als: da ich den Namen Rosamunde gehrt, und da der Frst ganz
aufgebracht davon gegangen sey. Sie sah vor sich nieder und sagte: das ist
sonderbar! Mir aber wurde so angst, da ich geschwind hinausgehen, und
bitterlich weinen mute.
    Ach, es ist mir so, wie ich ihr schon einmal geschrieben habe: da mir der
Ha wie eine ordentliche Verrcktheit vorkommt. Sage sie mir auch um
Gotteswillen! was sollen die Menschen auf der Erde, wenn sie sich nicht lieben
wollen? - Sie wei es, vielleicht noch nicht - denke sie einmal, herzliebste
Mutter! die Erde schwebt so in der Luft, wie die Sonne und die Sterne. Nun ist
es mir manchmal (sage Sie es aber keinem Menschen) als schwebte ich ber der
Erde. Die grossen Lnder, die gewaltigen Strme, kommen mir dann sehr klein vor,
die Menschen noch kleiner, und ihr Zank und Streit erscheint mir nicht blo wie
Verrcktheit; sondern wie vllige Raserey.
    Ach, wie unnatrlich ist es, da sie nicht in fester Liebe zusammenhalten,
um dem gewaltigen Schicksale, was sie, bedruet, zu widerstehen. Denn,
herzliebste Mutter! ich mu es ihr nur frei heraus sagen, da ich von der
Allmacht Gottes nicht so denken kann, wie uns geboten wird, von ihr zu denken.
Seine Gte aber stelle ich mir noch viel grsser vor, als man sie uns schildert,
und das ist auch mein einziger Trost, jetzt, da mich der Frst in der Geschichte
unterrichten lt.
    Ach, herzliebste Mutter! htte ich nicht schon einmal angefangen, und wre
ich nicht jetzt begierig, an das Ende zu kommen, nimmermehr htt' ich mich damit
abgegeben. Etwas Schrecklicheres und Emprenderes, als schon auf dieser Erde
vorgefallen ist, kann sie sich gar nicht denken. Aerger, als reissende Thiere
haben Menschen gegen einander gewthet, und unter tausendmalen hat die Unschuld
neunhundertmal der Bosheit unterliegen mssen.
    Das Alles, sagen die gelehrten Leute, konnte, sobald der Mensch frei bleiben
sollte, nicht anders seyn. Aber, herzliebste Mutter! sie sagen das nur so, um
sich etwas vorzumachen; bluten sie aber unter den Klauen eines Wthrichs, so
langen sie nicht mehr damit aus.
    Nein! nein! Gott ist gewi nicht allmchtig! sonst htt' er das Bse
gehindert. Es war, das sieht man tausendfltig besttigt, eine Kraft, welche
sich ihm von Ewigkeit her widersetzte, und die er von Ewigkeit her bekmpfte.
Wie dieser Kampf endigen wird, ist, glaube sie mir, liebste Mutter! noch lange
nicht entschieden.
    Ach, wir bldsichtigen, in Leidenschaft und Irrthum taumelnden Kinder!
kennen vielleicht noch lange nicht die Sorgen unseres grossen, liebevollen
Vaters. - Schaudern und Entsetzen wrde uns vielleicht ergreifen, wenn sie uns
offenbar wrden. Wohl mgen wir beten: dein Reich komme! erlse uns von dem
Bsen! - Glaube sie mir, herzliebste Mutter! in diesen Worten unseres gttlichen
Lehrers liegt weit mehr, als wir denken; so wie in seiner Versicherung: ich
htte euch noch vieles zu sagen, aber ihr knnt es jetzt nicht tragen.
    Unzhligemale aber wiederholte er, da Liebe und Reinigkeit des Herzens das
Einzige seye, was Noth thue. Ach er wute, da das Eine zu dem Andern fhre, und
da das Reich des Bsen am sichersten dadurch zerstrt werde.
    So glaube auch ich, liebste Mutter! da die Macht Gottes durch jeden schnen
Gedanken, durch jede liebevolle Handlung der Menschen vermehrt werde, und da,
wenn sie sich in Liebe und Tugend vereinigten, sein Reich kommen wrde und
mte.
    Aber, o Gott! wenn die Erde ganz dem Bsen hingegeben wrde - snke! snke
mit allen denkenden und empfindenden Wesen, welche keinen geheiligten Willen,
keine Kraft htten, sich ber sie zu erheben! - snke in die bodenlose Tiefe!
zerschellte, zerschmetterte, zerstiebe! - Oder wenn sie ganz zur Hlle wrde!
Wahrheit und Gerechtigkeit verhhnete Schatten - die gttliche Gestalt des
Menschen durch Laster bis zum Unkenntlichen verzerrt - das Siegel der ewigen
Verworfenheit ihm aufgedrckt - gebeugt zur Erde - kriechend wie ein Wurm - die
Ahnung der Unsterblichkeit, mit ihr sie selbst auf ewig verloren!!
    Bei diesem entsetzlichen Gedanken hrte ich ein durchdringendes Geschrei.
Ach ich hatte es selbst ausgestossen, und ein unaussprechlicher Schmerz meine
ganze Brust eingenommen.
    Ich kann das Alles nicht mehr so mit ansehen. Herzliebste Mutter! ich fhre
aus, was ich jetzt denke. Ja, ich fhre es aus, und Niemand soll es mir wehren.

                         Stephani an seine Verwandten.


Mehrere Tage verflossen, und ich vermochte nicht, mich ber die kleinmthige
Trauer, welche meine ganze Seele umfangen hatte, zu erheben. Endlich sah ich sie
wieder, und, was ich fr unmglich hielt, ihr Gesicht war in einem noch hheren
Grade veredelt.
    Oft hatte ich bei rohen Menschen bemerkt, da der Schmerz ihre Zge veredle.
Allerdings mute es kein leidenschaftlich hervorbrechender, sondern ein
gehaltener Schmerz seyn. Nur bei der Unbertrefflichen schien es mir
ungedenkbar. Aber so wie ihre Gestalt ber Andere erhaben ist, so ist es ihr
Schmerz. Es ist kein menschlicher, der Erde zugewandter.
    Was ich dem Frsten sagte: da ich keinen andern Trost, als in der Kunst zu
erwarten habe, ist mir jetzt noch wahrer, als damals. Ich werde immer
berzeugter, da kein Mann sich der ausschliessenden, noch weniger der
leidenschaftlichen Liebe dieses wunderbaren Mdchens zu erfreuen haben werde.
Aber ein viel innigeres, thtigeres Mitleid, als Menschen sonst gegen einander
empfinden, scheint ihr Herz zu beleben und gnzlich zu erfllen. Der Leidendste
ist immer derjenige, welcher sie am meisten beschftigt, und es scheint mir
jetzt, da ich sie nher kenne, nur ein lcherlicher Dnkel, wenn ich mir je mit
etwas Mehrerem schmeichelte.
    Mein Wortwechsel mit dem Frsten, der ihr, da sie im nchsten Zimmer war,
nicht verborgen bleiben konnte, schien sie tief zu bewegen. Um meinetwillen,
glaubte ich Thor! - Aber gestern wurde von zwei Familien gesprochen, die ihre
Kinder, den einzigen Sohn und die einzige Tochter, fr einander bestimmten; nun
aber pltzlich zerfielen, und ihr Versprechen zurcknahmen.
    Der Vater des jungen Mannes war der Beleidiger, und der Erste, welcher sein
gegebenes Wort brach. Um so tiefer fhlte sich der Andere gekrnkt. Und damit
sich kein Zweifel erhebe, ob er, als der Aermere, die Beleidigung vielleicht
verschmerze, und die Tochter dennoch fr eine mgliche Versorgung aufspare,
schickte er sie augenblicklich ins Kloster.
    Bei dieser Nachricht gab sich der junge Mann zwei gefhrliche, doch nicht
tdliche Messerstiche in die Brust, und wehrte sich gegen das Verbinden mit
allen noch brigen Krften, bis der Vater ihm versprach, den Beleidigten um
Verzeihung zu bitten, und noch einmal frmlich um das Mdchen anzuhalten.
    Der Sohn nahm jetzt die Hlfe des Arztes an; wurde aber nach seiner vlligen
Genesung von dem Vater wegen seiner Leichtglubigkeit verlacht, und dadurch bis
zum Wahnsinn erbittert. Er verschwand, und Niemand wute, oder wei, wohin.
    Diese allerdings schreckliche Begebenheit, im Tone der Stadtneuigkeiten von
einem Bekannten mitgetheilt, hat mich, ich sehe es, ganz aus Margarethens Herze
verdrngt.
    Mit unbeschreiblicher Angst forscht sie tglich nach dem Aufenthalte des
jungen Mannes, nach dem Namen des Klosters, wo das Mdchen eingesperrt ist, und
da all ihr Forschen vergebens bleibt, hat sie sich endlich an den Frsten
gewandt.
    Mathilde versichert: da Margarethe weder den jungen Mann, noch sonst Jemand
aus der Familie kenne, da ihr aber dieses lebhafte und ungewhnlich thtige
Mitleid schon oft bemerkbar, und bei einer in sanfter Frhlichkeit durchlebten,
und von keinem Schmerze irgend einer Art getrbten Jugend, fast unbegreiflich
sey.
    Sie ist eine hhere Natur - sagte Bernhard - und nur dadurch wird Manches
begreiflich, das weder in ihrer Erziehung, noch in den auf sie wirkenden
Umstnden gegrndet ist. Ich bin begierig - setzte er, mit einem Seitenblicke
auf mich, hinzu - ob es einem Manne gelingen wird, ihr Herz ganz fr sich zu
gewinnen. - Oft bin ich geneigt, es zu glauben; dann aber scheint es mir wieder
zweifelhafter, als jemals.
    Ich erwiederte keine Sylbe, sondern ging mit zerrissenem Herzen in meine
Werksttte. Ergriff dann aber, beim Anblicke des Bildes, den Pinsel zum
erstenmale wieder, mit nie gefhlter Begeisterung, und vollendete in einem Tage,
was ich fr die Arbeit mehrerer Wochen gehalten hatte.

                         Rosamunde an Ludovika Arnoldi.


Warum bliebst du nicht bei uns Geliebte? Dein Scherz: du reisest blo, um Briefe
von uns zu bekommen, hat uns wenig getrstet; und Jedermann behauptet: du habest
dich wenigstens zehn Jahre zu frh dem allgemeinen Beifalle entrissen.
    Von Stephani kann ich dir wenig melden; denn ich habe ihn in mehreren Wochen
nicht gesehen. Er soll mit einem grossen Gemlde, wahrscheinlich noch mehr mit
dem Originale, dem Mdchen, mit welchem der Frst mir einst drohete, beschftigt
seyn.
    Wie unaussprechlich elend htte ich werden knnen; wre ich lnger ber den
Charakter dieses Mannes im Zweifel geblieben. Wehe auch ihr, der unglcklichen!
wofern sie ihr Herz an ihn hngt, und sich die Mglichkeit, ihn fest zu halten,
ertrumt. Er liebt das ganze Geschlecht, und zwar tiefer und leidenschaftlicher,
als irgend ein Mann. Wird er auch jetzt von ihrer hohen Einfalt angezogen, so
kann er doch als Knstler den Sinn fr Mannigfaltigkeit nicht verlieren. Ja,
dieser Sinn mu sich bei hellerem Blick und hherer Vollendung nur immer mehr
entwickeln. Gerade als Knstler wird er sich zu vielem berechtigt glauben, was
mit der Treue schwerlich bestehen kann.
    Gott sey gelobt! ich bin aus seinem Zauberkreise gerettet, und habe das, was
mir in hellen Augenblicken das Wnschenswrdigste war, seine Achtung behalten.
Da ich ihm weder mein Herz noch mein Schicksal Preis gegeben, hat mich auch
seine Aenderung nicht erbittert, und ich kann gegen ihn und seinen Ruhm immer
gerecht bleiben.
    Diejenige, welcher er jetzt huldigt, wird nun auch eine gewisse Celebritt
erhalten. Ihr Bild ist zu einem Altarblatte bestimmt. Nur auf diese, oder auf
eine hnliche Weise, ist es mglich, da eben diese Berhmtheit, zu welcher sie
durch ihn gelangt, ihr nichts bei ihm schade. Denn so weit ich die Mnner kenne,
ist die Berhmtheit nchst dem Alter, der Hlichkeit und der Krnklichkeit,
derjenige Fehler, welchen sie am empfindlichsten rchen, und vielleicht hat es,
seit Mnner leben, kaum zehn gegeben, welche wahrhaft gro genug waren, eine
grosse Frau zu ertragen.
    Allerdings ist Berhmtheit und Grsse keinesweges gleichbedeutend, und
manche gttlich grosse Frau hat kaum ihren nchsten Verwandten fr das, was sie
war, gegolten. Diese Grsse knnen die Mnner gar wohl ertragen; um so mehr, da
man sie benutzen kann, ohne sie anzuerkennen.
    Wie dem auch sey! ich habe nur kurze Zeit gelitten, und meine Ruhe ist von
neuem gesichert. Ich habe das Grab meiner Schwester besucht, und mir von neuem
die Ursache ihres Todes vergegenwrtigt. Die Klagen ber meine Freundlichkeit,
Hflichkeit und - Klte sind darauf nur bitterer geworden.
    Warum aber klag' ich nicht? Hab' ich kein Herz? und ist es nicht
schmerzhafter, ewig von einer Liebe schwatzen zu hren, die keine ist, als ohne
Aufmunterung um eine zu werben, welche man im Kurzen nicht mehr die Kraft hat zu
erwiedern?
    In der Zeit, wo er wirbt - sagst du vielleicht - wei das kein Mann. Glaube
mir! er wei es; oder kann es mit einiger Aufmerksamkeit auf sich selbst wissen,
und ist er dieser Aufmerksamkeit nicht fhig; so bringt er schuldlos dasselbe
Leiden hervor, als htte er absichtlich betrogen. Und so ist dann nicht besser
fr die Mnner gesorgt, als wenn sie sich mit ihrer Liebe dahin wenden, wo sie
auf gleiche Weise erwiedert, und Niemand beim Tausche vervortheilt wird.
    Genug! und mehr, als genug, von einer Sache, die lngst unter uns abgemacht
ist.
    Meine Rosen blhen wieder in schner Stille um mich her, die Kunst reicht
mir wieder die schwesterliche Hand, und wenn du kommst, findest du mich wieder
in meinem Paradiese.

                            Gretchen an ihre Mutter.



                              Herzliebste Mutter!

Wo soll ich anfangen, ihr Alles, was mir begegnet ist, zu schreiben?
    Wegen einer sehr traurigen Begebenheit, welche sich in diesen Tagen zutrug,
ging ich zum Frsten.
    Ein abscheulicher Vater hatte die einzige Tochter ins Kloster gesperrt,
damit ein anderer nur nicht glauben sollte, er werde eine von ihm empfangene
Beleidigung vergessen, und das unglckliche Mdchen dem Sohne des Feindes
dennoch geben. Der Andere, noch abscheulicher, brach hohnlachend sein dem Sohne
feierlich gegebenes Versprechen, dem Beleidigten Friede und Freundschaft
anzubieten, und das Mdchen noch einmal zu erbitten. Nur unter dieser Bedingung
hatte sich der Sohn zwei gefhrliche Wunden, die er sich in der Verzweiflung mit
dem Messer gemacht hatte, verbinden lassen, und verlie nun, nach entdecktem
Betruge, wahnsinnig das vterliche Haus.
    Ach, man erzhlte dieses, wie man alles Andere erzhlt, und das Herz wollte
mir brechen vor Angst und Entsetzen. Ich lief zu der trostlosen Mutter, die so,
wie der Sohn, von dem Vater verlacht wurde, und auf ihr Flehen, ihn aufsuchen zu
lassen, keine Antwort erhielt, als: da der Narr, wenn er ausgerast habe, schon
wiederkehren werde.
    Eben so unerbittlich war der Vater des Mdchens; dessen Aufenthalt vor der
Mutter, wie vor dem Gesinde, ein unerforschliches Geheimni blieb.
    Ich schlo die Nacht kein Auge, und ging den folgenden Morgen zum Frsten.
    Er schien erstaunt, mich zu sehen; hrte mir aber aufmerksam zu; und befahl
in meiner Gegenwart: die beiden Vter unverzglich zu ihrer Pflicht anzuhalten.
Auch wurden von seinen Leuten sogleich Boten nach dem jungen Manne, wie nach dem
Mdchen geschickt. Mit unbeschreiblich gtigem Gesichte wandte er sich dann zu
mir, und sagte: ists nun so recht, Gretchen? -
    Gott lohn' es Ihnen tausendfltig, gndigster Herr! - antwortete ich - Die
armen geretteten jungen Leute werden es Ihnen ewig danken.
    Siehst du Gretchen - sagte er - ohne dich knnte mir das Gott nun nicht
lohnen; denn ich wrde es nicht haben thun knnen, und auf die Weise bin ich dir
mehr Dank schuldig, als du mir.
    Gndigster Herr! das denken Sie nur so aus lauter Gte; Htt' ich es Ihnen
nicht gesagt, so htt' es ein Anderer gethan, und Alles wrde geschehen seyn,
wie es nun geschah.
    Du irrst! meine Hofleute haben andere Dinge zu treiben. Und htten sie davon
gesprochen; so wrde es, wo nicht mit hfischem Lcheln, doch mit hfischem
Bedauern gewesen seyn.
    Sie aber, gndigster Herr! htten doch Alles gesehen, wie es ist.
    Du gutes Herz! Sh' ich Alles, wie es ist, so wre ich da, wohin ich strebe,
aber lange nicht bin. Laune, Arbeit, und Etwas, das mich vielleicht zu sehr
beschftigt, trbt nur gar zu oft meinen Blick. Um so mehr bedrft' ich eines
Auges, wie das deinige.
    Ach, gndigster Herr! - rief ich - Sie haben in meinem Herzen gelesen!
    Wie meinst du das, Gretchen?-fragte er, mit einer sonderbaren Heftigkeit.
    Gndigster Herr - sagte ich - ich bin mit lauter guten Menschen umringt:
aber noch hab' ich es nicht gewagt, Jemanden zu vertrauen, was ich Ihnen jetzt
sagen werde.
    O, Gretchen! was ist es? verschweige mir nichts!
    Nein, gndigster Herr! denn ich wei, da Sie Alles gtig aufnehmen, und
wenn es auch sonderbar ist, doch entschuldigen; da Sie - ach, wie soll ich es
sagen? Ja! da Sie weiter und besser sehen, als Andere, und da sie, wenn auch
nicht Diesen und Jenen, doch berhaupt die Menschen mehr lieben, als Andere, und
sie gern alle glcklich machen mchten.
    Gretchen! Gretchen! wie klingt das aus deinem Munde! Willst du mich stolz
machen?
    Ach, glauben Sie nur so was nicht, gndigster Herr! Aber, wessen das Herz
voll ist, des geht der Mund ber.
    O, Gretchen! - rief er, und drckte meine Hand fest an sein Herz - Wie
sagtest du? Sage, ich bitte dich! sage das noch einmal.
    Ich will es noch hundertmal sagen - rief ich eben so laut - Wessen das Herz
voll ist, des geht der Mund ber! Ja gndigster Herr! mein Herz ist voll von
Ihrer grossen Gte und Menschlichkeit, und ich kann Gott nicht genug danken, da
ich zu Ihnen gekommen bin; denn sonst wte ich nun nicht, ob mich Jemand
verstnde.
    Und das weit du von mir! Ich also verstehe dich besser, als andere? O
Gretchen! - fuhr er fort, ergriff abermals meine Hand, und seine Augen standen
voll Thrnen - dies wird ein wichtiger Tag!
    Vielleicht der wichtigste meines Lebens, gndigster Herr!
    Vollende Gretchen! Sage Alles! wenn es dann wahr ist, da ich dich besser
verstehe.
    Ja, gndigster Herr! Sie verstehen mich besser, weil Sie hher stehen, als
Alle, und die allgemeine Noth besser berschauen knnen. Worber erstaunen Sie,
gndigster Herr? Ich habe es schon lange eingesehen, da das so ist, und nicht
anders seyn kann. Wie gut die Menschen, welche mich umgeben, auch sind, ist es
ihnen doch nicht mglich, Jedermann zu helfen. So sind sie dann gezwungen, sich
gegen Leiden zu verhrten, und denken gar bald: was hilft's? durch uns wird's
nicht besser. Auch dann denken sie so, wenn's gar oft besser wrde. Sie aber,
gndigster Herr! haben die Macht in Hnden, und darum denken Sie das nicht, und
knnen es nicht denken.
    Er sah ganz bedenklich und betroffen vor sich nieder. Das machte mich irre,
und ich schwieg eine Weile. Dann aber fuhr ich herzhaft fort: Gndigster Herr!
ich bin so glcklich, habe Alles, was mein Herz wnscht; aber ich kann dieses
Glck nicht lnger mehr tragen.
    Wie! - rief er, und es kam mir vor, als ob sich sein Gesicht gnzlich
verfinsterte. Da frchtete ich, er mchte, wie gewhnlich, pltzlich bse
werden, und fiel schnell vor ihm nieder. Nein! gndigster Herr! - sagt' ich noch
einmal - ich kann nicht mehr so still dem Leiden der Menschen zusehen. Ich mu
hinaus und ihnen helfen. Vor allen Andern habe ich mich geschmt das zu sagen;
vor Ihnen brauche ich mich nicht zu schmen. Sie begreifen was ich meine, und
gingen, so wie ich, wren Sie durch Stand und Pflicht nicht gebunden.
    Stehe auf! - rief er - stehe auf! ich bin nicht, wofr du mich hltst.
    O ja, Sie sind es! und darum werden Sie mir auch meine Bitte gewhren.
    Welche?
    Es giebt Klster, gndigster Herr! ... O glauben Sie nur nicht, da ich mich
in Mauern einsperren will! Aber es giebt Klster, in welchen man das nicht
nthig hat.
    Meines Wissens nicht.
    Wohlan, so stiften Sie eins! nur mit dem Unterschiede, da die Nonnen
ausgehen und helfen knnen, wo sie wollen.
    Und du?
    Ich komme in dieses Kloster, kann helfen, wo ich will, kann die Menschen
bitten; in Liebe und Einigkeit zusammen zu halten, ohne mich zu schmen, oder
von den Leuten verlacht zu werden.
    Das war deine Bitte?
    Ja, gndigster Herr! das war meine Bitte.
    Du willst nicht bei mir bleiben?
    Ich komme tglich zu Ihnen, berichte Ihnen Alles, was ich gesehen, gehrt,
fordre sie auf zur Hlfe. Kein Tag, keiner wird vergehen, ohne eine schne,
menschliche Handlung, ohne getrocknete Thrnen, ohne gestillete Seufzer. Ein
himmlisches, ein gttliches Leben werden wir fhren.
    Wir?
    Ja wir! wer sonst, wenn wir es nicht fhren.
    Wir! weit du auch, wer du bist?
    O, ich wei es! aber bei Ihnen darf man vergessen, wer man ist.
    Vergessen! O du! o knie nicht mehr!
    Was denken Sie nun gndigster Herr? Warum soll ich nicht knien? Ach Gott!
geben Sie nur solchen Vorstellungen nicht nach, sonst schme ich mich vor Ihnen,
wie vor den Andern, und aus der ganzen Sache wird nichts.
    Nun ging er mit grossen Schritten auf und ab, und sagte kein Wort mehr. Da
schlug die Glocke aber zwlf, und ich durfte nicht lnger mehr warten. Leben Sie
wohl, gndigster Herr! - sagt' ich nun - Ich mu fort; denn die Kinder kommen
jetzt zu Hause, und strmen sonst gleich zu der Frau Prsidentin, und plagen sie
gar zu sehr. Morgen aber, wenn Sie es erlauben, komme ich wieder, und hre, ob
Sie mir meine Bitte gewhren.

Den andern Tag kam ich wieder, und da ich unangemeldet hineintreten darf, hatte
er mich nicht bemerkt, und sa in tiefen Gedanken. Mir wurde bange; denn er sah
finster aus, und ich hatte nicht das Herz, ihn anzureden. Endlich bemerkte er
mich, und kam sehr freundlich auf mich zu.
    Du da, Gretchen? - sagte er - pltzlich, wie eine Erscheinung! Eben so
pltzlich sah ich dich diese Nacht; aber mit einem glnzenden Flgelpaare. Du
erhobst dich in die Lfte, ich wollte dir folgen, sank aber bald ermattet auf
die Erde zurck. Ich erwachte in einer trben Stimmung, die mir bis zu dem
Augenblicke, wo ich dich sah, geblieben ist.
    Glauben Sie denn auch an Trume, gndiger Herr?
    Wie du willst! Ich glaube daran und glaube nicht daran. Aeusserlich wei ich
gewaltig viel dagegen vorzubringen; innerlich bin ich vielleicht
aberglubischer, als irgend ein Anderer.
    Das ist sonderbar!
    Sonderbar und natrlich, wie so vieles in der Welt, wie du selbst, Gretchen.
    Wie ich?
    Ja gewi! du bist die sonderbarste und dann doch die natrlichste
Erscheinung meines ganzen Lebens!
    Ei mein Gott, gndiger Herr! wie sollte das zugehen?
    Sage selbst, Gretchen! bist du wohl so, wie andere Mdchen? denkst du wohl
an Mnner, ihnen zu gefallen? Auch nur an einen Einzigen, ihn zu besitzen? so zu
besitzen, wie die Frau den Mann?
    Ei, mein Gott! das ist wirklich sonderbar! Woher wissen Sie denn das?
    Ich wei es, weil ich dich beobachte. Lange habe ich geglaubt, du machest
mit Stephani eine Ausnahme; jetzt glaub' ich es nicht mehr; denn ich sehe dich
von Anderer Leiden noch tiefer, als von den seinigen erschttert. Ja, du willst
das Haus, wo er ist, verlassen, und dein Leben fremden Unglcklichen widmen.
Oder irrte ich? war es nicht so?
    O nein, gndigster Herr! Sie irrten nicht. So war es. Ich sag' es ja! es
begreift und versteht mich kein Mensch so, wie Sie.
    Auch nicht Stephani?
    Das wei ich nicht; denn wir haben, so lange wir uns kennen, gar wenig mit
einander gesprochen. Aber wenn es auch wre, so hat er doch nicht die Macht, mir
ausfhren zu helfen, was Noth thut.
    Also nur wegen der Macht ziehst du mich vor?
    Ach, gndigster Herr! ist denn hier von einem Vorzuge die Rede? - Ich liebe
ihn unbeschreiblich, ich liebe und achte Sie eben so unbeschreiblich. Kann das
nicht mit einander bestehen?
    Aber du sagtest mir einst, es komme dir vor, als sey Stephani dein
Verwandter, du denkest unaufhrlich an ihn, und wenn hundert Meilen weit ein
Kraut wchse, was ihm helfen knnte, du wrdest es holen.
    Ja gewi, gndigster Herr! und das tht' ich auch jetzt, wenn er es
bedrfte.
    Bedarf er es nicht mehr?
    Ich glaube nicht. Er scheint durch Rosamunde nicht mehr zu leiden, scheint
in seiner Kunst ganz glcklich zu seyn. Betrbt ihn noch etwas, so ist es,
glaube ich, wenn er, ohne es zu wollen, Sie, gndiger Herr! erzrnt.
    Weswegen aber glaubst du wohl, da ich mit ihm zrnen knne?
    Ach; ich begreif' es nicht!
    Wohlan! so erfahre es dann! Deinetwegen zrne ich mit ihm.
    Grosser Gott! meinetwegen? -
    Ja, deinetwegen. Er glaubte Rosamunden zu lieben, und sieht, da er irrte.
Er glaubt jetzt dich zu lieben - wie, wenn er nach einiger Zeit auch she, da
er irrte? -
    Was knnte das schaden, gndiger Herr?
    Was es schaden knnte! - Es wrde dich unglcklich machen.
    O glauben Sie das nicht, gndigster Herr! Es wre ja nur ein Irrthum, und
wenn ich das wei, wie kann es mich unglcklich machen?
    Was wre ein Irrthum?
    Da er mich nicht mehr zu lieben glaubte. Denn sollte es wahr werden, so
mte ich schlecht und bse werden. Aber wrde es auch ohnedem wahr, so kommt es
ja, so lange man auf Erden ist, nicht darauf an, wie sehr man geliebt wird;
sondern, wie sehr man liebt, und geliebt hat.
    Bei dem allwissenden Gott, das Erhabenste und Gttlichste, was ein Mensch
sagen kann! Wer lehrte dich das?
    O, gndigster Herr! - rief ich lachend - so Etwas wei man aus sich selbst;
das braucht man nicht zu lernen.
    Du weit es aus dir selbst. Wer sonst noch? -
    Viele! aber sie vergessen es, und denken an tausend andere Dinge, die sie
fr wichtiger halten. Gben sie aber nur Acht, wie unglcklich es sie macht, da
sie immer dieses und jenes wnschen, was sie entweder gar nicht, oder nur
dadurch, da sie schlechter werden, erhalten knnen; wie bald wrden sie inne
werden: da Lieben die Hauptsache auf Erden, und alles Uebrige ohnedem nur Tand
ist.
    O, Gretchen! warum bist du nicht fr einen Thron geboren?
    Ei, gndiger Herr! weil ich mich nicht auf ihn schicke.
    Soll ich dir beweisen, da du dich auf ihn schickst?
    Das mten Sie - rief ich wieder lachend - wunderlich anfangen!
    Ganz natrlich fang' ich es an. Ich setze dich darauf.
    Da wrden die Leute was zu lachen bekommen.
    Das Lachen wrde sich geben; denn die Lacher wrden es mit mir zu thun
haben.
    Dann htten sie aber schon gelacht.
    Wrde dich das abhalten?
    Lieber Gott, gndiger Herr! warum sollen wir von Sachen sprechen, die ja gar
nicht mglich sind?
    Ja, sie sind mglich! - rief er - ich werde sie mglich machen! aber du
selbst mut es wollen.
    Ich verstand ihn immer noch nicht, und sagte ganz verwirrt und betubt: mein
Gott! was mu ich denn wollen?
    Du mut mein, ganz mein werden wollen. Dann setz' ich dich dahin, wo du
Tausende beglcken kannst. Doch schmerzen wrd' es mich, wenn nur das dich
bestimmte.
    Wie mir nun wurde, herzliebste Mutter! kann ich gar nicht sagen. Ich sah
nichts mehr, das Herz stand mir ganz still, und ich wrde gefallen seyn, htte
mich der Frst nicht auf einen Sessel gebracht. Er sagte mir nun noch vielerlei;
aber ich verstand nichts mehr, und man mute mich zu Hause und ins Bette
bringen.
    Als ich mich wieder erholte, sa die Frau Prsidentin vor meinem Bette, und
schien sehr bekmmert zu seyn. Ich sah es ihr an, da sie mich gern fragen
wollte, und dann doch wieder Bedenken trug zu fragen. Darum sagt' ich ihr nun
gleich Alles, und wie Angst und Schrecken mich so betubt haben, da ich nichts
mehr von mir selbst gewut.
    Da du ber diesen Antrag erstaunen konntest - sagte sie - begreife ich
wohl; aber woher dieses gewaltige Schrecken? -
    Ach, liebste Frau Prsidentin! - antwortete ich - Sie kennen ja den Frsten!
wie leicht er aufgebracht wird. - Wenn ich nun seinen Antrag nicht annehme, wird
der arme Herr Stephani Alles bssen mssen.
    Ah, jetzt begreif' ich! Fr Stephani ist dir bange. Sey unbesorgt. Der Frst
ist ein sehr edler Mensch. Sey ganz offen gegen ihn. Er wird deinem Herzen keine
Gewalt anthun. Hast du einen andern Mann gewhlt, er wird, wie viel Ueberwindung
es ihm auch kostet, er wird die Wahl billigen.
    Liebste Frau Prsidentin! - rief ich - ich habe ja gar keinen Mann gewhlt,
und werde auch keinen whlen!
    Sie sah mich nun ganz erstaunt und betroffen an, und sagte weiter kein Wort.
Ich aber konnte vor Unruhe nicht mehr im Bette bleiben, und bat sie, da ich ja
gar nicht krank sey, wieder aufstehen zu drfen. Nur mit Mhe willigte sie
darein; kaum aber war ich wieder ordentlich angekleidet, als man den Frsten
meldete.
    Liebste Mutter! es ist Nacht, der Bote kommt morgen frh 6 Uhr, und ich mu
schliessen. Sey sie aber nur ganz unbesorgt. Gott schtzt mich auf allen Wegen,
und seine heiligen Engel werden ber sie wachen, und vor aller Kmmerni
bewahren. Mir, herzliebste Mutter! wird es immer gut gehen: das glaube sie nur
festiglich.

                         Stephani an seine Verwandten.


Franz kam ausser Athem zu mir herein mit der Nachricht: Gretchen sey vom Frsten
krank zu Hause gebracht, und liege im Bette. Es schien mir unglaublich; denn ich
hatte sie noch niemals krank gedacht. Doch eilt' ich voll Zweifel und Schrecken
zu Mathilden; aber in dem Augenblicke wurde der Frst gemeldet und trat fast zu
gleicher Zeit mit mir ins Zimmer.
    Er schien usserst bewegt, auch da noch, als Mathilde ihm versicherte:
Gretchen sey wieder auf und vollkommen hergestellt.
    Ich hatte nicht den Muth, ihn anzureden, und auch er blickte nur seitwrts
und verstohlen nach mir hin. Bis endlich Frnzchen Farben und Pinsel ebenfalls
mit der Nachricht brachte: Gretchen sey schon wieder auf, habe wieder ganz rothe
Wangen, und wir knnen wieder malen.
    Alle Einwendungen halfen nichts, er zog mich fort, und der Frst folgte
nach.
    Nach langem Stillschweigen fragte dieser endlich: Wei sie noch nichts von
dem Bilde?
    Ich glaube nicht.
    Und das Kind schweigt wirklich?
    Franz nickte schalkhaft mit dem Kopfe und zeigte nach der Gegend, wo auch er
abgebildet ist.
    Das Gemlde ist fertig.
    Nicht ganz.
    Wann denkst du es zu vollenden?
    Gewi zum heiligen Feste,
    Hast du Antwort von Pisa?
    Nein. Aber ich zweifle nicht, da man die Bedingungen annehmen werde.
    Man soll mich augenblicklich benachrichtigen.
    Ich werde nicht ermangeln.
    Ich wnsche, da sie das Bild zuerst in der Kirche an dem ihm bestimmten
Orte sehe.
    Ich schwieg.
    Oder hast du es anders beschlossen?
    Ich beschliesse nichts mehr ber dieses Bild.
    Doch scheinst du etwas zu frchten.
    Vielleicht eine zu starke Erschtterung bei Margarethen.
    Ich will sie vorbereiten.
    Ich schwieg abermals, kurz darauf trat sie in das Wohnzimmer und er verlie
mich.
    Was war die Ursache ihres pltzlichen Uebelbefindens? - Er wute es, das war
sichtbar. Ja, er schien es veranlat zu haben. Wodurch? - O trgt mich nicht die
Stimme meines Herzens! - - Geduld! das kann nicht verborgen bleiben.

                            Gretchen an ihre Mutter.



                              Herzliebste Mutter!

Wie danke ich es meinem geliebten Vater in der Erde, wie dank' ich es ihr,
herzliebste Mutter! da sie mich frh vor Hochmuth und vor allem Tand, der vom
ewigen Frieden abziehen kann, gewarnt haben. Wie leicht knnt' ich sonst nun
eine dumme Thrin werden, und glauben, das, was das Glck mir gbe, oder was
andere in bertriebener Einbildung mir zuschrieben, wre ich selbst. Nein! nein!
herzliebste Mutter! vertraue sie nur auf Gott! Er hat mich bisher vor solchem
dummen Uebermuth bewahrt, und wird es auch ferner.
    Es kam mir einmal der schlechte Gedanke, ich wolle ihr, herzliebste Mutter!
etwas verheimlichen, damit sie sich nur keine unnthige Sorge machen mge. Aber
das war Abends, und als ich am andern Morgen meine Haare flocht, und sie vor dem
Spiegel aufstecken wollte, konnte ich mich schon nicht mehr ausstehen. Vor
Unmuth fing ich bitterlich an zu weinen, dann aber fate ich mich und dachte: es
gehe, wie es wolle! deiner herzliebsten Mutter sagst du mal Alles.
    Was meint sie nun wohl, herzliebste Mutter! sey auf dem Bilde, was Herr
Stephani malt, vorgestellt? - Ich selbst, sagt der Frst. Nicht wahr, sie
erstaunt? Ich aber bin noch weit mehr erstaunt, und habe nichts davon glauben
wollen. Ich solle nur Frnzchen fragen, und ob ich mich nicht erinnere, wie das
Kind gesagt habe? ich werde am meisten darber erschrecken und mich freuen.
    Nun erschrack ich wirklich, und zwar so, da ich kein Wort mehr vorbringen
konnte. Glaubst du nun noch nicht - fuhr der Frst fort - da du eines Thrones
wrdig bist?
    Gndigster Herr! - antwortete ich, und fing heftig an zu weinen - wessen ich
wrdig bin, das wei ich wohl! nmlich, da sich Gott meiner erbarme, und mich
vor Hochmuth bewahre.
    Mein Gott! - rief er - was bewegt dich so tief?
    Gndigster Herr! - sagt' ich - ich wei es selbst nicht recht; aber mir ist
schon seit einigen Tagen so zu Muth; denn ich sehe wohl, da mein Leben ganz
anders wird, als ich es mir gedacht habe.
    Wie hast du es dir gedacht? - So soll es werden! das betheure ich dir bei
meiner frstlichen Ehre!
    Gndiger Herr! - rief ich, weinte noch viel strker, und fiel ihm zu Fssen
- Sie werden Ihr Wort erfllen! denn Sie haben es immer gethan.
    So werde ich es ferner thun. Und darum steh' auf, und sage mir Alles.
    Nun stand ich auf, und sagte: wie gern wollt' ich es, wenn ich es nur recht
knnte.
    Du wirst es knnen. Sammle dich, und verbanne alle Gedanken der Furcht.
    Gndigster Herr! - hub ich nun an - Sie verstehen mich am besten, wenn ich
von dem Leiden der Menschen, und von dem Wunsche, ihnen zu helfen spreche.
Werden Sie mich aber auch verstehen, werden Sie mir glauben, wenn ich Ihnen
sage, da ich ein Wohlgefallen an der Niedrigkeit, ja, da ich eine ordentliche
Sehnsucht nach ihr habe? - Gndigster Herr! Ihre Zimmer sind schn; Ihre Gemlde
sind unaussprechlich schn; aber wie viel Niederschlagendes ist in ihrer Nhe. -
Man braucht nur einen der Menschen, die hier aus- und eingehen, zu sehen, fort
ist alle Freude. Eine Angst, eine Beklommenheit berfllt einen. - Man mu fort,
und oft dnkt einem, irgend ein Unglck folge dicht auf der Ferse - dnkt einem,
fliehe man nicht schnell, werde man sich selbst verlieren.
    Mir das, Gretchen!
    Ach! ach! - rief ich nun schluchzend - ich wei es wohl, da ich Ihnen weh
thue! und Gott ist mein Zeuge! wie Sie mir letzthin erzhlten: Sie haben mich im
Traume mit ein Paar Flgeln gesehen, dacht' ich gleich: ach, httest du nur ein
Paar solche Flgel! wrst du nur ein recht starkes bermenschliches Wesen! du
rissest ihn gleich heraus, und brchtest ihn dahin, wo Fried' und Seligkeit ist.
    Wo ist Friede? Wo ist Seligkeit? - auf Erden nicht mehr!
    Da sey Gott vor! Ach gndiger Herr! wten Sie nur, wie einem so in einem
kleinen, reinlichen Stbchen zu Muthe ist! Ein weisser hlzerner Tisch, ein
Strohstuhl, ein reinliches Bettchen. Ach, so wie in meines Vaters Hause! Und des
Sonntags noch Alles ganz anders! und an den Festtagen himmlisch schn! und keine
Lge, kein Betrug! Alles ein Herz und eine Seele! Und das man wei, was man hat,
haben Tausende, und ist deswegen Niemanden etwas genommen worden, und wenn man
es verliert, kann es durch Arbeit alle Tage wieder erworben werden.
    Wie? dieses ruhige Glck wre das, was du suchst? du? die hinaus will in die
Welt unter Noth und Jammer!
    Ich sprach nicht von mir, gndiger Herr! Ich wollte nur sagen, da es gewi
noch Fried' und Seligkeit auf Erden giebt.
    Welches beides dennoch von dir verschmht wird.
    O glauben Sie das nicht, gndiger Herr! Wer wei aber besser, als Sie, da
der eine Mensch so, der andere so empfindet? Mir lt es nun einmal keine Ruhe,
und wenn ich auch wenig htte, wrde ich doch denken: es giebt Tausende, die
noch weniger haben. Darum, gndigster Herr! fleh' ich Sie an, lassen Sie mich
ziehen und thun, was mein Herz mir gebeut!
    Sonderbar, da die ganze Welt sich deines Mitleids erfreut! wir allein,
meinst du, bedrfen dessen nicht.
    Ach, gndigster Herr! wre Ihnen denn mit meinem Mitleiden gedient? -
    Nun wandte er sich schnell von mir ab, und ich frchtete schon, er wrde
sich wieder erzrnen; als er mit einemmale wieder auf mich zukam und sagte: Aber
wie, wenn mir nun damit gedient wre? - Wie, wenn ich es darauf wagte?
    Ach, Sie wrden sich irren, gndiger Herr! Sie verlangen weit mehr.
    Und was wre dieses Mehrere.
    Sie verlangen, da ich glcklich seyn soll.
    Und, nicht wahr? das ist mit mir, an meiner Seite unmglich?
    O, nicht unmglich mit Ihnen, an Ihrer Seite! aber an Ihrem Hofe.
    Wie, wenn ich ihn abschaffte?
    Gndigster Herr! Sie spotten meiner nicht; wenn aber Jemand dieses hrte,
wrd' er es glauben.
    Was er glauben wrde, wei ich nicht; aber sehen wrde er, und
wahrscheinlich zum erstenmale: da es in den Augen eines Mdchens ein Fehler
ist, Frst zu seyn.
    Ach ja, gndigster Herr! und er wrde mich auslachen, und darum sehen Sie
wohl, da ich mich an einen Hof niemals schicken werde.
    Und darum?
    O, darum lassen Sie mich ziehen!
    Und wie es mir dann geht? - Wie kommt es, da diese Frage dir gar nicht
einfllt?
    O, sie fllt mir ein! Es wird Ihnen gut gehen, und Sie werden bald wieder
einsehen, was Sie schon lange gewut und eingesehen haben: da Sie zum Frsten
geboren sind, und ich zur Niedrigkeit und Verborgenheit.
    Verborgen! wenn du dein Leben Hunderten widmest?
    O ja, gndigster Herr! Stiften Sie nur das Kloster! Dann trag' ich ein
Kleid, wie Alle, die darin sind, und wer kann dann gerade wissen: ob es Diese
oder Jene ist, die Diesem oder Jenem geholfen habe? -
    Er sah mich nun wieder unbeschreiblich gtig an, und sagte: Wohlan, ich
stifte das Kloster! Die Schwrmerei hat ihre Periode, wie die Ruhmsucht, und
beides sind Krankheiten, die geheilt werden knnen. Worber lachst du?
    Da Sie mich fr krank halten.
    Jetzt sah er wieder etwas verdrlich von mir weg, fragte dann aber mit
einemmale: Wer soll die Gesetze fr das Kloster erfinden? - Du?
    Jetzt, gndiger Herr! spotten Sie meiner ganz gewi.
    Nichts weniger! Der Gedanke kommt von dir, und die Gesetze eines Andern
knnten dir vielleicht nicht gefallen.
    Wenn sie von Ihnen kommen, werden sie mir schon gefallen.
    Auch das, da die Nonnen niemals ein Gelbde ablegen, und das Kloster
verlassen knnen, wann sie wollen? -
    Das vor allem Andern.
    Wohlan! Deine Bitte ist dir gewhrt. Ich stifte das Kloster.
    Nun fiel ich ihm wieder zu Fssen, und dankte ihm mit tausend Thrnen. Er
aber hob mich ganz gerhrt wieder auf, und sagte: Thue nur so etwas nicht mehr!
denn ich kann es nicht tragen. Gehe, du heiliger Engel! meine Geschfte rufen
mich jetzt. Und wenn du dann ausziehst, den Verlassenen zu helfen; so denke, da
ich der Verlassenste von Allen bin.
    Diese Worte drangen mir, wie ein zweischneidiges Schwerdt durch die Seele;
ich konnte meine Thrnen nicht mehr stillen, und als ich durch die hlichen
Menschen in den Vorzimmern ging, dacht' ich recht mit Unwillen: o mcht' euch
Gott bessern, oder Alle vertilgen! Da ihr den vortrefflichen Mann so unglcklich
macht, da er sich fr den Verlassensten von uns Allen hlt.

                         Stephani an seine Verwandten.


Franz behauptete schon seit mehreren Tagen: Gretchen wisse von dem Bilde. Auch
war sie sichtbar verndert, und ihr unschuldvolles Himmelauge begegnete dem
meinigen nicht mehr. Gestern kam dann auch die Antwort von Pisa, und ich mute
zum Frsten.
    Er empfing mich sehr ernst; aber doch gtig, und auf die Nachricht mit
sichtbarer Freude. Dann aber brach er schnell ab, und lie einige Gemlde, die
er gekauft hatte, und ber welche er meine Meinung wissen wollte, herein
bringen. Es waren zwei vortreffliche darunter, eine Madonna, und ein Johannes in
der Wste.
    Wir sprachen viel ber die Stellung der Ersten, und von der gefhrlichen
Klippe, bei Darstellung heiliger Gegenstnde an der Grazie zu scheitern. Er
behauptete: sie solle ganz bei denselben verbannt werden; ich aber sucht' ihm
das Gegentheil zu beweisen.
    Er brauste auf, wie gewhnlich, und lie mich nicht zu Worte kommen. Endlich
wurd' er aber doch aufmerksam, als ich sagte: es kommt Alles darauf an, ber die
Bedeutung des Wortes Grazie einverstanden zu seyn. In dem Sinne, in welchem ich
es nehme, mu ich darauf bestehen, da kein heiliger Gegenstand richtig ohne
dieselbe dargestellt werden knne.
    Und ich sage dir: da mich gerade diese verwnschte Grazie bei der Madonna
rgert, und da ich sechsmal so viel, wenn sie das Bild nicht htte, dafr
bezahlt haben wrde.
    Mit Recht! denn sie ist ihr einziger Fehler.
    Heute verstehst du dich wohl selbst nicht.
    Ich glaube doch. Nehmen Sie ein gesundes Kind, in den ersten Monaten seines
Lebens, befreien sie es von seinen Windeln; oder noch besser, sorgen Sie, da es
nie welche gehabt habe, legen Sie es auf den Rasen, schtzen Sie es vor Hitze
und Klte, und vor einem unbefriedigten Bedrfnisse. Geben Sie nun Acht auf die
Bewegungen dieses Kindes, und Sie werden erstaunen, keine einzige unmalerisch,
im Gegentheile alle hchst grazis, hchst malerisch zu finden.
    Woher kommt das?
    Daher: da die Grazie tief in der heiligen Natur liegt, und eben deswegen
allen heiligen Gegenstnden vorzugsweise zukommt. Daher: da sie nur der
hchsten Unschuld eigen ist, und eben deswegen nur bei ganz unverdorbenen
Kindern, oder bei Menschen, welche diese gttliche Reinheit nie verloren,
gefunden werden kann; nicht sowohl dem Plumpen und Rohen, als dem Erlernten und
Conventionellen entgegengesetzt ist. Wer dieses bezweifelt, kann augenblicklich
durch die franzsische Grazie berzeugt werden.
    Und die griechische?
    Wird ewig das Wunderbarste dieser wunderbaren Nation bleiben. Sie wurde
dargestellt, ohne begriffen zu werden. Ein Produkt reiner Naivitt. Denn
offenbar sagten die Griechen mit ihren Werken mehr, als sie sagen wollten, oder
sich bewut waren, gesagt zu haben. Inspirirte, die ihre selbstverkndigten
Orakel nicht verstanden. Gleichwohl knnen nicht alle ihre Werke von dem
Conventionellen freigesprochen werden, und ermangeln eben deswegen der
wahrhaften Grazie. Eine Behauptung, der man noch so lange widersprechen, als man
fortfahren wird, Reiz mit Grazie zu verwechseln.
    Wie aber, wenn man dir sagt: deine Grazie solle Unschuld und nicht Anmuth
heissen?
    So wrde ich das nicht zugeben, sondern nur eingestehen, da sie nicht ohne
Unschuld bestehen knne, ohne darum die Unschuld selbst zu seyn. Wer das Erste
wiederum bezweifelt, betrachte nur einen, in allen sogenannten Knsten der
Grazien vollkommen gebten Wstling, und sehe zu, ob er sich das heimlich
Verrenkte, Widrige und Unharmonische seiner Bewegungen lugnen kann.
    Gewi und wahrhaftig giebt es aber doch Menschen, welche, obwohl durchaus
unschuldig, der Grazie gnzlich entbehren.
    Allerdings! und dieses beweit abermals, da sie nicht die Unschuld selbst
ist.
    Nun! was ist sie denn?
    Die zarteste Blte vollkommen menschlicher Organisation! Welche leider durch
Erziehung oft im Keime erstickt, oft, wenn dieses auch nicht geschehen, durch
widriges Schicksal am Entfalten gehindert, durch Laster vllig zerstrt wird;
deren Anblick aber, wo sie sich noch findet, das Auge des Kenners mit hohem
Entzcken erfllt.
    Rosamunde!
    Rosamunde hat sie im hohen, Margarethe im hchsten von mir erblickten Grade.
Und man kann mit Wahrheit sagen: die ganze Flle der menschlichen Gottheit, der
gttlichen Menschheit ruhe in ihr.
    Bei diesen Worten wandt er sich von mir weg, und ging mit heftigen Schritten
auf und ab, ergriff dann aber sichtbar gerhrt meine Hand, und sagte: O du
fhlst ganz ihren Werth! aber dir wird sie nicht werden, und mir auch nicht.
    Nach langem Stillschweigen setzt' er hinzu: weit du, da sie uns verlt? -
    Nein! - sagt' ich - auch ist es mir unglaublich.
    Unglaublich? - Warum?
    Ach ich kann es nicht sagen! aber es widersteht Allem, was ich denken kann.
Warum sollte sie uns verlassen?
    Weil sie das Glck, welches sie hier geniet, nicht mehr tragen kann.
    Ich sah ihn an, ohne zu antworten.
    Ja! ja! - fuhr er mit bitterm Lcheln fort - bei einem hlzernen Tische,
einem Strohstuhle, einem reinlichen, aber rmlichem Bettchen, in einem niedrigen
Zimmerchen, da kann man viel glcklicher seyn, als bei uns. Und wenn nun
Sonntags, oder wohl gar Festtags die Glocken luten, dann steigt die
Glckseligkeit bis zu einem berirdischen Grade! - Es ist zwar ganz hbsch bei
uns, meine Gemlde, unter anderm, ganz ertrglich; aber was sie umgiebt, gar zu
hlich. Ich ein armer, mitleidswerther Mann, den man gern, wr' es nur mglich,
aus dieser hllischen Pracht reissen mchte, und da dieses nun nicht mglich
ist, rathe was geschieht!
    Ich sah ihn abermals, von der Bitterkeit seines Tones erschreckt, fragend
und stillschweigend an.
    Du errthst es nicht? - Nun wohl, so erfahre es dann! Ein Kloster wird
gestiftet; ich selbst mu es stiften. Nicht etwa, damit sie die Oberste und
Alles darin nach ihrem Willen eingerichtet werde. O nein! das ist ihr Alles ganz
gleichgltig, lstig sogar. Die Hauptsache ist und bleibt, da sie ein Kleid,
wie die Andern bekomme, damit sie nicht erkannt, nicht verlacht werde, wenn sie
nach Osten und Westen zieht, die Kranken, Nothleidenden, Verwundeten
aufzusuchen. Ja! ja! staune, wie du willst! Das bleibt die Hauptsache. Und wenn
du ihr auch die unbeschreibliche Glckseligkeit des hlzernen Tisches, des
Strohstuhles und des niedrigen Zimmerchens verschaffst; so whne darum nicht,
sie zu halten: denn so lang' es noch Tausende giebt, die auch das nicht haben,
bleibt sie dir nicht. Bedrfte sie der Gesundheit nicht unumgnglich, wrde sie
es unfehlbar unertrglich finden, nicht krank zu seyn, weil Tausende es sind.
Wie es aber dir, wie es mir geht; ob wir von Sehnsucht verzehrt werden - das
kmmert sie nicht. Der himmlische Vater, auf welchen sie sich freilich in
Ansehung der Andern nicht verlt, wird schon fr uns sorgen. Du hast deine
Kunst, ich mein Reich, und damit Gott befohlen.
    Und Sie haben wirklich Ihre Einwilligung gegeben?
    Konnt' ich sie verweigern? - Sie beweist mir, da mir mit ihrem Mitleid
nicht gedient sey. Da ich weit mehr, da ich ihr Glck, ihre Zufriedenheit
verlange. Da aber daran bei uns nicht zu denken sey, war nach ihrer Meinung
lngst erwiesen,
    Sie wird uns auf ewig verlassen?
    Nein! Das ist das Einzige, was ich mir bei dieser unerhrten Schwrmerei
vorbehalten habe. Die Nonnen knnen das Kloster verlassen, wann sie wollen, und
es wird in meiner Nhe gestiftet.
    Gott sey gelobt!
    Was hilft es dir? was mir? - Wofern wir nicht dafr sorgen, krank, oder
verwundet zu werden, wird sie uns schwerlich erscheinen. Und darum mache nur
schnell Anstalt zu einem Bilde fr mich. Ganz eigentlich fr mich! Aber in
keiner himmlischen Glorie will ich sie haben! So, wie ich sie zum erstenmale an
deinem Bette sah, im lndlichen Gewande der Unschuld; so will ich sie! Zweimal
will ich sie so! Im Grossen und im Kleinen, damit ich sie mit mir fhren, sie
zwingen kann, mich nicht zu verlassen.
    Wann wird das Kloster gestiftet?
    So bald, als mglich! ja! so bald, als mglich! denn je frher die
Schwrmerei ans Ziel kommt, je frher wird sie geheilt.
    Sollte sie ihre Freunde vergessen?
    O nein. Fhrt die Strasse gerade dahin, wird sie ihrer schon gedenken. Liegt
aber irgend ein Vagabund am Wege, mgen sie sich nur gedulden: denn frs erste
ist ihr dieser der Nchste.
    Seine Bitterkeit stieg bei diesen Worten, und er warf ein kleines Gemlde,
was er die ganze Zeit scheinbar betrachtet hatte, mit Unwillen zur Seite. Nach
langem Stillschweigen machte er endlich eine Bewegung mit der Hand, und ich
deutete dies sogleich als Zeichen meiner Entlassung. Er aber schien erst jetzt
aus seiner Trumerei zu erwachen, und rief hinter mir her: da du dich nur
meines Auftrages erinnerst! - Ich neigte mich noch einmal schweigend und
bejahend, und eilte, in freier Lust Athem zu holen.

                            Gretchen an ihre Mutter.



                              Herzliebste Mutter!

Ich danke dem allgtigen Gotte, da sie es eingesehen, wie das, was ich
erwhlet, das sicherste Mittel ist, mich vor Hochmuth, Eigendnkel und
Weichlichkeit zu verwahren. Die guten Menschen, welche mich umgeben, bedauern
mich, und meinen, ich sey von einer Krankheit befallen.
    Ach, - denk' ich dann - mge euch Gott nur immer so gesund erhalten, als ich
mich fhle, und mget ihr nie mehr zu bereuen haben, als ich zu bereuen haben
werde! Alles, was ihr mir von Genu des Lebens vorsagt, ist ja keiner fr mich.
Knnt ihr in Ruhe geniessen, whrend Andere im Elende verschmachten - O ich
tadle euch ja nicht! Nur lat mich gehen und thun, was mein Herz mir gebeut.
    Alle Tage, herzliebste Mutter! wird so in mich hinein geredet. Herr Stephani
schweigt zwar ganz still; aber sein Gesicht verrth die usserste Wehmuth.
    Ach, denk' ich dann, wenn du nur wtest, da du der erste Leidende bist,
dem ich helfen will, und dem ich gerade durch meine Entfernung die grsseste
Wohlthat erzeige.
    Denn, sage sie selbst, herzliebste Mutter! giebt es wohl einen andern Rath,
oder eine andere Hlfe? Wrden sich die beiden vortrefflichen Menschen, er und
der Frst, nicht hassen, wenn ich Einen von Beiden erwhlte? - Und das mt' ich
mit ansehen und ertragen! -
    Nein! nein! so ist's am besten! Sehen sie mich nicht mehr, werden sie meiner
auch nicht so vielfltig gedenken. Wer htte glauben sollen, Herr Stephani werde
Rosamunde vergessen? und doch ist es geschehen. So werden sie auch mich
vergessen, und sehen sie mich hin und wieder, sich doch an meine Abwesenheit
gewhnen.
    Sie werden Freunde bleiben, und wenn sie ja unwillig werden wollen, ihren
Unwillen auf mich werfen. Das hat aber auch nichts zu sagen; denn wenn sie mich
wiedersehen, werden sie mir doch nicht bse seyn knnen, und begreifen, da das
was ich that, das beste war, was ich thun konnte.
    Eine Viertelstunde von der Stadt, mitten in einem unabsehbaren Garten, wird
das Kloster erbaut. Die Nonnen knnen aus- und eingehen, wie sie wollen, die
Kranken und Verwundeten in ihren Husern oder im Kloster pflegen.
    Gestern zeigte mir der Frst den Ri, nach welchem das Gebude von
ausserordentlicher Grsse, und mit allen fr die Unglcklichen erforderlichen
Bequemlichkeiten versehen wird.
    Nun! was sagst du dazu - fragte er.
    Ich sage - rief ich ihm zu Fssen fallend, und indem mir die Freudenthrnen
aus den Augen strzten - da ich schon selig werde hier auf Erde!

                               Am andern Morgen.

Ich dachte noch mehr zu schreiben, herzliebste Mutter! aber ich mute
schliessen, denn es giebt auf das Fest noch gar viel zu nhen. Die Kinder sollen
alle neu gekleidet werden, weil am ersten Ostertage ein sehr prchtiger
Gottesdienst mit herrlicher Musik wird gehalten werden.
    Die Frau Prsidentin sagt: ich me diesesmal auch mit in die katholische
Kirche gehen, sie wolle mich mit in ihren Stuhl nehmen, welcher dicht neben dem
Frstenstuhle ist; und ich mge nur Alles so machen, wie sie, dann werde es
nicht auffallen.
    Herzliebste Mutter! frage sie doch den Herrn Pfarrer: ob ich das thun soll,
und ob es auch Recht ist3?

                         Stephani an seine Verwandten.


Das Bild ist vollendet, in Gretchens Abwesenheit fortgetragen, und ber dem
Hochaltare aufgestellt. Ich sehe zu meiner Freude, da ich die Hhe und die
Entfernung richtig berechnet, und die wahre Proportion zu den Umgebungen
gefunden habe.
    Gretchens Vetter, ein Handwerker, der sich zum Knstler erhebt, hat beim
Aufstellen geholfen, und sein Entzcken kaum mssigen knnen. Ich habe mir
seinen wahrhaft patriarchalischen Kopf, im Augenblicke der berirdischen Freude,
sogleich abgezeichnet, und finde, da er einer der schnsten Menschen gewesen
seyn mu. Er ist Margarethens Mutter Bruder, und die Schnheit ohne Zweifel
schon lange erblich in dieser Familie.
    Ich denke den Frsten mit diesem Kopfe auf das herrlichste zu berraschen.
Noch herrlicher aber wird er sich mit einer Figur im weitfaltigen Gewande, auf
dem nach Pisa bestimmten Bilde, ausnehmen.
    Der Alte wute noch nichts von Gretchens Entschlusse, und gerieth in das
hchste Erstaunen. Als ich ihm aber sagte, da sie ihrer Freiheit durchaus nicht
beraubt werde, fate er sich, blickte noch einmal mit gefaltenen Hnden und
Thrnen im Auge nach dem Bilde und sagte: Ach, ich habe es lange gedacht, da
sie auf dem gewhnlichen Wege nicht bleiben werde! Ihr Sinn war niemals auf
Irdisches gerichtet. Aber, theuerster Herr! sagen Sie doch unserm gndigsten
Frsten im Namen eines armen Mannes den demthigsten Dank, da er sie vor dem
Einsperren bewahrt hat. Es wre ein Nagel zu meinem Sarge gewesen.
    Auch zu dem meinigen, liebster Alter! erwiederte ich, drckt' ihm die Hand,
und entfernte mich schnell.
    Als ich zu Hause kam, fhlte ich erst meinen Verlust. Ach, der Platz, auf
welchem das Bild gestanden hatte, war leer, und das ganze Zimmer eine Wste.
Aber Gretchen war vom Frsten noch nicht zurck, und so eilte ich, die schon
angefangene Zeichnung zu dem Bilde nach Pisa sogleich an die Stelle des vorigen
setzen zu lassen.
    Alles im Hause ist in ungewhnlicher Bewegung. Die Kinder springen lchelnd
hin und her, machen allerhand bedeutende Zeichen, und als das Bild weggetragen
wurde, war des Flsterns kein Ende.
    Auch mir kommt dieses Fest ganz anders vor, als alle, die ich jemals
erlebte. Ein unberwindlicher Trbsinn, den selbst die Kunst nicht zerstreut,
hlt meine ganze Seele umfangen, und es dnkt mich, als frchte ich nicht blos
den bekannten, sondern einen noch fremden Schmerz, welchen das Schicksal mir
bereitet. Ich kann mich zu keiner neuen Arbeit entschliessen und thue nichts,
als die vorigen mustern.
    Es ist auffallend, wie ich in meinen ersten Entwrfen nur nach dem
Leidenschaftlichen gestrebt, und erst spter Sinn fr das Harmonische bekommen
habe.
    Bisher fehlte mir die Zeit zu dieser Uebersicht; jetzt ist sie die einzige
Beschftigung, zu welcher ich fhig bin, und wird mir in der That sehr anziehend
und lehrreich.

                            Gretchen an ihre Mutter.



                              Herzliebste Mutter!

Da es der Herr Pfarrer erlaubt, werde ich mit in die Kirche gehen, und habe es
auch der Frau Prsidentin gesagt. Wir sind mit Allem fertig, und die Kinder
freuen sich ber die Maassen.
    Herzliebste Mutter! wie schn ist es doch, wenn es auf Ostern geht! Man
freut sich nicht blos wegen der Auferstehung des Heilandes, sondern auch wegen
der Auferstehung der ganzen Natur.
    Unsere Winter sind freilich nicht mit den nrdlichen, von welchen sie und
der selige Vater erzhlten, zu vergleichen. Die mgen wohl schrecklich seyn;
aber hier sind sie eine wahre Wohlthat des Himmels.
    Und, herzliebste Mutter! - Ach, wie soll ich's nur recht sagen? - dnkt ihr
nicht, als lge etwas ganz Wunderbares in der Frhlingsluft? - Ach, es ist nicht
blos die Stimme der Vgel, das Sumsen der tausend und tausend Wrmchen, die zum
neuen Leben erwachen, ach es ist noch ganz etwas Anderes. Mutter! herzliebste
Mutter! wenn ich so des Morgens, gleich nach Sonnenaufgang unter die Blumen
gehe, rauscht es an mir vorbei in einem Getn, da mein Innerstes von hoher
Wonne erbebt. Es spricht zu mir, aber nicht menschliche Worte; doch fhl' ich,
was sie bedeuten; aber mit Worten ausdrcken kann ich es auch nicht. Singen
konnt' ich es, und sing' es auch, wenn ich allein bin. O Mutter, es antwortet
mir! - Ist das Gott? - O geliebte Mutter! ich glaube, das ist Gott.

                            Gretchen an ihre Mutter.



                              Herzliebste Mutter!

Wo soll ich anfangen, ihr das viele Wunderbare, was mir in diesen Tagen begegnet
ist, zu erzhlen?
    Wir gingen unter herrlichem Glockengelute in die Kirche, und fanden eine
unzhlbare Menge Leute in derselben versammelt. Auch der Frst war schon da, und
sa dicht neben unserm Stuhle. Ich war verschleiert, wie fast alle Frauenzimmer
in der Kirche, und sehr froh, es zu seyn. Ich htte mich des vielen Herumsehens
geschmt, und htte es doch wohl nicht lassen knnen.
    Ich glaube, man mu an die Pracht des katholischen Gottesdienstes gewhnt
seyn, um nicht durch dieselbe zerstreut zu werden. Mir wenigstens war es Anfangs
unmglich, mich zu sammeln. Nun aber ging die prchtige Musik an, und alles
verschwand vor meinen Augen.
    Ach, herzliebste Mutter! von einer solchen Musik hat sie gar keine
Vorstellung! Kann auch kein Mensch, der sie nicht gehrt, eine davon bekommen.
Mir war als sey mein Geist schon vom Krper befreit, und schwebe gerade hinauf
zu dem Allgtigen.
    Nur manchmal wurde ich in meinem himmlischen Traume durch die Kommenden und
Gehenden gestrt. In einem solchen Augenblicke sah ich ein ganz schwarz
gekleidetes, und ebenfalls verschleiertes Frauenzimmer hereintreten. Ihr Gang
war ganz ungewhnlich, mehr ein Schweben zu nennen, und schien von dem
Augenblicke, da sie eintrat, mit der Musik im Einklange.
    Nicht weit unter unserm Stuhle kniete sie nieder, und war in dieser Stellung
unaussprechlich schn; so, da ich mein Auge nicht mehr von ihr wenden konnte.
Immer hoffte ich, sie werde, wie mehrere Frauenzimmer, den Schleier
zurckschlagen, aber vergebens.
    Jetzt hatte sie ihr Gebet verrichtet, setzte sich; und heftete, nach der
Wendung ihres Kopfes zu urtheilen, ihren Blick unbeweglich auf den Hochaltar,
der uns zur Linken war, und den ich bis dahin noch nicht beachtet hatte.
    Nun aber folgte mein Auge dem ihrigen, und - denke sie sich, herzliebste
Mutter, um Gotteswillen mein Erstaunen! erblickte mein eigenes Bild im Gewande
der heiligen Jungfrau. Ich sah schnell wieder weg, und htte vor Scham und
Schrecken in die Erde sinken mgen. Aber jetzt sah ich auch die Fremde sinken,
und bei diesem Anblicke kehrten alle meine Lebensgeister zurck. Ich wandte mich
pltzlich um, machte mir Platz durch die Kinder, und eilte hinunter in die
Kirche, der Fremden zu Hlfe.
    Sie schien vllig erstarrt, und ihre Augen waren geschlossen. In dem
Augenblicke, wo wir sie in den ersten Wagen bringen wollten, lief ein Bedienter
herbei, und lie schnell einen andern vorfahren. Ohne ihn weiter deswegen zu
befragen, brachten wir sie hinein, und ich setzte mich ihr zur Seite.
    Wir hielten vor einem prchtigen Hause, der Bediente eilte hinein, und
gleich darauf liefen zwei junge Mdchen herbei, und schrien laut auf, als sie
den Wagen ffneten, und das Frauenzimmer leblos in meinen Armen erblickten.
    Aber gerade dieses Geschrei schien sie zu erwecken. Sie schlug die Augen auf
voll unaussprechlichen Schmerzens, blickte mich lange mit sprachlosem Erstaunen
an, und schlo sie dann wieder, wie fr immer. Wir eilten nun, sie in ihre
Zimmer zu bringen.
    Sonderbar fiel es mir, ungeachtet meines Schreckens auf, da sie alle
Rosenwldern glichen, und ich sah gleich darauf besttigt, was ich oft unsern
Vater behaupten hrte, da der Rosenduft usserst heilsam und der einzige, sogar
im Uebermaasse, nicht schdliche sey.
    Die Fremde erholte sich augenblicklich, und winkte verneinend, als sie von
einem Arzte sprechen hrte. Ich bat sie, etwas Strkendes zu sich zu nehmen, und
sie nickte bejahend. Hierauf entfernten sich die Mdchen, um es herbei zu holen,
und wir blieben allein.
    Kennen Sie mich? - fragte sie nach einigem Stillschweigen.
    O nein! - sagte ich.
    Sind sie niemals im Schauspiele gewesen? -
    Nein! - sagt' ich wieder; aber in dem Augenblicke wurde mir Alles klar, und
ich rief, mit Heftigkeit ihre Hand ergreifend: Rosamunde!
    Ja, ich bin Rosamunde - antwortete sie - aber warum - setzte sie mit einem
forschenden Blicke hinzu - waren Sie niemals im Schauspiele?
    Ich kann es wirklich nicht recht sagen ... es hat sich nicht so gefgt.
    Und Sie haben auch niemals einiges Verlangen darnach bezeigt?
    Nein, niemals.
    Das mu doch irgend einen Grund haben - wiederholte sie. -
    Ach ja! - antwortete ich - den hatte es auch. Ich hrte, da Frauenzimmer
mit auf das Theater kommen, und das that mir gar zu leid; denn sie mssen ja
dort ganz anders scheinen, als sie sind.
    Und die Mnner?
    Ja, die sind ohnehin bei so vielen Gelegenheiten gezwungen, sich ffentlich
zu zeigen, und sagen selbst, da es ihnen ganz unmglich sey, immer zu scheinen,
was sie sind.
    Und das wre der wahre und einzige Grund, der Sie abhielt?
    Nein! - sagt ich, und fhlte, da ich sehr roth ward - es hatte auch noch
einen anderen.
    Und der war?
    Ich wute, da ich auch Sie dort sehen wrde, und liebte Sie damals nicht,
weil ich glaubte, da Sie Herrn Stephani muthwillig unglcklich machten.
    Die Mgde kamen nun wieder herein, und ich konnte nicht fortfahren. Sie aber
nahm ihnen das, was sie brachten, schnell ab, und winkte ihnen, uns zu
verlassen.
    Sie liebten mich damals nicht - sagte sie nun - und jetzt?
    Sehe ich wohl, da Sie Recht hatten, und Herrn Stephani besser kannten, als
wir Alle.
    Sie antwortete nichts, aber ihr Gesicht wurde noch bleicher. Nach einiger
Zeit richtete sie sich auf, und sagte: meine Brust schmerzt mich. Man soll doch
zum Arzte schicken.
    Ich eilte hinaus. Aber, denke Sie sich, herzliebste Mutter! mein Entsetzen,
als ich sie schwimmend im Blute, und einer Todten hnlich wieder fand.
    Auf mein Geschrei strzten die Mdchen herein, und gleich darauf kam auch
der Arzt. Sie hatte einen Blutsturz bekommen, und war nur auf kurze Zeit noch zu
retten.
    Die Mdchen wehklagten, und mir wollte die Angst den Athem benehmen. Doch
war ich fest entschlossen, sie nicht mehr zu verlassen, und lie dies auch der
Frau Prsidentin mit allen Umstnden wissen.
    Rosamunde lag den brigen Theil des Tages, und die ganze darauf folgende
Nacht in einem betubenden Schlummer. Als die Sonne aufging, waren auch die
Mdchen eingeschlafen; aber Rosamunde wurde von ihr erweckt.
    Sie blickte um sich, sah mich allein an ihrem Bette, und zog meine Hand mit
einem unbeschreiblich liebevollen Blick an ihr Herz.
    Ein Engel - sagte sie - steht mir im Tode bei! so mu ich wohl schuldlos
gelebt haben.
    O mein Gott! - rief ich voll Angst; denn ich fand jetzt, beim Tageslichte,
alle ihre Zge bis zum Unkenntlichen verndert - wren Sie nur nicht in der
Kirche gewesen!
    Du hast Recht - antwortete sie - Ich sah dort, was ich nicht bin, und das
schliet meine Augen auf ewig.
    Ich konnte nichts mehr antworten, und fing heftig an zu weinen.
    O weine nicht! - sagte sie - Du mut ewiglich lcheln. Worber kannst du
weinen? - Sieh ich werde vom Leben genesen. Stelle mir die Rosen um mein Bett.
Wecke Niemanden. Ich will leise entschlummern.
    Ich that, was sie sagte, und nahm sie, da sie sich aufgerichtet hatte, aber
zu schwach war, sich zu erhalten, in meine Arme. So hielt ich sie wohl eine
Stunde. Aber bei der tiefen Stille und der immer gleichen Stellung wurde auch
ich vom Schlummer berfallen. Als ich erwachte, fand ich sie noch an meiner
Brust gelehnt, und fest von meinen Armen umschlungen. Aber, ach Gott! ich war
allein erwacht, und ihr Auge nicht wieder zu ffnen. Herzliebste Mutter! ich
kann nicht weiter schreiben.

                         Stephani an seine Verwandten.


Rosamunde hat die Erde verlassen, und meine dstere Ahnung ist mir vllig
entrthselt. Alle gingen in die Kirche, und ich versprach augenblicklich zu
folgen. Zweimal war ich schon an der Thre, und wurde jedesmal von einem
unwiderstehlichen Gefhle zurckgehalten. Endlich ging ich dennoch; gerade
dieser Empfindung zum Trotze.
    Als ich in die Kirche trat, suchte mein Auge Gretchen vergebens. Es hie:
sie sey einer Unbekannten zu Hlfe geeilt und mit ihr aus der Kirche
verschwunden. Ich wollte sogleich wieder davon; aber in dem Augenblicke hrt'
ich den Frsten Befehl geben: da man ihr folgen solle, und blieb nun, da er mir
winkte, unbeweglich auf meiner Stelle.
    Bernhard und Mathilde brachen auf und erst jetzt erwacht' ich aus meiner
Betubung. Als wir zu Hause kamen, fanden wir schon Nachricht von Margarethen.
Es war Rosamunde, der sie zu Hlfe geeilt, und welche, nach der Aussage des
Arztes, nur kurze Zeit noch zu leben hatte.
    Ich strzte fort. Aber am Eingange kam mir der Arzt entgegen, betheuerte:
die geringste Erschtterung msse ihren Tod augenblicklich zur Folge haben, und
mit seinem Willen solle, ausser denjenigen, welche schon bei ihr seyen, Niemand
zugelassen werden. Sie selbst sind krank - sagte er - und ich beschwre Sie, mir
zu folgen!
    Bei diesen Worten zog er mich fort, und bergab mich Bernharden und
Mathilden. Nun berwltigte mich der Schmerz, und ich sank bewutlos auf mein
Lager.
    Die Stimme des Friedensengels weckte mich wieder. Margarethe stand, wie
vormals, an meiner Seite, und reichte mir Trank. Pltzlich belebte mich die
Kraft der Verzweiflung. Ich sprang auf, und strzte ihr zu Fssen. Sag'
Himmlische! - rief ich - da sie mir verzieh, und mich nicht hassend verlie! -
    O Gott! - antwortete sie, und grosse Thrnen rollten ber das heilige
Sonnengesicht - sie hat ja niemals aufgehrt, Sie zu lieben!
    Ein stechender Schmerz fuhr bei diesen Worten durch meine Brust; aber mein
Auge wurde heller. Ich sah Bernhard, Mathilde und den Frsten. Man zwang mich,
aufzustehen; aber zur Ruhe war ich nicht wieder zu bringen.
    Rosamunde - glauben sie - werde morgen begraben.

                            Gretchen an ihre Mutter.



                              Herzliebste Mutter!

Rosamunde ist an ihre Ruhesttte gebracht. Wir hatten sie sehr schn mit weissen
Rosen geschmckt, und sie selbst glich einer Rose ohne Farbe.
    Herr Stephani sah uns stillschweigend zu. Als aber die Trger erschienen,
und den Sarg aufheben wollten, wurde er pltzlich von einem schrecklichen Zorne
ergriffen. Er warf sich ber den Sarg her, und drohete Jedermann, der es wagen
wrde, sich zu nahen.
    Geht nur Alle wieder davon! - rief er - Erst will ich wissen, ob sie todt
ist!
    Die Leute sahen sich bestrzt an; und in der That wagte es Niemand, sich zu
widersetzen.
    Whrend dieser Bestrzung hatte der Diener den Arzt herbei geholt; welcher
nun versuchte, Herrn Stephani zuzureden.
    Ich werde nachgeben - sagte er - sobald ich berzeugt bin; aber das kann ich
heute und morgen nicht werden. Sie ist an keiner ansteckenden Krankheit
gestorben, und Niemand braucht dieses Haus zu bewachen. Ich werde allein bei ihr
bleiben, und ist sie wirklich todt, sie dem Grabe berlassen. Aber berzeugt mu
ich werden, wofern meine Sinne zusammen halten sollen.
    Der Arzt bemerkte nur noch, da es einer ausdrcklichen Erlaubni der
Regierung bedrfe
    Die werde ich erhalten! - antwortete Herr Stephani, und eilte, einige Zeilen
aufzusetzen, whrend er bald ngstlich bald drohend nach dem Sarge hinblickte.
Lassen Sie dieses - sagt' er darauf - dem Frsten bergeben, und man wird mir
meine Bitte nicht abschlagen. Der Arzt gab nun den Leuten ein Zeichen, sich zu
entfernen, und eilte, den Frsten zu benachrichtigen.
    Jetzt befragte uns Herr Stephani auf das genaueste: was man nach Rosamundens
Tode mit ihr vorgenommen habe, und wir muten ihm alle Versuche, sie ins Leben
zurckzurufen, auf das Umstndlichste beschreiben.
    Er gestand, da alles Mgliche geschehen sey. Doch - setzte er hinzu - es
glckte damals nicht; wer steht euch dafr, da es auch jetzt nicht glckt? -
Fort mit den Rosen! - rief er, und warf sie heftig zur Seite - Weg mit dem
Sarge! Was soll sie darin? Niemand wei, ob sie todt ist!
    Bei diesen Worten hatte er die Schnre zerrissen, und den Krper
herausgehoben. Er trug ihn ohne unsere Hlfe ins Bett, und wiederholte alle
schon gemachten Versuche. Es war Nacht darber geworden, und er hie uns zur
Ruhe gehen.
    Morgen - sagte er - wiederholen wir, was wir heute gethan, und ich nehme
noch einen Arzt mit zu Hlfe.
    Der Diener und die Mdchen wollten ihn bereden, auch einige Ruhe zu
geniessen; aber er versicherte, da das verlorne Mhe, und er fest entschlossen
sey, nicht von der Stelle zu weichen.
    So muten wir dann gehen; beredeten uns aber im Nebenzimmer, abwechselnd zu
wachen, und sahen ihn noch, die ganze Nacht, jene fruchtlosen Versuche
wiederholen.
    Am Morgen fanden wir ihn endlich zu den Fssen des Leichnams liegen, und
glaubten er schliefe. Als wir aber nher hinzu traten, sprang er pltzlich auf,
und blickte wild und mitrauisch um sich her.
    Gleich darauf befahl er den Leuten, einen andern Arzt, den er ihnen nannte,
herbei zu holen. Sie wagten es nicht, ihm zu widersprechen; konnten aber ihre
Hoffnungslosigkeit nicht bergen.
    Der Arzt kam, und der ganze Tag wurde nun mit Wiederholung der schon
gemachten Versuche, und mehrerer andern hingebracht.
    Sie waren abermals fruchtlos, und Herr Stephani erklrte endlich: da er
sich dem Begrbnisse nicht mehr widersetzen, sobald nmlich Rosamunde am
folgenden Tage geffnet, und ihr Herz ihm bergeben seyn werde. Dieses geschah
wirklich, und nun sah er wieder stillschweigend alle nthigen Vorkehrungen
machen.
    Wir zitterten dennoch vor dem Begrbnisse; aber zu unserm Erstaunen sahen
wir ihn schweigend dem Zuge folgen, und eine Fassung behaupten, welche uns Allen
unmglich wurde.
    Alle Rosenbsche Rosamundens sind auf ihr Grab gepflanzt, und statt eines
Leichensteins ist sie mit einem Rosenwalde bedeckt. Sie liegt dicht neben ihrer
Schwester, wie sie es ausdrcklich verlangt hat.
    Herzliebste Mutter! wie mag einem wohl seyn, wenn man so eben gestorben ist?
- Steigt der Geist dann gleich in die reinen hohen Lfte, oder verweilt man noch
an der Erde, wo man so viele geliebten Menschen im Kummer und schweren Sorgen
zurcklt? - Schwebt Rosamunde noch um ihre Rosen? -
    Ich sah diese Frage in Herrn Stephani's Auge; aber er folgte still, da wir
vom Grabe zurckkehrten. Nur als von Rosamundens Bilde gesprochen wurde,
erklrte er mit Heftigkeit: da er es als sein Eigenthum zurcknehme, und bei
der geringsten Schwierigkeit jede dafr verlangte Summe bezahlen werde.
    Es ist ihm aber auf Befehl des Frsten unentgeldlich ausgeliefert, und die
brige sehr ansehnliche Verlassenschaft theils unter Rosamundens Leute getheilt,
theils ihren in Deutschland noch lebenden Eltern bermacht worden.
    Ungeachtet Herrn Stephani's usserlicher Ruhe frchten wir dennoch, ihn
allein zu lassen. Aber ausser mir und Frnzchen will er Niemanden um sich
dulden. Er spricht selten; aber dann immer mit einer sonderbaren Heftigkeit,
welche man, whrend er schweigt, gar nicht erwarten sollte.
    Der Arzt sagt: er msse reisen; aber ist nicht im Stande, ihn zu bereden.
Nur wenn er Rosamundens Gemlde betrachtet, wird er heiterer, und gestern hat er
angefangen, es in einen grossen Blumenkranz zu fassen.
    Frnzchen und ich trugen herbei, was wir nur konnten. Da lchelte er und
ordnete die Blumen so schn, da sie dadurch noch tausendmal schner wurden.
    Sie sind nun schon untermalt, und nimmermehr htt' ich geglaubt, da sich
Blumen so tuschend darstellen liessen.
    Herzliebste Mutter! Sie wei, da ich ihr Alles sage, und so will ich ihr
auch Etwas nicht verhelen, was mich in diesen Tagen beunruhigt hat.
    Wenn ich es mir selbst lugnen wollte, so wrd' ich es doch wissen, da, als
ich Rosamunde so todt in meinen Armen hielt, das Herz mir vor Schmerz fast
brechen wollte, und ich willig mein Leben fr das ihrige hingegeben htte. Aber
jetzt nun, da ich sehe, da Alles von diesem Tode spricht, und Niemand mehr an
das Bild in der Kirche denkt, herzliebste Mutter! ach Gott! ich kann es mir auch
nicht lugnen, da mich das freut.
    Wo htt' ich bleiben, wohin mich verbergen sollen? wre nicht alle
Aufmerksamkeit auf Rosamunde gerichtet worden.
    So freuest du dich also doch wohl ber ihren Tod - dacht' ich dann, und
wurde von einer unbeschreiblichen Angst berfallen.
    Aber, herzliebste Mutter! ich betheure es ihr vor dem allwissenden Gott! da
ich mich nicht ber Rosamundens Tod freue. Frage sie doch den Herrn Pfarrer:
woher es kommt, da ich das wei, und doch unruhig bin?

                            Gretchen an ihre Mutter.



                              Herzliebste Mutter!

Ich danke ihr tausendmal fr ihre schleunige Antwort. Der Herr Pfarrer hat mir
ins Herz gesehen. Ach, es ist so, wie er sagt! Schon oft bin ich errthet, nicht
weil ich etwas Bses gethan hatte, oder thun wollte; sondern weil ich mir
lebhaft vorstellte, da ich es gethan haben knnte.
    O wie schn, wie unaussprechlich schn sind die Worte: nur fleckenlos
geniet sich ganz das Herz! Mit Freudenthrnen und mit gefalteten Hnden hab'
ich sie mir unzhligemale wiederholt. Mir war, als sey diese himmlische Wahrheit
erst jetzt gefunden, die Menschen auf ewig durch sie geadelt, und ihres
gttlichen Ursprunges vergewissert. Sie klingen mir, wie Triumphgesang. So ruf'
ich sie Morgens der Sonne entgegen, so wiederhol' ich sie, wenn die Sterne mir
leuchten. Mein ganzes Daseyn entrthseln sie mir, und ich brauche nichts mehr,
als sie, um Alles zu begreifen, was mir dunkel war.
    Es sind Zauberworte. Versuch' sie es nur, herzliebste Mutter! Sprech' sie
sie laut aus, und, was sie auch ngstigt, pltzlich wird ein himmlischer Friede
ber sie kommen, im tiefen Blau des Himmels wird sie Engel lcheln sehen, und
ein nie gehrter Wohllaut wird in ihr Ohr dringen.
    Herzliebste Mutter; an diesen himmlischen Worten mssen einst die Geister
sich selbst und den Grad ihrer Seligkeit erkennen. Ruft einer dem andern zu: nur
fleckenlos geniet sich ganz das Herz! und er ist auf derselben Stufe der
Bildung, der Seligkeit, so wird jener ihm dasselbe antworten. Sie fliegen dann
auf einander zu, und dringen, mit vereinten Krften und gestrkten Augen, in
Rume des Lichts, welche sie vorher nicht erblickten. O, geliebte Mutter! ich
verliere mich in dieser seligen Vorstellung, und was ich empfinde, ist nicht
mehr zu beschreiben.

                         Stephani an seine Verwandten.


Sie war nicht mehr zu erwecken. Auf ihrem Grabe blhen jetzt Rosen. Sie liebte
mich! Unglckseliger! und ich konnte es in ihrem Auge nicht mehr lesen! - Der
Anblick der Himmlischen tdtete sie, und da ich scheinbar ihres Werthes nicht
achtete, verachtete sie ihn, und wollte nicht mehr seyn, da sie das Hchste
nicht war.
    Aber, ach! hat sie nun aufgehrt zu empfinden? - Kann sie das Ewige, wie das
Irdische verwerfen? - und ist es gewi, da ein Quell der Vergessenheit dort
rinnt? -
    Rosamunde! Rosamunde! warum eiltest du hinweg und verschmhtest, was dir
ewig gehrte? - Wenn es Verwandschaft der Geister giebt, warum glaubtest du
nicht an Verwandschaft der Krper? -

                            Gretchen an ihre Mutter.



                              Herzliebste Mutter!

Der Frst war gestern bei uns und fragte mich bitter: ob ich schon herumwandere,
den Unglcklichen zu helfen. - Ich erschrak vor seinem Ton, und wute nicht, was
ich antworten sollte. Aber die Frau Prsidentin antwortete fr mich, schilderte
ihm Herrn Stephani's Zustand, und setzte hinzu: da dieser wohl unglcklicher,
als Viele jetzt wre, und Niemanden, als Frnzchen und mich um sich dulde.
    Ein sonderbarer Unglcklicher! - fuhr er mit noch grsserer Bitterkeit fort
- da ihm das Beste immer zu Gebote steht, und was nicht fr ihn sterben kann,
fr ihn lebt.
    Wir sahen, da ihn jedes Wort mehr aufbringen wrde, und schwiegen. Er trat
ans Fenster und erblickte ein Paar Hyazinthen, welche die schnsten sind, die
ich in meinem Leben gezogen habe, und eben deswegen fr ihn bestimmt waren.
    Wem gehren die Blumen? - fragte er. -
    Ihnen gndigster Herr! - sagt' ich nun schnell - Schon gestern wollt' ich
sie bringen .....
    Und brachtest sie nicht - fiel er ein - Natrlich! wie httest du gekonnt! -
    Die Thrnen traten mir vor Schmerz und Verlegenheit in die Augen. Ich
glaubte aber doch nicht, da man es meiner Stimme anhren wrde, und fragte ihn:
darf ich sie' heute nicht bringen? - Aber die Worte klangen doch schon wie
Weinen, und er sah nun auch die Thrnen auf meinem Gesichte. -
    Bringe sie, wann du willst! - antwortete er finster - Blumen mit Thrnen
werden mich nicht glcklicher machen. - Hierauf wandte er sich schnell von mir,
und verlie uns.
    Nun konnt' ich aber das Weinen nicht mehr zurckhalten, fiel der Frau
Prsidentin um den Hals und rief: Ach, was mu ich nun thun? -
    Ziehe dich schnell an - sagte sie - und bring' ihm die Blumen. Aber weine
nicht mehr! sonst wird man es sehen.
    Ja! man sah es schon. Und wievielmale ich mich auch wusch, sah man es doch.
Endlich kleidete ich mich recht schn an, dachte, es wird schon von der Luft
vergehen, und steckte auch meine Haare mit der goldenen Nadel, die ich vom
Frsten bekommen hatte, zusammen.
    Als ich aber die Blumen Herrn Stephani's Zimmer vorbei trug, jammerte es
mich, da er sie nicht einmal gesehen; da er doch - dacht' ich - besser als wir
Alle wei, wie schn sie sind. Ich stand wohl still, ging aber nicht hinein;
denn ich htt' es dem Frsten sagen mssen. Auch fiel mir nun bei, da Herr
Stephani einmal sagte: die Hyacinthen seyen zu gradlinicht, und darum nicht
malerisch schn. Jetzt eilt' ich, was ich konnte.
    Aber beim Eingange berfiel mich ein Zittern, und ich wute nicht, was ich
sagen sollte. Indem wurde die Thre geffnet, und ich mute hineintreten.
    Der Frst sa an einem grossen Tische mit Papieren, in tiefen Gedanken. Er
sah gar nicht nach mir her, und nun konnt' ich vor Zittern die Blumen nicht mehr
halten. Ich setzte sie ihm schnell zu Fssen; denn sonst wren sie gefallen. Nun
sah er die Blumen und auch mich.
    Du zitterst - sagte er - Wovor zitterst du? -
    Gndigster Herr - antwortete ich - Ihr Unwille schmerzt mich tief in der
Seele, und ich zittre, ihn durch etwas zu vermehren. Er stand schnell auf, und
wandte sich finster zur Seite. Dann sagte er pltzlich: was macht Stephani?
    Er malt.
    Dein Bild?
    O nein! an Rosamundens Bilde.
    Was kann er daran malen? - Es ist ja vollendet.
    Einen grossen Blumenkranz rund um das Bild.
    Und dem siehst du so zu?
    O ja! es ist das Einzige, was ihn erheitert. Frnzchen und ich haben aus
zwei Grten die schnsten Blumen zusammengetragen, und - was ich Anfangs nicht
glaubte - das Bild ist schner dadurch geworden.
    Und dabei erheitert sich dein Auge, und man sieht, da es dich freuet.
    Grosser Gott! warum sollt' es mich denn nicht freuen?
    O Mdchen! - rief er nun, und schlo meine Hand fest in die seinige - deine
Stunde ist noch nicht gekommen! Wer wird der Mann seyn, durch welchen du die
Liebe begreifst?
    Da er jetzt wieder gtig aussah, bekam ich auch wieder Muth, und sagte: da
sey Gott vor, gndiger Herr! da ich die Liebe jemals durch den Ha begreife. O,
glauben Sie es mir! diese ausschliessende Liebe, welche mit dem Hasse so genau
verbunden ist, den geliebten Gegenstand so absondern, ja, ohne es zu wissen,
verzehren, vernichten will, ist nichts, als eine Ausgeburt der Verderbtheit der
Menschen. Liebt Gott so? - Liebten gttliche Menschen so? Kann der Mensch durch
diese drftige, eingeschrnkte, und eben deswegen sich selbst zerstrende Liebe,
das werden, was er werden soll? - So gewi nicht, gndigster Herr! als ein
Mensch nicht das ganze lebendige Weltall in sich schliet. Ach diese Liebe ist
eine Krankheit, welche tausend und tausend Menschen elend macht, eben weil sie
sie fr die hchste Gesundheit halten.
    Sag', was du willst - antwortete er - das Aehnliche wird sich ewig suchen,
verbinden und eben dadurch von dem Uebrigen absondern.
    Und durch diese Absonderung - fiel ich schnell ein - so lange in Drftigkeit
schmachten, bis es wieder mit dem Ganzen verbunden wird.
    Der ewige Kreislauf der Dinge! dem auch du unterworfen bist. Und darum sag'
ich: deine Stunde ist noch nicht gekommen.
    Kme sie jemals auf diese Weise, so wrde ich elender, als Andere seyn; da
ich jetzt schon wei: da ich elender machen wrde.
    Vielleicht - sagte er, und sah mich durchdringend dabei an - ist es nur
diese Furcht, welche sie verzgert.
    Nein! - antwortete ich - aber sagen Sie selbst, gndiger Herr! wenn ich
jemals einen Mann whlte, wrden Sie diese Wahl billigen? -
    Kaum hatte ich die Worte gesagt, als es mich schmerzlich gereuete; denn sein
ganzes Gesicht wurde mit einer dstern Wolke umzogen, und er antwortete mit
dumpfer Stimme: ich knnte sie billigen, und das Leben fortschleppen, weil ich
mte.
    Ach, ich hatte sein edles Herz verwundet! darum rief ich nun schnell: O,
mein theuerster Wohlthter! so sagen Sie dann nicht, da jene Stunde einst
kommen werde! Sie wird nicht kommen! Denn - mag es ein Fehler an mir seyn - der
Leidendste beschftigt mich immer am meisten, und ich bin vielleicht eben
deswegen nicht wrdig, da ein Mann sich mir ganz hingebe. Das werden auch Sie
endlich begreifen und empfinden, und ein zrtlicheres Herz mit Ihrem grossen
Herzen beglcken.
    Du versssest den Wermuth, so gut du kannst. Aber wie, wenn ich dich auf
eine Probe stellte, der du unterlgest? -
    Stellen Sie mich, auf welche Sie wollen! gndigster Herr! Kenn' ich mich
nicht, so ist es gut, da ich mich kennen lerne.
    Wie, wenn Stephani dich vergsse, wie er Rosamunde verga? - ein Mdchen
fnde, welches an Schnheit dir gleich kme, seine Liebe endlich erwidert she,
sich auf immer verbnde, glcklich wre, glcklich ohne dich? -
    O! - rief ich, fiel vor ihm nieder, und die Thrnen strzten mir stromweise
von den Wangen - Wo ist das Mdchen? Fhren Sie es her, und ich schmcke es als
Braut mit dem Besten, was ich habe!
    Stehe auf! - sagte er nun mit ganz verndertem Gesichte - ziehe hin! Du
gehrst nicht mehr zu uns, und wenn wir es glaubten, so waren wir Thoren!
    Ach, so konnt' ich ihn nicht verlassen! Ich ging furchtsam zu den Blumen,
hob sie von der Erde, und stellte sie vor ihn hin. Gndigster Herr! - sagt' ich
dann leise - mit diesen Worten werden Sie mich nicht entlassen! - Was hab' ich
gethan, da ich nicht mehr zu Ihnen gehre? - Darf ich Ihnen nicht mehr
Rechenschaft geben von meinem Leben, und werden Sie keinen Theil mehr daran
nehmen? - Ach dieser Ort dnkte mich mein vterliches Haus! und ich glaubte
wiederkehren zu drfen, wann ich wollte!
    Hr' auf Margarethe! - rief er nun schnell - Was du darfst, kann Niemand
besser wissen, als du selbst. - Stephani hat den Auftrag, dein Bildni zu
machen. Geh', und melde ihm, da er eile.
    Mit diesen Worten wandt' er sich wieder zu dem grossen Tische mit Schriften,
und ich mute nun gehen; ergriff aber doch noch schnell genug, ehe er es hindern
konnte, seine Hand, und drckte sie fest an meine Lippen. Dann aber eilt' ich
fort, ohne mich umzusehen.

                            Gretchen an ihre Mutter.



                              Herzliebste Mutter!

Alles, was ich denke und empfinde, ist ein Lobgesang; denn Herr Stephani ist
ganz wieder hergestellt.
    Als Rosamundens Bild fertig war, verfiel er wieder in eine so tiefe
Schwermuth, da wir Alle in die grsseste Angst geriethen. Unglcklicherweise
verga ich auch ganz darber, was mir der Frst wegen meines Bildes aufgetragen
hatte, und nur zufllig erinnerte ich mich einmal gegen die Frau Prsidentin
daran.
    Sie verlangte, ich solle es Herrn Stephani augenblicklich sagen. Aber,
herzliebste Mutter! das war mir unmglich, und so sprach die Frau Prsidentin
selbst mit ihm darber.
    Herr Stephani fragte: ob ich noch wohl den Anzug besitze, in welchem ich
zuerst ins Haus gekommen sey? denn der Frst wolle mich in einem lndlichen
Kleide dargestellt haben. Aber der Anzug war verschenkt. Hierauf zog er eine
farbige Zeichnung unter seinen Papieren hervor, und sagte: dies sey ein
unbekanntes Mdchen, welches er einmal auf einem Spaziergange gezeichnet, dessen
Gesicht er aber nicht gesehen, und ihm deswegen Rosamundens Zge gegeben habe.
    Mein Gott, das ist ja Gretchen! - rief nun die Frau Prsidentin - dieses
Mieder trug sie gewhnlich, wenn sie in ihres Oheims Garten arbeitete. Es ist
ihr Wuchs! ihre Stellung! Gerade so trgt sie den Korb. O es ist Gretchen!
    Herrn Stephani's Freude darber war ausserordentlich, und er versicherte,
da er das Bild ganz so entwerfen werde. Keine Spur von Krankheit mehr an ihm zu
erblicken.
    Der Frst hat die Zeichnung auch gesehen, ist aber nicht so dadurch
erheitert worden.
    Herzliebste Mutter! es ist doch eine grosse Wohlthat Gottes um eine schne
Kunst, und der Mensch, welcher sie bt, scheint eine allmchtige und immer
wieder sich erneuernde Kraft gegen alle Erdennoth zu bekommen.
    Wer sollte nicht glauben der Frst msse in seiner grossen Bestimmung mehr
Seelenerhebendes, als Herr Stephani in seiner Kunst finden? - Aber dem ist nicht
so, das seh' ich tagtglich, und kann keine andere Ursache finden, als: da die
schwere Regierungskunst auf der Erde festhlt; statt, da die schne Kunst ber
die Erde erhebt.
    Ach, mchte das Gemlde lange nicht fertig, und dann gleich wieder etwas
Erheiterndes fr Herrn Stephani gefunden werden!
    Ich sagte das der Frau Prsidentin, und sie erzhlte mir: der Frst werde
einen Sommerpallast in der Nhe des Klosters erbauen lassen, und Herr Stephani
verschiedene grosse Deckengemlde in demselben auftragen.
    Gott sey gelobt! O herzliebste Mutter! ein heiteres Leben wird wieder
beginnen, und es wird sich noch Alles zu einem schnen Wohlklange vereinigen.

                            Gretchen an ihre Mutter.



                              Herzliebste Mutter!

Der Bau des Klosters4 wird eifrig betrieben, der Frst hat es reichlich
beschenkt, und die Aebtissin aus seiner eigenen Familie ernannt. Drei Frauen und
ein Mdchen haben sich schon gemeldet; Alle durch Leiden unerhrter Art vom
Schicksale bezeichnet. Ich, herzliebste Mutter! bin die einzige Glckliche, und
darum erscheint mir auch wohl Alles ganz anders.
    Wo die Andern nur beifllig lcheln, da juble ich. Die Vgel, die Blumen,
die Thler und die Hhen scheinen mir zu antworten, und mein Gang dnkt mich nur
ein seliges Schweben durch diese paradiesischen Gefilde.
    Ich habe schon mein Kleid, herzliebste Mutter! ich trage es schon! Darf
schon helfen, wo ich will!
    O, wie matt war die Vorstellung dieses glckseligen Lebens! Wie ganz anders
ist die Wirklichkeit! Wie viele Herzen, die sich trennen wollten, in Liebe
vereinigt! Wie viele Thrnen getrocknet!
    Wird sie nicht zu uns kommen, herzliebste Mutter? Arbeiten sollen nicht auf
sie warten; aber pflegen wollen wir ihr Alter, zu einem Himmel wollen wir es
machen.
    Der eine Flgel des Gebudes ist schon ganz vollendet. Komme sie, meine
theure, geliebte Mutter! O, komme sie doch!
Diese Zeilen waren das Letzte, welches von Margarethens Briefwechsel aufbewahrt
wurde. Ihre Mutter langte wirklich kurz darauf an, sah ihre geliebte Tochter
einen Engel der Rettung fr Tausende werden, und das, was man fr Schwrmerei
gehalten hatte, sich in die erhabenste Wirklichkeit verklren.
    Margarethe wurde durch die beseligende Thtigkeit, der sie sich widmete,
noch schner, und verwandelte, ohne es zu ahnen, Stephani's, wie des Frsten
leidenschaftliche Liebe, in tiefe Verehrung.
    Dieser wurde nach einiger Zeit durch mchtige Umstnde zu einer Vermlung
bewogen. Stephani aber, welcher in der That, wie Rosamunde einst schrieb, das
ganze Geschlecht tiefer und leidenschaftlicher, als irgend ein Mann liebte,
vermlte sich nie. Er hatte viele Geliebten, oft mehrere zu gleicher Zeit, und
versetzte sie, noch kurz vor seinem Tode, in einem grossen Deckengemlde, unter
die Gtter. Margarethe aber, vom hchsten Lichtglanze umflossen, als Venus
Urania ber sie Alle.
    Von ihr gepflegt, starb er, auf einem schmerzhaften Krankenlager, in ihren
Armen, und in der Blte seines Lebens. Leidenschaftliche Liebe fr die Kunst,
wie fr die Weiber, grub sein frhzeitiges Grab.
    Mehrere Jahre darauf starb auch der Frst, ebenfalls in Margarethens Armen,
und von ihr bis zum letzten Augenblicke verpflegt.
    Sie weinte lange. Aber Franz5, Stephani's geliebtester Schler, behauptete:
sie habe bei des Frsten Tode nur Stephani's Tod zum zweitenmale gefhlt; auch
sey damals eine gnzliche Vernderung in ihrem Wesen sichtbar geworden.
    Doch blieb sie lnger schn, als Sterbliche es bleiben, und brachte ihr
himmlisches Leben, mit dem Gebrauche aller Sinne, bis zum hchsten menschlichen
Alter.
    Nur von Einer Schwche wurde dieses ausserordentliche Alter begleitet. Sie
vermochte nicht mehr den Anblick verzerrter, noch weniger durch das Laster
entstellter Menschen zu ertragen, und verfiel, wiewohl eine Feindin aller
Pracht, beim Anblick des Schmutzes und der Unordnung in Schwermuth.
    Man war daher gegen das Ende ihres Lebens bemht, nur schne Gegenstnde um
sie zu versammeln, und die hchste Sauberkeit in ihrer Nhe zu erhalten. Sie
wurde sichtbar dadurch erheitert, und ihren Freunden, ohne Zweifel, mehrere
Jahre erhalten.
    Endlich fiel sie in einen anhaltenden, nur durch kurzes Erwachen
unterbrochenen Schlummer, und die Aerzte verkndigten ihr Ende.
    Nun wurde ihr Bett mit Kindern jedes Alters umringt, die sie entweder
selbst, oder deren Aeltern sie dem Tode, dem Hasse, oder dem Elende entrissen
hatte.
    Sie erwachte noch einmal, erblickte die Kinder, und verschied mit einem
Lcheln, welches ihren himmlischen Zgen eingedrckt blieb.
    Ihr Grab liegt auf einem Hgel, und die Sage geht, da Gemthskranke dort
geheilet werden. Ob die reine Bergluft hierzu beitrage - wag' ich nicht zu
entscheiden.

                                    Funoten


1 Es war Gretchen.

2 Gretchen.

3 Gretchen war eine Protestantin und in Deutschland geboren.

4 Es war nie ein eigentliches Kloster, sondern bestand, bis zu Ende der
Regierung Gustavs von Medizis, unter dem Namen einer wohlthtigen Anstalt.

5 Er war es, der diese Papiere sammelte.

