
                            Arnim, Ludwig Achim von

              Armut, Reichtum, Schuld und Bue der Grfin Dolores

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                             Ludwig Achim von Arnim

              Armut, Reichtum, Schuld und Bue der Grfin Dolores

       Eine wahre Geschichte zur lehrreichen Unterhaltung armer Frulein

                                   Zueignung
                                 an des Frsten
                                    Radzivil
                                  Durchlaucht

Dem Schutzgeist bleibt ein treuer Sinn ergeben,
Der ihn erhob aus einer dunklen Zeit,
Auf lichten Flgeln singend hinzuschweben
In hohem Frieden ber leeren Streit;
So ward auch mir ein hochgesellig Leben,
Wo sich die Worte leicht zum Lied gereiht,
Mein Lied und ich, wir bleiben treu ergeben
Dem, der uns hat durch Melodie geweiht,
Die aus dem vollen Herzen einsam weinet
Und wie ein Nordlicht tief bedeutend scheinet.


                                Erste Abteilung

                                     Armut

                                 Erstes Kapitel

             Das frstliche Schlo und der Palast des Grafen P ...

Vor einer kleineren Residenzstadt des sdlichen Deutschlands erscheinen dem
Reisenden, der die groe Heerstrae vom Gebrge herabfhrt, zwei groe
hervorragende Gebude von ganz verschiedener Bauart und Umgebung. Einem
altertmlich getrmten und geschwrzten, von Wassergrben umzogenen Schlosse
gegenber, schimmert ein freier, leichter, heiterer, flachgedeckter
italienischer Palast im schnsten Grn eines weiten Gartens, so auffallend
vorleuchtend mit hellen Marmorfarben und groen glnzenden Fenstern als
glcklicher Nebenbuhler, als eine neue frhliche Zeit neben einer verschlossenen
ngstlichen alten, da diese Bemerkung sehr wahrscheinlich jedem beim ersten
Anblicke eingefallen sein mag. Der gleich nahe Wunsch mit den Bewohnern der
frhlichen Zeit nher bekannt zu werden, um mit ihnen in allem berflusse der
schnen Bergwildnis und des reichen mannigfaltig bebauten Tales sich zu
erfreuen, verschwindet eben so schnell, wie die Furcht vor dem dster
vergitterten Schlosse, sobald sich die Reisenden beiden Gebuden hinlnglich
genhert haben, um alles einzelne daran zu unterscheiden. Das schwarze Schlo,
wohlunterhalten und dauerhaft, mit seinen vorspringenden spitzen Trmen, mit
seinen kleinen spitzigen Doppelfenstern, mit dem groen steinernen Wappen ber
dem Tore, vor allem mit seinen kleinen bunten Grtchen in den Turmecken, wo
vielleicht schne Frstentchter unter selbst gezognen Blumenlauben die vorber
wandernden Ritter belauschen, dies Ganze macht einem das wunderliche Gefhl, das
die Leute romantisch zu nennen pflegen, es versetzt uns aus der sonnenklaren
Deutlichkeit des guten tglichen Lebens in eine dmmernde Frhzeit, die auch uns
erweckt hat und der wir heimlich noch immer mit erster Liebe anhangen und
gedenken, ungeachtet es schon lange Mittag geworden und vielleicht bald wieder
Nacht werden kann. Sind wir von diesem Gefhle durchdrungen, so scheint der
kunstreiche Palast auf seinen schlanken Marmorsulen, mit seinen nackten
Gtterbildern, die bis zum Dache hinaufgestiegen in einem Reihentanze erstarrt
zu sein scheinen, wie eine leere fremdartige Zauberei, die der Zauberer
aufgegeben, nachdem sie Gtter und Menschen betrt hatte. Auch scheint bei
nherer Besichtigung alles an diesem Palaste den zerstrenden Elementen
berlassen; der Wohlstand, der darin lange einheimisch gewesen sein mag, hat
sich durch viele gewaltsame Auswege Luft gemacht, um zu verschwinden; die
Fenster des untern Geschosses sind meist eingeschlagen, oder mit innern
Fensterladen notdrftig geschlossen; das lckenvolle Dach hat groe Stcken der
Gesimse losweichen lassen; die Laden der Dachfenster schlagen im Winde
nachlssig auf und zu; das zierliche eiserne Gelnder, das den Vorhof schliet,
ist des grten Teils seiner vergoldeten Bltter von mutwilliger Hand beraubt;
die eisernen Tren liegen ausgehoben daneben, vom hohen Grase berwachsen; die
Wnde sind von Kindern mit Soldaten und von Soldaten mit den Namen ihres
Regiments bezeichnet. Der Reisende sieht rgerlich davon weg und nach dem
Lustgarten, der den Palast umschliet und hinter demselben zu einer prachtvollen
Anhhe sich erhebt. Alles grnt da, alles singt, alles ist wild verwachsen, das
Auge unterscheidet nicht, ob das halb eingestrzte Haus auf dem Gipfel des
Berges eine absichtliche oder zufllige Ruine; neben den amerikanischen
Struchern stehen wenige amerikanische Kartoffeln, wahrscheinlich in kindischer
Nachahmung des Feldbaus; in den den groen Baumgngen springen wilde Kaninchen
schnell verschwindend umher, sie treiben da ungestrt ihren kleinen Bergbau, wie
die Vgel ihren Luftbau der Nester auf allen dichteren Baumwipfeln. Arme
halbnackte Kinder, wahrscheinlich aus den Nachbarhtten jagen sich in dem
ausgetrockneten Bette des Springbrunnens, nachdem sie ihre Ziegen an Pfhlen
zwischen den einzelnen Schnrkeln des Buxbaums angebunden haben, der auf dem
groen Platze hinter dem Palaste, wie eine von der Hand des Schicksals
halbausgewischte bedeutende Schrift, den Reisenden lange vergeblich raten lt,
bis eins der Kinder alles mit ein paar Worten erklrt, es heie Hektor und
Sophie, die Vornamen des Grafen und der Grfin von P ..., die dieses Schlo
erbaut. Diese Kinder, diese Ziegen und ein paar Lmmer, die sich
menschenfreundlicher zu jenen halten, reinigen den Garten von Kraut und Unkraut,
von Blumen und Dornen.
    Uns bengstigen schon frstliche Schlsser, die blo zum Sommeraufenthalte
bestimmt, den greren Teil des Jahres mit hellpolierten, aber verschlossenen
Fenstern stille ohne Bewohner mit offenen Augen im Schlafe zu liegen scheinen,
da alles Grn umher wacht und rauscht, alle Quellen rieseln, alle Gnge offen
stehen; schon diese ungeheueren Anstalten zum Leben ohne Leben erfllen uns mit
der wehmtigen Ahndung einer unbewut um uns her geschehenen Vlkerwanderung,
die uns allein unter Fremden zurckgelassen hat, - und was ist diese Wehmut
gegen den Schmerz, diese Vlkerwanderung wirklich beendigt zu finden, was hoch
gestanden tief gestrzt zu finden und die Kleinen wild und hhnend darber
herfallen zu sehen, ohne zu wagen, sich gleicher Hhe zu nahen; wenn sich
gemeine rohe Armut ber die Trmmer fremder Pracht und Bildung triumphierend
lustig macht, unwissend an den Kunstdenkmalen zerstrt, weil die Besitzer nicht
mehr die Kraft haben zu schtzen und zu erhalten, was sie vom berflusse
geschaffen hatten - und darum wendete ich mich schmerzlich von einem Kreise
lumpiger Barbarenkinder fort, die dort im Lustgarten des grflichen Palastes an
einem schnen Amor in Marmor, der schlafend unter einer Rosenlaube ruhte, die
schndliche Art von Geielung wiederholten, die ihnen in roher Erziehung zu
einer scherzhaften Strafe geworden. Vergebens war mein Pochen an allen Tren, ob
denn keine einzige Seele in dem groen Hause, die diesen Frevel, den ich
gestrt, auch bestrafte; einsam und immer schneller und ungeduldiger hallte mein
Schritt, wie von einer Schildwache, die abzulsen vergessen, unter den Sulen
des Eingangs, da die Schwalben aus ihren Nestern im Laube der korinthischen
Sulen ausflogen, vielleicht um zu schauen, ob es gewittere. Mir war so schwl
zu mute, und ich dachte nicht, da in den oberen Zimmern zwei junge Grfinnen
versteckt wren, bei denen mir alles ble Wetter so leicht bergegangen wre;
ich stieg wieder in meinen Wagen und dachte, besser da ein Wetterstrahl alle
Kunstwerke in einem Augenblicke vernichte, ein Feind sie entrisse, als da sie
in vielen Jahren vor den Augen der Vlker, die sie nicht verstehen, nicht in
heiliger Sitte bewahren, verderben und geschndet werden; denn wer das Schne
zerstrt, oder dessen Zerstrung duldet, kann es nie heiligen und erzeugen, wohl
aber selbst der, welcher es gar nicht anders, als aus sich und der freien Welt
gekannt hat.

                                Zweites Kapitel



                           Graf P ... und die Seinen

Dieser Palast, dieser Garten mit Kunstwerken geschmckt, die jetzt niemand wert
zu sein schienen und niemand ntzten, das Werk vieljhriger Anstrengungen eines
leidenschaftlichen Bauverstndigen, des Grafen P ..., begrndeten den Ruhm
seiner Einsicht und seines Geschmackes; sie galten fr Weltwunder in der ganzen
Gegend und wren auch in Italien ausgezeichnet worden. Der Graf hatte sich mit
vielem Kunstsinne einen der schnsten Plne Palladios angeeignet und
zugerichtet, der Garten ging aus dem franzsischen zu dem Naturgeschmacke ber.
Nicht die Schnheit dieses Baues, aber seine Gre krnkte den Stolz der
Frstin, deren Neigung zum Grafen in eine Art Eifersucht bergegangen war auf
seine Frau, der sie es schon allzu hoch anrechnete, da sie den Grafen in Besitz
genommen. Sie fand sich in ihrem alten Schlosse zum erstenmal wie im
Gefngnisse, seit sie in die hellen Zimmer ihr gegenber blicken konnte; der
Frst, ihr sonst so ganz ergeben, war nicht zu einem hnlichen Schlobaue zu
bewegen; der Graf hatte zu viel Stolz auf sein Werk, um sich migen zu knnen,
als die Frstin es ihm aus Verdru tadeln wollte; er wurde beleidigend und der
Hof wurde ihm verboten, nachdem er dreiig Jahre mit dem Frsten ganz
vertraulich von der Jugendzeit an zusammen gelebt, mit ihm auf Reisen manches
Abenteuer bestanden, die Frstin ihm zugefhrt hatte. Er sagte kein Wort zu
seiner Verteidigung; doch lie er ber seine Gartentre die Worte eines Liedes
eingraben:

Freund, hte dich vor Frsten,
Denn Freunde werden sie nie,
Magst du auch hungern und drsten
Fr sie.

Wollen wir aber ruhiger sein Verhltnis berschauen, so entdecken wir, da es
nicht immer reine Freundschaft war, die ihn dem Frsten verbunden; die
Freundschaft war ihm nur ein Mittel den Unterschied auszugleichen, den die
Geburt zwischen ihnen beiden unabnderlich festgesetzt hatte. Doch war sein
Geist unabhngig genug, um sich ber diese Ungunst leicht hinwegzusetzen, welche
gleich die meisten Einwohner der Stadt und der Gegend von ihm entfernte. Sein
Einzugsfest in das vollendete Haus war wenig glnzend, auch von unangenehmen
Zeichen begleitet. Der Erbprinz, der mit kindischer Neigung an der jngeren
Tochter des Grafen, Dolores, hing, war heimlich hinbergeschlichen; Dolores
sprang mit ihm die glatten Treppen hinunter, der Prinz fiel herab und wurde
blutig halbtot in das Haus seiner frstlichen Eltern zurck gebracht, die den
Bann ihrer Kinder, nicht zum Grafen zu gehen, darum noch schrften. Dieser Bann
krnkte den Grafen sehr tief, insbesondre da eben dieser lteste der frstlichen
Kinder, gegen die Familienart, schwarzes Haar, wie der Graf zeigte; er hatte ihn
immer allen andern vorgezogen. Klelia, die ltere Tochter des Grafen wollte sich
ber diese Trennung tot grmen, sie erdachte die abenteuerlichsten Mittel ihre
Verbindung zu erhalten, doch die Zeit und andre Gesellschaften ersetzten ihr
allmhlich, was Dolores in den ersten Tagen schon vergessen hatte.
    Der groe Bau, und noch mehr das Bemhen seinen Palast mit Gesellschaften zu
beleben, hatten das Vermgen des Grafen in einer Reihe von Jahren aufgezehrt,
whrend denen Klelia ihr achtzehntes und Dolores ihr sechzehntes Jahr erreichte;
weder die Seinen noch die Fremden merkten etwas davon in dem steten Wechsel der
verschiedensten Zerstreuungen. Mit heimlichem Neide sahen die Prinzessinnen, als
sie eines Abends mit ihrer Frstinmutter in goldverschnrkeltem Wagen langsam
daher fuhren, die Grfin Dolores auf einem zierlichen englischen Pferde in rotem
Reitkleide, von den artigsten Reisenden in mancherlei Uniform umgeben, zu einem
Feste im Walde vorberjagen, das sie aus der reichen Jagdmusik erraten hatten.
Dolores machte dann wohl spielend die Herren auf den Kutscher mit dem groen
Barte, auf die uralten schn geputzten Geschirre der sechs alten glnzenden
dicken Rappen aufmerksam. So etwas erzhlte sich leicht wieder und erbitterte;
aber was bedurften sie der Herrscher, die froh sein muten, da so viel Geld in
ihrer Stadt verzehrt werde. Klelia war mildttig gegen Arme, Dolores kannte die
Armut gar nicht, sie war ihr eine poetische Person, die sie einmal als Maske
darstellte; sie erzhlte den jungen Herren ganz ernsthaft, sie sehne sich nach
einem einfacheren Leben und die jungen Herren bewunderten sie. Der Graf,
ungeachtet er seine Umstnde genau bersah, lebte in gleicher Sorglosigkeit und
guter Gesundheit, den frhlichen Tagen, die jede Altersschwche noch lange von
ihm ab zu halten schienen; mit verkehrter Zuversicht rechnete er auf Umstnde,
die nicht zu berechnen waren, auf den Tod einiger Lehnsverwandten, die statt zu
sterben, sich verheirateten und Shne zeugten, zuletzt auf die Lotterie. Als ihm
zuerst deutlich wurde, da er nicht gut noch einen Monat seinen gewohnten
Aufwand bestreiten knne, trumte ihm, nachdem er spt zu Bette gekommen, seiner
Frau und Kinder Alter, als die Zahlen, in denen sein Glck begrndet. Statt
diesen Traum moralisch zu deuten, meinte er ihn unmittelbar zu bewhren und
besetzte die drei Zahlen mit einer bedeutenden Summe in allen Lotterien; er war
seiner Sache so gewi, meinte es eine so bestimmte, himmlische Offenbarung,
damit er sein angenehmes Leben fortsetzen knne, da er mehrere Schuldner auf
den Tag bestimmte, wo er alle Nachrichten von den Ziehungen erhalten. Der Tag
kam schnell heran, er ffnete mit Zuversicht die Briefe, keine seiner Zahlen war
heraus gekommen. Er war leichtsinnig genug ber sich selbst zu lachen, und ohne
den Seinen etwas von seinen Absichten zu vertrauen, nahm er Abschied, als wollte
er eine kleine Reise machen, um neue Gste zu holen, da die letzten eben
abgereist; und so fuhr er ohne Unterbrechung mit dem Reste seines baren Geldes
bis zu einem deutschen Seehafen, und schrieb erst in dem Augenblick den Seinen
eine kurze Nachricht von seiner Lage und seinem Entschlusse in die weite Welt zu
gehen, als eben ein gnstiger Wind einen Ostindienfahrer, auf dem er sich
eingeschifft, zum Absegeln anblies.

                                Drittes Kapitel



            Tod der Grfin P ... Armut ihrer Tchter. Kriegsvorflle

Ehe dieser Brief anlangte, waren in seinem Schlosse manche ngstliche
herzzerreiende Ereignisse Schlag auf Schlag ber die armen Unschuldigen
eingebrochen. Einige Kaufleute, die seinem Vermgen schon lange heimlich
nachgesprt hatten, waren mit ihrer verzgerten Zahlung dringend geworden, die
Grfin hatte sie mit Lcheln erst abweisen lassen, aber die Leute kamen den
andern Tag gleich wieder und wollten etwas Bestimmtes ber die Rckkehr des
Grafen wissen. Die Grfin wurde dabei von einer sonderbaren Angst ergriffen,
insbesondre da ihr die lngere Abwesenheit ihres Mannes befremdend schien; sie
sandte ihm Stafetten nach an mehrere Orte, wo sie ihn vermutete; die jungen
Grfinnen befrchteten, ihm sei ein Unglck begegnet, Klelia betete und Dolores
blieb beinahe einen ganzen Tag im Bette liegen. Ein alter Bediente, der sie
einst auf den Armen getragen und dem Hauswesen mit groer Treue vorstand,
drckte ihnen die Hnde und sagte bedeutend: sie mchten sich nur fassen, es sei
nicht alles, wie es sein sollte, er habe schon seit einiger Zeit so was bemerkt,
wenn er den Herrn rasiert; er habe zwar wohl ausgesehen, aber das Fleisch sei
doch nicht fest gewesen, auch habe er wie im Traume gesessen; sicher sei er
krank geworden. Der Brief des Grafen lste endlich alle bangen Zweifel und
erhellte wie ein Wetterstrahl den Abgrund, vor dem sie standen. Die Grfin hatte
sich bis zu der Zeit bei dem frhlichen Leben im Wetteifer mit ihren beiden
schnen Tchtern, jugendlich frisch erhalten; der Graf hatte sie aus mehr als
bloer Gewohnheit unverndert wie in den ersten Jahren ihrer Ehe geliebt; seine
Abwesenheit allein, die Sorge fr ihn htte sie unabhngig von den brigen
Sorgen elend gemacht; sie alterte schnell und starb zu ihrem Glcke sehr bald;
die Demtigung, bei der Frstin, der sie es sonst in allem zuvortun wollte, um
einen Indult vergebens nachzusuchen, gab ihr den Todessto. Die liebenswrdigen
beiden Tchter blieben mit ihrer Trauer, die sie uerlich aus Armut nicht
einmal anlegen konnten, einsam in dem weiten Schlosse zurck; ein Leid bekmpfte
das andre und so viel sie geweint hatten, als sie ihre erste Kammerjungfern
entlassen und die gewohnten Besuche abweisen muten, so gleichgltig sahen sie
die kostbaren Hausgerte, Betten, Silberzeug in ffentlicher Versteigerung den
Meistbietenden zuschlagen. Ihr alter Bedienter wtete gegen die hartherzige
Schndlichkeit der Kaufleute, die durch des Grafen Untersttzung ihren Handel
angefangen, durch unverschmten Betrug sich an ihm bereichert, und nun wegen
einiger unbedeutender Schulden den Seinen das Letzte entrissen; er schwor, es
knne ihnen nie wohlgehen, aber was half das den Grfinnen, denen es nun recht
ernstlich bel ging. Die mnnlichen Lehen fielen in Administration, auch aus dem
Hause wren die armen schnen Kinder vertrieben, trotz allen Schmeichelungen,
die sie an die harten Schuldner verschwendeten, denen es zugesprochen, htte
nicht der Krieg das Stdtlein durchzogen, der den frstlichen Hof fr immer aus
dem Schlosse seiner Vorfahren entfernte und die Grundstcke im Werte so rasch
herabsetzte, da ein Haus von dieser Gre viel mehr Last als Einkommen brachte;
darum zgerten die Leute weislich mit der Besitznahme. Die Grfinnen hatten zu
dem Schlosse eine so natrliche Neigung, sie kannten jedes Winkelchen darin;
statt dem Rate des alten Bedienten zu folgen, in seinem Huschen ein Zimmer
anzunehmen, zogen sie sich auf ein kleines Stblein ihrer Kammerjungfern zurck
und kamen nun fremde Soldaten zur Einquartierung, so schlossen sie drei- und
vierfach alle Tren rings. Mehrmals drangen die mden Soldaten mit Gewalt in das
Haus, und lieen sich, da sie niemand fanden, ihr Essen von der Stadt dahin
bringen, tranken die Nchte durch, lrmten im Hause und die armen gengsteten
Mdchen horchten bange, wie sich der wilde Zug ihnen nahe. Einmal drang sogar
ein raubgieriger Haufen durch alle Tren bis zu ihnen ein, immer glaubt das Volk
versteckte Kostbarkeiten zu entdecken, wo es verschlossene Tren findet; endlich
traten sie nach aufgehauenen Tren in das Zimmer und fanden die Mdchen knieend
vor einer Mutter Gottes, sie hatten einen ganzen Tag nichts gegessen; von Furcht
gebleicht, sahen sie rhrenden Steinbildern gleich; der Anblick erschtterte
selbst das rohe Volk. Die Soldaten fragten, warum sie denn nicht zu ihnen
gekommen wren, sie htten ihnen schon etwas geben wollen, und somit warf ihnen
jeder ein paar Geldstcke hin, die leichtsinnig erworben, und nahmen dafr ein
paar Handksse; auch sagte einer zu der Grfin Dolores, sie sei das schnste
Mdchen, das er je erblickt, er wolle sie heiraten, sie mchte mitkommen. Er
gefiel ihr auch recht wohl, doch wie er so in sie drang, mute er schnell
aufsitzen und auf und davon; sie sah ihn nie wieder. - Der Krieg entfernte sich,
der Mangel wurde um so fhlbarer aller Orten, je weniger er sich durch
unbestimmte Hoffnung und gewaltsame Zerstreuungen vergessen machte. Manche der
harten Schuldner waren eben so arm wie die Grfinnen, die sich jetzt ohne Scheu
durch Bearbeitung ihres Gartens zu nhren suchten. Leider waren nur wenige
Fruchtbume, meist wilde Waldbume und amerikanische Gestruche darin gepflanzt;
diese Bume, zum Schatten in der Hitze bestimmt, muten ihnen Feuerung geben, in
den Gngen zogen sie Kartoffeln; ein paar Ziegen, die sie sich fr Handarbeiten
der Klelia kauften, gaben ihnen Milch, einige wilde Kaninchen, die sie in Fallen
fingen, eine geringe Fleischspeise. Der alte Bediente, der sie verlassen mute,
um ihnen nicht lstig zu fallen, brachte ihnen allerlei Mundvorrat; sie schmten
sich nicht von ihm etwas anzunehmen, er hatte ihnen von Jugend auf manches
Leckere, das ihnen der Gesundheit wegen vorenthalten wurde, heimlich zugesteckt;
er brachte auch die artigen Handarbeiten der Klelia ganz heimlich zum Verkauf.
Dolores stand meist zu spt auf, um in diesen Arbeiten etwas zu leisten, auch
hatte sie am Zeichnen und an der Musik so berwiegende Freude, da sie auer den
notwendigen huslichen Verrichtungen, selten etwas anderes vornahm. Ihr
Zeichenbuch waren aber die groen weien Wnde im obersten Stockwerke des
Schlosses, die sie sehr wunderlich mit allen ihren bekannten Historien in Kohle
und Ru bemalte. Zu ihrer Belehrung und Unterhaltung blieb ihnen an Bchern
nichts, als was die Schuldner wegen der Altertmlichkeit verschmht hatten. Doch
die Einsamkeit fhrte sie durch einen Quartanten nach dem andern; meist waren es
alte historische Bcher, deren altadelige Gesinnung sie immer mehr gegen die
damals allgemein sich regende Ausgleichung aller Stnde einnahm; und so
entgingen sie der Art neuer frecher Geselligkeit, die mit kriegerischer
Sittenlosigkeit gepaart das Leben rmerer Mdchen des Stdtchens erheiterte und
verderbte. Der Adel der Gegend war teils entflohen, immer im Wahne dem
unvermeidlichen Schicksale zu entgehen, teils zu sehr verarmt und in eigenen
Angelegenheiten zu weit verloren, um auf ein paar junge Mdchen zu achten, die
in Tagen des Glcks jeden Fremden ihnen vorgezogen; denn ein Vorzug scheint es
oft selbst da, wo nur die Artigkeit obwaltet, einem ganz Fremden Gelegenheit zu
geben, sich bekannt zu machen. Dolores, wenn sie Morgens spt aufgestanden war
und zum Stickrahmen ihrer Schwester trat, hatte immer einen wunderbaren Traum im
Kopfe, der ihr groes Glck versprochen und sie beide belustigte; bald war ein
ritterlicher Frst verwundet in ihr Haus gebracht worden und hatte sich ihr
ehelich verbunden, zum Danke, wie sorgfltig sie seine Wunden verbunden; bald
hatte ihr von einem Baume getrumt im Garten, unter welchem ein Schatz liege -
und dann ging sie wohl hin, grub eifrig und lie auch der Schwester keine Ruhe,
bis sie ihr geholfen, und dann gruben sie, bis die Quellen, die durchdringend
den Sand nten, auch ihre Hoffnung zu Wasser machten. So lebten die beiden
Mdchen, jede in ihrer Art, in den Tag hinein; Klelia betete und arbeitete,
Dolores trumte und erlustigte sich, ein Tag kam zum andern und endlich
behauptete einer, er fange ein neues Jahr an, und so wieder und wieder, da sie
schon dreimal seit dem groen Unglcke die Nester aus ihren Gartenhecken
ausgenommen, die Vgel gro gezogen und heimlich verkauft hatten, aber kein
Frst kam sich im den Hause ein Lager zu erflehen; selbst die Bettler scheuten
sich vor einem Hause zu singen, vor dem das Gras aus allen Steinritzen hoch
aufgewachsen war. Dolores sah einmal mit einem wunderlichen Aufwallen die
geputzten Stadtleute Sonntags vorber ziehen und sagte zu ihrer Schwester: Sieh
einmal das Mdchen, welches dort geht, ich glaube, wenn man ihr ordentliche
Kleider anzge, sie she wie unser eins aus. - Wie unser einer ordentlich,
seufzte die Schwester, ich glaube, wir knnten beide in den Rcken allein
ordentlich gekleidet werden, die das Mdchen zum berflu trgt, ihre blanke
Mtze schon gbe ein paar Kleider. - Sonderbar, meinte Dolores, die Leute
wissen nichts Rechts zu ihrem Vergngen mit dem Gelde anzufangen, da fallen sie
auf so abenteuerlichen Putz; hr, ich wollte, wir htten Verwandte unter den
Leuten, ich glaube doch, sie tten mehr fr uns als unsre Lehnsverwandten. -
Hr Dolores, erwiderte Klelia, da habe ich neulich eine Geschichte in dem
alten Buche von Hugh Schapler gefunden, das du immer wegen der alten Sprache
nicht leiden mochtest; ich habe mich ganz hinein gelesen und verstehe jetzt fast
alles in den alten Bchern, die mu ich dir doch wieder erzhlen; es ist doch
immer auf eigene Art gewesen, wie adlige Menschen der Not begegnet sind, und wir
beweisen's auch wieder. - Aber sieh einmal den hbschen Bauerburschen mit der
roten Weste, unterbrach sie Dolores, sieht der nicht unserm Erbprinzen
hnlich; hr Klelia, das sage ich dir, wenn ich denke, da ich immerdar in so
burischer, gemeiner Beschftigung mein Leben zubringen sollte, wahrhaftig ich
mchte lieber solch einen Burschen zum Manne haben, als gar keinen. - Schme
dich, sagte Klelia, auch im Scherze mu man nicht so reden; ich htte nichts
dagegen, wenn du dich in einen armen Jngling, den du zufllig kennen lerntest,
verliebt httest; ich wrde dich bedauern, aber nicht verdammen, wenn du dieser
Leidenschaft die alte Sitte und Ehre unsres Hauses durch eine Miheirat
aufopfertest, aber so im allgemeinen von den Mnnern, vom Heiraten reden, das
geziemt keinem ehrlichen Mdchen. - Ei, sagte Dolores, und sang lustig:

Will ich mit schnen Knaben reden,
Die neigen sich in Demut gleich,
Und merken nicht, wie gern ich jedem
Den roten Mund zum Kusse reich;
Ach dacht ich oft bei mir so schwer,
Ach wenn ich nur nicht Grfin wr!

Wo hast du denn wieder diese Weisheit gelesen, du wirst dich noch berstudieren;
erzhle nur die alte Geschichte, ich hoffe, sie wird unterhaltender sein. - Wir
mssen ihr krzlich nacherzhlen, teils weil die Geschichte uns erlustigt, teils
weil sie zu den beiden Pflegetchtern in naher Beziehung steht.

                                Viertes Kapitel



                      Hugh Schapler und sein Vetter Simon

Herr Gernier Schapler (Capet), von Geblt und Stamm ein edler rittermiger
Mann, hatte sich nicht geschmt die Tochter eines reichen Metzgers zu Paris,
eine fromme, tugendsame und berschne Jungfrau zu einer ehelichen Gemahlin zu
nehmen. Gott, der ihn reichlich mit Geld und Gut versehen, hat ihm auch einen
jungen Sohn mit dieser seiner Gemahlin beschert, an den er beider Krfte so
wunderbar gewendet, ein Kind von auerordentlicher Strke und adliger Gesinnung
hervor zu bringen. Der Vater starb, noch ehe dieser Sohn geboren, die Mutter
aber in der Geburt. Die Verwandten lieen ihn Hugh (Hugo) taufen, er wuchs in
allen ritterlichen Tugenden auf, es war kein Turnier im Lande, wo er nicht Ehre
eingelegt htte, doch weil er ohne elterliche Zucht geblieben war, so schpfte
er mit dem groen Lffel auf, und weil er viel vertragen konnte, so verschlemmte
er viel. Seine Wirte, Schuster, Schneider, Harnischer, Sporer versahen es sich
am wenigsten, als Hugh gar nichts mehr im Vermgen hatte, sie schlossen immer
noch falsch, wer so viel vertte, msse so viel brig haben, wie noch jetzt
hufig der Fall ist. DOLORES: Auch bei unserm Vater, - es ist doch unrecht, da
er gar nicht fr uns gesorgt hat, warum hat er uns in die Welt gesetzt. ... Als
nun diese Schuldleute kamen, sa Hugo in groem Unmute einige Tage bei sich
verschlossen und a Arme Ritter statt der reichen Braten, bis ihm endlich
einfiel zu seinem Vetter Simon nach Paris zu reiten, der ein reicher Metzger
daselbst und seiner Mutter nchster Blutsverwandter war. Also machte sich Hugh
eines Morgens heimlich auf, ritt nach Paris und da er vor seines Vetters Haus
kam, das mit roten ausgeschnitzten und aufgeblasenen Braten, wie mit einer
kstlichen Tapete behangen war, da wurde er bald erkannt und ihm die Tre
geffnet. Hugh aber wollte nicht also hineinreiten, sondern stieg ab von seinem
Pferde, zog seinen Hut ab und grte seinen Vetter ganz demtiglich, welcher ihn
mit gleicher Demut bewillkommte und sprach: Lieber Herr und Vetter, wie soll
ich das verstehen, da Ihr Euch gegen mich so demtig erzeiget, hab ich Euch
doch all mein Tage nie so schlecht gerstet gesehen; so hat auch Euer Vater Herr
Gernier Euch solchem geringen Stande nie zugefhrt; Ihr wit wohl, wie er oft
mit zwlf gersteten Pferden in meinem Hause zu Herberge gelegen, er hatte auch
stets die auserlesensten Knechte aus ganz Frankreich, deshalb ich mich ber Euch
entsetze und besorge, es gehe Euch nicht nach Eurem Sinne. Darum so kommt in
mein Haus, Euer Pferd soll wohl versorgt werden, habt Ihr dann ein heimlich
Anliegen, dadurch Ihr so betrbt seid, wollet mir solches nicht verhalten; kann
ich Euch dann mit Leib und Gut behlflich sein, so sollt Ihr an mir keinen
Zweifel haben, ich will mich hierin nicht sparen, noch verdrossen sein. -
    DOLORES: Ja wenn unsre Vettern so gedacht htten, und das war doch nur ein
gemeiner Mann; ach Schwester, wenn wir doch den Stadtschlchter zu unserm
Blutsverwandten htten.
    ... Auf dieses freundliche Erbieten ging Hugh mit seinem Vetter Simon in
sein Haus; sein Pferd wurde abgezumt, er zog seinen Harnisch und Rstung ab.
Indem lie sein Vetter Simon ein herrlich Nachtmahl auftragen, frische Wrste in
der Suppe, Rindermark auf gerstetem Brot, Rippenstcke mit Rosinen gefttert,
Brustkern mit Mandeln gefilzt, und seine Hausfrau trat dabei vor, ganz rot, wie
sie eben aus der Kche getreten vom groen Feuer, und sagte auch ihre
Verwunderung, Herrn Hugh in so schlechter Rstung zu finden, wie sie an seinem
Vater nie gewhnt gewesen. Aber Hugh schwieg darauf still und war frhlich, bis
das Nachtmahl geendet und der Tisch aufgehoben worden; da fing Hugh an und
erzhlte seinem Vetter alle seine Handlungen, wie er in den zwei Jahren, seit er
sein Vermgen ohne Vormund verwaltet, Haus gehalten und all sein Hab und Gut
vertan, auch mehr denn zweitausend Kronen schuldig geworden, und weil er von
diesen Schuldnern Tag und Nacht keine Ruhe behalten, sei er auer Landes
gereist, von ihm einen guten Rat zu holen.
    DOLORES: Wo mag jetzt wohl unser Vater sein?
    ... Da nun sein Vetter Simon dies alles mit groer Verwunderung und
Mitleiden vernommen hatte, fing er an mit guten und lieblichen Worten den guten
Hugh zu trsten, sprechend: Lieber Herr und Vetter, dieser Euer Unfall ist mir
von Herzen leid; Ihr solltet Euch aber anders in den Handel geschickt haben und
das Eure nicht also unntz verprat haben; denn gewonnenes Gut, wenn es verloren
geht, ist gar schwerlich wieder zu berkommen; Ihr solltet auch nicht so milde
im Ausgeben gewesen sein, nach den schnen Weibern und bser Gesellschaft mig
gestanden haben, denn jetzund werdet Ihr gewahr, da deren keiner in Eurer Nten
Euch behlflich sei, und knnte er Euer Leben, da Gott vor sei, mit einem Heller
erretten.
    DOLORES: Gibt uns wohl einer der reichen Englnder, oder der fremden
Prinzen, die sich in unserm Hause belustigt, einen Heller?
     ... Zwar hat Euer lieber Vater auch einen groen Stand gefhrt, er hatte
aber dennoch gro Gut und Geld dabei erspart, welches Ihr nun so unntz vertan
habt. - Ob dieser Strafrede Simons begann Hugh einen Verdru zu schpfen, hub
an und sprach: Lieber Vetter Simon, die Predigt will mir zu lange werden, denn
ich bin daran nicht gewohnt, sie tut mir weh im Bauche; wenn ich den Ostertag
eine hr, so hab ich das ganze Jahr daran genug zu verdauen; es bedarf auch
nicht viel Strafens, denn es ist geschehen, so bin ich auch der Predigt wegen
nicht zu Euch gekommen, denn vergebens ist es den Stall erst zu beschlieen,
wenn die Rosse schon heraus sind. Aber das ist meine Bitte an Euch, da ich
durch Euren Rat aus dieser Schande kme. - Der fromme Simon, wiewohl ihn diese
Rede ein wenig verdro, lie sich doch als ein guter Freund merken und sprach
ganz einfltig: Mein herzlieber Vetter Hugh, was ich jetzt in strafweis geredet
habe, meine ich von Herzen gut mit Euch; dieweil Ihr aber meines getreuen guten
Rates, wie Ihr sagt, leben wollt, so sage ich das bei meiner Treue, wenn Ihr mir
folgen wollt, will ich Euch aus aller Gefahr und Nten erretten, auf da noch
ein reicher Mann aus Euch werde. - Auf diese Rede Simons antwortete Hugh:
Lieber Vetter Simon, diesen Rat begehr ich von Grund meines Herzens von Euch zu
hren und wei Euch dafr groen Dank. - Das will ich Euch meiner Treu nicht
verhalten, sprach Simon, denn ich gnne Euch von Herzen alles Gute, mein
lieber Vetter Hugh; darum so wre mein treuer Rat, Ihr bliebet diesen Winter bei
mir, so wollte ich Euch mein Handwerk lehren und Euch Unterweisung geben, wie
Ihr nachmals Eure Hantierung mit Kaufen und Verkaufen anschicken sollet, als mit
Ochsen, Klbern, Schafen und Schweinen, sowohl beim Einkauf, wie beim Msten und
Schlachten; inzwischen mget Ihr eine hbsche reiche Jungfrau, so man sehen
wrde, da Ihr Euch fein in den Handel schicken ttet, zu einem ehelichen Weibe
erwerben, die Euch bei Euren gesunden Gliedmaen wohl lieb gewinnen mte. Dann
mget Ihr zuletzt Hantierung mit allerlei Kaufmannschaft anstellen und treiben;
so ich dann sehen wrde, da Ihr Euch recht und wohl zu solchen Dingen schicket,
wollt ich Euch nach meinem Tode zu einem Erben machen aller meiner Hab und
Gter, da ich keine Kinder oder nhere Anverwandten habe. Ihr drft Euch des
Handwerks nicht schmen, da Eure leibliche Mutter dabei gezogen und geboren
worden. - Hierauf zu antworten, besann sich Hugh nicht lange, sondern sprach
mit lachendem Munde: Freundlicher lieber Vetter Simon, ich bedank mich hchlich
gegen Euch, wegen Eures guten und getreuen Rats, bin aber nicht ganz willens,
demselben nach zu kommen, denn zum Metzigen und Schlachten oder zur
Kaufmannschaft habe ich keine Lust, weil ich gedenke, meines Vaters ritterlicher
Tugend nicht zu vergessen, dieweil ich mich von Jugend auf darin gebt habe, und
will meinen jungen Leib daran setzen. Wie sollt ich allererst jetzt Ochsen und
Schaf schlachten lernen, da ich schon Menschen ritterlich darnieder gestreckt
habe, womit ich manchem Frsten dienen kann. Ja mir wre lieber, ich htte vier
gute Hengste im Stalle, Sperber, Habicht, Falken oder Sprhunde, als tausend
Ochsen; so wre mir auch lieber, ich hrte Trommeln und Pfeifen, Lauten und
Geigen, Tanzen und Singen, denn da ich sollte die Ochsen, Schafe, Schweine,
Klber hren brllen und grunzen. - Auf solche Rede der gute Simon dem Hugh
traurig antwortete: Lieber Vetter Hugh, ich meine es gut mit Euch, wollet Ihr
meinen Rat annehmen, es wird Euch nicht gereuen. Jedoch so wollen wir jetzund
solches bis morgen beruhen lassen, vielleicht so mchtet Ihr Euch dann eines
andern bedenken, wollet jetzund gutes Muts und frhlich sein.
    Also vertrieben sie ihre Zeit, bis man schlafen ging; da ward Hugh herrlich
und wohl gelegt, den seine jetzige Armut im Schlafe nicht strte, vielmehr
schlief er in den halben Tag hinein bis zur Mahlzeit. Simon, sein Vetter aber
lag die ganze Nacht ungeschlafen, denn er ward von seiner Hausfrau recht bel
behandelt, die nichts andres besorgte, denn da Hugh seines Vetters Rat folgen
und bei ihr bleiben wrde; darum sprach sie: Ach lieber Mann, was gedenkst du,
du willst den Jngling zu einem Handwerk verordnen, der alle seine Tage mit
Fressen und Saufen, mit schnen Frauen zu kurzweilen hingebracht; in solchen
Dingen sollte er uns bald um alles bringen, was wir ererbt und erspart haben,
wie er mit seines Vaters Erbe getan hat. Darum ist mein Rat, du gebest ihm
morgen eine ziemliche Zehrung und lassest ihn fahren, auf da du sein ledig
werdest, denn es ist leidlicher, einen kleinen Schaden, als einen groen
verschmerzen. - Darauf antwortete Simon: Liebe Hausfrau sei zufrieden, denn
wahrlich, dieses habe ich bei mir selbst vorhin schon berschlagen, ich besorg,
er folgt meinem Rate und bleibt bei uns, was mir sehr leid wre, ich besorge,
unser beider Gut wrde kein Jahr ausdauern, wenn er in seiner Gewohnheit
fortfhre. - Darber ngstete er sich so sehr, auch kamen allerlei Fliegen, die
sich abwechselnd auf seine Nase setzten und vor seinen Ohren brummten, da es
ihm sehr frh zu tagen schien. Es wurde ihm im Bette so unruhig, er stieg vor
Tage heraus, ging dann nach dem Stalle und ftterte Hughs Pferd, so gut er
konnte, und wartete mit groem Verlangen, wann Hugh aufstehen und ihm Bescheid
geben wrde. Da es nun schier um Mittag war und man den Imbi nehmen wollte,
erwachte Hugh, stand auf, pfiff sich ein lustig Liedchen, sah nach seinem
Pferde, fand auch, da es nach aller Notdurft wohl versehen war, da trat er zu
seinem Vetter Simon in Meinung, ihm dafr zu danken. Da erschrak der gute Simon
so sehr, da er fast in Ohnmacht gefallen wre; denn seine Sorge war immer, Hugh
wrde bei ihm bleiben, woran doch Hugh keinesweges dachte. Aber ehe dieser noch
etwas gesagt, fiel ihm Simon ins Wort und sprach: Lieber Vetter Hugh, da Ihr
mir gestern Abends auf meinen Rat wegen des Handwerks geantwortet, Euer Gemt
stnde zu keinem andern Handwerk, als Frsten zu dienen, so habe ich diese ganze
Nacht nachgedacht; dieweil Ihr dasselbe so lange getrieben, so folget dem nach,
kommt in meine Kammer, ich will Euch eine gute Zehrung mitteilen von wegen Eurer
Mutter, die mir sehr lieb gewesen, und die sich noch im Grabe umdrehen wrde,
wenn sie Eure jetzige Not wte. - Da Hugh das hrte, wehrte er sich nicht
lange, ging behend mit seinem Vetter in die Kammer; da zog Simon einen seidenen
Beutel aus dem Tischkasten und sprach: Nehmet hin, mein lieber Vetter, diese
dreihundert Kronen, verzehret sie von meinetwegen. - Wer aber war frhlicher
als der gute Hugh, der seinem Vetter groen Dank sagte; desgleichen war auch
Simon mit seiner Hausfrau sehr froh, es reute ihnen das Geld nicht, das sie ans
Bein gebunden, da sie des Gastes los wurden. Also sumte sich Hugh nicht lange,
wollte der Mahlzeit nicht warten, wie sehr ihn sein Vetter anflehete, weil er
fr ihn einen groen Rinderbraten an den Spie stecken lassen. Hugh sattelte
sein Pferd, zog Harnisch, Stiefel und Sporen an, dankte Vetter und Hausfrau fr
Geschenk und Herberge, setzte sich auf sein Pferd und ritt auf und davon. Der
Vetter Simon stand noch lange mit der Mtze in der Hand in der Tre, und sah ihm
nach und schttelte mit dem Kopfe, die Frau aber, mit beiden Hnden unter ihren
Rcken, ghnte und fror, und dachte wie ruhig sie die nchste Nacht schlafen
wollte.
    DOLORES: Hr, wenn du so ausfhrlich die Begebenheiten des Ritters vorlesen
willst, da werden wir heute nicht fertig.
    ... Hugh ritt nach Hennegau, weil dort ein groes Turnier gehalten werden
sollte, - nun kommt es gar zu garstig.
    DOLORES: Wir sind ja unter uns und wenn du es weit, so kann ich's auch
wohl wissen, ich bin so gro wie du, ob du gleich zwei Jahre lter bist.
    ... Aller Orten, wo Hugh in den Niederlanden turnierte, gewann er Preise und
- gab sich mit den Mdchen ab - und dann mute er flchten, sich durchschlagen -
zehn Shne sind da von verschiedenen Frauen ihm geboren; er bekmmerte sich um
keine, sondern zog immer weiter auf Abenteuer; das mag noch so adlig sein, recht
ist es nicht.
    DOLORES: Da hast du wohl recht, aber die Kinder werden doch gesagt haben,
es sei besser auf schlechte Art zur Welt kommen als gar nicht.
    ... Nein, gewi nicht. Hugh kam nun mit groen Ehren und vieler Beute nach
Paris zu seinem Vetter zurck, der sich nicht wenig ber seine schnen Pferde
und prchtigen vergoldeten Harnische freute. Hugh stieg ab, erzhlte ihm alle
seine Geschichten, worber sich dessen Hausfrau recht erstaunte und ihn gar sehr
lieb gewann. Als das Herr Simon merkte, rief er aus: Sankt Dionys, Ihr sollt
frder bei mir wohnen, ich will Euch zu lieb einen ehrlich adligen Staat fhren
und halten, denn ich hab mein Vermgen, seit Ihr weg gewesen, ziemlich vermehrt,
so da ich Eure Gter einlsen kann. So habt Ihr auch viel gute Freunde in dem
Lande, die Euch wohl helfen mgen um Eures Vaters willen, da Ihr zu guter
Heirat kommt.
    DOLORES: Den nhme ich schon zum Mann.
     ... Lieber Vetter, sprach Hugh, ich habe Eure Rede wohl vernommen und
danke Euch fast sehr, da Ihr meines Nutzens wegen so getreue Nachgedanken habt,
bin aber noch keinesweges gesinnt zu der Ehe zu greifen, bednkt mir noch immer
viel besser, einander heimlich lieb zu haben, will mein Glck noch erwarten. -
Dem guten Simon war das nicht recht, auch nicht seiner Hausfrau, die gern Hughs
Hochzeit mit einer reichen Base ausgerichtet htte.
    DOLORES: Jetzt erzhle nur recht schnell, mir fllt ein, da ich den Vgeln
kein Futter gegeben.
    ...Ja sieh, der Hugh kam gerade zur rechten Zeit nach Paris, wo die Knigin
von Frankreich von dem Herzoge von Burgund gar sehr mit Kriegesvolk bedrngt
wurde, der sie durchaus heiraten wollte, aber sie mochte ihn nicht leiden. So
tapfer sich nun Hugh auch hielte und die Stadt verteidigte, so wre er doch bald
verloren gewesen, wenn sich nicht die zehn Shne in Brabant, die schon
herangewachsen waren, alle aufgemacht htten nach Paris, als sie von ihres
Vaters Bedrngnissen gehrt hatten. Keiner der Shne wute aber vom andern, und
so lief jeder seine Strae, bis sie endlich nicht weit von Paris alle zusammen
kamen und sich erkannten; da verschworen sie sich mit einander und fielen wie
eine Wetterwolke in das ruhige Lager des Herzogs, das noch im besten Schlafe
lag. Als Hugh diese unerwartete Hlfe wahrgenommen, fiel er mit allen Seinen aus
und sie machten eine groe Niederlage unter den Burgunden und nahmen den Herzog
gefangen. Da erkannte Hugh seine Shne und kte sie als Vater und die Knigin
gab dem Hugh ihre Hand; er war es (Hugo Capet), der das grte aller regierenden
Huser Frankreichs auf den Thron setzte. Sein Vetter Simon verwunderte sich ber
Hughs besonderes Glck nicht wenig, der war auf einmal reicher, als er sein
lebelang mit allem Sparen werden konnte. Vetter Simon lie es sich auch
gefallen, von ihm zu einem Herzoge gemacht zu werden, doch mehr auf Anstiften
seiner Frau, denn nach eigenem Begehren.
    DOLORES: Eine recht schne Geschichte. Hre, Klelie, wenn es unser Vater
heimlich auch so machte, hr, wenn er der Paswan Oglu wre, von dem alle
Zeitungen schreiben und von dem keiner wei, ach, wenn das wahr wre!
    Und bei diesen Worten fielen sie einander mit ser Freundlichkeit in die
Arme und lachten und weinten zugleich und dachten ihres Vaters, und dachten ganz
gewi, der ihnen als Vorbild aller adligen Schnheit und Anstndigkeit
vorschwebte, msse irgendwo ein gleiches Glck sich verdienen, und da verloren
sie sich in mancherlei Trumen, die wir mit einigen Betrachtungen ersetzen
wollen. Wir haben den festen Glauben, da die periodische Not ganzer Vlker, die
unter mancherlei Namen meist unerwartet ber sie einbricht, ganz notwendig sei,
alle eigentmlichen Gesinnungen, Bildungen und Richtungen zu prfen, die sich im
bermute des Glckes entwickelt hatten, die zuflligen, leeren und strenden
Sonderbarkeiten gehen unter, die echte, reine, aus sich selbst lebende
Eigentmlichkeit wird bewhrt, gestrkt und ihrer selbst gewi. Die
Auswanderungen aus Frankreich in den ersten Jahren der Staatsumwlzung zeigten
uns einen groen Teil der gebildetsten Bewohner jenes reichen Landes in diesem
Kampfe mit dem tglichen Bedrfnisse; die mannigfaltige Art, wie sie ihn
bestanden, erregte allgemeine Teilnahme; viele ahndeten auch lange voraus, da
die Zeit in ihrem festen Schritte auch ber Deutschland hingehen und die alten
Verhltnisse, zu Glck und Beruhigung mhsam auferbaut, niedertreten knnte. Wir
sehen hier dieses Bild schon in einer Familie von dem schuldigen auf den
unschuldigen Teil einbrechen; die Schuld des Grafen konnte die Seinen des
berflusses berauben, aber das Notwendige htte ihnen doch nie gefehlt, htte
der Krieg nicht so zerstrend auf der Gegend gelagert. In solcher Zeit der Not
ist wenig davon die Rede, was das Beste fr jeden zu tun sei, ihr entgegen zu
wirken, sondern hier zeigt sich, was jeder nicht lassen kann, und erklrt sich
bei jeder Veranlassung. Mit Sehnsucht brach Dolores auf Veranlassung jener
Geschichte in Klagen aus, da dem Adel die Heiratslust so ganz vergangen
schiene; eine glnzende Heirat sei der hchste Preis einer Frau, alle turnierten
darauf. Nicht alle, sagte Klelia beleidigt, lieber wollte ich bis zu meinem
Lebensende von meiner Hnde Arbeit leben, als eine Heirat suchen. - Die Arbeit
macht dir gemeine Gesinnungen, fuhr Dolores heraus.

                                Fnftes Kapitel



                                   Graf Karl

Da trat der alte Bediente wie gewhnlich in seinem Sonntagsrocke mit derselben
Art zu ihnen ein, wie er in Zeiten des Glcks gekommen war, sie schmeichelten
und rgerten ihn nach alter Art. Aber statt wie gewhnlich von ihrem Vater zu
erzhlen und von dem vielen Weine, den er bei Tische umhergesetzt und
eingeschenkt, wie er dem Herrn den Schlobau einst abgeraten, aber dafr beinahe
aus dem Dienste gejagt worden wre, begann er heute seine Reden ganz anders,
wohlgefllig geheimnisvoll. Erst nach langen Umschweifen von dem Glcke, das oft
unverhofft kme, brachte er vor, da ein junger Graf, wunderlich, halb
soldatisch, halb abenteuerlich wie alle Studenten gekleidet, nicht gro, aber
von recht feinen Zgen, von dunklen Augen und krausem Haar, auf einem Wege, den
sonst jedermann, dem er nicht notwendig, zu vermeiden pflegte, ber alte Felsen
und Schluchten sich dem grflichen Lustgarten angeschlichen und ber der Mauer,
von der die Deckplatten und mancher Stein gestohlen, zu seiner groen
Verwunderung vor dem Palaste zwei schne Mdchen gesehen, die er fr Kniginnen
wegen des edlen Anstandes aller ihrer Bewegungen gehalten, htte nicht ihre
Beschftigung, die Wsche an der Sonne auszubreiten und zum Bleichen zu
begieen, ihn an seiner Meinung und an seiner Anrede gehindert. Der junge Herr
htte sich ihnen mglichst genhert, und hinter einem Haselstrauche versteckt,
so lange zugesehen, als sie damit beschftigt gewesen, und nachher noch bemerkt,
wie sie ihre zahme Dompfaffen aus dem Munde mit etwas Grnem gefttert. Dann
wren sie, mit den Vgeln auf der Hand, ins Haus getreten, und der Herr htte
sich gewnscht nur eine Stunde so ein Vogel zu sein. - Ei, der ist doch nicht
tricht, sagte Dolores ganz trocken. - Nein, sagte der alte Bediente, das
ist so ein alter ehrlicher Wunsch von jedem Liebhaber, er mchte immer etwas
andres sein, als er wirklich ist, um mehr zu gefallen, ich war in meiner Jugend
eben so! - Die Mdchen lachten und der Alte erzhlte weiter, der Graf sei zum
Wirte der drei Weltkugeln gegangen, bei dem er eingekehrt, habe ihm mit groer
Heimlichkeit sein Geschichtchen erzhlt und besonders viel von einer gesprochen,
die ihm so besonders in die Augen gefallen, und die er gern kennen mchte. Die
Mdchen sahen einander an, und Klelia sagte ganz ruhig: Das bist du gewi! -
Nein, Schwester, antwortete Dolores, dich hat er gemeint, du hattest heute
das schne rote Halstuch umgebunden; heimlich aber dachte sie: Gewi bin ich's,
die er aufsucht; ich hielt die Vgel viel fter an meinen Mund, ich bin voller,
meine Zge grer und meine Wangen rter, und meine Augen so viel beredter, als
meine Locken krauser sind, obgleich unsre Haare von gleicher Farbe; auch nennen
mich alle Leute schner. Ihr wurde doch dabei so eiferschtig, als stnde der
junge Mann zweifelnd zwischen ihnen, wie zwischen Tugend und Laster. Der alte
Bediente fuhr darauf fort, wie der schlaue Wirt, der auch noch einige
Anforderungen an das Haus htte, gleich zu ihm geschickt, er mchte doch dem
jungen Herrn, der sich Graf Karl nannte, unter dem Vorwande das schne Haus zu
besehen, zu den schnen Grfinnen bringen, es knne immer was daraus werden, der
Mensch denke, Gott lenke, und dann sei ihnen allen geholfen. - Klelia setzte
diesem Vorschlag viele ernste Bedenklichkeiten entgegen; es sei ihren
Gewohnheiten ganz unangemessen, einem jungen Manne, der allen unbekannt,
mitwissend seiner Absicht also entgegen zu kommen, sie wolle ihn nicht sehen.
Dolores erklrte sich heftig gegen diese Hindernisse ihrer angeregten Eitelkeit,
sie htten so viele Mnner gesehen, was ihnen die Bekanntschaft dieses einen
schaden knnte; wenn er ihnen auch nur etwas Neues erzhlte, so wre das schon
genug; dann fuhr sie auf: Hr, Klelia, wenn du nicht heiraten wolltest, warum
zeigtest du mir wohl neulich den Rand deiner Hand am kleinen Finger, da du eine
Falte dort trgest, wenn die Hand gebogen, also einen Mann bekmest, und sahst
nach meiner Hand, und ich hatte anderthalb Falten; sieh, du hast gerade recht
viele Lust zum Heiraten, darum willst du es nicht eingestehen. - Klelia stand,
erzrnt ber diese Mideutung eines kleinen spielenden Aberglaubens, von ihrem
Stuhle auf und verlie das Zimmer; nichts krnkt tiefer als absichtliche
Mideutung mit dummer Listigkeit vermischt. Der alte Bediente stand dabei wie
ein einfltiger Beichtvater neben einem hher gebildeten Beichtkinde, das sich
Snden anrechnet, die ihm ganz gleichgltig sind; doch gab er der Klelia, weil
sie so trotzig weggegangen, unrecht und eilte dann den Bitten der Dolores zu
folgen, den Besuch nach einer Stunde herbei zu fhren. Whrend sich nun Klelia
auf ihre Kammer zum Gebetbuche gesetzt hatte, des Streites ganz zu vergessen,
ging Dolores rechts und links in groer Eile, aus ihren beiderseitigen Kleidern
einen guten Anzug sich zusammen zu stoppeln, der glnzend wei und reinlich,
aber freilich von mancher berflssigen Naht durchkreuzt war, als diene er gegen
Behexung. Als sie damit fertig war, lauerte sie ungeduldig durch die angelegten
Laden auf jeden, der die Strae herunter schritt, zwischen durch sah sie sich im
Spiegel und sann auf guten Ausdruck des Gesichts und der Rede, und dann gedachte
sie lachend, wie sie oft Frsten und Herzge, die ihr als Kind geschmeichelt,
kaum eines Blicks gewrdigt. Endlich erblickte sie die grne polnische Mtze auf
den dunklen Haaren, die grne leichte Husarenkleidung mit Gamaschen und
Reiseschuhen, die nach dem Vorberichte des Bedienten, den bedeutenden Mann
bezeichnen sollte, der Bediente begleitete ihn; sie wollte ihm wie durch Zufall
auf der Treppe begegnen, damit er ihr elendes Stbchen nicht bemerke.

                                Sechstes Kapitel



                                 Die Studenten

Wir wollen dieses junge Blut, das da so frhlich die Strae herunterschreitet,
ungeachtet vorbedeutend eine schwere dunkle Wolke in den zusammengewachsenen
Augenbraunen seiner stark gehgelten Stirne lastet, uns im allgemeinen bekannt
machen, ehe wir es nher kennen lernen. Da Graf Karl Student sei, haben wir
schon von dem Bedienten erfahren; aber woran erkennen solche Leute gleich den
Musensohn, die nichts von den Musen wissen? Das lt sich schwer erklren. Die
Tracht ist es nicht immer; viele andre Leute machen sie nach, auch ist sie
verschieden in verschiedenen Zeiten; es ist mehr die Art, wie ihnen die Tracht
steht, wie sie um sich schauen und singend ihre Strae wandern. Wer nicht selbst
die frhlichen Zge der Studenten aus dem nrdlichen nach dem sdlichen
Deutschland bis in die Schweiz und weiter zu den schnen Inseln der
italienischen Seen mitgemacht hat, wird doch sicher einmal einer solchen Schar
begegnet sein, die mit der frischen Rte ihrer Wangen und der vollen Hoffnung
ihres Herzens schon da ein seliges Land zu entdecken glauben, wo die Einwohner
sich gleich gut oder gleich schlecht, wie auf der brigen deutschen Erdflche
befinden. Es tut einem so wohl, von andern glcklich gepriesen zu werden um
Gter, die im tglichen Gebrauche ihre Beachtung verloren haben, jeder macht
gern seine beste Laune zum Gegengeschenke, da der unschuldige Bewunderer selten
ahndet, da jedermann berall der Schuh irgendwo drckt, die Grillen irgendwann
ansingen, ja da die luftigste Aussicht von den Bergen den Rauch nicht wegfhren
kann, der immerdar aus der engen Behausung der Menschen sich mhsam zu erheben
sucht und oft ganz auf sie hinuntergedrckt wird. Wie lieb ist die vielwissende
Unwissenheit der lernenden Jahre; auch diese Betrachtung knnte ein Student ber
die Dinge machen, aber im nchsten Augenblicke htte er sie wieder vergessen,
und der Staub auf seinen Schuhen und der Staub der Frchte in ihrer Frische, sie
sind einer Art und bezeichnen, wie neu sie noch in der Welt sind - sie werden
schon lernen in Kutschen zu fahren, viele Meilen an einem Tage, aber die Freude,
wenige Meilen ganz durch eigene Kraft fuwandernd zurckgelegt zu haben, die
kommt ihnen nicht wieder. Wegen dieser Frhlichkeit haben auch die Gastwirte sie
gern, warten auf sie wie auf die Schwalben. Die Studenten finden ihren
schlechtesten Wein noch immer kstlich genug, um bei der Gelegenheit ihrer
Begeisterung, ihren Liedchen, ihren Spen freien Lauf zu gnnen, whrend sie
ihre von allen beschauten Naturschnheiten wunden Fe an dem Tische ermigen.
Selbst die alten Herren, die alle andern Tage mit ihrem bestimmten Schoppen sich
stillschweigend begngten, werden diesmal begehrlicher und fahren mit dem
glatten Weine einmal wieder in das mondbeschienene Unterland, wo auch sie sich
sehnten nach Unerreichtem, jubelten ber ein Nichts und ihre Hte
durchlcherten, als htten sie den Erbfeind vor sich. Wahrlich, soll Deutschland
Soldaten bekommen, so mssen sie unter einander leben wie die Studenten, wenn
sie auch nicht lernen wie sie; frei von allem Zwange, nur der Ehre untertan,
gleich unter einander; sicher wird dann der Geschickteste und Mutigste, wie zum
Senior, so zum Feldherrn sich durchdrngen. - Eine der ersten Welterfahrungen,
die solche wandernden Scharen zu machen Gelegenheit haben, betrifft das
allgemeine Miverhltnis des Geldes zu dem Bedrfnisse; so bleibt mancher
lustige Bruder seine Zeche schuldig, verspricht zu senden, was er doch nicht
hat, die kleine Not ist recht gut, er lernt entbehren; welcher Wirt knnte aber
so hart sein, die Jagdtasche, worin nichts als etwas Wsche, ein Lieblingsbuch
und einige Tagebcher zur angehenden Schriftstellerei, im Ernste
zurckzubehalten; ein kleiner Schreck kann nicht schaden. Gar mancher macht aber
auch andere Erfahrungen auf solchen Zgen und kehrt nicht so frhlich heim, wie
er ausgegangen, er sieht heimschleichend nicht mehr weit vor sich hin, die
Wlder rauschen ihm nicht mehr frhlich, die Singvgel scheinen verschwunden und
die Spitzen der Bume hngen voll Krhen, die sich durch die Nebelwolken
aufschwingen; alles tropft, Bume und Kleider und seine Augen, die immerdar
suchen, wovon er sich immer weiter entfernt. Sein Leid vergrert sich mit jeder
Meile, wie der Strom, an dessen Ufer er herunter schreitet; jetzt trgt er schon
manches schwarze Schiff, manchen Gedanken, den er schwarz auf wei der verlanen
Liebe mitteilen mu. Und dann geht's an die Arbeit fr Amt und Brot, die sonst
nur leichte Gewohnheit gewesen, er mag nicht warten und sie will auch gern unter
die Haube, die er auf der Reise kennen lernte, wie die Leute sich ausdrcken.
Mit Lust erzhlen wir diesen mglichen Fall, wie es mit unserm Grafen Karl
einmal gehen knnte, der auch mit einer Schar Studenten fureisend ausgezogen
war; aber ganz pat es schon darum nicht, weil dem Grafen nicht notwendig war,
wenn er heiraten wollte, sich dem Joche fremder Dienste zu unterziehen. Er besa
ein artiges Vermgen, ungeachtet ihm die vormundschaftliche Verwaltung aus
Klugheit nur sehr wenig fr seine Studienzeit auswarf, die ihn nach ihren
Absichten allein zum wissenschaftlichen Landwirte vorbilden sollte, da die
Verwaltung seiner Landgter seinem Vermgen und seiner Natur angemessener
schien, als Dienste eines Frsten. Er war mit einem Dutzend seiner Landsleute
von der Universitt ausgewandert, aber die Liebhaberei jedes einzelnen hatte sie
zerstreut; einer sammelte Kruter, der andre Steine; sein Vergngen Anhhen zu
besteigen, fhrte ihn durch den beschwerlichen Bergweg an die Hhe des Gartens,
wo er mit der seligen Empfindung des Balboa, wie er zuerst das stille Meer
entdeckte, die beiden schnen Kinder unter sich erblickte: zwei glckliche
Inseln in dem stillen grnen Meere vor ihm. Eigentlich wurde er ihnen beiden im
Augenblick so zugezogen, wie es nur in diesem Alter und in der waglichen
Stimmung eines begeisterten Fureisenden mglich, der, nach einem halben Jahre
in engen Zimmern und dumpfen Hrslen, einmal wieder von Morgen bis Abend unter
dem durchsichtigen blauen Himmelsgewlbe wandelt; doch hielt ihn ein Dornstrauch
an seinem Kleide fest, als er eben ber die Mauer springen wollte. Ahndung und
Liebe erscheinen selten getrennt, und so nahm er es als eine warnende Ermahnung
der Liebe, nicht auf unrechten Wegen in diesen geheiligten Kreis zu dringen, und
begngte sich sie mglich lange und mglich nahe zu beschauen. Der Wirt hatte
seine Begierde die Mdchen kennen zu lernen, durch seinen Bericht von ihrem
Stande, von ihren Schicksalen und ihrer stillen Lebensweise noch vermehrt; er
war kein Adelstor, wie die meisten seines Standes zu jener Zeit, bei denen er
fr einen Revolutionr galt, aber er kannte das Achtbare der Familiengesinnungen
und Familienehre, die sich noch immer in denen Husern fortpflanzen, welche sich
einst den Herrschern gleich geachtet; das Gleiche mit seinen eigenen
Verhltnissen war ihm von guter Vorbedeutung. Es schwebte ein Wunderbild von
weiblicher Sanftheit, Zurckgezogenheit und Freundlichkeit in seinem Kopfe, das
ihm in den beiden Grfinnen zum erstenmal gegenwrtig geworden. -

                               Siebentes Kapitel



               Graf Karls erster Besuch bei den beiden Grfinnen

Erst in der Tre ihres Schlosses fiel es ihm hei ein, da es doch ganz unwrdig
sei, mit der erlogenen Kauflust die Begierde nach der Bekanntschaft der Mdchen
zu bemnteln; aber es lie sich nicht ndern, die Tre war schon hinter ihm
geschlossen, durch die Sulen der Treppe schimmerte schon das rotgestreifte
weie Kleid der Grfin Dolores, ihre Tritte schallten im Gewlbe. Sie trat ihm,
beschmt, da er die Mngel ihres Anzuges entdecken mchte, mit einigen
unverstndlichen Worten entgegen, aber ihr reizender Blick machte seine Worte
noch undeutlicher, es war ein Schimmer in den hellbraunen Augen, der sich nicht
malen lt; und doch kommt viel darauf an, jedes zur rechten Zeit zu sehen, zu
tun; wre ihm Klelia so begegnet, wahrscheinlich htte er sich ihr eben so
bestimmt ergeben, wie er sich jetzt der schneren prchtigen Schwester eigen
fhlte. Der Bediente half beiden, indem er weitluftig von allen
Bequemlichkeiten redete, die der untere Speisesaal verberge; von der
Wasserleitung, worin sonst das Getrnk gekhlt worden, die aber jetzt verstopft
sei. - Die innern Wandverzierungen des Schlosses waren meist architektonisch,
entweder in Stein, oder in Gips. Da der alte Graf viel gute Gemlde besa, so
scheute er sich, sie irgendwo mit Fabrikmalerei gewhnlicher Tapeten zusammen zu
bringen, denn beide verlieren dadurch; das Mechanische jener verwhnt das Auge,
auch in dem Lebendigen der andern etwas der Art zu sehen, und jene wiederum
ben die Art von Geflligkeit ein, die sie in Abwesenheit eigentlicher
Kunstwerke bewahren. Diese Gemlde waren verkauft, eben so Sessel und Tische und
alles, was zu dem eigentlichen Gebrauche der Menschen gehrt, auch hatte wohl
die Kriegsfurie hin und wieder ihre Fackel an den Wnden geputzt, aber grer
und wrdiger sahen offenbar diese edlen architektonischen Verzierungen in dieser
ungehinderten bersicht aus. Der Graf hatte nie etwas so Prchtiges gesehen;
ohne alle Kauflust war er eingetreten, jetzt aber dachte er sich's als das
hchste Glck in den schnen Verhltnissen dieser Zimmer sein Leben zu fhren;
unbemerkt, hoffte er, msse dies alles Widersprechende, Ungleiche in ihm ordnen;
noch gestand er sich nicht, da ihm zur Seite auch solche frische Lebensgttin,
von so schnem Verhltnisse wie Dolores gehen msse, ihm war es, als sei ihre
Schnheit, die Wlbung ihrer Augenbraunen, das schne Verhltnis ihrer Zhne,
woran die edelste Sulenordnung zu erlutern, nur eine Wirkung von der
Herrlichkeit dieses Baues, oder sie selbst sei die Baugttin, so ganz erbaut war
er von ihr, von ihrer Rede, von jeder ihrer Bewegungen. So gingen sie durch die
schnen Geschosse und der Graf mit dem Wunsche, die Aussicht ganz zu kennen,
stieg noch eine Treppe hher in das oberste Gescho, das sonst den Bedienten
bestimmt gewesen, wo aber jetzt die Grfinnen wohnten, und das Dolores mit ihren
Malereien verziert hatte. Sehr ungern folgte sie ihm dahin, sie wute sich aber
durchaus auf keinen Entschuldigungsgrund zu besinnen. Der Graf bewunderte die
ausnehmende Fertigkeit, die schnen sichern Umrisse dieser Bilder, Dolores
gestand, da es ein miges Spiel von ihr sei. Er glaubte nicht, da dies das
Beste sei, was sie in der Art machen knnte, und so ehrte er sie pltzlich als
das hchste Malergenie, das ihm je begegnet, er bewunderte von einer Vorstellung
zur andern und so kam er unbemerkt an das Zimmer der Klelia; er meinte es auch
leer, als er aber jemand darin erblickte, so machte er die Tre mit einer
Entschuldigung schnell zu, ohne sie zu unterscheiden. Gleich wendete er sich zur
Grfin Dolores, die verlegen hinter ihm gestanden, weil ihre Schwester sich
nicht ordentlich angezogen, nachdem sie ihr das Beste vorweg genommen: Wer war
die Dame? - Meine Kammerjungfer, sagte die Grfin und der Bediente brummte
heimlich vor sich, da sie nun sogar ihre Schwester verleugne, nachdem sie
selbige um einen Liebhaber betrogen; er hatte nmlich die Klelia von Jugend auf
viel lieber, auch blieb er hier zurck, um Klelien dahin zu bewegen sich
anzuziehen, so gut es gehe, und in den Garten zu kommen, wohin jetzt die Grfin
am Arme des Grafen eilte. Diese beiden gingen nun vor dem grnen Platze vorbei,
wo der Graf mit einem Seufzer das Leinenzeug vermite, das ihn morgens in der
Sonne geblendet hatte; all der Glanz war zu seiner schnen Fhrerin
bergegangen. Mit manchem Umschweife, ungewi, ob er auch nicht beleidige,
erzhlte er, wie er sie schon am Morgen beobachtet; sie wurde beschmt, da sie
bei so niedrer Arbeit berrascht worden, sie wollte ihm einen Wink geben, da er
schweigen mchte, aber er drckte die Hnde an seinen Mund. So waren sie bis zur
Hhe angestiegen, wo eine Laube von Geiblatt, die sich ber einem Steine
wlbte, der einer Bank ganz hnlich sah, die schnste Stelle schien, die
scheidende Pracht der Sonne und die tausend Liebesblicke zu begren, die sie
dem schnen Tale noch schenkte. Der Graf setzte sich auf den Stein. Nicht
doch, rief die Grfin, wissen Sie denn, worauf Sie sitzen? Der Graf sprang
auf und sah in den Stein Noten und ein Lied eingehauen; vor der Sonne, die er
angeschauet, erschien ihm die Schrift grn wie die Schrift des Frhlings, die
ber der ganzen erstorbnen Erde luft. Mit einiger Beschmung las er laut ab:

Mdchen, fhret dich dein Knabe
In dem letzten Abendscheine
Hier zu meinem stillen Grabe
Und er wagt es nicht alleine,
K ihn einmal mir zu Ehren,
Das sind meine Seelenmessen;
Kann ich euch das Kssen lehren,
Werd ich nimmermehr vergessen.

Neue Melodien kommen
Und verdrngen meine Lieder,
Doch so viel ich hab vernommen,
Kommt das Kssen immer wieder,
Und von diesen Liebesnoten,
Die ich liebend hab erfunden,
Schallen mir noch bei den Toten
Alle Wiederholungsstunden.

Dolores erzhlte nun dem Grafen, da ihr Vater hier einen lustigen tiefsinnigen
Musiker begraben, der lange Zeit sein Freund und Vertrauter gewesen, und den Weg
zu diesem schnen Platze zuerst gefunden und geebnet habe. Der Graf sang mit
seiner angenehmen Stimme die einfache wohlige Melodie dieses Liedes, der letzte
Abendschein schwankte vor seinen trunknen Augen ber der Ebene und sah in die
Tiefen der Berge; er sah ihr so sicher in die Augen und sie konnte sie nicht von
ihm wenden: es war der geflligste Mann, der ihr seit langer Zeit erschienen;
sie sah in ihm den Glanz ihrer Geburt wieder hervorgehen, sie hrte wieder die
rollenden Kutschen vor ihrer Tre, sah in den Fenstern des Schlosses, die vom
Abendhimmel widerschienen, alles wie ehemals von Wachskerzen erleuchtet, in den
Bschen schienen ihr Musikchre versteckt und sie verweigerte ihm nicht den
keuschen Ku, den er auf ihre Lippen drckte. Wir eilen, denn unter einfachen
Verhltnissen gleicht sich alles in der Welt und jeglicher hat hinlnglich
Gefhl in seiner Brust, und wr er noch so arm, um sich lebendiger in solche
Stunde hinein zu denken, als es die Worte ihm vorsagen knnen. Nach diesem Kusse
schien dem Grafen alles, was er noch sagen knnte, so leer und nchtern, da er
mit einem zweiten Kusse von der Errtenden Abschied nahm, und auf und davon ber
Hecken und Mauer ins Gebrge eilte, seines frohen Herzens selbst bewut zu
werden, das ihn so mchtig anregte. Aber statt ganz frhlich zu werden, wurde er
immer wehmtiger und es rief in ihm, bis er es auswendig wute:

Sie gab, was mich verarmet,
Mir scheidend ihren Mund,
Sie hat sich mein erbarmet,
Ach Gott, wem tu ich's kund!
Ich kann's nicht in mir lassen,
Es sprenget meine Brust,
Es kann's die Welt nicht fassen,
Was mir allein bewut.
Wie mir der Abend rtet,
Noch niemand wissen mu;
Ach htt' sie mich gettet
Im ersten, ersten Ku!
Von Schmerzen knnt ich ruhen,
Im Jubel vieles tun,
In schweren Reiseschuhen
Tanz ich so tricht nun!

Wirklich hatte er in sich jubelnd eine glatte Buche umfat, und tanzte um sie
her, weil er niemand fand, mit dem er tanzen konnte, und lachte dann. Allmhlich
sammelte sich der Taumel aller einzelnen Gefhle, die in ihm aufgeregt; endlich
wurde er so gewi in sich, da Liebe und Gegenliebe, zwei Gottheiten, die so
lange getrennt ber den Erdboden einander suchend umherirrten, sich in ihnen
beiden so vollkommen begegnet und begrt htten, da sie wohl nie wieder von
einander lassen wrden in Zeit und Ewigkeit. Als er nach Hause kam, wollte er
noch spt sein Tagebuch schreiben, aber er wute nicht auszudrcken, was ihm
begegnet, schlafen konnte er auch nicht, ob er sich gleich endlich niederlegte,
und so sang er der Nachtigall zu und dem rauschenden Strome, die mit einander
wetteiferten:

Mir ist zu licht zum Schlafen,
Der Tag bricht in die Nacht,
Die Seele ruht im Hafen,
Ich bin so froh verwacht.

Ich hauchte meine Seele
Im ersten Kusse aus,
Was ist's, da ich mich qule,
Ob sie auch fand ein Haus.

Sie hat es wohl gefunden,
Auf ihren Lippen schn,
O welche sel'ge Stunden,
Wie ist mir so geschehn.

Was soll ich nun noch sehen,
Ach alles ist in ihr,
Was fhlen, was erflehen,
Es ward ja alles mir.

Ich habe was zu sinnen,
Ich hab, was mich beglckt,
In allen meinen Sinnen
Bin ich von ihr entzckt.


                                 Achtes Kapitel

                 Graf Karl verlobt sich mit der Grfin Dolores

Am andern Morgen wurde alles fest unter ihnen besprochen, sie verstanden
einander, da sie verlobt wren, und wuten nicht wie; er hatte keinen Ring bei
sich, sonst wre auch diese Frmlichkeit beobachtet worden; von der Universitt
wollte er einen zierlichen Goldring senden, er nahm das Ma an ihrem schnen
Finger mit einem seiner Haare. Klelia trat darauf ein; der Graf fate eine
ungemeine Achtung gegen sie bei ihrem ersten Anblicke: die Hhe ihrer Gestalt
und Stirne, ihr feiner Mund, ihr klares Auge geboten jedem Achtung; sie nahte
sich ihm vertraulich, tadelte zwar die groe Eile in der Verbindung mit ihrer
Schwester, aber so wohlwollend, da beide sie dafr kssen muten. Der Graf, dem
noch von Jugend an eine gewisse allegorische Mythologie anhing, glaubte in ihr
die Freundschaft zu entdecken, wie er in der Schwester die Liebe gefunden; gewi
war es, so wenig sie sich vordrngte, so milde schtzte ihr reicher ernster
Geist die beiden Liebenden gegen den langweiligen berdru, der den
zurckhaltenden Brautstand bei allen uerungen von Glck in manchen Stunden
doch ganz fatal macht. Wir wollen uns nun einige Wochen denken, wie wir sie
entweder selbst erlebt, oder aus dem Berichte glcklicher Seelen, oder aus
Bchern kennen gelernt, von Liebe umwunden, von der wohlwollenden Freundschaft
der guten Klelia belebt, die mit Muttersorgfalt sie beide bewachte und sich an
ihnen erfreute und den Grafen vor allen Mnnern ehrte und bewunderte. Dolores
glaubte, da sie den Grafen liebe, alle ihre Hoffnungen waren ja auf ihn
gesetzt, auch war es unvermeidlich, da er nicht bei nherer Bekanntschaft
gewonnen htte; seine Liebe zu ihr konnte sich nicht mehren und nicht mindern,
es war Liebe, und so brachte er unbemerkt die ganzen Ferien in dem geliebten
Kreise der guten Stadt zu, die ihm sein eigentliches Vaterland zu sein schien;
die ferne Schweiz mit ihren Wasserfllen, Eismeeren, heiligen Freiheitstempeln
und unsterblichen Schlachtfeldern lag ihm auer seiner Welt. Zuweilen warf er es
sich vor, da er die ganzen Tage bei den Mdchen mit Nichtstun zubringe, auch
frchtete er ihnen berflssig zu werden, aber dann baten sie ihn jeden Abend,
da er am Morgen doch ja recht frh wiederkommen mchte; bald wollten sie eine
Stunde auf der Gitarre, bald im Spanischen bei ihm nehmen. Die sorgfltige
Erziehung seiner Mutter hatte alle Fertigkeiten und Kenntnisse der gebildetsten
Stnde in ihm gesammelt; durch das Vergngen dies Erlernte so schnen Wesen
mitzuteilen, erhielt es in ihm selbst eine schnere Gestalt und Anordnung, er
lernte seinen Vorrat kennen und brauchen, er gewann vielleicht eben so viel
durch seine Liebschaft, als andre Studenten durch ihre Liebeleien verlieren.
Klelia gab ihm den Mut ohne Scheu religis zu sein, den er unter bornierten
Bigotten und bei frechen Spttern verloren, er wagte es ohne Scheu seinen
Glauben an Geheimnisse des hheren Lebens und an deren sinnliche Offenbarung zu
bekennen; er wute, da sie ihn verstand und wrdigte, das merkte er aber auch,
da diese Gesinnungen seiner Dolores abschreckend waren. Seine Betrachtung
darber glich diesen Unterschied bald aus, er meinte es die hchste Unschuld,
Gott und die Welt, alles in sich zu fhlen und zu ehren, ohne es von sich zu
trennen - so leicht wei sich ein Liebender von dem zu berreden, was er nicht
anders wissen will. Die Beendigung ihres Bildes, das er immer neu anfing und nie
zu seiner vlligen Befriedigung enden konnte, da sie ihr Gesicht, um noch
schner, noch lebhafter zu erscheinen, ganz unntz bewegte und vernderte, hielt
ihn noch ber seine Ferienzeit in der Stadt zurck; es waren so schne Stunden,
wo er ihr so oft in die Augen sah. Auch sie unternahm es ihn zu zeichnen, aber
die Geduld fehlte ihr, es wurde eine Karikatur. Um ihren Fehler zu verstecken,
hatte sie nmlich allmhlich alles bertrieben; er wunderte sich ber sich
selbst, da er so aussehe in ihren Augen, wir aber mssen bekennen, da wir
jungen Mdchen, die Karikaturen zu zeichnen geneigt sind, einen Hexenproze
machen wrden, es geht nicht mit rechten Dingen zu und ist uns in der innersten
Seele verhat; was kann denn ein Mdchen noch menschlich erhalten, wenn ihr die
menschliche Schnheit nicht einmal heilig ist, die berall selten, nun noch
durch den unauslschlichen Eindruck echter Zerrbilder, bei jeder Wiederbegegnung
des mihandelten Unglcklichen, aus den letzten Schlupfwinkeln immer mehr
verschwindet. Bald trgt er vor unsrer Einbildungskraft wirklich alle die
erschrecklichen Ecken und Verdrehungen - bei Gott, nur ein verzweifelnder
Politiker, der das Wohl des ganzen Staats in Gefahr sieht, darf so frech das
Ebenbild Gottes im einzelnen Menschen verhunzen, als wir solches in England
sehen. Klelia sagte der Dolores das oft, wenn sie ihr so allerlei unschuldige
Leute, die ihr irgendwo begegnet, vorlegte; diese aber meinte, man drfe das
nicht so ernsthaft nehmen und es erkenne doch jeder den Scherz.
    Inzwischen war in der innern Haushaltung des Schlosses einige Vernderung
durch die Freigebigkeit des Grafen hervorgebracht. Er hatte sich, nicht ohne
weitluftige berlegung und Abwgung verschiedener anderer Gelegenheiten die
beiden armen schnen Kinder zu untersttzen, endlich eines Abends mit
niedergeschlagenen Augen an seinen Wirt gewendet - der ihm die erste
Bekanntschaft im Schlosse erworben, ihm auch die drckende Armut dort
beschrieben hatte - und ihm bei unverbrchlicher Verschwiegenheit zwei Dritteile
seines Reisegeldes eingehndigt, sie den Grfinnen als eine heimliche alte
Schuld, die ihr Vater in seinen Bchern einzutragen vergessen, ohne Nennung des
Schuldners zu bermachen. Der Wirt bernahm den Auftrag sehr gern, aber er
schenkte nach seiner Art reinen Wein ein; auch htte es allzu unnatrlich ihm
gelassen, wenn er, der dringendste aller Schuldner, dieses Geld, das offenbar
der Masse anheim fiel, den Kindern berliefert htte. Klelia entschied durchaus,
da sie dies Geld nicht annehmen knnten; es sei erniedrigend, von einem jungen
Manne, der wahrscheinlich selbst keinen berflu groer Reichtmer besitze, eine
so bedeutende Summe anzunehmen, es knne ihn zum Schuldenmachen verleiten;
berhaupt verstimme es das gute Verhltnis, in welchem sie bisher mit ihm
gestanden. Dolores warf ihr einen falschen Hochmut vor, sie mchte denken, wie
sie noch am Morgen in ihrem Bette um eine Untersttzung gebetet, da sie ohne
Schande vor der Welt und vor den Augen ihres Freundes bestehen knnten; das
Fasten msse auch endlich ihrer Gesundheit schaden, das beweise schon die
krampfhafte Ohnmacht, in die sie neulich verfallen; genug, sie nehme das Geld zu
ihrem Besten an, sie wolle als Schwester fr sie sorgen, - und somit nahm sie
den Geldbeutel und der Wirt, der sich eine Freude gedacht hatte, um an die Decke
zu springen, schttelte den Kopf und ging und dachte in sich: mit armer Leute
Hochmut wischt sich der Teufel den Mund.
    Klelia ehrte die gute Absicht in ihrer Schwester, ob ihr gleich die ganze
Sache nicht recht schien; wie sehr verwunderte sie sich aber, als sie bald den
grten Teil der Summe von ihrer Schwester fr allerlei Putz ausgegeben sah. Sie
erinnerte, aber Dolores wurde bse, sie mchte bedenken, da des Grafen Liebe zu
ihr diese Summe ins Haus gefhrt, darum wolle sie auch ihm zur Liebe sie
verwenden; Klelia erinnerte umsonst, so wre es doch besser ihn zu bewirten, ihm
selbst den Aufenthalt in der Stadt weniger kostspielig zu machen, wenn sie es
fr ihn verwenden wolle. Aber Dolores meinte, sie knnten es doch nicht
standesgem einrichten, dazu fehle ihnen Gert und Dienerschaft, und sie lie
sich berhaupt nicht viel einreden, wo sie etwas beschlossen hatte. Sie
schmckte sich und die Zimmer, dann auch die Schwester, schaffte auch mancherlei
Leckereien, denen sie lange hatte entsagen mssen; ihr gewhnliches Leben aber
ging in voriger Krglichkeit fort. Der Graf glaubte seine List glcklich
ausgefhrt, Dolores begrte ihn wie sonst ganz unbefangen, nur Klelie war etwas
verlegen; er dachte in sich: sollte das wohl Stolz sein, nun sie fr einige Zeit
in bessere Umstnde gekommen; wohl hat mich die Mutter oft vor dem Stolze
frommer Menschen gewarnt, ich mu sie selbst bei Gelegenheit davor warnen. Es
sei uns hier vergnnt die Jugend ernstlich gegen Menschen voll bser Erfahrung
zu verwarnen, damit sie selbst Erfahrungen macht, statt sich jede Lebensaussicht
durch gefrbte Glser zu entstellen; frchte jeden, der sich so zum Mittelpunkte
der ganzen Welt macht, da er zu sagen wagt: so sind die Weiber, so sind die
Mnner in Tugenden, in Lastern, weil der kleine Kreis seines Lebens sie ihm
fter so dargestellt hat; die Beobachtung, die in ihm erloschen und
ausgestorben, sieht durch die Fgung seiner Kristallinse, die das Unglck
verknchert hat, die ewig fortstrebende, durch alle Geschlechter sich
fortbildende Welt in Winkel und Abschnitte geteilt; ehre und hre ihn, es wird
dich weiser machen und aufmerksamer, aber beobachte berall erst selbst; denn
dasselbe kommt nie wieder in der Welt, nicht in Tugenden, nicht in Lastern;
jener steht im Traume ber der Welt und ist tief unter ihr und baut sich sein
Grab; du aber, liebe Jugend, sollst wachen und schaffen und dir ein Haus bauen
aus Rosen und es mit Lilien decken, solange dir Rosen und Lilien blhen.

                                Neuntes Kapitel



               Graf Karl in Armut. Rckreise nach der Universitt

Als der Graf bemerkte, da der Putz seiner geliebten Dolores Freude mache, so
fand er diese Liebhaberei am Unbedeutenden so artig mdchenhaft, da er sich
allerhand gute Gelegenheiten ersann, ihr Geschenke der Art zu bermachen; bald
kam eine arme Krmerin, die so etwas zum Verkauf bringen mute zu geringem
Preise, bald hatte er, um sie zu erschrecken, eine Puppe schn ausgeputzt, dann
war es Jahrmarkt. Klelien schenkte er einige Dichterwerke, auch manches Gedicht
von ihm selber, die freilich wie ein allzu heftig schumendes Getrnk den Becher
mehr mit feinem glnzenden Schaume als mit erquickender Flssigkeit fllten,
aber von ihr doch sinniger aufgefat wurden, als von der Schwester, der er sie
viel zu schlecht glaubte. Mit solchen Ausgaben ging das zurckbehaltene Dritteil
seines Reisegeldes unbemerkt ganz auf, so fand er sich eines Tages, als er einen
kleinen Ring fr Dolores erkaufen wollte, ohne Geld; das fiel ihm so schwer aufs
Herz mitten in seinem leichten Taumel, er war so fremd in solchen
Angelegenheiten, da er sich oft in der ersten Verwirrung wnschte, von irgend
einem fallenden Dachziegel erschlagen zu werden. Ohne diese Geldnot wre er
schwerlich aus dem Zauberschlosse gewichen, aber einige reiche Landsleute, die
durchreisend zu seiner Universitt von seinem Umgange mit ein paar armen Mdchen
hrten, verpflichteten ihn, indem sie ihm Geld vorstreckten, einen Sitz in ihrem
Wagen anzunehmen. Wir wollen uns nicht mit der Erzhlung seines Abschiedes den
eignen Schmerz aufrhren, der immer noch unter der Asche von tausend genommenen
Abschieden glimmt; ich schweige von der sinnreichen Art, wie er sein Angedenken
und das Angedenken jeder Stunde mit kleinen Denkmalen im Hause und im Garten zu
befestigen suchte; seiner Dolores war er so gewi, aber der Boden, auf dem er
mit ihr so froh gewandelt, hatte sich belebt, war sein Vertrauter geworden, da
nur wollte er leben, der sollte einst auch seine Asche empfangen. Sonderbar,
sonderbar, wie der Gedanken von Tod sich in ihm, dem frischen blhenden Jngling
so oft den Liebesgedanken beimischte; aber der Gedanke liegt sehr nahe bei dem
hchsten Glcke, das wir zu erschwingen vermgen. Klelia hatte noch so manche
freundschaftliche Aufmerksamkeit und Dolores war liebreicher als je, oft glaubte
er, der Abschied sei unmglich, und da war er schon geschehen und es regnete vor
seinen Augen, er konnte das Haus kaum sehen, vor dem er stand, und nun ist's
vorbei; seh dich noch einmal um, fasse alles recht ins Auge und nun fort. Was
soll ich von seiner Sehnsucht, von der de sagen, die ihn in der rauschenden
jungen Gesellschaft umgab, jeder wollte etwas von der Universitt wissen und er
hatte sie ganz bei den Grfinnen vergessen. berall sah er Beziehungen auf sie,
an jedem Mauerwerk war eine hnlichkeit mit etwas im Schlosse, aber laut mute
er weinen bei einem kleinen Mdchen, das verkleinert ihm ihre hnlichkeit
darstellte, ohne da er eigentlich im ersten Augenblicke erraten konnte, was ihm
bei dem Kinde einfiele; er beschenkte es reichlich nach seines Alters Wnschen.
berall schlugen die Uhren erinnernd, was jetzt in dem gleichfrmigen Gange des
kleinen Haushalts der beiden Mdchen geschehe; berall hingen
Haushaltungskalender, die ihm vorrechneten, da wieder ein Tag ihm verloren;
berall sah er Menschen, die sie nicht kannten, Gegenden, die sie nicht gesehen.
- Zu seiner Zerstreuung lie er sich berall mit den Menschen in Gesprch ein,
einmal mit dem Grtnerburschen eines groen frstlichen Gartens. Der Bursche
lachte ber seinen Obergrtner, der fluchend vorbei lief, und sagte: Der macht
sich jetzt in der heien Sonne ein Geschft, um nicht zu Hause einzutreffen, da
wrde ihm die Frau ein Gesicht machen. - Warum denn, ist sie so bse? fragte
der Graf. - Wie es kommt, meinte der Bursche, jetzt ist der Frst bei ihr;
nicht wahr, Sie merken wohl, was die Glocke geschlagen, unser einer vom Hofe
darf davon nicht viel reden. - Der Graf schimpfte ber die Nichtswrdigkeit des
Obergrtners. Es ist sonst ein braver Mann, sagte der Bursche, aber die Frau
taugt nichts und er liebt sie allzu sehr; schon zweimal ist er in alle Welt
gelaufen, um den Jammer nicht mit anzusehen, er findet berall Brot; aber dann
kommt er immer wieder, und bittet es ihr ab, und kann nicht von ihr lassen; es
ist, als wenn sie ihm was angetan htte. - Die Geschichte durchschauerte den
Grafen so eigen, als liefe der Tod ber sein knftiges Grab: In der nchsten
Station blieb er zurck von seiner jugendlichen Gesellschaft, schrieb an seine
Dolores alles Zrtliche, alles Besorgliche, was er unterwegs gedacht, nur diese
Geschichte verschwieg er, dagegen setzte er einen ernsten Brief mit seines
Namens Unterschrift an den Frsten auf, worin er ihm sein Unrecht grell vormalte
und mit den Worten schlo: Ich habe es gesagt und meine Seele gerettet. - Eine
Stunde, nachdem er beide Briefe auf die Post gegeben und khler nachdachte,
schmte er sich des letzteren an den Frsten gar sehr; er drckte die Augen zu,
wurde rot, mute vor sich lcheln, so oft er an die Verwunderung, an das Spotten
dachte, was vielleicht aus diesem Briefe folge; lange Zeit konnte ihn sogar der
Name des Frsten rot machen, insbesondre wenn er dachte, wie sonderbar sich ein
andrer Mensch dieses Rotwerden deuten knnte. Diese Beschmung, etwas dem
Weltlaufe so Ungefges und wahrscheinlich ganz Unntzes vollbracht zu haben,
zerstreute ihn etwas auf der Fortsetzung seiner Reise; seine Schritte
beschleunigten sich, um der Beschmung zu entgehen, whrend ihn die Liebe bei
jedem zurck hielt. Spt Abends, sehr ermdet kam er nach der Universitt auf
sein kaltes Zimmer zurck; die Aufwrterin war nicht zu Hause, er bekam von
einem neu angekommenen Studenten Licht und fand alles bei sich, wie er es
verlassen, sogar sein Kaffeegert stand noch, wie er davon zur Reisegesellschaft
abgerufen worden; aber in seinem Herzen war es jetzt so warm und drauen so
kalt. Hastig schritt er im Zimmer auf und ab, nahm alles in die Hnde, legte
alles wieder hin; bald wollte er ausgehen, um alte Freunde zu besuchen, um sich
den Lectionscatalogus zu holen, bald wollte er noch einen Brief schreiben; aber
es wurde aus allem nichts, denn aus der Ferne, aus dem nchsten Gasthause,
schallte ihm die reizende Einfrmigkeit einer Tanzmusik; bald glaubte er darin
verstndige Worte zu hren und mute gegen seinen Willen immerfort mit singen:
Ich hab sie, ich halt sie, ich lasse sie nicht. Endlich kam die Magd, freute
sich weitluftig seiner Ankunft, sprach von angekommenen Briefen und brachte aus
ihrem Busen einen hervor, der eben abgegeben worden; der Graf fuhr darauf los,
es war der erste Brief seiner Dolores, auch einer von Klelien; er konnte ihn
nicht gleich lesen. Er fing mit dem letzteren an, dann folgte unter Herzpochen
der erste, der liebste; er konnte bis zum Morgen nicht einschlafen. Alle ihre
gegenseitigen Briefe sind durch einen Zufall, den wir spter erzhlen, verbrannt
worden; sie beschftigten ihn so ernstlich wie Staatsangelegenheiten, und kam
irgendwo Feuer aus, so war immer sein erster Gedanke, wo er die geliebten Briefe
ganz sicher wissen mchte. Diese viel gekten Briefe seiner Dolores stellten
recht lebendig manche kleine Begebenheiten dar, die sich in der Stadt
ereigneten; sie selbst aber hatte immer ein gewisses stolzes Vergngen sich kalt
wie eine Gtterstatue ber der jauchzenden Volksmenge zu denken. Klelia hatte
einige ngstlichkeit in ihren Briefen, sie enthielten manche qulende
Betrachtung ber den eignen Seelenzustand, ihre Strenge vergrerte ihre Fehler;
ihre Freundschaft, da sie der Liebe noch ermangelte, nahm ohne ihr Wissen alle
Ausdrcke feuriger Leidenschaft an. - Der Graf fhlte zuweilen, da sie ihm
beide nicht schrieben, was ihm das Wichtigste, die kleinen Verhltnisse ihres
tglichen Lebens, wohin sie gebeten worden, was sie da gesprochen; lauter Dinge,
die ihm dringend notwendig waren, um jeden Augenblick ihrer mit
Wahrscheinlichkeit bewut zu werden, und so blieb er immer bei den nchsten
Tagen nach seiner Abreise stehen, wo sie zum Prediger der Stadt gehen wollten.
Er selbst merkte nicht, da er eben so wenig treffe, was sie von ihm wissen
wollten; was ihm begegnete, schien ihm ganz unwert so herrlichen Wesen erzhlt
zu werden, auch waren seine sterndrehenden Phantasien, halb in Versen, meist mit
flchtiger Feder so eng geschrieben, da oft keine der Schwestern sie heraus zu
buchstabieren vermochte. Aber jeder seiner Briefe war doch beiden eine Freude;
er aber lebte in beider Briefen, lebte darin so schne selige Stunden, sie waren
ihm die hchste Belohnung fr jede Arbeit, es schien ihm verdienstlich, wie bei
manchen lteren Religionsbchern ausdrcklich gesagt wird, sie oft durchzulesen,
der Briefbote war sein bester Freund, er ahndete sein Kommen. Der Winter verging
ihm langsam und schnell, langsam in der Erwartung, schnell wenn er berlegte,
da schon wieder ein Monat berwunden; lange vorher, ehe der Frhling die Vgel
um die Erde fhrt, sang ihm der Dompfaffe, den ihm Dolores in schner Stunde
geschenkt hatte und den er in seiner polnischen Mtze fortgetragen hatte, die
wunderbare Melodie des Liedes:

Liebend, um geliebt zu werden,
Reis ich um die grne Erde;
Ach wo wird der Blick mich finden,
Der mich bindet,
Und an welchem frommen Herde
Bleib ich, um geliebt zu werden.


                                Zweite Abteilung

                                    Reichtum

                                 Erstes Kapitel

       Geschichte der beiden Grfinnen in der Abwesenheit des Grafen Karl

                           Klelia reist nach Sizilien

Das Schlo und die brigen Lebensverhltnisse unsrer beiden armen Grfinnen
hatten sich whrend dieses Winters durch die Freigebigkeit des Grafen, der ihnen
auf dem bekannten Wege durch den Gastwirt beinahe seinen ganzen Wechsel sendete,
und nur das Notdrftigste fr sich behielt, bedeutend bequemt und verschnert.
Gegen die Bitten der eingezogenen Klelia hatte Dolores ein paar Zimmer des
besten Stockwerkes in Ordnung gebracht, zwar mglichst sparsam mit
altertmlichem Zimmergerte aus dem frstlichen Schlosse, das eben versteigert
wurde, aber doch anstndig genug, um wieder Gste zu empfangen. Sie fhlte seit
den sechs Wochen, deren sie in des Grafen Gesellschaft froh geworden, ein
Bedrfnis der Geselligkeit; sie erneute die alten Bekanntschaften mit den
vornehmen Stadtbewohnern, da fand sie manchen jungen Mann recht schn
angewachsen, dem sie schon als Kind geneigt gewesen; diese mochte sie nicht
vermeiden und ihre Glubiger lieen sich nicht abweisen, und so fanden sich oft
unerwartet die Zimmer ganz voll, sie aber war der schne Mittelpunkt aller
dieser Bemhungen. Klelia war wohl auch schn zu nennen, aber der ganze Ernst
ihrer Erscheinung rckte sie ber die Ansprche des greren Haufens hinaus;
keiner wagte sich ihr mit einer leeren Schmeichelei, oder mit einem bloen
Flickworte der Unterhaltung zu nhern, darum fand sie mancher zu kalt, zu
gescheit und wenig unterhaltend. Dolores stellte gern jede Sonderbarkeit recht
grell aus, sie fhlte sich erleichtert, wo sie dem allgemeinen Sinne fr das
Passende und Gefllige auf eine ungemeine Art getrotzt hatte; die Mnner kannten
ihren Vorteil ber jedes Mdchen der Art, sie mute ihnen viel rgere
Sonderbarkeiten durchgehen lassen; beides war der frommen Klelia verhat, ja sie
wrde die Gesellschaften vielleicht ganz gemieden haben, wenn ihre Gegenwart der
Schwester nicht wohlttig gewesen wre, um die verschiedenartigen Menschen in
Zaum zu halten. Diese verschiedenartigen neuen Eindrcke, welche die
Gesellschaft auf die Grfin Dolores machte, verdrngten den Grafen immer mehr
aus ihren herrschenden Gedanken; ihre Briefe zeigten davon keine Spur, die Feder
fhrte sie unbewut immer wieder in die alte Gegend zurck und dem Grafen war
alles herrlich, was ihn daran erinnerte. Ihr Gefhl schlug berhaupt hell und
laut an nach der Art wie es berhrt wurde, aber der Nachklang dieser Glocke ging
in den nchsten Schlag des Hammers ber und vermischte sich damit; die
Zrtlichkeit, die der Graf in ihr erweckt hatte, berraschte sie jetzt in der
Nhe jedes liebenswrdigen Mannes; nun fhlte sie sich freilich so an ihn
gebunden, da sie dies zu keiner eigentlichen uerung kommen lie; aber junge
Leute in unseren Tagen verstehen sich schon auf Blicke, und also machte sie
ihnen wenigstens falsche Hoffnungen, und des Grafen Bild verschwand allmhlich
so weit, da sie ihre Karikatur aufsuchen mute, um sich seiner zu erinnern.
Eine schne fromme Seele ist wie das Tchlein der heiligen Veronika, auf welchem
das Bild des Geliebten ohne Malerkunst in ewiger Treue abgedrckt bleibt, alles
ist ihr reine Erinnerung von ihm, unverschnert, denn das bedarf er nicht,
unverhlicht, denn das leidet sie nicht; dagegen erscheint eine leichte
Weltseele als ein Spiegel, der freilich alles Nahe, das Schne und Hliche mit
einer Lebendigkeit fat, da es ganz davon aufgenommen scheint, aber nur das
Sichtbare berhrt sie; jenseit eines schmalen Gebrges liegt ihr schon eine
Ferne, die sie nicht verbinden kann, und ber alles Vergangene fhrt auslschend
eine Sndflut her. Wie treu bewahrte Klelia ihre Freundschaft zu dem Grafen,
whrend ihn Dolores tagelang in ihren Umgebungen verga, und wie tricht legte
sich der Graf, der Meinung seiner Mutter eingedenk, da nie bloe Freundschaft
zwischen verschiedenen Geschlechtern gefunden werde, jene uerungen warmer
Freundschaft als eine unselige Liebe aus, die sich selbst nicht verstnde und
die er bekmpfen msse. Diese kalten Briefe wirkten vielleicht mehr als die
uerlichen Vorteile und die Rcksichten auf ihre Gesundheit, sie zur Annahme
eines Vorschlags zu bestimmen, der sie ihrer Schwester und dem Grafen auf
lngere Zeit entri. Eine ihrer Basen, die wrdige Frau eines Schweizer-Obersten
in Sizilien, war von ihrem Manne zu einer schnellen Abreise dahin bestimmt; da
ihre Kinder gestorben, so wnschte er ein paar seiner rmeren Anverwandten sich
zu gewhnen, und in sein Haus zu nehmen, um ihnen den Mitgenu seiner
reichlichen Einnahmen und seines angenehmen Hauses zu schenken, wenn er ihnen
gleich kein bedeutendes Vermgen hinterlassen knne. Sie machte den beiden
Grfinnen den Vorschlag, ihr Glck in jenen entfernten schneren Klimaten zu
versuchen. Wir wissen, was Klelia zu der Annahme dieses Vorschlages bestimmte;
auch die schmerzliche Erinnerung an ihre Eltern und das Unertrgliche von
fremden Wohltaten zu leben, hatten Anteil an dem Entschlusse; wie sehr erstaunte
sie aber, als Dolores ganz rcksichtslos sich auch fr die Mitreise erklrte.
Das Fremdartige des Unternehmens reizte sie, da sie viele, und viele von ihr
sprechen wrden; der blaue Himmel, die Musik, der Karneval, endlich die
Kunstdenkmale, an denen sie ihr Malertalent ausbilden wollte, der ganze
Feststaat, den tausend Beschreibungen um den Namen Italia gelegt haben, das
alles rauschte vor ihr ber, und die vernnftigen Vorstellungen der Schwester,
eine nahe vorteilhafte Heirat mit einem geliebten Manne der bloen Neugierde
nicht aufzuopfern, gengten ihr nicht davon abzustehen; die Obristin mute ihr,
nachdem sie die Umstnde erfahren, den Platz in ihrem Wagen ausdrcklich
versagen. Wir, die wir den Ausgang kennen, wnschen, sie wre dem Winke ihrer
Natur gefolgt, der Natur, die sich in ihrer Sehnsucht und Laune selten
ungestraft widersprechen lt, denn sie allein wei, was sie will, wir aber
wollen, was wir nicht wissen.
    Klelia reiste mit schwerem Herzen aus dem vterlichen Hause, Dolores hatte
ihre Ermahnungen nicht anhren wollen; sie lie ihr ein schriftliches
Vermchtnis, das diese zerstreut und weinend ber ihr Schicksal wohl durchlas,
aber in keiner Hinsicht beachtete. Statt der Erinnerung zu folgen, allen den
Gesellschaften zu entsagen, die ihrem knftigen Leben meist ganz unangemessen,
suchte sie sich vielmehr fr alle entbehrte italienische Luft zu entschdigen.
Die Stadtblle, die sie sonst aus gemeinsamem Stolze wie ihre Schwester
verschmht hatte, wurden ihr ganz notwendig; sie wollte sich eben so in Kleidern
auszeichnen, wie sie durch Schnheit hervor leuchtete, und so verschwendete sie
sehr schnell, was der Graf sich abgespart, und was die Obristin ihr verehrt
hatte. Auch ihre Lust am Reiten kam ihr wieder; sie wute, wie verhat dies dem
Grafen an Frauen war, der darin einen besondern Trotz gegen die ffentliche
Meinung ahndete, die an kleineren Orten Deutschlands gewhnlich hinter den
Reiterinnen herlacht und jeden kleinen Unglcksfall mit Spott wiederholt und
vergrert. Natrlich schrieb sie ihm nichts von dem allen, sie suchte die
einsamen Stunden eines allgemeinen berdrusses auf, wo die Sehnsucht nach seinem
vetraulichern Umgang ihr wiederkehrte, um ihm so schmachtend, so straurend zu
schreiben, wie eine Braut des Himmels; es war das gar keine absichtliche
Verstellung, sie htte aber wahrlich keine andre Zeit dazu finden knnen und in
den Stunden war es ihr Ernst. Eins unterscheidet das reine Gemt und das groe
Talent, die Einheit seines ganzen Daseins, mannigfaltig wie Gottes Welt. Das
kleinliche Gemt ist gleich dem besten Menschenwerke aus widersprechenden
Stcken zusammengesetzt, unter denen manches herrlich sein kann, aber es mu aus
dem Zusammenhange herausgerissen sein, um ganz gewrdigt zu werden.

                                Zweites Kapitel



        Graf Karls Rckkehr zur Grfin Dolores. Mivergngen und Streit

Unserm befreundeten Grafen gaben endlich die Osterferien volle Freiheit zu
seiner Braut hinzuwandern, jeden Tag hatte er bis dahin an seiner Tre
ausgestrichen, alles war voraus eingepackt, geordnet, der Abschied war genommen,
und einsam wie ein Pilger nach heiligen Orten, voll Gedanken fromm und rein, in
denselben alten, an der Sonne verschossenen grnen Husarenkleidern, schritt er
eifrig ber Berg und Tal, ohne Umsehens, schweigend in sich, dem hohen Ziele
seiner Wallfahrt zu. Und wie er sich dem nherte, immer hher schlug ihm sein
Herz, und als er wieder auf dem Felsen sa, wo er sie zuerst belauscht, wie sie
Linnen begossen: weicher kann kein Knig sitzen, der lange vertrieben seinen
Thron fest und unbesetzt wiederfindet. Die Sonne stand ihm im Abendscheine
gerade gegenber, sie blendete ihn und erweckte vor seinen Augen eine Welt von
Blumen, wie es kaum die Morgensonne vermag; endlich konnte er hinuntersehen, wo
ihn das Linnen sonst geblendet; er wischte sich die Augen, so viele springende
Funken erschienen vor ihm. Endlich unterschied er Dolores, wie sie mit
verbundenen Augen zwischen einer Zahl junger Herren und Mdchen ein Haschen
spielte. Was war unschuldiger als dieses Kinderspiel und doch gehrte es nicht
zu ihr, wie er sie gekannt, wie sie sich und ihre Stimmung und ihre Lebensweise
in ihren Briefen dargestellt hatte; sie hatte sich in einen Edelmut und
Heiligkeit verwegen hinein geschrieben, die sie nun jeden Augenblick ableugnen
mute; die Briefe waren kein Schattenri von ihr, sondern eine abgestreifte
glnzende Haut, von der sie sich gern zu gewissen Zeiten befreite, um dann um so
gelenkiger in ihrer eigentlichen Natur sich zu bewegen. Das alles bemerkte der
Graf mit einem tiefen Ingrimm, den er noch nie in sich gesprt; fluchte, als sie
einen jungen Mann erhaschte, der sich lange wehrte, bis sie die Binde sich von
den Augen gerissen und ihn erkannt hatte. Nun kniete der junge Mann vor ihr
nieder und sie verband ihm die Augen und spielte dann so artig mit den Hnden
vor ihm herum, ihn zu prfen, ob er sehen knne, bis er die eine Hand ergriff
und einen Ku darauf drckte; nun sprang der Malm gleichgltig auf und das Spiel
begann in der bekannten Art. Der Graf dachte, wie dankbar er fr solche Gunst
wrde gewesen sein, und da trumte er sich so hinein, da seine Neigung die
Eifersucht bald niedergekmpft hatte. Jetzt wurde sie wieder gefangen und
augenverbunden; er freute sich an ihren zierlichen Bewegungen, und als er sich
an der Mauer mglichst genhert hatte, lief sie einmal wild suchend so schnell
nach der Gegend, da der Luftstrom das feine weie Kleid so dicht anwehete, da
der ganze Umri ihres schnen Wuchses deutlicher, als er ihn je gesehen, ihm
entgegentrat: welche Flle im schnsten Ebenmae! Jetzt hielt er sich nicht
mehr, er sprang ber die Mauer und mischte sich unter die laufende Menge, der es
nicht befremdlich war, noch durch einen Gast vermehrt zu werden.
    Der Graf nahm sich absichtlich so ungeschickt, da Dolores ihn fing; wie war
sie berrascht, als sie heiatmend ihre Binde lftete, ihren Geliebten zu sehen,
aber leider wie verndert. Das rmliche eingezogene strengfleiige Leben hatte
ihm wohl etwas von der Frische genommen, in der er das erstemal erschien, und
die Liebe, die in ihm verschlossen, und die Sonne, in der er selig trumend,
ihrer gedenkend, oft stundenlang gelegen, hatten ihn gebrunt; mehr aber
entstellten ihn in ihren Augen die verschossenen Kleider, die schmutzige Wsche
und vor allem die Vergleichung mit gar vielen schneren, greren Mnnern, die
sie unterdessen kennen gelernt und die ihn zum Teil in der Gesellschaft
neugierig umstanden. Damals in ihrer Einsamkeit war er ihr als der Schnste
erschienen, so hatte sie ihn allen ihren neuen Bekannten beschrieben, damals
hatte sie ihm rcksichtslos, weil niemand sie strte, jede Liebkosung gewhrt,
jetzt wre ihre groe Vertraulichkeit leicht ein Gegenstand bler Nachrede fr
die Mdchen der Gesellschaft geworden; das alles wirkte auf sie, ohne da sie es
einzeln deutlich dachte; so froh sie erst aufjauchzte bei seinem Anblicke, so
folgte gleich eine verwundernde Stille. Der Graf wollte sie kssen, sie kam ihm
etwas mit dem Munde entgegen, dann zog sie ihn wieder zurck; der Ku kam
zustande, aber wie ein Wappenabdruck, wenn das Siegellack schon kalt geworden;
genug, die Wonne, die er in ihrem ersten Grue erwartete, die fand er nicht. Das
machte ihn nachdenkend; statt der tausend Dinge, die sich ihr vorher mitteilen
wollten, fiel ihm jetzt kaum ein unbedeutendes Wort ein zum herzlichen Grue.
Die Lebhaftigkeit der Dolores suchte das auszugleichen, und zu vergten; sie
neckte alle, sie neckte ihn und suchte sich vor ihrem Geliebten in der ganzen
Pracht ihrer neuen geselligen Ausbildung zu entfalten, die bei Mdchen des
Alters hufiger als bei Mnnern in eine Art unbndigen Geschwtzes bergeht. Es
war ein bser Streich, den ihr die Eitelkeit spielte; dem Grafen schien es ein
entsetzliches Geschrei ohne allen Sinn und Geschick, ein dummdreistes Zudecken
der Verlegenheit mit Verlegenheit, unzierlich, leer und absprechend; es schien
ihm, all und jeder fnde darin seine Stelle, nur er nicht mit seiner Gesinnung,
mit seinem Ernst, mit seiner Laune - und nun schmerzte ihn die Abwesenheit der
guten Klelia doppelt, die sicher alle schreiende Farben dieses Bildes in einen
milden Schatten gestellt htte. Gern wre er mit Dolores einige Augenblicke
allein gewesen, aber sie gab keine Gelegenheit dazu; und da die Gste keine Lust
bezeigten, sich seinetwegen zu beurlauben, so entfernte er sich ihretwegen,
indem er eine Ermdung nach langer Reise vorschtzte. Dolores glaubte daran und
merkte nichts von seinem Unmute; sie horchte, was jeder von ihm sagen wrde, und
lobte ihn allen mit vieler Beredsamkeit, bis einer ihr so heimlich schmeichelnd
sagte: Ich wei nicht, ob Sie schner oder gtiger sind, aber das wei ich, Ihr
Geist setzt alles durch, macht die Stummen geistreich; gestehen Sie's nur, Sie
selbst knnen nicht blind sein? - Sie lchelte und die Unterredung war aus, die
Gesellschaft ging aus einander und einer sprach heimgehend zum andern: Schade,
htte das hbsche Mdchen Geld, so brauchte sie den ungeschliffenen Grafen nicht
zu heiraten; lieben kann sie ihn unmglich, ich hab's ihr wohl angemerkt. -
Nun da gibt's gute Zeit fr uns junge Leute, meinte scherzend ein alter
Hagestolz.
    Graf Karl sah die Gesellschaft die Strae herunter bei sich vorber gehen,
er hatte sich eine Wohnung in der Nhe der Grfin gemietet; er wrfelte mit
seinen Gedanken in Gedanken, ihm war es einerlei, ob er etwas oder nichts
geworfen; in dieser Gesinnung sind die folgenden Verse damals von ihm ins
Tagebuch geschrieben:

Da steh ich an meinem Fenster,
Und sehe doch nicht heraus,
Da gehen so viel Gespenster,
Die tauschten mein Liebchen mir aus.
Das sind so geistreiche Mnner,
Die sprachen mit Liebchen so tief,
Bis sie von allem die Kenner,
Was in der Seele noch schlief;

Das haben sie aufgewecket,
Noch eh' es recht wachen konnt,
Und haben sich mit genecket,
Als wenn der Mondschein sich sonnt,
Die Seel ist ihr ausgetauschet,
Sie war mir ja sonst so lieb,
Wo nun ihr Geschrei mir rauschet,
Da mein ich, es werde so trb.

Ich hatte so fromm sie verlassen,
Als trostlos ins Stdtlein ich ging,
Sie tt noch so heimlich da spaen,
Ich mute ihr messen den Ring;
Zwar lang mut im Stdtlein ich warten,
Bis ich ein Ringlein ihr fand,
Der Feinen und der Vielzarten,
Das pate an ihre Hand.

Da bin ich auf Freunde gestoen
Und sagt es doch keinem nicht,
Warum die Trnen mir flossen
Froh ber mein Angesicht,
Und will es auch keinem hier sagen,
Warum ich nun traurig und stumm,
Denn alle Worte versagen,
Wo alles geht so dumm.

Denn wie ich zurckgekommen,
Da saen so viele beim Schmaus,
Die hatte sie aufgenommen,
Mir blieb da kein Pltzchen im Haus.
Da fehlt es an Schssel und Teller,
Zwar gab sie das Beste mir gern,
Doch waren die andern viel schneller,
Es sorgten fr sich nur die Herrn.

Sie hatten sich selber geladen,
Und rhmten sie alle so sehr,
Das mu ihr wahrlich noch schaden,
Da sie so vorlaut wr;
Sie hat den einen geschlagen,
Er wute gar nicht warum,
Den andern auf Hnden getragen,
Ich sa da betreten und stumm.

Da hat mich der eine betrogen,
Gar heimlich um meinen Ring,
Ihn auf ein Bndlein gezogen,
Im Kreise er da ging;
Ich kann wohl beten und singen,
Doch wei ich nicht fr was,
Vor rger mchte ich springen,
Wenn das noch heit ein Spa!

Was steh ich und sinn ber andre,
Und bin nicht recht bei mir,
Viel lieber geh ich und wandre,
Viel tausend Meilen von hier;
Viel tausend Meilen und weiter,
Geh ber und unter im Meer,
Drin steht eine Himmelsleiter,
Ach wer nur im Himmel erst wr.

Kaum hatte er diese Worte geschrieben, so bte die Ermdung ihr Recht; er warf
sich unausgezogen auf den Sessel am offenen Fenster und betrat die ersten Stufen
der Himmelsleiter, auf denen sich der Mensch ohne zu schwindeln erhalten kann.
Frische Jugend, reich an Hoffen, wie der Frhling an blauen Blumen, jeder Morgen
weckt neue fr die abgeblhten am Abend, deren Stelle kaum mehr zu finden,
unzhlige Knospen warten noch ungeduldig auf ihre Entfaltung! Am Morgen, der ihn
aus schnem Traume zum schneren Leben erweckte, war des jungen Mannes Gram von
der Brust, die am offenen Fenster voll Tau hing, bald mit diesem hinweggesonnt;
der Wind trieb das Zimmer voll Blten aus dem Schlogarten her; die Ebene von
den einzelnen Baumreihen der abgeteilten Grten durchschnitten, wo jeder Zweig
ihm altbekannt, hallte vom alten Jubel; er schalt seinen Argwohn, der ihm den
Genu der ersten Freude getrbt hatte, eine Torheit, eine Krankheit, eilte
hinunter, im vorbei rauschenden Flusse sich rein zu baden und aus zu frieren.
Als er so im Flusse gegen den Strom sich zu erhalten strebte, sah er ferne in
dem grflichen Schlosse ein Fenster sich ffnen; es war Dolores, die er wohl
zwischen den Gestruchen durch, aber sie nicht ihn erkennen konnte; wie Tantalus
spannte er die Arme nach ihr aus, und dachte mit seliger Zuversicht: Du siehst
mich nicht, du schnster Apfel der ganzen Flur und meine Hnde knnen dich nicht
erreichen und doch bist du mein, bald mein, und ich bin bei dir; wohl mir, da
ich nicht bin wie die Erle und wie die wilde Rose neben mir, die auch ihre rme
zu dir ausstrecken; ich kann wandeln ber Berg und Tal, durch Luft und Wasser
und bald bin ich bei dir, und du reichst mir die Hand! - Wir wollen nicht
lcheln, da ein Mensch sich einmal freut ein Mensch zu sein, verfluchen es doch
so viele und verleugnen es. - Er zog sich zierlich an, Weste und Pantalons von
rot und wei gestreiftem Sommerzeuge, eine rund geschnitten Jacke von leichtem
grnen Tuche; so trat er in das Zimmer der Grfin, die ihn in einem gegen die
gestrige Pracht allzu sehr vernachlssigten, durchgestoenen Morgenanzuge von
dem fatalen Zeuge, das Sanspeine genannt wird, empfing, doch ganz die alte in
Liebenswrdigkeit und Zutraulichkeit. Mit vieler Laune spottete sie ber einen
groen Teil der Gesellschaft, die ihr nur zur Zerstreuung wegen der Abwesenheit
ihrer Schwester dienen sollte. Der Graf deckte nun ein Paket auf, wonach sie
neugierig geblickt hatte; oben auf lag der Verlobungsring, den er ihr aus der
Nachlassenschaft seiner Mutter verehrte: die zwlf Apostel, jeder mit seinem
Zeichen, bildeten in halberhabener Silberarbeit den Reifen; in ihrem Kreise
glnzte in Golde Christus in einem Strahlenscheine hoch erhaben, in seinen
Hnden Kelch und Brot: alles von sehr schner Arbeit, aber freilich nicht im
neuesten Stile; er bergab ihn ihr als das liebste Geschenk unter allem, was er
je besessen; sie tat zwar ihm zur Liebe, als wenn er ihr lieb sei, doch dachte
sie mit rger daran, da sie ihn in Gesellschaft nicht wrde tragen knnen;
steckte ihn aber an und bewahrte ihn. Dann bergab er ihr eine ganze Reihe der
zierlichsten Nonnenarbeiten, die er in einem Kloster am Wege mit groer Freude
erkauft hatte; es waren teils fein gemalte Heilige auf zerstochenem Papiere, ein
kleines elfenbeinernes Tabernakel, Marienbilder, aus seidenen Lppchen
zusammengesetzt, geweihte Rosenkrnze, eine Menge kindlich zierlicher
kirchlicher Pracht. Auch hierber mute sie sich aus Anstand freuen, sie hatte
aber etwas viel Angenehmeres, allerlei neuen Putz erwartet, auch wute sie
nichts mit diesen artigen Kleinigkeiten anzufangen, zu denen sie weder Andacht
noch Spiellust fhlte; sie konnte sich nicht zufrieden geben ber den gewaltigen
Flei, der auf so was Unntzes verwendet, und schon diese uerung war ihm
unangenehm, der ganz gerecht den Flei hochachtete, der so unbedeutende Stoffe
zu beleben vermocht hatte. Dolores hatte aber whrend des einen Winters
regelmiger Stadtvergngungen sehr viel von der innern Freudigkeit vergessen,
die aus sich selbst und geringen Anlssen schpft; zu einer Klaviermusik htte
sie nicht mehr tanzen knnen; um sie anzuregen, gehrte wenigstens eine
Gesellschaft von zehnen, die alle auf sie achteten, und wenigstens die Gegenwart
eines Menschen, der ihr ganz unbekannt und dessen Aufmerksamkeit sie an sich
ziehen wollte. Wie unglaublich nutzt die tgliche Mittelstufe der Gesellschaft,
die stets sich beachtet, um nicht in Lust oder Schmerz abzuirren, die selbst
berlassene Freude auf; mit Hamlet mchten wir jungen Mdchen, die wir darin
erblicken, zurufen: Geht in ein Nonnenkloster - statt an den Spieltisch zu
gehen. Schon darum reizen uns die Landfrulein, die nur auf wenige Wochen in
die Stadt kommen, weil sie wie die Beurlaubten unter den Soldaten vor den steten
Diensttuern eine groe Munterkeit bewahren, auch gewinnen die meisten Menschen
durch Reisen in sehr verschieden gebildete Lnder blo darum ein gewisses
poetisches Wesen, weil ihnen der Unwert vieler Verhltnisse unwiderlegbar
einleuchtend geworden; ihr eignes Vaterland berrascht sie mit manchem, was sie
sonst bersehen und verachtet. Diese Betrachtungen geben wir als Leichenrede
jener artigen Schelchen, die der Graf zum Geschenke brachte und ein paar Tage
darauf die Heiligen mit Schnurrbrten und Schnpflsterchen schrecklich bemalt
bei Dolores antraf, die von dieser Arbeit ausruhend, sich vor Lachen nicht zu
lassen wute. Ihre Gleichgltigkeit dagegen hatte ihn gekrnkt, aber dieser
Mibrauch war nicht zu ertragen; er zerri alles mit groer Wut und warf es zum
Fenster hinaus, sie lachte immer mehr und schlug scherzend mit dem Rosenkranze
auf ihn. Ich glaube, der Teufel lacht aus dir, sagte er zuletzt, das Schweigen
htte ihm das Herz abgestoen; er flog aus dem Zimmer fort nach Hause, da setzte
er sich nieder und berdachte, was er getan, wie ein Missetter, der bald seine
Strafe erwartet und sich selbst dafr berliefert. Aber die Heiligkeit der
Wahrheit durchzuckte ihn auf einmal, auch sein hchstes Glck wollte er keiner
Lge danken, nicht auf Schmeicheleien sich erborgen; er fhlte sein Recht und
wollte es ihr in einer leichten Allegorie deutlicher machen, und dazu schrieb
und bersandte er ihr die beigefgte kleine Erzhlung:


                               Das Heidenmdchen

Der Sohn des Himmels und der Erde
Sah, aus der Weihnacht Abendrot,
Ein schnes Kind bei einer Herde,
Und keiner da Geschenke bot.

Der Glaube war noch nicht gedrungen
Zu diesen spt erschaffnen Aun,
Denn von den Felsen ganz umschlungen,
Konnt wenig Sonne berschaun.

Doch freut die Kleine sich am Lichte,
Das neu durch Felsenschatten strahlt,
Sie hat so gar ein lieb Gesichte,
Ein edles Blut die Wangen malt.

Sie mu im Lichte zierlich springen,
So glatt und weich schien ihr das Grn,
Und zu dem holden Echo singen;
Der Herr will sie zum Glauben ziehn.

Es sprengt der Herr mit Strahlenzgen
Die Ziegen ihr weit auf den Fels,
Sie klettert sorgsam nach den Ziegen,
Er zeigt den Weg im Blick des Hells.

Hin ber die bemoosten Platten
Sie wagt sich, schaut ein andres Land,
Da will ihr Herz vor Schreck ermatten,
Denn alles scheint vor ihr in Brand.

Da stehen tausend kleine Tische
Mit bunten Lichtern rings besteckt,
Und Brot und Wein steht im Gemische,
Schn Megewand die Tische deckt.

Und statt der Puppen heil'ge Bilder,
Bewohnen dieses Paradies,
Und Kinder ziehen sanft und milder
Und sehn wie dies so herrlich lie.

Das Mdchen sieht's und meint ihr eigen,
Was ihr kein andrer wehren will,
Doch bald sich viele Knaben zeigen,
Die bitten drum in Demut still.

Der eine will ihr Hndchen kssen,
Dem wirft sie pfel ins Gesicht;
Der will sie schn mit Reden gren,
Dem hlt sie in den Mund das Licht.

Doch einer kommt mit Witz zu streiten,
Da nimmt sie alle heil'gen Bild,
Beginnt sie nrrisch umzukleiden,
Verliert sie dann im Spiele wild.

Was so viel tausend Engel sten,
Zerstrt das Kind aus Unverstand,
Worum viel fromme Kinder beten,
Geschenk des Herren ist ihr Tand.

Da kam der Herr zu ihr gegangen,
Als armes Kindlein angetan,
Und tt nach etwas nur verlangen,
Was sie verworfen und vertan.

Da fand sie leer die reichen Tische,
Die Lichter waren fast verbrannt,
Es dampften schon die Buxbaumbsche, -
Noch fand sie was, was sie nicht kannt.

Es war die Rute, die verguldet
Mit leeren Nssen ausgeziert,
Die gibt sie ihm so unverschuldet,
Dem Herren, dem sie nicht gebhrt.

Es nimmt der Herr die goldne Rute
Und zeigt sich, wie er einst erschien,
Gegeielt, da vom roten Blute
Auf Erden rote Rosen blhn.

Sein Haupt hngt schwach, er kann's nicht tragen,
Sein Blick ist jammervoll gesenkt,
Er spricht: So willst auch du mich schlagen,
Die ich so reichlich hab beschenkt!

Was sie verworfen und zertreten,
Sieht sie mit andern Augen an,
Des Herrn Geschenk in den Gerten
Zeigt sich im einfach tiefen Plan.

Im Wein, im Brot sein Angedenken
Und seiner Mutter heilig Bild,
Sie mu den Blick zur Erde senken,
Manch heilig Bild dort auf sie schilt.

Sie schauet rings zu ihren Fen
Sein kunstreich Werk, das sie zertrat,
Zusammen htte bleiben mssen,
Des Spieles Lust, der ernste Rat.

Des Buxbaums Flechtwerk war die Kirche,
Der glatte Fels war der Altar,
Doch de steht nun das Gebrge,
Die Kirche ist verbrannt sogar.

Das Kind will nach den Gaben langen
Und sammeln, was es erst verwarf; -
Da wacht es auf und sieht mit Bangen
Sich ganz verschneiet, kalt und scharf.

Es kommt ein Tag, doch ohne Klarheit,
Die Klte mit Entsetzen spricht:
Was du versumet, ist die Wahrheit,
Was du verspielet, ist das Licht.

Diese allegorische Dichtung wurde der Grfin treulich berliefert, aber sie
verstand kein Wort davon; sie las es von hinten rckwrts, es war ihr
unbegreiflich, denn beinahe hatte sie den Vorfall mit den kleinen
Heiligenbildern ber eine Komdie ganz vergessen, die sie auffhren wollte. Es
ist mit den Dichtungen berhaupt das Eigene, da viele Mdchen wie mit einem
scharfen Striche von dem Verstndnisse gewisser Arten ganz abgesondert sind,
ganz insbesondre von allen, die ihrem Wesen und ihrer Natur zu nahe rcken, um
in ihrer Bedeutung ihnen erfreulich zu werden; Schmeicheleien verstehen sie
dagegen in dem allerbarockesten, unverstndigsten Wortgepolter, und Bosheiten
gegen Bekannte ebenfalls; am meisten scheuen sie sich vor wirklich ernsthaftem
Ernst und scherzhaftem Spa, weil beide durch die oberflchliche Schminke ihres
gewohnten Lebens hindurch brechen. Nach langem Lesen brachte sie endlich heraus,
der Graf halte sich fr unsern Herrn Jesus, weil sie mit dem Kinde bezeichnet
sei; da jede Dichtung etwas fr sich Bestehendes sei, wenn sie auch Beziehungen
auf ein gewisses Ereignis habe, das war ihr nie in den Sinn gekommen. Sie lachte
der ganzen Sache und lie sie auf sich beruhen; sie wartete auf den Grafen, um
sich ber ihn aufzuhalten, er kam nicht, da er keine Antwort erhalten. Sie
wartete mit Ungeduld, zuletzt rgerte sie sich ber ihn; er machte, da sie eine
Gesellschaft versumte, wohin sie mit ihm gehen sollte; zuletzt fielen ihr
allerlei Reden einer sehr fatalen Stadtmamsell ein, die ihr von dem alten Knecht
Ruprecht, der sich nirgend mehr sehen lt, nmlich von der Tyrannei der Mnner
viel erzhlt hatte und wie man sie erziehen msse. Sie empfand bald Mitleiden
mit ihrem eigenen Unglcke, weinte ber ihr Schicksal, das sie einem so harten
Manne verbunden; endlich erschien sie sich selbst als Heldin, sie wolle sich
zeigen in ihrer Strke, sie wolle ihre Nachgiebigkeit unterdrcken, was solle in
der Ehe erst daraus werden, wenn es schon so schwer im Brautstande begonnen.
Also entwickelte sich der hochmtige Eigensinn, das trichte Vertrauen zu sich,
an welchen sie endlich zu Grunde gehen mute. Der Graf war indessen viel
unglcklicher als seine Beleidigerin; oft glaubte er ihr zu viel getan zu haben,
immer wartete er auf eine Nachricht von ihr; langsam schlich ihm der erste Tag
dahin und htte ihn sein Wirt, der ihn fr krank hielt, nicht ungefragt mit
Essen versorgt, er htte gehungert. Den zweiten Tag reifte sein Entschlu, auf
und davon zu ziehen; aber wohin sollte er, es schien ihm die Sonne nur hier,
hier nur konnte er atmen. Der Krieg fiel ihm wohl als Zerstreuung ein, wie so
manchem Unglcklichen, aber er kannte ihn aus der Nhe, was er eigentlich sei,
keine immerwhrende Folge khner Unternehmungen, groer Begebenheiten, mchtiger
Taten, ungeheurer Krfte; das ist ein Traum aus Dichtern, er ist reizend. In
Wahrheit ist aber der Krieg, wie er jetzt gefhrt wird, ein langweiliges Warten
auf etwas, das nie erscheint; denn am Ende ist die Schlacht selbst nur ein
Abwarten, da der andre davon laufen mag, und dieses traurige Warten in der
nchternsten Gesellschaft, in der kleinlichsten Schererei, bei den rohesten
Schandtaten, unter den grten Ekelhaftigkeiten und Krankheiten, wrde es nicht
eine unermeliche Zeit in ihm gelassen haben, seinem Kummer nachzuhngen? Das
ganze Kriegswesen kann nur durch einen unwiderstehlichen Trieb nach Auszeichnung
belebt und geheiligt werden; darum haben wir auch immer bemerkt, da alle, die
ohne Zwang aus einem blo wohlwollenden Triebe sich darin einlieen, unglcklich
und ungeschickt waren; nicht das Schwert soll die Welt belehren, denn wer das
Schwert zieht, der soll durch das Schwert umkommen. Am dritten Tage kam ihm der
Gedanke, wenn er mit Dolores auch nicht glcklich leben knne, so wolle er doch
fr ihr Glck leben; ihre Sehnsucht nach dem Vater entlockte ihr wahrhaft
Trnen; sie hatte ihm erzhlt, da ein Gercht erschollen, er sei in Ostindien;
er beschlo ihn aufzusuchen und zurck zu bringen. Gleich schrieb er die ntigen
Briefe an die Vormnder, deren Verwaltung bald zu Ende lief. Die Briefe waren
noch nicht gesiegelt, als der alte ehemalige Bediente der Grfin mit einem
besorgten Gesichte zu ihm ins Zimmer trat; er grte ihn in ihrem Namen, wozu er
keinen Auftrag hatte, und fragte ihn, ob er krank sei; er sehe wirklich bla
aus, seine Grfin sei seinetwegen in groen Sorgen gewesen; es habe ihr nichts
geschmeckt, sie habe immer geweint. Der Schmerz rollte dem Grafen wie ein
Mhlstein vom Herzen, Trnen der Freude fielen neben Trnen der Verzweiflung auf
seine Hand und sein eigenes Auge, das sie geweint, konnte sie nicht
unterscheiden; ihm war alles vergessen, er gab sich von allem die Schuld, seinem
trichten Ausdeuten einer unbedeutenden Ungeschicklichkeit, - wie konnte er
Vorsicht bewahren, der noch nie eine Erfahrung gemacht, sondern seine Klugheit
meist auf den Erfahrungen anderer gesttzt hatte.

                                Drittes Kapitel



                         Vershnung beider und Hochzeit

Die Briefe waren schnell zerrissen, er eilte die geliebte Dolores wieder zu
begren; er glaubte, sie werde ihm einige Worte der Entschuldigung sagen, aber
sie lchelte, als er eintrat, und sie lchelte so schn, da er ber die schne
Bosheit entzckend htte verzweifeln mgen. Er wollte sich ihr erklren, aber
sie mied die Gelegenheit, sie zog ihn auf ber seine Lust, ein Jesus zu werden,
wie sie es nannte, aber so artig, da er nicht bse werden konnte; ernsthaft
warf sie ihm seinen pltzlichen Unwillen vor, scherzend verzieh sie ihm; er
umfate sie und seufzte, und doch ward ihm dabei so wohl, da er sein Schicksal
dem ihren ergab, und dieser Tag entschied ihre knftige Herrschaft ber sein
besseres Selbst. Ihre eigene Unruhe lhmte seine eigene Ttigkeit, seine eignen
Beschftigungen; sie beschftigte ihn mit ihrem Nichts und seine hhere
Bestimmung, sein Streben nach Reinheit und Vollendung in allem, was er trieb,
ward ihr ein Scherz miger Stunden, und wurde er einmal ernstlich bse, so
brauchte sie nur an eine Reise nach Sizilien vor ihrer Verheiratung zu denken,
um ihn zu besnftigen. Ihr frischer Reiz, ihre unendliche Anmut, selbst in allem
dem, was sie gegen seine Gesinnung tat, vermochten noch jedes aufsteigende
Miverhltnis wie junge Zweige zur Laube zusammen zu beugen, die Vershnung war
immer noch reicher als der Streit, und jede neue Vertraulichkeit weckte noch
immer heftigere Neugierde; aber je strker diese uere Gewalt sie jetzt noch
zusammenhlt, desto mchtiger wird alles aus einander sprengen, wenn sich diese
innere Verschiedenheit erst ganz kennen gelernt. Dolores liebte wirklich manches
in dem Grafen, aber sie konnte keinen Menschen im ganzen lieben mit allen
Eigentmlichkeiten, sich selbst etwa ausgenommen. Er verehrte und pflegte ihre
Besonderkeiten mit solcher Liebe, da er sich hufig berredete, ihre Fehler und
Unarten seien auch verkappte, ihr eigentmliche Trefflichkeiten, er schtzte
Fehler, die sie bei einer freundlichen Vorstellung gern abgelegt htte und die
eigentlich nur von irgendeiner Gesellschafterin angenommen, seit ihr guter Engel
Klelia sie nicht mehr bewachte. So schien sie zuweilen leidenschaftlich zu
spielen, eigentlich nur, um eine leere Stunde zu tten, der Graf aber berredete
sich, nachdem er sie ganz ohne Eitelkeit gegen alle Arme freigebig gefunden,
darin eben zeige sich ihr hherer Charakter, da sie gern ihr Glck versuche;
sie fhle sich dem Schutze der hheren Mchte nher. Oft bte sie bse Nachrede,
blo weil andern das gefiel; er achtete es als eine besondere Strke der
Beobachtung, als eine besondere Reinheit in ihr, die nichts Bses in ihrer Nhe
litte. War er einmal streitig mit ihr, so gedachte er des alten Sprichworts: Was
sich liebt, das neckt sich; kurz, es gibt ein Labyrinth von Gedanken, wie er in
sich alles an ihr als gut und weislich auszulegen bemht war. Mitten in diesen
Kometenbahnen der Liebe rckte das planetarische Jahr zu seinem Ende, das seine
Minderjhrigkeit beschlossen hatte; er verzieh den Vormndern wegen ihres guten
Willens, wo sie ihm geschadet hatten, und bernahm selbst die Verwaltung seiner
Gter. Lange genug von eigenntzigen Verwaltern nach der Strenge des Gesetzes
bewirtschaftet, fanden seine Leute in ihm eine vterliche Untersttzung zu allem
Guten; der Schulen nahm er sich selbst an; von der knftigen Zeit hoffte er
alles, darum wollte er sie selbst unterrichten, wenigstens zuweilen zur Aufsicht
seiner Schullehrer; da ward nicht soviel darauf gesehen, ob die Bursche
schreiben konnten, aber das Andenken deutscher Ehre, heiliger und groer
Menschen, das ward in ihr Herz geschrieben. Nach diesen ersten Einrichtungen, zu
denen auch die Verzierung seines Landschlosses gehrte, kehrte er zu Dolores
zurck, beladen mit einer prachtvollen Aussteuer. Erst war es sein Plan, sie auf
sein altes Stammschlo zu fhren, um dort die Hochzeit zu feiern, aber sie wute
ihn so rhrend an ihr erstes Erkennen zu erinnern, da er von den Summen, die
whrend der Vormundschaft gesammelt worden, ihren vterlichen Palast sich zum
Eigentum kaufte; er bekam ihn wohlfeil von den Schuldnern, obgleich teurer, als
sie ihn jedem andern wrden gelassen haben. Der unerwartete Todesfall eines
reichen Lehnsvetters setzte den Grafen in den Besitz eines groen Vermgens,
indem er seine Gter in angenehmer Nhe, um das Dreifache vermehrte. Schnell
richtete er sich reche artig ein; eine groe Hochzeit weihete das herrliche Haus
zu beider Glcke ein, wie sie hofften, wie ihnen von allen Gsten vorausgesagt
wurde, die in einem artigen Schferspiele die Geschichte des Grafen und der
Grfin, wie er sie oft erzhlt hatte, darstellten. Was sie beide dabei fhlten,
was sie in ihrem Herzen gelobten, was ihnen blieb fr ein Glck, nachdem die
Gesellschaft auseinander gegangen, knnen wir weder ermessen noch beschreiben;
sie waren beide sorgenlos und jung und hatten lange des Tages und der Nacht
geharret.

                                Viertes Kapitel



                    Der Graf und die Grfin reisen aufs Land

                     Der hliche Baron und die tolle Ilse

Der Drang des Grafen zu seiner eigentlichen Ttigkeit, und einige arkadische
Trume der Grfin, auch ihr Wunsch sich den zahlreichen Untertanen recht
prachtvoll und wohlttig zu zeigen, beschleunigten die Abreise der Neuvermhlten
aufs Land nach dem Stammschlosse des Grafen. Ihr Empfang war herzlich froh;
Ehrenpforten und Blumen waren nicht gespart und das Schlo und die Grten, alles
gefiel der Grfin ungemein, weil es ihr alles noch so neu war. Dieses Anknpfen
mit tausend neuen Bekannten schtzte sie wohl einen Monat gegen die Langeweile,
die sie spter doch empfand, nachdem sie in der Art der meisten jungen Frauen
und adligen Mdchen Beschftigungen mit Knsten, wie Malerei, Musik unter groen
Anstalten dazu aufgegeben hatte. Sie nahm an allen Beschftigungen und Freuden
des Landlebens einen spielenden, aber eben darum unerquicklichen Anteil, der ihr
den Drang, das Beschwerliche darin, das Wachen, die Mhe, die bse Witterung
ganz unertrglich machte. Mit den Nachbaren hatte sie sich durch ihre stdtische
Art bald entzweit; sie wollte durchaus spt essen und keinen Tabaksrauch
erdulden; sie sprach ber Dinge scherzend ab, die den Leuten sehr ernsthaft
waren, verachtete anderes, was jenen feierlich verehrungswrdig; sie hatte die
rechte Art nicht, mit diesen starren, eigentmlich im eignen Hause und kleinen
Leben gebildeten Seelen zu sprechen; sie hatte in diesem neuen Kreise kein
Gefhl, wo sie anstie, und wo sie gefiel, und so verschlo sie sich mit
verkehrter Freimtigkeit sehr bald die schwache Quelle der Unterhaltung, welche
sie mit Familien des Landadels, der Pchter und Prediger verbinden konnte. Nur
ein furchtbar von den Pocken zerrissener Nachbar, ein Baron, der frher in
fremden Kriegsdiensten gestanden, hielt es mit seiner allgemeinen Grobheit
vollkommen gegen sie aus; ihre Unterhaltung war ein Austausch von Beleidigungen,
besonders war sein vergebliches Freien ein Lieblingsgegenstand ihres Spottes.
Der Baron scho schon seit vielen Jahren Reiher, um seiner Braut einen recht
vollen Busch zum Kopfschmucke zu berreichen, und lie alle Jahr eine gewisse
Zahl Gnse zur besseren Fllung des Brautbettes einschlachten. Aber der Busch
htte fast schon einen schwachen Kopf niedergedrckt und das Bette erreichte
beinahe den Balken und noch immer hatte er keine willige Schne finden knnen,
so verschrieen war er wie ein Blaubart wegen der Grausamkeit, mit der er seine
erste Frau ohne geistlichen Trost hatte sterben lassen, indem er ihr immer
zugeschworen, sie sei gar nicht krank. Mit gleicher Grausamkeit verfuhr er gegen
seine Bauern, hetzte sie mit Hunden, lie den trgen Mgden Flachs um die Finger
binden und anznden, und schon dadurch war er dem Grafen verhat. Wie nun jede
Unterhaltung, die in ihrem Scherze ber die wohlgezogenen wrdigen Grenzen,
welche die Schicklichkeit der geselligen Freude gesteckt hat, hinaus springt,
leicht berschlagen kann, so erging's auch eines Morgens zwischen dem Baron und
der Grfin; er sagte ihr so harte Worte, nahm so bsen Abschied von ihr, da der
Graf bei seiner Heimkunft sie einsam weinend auf ihrem Ruhebette ausgestreckt
fand. Sie klagte ihm ihr rgernis, und ehe sie ihn noch aufforderte, sie an dem
Baron zu rchen, war ihr Ingrimm schon so gedoppelt zu ihm bergegangen, da er
es kaum ber sich gewinnen konnte, sie auszuhren. Vielhundertmal hatte er
demonstriert, da der Zweikampf, so wie er in Deutschland nur zwischen gewissen
Stnden eingefhrt, eine elende Taschenspielerei mit der Ehre sei, whrend ihn
die zahlreichen Klassen des Volkes fr etwas Schndliches halten; da sei kein
Gottesgericht wie in der ltesten Zeit, keine allgemein geglaubte Ehrenreinigung
dabei und in seinem unbestimmten Verhltnisse zu den Landesgesetzen und Sitten,
die ihn bald gebten, bald verbten, stelle er ein trauriges Zeichen jener
Unbestimmtheit aller Einrichtungen dar, die gerade so wesentliche edelste
hchste Beziehungen im Volk, wie die Ehre, ohne allgemeine durchgefhrte
Gesinnungen willkrlich mihandelten, brauchten und unterdrckten. Das war seine
Betrachtung, aber mit dem Augenblicke der Leidenschaft fate ihn die gewohnte
Gesinnung seines Standes; an dem Baron ist nichts verloren, dachte er noch
obenein; die Bauern werden von einem schlechten Herren befreit, niemand mag ihn
leiden: das waren die jetzigen Betrachtungen, mit denen er seine
Kuchenreiterschen Pistolen in die Halftern steckte, sich auf seinen schwarzen
Hengst schwang und kaum mehr hrte, da ihm die Grfin zurief, er mchte ihrer
gedenken, so werde er ihn nicht verfehlen. Er ritt keine halbe Stunde, da stand
er vor dem Baron und machte ihm mit der Art angenommener Kaltbltigkeit, die in
solchen Verhltnissen geachtet wird, seinen gefhrlichen Antrag. Der Baron war
aber lngst ber dergleichen Verhltnisse hinaus; er lachte den Grafen an: ob er
ihn denn fr wahnsinnig halte, sich auf so etwas einzulassen, da er noch tausend
andern Spa haben knne, und ihm selbst die schimpflichste Abbitte nichts koste.
Wirklich rief er in groer Ruhe seine Schreiber hinein und diktierte einem eine
so beschmende demtige Abbitte, unterschrieb und besiegelte sie, war nachher so
lustig wie vorher, da der Graf, der von dem Mute des Barons manche Proben
wute, die er in fremden Diensten abgelegt hatte, ber eine Natur staunte, die
aus dem ganzen Ehrenkreise seiner Zeit, seines Volkes, ohne groe Begebenheiten,
blo durch sich selbst heraus gerissen worden; mit Schrecken dachte er, da eine
Revolution gerade notwendig solche Menschen an ihrer Spitze tragen msse, und
mancher jugendliche Umwlzungsplan, den er mit dem grenden Moste der Zeit
getrnkt hatte, verschwand vor seinen Augen in dem einen bedeutenden
Augenblicke; nur der Ruchlose fngt eine neue Welt an in sich, das Gute war
ewig; das Bestehende soll gut gedeutet werden, sagt ein tiefer Denker1, dem
folgt Deutschland in seiner Entwickelung. Es wurde ihm so wohl, indem er rasch
fortreitend dieser ruhig fortschreitenden Bildung des geliebten Vaterlandes
gedachte; er sah schon bis zur Htte herunter alles in behaglicher,
selbstndiger Freiheit, da schon das schne Verhltnis im unbedeutendsten Baue,
das Wohlgefllige im rmlichsten Anzuge es dartaten, ein hheres Leben habe sich
bis zu allen uersten Punkten verbreitet; es dringe die Bltezeit hervor, auf
welche die Dichter schon lange vergebens hoffen. Wurde ihm aber recht wohl und
freudig, so schwebte ihm jedesmal unwillkrlich seine Frau vor, die jetzt in
hchster Blte ihrer Schnheit alles erstaunte und bezwang; er pflegte sich dann
ein lautes Glckauf zu rufen. Diesmal spornte er mit lustigem Eifer sein Pferd,
sah mehr nach den Wipfeln der Bume, die ber ihm rauschten und taumelten, als
nach dem Wege, der unter ihm hallte. Er glaubte noch auf dem rechten Fupfade zu
sein, und an der Furt, die er gut kannte, als er seinen Hengst heftig in den
Flu spornte, vor dem er scheute. Kaum war er drin, so merkte er, da dies eine
andre sehr tiefe heftig strudelnde Stelle sei, sein Pferd wollte er nicht
verlassen und konnte es auch nicht, das Wasser hatte ihm die Bgel angedrckt;
es schwamm schlecht und versank immer tiefer. Endlich zeigte sich am Ufer ein
neugieriges schwach wieherndes Pferd; gleich war sein Hengst von neuer Kraft
durchdrungen, arbeitete sich empor und ohne Unterla ans Land, von wo sich das
grasende Pferd im plumpen Umschwenken ungeschickt in des Waldes Dickicht
flchtete. Diese Lebensrettung durch die Zuneigung der beiden Pferde, so
zufllig sie sein mochte, hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht; es tat
ihm so leid dieses Ungeschick des grasenden Pferdes, dessen dumme Flucht es
eines guten Futters beraubte, das er ihm im Schlosse zudachte; er wollte es
dahin treiben, aber es war ihm nicht beizukommen, also drehte er sein Pferd
nicht ohne Widerstand nach seinem Schlosse um, jagte immer schneller je nher,
und als er endlich die Waldhrner seines Jgers hrte und das Tchlein seiner
Frau ihm winkte, da ging es in vollem Laufe in den Torweg und im Schwunge vom
Pferde, mit klirrendem Sporne die Treppen hinauf zu Dolores. - Du lebst und er
ist tot? rief sie ihm entgegen, sehnlich habe ich dich erwartet! - Wir leben
beide, antwortete der Graf lchelnd; wie du vom Tode eines Menschen redest,
und weinst doch ber einen Nietnagel. Er ist tot und nicht tot, wie du es nennen
willst, im bessern Sinne ist er es schon lange; - deine Ehre habe ich in der
Tasche, sieh da, sie ist ganz na geworden, aber nicht verlscht und nicht
zerrieben. - Der Grfin war es eigentlich nicht ganz recht, da ihr Beleidiger
nicht umgekommen: wir werden die Grnde nachher erfahren; doch verbarg sie das
unter Liebkosungen; sie erzhlte dem Grafen so viel Schnes, wie sie den Tag bei
einer Einsiedlerin zugebracht habe. Wo wohnt die? fragte der Graf neugierig.
Die Grfin zeigte weithin nach einer Ecke des Waldes, und erzhlte dann, wie
ihre Kammerjungfer Rosalie sie dahin gefhrt; sie habe ein artig Httchen
gefunden mit Rasen ganz bedeckt, mit zwei kleinen Fenstern und einer Tre
versehen, vor welchem ein verbranntes Mdchen von auffallend nach einer Seite
zusammengezogenen Zgen und listigen Blicken einige Tpfe ausgewaschen, die ihr
zugerufen: Woher du glnzende Schnheit im weien Kleide mit dem schmutzigen
Saume? - Das Mdchen ist wohl toll? fragte der Graf. - Keinesweges,
antwortete Dolores, sie ist ungemein gescheit, aber sie ist zu gescheit, zu
witzig fr Bauersleute; sie hat ber Vater und Mutter und Bruder und Brutigam
so viel Spott ergossen, der aber wahr ist, bis sie endlich von ihren Eltern nach
dem Stadttollhause gebracht worden. Dort kam sie unter stdtische Leute und
redete allen so zu Dank, da sie mit dem Zeugnisse eines vllig gesunden
Verstandes zurckging; aber gleich wie sie wieder zu ihrem Vater kam, redete sie
so bse Worte darber, da er seinen einen Strumpf verkehrt angezogen, da weder
er noch irgend einer im Dorfe sie aufnehmen wollte. Sie ging trotzig aus dem
Dorfe, wie sie sagte, weil die Dummheit sich immer so breit setze, da fr die
Klugheit kein Platz brig sei. Ihr Brutigam, der vergebens getrachtet hatte,
sie bei seinen Verwandten unterzubringen, ward traurig ber dieses Ereignis und
bot ihr sein Haus an, sie sollte drin schon jetzt als seine Frau schalten und
walten. Sie aber fragte ihn kalt: Da soll ich wohl kochen und backen und brauen
fr alle; Sommers auf dem Felde arbeiten, Winters spinnen, mit Schmerzen Kinder
gebren und die kleinen schmutzigen Tiere sugen und waschen und wickeln? Ich
bin Euch recht gut, aber daraus wird nichts; ich will eine Jungfer bleiben und
mir mit Botenlaufen meinen Unterhalt verdienen, da hr ich alle Tage was Neues
und brauch keinem Rechenschaft abzulegen. Da hat ihr der Brutigam mit Trnen
die Htte gebaut und ist mit Trnen von ihr geschieden. - Abscheulich, rief
der Graf, die mu eine Hexe werden, die ist es schon. - Ei nicht doch, sagte
die Grfin, du sollst sie gleich sehen, sie sieht nicht hlich aus, hat klare
Augen und, lieber Mann, ich habe sie zu meiner zweiten Kammerjungfer gemacht; du
mut sie schon ertragen lernen. - Liebes Kind, antwortete der Graf, du
weit, dein Wille ist der meine; aber gedenk daran, da es eine schlechte
Aufmunterung fr brave Mdchen ist, wenn so ein freches verwogenes Weibsbild ihr
Glck macht; nirgend mu das Geld mit mehrerer Schonung und Billigkeit wieder
verteilt werden, als da, wo es im mhsamen Gewerbe gewonnen wird; manche
Verschwendung ist uns in der Stadt erlaubt, wo keiner wei, mit welcher
Anstrengung es zu kleinen Hauszinsen gesammelt worden, und es fllt doch den
armen Leuten auf, zwei Mdchen bei dir mig zu sehen, die nur eines bei meiner
Mutter gewohnt waren, aber wie viel mehr, so ein nichtsnutziges Mdchen in dem
Staate zu sehen, nach welchem die Besten umsonst trachten. - Die Frau
schmeichelte und der Mann schwieg. Wie du nun bist, sagte sie, da habe ich
den ganzen Tag allein gesessen, du lt mich ganz allein, und habe in Angst
geschauet aus dem Fenster, ob du kmest; habe dazwischen vor dem Spiegel mit mir
getanzt, bis es dunkel wurde, und du gnnst mir nicht die kleine Unterhaltung
mit dem wunderlichen Mdchen, mit der Ilse. - Ach ist das die Ilse, sagte der
Graf, mit der habe ich oft auch Spa gehabt, sie hatte schon als Kind eine
unverschmte Art zu antworten. Wenn sie dir gefllt, behalt sie; mir mu sie
aber aus dem Wege gehen, das sage ihr. - So endete sich das Gesprch, in
welchem der Graf tausend neue Beweise von der Liebe und Ergebenheit seiner Frau
zu entdecken meinte; die Wahrheit ist, da dieses verschmitzte Mdchen, die
tolle Ilse, die Grfin mit ihrem Geschwtze ganz umstrickt hatte; sie
schmeichelte ihr so geschickt, kniete vor ihr, betete sie an, er zhlte so viele
fatale Geschichten aus der Gegend von heimlichen Liebeshndeln und Abenteuern,
da dieser Tag der vergngteste gewesen, den die Grfin auf dem Lande zugebracht
hatte; der Graf und sein Zweikampf war ihr dabei fast entfallen, als ihr Ilse
sagte, da er ber das Feld jage, und sie ihm entgegen winkte. Der Graf stand am
nchsten Morgen frh auf, und noch voll von den Gefhlen des vorigen Tages,
dachte er sich ganz in die Stimmung seiner Frau; da sa er still lchelnd und
redete vor sich, wie sie gestern in seiner Abwesenheit wohl htte trumen
knnen. Es ist so s sich etwas Liebes und Freundliches aus der Seele eines
andern zu denken, dem wir ergeben; wir versichern uns seiner in uns, und so
dachte er, wie sie in allen schnen Nachgedanken ber Augenblicke, die ihm wert,
nach seiner Art in trumender Unterhaltung sich befunden; wie sie pltzlich
erfreut, in der Meinung er komme, den Zusammenhang des Gedankens vergesse und
nicht wieder auf die Vorstellung kommen knne, die sie so innerlich erfllt
hatte, und wie sie da so sehnlich ausrufe:


                                  Sie zu Hause

Was fllte mein trumendes Herze?
Vergessener Schein!
Schwer trifft sich ein liebendes Herze
So ledig allein.

Die Schatten sind niedergezogen,
Ich ahndet es nicht,
Die schnen Geschichten verflogen,
Mein Wundergesicht.

Wie Abend die Seen erreget
Mit frhlichem Hauch,
So nur ein Gedanke beweget,
Bewegte mich auch.

Ich sinne und suche und springe
So hin und zurck,
Und locke zum Kfig ihn, singe,
Blick einmal zurck.

Nicht mehr in dem Spiegel ich sehe
Mein lieblich Gestalt
Und wende mich abwrts und flhe
Gern tief in den Wald.

Wie wird's ach im Walde so helle,
Am Himmel, am Himmel so klar,
Es kehret zurck der Geselle,
Und alles und alles wird wahr.

Er nach Hause eilend sang darauf, als spornte er in die Gitarre mit raschen
Griffen:

Mein Auge treu,
Mein Ohr so wach,
Die Liebe neu
Vieltausendfach.
Was siehst du fern,
Was siehst du gern?
Auf Wldern hoch
Das weie Schlo,
Und rascher flog
Mein schwarzes Ro,
Die Brust, so hei,
Beschumt sich wei.

Mein Auge treu,
Mein Ohr so wach,
Die Liebe neu
Vieltausendfach.
Was hrst du fern,
Was ist dein Stern?
Das Tchlein winkt,
Das Waldhorn schallt.
Die Sonne sinkt,
Mein Herz hoch wallt;
Das Tor weit auf
Durchhallt im Lauf.


                                Fnftes Kapitel

            Kommerzienrat Nudelhuber und der Prinzenhofmeister Kirre

Der Graf musizierte die Lieder, und als er sie ganz in der Kehle und Hand hatte,
ging er nach dem Schlafzimmer, seine Frau damit zu erwecken. Verwundert hrte er
da eine Unterredung mit einem Manne; an der Stimme, die schnarrend und laut,
erkannte er den Baron. Er trat hinein und sah, da seine Frau am Fenster stand,
ganz wie sie aus dem Bette gesprungen; der Wind spielte mit ihrem Hemdlein und
zitterte in ihrem leichten Nachthubchen; als sie den Grafen bemerkte, winkte
sie ihm nher zu treten; er sah aus dem Fenster den hlichen Baron in einem
Armensnderhemde mit unbedecktem Haupte, wie Kaiser Heinrich vor dem Papste und
dessen Geliebten, doch fehlte hier der Schnee. Wie knnen Sie sich
unterstehen, rief der Graf, wieder mein Haus zu betreten? - Darum bin ich
auch auf dem Hofe geblieben, antwortete der Baron. - Ein ganz unerwarteter
Einfall, der einem Zorne begegnet, setzt oft in Verlegenheit, nimmt die
Besonnenheit, gut darauf zu antworten, aber der Zorn gestattet nicht das
Schweigen, und so antwortet man leicht das Dummste. Ich habe keinen Hof,
antwortete der Graf, und htte ich einen, so wren Sie der letzte, den ich
darauf anstellte. - Kaltbltig erwiderte der Baron: Wenn Sie keinen Hof haben,
so ist dies auch nicht Ihr Hof, worauf ich stehe, und Sie knnen mich also nicht
verweisen. - Die Grfin legte sich ins Mittel, kte ihren Mann und sagte, der
Baron htte ihr demtige Abbitte getan, er wolle sich ganz bessern, nur mchten
sie ihn nicht aus ihrer Gesellschaft verstoen. - Wenn es meine Frau wnscht,
sagte der Graf, so kommen Sie herauf, mir sind Sie nicht hinderlicher, als
viele andre Menschen, erst aber ziehen Sie sich anstndig an. - Der Baron lie
sein Hemde fallen und stand da in gewhnlicher Kleidung und sagte: Ich komme
gleich, zieht Euch nur erst ruhig an; ich habe noch ein paar Bekannte zu Euch
geladen, die werden Euch sehr wohl gefallen; es sind gerade Menschen wie ich,
etwas geradezu, aber ehrlich und knnen lustige Historien erzhlen; ich will
heut alles wieder gut machen. - Das schwr ich Euch, rief noch der Graf,
fhrt Ihr Euch heute nicht ganz gut auf, so endet es nicht gut. - Die Grfin
freute sich auf die neue Unterhaltung.
    Nach zwei Stunden kam der hliche Baron mit seinen beiden Freunden, so
beliebte er sie wenigstens zu nennen; der eine, ein knochiger alter Mann mit
dickem, zwischen den Schultern eingezogenen Kopfe, hatte die dauerhafteste
Kleidung an seinem Krper hngen: streifig geschnittenen grnen Plsch zu Rock
und Weste, schwarzen Plsch zu Hosen, Stiefelmanschetten und Schmierstiefel;
sein Gesicht war ein Ausdruck plumper Spahaftigkeit. Der andre sah durchaus
bedenklich ber seine lange schmale Nase; ein altes hofmiges Kleid, ein
schlechter sthlerner Degen, Schuhe mit groen Schnallen, ein Haarbeutel,
zeigten den frheren Bewohner einer groen Stadt. Der Baron stellte jenen als
den Kommerzienrat Nudelhuber, berhmten Maler und Bilderhndler aus der Schweiz,
diesen als den Prinzenhofmeister Kirre vor; jener war gleich vertraut, griff
nach den Hnden zum Kssen, machte es sich bequem; dieser belchelte sehr fein
seine Ungeschicklichkeit, wollte ihn auch verspotten, wovon aber jener so wenig
merkte als ein groer Metzgerhund, wenn ein kleiner Bologneser mit ihm spielen
will; ganz zufllig kniff er dagegen den Prinzenhofmeister ganz jmmerlich mit
plumpen Einfllen ber seinen leichten Anzug. - Der Baron fragte die Grfin, als
die Unterhaltung beim Frhstcke etwas stockte: Nun, wie gefallen Ihnen meine
Freunde, sind es nicht gerade solche Lumpenkerls wie ich? Gleich mssen sie aber
auch ihre Kunststcke machen; hrt, sprach er zu den beiden, damit sie hier
wissen, was an euch, erzhlt einmal die Geschichten, wo ich so lachen mute - ja
nicht Eure ganze Lebensgeschichte, da knnt ihr nie ein Ende finden. Fang du an,
Prinzenhofmeister, la alle deine feinen Hofgeschichten weg, wie du jedem
scharfe Antworten gegeben; wir wollen nichts wissen, als die unglckliche
Affre, wie der Erbprinz dir abhanden gekommen. - Welcher Erbprinz? fragte
die Grfin. - Euer ehemaliger gndiger Herr, antwortete der Baron. - Die
Grfin sagte: Daran nehme ich Anteil, er ist mir aus frheren Jahren noch sehr
wert; fast mchte ich sagen, wir waren in einander verliebt, so wie Kinder es
sind.

                                Sechstes Kapitel



                             Der verlorene Erbprinz

Hierauf begann der Prinzenhofmeister mit verschrnkten Beinen ruhig sitzend
seine wohlberlegte Erzhlung.
    Da ich nach dem freundschaftlichen Wunsche des lieben Barons von allen
frhern Ereignissen schweigen soll, die meiner Fhrung des mir anvertrauten
jungen hoffnungsvollen Erbprinzen alle Ehre machten, und blo von dem
schmerzlichen Tage reden mu, der alle meine guten Lehren vernichtete, so kann
ich es mir zur Genugtuung wenigstens nicht versagen, die Grundstze zu
entwickeln, denen ich in der Erziehung gefolgt bin, und denen ich auch auf der
Reise treu geblieben, welche die Erziehung des Prinzen beendigen sollte.
    Nicht so breit und steif, sagte der Baron, reden Sie wie gewhnlich,
sonst werden Sie nimmermehr fertig; kurz will ich erzhlen, Sie reisten mit dem
Erbprinzen nach Hause und auf einem Seitenwege kamen Sie an einen See ...
    DER PRINZENHOFMEISTER: Sehr gut gesagt. Ich ritt mit meinem Erbprinzen ganz
allein durch einen tiefen Hohlweg; die Baumwurzeln hingen ber uns in der Luft,
der Weg war frisch aufgerissen, der Boden noch na, aber der Regensturz hatte
sich in einem Bache verlaufen, der uns an das Ufer eines groen Sees brachte,
das so weit man sehen konnte nichts als Wacholderbeerstruche hervorbrachte. Wir
fanden ein kleines Haus und dabei eine Fhre; der Fhrmann, der aus dem Hause
trat, fragte uns, ob wir nach der Festung bersetzen wollten, die wir jetzt wie
eine Perle auf einem groen blauen Trkis in der Mitte des Sees liegen sahen.
Wir nahmen das Erbieten mit Vergngen an; wir bemerkten wohl, da wir auf unserm
Ritt durch die vielen kleinen Frstentmer, in das Gebiet eines gewissen Grafen
geraten, dessen Sonderbarkeiten damals allgemein beredet wurden. So war auch
diese Festung lange der allgemeinen Unterhaltung preis gegeben; sie ist ein
kostbares Werk, auf einer, durch eingesenkte Steinmassen an einer flachen Stelle
in der Mitte des Sees regelmig erbaueten, eckigen Insel, von gehauenen Steinen
nach den strengsten Regeln der Kunst befestigt; Bomben vom Ufer konnten fast
nicht bis zu ihr hin und selbst dagegen war sie sehr ordentlich kasemattiert.
Der Fhrmann erzhlte uns auf dem Wege, da die Besatzung aus einer Kompanie der
ltesten Invaliden bestehe, da aber diesen bejahrten alten Mnnern das Wachen
unmglich geworden, seien die verrufensten Lustdirnen der Stadt aufgegriffen, in
rote Husarenmontur gesteckt und nach der Festung zur Besserung geschickt worden,
wo sie exerziert mit den Invaliden abwechselnd den Dienst tten. Um ihr
Entlaufen zu hindern, seien alle Fahrzeuge, diese eine Fhre ausgenommen,
versenkt; aus Mangel an Liebhabern wren die meisten zu guten Tchtern geworden
und liebkosten die alten Mnner, wie Loth von seinen Tchtern geliebkost worden.
Wir waren auf diese Garnison ungemein neugierig. Bei unsrer Ankunft, nach
mehreren Signalen des Fhrmanns, wurde das Tor geffnet, wo uns die Kuriosa, die
Rittmeisterin dieser unberittenen Husarinnen, mit dem schnsten militrischen
Anstande nach Namen und Charakter fragte; ihres Feuers Flle glhte in ihren
vorstechenden schwarzen Augen. Herr Kamerad, sagte sie zum Erbprinzen, der
Uniform trug, nichts Neues vom Kriege; wenn uns der Teufel nur einmal von dem
verfluchten Gamaschendienste frei machen wollte, meinetwegen mchte er mich
holen. - Ich war allzusehr in Erstaunen, auch etwas ermdet, um den Eindruck zu
bemerken, den die Rittmeisterin auf den Erbprinzen gemacht hatte; leider lernte
ich diesen erst aus der Wirkung kennen, als es zu spt war. Wie erstaunte ich,
als am Morgen der Erbprinz, die Rittmeisterin und die Fhre vermit wurden und
der Kommandant der Festung mit sehr groben Schimpfreden mir erzhlte, der
Erbprinz msse den Fhrmann mit Gelde gewonnen haben, ihn und die Rittmeisterin
ohne seine Erlaubnis berzusetzen; sie hatte in der Nacht die Torwache und so
wurde ihr diese Khnheit erleichtert. Erst spter habe ich erfahren, da der
Fhrmann, nachdem er die Fhre versenkt, mit beiden nach Frankreich geflchtet
ist, wo mein lieber Prinz noch jetzt mit tausend anderm liederlichen Gesindel
ganz unbemerkt hauset. Ich weine eine Trne seinem Schicksale; ich bin dadurch
um meine Versorgung gekommen, bin landesflchtig geworden, doch in den nchsten
Tagen drngte mich damals noch nhere Not. Erst wurden dem Fhrmann alle Signale
gemacht, bis man sich berzeugte, seine Htte sei ganz leer; da verwandelten
sich diese Signale in Notschsse, welche die Hirten in der den Gegend fr
Freudenschsse hielten wegen irgend einer Feierlichkeit. Nun lernten wir erst
unsre Not kennen, daran der Prinz bei seiner unbesonnenen Flucht wahrscheinlich
ganz und gar nicht gedacht hatte; die Festung hatte sonst monatlich nach der
nchsten Stadt gesendet, um ihre Vorrte zu empfangen; der Monat war im
Ablaufen. Wir hatten, trotz der kleinen Portionen, auf die wir zurck gesetzt
wurden, bald nichts mehr zu leben; die Festung war von dem Wasser im strengsten
Sinne blockiert und wir weinten oft, da wir keinen Feind hatten, dem wir uns
ergeben konnten. Ich wollte angeln und richtete mir dazu eine Haarnadel als
Angelhaken ein, die ich spitz angeschliffen; die Schnur nahm ich von dem Besatze
eines Kleides. Da aber die Festung ganz aus Stein gebaut war und aus
Reinlichkeit keine Erde darauf geduldet wurde, so war kein Regenwurm zu finden.
An Saat und Ernte war also durchaus dort nicht zu denken; etwas Kressensamen
wurde ber das Bild des Landesherrn geset, das aus schlechtem Gips geformt war;
aber der Kommandant a sie alle in einer Nacht auf. Muse und Ratten waren nie
auf die Insel gekommen und die Vgel hatten lngst eine Scheu vor den roten
Husaren, die wie Vogelscheuchen an allen Ecken der Festung auf der Wache
standen. Ich hatte in meinem Reisesacke Geners Ersten Schiffer; ich ergtzte
mich an der Erfindung und suchte nach Holz sie nachzumachen; aber da es Sommer
war, so hatte die Garnison nichts als Wacholderreiser zum Kochen; die Gebude
waren alle ohne Dach ber der Wlbung mit flachen Steinen gedeckt; ein paar
Tische, ein paar Tonnen, zehn Invalidenbeine, waren alles Holzgeschirr; daraus
wre es auch dem feurigsten Liebhaber unmglich gewesen, ein Schiff zu bauen;
zum berschwimmen war aber die Entfernung zu gro. Unter solchen vergeblichen
Rettungsversuchen nahte der Schreckenstag, wo nach der sparsamen Aufzehrung
aller Lebensmittel, durch das Los entschieden werden sollte, wer sein Leben zum
Unterhalt der andern hergeben msse. Die Invaliden behaupteten khn, sie htten
ihr Leben so oft gewagt, sie wren alt, ein ehrenvoller Tod fr alle kme ihnen
zu. Die Husarinnen im Gegenteil behaupteten, sie knnten keinen Invaliden
verzehren, teils aus Zartgefhl, teils auch darum, weil so einer allzu zhe und
kncherig, meist auch kraftlos sei. Der Kommandant wies endlich auf mich, weil
meine Nachlssigkeit der Grund des ganzen Unglcks gewesen; alle stimmten ein;
ich sagte aber, da so bereit ich zu der Aufopferung wre, so notwendig fnde
ich es nach meinem Gewissen, meinem Landesfrsten einen untertnigen Bericht
ber meine Erziehungsmethode und ber die Fortschritte des Erbprinzen zu machen.
- Fort ist er, riefen die Leute, fort mit dir! - Wahrscheinlich wre es mir
schlimm ergangen, wenn ich mir nicht in der Angst noch Erlaubnis erbeten htte,
noch einmal nach allen Seiten zu sehen, ob nirgends Hlfe; der Kommandant knne
inzwischen sein Messer wetzen. Wie ich noch kaum die vierte Weltgegend
berschaut hatte, verkndigte ein Schu vom Ufer die Anwesenheit von Menschen.
Gleich signalierten wir uns. Bald sahen wir viele Menschen am andern Ufer mit
der Verfertigung eines groen Floes beschftigt. - Wie kann ich die Freude
unsrer armen Hungerleider schildern und meine eigne, da ich noch nicht verzehrt
worden! Nach den Monturen schienen es keine Freunde, sie waren pomeranzenfarbig
gekleidet, auch machten sie viele Vorsichtsanstalten, warfen Batterien auf und
fingen an uns zu bombardieren. Da sie aber mit der Pulverladung knauserten und
es berhaupt zu breit war, so fielen die Bomben in groer Entfernung vor uns
schon ins Wasser, weshalb unsre Husarinnen sie Plumphechte nannten. Wir steckten
an allen Ecken weie Fahnen aus, die aus den Schnupftchern der Garnison
zusammengeschneidert waren: in die Mitte hatten wir, um unsern Hunger
anzuzeigen, ein Brot gemalt. Diesen Flecken in den Fahnen sahen unsere Belagerer
fr Lcher an, wo ihre Kugeln durchgeschlagen; in der guten Absicht, uns recht
demtig zur Unterhandlung zu machen und berhaupt einen bestimmten Effekt hervor
zu bringen, da es doch hiee, wir htten uns hitzig gewehrt, aber ihr Heldenmut
habe uns doch endlich bezwungen, fuhren sie noch ein paar Stunden im
regelmigen Schieen fort und verloren wohl funfzig Mann durch das Springen
ihres erhitzten Geschtzes. Die rotgeschwnzten Bomben durchzogen die Luft, die
Kugeln sausten, ohne unsern Schaden, und es wre ein prchtiges Schauspiel
gewesen, htten wir nicht so arg dabei hungern mssen; doch wurden einige
erschossene Fische an die Festung getrieben, die wenigstens fr den Moment uns
erfrischten. Abends endlich begab sich die ganze feindliche Macht, die strker
an Geschtz als an Menschen war, aufs Flo. Es waren nmlich
Reichsexekutionstruppen, und der Frst, dem die Exekution gegen den sonderbaren
Grafen aufgetragen war, hielt sich nichts als Artillerie, weil er diese fr die
furchtbarste Waffe hielt; vor jedem seiner Zimmer standen zwei Achtpfnder, und
eine halbe Batterie reitender Artillerie hatte alle Nacht die Wache vor seinem
Schlafzimmer. Was er nicht hatte, konnte er nicht senden; er sendete seinen
Artilleriepark in das Wacholderbeerland und dies war der schnelle glorreiche
Effekt des ersten Unternehmens: sie hatten mit Zwischenrumen nur achtundvierzig
Stunden geschossen und wir waren schon zur bergabe der Hauptfestung des Landes
gentigt; aber freilich hatte die Wasserblockade schon drei Wochen an uns
gezehrt. Das bewaffnete Flo nherte sich mit aller Vorsicht und brennenden
Lunten, ob sie gleich wegen der Schwere kein Geschtz hatten darauf setzen
drfen. Mit welcher Sehnsucht schlug unser Herz jedem Ruderschlage entgegen; der
schnste Tanz war uns der ernste Marsch, den die Hautboisten auf dem Floe
spielten, und die Musik war stark besetzt, denn jeder Soldat war auch Hautboist.
Das Schiff war nahe, die Nacht dunkel, da ffneten unsre Husarinnen mit solchem
Heihunger das Tor und lieen die Brcke nieder, da die Feinde auf den Argwohn
verfielen, wir wollten einen Ausfall machen; sie hielten ihr Schiff an und
wollten umkehren. Da fhlte ich noch so viel Kraft in mir, ihnen durch ein
Sprachrohr entgegen zu rufen, sie mchten um Gottes Barmherzigkeit willen die
Festung einnehmen, oder wir schssen sie alle nieder. Die kanonierenden
Reichsexekutionstruppen nahmen als Generalsalve einen Schnaps, dessen Geruch uns
Trnen der Sehnsucht ins Auge lockte; dann entschlossen sie sich zu dem
Wagestcke, die Festung einzunehmen; doch machten sie es sprachrhrlich sich zur
Bedingung, so viele von ihnen in die Festung stiegen, doppelt so viele sollten
von der Besatzung ins Schiff hinausspringen. Ich war keiner der letzten; jede
Husarin nahm einen Invaliden auf den Arm, und so waren wir bald alle in dem
Schiffe, als noch nicht die Hlfte der Feinde in der Festung waren; wiederum
frchteten sie Betrug, und als die Frsche jenseit der Festung anfingen zu
quaken, meinten sie, da ihre eingelassenen Brder ermordet wrden. Endlich war
das schwierige Geschft beendigt, sie lachten uns aus, als sie oben waren, und
schworen, eine so vollendete Festung htten sie eine Ewigkeit verteidigen
wollen; da machten wir uns ber ihren im Floe zurckgelassenen Proviant her und
sprachen auch wieder kein Wort; die Kinnbacken knarrten aber, als wenn Knaster
geschnitten wrde; endlich bekamen sie Argwohn ber dieses Wesen bei uns, auch
weil wir nicht fortruderten, und droheten, uns in den Grund zu bohren; wir
wuten am besten, da wir das bichen Pulver der Festung zu Signalschssen und
als Salz an den Speisen verbraucht hatten; also fuhren wir nach unsrer
Bequemlichkeit ans Ufer, wo wir uns aller zurckgelassenen Kanonen, Munitionen
und Pferde des Feindes bemchtigten, dessen hungerndes Angstgeschrei wir jetzt
schon vernahmen. In einem kleinen Tagemarsche kam unser kleines Korps in die
Hauptstadt des Grafen, der von allen den Ereignissen noch gar nichts erfahren
hatte, da er eben mit der Ausfhrung eines seiner Lieblingsgedanken beschftigt
war, sein Reich mit gemalten Soldaten, die zwischen Fuchsfallen verteilt, die
Schlachtlinien bilden, zu verteidigen. Gleich eilte er mit seinen gemalten
Soldaten und dem dazu gehrigen adligen Offizierkorps dahin, seine Festung
wieder zu erobern; unserm Korps wurden aber wegen der bergabe alle Feldzeichen
abgeschnitten. Nachdem aber das Kriegegericht die Schnupftcher untersucht
hatte, ob sie in der Tasche gebrannt und die Stcken des darauf gemalten Brotes
fand, das die Notfahne bezeichnet hatte, die aus Schnupftchern zusammengenht
worden, und sie fr Brandflecken erklrte, da wurden wir alle mit einer
Ehrenerklrung dem Gerichte entlassen. Der Frst traf die besten Anstalten zur
Belagerung der Festung; das Land wurde rings vermessen, eine Parallele nach der
andern erffnet, und so laut die Belagerten die ersten Tage geschrien, so still
wurden sie nachher. Der Frst schickte Nachts einen sichern Spion herber und
der erzhlte, die Festung sei ganz leer; wirklich hatten die Exekutionstruppen
in der Hungersnot ein Unternehmen exekutiert, das selbst in der alten Welt, wo
Troja so lange belagert wurde, Erstaunen erregt htte. Nach dem Geschrei der
Frsche entdeckten sie einen seichten Strich des Sees, wo sie ohne weiter als
bis an die Kniee na zu werden, glcklich ans Land und bald in ihre Heimat
kamen. Da ihr Frst den Verlust der metallenen Kanonen nicht so schnell ersetzen
konnte, so lie er hlzerne machen, woraus statt der Karttschen mit Erbsen
geschossen wurde; man merkte im Effekte auf der Parade keinen Unterschied, und
so ist die wesentlichste militrische Verbesserung im Lande einem bloen Zufalle
zuzuschreiben. Fast htte ich vergessen, da ich mich nach meinem Erbprinzen
ganz ergebenst erkundigt; vergebens lie ich ihn in allen Zeitungen zitieren,
ihm solle sein Fehler verziehen sein und er solle ungestrt regieren; er blieb
fort und ich mute, ohne Versorgung, mit einer groen Nase abziehen.
    Ja die Nase sehen wir, sagte der Baron, nun wie gefllt Ihnen der
Wetterkerl?
    Die Grfin rhmte ihn und dankte dem Baron, ihr die Bekanntschaft eines so
ausgezeichneten Prinzenhofmeisters verschafft zu haben; sie machte noch allerlei
neugierige Fragen ber die Montur der Husarinnen, die dem Grafen mifielen.
Solches Mifallen ber seine Frau drckte sich aber nie geradezu aus, sondern es
warf sich auf eine Nebensache; er fand es sehr unrecht, in einer Zeit, wie die
jetzige, die vom Soldatenwesen ganz zerfleischt, so leichtsinnig darber zu
reden, aber ganz verrucht sei es von einem Hofmeister, ber den Verlust eines so
hoffnungsvollen Prinzen, den er doch mit veranlat, in so spahaften
bertreibungen reden zu wollen.
    Lieber Karl, rief die Grfin, kannst du dich denn nie in die hhere
Ansicht des Lebens versetzen, wo alles Scherz wird? Der Graf antwortete sehr
ernst: Nein, nimmermehr, selbst dir zu Gefallen nicht. - Vergessen wir das,
meinte der Baron zwischentretend, Spa mu sein, sagt Eulenspiegel; gefllt
Euch jener nicht ganz, so denkt, da er mir gar langweilig ist, da ich ihn zum
hundertstenmal hre; aber hier ist noch ein andrer viel knolligerer Spamacher;
Herr Kommerzienrat, Er hat lange genug die Butterbrote mit Fleisch aufgetrmt,
nun ist Er dran; erzhl Er einmal Seine Geschichte von der Prinzessin Wenda.

                               Siebentes Kapitel



                  Geschichte der verlornen Erbprinzessin Wenda

Nudelhuber begann im Biedermannstone: Ich bin ein guter, ehrlicher Schweizer,
und Sie sind lauter liebe, liebe Leute, ich kann lange denken und wei viel zu
erzhlen, aber ein Glas Wein mu ich mir ausbitten; wir ehrlichen Schweizer
mssen unsern Wein haben, sonst wird uns das Maul trocken. Nun ja, ich soll
Ihnen von der Prinzessin Wenda erzhlen. Als ich mit meinem kleinen Bilderkram
nach Warschau zur Messe gekommen, so warteten alle auf den Einzug der
siegreichen Polacken. Es war ein heier Sommer, das Bier war alles sauer
geworden, weil die Polen keine Korkpfropfen, sondern ein Stcklein Lehm auf die
Flasche stecken. Lauter liebe Leute, ausgenommen, was das Bier, das Ungeziefer
und die Hflichkeit angeht. Um Gottes willen durfte ich mich bei der Prinze
Casimire und bei der Prinze Thorixene nicht sehen lassen, sie htten mich sonst
nicht wieder losgelassen; ich kenne das schon an Hfen, da kommt man des Morgens
zum Frhstck und mu zum Mittag bleiben, und nach Tische spricht man so lange
mit den kleinen Prinzen, da sie einen doch auf den Abend nicht ungespeist nach
Hause schicken knnen, und so schlgt man den ganzen Tag um nichts und wieder
nichts um die Ohren. Ich mute mich aber alle die Tage recht an die Arbeit
halten, meine Bilder noch einmal zu firnissen; die Polen lieben das und schlagen
alle Tage ein Weies vom Ei ber jedes Gemlde, was sie haben, da es nach ein
paar Jahren wie durch eine dicke Glasscheibe durchsieht. Auch mute ich meinen
Kirschgeist auspacken; mit Polacken kommt ein Handelchen immer am ersten bei
einem Glase zu Stande; das Volk schreit dabei und kann nichts vertragen; ich
aber werde niemals besoffen, ich habe einen ausgepichten Magen.
    Es war gut Wetter zum Einzuge, viele Kaufleute hatten ihre Buden
geschlossen, um selbst zu sehen; ich dachte, vom Sehen wird einem der Magen
nicht voll, packte meinen lustigsten Kupferstichkram vor der Bude aus; aber die
verfluchten Stadtnonnen teilten den Tag von ihren verfluchten getippelten,
scheckigen, glnzenden Papierheiligen umsonst aus, da ich wenig verkaufte.
    Die Grfin sah bei diesen Worten den Grafen an und sagte: Hr nur, der Herr
Kommerzienrat hlt auch nicht viel auf das Bilderzeug der Nonnen; weit du noch,
wie du so bse warst, als ich den Heiligen Schnurrbrte gemacht; nicht wahr,
jetzt siehst du doch ein, da du unrecht hattest? - Es gibt ein ganz fatales
Gedchtnis, das zur unrechten Zeit meine ich; es gibt eine dumme Listigkeit, die
zur unrechten Zeit verstehe ich. Der Graf erschrak in sich, wie sie so
leichtsinnig an eine Zeit denken und erinnern knne, die ihm so schwer zu
erleben geworden; der bittre rger trat ihm auf die Zunge; er nahm sich zusammen
und sagte, eilig zur Tre hinauslaufend: Lassen Sie sich nicht stren, ich
komme nicht sobald wieder. - Die Grfin bemerkte gar nichts und bat den
Kommerzienrat fortzufahren.
     ... Ja, es sind verfluchte bunte Bilder, die von den Nonnen, bei mir auf
der Fabrik knnen sie nicht gut nachgemacht werden, und das gemeine Volk mag sie
gerne; wenn nur ein Nonnenkloster wieder aufgehoben wird, ich kaufe mir zu der
Arbeit ein Dutzend Nonnen. Als ich so mig meine Bilder abstaubte, wurde auf
der Brcke von dem dicken Opferpriester ein Hammel abgeschlachtet, wovon er das
Herz in die Weichsel unter allerlei Singsang weit wegschmi. Darauf trat die
schne Prinzessin Wenda zu ihm hin und rief: Die Gtter haben den Polacken zu
viel Gnade erwiesen, um ihnen blo mit Schlachtvieh und Rucherkerzen zu danken,
ich will mich selber ihnen opfern, um alle Landesnot zu endigen. Bei diesen
Worten sprang sie an die Spitze der Planke - denn in Polen haben die Brcken
keine Gelnder, es sind schwimmende Planken, die an einander gebunden - und dann
strzte sie sich mit den Worten in die Weichsel: Empfange mich das Meer als ein
reines Opfer. - Alles war wie erstarrt und vernarrt, ich hielt es fr eine bloe
Komdie, so sah es aus; aber viele sprangen nach, sie zu retten, konnten sie
aber nicht mehr erreichen. Ich dachte, das sind Narren, und sah recht genau
nach, was aus der Prinze werden mchte, die immer noch an ihrem weien Kleide
zu erkennen war, das auf dem Wasser herumwirbelte; es war ein schnes Weibsbild,
sie hat mir aber nie fr einen Groschen abgekauft, darum dachte ich, hol sie der
Teufel. Da sah ich, wie sie vom Strome in einen Aalfang getrieben wurde, da
verschwand sie; ich dachte, nun ist die auch - aber ich hatte mich geirrt, wie
alle andern. Der Aalfang gehrte den Priestern, und endigte sich in einen
meilenlangen Sack von schlesischer Leinwand, der im Tempel des Obergottes alle
gefangenen Aale und auch die tote Prinzessin absetzte, allwo der Oberpriester
sie wieder in seinem Brgerrettungsapparate zum Leben brachte. Das sah ich nicht
voraus; denn damals hielten wir sie alle fr tot. Viele, die ihr
nachgeschwommen, waren entweder ersoffen, oder wurden doch fr tot ans Land
gebracht, und da hielt ich ihnen vor, ob sie denn ganz unvernnftig gewesen
wren, sich in solchen reienden Strom zu werfen, da doch das Wasser berall
keine Balken hat. Was gibt es doch fr Narren in der Welt; will sie ersaufen,
was geht es euch an, was habt ihr davon? - Aber das Volk wurde bse auf mich,
denn ein Narr macht viele Narren, und da Prgel nicht gut schmecken, so nahm ich
meine Beine untern Arm und kam zu meiner Bude. Nun denken Sie sich meinen
Schreck, da finde ich, da mir die Leute wohl die Hlfte von meinem kleinen Kram
weggestohlen hatten, was so vorne ausgelegen. - Spitzbubenvolk, rief ich, und
raufte mir meine paar Haare aus, das luft, das schwimmt, ein Weibsbild zu
retten, das sein Leben los sein will, und mir nimmt's die Bilder, die ich nicht
umsonst weggeben mag. Wie ich meine salzigen Trnen so weine, da kommt die
Prinze Casimire leichenbla vorbei gefahren; sie sieht mich und ruft mir zu:
ich wre ein guter alter Mann, ich sollte nicht verzweifeln wegen der
Prinzessin, ich mchte bedenken, da ich zu Hause Kinder htte, sie wrde meine
herzliche Teilnahme an ihrer Familie nun und nimmermehr vergessen. - Ja, hat
sich was, Teilnahme um die ersoffene Prinzessin; htte mir einer meine Bilder
wiedergebracht, so htte meinetwegen die Prinzessin Casimire mit Kutsch und
Pferden in die Weichsel ihr nachfahren knnen: das dachte ich wohl bei mir, aber
ich sagte es nicht; Sie mssen es mir auch nicht bel nehmen, es wei kein
Mensch, wie sauer es einem armen ehrlichen Schweizer in den grausamen
Gebirgnissen wird, sich einen Groschen Geld zu verdienen. Als ich so in
Verzweifelung meine Hnde rang, gab mir Gott einen herrlichen Einfall: ich
sollte nun alles brige doppelt so teuer verkaufen, so wre mein Schaden gut
gemacht. Das trstete mich, und es muten auch gleich ein paar Leute so viel
bezahlen, warum waren sie solche Narren; wenn man Narren zu Markte schickt, so
lsen die Krmer Geld; nun mein Gott, jeder Mensch will doch leben und kein
Mensch lebt von der Luft. Es war unterdessen spt geworden, ich packte ein. Mein
Magen hing mir so schief; ich ging Abends zur Tafelzeit hin nach dem Schlosse
der Prinze Casimire, um mich fr ihren Trost zu bedanken. Das ganze Schlo war
in Bestrzung, ich fand nur einen Lakaien im Vorzimmer der Prinzessin, der mir
dreist versicherte, die Prinzessin wolle mit der Prinze Thorixene allein sein,
er drfe niemand einlassen. - Hat nichts auf sich, erwiderte ich, und schob ihn
unversehens bei Seite, mich wird sie schon sprechen, ich mu sie sprechen. -
Freilich mute ich sie auch noch sprechen, ich hatte ihr eine betrbte Madonna
mit dem Dolche im Herzen und einen St. Sebastian, der wie ein Stachelschwein
voll Pfeile steckte, mitgebracht; sie liebt solch Zeug und sollte es mir gut
bezahlen. Nun mssen Sie sich nicht wundern, da die Polacken Christum und dabei
alle die heidnischen Satans, Jupiter, Apollo und wie sie alle heien, anbeten;
das ist bei den Polacken nicht anders; das Volk frit Ihnen alles unter
einander; die beste Schssel bei dem Landvolke ist immer Sauerkohl mit
brennenden Talglichtern darin: ein verfluchtes Fressen. Ja, wo blieb ich doch
stehen - also trat ich zur Prinzessin herein, und wie ich herein trat, fragte
mich die Prinzessin verwundert: Mein lieber Kommerzienrat, war niemand im
Vorzimmer, der Ihnen gesagt hat, wir wollten allein sein? - Hat nichts zu sagen,
antwortete ich, inkommodieren Sie sich gar nicht um mich alten Mann, genieren
Sie sich gar nicht in Redensarten; ich habe denn doch mehr gesehen in der Welt,
ich habe zwar heute viel verloren - und dabei dachte ich an meine Bilder und
weinte bitterlich, da mir die Trnen piperlings die Backen herunterliefen. -
Die Prinzessin weinte mit und wollte mich trsten; sie sagte, da sie eben der
Prinze Thorixene die geheime Geschichte der unglcklichen Wenda habe erzhlen
wollen. - Ich bat, sie mchte immer erzhlen, wenn es auch mich nicht
unterhielte, so htte ich alter ehrlicher Schweizer genug in meinem alten Kopfe
zu denken, was wohl bedacht sein msse; auch knnte ich mir die Zeit wohl
vertreiben, wenn sie mir etwas zu essen vorsetzen wollte; ich htte im
Vorbeigehen in der Kche noch eine gute gespickte angeschnittene Klberkeule
liegen sehen; von dem Tee knurre es mir im Leibe, ich wre ihn nicht gewohnt und
dabei die Rhrung, mir wrde ganz miserabel; wenigstens mchten sie mir ein paar
Eidotter hineinrhren. Sie wute schon alles, was mir gut schmeckte, stand auch
wirklich von ihrem Teezeuge auf, und mute mitten in ihrer Betrbnis einen
gndig lchelnden Blick auf mich werfen; ich aber fuhr fort und sagte: Ich kann
nicht begreifen, was die vornehmen Leute von dem Tee haben; es ist schlabbrig
Zeug, macht keinen satt und froh und kostet doch auch viel bei jetziger Zeit.
Wie sie nun aufgestanden war, setzte ich mich auf das atlassene kleine Sopha, wo
sie gesessen hatte, und die Prinzessin Thorixene meinte, sie wrden dann nicht
Platz behalten. Sein Sie ohne Sorge, antwortete ich, wir rcken hbsch zusammen;
ich alter Schweizer mag gerne Abends ein bichen einnicken und da ist es mir
hier schon begegnet, da ich mit dem Stuhle umgeschlagen bin, und das macht
Ihnen nur Schreck, wenn erzhlt wird. - Die Prinzessin brachte ihre Hunde mit;
was die Kter mich anbellten und beschnffelten, weil ich den Morgen einen
Hering in der Tasche gehabt hatte; die fhrten sich recht schlecht auf. Ich
fragte die Prinzessin, wie sie das leiden knne, ich wre doch ein Mensch und
wollte mir so was nicht unterstehen. - Nun, Gott sei gelobt, da wird die Suppe
hereingetragen; es sind doch liebe, liebe Leute, die Herren Bediente, da sie so
was nicht auf dem Wege halb auffressen, ich wrde es sicher so machen.

                                 Achtes Kapitel



                                 Prediger Frank

      Gesprch ber die brgerlichen und religisen Verhltnisse der Liebe

Wirklich war der Tisch gedeckt worden und die Suppe aufgetragen; die Grfin
bezeugte dem Baron ihre ausgezeichnete Zufriedenheit und der Graf trat mit einem
fremden Geistlichen herein, als er ihr eben die Hand kte. Der Graf war nicht
eiferschtig, aber diese Vertraulichkeit mit dem nichtswrdigen Menschen war ihm
verhat; er stellte ihr sehr ernsthaft den Fremden, als den Prediger Frank aus
der Nachbarschaft vor: ein evangelischer Geistlicher, der um die Landwirtschaft
der Gegend groe Verdienste hatte, der als ein guter Erzhler in der Gegend
bekannt war und den der Graf diesmal als Gegengift gegen die beiden lcherlichen
Personen der Grfin geholt hatte. Die Grfin begrte ihn kalt und wendete sich
gleich wieder zu dem Baron, und zu seinen Gesellen, und sagte ihnen Artigkeiten.
Der Graf nahm den Baron beiseite und sagte ihm ergrimmend: er mchte sich doch
geflligst im Augenblicke gleich und ohne Sumnis mit seinen beiden Gesellen
fortscheren. Der Baron wiederholte das ganz laut zur Grfin und sagte: Nun
sehen Sie wie er ist, ich glaube, wenn ich nicht gleich ginge, schmi er mich
die Treppe hinunter; kann ich mich wohl bei gesunder Vernunft dem
Herunterschmeien aussetzen; das kostete mir wenigstens ein paar Taler an Salben
und Pflastern; viel lieber bezahle ich mein Mittagsessen in der Dorfschenke;
nach Tische kommen wir wieder. Um euer Essen ist es mir gar nicht zu tun, aber
ihr seid Leute, mit denen sich ein vernnftig Wort reden lt, ihr seid gerade
wie ich; hab ich nicht recht, wir passen allein zu einander in der ganzen
Gegend. - Ohne eine Antwort abzuwarten, lief er zwischen seinen beiden Stelzen,
so ragte er ber beide hinaus, ohne einen Gru aus dem Zimmer.
    Die Grfin machte dem Grafen, ohne sich vor dem Fremden zurck zu halten,
eine Menge Vorwrfe, wie er ihr aus Grillen den einzigen Umgang auf dem Lande
verdrnge, der ihr ertrglich sei; er sollte doch einmal die hochgepriesenen
adligen Wirtinnen der Nachbarschaft betrachten, wie feist dumm oder mager
znkisch sie alle in dem elendesten Lebenskreise sich herumtummelten. Der Graf
antwortete nicht, aber ihn krnkte es tief, da sie mit solchem Hochmute sich
ber einen wrdigen huslichen Kreis hinaussetze, dessen ernste Pflichten zu
erfllen sie weder Mut noch Geschick habe, dessen Unterhaltung zu verstehen ihr
Kenntnis alles einzelnen lndlicher Haushaltung abgehe. Der Fremde war ernst und
wenig beredt; er sprach einiges mit dem Grafen von der Universittszeit, die ihm
noch mit jugendlichem Reize vorschwebte, und fragte nach einem Studenten Hollin,
der nach seiner Zeit eines gewaltsamen Todes gestorben. - Der Graf sagte ihm,
da er selbst dabei gegenwrtig gewesen und gar lange in tiefe Betrbnis dadurch
versetzt worden sei, ob er ihm gleich nicht nher bekannt gewesen; von einem
seiner Freunde, der wahnsinnig im Kloster gestorben, habe er dessen Papiere
erhalten, die er noch wie ein Heiligtum bewahre. - Der Prediger bat um die
Mitteilung; denn er nehme recht herzlichen Anteil an dem jungen Manne. - Die
Grfin fragte neugierig nach der Geschichte. - DER GRAF: Sie ist sehr lang,
nach Tische will ich sie ausfhrlich aus den Papieren erzhlen, die in meinem
Zimmer liegen; kurz gesagt, sein Unglck war Folge der Eifersucht und ich habe
mir seit der Zeit zugeschworen nie eiferschtig zu sein. - DIE GRFIN: Das ist
nicht artig, keine Leidenschaft ist uns Frauen so schmeichelhaft wie die
Eifersucht. - DER PREDIGER: Bei einem Liebhaber geb ich es zu, bei einem Manne
ist es aber sehr schmerzlich. - DER GRAF:  ... Mehr aber war Hollins Schicksal
durch ein Hinaussetzen ber brgerliche und religise Verhltnisse in der Liebe
zerrttet. - DIE GRFIN: Brgerliche Verhltnisse in der Liebe? - DER
PREDIGER: Steht nicht in der Bibel: Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe
lebt, der lebt in Gott? - DER GRAF: Ich kenne und ehre den Sinn, in welchem
dir, liebe Dolores, die Allgewalt und Oberherrschaft der Liebe deutlich geworden
ist, sie hat ohne Ansto unser Glck begrndet; aber, lieber Herr Prediger,
Gottes Liebe ist nicht des Menschen Liebe zum Menschen. - DER PREDIGER: Sie
bestreiten eine Hauptsttze meines Systems, das Durchdringen der gttlichen
Liebe in der menschlichen. - DER GRAF: Nicht gegen die Mglichkeit dieses
Durchdringens streite ich, aber nur das eine wei ich gewi, da dieses
Gttliche darin selten rein von menschlich irdischer Beimischung ist, die
tuschend das himmlische Feuer nachzuahmen wei, besonders in unsrer Zeit. -
DIE GRFIN: Hast du an mir diese Erfahrungen gemacht, so beleidigst du mich,
hast du das an andern gefunden, so kann ich eiferschtig werden und warum bist
du bse auf unsere Zeit, leben wir nicht alle darin? - DER GRAF: Sei nicht
eiferschtig auf die Toten, sie sind nicht zu beneiden, so lange uns das Leben
grnt; ich habe dir so oft gesagt, da ich wenig selbst erfahren und das meiste
der Offenherzigkeit andrer danke. Auch bin ich nicht frech, unsre Zeit schlimmer
zu nennen als jede andre; aber das wei ich, sie trgt der Vorzeit schwere
Snde, und diese abzuben ist ihr hohes Verdienst. - - DER PREDIGER: Und eben
darum ist ihr die Liebe zum Troste gegeben, aber leider vertraut sie ihr nicht.
- DIE GRFIN: Wie kann sie ihr auch vertrauen, da gleich drei Leute, die hier
beisammen, so verschieden von ihr denken. - Aus den Betrachtungen, die nun von
allen Seiten eintrafen, setzen wir hier eine bersicht zusammen:


                         Von der Liebe in unserer Zeit

Wie arm ist unsere Zeit in der Liebe, denn sie ist ihrer selbst ungewi.
    Der einzelne achtet sich reicher an Vertrauen, als seine Zeit und achtet
sich gro, sich ihr zu entziehen.
    Aber keiner vermag es, seiner Zeit zu entfliehen, wie noch keiner seine
Mutter verleugnen konnte, ehe er geboren.
    Was bleibt dem stolzen einsamen Flchtling zwischen Himmel und Erde; bleibt
er sich selbst?
    Die Jugend eilt und bald folgen ihr die stolzen Erinnerungen. Mit den
Gesngen seines bermutes erhlt der Jngling die Blumen eines empfundenen
Frhlings; aber das Lied verhallt und die Zeugen seines Glckes verwelken.
    Was ist fest in dir, dauernd, ruhig?
    Der Freude Schmerz, der Hoffnung Sehnen ermden endlich doch in dem
abwechselnden Tanze deiner Trume, wenn die Musik noch lange nachklingt.
    Was bleibt dir, mde Seele? wo ist der Glanz der Augen, die Flle der
Gedanken, die nahe Freude, die Hoffnung der Ferne?
    Dir bleibt Entsagung, Erinnerung, aber du selbst bleibst dir nicht.
    Darum sind alle Gebsche, die mit uns gro wurden, ihr vertrauter Schatten
von girrenden Tauben durchflattert, dem verstndigen Manne nicht deswegen allein
heilig, weil sie Erinnerung der unbemerkt verschwebenden Jugend sind; der holde
Traum will ihm wieder kehren und er mchte den Glanz des Frhlings in der
drckenden Glut des Sommers wieder erkennen. Er fhlt wohl: So ist der Frhling
und so ist er auch nicht. - Und erwacht ihm im schnen Herbste der Fruchtbaum,
dessen Frucht er schon genossen, zu neuer Blte, und spinnt der blinkende Reif
ihn noch bltenreicher ein, dann fhlt er wohl in Augenblicken, der Tod sei die
reichste Blte, denn er sei gewi: sei Frhling, Sommer, Herbst; aus ihm komme
alles.
    Wenn dich der eingewurzelte Baum so trsten konnte, du einsamer Mensch,
warum sind die freien Menschen dir nur zur Qual, zum Vorwurf; frchte dich
selber, sonst hast du nichts zu frchten; denn es ist nicht gut, da der Mensch
allein sei. Die Lilie erhebt ihr hohes weies Haupt, aber des Menschen Haupt,
das unter ihr ruhet, erhebt sich nicht wieder; jede Lilie scheint aber der
andern gleich, die im vorigen Jahre abblhte, ist es gleich eine andere; denn
sie deuten auf einander und leben durch einander fort: so der fromme Mensch, der
in der Gesinnung seines Volkes und mit ihm fort lebt, treu seinen Vtern in Tat
und Glauben; er kennt den Tod nicht und braucht ihn nicht unter Blten zu
verstecken.
    Vertraue deinem Volke in der Liebe und im Tode: das ist der Glaube, das wird
zur Tat.
    Wer seines Volkes Glauben im Glcke leichtsinnig vergit, in der Not
verlt, den wird Gott in seiner letzten Not vergessen und in seinem Glcke
verloren gehen lassen.
    Hat unsre Zeit, hat unser Volk einen Glauben? wehe ihnen! wenn sie keinen
haben; aber sie erkennen noch heilige Schriften und heilige Gebruche. Da stehet
geschrieben, die Ehe soll ehrlich gehalten werden, die bertreter richtet Gott
und schlgt sie in ihrer Blte darnieder, da sie nicht Frucht bringen des
Verderbens. Sage keiner, da ihn Gott versuche, da er allein sei; wo zweie in
seinem Namen versammelt sind, da ist er mitten unter ihnen. Ein jeglicher wird
versucht, wenn er von seiner eignen Lust gelocket wird; darnach, wenn die Lust
empfangen hat, gebieret sie die Snde, die Snde aber, wenn sie vollendet ist,
gebieret sie den Tod.
    Irret nicht, lieben Brder.

Frank, der am meisten dabei geredet und am wenigsten gesagt hatte, fuhr fort:
Sie werden meine lange Rede mit meinem Alter und meinem Stande entschuldigen;
ich lehrte schon an der Schule, als Sie, Herr Graf auf die Universitt kamen,
wenigstens zwlf Jahre sind wir unterschieden. -Doch sind Sie noch unverndert
jugendlich in Farbe und Bewegung; ich wrde Sie fr jnger halten, meinte der
Graf. - Bei uns regelmig Beschftigten greifen die Lebensalter nicht voraus
in einander, meinte der Prediger, meist nach bestimmten Perioden, die auch
wohl durch eine Krankheit bezeichnet sind, treten wir die groen Stufen
hinunter; durch gleiche Ordnung hrt manches Mhsame auf, beschwerlich zu sein;
wir kennen auf dem Lande wenig Anstrengungen, die alle unsre Krfte forderten,
und darum werden Sie auch bei Kriegen und andern Ereignissen, die den gewohnten
Verkehr stren, dort eine Menge unerklrlicher Krankheiten und Sterbeflle
finden; ja ich mu gestehen, da selbst die Einfhrung der Wechselwirtschaft in
unserer Gegend, an der ich eifrig arbeite, manchen alten Landwirt dahingerafft
hat; mich beruhigt dabei, da er in seinem Berufe gestorben. - Die Grfin
machte ihm Vorwrfe darber, ob es wohl eines Menschenlebens wert sei, da etwas
gehackte Frchte mehr gebaut worden; er lehnte dies ab, indem er bewies, da
eben dadurch viel mehr Menschen knftig gut leben knnten. Der Tisch wurde
inzwischen aufgehoben, der Graf fhrte seine Frau und seinen Freund in eine
angenehme Weinlaube hinter dem Schlosse, die als ein groes grnes Dach von
wenigen Sulen untersttzt, an welchen der Weinstock aufrankte, ein eigenes
Sommerhaus bildete, in welches die Sonne durch die zackigen Bltter gar angenehm
auf die kleinen Trauben blickte. Bequeme Sitze, Birkwasser, Rheinwein und Zucker
wurde von den Bedienten gebracht; der Graf zeigte dem Prediger in der Gegend
umher einzelne Denkmale und erzhlte deren Geschichte. Die Grfin trat mit
Berichtigungen dazwischen; sie hatte alles durch die Ilse schon genauer kennen
gelernt, als der Graf, ungeachtet er dort aufgezogen war und vieles geschaffen
hatte. Der Graf schwieg und der Prediger bat ihn, nicht lnger die Erzhlung
vorzuenthalten, die er bei Tische versprochen. Der Graf entfernte sich einige
Augenblicke, dann kam er mit einem groen Paket von mancherlei Papieren zurck;
ehe er diese geordnet, fllte der Prediger die Stille mit einer pathetischen
Anrede, die er irgend einmal auswendig gelernt zu haben schien.
    PREDIGER: Ihr geliebten hochgefeierten Musensitze, wie goldene
Luftschlsser scheint ihr zuweilen in mein dunkles einsames Pfarrzimmer, und
meine Augen gehen unter in dem Glanze. Aber hier von der Hhe eines freien
reichen altritterlichen Schlosses, darf ich schon zu euch hinblicken, ihr
goldenen Berge, auf denen die Musen rings auf Apollos Leier horchen, jede ihr
Eigenes dabei denkend in sich; alles scheint mir hier so nahe an der Seite des
Musenfreundes, an der Seite der Schnheit. Wie glnzet der Roquell in den
Abendstrahlen, es wiehert das Flgelro ... (Wirklich wieherte in diesem
Augenblicke des Grafen Rappe, der in der grnen Koppel alle Anstrengungen des
vorigen Tages vergessen hatte.) Nur ein Trunk alter Lust, nur ein Jubelgesang
alter Stimmung, und ich bin wieder derselbe, dem die Zeit, wie ein Vogel in
hchster heller Lufthhe mit gleichen Flgeln schwebend, stille zu stehen
schien. Dieses Glas trinke ich dir zu, Mutter aller Musen, Erinnerung, du
wunderbare Schicksalsgttin alles inneren Lebens, aller Gedanken; denn wer die
Tchter gewinnen will, der mu es mit der Mutter halten. Wie so ganz gegenwrtig
wird mir die erste Bekanntschaft mit Hollin in H.; wie zeichnete er sich als
Redner der Studenten bei dem glnzenden Morgenfeste aus, das von der Universitt
in dem Botanischen Garten zur Feier des ersten Besuches unsres Knigs und der
schnen Knigin gegeben wurde; sein Anstand, seine tiefe Stimme, das mnnlich
Vollendete seines Wesens nahmen alle Zuschauer fr ihn ein; auch die hohen
Herrschaften dankten ihm gndig. Jedermann mute ihm gut sein, so gar kein bser
Hinterhalt war hinter seinen Augen mglich, die so lebendig mitsprachen, da
seine Seele wie in einem Glashause dachte, wo jedermann zuschauen konnte, ohne
da er etwas davon ahndete. Darum sahen die Mdchen meist nieder, wenn er sie
anblickte, und die lteren Frauen in ungefhrlichen Jahren lachten ihm alle
freundlich entgegen; er hatte sein Teil erwhlt, er gab wenig auf sie acht und
mich zerstreute bald die mannigfaltige Pracht des Hofes und der Frauen, die
farbig unter den farbigen Zelten wie unter hohen Blumen saen, die sie geboren,
und mit ihnen an den hohen Bumen noch zu schweben schienen. Auch mich ergriff
der allgemeine Verkehr, auch ich sah ihn nicht wieder in dem allgemeinen Jubel,
der sich immer nach dem Hofe drngte und von ihm zurck strmte. Der Knig
fragte mit Weisheit nach den Bedrfnissen der Stadt und der Universitt, rhmte
das zarte Ehrgefhl, die gute freie Lebensart der Studenten, ihre Begeisterung
fr Kunst, Wissenschaft und Vaterland. Die Frchte des Landes und die fremden
Frchte des Gartens, Ananas, Melonen und Feigen wetteiferten in Flle, Se und
Saftigkeit; der Wein wurde reichlich geschenkt, da selbst der Boden von seinem
Opfer duftete; doch vor allem war herrlich der Gesang wackerer Jnglinge und
Mdchen, deren Chre abwechselnd, die Luft einander zuschmeichelnd, sie mit
Wollust erfllten. In diesem Jubel sah ich Hollin zum letztenmal; der Hof zog
fort und die Stadt schien mir ausgestorben; alle junge Leute hatten sich in die
zwei Hofdamen verliebt und das Unbedeutendste, was sie gesagt, wie sie sich
getragen, wiederholten wir einander.
    Unterdessen hatte der Graf alle Papiere in Ordnung gebracht, und er begann
die Geschichte ohne alle Umstndlichkeit, indem er ihr gleich einen Titel gab.

                                Neuntes Kapitel



                               Hollins Liebeleben

2
Hollin und Odoardo kamen denselben Tag auf eine Schule, gewannen einander
sogleich lieb und veranlaten dadurch, da ihnen der Rektor ein
gemeinschaftliches Zimmer anwies, das sie auch bis zu ihrem Abgange nach der
Universitt mit einander bewohnten. Jener war dem letzteren an Alter, Vermgen
und Talent berlegen; diese berlegenheit war alte Gewohnheit und machte keinen
Ri durch ihre Freundschaft. Sie versuchten sich mit einander in allem, was das
Schulleben mit sich fhrt; sie prparierten sich miteinander, brateten heimlich
einander Kartoffeln, schlugen gemeinschaftlich ihre Feinde auf andern Schulen,
hielten sich zusammen heimlich einen Renommistenanzug, in welchem sie
abwechselnd Kmodie und Kaffeehaus besuchten; sie waren auf der ganzen Schule
unter dem Namen Kastor und Pollux bekannt; Odoardo, der frher schlimme Jahre
bei seinem armen Vater zugebracht hatte, welcher Doktor in G. war, hatte mehr
Bewutsein dadurch, mehr Vorsicht und Klugheit gewonnen, war dadurch eine Art
wohlttiger Hofmeister Hollins, der ihn von tausend Unbesonnenheiten
zurckhielt; in allem brigen lebten sie so in einander ber, da die Lehrer
Mhe hatten ihre Handschriften zu unterscheiden. Die Vormnder schickten Hollin
nach H., der Vater berief Odoardo nach G.; beides war ihren vereinigten
Bemhungen unabnderlich, weil jeder vom andern die Abnderung erwartet hatte;
sie trennten sich mit tausend Schmerzen und fhlten doch erst nachher, was sie
an einander verloren hatten. Als sie von einander Abschied nahmen, sagte
Odoardo: Dies ist ein Augenblick, wo wir uns trennen, vielleicht kommt ein
Augenblick, wo wir uns wiedersehen, gewi aber einer, wo wir uns hinlegen und
nicht wieder aufstehen; und erinnerte seinen Freund daran in seinem ersten
Briefe und an manches andre Traurige: wie ihre kleine Schulwelt hinter ihnen bis
auf die Namen, die sie in ihre Bnke eingeschnitten, bald vernichtet sein werde;
dabei erinnerte er sich, wie er als Kind fest geglaubt, er werde ewig leben, bis
sein liebster Spielkamerad, ein Hund, sich in der Morgensonne aufgestreckt,
still geworden und gestorben sei; - von der Universitt schrieb er nichts. Ganz
anders beschrieb Hollin seine Gedanken bei dem Anblicke der Universitt: Himmel,
welch ein Gefhl, als ich die ersten Spitzen der Trme und immer mehr, endlich
die ganze herrliche Freistatt der Jugend aus der Ebene hervortreten sah. Noch
ist er nicht verhallt in mir, der innere Ruf nach Freiheit, der mich als Kind
schon zum khnen Spiele auftrieb. Ringt nicht jedes Wesen nach Licht und
Freiheit, Keime, Blten, Vogelbrut, selbst die stummen Fische verlassen im
Sonnenscheine ihr Element und schlagen sich empor und rauschen ber seine Flche
hin. Und wir, frei aufgerichtet zur Mittagssonne, die wir unsre Erde in Luft und
Wasser umkreisen und durchstreifen drfen, sollten die Flle der schwellenden
Kraft und Freude im trgen Kleinmute des Brgerlebens eindmmen. Der Wagen
schien mir unertrglich langsam fortzuschleichen, wie die Zeit auf unsern
Schulbnken. Bald kam eine Schar in ritterlicher Kleidung mit Helm und Schwert,
bewillkommte uns zutraulich, ohne uns zu kennen, lud uns gastfrei zum Mahle ein
und verbrderte sich mit uns: verbrdert uns nicht alle menschliche Gestalt, ist
nicht die Liebe frei und ist es nicht der innerste Drang des Menschen, alles
liebevoll zu umfassen und in sich aufzunehmen. - Im nchsten Briefe erzhlte er
seinem Freunde, da er in eine Landsmannschaft aufgenommen, einer der besten
Fechter geworden sei; da er sich bemhe ihnen dagegen seinen Sinn fr alles
Tiefe in der Philosophie mitzuteilen. Warnend schreibt Odoardo von seiner
Universitt: Mir ist alles hier unertrglich einfrmig bis auf die
untergeschobenen, auswendig gelernten Einflle. Ein paar lcherliche Namen, ein
Dutzend Scherze ber Dinge des tglichen Gebrauchs, dieselbe Manier arme Leute
zu beleidigen, die sie nicht frchten, viel Erzhlungen ehemaliger Tapferkeit
und nachahmenden Mut aus Furcht vor der Schande; das hab ich schon entdeckt. Wer
nicht platt ist, wird aberwitzig genannt, wer Poesie liebt, ein Kraftgenie, wer
einen andern als den hergebrachten Spa treibt, von dem heit es, er wolle etwas
vorstellen. In den Gesellschaften ist stummes eitles Hofmachen, alles in
ernsthafter Wichtigkeit; haben sie dann etwas Wein genossen, so werden sie grob,
nach ihrer Art genialisch, und sagen den Frauen Unanstndigkeiten; diese fliegen
verstrt auf und werden von ihren Beleidigern nach Hause gefhrt. Dann gibt's
Schlgereien, selbst zwischen Freunden, die einander alles verziehen haben; zum
Glck kommt selten was dabei heraus. Von dem unsinnigen Lernen sage ich kein
Wort, die meisten tun nichts als Heftschreiben.
    Hollin hatte sich mit solcher Lust in die Studentenwirtschaft geworfen, da
ihm sehr bald ein Vorsteheramt seiner Landsmannschaft bergeben wurde. Eine
groe Streitigkeit zwischen Landsmannschaften und Orden entzweite damals die
Universitt; er nahm heftig die Partei der erstern, weil er darin wenigstens
keinen solchen Trennungsgrund wie in den Orden fand, die notwendig, weil alle
daran teilnehmen konnten, im ewigen Kampfe unter einander bleiben muten. Alles
sollte durch einen Zweikampf zwischen beiden Parteien ausgeglichen werden; er
wollte fr alle fechten, das erfllte ihn mit Freude; nur das Unbestimmte des
Kampfes bewegte ihn; htte er sich bestimmt einen Arm, einen Fu abhauen lassen
drfen, es wre ihm lieber gewesen. Er kam frh auf das Dorf, wo gekmpft werden
sollte. Freunde und Feinde unterhielten sich wie gewhnlich von Nebensachen ganz
frei. Vor allen gewann er einen gewissen Lenardo aus G. ganz ungemein lieb, der
aus Hang zur Unabhngigkeit von seinem Vater, der ihn dort einschrnken wollte,
ohne Abschied nach H. abgereist war. Offen ohne Zweck, lustig aus Bedrfnis und
darum dem Weine, dem Spiele, den Mdchen ergeben; fleiig zum Scherz, mutig ohne
es zu wissen, nie Beleidiger, fast immer Vershner beim Weine; mit allen
Gutfreund, mit keinem insbesondere, hatte er so viel Bekanntschaften gestiftet,
so viel Brderschaften getrunken, so viel Trennungen erfahren, da er in jedem
neuen Bekannten zehn alte wieder begrte und wiederfand, ohne es zu wissen. Er
war immer der einzige ohne Stammbuch, der sich in allen Stammbchern fand; immer
von Memorabilien umgeben, der aber keine einzige behielt, dem die vergangene
Zeit ganz vergangen. Witz hrte er gern von andern, um Gelegenheit zum Lachen zu
haben, er selbst hatte den Witz nur im Trunke; rasch im Wetten, aber selten
glcklich, weil er wenig genau hrte; glcklich im Spiele, gewann er doch
selten, weil er nur im Unglcke wagte; leichten Weibern sehr willkommen, war er
doch selten geneigt, den Umstnden einer etwas vornehmeren Verbindung sich zu
unterziehen; die schnellere Entscheidung bei den unteren Klassen machte ihm mehr
Genu; in den Knsten zeigte er stets ein vorwiegendes dramatisches Talent. So
ist er noch jetzt, und so war er; denn er gehrt zu den unvernderlichsten
Menschen, unversehrt, ob er gleich zehn verschiedene Weine an einem Abende
aufeinander setzt. Dies wurde sein Gegner; sie umarmten sich erst, dann schlugen
sie sich; Lenardo wurde sehr bald schwer in den Leib verwundet. Hollin htte
sich in seinen Hieber strzen mgen; doch der Wunsch seinem Freunde zu helfen,
trieb ihn zu Pferde nach der Stadt einen Wundarzt zu holen; dem Mediziner, der
gegenwrtig, fehlte es an Geschick, er hatte mit seinem Bindezeuge blo
figuriert. Als dieser ankam und den Verwundeten, der an einem Ofen halb gebraten
und halb erstarrt lag, von dem drckenden Verbande der Schnupftcher befreit
hatte, und mit der Sonde auf und nieder fuhr in der Wunde, da hing Hollin wie
ein loser Stein ber dem Abgrunde; endlich hielt ihn die Hoffnung fest, und die
Hoffnung lie ihn nicht zu Schanden werden; die edlen Teile im Innern waren
unverletzt. Ohne Ermdung wachte er in den kalten Nchten bei dem Freunde, und
der Zufall machte ihn bald mit allen Lebensverhltnissen Lenardos bekannt. Er
mute an dessen Schwester Marie schreiben, sie mchte sein bses Verhltnis mit
dem Vater ausgleichen; dabei rhmte er ihm die Schwester als unendlich liebevoll
und gut. Hollin hatte einen jugendlichen Hochmut gegen die Weiber; aus Mangel an
Umgang mit ihnen hielt er sie kaum fr Menschen; insbesondre hatte er gegen alle
moderne Sitten derselben aus einigen Darstellungen in Komdien neuerer Zeit
einen bestimmten Abscheu; was er von Liebe wute, war nur im allgemeinen
empfunden, nie bei einer einzelnen entdeckt. Lenardo sprach mit ihm, ob er ein
Mdchen heiraten sollte, die ihm recht gut sei, und viel Geld habe, er wre dann
auf einmal aus seiner Schuldenlast. Hollin fand das frevelhaft, behauptete, wenn
es berhaupt eine Ehe geben drfe, so msse sie das Band zweier Liebenden sein;
der Liebe gehre jede Hingebung, und alle ueren Verhltnisse mten vor ihr
verschwinden: ein Hingeben ohne Liebe sei Unzucht; wer mit dem Feuer der
Haushaltung die Liebesfackel anznden wolle, der werde darin wie im hllischen
Feuer verbrennen und nur aus dieser Unnatur, die hufig sogar aus Pflicht
getrieben wrde, entstehe alle sinnlose Ausschweifung der Mnner und die feile
Liebe. -

Da hat er einmal nicht ganz recht! rief die Grfin eifrig. - Sie haben
recht, entgegnete der Prediger; ich leugne, was er von dem Hinaussetzen der
Liebe ber uere Verhltnisse sagt, insofern sie doch nicht aus der Welt hinaus
versetzen kann. - Das meinte ich nicht, antwortete die Grfin, aber mir sind
viele Beispiele bekannt, da Ehen blo der Ausstattung wegen gestiftet wurden,
die sehr glcklich ausschlugen; das Entgegengesetzte sah ich oft bei Liebenden.
-So etwas mu man nicht sehen! brummte der Graf vor sich.
     ... Lenardo genas, und Hollin zog sich von dem groen Studentenhaufen zu
seinen Bchern zurck; der Wunsch andre zu bilden, milang ihm fast gnzlich,
denn er wollte alles in der Natur bereilen. Einsam durchstrich er zum erstenmal
die schnell aufgrnende Frhlingsbhne, schwelgte an jedem neu grnen Blatte und
im Laufe der krummen Fuwege kam er ber eine Brcke auf eine Insel; im Gefhle
der Einsamkeit lie er sich einen kleinen Geiger kommen, setzte sich in eine
Laube und knackte Nsse, die meist hohl waren; sein Herz war voll. Lenardo
schreckte ihn heranspringend mit den Worten auf, er werde gleich seine Schwester
zu ihm fhren, die heute angekommen; sein Vater sei vershnt, Hollins Brief habe
das ganze Haus entzckt, alle wren begierig ihn kennen zu lernen. Er sprang
fort, ohne Hollins Antwort zu hren, der ihm versicherte, er knne in dem
Augenblicke mit keinem Weibe reden. Hollin warf aus Verdru Tisch und Bank um,
lie den Kleinen ein Schandlied musizieren und lief in das Dickicht. Bald kam
Lenardo mit seiner Schwester und noch einem Mdchen. Lenardo erklrte ihnen
lachend den wunderlichen Ha seines Freundes gegen alle Weiber; beide schienen
dadurch etwas beleidigt. Alles das sah Hollin aus dem Dickicht und fr seinen
Ha und fr seine Ruhe sah er zu viel; beide verschwanden im Augenblicke. Was
htte er jetzt dafr gegeben mit Marien sprechen zu drfen; aber er hatte sie
beleidigt, was htte er ihr sagen knnen; ihr Bild schwebte ihm noch deutlich
vor, als sie lange fort war, und am Abend trieb er sich vor ihrem Fenster herum
und meinte, wo ein Schatten durch die Gardinen der erleuchteten Fenster
dunkelte, da stehe sie, und da meinte er etwas zu sehen. - Lenardo reiste den
nchsten Tag mit seiner Schwester und seinem Vater fort; nach seiner Weise hatte
er vergessen, irgend jemand davon zu sprechen; niemand wute wohin. Hollin
rgerte diese Nachlssigkeit, denn er konnte nicht Ruhe finden, bis er die
Beleidigung gut gemacht, der er selbst diese stille Abreise flschlich
zuschrieb; er entschlo sich zur Zerstreuung den Harz zu Fue zu durchstreichen
und es gelang ihm wenigstens auf den wilden Hhen, in den groen Ansichten der
Natur sich selbst mehr zu vergessen. Eines Tages kehrte er in Goslar spt abends
ein; die Altertmlichkeit der Stadt machte ihn selbst alt; er ging durch die
engen Gassen, von flieendem Wasser durchschnitten, vor dem Rathause voll bunter
Schnitzwerke, vor der alten Kirche, mit wunderbaren Bildern geziert, vorbei; ihm
ward ein so wohltuendes Gefhl durch alle Adern gegossen, als kehre er nach
abgebten Snden von einem Kreuzzuge heim, als werde ihm morgen des Glckes
Sonne einmal wieder scheinen. Im Gasthofe fand er einen trben Brief von
Odoardo; Werthers Leiden waren dem in die Hnde gefallen, und fhlte er auch
nicht das zerstrende, sich selbst wiederkuende Ungeheuer in der Welt, so
fhlte er doch, bedrngt von lstiger rztlicher Praxis, die er fr seinen Vater
bernommen hatte, eine ewig leere lieblose freudelose Bewegung, ein trichtes
ermdendes Spiel aller Naturerscheinungen, eine ewige Wiederkehr der Jahre,
derselben Blten, derselben Menschen, ihrer Verhltnisse, weswegen man in alle
Ewigkeit hin in demselben Sinne, aus derselben Apokalypse prophezeien knne. Wir
mssen so laufen, schrieb er, damit die Schuhe ausgetreten werden, und sind sie
ausgetreten, so sind sie zerrissen, und die neuen drcken wieder; die
Unendlichkeit steht, lacht dazu verzweiflungsvoll aus der Ferne und wir knnen
ihr Angesicht nicht erblicken. Und denke ich Deiner Freundschaft, sieh, da fllt
sich meine Seele mit Herrlichkeit wie der gehemmte Strom vor mir, in welchem
noch eben ein armer Junge nach Lumpen suchte, mit klarem Wasser, nachdem die
Schleusen erschlossen sind. Wie ist alles so voll und so leer, so freundlich und
traurig zugleich: alles Tag in Nacht. Im Lichte der Freundschaft glnzt die
Spitze unsres Hauptes in Klarheit, aber die Augen trauren schon in der dunkelen
Nacht. Tausend Menschen leben in Feindschaft eng beisammen; die wenigen, welche
ihr Inneres austauschen und Freude zeugen, sie treibt der starke Bogen des
Schicksals in alle vier Weltteile. Und wie wenige dieser verschossenen Pfeile
erreichen ein Ziel! Gibt es ein Ziel? Knnte ich diese Welt der Bewegung nur aus
mir los werden - alle Abend denke ich mit Freude und Sehnsucht an den Tod einer
Grfin, von der erzhlt worden, wie sie ruhig zu Bette gegangen, und in
Selbstverbrennung vernichtet, ohne Verletzung ihres Bettes und ihrer Umgebung,
in ein Aschenhufchen verwandelt wiedergefunden sei. - Hollin antwortete gleich
seinem alten Schulfreunde zur Aufmunterung und Warnung: Dein Brief war
Selbstmord. Glaub mir nur dies, die meisten Menschen sind Selbstmrder, und Du
gehrst zu den vielen, die es verachten ihr Leben durch einen mchtigen
Giftbecher zu enden, aber das Gift gierig in tausend schnen Lebensblumen
aufsuchen und einsaugen. Und ist nicht das letzte unwillkrliche Ringen nach
Leben, der Todeskampf, das letzte Aufatmen, der Todesseufzer ein eigentlicher
Abscheu der Natur, das Verdammungsurteil des Selbstmrders. Uns leitet das
elende Zeitalter zum Selbstmorde; die meisten folgen und fallen darin, wenn sie
auch nicht Hand an sich legen; la uns mutig und krftig dem Strome der Zeit
entgegen schwimmen; wer in dem Kampfe zur Rettung jedes guten Lebens erliegt,
der stirbt fr die Freiheit und lebt in ihr. Bist Du aber wahnsinnig in trben
Stunden und kannst nicht anders, und mut so denken wie Werther, so la Dich
anketten in guten Stunden durch eine andre gleiche, weniger anstrengende, Dir
mehr angemessene Ttigkeit, als jene ist, zu welcher Dich Dein Vater bestimmt,
auf da Dir die mige leere Zeit zum Nachdenken verschwinde, die Dir nicht
taugt und nie getaugt hat.
    Mitten in dem Schreiben wurde er durch einen Seufzer im Nebenzimmer gestrt;
das regte ihn an, allerlei sanfte Nachtlieder anzustimmen; es klingelte im
Nebenzimmer, er hrte eine weibliche Stimme; seine Lust an Abenteuern erwachte;
er trat an die Tre und fragte mit einer nachgemachten Kellnerstimme: Was
beliebt? - Eine alte Weiberstimme antwortete ihm: Bitt' Er doch den Herrn im
Nebenzimmer, da er seine Nachtmusik bis morgen verspart, wenn wir fort sind. -
Dies Abenteuer machte ihm ungemein viel Spa; aber wie wurde er erschreckt, als
er am Morgen vom echten Kellner die Namen seiner Nachbarn hrte; es war Maria
Lenardo mit ihrer Mutter gewesen. Beide waren ganz frh mit dem Vater dem
Brocken zugewandert. Kaum war der Kellner fort, so sprang er in sich wtend und
tief gekrnkt in das Nebenzimmer, alle verlassenen Reste ihres kurzen Daseins zu
sammeln; sie mute ganz ihm zunchst geschlafen haben, durch ein dnnes Brett
geschieden; denn das andere Bett war nach der Gewohnheit lterer Leute hoch
aufgestapelt mit Kissen. Er konnte es nicht lassen, er strzte sich in das
glckliche Bett, das sie umschlossen; es war noch erwrmt, und der Duft der
Gesundheit erfllte es ganz und immer tiefer drngte er sich in das Federbett,
es schlgt ber ihm zusammen, er sinkt in Wohlsein unter. Als er sich
zusammengerafft, sich angezogen hatte, eilte er der Gesellschaft mit solcher
Eile nach, da er sie in drei Stunden schweitriefend erreichte; er wollte sich
erst als Fremdling ihnen vorstellen, um kein Vorurteil fr sich und gegen sich
zu erregen. In der schnen Gegend lie er sich aber so frei aus, da sein
Geheimnis bald seinen Lippen entfiel, von Marien recht zart aufgenommen und mit
einem Kranze fr alles Verdienst zurckgegeben wurde, was er sich um ihren
Bruder erworben. Die Mutter sorgte an einem Ruhepunkte fr die Haushaltung
aller, und Marie schenkte mit sorgsamen, freundlichen, fragenden Blicken den Tee
ein; der Vater botanisierte nachher mit seiner Frau, die nichts davon verstand;
Hollin ging mit Marien ber Tal und Hhe so selig, da er ber die schne Gegend
kein Wort sagen konnte. Sie kamen bei sternklarem Himmel im neuen Brockenhause
an, das wie der Mond am Berge zu ruhen geschienen, woraus ihnen aber Lenardo mit
vollem Glase entgegentrat. Er neckte Schwester und Freund; der Vater stellte
sich auch jung mit ihm, um sich vor seiner Frau auszuzeichnen. Lenardo brachte
eine Zahl steifer Gesellen herein, die in ihren hohen Stiefeln beinahe Arm und
Bein auf den Felsen gebrochen hatten; alle wute er in Ttigkeit zu bringen, sie
muten mit seiner Schwester tanzen; auch Hollin legte seine Hand zum Walzer auf
ihren schnen Rcken. Dann forderte Lenardo Hollin auf, seine Schwester zur Ruhe
zu magnetisieren; das war dem Vater ein sehr willkommenes Experiment, und Hollin
mute sich anschicken, mit dem wundervollen Treiben des Bluts in der Nhe der
Geliebten, in der ganzen Anspannung des geheimnisvollen Schwungs der
magnetischen Bewegung ber alle Schnheit zwischen Berhrung und Nichtberhrung
hinzuschweben: der qualvollste Genu in der ganzen Welt, fast wie aller Umgang
zwischen Braut und Brutigam, die zu vertraut sind, um sich Gewhnliches zu
sagen und sich nicht mehr erlauben drfen. Einer meiner Freunde klagte mir einst
in solchem Zustande, da ihm von dem ewigen Lcheln dabei die Lippen wehe tten.
Hollin lief gleich darauf ins Freie, whrend der Rat das Einschlafen der Tochter
wissenschaftlich erklrte; er ging und stolperte ber die Hexenaltre und als er
zurckkam, stand Maria in Nachtkleidern mit ihrem Munde gegen die Scheiben des
Fensters gelehnt, zu tief in sich versenkt, um zu bemerken wie er still einen
Ku auf dieselbe Scheibe von auen drckte. Nachher stieg er zu den Studenten
auf den Turm, und trank der deutschen Freiheit ein Lebehoch! - Am Morgen frh
auf, sah er Stdte, Hgel, Strme im Frhscheine durch das Wolkenmeer leise
vordringen, sah die Grundsteine vieler Huser rings, wo jetzt alles unbewohnt
nur ein Schauplatz der Neugierde geworden ist, und er dachte sich ein Volk, das
diese groe Natur und ihre Beschwerden in tglicher Gewohnheit gebraucht, und
fragte sich, ob wohl alle Knste zu dieser Herrschaft ber die Natur wieder
hinfhren knnten. Ein scharfes Wehen am Himmel verkndete ihm die Nhe der
Sonne, er nahte sich dem Hause und Maria trat mit einem Brockenstraue hinaus.
Er glaubte, das alles gerade so und alles umher aus einem anderen Leben
vorausgesehen zu haben; er sank in stiller Andacht vor ihr nieder und betete
unbewut. Sie berhrte seine Stirne mit ihrer Hand, er sprang freudig auf; die
Sonne jagte durchbrechend das Wolkenmeer vor sich fort, da eine Welt in der
Reinheit erster Schpfung vor ihnen lag, und als sie sich vom Glanze abwandten
und hinter sich blickten, da sahen sie sich selbst in ungeheurer Gre auf den
Wolken, da sie in sich tief erschauderten. Der Rat und die Studenten, die beim
Kaffee den Sonnenaufgang versumt hatten, kamen dazu und freuten sich ber die
Lufterscheinung des sogenannten Brockengespenstes, wovon sie alle gehrt hatten.
Lenardo spielte eine lcherliche Tragdienszene als Schattenspiel in den Wolken.
- Da Hollin bald enger mit Marien verbunden wird, so scheint es ntig, ihre
frhere Geschichte zu charakterisieren. Nie gab es ein ergebneres Mdchen: der
Ausdruck lt sich durch keinen andern erklren; sie setzte sich allen nach und
wo sie liebte, wute sie nichts Hheres, als ganz demtig zu dienen, den
leisesten Wnschen des Geliebten ohne berlegung und Rcksicht entgegen zu
kommen. Schon ihre Kinderfrau sagte ihr deswegen, sie werde noch viel Not
erleben; mit gleicher Ergebenheit liebte sie Mutter, Bruder, und Vater, so
streitig jene drei unter einander waren; jedem tat sie einzeln wohl,
schmeichelte und half jedem; waren sie beisammen, dann ging ihre Verlegenheit
an, die ein sehr verschlossenes Leben in ihr hervorgebracht hatte. Unserm Hollin
fhlte sie sich eigen, noch ehe sie ihn gesehen, und seit der Zeit war ihr
stetes Bemhen, ihm das zu beweisen, doch lange vergeblich, da seine
Bescheidenheit sich solch eine Eroberung nicht beizumessen wagte. Aber sie
reisten jetzt weiter mit einander, waren oft allein, durchkrochen die Bielshhle
zusammen, und verstanden sich ohne einander etwas Bestimmtes gesagt zu haben;
alles war abgemacht, doch mute alles geheim gehalten werden, weil Hollin ohne
Amt in den Augen des Vaters fr keinen Freier gelten konnte. Bald sollte auch
der ganz offenen Freundschaft gegen Odoardo ein Geheimnis aus dieser Liebe
werden, denn die Liebe hat hhere Geheimnisse. Maria verweilte einige Zeit mit
ihren Eltern bei Freunden in der Nhe von Blankenburg; um Marien desto
ungestrter allein zu sehen, nahm er von den Eltern Abschied und versteckte sich
in der Nhe in einer den Frsterhtte unter dem angenommenen Namen eines
bekannten Malers, und als er die erste Nacht weit entfernt von ihr schlief,
trumte er die ganze Nacht, er liege verkehrt in seinem Bette. Maria ging oft
allein aus, dies fiel niemand auf; an einem der schnsten Morgen traf sie mit
dem Geliebten zusammen auf dem Wege nach der Rotrappe: sie gesttzt auf ihn, er
umschlungen von ihr, so strichen sie in leisem Geflster durch das dichte
Buchengebsch; es war Sonntag und niemand begegnete ihnen. Auf einmal wurde es
hell ber ihnen, sie taten aufjauchzend noch einige Schritte und standen dann
auf der Spitze der Granitwand, die schroff aufgerichtet steht zwischen dem Toben
und Blhen freier Natur im eingeschlossenen grnen Tale, von Wasserfllen
durchschnitten, und zwischen dem gesetzten Wirken der Menschen, von welchem das
dumpfe gleiche Stoen des Eisenhammers an der andern Seite entgegenschallte. Und
sie gedachten mit Rhrung der schnen Knigstochter, die von einem verhaten
Freier verfolgt ihr Ro mutig ber den Abgrund spornte und ihm entkam. Noch war
der Tritt des Rosses im Felsen zu sehen; der Regen hatte den Eindruck erfllt
und Maria lie eine Trne dabei fallen; auch sie erwartete bei ihrer Rckkehr
ein verhater reicher Freier und sie fhlte nicht Kraft in sich, den Bitten von
Vater und Mutter zu widerstehen. Erst hier erfuhr Hollin diesen geheimen Kummer,
der in den festen Schranken brgerlicher Ordnung und Weltsitte ihr schnes Leben
aufzehren wollte. Zu uns! deutete ihnen das Rauschen des Baches unter ihnen die
tiefe Klarheit des Tals, das dichte Grn, die Stimmen der Vgel in ihrer
Sicherheit: ergebt euch der Natur mit aller ihrer Schnheit in allen ihren
Schrecken; hier unten lieget die goldne Krone der schnen Knigstochter, die ihr
im raschen Sprunge vom Haupte fiel, euch ist's bestimmt sie zu finden, die lange
aufgegeben ist. Ich steige hinab, sagte Hollin, und will da einsam mein Leben
beschlieen, wenn du mir nicht folgst, Maria. - Und so stieg er rasch voran, und
bezeichnete ihr die Stufen und sie folgte ihm wie eine junge Gemse der alten, so
kindlich ergeben und treu in der Gefahr nach. Und wie sie unten ins Tal kamen,
da schien ihnen alle Welt anders, sie glaubten sich im Paradiese und die
einzigen Menschen auf Erden; sie lagerten sich unter einer Laube, wo ein Reh
aufgesprungen war; die Schranken des Lebens ffneten sich, er fand und raubte
die Myrtenkrone, der ewige Bund wurde geschlossen. Sie waren eins, aber dieses
Einssein war ihr alles; sie hatten die Welt vergessen, auf der sie so sanft
ruhten, den Himmel, der sie so mild gedeckt hatte und der nun furchtbar schwarz
ber ihnen gewitterte und seine Regenschauer sandte. Mit Anstrengung aller Kraft
brachte Hollin die Halbohnmchtige nach Hause. Der Liebe Leben whrt ewig! rief
er ihr scheidend; sie konnte in diesem Ungewitter leicht einen Grund ihrer
verzgerten Rckkehr angeben. Sie kehrte noch mehrmals zu ihm zurck, so lange
die guten Tage dauern wollten, und doch kam endlich der schwere letzte Tag, wo
Hollin ihr nochmals unwandelbare Treue gelobte und ernstes Bestreben nach einem
brgerlichen Unterkommen. Als Hollin nun nach der Universitt zurckkehrte, war
es Nacht; einzelne Lichtfenster blickten im Tale, die Trme sahen finster ber
die dunkle Husermasse hinaus, das Wasser unter ihm glnzte und rauschte ber
das Wehr, Gesang schallte an einer Seite; im ganzen herrschte tiefe Ruhe und
keiner dachte seiner. Und da grauete ihm, wie er dachte, da andre noch Lust am
Leben bewahren knnten, die nicht lebten wie er; er fragte sich, womit er dies
Glck vor allen andern verdiene. Alles schwieg umher, auch zwei Nachtigallen,
die bis dahin wetteifernd geschlagen; ihm war, als htten sie sich tot gesungen,
weil nichts ihr Glck ganz sagen und verknden knne. - Bald eilte er von der
Universitt nach der Hauptstadt; die brgerliche Ordnung, die er erst khn
gebrochen, suchte er jetzt auf, um darin Schutz, Unterhalt und Ruhe fr sein
Glck zu finden. Er gefiel allgemein; seine Kenntnisse waren eben so grndlich
als mitteilbar; der Strom der Gesellschaft erfate ihn von allen Seiten und er
spielte mit jeder Welle, denn alles war ihm neu, und er trauete jeder.
    Sie erinnern sich, da eine Bekannte von Marien sie damals auf der Insel
begleitete, wo Hollin sie so unhflich abgewiesen hatte; dieses Mdchen, deren
Namen ich verschweige, die hlich und boshaft, dennoch das Vertrauen von Marien
gewonnen hatte, hielt sich in der Hauptstadt auf, und wurde von Marien erwhlt,
den geheimen Briefwechsel zu bestellen. Sie hate Hollin seit jenem Tage, und
nun hrte sie in dem gemeinen Stadtgeschwtze, wie er verschiedene sehr
verdchtige Frauen besuche, wie er mit verschiedenen Mdchen versprochen sei;
darum hielt sie die ersten Briefe Mariens zurck, und berichtete ihr alles so
bedenklich, da Maria sich nicht trauete, wieder zu schreiben. Hollin, ohne
allen bsen Willen und Absicht, in aller schlechten Gesellschaft rein und einzig
mit seiner Marie beschftigt, konnte dieses Stillschweigen nicht begreifen.
Mariens Freundin leugnete ihm alle Auftrge ab, Briefe an sie zu bestellen.
Endlich schrieb er an Odoardo, er mchte ihm doch von Marien Nachricht geben.
Odoardo suchte mit groer Feinheit Bekanntschaft, fand nie eine gute
Gelegenheit, mit Vorsicht sich zu erklren, und konnte ihm weiter nichts
schreiben, als was die Stadt wute, da die Heirat Mariens mit dem reichen
Kaufmanne rckgngig geworden; dabei warnte er seinen Freund, keiner flchtig
feurigen Gewalt eines Frhlingsaugenblickes ber seine ganze Zukunft die Zgel
zu geben. Maria sei kein Weib fr ihn; sein umfassender Geist wrde ihres
kleinen huslichen Kreises bald berdrssig sein; die Schnheit werde bei einer
gewissen Geistesbeschrnkung undenklich verhat. - Hollin lachte des Briefes; er
kannte seine Marie besser; aber der Brief verschlo ihn gegen den Freund, sein
Urteil schien ihm hochmtig; lie er aber seine Empfindlichkeit aus, so konnte
jener das Geheimnis erraten, das er ihm mit Mhe verbarg. Er schob seinen Brief
auf, bis eine Krankheit, die er rettend bei einer groen Feuersbrunst sich
zugezogen, ihn lngere Zeit dazu unfhig machte. Kaum war er so weit genesen, so
schrieb er in erster Freude dem Freunde; die Versndigung an Marien verwies er
ihm mit wenigen Worten; dann erzhlte er ihm seine Krankheit ausfhrlich,
insbesondre einen schweren Traum, der ihn sehr geqult. Bald sah ich viele
Erscheinungen umher, schreibt er, Maria in einem schwarzen Kleide, eine
Knigskrone auf dem Haupte, trat weinend zu mir und legte eine warme Hand auf
meine Stirn; Du warfest Dich schmerzlich bei mir nieder, es standen viele alte
Krieger umher, man trug mich fort; die Leichenfrau war mit mir beschftigt; ich
sah mich selbst, wie ich in dem schwarzen Sarge mit zinnernen Griffen lag. Da
scho es mir urpltzlich in den Sinn; aber ich she ja das alles, wie knne ich
tot sein; ich schauderte vor dem Gedanken, lebend begraben zu werden; ich wollte
den Trauernden umher mein Leben kund tun. Aber keinen Arm konnte ich heben, mein
Mund war geschlossen, nur mit den starren Augen blickte ich, um Schonung von
Euch zu fordern. Da kam Marie und drckte auch diese Augen mir zu und lie eine
Trne darauf fallen. Ich fhlte ihren Schmerz und den meinen, sie zu verlassen;
ich konnte Euch und mich nicht mehr retten; der Sargdeckel wurde zugeschlagen,
die Trger hoben mich, die Schler sangen: Ach wie herrlich, ach wie labend ist
nach einem heien Tage, solch ein schner khler Abend; das Gelut der Glocken
klang durch und das Weinen der Lieben, die mich begleiteten. Da sammelte ich
meine letzte Kraft, Euch ein Zeichen meines Lebens zu geben, und erwachte zum
Genesen. - Mariens Freundin war unterdessen beschftigt gewesen, ihr jede Stunde
zu verkmmern; von ihr erfuhr sie, er sei durch Ausschweifungen gefhrlich
krank; eine sehr verrufene Frau pflege sein. Dieser Pflege, es ist wahr, dankte
er sein Leben; aber diese Pflege war blo Folge jener Gte, die fast das einzige
Lbliche ist, wozu der Sinn durch ein leichtsinniges Hingeben geweckt wird; der
herrliche Mann tat ihr leid, ob sie ihn gleich nie nher gekannt hatte. Sie
wissen noch nicht, in welchem Grade Marie aus dem Himmel ihrer Liebe gestoen,
auch in allen andern Verhltnissen durch die falschen Nachrichten der Freundin
unglcklich wurde; Sie wissen nicht, was Marie sich und der ganzen Welt gern
verheimlicht htte, da sie in wenig Monaten von den Folgen jener schnen
Besuche im einsamen Gebrge entbunden werden sollte, die jetzt ihr Inneres
doppelt zerrissen. Lenardo qulte sie dabei mit einem besonderen Ansinnen; er
hatte die eben erschienene Maria Stuart Schillers so lieb gewonnen und den Vater
ganz auf seine Seite gebracht, da dieses Trauerspiel zu einem Geburtstage der
Mutter in ihrem Hause aufgefhrt werden solle, und da Maria die Hauptrolle
bernehmen msse. Er schrieb an Hollin, da er ihm auf dem Krankenlager nach der
Verwundung versprochen, ihm einmal einen Dienst zu leisten, insofern er seinen
Krften angemessen; nun sei niemand in G., der den Mortimer machen knne, und
niemand in der Welt, der ihn besser machen knne als Hollin, er mchte sich also
dazu einfinden. Hollin kam die Einladung sehr gelegen; er war denselben Morgen
als Bergrat angestellt worden; er konnte jetzt, bei dem Besitze von dem eignen
Vermgen, eine Frau ernhren; gleich schrieb er an Lenardo, er komme gewi, aber
erst am Tage der Auffhrung; er msse ganz geheim halten, wer die Rolle
bernommen; er selbst knne sie leicht in den Proben spielen und fr die Kleider
wolle er selbst sorgen. - Seinem Odoardo meldete er seine Versorgung und seine
Ankunft und bat ihn Marien davon zu benachrichtigen; den letzteren Brief legte
er in jenen. - Lenardo war zu erfreut ber das Gelingen seines Planes, um den
Brief an seinen Freund richtig zu bestellen; erst am Morgen der Auffhrung fand
er ihn in einer Tasche und gab ihn dem Odoardo, der den Leicester im Stcke
recht brav probierte. Odoardo fand in seinem Briefe einen andern an Maria
eingeschlossen; er fand keine Gelegenheit ihn whrend der Probe abzugeben und
wollte ihr nachher einen Besuch machen.
    Hollin hatte unterdessen die Reise mit unglaublicher Ungeduld zurckgelegt;
er kam in der Nacht in einem Wirtshause zu G. an. Hier am Ziele seiner Wnsche
scheint ihn die erste Unentschlossenheit angewandelt zu haben, die erste
Besorgnis ber Mariens Schweigen, das er bis dahin der strengen Bewachung der
Ihren zugeschrieben hatte, man fand in seinem Taschenbuche aufgeschrieben:
Maria, als mein Arm zuerst Dich umfing, spielte die Natur zu unserm Tanz eine
frhliche Weise; Blumen sproten unter Deinem Tritte, die Vgel liebkosten Dich
mit sen Klngen. Die Blumen sind verblht, die Vgel hinweggezogen, der kalte
Herbstwind kruselt mit drrem Laube den Staub des Bodens. Noch in eben dem
Tanze bebt, pocht mein Herz bei dem leisesten Anhauche Deiner Erinnerung, sein
Frhling ist nicht entschwunden, nicht seine Blten. Bist Du es noch,
Hochgeliebte, die wie ehemals meiner wartet; se Liebe, httest Du nur ein Wort
zur Antwort mir geschrieben, nur ein Angedenken jener Zeit, ein Tannenstruchen
mir gesandt, ich wre nicht einsam allein so nahe Dir; doch ich war ja immer Dir
nahe und selbst Dein Schweigen war mir lieb.
    Nach Endigung der Probe ging Marie auf ihr Zimmer und fand einen Brief von
der boshaften Freundin, die ihr Hollins Anstellung und seine nahe Abreise
anzeigte; man glaube, er hole sich eine Frau aus der Gegend, wer aber diese
Glckliche sei bei den vielen, denen er Hof gemacht, sei schwer zu bestimmen. -
Mariens erste Empfindung war, das sei gelogen; aber dann ergriff sie eine Angst,
Rache hrtete sie; mit aller Heftigkeit der gemihandelten Liebe wollte sie ihm
schreiben, sie wollte aller Welt ihre Liebe und ihre Schande bekennen. In dem
Augenblicke trat Hollin herein, der sich bei einem Untermieter im Hause ein
Zimmer schon frhmorgens zu verschaffen gewut hatte - er sieht sie und strzt
sprachlos in ihre Arme. Sie dreht sich in einem Gemische aus Zorn und Liebe von
ihm weg; sie drckt ihn sanft von sich. In diesem Wegwenden fhlt er unschuldig
die Qual der Verdammten, von denen Gott sein Angesicht gekehrt; halb erstickt
ruft er: Maria, du wendest dich von mir, bist nicht mehr ganz mein? Nur ein
Wort, ein Blick bei aller Liebe, die uns einte, bei aller heil'gen Treue, du
bist mein! - Treue, Liebe! rief sie, das ist vorbei, ganz vorbei; wie hast du
mich so berauben knnen um beide, und sie nachher der Welt Preis gegeben; fort,
deine Nhe qult mich mehr als ewige Entfernung von dir; wie warst du anders
sonst, wie war alles anders! - Was sollte er sagen; es gibt Augenblicke, wo man
glaubt, die Welt habe eine andre Sprache gelernt, oder man habe die eigne
vergessen; er stammelte unzusammenhngende Worte von Angedenken und Seligkeit;
sie sagte mit den ersten Trnen, die sich in ihren Augen gesammelt hatten: Wohl
bleibt mir ein Angedenken unsrer Liebe, der Schmerz! - Jetzt hrte sie im Gange
vor der Tre einige laute Futritte; sie rief: Um meiner Ruhe willen fort, fort,
mein Vater kommt! Sie drngte Hollin mit Angst, mehr aus einer unwillkrlichen
Scheu, als aus berlegung nach der Tre. - Elende! sagte er leise im Abgehen und
ging nach dem Zimmer im Unterstocke in einem wunderbar schmerzlich trumenden
Zustande, wie ein Opfertier, das der Schlag, der es niederstrecken sollte, nur
betubt hatte. So sa er auf einem Stuhle betubt und einsam, whrend Odoardo,
denn der war es, sich vorsichtig dem Zimmer Mariens genhert und im dunklen
Gange den nach der andern Seite eilenden Freund nicht erkannt hatte. Die
mitgebrachten Briefe und Nachrichten erweckten in ihr eine Freude, an die sie
nicht glauben wollte. Sie mute ihm ganz laut den Schlu von Hollins Briefe
lesen: Dir bringe ich dasselbe liebende Herz zurck, welches in den herrlichsten
Tagen meines Lebens mein ganzes Wesen erfllte, das Deine Liebe mir gewonnen.
Maria, die Erinnerung der blitzschnellen Stunde im Harze erfllt mich ganz; bald
liebes Lebenswunder, werde ich Dich umfangen, Dich kssen im fremden Namen, aber
Dich nicht mein nennen. Du wirst mich zurckstoen. Sei nur recht hart
zurckstoend, weiches Herz, verbirg Dich im Knigsschmucke, Du Schnste ohne
Schmuck und Kleid, damit ich nicht taumle und des ganzen Lebens Wonne in der
gedoppelten Liebe der Kunst und der Natur, allen zur Schau an mich reie. Du
verstehst mich noch nicht, Herzenskndige; Odoardo wird Dir alles, alles
erklren; ich kann jetzt nicht, die Hand bebt mir von Lust. In neun Tagen bin
ich bei Dir; eine Ringmauer umfat uns, aber nicht ein Bett; Frulein Lenardo
bist Du und ich Herr Hollin; die Lichter sind angezndet, der Vorhang rauscht
auf; warum trauerst Du Maria Stuart, hat Dir die Liebe nichts verraten, kein
Traum, keine Ahndung Dich umstrahlet; der Retter ist Dir nah, wie freudig will
er fr Dich sterben, wie selig mit Dir leben! Wie soll ich meinen Augen trauen?
der harte bse Neffe Paulets, der Mortimer ist mein Hollin! Eilende Wolken!
Segler der Lfte, wer mit euch wanderte, mit euch schiffte!
    Dieses laute Vorlesen hatte Odoardo ein Vertrauen geschenkt, wozu er sonst
nach seiner rckhaltenden Art schwerlich gelangt wre. Maria erzhlte ihm jetzt,
welche Nachrichten sie von Hollin durch eine Freundin empfangen; erzhlte ihm
von des Freundes Ankunft. Odoardo, freudig dieser Ankunft, schwor ihr bei allen
Heiligen, die bsen Gerchte seien falsche Verleumdung, alles sei Miverstndnis
und lasse sich leicht heben; er eile Hollin aufzusuchen, um ihn zu vershnen.
Der ungeheure Wechsel von Schmerz in Freude nahm ihr wie den lange
Eingekerkerten bei der Rckkehr an die freie Luft Atem und Besinnung; sie fiel
sprachlos und bewutlos in Odoardos Arme. In diesem Augenblicke erffnete
Hollin, der sich noch zu einem Versuche entschlossen, alles Rtselhafte in der
Geschichte aufzuklren, ganz leise die Tre; Odoardo war ngstlich beschftigt,
seine schne Brde zu ermuntern, er achtete nicht des Gerusches. Hollin
starrte, wandte sich um, eilte fort und lie die Tre offen, deren frischer
Luftstrom die Ohnmchtige erweckte. Odoardo eilte jetzt Marien alle Briefe
Hollins zu bringen, wo er von seinem Umgange mit allen den Weibern so offen, so
wahr, so unschuldig schrieb, da sie innig von seiner Treue berzeugt wurde;
ihre Freude war das letzte Aufleben, die Elust eines Todkranken. Dann eilte
Odoardo in alle Wirtshuser, seinen Freund aufzusuchen; wo er wohnte, war er
unter fremden Namen aufgeschrieben, und wie wir wissen, hatte er schon seit dem
Morgen das Wirtshaus verlassen. Odoardo ahndete ein Unglck, aber er durchstrich
die Stadt vergebens; er begegnete Hollin nirgends.
    Hollin scheint indessen weit umher gewesen zu sein, sich an den
verschiedensten Orten einen Ruheplatz zu suchen, wo er sich schreibend zu
sammeln bemht war; was sollte er tun? Die berall abgerissene Schrift in seinem
Taschenbuch zeigte, da er nirgends mit sich abschlieen konnte. Wahrscheinlich
nachdem er die Litanei in einer Kirche gehrt, schrieb er hinein: Kyrie eleison,
Christe eleison, ich habe euch vergeben, Halleluja dem Allerbarmer, er hat die
fressende Wut eingedmmt. - Buhlerin, wie Du so leichtsinnig mit mir fromme alte
Sitte gebrochen, so leicht wurde es Dir auch mit andern; wie Du Deine Eltern
betrogst, so betrogst Du mich. - Mute ich Dich so wiederfinden, Odoardo,
liebster Freund, rgster Feind, in den schndlichen Armen. Odoardo, Du bist
unschuldig; eine Umarmung von ihr ist reicher wie der Himmel. Noch einmal will
ich sie sehen, sie umarmen, dann fort, fort, ber Land und Meer.

Die Zeit der Auffhrung kam heran, die Zuhrer sammelten sich. Maria ohne
Argwohn kleidete sich frhlich an; Odoardo vermied es, ihr seine Besorgnisse
mitzuteilen. Es begann eine rhrende Symphonie, als Hollin unbemerkt im Dunkel
in sein gemietetes Zimmer zurckkam und ohne Beihlfe andrer seine
Theaterkleider anlegte. Wahrscheinlich whrend dieser Musik schrieb er zu seiner
Beruhigung in die Schreibtafel:  ... Was es fr Tne sein mgen, die aus dem
Innern hervordringend den Schmerz des unruhigen Lebens bertnen? Nicht von
auen kommen sie mir, es ist die Trauermusik vor einem Toten. Zuerst der
Posaunenklang, in welchem die groen Orgelgeister erwachen, wie sie allmchtig
die Kirchenwnde erschttern, da die Betglocke leise anschlgt. In diesen
lustwandeln Oboen und Klarinetten; es schallen munter Geigen und Zimbeln
dazwischen. Da erschallt die erste geweckte Menschenbrust und schwebt im
Gesange, empor getragen, aber der Atem geht ihr aus. Wie du so einsam trauerst,
Maria, Mutter Gottes, um den verratenen Sohn; kann denn dein Sohn nicht mehr
trauern, da du ihn geboren! Warum durchbricht so selten der Strahl des
Auferstandenen diese dunklen Fenster? - Es ist tiefe Nacht bers ganze Land
ausgegossen. - Da mu ich in der Finsternis an die blden Augen schlagen; ich
sehe dann funkelndes Morgenlicht. - Sieh, wie die Mauern erbeben, Strahlen auf
und nieder schweben, Kindlein mit goldnen Flglein auf der Leiter
herniedersteigen, die Himmelsscharen sich freundlich beugen, Luft, Luft, es
ffnet sich jede Gruft, Mariens Auge die Himmelsblue durchbricht; freudig
Erbeben, seliges Leben, ewiges Licht.
    Lenardo hatte indessen mit unglaublicher Ungeduld nach allen Seiten
umgeblickt, ob Hollin nicht komme, und als der Vorhang aufging, selbst ein Kleid
angelegt, das der Rolle bestimmt war.
    Maria rhrte durch ihr Elend als Stuart ungemein; sie war so ruhig, war so
gewi, da Hollin seine Rolle spielen werde, und wirklich trat er unerwartet zu
dem Auftritte heraus, wo er sich ihr als treuester Freund offenbaren sollte.
Unser Freund, durch die Schnheit seines krftigen Baues, durch den
vorteilhaften alten Anzug gehoben, erregte allgemeines Aufsehen; das Rollen
seiner Augen wurde als erste Theaterverwirrung aufgenommen, man machte ihm mit
Hndeklatschen Mut, und Lenardo sprang triumphierend ins Parterre, um den Dank
fr seinen Scherz in Empfang zu nehmen. Auch Maria war bei seinem Anblicken
selig erstaunt, doch gewannen beide bald genug Geistesfreiheit, um ihre Rolle
auszuspielen. Mit berirdischer Heiligkeit sprach er die Rede, von der hohen
Wirkung des groen Kirchenfestes. Hollin schien nur gekommen, Marien noch
einmal, zum letztenmal zu sehen, und nun sah er sie in aller Schnheit, in allem
Glanze, mit dem ganzen Zauber der Kunst; er fhlte erst jetzt alles Treffende
seiner Rolle auf sich; er glaubte eine hhere Macht in diesem wunderbaren
Zufalle und berlie sich ihrer bsen Gewalt. - Am Schlusse seines Auftrittes
verschwand er; Odoardo wollte ihm nach, aber Lenardo stellte sich vor ihn und
hinderte es, weil Hollin ihm geschrieben, er bte sich aus, ihn whrend der
Vorstellung gegen alle Anreden zu schtzen; er habe die Rolle so schnell
gelernt, da er jede Pause zum Wiederholen strenge benutzen msse. - In dieser
Zwischenpause scheint er das Folgende in sein Taschenbuch geschrieben zu haben:
So ruhig heilig traurig konntest Du vor mir erscheinen, Maria, meinen Blick
ertragen? - Du spielst im Leben auch zur Schau! - Mir ward in Deinem Blick so
weh und bang; die Engel und die Teufel alle, sie schienen von Dir loszulassen,
mich zu umdrngen, mich zu fassen, die Liebe und die Rache rangen auf, die
Allmacht ri mich fort: Soll durch den Tod sich Liebe lohnen, mu Liebe in dem
Tode wohnen! - Die Sterne gehn in ew'ger Nacht, sie drngen unaufhaltsam fort,
sie schweben in einem engen Raume; das Leben kmpft und erlscht im Leben; bald
ist die Bhne voll, es freuen alle sich des vielen Glnzens; die eine Bahn von
Ost nach West strebt jeder zu durchlaufen; sie wollen alle sich ersticken -
verzweifelnd bricht dem Helden nun das Herz, der seine Bahn an ihre Bahn
geknpft. Wohl dann, bin ich kein Held, ich sterbe doch als Held! ich opfre
mich, weil ich nichts anderes zu opfern hier vermag. Auf ewig soll ich von euch
scheiden. Noch einmal will ich ihn, den Saum des strahlenden Gewandes, kssen,
das Deinen Mond, Maria, blau umflattert; noch einmal streb ich, mich dem Ring
der Kette anzuschlieen, die mich so lange hat umschlossen. Der Ring zerspringt;
es klingt der laute Beifallsjubel der knstlerischen Freunde; Verzweiflung packt
mich, Wut reit geielnd mich durch Meeresflut. Ha Kunst, du hast gesiegt! Jetzt
wirft mich Nordwind auf die de Felsenspitze; gefesselt lieg ich und kann nichts
erfassen; es schimmern ber mir die kalten Morgennebel und die Gestaltung all
ist fern. Noch liebevoll geb ich den wolkigen Gestalten Namen; schlie
Freundschaftsbndnis mit den dunklen Armen, deren schwarzer Ring durch alle
Winde standhaft kmpft; da mein ich schon, ich find ihn wieder, den verlornen
Ring; ich fass nach ihm mit beiden Armen, da schleudert er des Blitzstrahls
zackig rollende Schlangen auf mich herab. Ich leb nicht mehr, da hallt's im
Widerhall der Felsen: Soll durch den Tod die Liebe lohnen, wird Liebe in dem
Tode wohnen ...

Das verstehe ich nicht, unterbrach die Grfin den Erzhler. Den Grafen mute
heut alles rgern, auch das fhllose Unterbrechen der Erzhlung. Es ist ja so
klar: er zeigt durch den verhngnisvollen schwarzen Gewitterring die neue
unechte Verbindung an, die zwischen ihm und Maria im Schauspiele dargestellt
wird.

... Sie erinnern sich wohl, da Mortimer in seiner Liebe zu Maria Stuart einen
glcklichen, aber elenden Nebenbuhler an Leicester hat, den Odoardo spielte;
Leicester wnscht Maria zu retten, doch ohne eigne Aufopferung; er hat den
Mortimer in Verdacht, da er gegen Marien kundschafte, Mortimer gegen ihn; eine
Unterredung voll gegenseitigen Mitrauens konnte Hollin nicht ohne Bitterkeit
ausfhren. Odoardo wurde beklommen und wute nicht warum; wre er festeren
Entschlusses gewesen, er htte Hollin aufgesucht, als er eben in seinem Zimmer
geschrieben: Gott segne euch mit allem, was ihr liebt! erleuchte euch nimmer,
da ihr eure Fehler nicht seht, behte euch vor jeder Erinnerung an mich in alle
Ewigkeit!
    Nun begann der dritte Akt des erregenden Spiels mit aller seiner Schnheit.
Maria bertraf alle Erwartung. Nach der unseligen Unterredung mit Elisabeth,
trat unser Mortimer mit Heftigkeit auf; er schien mit dem Leben zu ringen, als
er ausrief:

Was ist mir alles Leben gegen dich
Und meine Liebe! Eh' ich dir entsage,
Eh' nahe sich das Ende aller Tage.

Maria rief wie aus eigner Seele: Gott, welche Sprache Herr, und welche Blicke! -
Und wie er sie umarmte und wie sie ihn zurck stie: es ist unwiderstehlich wahr
und reizend gewesen. Mit welcher Gewalt warf er einen Sessel, der sie beide
trennte, in die Kulissen. Was ist alle andre Schauspielkunst gegen die
schreckliche Wahrheit solcher Darstellung. Alle waren beklommen, es schien etwas
Grausenvolles sich zu entwickeln; keiner wagte es, zum Nachbar zu sprechen;
allen klopfte das Herz. Maria fhlte sich so heiter in ihrer Rolle, weil sie
dadurch vom ersten liebevollen Kusse wieder beschenkt worden. In der
Zwischenzeit bis zum letzten Auftritte blieb Hollin so weit in der Kulisse
vorstehen, da niemand mit ihm reden konnte. Nun kam die Unterredung zwischen
ihm und Leicester: der schreckliche Verrat des letzteren; sein Edelmut zog
unwiderstehlich aller Menschen Neigung zu ihm hin. Mit welcher Verachtung
wendete sich Hollin zu der Wache, die ihn fesseln will: Was willst du, feiler
Sklav der Tyrannei, ich spotte deiner, ich bin frei! Wie geschickt erwehrte er
sich der Eindringenden und rief dann: Geliebte, nicht erretten kann ich dich, so
will ich dir ein mnnlich Beispiel geben. Maria, Heil'ge bitt fr mich und nimm
mich zu dir in dein himmlisch Leben. - Bei diesen Worten durchsticht sich
Mortimer mit dem Dolche. - Laut riefen alle Beifall, riefen Bravo; da ruft einer
aus der Wache, der ihn aufheben will: Jesus, er zuckt frchterlich und ist voll
Blut. Entsetzen berfllt alle, lhmt alle; nur Maria, in dem glcklichen Wahne,
alles sei nur Tuschung, wagt es hinzublicken. Hollin winkte ihr sich zu nhern
und sagte fest: Meine Augenblicke sind wenige, tuschende Kunst hat mich
hingerafft; Odoardo wird fr dich sorgen, bleibe ihm treu! - Odoardo hielt den
Dolch fest, den Hollin bei diesen Worten aus der Wunde reien wollte, er sah als
geschickter Chirurge, da er dann im Augenblicke sterbe; wer will seinen Schmerz
als Freund dabei fhlen; fast frchten wir uns vor der Strke des eignen
Mitgefhles; Maria erwachte aus der ersten Betubung, die sie neben ihm
hingestreckt; sie beschwor ihn, fr sie, fr sein Kind unter ihrem Herzen zu
leben; die Wunde schien nicht gefhrlich; es entwickelte sich der ganze
schreckliche Irrtum, der ihn verwirrt hatte; seine Liebe und Freundschaft
kehrten aus der Ewigkeit zurck, wohin er sie schon verbannt hatte. Er lie den
Vorhang niederziehen, lie alle Fremden entfernen, flehete bei Mariens Vater um
Verzeihung, da er die heiligen Rechte brgerlicher Ordnung und gttlicher
Einsetzung leichtsinnig gebrochen; er wollte sich ihrer guten Folgen fr Marie
und ihr Kind nach seinem Tode noch erfreuen, ihnen sein Vermgen sichern. Ein
Geistlicher, mit Hintansetzung einiger Bedenklichkeit, trauete ihn mit der
bewutlosen Maria durch die einfachen Worte: Was Gott zusammenfgt, soll der
Mensch nicht trennen. - Amen! sagten alle. Hollin rief aber: Ich habe es doch
getan, Odoardo, edler Freund, sorge fr sie - der Liebe Leben - ewig! Bei diesen
Worten zog er den Dolch aus seiner Wunde; das Blut strmte heftig, sein Kopf
sank nieder, er war tot.
    Marie drckte ihm in der schrecklichen Fhllosigkeit des unsglichen
Schmerzes die Augen zu. Odoardo mute sie gewaltsam von der Leiche wegreien. Er
grub seinem Freunde ein Grab auerhalb der Kirchhofsmauer im Flugsande. Maria
starb eine Woche spter in der frhzeitigen Geburt mit dem Kinde zugleich. Auch
sie begrub er auer der Kirchhofsmauer neben ihm, und das Kind zwischen ihnen
und alle Rosen und andre Erinnerungen ihrer Liebe. Nachdem er alles, was er
liebte, begraben, ging er in ein Kloster. Sein bses Schicksal ging nicht mit
ihm ein; er verlor Gedchtnis und Erinnerung, wurde froh wie ein Kind und las
oft lchelnd die Briefe seines Freundes, als sei es ihm eine fremde Geschichte.
    Bei den letzten Worten dieser Erzhlung des Grafen stand der Prediger auf,
entfernte sich langsam, indem er einen offenen Gang hinunterschritt. Die Grfin
sah ihm nach, lachte und fragte: Er ist es doch wohl nicht gar selber, dieser
Odoardo? - Ehre den Schmerz, antwortete der Graf. - Ich wei nicht, wie du
mir heute vorkommst, meinte die Grfin, ganz anders wie sonst; ich bin meiner
Natur gem lustig, hasse alle elende Sentimentalitt; es tut mir leid, da Herr
Hollin gestorben; knnte ich ihn retten, so tt ich's, aber den schnen
Nachmittag soll er mir nicht verleiden. - Der Graf ging dem Prediger nach und
brachte ihn sehr bald ganz ruhig und gefat zurck. Die Grfin fragte ihn: da er
den Ehestand so lebhaft verteidige, so msse er wahrscheinlich recht glcklich
verheiratet sein. - Ich bin nicht verheiratet, antwortete er, aber ich bin
versprochen, mu aber noch sechs Jahre auf meine Vermhlung warten, und wer
wei, ob dann noch etwas daraus wird. Mein Leben ist sonderbar, aber
vorwurfsfrei; ein Kind von zehn Jahren, das Kind eines armen Handwerkers,
gewann, als ich noch Hofmeister war, meine ganze Zuneigung: noch wei sie nichts
davon; sie ehrt mich als Wohltter und ihr liebes bedeutendes Gesicht senkt sich
oft demtig zum Handkusse, whrend es mein ganzes Wesen beherrscht. Ich bin
meiner selbst gewaltig; ich bin gewi, da ich dem lieben Mdchen nichts von
meinem Wohlwollen entziehe; sie mag mich oder einen andern in rechter Zeit
erwhlen, ihre Neigung mag sie frei erklren, nie soll ein Vorwurf von mir sie
bestimmen; in dieser berzeugung trage ich keine Scheu, meine Leidenschaft zu
bekennen; nur ihre Verheimlichung gegen andre wrde sie zum Verbrechen machen.
- Aber lieber Herr Prediger, ist es Ihnen nicht drckend, so lange ganz allein
zu wirtschaften, die Hoffnung auf Kinder so weit hinaus zu setzen? fragte der
Graf. - Mein werter Graf, von meinem Pfarrhause seh ich die Wohnung eines
katholischen Pfarrers, Ihres Predigers; der Mann hat fr sein ganzes Leben all
den Freuden entsagen knnen, um seinem heiligen Willen zu folgen, und ich knnte
nicht einmal sechs Jahre aufopfern; der Mensch kann sehr viel, was unsrem
weichlichen Zeitalter unmglich scheint; der Krieg hat gar manchem diese
Wahrheit bewiesen und die Bekanntschaft mit Indien, die sich jetzt so allgemein
verbreitet, fhrt denselben Beweis fr die mgliche Aufopferung aller Krfte zu
einem heilig verpflichteten Dienste. Kinder fehlen mir nicht, ich habe deren
viele, ohne die gute Sitte zu verletzen; mir ist eine wunderbare Kraft
verliehen, die mir ganz bewut ist; wo ich glckliche Ehen sehe, die der Kinder
ermangeln, da blicke ich die Frauen an und erflle sie mit guter Hoffnung; diese
Wirkung ist in mir ohne alle sndliche Neigung; ja meist mir ganz unbewut
geschieht diese geistige Durchdringung. Lachen Sie nicht gndige Grfin, wer
wei, ob Sie selbst mir nicht Zeugnis ablegen mssen. - Der Graf fand den
Scherz nicht ganz angenehm; die Grfin dagegen lie sich in lustige
Betrachtungen ber die wunderlichen Verwandtschaften ein, die aus solchen
geistigen Blicken entstnden; sie erklrte Leidenschaften und Freundschaften,
die oft eben so pltzlich als berraschend sind, aus solcher geistigen
Verwandtschaft. Der Prediger gab ihr recht und fgte noch hinzu, da gerade
darin das tief Ergreifende dieser gleichen Liebe in Unschuld und Jahren, und
dieses Wunsches liege, der sicher jedem bei Hollins Schicksale erwacht, ihn
retten zu knnen, wenn wir auch seine Unbesonnenheit tadeln, da in so seltenen
Fllen diese gleiche Unschuld sich begegnet und ganz froh macht; in den meisten
Liebschaften ist die geistige Verwandtschaft von dem Verlangen der Natur ganz
geschieden, und sucht sich nur in Tuschungen zu verbinden. - Sie scheinen
viele sonderbare Erfahrungen gemacht zu haben, erzhlen Sie uns noch etwas
davon; wenn ich so ins lssige Zuhren gekommen, da mag ich den ganzen Abend
nicht mehr reden; auch schlo Karls letzte Liebeshistorie gar zu ernsthaft; Sie
mssen es durch etwas Lustiges aus Ihrem eignen Leben wieder gut machen.

                                Zehntes Kapitel



                  Geschichten aus dem Leben des Prediger Frank

Der Wunsch einer schnen Grfin ist einem armen Landprediger Befehl, sagte
Frank, setzte sich, und erzhlte recht lebhaft nach einer Pause. - Ganz
flchtig mu ich Ihnen den Umri meines frheren Lebens zeichnen; Sie werden
sich meine Eigentmlichkeit in ein paar Vorfllen daraus besser erklren. Mein
Vater war Landprediger, meine Mutter eine Adlige und im strengsten Sinne
Beherrscherin des Hauses, welches sie an mir, ihrem einzigen Kinde, bis an ihr
Lebensende bewhrte. Mein Vater starb, nachdem er mich durch guten Unterricht
zur Universitt wohl vorbereitet hatte; diesen einzigen Einflu auf mich
gestattete ihm meine Mutter, sonst durfte ich ihn nie im Dorfe oder in der
Gegend umher begleiten; immer frchtete sie, ich mchte verfhrt werden. Noch
ist es mir unerklrlich, was ich unter dem Worte verfhren mir gedacht habe; es
schauderte mir aber dabei und davor, als wre es ein Spieen und Brandmarken zu
gleicher Zeit. Mein Vater starb, als ich zur Universitt abgehen wollte, und
meine Mutter, die bis dahin nicht ber ihren Garten hinausgekommen und immer mit
verbundenem Kopfe umher geschlichen war, entschlo sich aus Sorge vor meiner
Verfhrung, sich reisefertig zu machen und mich dahin zu begleiten; ich hatte
keine Vermutung, welches Aufsehen das auf der Universitt machen knnte; ich
meinte, das sei der regelmige Gebrauch, und war daher nicht wenig berrascht,
als ich das unglaubliche Schreien hinter mir her hrte, da meine Mutter mich bis
an die Tre des Kollegiums brachte und mich wieder von da abholte. Nichts konnte
sie von dieser Lieblingsidee, mich zu begleiten, abbringen, als die Furcht, da
ich mich deswegen mit einigen der alten Spottvgel schlagen msse; deswegen
allein blieb sie zu Hause, doch ihre Leidenschaft zu mir verwandelte sich in dem
einsamen Warten, in der Besorgnis um mich in Wahnsinn, oft warf sie sich Nachts
ber mein Bette, ob ich auch nicht heimlich ausgegangen sei. In solchem Kummer
verging sie wie ein Schatten und lie mich nach einem halben Jahre ganz selbst
berlassen auf einer der lustigsten Universitten. Doch konnte erst allmhlich
meinem Wesen jene Rckhaltung genommen werden; ich tat alles dazu, besuchte
Fechtboden und Gesellschaften, nur vor dem Verfhren blieb mir der eingeprgte
Schauder, der mich jedesmal ergriff, so oft ich aus einer gewhnlichen
jugendlichen Eitelkeit mir vornahm, mit meinen Kameraden gleiche Schuld zu
bernehmen. Ich bin fest berzeugt, wenn ein Mensch unter drei Augenblicken nur
zweie tugendhaft ist, so kann er ein Heiliger werden, denn alles Laster hat eine
eigene Umstndlichkeit, da die beiden tugendhaften Augenblicke notwendig
zwischentreten mssen. Sie haben mich gekannt, Herr Graf; ich war in allen
brigen Verhltnissen ein ganz fertiger Student. ... Viel mehr als ich, sagte
der Graf . ... Eine Verbindung mit einem Frauenzimmer schien mir indessen ganz
notwendig zu meiner Ausbildung; ich wollte also gleich mein Glck bei der Frau
eines Professors versuchen, weil es die einzige angesehene Frau in der Stadt,
mit der ich bekannt geworden, und die fr leichtsinnig ausgeschrien war. Es
schwrmte damals ein wunderlicher Glcksritter umher, der fr Mnner und Frauen
eine sehr lcherliche Verbindung stiftete, weil keiner recht wute warum, oder
wozu sie dienen sollte; ein paar symbolische Zeichen machten das ganze
Geheimnis; an unserm Orte frderte er physikalische Versuche aller Art,
insbesondre die sogenannte Phantasmagorie, wodurch in einem dunklen Zimmer
allerlei Gegenstnde, vermge einer sehr vollkommnen Zauberlaterne, in
berraschender Abwechselung dargestellt wurden. Ich benutzte schchtern diese
Gelegenheit vollkommener Dunkelheit, wo meine Verlegenheit nicht sichtbar wurde,
ihr Zrtlichkeiten zu sagen; lie meine Hand leise in die ihre gleiten und sie
hielt sie fest; ich war ganz sicher, da mir hier ein leichter Sieg bereitet
sei. berlegen Sie auch, ob ich so ganz falsch schlo; denn unter den acht
Kindern, die diese Niobe in einer durchdachten physischen Erziehung schn und
krftig aufzog, wurden dreie fremden Vtern zugeschrieben; der Mann selbst war
dessen nicht in Abrede; er sagte, ehe seine Praxis so ausgebreitet worden, habe
er seiner Frau leben knnen; jetzt msse er sein Glck dem greren
Wirkungskreise aufopfern und seiner Frau die Freiheit lassen. Ich besuchte sie
den andern Tag; sie drckte mir wieder freundlich die Hand, und ich begann ihr
einige Zrtlichkeiten zu sagen. Sie wute auf halbem Wege, was ich wollte, sagte
es mir und versicherte dabei, so gut ich ihr gefiele, denn sie htte mich lieb
wie ihren eigenen Sohn, das knne sie mir nicht zu Gefallen tun. Sie erklrte
mir, da ihre Liebe nur dem ausgezeichneten, ausgebildetsten Geiste gehre; denn
wie sie ihren Kindern Flle der Gesundheit geben knne, so sollten sie vom Malme
den vollkommensten Geist erhalten; darauf nannte sie die Vter ihrer drei
jngsten Kinder, ich erstaunte die Namen dreier ausgezeichneter Mnner zu hren,
denen sie zum Teil weit nachgereist war, um zu ihrer Bekanntschaft zu gelangen.
Sie schwor mir, da keiner darunter so schn, so reizend ihr gewesen wre als
ich, aber ihre ganze Seele htte an ihnen gehangen; ich sollte mich erst in
irgend einem herrlichen Talente ausgezeichnet bewhren, dann mchte ich zu ihr
heimkehren und sie werde mir zu Fen fallen. Dieses ganz offene Gestndnis
lste alle Verlegenheit, die mich drckte, und indem es eine Neugierde bezwang,
erweckte es die andre, von einer so besonderen Frau mehr zu vernehmen, die eine
ganz ausgearbeitete Metaphysik ohne alles literarische Geschrei mit sich
herumtrug. Jedes Chor, fuhr sie fort, das sich selbst berlassen bleibt, lt
unmerklich den Ton sinken; der bloe Antrieb, die physische Neigung im Menschen
wirkt eben so zum Schlechteren; ohne eine hhere Gesinnung knnen ganze Nationen
darin verdummen, und Kriege sind eben darum den Vlkern notwendig, weil erst in
der Not den meisten Menschen die Talente gro und liebenswert erscheinen. Mir
ist die Ehrfurcht gegen Geistesherrlichkeit gegeben, da ich ohne Zwang ganz
frei von je mich den Talenten ergeben; seinem umfassenden Geiste dankt es mein
Mann, da ich ihn erwhlte: ich schwre Ihnen, es ist einzig die Schuld der
Mutter, die von der gewhnlichen Rasse gesunde Dmmlinge in die Welt setzet,
welche ohne Idee des Hheren geboren, auch in den gewhnlichsten Verhltnissen
des Lebens vor jeder Gtternatur verschwinden; sicher hat sie sich durch einen
unwrdigen Mann tuschen lassen, und Liebe genannt, was bloe Tierheit in ihr
war. Liebe ist ein hchst gemibrauchter Ausdruck, die Liebe ist ganz geistig
und die tiefste Demut vor einer andern Natur; ihr Organ ist die Sinnlichkeit,
mehr nichts, und nun fragen Sie sich selbst, ob Sie, der Sie noch zu gar keiner
Eigentmlichkeit in sich gelangt, noch prunken mit Scheinwissen und Kleidern,
noch nicht wissen, was Sie wollen, und von keiner Begeisterung getrieben sind,
ob Sie es wohl eigentlich wagen durften, einer Frau wie mir Liebesantrge zu
machen. Acht Wochenbetten habe ich als Heldin bestanden, und das ist wahrlich so
viel, als acht Hauptschlachten; wenigstens nhere ich mich demselben mit den
Empfindungen eines Helden: ich hre die Trompeten, der Kampf ist schwer und
schmerzlich, aber das Hchste, was ich tun kann. Wie aber der Krieg nicht des
Kriegers wegen, so ist auch die Geburt nicht der Geburt wegen; nicht da sich
das Gleiche vom Gleichen entwickele, da wre unser Leben unwrdig, aber das
Hhere soll erreicht werden; - junger Mann, fhlen Sie davon etwas in sich, das
Verachten Ihrer Zeit hilft Ihnen nicht durch, erst mssen Sie diese Zeit
verstehen: Wahrlich, meine Kinder werden mich weit bertreffen. - Bei diesen
Worten stand sie auf, kte mich, als wollte sie mich an ihre Brust legen, und
sagte: Ich mu in meine Hollnderei, ich mu mein Kind stillen. Kommen Sie bald
wieder; ich mchte Sie einer Freundin empfehlen, da Sie bald von der Universitt
abgehen, wo Sie als Lehrer ihrer Nichten wahre Weltweisheit und
Lebensphilosophie in dem Umgange der gebildetsten Menschen lernen knnten. - Ich
kam sehr nachdenklich nach Hause. In der ganzen Stadt ging bald das
leichtsinnige Gerede, ich sei der glckliche Liebhaber der Frau: so wenig ist an
den meisten hnlichen Gerchten unter Studenten, und alle gingen dem Fusteige,
den ich gemacht hatte, nach, wie es auch den Studenten eigen, und hatten so
wenig davon als ich, den sie beneideten. Nach einem Jahre ihres entfernten
freundschaftlichen Umganges, sehnte ich mich von ihr und von meinen griechischen
Philosophen fort; ich war zwei Jahre beschftigt gewesen, alle Knoten zu lsen,
welche die Faulpelze den griechischen Knaben bei griechischer Sonne geschrzt
haben, und fand am Ende, da ihr ganzes knstliches Netz, worin sie so manchen
Fisch gefangen, nichts als ein ganz ordinrer Bindfaden sei.
    Nun, nun, sagte der Graf, das beste Gemlde ist ja, in allzu groer Nhe
betrachtet, nichts als eine Sammlung von bunten Flecken.
    Durch die Mitteilungen der Professorin lernte ich jene Freundin, die Grfin
Limonie nher kennen; sie hatten mit einander eine phantastische Freundschaft
gestiftet, einander alles, was sie berhrte, frei zu bekennen. Doch schien es,
als wenn die Grfin Limonie nur in der Traurigkeit ein Bedrfnis sich
mitzuteilen fhlte; immer enthielten die Briefe trbe Klagen ber unerreichte
unmgliche Wnsche, immer Dank fr den mchtigen Trost, den ihr die Freundin
verliehen. Es soll gewisse Menschen geben, bei deren Anblick die Wahnsinnigen,
wenn auch nicht vernnftig, doch stille werden; es gibt andre, die ber jede
andre Art Schmerz gleiche Gewalt haben; es gehrt dazu eine gewisse
Verschiedenheit zwischen dem Kranken und dem Arzte, die sich auch reichlich
zwischen den beiden Frauen fand. Mit dem schnsten Empfehlungsbriefe meiner
Liebesprofessorin in der Tasche trat ich in den Ferien, als ich von der
Universitt abging, meine Reise zu der Grfin Limonie an, die sich auf ihrem
Gute, welches vorteilhaft zwischen den angenehmsten Stdten gelegen, whrend des
Sommers aufhielt. Ich war zu Pferde und allein, als ich mich dem Gute nherte,
ich fragte einen Mann in ordentlichen Kleidern, der Dnger am Wege abladete, wo
der Weg zur Grfin ginge. Der Mann sah mich an und sagte: Wollen Sie selbst zu
meiner Schwester? - Ich freute mich seiner Bekanntschaft und bejahte seine
Frage. - Hren Sie, fuhr er fort, da gebe ich Ihnen den wohlgemeinten Rat,
ziehen Sie sich ganz um, oder sie spricht nicht mit Ihnen; der Geruch von
Pferden macht ihr Krmpfe; ich habe sie seit Jahren nicht im Zimmer gesprochen;
es ist eine Nrrin, aber sie ist nun einmal so. - Ich dankte ihm befremdet fr
die Warnung; er zeigte mir den Weg und ehe ich auf den Schlohof ging, zog ich
mich, seinem Rate gem, im Wirtshause ganz um. Dort erfuhr ich, da der Bruder
alle Gter der Grfin verwalte, und von ihr wie ein Lasttier gebraucht und
verspottet werde. Ich begab mich zu ihr. Der Trsteher nahm bei aller
Hflichkeit doch eine sehr umstndliche Untersuchung mit mir vor; ich gab ihm
das Empfehlungsschreiben der Professorin ab, worauf mich der Mann in ein recht
artiges Zimmer fhrte bis das Schreiben gelesen. Dies schien kaum vollendet, so
fhrte mich ein Kammerdiener mit sehr vielen Verbeugungen in ein prachtvolles
Zimmer und erbat sich meine Befehle, was ich zu meiner Erfrischung bedrfe. Ich
verbat mir alles; es dauerte aber nicht lange, so wurden mancherlei
Erfrischungen, Schokolade, Kuchen, Wein gebracht, die Tren blieben halb
geffnet und es schien mir deutlich, da ich aus der Ferne von allerlei Leuten
beobachtet werde. Nach einer Stunde kam eine Gesellschafterin der Grfin mit
vielen verbindlichen Gren von ihr; ich wurde eingeladen, wenn ich nicht mehr
ermdet von der Reise, oder sonst durch keine Krnklichkeit verstimmt wre, nach
dem Gesellschaftssaale zu kommen, wo ich mehrere Verwandte der Grfin versammelt
finden wrde; sie selbst knne erst am Abend sichtbar werden, weil sie gestern
ihre Andacht gehalten und heute sehr erschreckt worden wre. Ich erkundigte mich
mit Teilnahme nach der Ursache dieses Schreckens, ich konnte aber nichts
erfahren. Die Gesellschaft fand ich recht lustig, sobald sie die Grfin verga,
kaum wurde ihrer aber erwhnt, so nahm jedes eine ernsthafte Miene an, wie
einer, der in der Kirche sich vergessen und leise vor sich ein Liedchen
gepfiffen; es wurde von ihr, von ihrem Schrecken, von ihrer Gte gegen den
Unglcklichen gesprochen; ich verstand nichts davon, und man wollte es mir auch
nicht aufklren. Abends wurde jeder einzeln in das Zimmer der Grfin gebracht,
ich zuletzt. Das Zimmer war durch eine dnne Florwand in zwei Hlften geteilt;
ich trat diesseits ein, sie lag jenseits geschmckt mit kunstreichem Kopfaufsatz
auf einem langen Schferstuhle, ihre Fe waren mit einer Spitzendecke
zugedeckt. Erst brannte nur ein kleines Licht auf dem Tische ihr zur Seite, doch
brachte der Druck ihrer Hand einen hohen Feuerstrahl hervor, der sich in einem
brennenden Bogen niedersenkte: es war Spiekwasser, das knstlich durch die
Flamme gedrckt also brannte und duftete. Sie sagte mir, da ihre Scham es den
Tag notwendig gemacht htte, sich von der Gesellschaft zu trennen; ich mchte
die Scheidewand von Flor verzeihen, ich wre ihr sonst so ganz willkommen wie
der khlende Hauch des Abends; sie glaubte in mir die Seufzer ihrer Freundin zu
hren, die so viel, so unendlich viel bei ihrem kranken Kinde gelitten. - Ich
Unglcklicher, der den rechten Ton noch nicht treffen konnte, sagte ihr zur
Berichtigung, die Krankheit sei ein unbedeutender Husten gewesen und die
Professorin habe keinen Augenblick darum besorgt geschienen. - Grfin: Ja, daran
erkenne ich meine Freundin, an dieser Selbstverleugnung und edlen Verstellung,
um ihren Freunden allen Schmerz zu verbergen; es ist eine starke Frau, aber
dieser Kampf mit ihren Gefhlen mu sie doch endlich erschpfen. - Ich merkte
jetzt, da sie durchaus bedauert sein msse, und sagte: Es ist ein Kampf mit dem
Schicksale, und wie Jakob nach dem Ringen mit Gott sich erlahmt fand, freilich,
so vernichtet sich endlich jeder in so edlem Streite. Ich wei nicht, wo ich die
Phrase gelesen, sie kam mir nicht aus dem Herzen, zog aber die ganze
Aufmerksamkeit der Grfin auf sich. - Grfin: Wahr, sehr wahr und besonders bei
dem Kampfe der Jugend mit dem Tode, die welkende Kinderblte: es ist ein so
rhrender Anblick, wie das Veilchen am Wege, das der mde Wanderer niedertritt;
ihre Klage, wie die letzten Tne einer ablaufenden Fltenuhr, der langsam der
Atem ausgeht; wer mchte so eine kleine Leidende nicht wie eine therwolke zum
Himmel heben, zu Gott blicken, seufzen und fragen: mu die Schnheit, die
Unschuld, die Frmmigkeit schon so frh leiden? - Ich konnte mich nicht
enthalten, in diesem Augenblicke an die dicken schmierigen Pausbacken der
Professorskinder, an ihr bestialisches Schreien, an die Birkenruten, die hinter
jedem Spiegel steckten, zu denken, sagte aber mit niedergeschlagenen Augen: In
den irdischen Leiden der Unschuld zeigt sich ihr himmlischer Friede. Sei es nun,
da es Tuschung, oder hatte ich mich unwillkrlich selbst gerhrt, oder war es
ein Nervenzusammenhang, etwas Feuchtigkeit in der unrechten Kehle, oder ein
naher Schnupfen, genug es lief mir eine Trne die Backen herunter. - Grfin: Ich
sehe in Ihrem Auge etwas Schneres glnzen, als Diamant; bei diesen Worten
drckte sie und der Florvorhang rollte auf. Sehn Sie in meinen Augen den
Widerschein; vergessen Sie dieses Augenblicks nicht, eine reine Trne badet uns
von allem Staube der Welt rein. - Ich: Trnen sind ein Himmelstau, den Psyche
mit ihren Flgeln aus dem Kelche der Blumen schttelt. - Grfin: Das sind schne
Trnen, aber es gibt auch trostlose, wie die Tropfen der Aloe bitter, Trnen,
wie ich sie heut vergossen, es verschwimmt die Welt darein. - Ich: Und sind die
Trnen umsonst, ist keine Rettung mglich? - Grfin: Ich wei, ich werde es mit
der Zeit verwinden, aber warum bin ich Schwchste ausersehen, alles Unglck der
Welt zu tragen! Mein werter Freund, es sind nicht die Hammerschlge des
Schicksals, nein die Nadelstiche, die immer wiederkehren, woran ich verzweifeln
mchte. - Ich: Blicken Sie empor, der Himmel trstet alle Tiefbetrbten. -
Grfin: Weh meine Nerven! Lydia, la den Farbenbogen drehen, der Schwindel kommt
mir sonst. - Es drehten sich bei diesem Ausrufe eine Art chemischer Feuerwerke,
dem Regenbogen sehr hnlich; die Grfin sttzte sich matt auf, und ich wollte
gehen. - Grfin: Ach Sie wollen mich verlassen, Sie knnen das Leiden nicht
sehen? - Ich: Ich frchtete nur zu belstigen. - Grfin: Aber da Sie dieses
frchten, wie kam das; darber mssen wir uns noch explizieren; morgen werden
wir uns sicher besser verstehen; gute Nacht mein neuer Freund, ich fhle mich
noch sehr schwach von dem Schrecken. - Ich wollte mich entfernen, die Grfin
rief mich zurck: Vielleicht erleichtert mich die Musik; Sie spielen Fortepiano,
schreibt meine Freundin, ich will Ihnen etwas vorspielen; es ist nichts, aber
die Art, wie ich's vortrage, ist mir eigen. - Die Grfin setzte sich zum
Fortepiano, prludierte mhsam langsam, bald aber gleiteten ihre schnen Hnde
mit groer Schnelligkeit, und unermdlich ber das Elfenbein; ich stand in
tiefer Bewunderung und kte am Schlusse, nachdem sie wohl zwei Stunden mit
auerordentlicher Kraft gespielt hatte, die Hnde, das einzige, was mir an der
Frau ganz verstndlich war. Beim Nachtessen, wo ich zuletzt mit der
Gesellschafterin allein blieb, nachdem die Verwandten einzeln hinausgegangen
waren, um die Grfin in den Schlaf zu lesen, fand ich, da der ernste Ton in
dieser ltlichen Mamsell nur angenommen; sie trank gern ihr Glas und lachte dann
ber die Grfin. Hier wagte ich es, ber den Schrecken mich zu erkundigen, der
die Grfin heute so zerrttet htte. Die Mamsell lachte; sie sagte, es wre kein
weiteres Unglck, als da der eine Kammerdiener sich ein feines Loch durch die
Wand gebohrt htte, um die Grfin im Badezimmer zu sehen; heute habe sie
pltzlich ein glnzendes Auge an einer Stelle der Mauer bemerkt, wo gerade ein
heller Sonnenstrahl hingeschienen; sie sei in dem Quergang aus dem Bade
gestiegen und habe selbst, beschmt wegen ihrer Ble, den verzckt
hinstarrenden Kammerdiener gefunden, der sich ihr zu Fen geworfen und eine
unwiderstehliche Leidenschaft vorgeschtzt habe, die ihn schon seit Jahren
verzehre; sie habe gegen Leidenschaften viel Mitleid und sei so gezwungen
worden, den Menschen, den sie fr immer verbannen mchte, dessen Auge ihr ein
steter Verrter seiner unverschmten Neugierde sei, um sich zu dulden. Ich mute
ber die Mordgeschichte herzlich lachen, und trank ein Glas bers andre; die
Mamsell schenkte auch nichts der Flasche; die Ermdung der Reise wirkte nach:
kurz, ich erwachte den andern Morgen auf dem Stuhle mit bedeutendem Kopfweh, die
Lichter waren abgebrannt, die Mamsell lag mit der Nase in ihrer groen
Tabaksdose auf dem Tische und hatte mit ihrem Atem allen Tabak ber die Reste
des Desserts geblasen. Ich schlich mich leise auf mein Zimmer, spter hrte ich,
da Mamsell wegen ihrer Ohnmacht, von der Grfin herzlich bedauert wurde. Ich
hatte von dem halben schlafe wirklich eine leidende Miene und konnte mich nicht
gleich wieder in die Sprache der Grfin versetzen, die mir gewaltige
Beschreibungen von einem Sturmwinde machte, der Nachts vor dem Fenster wie ein
Riese vorber gerannt und die Nacht verfolgt habe, bis sie ihre Sternenkrone
fallen lassen; da sei die Sonne aufgegangen und die Beschmte habe sich mit ihm
in eine Hhle unbewut geflchtet. Dergleichen poetische Prosa war mir noch
nicht ganz gelufig und ich meinte in mir, das mchte wohl jenes schreckliche
Schnarchen der Mamsell gewesen sein, das allen Tabak ber den Tisch geblasen. Da
die Grfin sah, da ich nicht antwortete, so beschlo sie sich mit mir zu
explizieren; sie explizierte zwei Stunden, ich wute nicht was; zu meiner groen
Qual diente es gewi, denn es war schnes Wetter; aus rgernis kte ich sie,
das sollte wieder expliziert werden. Ich armer Unglcklicher war nahe daran,
mich aus dem Fenster zu strzen. Sie erzhlte mir nun so vieles, was ihr eigen
sei, da mir die ganze Welt uneigentlich vorkam; das Eigenste war aber, da sie
eine unwiderstehliche Schwachheit fr mich seit dem ersten Abende gefhlt htte,
die mir aber ganz unbekannt blieb, weil ich in ihrer Nhe immer in meine
lcherliche Rolle verfallen mute. Um nicht zu weitluftig zu werden, will ich
statt einer ausfhrlichen Erzhlung der einzelnen Angriffe und Ausflle, nur die
Hauptstellen aus dem Belagerungsjournale entlehnen, das sie mit groer
Aufrichtigkeit ihrer Freundin, der Professorin, jede Woche berschickte und das
ich nachher zu lesen bekam, als ich aus berdru ber das langweilige Leben zur
Universitt zurck kehrte. Eines Tages schrieb sie: Meine Schwachheit fr ihn
ist leider nur zu gewi, ein Zittern wirft mich nieder in seiner Nhe; gestern
las ich ihm eine Beschreibung des Schlafes vor nach dem Englischen, und er
schlief ein; wie ist er so ganz in meiner Gewalt. Bald darauf: Wehe mir, die
Jahreszeit, die Einsamkeit, alles erleichtert ihm seine Khnheit, ich wollte
einen stolzen Ernst gegen ihn annehmen, aber meine Blicke verraten ihm meine
Schwche; was sind wir Menschen mit einem weichen Herzen, und doch ohne dieses
Herz, was wren wir! Einige Tage spter: Seltene Tugend eines Jnglings seines
Alters, seiner Schnheit, in unsrer Zeit; er vertraute mir heute, da er noch
nichts vom Glcke der Liebe wisse; ich gab ihm einen Ku, da er ihm ein Siegel
der Tugend werde; wehe mir, wenn ich ihm die Ruhe raube, dem Armen, der so frh
schon seine Eltern verloren hat. Zuletzt schrieb sie: Noch ein Tag wie dieser in
der Sommerlaube und ich bin verloren; morgen schreibe ich Dir vielleicht: Es ist
geschehen, ich atme kaum, - ich denke nicht, voll Schlaf und Traum ist mein
Gesicht. Nun gute Nacht, nun guten Tag, ich bin verwacht, nichts mehr vermag. -
    Ist das Journal ber ihren Seelenzustand nicht wie der Bericht des
englischen Kapitns ber sein brennendes Schiff, den er von Stunde zu Stunde ans
Land schickt, bis er mit dem letzten aufgeflogen? Doch dazu lie es meine
qualvolle Langeweile nicht kommen; von ihrer Neigung zu mir hatte ich gar nichts
vernommen, denn ihre Liebe bestand gegen alle eigentlich nur darin, sie recht
strenge in ihre verrckte Art und Weise zu zwingen. Ganz zermartert von allen
Explikationen des vorigen Tages zog ich frhmorgens an jenem bedenklichen Tage
meine Stiefel an und ritt davon, nachdem ich einen Brief zurckgelassen, worin
ich allerlei verblmte Worte von der Macht des Frhlings gesagt hatte, der mich
zu ihr und von ihr zge; ohne die Seelengre zu haben, die ihren Flug erhebe,
htte ich doch den Wunsch, ihr zu folgen, und so sei ich in ihrer Nhe wie ein
sterblicher Mensch an einer Gttertafel. - Sie nahm das alles in ihrer Manier
auf, als fliehe ich sie, um nicht ihre Keuschheit durch sinnliche Anmutungen in
Gefahr zu setzen; sie hielt mich fr einen der grten Tugendhelden. So schrieb
sie an meine Professorin und ich khlte meine Eigenliebe, als ich bei ihr ber
die groe Freundin spotten konnte. Das sei fr heute genug.
    Wirklich war es auch dem Grafen berflssig genug. Er hatte whrend der
letzten Erzhlung einen solchen Widerwillen gegen den Prediger bekommen, da er
ihm beim Abschiede wie ein kalter Satanas erschien, der nach seiner Frauen
Unschuld strebte, als er ihr noch einmal seine Prophezeiung wegen des Kindes
vorschwatzte. Als er allein war mit seiner Frau, drckte er diesen Widerwillen
ohne Rckhalt aus; sie begriff ihn gar nicht; sie hatte die Erzhlung ganz
unterhaltend gefunden. Nun, sagte der Graf, das mu wohl von seinem
verruchten Anblicken gekommen sein; allerwrts sah ja seine bse Lust und seine
Eitelkeit hervor, und dabei wette ich, die Hlfte ist nicht so wahr; das hat er
sich alles weis gemacht, um in sein armseliges Leben doch irgend eine
Begebenheit einzuflicken; um doch auch sich ein Gefhl zu machen, lgt er sich
die Haut voll. So lange er von andern erzhlte, war er ertrglich, kaum sprach
er von sich, da war mir's, als wenn man einen berhmten Poeten von Angesicht
sieht; man glaubt nicht, da er so gemein aussehen knne. Und der verruchte
Blick: die Idee ist mir ganz verhat, ich habe ihn erst allmhlich deswegen
angesehen; ich dachte erst spter darber nach. Wenn du niederkommst in neun
Monaten, so erkenne ich das Kind nicht an, und den verruchten Pfaffen la ich
als einen Zauberer verbrennen.

                                Eilftes Kapitel



                Groer Streit zwischen dem Grafen und der Grfin

Es war allerdings etwas Scherz in dem Eifer; aber der Graf fhlte doch wirklich
so eine Art wunderlicher Eifersucht gegen diesen geistigen Verfhrer, ungefhr
so wie mancher einfache Mann gegen die gelehrten Bekannten seiner gelehrten
Frau. Die Grfin versicherte ihm, sie halte ihn fr hypochondrisch krank; den
ganzen Tag habe er nichts getrieben, als ihr jedes Vergngen abzudisputieren,
und jetzt wre er sogar eiferschtig auf einen Mann, dessen breites glnzendes
Gesicht sie gar nicht ansehen mchte; ob denn nicht jeden Tag schnere Mnner in
zierlicher Uniform bei ihnen durchmarschierten? - Der Vorwurf krank zu sein,
brachte den Grafen ganz auf, der sich von Kopf bis zu Fu kerngesund fhlte; der
rger wollte sich Luft machen: Siehst du, fiel er ein, ob ich nicht recht
habe, eiferschtig zu sein, also siehst du doch nach schnen Mnnern und eine
zchtige Frau mu eigentlich gar nicht wissen, ob ein andrer Mann als der ihre
schn ist; auch nach Uniformen siehst du; es ist merkwrdig, wie ein paar bunte
Farben, ein paar Tressen, alle Weiber bestechen, derselbe Mensch in Uniform ist
ihnen nicht mehr derselbe. - Du bist unertrglich, sagte die Grfin, wenn
Leute von so schlechten Sitten, von so trichtem Argwohn, wie du, in der Uniform
wren, wir Frauen wrden sie schon zu unterscheiden und zu meiden wissen. -
Ich will dir zuvorkommen, sagte der Graf, sprang fort in sein Zimmer, und die
Grfin weinte stille vor sich; ihr beleidigendes Wort war ihr leid, denn es war
ihr erster groer Streit; aber sie war zu stolz, um ein besserndes Wort
nachzurufen. Der Graf war aufs Feld gelaufen und die Grfin a allein zu Nacht,
und lie die tolle Ilse dann zu sich kommen, die ihr lcherliche Geschichten
erzhlte, wie sie einmal einen Schfer, der mit seinem Mdchen in einem
Schferwgelchen geschlafen, vom Berge herab in einen kleinen Teich habe rollen
lassen, da die beiden notgedrungen in ein khles Bad htten gehen mssen, und
Tausende dieses Schlages, die sie an der Schnur hatte; sie mute die Grfin ins
Schlafzimmer begleiten, als es spt wurde, und der Graf noch immer nicht
heimkehrte.
    Der Graf hatte in seinem rger allerlei Geschfte gemacht, auch manchen
Arbeiter sehr unverdient gescholten. Er wollte es nicht sich selbst gestehen:
die vielversprechende Ehestandsglckseligkeit, die nach seiner berzeugung alle
Unruhe aus seinem Herzen tilgen sollte, fand sich doch in gewissen Stunden
unwirksam; auch sie war kein fest bestehender Zustand, sondern mute immer neu
wiedergewonnen werden; er sah ein, da wohl manches in seiner Frau zu
berichtigen sei, was er lngst fr ausgemacht in ihr gehalten; dagegen fand er
aber auch fr manche ihrer uerungen eine bessere Deutung. Ganz verzeihen
konnte er doch ihre letzte Beleidigung nicht; als er spt nach Hause kam, wollte
er sich deswegen nicht gleich zu ihr begeben; sicher meinte er, sie wrde ihn
aufsuchen, nachdem sie ihm vom Meiden gesprochen. Er wartete, aber sie kam
nicht, ungeachtet er noch Licht im Schlafzimmer sah; wre er dahin gegangen, so
wre er vielleicht heftig gegen sie geworden. Er blieb also zum ersten Male von
ihr weg, streckte sich auf sein Sopha, deckte den Mantel ber sich hin, und
schlief erst spt ein.

                                Zwlftes Kapitel



        Vershnung. Lorenz, der Edelknabe und Rosalie, die Kammerjungfer

Der Graf erwachte beim ersten Morgenschimmer. Alles ruhte noch im Schlosse, doch
hrte er allerlei Stimmen auf dem Hofe; leise schlich er sich ans Fenster und
horchte durch die sacht geffnete Fensterspalte. Er sah Dolores im Fenster, so
reizend, so wunderbar reizend, wie sie im Morgenschein ganz eigentmlich rot
schimmerte: sie sprach mit einem armen Edelknaben, der seit einiger Zeit zur
feineren Aufwartung der Grfin vom Grafen angenommen worden, und mit ihrem
ltern Kammerfrulein Rosalie; und bald erklrte es sich, da die Grfin beider
Liebschaft belauscht habe, whrend jene ihr Bad bereitet hatten; erst schalt sie
ein wenig ihre Sorglosigkeit und fragte sie, wovon sie leben wollten; dann, ohne
ihre Antwort abzuwarten, warf sie einen Geldbeutel ihnen zu, befahl ihnen,
gleich am Tage ihre Hochzeit zu machen, und seufzte zu ihnen mit einer schnen
Trne: Seid glcklicher als ich! Dieser Ausruf der schnen Frau durchschnitt
des Grafen Herz. Warum war sie nicht glcklich, sie vermite ihn; einige Stunden
Trennung von ihm machten sie unglcklich. Nein, er hielt sich nicht, er eilte in
das Zimmer seiner Frau und statt ihr zu verzeihen, bat er sie tausendmal um
Verzeihung. Sie war nicht eigentlich bse, nicht hart, nicht grausam und ihre
Vershnung war so leicht, so schn, da beide den ganzen Tag nicht von einander
lassen wollten, wie an ihrem ersten Vermhlungstage. Doch sie muten sich
trennen, um Bestellungen zum Feste der beiden jungen Leute zu machen; der Graf
nahm alle Verantwortung wegen des versumten dreimaligen Aufgebots auf sich; er
sendete drei seiner Kutschen in die nchste Landstadt, wo ein paar Dutzend
adliger Fruleins in einem protestantischen Stifte versammelt waren; er war
gewi, da ein Dutzend kommen wrde, und versprach sich im voraus vielen Scherz
von ihrem altjngferlichen Wesen. Dann lie er den Hofdielen und mit
Blumengewinden behngen und ordnete ein kleines Spiel an, wozu er die Worte und
Musik mit der ihm eignen Leichtigkeit gab.

                              Dreizehntes Kapitel



                      Hochzeit des Lorenz und der Rosalie

Die Glocken luteten schon, als alles kaum angeordnet war und die drei Wagen
voll Stiftsfruleins und die Bauern im besten Sonntagsstaate anlangten. Jetzt
sah er erst, wie hbsch Rosalie von der Grfin aufgeputzt war; hier neben den
alten steifen grogenaseten, hckrigen Stiftsfruleins schien das leichte Kind
im weien Atlaskleide mit Rosabndern, mit ihrer schnen Myrtenkrone wie aus
einem berirdischen Geschlechte herabgestiegen, und als htten jene ihr boshaft
die Flgel abgeschnitten, um sie unter sich zu bewahren; und doch verschwand sie
wieder so ganz neben Dolores, da er ihr ohne allen bsen Willen auf ein
auszubendes Herrenrecht einen Ku geben konnte. Auch Lorenz, der arme
Edelknabe, nahm sich in seiner Jgertracht recht gut aus; so frisch, frei,
sicher, als htte er diese Gunst lange vorausgesehen; das war ihm noch von dem
Glcke seines Standes geblieben, als ihm der Krieg Eltern und Vermgen
entrissen. Sein Zwillingsbruder Otto, der schon lngere Zeit Jger auf einem
entfernten Vorwerke des Grafen geworden, traf kurz vor dem Beginn der
Feierlichkeiten ein; er schien sehr verstrt und sprach mit seinem Bruder ganz
heimlich; dann ging er zu dem Grafen und sagte ihm, da er Soldat geworden und
daher seinen Dienst verlassen msse; der Graf drang darauf, die Ursache zu
wissen, aber er beschwor, da er sie nicht angeben knne, er sei unschuldig
daran. Wolf, der Schreiber, erklrte dem Grafen nachher, da Rosalie erst diesem
lteren Bruder Hoffnung auf ihre Hand gemacht, so wie sie es ihm auch schon
getan habe; er wolle aber kein Narr sein, davon zu gehen, wer wte, was ihm
noch fr Glck wrde. Der Graf ermahnte ihn zum Bessern und benutzte beide
Charaktere fr den Schlu eines Gesanges, den er zur Nacht eingerichtet hatte. -
Wir wollen uns nicht mit der Beschreibung des feierlichen Zuges nach der Kirche
aufhalten; die zwlf Frulein gingen mit einer Andacht der Braut nach, als
knnte es hier wohl noch nach dem alten Gebrauche der Hochzeiten gehen, der
hundert knftige bei einer wirklichen verspricht. Die Rede des Geistlichen war
wohl gedacht, und ermahnte sie zur Treue gegen ihre Gutsherrschaft, der sie ihr
Glck dankten; dann fuhr er fort: Belehret einander, denn ihr werdet knftig im
Walde (er war zum Frster ernannt) einsam leben. Du Mann, schlage nicht (hiebei
schob er dem Brutigam die Faust in die Rocktasche) du Weib, schmhe nicht
(dabei legte er ihren Finger in ihren Mund) denk, da ein Hherer dich sonst auf
den Mund schlgt. Betrachtet oft den Ehering an euerem Finger; er verklagt euch,
wenn ihr aufhret einander zu lieben3. Auf dem Rckwege schallte allen ein
frohes Lied, das der Graf zu Hochzeiten eingefhrt; es wurden Blumen gestreut
und das ganze Fest wurde mit einem sehr kunstreichen Volkstanze der Gegend
erffnet, der vom Walzer ausgehend und wieder dahin zurckkehrend die wachsende
Zrtlichkeit zwischen den Paaren auf tausend Arten durch Bewegung und Gesang
ausdrckte; dann traten zweie hervor, die wie Braut und Brutigam gekleidet
waren; der Graf selbst aber erzhlte vortretend, wo ihr mimisches Spiel nicht
ganz zu verstehen war.

Der Graf

Ei du lustiger Edelknecht!
Wie spricht die Welt von dir so schlecht,
Du machst dir gar nicht viel daraus;
Du trittst zu Liebchens Tr hinaus,
Von ihr noch alles dftet,
Dein Wmslein ist gelftet.

O du seliger Edelknecht!
Nun ist dir alles eben recht;
Hier ist die Welt dir weit genug,
Hier ist dein Bett dir eng genug;
Vor ihrer Tr darnieder
Du streckst die mden Glieder.

O du schlfriger Edelknecht!
Du bettest dich nicht gerne schlecht,
Dein Himmelbett ist der Sternensaal,
Die Himmelsleiter im Erdental
Steht auf der Tre Stufen,
Hrst Liebchen im Traume rufen.

Ei du schnarchender Edelknecht!
Dein Schlaf ist heute gar nicht schlecht,
Du liegest kaum und schnarchest laut;
Da alle Knpfe dir springen auf;
Die flatternden Fledermuse
Erzittern auf ihrer Reise.

Ei du lssiger Edelknecht!
Ei das ist wahrlich gar unrecht,
Da dir der Schlaf noch immer gefllt,
Da frh sich die Grfin ein Bad bestellt,
Heut mut du das Bad bezahlen,
Die Grfin ist bse zumalen.

Und du listiges Jungfrulein!
Spt wachst du mit klaren ugelein;
So rtlich dein lieb Angesicht,
Wie eine Rose, die eben aufbricht,
Du ffnest erst die Tre;
Als ich schon lange die Sonne auf Dchern
All berall auf glnzendem Wagen spre.

Das Jungfrulein

Ich fhl mich umwinden
Von eilenden Winden,
Aus trumender Nacht
Mir alles erwacht!
O Lautenschlag,
Du Liebesschlag,
Schlag's nicht in den Wind.
Komm Amor, s Kind,
Dir will ich's verknden,
Du sollst uns verbinden.

Der Graf

Ei du heimliches Jungfrulein,
Was flog von deinem Htelein?
Jetzt scheint es bla gleich wie der Mond,
Der Morgens noch am Himmel wohnt.
War's Amor? War's die Taube?
Schtz deinen Kranz vorm Raube.

Das Jungfrulein

O Sonnenschein helle,
Du trittst auf die Schwelle,
Aus trumender Nacht,
Aus Wolken erwacht.
O frommes Glck!
Der Liebe Blick;
Was zeigest du mir,
Er ruht an der Tr,
Die Hand unterm Haupte,
Im Tuch, das er raubte.
Ei du schelmischer Edelknecht!
Hier hast du wohl geschlafen schlecht?
Komm, flle das Marmorbad,
Komm, trete das Wasserrad,
Wir wollen das Bad schnell fllen,
Am tiefen Brunnen im stillen.

Der Edelknecht

O ich seliger Edelknecht!
Den Liebchen und Sonne erwecken recht;
Kaum kann ich sehen, so lichterloh
Glnzt es in meine Augen froh;
Wie dien ich doch so willig,
Die Herrschaft ist so billig.

Der Graf

Ich hre die Bronnen
Mit spiegelnden Sonnen
Im ruhenden Hof;
Die Fenster im Schlo
Sind alle noch zu
In Liebesruh;
Am Giebel so fein
Manch Stimmelein klein;
Die beiden das Becken
Erfllen mit Necken.

Mit Blumen sie's streuen,
Die Grfin zu freuen;
Die Grfin nicht schlief,
Sah's alles und rief:
Die Morgenstund
Hat Gold im Mund.
Schau Knabe herauf,
Fang alles dir auf,
Bestelle dir Geigen,
Tanz hochzeitlich Reigen.

Nun Jngferlein sprde,
So macht es doch jede,
Verstelle dich nicht,
Und zeig dein Gesicht.
Nun ksset euch
Nur beide gleich;
Denn, durft es geschehn,
Eh' ich es gesehn,
So kt euch nur tchtig,
Da ich euch ansichtig.

Wie soll ich's beschreiben,
Es glnzen die Scheiben
Vom frohen Gesicht
Der Grfin, die spricht.
Sie kssen sich oft,
Es hallet der Hof,
Sie drcken die Hnd
Und finden kein End,
Und knnen nur danken
In sel'gen Gedanken.

O du seliger Edelknecht!
Nun geht nicht aus dein schn Geschlecht;
Vom Abend bis zum Morgen frh
Zur Hochzeit wird getanzet glh.
Was hast du von dem Tanze?

Der Edelknecht

Die liebe Zeit vom Kranze!


                              Vierzehntes Kapitel

  Geschichte der Frulein Lila, der Frulein Mirrha und der Frulein Walpurgis

Hier endete sich das Spiel mit einem zrtlichen Kusse, den die Grfin ihrem
Manne gab, und er fhlte sich so reichlich fr allen kleinen Kummer des vorigen
Tages entschdigt; auch die Stiftsfrulein sahen mit Rhrung ein Glck, dessen
Hoffnung ihnen so ferne lag, und konnten nicht lassen, es zu rhmen. Kaum hatte
der Graf und seine Gesellschaft die ersten Ehrentnze gemacht, so hielt auch
seine Dienerschaft und sodann das ganze Dorf mit Braut und Brutigam einen
schnell abwechselnden Umtanz, an dessen Schlusse nach alter lndlicher
Gewohnheit eine Verkleidung ausgefhrt wurde. Die tolle Ilse kam in geistlicher
Kleidung, eine Percke von ausgeblasenen Eiern auf dem Kopfe, eine lcherliche
Maske vor dem Gesichte, und versicherte, das neue Ehepaar sei noch nicht
ordentlich und vollstndig getraut. Alle stellten sich erschrocken und die
Neuverheirateten muten demtig um eine vollstndige Trauung bitten; die Maske
erfllte nach vielen Umstnden, warum man sich nicht gleich an sie gewendet;
diese Bitte, das Trauungszeremoniell wurde lcherlich parodiert, einigen
unanstndigen Liedern folgte eine lange Rede voll Zoten, die von allen herzlich
belacht wurden, weil jeder sie seit Jahren kannte; des Grafen zierliches Spiel
war aus dem Gedchtnisse aller verwischt. Nach dem Ende des Spiels sagte der
katholische Geistliche, da er nun schon zwanzig Jahre vergebens daran arbeite,
diesen anstigen Spa abzubringen, aber jede Hochzeit vermehre ihn mit neuen
Einfllen; die ernsthaftesten gesittetsten Leute des Dorfes bestnden eben so
sehr auf die Beibehaltung, als das junge lustige Volk. Der Graf dachte darber
nach, und sah, da die Leute nicht unsittlicher nach dem Spae, als vorher
aussahen, da fuhr es so aus ihm heraus, er wute selbst nicht, ob er an das
glauben sollte, was er sprach: Der rohe und meist der unschuldigste Mensch lt
seinen Scherz gemeinhin ber die Verhltnisse der Geschlechter aus, weil sie ihm
am deutlichsten und wichtigsten unter allen sind; uns sind andre Verhltnisse,
der Staat, die Gesetze, der Krieg wichtig geworden, wir reien damit im
frhlichen Augenblicke unsre Zoten und wer wei, welche die besten sind; eine
gute Zote erfordert auch ihr Talent; ich wte keine zu machen, sie hlt Leib
und Seele zusammen; - berhaupt, worber man einmal mitgelacht hat, das sollte
man nicht mehr verdammen drfen. - Der Geistliche war sehr beschmt, denn er
hatte wirklich von ganzem Herzen gelacht; der Graf lenkte wieder ein: Freilich,
das Ehrenwerte der Religion, der bessere Scherz, die feinere Unterhaltung mu
darber nicht zu Grunde gehen, insbesondre mu man bedenken, da die Zote ihrem
Grund und Boden leibeigen ist, und daher nicht in die Welt eingefhrt werden
kann, ohne eine Ungerechtigkeit gegen die edle Unterhaltung zu begehen. - Der
Geistliche bejahte das und der Graf fhrte seine Gesellschaft von Damen nach der
Weinlaube, wo ein Tisch mit Zuckerwerk, Erfrischungen, Weinen und Frchten jeder
Art fr sie gedeckt stand; dort brachte er sie unbemerkt auf Erzhlungen von
ihrem Stifte und dessen innern Verhltnissen; endlich erffnete er ihnen
geradezu, sie wren seit einigen Tagen im Schlosse in ein so allgemeines
Geschichterzhlen gekommen, da er sich durchaus wenigstens ein paar
Lebensgeschichten von ihnen erbitten msse. Die armen Fruleins zierten sich
gewaltig; eine wollte der andern die Last aufbrden; es wurde aber nichts
daraus, bis eine anfing, von der andern zu erzhlen; da erschienen nun viel
alltgliche Historien, von Stiefeltern, die ihnen den Aufenthalt im Hause
verleidet, von Vtern, die erschossen worden: nur ein paar finden wir des
Aufzeichnens wert. Frulein Lila warf der Frulein Mirrha vor, sie knnte
glcklich verheiratet sein, wenn sie nicht die Stunden des Verlbnisses versumt
htte, wie sie noch jetzt alle Tage zum Essen zu spt kme und von der btissin
in Strafe genommen wrde, ja selbst zu dieser Fahrt, zu welcher sich alle
gefreut, sie eine halbe Stunde habe warten lassen. - Mirrha leugnete das nicht,
aber, fuhr sie fort, ich kann es nicht lassen und glaubt ihr, da ich nur mit
Aufopferung dieser Gewohnheit eine glckliche Ehe htte erreichen knnen,
wahrhaftig sie wre mir so unerreichlich geblieben, wie der Himmel auf Erden.
Von meiner ersten Kindheit hatte ich diese Gewohnheit; wenn es nicht gerade Zeit
war zum Aufstehen, so machte ich mir noch ein andres Geschft: spielte, strickte
im Bette; erst, wenn die Glocke schlug, wo ich in der Lehrstunde sein sollte,
konnte ich zu dem Entschlusse kommen, aufzuspringen; dann eilte ich mit der
grten Hast, verwarf darber Kamm oder Fingerhut, und mute suchen; whrend des
Suchens geriet ich auf etwas, das mich unterhielt, ein Buch zum Beispiel, fing
halb angezogen an, darin zu lesen, bis mich heftige Verweise von meinem Zimmer
trieben, wohin ich sicher wieder ein paarmal umkehren mute, weil ich immer das
Notwendigste vergessen hatte. Als ich verliebt war, da nahm dieses bel zehnfach
zu, in jedem Geschfte fiel mir zehnerlei von meinem Brutigam ein, was er mir
gerhmt hatte, ein Kleid, eine Arbeit, ich mute es besehen, oder eine Stelle
aus seinen Briefen, die mute ich nachlesen, von einem las ich zum andern bis
zum ersten, und dieses unglckselige Lesen war es, was mich eine Stunde lang in
meinem Zimmer zurckhielt, whrend alle zur Verlobung feierlich versammelt
waren. Niemand glaubte mich auf meinem Zimmer, weil ich schon unten gewesen war;
meine Mutter rief mit groer Sorge im Garten umher, ich war aber in meinen
Briefen so vertieft, da ich es nicht hrte. Mein Brutigam war zu argwhnisch,
um dieses Ausbleiben einem Zufalle zuzuschreiben, er ritt fort und reiste in der
Stunde noch in die weite Welt, um seinen Schmerz und die Lcherlichkeit fr
andre zu vergessen, die durch dieses ffentliche Verschmhen auf ihm haftete. Er
hat mir viel Trnen gekostet und du Lila httest mich nicht daran erinnern
sollen, whrend du selbst auf keine klgere Art um deine drei Freier gekommen
bist. - Wir drangen in sie zu erzhlen; Frulein Lila mochte ihr zuwinken, so
viel sie wollte. - Mirrha fuhr auch ruhig fort: Es ist ja gar kein Vorwurf fr
dich, liebe Lila, du hattest dich blo von unsern Modedichtern anfhren lassen,
die alle Liebe ber einen Kamm scheren, und weil sie wahrscheinlich nie selbst
eigentmliche, sondern nur eingebildete Liebe erfahren, alle ihre Kopien nach
einem Paar ganz einzelner Originale machen, die aller Welt durch den Zufall
besonders kund geworden. Da meinen sie, die erste Liebe msse pltzlich beim
ersten Anblicke auflodern, keine Ruhe lassen, keinem Zweifel Raum geben; es soll
keinen Augenblick geben, wo man weniger verliebt sei, wo ein anderer einem in
die Augen fiele, wo man einem andern gefallen mchte. Sehen Sie, solch ein
strenges Liebessystem beherrschte Lila; sehr brav war sie entschlossen, niemand
zu heiraten, den sie nicht liebe, aber da sie ihn nun gerade so lieben wollte,
das war zu viel; immer glaubte sie, wo ihr jemand wohlgefallen, ihr sei der
groe Wurf gelungen, und traurig fhlte sie wieder im nchsten Monate, da sie
immer noch nicht genug liebe; und so entlie sie einen Freier nach dem andern:
denn, unter uns gesagt, sie war wunderschn und eigentlich jedermann in sie
verliebt. - Lila klatschte strafend den vollen Rcken der Erzhlenden, und
sagte: Neulich, als ich mich im Spiegel betrachtete, da fand ich, da Augen,
Mund, Kinn und Backen noch nicht hlich, aber die le nez, die le nez, ich wei
nicht, wie mir die Nase so besonders hervorgewachsen, als she sie sich immer
weiter in der Welt um, doch habe ich das schon fters bei alten Jungfern
bemerkt, die Nase wchst ihnen zu einer ungeheuren Gre. Wir lachten alle ber
das gutmtige Mdchen, die so heiter ber sich selbst spotten konnte, nur eine
blasse Frulein Walpurgis blieb ungerhrt. Der Graf bat sie um ihre Geschichte,
wenn es ihr nicht schmerzhaft sei. Keinesweges, antwortete sie; allzu
bekannt, um sie in meinem Herzen zu verschlieen, teile ich sie gern meinen
Bekannten mit, da sie mir um so leichter gewisse unangenehme Minuten verzeihen.
Ich war in frheren Jahren sehr heiter, leichtsinnig und mutwillig; in keinen
Menschen, selbst in die, welche ich liebte, ging ich tief genug ein, um ihre
heimlicheren, oft wesentlichsten Charakterzge kennen zu lernen. So war ich auch
einem jungen Edelmann verlobt und herzlich in ihn verliebt, ohne da ich
glaubte, was er mir sagte, knne ernsthafter, bedeutender sein, als was ich ihm
zu sagen htte; ich schwatzte froh in alles hinein und bemerkte nicht, wie er
verlegen wurde, wenn ich oft querfeldein ber die wichtigsten Gegenstnde, ber
Politik, ber Kunstwerke meine Worte auslaufen lie; es bedeutete mir gar
nichts, denn ich hatte damals ein solches Bedrfnis zu reden, da ich oft allein
mit den Wnden konversierte. Worum er mich gebeten, verga ich eben so
leichtsinnig, wie alles das, worin er mich belehrte, und das hatte ihn endlich
zu dem Entschlusse gebracht, mich auf die Probe zu stellen. Er sagte mir eines
Tages, als Abends ein kleiner Ball in der Stadt gehalten werden sollte, er msse
den Tag verreisen, ich mchte ihm etwas versprechen, woran er she, da ich ihn
liebte: ich mchte ihm versprechen, den Abend nicht auf dem Balle zu tanzen. Ich
lachte ber das leichte Versprechen; der Tanz war gar nicht meine Leidenschaft
und der Blle so viele, da dieses Ausruhen gar keine Entsagung zu nennen; ich
versprach es bei meiner Liebe und gab ihm die Hand darauf. Abends auf dem Balle
dachte ich der ganzen Geschichte nicht mehr; zwar war es mir, als hielte mich
bei einer Aufforderung eine geheime Hand, da ich abschlagen sollte, aber ich
hatte einmal zugesagt, und als mir nachher mein Versprechen einfiel, frchtete
ich, lcherlich und beleidigend zugleich bei meinem Tnzer zu werden, der in der
ganzen Stadt mit seinem Urteile galt. Ohne Sorge tanzte ich meinen schottischen
Tanz herunter; als ich unten auer Atem anlange, steht mein Brutigam mit ganz
verwirrtem Auge vor mir, frgt mich, ob ich ihn sehe, ob ich ihn kenne, ob ich
mich meines Versprechens erinnere, das ich eben gebrochen, ob mir je zu trauen
sei, nachdem ich in erster Liebe ihn getuscht? Dann versicherte er mir, ich
she ihn zum letztenmal und in Gegenwart der ganzen Gesellschaft schwre er mir,
er wolle seiner Ehre verlustig sein, wenn er sich mir je nhere, wenn er je die
Verbindung mit mir wieder anknpfe, von der er sich so viel Seligkeit
versprochen. - Bei diesen Worten strzte er zur Tre hinaus, und ich ohnmchtig
und in Krmpfen auf den Boden nieder. Noch jetzt, nach so vielen Jahren,
empfinde ich, ohne zu wissen, was die Glocke sei, gegen diese Zeit eine
Traurigkeit, da ich mich von den Menschen wegwende. - Sie stand bei diesen
Worten auf und ging den Gang hinunter. - Jeder uerte nun seine Meinung ber
das Verfahren des Brutigams; die Grfin nannte ihn einen grausamen Barbaren,
von dem sich jede Frau nachher htte zurckziehen sollen. Der Graf schwor, er
htte es sicher in gleichem Verhltnisse ganz eben so gemacht; wer ein solches
Versprechen vergessen knne, den msse man wieder vergessen knnen; die Grfin
widerstritt ihm das, nannte dies Vergessen eine Kleinigkeit, ja es htte selbst
nichts zu bedeuten, wenn sie mit Absicht ein so trichtes Versprechen gebrochen
htte, und so gerieten der Graf und die Grfin in einen lebhaften Streit mit
einander. Eine kleine runde Stiftsdame, die eine Strung des ganzen Festes von
diesem Streite befrchtete, legte sich auf einmal mit ihrer metallenen Stimme so
laut dazwischen, und versprach eine so lustige Erzhlung, da niemand mehr der
traurigen Geschichte denken sollte. Alle baten eifrig um die Geschichte und sie
begann recht frhlich zu improvisieren.

                              Funfzehntes Kapitel



                          Geschichte des Mohrenjungen

Pripert war ein mcht'ger Herzog
Von dem groen Volk der Pirpen,
Sa auf einem hohen Schlosse
Bei dem dunklen Karpfenteiche,
Wo die braunen Frsche hpfen;
Seine Schwester hie Fikette,
Fidibus sein schlankes Weibchen.
Als die Schwester in den Jahren,
Wo sie knnte sich vermhlen,
Denn verliebt war sie schon lange,
Fordert er von seinen Stnden
Ihre Ausstattung ganz schleunig,
Samt und Seide wie gewhnlich,
Und die Stnde bringen beides.
Doch nachdem er es befhlet,
Scheint ihm beides also kstlich,
Da er es gern selbst behielte,
Um sich einen neuen Schlafrock
Statt des alten, der zerrissen,
Zu der Cour daraus zu schneidern;
Und die schne junge Schwester
Sendet er nun als btissin
Nach dem groen Fruleinstifte,
Da sie es nicht fordern knne.
Samt und Seide sind jetzt teuer,
Sagte ihr der gute Bruder;
Kommen gar viel fremde Prinzen,
Wie es bei der Werbung mglich,
Geht mehr Hafer, Weibrot, Kuchen
Auf an einem einz'gen Tage,
Als du it im ganzen Jahre;
Auch die alten Livereien
Sind dann ntig umzuwenden,
Mancher Knopf geht da verloren,
Mancher Flecken kommt beim Essen:
Darum ist es mehr geraten,
Da du bleibest unvermhlet.
Traurig fhrt Prinze Fikette
Nach dem alten Fruleinstifte,
Doch gedenkt sie, da zu finden
Holde liebliche Freundinnen,
Denen sie sich kann vertrauen;
Ach was findet sie fr alte
Ausgedrrte, ausgeschriene,
Gelbe Tabaksschnupferinnen,
Die im ewigen Geznke
Ihr das Blau im Aug abstreiten;
Alle fluchten wie die Landsknecht,
Kommen stets zu spt zum Singen;
Keine wollte Brot anschneiden,
Keine das Gebet hersagen.
Wenn sie dann in ihren Nten
Zu dem tapfern Stiftshauptmann
Hat gesendet ihre Diener,
Da begann erst recht die Fehde,
Und der Hauptmann war noch frhlich,
Wenn er ohne Ngelmale
Zu der Tr hinaus geflchtet;
Sicher fand er Reihen Zhne
In dem Rocke fest verbissen,
Ziegenhaarige Percken,
Lappen Flor in seinen Hnden;
Ach es sind zu alte Snder,
Um sich jemals noch zu bessern!
Zhlt zusammen ihre Jahre,
Steigen sie zu vielen Tausend,
Bis zu Medern und Assyrern,
Und Methusalem dagegen
Ist ein elend junges Brschchen.
Also war der Stamm beschaffen,
Also war ihr reines Leben;
Denn unheil'ger ist wohl nimmer
Auf der Erd ein Stift gewesen,
Und geplagter war auch keines.
Sagt, was spotten denn die Mnner
ber uns, die alten Jungfern,
Also frech von allen Seiten,
Ist es nicht die Schuld der Mnner,
Unser Wille war es nimmer!
Also seufzte manches Frulein,
Das recht tckisch war genecket,
Wenn die Knaben aus dem Stdtchen
Mit den flinken Blaserhren
Ihren Kater niederschossen,
Der zum Nachbarhaus geschlichen,
Auf den Dchern khnlich irrte.
Gab es Schnee, so standen morgens
Weie Mnner vor dem Fenster;
Jeder Baum, der in der Nhe,
Ward bezeichnet mit Skandalen,
Und die Frchte weggestohlen;
Und fr so viel stete Leiden
Was war die Entschdigung?
Keine reichen Nadelgelder,
Keine Leckerein beim Schmause,
Gleiche Kost an jedem Tage,
Tglich Ziegenfleisch und Erbsen,
Damit war das Stift dotieret: -
Schwere Kost fr alte Magen!
Darum suchte jedes Frulein
Ihre mcht'gen Portionen
Heimlich solchen zu verkaufen,
Die dafr was Leckres brachten;
Darum schlichen viele Leute
Abends durch des Stiftes Garten,
Um zu tauschen, um zu kaufen
Ziegenfleisch und gelbe Erbsen,
Heimlich, da doch die btissin
Nichts von dem Erwerbe wisse.

Arme, arme Frstentochter!
Die in ihren frhen Jahren
Mit so manchem schnen Pagen
Ein Versteckens oft gespielet,
Und nach ihrem frohen Sinne
Sie genecket und geksset.
Ach noch denkt sie an den einen,
Der so oft am glsern Wagen
Neben ihrem Sitz gehangen
Und mit seiner heien Liebe
Ihr das Spiegelglas behauchte,
Bis er ihr darin verschwunden!
Ach er ist nicht ganz verschwunden!
Seit er ist herangewachsen,
Reitet er nach der Parade
Tglich bei dem Stift vorber,
Als ein prchtiger Dragoner
Mit dem Degen an der Seite,
Mit der Feder auf dem Hute,
Mit den schnen blanken Stiefeln,
Mit der weien Kraus am Hemde,
Mit der hohen schwarzen Binde,
Mit dem Rock Vergimeinnicht,
Mit den Wangen Milch und Blut,
Mit dem schwarzen Knebelbarte;
Kommt geritten, sie begrend,

Seinem Pferd hat er gelehret,
Sich zu bumen und zu wiehern,
Da der Puder weit aufflieget,
Hat er ab den Hut genommen -
Also weicht er von dem Stifte
Wie ein schnes Wolkenbild.
Alle Nchte denkt sie seiner,
Wenn das Dunkel Frieden stiftet,
Und kein Blick sie mehr belauschet,
Wenn sie wandelt in dem Garten,
Ses Schmachten in dem Herzen,
Holde Tne auf den Lippen,
Denen sie sich gern vertrauet,
Weil sie nicht als Zeugen dienen,
Sondern alsogleich versinken
Wie der Traum, der sie geschaffen.
Leise singt sie ihre Lieder,
Wie die Quellen zu den Veilchen,
Und im Hauche dieser Veilchen
Scheint der Liebling ihr zu nahen,
Mit dem Degen, mit dem Hute,
Mit der Krause, mit den Spornen,
Mit dem Zopfe, mit dem Puder;
Und mit ausgespannten Armen,
Wie mit Segeln zu dem Hafen,
Strzt sie in den Arm des Teuren:
Und da sind es leere Lfte,
Eine Hand, die fat die andre;
Traurig singt sie leise flsternd:


                              Gesang der btissin

Soll ich's mir wie Strahlen denken,
Wie die Veilchen ferne dften
Und den Lften
Doch die nahe Wollust schenken?
Will der Wind sie zu mir lenken,
Mu ich denken
Meiner Lieb in allen Sinnen,
Trumend ihn in Liebe gren;
Ihn zu kssen
Mein' ich und mich einzuspinnen
In des Vielgeliebten Armen;
S Erwarmen!

Seine Lippen Hyazinthen
In dem frischen runden Schnitte,
Und die Mitte
Ist ein Kelch, den zu ergrnden
Tausend schne Worte dienen!
Welch Erkhnen!
Alle mchte ich ergreifen,
Ihn zu finden unter allen;
Ich mu fallen
In ein wstes leeres Schweifen!
Wiederum ein Jahr vergangen
Im Verlangen!

Etwas mu der Mensch doch lieben,
Ser Duft, du mut vor allen
Mich umwallen,
Flieh die Blumen, die betrben,
Weil von jenes Frhlings Scherzen
Zeugen schwrzen;
Ser Duft, nimm mein Vertrauen,
Denn zu hart sind die Gespielen
Den Gefhlen,
Da sie nie die Liebe schauen;
Lieblos sich dem Himmel geben,
Ist ihr Leben.

Alles hab ich dir gegeben,
Schnes fernes Bild im Herzen,
Lust und Schmerzen,
Nahe endlich, nimm mein Leben! -
Wie die Reben niederhngen
In den Gngen,
Die ich sonst um feste Bume
Mit der eignen Hand geschlungen!
Ach umschlungen
Hab ich oft, o se Trume,
Diesen Baum, der dir geweihet,
Tief erfreuet! -

Also sang die Frau btissin,
Glaubt den dunklen Stamm zu fassen,
Den sie dem Geliebten weihte,
Doch von ihrer Glut getuschet
Hat sie einen Mann umfasset,
Der da heimlich sich gestellet,
Als ob er ein Baum gewesen,
Da sie ihn nicht mchte sehen.
Und sie meint, sie tte Wunder
Und belebte liebend Bume;
Das ist Schwrmerei, nicht Snde,
Denn sie war sonst sehr moralisch;
Doch zu gro ist dieses Wunder
Fr die liebekranke Seele!
Ist der Baum zum Menschen worden,
Kann sie ihm doch nicht entziehen,
Was ihm schon als Baum so eigen,
Ihrer Liebe schnen Glauben;
Und so sehen wir hier wieder,
Da die Phantasie verbunden
Mit der Wahrheit falschem Bilde
Sei wie Pulver in der Bombe,
Die von Unschuld aufgelesen,
Wie alt Eisen in das Feuer
Wird geworfen und zersprenget
Schuld und Unschuld, falsche Wahrheit,
Wahre Phantasie und falsche.
Da der Mann kein Baum gewesen,
Mu sie endlich doch wohl glauben,
Da es aber der Geliebte,
Prchtig glnzende Offzierer,
Dem wie Milch und Blut die Wangen,
Glaubt sie mit demselben Glauben.

Traurig und verlangend schmachtet
Die Prinzessin nach zwei Monden,
Mde rgerlich sie fhlet,
Sich in ihrem Stift verschlossen,
Und in ihrem Innern treibet,
Was wohl nicht verschlossen bleibet.
Khnheit haben schwangre Frauen
Und Entschlu in den Gefahren;
Die Prinzessin setzt sich nieder
An den Schrank von bunten Masern,
Schneidet eine Pfauenfeder,
Schreibt dem Herzog, ihrem Bruder.


                           Die btissin an den Herzog

Bruder, Du hast mich verschlossen
In dem alten Fruleinstifte
Um die Ausstattung zu sparen,
Samt und Hafer, und das Weibrot,
Von den Stnden mir geschenket.
Sieh, zur Strafe von dem Himmel
Bist Du ohne Kind geblieben,
Das er mir zur Straf bescheret;
Doch es stammt von einem Helden,
Also wird's ein Held auch werden,
Darum seid geneigt dem Rate,
Den ich Euch in Demut gebe.
Euer Reich fllt heim den Fremden,
Und mein armes Kind mu sterben,
Und ich geh in Schand verloren,
Wenn Ihr diesem Rat nicht folget,
Nicht mein Kind, in Schuld empfangen,
Mild zu Eurem Kind annehmet.
Eure Frau, die Herzoginne
Mu sich stellen guter Hoffnung,
Und ich komme dann im Schlosse
Heimlich nieder: Gott wird helfen!
Und mein Kindlein wird getragen
Heimlich zu der Herzoginne,
Als ob sie es htt' geboren.
Denkt darber nach in Liebe,
Und dann seid Ihr berzeuget,
Fhlet recht den Willen Gottes,
Wie er Bses gut hier mache,
So verzeihet der btissin.

Als der Herzog dies gelesen,
Schlo er sich in seinem Zimmer
Ein mit rzten und mit Rten
Und nach dreien schweren Tagen,
Wo sie ohne Schlaf verhandelt,
Ist der khne Plan gebilligt
Und mit ihnen angeordnet,
Wie er leichtlich auszufhren.
In dem Schlosse, wo er thronet,
Nach dem Astronomen-Turme
In der Mitt vom Karpfenteiche,
Tragen sie den Thron, den weichen,
Als Geburtsstuhl ihn zu richten;
Aus dem astronomischen Werkzeug
Wird die Zange bald geschmiedet,
Und im Spiegelteleskope
Sei die Wiege fr das Kindlein.
Als dies alles angeordnet,
Setzt er sich zum Tisch von Pappe,
Der mit Goldpapier bezogen,
Schreibt mit einer Kasuarfeder:


                           Der Herzog an die btissin

Pripert Magnus, Herzog aller
Gro und kleinen Karpfenteiche,
Euch entbietet Gru und Gnade! -
Schwester, seid Ihr ganz des Teufels,
Doch es sei Euch dies verziehen,
Mchte Euch nicht gern erschrecken,
Knnte Eurer Frucht sonst schaden;
Euer Vorschlag ist genehmigt
Wegen Eurer klugen Listen,
Und Ihr sollt ins Kindbett kommen
Auf dem Astronomen-Turme;
Heimlich reiset Ihr zur Hauptstadt,
Als ob Ihr zum Bade reistet
Wegen eines innern bels
Von der schlechten Kost im Stifte;
Schreiben ist nicht meine Sache,
Sprechen lt sich alles besser,
Ich bin wohl affektionieret.

Also hat sie ungesumet
Sich zur Reise angeschicket.
Und die Fruleins alle mchten
Mit ihr ziehen nach dem Bade,
Doch sie lt sie all zurcke.
Nchtlich kommt sie nach dem Schlosse,
Wird vom Leibarzt hingefhret
Nach dem hohen Schmerzensturme.
Ach wie viele m'ge Stunden
Sind ihr nun von tausend Uhren,
Die im ganzen Hause ticken,
Vorgerechnet, wo sie mig
Legt im Scho die schnen Hnde,
Und sie will Kalender machen,
Schauet, kalkuliert und rechnet
Mit den rzten ganze Tage.
Whrend sie so eng verschlossen,
Trgt die Herzogin die Zeichen
Ihrer guten Hoffnung mhsam:
Wird begrt von allen Stnden,
Die nach dem Gelusten fragen,
Was sie wnsche, was sie fordre.
pfel, indian'sche Nester,
Marzipan und Pfeffernsse,
Alles wird herbeigeschaffet,
Alle Edlen sind in Sorgen,
Alle Landeskirchen beten
Um die glckliche Befreiung.
Doch die Herzogin viel lieber
Wr befreiet von dem Panzer,
Den die rzte ihr bereitet,
Ihr den schlanken Wuchs verstellend:
Denn sie war so zart gewachsen,
Wie ihr Name es bezeichnet;
Wie ein Fidibus fr Pfeifen
Schien sie sonst im weien Kleide,
Mit den kranken roten Wangen.
Stolz ging jetzt der dicke Herzog
Auf und nieder in dem Schlosse,
Strich sich seine goldne Weste,
Meinte, da ein jeder sehe
Nun auf ihn, weil bald ein Kindlein
Wrde auch nach ihm genennet;
Denn nach allen Glckwnschungen
Meinte er sich wirklich Vater,
Sprach von nichts als von der Ehre,
Von der Wrde eines Vaters,
Von der Mhe es zu werden;
Gndig lie er sich die Hnde
Kssen von der Herzoginne,
Tat, als wenn er Vater wre
Aller Kinder in dem Reiche.

Endlich naht der Tag der Freude,
Alle Telegraphen spielen,
Kanonier mit brennenden Lunten,
Und der Herzog wie ein Puthahn
Kullernd in dem ganzen Hause,
Und die Herzogin verlegen,
Und die rzte ngstlich laufend,
Da man ihren Weg nicht sehe
Nach dem Astronomenturme;
Und die alten Fraun vom Hofe
Sehr erbittert, da man ihnen
Allen Zutritt hat verschlossen;
Jede hat ein volles Dutzend
Lieblicher Historien
Aus dem Rauch dazu genommen,
Und nun mssen sie einander
In der Krze alles sagen,
Weil es kalt ist auf den Treppen, -
Der Effekt ist ganz verloren.

Endlich seht das groe Zeichen
In den tiefen ncht'gen Stunden,
Und der Marschall mit dem Schnupftuch
Winket zweimal aus dem Fenster,
Von den Fackeln wohlbeleuchtet.
Also ist ein Prinz geboren,
Und die Kanoniere schieen,
Da die Scheiben aus den Fenstern,
Menschen aus den Tren fliegen;
Und es gibt ein frohes Jauchzen,
Da die Frsche in dem Teiche
Nicht alleine nchtlich singen.
Als das Wappen eingebrennet
Unserm Prinzen an den Hften,
Da man ihn nicht mg vertauschen,
Merkt man eine eigne Farbe
In der Haut, die schwer zu nennen;
Doch das ist gar oft an Kindern,
Die erst neu zur Welt gekommen,
Eins ist grn, das andre blulich,
Das vergeht in wenig Wochen.
Als die Glckwnschung empfangen,
Und die Taufe ist verrichtet,
Und noch vierzehn Tage spter
Dauert unsers Herzogs Freude.
Doch da wird der Prinz viel schwrzer
Als des Herzogs Tintenfinger,
Den er braucht zum Unterzeichnen,
Und der Herzog sieht mit Schrecken,
Da es sei ein Mohrenjunge,
Was noch keiner von den rzten
Hat gewagt, ihm zu verknden.
Und der Herzog will verzweifeln,
Beiet sich auf seinen Finger
Und der schmecket gar nach Tinte;
Und die Herzogin erboet,
Da ihr guter Ruf knnt leiden,
Wtet ein auf die Prinzessin, -
Doch es mu verheimlicht werden.
Traurend wird des Thrones Erbe
Bei dem Volke tot gesaget,
Und ein Affe wird geschlachtet
Von den beiden flinken rzten,
Wohlrasiert und angezogen,
Mit dem Myrtenkranz und Degen,
In ein kleines Sarg geleget,
Schwach beleuchtet ausgestellet,
Und mit groem Leichenzuge
Beigesetzt in der Kapelle.

Ach du rmste der Prinzessen,
Wie viel Schimpf mut du ertragen,
Heimlich wirst du ausgekiffen
Von der bsen Herzoginne,
Und du sehnst dich nach dem Stifte.
Kinderlos bleibt so der Herzog,
Doch gengte ihm am Ruhme,
Da ein Kind von ihm entsprossen;
Nur zum Schein hat er gescholten
Die btissin, da sie frevelnd
Sich mit Heiden abgegeben.
Sie beschwrt die eigne Unschuld,
Will doch nicht den Vater nennen,
Weil sie ihn nicht hat gesehen,
Weil sein Leben ihr noch teuer,
Hat er's Kind gleich angeschwrzet.
Sie erzhlt nur, wie im Garten
Sich belebte jener Nubaum,
Meint, da sie sich hab versehen
An der Nacht, die gar zu dunkel,
Oder da, wie grne Schale
Von den Nssen schwrzt die Finger,
So auch dieses Kind des Nubaums
Sei in seiner Haut geschwrzet,
Und man htt' es schwefeln sollen;
Doch das ist nun viel zu spte; -
Als sie ganz gesund zur Reise,
Kehrt sie heim zum Fruleinstifte,
Alle Lieb ist ihr vergangen
Seit sie Sternenkunst getrieben;
Und sie hlt sich zu den andern,
Schwtzend, spielend, zankend, putzend.

Bei dem Landvolk aufgezogen,
Unbewut, woher er stamme,
Wchst der kleine Mohrenjunge
Und durch seine Wundergaben
Alle Nachbarn fast erschrecket.
Whrend noch die andern Kinder
Mit ihm spielen ihres Gleichen,
Wer gestohlen, konnt er wissen,
Wer zu Nachte umgegangen,
Wer vom Morgen abgepflget,
Welcher Schneider in die Hlle
Hat gepeitschet groe Lappen,
Welche Khe wrden kalben,
Welche Tauben sich verfliegen,
Alles wut er zu erraten,
Und der Kuckuck war vor allen
Ihm gewogen mit dem Rufen.
Wie ein rechtes Meereswunder,
Wurde dieser schwarze Flecken
In der Ehre der Prinzessin
Rings im Lande vorgezeiget;
Also kam er auch zum Stifte,
Machte schamrot alle Fruleins,
Da sie ihn ermorden wollten.
Doch er bittet, eh' er sterbe,
Da ihn hre die btissin
Ganz allein in ihrem Zimmer,
Was sie endlich ihm gewhret,
Ahndend, da es sei ihr Knabe;
Und da zeigt er ihr sein Wappen,
Das ihm eingebrannt so frhe
Und zu lschen ist vergessen,
Er begret sie als Mutter.
Und sie frgt ihn freundlich kssend
Trotz der aufgeworfnen Lippen:
Da du alles kannst erraten,
Sage mir, wer war dein Vater?
War es nicht der Herr Offzierer,
Der so oft vorbei geritten
Mit den Wangen rtlich weilich;
Und der Knabe spricht mit Lcheln:
Nimmer nein, es war ein Pauker,
Cipripor, das war sein Name,
Bei dem Regiment Dragoner,
Wovon jener war der Oberst;
Sicher habt Ihr ihn gesehen,
War ein Mohr, ein schwarzer Teufel,
Und der Teufel war im Vater,
Als er Euch in schnem Dunkel
berraschte und besiegte;
Also teuflisch sind die Krfte,
Die er mir damit verliehen:
Doch weil Ihr in reiner Unschuld
Seid gefallen von dem Guten,
Nur von Einbildung befangen,
Wohl so sind mir alle Krfte
Nun zum Guten hingewendet. -

Nun erzhlt er ihr ausfhrlich,
Wie der Vater, wenn es dunkel,
In des Stiftes Garten kommen,
Ziegenfleisch und gelbe Erbsen
Von den Fruleins einzuhandeln,
Was zu reichlich war dotieret:
Und so hab ihn da Frau Mutter,
In dem Wahnsinn alter Liebe,
Schmachtend ihn im Ku umfangen,
Hab geglaubt, es sei der Oberst.
Das sei gar nicht zu verwundern,
War doch seine Stimm nicht schwrzer,
Als von allen andern Mnnern,
Trug er doch so gut den Degen
Und die Feder auf dem Hute,
Schwere Stiefeln, Klapperspornen,
Und die Binde und die Krause,
Wie der schnste Stabsoffzierer.
Die Moral ist nun gewesen:
Dieser kleine Mohrenjunge,
Der mit recht beredter Zunge,
Jetzt geschtzt von der btissin,
Trat zu ihren alten Frulein,
Und mit rechtem scharfen Besen
Aus den Winkeln der Gemter
Hat gefeget weltlich Leben.
Die btissin schickt ihn heimlich
Zu dem Herzog, der gealtert
Jetzt nun gar nichts denken konnte,
Sondern alles unterschriebe,
Seine besten Freund lie hngen,
Wenn nur zu der rechten Stunde
Ihm das Mittagsmahl bereitet.
Und der Herzog lt ihn kommen,
Frgt ihn lchelnd, was er knne,
Ob er auf dem Seile tanze
Oder Kartenknste mache,
Ob er unverbrennlich wre?
Alles dreies macht der Knabe,
Und der Herzog whlt ihn gndig
Sich zum ersten Staatsminister,
Und will gerne mit ihm reden
Von der wahren Staatsverfassung.
Wie ein Buch spricht da der Knabe,
Doch der Herzog hat noch nimmer
Acht gegeben, was gesprochen;
Und der Knabe kann auch singen
Nun verstehet ihn der Herzog,
Aber ich verschweig dies Liedchen,
Denn es riechet gar zu mystisch.
Es beweiset die Verwandlung
In dem Kopf des alten Herzogs,
Weil er sei der Stein der Weisen,
Der Metalle kann verwandeln,
Da zum Chaos alles kehre.
Als der Herzog dies vernommen,
Wird ihm bange und beklommen,
Sieht, wie schon in den Gedanken,
Alles Runde sich verwandelt
Und die Krone ihm als Mhlrad
Und als Suppendeckel scheinet,
Whrend viele list'ge Feinde
Nach der einen Krone trachten,
Die auf seinem Haupte wackelt.
Klglich nimmt er an den Jungen,
Sich zum Hof- und Staatspropheten,
Da er ihm die Krone halte:
Der nun alles wei, was knftig
Bringt die Welt gar bald zum Ende.
Und so endet mein Gedicht.

Die ungemeine, fast mnnliche Lebhaftigkeit und Freimtigkeit der kleinen runden
Dame hatte alle Zuhrer berrascht; fast schien sie der kleine Mulatte selbst zu
werden. Prediger Frank warf heimlich die Frage auf: Woher es komme, da niemand
einen Ansto an der Erzhlung genommen habe, whrend sie eine andre Frau in
gemischter Gesellschaft schwerlich nacherzhlen knne. - Das kommt von der
lauten metallenen Stimme unsrer Freundin; was sich so laut sagen lt, ist
sicher sehr unschuldig gemeint, sagte der Graf eben so laut, was in der Welt
geschehen, ist auch wieder zu erzhlen, nur in der rechten Art, denn wenn sich
Gott nicht geschmt hat, es zu dulden, warum wir? - Die kleine Runde, statt
sich darauf einzulassen, machte allerlei Tierstimmen so geschickt nach, da
mehrere erschraken; berhaupt wute sie ihr Wesen mehr durch
Unerschtterlichkeit als durch Witz zu behaupten, und die andern muten sich
drein finden. Frulein Walpurgis, die sich schon whrend der Geschichte des
Mohrenknaben wieder bei der Gesellschaft eingefunden hatte, suchte diese
luxurierende Lustigkeit, in der sich ihre Freundin leicht bernehmen konnte, wie
eine Parze abzuschneiden; sie zog aus einer weiatlassenen, mit Zypressen und
Urnen gestickten Brieftasche ein Paket Papiere heraus und sagte: Man sollte
nicht allein die bel protestantischer Stifter rgen, wo die Ehelosigkeit
freilich kein Verdienst sei, auch die katholische Zeit ihres Klosters habe andre
Nachteile gehabt, das allzu hohe Anrechnen dieses Zustandes habe zu leerem Stolz
auf eine vorgebliche Heiligung gefhrt, wo sogar krankhafte Zustnde fr
Heiligung gegolten. - Der katholische Geistliche gab ihr darin recht und machte
die Nonnen aller Art lcherlich. Frank verteidigte sie. - Der Graf sagte: Ich
glaube, die Religionssysteme tauschen sich aus. - Frulein Walpurgis erzhlte
nun, da sie alte Briefe in ihrem Kloster gefunden, welche eine Mohrin angingen,
die von einem frommen Einsiedler bekehrt, eine Nonne geworden wre, und einen
recht grellen Gegensatz zu jener Mohrengeschichte darstellten. Der Graf nahm die
Papiere und wollte sie vorlesen, aber der Prediger Frank fiel schon nach dem
ersten Briefe der Sammlung sehr laut ein, indem er seine ganze Aufmerksamkeit
auf die heilige Gewalt richtete, die ein Mann auf ein Mdchen ausben knnte,
das selbst noch keine Anlage zur Heiligkeit habe, und erzhlte darber viele
Beispiele von Lavater, den er gekannt hatte; er fhrte diese Wirkung auf eine
allgemeine Regel zurck, mglichst viel und eigentmlich auf andre zu wirken, um
ihnen alle Zeit zur Gegenwirkung abzuschneiden, wenigstens die Besonnenheit
dazu; nun sei aber nichts eigentmlicher im Menschen als die heil'ge uerung,
also beschftige und verwirre diese andre Leute am meisten; sie habe immer die
Wirkung eines Einfalls und lasse am wenigsten einen Plan im Betragen
durchscheinen, der jedem Mdchen besonders verhat wre. - Der katholische
Geistliche, der sich Xaver nannte, bewunderte den Scharfsinn Franks; er
versicherte ihm, da er wohl einhundert Kunstgriffe aller Art wisse, um die
Leute der Religion zu unterwerfen, und whrend er ihren innern Glauben schrfe,
schaffe er allmhlich, wenn auch nur alle fnf Jahre, etwas von den alten
trichten Glaubenslehren weg. - Aber, fragte der Graf ernsthaft, ist denn
unsre Religion, die so viel auf Erden gewirkt, grtenteils nur eine Sammlung
alter Torheiten? Die beiden Prediger entwickelten im Wettstreite ihrer
Menschlichkeiten so viele Mysterien, da die kleine runde Stiftsdame das Zeichen
gab, zu einem allgemeinen Gelchter, das immer strker anwuchs, trotz aller List
des einen, trotz aller Menschen- und Weiberkenntnis des andern.

                              Sechzehntes Kapitel



                   Schlu von Lorenzos und Rosaliens Hochzeit

Zum Glck fr die beiden Priester begann der groe Kranztanz, der die vornehmere
Gesellschaft wieder mit in die Schranken des Tanzbodens rief; der Graf behielt
mit Erlaubnis der Frulein die Briefe: wir werden ihrer nicht vergessen. Der
Tanz begann mit aller seiner Fackelnpracht. Die Braut mute mit allen Mnnern,
der Brutigam mit allen Frauen in der Runde tanzen, bis sie beide zusammentrafen
und mit einander verschwanden. Der Graf hatte fr diesen Augenblick einen neuen
Gesang veranstaltet, in welchem die Grfin die Braut spielte, die beiden andern
Stimmen aber von den eingebten Dorfknaben gesungen wurden.

Die Braut

Viel schwcher ich mich fhle,
Da mir so nah die Freud,
Als da ich fern dem Ziele
In Leid und Bitterkeit;
Nacht der Nchte, s und bittre Zeiten,
Bald wird seinen Arm der Liebste um mich breiten.
Die Jungfrau vergehet,
Die Frau dann erstehet.
Der Name des Herrn sei gelobt!

Der Myrtenkranz so lose
Mir schon im Haare spielt,
O Liebesbecher, Rose,
Wie mich dein Duft hier khlt;
Lieb ist strker, als der Tod erfunden,
Wie ein Lamm zum Opfer bin ich bunden.
Mein Hemdlein spielt im Winde,
Er ruft mir: Kind, geschwinde;
Der Name des Herrn sei gelobt!

Viel schwcher ich mich fhle,
Da mir so nah die Lust,
Als da ich fern dem Ziele
Ans Sterben denken mut:
Nackt bin ich in diese Welt gekommen,
Nackt werd ich auch wieder aufgenommen.
Der Herr hat's gegeben,
Der Herr hat's genommen,
Der Name des Herrn sei gelobt! Amen.

Alle Gste

Ein Engel wird dir decken
Die blauen ugelein,
Ein Engel berstrecken
Sich um die Ohren dein,
Niemand, keiner wird dich mehr erblicken,
Lscht die Lichter; Finden ist der Lieb Beglcken!
Der Geist ist gegeben,
Er mehret das Leben,
Der Wille des Herrn soll geschehn.

Chor der Schlechten, die links fortgehen

Ich kann sie nicht mehr stren,
So wird es dennoch wahr,
Dort gehn die Brunnenrhren
Im hellen Mondschein klar;
Ich mu gehen von der reichen Quelle
Trocknen Mundes, Wermut an der Stelle,
Wie ist mir so wste
Vom wilden Gelste,
Sie denket wohl nicht, was in mir tobt.

Enteilt ihr Flitterwochen,
Ist erste Lieb vorbei,
Will ich ans Trlein pochen,
Dann bin ich frech und frei;
Liebeszauber ist dann schon verschwunden,
Und sie fhlt vom Ehring sich gebunden;
Der Mann wird dann schelten,
Da werd ich was gelten
Im Namen des Teufels es geht.

Die Frommen, die rechts fortgehen

Ich liebte sie so stille,
Wie Gott die Welt geliebt,
Doch es war nicht sein Wille,
Da sie mich wieder liebt;
Ewig bleib ich dennoch ihr so eigen;
Gott, dir soll's mein einsam Leben zeigen;
Er mu es wohl wissen,
Was besser wir missen,
Er wute allein, wie sie mir lieb.

Wie Gold ins Meer versenket,
Wird in Verschwiegenheit
Die Liebe abgelenket
Von ihrem trben Leid;
Meine Liebe mu sie nimmer wissen,
Da sie nimmermehr mich kann vermissen,
Ihr Los ist geworfen,
Und ich bin verworfen.
Sie liebt ihn; mein Unglck trag ich fern.

Bald bet ich in der Klause
In der Waldeinsamkeit;
Herr schenke ihrem Hause,
Ach all die Seligkeit,
Die ich hoffend hatte mir ersonnen;
Sei mein Beten ganz fr sie gewonnen.
Die Menschen, sie denken,
Und Gott wird sie lenken.
Der Name des Herrn sei gelobt!

Der Gesang war kaum geendigt, so begannen die beiden Geistlichen einige Spe
ber einzelne Verse des Gesanges, den sie fr einen Scherz des Grafen hielten
und keinesweges fr seinen besten Ernst, wie es doch wirklich war. Die Grfin
nahm das etwas bel, da sie selbst dabei ttig gewesen, sie sagte dem Grafen
leise, so ungesittete Leute wren doch wert vom Hofe hinunter geworfen zu
werden, da sie berdies gar nicht eingeladen wren. Der Graf hatte einen
hnlichen Entschlu in sich verbissen, und es bedurfte nur dieses Anstoes zum
Hervorbrechen seiner Hitze; ohne weitere Erklrung nahm er die beiden
Geistlichen beim Kragen, und schleppte sie mit groer Heftigkeit durch die
Menschenmenge, die es fr einen neuen Tanz hielt, in den Hof, und lie die
Verwunderten dort mit der Weisung stehen, nicht eher wieder seine Schwelle zu
betreten, bis Geschfte ihre Gegenwart notwendig machten. Nach dieser Anwendung
seines Hausrechts war er pltzlich ganz abgekhlt; die beiden Menschen taten ihm
leid, sie hatten es nicht schlimm gemeint, und er war durch diesen unbesonnenen
Entschlu vielleicht fr immer ihrer nachbarlichen Gesellschaft beraubt. Als die
Gesellschaft sich entfernt hatte, fand ihn Dolores, wie er in groem rger das
Hochzeitgedicht zerri und zertrat. Um ein paar einfltige Verse, rief er,
habe ich einen Zusammenhang mit der Geistlichkeit gestrt, der mir zur Bildung
meiner Leute so wesentlich; sieh, liebe Frau, es ist das schnste Geschft der
Frauen, eine trichte Leidenschaft zu bndigen und zu beschrnken, knftig giee
kein l ins Feuer! - Sie nahm diese Ermahnung mit einiger Empfindlichkeit auf,
weil sie zum Sprechen allzu ermdet war; sie war schon eingeschlafen, als ihr
der Graf eine gute Nacht bot, und der Tag endete ihm weniger heiter, als dessen
Aufgang erwarten lie. - Ist es nicht eben so im groen Leben der Natur, in der
Witterung; wie knnte unser kleineres Leben sich davon los opfern und frei
beten; doch wnschten wir, da eine glckliche Ehe dies vermchte, und wenn dies
unmglich, da sie wenigstens in ihrer Dauer und Festigkeit und brigen
Glckseligkeit dadurch nicht gestrt werden knnte. Wir sagen mit Waller, den
wir bald nher kennen lernen, zum Schlusse dieses Hochzeittages:

Eine glckliche Ehe vergleich ich dem Pendel der Uhren,
 Der aus verschiednem Metall schn im Verhltnis gefgt,
 Wenn es im Innern auch spannt im ewigen Wechsel der Wrme,
 Nimmer von auen es zeigt, nimmer verwirret die Uhr;
 Blinkend erscheint er im Anfang und rostig gedunkelt im Alter,
 Doch sein Innres vereint gleiche Vertraulichkeit stets.



                              Siebzehntes Kapitel



       Geschichte des Einsiedlers und der Mohrin. Nachrichten von Klelia

Am anderen Morgen war die Grfin recht betrbt, da ihr Rosalie fehlte, die jede
ihrer kleinen Gewohnheiten und Bequemlichkeiten kannte, jeden Wink verstand;
erst jetzt lernte sie die ausgezeichnete Fgsamkeit und Beflissenheit des
Mdchens kennen, da ihr Ilse alle wesentlichsten Dienste ganz ungeschickt
leistete. Sie flchtete sich aus ihren ungeschickten Hnden ganz verdrielich
zum Grafen, der bei der Durchsicht einer weitluftigen Baurechnung der neuen
Dorfkirche, die nun bald beendigt war, alle seine Aufmerksamkeit gefesselt
hielt, legte sich auf seine Schulter, spielte in seinen Haaren, und erzhlte ihm
mit einem weinerlichen Tone, wie es doch so bse um das Heiraten der Mdchen
wre; kaum wre ein Mdchen brauchbar, so wrde es in eine ganz fremde
Beschftigung dadurch gebracht; wenn doch alle Dienste so knnten eingerichtet
werden, da die Leute sich dabei verheiraten knnten. - Der Graf sagte immer
kein Wort und rechnete fort. - Die Grfin sah ins Buch und las: Drei Schock
Lattngel, Hohlsteine, lachte und sagte: Ich glaube, du wirst noch ein
Baumeister; hr, du tust dir noch Schaden in der glatten Stirne, die ich so gern
ksse, und das leide ich nicht! - Dabei kte sie ihm einen Kranz um die Stirn
und dieses Entgegenkommen war bei ihr so selten, da der Graf die ganze
verwickelte Rechnung zur Seite schob, ungeachtet er sich fest vorgenommen hatte,
sie noch denselben Tag zu beendigen, die Grfin auf seinen Scho setzte und sie
herzlich kte. - Die Grfin aber sprang auf und rief: Ich glaube, es ist das
einzige Vergngen, was du mir zu machen weit, da du mich kssest; sonst, ehe
wir verheiratet waren, brachtest du alle Tage etwas zum Vorlesen; ja das war
gute Zeit; jetzt bist du entweder in Geschften, oder du denkst an Geschfte;
ich glaube, da ich knftig dein Schreiber werden mu, wenn ich etwas von dir
hren und sehen will. - Du hast recht, liebe Frau, antwortete der Graf, aber
wahrhaftig ich kann oft nicht anders; ich wollte, ich htte mich nicht in so
vielerlei Arbeit eingelassen; was ich aber einmal unternommen, daran setze ich
Ehre und Leben. - DOLORES: Und ich setze alle meine Liebkosungen, alle meine
Bosheit heute daran, da du nicht zum Schreiben kommst; lies mir etwas vor. -
GRAF: Ich habe nichts. - DOLORES: Da sind ja noch die Briefe, die dir
Frulein Walpurgis gegeben. - GRAF: Die werden dich nicht unterhalten, sie
sind zu ernsthaft. - DOLORES: Immer zu; ich bin heute auch sehr ernsthaft. -
Der Graf las ihr jene Briefe, wie folget, vor:


   Briefe eines wandernden Einsiedlers und einer Mohrin, welche Nonne wurde4

                        1. Der Einsiedler an die Mohrin

Das edle Saitenspiel des heiligen Geistes, der Prophet David, war einstmals
ertrunken in der Stille des gttlichen Schauens und sprach das edle Wrtlein:
Mir ist gut, da ich Gott anhange. O wohl mir, gutes Kind, was mein Mund Dir
oft begreiflich gesagt hat, als ich bei Dir war, das rufet zu Dir mein Herz: Wer
Gott anhngt, wird ein Geist mit Gott und verschwimmet in das Einige ein; das
ist das Allerbeste und dies begehrte der Widerglanz des ewigen Lichtes an dem
letzten Nachtmahle, das er hielte mit den Jngern: heiliger Vater, ich begehr,
da sie eins mit uns sind, als ich und du eins sind. Und welche also mit der
Allheit in Einigkeit worden sind, alle ihre Sinne kommen dann in solche
Eingezogenheit und ihr Verstndnis ist ein Schauen der reinen Wahrheit in der
Sonne des ewigen Geistes. Ach hebe auf Dein Auge, sehe, was freuet sich jetzund
Berg und Tal, Laub und Gras, wie lachet jetzt die schne Heide! Alles wegen der
klaren Sonne, zu der Laub und Gras und jedes Kindes Auge blickt und trachtet.
Ach darum mein Kind, erschwinge Dich in die wilde, stille Wste der Gottheit und
Dir wird wohl sein; wisse, da ein starkes Gemt mit Gott einen schwachen Leib
berwinden kann. Wer aber der schnen Rosen Auge haben will, der mu ihre
natrliche Art erwarten in Gemach und Ungemach, bis der frhliche Tag kommen, da
er sie in spielender Wonne frhlich genieen wird nach aller Herzenslust. Darum
sei geduldig meine Tochter, wenn die Heiligung Deines neuen Lebens im Kloster
Dich noch nicht ganz erschlieen kann, wenn Deine Stunden des Gebets noch leer
an Freuden sind; jetzt ist noch Wintertag in Deiner Seele, aber Du ahndest doch
oft schon den Frhling.


                        2. Die Mohrin an den Einsiedler

Ich danke Euch fr Euer Schreiben, so weit ich es verstehe, doch auch, was ich
nicht verstehe, trstet mich, wie damals Euer Angesicht, als ich noch traurig es
anblicken durfte. Heiliger Vater! Ich bin erst vierzehn Tage von Euch entfernt
und meine, es wre eine Ewigkeit. - Ich werde Euch wohl nie wiedersehen, denn
Ihr wandelt mit Trost ber den ganzen Erdboden, ich aber bleibe einsam in meiner
Zelle. - Wie war ich so hlflos, ob Ihr gleich mit einem Segen von mir
geschieden; die Schwestern sahen mich alle so neugierig an, und befhlten meine
Hand, ob die schwarze Farbe darauf se oder darunter; meine Seele umzog dann
Nachts ein so trbes Licht, da ich nicht schlafen konnte, sondern an das
Fenster ging und mich ber den Mond verwunderte, wie er so helle durch die
Linden schimmerte; die Linden schienen ihm entgegen zu rauschen und ich fhlte
mich umfat von der kranken Schwester Therese, die auch nicht schlafen konnte
und immer Nachts durch alle Zellen schlich, und wute alles, wo die Nachtfalter
im Mondenlichte flatterten und wo die Nachtigall snge. Sie ist so gut, beinahe
so gut wie Ihr, und klagt nur immer, da sie mich nicht genug lieben kann. Die
andern Novizen denken alle noch weit hinaus in die Welt, und wissen alle, was da
geschieht; wir beide gedenken nur an Euch in unsern Gesprchen ber das, was
auer dem Kloster ist; Ihr scheint uns da auf der Erde umherzuwandern, wie unser
Herr Gott im Himmel. Oft denken wir, wie gerne wir mit Euch lehren mchten, und
knnten wir nicht lehren die Heiden, so knnten wir doch Eure Fe salben, fr
Euch sorgen; aber wofr braucht Ihr zu sorgen, da Ihr so wenig bedrft und Gott
mit Euch ist; Ihr sorgt fr uns und alle Welt. Alle Heiligen denken wir uns wie
Euch, und die jungen Heiligen, wie der heilige Sebastian, gefallen uns nicht, da
Ihr alt seid. Euer weier Bart ist das Ruhekissen aller Andacht; wie war mir die
Sandwste so paradiesisch, als ich auf Eurem Barte ruhen durfte, als Ihr
besorgtet fr mein Leben; kein Obdach wre mir da etwas wert gewesen, so stark
auch das Unwetter; ich hrte Euer Herz schlagen, ich fhlte Euren Atem wie Tau
an meiner Brust; ich war Euch so nahe. Ach wie seid Ihr nun so gar entfernt; ich
denke mir rote und grne Lnder, wo Ihr durchgehet; ich liebe Euch wie meinen
Himmel und liebe den Himmel, wenn er so wie Ihr fortwandelt in aller Gte. O
mge Euch fr die Treue an mir, Maria, die Mutter Gottes, ihr Kindlein eine
Stunde in die Arme geben, da es Euch anlchle in der Wste. Mich segnet Euer
Andenken.


                        3. Der Einsiedler an die Mohrin

Da der Knig David seine Jugend im Gottesdienste hatte verherrlicht, da begann
er zu alten, da begann er zu kalten, und das sahen seine getreuen Diener, und
die zogen durch alles Land und suchten ihm eine zchtige Jungfrau, und fhrten
sie zu ihm, da sie ihn wrmete mit ihrer Andacht, und also ward er wieder jung
und ging wieder frisch zu dem Werke des Herrn. Siehe, so hast Du mir getan, und
ich bin gestrkt durch Dich in die Welt gezogen; siehe, so tue vielen und
andern, die noch mehr Deiner bedrfen, als ich. Es sind jetzund viele Menschen,
die tragen einen geistlichen Schein und haben Gott nie scheinbar erzrnet, aber
sie sind laulicht, lieblos und gnadenleer geworden; schliee Dich an sie, zu
erwrmen die Kalten, und Reif wird herabflieen in Trnen und die Flur wird
heller und grner sein, denn jemals. Ein liebendes Herz spricht zu tausend
andern, es tut als wilder Adler einen freien Schwung zur Sonne, da die kalten
Herzen inne werden der gttlichen Herrlichkeit. - Auch mir, Du geliebtes Kind,
fehlet viel, da ich Dich nicht bei mir sehe; der volle Mond ist gebrochen, die
frohe Sonne erloschen, der liebe Ostertag zum stillen Freitag geworden, ach und
die heie Sommerwrme vom kalten Reife verdrngt; doch manche Rose, die sich dem
Himmelstau lange verschlossen, gehet im kalten Reife auf, also diente ich jetzt
schon mancher andern frommen Seele. - Verzweifele nicht an Deiner Heiligung,
hre nur treu die Stimme des geliebten Jesus, denn seine Stimme ist s und sein
Angesicht lieblich. Ich bitte die ewige Wahrheit, da sie in Deinem Herzen
haushalte, und alles Unreine krftiglich darausstoe, das je darinnen sich
gesetzet. Wie wre es aber mglich, da alles Getmmel, das zwanzig Jahre an
einem Orte sich gesammelt, in wenigen Tagen ausgestoen sei. Es mu noch manches
wandelbare Wetter in Dir aufstehen, ehe die bleibende Heiterkeit sich darin
setzet. Darum lsset Christus sein Antlitz leuchten ber Dir, da Du sehen
mgest, wo es noch dunkel und unrein in Deinem Herzen.


                        4. Die Mohrin an den Einsiedler

Heiliger Vater, Euer Brief hat mich gestrkt, da ich zur groen Verlobung bin
tchtig geworden. Ich habe mein Gelbde getan; ich konnte kein Haar mir
abschneiden lassen wie die andern, denn mein Haar ist nie aufgegangen, das die
heie Sonne frhzeitig versengt hatte, und mein Herz ist trocken geblieben. Ich
habe nicht getanzt wie die andern den Tag vorher, ich habe nicht geweinet wie
die andern den Tag nachher, als die Tr zuschlug und ich in die dunkle Zelle
eingefhrt wurde. Ich fhlte mich nicht verndert, nicht heiliger, nicht
frommer, und schreibe das der Trockenheit meines fremden Himmels zu. Ihr seid
mein Fhrer, Ihr hrtet mich, als ich im Schandhaus ein frommes Lied sang, das
ich nicht verstand, das ich blo so nachsingen lernte meiner Mutter, ehe ich
geraubt wurde. Da tratet Ihr herein und frchtetet nicht das Gesptte, nicht die
Drohungen der wilden Seeruber; Ihr riefet laut: Hier ist noch eine arme Seele,
die gerettet werden kann, denn sie wendet sich zu Gott. - Und Gott gab Euren
Worten die Kraft und erschreckte die Mnner und ich folgte wie ein junges
Kindlein der Mutter; ich war einer groen Snde recht nahe und wute es nicht;
nun ich es wei, habe ich Euch erst danken lernen; Ihr habt mich an den Himmel
abgegeben, aber ich wage nicht hinaufzusehen. Sehet hinauf und betet fr mich.


                        5. Der Einsiedler an die Mohrin

Die Weinstcke haben Augen gewonnen und geben ihren Geruch; die Turteltaube lt
sich hren in unserm Lande. Mit welchen Freuden meinst Du, da sich der Herr in
den schnen Weingrten ergeht; ach ihr jungen schnen Weinstcke des himmlischen
Vaters, ihr schnen holdseligen Turteltubelein des gttlichen Gemahls, gedenket
wie lange Zeit ihr seid wste gelegen, wie manchen schnen Tag mig! - O wehe
des kalten Windes unntzer Worte! Mein frommes Kind, was soll ich mehr
schreiben. Es freuet sich mein Herz ber Dein angefangenes heiliges Leben; ehe
Du aber erstarket bist, mut Du Dich umzunen, als ein junges Bumelein gegen
das grasende Vieh. So schaue in Dich, statt der andern Tun und Lassen zu
vergleichen, warte der himmlischen Harfen, die im Gemte, wie die Vgel der
Luft, unsichtbar dem in sich Verlornen klingen. Auch sollst du gewarnet sein, so
die schnen Weingrten aufblhen, da auch dann die Bremen und leidigen Kfer
beginnen zu strmen, und wo der bse Geist mit sich selber nicht kann zukommen
gegen einen frommen Menschen, da lsset er ihn reizen von seinem Gesinde mit
bittern Worten und ihn selbst mit falschen Weissagungen in Lieb oder in Leide.
Und darum mein junges Kind, mein zartes auserwhltes Kind, stehe fest in Gott,
denn er lsset Dich nicht.


                        6. Die Mohrin an den Einsiedler

Heiliger Vater! Ich bin demtig und meine Freude ist, allen zu dienen, und doch
werde ich verschmhet. Wie knnen sie mich verachten, da Ihr mich gewrdigt habt
der Lehre. Bei der Pfingstprozession traf mich die Reihe ein Fhnlein zu tragen,
mit dem Bilde Mariens geschmcket, aber die weien Schwestern rissen mir die
Fahne aus der Hand und ich - wie eine Ausstzige mute ich hinterher allein
gehen, denn auch Therese hatte sich da einer anderen gesellt. Und ich konnte vor
Scham nicht rot werden, da sie ein sichtbar strafend Zeichen ihrer Bosheit
shen; ich bin schwarz und von Gott zur Nacht verstoen. Heiliger Vater, wie
bedarf ich so sehr Eures Trostes, da ich auch hier nicht tauge, wo ich meinte
selig zu werden; ich mu weinen um andrer Leute Stolz; ist das nicht Hochmut?
Ich habe an Euch und an den himmlischen Brutigam zu denken, und denke immer
meiner Mitschwestern, und zwinge mich wohl, fr sie zu beten, aber mein Herz
wird vom Zorne berwltigt; umsonst geile ich mein Fleisch - ich hatte einen
schlimmen Herren auf der Insel - es ist zu gewohnt der Schlge und fhlt sie
nicht mehr. Hrte ich nur ein Wort von Euch, heiliger Vater, so wrde ich ruhig
sein.


                        7. Der Einsiedler an die Mohrin

Die Tchter Jerusalems hatten ein Angaffen, da Knig Salomos auserwhlte Frau
schwarz war, und ihm doch wohl unter vierzig und hundert Frauen die liebste. Da
antwortete sie ihnen jugendlich: Ich bin schwarz, aber gar schn wie die
Teppiche im Tempel. - Liebe schwarze Tochter, mir ist lieber eine gnadenreiche
Schwarze, denn der Schein einer gnadenlosen Weien; wer sich auf der himmlischen
Heide ermaiet hat, der achtet nicht viel auf das zeitliche Maiengewand. Mein
Kind, mein Kind, werden Dir auch meine Worte was helfen, da Dein Auge voll
Wasser, Dein Herz voll Zornes ist. Lieber Gott, es ist so leicht zu sprechen und
raten, es tut aber gar wehe, ein Gegenwrtiges zu empfinden. Ach mein Kind, ich
mu Dir eines erzhlen, da Du Deines Leides vergessest. Siehe, es geschahe
einmal, da war ich in groen verschmheten Leiden, da sa ich in meiner Zelle
und sahe einen Hund, der lief mitten in den Kreuzgang und schleifte da ein
Gebetbuch, und warf es nieder und bi darein und spielte damit. Also, liebes
Kind, war ich in der Brder Mund. Das Gebetbuch lt sich behandeln, wie es der
Hund will, aber ich erkannte es und nahm es auf und legte es in mein Kppelein
neben meinen Stuhl und schicke es Dir nun zum Troste; hre an diese edle
Trutznachtigall meines Bruders Spee; das irdische Geschrei mu dieser
himmlischen Stimme schweigen, die Dich immerdar mahnt: Hast Du ein Herz wie das
meine, so schwinge Dich auf durch Nebel und Schloen. - Mein Kind, wir sind
nicht allein die Verschmhten, die Verstoenen in der Welt, die Mehrzahl des
himmlischen Hofes war es einst viel mehr; gedenke der vielen Mrtyrer. Sind wir
den Leuten unntz? Das Weidenholz ist auch unntz; man schnitzet aber nach
dessen Absterben heilige Bildnisse daraus, die man werter hlt als Zedernholz.


                        8. Die Mohrin an den Einsiedler

Heiliger Vater! Ihr wandelt wie die seligen Engel unermdet weiter und beglcket
wunderbar alle Menschen, bei denen Ihr zusprechet, sehet aber nicht zurck auf
die, welche beglckt sind durch Euch. Es ist auch christliche Milde den frommen
Dank anzuhren und den Lohn seiner Taten zu empfangen. - Mir ist der Friede
geworden; ja es scheinet Gottes Auge ber mir zu weilen und mich mit einem Meere
lichter Wolken zu erfllen; kein Unfall stret mich mehr, und die Schwelle, ber
die ich erst gefallen, wird mir zu einer Altarstufe, der ich den Ansto danke,
um mich darauf hher zu erheben. Ich bin ungeschickt, es Euch zu sagen, mag auch
meine Seligkeit nicht strflich unterbrechen mit Nachsinnen; mir ist oft, als
wenn ich flge, wie eine Biene und sammelte den seligen Honig ein, ja der Himmel
ist mir offen und das neue Jerusalem, wenn ich daran gedenke. Die unglubigen
Schwestern spotten ber meine Gesichte, weil mein Angesicht schwarz ist; aber
mich schmerzt das nicht mehr; ich wei, da ich Ihn habe; je mehr ich ruhe, je
mehr ich begreife; je lnger ich schweige, je mehr Wunder ich wirke in Seiner
Macht; je mehr Seine Lust wchset, je grer meine Hochzeit; je minniglicher wir
uns ansehen, je ungerner wir uns scheiden; je mehr Er mir gibt, je mehr ich
verzehre; je mehr ich leuchte, je mehr Lob wird Gott zubereitet.
    Ich war oft so entzckt in seliger Anschauung des Brutigams, da ich das
Gelute der Metten nicht hrte. Sie schickten mir den frommen Abt, um mich
ermahnen zu lassen, und ich sagete ihm, was ich sehe. Und ihm ward wie einer
schwebenden Taube und er kniete vor mir. Heiliger Vater, kommt zu mir, es
wandelt mich oft eine Furcht an vor meiner Seligkeit und Vollkommenheit, als
wenn ich damit nicht leben knnte auf Erden; als wre ich schon im Himmel wie
eine rote Abendwolke, die alle Gesichter der Menschen rtet. Schon kommen
Bedrngte aus ferner Gegend, die von mir gehrt haben, und wollen nur, da ich
die Hand auf sie lege, und ich lebe so selig in meiner Klause, da mir die Welt
rings ganz dunkel und de erscheint. Ich werde von einer inneren Kraft getrieben
wie ein Samenkorn und wage nicht, umzuschauen, ob ich Raum habe, meine Bltter
zum Himmel zu treiben. Ich sehe die Sulen an unserer heiligen Kirche und
traure, da ihre Knospen nicht blhen; wenn sich meine Blte erhebt, da wird die
Kirche daran hngen wie ein Stein, der an den Baum gehangen worden, ihn nieder
zu drcken; aber der Baum hebt endlich mit Frhlingskrften den Stein und der
Stein drckt ihn nicht mehr nieder. Kommt zu mir heiliger Vater, und vereinigt
Euch mit mir; wie soll ich mich halten gegen die Wunder. Ich will Euch dafr mit
aller meiner Kraft und Seligkeit erfllen.


                        9. Der Einsiedler an die Mohrin

Liebe Tochter. Se ein Mensch vor einem Keller an einem sommerlichen Tage,
schn bedeckt mit des gelaubten Waldes grnem Staate, mit der Blumen heller
Schnheit, trge in seiner Hand einen Zyperwein in dem durchleuchtenden Glase
und trnkete sich damit nach des Herzens Begierde; und ein anderer Mensch se
auf der drren Heide unter einer rauhen Wacholderstaude und lse Beeren ab, da
er kranke Menschen gesund machte; entbte jener diesem, wie er sollte tanzen, er
sprche: Der mag wohl trunken sein, mir ist ganz anders zumut; wir sind
ungleich gefhret mein Kind, das mag ich eigentlich zu Dir sprechen von der
Botschaft, die Du mir getan: wie eine Fackel entbrennet sei in Deinem Herzen und
die Liebe Wunder in Dir wirke. Mein Kind, es steht eine groe Freude auf in
meinem Herzen, da sich der Liebliche so lieblich erzeiget, und da er Dir gibt
zu empfinden, was er nur wenigen verleiht; doch merke liebes Kind, ein Mensch,
der nie zu dem Weine kam, dem ist der Wein empfindlicher, als dem, der schon oft
getrunken, und gedenke, da Dir also geschehen sei von der klaren sen Liebe
der ewigen Weisheit, die Dich nun krftig hat umfangen. Oder ich meine auch, da
Gott Dich reize, weil er Dich bald von hinnen nehmen will in den grundlosen
Brunnen, woraus Du ein seliges Trpflein versuchet. Nehme daher wahr Deiner
leiblichen Krfte, da Du nicht verzehret werdest vom allzu heftigen Streben
nach dieser Seligkeit. Es mag sich auch fgen, da Du vielleicht bald auf ein
Geringes gesetzet wirst, denn nach langer Hitze und Drre leuchten die Wetter
prchtig und trnken die Gefilde mit Himmelsduft, aber dann ist es oft lange
kalt. Flle in Demut Deine Zisterne und versume nie darber Dein Gebet, so wird
es Dir nie an einem Labetrunk fehlen, den Du mit allen teilen mut, die da
dursten. Liebe Tochter, versume keinen andern in Deiner Frmmigkeit, indem Du
Deine Frmmigkeit und Dein Glck mir anrhmest. Ich wohne hier in der Wste an
einer sanften Quelle, die immerdar in Tropfen flieet, und habe ich ein
Stndlein mit ausgestreckter Hand gesessen, so hat sich so viel des Trankes
darin gesammelt, als mir gut tut im Alter. Liebe Tochter, es dursten so viele in
der Welt unter schwerer Arbeit nach einer himmlischen Labung, danke es Gott
durch solchen segenreichen Zuspruch, da Du nicht wie eine Ehefrau mit Not und
Sehnsucht wegen Mann und Kind geplagt bist, sondern da Dein Sehnen schon
Seligkeit und ihre Erfllung der Himmel sei.

Dolores meinte am Schlusse dieser Briefe, Klelia htte auch solche Heilige
werden knnen, wenn sie in der alten Zeit gelebt htte; sie sprachen von ihr,
wie es kme, da sie seit der ersten Nachricht von ihrer glcklichen Ankunft in
Palermo noch gar keine Nachrichten erhalten htten. Wie es sich aber oft so
sonderbar mit ersehnten Briefen trifft, so kam der Briefbote whrend dieser
Unterhaltung mit einem dicken Briefe zurck, den Dolores sogleich aus der
Aufschrift erkannte: Sieh Karl, ein Brief von Klelien, den les ich zuerst,
nachher sollst du ihn lesen. So setzte sie sich still hin und der Graf las
immer die umgeschlagenen Bltter laut ab:  ... Der Obrist, unser Onkel, hlt
alle Abend von neun bis ein Uhr eine Pharaobank; da kommen alle Offiziere des
Regiments und die reichsten Leute der Stadt zusammen und ich mu sie
unterhalten, ich Unglckliche, der vom Schlafe oft die Augen zusinken, und dabei
mu ich sehen, da sie ihn im Herzen verachten, wenn sie es gleich nicht kund
werden lassen. Zwar hege ich das feste Zutrauen zum Onkel, da er ehrlich
spielt, aber ist es nicht schon ein Betrug Bank zu machen, wenn man voraus wei,
da nach den Vorteilen, die das Spiel erlaubt, und wegen der Unbesonnenheit der
meisten Spieler, die Bank immer gewinnen mu. Ich sagte das meinem Onkel, aber
er wurde sehr heftig und schwor, da er doch unmglich ohne Gewinn seine Pacht
an den Staat bezahlen, und sein Vermgen in die Bank stecken knne ... Hier
schlug Dolores um, und der Graf las auf der andern Seite:  ... Die Nonnen sind
mein Trost, mit ihnen lerne ich viele schne Handarbeiten; da sticken wir
zusammen ein herrliches Megewand, das Rosaliens Kapelle auf dem Berge geschenkt
werden soll; es ist aus kleinen Blumen zusammen gestickt, und jede der
Schwestern kann sticken, welche Blume sie liebt, doch immer, da es sich wohl
ordne. Ich sticke lauter deutsche Vergimeinnicht, die sie hier nicht achten,
und bei jeder denk ich immer ganz allein an einen von euch, oder an unsern alten
Bedienten, und lasse manche Trne hineinfallen, und wo es einen Flecken macht,
da sticke ich eine Perle drauf, damit die Schwestern nicht bse werden ...
Wiederum wendete Dolores das Blatt und der Graf las:  ... Neulich konnte ich es
doch nicht lassen, einen jungen Mann zu warnen, der in trichter Hitze seinen
Satz immer verdoppelte, aber was half's, jedermann lachte ber mich; der junge
Mensch spielte nun aus Eitelkeit noch wilder und bildete sich ein, ich sei in
ihn verliebt. Jetzt lauert er mir aller Orten auf, so da mich seine trichte
Leidenschaft oft zu Hause hlt; denn er soll khn sein und es gibt hier wenig
ffentliche Sicherheit. Mein Onkel gab mir einen derben Verweis, wofr mich
freilich die Tante so freundlich trsten wollte; lieben Freunde, sie ist gut,
sehr gut, ich verstehe mich aber nicht mit ihr; ich suche die Stille, sie
wnschte in ihrem Hause bestndige Neckereien, Herumlaufen, Tanz ... Dolores
drehte wieder das Blatt, der Graf las:  ... So prachtvoll hier alles sein mag,
unser liebes Deutschland vergesse ich darber doch niemals; oft, wenn ich lange
nicht daran gedacht habe, da fllt es mir so schwer aufs Herz, oft wei ich
nicht einmal, wobei es mir so einfllt. Neulich aber war ich ganz trostlos, da
komme ich in unsere Kche, wo ich doch schon oft gewesen, und sehe so zufllig
in dem knisternden Feuer der grnen lbaumste eine schne Figur in der eisernen
gegossenen Platte, die im Hintergrunde des Herdes aufgerichtet steht; zwar war
sie sehr verrostet, aber ich konnte doch noch deutlich sehen, wie sie aus einem
Fllhorne Blumen fallen lt. Unter der Platte standen nun mehrere lateinische
Buchstaben, die ich zusammenbuchstabiere und immer nicht verstehen kann, weil
ich auf etwas Lateinisches oder Italienisches rate; endlich spreche ich es ganz
aus, seht, da heit es Frhling; unser lieber deutscher Frhling, mit aller
seiner Wunderbarkeit, wie er aus dem Schnee hervortritt, kann mich nie so
verwundert, so gerhrt haben als diese arme Frhlingsgttin, die vielleicht seit
hundert Jahren hieher verbannt, von niemand verstanden worden; wer wird mich
hier finden, der mich versteht, da ich keine Blumen ausstreue wie jene! Ich habe
nicht geruht, bis ich die eiserne Platte in meinem Zimmer aufgestellt habe ...
    Die arme Klelia, rief der Graf, wir mssen ihr gleich schreiben, sie mu
zu uns ziehen; wer wird sie aber hieher begleiten? Ich begreife nicht, Dolores,
wie du sie damals hast knnen wegreisen lassen; sie gehrt so notwendig zu
unserm Glcke; wir haben uns doch zuweilen gestritten und einander erzrnt,
sieh, das wre gar nicht mglich geworden in ihrer Nhe; sie ist ein Engel, bei
dessen Anblicke einem alle Heftigkeit und Bosheit vergeht. - Es ist gut, da
sie nicht hier ist, sagte die Grfin, so wie du jetzt gesinnt bist, wrdest du
sie sicher mir vorziehen; sie strte dich niemals, widersprche dir nie; was du
ttest und sagtest, wre ihr immer recht; ich bin dir zu aufrichtig, zu
freimtig. - Liebes Kind, wie du das wieder nimmst, rief der Graf und fing
schon seinen Brief an Klelien an; es ist mir gerade das Teuerste an dir, da du
so fest begrndet, so sicher in dir lebst, um alle fremde Gesinnung zu
verschmhen, um von niemand etwas anzunehmen, um ... doch da war er schon so
vertieft in seinen Einladungsbrief an Klelien, da Dolores, ohne da er es
merkte, das Zimmer verlassen hatte, whrend er noch immer einzelne Worte zu ihr
redete. Er schrieb gewhnlich emsig und schnell, und da er nach einiger Zeit
jemand neben sich atmen hrte, so glaubte er mit Wahrscheinlichkeit, es sei
Dolores, die ungeduldig ber sein langes Schreiben ihm ber die Schulter sehe.
Da der Brief gleich zu Ende ging, das heit das Blatt, das so gebietend ber die
Lnge der Gedanken entscheidet, so wollte er sie festhalten und sie zugleich
beschftigen, indem er nach ihrer Hand griff. Wirklich fate er auch eine Hand
und drckte sie, und seine Hand wurde zrtlich wieder gedrckt; zugleich fhlte
er einen heftigen Ku, der auf der Oberflche der Hand haftete. Das war gegen
die Art der Grfin; er sah sich um, und fand die tolle Ilse, die ihm Hut und
Stock brachte, die er gestern im Zimmer der Grfin vergessen hatte und ihn mit
dieser demtigen Gunst gar rhrend anblickte. Der Graf war in Verlegenheit,
seine Gesinnung gegen das weibliche Geschlecht hob im wirklichen Leben alle
Standesverhltnisse auf; sie kte ihm noch einmal die Hand und drckte sie an
ihre Brust, deren Pochen er fhlte; er konnte ihr noch kein Wort sagen, sondern
klopfte ihr mit den Hnden die Backen, und murmelte so etwas: Sie ist ein gutes
Kind! Ilse richtete sich jetzt aus ihrer gebeugten Stellung auf, und fragte:
Haben der liebe gndige Herr was zu befehlen? - Nichts liebes Kind, sagte
er, und doch brauchte er Licht, um seinen Brief zu siegeln. Sie verlie jetzt
das Zimmer mit einer tiefen Verbeugung, und er ging verwundert auf und ab, wie
eine neue Schmeichelei so wunderliche Macht ber ihn habe ausben knnen; er
konnte dem Mdchen nicht mehr Bses nachsagen, wie er bisher getan; jede
Zuneigung, auch die unerwiderte, hat in einem guten Gemte etwas
Verpflichtendes, und jede Abneigung erscheint darin wie ein Unrecht. Die tolle
Ilse war wirklich in den Grafen verliebt, wie gemeiniglich alle Dorfmdchen in
einen schnen Gutsherrn; sein Einflu ist ihnen deutlicher als in den Stdten
die ganze Macht eines Frsten, er ist ihnen auch in guter Art viel berlegener;
selbst die allgemeine Meinung gibt einer solchen Verbindung eher etwas
Ehrenvolles, und die Kinder, die daraus hervorgehen, werden mit einem Stolze wie
junge Halbgtter angesehen, mehr als eheliche Kinder geschmckt und begnstigt.
Es ist ihnen ein geheimer Stolz, wenn Sonntags Morgens die Knechte zu ihnen
kommen und an den Kasten treten, wo sie den Sonntagsstaat heraus nehmen, mit
manchem bunten Silberbande zu prunken, das sie noch wohl an die Mtze stecken
knnten; solch ein Band ist oft mit dem Teuersten bezahlt, und wten sich nur
die neidischen Mitmgde recht verstndlich zu machen, sie bezahlten gern eben so
teuer; aber eben in dieser Unverstndlichkeit liegt viel sogenannte Tugend auf
dem Lande. Es ist ein Vorteil unsrer Zeiten, da sie die Verschiedenheit der
Stnde, wenn auch nicht aufhebt, doch sittlich unabhngiger von einander macht;
so wird auch die sklavische Liebe der Volksehre weichen.

                              Achtzehntes Kapitel



                             Adel. Der Gerichtstag

Solche Reihen gleicher Tage, von auen still, voll abwechselnder innerer
Bewegung, berspringen wir, denn das Glck lehrt nicht: es ist ein Geheimnis.
Selbst einen schnen guten Morgen, wo der Graf die Nachricht von seiner Frau
erhielt, da sie sich von mehreren Nachbarinnen berzeugen lasse, sie sei in
gesegneten Umstnden, wollen wir ungefeiert lassen. Doch waren sie beinahe ber
den Namen des Kindes in Streitigkeiten verwickelt worden, da die Grfin einige
Lieblingsnamen aus Wallers Gedichten, die sie besonders achtete, in ihre Familie
einfhren wollte, und der Graf unabnderlich darauf bestand, da man in einer
Zeit, die so wenig Bestehendes hervorbringe, das Angeerbte durchaus bewahren
msse, wo es nicht dagegen anstiee, denn es ruhe Segen darauf. In diesem
Gesprche entwickelte sich eine Verschiedenheit politischer Ansicht, die beiden
gleich unangenehm war, weil sie ihnen eine Quelle der Unterhaltungen aus den
Zeitungen verschlo. Die Grfin, ohne irgend stolz aristokratisch zu sein, hatte
doch ihre frheren geistig bestimmenden Zeiten unter der eigensinnigen Klasse
von Leuten zugebracht, die sich damals in Deutschland bildete, welche blind an
eine notwendige Rckkehr derselben Verhltnisse glaubte, die lange ihnen bequem
gewesen. Der Graf, der erst auf Universitten eine bestimmte politische Ansicht
gewonnen, hatte dagegen den Kopf voll rascher Weltverbesserungen, weil ihm
manches Bestehende in dem Unterrichte verhat geworden, insbesondre war es aber
sein Lieblingsplan, alles Gute und Ehrenvolle, was sich in den adligen Husern,
nach seiner Meinung entwickelt habe, allgemein zu machen, alle Welt zu adeln.
Beides stritt notwendig gegen einander; dem Grafen war es ein angenehmer Gedanke
auf Du und Du mit aller Welt zu sein, der Grfin war jede Vertraulichkeit
niederer Klassen unertrglich, und die tolle Ilse wute schon dadurch sich ihr
einzuschmeicheln, da sie jeden Vorwitz durch tiefe Demtigungen, durch ein
schnelles Rockkssen oder Niederknieen gutmachte. Diese Gesinnung kam erst bei
dieser Veranlassung zur Sprache, weil der Graf seine Meinungen ber die
allgemeineren Begebenheiten, in deren Kreis er nicht eingreifen konnte, nur bei
einem bedeutenden Anlasse aussagte. Als ihm die Grfin heftig widerstritt,
glaubte er, sie verstehe ihn nicht ganz, wollte sich aber mndlich darber nicht
weiter einlassen, sondern schrieb ihr in ein Gedenkbuch, das er im Hause
gestiftet und wo beide das Bedeutendste einschrieben, was dem ganzen Hause
begegnete, neben der frohen Hoffnung auf ein Kind:

Still bewahr es in Gedanken
Dieses tief geheime Wort,
Nur im Herzen ist der Ort,
Wo der Adel tritt in Schranken,
Wenn die Tugend in den Nten
Hellaut rufet mit Drommeten.

In den Schranken stehn die Ahnen,
Wenn der Zweifel Kampf beginnt,
Wie aus Fels die Quelle rinnt,
Frischend ihre Geister mahnen,
Geister werden zu Gedanken,
Halten fest, wo alle wanken.

Geister sind in jedem Hause,
Wecken aus dem Schlaf den Mut.
Also rinnt das edle Blut,
Geistig wie der Wein beim Schmause,
Da vereinet, die getrennet,
Eine Lieb in allen brennet.

Immer mit dem grten Mae
Mit des Hauses Geist das Kind,
Und das Kind sich dehnt geschwind,
Will sich zeigen von der Rasse,
Was ihm Herrliches bescheret,
Zeigt sich hher, sicher whret.

Nicht die Geister zu vertreiben,
Steht des Volkes Geist jetzt auf,
Nein, da jedem freier Lauf,
Jedem Haus ein Geist soll bleiben:
Nein, da adlig all auf Erden,
Mu der Adel Brger werden.

Sie wollte ihm diese Grundstze, die sie fr anstig erklrte, widerlegen, aber
es war das erstemal, da er mit Ernst an die Schranken erinnerte, die einer Frau
zugemessen. Sie war berrascht davon, aber nicht berzeugt, besah einige
Augenblicke ihre schnen Ngel, die so angenehm rtlich glnzten, und auf deren
jedem ein aufgehender Mond zu schauen war; dann sagte sie spottend: Du bist
heute wohl so ernsthaft, weil du Gerichtstag halten lt. Hr Karl, einen
Gefallen mut du mir tun: siehst du wohl die alte Frau, die dort mit einem
zugebundnen Teller um das Schlo schleicht, es ist eine gute Alte, sie heit die
Petschen und hat eine bse Schwiegertochter, die schlgt sie jetzt, nachdem sie
dem Sohne ihr Haus und ihren Garten abgetreten hat. - Woher weit du das?
fragte der Graf. - Von meiner Ilse, antwortete die Grfin, die arme Frau
bringt ihr fr mich kleine Birnen zum Geschenk; sie hat mich so lieb. - Ich
will aufmerksam zuhren, meinte der Graf, aber in die Aussprche mische ich
mich nicht; ich suche die Leute zu deutlicher Erklrung zu bringen und ihnen
Gerichtskosten zu ersparen, alles brige ist dem Gerichtshalter berlassen, der
mit seinem Eide den Gesetzen strenge gebunden ist. berhaupt hasse ich dies
Gerichtswesen des Adels sowohl wie der Frsten, die Gerichte mssen im ganzen
Lande von den ttigen Gewalten unabhngig sein, ganz auf freier Wahl beruhen und
wo Richter nicht gengten, mten Geschworene zu Hlfe kommen, nur dadurch wrde
eine nationale Gesetzgebung entstehen, die alles Fremde, alle unntze
Weitluftigkeit und drckende Kosten aufhbe. Ich schwre dir, da mich oft,
wenn ich fr einige elende Zeilen, die eine ganz berflssige Formalitt
enthielten, ein paar Taler zahlen mute, eine Wut packte, das Tintfa dem
Justizkommissar in die Zhne zu schlagen, oder da ich jeden Augenblick wartete,
ob nicht ein Himmelsstrahl ihn und sein ganzes Aktengeschmiere aufbrennen wrde.
Wenn ich das so fhle, wie viel schrfer schmerzt solche Ausgabe die rmeren,
die vielleicht eine ganze Woche vom Morgen bis in die Nacht fr dieses Geld
arbeiten muten. Dazu kommt noch, da bei den vielen fremden Worten, bei der
Heimlichkeit der Verhandlung ihnen die Rechtspflege wie eine Art Magie vorkommt,
wie eine Art Zauberspiel, wo der Zufall entscheidet, wogegen sie sich listig
verkriechen.5 Die Heimlichkeit der Verhandlung habe ich aufheben knnen; der
groe Saal gestattet jedermann den Zutritt, durch Schranken sind die Zuhrer von
den Klagenden getrennt; mein Gerichtsverwalter ist auch ein braver Mann, der
freundlich jedem den Grund des Rechtes deutlich macht; aber das eine fhl ich
sehr beschwerlich in jedem kleineren Kreise der Justizverwaltung, es ist sehr
schwer sich alles Rechtsenthusiasmus zu erwehren; so wie du fr die Alte
moralisch eingenommen bist, so bin ich's fr andre. Heute kommt ein wunderlicher
Fall vor. Ein Schneider hat von einem Mdchen, das seine Hand ausgeschlagen,
schlecht gesprochen: das kommt bei einem Kindtaufsschmause zur Sprache; die
Eltern rgern sich darber, holen eine Stiefelbrste und gehen beide in das Haus
des Schneiders, stellen ihm recht ernstlich seine Bosheit vor, da er mit seinem
Munde den guten Ruf des Mdchens befleckt; sie versichern ihm, er habe einen
unreinen Mund, sie mten ihn erst putzen, und fahren mit den schmutzigen
Stiefelbrsten, nachdem er sich mit dem Bgeleisen vergebens gewehrt hatte, ihm
in den Mund, da ihm die Nase blutet. - Nun da geschah ihm recht, sagte die
Grfin. - Ich fhle das auch, fuhr der Graf fort, und doch mssen sie
bestraft werden; die Art, wie sie ihn straften, war widerrechtlich. Der Graf
wurde jetzt abgerufen, der Hof stand schon gedrngt voller Leute, die sich hier
vor den letzten Stufen des Gerichtssaals noch rger verhetzten; viele redeten
vor sich, manche waren bleich der Entscheidung harrend, der groe Gerichtsdiener
schritt mit Wichtigkeit umher und erteilte bedeutsam seinen Rat, whrend er den
Gefngnisturm lftete und die alten Gerichtswerkzeuge, spanischen Mantel,
hlzerne Fiedel und Halseisen, ungeachtet sie nie mehr gebraucht wurden, sonnte,
und zum Schauder aller ausstellte; jeder Bediente des Schlosses erschien den
Leuten als eine mchtige Protektion; er wurde beiseite genommen, von dem
streitigen Fall unterrichtet, die Hnde gedrckt und ein Schnaps zugetrunken;
nun forderte der Ruf des Gerichtsdieners die Parteien vor und die ganze
Protektion war vernichtet. - Der Graf wartete ungeduldig auf die alte Frau, die
ihm von der Grfin empfohlen; sie kam mit vielen Hflichkeitsbezeugungen; ihr
Sohn, ein kleiner magerer Leineweber, und eine sehr rstige Schwiegertochter
traten ihr entgegen. Es sei uns hier vergnnt, die Leser mit einem sehr
traurigen Familienverhltnisse bekannt zu machen, das unter den rmeren Klassen
auf dem Lande hufig hervortritt, wo ein kleines Eigentum, Haus und Garten,
selten geeignet ist, mehr als eine Familie zu erhalten. Die Eltern, welche zur
Arbeit zu schwach werden, nehmen dann gemeiniglich eins ihrer verheirateten
Kinder zu sich, sie bedingen sich ein Dritteil der Gartenfrchte, einen Sitz auf
der Ofenbank und andre hnliche Vorteile. So lange wenig Kinder in der
aufgenommenen Familie sind, geht alles in gutem Frieden; die Alten halten zwar
meist sehr strenge auf ihre Forderungen, aber sie dienen auch mit allem Fleie
in der Wirtschaft; mehren sich aber die Kinder, dann berwiegt die Liebe zu
ihnen die Liebe zu den Eltern, und ihr Tod wird oft ganz laut gewnscht; dies
war auch das Verhltnis zwischen der Alten und ihren Kindern. Die Alte wollte
gern ihre Abtretung an den Sohn aufheben, sie glaubte sich durch ein Geschenk an
Frhbirnen, das sie der Grfin durch die tolle Ilse einhndigen lie,
einzuschmeicheln, und durch dies Einschmeicheln ihren Zweck zu erreichen; auf
dem Lande erscheint eine Kammerjungfer, wie eine Oberhofmeisterin an groen
Hfen. Ihr Dritteil an den Birnen wollte sie nicht gern allein zu diesem
Geschenke anstrengen; als daher das Birnenschtteln und Teilen nach manchem
Probieren auf einen Sonntag angeordnet war, schlich sie sich frh Morgens, als
sich die jungen Leute noch im Bette erfreuten, auf den Baum und schttelte und
pflckte nach ihres Herzens Lust, die sich in der Arbeit mehrte. Die junge Frau
sagt endlich etwas, das die Alte einem schreienden Kinde tun soll, sie erhlt
keine bse Antwort, verwundert sich und sieht, da die Mutter schon aufgestanden
sei; gleich wei sie, worauf das gehe: auch sie hatte gestern den Baum mit
Sehnsucht angesehen; sie springt heraus und findet die Alte, wie sie auf dem
Birnbaume wtet. Das gab Schimpfreden, aber die Alte war so erbittert auf die
Birnen, da sie gar nicht vom Baume herunter zu bringen war, bis die
Schwiegertochter sie wie eine Katze, oder wie ein Eichhorn herunterschttelte,
und sie unten am Boden wie ein nschiges Kind abstrafte. Da beide unrecht
hatten, die Alte als Diebin, die Tochter wegen der zugefgten Mihandlungen, so
wurden sie nach heftigem Gestreite beide auf ein paar Stunden ins Gefngnis
gebracht; der arme Leineweber wollte aus Achtung gegen Mutter und Frau dabei
verzweifeln, und lie sich zu ihrer Unterhaltung mit einsperren. - Als der Graf
seiner Frau diesen Schlu lachend meldete, fhlte sie sich doch gekrnkt. Ich
finde es gar nicht zum Lachen, sagte sie, wenn meine Vorsprache dir so gar
nichts gilt; die Leute werden mir knftig alle Achtung versagen. - Der Graf sah
rgerlich zum Fenster hinaus.

                              Neunzehntes Kapitel



             Der Dichter Waller und seine Frau, Traugott und Alonso

Er hatte kaum ein paar Minuten hinausgeblickt, als er seine Frau auf eine Gruppe
aufmerksam machte, die den hohen Weg vorber unter den palmenartigen Weiden wie
ein Schattenspiel fortschritt. Ein wohlgekleideter Mann fhrte ein Pferd, auf
welchem eine Frau in Betten eingepackt sa; zwei Kinder ritten auf groen
langgehrnten Ziegen nebenher. Unsre beiden Zuschauer eilten herunter die Leute
nher zu betrachten und sie wurden von dem Manne, der in einem sehr
ausgearbeiteten faltigen verbrannten haarichten Gesichte viel Geist verriet,
angeredet. Er klagte, da seine Frau, der diese Lustreise zur Gesundheit
empfohlen, immer krnker wrde; zugleich bat er um ein Unterkommen. Der Graf
erbot ihm alle seine Dienste, und fhrte selbst das Pferd nach einem
Gartenhause, wo die Kranke keine Stufen zu steigen brauchte und doch aller
Annehmlichkeit der Gegend geno. Als sie sich auf dem Sopha eingerichtet, erhob
sie den Schleier und zeigte ein so reizend sterbendes Gesicht, etwa in der Art,
wie wir auf einigen altdeutschen Bildern von der sterbenden Maria sehen; sie
sprach wenig, aber dieses Wenige beschftigte sich nach dem ersten Danke ganz
mit Sorge fr Mann und Kinder, da sie die Zeit nicht ihretwegen versumen
mchten; sie mchten ihre gewhnten Arbeiten vornehmen. Nachdem dieses
wenigstens von den Kindern geschehen und beide einige landschaftliche Skizzen
auszuzeichnen begonnen hatten, redete sie erst die Wirte an und versicherte
ihnen mit einer Art innerer Zufriedenheit, da ihre Milde diesmal wohl
angewendet sei, da ihr Haus durch die Gegenwart des groen Waller gesegnet
werde, den als ihren Mann zu nennen, ihr hchster Stolz sei. Jetzt begannen
allerlei Komplimente; der Graf mochte nicht sagen, da er seine meisten Gedichte
fr falsche Mnze halte, welche die Eitelkeit mancherlei tnenden Worten
ausgeprgt hatte; die Grfin mochte nicht eingestehen, wie hoch sie ihn verehre;
Waller entwickelte dabei in hoher Vollendung seine Manier, das Ernste spahaft,
das Spahafte ernst zu nehmen, durch Sonderbarkeit zu verwirren, seine
Vortrefflichkeiten als zu leicht auszuwerfen, und war bald so laut, als er
vorher einsilbig gewesen. Seine Frau durfte ihrer Brust wegen wenig reden, sie
legte zu ihrer Unterhaltung eine Rtelzeichnung von der Aussicht an, die alle
umgab, bald ging ein Knabe hinaus, eine der Ziegen zu melken, und brachte ihr
die Milch, die sie mit Lust austrank, dann gab sie beiden Kindern, dem Traugott
und dem Alonso, die Freiheit umherzulaufen. Ohne eines Menschen zu achten, immer
mit einander beschftigt, holten die Knaben mancherlei Spielzeug aus den Taschen
und begannen im Schlosse ein Durchsuchen, ein Umklettern, wie eine Diebesbande,
oder wie ein paar neu angekaufte Hofhunde; die Leute des Grafen wollten es ihnen
wehren, er aber gnnte ihnen dieses Vergngen, was ihm sehr natrlich in jedem
Kinde vorkam, aber wunderbar, insofern sie sich ihm ganz unbesorgt berlieen,
als wre die Welt ihre. Kche und Garten plnderten sie durch wie die Affen nur
in dem Bedrfnisse des Augenblicks, ohne der Zukunft zu achten. Etwas von allen
Tieren hatten sie auch wirklich in ihrer Bildung und in der Art ihrer Bewegung,
vielerlei Fertigkeit, wenig berlegung. Ihr Vater sagte mit Recht: Es sind
Menschen, wie die knftige Zeit sie brauchen kann, mit jeder Not vertraut, in
Arbeit und Mhe und jeder Witterung abgehrtet. Da Frau Waller Ruhe bedurfte,
so lie sich Waller mit seinen neuen Bekannten in ein Gesprch ein, wute so
schnell in alle Besonderheiten des Hauses einzudringen und sich darin zu fgen,
da er in einer Stunde mehr Herr darin zu sein schien, als der Graf. Fr die
Vertraulichkeiten, die er ihnen entlockt hatte, forderten sie gleiche
Vertraulichkeit von ihm und er sprach mit einer Art berhebung von sich; seine
Frau sei frher an einen reichen Kaufmann verheiratet gewesen, er habe sich in
dem Geldmangel, worin er sich seit seiner Jugend befunden, auch an dieses Haus
gewendet und sei wegen seiner Spahaftigkeit Tischgenosse geworden. Die Frau,
die lter als er, habe sich in ihn verliebt, und um sie nicht unglcklich zu
machen, ungeachtet sie ihm immer fatal gewesen, habe er drein willigen mssen,
da sie sich scheiden lassen und ihn geheiratet. Wir wollen hier seine lange
Erzhlung zusammen ziehen. Waller war des Herumstreifens mde, er beredete sein
Frau, ihr Haus in der Stadt zu verkaufen, um ganz der Kunst in einem abgelegenen
Landhause zu leben, das ihn einmal auf einer Reise in der Mitte eines
Tannenwaldes entzckt hatte. Sie willigte in alles; seit ihrer Scheidung lebte
sie ganz ihrem Manne und der Malerei; er reiste in die romantische Gegend,
kaufte das Haus sehr teuer, weil eine Familie, die dort geboren und gro
gezogen, nicht aus gleichem Sinn an der Natur, sondern aus Gewohnheit sich nur
groer Vorteile wegen davon trennen mochte. In wenigen Tagen richtete er sich
alles nach seinem Geschmacke ein: sonnte die angekommenen Betten, stellte
Blumentpfe in die Fenster, wand eine Ehrenpforte an der Tre aus Birken mit
Brenklau und Feldblumen, setzte sich in den Garten und schrieb dieser
Ehrenpforte eine Inschrift:

Hier fielen Druck und Sorgen
Von eines Menschen Herz,
Er kann euch wieder borgen
Von seinem eignen Scherz.

Nur einmal Herr der Erde,
Nur einmal Herr der Luft,
Dann weichet die Beschwerde,
Dann fllet sich die Kluft.

Die offnen Augen tragen,
Wohin der Fu mich trgt,
Bis zu dem Sonnenwagen,
Der hoch am Himmel wegt.

Nach einem andern Wagen
Horcht hier im Sand sein Ohr,
Der soll die Freundin tragen
Durchs hohe Gartentor.

Er sonnte still im Garten
Die Betten ganz allein,
Er mute lange warten,
Sie tritt ins Haus herein,

Und an der Ehrenpforte
Vielbuntem Bogenzug
Liest sie die frohen Worte:
Die Eine mir genug.

Er hatte es sich aber blo eingebildet, da sie gekommen, sie war durch ein
gebrochenes Rad auf dem Wege aufgehalten; er wurde immer ungeduldiger, hatte fr
alles gesorgt, nur nicht frs Essen: er mute sich mit Brot und Milch begngen;
aus rger warf er endlich die Ehrenpforte zusammen, fegte die Blumen aus den
Zimmern und empfing die Frau, die dazu ankam, mit heftigen Vorwrfen, wie sie
ihm jedes Vergngen verderbe. Sie suchte, ihn zu beschwichtigen und er ward
wieder vergngt. Am anderen Morgen wollte er eine gewaltige Arbeit machen, zu
der er sich lange einen recht schnen Tag gewnscht; wirklich war das Wetter
hell, er ging auf sein Studierzimmer, aber es wollte ihm nichts gelingen: er war
zerstreut; ein paar welsche Hhne, die sich im Hofe bissen, zogen alle
Aufmerksamkeit an sich; dann sah er einer dicken Magd zu, die im Garten
arbeitete; dann wurde es ihm zu hei. Es ward Mittag und er hatte nichts getan,
und fand darber alle Lieblingsspeisen schlecht, die ihm seine Frau zubereitet
hatte. Jeder Tag hatte seine eigne wunderbare Geschichte, insbesondre seit er
sich darauf legte, die Natur recht zu genieen; da zog er seine Frau halbe
Nchte durch nebelbelegte Wiesen und khle Waldungen herum, den Sonnenaufgang zu
sehen, und gemeiniglich ehe es dazu kam, mute einer von ihnen aus irgend einer
Unbequemlichkeit nach Hause gehen und sie hatten nichts als Schnupfen und Fieber
davon gehabt. Wallern war es ganz erstaunungswrdig, da er die Natur ganz
anders gefunden, als er sie beschrieben, aber die Landleute entsprachen noch
weniger seinen Erwartungen; seine lndlichen Gedichte verstand keiner, sie
hatten alle den Eulenspiegel viel lieber. Diese Erfahrungen machte er im
Sommer, aber im Winter hatte er noch viel mehr zu lernen; vergebens schrieb er
an alle Bekannte der ganzen Gegend, da sie ihn besuchen mchten, keiner mochte
die gefhrlichen Wege in Schneewetter machen; der Unmut darber erzeugte manches
Lied, unter andern auch dieses:


                                  Winterunruhe

Ich rume auf fr Gste,
Sie hlt mich auf dem Neste;
Die Wege sind beschneit
Und keiner kommt so weit:
Wie Espenlaub mein Herz hat keine Ruh,
O wre frher ich geboren, oder spter du.

Ich sitz bei ihr, sie spinnet,
Mein Herz in mir, es sinnet,
Es treibt mich durch den Wald,
Wie ist der Wald so kalt:
Wie Espenlaub mein Herz hat keine Ruh,
O wre frher ich geboren, oder spter du.

Die Tanne sagt vom Schmause,
Mich brausend jagt nach Hause;
Zu Hause bei dem Herd,
Da werd ich so beschwert:
Wie Espenlaub mein Herz hat keine Ruh,
O wre frher ich geboren, oder spter du.

In ihrem Haar ich spiele,
Der Trume Schar ich fhle
In ihrer Locken Nacht;
Doch bald bin ich erwacht:
Wie Espenlaub mein Herz hat keine Ruh,
O wre frher ich geboren, oder spter du.

Lieben Leute, rief hier Waller aus, htte meine Frau nicht ein Kind bekommen,
den Alonso, ich wre aus Langeweile toll geworden; da bekam ich doch was zu
sprechen mit all dem nrrischen Volke von rzten und Weisemttern. Das hielt
doch auch nicht lnger vor als bis zum Frhling, da sagte ich, da ich auf die
Leipziger Messe gehen msse, um ein Manuskript zu verkaufen, und lief ber Berg
und Tal, als wenn ich gehetzt wrde. Denkt euch, in Leipzig sitze ich in guter
Ruhe bei Mainoni und esse Stengelrosinen und Knackmandeln, da bringt mir der
Bursche aus der Buchhandlung einen poetischen Brief von meiner Frau:

Der Liebe Furcht ist Fackel meiner Liebe,
Die meinen Traum mit Strahlen Nachts erfreut,
Damit mich nicht die Einsamkeit betrbe,
Mir Sterne auf die dunkle Erde streut,
Und meiner Liebe Flamme hher treibt,
Da Dir ein Zeichen bleibt.

In Liebesfurcht ich seh die Wolken jagen
Dort berm Mond, da er zu wanken scheint.
Wohin, wohin will euch der Sturmwind tragen?
Zu meinem Lieben, der es treulich meint!
Der Blume Bltter werf ich in den Wind,
Er bringt sie Dir geschwind.

Der Liebe Furcht durchbebet mich so sachte,
Zu schauen, ob mein Kind noch atmen kann,
Es sah mich an, und drehte sich und lachte,
Ich sah es schon wie Dich, wenn es ein Mann;
So schauet aus der Liebe dem Haus
Ein frommer Geist voraus.

Wird Liebe Furcht, so la die Furcht mich lieben,
Und liebe mich, dieweil ich furchtsam bin,
So kann die Furcht die Liebe nie betrben,
Und Furcht und Liebe haben gleichen Sinn,
Es wchst die Furcht der Liebe zum Gewinn
In Deiner Liebe Sinn.

Fragen Sie sich selbst, ob ich lnger von ihr bleiben konnte nach solcher
Einladung; denken Sie sich, mir zu Liebe hatte die liebe Frau die ersten Verse
in ihrem Leben gemacht. Ich trat denselben Tag noch meinen Rckmarsch an; mein
Buch wurde nicht fertig gedruckt.
    Damals hab ich eine schne Zeit mit ihr gelebt; leider, da uns die
allergemeinste Ursache bald in Verlegenheit setzte. Ich hatte ein Landgut
gekauft und war kein Landwirt, und meine Frau verstand bei dem besten Willen
eben so wenig davon; ich hatte viel bezahlt, verzehrte noch mehr und nahm nichts
ein; die Summe gezogen, mute ich den Hof meinen Schuldnern berlassen und in
die Stadt ziehen. Da jubelte mein ganzes Herz; meine Frau war aber betrbt, sie
machte mir so rhrende Vorstellungen, da ich ihr zuschwor, recht fleiig zu
werden; sie selbst fing an Kupferstiche zu meinen Gedichten recht artig zu
radieren und die waren meist schon fertig, wenn das Gedicht erst zur Hlfte
gelangte. Dann weckte sie mich immer frh auf, hatte schon mein Zimmer geheizt,
mir Kaffee gekocht, und da sollte ich nun arbeiten, das war eine Sache zum
Einschlafen; in meinem rger ber diese Behandlung und doch im Gefhle, wie es
nicht anders gehen knne, schrieb ich eine Elegie vom Weber, den ich vorstellte,
und von der Spinnerin, die meine Frau bezeichnet, welche ich Ihnen mit der
rechten Betonung vorlesen will; macht sie Ihnen Langeweile, so ist es meine
Schuld.

                              Zwanzigstes Kapitel



                          Der Weber und die Spinnerin

Als ich Geselle noch war und webte geschftig beim Meister,
Sprang ich fr Augenblickslohn oft zu der Tochter hinein,
Immer fand ich die Braut beim schnurrenden spinnenden Rdchen,
Ungeduldig einmal schwieg ich tckisch in mir;
Doch sie fragte mich nicht, da brach ich das Schweigen erglhend:
Wahrlich die Gttin tat recht, als sie Arachnen bestraft;
Denn nur Eitelkeit ist's, zu lieben und andres zu schaffen,
Als das zierliche Werk, dessen Rdchen das Herz.
Ungeschickter, sie sagt, ganz ruhig beschaut sie den Faden,
Stren die Hnde dich je, die beschftigt im Werk?
Hre den ruhigen Takt, das Ungeordnete gleichend,
Und das Auge, es wei, was dir erlaubt sei dabei! -
Wohl ich ntzte auch gleich die zart mir gegebne Erlaubnis,
Und ich gab ihr den Ku, doch nur den Backen er traf.
Ach, so seufzte ich dann, kein duldendes Weibchen ich wollte,
Sondern das harrend gelauscht, mich im Kommen umschliet!
Blulich blhet der Flachs, entgegnet sie, Hoffnung der Liebe,
Da ein brutliches Bett wachse in Blumen darauf;
Doch die Blume, sie tuschet, es fallen die blulichen Bltter,
Und der Faden erwchst unter der Blume versteckt,
Tief gebcket wir ziehen ihn aus zum Brechen und Spinnen,
Ehe die Blumen so hell stehen im Laken gewebt.
Nun verzweifelst du schon, noch ehe dir Arbeit geworden,
Und schon mrrisch du bist, eh' noch gesponnen der Flachs. -
Und es brach ihr der Faden, da bat ich sie flehend um Gnade,
Spann nun selber da an, wo ihr gebrochen das Herz;
Grob ward der Faden, ich glaub es, doch hlt er lnger und lnger,
Und sie zeigte mir ihn, streifig im Laken verwebt,
Als ich zum eigenen Herd mir holte mein liebliches Brutlein,
Und das Bette so wei stand in dem Zimmer bereit.
Seit nun die webende Zeit uns einte, priesterlich segnend,
Was die liebende Brust frher gesegnet in sich,
Da verga ich so oft den Faden, verga auch die Lehre,
Denn das Eigenste ist, was sich am leichtsten vergit.
Heute verga ich ihn ganz, als zrnend ich aufsprang vom Bette,
Und im flatternden Hemd schimpfte die rastlose Frau,
Die den Mund nur verschliet beim ersten Krhen der Hhne,
Um zu sagen die Stund, die mich zum Webstuhl verbannt.
War es schimpflich dem Gott, so rief ich, zu spinnen beim Weibe,
Ich ertrg es so gern, denn ich sh dich dabei.
Doch so mu ich zum Webstuhl, zu schauen die seidenen Faden
Und du selber, du spinnst mich wie den Seidenwurm ein,
Frderst dies flchtige Rdchen vom Morgen bis wieder zum Abend,
Wre dies Rdchen entzwei: wrde die Liebe mir neu;
Kurzweil wird dir zu lang, die lust'gen Gesellen mir werden
Alle jetzunder so fremd, fremd wird der khlende Wein;
Frh mu ich weben und spt noch, was du gesponnen geschftig;
Mig ins Aug dir zu schaun, wr mir ein ser Geschft.
Wozu hilft mir das Geld, du sammelst sorgsam den Kindern,
Ich bin ein dienender Greif, der die Schtze bewacht.
Wtend ergriff ich das Spinnrad und wollte durchs Fenster es schmettern,
Doch der Faden wie Gold glnzte im Morgenlicht hell,
Und die Kinder, sie beteten laut im Bettchen zusammen,
Was der ltste gesagt, spricht ihm der Jngere nach.
Und ich horchte, er sprach: Du Kleiner falte die Hnde:
Mutter, das tgliche Brot, Vater, gib es auch heut!
Und sie reichte den beiden ein Brtchen mit Butter bestrichen,
Das sie am Abend sich selbst hatte vom Munde gespart.
O du goldene Frau, so rief ich, daurend in Elend,
Ja du spinnest in Gold Fden zum Leben mir fest;
Zeit, die vergangen mir sonst in die Launen, die lt mir Gewebe,
Und zur Zukunft ich werf ruhig mein webendes Schiff.
Jegliches mehrt sich bei dir, als ruhte ein gttlicher Segen,
Wo du helfend mir nahst, wo du trstend mir hilfst.
Unsere Enkel dereinst, sie sollen erstaunen des Werkes,
Das in gemeinsamem Flei wir zusammen vollbracht.

Mit Sorge erkundigte sich der Graf nach Wallers Umstnden, ob er wirklichen
Mangel leide, und erbot ihm seine Hlfe. Waller versicherte ihm, er lebe recht
gut von Schriftstellerei und Schulden und werde auch seine Hlfe noch
ansprechen; nachher berichtete er, da seine Frau nach dieser Elegie sich
entschlossen habe, ihn auf den Fureisen zu begleiten, die er schon lange zur
Einsammlung poetischen Stoffes projektiert gehabt; doch diese Mrsche htten,
statt ihr vorteilhaft zu sein, wie er erst gehofft, ihre schwache Brust
vernichtet; endlich habe er ihr ein Pferdchen anschaffen mssen, und frchte
sehr, da sie bald auf Charons Nachen in das allerpoetischste Land der Welt, in
die Hlle fahren werde, denn selig knne sie aus Mangel an wahrer Religisitt
nimmermehr werden; aber das sei auch eben ihr Verdienst, da sie fr sich
bestehen knne ohne Gott, wenn sie nur einen Mann htte. - Ehe sich noch irgend
jemand nach dem eigentlichen Sinne solcher Voraussetzung fragen konnte, hatte er
sich schon wieder durch einen geschickten Sprung zum Allerfremdartigsten
hingeworfen; er hatte ganz die Art trostlosen Verstandes der Etymologen, die mit
wenigen lcherlichen bergangstnen die verschieden lautendsten Worte aus einer
Wurzel ableiten; der Zuhrer wute nie, ob er einem mehr gab oder mehr nahm; er
suchte nmlich seinen eignen Verstand jedem aufzudringen, indem er jedem den
eignen nahm, oder verkmmerte. Unsern beiden Landleuten, denen niemand leicht
widersprach, war diese Methode ein wahres Fest; sie hetzten ihn immer mehr,
muten ber alles lachen; er schttete ihnen den ganzen Vorrat seiner Einflle
und Geschichten an einem Abende aus, die ihm sonst Monate vorgehalten. Es ist
eigentlich ein berflu davon unter den Deutschen, aber es fehlen ihnen die
Menschen, wie Waller, die unter Franzosen so hufig sind, die einen Einfall der
Mhe wert halten zu bewahren, oder das Geschick haben, ihn gut nachzuerzhlen;
berhaupt wird in Deutschland aus einer gewissen Trgheit und Besorgnis zu wenig
gesprochen. Wurde er eitel mit Unrecht deswegen genannt, so sagte er: Eitelkeit
ist die Tugend der Kindheit, viele bleiben ewige Kinder und ich bin es nicht,
aber ich mag es gern sein. Von Mdchen wird nie Wahrheit gefordert, darum werden
ihnen bedeutende Staatsmter versagt, doch findet sich von je unter ihnen viel
Wahrsagerei; ich halt's mit den Mdchen und gebe die Wahrheit gerne fr die
Wahrsagerei; wr ich nicht eitel, um zu loben, wre ich wahr, so fragte ich
euch: ihr bildet euch viel auf eure Liebe zu einander ein, aber die Liebe lt
sich nicht einbilden, wie der Schwindel nicht mit der Vorstellung wegzubringen
ist, da man die Stufen eines Turmes auf ebener Erde ohne Beschwerde ansteigen
knne; ihr schwindelt einander aber tglich von ewiger Treue vor, ihr werdet
euch auch, wie Schwindelnde, aus bloer Furcht zu fallen, sich bers Gelnder
strzen, ber die Treue strzen; Sie machen ein finster Gesicht, lieber Graf,
das ist noch recht, da es Ihnen wenigstens ernst ist; die meisten wrden ber
meine Gotteslsterung lachen. Ob ich wirklich gotteslsterlich bin? Nein, das
ist unmglich, ein gotteslsterlicher Mensch kann nichts Gutes denken; der
Gedanke ist ein Prfstein der Menschen, das Tun ist selten zu durchschauen, es
wird wie ein Gedrme durchschlungen, das Herz schlgt drein und gehrt doch
nicht dazu; auch kann niemand bei Taten sehen, was er hervorbringt, denn er wird
selbst erst darin, wie ein Vogel, der sich durchs Ei pickt, weil ihm das Fressen
fehlt, und statt des Fressens aufs Licht trifft, das ihm statt ins Maul in die
Augen fllt. - In diesem Gange einer Springmaus, die blo darum ungeheure Stze
machen mu, weil ihr die Vorderfe zu kurz und die Hinterfe zu lang
geschaffen, kam der Abend, und er wurde erinnert seine Frau zu besuchen. Er ging
hin, aber bald wurden alle durch einen ungemein lauten Zank erschreckt; er
wtete und tobte, da sie ein paar pfel, die ihm auf der Reise von einer Dame
verehrt worden, den Kindern bergeben; die Kinder versteckten sich hinter der
Mutter und was diese zu schwach war zu sagen, das schrieen sie mit der
unerzogensten Stimme. Die Grfin wollte alles vershnen, aber Waller sagte ihr
sachte in die Ohren, er sei weiter gar nicht aufgebracht, doch halte er es fr
notwendig, seine Meinung durchzufhren; auch wre dies eine gute bung fr die
Kinder. Und dann ri er sich wieder in den Haaren und rief: Wer einmal das
Zutrauen gebrochen, ein teuer anbefohlenes Unterpfand entwendet, wo sind da
Grenzen; es ist so arg, als Simson im Schlafe die Haare abzuschneiden. - Die
gute kranke Frau Waller weinte still vor sich, und Waller wendete sich sachte
zur Grfin um: Hat sie nicht etwas von einer weinenden Mutter Gottes? Sie ist
wunderschn! - Bei diesen Worten flog er um ihren Hals und sprach ihr so
traulich, so herzlich, bat so schn um Verzeihung, da sie gerne alles verzieh
und mehr. - Den Grafen verdro doch diese widrige Gefhlsfabrik; er schwor dem
Dichter, seine Gedichte wrden nichts schlechter sein, wenn er statt mit
lebenden Menschen mit blo gedachten dergleichen Geschichten auffhrte. Dies
rhrte Waller zu Trnen: Freund, Sie treffen mein tiefstes Innere; ja ich fhle
es, keine Wahrheit ist darin und selbst indem ich Ihnen dies bekenne, ist es zum
Teil Lge, denn ich will etwas anderes damit, mir ihr Mitleiden statt des
Zutrauens zusichern, das ich verloren. - Der Graf versicherte umsonst, da wenn
man sich so einer Betrachtung ber die Wahrheit berlasse, immer notwendig ein
Stck fehlen msse, nmlich das betrachtende; es wrde dann immer nur zur
Wahrheit einer dritten Person, die uns nichts angeht, nimmer unsre eigne. Waller
schien durch diesen Scharfsinn berrascht, und weil er selten lobte, so war sein
Lob schmeichelhaft.

                           Einundzwanzigstes Kapitel



                     Die Heimkehr des Schfers aus Spanien

So verging der erste Tag; spt in der Nacht brachte Waller sein groes
idyllisches Gedicht in Hexametern Die Heimkehr des Schfers aus Spanien. -
Die Idyllendichter, sagte er, sind zum Spott geworden an der konomischen
Ausbildung des Menschengeschlechts; ich will ihnen durch ein genaues Anschlieen
an die hchste konomie ein neues Interesse geben: hier durch die Berhrung mit
der Verbesserung der Schafzucht durch spanische Merinos. Die Schferwelt ist uns
so wenig untergegangen, als die Kreuzzge; sie lebt nicht blo in ein paar
Schriftlein, die uns ein groes Schicksal brig gelassen, es leben alle Zeiten
in unsrer ganzen Ausbildung, in dem Gedrnge des Mannigfaltigen noch fort, das
unsre Zeit bezeichnet. Dies hat mich oft getrstet, wo ich mich einsam mit einem
paar tausend Sternen in der dunkeln strmischen Nacht betrauerte, nachdem die
Kriegsfurie mir helle Augen vorgehalten hatte, die mehr blenden als erleuchten,
und ich fhle dies noch jetzt, umgeben von den Zerschmetterten, so lange ich
mich selbst stark und gesund fhle. Nur die beltat der Schwche ist unheilbar,
die sich aufgibt, weil ein andrer ihr nie ganz helfen kann, den sie nun darum
hat; alle anderen Versehen unserm Volke zu schulmeisterlich vorrechnen, ist
eben so anmaend als leer; viele haben sich geopfert und die brigen werden
durch sie leben. Wenn einer im glhenden Abendrot das Volk versammelte, und
schritte auf Stelzen ber dasselbe einher, und versicherte den Leuten, er sei
unser Herr Gott, und die Leute glaubten nicht daran und knnten nicht zum
Entschlusse kommen, ihren Kopf wegzuziehen, freilich da wrde er ihn manchem
einschlagen, indem er ber alle hinfiele; machen sie ihm aber Platz, so geht er
die wenigen Schritte, die er auf Stelzen zu gehen hat, ruhig fort, und mu dann
doch herunter, und ist dann ein Mensch wie alle; nur hafte keiner an der
Erdscholle, wo er geboren, lieber werfe er damit auf ihn. Vlker mssen wandern,
mssen steigen und sinken. In der Ttigkeit schweigt der Jammer, und der Jammer
ist das rgste bel. Darum hasse ich alle politischen Laubfrsche, die sich
prophetisch schreiend verkriechen, wenn ein Ungewitter naht, und sich das als
Weisheit anrechnen: jene ewigen gleich falschen Drehorgeln, die auf allen Messen
klagen. Wer den Finger hebt zur wirklichen Hlfe, ist mehr wert. Jene aber sind
ganz des Teufels, die ihr Zeitalter in eine philosophische Abteilung schrauben,
und es nachher durch und durch verdammen. Achten wollen wir um so hher, was in
uns, was in der Zeit die Probe bestanden, denn die Probe war hart.
    Bei diesen Worten fiel der Graf Wallern um den Hals und drckte ihm beide
Hnde.
    Waller fuhr mit neuem Eifer fort: Eine spanische Schafherde, die in vielen
Jahren aus einem Paare aufgebracht ist, das mhsam den weiten Weg gefhrt wurde,
hat einen greren Einflu auf die Zukunft, als eine gewonnene Schlacht, die
doch nie in ihren Folgen ersetzen kann, was die Menge gemordeter Menschen htte
schaffen knnen. berhaupt ist alles Zerstren ganz leer und unbedeutend, aber
das Schaffen ist des Hchsten Werk; auch gibt es kein herrlicheres Gefhl, als
dieses Schaffen und Erfinden, sei es in Taten oder in Gedanken: es ist ein
heiliges Ehebett mit der ganzen Welt. In heiliger Ehe lebe ich mit jedem meiner
Werke, wir lernen von einander, und es ergreift mich, ehe ich zu einem die Feder
ansetze, oder ehe ich zum Vorlesen desselben bergehe, eine Furcht, ob es auch
die rechte Zeit, ob meine Wahl auch glcklich sei, und so versume ich leicht
die Zeit ...
    Wirklich erinnerte auch die Grfin ghnend, da es spt sei.
     ... wirklich ist es auch heute zu spt, der schnen Grfin noch meine
Schfer-Odyssee vorzulesen. Der schne gewogene Takt meiner Hexameter brchte
sie ganz zum Schlafe; es sind die besten, die je in deutscher Sprache verfat
worden. Ich habe ein eigenes Ohr dafr, selbst Vo hat mir lngst den Preis
zuerkannt; kraft sechzig destillierter Eierschnpse bin ich hinter das Geheimnis
dieses Pfiffes gekommen. Sie glauben nicht, wie unterhaltend die Reise des
Schfers durch Spanien, Frankreich und Deutschland, wie lcherlich er alles in
seiner Einfalt fat, wie wunderlich er sein Haus wiederfindet, wo unterdessen
der Feind gehaust. - Mit diesen Worten ging er zur Tre, blickte aber noch
einmal mit seinen verdrehten Augen zurck, und sagte: Ein Glas Punsch htte ich
gerne getrunken. - Lieber Waller, antwortete der Graf, warum sagten Sie das
nicht zur gehrigen Zeit, jetzt schlafen alle meine Leute. - Nun, es schadet
auch nichts weiter, rief er, und ging fort. Der Graf konnte sich doch nicht
enthalten, auszurufen, als er bedachte, wie viel der Mensch so bedeutsam
geallerleit und doch so gar nichts gegeben: dieser sei eigentlich kein Phantast,
sondern ein Faselant, der mit einer ganzen Mbelkammer alter Phantasien herum
hausiere.

                           Zweiundzwanzigstes Kapitel



             Tod der Frau Waller und Wallers vergebliches Verlbnis

Der Morgen des folgenden Tages wurde jammervoll erweckt; Waller hatte seine
Frau, als er sie zum Frhstcke erwecken wollte, tot gefunden, und lag seitdem
in einer wunderbaren Raserei an ihrer Seite auf dem Bette. Der Graf scheute sich
erst, seinem tiefen Schmerze zu begegnen, nur die Zeit vermag fr jeden
wirklichen Verlust zu trsten; bald wurde er aber von den schnen Elegien
angezogen, die den Lippen des Unglcklichen entstrmten; da fehlte keine Silbe
in den Versen, trotz der schreckenvollen Erscheinungen, die sie ausdrckten.
Leicht lie er sich berreden, was er vorher durchaus nicht zugeben wollte, da
der entseelte Krper in ein andres Zimmer gebracht wrde, nachdem der Graf ihm
versichert, da die Ausdnstung der Toten die Lebenden nachzge. Noch bestrich
er dreimal eine Warze ber seinem Auge mit der kalten Hand der Toten, da sie
ihm noch einen Liebesdienst erweise; dann berlie er sie den fremden Gewalten,
und erbat zu ihrer Einsetzung den Prediger Frank als den nchsten evangelischen
Geistlichen zu sich. Nun wurde er selbst in ein andres Zimmer des Schlosses
getragen, denn er glaubte sich zu schwach zum Gehen. Die Kinder blieben in
frchterlichem Weinen bei dem Grafen, der in die angefangene Zeichnung der
Gegend schaute, die halb von der Verstorbenen ausgewischt war; die Semmelkrumen
lagen noch umher. Es war ihm heilig, dieses Bild, als der letzte Lichtfunken
eines schnen Malertalentes; er lie alles an derselben Stelle liegen, und
fhrte die beiden Kinder in seinen Garten. Nichts war im Stande, sie zu trsten,
der Strom der Trnen schien seine lindernde Kraft an ihnen nicht auszuben, kein
Geschenk sie zu erfreuen; endlich fiel der Graf auf den guten Gedanken sie zu
einer Angelbank zu fhren. Dies Geschft war ihnen ganz neu; das Suchen der
Regenwrmer, das Aufstecken, das Warten auf die Bewegung des schwimmenden
Federkieles, zerstreute sie in wenigen Minuten so ganz und gar, da sie
ausgelassen lustig wurden - wie leicht trsten sich Kinder um ihre Eltern. In
dieser Beschftigung erhielt er sie den Vormittag, dann ging er mit ihnen
zurck, ohne da sich ihre gute Laune gemindert htte. Der Graf trat in das
Zimmer, wo Waller auf dem Bette lag; der Prediger Frank und drei schne
Landmdchen, die Tchter eines sehr reichen Amtmanns in der Nhe, standen umher
und hrten mit Trnen seinen Schwrmereien zu. Waller begrte die drei Mdchen
in recht anmutigen Versen als die drei Grazien, die gekommen wren, ihn fr den
Verlust der Geliebten zu trsten. Sehr lebendig malte er sein verlorenes Glck,
beschrieb seine knftige Einsamkeit, seine verlassenen Kinder; dann glaubte er
die Stimme seiner verstorbenen Frau zu hren, er wiederholte schauerlich ihre
einzelnen gebrochenen Worte, die ihm geboten, die Hand der Schnsten von den
drei Mdchen zu ergreifen und seinen Trauring daran zu stecken, sie knne, sie
wrde ihn trsten; ihr zeichnete er ein reizendes Knstlerleben vor. Der Graf
glaubte, es sei schon etwas Entschiednes zwischen beiden vor dem Tode der Frau
gewesen, um so mehr staunte er, als die drei Mdchen ganz bleich das Zimmer
verlieen und die Erwhlte den Grafen ngstlich bat, als er sie zum Hause hinaus
begleitete, er mchte ihm den Ring zustellen, und ihm sagen, da sie ihn sehr
hochachte, da sie ihn aber unmglich heiraten knne, denn dazu gehre doch
mehr; da sie von je, seit er in diesem Hause gewohnt, seine unglckliche Frau
bedauert, die er mit seinem Unsinn zu Tode geqult, und da sie jedem Mdchen
von einer Heirat mit ihm abraten wrde. Mit diesen Worten verlieen die
entschlossenen Landmdchen das Haus und der Prediger Frank, der neben dem Grafen
stand, lachte aus vollem Halse. Ich bin in Geschften hier, Herr Graf, sagte
er, also nicht gegen Ihren Befehl, aber ich htte nicht erwartet, mein Geschft
so reichlich bezahlt zu sehen. - Der Graf bat ihn um Entschuldigung jener
Beleidigungen am Hochzeitabend, die sein beleidigter Dichterstolz aus ihm
gesprochen. Heute, fuhr Frank fort, sollen Sie noch ganz andre Erfahrungen
ber den Dichtercharakter machen; bringen Sie nur in aller Ruhe Herrn Waller den
Gru der Mdchen. - Der Graf trat ein und berichtete mit mglicher Vorsorge in
vollkommener Treue. Waller schien wie aus einem Traume zu erwachen, er fragte
die anwesende Grfin, was er getan; er verwunderte sich, als ihm die Verlobung
erzhlt wurde, lchelte, sagte, es sei eine schne milde Tuschung seiner Sinne
gewesen; sprang frisch und gesund vom Bette und schrieb laut lesend:

Willst du nicht den Ring bewahren,
Den die Freundin lange trug,
Der geschmckt mit ihren Haaren;
Nahmst du ihn aus bloem Trug?
Schickest ihn mit klaren Sinnen
Und mit ernstem Wort zurck!
Kann ich mich doch nicht besinnen,
Was ich dacht in deinem Blick,
Trstend ist es mir gewesen,
Was ich damals zu dir sprach,
Denn ich bin davon genesen
Und ich war vorher so schwach.
Warum willst du nicht behalten,
Was ich gern im Traum verlor,
Kann ich doch nichts fester halten,
Denn ich bin und bleib ein Tor.
Nimm statt eines, beide Ringe,
Da ich nicht mein Unglck seh,
Halt mich nicht so ganz geringe,
Da ich dich mit List umgeh.
Alles Glck hab ich empfunden,
Mit der Liebsten schwand es hin.
Immer bluten meine Wunden,
Bis ich ganz verblutet bin.
Glck soll dir die Hnde bieten,
Unglck brchte meine Hand,
Denn gefallen sind die Blten,
Und ich bin vom Schmerz verbrannt.

Diesem Briefe legte er beide Trauringe bei, und bat den Grafen dringend sie
fortzusenden; dann legte er sich wieder aufs Bette und schnarchte so lcherlich,
da alle sich auf die Lippen beien und das Zimmer verlassen muten.

Im Vorzimmer fing sich eine lange Untersuchung ber den wunderlichen Menschen
an. Den Grafen hatte diese Geschichte von ihm zurckgeschreckt; die Grfin fand
darin viel Rhrendes und Prediger Frank hatte sie schon zu seiner
Menschenkenntnis anatomiert und alles Fehlerhafte sauber eingeschlagen, um es in
dem ewigen Spiritus seines unverwstlichen Gedchtnisses aufzubewahren. - FRANK:
Ich glaube, wir lesen die ganze Geschichte bald gedruckt; ein Dichter von der
Art wie Waller erlebt selten etwas, wovon sein Buchhndler nicht auch Vorteil
oder Schaden htte. GRFIN: Ich frchte immer noch, er tut sich ein Leides an;
sein Zustand war nicht natrlich, er war heftig und schrecklich, mehr als ein
Mensch ertragen mag. FRANK: Haben Sie nicht sein Gesicht gesehen, wie viel
wunderliche Falten auf der Backe, ber den Augen; ich kenne Wallern; in einer
Tragdie, die er liest, macht er zehnfach rgere Gesichter noch, als er heute um
seine Frau angelegt, ob er gleich mit jedem, der ins Zimmer trat, noch eine
Falte aufzog, noch ein Stck Holz in sein Trauerfeuer legte. GRAF: Sie haben
recht, das ist mir ganz verhat, da er mit keinem ein daurendes wahres
Verhltnis ungestrt durch die Gegenwart anderer bewahrt; aber whrend er noch
vertraulich mitteilend mit einem im Augenblicke sprach, ward dieselbe Sache ihm
gleich zum Spotte, wenn z.B. meine Frau hereintrat. FRANK: Sehen Sie, Herr
Graf, das ist eine Eigentmlichkeit des Knstlercharakters, vieles Traurige und
Lustige, Ernst und Spa wie eine Schimre zusammen zu denken. Die Frauen sind
zufrieden, wenn man ihnen nur etwas zu tun macht, sie mit Hlfe und Mitleid
anstrengt. GRFIN: Nicht zu allgemein. FRANK: Das Pflegen eines
ausgezeichneten Menschen, der sich leidend stellt, setzt die Frauen in eine
gewisse Autoritt gegen ihn. GRFIN: Ich kann keinen Kranken pflegen und wr
er mein eigener Mann. Nicht wahr, Karl, das hast du erfahren, als du ein paar
Tage nicht wohl warst? Schon die eingeschlossene Zimmerluft ist mir verhat.
GRAF: Du hast recht. Ich mag mich auch von keiner Frau pflegen lassen. FRANK:
Und doch waren Sie so allseitig um den groen Dichter beschftigt; es ist
unglaublich, wie ein groer Name wirkt; denn aufrichtig gesprochen, haben Sie
etwas anders von ihm vernommen als Unsinn? GRAF: Nein, mein Herr Prediger,
viel Schnes hat er uns vorgetragen, aber freilich in einer Art, die sich unter
einander vernichtet, wie jene zwei Lwen, die sich so lange bissen, da endlich
nichts als die beiden Schwnze brig blieben. FRANK: Sehr wahr, und das ist
wieder Knstlercharakter; dieses Hetzen in sich, dieses ewige Kritisieren, das
in aller Berhrung mit der Welt durchaus ttet und nie belebt, jedes Spiel
verdirbt, jeden frohen Gesang ngstiget, ob er auch an seiner Stelle. So wirkt
die frische Literatur, wie die frischen Zeitungen gar bse auf die Augen; ein
junger Dichter glaubt es seine Schuldigkeit, einer ganzen Gesellschaft alle
eigenen gewohnten Straen der Frhlichkeit mit seinen gezwungenen Verrenkungen
sogenannter Laune, Phantasie, Humors, Witzes und Genies zu verleiden, indem er
sich wie ein Fallschtiger quer drein legt. GRAF: Da mssen wir ja die
Knstler absondern von aller Gesellschaft, wie der gyptische Knig die dreiig
Kinder in eine Wste verpflanzte, damit sie die Ursprache erfnden. FRANK: Ja
wohl, lieber Graf, wie die Bildhauer von dem Staube leicht die Schwindsucht, die
Maler vom Farbendunste die Malerkolik bekommen, Tonknstler leicht taub werden,
und mit diesen Krankheiten alle die anstecken, die in ihren Werksttten hausen,
so teilen die Dichter ihren Dichtersparren gar leicht den Menschen mit, die sie
sich zu ihrer Werkstatt erlesen, und dazu ersehen sie in ihrer Torheit die ganze
Welt und denken nicht daran, da ihnen nachher keine Leser brig bleiben.
GRFIN: Sie wissen, ich sage meine Meinung. Sie sind ein Verstandesmensch, Sie
wissen nicht, was Begeisterung sei, wie ein Mensch darin im Augenblick ber alle
erhaben die Welt berschaut, wo sie uns verschlossen mit Bergen und Wolken; mu
er da nicht hart sein gegen die, welche ihn nicht verstehen und seiner Gaben
sich nicht erfreuen? FRANK: Haben Sie nie Verse gemacht oder sonst in Worten
etwas dargestellt? GRFIN: Nein, ich wagte es nie, die Worte waren mir immer
entfernter als Musik und Zeichnung. FRANK: Nun kann ich es mir erklren, wie
Sie Dichter fr so ganz besondre Menschen halten. Erst in eigner bung lernt man
bei aller Kunst das bereinstimmende augenblicklicher Eingebung mit jahrelangem
Streben erkennen; wie die Krper nur flssig auf einander wirken, so bedarf das
Geisterreich einer vieljhrigen lsenden Wrme, ehe es seine edlen Metalle in
einem Geiste niederschlgt und frisch kristallisiert in einem Augenblicke allen
zur Bewunderung herstellt. Ob einer unter Bchern, oder auf einsamer Heide, oder
in sich verschlossen unter einer Menschenmenge, dieser Sehnsucht seines ganzen
Herzens nachhngt, das kommt auf eins: dieses sind die wahren Dichter; jene
aber, die, wie Waller, auf halbem Wege stehen bleiben, mchten ohne eine
Sehnsucht nach dem Herrlichsten, diese heilige Gabe immerdar empfangen, und so
wird jede Torheit, die ihnen durch den Kopf geht, als eine heilige Gabe von
ihnen geachtet und ausgeschrieen. Die Welt tauscht diese Torheit mit andrer
Torheit ein, so ist es ein ewiges Rhren und Erquicken zwischen der
mittelmigen Welt und den mittelmigen Dichtern. GRFIN: Denken Sie auch,
was Sie mir darin sagen. FRANK: Ich darf es sagen, denn Sie denken eigentlich
hher und tiefer, aber Ihr guter Glaube, Ihr wohlwollen nimmt Ihnen das ruhige
Urteil ber Waller.
    Die Grfin stellte sich rgerlicher, als sie war; sie ging zu Waller, der
gewaltig nieste und etwas zu essen begehrte. Der Schlaf schien den Mann
verwandelt zu haben; whrend er mit groer Begierde a und trank, lie er schon
seiner ganzen Lustigkeit den Zgel. Die Kinder muten ihm ein Puppenspiel
bringen, das er von einem Freunde, dem Puppenspieler Rubald, zum Geschenke
erhalten hatte, nachdem dieser wieder in den Krieg gezogen. Ein groer
wunderlicher Kerl, so beschrieb ihn Waller, in allen Weltteilen hatte er schon
gefochten und mit Puppen gespielt; er zeigte mir einmal seine Brust, da war jede
Schlacht und jedes neue Puppenspiel mit Pulver einpunktiert, die er mitgemacht;
keinen andern Orden hatte er bewahrt. Ein Hufeisen trug er wie einen Ringkragen
um den Hals, das hatte er dem Hinterfu vom Pferde seines eignen fliehenden
Feldherren, um ihn aufzuhalten, abgerissen, und war dabei mehrere Schritte weit
halb tot fortgeschleift worden. Er hatte einen trichten Ha gegen die Juden;
vergebens stellte ich ihm oft vor, da sich die Juden in unsrer Zeit in jeder
Tugend, in jedem Talente bewhrt htten; noch sein letztes Stck war zum Teil
gegen eine reiche Judenfamilie gerichtet, die sich in der Art, wie sonst reiche
adlige Huser in einer Residenzstadt gegen den verarmten Frsten aufgelehnt
hatte, nachdem sie durch Lieferungen schnell reich geworden. - Alle baten, er
mchte das Stck geben, denn nach aller Beschreibung ginge es auf ihren
ehemaligen Frsten, den in seiner Residenz gleiches Schicksal betroffen. Waller
hatte das ganze Stck und war bereit es aufzufhren. Sein Theater wurde hinter
einer Tre aufgeschlagen; jeder half dabei, was er konnte, und die meisten
standen dabei im Wege. Am Abend, als Licht angezndet wurde, war der
geheimnisvolle Vorhang schon vorgezogen und Waller in seinem Zimmer versteckt.
Nach einer kurzen Musik, die er mit Hnden und Fen und dem Mundwaldhorne
klapperte und brummte, erhob sich der Vorhang, und die Zuschauer sahen den
groen Kopf des Waller, der das Theater fast fllte, durch Schminke und Schwrze
lcherlich charakterisiert.

                           Dreiundzwanzigstes Kapitel



      bersicht der Tragikomdie von dem Frstenhause und der Judenfamilie

                            Prolog des Dichterkopfes

Was ist fr Freude noch bei groen Bhnen,
Da ist nichts Lust'ges mehr, kein wild Erkhnen,
Auch ich war einst dabei, hab mitgemacht,
Und hab in Jahren nicht dabei gelacht.
Die guten alten Spieler werden schwach,
Und ach das junge Volk wchst schwchlich nach,
Was kann die Welt fr Lust an Kindern haben?
Es dankt das Publikum fr knftige Gaben,
Will Fert'ges sehn; was sich erst bilden soll,
Das mache kein Geschrei, sonst heit es toll.
Den Kindern springt die Quint, wie ich's gehrt,
Das Publikum ward ganz von Ha betrt,
Es pocht, es lrmt, und keiner schien mehr recht,
Es flohn die Schauspielleut aus dem Gefecht.
Da nahm ich nun mein Tuch, macht einen Knoten,
Und hab ein Kinderspiel dem Volk geboten,
Und wackelte damit und lie es tanzen,
Ich ward vergngt und es gefiel im ganzen.
Ich nahm das Buch recht wie ein Kind in Lehre,
Als ob's das Publikum, das edle wre,
Und fragt es aus, wie es uns mchte haben?
Da sprach's so viel von hohen Knstlergaben,
Doch wut es nicht, wo die zu Kaufe waren;
Da mute ich es billig drin belehren:
Die Kunst ist frei, sie brauchet viel Theater,
Das eine bild das Kind, dies zeig den Vater,
Wenn jenes reif, da tret es hier erst ein!
Doch weil fr jetzt dies Schauspielhaus allein,
So mt ihr auch den Schlern gndig sein.
Auf dieses Wort folgt Klatschen allgemein,
Ei dachte ich, und konnt es gar nicht fassen,
Dies Schnupftuch kann jetzt mehr, als Knstler spaen;
Die Knstler sind zum Spa zu vornehm worden,
Und doch nicht gro genug zum trag'schen Morden.
Ich ging davon und machte kleine Puppen;
Viel hatt ich nicht zu brocken in die Suppen,
Doch essen auch nicht viel die kleinen Leut,
Sie sind zu jeder Rolle stets bereit,
Um Kleider ist kein Streit, auch nicht um Tugend,
Auch nicht um Liebhaber, auch nicht um Jugend.
Sie sind so alt, wie ich sie eben brauch,
Die weigenasten hng ich in den Rauch.
Mein Kopf fllt mein Theater ganz allein;
Sind meine Menschen gegen mich nur klein,
So bin ich darum wahrlich gro zu nennen,
Kann sie verbinden, und sie trennen,
Nach Eigensinn und nach Verstand,
Und bin ein rechter Gott in diesem Land;
Wei ich nichts mehr aus meinem Kopf zu sagen,
So brauchen sie nur tchtig sich zu schlagen,
Und weil mein Kasperl trefflich Tritte gibt,
So schweigt Kritik und ich bin stets beliebt,
Ein jeder lacht, ein jeder gibt sein Geld,
Jetzt ist mein Kasperl hier der grte Held.

Kasperl kuckt bei diesen Worten neugierig in ein Fenster, wo eine ansehnliche
Judenfamilie unter versetzten Sachen bei einem Gewitter kauert. Sie glauben der
Messias komme, worber die Tochter Rachel hochmtig lchelt; aber nun springt
Kasperl herein, alle erschrecken und die ohnmchtige Tochter bittet um ein
Zuckererbschen aus dem silbernen Bchschen; Kasperl gibt ihr einen Nasenstber
und gibt sich fr den Messias aus. Der Jude frgt, woran er ihn dafr erkennen
soll; Kasperl gibt ihm Tritte wegen seines Unglaubens, der alten Jdin einen Ku
und so glauben alle an ihn. Er wird ungemein mit Rucherungen geehrt, nimmt
ihnen aber das Opferfleisch vor der Nase weg, und sagt ihnen, das sei also die
neue Mode im Himmel. Nachdem er gut gegessen, will er zu Bette; der alten Jdin
sagt er heimlich, er wolle sie heiraten, und dem jungen Mdchen gleichfalls. Sie
geben ihm ein groes Bette, da erschrickt er ber die Decke, worauf das
frstliche Wappen gestickt; er ruft alle herein, wie sie dazu gekommen. Sie
sagen, das msse er in seiner Allwissenheit auch wohl wissen, da sie es im
Versatz htten. Er sagt, da er nur der Ordnung wegen gefragt, und schickt sie
wieder fort. Nun hebt er einen Judenschlafrock auf, dessen Saum mit Cymbeln
besetzt ist; er fngt die Cymbeln an zu bewegen, alle laufen zusammen und fragen
nach der Neuigkeit. Er sagt ihnen, es sei blo der Wachsamkeit wegen; sie gehen
rgerlich ab. Nun besieht er seine Leibwsche, die er ausgezogen und die voll
Lcher, und zieht ein Judenhemde an, das voll Flicken, den Schlafrock mit den
Cymbeln drber, und so geht er fort aus dem Fenster, um seinen Herrn, den
Prinzen von Mesopotamien, zu bedienen, dem er im Gasthofe Quartier machen
sollte. Die beiden Jdinnen, Mutter und Tochter, kommen jetzt herein und wollen
zum Messias, und eine hlt die andre dafr; der alte Jude hat sie aber vermit
und kommt mit Licht; da erkennen sie sich, und der alte Jude meint, der Messias
wre wegen ihrer Unkeuschheit davon gegangen; sie aber sagen, er sei vor ihnen
gen Himmel gefahren; der Jude wird bse und will sie schlagen, wird aber
jmmerlich von ihnen am Barte gezaust. So schliet der erste Akt, und der zweite
beginnt, indem eine Lerche nachgeahmt wird. Es ist Morgen, des Frsten Schlo
auf dem Berge wird von der Oberhofmeisterin Gretel ausgefegt, sie will dabei
allerlei geistliche Lieder singen, doch fllt ihr immer der verlaufene liebe
Mann Kasperl ein; dann schimpft sie auf ihren schweren Dienst und erzhlt von
ihren Erziehungsgrundstzen, wie sie die beiden Prinzessinnen Spaine und
Ernestine klug gemacht. Spaine und Ernestine kommen gelaufen; jene bringt einen
Apfel, worin ein Gesicht geschnitten, und frgt sie, wem es gleiche? Gretel
fngt an zu weinen: so sehe ihr lieber verlaufener Mann Kasperl aus. Nun lassen
sie sich von ihr den Mann beschreiben; sie erzhlt unter andern, da er vom
Reiten auf Abenteuer schne krumme Beine gehabt, seine Nase dabei als
Meilenzeiger, die Augenbraunen als Regenschirm gebraucht habe. Hierauf kommt der
Frst mit Jagdzeuge beladen von der Jagd zurck, er hat einen Zaunknig
geschossen und der soll zum Mittagessen gebraten werden; dann macht er sich
bequem und examiniert seine Kinder, was sie gelernt und getan: Nun liebe
Ernestine, sagt er, du hast was auf deinem Gewissen, bekenn es nur, du bist so
still heute. Wie? Du fngst bitterlich an zu weinen, hab ich dich mit dem Kamm
gerissen? Sieh, ich mu mit weinen, und das kostet mir mehr als dir. ERNESTINE:
Weinen Sie nicht lieber Vater, ich will alles sagen, aber Sie mssen mich nicht
so anblicken. FRST: Sprich nur liebes Kind, ach Gott gib mir Kraft, was werde
ich hren mssen. ERNESTINE: Ich war in den Garten hinuntergesprungen, ganz
traurig bin ich zurckgeschlichen. FRST: Du armes Kind. ERNESTINE: Weil er
weggegangen. FRST: Je wer denn? ERNESTINE: Ei nun der Bettler, dem ich den
Ku gegeben. FRST: Ein Bettler? Ist denn mein Bettlermandat nicht
angeschlagen? ERNESTINE: Lieber Vater, ich hatte gar nichts, ihm zu geben, Sie
wissen ja; und es war so ein schner junger Mann, den ich ohne Trost nicht
weglassen durfte, da fragt ich, ob ihm ein Ku nicht zu wenig wre - und da
sagte der gute Mensch, er sei ihm nicht zu wenig, und da gab ich ihm doch zwei,
und den dritten nahm er sich, und den vierten gab ich ihm obenein, und den
fnften in den Handel, und den sechsten, weil ungerade Zahlen nicht gedeihen und
... FRST: Der Bettler mu dir was angetan haben. ERNESTINE: Er hat mir was
abgenommen, meine Ruhe; aller Orten suche ich ihn und singe: Wo suchen dich
Herzliebster meine Gedanken? Es findet dich nirgends mein Blick, dein Bild
bleibt vor mir im Schwanken, wie's Glck. O du mein einziges Glck, dir nach
meine Seufzer rufen! Dir nach die Seufzer gren, mein Mund folgt nach dem Ku,
den deine Lippen kssen, und deine Ksse sind Luft; der Wind kann sie nicht
wegnehmen, er mte sich ja schmen, da er mir alles nhm, das wr ja
unverschmt. FRST: Ach, was ist das fr ein Unglck; das Armut will ich doch
gar nicht mehr in meinem Lande dulden; es soll alles Armut freien Abzug zum
Nachbar haben. SPASSINE: Vater, da mten wir und Sie ja auch zum Lande
heraus. FRST: Schweig, in Regierungssachen mut du dich nicht mischen; ihr
macht mir heute vielen Kummer. Ernestine, blase die Gedanken weg, heute kommt
dein Brutigam, der Prinz von Mesopotamien; schlag Federball, das vertreibt dir
die bsen Gedanken. ERNESTINE: Ich kann nichts anders denken, als ihn, ich
kann niemand anders heiraten, als ihn; den Prinzen kann ich nicht lieben.
FRST: Ei was lieben, darauf kommt's beim Heiraten nicht an, das Heiraten ist
eine Sache fr sich; deine Mutter selig war mir ganz abscheulich, ich habe sie
doch geheiratet. ERNESTINE: Lieber Vater, ich kann ihn nicht nehmen; ich wrde
eine Lust bekommen, ihn umzubringen. SPASSINE: Lieber Vater, wenn die
Schwester den Prinzen nicht haben will, geben Sie ihn mir; ich mchte gar zu
gerne heiraten. FRST: Ei meine Tochter, so was mt ihr gar nicht sagen, wenn
das unten bei den reichen Juden bekannt wrde, die lieen es in ihre Zeitungen
und Journale einrcken; Frau Gretel, sag Sie mir doch, was hat Sie den Kindern
fr Sachen in den Kopf gesetzt; merk ich so was von Ihr, so geb ich Ihr eine
Backpfeife, da es Ihr noch lange vor den Ohren summen soll. - Frau Gretel
setzt hierauf ihre Pestalozzische und Vakzinations-Erziehungsmethode
auseinander; der Frst will die alte Methode verteidigen, sie zieht aber den
Pantoffel aus und weiset ihn zur Ruhe. - Whrend dieses pdagogischen Gefechtes
tritt Kasperl in den Kleidern seines Herren, der ausgeblieben, mit einigen
Reden, die seinen Spa erklren, herein und gibt sich fr den Prinzen von
Mesopotamien aus. Gleich erkennt er seine Gretel; sie hat aber zu viel Respekt
gegen ihn und seufzt vor sich, da es schade sei, ihr Kasperl habe doch nie so
was Vornehmes an sich gehabt. Der Frst und die Tchter sind sehr verlegen; doch
fat sich Spaine und gibt die Schlgerei fr ein Pantoffelspiel aus; der Frst
bezeugt auch sein Vergngen an dem schnen Spiele, und sucht seine blutende Nase
zu verstecken. Kasperl dankt fr dergleichen Spiel und schlgt ihm dafr das
groe Espiel vor. Als ihm dies nicht gewhrt werden kann, weil der Zaunknig
noch nicht gebraten, so soll er inzwischen raten, welches seine Braut; Spaine
macht ihm viele Artigkeiten und Ernestine weiset ihn sehr hart ab; er bestimmt
sich also aus Respekt gegen das Pantoffelspiel fr Spaine, die ihm auch von dem
Frsten fr seine Braut angegeben wird. - Der Frst will darauf seinem Eidam das
Reich vom hohen Turme zeigen und Kasperl frgt, ob auch kein starker Wind, da
er etwa ber die Grenze geweht werden knnte? - Ernestine bleibt allein zurck
und stellt sehr tiefsinnige Betrachtungen in ganz philosophischer Sprache ber
die frstlichen Heiraten an, die alle Frstenhuser verderben, indem sie aus
Naturen nie in Leidenschaft die falsche Richtung wegschaffen, die sie auch in
sich gefhlt habe, ehe sie geliebt; nur in der Liebe sei Wahrheit, Volkssinn,
der sich allem anschliee, alles verstehe, selbst den Bettler. Sie setzt sich
nieder und weint. - Der wahre Prinz, der am Morgen als Bettler verkleidet ihr
die Ksse abgenommen, tritt in anstndiger Tracht herein und bemerkt sie nicht.
Er erzhlt von seinen Absichten, eine Heirat aus Liebe zu stiften, und wie er so
ganz seeleneigen dem armen Mdchen geworden, das in diesem Schlosse diene und
ihm nichts, als ein paar Ksse, habe geben knnen; der Prinzessin wolle er
entsagen, die ihm bestimmt, dies arme Mdchen aber aufsuchen, - so recht
vertraut, haarklein ihr aufzuzhlen, was mir so taglang, so nchtelang tt
fehlen, Vertrauen, ewiges in Lieb gebunden, im armen Mdchen hab ich's nun
gefunden; die Krone will ich ihr zu Fen legen, kommt Ku dem Ku, der Blick
dem Blick entgegen, und da dies alles sei kein Augenblick, wie jener Ku, der
noch mein ganzes Glck, nein die Gewohnheit aller meiner Stunden durch heil'ges
Band auf Leben und Tod gebunden. - Indem er so deklamiert, ist er mit seiner
Hand der Prinzessin so nahe gekommen, da er ihr ins Gesicht schlgt; sie
schreit auf: eine Szene des freudigen Wiedererkennens und der Verzweifelung, sie
beleidigt zu haben. Doch sie vergibt ihm mit vielen dicken Kssen. Die Szene
verwandelt sich in das Ezimmer des Frsten, der sehr bse ist, da seine
Tochter alle auf sich warten lt. Kasperl frit heimlich alle Schsseln aus,
und sagt immer, das habe nichts auf sich, sie knnten immer noch warten. Endlich
wird Spaine nach der Schwester geschickt und kommt mit der Nachricht wieder,
da sie in den Armen eines fremden Ritters liege. Der Frst fordert Kasperl auf,
die Ehre seines Hauses, dem er nun bald verbunden, mit dem Schwerte zu
verteidigen. Kasperl will nicht, weil er kein Blut sehen knne, er verflucht die
trichten adeligen Sitten. Alle dringen in ihn mit Gabel und Messer, da er ihre
Ehre verteidige; endlich zieht er sein hlzernes Schwert, als aber der Prinz mit
Ernestine hereintritt, wird er gleich rckgngig und fllt ihm zu Fen. Der
Prinz reit ihm seine Kleider ab und nun erscheint er in dem jdischen
Schlafrock, dessen Saum mit Cymbeln besetzt ist. Gretel erkennt ihn und wird
unmig bse und zrtlich gegen diesen ihren verlaufenen Mann. Sie machen
einander schne Vertraulichkeit, ihre Kinder haben alle ffentliche Stellen am
Pranger bekommen; endlich fangen sie sich an zu schlagen und die Cymbeln
klingeln so laut, da die ganze Judenfamilie erscheint, ihren Messias und ihren
Schlafrock aufzusuchen. Sie wollen ihn mit Gewalt der Gretel entreien, und der
Frst, der nun durch den fremden reichen Schwiegersohn Mut gewonnen, bestraft
sie fr diesen frevelhaften Eingriff in eine glckliche Ehe mit dem Verluste der
Schuld fr das verpfndete frstliche Ehrenbette. Die Juden bringen mit
Lamentieren das groe Bette aufs Theater, der Frst segnet die liebenden
Verlobten; Kasperl schlgt an seinen Cymbelnrock und die ganze Judenschaft mu
tanzen.

Die Zuschauer hatten alle des Stcks herzlich gelacht, besonders die Kinder, nur
die beiden Shne Wallers hatten oft whrend des Stcks bitterlich geweint, und
als sie um die Ursache befragt wurden, sagten sie, da sie die Reden der
Ernestine so oft von der Mutter hersagen gehrt. Der Graf gewann die beiden
Kinder sehr lieb; so auffallend ihm im Anfange ihr wildes, neugieriges,
aufsprendes und nachahmendes Wesen geschienen, so bedeutsam wurden ihm jetzt
manche ihrer Fragen. Die Grfin teilte diese Neigung nicht; seit sie selbst an
den ersten Beschwerden der Schwangerschaft litt, und ihre sonst unzerstrbare
Gesundheit geschwcht fhlte, sogar frchtete, einen ihrer schnen Zhne
einzuben, hate sie alle Kinder, und schwor ihrem Manne im belbefinden ihres
Magens, womit sich dieser Tag schlo, nie wolle sie mehr als dies eine Kind
haben, das ihr schon so viel Not bereite.

                           Vierundzwanzigstes Kapitel



                           Traugotts erste Erinnerung

Gleich am andern Morgen, als Waller noch schlief, fand der Graf die beiden
Knaben schon mit Angeln beschftigt, sie wiesen ihm mit Jubel einen kleinen
Fisch. Hier erfuhr der Graf, da nur der jngere Knabe Alonso Wallers Sohn sei;
der andere, Traugott, war ein Kind erster Ehe; die Mutter hatte sich aber durch
keine Gewalt von ihm trennen lassen. Alonso hatte die Nacht getrumt, die Mutter
sei vom Himmel herunter gestiegen und habe in ihre schwarz seidene Schrze, die
sie gewhnlich zu tragen pflegte, den Traugott eingewickelt und mit sich
gefhrt. Der Traum setzte den Grafen in Verwunderung, da beide Kinder eben kein
trumerisches Ansehen hatten, doch schien Traugott den Tag viel stiller als
sonst; er mute ihm etwas aus seiner frheren Geschichte erzhlen. Weil er nun
noch nie darnach gefragt war, so lag alles sehr bunt unter einander, wie die
Umgebung es ihm zurck rief. Viel sprach er von einem Wasser, worin er einmal
gelegen; der Bruder sagte aber, das sei nicht wahr, man habe ihnen blo erzhlt,
der Storch htte sie aus dem Wasser geholt, davon kme die Geschichte. Traugott
lie es sich nicht abstreiten, er sagte, da er ganz allein gewesen und da ihn
ein unbekannter Mann herausgezogen. Dann erzhlte er viel von einem kleinen
Frchtegott, mit dem er als Kind gespielt; der sei lter gewesen und habe immer
alles im Spiele so schn einzurichten gewut, da er noch jetzt die Palste
nicht beschreiben knne, die jener aus Bausteinen und ausgeschnitztem Papiere
mit einem durchscheinenden Lichte hervorgebracht habe; er werde nie wieder die
knstliche Pracht sehen; er habe so viel Ehrfurcht vor ihm gehabt, da er jeden
Schlag von ihm als eine Gnade angenommen, und sich Gott nicht anders, als wie
seinen Frchtegott gedacht habe; ihm habe er alles geschenkt, was er bekommen an
Geld und Frchten, ungeachtet er bei dem Anblicke eines Apfels schon ein
begehrliches Zucken im Munde versprt. Diesem Frchtegott htte er auch seine
Kleider gegeben, und als das der Vater wahrnahm, htte jener nicht mehr zu ihm
gedurft, und da habe er sich tot hungern wollen. Nachdem er einen Tag gehungert,
sei er morgens frh aufgewacht, er htte den Druck einer Hand gesprt, die ihn
erweckt, htte aber nichts Lebendes um sich gesehen, als den hellen
Morgenschimmer, der in der leeren Luft mit unzhligem Staube Ball geschlagen.
Sein Blut habe gewallt, sein Herz gepocht, sein Auge sei geblendet gewesen, und
er htte geglaubt sich zu sehen, ganz elend, wie die Leute ihm aus Mitleid
seinen Frchtegott zugefhrt htten. Nachher habe er nichts vor seinen Augen
gesehen, als eine feste grne Wolke im roten Felde, dann sei die Wolke rot und
das Feld grn geworden. Unwiderstehlich habe es ihn in den Schlogarten gezogen,
der Vater habe noch geschlafen, das Schlo sei ganz still gewesen, und er habe
niemand auf den Treppen gesehen, als ein paar weie Muse. Vor dem Schlosse habe
er unter zwei himmelhohen Linden gestanden, die mit weien Blten und summenden
Bienenschwrmen bedeckt gewesen. Die Bienen htten sich endlich davor gesammelt,
wie eine braune Wolke und langsam tief ihren Zug weiter in den Garten genommen,
er aber sei ihnen nachgefolgt, wo ihm sonst nie erlaubt, hinzugehen, weil er von
vielem freien Gewsser durchschnitten. Er sei ihnen erst zagend gefolgt, aber
der Schmerz der kleinen Steine an den Sohlen habe ihn endlich entschlossen
gemacht. So kam er zwischen eine Reihe weier Menschen in weien Kleidern ohne
Augen, die unbeweglich blieben, auf seinen Gru nicht dankten, dann zwischen
Bume, die schmal und breit wie eine Mauer auf eine weite Aussicht gefhrt
htten; aber pltzlich habe er seinen Kopf gegen Bretter gestoen und statt der
Aussicht nichts als bunte Flecken vor sich gesehen. Es mu eine sonderbare
Kunst sein, sagte Traugott hier, die etwas macht, das zugleich ist, und nicht
ist, oder ist etwa alle Kunst also? - Die Bienen hatte er ber diesen Ansto
und ber diese Aussicht ganz aus den Augen verloren; er sah aber seitwrts ein
schwarzes Schild, das von vielen rmen getragen wurde; da fand er in der Mitte
einen groen Stein umgeworfen, und einen wunderlichen duftenden Haufen von
trockenen Kiennadeln, worauf viele Ameisen liefen, die er wohl kannte. Da huckte
er sich nieder, doch mit groer Vorsicht, da ihm keine ankrieche, sahe dann zu,
wohin sie so eifrig liefen, konnte aber nichts finden, warum sie also beweglich;
da rhrte er in den Haufen, um ihnen doch eine Ursache zur Unruhe zu geben. Weil
ihnen nun die Decke ihres Hauses fehlte, hatte er Mitleiden mit ihnen und warf
eine Menge trockner Nadeln, die in der Nhe unter einem Baume lagen, darauf. Die
Ameisen brachten sie schnell in Ordnung, und nun wurde er dem Vlkchen so gut,
da er einen Strohhalm in die Mitte hineinsteckte, auf da sie sich in der
Gegend umsehen knnten. Gleich stiegen viele hinan und wie eine oben, trieb sie
wieder eine andre hinunter; er aber wollte, da eine bleiben sollte, und warf
mit Erde drein, und da wurden alle bse und hatten ihn heimlich beschlichen und
kniffen ihn so unleidlich, da er davon lief, immer blind zu, bis er in einem
khlen Wasser stand mitten unter Wasserlilien, und aus jeder Wasserlilie sah
Frchtegott heraus; aber so wie er dazu kam, war er wieder fort, und sa auf
einer weiter weg und lachte ber ihn. ber ihm rief aber ein alter Mann mit
einem glhenden Gesichte aus einer grauen Wolke, in die er ein Loch gerissen,
und da verschwand Frchtegott; der alte Mann rief immer fort: Traue Gott,
frchte Gott und scheue niemand! - Bei diesen Worten hob ihn eine Hand aus dem
Wasser und er lief frierend von Nsse in die Sonne, damit die Mutter nicht she,
da er im Wasser gewesen. Und da schien es ihm in der Sonne, als ob er selber
anfinge zu leuchten, und lebte drauen auer sich auf allen Blumen, die er
ansehe, auf allen bunten Steinen, die vor ihm glnzten, und das alles sah
knstlicher aus als alles, was Frchtegott ihm gebauet, und Frchtegott war ihm
auf immer ganz gleichgltig; und als er in der Sonne trocken geworden, ging er
zurck ins Schlo, wo noch alles schlief, legte sich in sein Bett, frhstckte
mit den andern, und sagte lange niemand davon.
    Die Historie hatte den Grafen wunderlich ergriffen; er war an manche kleine
Begebenheit seiner eigenen Jugend dabei erinnert worden; er ging zu Waller und
fragte ihn, der noch im Bette lag: wozu er den Knaben bestimme? Waller sagte,
da er ihn dem rechten Vater wieder zustellen wollte, so wie er seinen eignen
Sohn den Amtmannstchtern berlasse, die den Tag vorher die wunderliche
Geschichte mit ihm gehabt. Der Graf bat ihn, den Knaben doch diesen Sommer bei
ihm zu lassen, er scheine sich bei der Landwirtschaft zu gefallen. - - Es ist
ein Allerweltsjunge, sagte Waller, recht gerne, behalten Sie ihn, der gibt
sich mit allem ab; Sie sollten einmal sehen, ganze Pakete Gedichte, Tragdien
schmiert er zusammen, und ich kann Ihnen versichern, da ich manches darunter zu
meinem Gebrauche bearbeitet habe; denn alles hat freilich etwas sehr Unreifes,
Abgerissenes. - Die Annahme des Knaben war aber mit der Zustimmung Wallers noch
nicht ausgemacht; die Grfin war sehr dagegen, sie scheute die kleine Mhe der
Oberaufsicht; doch nach mancher Zrtlichkeit des Grafen gab sie endlich zgernd
nach.

                           Fnfundzwanzigstes Kapitel



                Waller und die tolle Ilse. Abenteuer einer Nacht

Waller hatte unterdessen sich mit den smtlichen Hausbewohnern bekannt gemacht,
und mit der tollen Ilse ein besondres Verstndnis erffnet. Ihr Wesen war ihm
neu und gehrte in die Reihe seiner inneren Abbildungen; er schien sie
unbegreiflich zu reizen durch die zierliche Art von Hofmachen, die ihr von
Knechten und Jgern und andern Hofleuten noch nicht geboten. Waller trieb so
etwas mit groer Hitze, als mte mit der untergehenden Sonne alles beendigt
sein, und wirklich brachte der sie auch in wenig Tagen so weit, da sie ihm eine
nchtliche Zusammenkunft gestatten wollte, insofern er eine schwere Gartenleiter
an ihr Giebelfenster legen knnte. Jede Stunde hatte er aufgeschrieben, wie weit
seine Liebschaft gediehen; bei dieser Aufforderung stand ein Seufzer und die
Worte: Das ist unmglich, die Leiter rcke ich kaum von der Stelle, viel
weniger kann ich sie aufheben und anlegen. Nach vielem Umhersinnen kam er auf
den Prediger Frank, der ihm ein weltlustiger Vogel geschienen, da er ihm diesen
kleinen Dienst leisten sollte. Gleich ging er hinber zu ihm, und Frank wute
sich gleich zu fassen, ging in alles ein, und versprach sich davon recht vielen
Spa. Heimlich machte er den Grafen mit seinem Auftrage bekannt, und verabredete
sich mit ihm. Abends gegen zwlfe stellte er sich vor Wallers Zimmer ein, der
ungeduldig schreibend seiner wartete. Er war vom Kopfe bis zu den Zehen
bewaffnet, im Stiefel hatte er einen Dolch versteckt, in jeder Rocktasche eine
Doppelpistole; sein Testament legte er versiegelt auf den Tisch, kte ein
Gemlde seiner Frau, ergriff seine Gitarre und ging in hchster Spannung
stillschweigend voraus, unserm Frank den Weg zu zeigen. Die Nacht war dunkel,
der dunkle Baumgarten nur durch sein Rauschen von dem stillen Himmel zu
unterscheiden. Bei dem unerwarteten Aufschrecken eines Vogels rief er einmal:
Haben Sie was gesagt? Und als ihm ein Kfer gegen die Backen flog: Wie war
das gemeint? - Alles ward still bis auf ein paar Frsche, die sich im Teiche
bei einer Serenade versptet hatten, und selbst diese gaben ihm Argwohn, da er
Lust bekam, seine Pistolen in das Wasser abzufeuern. Der Graf und die Grfin
saen in einer Laube versteckt, und lauerten auf Ilsens Fenster, das erleuchtet
war und durch zwei vorgesetzte kleine Pillenbume anzeigte, da sie ungestrt
des Liebhabers warte. Der Graf sang leise vor sich:

Lustig ist die Ilse,
Wenn ich sag, ich willse,
Lustig ist meine Ilse nicht,
Wenn ich sag, ich will sie nicht.

Welche sonderbare Lust liegt darin, einen andern in seiner Liebschaft zu
belauern! - Waller zog die Leiter mit des riesenhaften Predigers Hlfe glcklich
heran, lehnte sie an die Mauer und sang ganz schwach ohne Begleitung der
Gitarre:

Es schlug die Uhr,
Die Nacht war tief
Und alles schlief,
Gott Amor nur
Erwacht
Und lacht,
Und keinen strt,
Denn die ihn kennt,
Von Liebe brennt
Und ihn schon hrt
Beglckt
Entzckt.

Ilse gab ihr Zeichen: ein dreimaliges Klatschen der Hand. Waller stieg hinauf,
wobei seine Gitarre zuweilen gegen die Leiter klapperte, und Ilse bei dem ersten
Erscheinen die uerung entlockte, ob er etwa ein Kstchen mit Geschenken bei
sich trage. Doch hatte er wirklich ein artiges seidnes Halstuch seiner Frau in
der Tasche, das er ihr sehr zierlich berreichte. Frank und der Graf waren ihm
inzwischen nachgestiegen und sahen durch das Fenster, doch unbemerkt von den
beiden Liebenden, um bei jeder Unordnung zwischen zu treten. Diese Vorsicht war
unntig. Ilse hatte eine eigene Art ihre Zrtlichkeit auszudrcken; sie lachte
die Leute an, spottete ber sie und rgerte sich dann, wenn sie nicht verstanden
wurde. Wallern dagegen, sobald er sich erhitzte, fielen eine Menge schner
Lieder ein, die er auf allerlei Gedankenbilder verfertigt hatte; da brauchte er
oft nur blaue in braune Augen zu verwandeln, um alles parecht zu finden. Das
Feuer dieser Lieder durchdrang Ilsen, die tiefe Stimme, das leidenschaftliche
Wesen Wallers, die Zaubereien der Nacht ringsum, ergriffen ihr wunderliches
Gemt, sie kniete vor ihm, und drckte seine Beine an ihr Herz. Aber statt ihre
Umarmung zu erwidern, verschlang sich sein Lied immer knstlicher, immer neue
Reichtmer seines Innern erschlossen sich ihm, immer mehr Personen traten auf in
seinem Wechselgesange ber ihre Schnheit; das nahm kein Ende, die kalte
Nachtluft wehte durch das halboffene Fenster herein und Ilse, kalt wie Eis in
ihrer leichten Bedeckung nahm einen Mantel um, und setzte sich ihm gegenber, um
zu warten, bis das verfluchte Gesinge endlich ein Ende nhme. Nun schlo er sein
unendliches Lied, whrend dessen dem Grafen auf den schmalen Leitersprossen die
Fe fast erlahmten, mit den Worten:

Die leichten Tne,
Sie werden mir schwer,
So macht das Schne ...

Hier fiel sie ein:

Herzen so leer!
Ihre Finger brennen,
Mein Herz wird kalt,
Wir mssen uns trennen,
Sonst werd ich bald alt ...

Gleich fiel er ein:

Die Finger brennen,
Mein Herz so brennt,
Die Saiten zerklingen,
Mein Herz zerspringt.

Sie hielt den Mantel auf, um die Stcken seines Herzens aufzufangen, er aber war
entzckt ber ihr Einfallen, er hatte gar nicht geglaubt, da sie auch Verse
machen knne. Er verga darber seine ganze Liebesangelegenheit und erzhlte
Ilsen von nichts, als von einigen Liebesliedern vor den Fenstern, die er in sehr
glcklichen Nchten gedichtet. Sie machte ihm den Vorschlag, ob er die nicht vor
dem Fenster singen wollte, sie wrden sich dort viel besser als in der engen
Kammer ausnehmen. Er war gleich bereit und der Graf und Frank hatten kaum Zeit
von der Leiter zu kommen, als er schon hinunterkletterte, und gleich unten auf
seiner Gitarre vorspielte, und dann mit begeisterter Stimme einfiel:

Sieh, der Morgen scheidet laulich,
Was am Abend lieb und traulich,
Nur in meinem Herzen wallen
Noch der Liebe volle Gluten,
Meine Sehnsucht mu erschallen,
Wie ein Sturz der wilden Fluten,
Ob er jemals wird vernommen,
Ob ihn Liebchen je erhre!
Rastlos ist er fort geschwommen,
Trostlos nach dem hoffnungsleeren Meere.

Ilse sang oben, da es wohl der Graf, aber nicht der begeisterte Snger hrte:

Ach was gibt es fr Liebhaber,
Seht, bei jedem ist ein Aber,
Doch vor allem mu ich lachen
Meines ew'gen Musikanten,
Ewig will er Flammen fachen,
Die mich doch schon lange brannten,
Und wenn mir das Herz will springen
Von den zrtlichsten Gefhlen,
Tut er nichts als klingen, singen,
Und mit zrtlichen Gefhlen spielen.

Waller hatte unterdessen ruhig fortgesungen:

Nein die Liebe ist zu luftig,
Zwischen Erd und Himmel duftig,
Lohnt sie Schmetterling im Garten;
In den Zimmern, in den Betten
Lohnet sie wohl nie die Zarten,
Leget sie wohl nur in Ketten,
Aber in der Zither Klngen,
Fhl des Herzens ses Leben,
Fhl des Busens zartes Drngen,
Und des nahen Atems schwebend Leben.

Hierauf antwortete die tolle Ilse ganz laut:

Wr ich deine Zithersaite,
Fhlte ich wohl manche Freude,
Doch was kannst du mir gewhren,
Willst du immer dich nur hren?
Hr, ich wrde mich verzehren,
Wrde ich dich nimmer stren;
Hr, wer irgend eiferschtig
Und vor jedem Mann erschrocken,
Dem wrst du zum Wchter tchtig,
Hrt an deinem Hals der Glocke Locken.

Bei diesen Worten schlug sie das Fenster zu; vergebens stieg Waller wieder die
Leiter hinauf und sang ihr vergebens, als sie ihn gegen die Scheiben gelehnt
auslachte:

Mein Liebchen hinterm Pillenbaum
Versteckt ihr liebreich Angesicht
Mit ihren beiden Hnden,
So meinte sie, sie sh mich nicht,
Und sieht mich durch die Finger kaum,
Und trg mich doch gern auf beiden Hnden.

Aber er tuschte sich, sie sah ihn an, machte ihm ein Kompliment, putzte das
Licht aus, und er mute ganz mimtig die Leiter herabsteigen. Ohne an Frank zu
denken, ging er im Dunkel rgerlich vor sich hin, und machte einzelne rasche
Griffe auf seiner Gitarre; er war mit sich beschftigt, wie er dies verkehrte
Abenteuer sich selbst am vorteilhaftesten erzhlen knne; so geriet er in die
Nhe einer Windmhle, die der Mller eben zur vorzeitigen Tagesarbeit in dem
frischen Winde loslie. Der erste Flgel, der sich ihm nahete, schlug ihm die
Gitarre aus der Hand in tausend Stcke; vielleicht htte er wie Don Quichote
seine Pistolen gegen diesen unbekannten Feind gebraucht, wenn nicht das Klappern
im Innern ihm sogleich mit dessen Beschaffenheit und guter Position bekannt
gemacht htte. Vielmehr sang er jetzt unter Begleitung der sausenden feindlichen
Flgel jammervoll klglich, hinblickend nach Ilsens Fenster:

Wenn ich zurck im Fenster wre!
Ja wre!
Hier unten ziehet Wind und Regen,
Mach auf, mach auf und sprich den Segen,
Bin drauen bei der Windmhl,
Wo der Mller mahlt,
Wenn der Wind geht.

Ach wr ich heut nur klug gewesen,
Gewesen!
Ich htte dich in Arm genommen,
So stnd ich nicht so ganz verklommen,
Hier drauen bei der Windmhl,
Wo der Mller mahlt,
Wenn der Wind geht.

Wenn ich in deinem Herzen stnde,
Elende!
Du wrdest nicht das Licht ausmachen,
Und durch die Fensterladen lachen,
Und mich hier stehen lassen,
Wo die Zither springt,
Und die Zhne klappern.

Bei diesen Worten, die der volle aufgehende Mond hell beschien, nahten sich
Frank, der Graf und die Grfin mit unwiderstehlichem Lachen dem frierenden
Dichter. Er wollte sich erst bse stellen, aber das Lachen war ansteckend, er
geriet in den Lachkrampf hinein, und so ganz hinein, da er flehentlich um
Schonung bat; die Trnen liefen hufiger aus seinen Augen, wie bei dem grten
Unglcke; er hielt sich den Leib, und der Mller kuckte neugierig mit weier
Mtze zu seinem Fensterchen auf sie herab. Jetzt hat der Mller das meiste in
der Mhle, sagte Waller, und lachte wieder, denn sein Kopf ist doch weniger
als sein briger Krper! Der Mller fing an, darber zu lachen, die Hunde
schlugen an in der Gegend, die Bauern meinten, es wren vielleicht Diebe
irgendwo eingebrochen, und standen auf; da ward in vielen Husern Licht
angeschlagen, die Kinder erwachten und schrien, aber unsre Gesellschaft lachte
noch immer fort. Unerwartet hrten sie ein Schreien mehrerer Stimmen vom
Schlosse her: Diebe, Diebe, haltet sie! Gleich darauf fielen ein paar Schsse;
verwundert sahen sich unsre lustigen Leute an. Frank sagte, da Waller
Doppelpistolen in der Tasche trage, der Graf entri ihm eine und eilte voran der
Gegend zu, woher das Geschrei gekommen. Er begegnete dreien Mnnern, grn
gekleidet, die zu entkommen suchten, sie hatten durch ihre gezogenen
Hirschfnger ein paar verfolgende Bediente in einige Entfernung gehalten. Der
Graf trat unter sie, und drohte sie zu erschieen, wenn sie nicht gleich ihre
Hirschfnger und Pistolen wegwrfen. Der unerwartete sehr entschiedene Feind
strzte ihren letzten Mut; sie warfen ihre Waffen von sich und der eine der drei
Mnner machte sich als der hliche Baron namenkundig, und ward dafr erkannt;
seine Begleiter waren der Prinzenhofmeister und der Schweizer. Der Baron gebot
seinen Begleitern Stillschweigen, und erflehete demtig vom Grafen eine geheime
Unterhaltung. Frank und Waller, die inzwischen mit Bedienten und Knechten des
Schlosses helfend herbei geeilt, widerrieten ihm sehr dieses Zutrauen; doch der
Graf entschied sich nach seiner Art, ihn anzuhren. - Der Baron ging funfzig
Schritte mit ihm fort, dort fiel er vor dem Grafen auf die Kniee, bat ihn um
Schonung wegen der beiden armen Leute, die er fast gewaltsam zu diesem
Unternehmen gebracht; eine wtende Leidenschaft zur Grfin habe ihn seit ihrem
ersten Anblicke gefoltert, aber auch ihn habe er immer geliebt. Als er neulich
die Grfin beleidigt, das sei Folge dieser Leidenschaft gewesen, die sie niemals
in ihm erkannt, niemals aufgemuntert, der Schmerz habe ihm die harten Worte
erpret; er habe nicht von ihr lassen knnen, sei wiedergekehrt zu ihr, doch als
ihn der Graf neulich so hart fortgewiesen, da habe er beschlossen, die Grfin
durch gewaltsame Entfhrung sich anzueignen. Die tolle Ilse habe ihn von allem
benachrichtiget, sie habe durch Behorchen gewut, da der Graf um ihren
Liebeshandel mit Waller wisse, da er dabei gegenwrtig sein wrde, da dann in
jedem Falle, was sich auch ereigne, alle Aufmerksamkeit von dem anderen Flgel
des Schlosses, wo die Grfin schliefe, abgeleitet sei. Unmglich htte sie und
er vermuten knnen, da die Grfin bei ihren Umstnden, in so kalter Nacht, ein
solches Abenteuer mit anzuschauen Lust haben knne; er habe sie in ihrem
Schlafzimmer allein geglaubt, und sei von der andern Seite mit seinen beiden
Leuten durch ein von Ilsen offen gelassenes Fenster eingestiegen, habe aber
alles leer gefunden und sei auf dem Rckzuge von einem erwachten Bedienten
entdeckt, und verfolgt worden. Der Graf segnete whrend dieser Erzhlung, die
der Baron viel gestrter und umstndlicher ablegte, den Vorwitz und die
Unvorsichtigkeit seiner Frau, der ihn eigentlich gekrnkt hatte, bei dem
wunderlichen Abenteuer selbst gegenwrtig sein zu wollen; sie hatte dadurch
ahndend viel Not erspart. - Nach kurzem, bald entschiednen Nachdenken antwortete
er dem Baron bestimmt, da er nur in dem einen Falle ihm die gerichtliche Strafe
seines Bruchs der ffentlichen Sicherheit schenke, wenn er sein knftiges Leben
ganz dem ffentlichen Wohle widmete; er kenne ihn, da er sich als Offizier in
fremden Diensten ausgezeichnet; er mchte daher jetzt beim Wiederausbrechen des
Krieges die deutsche Sache mit seinem Blut verteidigen. Der Baron schwor ihm,
diese Strafe sei so schn, da sie fast eine Wohltat zu nennen; er fhre doch in
der Einsamkeit des Landes ein unertrglich langweiliges Leben und eine ttige
nderung sei ihm wegen seiner trichten Leidenschaft dringend notwendig. - Nun
wohl, sagte der Graf, Sie sind zu Hause in meiner Gewalt, wie hier, denn mein
Begleiter, der Prediger Frank hat Sie erkannt; gehen Sie nach Hause mit den
Ihren, und kommen Sie zum Mittag zu mir, wo ich Ihnen einige Briefe an einen
General meiner Bekanntschaft mitgeben will.
    Frank und Waller waren hchlich verwundert, als die beiden andern Gefangenen
vom Grafen losgemacht und ohne Strafe fortgesendet wurden; alle drei entfernten
sich stummeilig, als wrden sie noch verfolgt. Der Graf sprach kein Wort
darber, als da er alles blo fr ein verletztes Jagdrecht ausgab; einem Jger
gab er heimlich Befehl das Zimmer der tollen Ilse zu bewachen. Man drang nicht
weiter mit Fragen in ihn, selbst die Grfin beruhigte sich, denn alle waren so
mde, so erschpft von den verschiedenen Gemtsbewegungen, da der Schlaf in
seine Rechte eintrat, die er bis zum Mittage behauptete. Merkwrdig war es dem
Grafen, als er sich angekleidet hatte, und nach der tollen Ilse fragte, sie
nirgend entdecken zu knnen, ungeachtet der Jger sehr gute Wache gehalten. Das
listige Geschpf hatte gleich in der Nacht an dem ganzen Verlaufe der Geschichte
bemerkt, da sie wahrscheinlich verraten sei, und war noch whrend der Unruhe
entwichen, wahrscheinlich die Liebesleiter hinuntersteigend, dicht neben denen
Leuten vorbei, die alle mit den Gefangenen ganz beschftigt waren. Nachher besah
er die Art, wie der Baron in das Schlo gekommen, wo Ilse ein Fenster, statt es
zu schlieen blo angelegt hatte. Nun wollte er auch die Doppelpistole
versuchen, die ihm drohend so gute Dienste geleistet, aber wie verwunderte er
sich, als das Pulver ohne Schu von beiden Pfannen brannte, ungeachtet sie sehr
stark geladen. Er zog den Schu aus und fand, da Waller in seiner gewohnten
Unordnung, die eigentlich verbunden mit Verhren, bersehen und einer
grenzenlosen Unbescheidenheit das Fundament seines Witzes ausmachte, die
Papierpfropfen vor das Pulver eingeladen. Und mit dieser unbrauchbaren Ladung
hatte er drei wohlbewaffnete Mnner gefangen! So geht es aber im kleinen, wie im
groen Kriege, Zutrauen und Unternehmung besiegen meist berlegene Zahl und
Waffen.
    Als die Grfin aufgestanden war, erzhlte er ihr ausfhrlich das ganze
Bekenntnis des Barons, bewunderte ihre geheime Vorahndung, die sie mit in den
Garten getrieben, und machte sie fast stolz mit den reichen Artigkeiten, wozu
seine Liebe nur Gelegenheiten suchte, um sich ganz ungemessen ber sie zu
ergieen. Glaub mir nur immer, sagte sie, wo ich auf etwas bestehe, habe ich
sicher meinen geheimen Grund; so wute ich recht gut, da mich der Baron liebte,
jede Frau wei das einem Manne abzusehen; so kannte ich recht gut seinen
gefhrlichen Charakter und drang damals so ernsthaft in dich, seiner im
Zweikampfe nicht zu schonen. Noch immer frchte ich, da er zum Mittagessen
entweder nicht erscheint, oder eine geheime Bosheit ausfhrt!

                          Sechsundzwanzigstes Kapitel



      Der hliche Baron, Nudelhuber, Kirre und Waller ziehen in den Krieg

Es schlug und lutete zum Mittagsessen und es fuhr ein Reisewagen ins Schlo,
aus welchem der Baron in alter Uniform mit seinen beiden lcherlichen Begleitern
ausstieg; auch Waller wurde sichtbar, doch mit geborstenen Lippen, die ihm das
Lachen nicht erlaubten, und zu gleicher Zeit sprengte Frank auf seinem
Filialklepper herbei. Als die ganze sonderbare Gesellschaft beisammen, bat der
Baron noch einmal den Grafen und die Grfin wegen seines Frevels um Verzeihung,
wobei die lcherlichen Begleiter schweigend die Gebrden nachahmten; er zeigte
ihnen in der bereits angetretenen Reise die Erfllung seines Versprechens zu
einem ttigen Leben berzugehen. Alle verziehen, doch wurden ihm manche Fragen
noch ber seine sonderbare Bildung vorgelegt. Von meiner hlichen Bildung,
sagte er, kommt alles; Liebe zu erwecken, schien mir von frhester Kindheit
unmglich, weil mich die eigene Mutter mit Abscheu anlachte, mit meinem Grinsen
Possen trieb und mich dann im Ekel von sich warf. Ich suchte also den Leuten
bedeutend zu werden, indem ich mich in aller andern Art, nur nicht im Guten,
auszuzeichnen suchte; unzhlige Schlge und Krnkungen machten mich noch hrter
und trotziger, und was anfangs nur ein willkrlicher Versuch war, mich geltend
zu machen, das wurde bald meine andre Natur und meine einzige. Htte ich ein
glattes Gesicht behalten, wie der Graf, ich glaube auch, da ich zu allem
Gromtigen aufgelegt gewesen und geblieben wre; und punktierte, tatowierte,
bemalte und kerbte man sich hier wie bei den Wilden, so htte ich ausgesehen wie
alle andern und wre auch ein edler Mensch; die Schnheit macht aber alles
Unglck der Welt. - Dieser widrige Mensch entzckte Wallern; vielleicht mochte
auch die Krnkung der vorigen Nacht, vom Grafen heimlich beobachtet zu sein,
nachwirken; genug, er beschlo den Baron zu begleiten, der mit rechtem Behagen
seine Sammlung noch um eine wunderliche Menschenspezies vermehrte. Waller
sendete gleich seinen Sohn Alonso mit einem freundlichen Briefe an die
Amtmannstchter, beschwor sie bei der Liebe, die sie zu seiner Frau getragen,
bei der reinen Segnung, die ihnen aus dem Himmel dieses reinen Engels
herabstrahlen werde, der Erziehung dieses Kindes alle Sorgfalt zu weihen, es sei
gut geartet und werde ihnen im Gedeihen reichlich lohnen. Traugott berlie er
dem Grafen, doch wagte er ihm nicht mndlich Ermahnungen zu geben, sie htten
sonst allesamt in den Lachkrampf, wie in der Nacht bei der Mhle zurckfallen
knnen. Nun suchte er sich im Hause zusammen, was er auf der Reise brauchen
knnte; statt des Weibersattels seiner Frau legte er dem Pferde einen Sattel des
Grafen auf, packte aber alle seine Sachen in Tcher gebunden nicht auf das
Pferd, sondern in den Wagen des Barons; die beiden Ziegen verkaufte er dem
Grafen, der sie ihm vielfach teurer bezahlte, als sie wert waren. Nachher setzte
er sich zuerst in den Wagen und lie sein Reitpferd anbinden, darber verga er
den Abschied; der Baron schied mit der ersten Rhrung seines Lebens und setzte
sich still neben ihn; der Schweizer folgte ihm mit der Versicherung, es wren
doch liebe, liebe Leute, der Graf habe ihm ein paar Kupferstiche gut bezahlt.
Wie erschrak aber der gute Malm, als er seinen Sitz mit den Sachen Wallers
besetzt fand; ohne Anfrage warf er alles zum Wagen hinaus. Waller fiel ber ihn
her, aber jener drckte ihn als der Strkere zusammen; der Prinzenhofmeister
stieg ein mit einem feinen spottenden Blicke ber dies Ereignis; der Baron rief:
Fahr zu! und in wenigen Augenblicken waren sie entrollt und der Staub senkte
sich stille hinter ihnen. Die sogenannten Sachen des Dichters bestanden aber
eigentlich nur in einer Masse einzelner Papiere in Tcher gebunden wie alte
Wsche; die Tcher hatten sich gelst und die Bltter flogen im Winde umher. Der
Graf schickte alle seine Leute auf diese Schmetterlingsjagd, sie zu erfassen,
aber dieser Ephemeren waren zu viele und eine so innere Flchtigkeit in allen,
da immer zehne wieder entflogen, whrend eines dieser Papiere eingefangen
wurde. Noch am andern Morgen fanden die Dorfkinder am Rande des Baches einzelne
Bltter, in denen der Geistliche die herrlichsten Sapphischen Oden und groe
Stcke aus einem kleinen epischen Gedichte ber das Weltmeer entdeckte, und
dieser brachte den Grafen, der gerade den Knopf der neuerbauten Kirche aufsetzen
wollte, auf den Gedanken, neben tausend besseren Denkmlern auch alle diese
Papiere in der groen kupfernen Kugel, dicht verltet, in die hheren Regionen
erheben zu lassen, da sie als ein Zeugnis der kommenden Welt dienten, wie weit
es unsre Zeit gebracht habe.

                          Siebenundzwanzigstes Kapitel



                                   Kirchweihe

Eine feierliche Kirchweihe mit allen den geheimnisvollen Gebruchen, die der
katholische Glaube gestattet, den Rucherungen, Weihungen und Austreibungen,
welche eine ganze Nacht bei verschlossenen Tren in ihr festgesetzt werden,
beschftigte, sehr verschieden von der vorhergehenden, die nchste Nacht; da
dann der Morgen die Kirche mit Grn und Blumen herrlich geschmckt, von
Weihrauch duftend, von unzhligen Lampen erhellt, der Geistliche das
Allerheiligste in der Hand, der staunend niederstrzenden Menge erffnete.
Nachher hallten die Chre des Grafen einen abwechselnden Gesang, der bei jedem
Kirchweihfeste in alle Zeit, so weit des Menschen Wille reicht, wiederholt
werden sollte. Die Grfin fand diese Gebruche sehr abgeschmackt, ob sie gleich
davon ergriffen wurde; der Graf, der an der Anordnung mit wahrer Liebe
gearbeitet, konnte ihr nichts antworten, als da alle Speisen nicht mehr
schmeckten, wenn man ihrer genugsam gegessen, wer sie aber genossen, solle
dankbar sein dem Geber aller Dinge, denn so stehe im Vaterunser.

                           Achtundzwanzigstes Kapitel



                                   Die Ernte

Die Ernte, die bei schnem trockenen Wetter glcklich angefangen wurde,
beschftigte den Grafen mehrere Wochen ausschlielich, er selbst war gern den
ersten Tag eine Stunde lang Vormher, seine Kraft und seine Kenntnis und seine
Wertschtzung des Geschftes ffentlich zu beweisen. Wie berfllt mich so
liebe vieljhrige Erinnerung, sagte er, denk ich der Ernte, wie ich als Kind
schon die schweren Garben zusammen zu tragen suchte, und sie doch hinter mir
herzog, wie ich dann, alles mit durchspielend, mich zu dem Bierfasse setzte und
einen Schluck des Getrnkes jauchzend leerte, und mir ein kleines Mdchen
aufsuchte, da sie mir einen Strau mit Silberband schenkte, da auch ich
geschmckt wie jeder Mher einherziehen knnte; wie ich dann so frh aufwachte,
so gerne ich sonst schlief. Wahrlich, die Kindheit aller Menschen gehrt aufs
Land, kein Mensch sollte seine frheren Jahre in der Stadtmauer zubringen! So
rief der Graf einmal heimkehrend seiner Dolores zu, der die Anstrengung bei
diesen sogenannten Freuden, so verhat war, da sie nicht gern den Ernteleuten
begegnete, und sie spottend Feldscherer nannte; diesmal kam hinzu, da der Graf
sehr beschmutzt heimkehrte, auch in der Ermdung dies wenig bemerkte oder
verbesserte, dazu endlich die Hitze, welche Tage und Nchte mit Feuer und
schreckhaften Gewittern fllte; genug, diese hocherwnschte Zeit war ihr zum
Verzweifeln verhat, und sie antwortete ihm statt der Beistimmung mit der Bitte,
sich zu waschen und umzukleiden, es wre sonst in seiner Nhe nicht auszuhalten.
- Der Graf besah Hnde und Stiefeln und fand, da sie recht hatte; aber die
Erinnerung kam so wunderbar in seine Erinnerungen eingekeilt, da er sich eines
kleinen Ausrufs: Wie gehrt das hierher? nicht erwehren konnte. berhaupt sei
jedermann vorsichtig in einem geliebten Umgange gegen irgend etwas einen Ekel
auszudrcken; ist es auch etwas Vorbergehendes, was weggeschafft werden kann,
es ist doch eine Strung im Vertrauen, einem geliebten Wesen auch nur fr einen
Moment ekelhaft gewesen zu sein. Darum ehre ich auch die Gesinnung mancher
Mtter, die ihren Widerwillen gegen manche unvermeidliche Unreinlichkeiten der
Kinder mit einer freundlichen Ergebung, ja selbst mit einer Art Ehrgefhl,
dulden, als sei diese Duldung eine reizende Pflicht. Was aber den Grafen mehr
als jene eigne Krnkung beunruhigte, war der Widerwille seiner Dolores dem
kleinen Traugott, der nach dem Tode der Mutter immer krnkelte, beizustehen;
keine Viertelstunde konnte sie es in seinem Krankenzimmer aushalten, und doch
hatte das schne Kind, wie dies hufig gefunden wird, durch diese krankhafte
eine ernste Beziehung auf sich, eine vorreife sehr berraschende Geistesbildung
erhalten, so da man oft glaubte, es spreche nach, wo es tief aus sich gedacht
hatte. Der Kleine litt an einem unregelmigen kalten Fieber; trat nun der Frost
ein, so suchte er die sonnigen Stellen sich auf, wo er ihn ungestrt berstehen
konnte. Der Graf hatte vergebens seine Frau gebeten, sie mchte doch hindern,
da der Knabe sich nicht auf feuchte Erde lege, sondern ihm eine Matratze oder
einen Stuhl nachtragen lassen; die Grfin verga es, sich darum zu bekmmern,
und der Kleine mochte niemand bemhen. Er schlich ganz heimlich fort und da ihn
niemand auf dem Kirchhofe suchte und der Rasen dort voll Blumen aller Art und
sehr weich war, so hatte er dort schon mehrmals sein Fieberlager gehalten, als
er auch einmal zufllig auf dem Grabe seiner Mutter einschlief. Nun trumte ihm
wunderbar whrend der Fieberhitze, da er nach einer Blume greife, die er fr
herrlich halte, weil sie in Gelb glhete, da er sie nach kindischer Art essen
wolle: denn so versuchen die Kinder alles, was ihnen gefllt; da aber die
Mutter, ganz wie er sie in den letzten Stunden gesehen, die Blume ihm entreie,
und er darber weine. Er wachte von diesem Weinen auf, und sah, da er in seinen
Hnden eine gelbliche Blume trug, die er in der Fieberschwrmerei abgepflckt.
Aus Verwunderung darber brachte er sie nach Hause und zeigte sie dem Grafen,
der eben von der Aufsicht ber die Ernte heimkehrte. Der Graf erkannte sie bei
den ersten Blicken fr Belladonna, und ri sie ngstlich dem Kleinen weg mit der
Frage, ob er auch noch nicht davon genossen, sie sei sehr giftig, heie Schne
Frau, nur den tollen Hundsbi heile sie zuweilen. Der Kleine wurde verwundert
und noch blsser, als er war, und der Graf meinte schon, da seine Besorgnis
leider gegrndet, als er ihm sehr feierlich seinen Fehler bekannte, gegen sein
Verbot auf dem feuchten Erdboden geschlafen zu haben, und dann erzhlte er ihm
den wunderbaren Traum auf der Mutter Grabe und meinte ganz fest, die Mutter lebe
noch. Der Graf nahm den Kleinen mit Liebe in seine Arme und trug ihn
schmeichelnd auf sein Zimmer, es war ihm wie bei etwas Wunderbarem zu Mute, wo
niemand wei, was zu tun, wo jeder staunt, unwissend wohin es deute; denn wo so
verschlossene Wege sich ffnen, warum soll der Mensch da die gewhnlichen des
Lebens weiter gehen. Seit diesem Tage bemerkte er an dem Kleinen ein eignes
Vergngen den Leuten im Hause das Zuknftige zu sagen; er lie sich die Hnde
zeigen und wute ihnen so ins Herz zu reden, da sie vor ihm erbebten. Auch die
Grfin hielt ihm die Hand einmal hin, aber der Kleine hatte mit dem Kopfe
geschttelt und nichts sprechen wollen. Kleine Begebenheiten trafen wirklich ein
und der Glaube an ihn vermehrte sich im Dorfe so gewaltig, da selbst des Grafen
Ansehen, wenn er auch den Willen dazu gehabt, den Zulauf nicht gehemmt htte.
Unsre Bcher schweigen von dem geheimen Volksglauben, weil die lesenden Stnde
ihn aufgegeben haben; die nichtlesenden wissen von Thomasius nichts und es
vergeht ihnen kaum eine merkwrdige Zeit ohne geglaubte auerordentliche
Einwirkung der hheren Krfte und Erscheinungen, die den Dichtern als eine
unterhaltende Tuschung verziehen werden, deren sich aber die Historiker,
ungetreu allen ihren Grundstzen ber die Benutzung der Quellen, immerdar noch
schmen. Ich erzhle, wie ich die Geschichte empfangen, einzig besorgt, sie
nicht zu entstellen. Alonso, der Bruder des kleinen Traugott, kam von Zeit zu
Zeit seinen Bruder zu besuchen, aber ihr sonstiges Spiel hatte sich in einen
Austausch von Zrtlichkeit und Ehrfurcht aufgelst; Alonso wagte es nicht mehr
mit ihm zu spielen, und Traugott fhrte ihn mit Trnen an seiner Mutter Grab, wo
er ihm von einer Blume erzhlte, die nicht giftig wre und doch gelb, zu der die
Sonne wie ein Staub tglich neu fliege und falle, sie schwimme wie eine
Wasserlilie auf dem Meere. Wenn Alonso nun fragte, woher er das wisse, so sagte
Traugott, die Mutter habe es ihm gesagt. Und wenn er ihn fragte, ob er wohl ein
Verlangen nach der Blume habe? Ei Gott nein, antwortete er, zu der bin ich
noch lange nicht reif, vor der mte ich ganz und gar vergehen!
    Der Prediger Frank interessierte sich lebhaft fr Traugott; er wollte ihn
immer beobachten, aber der Kleine verschlo sich vor ihm wie das Nolimetangere
vor jeder unkeuschen Berhrung; ja seine Nhe machte dem Kleinen physischen
Schmerz. Der Arzt des Fruleinstifts, der berhmteste der Gegend, kam einen Tag
um den andern, a bei dem Grafen, ging einen Augenblick zu Traugott, fhlte den
Puls, besah die Zunge, und versicherte, er sei sehr zufrieden, es werde bald
ganz gut werden. - Eines Tages sagte der Knabe, er werde seinen Vater bald
sehen, und wirklich kam Waller den Nachmittag aufs Schlo geritten und brachte
der Grfin einen prchtigen, mit einem Helmgefe in Bronze verzierten
Krassierdegen, den der hliche Baron in einem der ersten Gefechte erbeutet.
Seine Beschreibungen von der Armee waren sehr lcherlich; er hielt sie fr eine
groe Fuchtelmaschine und erzhlte, wie der Schweizer vor den Gefechten so herum
schleiche und heimlich seine heiligen Bilder mit Segenssprchen zu hohen Preisen
absetze, und wie der Prinzenhofmeister nach der Schlacht unter dem Schutze des
Barons eine groe Pharaobank aufgeschlagen, um den Rest des Geldes an sich zu
reien. Alle Taschen hatte er mit lustigen Soldatenliedern gefllt, und im Lager
hatte er ein groes Puppenspiel gehalten, worin er sich ber alle kommandierende
Feldherren unter vernderten Namen aufgehalten. Keine Art von Menschen, rief
er, hat mehr Sinn fr echt lebendige Kunst als gemeine Soldaten, keine so wenig
Sinn und Urteil als Offiziere; ihr bichen Taktik und ihre steifstellige Ehre
und ihr schiefer Hut hindern sie einem Spa gerade in die Augen zu sehen; sie
mchten gern recht vornehm fhlen, und da schmen sie sich mit den Soldaten zu
lachen, wo sie es nicht kommandiert haben. - Nach seinen Kindern hatte er
weiter kein Verlangen, aber wohl nach seinen Werken, die damals so schnde aus
dem Wagen geworfen. Welcher Schrecken, als ihm der Graf den hohen Turmknopf als
ihren gegenwrtigen Ehrensitz zeigte, und ihn fragte, ob er Lust htte sich da
hinaufziehen zu lassen, um die Kugel aufzumachen, und nachzusuchen. Er warf sich
schwindelnd an die Erde und glaubte schon oben zu stehen, so stark trieb ihn die
Versuchung dahin, er schwor, da er hinauf msse, und koste es ihm das Leben.
Vergebens stellte ihm der Graf die knftige Unsterblichkeit vor, wenn nach
mehreren Jahrhunderten der Kirchenknopf erffnet wrde, vielleicht bliebe er
dann allein noch brig von allen Dichtern; er wollte den Ruhm in seiner Zeit und
es mute alles angeordnet werden, um die Kugel wieder zu erffnen. Sehr
beschftigt mit diesem Gedanken, bat er sich zu seiner Strkung ein neues
Getrnk aus, das allen im Schlosse noch gnzlich unbekannt war, er nannte es
einen Brenner und bereitete es selbst. In eine groe breite, nicht allzu tiefe
Porzellanschale go er mehrere Flaschen Rum und drckte ein paar Zitronen
hinein, dann legte er zwei Degen quer ber und auf die Degen groe Stcken
Zucker; nun bat er die Grfin die Flssigkeit mit einem seiner Gedichte
anzuznden. Als die Flamme blau aufloderte, lschte er die Lichter aus, und bald
erschienen die Menschen umher wie Geister, nmlich so wie Geister gewhnlich
gedacht werden, farbelos und unbestimmt. Waller durchkreuzte die Luft mit
frchterlichen Beschwrungen, und schrieb Charaktere auf den Boden; jetzt
flammte das rtlich gelbe Feuer des Zuckers auf und indem die Grfin schauderte
- sagte Waller, da alles beendigt, und die Loge geschlossen sei, zndete die
Lichter wieder an, blies das geistige Feuer aus, und schenkte rings die Glser
voll. Alle schworen, dies Getrnk sei die hchste Erfindung, keiner kannte
dessen mchtig berauschende Kraft; auch die Grfin trank ihr Glas, eigentlich
mehr, als ihr gut war. Es ist ungemein reizend, eine schne Frau sich selber
unbewut von fremder irdischer Kraft hher belebt zu sehen; nur die reine
Begeisterung von oben kann noch lieblichere Bewegung und Deutung in ein Gesicht
bringen. Der Graf konnte sich nicht satt sehen an der Geliebten; kein Schauspiel
hatte ihn je so angezogen als diese schne Beweglichkeit, der Glanz der Augen,
das Hingeben des ganzen Wesens. Da Waller bemerkte, da niemand seiner achte,
stimmte er ein lautes Soldatenlied an, das er krzlich auf den Brenner gesungen
hatte:

Der Mantel ist mein lustig Haus,
Drin ist gewlbt ein Keller,
Da gibt es manchen schnen Schmaus,
Da geht es stets herein, heraus,
Und kostet keinen Heller.

Ein Ofen ist in diesem Haus,
Das ist die Tabakspfeife,
Die macht mir Wlklein wei und kraus,
Es scheint recht wie ein Blumenstrau,
Weg ist's, wenn ich nach greife.

Der Brenner ist des Teufels Kost,
Mit Feuer ich ihn locke,
Und fr den einzigen Hllentrost
Er alle Feinde niederstot,
Zu Dutzend und im Schocke.

Mein Pferdchen, das mit Sprngen trabt,
Hab ich durch ihn erbeutet,
Wie es mir nun das Herze labt,
Als htt ich es zum Thron gehabt,
Wenn es die Mhne breitet.

Es ist ein groer Federkrieg
In aller Welt entstanden,
Die hohe Feder wallt zum Sieg
So weit mein Schwert reicht, alles liegt,
Als wchs es auf dem Sande.

Wir sitzen ab im Stdtlein drin,
Die Brgermdchen schauen,
Die erste fa ich an das Kinn,
Die zweite sieht, da ich es bin,
Und tut mich lieblich hauen.

Ich la mir ein klein Zettelein
Von ihrem Ratsherrn schmieren,
Dafr lt mich ein jeder ein,
Und bringt mir gleich den Krug mit Wein,
Ich und mein Pferd regieren.

Das Mdchen fhrt uns in den Stall,
Im Stall, da ist es dunkel,
Da leuchtet dann ihr Aug zumal
Wie Sonne ber Berg und Tal,
Mit lieblichem Gefunkel.

Das schne Kind klatscht mir mein Pferd,
Mcht ihm zu fressen geben.
Nur glhe Kohlen frit mein Pferd,
Die Augen dein, die sind der Herd;
Dir ist es ganz ergeben.

Wer das Kommibrot hat erdacht,
Das war ein guter Reiter,
Das steht uns frei bei Tag und Nacht,
Mein Pferdchen es auch nicht veracht,
Es macht uns fest und heiter.

Whrend dieses wilden Liedes, das Waller mit allerlei Gebrden akkompagnierte,
war der Grfin, deren Blut sehr bewegt war, so angst geworden vor ihm, da sie
sich furchtsam an den Grafen drckte und endlich fort lief, der Graf ihr
nachging, und so blieb Waller ganz allein und trank ruhig bis zum letzten
Tropfen alles rein aus. Dann seufzte er und ging zu dem Bette des kranken
Traugott, aber statt dessen Leiden mit Liebe und Trost zu mildern, klagte er ihm
sein Unglck mit den Papieren. Der Kleine fate ihn an und sagte, da er alles
lesen knne, was im Kirchenknopfe liege; Waller schimpfte ihn aus, aber er fing
an herzusagen, und sagte dem Vater ganze Stcke, die er niemals vorgelesen
hatte. Waller nahm diese geheimnisvolle Verbindung ganz ohne Nachdenken auf,
holte Papier und Feder, und lie sich alles wieder diktieren, wovon er keine
Abschrift genommen hatte, bildete am Morgen, als alles fertig war, der Grfin
ein, er sei in der Nacht als Nachtwandler hinaufgestiegen und habe die Papiere,
die ihm wert, abgeschrieben, und so ritt er ohne Abschied oder Dank von dem
Kleinen fort in die weite Welt. Die Grfin, die nachher von Traugott den
Zusammenhang erfuhr, erklrte sich alles aus einem glcklichen Gedchtnisse des
Kindes, das dem Vater sonst zugehrt, wenn er seine Verse laut nachskandierte,
wie das immer seine Gewohnheit war.
    Eine Stunde hatte Waller in dem Zimmer seiner verstorbenen Frau zugebracht,
das der Graf, wie wir wissen, unverndert gelassen; wie sie an einer kleinen
Staffelei in Rtel die Gegend halb aufgezeichnet hatte, so lag noch die
Zeichnung, der Rtel, selbst die Semmelkrumen, mit denen sie einiges
ausgerieben. Wir erinnern dies, weil es zum Verstndnisse eines Liedes
notwendig, das der Graf und die Grfin, einige Tage nach dieser letzten Abreise
Wallers, von ihm in eine Glasscheibe mit einem Demanten eingekratzt fanden:

Lichte Streifen von dem Himmel
Leicht zur Erde niederwallen;
Will das Licht die Saiten stimmen?
Will ein Regen niederfallen?
Eilend ist meine Streiferei,
Wo das Paradies wohl sei.

Viele dichte Dornenhecken
Sollen es der Welt verschlieen,
Tausend Vgel drinnen stecken,
Tausend Bche rauschend flieen;
Eilend ist meine Streiferei,
Wo das Paradies wohl sei.

Wie viel tausend rote Blicke
In dem grnen Klee hier winken,
Winkt ihr mir zu meinem Glcke,
Blumen, die im Grn ertrinken?
Endet hier meine Streiferei,
Wo das Paradies wohl sei?

Zwei Kaninchen auf zwei Beinen
Sitzen da an einem Blatte,
Whrend sie's zu fressen scheinen,
Sie sich recht geksset hatten;
Liebet ihr euch im Ehestand,
Nehmet mich auf in dem sel'gen Land.

Mit den Kaninchen sind wir gemeint, sagte die Grfin.

Freundlich mich die beiden laden,
Doch sie beide mein vergessen,
Und was knnt ich ihnen schaden,
Wre ich auch zu vermessen;
Gndig sind wohl die Grafen hier,
Aber die Liebe ward nicht mir.

Seht, der Wind kommt wie verschlafen,
Der der Erde Teppich kehrt,
Will den Staub zusammen raffen
Und sich gar an mich nicht kehrt;
Hflich ist nicht die Dienerei,
Wenn's das Paradies auch sei.

Da bekommen deine Mgde auch ihr Teil, sagte der Graf.

Von dem hchsten Apfelbaume
Schttelt Wind die Frchte alle,
Weckt ein Kindlein aus dem Traume
Mit der harten Frchte Falle;
Wrest du mein, die Streiferei,
Wre voll Geschrei dabei.

Da hat Traugott wieder im Grase gelegen, sagte der Graf.

Dieses Kind, das sollt ich kennen,
Auch der Bume Schattenrisse,
Doch die Regenstreifen rennen,
Herz und Himmel sind zerrissen,
Traurig wird meine Streiferei,
Wo das Paradies wohl sei.

Kindlein, bist du hier alleine?
Ganz alleine mutterselig!
Und was willst du damit meinen;
Ist die schne Mutter selig?
Seit die Menschen sind verstrt,
Ist das Paradies betrt.

Eine Ziege kommt gesprungen,
Aus dem Euter Milch verlieret,
Ist vom Blumenkranz umschlungen
Und sie frit ihn, der sie zieret:
Traurig ist meine Streiferei,
Wo das Paradies wohl sei.

Die Ziege hast du ihm teuer genug bezahlt, sagte die Grfin.

Diese Wiesen, diese Gnge
Wandelt ich in Liebchens Schatten,
Durch des Morgens schne Klnge
In dem zrtlichen Ermatten,
Und wie ist es mir bewhrt,
Auch das war der Mh nicht wert.

Langeweile ghnt in Blumen,
Nichts zum Trinken, nichts zum Schmause,
Von dem Zeichnen Semmelkrumen
In dem bunten Frhlingshause;
Ach und ich wei es nun aufs Haar,
Wo das Paradies einst war.

Offen stehn die Paradiese,
Und ich stehe drin verlassen,
Ewigkeit, die sie verhieen,
Wrd ich ohne Kunst doch hassen,
Ach und ich fhl es nun bewhrt,
Dieses war der Mh nicht wert.

Wie mit geflgelten Heuschrecken ziehend
ber die drr zerfressenen Halme,
Zieh ich mit dem Heere glhend,
Da ich die Wurzeln des Grns zermalme,
Such ich in ew'ger Streiferei,
Wo das Ende der Welt wohl sei.

Sollte man nicht glauben, er wr in der grten Verzweifelung ber den Verlust
seiner Frau, und htte sich deswegen zur Armee begeben; wenn wir nicht alles
ganz anders wten, wir mten dran glauben, sagte der Graf. - Aber was will
er mit der unhflichen Aufnahme sagen? fragte die Grfin. Liebe Dolores,
antwortete der Graf, das kann wahr sein, wo die Frau sich um nichts bekmmert,
werden Bediente leicht unhflich; mir ist es wie jedem Manne unertrglich, mich
um so etwas zu kmmern. - Ich will schon Ordnung stiften, meinte die Grfin.

                           Neunundzwanzigstes Kapitel



                            Erntefest. Traugotts Tod

Das Erntefest, das auf Veranstaltung des Grafen recht feierlich und lustig
begangen wurde, lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit etwas von dem Kleinen ab,
der sich den Tag besonders wohl fhlte; man ging in die Kirche, von da auf den
Tanzplatz, und er wurde erst nachmittags von den Bedienten vermit; sie suchten
ihn berall immer ngstlicher, je spter es wurde, und ihr Rufen zog auch den
Grafen in diese Nachforschungen. Eine geheime Ahndung trieb ihn auf den
Gottesacker, und er fand den kleinen Traugott auf dem Grabe der Mutter frhlich
lchelnd eingeschlafen, - er fand ihn tot. Die frhliche Ernte schlo mit der
Todessichel, welche die schnste Blte niedergemhet hatte; sie schlo wie das
Jahr, das schon seinen kalten Totenwagen ber die Stoppeln hinberstrmen lie,
- das Erntefest ist das wehmtigste des ganzen Jahres, ein Scheideruf an alles,
was uns am Jahre freut, und wrde es nicht vertanzt, es mte verweint werden.
Der Graf konnte bei dem feierlich groen Leichenzuge kaum ausdauern; erst lange
nachher vermochte er die Bengstigung zu berwinden, mit der ihn ein Lied
verfolgte, das ihm bei dem letzten Anblicke Traugotts eingefallen; wir warnen
frhliche Herzen dagegen.

Es sonnte sich ein kranker Knabe
Auf seiner armen Mutter Gruft,
Da fasset ihn der Ahndung Gabe,
Er wittert einer Blume Duft,
Die ferne schwebet in dem Meere,
Weit an dem Ende aller Welt,
In die aus hoher luft'ger Leere
Die Sonne wie ein Same fllt.

Es glht auf seiner blassen Wange
Nun eine Rte wunderbar,
Es schwebt sein Ohr in tiefem Klange,
Es wird sein Auge ihm so klar,
Es glnzt auf seinem stillen Herzen
Ein Regenbogen wie ein Strau,
Der hat verkndet seine Schmerzen
Hoch in des Himmels sel'gem Haus.

Dem Himmel hat er ihn verbunden,
Zeigt ihm das offne Himmelstor,
Er schauet nun in Schmerzensstunden,
Was Lust ihm nie gezeigt zuvor,
Wie kann er nun die Welt verschmerzen,
Ihm ist verschwunden aller Graus,
Sein Herz, gebrochen einst in Schmerzen,
Sieht froh die Witterung voraus.

Er sieht voraus die Liebestage,
Wo Hand in Hand sich gern ergeht,
Manch Mdchen zeigt die Hand zur Frage,
Weil er die Linien jetzt versteht;
Des Knaben Ruf ist weit erschollen,
Denn jeder frgt nach Witterung,
Die Alten, weil sie ernten wollen,
Und weil sich lieben, die noch jung.

Jetzt hat der Schlaf ihn fest umfangen,
Da nimmt die Mutter seine Hand,
Da sieht er all, was ihm vergangen,
Und keine Zukunft er drin fand:
O Liebe, wo du gegenwrtig,
Da ist das eigne Leben aus,
Die Seele ist dann reisefertig,
Du trgst sie in ein andres Haus.

O Muttererde la dich gren,
Du trugst mich treu in stiller Qual,
La deine khlen Lippen kssen,
Hast andre Kinder ohne Zahl,
Doch ich gehr dem Vaterlande,
Dem Vater in dem Himmelreich,
Es lsen sich die alten Bande,
Zum letztenmal die Hand mir reich.

Er kann sich selber nicht begreifen,
Es wird ihm wohl, so auf einmal,
Da sieht er dann die Engel schweifen
Auf seines Trnenbogens Strahl,
Wie sie die bunten Flgel schlagen,
Da jede Farbe klingt im Glanz,
Er fhlt von ihnen sich getragen,
Den Fu bewegt in ihrem Tanz.

Was ihm das Herz sonst abgestoen,
Das singt er jetzt mit kaltem Blut,
Sein Blut hat sich in Lieb ergossen,
Und keine Furcht beschrnkt den Mut,
Wo sich das Auge sonst geschlossen,
Da hebt es nun den Blick von hier,
Er ruft: Der Himmel ist erschlossen,
Ich frchte mich nicht mehr vor mir.

Da ruft er wonnig allen Lieben:
Es kommt ein Tag, wie's keinen gab,
Die Ernte drft ihr nicht verschieben,
Die Liebe greift zum Wanderstab!
Er ruft: Brich an du Tag der Sage,
Der ew'ges Wetter mir verspricht!
Sein Herz schlft ein - am jngsten Tage
Erwacht es rein zum Weltgericht.


                              Dreiigstes Kapitel

                    berdru der Grfin gegen das Landleben

Wir wollen uns nicht wehmtiger machen mit dem Wiedererzhlen der Totenfeier des
Kleinen, der die vereinte Teilnahme des Grafen und der Gemeine eine
Feierlichkeit schenkte: das letzte Geschenk; mir wird bei diesem traurigen
Einhalte des frohen Laufes lndlicher Freuden, als erblinde ich pltzlich;
manches nahe frhlich Sichtbare verschwindet mir, und selbst der Anblick der
schnen Grfin, der mich so oft erquickt, lt eine leere Sehnsucht in mir
zurck. Sie selbst fhlte diese de wohl am schwersten, und viel lnger schon,
denn eigentlich nahm sie keinen eigenen Anteil an den Erzhlungen anderer, die
uns unterhalten haben; sie kam meist dabei auf fremde Gedanken an die Stadt und
ihre Bekannte dort. An den Beschftigungen des Grafen fand sie noch weniger
Geschmack; ihre Umstnde widerrieten ihr das Reiten und die Jagd, an denen sie
Gefallen fand, und die einzige Gesellschaft, die ihr behaglich, die des Barons
und der tollen Ilse, war ihr verloren. Doch lt sich alles bei schnem Wetter
und im frischen Grn ertragen, wenn aber die Bltter gelben, abfallen und am
Boden rauschen, die starren Herbstblumen mit ihren geruchlosen Blttern
vorscheinen, der Smann im Nebel ernst ber den schwarzen Acker schreitet: Ach!
warum haben wir den ziehenden Vgeln so oft nachzurufen, und sie bleiben doch
nicht; statt ihres freundlichen Morgengrues aus heitrer Hhe, statt ihres
Abendrauschens in den dichten Kastanien vor dem Schlosse, tnt Morgens und
Abends ein rastloses Sausen der Luft, die vergebens ein Winterlager sucht und
Fenster und Tren dicht gegen sich verschlossen findet. Hat eine junge lebendige
Frau dieses Sausen einen Tag angehrt auf hochgelegenen Schlssern, den Schlag
der Axt in den Wldern vernommen, und die hochbelaubten Hupter niederstrzen
sehen, - in die Nebel zwischen den Bergen dann stundenlang hingeblickt, ohne
eigene Beschftigung, einsam, krperlich leidend, und kommt dann der lange Abend
bei einem rauchenden Kamine und kommt der langersehnte Briefbote, und sie liest
da Briefe aus der Stadt, die von unzhligen Lustbarkeiten unterbrochen sind,
aber immer das Verlangen aller Jugendfreundinnen wiederholen, da sie
zurckkehren mchte: es kann doch eine trbe Stunde ihr machen, wo sie ihres
jungfrulichen Standes mit Sehnsucht denkt, ihrer goldnen Freiheit, des leichten
Tanzes, der unbestimmten Hoffnung, die weit ber alles bestehende Glck hinaus
ihre nhrenden luftsaugenden Zweige treibt.
    Und so sa einst die Grfin in Trnen beim Kamine und die Lichter waren
ungeputzt heruntergebrannt, als der Graf voll rger ber einen Wassersturz, der
eine seiner schnsten Gartenanlagen zerstrt hatte, ins Zimmer trat, um bei ihr
Trost zu suchen. Auch er hatte noch nicht die dem Landwirte vor allen andern
Menschenklassen notwendige Gelassenheit gewonnen, die auf jeden Verlust gefat,
an tausend Anker ihre Wnsche legt; ein Verlust in Nebensachen konnte ihm ein
ganzes Unternehmen verhat machen und fr diesen Herbst gab er diesmal, wegen
des einen Unfalls, alle Pflanzungen im Garten auf, zu denen schon alle Gruben
ausgegraben waren. So im Aufgeben lang gehegter Wnsche trat er zu seiner Frau;
sie wollte ihm erst die Ursache ihrer Trnen nicht entdecken, aber das war nur
scheinbar, sie war entschlossen noch den Abend alle ihre Anklagen gegen das Land
ausstrmen zu lassen, und so entwickelte sich eine Flle von Mivergngen und
belbefinden ber den Grafen, da er mit den nchsten Tagen aus sorglicher Liebe
fr Frau und Kind heim zu kehren beschlo. Nie wurde ihm eine uerung
zrtlicher belohnt.

                           Einunddreiigstes Kapitel



                             Abschied vom Landleben

Die nchsten Tage gehrten dem Abschiednehmen in der Gegend. Die Grfin, heitrer
gestimmt und gewi, da sie die Leute so bald nicht wiedersehe, war ihnen so
verbindlich, da keiner begreifen konnte, wie er ihr je etwas bel genommen.
Ich habe es immer gesagt, sprach einer zum andern, sie ist so bel nicht,
aber noch jung, es fehlt ihr nur noch an guter Lebensart. - Sie selbst fand
sich von der Behaglichkeit in dem Innern mancher dieser verachteten Familien
sehr berrascht, sie bewhrten hier ein Leben und eine Erfindsamkeit, es
auszuschmcken, die sie ihnen nie zugetraut; jede Arbeit war ein Familienfest.
Merkwrdig war ihr vor allen die Frau eines entfernten Anverwandten des Grafen,
die mit allen Kenntnissen der besten Erziehung, mit bedeutendem Vermgen und
ausgezeichneter Schnheit, blo aus Gewohnheit, weil sie mit ihm auferzogen
worden, sich dem sehr beschrnkten, aber gutmtigen Manne hingegeben hatte und
durchaus nichts in der Welt versumt zu haben meinte; sah jemand beide einzeln,
so schien es unbegreiflich, waren sie beisammen, so konnte es nicht anders sein.
Eine gutmtige Natur ist immer sehr reich in allen Verhltnissen zu andern, je
vertraulicher sie werden; whrend die hchsten Talente mit der Hrte, die ihnen
beigesellt zu sein pflegt, in dieser Vertraulichkeit, in dieser Gewhnlichkeit
ermden, langeweilen und durch das Widerspiel des Streits sich zu erhalten und
zu bewhren streben. Nichts ist trichter, als eine Heirat um eines
ausgezeichneten Talentes willen: eigentlich der schndlichste Eigennutz; was der
Welt gehrt, mchte man sich zueignen; dabei der furchtbarste Aberwitz, den
Geist im Krper sich anzueignen, und doch ist dies eine der gewhnlichsten
Verirrungen unsrer Gedanken und keine bestraft sich so schnell. Selbst das
Beste, was der Mund spricht, der uns singend entzckt und an sich gerissen hat,
scheint uns gegen die Glut jener Kunstbung, die von der Natur zur Freude vieler
geschaffen, in vielen Jahren sich ausgebildet hat, etwas sehr Ungengendes. Aber
wer den Umgang einer Schauspielerin aus Bewunderung einer ihrer Darstellungen
sucht, findet sich immer schmerzlich getuscht, wenn auch die Frau viel besser
als ihre Rolle sein sollte. Die Lehre ist alt, aber die Welt wird ewig wieder
jung, dieselben Empfindungen, Schauspiele, ber die wir hinaus sind, gefallen
der Jugend immer wieder, wie sie uns einst gefielen; so wollen wir sie denn auch
gegen dieselben Fehler gewarnt haben, denen auch wir uns unterworfen fhlten.
Welche Qual in einem geliebten Wesen ewig etwas Hohes zu ahnden, was sich in
jedem Augenblicke verleugnet. - Die Grfin verlie das Haus dieses Anverwandten
mit einem Vorwurfe gegen ihren Mann, den er eigentlich nicht verdiente; sie
sagte ihm, da er sie doch nicht so liebe, wie dieser Mann seine Frau, der ihr
die Kinder nachtrug, und die Kche bestellte; aber der Vorwurf war nicht
ernstlich gemeint. Besonderen Spa machte beiden die Haushaltung eines wohl
genhrten Vetters, der sein ganzes Dorf zum Range seiner Familie erhoben und von
jedem Kinde Vaterchen genannt wurde; diese Art patriarchalischer Verhltnisse
machte ihnen einige Stellen des Alten Testamentes deutlich, die unsren Sitten
sonst ganz unverstndlich scheinen. Lieber Karl, sagte die Grfin zu ihrem
Manne, wrst du wie dieser, auf ein paar Gedanken und viel Essen und viele
Weiber gerichtet, und von Jugend an im Stalle und bei den Knechten erzogen,
knntest du jeder Magd Unarten sagen, jeden Schmutz ertragen und belachen, da
knntest du auf dem Lande auch glcklich sein, aber deine Ausbildung, dein
Lebensmut werden dich dort stets unbefriedigt lassen. - Dolores zeigte hierin,
so wenig es sonst ihre Sache, da sie da, wo ihr etwas am Herzen lag, wirklich
recht tief beobachten konnte; es lag viel Wahres in ihrer Bemerkung und der Graf
mute es fhlen, da der bergang vom Lande zur Stadt sehr leicht, das
Entgegengesetzte aber sehr schwer sei; zeigt dies doch die Geschichte aller
Nationen. - Auch das Fruleinstift besuchten sie noch aus Neugierde; das alte
Hausgerte, die vielen Sonderbarkeiten der einzelnen ledigen Leute, gaben so
viel zu lachen, da sie beinahe die dienstfertige Gunst aller verscherzt htten,
doch das Angedenken des schnen Hochzeitfestes hielt sie zurck, sich darber zu
uern; alte Jungfern rechnen sehr weit in die Zukunft und es dachten jene, die
dort gewesen, sie htten sich angenehm beredt gezeigt, um wieder eingeladen zu
werden im knftigen Jahre, und die andern, von den Beschreibungen entzckt,
hofften, da auch sie im nchsten Jahre die Reihe treffen knnte.
    Die Neuvermhlten in dem entfernten Forst wurden ebenfalls nicht vergessen;
aber wie erstaunten sie, die Hochzeitschuhe so schnell vertragen zu finden. Die
Frau hatte nachlssig ihre Haare um den Kopf hngen, ihr Mann war auf der Jagd;
sie schttete mancherlei Klagen der Eifersucht aus, wegen der vielen Weiber, die
sich Holz in dem Forst lasen; sie kte der Grfin mit Trnen den Rock, da sie
nicht mehr bei ihr sei, klagte, da ihr Mann so oft schelte. Der Graf fand aber,
da der Frster dabei nicht ganz unrecht haben mochte; das Mdchen, ungewohnt
der lndlichen Arbeiten, immer nur mit Putzmachen und Ankleiden der Grfin
beschftigt, hatte in dem artigen neuen Hause eine frchterliche Unordnung
einreien lassen. Die Grfin bedauerte sie, der Graf aber ermahnte sie ernstlich
mit demselben Augenblicke gleich Hand daran zulegen, in ihrem Hause Ordnung und
Reinlichkeit zu stiften. Wirklich entschlo sie sich mit Mhe dazu und der Graf
verlie sie mitten in der Reinigung ihrer Milchkammer, in der alle Milch schon
verdorben war.
    Den Prediger Frank fanden sie in einem sehr angenehmen kleinen Hause. Als
ein wahrscheinlich noch lange Unverheirateter hatte er sich auer seiner
Landwirtschaft und Baumzucht, die er im groen bte, auch alle Knste einer
guten Hausmutter angeeignet. Er kochte sehr gut und trat seinen Gsten mit einer
Kchenschrze entgegen; da sie ber sein Kochen gelacht hatten, so muten sie
auch Proben davon prfen und sie gestanden ein, da sie nie so gute
Krammetsvgel gegessen. Nachher fhrte er die Grfin auf Verlangen in seinen
Dohnenstrich im Garten und sie war berrascht, einen gefangenen Vogel nach dem
andern aus der Haarschlinge zu ziehen und ihn triumphierend in die Jagdtasche
des Predigers zu werfen. Als sie nachher ihren guten Fang dem Grafen zeigen
wollte, da fand sich leider nur ein Vogel, denn der gewandte Mann hatte immer
vorauslaufend und den Weg weisend denselben Vogel in alle Schlingen gehngt. Der
Graf behauptete, man knne auf diesen Vogel den Ausdruck einer Zeitung ber
gewisse Kriegsberichte, nach denen nur immer ein Mann gefangen, von neuem
anwenden: der bewute Mann, hier der bewute Vogel sei wieder gefangen. Beim
Abschiede schien der Prediger recht ernstlich betrbt, schwor ihnen, da er die
schnsten Stunden des ganzen Sommers bei ihnen zugebracht habe, nun sei er ganz
einsam; rings um ihn wren lauter Leute, zu deren Fassung er sich herabspannen
mte, niemand der seine Geistesttigkeit anspannte als Gott, mit dem er im
bestndigen Glaubensstreit lebe, weil er so ganz anders denke, als er lehre und
lehren msse. Er brachte zum Abschiede eine Flasche alten Stachelbeerweins, denn
seine Gegend war dem Weinstocke nicht geeignet; dabei erzhlte er, da die
Akzise, die alle Industrie des Landes stre, ihn zwingen wolle, auslndische
Weine zu trinken, weil sie ber das Einziehen ihrer Steuern dabei in
Verlegenheit komme. Nachdem sein Wein Beifall erhalten, fing er an, von seiner
kleinen Geliebten behaglich zu erzhlen: das Kind habe ihn neulich gefragt, wer
denn Amor sei, von dem sie in einem Gedichte gelesen? Er habe geantwortet, ein
kleiner Mann mit Flgeln, der sehr gefhrlich. Darauf habe sie ihm versichert,
wenn er nur klein wre, da wollte sie ihn wohl zwingen, wre er aber gro, so
gro wie er, da knnte sie sich nicht wehren. Er fand in dem Scherze etwas
Vielbedeutendes, wer konnte ihm diesen hoffenden Sinn stren; alle schieden von
einander in gegenseitiger Zufriedenheit.
    Ganz verschieden davon war der Abschied von dem Geistlichen des Dorfes; der
Streit mit dem Grafen, noch mehr die mancherlei eigenen vom Grafen ersonnenen
Verschnerungen des heiligen Dienstes hatten seine ganze Eifersucht erregt;
mancherlei Einkommen, das er durch die Gunst des Grafen bezog, hinderte ihn
diese Empfindlichkeit offen zu zeigen, es waren aber so einzelne Ausrufungen, in
denen sie sich Luft machte. So sagte er wohl: Der Herr Graf werden uns so viel
Neues mitbringen, da wir die alte Religion ganz darber vergessen; zwar bin ich
der Meinung, da wenigstens alle zehn Jahre etwas von dem alten Sauerteige
weggeschafft werden msse, jedes bereilen ist aber gefhrlich. - Der Graf
fragte ihn erstaunt, wie er auch nur einen Tag etwas dulden knne, das er in
heiliger berzeugung fr alten Sauerteig halte, ob das der Sinn der Mrtyrer
sei, die in der Bekennung ihres Glaubens selbst gestorben. Der Mann kam in
Verlegenheit, rhmte den Herren Grafen, wie er so hbsch spreche, und weiter
hatte es keine Folge, als sie beide gegen einander zu erbittern.
    Am Abende vor der Abreise, als der Graf im Hause hin und her lief, um
mancherlei Anordnungen selbst zu machen, die seiner Dolores zu lstig waren, und
die doch den Bedienten nicht berlassen werden konnten, klappte er auch alle
einzelne Schrnke auf, um nach vergessenen Sachen zu forschen. In dieser
Vorsicht kam er auch an den Schrank des kleinen Traugott, den er noch voll von
seinem Spielzeuge fand; er beschaute mit einem eignen Gefhle diese Lust eines
Toten. Einem Kinde sollte man alles Spielzeug in den Sarg legen, es macht die
Lebenden sehr traurig. Alles trug den eigentmlichen Geist des Knaben: seine
frhere Geschicklichkeit alles zu durchsuchen und sich zuzueignen und die
sptere Sinnigkeit seines ganzen Wesens; auf dem kleinen Wagen lagen in strenger
Ordnung alle Art Sonderbarkeiten, Steine, die wie Brot oder wie Pflaumen
aussahen, viele wunderliche Puppen, die er zu seinen Stcken sich ausgeschnitten
und bekleidet hatte, und tausend andre Dinge, die der Graf nie bei ihm bemerkt
hatte. Einen kleinen Schrank von Nubaumholz mit Schlssern und vielen Kstchen,
die der Graf in seiner eignen Jugend sehr wert gehalten hatte, fand er dort mit
Verwunderung; der Knabe mute ihn auf dem Boden irgendwo entdeckt haben.
Eingedenk der eignen Art, wie er jedes Kstchen zu einem besonderen festen
Gebrauche eingeweihet hatte, zog er jedes heraus und sah mit Erstaunen eine
Sammlung von Angedenken, jedes mit kurzer Inschrift bezeichnet, und alle diese
Angedenken waren kleine Geschenke des Grafen: manches Weggeworfene, woran er
sich kaum erinnern konnte, das aber Traugott in seiner Zuneigung sorgsam bewahrt
hatte. Mit dem Angelhaken, den er ihm damals zum Troste nach dem Tode der Mutter
geschenkt, begann die Sammlung; in kindischen Reimen stand dabei beschrieben,
wie er seine Liebe damit gefangen. Dann fand er Haare, die er ihm einmal im
Scherz aus seinem Kamme zum Angedenken verehrt, in ein Netz zusammengeknotet; in
hnlichen Versen stand dabei: In diesem Netze von Haaren tu ich seine Liebe
bewahren; dann fand er Kirschkerne, die er ihm einmal gegeben, sie aus dem
Zimmer zu werfen, dabei stand geschrieben: Die Kerne kte sein schner Mund,
davon sind sie so glatt und rund; ferner eine trockene Kornblume, dabei stand
geschrieben: Diese Blume der Graf heut niedertrat, mit mir er nicht gesprochen
hat, ich strzt mich in das Wasser hinein, sollt so ein Tag noch wieder sein;
ferner ein Blatt aus dem Haushaltungskalender, auf welchem ein Tag unterstrichen
war, daneben stand mit Bleistift: Dieser Tag sei mir dreimal gesegnet, weil ich
dem Grafen dreimal begegnet; endlich ein Kranz mit der Inschrift: Den gab mir
der Graf am frhen Morgen, ich sollt ihn an die Grfin besorgen, und gestern hat
er mich fortgeschickt, als sie ihn so zrtlich angeblickt, es tt mir so weh,
als ich ihn gebracht, die Grfin hat den Kranz nicht geacht, sie hat ihn im
Vorsaal liegen lassen, da tt ich armer Junge ihn fassen, und heb ihn auf in
Ewigkeit, da bin ich von meinem Grafen nicht weit. - Hier konnte der Graf nicht
weiter lesen, Trnen berliefen seine Wangen; er hatte dem Kleinen alles Gute
getan, htte er aber diese heimliche Zuneigung, diese phantastische Leidenschaft
gewut, wie htte er ihn oft mit Zuspruch, mit kleiner Gabe erfreuen knnen, und
nun war es zu spt. - Er packte den kleinen Schrank als seinen kostbarsten
Schatz selbst ein, und besuchte noch in der Nacht das Grab des Kleinen; mancher
Gedanke zu einem recht bedeutenden Denkmale ging vor ihm ber, aber seine Wehmut
erstickte sie alle und diese ist das schnste Denkmal der tatenlos
verschwundenen Jugend.
    Der Morgen der Abreise war unruhig angebrochen, mancherlei kleine Geschfte
nahmen dem Abschiede einen Teil des Schmerzlichen, doch bleibt es immer
Gewohnheit in solcher Trennung von einer, wenn gleich nicht ausgezeichneten,
doch unter besonderen Verhltnissen verlebten Zeit, mehr zu frchten, als zu
erwarten, Ob ich je diese Seen, diese Wlder wieder sehe? fragte Dolores ganz
wehmtig den Grafen, die Glocken luten zur Frhmesse, jetzt beten alle
Menschen und wir reisen; was bedeutet mir das? Gewi sterbe ich im Kindbette und
werde hier beigesetzt zu allen deinen Voreltern und du fhrst eine andre in
diese Zimmer ein, als deine Frau! - Nimmermehr du Einziggeliebte! rief der
Graf, mit dir lebt ewig mein ganzes Leben, ob du sichtbar bei mir bist, wie bei
unsrer Ankunft der Frhling in jenem Walde, den er mit grnem Kranze bedeckt
hatte, oder ob ich entlaubt stehe wie er, einsam in Regen und Wind: ruhig
traurend, werde ich an deinem Grabe dann eines hheren Frhlings warten - da
wird dich Traugott mir entgegenfhren - in Zeit und Ewigkeit bleibst du mir
unverloren! Doch wozu so traurige Gedanken? - Der Grfin schauderte jetzt vor
dem Gedanken des Todes, den sie so leichtsinnig ausgesprochen hatte; ihr war zu
Mute wie der leichtsinnigen Furcht, welche Mittags unter vielen Menschen andre
mit Gespenstergeschichten erschreckt, die sie einsam in der Mitternacht gern
vergessen mchte.


                                Dritte Abteilung

                                     Schuld

                                 Erstes Kapitel

Rckkehr des Grafen Karl und der Grfin Dolores nach der Stadt Wochenbett. Taufe

Als ich einmal an einem grauen Tage einsam und gleichgltig meinen Weg wanderte,
um mein verhageltes Feld zu besehen, und von einem Hgel zum andern blickte, und
so bedachte, wie bald ich auf dem andern, und dann auf dem dritten, und dann -
und dann vor dir stehen knnte, du treue Seele, zu der ich am liebsten spreche
unter allen in der ganzen Welt, und der ich am wenigsten zu sagen habe, weil du
mich gleich verstehst und alle meine Worte in Liebe mehrest und deutest; da
wurde mir allmhlich so freudig, da ich rings umher alles mit anderem Auge
ansah, als lernte ich jetzt erst sehen und mte jetzt nachgenieen, was ich den
Tag ber in Gleichgltigkeit, rger und ferner Trumerei versumt und bersehen
hatte. Ich griff nach dem Steine, den ich neben mir zur Wegebesserung mit
frischem schwarzglnzendem Bruche zerschlagen fand, und erkannte ihn als einen
gltigen Zeugen grerer Weltbegebenheiten, als die ich erlebt hatte; ich nahm
einen Grashalm auf, der zum Futter abgemht, am Wege verloren gegangen, zu
meinen Fen lag, und fand in ihm einen Zeugen des Frhlings, der uns beide
beglckte, und in mir schlug das Herz als ein Zeuge der Liebe, die ich
untergegangen whnte. O wie selten wird uns die Gegenwart! Mitten in meiner
Freude tnte meine Klage ber verlorene Zeit:

Fr die Liebe zu zart,
Fr die Gedanken zu schnelle,
Eilest du Gegenwart,
Nahende, fliehende Welle;
Alles sich spiegelt in dir,
Dir nach sehen wir sehnend von hier,
Strzten uns gerne dir nach;
Dich erreichet kein Ach!
Dich erreicht nur die Lust,
Strebend dir nach in der schwimmenden Brust,
Dich erreicht sie im Meer;
Ach wer dort nur erst wr,
Wo viel tausend der Wellen
Sich in der Sonne gesellig erhellen.

Das Leben ist uns ewig offen, da wir uns schauend mit seiner Allgegenwart
erfllen, aber wir selbst stehen uns im Lichte mit toter Vorsicht, wie mancher
groe Mann ghnend einem Kinde im Lichte steht, bei dem Festaufzuge, der das
Kind entzckt htte; knnten wir uns nur berzeugen, da nichts alt und nichts
neu in der Welt, nichts abgetan sei, und nichts erschpft. - In diesen Gedanken
sah ich umher und es fuhren mehrere Wagen an mir vorber; aus dem einen lachten
und winkten mir neckend viel frhliche Mdchen, und trieben den Kutscher, da er
schnell fahre; im anderen, der sehr bestubt war, sa ein ernsthaftes und doch
jugendliches Paar: ein junger Mann und eine wunderschne Frau; ohne Betrbnis
schienen sie doch beide ganz in sich versunken, und sprachen nicht mit einander,
und dankten auch nicht meinem Grue. O Bilder der Ausreise und der Rckreise,
dachte ich bei diesen beiden Wagen; jene, wie von einem Luftballe am hellsten
Tage zu Regionen ewiger Sehnsucht getragen, sehen unter sich die ganze Welt
offen liegen; diese wie verwundete Gefangene mgen die bekannte Gegend nicht
wiedersehen, die sie krzlich in Siegeshoffnung frhlich durchzogen.

Den Grafen und die Grfin verlieen wir auf ihrer Rckreise nach der Stadt; das
gleichmige Stoen des Wagens erweckte in der bekannten Gegend, in dem erregten
Zustande, wie sich beide neben einander fanden, sehr verschiedene Nachgedanken
und schlferte ihre Unterredung mit einander ein. Die Grfin erfate am Schlusse
dieser Nachgedanken eine innige berzeugung, da kein Landleben ihr Beruf sei,
da es allen ihren geselligen Talenten und Neigungen entgegengesetzt, im
folgenden Jahre auch wegen der Erziehung des erwarteten Kindes notwendig
abgekrzt werden msse. Der Graf in seinem Nachdenken erschrak fast, da er von
den Arbeiten, die er sich auf der Hinfahrt zu beendigen vorgenommen hatte, nur
den kleinsten Teil angefangen, und dagegen von tausend Nebensachen zerstreut
worden sei. Er bemerkte mit einiger Krnkung, da die fehlende Mitwrkung seiner
Frau ihm einen wirklichen Mangel in aller Ausfhrung gelassen, den er durch
keinen Besoldeten zu ersetzen vermocht; er nahm sich vor, sie ernstlich zur
Landwirtschaft zu ermahnen, und sie heimlich zu derselben zu fhren. Hier
verwunderte er sich, als er sich selbst auf einem klugen krummen Wege
berraschte und fand, da er in dem Laufe seiner Beschftigungen von der geraden
treuherzigen berredung zum Gebrauche mancher Vorteile, Listen und Klugheiten
bergegangen sei, doch mehr im Verhltnisse zu seinen Leuten, als zu seiner
Frau. So wute er schon recht gut, da Leuten von geringer Bildung nichts so
stark, als das Gedchtnis imponiert und in Betrgereien schchtert; so fate er
deswegen oft unbedeutende Kleinigkeiten auf, um den Leuten bei Gelegenheit als
ein allwissendes Gewissen zu erscheinen; so wute er sein Vertrauen oft
scheinbar einem Menschen zu schenken, um ihn kennen zu lernen; so wute er die
Feindschaften der Leute nach seinem Willen zu benutzen; kurz, er fand mit groem
Erstaunen, da seiner Einbildung ganz entgegen, die Bauern in die eignen edlen
Gesinnungen hinber zu berzeugen und zu erziehen, sie ihn in ihrer Klugheit und
Umschauung erzogen hatten. Diese Klugheit und Umschauung sind auch Himmelsgaben,
wenn gleich unter allen die geringsten, die sich am rohen Menschen zuerst
entwickeln und darum von hher Gebildeten wie das Gedchtnis leicht zu sehr
verachtet werden. - Der Graf sollte sie knftig nur mehr brauchen. Nachdem sich
beide so wste und mde in sich gedacht hatten, fielen sie einander in die Arme,
und kten sich, um ihr Ghnen zu verstecken; niemand sollte sich einen solchen
Ku der Gewohnheit und der Langenweile erlauben, er nimmt allen lebendigen
Kssen, die folgen, ihre berzeugende Kraft. Darber dachten beide nicht nach,
beide lebten, so wie sie sich der Stadt nherten, allmhlich ganz hinber, und
kaum waren sie angekommen, so erfllte die Freude des alten Bedienten, der die
Aufsicht ber Haus und Garten gefhrt hatte, seine gesammelten Schtze an
Frchten des Gartens, die er alle in die Zimmer trug, der Andrang aller
Bekannten, die Licht darin gesehen hatten, das ganze Haus. Jeder bemhte sich in
der krzesten Zeit alles Geschehene zu erzhlen; das liebe Geheimnis der Grfin
war gleich entdeckt, und es drngten sich viele Frauen mit klugen Mienen an sie,
ihr Belehrung zu geben in diesen neuen Umstnden. Den Grafen rgerte etwas dies
Geschwtz, dies Heimlichtun, das alle folgende Tage fortdauerte, er berraschte
seine Frau sehr bald auf manchem Satze, der ihm in ihrem Munde ganz fremd klang;
er konnte nicht begreifen, wie sie daran Vergngen finden knnte, zu hren, wie
jene gesugt, wie diese voraus wisse, ob es ein Knabe oder ein Mdchen sei; doch
sein Mitleid mit den Beschwerlichkeiten ihres Zustandes unterdrckte jeden
Tadel. Lchelnd dachte er seines rgers ber den Prediger Frank und dessen
zeugende Blicke, weil wirklich bereinstimmend mit dessen erstem Besuche, der
Ursprung des geliebten Kindes gesetzt werden konnte, das ihm unsichtbar entgegen
pochte, wie ein neues Herz, und dem er mit Ungeduld entgegensah. Dem Prediger
schrieb der Graf wirklich einen scherzhaften eiferschtigen Brief deswegen, den
Frank in gleicher Gesinnung recht artig beantwortete, und mit Leidwesen die de
in dem Schlosse des Grafen beschrieb.
    Die Zeit der befrchteten und gehofften Niederkunft nahete mit dem Eintritt
der strksten Klte; mit Geschmack hatte er das Wochenzimmer verziert; ein
schnes altes Bild, das Christuskind auf dem Stroh in der Krippe, das mit beiden
Hnden lchelnd nach den Engeln greift, die in der Luft schweben, verzierte die
Hauptwand. Die Freundinnen waren arbeitsam, eine groe Zahl zierlich gestrickter
Mtzen, gestickter Kleiderchen und gestickten Wiegenzeuges zusammen zu bringen.
Mitten in diesen Anordnungen berkam eine schnelle und leichte Geburt die
Grfin. Der Graf war ein paar Stunden in notwendigen Geschften abwesend
gewesen, doch behauptete er, einen durchdringenden Schrei in seinen Ohren gehrt
zu haben, weswegen er mit Besorgnis nach Hause geeilt sei, die aber von dem
Anblicke des wohlgebildeten kleinen schreienden Buben, der reinlich auf einer
Decke liegend, von allen Hausgenossen angestaunt wurde, zum hchsten Jubel
berging. Die Grfin sagte ihm leise, sie wrde um keinen Preis der Welt je
wieder in die Wochen kommen; doch die andern Frauen erklrten gleich, da diese
Redensart eben nicht im strengen Sinne zu nehmen, vielmehr als ein Eid anzusehen
sei, den die Gefahr erprete, der also gerichtlich ungltig werde. So rot und
blau sein Kind angelaufen war, so vermischt alle Zge, doch schien es ihm
wunderschn; er konnte es nicht begreifen, wie es seine Frau zur Erhaltung ihrer
Schnheit einer Amme bergeben mochte; doch jetzt konnte er ihr in nichts mehr
widerstreiten, nachdem sie seinetwegen so viel Schmerzen ertragen. Da sich
Dolores bald ganz wohl befand, so wurde die Taufe beschleunigt; dies war immer
des Grafen heiligstes Sakrament: es hing mit seiner ganzen Ansicht von der
Weltentstehung zusammen. Er wendete die hchste Vorsicht in der Wahl der
Gevattern an, und lie im Namen Kleliens ein eben eingesegnetes sehr schnes
Mdchen dem Kleinen die hlfegelobende Hand auflegen. Doch verdarb ihm der
Geistliche, der seine Aufklrung in einer langweiligen Vorrede beweisen wollte,
die ganze Herrlichkeit der heiligen Handlung. (Der Kleine wurde Karl genannt.)
Seine Frau konnte sich in das brige Zeremoniell der Wchnerinnen noch weniger
finden, sie war zu gesund, um sich auf ihr Bette zu setzen.

                                Zweites Kapitel



                 Kleliens Verheiratung an den Herzog von A ...

Vierzehn Tage nachher traf Kleliens Danksagungsbrief fr die angewiesene
Ehrenstelle ein, sie wollte sich nach allen Krften des Kindes annehmen;
zugleich enthielt der Brief die unerwartete Nachricht, wie sie einem spanischen
Herzoge von A ..., der auch in Sizilien groe Gter besitze, in Palermo vermhlt
worden. Sie erzhlte, wie sie einander bei einer Wasserfahrt begegnet, wie er in
der Kathedralkirche an ihrer Seite geknieet, so fromm und bescheiden seine Liebe
ihr kund getan; sie rhmte gleich hoch seine Frmmigkeit und seine Talente, die
in seiner Schnheit einen herrlichen Tempel gefunden; sie erzhlte, wie er ganz
Europa durchreist, um den sittlichen Zustand aller Nationen kennen zu lernen;
wie er auch ihren Vater gekannt und lieb gewonnen habe, und ihre Muttersprache
gelufig rede. - Dolores seufzte in sich bei diesem Briefe; gewi, dachte sie,
wre ich meinem Wunsch mitzureisen gefolgt, er htte mich vorgezogen; die weite
groe Welt stnde mir dann offen; schon das Spanische in der Geschichte wre ihr
willkommen gewesen; aber dieser Glanz eines unermelich reichen herzoglichen
Hauses, in alter und neuer Welt gleich begtert, gleich berhmt, eines Mannes,
der in den ersten Stellen seines Hofes Zutrauen genossen, neben dem anstndigen,
aber mittelmigen Geschicke eines wohlhabenden Grafen, dessen hchster Ehrgeiz
es war, seinen Bauerknaben auf die krzeste Art etwas Geschichte und Lesen zu
lehren, den Mdchen Kochen und allen eine gesundere und frohere Art zu leben,
der das Hofgehen fr einen harten Frondienst hielt: dieser Untergang von Licht
zu Schatten blendete ihre Augen, da sie bergingen. Sie blieb den Abend ganz
rgerlich; der Graf aber, der so kleine Empfindlichkeiten schon in ihr als
Vorboten groer Zrtlichkeit kennen gelernt hatte, nahm es wieder lachend auf,
und belohnte es mit der Zrtlichkeit, die sein ganzes Wesen noch immer wie am
ersten Tage ihrer Bekanntschaft bei jeder Berhrung ihrer weichen durchsichtigen
Hand belebte. Den andern Tag entschdigte sich die Grfin wenigstens damit bei
ihren Bekannten, da sie erzhlte von ihrem Schwager, von seinem Reichtume,
seiner Pracht, da er ihr eigentlich bestimmt gewesen, da sie sich aber
glcklich schtze, nicht in so fremde Gegenden wandern zu mssen.
    Ein anderer Brief von Klelien, voll treuer lebendiger Beschreibungen ihrer
Gter, der Sizilianer, ihrer Feste, ihrer Lebensweise, enthielt auch die
Nachricht, wie der Herzog sie in Angelegenheiten seines Hofes verlassen; die
Trennung hatte sie krank gemacht; seitdem sie genesen, ging sie tglich nach dem
Garten eines hochliegenden Nonnenklosters, um ber das Meer zu sehen, wo ihr
Mann gefahren, und eine Schar Mdchen zu unterrichten, die sie auf den Gtern
auserwhlt, um sie am Tage der Rckkehr ihres Mannes auszustatten; das alles,
schrieb sie, kommt nicht aus mir, sondern ist Nachahmung meines lieben
Schwagers, dessen Freundschaft mich noch hier zu manchem Guten aufmuntert,
worauf ich sonst nicht verfallen wre. Der Brief beschmte etwas die Grfin,
die immer auf des Grafen Beschftigungen mit einem eignen geistreichen Hochmute
hingeblickt; sie war ihm den Tag auerordentlich gewogen und wie liebreich sie
sein konnte, wenn sie es wollte, das wissen alle Engel, die ihr dann aus den
Augen blickten.

                                Drittes Kapitel



                               Der Marchese D ...

So abwechselnd wirkte die Schwester mit ihren Briefen, mit ihrem Schicksale auf
unser Haus; ein paar Monate darauf wurde der Marchese D ..., ein Vetter des
Herzogs von A ... bei der Grfin angemeldet, der ihr neue Nachrichten von ihrer
Schwester zu bringen versprach. Sie fand in ihm den gewandtesten
liebenswrdigsten Mann; sie konnte ihn mit niemand vergleichen; alles an ihm
schien eigentmlich; er htte auch ohne Reise so werden mssen; aber er war
gereist und redete die meisten Sprachen Europens. Er brachte ihr die Nachricht,
da ihr Schwager eilig an einen nordischen Hof gesendet worden, um ganz
inkognito Angelegenheiten von grter Wichtigkeit abzumachen; erlaube es seine
Zeit, so wrde er auf seiner Rckkehr sie besuchen; ihre Schwester sei
inzwischen aufs Land gezogen, um eine groe de, doch sehr fruchtbare Strecke
Landes mit einem neuen Dorfe zu bevlkern; sie habe sich aus England viel
Ackergert kommen lassen, und gelte in der ganzen Gegend fr eine milde Heilige,
von der niemand ohne Untersttzung und Trost gegangen. Der Marchese erbot sich
alle Briefe, die sie ihr bermachen wollte, durch eine Adresse, die in Italien
ihm erffnet, viel schneller als bisher dahin zu frdern; sie nahm das
Anerbieten mit Vergngen an, und beschrieb mit groem Anteile in einem
versiegelten Briefe, den sie ihm fr die Schwester bergab, die Freude an dem
liebenswrdigen Verwandten: sie schtze sie glcklich, wenn der Herzog diesem
Vetter auch nur nach gewhnlicher Familienhnlichkeit sich nhere. Mit vielem
Stolz zeigte ihn die Grfin ihren Bekannten; dem Grafen wute er sich durch ein
geflliges Anschmiegen an seine Ideen eben so wert zu machen; der Graf meinte
sie schon in ganz Spanien realisiert und arbeitete Tage lang, ihm alles recht
klar und deutlich aufzuschreiben, was er von allem in jenem Himmelsstriche fr
anwendbar halte. Schon darum war er es sehr zufrieden, als die Grfin den
widerstrubenden Marchese fast zwang in ihr Haus zu ziehen: so konnte er mit ihm
krzlich diese Vorschlge durchgehen und sich ber Lokalverhltnisse
unterrichten. Der Marchese kannte alles, ja er vertraute dem Grafen unter dem
Siegel der Verschwiegenheit, da er von einer Gesellschaft, an deren Spitze der
Friedensfrst stehe, abgesendet worden, alle Kultur der andern europischen
Staaten unbemerkt in das Land zu bringen, so da die schweren Ketten des
Vorurteils und der Gewohnheit unbemerkt nicht gebrochen, sondern verrostet, von
sich selbst zerfallen wrden. Bald kam die Zeit, wo Graf Karl mit den Seinen
wieder aufs Land ziehen wollte; der Marchese konnte sich wegen seiner geheimen
diplomatischen Verrichtungen nicht von der Stadt entfernen, und die Grfin, des
Landlebens schon im voraus berdrssig, tglich geschmeichelt durch neue Feste
des Marchese, der sinnreich auch das Unbedeutendste geltend machen konnte, das
Geld nie sparte, das Auslndische erhob, ohne das Inlndische herabzusetzen,
einen Fandango mit einem Walzer schlo, spanische Trachten den Frauen
schneiderte und anpate und Deutsch von ihnen lernte: die Grfin konnte sich
nicht losreien von ihm und eine kleine Krnklichkeit ihres Kindes gab den
Grund, die Entfernung von einem geschickten Stadtarzte zu bedauern. Der Graf
kannte zu genau den melancholischen Zug, den die meisten Schlsser des Landadels
tragen, eingeprgt durch die Einsamkeit, welche notwendig aus der verschiedenen
Bildung des Landvolkes hervorgeht, ja es war der eigentliche Geist seines
Strebens, durch eine bessere Erziehung der Landjugend und selbst durch deren
Rckwrkung auf die Eltern den echten Fortschritt der Zeit allgemein zu machen,
und also die verschiedenen Stnde in einen natrlichen Austausch ihrer Gedanken
in gleicher Sprache wieder gesellig einander zu nhern, wie noch vor funfzig
Jahren in vielen Gegenden Deutschlands Herren, und Diener an einem Tische mit
einander aen und auer der Beschftigung keinen Unterschied an einander
kannten. Die Freude und die Gesundheit von Frau und Kind lagen ihm nher als
seine eigenen Wnsche; er sah sie in der Stadt so heiter, wie er sie noch nie
gekannt. Er selbst bat sie, in der belebten Stadt, wo sich alles nach
geschlossenem Frieden neu begrte, noch einige Wochen zurckzubleiben, auch
wollte er sie dann durch einen neuen Garten, den er in einem Walde entworfen,
berraschen; sie nahm diesen Vorschlag mit Weigerung an, sprach von ihrer
Pflicht bei ihm zu bleiben, aber er drang aus Liebe darauf und so entfernte er
sich von ihr seit ihrer Verheiratung zum ersten Male auf lngere Zeit. Auch
Liebe tut oft zu viel, auch sie kann irren.

                                Viertes Kapitel



                        Der Graf reist allein aufs Land

Welche schne Ewigkeit lebt in einer treuen Seele, als er allein auf seinem Gute
seine Arbeit beschleunigte, nach wilden Vgeln jagte, nach Adlern, Falken und
Geiern, die seine Singvgel strten; ihm war so alles noch gegenwrtig, wie er
als Knabe bei solcher Jagd sich erfreut, wie es ihn so unwiderstehlich ber die
Berge getrieben, wie er die Falken an die Tre seines Grtchens angenagelt
hatte, und sich als einen Beschtzer der Unschuld und des Rechts getrumt. Wie
er dann befriedigt die Schtze der dunkelen Erde aufgewhlt, sie ruhig best und
bepflanzt habe, feurig in der Lust seiner Kraft, welche den Spaten Sto auf Sto
durch den tckischen Bau der Regenwrmer trieb, da er wie ein Schlangentter
unter dem ringelnden Gewrme stand. Und neben diesem ersten Heldentume stand
noch so fest in tiefer Seele die ganze Gegenwrtigkeit erster hoffender Liebe:
wie ihm Dolores als Student bei jedem Glockenklange vorgeschwebt; der Genu
hatte ihm nichts geraubt, er hatte nur dadurch an Erinnerungen gewonnen; kein
Augenblick war ihm leer und was ihn qulte, war allein, da nicht gleich alles
fertig war: Wege, Baumgnge, Denkmale, die er im Geiste schon deutlich sah; da
er mit Hnden nicht greifen konnte die Geliebte, die so deutlich ihm
vorschwebte. In solcher Stimmung, wo die Idee sich nicht mit der Idee begngen
will, sondern ungeduldig die Wirklichkeit sucht, schweifte er jagend ber den
Bergwald und verweilte am liebsten bei den Riesensteinen, die ein
untergegangener heiliger Dienst errichtet hatte. Dort grub er in einem
Hnengrabe nach dem Nachlasse eines Helden, von dem er endlich nichts mehr fand
und kennen lernte, als die Asche in einem zerbrochenen Kruge, dabei eine
Streitaxt, silberne Armringe und wenige erbeutete Mnzen; neben ihm einen
Aschenkrug, dessen Spindelstein und Ohrenspangen seines Weibes Schnstes und
Liebstes, was sie in ihrem Leben gebraucht und getragen, bezeichnete; rings die
Trnensammler leer und ausgetrocknet, - sehr rhrend, noch ein Zeichen der Liebe
und guten Zusammenlebens aus Zeiten und Vlkern, von denen wir, wie von
untergegangenen Tiergeschlechtern, nur riesenhafte Knochen haben, und die doch
vielleicht unsre Voreltern waren. Mit heiliger Scheu nahete er sich diesen
vergessenen Denkmlern; statt mit voreiliger Neugierde alles herauszureien, und
in irgend einer Sammlung mit andern Kuriositten zu verschtten, zeichnete er
alles treulich ab, stellte es dann wieder in die alte Ordnung, ummauerte es mit
einer anstndigen einfachen Architektur, da der Schatz jedem, der sich dem
eisernen Gitter nherte, sichtbar werden und jeden erinnern konnte an die
Hinflligkeit des grten Einzelnen, ohne ein dauerndes Bestehen seines Volkes:
Darum sei es der Helden grte Sorge, Heldenkinder zu erziehen. Vterlich
voreilend dachte er dann, wie er seinen Sohn Karl unter groen unternehmenden
Menschen wolle aufwachsen lassen, mehr dem Beispiele als der Lehre trauend; wie
er sich in allem versuchen solle, um sein Eigenes zu finden; wie er des Jahres
und der Tage Abwechselung in steter Abhrtung vergessen lernen sollte. Und von
solchen Erziehungsplanen ging er in der arabeskenartigen Verwandlung des Gemts,
das leicht halb von einem, halb von dem andern erfllt sein kann, wieder zur
Mutter ber, zu seiner Frau, von der er nun schon ein paar Wochen fern war; und
das ganze Heldentum, das sich vor seinen Augen aus den Kncheln Funken schlug,
schmolz in ein weiches Sehnen nach Genu zusammen; die Helden hatten ihm kein
Ehrenlied abstreiten knnen, aber die wirkliche Sehnsucht entlockte ihm ein
Liebesliedchen, das er gleich als einen Brief an seine Frau absendete:

Was jagt mich,
So matt und mde?
Ich such Dich
In meinem Liede,
Ich such Dich
In meinem Jagen;
Hier mu ich
Die Buchen fragen.

Die Frage
Im Widerhalle
Wird Klage,
Da Laub schon falle;
Es falle,
Weil es ermattet,
Es walle,
Wenn es Dir schattet.

Das Windspiel
Mit Deinem Bande,
Vergit Spiel
Und sprt im Sande;
Es legt sich
Mit seinem Munde,
Es hrt Dich,
Verliert die Kunde.

Es weint dann,
Wie Kinder weinen,
Und grbt dann
Mit seinen Beinen;
Begrbt sich
Im tiefen Sande,
Begrabt mich
Im Heldenlande,

In weichen Armen,
In stillem Ku,
Zu lang mir Armen
Fehlt der Genu.
Begrab mich
Und meine Lieder,
Bald komm ich
Und hol Dich wieder.

An dieser Stelle habe ich den Brief dreimal gekt; in vierzehn Tagen bin ich
sicher bei Dir. Knnte ich nur einen Augenblick dieses Wort sein; sicher siehst
Du es recht freundlich an, Du strahlender Augapfel im dunklen Laube. - Also
schlo sich dieser Brief.

                                Fnftes Kapitel



    Die Grfin Dolores mit dem Marchese D ... Politik. Alchemie. Verfhrung

Die Grfin verlor den Grafen, in der immer vernderten Gesellschaft des
Marchese, bald aus den Gedanken; mechanisch setzte sie sich Morgens eine Stunde
zum Schreibtische, klagte ber seine Abwesenheit, erzhlte von ihrem Kinde;
solch ein Wisch von einem Briefe, krumm und schief geschrieben, mit Kaffee und
Tinte befleckt, konnte doch den Grafen selig machen; es schien ihm so
vertraulich zu einem Briefe nicht einmal die Gedanken zusammen zu nehmen,
sondern so wie im gewohnten Morgengren auch wohl dazwischen einmal zu ghnen.
Inzwischen nahm die Grfin ihre Gedanken, oder vielmehr sie fand sie und mehr,
als sie sonst hatte, zusammen, sobald der Marchese zu ihr eintrat, ihr Zimmer
aufrumte und wieder mit allerhand neuen Kleinigkeiten verzierte. Da wir nicht
Lust haben die Geschichte jedes Tages ausfhrlich vorzutragen, weil die gemeine
Bosheit manches daraus erlernen knnte, so wollen wir das Betragen des Marchese
durch einige frhere Beobachtungen ber ihn deutlicher zu machen suchen; bald
mchte er sonst gar zu befremdend erscheinen. Aufgewachsen in der verderbten
groen Welt von Madrid, mit einer Klugheit, die ihn selbstndig machte, wo andre
noch angefhrt werden, suchte er ihren Genu nicht in der rohen Art, die blind
zugreifend die Sinnlichkeit mehr erschpft als befriedigt, nein, er wollte das
Herrlichste alles mit ganzer Kraft genieen: dies meinte er das herrlichste
Leben, die Mittel waren ihm Nebensachen; sein Talent hatte ihm die meisten
entweder eigen gemacht, oder unterworfen. Ohne lange Beratung mit sich, fast
unbewut traf er stets, ob er sich einem Manne von Bedeutung, oder einer schnen
Frau mehr durch Lob oder Tadel nhere, mehr durch allgemeine praktische
Gesinnung oder durch Sonderbarkeit, ob er besser imponierte oder sich belehren
lassen msse, ob Bewunderung oder Mitleid ihm wesentlicher diene; gewi war er,
besonders Frauen, bald so nahe bekannt, als irgend ein anderer, und gemeinhin
viel vertrauter; sie sagten ihm, was sie guten Bekannten lange verschwiegen,
hatten sie gefehlt, so zeigte er sich noch fehlerhafter; er zeigte ihnen so
viele Hkchen, so viele Berhrungen seiner reichen Natur, da eines sicher
fassen mute; hatte er aber nur einen Ton erkmpft, so lie er ihn nicht mehr
verstummen; bis die letzte Luft aus dieser Pfeife ausgeblasen, nicht eher lie
er nach. Und bei dieser steten Bewegung seiner neugierigen Bestrebungen wurde er
sich selbst ganz leicht; die qulende Ttigkeit seines Daseins fand ihr Ziel; es
tat ihm leid, wo es endlich de und traurig ausging, aber er konnte nicht anders
und er fhlte, da er auch in seiner Natur genug gelitten und erduldet; er
gnnte auch andern ihre Prfung. Von einem Don Juan war er schon dadurch
unterschieden, da er keinesweges blo sinnlich war mit all und jedem Weibe: nur
mit den sinnlichen war er sinnlich; noch eifriger konnte er mit
streng-moralischen sein Leben durchgehen und bessern, mit einer Religisen
beten. Htte Don Juan seine Vielseitigkeit gehabt, er htte sich durch des
Teufels Gromutter vom Teufel los geschwatzt. Da ihn Dolores sinnlich reizte,
brauchen wir nicht zu erinnern; beten und trumen war ihre Sache nicht, aber sie
war die stolzeste, prchtigste Sinnlichkeit, die je ber die Erde geblickt, als
wre sie ganz zu ihrem Genusse geschaffen. Er sah bald, da Glanz, Artigkeit,
Schnheit sie nicht bezwinge; sie war zu stolz, sie mute gedemtigt werden, das
war aber bei ihr nicht leicht. Er lie einige Tcken gegen ein paar lockere
Weiber ausgehen und zwar in einem anscheinend gleichgltigen
Gesellschaftsspiele, die sie fr immer aus der Gesellschaft entfernten; das
brachte manche gegen ihn auf: auch Dolores, die an ihrem Umgange Geschmack
gefunden; sie machte ihm Vorwrfe, er stellte sich so wtend, da ihr vor ihm
angst wurde; das war kein Schauspiel, nein er fhlte es ganz so, als wrde die
Grfin durch solchen Umgang entweiht; etwas, das der Graf auch gefhlt, aber
immer nur leise angedeutet hatte; doch dachte sie heimlich dabei, da ihrem
Manne es eigentlich gebhrt htte, so zu handeln.
    Mit seinem Scharfsinne fate er auch bald die schwache Seite der Grfin, von
der er sich ihr schnell, unabhngig von dem Reize seines Umganges, wichtig und
unentbehrlich machen knne. Wir sahen schon einmal auf dem Lande eine politische
Verschiedenheit zwischen dem Grafen und der Grfin aufblitzen, und seine Hrte,
sie darin als ein Weib von aller Verhandlung auszuschlieen; ein Unrecht in
einer Zeit, die alle Ausbildung beider Geschlechter so nahe gebracht hat, da
sicher kein Gedanke in dem wechselseitigen Verkehre durch die Verschiedenheit
mehr herabgewrdigt wird. Im elterlichen Hause war die Grfin schon als Kind
ganz an das Gegenteil gewhnt worden; Frauen wurden zu mancher geheimen
Verhandlung gebraucht, fter als Schiedsrichter ber streitige Flle; sie
erfreute sich noch immer einzig lebhaft an jeder politischen Schrift, und der
Marchese berbrachte ihr deren bald viele, sehr verbotene, schwer zu erlangende,
mit unter sogar Manuskripte, die er auf seinen Reisen eingehandelt hatte. Jede
Heimlichkeit fhrt zu einer andern und verpflichtet zu manchem, was nicht voraus
zu sehen. Der Marchese machte sich zur Aufbewahrung, berbringung und
Versteckung dieser politischen Gefhrlichkeiten einen geheimen Gang aus, der
sonst nur dem Grafen nach den Zimmern der Grfin offen stand, wenn er, ohne die
Vorzimmer zu durchlaufen, sie aus seiner Arbeitsstube besuchen wollte. Sie gab
ihm den Schlssel ohne alle Nachgedanken, welches bedeutende Zeichen sie ihm
damit schenke. - Wenige Tage darauf nach mancherlei Anstzen, Zweifeln an
Verschwiegenheit, rtselhaften Andeutungen, welche alle Neugierde der Grfin
spannten, erklrte er ihr, da er sie fhig glaube, einen ausgezeichneten
politischen Einflu zu gewinnen. Sie verbarg ihre ungemeine Freude ber diese
uerung hinter nachgesprochenen Zweifeln ihres Mannes, ob eine Frau nach ihren
Verhltnissen dazu tauge. - Das ist Torheit, rief der Marchese heftig, wren
Frauen nur zu der kleinen Anstrengung des ntigen Schreibens zu bringen; ich
halte sie wegen der Feinheit ihrer Beobachtung fr viel geschickter zu solchen
Verhandlungen. Und nach diesen Worten berstrmte er sie mit Erzhlungen von
franzsischen Frauen, die ihre Zeit geleitet. Er schlo mit den Worten: Diese
Frauen leben unsterblich durch alle Jahrhunderte, whrend alle die guten Mtter,
wozu in Deutschland das weibliche Geschlecht einzig bestimmt wird, von ihren
eignen Kindern schon vergessen werden; Sie sehen, es gibt eine hhere und eine
gemeine Tugend; die letztere kann jene nicht erkennen, sie ist ber ihre
Fassung, wohl aber jene diese, und darum glauben Sie wegen jener uerung nicht,
da ich mtterliche Tugenden verachte, die Sie Grfin so schn und liebreich
ausben; aber es gibt freilich etwas Hheres! - Die Grfin drngte sich
ungeduldig, dieses Hhere kennen zu lernen; sie wnschte, die Geschichten jener
Frauen zu lesen, und der Marchese brachte ihr einen Haufen der merkwrdigen
Memoiren, die den Intrigengeist in Frankreich und die ungemeine Sittenlosigkeit,
die den Hof in den beiden letzten Jahrhunderten umlagerten, so lebendig
entwickeln, da eine gewhnliche Untreue in der Ehe, aus Zuneigung, fast wie
eine himmlische Tugend erscheint. Whrend die Grfin Nacht und Tag ganz heimlich
in diesen Bchern las, die er ihr ebenfalls als Geheimnis anvertrauet hatte,
rckte er mit seinen politischen Absichten nher; er erbat sich von ihr
Kundschaft ber einige frstliche Huser, die sie kannte; was sie ihm flchtig
gesagt, stellte er mit groer Lebendigkeit zu einer herrlichen feinen
Darstellung zusammen, und er las es ihr spt Abends vor, so da sie ber sich
selbst erstaunte, was er aus ihr bilde, chiffrierte das in ihrer Gegenwart mit
groer Sorgfalt, bestellte einen Kurier und sendete es nach Spanien. Unglaublich
hatte sie dies Vertrauen geschmeichelt; sie zitterte, es zu verlieren und htte
es doch auch gerne einigen ihrer Bekannten zu verstehen gegeben. Auch dazu gab
der Marchese mit einigen bedeutenden Winken in einer Gesellschaft die
Gelegenheit; er sprach von ihrem Talente, das Geheimste zu beobachten, von ihrer
Darstellung mit einer Zuversicht, als wren diese Gaben allgemein anerkannt. Der
Grfin Zimmer schmckte sich jetzt mit franzsischer Gelehrsamkeit; sie lebte
sich ganz hinein in den Charakter der politischen Frauen in Frankreich und
suchte eine Menge andrer in dieser Art mit sich bekannt zu machen, und fr den
Marchese zu benutzen, so da es bald in der Stadt hie, sie sei die rechte Hand
des spanischen Gesandten. Dieser hatte noch immer politische Geheimnisse, die er
ihr verbarg und nach denen sie strebte; auch hielt er sich noch immer zurck,
eine Art Herzensverstndnis mit ihr zu erffnen; sie aber hatte den geheimen
Wunsch, da er ihr seine Liebe erklren mchte, die sie recht wohl in ihm
erkannte; da sie ihm dann zwar alles Unerlaubte versagen wrde, dessen war sie
gewi, aber wenigstens konnte er ihr nachher nichts mehr versagen, oder durch
uerungen ihren politischen Gesellschaftsruhm strzen. Er durchschaute sie, und
tat noch immer voller Rcksichten, da er ihr Streben bemerkte, vor ihm als ganz
rein zu erscheinen; er glaubte immer noch, da selbst die Furcht vor ihrem
politischen Sturze sie nicht genug in seine Gewalt bringe; als eine wunderschne
Frau knnte sie nach einigen Trnen darber lachen; er mute sie ganz demtigen,
da sie sich sogar als lasterhaft erscheine und da es ihm ganz berlassen sei,
sie gesellschaftlich zu vernichten. Sie ganz zu demtigen, bot ihm der Zufall,
den er oft schon belauert, die dienstfertige Hand. - Die Grfin wollte einen
Ball besuchen; sie trat in ein Zimmer voll groer Spiegel, in dessen Ecke er
sich hinter einem Schirme auf ein Sopha ausgestreckt hatte; sie bemerkte ihn
nicht, machte gegen den einen Spiegel einige recht hochmtige, einige recht
freundliche Gesichter; dann sagte sie behaglich zufrieden mit sich selbst:
Heute bin ich unwiderstehlich, heute wird sich der Marchese doch vor mir
demtigen mssen; heute will ich ihn warten lassen, ehe ich ihm die Hand biete.
Halt, sagte sie weiter, hier auf der rechten Backe noch etwas Schminke - nun
soll es heute einmal rot wie ein Wagenrad werden? - Wenn der Marchese wte, da
ich mich schminkte, ich wre verloren, dann wte es alle Welt. - Und mein Mann,
was wrde der sagen, dem ich so heilig versprochen, keine Schminke aufzulegen:
solch Versprechen kann aber nicht gelten. -
    Bei diesen Worten sprang der Marchese lachend auf und warf sich der
Erschreckten leicht und liebenswrdig geschickt zu Fen, und sagte spottend:
Ja wohl mu es der hochmtige Marchese der ganzen Gesellschaft sagen, damit
alle sich wie er vor Ihnen niederwerfen, Sie verderben sich sonst wahrhaftig die
schne Haut mit der fatalen Schminke und des artigen Liedes von dem Grafen
denken Sie gar nicht. Und dabei stand er auf und sang ihr dieses Lied, das der
Graf ihr einmal zrtlich warnend verfertigt hatte, als er das erste
Schminktpfchen zu einem Balle bei ihr versteckt gefunden; der Graf hatte es ihm
gegeben, indem er ihm versichert, da sich die Grfin seit der Zeit gar nicht
mehr schminke, weil sie es ihm damals heilig versprochen. Hier dies Lied:

Siehst du in den hohen Spiegel,
Deine Locken gleich zu ringeln,
Scheint ein Bbchen, das hat Flgel,
Dich mit Blumen zu umzingeln:
Dann erscheinen in dem Spiegel
Noch der holden Mdchen drei,
Binden dieses Knaben Flgel,
Anmut bindet Lieb und Treu.

Willst du freundlich gern sie sehen,
Bleiben freundlich sie ergeben,
Willst du dich nur spiegelnd sehen,
Mgen sie wohl frei verschweben!
Klage nicht, da Schnheit fliehet,
Schneller flieht das Irrlicht dann;
Bind es nicht durch Kunst, es glhet,
Was uns wrmt, auch brennen kann.

Sonnenstrahl, wie warm und helle,
Kannst die Wange bald versengen! -
Ei wer sieht's im Tanz so schnelle,
Alle Farben da sich drngen:
Amor schwingt die Fackel helle,
Sieht so listig auf den Grund,
Sieht so leicht die falsche Stelle,
Schminke ksset nicht sein Mund.

Wer sich Amor kann verstecken,
Kann auch nimmer selig lieben,
Wer ihn aus dem Schlaf kann wecken,
Kann das Kindlein hart betrben:
Sei auch Lieb durch Schnheit flchtig,
Wir entfliehen ja mit ihr,
Blhe Wein, und trage tchtig,
Schnre Kinder bleiben hier.

Statt des einen Amor viele,
Viele Amors ohne Flgel
Krnzen Grazien im Spiele,
Und du siehst doch ohne Spiegel:
Siehst du deine Schnheit wieder
In den Kindern, die einst dein,
Schlage nicht die Augen nieder:
Ach wie schn, so schn zu sein.

Tausendmal verfluchte die Grfin in sich dieses Lied; aber der Marchese schenkte
ihr keinen Vers; immer tiefer sank ihr dabei Stolz und Mut; sie kannte seine
Tcke, seine Kunst in lcherlicher bertreibung. Zum erstenmal glaubte sie etwas
ganz Unverbesserliches getan zu haben, und in dem Nachsinnen auf einen Ausweg
wurde ihr eiskalt, und die Gedanken vergingen ihr. Noch ein Vers und sie htte
in Ohnmacht vor ihm gelegen; jetzt brach ein Trnenstrom aus ihren Augen; sie
war artig und schwach wie ein Kind, dem man ber eine Kleinigkeit zum Spa harte
Vorwrfe gemacht hat, und das sich nun gar nicht will zur Ruhe begeben. Das war
so ihre Art; sie fhlte sich so ganz herunter von ihrer eingebildeten Hhe, da
sie nichts dawider hatte, als ihr der Marchese die Trnen von den Wangen kte;
sie wollte ihn gar nicht loslassen; schweigen, schweigen! rief sie
schluchzend; er versprach es ihr mehrmals und ohne da weiter zwischen ihnen
etwas gesprochen wurde, hauchte sie sich in die Hnde, um die Trnen zu
verwischen und die Augen zu erfrischen; der Marchese fhrte sie an den Wagen. So
viel Gewalt sie sich antat, sie konnte nicht ihre gewhnliche Lustigkeit auf dem
Balle erreichen, und ihr, die sonst Nchte durchtanzte und am Morgen so klar wie
ein Falke aus den Augen sah, fielen sie diesen Abend bald zu, und sie eilte nach
Hause, in einem tiefen Schlafe das Ende ihrer hoffnungslosen Nachgedanken zu
finden, wie der unverbesserliche Fehler gut zu machen, der ihr noch jeden
Augenblick von neuem alles Blut ins Gesicht trieb. Noch am Morgen war sie ganz
zerknirscht; nie hatte ein Mann ihr ganzes Gemt so in seiner Gewalt gehabt,
weil sie nie eigentlich geliebt hatte; sie fhlte etwas Neues zwischen sich und
dem Marchese entstehen, das sie nach allen Beschreibungen der Bcher fr die
wahre Liebe halten mute; sie fhlte in ihm ein Hinaussetzen ber alle
Verhltnisse, vor dem ihr grauete und das sie reizte, weil es den Keim zur
Verderbnis in ihr pltzlich zum Aufwachsen regte. Ihr Mann war ihr durch das
Lied ganz verhat; durch eine hufige Mideutung des Gefhls glaubte sie in ihm
die wahre Ursache ihrer Beschmung; bald kam es ihr vor, als habe er sie boshaft
dem Marchese ganz berlassen wollen; sie fand es pltzlich ein himmelschreiendes
Unrecht von ihm, eine junge freudige Frau so allein ohne einigen Genu zurck zu
lassen. - Miverstndnisse sind die Blten des Bsen, nur die Guten verstehen
sich mit Guten zum Guten ganz und immer. Dem Marchese war nichts entgangen:
seine gewonnene berlegenheit, ihr Zutrauen breitete er mit rastlosem Eifer aus.
Da sie ihrem Manne sonst meist nur aus Eigensinn, nicht aus verschiedener
Ansicht widersprochen, denn sie nahm eigentlich nur von wenigem eine begrndete
Kenntnis an, so mute ihr Urteil an diesem klugen kalten Sprecher leicht
brechen, die Folge davon war, da sie von ihm lernen wollte. Nun umspann er sie
leise mit mancherlei geheimnisvollen Wissenschaften, hherer Philosophie,
Astrologie und Geisterbeschwrung; er kannte von allem nur das, was auf das
Gemt wirkt und das Urteil beschrnkt, und so fhrte er sie bald in eine neue
Welt, unter der ihre gewohnte tief unten in niedriger Entfernung lag; so
verschwand ihr auch der Graf mit dem notwendigen schnen Eindrucke, den seine
Lebensweise auf jeden ihn Umgebenden machte.
    Jede Zeit hat ihre eigne Art Geister, ihre Art sie zu denken und zu
zitieren; einstmals rasselten sie alle wie Festungsgefangene mit Ketten,
sprachen vom Fegefeuer, und forderten Gebete von den Ihren; spterhin wurden sie
wissenschaftlicher, und forderten zu ihrer Beschwrung groe Kenntnisse,
Anschaffung seltener chemischer Bereitungen, und in diesem Sinne wirken noch
immer die Rosenkreuzer. Der Marchese hatte sich alle Geheimnisse der
Rosenkreuzer angeeignet, um sie, vermischt mit dem Mesmerschen Magnetismus als
eine furchtbare Geisterhand in das Innerste der Gemter auszustrecken. Er zeigte
der Grfin unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit manche Briefe
ausgezeichneter Mnner der Zeit, die ihn als ein unbekanntes Oberhaupt der
Geister und der hheren geistigen Weltregierung ansahen; sie staunte ber die
Gewalt, die er ber alle ausbte, und in diesem Sinne wurden ihr selbst
unbedeutende uerungen von ihm bedeutend; manches Zeichen, das er willkrlich
machte, hatte ihr einen tieferen Sinn. Oft brachte er ihr, ohne ihr Wissen,
magnetisierte Blumenstrue, die sie mit einander in eine Berhrung setzten, da
sie in ihrem Innern, was er wollte, anschauen mute. Eines Abends las er ihr aus
einem geschriebenen Buche von der chymischen Hochzeit6 vor, das er sich selbst
zuschrieb und von dessen Wunderbarkeit wir einen kleinen Vorschmack geben
wollen:
    An einem Abend vor dem Ostertage sa ich an einem Tische, wo ich der vielen
groen Geheimnisse dachte, deren mir der Vater des Lichts nicht wenig sehen
lassen. Als ich nun mir mit meinem lieben Osterlmmlein, ein ungesuert
unbeflecktes Kchlein in meinem Herzen zubereiten wollen, kommt ein grausamer
Sturm daher, da ich nicht anders meinte, denn es werde der Berg, darin mein
Huslein gegraben, von groer Gewalt zerspringen mssen. Da mir aber solches an
dem Teufel nicht fremd war, fate ich einen Mut, und blieb in meiner
Betrachtung, bis mich jemand an den Rcken anrhrte, davon ich so erschrocken
blieb, da ich nicht umzusehen wagte. Doch wie ich mehrmals an dem Rocke gezogen
wurde, so sahe ich mich um, da stand ein schnes herrliches Weib, deren Kleid
ganz blau und mit goldenen Sternen wie der Himmel zierlich versetzt war. In der
rechten Hand trug sie eine ganz goldene Posaune, auf welcher ein Name gestochen,
den ich wohl lesen konnte, der aber zu verstehen unmglich; in der linken Hand
hatte sie eine groe Menge von Briefen, die sie in alle Lnder trug. Einen
dieser Briefe legte sie auf meinen Tisch, breitete dann ihre rauschenden blauen
Flgel aus und verschwand durch das verschlossene Fenster. Als ich dies
Brieflein in Demut ffnete, da las ich mit goldenen Buchstaben im blauen Felde
geschrieben:

Heut, heut, heut
Ist des Knigs Hochzeit ...

Bei diesen Worten waren die Lichter so weit abgebrannt, da der Marchese nicht
weiter lesen konnte; die Grfin hatte sich ngstlich mit ihrem Stuhle zu ihm
gerckt; die Luft schien ihr belebt in tausend bedeutsamen Gestalten
umherzugehen; der Marchese schaute mit einem groen Blicke empor, erhob die
Hnde und schien eine Erscheinung demtig zu begren; er sprach, aber sie hrte
nichts, er deutete auf sie, als wenn jetzt etwas ber ihr schwebe, und ngstlich
fragte ihn die Grfin, was er sehe. Er sagte, da er die Mutter Gottes sehe, die
sie an ihn drcke und einen Kranz von Rosen mit den Worten ber sie halte: Folge
mir nach! Dolores drckte sich erschrocken an ihn und meinte, sie werde an ihn
gedrckt; sie fhlte seinen Atem, und meinte, es sei der gttliche Atem, und
rief: Ich fhle sie, ich fhle ihren Atem, er ist hei, wie der Orient und wie
die Liebe einer Mutter! - Bei diesen Worten rief er: Und ich bin ihr Sohn!
und strzte in einem krampfhaften Zucken ber die Grfin hin. Schon oft hatte er
ihr von einer wunderbaren Erneuerung des heiligen Mythus gesprochen; sie schien
bewutlos bei diesen Worten: Ja du bist, du Gewaltigster, du Heiligster in der
Schwche menschlicher Natur mir in die Hand gegeben! - Und du bist meine ewige
Braut! seufzte er. - Dann versank er scheinbar in einen Todesschlaf, sein Atem
ward stille; der hlflose menschliche Zustand des hohen geliebten gefrchteten
Gottmenschen erweckte das tiefste Mitleiden der Grfin; sie rieb ihn mit
wohlriechendem l, das in einem kleinen Flschchen um ihren Hals hing, sie
lftete seine Binde, seine Weste; seine schne mnnliche sdliche Bildung trat
hervor wie eine ausgegrabene Antike, wo jede Schaufel weggenommener Erde neuen
Reiz enthllt; sie konnte ihn nicht erwecken und mute ihn so lange anstaunen.
Zu schellen wagte sie nicht; es war sehr spt, und er war durch den geheimen
Gang zu ihr gelangt. In diesen Augenblicken schwebte eine Fledermaus schauerlich
in der Hhe des Zimmers umher, wie ein fortziehender Schatten; auch der Marchese
hatte sie durch die halbgeschlossenen Augen wahrgenommen und kam aus Furcht vor
dem Tiere, das er nicht leiden konnte, wieder zur Besinnung. Die Grfin war so
freudig ber sein Erwachen, sie htte sich dem Himmel aus Dankbarkeit geopfert;
aber das wollte er nicht; er wollte nicht berraschen, keine Vorwrfe hren;
statt die Stimmung, den Ort, die neue Vertraulichkeit zu benutzen, lie er die
erweckten Begierden in ihr fortwuchern, hieb mit seinem Degen die Fledermaus
nieder und verlie das Zimmer mit einem ernsten Kusse.
    Ich mchte, statt zu erzhlen, hier mit einem gewaltigen Trauermarsche die
Unglckliche zu erwecken suchen: aber es ist doch zu spt.
    Den Sieg ber ihre Treue und ber ihr Glck setzte der Marchese nur bis zum
nchsten Abende hinaus, wo er ihr Zimmer mit unzhligen Blumen geschmckt und
gegen alle Fledermuse geschlossen hatte. Die Wurzeln waren alle untergraben, er
wute, wohin der Baum fallen mute, und so schwelgte er alle seine jetzigen und
knftigen Frchte an einem Abende auf; es war so schn, da er sich heilig
schwor, zu keiner Zeit ihr wieder so vertraulich zu werden, um diesen Eindruck
sich nicht zu verderben. - O du angebetete Schnheit, wie bist du gefallen von
deiner Hhe, wie bist du gemein worden und ich trage keine heilige Scheu mehr
vor dir.

                                Sechstes Kapitel



                       Rckkehr des Grafen nach der Stadt

Der Graf kam einige Tage darauf nach der Stadt zurck, um sie aufs Land
mitzunehmen, um ihr im Jubel alle seine neue Anlagen zu zeigen. Sei es, da er
durch das stete Anordnen und Bewachen der Arbeiter etwas strenger
Durchschauendes in seinen gewhnlichen Blick aufgenommen, oder war sie von der
Furcht getuscht, er mchte ihr Verbrechen auf ihrer Stirne lesen, genug, sie
suchte ihre Verlegenheit hinter einer strmischen Zrtlichkeit zu bergen, welche
sonst ihre Art nicht war, die immer mehr erwartete als entgegenkam. Es war ihm
etwas Strendes, etwas Frevelndes in ihr; er gedachte mit einem ruhigern
Urteile, das er jetzt in dem Verhltnis zu ihr gewonnen, an die gleiche
Empfindung, die ihn damals bei seiner ersten Rckkehr von der Universitt
befangen; es mu doch etwas andres in ihr sein, dachte er, was ich nicht
geliebt, nicht gekannt habe; doch schwieg er davon, er fhlte noch zuviel
Zrtlichkeit gegen sie, als da der Gedanke ihm lange Stand gehalten. Er
forderte sie zur Abreise aufs Land auf, aber mit tausend schnen Worten wute
sie ihm zu erklren, da es ihre Gesundheit noch nicht zulasse; auch schienen
ihre Wangen jetzt wirklich blsser, seit sie die Schminke, der Beschmung jenes
Abends eingedenk, aufgegeben hatte. Der Graf verschwieg seine Empfindlichkeit,
seine verdorbene Freude; die Grfin gedachte ihre gewohnte Lebensweise in der
Gesellschaft des Marchese fortzusetzen; aber zu ihrer tiefen Krnkung zog es
dieser vor, einige Tage den Grafen aufs Land zu begleiten.

                               Siebentes Kapitel



  Der Graf geht mit dem Marchese auf sein Landgut. Unterhaltung von unseliger
                           Liebe zu verlornen Mdchen

Der Graf nahm zrtlichen Abschied von seiner Frau. Der Marchese drckte der
Grfin zum Abschiede spottend das Schminkdschen in die Hand, das ihm zum
Andenken jenes Balles geblieben. Kaum konnte sie ihren Unwillen unterdrcken;
sie ging auf ihr Zimmer und warf sich unmutig auf ihr Sopha. Es kamen ein paar
ltere Frauen zum Besuche; die Unterredung schlich ghnend durch die
Neuigkeiten; endlich fing die eine an: Ich merke doch immer mehr, da uns etwas
fehlt. - Aber was ist es? fragte die andere. - Verstellen Sie sich nicht,
antwortete jene, Liebhaber fehlen uns; es war doch eine schne Zeit, wo stete
Aufmerksamkeiten uns jede Stunde begleiteten, und ich finde in nichts dafr
einen Ersatz. - Dolores wurde glhend rot bei diesen Worten; zum Glcke war es
Zwielicht und keine der beiden Frauen konnte es bemerken.
    Den Grafen unterhielt der Marchese sehr angenehm mit Abenteuern, die er ihm
von Frauen aller Art erzhlte; selbst die Geschichte seiner eigenen Frau trug er
ihm mit geringen Vernderungen so ruhig vor, als htte er sie unfern den Sulen
des Herkules erzhlen hren. Der Graf schwor darauf, da ein so ehrvergessenes
Weib nie einen ehrlichen Mann betrgen knne. - Es ist eine wunderliche Sache
um die Abirrungen ehelicher Liebe, meinte der Marchese; ich wei wirklich
nicht, wenn ich der Mann gewesen wre und den Handel entdeckt htte - wer kann
einen schwachen Augenblick hart bestrafen. - Beim Himmel, rief der Graf,
hart nennen Sie das, das nennen Sie einen schwachen Augenblick, der die starken
Bande langer Gewohnheit, geschworner Treue, alter Liebe vernichtet; das ist eine
frchterliche Strke im Menschen, die das nur vermag, die mu vernichtet werden,
oder die Welt bestnde nicht mehr. Gott bewahre mich vor dem Falle, aber ich
htte es nicht lassen knnen, die beiden umzubringen. - Sie knnen recht
haben, sagte der Marchese ruhig, die Gewohnheit, ber dergleichen unselige
Vorgnge in der Welt gleichgltig reden zu hren, gibt auch der Beurteilung
dieselbe Gleichgltigkeit, die sich vielleicht auch in mir bei einem solchen
Ereignisse, wo es mich betrfe, verleugnen mchte. Wenn Sie aber, lieber Graf,
bestimmt so denken, so verwundert es mich, wie Sie Ihre Frau so in der Flle
aller Reizungen allein zurcklassen knnen; sie mag eine sehr vollkommene
sittsame Frau sein, lieber Graf, sie ist doch auch nur eine Frau; in Spanien
drfte das kein Ehemann wagen. - Wir Deutsche, meinte der Graf ungestrt,
wir sind entweder anders, oder denken darber anders; wir schenken einer Frau
mit unsrer Liebe unser ganzes Zutrauen; meine Frau betrachte ich wie mich
selbst, nicht als aus einer besondern Rasse schwcherer Wesen; ich bin gewi, so
wenig ich ihr eine fremdartige bse Neigung verschweigen wrde, so wenig wrde
sie ungewarnt meine Ehre, mein ganzes Glck, verraten. - So endigte sich diese
merkwrdige Unterredung, in welcher die bermchtige Klugheit so arm neben dem
reichen zutraulichen Glauben erscheint, und der Glauben in so schwerer Prfung
neben der Bosheit; doch lie sie in dem Gefhle des Grafen, verbunden mit dem
Fremdartigen in dem Wesen seiner Gemahlin, eine gewisse Besorglichkeit zurck,
die er gern einem eignen belbefinden zuschreiben wollte. Man irrt aber eben so
oft, wenn man jeden ungewhnlichen geistigen Zustand einem krperlichen Leiden
zuschreibt, als wenn man umgekehrt jede Krankheit aus einem Leiden der Seele,
einer Sehnsucht, herleiten mchte, wie es den Frauen hufig eigen. - Die beiden
Reisenden wendeten bald ihr Gesprch auf die Liebe; der Graf in dem schnen
frommen Sinne, der dem glcklichen Neulinge eigen; er war als Vater noch
unschuldiger als manches Kind. Der Marchese berschttete ihn mit einem kalten
Strzbade der wunderbarsten Geschichten, welche Lust und Not einem gebildeten
barbarischen Zeitalter aufgezwungen haben; dabei flossen ihm die Geschichten zum
Munde hinaus, als splte er ihn sich aus, und wrde er reiner. Auch die
Liederlichkeit fordert eine gewisse Bestimmung, und so ein geriebener
Himmelsstrmer lt sich in seiner pestilenzialischen Wirkung den Soldaten
vergleichen, die nach langem Biwakieren in ein ordentliches Haus kommen; ihr
Geruch vergiftet alle, whrend sie sich wohlbefinden. Der Graf fhlte dabei eine
wunderliche Neigung in sich, auch die Welt so kennen gelernt zu haben, in allen
ihren Tiefen und Hhen; sein Leben kam ihm so arm vor; er htte ihm auch gerne
etwas erzhlt, aber mit Staunen bemerkte er, da er diese Seite geselliger
Bildung eigentlich ungekannt immer verachtet habe. Der Graf, immer aufrichtig
und wahr, sagte dem Marchese: Sie haben nicht umsonst gelebt, Sie haben einen
reichen Schatz von Weisheit aus dem Abschaume der Menschheit entwickelt, den ich
mit leerem Bedauern angesehen habe, da er zu keinem ruhigen hellen Tropfen mehr
zusammenflieen knne. Ich versichere Ihnen, es gab eine Zeit, wo ich
ffentliche Mdchen gar nicht fr Menschen gehalten habe, sondern fr eine Art
Wundertiere mit ihren geschminkten Wangen, fr eine Art schndlicher Gtzen aus
dem alten Heidentume, denen Menschen geopfert wrden. Erst auf der Universitt
lernte ich an einem Mdchen, das mir gegenber wohnte, wie alles so gewhnlich
menschlich, mehr nachlssig als bse, zugehe. Sie war erst sehr ordentlich
sparsam und fleiig, half fleiig den Eltern, die einen kleinen Handel trieben.
Die Mutter starb, der Vater war alt; er hatte kein Ansehen ber sie und sie
mute ihn zum Teil ernhren; darum schwieg er zu allem, was sie tat. Bald
bemerkte ich, da sie ein schnes Tuch, bald auch ein besseres Kleid trge; bald
sa sie am Fenster und beschftigte sich nur mit Putzmachen und Stickerei; ich
dachte, die Leute htten eine Erbschaft getan. Endlich sa sie aber ganz mig
an ihrem Fenster, das halb mit Blumentpfen verbaut war; ihre Backen sahen mir
so unnatrlich rot aus; sie winkte mir; aber das Mdchen, mit dem ich eine
kleine Liebesgeschichte ganz in mir nach meiner Art gespielt hatte, da sie in
hundert Jahren nichts davon erraten htte, war mir im Augenblicke so verhat,
da ich ihr den Rcken zukehrte. Bei einer Gelegenheit warf ich ihr ein Gedicht
ins Fenster, womit ich sie zu bekehren meinte. - DER MARCHESE: Sagen Sie es
doch her, wenn Sie es noch wissen, die Geschichte hat etwas so Unschuldiges, das
mich ungemein reizt. - DER GRAF: Aus der Zeit vergit man nichts.




                               Die arme Schnheit


Mir gegenber das schne Kind,
Strickte sonst fleiig ums liebe Brot,
Barfu doch lief sie bei Regen und Wind,
Schwarz war ihr Kopftuch, ihr Rckchen war rot;
Wenn ich sie grte, dankte sie schn,
Und ich mocht gern ins Auge ihr sehn.

Mir gegenber sitzt nun das Kind
Mig am Fenster, da jeder sie schaut,
Hat sich gelocket die Haare geschwind,
Putzt sich in Seide wie eine Braut;
Wenn ich sie sehe, winket sie mir,
Wenn du sie grest, winket sie dir.

Hr, gegenber du armes Kind,
Schande macht reich und die Schnheit ist arm,
Schande, die tauscht mit der Schnheit geschwind,
Da sich doch Gott nur der Schnheit erbarm.
Siehst du zum Himmel, Gott siehet dich nicht,
Sieht kein geschminketes Angesicht.

DER MARCHESE: Schn, und was fr Erfolg hatte das Lied? - DER GRAF: Sie
erriet mich, sie kam zu mir; sie klagte mir ihre Not so rhrend, da bloer
Geldmangel sie erst bezwungen, da ihr erster Liebhaber sie verlassen; ich griff
in meinen Geldbeutel und gab ihr gerhrt alles, was ich hatte; darber wurde sie
wieder so gerhrt, ich konnte ihrem Danke einige Liebkosungen nicht versagen und
ich gestehe Ihnen, da ich sehr nahe war, meine erste Erfahrung zu machen, als
ein Freund anpochte und ich erst jetzt merkte, da sie gleich eintretend mein
Zimmer verschlossen hatte. Diese Absicht brachte mich auf, ich verwies es ihr
hart. Sie aber trieb ihr Wesen fort und immer weiter bis ins Elend.
    DER MARCHESE: Da sind Sie wohlfeil weggekommen; in der Geschichte ist so
viel Gutmtigkeit, da Sie ein paar Dutzend Weiber damit verfhren knnten. Es
fiel mir dabei eine Geschichte ein, die ich beinahe wrtlich auswendig wei.
Haben Sie nie die Geschichte von Manon Lescaut gelesen? Dem armen Chevalier
Grieux ging es schlimmer mit einer hnlichen Bekanntschaft. Es ist vortrefflich
dort erzhlt, wie der Verfasser nach Passy kommt und alle Einwohner in unruhiger
Neugierde um ein paar bedeckte Wagen versammelt sieht; keiner hat Zeit, ihm
Bescheid zu sagen. Ein Hscher, den er an dem Bandelier und an der Muskete dafr
erkennt, sagt ihm kalt: Es sei gar nichts, er transportiere ein Dutzend
Freudenmdchen nach Havre, von wo sie nach Amerika deportiert werden sollten.
Eine ist sehr hbsch und das macht die Leute neugierig. In dem Augenblicke kommt
ein altes Weib aus dem Hause und weint und schreit mit aufgehobenen gerungenen
Armen: Das sei nicht auszuhalten, das arme Kind zu sehen! - Neugierig steigt der
Verfasser vom Pferde, geht in das Haus und erblickt ein Dutzend Mdchen, von
denen sechs und sechs an eine Kette geschlossen, wie sie ein Frhstck
einnehmen. Eine aber a nicht und hatte sich halb abgewendet; doch leuchtete
ihre Schnheit durch das schmutzige Zeug, das sie bedeckte. Er frgt einen
Hscher nach dem Mdchen. Ich hab sie aus dem Zuchthause abgeholt, antwortete
der, wo sie wohl schwerlich um eine edle Tat eingesperrt worden; sie ist aber
eigensinnig stumm; ich habe einige Schonung gegen sie, da sie doch von besserer
Art scheint, als die andern. Der junge Mensch dort wird Ihnen mehr von ihr sagen
knnen; er hat seit unsrer Abfahrt von Paris fast nicht aufgehrt zu weinen, es
mu ihr Bruder, oder ihr Liebhaber sein. Der Reisende sah nach dem Winkel, wo
der junge Mensch sa: ein Bild der Trauer; einfach gekleidet, aber voll Anstand
in Haltung und Bewegung. Entschuldigen Sie meine Neugierde, sagte der Reisende,
ich hre, da Sie jenes schne Mdchen kennen, das so wenig ihr Schicksal
verdient zu haben scheint. - Er sagte ehrlich, da er darber keine Auskunft
geben knne, ohne sich selbst zu erkennen zu geben; dies aber erlaube ihm die
Ehre seiner Familie nicht. Nur das eine knne er nicht leugnen, was auch die
boshaften Hscher recht gut wten, da er sie liebe, alles versucht habe, sie
zu retten: Bitten, List und Gewalt, alles vergebens; und so sei er entschlossen,
ihr in die neue Welt zu folgen. Das Abscheulichste aber ist, fuhr er fort, da
diese schndlichen Buben mich nicht mehr zu ihr lassen, seit ich all mein Geld
ihnen gegeben, um nur einige Augenblicke in der Nhe der Geliebten zu sitzen;
nhere ich mich jetzt, so stoen sie mich mit den Kolben zurck; sehen Sie diese
Beulen.
    So ruhig er diesen Bericht abstattete, so fielen ihm doch dabei einige
Trnen aus den Augen. Der Reisende drckte ihm in stiller Teilnahme vier
Louisdor in die Hand, wendete sich dann zu dem Oberhscher, nahm ihn bei Seite
und machte ihm Vorwrfe ber seine Fhllosigkeit. Er schien beschmt und sagte
verlegen: Es ist ja gar nicht darum, da er nicht mit dem Mdchen sprechen soll,
da wir ihn zurckgestoen, aber er will immer bei ihr sitzen und das ist uns zu
lstig; er mu unsre Unbequemlichkeit bezahlen, das ist natrlich. - Wie hoch
rechnet Ihr diese? fragte der Reisende. - Zwei Louisdor fr die ganze Reise,
sagte der Hscher unverschmt. - Gut, sagte der Reisende, da sind sie; strt Ihr
aber die beiden, ich werde es erfahren und werde Euch zu strafen wissen. - So
verlie der Reisende das Zimmer und behielt ein schmerzliches Bild unglcklicher
verirrter Liebe; denn, um alles kurz zu berschauen, dieses ffentliche Mdchen,
so schn als leichtsinnig, hatte den jungen Mann bei seinem ersten Eintritte in
die Welt so ganz gefesselt, ihn zehnfach mit seinem Wissen, doch ohne seinen
Willen fr Lust und Gewinn verraten, ihn aus einem reichen Wohlstande,
herzlicher Frmmigkeit, in Elend, und Laster, und Schande gestrzt; er konnte
doch nicht von ihr lassen. - DER GRAF: Die Geschichte ist furchtbar und so
wahr, da mir in tiefster Seele schaudert; welchen Gefahren haben Sie sich in
der Welt ausgesetzt; es gehrt auch dazu eigne Heldentugend, das alles mit Ihrer
berlegenheit zu bestehen; bei Gott, ich bewundre Sie; ich fhle in mir nicht
die Strke dieses Ungeheuer von Welt zu betrachten; lassen Sie sich nun mit
meiner Welt gengen. Hier lieber Marchese, hier, wo alle Wege und Felder ein
frhlicher Ansehen gewinnen, hier wird mir frhlich ums Herz; werden Sie es
auch, geben Sie mir die Hand, Sie sind mein Freund; hier ist die Grenze meiner
Besitzung, sei Ihr Eingang ein Glckszeichen. - Der Marchese bewunderte als
Kenner die Gartenkunst des Grafen, dieses geniale Benutzen des zuflligen
Gegebenen, um groe landschaftliche Wirkungen mit den leichtesten Kunstmitteln
daraus hervorgehen zu lassen; nichts war leerer Zierat in den Grten, keine
Tempel mit Altren, auf denen niemals geopfert wird; das Vergngen der ganzen
Gegend fand in dem Garten seinen Mittelpunkt; jede Laune fand ihren willkommenen
Gang und Ruheplatz. Zuletzt durchstrichen sie Feld und Wald; der Graf machte den
Marchese aufmerksam, welche Menge von Bumen, Gestruchen und Blumen fremder
Gegend, die sich aber uns klimatisieren, bis in die entferntesten Punkte von ihm
gepflanzt und geset wren, die nun notwendig ihre Art, wie die Perle, ins Meer
fallend, in immer weiteren Kreisen dessen Wellen bewege, bis an die fernsten
Ksten fortpflanzen mten. Alles andre, sagte er, kann bei einiger
Nachlssigkeit knftiger Besitzer schnell untergehn; dies allein ist nur durch
ungeheure Naturrevolutionen zu vernichten, die unser Klima ganz abndern. Voll
Bewunderung und wirklicher Teilnahme an diesem schnen Bestreben kehrte der
Marchese nach der Stadt; noch von niemand fhlte sich der Graf so ganz
verstanden; mit seinem freundschaftlichsten Feuer verschwor er sich ihm zum
Abschiede. Er gab ihm einen zrtlichen Brief zur Bestellung an seine Frau, worin
er ihr den Marchese als seinen liebsten Freund nochmals empfahl; der ganze
brige Tag blieb ihm trbe.

                                 Achtes Kapitel



 Des Grafen schwerer Traum. Warnungsbrief. Verzweiflung an der Liebe und Flucht

In derselben Nacht trumte dem Grafen ein wunderbarer Traum, der ihm die Grfin
in frchterlicher Untreue darstellte, da er beim Erwachen auf sie schimpfte,
und sich erst allmhlich zu erinnern vermochte, was ihn so gewaltig aufgebracht.
Als er zum Fenster hinaussah, am Sonnenscheine die trben Gedanken aus den Augen
zu wischen, da hrte er unten einen kleinen Buben, der ein bekanntes
Abschiedslied so hinsang ohne zu wissen, was er gesungen; er sang es so aus
Nichtstuerei:

Jetzunder geht mir mein Trauern an,
Die Zeit ist leider kommen;
Die mir vorm Jahr die Liebste war,
Die ist mir jetzt genommen.

Mein Herz ist von lauter Eisen und Stahl,
Dazu von Edelsteinen,
Ach wenn doch das mein Schatzliebchen erfhr,
Es wrde trauern und weinen.

Es trauert mit mir die Sonne, der Mond,
Dazu die hellen Sterne,
Die haben den lebenden, schwebenden
Garten an dem Himmel.

Wollte Gott, da ich gestorben wr
In meinen jungen Jahren,
So wr mir all mein Lebetag
Keine grere Freude widerfahren.

Es ist nicht hier ein khler Brunn,
Der mir mein Herz tt laben,
Ein khler Brunn zu aller Stund,
Der fliet aus meinem Herzen.

Der Graf mute heftig weinen; zum Weinen war er berhaupt leicht gebracht, wenn
er allein oder mit Vertrauten war; vor fremden Menschen fand er sich nie zu
Trnen gerhrt. Nachher fielen ihm einzelne Stcke seines Traumes ein, der ihm
bald mit dem Liede wunderlich genug zusammenschmolz; er schrieb es zu seiner
Zerstreuung auf und diese undeutliche Erzhlung wird seinen Zustand deutlicher
darstellen, als wir es in unsrer Art zu tun vermchten.




                                 Der bse Traum


SIE:
Mein Karl, was soll ich heut anziehn,
Da ich ins Auge dir falle,
Soll ich in schimmerndem Rosa blhn,
Ich ging so gern zum Balle.

ICH:
Es kleidet sich schwarz ein ganzes Jahr,
Die Zeit ist schwarz gekommen,
Die mir die Liebste noch gestern war,
Ist schlecht mir vorgekommen.

SIE:
Du schauest mich an und sprichst mit dir,
Als wr ich nicht zugegen,
Nun sieh, der Zimmermann lie die Tr
Der lauten Grillen wegen.

ICH:
Die Grillen versingen sich die Nacht,
Doch ich mu immer trumen,
Es ist nun Morgen, ich bin verwacht,
Was soll mich nun aufrumen.
Mein Herz ist so voll von Hllenqual,
Wie von dem Bild, dem deinen,
Ach knnt ich doch alles nur einmal,
Die Augen mir ausweinen.
Es trauern mit mir die Blumen all,
Die dir zum Kranze gebrochen,
Die rissest du mit in den Sndenfall,
Die hatten mich zerstochen.
Es trauert mit mir die Sonne, der Mond,
Dazu die hellen Sterne,
Was hoch da lebend und schwebend wohnt,
Das ziehet fort zur Ferne.
Sie blhen im himmlischen Gartenland,
Das steht auf Feuersulen,
Der Regen, der splet hinweg mein Land,
Ach knnt er mich so zerteilen.
Mein Garten aus blinder Lieb war erbaut
Auf einem schwarzen Sumpfe,
Und der ich lebend und schwebend vertraut,
Die ist als Irrlicht versunken.
Vergiftet ist der Spiegelbrunn,
Der labte meine Schmerzen,
Ein khler Brunn zu aller Stund,
Der fliet aus meinem Herzen.

SIE:
So sag doch an, so sprich doch aus,
Was hat dich so betrbet,
Es stehet noch alles wie gestern im Haus;
Wie hast du mich gestern geliebet!

ICH:
Verliebet und frhlich schlief ich hier ein,
Und traurig bin ich erwachet,
Die Liebe scheinet mir nun ein Schein,
Sie hat mich im Traume verlachet;
Im Traume da sahest du mich recht an
Mit allen Liebesgewalten,
Ich strzte nieder, ich freute mich dran,
Doch du schienst dich zu halten.
Du gabst mir die Hand und sahst mich an,
Dann mutest du dich drehen,
Du sagtest: Da steht der Jedermann,
Den mu ich auch noch sehen.
Den Jedermann sahst du so freundlich an,
Wie du mir nie erschienen,
O fnde ich nur den glcklichen Mann,
Ich legte ihn nieder im Grnen.
Wollt Gott, da frh ich gestorben wr
In meinen jungen Jahren,
So htt ich an Liebe, so htt ich an Ehr,
Nie solchen Schmerz erfahren.

Hier mute er vor Schmerz abbrechen; was sie ihm geantwortet hatte, war ihm zu
unerhrt; er ritt aus und malte sich tausend Arten ihrer Untreue vor. Als er
nach Hause kam, fand er einen Brief des alten Bedienten, der ungeachtet seiner
Schwche sich die Oberaufsicht im Hause und das Berichten an den Herrn nicht
nehmen lie. Nach mehreren Nachrichten, ermahnte ihn der alte Mann aus einem
gewissen innern Antriebe, es sei nicht recht, da er seine Frau so lange habe
allein gelassen; er kenne ihre Art von Kindheit, sie wolle immer gefhrt sein
und weil sie das fhle, tue sie stolz und herrisch, wer wisse, was daraus
entstehen knne. Diese Worte, so wie die Warnung des Marchese auf dem Wege, die
ihm erst jetzt auffiel, schienen dem Grafen in seiner Stimmung ganz berzeugend,
da ein Unrecht geschehen sei; er aber wagte es nicht zu wissen. Jetzt erinnerte
er sich auch, da ihm im Traume ein gewaltiger wilder Mann erschienen, der jene
Waffen und Armringe getragen, die er in dem Denkmale des Riesensteines gefunden
und aufgestellt hatte; der habe ihm mit dem Schwerte gewinkt, in alle Welt zu
gehen. Sein Entschlu war bald gefat; an seiner Liebe verzweifelnd wollte er
nichts, als weit von dem Orte fort. Er ordnete flchtig das Notwendigste im
Hause, sagte niemand, wohin er reise, und fuhr ohne Bedienten in einem leichten
Wagen mit Postpferden nach der nchsten Station. Auf dem Wege nahm er manchmal
in seinen Gedanken zrtlichen Abschied von ihr; es war ihm, als ob eine fremde
Gewalt sie von einander risse, und wie an einer Wetterscheide, sein Schiff nach
Westen und das ihre nach Osten getrieben wrde. Wir hassen alle schauderhaften
Bilder, die das Gemt trostlos verwirren; wir halten es gefhrlich sogar, den
Menschen unntig mit zerrissenem Herzen auszustellen, um die Mitmenschen zu
rhren, oder ihn neugierig zu beobachten; wir unterdrcken gern das meiste, was
uns aus jener Zeit von ihm brig geblieben; nur einige Stationen seiner Reise
heben wir aus, um seinen Ideengang zur Verbindung der Geschichte uns zu
versinnlichen; sie rhren uns bei aller Nachlssigkeit ungemein, denn es ist
Sprache eines tiefgekrnkten Herzens.


                                       1.

ber Stock, ber Stein, drein, drein, ohne Bewutsein; knackt's, bricht's,
wirft's um, ich sitze stumm; meiner Blicke einzige Sprache ist ewiges Wachen,
ein nordischer Tag ohne Nacht in hallender rastloser Jagd.
    Der Schweifuchs trabt, der Braune hinkt, das Sattelpferd springt - ein
Heimchen noch singt: Halt still, wie mir's das Herz erlabt.
    Der Schwager sagt: Wir sind gleich da, wir sind gleich da! - Das Posthorn
klagt: Die Hnde ri ich auseinander, die Herzen zerrei ich elende, und wandre
hin und zurck; dies ist Geschick. Berge, ihr hemmenden, neblig beklemmenden,
Berge, ihr trennenden, abendlich brennenden, seid mir nun nah, und wir sind nah,
und wir sind da.


                                       2.

Die mden Pferde ausgespannt werden, matt und drr zum Einbrechen bleiben sie
stehen; lassen die Fliegen stechen, in den Brunnen sie sehen. Verlassen stehet
der Wagen, es wehet!
    Und von den spielenden Lften bleibt khlender Schauer der Trauer des
harrenden starrenden greisenden Reisenden.
    Und sinken die Winde, so ruhet geschwinde alles umher, de und schwer, wenig
Bewegliches, lauter Alltgliches, alles ist gleich; hier ein paar Blasen im
Teich heften den Blick an ihr Geschick; Luftblle der Unterwelt an der Sonne
zerschellt, dort trockener Bltter Geflgel, hier schmilzt der Schnee vom Hgel,
und rieselt zu nhren die Zhren. Brand! Brand! Ich trink ihn aus meiner Hand.
Er flieet zum Munde, da schreiet die Wunde des Herzens zum Himmel - sie
schlieet sich nimmer! - Das Herz, das bewegliche, urleidend klgliche,
nimmermehr rastende, ewig nun fastende still sich verzehrende, nimmer sich
leerende, lt sich der heiligen Stille enthllen.


                                       3.

Wie bin ich zur Kste des Meeres gekommen allhier, oder kam das Meer zu mir? -
Ich seh mich im Spiegel des Meeres an, ein jeder ber sich selbst wohl lachen
kann; ich meinte, das Glck mir lchle zurck. Wie Stovgel drber die Sorgen
viel trber, sie dringen hernieder und weichen nicht wieder. Die Narben und
Falten sich zeigen und halten, selbst von den Toten nicht scheiden; doch spurlos
sind Freuden, ein gleitender Strahl hin bers zerrissene Felsental.


                                       4.

Licht, von Orient wiederkehrend, ach wie bist du so betrend, es verlscht dein
erster Strahl einen Augenblick die Qual; Blut, so rter kehrst du wieder, und je
feuriger, je trber.
    O du heller Orient, den keiner so kennt wie ich, hast du schon vergessen
mich? Wer sitzt an meiner Stelle auf der Schwelle, erwartend das Frhgetn, das
scharfe Wehn umflattert von Fledermusen, umkrochen von Ameisen und doch schien
mir's schn, wie dies Land von den Hhen. - Wer lang genug darinnen haust, der
wei, wo es graust.


                                       5.

Warum mu ich fliehen, woher sie alle ziehen, die strahlenden, die malenden, die
luftig zerstreuten, im Leuchten erfreuten Blicke der Liebe! - Des Unbedeutenden
Macht hat keiner gedacht und des Bedeutenden Blick ist voller Tck. Was ri mich
fort? Was hielt mich dort? Mich hielt ein Blick, sie hat ihn abgewendet vom
Glck. Nun reien vier Stricke am Wagen gespannet, mich weg von dem Glcke, ich
hab mich ermannet. Den Wagen sie ziehen, die Steine erglhen, wr einer
gerissen, ich htte halten mssen. Warum reiet mein Schmerz doch nie und
schreiet nur immer: Flieh! Mit wem red ich, wer kennt mich, wer sind wir? -
Ich und die Luft hier.
    Der Lfte lieb Wort, der Vogel zieht fort, wer war der erste im Flug, ihn
treffe mein Fluch. Die Luft zieht ihm nach, und ich seufze mein einsam Ach!
Niemand hrt mich, Keiner strt mich, und die sind mir jetzt Gesellschaft, meine
ganze irdische Freundschaft.
    Sie liebt einen andern und ich mu wandern.
    Herr, da liegt eine Leiche am Weg.
    Schwager, fahr stille weg, er mute auch wandern mit den andern, auch du
geliebter Feind mut wandern mit den andern, wenn gleich dein Leib geheiligt
ist, seit sie dich hat gekt.


                                       6.

Der hat das Ende der Welt erreicht, der von der Liebsten weicht! Dem ihre Stimme
fehlet in Freud und Grimme. O Erde nenne sie mir! Du schweigest vor dir, bist
frostig verschlossen und ich bin verdrossen. Ach meine Lieb war mehr als ich,
denn sie bezwang mich. Ach meine Liebe ist nun fr immer aus, sie fand kein
Haus!
    Wie ein versptet Kind ausgeschlossen in Regen und Wind; der Regen luft ihm
bers Angesicht, es stehet vor dem Hause dicht, es mchte noch klopfen an und es
nicht wagen kann. Wenn vieles ich nicht sagen will, so sag ich nichts und
schweige still. - Ich bin kein Kind, mir bers Gesicht wehte scharf der Wind,
da mir der Bart aufging; die Jugend verging, ich hab sie nicht genossen, die
sen Gedanken sind alle zu nichts zerflossen.




                                       7.


Ich wandle weiter voraus vor des Wagens dunkles Haus; ich seh ihn nicht, ich hr
ihn klirren mit den Geschirren, und wie das Schicksal folgt er mir nach. Hier
steh ich am Bach, im kleinen Haus gehet die Mhle mit Braus. Der Bach verrinnt,
der Stein zerreibt, und keiner gewinnt und keiner bleibt.
    Ich schwanke zwischen Bumen, da will mir trumen, als fhr ich in dem
schwarzen Meer in dunkler Nacht daher; im schwarzen Meer die Masten, sie ziehen
ohne Rasten, kein Schiffer will mehr gren, die tiefe Still wird ben, den
Leuchtturm versenkt schon der Sturm. Die Segel herunter, es gehet bald bunter.
Ich bin auch einer der Euern, ihr mt nicht feiern. Die Segel hernieder, ihr
Brder. Nun tragt mich ihr Fe durch Regengsse. Die bestimmten erklimmten
Wolken am Waldhang sich senken, es tropft mir das Haar so klar. Wer kann
nachdenken! - Wir machen im Dunkel groe Augen und keiner kann sie brauchen. Ihr
Wirbel im Meere, ihr fllet die Leere; ihr Augen, Leuchttrme, Eingnge der
andern Welt, neulebend mchte hinaus der Held; ihr seligen Erinnerungen, ich leb
in euch und bin von euch durchdrungen; ihr lieben Augen der Geliebten, wie kann
das taugen dem Betrbten, ihr habt mir Meer und Sturm und Himmel verschlungen
und durchdrungen.


                                       8.

Mde sink ich in die Kniee, soll ich beten, weil ich glhe, viele Tropfen fallen
khl, keine Trnen, kein Gefhl! Dieser Schritt ist nun der letzte und ich sink,
der Selbstgehetzte, der sich selber hat gejaget, selbst zerrissen, nicht
geklaget, und die keusche Jagdgttin sinkt in Strahlen auf mich hin.


                                       9.

Meine Mtze voll von Trauben, Nsse, die am Boden rollen, Pfirsichen rtlich,
weich in Wolle, frischen meinen schwachen Glauben und ich denk an andre Zonen,
wo die dunklen Menschen wohnen, wo ein Goldlack Mdchenblicke, schwarze Locken
ohne Tcke. Stille wird's in meinem Herzen und im Hirne wird es wach, Liebe,
se Liebesschmerzen, lasset ihr doch endlich nach. Und die Fluten, die
zerstrten, lassen mich, den Tiefbetrten hier im Grnen einsam stehn. Ach wie
ist mir doch geschehn. Ach wo war ich doch so lange; khlend wehet ein Vergessen
und mir wird nun endlich bange, da ich gar nichts hab besessen. Hab ich
einstmals doch gesessen meinem Glcke in dem Scho und hier sitz ich nackt und
blo. Neun Monat lag ich im Mutterscho und hab ihn mit Weinen verlassen, so
lie mich die Liebe nackt und blo am Berge in Nebelmassen; die Schwalben
streifen nur daran, wie um das Grab des Geliebten; sie hren mich singen und
wissen nicht wo, und kreuzen durch die Lfte und verlieren sich im Klaren.


                                      10.

Mgen alle Glser springen, alle Lippen davor erblassen, ja ich will die
Wahrheit singen, mu ich auch die Wahrheit hassen. Warum die Schnheit so
flchtig ist, das will ich euch verknden, sie ist ein Gift, das um sich frit,
die Augen davon erblinden. Warum die Liebe so tricht ist, das will ich euch
verknden, weil sie mit aller ihrer List, sich selbst nicht kann ergrnden; o
wohl uns, da so viel Schnheit tot, da wir sie nicht brauchen zu lieben, o weh
uns, da in der Trnennot mehr Glck als in der berlegung. Knnt ich von meinen
Augen noch eine Trne erpressen, knnt ich von ihrem Hauche die Seligkeit
vergessen!

In diesem abwechselnden Kampfe der Liebe mit der Verzweifelung an der Liebe
scheint er nach den letzteren Bruchstcken einige frhlichere Gegenden sdlicher
durchstrichen, vielleicht auch im unvermeidlichen Umgange mit einigen Menschen
neue berlegung gewonnen zu haben. Gewi ist es, er erhielt es endlich ber
sich, mit Klugheit berzeugung zu suchen; erst jetzt gestand er sich, da er
eigentlich doch nur Verdacht, nicht Gewiheit habe, da Dolores in irgend einer
neuen Neigung von dem Marchese und dem Bedienten belauscht worden sei, und nicht
ohne Widerwillen wendete er sich rckwrts.

                                Neuntes Kapitel



 Der wunderbare Doktor, das unsichtbare Mdchen und der Fltenspieler. Lenardo
                                   und Divina

So zweifelnd in sich, obgleich entschlossen zurckzureisen, kam er an dem Abende
eines heien Tages nach H ... Kaum war er ausgestiegen im Wirtshause, so fragte
ihn schon ein geschftiger Lohnbedienter, ob er nicht den berhmten Doktor zu
besuchen kme. Erst jetzt erinnerte sich der Graf, da er unbemerkt in die
Atmosphre eines Wundermannes geraten, der allen Menschen genug auf zu raten
gegeben seit beinahe funfzig Jahren, ungeachtet dieses halbe Jahrhundert alle
Rtsel und Wunder gnzlich verwirft. - Kann er mir auch nicht helfen, dachte er
in sich, so bin ich doch dort ein Rtsel unter Rtseln; er lie sich nach seinem
Hause fhren. Er mute durch viele Gassen gehen; endlich traf er am
Zusammenstoen von dreien auf ein schiefwinklig gebautes Haus, worin jedes
Fenster aus einer einzigen Scheibe bestand, die aber alle von innen durch
Malerei undurchsichtig gemacht waren. Der Bediente klopfte an die Tre dreimal,
ein Mann in schwarzen feinen Kleidern, in einer wunderlich festen weien Percke
aus Glas gesponnen, mit breiter Stirn, mit tiefen grauen freundlichen Augen,
alle Finger voll prchtiger Ringe, fragte nach dem Anliegen; der Lohnbediente
antwortete: Untertniger Diener, Herr Doktor, ein fremder vornehmer Herr
wnschen Ihnen die Aufwartung zu machen. Bei den Worten zog sich der Bediente
mit einer tiefen Verbeugung zurck, der Doktor winkte dem Grafen sehr freundlich
hineinzutreten; nachdem dies geschehen, schlo er die Tre hinter ihm mit sieben
Schlssern. Der Graf war in Verlegenheit, ihm recht eigentlich zu sagen, warum
er gekommen; er hatte es aber auch weiter nicht ntig; der Doktor entschuldigte
sich, da er noch einen Augenblick zu einem Kranken gehen msse, den er wegen
eines dringenden Geschfts, er sei Stadtausrufer, in acht Tagen von der
Lungensucht kurieren msse; er mchte inzwischen wohl genug zu sehen haben an
den Merkwrdigkeiten, die im Hause stnden, nachher wolle er ihm noch einiges in
den verschlossenen Zimmern zeigen, das der Mhe wohl wert sei. Der Doktor wandte
sich freundlich von ihm, ging zum Hause hinaus und verschlo die Haustre hinter
sich. Der Graf sah um sich in dem farbig erhellten Zimmer; ber ihm hingen an
der Decke statt der Kronleuchter sehr kunstreiche Planetenuhren, in denen die
Sonne mit einem wunderbaren Glanze leuchtete; der ganze Spiegel steckte voll
lobpreisender Gedichte und Briefe von Menschen, denen der Doktor geholfen, auf
der Seite stand eine Uhr als Urne auf einem Grabmale, und die Stunden drehten
sich schn gebildet als Mdchen daran umher. Die Uhr rckte zum Schlagen in
sich, da trat ein Knochengerippe aus der Wand hervor und schlug mit seiner
harten Hand die siebente Stunde an der klingenden Urne; ein metallener Vogel,
der auf der Urne zu schlafen schien, regte seine Flgel und sang ein Abendlied;
durch alle Zimmer zuckten Drhte, die von dieser Uhr ausgingen und eine Menge
Geklingel, Rauschen und Singen in Bewegung setzten. Nun war es ganz still, aber
das Knochengerippe war noch nicht verschwunden; es rckte an einer
Rechenmaschine, die neben ihm auf einem Tische stand; die Rder schnarrten
ngstlich in dem runden Kasten, endlich wurde es still und das Gerippe
verschwand. Der Graf sah jetzt nach der Rechenmaschine und fand darauf die Zahl
sechsundzwanzig: es war sein Alter, und er lachte ber den Zufall; doch wurde es
ihm ngstlich in dem schwarzen Zimmer; es war die Zeit des Zwielichtes, wo die
Undeutlichkeit des Sehens sich leicht auch der innern Empfindung mitteilen kann.
Er trat in das nchste Zimmer, da trat er sich selbst tief erschreckend
entgegen; doch er hatte zuviel gelitten, um durch so etwas seine Fassung zu
verlieren; er sah bald, da ein elender Hohlspiegel die ganze berraschung
gemacht hatte. Er fand sich in dem Wohnzimmer des Doktors, voll wunderbaren,
aber ganz elenden Gertes; Kaffee und Zucker stand da unter Tpfen voll
brennender Farben, blauen und roten Karmins; statt eines Bettes lag da eine
Strohmatte mit einem Bndel wohlriechender Kruter zum Kopfkissen. Er schritt
weiter und kam in die Kche, da stand ein kleines Tpfchen mit einer Milchsuppe,
das war bergekocht und halbverbrannt; sonst war der Herd voll Retorten der
abenteuerlichsten alten Gestaltung, in denen allerlei Dmpfe, wie Schatten von
kleinen Menschen berdampften. Hier wurde ihm sehr de und einsam, und was alle
die knstlichen Maschinen nicht vermocht hatten: er schauderte und eine
namenlose Angst ergriff ihn vor dem Leben eines ganz einsamen Menschen, der wie
der letzte auf der Erde sich in seinen Trumen verliert und verwildert, an Hlle
und Himmel zugleich anstt und nicht hinein dringen kann. Er wollte ins Freie
und trat in den Garten; da sa an der Haustre ein magerer nackter afrikanischer
Hund auf seinen Hinterfen und wie er ihn niedersenkte, gleich setzte er sich
wieder in die beschwerliche Stellung; zwei ekelhafte Katzen schlichen unter
kleinen alten, halbverdorrten halbbeschnittenen Bumen umher, als gingen sie
spazieren; lieen sich auch durch die Ankunft des Grafen nicht irre machen, bis
eine riesenhafte Krte aus einer gemauerten Hhle kam; da setzten sie sich
stille um sie her und fingen an zu spinnen. Mit Abscheu sah der Graf dies
widrige Abrichten; unglaublich, wozu ein Mensch kommen kann, auch der
gelehrteste, in wunderlich eigensinniger Abgeschiedenheit; ihm war es, als she
er sich schon so getrennt von allem Schnen, wenn er von seiner Dolores
getrennt, dem Sonderbaren ganz hingegeben. Er trat aus dem schmalen Garten in
ein groes Gartenhaus, das gegen den Sinn des brigen Hauses, wo alles ber und
auf einander gehuft und gelegt war, mit seinen reinen grngemalten Wnden
abstach; in der Mitte hing ber einem eisernen Gitter ein kleiner Glaskasten,
aus welchem vier Trompeten von Silber ausliefen. Der Kasten hing an einem dnnen
Drahte; auf der einen Seite stand eine lebensgroe Figur, die eine Flte in
Hnden trug, auf der andern Seite schwamm auf einem Quecksilberbecken eine
metallene Ente. Noch peinigte ihn das Gefhl, ganz fremde und einsam in der
Gewalt fhlloser Maschinen zu sein, die von dem Menschen geschaffen, leicht die
Obergewalt ber ihn bekommen knnten; er sagte trotzig laut: Spiel
Fltenspieler, wenn du was kannst! - Der Fltenspieler setzte die Flte
sogleich an und spielte zwar etwas steif und unbequem, aber sehr knstliche
Konzerte, wobei die Ente im Wasser frhlich rauschte und von den Krnern, die an
der Seite lagen, mit groer Begierde fra. Der Graf schlo beide Augen mit
seinen Hnden und rief verwundert: Wer hrt hier, wer lt sich hren, bin ich
nrrisch, oder ist alles nicht wahr? Eine zarte weibliche Stimme antwortete
ihm: Nrrisch sind wir alle, ich kann dich hren, du kannst mich hren. - Der
Graf sah auf: Wer bist du? - Das unsichtbare Mdchen, antwortete jetzt die
Stimme aus der kleinen Trompete des Glaskastens. - GRAF: Wie kommst du hierher,
die Zeitungen erzhlen ja, da du in London eben viel Aufsehen machst. - SIE:
Es gibt der unsichtbaren Mdchen viele, mich hlt hier die Liebe fest. - GRAF:
Liebe zu einem Unsichtbaren, oder kannst du sehen? - SIE: Ich sehe mehr als
ihr alle, und liebe mehr als ihr alle; ich liebe den Fltenspieler. - GRAF:
Liebt er dich wieder? - SIE: Ach nein, er liebt mich nicht, seitdem ich
verlangte, er solle mich ganz lieben; doch was geht dich das an? - GRAF:
Liebes Kind, es geht mich sehr nahe an, denn ich wollte auch einmal in meinem
Leben ganz geliebt sein. - SIE: Unglcklicher, und der Mond hat doch zwei
Seiten und eine, die du nie sehen kannst. - GRAF: Warum hast du das nicht
frher eingesehen? - SIE: Weil ich frher nicht unglcklich war. - GRAF:
Seit wann bist du unglcklich? - SIE: Seit ich in diese Stadt gekommen und
der Fltenspieler in den Bchern des Alten gelesen hat; da hat er tagelang,
nchtelang gelesen, und beschworen, und hat mein vergessen, da er mir doch
geschworen hatte, mich nie zu vergessen; endlich schlief er ein und ich sah, da
er schwer trumte; der Schwei lief ihm ber die Stirne, da nahm ich seine
Bcher, und warf sie alle ins Feuer; da wachte er zornig auf und schalt sehr und
will nicht eher wieder mit mir reden, bis ich die Bcher ihm wiedergeschafft
habe. - GRAF: Wie kommt's, da du mir dies alles vertraut, ich hab es nicht zu
wissen verlangt; werd ich es auch verdienen, sagst du es jedem? - SIE: Du bist
der erste, dem ich es gesagt, denn du siehst wahrhaft unglcklich aus, als wre
dir die Saat deiner Liebe ganz verhagelt, und du httest keine mehr. - GRAF:
Sag an Fltenspieler, ist alles so wahr, wie mir das liebe Mdchen gesagt? -
SIE: Er spricht niemals, zuweilen singt er aber, wenn er recht betrbt; er
setzt an: hr zu, er wird singen, und er singt so schn, so schn! - Der
Fltenspieler setzte wirklich die Flte an, blies und sang abwechselnd folgendes
Lied:

Flammenruh nach Weisheit streben
Senkt den Jnger tief in Schlaf,
Und es glht sein innres Leben,
Als wenn Blitz die Tanne traf.
Festlich statt der schwarzen Krone
Trgt sie einen Flammenkranz,
Weihrauch trufelt von dem Throne,
Halme wirbeln rings im Tanz.

Sonst da druten ihm die Bilder,
Schrecklich rot und blau gemalt,
Und die Zeichen noch viel wilder
Und das Tier in Flaschen schalt;
An den tausend Messingscheiben,
Wo das Blei am Faden hngt,
Mut er sich erst mde treiben,
Eh der Schlaf ihn s umfngt.

Liebchen kommt nun ihn zu kssen,
Aber er vernimmt sie nicht,
Himmlisch mild die Sterne gren
Und er steht in vollem Licht,
Und sie setzt sich ihm zu Fen
Und umfasset seine Knie,
Sollt sie ihn nicht wecken mssen,
Er erwachet sonst wohl nie.

Leise kam sie erst geschlichen,
Doch nun schreit sie ihm ins Ohr,
Und der Schlaf ist nicht gewichen,
Es ist ein verschlones Tor,
Und sie nimmt die Bcher alle,
Die ihn magisch tief versenkt,
Hat die mcht'gen Geister alle
In des Ofens Glut gesenkt.

Und der Ofen wollt sich wundern,
Schttelt mit dem alten Kopf,
Und aus allen alten Plundern
Stieg so mancher grne Knopf;
Wst im Kopfe, wild zum Schelten,
Wacht er auf und schaut sie an,
Die gern alles will entgelten,
Wenn sie ihn nur retten kann.

Aber er mit wilden Tritten
Stet Liebchen an die Erd,
Hret nicht auf ihre Bitten,
Sieht die Glut nur auf dem Herd:
O ihr Zeichen, ihr verbrennet,
Nun ihr sie mir zugefhrt,
Ach woran wird nun erkennet,
Ob die rechte ich ersprt!

Wrst du Mdchen mir ganz eigen,
Wie ein Mdchen lieben mu,
Ganz geduldig dich zu zeigen,
Wr gewesen dein Genu;
Wr ich Mdchen dir ganz eigen,
Nimmer zweifelte ich mehr,
Sondern mt die Kniee beugen,
Und mein Herz wr mir nicht schwer.

Herrschen nicht und auch nicht dienen,
Zweifel war mein Weltgeschick,
Nur beschwren, nicht verdienen
Lt sich jedes Gtterglck:
Weibervorwitz, wer beschwrt dich,
Da es selbst nicht lieben kann,
Denn die Liebste selbst, sie strt mich,
Da ich war in ihrem Bann.

Ehe noch der Fltenspieler sein wunderliches Lied ausgesungen hatte, war der
Doktor schon herein getreten und hatte seine groe Laute, zusammengesetzt aus
Ebenholz und Elfenbeinstreifen, hervorgeholt und mit eingestimmt; am Schlusse
sagte er: Diesen elenden Gassenhauer habe ich noch auf der Walze gefunden,
vorige Nacht habe ich aber eine groe Sonate ausgearbeitet und auf eine neue
Walze gesetzt, Sie sollen hren, da die Maschine noch mehr kann. - Bei diesen
Worten erffnete er die Figur, und wo der Graf einen Menschen versteckt gemeint
hatte, waren nichts als sehr verwickelte Messingrder; im Fugestelle war die
Walze eingesteckt, die alles trieb. Der Doktor schob eine andre ein, und ein
sehr knstliches Spiel berraschte den Grafen. Der Doktor, mit groer Kraft,
sprang ber einen Stuhl hinaus und rief: Kommen Sie, das sind Kleinigkeiten,
Sie sollen mehr sehen. - Ich komme wieder, sagte der Graf zu dem unsichtbaren
Mdchen, wie soll ich dich nennen in meinen Gedanken. - Arnika Montana,
sagte sie leise. - Nun fhrte der Alte den Grafen in seine verschlossenen
Zimmer, und zeigte Wunder an Wunder, aber nichts wirkte mehr auf ihn; er fhlte
eine Art Schrecken, wie der Alte da unter verzauberten Menschen mit seinen
Spen lebe, die er ber alles ergo; so sagte er, als ihm der Graf den Hund
zeigte, der noch immer auf den Hinterfen sa: Abgelst, mein Tierchen, wrst
du gemalt, htte es dir keine Mhe gemacht. - Die Rechenmaschine erklrte er
ihm umstndlich, auch die Bewegung des Totengerippes; als aber der Graf so als
migen Einfall sagte: Gut, da die Rechenmaschine im Kopfe nicht so schnurrt
und rasselt, das wre in einem Handelskomtore nicht auszuhalten! - da ward der
Alte auf einmal ernst, faltete die Hnde und beschwor ihn bei allem Heiligen,
solche schreckliche Gedanken der Philosophen ber die Seele nicht zu glauben,
das wren die Vergifter der Jugend. - Und, fuhr er fort, was haben sie davon,
ist wohl einer reich geworden bei solcher Philosophie; ich kaufe sie noch heute
alle zusammen mit dem wenigen baren Gelde aus, was bei mir liegt. - Bei diesen
Worten schlug er die Tre eines Schrankes auf, hob einen gestrichenen Scheffel
voll Gold heraus und lie es daraus in die brige Menge niederfallen. - Der Graf
kam verwundert nach seinem Wirtshause zurck; erst hier entdeckte er, was ihn
bei der Arnika Montana so verweilt hatte, es war eine hnlichkeit in der Stimme
mit seiner Dolores, die ihn liebenswrdiger, als je, in der Nacht umschwebte:
doch immer in der Gewalt eines schrecklichen Zauberers, der ihm wie der Doktor
erschien.
    Am andern Morgen hrte er im Wirtszimmer ber den Doktor reden, der eine
erklrte ihn fr einen Narren, fr einen Prahlhans, den er auf einem fahlen
Pferde attrappiert habe. Er habe ihm nmlich einen Umschlag von einer
chinesischen Tusche sauber geplttet, so da es wie ein Blatt aus einem Buche
ausgesehen, vorgezeigt, da er nun behaupte alle Sprachen zu verstehen, habe er
ihm dies Blatt gezeigt und gefragt, was es besage. Mit groer Dreistigkeit habe
jener ihm versichert, es sei ein Stck aus einem chinesischen Romane und es
sogleich bersetzt. Lachend habe er ihm darauf gesagt, es sei aber ein bloer
Umschlag vom Tusch. Ohne in Verwirrung zu geraten, versicherte hierauf der
Doktor, die Chineser pflegten, um Stellen ihrer guten Schriftsteller zu
verbreiten, die gewhnlichsten Bedrfnisse darin einzuwickeln. - Der andre
gestand vieles zu, versicherte aber, da er dessen ungeachtet einer der
wohlttigsten rzte sei, ohne Eigennutz, und fast immer glcklich, besonders bei
gemeinen Leuten, die alle an ihn glaubten; wahr sei es, da er zwar mit seinen
Kenntnissen seit zwanzig Jahren eben nicht fortgeschritten sei, da er aber
alles bis dahin um so genauer kenne. Der Graf fragte hierauf nach dem
unsichtbaren Mdchen, das sich bei ihm hren lasse. - Ja, sagte einer, damit
hat er unsrer Stadt groe Freude gemacht; die wurde hier stark besucht und
keiner konnte das Wunder begreifen; da kaufte er die ganze Geschichte von dem
Herzoge, der sie herumfhrte, niemand wei fr wieviel, und zeigte uns nachher,
wie alles durch eine Rhre im Fuboden veranstaltet werde, die aus dem
Nebenzimmer, wo das Mdchen verborgen, durch das Gitter in die Trompete blase,
da der Hauch und der Ton aus der letzteren zu kommen scheine. Nun sitzt ihm das
Mdchen und ihr Bruder auf dem Halse; vielleicht beerben sie ihn. - Wird man
leicht bei den eingehandelten Geschwistern vorgelassen? Ich wr doch neugierig
sie kennen zu lernen, fragte der Graf. - Sehr leicht, rief einer, man mu
sich nur notleidend anstellen, das Mdchen tut gerne Gutes; schn ist sie aber
nicht, wie ich erst dachte. Sie wohnen in einem Hinterhause des Doktors; es ist
das einzige Haus in der Gasse mit einer Einfahrt. - Der Graf wollte eben
aufstehen und zu der Unbekannten eilen, als ein Fremder ziemlich erhitzt ins
Zimmer trat, der einem verwilderten Prediger nach seinem Anzuge glich, und im
Hereintreten Hut und Percke in den Winkel warf. - Lenardo, riefen ihm alle
entgegen, auch der Graf ihn gleich erkannte, hast du nichts mehr zu trinken auf
deiner Pfarre, kommst du wieder Brderchen? - Wir erinnern uns seiner aus
Hollins Geschichte, dessen Untergang er ohne Absicht veranlasset, oder der ihn
vielmehr in scherzendem Leichtsinne fand.
    Prost ihr Herren! sagte Lenardo, guten Tag lieber Graf, ein andermal
umarm ich euch, jetzt bin ich zu hei; ja mit meiner Pfarre ist es aus; bestellt
mir doch meinen Schneider, Herr Wirt, er soll mir einen Burschenrock machen. -
Was heit denn das, fragte einer, bringst du deine Frau auch mit auf
Universitten; da werd ich dein Stubenkamerad. - Sprecht mir nicht von der,
sagte Lenardo, mit der war's nichts, zum Glck waren wir noch nicht
verheiratet. - Erzhlt doch Alter, riefen viele. - LENARDO: Was soll ich
erzhlen, es ist vorbei; die Divina habt ihr doch noch hier gesehen, ein schnes
Weibsbild, das war meine Braut. Ich lernte sie im Stdtchen kennen, als ich
meinen Hafer verkaufte; der Hafer stach mich, ich verliebte mich, ich berredete
sie und entfhrte sie dem prchtigen Herzoge. Das ging alles gut, ich brachte
sie in mein Pfarrhaus, gab sie fr eine Verwandte aus, die ich heiraten wrde
und die ich vorlufig zur Fhrung meiner Wirtschaft in mein Haus genommen. Ihr
habt mich nie verliebt gesehen? - O ja alle Tage, sagte einer. - Diesmal,
fuhr er fort, war ich ganz anders verliebt, ich wagte meine Schne nicht anders
als mit Handschuhen anzufassen; denkt euch, ich machte Verse; es bekam mir nicht
sonderlich, sie wurde aber ganz krank dabei. Ihr wit vielleicht nicht, da sie
ochsendumm war? - Wer sollte das nicht wissen, sagte einer, mich hat sie
gefragt, ob die Brotkrmeln nicht ausgest wrden, um wieder Brot zu bekommen.
- LENARDO: Das sieht ihr ganz hnlich. Nun wurde sie krank; ich verzweifle,
hole unsern Kreisdoktor Traupel; der Mann fhlt den Puls, berhrt die Haut,
verhlt den Atem, da ihm die Backen blau werden und die Augen heraustreten und
dann blst er langsam, als bliese er am Lotrohre, mir entgegen; meine Braut habe
die Wassersucht, doch hoffe er sie zu kurieren. Denkt euch meine Wut, ich spare
kein Geld, alle zwei Tage lasse ich ihn holen; aber das hilft nicht, die Jungfer
Braut wird immer strker; ich hole ihr alle Tage Gesellschaft, die Prediger in
der Nhe, die mir so viel Kaffee und Bier austrinken, da mir die Haare ausgehen
mchten. - Der Graf wollte sich hier fort schleichen, aber Lenardo rief ihm
nach: Wart doch Graf, jetzt kommt das Beste. Wir sitzen einmal, ich, zwei
Prediger, ihre Frauen und Traupel in tiefer Meeresstille beisammen; meine Braut
schien so bengstiget, als wenn sie jeden Augenblick ersticken mte. Sollte ihr
das Punktieren nicht helfen? fragte ich wieder den verfluchten Traupel; er
antwortete mir sehr bedeutsam: Sie sprechen vom Helfen, der Arzt ist nur zum
Erkennen und Erleichtern des bels gesetzt; erleichtern kann ich sie wohl durch
Punktieren, aber nur durch Mazeration der Leber und Desoxidation der Haut kann
ihr geholfen werden. Hrt nur, die beiden Ausdrcke brachten mich ganz von
Sinnen; ich dachte mir, er wrde sie wie einen Handschuh umkehren, um sie in
Ordnung zu bringen; vielleicht machten's auch die auf dem Ofen langsam
schmorenden Krankensuppen, genug es ging alles mit mir um, und die Trnen
strzten mir aus den Augen. - Das htte ich sehen mgen, wie du geweint hast,
riefen viele. - LENARDO: Wahrhaftig, ich weinte, drei Bauerweiber haben's auch
noch gesehen, die mit ihren zehnfachen Rcken in die Stube wackelten, mir vom
Kindtaufschmause etwas zu verehren. Die gaben auch ihren guten Rat, sprachen von
einem Scharfrichter, der eine Messerspitze voll Pulver gegen die Wassersucht
gebe. Traupel ergrimmte ber den Quacksalber, der seine wenigen Mittel ohne
richtige Erkenntnis der Krankheit austeile. - Wie er so demonstrierte, wurden
wir durch ein ngstliches Geschrei der Kranken erschreckt; ich glaubte, sie
ersticke, hielt mir beide Ohren zu, laufe wie ein Unsinniger im Zimmer herum und
drcke den Kopf endlich gegen die Wand. Die Zeit wird mir lang in dieser
Stellung; ich sehe mich um, denkt euch, da hat sich alles verndert; die
Prediger lachen, der Arzt ist ganz still; die Frauen sind alle am Bette
beschftigt: Was ist? fragte ich. In dem Augenblicke hr ich vom Bette her ein
kleines Kind schreien; ich springe hin, da liegt das kleine Unwesen, meine Braut
war sehr glcklich entbunden. - Alle lachten laut auf. - LENARDO: Ja ihr habt
wohlfeil lachen, mir kostete der Spa meine Pfarre, alle Leute wiesen mit
Fingern auf mich, der Skandal war zu gro, auch war ich schon vorher durch mein
Trinken und Fluchen in der Gegend verrufen; was half's, da ich mich fr
unschuldig erklrte; denkt euch, das Mdchen war so ochsendumm, sie hatte von
ihrem Zustande gar keinen Gedanken gehabt, sonst wr es ja leicht zu
verheimlichen gewesen, das Kind war vom Herzoge.
    In meiner Gutmtigkeit verzeih ich ihr alles; aber nun denkt euch noch den
Spektakel in meinem Hause. Ich sollte alles tun, das Kind wiegen, die Mutter
aufwarten; das war auf Ehre ein Leben, ich wette darauf, ein andrer htte sich
nicht so genommen. An einem schnen Tage, schickte der verteufelte Herzog, an
den ich wegen dieses sonderbaren Ereignisses geschrieben, seinen Kammerdiener in
einer Kutsche; da wurde Mutter und Kind sauber eingepackt. Nach ihrer Abreise
war mir meine Kabache ganz verhat; ich vermbelte alles, was ich noch hatte,
schrieb ans Konsistorium, da ich noch studieren msse, da ich jetzt fhle meine
Unwissenheit. Nun bin ich so fidel wie vorher, habe meinen halbjhrigen Wechsel,
will noch einmal Exegese hren, der Herr Vater wird weiter sorgen, bin ja sein
einzig Kind seit meiner lieben Schwester Tode. - Der Graf wollte wieder
fortgehen. - LENARDO: Wohin Graf? - GRAF: Zum unsichtbaren Mdchen. -
LENARDO: Gut, sag ihr doch, wie es ihrer Schwester ergangen; meine Braut war
ihre Schwester, oder sonst so was, ich habe nie recht nachgefragt, sie waren
lange zusammen bei den spanischen Reitern. - GRAF: Ich werde alles bestellen.
Er wollte Prost sagen, aber der alte Studentenruf blieb ihm auf der Zunge
kleben.
    Der Graf eilte zu dem unsichtbaren Mdchen und wurde leicht eingelassen; ein
schlankes, aber krnklich blasses Mdchen empfing ihn, so da er erst bei ihrer
schnen Stimme sie fr dieselbe erkannte, die ihn unsichtbar gerhrt hatte. Sie
war sittsam gekleidet und hatte viele schwarzgebundene Bcher um sich liegen.
Der Graf erklrte ihr, sein Besuch sei einzig dem Interesse zuzuschreiben, das
ihr wunderbares Schicksal ihm eingeflt habe; er wrde es sich fr ein Glck
achten, es zu erleichtern. Arnika antwortete, da er ihr in nichts, in gar
nichts helfen knne; sie wolle ihm ihr Schicksal, da sie allein wren, ganz
erzhlen, um ihn davon zu berzeugen. Wir wollen es in mglicher Krze
zusammenziehen.
    Arnika Montana ist die Tochter eines italienischen Kunstreiters, der seine
meiste Zeit in Deutschland zugebracht hat; sie selbst ist unter dem Namen
Angelique allgemein bewundert worden, doch mehr wegen ihrer Geschicklichkeit,
als wegen ihrer Schnheit, welche Divina, einer andern Reiterin viel reichlicher
geschenkt war. Ihr Vater kaufte das Geheimnis des unsichtbaren Mdchens; der
Zulauf dieser neuen Kunst und die geringen Unkosten und Mhe dabei veranlaten
ihn, seine Pferde und Gesellschaft abzudanken; Arnika mute bei ihrem Witze und
ihrer schnen Stimme mit den Zuschauern reden; Divina, die sehr dumm war, und
eine rauhe mnnliche Stimme in ihrem weichen Munde verschlo, spielte die schne
Stumme und zog durch ihre Schnheit vielleicht so viele Zuschauer herbei, als
jene durch ihr Wunder der Unsichtbarkeit. Ein Sizilianer, der Herzog von D ...,
kaufte durchreisend die beiden Mdchen und den Apparat vom Vater und trieb damit
seine Spe, einen groen Hof auf allerlei Art zu necken. In einigen Tagen des
Miggangs machte er Divina sich ganz ergeben; er wute, da er sie verfhren
konnte, zur Verfhrung war sie ihm noch zu einfltig. - Bei dieser Stelle
unterbrach Arnika ihre Rede und fragte den Grafen, woher er den Karneol an
seinem Finger habe; der Herzog habe ihn damals getragen; dies habe ihre groe
Offenherzigkeit veranlat, und ihren Wunsch, sich ganz zu erklren.
    Der Graf sagte, da der Herzog sein Schwager sei, den er aber nach den
Briefen von dessen Frau fr einen sehr rechtschaffenen strenggesitteten Mann
halte; der Ring sei ein Geschenk von dessen Vetter, dem Marchese P ... - Sie
erzhlte darauf mit Achselzucken, da sie an seiner Rechtlichkeit zweifeln
msse. - Sie gestand, da der Herzog sie ihrem Falle sehr nahe gebracht, wenn
nicht der Eintritt Florios, des Fltenspielers auf einmal ihre ganze
Leidenschaft ergriffen und bestimmt htte. Er ist der Sohn eines reichen
Kaufmanns und kam aus Neugierde mit andern Handlungsdienern, die Maschine zu
sehen; Arnika erblickte ihn aus dem Nebenzimmer und konnte sich nicht enthalten,
zu ihm so artig, so witzig zu reden, wie sie seit der Zeit in ernsten Leiden
ganz verlernt. Florio wurde ganz von ihrer Stimme ergriffen; gleich darauf trat
Divina herein und ihre Schnheit ergriff ihn mit gleicher Strke; er konnte
nicht los und seine Liebe schmeichelte ihm, beide wren eins, ein und dieselbe,
weil die stumme Schnheit immer erst dann in das Fremdenzimmer kam, wenn der
unsichtbare Verstand zu reden aufgehrt hatte. - Mein werter Freund,
unterbrach sich hier Arnika, warum mssen sich doch oft Geist und Krper, deren
Zusammenhang mit einander den Weisesten selbst unbegreiflich, im Leben so oft
getrennt sehen und nach einander schmachten; mit welcher Sehnsucht betrachtete
ich oft die schnen Zge unsrer Divina und soll ich aufrichtig sein, ich htte
gern aufgehrt, geistreich zu sein, htte ich recht schn dadurch werden
knnen. - Der Graf sagte ihr ernsthaft, da er es fr frevelhaft halte, bei
einer angenehmen Bildung nach Schnheit zu verlangen; denn mit gleichem Rechte
wrde dann die Schnheit nach Dauer streben und berhaupt der einzelne nach
allem. - Sie haben recht, antwortete Arnika, aber ich habe wohl ein Recht, zu
vermissen, wodurch ich so viel verloren; und dann mute ich es sagen, wenn ich
Ihnen ein Lied Florios mitteilen wollte, das er mir leise in die silberne
Trompete des Glaskstchens an einem schnen Frhlingsabende sang, und das so
laut mit tausend Lebenswellen an meinem Herzen widerschlug, als schiffte es
darauf in die goldene Abendruhe. Das Lied entrollte seinem Selbstgesprche, er
wute nichts davon, nachdem er wohl zwei Stunden neben der stummen Divina
gesessen, ohne es zu wagen, Liebe zu gestehen, ungeachtet er mit dem festen
Entschlusse dazu angekommen.




                               Die Uhr der Liebe


Wie die Stunden rennen
Mir an Liebchens Seit,
Auf der Zunge brennen
Lieb und Heimlichkeit;
Soll ich ihr bekennen,
Was im Herzen brennt,
Und wie soll ich nennen,
Was sie noch nicht kennt?

Herz sei doch zufrieden,
Sie still anzusehn,
Wrden wir geschieden,
Mtest du vergehn;
Schweige, noch hienieden
Ward es nicht so schn,
Da in sel'gem Frieden
Zweie sich ansehn.

Die Wonne meines Gefhls, berschwenglich wie nimmer wieder, mute sich Luft
machen; ich sang ihm leise durch die Trompete zu, immer in dem Wahne, mir allein
sei seiner Liebe Feuer gewonnen:

Wie die Stunden schleichen
Fern von ihm verbracht,
Gib ein einzig Zeichen,
Sternenhelle Nacht,
Gib ein einzig Zeichen,
Ob er wieder liebt,
Frhling will verstreichen
Und kein Zeichen gibt.

Und die Sterne lachen
Mich zum Hohne an,
Und der Mondennachen
Mir nicht helfen kann;
Ruhlos treibt der Nachen
Durch die Sterne hin,
Herz, auch du mut wachen,
Schlafen wr Gewinn.

Herz, du knntest trumen
Eine Fahrt so schn,
Shst zu sel'gen Rumen
In der Nacht Getn;
Nachtigall auf Bumen,
Dich versteh ich nun,
Willst das Feld nicht rumen,
Kannst darin nicht ruhn.

Kaum hrte Florio diese leisen Verse der Arnika zu Ende, rief er seine Liebe so
laut aus, da sie schaudernd davor erschreckte und ohne sich halten zu knnen,
aus dem Nebenzimmer, wo sie immer verborgen gewesen, in die Versammlung und um
den Hals Florios strzte, wo sie halbohnmchtig liegen blieb. Florio taumelte;
es war die Stimme, die er liebte, aber nicht die Gestalt, nicht Divina, und wre
sie schner gewesen, es war nicht Divina; aber nur einmal kann dem Menschen
diese Flle der Liebe werden, er konnte sich ihr nicht offenbaren in diesen
heiligen Augenblicken gnzlicher Hingebung, er htte sie gettet. Aber nur
diesen Abend konnte sich ihr scharfer Blick tuschen, sich ganz geliebt zu
glauben; er wollte sie ganz lieben, der stille Zwang in ihm wurde zu einem
festen Eigensinne, ja zum Wahnsinne, ihr nie einzustehen, was sie bald lebendig
fhlte. Der Schmerz ber diese harte Scheidung des Schicksals, vielleicht auch
schon frher die Vernderung ihrer anstrengenden Lebensweise als Kunstreiterin
mit dem eingezognen Stubensitzen als unsichtbares Mdchen, nagten an der Rose
ihrer Wangen. Der Herzog, besorgt um sie, wollte sie in andre Luft fhren;
Florio reiste ihnen nach und flehte so lange, bis der Herzog ihm erlaubte mit
zwei Maschinen, die er erfunden, einer fressenden Ente und einem scheinbaren
Fltenspieler, der den Grafen den Abend getuscht hatte, whrend Florio selbst
im Nebenzimmer die Flte blies, den wunderlichen Zug zu vermehren. Der Herzog
aber, der sich von diesen sonderbaren Verhltnissen ein eignes Vergngen
erwartet hatte, fand jetzt nur langweiliges Sehnen in der Gesellschaft. Die
dumme Divina fing an, den Florio ebenfalls lieb zu gewinnen: so kam ihr die
Sprache, aber welche Sprache, welche Gesinnungen! Florio rieb sich die Ohren, ob
es ihm drinnen nur brause, als sie ihm zrtlich zusprach, und so verschwand das,
was ihn zweifelnd zwischen beide gestellt; die Schnheit schien ihm eine falsche
Schminke, doch lie sich ihre Lust nicht bertragen. Er selbst klagte seiner
Arnika dieses Vergehen der Schnheit vor ihm in einigen rhrenden Worten:

Ich liebte sie,
Verschlossen war sie, stille;
Und ihrer Schnheit Flle
Versiegte nie.
Der Blume gleich,
Glaubt ich die Welt verstecket,
Wo nie ein Ton erwecket,
Ihr Herz wie reich.

Du liebe Zeit,
Da fngt sie an zu sprechen,
Will mir das Herze brechen,
Ach, wie sie schreit;
Ich fhl mich arm,
Nun sie sich reicher fhlet,
Wie ist mein Herz erkhlet,
Was einst so warm.

So sang Florio oft, und schwor seiner Arnika eine ungeteilte Liebe. Den Grafen
rgerte das Lied; er wute erst nicht warum; ihm fiel glhend hei in den Sinn,
da er bei hnlicher Veranlassung, als er Dolores wiedergesehen, von einem
gleichen Eindrucke ergriffen worden sei, und dann fiel ihm ein, was ihm selbst
alles fehle, und er seufzte: Die Menschen sind nur schn und herrlich und
vollkommen in den Gedanken andrer, darum sei unser Streben, in andern gut zu
leben. Mit hastigen Schritten ging er auf und nieder, setzte sich an ein
kleines Klavier und sang mit beengter Stimme:

Wenig Tne sind verliehen
Meinem Herzen,
Viele Schmerzen
Drin verglhen!
O Vogelsang
Der wildentbrannten Weisen,
Ich mu dich hher preisen,
Nun ich so bang.
Was da bleibet unverleidet,
Find ich immer;
Immer, nimmer,
Was verliebet und verscheidet,
Schne Tne!

Sie sind unglcklich, mein werter Herr, sagte Arnika, und er beugte sich
nieder, weinte, und ihre Hnde deckten ihn, und ihm ward wieder einmal ganz wohl
und leicht. Knnen Sie mir Ihren Schmerz vertrauen, fragte sie, ich wei mit
Schmerzen umzugehen. - Nein, antwortete der Graf sehr milde, und sie erzhlte
weiter.
    Die Hoffnungen der guten Arnika ihren Florio nun ganz und ungeteilt zu
besitzen, erfllten sich nicht; die eine Hlfte seiner Liebe war untergegangen
an ihrem Gegenstande, aber nicht in sich, und er fllte diese Neigung zu
wunderbarer Schnheit mit wunderbaren Spekulationen ber die fremdartigsten,
entlegensten, gttlich-menschlichen Verhltnisse. Der Herzog, der mit Mystik,
Geisterbeschwrung und Alchemie nur spielte, fhrte sein ernstes Nachdenken
hinein; er brachte ihn auf der Reise zu dem wunderbaren Doktor, dessen
Hausgenossen sie beide geblieben, nachdem es ihm unmglich geworden, sich von
dessen Sammlungen und magischen Bchern zu trennen. Der Herzog hatte sie beide
dem Doktor bergeben, weil seine Langeweile in ihrer Gesellschaft erwachte:
diese Hllenpein, die ihn wie einen Verfluchten durch die Welt trieb. Divina
hatte er mit sich genommen, die von Florios Verschmhung tief gekrnkt worden.
Hier ereignete es sich, da Arnika in der Furcht, Florio mchte ber die Bcher
seinen Verstand verlieren, whrend seines Schlafes sie alle verbrannt hatte;
seitdem sprach er nie mehr, sondern sang, und war der festen berzeugung, da er
bei dem Alten so lange zur Maschine geworden sei, bis er die Bcher
wiedergeschafft; gewi war es, der Alte machte groe Forderungen dafr an beide,
um sich dadurch lnger ihre Merkwrdigkeit zu erhalten.
    Der Graf erbot sich vergebens mit anstndigem Wohlwollen diese Schuld zu
bernehmen; Arnika antwortete ihm immer verbindlich: Sie knnen uns nicht
helfen, Gott allein kann uns helfen; ich bin meinem Schicksale unterworfen, und
Florio hat auch recht in sich; wo wir wren, wrde uns das Unabnderliche in
unserm Verhltnisse drcken; ihn zerstreuen hier Studien, mich die Einsamkeit;
ich sammle die schnen Blitze seiner Empfindung, die ihm das Jugendland
erhellen; mich sammeln einige fromme Bcher, die mir ganz gengen. Der Alte
flchtet sich zu uns, wenn er in den wunderlichen Kreisen seiner Maschinen und
Versuche sich verwirrt und sie ihm bermchtig werden; ich kenne hier viele
Unglckliche, die meines Trostes bedrfen, denen ich in ihrer Sprache zu reden
wei; die Welt ist so reich und prchtig fr jeden, der sie fassen kann. - Der
Graf erzhlte ihr jetzt das Schicksal der Divina mit Lenardo; sie weinte
darber, und sagte: Gott wird ihr verzeihen, sie ist so sehr dumm.
    Der Graf fragte sie: Warum wollen Sie mich nicht trsten, warum kommen Sie
nicht mit mir? - Sie antwortete: Sie werden noch viel berstehen, vieles,
wobei ich Ihnen nicht helfen kann, und wo mein Trost von Ihnen nicht gehrt
werden wrde; Sie haben einen schnen Grund in Ihrem Herzen, dort sind auch Ihre
Fehler: denken Sie immer daran, da eines Augenblicks Fehler Jahre voll guter
Taten zertrmmern kann; je hher eine Tanne, je mehr Samen unter ihr
aufgegangen, je mehr junge Bume kann sie niederstrzen, zerschmettern. Hte
dich, du grnes Holz. - Der Graf fand sich von Ahndungen umlagert; wieder
drckte er seinen Kopf in ihre Hnde, sie segnete ihn ein, und seine Trnen
flossen; sie hingen ihm so lose in den Augen wie die Wolken am Frhlingshimmel,
wenn es einmal ins Regnen kommt, und wieder fand er einen Trost, als wenn er
gleich nach Hause wandern und alles ertragen knnte, was ihm begegnen mchte.
    Der Alte trat jetzt herein und machte mit altfrnkischen Redensarten und
Spen der Arnika seinen Hof; er hatte alle Taschen voller Kunststcke, Karten,
Wrfel, Becher, kleine Puppen, Trichter und Beutel, der ganze wunderliche
Apparat, mit dem gute Taschenspieler aus so wenigem so viel machen, da der
hchste Verstand, selbst bei der besten Einsicht davon, doch ber ein
erfindsames Gewerbe staunet, das ohne Ehre, literarische Verbindung, Akademien
und Prmien doch zu einem so hohen Grade von Vollendung, zu einer Masse
sinnreicher Erfindungen, und zu so reicher geselliger Belustigung gediehen, da
ich es fr einen Hauptteil der Erziehung halten mchte. Unserm Grafen war es
aber in diesem Augenblicke grndlich verhat; der furchtbare Zauberer schien ihm
heute einer der elendesten Narren, die es nicht einmal auf eigne Rechnung,
sondern fr andere sind. Der Alte erzhlte, da er den Tag schon acht Collegia
gelesen; der Graf fragte ihn, erstaunt ber die Menge, wie viele er denn den
ganzen Tag lese, und wie viel Stunden er schlafe. Der Alte wurde rot vor
Beschmung, und sagte: er msse gestehen, da er seit einiger Zeit trge
geworden, er schlafe drei Stunden und lese zwlf Stunden Collegia, sonst habe er
achtzehn Stunden gelesen.
    DER GRAF: Mein Himmel! empfanden Sie denn gar keine ble Folgen davon; ein
solcher Tag wrde mich tten.
    DER ALTE: Freilich ohne Verjngungsbalsam geht das nicht, mein
allerschnster Herr, auch mu ich Ihnen sagen, etwas schadete es mir auch; die
Zunge wurde mir dnner, und htte leicht zu dnn werden knnen.
    DER GRAF: Wie ist aber der Verjngungsbalsam?
    DER ALTE: Von dem mu ich Ihnen eine schnakische Geschichte erzhlen; von
dem hat einer meiner Kranken neulich gegen meine Vorschrift zu viel genommen, da
wurde er zum Schrecken aller ein ganz junges Kind in einer Nacht, hatte aber
seinen ganzen Verstand behalten; da nun kluge Kinder nicht lange leben, mute
ich ihn wieder mit groer Anstrengung zu einem mittleren Alter zurckbringen. -
Der Graf wollte eben ganz bse losbrechen, als Arnika zwischen trat und dem
Doktor im Namen der Alten dankte, die, von allen rzten aufgegeben, durch ihn
ihr vollkommenes Gesicht wieder erhalten; es sei sehr rhrend gewesen, wie sie
ihre Kinder und all ihr Eigentum wieder befhlt, ob es auch das rechte sei, und
sich ber alles Neuangeschaffte verwundert habe. Gut, gut, dachte der Graf, gibt
er nur einem Menschen das Gesicht wirklich wieder, so mag er den brigen
immerhin ein wenig Staub in die Augen streuen. Bald fhrte ihn der Alte in die
verschlossenen Zimmer, wiederum fand er das Elendeste neben dem Herrlichsten
ausgestellt; jenes, sagte er dann, sei das Beste; er htte gar nicht
aufzuschneiden gebraucht, um zu verwundern, er hielt es aber doch noch fr
ntig. Er zeigte die herrlichsten anatomischen Prparate; das war ihm aber nicht
genug, er zog auch den Strumpf von seiner Wade, und zeigte eine Lcke im
Fleische; nun holte er ein kostbares Glas mit angeschliffenen
Vergrerungsglsern sehr pathetisch aus dem Schranke, und versicherte: von
diesem Ausgeschnittenen habe er diese einfache, schlechthin nicht weiter zu
zerteilende Urmuskelfaser geschnitten. Der Graf sah in das Glas, konnte aber
nichts davon bemerken.
    DER ALTE: Es gehrt dazu ein gewisser Stand der Sonne, man sieht es im
ganzen Jahre nur einmal; als ich die Faser prpariert hatte, konnte ich in
finstrer Nacht die Hamburger Zeitung lesen, so ausnehmend waren meine Augen
geschrft; die Jupiterstrabanten sah ich ohne Teleskop. - In bunter
Mannigfaltigkeit ging er von da zu den Gemlden ber; hier verriet sich der Graf
allzubald als Kenner; statt zu prahlen, suchte ihn der Doktor ber manches
auszuforschen, und fragte nach dem Meister. Hier in schner Kunst schien ihm
aller Sinn abzugehen; was er sagte, waren gelernte Formeln; in den lateinischen
Distichen, die er an jedes geschrieben, ehrte er oft das Schlechteste ber das
Beste. Von diesen lateinischen Distichen machte er dem Grafen auf jeden
beliebigen Gegenstand in fnf Minuten drei, sie waren in der Silbenmessung
tadellos, aber meist ganz leer. Nun ging's in die Gewehrkammer; da zeigte er im
Winkel ein angefangenes Instrument, das nach seiner Aussage von einem Schler in
der letzten Stunde seiner Logik erfunden worden wo jeder in gesetzter Zeit alles
erfinden knne, was er wolle; da habe dieser darauf spekuliert: dreimal dreiig
Trken mit einem Schusse zu erlegen. Das Gewehr dazu sei auch wohl erfunden,
aber die Mechaniker htten es nicht ausfhren knnen. - Mein Gott, denken Sie
noch an den Trken, den Erbfeind, fragte der Graf erstaunt; gegen die ist mein
Vater erschossen worden. - Das freute den Alten zu hren, er wute von neuerer
Zeit gar nichts; des Vaters wegen verehrte er dem Sohne zwei altdeutsche Bchsen
mit Radschlssern, sehr schn gearbeitet und ausgelegt; vergebens weigerte sich
der Graf, sie anzunehmen, er lie sie ihm heimlich ins Wirtshaus senden.
    Wir verweilen mit Absicht bei dem Bilde des alten Doktors, denn es ist uns
so tiefbedeutend als Sinnbild des meisten Lebens; der Graf unter wirklichen
Umstnden, die sein ganzes Glck vernichten, kaum erwacht aus Trumen, die ihn
dem gramvollsten Wahnsinne nahe brachten, und leider nur zu wahr sind, vergit
hier seine Lage bei dem abenteuerlichsten Spielzeuge, ohne eigentliche
Teilnahme, blo aus Artigkeit zuhorchend; greife jeder in seine Erinnerung
hinein, wie viel Tage er auf gleiche Art versumt habe, ob nicht das Lesen
dieses Buches selbst, so gut es gemeint ist, fr viele, welche ernste Tat ruft,
ein miges unvergngliches Spiel sei; darum seid gewarnt, ihr Leser, die Tage
vergehen schneller als die Nchte, endlich kommt eine Nacht, die keinen andern
Tag kennt, als die Erinnerungen; verget auch nicht ber das abenteuerliche
Spielzeug dieses Lebens das ernste Werk des Zuknftigen. Dem Grafen mochte auch
so etwas einfallen, er brach pltzlich die Unterhaltung ab und wollte sich
beurlauben; da sagte ihm der Alte freundlich: Sie haben sicher viel von meinem
Diamanten gehrt, dem grten in der ganzen Welt, den alle Welt sehen will, den
ich aber nur selten zeigen kann, weil er abwechselnd in den drei Hauptbanken der
Welt ist, die jede eine eigne Schildwache darauf hlt. - Der Graf versicherte,
er sei gar kein Kenner von Diamanten; der Doktor aber, ohne sich abhalten zu
lassen, sprang rasch wie ein Kind ins Nebenzimmer, und kam nach einigen Minuten
zurck. Erst holte er ernsthaft ein paar kleine Papierchen heraus, und zerri
sie noch feiner; dann zeigte er einen kleinen unfrmlichen Quarz, strich damit
einmal ber seinen Rock, doch die elektrische Anziehung wollte sich an den
Papierchen nicht zeigen; dann griff er in die Hosentasche, holte einen Stein
heraus, der allerdings in seiner eingedrckten kuglichten Form und in der Farbe
gar viel von einem rohen Diamanten hatte, der aber auch ein Quarz sein konnte,
strich mit seiner schnsten Seite ber den Rock, und sogleich zeigte sich eine
Anziehung, ein Anhngen aller kleinen Papiere. Ohne ein Wort zu sprechen, nahm
er eine Feile, mit der er ber den letzteren Stein mehrmal hinfuhr, er zeigte
die Seite derselben, die an allen Feilen von Anfang an platt ist, und sagte:
Sehn Sie, die Zhne sind alle abgebrochen; wirklich lag auf dem Steine etwas
glndender metallischer Staub, der noch zum Teil in der Feile steckte, und der
von der Bewegung nicht losgerieben, sondern abgefallen war. - Dieser
absichtliche Betrug war dem Grafen zu arg; aber der Doktor fuhr gleich fort, da
der Neid der Frsten seinen Diamanten als falsch verschrieen; ihm wre dies
einerlei, ihm gengte, da er von seiner Echtheit berzeugt sei; er zeige ihn
oft im ganzen Jahre niemand; neulich habe er seinem Frsten die Tre gewiesen,
weil er ihn nicht anerkennen wollen. Mein wertgeschtzter Herr, fuhr er fort,
alles andre, was ich besitze, das knnen Sie mir immerhin verachten, nehmen,
ich kann es ersetzen, dieser Stein ist aber meine Geliebte, meine Einzige, meine
Freude, der ich durch unauflsliche Bande verbunden bin; wie sie aus Liebe zu
mir aus Ostindien auf dem Landwege hierher gewandert, weil ich allein sie
bezahlen konnte, der Knige und Kaiser zu arm waren; diese Liebe, diese
unwandelbare Treue, haben mich ihr ewig zu eigen gemacht, in ihren Blicken lebe
ich; drcke ich sie in meiner Hand, ist mir alles so sicher, so gewi, woran ich
zweifle, ewiges Leben und Glaube; dies ist der Stein worauf ich meine Kirche
erbaut habe, und wenn ich dem leichtsinnigen Schauer wirklich ein falsches
Wunder damit zeigte, wre es mir mehr zu verdenken, als den Priestern aller
Nationen, als den Liebabern unter allen! Ich wei, da sie echte, wahre
Liebeswunder an mir tut, alle irdische Begierde an mir befriedigt, damit ich den
hhern Geistern ruhig leben kann; und wre sie aller Welt falsch, wre sie mir
ungetreu, in meinem Glauben wre sie ewig rein. Sehen Sie diese Hhlung im
Steine; hier habe ich sie mit dem Brennspiegel einmal versucht, und sie
entzndete sich hellicht7; meinem Frsten htte ich sie berlassen nach meinem
Tode, und seine Krone htte ewig ber der Erde wie ein Sternbild gestanden, er
hat sie aber verachtet, und seine Krone wird fallen, und keiner wird sie
aufheben. Ich werde alt, ich will sterben, und wei meines Lebens Ende; ganz
einsam will ich dann die Nacht noch bei meiner Geliebten schlafen, und kommt die
erste Morgensonne, so wirft der Brennspiegel, der meinem Bette gegenbersteht,
seinen Brennpunkt mir ans Herz und auf die Geliebte, die an ihm ruhet, und wir
verbrennen beide zusammen, beide zugleich, und mischen uns verbunden mit der
groen Gedankenwelt.
    Der Alte war bei diesen Worten sehr feierlich geworden; er redete in halben
Worten mit sich, und gab dem Grafen mit der Hand ein Zeichen sich zu entfernen,
dem der Graf sehr gern gehorchte; ihm war seine ganze Seele voll innern Vorwurfs
ber die treulose Zweifelsucht seiner Liebe zum schnsten Wesen, das je atmend
zwei liebliche, weie Hgel bewegt, an die je anspielend der Wind, je nher, je
schneren Leib, Hften und Schenkel gezeichnet. In dem Augenblicke und ohne Rast
beschlo er mit Kurierpferden fortzueilen. Ehe die Pferde kamen, und angespannt
wurde, schrieb er ein paar Zeilen an seine neue Freundin, an das unsichtbare
Mdchen Arnika Montana, die wir der Vollstndigkeit wegen hier beifgen.


                              Herzenserleichterung

Schwere, harte, scharfe Stunden
Sich wie Kiesel an mir runden,
In des Lebens Wellenschlag,
Und ich fhl, was ich vermag;
Fromme Freundin, ich durft weinen,
Durft auf deinen Hnden weinen,
Und gedeckt von deinen Hnden
Konnte Schwachheit mich nicht schnden.

Regentropfen hhlen Steine,
Was ich tief verschlossen meine,
Hhlet meines Unglcks Stein,
Fllt ihn bald mit Freudenwein;
Freundin, nimm vom Freudenweine,
Komm zu mir, du heil'ge, reine,
Und beselige mein Mahl,
Bin ich frei von aller Qual.

Fhlend kannst du an mich glauben,
Was mir lieb, nicht spottend rauben,
Was ich aus der Seele sprach,
Klingt dir aus der Seele nach.
Fromme Freundin aller Reinen,
Du kannst trsten, du kannst weinen,
Wenn du mich auch nicht verstehst,
Alles dir im Geist erhhst.

Florio war gerade aus seinem chemischen Arbeitszimmer zu Arnika gekommen, und
hatte ihr dunkel vorgesungen: es sei ein Mann bei ihm gewesen, der dem Herzoge
nach dem Leben trachte, und das sei ihm lieb, weil er ihn hasse; da trat der
Diener des Grafen herein, und brachte ihr seinen Abschiedsbrief.

                                Zehntes Kapitel



                     Der Marchese D ... verlt die Grfin

Zu lange fr meine Zuneigung zur Grfin Dolores, habe ich den Grafen durch eine
fremde Welt begleiten mssen, mir wird gleich so wohl, da ich wieder zu ihr
umkehren darf, ungeachtet sich wieder manches Betrbte ereignet hat. - Der
Marchese war von dem Gute des Grafen mit einem so auffallenden Lrmen und
Lobpreisen desselben zurckgekommen, da die Grfin darber erstaunte, was sie
meist kaum angesehen, fter verspottet, hier in dem Leben der Worte, das sie
besser als die eigentliche Anschauung von vielen Dingen kannte, zu solcher
Wichtigkeit ansteigen zu sehen. Dieser neue Reiz bertrug sich in ihrer Art
Unmittelbarkeit an den Marchese; es war ihr zu Mute, als wenn der alles das ihr
zu Ehren angelegt habe; sie sah ihn mit so wunderlich angenehmen Blicken an, die
nur ihr eigen, worber nur der Marchese lcheln konnte, der unterdessen eine
andre Bekanntschaft in der Gegend gemacht hatte, und mit ihr brechen wollte. Je
mehr er sich von ihr wandte, je weniger Politik er ihr vertraute, doch immer mit
dem Anscheine eines Mannes, der sich viel versagt, desto unwiderstehlicher war
es ihrem Eigensinne, ihn nicht mit Zrtlichkeit zu verfolgen; unter allerlei
leichtem Vorwand drngte sie sich an ihn, schlug mit ihren Stricknadeln auf
seine Hand, lie eine Schleife an ihrem rmel zubinden; der Marchese erzhlte
ihr, als wr es von einem Dritten, sie htte ungemein zrtliche Augen und
schmachtende Blicke, eigentlich mehr als einer verheirateten Frau gezieme. Sie
versicherte ihm noch immer scherzend, das habe ihre Mutter schon frh an ihr
getadelt, sie wisse aber nichts davon, und dabei erzhlte sie so artig ein
Duett, halb singend, halb sprechend, das damals, als sie dies zum erstenmal
ihrem Manne erzhlt, von ihm darauf gedichtet worden sei.

MUTTER:
Mdchen la die schmachtend sen Blicke,
Mach die Augen nicht so klein,
Denn zu ihrem schmerzlichsten Geschicke
Alle Mnner sehn hinein,
Jeder meint, da er gemeinet wre.
TOCHTER:
La sie doch so eitel sein.
MUTTER:
Nein, es schadet endlich deiner Ehre,
Meide wenigstens den Schein.
TOCHTER:
Mutter sprich, wie soll ich denn nun lassen,
Was mir angeboren ist,
Wenn ich auch mit niemand mchte spaen,
Bebt mir doch die Wang von List.
MUTTER:
Nein, das ist kein Blick, der blo zum Lachen,
Du verwirrest jedermann,
Willst du einen wirklich glcklich machen,
Sieh allein auf einen Mann.
Mdchen, nicht bei stillen, edlen Frauen
Kannst du solches Auge sehn,
Einige so ruhig vor sich schauen,
Andre gar verschmet gehn.
TOCHTER:
Meine Augen flchtig sich bewegen,
Mde von dem Stillestehn,
Keinen Ausdruck mag ich drinnen hegen,
Gleich hinaus mu er da gehn.
Mutter sprich, von wem die Deutungsaugen,
Gern geb ich sie dem zurck,
Denn zum Glcke sie wohl nimmer taugen,
Und ich frchte meinen Blick.
MUTTER:
Tochter, knntest du den Vater finden,
Diesen Flchtling ohne Ruh,
Gern vergb ich alle seine Snden
Und vergb dir auch dazu.
TOCHTER:
La mich einsam, da ich keinem schade,
Denke still bei mir an ihn,
Und erfleh fr ihn des Himmels Gnade,
Und so will ich fromm verblhn.
Alte Jungfer will ich bei dir werden,
Blhen unter Schnee und Eis,
Denn kein Jngling, den ich sah auf Erden,
Hat verstanden meine Weis.
MUTTER:
Wie ein Vogel, der im Fluge trumte,
Sinket auf des Sees Flut,
Siehst du bald im Spiegel die versumte
Aufgeschreckte Liebesglut,
Da der Jugend goldne Zeit verrinne,
Lieblos ber Lieb hinaus;
Sieh hinaus, was dir dein Aug gewinne,
Ob's ein Httchen, ob's ein Haus.

Und darber knnen Sie lachen? fragte der Marchese, jeder andre drfte dabei
lachen, nur Sie nicht, die von dem Manne so zrtlich gewarnt worden, den Sie
nicht verdienen. - Die Grfin rief ihm erbleichend in einem bergang vom
Staunen zur Wut: Und Sie knnen mir das sagen? - Der Marchese wollte sanft
einlenken; aber wer die tiefe Krnkung einer Frau kennt, die sich hart behandelt
fhlt von einem, dem sie sich liebevoll hingegeben, und die Angst eines Gemts,
das sich der Wahrheit noch nicht lange verschlossen, und wo hinein sie
sonnenhell pltzlich aus einer Gegend scheint, woher sie nie etwas davon
geahndet, der kann sich die fieberhafte Hitze erklren, die abwechselnd das
Leben des Marchese in Gefahr setzte, und ihm dann wieder demtig schmeichelte;
denn selbst seine spielende Verachtung gegen sie imponierte noch ihrer bewuten
Schuld. Kaum konnte sie sich vor dem Auge der Dienerschaft migen. Der Marchese
ging von ihr mit dem Entschlusse, den andern Morgen abzureisen, sie wnschte ihm
alles Unglck auf den Weg, das er ber ihr Haus gebracht, da er vom hchsten
Felsen strze, wie die Verrter in Rom. Wir ziehen einen Schleier ber sie, denn
es gibt Grenzen, wo der Zorn auch des schnsten Weibes aufhrt, schn zu sein.
Der Marchese war solcher Szenen gewohnt; er machte alle Anstalten zur Reise und
hatte sich auf sein Lager gestreckt, und schlief schon; aber die Grfin lieen
tausend Leidenschaften nicht ruhen, sie mute auf, sie mute dem verhaten
Geliebten noch einmal alles sagen, was ihr Zorn ihm schon so oft zugerufen. Sie
schlich in sein Zimmer mit einem Wachsstocke, der ihr unbemerkt ber die Hand
geflossen; der Marchese erschrak, er frchtete die Gewalt ihrer Rache nicht,
aber ihre Liebe war ihm in diesen Stunden unwillkommen; doch er irrte sich
zweifach; ohne eine Begierde, ohne eine Rache setzte sie sich zu ihm aufs Bette,
ihm alles das noch einmal vorzuhalten, was er schon so oft gehrt, wie er jede
Treue ihr und ihrem Manne gebrochen, jede Liebe unnatrlich betrogen und
verletzt, jede Rache, jeden Ha teuflisch in ihr geweckt. So sprach sie im
ew'gen Einerlei, da ihm, wie ihm noch nie geschehen, fast alle Gedanken
wahnsinnig vergingen; er htte sie umgebracht, wenn nicht der wiederkehrende Tag
sie in ihr Zimmer zurckgefhrt htte. Der Marchese stand gleich auf und reiste
ab; um alles Aufsehen zu vermeiden, schrieb er Briefe an mehrere Bekannte der
Stadt, die sein Bedauern ausdrckten, dem Befehl seines Hofes, der ihn so
pltzlich entfernte, folgen zu mssen. Die Grfin war zu heftig bewegt, um sich
krank zu stellen, sie veranstaltete einen Ball, und berlie sich dem Tanze so
ganz, da wenn sie einen Tnzer gefunden, der sich mit ihr tot zu tanzen geneigt
gewesen, sie wahrscheinlich nicht den nchsten Morgen erlebt htte, wo sie nun
wie zerschlagen, matt und erschpft, die rzte kommen lie, welche die ganze
Krankheit dem unseligen Tanze zuschrieben, wogegen sie schon so oft vergebens
gewarnt worden. In jedem Ballsaal, meinte der eine, sollte auf Befehl der
Regierung ein Dutzend Bildnisse von Menschen sein, die an Auszehrung und
Lungensucht krank liegen, ferner Abbildungen in Wachs von der Zartheit der
Lungen. Wie roh dieses Vlkchen meist den Menschen nimmt; ist nicht alles Leben
ohne Freude die drckendste Krankheit, und darum ist die arme Grfin schwer
krank, ungeachtet die rzte ihre vllige Besserung versichern; sie kann nicht
aus den Augen sehen und ist doch nicht blind, sie hrt niemand und ist doch
nicht taub, sie kann kein Wort vorbringen und ist doch nicht stumm. In diesem
Zustande erhielt sie die Nachricht von der unerklrlichen Abreise des Grafen vom
Landschlosse; zwar war dies nichts Ungewhnliches, selten erklrte er sich ber
kleine Geschfte, die ihn irgend wohin beriefen; diesmal wurde sie doch dadurch
erschreckt, sie wute nicht warum, es war ihr aber, als knnte er ihre Schuld
wissen; ja gegen Bekannte, gegen Diener selbst war sie ungewhnlich nachsichtig,
immer in dieser einen Furcht; bei allem, was rasch durch die Zimmer ging,
erschrak sie; sich selbst konnte sie nicht begreifen, weder wie sie jetzt sei,
noch wie sie dazu gekommen. Der Mangel an Nachrichten von ihrem Manne machte sie
seinetwegen bange; sie trumte von Zweikmpfen und sah ihn oft blutend vor sich
stehen, wie er sein Blut ihr mit Vorwrfen ins Gesicht sprtzte; langsam
vergingen ihr die Tage und schwer die Nchte.

                                Eilftes Kapitel



                         Heimkehr des Grafen zur Grfin

Etwas ber vier Wochen waren vergangen, als der Graf fast erschpft mit einem
Mute, den er sich in einer Flasche Wein angetrunken, spt Abends in das Zimmer
seiner Frau trat; er fand sie drei Zimmer davon bei ihrem Kinde, wie sie neben
der Wiege stand, und sich ber den Schlaf freute, dem es so ganz berlassen. Ihr
freudiges Aufrufen bei seinem Anblicke war ungeheuchelt. Bald sa der Graf neben
ihr, alle Sorge war pltzlich ihm benommen, auch sie wurde frhlich; sein
Gesicht schien nur zuweilen von dem wunderlichen innern Kampfe noch nachbewegt,
wie ein groes Meer nach dem Ungewitter, wenn schon lange heller Himmel darber
ruht. Ihr blickte die Hoffnung, da alles Unglck vergessen werde, aus den
Augen, doch so sparsam wie das Grn auf einer Wiese, die ein Strom in einem
unseligen Durchbruche versandet hat; die schne alte Liebe ist nicht
untergegangen, aber sie liegt tief unten ganz verdeckt von der Schuld, und nur
wenig Leben kann daraus hervorschieen. In ihrem Anblicke ward ihm immer wohler;
kaum hielt er sich, ihr nicht spottend seinen, wie er jetzt sicher meinte,
trichten Argwohn aufzudecken; ziemlich unverstndlich brachte er wenigstens das
auf dem Wege ausgesonnene Mrchen vor: wie ihn ein alter Familienproze zu einem
ganz geheimen Nachsuchen in einem groen Archive gezwungen. Sie gab nicht
Achtung darauf, und glaubte alles; sie war so zrtlich gegen ihn, um ihm
reichlich zu vergten, was sie ihm von dieser Zrtlichkeit entwendet, und der
Graf ergab sich ihr so von ganzem Herzen.
    Am andern Morgen fragte er den alten Bedienten mit einer scheinbar
gleichgltigen Miene, was er denn mit seiner Warnung damals htte sagen wollen.
Der Alte sagte ganz offen: der Marchese habe ihm etwas Verdchtiges gehabt, und
die Grfin, er kenne sie von Jugend auf, sei leichtsinnig; es tue nicht gut, wo
zwei solche Leute mit einander in einem Hause wohnten. Der Graf mute ihn
belcheln. Mit dem Marchese bin ich ganz sicher, der hat mich selbst gewarnt, so
dachte er in sich, es ist ein edler Mann, der Sinn fr alles Edle hat. - Als
seine Frau aufgestanden, ging er zu ihr und erzhlte ihr offenherzig die ganze
Geschichte, das Befremdende in ihr, das er jetzt gar nicht mehr finde, den
wunderlichen Traum mit dem Jedermann und die Warnung; doch sagte er nicht, von
wem sie ihm gekommen. Die Grfin verzieh ihm seinen Argwohn mit einem heimlichen
Errten vor sich selbst, und wie tief sie jetzt unter ihm stehe; sie erkannte
seinen Genius mit Schaudern, der ihn so grndlich gewarnt hatte. Ist es ein
Glck, da die lichte Stirne des Menschen so vieles verschlieen kann, und der
Mund so viel sagen, wovon nichts darinnen? Des Grafen Glck war es; die
Bestrzung ihrer Schuld wurde, wie es ihr Mund aussagte, zur Emprung ber so
unwrdigen Argwohn; der Graf fiel auf seine Kniee nieder, der Kopf glhete ihr;
sie glaubte den Marchese vor dem Fenster zu sehen, wie er spottend zwei Finger
gleich einem Geweihe ber ihn erhob und ihr ein buntes Tuch zeige, das er an
jenem Abende ihr entrissen; sie weinte in Zorn und Verlegenheit, der Marchese
verschwand, sie drckte ihren Mann herzlich an sich.
    Als der Graf wieder auf sein Zimmer gekommen, fiel ihm die bestaubte Gitarre
in die Hand, er fand sie wenig verstimmt; nachlssig ging er im Zimmer auf und
nieder, dachte wie er in die Welt so verloren hineingeirrt, und sie war doch
sein, ganz sein; seine ganze Seele schwebte in den Worten so warst du nicht
verloren, so warst du dennoch mein, die von Tausenden vielleicht ausgesprochen,
doch nie so wie in ihm zu Musik wurden, und diesen wiederkehrenden Tnen gab er
immer neue Worte; so erfand er ein Lied, das er den ganzen Tag halblaut sich
vorsingen mute:

So bist du nicht verloren,
So warst du dennoch mein!
So bin ich nicht verloren,
So bin ich wieder dein!

Ich ging in mir verloren
Weit in die Welt hinein,
Ich ging mit tausend Toren
Und fand mich ganz allein.

Ich hatt den Weg verloren
In tiefer Nacht allein,
Da klang's mir vor den Ohren,
Im Aug ward Dmmerschein.

Es klang: Was du verloren,
Das ist der Glaub allein,
Die Liebe, treu beschworen,
Die wird auch ewig sein.

So stand ich vor den Toren
Und ging zu Liebchen ein,
Da hat sie neu beschworen,
Da sie doch einzig mein.

Ich bin zum Glck geboren,
Und war in schwerer Pein,
Die Lieb hat mich erkoren
Aus einer Welt allein.

Ich bin wie neugeboren,
Von allem Leben rein,
Und was mir angeboren
Ist alles, alles dein!

Also hatte die Liebe in ihm allerlei ausgegoren, um ganz zur Weinklarheit zu
gelangen; aber auch in der Grfin ruhte sie nicht, zum Bessern zu wirken, wenn
sie auch nicht das Beste erreichen konnte. Die Grfin nahm sich ernstlich vor,
ganz gut zu werden, und die erste uerung dieses Entschlusses zeigte sich in
der Entfernung alles des Halbguts, woraus bis dahin ihre Gesellschaften
bestanden; eigentlich schmte sie sich, das Volk in der entstandenen
Vertraulichkeit zu ihr, dem Grafen vorzustellen, auch ihre politischen
Schreibereien verbrannte sie. Die alten Freunde des Hauses traten darauf wieder
in ihre Rechte und es war ein Nachsommer des Glcks in dieser Erhellung ihrer
Schnheit durch die Gte, - dem nichts fehlte als die Dauer.

                                Zwlftes Kapitel



                             Bekenntnis der Grfin

Es ist ein Schreckliches in der Natur, da sie, unbekmmert um die Gesinnungen
der Menschen, ihre Rechte bt und aus der Schande, wie aus der Tugend ihr ewiges
Fortleben zieht; Kinder in Blutschuld und Untreue empfangen, leben ein gleiches
Leben wie die Kinder der treuen Unschuld; wehe aber der armen Unschuld, die aus
solcher Schuld hervorgehend, wie ein rchender Engel zwischen die Eltern tritt.
Die Grfin mute sich nach drei Monaten eingestehen, da sie wiederum Mutter
werden wrde, ihr Bewutsein sagte strafend, da es eine Frucht ihrer Snde sei;
der Graf, ohne Verdacht des Bsen, freute sich herzlich des neuen Segens;
Sorgfalt fr das Wohlsein seiner Frau beschftigte ihn ganz, und wenn sie
zuweilen bei einer heimlichen Warnung in Gegenwart andrer sich einer Speise,
eines gefhrlichen Sprunges zu enthalten errtete, so schrieb er es immer auf
die Art von Scheu, die jungen Frauen gegen ihre Mnner so wohl lt, als wenn
sie gleichsam frchteten, ihre Vertraulichkeiten mchten an den Tag kommen.
Mancher innere Vorwurf bengstigte sie und ihr Zustand selbst, indem er sie
bengstete und beschrnkte, zwang sie zur Betrachtung; oft schwebte das
Geheimnis auf ihrer Zunge, vielleicht wre alles durch ein offenes Gestndnis
gebessert worden, aber das war der angebeteten Herrscherin des ganzen Hauses
unmglich, der jeder Tag neue Angedenken unumschrnkter Verehrung brachte; es
schien ihr sogar eine strfliche Grausamkeit ihrem glcklichen Manne den geheim
ernstvollen, von der Natur versiegelten zweifelhaften Eingang des Menschen in
die Welt, nach ihrem bsen Glauben zu enthllen, und das Kind nicht auf Rosen,
sondern von Schlangen umwunden zu zeigen. Dieses war eines Abends das letzte
Resultat ihrer Betrachtung: sie wolle schweigen; da kam ihr Mann und sprach mit
ihr scherzend, ob es ein Knabe oder ein Mdchen wrde, und sie legte ihm die
Karten, es wurde ein Knabe. Nun dachte sie, wie er heien solle, der Graf
meinte, Johannes, dem Marchese zu Ehren; wie mag es wohl kommen, sagte der
Graf, da keine Nachricht von ihm kommt, er ist wie verschollen, ich frchte
fast fr ihn. - Die Grfin beruhigte ihn und sie gingen zu Bette; sie schlief
unbesorgt ein und dachte nicht daran, da ihre eigne Zunge, ihr ungetreu,
verraten knnte, was auf ihrem Herzen lastete und was unter ihrem Herzen ruhte!
So ist's aber mit der eignen Verkehrtheit des Traumwesens, und sie hatte, ohne
es zu wissen, denn ihr Mann mochte nicht darber klagen, wie oft sie ihn damit
aus dem Schlafe gestrt, die Schwche, in fieberhafter Wallung des Blutes, woran
sie jetzt oft litt, laut und vernehmlich im Schlafe zu reden, nachdem sie mit
den Zhnen einigemal geknirscht hatte. Aufmerksam auf jeden ihrer Wnsche,
meinte der Graf erst, seine Frau verlange etwas, und horchte ihr zu; bald merkte
er, da sie wieder im Schlaf rede und wollte sich auf das andre Ohr legen, als
ihn einige Worte aufmerksam machten, und immer aufmerksamer. Wohl der Welt, da
es finster war und da keiner die steigende Verzweiflung seines Angesichts
gesehen hat, als sie in einem ausfhrlichen schmerzlichen, oft von Schluchzen
unterbrochenen Gesprche ihrem Manne die schwere Schuld, die Schuld seines
Freundes, des Marchese bekannte, und alles wahr machte, was ihm in der letzten
Zeit wie leere Traumbilder voller Verstandesverwirrung erschienen. Gern htte er
sich fr wahnsinnig in dieser Stunde gehalten; aber er fhlte den Bettpfosten,
worauf er sich hielt, sah die bekannten Fensterritzen, durch welche das Licht
sanft einschlich, und mehr als alles, er hrte sich selber aus ihrem Munde in
dem wahrhaften Dialoge, der nur dem Traume und halbverrckten Dichtern eigen,
seine eigne Art zu antworten, in Stimme und Gefhl, das sie nicht nachsprach,
sondern was er in sich verschlo, aus ihrem Munde heraus schreien; er hrte, wie
er mitleidig zweifelnd sie zu berreden suche, das sei alles nur Tuschung im
Traume von ihr, sie aber erinnerte ihn an ein goldnes Halshand aus einer goldnen
elastischen Schlange, das sie noch bei seiner Rckkehr getragen, ein Geschenk
des Marchese, worauf der Unglckstag eingestochen. Nun hrte er aus ihrem Munde,
wie er raste, wie der Tod so schn sicher vor ihm stehe, es wurde ihm dabei als
lebte er wirklich ganz in ihr, wie er in seinen ersten Worten von ihr, in erster
Liebe von ihr gesagt hatte: Ich hauchte meine Seele im ersten Kusse aus! Da
sprach sie aus seinem Munde mitleidiger zu sich, er wolle ihr alles vergeben;
aber warnend sang sie ihm ein Lied, das damals viel gesungen wurde:

Mich reut die Schmink, der falsche Flei,
Der mich vom Mann gewendet,
Die Sonne schien, ich baut aufs Eis,
So war ich ganz verblendet.

Nun wird es hei, fort zieht das Eis
Und meine goldnen Schlsser;
Wie ruft es doch im Flusse leis,
Da drunten wr es besser.

Und wie sie in das Wasser fllt,
So wird sie festgehalten,
Der Mann, dem sie noch wohlgefllt,
Fat ihres Schleiers Falten.

La mir den Schleier, halt mich nicht,
La still mich 'nunter ziehen,
Denn mein verstrtes Angesicht,
Das kann von Scham nur blhen.

Der Strom ist stark, sein Arm zu schwach,
Er will sie doch erfassen,
Ihn zieht verlorne Liebe nach,
Er wollte sie nicht verlassen.

Kaum hrte er das noch, und schon strzte er hinaus auf sein Zimmer, legte die
Stirn gegen die Mauer, druckte die Augen ein; er fhlte sich in einem Gewebe von
Ahndungen, die alle wahr geworden, da ihm sein Leben und die Welt zu einem
Chaos verschwamm; Geister gingen bei ihm aus und ein, sein Hirn war wie der
Blocksberg in der Mainacht. Er sah die Sterne am Himmel und sie schienen mit ihm
zu weinen; ihr Mitleid schmerzte ihn und er schlo die Laden der Fenster. Bald
setzte er sich und sa im Finstern sinnend die ganze Nacht; der Unglcklichen
wollte er schonen, aber die Rache an dem Marchese schien ihm Pflicht; er htte
sie auch in diesen Augenblicken nicht aufgeben knnen, und wre es gleich ein
Gesalbter des Herrn gewesen, der so nichtswrdig mit dem Glcke seines Lebens
sich einen schnen Abend gemacht. Seine Vorstellungen verwirrten sich allmhlich
und verwandelten sich; er verschlo sich als die ersten Bewegungen im Hause des
Tages gleiche Geschfte ankndigten, die Mgde lachend die Treppe
hinunterstiegen, um Feuer zu machen, die Bedienten anfingen Kleider
auszuklopfen; er hrte das alles wie ehemals, in ihm nur war alles aus. Hufig
schlo er sich frh ein, um zu arbeiten; durch eine Klappe, die er zu diesem
Behufe eingerichtet, wurden ihm Frhstck und angekommene Briefe
hineingeschoben. Lssig sah er darber hin, was sich heute durch die Klappe zu
ihm rckte; doch reizte ihn Kleliens Handschrift und Siegel, einen Brief zu
erffnen, der an ihn, wie alle ihre Briefe, gerichtet war. Sie erzhlte mit
einer heiligen Freude ihr Glck, den geliebten Herzog wieder zu besitzen; zwar
sei er durch die Anstrengung der Reise noch etwas leidend, aber sie hoffe bei
dem ruhigen lndlichen Aufenthalte an ihrer Seite, der jetzt das einzige Ziel
seiner Wnsche geworden, ihn bald genesen zu sehen. Weiter erzhlte sie
umstndlich, da er von einer Wahrsagerin, Arnika Montana gewarnt worden,
Sizilien nicht zu verlassen, weil ein Unberwindlicher nach seinem Leben
trachte, worauf er alle seine weltlichen Stellen niedergelegt habe, um sich eine
himmlische zu erflehen. Nun da sie ihres Aufenthalts gewi und von Geschften
fast ber ihre Krfte angestrengt werde, ladete sie zum Schlu ihn und seine
Frau als ihre nchsten Blutsfreunde recht dringend ein, sie auf den Trmmern
einer groen alten Welt in einer blhenden neuen zu besuchen, insbesondere da
ihr Mann, der Herzog, unter dem Namen eines Marchese D ... ihrer beider Beifall
gehabt, wie er ihr erzhlt habe, auch viele Verbindlichkeiten fr die genossene
Gastfreundschaft ihnen in seinem Herzen bewahre.
    Vielleicht erstaunen wir nicht minder als der Graf ber diese wunderbaren
Nachrichten, ber die Tiefe der Bosheit, ber die List, durch bernahme der
Korrespondenz mit der Schwester alle Nachrichten dahin und alle mglichen
Entdeckungen zu hemmen; aber wunderbarer wirkte noch dieses Schreiben durch das
heitre Glck, das aus jedem Ausdrucke der hochverehrten alten Freundin, aus
besseren Tagen ber ihn, den Verzweifelten selbst noch ausstrahlte, und sich so
warm mit der Klte mischte, in der er erstarrt war, da ihm beide Pistolen aus
der Hand fielen, die eine, die er gegen seinen Beleidiger, die andre, die er
nachher zu seiner eignen Beruhigung geladen hatte. Es schrie in ihm laut auf, um
dieser einen Frommen sei aller Welt verziehen; wer vermag ihr den Mann zu
rauben, an dem ihr bescheidnes heiliges Glck wie ihre Seele am Glauben Christi
hngt. Diese Erhebung ber sich selbst gab ihm einen Plan, eine berlegung, eine
Sicherheit, die ihm sonst nicht eigen; es war ihm, als stnde er sich selbst wie
ein Berg in seinen Gartenanlagen im Wege, den er entweder sprengen, oder
abtragen msse um Aussicht zu gewinnen. Wir wissen alles und knnen als
Vertraute seinen Entschlu in Wahrheit berichten; den meisten schien Zufall, was
Absicht in ihm gewesen.

                              Dreizehntes Kapitel



                               Das Knigsschieen

Als er noch so nachsinnend auf und nieder das Zimmer mit heftigen Schritten
durchma, und die Briefe seiner ersten Liebeszeit, die er sorgfltig bewahrt
hatte, verbrannte, da verkndigten drauen drei Kanonenschsse den Anfang des
groen Knigsschieens. Der Graf, der ein Freund dieser Belustigung und einer
der sichersten Schtzen war, erinnerte sich, da alle auf seine Ankunft warten
wrden; auch die Grfin, die eine Vorliebe fr alle mnnliche Ergtzlichkeiten
hegte, hatte versprochen sich spterhin einzufinden. Er brachte die beiden
altdeutschen Bchsen, die ihm vom Doktor aufgezwungen waren, und die brigen
Schiegertschaften nach seiner Gewohnheit selbst zusammen und in Ordnung,
klingelte und lie sich das grne Schtzenkleid geben, worin er das grne
Husarenkleid verwandelt hatte, in welchem er seine Frau zuerst erblickt, und das
er trotz seiner verschossenen Farbe noch immer sorgsam bewahren lie. Ehe er
noch das Haus verlassen, lie ihm die Grfin sagen, sie wrde bald nachkommen,
sie habe schlecht geschlafen und sich dadurch in ihrem Anzuge versptet. Sie sah
ihn erst im bunten Gewhle des Schtzenplatzes wieder, wo an diesem Tage nach
einer Scheibe geschossen wurde, deren Mitte ein brennendes Herz bezeichnete.
Witzige Kpfe wollen bemerkt haben, da der alte Schtze Amor bei solchen
Knigsschieen hufiger und sicherer treffe, als die jungen Schtzen in ihren
neuen steifen Uniformen, in denen noch die Tuchlagen nicht ausgetragen; fast
sollte man jenes wenigstens aus dem Drngen der Menge, aus dem Gekreisch der
Mgde schlieen, aus den einzelnen Paaren, die weit in das Getreide abirren, aus
dem steten Durste, der an tausend Krgen klappt, denn die Liebe macht durstig
und tapfer und daher schliet sich auch gewhnlich das Fest mit einigen
Raufereien. Gewi ist's, der uralte Trommelschlger in der uralten Bortenmontur,
hatte an dem Tage wenig zu trommeln; einige Ehrenschsse von gelehrten
Magistratspersonen fielen sogar in das Hausdach des Bezeichners; wahrscheinlich
weil sie aus einem Versehen, das den Gelehrten und Regierungen eigen, ihm die
Schuld des Nichttreffens aller ihrer wohlttigen Gedanken zuschrieben, und ihn
warnend an seine Schuldigkeit erinnern wollten. Ein alter Invalide im roten
Rocke, der, wie ein dnner Kometenschweif, drohend an dem hellen Sterne der
blanken Zinnbude hing, schttelte mit dem Kopfe dabei, drehte sein Glcksrad und
rief: Auf gut Glck. Die Wrfel klapperten und die am lngsten sich
zurckgehalten, waren nun am hitzigsten darauf. Seht da, ein Knabe gewann einen
groen Grenadier von Pfefferkuchen, der auch in einem Augenblicke von drei
andern zerrissen war. Mitten durch den Zank drangen andre mit bunten Fahnen, wie
frische Truppen, und die Waldteufel brummten wie das schwere Geschtz. Den
ganzen streitigen Haufen trieb ein Polizeidiener als Schlachtengott mit wenigen
Ohrfeigen aus einander; es endete heute doch gar nichts lustig. - Es wurde
spter und die Musik und die Tabakswolken zogen in die oberen Sle des
Schiehauses; die Leute waren es mde, den schlechten Schtzen zuzusehen. - Der
Graf hatte sich den letzten Schu ausgemacht; er tat den besten, das Herz war in
der innersten Mitte durchgebohrt, der Bezeichner warf seinen Hut in die Luft und
sich auf die Kniee; der Trommelschlger wirbelte, die Scheibe wurde von den
Kronbedienten beschaut, sie gaben den Kanonieren das Zeichen; alles Volk drngte
sich herbei und jubelte; der Graf wurde gekrnt und fr den Augenblick war er
wirklich der anerkannteste Knig der ganzen Welt. Nachdem er die Krone abgelegt
und den Ehrentrunk getan hatte, trat er zu seiner Frau, die ihren Beifall in
ihrer Art zu erkennen gab, indem sie ihm trotzig versicherte: Htte ich
mitschieen drfen, du wrst sicher nicht Knig geworden, aber so lat ihr
Herren uns nicht dazu. - Der Graf antwortete neckend: Ich glaube, du hast
nicht den Mut ein Gewehr loszudrcken, wenn es auch nicht geladen. - Das
mchte ich versuchen, sagte sie ganz keck. - Du hast noch keine altdeutsche
Bchse abgedrckt, sagte er. - Er nahm seine zweite Bchse, die dort liegen
geblieben ungebraucht, spannte den Hahn, stach sie und gab sie seiner Frau zum
Losdrcken in die Hnde, whrend er vorne die Schwere der Bchse mit Hand und
Brust untersttzte. Lachend hielt er die Bchse, lachend drckte sie ab;
krachend blitzte der Schu auf, da ihr das Gewehr zur Erde entsank, der Graf
strzte zu Boden. Im ersten Augenblick war es nur der Schreck des Knalles, der
sie und die Umstehenden betubt hatte; als sie aber den Grafen in seinem Blute
erblickte, strzte sie nieder und wurde sinnlos nach Hause getragen.


                                Vierte Abteilung

                                      Bue

                                 Erstes Kapitel

                         Des Grafen Genesung. Wallfahrt

Wenn ein heiterer Erzhler zur Unterhaltung seiner Zuhrer schauerliche
Geschichten leichtsinnig noch schauerlicher auszubilden sucht, indem er alle dem
Tode opfert, mit deren Fortleben er nichts anzufangen wei, so bt er zwar darin
das Recht der Zeit, die ihre Welt, welche sie geboren, zu hherer Umwandlung
wieder vernichtet, aber nicht ihre mtterliche Liebe, und nie erreicht er ihren
hohen Sinn, mit welchem die wahren Begebenheiten die meisten Dichtungen
berragen. Der khne Mensch, in welchem sich die Ruhe noch nicht entwickelt hat,
ist oft jenem leichtsinnigen Erzhler im eigenen Leben gleich, er entzckt sich
mit einem Gedanken und verliert sich daran; vergebens warnt ihn seine gute
Mutter, die Zeit, da er sich selbst nicht gehre, sondern ihr, so lange er noch
unmndig sei. Der Khne mchte sich und ihr voreilen und sie mu ihn gehen
lassen mit abgewendetem Gesichte auf dem eigenen Wege; leider fllt er bald und
kann sich nicht helfen und jammert; noch gibt sie ihn nicht auf, sie steht ihm
bei und betrachtet ernst, ob ihn die Reue noch bessern knne, da es die Liebe
nicht vermochte. Gewi, die reuige Bue kann viel, sie ist die wirksamste Kraft
in den groen Begebenheiten wie in den kleineren des huslichen Kreises; ihre
Wiedererzeugung, bald unbewut, hat seit dem Gedenken der Welt alle Krankheiten
der Zeitalter geheilt, so verschieden sie immer erscheinen mochte. Bald war die
Bue ein zerknirschendes Betrachten, ein Selbstqulen, bald ein ttiges
Vernichten des eignen falschen Strebens, in einem Handeln nach entgegengesetzter
Richtung; keine Bue darf die andre verachten, jene scheint mehr der geistigen
Snde geeignet, diese geziemt der ttigen ausgefhrten Lastertat. Die eine Bue
ist die hchste Kraft und Auszeichnung des Menschen. Die Natur hat es ihm
versagt wie ein Baum seine abgehauenen Glieder wieder zu ergnzen, aber sie gab
ihm dafr diese Kraft geistiger Wiederergnzung, und selbst die Tiere, wie sie
sich ihm nhern, verlieren jene Eigenschaft ihres Krpers, um dieser geistigen
sich zu nhern; die vom Menschen gezhmten mchtigsten Tiere wnschen und
erfreuen sich der Bue, wo sie ein Unrecht getan, sie wissen es weder schn noch
gut, noch heilig zu machen, sie wollen Strafe. Auch der Mensch unterziehe sich
willig der Strafe, wo die Bue ihn nicht ganz erneuen kann: die Strafe ist die
Ergnzung der Bue.
    Nicht alle Zuschauer waren von dem schreckenvollen Ereignisse so gewaltsam
ergriffen als die Grfin; doch waren die meisten allzusehr in ihren trgen
Betrachtungen gestrt, um dem niedergesunkenen Grafen wesentlich Hlfe zu
leisten; vielmehr verdarb die Menge der durch Tren und Fenster eindringenden
Menschen die Luft so schnell, da der alte Invalide sich mit Gewalt Luft machte,
mit seinem Sohne den blutigen Krper des Grafen ergriff und nicht ohne heftigen
Widerstand in ein nahes verschlossenes Zimmer trug, ihn dem leeren Mitleid und
der widrigen Neugierde zu entziehen. Hier konnte ihm der Stadtwundarzt, der auch
Mitglied der Schtzengilde war, ungestrt die Kleider ffnen und die Wunde
untersuchen. Gegen seine Erwartung fand er, da die Kugel an einer Ribbe, die
sie streifend zerschlagen, abgegleitet sei und nicht das Herz durchdrungen habe,
auch fanden jetzt die Schtzen die Kugel in der Wand des Schiesaales
eingeschlagen, welches im ersten Schrecken bersehen worden; die weibliche
Furchtsamkeit der Grfin hatte wahrscheinlich vor dem Losdrcken den Lauf von
der geraden Richtung gegen das Herz des Grafen abgewendet. Sobald diese
gebrochene Ribbe ausgebogen und einige Strkungsmittel ihm eingeflt waren,
atmete der Graf wieder auf, er dachte in einem anderen Leben, und sah sich
wieder in dem verhaten bekannten Kreise, in demselben Leben, das ihm schon
unertrglich gewesen, noch mit der Last einer schweren Wunde auf das
Krankenlager gestreckt. Der Wundarzt wollte es nicht wagen, ihn noch den Abend
nach dem Schlosse bringen zu lassen, und so mute er ber sich den
ununterbrochenem Jubel der tanzenden Menge hren, die gleich befriedigt, als er
am Leben gefunden, seiner Leiden uneingedenk die Nacht durchschwrmte. Die
Nachricht von seinem Leben, von der wahrscheinlichen Gefahrenlosigkeit seiner
Wunde gab der Grfin das Leben wieder; erschpft wie sie war, lie sie es doch
nicht, zu ihm zu eilen, und ihn mit einer Vorsorge zu pflegen, die nur Liebe
gewhren kann. Wirklich schien ihr der ganze Wert des Mannes nur in dem
bedrohten nahen Verluste ganz deutlich geworden zu sein. Dieser letzten
Gemtserschtterung schien es zu bedrfen, die eitle Hlle, die sie lange gegen
ihn verschlossen, ganz zu durchbrechen; hrte sie doch die ungeheuchelte
Anhnglichkeit aller Diener an ihn, so wahr, so unverstellt. Nicht seine
dringendsten Bitten konnten sie von seinem Lager entfernen, wenige
Viertelstunden Schlafs schienen ihr zu gengen. Sie scheute keinen
beschwerlichen Dienst, selbst den Anblick der weit und blutig aufgerissenen
Seite lernte sie ertragen; - noch wute sie nicht, da ihre Schuld ihm diese
Wunde geschlagen, aber schon die bloe zufllige Ursache derselben gewesen zu
sein, war ihr unertrglich. Die dauerhafte Gesundheit des Grafen fllte den
wilden Ri in seinem schn vollendeten Bau schneller, als der Wundarzt
erwartete; wenige Tage nach Abnahme des ersten Verbandes konnte er schon auf
sein Schlo getragen werden; hier gab der Graf den Brief Kleliens seiner Frau.
Mhsam versteckte sie ihm den frchterlichen Eindruck, den Abscheu gegen den
Herzog, der mit so berlegter Bosheit sich zu einem doppelten Laster angeschickt
und es durch ihre eitle Torheit so ganz vollendet hatte; wre der Graf nicht
krank gewesen, sie htte ihm alles bekannt und sich einen stillen Aufenthalt in
abgeschiedner Gegend von ihm erfleht.
    Dem Grafen war aber diese Zeit seines Siechtums nicht ohne Wirkung vorber
gegangen; die Pflege seines Krpers machte ihn aufmerksam auf dessen wunderbaren
Bau, dessen wunderbares Mitleben mit aller Welt, wie die Schmerzen mit den
Stunden kamen, und dem Einflusse ferner Kruter wichen. Es war ihm, als htte er
eine ungeheure Schandtat getan, und frevelnd, um eine Schickung Gottes
abzulenken, statt sie in Tugend und Kraft zu bestehen, dieses heilige Werk
Gottes, sein Ebenbild zerstrt. In der Fieberhitze glaubte er sich der
schndliche Judas, der sich selbst umgebracht, nachdem er den Herren verraten,
und der Wundarzt konnte nicht begreifen, wie sein Zustand sich wieder so
pltzlich verschlimmerte, besonders was er mit dem roten Barte sagen wolle, von
dem er immer spreche. Auch diesen Kampf berstand er; er trug zwar noch einen
Verband und durfte nicht von seinem Lager, aber er war schon so gut wie
hergestellt: da sa seine Frau am Bette, als er einen Brief erhielt, den er
rasch ffnete und nachdenklich las; er schwieg den ganzen brigen Tag. Die
Grfin, vor sich selbst neben ihm sinnend, befestigte sich immer mehr in dem
Entschlusse, ihm ihre Schuld ganz zu bekennen; sie glaubte ihn jetzt stark
genug, diesen Schmerz zu ertragen. Nach einigen Schaudern warf sie sich
pltzlich neben seinem Sopha auf die Kniee nieder, verhllte ihr Gesicht und
schluchzte: Ach weh mir armen Snderin, es schnrt mir den Hals zu, ich kann
nicht sprechen. - Was ist dir? fragte der Graf erschrocken. - Tue mit mir,
wie du willst, schluchzte sie, ich habe mich schwer an dir versndigt; weiter
konnte sie nichts vorbringen. Der Graf fuhr mit einer Hand ber ihre Wangen, und
bemhte sich an einem Arme sie aufzurichten, aber vergebens; endlich sagte er
ihr gefat: Hr mich wenigstens jetzt an, bemhe dich, mich zu hren. Auch ich
habe dir zu beichten; was du gesndigt, wei ich, was ich getan, sollst du
hren. Du hast die Treue gegen mich gebrochen; ich wollte dich zu meiner
Mrderin machen; es war kein Zufall, da meine Bchse geladen war, Gott wei es
allein und ich, es sollte meine Rache sein, da ich durch dich so wie fr meine
Ehre gestorben; ich dachte verblendet mir etwas Groes darin und der Frevel
verbarg sich meinem Verstande. Des Himmels Gnade hat die Kugel von meinem Herzen
abgeleitet, aber stark angeklopft, da es sich bessere; der Herr vergibt mir
meine Schuld, wie ich vergebe meinen Schuldnern, tue desgleichen. Nicht unsre
Rache, aber die Strafe des Verbrechers ist dem Himmel heimgefallen, der den
Verbrecher uns durch die engsten Bande des Bluts und der Freundschaft verbunden.
Lies diesen Brief deiner Schwester, welch ein frommes Glck ihr der Verruchte
gestattet, in ihrer Nhe wird alles gut, - wir drfen diese Ruhe nicht stren.
Nur eins fehlt ihrem Glcke, Kinder; sieh, du bekommst ein Kind, das uns zum
Fluch geworden wre, la es ihr Segen sein; sie fleht mich an, ich hatte ihr
deine neue gute Hoffnung in der Freude meines Herzens verkndet, sie fleht um
eins meiner Kinder, da sie ihm ihren Reichtum und ihre Liebe in guter Erziehung
schenke, - la dieses Kind, das noch unter deinem Herzen sich regt, zu seinem
rechten Vater kehren, deine Schwester wird es schtzen gegen ihn. Wir aber
wollen vor den Augen der Welt ruhig beisammen leben, das fordert dein guter
Name, - wir wollen zusammen leben, als trennten verschiedne Zeitalter unsre
Liebe, oder Verwandtschaft allzunahe des Blutes, in Freundschaft, in
gegenseitigen Wohltaten und Diensten - ohne Reue, so vergngt es sein kann. Uns
ist viel Gnade geschehen, wachen wir ber uns.
    Nach diesen Worten, die er langsam ausgesprochen, hatte sich die Grfin
ihrer niederdrckenden Beschmung ermeistert, da sie seine Hand kssen und
vernehmlich sagen konnte: Du bist allzu gromtig, du edles Herz, das ich
leichtsinnig verspielet, selbst deine Gromut rechnest du dir als Schuld an; wie
soll ich vor Gott bestehen; la mich einsam in einem Kloster meine Schuld ben,
vielleicht knnen die Jahre uns wieder ausgleichen; Gott vergebe dem Herzoge,
ich kann ihm nicht vergeben, vor dir aber vergehe ich in Scham und verzweifle in
Reue. - Bei diesen Worten schwankte sie aus dem Zimmer; der Graf stand gegen
das Verbot seines Wundarztes vom Lager auf, aber er fhlte einen groen Schmerz,
er klingelte und der alte Bediente kam. - Hr, sagte er, geh zu meiner Frau,
sei nicht neugierig, sei verschwiegen, vielleicht erfhrst du einmal alles;
jetzt hte sie vor Unglck, ermahne sie zu allem Guten, du hast ihr Zutrauen.
    Der Alte wute nicht, was er sagen sollte, doch meinte er, da schon lange
nicht alles gewesen, wie es sein sollte. Er ging zu seiner gndigen Frau, mute
aber vor der Tre warten; sie hatte sich eingeschlossen. Nach einigen Minuten
gab sie ihm einen Brief heraus, an ihren Mann, und so mehrere bis zum Abend -
Briefe so zerreiend jammervoll, wie kein Schuldloser sie schreiben kann; der
Graf antwortete ihr ernst, aber trostreich. Den folgenden Tag war sie so
ermattet, da sie im Bette blieb, aber den Alten zu sich hereinrief; sie war
sonst doch gegen ihn etwas herrschend gewesen, er war es von Jugend an gewohnt;
jetzt krnkte es ihn tief, seine Grfin so in sich zerknirscht zu finden, da
sie ihm wie einem Gerechten, dessen Urteil sie frchtete, lange Entschuldigungen
vorausmachte. Sie konnte es nicht lassen, ihm ihre Geschichte unter vielen
Trnen zu erzhlen; sie mute einen Vertrauten haben und seiner Verschwiegenheit
war sie vllig gewi. Der Alte rgerte sich innerlich, da er alles das mit
seinem guten Eifer weder bemerket noch gehindert; er trstete sie nach seiner
Art recht gut. Am Schlusse ihrer Beichte sagte sie: Ist Gott gerecht, da er
dem frommen Manne, meinem Grafen, ein so lasterhaftes Weib gegeben und meiner
frommen Schwester einen so lasterhaften Mann? - Liebe gndige Frau, wer so
gefehlt hat, soll Gott nicht verurteilen; mir fllt eine alte Erzhlung bei
diesem Vorfalle ein, die Gottes geheime Absichten recht eindringlich darstellt;
wenigstens vertreibt sie Ihnen die bse Zeit. - Als unser Herr Christus mit
Petrus noch auf Erden wandelte, kam er einst an eine Wegscheide: da wuten alle
beide nicht, welches ihre Strae; denn unser Herr bei aller seiner Erkenntnis
Gottes wollte doch in allen menschlichen Dingen wie ein anderer Mensch sein,
damit ihn die Menschen verstehen knnten. Nun stand aber ein Baum allda, unter
dessen Schatten ein Bauernknecht seine Mahlzeit hielt. Der Herr fragte ihn
freundlich nach dem Wege gen Jericho; der trge Bauer antwortete ihm aber kein
Wort, sondern stopfte sich das Maul immer voller und a fort, als stnde niemand
vor ihm. Wie sie da in Zweifel also lange genug gestanden und nach allen
Weltgegenden hinausgesehen hatten, da kam eine Magd gelaufen von weither, die
Sichel in der Hand, die Schrze halb voll von Gras, die hatte ihre
Zweifelhaftigkeit wohl bemerkt, und fragte, wohin sie gedchten, und geleitete
sie weit hinaus auf den rechten Weg, von dem sie abgeirret waren; dann lief sie
eilig zurck nach ihrem Acker zur Arbeit und nahm nicht ihr Trinkgeld, und hrte
nicht einmal auf ihren Dank. Da sprach Petrus: Meister, die Guttat zu belohnen,
mut du ihr einen wackern Mann bescheren. Da sprach der Herr: Der faule Knecht,
der dort im Schatten sa und zu trge zum Sprechen war, der wird ihr Mann. Und
als sich Petrus darber verwunderte, sprach unser Herr weiter: Der Mann wrde
gnzlich verderben ohne eine fromme gute Frau; die Frau aber wrde sich zu viel
einbilden auf ihren Flei, auf ihr Geschick, denn Eitelkeit tritt der Tugend in
die Fustapfen; also schliet Gott ungleiche Ehen, auf da eines helfe des
andern Brde tragen, und also sie beide bleiben in Ehren.
    Diese Erzhlung, die der Alte aus unserm braven alten Hans Sachs gelernt
hatte, schien die Grfin ernstlich zu beruhigen. Als ihr Mann nach ein paar
Stunden sich zu ihr hatte fhren lassen, erklrte sie ihm mit festerer Stimme,
sie habe keinen eignen Willen mehr, sie unterwerfe sich seiner Einsicht ganz, er
mge ihr gebieten. Vergebens suchte er sie zu strken, sie war innerlich in sich
wie gebrochen, und ihre Reue war ihm ein steter Vorwurf. Oft wnschte er sich
tot, um diesem zwangvollen Verhltnisse entnommen zu sein, denn selbst seinen
Ernst und seine Trauer suchte er ihr schonend zu verbergen; aber das Leben hrt
selten auf unsre Bitten, nur gewaltsam lt es sich regieren, hemmen und
erwecken, und wem ist dazu ein Recht gegeben? Bald genas er vllig und
durchstrich wieder dieses Schlo, diesen Garten, wo jede Stelle mit seinem
Glcke, mit seinem Unglcke bezeichnet war, und alles das mute er verschweigen.
Wem solch ein Verhltnis nie begegnet, der hat es doch sicher in unsrer Zeit
allgemeiner Teilnahme an politischen Ereignissen erlebt, da Leute aus
Rcksichten gerade von allem dem, womit ihre Seele einzig beschftiget, kein
Wort sprechen durften; so ungefhr saen der Graf und die Grfin hufig einander
gegenber und blickten seitwrts, um einander nicht abzusehen, was sie einander
nicht sagen mochten. Sein Wunsch wre eine Reise gewesen, weit in die Fremde,
aber seine Frau lie sich nicht gerne sehen; jeder Besuch war ihr eine Qual; sie
vermied die meisten und das ward ihrem Zustande zugeschrieben. Wunderbar, wie
viele lang ersehnte Hoffnungen auf Kinder, die mit Jubel in der Welt aufgenommen
sein wrden, gehen in einem geringen zuflligen Schrecken unter, und dieses
fluchbelastete Kind, das auf einem Trnenstrome in die Welt schwimmen sollte,
hatte von allen diesen schrecklichen Ereignissen nicht gelitten. Ein neuer Brief
von Klelien drckte ihren Wunsch nach Kindern so schmerzlich aus, sie schrieb so
rhrend von ihrem Glcke, von ihrem Manne, der ihr der Brennpunkt aller
Tugenden, aller Frmmigkeiten war, und nun sah sie mit groem Bedauern rings um
sich, wie so alles, was der Herzog und sie auf den Gtern schaffe, einst in
fremder Hand wieder untergehen werde, da der Lieblingswunsch ihres Mannes
unerfllt bleibe, da sie ihm Kinder schenke. Sie fragte sich, um welcher Snde
willen Gott ihren Leib verschlossen; ja sie wnschte sich den Tod, um ihrem
Manne diese Freude durch eine andre Gattin gewhren zu lassen. - Diese
Frmmigkeit des Herzogs, die in den Augen seiner frommen Frau so rein erscheint,
tten wir unrecht, ganz zu bezweifeln; auch die Anlage zur Frmmigkeit war in
ihm und hatte ihn gleich anfangs in Klelien gereizt, aber freilich nicht lange;
die heiteren Briefe ihrer Schwester Dolores, die er bei ihr las, hatten ihn
damals zu ihr hingezogen; seitdem bemchtigte sich seiner eine aberglubische
Furcht, er hatte die Laster berlebt; jetzt war es nicht blo Sinn fr
Frmmigkeit, die ihn an die Wallfahrtsrter Siziliens, zu allen Geistlichen
trieb, er schwindelte in die Frmmigkeit hinein, die seiner Frau eigen; es war
ihm ein neuer Reiz, den er aber immer neu steigern mute; die Religion ward ihm
eine neue Art Opium, seine Natur forderte immer mehr bis sie nichts mehr fordern
konnte. So lebte der Snder wahrlich nicht unglcklicher als der Graf, den wir
doch zu den Bessern rechnen mssen; die Welt ist aber in ewiger Fortschreitung
und das Laster endigt frher und geht unter, whrend die dauernde Tugend mit
allen Hindernissen ihrer Entwickelung kmpft. Das unnatrliche Verhltnis des
Grafen zu seiner Frau, das nur der umgebenden Welt wegen angenommen war, mute
sein Inneres ausleeren; es gab ihm nichts und gestattete ihm auch nicht einmal
die Freiheit, sich nach anderen Richtungen auszubreiten, seine Geschfte, die er
sonst mit Lust getrieben, kosteten ihm unsglich viel Mhe und berwindung; er
suchte sich Liebhabereien anzugewhnen, um dadurch beschftigt zu sein, schaffte
kostbare Pferde an und lernte das Schachspiel, wollte ein Buch ber Staatskunst
schreiben, das er lange entworfen, und wute nicht, was er schreiben sollte; mit
dem Glcke waren ihm alle Gedanken verschwunden. Als er einmal so in seinem
Zimmer umhergeschwankt, sich hundert Federn geschnitten und mit keiner
geschrieben, hundert Bcher aufgeschlagen und in keinem gelesen hatte, da fand
er sich so verwirrt, so de, so matt und krank, da er beten wollte und nicht
zusammenhngend sprechen konnte; keine Trne wollte ihn erquicken. Drauen tobte
ein Marktgewhl auf der Strae, in ihm war alles so stille, er setzte sich
nieder und schrieb. Erkenne Herr, der du die Welt gefllt hast, diese Leere
meines Herzens, diese Leere meiner Gedanken, befreie mich von Qual und Angst,
nirgends halte ich mich, nichts hlt mich, ich schwanke und mu vergehen, strke
mich Herr; wo ich mich suche, da finde ich mich nicht, wo ich dich suche Herr,
da fhle ich nichts, mein Dasein ist mir ein Gram und ich kann mich nicht
vergessen; mein Leben ist mir eine Krankheit und doch sind die Krankheiten mir
ein Schrecken. Ich fhle mich, da ich nie so traurig war, wie in diesem
Augenblicke; was mich betrbt, ist keine Tat, kein Gedanke, kein Wort, vergebens
bemhe ich mich, es zu sagen; was ich gedacht, versteckt sich mir, was ich
gefhlt, ist mir verloren; ich mu alles ewig von vorne beginnen; ich kann nicht
schwrmen mit den Frhlichen, nicht ttig sein mit den Ttigen, nicht ruhen mit
den Trgen; das berflssige zu tun, verachte ich und zum Notwendigen fehlt mir
der Mut; was mich anregt, ist eine schmerzliche Spannung, meist lhmt mich eine
klgliche Erschlaffung; noch denke ich, da ich ein Zutrauen zu dir habe Herr,
aber ich fhle nicht deine belebende Kraft! - In diesem Augenblicke erweckten
ihn die Glocken der Kirche; er gedachte, wie viel er seit frh an Gott gehangen
und wie ihm doch alles Glck verloren; es wurde ihm in tiefster Seele, als gebe
es gar keinen heiligen Zusammenhang in der Welt, als sei alles vergebens. Da
luft, sagte er vor sich, das schwachsinnige Volk in die Kirchen in alle
Ewigkeit und meint, darin etwas Gutes zu tun, es ist doch alles vergebens und
umsonst; auch ich will einmal mitlaufen, will auch einmal beichten, will doch
sehen, was mir die Dummheit raten wird, die dort an Gottes Stelle sitzt.
    Wir werden es hufig bemerken in unsrer Zeit, da Menschen der gebildeten
Stnde, die sich lange sehr religis glauben, doch eigentlich die Religion nur
als ein Gedachtes, als ein Nachdenken ber die Welt bewahren, nicht als ein
Notwendiges, Eingebornes, Anerzognes, nicht als einen Glauben; es gab fr die
meisten eine Zeit, wo sie viel dachten und der Religion vergaen; ihr
Spekulieren ber Religion hlt selten gegen die Not und gegen das Glck aus;
beide geben ihnen meist erst ihre feste Richtung, ihren eigentlichen Glauben. In
einem verzweifelnden Seelenzustande trat der Graf in die Kirche; er sah mit
Verachtung, wie die Menschen so demtig aus den Beichtsthlen heraustraten, doch
setzte er sich selbst mde in einen derselben, der im trben Dunkel einer
Kapelle stand, und wartete bis der Geistliche, der nach der andern Seite eine
Beichte hrte, das Ohr nach seiner Seite legen wrde. Er hatte sich erst
vorgenommen seine Snde, den Versuch sich selbst zu ermorden, oder vielmehr sich
ermorden zu lassen, nur ganz allgemein anzudeuten, so da der Geistliche doch
keinesweges ihn gleich erraten knnte. Wie sich dieser zu ihm wendete, sah er
auf der andern Seite des Beichtstuhles eine Gestalt heraustreten, aus deren
betrnten Augen auch sein Schmerz flo; erst schien es ihm Dolores, dann glaubte
er sicher, sie wre es nicht gewesen. Bei diesem Anblicke wurde ihm der
Beichtstuhl ganz vertraulich; er sprach von seinen Fehlern so aufrichtig, wie
ein Verstorbener, und der Beichtvater, der beider Verhltnis zu durchschauen
schien, gab ihm eine Reise nach einem nahen Wallfahrtsorte auf. Nichts auf der
Welt war seiner Stimmung so angemessen; gleich tat er dem Geistlichen, der Pater
Martin hie, den Vorschlag, mit ihm noch denselben Abend dahin zu wandern, er
verspreche ihm reichliche Belohnung. Pater Martin willigte frhlich ein; er
sagte, da er schon lange seinem Bruder, der dort mit wenigen im Kloster
zurckgeblieben, einen Wein zu kosten versprochen habe. Der Graf schickte nach
Hause und lie melden, da er ein paar Tage ausbleibe, und so machte er sich mit
dem Geistlichen auf den Weg, den er eben so furchtsam und verlegen betrat, wie
er sonst keck darauf einher geschritten. Die Unterhaltung mit dem einfltigen
Pater Martin war ihm bald qulend; er bat sich dessen Rosenkranz aus und betete
so vor sich hin; aber allmhlich ward ihm wohl in der einfrmigen Wortfolge, bei
der er bald an nichts dachte, als was Anfang und Ende sei; ganze Zge von
Pilgern traten zu ihnen und stimmten in die Gebete ein, das Gleichmige trug
ihn. Bald fhlte er, wie einfach das Menschenherz, bei jeder Wiederkehr des
Gebetes ward es ihm immer heiliger, rhrender; sein Auge blickte umher nach der
untergehenden Sonne, und so kam er heiter in einem Wirtshause an, das einsam
zwischen groen Seen gelegen die Mitte ihrer Wallfahrt bezeichnete. Die grere
Zahl der Pilger trat eilig ins Wirtshaus, um fr Speise und Trank nach Lust und
Geld zu sorgen. Wallfahrten sind die Badereisen der rmeren; sie arbeiten halbe
Jahre, um durch diese wenigen Tage in sinnlichem und bersinnlichem Genusse sich
zu erfrischen. Der Graf war wenig geneigt zu beidem, er blieb vor der Tre
sitzen; Bruder Martin mute zwar aus Hflichkeit bei ihm bleiben, aber er
bestellte sich doch durchdringend laut durch die offene Haustre einen Becher
Wein. Nicht lange, so erschien mit einem zinnernen Becher, der voll Wein, ein
groes schlankes, aber sehr ernstes Mdchen, ob es der Sternenschein war, der
ihre Backen bleichte, dem Grafen schien sie ungemein bla. Bruder Martin mochte
auch diese Blsse bemerken und sie schminken wollen; er umfate sie und htte
sie in allen Ehren gekt, wenn ihr nicht strubend der Becher mit dem Weine
entfallen wre. Das war kein Spa; er lie sie los und sah traurig in den leeren
Becher, in dessen Neige sich die Sterne spiegelten. Der Graf hatte sich in der
Stille ganz in ihn hinein gelebt, und fand darin einen besonderen Trost der
eigenen Leiden; dieser Anblick setzte ihn so ganz in alte gute Laune zurck, da
er in der Seele seines Begleiters dichtete:


                        Ein Trinklied beim Sternenklang

Liebe Hand, dich darf ich drcken,
Bringst mir einen Becher Wein,
Und die holden Sterne blicken
In den Becher froh hinein;
Zweifelnd bin ich im Entzcken,
Trink ich erst den duft'gen Wein?
Soll ein Ku mich erst beglcken?
Beides, beides ist nun mein!
Ratet mir treulich, liebliche Sterne,
Gre euch alle, nahe und ferne!

Fliehst du schon vor meinem Blicke,
Und verschttest meinen Wein,
Fhrt mein Ruf dich nicht zurcke,
Ach, so bist du doch nicht mein!
Heie Liebe, deine Tcke
Lt mich schmerzlich hier allein,
Als ich meinem stillen Glcke
Wollte froh entgegen schrein;
Feurige Zungen sind da erklungen,
Aber mein Liebchen ist mir entsprungen.

Wandelt weiter, kalte Sterne,
Spiegelnd im vergonen Wein,
Suchet ihr doch stets die Ferne,
Nah und ferne, nichts ist mein.
Nur der Tropfen, den ich hege,
Lset meines Herzens Klang,
Schweigend geht ihr eure Wege,
Euren stillen, gleichen Gang;
Als ich noch hoffte, seid ihr erklungen,
Jetzt wie so stille, feurige Zungen.

Allmhlich war er in der Gesinnung des Liedes zu sich selbst bergegangen; er
wurde sehr traurig, und blieb noch lange so ernst vor sich sitzen, als der
Geistliche schon ins Zimmer gegangen und der alte Wirt, ein ehrwrdiger Greis
mit weien Haaren, sich unbemerkt zu ihm gesetzt hatte. - Herr, Ihr seid nicht
recht vergngt wie die andern, sagte der Alte, Ihr habt aber noch lange zeit
vergngt zu werden, ich aber bin traurig und alt, und werde wohl nie wieder
lustig. - Habt Ihr Schaden gelitten in Eurer Wirtschaft? fragte der Graf -
Nicht so eigentlich, antwortete jener, mein Vermgen ist nicht gro, aber ich
habe mehr, als ich brauche, und doch bin ich ganz arm - seit ich meine Tochter
verloren. - Graf: Ist sie schon lange tot? - Wirt: Sie lebt noch; Ihr habt
sie auch wohl vorher gesehen, aber sie scheidet so ab, sie ist schndlich
betrogen worden; es ist eine traurige Geschichte, und Ihr werdet sie schon noch
erfahren. Seht nur da drben den Nachbar Walther, der da seine Schafe in die
Hrde treibt, dem war sie bestimmt; ich hatte so lange ich lebe meine Schafe mit
den Schafen seines Vaters zusammen getrieben, und dachte gewi, unsre Kinder
wrden sich heiraten. Es hat nicht sein sollen! - Bei diesen Worten fhrte er
den Grafen in ein Oberzimmer, das er fr ihn und fr den Geistlichen abgesondert
eingerichtet hatte, und schickte ihnen die Tochter zur Bedienung. Die schne,
blasse Hippolita trat sehr beschmt ein, aber der Graf machte ihr Mut; er fragte
nicht nach ihren Begebenheiten, und sprach ihr doch trostreich zu; sie eilte, so
viel das brige Geschft im Hause erlaubte, in das Zimmer zurck. Der Geistliche
hatte bald durch Nachfrage bei den Gsten ausgemittelt, was es eigentlich mit
diesem Mdchen fr eine Bewandtnis habe. Ein Oberst, der dort im Quartier
gelegen, hatte whrend der Kriegsunordnungen sich in der nahegelegenen Kirche
mit ihr trauen lassen, war den Morgen nach der Hochzeit, ohne ihr davon zu
sagen, abgereist, und hatte die Nachricht zurckgelassen, da er in seinem Lande
schon verheiratet sei, diese zweite Ehe also ungltig werde. Ihr Kind war in der
Geburt gestorben. In der ganzen Gegend, der sie sonst als ein stolzes Muster
bekannt gewesen, wurde sie seitdem verachtet und verspottet. Dem Grafen tat
diese Erzhlung um so weher, je weniger er irgend einen guten Ausweg fr das
arme Kind entdecken konnte, doch war ihm zu Mute, als gehre sie durch ihr
Unglck zu seiner eigenen Familie. Sehr frh machte er sich den folgenden Morgen
auf, doch war das Mdchen schon auf und brachte das Frhstck; der Graf bot ihr
ein ansehnliches Geschenk, aber sie schlug es aus. Nach einem herzlichen
Abschiede von Vater und Tochter, eilte er rasch fort durch die kalte Morgenluft,
und bemerkte erst nach einer Viertelstunde, da er den ihm vom Pater bergebenen
Rosenkranz vergessen hatte. Der Rosenkranz war aus Loreto, und der Pater
untrstlich; gleich eilte der Graf zurck, sprang ins Haus nach seiner Kammer,
und war sehr verwundert darin singen zu hren. Es war die Tochter, er horchte:
sie sang ihr Unglck; er trat ein, fand seinen Rosenkranz in ihrer Hand, und
beredete sie, mit ihm nach der wunderttigen Mutter Gottes zu wandern, was auch
ihrem Vater sehr lieb war. Der Pater war hoch erfreut, als er den Grafen mit der
schnen Tochter und mit dem Rosenkranze zurckkehren sah; er betete eifrig auf
dem Wege, die Pilgerin stimmte ein, und der Graf folgte. Der lange Weg war ihnen
unbemerkt geschwunden, als die heiligen Bilder die Nhe des Wallfahrtortes
bezeichneten; bald waren sie mitten in dem marktlichen Gewimmel, das rings um
der alten Kirche wogte, wo man Kerzen einkaufte, und in die weihrauchduftende,
hellerleuchtete Kirche trug. Hippolitens Schnheit wirkte da so mchtig, da ihr
jeder Platz machte, als sie nach dem Chore aufstieg, wo sie als Sngerin ihre
Stelle verdiente. Sie sang wunderschn, alle sahen auf sie; ein paar schne
Knaben hielten ihr die Noten, ein paar andere bekrnzten sie mit Rosen und
blauen Trauben, ein anderer brachte ihr ein Lamm an einem seidnen Bande: es war
ein sehr schner Anblick, wenn gleich diese Zeichen der Verehrung in jenen
Gegenden ganz gewhnlich sind. Der Graf selbst beschrieb diese Verehrung und
ffentliche Beruhigung, die sie nach so mancher unverdienten Beschimpfung hier
erhielt, in den folgenden leichten Versen:


                                   Hippolita

SIE singt in der Kammer
Nur einen Tag mir dauert
Der Ehrenblume Pracht,
Das hab ich lang betrauert,
Sie haben mich verlacht.
Warum so kurz die Freude,
Warum so lang das Leid?
Bei meinem Hochzeitkleide
Liegt jetzt mein Trauerkleid.

Hier war ein herrlich Wesen
Von Reitern schn und khn,
Und der mich hat erlesen
Vor allen tte ziehn;
Sie folgten ihm doch alle,
Wenn er vor ihnen ritt,
Bei dem Trompetenschalle
Lief auch mein Blut so mit.

Ich fuhr in hohem Wagen,
Mein Herr, der fhrte ihn,
Die Rappen wiehernd jagten,
So hell die Sonne schien,
Ich sah noch fern die Htte,
Zum Himmel stieg ihr Rauch;
Aus ihrer stillen Mitte
Ich zog, verflog nun auch.

Die Kirche, frisch gestreuet
Mit buntem, krausen Sand,
Vom leisen Tritte schreiet,
Ich reiche ihm die Hand.
Nicht, Mutter, weint gebeuget,
Der Ring ist golden ganz.
Doch sie den Goldschaum zeiget,
Auf manchem Sterbekranz.

Der Priester trat zurcke,
Mein Mann mich hielt so lieb,
Mich grten alle Blicke,
Das Blut zur Wange trieb;
Mein Glck, wer kann es fassen,
Es fate mich so fest,
Und hat mich doch verlassen,
Mich so verlassen lt.

Ich trumte keine Sorgen,
Mein Aug der Sonne lacht;
Wo bliebst du Lieber im Morgen,
Eh' ich noch war erwacht?
Wo bliebst du Lieber im Morgen,
Es hat dich keiner gesehn;
Mein Kind blieb mir verborgen,
Ich sah es nicht in den Wehn.

Ich sitze zwischen Seen
In meiner Eltern Haus,
Mu dienen und mu gehen
Mit Pilgern ein und aus;
Viel Knaben Mitleid haben
Mit meiner Traurigkeit,
Ihr Trost knnt mich wohl laben,
Ach, blieben sie nur heut!

Mu selber ihnen reichen
Den Pilgerstab und Hut,
Die Hand ich mchte reichen,
Dem, der so traurig tut.
Doch knnte er wohl meinen
Ich liebte ihn wohl gar,
So aber mu ich weinen
Das ganze, ganze Jahr.




                                   Ein Pilger


Die Pilgersleut vergaen
Den Rosenkranz im Haus.
Sie kamen wieder, saen,
Bei diesem Ohrenschmaus;
So schn sie hrten singen
Der Wirtin Tchterlein,
Ganz heimlich zu ihr gingen
Wohl in das Kmmerlein.

Sie gaben ihr die Hnde,
Und nahmen sie auch mit,
Da sie zur Wallfahrt wende
Den hohen, edeln Schritt,
Zu jenen heil'gen Gipfeln,
Die Gottes Lieb erbaut,
Wo in der Bume Wipfeln
Ihr Schmerzensbilder schaut.

Da fand sie leer ihr Leiden,
Sie fand ihr Herz so voll,
Sang da zu aller Freuden,
Da hoch die Kirch erscholl;
Viel Knaben knieten nieder,
Die Noten halten ihr,
Sie dienen ihr wie Brder,
Und wie die Engel schier.

Darum viel Pilger glauben,
Ccilien zu sehn,
Mit Ros und blauen Trauben
Sie da umwinden schn;
Ein Lmmlein zu ihr fhren
An einem roten Band,
Mit hohen Kerzen zieren
Der Kirche dunkle Wand.

Da fhlet sie ein Wehen,
Die Taube fliegt zu ihr,
Mit tiefster Ehrfurcht sehen
Die Lstrer auf zu ihr;
Mit hellen Blicken schauet
Der Mutter Gottes Bild,
Wer sich ihr ganz vertrauet,
Dem zeiget sie sich mild.

Der Graf konnte wohl den milden Blick dieses Gnadenbildes rhmen, auch er hatte
ihn erfahren: eine grne Insel stieg ihm empor aus dem schwarzen Meere, das ihn
umwogte; er glaubte ein ganz vertrautes Herz gefunden zu haben, die Gedanken
schwanden ihm. Sein Begleiter war lngst zu seinem Bruder gegangen, hatte sich
der guten Klosterkost erfreut, die Zeit beseufzt, und die heiligen Bilder
austeilen helfen; der Graf aber ging aus einer Kapelle in die andere, jede
schien ihm so wohnlich fr den jetzigen Zustand seines Herzens. Es wurde dunkler
und die bunten Glasfenster brannten nur noch in wenigen Strahlen, die auf ein
Bild der heiligen Maria Magdalena fielen, wie sie die Perlenschnre zerreit,
und ihre Trnen immer neue Perlen um sie sen. Er trat hinzu und berhrte mit
seinem Fue einen Menschen, den er nicht bemerkt hatte; er bat sanft um
Entschuldigung. Es war eine Frau, die ausgestreckt vor dem Bilde lag; aber da
sie unbeweglich liegen blieb, auch kein Atemzug zu hren war, die ungewhnliche
Lage ihn auch etwas besorgt machte, so beschaute er sie nher, sie schien tot
oder ohnmchtig; er hob sie mit Mhe empor in einen Betstuhl, und derselbe
Strahl, der ihm vorher die bende Magdalena beschienen, zeigte ihm jetzt die
geliebte Dolores tot oder ohnmchtig. - Bleibt der Atem lange, ewig aus? - Ihre
Schuld war ihm bei diesem schmerzlichen Zweifel so ganz verschwunden,
verschwunden die traurige Zeit; so still lag sie in seinen Armen, wie in seinem
ersten Glcke. Taumelnd in berraschung und Verzweiflung, trug er sie nach dem
Weihkessel, und besprengte sie mit dem geheiligten Wasser, und wie die ersten
tropfen ihre Schlfe benetzten, da regte sich ihr Haupt, sie schlug die Augen
auf, aber sie erkannte ihn nicht. Wiederum fielen ihr die Augen zu, aber ein
neuer segnender Regen erschlo sie wieder, sie blickte um sich, und erkannte den
Grafen, der sie jetzt mit Kssen bedeckte - die ersten seit jener furchtbaren
Nacht. Kaum konnte sie begreifen, wo sie sei, was ihr geschehen, aber in seinen
Liebkosungen, in seinen Trnen berkam ihr wieder Besinnung und Erinnerung.
Ach, wir Unglcklichen! seufzte sie aus tiefem Herzen. Allmhlich entlockte
ihr der Graf wie sie nach dem Wallfahrtorte gekommen; auch sie hatte bei dem
Pater Martin gebeichtet, auch ihr hatte er zur Bue eine Wallfahrt anbefohlen,
und sie, des Gehens ungewohnt, beschwert von ihrem Zustande, hatte sich in der
Qual ihres Herzens einsam auf den Weg gemacht; ihre Krfte waren ganz erschpft,
als sie die Kirche erreicht, in deren khlem Schoe sie das Bewutsein ihrer
Leiden verloren hatte. Sie bedurfte seiner liebevollen Sorgfalt, und er dachte
nur an ihre strenge Bue, an ihre schmerzliche Reue; die tiefe Berhrung mit
einer hheren Welt, die Tausende an sich zieht, die hier alle von einander
getrennt sind, hob die harte Eisrinde, unter welcher der Strom ihrer Gefhle
noch schmachtete; nie redete sie dem Grafen so rein ansprechend, selbst nicht in
der glcklichen Zeit, wie an diesem Abende; er fhlte ein herrliches Ziel seiner
Aufopferung, dies geliebte Wesen, das sich ihm jetzt so ganz ergab, zu der
Vollendung hinzubilden, wie er in erster Liebe sie sich getrumt hatte. Traulich
wanderte er mit ihr zurck, und als sich der Bruder Martin zu ihnen gesellte,
und sie mit seinen trichten Reden strte, da fhlte er tief, da aus dem
Menschen, wo er an Gottes Stelle mit treuem Herzen sitzt, eine hhere Zunge
spricht; keine Vorstellung hatte der gute Mensch, wie sein Rat zu einer
Wallfahrt sie beide so gndig einander zugefhrt hatte. Nicht jeder Tag konnte
so erfreulich enden wie dieser; aber der Zustand beider ward doch ertrglich.
Wunderbar schien es inzwischen der Grfin, als sie in der heiligen Zeit von neun
Monden, die nach den Berechnungen der Mtter die glckliche Lebensverborgenheit
des Menschen begrenzen, als sie ber diese neun Monate hinaus, seit jenem
unseligen Abende, die Last ihrer Snde tragen mute.

                                Zweites Kapitel



               Niederkunft der Grfin. Tod des Herzogs von A ...

Noch drei Monate vergingen, als sie in der Nacht von einem schnen blonden
Knaben entbunden wurde, der zu ihrer Verwunderung des Grafen Zge und ein
dunkeles Mal auf seinem Herzen trug, das der Familie des Grafen eigen, von allen
als das sichere Zeichen einer reinen Geburt angesehen wurde. Kaum wollte sie es
sich, ungeachtet aller dieser Zeichen, eingestehen, da ihre Schuld wenigstens
ohne einen lebendigen wachsenden Vorwurf geblieben; freudig bewies es ihr der
Graf mit zrtlicher Beredsamkeit, da sie endlich nachgeben mute, aber sich
noch immer wie aus einem schweren Traum erwacht fhlte, und immer noch nicht
glauben konnte, da es ein bloer Traum gewesen. Jetzt war ihr verziehen vom
Grafen, innig und vollkommen, seit dies sein Kind, das entweihte Heiligtum
keuscher Liebe wieder geweiht hatte. - Kaum waren die bedenklichen Zeiten des
Wochenbettes vorber, so gestand ihr der Graf, da seine Liebe durch dieses Kind
ihr von neuem auf ewig zugeeignet, nur dieses Schlo und sein Landgut, wo er mit
ihr die ersten Zeiten reiner Zrtlichkeit gefeiert, und ihre Schuld betrauert,
wrde ihrer beider Gefhlen ein ewiger Vorwurf bleiben; mit Christus wolle er
freilich zu jedem sagen, der sie verdammen wolle: wer sich unschuldig fhlt, der
werfe den ersten Stein auf sie; aber diese Steine, die sie in seligen
Augenblicken mit mancher sinnvollen Inschrift bezeichnet, sie waren schon
drohend gegen das neue Glck gerichtet, das sich endlich nach treu berstandner
Prfung in wiedergewonnener Reinheit entwickeln msse. Sie fhlte ganz wie er,
und htte auch in jedes andre gewilligt, was seine Ruhe gefrdert htte; sie sah
ein, wie viel mehr er aufgebe in dieser Trennung, wovon er nichts erwhne: lange
Arbeiten und alle schnen Lebensplane, in der Jugend empfangen, vom Manne
ausgeboren in schnen, wohlttigen Einrichtungen, eigentlich alles, was auer
ihr ihm je wert gewesen - und htte sie nicht schon so lange Reue ertragen
gelernt, der Augenblick htte sie vernichtet. Aber wohin gedenkst du? fragte
sie in Verwirrung. - Zu deiner Schwester, antwortete der Graf; lies diesen
trostlosen, schwarz gesiegelten Brief, worin sie den schnellen Tod des Herzogs
uns anzeigt, der wahrscheinlich von der Verwandlung seiner ganzen Lebensweise
dahin gerafft worden; sie schreibt es seiner Heiligung zu. Er lt sie im
Besitze eines unermelichen Vermgens kinderlos zurck. - Ernstlich fleht sie
uns an zu ihr hinzureisen; gern mchte sie unsere Kinder zu Erben einsetzen und
erziehen; sie mssen unter ihren Hnden, mit ihrem Segen gedeihen. - Der Stolz
der Grfin erwachte hier zum letztenmal. Lieber Karl, sagte sie, aber wie
soll ich Schuldige vor der Frommen erscheinen? - Wie vor Gott, antwortete der
Graf, gestehe ihr deine Schuld, und ihre Liebe vershnt dich mit dir selbst! -

                                Drittes Kapitel



       Abreise des Grafen und der Grfin mit ihren Kindern nach Sizilien

Nach dieser Unterredung wurde rstig zur Ausfhrung des Unternehmens
geschritten.
    Es ist der Vorzug eigener sinnvoller Ttigkeit, die rechtschaffenen Mnner
leicht zu unterscheiden und sich anzueignen, auch der Graf hatte zweie der Art
zur Verwaltung seiner Gter bald auserwhlt, die seinen Kindern sie einst
berliefern sollten; er nahm fr immer von ihnen Abschied. Das Schlo in der
Stadt sollte unverndert, aber unbewohnt bleiben, nur die Zeit, sonst niemand
sollte daran ein Recht ausben. Von seiner Dienerschaft sollte ihn allein der
alte Bediente begleiten; doch sorgte er fr alle. - O des ewigen Abschieds von
einer stark durchlebten Gegend in Glck und Unglck, Unschuld und Schuld;
tausendmal sterben wir in uns, auer uns: das sei uns Zuversicht, wenn wir
wirklich die Augen zudrcken oder zum letztenmal in das Licht starren, das hier
unten das hchste, droben das tiefste ist. So scheiden unsre beiden geliebten
Pflegekinder auch hier von einem alten Leben; nur wissen sie nicht, ob die neue
Welt, zu der sie eilen, ihnen die kleinste Freude gewhrt, die sie hier
genossen. Ihrem Sinne war das Neue schon darum lieb, weil es das Alte
verlschte, und wohl ist Italien noch eine neue Welt fr jeden Reisenden, der
schon das brige Europa durchschritten, wieviel mehr fr sie, die nur einen so
kleinen Teil erst gesehen, doppelt fr sie bei so gereiztem Gemte. Sie sah nun
das Land, zu dem sie einst von mchtiger Eitelkeit hingetrieben, mit dem reinen
Blicke einer greren Erfahrung, die alle Eitelkeit in ihr vernichtet; er zog
nun in das Land, wohin er als Student mit pochendem Herzen schon getrachtet,
aber das er von Liebe zurckgehalten in Freude und Leid ganz vergessen hatte,
als ein Student hherer Art, denn das sind alle wahren Reisenden. Von vielem
hatte er Kenntnis gewonnen, fr alles Sinn; wie mannigfaltig war da ihre
Mitteilung. Nach einem Monate glaubten sie schon, durch Jahre von den verhaten
Begebenheiten geschieden zu sein.

                                Viertes Kapitel



 Ankunft bei der Herzogin von A ... Neue Lebensweise. Dolores, die gute Mutter

Ungeduldig wandle ich mit ihnen ber Berg und Tal, selbst Rom, bei dessen bloem
Namen sonst schon meine Gedanken weilen, gengt mir nicht; ich mchte sie sicher
in den Armen der herrlichen Schwester wissen, sie einfhren in den neuen Kreis
ihres neuen Lebens. Wie ein Feenschlo von Demanten winkte Palermo entgegen, das
von dem Feste der heiligen Rosalie jauchzte. Es war spter Abend als sie
landeten, aber die himmelhohe Statue der Heiligen, die ihnen schon im Meer
entgegen spiegelte, empfing noch ihr Gebet um Glck und beruhigte sie. Jetzt
fahren sie vor den Palast der Herzogin, auf dem grten ihrer Landgter, drei
Meilen von Palermo, die Herzogin wei nichts von ihrer Ankunft; sie sind ihren
eignen Briefen vorgeeilt; sie eilen die prachtvollen marmornen Sulentreppen
hinauf, durch reich bekleidete Bedienten hindurch, die sie anstaunen und fragen;
aber sie eilen ungeduldig weiter in ein Zimmer, wo die Herzogin sie empfngt.
Welche berraschung! einfach traurend steht die Herzogin da unter einer Zahl
schner Kinder, die ihre Schreibebcher vorzeigen; aber wie hat sich Klelia
entwickelt, sie, die sonst von niemand bemerkt wurde, steht in ihrer Mitte mit
einer sanften Wrde, die im ersten Augenblick selbst ihren alten Freund, selbst
ihre Schwester zurckschreckt. Aber wie selig berrascht umfat sie beide, und
die Kinder lcheln froh bei ihrem Anblick, als wenn ein Engel im Schlafe mit
ihnen spielte. Wir sind alle gerhrt, es geht nun alles recht gut; wie leicht
wird es der Grfin, ihr alles zu beichten; schmerzlich ist es der Herzogin, das
Andenken des Herzogs, das ihr so teuer war, so ganz in sich auslschen zu
mssen; aber die Wahrheit ist ihr Leben und die Kinder fllen ihre Gedanken nun
wahrhafter und schner. Alle gewinnen bald einen festen Lebenskreis und
Bestimmung; vor allen findet der Graf in der konomischen Verwaltung, die der
Herzogin bisher am lstigsten gewesen, ein schnes Feld, seinen wohlttigen
Geist ber Tausende auszubreiten, der sich bis dahin in der Anordnung weniger
Menschen begngen mute; er findet ein dankbares Volk, unter dem ein
verstndiges Wohlwollen von oben her noch so selten gewirkt, da beinahe noch
alles zu tun brig war. In dem Rausche des Wiedersehens ist der alte Bediente
nicht bersehen worden; die Herzogin hat ihn wie einen Vater gekt; er hatte
auch wahrlich mehr fr sie getan, als ihr leiblicher Vater. Ohne in seinem
Wirkungskreise steigen zu wollen, blieb er wie immer der Oberaufseher des
Hauses; nur die Kinder mu ihm die Grfin Dolores von Zeit zu Zeit anvertrauen,
sonst ist er bse; sorglich fhrt er sie in den Grten umher, sucht ihnen die
reifsten Frchte und neckt sich mit ihnen, und wird mit ihnen zum Kinde; auch
wissen sie mit keinem so gut zu spielen, wie mit ihm; keiner wei sie so leicht
zu beschwichtigen, wenn sie weinen, schreien; sie treten oft auf ihm herum und
tun ihm wehe, aber er beklagt sich nicht; er sieht auf ihre blonde Locken, wie
in einen glodnen Kelch, in ihre blauen Augen, wie in den Himmel.
    So htten wir es denn mit den brigen abgetan und wir knnten nun ruhig ber
einige Jahre hinblicken, um Dolores, die uns so viel Schmerzen, und Klelien, die
uns so viel Freude gemacht, in der Dauer ihrer Verhltnisse zu prfen. Klelie
hatte anfangs alle Mhe, einzelne strende Rckflle ihrer Schwester in eine
zerknirschende Reue zum Guten zu lenken; doch gelang es ihrem klugen Bemhen,
indem sie ihr eine Beschftigung gab, die ihrer Sinnesart angenehm, aber aus
Gewohnheit zu lange von ihr vernachlssigt worden war. Sonst sah sie ihre Kinder
nur, wenn sie wachten, reinlich angezogen waren und der Kinderstube entlassen
wurden; hchstens trat sie zuweilen herein, sich an ihrem Schlaf zu ergtzen.
Klelie machte es ihr so eindringlich, da eine Frau nie etwas Greres tun
knne, als wenn sie mit liebevoller geduldiger Sorge die ersten hlflosen Zeiten
ihrer Kinder bewache, wenigstens nichts Erfreulicheres, Segenvolleres. Wie
gern, rief sie, gbe ich alle meine Beschftigungen, so lieb sie mir sein
mgen, darum hin, eigne Kinder versorgen zu knnen; denn das ist von der Natur
eingeboren, nur eigne Kinder verstehen wir ganz, was ihnen fehlt, was sie
wollen, und dieses Verstndnis kann kein guter Wille, keine reichliche Bezahlung
in der Dienerschaft erzeugen. Darum ist jeder Mensch zu beklagen, den seine
Mutter nicht grogezogen, denn ihm fehlte sehr viel Liebe. - Kaum hatte Dolores
den ersten Widerwillen berwunden, den die Unreinlichkeit und das Geschwtz der
Kinderstuben hufig gibt, so fand sie erst wie vielem sie ihre Kinder unbesorgt
ausgesetzt, was sie selbst fr widrig hielt; sie besserte alles mit Ernst und
Einsicht, schaffte sich bessere Mgde an, die sie jetzt erst kennen lernte, so
wie die Kinder, die schon frh manche Eigentmlichkeit zeigten. Die Kinder
lohnten ihr durch Gedeihen und jeder Kreis des heiligen Jahres mehrte ihre Zahl;
was Kindisches in ihr uns tricht gewesen, das wurde in den Kindern ausgeboren,
deren Sinnesart sie aus der Tiefe ihrer eignen Brust verstand, und besser zu
lenken wute, als ihr von der eignen nachsichtigen Mutter geschehen. Es war eine
schne Bue, diese Mutterliebe.

                                Fnftes Kapitel



 Der Herzogin Weisheit, Mut und Gte. Tod des alten Bedienten. Nachrichten von
  Waller. Geschichte des Prediger Frank und des Frulein Leona. Schicksal des
                             Lorenz und der Rosalie

Klelia tat nur einzelne Blicke in dies Frhlingsreich ihrer Schwester, erst wenn
die Kinder lter wurden, beschftigte sie sich mit ihrem Unterrichte. Salicetti,
ein groer sizilianischer Bildhauer verfertigte eine artige Gruppe zum
Geburtstage des Grafen in Marmor: Klelia und Dolores standen neben einander,
Dolores niedersehend auf ein Kind, das an ihrer Brust sog, und das sie mit
beiden Armen hielt, Klelia blickte zum Himmel und erhob deutend die eine Hand
dahin, in der andern Hand hielt sie ein Buch, worin die beiden lteren Kinder
der Dolores mit gefalteten Hnden lasen. Klelia war nicht unttig geworden,
ungeachtet sie viel betete und der Graf einen groen Teil ihrer Geschfte
bernommen hatte; sie war nicht blo Quelle der Reichtmer, was jeder
wohlwollenden Seele so leicht wird, sondern sie wute mit Anstrengung diese
reiche Quelle zum Besten aller selbst zu lenken. Nicht blo der
Mdchenunterricht, den sie erst nur in frommer Nachbildung des Grafen
unternommen hatte, beschftigte ihre Gedanken, sie wollte auch Erwachsene
erziehen, durch streng ausgebtes Recht, welches damals in Sizilien fast
durchaus der List, der Gewalt und Bestechung gewichen war. Schon vor des Grafen
Ankunft und in der Abwesenheit ihres Gemahls hatte sie mit mnnlichem Mute eine
Schar tapferer Mnner um sich versammelt, die nicht blo Sldlinge sondern die
mit heiligem Eifer fr die Aufrechthaltung des Rechts und des heiligen
angebornen Gtereigentumes begeistert waren; diese sendete sie gegen die Ruber,
die trotzig gegen die schwache Regierung des Landes alle Straen und die
friedliche Nacht der Htten unsicher machten, whrend die Palste sich durch
Geld von ihren Einfllen loskauften. Sie selbst fhrte einst zu Pferde mit dem
Kreuze in der Hand, das auch auf ihren weien Mantel genht war, ihre brave
Schar gegen eine de Gebrgsgegend, wo sich die ruberische Menge gegen sie
versammelt hatte. Das Gefecht war lange zweifelhaft, der Widerhall des Schieens
im Felsentale, das Gebell der groen Ruberhunde, nichts schreckte sie zurck,
von beiden Seiten war gleicher Mut, dort der Teufel, bei ihr Gott. Da ritt sie
khnlich, als ihr Hauptmann gefallen, in die Mitte des Getmmels und winkte mit
dem Kreuze Ruhe; von dem wunderbaren Anblicke wie versteinert, sanken die Ruber
nieder auf ihre Kniee, nieder vor dem Gnadenbilde, gegen das sie lange
gestritten; die fromme Frau, ruhig in ihrem Gott, erschien ihnen wie eine
Heilige, wie die Mutter Gottes, die jammernd neben dem gekreuzigten Sohne steht,
und sie wollten nicht die Kriegsknechte sein, die den Gekreuzigten verspottet.
Es ist ein groes Werk in einem Volke, die sinnliche allgemeine
Vergegenwrtigung einer hohen Begebenheit; oft in der hchsten Abirrung des
Lasters tritt sie bei einem geringen Zeichen richtend und belehrend mitten aus
den brausenden Leidenschaften hervor. Die Herzogin segnete die Ruber fr diese
Zeichen der Reue und vergab ihnen ihre Lastertaten, wenn sie sich wahrhaft
bekehrten und aus Verrtern in Schtzer des Rechts verwandelt, ihr verfallenes
Leben in wrdigem Dienste beschlieen wollten. Balsamo, der Anfhrer, schwor ihr
dies am Kreuze im Namen aller; er blieb ihr mit den meisten treu, und seiner
Bekanntschaft mit den Ruberschlichen dankte bald der grte Teil von Sizilien
vollstndige Ruhe und Sicherheit. Dieses Ereignis hatte Klelia nie dem Grafen
geschrieben, das litt ihre Bescheidenheit nicht; kaum konnte er diesen hohen Mut
begreifen, wenn er die stille sanfte Frau anblickte. Doch lernte er sie bald in
der khnen Gre ihrer Seele und in der Schrfe ihres Verstandes noch auf viel
andere Art kennen.
    Sie hatte sich zur Aufrechthaltung des Rechts mit dessen Studien selbst
ernstlich beschftigt, was ihr durch frhere Liebhaberei an lateinischer Sprache
erleichtert worden; Rechtsgelehrte verliehen ihr bald den Ehrentitel als Doktor,
die Regierung das Amt eines Kniglichen Oberrichters. In diesem Amte sa sie bei
den Gerichtstagen und strte mit gewandtem Verstande, wo berwiegende List und
Parteilichkeit das Unrecht begnstigten; ihr Ansehen wirkte bald so mchtig, da
Entfernte selbst ihre Angelegenheiten vor dieses Gericht brachten. Es verdient
bemerkt zu werden, da sie hufig einen Ausspruch tat, dessen Grnde sie nicht
selbst gleich in Worten entwickeln konnte, der aber fr alle so berzeugend war,
da die Grnde von den Gelehrten bald entdeckt wurden. - Strenge Ordnung in
ihrer Lebensweise machten es ihr mglich, auer diesen Geschften noch
hinlnglich den Ihren zu leben, um ihre Gesinnung in allen fortzupflanzen. Ein
Tagebuch, das sie an jedem Morgen von vorhergehendem Tage in aller Krze
verfate, diente ihr zur Aufmunterung und Warnung; selten bemerkte sie darin
etwas ber sich und was ihr besonders und eigen, was die meisten Tagebcher
gewhnlich fllt; oft ist es nur ein kurzes Gebet um Gnade und Erleuchtung oder
um Kraft, wo ihr etwas zu schwer erschien; zuweilen bedauerte sie etwas
Versumtes, meist sind es kurze Nachrichten von bedeutenden Ereignissen in ihrem
Lndchen. Wir heben einige Tage aus als Belege:
    Den 1sten Mai. Algierische Seeruber landeten bei Lido whrend der Hochzeit
des Bauers Zampiero, sie drangen in die Huser und raubten Gut und Kinder. Das
Geschrei kam in die Kirche, wo alle Bauern versammelt, alle waren zweifelhaft
was zu tun, da ergriff der geistliche Herr Anatonio den Kelch, der von starkem
Silber als Geschenk von mir der Kirche verehrt worden, und jeder Bauer nahm, was
er von Sthlen und Bnken in der Kirche abreien konnte, und so gingen sie auf
die Ruber los, die sorglos plndernd im Dorfe zerstreuet waren. Der geistliche
Herr traf zuerst mit einem vornehmen Trken zusammen, den er mit dem Kelche so
gewaltsam in die Schlfe schmetterte, da er nicht wieder aufgestanden; so sind
noch acht andre auf dem Platze geblieben, fnfe tot und dreie schwer verwundet,
von den Unsern aber ist nur der Geistliche gettet und sechse verwundet, bis der
Graf mit der Schlowache war herbeigeeilt, und die Ruber zurcktrieb, da sich
nur wenige einschiffen konnten, sie auch die weggetriebenen Kinder und alles
Geraubte zurcklassen muten. Gott erhalte uns den edlen Grafen! - Gndiger
Gott, der du diesmal ein so groes Wunder getan um deines heiligen Dienstes
willen und einen deiner Diener zum Zeichen als Mrtyrer angenommen, gib mir
Kraft, unsere christliche Kste ohne Blutvergieen durch Wachsamkeit zu
schtzen, gib mir Kraft, da ich diese schwere Angelegenheit dir ordentlich
ausdenken und ins Werk stellen mge, und verzeihe mir gndiglich um deines
lieben Sohnes und seiner geliebten Mutter willen, wenn ich zu lange saumselig
war im Nachdenken, wie deine heilige Gemeinde zu schtzen.
    Den 2ten Juli. Habe Dank gndiger Gott, der neue Wachtturm bei Lido hat drei
Raubschiffe vom Landen abgeschreckt.
    Den 28sten August. Mein kleiner Neffe Johannes hat den ersten Backzahn
bekommen, mge er seine Zhne nie mibrauchen, da ihm Gott seine Zhne erhalte,
wie er sie ihm gndiglich verliehen.
    Den 8ten Sept. Rico und seine junge Frau, die ich ausgestattet habe,
vertragen sich nicht und sie schienen sich doch zu lieben; wohl ist es mit meine
Schuld, da ich sie so schnell zusammengefhrt; wie oft verderben wir Gottes
Wege durch unsre Ungeduld, schnell darauf zu fahren, und ich gedenke oft dabei
unsers edlen Grafen, der neulich sagte, da er die meisten Fehler in seinem
Leben begangen, weil er einen kleinen Plan, den er in einer Begebenheit
entdeckt, fr den Plan Gottes gehalten und ihn darum ohne Klugheit zu frdern
gesucht htte, wo es dann oft ganz anders ergangen, was er auch fr recht und
besser und wrdiger dem Plane Gottes erkannt htte; so sei ihm auch damals das
Zusammentreffen des Scheibenschieens mit seiner Verzweifelung als ein Plan
Gottes erschienen, da doch Gott alles nachher viel gndiger und ganz anders
gelenkt. Wohl mag er recht haben, wenn er sagt: Nur in der Vergangenheit
erkennt der Verstand den Weltplan, was aber die Gegenwart fordert, was zur
Zukunft emporstrebt, das entbehrt noch des Sonnenlichts oder es ist davon
geblendet; jeder aber mag recht und klug handeln nach allen seinen Krften und
Gott wird ihm gewi seine Gedanken leihen.
    Den 2ten Januar. Ich bin sehr traurig; unser alter Bedienter, unser zweiter
Vater ist gestorben, ohne Schmerz, wie er eben mit den Kindern spielte, die ihn
anstieen und meinten, er stelle sich tot, wie er oft mit ihnen gespielt. Gewi
wird er selig, denn wer verdiente es mehr; doch das ist Menschenweisheit, ich
will fr ihn beten.
    Den 2ten Februar. Heute vertraute mir meine Schwester Dolores, die wieder,
Gott sei gelobt, in gesegneten Leibesumstnden sich befindet, ihr lieber Mann,
der Graf Karl sei ihr Erlser und Weltheiland, denn er habe sie von schwerer
Schuld befreit, indem er sein Blut fr sie vergossen. Gndiger Gott, das ist
wohl noch eine Folge ihrer Sndenschuld, da sie in solchen strflichen Wahnsinn
verfallen, da sie sonst so vernnftig und gut in allem ist. Ich habe ihr alles
vorgestellt, wie kein einzelner Mensch seinen Erlser besonders habe, sondern
da einer fr alle gestorben, der in jedem Frommen seine Gnadenwirkung bt. Sie
schien sich zu bekehren und weinte zuletzt, da sie nicht ganz lassen knne von
ihrem Glauben; heiliger Gott, nimm ihr doch noch diesen Irrwahn, ehe sie zu dem
gefhrlichen Werke der Geburt gezeitiget, an welchem schon manche Frau
hingestorben; oder denke, da sie nichts dafr kann aus Schwche ihrer Gedanken,
vielleicht ist sie von dem langen Wachen bei dem kranken kleinen Karl etwas
tiefsinnig geworden.
    Den 3ten Juni. Ich war krank und habe groe Schmerzen erlitten und keiner
hat es erfahren. Gottlob, nun bin ich hergestellt und tue wieder meine Geschfte
ohne Zwang mit Freuden, und schnellem Erfolg.

Diese Bruchstcke, indem sie uns das schne innere Bild Kleliens in Umrissen
geben, enthllen uns auch in beilufiger bersicht die ruhigen dauernden
Verhltnisse der drei Menschen, die wir mit Zuneigung durch manche
Lebensverwandlung begleitet haben. Ereignisse, bei denen wir den Untergang aller
voraussahen, haben sich zu aller Frommen und Besserung geschlossen; dies ist
aber ein wahrer christlicher Sinn, der den Menschen um einer Schuld willen noch
nicht aufgibt, der den Menschen nicht sterben lt in der Snde. Wir sehen
Dolores, deren Frevel alle zu vernichten drohete, mit dem Grafen und Klelien
ausgeshnt, alle dreie in einem angemessenen ttigen Leben; Klelien in
vielfacher Anwendung ihres frommen Verstandes, den Grafen in der Ausfhrung
seiner wohlttigen Absichten, und Dolores durch ihre mtterliche Liebe aller
Welteitelkeit entzogen, durch der Kinder schuldlose Liebe aller schuldigen Lust
entshnt, und liebevoller selbst gebildet in der mtterlichen Pflege ihrer
schnen Kinder, deren reicher Segen sich bis zu der Ankunft der Frstin bis zu
der heiligen Zahl Zwlfe, ohne ein bedeutendes Migeschick vermehrte. Doch
preise sich keiner glcklich vor dem Ende seiner Tage; - eingedenk dieser Regel
wollen wir uns nach denen umschauen, die in der Berhrung mit dem grflichen
Hause uns merkwrdig waren, von denen dem Grafen durch seine Verbindungen mit
Deutschland allmhlich mancherlei Berichte kamen.
    Seiner frommen Arnika Montana schrieb er oft; ihre Antworten lauteten immer
gleich: der wunderliche Doktor, Florio und sie selbst lebten wie Maschinen
unabnderlich in demselben Gange, Takte und Wirksamkeit. - Der hliche Baron
hatte sich im Kriege ausgezeichnet; das Erheben zu einer bedeutenden Stelle
hatte seinen Stolz erweckt, und dieser seinen bsen Willen unterdrckt; seine
beiden komischen Begleiter waren in angemessenen Stellen untergebracht. - Waller
hatte sich schon wieder ein paarmal verlobt und einmal verheiratet; sein Talent
erlosch fast ganz in literarischen Streitigkeiten; da er lange Zeit nur sich
gekannt, nur seine Arbeiten gelesen hatte, so konnte er es nicht ertragen, als
er bei andern auch andre Gedichte fand; alle diese Gedichte, meinte er, wren
gegen ihn gerichtet, er schimpfte dagegen, aber leider blieben seine
Streitschriften ungelesen und so versank er in eine lcherliche literarische
Melancholie, drckte seinen Bekannten die Hnde, und seufzte: Was soll aus
unsrer Literatur noch werden? Wollte sich einer einen Spa machen, so trug er
ihm einen literarischen Zwist vor, der entweder gar nicht vorhanden war oder aus
Gottscheds Zeit; gleich verfate Waller eine plumpe schmutzige Schrift dagegen,
lie sie drucken und dann war er in groer Verlegenheit, den Leuten zu erklren,
was er eigentlich damit gewollt habe.
    Mannigfaltig entwickelte sich das Schicksal des Prediger Frank; wir wollen
es teils nach seinen eignen Briefen, die er aus alter Anhnglichkeit dem Grafen
geschrieben, teils aus eigner Bekanntschaft mit ihm und mit den Seinen
wiedererzhlen. Wir erinnern uns, da er ber viele Glaubensmeinungen und
Auslegungen von dem Hergebrachten in seiner Kirche abwich; lange Zeit machte er
daraus ein Geheimnis, endlich aber war er durch das Studium der Kantischen
Moralphilosophie zu einem Abscheu gegen jede Art der Lge gebracht worden. Aus
dieser Wahrheitsliebe suchte er seine Meinung von Jesus, den er blo als
Menschen ausgezeichnet wissen wollte, eben so auffallend durchzusetzen, als
seine Meinung von der Predigerkleidung, die ganz zufllig und sogar gegen den
Willen Luthers sich von einem gewhnlichen bescheidnen Brgerkleide auszeichne;
weswegen er seine nchste Predigt ber Jesus als Menschen in einem blauen
Bauerrocke, wie ihn die Reicheren tragen, und mit abgeschnittenen Haaren hielt.
Diese Geschichte machte Aufsehen, aber die Milde der Regierung und der langsame
Gang aller ihrer Verhandlungen zgerten mit der Untersuchung. Unterdessen trat
seine kleine geliebte Amalie in die Jahre, wo das Heiraten erlaubt ist; ihre
Erzieherin schrieb ihm, er mchte jetzt kommen, um dies Mdchen nher zu kennen
und zu prfen, die ganz nach seinen Grundstzen gebildet worden. Er blieb einen
Monat in der Stadt; Amalie hatte viel kindliche Anhnglichkeit fr ihren
Wohltter; sie hatte ihm so oft dankbar die Hand gekt, sie war noch immer in
dem schnen Traume, der noch keinen Unterschied zwischen Neigungen zu machen
wei, keinen eignen Willen zult, und schlug mit Freuden ein, als er ihr seine
Hand antrug. Nachdem er diese Zusage empfangen, eilte er aufs Land, seine Zimmer
selbst recht angenehm zu malen, und die ntigen Einrichtungen, wie sie seinem
knftigen Haushalte angemessen, zu treffen, in drei Monaten sollte die Hochzeit
gefeiert werden. In dieser Zeit traf der Gutsherr seines Dorfs, ein alter
General, der seinen Abschied genommen, mit seiner Tochter Leona dort ein, um in
Ruhe die letzten Tage seines Lebens durch Landluft zu erfrischen: ein herrlicher
Mann, dessen ganzes Leben fast Entsagen und Selbstberwinden bezeichnete; in
gleichem Sinne hatte er die Tochter erzogen; was ihr lieb, das entri er ihr,
und so war sie nur in allem dem, was sie mit berlegung wollte, entschieden,
aber unwandelbar in solchem Entschlusse. Frank mute ihr einigen
Sprachunterricht geben, sie und ihr Vater faten eine unbegrenzte Achtung gegen
ihn; sie wnschten ihm von ganzem Herzen Glck, als er zum Brautholen in die
Stadt abreiste. Er kam spt Abends unerwartet zu Amalien, sie trat mit einem
Lichte herein, in dem Vierteljahre sehr verschnert, gewandter durch den
geselligen Umgang, zu dem er sie aufgemuntert hatte. Sie erschrak, als sie ihn
erblickte; es erkltete sie der Gedanke, da sie diesem Manne in wenig Tagen
sich ganz aufopfern sollte, der ihr immer als Vater erschienen; sie konnte sich
kaum den ntigsten Ausdruck von Anhnglichkeit geben; dankbar vor ihm zu knieen,
war ihr einziger Wunsch, und das litt er nicht. Frank nahm dieses Erschrecken
erst fr Freude, bald aber mute er sich gestehen, es habe etwas Fremdartiges,
fast wie ein Zurckschaudern, das er als ein Liebling aller Weiber, sich lange
nicht eingestehen wollte. Er bat sich darber schriftlich eine Erklrung von ihr
aus, wenn eine andre Zuneigung sie gefesselt, sie mchte es nicht verhehlen, er
bliebe ihr stets ein treuer Vater. Die Antwort, halb mit Trnen vermischt,
erklrte ihm mit Umschweifen, wie sie ihm tausendfache kindliche Verehrung
weihe, aber vor dem Heiraten erschrecke sie, doch ohne eine andre Liebe zu
hegen. - Frank war zu fest, um zu verzweifeln, er versicherte ihr noch einmal
schriftlich seine dauernde vterliche Liebe, und setzte sich auf den ersten
Postwagen, der eben angespannt war, und in der Nhe seines Dorfs vorbei fuhr;
dort stieg er aus und ging dahin zu Fu. Als sein Dorf vor ihm lag, setzte er
sich hinter einen Steinhaufen und schmte sich seines Unglcks; er htte ewige
Zeiten da sitzen knnen, wre nicht Leona, die mit ihrer Flinte ber das Feld
kam, zu ihm getreten. Ihr Blick erkannte, da ihm ein Unglck geschehen; er
berichtete ihr alles so kalt, als betrfe es einen andern; zuletzt sagte er, wie
er sich krank fhle. Gesundheit ist wie das Geld, wir fhlen erst ihren Wert,
wann wir sie missen, und das Geld ist wie die Gesundheit, die im ruhigen Verkehr
der ganzen Organisation, in dem beschwerdelosen Empfangen und Zurckgeben sich
zeigt. Aber beides sollte ihm fehlen, denn Leona wute, was er erst erfahren
sollte, da er wegen seiner abirrenden Meinungen und Tracht seines Amtes
entsetzt, und zu einer ansehnlichen Geldstrafe verdammt worden. Leona fhlte
tief das schwere Unrecht, das ihm von so verschiedenen Seiten geschehen, sie
wute, da er einer der ntzlichsten moralischen Lehrer, einer der besten
konomen der ganzen Gegend war, ob er gleich wie so wenige mehr Prediger zu
nennen sei; sein Fehler war die Offenherzigkeit, mit der er bekannt hatte, was
die andern vorsichtig stolz fr sich bewahrten; sie wnschte, ihn entschdigen
zu knnen, sie glaubte sich dazu bestimmt. Sie sagte ihm jene Nachricht seiner
Absetzung, ihren Entschlu, ihm alles zu vergten, verschwieg sie ihm. Es
erschtterte ihn gewaltsam; sie geleitete ihn nach dem Pfarrhause. Mit tiefer
Trauer hrte er ein Paar kleine Goldgnschen pfeifen, als einzigen lebenden
Rckstand von der Flle des Sommers in den lombardischen Pappeln vor seinem
Hause, die jetzt eher fr Besen anzusehen, welche die Flur abgefegt hatten, so
glatt lag der Schnee und blinkte. Vielleicht pfeifen nur die Vgel, um sich den
Todesschlaf abzuwehren, dachte Frank, und richtete sein Haupt zum Himmel; da
erinnerten ihn die rosichten Wolkenberge an seine frhlichen Reisen in der
Schweiz, er glaubte springende Gemsen auf den Spitzen zu sehen und weidende
Herden im Tale und den glcklichen Hirten, der seiner alten Freiheit ein Lied
sang. Freiheit, sagte er der sttzenden Leona, Freiheit will ich suchen und
Recht und Wahrheit, das alles finde ich in Paris und auch meinen Lebensunterhalt
durch Sprachunterricht; dort werden wir bald keine Prediger mehr brauchen, die
Religion der Vernunft findet ihre Priester in jedem Hausvater, aber bei uns in
Deutschland wird der Streit zwischen Licht und Finsternis am langwierigsten
sein; ich gehe hin, wo er geendet. Die Revolution wird wie die Pocken Europa
durchlaufen, wer keine Impfung leiden will, geht drauf. - Leona war ergriffen
von diesen Aussichten der Zukunft; ihr Verstand verlangte nach dem Mittelpunkte
der Politik Europens, ihr fester Wille, dem edlen Freunde alles zu vergten, was
er ungerecht verloren, sprach sich laut aus. Frank hatte schon frher eine
unbegrenzte Achtung gegen das Frulein, aber er sah auch alle Hindernisse, die
ihrem Plane, ihn zu begleiten, sich entgegenstellten, und er zeigte sie ihr
ausfhrlich. Der Gedanke an den Widerspruch der Ihren befestigte sie noch mehr
in ihrem Entschlusse; sie schwor, wenn er es auch nicht erlaube, sie wrde ihn
doch begleiten. - Leona eilte zu ihrem Vater, ihm alles zu erklren; bei dem
hatte es keine Schwierigkeit, er hatte sich lange gergert, da in keinem seiner
Kinder ein auerordentliches Unternehmen stecke. Frank hatte unterdessen mit
tiefem Gram alle Fackeln und Doppelflten beschaut, mit denen er mhsam sein
Hochzeitzimmer bemalt hatte; sein Gram ging in der fernen Aussicht auf. Bald
hatte er abgeschlossen mit allen seinen Verhltnissen, sich einen Reisewagen und
ein paar Pferde angeschafft. Leona setzte sich frhlich auf; der alte General
und die ganze Gemeine begleiteten ihn mit vieler Herzlichkeit an die Grenze, und
versicherten, ob er es ihnen gleich auszureden suchte, sie wollten seinem
Nachfolger das Leben schon sauer genug machen. Frank erwartete, wie er mit Leona
in Frankreich angekommen, da sie ihn veranlassen werde, ihre eheliche
Verbindung bei den Gerichten nach dortiger Sitte zu stiften, aber sie schien
nichts zu verlangen, als seine Magd zu sein. Sie waren schon einige Zeit mit
einander in Paris und die Schrecknisse der Revolution wteten um sie her, als er
ihr den Vorschlag machte, was ihre Liebe zu ihm so lange gewnscht, doch endlich
zu erfllen. Sie versicherte ihn ihrer vlligen Ergebenheit, sein Wille sei der
ihre, und er beschlo die Heirat. Die gewaltsamen Begebenheiten, die rings
strmten, nahmen ihnen die Aufmerksamkeit auf das Nahe, was sie selbst betraf;
alle ihre Leidenschaften strebten nach auen und sie vermiten nichts in sich.
Frank stand unerschtterlich da, wie ein Denkstein, auf dem alles notiert wurde;
viele sammelten sich um ihn her, alle die reisenden guten Seelen, die an
Frankreich ganz und gar nicht, aber unablssig an die Menschheit und die Welt
dachten; auch er gehrte zu dieser Zahl, die sich Europa in ihrem Kopfe zu einem
schnen humanen Ganzen zusammengefabelt hatten, wie die Geographen sonst eine
spinnende Jungfrau darin erblickten, die kein anderer unbefangener Mensch
wahrnehmen kann. Sein Lieblingsgedanke war die allgemeine Aufhebung aller
ffentlichen Anstalten fr den Gottesdienst, der knftig ganz und gar dem
Gewissen des einzelnen Brgers berlassen bleiben sollte, und nichts krnkte ihn
so tief, als da das Entgegengesetzte, die feierliche Wiedereinsetzung aller
Religionsparteien und ihrer ffentlichen Gebruche der kurzen Aufhebung folgte.
Leona war indessen ihren eignen Weg gegangen; zwei Kinder, die sie ihm geboren,
hatten das Gefhl, den Sinn fr jedes Groe und Tiefe in der Welt geweckt; ihr
Ernst milderte sich im Kinderspiele, und sie sah mit tiefer Rhrung die
Feierlichkeiten des erneuten Gottesdienstes. Sie war wie eine Neubekehrte, so
eifrig, so strenge; sie glaubte es ihre Pflicht, ihren Mann zu bekehren, als sie
die entgegengesetzte Wirkung auf ihn bemerkte. Frank ergrimmte; was erst nur
ruhiger Widerspruch gewesen, war allmhlich zur Leidenschaft geworden, er konnte
ohne Zorn von diesen Einrichtungen nicht reden hren; er beschwor sie bei ihrer
Liebe zu ihm, alle dem Zeuge zu entsagen, bei dieser Liebe, der sie so viel
geopfert, denn bei dieser Gesinnung knne er nicht mit ihr leben, und seine
Kinder wren in Gefahr von ihr verderbt zu werden. Sie schwor ihm, da sie ihm
alles aufzuopfern bereit sei, nur nicht die Seligkeit; sie schwor ihm zu, da
sie nie aus Liebe zu ihm alle Opfer gebracht, sondern aus Eifer fr das Rechte,
fr die Wahrheit; verleugnete er aber die Wahrheit, das Recht, indem er die
Religion lstre, so fhle sie sich frei von jedem Opfer. - Frank war dabei
zumute, als ginge er zwischen Himmel und Tod, zwischen ihrer Klte und ihrer
edlen Geistigkeit; sein Entschlu war gefat, er hatte sich so viele Jahre in
ihr getuscht, eine grenzenlose Liebe zu ihm in ihr geliebt; er wollte keinen
Augenblick lnger mit ihr zusammenleben. Er lie ihr alles, nur die Kinder nahm
er ihr fort; er krnkte sie tief, denn an den beiden Shnen hing ihr Herz; aber
um so eifriger wandte sie ihren ganzen Eifer hin zu dem Glauben, der den Lohn
aller Schmerzen dieses Lebens in einem zuknftigen verspricht. Sie glich sich
allmhlich mit Bekannten aus, die sie in Franks Gesellschaft vermieden hatte;
sie suchte sich in alles Neue zu fgen, aber man merkte sehr bald die frher
gewhnte Form; sie erschien dann wie eine Gartenhecke, der eine vernderte
Gartenkunst die Freiheit gegeben hat, nach allen Seiten zu wachsen, die aber
leicht an der Dichtigkeit des Gezweiges unterscheiden lt, wo der Grtner sie
viele Jahre beschnitten: eine frei erwachsene Baumreihe wird es nie. Frank,
ungeachtet er rmlich von Sprachstunden lebte, verschmhte doch strenge jede
ihrer Untersttzungen; sahen ihn die Leute auf den Straen, so flsterten sie
einander zu, das ist auch noch einer von den Jakobinern, so struppig erschien
sein Haar, sein Rock schmutzig und zerstoen. Machten ihm Bekannte darber
Vorwrfe, so lachte er gleichgltig, und antwortete: Wer so etwas erlebt hat,
der sollte es nie aus seinem Gedchtnisse verwischen lassen, sonst wre er ein
Spiel jeder fremden Laune. Die Menschheit wird immer neu in ihren Bestrebungen,
wer aber nach etwas gestrebt, der soll sich der Zeichen seiner Mhe, der
Schwielen und Narben nicht schmen; der Mensch kann nichts Besseres tun, als alt
werden, und der Jugend seine Bekenntnisse auf den Weg geben. - Fragte man ihn
nach seiner Frau, so fuhr er fort: Nur eins lt sich nicht lehren und nicht
lernen: die Liebe; wer um das Glck ihrer ersten reinen unschuldigen Wahrheit
betrogen, der sucht berall vergebens; sein Geschmack ist nicht rein, seine
Galle mischt Bitterkeit in das Seste. In der Liebe ist jeder Anfnger Meister;
sie hrt auf wie die Kunst mit der Schule. Die Natur will viel mit dem Menschen,
der Mensch, auch der umfassendste, will wenig mit sich, und was er will, kann er
selten. - Fragten sie ihn, womit er sich innerlich beschftige, so antwortete
er: Mit der Philosophie, ich habe sie vllig ausgedacht, ich kann es mit meinen
Papieren beweisen, da alles, was darber erscheint, nur ein Glied meines
Systems ist. - Baten sie ihn um sein System, so klopfte er den Leuten auf die
Schulter und sprach: Versucht's einmal, eure Freude, eure Schmerzen, alles euch
so zu durchdenken, da euch nichts mehr stre, dann will ich euch in die Lehre
nehmen. - Manche Deutsche besuchten ihn, erzhlten von groen politischen
Unternehmungen; da rief er einmal: Ihr seid mir ein wunderliches kleines
Geschlecht, ihr mchtet gern etwas Gutes getan haben, aber nichts tun; wahrlich,
wenn es so leicht wre, etwas Groes zu vollbringen, ich wre auch ein groer
Mann geworden, und knnte es noch jetzt sein. - Seine Leona betete oft mit
Inbrunst, wenn sie ihn wiedergesehen: Herr Gott nimm ihn zu dir, denn er lebt
ja nicht mehr! Sie konnte endlich den Gedanken nicht ertragen, ihre beiden
Shne im Unglauben bei ihm aufwachsen zu sehen; sie raubte sie ihm heimlich, und
brachte sie in einer entfernten Schule unter. Gleich erriet er, wer ihm dies
getan, bezeigete aber keinen Unwillen, da sie nicht bei ihr geblieben; bleiben
sie nur mit vielen zusammen, meinte er, so ist es ihre Schuld, wenn sie
verkehrt werden. Bald nachher begegnete sie ihm Sonntags; seine Stirne war
gerunzelt, er schien seit langer Zeit zum erstenmal etwas empfunden zu haben.
Sie glaubte, er kme aus der in der Nhe liegenden Kirche. - Er bekrftigte ihr
das. - LEONA: Haben Sie sich endlich dem Glauben ergeben? - FRANK: Der
Glauben hat mir meine halbe Vernunft genommen, indem er mir meine Uhr
ausgezogen; sie war meine halbe Vernunft, mein Prediger, sie hielt mich in
Ordnung. - LEONA: Aber was machten Sie in der Kirche, wenn die Uhr Sie
beherrscht? - FRANK: Ich sah mir die lcherlichen Gesichter der Leute an,
deren ich mich noch aus den Vernunfttempeln erinnerte, sie haben aber seitdem
das Stehlen gelernt; als sich alle niederwarfen, um das Allerheiligste zu
schauen, hatte einer der Glubigen meine unheilige Uhr zum Glauben gezogen. Ich
rief, es ist gestohlen! und wre dafr von meinen Dieben beinahe noch arretiert
worden. - LEONA: Beten Sie knftig, statt sich umzusehen nach schlechten
Menschen, und niemand wird so frech sein Sie zu bestehlen. - FRANK: Ich will
beten, da Sie nicht zu klug und ich nicht zu dumm werde. - LEONA: Kommen Sie
zurck in die Kirche, demtigen Sie sich vor dem Bilde des Gekreuzigten. -
FRANK: Kommen Sie ins Museum, erheben Sie sich vor Apollos Bilde, es haben
wahrlich schnere Hymnen davor geklungen, als Ihre Gemeine singt; sagen Sie den
Glubigen, da in der Oper viel besser gesungen wird. - LEONA: Sind Sie jetzt
ein Heide, das ist mir neu. - FRANK: Sie sind jetzt eine Katholikin, das htte
Sie selbst sonst verwundert. - LEONA: Ich habe Gnade gefunden; suchen Sie
Gnade. - FRANK: Es kann kein Mensch aus seiner Haut heraus, meine Ungndige,
und jeder ist der Schnste in seiner Haut; des Menschen Wille ist sein
Himmelreich, aber der ist unabhngig vom Zufalle. Mein Streben ein Loyola zu
werden, wenn ich mich auf Ihre Ermahnung dazu entschlsse, und wenn ich auch
zwanzig Nachtwachen vor dem Bilde der Maria aushielte, wrde eben so leer sein
und zu nichts fhren, als wenn ich witzig wie Voltaire eine neue Pucelle ber
die Neureligisen Frankreichs schreiben wollte, oder einen Thyrsus vor der
Statue des Bacchus schwnge. - LEONA: Es mu aber Ihre Schuld sein, wenn Sie
bei aller Wahrheitsliebe, die Sie mir immerdar zu einem ehrwrdigen Freunde
macht, von Gott so verlassen bleiben. - FRANK: Nein, es ist nicht meine
Schuld, es ist die Schuld meiner Mutter, wie mir noch gestern ein Schler Galls
erklrt hat; sehn Sie, da hat sie mir mit einem segnenden Kusse eine Vertiefung
oben ins Haupt gedrckt, wo das theosophische Organ als ein Hgel sa; sehen Sie
wohl die Stelle, denn mein Scheitel ist kahl. Und noch eins wollte ich Ihnen
berichten: ich habe keine von allen in Kirchen, oder Tempeln verehrte Religion,
aber ich habe doch eine, und wir wollen einmal uns wieder fragen, ob es nicht
die allgemeine wird. Merken Sie wohl auf, ich habe politische Gesinnung,
Enthusiasmus, Glauben: diese Religion zhlt schon viele Mrtyrer; Sie kennen
mich, ich lge nie, auch ich werde als Republikaner fallen. - LEONA: Gott
bewahre Sie davor, was wollen Sie in der Welt wirken, der Sie nicht mehr zu der
Welt gehren, gehen Sie in eine Wste, vielleicht wird Ihnen da die Gnade. -
Frank und Leona blieben getrennt.
    So wunderbaren Miverstndnissen sind oft die besonnensten, verstndigsten
Menschen unterworfen. Wir drfen sie nicht immer den mannigfaltigen
Lebensverhltnissen der gebildeten Klassen zuschreiben; gleich werden wir ein
Beispiel in der unteren Klasse finden, das uns schon aus der gewohnten
Neugierde, gern von einem Menschen zu hren, den wir in einer Glckszeit gesehen
haben, willkommen ist. Lorenz und Rosalie, deren Hochzeit wir beiwohnten, die
wir nachher in einigem Mivergngen mit einander verlieen, hatten sich wieder
ganz ausgeshnt, nachdem Rosalie, dem Rate des Grafen folgsam, ihrem Hauswesen
ordentlich vorstand; was aber beiden sehr leid tat, sie hatten nach mehreren
Jahren ihrer Ehe keine Kinder. Rosalie betete zu allen Heiligen, machte Gelbde
und brauchte altherkmmliche Mittel des Wolff; endlich ward sie von einem Kinde
entbunden. Lorenz jubelte, aber nach wenigen Tagen wurde er finster; die Leute
sagten: er htte allerlei Zauberwesen in dem Kasten seiner Frau gefunden; genug,
er behandelte sie seit der Zeit grausam und hart, er schimpfte und schlug sie
ffentlich, und sie litt das ohne darauf zu antworten. Ein Kantor der Gegend,
der die Geschichte zu wissen behauptete, verfate ein Lied, worin die beiden
Zwillingsbrder Otto und Lorenz als Ost und West bezeichnet sind; wir berlassen
es dem guten Glauben die Wahrheit davon durch Feuerprobe zu beweisen.


                       Die Hexe Luft und die beiden Jger

Ost und West, die Zwillingsshne
Buhlten um ein Jungfrulein,
hnlich klangen ihre Tne
Vor der Schnen Fensterlein.

Luft hie ihre leichte Schne,
Federn trug sie auf dem Haupt,
Da sie ew'ge Myrte krne,
Ist ihr Fenster myrtumlaubt.

Lange steht sie so im Glanze
Ihr sind beide einerlei,
Sie verwechselt beid im Tanze,
Also hnlich sind die zwei.

Und so weit wird es noch kommen,
Da sie stiftet Bruderzwist;
Ihren Zweifeln zu entkommen,
Denket sie auf eine List.

Einen Mann, den mu ich haben,
Denkt das arme Jungferlein,
Der mir kann das Herz erlaben,
Denn ich bin nicht gern allein.

Zweifelnd denkt sie an die Knste,
Die ihr Mutter Feuer lehrt,
Macht am Freitag Weihrauchdnste,
Kocht den Zaubertrank am Herd.

Deckt dann vor dem Bett ein Tischlein,
Setzt zwei blanke Teller drauf,
Und zwei Glser und zwei Fischlein,
Gleich als km ein Gast ins Haus.

Wer dann zu dir kmmt von allen,
Hat die Mutter ihr gesagt,
Ist der Strkste im Gefallen,
Und der sei dir zugesagt.

Der sei deiner Liebe Meister,
Mchtig deiner Schnheit Kraft,
Denn es wollen stets die Geister,
Da das Mchtigste sich schafft.

Es ist Nacht, die beiden Lauten
Klingen vor dem Fensterlein,
Und dann schaut sie ihren Trauten;
Schweigend tritt er zu ihr ein.

Ob es Ost, ob's West gewesen,
Denket sie vergebens nun,
Gleicher waren nie zwei Wesen,
Dieser Zweifel will nicht ruhn!

Spricht er nicht, er kann doch sehen,
Wie sie ihn zum Tische winkt,
Und sie fhlt des Atems Wehen,
Wie er aus dem Becher trinkt.

Wie er's Tchlein wohlgefalten
Nimmt vom blanken Teller ab,
Lt die Speisen doch erkalten,
Und verschmhet ihre Gab.

Dennoch mu sie nun empfangen
Eh' er sie ins Bette fhrt,
Eine Gabe ohn Verlangen,
Die als Zeichen ihr gebhrt.

Abgebrannt sind beide Lichter,
Und der Freund sitzt noch bei ihr,
Macht so drohende Gesichter,
Da sie flieht zur Kammertr.

Er das Messer aus dem Grtel
Ziehet, und ganz stille sitzt,
Und der Mond aus seinem Viertel
Schauet, wie es herrlich blitzt.

Nein, sie wagt es nicht zu nehmen,
Wie ihr vorgeschrieben ist,
Sei es Schrecken, sei es Schmen,
Sie verwnschet jetzt die List.

Sie entschlpfet in die Kammer,
Er, das Messer wirft nach ihr;
Als er flieht mit schwerem Jammer,
Steckt das Messer in der Tr.

Morgens kommen beide Brder,
Sie zu gren, doch dem West
Fehlt das Messer, seine Lieder
Klagen ein gestrtes Fest,

Das im Traume ihn gequlet
Und vergangen ist zu nichts,
Weil sich alles hat verfehlet
In dem Schrecken des Gesichts.

Trstend gibt sie ihm die Hnde,
Ksset ihm die mde Brust,
Und es drehen sich die Wnde
Bald in hoher Hochzeitlust.

Doch kein Kind will ihn erfreuen
Und er wnschet es so sehr,
Bis sie sich mit Zaubereien
Setzt in schrecklichen Verkehr.

Knnte sie's voraus nur wissen,
Irrwisch, heit des Zaubers Kind,
In dem Kindbett mu sie ben
Ihres Zaubers schwere Snd.

In ein Tuch das Kind zu schlagen,
Tritt der Mann zum Schrank der Frau,
Hat ihn eilig eingeschlagen,
Und es liegt da viel zur Schau.

Alles, was sie ihm verborgen,
Doch er schauet nicht danach,
Reiet nur in groen Sorgen
Weiche Tcher aus dem Fach;

Sieht das Messer draus entfallen,
Das sie heimlich drin bewahrt,
Das in jener Nacht voll Qualen
Er verlor durch Zaubers Art.

Jener Traum, der ihm vergessen,
Denn der Zauber ist vorbei,
Tritt ins Leben; wie besessen
Fhlt er sich durch Zauberei;

Alles glaubt er schon erlebet,
Was ihm jetzo erst geschieht,
Und die Qual ihn neu umschwebet,
Die ihn jene Nacht durchglht.

Also du bist es gewesen,
Die mich jene Nacht geplagt,
Da ich nie vom Schreck genesen,
O, das sei hier Gott geklagt.

Hast du mich voraus gequlet,
Lang im schweren Liebesdienst,
Straf ich dich, nun wir vermhlet,
Und ich zahl, wie du's verdienst;

Hab ich auch nicht wollen speisen
Von der Fische Zauberei,
Ist gehrtet doch dies Eisen
In dem Trank und macht mich frei.

Ihre Brust will er durchstechen,
Doch das Kindlein schreit hellaut,
Und die kleinen Augen sprechen,
Haben sich rings umgeschaut.

Blinde Wut ist ihm verschwunden,
Aber nicht der harte Zorn,
Als des Herzens Ri verwunden,
Schmerzt im Fleische ihm der Dorn.

Wenn sie weint bei seinen Schlgen,
Zeigt er ihr das Messer nur,
Spricht dann: Ohne Lieb kein Segen,
Und du bist die rgste ...

Kamen so fremdartige Erzhlungen in das ruhige Schlo und die lteren Kinder des
Grafen verwunderten sich darber und fragten den alten Bedienten, als er noch
lebte: da pflegte er ihnen eine schne alte Fabel zu erzhlen, die wir hier, wo
wir mit allen frheren Verhltnissen abschlieen, als den Sinn unseres Buches
nacherzhlen.



                            Die Schule der Erfahrung


Ein Sperling hatte vier Jungen in einem Schwalbenneste. Wie sie nun flgge
waren, stieen bse Buben das Nest ein, sie kamen aber alle im Windsbraus davon.
Nun war dem Alten leid, weil seine Shne in die Welt kommen, da er sie nicht
zuvor gegen allerlei Gefahr verwarnet, und ihnen gute Lehren dafr gesagt habe.
- Auf dem Herbste kamen in einem Weizenacker viel Sperlinge zusammen; allda traf
der Alte seine vier Jungen, die fhret er mit Freuden zu sich heim und sprach:
Ach, meine lieben Shne, was habt ihr mir den Sommer ber fr Sorge gemacht,
dieweil ihr ohne meine Lehre von mir weg in den Wind gekommen; hret meine Worte
und folget eurem Vater, und sehet euch wohl vor; kleine Vgel haben groe
Gefhrlichkeiten auszustehen. - Darauf fragte er den ltesten, wo er sich den
Sommer ber aufgehalten, und wie er sich ernhrt habe.
    Ich habe mich in den Grten gehalten, antwortete der lteste, Raupen und
Wrmer gesucht, bis die Kirschen reif wurden.
    Ach, mein Sohn, sagte der Vater, die Schnabelweide ist nicht bs, aber es
ist groe Gefahr dabei; darum habe forthin deiner wohl acht, und sonderlich wenn
Leute in den Grten umhergehen, die lange grne Stangen tragen, so inwendig hohl
sind und oben ein Lchlein haben. - Ja, mein Vater, besonders wenn dann ein
grnes Blatt vors Lchlein mit Wachs geklebt wre, da sieht man es kaum, und es
trifft doch. - Wo hast du das gesehen? - In eines Kaufmanns Garten, sagte
der Junge.
    O, mein Sohn, sprach der Vater, Kaufleute, geschwinde Leute; bist du bei
diesen Weltkindern gewesen, so hast du Weltgescheitigkeit genug gelernet; siehe
und brauch's nur recht und wohl, und traue dir nicht zu viel.
    Darauf befragte er den andern: Wo hast du dein Wesen gehabt?
    Zu Hofe, sprach der Sohn.
    Sperlinge dienen nicht an Hfen, sprach der Vater, wo viel Geld, Sammet,
Seiden, Wehr und Harnisch, aber wenig zu essen, viel Sperber, Kauzen und Falken
sind, die dich fressen; halt du dich zum Rostall, da man den Hafer schwingt,
oder da man drischet, da kann dir's Glck mit gutem Frieden auch dein tglich
Krnlein bescheren.
    Ja, Vater, sprach der Sohn, wenn aber die Stallbuben ihre Schlingen und
Sprengsel im Stroh aufstellen, da bleibt auch mancher hngen.
    Wo hast du das gesehen? fragte der Alte.
    Zu Hof bei den Robuben.
    O, mein Sohn, Hofbuben, bse Buben; bist du zu Hof bei den Dienern gewesen
und hast da keine Federn gelassen, so hast du ziemlich gelernet; du wirst dich
in der Welt wohl wissen durchzufressen; doch siehe dich um, die Wlfe fressen
auch oft die gescheiten Hunde.
    Der Vater nahm den dritten auch vor sich: Wo hast du dein Heil versucht?
    Auf den Fahrwegen und Landstraen hab ich bisweilen ein Krnlein oder
Brotkrmlein angetroffen.
    Dies ist ja, sagte der Vater, eine feine Nahrung; aber merk gleichwohl
auf, sonderlich wenn sich einer bcket und einen Stein aufheben will, da ist dir
nicht lange zu bleiben. - Wahr ist's, sagte der Sohn, wenn aber einer zuvor
einen Handstein im Busen oder Tasche trgt?
    Wo hast du dies gesehen?
    Bei den Bergleuten, lieber Vater; wenn sie ausfahren, dann fhren sie
gemeiniglich Handsteine bei sich.
    Bergleute, Werkleute, rief der Vater, anschlgige Leute; bist du um
Bergburschen gewesen, so hast du was gesehen und erfahren, fahr hin und nimm
deiner Sache gleichwohl gut acht; Bergbuben haben manchen Sperling mit Kobalt
niedergeschmissen.
    Endlich kam der Vater an den jngsten Sohn: Du mein lieber Geckennestle, du
warst allzeit der albernste und schwchste, bleib du bei mir auf dem wsten
Bauerhofe, den die Feinde abgebrannt haben; die Welt hat viele grobe und bse
Vgel, die krumme Schnbel und lange Krallen haben, und nur auf arme Vglein
lauern, und sie verschlucken; halt dich zu mir und lies die Spinnen und Raupen
hier von Baum und Haus; hier ist kein Blaserohr, keine Schlinge, kein Steinwurf
und keine Fuhrmannspeitsche zu frchten; hier haben wir beide so eben genug fr
uns, und so bleibst du lange zufrieden.
    Du mein lieber Vater, antwortete der jngste Sohn, wer sich nhret ohne
anderer Leute Schaden, der kommt lange hin, und kein Sperber, Habicht, Aar oder
Weihe wird ihm schaden, wenn er zumal sich und seinen ehrlichen Namen Gott alle
Abend und Morgen treulich befiehlt, welcher aller Wald- und Dorfvglein Schpfer
und Erhalter ist, der auch der jungen Raben Geschrei und Gebet hrt; ohne seinen
Willen fllt auch kein Sperling auf die Erde.
    Wo hast du das gelernt?
    Darauf antwortete der Sohn: Als mich der groe Windsbraus von dir weg ri,
kam ich in eine Kirche; da speist ich im Sommer die Fliegen und Mcken, die den
frommen Leuten um die Ohren summen, und las die Spinnen von den Fenstern, die
ihnen das Licht mit ihren staubigen Netzen verhalten, dann hrte ich diese
Sprche predigen; da hat mich der Vater aller Wesen den Sommer ber ernhret,
und vor allen grimmigen Vgeln behtet.
    Traun, mein lieber Sohn, fliegst du in die Kirchen und hilfst Spinnen und
Fliegen aufrumen, und singst in deiner Einsamkeit zu Gottes Ehre, so wirst du
wohl und unverletzt bleiben, und wenn die ganze Welt voll wilder und tckischer
Vgel wre. Denn wer dem Herrn befiehlt seine Sache, schweigt, leidet, wartet,
braucht Glimpf und Klugheit, Mut und Ergebung, Ernst und Gte, bewahrt Glauben
und Gewissen rein, dem will Gott Schutz und Helfer sein.

                                Sechstes Kapitel



           Ritter Brlar. Die Ppstin Johanna. Johannes. Deutschland

Der gute alte Bediente blieb, so lange er lebte, der Schutzgeist dieser Kinder,
die alle, wie es in krftigen Familien gewhnlich, in groer Eigentmlichkeit,
in wechselnder Leidenschaft und Feindschaft zu einander, eine kleine Welt in
sich begrndeten. Das fremdartigste Kind unter allen war der kleine Johannes,
der schon vor seiner Geburt so gewaltsame Verwirrung in seiner Welt gestiftet
hatte; er war durch jenes Ereignis beiden Eltern, was sie sich nicht eingestehen
wollten, eine unangenehme Erinnerung geworden; sie lieen es ihn nie fhlen,
aber Kinder fhlen die innere Gesinnung der Menschen gegen sie sehr leicht,
sobald sie nicht absichtlich hintergangen werden. Wenn die Grfin von allen
andern Kindern sich umklettern lie, und ihnen die Freude machte zu sagen, jetzt
tue es ihr hier oder da weh, und die Kinder eifrig streichelten, gleich endete
sie das Spiel, wenn der kleine Johannes es den andern nachmachen wollte; ich
fhre nur den einen Fall an, aber es gab unzhlige dieser Art, whrend in allen
bedeutenderen ein vllig gerechtes, gleiches Verhltnis zwischen den Kindern
beobachtet wurde. Wir wissen, der alte Bediente starb; der Graf war nach allen
Seiten beschftigt, und die lteren Kinder in einem Alter von acht und sieben
Jahren, bedurften nach dem Urteile Kleliens und des Grafen einer eignen
Aufsicht, eines mnnlichen ernsten Unterrichts. Der Krieg hatte die Wege nach
Deutschland gesperrt, es mute daher ein Fremder gewhlt werden: man schwankte
zwischen verschiedenen Sizilianern; endlich machte auf dem Schlosse ein
franzsischer Ausgewanderter, der Ritter Brlar, durch Empfehlung der Obristin
aus Palermo, seine Aufwartung, und erbot sich zum Hofmeister. Die Obristin wute
nichts von den Leuten, als was sie ihr von sich erzhlten, und wie sie sich ihr
gefllig zu machen wuten, durch Lustigkeit und gesellige Unterhaltung. Lustig
war der Ritter nur in seinem ueren, aber das unterschied sie nicht; sein
Inneres war von der Zeit frchterlich zerrissen, die ihn mit Anlagen,
Kenntnissen und Geschicklichkeiten, welche zu den ersten Stellen fhren konnten,
pltzlich arm gemacht und in Lnder verbannt hatte, deren Sprache er nicht
einmal hren, vielweniger lernen mochte, von deren Treiben er gar keinen Begriff
hatte, und sie darum in sich verspottete, whrend er sich der Leute durch
Artigkeit zu bemchtigen wute. Seiner politischen Meinung hing er mit ganzer
Seele an; man lobte sie, aber nirgend sah er sie mit Ernst durchgefhrt,
obgleich manche den Schein davon annahmen; aus berdru und um davon zu leben,
berlie er sich der Bekanntschaft reicher Frauen, doch eben der berdru, und
endlich die Erschpfung trieben ihn auch hievon zurck; er wollte ein Philosoph
sein und heien, und dieses Spekulieren brachte ihn wieder ganz in die Gewalt
seines politischen Elements. Da er nirgend seine Gedanken in Ausbung bringen
konnte, was er den Frsten und Regierungen sehr bel deutete, so machte er sich,
unabhngig von allen bestehenden Staaten, eine eigene politische Einwirkung und
Verbindung; Vlker hatte er nie geachtet, nur Systeme und Grundstze; er
vertraute sich so wenig wie mglich, er wollte die Menschen ohne ihr Mitwissen
zum Glcke hinbetrgen. Seine Plne waren weit aussehend: zuerst mute er den
Menschen die Knste verleiden, damit sie sich der Verzweifelung ganz hingeben,
und dem blinden Wirken; zu diesem Zwecke stiftete er unter andern mit seinen
Gleichgesinnten kritische Bltter, die jedem aufstrebenden Talente dreist in die
Augen sagen muten, es vermge nichts; es sei berhaupt jetzt die Zeit nicht fr
Kunst; insbesondere suchte er sich aber die Kinder anzueignen. Zu seinen
entscheidensten Unternehmungen suchte er die ausgezeichneten Kinder zu
entfhren; auch war ihm das schon mit mehreren gelungen, die er in einem
sardinischen Kloster untergebracht hatte. Wir knnen nur aus Gerchten ber
diese seine Verhandlungen sprechen, seine Sache ist in der Untersuchung wegen
der vielen bedeutenden Menschen, die darin verwickelt waren, ganz unterdrckt
worden; wir wissen nur bestimmt von ihm seit seinem Eintritte in das befreundete
Haus des Grafen. Er wute den Grafen durch seinen Ernst, durch seinen Anstand
und seine Geschicklichkeiten zu gewinnen; er focht herrlich, war der beste
Schwimmer, ritt wie ein Zentaur; durch seine Art des Absprechens, das meistens
aus tieferer Kenntnis zu kommen schien, imponierte er ihm sogar. Dem Grafen
waren die leeren Hlfsmittel des Streits ganz unbekannt; er konnte sich nicht
denken, da ein Mensch ber etwas reden knne, ohne das Streben zu haben es
recht eigentlich zu erfassen oder um darber aus innerer Lustigkeit zu scherzen;
wo er daher den Brlar nicht begriff, da dachte er sich eine hhere Verbindung
in ihn hinein. Brlar wurde als Hofmeister der lteren Kinder angenommen; Vater
und Mutter geboten den beiden Knaben unbeschrnkte Folgsamkeit gegen ihren
Fhrer. Diese Ermahnung war berflssig; in jedem edlen Gemte ist eine
Ergebenheit gegen ausgezeichnete Menschen, die leicht gefhrlich werden kann;
wirklich war der Ritter in allem, was sie verstanden, ausgezeichnet: beide
berlieen sich ihm ganz; insbesondere schwebte aber Johannes an seinem Blicke,
auch er zeichnete den Kleinen durch Hrte und Gte aus. Es wurde ihm zuweilen
ein leiser Vorwurf von den Eltern gemacht, da sich dieses Kind gar nicht mehr
um sie bekmmere, aber eigentlich war es beiden lieb, denn sie waren durch diese
von ihm ausgehende Entfremdung des Scheins berhoben, als liebten sie ihn den
andern Kindern gleich. Klelia hatte ihr Bedenken dagegen; aber sie sah die
ausgezeichneten Fortschritte des Kindes, das mit liebevoller Anstrengung aller
Krfte beinahe allen Kindern seines Alters und manchen ltern, auch seinem
Bruder berlegen war, und sie teilte mit allen im Schlosse die Achtung gegen den
Ritter, der mit seinem ganzen Leben in einer fast schlaflosen Ttigkeit den
Kindern anzugehren schien. Er war ungefhr ein Jahr im Schlosse, als die
Herzogin mit den Ihren zu einer groen Tragdie eingeladen wurde, die in der
Fastnacht in einem Kloster des heiligen Laurentius durch Veranstaltung der
Mnche aufgefhrt werden sollte. Brlar machte erst einige Einwendungen, ob man
Kinder in solche trichte ungeregelte Possen bringen knne; aber die Grfin
verlangte es und er gab nach, wollte aber selbst wegen eines heftigen
Kopfschmerzes nicht mitgehen. Die Fahrt war frhlich; die vornehmen Gste wurden
von dem Prior und den ltesten Mnchen des Klosters mit groer Behaglichkeit
empfangen; eine nahrhafte Bewirtung, ein reichliches Trinken war ihnen bereitet.
Niemand wei so zu genieen wie die Mnche, das Essen und Trinken treiben sie
wie eine heilige Pflicht. Bald nachher wurden sie in einen groen Esaal
gebracht, wo das Theater aufgeschlagen war: sie erhielten eigene abgesonderte
Sitze; die Volksmenge lrmte unter ihnen; die Kinder hatten noch nie etwas der
Art gesehen, und meinten, das sei schon die Komdie. Der Prior entschuldigte
sich, da sein Vorschlag ein neueres gutes italienisches Stck des Metastasio zu
spielen nicht htte durchgesetzt werden knnen, weil das Volk nach alter
Gewohnheit durchaus die Ppstin Johanna verlangt habe; der Graf versicherte,
das sei ihm auch viel lieber. Unterdessen begann die schlecht zusammengespielte
musikalische Vorbelustigung, das Volk sang mit; endlich ging der Vorhang auf.
Der Teufel in grimmigster Gestalt, schwarz, mit rotem Mantel, mit dem
Pferdefue, der Hahnenfeder, erscheint in einer wsten Gegend und beklagt sich
schmerzlich, was ihm durch den Papst fr Abbruch geschehe; er wird dabei von
Oferus unterbrochen, der ihm seine Dienste anbietet weil er dem Mchtigsten zu
dienen entschlossen sei, und der Heidenknig, dem er bis dahin gedient, sich vor
dem Teufel gefrchtet habe. Der Teufel nimmt ihn mit Freuden an; er will ihn
gleich gegen Rom und gegen den Papst fhren, da mssen sie aber bei einem Kreuze
vorbei; das will der Teufel umgehen; Oferus merkt's aber, und der Teufel gesteht
seine Furcht, gleich sagt ihm Oferus seine Dienste auf, und will diesem
Mchtigeren dienen. Vergebens ruft der Teufel: Den du da siehst, der ist von
Stein; da ist nicht Geist, da ist nicht Bein, den hat ein Steinmetz
ausgemeielt, mit roter Farbe ist er gegeielt. Oferus antwortete ihm: Wie
mchtig ist der Herre mild, da er im schlechtesten Abbild dich wilden Teufel
kann erschrecken; das mu den Glauben mir erwecken. - Nach diesen Worten
verlt er ihn, und der Teufel beschliet seinen Plan gegen des Kindes Mutter
Maria und gegen das Papsttum auf andere Art durchzufhren; er spricht: Durch
eine andere Jungfrau, die ganz mein, will ich verdunkeln jenes Thrones Schein.
Ich zieh durch meinen Diener Spiegelglanz, (er kennt mich nicht, darum ist er
mir treu) ein Mdchen auf, als wr's ein Knabe ganz, da sich's am Wissen leer
und eitel freu. Durch eitles Wissen steigt sie auf den Thron, auf dem einst
Petrus auch gesessen schon, und spricht dem alten Christen Hohn, und achtet
nicht auf Gottes Straf und Lehr, und jenes Papsttum, das in Schimpf vergangen,
wird dann nach meinem Geist ganz neu anfangen; dies Kind soll sein der
Antichrist, der alles zwingt mit seiner List, und die ihn hassen, selbst
verfhrt, nach seiner Pfeif die Welt regiert, da sie vergehet im Verderben, so
will ich fr die Hlle werben. - Hierauf erzhlt er, da er in Mainz ein
Mdchen als einen Knaben aufziehen lasse durch den gelehrten Spiegelglanz; es
sei dieses das Kind eines Mnchs und einer Nonne, die mit einander gesndigt
htten, um ungeheuer ben zu drfen; er gehe jetzt hin unter der Gestalt eines
groen italienischen Philologen Chrysoloras, dem Unterrichte eine feste Richtung
zum Bsen zu geben. Das Theater verndert sich in einen Garten mit einem
Lusthause; er tritt leise in den Garten, wo Johanna, so hie das Mdchen, mit
einer sehr schweren Arbeit beschftigt war, die biblische Schpfungsgeschichte
in richtigen Alexandrinern zur Preisbewerbung auf der Klosterschule, deren
erster Lehrer Spiegelglanz ist, zu erzhlen und aufzuschmcken. Nun hatte sie
den Tag ber in der Bibel mit groer Freude gelesen und nicht davon kommen
knnen; jede Stunde hatte sie sich der Arbeit erinnert, aber weder die Feder
noch die Zeitmessung der deutschen Sprache angerhrt, die ihr Spiegelglanz als
sein Lieblingsbuch zur Seite hingelegt hatte; noch konnte sie sich entschlieen,
in dem Reimwrterbuche und in der Poetik zu lesen, die Spiegelglanz ihr
besonders empfohlen hatte. Das gefiel dem Teufel gar nicht; er beschlo, durch
die Stimmen aller in der Sommerluft schwrmenden, singenden, rauschenden Wesen,
die kleine Johanna von der Arbeit zu rufen, die eben wieder aus dem Psalter nach
der Schpfungsgeschichte zurck geblttert hatte, ihre Arbeit endlich ganz
ernstlich zu beginnen. - Wir wollen hier ihr ganzes Selbstgesprch mitteilen.


                          Gartenhaus mit offenen Tren

      Johanna an einem Tische mit Bchern und Schriften liest und schreibt
                        abwechselnd, dann liest sie vor:

Und Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht ...


                             Die Blumen im Fenster

Wir welken im Licht
Begiet du uns nicht,
Wir schlieen uns bald,
Es dunkelt im Wald.

Johanna liest weiter: Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem
Himmel an abgesondertem Orte, da man das Trockne sehe. Und Gott sehe, da es
gut war.




                          Der Rhrbrunnen vor der Tre


Ich laufe ber,
Komm her, du Lieber
Und schpf mich aus,
Sonst lauf ich ins Haus.

Johanna liest weiter: Und Gott machet die Tier auf Erden, ein jeglichs nach
seiner Art, und das Vieh nach seiner Art, und allerlei Gewrm auf Erden nach
seiner Art. Und Gott sahe, da es gut war.


                       Der Vogel auf dem Baume am Fenster

Hr wie die Raupen
Fressen im Laub;
Mut's nicht erlauben,
Strafe den Raub,
Liebliches Kind,
Hilf mir geschwind.

Johanna liest weiter: Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild,
das uns gleich sei; die da herrschen ber die Fische im Meer und ber die ganze
Erde und ber alles Gewrm, das auf Erden kreucht.


                           Die Fliege auf dem Tische

Hr ich deinen Kopf so brummen,
Oder mu ich selbst so summen?
Trank vom allerbesten Wein,
Schlief beim letzten Tropfen ein,
Setz mich nun auf deine Nase,
Da ich hre, wie sie blase.

Johanna schlgt ungeduldig nach der Fliege und liest weiter: Und Gott der Herr
machet den Menschen aus dem Erdenklo und er blies ihm ein den lebendigen Odem
in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele.


                   Die Mcken, die zum Fenster hinausfliegen

Hab dich umflogen,
Blutiges Feuer
Glnzt mir im Leibe,
Das ich beim Schreiben
Dir ausgesogen;
Tieferes Feuer
Glnzet im Abend,
Tanz ich im Glanze,
Vergeht es so labend.

Johanna kratzt sich an Hnden und Fen, dann lieset sie weiter: Und Gott der
Herr pflanzet einen Garten in Eden und setzet den Menschen drein. Und Gott der
Herr lie aufwachsen aus der Erde allerlei Bume, lustig anzusehen und gut zu
essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum des Erkenntnisses
vom Guten und Bsen.


                            Der Baum vor dem Fenster

ber deinem Haupte
Schweben die Sorgen,
ber meinem belaubten
Haupte wie Morgen
Glnzet der Abend;
Khlend und labend,
Schwebet der Vogel,
Rauschet der Wind.
Liebliches Kind
Steige geschwind
Mir auf die ste,
Die ich im Weste
Neige und zeige,
Zeig dir ein Nest,
Halte dich fest,
Steige hinein,
Alles ist dein;
Zeige dir Frchte,
Glhend im Lichte,
Khlend im Mund
Saftig und rund.
Aller der Tage
Arbeit und Plage
Himmlischer Lohn,
Gibt dir mein Thron;
Herrlich ist wohnen
Hier in den Kronen.

Johanna sieht ihn lange an und liest weiter: Und Gott der Herr gebot dem
Menschen und sprach: Du sollst essen von allerlei Bumen im Garten; aber von
dem Baume der Erkenntnis des Guten und Bsen sollst du nicht essen, denn welches
Tages du davon issest, wirst du des Todes sterben.


         Ein Schmetterling, der durch die Fensterscheiben fliegen will

Was ghnst du wieder
Und streckst die Glieder?
Springe mir nach
Heiter und wach;
Noch nimmermehr
Kam ich hieher,
Kann nicht heraus
Hier aus dem Haus,
Habe kein Bangen,
Lasse mich fangen,
La mich am Kranz
Spielen im Glanz.


                                    Johanna

Das ist ein Totenvogel gar,
Den such ich schon ein ganzes Jahr,
Er soll mich doch nicht stren,
Ich will ihn gar nicht hren,
Ich bin zwar von der Arbeit md,
Doch stren soll mich noch kein Lied.


                                 Marienwrmchen

Sieben Punkte trag ich schwer,
Mach doch einen Punkt daher,
Da die Arbeit schliee;
Bring dir viele Gre
Von den Nachbarskindern,
Die sind viel geschwinder,
Die sind alle fertig,
Deiner schon gewrtig;
Hast du viel geschrieben?
Kann ja gar nichts finden,
Sag, wo ist's geblieben,
Kann das so verschwinden?


                                    Johanna

Hrt mir nur einmal zu, ihr Tierlein, lat das Singen,
Ich fhl's, die Arbeit wird mir endlich doch gelingen,
Ich war so ganz in Lust und Sonnenglanz versunken;
Vor meinem frohen Blick gestalteten sich Funken,
In wunderbar Gesprch hrt ich die Lichtgestalten.
O knnt ich euch nur fest zu meiner Arbeit halten,
Ein schnes Bild so schnell im schnern untergeht,
Kaum wei ich, wo ich bin, wo mir der Kopf jetzt steht;
Knnt ich bei einer Arbeit nur bestndig bleiben,
Doch andres wird mir lieb und andres soll ich treiben.
Nun jetzt bleib ich dabei, bis ich zum Schlu gelange,
Da ich ein Prmium aus Meisters Hand empfange.
Der Titel ist gemalt und das Papier gefalten,
Mag nun der liebe Gott mit meinem Geiste walten,
Da all sein Schpfungswerk, in sieben Tag verrichtet,
An diesem Abend noch in Worten sei berichtet,
Ein jedes Kraut genannt, die Vgel all beschrieben,
Der ganze Frhling zeigt, wo Lcken sind geblieben,
Im Alten Testament, das will ich alles fassen,
Und eh' nicht alles drein, nicht von der Arbeit lassen.
Wie dumm nun geht das Licht, da ich es eben brauche,
Ich las mich schon ganz trb, als ob's im Zimmer rauche,
So spielt der letzte Strahl und strahlt im Sonnenstaube
Und drauen weht's so khl in meiner Bohnenlaube;
Die Vgel betten sich lautrauschend in den Hecken,
Wo mag mein Eichhrnlein wohl jetzo wieder stecken.
Heida ihr Tauben bunt, kommt ihr vom Feld zurcke?
Ich ffne euer Haus - nun fliegt ihr fort aus Tcke;
Ins Freie will ich auch, zu fleiig tut kein gut,
Ein kluges Kind stirbt jung, ich khle meinen Mut.
Der Wiesenplan steht voll von schner gelber Blume,
Die hau ich all herab zu meinem ew'gen Ruhme,
Als wr's die Heidenbrut im Turban farbig schn,
Sie sollen sich gestreckt vor Christi Kreuze sehn;
Das sei zuerst geschmckt mit frischem Blumenkranz,
Gewilich macht es Freud dem guten Spiegelglanz,
Im frischen Abendwind verspring ich dann die Fe
Und dann der stillen Nacht zur Arbeit ganz geniee.

Als sie nun gefunden, da es ihr mit den Alexandrinern ziemlich leicht ginge,
sprang sie noch leichter zur Tre hinaus, pflckte aus allen Blumenbeeten, die
schn geordnet da standen, vorsichtig heraus, da keines leerer schien, vielmehr
seine neuen Knospen freier und wechselnder zum Licht ausstreckte. Der Kranz war
schnell geflochten und das Christusbild bekrnzt; sie wollte ein kindisches Lied
auf ihn anfangen: Christus meine Puppe, segne heut die Suppe; als sie ber
sich selbst lustig auf einen Baum kletterte und lachte und die ste kte, die
voll Kirschen hingen, und die a sie langsam und knipste die Kerne zu dem
heiligen Bilde, wobei sie sagte: Bist du von Stein, so kannst du auch Steine
essen. Der Teufel freute sich darber sehr und funkelte ihr alle versteckten
Kirschen entgegen. Sie hatte aber genug, und stieg herunter und machte aus allen
Kirschstengeln Knoten und aus den Knoten einen Kranz, den sie Christus aufsetzte
zum groen rger des Teufels; denn er sah, da alles in ihr ganz unschuldiges
Kinderspiel sei, weder gut noch bse, und da er ihr also noch nichts anhaben
knne. Gleich darauf verglich sie alle Frchte im Garten nach ihren Farben, nach
ihren Kernen, nach ihrer Haut, Staub und Wolle, Geschmack und Geruch, und machte
sich daraus allerlei Kameraden von verschiednem Charakter, wobei sie einen
besondern Ha gegen die schwarzen Aalbeeren und eine Art heiliger Scheu gegen
die reine Frische der Erdbeeren empfand; das mifiel dem Teufel wieder, der die
Aalbeeren in seinem Wappen fhrt. Bald fand sie an einem Pflaumenbaume die
durchsichtige weigelbe Kugel des ergossenen Harzes, sie hielt es fr einen
groen Schatz und gedachte des Paradiesbaumes, woraus nach der Lehre des
Spiegelglanz, das Bdellium, der Bernstein geflossen. Ein blaues und ein grnes
Seejngferlein, die da auf einigen Stauden flatterten, entzogen sie allen andern
Gedanken; sie hatte nie so schlanke farbige Leiber, so zierliche schimmernde
Flgel gesehen; es erwachte in ihr eine Sehnsucht danach, als wenn es ihre Seele
wre, die ihr entflattern wollte, und wirklich haben diese Tiere einen besondern
Anflug geistigen Daseins. Sie sah ihren Lehrer gar nicht, der inzwischen mit
seinem Buche in den Garten geschritten. Endlich fing sie beide, und brachte sie
ihm triumphierend.
SPIEGELGLANZ. Woher so schnell, du sahst mich kaum, liefst immer zu als wie im
    Traum.
    Johanna aber sprachlos vor Freude, zeigte ihm die beiden Tiere, die sie an
    den Flgeln hielt und mit den Beinen gegen einander spielen lie.
SPIEGELGLANZ. Zwei Seejngferlein sind ein rechter Dreck, geh, mach sie tot, und
    wirf sie weg.
JOHANNA. Die knnen wohl so lieblich singen, da alle Leut ins Wasser springen;
    hast du mir nicht davon erzhlt, wie der Ulysses ward geqult?
SPIEGELGLANZ. Die waren wie Jungfern, du dumme Gans, und hatten nur hinten den
    Fischschwanz.
JOHANNA. Dir will ich sie alle beide schenken, es ist mir das Liebste ohne
    Bedenken, du mut sie nur zusammen bewahren, und ja ihr Futter nicht
    ersparen.
SPIEGELGLANZ. Ich la sie frei, ich la sie los, sie kommen wohl wieder, wenn
    sie gro.
JOHANNA. Nein, was mir lieb, das la ich nicht, Ihr stot sie fort, das Herz mir
    bricht, Ihr werdet mich wohl auch frei lassen, und in der weiten Welt
    verlassen, da weine ich mir die Augen aus, das ist nun heut mein
    Abendschmaus.
SPIEGELGLANZ. Du bist ein Kind, sieh, Heidelbeeren, die ich im Wald fr dich
    gelesen, la doch dein Weinen, sieh die Zhren, die fallen drauf, das ist
    ein Wesen um solche groe Wasserfliege. Warst du denn fleiig, zeige her,
    ich seh ja nichts als krumme Zge, auf dem Papiere kreuz und quer.
JOHANNA. Ich wollte eben recht anfangen, da war die Sonne mir vergangen.
SPIEGELGLANZ. Du Schlingel, mu ich so was sehen, so wirst du nun mit Schand
    bestehen. Wozu nun meine Mhsamkeit, mit der ich dich gebracht so weit, da
    du nun selber kannst was tun, statt dessen magst du lieber ruhn;
    Herumlottern, Faulenzen, Spielen, das ist so Wasser auf deiner Mhlen.
JOHANNA. Nein lieber Herr, ich war so fleiig, ich machte Plne mir, wohl
    dreiig, fr jeden Tag des Monats einen, doch heut allein vollfhrt ich
    keinen, weil hier ein ewiges Singen war, von einer Kfer- und Fliegenschar,
    von rauschenden Brunnen, knisternden Dielen, ei da verging mir Schreiben und
    Spielen.
SPIEGELGLANZ. Du wirst zuweilen ganz unvernnftig, ja sag, was soll aus dir
    werden nun knftig, denn kannst du zum Studieren nicht taugen, so mu ich
    dich zur Aufwartung brauchen.
JOHANNA. Dir wart ich auf so herzlich gerne, dir's an den Augen abseh von ferne,
    was dir bequem und was dir lieb, ach lieber Meister, dich nicht betrb, ich
    will mich vor fremden Gedanken hten, es geht nur nicht hier bei Frchten
    und Blten, hier ist mir als lebt ich ganz da drinnen, und kann mich niemals
    in mir besinnen, da ich die Feder wirklich fhr, bin nirgends weniger als
    in mir.
SPIEGELGLANZ. Sollst knftig im Zimmer verschlossen bleiben, ich dachte dir
    frhlich die Zeit zu vertreiben; doch seh ich, du bist nur fr den Zwang.
JOHANNA. Ach lieber Herr, du machst mich bang, von meinen Balsaminen zu lassen,
    wahrhaftig da kann ich gar nicht spaen, von meinen Erbsen, die ich gest,
    nun eben alles so wohl gert, von meinen Bohnen, die um die Stangen mit
    leichtem Grn sich frhlich schlingen, und erst so schwach aus der Erde
    drangen, da ich sie aus der Hlse tt zwingen.
SPIEGELGLANZ. Fort mit den Kasten, die schtte ich aus. Ei das verdirbt mir ja
    das Haus, zieht Feuchtigkeit in die Fenstermauer.
JOHANNA. Ach Gott, nie hatte ich grere Trauer. Dir htt ich die Bohnen und die
    Schoten einst alle zum Geburtstag geboten.
SPIEGELGLANZ. Zum Teufel, mach mir den Kopf nicht hei, da ich dich heut nicht
    schlage und schmei, das ist ein Heulen, ein Lamentieren, mit jedem Quark
    ein Mitleid spren; da ist kein Winkel dir zu klein, es mu dir zu was noch
    brauchbar sein, ich glaube, du httest die ganze Welt mit lauter Spielzeug
    vollgestellt. Ich will doch endlich auch aufrumen, was klebt mir denn hier
    an beiden Dumen?
JOHANNA. Das hatte ich dir zum Geschenke bestimmt, nun wirfst du es in den
    Garten ergrimmt, es ist Bdellium vom Paradies, von einem Baum ich's heut
    abstie.
SPIEGELGLANZ. So soll dich ja der Teufel holen, wenn du mich aufziehst mit
    solchen Sachen, ich mu mir die Finger schmutzig machen, dir mu ich einmal
    die Hnde besohlen.
    Als diese Strafe eben vollstreckt werden sollte, trat der Teufel als ein
    berhmter griechischer Professor Chrysolor herein, verwundert steht er still
    und lchelt: Zucht bringt Frucht. Er grte den ergrimmten,
    selbsterhitzten Lehrer mit spottender Sanftmut; es freute ihn, da alles
    Bse in ihm so rasch wie Unkraut aufwachse, er hatte ihn unterweges in
    anderer Gestalt schon gergert, indem er ihn, der doch alles zu wissen
    vermeinte, einer Unwissenheit gezeiht, was eigentlich die ganze Veranlassung
    seines rgers ber die kindische Spielerei war, die er selbst oft
    untersttzt und mitgemacht hatte. Der Teufel begrte ihn feierlich, sprach
    von seinem groen Rufe in der Metrik, der sich selbst bis Athen ausbreite,
    wo er jetzt das Richtma aller Poeten abgebe, und das Vorbild aller
    Erzieher. Nun erzhlte er ihm von seinem Knaben, wie er den im fnften Jahre
    schon so weit gebracht, da er den ganzen Plato vorwrts und rckwrts
    auswendig gewut, die Verszahl jedes Homerischen Verses angeben konnte, und
    wie dieses Wunderkind jetzt schon seit einem Jahre nicht mehr schliefe, von
    Zuckerwasser sich nhrte und von der Unsterblichkeit der Seele rede.
    Spiegelglanz hrte ihm verwundert zu; mit heimlicher Tcke sah er auf die
    arme Johanna, sagte ihm aber dagegen, da er den tiefsinnigen Erklrer des
    Aristoteles beim ersten Blicke in ihm erkannt.
DER TEUFEL. Doch diesem Kind, so mu ich meinen, wird alles dies ein Geringes
    nur scheinen, in eigner Erziehung, da zeigt sich der Meister, da lset und
    richtet er alle Geister; in wie viel Sprachen, darf ich fragen, kannst du
    mir das Vaterunser sagen?
SPIEGELGLANZ. Mein gttlicher Freund verschonen Sie heut, der Knabe ist heut gar
    sehr zerstreut.
JOHANNA. Nein lieber Herr, ich bete gern, es hilft mir dabei etwas von fern.
SPIEGELGLANZ. Wie werd ich beschmt, wie rett ich den Schein, in einer Sprache
    wei sie es allein. -
Aber ein Engel kam ber das Kind, und sagte, wie sie da andchtig betete, das
    Vaterunser in allen Sprachen her, da Spiegelglanz sich ber das
    heimtckische Kind rgerte, wie es ihm das bisher verschwiegen, und der
    Teufel staunte, wohlwissend, eine hhere Kraft wirke darin.
DER TEUFEL. Du bist ein Wunderkind frwahr, o sag mir, wie viel zhlst du Jahr?
JOHANNA. Ich bin acht Jahr erst krzlich gewesen, und seit dem vierten kann ich
    schreiben und lesen, kann deklinieren und konjugieren, und wei, was alle
    Verba regieren.
DER TEUFEL. So sag mir von welchem Geschlecht du bist.
JOHANNA. Ich bin ja kein Wort, das ist Hinterlist.
DER TEUFEL. Die Frage wirst du gar bald verstehen.
SPIEGELGLANZ. O lassen Sie uns zum Dome gehen, viel Altertmer da drinnen
    stehen. (Ich mchte schier in Angst vergehen.)
    Doch der Teufel entschuldigte sich und eilte fort. Spiegelglanz begleitete
    ihn vors Tor; sie unterhielten sich von der Erziehung zum Gelehrten, und der
    Teufel brachte ihm alle Grundstze bei, die Kinder durch erweckte Eitelkeit,
    Neid, Habsucht zu schnellem Fortschritte zu bringen. Spiegelglanz kehrte
    heim, kte seine Schlerin mit wtender Zrtlichkeit; ihr heimliches Lernen
    hatte alle seine Erwartungen bertroffen. Er machte ihr kleine Geschenke,
    Kleider, Zeuge und versprach ihr, wenn sie in ihrem Fleie fortfahren wolle,
    so machte er ihr die Preisaufgabe: jene Erzhlung der Weltschpfung in
    Alexandrinern, die er zum Wettstreite fr den Platz in der Schule aufgegeben
    hatte. Johanna sprang frhlich darber in den Garten, da dachte sie aber,
    wie sie rot werden mte, wenn sie nun den Preis und den ersten Platz
    erhielte, und sich schmen; sie sah, wie jede Pflanze ihr Blatt, ihre Frucht
    bewahrte, ohne mit der schneren zu tauschen, und schmte sich vor allen.
    Unschlssig ging sie im Garten umher. Sie wollte einmal zurckkehren und
    alles aufsagen und selbst arbeiten, da sang ihr aber der Teufel als Kuckuck
    vor:

Meine Eier
Leg ich in andrer Nest.
Bin nun freier,
S sonst wie andre fest;
Die sie brten aus,
Sitzen still zu Haus.
Alle Kinder rufen mir,
Kuckuck, Kuckuck ich bin hier.

    Sie rief ihm nach, es war finster, die Zeit war vorbei. Spiegelglanz gab ihr
    seine Arbeit zum Abschreiben. Die Schler kamen den andern Tag in hchster
    Erwartung zusammen; da war kein Pochen, kein Stoen, alles horchte, jeder
    hoffte der Erste zu werden, jeder htte sein Leben darum gewagt. Johanna,
    die Johannes in der Schule hie, von der keiner es erwartet, erhielt
    einmtig den Preis; keiner hatte das Silbenma so vollkommen beobachtet. Mit
    Weinen nahm sie den Preis an, der von allen beneidet wurde - es war der
    Preis ihrer Seele.

Nach diesen Szenen bat der kleine Johannes seinen Vater, er mchte doch mit ihm
herausgehen, ihm sei nicht wohl: der Vater erfllte seine Bitte, lie ihm etwas
Wein reichen, und kam mit ihm zurck. Das Stck ging seinen Gang fort, den wir
nur ganz kurz berhren wollen: Als Johanna in der Schule weit heraufgekommen,
entwickelt sich ihr Stolz und ihre Eitelkeit immer mehr; sie hat kraft dieser
Antriebe auch wirklich so viel gelernt, da sie ohne ihren Lehrer allen
berlegen ist, und jetzt will sie sich auch von seiner lstigen Oberherrschaft
frei machen. Spiegelglanz, der das bemerkt, entdeckt ihr nun, was sie bisher in
der Absonderung ihres Lebens nicht gewut hat: da sie ein Weib sei; mache er
dies bekannt, so werde sie schimpflich aus der Schule verstoen; sie mu sich
ihm ganz ergeben, der sie jetzt nicht blo zu seiner Ehre, sondern auch zum
knftigen Genusse aufzieht. Sie gehen zusammen nach Athen, wo mancherlei
Abenteuer sich ereignen, endlich auch nach Rom, wo sie alles mit ihren Lehren in
Staunen versetzt, und das Ziel ihrer Wnsche, den ppstlichen Stuhl besteigt.
Jetzt meint der Teufel alles gewonnen, aber er verspielt durch seinen eignen
Diener Spiegelglanz, der jetzt, wo Johanna in Ruhm und Glanz stolziert, sie zu
seinem wollstigen Willen leicht beredet. Sie wei nichts davon, da sie ein
Kind trage, aber ein Besessener verkndet es ihr; in groer Herzensangst betet
sie zur Mutter Maria und diese schickt ihr einen Engel: mit dem Troste, wenn sie
durch den Schimpf einer ffentlichen Geburt ihren Stolz abben wrde, so sollte
sie so wie ihr Kind gleich sterben, aber der ewigen Verdammnis entgehen. Sie
ergibt sich darein; vergebens warnt sie Spiegelglanz, sie knne es leicht
verbergen; sie will beschimpft sein; sie geht in feierlicher Prozession bei dem
Kolisseum vorber, und wird von einem Kinde entbunden; der Teufel dreht ihr und
dem Kinde aus rger den Hals um. Ein wahrer Papst wird hierauf mit mehr Vorsicht
gewhlt.

Jedermann wird eingestehen, da es eine italienische und besondere sizilische
Naivitt fordert, um solch ein Stck ffentlich in einem Kloster zu geben; die
Grfin war nicht sehr zufrieden damit, es hatte eine schmerzliche Saite in ihr
berhrt, den Grafen an seinen lieben Traugott wieder erinnert, und erregte eine
Menge neugieriger Fragen der Kinder. Whrend sich alle zur Abfahrt anschickten,
zog der kleine Johannes den Vater wieder beiseite, und dieser fhrte ihn in den
Garten, weil er glaubte, da er irgend eine krperliche Beschwerde habe; hier
verfiel aber das Kind in ein frchterliches Weinen und Schluchzen, das es nicht
zu Worte kommen lie. Endlich zog der Kleine ein paar Tten heraus, und bergab
sie dem verwunderten Vater, der darin Kaffeebohnen und Zucker entdeckte. Als die
ersten gebrochenen Worte erlst waren, da wurde der Zusammenhang dieser
Geschichte bald klar. Brlar hatte den Kleinen berredet, er sei zu einer groen
Tat bestimmt, und von seinen Eltern nicht geliebt, ihm msse er folgen; er liebe
ihn allein, er wisse allein seinen Mut; er wolle mit ihm aus Sizilien fliehen.
Whrend der Komdie solle er sich hinausschleichen, er werde seiner vor dem
Kloster warten. Wirklich hatte der Kleine sich mit dem Bedrfnisse, das ihm am
wohlschmeckendsten, versehen, und so glaubte er sich reisefertig; doch in dem
Spiegelglanz glaubte er pltzlich ein wahres Abbild von Brlar zu erkennen; er
fing ihn an zu frchten und zu hassen, und hatte endlich in dem Bekenntnisse der
Ppstin eine himmlische Weisung geglaubt, alles dem Vater zu bekennen. - Der
Graf hatte Verstand genug, die Sache gegen das Kind nicht mit Hrte zu
beurteilen; vielmehr drckte er ihn zrtlich an sich wie einen verlornen Sohn,
und gebot ihm nur den Abend sich zu beruhigen, morgen solle alles mit der Mutter
ausgeglichen werden, zu der er ihn, nachdem er ihm Augen und Nase gewischt,
zurckfhrte. Der Graf ging darauf mit einigen seiner Leute an den von Brlar
bestimmten Platz, sie fanden ihn; er merkte, da er verraten sei, und wehrte
sich wie ein Verzweifelter. Der Graf wollte ihn schonen, aber im blinden Fechten
warf sich der Unglckliche in den Degen eines Bedienten. Er endete als ein
tapferer Mann, wie er sich immer gezeigt hatte; nach seinem Tode entwickelte
sich aus einlaufenden Briefen die allgemeine Verbreitung seines Unternehmens. Am
nchsten Morgen nach dieser Begebenheit fhrte der Graf den zitternden Johannes
zur Grfin, erzhlte ihr, wie sich der arme Kleine von ihnen fr ungeliebt
gehalten, und empfahl ihn ihrer Liebe, indem er sein kindisches Unternehmen
erzhlte und verzieh. Die Grfin wurde sehr gerhrt, der mgliche Verlust
erweckte ihre Zrtlichkeit zu dem Kleinen, dem sie und ihr Mann jetzt alle die
Liebe zuwandten, die seine zrtliche Natur forderte. Der Graf sagte bei dieser
Veranlassung sehr ernst zu seiner Frau: Unsrer Kinder wegen mssen wir nach
Deutschland zurck; die beste Privaterziehung kann nicht ersetzen, was Kinder
durch den Mangel einer ffentlichen Schule verlieren. -
    Dolores blickte ihn schmerzlich an, aber sie sagte nichts dagegen. Auch er
fhlte es, wie schmerzlich es ihm sein msse, nach so vielen glcklichen Jahren,
von denen sich fast nichts sagen lie, als was er rings geschaffen zur Freude
anderer, und was er gelernt in eigner steigender Bildung, was ihm geboren und
durch Erziehung noch mehr angeeignet; alles ein Leben ohne Hemmung, unbekmmert
ber kleine unvermeidliche Beschwerden, nach solchen Jahren zu den emprendsten
Erinnerungen zurckzukehren. Dennoch bot sich ihm wenige Tage darauf eine nhere
Veranlassung zur Rckreise, die ihn fast bestimmt htte. Ein Prinz, mit dem er
studiert hatte, und der schon damals mit der Flle seines ernsten zutraulichen
Charakters sich ihm angeschlossen, war zur Regierung gelangt, und forderte ihn
ganz unerwartet auf, ihm beizustehn mit seinem Rate; alle uern Verhltnisse,
Titel und Gehalt, solle er sich selbst bestimmen. Seiner Dolores mochte er von
dem Briefe nichts sagen, der ihn sehr heftig bewegte, und in den heiesten
Nachmittagsstunden wach erhielt, wo er sonst mit allen Bewohnern Siziliens zu
ruhen pflegte. Er wollte an den Frsten schreiben; aber trotz der verschlossenen
Fenster und der Zuglcher war es ihm in der Hitze fast unmglich einen Brief,
der so viel Rcksichten beobachten und ausfragen mute, zu beendigen; ganz
ungeduldig, einem Elemente weichen zu mssen, stand er auf und sah in den
Nebenzimmern umher; er wollte sich zerstreuen. Da lagen aber Frau und Kinder,
wie von einer Pest niedergestreckt; er ging in die Vorzimmer und fand die Diener
alle in tiefem Schlaf, wie Tote ausgestreckt. Da er seit Jahren nicht in dieser
Stunde aufgewacht war, und umhergegangen, so hatte ihm diese tyrannische
Herrschaft der Wrme ber den Menschen etwas besonders Schreckliches. Was ist
unsre Klte, seufzte er, gegen diese unabwendbare Not? Wenn die Flsse bei uns
starren, da fliet der Geist frhlicher durch Stirn und Auge und funkelt heller
wie die Sterne; unsre Wlder, der khle Spielplatz des Sommers, erwrmen den
Winter; welch Leben regt sich in diesen Stunden auf allen Feldern Deutschlands;
der Erntewagen jagt, die Sicheln klingen, die Binderinnen umspannen die Garben,
alles singt. Hier sind selbst die Vgel wie ausgestorben, da ihre Laubdcher
fast verdorret sind; nirgends ist frischendes Grn des Bodens, niemand kann sein
Eigentum bewahren, die Herrschaft ber die Tiere ist verloren, die arbeitsamsten
Tiere vermgen nichts mehr, kein Pferd wird aus dem Stalle gezogen, sie trumen
an der Krippe und mgen nicht fressen, kein Schornstein raucht gastlich; wie
eine schwere Bue ist diese Mittagsstunde des Sdens, wo die kalten Schlangen
aus den Smpfen hervorkriechen und sich zngelnd an die Sonne legen, giftige
Mcken in der Sonne spielen, die grlichen Ungeheuer des Meers, den stinkenden
Leib an den Strand legen, und der tna seinen Aschenregen ber die Insel atmet,
da die Trauben aufspringen, und ihr Blut am Boden versprtzen. - Er stieg bei
dieser Erinnerung ganz allein in seinen Keller herunter, um sich dort zu khlen;
aber selbst dahin war die Wrme gedrungen, er entsiegelte eine Flasche echten
Rdesheimer, und nun ward ihm erst wieder leicht, da er singen konnte:

Grner Wald im deutschen Lande
Knnte ich dich wiedersehen,
Wiederfhlen dein khles Wehen
Ohne Schande.
Rhein, du bringst das Gold im Sande,
Spiegelst Sonne an die Trauben,
Fll den Becher mit altem Glauben
Bis zum Rande.
Wein, du khlest mich im Brande,
Wie die feuerroten Rosen,
Die mit khlenden Lippen kosen
Meine Schande.
Rosen, die mit khlem Bande
Hier die heie Stirne krnzen,
Stchen mich bei den heitern Tnzen
Deutscher Lande.
Deutsches Blut, zerrei die Bande,
Deutsche Berge stehen feste,
Und der Adler entsteigt dem Neste
Ohne Schande.

Er sprang auf, er wollte nach Deutschland reisen. - Es gibt wohl in allen
Menschen solche Augenblicke, wo sie sich weit ber alles Erlebte, Gewohnte,
Geprfte und Erkannte hinaussetzen mchten; wren sie Gtter, deren Wille gleich
Tat wrde, wie mchte da der Beste erscheinen; das aber unterscheidet den Guten
vom Bsen, da jener seinen bsen Willen nicht zur Tat werden lt. Der Graf
fhlte bald, da er seine Dolores zu einer so weiten Reise nicht verlassen
knnte, ohne sie tief zu krnken; sie mitzunehmen, das schien wegen der
Empfindlichkeit, die sie bei jeder Erinnerung aus Deutschland traurig machte,
unmglich; die Freundschaft zur Herzogin, ihre Liebe zu den Kindern hatte auch
ihre Rechte; durch alle diese Verhltnisse glaubte sich der Graf verpflichtet,
der Wirksamkeit in Deutschland fr jetzt noch zu entsagen, und alles Wohlttige,
was er fr sein Vaterland trumte, andern und der Zukunft berlassen zu mssen,
- so unendlich sind die Folgen des Guten, des Bsen.
    Jener Tag im Kloster, der den kleinen Johannes seines furchtbaren Lehrers
beraubt hatte, whrend er ihm die Liebe seiner Eltern schenkte, hatte sehr tief
auf ihn gewirkt; sein ganzes Wesen entwickelte sich vorzeitig schnell und
leidenschaftlich; er schlo sich an alle Menschen mit einer Innigkeit, die sich
in der Berhrung mit gewhnlicher Klte leicht in Ha umsetzte. Keinem war er so
ganz und unvernderlich ergeben, wie der Mutter; er geizte nach ihren Blicken,
lauerte auf ihre Wnsche, und verstand ihre Gedanken; tagelang lie er kleine
Geschenke der Mutter nicht aus den Hnden, und bedeckte sie mit unzhligen
Kssen. Den andern Kindern war dieses Wesen blo lcherlich, sie neckten ihn auf
alle Art damit; doch die Herzogin sah viele Leiden aus dieser
Leidenschaftlichkeit voraus, und suchte vergebens sie zu migen; ein bses Wort
der Mutter konnte ihn auf Tage zu allem Lernen unfhig machen; ein gnstiger
Blick spannte ihn zu so groer Anstrengung, da er in wenigen Stunden alle
bertraf; fr Tanz und Musik zeigte er besonders glckliche Anlage. Diese frhe
Heftigkeit, diese Anstrengungen bewegten ihn zu gewaltsam; eine ngstliche
Besorglichkeit bemchtigte sich seiner oft mitten in der grten Khnheit; auf
den hchsten Bumen, die er zum Staunen aller erkletterte, beengte ihn dann eine
Angst, da er mit Trnen bat, ihn herunterheben zu lassen; von seinen Bchern,
von seinen Schreibereien nahm er jeden Tag feierlichen Abschied, als she er sie
nicht wieder; whrend er die wunderlichsten Abhrtungen an seinem Krper
versuchte, bebte er vor einem Ohrenklingen, als sei es eine furchtbar nahende
Krankheit. Das alles war ein Gegenstand des Spottes der Geschwister, und dieser
Spott entfremdete sie von ihm; einsam baute er sich eine Art Festung, in die er
niemand einlie, eine Schwester ausgenommen, und von wo aus er allen
Vergngungen der Geschwister zusah, zu denen er, wenn es ihm einfiel, mit
gewaltigem Eifer eintrat. Der Graf meinte ihn zum Soldaten bestimmt, und lie
ihm diese frhzeitige Beschftigung mit Befestigungen und militrischen
Schriftstellern; aber der Himmel hatte ihn milder gelenkt. Eines Morgens wurde
er vergebens zum Frhstcke gerufen; der Graf ging endlich mit dem Vorsatze ihn
zu strafen nach der Festung, und fand ihn nicht, aber statt seiner einen Brief,
der durchnt von Trnen, und sehr undeutlich geschrieben dem Erschrockenen die
Nachricht brachte, da der Knabe in das Kloster des heiligen Laurentius
geflchtet sei, wo jene Komdie ihn damals zu seinem Besten gefhrt; er habe
sich auf einer groen Snde berrascht, zu deren Bue er dort als Novizius ein
geistliches Leben anfangen wolle. Der Graf ritt zornig zu dem Abte des Klosters,
und fragte ihn, wie er es wagen knne, ein Kind ohne Wissen der Eltern
aufzunehmen? Hier unterrichtete ihn der Abt, da er nach seiner Pflicht niemand
abweisen drfe, der sich in den Schutz der Kirche flchte, am wenigsten aber
einen reuigen Snder, der sein Heil in ihrem Schoe suche. - Aber welche Snde
kann der Kleine getan haben, von dem wir nie andres als Liebe erfuhren? -
Diese Liebe, sagte der Abt, ist sein Verderben; durch ein heiliges Buch ist
sein Gewissen geschrft, er bekennt sich strflicher Leidenschaft zur eignen
Mutter schuldig, er ehrt sie ber Gott. - Vergebens wandte der Graf ein, da
diese kindische Grille eher ein Wahnsinn als eine Schuld zu nennen; er ging zu
dem Kleinen, der aber schon das Gelbde des Stillschweigens angenommen, im
Gebete versenkt vor dem heiligen Laurentius lag; er hrte ihn, aber er
antwortete nicht. Der Graf hoffte, da die Zeit ihn am besten heilen wrde, und
berlie ihn einige Zeit dem strengen Leben. Nach vierzehn Tagen kam er wieder,
und ermahnte ihn zur Rckkehr ins vterliche Haus; der Kleine hatte Erlaubnis zu
sprechen, und beantwortete diesen Zuspruch mit einer abschreckenden Darstellung
aller Sorgen der Welt. Als der Graf von den Sorgen seiner Mutter um ihn sprach,
da wendete er sich ab, und betete mit unzhligen Trnen. Der Graf war so tief
gerhrt, da er ihn gewaltsam dem Kloster entreien wollte, aber der Abt
erinnerte ihn feierlich, warum er ihn seiner Bestimmung gewaltsam entreien
wolle, um ihn vielleicht der Schuld hinzugeben; jede Schuld, sagte er, ist
eine verfehlte Bestimmung. Der Graf dachte hier unwillkrlich an Dolores, und
an den Wallfahrtort, und lie dem Kleinen noch lngere Bedenkzeit. Aber die
Zuversicht zu dem neuen Leben wuchs immer mehr in ihm; er war ein Vorbild aller
im Kloster; sein Wesen erinnerte den Grafen an Traugott, er glaubte, seine
religise Gesinnung sei eine Vorahndung des Todes, und nahm schmerzlichern
Abschied bei jedem neuen Besuche. Die zurckgelassenen Papiere des Johannes
sammelte er sorgfltig, und schrieb traurig einige Worte der Erinnerung darauf:

Hatte nicht der frische Morgen
Dich in seinem Arm gewiegt,
Haben dich die mden Sorgen
Vor dem Abend schon besiegt.

Hatte nicht die Sonnenhelle
Dich mit ihrem Strahl umspielt,
Mde liegst du an der Schwelle
Einer Nacht, die alle khlt.

Hatten nicht des Muts Gedanken
Dich zum heitern Tanz gefhrt,
Muten deine Tritte wanken,
Als dein Herz da tief gerhrt.

Hatten nicht die frohen Tne
Deine Stirne khl umkrnzt,
Ach wo ist nun alles Schne,
Wo dein Blick, der uns umglnzt.

Hatte nicht die erste Liebe
Dich mit sem Wort geweckt;
Ach bald ist's die letzte Liebe,
Die mit Erde dich bedeckt.

So heftig der Graf und die Grfin von diesem Ereignisse erst zerrissen waren, so
mild wute Klelia sie beide auf die Gnade aufmerksam zu machen, ein geliebtes
Kind in so heiliger Bestimmung zu verlieren. Johannes starb auch nicht, vielmehr
wuchs er krftig auf in seinem strengen Leben, und viel Segen kommt von ihm in
knftigen Tagen der Leiden ber das ganze Haus, nachdem er vorreif in
krperlicher und geistiger Entwickelung, vielleicht auch in Hinsicht seines
Standes, frhzeitig die Priesterwrde erhalten.

                               Siebentes Kapitel



Rckkehr des alten Grafen P ... mit seiner ostindischen Familie nach dem Palaste
                                 in Deutschland

Erinnern wir uns noch einmal, da der Graf das Schlo seines Schwiegervaters,
des Grafen P ..., als ein verschlossenes Denkmal seiner frheren Zeit, seines
Glcks und Unglcks unbewohnt zurckgelassen hatte, aber fr dessen Erhaltung
sorgen lie; jhrlich erhielt er Nachricht, was unvermeidliche Zuflle im
Schlosse oder Garten verndert; aber wie alles mit Einsichten gebaut, so schien
alles durch die Zeit zu gewinnen und kleine Beschdigungen waren ohne groe
Kosten ergnzt. Ein seltsames Toben, das in gewissen Nchten das Schlo
erfllte, die Erleuchtung, die dann in mehreren Zimmern bemerkt wurde, gaben zu
wunderlichen Gerchten Anla; man sprach von dem Geiste des alten Grafen, der da
umginge, und wie in alter Zeit in Festlichkeiten schwelge. Keiner wagte es ohne
Auftrag, die Sache zu untersuchen; auch dieses wurde dem Grafen berichtet, der
aber unter dem hellen sizilischen Himmel die Dunst- und Nebelgestalten des
Nordens wenig beachtete; seinen Schwiegervater hatte er wegen des Leichtsinns,
mit welchem er die Seinen verlassen, nie leiden knnen, sein Geist war ihm ganz
gleichgltig. Ungefhr zehn Jahre nach dem Auszuge des Grafen, in derselben
Nacht, die vor eilf Jahren den Treubruch der Grfin verhllte, kam ihr Vater,
der alte Graf P ... mit vier groen sechsspnnigen Kutschen ber die Heerstrae
die Anhhe herunter gefahren, von welcher die beiden Schlsser und die alte
Stadt so herrlich zu bersehen. Er fuhr mit einer ostindischen Frau und zwei
Kindern, die sie ihm in Ostindien geboren, in einem Wagen; seine dort erworbenen
Schtze und seine Dienerschaft folgte in den drei andern. Er hatte seinen Namen
verndert, und galt fr einen Englnder; von den Seinen hatte er nichts
erfahren, nicht einmal ob seine Frau und Kinder noch lebten; die Sehnsucht nach
seinem Schlosse, von dem er seiner Moham (der neuen Frau) tglich vorerzhlte,
trieb ihn einzig in diese Gegend zurck. Von der Anhhe sah er viele Zimmer
seines Schlosses hellerleuchtet; erst jetzt gedachte er ernstlich in seinem
leichtsinnigen Gemte, wie er seine neue Frau, seiner ersten vorstellen solle,
die beide nichts von einander wuten, wenn diese vielleicht noch am Leben sei.
Die Geschichte des Herrn von Gleichen, der seiner Frau aus den Kreuzzgen
heimkehrend eine Sarazenin zufhrte, die ihn aus Liebe von der Sklaverei
befreit, und dafr aus Dankbarkeit von der ersten Frau als Mitgenossin ihres
Ehebettes anerkannt wurde: diese Geschichte, die seinem Leichtsinne bis dahin
als genugtuend fr alle Flle vorgeschwebt hatte, wollte ihn nicht ganz
beruhigen. Er lie langsam fahren, und stieg mit Herzklopfen vor dem Schlosse
aus dem Wagen, und trat in das Schlo, das offen stand, und wo ihn eine
prachtvolle Dienerschaft empfing. Er fragte, ob die Grfin P ... noch zu
sprechen wre; die Diener sahen ihn verwundert an, und fragten ihn, ob er nicht
wisse, da sie schon seit neun Jahren mit dem Herzoge von A ... verheiratet
wre, sie wrden ihn anmelden. Er nannte sich Moham und sagte, da er
Bestellungen von einem alten Freunde des Hauses brchte. Sobald dieses
ausgerichtet, wurde er zu der Frau vom Hause gefhrt, er fand sie wenig
verndert, nur etwas blsser; sie kannte ihn nicht, was nicht zu verwundern, da
er sehr gealtert und vom heien Klima fast dunkelbraun gebrannt worden; er sagte
ihr, da ihr voriger Mann noch lebe, und da er von ihm gesendet sei, das Schlo
nach dem Mae seiner jetzigen Reichtmer zu verschnern. Die Herzogin erwiderte
ihm, da er kein Recht auf das Schlo behalten, da sie es von seinen Schuldnern
erkauft und selbst, nachdem sie den Leichtsinnigen in allen ffentlichen
Blttern vorgefordert, einem andern Manne, dem spanischen Herzoge von A ...
vermhlt sei. Der Graf verriet sich nicht; so unangenehm ihm der Verlust seines
Schlosses war, so lieb war ihm der Verlust seiner Frau, die ihm gar nicht mehr
liebenswrdig erschien; er sagte, da er alles ihrem ersten Gemahl berichten
wolle, doch glaube er durch das unumschrnkte Zutrauen desselben wohl berechtigt
zu sein, um ein Nachtlager fr sich und die Seinen zu bitten. Die Frau vom Hause
bewilligte es ihm gern, und stellte ihm den Herzog, ihren Gemahl vor, der eben
mit groer Pracht ins Zimmer getreten war. Der Herzog berhufte ihn mit
Artigkeiten, und schimpfte doch dabei auf den alten Grafen, der darber in einer
ngstlichen Verlegenheit war; die Ostindianerin Moham hatte sich und ihre Kinder
verschleiert; man setzte sich zu Tische, man a und trank prachtvoll, und der
Herzog machte der fremden Frau mit solcher unwiderstehlichen Liebenswrdigkeit
den Hof, da diese sich entschleierte und ihm sichtbare Zeichen ihrer Zuneigung
gab. Die Verlegenheit des Grafen hatte den Gipfel erreicht, als der Tisch
aufgehoben wurde, und sich einer nach dem andern unter verschiedenem Vorwande
beurlaubte; dem Herzoge sagte zuletzt ein Diener Botschaft von der Grfin
Dolores, und er wurde so heftig bewegt, zitterte so gewaltsam, die Haare
strubten sich ihm empor, er flog zur Tre hinaus ohne Abschied, und nahm das
letzte Licht mit sich fort. Der alte Graf fhlte bei seinem Anblicke eine Reue,
einen innern Vorwurf, den er nie mglich geglaubt; er wagte nicht an seine
Tochter Dolores zu denken, und wute nicht warum; Frau und Kinder drngten sich
ebenfalls erschrocken in dem Dunkel an ihn, und sie warteten alle ngstlich,
aber vergebens, da die Lichter von der Dienerschaft wieder gebracht wrden, wie
es die Schicklichkeit forderte. Pltzlich erhellte sich indessen das Zimmer von
auen; ihre eigenen Leute und viele Brger der Stadt durchrannten mit
Feuergeschrei die Vorsle, und kamen nun zu ihnen; mit halben Worten erfuhren
sie jetzt, da das Schlo mit dem Glockenschlage zwlfe an vier Ecken habe
angefangen zu brennen; mit Mhe konnte der Graf sich und die Seinen und seine
reichen Wagen retten, von denen schon einer abgepackt worden; seine ostindischen
Leute erstarrten vor den unbegreiflichen Erscheinungen, und waren ihm mehr Last
als Hlfe. Nachdem er alles und alle im freien Felde geborgen, und die Brger
hrte, wie sie so nachlssig zum Lschen gingen, weil sie meinten, das sei
Gottes Finger, der vor dem Einzuge ihres Frsten, noch das hochmtige Schlo des
Grafen habe demtigen wollen, da er eine reine Aussicht aus seinen Zimmern
bekomme, auch sei es schon lange darin umgegangen mit allerlei Erscheinungen; da
kam er auf den Glauben, das Feuer sei absichtlich angelegt gewesen. So bitter
ihm dieser Gedanke im ersten Augenblicke war, so herrlich sich die schnen
Verhltnisse des Gebudes mit scheidender Sehnsucht in dem Feuer verklrten, so
hatte er, der alles aufgeben, alles vergessen konnte, auch darber sich bald
gefat; er zndete seinen Zigaro an einem heruntergestrzten brennenden Balken
an, und lie sich mit einigen migen Zuschauern in Unterredung ein. Er fragte
zuerst nach dem Herzoge von A ..., der ihm ganz unbekannt sei; sie verwunderten
sich alle, da er den nicht kenne, der habe die junge Grfin Klelia geheiratet,
sei aber nun schon lange tot, und der brave Graf Karl, der an Grfin Dolores
vermhlt, sei mit ihr zur Witwe hingezogen, keiner wisse recht warum; doch sage
man, der alte Graf P ... sei so oft im Schlosse umgegangen und habe so viel
Tumult nach seiner Art gemacht, da sie es nicht aushalten knnen, gewi wre
es, da nach ihrem Abzuge kein Mensch vor seinem Spuken im Schlosse htte
aushalten knnen. - Der Graf war nicht wenig erstaunt, sich als ein Gespenst in
seinem alten Wohnsitze anerkannt zu wissen; er fragte mit einigem Herzklopfen,
ob man nicht wisse, wo der alte Graf geblieben. - Der hochmtige ppige Narr,
antwortete ein Brger, nachdem er unserm Frsten mit Bauen und Fresserei alles
gebrannte Herzleid angetan, mute schuldenhalber davon laufen, lie Frau und
Kinder im Stich, und die Frau starb bald aus Gram. - Jetzt wute er genug von
dem Schicksale der Seinen; er drehte sich um, und das Gewissen zog eine tiefe
Furche ber seine Erinnerungen, wie der Ackermann ber eine verfluchte und
zerstrte Stadt. Er mute fort, er wollte dieselbe Strae zurck, aber seine
Pferde, die er den vorigen Tag sehr angestrengt, bedurften der Ruhe; um nichts
bles mehr von sich zu hren, gab er sich fr einen alten Freund des Grafen P
... aus, der ihn htte besuchen wollen. - Den Schelm, sagte der Wirt, wo er
abgetreten, wollt Ihr besuchen Herr? Da mtet Ihr weit fahren und hoch
steigen; der ist in Amsterdam an den hchsten Galgen gegangen. - Bewahre
Gott, sagte der Graf. - Ich schwre es Euch bei Seel und Seligkeit,
antwortete der Wirt; ein hollndischer Kaufmann, der ihn gar wohl kannte, hat
ihn hngen sehen, weil er in Holland falsche Wechsel gemacht, und darber Streit
mit dem Erbstatthalter bekommen. - Der Graf beschleunigte ungeduldig seine
Abreise; der Wirt konnte es nicht begreifen, da er um den alten Spitzbuben, den
Grafen so weit gefahren, und nicht einen Tag bleiben wolle, um den prchtigen
Einzug ihres Frsten zu sehen, der nach so vielen Jahren des Elendes wieder
zurckkehre, den sie auf Hnden in die Stadt tragen wrden; ja daran erkennt
man gleich den Herren Englnder, versicherte der Wirt. - Der Graf sah tief
gekrnkt zum Fenster hinaus nach der Brandsttte; viel Rauch, aber wenig Flamme
stieg mehr auf. Mehrere Mauern waren halb eingestrzt, sie waren nicht dauerhaft
gebaut, die brigen besonders an den Zuglchern der Fenster sehr geschwrzt. Das
altertmliche frstliche Schlo trat glnzend hervor im Morgenrot; der Wchter
blies mit seinem Horn von der hohen Zinne den Tag an, es schien noch
Jahrhunderte zu berschauen und des Grafen luftiges Gebude, das so lange darauf
zu spotten schien, lag da wie eine untergehende leichtsinnige Zeit reuig
abbittend vor einer alten dauerhaften, wiederkehrenden, bescheidenern. - Der
Graf konnte das alles nicht lnger ertragen, ihm war zu Mute, als erginge ber
ihn das Totengericht der gyptischen Knige; er sah zu, ob sich seine Leute
etwas erholt htten, und befragte sie, wie es ihnen im Schlosse ergangen. Ihre
verwirrten Aussagen kamen alle darauf hinaus, da sie von einer Dienerschaft,
die sehr prchtig gewesen, sehr gut aufgenommen worden; da sich aber auf
wiederholtes Klingeln einer nach dem andern mit den Lichtern entfernt, und sie
gleich darauf das Feuer bemerkt, auch niemand von den Dienern wiedergesehen
htten. Der Graf gebot ihnen zu schweigen, fragte noch, wann denn der Frst
ankme; der Wirt sagte, um Mittag, da lie er anspannen, um ihn zu vermeiden.

                                 Achtes Kapitel



     Der alte Graf P ... begegnet dem Frsten, der in sein Land zurckkehrt

Als sie den Berg hinauffuhren und der Graf in tiefen Gedanken sich noch einmal
nach seiner ganz vergangnen, ganz untergegangenen Zeit umblickte, wurde er durch
einen heftigen Sto erweckt, sein Kutscher war sehr ungeschickt mit einem
anderen Wagen zusammengefahren; der Postillon wollte mit Schlgen ber ihn her
fallen, aber eine gebietende Stimme im Wagen gebot ihm Frieden, und er gehorchte
im Augenblicke; auch der Graf gebot seinem Kutscher, lieber zu helfen statt zu
zanken. Die beiden Stimmen erkannten sich; in der Stimme liegt die dauerndste
Eigentmlichkeit des Menschen; als sie sich ansahen, denn Wagen stand an Wagen,
waren sie einander wieder ganz fremd; es war aber in der Stimme etwas, das die
tiefste Vergangenheit, die frhlichste Jugend in ihnen erweckte. Der alte Graf
stieg aus dem Wagen, der andre Reisende gleichfalls; heiliger Gott, schrie der
andre auf, welch ein Unglck, kein Wort wei ich davon, das schne Schlo des
Grafen ist abgebrannt, gut da er das nicht erlebt hat! - Der Graf erkannte an
diesem kurz ausgesprochenen gut seinen alten Freund und spteren Feind, den
Frsten; so mitleidig hatte er ihn nie gedacht, nie so alt; er war in seinen
Gedanken noch immer der rasche Jger, der ber Felsengeklfte den Khnsten
voraushetzte. - Ach mein gndiger Frst, die Jahre haben mich unkenntlich
gemacht, die Sonne meine Haut und das Feuer meine Fehler verbrannt; es ist alles
anders geworden, alles durchs Feuer gegangen, mein gndiger Frst, mir ist alles
verloren und vergessen, nur die frhe Vertraulichkeit, in der wir der Welt Lust
und Freuden durchstrichen, fleht zu Ihnen um Nachsicht, um ein mildes Verzeihen
spterer Irrungen; erlauben Sie, da ich Ihre Hand ksse. - Der Frst sah ihn
mit groen Augen an, wie ein altes teures Bildnis, welches nach einander viele
ungeschickte Hnde so wie die Zeit entstellend bergemalt; er konnte kein Wort
sagen und lie sich unbewut die Hand kssen; nachher umarmte er ihn, dann
weinte er und die Zunge war ihm gelset und strmte ber in alter
Vertraulichkeit: Sieh, ich wollte allen schmerzlichen Erinnerungen eines
festlichen Einzuges entgehen, wollte einsam nach dem Schlosse zurckkehren, denn
wie stimmte der Jubel meines guten Vlkchens zu meiner Trauer, Frau und Kinder
von mir entzweit zu wissen; sieh nur und da kommst du so lebhaft und rufst mir
dies und tausend andres mit lebendiger Stimme wieder auf; meine Frau war dir
sehr gut, sie spricht noch oft von dir; einmal war ich sogar eiferschtig auf
dich. - Und so wechselten beide mit Anklngen alter Zeiten, neuer Schmerzen;
die Wagen waren lngst auseinander gehoben, aber ihre Hnde lieen nicht von
einander; endlich zwang sich der Graf zum Abschiednehmen. Torheit, rief der
Frst, du bist jetzt in meiner Gewalt, in meines Herzens Bannmeile, dich lasse
ich jetzt und nimmer von mir, wir haben einander bis an unser Lebensende zu
erzhlen; du hast Frau und Kinder, ich habe keine und verlange Ersatz vom
Schicksale. Ich knnte nicht ruhig sterben, wenn mich kein Freund begleitete;
hast du zum Bauen nicht mehr Lust und Zeit, so ziehe zu mir, mein Schlo ist
ganz leer. - Der Graf gestand ihm, da sich eine Geisterfurcht seit der Nacht
seiner bemchtigt habe, sonst triebe ihn nichts fort; er wre ja blo darum des
weiten Weges gekommen, um sich hier wieder anzusiedeln; dabei erzhlte er ihm
seinen wunderbaren Empfang im Schlosse. - Der Frst sah tiefsinnig vor sich hin,
und schrieb mit dem Stocke einige Zge in den Boden: Ich kann die Gespenster
bannen, denn sieh, ich bin auch ein Gespenst, ein Gespenst, das nur noch von dem
trumenden Genusse frherer Tage, von seinen Gewohnheiten lebt. - Wer ist dann
mehr Gespenst als ich, rief der Graf, einem fremden Weltteile klimatisiert,
machte ich aus Nacht Tag, aus Tag Nacht: nun wohlan, so wollen wir es mit unsern
unruhigen Brdern der Mitternacht aufnehmen! - - Er winkte seinem Wagen und sie
kehrten alle um; er selbst ging Hand in Hand mit dem Frsten zum Schlosse. Auf
dem Wege fragte den Frsten eine ausgestellte Wache, ob er nichts von ihrem
Frsten unterweges gehrt, ob er noch eintreffe. Der Frst zog seinen
Geldbeutel, gab ihm ein Goldstck und fragte ihn, wer darauf abgebildet. -
Unser gndiger Frst, antwortete die Schildwache. - Nun so behalt's, sagte
der Frst, damit du ihn wiederkennst, wenn er kommt. - Die Schildwache dankte
verwundert und versicherte: seinen Landesherrn wollte er schon erkennen, der
htte bei ihm Gevatter gestanden. Der Frst und der Graf gingen nachdenklich an
das Schlotor, es war verschlossen; sie klopften an, der Trsteher fragte: Wer
da? - Dein Frst, Alter! rief der Frst. - Ach ja, der gndige Frst,
weinte der Alte, ffnete die Tre und umfate seine Kniee. - Der kennt mich
noch, weil er blind ist, sagte der Frst weggewandt zu dem Grafen. - Sie
durchwanderten nun die alten Zimmer, die ihnen jetzt festlich dnkten, die ihnen
sonst mit ihrer alten Pracht lcherlich gewesen; der Graf stellte dem Frsten
seine Frau und Kinder vor, der sich in ihre fremde Art leicht zu finden wute;
sie muten alle auf dem Schlosse wohnen. Unterdessen hatte sich die Nachricht
von des Frsten Ankunft in der Stadt verbreitet; die festlichen Anstalten, die
bekannten weigekleideten Mdchen, die zitternd eine Rede abqulen, die Blumen,
die Kanonenschsse, die er vermeiden wollte, nichts wurde ihm geschenkt; doch
von dem berraschenden Jubel von allen Seiten angezndet, brannte das ganze
kunstreiche Feuerwerk in rascher Unordnung vor ihm ab, so da er in der
Gesellschaft des alten Freundes alles mitzugenieen vermochte.
    Festlicher fllte sich bald das Schlo nach des Grafen Anordnung mit
morgenlndischen Teppichen und Tnzen; die weichlichen Belustigungen jener
lebensreichen Gegenden erfrischten das austrocknende Alter des Frsten; der Graf
verwandte mit Freuden einen Teil der erworbenen Schtze zu seinem Dienste, und
diente ihm gern auch in allen ernsteren Verhltnissen mit seiner reichen
Welterfahrung. Seinen Tchtern in Sizilien sendete er prachtvolle
morgenlndische Geschenke, doch wute er nicht, was er ihnen dabei schreiben
sollte, noch weniger verstand er ihre Briefe. Vater und Tchter hatten sich ganz
von einander abgelebt, jedem war eine andre neue Zeit geworden; doch dankte er
dem Weltgeiste, den er in Indien verehren gelernt, da er fr seine Tchter im
ewig ruhigen Verstande gesorgt, nachdem Vater und Mutter sie verlassen, die Welt
sie aufgegeben, die Armut sie bekmpft, und die Schuld sie bestritten hatte. Die
Trmmer seines alten Schlosses lie er zu seiner Erinnerung unverndert stehen;
Reisende versichern, da das Lebendige, Frische in dem Zerstrten: Marmorsulen,
die halb zu Kalk verbrannt, bunte Wandmalerei, halb geschwrzt, einen
eigentmlichen Eindruck von Vergnglichkeit gewhre, der manchem schwermtigen,
der Gegenwart berdrssigen Gemte so willkommen ist.
    Mehrere Monate waren schon im verbundenen Hauswesen des Frsten und des
alten Grafen frhlich vollendet; whrend jener noch immer aus Rcksicht, der er
sich so oft in seinem Leben unterworfen hatte, den Freund zu fragen mied, wie er
zu der schnen Frau und zu den groen Schtzen in Indien gelangt sei, ob Glck
oder Flei sie ihm zugewendet; lange glaubte er, da irgendein Geheimnis darauf
ruhe. Der Graf gehrte aber zu der Art Leuten, die aus Bequemlichkeit gern
voraussetzen, was ihnen begegnet sei, msse jeder wissen; ganz zufllig kam es
eines Nachmittags, wo er sich ber die Frau, die von manchen indischen
Gewohnheiten, besonders von der Verschleierung, durchaus nicht ablassen wollte,
gergert hatte, da er zum Frsten sprach, als sie hinausgegangen: Ich kann
nicht strenge gegen sie sein, teils weil es mein Wohlleben stren wrde, teils
weil ich dieser ihrer besonderen Natur zu viel verdanke. - Was dankst du ihr?
fragte der Frst aufhorchend. - GRAF P.: Sie selbst und alle Reichtmer; habe
ich das nie erzhlt? - FRST: Nimmermehr. - GRAF P.: So wollen wir uns dazu
ganz bequem setzen; ich will den Vorgang kurz erzhlen, doch ist genug Stoff zu
einem langen Schauspiele darin. Auf der Reise nach Ostindien wurde ich mit einem
Deutschen, der sich Thomas nannte, mehr durch die Sprache als durch
bereinstimmung in Art und Bildung genau bekannt; er war ganz roh und wollte
sich im Soldatenstande emporschwingen, er war eben so leicht zu befriedigen mit
seinem Schicksale, als ich damals noch ungengsam war; ich beleidigte ihn oft
mit meinem Hochmute. In Ostindien verlor ich ihn aus den Augen. Ich lebte hoch,
so lange mein Geld dauerte; nachher bemhte ich mich vergebens nach guter
Anstellung; ich handelte, aber die Leute dort waren verschlagener als ich; bald
hatte ich nichts, weder Waren noch Geld. Den Europern mochte ich nicht dienen,
ich lief zu den Vlkerschaften des innern Landes, die zwar den Englndern
Steuern entrichten, doch ihrer nheren Aufsicht entzogen sind. Mir wurde manche
sonderbare Begebenheit, doch war mir das fremdartigste Ereignis, als ich meinen
Schiffskameraden Thomas auf dem Nabobsthrone von Tipan fand; die schne Moham
war seine Frau und die eigentliche Herrscherin des Landes; seine Prahlereien von
der Kenntnis europischer Kriegskunst hatten ihn zu dieser Wrde erhoben. Ich
trat in seine Dienste und hoffte wenigstens Minister zu werden, aber statt
dessen machte er mich zum Entenfnger; mit einem Schwimmgrtel angetan, den Kopf
in einem groen ausgehhlten Wasserkrbis versteckt, in welchem ein paar Lcher
fr die Augen geschnitten, mute ich den Flu hinunterschwimmen; bald setzten
sich wilde Enten auf den Krbis, diese zog ich mit der Hand schnell
hervorlangend unters Wasser; so brachte ich manches Dutzend nach Hause. Alle
vier Wochen fiel es dem strengen Herrscher ein, mich zu sich kommen zu lassen,
um Deutsch zu reden, bei welcher Gelegenheit er mir meinen sonstigen Hochmut oft
vorrckte. Die Schnheit des Landes, der berflu an edlen Lebensmitteln macht
in jenen Gegenden manche Beschwerde ertrglich; der Umgang mit einigen Bern,
die am Ufer meines Flusses wie Biber sich angebaut hatten, machte mir diesen
Zustand sogar angenehm; ich lernte von ihnen die Sanskritsprache, whrend ich
vom Entenfange ausruhete. - Wunderbar, unterbrach ihn hier der Frst,
wunderbar ist dieser Zug aller Deutschen in unserer Zeit nach dem Indischen;
wie die Kirchen alle mit ihren Altren nach Osten zu gerichtet sind, und daher
oft gegen die Drfer, zu denen sie gehren, schief liegen, so denken alle an
Indien, und lassen ihr Vaterland liegen, wie es will. - GRAF: Wer kann wissen,
was uns daher noch kommt? Ich lebte wohl ein Jahr in jener Schule, ich fhle,
wie wenig ich noch begriffen und bin doch dankbar fr die Aufklrungen des
hheren Lebens. Damals strte mich ein unerwartetes Ereignis in meinen
Forschungen. Thomas hatte allmhlich alle Arten seiner Pracht vor mir
ausgebreitet, ich hatte alles kraft meiner sanskritanischen Weisheit verachtet;
endlich sagte er mir, er habe doch etwas, das ber alle Weisheit erhaben, das
Hchste der Welt sei: seine schne Frau; die msse ich einmal ganz ohne Schleier
sehen. Vergebens stellte ich ihm vor, da mir dies nach den Landesgesetzen bei
Lebensstrafe nicht erlaubt sei; ich erzhlte vom Gyges, wie er den Candaulus
wegen einer hnlichen Prahlerei, nachdem die Frau diese Beschauung bemerkt, auf
ihren Befehl habe umbringen mssen; er verstand aber Beispiele nur immer als
sonderbare Geschichten, unterhielt sich damit, wandte sie aber weiter gar nicht
auf sich an. Ich mute mich auf seinen Befehl in ein Nebenzimmer bei seinem Bade
verstecken, und sollte durch die geffnete Tre hineinblicken, whrend er die
Augen seiner Moham mit einem neuen Bilde, das an der andern Seite des
Badezimmers befestigt, von mir abwenden wollte. In dem Zimmer, wo ich versteckt
war, legte er seine frstlichen Kleider, Binde und Schwert ab. Ich ging
wahrhaftig ohne bsen Willen in das Zimmer, aber die Schnheit der Moham, die
sich vor meinen Augen allmhlich entschleierte, aber aus Zchtigkeit selbst in
der Einsamkeit mit ihrem Manne, in einem feinen Badehemde verhllet blieb, gab
mir solche Verachtung gegen Thomas, da ich sein frstliches Kleid, seine Binde
und Schwert, leise anlegte, whrend beide im Bade lustig pltscherten, pltzlich
in das Badezimmer trat und dem Thomas befahl, mein abgelegtes Fischerkleid
anzuziehen und sich augenblicklich auf meinen Flu zu begeben, um mir fr diesen
Abend noch ein Dutzend wilder Enten zu bringen. Thomas wollte Einwendungen
machen, aber er sah es meinem Schwerte an, da ich zum Spae zu ernsthaft
gestimmt sei; er mute das Kleid anziehen. Drauen wollte er die Wachen zu
seinem Schutze befehlen; da sie ihn aber in der Tracht mit mir verwechselten und
strengen Befehl erhalten hatten, mich bei der geringsten Widersetzlichkeit hart
zu zchtigen, und aus dem Schlosse zu werfen, so geschah dies auch ihm. Ich war
indessen mit der ohnmchtigen Moham beschftigt; ich brachte sie zum Leben, und
durch meine Kenntnis heiliger Sprche aus dem Sanskrit zum vollen Vertrauen zu
mir. Noch denselben Abend erklrte sie mich zum Nabob, und Thomas brachte zu
unserm Vermhlungsfeste ein Dutzend gefangener Enten; der Einfaltspinsel war
bald mit seinem neuen Stande ganz zufrieden. Einige Jahre regierte ich nach
Herzenslust, da nahm uns die Ostindische Compagnie die Herrschaft. Mit unsern
Schtzen schifften wir nach Europa; das Glck vershnte mich mit Ihnen, mein
Frst.

                                Neuntes Kapitel



   Der alte Graf P ... wird Minister. Tod des Frsten. Regierung der Frstin

Wir wollen den alten Grafen von jetzt, wo er bald mit dem Grafen Karl in eine
nhere Berhrung kommt, durch seinen Dienst und Ehrentitel als Minister
unterscheiden; er hatte die Stelle eines ersten Ministers nach vielen dringenden
Bitten des Frsten angenommen; Leichtsinn hinderte ihn nicht mehr in dem
ordentlichen Gebrauche seines hohen Talents fr das Geschftsleben; er widmete
sich ihm ganz. Nur ein Jahr dauerte dieses schne Zusammenleben und
Zusammenwirken des Frsten mit dem Grafen, da wurde jener durch einen
unerwarteten Schlagflu hinweggerafft, und die Frstin bernahm die Verwaltung
ihres Landes im Namen ihres bldsinnigen Sohnes, der in gemeiner Ausschweifung
Frankreich durchschwrmte. Der Minister beschlo erst sich ganz zurckzuziehen;
er bezog ein angenehmes Nebenhaus bei seinem verbrannten Palaste, und erwartete
nicht, da ihn die Frstin rufen wrde. Aber kaum hatte sie die Feierlichkeiten
ihres Einzugs berstanden, und die Auseinandersetzung seiner Geschftsfhrung
durchlesen, als sie mit dem ihr eigenen Scharfsinne sein groes Talent so ganz
erkannte, da sie sich zu der Aufopferung aller Empfindlichkeiten entschlo, und
so dringend ihn zu sich forderte, da er ihrer Einladung nicht widerstehen
konnte. Er war sehr berrascht, sie so durchaus in ihrer ganzen Schnheit
erhalten zu finden, als wre diese Zeit nur ein schlimmer Tag der vor vierzehn
Jahren verlebten; sie wute ihre alte Vertraulichkeit so ganz herzustellen, da
er alle Geschfte gern bernahm, und mit Hlfe ihres Geistes zu noch grerer
allgemeiner Zufriedenheit fortfhren konnte. Er htte sich von neuem in sie
verliebt, aber sie mied diese Berhrung; auch gengte es ihm bald nach den
Geschften dem Hofe ganz zu leben. Wirklich war auch ein liebenswrdigerer Hof
kaum denkbar. Die Frstin hatte in der langen Entfernung von ihrem Lande, durch
ihren in Knsten gebildetern Sinn Leben und Freude kennen gelernt; sie
unterschied jetzt mit Sicherheit den Kreis ihres eigenen Lebens von dem
ffentlichen, den ihr ein groes Schicksal anvertraut hatte, und so strten
beide einander niemals. Nie erschien eine Frstin, wo sie in einem ffentlichen
Geschfte begriffen, mit mehr Ansehen und Glanz; sie zog es vor, manches, was
sonst nur unter wenigen Augen verhandelt wird, der Menge darzustellen; die
Bestallung zu mtern, der letzte Vortrag und die Beratung ber neue
Einrichtungen, die Belohnung ffentlicher Verdienste mit Ehrenzeichen waren neue
Feierlichkeiten, an denen sich die Erwachsenen freuten, und welche die Kinder
begeisterten; ihr Kunstsinn wute durch Anordnung mit unendlich geringem
Kostenaufwande die grten Wirkungen hervorzubringen. - Wer etwas Rechtes will,
kann mit wenigem unendlich viel leisten; die ausgezeichneten Mnner dienten ihr
mehr fr Ehre als fr Lohn, und mehr fr die Annehmlichkeit ihres tglichen
Umgangs als fr die Ehre. In den Gedanken der entfernten Menge, schwebte ein
Bild von der Glckseligkeit des Hoflebens, das leider so selten in der Nhe
gefunden wird, das aber doch wohl verdiente einmal wieder dargestellt zu werden,
wie es in der Ritterzeit wirklich vorhanden war, und dem sich der Hof der
Frstin wenigstens nherte. Allem Glanze, aller Etikette wurde in der
eigentlichen ffentlichen Angelegenheit gengt; das Vergngen des Hofes und
seine Geselligkeit aber keinesweges dazu gerechnet; waren die Stnde dort streng
nach hergebrachten erworbenen Rechten und Ehren unterschieden, hier galt nur das
gesellige Talent, und das Verhltnis zur Gesellschaft durch Freundschaft und
Wohlwollen; hier war die Frstin ganz menschlich, ganz eigentmlich sich selbst
berlassen, ihrer individuellen Neigung und Gunst. Doch fiel es keinem bei ihr
ein, Begnstigungen des geselligen Umgangs auf ffentliche Verhltnisse zu
bertragen; wie wre es mglich gewesen, die heitre schne Frstin, zu der jeder
in seinem tglichen Kleide, in Stiefeln, ohne Umstnde, Abends den Eintritt
begehren durfte, mit jener ernsten glnzenden Frstin zu verwechseln, wie sie in
Geschften erschien, wo jedes Wort bedacht, jede Annherung abgemessen, jede
Amtskleidung bestimmt war, wo jeder Eintretende von dem Oberhofmeister seine
Bestimmung erhielt. Fremd war diese Einrichtung allerdings in der Gegend; die
alten Frauen verwunderten sich ungemein, ihre Frstin mit Unadligen tanzen zu
sehen. Auf ihre Vorstellungen, antwortete die Frstin: Wenn ich tanze, mu ich
doch Krone und Zepter ablegen, es wrde sonst sehr lcherlich lassen; ich tanze
mit dem am liebsten, der am besten tanzt; sollte es nach dem Range gehen, so
mte ich meinen alten General ins Grab, oder den Minister auf eine Woche zu
allen Geschften unbrauchbar tanzen. - Die Annehmlichkeit des Hofes, die stete
Erneuerung, die wechselnde Bekanntschaft und Aufmunterung von manchem
Herrlichen, was in den geselligen Kreis eintrat, und dem ffentlichen Verkehr
verbunden nutzte, vernichtete bald den ersten Widerspruch. Eine Reise an diesen
Hof war fr die umliegenden kleinen Hfe die hchste Belustigung; manche
mieteten in der kleinen Residenzstadt Huser, und bauten sich an; ein
knstliches Bad, das dort angelegt war, mute zum Vorwande dieser Reisen dienen;
ein lebendiges Schauspiel, nicht blo von Besoldeten, sondern auch von
Liebhabern getrieben, zog andere Fremde herbei; in kurzer Zeit waren die
Verheerungen des Krieges ganz vergessen, das ganze Stdtchen wohlhabender als
je, Zweige der eignen Industrie schnell entwickelt, die sonst viele Jahre
vergeblich aufgemuntert worden; ja es zeigte sich bald ein eigentmlich heitrer
mitteilender Geist unter allen Bewohnern, eine reiche allgemeinere Sprache durch
alle Klassen, ein freies schneres Ansehen, das sie von allen Nachbaren
unterschied. Die lteren Leute fanden sich von dem Drange zum Bessern ohne ihr
Wissen und Wollen selbst verwandelt, kamen dann wohl selbst zur Frstin, und
fragten sie, wie es mglich gewesen, da sie und der ganze Hof sich sonst an
langen Mittagsmahlzeiten an verschiedenen Tafeln geqult, sich mit dem Minister
ber sein groes Haus entzweit, mit der alten frstlichen Tante wegen eines zu
spten Eintreffens bei der Cour erzrnt htten. - Die Frstin mute dann ber
sich selbst lachen; sie konnte sich selbst nicht begreifen, und bat den Minister
scherzend, er mchte sich doch jetzt wieder ein recht schnes Haus bauen, es
wrde ihr keinen rger mehr machen. - Wie glcklich knnten kleinere Staaten
sein, wenn es keine greren gbe!
    Doch traten jetzt ber Europa grere Staatsbewegungen ein, die eben so die
vieljhrigen Bemhungen kleinerer Frsten durch eine blo zufllige
Zwischenwendung verstrten, wie die Haushaltungen einzelner Menschen. Die
Frstin fhlte sich in diesen Wirkungen und Gegenwirkungen der Zeit zu schwach,
ihrem Vlkchen bei den eindringenden kolossalen Massen eine feste Richtung zu
geben, eben so unwrdig schien es aber ihrer festen Natur, sich und die Ihren
jeder neuen bermchtigen Willkr hinzugeben, sie meinte den Geschften entsagen
zu mssen, die sie nicht mehr mit Lust und berzeugung verwalten konnte. Der
Minister mute aus Freundschaft zu ihr, alle Geschfte allein bernehmen, nur in
ganz bedeutenden Fllen wollte sie zugezogen sein. In dieser teilnehmenden Ruhe
gewann der Gram ber manche vereitelte wohlttige Absicht solchen Einflu auf
ihren unter Geschften sonst unvernderlichen Geist, da alle ihre Umgebungen in
der Sorge fr ihr Leben, jede andre vergaen, und sich beeiferten durch allerlei
sinnreiche Erfindungen ihrer Laune Abwechselung zu verschaffen. Aber bald sind
diese Mittel erschpft, wo der Leidende nicht selbst daran mitarbeitet; die
Frstin suchte in allem Nahrung ihrer Trauer; die schauerlichsten Lieder waren
die einzigen, die sie anhren mochte, und sie selbst, die sonst nur Scherze zu
den Maskenspielen des Hofes auszudenken gewohnt war, vertiefte sich jetzt in
allerlei Dichtungen, denen die meisten, welche nicht ihre Art und die Beziehung
nher kannten, heimlich den Titel der Unsinnigkeit beilegten, die um so
gefhrlicher sei, da sie ansteckend wre, und schon in der Stadt eine Menge
junger Leute ergriffen habe. Wir wissen, was es mit dieser Verdammung der
meisten Leute zu sagen hat, die jedes Gedicht mit dem Verdrusse in die Hand
nehmen, da es ihnen Zeit koste es auszulesen, und nun sogar zum Begreifen einer
nicht alltglichen Idee aufgefordert werden. Eines Tages fiel auch dem Minister
eines ihrer Lieder in die Hnde, das ihn sehr nachdenkend machte, und woraus wir
ein paar Strophen hier mitteilen wollen.


                                   Luftfahrt

Dein Haupt leg nach Morgen,
So fliehen die Sorgen
Und schimmernde Trume
Zu kommen nicht sumen,
Durchstrahlen die Locken
Von Luft umwallt,
Von Vglein schallt
Ein himmlisches Locken.




                                       1.


Es tragen dich Flgel
Vom schwellenden Hgel,
Und alles ist offen,
Du schauest betroffen
Unendliche Blue,
Voll Freundlichkeit,
Voll Zrtlichkeit
Die Erde im Maie.

Hoch ber dem Blauen,
Da hast du zu schauen,
Der Sterne Gestalten
In Kreisen da walten;
Erst wandelt mit Schrecken
Der Lwe wild,
Die Jungfrau mild
Will zrtlich dich necken.

Von Sternen strahlt nieder,
Was krftig und bieder,
Es doppeln die Heere
Sich spiegelnd im Meere,
Sie schreiten, sie ziehen
Voll Gttlichkeit;
Zum hchsten Streit
Die Schwerter erglhen.

Nach Ruhme sie werben
Und knnen nicht sterben,
Im ew'gen Gesunden
Verschwinden die Wunden;
Sie wnschen sich wieder
Die Sterblichkeit,
Zur Menschlichkeit
Sie sinken hernieder.

In ganzen Geschlechtern
Von stattlichen Fechtern
Verbluten die Gtter
Wie tosende Wetter;
Die Erde versinket,
In Blutes Flut,
Des Mutes Glut
In Jammer ertrinket.




                                       2.


Die Blumen dich wecken,
Die erst dich bedecken,
Mit frhlichem Regen
Sich alle bewegen;
Gebadet im Taue
Gesthlt die Brust,
Mit neuer Lust
Nun Mensch dich schaue.

Was trittst du auf Sklaven,
Gleich glhenden Laven,
Sie scheinen zu kriechen,
Verzehrend doch siegen;
Was willst du dich krnzen
Mit Bruderblut,
Nein, tue gut,
Die Sonne la glnzen.

Wie willst du entscheiden,
Was dunkel bei beiden,
Steh dir nicht im Lichten,
Ein andrer wird richten;
Dir singet der Hirte:
O Lorbeerblatt,
Wie bist du platt,
Wie zierlich ist Myrte.

Ich gr euch, ihr Myrten,
Ach Freunde, wir irrten,
Uns waren die Welten
Zu enge zum Schelten;
Die Ecke der Laube
Voll Dsterkeit
Ist berweit
Der girrenden Taube.

Ihr frhlichen Seelen,
Euch will ich erwhlen,
Die ber das Leben
Mit Flgeln entschweben,
Ich mcht euch erdrcken
Mit sem Ku, -
Ich will, ich mu,
Ich kann euch beglcken.


                                Zehntes Kapitel

      Der Kammerjunker, die Mamsell, der Primaner mssen Italien besingen

Der Minister schttelte mit dem Kopfe, nachdem er das Lied gelesen. Sonderbar,
sagte er, da sich der Unsinn so leicht behlt, whrend ich das Sinnvollste
gleich vergesse, ich wei das ganze Wortgequle beim ersten Lesen auswendig;
zwar verstehe ich wohl, was es sagen will: sie erhebt sich aus dem Drucke der
Zeit in die hheren Regionen, und gewinnt dort Kraft, um zu einem heiligen
Kriege zurckzukehren, das Kriegerische erscheint ihr dann leer, und die Liebe
beglckend; aber warum ist das nicht kurz vorgetragen, wie ich es eben getan
habe; und darin finde ich einen Hauptmoment der Schwermut, zu dem Nchsten erst
durch die entferntesten Umschweife gelangen zu knnen, da mu sich die Rede bald
zwischen mehreren Personen, bald durch wunderliche Reime zerspalten; ein
verstndiger Mensch bleibt lieber sich selbst eins und ganz. - Zufllig machte
ihm in dieser Stunde ein Kammerjunker die Aufwartung, der mit seinen Versen dem
ganzen Hof genug zu lesen gab; er sagte ihm, da er frchtete, die wrdige
Frstin mchte in unheilbare Schwermut versinken, weil sie sich ewig bemhe, in
dem unendlich tiefen Strudel der Zeit den Grund zu sehen; sie msse ernsthaft
beraten werden, Luft und Lebensweise zu verwandeln, von ihren Gewohnheiten,
freudigen und traurigen, gleich weit entrckt, und da wre Italien ihr wohl
besonders anzuraten, dies Land vermchte allein die Verwandlung und entschdige
fr alles Mgliche, selbst fr manches Unmgliche die poetischen Gemter. -
Lchelnd sah er hier den Kammerjunker an, und fuhr nach einer Pause langsam
fort: Mignons herrlicher Gesang wre vielleicht das Wirksamste, sie dazu
anzumahnen, aber sie kennt ihn lange und zu einem neuen Entschlusse gehrt eine
neue Einwirkung; schon habe ich mit meinem Rate vorgearbeitet, doch hat sie
nicht gern, wenn ihr ein andrer mit einer Erfindung ber sich zuvor eilt; knnen
Sie vielleicht durch ein angemessenes Spiel diesen Reisegedanken in ihr
festsetzen? - Der junge Mann fand sich durch den Auftrag geehrt; insbesondere
freute er sich, da er seiner Sehnsucht nach Italien in der Art der meisten
jungen Leute schon heimlich in Worten Luft gemacht hatte, also keiner
pflichtmigen Ausarbeitung dazu bedurfte; er versprach, am Abend ein Gedicht
seiner Erfindung ihm zu berbringen und es mit einer geschickten jungen Tnzerin
aufzufhren. - Er hielt Wort, war aber befremdet, bei dem Minister einen
Nebenbuhler in der Verskunst, einen Primaner der Stadtschule zu finden, dessen
Fischkopf sehr wunderlich zu seinen feurigen Gedichten aussah; leicht entlockte
er ihm durch Fragen, da er in gleichen Auftrgen wie er selbst sich dort
eingefunden habe. Der Minister kann es doch nicht lassen, sagte er in sich,
wo er die Kunst zu beschtzen scheint, geschieht es doch nur, um die Knstler
zu verspotten; mich mit dem fischkpfigen Burschen in einen Wettstreit zu
bringen! Htte ich das vorausgewut, wenigstens htte ich meine letzten Strophen
mehr auszufeilen gesucht. - Mit angenehmer freier Beweglichkeit trat bald auch
eine Mamsell in etwas schmutziger hngender, weichfaltiger Kleidung herein,
wenig verwachsen, aber um so knstlicher bemht dies wenige zu verstecken; ihr
Gesicht htte angenehm sein knnen, wre es nicht beim Sprechen in Gefahr
gewesen von dem groen Munde verschluckt zu werden. Die ministerielle
Anerkennung ihres Dichtertalents hatte sie heute auer Fassung gesetzt; sie
platzte gleich mit ihrem Auftrage heraus, ohne zu ahnden, da sie zwei
Mitbewerber ihres Ruhmes dort vorgefunden. Sehr unbefangen bat sie der
Kammerjunker die liebliche Eingebung ihrer Muse vorzulesen; die Mamsell lie
sich auch nicht lange bitten:

Lieg ich in der Freundin Armen,
Weine und nicht wei warum,
Sie ist traurig, ich bin stumm,
Bis die Lippen mir erwarmen,
Ach dann schwebt es auf der Zunge,
Wre ich doch nur ein Junge!

Wre ich doch nur ein Junge,
Gingen wir in weite Welt,
Treulich wren wir gesellt,
Hielten uns noch fest umschlungen,
Wenn sich an der Welten Ende,
Mein Italien einst fnde.

Wenn ich mein Italien fnde,
Hhlten wir ein kleines Haus
Uns in Herkulanum aus,
Wo die schn bemalten Wnde;
Wie die Schwalben in dem Sande
Bauten wir uns an im Lande.

Bauten wir uns an im Lande,
Steckten manches Flgelkind
In das Krbchen schnell geschwind,
Und verkauften's ohne Schande;
Leutchen, wer kauft Liebesgtter,
Ach es ist so liebreich Wetter.

Ach es ist so liebreich Wetter,
Kauft, ihr Mdchen jung und schn!
Eine kommt sie anzusehen,
Spricht: Das sind die Liebesgtter?
Ei bewahre, das sind Tauben,
Eine nur gehrt zum Glauben.

Eine, die gehrt zum Glauben,
Doch die Liebe alle braucht,
Und zum Boten jede taugt,
Lt sich nicht ihr Brieflein rauben,
Als wo sie den Liebsten wittert,
Der sie oft mit Zucker fttert.

Sehr richtig, sagte der Kammerjunker, die orientalischen Liebestauben mssen
mit Zuckerkandis gefttert werden. - Sie haben das Gedicht nach dem alten
Gemlde verfertigt, wo eine Frau Liebesgtter wie Tauben an den Flgeln zum
Verkauf aus dem Korbe hebt und vorzeigt, meinte neidisch der Fischkopf. - Es
ist ganz eigen mir, sagte sie, alles wird bei mir zum Bilde und jedes Bild zum
Gedichte. - Ei, sagte der Minister mit seinem tiefen Basse zwischenredend,
nachdem er lange an der offenen Seitentre gestanden, da Ihnen Ihr Gedicht nur
nicht zur Wahrheit wird und Sie, mein schnes Kind zum Jungen, oder Ihre
Nachtigallen, die ich heute noch bewundert habe, zu lauter kleinen Kindern. -
Immerhin, antwortete sie, ich habe mir stets Kinder gewnscht, wenn ich nur
nicht deswegen zu heiraten brauchte; ich bin bei meiner Schwester an
Kindergeschwtz so gewhnt, da ich es jetzt sehr vermisse; in jeder flsternden
Welle glaub ich's zu hren. - Der Primaner raunte hier dem Kammerjunker
ziemlich ungeschliffen ins Ohr: Hat sie uns wohl je so was Schnes hren
lassen; sie setzt sich dem Minister zu Ehren auf ihr Paradepferd. - Es ist
etwas unsicher, antwortete der Kammerjunker, denn Wasser hat keine Balken. -
Der Minister sagte unterdessen mit einer Miene, die wenigstens eine
Liebeserklrung andeutete: Zur Kinderzucht gehrt sehr viel lstige
Reinlichkeit, wie zur Liebe. - Ohne alle Verlegenheit antwortete sie, die
Mutter htte kein Herz, die nicht selbst den Schmutz ihrer Kinder lieb htte. -
MINISTER: Sie haben wohl viel Kinder? - MAMSELL: Auer meinen poetischen nur
meine Tauben, deren Eier ich oft an meinem Busen ausbrte. - Bei diesen Worten
tat der Minister, als wenn er sie vterlich umarmen wollte, drckte sie aber so
fest an sich, da die Eier, die sie an ihrem Busen gerade ausbrtete, krachend
zerplatzten. Lachend ber den goldnen Strom, der ihrem Herzen entquoll, stand
rings die poetische Gesellschaft, und dachte ber die Ursache nach; Mamsell
vergab dem Minister fr den vollwichtigen Ku den bethlehemitischen Kindermord.
Sie reinigte sich sehr leicht, und das Gesprch wendete sich natrlich wieder zu
den verschiedenen Sehnsuchten nach Italien. Der Kammerjunker hatte zwar etwas
mehr Zutrauen gewonnen zu seinem Gedichte seit diesem Rhrei, doch frchtete er
noch den Fischkpfigen. Der Primaner mute voran lesen; er tat es mit zitternder
Heftigkeit, unterdrckt vorschreiend:


                                   Ausbildung

Das Kind

Sternlein des Abends am Leuchtturm der Hhen,
Willst du im Kreise ewig uns drehen,
Keiner erblicket, wo du gegangen,
Warum von Abend nach Morgen verlangen?

Lieber in Blitzen mcht ich erblinden,
Als in den tauenden Wolken verschwinden,
Hinter den Wolken harrend zu stehen,
Ist nur ein langsam verzweifelnd Vergehen.

Der Abendstern

Kindlein, ich leuchte dir nicht alleine,
Komm in des Sdens himmlische reine
Immer verklrte, verklrende Lfte,
Nimmer bestehn da umnebelnde Dfte.

Sonnendurchstrahlet mssen sie sinken,
Schner in glhenden Frchten zu winken,
Bilden sie weichlich das Bette der Sonne,
Immer sich opfernd, sich ehrend in Wonne.

Ich nur bestehe den Menschen zum Zeichen,
Flgel den Armen unfhlbar zu reichen,
Wert ist das Glck nur der menschlichen Mhe,
Genius bin ich der ahndenden Frhe.

Will sich der Wrme feuriger Regen
Abends und Morgens auf Ferne hinlegen,
Warum verschmachten danach und erfrieren?
La dich zur goldenen Ferne hinfhren.

Schuldlose Herzen trauen der Ferne,
Nimmer veralten ihnen die Sterne,
Warnen heut, lcheln dann morgen auch wieder,
Abend und Morgen sind himmlische Brder.

Ja ich komm wieder! Schwankt dann der Boden,
Fangen die Netze des Dunkels den Oden;
Siehe nach mir, denn wisse, mein Flgel
Wecket dich auf an dem Rmischen Hgel.

Das Kind

Ja das ist Roma, selber die Trmmer
Fgen sich wieder zum herrlichen Schimmer,
Lasset die Erde taumelnd nur schwanken,
Trgt sie mein Glck doch und meine Gedanken.

Schimmern die Tempel bei Kirchen so dichte,
Himmlische Wste umschlieet sie lichte,
Langsam die Tiber, Sehnsucht im Blicke,
Fliet sie zum Meere und wnscht sich zurcke.

Bin ich geworden, bin ich vollkommen,
Gestern ein Kindlein, bang und beklommen;
Heut in Italien findet mein Sehnen
Endlich des Busens hochherrliches Dehnen.

Ist dies die Heimat? Ist dies die Fremde?
Wie ist es kommen, da ich mich grmte?
Schwimmen die pfel nicht golden im Bache,
Wenn ich erinnernd und hoffend erwache.

Wit, wo die frhlichen Mdchen noch hausen,
Nimmer die Strme des Nordens einbrausen,
Merkt, da Italien die schwimmende Insel,
Fliehend das strmische Menschengewinsel.

Lachet ihr Mdchen, sehet, sie weilet,
Nicht mit dem Morgenrot wieder zerteilet,
Alle Erinn'rung im Schilfe da rauschet,
Alles Ersinnen im Atem sich tauschet.

Sehet, auf tausend hellstrmenden Wellen
Herrliche Freunde zu uns sich gesellen
Und in dem blumigen Meere der Wiesen
Lasset die Stimmen tauchen und flieen.

Saget, was sind das fr heil'ge neun Schwestern,
Ferne auf Sternen erblickt ich sie gestern,
Kommen mit Masken und Flten und Leiern,
Jeglichen Morgen Italiens zu feiern?

Der Morgenstern

Musensohn, kennest du noch nicht die Musen,
Fhlst du nicht Liebe zu ihnen im Busen,
Fhlst du nicht Pochen im innersten Herzen,
Und auf den Lippen ein zrtliches Scherzen?

Nur im Genusse kannst du dich bilden,
Und nur die Armut machet den Wilden,
Alles ist nahe, was zu erstreben,
Was unerreichbar, la es verschweben.

Nach einigem pflichtmigen Lobe sprach der Minister: Nicht wahr mein junger
Freund, Sie suchen eine Gelegenheit nach Italien zu reisen; sie meinen, da soll
auf einmal das Dichten ganz anders gehen, da soll kein Reim fehlen, keine Silbe
zu lang sein. Ich glaube, Sie irren sich darin; der Dichter mu mit seiner
Nation, in seiner Sprache leben, denn wenn er auch vollendeter in sich wrde, so
fehlte ihm doch das Organ der Mitteilung. - DER PRIMANER: Sollte der Dichter
wegen seines Geschicks von der brigen Welt ausgeschlossen sein, er wre sehr zu
bedauern und sein Volk knnte ihm nie etwas sein, wenn er ber eine schnere
Natur dessen eigentmliche Herrlichkeit verge. Nimmermehr! als ich von meiner
ersten Fureise aus dem Entzcken ber die nie ersehenen Berge zurckkam, da
rief es doch tief in mir: die Natur ist doch berall nur schlecht gegen das
gttliche Menschengeschlecht - doch wenn Ihre Exzellenz befehlen. - Nun, nun,
sagte der Minister, ich will Ihre Anschauung nicht stren, ich habe darin
nichts zu befehlen; ich danke fr Ihre Bemhung, das Gedicht soll besorgt
werden. - Bei diesen Worten entlie er ihn; der arme Primaner, wie gerne wre
er geblieben, um noch die Wirkung seines Gedichts zu sehen; die Mamsell blieb,
ungeachtet sie auch entlassen war, und der Minister nahm sie und den
Kammerjunker an dem Arm, mit beiden zur Frstin zu fahren. Ich bin kein Kenner
von Gedichten, werter Freund, sagte der Minister, ich achte nur auf eine
Stimme darber, auf die allgemeine, wer die gewinnt, hat meine Achtung; ob er
darum gut zu nennen, liegt auer meinem Kreise, mir ist alle Poesie zu nichts
gut; doch bei der Frstin tragen Sie dort Ihr Gedicht nach bester
Geschicklichkeit vor. - Liebenswrdiger Barbar, sagte die Mamsell. -
MINISTER: Ich habe keinen Grund mich zu verstellen; nehme ich es doch auch
keinem andern bel, der sich nach einem glcklichern, einfachern bestimmtern
Ausdruck in Gesetzen und Anordnungen nicht mit gleichem Eifer wie ich bestrebt;
warum gbe es wohl Dachshunde und Windhunde, wenn wir die Windhunde zum
Dachsgraben uns abzurichten bemhten. - Unter solchen Gesprchen donnerten sie
in den Schlohof hinein; die hohen Treppen, die weiten khlen Sle wurden
gemchlich von dem Minister durchschritten; er hatte etwas Spttisches, wenn er
die Lakaien so aufgeputzt an den Tren sah, gleichsam als wte er etwas mehr
von der Sache, und das unterschied ihn besonders von dem Kammerjunker, dem alles
noch immer den ersten Eindruck von feierlicher Beklommenheit machte. Die Mamsell
fing aus Verlegenheit ein unglaubliches Schwatzen zu treiben an; alles was sie
je gesagt, drngte sich zu dieser Hauptbegebenheit, und wollte auch mit am Hofe
erscheinen. Die Flgel ffneten sich, die Frstin stand vorleuchtend in einem
sehr glnzenden Kreise zweier reisenden Frstinnen; der Minister hatte nichts
von deren Ankunft gehrt, er dachte die Frstin blo in Gesellschaft der Ihren
zu treffen. Doch ohne eine Miene zu verziehen, stellte er die Dichterin trotz
ihrer schwarzen Schleppe und losen Kleidung mit Eiergelb gestickt, der Frstin
vor, und entschuldigte diese Uniform mit seiner Ungeschicklichkeit, indem er die
Geschichte erzhlte; es wurde mit so guter Art gelacht, da die Mamsell ihr
frchterliches Schwatzen glcklich fortsetzen konnte. Man bewunderte ihren
Verstand, und lachte; man hrte das Gedicht, und lachte; kurz die ltesten
Hofleute wuten sich keines so lustigen Abends zu erinnern. Unterdessen hatte
der Kammerjunker auch seine Anstalten zur Darstellung seiner italienischen
Sehnsucht gemacht; ein junges, sehr schnes kleines Mdchen war italienisch
angezogen, er selbst wie ein Knstler alter Zeit; er hatte Meiel und hnliches
Gert in der Hand; sie schlief unter einem Tamburin auf einem bunten Beutel, der
die ganze Hauswirtschaft zu enthalten schien; sein dabei abgesungenes Lied wird
alles, was sie auffhrten, nher erklren.




                             Die Tamburinschlgerin


Wie Fliegen summt herum mein Sinn
Und wiegt sich leicht auf Halmen,
Als wollt er sie zermalmen
Und Lachen spielt mir bers Kinn.

Ich tat, als zg ich fort von ihr,
Den Hut beschatten Rosen,
So trat ich zu der Losen
Und sprach: Ich ziehe fort von hier.

Mich zieht, mich treibt, ich wei nicht was,
In allen meinen Adern;
Ich fhl ein stockend Hadern,
Ha, fhlt den Puls, die Wangen bla.

Nach Welschland schweift mein feiner Sinn,
Ich bin von Luft getragen,
Die Wolken ziehn den Wagen,
Es rollet laut mein Sinn darin.

Hinab, hinab im Trnenstrom
Zerflieen meine Augen,
Was knnen sie mir taugen,
Wenn sie nicht sehn das hohe Rom.

Sie sah mich an aus losem Schlaf
Mit mich mit groen Augen,
Mu in die Hndchen hauchen,
Um klar zu sehn, was mich betraf.

Dann springt sie von der Rasenbank
Gar leicht auf meinen Rcken,
Ich will mich boshaft bcken,
Doch sie mir nicht vom Rcken sank.

Sie singt mit hellem, hellem Ton:
So wandern wir nun alle
Im hellen Morgenschalle
Zu unsres Papstes goldnem Thron.

Ich ksse sein Pantffelein,
Er bittet mich um Ksse,
Damit er sicher wisse,
Ob ich auch eine Christin rein.

Wohlauf, wohlan mein Pegasus,
Ich will dich schn umfassen,
Sollst mich nicht fallen lassen,
Nach Rom ich heut noch reiten mu.

Es flieget neben uns die Welt,
Die Wlder untertauchen,
Von Flammen bunt sie rauchen,
Als wr es heut fr uns bestellt.

Sie singet wie das Morgenblau
Aus allen tausend Orten,
Sie wei von keinen Worten,
Doch spricht zu ihr die bunte Au.

Uns hebt aus Sd ein ser Duft
Verspielt in ihren Haaren,
Und aller Trume Scharen,
Sie kommen mit der neuen Luft.

Der Wald ist frei, der Abend mein,
Leg dich ins Gras ganz schnelle
Ein Brnnlein rieselt helle,
Der Mond sieht sich so froh darein.

Sie legt das Kpfchen in die Hand,
Den bunten Beutel unter,
Das Tamburin gar munter
Ist Helm dem Schelm mit Schellenrand.

Hoch aus der Schellen hellem Blitz
Sich drngt der Locken Flle,
Der Blumen heil'ge Stille
Bewacht sie auf dem sel'gen Sitz.

Da ist, da ist Italia,
Ich fhl im Marmorbilde,
Die Wangen weich und milde,
Mein Liebchen ist Italia.


                                Eilftes Kapitel

       Abreise der Frstin nach Italien. Der Primaner wird ihr Schreiber

Die kleine Tnzerin, die das Gedicht so artig mit schner Bewegung und Stellung
begleitete, hatte auch dessen Wirkung bestimmt; vielleicht wre es sonst wie
alle brigen vorgelesen und vergessen worden. Der Minister bemerkte die
allgemeine Heiterkeit, die es verbreitet hatte, und sagte dem Kammerjunker einen
sehr wohlbestimmten Dank. Seine artige Erfindung wurde zur Veranlassung, da die
beiden reisenden Frstinnen ihr Herz ber Italien ausschtteten; sie kannten es,
und hatten es in mehreren seiner Hauptorte und Gegenden, so weit es Frauen
vergnnt, genossen; sie beschrieben die Luft so ungemein hell, die Jahreszeiten
so sanft verschmolzen in einander, die Peterskirche so glnzend, den Vesuv so
sprhend; sie ermunterten die Frstin so beredt zur Reise, der Minister fgte so
wohl gedachte Grnde hinzu, erzhlte von seinen beiden Tchtern in der schnsten
Gegend Siziliens, die es sich zur Pflicht machen wrden, die Frstin zu
erheitern, da der ganze Reiseplan noch denselben Abend entworfen und genehmigt
wurde. Den Regierenden ist es so leicht, ber die gewhnlichen
Beschwerlichkeiten solcher Unternehmungen hinwegzukommen, da sie in solchen
Plnen gewhnlich viel bestimmter auf die Ausfhrung rechnen knnen: so wurde
Tag und Stunde der Rckkehr ausgerechnet und die ganze Gesellschaft dazu
eingeladen. Mancherlei Hoffnungen und Kabalen der Hofleute, wer die Frstin
begleiten sollte, zerschnitt sie, indem sie niemand zu ihrer Gesellschaft, nur
wenige zur Bedienung mit sich zu nehmen beschlo, um sich ganz in die fremde
Welt einlassen zu mssen. Den fischkpfigen Primaner nahm sie auf Empfehlung des
Ministers als Schreiber in ihre Dienste, dem Kammerjunker und der Mamsell
schenkte sie Ringe fr ihre Bemhung, beide schienen nicht sehr zufrieden.
Einige Stunden der Nacht reichten hin dem Minister die ntigen Vollmachten,
Anordnungen und Plne einzuhndigen; die Schreiber hatten eine angestrengte
Nacht. Als die Brger ihre Laden ffneten, rollte die Frstin in einem leichten
Reisewagen durch die Gassen, ihre Kammerfrau neben ihr, ein Jger und der
Schreiber auf einem hinten angebrachten bequemen Sitze, der zugleich den Koffer
sicherte; sie selbst hatte ein paar Muskedonner zu ihrer Verteidigung im Wagen
anbringen lassen. Viele verdrieliche Gesichter sahen dem Wagen aus dem Schlosse
nach, die armen Leute, die eben zur Arbeit gingen, beneideten das Glck jener,
ruhig vor der Tr stehen zu knnen; wer ist mit seinem Verhltnisse ganz
zufrieden? Niemand als ein Narr, denn einen Weisen, der das sagen knnte, hat
noch niemand gefunden.
    Wir wnschten, die Frstin htte vor dem Antritte ihrer Reise eine
Unterredung gehrt, die ich einmal zwischen einem Ausreisenden und einem
Heimkehrenden belauscht habe.

                                   Reisefluch


Der Heimkehrende

Ach was treibt der Erde Shne
Sich zu suchen ferne Leiden?
Gren uns die schnsten Tne,
Klagen sie ihr schnelles Scheiden,
Und es schlieet eine Stille
Unsrer Hoffnung reiche Flle.

Der Ausreisende

In der Fremde stehen Tische,
Jungfrauen schwingen Rosenketten,
Lieblich wehet da die Frische,
Und wer mcht sich da nicht betten,
Und wer bliebe wohl zu Hause
Von dem festlich hohen Schmause?

Der Heimkehrende

All ihr Wandrer, bleibt zu Hause,
Denn ihr sucht, was nicht zu finden,
Denn die Rose welkt beim Schmause
Und die Dornen euch umwinden,
Und zerreit ihr nicht die andern,
Mt ihr selbst zerrissen wandern.

Der Ausreisende

Dennoch treibt's mich zu den Bergen,
Aus der gleichen breiten Flche,
Mich der Sonne zu verbergen
Und zu sehn den Quell der Bche,
Und den Demant aufzufinden,
Der so selten in den Grnden.

Der Heimkehrende

Dort erstarrt der Liebe Atem,
Demant wird die flssige Quelle,
Meinst du dann, du hast's erraten,
Wo des Demanthauses Schwelle,
Kommst vom Berge mit dem Eise,
Es zerschmilzt in Trnen leise.

Mge der Leser mit diesem Gefhle die Sinnbilder beschauen, welche beide Titel
dieses Buches bezeichnen.
    Die Reiseansichten der Frstin wrden vielleicht mehr Reiz haben, als diese
ernsten Betrachtungen, sie schrieb aber gegen die Gewohnheit ihrer Schwestern
auf Thronen sehr selten und immer nur das Notwendigste; sie sah mit Lust und
Aufmerksamkeit, aber sie gab nicht gerne davon Rechenschaft, nur ein Gesprch
konnte sie zur Ausfhrlichkeit bringen. Von ihrem ersten Eintritte in Italien
hatte sie den beiden Frstinnen etwas Schriftliches versprochen; der Brief wurde
aber sehr kurz: sie erklrte darin, da es eben das Herrlichste an ganz Italien
sei, da sich nichts davon eigentlich mit Absicht beschreiben lasse; die
Reisebeschreiber jenes Landes, die man bis dahin als sehr lebendig bewundert,
selbst die Dichter scheinen dort ganz tricht, entweder zerfallen ihre Worte in
lauter Flittern, die aufeinander gehuft sind und keinen berblick gestatten,
oder sie werden so steif und rmlich, als htten sie statt des Landes eine
plastische Landkarte, wie sie in der Schweiz aus Kraftmehl und Moos verfertigt
werden, vor Augen gehabt. Nur eure mndliche Erzhlungen von schner Wrme
belebt, fallen mir hier zuweilen ein. So schlo ihr Brief. Je mehr sie der
gttlich verjngenden Milde des Landes geno, desto wunderlicher drngte sie das
Verlangen nach einer ganz vertrauten Seele, in der das Vorbergehende einen
Widerschein gebe, sie wnschte sich eine Freundin und hoffte sie in einer der
Tchter des Grafen zu finden; darum eilte sie nach Sizilien, ungeachtet der
Schreiber noch lange nicht alle alte Inschriften kopiert hatte; sein Tagebuch
forderte beinahe schon einen Beiwagen. Es ist unmglich, ergebener zu sein, als
ihr dieser gute Junge anhing, jedes freundliche Wort, das sie ihm schenkte,
lebte eine Ewigkeit in seinem Gedchtnisse; ihr reicher Geist wirkte ohne
Absicht auf seine Ausbildung, doch mssen wir eingestehen, da sie ihrem Alter
zum Trotz so wohlerhalten frisch war, da auch ihre Schnheit einigen Einflu
auf ihn haben mochte.

                                Zwlftes Kapitel



           Ankunft der Frstin und ihres Schreibers bei der Herzogin

Die Frstin berraschte die Herzogin in der Mitte ihrer Beschftigungen, und
fand sich dadurch etwas beleidigt, da sie in der regelmigen Ordnung ihres
Lebens sich durch ihre Ankunft in nichts stren lie, vielmehr in ihrer
Gegenwart eine Menge harrender Leute abfertigte. Nein, sagte die Frstin in
sich, so kalt anteillos, blo mit dem Allgemeinen beschftigt, soll meine
Freundin nicht sein, und lie sich zu der Grfin fhren. Die Grfin empfing sie
sehr lebendig, freute sich ihrer daurenden Unvernderlichkeit; die Frstin
meinte schon, ihre ideelle Freundschaft auf ewig geknpft zu haben, aber die
Kinder schrien und tobten immer dazwischen, und die Grfin verlie sie um keinen
Preis. Sie wollte mit ihr ber Musik und Kunstwerke sprechen, aber das wenige,
was Dolores sonst davon gewut, hatte sie ber das Abc lernender Kinder ganz
vergessen. Die Frstin langeweilte sich. Endlich trat der Graf herein,
heimkehrend von einer kleinen kriegerischen Unternehmung gegen Raubgesindel,
frisch und frhlich, wenn gleich ber zwlf Jahre lter, als zu der Zeit, wo er
Dolores gewonnen, aber durch die neuen lebendigen Ttigkeiten reichlich
ausgebildet, gewandter, beredter, mitteilender und unternehmender. Die Frstin
fhlte eine besondre Angst bei seinem Anblicke, niemand war ihr je so herrlich
erschienen, und dabei fhlte sie den Wunsch, ihm recht zu gefallen; ihr
frstlicher Stolz verlie sie ganz. Die Bilder von Freundinnen verwandelten sich
in einen Freund; sie fand das ihrer ganzen Natur angemessener, die sich nie mit
den Weibern zu lngerem Umgange einlassen konnte; an Liebe dachte sie nicht
entfernt. Der Graf hatte eine Freude von ihr ber politische Ereignisse das
wahre Gediegene zu hren; ihre Urteile ber Kunstwerke stimmten mit seinem
Gefhle und er sagte es ihr offen, da sie seinen huslichen Kreis durch ihre
Gegenwart hoch beglcken werde. Die Grfin freute sich ber den Beifall, den ihr
Mann der Frstin schenkte, sie kannte ihn, da er nie schmeichle und da er
gegen manche Frauen sehr strenge gewesen, die ihr recht wohl gefallen. Die
Frstin schlo sich jetzt der Grfin und den Kindern viel mehr an, sie wute
selbst nicht warum; die Kinder hatten alle zu ihr ein mchtiges Zutrauen, und
erzhlten ihr kleine Mrchen, von denen Sizilien sehr voll ist. Der Graf brachte
sizilianische Snger, von denen die Frstin mit gebtem Ohre manches erlernte.
Der erste Vormittag verging so schnell - wie die nchsten Tage, wo die Frstin
sich in einem Flgel des Schlosses vollkommen eingerichtet hatte.
    Der Schreiber rgerte sich ber dieses ruhige Leben im Schlosse, mehr aber,
weil ihn die Frstin ber den Grafen ganz vergessen zu haben schien; sein
Tagebuch sah sie nicht weiter an, auch war hier weniger Eigentmliches zu
bemerken, weil der Graf und die Herzogin manches Deutsche hieher bertragen
hatten. Die Grfin und die Herzogin genossen erst recht des Umgangs vom Grafen,
seit die Frstin in ihrer Mitte wohnte; beide gaben ihm sonst nur im praktischen
Geschfte Gelegenheit, seine Talente zu entwickeln; seine Freude an Knsten
aller Art verschlo er bisher unwillkrlich in sich, weil er seinen Geschmack
den Gesellschaften nie aufdrang, sondern fast immer die Unterhaltung nach der
Sinnesart der andern einzurichten bemht war. Eiferschtig konnte die Grfin auf
die Frstin nicht werden, denn sie ehrte sie wie eine Mutter, die sie auch sein
konnte, auch hatte sie ein unwandelbares Zutrauen zu der Liebe ihres Mannes.
Einem Manne, der so offen mit sich umging wie der Graf, war es keinen Augenblick
verborgen, da er eine lebendige Freundschaft zur Frstin fhle; gewohnt mit
sich zu rechten, fragte er sich, ob das Liebe sei und da dachte er an Dolores,
und fand sein Verhltnis zu ihr so ganz ungestrt, seine Neigung ganz
ungeschwcht: er fand, da ihm die Frstin eine geistige Unterhaltung gewhre,
die er nie bei Dolores gefunden und nie bei ihr vermit habe.
    Die arme Frstin allein fhlte ihre weibliche Natur erwachen. Sie hatte wohl
eigentlich nie geliebt; der Zufall hatte ihre Hand verschenkt, und ihre
Schwachheit wurde nachher von gewandten Mnnern, wie der Minister, berlistet;
sie war noch so ganz unberhrt in ihrem Wesen und es tat ihr so wohl, mit ihrem
ganzen Wesen zu lieben. Kaum konnte sie sich eines Tages halten, als sie den
Grafen auf einem Sofa in der Hitze eingeschlafen fand, ihm nicht um den Hals zu
fallen. Sie hielt sich, denn sie war immer in ihrer Gewalt, doch sie war auch
jetzt ganz entschlossen, ihrer Leidenschaft zu gewhren, doch also, da der Graf
dadurch in keiner Art von seiner Frau getrennt wrde; sie hielt sich und ihn fr
hinlnglich ihr berlegen, um jede Verbindung ihr leicht zu verstecken. Alles
sehr wohl berlegt, nur war eins nicht berechnet, da es einem Weibe sehr schwer
wird, ihre Absichten einem Manne kund zu tun, der keine hnliche hat, und da
die Liebe endlich ber jede berlegung hinaus steigen mu, weil eine hohe Natur
sich am wenigsten so knstlichen Verhltnissen unterwerfen kann. Oft war sie
ganz nahe, ihm alles zu bekennen, denn sie meinte, er verstehe sie schon; da
ergriff er pltzlich etwas so Fremdes, sprach so leidenschaftlich davon, da sie
es ihm bestreiten mute. Nach solchen Streitigkeiten sagte er ihr einmal: Es
ist doch ein wesentlicher Unterschied zwischen Freundschaft und Liebe, da uns
in dieser alle kleinen Uneinigkeiten verhat sind, whrend uns dort selbst der
Streit willkommen ist, weil er uns zu einem gemeinschaftlich Hheren zwingt; die
Liebe ist in sich zufrieden, die Freundschaft will immer mehr.
    Der Frstin kamen solche Betrachtungen sehr ungelegen, sie suchte auf
mancherlei Art dem Grafen ihren Sinn fr vertraulichere Verhltnisse darzutun,
den er ihr einmal ganz abgesprochen hatte. Sie dichtete einen Morgengru, den
sie ihm an einem schnen Morgen vorsang; er mute dabei eine Stimme bernehmen.


                                   Morgengru

SIE:
Wonne, Wonne, still in Schauern
Dich umfangen, frische Luft,
Sinnend auf die Strahlen lauern
Spielend durch den Morgenduft.
ER:
Sonne, Sonne, dich belauern
Glhendrot im Morgenduft.
SIE:
Atmen, Atmen, nahend Leben,
Wellen in dem hrenstrom,
Wie des Morgensterns Erheben
Sich verliert im blauen Dom.
ER:
Wie der Lerche laut Erheben
Sich verliert im blauen Dom.
SIE:
Flgel, Flgel der Gedanken
Heben mich zur Sonnenpracht;
Wie die Strme silbern ranken,
Aus der Berge Mondennacht.
ER:
Enge sind des Mondes Schranken,
Weit, o weit die Sonne lacht.
SIE:
Blumen, Blumen, stille Wesen,
Flle winkt im tiefen Grund,
Ihr zu Flammen auserlesen
Sinkt auf seinen roten Mund.
ER:
Nieder mde Blten tauen,
Einen Strau von ihrer Brust,
Durch die Gluten sie zu schauen,
Wirft der Liebe Sonnenlust.
SIE:
Atmen, Atmen, nahes Leben,
Bebend Herz im Blumenstaat,
Wie zwei Schmetterlinge schweben,
Mund auf Mund gelebet hat.
ER:
Wonne, Wonne, still in Schauern
Dich umfangen, hell Gesicht,
Sonne, Sonne, soll es dauern,
Wie mein Auge taucht in Licht.

Aber das Wort wurde in ihm nicht zu Fleisch; ganz mit der Dichtung und dem
Gesange beschftigt, lernte er alles ganz eifrig, und kaum hatte er beide
Stimmen sich einstudiert, so beurlaubte er sich, um das Lied seiner Frau
vorzusingen, und die Frstin stie mit dem Fue gegen den Boden. Dolores fand es
ungemein reizend, ihr Blick war verlangend und der Graf verstand ihn. Die
Frstin sah rgerlich nach dem tna, als der Graf so lange ausblieb. Ihre
Gedanken gnnten ihr alle die Zrtlichkeiten, die er ihr versagte, und sie fuhr
wie aus einem tiefen Schlafe schreckhaft auf, als der Schreiber ihr das Tagebuch
vorzulegen ins Zimmer trat. Sie fertigte ihn schnell ab, setzte sich an ihren
Tisch, und schrieb einen Nachtgru so feurig, als htte sie die schnste Nacht
verlebt, und doch in einer Melancholie getrnkt, als wr es die letzte.




                                   Nachtgru


ER:
O deinem Atemzuge
Horche ich feiernd leis,
Er hebet mich im Fluge
ber den Erdenkreis.
SIE:
Dein Atem sanft im Schlafe
Tnt in die Saiten ein,
Du sprichst aus mir im Schlafe
Worte, sie sind nicht mein.
O lieblich waches Schlafen
Einzige einige Ruh
In der Gedanken Hafen,
Singe, ich hre zu.
ER:
Der Alp, der mich gedrcket,
Fliehet vor deinem Klang,
Sein Ro mich fern anblicket,
Hrst du den Hufschlag bang;
Du hrst mein Herz nun schlagen,
Bebt nicht die Erd entzckt,
Sie soll dem Himmel sagen,
Wie sie so hoch beglckt.
SIE:
Du hauchest khles Feuer
Nieder in meine Ruh,
Viel tnt mein Busen freier,
Schlafe und trume du.
Ich schweb in deinen Trumen
Schon in dem Morgenrot,
Und susle in den Bumen
Mitten im Feuertod.
ER:
Ja wie ein wilder Leue
Nchtlich im Walde brllt,
Bewachet er die Treue,
Die ihm den Schmerz gestillt:
So ruf ich an die Erde,
Die mir mein Haus verschlang,
Da sie am heil'gen Herde
Uns dann zugleich umfang.
SIE:
Nein strz mich in den Becher,
Glhend noch raucht der Berg,
Und trink, du schner Zecher
Alles, was ich verberg.
ER:
Ach all, was birgt dein Auge,
Alles, was birgt dein Herz;
Ich wrde Himmel saugen
Mitten im schnsten Schmerz.
BEIDE:
Nein dieser Stunde Feuer,
Nimmer, o nimmer vergeht,
Nein dieser Tne Feier
Nimmer, o nimmer verweht.
Wir leben ohn Besinnen,
Sind wir wohl auer uns?
Die Tropfen Tau schon rinnen,
Auf uns und ber uns.
Wir ruhen auf Silbersaiten
Regend die Melodien;
Tanzend die Elfen schreiten
bers erwachende Grn.

Nachmittags zeigte sie dem Grafen diesen Doppelgesang, aber ihm gefielen nur
einzelne Strophen; das Austrinken des Vulkans, in den sich die Geliebte
gestrzt, das, behauptete er, sei ganz ein nordisches Bild ber Ma und
Mglichkeit; sie lie es sich nicht ausreden. Sonderbar war es, da in diesen
Tagen eine Erderschtterung gesprt wurde, da schon die Bewohner der Palste zu
den Bewohnern der Htten flohen, doch hatte sie in der Gegend keine andre
Einwirkung gehabt, als bei dem Gartenhause der Herzogin eine warme Quelle zum
Vordringen zu bringen. Durch diesen Umstand und durch die Lage des Gartenhauses,
welches die Aussicht ber das Meer hatte, wurde die Frstin veranlat, es sich
zur Wohnung zu erbitten; gerne gewhrten ihr alle diesen Wunsch und sie wute
bald durch herrliche Verzierung des Hauses und des Gartens sich dafr dankbar zu
bezeigen. Sie beschftigte alle Arten von Knstlern dabei und der Graf nahm so
eifrigen Anteil an allem dem, da die Herzogin mit Sorge manche Vernachlssigung
ihrer eignen Angelegenheiten bemerkte. Sie konnte ihm darber nichts sagen, denn
was er tat, war guter Wille und Aufopferung von seiner Seite; aber gewi htte
er sich einige Zeit von seinem Dekorieren des Landhauses abgemigt, wenn er in
dem Tagebuche der Herzogin gelesen htte:  ... ber tausend Bume sind durch
die Vergessenheit des Grafen, der die ntigen Arbeiter nicht herbeigeschafft,
vor dem Einpflanzen verdorrt. Lieber Gott, wenn er nur die Hlfte der
Sonnenstrahlen auf sich nehmen sollte, die darum ein ganzes Jahr lnger auf die
armen Wanderer und Pilger fallen, er mte ja verschmachten; darum verzeihe es
ihm, gndiger Gott. - Der Graf wiegte sich in einen schnen Traum steter
geistiger Mitteilung, Kunstbung, was ihm alles in dem Umgange der Frstin
werden sollte; den Schreiber hatte er auch sehr lieb gewonnen, er fand hinter
mancher Schulverdrehtheit viel Talent und Bemhung der schnsten Art; er fhrte
die Frstin und ihn mit unermdlichem Eifer in seine reichen Sammlungen von
Antiken und Abgssen, von Musikalien und Naturprodukten, und bemerkte nicht
dessen Eifersucht gegen ihn wegen der Neigung der Frstin, die ihm oft sehr
wunderbar mit spielte. So zerschmi er einmal einen schnen Antinous im
Vorzimmer, als der Graf mit der Frstin lange allein gesessen; und als sie von
dem Falle erschreckt heraustraten, entschuldigte er demtig seine
Ungeschicklichkeit, so da niemand einen Argwohn hatte.
    Eines Morgens fand die Frstin den Grafen in ihrem Vorzimmer, der ihr die
Gegend mit allen neuen Anlagen abzeichnete; er hatte ein eigentmliches Talent,
alles auf den ersten Blick richtig und treu zu fassen, und nderte daher selten
an der ersten Skizze. Die Frstin zeichnete schner, aber sie dichtete in die
meisten Gegenden eine Menge Verschnerungen hinein. Auch hier nahm sie spielend
einen Bleistift, lehnte sich auf ihn und zeichnete am Vordergrunde, auf den
Grafen gelehnt, eine Ulme; trieb den Stamm aus der Erde, und setzte leicht die
Umrisse, aber die ste lie sie hervorgehen wie khne Leidenschaften, die das
Geblt zu Laub heraustreiben; da entstand das Dunkel, wo im Durchschauen des
ersten und zweiten Laubes kein Blatt mehr zu erkennen, das Dunkel, wo die Vgel
nisten. Sie arbeitete so eifrig, da ihr der eigne Atem wie der hoffnungsreiche
Ostwind vorkam, der die leichten Zweige hebt und fallen lt, da die Schatten
lustig auf dem Boden spielen, und da war ihr, als harrte sie des Grafen unter
dem Baume und er se in dessen dunkler Krone und lasse ihr neckend allerlei
Bltter in den Busen fallen, und sie tte, als ob sie ihn nicht merke. Von dem
allen stand nichts da; der Baum war kaum angelegt und der Graf, der gerade an
dieser Stelle arbeiten wollte, wischte ihn eilfertig mit dem elastischen Harze
aus, und sie mute zusehen, wie er zerstrt wurde, der alle ihre Zrtlichkeit
trug. Der unglcklichen Frau wurde fast ohnmchtig; der Baum war ihr lieb
gewesen wie ein Erstling der Liebe, hundert Bume konnten an der Stelle wieder
gezeichnet werden, aber kein Baum wie dieser, der alle ihre Lust verbarg. Was
wei ich denn von ihm, dachte die Frstin, wenn er so gar nichts von mir wei,
da er unbewut das Liebste mir zerstren kann, bis auf die letzten
widerstrebenden tiefsten Zge, die sich noch jammernd an das Papier legten; es
ist mein Geblt, was noch in dem Stamme treibt. - In diesem Augenblicke, noch
ehe die Lcke wieder vollgezeichnet, rief Dolores den Grafen; er eilte fort, und
die Frstin setzte sich eifrig an seine Stelle und malte ihren lieben kleinen
Baum wieder an die Stelle und viel schner und reicher an umschlingendem
Weinlaube ausgestattet; dann setzte sie sich an ihren Flgel, phantasierte wild
umher und sang endlich mit entschlossener Stimme:

Nur was ich liebe, das ist mein,
Und kann nur immer meiner werden,
Du weit von nichts, du lt mich ganz allein,
Was ich in dir geliebt, das bleibt doch mein.
Gehrt dem Flgel dieser Ton,
Den meine Finger traurig weckten?
Nein du bist mein, dir selber recht zum Hohn,
Was ich in dir erweckt, gehrt mir schon.
Dein Haus ist mein, denn ach von dir
Umschliet es so viel schne Kinder;
Ist mein die Perle, so gehrt auch mir
Die Schale, deines Leibes schne Zier.
Ich geb die Seele, du bist mein,
Du schner Teufel mut mir dienen,
Hast mich verfhrt mit schnem Augenschein,
Sei alles falsch und leer, du bist doch mein.

Vielleicht war es in derselben Stunde, whrend die Frstin so heftig zu ihrem
Flgel sang, wo der Schreiber, (den der Graf ein paarmal, um ihn zu witzigen,
etwas scharf angesprochen, als er sich gar zu weise gemacht), nachdem er die
ersten Wallungen seines Zornes berwunden hatte, mit einem beruhigenden Blicke
seine Arbeiten betrachtete und sich mit stillen Bitten an seinen Genius wendete;
sicher ist es, er machte an jenem Tage das folgende


                                     Sonett

Mein Genius, du hast mir viel verliehen,
Du kannst, was nie geahndet, mir erschlieen,
Wenn deine Blicke flchtig mich begren,
Durch dich gedeiht mir jegliches Bemhen.

O knnt ich dich mit meinem Arm umschlieen,
Da du dich nimmer knntest mir entziehen,
Da meine Wangen nie von Scham erglhen,
Verlt mich Witz, wo andrer Witze flieen.

Schaff mich gewi und fest in allen meinen Krften,
Da sie dem Augenblicke willig dienen
So bin ich tchtig jeglichen Geschften.

Gleich fern von Furcht und Frechheit in den Mienen,
La mich die Blicke frei auf andre heften,
Und aller Neid soll schwinden im Erkhnen.

Wir berlassen es dem Urteile der Leser, ob sie lieber so wten mchten wie
jene, oder so ruhig berlegen wie dieser. Diese berlegung, dieses ewige
Betrachten, in dem sich sein ganzes Wesen verlor, whrend es sich recht tief zu
erfassen meinte, war in seiner frhesten Zeit begrndet. Er war einer der
geschicktesten Schler seiner Stadt; zwar von armen Eltern, aber berall durch
Flei ausgezeichnet. Einem Lehrer seiner Schule war er besonders anvertraut und
strebte mit unaufhaltsamer Leidenschaft diesem seinem Muster in allem, sowohl in
Kenntnissen als im uern gleich zu werden; in diesem Streben hatte er dessen
ganze Bibliothek durchgelesen, einige Bcher ausgenommen, die jener in einem
besonderen Schranke aufbewahrte, und mit denen er sich zuweilen halbe Tage
verschlo. Viele Monate hatte er gesonnen, wie er zu diesem Schatze gelangen
knnte; in halbem Fieber durch die Furcht entdeckt zu werden, und von der Hhe
allgemeiner Liebe und Ehre zur Schadenfreude aller herabgestrzt zu werden,
versuchte er nacheinander alle Schlssel, die er sich verschaffen konnte.
Endlich an einem heien Nachmittage, wo er sich wegen einer Arbeit vom Ausgehen
losgebeten hatte, gelang es ihm mit einem Schlssel, den ihm ein Dieb bei seiner
Arretierung zugeworfen hatte, den geheimnisvollen Schrank zu ffnen; mit
klopfendem Herzen durchbltterte er ein kleines Bchlein, das einzige, was darin
enthalten war. Es war das dem Meursius untergeschobene Buch von der Eleganz der
lateinischen Sprache, und wie es erst der Verdru kein Buch ber geheimnisvolle
Wissenschaften zu finden, aus seiner Hand geworfen, so hob er es bald wieder aus
allgemeiner Neugierde auf, und der sinnliche Brand der Lust in dem Buche, der
sich im tiefsten Verderben der Zeiten zu khlen suchte, erweckte eine Seite in
ihm, die bis dahin tief geschlummert hatte. Er las sich hei an dem Buche, da
ihm der Atem verging; ganz gegenwrtig umschwebten ihn alle schndlichen Lste
verwilderter Naturen, fast mit Gewalt mute er sich losreien, als der Lehrer
kam, der bald mit Verwunderung sein fremdes Wesen bemerkte. Mit Lgen wute er
sich durchzuhelfen, Lge wurde sein ganzes Leben zu andern. Da er weder reich
noch schn war, so konnte er seine erweckten Begierden schwer befriedigen; da er
den Ruhm des Fleies und der Geschicklichkeit ber alles liebte, konnte er auch
nicht so viel Zeit jenen Gedanken, die ihn innerlich ergtzten, hingeben; ja er
machte sich schmerzliche Vorwrfe darber, kaufte jeden sndigen Augenblick mit
Stunden des Fleies, strafte sich fr jeden Gedanken: so kam er zu jenem ewigen
Bewutsein, das ihn in jeder selbst berlassenen Minute schreckhaft aufqulte;
fr sein innerliches Leben hatte er keinen Freund mehr, er schmte sich dessen.

Je tiefer wir in uns versinken,
Je nher dringen wir zur Hlle,
Bald fhlen wir des Glutstroms Welle,
Und mssen bald darin vertrinken;
Er zehrt das Fleisch von unserm Leibe,
Und de wird's im Zeitvertreibe,
In uns ist Tod!
Die Welt ist Gott!
O Mensch, la nicht vom Menschen los,
Ist deine Snde noch so gro
Meid nur die Sehnsucht nach den Snden,
So kannst du noch viel Gnade finden;
Wer hat die Gnade noch ermessen?
Es kann der Mensch so viel vergessen!


                              Dreizehntes Kapitel

     Der Besuch der Obristin. Die Frstin besteigt mit dem Grafen den tna.
     Nchtliche Verwechselung. Die Meerfahrt. Der Prinz von Palagonien. Die
                    Mineraliensammlung. Johannes und Hyolda

In dieser Zeit wurde die Herzogin von der alten Obristin, die sie nach Sizilien
gefhrt hatte, sehr angenehm berrascht. Diese heitre alte Frau, die sich mit
einem gewissen Stolze als die Schpferin alles Glcks dieses Hauses ehren lie,
trat auch gewissermaen herrschend darin auf, da selbst die Herzogin aus
Ehrfurcht gegen sie manche ihrer gewohnten Beschftigungen aussetzte. Die
Obristin hate das Schulehalten, das Bessern, ihr war alles so ganz recht, wie
es in der Welt gegangen und wie es geht; keine Lustbarkeit war ihr burlesk
genug, immer fgte sie noch etwas als hchste Spitze hinzu, und ihr kleidete
manches, was einer jngeren Frau nicht verziehen worden wre. Was sind das fr
junge Leute, rief sie kurz nach ihrem Eintritte, das lacht nicht, das springt
nicht, das tanzt nicht; als ich in eurem Alter war, ritt ich noch die
Treppengelnder herunter. Besonders aber war ihr Dolores Gegenstand des
Spottes, weil die sonst am meisten von allen in ihre Lustbarkeiten eingegangen
und jetzt in manchen fremden Gedanken ber ihren Mann vertieft, manches
berhrte, wenigstens zu keiner Ausfhrung brachte. Sie hetzte alle ihre Kinder
gegen sie auf, da sie ihr keinen Augenblick Ruhe lieen, und wollte sich dann
ber die Not der guten Mutter, allen helfen zu wollen, halb krank lachen. Die
Frstin merkte bald ihre Laune, und obgleich viel betrbter in sich, hatte sie
doch in ihrem mannigfaltigen Leben genug Herrschaft ber sich gewonnen so etwas
mit dem heien Mantel der gezwungenen Lustbarkeit wohl zu bedecken; sie
entzckte die Obristin, die sie Mutter nannte, indem sie ihren Willen immer
vollstndig ausfhrte. Da wurden alle die alten Pfnderspiele durchgespielt,
welche die Obristin in ihrer Jugend gelernt hatte; ihre Hauptfreude war ein
groes Kssen zu veranlassen; bald mute einer in den Brunnen fallen, bald
unzhlige Sterne zhlen. Zu solchem Sternzhlen brachte sie auch nicht ohne
Absicht, um sich an der Verlegenheit des regierenden Hauptes zu ergtzen, den
Grafen und die Frstin zusammen; aber sie dachte nicht, welche Flammen und
welche Liebessterne sie in dem Herzen der armen Frstin damit entzndete; noch
nicht zufrieden mit diesem Spae, brachte sie auch den Schreiber mit der Frstin
zusammen, indem er mehrere Ellen tief in einen Brunnen gefallen. Der arme Junge
wurde so rot von diesen Kssen, da ihn die Obristin den ganzen Abend damit
neckte, er sei in seine Herrschaft verliebt; er hatte sich auf seiner Reise
wirklich sehr verschnert und sah in seiner Bescheidenheit recht wohl aus. Bis
in die Nacht mute gesungen werden und dann hatte sie sicher das Bettzeug von
einigen zusammennhen lassen, und frhmorgens war sie sicher schon zuerst auf
und erweckte alle die Schlfer mit irgend einem Schrecknisse. Sie hatte in sich
ganz unverndert die ganze Masse verwegener Lustigkeiten bewahrt, die sonst die
deutschen Schlsser durchtobte, die sich alles erlaubte und alles vergab, und
ein frhliches Toben aller dem zierlichsten Witze der einzelnen vorzog, die
jetzt meist als Erzhler oder Vorleser die eigentmliche Ttigkeit der andern
einschlafen lassen. Sie hatte eine gewisse Hrte in ihrer Art zu reden, war aber
gegen alle Leidende sehr hlfreich; wo sich andre aus Ekel wegwendeten, da stand
sie mit Klugheit und Ergebung bei; so sprach sie lachend von der Gebrechlichkeit
ihres alten Mannes, aber sie pflegte seiner als Frau und Magd zugleich; ihm
schrieb sie alle Tage in Knittelversen, was vorgegangen, und machte so eine Art
lcherliche Zeitung, wozu jeder sich beeiferte irgend einen wunderlichen Zug zu
liefern. Die Geschichte des Pfnderspiels schlo sie mit den Worten:

Die Frau Frstin und der Herr Graf
Zhlten die Sterne bis es zutraf,
Die Frau Frstin fand's immer noch nicht richtig,
Sie wurde noch immer einen Stern ansichtig,
Es schien ihr das Zhlen gar sehr zu gefallen,
Da lie ich ihren Schreiber in den Brunnen fallen,
Gar viele, viele Ellen tief,
Da er gar erbrmlich rief;
Sie mute mhsam hinaus ihn ziehen,
Da beiden von der Arbeit die Backen recht glhen.

Seit diesem Sternenzhlen krnkelte die Frstin; ihre wachsende Neigung zum
Grafen und seine Unverstndigkeit, die nicht zu erraten, krnkten sie tief. Die
Obristin schrieb dies belbefinden dem sitzenden Leben zu, und ermahnte sie eine
Fureise nach dem tna zu machen; der Graf knne sie begleiten, whrend sie noch
ein paar Tage recht vertraulich mit ihren beiden Pflegetchtern zubringen wolle;
sie wisse nicht, ob sie je wieder bei ihnen sein werde, da ihr Alter ihre
Munterkeit mit berlegener Zahl endlich einmal schnell besiegen knne. Der Graf
ergriff diesen Vorschlag mit Lust, die Frstin war bereit; und so zog er mit ihr
und dem Schreiber am nchsten Morgen aus. Wer kennt Siziliens Reize nicht, alle
Reisebeschreiber alter und neuer Zeit erschpfen sich in Lob: es ist der
Lustgarten Europens, dessen vereinte Sfte darin zu den wunderbarsten Bumen und
Blumen treiben, der von Szylla und Charybdis gegen uere Feinde bewacht, nur in
seinem Innern einen jetzt fast beschwichtigten, einst aber furchtbar tobenden
und zerstrenden Feind, den tna trgt, der unzhligmal die friedlichen lbume
mit seinen Feuerstrmen bedeckt hat, whrend der Schnee in den Klften seines
Wipfels die Bewohner gegen die heie Sonne khlt. Abwechselnd zeigt die Insel
die Spuren der ungeheueren Bevlkerung frherer Zeit: die groen Stadtmauern
laufen durch de Feldmarken, in den berresten eines Theaters liegt zu weilen
der ganze Rest einer Stadt, der es ehemals zum vorbergehenden Vergngen erbaut
war; dann trifft der Reisende auf so ungeheuere Zerstrung, da er die Khnheit
eines Volkes bewundert, das sich mitten darin anzubauen wagt, und whrend der
Arbeit, die so oft vergebens gewesen, wie bei einem Spiele alles absingt, was
andre Vlker trge, langsam und verdrossen sprechen. Die Sitten, die
Gewohnheiten, die Beschrnkungen der andern Welt erscheinen da, wo alles nach
schnellem Genusse strebt, fast lcherlich, und so fhlte heimlich auch die
Frstin den Zwang, der sie von dem Grafen trennte, als ein junger Pater ihr in
einem Kloster erzhlte, wie leichtsinnig solche bertretungen der Treue da
abgebeichtet und fr das Abbeten eines Rosenkranzes vergeben wrden. Der Graf
und der Schreiber waren inzwischen mit den tiefsten antiquarischen
Nachforschungen ber einige alte Inschriften in dem Kloster beschftigt, aus
denen die Frstin, die sich wieder ins Freie sehnte, sie nur mit Mhe herausri.
Sie machten diese Reise in kleinen Tagemrschen zu Fu; ihre Diener blieben in
bestimmter Entfernung von ihnen, um nur im Notfalle ihnen ntzlich zu werden; in
jedem Wirtshause, wo sie aber verweilen wollten, war alles Bequeme und
Erquickende im berflu voraus angeordnet; der Graf hatte sich in einen Zauberer
verwandelt, der auf jeden Wink der Frstin einen gedeckten Tisch, ein Ruhebett
herbeischaffen konnte. Einige Tage solcher Reisen machen vertraulicher mit
einander bekannt, als jahrelanger Umgang, es ist deswegen die Gewohnheit der
Neuverheirateten in England sehr lobenswert aus der Kirche in die Welt ganz
einsam mit einander zu fahren, um in ein paar Wochen mit dem ersten Vergngen
auch alle die strenden Gewohnheiten an einander kennen zu lernen, die sich
sonst wohl verbergen und spterhin zu ungelegener Zeit hervortreten. Wie oft
bedauerte die Frstin, da sie den Schreiber mitgenommen; es lag ihr in den
wenigen Tagen ein langes Leben, berall behinderte er ihre uerungen, da sie
dadurch in einen wunderlich gereizten Zustand versetzt wurde. Sie schlief
ungeachtet der Ermdung wenig und nie sehr fest; die Trume hielten immer noch
einen Laden auf, wo das Weltlicht strend in die alles vergessende Dunkelheit
einblickte; besonders frh war sie an dem Morgen auf, wo sie auf den ersten
Anhhen des tna geschlafen hatten. Es schauderte ihr, als sie den frhlich
bebauten Bergrcken verlieen, um durch ein Aschenmeer zu dringen, ber welchem
die Raubvgel wild seufzten; sie glaubte sich selbst in der Leidenschaftlichkeit
bei ihrem Alter, das schon manches Haar ihr grau gefrbt hatte, darin zu
erkennen und hinter sich in dem frhlichen Grafen das reichbebaute Land; sie
blieb lange stille. Einige Wolken lagerten sich um sie her; es wurde kalt, aber
ihre Neigung glhte mit dem Fieber, das in ihr begann; sie lie sich fast von
dem Grafen tragen, so lehnte sie sich an ihn. Zufllig und sehr natrlich
erzhlte hier der Graf Petrarchs wunderbares Ereignis, als er mit groer
Beschwerde einen hohen Berg bestiegen und in den Bekenntnissen des heiligen
Augustinus mit berraschender Rhrung die Worte aufgeschlagen habe: Die
Menschen gehen hin, die Hhen der Berge, die Wellen des Meeres, die gewaltigen
Strme, den weiten Umfang des Ozeans und die Kraft der Sterne zu bewundern, und
verlassen sich selbst. - Diese Geschichte machte einen tiefen Eindruck auf die
Frstin; sie wollte sich nicht verlassen, so schwor sie in sich und doch konnte
sie nicht vom Grafen lassen, der Kopf ging ihr herum. Sie war so erschpft, als
sie durch die Schneegegend in die Nhe des Kraters kamen, da sie einige
Strkungsmittel nehmen mute; nachher als der Schreiber umherging allerlei Laven
abzuschlagen, drngte sie sich mit vieler Khnheit immer weiter vor, durch die
schwarzen Steinmassen und den lockeren beschneiten Boden, bei den rauchenden
Schornsteinen vorbei, nach dem Krater. Der Graf rief ihr zu, sie mchte sich
doch in acht nehmen, und sprang ihr nach, sie aber fragte ihn heftig
vorschreitend: Sind Sie mein Freund, mein bester Freund? - Der Graf begriff
sie nicht; er glaubte, das starke Getrnk habe sie in der dnnen Luft berauscht,
sprang ganz zu ihr hin, hielt sie heftig und sagte bestrzt: Und Sie glauben
nicht an mich? - Die Frstin suchte sich loszureien und flehete: Lassen Sie
mich, mit der berzeugung, einziger Freund, will ich unten bei den erschlagenen
Himmelsstrmern Ruhe suchen. - In dem Augenblicke machte sie einen Versuch sich
herabzustrzen, aber der Graf hielt sie krftig und gefat, trug sie fort und
sagte: Gut, da ich dabei war, das ist ganz die Art des Schwindels, wie ich
gehrt habe, aus Furcht vor dem Fallen strzen sich die Schwindelnden meist
hinab. - Die Frstin lie sich jetzt ruhig hinunterfhren; es war nur eine
Anwandlung in ihr gewesen, diese Sterbelust, die sich wieder ganz in
Zrtlichkeiten gegen den Grafen auflste, der sie davon errettet, ausstrmend in
stillen Blicken zu ihm. Sie kamen spt und sehr ermdet nach einem Wirtshause am
Fue des Berges, wo alles auf sie wartete; der Schreiber war ganz verschlossen,
der Graf noch immer verwundert, die Frstin fing an leichtsinnig beredter zu
werden, seit dem gefhrlichen Ereignisse, ber das sie spottete. So verging das
Abendessen, wobei sehr stark getrunken wurde, denn der Wein war vortrefflich und
allesamt sehr durstig geworden; alle glhten von der scharfen Luft, die sie
durchstrichen hatten. Der Schreiber verlie zuerst die Gesellschaft, um nicht
durch sein Einschlafen das Lachen immer wieder zu erwecken. Bald stand auch die
Frstin auf; sie wankte von Mdigkeit und der Wirt und der Graf begleiteten sie
bis vor ihr Schlafzimmer. Im Vorbeigehen sagte der Wirt: Hier Herr Graf ist Ihr
Zimmer. - Die Frstin drckte dem Grafen die Hand zum Nachtgrue, er drckte
ihre Hand freundlich wieder, sie sang: Nein dieses Tages Feuer nimmer, o nimmer
vergeht! Der Graf fiel ein: Nein, dieser Tne Feier nimmer, o nimmer verweht.
So schieden sie. Der Graf ging in sein Zimmer, fand aber, da sich der Schreiber
aus Versehen schon darin festgelegt habe und fest eingeschlafen sei; ohne
Verdru machte er die Tre leise zu, und nahm dessen schlechteres Zimmer und
Bett ein; es gab auf der Welt keinen wohlwollendern Mann gegen die Jugend.
    Die Frstin befand sich von der Anstrengung, von dem Wachen, von der
Gemtsbewegung in einem fieberhaften Zustande; sie legte sich mit dem Vorsatze
ins Bett, alles zu verschlafen, aber sie konnte es nicht aushalten, es qulte
sie ein Gedanke wie ein eingebrannter Buchstabe, was der Graf jetzt von dem
Vorfalle denken mchte. Sie mute dem Grafen alles erklren; sie schlich in sein
Zimmer, das ihr vom Wirte bezeichnet war. In der Dunkelheit konnte sie es nicht
bemerken, da sie ihn verfehlt hatte; der, den sie traf, beschwichtigte so bald
ihren Mund, sie fhlte sich so ganz beglckt und sie lie ihr Bild in einer
goldnen Fassung dem Freunde zurck, da er seines Traumes Gewiheit erkenne.
    Am andern Morgen war sie sehr heiter, sie empfing den Grafen so vertraulich,
da dieser meinte, alles ngstlich Gezwungene, was ihn in den letzten Tagen an
ihr gengstet, sei in dem Krampfe des vorigen Tages untergegangen. Der
Schreiber, der sonst immer zuerst von allen wach war, und im Hause anordnete,
kam diesmal spter zum Vorschein und entschuldigte sich damit, da er vor den
Wanzen nicht ruhig habe schlafen knnen; der Graf vermied es ihm seine
Zimmerwechselung vorzuhalten, um ihn nicht noch mehr zu beschmen, da er schon
jetzt wegen der Versptung sehr verlegen erschien. Die Rckreise wurde nach dem
Wunsche der Frstin sehr eilfertig im Wagen gemacht; der ausgezeichnete Punkt
der tna, der sie immer zum ruhigen Ertragen aller Beschwerden angemahnt hatte,
war nun erstiegen, sie hatte ihr Ziel erreicht. Befremdend war es ihr, whrend
dieser Rckreise den Grafen ganz unverndert in jedem Blicke, in jedem Worte wie
den Tag vorher zu finden, whrend sich in ihr alles vorhergehende Leben so froh
erloschen zeigte; ununterbrochen war er beschftigt, alles zu ordnen, was er
seiner Frau an mancherlei Merkwrdigkeiten zusammengesucht hatte.
    Der Graf und die Frstin wurden auf dem Schlosse mit vielen Kssen
empfangen; die Obristin war schon verreist, hatte aber noch ein Blatt
Knittelverse fr die Reisenden zurckgelassen.
    Merkwrdig ist es, da weder jetzt noch frher die Herzogin irgend etwas von
der Leidenschaft der Frstin bemerkte; teils war sie zuviel beschftigt, teils
zu unbekannt mit den verschiedenen uerungen der Liebe. Dem Blicke der Grfin
war diese Leidenschaft der Frstin fr ihren Mann nicht entgangen, aber ihr
Zutrauen zu ihm blieb unwandelbar; sie glaubte es eine notwendige Bue fr ihre
frhere Verwirrung von ihren Besorgnissen niemand sagen zu drfen; was er auch
tun mochte, sie war nicht berechtigt ihm Vorwrfe zu machen. Mit hoher
Festigkeit verschwieg sie jedem ihre Qual, als sie beide der Versuchung einer
Reise sich so unbesorgt aussetzen sah; sie verschwieg es, als sie den uerungen
der Frstin zu entahnden meinte, da sie mit ihrem Manne in enger
Vertraulichkeit lebe. Gebet war ihr Trost; sie mochte nicht beichten, was ihrem
Manne nachteilig, und damit ihr Beten nicht auffallend sein knnte den alles
bemerkenden Kindern, so gewhnte sie sich ein stilles Gebet an, das keinem
hrbar, keinem sichtbar, durch die gewhnlichen Beschftigungen nicht gestrt
wurde, wobei sie sich nur zuweilen vertiefte, als habe sie geschlafen. Whrend
dieses Gebets glaubte sie eines Morgens die Stimme des verstorbenen Bedienten zu
hren, der sie ngstlich gerufen; sie ging verwundert nach dem Vorsaale, woher
der Ton zu kommen schien, und sah eins ihrer Kinder, die kleine Magdalena, die
sich ber ein Treppengelnder bergelehnt hatte, und im Herabstrzen zu sein
schien. Sie ergriff das Kind am Kleide und erhielt es mit leichter Mhe, und von
diesem Augenblicke an durchdrang sie eine Zuversicht, da Gott sie nicht
verlasse, da ihr Mann ihr nimmermehr untreu werde.
    Doch erschtterte ein andrer Vorfall zwei Tage darauf ihr ganzes Gemt. Bei
einer Meerfahrt, die der Graf zu Ehren der Frstin auf purpurnen Bten, mit
Musik besetzt, von vergoldeten Rudern getrieben, an einem sonnigen stillen Tage
veranstaltet hatte, wo sich jedes in Erzhlungen vergangener Geschichten
auslie, zeigte der Graf der Frstin den Ring der Apostel, in deren Mitte
Christus, den Dolores noch immer an ihrem Finger trug. Die Frstin erbat ihn
sich; Dolores verwunderte sich, da er diesmal von ihrem Finger lie, da er
sonst nur sehr schwer abzustreifen war. Die Frstin glaubte in dem Ringe einen
besondern Talisman fr die Treue des Grafen zu erkennen; sie wnschte ihn
vernichtet und gleich begnstigte ein Zufall ihren Wunsch: ein paar Kinder
traten lebhaft nach einer Seite, das Boot schwankte, die Frstin schrie auf, und
der Ring schnellte aus ihrer Hand ins Meer. Die Grfin war untrstlich, aber der
Graf, der den Unfall nicht minder tief empfand, hatte mehr Gewalt ber sich; er
wollte nicht die verehrte Freundin durch Vorwrfe krnken; er bat seine Frau
sehr zrtlich, dies kleine Zeichen ihrer Liebe nicht so zu beweinen, da ihnen so
viel grere brig blieben. Diese scheinbare Gleichgltigkeit deutete Dolores
auf ein Erkalten seiner Liebe, so wie den Verlust des Ringes auf den Untergang
ihrer glcklichen Ehe; aber in stiller Bue sagte sie davon kein Wort, nur mit
heimlichen Gebeten suchte sie ihr Schicksal abzuwenden, das durch ein
zutrauliches Wort mit ihrem Manne zu lsen war. O der spten unausbleiblichen
Strafe aller Schuld!
    Diese Fahrt, welche ein paar Tage dauerte, war mitten in der hchsten Lust,
durch eine Verbindung aller Naturschnheit mit dem glcklichsten Himmel und
seinen gnstigsten Winden und schnsten Festen, voll trauriger Zeichen fr die
besorgte Dolores. - Sie fuhren in die tiefen Felsengrotten bei Favarotta; die
Frstin, der Graf und der Schreiber hatten Flinten geladen, und erhoben
pltzlich ein verabredetes Getse, welches die Tauben aus ihren Nestern
aufschreckte, die in einer dichten leichten Wolke ber ihnen schwebten; jetzt
wurde Feuer unter sie gegeben, und es strzten eine Menge tot und verwundet
herab; die Hunde holten die gefallenen aus dem Wasser, und die Jagd wiederholte
sich. Die Grfin konnte kein Vergngen stren; sie sah wie lebhaft die Jger auf
jeden Schu sich freuten, aber immer rief es in ihr, was wird aus den Jungen im
Neste; sie schwieg aber und sah ins klare Wasser, das durch die eigentmliche
Beleuchtung der Hhle bis zum tiefsten Grunde alles durchscheinen lie, als wre
es zu einer hellen Luft geworden, in der die Barke schwebte; da sah sie die
wandernden Zge der geselligen kleinen Fische, ihr blitzschnelles Drehen, das
drehende Fortbewegen der Seesterne, der Medusen sternartiges, formloses Nichts;
wie Muscheln und Krabben gesellig bei einander lagen, halb in Moosen versteckt,
grere Krabben trugen die kleineren mtterlich auf ihren Armen in Sicherheit,
wenn zuweilen Delphinen an die Oberflche rauschten. Aus dieser fremden Welt,
die fr das Schrecken der umgebenden entschdigen wollte, drangen pltzlich
Sirenen hervor, schne schwimmende Mdchen, die gar anmutig eine Einladung
absangen:

Auf der Erde ist es schwl,
In den Wassern ist es khl,
Sonne, Mond und alle Sterne
Strzen sich hinein so gerne,
Denn im Wasser wird's so klar,
Wie's auf Erden traurig war.

Ruhig schlaft ihr bei uns ein
In der Wasser grnem Schein,
Hret keine Kinder schrein,
Fhlet keine Liebespein,
Liebet ohne Eifersucht,
Findet alles, was ihr sucht.

Was verloren in dem Meer,
Stehet da im Haus umher,
Alter Zeiten Schtz und Kunst
Brauchet ihr durch unsre Gunst,
Jeder Sturm bringt neue Gst
Zu dem ew'gen Freudenfest.

Wenn wir tanzen in dem Kreis,
Wirbelt sich die Welle wei,
Wenn wir unten lustig sind,
Strmet ber uns der Wind,
Strmt in unsrer Haare Glanz,
Und das khlet in dem Tanz.

Diese Fischermdchen, denn das waren diese Sirenen, hatte der wunderliche Prinz
von Palagonien abgerichtet, gleichwie er sein ganzes Lndchen zu den
abenteuerlichsten Effekten anordnete, die aber meist alle eine so gereizte
Stimmung forderten, wie sie Dolores in diesen Tagen hegte, um nicht ihre ganze
Wirkung zu verfehlen. - Oft sind diese Sirenen von den mutwilligen Sizilianern
beschimpft und bekriegt worden, dann erfolgte gemeiniglich zuletzt ihre Flucht
aufs Land, die mit den Schwimmgrteln und Federkleidern eben so lcherlich als
beschwerlich ausfiel. Unsre Reisenden fgten sich aber ganz ernsthaft in diese
Launen des wunderlichen Prinzen, sie hatten ihm ihre Ankunft gemeldet, sie
wollten sein abenteuerliches Schlo beschauen; und taten gegen die Sirenen, als
wenn sie sich aus Furcht vor ihnen ans Land zurck zgen. Dieser Landungsplatz
gehrte schon zum Garten des Prinzen, sie sahen niemand bereit sie zu fhren,
aber aus einigen Bumen, die zu ihrer Verwunderung umgedreht waren, so da die
krause Wurzel fein belaubt aufgerichtet stand, befahl ihnen eine Gttin, den Weg
nach dem Schlosse einzuschlagen. Das Schlo dieses Prinzen ist allzu bekannt, um
es weitluftiger zu beschreiben, es hat unermeliche Summen gekostet, um alles
hervorzubringen, was gegen den Geschmack, gegen die Bequemlichkeit, gegen jede
Art Kunstsinn verstt. Keine Mauer ist gerade oder in einer bestimmten
Krmmung, kein Fenster dem andern gleich; die schiefe Tre, die von der Mitte
des Hauses wenig absteht, ist von den ekelhaftesten, in Marmor gehauenen
Schimren umgeben; erst da bemerkt man, da die ganze Mauer mit solchen Unwesen
ordnungslos berzogen ist. Beim Eintritte erschrickt der Kunstliebende vor den
schnen heiligen Bildern groer Meister, womit der Fuboden belegt ist, wogegen
die Wnde mit den Zerrbildern kleiner Kinder in kostbaren Rahmen prangen; alle
Fensterscheiben sind aus zerbrochenen Stcken sehr beschwerlich zusammengeltet,
und die Decke des Zimmers ist mit einem Gemische alter goldener Rahmen,
Muscheln, Ordensbnder und Dokumente mit groen Wappen bedeckt; die prchtigen
Sthle haben alle nur zwei Beine, und die Tische liegen alle umgekehrt. Das
kostbare, aber in seiner Vermischung ganz ungeniebare Frhstck, war in einem
knstlichen Pferdestalle unsern Reisenden bereitet, der freilich nie den Pferden
eingerumt worden; die herrlichsten Majolikagefe als Krippen, die knstlichen
Glasgitter als Heuraufen zeichneten ihn vor allen Zimmern im Schlosse aus. Hier
lieen sich die Reisenden zum Ausruhen nieder, wenn sie gleich von den Speisen
nichts anrhren mochten; weder Herr noch Diener war irgend zu erblicken, alle
unterhielten sich ber die Veranlassung, eine Grille, die einen andern Menschen
auch wohl einen Augenblick htte beschftigen knnen, mit solchem Aufwande ber
sein ganzes Leben auszubreiten. Die Frstin glaubte, er htte sich durch diese
Wunderlichkeiten auszeichnen wollen; was ihm auf dem gewohnten Wege andrer
Menschen vielleicht nicht gelungen; es gehe ihm nicht rger als gar manchem
Dichter, manchem Frsten. Der Graf meinte eine eigne Gedankenunzucht darin zu
entdecken; er glaubte, da ein Mensch allmhlich in solcher heimlichen Lust
alles Ekelhafte sich zu denken, weil es niemand in seiner uerung leiden wrde,
zu so einer fixierten Verdrehung alles Kunstsinns gelangen knne; wunderten wir
uns doch oft, sagte er, ber unerklrliche leidenschaftliche Liebe zwischen
ganz Ungleichartigen, die in ihrer Verbindung noch rger wie dieser Palast
erschrecken, aber keiner lt sich trumen, welche geistige Zwischenglieder sie
ganz natrlich verbinden; es ist nichts heiliger in der Welt als die Gedanken
und nichts mu heiliger gehalten werden; manche Snder erscheinen da schuldlos
gegen die scheinbar guten und frommen Seelen, so entzieht ihnen auch der Heilige
Geist ihre Kunstgaben nicht, whrend jene in sich aussterben und verarmen. -
Diese uerung des Grafen, ganz ohne Beziehung auf die Umgebenden, zog die
Grfin sich zu Gemte; sie glaubte die Frstin, deren frhere Verbindung mit
ihrem Vater und anderen sie kannte, als jene ffentliche Snderin zu erkennen,
und sich in der heimlichen wieder zu finden; wie sie durch ihre Kinder von aller
uerung ehemaliger Kunstanlage abgehalten, wie jene ihren ganzen Stolz in die
Ausbildung ihres Talents gesetzt, das vermischte sich in ihrer tiefen Demtigung
mit den uerungen des Grafen ber die Austeilung des Heiligen Geistes; sie
wollte ihre Trnen zurckhalten, aber die gewaltsame Wirkung dieser Verzweiflung
an sich, in ihrem Innern zusammengepret, strte den ruhigen Zusammenhang des
ueren mit dem Inneren; sie sank in einer Ohnmacht nieder. Der Graf schrieb es
der ungewohnten Fahrt zu, und trug sie in den Garten. Erst nach einer
Viertelstunde erwachte sie an der freien Luft in den Armen ihres Mannes, unter
seinen Kssen und Trnen, die khlend auf ihre Schlfe gefallen; die
Kanarienvgel sangen ber ihr in dem Rosengebsche. Sie wute nicht wie ihr
geschehen, es war ihr wie beim Erwachen nach dem Hochzeitfeste, noch einmal so
selig, denn der Graf war ihr so viel teurer; es schien ihr dasselbe und ein
andres Leben, alle Besorgnisse dieser Tage wurden fr eine Stunde von dem
wunderlichen Schlosse beschworen. Der Graf drang aus Besorgnis wegen der Grfin
auf die Rckfahrt; den Kindern tat es sehr leid, sie erzhlten ohne Aufhren von
dem Schlosse; die Reise endete heitrer und traulicher, als das Ereignis mit dem
Ringe erwarten lie. Wer vermag es Ahndungen zu deuten?
    Am Abende nach ihrer Rckkehr, wo in Gegenwart eines Mnchs aus dem nahen
Franziskanerkloster, von dem Prinzen von Palagonien wieder gesprochen und
verschieden gemutmat wurde, erregte er mit der Versicherung alle Rtsel lsen
zu wollen, die allgemeine Aufmerksamkeit. Habt ihr nie, sagte er, von dem
alten Geschlechte der Stauffenberge in eurem Vaterlande gehrt? Peter von
Stauffenberg war der letzte und schnste seines Geschlechts im deutschen Lande,
von ihm stammen die Prinzen von Palagonien.
    Die Frstin fiel hier ein und erinnerte, da freilich der echte mnnliche
Stamm aus gltiger Ehe entsprossen, in Deutschland erloschen sei; da aber eine
Tochter Sigelindens, die ihm nach einer alten Fabelgeschichte von einer Meerfeie
geboren sei, also wahrscheinlich ein Kind, das er von einer Meerfahrt
mitgebracht, die Stammutter ihres Hauses wre. - Der Mnch meinte, sie wrde in
Hinsicht dieser Verwandtschaft sehr begierig sein den Prinzen kennen zu lernen;
die Frstin aber versicherte, da sie genug bldsinnige Vettern in ihrem Hause
bese, und der Mnch fuhr in seiner Geschichte fort: Sie werden vielleicht
nicht wissen, hohe Frstin, wenn Sie gleich nach heutigem Welttone daran
zweifeln, was die allgemeine Sage von diesem schnen Stauffenberge erzhlt, der
in aller Welt herum reiste, seine Schnheit und sein Geschick und ritterliche
Tugend zu zeigen; ich will seine Geschichte ganz kurz erzhlen. Kein Mann konnte
ihn weder im Ernste noch im Scherze bestehen, den Frauen war er eben so
gefhrlich, aber allen ihren Blicken, Sendungen und Verfhrungen blieb er
verschlossen, als htte die Natur alle seine Lust zum Schrecken, zur Gewalt
aufgezehrt, da der Liebe nichts geblieben. Als sich aber einst die Tochter des
Kaisers Otto, Helena mit Namen, bei einem feierlichen Gestech in ihn verliebte,
der Kaiser sie ihm zur Gemahlin bot und er sie ffentlich ausschlug, da mute er
bei Ritterpflicht dem Kaiser bekennen, was ihn im ehelosen Stande halte. Der
Ritter von Stauffenberg bekannte, da er mit einer schnen Meerfeie seit Jahren
verheiratet sei, deren Name Nixe, nachher allgemein fr die Geister der Wasser
gebraucht worden; ihr sei er mit seinem ritterlichen Handschlage verpflichtet,
den er ihr einst bei seinem ersten Auszuge in die Fremde gegeben, als sie ihm
Liebe und Schutz gegen alle Fhrlichkeit seines Lebens zugesagt htte. Wann er
es wnsche und er allein sei, erscheine sie ihm in ewiger Jugend wie das
erstemal, herrlich gekleidet aber mit nassen Haaren; sie wre dann gefllig
seinem Willen als einer ehelichen Frau gezieme und habe ihm ein Mdchen
Sigelinde geboren; in allem ffentlichen Verkehre und was er denke und dichte,
erscheine sie dagegen nie, aber sie flstere ihm oft, wo er in Not sei, guten
Ratschlag ein, und habe ihm erst den Morgen zugerufen, sich stumm zu stellen,
was er aber aus Ritterpflicht unterlassen. Die Geistlichkeit erklrte die
Meerfeie fr einen Teufel, dem der Ritter entsagen msse nach seiner
ritterlichen Ehre, und der Kaiser schwor, da er zum offenen Zeugnisse dieser
Entsagung seine schne Tochter Helena, die aus Liebe zu ihm sterbe, sogleich
heiraten msse. Der Ritter versicherte, da die Meerfeie ihm heilig
zugeschworen, er msse nach dreien Tagen hinsterben, nachdem er die Treue zu ihr
gebrochen; aber die Ritter riefen einmtig, da solche Furcht vor dem Teufel
keinem Ritter gezieme, der Leib und Leben dem Werke Gottes geweihet. Der Ritter
fhlte sich berwiesen, die Verlobung mit Helena wurde gleich vollbracht; noch
eine Nacht erbat er sich vor der festlichen Verheiratung. Als er allein war, da
wnschte er zu sich die geliebte Frau; sie erschien, aber ihr frhliches Auge
war in Trnen erloschen, nicht blo ihr Haar, ihr ganzes Kleid war gent; sie
konnte kein Wort sprechen, als sie den Ritter an sich drckte. Ach weh, da ich
zu Ruhm gekommen, da mich ein frstlich Weib genommen, so rief der Ritter und
die Meerfeie schluchzte, da er ihr nicht mehr gefolgt sei; in dreien Tagen, da
sei er tot und sie verfalle in der Liebe Bann. Die drei Tage solle er frhlich
genieen, am dritten Tage wolle sie ihm zeigen den Fu, auf den er sie zuerst
gekt, da jedermann ihn sehen knne zum Zeichen, da sie kein Hirngespinst
sei. Und da umfingen sie sich zum letzten Mal, und da sagte er: Ach Sterben ist
nun mein Gewinn, weil ich nimmermehr bei dir bin. Schon klang es im Schlosse von
der verhaten Hochzeitfeier; sie verschwand, Lrmen und Pracht, Wein und
Liebkosungen machten ihn bald der Drohung wie eines Traums vergessen. Die
Vermhlung geschah feierlich; der alte Kaiser begrte die Neuvermhlten am
folgenden Morgen, wie sie Arm in Arm, von Freuden mde an einander eingeschlafen
waren, und brachte ihnen kostbare Mntel und Rstung, fand aber die ganze Decke
des Bettes mit so kostbaren Perlen gestickt, da seine Geschenke davor ganz
rmlich erschienen. Diese Perlen waren die Trnen der verlassenen Meerfeie und
der Ritter erkannte sie wohl beim Erwachen; wo aber kein Ausweg zu finden, da
schreitet der Mutige vorwrts, und so verging auch der zweite Hochzeittag in
Lust, und am andern Morgen fand er die Decke so reich mit Perlen besetzt, da
sie ihn fast erdrckte. Am dritten Hochzeittage endlich, als eben die Gste
scheiden wollten, da durchstie etwas die Decke, ber der das Brautbett
gestanden; dem Ritter entfiel der hohe Pokal, er und alle Anwesenden erblickten
einen wunderschnen Weiberfu, wie ihn Helena wohl nicht zeigen konnte, so schn
sie brigens war. Allmhlich befiederte sich das schne Bein, - bald drang eine
Seemwe an der Stelle ins Zimmer, die es mit Jammergeschrei umkreiste, und sich
dann durch das offene Fenster in den Rheinstrom strzte, der immerdar nach dem
Meere luft. Der Ritter erkrankte whrend dieses Gesichts; alles floh, nur seine
Helena blieb bei ihm, und wartete seiner bis er den Geist aufgegeben. Sie bauete
ihm ein Denkmal: sein schnes Bild, wie er von den Fluten fortgerissen, mit
seinem Ritterschwerte, das da wurzelt und grnt, von der Erde festgehalten wird.
An diesem Denkmale wurde sie mit dem Beistande einer fremden Frau von einem
Knaben entbunden, den sie nach dem Vater nannte; die unbekannte schne Frau
brachte ihr, statt einen Dank zu verlangen, mit vielen Trnen ein Tchterlein
von zwei Jahren, Sigelinde: und bekannte ihr, da es des Ritters Tochter von ihr
sei, und da verschwand sie als ein Vogel und versank unten im Rhein. Helena
hatte also zwei Kinder ihres Ritters, die sie in frommer Liebe erzog, die aber
beide frh eine mchtige Lust zu einander zeigten, da sie beide trennen mute.
Den Knaben nahm der Kaiser nach Sizilien und gab ihm dort den Titel eines
Prinzen von Palagonien, die Tochter wurde bald darauf Eurem edlen Ahnherren
vermhlt. - War Euer Geschlecht mit Glck gesegnet? fragte der Mnch die
Frstin zum Schlusse. Die Frstin errtete und sprach: Vor allen war es
glcklich, bis ich bin eingetreten; mein entarteter Sohn, der sich einem wilden
Leben ergab, verleugnete den Segen seines Hauses. - Der Mnch fuhr fort: Ganz
anders erging es dem mnnlichen Stamme dieses Hauses in Sizilien; sein Unglck
ist ein Irrgarten, jede Ehe war mit Mord bezeichnet; es ist keiner in dem Hause,
der nicht entweder sich oder einen der Seinen umgebracht hat. Dem jetzigen
Prinzen, der durch frhes Unglck seine Eltern verloren, dem Letzten seines
Hauses, wurde in einer ngstlichen Erziehung eine so gewaltige Scheu vor den
Menschen, vor jedem Unternehmen beigebracht, da er nie zu etwas kam, sobald er
etwas dabei tun sollte, und nie etwas annehmen mochte, was ein andrer fr ihn
tat; so verzgerte er in gewaltsamer Anstrengung seines Geistes jedes
Unternehmen, bis es unmglich auszufhren war. War eine Stelle eben besetzt, so
wnschte er sie sich, die er vorher ausgeschlagen. Er liebte, und wurde geliebt,
aber er konnte sich zu keinem Worte entschlieen, dieses auszudrcken; seine
Geliebte starb aus Gram darber; ihre nachgelassenen Worte der Liebe zerrissen
sein Herz. Er beschlo in sich seinen unglcklichen Stamm zu vertilgen, der nur
Unglck erfahren und Unglck gebracht hatte! In stiller Verzweiflung zog er sich
von allen Menschen zurck; aber seine Schnheit, sein Verstand zogen manche zu
ihm, sein Reichtum brachte ihm vielen Zuspruch; so beschlo er mit seinem
Reichtume etwas zu begrnden, das die Leute von seiner Schnheit abschreckte,
indem es ihm den Ruf des Wahnsinns gebe; so entstand der berufene Palast, der
wohl eine Menge Neugierige fr ein paar Stunden herbeizieht, aber sie alle sehr
bald ermdet und zurck weist. Als die Maurer diesen Palast bis zu der Hhe
aufgerichtet hatten, da er vom Meere gesehen werden konnte, da haben sie eines
Morgens eine weibliche schne Gestalt auf einer Klippe sitzen sehen, die mit
grnen Augen auf den Bau geblickt, whrend sie ihr nasses Haar mit den Fingern
durchzogen; ihr Haupt wurde dabei von Meervgeln mit klagendem Geschrei
umkreiset. Als sie verwundert zu ihr hingeblickt, ist sie untergetaucht. Ob der
Prinz dieses Meerweib gekannt, lt sich nicht bestimmen; er habe sich nicht
verwundert und gleich gesagt, ob es nicht sechs Uhr Morgens gewesen, welches sie
alle bejaht. Nach einiger Zeit hat der Prinz ein paar Fischermdchen, die gut
schwimmen konnten, im Singen unterrichten lassen, da sie nahe bei dem
Landungsplatze die Fremden als Sirenen begren. Es ist ein Gerede unter den
Menschen, da er einen nchtlichen Umgang mit dem Meerweibe habe, wenigstens
schifft er sich oft Nachts ganz allein, selbst wenn es strmt, in einem Boote
ein, fhrt auf die Hhe, und kommt erst nach Sonnenaufgang zurck; ich wei
nichts davon, aber ein Schiffer, der ihm dies Boot in Ordnung hlt, sagte in der
Beichte, da er einst zwei schne Perlen darin gefunden, die er sich zugeeignet
und fr tausend Zechinen verkauft habe. Andre sagen, es sei die Sibylle von
Marsalla, mit der er zu tun habe, gewi ist dort der einzige Ort, wo er sich am
Abende vor dem Johannisfeste in der bekannten Grotte einfindet, von dem
wunderbaren Wasser trinkt, und in die schallende Hhle wunderbare fremde Worte
ruft, die ihm eben so wunderbar beantwortet werden. Viele Menschen, die von
Wundern nichts halten, sagen, da er in geheimer Verbindung stehe mit der
berufenen Tuneser Seeruberknigin Onanide, die alle Monat ihm einen Besuch
ablegen soll; gewi ist, da an einem Tage im Monat, welchen der Mondenlauf
bestimmt, sein Schlo nchtlich erleuchtet ist; aber keiner seiner Leute darf
bleiben; er lt sie hinaus, und zieht selbst die Zugbrcken auf. Nach jeder
solchen Nacht schickt er in der ganzen Gegend Geschenke aus, meist fremde
Sachen, die hier nie gesehen, die niemand brauchen kann. So sendete er im
vorigen Monate groe schne Schrnke in unser Kloster. Wir ffneten sie mit
groer Neugierde; aber denken Sie sich, was wir in den Schiebekasten fanden:
Felsstcke, sauber eingepackt auf Baumwolle gelegt; kein einziger kostbarer
Stein war darunter. - Das wird eine Mineraliensammlung sein, sagte der Graf,
die wre mir willkommen, ich habe gerade darin am meisten nachzuholen und
nachzulernen. - Der Mnch versicherte, da ihm diese Sammlung gegen irgend ein
Geschenk, das zum Kirchendienste taugte, gern berlassen werde; der Graf wurde
darber sehr heiter und fast ungeduldig sie zu besitzen. Die Frstin uerte,
da die wunderbare geahndete Verbindung des Prinzen vielleicht eine Muse sei:
ein gnzliches Ergeben an Studien, denn dies Geschenk sei gar zu
wissenschaftlich fr eine Meerfeie, oder fr eine Seeruberin. - Nein, sagte
die Grfin, die alles Allegorische hate, was ihr eine geglaubte Wirklichkeit
entrckte, es ist gewi eine Meerfeie, welche ihrem Freunde von den
untergegangenen Schiffen alles Herrliche verehrt. - Darber verloren sich die
andern in Wnschen nach diesen untergegangenen Schtzen; einer wollte Michael
Angelos Zeichnungen zum Danke, ein andrer Hamiltons Vasen; die Frstin aber
meinte, wenn ihr niemand wiederschaffen knne, was an Kunstwerken in Feuer
aufgegangen, von der Erde verschttet sei, so mchte das Wasser immer seinen
Teil behalten, manches solle nun einmal der Welt verloren gehen. Gleich den
folgenden Tag fuhr der Graf mit einem schnen Altarbilde nach dem Kloster, das
ihm ein junger Maler Grimm aus Deutschland zurckgelassen hatte; es stellte die
Einsetzung des Abendmahles dar; die Kpfe der Apostel waren meist Gesichter
seiner Bekannten im Schlosse. Die Mnche waren sehr erfreut ber den Tausch, und
der Graf lie den Wagen voll Schrnke, wie im Triumphe, mit Musik zu sich
einfahren. Die Frstin, die alles ergriff, was ihm Vergngen machte, bat es sich
aus, da die Sammlung in ihrem Hause aufgestellt werde; der Schreiber, welcher
gute Kenntnisse von den neueren mineralogischen Systemen hatte, solle sie in
seinem Zimmer durchsehen und ordnen. Der Graf willfahrte ihr und lebte, in der
Sammlung vertieft, halbe Tage in ihrer Nhe. Lcheln mute er, als er auch in
dieser Sammlung die Besorglichkeit des Prinzen vorscheinen sah; die giftigen
Metallkalke waren alle schon im ueren des Schiebkastens mit dem Zeichen des
Totenkopfes und der Knochen aller leichtsinnigen Neugierde, die sie unvorsichtig
abreiben knnte, verwarnt.
    Nach einiger Zeit wurde von Anselmo, dem Mnche, der die fabelhafte
Geschichte des Prinzen nach sizilianischer aberglubischer Art vorgetragen
hatte, die Nachricht gebracht, der Prinz wnsche die Frstin zu sprechen, er
htte ihr etwas Geheimes zu erffnen. Die Frstin schlug es ihm aber fr immer
ab; seit sie sich in so heimliche Verbindung verstrickt hatte, mied sie alle
heimliche, wahrsagende Menschen, Kartenleger, Zigeunerinnen, selbst die
Sibyllenhhle bei Marsalla. Bald darauf glaubte man den Prinzen in der Nhe
verkleidet gesehen zu haben; der Graf wollte ihn deswegen besuchen, er verschob
es aber so lange, bis es zu spt war. - Der Prinz schickte ihm nach einiger Zeit
einen schn gemalten Stammbaum, der seine Verwandtschaft mit der Frstin bewies.
- Der Graf hrte zuweilen bei der Frstin ein wunderliches ngstliches Gerusch
- wohl dem, der im Bsen die geheime Warnung versteht, ihr schien es ein leerer
Schrecken. Einmal stand die Grfin dicht hinter ihr; sie hatte nichts kommen
hren, weil sie ber des Grafen Schulter lag, der vor den Mineralien sa und
ordnete, kleine Zettel anklebte, und im Anschauen verloren war. Die Frstin
schrie auf; sie meinte, es wre wieder jenes Gerusch, das sie umgebe, und der
Graf strafte zrtlich seine Frau, wie sie so erschrecken knne; wirklich ist das
Leisegehen eine Art Falschheit oder Bosheit, aber die Grfin war laut
aufgetreten, der Graf war nur in den Mineralien, die Frstin in ihm vertieft.
Aber ist es nicht bedeutend, wenn uns zufllig das Bekannte durch seine
unerwartete geliebte Nhe erschreckt? Die Grfin hing diesem Gedanken nach; ihr
war, als htte sie etwas sehr hnliches, was sie dort erblickt, in frherer Zeit
gelesen; sie suchte unter ihren lngst vergessenen deutschen Bchern nach, und
fand im vierzigsten Teile von Wallers smtlichen Schriften folgende
Versuchungsgeschichte bei seinen mineralogischen Wanderungen, die wir als eine
Darstellung Italiens hier auch wohl dulden mgen, wenn sie gleich unsre
Geschichte unterbricht. Was ist uns denn in einer Geschichte wichtig, doch wohl
nicht, wie sie auf einer wunderlichen Bahn Menschen aus der Wiege ins Grab
zieht, nein die ewige Berhrung in allem, wodurch jede Begebenheit zu unserer
eigenen wird, in uns fortlebt, ein ewiges Zeugnis, da alles Leben aus Einem
stamme und zu Einem wiederkehre. Warum sind doch die Leser meist so ungeduldig,
warum mu ich hier Ereignis auf Ereignis zusammendrngen und von der liebevollen
Erziehung der Kinder, wie Dolores und Klelia sie ihnen geben, mu ich ganz
schweigen, um mich nicht in unendlicher Betrachtung zu verlieren. berschlagt
nicht diese lehrreichen Verse.


                 Elegie aus einem Reisetagebuche in Schottland

Genua seh ich im Geist, so oft die unendlichen Wellen
Halten den Himmel im Arm, halten die taumelnde Welt;
Seh ich die klingenden Hhlen des nordischen Mohrenbasaltes,
Glaub ich die Erde gesttzt auf den Armen der Hll;
Dann, dann sehne ich mich in deine hellschimmernde Arme
Weier carrarischer Stein, khlend die schwlige Luft,
Denk ich der Treppen und Hallen von schreienden Menschen durchlaufen
Keiner staunet dich an, jedem bist du vertraut.
Sage Vertraulichkeit mir, du innere treu mir gehegte,
Was zum Norden mich trieb, ach und du schweigest beschmt.
Meine Begleiter, die rufen sich Geister des Fingal im Echo,
Und ich denke mich fern, hin nach sdlichem Land,
Liege am Felsen gestreckt mit zierlich gebundenem Tagbuch,
Und verlange vom Geist, da er was Gutes bescher!
Fingal, das klinget schon wieder so hell, mir wird doch so trbe,
Frierend whn ich mich alt, Jugend verlorene Zeit!
Dreht sich die Achse der Welt? Wie fhrt mich Petrarka zu Fingal,
War es doch gestern, ich mein, da ich nach Genua kam.
Ja dort sah ich zuerst das Meer, das nun mehr mir grauet,
Weil es vom Vaterland mich, von den Freunden mich trennt;
Damals von der Bocchetta herab in des Frhrots Gewhle
Sah ich die Hoffnung darauf, weichlich im schwebenden Bett,
Nicht am Anker gelehnt, nein sorgenlos schlummernd, sie dreht sich,
Da die Schifflein so wei, flogen wie Federn davon;
Lssig band sich vor mir die Gttin das goldene Strumpfband,
Zweifelnd, da frhe so hoch steige der lsterne Mensch.
Und so stehend und ziehend am Strumpfe sie lebte und schwebte
Wie ein Flmmelein hin ber die spiegelnde Welt.
Fiametta! ich rief, mir schaudert, sie fate mich selber,
Ja ein Mdchen mich fat, lchelnd ins Auge mir sieht;
Ich bin's! sagte sie peitschend den buntgepuschelten Esel,
Da aus dem ledernen Sack schwitzte der rtliche Wein:
Esel, du kennst schon den Weg zum Markte der glnzenden Hauptstadt,
Mit Laternen zur Nacht stiegest du gestern erst hier.
Lieber, was willst du? sie fragt, du riefest mich eben bei Namen?
Wenn sie nicht Blicke verstand, Worte, die wut ich noch nicht!
Der Beschmung sich freuend, sie strich mir die triefenden Haare,
Tau und Mhe zugleich hatten die Stirne genetzt,
Wie ein Bursche der Schweiz ich schien ihr nieder zu wandeln,
Um zu suchen mein Glck und sie wollte mir wohl.
Als sie den Stein erblicket, den sorglich in Wissenschaftsliebe
Auf den Hnden ich trug, da der Anbruch nicht leid',
Rtlicher Feldspat es war mit kstlich groen Kristallen,
Wie er nirgends als dort schmcket den alten Granit;
Ei da lachte sie laut, und ri mir den Stein aus den Hnden,
Warf ihn ber den Weg, da er zum Meere hinrollt,
Und dann spielte sie Ball, sich freuend meiner Verwirrung
Mit der Granate, die schnell kehrte zu ihr aus der Luft;
Nicht der schrecklichen eine, die rings viel Huser zerschmettert,
Doch die feurige Frucht, mystisch als Apfel bekannt.
Und ich sprach ihr in Zeichen so zrtlich ich immer vermochte,
Kte die innere Hand, warf dann mein Klein ihr zu.
Und sie verstand mich doch wohl? O Einverstndnis der Vlker,
Das aus Babylons Bau blieb der zerstreueten Welt,
Suchte doch jeder den Sack beim brennenden Turm und fragte,
Also blieb auch dies Wort Sack all den Sprachen gesamt. -
Ob der Esel auch eilte so schnell mit dem Sacke hernieder,
Doch die Liebe versteht jegliche Zeichen geschwind,
Die sie niemals gebraucht im Blick in guter Gebrde,
Sei es in sdlicher Glut, sei es auf nordischem Eis.
Folgend dem trabenden Esel, sie blickte sich um so gelenkig,
Die Granate entfiel, und ich ergriff sie geschickt;
Khle vielliebliche Frucht, einst Gttern und Menschen verderblich,
Wohl du fielest auch mir, zauder ich, wo ich gehofft?
Doch ich zgerte noch, gedenkend an Helena traurend,
An Proserpina dann, beide erscheinen mir eins
Mit der Eva, da wollt ich die Frucht verscharren der Zukunft,
Da nur dies Heute, was mein, bleibe vom Frevel befreit,
Da ich dem Zufall vermag zu treiben die Kerne in ste,
Da ich dem Zufall befehl, da er die Blte verweht.
Aber da mocht ich nicht whlen im Boden voll zierlicher Kruter,
Jegliches Moos noch so zart, drngte sich ppig zum Tag.
Zweiflend ging ich so hin, sie schwand mir, da stand ich am Meere,
Fern mich weckte ihr Ruf, da ich nicht strze hinein.
Nein zu seicht ist die Kste, sie wrde nicht bergen den Apfel,
Nur die Tiefe des Meers birgt ein unendlich Geschick.
Also kam ich zum Meere und sahe die Fischer am Fischzug,
Springend durch kommende Well, ziehend ein brunliches Netz,
Rot die Mtzen erschienen wie Kmme von tauchenden Hhnen,
Fischer in Mnteln ganz braun, schrieen als jagten sie die.
Andere stieen halbnackt ins Meer die schwarze Felucke,
Trugen die Leute hinein, die nach Genua ziehn.
Ach da entschwand mir die Schne hinter den grnenden Bergen,
Zweiflender stand ich nun da, alle dort gingen zu Schiff.
Auch mich trugen sie hin, ich dacht nur des Apfels des Bsen
Und des unendlichen Meers, das mich zum erstenmal trug.
Wie sie enthoben das Schiff, begann bei dem Schwanken und Schweben
Da mir das Herz in der Brust, recht wie vom Heimweh zerflo;
Durch die flieenden Felsen erscholl dann ein liebliches Singen
Ich verstopfte das Ohr, war vor Sirenen gewarnt.
Bald belehrte ich mich, es sang ein Weiblein im Schiffe,
Das im Mantel gehllt deckte vier Knaben zugleich,
Wechselnd die Hnde bewegt sie im Takt wie Flgel der Windmhl,
Und als Zigeunerin singt, wie sie Maria begrt;
Sagt die Geschick ihr voraus des heiligen Kinds, das sie anblickt,
Als es im Kripplein noch lag, chslein und Eslein es sahn;
Zeigt ihr den himmlischen Stern, dem Hirten und Knige folgen,
Alles das sah sie sogleich an den Augen des Herrn;
Auch das bittere Leiden, den Tod des Weltenerlsers,
Hebt er den Stein von der Gruft, von der Erde den Leib. -
Alles Verderben mir schwand, ich sahe das Bse vershnet,
Statt zur Tiefe des Meers, warf ich den Kindern die Frucht,
Die begierig zugleich all griffen und fingen sie doch nicht,
Denn sie fiel in den Scho, der sie alle gebar.
Engel, vershnt ihr das Herz, das tief arbeitende bse,
O so vershnt auch die Frucht und vernichtet sie so.
Dankend die Mutter sie nahm, hellsingend sie ffnet die Schale,
Nahm mit der Nadel heraus jeglichen einzelnen Kern:
Wie im Neste die Vglein, also im Mantel die Kinder
Sperren die Schnbel schon auf, ehe ihr Futter noch nah,
Also sie warten der Kerne mit offenem Munde zur Mutter
Und die Mutter verteilt gleich die khlende Frucht.
Doch da tobte herab ein Sturm aus schwarzem Gewlke,
Weil es den Teufel verdro, da ich die Frucht ihm entwandt!
Wlze dich schumendes Meer, ich habe die Frucht dir entzogen,
Nichts vermagst du allhier, schaue die Engel bei mir;
Strze die Wellen auf Wellen, erhebe dich hher und hher,
Du erreichest uns nicht, hher treibst du uns nur.
Schon vorbei dem brandenden Leuchtturm schtzt uns George,
Der in sicherem Port zhmet den Drachen sogleich! -
Liebliche Ruhe des Hafens nach wildem Gesause der Strme,
Dann erst siehet man ein, wie es auf Erden so schn!
Wie von Neugier ergriffen, so heben sich bereinander
Grend der Straen so viel, drber erhebt sich Gebirg,
Hher noch Heldengetrm, da wachet der Festungen Reihe,
Schtzet uns gegen den Nord und wir schweben im Sd.
Ei wie ist's? Ich glaubte zu schauen und werde beschauet,
Amphitheater erscheint hier die Erde gesamt:
Spiel ich ein Schauspiel euch vor, ihr bunten Trken und Mohren,
Da ihr so laufet und schreit an dem Zirkus umher?
Kommen von Troja wir heim, am Ufer die Frauen und Kinder,
Kennen den Vater nicht mehr, freuen sich seiner denn doch?
Also befreundet ich wandle auf schwankendem Boden und zweifle,
Aber sie kennen mich bald, bald erkenne ich sie.
Fingal und Fingal, da rief's schon, mu ich erwachen in Schottland
Bin ich noch immer kein Held, bin ich noch immer im Traum?
Mu heimkehren zur Erdhtt, keinen der Menschen versteh ich,
Mu mir schlachten ein Lamm, rsten das lebende Stck,
Mehl von Hafer so rauch mir backen zum Brote im Pfnnchen
Und des wilden Getrnks nehmen viel tchtige Schluck.
Wanderer Mond, ach du schreitest die stumpfen Berge hinunter,
Nimmer du brauchest ein Haus, dich zu strken mit Wein;
Alle die Wolken, sie trnken dich froh mit schimmernden Sften,
Ja dein berflu fllt, tauend zur Erde herab,
Nimmer du achtest der gleichenden Berge und Grser und Seen,
Denn im wechselnden Schein, du dich selber erfreust;
Siehe mein Leiden, o Mond, durch deine gerundete Scheibe,
Schmutzig ist Speise und Trank, was ich mir wnsche, das fehlt.

Die Grfin las diese Verse mehrmals und gewann dadurch mehr Zutrauen zu dem
Grafen in seinem Verhltnisse zur Frstin. Wieviel edler ist er als Waller,
dachte sie; zum erstenmal fhlte sie auch ein Bewutsein, als sei ihr Fehler in
ihren Kindern abgebt. Heiliger Gott, was hast du den Dichtern fr Kraft
verliehen in der Welt!
    Der folgende Tag war der dreizehnte Geburtstag des frommen Johannes. Dolores
wurde in der Erinnerung jener frheren Zeit wieder sehr gerhrt, noch mehr aber
durch die Abwesenheit dieses Sohnes, der sein Kloster in dem letzten Jahre nicht
verlassen durfte; sie betete lange in der Schlokapelle und es schien ihr, als
wenn ihre Bitte ihn zu sehen, gewhrt werden mte. Wirklich trat Johannes mit
zweien Ordensgeistlichen, kurz nach ihrer Zurckkunft ins Zimmer, in den Kreis
ihrer Kinder, die beschftigt waren, ihm die gewohnten Geburtstagsgeschenke,
prchtige Blumenstrue mit schnen Bndern, Zeichnungen, Verse einzupacken, um
ihm alles nach dem Kloster zu senden. Alle liefen mit Jubel auf ihn zu,
besonders eine Schwester Hyolda, mit der er sonst eine besondere Vertraulichkeit
gehalten; aber den ersten Ku schon verhinderte die Verwunderung, wie er sich
verndert habe. Er war nicht gewachsen, hatte aber in dem letzten Jahre seiner
Abwesenheit seine mnnliche Bildung ganz beendigt; der Kirchendienst und die
Frmmigkeit hatten die starre Heftigkeit in ihm vernichtet; er drckte niemand
mehr an sein Herz, da er aufschrie, und stie keinen von sich, da er weinte;
mit einer anstndigen Gte, die den Geschwistern als Klte erschien, begrte er
alle. Hyolda war untrstlich, sie weinte, da er sie nicht mehr liebe, und
verlie rasch das Zimmer. Johannes fragte nach dem Vater; der war aber schon
sehr frh in Geschften ausgeritten. Die Ordensgeistlichen hatten unterdessen
der Mutter erzhlt, da Johannes durch seine frhe Reife in Kenntnissen, Sitte
und Heiligkeit heute die Priesterweihe sich erworben habe; sie war entzckt ber
die Gnade des Himmels, die ihr ein so wunderbares Kind verliehen; sie
schlichtete den Streit der Geschwister ber ihn, indem sie allen anbefahl, ihn
als ein geheiligtes Mitglied des Ordens mit ihren kindischen Grillen zu
verschonen. Keines von den Kindern wute recht zu begreifen, wie der Johannes,
den sie alle so genau zu kennen glaubten, nun pltzlich etwas anderes geworden;
er suchte ihnen alles in Liebe und Gte deutlich zu machen, fand aber noch
weniger Berhrungen wie sonst wenig Mitteilung mit ihnen, machte sich deswegen
von ihnen los und schlich in den Garten zu seinen ehemaligen Anlagen. Mit Wehmut
fhlte er da, da sie alle wie ein fremdes Werk, wie eine ferne Zeit vor ihm
lagen, und kam in solchen Gedanken an den Flu Skamander, der den herzoglichen
Garten durchschneidet, indem er sich ber Felsen herabstrzt. Er setzte sich ans
Ufer, und hrte an dem entgegengesetzten eine schne Stimme, die ein Duett
zwischen zwei Diskantstimmen, Mutter und Tochter, worin er sonst die eine der
Mutter hufig mit Hyolda gesungen, mit wunderbarem Ausdrucke einsam anstimmte.

DIE STIMME:
Wald'ge Hgel, grne Auen,
Frhlingsheimat, heimlich Glck,
Freude, endlich euch zu schauen,
Freude strahlet ihr zurck.

Mit dem schnen Tenor, den er bekommen und im Kirchendienste ausgebildet hatte,
sang er seine Gegenstrophe:

Sieh wie dein befriedigt Lcheln
Ziehet bern grnen Wald
Und die Winde dich umfcheln,
Alles dir entgegen schallt.

Jetzt schrie die Sngerin auf, und trat am andern Ufer aus dem Gebsche hervor:
es war Hyolda, sie erkannte ihn jetzt, grte und sang weiter:

Wie der Frhling wieder waltet,
Neugestaltet ist mein Glck.
ER antwortend.
Weie Blte sich entfaltet
Hell in deiner Unschuld Blick.
HYOLDA.
Unschuld findet hier den Frieden.
JOHANNES.
Frieden finden hier die Mden.
HYOLDA.
Alle Wasser sanken nieder
In der warmen stillen Flur,
Ew'ge Feinde wurden Brder
In der himmlischen Natur.
JOHANNES.
Keiner kann sich mehr begreifen,
Was ihn hielt in Stahl so fest,
Nun sie leicht durch Wlder schweifen
Baut die Taub im Helm ihr Nest.
HYOLDA.
Als wenn gar nichts wr geschehen,
Sieht das neue Grn uns an.
JOHANNES.
Pfauen stolz die Farben drehen,
Sehn die bunten Nelken an.
HYOLDA.
Diesen Baum hab ich gepflanzet,
Diese Blumen rings gest.
JOHANNES.
Die der Schmetterling umtanzet
Und den Duft zum Himmel weht.
HYOLDA.
Unvergnglich ist Vertrauen.
JOHANNES.
Sehnsucht kennen nur die Frauen.
HYOLDA.
Bltter dringen zu dem Himmel,
Worte dringen aus dem Mund,
Sel'ge Flle, froh Gewimmel,
Grn ist Hoffnung, Freude bunt.
JOHANNES.
Wie die Farben nieder sinken
Von dem Himmel tagelang,
Alle Wesen froh sie trinken,
Hoffnung such ich oben bang.
HYOLDA.
Und ich mu hier niedersinken,
Hier an meiner Rasenbank,
Betend zu dem Himmel winken:
Bleibt der Vater denn noch lang?
JOHANNES.
Alte Priester, heil'ge Bume,
Alte Freunde, bleibt ihr stumm?
HYOLDA.
Hrst du nicht der Vgel Trume,
Und der Bienen summ, summ, summ?
JOHANNES.
Nein, der Vater mte kommen,
Da mich freute der Gesang,
Bienenflei wr mir willkommen,
Da der Tag mir nicht so lang.
HYOLDA.
Mach uns beide nicht beklommen,
Frhlingsluft macht schon so bang.
BEIDE.
Wie in den gewohnten Orten
Mir des Vaters Bild noch weilt,
Also mein ich, da von dorten
Er schon grend zu uns eilt,
Se Tuschung, schnell verschwunden
Hast uns doch mit Lust umwunden.
HYOLDA.
Se Tuschung wie im Bache,
Ich dein Bild verdoppelt sah.
JOHANNES.
Schwimmend Auge, wache, wache,
Wenn der Vater mir bald nah.
HYOLDA.
Wenn es doch recht bald geschhe,
Sag es Kuckuck in dem Wald.
BEIDE.
Kuckuck rufend in der Nhe,
Wie von Vaters Stimme schallt!
Schmerzen wut ich zu ertragen,
Aber diese Freude nicht,
Frhling hilf mir Freuden tragen,
Da mein Herz davon nicht bricht.

Wirklich hatte sich der Graf an der Seite des Johannes leise herangeschlichen
und Kuckuck gerufen; er umarmte ihn bei diesen Worten und drckte ihn an sein
Herz. Alle Kinder liebten ihn wunderbar; er war zu gleicher Zeit ihres gleichen
und ihnen so berlegen, ging in alle ihre Freuden ein und wute alle zu einer
Hauptwirkung zu fhren; mit stummer Freude kte er den lang entbehrten Sohn.
Wir mssen uns von einer leidenschaftlichen Bewegung der zrtlichen Hyolda jetzt
nicht erschrecken lassen, sie hielt sich nicht am andern Ufer, sie sank in den
Strom, um zu Vater und Bruder zu gelangen; sie konnte nicht schwimmen, aber ihre
Sehnsucht und der Strom trugen sie dienend an eine tiefere Stelle aufs Land, als
der Vater, der es zu spt bemerkte, sich eben ins Wasser strzen wollte, sie
heraus zu heben. Es war in dem ganzen Ereignis zu viel Schnes, zu viel Glck;
er konnte ihr keinen Vorwurf machen. Nachdem sich alle dreie ihrer Vereinigung
herzlich gefreut hatten, so schickte er Hyolda fort, um die Kleider zu wechseln;
er selbst ging mit Johannes zu der Frstin, die mit ihrer Wrde, ihrer
Annehmlichkeit diesen Sohn so wie die andern Kinder fr sich einnahm, ihn auch
durch das Geschenk einer herrlichen Madonna hoch beglckte. Er sprach gern mit
ihr, und doch sehnte er sich nach dem Kloster zurck; was ihn erfreute, schien
ihm ein vergnglicher Rausch gegen jene feste Ruhe seiner Seele, die ihn dort
erfllte. Jetzt wurde er zur Herzogin gerufen, die von einer Fahrt
zurckgekommen, ihn mit Liebe empfing, mit Andacht hrte und aus innerster Seele
zu ihm sprach. Sie gab ihm in dieser einsamen Stunde seine Erhebung ber die
Ereignisse der Welt zurck; sie sprachen mit einander viel Herrliches ber die
Stufen der geistigen Erhebung und ber geistige Fhrung; sie verstanden einander
ganz, und darum kann es einem anderen ohne Entheiligung nicht mitgeteilt werden.
Glcklich die Seele, die ihr Bestimmtes gefunden. Am Schlusse ihres einsamen
Gesprches wnschte Klelia, da Johannes ihr eine Messe in ihrer Schlokapelle
lesen mchte. Er tat nach ihrem Wunsche; sie selbst spielte die prchtige Orgel,
deren unerwarteter mchtiger Ton alle Bewohner des Schlosses, auch Dolores dahin
zog. Johannes las mit hohem Sinne und Anstande; nie war eine Mutter seliger, als
Dolores, kein Vater glcklicher als Karl; aber wie schmerzlich war der Abschied,
als Johannes nun wieder fr ein Jahr scheiden mute. - Wir sehen uns wieder,
wer wei wie! rief ihm die Grfin nach. Johannes ging ernst und ohne Umschauen
aus der Tre. Der Schreiber begleitete ihn und seine beiden Ordensgeistlichen
weiter als alle andern. Johannes erzhlte ihm unbefangen den ganzen Tag,
verweilte mit Rhrung bei dem Vorfalle mit der Schwester, den dieser begierig
ergriff, um daraus eine Geschichte zu bilden, wie er sie in seinem weltlichen
Sinne lieber erlebt htte. Wir wollen sie den Weltleuten zu Gefallen mitteilen.


                                Getrennte Liebe

Zwei schne liebe Kinder,
Die hatten sich so lieb,
Da eines dem andern im Winter
Mit Singen die Zeit vertrieb,
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Hret ihr immer den Doppelschall.

Der Winter bauet Brcken,
Sie beide hat vereint,
Und jedes mit frohem Entzcken
Die Brcke nun ewig meint;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Wohnten die Eltern getrennt im Tal.

Der Frhling ist gekommen,
Das Eis will nun aufgehn,
Da werden sie beide beklommen,
Die laulichen Winde wehn;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Strzen die Bche mit wildem Schall.

Was hilft der helle Bogen,
Womit der Fall entzckt,
Von ihnen so liebreich erzogen,
Zum erstenmal bunt geschmckt;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Hret sie klagen getrennt im Tal.

Die Vgel ber fliegen,
Die Kinder traurig stehn,
Und mssen sich einsam begngen
Einander von fern zu sehn;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Kreuzen die Schwalben mit lautem Schall.

Sie mchten zusammen mit Singen,
So wie der Vgel Brut,
Den himmlischen Frhling verbringen,
Das Scheiden so wehe tut;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Sehn sie sich endlich zum letztenmal.

Der Knabe kriegt zur Freude
Ein Rckchen wie ein Mann,
Das Mdchen ein Kleidchen von Seide
Nun gehet die Schule an;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Gehn sie zum Kloster bei Glockenschall.

Sie sahn sich lang nicht wieder,
Sie kannten sich nicht mehr,
Das Mdchen mit vollem Mieder,
Der Knabe ein Mnch schon wr;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Kamen und riefen sie sich im Tal.

Das Mdchen ruft so helle,
Der Knabe singt so tief;
Verstehen sich endlich doch schnelle,
Als alles im Hause schlief;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Springen im Mondschein die Fische all.

Froh in der ncht'gen Frische,
Sie khlen sich im Flu,
Sie knnen nicht schwimmen wie Fische,
Und suchen sich doch zum Ku;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Reien die Strudel sie fort mit Schall.

Die Eltern hren singen
Und schaun aus hohem Haus,
Zwei Schwne im Sternenschein ringen
Zum Dampfe des Falls hinaus;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Hren sie Echo mit lautem Schall.

Die Schwne herrlich sangen
Ihr letztes schnstes Lied,
Und leuchtende Wlkchen hangen,
Manch Engelein nieder sieht;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Schwebet wie Blte ein ser Schall.

Der Mond sieht aus dem Bette
Des glatten Falls empor,
Die Nacht mit der Blumenkette
Erhebet zu sich dies Chor;
Diesseit und jenseit am Wasserfall
Grnt es von Trnen nun berall.

                              Vierzehntes Kapitel



                       Der Minister reiset nach Sizilien

Der Schreiber, immer besorgter, das Geheimnis jener Nacht mchte verraten
werden, hatte inzwischen gleich nach der Rckkehr vom tna einen Brief an den
Minister ber die Leidenschaft der Frstin zu seinem Schwiegersohne geschrieben;
der Brief war durchaus wahr ohne bertreibung. So wenig der Minister die Untreue
bei Mnnern fr etwas Bedeutendes hielt, so war sie ihm doch unangenehm an
seinem Schwiegersohne; er wollte ihn nicht gerne an der Stelle sehen, wo er
selbst einst gestanden. Die bestimmte Zeit zur Rckkehr der Frstin war lngst
verstrichen, und mehrere politische Ereignisse machten diese doch notwendig;
schon mehrmals hatte er ihr deswegen geschrieben, aber sie antwortete
entschlossen, sie wrde es vorziehen, die vormundschaftliche Verwaltung fr den
ausschweifenden Erbprinzen ganz niederzulegen. Durch den Brief des Schreibers
berzeugte er sich, da dieser Entschlu ernstlich begrndet sei - so sollte er
mehrjhrige Bemhung fr des Landes Wohl in einer Zeit, die alle seine
Stetigkeit und alles Talent der Frstin forderte, einer gleichgltigen fremden
Verwaltung berlassen? - Die Trennung von den Seinen, von seiner Moham und ihren
Kindern war ihm sehr unangenehm, aber ein Staatsmann unterzieht sich dem
Schwersten; er mute sich endlich selbst zu einer Reise nach Italien
entschlieen, nicht um nach eigner Lust sich von vieljhriger Arbeit dort
auszuruhen, sondern um wie ein hartes geistliches Gericht ein paar liebende
Seelen aus einem unbekannten Verwandtschaftsgrunde von einander zu reien. Zu
seiner Aufheiterung nahm er den Kammerjunker und die Mamsell mit sich; beide
waren in hchster Freude, da sie Italien sehen sollten, und er verdarb sie
ihnen nie. Rhrend war es, wie der alte Geschftsmann allmhlich ohne sein
Wissen auftaute, je weiter er nach Sden vordrang; zwar handelten seine Briefe
meist von Geschften, doch verlngerte sich die Nachschrift an seine Freunde bei
jedem Briefe. Hier zur Probe nur eine:
    Lieben Freunde! Ich schreibe aus Como, dem Geburtsorte der neueren
elektrischen Physik; doch kann ich mich nicht entschlieen, zu dem berhmten
Volta zu gehen, so fest hlt mich das Marktgewhl an meine Fenster gelehnt; die
verschleierten Frauen mit ihren Mgden erwecken meine ganze Neugierde. Ihr
werdet fragen, ob ich wohl und gesund bin; zu solchen Fragen bleibt aber hier
keine Zeit; jeden Augenblick gibt's etwas Neues, und selbst so alte Bekanntinnen
wie die Sonne und Sterne, glnzen hier wie in erster Jugend. Ich kann Euch meine
Verwunderung ber den ersten hohen Feigenbaum im Freien nicht ausdrcken, als
ich gen Chiavenna auf meinem Maultiere vom Gebrge herabritt, hinter mir ein
Gewitter, um mich alles so schwl, Kammerjunker und Mamsell sehr schmachtend
gegen einander, und der Baum so frisch, groblttrig; ich mute stille bei ihm
halten, und mir ein paar Bltter davon auf meinen Hut stecken. Die Bauart der
Stadt, die unter mir lag, die flachen Dcher, das gute Verhltnis zwischen Lnge
und Breite der Huser, zwischen Fenstern und Tren, ein Marienbild in der Mauer,
das sich durch seine guten Umrisse und Farben von der bloen mechanischen
Heiligenmalerei unsrer katholischen Lnder unterschied, machten mir einen so
behaglichen Eindruck von einem reiferen gebildetern Lande, da ich alle Ermdung
verga, die ich aus der alten Welt mitgebracht und recht frisch die spinnenden
feinen lnglichten Weiber vor allen Haustren beschaute, deren feurige
aufmerksame auszeichnende Blicke und laute Stimmen sie gleich von allen
Nachbarinnen jenseit der Alpen unterscheiden; hnlichkeit haben sie darin mit
den Ostindierinnen, nur ist in Italien alles frei, offen und erklrt, was sich
dort hinter tausend Schleiern verbirgt. Die Eifersucht der Italiener ist ein
altes Mrchen: es gibt Eiferschtige wie allenthalben; die Mnner sind meist
widrige, schmutzige Eseltreiber, Kche, Faulenzer, eine niedrige List entstellt
meist ihre schnen Zge. Das erste Wirtshaus war so durchsichtig, weil alle
Tren und Fenster offen standen, da ich glaubte in einem Lager zu sein, wo die
Htten nur fr einen Monat erbaut; so war auch die Kost: gute Sachen schnell und
schlecht bereitet. Auf dem Comersee sorgte eine hbsche runde Frau, die ich aus
Geflligkeit in mein Fahrzeug aufgenommen hatte, sehr artig fr uns. Sie wollte
mein Alter nicht glauben, versicherte mir heimlich, da ihr noch nie ein so
stattlicher Herr wie ich vorgekommen, ich mchte sie doch in Como besuchen. Sagt
meiner Frau, da ich nicht untreu geworden bin. Ein paar Schifferbuben, Pietro
und Battista, sangen ununterbrochen beim Rudern, der alte Schiffer besserte
zuweilen, wo sie falsch gesungen; wie verschieden von uns, wo der Alte sicher
den Jungen das Singen bald gelegt htte. Ja lieben Freunde, wir haben viel
Kritik, aber sonst nicht viel, was der Mhe des Lebens wert wre, und unsre
meiste Erziehung besteht doch blo in einem Entwhnen von der Freude. Angesicht
dieses gebt dem Hofmeister meiner Kinder den Auftrag, alles, was noch volksmig
gesungen wird, mit ihnen durchzusingen, so haben sie doch etwas, woran sie sich
in vergngten einsamen Stunden halten knnen. Mir fehlt so etwas; meine beiden
Reisegefhrten schmachten, schmollen oder schreiben.

                              Funfzehntes Kapitel



             Unterhaltung der Reisenden in den Pontinischen Smpfen

Die eine charakteristische Ansicht von Italien mag gengen; zu dem Schlusse des
Briefes mssen wir aber bemerken, da er den beiden zum Schreiben gar mancherlei
Veranlassung gab. Er hatte die Methode, mit Fhigkeiten aller Art die
Klingenprobe zu machen, etwas von ihnen zu fordern, was gewhnlich nicht
gefordert werden kann, um ihren Umfang und ihre Dauer ganz zu kennen. So sollten
sie ihm im Wagen fertige Tragdien schreiben, besonders gab er ihnen dazu einen
Stoff, der ganz sonderbar war, und den sie gleich ausfhrten. Er setzte eine
Frstin nach Italien, die sich in einen schnen griechischen Schiffsknaben
verliebt htte, und die von ihrem Minister in ihr Land zurckgerufen wurde. Der
Kammerjunker lachte erstaunlich, wenn er sich den fischkpfigen Primaner, dies
tlpelhafte Ungeheuer, als einen solchen Liebling dachte. Beim Werke, sagte
der Minister, nehmen Sie darauf Rcksicht, da in ihm erste, in ihr letzte
Liebe wirkt, da sie in einer Masse von Verhltnissen hherer Art gelebt hat,
wovon der Grieche nichts versteht, so da ein groer Teil ihrer Bildung brach
liegen mute, der auch seinen Umgang sucht; diesen wollen viele unverschmte
geldgierige Knstler ausfllen, dies letztere mu Ihnen lustige Szenen geben. -
So entstand sehr schnell die folgende kleine Tragikomdie vom


                                     Hylas

 Ausgang eines bedeckten Sulenganges nach dem Meere, auf der andern Seite ein
               hoher Felsen mit Gngen, Blumen, Grotten verziert


                                       1.

DER MUSIKER. Das halt ich nicht aus, Sie laufen immerzu und sagen gar kein Wort.
DER MALER. Sie sehen sich nicht um, das ist viel schlimmer.
DER MUSIKER. Wer hat den Strachino zuerst gesehen? Wer fand den Bckerladen?
DER MALER. Was wollen Sie aber mit dem Zeuge, mit Kse und Brot? Die Frstin
    riecht's am Ende.
DER MUSIKER. Ich stelle mich immer unter den Wind; es soll Ihnen noch gut
    schmecken, nach allem dem sen Zeuge, was man hier bekommt, der Magen wird
    einem ganz hohl davon; der Mensch mu aber einen Kern haben, um zu wachsen,
    wie kein Getreide vom bloen Regen wchst.
DER MALER. Ich bin noch nicht hier gewesen, geben Sie ein Stck her.
DER MUSIKER. Warten Sie doch, da bringt ein Kammerdiener Sorbetti, das zuerst,
    der Kse lst die Dissonanz auf.
DER MALER. Das wird schn lauten. Sagen Sie, greift man hier so gerade zu?
DER MUSIKER. Nun sehen Sie, wie ich's mache. Mein lieber Herr Kammerdiener, wie
    geht's mit Ihrer Flte? Sie haben da Eis, geben Sie mir davon.
DER KAMMERDIENER. Mit meiner Flte steht es schlecht, Herr Kapellmeister, ich
    habe zuviel darauf geblasen, die Klappe will nicht mehr halten, und da geht
    mir die Luft immer zu frh heraus.
DER MUSIKER. Noch ein Glas Eis, wenn ich bitten darf, auch eins fr meinen
    Freund. Es ist jetzt heie Zeit, ich rate Ihnen sehr, da kein
    Instrumentenmacher in der Nhe, lassen Sie die Flte jetzt ruhig liegen, sie
    ist blo ausgetrocknet, wie der Rhrbrunnen vor der Villa; ich wette darauf
    im Herbste akkompagnieren Sie wieder.
DER KAMMERDIENER. Nein, seit der Grieche bei uns ist, werde ich nicht mehr zum
    Konzerte verlangt; der blst Ihnen wie ein Blasebalg und wird niemals mde
    und hat einen feineren Ansatz.
DER MUSIKER. Noch ein Glas Eis, wenn ich Sie nicht bemhe; Freund, essen Sie
    doch, ich fand es lange nicht so gut gerieben, ein wahres Meisterstck. Ein
    auerordentlicher, ein verfluchter Herr, der Grieche! Er tut mir auch
    Schaden, die Frstin nimmt zwei Singestunden weniger.
DER MALER. Ist er denn ein Freund von der Kunst?
DER KAMMERDIENER. Was ist denn das, die Kunst?
DER MALER. Die Kunst, ja, sehn Sie, die Kunst ist nun eben die Kunst. Ich bitte
    um ein Glas Eis, es tut doch gut in solcher warmen Zeit. - Ja, wo blieb ich
    stehn, die Kunst, mssen Sie wissen, die Kunst bei einer Frstin, ich setze
    ein Beispiel an mir, ich bin ein Maler.
DER KAMMERDIENER. Wenn nun die Frstin allerlei Schildereien kauft, so ist sie
    eine Kunstfreundin.
DER MALER. Sie wissen es schon, der eine mu es machen und der andere bezahlen.
    Ich habe nun eine ganze Reihe Landschaften von vier Zoll Breite und drei
    Zoll Hhe bis fnf Fu Breite und vier Fu Hhe; ist wohl im Schlosse noch
    eine leere Wand, wo sie sich gut machen wrden, es soll Ihr Schade nicht
    sein; hier ist meine Taxe, just wie mit den Spiegeln fr jeden Quadratzoll
    mehr, ein Taler. Noch ein Glas Eis, damit mir nicht eine Seite schwerer
    wird, als die andere.
DER MUSIKER. Was kommentieren Sie denn jeden ihrer Bissen, sehen Sie, ich nehm
    ein Glas und schmei es in das Meer, da auch die Fische mitgenieen; nicht
    wahr Herr Kammerdiener, hier geht alles ganz ins Groe.
DER KAMMERDIENER. Es ist doch schad ums Glas, denn schmi man Sie zum Haus
    hinaus, so wr's doch schad um Ihren Rock. Es ist nur beispielweis.
DER MUSIKER. Ja wir verstehn uns, alter Freund. Seht noch ein neuer Gast, der
    Bildhauer mit dem Buckel. Wo seid Ihr denn so lang geblieben Packentrger,
    Ihr habt nicht mitgekonnt, wir gingen doch zu gleicher Zeit aus.
DER BILDHAUER. Das nennt ihr Kraft, den Weg mit schnellen Schritten so kurz zu
    treten, da er gar nichts ist. Was ist denn jetzt das Beschwerliche? Die
    Sonne! Und ich bin so viel lnger in der Sonne geblieben, also habe ich viel
    mehr Beschwerliches ertragen als ihr, die ihr vorzeitige Geburten, halbgare
    Erdenkle seid; und seht mich an, ich spring euch noch bern Stock, als
    kme ich eben aus dem Bette; und vor dem Dorfe hab ich erst eben eine
    hbsche Grasschneiderin beim Kopf genommen, vorige Nacht war ich bei der
    Marquise und heute morgen hab ich einen Zentner Marmor zur Bewegung
    abgeschlagen.
DER MALER. Ein rechter Michelangelo; drck nur einmal, wenn du bei Krften bist
    aufs berbein an deinem Rcken, vielleicht vergeht es noch, du bist noch
    jung.
DER BILDHAUER. Ich wei nicht, was du hast mit meinem Buckel; ich habe mich erst
    heute noch im Spiegel angesehn, ganz nackt, es ist blo der Unterschied
    zwischen rechter und linker Seite, die ihr bei Stieren auch bemerkt. Du bist
    auch der einzige Mensch, der das findet, ich frage dich, du jmmerlicher
    Musikant, ich bin nicht gerade schn gewachsen, aber -
DER MUSIKER. Nicht gerade, ist so viel wie ungerade, und das mu wahr sein.
DER BILDHAUER. Herr, Ihr seid ein Esel.
DER MALER. Leid's nicht, steck ihn unter den Tisch, wir wollen ihm Tritte geben.
DER BILDHAUER. Ich schlag euer Hirn gegen die Mauer, wie ein faul Ei, wer
    wagt's.
DER KAMMERDIENER. Ihr Rekel, knnt ihr denn nicht Frieden halten, wenn ihr
    Geschfte machen wollt, es ist ja euer eigener Vorteil.
DER BILDHAUER. Ich bin zu unmig im Zorn, verzeiht ihr Freunde, meine
    Leidenschaften bringen mich ums Leben. Wie gefllt meine neue
    Alabasterlampe. Luna, wie sie den Endymion kt.
DER DICHTER eintretend.
O dieses Meeres se Fe,
Wie khlen sie der Nymphen leichte Fe,
Sie laufen nach
Um mit der Well zu spielen,
Doch ach
Sie mssen sich umwunden fhlen,
Demtig schmeichelnd scheint die Liebe erst,
Gebietend ist sie, wenn du sie erhrst.

DER MUSIKER.
Willkommen, werter Freund, ich will gleich musizieren,
Womit Sie eben jetzt die Ohren mir berhren.
Sie sind im schnsten Kreis von einem Kunstvereine,
Was fehlet uns noch jetzt, die Frstin ganz alleine.
DER DICHTER.
O heil'ger Tag, der mich an diese Schwelle,
In seinem heitern Laufe bringt,
Und wie ein Bach, so irrt ich in der Helle,
Bis jede Welle an der Schwelle klingt,
Da endet mir des Himmels de Leere,
Ich fhle
Mich wiederklingend endlos in dem Meere,
Und Einklang in dem ewigen Gewhle.
O welches Leben ist mir nun beschieden,
Seit ich mein neblig Vaterland gemieden.
DER MUSIKER.
Hier ist das Land der Kunst, doch ist es etwas hei,
Beliebt es Ihnen auch, ich nehme ein Glas Eis.
DER DICHTER.
O welches fromme Haus,
Hier stt mich keiner aus.
O welche milde Hand
Hat Labung mir gesandt;
Ich armer Knab ging aus
Mit einem Bltenstrau,
Und wollt ein wenig sehn,
Woher die Lfte wehn,
Die milde zu uns dringen,
Da alle Kehlen singen.
O Haus voll sanfter Luft,
O Haus voll reichem Duft,
Auch Frchte find ich hier,
An deiner offnen Tr.
Hier streckt ihr Riesenhaupt
Melone aus der Erde,
O wr es mir erlaubt,
Zu folgen der Gebrde:
Sie will gegessen sein,
Doch nimmer ganz allein,
Gebt Zucker, hohe Gtter,
Und lachet nicht ihr Sptter,
Zuviel ist dieses all,
Da ich es einsam fhlte,
Geniet mit mir einmal,
Was meinen Durst erkhlte;
Ach wren auch die Meinen hier,
Das wr viel lieber mir.
DER MUSIKER.
Sie haben recht mein Freund, wenn man's bei uns nur wte,
Sie kriegten all danach ein mchtiges Gelste;
Versuchen wir einmal, es mchte uns wohl glcken,
Gebacknes Obst von hier nach Deutschland auszuschicken.
DER DICHTER.
Nichts von Gebackenem,
Schnder Gedanke!
Schaue der Rndung
Himmlischen Bogen,
Schaue die sanft verwachsene Spalte,
Schaue dies wollige
Schtzende Kleid,
Schaue den duftenden
Farbigen Staub,
Fhle die Khle.
O Aprikose
Sage, wer wagte
Je dich zu backen,
Der dich gesehen
Schwellend im Glanze
Irdischer Jugend!
DER MUSIKER.
Sie haben vielen Sinn, doch ist er viel zu weich,
Es wird kein Hebebaum aus einem schlanken Zweig,
Der Knstler sei was hart, will er die Welt besingen,
Denn da mu vielerlei ...
DER BILDHAUER.
... ber die Klinge springen.
    Herr, Sie haben keinen Mannesmuskel, Sie haben Froschschenkel, Ihre Lieder
    passen frs Wasser, ein ew'ges Einerlei von Weinerlichkeit.
DER DICHTER.
Du von der Natur
Schndlich Gezeichneter,
Sage mir nur,
Mich, den bezeichneten
Himmlischen Adler,
Wagst du zu hhnen;
Heute ich prange
Irdischem Schnen,
Morgen entreien mich
Gtter zu sich.
DER KAMMERDIENER. Durchlaucht die Frstin bedauert sehr, da sie die Herren
    heute nicht sprechen kann, sie wre dringend beschftigt.
DER MUSIKER. Gelt, mit dem schnen Griechen, lieber Herzensfreund; den Menschen
    mssen wir los sein, - legen Sie ihr doch morgen meine Sonate wieder auf das
    Klavierpult, die ich ihr dediziert habe, und geben Sie ihr doch so vor sich
    zu verstehen, eine goldne Dose wre das wenigste, was sie mir geben knnte,
    es soll Ihr Schade nicht sein.
DER MALER. Nun vergessen Sie nicht Herzensfreund, sehen Sie doch an den Wnden
    herum, wo noch Platz ist; ich male fr alle Arten Lichter, auch da wo keins
    ist.
DER BILDHAUER. Da die Frstin nichts gegen die Lampe sagen lt, so nehme ich
    an, da sie dieselbe nehme, und das Geld schaffen Sie mir bald, lieber
    Bester.
DER MALER. Hrt Kapellmeisterchen, holt doch einmal Euern Kse und Brot heraus,
    ich hab zu viel von dem sen Zeuge in den Hals laufen lassen.
DER DICHTER.
Geniet der holden Gunst
In milder Luft zu schweben,
So wird die reine Kunst
Auf euren Lippen leben.
DER KAMMERDIENER.
Das Volk wird nie satt.
DER MUSIKER.
Die Kunst geht nach Brot.

                                    Alle ab


                                       2.

HYLAS tritt mit einer Mandoline auf und singt.
Wie so schwer vom Herzensgrunde
Reien sich die Worte los,
Hngen dann noch fest am Munde,
Kssen mich fast atemlos,
Und die Augen gehn mir ber
Von der hohen Tne Fieber;
Ausgestoen von dem Munde
Flchten sie in fremde Welt,
Ist es auch die rechte Stunde,
Wo ein jeder Ton gefllt?
Vor der bang geschlonen Pforte
Schweigen scheu der Liebe Worte!
DER DICHTER an der Gartenmauer singt.
Worte rufen nach Gedanken,
Die Gespielen blieben heim,
Die spielordnend loben, zanken,
Da begegnen sie dem Reim,
Da er sie in Reih und Glieder
Ordne zu dem Spiel der Lieder.
Und dem Reim folgt der Gedanken,
Beide sind ein liebend Paar,
Beid auf schmalem Stege schwanken,
Sich umschlingen in Gefahr,
Weinlaub so umschlingt die Bume,
Da es sie mit Glanz besume.
HYLAS.
Hoffend tauch ich in das Grne,
Singend in das Himmelblau,
Und die ganze Frhlingsbhne
Sagt von dir, du schne Frau,
Knnt ich's so gelufig sagen,
Wrd ich nicht nach Liedern fragen:
Mu ich nicht bedenklich werden
Folg ich dir mit dem Getn,
Ziehet kalter Wind auf Erden
Und ich hr nur sein Gesthn,
Rings die Wrme seh ich zittern
Und die Ferne hell gewittern.
DIE FRSTIN in der Ferne.
Wr am Himmel sichre Helle,
Himmelglatt der Erde Rand,
Aber an des Himmels Schwelle
Ist gezhntes Felsenland.
Und der Regen tritt entgegen,
Will sich zwischen uns noch legen:
Himmels Fensterscheiben brechen,
Und die Laden donnern an,
Da ich wollt vertraulich sprechen,
Uns die Sonne ganz zerrann:
Ach ich meine im Zerstren
Warnend einen Geist zu hren.
HYLAS.
Klimm mit mir zu jenen Hhen,
Und ich sag von Liebe dir!
Ach wie ist mir nun geschehen,
Nun das Meer tief unter mir,
Hr die Steinlein drinnen schallen,
Die von meinen Tritten fallen.
O so fallen leicht vom Herzen
Meine Wort ins Freudenmeer,
Und es scheinen meine Schmerzen,
Wie die Worte mir so leer:
Halt mich fest und lieb mich wieder,
Sieh, ich strze sonst hernieder.
DIE FRSTIN.
Hier la uns weilen auf dem Rasensitze,
Denn schnern Blick gewhrt wohl nie die Welt;
Wie schwingt sich alles auf in Lust und Klang,
Nur du bist stumm, mein ser, ser Freund.
HYLAS.
Ich sehe in ein tiefes grnes Wasser,
In tiefe blaue Luft, in blendend Feuer
Und bin ich nicht ein Stein, mu ich vergehn.
Sieh doch, jetzt ist die Luft schon wieder blau,
Ich bin noch finster wie sie eben schien,
Auch bricht die Nacht bald ber uns herein.
FRSTIN.
So sprichst du immer anders, als erwartet
Warum kannst du nicht artig schwatzen, so wie ich;
Was in die Hand mir fllt, wird mir zum Spiel,
In jedem Blatt schenk ich dir neu ein Herz,
In jeden Stengel schling ich Liebesknoten,
Ich bring ihn dir, du schweigst und lt ihn fallen.
HYLAS.
Du gibst zu viel, und sollt ich's all bewahren,
Ach ich erlge unter Dankes Last;
Hab ich's dir nicht gesagt, als wir zum ersten Male
Vertraulichkeit mit unsern Lippen tauschten:
Sind meine Augen dir nicht klar wie Glas,
Ins Innere des Herzens mir zu lesen,
Durch meine Zunge lt es sich nicht aus,
Und nur wie Funken aus dem Stein geschlagen
Entwickelt sich ein kurzer Schein, wer den
Nicht fngt, in Flammen hher auf zu lodern,
Der kennt ihn nicht, dem bin ich tot,
Und wie in einem Sarg in mir verschlossen.
FRSTIN.
Verkenne nicht mein sorgliches Nachfragen,
Die Lieb spricht gern ein berflssig Wort,
Damit sie nicht, was irgend not, versume, -
Nicht ich bedarf der steten Rede Spiel,
Es saget mir dein lieber Blick so viel,
Wenn meine Hand dir Stirn und Wang berhret,
Es sagt mir mehr, als je ein Mund gesagt,
Wenn ich dein Herz lebend'ger schlagend spre,
O welches Lied kann hpfen also leicht.
Nein nicht um mich brich dieses lange Schweigen,
Mit dem du oft an meinen Blicken haftest,
Nur ich, ich frchte, du bemerkst an mir,
Was dir mifllt, was du mir gern verschwiegest.
HYLAS.
So kommt ihr her, aus eures Nordens Wste,
Den lieblichsten Genu mignnt die Furcht,
Die sonst um euch in der Natur gelauschet,
Bis sie den Weg zu eurer Seele fand;
Wie ihr sonst schwindelnd auf den Bergen standet,
So steht ihr frchtend auf der Liebe Wipfel!
Es mgen Flammen aus dem Wipfel steigen,
Die Lnder beben in dem innern Grund,
Hier lasse schwinden alles eigne Leben
Von einem Leben, das uns all durchdringt,
Das heftig unsern Atem hier bewegt
Und mit dem Mond, der dort dem Meer entsteigt,
In einer Nacht fr Millionen lebt.
Bewahren lt sich nichts und viel genieen,
Mir lasse ganz des Busens Freude scheinen;
Und was dir noch von alter Sorge bleibt,
Das schreibe all an alte Freund nach Haus,
In jene Gegend, wo sie immer sorgen.
FRSTIN.
Ach wohl bekenn ich mich der Snde schuldig,
Mit Wahn den keimenden Genu zu stren,
Doch ist er nicht so leer, mein schner Knabe;
Auf meinen Wangen prangt nicht mehr die Frische,
Mit der du gern in jeder Frucht dich siehst,
Mit allen Lften fhlst und dich bewegst,
Und was in mir geschieht, ist fast geendet.
Sieh morgens nur dein Angesicht im Wasser,
Es wird bewegt von wechselndem Verlangen,
Es wird bewegt wie von der Luft das Feld
Und es vergeht kein Tag, wo du nicht lernest,
Wo du nicht wchst zum grern Manne auf.
O sag, in diesem Blick, was sagtest du,
O sag, was dachtest du im Augenblicke.
HYLAS.
Beim Zeus, ich dachte nicht, ich sah dich an,
Wie von der Lampen Schimmer du erhellt,
Die einen neuen Tag in Nchten schaffen,
Und hab ich mehr gedacht, ich wei nichts mehr;
Beim Zeus, du denkst dir gar zu viel in mir,
An deiner Seite denk ich nur an dich.
FRSTIN.
O schweig, es war der lieblichste Gedanke,
Du willst mit neuer Lust mich berraschen,
O da du mir so was verbergen kannst,
Da ich nicht ganz in dir mich kann verlieren,
Nicht kann mit deinen dunklen Augen sehen,
Mit deinen Pulsen nicht die Zeit mir messen!
Bewache mich, da ich die Brust dir nicht
Zerrei, mein Schicksal dir im Herzen lesend;
Wie jene Deuter in der alten Zeit
Die schnsten Menschen opferten, um dann
Aus ihrem Innern Knft'ges zu vernehmen;
Dann wr ich ja mit meinem Schicksal fertig.
HYLAS.
Du lt mir gar nichts brig, dir zu sagen,
Denn wie das Meer Italien umspannt,
So sanft, so wild, so schrecklich und so lieblich,
So regst du jeden Sinn in dem Gemte,
Und gibst ihm gleich ein ewig deutlich Wort.
Was kann ich mehr noch, als dein Nachklang sein,
Und Beres immer, als dein Widerhall.
FRSTIN.
Was ich dir gebe, bring ich dir zurck,
Ich hab's von dir, du nichts von mir empfangen,
Denn wie die Biene alle Blten regt,
Die an der Erde trge duftend liegen,
Mit ihrem Atem nicht, mit ihren Flgeln,
So regen auch, wenn du die Arme um mich legest,
Sich alle frohen Blten wieder auf.
HYLAS.
Und wie ich jetzt so an mein Herz dich drcke,
Da fhl ich in dem Augenblicke wieder,
Was ich oft berhrt, wenn du gesprochen;
Du weit, ich habe manchen alten Traum,
Der mich nicht lt, hab ich ihn gleich verlassen.
FRSTIN.
Ich sitz dir stets zur Beichte, leg den Mund
Dir immer an das Ohr, dir zu bekennen,
Was in mir vorgeht; nun bekenn mir auch,
Was ist es fr ein Traum, der dich bewegt,
Der dich aus meinen Liebesnetzen zieht
Und an den wesenlosen Himmel mahnt,
Dem ich dich schner Vogel hab geraubet;
Ein nutzlos Mhen hast du so verloren,
Sieh wie die Vgel steigen, um zu fallen,
In meiner Liebe steigst du immerdar.
HYLAS.
Du bist mir Vaterland und Freiheit, alles
Was ich verloren und - was ich gehofft.
Und fttre ich die Tauben und die Schwne,
Mir sind sie lieb, weil du zu ihnen lchelst,
Nach keinem Ausflug mehr verlangt mein Herz;
Denn gar ein wunderbares geist'ges Leben
Seh ich in deinen Knsten berschweben.
Ach wr ich doch ein Bild von deiner Hand;
Verachte meine kleinen Knste nicht,
Der Himmel treibt die Grtnerei mit mir.
FRSTIN.
Der Himmel will dir wohl, er denkt wie ich,
Du weit es ja, ich freu mich jeder Blume,
Die du mir sorglich aufgezogen hast;
Und ihre Krnze sind lebend'ger doch,
Als alles, was mein Pinsel dir kann zaubern.
Erfreu dich deines Werks, weil ich's bewundre,
Und rhmen keine andre deinen Garten,
Gedenk, ich leb darin die schnsten Stunden.
O sieh die Malven, die du einst geflochten,
Zum Zelte mir, wo wir so traulich schliefen,
Sieh, wie die Sonne heut daran gewelkt;
Gewi, sie schmachten heut nach frischem Regen;
Ich mu vergelten, wie sie mir getan,
So will ich sie auch heute noch erquicken.
HYLAS.
Sie sind so schner Mhe doch nicht wert.
FRSTIN.
Ich bitte dich, o la mir diese Sorgen,
Denn eine Sorge mu ich immer haben,
Wie du mir oftmals liebend vorgeworfen.
HYLAS.
So seh ich dir hier unterm Kirschbaum zu,
Und jeder deiner Schritte scheint mir Tanz,
Und Anmut schwebt in jeglicher Bewegung;
Ein schner Demantstrom entrinnt der Hand,
Im Lampenschimmer dftet's rings so frisch.
FRSTIN singt whrend des Begieens der Blumen.
Der Himmel ist oft hell, kann dann bald weinen,
Deckt seine klaren Augen zu,
Die auch verhllet noch zu trauren scheinen,
So glnzest du, so scheinest du.

So traure du, so sei verlassen trbe,
Ja regne Trnen ohne Zahl,
Wenn wandelbar einst unsre Liebe,
Denn solches Glck besorgt den Fall.

In wunderbar geflochtner stummer Liebe
Ist so besorglich schon die Qual,
Da sie so gern zur Totenfeier hbe
Den frohsten Blick zum Sternensaal.

Du stiller Winter wehest schon vom Himmel,
Ihr weien Wolken, ew'ger Schnee,
Ihr zieht schon vor die Sterne mit Getmmel,
Der Mond strzt weinend in die See.

Hier blht der Garten, Lilien, deine Wangen
Mit Tausendschnen mischen sich,
Wo keusche Rosen schwankend berhangen,
Schwl ist die Luft fr mich und dich.
HYLAS singt halb trumend.
Der Kirschbaum blht, ich sitze da im stillen,
Die Blte sinkt und mag die Lippen fllen,
Auch sinkt der Mond schon in der Erde Scho
Und schien so munter, schien so rot und gro;
Die Sterne blinken zweifelhaft im Blauen
Und leiden's nicht, sie weiter anzuschauen.

           Die Frstin verliert sich unter Blumen; Hylas schlft ein.


                                       3.

DER KANZLER tritt durch die Gartentre ein.
Dies ist der Frstin Schlo, ich hab's erkannt
Nach dem Gemlde, das sie uns gesendet,
Doch kaum erreicht hat ihrer Maler Kunst
Den Reichtum dieser wunderbaren Gegend,
Die weit umher in nchtlicher Beleuchtung glnzet,
Als sei ein ew'ger Tag rings um sie her.
Wie fhl ich mich so weich in diesem Land,
Als wrd ich erst in meinem Alter reif,
Und grausam soll ich sie dem Land entreien?
Ich werde alt, ich wnsche auch Genu,
Wie lange soll mich noch die de Arbeit halten,
Die in sich selber ungeheuer wchst,
Da meiner Krfte Schnellkraft sich verlieret,
Da ich sie nur im steten Kampf mag zhmen;
Wo find ich Ruhe bei geliebten Wesen?
Und meine Frstin hat sie hier gefunden!
Ich hab nicht Weib, nicht Kinder, weh mir Armen,
Und fr die Liebe bin ich nun zu alt.
Ja Mond, so geht es in der Welt: dem Jngling
Versprachst du viel, und so luft alles ab.

                                Er sieht Hylas.

Welch schner Jngling ruht hier unterm Kirschbaum!
An diesem Bild der Frstin, das ihn ziert,
Erkenn ich ihn, es ist der schne Grieche,
Der ihre Neigung so allmchtig fesselt.
Nie sah ich Schnheit in so wilder Strke,
Dir soll's nicht fehlen, schlafe ruhig fort,
Ich reie dich aus der Geliebten Armen,
Die eher deine Mutter knnte sein.
Ich fhr als Vater dich ins junge Leben,
Du bist geschickt zum Kriege, wie zur Liebe;
Ich fhl an dir ein vterlich Gefallen,
Und mu ich dir auch heute wehe tun,
Ich kann es bald als Vater dir vergten.
Wer wei, ob du dich viel darum bekmmerst,
Denn aufwrts klimmt die Neigung gar zu selten.
Da sie dich liebt, ich kann es wohl begreifen,
Doch deine Neigung kann nicht dauernd sein.
Ich lse schnell, was sich bald selbst vernichtet. -
Die Frstin kommt; jetzt trge berlegung,
Jetzt weiche, mach der berredung Platz;
Sie ist verndert unsre Frstin hier,
Hat gar nichts mehr vom alten Herrschertritte,
Der schnell und fest uns oftmals glauben machte,
Es km ein fremder Held durchs Nebenzimmer.


                                       4.

                            Der Kanzler, die Frstin

FRSTIN.
Wie? Tuscht mich nicht der Lampen farb'ger Schimmer,
Sie sind es Freund, mein treuer, vielbewhrter,
Die Sttze unsres Landes; bester Kanzler,
Woher so unerwartet? Um so freud'ger
Begr ich Sie! Sie reicht ihm die Hand zum Kssen.
KANZLER.
Wohl mir, die schne Hand
Errat ich nun nicht mehr aus bloen Zeichen,
Die der Gedanken hohen Lauf mir sagen,
Ich fasse sie und mchte nie sie lassen,
Bis ich des Staates Zgel drein gelegt,
Denn ihr allein ist folgsam jene Menge,
Die mit mir durchgeht, trotzig widerstrebend
Vom Diener dulden Diener selten Strenge.
FRSTIN.
O legen Sie die weisen Sprche ab,
Es steckt noch kalte Luft in allen Falten,
Hier lften Sie sich bei dem Meeresrauschen,
Worin die Sterne spielend niederwallen,
Hier wird die Nacht zum allerfrohsten Tage.
KANZLER.
Ach knnten wir das ganze Land herschwemmen,
Wie eine neue Insel, und ein Volk
Von Glcklichen in leichter Lust regieren!
FRSTIN.
Regieren Sie, ich bin ein schwaches Weib,
Hab nicht der Mnner Sinn, nicht ihre Kraft;
Sie Freund, Sie machen's besser jetzt als ich,
Als ich es je vermocht, ein jeder rhmt Sie.
KANZLER.
Gedenken Sie der letzten Briefe nicht?
FRSTIN.
Wohl, ja, doch las ich nur den Schlu davon,
Da alle noch gesund sind, die mir lieb.
KANZLER.
Sie lasen nicht den Anfang dieser Briefe?
FRSTIN.
Ich wei seit lang, Sie machen alles recht.
KANZLER.
Wohl mir, da ich zur rechten Zeit noch bringe
So wichtige, bedeutungsschwere Nachricht:
Ihr Bruder, gnd'ge Frstin, hat ganz trotzig
Sich einen Kreis von Abenteurern khn
Gesammelt; die guten Brger hngen noch
An ihrer Frstin, doch sie fordern schnell
Die Gegenwart, die alles kann vereinen,
Die Frevler ohne Blutvergieen schreckt,
Die allen Guten gibt das Zutraun wieder.
FRSTIN.
Sie whnen nun, ich wrd ganz eilig kommen,
Mich selbst dem allgemeinen Wohl zu opfern,
Wo keiner hat den Mut, fr mich zu streiten.
KANZLER.
Ich hab's gewagt, ich bin verhhnt, verwundet.
FRSTIN.
Ich nehme Sie von allen immer aus,
Doch eben weil Sie da so einzeln stehn,
So ist des Volkes Rest wohl nicht viel wert,
Und ist's was wert, ich bin zu schwach zum Schtzen.
Ich kenne Sie, fest wie ein Eichenbaum,
Ich bin aus leichtem Holz und wie ein Rohr,
So schwank ich in den Lften hin und her;
Ich mag nichts machen in der Welt, denn was
Geschieht, das macht sich selbst und wird nicht schwer.
KANZLER.
Nein, ich versteh Sie nicht, Sie sind verwandelt,
Bei Gott, es gibt auf Erden Ihrer zweie,
Die eine war des Vaters Ebenbild,
Es sprach sein Geist durch ihren heil'gen Mund,
Die Klugheit, frh entwickelt an der Gre,
Die Weisheit, an der Ttigkeit gekeimt,
Die Gte, in Erfahrung schn gereift;
Das sind Sie nun nicht mehr; wer kann's erklren?
FRSTIN fhrt ihn zu dem schlafenden Hylas.
Hier sehen Sie die Weisheit, die mich blendet,
Die Gte, die mich hat so schn gereift,
Und meine Klugheit ist, ihn zu bewahren,
Vor dessen Schnheit tausend Throne sinken;
Wenn die geschlonen Augen mich beherrschen,
Wo nhm ich Macht, wenn sie sich ffneten,
Um scheidend mich zum letztenmal zu gren.
KANZLER.
Ja ich bekenn es, dieser Tausch ist hart
Und dieser Jngling wert des schnsten Throns.
FRSTIN.
Des Herzens wert, zu gut fr jeden Thron;
Fr ihn ist das Entsagen jedes Throns
Nicht schwerer zu vollbringen, als zu sprechen.
Ich kenne, was ich meinen Reichsgesetzen,
Was ich als erstes Beispiel schuldig bin;
Nicht andre will ich selbst zur Torheit mahnen,
Sie fhrte mich so schnell von alter Weisheit:
Es waltet ber jedes Volk ein Schicksal,
Ich berla mein trostlos Volk dem seinen,
Mein Schicksal ist die Liebe nun allein.
KANZLER.
Ich war nicht vorbereitet, gnd'ge Frstin,
Da Ihr Entschlu so berlegt und fest.
FRSTIN.
Er ist gefat nach langer berlegung,
In meinem Zimmer lieget die Entsagung.
Nur wenig wnsch ich aus des Vaters Schtzen,
Ein mig Jahrgehalt, und wird mir dies
Verweigert - arm in diesen Armen ist
Auch Reichtum - viele mchten mit mir tauschen.
KANZLER.
Was meine Rede mir im Mund erstarrt,
Beweget tiefer noch mein ganz Gemte;
Ich war bereitet auf ein schwer Geschft,
Doch abgeschlossen alles hier zu finden,
Vorber alles, alles wohl bedacht,
Wie ich es nimmermehr erleben mchte,
Vieljhr'ge Arbeit in den Wind zu streuen!
O Frstin, schweigen denn Millionen Stimmen
In Ihrem Herzen, die in diesem Drucke
Der unnatrlich gegen sich ergrimmten Zeit
Viel Tausend Seufzer tglich, nchtlich senden?
Ach dieser Strom der Luft, der uns umhaucht,
Und aus dem Norden strmt, ist schwer beladen
Mit tausendfacher Not, die jene drngt.
Er klagt es leise seiner Hoffnung Frstin,
Der Schpferin von allem unserm Glcke.
Soll dieses ganze Glck in Torheit sinken,
Denn also will's des Bruders wahner Sinn.
FRSTIN.
Sie qulen mich; ich berzeug mich nicht.
Mein Volk verge ich nie im treuen Herzen,
Doch weil ich schwach, darum vermag ich nichts,
Es liegt mir nah, der holde Schlfer nher:
Ich bin ein schwaches Weib, ich bin nicht mehr,
Wie ich wohl einstmals war, eh' ich ihn sah.
Was ich geschaffen, wrd ich jetzo stren,
Was mir im Glck geriet, verdrbe Unglck.
Ich bin viel trichter als je mein Bruder,
Und dieser Knabe ist mir Gott und Welt,
Ihm opfere ich mich und auch mein Volk.
KANZLER.
Der tt'ge Mensch vergit so viel,
Und jeder Tag macht neu die tt'ge Seele.
FRSTIN.
Das Weib vergit so viel, und doch nicht alles;
Das Vaterland, die Eltern und die Freunde,
Vergit das Weib und folget ihrem Mann.
Doch fort von hier - es regt sich der Geliebte;
Nie darf er wissen, was wir hier gesprochen.

                          Sie gehen mit einander fort.




                                       5.


HYLAS richtet sich auf.
Nie darf er wissen, was wir hier gesprochen,
Und welcher Gott gab es im Schlaf mir ein;
Der Gott, der gibt's den Seinen in dem Schlaf,
Ich stamme auch aus dem Geschlecht der Gtter,
Trum aus du arme Seele, trume aus,
Damit du klar erwachst vom trben Denken!
Hier stand der ernste Mann mit finstrer Stirn,
Er sprach mit tiefer Stimm ein ernstes Wort:
Dem Knaben opferst du dein ganzes Volk?
Und ruhig sprach da meine Frstin drauf:
Ihm opfere ich mich und auch mein Volk.
Was dringt in meine Adern, welche Scham,
In meine Sehnen, welche Heldenstrke,
In alle Sinne, welche ew'ge Klarheit,
Mein ganzer Wille wird nun zum Entschlu;
Schon steh ich jenseit dieses wsten Lebens,
Weit ber euch, ihr niedern Erdengtter,
Da ruh ich in der Schicksalsgttin Armen.
Ich sollt mir opfern sehn so reine Gre,
Und nichts gewinnen als ein schwelgend Leben!
Ich hasse euch, ihr unglcksel'gen Gtter,
Die ihr das rote Blut in tausend Bchen
An den Altren msset flieen sehen;
Des Mitleids Qualen knnt ihr nimmer stillen,
Euch opfern nie dem Schicksal ew'ger Liebe!
Ich fhl's, jetzt wird im Kopfe mir so licht,
Dem neuen Tage strahle ich entgegen,
Der aus den Fluten sich so krftig drnget.
Nein ich gehr nicht mehr dem neuen Tage,
Er zwingt mich nicht zu glauben an sein Licht,
Das nur ein Gegenschein von meiner Liebe.
Bald werf ich mich der Sonne froh entgegen,
Damit ich selbst der weiten Welt erscheine. -
Noch einmal denk ich alles Glcks allhier!
Seit mich die Frstin in die Arme nahm,
Da fiel des Glckes Tau so reichlich mir;
So unersttlich ich darin auch schwelgte,
Ich frage nicht, ob es auch dauern knne,
Wr es das Glck, wenn Zeit zum Umschaun bliebe;
Es reit uns an den Haaren in die Hh
Und lt uns dann in de Tiefen fallen,
Wie Steine unter meinen Tritten fallen,
Und schallen in dem bodenlosen Meer.
Lebt wohl ihr Blumen, die ich lieben lehrte,
Hier unter euch, da sah ich sie verschwinden
In meines Abschieds trber Dunkelheit;
Bald wird es Tag von einem neuen Lichte
Und werd ich Licht, wenn ich dem Meer entsteige,
So fall ich hier in ihre holden Augen!
Ihr Tauben, meiner Liebe sanfte Boten,
Ich glaub mit euch zu fliegen bers Meer,
Ich seh ins ewig Ruhelose freudig,
Das steigend fllt und fallend steigt,
O nimm mich auf, ich bin wie du!

   Er strzt sich mit ausgebreiteten Armen ins Meer, dem die Sonne entsteigt.


                                       6.

                          Die Frstin und der Kanzler

FRSTIN.
Sie kennen mich, da ich nie mehr gesagt,
Als ich vollfhren kann; ich kenne Sie,
Da Sie nicht wiederholen mgen, was
Vergebens bleibt. Mein Schlu bleibt immer fest.
Dem Throne zu entsagen ist mir leicht;
Von Ihnen wird der Abschied schwer, mein Freund.
KANZLER.
Mich hlt, ich wei nicht welche Hoffnung fest,
Da sich Ihr harter Sinn noch lt erweichen;
Umsonst gewirkt zu haben ist so schwer,
Uns beide trifft das, wenn es dabei bleibt.
FRSTIN.
Ich hab gelebt, seit ich nicht mehr gewirkt,
Versuchen Sie in gleichem Sinn zu leben;
Dann frag ich Sie, ob Sie nicht gern entsagen.
KANZLER.
Ich bin zu alt zu einem neuen Leben.
Es lt sich Liebe nicht so leicht erwerben,
Was nicht erworben, lt sich nicht bewahren.
FRSTIN.
Ich bin auch lter als mein schner Hylas;
Ich sterbe frher, weil ich lter bin:
So berlebt mich herrlich meine Liebe.
O Hylas komm, nach solchen ernsten Worten
Bedarf ich deiner Tne leichtes Spiel,
Und deiner Zge viel bedeutend Bild.
KANZLER.
Ich hre an dem Meere Klagetne.
FRSTIN.
Es ist so mancher Unglcksfall am Meer.
Mein Hylas komm! Er hat ein zart Gemt,
Und vor der Trauer mu ich ihn bewahren;
Er ist so klar, so froh wie jene Sonne,
Die aus den Wellen hellgebadet steigt.




                                       7.


            Die Knstler tragen die Leiche des Hylas nach dem Hause.

DER DICHTER.
Setzet nieder eure Brde,
Schweigt im ernsten Trauerhaus,
Wohl geziemt sich Ernst und Wrde,
Wo die Schnheit lischt in Graus.
Wo die Wrme ist verschwunden,
Kommt der de Winterschlaf,
Alle Strke ist geschwunden
Alle Glieder sinken schlaff.
FRSTIN.
Keinen Toten kann ich sehen,
Helfen kann ich ihm doch nicht,
Kann zur Hlfe was geschehen,
Sorgt, da ja nichts hier gebricht.
Gern will ich ihm Obdach schenken,
Bis die Erde ihn verschliet,
Doch mit anderen Geschenken
Wr ich lieber heut begrt.
DICHTER.
Sehnlich wirst du nach ihm sehen,
Und in den erblaten Zgen
Les auf einmal alles Wehe,
Kenne wieder dein Vergngen.
FRSTIN.
Sagt, wer ist es denn gewesen,
Da ihr mich wollt zu ihm ziehen.
DICHTER.
Ach das schnste aller Wesen,
Selbst der Tod ist in ihm Blhen.
FRSTIN.
Wehe, wehe, Hylas, Hylas!
Ach das ist mein Hylas nicht,
Denn er hrt nicht, Hylas, Hylas!
Bla ist auch sein Angesicht.
Kalt die Lippen, und gebrochen
Ist der Augen Feuerschein,
Tausend Trnen in den Locken,
Ach er ist nun nicht mehr mein!
KANZLER.
Ist kein Mittel ihn zu retten?
DICHTER.
Alles ist umsonst versucht!
Ach wer kann das Leben retten,
Das vor sich in eigner Flucht;
Denn die Arme ausgebreitet,
Strzte er sich selbst ins Meer.
FRSTIN.
Welcher Gott hat ihn geleitet,
Und verwundet mich so schwer.
KANZLER.
Frstin, seht des Schicksals Willen,
Dem der schne Knabe fiel.
FRSTIN.
Sterbend mu ich so erfllen,
Was fr meine Kraft zu viel.
KANZLER.
Traurend konntest du beglcken
Schner Gott, der hier verbannt,
Mochtest oft zum Himmel blicken,
Heimwrts hast du dich gewandt.
Fallet alle vor ihm nieder,
Seine Seele strahlt im Meer,
Gebt den Staub dem Staube wieder,
Dieser Leib war ihm zu schwer.
Ihm zum Tempel sei geweihet
Dieses Schlosses weiter Raum,
Da die schne Kunst erneuet,
Was im Leben flcht'ger Traum.
FRSTIN.
Fhre mich, du weise Strke,
Ich gehorche deinem Rat,
Trnen sind nun meine Werke,
Jammer meine einz'ge Tat.
DIE SCHWALBEN.
Wir versuchen die jungen Flgel
An dem grnenden Grabeshgel,
Schlagen mit schwarzem Flgel die Luft,
Streifen vorber im Morgenduft;
Singen einander mit frhlichem Munde,
Unser Leben, das mit nicht die Stunde,
Einmal erscheinet ein Morgenrot
Weht in der Asche, leuchtet im Tod,
Netzet die Flgel im Meeresschaume
Und wir erwecken euch alle vom Traume.


                                       8.

              Frstin, Kanzler ziehen fort. Die Knstler bleiben.

DICHTER.
Wie die Frstin es befohlen
Sorget fr ein Trauerfest.
MUSIKER.
Meine Zeit ist nicht gestohlen,
Sorgen Sie erst fr das Best.
BILDHAUER. Wie konnten Sie so dumm sein und die Frstin so fortgehen lassen,
    ohne ihr einen berschlag der Kosten zu machen, wenn wir dem neuen Gotte
    einen Tempel wirklich erbauen sollen.
DICHTER.
Meine Trnen, wer kann sie bezahlen,
Meine Worte ach, wer kann sie hemmen?
MUSIKER.
Meine Noten la ich mir bezahlen,
Also werden Sie sich auch bequemen.
KAMMERDIENER. Die Frstin hat mir die Vollmacht gegeben, alles Notwendige zu dem
    Denkmale zu berichtigen.
BILDHAUER. Was ist nun fr Not! Viktoria, es lebe, ich wollte sagen, es sterbe
    der Herr Hylas.
MUSIKER. Pereat.
MALER. Dreimal tief.
DICHTER.
Alle andern ziehen lachend,
Von dir fort, du schner Gott,
Bse Zeit, wo Schnheit Spott;
Mich begeistre bei dir wachend,
Da ich wieder neubelebe
Dieses Herz, das ganz gestillt,
Oder da ich toderfllt
Mit dir zu dem ther schwebe.

Whrend der Vorlesung waren die Reisenden in den schlimmsten Teil der
Pontinischen Smpfe gefahren; ferne brauste das Seewasser durch den Felsenrachen
ins Meer zurck, aber es stand noch berall in kleinen Lachen von farbiger
Schlangenhaut berzogen; bleiche Menschen beschftigten sich mit der
Straenbesserung, und erinnerten die Reisenden sich nicht dem Schlafe zu
berlassen, weil er tdlich, und doch umflog der Schlaf hier so unablssig mit
seinen Nachtfaltern das Haupt, da jeder mit stetem Bewegen sich dagegen zu
verteidigen bemht war. Der Minister aber versicherte, wenn die Poesie sie nicht
einmal gegen den Schlaf sichern knne, so wre sie zu gar nichts wert, und damit
wurde dem Kammerjunker aufgetragen, noch etwas mitzuteilen, etwa eine
Geschichte, worin die Verschiedenheit des Alters in Freundschaft, Ha, Liebe
recht wunderlich zwischentrte. - Der Kammerjunker versicherte, da er nach
einer sonderbaren Bergwerksgeschichte eine eben so sonderbare Ballade
geschrieben, die er hersagen knne.


                       Des ersten Bergmanns ewige Jugend

Ein Knabe lacht sich an im Bronnen,
Hlt Festtagskuchen in der Hand,
Er hatte lange nachgesonnen,
Was drunten fr ein neues Land.
Gar lange hatte er gesonnen
Wie drunten sei der Quelle Lauf;
So grub er endlich einen Bronnen,
Und rufet still in sich: Glck auf!
Ihm ist sein Kopf voll Frhlichkeiten,
Von selber lacht der schne Mund,
Er wei nicht, was es kann bedeuten,
Doch tut sich ihm so vieles kund.

Er hret fern den Tanz erschallen,
Er ist zum Tanzen noch zu jung,
Der Wasserbilder spiegelnd Wallen
Umzieht ihn mit Verwandelung,
Es wandelte wie Wetterleuchten
Der hellen Wolken Wunderschar,
Doch anders will es ihm noch deuchten,
Als eine Frau sich stellet dar:
Da weichen alle bunten Wellen,
Sie schauet, kt sein spiegelnd Bild,
Er sieht sie, wo er sich mag stellen,
Auch ist sie gar kein Spiegelbild.

Ich hab nicht Fest, nicht Festes Kuchen,
Bin in den Tiefen lang verbannt!
So spricht sie, mchte ihn versuchen,
Er reicht ein Stck ihr mit der Hand;
Er kann es gar kein Wunder nennen,
Viel wunderbarer ist ihm heut,
In seinem Kopf viel Lichter brennen
Und ihn umfngt ganz neue Freud;
Von seiner Schule dumpfem Zimmer,
Von seiner Eltern Scheltwort frei,
Umflieet ihn ein sel'ger Schimmer,
Und alles ist ihm einerlei.

Sie fat die Hand, dem Knaben schaudert,
Sie ziehet stark, der Knabe lacht,
Kein Augenblick sein Mut verzaudert,
Er zieht mit seiner ganzen Macht,
Und hat sie krftig berrungen
Die Knigin der dunklen Welt,
Sie frchtet harte Mihandlungen
Und bietet ihm ihr blankes Geld.
Mag nicht Rubin, nicht Goldgeflimmer,
Der starke Knabe schmeichelnd spricht,
Ich mag den dunklen Feuerschimmer
Von deinem wilden Angesicht.

So komm zur Khlung mit hinunter!
Die Knigin, ihm schmeichelnd, sagt,
Da unten blht die Hoffnung bunter,
Wo bleichend sich das Grn versagt.
Dort zeige ich dir groe Schtze,
Die reich den lieben Eltern hin,
Die streichen da nach dem Gesetze,
Wie ich dir streiche bers Kinn.
So rhrt sie seiner Sehnsucht Saiten,
Die Sehnsucht nach der Unterwelt,
Gar schne Melodien leiten
Ihn in ihr starres Lagerzelt.

Gar freudig klettert er hinunter,
Sie zeigt ihm ihrer Adern Gold,
In Flammen spielt Kristall da munter,
Der Knabe spielt in Minnesold.
Er ist so gar ein wackrer Hauer
Mit wilder Khnheit angetan,
Hat um sein Leben keine Trauer,
Macht in den Tiefen neue Bahn,
Und bringet dann die goldnen Stufen
Von seiner Kn'gin Kammertr,
Als ihn die Eltern lange rufen
Zu seinen Eltern khn herfr.

Die Eltern freuen sich der Gaben
Und sie erzwingen von ihm mehr,
Viel Schlsser sie erbauet haben
Und sie besolden bald ein Heer:
Er mu in strenger Arbeit geben,
Worin sie prunken ohne Not.
Einst hrt er oben festlich Leben,
Den trocknen Kuchen man ihm bot.
Da kann die Kn'gin ihn nicht halten,
Mit irdisch kaltem Todesarm,
Denn in dem Knaben aufwrts wallten,
So Licht als Liebe herzlich warm.

Er tritt zum Schlo zum frohen Feste,
Die Eltern staunen ihn da an,
Es blickt zu ihm der Jungfraun Beste,
Es fat ihr Blick den schnen Mann,
Im Bergkleid tritt er mit zum Tanze
Und hat die Jungfrau sich erwhlt,
Und sie beschenkt ihn mit dem Kranze,
Er hat die Ksse nicht gezhlt.
Da sind die Brder zugetreten
Und seine Eltern allzugleich,
Die alle haben ihn gebeten,
Da er doch von dem Feste weich.

Da hat er trotzig ausgerufen:
Ich will auch einmal lustig sein,
Und morgen bring ich wieder Stufen
Und heute geh ich auf das Frein!
Da hat er einen Ring genommen,
Vom Gold, wie es noch keiner fand,
Den hat die Jungfrau angenommen,
Als er ihn steckt an ihre Hand,
Dann sitzt er froh mit ihr zum Weine,
Hat manches Glas hinein gestrzt;
Spt schwankt er fort und ganz alleine,
Manch liebreich Bild die Zeit verkrzt.

Die Lieb ist aus, das Haus geschlossen
Im Schacht der reichen Knigin;
Er hat die Tre eingestoen
Und steigt so nach Gewohnheit hin.
Die Eiferscht'ge hrt ihn rufen,
Sie leuchtet nicht, er strzt herab,
Er fand zur Kammer nicht die Stufen,
So findet er nun dort sein Grab.
Nun seufzt sie, wie er schn gewesen,
Und legt ihn in ein Grab von Gold,
Das ihn bewahrt vor dem Verwesen,
Das ist ihr letzter Minnesold.

Die Eltern haben ihn vergessen,
Da er nicht kommt zum Licht zurck,
Und andre Kinder unterdessen
Erwhlen neu der Erde Glck,
Und bringen andre schne Gaben,
An Silber, Kupfer, Eisen, Blei,
Doch mit dem Gold, was er gegraben,
Damit scheint es nun ganz vorbei.
Die Jungfrau lebet nur in Trnen,
Die Liebe nimmt der Hoffnung Lauf
Und meint in ihrer Hoffnung Whnen,
Ihr steh das Glck noch einmal auf.

Glck auf! nach funfzig sauren Jahren
Ein khner Durchschlag wird gemacht,
Die Kn'gin kmpfet mit den Scharen
Und hat gar viele umgebracht.
Sie hat gestellt viel bse Wetter,
Die um des Lieblings Grabmal stehn,
Doch Klugheit wird der Khnen Retter,
Sie lassen die Maschinen gehn;
Da haben sie den Knaben funden
In kalten Hnden kaltes Gold,
So hat er sterbend noch umwunden
Die Knigin, die ihm einst hold.

Zur Luft ihn tragend alle fragen,
Wei keiner, wer der Knabe war,
Ein schner Bursche, zum Beklagen,
Gar viele rafft hinweg das Jahr,
Doch keiner je so wohl erhalten
Kam aus der Erde Scho zurck,
Denn selbst die flchtigen Farben walten
Noch auf der Wangen frohem Glck;
Es sind noch weich die starken Sehnen,
Es zeigt die Tracht auf alte Zeit,
Er kostete wohl viele Trnen,
Jetzt kennt ihn keiner weit und breit.

Die Jungfrau war tief alt geworden,
Seit jenem Fest, wo sie ihn sah,
Spt trat sie in den Nonnenorden
Und geht vorbei und ist ihm nah;
Sie kommt gar mhsam hergegangen,
Gesttzt auf einem Krckenstab,
Ein Traum hielt sie die Nacht umfangen,
Da sie den Brut'gam wieder hab.
Sie sieht ihn da mit frischen Wangen,
Als schliefe er nach schner Lust,
Gern weckte sie ihn mit Verlangen,
Hier strzt sie auf die stille Brust.

Da fhlt sie nicht das Herz mehr schlagen,
Die Mnner sehn verwundert zu:
Was will die Hexe mit dem Knaben,
Sie sollt ihm gnnen seine Ruh.
Das wr doch gar ein schlimm Erwachen,
Wenn er erwachte, frisch gesund,
Und sie ihn wollte froh anlachen
Und htte keinen Zahn im Mund.
Jetzt schauet sie sein hart Erstarren,
An dieser neuen Himmelsluft,
Die Farbe will nicht lnger harren,
Die treu bewahrt der Kn'gin Gruft.

Hier ist die Jugend, dort die Liebe,
Doch sind sie beide nicht vereint,
Die schne Jugend scheint so mde,
Die alte Liebe trostlos weint.
Was hlf es ihr, wenn er nun lebte,
Und wre nun ein alter Greis,
Ihr Herz wohl nicht mehr zu ihm strebte,
Wie jetzt zu dieses Toten Preis.
Wie eine Statue er da scheinet
Von einem lang vergenen Gott,
Die Alte treu im Dienst erscheinet
Und ist der jungen Welt zum Spott.

Es mag der Frst sie nimmer scheiden,
Er schenket ihr den Leichnam mild,
Verlane mchten ihr wohl neiden
Ein also gleich und hnlich Bild.
Da sitzet sie nun vor dem Bilde,
Die Hnde sanft gefalten sind,
Und sieht es an und lchelt milde,
Und spricht: Du liebes, liebes Kind,
Kaum haben solche alte Frauen,
Wie ich noch solche Kinder schn,
Als meinen Enkel mu ich schauen,
Den ich als Brut'gam einst gesehn.

Der Minister bezeigte bei dieser Erzhlung eine ihm ungewhnliche Rhrung; seine
Gesellschafter befragten ihn um den Grund, er gab ihnen ganz unbestimmte
Antworten. Endlich redete der Kammerjunker zu der Dichterin ganz leise; sie aber
schttelte mit dem Kopfe und sagte: Es geht nicht. - Frei heraus, rief der
Minister, ich denke, wir sind auf der Reise genugsam mit einander bekannt
geworden, um die Scheu alter Verhltnisse aufzugeben; ein Reisewagen mu
allmhlich zu einem Krper alle Reisenden verbinden, so da jeder seine gemen
Funktionen verrichtet; ich will wetten, Ihr habt einmal irgend einen Scherz auf
mich gemacht. - Da Sie es erraten, antwortete die Dichterin, so kann ich es
Ihnen nicht verschweigen, liebwerter Landesvater: es ist ein kleines
Gedankenspiel, was ich nach allerlei Gerchten ber Ihr Verhltnis zur Frstin
freilich unter vernderten Nebenumstnden, und selbst mit mancher Verwandlung,
die mir in der Arbeit gut dnkte, damals darstellte, als Sie sich mit ihr nach
dem Tode des Frsten vershnten. - Nun seht Kinder, wie unglcklich ein
Minister ist, sagte der Minister, selbst das Nchste, was um ihn her
geschieht, erfhrt er nicht, und soll das Entfernteste im Lande kennen und
beurteilen; wahrhaftig, ich glaube, die einzige Art brauchbare Minister einem
Lande zu verschaffen, ist die jhrliche Ernennung derselben; wenn auch nicht
immer die Geschicktesten oben an kommen, so sind sie doch stets wohl bekannt,
und eingewohnt in den Verhltnissen des Landes; das mag auch wohl das
eigentliche Frderungsmittel der Freistaaten gewesen sein, und in unsern
Reichsstdten kam noch hinzu, da keiner dieser Angestellten so mit Geschften
berhuft war, um andrem Lebensverkehr und brgerlicher Nahrung zu entsagen;
seht, jetzt kann ich mitten unter Poeten nicht einmal aus meinen Amtsberichten
herauskommen; schmt Euch nicht und tragt schnell Eure Sachen vor. - Nach
einigen Umschweifen, nach mehreren Kssen, welche die Dichterin auf die rauhen
Backen des Ministers in ihrer kindischen Art gedrckt hatte, holte sie aus ihrer
dick angeschwollenen schwarzen Brieftasche, vor der ein geheimes Zahlenschlo
lag, ein kleines Spiel heraus, das wir als Darstellung eines wunderlichen
ehelichen Verhltnisses hier am rechten Orte finden.

                                    Der Ring



                               Ein Gedankenspiel

                    Gartenplatz vor einem Landhause. Morgen


                                       1.

MUTTER.
Hab Dank fr deinen guten Morgengru
Geliebte Sonne in den schwlen Lften,
Von dir allein kommt mir noch Liebesgru,
Von dir allein mag ich ihn gern verstehen;
Dich klares Licht, versteht die ganze Welt,
Die rtselhafte Welt, die trbe, dunkle,
Es ahndet schon der Schlaf dein froh Erhellen,
Und atmet deine ersten Strahlen ein,
Und sumet sein Gewand mit hellen Trumen,
Und zieht dann schnell die dunkle Hand hinweg,
Die er noch ber die Geschenke breitet
Der neuen Welt, die aus dem Osten strahlet!
Zum heitern Morgen dringt ein schnell Erwachen.

                      Sie beschaut die Blumenbeete umher.

Die Blumen stehen frisch, die Luft ist schwl,
Der Luft verzeih ich's, da sie sich so drngt,
Den neuen Segen taumelnd zu empfangen
Und zittert doch davor in ser Lust,
Das ist das Frchterlichste, was wir lieben.
Ach warum lieben wir, was furchtbar ist!

         Sie setzt sich auf eine Bank und lehnt das Haupt auf die Hand.

So bin ich, kaum erwacht, schon wieder mde!
Wo endet Schlaf? Wann gehet auf das Sehen?
Wie wird es Tag? Wann lschen aus die Sterne?
Was grnt zuerst, wo steigt der erste Klang?
Unendlich tief ist Schlaf, unendlich weit der Morgen!
Ich schlaf im Wachen und ich wach im Schlafe,
So ist das Gestern auch zum Heut geworden,
Dem Auge fern, dem Geiste gegenwrtig;
Hier sa ich gestern abend, schrieb im Sande
Und fuhr erschrocken auf, was ich geschrieben,
Das, wei ich, hatt ich nimmermehr gewollt.
Was da mein Stbchen spielend hingezeichnet,
Der Morgenwind hat's sorglich ausgewehet,
Weil's unvereinbar ist mit meiner Ruhe.

                             Sie sieht zum Himmel.

Die graue Wolke steigt im Sonnenschein
So hellbesegelt wie ein Schiff im Blau,
Der trbe Dunst wird Licht im Sonnenauge:
Der Sonne Malerblick wei alles zu verschmelzen,
Aus Meer und Wolken zieht sie helle Strahlen,
In trger Nacht die Geisterwelt zu malen;
Ganz unbemerkt entfaltet sich das Schne,
Unendlich ward ein Frhling allen Sinnen.
Die Tage sind jetzt liebliche Geschwister,
Die jngern stets dem Mutterherzen lieber,
Sie sprechen nach, was jene ltern fragen,
Sie haben noch was Seres zu sagen,
Ein schner Morgen ist des Frhlings Frhling,
Es wacht da alles auf, was je gelebt,
Und wr's im tiefsten Herzen fest verschlossen.

                            Sie geht unruhig umher.

O Sonne, Mutter zahllos lieber Kinder,
Warum bin Mutter ich und ohne Kind?
O Sonne, einen Augenblick zum Beten!
Du willst es nicht, die Augen gehn mir ber.

      Sie hat in Gedanken Blumen gebrochen, und sie ins Gesicht gedrckt.

Wie verlieren sich die Bltter
Wunderbar in Flammenlicht,
Drinnen haucht ein khlend Wetter,
Drck ich sie ins Angesicht;
Alle die Blumen sind ohne Harm
Nur die rote Rose nicht,
Sie sticht!
Sticht, wie die liebe Sonne so warm,
Mai ist ohne die Rose nur arm,
Mai ist ohne die Rose nur Qual -
Ihr stillen Grnde, du einsam Tal.

      Sie vertieft sich allmhlich abgehend mit dem Gesange in den Garten.


                                       2.

                                 Vater und Kind
 beide in Kriegskleidern, das Kind sieht sich um und lt den Vater oft allein,
          da er vor sich sprechen kann, ohne von ihm gehrt zu werden

VATER.
So ist des Unglcks und der Klugheit Fluch,
Da sie uns unterwerfen leerer Furcht!
Wie schaudernd hemmt der Boden meine Eile,
Ein Schritt, ein Druck der Hand, ein Wort, wie leicht,
Wie schwer, wenn unser Schicksal daran hnget;
Der berraschung Wunder sind die grten.
KIND.
Es wird so schwl, wir gehen doch nicht weiter?
VATER.
Nein, lieber Sohn! - Wir sind schon allzu weit -
Vielleicht zu weit, um leicht zurck zu kehren.
Zum Ufer wallt, vom Ufer sinkt die Woge,
Was zog mich her, was weist mich nun zurck?
Mich stt zurck, was lange mich gezogen.
O sie war schn, ich find fr sie kein Bild,
Nach ihr mcht ich die ganze Welt mir bilden,
Die ohne sie ein wstes Chaos blieb.
Ich soll sie wiedersehn, wie meine Jugend!
Wie rtselhaft, was unsre Jugend fllt
Und wie so deutlich, was das Alter schwcht,
Es will vergten, was die Jugend fehlte.
Ach Jugend macht die Jugend einzig gut!
O meine Jugend, wie bist du entschwunden
In steter Arbeit, wie ein trber Nebel,
Der unter sich das frohe Grn erttet,
Er will es nicht, doch so ist seine Liebe.

                               Nach einer Pause.

Es ist zu viel! Die tiefe Not ich trug,
Und schwindle, da mich trgt ein neues Glck,
Ein berer Lebensmut und reiner Wille!
Ich steh im Vaterland, vor meiner Schwelle,
Hier eingewiegt, als Knabe eingespielet,
Mit Todesmut als Jngling eingeschworen,
Mit Liebesglut auf ewig eingebrannt,
Wo Liebe noch mich eingewurzelt hlt,
Der ersten Liebe gleich durchwachsne Rosen,
Dies ew'ge Band aus Lust und Schmerz gewoben,
Wie wird mir hier so wohl und auch so weh.
Ha, wo das Herz der Liebe Haus erbaut,
Da haust es ewig, lt sich nimmer bannen;
Hier lebte ich und war ich fern und ferner,
Hier wachte ich an dieser heil'gen Schwelle,
Wie Traum bewacht der heil'gen Unschuld Schlaf,
Und trumend kehr ich heim zu Jugendfreuden.
Sag's frei heraus mein Mund, was lang gedacht,
Sich doch in des Gehirnes Falten decket,
Was meine Jugend fllt, war unerschpflich,
Doch nun ich alt, da seh ich bald den Grund
Und halt zusammen, was ich sonst verschwendet.
Gesteh dir alles ein, mein fester Sinn:
Dort stehet noch das alte Storchennest
Hoch bern Schornstein knstlich frei erhht,
Das unserm Hause ehlich Glck sollt bringen,
Jetzt bringt es mir so manche Nachgedanken.
Es ist dasselbe Nest, ist's auch der Storch?
Ist nicht der alte Storch noch md und ferne,
Ein jngerer hat ihm das Nest geraubet?
Was hlf's dem Storch, wenn er das Nest nun findet,
Und findet es erwrmt von andrer Lust,
Und fnd er's kalt und knnt es nicht erwrmen?
O welche Glut ist noch in meinem Mute,
Und doch, ich fhl mich kalt, indem ich glhe,
Denn zu viel Mglichkeiten sind in mir.
KIND.
Du sprichst vor dir und schauest dich nicht um,
Es ist mir hier, als wr ich hier zu Hause;
Hier find ich Milch und Frucht, darf ich wohl essen?
VATER.
Genie mit Freuden, Milch und Frucht sind dein,
Und wunderlich erschpft ein nchtlich Wandern. -
Wo hat mich Frucht von mheschweren Jahren,
Wo hat die Milch der Hoffnung mich erquickt,
Wo hat die Freude mich zum Tanz beflgelt,
Was ist Gesundheit eines den Sinnes?
Nur in dem Kind allein, wie es sich nhrt,
Bewutlos in die Welt so herzhaft fhlt,
Da hol ich nach, was ich versumte trotzend.
Ich seh ihm gerne zu, wie er sich macht,
Und wie er reift, sich selber zu erkennen;
Ich hatte viel in diesem edlen Kinde,
Ein lebend Bild von der verlanen Frau,
Ich bin ihr nah, es will mir ganz gengen;
Mich fhlen ganz und froh, ich kann's nicht fassen.
Mir ist's, als wr ich fr mein Glck zu schwach,
Was hilft ein volles Mahl im Hungertode,
Der Eltern Segen Liebesterbenden!
KIND.
Du klagst ja Vater, kann ich dir nicht helfen?
VATER.
Ich klage nicht, ich freue mich nur anders;
Wer sich nicht arm stellt, kriegt vom Glcke nichts,
Ganz heimlich sammle ich den Schatz der Not.
Doch helfen kannst du mir. Bist du noch mde?
KIND.
Ich bin bereit, ich springe ja schon weiter.
VATER.
Wo willst du hin? Hast du es schon vernommen.
KIND.
Ich dacht, wir mten eilend weiter ziehen.
VATER.
Noch nicht; was willst du denn schon fort von hier,
Wie, sollte das mir gar ein Zeichen sein?
Hr zu, du sollst mir etwas Wertes holen:
Du siehst den duftbelegten Wiesenplan,
Die Sonne atmet in die Welt so warm,
Das helle Meer luft zitternd himmelan,
Und scheinet mit dem Himmel schon zu leben,
Und ferne heben sich die Wolkenfelsen,
Als wollten sie sogleich darauf gewittern;
Bist du nicht bang allein dahin zu gehen?
KIND.
In freier Luft hab ich mich nie gefrchtet.
VATER.
Kmmst du hinaus nun ber jene Wiesen,
So geh zum vgelklingenden Gehlze,
Dann findest du dich bald am weien Felsen,
Der jhe wie vom Meer zurckgeschreckt,
Halb zweifelnd, ob er sich hinein soll strzen,
Das Ende einer Welt bezeichnen mag;
Zerstrung nagt darin in Wind und Wettern.
KIND.
Du warst wohl lange hier, da du den Ort
Mir also deutlich stellest vor die Augen,
Als htt ich ihn in alter Zeit gesehen.
VATER.
Wohl war ich hier! Jetzt hre mit Bedacht.
Auf diesem Abhang steht ein Myrtenstrauch;
Erst war er klein, nun ist er sicher gro,
Den reie aus mit allen seinen Wurzeln,
Denn unten liegt ein Schatz, den bringe mir.
KIND.
Kaum halt ich mich! Ich hob schon manchen Schatz,
Der in der Erde neidisch war versteckt.
VATER.
Viel alte Scherben, die du heilig ehrtest.
KIND.
Du weit es nicht, wie ich sie angesehen.
VATER.
So halte heilig, was du dort gefunden;
Du Leichtsinn weit doch noch den Ort zu finden?
KIND.
Wohl wei ich Wiese, Busch, den Fels, die Myrte.
VATER.
Du kannst nicht fehlen, ferne wirst du hren
Ein schwrmerisch entsetzlich Klagen von den Vgeln,
Die schwarzen baden sich im Meer, um wei zu werden,
Die weien baden sich darin, um sich zu schwrzen,
Vergebens, schwarz wird schwrzer, wei wird weier,
Die hre ja nicht an, sieh auch nicht nieder.
Der Boden wlbt sich, da du berm Meere
Ganz ohne Rettung hoch zu schweben scheinest,
Und von dem Luftstrom eingesogen wirst,
Da siehe ja nicht hin, verricht dein Wesen,
Denn mit geheimer Sehnsucht fllet sich das Herz
Der Jugend nach des Meeres blauen Hgeln,
Und jede Welle glnzt im Waffenschmuck besonnet,
Den jungen Fhrer huld'gend zu begren.
KIND.
O Vater, wo du bist, da ist mein Hoffen.
VATER.
Recht gut, mein Kind, doch hr mich jetzt auch aus.
KIND.
Ich wei schon alles, alles bring ich dir. Ab.
VATER.
Fort ist er. Wie er leicht den Boden rhrt,
Es ist, als wr er nicht von dieser Welt,
Und noch so kindisch ist sein ganzes Wesen,
Doch immer wie in einem andern Sinn.
Der Blumenstrau von seiner Hand gebrochen,
Er ordnet sich geheimnisvoll in Farben,
Recht wie ein Regenbogen andrer Art,
Darob die Leute staunend sich erfreuen
Und wissen nicht, was sie so tief entzckt.
Ich will es nicht und mu ihn oftmals krnken,
Er sagt es nicht und darum mu er leiden;
Mich treibt's zu oft, das Schmerzliche zu fhlen,
Das Bittere zu sagen, weil das Stumme,
Das Stumpfe mich viel bittrer qulen kann;
So fhl ich mich ganz hingerissen jetzt,
Ganz lebhaft jener Vgel Ton zu denken,
Viel widriger als irgend Scharren, Reien;
Es ist der Milaut, der zum Leben worden,
Verruchte Wollust, Lachen nicht, kein Klagen,
Jetzt mut du weichen, du verruchter Milaut.

                        Er geht unruhig auf und nieder.

Wie alle Lebensalter in mir schwanken,
Und keines kann sich meiner ganz bemeistern,
Ein Kindskopf bin ich oft mit weien Haaren.
Als ich mein Schwert am Hochzeittag begraben,
Dort unterm Myrtenbaum beim Vogelschreien,
Da freute meine Jugend dieses Schrecken,
Denn das vollendete zum Mann mein Wesen.
Was mich zur sicheren Gestalt umflossen,
Der Lebensquell, den rings die Welt ergossen,
Hat mich umsteinet, da ich so viel Fremdes
Bewutlos wie mein Eignes brauchen mu.
Es ist der harte Stein, der mich umschlossen,
Wenn ich bewutlos einem wehe tue,
Denn wo ich's wei, da mag ich's gern vergten.
Hier mu ich viel vergten und entschuld'gen,
Und wenig kann ich ihr zum Troste sagen,
Wird sie dies wenige auch wohl beachten?
Sie wird's. Sie wird entschuld'gen mich und deuten,
In ihrer Sehnsucht werd ich schuldlos sein;
O wie sie mich geliebt, so liebt doch keine.
Wer kommt da? Pochst du nicht, mein ahndend Herz,
Du fhlst wohl nicht genug, bist du so tot!
Was hast du dich denn taglang so gestellet,
Als wenn nichts Schnres dir begegnen knne.
Sind's dreizehn Jahre, da ich sie nicht sah?
Mir ist wie gestern! Langsam gehn die Stunden,
Wenn unser Leben fiebernd stille steht,
Und doch vergelich wie der Glocken Tne,
Wenn Lust sie nicht zu Melodieen band:
Ein Augenblick umschlo die Ewigkeit,
Und dreizehn Jahre werden Augenblicke!
Wer sieht der Flur wohl an vergangne Jahre,
Wenn sie den Frhling noch am Busen trgt,
Entgegen, entgegen mit offener Brust,
Mit klopfendem Herzen der nahenden Lust. Hlt inne.
Nein, so bezwingen soll mich selbst die Freude nicht,
Erst hr ich, was sie mit sich selber spricht.


                                       3.

MUTTER kommt langsam ohne den Vater zu merken.
Woher der wunderbare Knabe war?
Er grte mich und eilte dann vorbei.
Ach Mutterherz, ach wr doch so dein Sohn!
Und ich war so betubt vom Angedenken,
Da ich mit keinem Wort ihn hergeladen.
Was trieb mich heute auch zum Myrtenstrauche;
Da war es geistig und erinnernd voll
Von schmerzlich wandernden Gedankenreihen,
Als zg vor mir ein Trauerchor vorber.
Da war es, wo ich mit dem Manne stand,
Wo er in tricht leerer Eifersucht,
Da ich vor ihm, eh' ich ihn jemals kannte,
Schon einen Jngling herzlich angeblicket,
Sein Schwert ergriff, und mir den Arm verletzte,
Den ich zum Schutze ngstlich vorgehalten,
Wohl seh ich noch die fast verwachsne Narbe.
Als da mein Blut fiel rot auf weien Stein,
Ergriff ich einen Myrtenstrauch zur Sttze
Und flehete vom Himmel, mein vergessend,
Ein Kind so rot wie Blut, so wei wie Schnee,
Da meines Mannes Liebe wieder mein! -
Mir ward Gewhrung, doch die Eifersucht
Des harten Mannes raubte es sogleich,
Es ist gestorben, lieget dort begraben;
Ob er es umgebracht, ich glaub's gewi
Aus mancher Rede zweifelhaftem Sinne,
Auch mit dem Kind wollt er die Lieb nicht teilen:
Ach auch die Liebe wird im Schlechten schlecht,
Und mit Entsetzen schied ich mich vom Manne,
Verzweifelnd ging er in die Welt hinein.

                           Sie geht zu ihrem Tische.

Ein Wandrer hat das Frhstck mir verzehrt,
Er ahndete, da mir heut weh ums Herz.
Da steht ein Fremdling, ist's der wohl gewesen,
Es ist nicht recht, doch litt er sicher Not.
Hr Wanderer, du scheinest zu erwarten,
Da ohne Bitten ich dir geben soll,
Weil du schon nahmst, auch ohne anzufragen?
VATER vor sich.
Sie kennt mich nicht, ihr himmlischen Naturen,
So hat auch Gott die eigne Welt vergessen,
Und dieser Gru war sicher nicht der rechte:
Dem Elend steht das Unglckshaus sonst offen,
Ha ich will zeigen, da ich Herr im Hause.
Laut: Ja wohl wir sind nur Wanderer auf Erden.
MUTTER.
Wie, sprachest du im Augenblick mit mir?
Wie mu ich doch dabei so weithin denken.
Du kommst zur guten Stunde; willst du bitten,
So bitte, was dir grndlich knnte helfen;
Bedarfst du eines Kleides, bitte frei,
Ein gutes Mahl ist obenein bereit.
VATER.
Ich bitte viel, ich bitte dich zurck;
Die Stimme kanntest du, verkenn mich nicht.
MUTTER.
Wie ist mir, nehmt ihr Bsche hier Gestalt,
Ist dies ein Seegesicht aus leerem Dunst?
O Gott! kann ich die Stunde berleben,
Bist du der Geist des zornig wilden Mannes?
VATER.
Begegne auch dem Geiste liebevoll.
MUTTER.
O nein, du bist es nicht, dein Zorn schlgt Falten
In deiner Stirn, du drftest ja nicht zrnen.
VATER.
Die Falten, die der Zorn sonst strmte
Vorbereilend auf der glatten Stirn,
Die pflgte spter ein des Irrtums Gram,
Da Weisheit legt darin den reichen Samen.
MUTTER.
O Weisheit sprich, wer soll dich denn nun ernten,
Da du so viele Jahr zum Sen brauchst.
VATER.
So nimm mich hin, du reiche Erntegttin,
Und heb die Garbe auf zur vollen Brust.
MUTTER.
Du rhrest mich, wie bist du alt geworden,
Und suchest nun, was du so lang verschmhet.
VATER.
Nun bring ich dir die Liebe ungeteilt,
Die einst so reich auch mehreren gengte;
O fnd ich deine Lieb auch ungeteilt.
MUTTER.
Du sprachst von Weisheit erst und nun von Liebe.
VATER.
Ich glaub an beide, mchte sie vereinen,
So wird mir die vergene Freude wieder.
MUTTER.
Nicht unsrer frohen Tage kann ich denken.
VATER.
Ach ohne sie wr mein Gedchtnis Nacht.
MUTTER.
Und doch bist du im berdru geschieden,
Kein lebend Band ist zwischen uns geblieben.
VATER.
Vielleicht war dies des Himmels klgster Segen,
Der uns das Kind in der Geburt entri,
Denn damals waren wir noch unvereinbar,
Und Feuer wrd in ihm mit Wasser zischen
Und was das Schlimmre sei, das wrd sich zeigen.
MUTTER.
La uns, wie du's gewollt, geschieden bleiben.
VATER.
Ich kann nicht, was ich will, ich will nur, was
Ich kann - wir sind gesetzlich nie geschieden.
MUTTER.
Bereitet bin ich nicht so ernst zu reden,
In weicher Lssigkeit lebt ich die Zeit,
Mein Anwalt wird dir leichtre Auskunft geben,
Ich sage dir, ich la mir nicht gebieten,
Wie ich es einst als kind'sches Mdchen litt.
VATER.
Sei unbesorgt, ich lernte mich nun beugen,
Und beugen oder brechen mu das Herz.
MUTTER.
Ich sage dir, ich hab mich sehr verndert,
Mein ganzes Innre hat sich selbst befestigt,
Seit ich mich keinem Menschen hingegeben.
VATER.
Ich bin so sanft, da ich dich fast bewundre.
MUTTER.
Doch ist der Trotz dir ins Gesicht geschrieben
Mit deiner Augen ungelschtem Feuer;
Wer Schiffbruch litt, der trauet nicht dem Meere.
VATER.
Der Kluge fhrt am liebsten mit dem Strome.
MUTTER.
Wie lebtest du, sei dies fr mich ein Zeichen.
VATER.
Ein traurig Zeichen, denn ich lebte traurig.
MUTTER.
Dich zu verstehn, von dir verstanden werden,
Es wr mir wert, du wrdest dann mich ehren.
VATER.
Es ist zu hart, da du die Ehre forderst,
Du httest sonst den Stolz wohl nicht gehabt,
Ich htte dir den Stolz sonst nicht verziehen,
Und du erhhst den Preis des Buchs Sibylle,
In welchem meine Liebe eingetragen,
Nachdem du immer mehr davon verbrannt.
MUTTER.
Nach alter Art wirst du unheimlich, Freund.
VATER.
Erst mache heimisch mich in diesen Wnden,
Ich sehe dieses Haus so wohl erhalten,
Kein Stein ist unersetzt vom Dach gefallen,
Das ist doch sonst der Frauen Sache nicht.
MUTTER.
Wie schweifet deine Rede also fern.
VATER.
Weil mich die Nhe lt so unbequem;
Ist hier ein Hausfreund, dem ich Gru mu bringen,
Der meine Stelle hat bisher verwaltet?
MUTTER.
Ich wnschte, jede Sorg wr so zu lsen;
Du hast von aller Lieb mich abgeschreckt,
Auch litt dies nicht die Unabhngigkeit,
Du warst der einzige, dem ich einst traute.
VATER.
Vertraue noch, la uns das Glck versuchen,
Ob es in diesem Haus sich wieder finde.
MUTTER.
Vertrauen lt sich tauschen, nicht versuchen.
VATER.
So tausch erst aus den Argwohn mit der Hoffnung,
La uns wie Fremde erst hier wieder hausen,
Die nur Geselligkeit zusammenknpft.
MUTTER.
Die je sich nah, die werden sich nicht fremd.
VATER.
O erstes Wort, das schn wie deine Lippen;
Bald wird es heiter um uns sein,
Wo deine Augen hellend hingewendet.
MUTTER.
Mein lieber Freund, versprich dir nicht zu viel.
VATER.
Dem Schnsten sammelt sich das Schne gern,
Vor deinem Tempel sinkt der Unruh Fluch,
Die mich wie Furien umhergetrieben,
Und diese Bume scheinen mir die Schlangen,
Die sich schon schlummernd an die Tr gelegt.
MUTTER.
Du fabelst ja wie in der alten Zeit.
VATER.
Die Tauben schweben girrend noch zum Giebel,
Dann auf die Linde, die uns auch gewiegt,
Das Meer rauscht noch mit seinem blauen Wasser;
Doch eine nur ist aus dem Meer gestiegen,
Ihr hab ich in der Luft ein Schlo gebaut,
Und find sie nun im eignen Hause wieder;
O dieser schnen Menschlichkeit in Gttern.
Du lchelst meiner knstlich feinen Rede,
Ach wie so modisch neu ist mir die Freude!
MUTTER.
Du hast kein freundliches Geschick erfahren,
Doch ist dein Ruhm so gro, dein Einflu wrdig,
Da viele Frauen mir den Glanz beneiden,
Den mir dein Name aller Orten leiht;
Doch seh ich dich, ich kann es nicht begreifen,
Wie du Millionen Menschen fhren magst.
VATER.
Ich wirkte auswrts, um mir zu entfliehen,
Regieren war das Schwerste nicht im Leben,
Die eigene Befried'gung fehlte mir:
Ach wem das Beste fehlt, dem fehlt's an allem.
MUTTER.
Du sprichst wohl herzlich - doch du bist ein Staatsmann.
VATER.
Ein guter Staatsmann sei das Herz vom Staate,
Das gleich verteilt das Leben allen Gliedern,
Und selber in der sichern Mitte thronet.
MUTTER.
So warst du in Geschften gut zu Hause,
Was willst du nun in dieser stillen Htte?
VATER.
Nein, ich war nirgends, nirgends mehr zu Hause,
Selbst der Geschfte Reiz schwand meinem Sehnen,
Das Neue konnte mir nur reizend scheinen,
Die goldene Alltglichkeit war nichts;
An mich wollt sich Gewohnheit nicht gewhnen,
Was mir gewhnlich ward, schien mir zuwider.
MUTTER.
Bald wrde dich bei mir dasselbe qulen,
Der berdru, wie einst in ferner Zeit.
VATER.
Warum ist mir denn jenes blaue Zimmer,
In dem wir schliefen, stets noch in Gedanken,
Das wir mit manchem Spielzeug angeordnet,
Mit mancher Inschrift, manchem kleinen Bild,
Das rtselhaft den Fremden, uns verstndlich,
So da wir stets geheime Sprache fhrten;
Oft whnte ich im fernen Land erwachend,
Vom Traum getuscht, ich lg in deinem Zimmer,
Ich lg an deiner Seite, holde Frau.
MUTTER.
O sieh an dieser Glut in meinen Wangen,
Ob ich die gute Zeit nicht ganz gefhlt.
VATER.
Was ich seitdem bewohnt, sind wilde Hhlen,
So ganz verhat durch einsam wache Nchte.
Ich mochte sie nicht schmcken und nicht ordnen,
Da ich nicht auen fnd, was in mir fehlte;
Erinnerung lag fern und unerreichlich,
Und Reue folgte mir, da ich's verscherzt,
Was meines wahren Lebens Ernst und Sinn;
Fr wen ich sorgte, wut ich nicht zu sagen,
Und was ich tat, das war voraus mir Sorge.
Ich hatte Furcht und sollte Zutraun wecken,
Verantwortung ruht schwer auf dem Gesandten,
Doch schwerer auf dem waltenden Minister,
Vertrauen darf ihn nimmer untersttzen,
Er mu es brauchen, aber nimmer teilen.
MUTTER.
Er mu es brauchen, aber nimmer teilen,
Und die Gewohnheit sollte dir nicht bleiben?
VATER.
O lehr mich nicht, noch an mir selber zweifeln;
Ich mute vieles tun, was ich nicht glaubte.
Ja kommt man heim mit Orden, goldnen Dosen,
Da scheint es leicht, das schelmische Geschft,
Im ruh'gen Land ein innrer Feind zu sein.
Als Schlange mut Geliebte ich belauschen
Der Liebe Schein auch zwischen drngend nehmen;
Der Freundschaft hingegebne Worte nutzen,
Was ich fr mich, beim Himmel, nie getan.
Gesellschaft, die ich hate, mut ich whlen,
Und die gemtlich mir, kaum heimlich sehen,
Ein Kartenspiel aus bloer Ehre suchen,
Die Nacht verghnen, Morgen zu verlieren,
Und reden, wo ich lieber schweigen mochte.
So wurden bere Menschen selbst zu Schatten,
Die der Erscheinung regelrechte Stunden halten,
Sonst lie sich nichts von ihnen weiter fordern,
Und bin ich nicht im Innern ausgestorben,
So war's die Lieb zu dir, die mich erhielt.
MUTTER.
O leugne nicht, da ich's dir leicht verzeihe,
Ich kenne dich und deiner Treue Sinn.
VATER.
Du weit es, liebes Weib, dir log ich nie,
Bedrfnis, Lust, die habe ich befriedigt,
Doch dir blieb stets getreu mein liebend Herz;
Es schweigt das Herz in jenen hhern Kreisen,
Und bleibt sich selber einzige Gesellschaft;
Der Staat allein schliet da des Umgangs Band,
Fr ihn ertrug ich selbst Beleidigung,
Damit nicht Streit zur Unzeit ihn verflechte,
Und dieser Staat, oft konnt er mich nicht schtzen,
Und was das Liebste, mute ich ihm opfern.
MUTTER.
O Gott, wie elend mssen sein die Vlker,
Da solche Schande nur ihr Leben fristet.
VATER.
Verwirf nicht rasch, was du so wenig kennst,
Denn du verwirfst auch mich, noch wirk ich drin,
Wenn gleich mit traurig plagenden Gedanken.
Was gibt dir Sicherheit und Wohlstand hier,
Da rings Verheerung, Mord und Brand bei andern Vlker,
Aufopfrung ist was wert! Wrd mir wie Menschen,
Wie andern Menschen wohl, nur einmal wohl,
Ich htte nicht die Kraft mich los zu reien,
Ich bliebe ruhig, lie der Welt den Lauf;
Auch meine Unruh mu dem Staate dienen.
MUTTER.
Hat nicht die Welt den Lauf nach Gottes Willen,
Ich kann's nicht sagen, was ich innen fhle,
Und wei doch auch gewi, ich habe recht;
Nicht Menschenklugheit gibt der Welt den Frieden,
Ihr mt begeistert sein, es kommt von oben,
Von auen kommt doch nur Vergnglichkeit.
VATER.
Ha du gehrest auch zu jener myst'schen Welt,
Die ich in Musenalmanachen merkte.
Mein Kind, was Vlker bildet und beherrscht,
Ist nicht, was unbestimmt der Mund kaum lallet,
Und wr's das Herrlichste, es ist nicht unser,
Es spricht zur Zukunft erst und bildet sie;
Die gegenwrt'ge Not will gegenwrt'ge Kraft,
Die ganz gemeine, die in jedem wohnet,
Sie zu ergreifen, ist des Herrschers Geist,
Und sie zu lenken, dient des Staatsmanns Klugheit.
Ist Menschenklugheit denn nicht Gottes Gabe?
Wie sind Sie doch so altklug hier geworden?
Weil Sie allein, drum widersprach auch niemand;
Wo blieb das Schweigen, hrt ich doch so gern
Die lieben Worte: Ich versteh es nicht.
MUTTER.
Und wie so kalt, wie steinern werden Sie!
Wie hatt ich sonst von Ihrem Geiste Meinung,
Und sprach schon nach, was ich noch kaum vernommen,
Und jetzt verstehen Sie mich gar kein Wort.
VATER.
Ach die sich lieben, mssen sich verstehen,
Ist dieses nicht mein Arm, die Stimme mein,
Ich bin derselbe, aber Sie sind anders.
Bei Gott, ich bte doch die hchste Sanftmut,
Was half es mir, ich fand nur Widerspruch,
Kann Mund zum Mund sich finden, wo die Worte,
Wie Pfeile sich in dunkler Nacht durchkreuzen:
Nicht lieben, streiten lt sich nur darin.
MUTTER.
So wollen wir mit Vorsicht weiter reden
Und klug vermeiden, wo uns Meinung scheidet.
VATER.
Soll Mann und Frau nicht eine Seele sein,
Die schlimmste Scheidung ist die Scheidung der Gedanken;
Im Staatsamt bin ich klug, da brauch ich Vorsicht,
Hier such ich offne Arme, offnen Sinn.
MUTTER.
Jetzt suchen Sie, was Sie verschmhet haben.
VATER.
La dir erklren, wie es damals kam,
Da ich so leicht von dir mich trennen konnte:
Ha deine Liebe trieb mich aus zur Tat,
Wie kstliche Musik zu einem Tanze,
Worin Musik und Takt dem Ohr verschwindet;
Ich hab gewirkt mit allen meinen Krften,
Doch Sie, Sie haben sich in der Musik
Vertieft, die stets aus Ihnen strmt mit Lust,
Sie waren, ach zu lang, mit sich allein,
Vernehmen auch kein Wort, was ich hier sage,
Sie sind in eines schweren Zaubers Bann,
Der Eigensinn hat Sie so fest umschlungen,
Sie sind die Meine nicht, Sie sind nun seine Frau.
MUTTER.
Es ist vorbei, ja ganz vorbei auf immer,
Es war doch alles nichts, ich merkt es gleich.
Ich bin aus Ihrer Sklaverei, ich lieb Sie nicht,
Aus meinen Augen fort, Sie tun mir weh:
Es ist der letzte Kummer, den ich leide.
VATER.
Ja wohl vorbei, ja ganz vorbei auf immer,
Ich war getuscht von dieser lieben Hlle,
Bewahrte lang die falsche Mnze auf.
Nun ich sie brauchen will, da seh ich erst
Der goldne berzug zerrieb sich schon,
Ich sehe klar, da ich damit betrogen,
Und den geliebten Schatz mu ich verwerfen.
Soll ich vernichten, was mich so getuschet?
Und werf ich ihn mit rascher Hand ins Meer,
Ich knnte spter an der Falschheit zweifeln;
Nein ich bewahr Sie, mich zu berzeugen,
Wie hoch mein Glauben berm Leben stand.
MUTTER.
Wie stimmen Ihre Reden schlecht zusammen,
Ei wie geziemt sich das bei ihrer Klugheit,
Die mir vorher so ganz ergeben sprach.
VATER.
Das war mein Spott, ich wollte Sie versuchen,
In unserm Alter ist die Liebe Spott.
MUTTER.
Das wollte ich; so berwiesen ganz,
So ganz beschmt sollt einst ein Staatsmann,
Vor mir, vor einem Weib in Torheit stehen;
Sie glaubten einen Augenblick mich zrtlich,
Ihr Angedenken ist in mir verflucht.
Getuscht zu sein, ist Ihre hchste Strafe,
So hren Sie mich jetzt, Sie sind getuscht. -
Ihr holden Blumen, ach verzeiht den Zorn,
Ich fhl mich schlecht in diesem Augenblicke,
Doch ist's der letzte, den ich so verbringe,
Und wie der Schall der Worte schnell verrauscht.
Verzeih es Luft, du bist schon allzu schwl,
Gewittervoll, da ich kaum atmen kann,
Und bin ich schuldig, treffe mich der Blitz.
Jetzt hren Sie die letzten Worte an.
Was Ihre Absicht war an diesem Tage,
Die Sie so weit zu mir hieher gefhrt,
Ich wei es nicht, ich kann es nicht erraten.
Es ist vergebens jegliches Bemhen,
Und mit dem Ring, den ich vom Finger nehme
Und werf ihn in die freie weite Welt,
Ist jedes Band gelst, was noch Erinnerung hielt:
Wir sind geschieden und es sei fr immer.
VATER.
Wir sind geschieden und es sei fr immer.
Vertrauend baut sich an der Mensch in Jahren
Ein kleines Haus zu seines Alters Schutze,
Die Erde bebt, zerstrt's im Augenblick,
Auf seinen kahlen Scheitel fllt der Regen,
Doch auch die Sonnenstrahlen, die ihn wrmen.
Ich fhl mich ruhig, ich verliere nichts,
Nur der ist frei, den nichts auf Erden hlt.


                                       4.

KIND kommt mit einem Schwerte und einem Myrtenzweige und findet den
weggeworfenen Ring.
O Vater, sieh den schnen Ring recht an,
Ich fand ihn in dem Lilienkelche schweben,
Es ist ein Schlnglein, das in Schwanz sich beit,
Ein roter Stein blitzt herrlich aus den Augen.
Ach da am Ring kein Anfang und kein Ende,
Sonst wrd das schne Tier wohl auch noch gehen,
So kunstreich ist es durch und durch gebildet,
Und scheint aus ganz lebend'gem Gold gedreht.
Du siehst so heftig, Vater, und du sprichst kein Wort,
Du schiltst doch nicht, da ich so lang geblieben,
Es war kein Schatz am Myrtenstrauch zu finden,
Ich fand dies Schwert dort, darf ich's tragen?
Ich will das Feindliche der Welt bestreiten.
Ach Vater sag, wer ist denn diese Frau,
Die schne Frau, wenn sie nur liebreich wre.
MUTTER.
Ist dies Ihr Kind, so sind Sie zu beneiden.
Es ist zu liebreich, nein, Sie sind nur Pfleger.
VATER leise zur Mutter.
Gedenken Sie der Schicklichkeit vor Kindern!
Wr dies nun unser Kind, das frh verstorbene.
MUTTER.
Sie wagen es, an jenen Mord zu denken!
VATER.
Gedenken Sie der Schicklichkeit vor Kindern!
Ich meine fast, der Knab hat Ihre Augen.
MUTTER.
Wer denkt an alle Schicklichkeit der Welt,
Wenn hier ein Abgrund, dort ein offner Arm.
Ich rufe dich Natur, gib Helferarme,
Bewahre mir, was du mir hast verliehen;
Ist dies mein Kind, was ich gestorben glaubte,
Das Sie aus Eifersucht mir frh entrissen
Und mir so bald als tot verweigerten?
KIND.
Ach ja, ich bin's, ich bin gewi dein Kind,
Ach wt ich eine Mutter nur zu lieben.
VATER.
Sie leben hier so unabhngig jetzt,
Was brauchen Sie noch andrer Menschen Liebe.
MUTTER.
O gib Gewiheit mir, ob es mein Kind,
Ich bin dir dann auf ewig untertnig.
VATER vor sich.
Wo soll das hin, wer kann die Folgen sehen,
Der rger hob die berlegung auf.
MUTTER.
Gewiheit, sieh ich knie vor dir schon lange,
Du schweigest still den Blick von mir gewandt.
O sprich, sonst strz ich mich in dieses Schwert,
Das mich schon frh in deinem Ha verwundet.
VATER.
Es ist dein Sohn; ich wollte ihn dir bringen
Und mit euch leben in Vertraulichkeit;
Jetzt ist das aus, erfreu dich dieses Knaben,
Doch wandern wir noch heute fort von hier.
KIND.
O liebe Mutter, liebe se Mutter,
Dich hab ich gleich erkannt, wie ich dich sah!
MUTTER.
O lieber Knabe, meiner Liebe Lust,
Ich ahndete sogleich, du seist mein Sohn.
KIND.
Ach Mutter, wie wird dich der Vater lieben,
Er hat so oft die Arme ausgebreitet,
Bang ber mir nach dir o Mutter seufzend.
VATER.
Das ist vorbei, das ist nun ganz vorbei,
Jetzt macht euch fertig, nehmt den schweren Abschied.
KIND.
Ach lieber Vater, bleib doch immer hier,
Ich kann nicht fort von meiner lieben Mutter.
MUTTER.
O lasse mir mein Kind nur wenig Stunden,
Ich lieb dich ja in ihm, ich kann nicht mehr.
VATER vor sich.
Es rhret mich ihr Flehen tief im Innern,
So mu mir denn das Schmerzlichste geschehen,
Mu ohne Liebe sehn die Vielgeliebte,
Und alter Lieb Erinnerung stets in ihr
Wie des Gewissens ewig wacher Zuruf.
MUTTER.
Kannst du nicht bleiben, so verlt mich Gott,
Und wie ein Unrecht scheinet mir mein Unglck.
KIND.
Ach Mutter, ist denn Gott nicht unter uns,
Wir sind ja drei, so sind wir die Gemeine,
Wie sprichst du so, nein, Gott verlt uns nie,
Wenn wir uns lieben in der ew'gen Liebe.
MUTTER.
O hr dein Kind, wie es so herrlich spricht;
Der Kinder Stimme ist oft Gottes Wille.
VATER.
Ich folg der Stimm, es ist bedacht, es sei,
Es mu das Schmerzlichste von mir geschehen,
Ich opfere mein eignes Leben auf,
Wir leben nun fr dieses Kind zusammen;
Nimm du die linke Hand, ich nehm die rechte,
Auf da er lerne lieben und auch fechten.
KIND.
O Vater, wenn ich nur genug dich liebe;
O Mutter, wenn ich nur fr dich kann fechten!
VATER.
Es trgt mich des Entschlusses eigne Kraft,
Mit bermacht hat Gott den Stolz bezwungen.
MUTTER.
Vergebens ist das Scheuen vor dem Leben,
Was menschlich ist, dem sei der Mensch ergeben;
O teurer Freund, ich tat dir heute Unrecht,
Du wolltest mir heut wohltun mit dem Kinde.
Ich folg dir ganz, es kommen andre Zeiten,
Im Herzen dieses Kindes schlgt das meine,
Und deine Klugheit wache ber beide.
VATER.
Sei dieses liebe Kind uns selbst ein Lehrer,
Wo uns die alte Zeit mit Zorn ergreift,
Gefhl und Klugheit mu sich immer beugen
Vor einer Zukunft, die sie selbst erst zeugen.
KIND.
Ihr sagt euch da so ernste, ernste Worte,
Und mich verget ihr hier wohl zwischen euch.
Ich geb euch alles, was ich hier besitze:
Da hast du, Mutter, diese Myrtenkrone,
Da hast du, Vater, das verlorne Schwert,
O la mir nur den Ring, den vielgeliebten!
VATER und MUTTER.
Du bist der Ring von zweien Vielbetrbten,
Die neu verbunden, die sich einstmals liebten.
VATER.
Wir sind auf ewig wiederum verbunden.
MUTTER.
Dein Wille ist der meine nun auch immer.
VATER.
Wohl dem, der einmal nur geliebt im Leben,
Das Schicksal will ihm goldne Hochzeit geben,
Mich drckt das Gold, es zittern meine Hnde,
Doch fhle ich, da nie das Leben ende.
KIND.
So ksse doch den lieben Vater, Mutter.
VATER.
Ich ksse dich, das Kind befiehlt es mir.
MUTTER.
Ach was der Ernst und die Vernunft geschieden,
Ein Kinderspiel auf dieser Welt hienieden.
KIND.
Hrst du fern im Dorfe singen,
Luft und Dfte zu uns dringen
Aus der tiefen Himmelsstimme.
MUTTER.
Ach zu uns im ernsten Grimme.
VATER.
Wie so oft war uns zum Spotte
Unsrer Diener Sonntags-Schmcken.
KIND.
Ach so hrt doch zu, dem Gotte,
Der in seligem Entzcken.
VATER.
Wehe, nun ist eine Stille!
MUTTER.
Aber dem vershnten Freunde
Tnt nun hher Gottes Wille
Aus der himmlischen Gemeinde.
KIND.
Fhrt mich, wo die Glocken schlagen.
VATER.
Das Gewissen anzusagen.
KIND.
Wo die Freuden alle klingen,
Mut du hin mich heute bringen.
VATER.
Ach wie khlend in der Hitze!
Haben wir denn dort auch Sitze?
MUTTER.
Gittersitze wir da haben,
Wo die Eltern sind begraben.
VATER.
Denk, wie Sonntags sie vershnten,
Wann sie sich entzweiet hatten,
Und wir beide, wir verhhnten
Oft die Lieb der alten Gatten.
MUTTER.
Und sie blieben so in Frieden,
Und wir waren lang geschieden;
Eilen wir zur Kirche wieder.
KIND.
Gott, der spricht zu uns durch Lieder,
Alle Stimmen er vereinet.
MUTTER.
Einsam hab ich lang geweinet.
VATER.
In der Kirche klingt die Freude,
Eilen wir aus allem Leide,
Und die leidend Gott gefunden,
Zeigen sich da Gott verbunden.
VATER und MUTTER.
Seit wir in dem Sohn verbunden,
Haben wir auch Gott gefunden,
Und kein Mensch darf uns mehr scheiden,
Uns, die Gott geprft in Leiden!

Der Minister war whrend der Vorlesung sehr nachdenklich geworden, beim Schlusse
fuhr er heraus: Sagt, wie knnt ihr so manches wissen, was gerade so in meinem
Innern gesprochen, bei einer allgemeinen Verflschung der Geschichte, die mir
deutlich beweist, da ihr nichts davon gewut, sondern nur herum geraten habt.
- Das Menschliche, antwortete der Kammerjunker, woran wir einander kennen und
verstehen, ist in jeder Brust, das Historische wissen nur wenige. -
Wahrhaftig, meinte der Minister, ich fange an, noch ehe wir aus den Smpfen
kommen, eure Poesie zu glauben; wir sind durch Lebensalter geschieden, wir
verstehen uns erst allmhlich.
    Meinen Lesern, mit denen ich mich auf der gemeinschaftlichen Reise durch
diese Geschichte allmhlich auch verstndigt habe, wird es nicht entgangen sein,
wie das Dichten, insbesondre aber das dramatische in das Leben der einzelnen
Menschen eingreife. Wir sahen dies in der Geschichte Hollins, des kleinen
Johannes, und in den beiden eben mitgeteilten Schauspielen; mge uns dies ein
Bild werden, wie ein echtes Volksspiel auf das ganze Leben eines ganzen Volkes
einwirken knnte; nur darum, weil unser Schauspiel unserm Volke, seinem Streben
und Glauben meist so entfernt ist, geht es der Menge so gleichgltig vorber,
und wird mit dem Augenblicke vergessen; wer sich dem Volke anschliet, empfngt
dessen Geist und Erfindung.
    Ein kleines Abenteuer strte bald unsre Gesellschaft in ihrer gewhnlichen
Unterhaltung. Sie erhielten einige Stationen von Rom, wegen mehrerer an
Reisenden verbten Rubereien, einen Husaren zur Bedeckung, der dem Minister und
seinen Begleitern sehr auffiel; dem Minister rief er seine eigne Jugend
vollstndig zurck, die anderen bemerkten wenigstens eine auffallende
hnlichkeit zwischen beiden. Sie lieen sich mit ihm in ein Gesprch ein: es war
ein Deutscher, der schon lange in franzsischen Diensten, aber weder sein
angeblicher Name Frohreich, noch der angegebene Geburtsort Camin waren der
Gesellschaft bekannt. Er sprach viel ber seinen Dienst, und versicherte, da
wenn er gleich nur Gemeiner wre, so knne er doch wohl bei guter Gelegenheit
Marschall werden, und die ganze Armee, wie er Lust htte, rechts und links vor
sich vorbei marschieren lassen, auch knnte er sich nicht ber Langeweile
beklagen; htten sie nichts mit dem Feinde zu tun, so gb es desto mehr Streit
mit den Kameraden, erst gestern habe er eine zusammen gehauen - dabei rieb er
sich ganz vergngt die Hnde. Heute, fuhr er fort, gibt's gewi noch was mit
den Rubern, ich sah schon vorher so etwas schleichen; an dieser Stelle wurde
vor acht Tagen der Schirrmeister einer Post erschossen. - Diese Betrachtung
machte die Gesellschaft aufmerksamer. Nach einiger Zeit rief der Postillion
einige unverstndliche Worte; es war sehr finster, er jagte schnell, die Mamsell
drckte sich mit klopfendem Herzen an den Minister. - In dem Augenblicke hielt
der Wagen; der Kammerjunker griff nach den Pistolen, der Minister fragte: Wer
da? - Wir sind auf der Station, antwortete der Husar, der zugleich mit
mchtigen Sten gegen die Tr eines Hauses die Ankunft der Reisenden
verkndigte. Der Wirt machte fluchend auf; die Reisenden traten in ein
Kchenzimmer voll Husaren; sie wnschten zu essen, und der Wirt versprach gleich
ein vollstndiges Nachtessen. Er nahm zu diesem Behuf ein paar Lebern von einem
Haken herunter, hackte, kochte, briet in ihrer Gegenwart; seine Frau sah ganz
bequem zu, und befahl nur zuweilen, was er dabei nicht vergessen sollte. In
einer Stunde hatte er ein vollstndiges Mahl bereitet: Lebersuppe, gekochte
Leber, Leberbraten, es schmeckte den Hungrigen recht gut. Der Husar wurde mit
zum Essen gentigt; seine Kameraden fingen an, darber zu reden, da er nicht
bei ihnen geblieben; der Husar antwortete beleidigend und einer von jenen, die
viel getrunken hatten, forderte ihn. Alles das verhandelte sich so heftig, wie
es bei Soldaten geschieht; unsre Gesellschaft, die einmal Partei fr den jungen
Mann genommen, war so besorgt um ihn, da sie das Essen stehen lie. Endlich
sprach der Minister, blo um den Streit abzulenken, indem er unter die
Streitenden trat: Nehmt Vernunft an, warum sollte er nicht mit mir essen, es
ist mein Sohn. - Wenn das ist, sagte der Heftigste, so nehmt nicht bel, was
ich gesprochen; Ihr httet das frher sagen sollen, ein Vater, der mu geehrt
werden, sonst aber mu einem Husaren die Kameradschaft ber alles gehen. - Es
wurde augenblicklich Ruhe; alle tranken die Gesundheit des Vaters und der Husar
setzte sich zum Minister, sah ihn ernsthaft an, und sprach deutsch: Wenn ich
nun wirklich Ihr Sohn wre? - Fast meine ich es selbst, antwortete der
Minister. - DER HUSAR: Ich war nicht immer, was ich jetzt bin, und habe viel
vergessen, aber Ihren Namen, den ich vorher hrte, habe ich doch behalten; warum
sind Sie nach Italien gekommen, Sie hatten sich in Deutschland ein kleines
Italien erbaut. - Der Husar erzhlte einen Umstand nach dem andern, endlich die
Geschichte, wie er wre bei der Einweihung des Palastes die Treppe
heruntergefallen, so da der Minister mit den Worten, bei Gott, der Erbprinz,
ihm um den Hals fiel. - Still, sagte der Husar, ich bin's, hier aber kein
Wort davon; wten es meine Kameraden, da wre ich von allen geschoren, wie ich
schon jetzt als Auslnder viel auszustehen habe; sprechen wir nicht zu viel in
unsrer Sprache, sie mchten Argwohn gegen mich bekommen. - Der Minister suchte
ihn zu bereden, ihn zur Mutter nach Sizilien zu begleiten. Der Erbprinz
versicherte aber, er knne nicht von diesem Leben lassen, endlich wte doch
keiner, wozu es ihn fhren knne, in einer Zeit, wo jeder von unten auf gedient
haben msse, um oben fest zu stehen. - Hier unterbrach der Eintritt einer braun
gebrannten Marketenderin, die ein Fchen auf dem Rcken trug, die Unterredung;
alle schrieen ihr entgegen, sie wies alle mit derben Worten von sich, dem
Husaren warf sie sich um den Hals und bi ihm in die Backe, da er hellaut
aufschrie; sie sprach mit ihm abwechselnd deutsch, franzsisch und italienisch,
rhmte ihn in sehr freien Worten, dabei a sie stark von dem stehen gebliebenen
Abendessen. Hr Furiosa, sagte der Erbprinz, soll ich dir das Genick brechen,
du it den Herren alles vor der Nase weg. Sie fluchte und ging hinaus. Der
Husar sagte: Ich frchte mich vor keinem Menschen in der Welt, aber die frchte
ich, sie ist seelengut, was sie verdient, das gibt sie mir, Schlge sind ihr
ganz recht, machte ich aber Miene von ihr zu ziehen, ich wre meines Lebens
nicht sicher. Jetzt kam sie wieder ins Zimmer, und die Husaren sangen ihr ein
Lied von Mademoiselle Pumpernelle, worber sie alle ausschimpfte, und von guten
Sitten und Leuten von Stande sprach; der Minister hatte unterdessen nach seiner
Zeche gefragt, und da ihn der Wirt fr seine Lebermahlzeit mehr als fr das
kstlichste Mittagsmahl bezahlen lassen wollte, so schimpfte sich der Erbprinz
mit ihm herum. Es war ein gewaltiges Lrmen; der Minister zahlte aus berdru,
der Erbprinz und Furiosa begleiteten ihn an den Wagen, wo der Minister noch
einmal jenem den Vorschlag wiederholte, den Abschied zu nehmen und ihm nach
Sizilien zu folgen, und ihm eine volle Brse einhndigte. Furiosa fing darber
an zu schimpfen, der Erbprinz wurde bse, und schlug wild auf sie ein - mitten
in dieser wunderlichen Liebesverwirrung entrollte der Wagen mit unsern
Reisenden. Sie kamen glcklich nach Rom, und wollten sich eben recht umsehen,
als ein neuer Brief des Schreibers den Minister die Reise zu beschleunigen
ntigte. Schon frher hatte er dem Grafen seine Ankunft angezeigt, mit der
Bitte, weder den Seinen noch der Frstin etwas davon bekannt zu machen, bis er
einen zweiten Brief von ihm erhalten.

                              Sechzehntes Kapitel



                             Schlu der Geschichte

Wunderbares Nachdenken, ew'ges Schaffen, du unsichtbare Sonne, in der die Taten
reifen, die Begebenheiten in ewigem Wechsel von Frhling zu Frhling
fortschreiten; allgegenwrtiger Strahl, der bers Meer und in die Tiefen
leuchtet, whrend er die Hhen zugleich vergoldet, wo ist dein Sitz und deine
Quelle? Dieser sterbliche Krper ist dein Zeichen und ein gttliches Zeichen,
aber was herrlich im allgemeinen Leben, das denket alles in Gott, alle
herrlichen Gedanken sind Strahlen seiner Liebe, Gottshne vom Heiligen Geiste
empfangen, so mannigfaltig hat sich verkndet der Herr allen Zeiten, allen
Vlkern; wie die Wrme durchdringt er die kalte Welt und regt sie an zu neuer
Verbindung. Wehe dem, der sich diesem gttlichen Strahle verschliet, und in
eigener Lust sich der allgemeinen Liebe verschliet; immer enger ziehen sich die
Schranken seiner Gedanken, er glaubt die Welt zu gewinnen und verliert sich
selbst, alles entfremdet sich ihm, er versteht keine gute Seele und keine gute
Seele versteht ihn mehr, und seine Liebe und sein Ha und seine Taten und sein
Leben, alles ist scheinbar und nichtig. Ein Tag innerer Versndigung kann den
Menschen um ein halbes Jahrhundert an Geist, Erkenntnis und Durchdringung alles
Lebendigen schwchen und veralten - wie der Schfer in alter Erzhlung, von
bsen Geistern in einer Zauberhhle festgehalten, heimkehrt und nur einen Tag
versumt zu haben meint, aber die Welt, die Jahrhunderte fortgerckt ist, weder
kennt noch versteht, auch sein Haus nicht wiederfinden kann, so geschieht auch
dem Snder; darum htet euch vor dem ersten Falle, die ihr das Licht und die
Anschauung der Welt liebt.

Seit jener unseligen Nacht am tna, in der die Frstin sich ihrer Leidenschaft,
die sie vorher noch zu bekmpfen strebte, ganz hingegeben, war ihr der Geist in
allen seinen Kreisen verwirrt und verflscht; mit keiner Seele konnte sie sich
eigentlich verstndigen, in allen Wesen irrte sie sich. In Kleliens Gesellschaft
ergriff sie eine wunderliche Beklemmung, sie hate sie deswegen heimlich und
wute sich den Grund nicht anzugeben. Gegen Dolores empfand sie ein eigenes
Mitleiden, das sie sich nicht gestehen wollte, deswegen machte sie sich oft
unter mancherlei Vorwand von der Gesellschaft los. Der Graf hatte allmhlich
durch ein tieferes Eindringen in die Knste ein gewisses sinnendes Wesen
bekommen, das ihn der Frstin noch reizender darstellte, ihn aber noch viel mehr
verhinderte, die Leidenschaft, die sie fr ihn gefat und der sie nachhing, zu
bemerken; er meinte in der Achtung, die er gegen sie hegte, dies sei die hchste
ideale Freundschaft, die je ein Weib erfat. Sie glaubte in jener Sinnigkeit
seines Wesens, die bei dem ernsten Ausdrucke seines Gesichtes, bei dem
Schwrmerischen seiner Augen einen eigentmlichen Ausdruck hatte, eine Trauer
ber seine gegenwrtigen Verhltnisse zu entdecken, ja sie deutete diese und die
schne Aufmerksamkeit, mit der er jeden ihrer Wnsche zu befriedigen suchte, als
eine liebevolle Erinnerung jener Nacht, von der er nur aus Rcksicht fr ihr
Zartgefhl nicht zu sprechen wagte. Der Graf war nie so heiter in sich gewesen,
als in dieser Zeit, nie so voll in Gedanken, nie so fertig und reich in allen
seinen Ttigkeiten; was er unternahm, gelang und Klelie hatte sich nicht mehr zu
beklagen, da er seine gemeinntzigen Arbeiten ber eigne Ausbildung versume.
Die Frstin gab ihm mit ihrer Empfnglichkeit fr jede Kunst, mit ihrem freien
Urteile alles das, was er je in seiner Nhe vermit hatte; sein Leben hatte
etwas himmlisch Vollendetes, wie es auf Erden nur kurze Zeit dauert und meist in
seiner hchsten Erwartung gestrt wird. Vielleicht mochte sich auch die Frstin
in ihrer Wahrnehmung ber eine gewisse Traurigkeit in ihm nicht ganz irren, sie
irrte sich nur in der Ursache. Es ist die Natur vieler Menschen, wenn sie sich
recht wohl fhlen, bla zu erscheinen, whrend sich eine Krnklichkeit durch
eine scheinbar blhende Farbe verkndet: so zeigte auch wohl der Graf in den
Stunden seines hchsten geistigen Wohlseins und schner Erfindsamkeit eine
sanfte sinnige Trauer, die in dem Sonnenglanze des Glcks den Augen so wohltuend
erscheint wie die dunklere Farbe alles Grns in den heien Sommermonaten; diese
trumerische Flle einer Brust, in der nichts widersprechend, weil alle
abwechselnden Schwingungen der Freude zu einem gleichen neuen Tone verschwingen,
erschlo eine wunderbare Landschaft, die freilich auf unserm Erdboden unmglich,
wo die Lage der Felsen gegen einander einem gewissen Gesetze gehorchet, die aber
auf einem anderen Planeten wohl denkbar wre, und gnnt die Zeit Dauer, so
erscheint sie bald in den wunderbaren Taten, bald in den wunderbaren
Kunstdarstellungen sichtbar und erfreulich fr viele. - Unserm Grafen sollte
diese Dauer nicht werden! - Die Besorgnisse der Grfin Dolores waren durch
manche Zuflligkeiten, die einem besorgten Gemte niemals fehlen, sehr
gesteigert worden; der Graf, der allerlei Arbeiten mit frischer Liebe umarmte,
hatte sie in der letzten Zeit seltener und flchtiger besucht, bei der Frstin
dagegen hatte er sich oft lange verweilt, weil diese an allen den Arbeiten den
lebendigsten und gebildetsten Anteil nahm, mit ihrem Urteile aufmerksamer
machte, mit ihrem verstndigen Beifalle ermunterte. Dolores hatte in dieser Zeit
oft an ihren Johannes denken mssen, es tat ihr weh, da er alle Belustigungen
der andern Kinder, ihre kleinen Reisen, nicht mitgenieen durfte; sie glaubte
sich verpflichtet und tat es so gern, ihm recht oft schriftliche Nachricht von
den Seinen nach dem Kloster zu schicken; die Gesinnung des Sohnes hatte diesem
Briefwechsel bald eine sehr ernste religise Gesinnung mitgeteilt. Heimlich trug
sie sich schon lange mit einem Plane, den ihr Klelie vergebens auszureden
suchte, ihrem Johannes in Rom die Erlaubnis zu schaffen, aus dem Kloster in den
ritterlichen heiligen Johanniterorden berzugehen; dem Grafen war dieser Plan
sehr angenehm; aber sie wute nicht, wie sie es dem Sohne auf eine recht
reizende Art darstellen knnte. Ihr letzter Brief an ihn trug es ihm endlich
ausfhrlich vor, wie viel Glck noch in der Weltttigkeit warte, wie leicht er
noch dazu gelangen knne, er schlo sich mit den Worten: Lieber Sohn, wenn ich
Deines Vaters tiefe unerschpfliche Heiterkeit betrachte, diese Unendlichkeit,
die sich seinem Gemte in jedem Kreise erschliet und wohltuend zu allen
spricht, und soll dies alles nicht achten und nur fr das Glck, fr die
Heiligung jenseit des Grabes ihm einen Aufenthalt wnschen und erflehen, sieh,
da stehen meine Gedanken stille, ich kann nicht glauben, da diese Erde einer
edlen Seele je ein bloes Jammertal werden knne, ich kann dieses Leben nicht
jenem aufopfern. Denk ich aller Ttigkeit, die Dein Vater auf dieses Leben
verwendet, so vieler Erfolge, die ihm geworden, so vieler, die ich mit Zutrauen
erwarte, denk ich meines eignen Herzens und meiner ganzen Sinnesart, die er in
zrtlicher Liebe ohne Hrte, ohne Zwang gebessert hat, es ist mir unmglich zu
sagen, dies alles sei eitel und nichtig, und ich htte eigentlich alle meine
Gedanken auf Gott zu richten und seiner zu vergessen. Dieser Ttigkeit fr andre
bist Du durch das Klosterleben fr immer entzogen, Du siehst die Menschen selten
und nur in ihrem tiefsten Kummer, im Aufhren ihres Lebens usw. Erst am
vierzehnten Juli, es war der Tag ihrer alten Schuld, an welchem sie immer frh
aufstand, um lange beten zu knnen, erhielt sie die Antwort ihres Johannes, er
lehnte das Anerbieten ab, nicht weil er sein jetziges Leben fr lblicher halte,
sondern weil es ihm notwendig, ihm Bestimmung sei; brigens erklrte er sich
ganz frei, da er ihre Gesinnung ber das Glck und die Ttigkeit dieses Lebens
teile, da diese Meinungen von der Eitelkeit und Nichtigkeit dieser Welt
Miverstndnisse wren, da unser Glaube eine Religion des Lebens, weder der
Freude noch des Jammers einzeln und abgesondert sei, da ihn dies vor allen
auszeichne, die entweder die Not der Welt hinter Lgen zu verstecken suchten,
oder den armen Menschen in seinem Jammer und Not und Schwachheit mit hmischer
List anfielen, um ihn sich zuzueignen; da aber die letzte Art leider auch
manchen so genannten christlichen Lehrer verfhre. Er schlo mit den Worten: Du
siehst liebe Mutter, da ich mit dem reinsten Ausdrucke meines Glaubens mich nur
wenigen in meinem Kloster verstndigen kann, nie werde ich darum streiten, denn
Christus, der aller Welt und allen Vlkern in so verschiedener Gestalt
erschienen, allen als Hingebung und Aufopferung aus Liebe, warum sollte der uns
im Kloster, die wir aus verschiedenen Vlkern, Stnden und Bildungen
zusammengekommen, in der Betrachtung gleich sein; in unsern Herzen fhlt er sich
gleich.
    Dieser Brief hatte die Mutter ungemein getrstet; welche Freude ist es einer
Mutter, von ihrem Sohne belehrt zu werden, sie dankte dem Himmel in ihrer Kammer
fr die gndige Fhrung ihres Lebens und segnete ihre Kinder, die vor dem
Fenster sich auf einem Platze herumtummelten. Mitten in dieser Freude
berraschte sie der qulende Gedanke, warum der Graf sie den Morgen nicht
besucht habe, und whrend sie noch darber nachsann, sah sie ihn, mit der
Gitarre eilig nach dem Gartenhause der Frstin gehen, sie erschrak und wollte es
sich nicht gestehen warum; auch ihrer Schwester gestand sie es nicht, die zu ihr
ins Zimmer trat und sie in Trnen fand; doch hatte diese geliebte Schwester bald
die Freude, sie mit mancher Erzhlung von glcklichen Einfllen der Kinder zu
einer heitern Laune ber zu fhren. So wenig Klelia sonst sprach, so
unerschpflich war sie, jedem Traurenden etwas mitzuteilen, was ihn beruhigen
oder zerstreuen konnte. Als die Herzogin sie verlassen, blickte Dolores noch
einmal ein schnes Christusbild an, das den kleinen Altar erfllte, sie schlug
die Bibel auf und wurde mit ihren Augen zufllig auf den Spruch gefhrt, den
Christus zu dem armen Snder sagte: Wahrlich ich sage dir, heute wirst du mit
mir im Paradiese sein. - Sie ging zu ihren Kindern und zu ihren
Beschftigungen; aber sie konnte den Spruch nicht vergessen, immer stand das
Bild vor ihr, milde, doch schmerzlich zu ihr sprechend: Wahrlich ich sage dir,
heute wirst du mit mir im Paradiese sein.
    Der Graf hatte diesen Morgen seine Frau nicht vergessen, er wollte sie mit
einem angenehmen Geschenke berraschen und der Goldarbeiter in Palermo hatte es
nicht beendigt, es war ein breiter Goldring, auf welchem die zwlf
Planetenzeichen mit Perlen eingelegt waren; er sollte zum Ersatz des verlorenen
Verlobungsringes dienen und in dem Bilde des ewig sich verjngenden Jahrs, die
ewig sich verjngende Liebe darstellen. Ungeduldig hatte er am Morgen darauf
gewartet, endlich ging er, um mit seiner Ungeduld nicht allein zu sein, zur
Frstin, auch wollte er dort musizieren. Er wute berdies, da er seine Frau an
diesem Tage noch angenehmer berraschen wrde, und frchtete sich, in dieser
Stimmung ihr das ganze Geheimnis, die nahe Ankunft ihres Vaters zu verraten, von
dessen Reise er den Tag vorher die erste Nachricht bekommen und von dem er mit
Bestimmtheit Briefe in Palermo erwartete. Diese Gedanken machten seine
Unterhaltung mit der Frstin sehr einsilbig, sie setzte ihm nach ihrer
Gewohnheit feine Frchte und edlen Wein vor, diesmal Christitrnenwein in einem
sehr alten Familienbecher, der aus einem Jaspis geschnitten das Haupt der Medusa
darstellte, an der die Schlangen als Handhabe geringelt waren; sie hatte immer
eine Freude daran, ihn essen zu sehen, weil er alles mit voller Empfindung
geno. Er lie diesmal den Becher stehen, versuchte eine Melodie auf der
Gitarre, die in seinem Kopfe wogte und immer rhrender und anziehender unter
seinen Fingern sich gestaltete. Die Frstin sa auf einem breiten Sessel im
Fenster, bald sah sie ihn an, bald sttzte sie sich auf ihren Arm, und hrte ihn
wie aus weiter Ferne. Wiederum mideutete sie das Trauernde seiner Melodie, sie
glaubte darin eine verhaltene Sehnsucht ausgedrckt; er soll nicht mehr leiden,
dachte sie, zu lange dauert seine Qual, er ist zu bescheiden, zu fordern, was er
meiner Geburt und Bestimmung unangemessen glauben knnte, ich selbst will den
Hauptschritt tun und herrscht er dann ber mein Land, wie er ber mich herrscht,
was kmmert's ihn, ob er den Titel eines Frsten tragen darf, er ist ein
Zauberspruch, der mchtiger wirkt, je heimlicher er ist gehalten. O Stolz meiner
Ahnen, o Stolz meiner Liebe, jener mchte ihn beherrschen und dieser sich ewig
ihm unterwerfen! - Whrend dieses Selbstgesprch die Frstin tief in sich
beschftigte, war der Graf mit seiner Melodie fertig geworden, er sang den
rhrenden Schlu einer Reihe von Romanzen, die das Leben eines unglcklichen
Kaisers besingen. Die Frstin blickte jetzt wieder auf ihn und der Gesang
rauschte an ihrem Ohre, wie die Wellen an der Wand eines Schiffes neben einem
Schlafenden, der von seiner Heimat trumend die Sichel durchs Korn, die Bche
durch Blumen, die Hirsche durchs Laub, die Jugend im Tanz rauschen hrt, bis der
Sturm ihn erweckt. Es wird uns schwer auszudrcken, wie es ihr so einzeln ins
Herz tnte, als der Graf sang:

Der Kaiser flieht vertrieben,
Flieht das eigne Land;
Das Heer ist aufgerieben
Fliehend seine Schand.
Nur die sind ihm geblieben,
Die er oft verkannt,
Denn streng sind, die uns lieben,
Not hat Lieb erkannt.
Er grt die alten Tage
Seiner Jugendzeit,
Vergit der Zeiten Plage
In Vertraulichkeit.

Die Frstin hatte von dieser Strophe nichts vernommen, als das liebe Wort
Vertraulichkeit. Der Graf sang weiter:

Zum Flu ist er gekommen,
Findet keine Brck,
Da wird sein Herz beklommen,
Er kann nicht zurck.
Da kommt ein Schiff mit Netzen:
Schiffer nimm zum Lohn,
Willst du uns bersetzen,
Meine goldne Kron.
Der Schiffer hat genommen
Seine goldne Kron,
Doch eh' er ber kommen,
War der Feind dort schon.

Die Frstin dachte in sich: Knnte ich ihm nur meine goldne Krone aufsetzen, wie
leicht wrde mir!




                                    Der Graf


So lieb dir ist dein Leben,
Fahr zurck ans Land,
Den Schifflohn will ich geben
Mit der eignen Hand.
Der Kaiser droht zu schlagen
Mit dem goldnen Stab,
Doch schnell zurckgetragen,
Ihn dem Schiffer gab.
Jetzt sah er wie die Feinde
Ihn am Ufer sehn,
An Freundes Busen weinte,
Wollte schier vergehn.

Die Frstin seufzte: An seinem Busen zu weinen, an seinem Herzen zu vergehen,
wie selig!


                                    Der Graf

Ich hab nichts mehr zu geben,
Als den Mantel mein,
Der gibt mir Not im Leben,
Bald auch Todespein:
War meiner Not Beglcken
Eurer Tage Preis,
Den Purpur reit in Stcken,
Geb ihn allen preis!
Er fat, soviel er konnte,
Jeder ri sein Stck,
Es auf dem Herzen sonnte,
Wie ein Stern im Glck.

Die Frstin dachte: Nein, nicht mit einem Zeichen soll er sich begngen, ganz
will ich ihn einhllen in meinem Purpur, er hat fr uns beide Platz, da ich den
Liebling ganz allein mit mir verbinde, ihn aller Welt verstecke.


                                    Der Graf

Die Stcke heften alle
Auf die Kleider fest
Und vor dem Feind mit Schalle
Halten Ordensfest.
Dann stellen sie sich alle
Rings zum Kaiser treu,
Da er von einem Walle
Rings geschtzet sei.
Der Purpurstern kann blitzen,
Wrmt auch wohl das Herz,
Kann nicht als Harnisch schtzen
Vor der Pfeile Erz.

Ja er mu Sie schtzen! rief die Frstin unerwartet laut. Der Graf sagte
lchelnd, ich zweifle, und sang weiter:

Jetzt flieht! befiehlt der Kaiser,
Flieht, ich sterb allein!
Sie rufen all zum Kaiser:
Das soll nimmer sein,
Der Purpur ist zerrissen,
Aus ist nun dein Reich,
Vor Gott wir stehen mssen
Bald mit dir zugleich.
Wir wollen hier vergehen,
Froh des ew'gen Muts;
Aus unserm Blut erstehen
Rcher deines Bluts.

Die Frstin hrte jetzt auf die Geschichte und der Graf sang den Schlu:

Die Feinde sehn sie blicken,
Sehn die Sterne hell,
Und ihre Pfeile drcken
In die Herzen schnell.
Nach aller Edlen Falle,
Fllt der Kaiser auch,
Sein Segen ber alle
Ist sein letzter Hauch.
Die blut'gen Purpurstcke
Halten frisch die Farb,
Der Feind ist gro im Glcke,
Nicht den Schmuck verdarb.

Der Graf wollte weitersingen, als die Schloglocke eilfe schlug, nun war die
Zeit vorbei, wo er den Ring noch erwarten konnte, er warf die Gitarre fort und
sagte der Frstin, da er nach Palermo reiten msse, wo er mit dem Paketboote
Briefe von groer Wichtigkeit erwarte, die der Frstin Freude machen wrden,
doch bt er sie, seiner Frau nichts davon zu sagen. - Die Frstin war berrascht
von diesem Geheimnisse, das sie der Frau verbergen sollte, ihr war es in dem
Augenblicke ganz gewi, da ihn dieselben Scheidungsplne von seiner Frau
beschftigten, worber sie den ganzen Morgen nachgedacht, sie wurde rot, sie
fragte nach dem Geheimnisse; er versagte es ihr aber mit wenigen Worten, bei
denen er so bedeutend aussah, da sie ihre Deutung als unfehlbar betrachtete.
Wir wissen die beiden Ursachen seiner kleinen Reise, der Ring und die erwarteten
nheren Nachrichten von der Ankunft seines Schwiegervaters, die er allen geheim
halten sollte. Der Graf eilte mit einem leichten Handkusse fort, und die Frstin
sah ihm mit dem wunderlichsten Gefhle nach, als er nach flchtiger Begrung
seiner Frau den blendend hellen Weg hinunterritt. Sie zhlte an den
Blumenblttern ab, ob sie sich der Herzogin oder der Grfin erklren sollte,
ihrer Ttigkeit war dieser unerklrte Zustand der drckendste; Bestimmtheit in
allem war nicht blo ihr Grundsatz, sondern auch ihre Art. Die Herzogin war ihr
zu ernst, zu ehrwrdig; sie berlegte mit pochendem Herzen noch einmal alles und
ging dann zur Grfin. Die Grfin war nicht allein, die Kinder hatten allerlei
heftige Streitigkeiten, die sie zu schlichten suchte, es waren der liebreichen
Hyolda allerlei Papiere entrissen, die sie heimlich bewahrt hatte, erst war sie
darber sehr bse gewesen, endlich mute sie selbst lachen. Die Frstin wartete
mit Ungeduld auf den Augenblick, wo die Kinder entlassen wrden; aber die
Herzogin kam frher, es begann ein Gesprch ber neue Zeitungen, die sie
mitbrachte, inzwischen wurde der Mittagstisch angezeigt, wo einige reisende
Fremde die Gesellschaft mit den besten Anekdoten aus ihrem Vaterlande erfreuten,
die Frstin konnte aus Ungeduld nichts essen. Als alle entlassen waren, fand
sich die Frstin endlich mit der Grfin allein, um die Nachmittagsruhe zu
halten, sie brachte zitternd die ersten Worte heraus und bat die Grfin, die
Tren verriegeln zu lassen, weil sie ihr eine merkwrdige Geschichte aus ihrer
Familie vertrauen wolle. Die Grfin erfllte ihre Bitte. Die Frstin entwarf nun
mit der ganzen Gewalt ihrer Rede ein Gemlde ihres Zustandes und wie sie in des
Grafen Seele zu lesen glaubte, wie er zu ihr gezogen werde und seiner Frau doch
nicht entsagen knne. Sie wollte eigentlich die wahren Menschen noch nicht
erkennbar machen; aber ihre Heftigkeit hatte alles so deutlich gemacht, da die
Grfin, die sich in ihrer Seele schmte, mit niedergeschlagenen Augen ihr
versicherte; sie erkenne alle, die sie ihr beschrieben, leider mchte alles wahr
sein, es wre ein schmerzliches Geschick, denn sie wre innig berzeugt, wenn
ein Mann auf Erden ganz schuldlos sei, so wre es der Graf, auch vertraue sie
ihm ganz, er werde das heilige Sakrament der Ehe gegen eine wilde Leidenschaft
verteidigen, - aber Trennung sei notwendig und so lieb ihr die Frstin - sie
flehe in ihr die Freundin, die Mutter an, Sizilien bald zu verlassen.
    Eine so freie Hingebung und Offenherzigkeit hatte die Frstin nicht
erwartet, sie fuhr verlegen in ihrer Erzhlung fort, und gestand ihr stammelnd,
da diese Rettung, diese Warnung zu spt; sie ging in heftiger Bewegung im
Zimmer auf und nieder und bekannte in gebrochenen Worten, wie nahe sie sich seit
jener Nacht am tna dem Grafen verbunden glaube, sie sei mit ihm eins und
unzertrennlich, er selbst sei bedacht, heute diese Verbindung zwischen ihnen
ffentlich zu begrnden, das sei die Ursache seiner Abreise nach Palermo, deren
Geheimhaltung er ihr anbefohlen. Warum wre er auch nicht mein, rief die
Frstin mit Begeisterung, bin ich doch ganz sein! - Die Grfin erblate bei
diesen Worten, sie litt schon seit einiger Zeit an Ohnmachten; in ser
Vergessenheit ihres Schmerzes sank sie in die Arme der Frstin. Jetzt stieg das
Mitleid wieder hei in die Gedanken der Frstin, es kam ihr der Gedanke, wie
dieselbe Frau, die Mittags so frhlich im Kreise der Ihren gesessen, jetzt
bleich und tot in ihren Armen liege, sie frchtete sich davor, da der Graf
eintreten mchte, alle Aufmerksamkeiten und Liebkosungen, mit denen er so oft in
ihrer Gegenwart seine Frau erfreut hatte, fielen ihr ein, und sie wurde auf
einmal an der Leidenschaft irre, die sie in ihm vorausgesetzt hatte; - die
menschliche Betrachtung drngt auch in ihrer hchsten Verirrung noch in
Augenblicken und gegen den bsen Willen zur Wahrheit und Gerechtigkeit.
Angstvoll drckte sie die Ohnmchtige an ihre Brust, die mit Schauder an ihrem
Busen erwachte, sich matt erhob, ihre Hnde faltete und rief Gott, du bist
gerecht! - Der Frstin klang dieser Ausruf in der Seele wie ein Freudengeschrei
wider, es ist doch alles wahr, und noch viel mehr, es wird mir alles noch
werden, Glck und Freude, so sagte sie in sich, hier ist ein Geheimnis, das mich
beglckt; sie drang in die schwache Grfin, ihr alles zu enthllen, sie wisse
alles, sagte sie, Gott sei gerecht, so msse es kommen, wenn es gleich
schmerzlich. - Die Grfin meinte, der Graf habe der Frstin jenes Geheimnis,
ihre alte Schuld mit dem Herzoge verraten, es tat ihr wehe, aber sie verzieh es
ihm, sie mute sprechen, die Welt lag auf ihrer Brust und so erzhlte sie mit
vielen Trnen, wie sich damals alles zu ihrem Verderben gefgt habe, sie
berichtete ihr alles, was sie bis dahin niemand als ihrem Manne, ihrer
Schwester, dem alten Diener und ihrem Beichtvater bekannt hatte. - Die Frstin
war so verwundert von diesem Bekenntnisse, wie ein Ruber, der vor Gericht sich
berzeugt, es sei sein Eigentum gewesen, was er entwendet; die wilde Heftigkeit
verschwand ihr, sie konnte sich in Ruhe erklren; mit klarem Blicke schien sie
noch zu schtzen, was sie zerstren konnte, sie rhrte sich selbst mit ihrer
Milde, indem sie der Grfin versicherte: des Himmels Wille sei deutlich, er
strafe Gleiches mit Gleichem, sie solle sich geduldig fgen, den Mann
abzutreten, den sie doch nie ganz glcklich machen knne, der hinter
Liebkosungen bisher den inneren Vorwurf versteckt habe, der unvermeidlich bei
jeder Erinnerung frherer Zeit ihn belasten msse. Ich allein, rief die
Frstin, verstehe ihn ganz, ich allein kann ihm ein neues Leben und einen
angemessenen Wirkungskreis geben in seinem Lande, unter seinem Volke, wohin er
sich so oft zurckgewnscht. - Freilich, sagte Dolores, mag er sich oft nach
Deutschland zurcksehnen, er verschwieg es mir aus Schonung, weil er es
meinetwegen meidet; doch hat er auch mir diesen Wunsch zur Rckkehr entdeckt,
als ihm ein guter Frst einen groen Wirkungskreis versprach; ich konnte den
Gedanken nicht ertragen. - Die Frstin ergriff dieses Wort: Ich gebe ihm einen
Wirkungskreis im Vaterlande, worin ihm alles Vergangene schwindet, und meine
Liebe schenk ich ihm obenein, mein Land wird alle seine Ttigkeit fordern, und
dankbar anerkennen, er soll ein Vorbild werden deutscher Frsten und wie ein
Gott in der entarteten Zeit auftreten; sein ganzes Leben, seine ganze Ausbildung
fhren ihn dahin, mit mir erfllt er seine unbewute hhere Bestimmung. -
Gedenken wir der hohen, fast aberglubisch vergtternden Verehrung der Grfin
gegen ihren Mann, des herrschenden Ansehens der Frstin, ihrer berzeugenden
Stimme; diese Worte erweckten den ganzen Edelmut der Grfin, der jetzt als ein
neuer Feind gegen ihre Liebe und gegen das Zutrauen zu ihrer Liebe auftrat;
schmerzlich sah sie das Bild des Grafen an, das an der einen Wand des Zimmers
hing. Gib mir ein Zeichen, betete sie zu dem Bilde, was dein Wille ist, zu
wem wendest du deine lieben Blicke? - Zu mir, zu mir, rief die Frstin, mich
sieht er an mit der ganzen Freundlichkeit und Hingebung wie am tna. - Die
Grfin wandte sich von dem Bilde, denn zum erstenmal kam ihr eine Bitterkeit
gegen den Geliebten in die Seele, sie erklrte mit gebrochener Stimme: Sie wolle
dem Grafen entsagen, wenn es sein Wille sei! - Jetzt glaubte die Frstin alles
gewonnen, sie htte mit ihrem halben Leben der Grfin den Schmerz dieses
Entschlusses lindern mgen, sie selbst wollte alles schriftlich aufsetzen, um
nichts zu bereilen, und um ihr schmerzliche Mhe zu ersparen; die Grfin lie
alles geschehen, es drehte sich um sie die Welt in schrecklicher Verwirrung und
sie strzte in frchterlichen Krmpfen nieder, als eben die Frstin das Zimmer
verlassen wollte. Die Frstin war erschrocken und wagte sich nicht zu ihr, sie
glaubte sie sterbend und dachte: Wenn sie stirbt, ist alle Not und Verwirrung
aus! - Und dann war ihr der Gedanke ein Vorwurf, sie betete zum erstenmal seit
vielen Jahren, aber sie wute nicht zu wem: La mich nicht grausam werden in
meinem Herzen, la sie leben! - So schwebend zwischen der Grfin und der Tre,
stand sie wohl ein paar Minuten, ehe sie die Tre entriegelte, und die
Kammerfrau zum Beistande fr die Grfin herbei rief. Alles eilte der Grfin zu
Hlfe, niemand dachte die Frstin als Ursache dieser Zuflle, die sie in der
letzten Zeit mehrmals, aber freilich unendlich schwcher gehabt hatte. Die
Frstin fand ihre Hlfe berflssig, es schien ihr notwendig, die Entsagung,
schriftlich unterzeichnet dem Grafen bei seiner Rckkehr vorzulegen; sie eilte
nach ihrem Gartenhause alles aufzuschreiben, um das wiederkehrende Bewutsein
der Grfin zur Unterzeichnung dieser Entsagung schnell benutzen zu knnen. Die
Frstin erscheint uns vielleicht in diesem Augenblicke unnatrlich hart, doch
hing diese Hrte in ihr mit ihren schnsten Krften zusammen, die sie sonst zur
Beglckung ihres Landes so wohlttig entwickelt hatte; wo sie handelte, war sie
mit festem Entschlusse auf alle Flle gefat, mit ihrem Gemte, mit allen
ueren Eindrcken hatte sie dann abgerechnet; ihr Wille war ihr der Mittelpunkt
der Welt, und sie glich in solchem Falle einem tchtigen Wundarzte, der gar
nicht das Geschrei des Unglcklichen hrt, wo es des schmerzhaften Schnittes
bedarf, sondern mit allen Krften zum schnellen Ende der Qual arbeitet. Indem
sie hastig nach ihrem Gartenhause schritt, trat ein wunderschner Mann,
anstndig gekleidet, hinter einem Pinienbaume hervor, und erkundigte sich, ob
wohl die Frstin zu sprechen. Ungeachtet der Mann ihr auffiel, wollte sie dem
Geschfte doch keine Zeit versumen, und sagte flchtig, da sie erst spt
Abends von einer Reise zurck erwartet werde; der Mann zog sich ngstlich mit
vielen Entschuldigungen seiner dreisten Anrede in den Garten zurck. Die Frstin
eilte nach ihrem Zimmer, und suchte ihr Schreibzeug, konnte es aber nicht
finden, da der Graf es den Abend vorher zum Skizzieren einer Aussicht
mitgenommen, und im Garten hatte stehen lassen. Sie rief dem Schreiber, der auf
die Jagd gegangen, vergebens, sie brauchte ihn nie zu dieser Zeit, und doch ward
sie jetzt sehr bse, da er ausgegangen, sie mute sich selbst Schreibegerte in
dessen Zimmer suchen, welches er wegen der Mineraliensammlung, die darin
aufgestellt, immer offen lassen mute. In Gedanken suchte sie schon die besten
Ausdrcke fr die Entsagung der Grfin, da ihre Gromut nicht neue Liebe in dem
Grafen erweckte, als sie sich nach Tinte und Feder umsah; sie ward sehr
ungeduldig, als sie nichts fand, denn der junge Mann verschlo alles das Seine
mit einer Ordnung, als sollte er sterben. In ihrer heftigen Art versuchte sie an
dem verschlossenen Schreibepulte, ob es nicht zu erffnen sei. Sie setzte die
Spitze des Mineralienhammers in die Klappe, und da das Holz in der gewaltigen
Hitze eingetrocknet war, so mochte die Klappe leicht aufspringen. Ungeduldig
griff sie nach Papier, Feder und Tintefa, sie fand alles und wollte die Klappe
eben zulehnen, als eine Masse aufgeschichteter Papiere, denen sie die Unterlage
genommen, herausfiel. Aufgebracht ber die Nachlssigkeit des jungen Menschen,
der ihr so viele unntze Mhe gemacht, griff sie in die Masse und drckte sie
hinein, als ihr etwas unnatrlich Kaltes die Finger berhrte, sie sah hin und
fand, da jenes Bildnis in Gold gefat, das sie in jener Nacht dem beglckten
Freunde zurckgelassen, wieder in ihre Hnde gefallen sei. Erst glaubte sie
einen Diebstahl zu entdecken, aber wie sie die Papiere in wilder Hast durchlas,
deren jedes eine Feier jener Nacht, ein Lobpreisen des beglckenden Zufalls und
der tuschenden Dunkelheit war, da stand in einem Augenblicke die ganze Wahrheit
vor ihr, sie durchdrang das Unselige der Begebenheit und der wilde Geist, der
ihre Seele lange von fern umlagert, und immer enger bedrngt hatte, zog als
Herrscher ein und stellte sich triumphierend auf die hchste Zinne. Mitten in
dem Ekel gegen den Mibrauch ihres Leibes und ihrer zutraulichen Seele, der ihr
Inneres emprte, fhlte sie deutlich, wie sie jede uerung des Grafen so falsch
gedeutet, wie nun alles seine Reden, sein Betragen, einen verstndigen
Zusammenhang gewinne, was ihr bisher rtselhaft geschienen; nur der Abschied am
Morgen blieb ihr fremd, aber sie fhlte wohl, da auch etwas Unbedeutendes
hinter dem kleinen Geheimnisse fr seine Frau verborgen sein knnte, sie fhlte
den Grafen seiner Frau unauflslich verbunden, auf ewig von sich getrennt. Ihre
letzte Liebe erlosch ohne Trnen in der Wut, in der Rache, die jetzt ihre ganze
Seele geielte. Ruhig glaubte sie zu berlegen und sie war auer sich, ihre
Augen rollten umher, und suchten nach Waffen, aber alles war da so friedlich von
wissenschaftlichen Sammlungen umstellt. Die Sonne strahlte ihre grimmigen
Glutpfeile ins Zimmer und machte sie immer geduldloser. So blickte sie umher,
und bemerkte mit starrer Freude auf einer der Schubladen voll Mineralien den
Totenkopf gemalt, der, wie wir uns erinnern, den Leichtsinnigen gegen eine Menge
giftiger Metallkalke warnen sollte. Begierig griff sie danach, und fand sich so
reich, als dieser Schatz in ihren Hnden, sie eilte damit auf ihr Zimmer. Da
stand noch der edle Trnenwein in dem Becher eingeschenkt, wie ihn der Graf am
Morgen ungeleert hatte stehen lassen, und sie mischte den edlen Sonnenwein, der
zu dem Dienste des Herrn bestimmt war, mit den Schrecken der Unterwelt, welche
Habsucht und Neugierde der Menschen tricht ans Licht frdert. An den strengen
Vater, der ihr den Becher geschenkt, dachte sie jetzt bis an ihr Ende, seine
Natur trat jetzt in ihr ganz hervor, ihr Entschlu war gefat, er htte eben so
gehandelt, denn so war der Sinn seiner Gerechtigkeit, in der sie ihre Rache
erdachte.

Der Schreiber war mit seiner Jagdflinte weit umher geirrt, er war kein
eigentlicher Jger, er hatte erst unter der Anleitung des Grafen seine Flinte
laden und abschieen gelernt und begngte sich damit, kleine Vgel, die zum
Auffliegen nicht Lust hatten, zu beschleichen und meist zu verfehlen. An dem
Tage geschah es ihm, da er einer Nachtigall von Baum zu Baum nachfolgte, bis er
sie zum Schu gebracht hatte, da ergriff ihn ein wunderliches Mitleid, er setzte
das Gewehr ab, die Nachtigall schlug freudig und er sang:

Sing Vglein, das den Zweig bewacht,
Ich leg nicht an zum Schieen,
Du singest mir von guter Nacht,
Du mut mein Liebchen gren:
O knnt ich mich so singen aus,
Sie mt es einmal hren,
Sing Nachtigall hier ohne Graus,
Ich will dich nicht mehr stren.

So weich wie deine Federlein
Bin ich von sen Wehen,
Ich gehe in den Wald hinein,
Mag doch kein Blut mehr sehen.
Ein Trnlein auf das Pulver fllt,
Und lschet alles Feuer;
Dir Nachtigall, bin ich gesellt,
Und traure in der Feier.

Nun dachte er, wie es ihm noch so wunderbar gehen knnte; die Gegend war so
fremd, wohin er sich verirrt hatte, da ihm viele Mrchen seiner Jugend
einfielen, von Elfenkniginnen, die sich bei schnen Mondscheinnchten in
Jnglinge verliebten und sie zu sich hinaufzogen, das waren aber alles Ritter,
kein Schreiber war darunter. Hier fiel ihm Eginhard, Karls des Groen Schreiber
ein, wie den des Kaisers Tochter auf den eignen Schultern durch den Schnee
getragen. In angenehmen Trumen verlor er sich ber den Kreis der
Wahrscheinlichkeit, er sah sich an der Seite der Frstin als Herrscher des
Landes, lie alle seine Liebhabereien mitregieren, sammelte Sle voll alter
Marmorinschriften, voll alter Handschriften; ein kleiner schwarzer Hirtenknabe
erweckte ihn, indem er sich zu ihm setzte, mit seinen Ziegen viel zu reden
hatte, und zuletzt ein heitres Lied sehr spttisch sang:

Es war ein alter Knig,
Der hat 'ne schne Magd,
Da freut er sich nicht wenig,
Weil sie ihm wohl behagt.

Er lt die Ritter laden,
Zu seinem Hochzeitfest.
Es wird dir wahrlich schaden!
Spricht einer seiner Gst.

Da sprechen sie gleich alle:
Wir bleiben dir nicht treu,
Wenn du uns aus dem Stalle
Die Kn'gin holst herbei.

Er nimmt vom Haupt die Krone,
Er sieht sie schweigend noch an,
Und wirft sie von dem Throne
Auf 'n ersten besten Mann.

Und ruft: Wer sie gefangen,
Der soll mein Knig sein,
Ich hab nicht mehr Verlangen,
Zu herrschen ledig allein.

Es mag ein jeder werden,
Was ich gewesen bin,
Dieweil ich nun auf Erden,
Erst lustig worden bin.

Auf den die Kron gefallen,
Dem schlug sie ein das Hirn,
Das war der eine von allen,
Der mit der frechen Stirn.

Ja wem die Kronen fallen,
Dem fllt ein schweres Los,
Doch vielen sie gefallen,
So wird er sie bald los.

Der Schreiber wute nicht, warum ihn das einfache Lied so ngstigte, es war ihm
so ein eigner Doppelsinn darin, der ihn in seiner Trumerei strte, er konnte
sich selbst als einen Herrscher nicht mehr denken, er hrte es nicht ganz aus,
sondern stand auf, der kleine Hirtenbube rief ihm ein sizilianisches Sprichwort
nach: Zum Hngen kommst du immer noch frh genug. Es dunkelte schon etwas, und
da er den Weg nicht genau wute, so ngstigte er sich sehr ab, ehe er in die
Nhe des Schlosses kam, und trat auer Atem und mit klopfendem Herzen in das
Zimmer der Frstin, die ihn gleich bei seinem Eintritte in das Gartenhaus zu
sich geklingelt hatte. Wie er so eintrat, fielen die Sonnenstrahlen hell auf
sie, sie sah sehr ernst aus und zeigte ihm schweigend jenes Bild, das ihn
verraten. Erschrocken strzt er ihr zu Fen, und umfat ihre Kniee, sie hebt
ihn auf, und spricht: Ich hatte dir viel Gutes getan, dir und den Deinen, du
hast mich betrogen, du hast meine Gunst nicht ritterlich gewonnen, sondern wie
ein Dieb, aber die Liebe verzeiht der Liebe alles, du hast mich dir unterworfen,
der du mein Untertan warst; schwre mir neue Treue, denn jene alte hast du
gebrochen, schwre mir bei diesem Becher, den ich mit dir treulich teilen will,
ewige Treue im Tode. - Er schwrt ihr ohne Besinnung bei Seele und Seligkeit,
sie leert die Hlfte des Bechers und gibt ihm den Rest, er leert ihn, ohne zu
ahnden, ohne zu schmecken, welches Verderben er enthalte. Als er ihn geleert
hat, glaubt er mit einer Umarmung seines Glckes sich versichern zu drfen, die
Frstin stt ihn zurck; ehe er noch seine Verwunderung zu uern vermag,
bedrngen ihn innerlich heftige Schmerzen, und werfen ihn nieder. Jetzt komme
in meine Arme Verrter, ruft die Frstin, die ihren Zorn nicht lnger
zurckhalten kann; wendest du dich von mir, willst mich kriechend im Staube
verehren, wie die Schlange; hast du wieder genossen, was dich verdirbt, wie du
meiner Schnheit Freude genossen hast in jener Nacht, die dich am Tage verdirbt;
keinen Tag siehst du mehr, dies sind die letzten Strahlen, die mir deine
hliche Gestalt zeigen, und mein Abscheu gegen dich hat keine Grenzen. Der
Schreiber ruft bange um Hlfe, aber erst als er mit raschem Schmerze dem
Ausgange des Lebens nahet, tritt jemand zu ihnen ein, eben der schne Fremde,
den die Frstin von sich gewiesen hatte, alle Leute des Schlosses waren mit der
kranken Grfin beschftigt. Wer Sie auch sind, sagte die Frstin zu ihm,
dieses Unglck ist nicht abzuwenden, hren Sie aufmerksam zu, damit Sie den
Nachbleibenden, die uns verlassen haben, alles berichten knnen. ngstlich
steht der Fremde bei den Leidenden, und kann zu keinem Entschlusse kommen, ob er
sie verlassen solle, um Hlfe zu suchen, er hrt die Erzhlung der Frstin und
seufzt: Ach so ist mein Traum doch eingetroffen, so war zu spt die Warnung!
Wir werden diesen Fremden spter nher kennen lernen, ihm verdanken wir die
meisten Nachrichten von dieser Geschichte.
    Die Grfin hatte inzwischen unglaublich gelitten, der Leibarzt der Herzogin
gab wenig Hoffnung bei diesem unerklrlichen Zustande, jedermann wnschte und
frchtete die Ankunft des Grafen, die Herzogin sah von Zeit zu Zeit nach der
Landstrae, und betete mit Ungeduld, da er doch endlich zurckkme, endlich
sieht sie Staub, es kommt ein Reiter, aber auch eine Kutsche, und sie bedauert
die Fremden, die zu solchem Jammer ankommen. Frhlich jagt der Graf neben dem
Wagen her, der den Minister mit seinen Begleitern in ungeduldiger heitrer
Erwartung zum Schlosse fhrt; der Minister hatte seine Reise so beschleunigt,
da er selbst seinem Briefe zuvorgeeilt war. Auf dem Wege, der in der Nhe des
Gartenhauses vorbei fhrt, hrt der Graf das Jammergeschrei der beiden
Sterbenden, er springt vom Pferde, der Minister aus dem Wagen, der Fremde ruft
aus dem Fenster ihm entgegen, er mchte eilen, ein groes Unglck sei geschehen.
Ehe er ins Haus getreten, flehet ihn einer seiner herbeigeeilten Bedienten an,
er mchte zu seiner sterbenden Frau eilen; das Blut luft ihm in schrecklicher
Verwirrung durcheinander, aber der Gedanke an seine Frau fhrt ihn unbewut nach
dem Schlosse, whrend er dem Minister winkt, nach dem Gartenhause zu gehen. Der
Minister eilt die Treppe hinauf, von dem Fremden gefhrt, er wei nicht, was
seiner wartet; als er ins Zimmer tritt, findet er die Frstin, seine verehrte
Freundin und Beherrscherin, sehr entstellt auf dem Sopha liegen, ihr zu Fen
den Schreiber, der sich in letzter Todesverzweiflung noch an sie angeschlossen.
Der Minister wirft sich bei der Frstin nieder, und frgt abgewandt: Was ist
geschehn, wie ist zu helfen? - Die Frstin erkennt ihn gleich und sagt: Sie
hier, mein alter Freund, mir ist nicht zu helfen, war der Graf nicht vor der
Tre, ich glaubte, seine Stimme zu hren. - Der Minister antwortete ihr, da
der Graf eben htte eintreten wollen, als er zu seiner sterbenden Gattin gerufen
worden. - Das Gesicht der Frstin verzieht sich schmerzlich, sie seufzt: Der
Graf will mich nicht sehen, ich soll ihn nicht mehr sehen und die Grfin stirbt!
Armer Vater, das ist mein Werk, aber nicht mein Wille. Ich kann nicht mehr
aufstehen, der Mensch unten hlt mich, gern mchte ich die Grfin um Verzeihung
anflehen. - Der Minister versucht, den Schreiber fort zu schieben, aber
vergebens, ihn hatte die zerstrende Neige des Giftes, die er begierig
eingeschluckt, schnell erstarrt. Die Frstin blickt hin und sagt Ist er tot?
Wie konnte er so wenig Gift vertragen, und so groe Schuld bernehmen - ihr
letzten Zeugen meiner Leiden, ich bitt euch, sagt's aller Welt, ich habe ihn
vergiftet, eingedenk des Vaters strenger Gerechtigkeit und seines hohen Stolzes;
ihm schwor ich auf dem Totenbette, des Hauses Ehre heilig zu bewahren, ich hab's
getan. Der schnde Sklave hatte trglich meinen Leib zu seiner Lust mibraucht.
- Zuckungen unterbrechen ihre Rede, sie stammelt mit Abscheu, wie sich alles
ereignet, ihre Zuhrer sind von dem Schrecknisse festgehalten und gelhmt, nur
der Kammerjunker eilt nach dem Schlosse, den Arzt zu rufen. Endlich unterbricht
der Minister ihre Erzhlung und bittet sie daran zu denken, wie bald sie werde
stehen vor Gottes Angesicht, wo der arme Schreiber da mit ihr erscheine, wo alle
Menschen gleich; dem Minister war der Glaube seiner Kindheit in diesem
Schrecknisse wieder erschienen. - Gottes Angesicht, ruft sie mit letzter
Kraft, wird er nie sehen, er hat geschndet den Leib Gottes, dessen Ebenbild
auch ich war! -
    Dieses waren ihre letzten Worte, fast ohne Reue, hart und wild
ausgesprochen, wie zu einem hoffnungslosen Kampfe, in welchem sie doch die gute
Sache auf ihrer Seite glaubte, so starrte sie dem Tode entgegen, der Arzt kam zu
spt. Ihre letzten jammernden Ausrufungen wollen wir nicht aufzeichnen; sie
gehrten ihr wohl nicht mehr, sie sind der bloe Schrei der allgemeinen
menschlichen Natur, die sich von dem gewohnten Lebenskreise mit Mhe trennt. Der
Minister berlie sich nicht gern seinem Gefhle, er vermied es aus einem
gewissen Grundsatze der Selbsterhaltung; jetzt, wo es ihn berraschte, konnte er
es nicht ertragen; die vordrngenden Trnen durchzuckten ihn schmerzlich, er
wendete sich von der Sterbenden, die der Fremde in seinen Arm genommen, der sich
ihr als ein ferner Anverwandter aus unglcklichem Stamme, als der Prinz von
Palagonien angab; ihm danken wir die meisten Nachrichten von dieser Geschichte,
er ist der unglcklichste und edelste Mensch, den die Erde getragen.

Der Minister trat ins Schlo, wo alle in dumpfer Betubung umherschlichen,
horchten, keiner ihn fragte, zu wem er wolle, wo keiner seine Fragen
beantwortete; er irrte umher und traf endlich auf die Herzogin, die er fragte,
wo seine Tchter zu finden wren. Die Herzogin kte ihm die Hand und sagte:
Mein teurer Vater, wie mssen wir uns wiedersehen! Gehen Sie nicht weiter, im
nchsten Zimmer liegt Ihre sterbende Tochter Dolores, die ich vor wenigen
Stunden gesund verlassen; sie ringt mit frchterlichen unerklrlichen Trumen,
die in einander sich vermehren und keiner mehr beschwichtigen kann. Ich habe
mich einen Augenblick entfernt, denn meine ganze Seele ist zerrissen, und selbst
dem himmlischen Troste ist mein erschttertes Herz geschlossen. - Bei diesen
Worten sank sie schluchzend in des Vaters Arme.

Die Sonne sank unter und das Geheimnis umschlo noch alle, da kam der geistliche
Sohn Johannes, den eine Botschaft aus dem Schlosse hinberufen, und trat an
seiner Mutter Bett. Bei seinem Anblicke kam ihr die Klarheit des Geistes wieder.
O dieser schnen letzten Klarheit; sie war so ganz bei sich, als sollte sie noch
eine Ewigkeit unter den teuren Seelen leben, die sie so bald verlassen sollte,
die sie aber wohl noch als ein allgegenwrtiger liebevoller Schutzgeist umwohnen
mag. Die ersten uerungen ihres erwachten Bewutseins waren Gromut und
Aufopferung, sie sagte dem Grafen, da sie nach ihrem Tode keine Frau wte, die
ihm trstlicher sein knnte, die ihm und ihren Kindern mehr zugetan wre, als
die Frstin; Deutschland wrde ihn freudig empfangen. Der Graf hielt diese
uerung noch fr bewutlose Schwrmerei und bat alle umher, von dem Tode der
unseligen Frstin zu schweigen; die Grfin aber hatte dies vernommen und
erfragte allmhlich die traurige Begebenheit, sie betrauerte der Frstin Leiden
und erfreute sich der unwandelbaren Liebe ihres Karls. Das Geheimnis seiner
Reise, der Planetenring, den er ihr zum Ersatz des verlornen Verlobungsringes an
den Finger steckte, durchdrang sie mit dem Vergngen ihres ganzen Lebens, es war
ein neuer Bund mit dem Geliebten und die Scheidende schien ihm noch so schn,
wie in den ersten Stunden seiner Liebe. Nie fhlte sie sich ihm so nahe, ihre
Fehler waren ihr ein fremdes abgelegtes Kleid, wie ihr Krper, sie fhlte sich
durch ihre Bue ihrem Manne und der Welt vershnt, sie scheute sich nicht eine
Ewigkeit zu bleiben, wie sie in den Augenblicken geworden und ein Rckblick in
das vernderliche sterbliche Leben machte ihr Schmerz. Noch gedachte sie ihres
Vaters mit Sehnsucht und auch dieser Wunsch war ihr durch seine Nhe schnell
gewhrt. Sie fhlte sich sehr schwach und begehrte die letzte lung aus den
Hnden ihres Sohnes Johannes, der sie ihr mit Wrde und Heiligung erteilte; die
Fackeln erhellten das stille Zimmer, in welchem nur das Schluchzen ihrer Lieben
zuweilen die fromme Segnung unterbrach, drauen hatte Sturm die Himmelsfackeln
ausgelscht und die Schiffe wurden entmastet vorbergetrieben. Dolores betete
mit Erhebung und segnete die Ihren, sie gedachte der am Morgen aufgefundenen
Worte Christi: Wahrlich ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese
sein; da fllte ein Blutstrom den betenden Mund, ihr Tod war kein Kampf mehr
wie ihr Leben, sondern der Anfang des Friedens. Sie starb den vierzehnten Juli,
an demselben Tage, in derselben Mitternachtstunde, in welcher sie vor vierzehn
Jahren die heilige Treue gegen Gott und ihren Mann gebrochen.
    Ewige Gerechtigkeit, warum mute sie sterben? Da dir schaudre Mensch, vor
der Gewalt der gttlichen Leidenschaft, der allmchtigen Liebe, welche von der
Jugend so oft in trichtem Leichtsinne aufgesucht und ausgefordert wird; - da
dir nicht graue vor dem Tode, sterblicher Mensch, denn er ist dir gewi; da du
gedenkest in ihm deines Lebens und dessen unerschpflich reicher Erfahrung. Der
Zukunft gehrt alle Welterfahrung, mge keinem ihre gute Lehre zu spt kommen;
wer sich nicht verschliet, dem ist sie nicht verschlossen, in ihr lebt alles
Vergangene ein vollkommenes Leben. Der Mensch steht aufgerichtet in der Welt,
da er sich umschaue mit offenen Augen; oft will er sich begngen mit seinem
Kreise, aber die Not treibt ihn gewaltsam auf die Hhen, die seinen Blick erst
beschrnkten; da strahlt ihm das Licht der Welt, sie liegt unter ihm, die dunkle
Erde scheint leuchtend, oben umschliet ihn das ewige Blau. Zu dem Lichte mchte
der Mensch dann aufsteigen, da beweist ihm die irdische Schwere schwindelnd in
ihm ihre letzte Macht: Er fhlt, da sie ihn strzen kann, und er betet zu
allem, was ihn erhoben, da es ihn nicht zuschanden werden lasse. Da scheidet
sich sein Wesen, das Blut aus tiefem irdischen Triebe aufwallend zur hheren
reinen Luft fllt den betenden drstenden Mund, der Mensch strzt nieder, sein
Gttliches steigt empor - dies ist der Tod auf den Hhen der Welt, so
beschreiben ihn die Reisenden, die hohe Berge besteigen.

Der Graf, die Herzogin, die Kinder, niemand wollte von der Sterbenden weichen;
Johannes stand allen bei mit heiliger Kraft, als die Verzweiflung ber den
unglcklichen Verlust sie beim Leichenbegngnisse ergriff. Die Nachricht ihres
Todes verbreitete sich durch die Sterbeglocke der Schlokapelle durch die ganze
Insel, die Glocken luteten, wie bei einem Erdbeben, alle fromme Seelen beteten
fr sie, viele dankbar fr empfangene Wohltaten.

Dem Grafen blieb nach dem unendlichen Verluste viel, seine Trauer und zwlf
schne Kinder, seiner Dolores Abbilder im Spiegel Gottes und eine liebende
Mutter fr alle, die Herzogin. Die Welt wnschte bald wegen der Kinder die
Vermhlung des Grafen mit der Herzogin; aber es ziemte nicht dem Schmerze
beider, nicht der Gewohnheit ihres Lebens, auch bedurften sie keiner anderen
Vertraulichkeit miteinander, ihr Sinn und ihr Herz waren im Denken wie im
Handeln eins. Nachdem Johannes die erste trbe Zeit dem Grafen mit Andacht
geheiligt hatte, trat der Fremde, den wir als Prinzen von Palagonien kennen
lernten, zu ihm; es war das erste Unternehmen des unentschlossenen Prinzen, als
er ihm seine Freundschaft so offen, so gutmtig antrug, da der Graf sich ihm
ganz erschlossen fhlte. Die beiden unglcklichen Freunde erheiterten einander
mit der Erzhlung ihrer Schicksale; der ruhigere Prinz migte die heftigen
Ausbrche des Schmerzes im Grafen, die rastlose Ttigkeit des Grafen zerstreute
den von aller Welt zurckgezognen Prinzen durch wiederkehrende Berhrung mit
derselben. Oft glaubte der Graf, seine Dolores habe ihm aus dem Himmel diesen
edlen Freund zugesendet, er schien ihm eine einsame Insel, die aus einem wilden
Meere, das ihm alles entrissen, hervorgegangen, ihn freundlich aufgenommen und
erhalten hatte. Lange verweilte der Minister bei der frommen Herzogin. Der
Anblick seiner sterbenden Dolores hatte ihn tief gerhrt, aber die Erinnerung
war ihm nicht frchterlich; dagegen lie ihm das Andenken an die Frstin in
Trumen keine Ruhe, oft erschien sie ihm auf einem glhenden Throne und flehte
ihn an, da er fr sie beten mge. Er lebte vom Troste der Herzogin und konnte
sich lange nicht zur Abreise entschlieen. Der Kammerjunker mute in Auftrgen
von ihm den Erbprinzen aufsuchen; die Erzhlung des furchtbaren Ereignisses
wirkte auf den leichtsinnigen jungen Mann, er entschlo sich von dem gewohnten
Leben abzugehen. Seine Kameraden staunten und frohlockten ber seine Verwandlung
in einen Frsten, jeder hoffte durch ihn seinen Vorteil, nur Furiosa, die sich
durchaus in seine neuen Gesellschaften nicht finden konnte verlie ihn.

Der Leichnam seiner Mutter, der Frstin, wurde in einem halben Jahre von den
morgenlndischen Balsamen, womit ihn die rzte gegen Verwesung schtzten,
hinlnglich durchdrungen, um die warme Luft ertragen zu knnen. Die Sorge fr
diese geehrten berbleibsel verpflichtete den Minister endlich zur Abreise nach
Deutschland, der Abschied von seiner Tochter, von seinen Enkeln wurde ihm sehr
schwer. Er selbst setzte sich in den Wagen, der den Sarg verschlo, und von
allen Kirchen traurig bewillkommt wurde. Die Dichterin folgte ihm in einem
anderen Wagen, sorgsam beschftigt mit seiner Pflege; er erkannte es, denn er
war weich und milde geworden durch die harten Ste des Geschicks. Als sie so
durch die Pontinischen Smpfe zogen, gedachte sie mit Leidwesen, wie die
Wahrheit alles Schauerliche ihrer Dichtung vom Hylas bertroffen. Nachdem die
Frstin in der Gruft ihrer Vter beigesetzt worden, traf der Erbprinz in der
Hauptstadt ein, er wute von dem Lande nichts, hatte aber Kenntnis der Zeit, er
berlie die meisten Geschfte dem Minister, der aus Liebe zu ihm und zum Lande
alles wieder bernommen hatte.

Tage und Nchte voll Sehnsucht nach dem stillen Lande, das alles Verlorne
wiederzugeben verspricht, vergingen dem Grafen leichter, seit ihm sein Freund,
der Prinz, den Gedanken eines Denkmales auf die geliebte Dolores mitgeteilt
hatte. Unablssig betrieb er die Arbeit, sie beschftigte die geschicktesten
Bildhauer, und ehe ein Jahr vergangen, erblickten die Seefahrer mit frommem
Danke die bergroe Bildsule der Grfin, wie sie mit der einen aufgehobenen
Hand warnend, mit der andern ausgestreckten segnend, von ihren zwlf Kindern
umringt, auf der Spitze einer gefhrlichen Klippenreihe, die bis dahin der
Untergang mancher Hoffnung und manches Lebens geworden, milde aus dem Himmel
herableuchtend ihnen erscheint. Ihre Augen und ihre grfliche Krone, und die
Augen und Kronen ihrer Kinder werden jede Nacht durch eine kunstreiche
Einrichtung wie ein neues wunderbares Sternbild erleuchtet, das noch hell
glnzt, whrend alle am Himmel hinter Wolken erloschen; die Seeleute nennen
diesen Leuchtturm Das heilige Feuer der Grfin oder auch Das heilige Feuer
der Mutter.

So oft der Graf dieses Denkmal beschaute, mute er des Verlobungsringes
gedenken, welcher in der Meerfahrt verloren gegangen; mit wunderbarer Sehnsucht
wnschte er ihn zurck, der Ring hatte ihn an das Meer gebannt; tagelang stand
er traurend am Ufer, und suchte nach ihm im Sande. Vergebens waren alle
versprochenen Belohnungen, den Ring aus der Tiefe zu hohen, die Stelle, wo er
hinein gefallen, war unergrndlich. Was keinem anderen mglich, gelang dem
Freunde, der Prinz brachte ihn an einem heiteren Morgen freudig unserem Grafen
zurck; wie er ihn erhalten, bleibt ein Geheimnis.
    Alle Liebe, die der Graf mit diesem Ringe der Verstorbenen geschenkt hatte,
wandte er nun zu dem ewigen gttlichen Vorbilde aller Leidenden, den dieser Ring
in dem Kreise der Apostel darstellte, auch fhlte er sich durch den Anblick
desselben wieder erfrischt, das Leben zu ertragen und es in allen seinen brigen
Wirkungskreisen zu vollenden, er fhlte sich gestrkt, bei dem Rufe seines
bedrngten Vaterlandes, sich von dem Grabe seiner Dolores loszureien, den
Deutschen mit Rat und Tat, in Treue und Wahrheit bis an sein Lebensende zu
dienen; ihm folgten seine Shne mit jugendlicher Kraft.

                                    Funoten


1 Hlderlin siehe Trst-Einsamkeit S. 73.

2 Dieselbe Geschichte in Briefen ist erschienen Gttingen 1802; in diesem
erzhlenden Auszuge habe ich erhalten, was noch belehrend schien.

3 Die ganze Trauungsrede ist zu finden in dem braven Buche von Sailer: An
Heggelins Freunde, Mnchen, Lentner, 1803.

4 Viele einzelne uerungen dieser Briefe finden sich in einer schnen alten
Sammlung christlicher Ermahnungen, die ich in einem Pergamentkodex besitze.

5 Vgl. Anhang zum ersten Bande des Wunderhorns, S. 438.

6 Chymische Hochzeit Christiani Rosenkranz, Straburg 1616.

7 Fr Unkundige wird bemerkt, da echte Diamanten vor dem Brennspiegel
verbrennen, Quarze dagegen bestehen.

