
                          Fouqu, Caroline de la Motte

                           Die Frau des Falkensteins

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                          Caroline de la Motte Fouqu

                           Die Frau des Falkensteins

           Ein Roman in zwei Bndchen von der Verfasserin des Rodrich

                                Erstes Bndchen

                                   Zueignung

Mit der Bescheidenheit gesenkter Wimper
Tritt vor die hohe, knigliche Herrin
Die Frau des Falkensteins verlegen hin.
Sie fhlt sich ihr genaht durch das Geschlecht,
Das zarte, weibliche, dem sie gehrt;
Genaht ihr, weil auch sie den Namen trgt,
Den unsre Knigin ihn fhrend ehrt.
Doch ach, wie fern, wie fern in Allem sonst!
Mich Frau des Falkensteines traf der Himmel
Barmherzig, aber strafend, mit Gewittern,
Abbrennend mir des schwachen Herzens Schuld.
Und wenn auch um die schne Knigin
Gewitter einst sich hoben, Blitze zuckten,
So war es nur glorreiches Prfungsfeuer,
Aus dem das Gold, vorher schon rein und klar,
Gleich rein und klar hervorgeht, unverwandelt.
Daher auch scheidet streng' sich meine Bahn
Von jenen seegensreichen, freud'gen Wegen,
Zu denen trb' mein Blick hinberstreift.
Ich, aus des Unheils Gluthen kaum gerettet,
Trat still ergeben in die Klosterwelt
Der Abgeschiedenheit und der Entsagung;
Kein zartes Kind hat Mutter mich gegrt.
Der Herrin blht nach finstrer Wetternacht
Ein Frhlingsmorgen wundersam hervor,
Als holde Kinder leuchten um sie her
Viel knft'ge Helden, rhmliche Regenten,
Und knft'ger edler Frau'n ein schner Kreis.
O, reicher Seegen zeigt sich meinem Blick
In ferner Jahre labendem Gefild!
Was Deine Vlker beten, hohe Kn'gin,
Dein Heil und Deines Stamm's, es wird erhrt,
Denn Reinheit, frommer Muth und edle Huld,
Die in der Prfungszeit Dich treu umwallten,
Sie bringen nun des gottgesandten Lohnes
Frischlaub'ge Krnz' aus Paradiesesland.


                                  Erstes Buch

Komm, ich bitte Dich, rief Mathilde, indem sie ein verhlltes Krbchen in die
Hhe hielt. Wtest Du - Luise flog den Lindengang hinunter, in dessen Schatten
die geliebte Mutter, durch krnkelndes Unvermgen gehalten, sie unruhig
erwartete. Der Wind strich spielend durch die Zweige und hob das Tuch, ehe noch
Luise jenes geheimnireiche Krbchen ergreifen konnte. Ein reiches Stirnband
blitzte ihr wie tausend Liebesblicke daraus entgegen. Geschenke von Julius, rief
sie, und sank berrascht zu den Fen der Mutter, die behaglich die hellen
Steine zwischen den braunen Locken der Tochter spielen lie. Luise kte gerhrt
die schnen Hnde, die so oft in lieber Ungeduld ihre Lippen streiften. Das
schwindende Leben in Mathildens Zgen, ihr naher Tod und der brutliche Schmuck,
der so sichtlich auf die kommende Feier hindeutete, alle Freuden ihres jungen
Lebens und der ernste Wechsel desselben, das ganze wunderbare Gewebe der Zukunft
schien sich in den Steinen zu spiegeln, die sie schnell wieder verbarg, indem
sie bittend sagte: noch nicht, beste Mutter, noch nicht! und als habe sie das
goldne Band gedrckt, so strich sie die Locken aus der Stirn und lie sich
anmuthig von den streifenden Lften khlen. Wie seltsam! sagte die Mutter, sie
unruhig betrachtend, Du fragst nicht einmal, wie Dir die reichen Gaben kommen,
und ob sie nicht irgend ein geliebtes Wort begleitet? So, - fiel Luise zerstreut
ein: hat er geschrieben? Ja lies nur, du unsttes Kind, erwiederte Mathilde,
indem sie ihr ein offnes Blatt hinreichte. Luise ward bei dem Anblick der
festen, sichren Schriftzge, die ihr den gehaltnen Sinn des ernsten Mannes so
klar aussprachen, pltzlich gesammelt, und eine innre Aengstlichkeit kaum
beachtend, gab sie sich gern dem Dank und der Rhrung hin, die folgende Worte in
ihr erregten.
    Ihre Hand, geliebte Mutter, mge meine Luise mit dem Schnsten zieren, was
ich fr sie auffinden konnte. Sah ich doch immer mit Entzcken, wie sich das
mtterliche Auge in dem Glanz des aufblhenden Kindes belebte, und wie jedes
Gefhl durch diese heilige Liebe erhht wird. Darum lege ich auch heute all mein
Wnschen und Hoffen einzig an Ihr Herz, und bitte Sie, es so erfreulicher vor
Luise hintreten zu lassen.
    Liebe Mutter, mich qult so oft der Gedanke, da ich berall nicht fhig
sei, ein weibliches Gemth zu beglcken, am wenigsten ein solches, das sich im
zartesten Liebeshauch erschlo.
    Der schwerfllige Ernst unsrer Altvter, der auf mir und meinen dstren
Umgebungen ruht, und den die Gluth meiner italienischen Mutter nur im Innern,
wie eine zuckende Flamme, durchbricht, lt mich so wortarm, so schroff, wo ich
voll Liebe die Menschen an meine Brust drcken und das tiefste innerste Leben
ausweinen mchte! Oft ist es grade das Gefhl dieser uren Starrheit, was meine
Zunge lhmt und mich in wildem Unmuth ber die Welt und mich selbst
hinaustreibt. Und wie ich dann so einsam hier im dunklen Harzwalde auf mich und
den uralten Sitz meiner Ahnen blicke, und es inne werde, da so wenig modische
Macht dem alten Falkenstein ein heitres Ansehn geben konnten, auch mich Jahre
langes Reisen und ein bewegliches Leben unter fremdem Himmel unverndert lieen,
so denke ich zagend an die lachende Luise und den seltsamen Willen des
Schicksals, das uns beide verband.
    Sie sehen, der wunderliche Knabe blickt noch berall hindurch, der einst
Musik und Kerzenschein verschmhend, ruhig in der nahen Klosterkirche, unter dem
steinernen Bilde seiner Ahnfrau schlief, bis Sie und die bunte Schaar der Gste
ihn dort erweckten. Aber es soll nun alles anders werden. Ich eile zu Ihnen und
fhre Sie und Luisen hieher. Gewi, Sie drfen mir keinen Augenblick lnger
fehlen. Sie allein verstanden mich immer. Ihre milde Gte shnte mich zuerst mit
mir selbst aus und ffnete mir die seligste Zukunft. - Ach ich erschrecke, wie
ich das Wort schreibe! - Wer kennt ihre verborgne Tiefen! und wem hat sie nicht
mit neckenden Zauberknsten gelogen! Schelten Sie nicht ber den ewig
wiederkehrenden Trbsinn. Mir wird so wehmthig wie ich von Ihnen scheide. Schon
gestern lie ich das Blatt unvollendet, und lief hinaus in den Wald, mich selbst
und meine Trumereien zu vergessen. Ich traf hier zufllig den Mnch, dem ich
schon mehreremale begegnete, ohne gleichwohl je ein Wort mit ihm zu wechseln.
Diesmal begrte er mich auf eine feine, sittige Weise. Seine Stimme hat eine
Weichheit, die die schrfsten Tne verschmilzt und unsrer Sprache etwas Fremdes,
unendlich Anmuthiges leiht. Ich gesellte mich gern zu ihm. Wir sprachen bald
vertraulicher, und mein Herz, das sich selten verschliet, lag in der
heimlichen, stillen Sommernacht offen vor ihm da. Er sprach mit leutseligem
Ernst ber das trbe Versinken jugendlicher Gemther, und warnte mich vor jener
zagenden Unthtigkeit, die so oft die besten Krfte untergrabe. Zwar, setzte er
lchelnd hinzu, sei dies eine Klippe, an welcher nur Wenige scheitern, da die
meisten Menschen durch freches Eingreifen ihr Leben verwirrten. Ueberall sprach
eine groe Kenntni der Welt aus seinen Worten, deren Andenken ihn wohl oft
wehmthig bewegen mag. Wir schieden endlich mit dem Versprechen, uns fter zu
begegnen, was mir einen neuen Zuwachs von Freuden verheit.
    Mein alter Georg drngt mich, zu schlieen, er will Ihnen selbst diese
Zeilen und das Geschmeide berbringen. Leben Sie denn wohl, meine gtige, liebe
Mutter! In wenig Tagen bin ich bei Ihnen, um endlich an Luisens Seite ein
freudigeres Dasein kennen zu lernen. Mit tiefer Rhrung schliee ich Sie Beide
an mein Herz.
                                                                     Der Ihrige,
                                                        Julius von Falkenstein.

Der arme, gute Mensch, sagte Luise, indem sie den Brief gedankenvoll
zusammenfaltete. Ist denn, fuhr sie nach einer Weile fort, das alte Schlo
wirklich so de und dster, wie es ihm erscheint? Es sieht fremd und sehr
erhaben aus einer verschollnen Zeit hervor, sagte Mathilde, und scheint mit
seinen gewaltigen Mauern und Gewlben des kindischen Flitters zu spotten, den
Julius Mutter ersindrisch verbreitete, um die Riesengestaltung der Vorzeit zu
vergessen. Sie konnte sich nie recht mit der freundlichen Stille dieser Gegend
vertragen, am wenigsten aber mit ihrem Wohnsitz und dessen Umgebungen. Was war
es doch eigentlich mit ihr? fragte Luise, ich entsinne mich, sie in einem hellen
Kleide und vielen Blumen gesehen zu haben. Sie erzhlte Julius und mir
wunderliche Mhrchen, worin etwas von einem Salamander vorkam, und dabei
leuchteten ihre groen, dunklen Augen so hell, da ich die Meinigen gar nicht
wieder abwenden konnte. Seitdem sah ich sie niemals wieder, aber das Bild ist
mir fr mein ganzes Leben geblieben. Sie starb bald darauf, sagte Mathilde,
durch eine eigne Vorstellung gengstet, die sie ins Grab zog. Ich habe mir
niemals einen rechten Begriff von einer so ungleichen Gemthsart, als die
ihrige, machen knnen, da mein Leben stets sehr einfach blieb und nur durch
fremde Strme getrbt ward; noch weniger konnte ich die phantastische fast wilde
Frhlichkeit mit dem Trbsinn vereinen, der ihr zu Zeiten wie ein fremder Geist
inwohnte und ihrem Wesen eine Einfrmigkeit lieh, die jeden ermdete. Und
dennoch so durch Sitte und Gemth als Vaterland und Sprache von einander
geschieden, verband uns in der Ferne ein unglckseliges Verhltni, das meinem
Herzen die erste Wunde schlug. Hier schwieg Mathilde und lie in Luisen das
lebendigste Verlangen, mehr von einer Begebenheit zu erfahren, die ganz dunkel
aus den frhesten Erinnerungen hervorsah. Das Andenken der schnen Viola, wie
sie ihre Mutter sonst wohl mit Rhrung nannte, hatte immer einen eignen Zauber
ber sie ausgebt, und ohnerachtet sie nur in flchtigen Hindeutungen von ihr
hrte, so setzte sich dennoch der kindische Sinn ein Bild zusammen, das noch
jetzt sehr reizend in ihrer Phantasie fortlebte. Ich wei, sagte sie, in der
Hoffnung mehr zu erfahren, die Grfin Falkenstein trug frher den Schleier, den
sie bald darauf willig zerri, um dem Grafen nach Deutschland zu folgen, allein
der eigentliche Zusammenhang des Ganzen ist mir fremd geblieben. Liebes Kind,
hub die Mutter nach einer Weile an, man soll die Vergangenheit nie absichtlich
aufdecken. Was ihr Schoos verbirgt, das ruhe, bis im Laufe der Zeiten die junge
That unwillkhrlich auf ihren frhern Ursprung zurckweist. Das Verborgene tritt
so ungerufen allmhlig ans Licht, und verliert im Zusammenhang des Ganzen das
Fremde, was den gewagten Rckblick in die Tiefe oft schwindelnd zurckstot.
Allein wie Julius Brief lngst verklungene Saiten in mir anschlgt, so geht auch
der Ton in Deine Seele ber und knnte Dich verwirren, wenn ich nicht dreist
fortgriffe, um den reinen Akkord wieder aufzusuchen. Aber la uns hinunter an
den See gehn, die Sonne neigt sich so gro und herrlich in die Fluth! Sieh wie
der Harz in seiner blulichen Hlle feierlich dasteht, als wolle er ihr ein
langes Lebewohl sagen. Es ist wohl schn, da sich so oft am Abend die
aufgeregte Natur snftigt! alles wird stiller, die Luftzge wehen wie lange,
heilige Seufzer, und ganz zuletzt reien die Nebel und glnzen in tausend
wehmthigen Thrnen auf der Erde! Sie setzten sich an das Ufer; den Blick nach
dem Harz gewandt, fuhr Mathilde fort: das dunkle Gebrge, das dort wie eine
Wolke vor uns aufsteigt, scheint mir in diesem Augenblick die ganze Welt zu
umfassen, wie es denn auch wirklich alle Bilder meines Lebens umfngt, die
allesammt wie ein Punkt in der hereinbrechenden Nacht verschwinden. Es fliet
schon so manches ineinander, was ich nicht mehr deutlich erkenne; nur der
frische Duft einer ungetrbten Jugend durchdringt mich jetzt wie ehemals und
lt mich mit Wehmuth auf die sptere Strungen blicken.
    Ich erzhlte Dir wohl frher von einem geliebten Bruder, den die Lust an den
Waffen in fremde Dienste, fernhin nach Italien zog. Es war wenige Tage nachdem
ich mich Deinem Vater verlobte, als das Schicksal so ber ihn entschied. Meine
junge Seele kmpfte zum erstenmal gegen die eigenen Wnsche und das Verlangen
meines Bruders, der von je mein ganzes Herz besa und mir den Verlust einer frh
beweinten Mutter allein ersetzte, da mein Vater, in Geschften versunken, wenig
auf mich achtete. Ich hatte inde nicht den Muth, meinen Schmerz zu uern, da
Eduards laute Freude jedes andre Gefhl berhrte. Ich ging daher bang und
verschlossen neben ihm hin, bis endlich am Abend vor unsrer Trennung, als wir
allein in seinem aufgerumten Zimmer standen, und die den Wnde seinen Namen,
den er lachend ausrief, dumpf erschallen lieen, sein Herz brach, und er weinend
in meine Arme sank. Es war, als rhre ihn die Zukunft warnend an, er blickte
zagend um sich her, und wiederholte mehremale: liebe, liebe Mathilde, ich
verliere Dich nicht, Du bleibst mir gewi, Deine treue Liebe begleitet mich
unter fremden Himmel und findet unverndert ein deutsches Herz in meiner Brust!
Ich konnte nicht sprechen. Seine Thrnen lsten den lang verhaltnen Schmerz
unwiderstehlich auf, ich glaubte in seinen Armen zu vergehen. Bald darauf ri er
sich von mir los und eilte seiner Bestimmung entgegen. Dein Vater fhrte mich
mit schonender Gte hieher. Allein ich konnte mich an nichts erfreuen, bis ich
endlich nach mehrern Monaten einen Brief aus Neapel erhielt. Ich glaubte
Anfangs, Worte einer fremden Welt zu lesen. Eduard wogte in dem frischen Strom
eines neuen Lebens. Die reiche Natur rauschte wirbelnd durch sein Innres. Alle
Worte klangen wie abgerine Tne, die in innrer Gluth erzitternd, Violas Nahmen
heraufbeschworen. Er hatte sie gesehn und ihre Gunst ohne Wissen der Eltern
gewonnen. Der lockende Zauber verborgner Seligkeit ri ihn fort, er verlor sich
im ppigsten Taumel. Ich konnte lange den Eindruck jener Worte nicht los werden,
die unwillkhrlich mein Gemth erschtterten und einen trben Schein auf die
einfache Gestaltung meiner Umgebungen warfen. Traurig blickte ich hinauf zu dem
wolkigen Himmel unsers Vaterlandes und maa beklommen den langen, einfrmigen
Gang einer farblosen Zukunft. Nach und nach vershnte ich mich inde mit meinem
Loose, das sich mir in der stillen Wirksamkeit eines thtigen Lebens allmhlig
freundlicher erschlo. Eduard schrieb jetzt seltner. Sein Glck ward hufig
durch ure Sthrungen getrbt. Viola sollte die Hand eines reichen Deutschen,
den er gleichwohl nicht nannte, nach dem Willen ihrer Eltern annehmen. Ihr
standhaftes Weigern erregte Argwohn und setzte sie harten Verfolgungen aus. Nach
langem, ngstigendem Schweigen meldete er mir endlich aus Venedig, alles sei
entdeckt, Viola habe den Schleier genommen, und er irre, verfolgt, halb sinnlos
vor Schmerz, umher, ohne zu wissen, wohin er seine Schritte lenken sollte. Ich
bat ihn dringend, zu mir zurckzukehren; allein meine Briefe blieben
unbeantwortet, wie spterhin alle Nachforschungen fruchtlos. Ich sah mit
wachsender Angst, bei jedem wiederholten Versuche, Nachricht von ihm
einzuziehen, der Gewiheit seines Todes entgegen, und ich versank zuletzt in
jene dumpfe Muthlosigkeit, an welcher alle Freuden des Lebens unbemerkt
vorbergehn. Eines Abends sa ich einsam in meinem Zimmer und berschaute mein
freudloses Dasein, als sich die Thr ffnete, und Dein Vater mit einer
verschleiereen Dame hereintrat, welcher ein Mann von hohem Ansehn und
ausgezeichneter Kleidung folgte. Der Graf und die Grfin Falkenstein, sagte er,
mit sichtlicher Freude, die krzlich aus Italien zurckkehrten. Aus Italien!
rief ich, von tausend Ahndungen durchbebt, und eilte der Grfin entgegen. Sie
warf den Schleier zurck, und indem sie sich mit vieler Anmuth zu mir neigte,
berzog eine flchtige Rthe ihr etwas bleiches Gesicht, dessen bewegliche Zge
keinen bleibenden Eindruck gestatteten. Aus Italien! wiederholte ich mit bangem
Zagen, haben Sie - - Der Graf trat hier zu mir, und entschuldigte auf eine feine
Weise sein unerwartetes Erscheinen mit der unvernderten Anhnglichkeit an
meinem Gemahl, fr dessen Jugendfreund er sich erklrte, und von welchem, wie er
verbindlich hinzusetzte, ihn nur widerstrebend ein vieljhriger
Gesandschaftsposten habe entfernen knnen. Ich sah mich in ein gleichgltiges
Gesprch verwickelt, whrend die dringendste Frage auf meinen Lippen schwebte.
Die Grfin ma mich mit ihren groen vielsagenden Augen, und sagte hinterher, in
gebrochnem Deutsch, mit der lieblichsten Stimme, ein schmeichelndes Wort. So
hielten mich beide gefangen, und ich verzweifelte fast, irgend etwas Nheres zu
erfahren, da des Grafen wortreiche Hflichkeit mich immer mehr in mich selbst
zurckdrngte, als dieser hinzusetzte, er habe nicht gehofft, seiner Viola so
bald eine Freundinn zuzufhren, da er erst seit wenigen Stunden von der Heirath
seines Freundes unterrichtet sei. Dieser Nahme berflog jede anderweitige
Rcksicht. Ich bitte Sie, rief ich, ihn unterbrechend, kannten Sie in Neapel
eine Viola, welche den Schleier nahm, die mein Bruder Eduard von Mansfeld -
Viola lag schon lngst zu meinen Fen, drckte meine Knie an ihre Brust und
rief unter lautem Weinen: ich - ich - die arme Viola. - Mit stummer Verwunderung
blickte ich auf sie und den Grafen, der, eine kleine Verlegenheit verbergend,
sich von mir abwandte; inde bald darauf mit beispielloser Ruhe sagte: htte ich
ahnden knnen, wie nahe jene Begebenheit Sie angeht, ich wrde Sie ohnfehlbar
vorbereitet haben, denn ich hasse sicher nichts so sehr als Erschtterungen, die
den gebildeten Menschen aus dem schicklichen Gleichgewicht reien. Jetzt ist
inde die Entdeckung gemacht, und ich zweifle nicht, wir Alle gewinnen bald die
Fassung wieder, die wir dem uren Anstand schuldig sind. Die Grfin lag wie
zerschmettert am Boden, und schien auf nichts zu achten. Ich fuhr aufs neue wie
ein Blitz durch den ruhigen Gang seiner Rede, indem ich dringend nach meinem
Bruder fragte. Verzeihen Sie, erwiederte er gtig, wenn ich dieser Frage nicht
frher zuvorkam, ich glaubte Sie besser unterrichtet. Herr von Mansfeld ist
wohl, und in diesem Augenblick auf einem Schiff, das nach Constantinopel unter
Segel ging. Um jede verletzende Erklrung, fuhr er fort, schnell zu beendigen,
sage ich Ihnen noch, da Viola zwischen mir und dem Schleier zu whlen hatte,
da ein kurzer Aufenthalt im Kloster, der Anfang des Probejahrs, sie auf immer
mit einer so dstern, ihrem Gemth wenig angemessenen, Zukunft entzweite, und
sie es vorzog, eine fremde Blume, in deutschen Wldern zu glnzen, als zwischen
hohen Mauern zu verschmachten. - Lassen wir jetzt, setzte er lchelnd hinzu, die
kleine Wolke vorberziehn, glauben Sie mir, der heitre italienische Himmel
durchbricht diese Nebelstreifen leicht! Ich blickte auf die schone Frau, der ich
um so weniger feind sein konnte, da sie durch ihr unsttes Betragen jeden
Einflu auf das knftige Schicksal meines Bruders verloren hatte. Diese
Sicherheit und die Freude, ihn wohl und krftig neuen Unternehmungen entgegen
eilen zu sehen, setzte mich schnell ber die augenblickliche Strung hinaus. Ich
wandte mich vershnt zu Viola, die sich willig an mir aufrichtete und in ein
andres Zimmer fhren lie. Es gelang mir bald (indem ich sie franzsisch
anredete) ihr Vertrauen ohne Rckhalt zu gewinnen. Sie klagte sich selbst mit
vernichtender Reue an, und beweinte in ihrer dunklen Zukunft alle verlorne
Freuden der Liebe. Allein whrend die glhendste Phantasie sie immer weiter und
weiter fortri, schuf sie sich selbst die besten Trostgrnde, und endete damit,
ein behagliches Licht auf ein Leben zu werfen, in welchem, wie in ihrem
Ideengange, Eines ganz natrlich aus dem Andren zu entspringen schien. Ich
kannte die Fertigkeit wenig, Ursach und Wirkung so geschickt zu folgern, da
alles gerade und eben dasteht, whrend der eigentliche Grund der Handlung in den
innren Tiefen des Gemths verschttet wird. Daher blieb ich in dem knstlichen
Netze gefangen, und schwieg, wie es mir nachher oft geschah, ohne gleichwohl
eine innre Unbehaglichkeit los werden zu knnen. Mit unwiderstehlicher Anmuth
schmiegte sie sich darauf an meine Brust, und bat mich, sie nicht auf dem
einsamen Wege zu verlassen, den ihr jetzt des Grafen kaltes Herz vorzeichne. Ich
habe niemals dem Zauber ihrer Worte und Mienen widerstehen knnen, und wie bei
ihr bestechende Erinnrungen die Ungleichheit unsrer Gemther ausglichen, so
hielt mich der glnzendste Farbenschmuck einer glhend weiblichen Natur an sie
gefesselt. Ich sicherte ihr eine Freundschaft zu, die durch lange Jahre
unerschttert blieb. Als wir bald nachher zu den Herren zurckkehrten, fanden
wir sie im Gesprch vertieft ber italienische Weine, und die Mglichkeit,
hnliche Sorten auf unsern kalten Boden fortzupflanzen. Ich mute aufs neue ber
die gemene Haltung des Grafen staunen, die Violas Leichtigkeit, in jeden
Gegenstand der Unterhaltung einzugehn, nichts nachgab. Ich gerieth in
Verlegenheit, die ganze Begebenheit fr einen Traum zu halten, da auch die
leiseste Erinnrung daran verwischt schien, und wirklich ist nie wieder
ffentlich die Rede davon gewesen, ob wir gleich von da an fast unzertrennlich
verbunden blieben. Ich brachte nach diesem Tage die meiste Zeit auf dem
Falkenstein zu, wo die Grfin bald ein neues Leben verbreitete, das fast
spottend an dem alten Geist dieser Mauern vorberzog. Der Graf sonnte sich im
Glanz seines Hauses, und sah es gern, da Viola den rauhen Einflssen des Klimas
wie dem farblosen Einerlei geselliger Unterhaltung zu Hlfe kam, wobei Kunst und
Sitte sie immer auf der Bahn des Schicklichen erhielten. Allein ohnerachtet
dieser stets erneueten Anregungen, versank sie dennoch augenblicklich in eine
Abspannung und ein Mibehagen, das sich nicht selten mit zerreiender Heftigkeit
in bittern Thrnen auflste. Mir schien es oft, als ruhe irgend etwas in ihrer
Brust, das sie drcke, ohne es gleichwohl kund geben zu wollen: weshalb ich auch
niemals in sie drang. Zu diesen innren Strungen kam noch die gnzliche
Unwissenheit, in der wir ber Eduards Schicksal lebten. Ich hatte mich vergebens
an den Gesandten in Constantinopel gewandt, und der Graf, der uns vielleicht
allein behlflich sein konnte, verscheuchte jedes Vertrauen dieser Art. Unter so
streitenden Einflssen ward Julius geboren. Viola hatte sich eine Tochter
gewnscht, und war mehr ber das Dasein des Kindes gerhrt, als erfreut. Oft sah
ich ihre Blicke schmerzlich auf den seinen ruhen und Erinnrungen einer Zeit
erwachen, wo Glck und Liebe Hand in Hand gingen. Als Du mir einige Jahre
darauf, nachdem ich lange kinderlos blieb, vom Himmel geschenkt wardst, beschlo
die Grfin sogleich eure Verbindung. Dieser Gedanke beschftigte sie angenehm
und lie sie den Verlust eigner Glckseligkeit weniger empfinden. Wie sie alles
an sich zog, was sie gewinnen wollte, so hingst auch Du mit solcher Liebe an
ihr, da Du nie von ihrem Arm fortzulocken warst, und jener Augenblick, der noch
in Deiner Erinnrung lebt, war einer von den vielen, wo sie Deine Aufmerksamkeit
durch Gesang und Erzhlung fesselte, ohnerachtet noch kein festes Bild in dir
haften konnte. So verflo uns die Zeit in Hoffnung und Glauben an eine heitre
Zukunft unsrer Kinder, als ich bei der Grfin ein trbes Nachdenken wahrnahm,
das sie hufig von allem Aeuern abzog. Sie verschlo sich Stundenlang in ihr
Kabinet und ging fter als gewhnlich zur Messe ins benachbarte Kloster. Einst
begleiteten ihr Gemahl und ich sie dorthin. Auf dem Wege sprachen wir ber die
seltsame Lage des Gebudes, das in sumpfigem Grunde, von Klippen umgeben, recht
wider Gewohnheit der Klster, de dasteht. Darber, sagte der Graf, giebt die
Geschichte meines Hauses vlligen Aufschlu, und wenn auch der dumpfe Glaube
meines Ahnherrn manches Wunderbare hinzusetzte, so liegt doch eine zuverlssige
Wahrheit zum Grunde. Wir drangen in ihn, uns das Nhere mitzutheilen. Frauen,
erwiederte er lchelnd, lieben alles, was sie aus dem eintnigen Gange ihrer
Bestimmung hinauszieht, und staunen mit offnen Sinnen an, was diese beweglichen
Sinne ungewohnt anregt, vorzglich hat Sie, liebe Mathilde, ihr abgeschlones
Leben noch begieriger auf dergleichen gemacht, und darum hren Sie nur.
    Vor mehrern hundert Jahren herrschte eine Frau von Falkenstein ber diese
Gegend, die, wie die Sage erzhlt, in geheimer Verbindung mit den Geistern des
Waldes stand. Durch diese wute sie, da ihre Shne einander nach dem Leben
trachten und Unheil ber ihr Geschlecht bringen wrden. Sie beschlo daher, zu
Gunsten des Einen den Andern bald nach seiner Geburt aufzuopfern, und lie ihn
zwischen diesen Klippen, die damals ein reiender Bach durchzog, aussetzen. Der
Aeltere wuchs nun ungestrt heran, ward tapfer und fromm, weshalb er auch eine
Reise nach dem heiligen Lande unternahm. Die Mutter verwaltete whrend dem die
Geschfte, und erwartete ungeduldig seine Rckkehr; allein nach zwei langen
Jahren kamen seine Begleiter ohne ihn zurck und meldeten seinen Tod. Die Frau
vom Falkenstein sah nun alle ihre Erwartungen vereitelt, entzweite sich mit der
Welt und ihren verbndeten Geistern und beschlo keinen Fu aus ihrer Burg zu
setzen, weshalb auch nach und nach Sand und Steine die Zugnge bedeckten. Da
trat einst ein Bettler in ihren Hof, und bat sie dringend um die Erlaubni, den
Schutt von ihrer Schwelle wegrumen zu drfen. Sie gestattete das, ohne sich um
die Ursach einer so seltsamen Bitte zu bekmmern. Nicht lange darauf kam der
Bettler voller Freuden zu ihr hin, zeigte ein breites, schnes Schwerdt, das er
unter dem Schutte gefunden hatte und welches er fr das seine erklrte, wobei er
eilend hinzusetzte, da er, in der Wildni aufgewachsen, endlich in eine
Schmiede gerathen sei und dies Gewerbe mit Lust gelernt und getrieben habe. Nun
sei vor kurzem ein kleiner, grauer Mann auf einem weilichen Pferde gekommen,
welches er habe beschlagen lassen. Whrend der Arbeit habe er ihm einen goldnen
Siegelring gegeben und gesagt: er solle das dazu gehrige Schwerdt, welches am
Knopf ein hnliches Zeichen fhre, sorgfltig unter Trmmern und Steinen alter
Vesten suchen, und msse er auch Jahrelang als Bettler umherwandern; beides
gehre seinem Vater, und werde ihm zu hohen Ehren bringen. Die beglckte Mutter
erkannte sogleich die Waffen ihres Gemahls, und den Bettler fr den einst
freventlich geopferten Sohn, den sie unter besonderm Schutz der Geister whnte
und ihn mit erhhtem Glauben in seine Wrden einsetzte. Sie beschlo sogleich,
hier am Rande des Baches eine Kapelle zu erbauen, und ging oft mit ihrem Sohn
dahin, der Arbeit zuzusehen. Da kam eines Tages derselbe kleine Mann im Gefolge
eines schwarzen Ritters auf sie zu, indem er neckend sagte, jetzt sei es Zeit,
das gefundne Schwerdt zu brauchen, worauf er sich schnell wieder zwischen den
Klippen verlor. Der schwarze Ritter aber rief der erschrocknen Frau zu, warum
sie es dulde, da ein Fremdling in seinem Eigenthum herrsche, und ob sie so
seine Rckkehr zu feiern gedchte? Ohne eine Erklrung zu erwarten, fielen sich
nun die Brder in wildem Grimm an und strzten bald darauf sterbend nieder. Der
Bach stockte den Augenblick, nur die Erde blieb feucht von dem Blute der
Erschlagnen.
    Der Graf lachte hier laut ber mein ngstliches Aussehen, da ich wirklich
unwillkhrlich zusammen fuhr, wie wir ber den nassen schlpfrigen Boden
hingingen. Das Abentheuerliche der Geschichte abgerechnet, fuhr er fort, ist es
wahr, da sich hier zwei Brder erschlugen, und da die Mutter auf derselben
Stelle das Kloster errichten lie, weshalb ihr steinernes Bild noch darin
aufbewahrt ist. Jesus! rief Viola, und ich sah sie bleich und zitternd an des
Grafen Brust sinken. - Mein Gemth war so ergriffen von den eben empfangenen
Eindrcken, da ich berall hnliche Schrecken sah und ganz trostlos rief: sie
stirbt, sie stirbt! Der Graf, durch nichts erschttert, trug Viola zu einer
Anhhe, die eine freie Aussicht in das Feld erffnete, aus welchem uns die Luft
rein und erfrischend entgegen wehete. Hier erholte sich die Grfin bald genug,
um ber einen Zufall zu lcheln, der, wie sie sagte, leicht htte glauben
lassen, jene mhrchenhafte Sage knne solche Gewalt ber sie ausben. Ich war
nicht einen Augenblick im Irrthum hierber, erwiederte der Graf; allein unsre
Freundin, die alles zu ernst und wichtig fr das wirkliche Leben nimmt, sah Dich
schon von den feindlichen Geistern der Falkensteine gefangen. Wir scherzten bald
alle ber die Begebenheit, und als wir bei unsrer Rckkehr Besuch aus der
Nachbarschaft antrafen, berlie sich Viola der allerheitersten Laune, die sich
immer mehr steigernd, zuletzt alles wie im Rausche fortri. Ich war daher sehr
berrascht, als sie in der Nacht ernst und mit sichtlicher Anstrengung vor mein
Bett trat. Erschrick nicht, liebe Mathilde, sagte sie leise, ich habe mit Dir zu
reden, und Du mut besonnen sein, um mich anhren zu knnen. Sie zndete darauf
mehrere Lichte an, und vertheilte sie so, da das ganze Zimmer hell erleuchtet
war, dann setzte sie sich zu mir, und, indem sie den Kopf fest in meine Kissen
verbarg, sagte sie: ich bin thrigt genug gewesen, eine Unruhe bertuben zu
wollen, die schon lngst an mir nagt und gestern stechend hervorgerufen ward. Es
ist vergebens, ich bin erschpft und kann den peinlichsten Vorstellungen nicht
lnger widerstehn, die nun mit doppelter Gewalt ber mich herfallen. Sie schwieg
einen Augenblick und berlie mich einer unbestimmten, fast scheuen Begier, mehr
zu erfahren. Schon vor mehrern Monaten, hub sie nach einer Weile an, whrend
ich, ber sie gebeugt, mit gespannten Mienen meine Blicke auf sie heftete, schon
vor mehrern Monaten trumte mir, ich hre in der Klosterkirche die Messe, und
wolle nun den Rckweg antreten. Es war, als sei der Graf mit mir, denn ich sah
mich wiederholt nach jemand um, der zu mir gehrte und in der Kirche
zurckblieb, weshalb ich auch den rechten Ausgang verfehlte. Ich stieg mehrere
Stufen hinunter und lief lange in den dunklen Gngen umher, wobei ich eine
entsetzliche Angst vor dem Fallen hatte. Endlich kam ich wieder in die Kirche
zurck. Es war Niemand mehr darin, die Kerzen waren ausgelscht und alle Zugnge
verschlossen. In der bittren Noth schrie ich laut um Hlfe; da bewegte sich das
groe steinerne Bild der Ahnfrau und schritt auf mich zu. Ich wollte fliehen;
allein sie fate mich, und als ich recht hinsehen mute, erblickte ich zwei
wunderschne Knaben an ihrer Hand, wovon der eine, wie eben geschones Wild,
stark an der rechten Seite blutete. In dem Augenblick ffnete sich die Pforte,
mir war, als hrte ich eine bekannte Stimme, und ich strzte mit dem blutenden
Knaben heraus. Der Traum lie einen Eindruck zurck, den die Gewiheit, aufs
neue Mutter zu werden, mit jedem Tage schrfte. Du kannst nun begreifen, wie
mich die Erzhlung des Grafen, die mir erst den rechten Aufschlu gab,
erschttern mute. Liebe Viola, sagte ich fast so bewegt als sie, Dein Zustand
fhrt ganz naturlich schwere Trume und dstre Vorstellungen mit sich. Das darf
Dich weiter nicht befremden, la sie nur nicht so unbeschrnkt ber Dich
herrschen, Du wirst das alles sicher in Kurzem leichter ansehn, und die Erste
sein, die darber lacht. Viola blieb inde still und sinnend. Von da an konnte
sie nichts zerstreuen, und ich wei nicht, ob es ein Glck zu nennen ist, da
sie, durch innre Qualen zerstrt und aufgerieben, vor ihrer Niederkunft an einem
Nervenfieber starb.
    O gewi, gewi, fiel Luise schnell ein, denn so etwas, das unaufhrlich im
Innern drckt und nagt, ist zehnfacher Tod. Das kennst Du doch wohl schwerlich
aus Erfahrung, sagte die Mutter. Nein, erwiederte Luise; allein schon der bloe
Gedanke daran hat so etwas Peinliches fr mich, da ich ihn nicht lange
festhalten mag.
    Mathilde bemerkte, da es khl werde, und lie sich nach Hause fhren. Hier
begrte sie der alte Georg mit der herzlichen Theilnahme, die er fr alles
empfand, was seinem Herrn theuer war. Luise freuete sich, jemand zu sehen, der
Viola gekannt und lange Zeit auf dem Falkenstein gelebt hatte, da ihre Phantasie
kein andres Bild festhalten konnte und unaufhrlich in jenen Kreisen
umherschweifte. Allein Georg blieb hierber sehr einsilbig. Die Grfin hatte nie
in seine einfache Art und Weise gepat und er fand an manchem Aergerni, was den
Sitten seines Landes fremd war. Luise schalt den guten Alten herzlos, und rief
sich selbst jeden interessanten Moment aus Mathildens Erzhlung herauf.
    Sie starb also, sagte sie am Abend zu ihrer Mutter, ohne Eduard
wiederzusehn? Erfllte er denn nicht noch in den letzten Augenblicken ihre ganze
Seele? Ich habe Dir gesagt, erwiederte Mathilde, da die Grfin zuletzt nur
einen Gedanken festhielt, der alle Erinnerungen erstickte. Mein Bruder war
lngst fr sie, wie fr mich, verloren, da wir wohl Beide nicht lnger an seinen
Tod zweifeln konnten, seit der Graf einst unaufgefordert von ihm sprach, und
versicherte, keine Nachforschungen gespart zu haben, ohne gleichwohl etwas
Beruhigendes zu erfahren. Ihn hatten wohl frher die Wellen begraben und alle
Gluth seines kranken Herzens gestillt!
    Mathilde ffnete, whrend sie sprach, ein elfenbeinernes Kstchen, das sonst
immer verschlossen auf ihrem Schreibtisch stand und von jeher Luisens
Aufmerksamkeit erregte. Wohl tausendmal hatte diese mit einer Nadel an dem
feinen Schlchen gedreht, und erwartet, es solle aufspringen und ihr die
verdeckte Herrlichkeit zeigen. Heute geschah nun ganz von selbst, was sie so
lange wnschte: der Deckel sprang auf und Mathilde zog unter einem Packet
Papieren eine goldne Kapsel hervor, die Eduards und Violas Bildni enthielt.
Luise betrachtete wehmthig die edlen Zge, die in Glck und Freude erblht, in
eine Zukunft voll Schmerz und unerfllten Hoffnungen hinaussahen. Viola war
einfach, dennoch der herrschenden Mode zuwider, phantastisch gekleidet; farbiger
Stoff wand sich vielfach, wie ein Turban, um ihr dunkles Haar und ein hellblauer
Mantel hing nachlssig ber der rechten Schulter. Beides gab ihr ein fremdes
Ansehn, das Luisen besonders wohlgefiel. Die groen, wunderbaren Augen und das
feine Lcheln um den schn geschweiften Mund, wurden ohnehin durch den
orientalischen Kopfputz noch mehr herausgehoben. Eduard trug eine rothe Uniform,
die unmittelbar in die heutige Zeit versetzte. Schne Zge im reinsten
Verhltni, ein frisches, festes Ansehen und blondes Haar zeigten den
Norddeutschen unverkennbar an.
    Als Luise die Kapsel wieder zu den Papieren legte, bemerkte sie, da diese
von einer breiten Flechte der schnsten schwarzen Haare zusammengehalten wurden,
whrend ein kleines Siegel, gleichsam zum Wahrzeichen, darber hing. Dies
Packet, sagte Mathilde, ihren Blicken folgend, fand ich nach dem Tode der Grfin
in einem verborgenen Fach ihres Schreibetisches. Da es versiegelt war, durfte
ich es nicht erffnen, und aus andren Rcksichten mochte ich es nicht
verbrennen. Viola hatte eine Freundin in Neapel zurckgelassen, die frher ihre
Vertraute war und von der sie fters Briefe empfing, die sie jedesmal sehr
bewegten. Wahrscheinlich sind dies jene Briefe, deren sorgfltiges Aufbewahren
von einer innren Wichtigkeit zeugt. Ich erwartete lange, da man sie
zurckfodern wrde, da ich ohne hinlngliche Gewiheit sie unmglich fremden
Hnden zuschicken konnte. So sind sie denn bis hieher unversehrt in dem Kstchen
geblieben; jetzt mge Julius darber entscheiden, dem ich sie nchstens zu
bergeben gedenke. Knnten es nicht Briefe von Eduard sein? fragte Luise. Nein,
erwiederte Mathilde, das Kstchen verschlieend; ein flchtiger Blick auf die
Handschrift hat mich vom Gegentheil berzeugt.
    Beide schwiegen eine Zeitlang, in eignen Gedanken verloren. Liebes Kind, hub
Mathilde nach einer Weile an, ich sah noch einmal in die Vergangenheit zurck
und lie jene Begebenheiten an Dir vorbergehn, um Dich von dem Glck zu
berzeugen, das Deiner in einer Verbindung erwartet, die stille Anhnglichkeit
in ungestrtem Fortschreiten grndete. Glaube mir, jene leidenschaftliche
Wallungen, die den Sinn aus der Ferne durch ein scheinbar regsames Leben
bestechen, welken die eigentliche Frische des Gemths und geben ihm eine blo
krnkliche Heftigkeit, die aus Mangel an Kraft entspringt. So verwirrt sich der
Mensch im Innren und findet niemals wieder das rechte Gleichgewicht. Deine Liebe
zu Julius ist mit Dir aufgewachsen und hat sich mit allen andren Krften Deiner
Seele zugleich entwickelt. Ich lie Dich den Weg ungehindert fortgehn, der Dich
einer ruhigen Bestimmung zufhrt. Nichts widersprach Deiner Neigung, und reizte
sie, ihre Schranken zu berfliegen. Kein ungewhnliches Ereigni unterbrach den
einfachen Gang Deines Lebens. Die Welt, mit allem was sie Tuschendes enthlt,
blieb Dir fremd. Du trittst jetzt an der Hand des edelsten Mannes in einem
Augenblick hinein, wo sehr ernste Pflichten Deine Aufmerksamkeit fodern. Wie
sollte ich an Deinem Glck zweifeln, wie solltest Du je etwas Wnschenswertheres
begehren knnen? Ich wei nicht, warum mich dennoch Deine regsame Phantasie, die
jedes neue Bild begierig auffat, warum mich Dein heftiges Gemth, selbst in
seinen edelsten Aufwallungen, ngstet. Du bist jetzt so oft gedankenvoll; ich
sah Dich wohl frher die Hand nach Kleinigkeiten ausstrecken, um sie bald darauf
gleichgltig zurckzuziehen. Dein Sinn schweift umher, auch jetzt - Du hrst
mich nicht - Luise! - Liebe Mutter, erwiederte jene, ich denke an Julius, und
wie es mglich ist, da er seinen beiden Eltern so unhnlich ward. Mchtest Du
ihn anders? fragte Mathilde ernst. Auch ist er ihnen, fuhr sie fort, nicht so
unhnlich als Du denkst; ihre gnzlich widersprechende Naturen haben sich sehr
glcklich in ihm verschmolzen, und was uerlich schwer und trbe an ihm haftet,
das hat ihm des Grafen absichtsvolle Erziehung gegeben, der, allen natrlichen
Anlagen zuwider, einen schlauen Weltmann aus ihm bilden wollte, und eben dadurch
den freimthigen Knaben mimthig und unsicher machte. Wie es wohl auf dem
Falkenstein aussehen mag? fragte Luise, durch neue Vorstellungen abgezogen: hat
die Zeit nicht allmhlig alle Spuren von Violas Glanz verwischt? Ich wei es
nicht, erwiederte Mathilde, seit dem Tode Deines Vaters, der der Grfin bald
folgte, bin ich nicht dort gewesen. Allein sowohl der Graf, als neuerlich der
Baron Veltheim, Julius Vormund, sollen alles wohl erhalten haben. Sie schwieg
hier, durch Luisens stetes Abspringen verletzt, und beide trennten sich bald
darauf, beklommen, und im Gefhl eines innern Miverstehens, gengstet.
    Als Luise am folgenden Morgen die Augen aufschlug, stand Mariane, die
Kammerfrau ihrer Mutter, mit bekmmerten Mienen vor ihrem Bette, und schien den
Augenblick ihres Erwachens erwartet zu haben. Ach, liebes Frulein, hub sie
sogleich an, die gndige Frau hat die ganze Nacht hindurch gelitten und ist
jetzt krnker als zuvor; Sie werden am besten bestimmen knnen, ob man den Arzt
holen soll? Luise war an das stete Uebelbefinden ihrer Mutter gewhnt, und
wute, da es nie gefhrlich ward; allein jetzt traf diese Nachricht ihre vom
Schlaf befangnen Sinne so unerwartet, da sie lange wie betubt vor sich hinsah,
und nicht den Muth hatte, ihr dumpfes Gefhl zu befragen. Gleich, gleich, rief
sie, halb trumend, Marianen zu, und schlich sich, von innrer Angst gelhmt, an
Mathildens Thr. Hier war alles still; sie trat leise hinein an das Bett der
Kranken, die grnseidnen Vorhnge waren zugezogen, sie konnte nichts sehen,
hrte inde schnell und hohl athmen. Mit zitternder Hand theilte sie ein wenig
die Gardine, und sah die geliebte Mutter mit zurckgebognem Kopf und halboffnen
Augen im ngstigendsten Fieberschlaf daliegen. Luise beugte sich ber sie hin
und bemerkte mit Entsetzen ein innres Zucken der Nerven, das wie ein Blitz ber
das Gesicht hinfuhr. Zum erstenmal in ihrem Leben traten die Schrecken des Todes
vor sie hin, zum erstenmal fhlte sie deutlich, da das treueste, liebevollste
Herz sich von dem ihren losreien werde. Sie strzte, halb bewutlos, aus dem
Zimmer und rief wiederholt: den Arzt, um Gotteswillen den Arzt. Man traf alle
Anstalten; allein die nchste Stadt war ber zwei Meilen. Der Doktor, oft
verreist, kam erst am andern Morgen, nachdem Luise die Nacht unter den
heftigsten Qualen an Mathildens Bett zugebracht hatte. Es war ein kleiner,
wohlbeleibter Mann; voller Kenntni, allein unaufhrlich mit sich selbst
beschftigt, so lange die dringendste Noth nicht seine ungetheilte
Aufmerksamkeit forderte. Daher unterhielt er Luisen zuerst mit vielen Worten von
seinem eignen Uebelbefinden in den letztern Tagen, und trat ganz sorglos zu der
Kranken, die, sich etwas ermunternd, voll Theilnahme auf seine Klagen hrte.
Luise hatte inde die Vorhnge aufgezogen und bemhte sich, in des Doktors Zgen
irgend ein entscheidendes Urtheil zu lesen. Dieser hielt Mathildens brennende
Hand in der seinen, ward immer ernster, und sagte endlich, durch die ungeahndete
Gefahr hingerissen: Mein Gott, der Puls intermittirt! Was heit das? fragte die
Kranke ruhig. Unregelmigkeit in der Cirkulation des Blutes, erwiederte er,
sich fassend; ich hoffe, es hat nichts zu bedeuten. Er trat in ein Nebenzimmer,
wohin ihm Luise sogleich folgte. Was heit es, lieber Doktor, rief sie mit
bebender Stimme, um Gottes willen, was heit es? Gefahr, liebes Kind, erwiederte
er bewegt, groe Gefahr. Ach retten Sie! schluchzte sie, ihn mit beiden Armen
umschlingend. Das vermag Gott allein, erwiederte er; thun will ich, was ich
kann, das Uebrige mu man erwarten. Erwarten - dachte Luise; wer hat hier Muth
und Besonnenheit, auf eine langsame Wirkung der angewandten Mittel zu hoffen!
Das Schrecklichste sieht mir ganz nahe, ich mu es weggerumt wissen, oder
erliegen!
    Sie konnte von da an nur Augenblicke an Mathildens Bett zubringen. Ihr
ganzes Innre war zu gewaltig aufgereizt, um irgend eine Fassung zu gewinnen.
Still weinend kniete sie hinter einem Schirm, der ihr inde nicht die leiseste
Bewegung im Zimmer entzog. Oft konnte sie es auch da nicht aushalten; sie
schlich leise zu der Kranken und harrte mit zurckgehaltnem Athem auf jede ihrer
Bewegungen. Mathilde reichte ihr dann, wehmthig lchelnd, die Hand, und Beide
wandten das Gesicht ab, um die hervorbrechende Thrnen zu verbergen.
    So schlichen die Stunden langsam hin; niemand wagte seine innre Angst
auszusprechen. Jeder ahndete und schob dennoch die Gewiheit des nahen Unglcks
schaudernd zurck.
    Gegen Abend bemerkte Luise, da ihre Mutter ganz still werde. Mariane
glaubte, sie schlafe, und sa ruhig zu ihren Fen. Nach einer Weile ffnete sie
dennoch die Gardinen, und da sie Mathilden wachend fand, fragte sie, ob sie
leide und ob nichts zu ihrer Erleichterung geschehen knne? Nein, gutes Kind,
antwortete diese mit ihrer gewohnten Milde, mir fehlt nichts, ich wnsche auch
nichts mehr - aber die lange, lange Trennung! - Hier schlug eine Uhr, die Viola
einst, ihres knstlichen Glockenspiels wegen, Luisen schenkte, sieben. Sieben,
wiederholte die Kranke langsam zhlend, ach nun mu ich noch siebenmal sterben.
- Hier hielt sich Luise nicht lnger; sie eilte hinaus in den Garten und warf
sich laut weinend auf den Boden. Ihre Arme streckten sich betend empor; aber
Worte und Gedanken verwirrten sich in abgerinen Tnen, die schreiend aus ihrer
Brust heraufdrangen. Der Himmel blickte im stillen Abendglanz auf sie nieder,
Blumen und Sterne begrten sich wie lang getrennte Freunde, und zwischen ihnen
hin glnzte der klare Strom in leichten, kreisenden Wellen. Da hrte Luise
jemand schnell den Lindengang heraufgehen, sie wandte sich und erkannte Julius,
der auf sie zu eilte. Meine arme, arme Luise! rief er, sie an seine Brust
drckend. Du weit? fragte sie. Alles, alles, erwiederte er; Georg hat nicht
gesumt - O Julius, sagte sie, die schnen Hnde dankbar faltend, Dich hat Gott
gesandt. Komm nur - komm. Sie gingen stumm neben einander hin. In Julius Zgen
malte sich der tiefe Schmerz einer starken Seele, die, Klagen verschmhend,
still im Innern ringt. Luise wagte nicht, an ihm hinauf zu sehen. Seine Blicke,
die zwischen eigner Verzweiflung und anscheinender Ruhe kmpften, drckten sie
doppelt nieder. Langsam, den Augenblick der Entscheidung vor sich hindrngend,
kamen sie zu Mathilden zurck. Sie sa, von Marianen untersttzt, aufgerichtet
im Bett, und schien ihre Blicke auf die Uhr zu heften. Bei ihrem Eintreten
bellte der kleine Hund, der whrend diesen Tagen nicht von der Kranken wich, und
als diese Julius erkannte, rief sie neu belebt: Gott Lob, mein Sohn, mein lieber
Sohn! Julius Festigkeit erlag bei dem ernsten Ton dieser gebrochnen Stimme.
Seine Thrnen rannen unaufhaltsam, er konnte kein Wort hervorbringen, und als er
beim unsichren Schein der Lampe nach und nach die verfallnen Zge des geliebten
Gesichtes wahrnahm, barg er seinen Kopf in die Kissen und gab sich ohne
Widerstand dem heftigsten Schmerze hin. In diesem Augenblick war Mathilde fr
ihn todt, und was nachher wirklich erfolgte, erregte nur den Wiederschein jenes
ersten heftigen Gefhls in ihm. Der Doktor nherte sich jetzt und wnschte, man
mge jede Erschtterung vermeiden. Wozu das? fragte Mathilde. Lassen Sie doch
die letzten, freien Ergieungen durch keine Rcksicht hemmen. Man erwgt ja das
Leben hindurch Vortheil und Schaden; in dieser Stunde darf uns dergleichen wohl
nicht stren.
    Ihre Augen belebten sich, whrend sie sprach und fachten in Luisen neue
Hoffnung an. Allein sie selbst fhlte wohl, da dieser rckkehrende Lebensblitz
nur ein Wiederschein des schwindenden Geistes sei, der noch einmal der lieben,
befreundeten Welt Lebewohl sagte; daher eilte sie, die gegnnte Frist zu
benutzen und wandte sich zu ihren Kindern, die, von tausend Gefhlen zerrissen,
sich fest umschlungen hielten. Lieber Julius, sagte sie, Deine unerwartete
Ankunft ist mir ein erfreuliches Zeichen. Luise wird nie allein siehn, im
Augenblick der Gefahr bist Du ihr zur Seite; schtze sie, mein lieber Sohn,
vergi nicht, da sie nun niemand mehr auf der Welt hat als Dich. - La jetzt -
fuhr sie nach einer Weile fort, den Prediger rufen, ich will zu des Himmels
Segen noch den meinigen fgen.
    Julius schwankte betubt zur Thr hinaus. Jetzt, dachte er, jetzt! mit
diesem blutenden Herzen! Luise fhlte nichts als die unbeschreiblichste Angst,
mit der sie unaufhrlich ihrer Mutter Hand kte und drckte und durch tausend
Liebkosungen den nahenden Tod zu besnftigen meinte. Mariane allein dachte an
die Trauung: sie pflckte einige Zweige von einem schnen Myrtenbaum und wand
sie zwischen Luisens Haar. - Der Geistliche trat bald mit Julius herein. Herr
Prediger, sagte Mathilde, sie sollen drei Menschen mit Gott vereinen, durch
Liebe und Tod. - Niemand konnte in dem Augenblick sprechen. Julius sah umher in
der dstren Krankenstube, auf Luisen, die der brutliche Kranz wie ein
Todtenopfer schmckte. Das also, sagte er in sich selbst, ist die lang
gewnschte, von Kindheit an ersehnte, Feier! Er reichte dem bleichen Mdchen die
Hand, die sich nicht von der Mutter losmachen wollte, und, indem sie Beide an
ihrem Bett knieten, ihre drei Hnde ineinander verschlang. Der Prediger stand
gegenber, sprach mit bebender Stimme den Seegen, und endete in folgenden
Worten: Der Tod ist verschlungen in den Sieg, und der Sieg leuchtet uns in der
Liebe, die das Band ist aller Vollkommenheit. - Hier schlug die Uhr Eins. -
Mathilde dehnte sich mit leisem Wimmern, und ihre kalte Hand hielt die ihrer
Kinder krampfhaft zusammen. Eilen Sie, rief der Doktor, wenn der Schreck ihre
Braut nicht tdten soll! Mathilde schlo die Augen, und Julius trug die
ohnmchtige Luise aus dem Zimmer.

                                  Zweites Buch


Der Wagen hielt vor der Thr, alles war bereit, Luise warf noch einen
wehmthigen Blick hinter sich und stieg an Julius Hand hinein. Als Georg den
Schlag zumachte, war ihr, als sei sie nun auf ewig von allen lieben Erinnerungen
der Vergangenheit geschieden. Der enge Raum, der sie umfing, ngstete sie. Sie
lehnte sich weit heraus, und grte im Vorbereilen, mit doppelter Herzlichkeit,
alle Bekannte des Dorfes, die vor den Thren standen und ihr laut Heil und Glck
wnschten. Auch der Geistliche bog sein weies Haupt zwischen grnen Weinranken
hervor und blickte segnend auf das junge Paar, das bis jetzt nur Dornen auf dem
neuen Lebenswege fand.
    Bei einer Beugung der Strae wurden Mathildens Fenster noch einmal sichtbar.
Sie glnzten hell in der aufgehenden Sonne und lieen die herabgelassenen
Vorhnge sehen, die sich dicht an das Glas anschmiegten. O Gott! O Gott! rief
Luise, seit vier Wochen sind sie geschlossen und ihre Hand wird sie nie mehr
ffnen! Sie drckte sich fest in die Ecke des Wagens und weinte, von erwachenden
Schmerzen ergriffen. Julius bemhete sich, ihr etwas Trstliches zu sagen;
allein er frchtete jetzt, wie so oft, das Rechte zu verfehlen und ihr Gefhl
durch irgend ein gewagtes Wort zu verletzen, daher schwieg er ganz und berlie
sie ihren eignen Vorstellungen.
    Sie fuhren lange Zeit ber weiten Ebnen zwischen vollen Kornfeldern hin,
die, auer dem behaglichen Gefuhl des reichen Gewinnes, die Sinne unbeschftigt
lassen. Da trabte ein junger, blonder Mann auf einem schnen Pferde vorbei; ihm
folgte in einiger Entfernung ein Knabe in grner Livree, der einen kleinen
trkischen Schimmel ritt. Luise blickte unwillkrlich auf; das feine kindliche
Figrchen auf dem weien Pferde sah fast weiblich aus und erweckte in ihr die
Lust zu reiten, die sie schon lngst hegte, ohne sie in ihrer abgeschlonen Lage
befriedigen zu knnen. Julius bemerkte nicht so bald das flchtige Wohlgefallen
auf ihrem Gesicht, als er, die Veranlassung errathend, sogleich ein erheiterndes
Gesprch anstimmte, und ihr selbst Gelegenheit gab, ihre kleinen Wnsche laut
werden zu lassen. Der Knabe, sagte er, erinnert mich, im Vorbereilen, an eine
junge Italienerin, die ihren Geliebten, in hnlicher Tracht, auf seinen
Streifereien begleitete, und mit vieler Gewandheit ein kleines Pferdchen nach
den wilden Launen ihres Freundes lenkte. Luise fand das sehr reizend, es pate
in ihre phantastische Welt und schmeichelte dem ihr eignen Wohlgefallen an jeder
ungewhnlichen Erscheinung. Sie hrte daher aufmerksam zu, als Julius fortfuhr.
Ich lernte Beide in Rom kennen, wo wir in einem Hause wohnten, ohne einander zu
Anfang eine groe Aufmerksamkeit zu schenken. Der junge Mann schlo sich inde
aus angebornem Widerspruch des Gemthes an mich an und sagte oft lachend, er
liebe mich der Natur zum Trotz, die uns in allen Richtungen unsres Innern von
einander geschieden habe. Wirklich war nichts Unhnlicheres zu finden und
dennoch widerstand ich seiner Liebenswrdigkeit nicht, die im steten Wechsel
immer einen originellen Charakter behielt. Ich habe es oft versucht, ein festes
Bild in der Erinnerung von ihm aufzufassen; allein das ist durchaus unmglich,
da in diesem Augenblick die sittigste Gewandheit, schmeichelnde Worte und
Mienen, ja inniges Gefhl, von den allerwildesten Ausbrchen toller Laune
verdrngt werden und, mitten aus diesem Tumult, der Verstand wieder klar und
besonnen hervortritt und ber die wechselnden Eindrcke lchelt, die solch
tuschendes Spiel erzeugt. Ich wei nicht, ob ihn diese Besonnenheit immer
leitet, ob er stets absichtlich handelt, oder ob seine brennende Phantasie ihn
fortreit, die er aus eigner Kraft dann selbst wieder zgelt und vielleicht sich
wie die Welt glauben lt, ruhige Ueberlegung leite seine Schritte. Ich mag bei
dem Letztern gern stehen bleiben, weil ich einmal ein bestechliches Wohlwollen
fr ihn empfinde, und auch nicht denken kann, da der Mensch, bei so groen
Anlagen, ein blo mechanisches Kunststck aus sich machen werde. Allein, er hat
mir fter gesagt: es sei die Schuld aller nicht Blindgebornen, wenn sie schwarz
fr wei ansehen. Die Phantasie der Meisten sei so arm, ihr Gefhl so nchtern,
da sie es immer dankbar annehmen, wenn man ihnen von auen etwas aufdringe, was
sie beschftigen knne. Es sei eine Lust, wie sie sich hin und her werfen
lieen, ohne nur einmal den Wunsch in sich aufkommen zu lassen, durch innre
Haltung solchem Spiel zu widerstehen. Dieser Zustand halben Denkens, diese
augenblickliche Anregung des Verstandes, der sich sogleich voll Eitelkeit ber
sich selbst erhebe und der Sache auf den Grund zu schauen meine, dies vornehme
Verachten jeder ungewhnlichen Handlung, alles dies thue den Menschen so wohl,
da sie zu Dutzenden in sein Netz liefen und, selbst nach erkannter Tuschung,
willig bei ihm aushielten.
    Luise fate einen lebhaften Widerwillen gegen solch Gemth und erklrte es
geradezu fr boshaft. Julius bestritt das und versicherte, da es ihm mit der
Verachtung der Menschen sicher nicht Ernst sei, da er ihn nicht selten mit
gnzlicher Selbstverlugnung fr Andre thtig gesehen und, ohnerachtet eigner
Zgellosigkeit, dennoch eine richtige Wrdigung des Guten in ihm gefunden habe.
Die Frauen, setzte er lchelnd hinzu, haben freilich Fernando nicht zu loben,
denn ob er gleich ihren Reizen huldigt, so sieht er dennoch in ihnen nur ein
liebliches Spielwerk, das man ohne sonderliche Reue zerbrechen und nach Gefallen
wegwerfen kann. Die kleine Francesca mute das erfahren; - ob sie ihn gleich mit
einer Ergebenheit liebte, die sie oft zur Vertrauten, ja Helferin, neuer
Abentheuer machte, so verlie er sie dennoch, um mich nach Paris zu begleiten,
wo er einen Theil seines Lebens zubrachte und alte Verbindungen wieder anknpfen
wollte. Sie gerieth ganz auer sich, als er sie am Abend vor unsrer Abreise auf
die ruhigsie Weise mit seinen Plnen bekannt machte. Sie berhufte ihn mit
Schmhungen und zerschlug sich mit den kleinen Hnden die Brust, um sein
trgerisches Bild darin zu vernichten. Er begegnete allen ihren Ausfllen sehr
sanft, lachte aber berlaut, als sie ihm auch Vorstellungen ber seinen
Wankelmuth machte. Du Neuling in der Welt! rief er, solche Thrnen sind morgen
getrocknet. Du bist unwiederbringlich verloren, wenn Du Dich von Ihnen bercken
lst. Sage mir, was sollte aus uns werden, wenn dies verfhrerische Geschlecht
alle Macht ber uns ausbte, die es gern ber den ganzen Erdkreis verbreiten
mchte! Sei kein Kind, Francesca, sagte er, die Kleine kssend, Du weit wohl,
wie kalt mich Auftritte dieser Art lassen und wie sie immer ihren Zweck
verfehlen. Verweine Deine schnen Augen nicht, Du kannst sie besser gebrauchen.
Ich war ganz emprt ber diesen Nachsatz; allein Francesca lachte mitten unter
ihren Thrnen, und sagte: geh nur! Du kommst doch wieder zu mir zurck, denn
Dich versteht Niemand so gut als ich, und Du bist nirgend so recht eigentlich zu
Hause, als in dem Umgang mit mir. Fernando gab ihr gern Recht, und wir brachten
den Abend sehr vergngt zu.
    Sie waren whrend dieser Unterredung, die Luisen einigermaen von sich
selbst abzog, nach Quedlinburg gekommen, wo sie die Mittagstunden zubringen
wollten. Die kleine schmutzige Stadt, das ungleiche Steinpflaster, das den Wagen
hin und her warf und sie zwang, langsam an den niedren Fenstern der Einwohner
vorber zu fahren, wobei sie unwillkrlich einen Blick in das Innre bedrftiger
Haushaltungen warfen, alle diese unerfreulichen Eindrcke wurden bei dem Anblick
des kleinen, grnen Jokeis, den Luise aus der Ferne vor der Thr des Gasthofes
wahrnahm, vergessen. Allein bei nherer Betrachtung zeigte sich's, da das
trkische Pferdchen und das zierliche Kasket, welches jetzt auf einem Pfeiler
der Treppe hing, dem armen Knaben allen Zauber und jede Aehnlichkeit mit
Francesca nahmen. Ein frisches, halberstdtisches Gesicht sah ihnen aus dnn
verschnittnem Haar entgegen, und verwischte alle Erinnerungen aus der
italienischen Welt. Julius lchelte im Vorbeigehn ber sich und die
Bestechlichkeit der Sinne, als ihnen der Wirth entgegentrat und sie hflichst
befragte, ob sie nichts dawider htten, mit einem anstndigen Herrn hier im
nchsten Zimmer zu speisen. Sie nahmen es an und traten hinein. In's Fenster
gelehnt stand ihr blonder Reisegefhrte, der sie, aus einem flchtigen Blick im
Vorbeireiten, erkannte und hflichst begrte. Das Gesprch ward bald, wie
gewhnlich im Leben, an unbedeutende Gemeinpltze angeknpft, die es denn
endlich ganz natrlich herbeifhrten, da der junge Mann, Jagdjunker eines
benachbarten Frsten, auf dem Wege zu dessen Residenz begriffen sei. Er hatte
eine etwas raube Stimme; sonst viel gutmthige Herzlichkeit, die leicht Eingang
fand; vorzglich war er aufmerksam um Luisen bemht und liebkoste tndelnd
Mathildens Hund, der sie nach dem Falkenstein begleitete. Julius sagte ihm: da
ihnen dies kleine Thier als ein liebes Andenken einer krzlich verstorbnen
Mutter sehr werth sei, wobei Luise ihre feuchten Augen senkte und die Rhrung
des Fremden nicht wahrnahm, der fast kindlich ausrief: ach Gott! ich habe meine
Mutter niemals gesehn und habe auch kein Andenken von ihr! Sein Gesicht drckte
dabei so wahr die Sehnsucht nach dem ungekannten Glcke aus, da Julius voll
Theilnahme seine Hand fate und alle Drei recht von Herzen zu reden begonnen. Es
zeigte sich nun bald, im Laufe der Unterhaltung, da der junge Mann ein Neffe
des Baron Veltheim und Julius, aus seiner Kindheit, unter dem Nahmen Carl
bekannt war. Sie hatten nicht sobald diesen gemeinschaftlichen Berhrungspunkt
gefunden, als die Familie des Barons Luisen aus manchen treffenden Zgen bekannt
gemacht, und der Wunsch, sie kennen zu lernen, in ihr erregt wurde, wobei Carl
lustig hinzusetzte, er kme sich dort wie ein Ostrogothe vor, da ihn die Tante
jeden Augenblick versichre: er habe nicht die geringste Leichtigkeit im Umgang
mit Frauen, keine Gewandheit in der Unterhaltung; eine Reise nach Paris knne
ihm beides allein geben, und, statt einen so untergeordneten Posten an einem
kleinen Hofe anzunehmen, htte er suchen sollen, in Verbindung mit einem
weltklugen Freunde, die Reise zu unternehmen. Der Onkel hingegen lebe in der
alten und neuen Literatur, rufe einen Kreis von Gelehrten um sich her, in
welchem er ihn gnzlich bersehe. Selbst in der Geflligkeit der kleinen Cousine
liege eine Art von Spott, denn sie rede von nichts als Hunden, Jagd und Pferden
mit ihm, und zeige wohl, da sie sich gtig bemhe, zu ihm herunter zu steigen.
Julius entschuldigte das mit der Unkunde der meisten Menschen, eine allgemeine
Unterhaltung herbei fhren zu knnen, wodurch allein die gesellige Mittheilung
frei bleibe und jeder in den Stand gesetzt werde, das Seinige dazu beizutragen,
ohne ihn auf eine angreifende Weise in den abgeschlossenen Kreis seines
tglichen Thuns und Treibens zurckzudrngen. Ja, sagte Carl, und das
Zurckdrngen hat denn noch den Fehler, da man es dem Andren gleich ansieht, er
ritte lieber seinen eignen Gaul, da er auf dem fremden mein Leben nicht recht im
Sattel ist. Die Leichtigkeit, fuhr Julius fort, in die abgeschlonen
Verhltnisse jedes Menschen einzugehen, wird grtentheils als der Gipfel der
feinern Bildung angesehen, aber es mu wie von selbst aus dem Vorhergehenden
entspringen und sich leicht und gefllig der allgemeinen Unterhaltung
anschlieen, sonst hat es etwas Demthigendes fr den, der einmal aus dem alten
Geleise heraustreten wollte und dem man dadurch freundschaftlichst winkt, stehen
zu bleiben. Das ist wahr! rief Carl ganz entzckt, das ist wahrhaftig wahr. Das
werde ich Emilien nchstens sagen, wenn sie mich wieder in meine Wlder schickt,
aus denen ich eben komme, um mit ihr ganz andre Dinge zu reden.
    Der Wagen war inde vorgefahren. Julius wnschte Luisen bald in ihr neues
Reich einzufhren und eilte daher, den Rest der kleinen Reise bald
zurckzulegen. Carl trennte sich wie ein alter Freund von ihnen, der sich in
ihrer Nhe leicht und wohl fhlend, ehestens zu ihnen zurckzukehren versprach.
-
    Ich erinnere mich, sagte Julius, als sie allein waren, da mein Vater fast
auf hnliche Weise wie die Baronin ber Carl urtheilte, und es hat sich dennoch
ein recht frischer, gesunder Sinn und zuverlssig ein treues Herz in ihm
entwickelt. Luise hatte in der Einsamkeit eine sehr gebildete Erziehung
genossen; sie besa viel Kenntnisse und war durch Mathilden an eine
unterrichtende, fast gewhlte, Unterhaltung gewhnt. Sie hegte daher eine Art
von Verachtung gegen alle Unwissenheit und bersah Menschen ohne hervorstechende
Gaben fast gnzlich. Carls Gutmthigkeit hatte sie bewegt, inde glaubte sie,
mitleidiges Wohlwollen sei nicht das Rechte, was Einer fr den Andern empfinden
solle. Julius versicherte sie, oft bei dem reichsten Schatz von Kenntnissen,
mehr Einseitigkeit und ermdendes Einerlei, als bei diesem offnen, freien
Gemthe gefunden zu haben. Frei? - wiederholte Luise, das bestreite ich, er
fhlt sich alle Augenblicke einmal beschrnkt und hat weder die Mittel, noch
sucht er die Wege, sich los zu machen. Liebe Luise, erwiederte Julius, verdamme
die Unbeholfnen nicht so gradehin, ein jeder hat seinen Kreis, in welchem er
sich frei bewegt; fhre ihn da heraus, so steht er wie Carl da, der wenigstens
gescheut einlenkt und seine Freiheit dadurch behauptet, da er nicht mehr will
als er kann. Ich wei wohl, fuhr er fort, da der Kreis des Einen grer ist als
des Andern; allein ein jeder zieht ihn sich am Ende selbst und kann nicht ber
seine Krfte hinaus. Manche, die weit ausholten, wurden am Ende auf den
Ausgangspunkt zurckgedrngt. Luise htte dagegen noch Manches einzuwenden
gehabt und meinte im Innern, dies sei aller Dumpfheit das Wort geredet; allein
sie war wenig zum Streiten aufgelegt, und kmpfte genugsam gegen manche
peinliche Vorstellungen, die sie bei der Annherung an den Falkenstein befielen.
Der Weg dahin ward immer verschlungener, das Gebsch dichter, und ein schwerer,
glhender Himmel machte die eingeschlone Gebirgsluft unertrglich; dazu kam,
da ein starker Gewitterregen Quellen und Bche angeschwellt und die Wege
berschwemmt hatte; sie konnten daher nur langsam auf dem schlpfrigen Boden
fahren. Luise war bemht, die trben Bilder, die auf sie zu traten, durch eine
Menge unzusammenhngender Fragen zu verdrngen; allein ihre Unruhe wuchs so
sehr, da sie endlich Julius bat, mit ihr den Berg hinan auf einem festen ebnen
Fupfad zu steigen. Er willigte gern ein, und Beide hatten Ursach, sich ber
diesen Entschlu Glck zu wnschen; denn nicht lange darauf schlug der Wagen mit
solcher Gewalt gegen einen Stein, den das bergetretne Wasser verbarg, da das
Rad absprang und der Wagen auf die Seite fiel. Luise that einen lauten Schrei,
da sie dies von fern sahe, und Julius gerieth in solche Wuth auf seine Leute,
als sei Luise wirklich beschdigt. Sie sah ihn zum erstenmal, durch die
losbrechende Heftigkeit seines Gemthes hingerissen, ohne Besonnenheit handeln.
Die Verlegenheit, in der sie sich befanden, zwang ihn inde, in sich selbst
zurckzugehn. Sie waren schon zu weit von der Stadt, um dort Hlfe zu suchen,
und eben so wenig wollten sie um solche Veranlassung jetzt nach dem Falkenstein
schicken, wo man sie in Lust und Freude erwartete. Julius erinnerte sich, da
hier in der Nhe die Wohnung eines Heidelufers sein msse, zu der jener
Fusteig, in gleicher Richtung der groen Strae, vorbei fhre. Er entschlo
sich, Luisen hinzufhren, und dort ein Mittel, wie ihnen schnell geholfen werden
knne, zu erfahren. Sie waren bald bei dem kleinen Huschen, das, wenige
Schritte davon, im Gebsch versteckt lag. Lieber Gott, sagte eine Stimme von
innen, schlage doch nur noch einmal, nur ein einzigesmal, die Augen auf! Julius
zog die Hand zurck, die schon die Thr gefat hatte; er besann sich einen
Augenblick und pochte dann leise an. Sogleich trat eine junge Frau heraus,
wischte die hellen Thrnen aus den Augen und erwiederte auf die Frage nach ihrem
Manne, mit angenehmer Stimme, da er dort im Hofe arbeite. Dieser trat jetzt zur
Hinterthr herein und stellte, die Fremden im Vorbeigehn grend, einige glatt
gehobelte Bretter in die Luft. Es wird wohl Noth haben, sagte die Frau, auf die
Bretter sehend, es ist bald vorbei! - Ein Sarg! dachte Luise, und schauderte
zusammen. Danke Gott, erwiederte der Mann, das Wurm hat viel gelitten! Julius
hatte nicht das Herz, sein Gesuch vorzutragen; allein der Mann fragte ihn gleich
darauf ganz ruhig, was zu seinem Befehle stnde, und meinte nach erhaltner
Auskunft, wenn es nichts als ein abgesprungenes und etwas beschdigtes Rad sei,
so knne er wohl allein helfen, ohne deshalb noch weiter zu gehn. Er versah sich
mit dem Nthigsten und machte sich sogleich mit Julius auf den Weg.
    Wollen Sie nicht hinein treten? sagte die Frau zu Luisen, ansteckend ist die
Krankheit nicht. Luise zgerte noch einen Augenblick und fragte, was es fr ein
Uebel sei. Das wei der Himmel, antwortete die Frau; seit dreizehn Wochen leidet
das Kind. Wir haben wohl einen Chirurgus befragt, aber das hat bei armen Leuten
keine Art. Man kann auch nicht alles so haben, - (sie waren whrend dem in ein
niedriges, enges Stbchen an das Bett der Kleinen getreten) und heute, fuhr die
Frau fort - sie konnte nichts weiter sagen, bckte sich zu dem Kinde und drckte
seine welke Hndchen an ihre Lippen. - Luise sah berall Spuren der
allerhchsten Drftigkeit; sie glaubte fast, da Mangel an krftiger Nahrung das
Kind, nach frher berstandner Krankheit, allein tdte, und dachte mit Wehmuth,
da so mancher unbeachtet hinstirbt, den oft eine Kleinigkeit retten knne. Ein
kristallnes Bchschen ffnend, lie sie einen Tropfen starken Balsams unter die
Zunge der Kranken fallen, die sogleich stark nieste und die groen Augen
verwundert aufschlug. Mariechen, liebes Mariechen! rief die Mutter, kennst Du
mich? Das Kind schlo aufs neue die Augen und wandte sich auf die Seite. - Luise
schickte die Frau nach dem Wagen, indem sie ihr auftrug, sich dort den
mitgebrachten Wein und Zwieback geben zu lassen, und fuhr fort, der Kleinen die
Schlfe mit dem Balsam zu reiben. In Kurzem kam die Mutter zurck. Luise nahm
das Kind in den Arm und flte etwas Wein in den halbgeffneten Mund. - Nach
einer Viertelstunde ermunterte sich Marie, sah umher, und spielte mit Luisens
Fingern, an welchen mehrere Ringe glnzten. Liebe Frau, sagte diese, unter den
freudigsten Thrnen die sie jemals vergo, das Kind wird gewi besser, wenn es
alle Stunden, von jetzt an bis morgen Mittag, einen Lffel von dem Weine
bekmmt. Dann werde ich wieder herschicken und fr weitre Hlfe sorgen. Die Frau
fate Luisens Hnde, streichelte ihr die schnen frischen Wangen, bog sich dann
wieder zu der Kleinen, kte und drckte sie, ohne ein Wort hervorbringen zu
knnen. Nachdem ihr Luise noch manches ber die Behandlung der Kranken gesagt
hatte, fragte sie nach den nhern Umstnden der kleinen Haushaltung. Ach Gott,
sagte die Frau, ich bin von je her an Kummer und Trbsal gewhnt, und habe auf
Erden nichts, als den festen Glauben an die groe Gte des Himmels, die niemand
verderben lt. Mein Vater, der ein armer Nadler in Goslar war, lebte und starb
in dieser Ueberzeugung, und lie mich, voll Vertrauen, im vierzehnten Jahre,
ohne Beistand auf der Welt zurck. Unsre Nachbarn nahmen sich meiner an, trugen
mir allerhand kleine husliche Verrichtungen auf und gebrauchten mich zu
Auftrgen in der Stadt, wobei ich inde nur krglich mein Brod hatte, und, an
ein bestndiges Herumlaufen gewhnt, zu aller sitzenden Arbeit verdorben wurde,
daher es auch niemand einfiel, mich als Magd in den Dienst zu nehmen. Ich hatte
mehrere Jahre so verlebt, als es mir einmal schwer aufs Herz fiel, da ich doch
nirgend zu Hause sei, keinen Anhang habe, von niemand geliebt, hchstens aus
Mitleid geduldet werde. Ich wei es noch, es war an einem Sonntag, die Mdchen
aus der Stadt gingen geputzt nach der Kirche, ich hatte nichts in meinem
Vermgen, als einen schlechten Rock und eine zerrissene Schrze; ich sah betrbt
auf die Letztre und trocknete mir die nassen Augen damit. Ein hbscher Knabe
ging, mit dem Gesangbuch unter dem Arm, recht sittsam vorbei, und sagte sein:
Gott gr, Jungfer! so gutmthig, da ich ihm zurief: beten Sie fr mich, liebes
Kind, ich darf doch nicht in die Kirche hinein. Warum nicht? fragte eine etwas
rauhe Stimme. Es war Anton, den ich zum erstenmal in meinem Leben sah. Ich
schmte mich, vor einem fremden Menschen zu klagen, und schwieg. Er mochte wohl
was Arges denken, denn er wandte sich ab, als wolle er gehn, da sagte ich ihm,
da ich zu arm sei, um mir anstndige Kleider zu kaufen, und so abgerissen nicht
neben Andren sitzen wolle. Er schttelte den Kopf, drckte mir aber doch ein
blankes Stck Geld in die Hand und ging, ohne ein Wort zu sagen. Ich begegnete
ihm nach der Zeit oft. Er grte jedesmal und sah mir lange nach, wenn ich die
Straen entlang schwere Lasten fr geringen Lohn tragen mute. Einmal bot er mir
die Hand, erzhlte mir, da er einen kleinen Posten, ein Huschen unb eine
Strecke Landes zu einem Garten bekommen habe, hier drauen ganz allein wohne,
und mich, da er hre, da ich fromm und ehrlich sei, frage, ob ich mit ihm
hinausziehn und als seine Frau bei ihm leben wolle? Ich fiel wie aus den Wolken,
besah mich selbst verwundert, und wute nicht, was ich denken sollte. Er merkte
wohl, da ich nicht nein sagen wrde, und redete nun weitluftiger ber alles.
Wir wurden bald einig; ich hatte von da an keinen Willen als den seinen, und
hrte und sah auch berdem nichts, da mir das Huschen und der Garten immer vor
Augen schwebten. Ich dachte wohl an meinen Vater und dankte Gott recht aus
zufriednem Herzen. Meine ehemaligen Wohlthter schenkten uns allerlei zur
Einrichtung und wir zogen nach kurzer Zeit hierher. - Der arme Anton sah bald so
gut wie ich, da es mit der Herrlichkeit nicht weit her und das Brod fr zwei
knapp zugeschnitten sei. Er ist heftigen Gemths und erbittert sich selbst, wenn
es nicht so geht wie er denkt; darum verzweifelt er gar zu bald und hat keinen
rechten Glauben. Es ging denn auch freilich schlecht, ein schweres Wochenbett
machte mich zu harter Arbeit untchtig, und nun kam das lange Leiden mit dem
Kinde; es ging alles zurck, wir machten Schulden und geriethen in groe Noth.
Bis heute blieb ich inde voll Zuversicht; wenn ich so recht aus Herzensgrund
geweint hatte, dann fiel mir mein Vater ein, und der liebe Gott, der alles wohl
macht, und ich hoffte gleich aufs neue wieder. Aber vor ein paar Stunden, da
brach mit Mariechens Augen mein Herz und aller Muth zusammen. Ich wnschte mir
recht sndlich den Tod - und nun - ach du Herzenskind, sagte sie, und
betrachtete es mit Blicken, die Luisen in den Himmel erhoben. Julius und Anton
kamen jetzt zurck. Sieh doch, sieh! rief die Frau Letzterm entgegen, und zeigte
auf die Kleine, welche mit sichtlicher Lust von einem Zwieback a. Dahin hat es
die liebe, schne Dame in so kurzer Zeit gebracht. Julius betrachtete Luisen,
die, mit dem Kinde im Arme, wie ein Engel da sa und ihr verklrtes Auge freudig
auf ihn richtete. Anton hingegen lchelte unglubig und sagte, das wird nicht
lange whren, Angst und Noth sind nun einmal bei uns eingekehrt und kommen immer
wieder. Schme Dich, lispelte die Frau leise, vertraust Du nicht mehr auf Gott?
- Luise sah ungern ihr Gefhl gestrt, drckte dem zagenden Mann ein paar
Goldstcke in die Hand und eilte mit Julius zu dem Wagen, der sie unten
erwartete. Ihr war unbeschreiblich leicht und wohl ums Herz. Sie umfate noch
einmal die langen Leiden der armen Frau, die gleichwohl ihre Gefhle nicht
einengen und die Gemeinschaft mit Gott nicht aufheben konnten, und drckte dann
voll Dankbarkeit Julius Hand, der sie einer sorgenfreien, heitern, Zukunft
entgegenfhrte. Ihr war, als she ihre Mutter auf sie herunter und wiederhole
jene Worte: Wie sollte ich an Deinem Glcke zweifeln, wie solltest Du je etwas
Wnschenswertheres begehren knnen!
    So mit sich und ihrem Loose zufrieden, setzte Luise ihre Reise fort, whrend
sie mit Julius jede Mglichkeit erwog, wie den armen Leuten dauernd zu helfen
sei, und den kleinen Unfall segnete, der so viel Glck herbeigefhrt hatte.
Julius schmte sich seiner vorigen Heftigkeit, daher ging er um so eher in
Luisens Plne ein, das kleine Unrecht auf diese Weise vor sich selbst wieder gut
zu machen.
    Es war inde spt geworden. Der Mond stand hoch am Himmel, von den Wiesen
stieg ein frischer Dampf herauf, der sich wie ein Flor ber die grne Flche
hinzog. Glhwrmchen leuchteten, herabgefallnen Sternen gleich, aus den Bschen,
und kreisend durchzogen einzelne Vgel die Luft, um dann von den letzten
Geschften des Tages auszuruhen. Luise fuhr unwillkhrlich zusammen, als Julius
freudig rief: das ist der Falkenstein! Sie blickte auf. Graue Thrme sahen im
bleichen Mondenlicht zwischen Felsenwnden und dunklen Tannen hervor. Das ist
der Falkenstein, wiederholte sie langsam. Sie fuhren jetzt einem Wasserfall
vorber, der sich in einen breiten Graben ergo. Eine wohlerhaltne Zugbrcke
fhrte ber letztern in den Schlohof hinein. Luise trat mit wankenden Knien aus
dem Wagen, in das weite Portal, wo die Dienerschaft des Hauses sie unter tausend
Glckwnschen erwarteten. Willkommen, meine Luise! rief Julius aus bewegter
Brust; willkommen! tnte es von mehrern Stimmen durch die gewlbten Hallen.
Luise neigte sich freundlich gegen Alle und folgte Julius die Steintreppe hinauf
zu Violas Zimmer, die er, als die heitersten und schnsten, fr sie bestimmt
hatte. Sie ward angenehm berrascht, als sie in einen kleinen wohlerleuchteten
Saal trat, dessen Wnde, grn, mit Basreliefs von der auserlesensten Arbeit
verziert waren. Ringsumher standen, auf kleinen Fugestellen, hohe Vasen mit
Blumen, dazwischen Statuen, Abgsse der besten Meister. Einem groen Spiegel
gegenber sah man durch eine geffnete Glasthr in einen blhenden anmuthigen
Garten, der am Abhange des Felsen angelegt war. Mariane, eilig bemht alle
Herrlichkeiten in Augenschein zu nehmen, trat voll Freude aus demselben hervor,
und begrte Luisen wie eine liebe Bekannte. Alles gewann hier ein lustiges,
vertrauliches Ansehn. Der dstre Eindruck des alten Gebudes verschwand, jede
Spur, jede Erinnerung daran war durch Violas Andenken verwischt. Mit liebevoller
Ehrfurcht nahm Luise von den brigen Gemchern Besitz, die noch aller Zauber
ihrer ehemaligen Bewohnerin erfllte. Ahndungen und Sorgen waren vergessen.
Mathilde und die Grfin schienen ihr berall zur Seite zu gehn und sie zu jedem
reinen Genu zu ermuntern.
    Die schne Zeit, wo der Mensch mit erwachender Lebenslust eine neue Laufbahn
betritt, wo die Seele sich in den weitren Kreisen dehnt und jede Kraft muthiger
bt, hob auch Luisen ber innre Strungen hinaus und ffnete ihr ein frisches
thtiges Leben, das der reinste Wille und die andchtige Feier entschwundner
Geliebten mehr und mehr veredelte. Die arme Familie im Walde wurde in dieser
Stimmung am wenigsten vergessen. Ihre Segnungen tnten in Luisens Herzen wie der
Ruf des Himmels zu neuen guten Werken.
    Julius ging inde seinen einsamen Weg. Zu Anfang war es wohl, als wenn
Luisens erheitertes Dasein auch erfrischend durch ihn hinzge; allein er fiel
bald wieder in sich selbst zurck. Die Sorge fr die Dauer ihres Glckes
beschftigte ihn ngstlich, und machte ihn ber die Mittel, es zu erhalten,
unschlssig. Gleichwohl vermochte er nicht, mit ihr darber zu reden, weil er
berall dem innern Reichthum seiner Gefhle keine Worte leihen konnte, weshalb
er in ihrer Gegenwart einsilbig, oft verlegen blieb. Dieser innre Druck ward
noch dadurch vermehrt, da ihn Luise, so oft sie bei einander waren, drngte,
ihr etwas vorzulesen, Klavier zu spielen, oder auf einem Spaziergange den Mnch
aufzusuchen, den sie oftmals antrafen, und fr den sie eine groe Anhnglichkeit
gewann. Julius fhlte wohl, da die Armuth seiner Unterhaltung nach und nach
alle gegenseitige Mittheilung hemmen und Luisens lebendigen Sinn mit Gewalt nach
Auen treiben werde. Er versuchte es daher mit der gutmthigsten Anstrengung,
sich freier und lebendiger zu zeigen; allein die Natur widersteht jeder
Absichtlichkeit, und nur in einzelnen Augenblicken, wenn irgend eine Saite
seines Innren ungewohnt berhrt ward, rauschte der Klang erschtternd durch ihn
hin, und sprengte die Bande, die den edelsten Geist gefesselt hielten. Der Mnch
verstand es fast allein, solche Momente herbeizufhren. Durch ihn lernten Beide
die Bibel kennen, die sie bis dahin nur, als ein nothwendiges Glied in der
Stufenfolge menschlicher Entwicklung, geschichtlich, betrachtet hatten. Er sagte
ihnen oft: wenn es nur zu wahr ist, da der schwankende Mensch urer Anregungen
bedarf, wo kann er sie wrdiger finden, als grade hier? Das Leben, fuhr er fort,
ist reich in Vergangenheit und Gegenwart, die Entwicklung des einen, ewigen,
Geistes in Natur und Menschen sichtbar; allein dies in jeder Zeit wahrzunehmen,
erfordert einen wachen, gebten Blick. Das halbgeffnete Auge schweift an den
groen Offenbarungen vorber, die, wie einzelne Chiffern, nur dem eine lesbare
Schrift sind, der ihren Sinn erkannt in sich trgt. Die leisere Fhlbarkeit, das
schnelle Erfassen und Vereinen vorberfliegender Tne, ist nur einem sehr
reichen, in sich beweglichen Gemth gegeben, einem solchen, dem alles
durchsichtig erscheint, und das ohne fremde Kraft die therischen Regionen
durchzieht, die sein eigentliches Lebenselement sind. Die Meisten wollen einen
lauten, ans Herz dringenden Ruf, der sie fast unwillkhrlich erweckt. Sie sind
verloren, wenn sie sich hingebend und erwartend eignen Einwirkungen berlassen.
Ich fhle das oft beschmt, und flchte zur Bibel, als dem vollsten und
reichsten Schatz ans Licht getretner Herrlichkeit. Was die Geschichte im Aeuren
und Allgemeinen darstellt, den Menschen in der Folgereihe fortlaufender
Begebenheiten, das Zusammenfallen groer Naturerscheinungen und innrer
Umwlzungen, das tritt hier wie ein Blitz der Offenbarung unmittelbar, und in
der beredtsten, dem Herzen verwandtesten, Sprache aus dem Innren hervor. Luise
fhlte besonders die Wahrheit des Letztren, denn sie konnte nie ohne tiefe
Rhrung die Worte der Schrift lesen, und blieb noch lange nachher in einer
weichen, jedem beren Eindruck offnen, Stimmung.
    Um diese Zeit traf Carl, seinem Versprechen gem, bei ihnen ein, und
beredete sie freundlich, ihn auf eine kleine Lustreise zu dem Landsitz seines
Onkels zu begleiten. Es sei dort, setzte er hinzu, jetzt bunter als jemals;
Gelehrte und Ungelehrte, Phariser und Leviten, Jude und Teufel, alles ginge
Hand in Hand. Luise frchtete ein wenig die Baronin; allein Julius sah es als
eine Art von Schuldigkeit an, sie dieser vorzustellen, und willigte um so lieber
ein, da er sich von Carls Gesellschaft und seinen naiven Anmerkungen manche
Freude versprach.
    Schon des andern Tages machten sie sich bei heiterm Wetter und der besten
Laune auf den Weg. Carl ward nicht mde, von dem glnzenden Kreis zu reden, in
den sie eintreten wollten, und dabei die Gelehrten und Dichter zu verspotten,
welche Letztre er nun einmal in den Tod hate und gradehin fr Lckenber in
der menschlichen Gesellschaft erklrte. Ich habe nicht viel gelernt, setzte er
mit komischer Zuversicht hinzu; allein ich gehe meinen Weg rstig fort, und
stoe ich auf irgend ein Hinderni, so rume ich es weg, oder kehre still um,
ohne die ganze Welt zum Zeugen aufzurufen; solch Himmelskind hingegen wei
niemals ob es fest auftreten darf, und fat bei aller Gelegenheit nach einem
tchtigen Arm an den es sich halten kann. Julius lchelte, ohne Carls Meinung
anzugreifen, da sie ihm vielleicht nothwendig war, um ruhig in den Schranken
auszuhalten, die seine individuelle Natur ihm gesteckt hatte. Allein Luise
sagte, Sie nannten die Dichter vielleicht mit Recht Himmelskinder; gnnen Sie
ihnen also ihre eigne Welt, und wundern Sie sich nicht, wenn sie der unsrigen
fremd bleiben. So sind die Frauen, rief Carl ungeduldig aus, solch
unzusammenhngendes Wesen gefllt ihnen. Liebe, schne Grfin, wer in den Himmel
will, mu auch auf der Erde zu Hause sein, sonst htte ihn unser Herr Gott
weggelassen. Und brigens sind die Herren auch nicht so himmlisch wie es in den
Bchern aussieht; sie greifen mit allen Sinnen umher wie jeder andre Erdensohn,
und genieen wo es etwas Gutes giebt. Wenn so einer von Nektar schlrfen redet,
denn wei ich schon was die Glocke geschlagen hat. Die Seligkeit kenne ich auch,
wo alles blau ist wie der Himmel ber uns! Diese Gleichstellung des
phantastischen Dichterrausches mit den gemeinen Wirkungen des Weines brachte
alle zum Lachen, und niemand stritt weiter mit Carl, der im Zuge des Erzhlens
blieb. Sie werden, fuhr er fort, bei dem Onkel wunderliche Heilige erblicken, zu
deren Sekte ich mich nun einmal nicht bekennen mag. Einer ist inde unter ihnen,
den ich ausnehme. Ein braver, excellenter Junge, ehemaliger hannverscher
Offizier, der bei der Auflsung der Armee auch um seinen Degen kam, und nun vor
Angst und Kummer Dichter geworden ist. Seitdem klagt er ein bischen zu viel ber
sein eigen Leid; allein das gehrt nun einmal zu seinem Gewerbe, sonst ist er
noch eben so gut und anspruchlos wie ehemals. Auch hat die Tante eine gewisse
Vorliebe fr ihn, weil er von guter Familie ist, denn bei aller Verachtung
andrer Vorurtheile hlt man doch in dem Hause gewaltig auf den alten Erbadel,
als ein Ueberbleibsel des Ritterthums, das jetzt wieder bei den Gelehrten in
Ansehn kommt.
    Sie hatten inde mehrere Meilen zurckgelegt, und sahen nun von fern das
Ziel ihrer Reise, ein schnes, im modernen Styl erbautes Landhaus, von hohen
italienischen Pappeln und Schwarztannen beschattet. Unmittelbar daran schlo
sich ein englischer Garten, an welchem sie jetzt vorberfuhren, und die
Gesellschaft auf einem frischen Rasenplatz, zwischen verschiednen Gruppen
auslndischer Bume, beim Thee versammelt fanden. Luise bemerkte zuerst eine
junge Blondine, die mit geflligem Wesen zu mehrern jungen Mnnern redete und
sie fast allein zu beschftigen schien, whrend sie nachlssig mit ihnen unter
den Bumen hin und her ging. Ihr Haar war vorzglich schn geordnet und
schmiegte sich lockig an die weichen Umrisse des Gesichtes. Das ist Emilie, rief
Carl, der werden die Poeten auch noch den Kopf verrcken! Der hbsche, junge
Mann an ihrer Seite ist jener Offizier, von welchem ich ihnen zuvor sprach, ein
Herr von Stein, in der Gelehrtenwelt Reinhold genannt; ihm zunchst geht ein
Englnder mit einem Juden, der ihm die deutsche Dichtkunst um ein Billiges
ablt. - Hier trat ihnen die Baronin, von ihrer Ankunft benachrichtigt,
entgegen. Luise ward durch die Schnheit und Wrde ihrer Gestalt berrascht.
Ohnerachtet sie von Mathildens Alter zu sein schien, war die fast plastische
Ruhe ihrer Zge, durch ein gleichfrmig fortlaufendes Leben, ungestrt
geblieben, und ihre Schnheit ber die Zeit hinausgehoben. Sie redete mit der
einfachen Sicherheit, die ein lngerer Umgang mit der Welt fast einem Jeden
giebt. Vor Julius hatte sie eine Art von Ehrfurcht, weil er ber die Grnzen
Deutschlands hinausgekommen war, was sie ihm auch, durch bescheidne
Zurckhaltung, die seinem Verdienst den Vorzug einzurumen schien, bezeigte.
Luise ward einigen Damen aus der Nachbarschaft vorgestellt, und dann von
Emilien, die sie mit besondrer Herzlichkeit empfing, in den Kreis um den
Theetisch eingefhrt. Ihr zunchst sa eine hbsche junge Frau, die lebhaft mit
einem bleichen, sehr ruhig scheinenden, Mann redete, und sich oftmals rgerlich
von ihm abwandte, ohnerachtet sie es nicht lassen konnte, immer wieder hin zu
hren, so oft er mit einem weichen, fast leisen Organ, etwas Beiendes sagte,
was sie unwillkhrlich zur Antwort reizte. Der Baron war inde mit einigen
andern Herren hinzugekommen. Herr Werner, sagte die junge Dame zu einem
derselben, tritt heute aufs neue wie der Baum der Erkenntni zwischen die
unschuldigsten Gensse der Menschen, und ist bemht uns durch die Frchte seines
Witzes die Augen zu ffnen. Ich wiederhole nur, erwiederte jener, gleichgltig
mit seinen Lnetten spielend, die er eben abgenommen hatte, um Emiliens
Stickerei genauer zu betrachten, ich wiederhole nur, was die ffentlichen
Bltter sagen. Ein von der gndigen Frau beschtztes Buch, Rodrich, ist darin
wie ein Rezept zu einer Torte zerlegt, so und so viel Orangenblthen, Citronen
nach Belieben, mehrere poetische Sigkeiten, einige ergreifende Scenen als
pikante Gewrze, und zuletzt zur Dekoration die Gruppe des Laokoon. Was meinen
Sie dazu, Herr Professor, unterbrach ihn die Dame heftig, sich zu demjenigen
wendend, welchen sie zuvor anredete, ich bitte Sie, was heit das? - So viel als
nichts, erwiederte dieser, das knnte man so ziemlich von den mehrsten Romanen
sagen, die im Sden spielen; das bezeichnet ure Zuflligkeiten, die
keinesweges die Idee des Ganzen darstellen. Allein wer diese richtig auffat und
sie angreift, ist meiner Meinung. - Werner lachte in sich. Ihrer Meinung?
wiederholte die hbsche kleine Frau ganz betroffen, und stand von ihrem Stuhl
auf, als wolle sie jenes nachtheilige Urtheil fliehn. Rume ihnen nicht das
Feld, liebe Auguste! rief Emilie, vertheidige den armen Rodrich, Du weit wohl -
Gndige Frau, hub der Professor aufs neue an, Sie forderten mich auf; ich kann
nicht anders als wahr sein. Nun denn, erwiederte Auguste, auf alles gefat, so
sagen Sie nur was Sie denken. Ich denke, fuhr jener fort, was Ihrem Scharfsinn
bei nherer Betrachtung nicht entgehen kann, wenn der erste Eindruck mancher
anziehenden Verhltnisse verwischt sein wird. Es ist in dem Buche nicht sowohl
die Rede von der Nichtigkeit des menschlichen Thun und Treibens in seinen
verworrenen Richtungen, sondern ein vllig abwrts gehendes Streben bei frh
erkanntem Ziel. Der Sndenfall nach der Erkenntni. Rosalie personifizirt das
Ganze, absichtlicher Wahnsinn. Alle sind klug, besonnen, ermessen und prfen,
heben sich ber sich selbst hinaus, und neigen sich am Ende zur gemeinen
Alltglichkeit herab. Das kann ich so strenge nicht tadeln, sagte Werner, das
bezeichnet eine Ansicht wie eine Seite des Lebens; warum soll die nicht
ausgesprochen werden? Strender ist mir, da das Buch weder ein Roman, noch eine
Novelle oder ein Mhrchen ist; diese uerliche Unvollkommenheit verrckt alle
Augenblick den Standpunkt, aus welchem man es betrachten soll, und verwirrt es
in sich selbst. Noch bemerke ich, da die sogenannten poetischen Situationen
geknstelt und absichtlich erscheinen, und die einzige Wahrheit des Gefhls in
der anspruchlosen Aline niedergelegt ist. Das eben, das eben, unterbrach ihn der
Professor, ist das frevelhafte Spiel, was durch das ganze Buch geht. Das
Heiligste wird niedergetreten, weil es schwach, ohnmchtig, abhngig, erscheint,
inde die reichste Kraft sich in sich selbst zernichtet.
    Fr mich ist es immer schwer, von diesem Buche reden zu hren, sagte
Reinhold, im Guten sowohl als im Bsen, denn ich mchte gegen Beides anstreiten,
und gerathe deshalb unausbleiblich ins Gefecht, oft gar auch in ein kreuzendes
Feuer, wie es mir zum Beispiel hier gehen wrde. Aber eine bloe
Gefhlsuerung, die keinen Anspruch auf irgend eine richtende Kraft hegt, zieht
wohl als ein friedlicher Gesandter durchhin, und ich will es daher nur dreist
heraussagen, da ich von dem Rodrich tief angesprochen werde, dann wieder
unendlich hart abgestoen, dann wieder zum allerkhnsten Spott gereizt. Oft
tritt er ganz fremd vor mich hin, als wre gar keine Berhrung zwischen uns
Beiden, treibt mich durch gezierte Gesellschaften vornehm umher, erinnert mich
an andre Bcher, die eben so vornehm thun und die ich nicht leiden kann, der
Unwille runzelt meine Stirn, der Hohn schwebt auf meiner Lippe - und pltzlich
brechen die Stralen des reinsten, seligsten Friedens hervor; das Wehmthigste
aus meinem Leben, das Lieblichste aus meiner Kindheit tritt vertraulich kosend
auf mich zu; ich zrne ber meinen Hochmuth, ber meinen Spott, und lsche mit
linden Thrnen Rodrichs und meine Fehler zugleich aus. Gottlob! rief Auguste,
das ist doch etwas Andres, als der bloe Verstand, das empfind' und begreife ich
zugleich! Luise blickte zufrieden auf das edle Gesicht des jungen Mannes, das
eine fromme, fast demthige, Rhrung berzog. Lieber Reinhold, hub Werner an,
Sie sagten mit Unrecht, da Ihre poetische Ergieungen wie ein Friedensbote
durch jene Urtheile hingingen; sie gehen darber hin und schwemmen die einfache
Wahrheit derselben in ein unsichres Rauschen der Gefhle weg. O! nichts weiter,
sagte Auguste ungeduldig, wir wollen uns lieber auf dem warmen Strom seiner
Gefhle hin und her schwingen, als mhsam an Ihre Weisheit hinanklimmen! Die
Baronin, der das Gesprch schon lange nicht angenehm war, weil es durch seinen
Gegenstand kein allgemeines Interesse gewinnen konnte, schlug der Gesellschaft
einen Spaziergang vor, und man machte sich bereits auf den Weg, als Herr Aaron,
wie vor sich selbst redend, bemerkte, da man dem Buch zu viel gethan habe, da
es doch wirklich mehrere glckliche Momente und eine groe Pracht und Reichthum
der Phantasie enthalte. Ich lasse mich hngen, flsterte Carl Luisen zu, wenn
das alles nicht eine abgeredete Karte ist; der Jude steckt mit dem Buchhndler
unter einer Decke und hat den Andren zugeredet, das nrrische Zeug anzugreifen,
damit man neugierig werden und es lesen mchte. Carl, sagte Luise sehr
ernsthaft, Ihr Vorurtheil macht Sie boshaft. Nehmen Sie sich in Acht, Ihre
Gutmthigkeit luft Gefahr, von einem hlichen Gifte befleckt zu werden.
Emilie, die herzu gekommen war, drckte ihr die Hand und sagte (einen strafenden
Blick auf Carl), wie ist es mglich, da Sie Herrn von Stein fhig halten - O
ich wei, ich wei, unterbrach sie jener, Reinhold nicht beachtend, der ihn in
dem Augenblick gutmthig umfate und durch einige freundliche Worte beschmt in
sich selbst zurckdrngte. Trauen Sie dem wilden Jger nicht, er geht auf eine
gefhrliche Jagd aus, lispelte Werner im Vorbergehen. Gefhrliche Jagd?
wiederholte Carl; was soll das heien. Gott wei, sagte Reinhold, aus dem wird
niemand klug; aber lassen Sie ihn nur, er meint es nicht bse.
    Luise dachte anders, sie konnte sich einer innern Scheu nicht erwehren, die
ihr Werners hhnende Ruhe aufdrang. Uebrigens gefiel sie sich ganz wohl in dem
gemischten Kreise und beantwortete Emiliens vertrauliche Liebkosungen, wie der
Baronin feines Zuvorkommen, mit dankbar frohem Herzen. Bei einer groen
Empfnglichkeit fr fremde Eindrcke, ward es ihr leicht, den herrschenden Ton
der Gesellschaft aufzufassen, wodurch sie, zu hnlich freier Mittheilung
angeregt, sehr bald vortheilhaft ausgezeichnet wurde. Der kleine Triumph entging
ihr nicht, so wenig wie Augustens Empfindlichkeit darber, die sich verstimmt
zurckzog, inde die unbefangne Emilie nur noch liebreicher und heitrer wurde.
Gewohnt, Huldigungen zu empfangen, war diese niemals bemht, irgend eine
Aufmerksamkeit gewaltsam an sich zu reien, sondern alles gehen zu lassen wie es
gehen wollte und konnte, weshalb sie auch das Wohlwollen der Mnner, bei ganz
vernderter Beziehung des Gefhls, immer rein erhielt.
    Ein kleiner Regen trieb die Gesellschaft in die Zimmer zurck. Emilie
verbarg sich unter Luisens Shawl, und, indem sie sich Beide umschlangen, rannten
sie schnell dem Hause zu. Der weiche indische Stoff, der sich um die schlanke
Gestalten schmiegte, bildete eine Gruppe, die von allen Herren unter lautem
Beifallruf bewundert wurde. Nun nur schnell Musik! rief Auguste im Hereintreten,
durch jenes Lob verletzt, die Worte tdten uns sonst heute in der ngstlichen
Stubenluft; Herr von Stein, Sie versagen mir es nicht! Reinhold, immer bereit,
Andren Freude zu machen, trat zum Clavier; Werner stellte sich zu Augusten, und,
whrend er die Gruppe von vorhin in farbigem Papier sehr geschickt ausschnitt,
lockte er ihr unter knstlichen Wendungen die Ursach ihrer trben Laune ab. Die
andern hrten inde auf folgendes Lied:

Ein weiches Herz im Busen,
Ein krieg'risch glh'nder Sinn,
Manch holder Wink der Musen,
Das ward mir zum Gewinn.

Und frh besonnte Bahnen,
Sie schlossen mir sich auf;
Beifllig sah'n die Ahnen
Auf ihres Enkels Lauf.

Wie schnell, wie hart geendet!
Wie nah' der Freude Grab!
Vom weichen Herzen wendet
Die kluge Welt sich ab.

Die ehmals tapfre Klinge
Blitzt matt in Trmmern auf,
Und wenn ich Lieder singe,
Wer hrt in Liebe drauf? -

Zwar edle Krnze rauschen
Fernher zu meinem Preis;
Die mcht' ich gerne tauschen
Um ein demth'ges Reis.

Um's Reis der sen Minne,
Das welkend mir verblich.
Umsonst! Im stillen Sinne
Verzehrt mein Sehnen mich. - -

Emilie reichte mit ihrer gewohnten Gutmthigkeit, Reinhold, nachdem er geendet,
die Hand, und lie ganz rcksichtslos die Rhrung blicken, welche jene Worte in
ihr erregten. So viel Theilnahme berraschte ihn. Er drckte die schnen Finger
an seine Lippen, whrend er, ber ihren Stuhl gelehnt, einen langen, fragenden
Blick auf sie richtete. Luisens Herz klopfte unwillkrlich. Eine seltsam dunkle
Ahndung stieg in ihr auf, ihr Athem stockte, helle Thrnen drangen aus ihren
Augen; da unterbrach Werner die augenblickliche Stille mit einem lauten
Gelchter und zeigte auf den Professor, der in einer Ecke des Sophas in guter
Ruhe schlief. Geschwind, Herr Professor, rief Auguste, geschwind eine Vorlesung
ber die Trgheit der Menschen. Der kleine Mann rieb sich die Augen, sprang mit
einem Satze auf, als treibe ihn angeborne Schnellkraft, whrend er sich mit
zusammengebinen Zhnen die Sporen gab, setzte sich mitten ins Zimmer und hub
dann mit einer Stimme, die noch heiser vom Schlafe war, folgendermaen an.
    Keine Gefahr steht dem Menschen nher, als zu jener trgen Dumpfheit
herabzusinken, die, indem sie die Regsamkeit der Sinne hemmt, oder doch nur
einseitig und mechanisch bt, den innern Reichthum der Gefhle einengt, den
Blick verdunkelt und den Geist mit bleiernen Gewichten zu dem kurzgesteckten
Ziele hinabdrngt.
    Alle lachten, denn seine Augen schienen noch jetzt von diesen bleiernen
Gewichten herabgezogen. Der Englnder aber meinte, es gehe ihm wie den
Somnamblen, die im Schlafe das Beste zu Tage frdern; denn, setzte er hinzu, im
Grunde hat er doch eine Saite angeschlagen, die jeden mehr oder weniger trifft.
Wahr ist es am Ende, da wir alle nach und nach von der innern Regsamkeit
verlieren, und da selbst das wackerste, mit Lust und Liebe unternommne Geschft
den Mehrsten unter den Hnden zum abschmeckenden Einerlei wird. Das mde Auge
heftet sich dann auf irgend einen befreundeten Gegenstand, und starrt ihn so
lange gedankenlos an, bis es gar nichts mehr sieht und alle Dinge in einem
trben Dmmerlichte vor ihm hinziehn.
    Der Professor ward von einem kleinen Froste berfallen, den ein
unterbrochner Schlaf allemal zurcklt; er schttelte sich ghnend und sagte
dann, um die an ihn gerichtete Rede einigermaen zu beantworten: was sich nicht
unaufhrlich aus sich selbst erzeugt, das gehrt einer fremden Gewalt an, die
mit tausend Hnden nach uns greift und uns ohne Leben und Bewegung in ihren
Banden gefesselt hlt. Viele schmachten, sich selbst unbewut, in diesem
Zustande, inde Andre den innren Funken im eignen Dunstkreis ersticken und sich
berreden, Eines sei wie das Andre und das Nchste das Beste. Eines ist wie das
Andre, sagte Werner kalt; der Rangstreit, dchte ich, wre lange abgemacht.
Freilich, erwiederte der Professor, durch diesen Widerspruch schnell aufgeregt,
freilich alles ist schn und herrlich, wie es der wache Sinn erkannt und geprft
in sich trgt, aber das innre Licht soll in tausend Blitzen durch den festen
Kern glhen und ihn berstralen, da man es inne werde, welch ein Geist hier
waltet. In der Liebe, sagte Reinhold, Emiliens Hand, die er noch immer in der
seinigen hielt, sanft drckend, wird das jedem anschaulich. Alles ist ihr
Zeichen, Hindeutung berschwenglicher Flle; unter ihrer Berhrung erweitert
sich das beschrnkteste Dasein und ruft Krfte hervor, die sonst wohl ewig
schliefen. Bei den Mehrsten, fiel der Englnder ein, whrt dieser Zustand des
innern Wachens nur nicht lange. Sie sinken sogleich in den vorigen Traum von
Leben und Thtigkeit zurck und blicken hchst vornehm auf die wenigen lichten
Punkte ihrer dunklen Wirksamkeit. Wer es nicht scheut, fuhr er fort, in sich
selbst zurckzugehn, wird ber die kunstreichen Wiegenlieder erstaunen, mit
denen man sich selbst in trge Ruhe singt. Das ist es aber eben, erwiederte der
Professor, was fast ein jeder scheut. Das Denken ist dem ungebten Denker
wirklich eine Last. Wie sich die dunkle Fluth von Ahndungen, Begriffen,
Empfindungen und Ideen regt, reit sie das blde Auge mit sich fort, bis es sich
angstvoll verschliet und nur den gewohnten Kreisen erffnet. Ohne gewaltsamen
uren Sto wiederholt selten jemand hnliche Versuche, bis die innre
Beweglichkeit immer mehr stockt und der Geist zuletzt nur noch bang an die enge
Klause anpocht und sich durch ein gespenstisches Rauschen verkndet. Das gilt
doch nur von einzelnen Augenblicken, sagte Reinhold, in andren regt sich in
eines jeden Brust irgend ein Laut, der sein innerstes Wesen kund giebt. Bei dem
Tode eines geliebten Freundes, oder beim Erwachen der Natur durchzieht ihn ein
wehmthiger Ruf, den er versteht, wie man Gott fhlt und empfindet, ohne
eigentliche Worte fr dies Gefhl zu haben.
    Werner, dem jene Rhrung in Luisens Seele nicht entgangen war, hatte sich
inde zu ihr gestellt und fragte sie um ihre Meinung ber den eben behandelten
Gegenstand. Sie dachte an ihre Mutter und die Bibel, und sagte mit bewegter
Stimme, da, wenn den Frauen auch das eigentlich knstliche Denken fremd sei,
sie dennoch in Religion und Liebe eine stete innre Anregung fnden, der sie sich
nur berlassen drften, um vor der gefrchteten Dumpfheit sicher zu sein! -
Indem trat der Baron mit einem jungen Mann in das Zimmer, den er der
Gesellschaft als Knstler und Freund des Hauses vorstellte, welcher, nach
geendigten Reisen, in seine Heimath zurckkehre. Es war der Sohn des Pfarrers
aus dem Dorfe, von dem Baron frh hervorgezogen, und, bei der Entdeckung eines
aufblhenden Talents, auf alle Weise begnstigt. Emilie begrte ihn herzlich
und machte ihn sogleich mit allen Anwesenden bekannt. Der junge Mann hrte nicht
sobald, da sich der Graf Falkenstein hier befinde, als er aus seiner
Brieftasche ein Schreiben hervorzog, welches er Julius sogleich einhndigte. Von
Fernando! rief dieser, angenehm bei dem Anblick der Schriftzge berrascht. Wo
verlieen sie ihn? In Wien, erwiederte der Maler, wohin wir von Venedig mit
einander reisten. Dort, setzte er lchelnd hinzu, wird er nun wohl so lange
bleiben, als ihn seine Grillen fesseln.
    Julius hatte inde das Siegel erbrochen und stellte sich hinter Luisens
Stuhl, so da Beide folgende Worte lasen.
    Du weist, lieber Julius, ich liebe die Coltsequenz im Leben. Du hast
geheirathet, und das ist weise; ich durchziehe die Welt, und das ist ebenfalls
weise. Jetzt bin ich hier, die deutsche Huslichkeit zu bewundern, von der ihr
selbst viel Aufhebens und einige schlechte Schauspiele gemacht habt. Da ich
nchstens nach Deinem Hexensteine komme, begreifst Du wohl; der Himmel bewahre
mich dort nur vor Bezaubrung.
    Luise entfrbte sich etwas, und sagte, ohne das Ende des Briefes abzuwarten,
sie wnsche, da er in Wien bleibe, da sie auf seine Bekanntschaft weiter nicht
begierig sei. Julius fragte inde den Maler, indem er den Brief zusammenfaltete,
was Fernando abgehalten habe, ihn sogleich zu begleiten. Eine Begebenheit seiner
Art, erwiederte dieser. Die Blicke der Gesellschaft richteten sich bei dem
Worte, das immer etwas Ungewhnliches erwarten lt, auf den jungen Mann, und
schienen eine nhere Erklrung zu verlangen. Er fuhr auch sogleich fort: Es war
wenig Tage vor meiner Abreise, als wir bei dem Herausgehn aus dem Schauspiel
einen Knaben begegneten, welcher auf seiner schnarrenden Leier unaufhrlich
dasselbe Lied spielte und die Vorbergehenden so um Almosen ansprach. Fernando
warf ihm ein Stck Geld hin und bat ihn, zu schweigen; allein der Knabe folgte
uns durch eine lange Strae, immer dasselbe leiernd. Fernandos Ohr ward aufs
uerste verletzt; er wandte sich ungeduldig, um den Knaben zu fassen, der
angstvoll vor ihm hinrannte - indem ffnete sich die Thr eines ansehnlichen
Hauses, an welchem beide streiften; der Knabe drngte sich hinein und ri
Fernando in seinem Grimme nach. Gleich darauf fiel die Thre wieder zu, die
Leier ertnte einen Augenblick, dann ward alles still, der Knabe trat allein
heraus und ging frisch und frhlich an mir vorber. Ich war noch voll
Verwundrung ber den seltsamen Zufall, als ich einen Mann in einem dunklen
Mantel auf das Haus zueilen sah. Ich zog mich sogleich hinter einen
hervorspringenden Pfeiler zurck, und bemerkte da der Unbekannte an dem
Schlosse drehte, dann unmuthig mit dem Fue stampfte und sich auf der andern
Seite der Thr hinter einem hnlichen Pfeiler verbarg. Wir mochten beide
ohngefhr eine halbe Stunde auf diese Weise gestanden haben, als mir, bei einer
unvorsichtigen Bewegung, der Stock aus der Hand fiel und mit ziemlichem Gerusch
auf den Steinen hinrollte. Mein ungekannter Feind bog sich, auf den nahen Lrm,
sogleich hervor, und da er mich in einer peinlich-lauernden Stellung wahrnahm,
sprang er ungestm auf mich zu und fragte keck nach der Ursach meines Dortseins.
Ich war nicht in der Stimmung, ihm auf eine geschickte Weise auszuweichen, noch
weniger Rechenschaft von meinem Thun und Lassen abzulegen, daher antwortete ich
eben so heftig, ohne eigentlich zu antworten. Das Gesprch erhitzte sich immer
mehr und ri uns vom Gegenstand desselben zu persnlichen Beleidigungen fort.
Whrend der Zeit war Fernando unbemerkt aus der Thre geschlpft. Von dem, was
ihm eben begegnet war, konnte er sehr leicht auf die Veranlassung unsers
Wortwechsels schlieen. Er trat daher zu uns, und nachdem er sich fr meinen
Reisegefhrten und uns beide fr Fremdlinge in dieser Stadt erklrt hatte,
bewies er dem armen Betrognen, da wir uns bei verschiednen, von einander
abweichenden, Geschften in dieser Gegend dies ausgezeichnete Haus, zum
Wahrzeichen gemeinschaftlichen Zusammentreffens, ausersehen htten. - Eine Fluth
von Worten und feinen Wendungen drckte jeden Zweifel in unserm Gegner nieder,
der sich am Ende beschmt und reuig zurckzog. Kaum waren wir allein, so ri
mich Fernando, unter tollem Lachen, nach einem nahgelegnen Kaffeehause. Hier
machte er endlich seinem Herzen Luft, und, whrend er seine eigne kleine
Geschichte als eine fremde Begebenheit erzhlte, zog er die Aufmerksamkeit
mehrerer Anwesenden auf sich. Der Zusammenhang war brigens nicht schwer zu
errathen. Die Leier hatte das Ende des Schauspiels und den Augenblick einer
verabredeten Zusammenkunft anzeigen sollen. Fernandos Ungeduld verwirrte alles,
indem er den Knaben mit Gewalt zu seinem Ziele drngte. Bei Annherung der Tne
sprang die Thre auf, Fernando fuhr hinein, eine weiche kleine Hand drckte sich
schmeichelnd auf seine Lippen und zwang ihn, zu schweigen. Er stand einen
Augenblick unschlssig; allein als dieselbe kleine Hand ihn ungeduldig fortzog,
folgte er in der Dunkelheit durch mehrere Zimmer, bis ihn seine Fhrerin am
Eingang eines schwach erleuchteten Vorsaals verlie. Alles war hier still,
nichts regte sich, er blickte neugierig umher und sah endlich durch einen
gegenber hangenden Spiegel eine zierliche Gestalt, die sich, fast schwebend,
auf den Zehen, in der Thr eines anstoenden Cabinets hielt und ihm winkte, sich
zu nhern. Er that, wie man ihm gebot. Ein lauter Schrei empfing ihn, den er
inde, wie er lchelnd hinzusetzte, bald zu unterdrcken und die arme Kleine
berall zu trsten verstand. Fernando gefiel sich so wohl in diesem Abentheuer,
da er auch noch das Ende desselben und das Zusammentreffen mit dem wahren
Geliebten wiederholte, worber ein kleiner, sehr wei gepuderter Herr, der ein
besondres Behagen an der Geschichte fand, fast vor Lachen sticken wollte. Er
konnte sich gar nicht wieder von Fernando losreien und nthigte uns beim
Weggehn, den Abend bei ihm zuzubringen. Wir willigten ein, und er fhrte uns zu
unserm Erstaunen in dasselbe Haus, das nun einmal der Schauplatz der
lcherlichsten Begebenheiten bleiben sollte. Wir traten endlich in das bekannte
Cabinet, wo uns der Herr Rath mit vieler Artigkeit seiner halbtodt erschrockenen
Gemahlin vorstellte. Fernandos geschickte Haltung beugte inde jeder
Unvorsichtigkeit vor und erhielt uns den Abend in der besten Laune. Er hat nun
einmal Zutritt bei der Familie und reit sich vielleicht nicht so schnell wieder
los, da ihn alles, was von der hergebrachten Weise abweicht, fesselt.
    Luise war aufgestanden und redete mit der Baronin sehr eifrig ber eine vor
ihr liegende Handarbeit, die nach franzsischem Dessein gemacht war, Werner aber
hrte nicht auf, von Fernando zu reden, und warnte Emilien vor seiner
Bekanntschaft. Nach dem, was wir eben gehrt, fiel Luise schnell ein, setzen Sie
den Geist wie das Zartgefhl des Fruleins durch solche Warnung sehr herab, da
sie gewi etwas Edleres zu wrdigen versteht. Werner zuckte spttisch mit der
Oberlippe, und meinte, sie gerade lasse dem Frulein keine Gerechtigkeit
wiederfahren, da es ihren Reizen wohl gegeben sei, solchen Unbestndigen zu
fesseln. Nach der Annahme des Aristophanes beim Platon, fuhr er fort, der ich
nun einmal zugethan bin, waren die Korper ursprnglich sphrisch geformt und
beschrieben ungestrt ihre Bahnen. Nach dem Fall der ganzen Welt wurden sie
mitten von einander getheilt und laufen irrend umher, bis ein jedes seine Hlfte
findet. Wer sagt uns nun, da Frulein Emilie nicht die Hlfte ist, welche der
interessante Fremde unter tausend vergeblichen Bemhungen aufzusuchen strebt? -
Emilie lachte. Wer ist denn eigentlich dieser Fernando? fragte die Baronin. Ein
in der That sehr liebenswrdiger Mann, erwiederte Julius, von den seltensten
Anlagen, aus guter Familie und von einem Vermgen, das ihm eine unabhngige
Existenz sichert. - Hm - sagte die Baronin beifllig. - Carl aber fragte
schnell, ob er auch ein Dichter oder sonst so etwas sei. Mein Gott! rief Emilie,
und zuckte die kleinen, beweglichen Schultern, lassen Sie ihn doch sein was er
will; es ist ja noch die Frage, ob wir ihn jemals sehen, er gefllt sich so gut
in Wien. Alle lachten ber ihre naive Ungeduld. Luise blieb inde unruhig und
verbarg es sich auch weiter nicht, da sie eine Scheu vor Fernandos Ankunft
habe, die sie hinderte, an der Heiterkeit der Gesellschaft Theil zu nehmen,
weshalb sie des andern Tages auch gern ihre Rckreise antrat und sich von den
neuen Bekannten, in der Erwartung, sie nchstens auf dem Falkenstein zu sehen,
ohne sonderlichen Kummer trennte.
    Sie fuhren durch ein trbes, feuchtes Wetter hin. Der graue Nebel lag schwer
auf Luisens Seele. Sie sprach wenig; auch Julius war einsilbig. So trat sie,
beklommen, mit einer ngstigenden Leere im Innren, in ihre Zimmer. Julius ging
seinen Geschften nach; sie blieb allein, ohne ein lebendiges Wesen, auer die
bewegliche Flamme im Kamine, um sich zu haben. Gedankenvoll trat sie an das
Feuer, und warf einzelne Blumen, die sie aus einer nahstehenden Vase zog,
hinein. Da hrte sie einen Postillon blasen; ein Wagen rollte in den Hof, hielt
vor der Thr. Sie fhlte im Augenblick, wer es sei, und blieb unbeweglich, den
Kopf zwischen beiden Hnden auf dem Kamin gesttzt, in dunklen Ahndungen
verloren. Julius trat mit einem jungen, schnen Mann herein, welcher sie auf den
ersten Blick Fernando erkennen lie.

                                  Drittes Buch


In einem Gemisch von Bangigkeit und Ueberraschung begrte Luise ihren Gast,
mehr kalt als wrdig; er hingegen ma sie mit einem seltsam lchelnden Blick,
der sich gleich darauf unter den schnsten Wimpern senkte, und dem beweglichen
Mienenspiel einen Anflug von bescheidner Zurckhaltung gab. Julius Augen ruheten
forschend auf Luisen. Er frchtete jedes strende Gefhl in ihrer Seele und eben
deshalb ihr Mifallen ber Fernandos Ankunft. Allein sie verbarg alles was in
ihr vorging unter einer scheinbaren Gleichgltigkeit, und beschftigte sich
angelegentlich bei dem Theetisch, den man vor den Kamin gestellt hatte. Fernando
setzte sich ihr gegenber; die Unterhaltung blieb einsilbig. Julius fhlte wohl,
da sein gewandter Freund leise auftrat, um erst den herrschenden Geist seiner
Umgebungen aufzufassen; er suchte ihn daher durch die Frage: was ihn so schnell
zu einer Reise nach Deutschland bewogen habe? mehr auf sich selbst zurck, und
zugleich einen Gegenstand herbeizufhren, ber welchen beide fter schon mit
vieler Laune gestritten hatten. Sonst, fuhr er fort, lag Dir solch ein Gedanke
sehr fern; Berlin und Novazembla stellten sich Dir ziemlich unter einem Bilde
dar. Du hast unmglich, erwiederte Fernando ernsthaft und mit weicher Stimme, Du
kannst keinen Begriff von einem Gemth haben, was ewig zu suchen und nie zu
finden verdammt ist. Luise sah ihn zum erstenmal genauer an. Er hatte sich etwas
vorgebeugt, so da die Flamme aus dem Kamin einen hellen Schein auf sein Gesicht
warf und den Glanz seiner Augen erhhte. Mich, fuhr er fort, schleudert das
Schicksal vielleicht noch durch ganz Europa, inde Dich das schnste Glck
gefesselt hlt. Ein Loos wie das Deinige knnte mich auf ewig mit mir selbst
entzweien, da ohnehin die Tuschungen der Jugend immer schneller und gedrngter
an mir vorbergehn! Seit Wien -? fragte Julius lchelnd. O mein Gott! rief
jener, aufspringend, solche Erinnerungen knnen wohl niemand bis hieher
begleiten, am wenigsten finden sie in diesem Zimmer Raum. Luise blickte
unwillkhrlich auf. Dasselbe zweideutige Lcheln schwebte um seinen
halbgeffneten Mund und wandte sie schnell wieder von ihm ab. Ueberall, fuhr er
fort, sie scharf ins Auge fassend, mchte ich die Vergangenheit unberhrt
lassen, sie pat nicht zur Gegenwart, und ich will in dieser gern ganz und
ungetheilt leben.
    Luisens Verlegenheit ward jetzt noch vermehrt, da man Julius abrief und sie
nun allein mit dem gefrchteten Fremden blieb. Es fiel ihr schwer aufs Herz, da
solche Augenblicke oft wiederkehren und sie der peinlichsten Unruhe aussetzen
wrden. Sie beschlo daher bei sich, noch diesen Abend die Baronin dringend zu
einem Gegenbesuch einzuladen, und die dortige bunte Welt um sich zu versammeln.
Fernando weidete sich schweigend an der Verwirrung, die ber ihr ganzes Wesen
ausgegossen war. Er sah wohl, da sie auf eine gleichgltige Anrede sann, die
das Gesprch anknpfen sollte; er wute eben so wohl, da es ihm ein kleines
Wort kostete, um dieses in den Gang zu bringen; allein er sah ruhig zu, wie sie
die Tassen hin und her rckte, bermig Zucker hineinschttete, fr weit mehr
Menschen Thee eingo, als ihr kleiner Cirkel in sich fate und endlich hchst
trocken fragte: ob er den deutschen Maler schon lange kenne, da er ihn sich zum
Reisegefhrten gewhlt habe? Ich kenne, erwiederte Fernando, die Menschen
entweder gar nicht, oder sehr lange. Sie gehn unbemerkt neben mir hin, oder ein
unwiderstehlicher Zug reit mich ihnen nach; dann schliet sich meine ganze
Seele auf, und strmt wie eine Feuerfluth in die ihrige ber, so da ich sie
pltzlich durchdringe und kenne. - Er hatte sich Luisen genhert und fate ihre
Hand, die spielend das siedende Wasser in den Theetopf trpfeln lie. Ich bitte
Sie, fuhr er fort, schne Grfin, vergessen Sie es nicht, da ich ein Fremdling
in ihrem Norden bin, messen Sie mich nicht mit dem gewohnten Mastab Ihrer
einmal angenommenen Weise. Die deutschen Frauen, sagt man, sind sehr ernst und
an einen ruhigen, besonnenen Umgang gewhnt; bersehen Sie daher die Funken, die
bei der leisesten Berhrung aus diesem glhenden Innern sprhen, und denken Sie
darum nicht nachtheiliger von mir als - Julius trat herein. Ich habe, fuhr er
fort, diesem die andre Hand reichend, nur kurze Zeit in einem Familienkreis
verlebt und wenige Erinnrungen aus meiner Kindheit von so friedlichen
Augenblicken gerettet; allein sie wollen hier wieder erwachen, und ich bitte
zwei gute Menschen, mich auf eine Zeitlang in ihre Mitte aufzunehmen. Julius
umarmte ihn gerhrt; Luise sagte mit unsichrer Stimme; sie wnsche, da er sich
in den einfrmigen Umgebungen gefallen knne, und eilte dann in ihr Cabinet,
folgende Zeilen an Emilien zu schreiben.
    Sie ahnden schwerlich, da ich Ihnen aufs neue den Nahmen jenes
berchtigten Fremden nennen, und Sie von dessen pltzlicher Erscheinung benach
richtigen will. Er ist wirklich hier, und was noch mehr ist, gesonnen, lange
hier zu bleiben. Sein Anblick hat den Eindruck nicht verwischen knnen, den sein
frher aufgefates Bild in mir zurck lie. Ich wei es nicht, warum mir alles,
auch das Einfachste in ihm, zweideutig und falsch erscheint; allein in dieser
Stimmung mu ich befangen und wir alle drei mssen in einem gespannten
Verhltni bleiben. Vielleicht wirkt er auf Andre gnstiger, vielleicht sehe ich
auch hier in meiner Einsamkeit zu ngstlich auf ihn und lasse mich von
Kleinigkeiten stren, die sonst wohl unbemerkt hingingen. Ich wage es daher,
liebe Emilie, Ihre Mutter an die Erfllung ihres Versprechens zu erinnern, und
erwarte Sie mit allen Ihren Gsten in diesen Tagen auf dem Falkenstein. Sagen
Sie ihr, da ich, an die Leitung der besten Mutter gewhnt, ihrer feinen
Gewandtheit und Weltkenntni bedrfe, um eine schickliche Haltung zu gewinnen,
und da ich sie dringend bitte, mir den Beistand nicht zu versagen, den sie mir
so mtterlich zugesichert habe.
    Leben Sie wohl, beste Emilie. Empfehlen Sie mich Ihrer gelehrten Welt und
dem guten Carl, wenn er noch bei Ihnen ist. Vergessen Sie auch nicht, den Maler
mitzubringen, der Fernando vielleicht am besten unter uns allen kennt.
    Als Luise siegelte, hrte sie im Hofe ein italienisches Lied singen;
gleichwohl war Julius mit seinem Freunde im Nebenzimmer. Francesca - dachte sie,
und sprang zum Fenster. Ein finstres, ltliches Gesicht sah ihr zwischen zwei
Mantelscken entgegen, die Fernandos Bedienter auf beiden Schultern geladen, dem
Hause singend entgegen trug. Sie holte tief Athem. - Warum auch nicht? fragte
sie beschmt. Warum? - wiederholte sie heftig - welche Unschicklichkeit! wenn er
hier - - Sie mochte den Gedanken nicht festhalten, und eilte zu ihrem kleinen
Geschft zurck. Julius unterbrach sie auf's neue, indem er sie freundlich
erinnerte, Fernando nicht so geflissentlich zu meiden, was ihn nothwendig
verletzen msse. Sie machte ihn darauf mit ihrem Vorhaben bekannt, mehrere
Menschen um ihren Gast zu versammeln, der ohnehin wohl die deutsche Huslichkeit
sehr todt finden werde. Julius war es gern zufrieden, worauf sie beide in den
Saal zurckgingen.
    Fernandos lebendiger Sinn durchbrach sehr bald die Schranken berlegter
Zurckhaltung, die er sich fr den Augenblick selbst gezogen hatte. Er konnte
den gewohnten Gang der Unterhaltung, den ruhigen Strom der Worte, die in
gegenseitiger Mittheilung still hinflieen, und in ihrem Lauf Gedanken und
Gefhle allmhlig entwickeln; er konnte das nicht ertragen, ohne wie ein
ungeduldiges Kind einen Stein hinein zu werfen, da die Wellen kreisend ber
einander schlugen und sich alles verwirrte. Ueberdem wute er, da solch
pltzliches Unterbrechen, solch gewagter Wurf oft die klarsten Gemther befngt,
und man bei khnem Vordringen leicht den Platz einnimmt, den man behaupten will.
Er lie sich daher von seiner Phantasie ungestrt forttragen, und bemerkte nicht
ohne innre Lust Luisens Kampf, mit dem sie gegen das Feuer seiner Unterhaltung
anstritt, um sich vor sich selbst in ihrer angenommenen Klte zu behaupten.
    Als sie am folgenden Abend bei dem Wasserfall nicht weit vom Schlosse saen
und sich alle Drei unwillkhrlich in das stille Rauschen verloren, ohne die
innren Gefhle laut werden zu lassen, sagte Julius endlich: Du hast uns immer
noch so wenig von Deinem eignen Leben erzhlt, lieber Fernando, und dennoch ist
es sicher reich an merkwrdigen Begebenheiten. Mein Leben? erwiederte dieser,
wie aus sich selbst erwachend, das besteht aus Fragmenten, aus nichts als
Fragmenten! es hat sich mir so unter den Hnden zerstckelt; ich finde seit
Kurzem selbst keinen Zusammenhang darin. Er sah auf Luisen, zu deren Fen er
auf einem Stein sa, so da ihr Kleid bei einer kleinen Bewegung seine Locken
streifte. Dies luftige Berhren ging wie ein elektrischer Funke durch sein
Innres; er bog sich noch mehr zurck und drckte einen leisen Ku auf den
weichen Muelin. Fragmente? wiederholte Julius - Nun wenn sie rechter Art sind,
so enthalten sie dennoch ein Ganzes. Gieb uns nur immer einige derselben zum
Besten. Seltsam! rief Fernando aus, da jetzt, grade jetzt einer der
furchtbarsten Momente vor mich hintritt. Er war aufgesprungen, und heftete seine
Blicke, wie unwillkhrlich angezogen, auf einen Fleck. Luisens Herz klopfte, sie
erwartete ngstlich, da er das Schweigen breche. Du weist, hub er endlich an,
sich zu Julius wendend, da ich nach dem Tode meiner Eltern, die ich niemals
sahe, in Neapel bei einer Verwandten erzogen und spterhin, in Begleitung eines
deutschen Gelehrten, auf Reisen geschickt ward. Du hast es so wenig als ich
verstanden, warum mich mein Mentor nicht nach seinem Vaterlande, sondern nach
Paris fhrte, womit ich brigens ganz zufrieden war und mir dabei so wohl
gefiel, da ich meiner Tante sehr mifiel und nur eilen mute, sie durch eine
baldige Rckkehr zu vershnen. Die liebe, gtige Frau herrschte mit einer so
unwiderstehlich sanften Gewalt ber mich, da ich den Gedanken ihres Unwillens
nie ertragen konnte, und es jedesmal herzlich bereute, sie gekrnkt zu haben.
Meine Bereitwilligkeit, zu ihr zurckzukehren, entzckte sie; jede Spur des
Unwillens war bei meiner Ankunft verwischt. Sie betrachtete mich mit rhrendem
Wohlwollen und fhrte mich durch tausend theilnehmende Fragen so leicht und
gefllig in den Kreis meiner verlassenen Freuden zurck, da ich sie noch einmal
an ihrer Seite herauffhrte und mit froherm Sinn geno. So schwatzten wir die
ersten Abende bis tief in die Nacht hinein. An einem derselben, als sie gefllig
auf jedes kleine Abentheuer hrte, ward noch ganz spt ein Fremder bei ihr
gemeldet, der ihr zugleich ein Blatt berschickte, auf welchem ich griechische
Schriftzge wahrnahm. Sie berflog es schnell, schlug beide Hnde in hchster
Bewegung zusammen, indem sie wiederholt ausrief: er lebt! - er lebt, Fernando,
um Gottes Willen! Ein ltlicher Mann, von hoher, etwas gebeugter, Gestalt trat
hier in das Zimmer. Er trug ein langes, graues Oberkleid, das mit einem
weilichen Grtel zusammengehalten war; sein gebleichtes Haar hing noch voll und
lockig ber groe tiefliegende Augen, die sich unverwandt auf mich hefteten. Es
war etwas Fremdes, Auffallendes, in dieser Erscheinung, was mich unwillkhrlich
anzog. Die Markise schrie laut auf und ri mich zu dem Fremden, der uns Beide
fest umschlang, ohne ein Wort zu sagen, als frchte er, aus einem glcklichen
Traum zu erwachen. Ich wute nicht wie mir war, mein Herz klopfte ungestm;
alles Geheimnivolle war mir von je her ngstlich. Ich htte gern das dumpfe
Schweigen durch eine dreiste Frage unterbrochen; allein ein Blick auf den
Fremden hielt mich gefangen. Meine Tante flsterte zuerst einige Worte, wir
traten auseinander; die Beiden sprachen leise und heftig in einem Fenster, ich
ging wie auf glhenden Kohlen auf und nieder. Todt? - rief der Fremde pltzlich.
- Groer Gott, ich wute es, und dennoch -! Der klagende Ton ging mir durch die
Seele. Ich nherte mich ihm; er streckte mir beide Arme entgegen und weinte
heftig an meiner Brust. Morgen, lieber Fernando, sagte meine Tante, mich sanft
wegdrngend, morgen sollst Du - Heute la uns - Ich ging zur Thr; ein leises
Wimmern ri mich noch einmal zurck. Der Fremde lag, das Gesicht mit beiden
Hnden verdeckt, zusammengesunken in einem Stuhl und klagte in zerreienden
Tnen. Die Markise winkte mir; ich ging still nach meinem Zimmer, ohne etwas
Deutliches zu denken, ohne mich selbst einem bestimmten Gefhl zu berlassen.
Die Luft ward mir hier zu enge; ich ffnete das Fenster und starrte in die
dunkle Nacht hinein. Morgen, dachte ich - Morgen! warum nicht jetzt, nicht
diesen Augenblick? Was soll die geheimnivolle Weise, was will der bekmmerte
Alte? Ich hatte groe Lust, die ganze Begebenheit zu verspotten und in einigen
lustigen Ausfllen die wehmthige Unruhe von mir zu werfen, die mir fremd und
drckend war; allein es ging nicht, meine Brust zog sich ngstlich zusammen, ich
fand nirgend Ruhe. Nach einer Weile hrte ich eine Thr ffnen, die aus dem
Cabinet meiner Tante in den Garten ging. Ich lehnte mich weit aus dem Fenster,
konnte inde in der Dunkelheit keinen Gegenstand unterscheiden. Ein leises
Rauschen, wie ferne menschliche Tritte, ging ber den Rasen hin; dann ward alles
wieder still. Ich warf mich halb rgerlich, halb erschpft, aufs Bett, ohne
gleichwohl schlafen zu knnen. Nach einigen Stunden wiederholte sich dasselbe
Gerusch. Thren knarrten, Futritte gingen durch das Haus, alles leise, kaum
hrbar. Zu Anfang strengte ich meine Aufmerksamkeit an, etwas Wahres zu
unterscheiden; allein es war, als senke sich der Schlaf bleiern auf meine Augen;
ich widerstand nicht lange und schlief fest, als mich am Morgen ein furchtbares
Angstgeschrei erweckte. Mein erster Blick traf das versammelte Hausgesinde der
Markise, das voll Entsetzen zu mir hereinstrzte. Ich sprang wie betubt unter
sie; verworrene, dunkle Worte, Thrnen, lautes Jammern umfing mich von allen
Seiten und ri mich zu dem Cabinet meiner Tante. Nein, niemals, niemals wird
mich das Entsetzen jenes Augenblickes verlassen! - Er fate Luisens beide Hnde
und bedeckte sein Gesicht, auf welchem alle Schrecken jener Erinnrung lagen. Ich
fand sie todt - sagte er nach einem augenblicklichen Schweigen, mit stockender,
verhaltener Stimme, todt - ermordet, die schnen Hnde gebunden, alle Zeichen
eines gewaltsamen Ueberfalls und der schndlichsten Beraubung ihrer
Kostbarkeiten um sie her. Der Fremde, der Fremde, tnte es wie aus einem Munde
von den Umstehenden. Ich wei nicht, warum mich dieser Verdacht mehr als die
That emprte. In der hchsten Wuth stritt ich dagegen, sank inde bald darauf
erschpft und bewutlos zu den Fen meiner geliebten Freundin, von der man
mich, ohne ein Zeichen des Lebens, den Gefahren einer langen Krankheit
entgegenfhrte. Als ich endlich genas und die Erinnrungen des Vergangnen langsam
wieder hervortraten, sagten mir meine Freunde, jene grauenvolle That wiederhole
sich auf hnliche Weise, fast jede Nacht, in den angesehensten Husern Neapels.
Eine ngstigende Scheu liege auf den bleichen Gesichtern der Einwohner, die
still auf den Straen hinschlichen, ohne Lust und Muth, einander anzureden.
Niemand traue dem geliebtesten Freunde, die Huser blieben verschlossen, und
gleichwohl glaube man an eine unsichtbare Gewalt, die dem angstvoll Schlafenden
berfalle und das frischeste Leben schnell beende. Nthigen Vorkehrungen gem,
habe man auf bloen Verdacht hin, eine Menge Personen in Verhaft gezogen, ohne
gleichwohl irgend eine zuverlssige Spur aufzufinden. Ich dachte sogleich an den
Unbekannten, und mit einer Angst, die unbeschreiblich ist, forschte ich, ob er
sich unter den Beschuldigten befnde. Allein niemand wute etwas von ihm. Die
Leute im Hause meinten, er sei gar nicht sichtbar in der Stadt geworden, kein
Mensch wolle ihn gesehn haben. Ich ward wieder ruhiger, und lie in einer Art
von Dumpfheit, die wohl noch Folge meiner Krankheit war, alles um mich her
geschehen, ohne sonderlichen Antheil zu nehmen, als eines Tages die Haushlterin
der Markise im hchsten Unwillen zu mir hereintrat und mit Thrnen sagte: das
Maa der Leiden dieser armen Stadt sei gefllt, da auch die geprfteste Unschuld
nicht mehr vor erniedrigendem Verdacht sicher sei. Sogar der arme Schuster, fuhr
sie fort, hier im Nebenhause, dessen stilles, heiliges Leben wohl manchem ein
Vorwurf sein mochte, ist diesen Morgen, da er sich zufllig mit mehrern seines
Gewerbes in der Herberge befand, aufgegriffen und eingezogen worden. Ich kannte
den Mann sehr wohl; er gehrte zu den Frommen Neapels, und war sowohl wegen
seines strengen, enthaltsamen, Wandels berhmt, als wegen der erschtternden
Reden, die er fters dem Volke auf den Straen hielt. Er redete in wahrhafter
Verzckung mit einem Feuer und in so phantastischen Bildern, da man
unwillkhrlich hingerissen ward, weshalb er denn auch in den vornehmsten Husern
Zutritt fand. Ich trstete die bekmmerte Frau, der er wohl oft das Herz mochte
erweicht haben, mit der allgemeinen Achtung, die Antonio geno, und versprach
ihr, mich noch persnlich wegen seiner Freilassung zu verwenden. Der Gang des
Rechts ist inde langsam, die Anhufung der Klagen und Frbitten war so gro,
die ganze Verhandlung so dunkel, da es mir erst nach vierzehn Tagen gelang,
Antonio zu befreien. Seine Anhnger erwarteten ihn mit strmischer Freude an den
Thren des Gefngnisses. Er trat mit ernster Ruhe unter sie, und duldete es
nicht, als man ihn im Triumph nach Hause fhren wollte; inde geschahen mehrere
Tage hindurch frmliche Wallfahrten nach seiner dunklen, den Wohnung, in der er
sich eingeschlossen hielt. Man nahm allgemeinen Antheil an dieser kleinen
Begebenheit, und ward eben so sehr allgemein bestrzt, als es verlauten wollte,
da der Verdacht gegen den Schuster aufs neue erwache, da whrend der ganzen
Zeit seiner Gefangenschaft kein Mord geschehen, die blutige That inde an einem
der vornehmsten Richter in der Nacht nach Antonios Freilassung verbt sei. Ich,
wie Mehrere, erklrten dies fr einen Zufall. Man ward dennoch aufmerksam,
beobachtete ihn, forschte nach seinem Thun und Treiben, ohne jedoch etwas zu
entdecken. Ein fremder Rechtsgelehrter hatte den Einfall, den Angeklagten mitten
in der Nacht berfallen, aus dem Bett reien und vor das Gericht fhren zu
lassen. Halb vom Schlaf befangen, aus den unruhigen Trumen eines bewegten
Gemthes in die fremde Wirklichkeit hinbergezogen, trat Antonio vor die ernste
Versammlung der Richter. Sein Gleichmuth verlie ihn, er fand keinen Ausweg, und
bekannte, da er seit zwei Monaten fast jede Nacht, allein, ohne eines Menschen
Wissen, in die Huser der Reichen, deren geheime Zugnge er kenne, gedrungen,
sie ermordet und beraubt habe. Eine so ungewohnte Erscheinung veranlate tausend
Nachforschungen, was diesen Frevel in ihm veranlat habe. Er sagte darauf immer
dasselbe: vom Guten zum Bsen, wie von der Demuth zum Uebermuth, fhre oft nur
ein Schritt. Die Eitelkeit habe ihn in des Teufels Arme gelockt. Als er keine
Rettung sah, stie er sich den Kopf an den Mauern seines Gefngnisses ein.
    Als Fernando hier endigte, die Eindrcke der Erzhlung in eines Jeden Brust
hin und her wogten, und niemand ein beruhigendes Bild festhalten und den innern
Aufruhr stillen konnte, bemerkte Julius ihnen gegenber den Mnch, der, mit
verschrnkten Armen an einem Baumstamme gelehnt, wohl schon lange dort in
stiller Beschauung mochte gestanden haben. Er ging ihm, wie gewhnlich, mit
herzlicher Freude entgegen. Fernando achtete nicht viel darauf. Er war um Luisen
beschftigt, die, heftig erschttert, ihre Thrnen nicht zurckhalten konnte.
Htte ich frher, sagte er leise, einen Begriff von dieser zarten Regsamkeit
gehabt, wre es mir berall gegeben, in Ihrer Nhe lange zu berlegen, glauben
Sie sicher, ich wrde jene grauenvolle Erscheinung nie an Ihnen vorbergefhrt
haben. Werden Sie mir verzeihen? fragte er schmeichelnd. Luise lchelte
freundlich unter ihren Thrnen, und nickte wiederholt mit dem Kopfe, ohne ein
Wort sagen zu knnen. Werden Sie mich eben so wenig roh und ungeschickt nennen,
fuhr er fort, wenn ich die rhrende Beweglichkeit ihres Sinnes nicht ganz
verstehe, und Sie frage, was Sie eigentlich so ungewohnt bewegt? Ich wei es
nicht, erwiederte sie, sich fassend, ich wei es durchaus nicht; allein mir ist,
als wren mir einige der erwhnten Personen nicht fremd, als ginge es mich mit
an. Als ginge es Sie mit an? unterbrach sie Fernando, ihre Worte falsch deutend;
Luise - Sie stand auf und wandte sich zu Julius, der mit dem Mnch auf sie
zutrat. Guten Abend, lieber Vater! rief sie dem Letztren zu. Dieser blieb einen
Augenblick in sich versunken, dann sagte er mit bewegter Stimme: der Herr segne
und behte Euch! und schlug einen andren Weg zum Kloster ein.
    Was war das, rief Fernando! seltsam! wie sich heute alles in mir verwirrt! -
    Sie traten Alle jetzt den Rckweg zum Schlosse an, und trennten sich dann
alle drei in eignen Vorstellungen befangen.
    Luise warf sich gengstet in ihrem Bett hin und her, ohne einen Augenblick
Ruhe zu finden. Die Scheu gegen Fernando, und das Mitrauen, das ihr frher sein
Lcheln eingeflt, kmpften peinlich mit Wohlwollen und Bewundrung. Umsonst
suchte sie ihre gestrige Stimmung hervorzurufen, umsonst blieb sie bei jeder
zweideutigen Aeurung stehn, umsonst drngte sie sein Bild von sich weg, es rang
sich tief aus der gepreten Brust herauf, und ri sie in einen Wirbel
widersprechender Gefhle fort. Die Nacht dehnte sich in ewig langen Stunden hin,
in denen der unsichre Blick, durch nichts Aeures angezogen, hin und her
schweifte, und, wie in Fiebertrumen, immer nur das Gefrchtete sah. Am Morgen
endlich raffte sie sich aus dem Taumel empor. Mit den ersten Lichtstralen ward
es klarer in ihrer Seele, die bangen Vorstellungen wichen immer weiter und
weiter zurck. Der junge Tag sah ihr wie ein neues Leben frisch und freudig
entgegen. Lieber Gott, sagte sie bewegt, gieb mir einen stillen Sinn, deinen
Frieden rein in meiner Brust zu bewahren. So sahe sie, wohl noch etwas
schwankend, aber doch mit offner empfnglicher Seele ins Freie, als man ihr
folgenden Brief der Baronin berbrachte.
    Erlauben Sie, meine junge Freundin, da ich Ihre gtige Zeilen in Emiliens
Nahmen beantworte. Vieles darin ist ohnehin an mich gerichtet, und ich will
sogleich von dem Vorrechte Gebrauch machen, welches Sie mir, mit der
liebenswrdigsten Hingebung, einrumen. Man beschuldigt jeden, dessen
Wirksamkeit beschrnkt ist, und vorzglich Frauen in meinen Jahren, da sie gern
Rollen in fremden Angelegenheiten bernehmen, und sich sehr wichtig auf dem
Platze erscheinen, den ihnen Alter und Erfahrung ganz natrlich anweisen. Die
Eitelkeit schleicht sich wohl oft unbemerkt in unsre Herzen, und wirft einen
vornehmen Schein ber nichtswrdige Motive; dennoch kann ich hier wohl mit
Wahrheit versichern, da mich die allerherzlichste Theilnahme an Ihnen zu der
freien Mittheilung meiner Gesinnungen zwingt, zur der Sie mich gewissermaen
auffordern.
    Ich kann es Ihnen nicht verhehlen, Ihr Brief hat mich erschreckt. Es ist ein
gewisses unsichres Herumfassen nach fremder Hlfe darin sichtbar, eine Angst vor
sich selbst, die sich unter unnatrlichem Ha gegen einen Unbekannten verbirgt.
Was reizt Sie zu dieser Heftigkeit, die Sie in sich selbst irre macht? Glauben
Sie mir, es ist den Frauen selten etwas gefhrlicher, als einem ausschlieenden
Gefhl fr irgend einen Mann, der nicht der ihrige ist, Raum zu geben, am
wenigsten aber drfen Sie es sich und Andren so klar und mit dieser
Leidenschaftlichkeit aussprechen. Ha und Liebe berhren sich schon darin, da
uns der Gegenstand beider Empfindung niemals gleichgltig ist, und gleichgltig
sollte Ihnen der fremde Jngling billig sein. Was haben Sie mit seinen Fehlern
und Tugenden zu schaffen? Lassen Sie ihn ruhig neben sich hingehen, Ihre Wege
sind ohnehin von einander geschieden. Und von mir, liebes Kind, von meinem Rath
erwarten Sie die schickliche Haltung in Ihrer milichen Lage? Fhlen Sie
wirklich diese schon in irgend einem Augenblick verloren zu haben? Welch Gefhl,
ich bitte Sie, ist so mchtig in Ihre Brust, da es die groe Ehrfurcht vor dem
uren Anstand, vor Ihrer ganzen Lage und Ihren Verhltnissen, nur in mindesten
schwchen knnte? Bewahren Sie doch um Alles das ruhige Gleichgewicht Ihres
Seyns und Wirkens, ohne welches Sie die strenge vorgezeichnete Bahn leicht
bertreten knnten. Ich sollte vielleicht schweigen, und Sie ruhig neben dem
Abgrund fortgehen lassen. Vielleicht sicherte Sie eigne angeborne Kraft,
vielleicht shen Sie selbst noch klarer die Gefahr. Ich wrde es darauf ankommen
lassen, wenn Ihre freundliche Einladung und das Drngen meiner Hausgenossen, sie
anzunehmen, mich nicht zu reden zwnge. Sie wissen, wen ich Ihnen zufhre. Sein
Sie auf Ihrer Hut. Morgen Abend umarme ich Sie, und hoffe im voraus Verzeihung
fr meinen treuherzig mtterlichen Rath, den meine Liebe und Theilnahme allein
entschuldigen knnen. -
    Luise ward unangenehm durch den Inhalt dieser Zeilen ergriffen, so als wenn
man unversehens eine wunde Stelle berhrt und den ungeahndeten Schmerz
hervorruft. Was ist denn geschehen, fragte sie sich selbst, das diese ernste,
eindringliche Worte veranlat. Schicklichkeit - urer Anstand! nein, nein, das
nicht! Dein heiliger Wille, mein Gott, der ist es, den ich nicht verletzen darf,
und der zum Glck noch laut und vernehmlich genug in meiner Seele spricht, um
ihn nie zu berhren.
    Guten Morgen, liebe Luise! rief hier Julius, der eben unter ihrem Fenster,
an welches sie sich gedankenvoll lehnte, vorberging. Sie fuhr unwillkhrlich
zusammen. Seine Stimme traf sie wie ein innrer Vorwurf. Er sah so gut, so
herzensgut, aus, die Thrnen traten ihr in die Augen. Guten Morgen! rief sie aus
voller Seele, als er in dem Augenblick zu ihr hereintrat. Er hatte ihr heut
tausend Dinge zu sagen. Sein Herz ffnete sich wie unter freundlicher Berhrung;
es war klar, irgend etwas Aeures regte ihn ungewhnt an. Luise lenkte das
Gesprch auf den gestrigen Abend, und bemerkte bald, da er auch in ihm einen
Eindruck zurckgelassen, der noch jetzt fortwirkte. Es ist nicht jene
Geschichte, sagte Julius, ihre Fragen beantwortend, was mich bewegt. Ich mchte
ihren Inhalt vergessen knnen, der die Mglichkeit des pltzlichen Sndenfalls
in einer bis dahin frommen und reinen Seele, so schauderhaft, in dieser blutigen
Verzerrung hinstellt. Nein, es ist der Mnch, den ich nicht vergessen kann. Wie
verzckt sah er auf eine Stelle, als ich zu ihm hintrat, und ohne meinen Gru zu
beachten, sagte er vor sich hinredend: unbegreifliches, unbegreifliches
Schicksal! dann fragte er mit einer Heftigkeit, die ich ihm niemals kannte, seit
wie lange der fremde Jngling bei mir sei? Ich gab ihm in einigen Worten
Auskunft ber unsre Bekanntschaft und Fernandos unsttem Herumstreifen. Er
machte eine schnelle Bewegung zu diesem hin, wandte sich aber wie von deiner
Stimme aufgeschreckt, von uns ab, und ging still dem Walde zu. Beide fanden das
hchst sonderbar, und Luise erschpfte sich, nach Frauenart, in tausend
Muthmaungen, als Fernando zum Frhstck hereintrat. Er war ernst und einsilbig,
allein so, da man nicht recht wute, ob ihn Kummer oder Mimuth verstimme.
    Als er spterhin mit Luisen allein war, bemerkte er theilnehmend, da sie
bleich ausshe, und in ihren Augen Spuren vergossener Thrnen. Sie lehnte seine
Fragen ziemlich unbefangen ab, und erzhlte ihm von den Gsten, die sie morgen
erwarte, unter denen sie Emilien sehr anziehend heraushob. Er schien nicht viel
darauf zu merken, als sie aber fortfuhr, die Vortrefflichkeit einiger Mitglieder
der Gesellschaft zu schildern, und der Baronin einfaches, wrdiges Wesen rhmte,
sagte er hhnisch, sie wollten wohl den Teufel durch fromme Geister bannen.
Luise entfrbte sich und fhlte mit Unmuth, da sie, wie sie es auch anfangen
mchte, ihm gegenber immer auf irgend eine Weise in Verlegenheit gerathen
msse. Gestehn Sie es nur, fuhr er fort, die Bekannten und Freunde sollen doch
den lstigen Fremdling nur bertragen helfen; Luise, was habe ich Ihnen gethan,
da Sie mich hassen. Jenes Berhren von Ha und Liebe, in dem Briefe der
Baronin, fiel ihr pltzlich ein. Mein Gott, sagte sie schnell, nein, ich hasse
Sie nicht, gewi nicht! Warum frchten Sie mich denn? fragte er ernst. Mit
vollen Schwingen hob sich bei diesen Worten die eingeborne Wrde der
Weiblichkeit in Luisens Seele. Sie sah ihn ruhig an, und sagte fester, als sie
es vor einem Augenblick noch gekonnt htte, wie sollten Sie mir furchtbar sein,
ich kenne Sie weder im Guten noch Bsen. Fernando wollte einlenken, allein Luise
blieb fr jetzt gefat und sicher, weshalb er sich denn auch verletzt zurckzog,
und gedankenlos am nchsten Fenster in einem Buche bltterte. Einige Anordnungen
nthigten sie, sich zu entfernen; als sie wieder hereintrat, fand sie das Zimmer
leer; allein, zu ihrem groen Schreck, den Brief der Baronin, den sie bei Julius
Eintritt in ein Buch gelegt hatte, offen auf demselben Fenster, an dem sie
Fernando verlassen. Ich bin verloren, sagte sie, das Blatt in tausend Stcke
reiend, wenn er ihn gelesen hat. O ber meine Thorheit, jedem Gefhl, das
flchtig durch meine Seele hinzieht, Worte zu leihen, und dadurch so unntze, so
verderbliche Erklrungen zu veranlassen! Und nun noch diese Unachtsamkeit! - Sie
blieb den ganzen Tag in der peinlichsten Unruhe, die Fernandos zweideutiges
Wesen noch vermehrte. Recht von Herzen fhlte sie sich daher am folgenden Abend
erleichtert, als nun endlich die ersehnte Gesellschaft eintraf. Sie begrte
jeden der Angekommenen mit sichtlicher Freude, und hatte selbst denjenigen, die
ihr bis dahin gleichgltig geblieben waren, etwas Verbindliches zu sagen. Emilie
sah sehr reizend in einem kleinen Strohhut aus, der zwar das schne Haar
verbarg, allein brigens zu der zierlichen Gestalt sehr wohl stand. Es muten
sie schon hufige Neckereien ber Fernando getroffen haben, denn sie konnte sich
eines kleinen Lchelns nicht erwehren, als sie diesen begrte und ihre Blicke
zufllig denen ihrer Reisegefhrten begegneten.
    Zu Anfang blieb man einander fremd, ohnerachtet der Cirkel nur klein war, da
der Baron mit dem Professor und dessen beiden Anhngern, dem Englnder und Herrn
Aaron, die Uebrigen nicht begleitet hatten. Fernando beschftigte sich
ausschlieend mit dem Maler, und andrer Seits hatte man das Ansehen, auch nicht
viel auf ihn zu merken. Doch nach und nach ward die Unterhaltung allgemeiner,
wenigstens verschmhete es keiner, in das Gesprch des Andern einzugehn. Stein
konnte sich nicht genugsam ber die Herrlichkeit des altvterlichen Gebudes und
dessen romantische Umgebungen auslassen. Nur blickte er mit einer Art von Unmuth
auf den modernen Glanz, der ihn umgab. Das ist deutsche Sitte heutiger Zeit,
sagte der Maler, das sollte Sie nicht mehr befremden. Warum, fragte Fernando,
machen Sie den Deutschen allein diesen Vorwurf, da er jede Europische Nation
fast in gleichem Maae trifft? Finden Sie in Italien nicht auch das Alte mit dem
Neuen gepaart, ohne da es unangenehm auffllt? Das ist ganz etwas andres,
unterbrach ihn Stein. Dort ist Vegetation, Kultur, Kunstsinn, ja der Charakter
der Kunst, durch viele Jahrhunderte gleich geblieben, keine der heutigen
Erscheinungen ist in sich widersprechend mit ihren Umgebungen; aber wenn wir zu
unsern alten, auf rauhem Boden erwachsnen, Eichen, zwischen den Steinmassen, die
ein Riesengeist aufthrmte, die Griechheit hinberziehn und diese noch mit
franzsischem Schimmer bedecken wollen, so ist das wohl ein Uebelstand zu
nennen. Dann werden wir nur die ehrenwerthen Denkmler schleifen mssen, sagte
Werner, denn in der Nachbarschaft wird sich bald ein Huschen finden, das, nach
modernem Mastab erbauet, nicht zu ihm pat. Niemand darf sich einfallen lassen,
es bewohnen zu wollen, denn niemand schickt sich dort hinein, nicht der
Hausherr, nicht die Frau, nicht die Gste. Was hlfe es Ihnen, wenn hier alles
nach alter Weise, derb und tchtig zugeschnitten wre, und wir mit den
franzsischen Kleidern und den Pigmengestalten herumliefen, die Damen mit
griechischem Kopfputz und ppigen Gewndern am Arm. Julius sagte hierauf, da er
sie alle mit Rstungen und Waffen versehen knne, da sich noch eine vollstndige
Rstkammer im Schlosse befinde, worber Stein eine groe Freude hatte, die noch
erhht ward, als er auch von einem knstlich ausgelegten Schrein hrte, welcher
theils alte Handschriften, theils schon gedruckte Erzhlungen und Legenden
enthalte. Er versprach sich davon eine reiche Ausbeute fr den folgenden Tag,
welche Aeuerung Carl mit einem mitleidigen Achselzucken begleitete, und sich
ordentlich mit einer Art von Geringschtzung von ihm abwandte.
    Die Baronin fand bald Geschmack an Fernandos Unterhaltung, der sich sehr
eifrig um sie und Emilien bemhte. Je lnger sie ihn ansah und sein Lcheln und
Mienenspiel beachtete, desto auffallender fand sie eine Aehnlichkeit zwischen
ihm und der verstorbenen Grfin Falkenstein, was sie auch Luisen sogleich
mittheilte. Mit Viola, dachte diese - ihre Augen hefteten sich unwillkhrlich
auf die seinigen, und das kleine Bild aus der Kapsel schien wachsend und belebt
vor sie hinzutreten, so da die beiden Gestalten sich auf eine ngstende Weise
in ihrer Phantasie verschmolzen. Die Worte der Baronin sollten nun einmal auf
alle Weise ihre Unruhe vermehren. Alles was sie von Julius Mutter hrte, ihre
Liebe und ihre Leiden, der ganze herbe Kampf ihres Lebens, alles erwachte in
ihr. Als sie allein war, warf sie sich auf ein Ruhebett, das Viola besonders
liebte, und den Kopf in die Kissen verbergend, dachte sie, wie viel tausend
Thrnen mgen hier geflossen sein, wie oft mag das arme Herz hier umsonst Ruhe
gesucht haben. Sie bemhete sich, das Bild der Grfin festzuhalten; allein
Fernando trat unaufhrlich dazwischen. O warum, warum! rief sie aufspringend,
warum diese unglckliche Aehnlichkeit! bedurfte es dieser Tuschung noch? Sie
wollte sich so gern berreden, da die Baronin falsch gesehen und sie mit in den
Irrthum befangen habe, daher eilte sie, nach dem elfenbeinernen Kstchen zu
fragen, das sie bis dahin vergessen hatte; allein es fand sich, da es in den
Zimmern ihrer Mutter stehn geblieben war, welche niemand wieder nach deren Tode
betreten hatte. Diese Erinnrungen, das Andenken an den ernsten, furchtbarsten
Moment ihres Lebens, weckten andre Vorstellungen in Luisens Seele. Sie weinte
still vor sich hin, weich und hingebend, ohne eigentlichen Vorsatz und Willen,
aber doch in reinem, heiligem Gefhl.
    Am andren Morgen war Carl der Erste, welcher sich von den angekommnen
Fremden sehen lie. Mit groen Schritten ging er im Vorhofe auf und nieder, bis
ihn Julius nthigte, herauf zu kommen. Nein, sagte er im Hereintreten, lieber
will ich in einer Synagoge schlafen, als neben solchem welschen Teufel; hat er
nicht gestern Abend mit seinem Schurken von Bedienten geschabbert, da mir noch
die Ohren gellen, so will ich nicht selig werden. Zu Anfang lie ich mirs
gefallen; wie aber das auslndsche Geleiere nicht aufhrte, warf ich meinen
Pantoffel gegen die Thr, da alles so krachte; glauben Sie, da sie sich stren
lieen? recht wie die Muse, waren sie einen Augenblick still, und dann ging es
wieder, hast du nicht, so siehst du nicht. Luise mute trotz ihrer innren
Verstimmung ber diesen komischen Zorn lachen. Na, fuhr er fort, und wie der
Bediente heraus war, kam der Maler hinein, da wisperten sie eine Weile leise,
nachher ging es aber wieder lustig zu, doch sprachen sie deutsch, denn ich hrte
die Baronin nennen, und den Italiener sagen, ich bin der Frau grere
Verbindlichkeiten schuldig als irgend jemand ahndet; dann kam was von Aufruhr in
der Seele, und Kampf und Sieg, das war mir zu gelehrt, ich zog die Bettdecke
ber den Kopf und schlief ber dem Gesumse ein.
    Luisens Wangen glhten bei diesen letzten Worten, die recht wie ein
unerwarteter Schlag ihr Innres trafen. Da erschien Emilie an Fernandos Arm, der
ihr zufllig auf der Treppe begegnet war, und sie frisch und freudig in das
Zimmer fhrte. Die kleine hingebende Blondine nahm sich recht wohl an der Seite
des schnen Jnglings aus. Beider Anblick machte einen angenehmen Eindruck, das
konnte sich auch Luise nicht verhehlen, ohnerachtet sie ein peinliches Gefhl
dabei ergriff.
    Nach und nach versammelte sich die brige Gesellschaft. Stein hatte die
ganze Nacht von den alten Helden und Geistern des Schlosses getrumt, und viel
wunderliche Gestalten gesehn. Er erzhlte, da ihm vorzglich ein kleiner grauer
Mann auf einem weilichen Pferde einen seltsamen Schauer eingeflt habe. Dieser
sei unaufhrlich um den Felsen umhergeritten, ohne dem Pferde Ruhe zu gnnen,
welches dabei stark gehinkt, als habe es ein Eisen verloren. Werner schlug vor,
ein jeder solle die Trume, Eingebungen und Begebenheiten dieser Nacht erzhlen,
wobei sicher recht seltsame Bilder ans Licht treten wrden. Nun, sagte Carl, ich
bin bald fertig damit, denn ich habe die ganze Nacht eine Wassermhle gehrt,
die so brummte und sauste, da mir noch der Kopf wehe thut. Alle lachten ber
den seltsamen Contrast mit Reinholds Erscheinungen, ohnerachtet nur Luise und
Julius den eigentlichen Sinn dieser Worte verstanden.
    Fernando hatte inde nicht so bald von Emilien gehrt, da Stein Dichter und
musikalisch sei, als er ihn bat, die Gesellschaft mit einem Liede zu erfreuen,
worauf dieser, durch einen Blick von Emilien bestimmt, folgende Worte zur
Guitarre sang, auf welcher ihn Fernando sogleich accompagnirte.

Der Sklave singt am Ruder,
Auf wogender Galeere,
Ein Spiel emprter Meere,
Vom Vaterlande fern.
Sein Leiden hrt kein Bruder,
Er folgt dem strengen Herrn,
Oft rinnt die heie Zhre!

Doch auf Gesanges Wogen,
Schwebt se Tuschung nieder,
Schafft ihm die Heimath wieder,
Und trautes, festes Land,
Wo er, noch nie betrogen,
Die Welt so freundlich fand;
O holder Geist der Lieder!

So tanzt um mich Gesnge,
Ihr immer neu erglhten,
Und treibt empor zu Blthen,
Die Bilder meiner Brust.
Strm' nur du Weltgedrnge!
Lock' nur du Sinnenlust!
Mich soll das Lied behten.

Man drang darauf in Fernando, ebenfalls zu singen. Er meinte, er wisse kein
passendes Lied auswendig, wenn man ihm inde erlauben wollte, seinem Gefhle in
seiner Muttersprache Worte zu leihen, so werde er wohl eine angemessene Musik
dazu auffinden. Man war das gern zufrieden. Er stimmte daher einen Gesang an,
den Werner nachher also bersetzte:

Lang auf fremden Seen geschwommen,
Lang durchzogen fremde Nacht,
War der Snger heimgekommen,
Wo Italiens Sonne lacht.

Wie er von den Alpenzinnen,
Froh ins Land hinunterschaut,
Lehnt an ihn, in ses Sinnen
Ganz verloren, seine Braut.

Aus des hohen Nordens Pforten,
Hat er mit sie hergefhrt,
Und sie spricht mit leisen Worten,
Von des Sdens Hauch berhrt.

Lieber, welch ein groer Garten,
Welch erquicklich Blumenspiel,
Ihn zu hten und zu warten,
Braucht es wohl der Grtner viel?

Schne, nur der Sonne Lcheln,
Htet unsre Blumenflor.
Grtner ist der Lfte Fcheln,
Lockt sie berall hervor.

Und die Huserchen dahinter,
Hell mit Farb und Gold geschmckt!
Doch was birgt Euch, wenn nun Winter,
Hart auf Eure Fluren drckt?

Nie so grmlichen Bekannten,
Triffst du an auf dieser Flur,
Denn wir spotten des Verbannten
Lieblingskinder der Natur.

Wie viel schn umkrnzte Brute,
Wie Musik sich hren lt!
Dort im lust'gen Tanz die Leute!
Sicher giebt's ein hohes Fest.

Krnze, Lieder, lustge Reigen,
Sind uns immer frisch und wach.
Vor der heitren Sonne Steigen,
Wird zum Fest ein jeder Tag.

Oft ist mir dein Lied erklungen,
Von Elysiums Lorbeerwald,
Hast uns wohl emporgeschwungen,
Zu der Sel'gen Aufenthalt?

Schne, nein, wir sind auf Erden,
Ziehn in unsre Heimath ein;
Doch Elysium ganz zu werden,
Braucht sie nur der Liebe Schein.

Die Baronin hatte inde leise mit Luisen geredet, welche halb auf sie, halb auf
die Musik hrte, dennoch zuletzt, durch die Wendung des Gesprchs, gezwungen
ward zu antworten. Sie verzeihen mir also, sagte die warnende Freundin, wenn
meine Besorgnisse ungegrndet waren? O gewi, von ganzem Herzen, erwiederte
Luise. Und sind nun ganz in der ruhigen Stimmung, fuhr die Erstre fort, in der
ich Sie wnschte? Luisen fiel eine Stricknadel aus der Hand, welche sie langsam
aufhob, whrend sie die schnen Locken ber das glhende Gesicht fallen lie, in
der ruhigsten von der Welt, erwiederte sie kaum hrbar. So - sagte die Baronin
etwas trocken. Gleichwohl scheint eine Art von Miverstndni zwischen Ihnen und
Ihrem Gast obzuwalten, er meidet Sie auf eine seltsame Weise. O, fiel Luise halb
verletzt, halb gengstigt, ein, das ist so seine Art, er ist heftigen Gemthes
und ergreift alles Neue mit ausschlieender Aufmerksamkeit. Liebes Kind, sagte
die erfahrne Frau, woher kennen Sie ihn denn so genau? Sein Sie doch unbefangen
im Gefhl Ihres eignen Werthes mit mir, wie mit der ganzen Welt. Glauben Sie
nur, Ihre kleine Verlegenheiten entgehen ihm nicht, er treibt ein leichtfertiges
Spiel damit.
    Die Musik schwieg hier. Die Baronin erinnerte, da es Zeit sei, Toilette zu
machen, und fhrte die von Myrtenhainen und Krnzen trumende Emilie mit sich
fort.
    Luise empfand eine Art Scheu vor dem kalten Blick dieser Frau, der wie ein
Senkblei in ihr Herz fiel. Sie schrak vor ihr zusammen, so oft sie sie jene
Ueberlegenheit und die Entfernung des Platzes fhlen lie, auf welchem sie
eigentlich stehn sollte. Die Aufforderung, unbefangen zu sein, konnte sie am
wenigsten erfllen, da sie die ernste Beobachterin frchtete, und nur noch
unsichrer in ihrem Betragen ward.
    Die Zeit verflo inde fast auf hnliche Weise. Fernando hatte nur Augen und
Sinn fr Emilien, wodurch er wechselsweise Luisens Stolz hob, und ihr Gefhl
zerri.
    An einem Nachmittage, als eine zahlreiche Gesellschaft aus der Nachbarschaft
sich noch zu der des Schlosses gesellte, und alle im Freien versammelt waren,
zog ein Trupp Bergleute singend den Harz hinunter. Sie trugen vielfache
musikalische Instrumente und schienen bereit, sie in Bewegung zu setzen, als
Fernando vorschlug, ob man, da es schon spt und dunkel werde, nicht nach dem
Schlosse zurckkehren und dort einige Stunden nach der lustigen Musik dieser
Leute tanzen wolle. Alle stimmten freudig ein. Man machte sich sogleich auf den
Weg. Die Bergleute gingen spielend voran, und das bunte Gemisch von Frauen und
Mnnern zog, durch eine dunkle Tannenallee, dem lustigen Saale zu, der Luisen
bei ihrem Eintritt zuerst mit ihrer neuen Wohnung vershnt hatte. Fernando
walzte sogleich mit Emilien. Die Kleine schmiegte sich mit einer anmuthigen
Bewegung des Kopfes lchelnd in seine Arme, und schien sich und die ganze Welt
zu vergessen. Stein sah an einem Pfeiler gelehnt, dem Spiele wehmthig zu; er
war im Begriff, Luisen seine Hand zu reichen, und im allgemeinen Taumel die
Schmerzen seiner Brust zu betuben, als sich dieser einer der neuangekommnen
Gste, ein schon lngst bemerkter und bewunderter Fremder, nahete, und sie auf
eine feine, sittige Weise zum Tanze fhrte. Er war russischer Obrist, von hohem,
edlem Wuchs, und jener Gewandheit, welche die hhern Stnde seiner Nation
auszeichnet. Eine Sendung seines Hofes nach einer nahen Residenz fhrte ihn in
diese Gegend, zu einem Theil seiner Familie, der sich in Deutschland
niedergelassen hatte, und auf die Weise kam er heute nach dem Falkenstein. Es
sah schn, ja kniglich aus, wie sich die beiden herrlichen Gestalten langsam,
nach Norddeutscher Sitte, durch den Saal bewegten. Die dunkelgrne,
geschmackvoll verzierte, Uniform pate wohl zu Luisens einfachem weien Kleide
und dem grnen Zweige, der sich durch ihre Locken wand. Fernando betrachtete sie
mit einem tiefen, dstren Blick, der dann, wild auflodernd, ihre Brust wie zwei
Flammen traf. Sie hatte kaum geendet und sich gegen ihren schnen Tnzer
verneigt, als Fernando auf sie zutrat und sie, nach einigen flchtigen Worten,
umschlingend, in raschem kreisendem Wirbel mit sich fortri. Die rauschende
Musik, das dunkle, in sich zurckgezogne Feuer seiner Augen, die ganz eigne,
unruhige Heftigkeit in Mienen und Bewegungen ergriff sie so sehr, da sie sich
nach einigen Augenblicken halb ohnmchtig an ihn lehnen und ihn bitten mute,
aufzuhren. Er drckte sie leise an die glhende Brust und lie sie dann
schweigend aus seinen Armen. Sich kaum noch besinnend, trat sie in die offne
Gartenthr, und eilte von da weiter den Felsengang hinauf, zu einem Sitz, der in
dem Stein gehauen und von einer berhangenden Buche versteckt war. Nicht lange
darauf hrte sie neben sich reden; die Stimmen kamen nher, und sie erkannte
bald Stein und Werner, die, sich an den Baum lehnend, mit einander sprachen.
Also wirklich, wirklich, sagte der Erstre, Sie glauben nicht, da er Emilien
liebt? Mein Gott, erwiederte Werner, das liegt ja so klar am Tage, wie der Zweck
des ganzen Spieles! Nein, nein! fiel jener heftig ein, das nicht, das gewi
nicht! Werner lachte laut. Nun wahrhaftig, sagte er, Sie sind von einer seltnen
Unschuld des Sinnes. Was liegt denn darin so Unerhrtes? Es knnte in der That
interessant werden, wie der ganze Mensch, der groe Anlagen hat, wenn er sich
nicht selbst zur abgerichteten Puppe wie sein Unternehmen zu einer auswendig
gelernten Posse machte. Auch will ich wohl wetten, da er den bekannten Weg hier
nicht zum letztenmal einschlgt! Reizend ist bei allem dem dies Ringen einer
schuldlosen Seele, in der die Welt und Sinnenlust pltzlich hervorbricht und sie
hin und her treibt, da sie nach allen Seiten fat und greift und zwischen
Himmel und Hlle schwebt. Hier zwar wird nun der Kampf nicht lange unentschieden
sein, denn die ganze Richtung des Gemthes spricht sich bei der schnen Frau in
Gestalt und Wesen aus. Sie erscheint recht wie eine erhabene Snderin, die im
stolzen, khnen Fluge hinaufstrebt und durch die Eigenthmlichkeit ihrer Natur
alle Augenblicke einmal das edle Haupt senkt und sich von den irdischen Banden
umstricken lt. Daher ist auch ein eigner Streit von Stolz und Hingebung in
ihrem uren Erscheinen, und ich bin sehr berzeugt, da in diesem Streit ihr
ganzes Leben hinflieen wird. Sie haben eine ordentliche Freude, sagte Stein, an
solcher innren Verwirrung. Nein, entgegnete Werner; allein ich mu so lange
forschen und beobachten, bis ich einen jeden auf den Platz gestellt habe, wo er
eigentlich stehen mu, sonst bin ich in mir selbst unsicher. Beide gingen
hierauf weiter. Luise sa lange Zeit in dumpfer Betubung da. Endlich raffte sie
sich auf, und eilte, ohne den Saal zu betreten, durch einen Umweg dem Schlosse
zu. Sie mute, um zu ihren Zimmern zu gelangen, durch einen langen, schmalen
Gang, an dessen Wnden mehrere Familiengemlde hingen. Der Mond schien hell
durch die hohen Fenster und beleuchtete vorzglich das Bild einer Dame, die als
Leiche gemalt war, und aus einem reichen Schmuck dunkler, mit Perlen
durchflochtener Haare, bleich und etwas verzerrt hervorsah. Man glaubte
allgemein im Schlosse, es sei das Bild der Ahnfrau, was auch eine Vergleichung
der Zge mit dem im Kloster wahrscheinlich machte. Eine Bewegung der Bume vor
den Fenstern bewegte auch itzt den Schein auf dem Bilde so, als rege sich das
Gesicht und ffne den ohnehin verzognen Mund. Luise verhllte die Augen und
strzte laut schreiend in ihr Cabinet. Hier lag sie, heftig weinend, ohne klares
Bewutsein, mit einem tiefen, schneidenden Schmerz im Innern, lange Zeit auf
ihren Knieen, als eine warme Hand leise die ihrige berhrte. Jesus! rief sie,
aufspringend. Fernando stand vor ihr. Luise, sagte er mit einem wehmthigen Ton,
verdiene ich denn wirklich nur Ihren Abscheu? - Ich wei es nicht, stammelte
sie, Gott allein wei es; allein jetzt bitte ich Sie, verlassen Sie mich. O bei
allem was Ihnen heilig ist, verlassen Sie mich! Sie stoen mich also ganz und
auf immer von sich? fragte er, ihre Hand an sein Herz drckend. Auf ein
Vorurtheil hin verdammen Sie mich, zwingen Sie sich selbst, mich zu hassen!
Luise versuchte, sich zu entfernen. Nein, nein! rief er, ich lasse Sie nicht,
jetzt nicht, ich will einmal in meinem Leben wenigstens zu Ihnen reden; rechnen
Sie es dem glhenden, heftigen Jngling nicht zu gering an, da er die ganze
Zeit ber schwieg, da er ein Feuer in sich zurckdrngte, was Sie erschrecken
wrde, wenn es einmal ungehindert aufflammte. Beide schwiegen einen Augenblick.
Was that ich Ihnen, sagte er darauf, um dies abstoende, geringschtzige
Betragen zu verdienen? Muten Sie mich niedertreten, um sich zu heben? Fand Ihr
Stolz Nahrung in den lauten Aeuerungen eines ungerechten Hasses? Jener Brief -
O Gott! o Gott! rief Luise ganz erschpft; ihr Kopf senkte sich und heie
Thrnen flossen auf die schnen Hnde, die sich kreuzend auf der Brust falteten.
Wer hat Sie, rief Fernando, so in sich selbst aufgeschreckt, da Sie aufhrten,
der einfachen Richtung Ihres Gefhls nachzugehn? Warum strafen Sie mich, so oft
eine mildere Regung aus Ihren Augen spricht; warum reizen Sie sich zu einem
unnatrlichen Kampf, der Sie und mich zerstrt? Luise, ich habe seit dem Tode
jener Frau, die meine Jugend bildete, niemand auf Erden, der mit einem reinen
heiligen Gefhl an mir hinge; ich habe auch niemand gefunden, dem ich mein
ganzes Dasein so ungetheilt hingegeben htte. In Ihre Hnde allein lege ich es,
wenn Sie meine Freundin, meine Schutzheilige sein wollen! Ich bin nicht
schlecht! bei dem ewigen Gott, ich bin nicht schlecht! Wollen Sie? fragte er
weich und schmeichelnd. Auf Luisens Augen schwebte ein zitterndes Ja. Ihre Augen
schlossen sich an seine Brust, indem er sie leise auf die Stirn kte.
    Wie die ewige Vershnung tnte das Wort Freundin in ihre Seele. Der schwere
Kampf schien geschlichtet, Gott und Menschen vershnt. Ist es denn wahr, sagte
sie aufblickend, ich soll das nicht scheuen und verdammen, was ich mit
unsglicher Angst - Meine Luise, unterbrach sie Fernando, wie glcklich konnten
wir lange sein, wenn Sie sich frher selbst verstanden! Ein Gerusch im
Nebenzimmer machte ihn aufmerksam. Er fhrte Luisen zu einem Stuhl und stand ihr
gegenber, am Clavier gelehnt, als die Thr aufging, und Georg, mit zwei Lichten
in der Hand, hereintrat. Immer aufmerksam auf alles, was seinem Dienst anging,
hatte er sich erinnert, da diese Zimmer noch nicht erleuchtet waren und da
sich die Grfin, da er sie nicht in der Gesellschaft fand, wohl hieher knne
begeben haben. Auf Fernandos Stirn lag der tiefste Unmuth ber die unwillkommne
Strung; er ging heftig auf und nieder, whrend der alte Diener alles gehrig
ordnete, die Fensterladen schlo, und sich bei manchem kleinen Geschft
verweilte. Luise schien von allem nichts zu bemerken; in der seligsten innern
Stille lie sie ihre Thrnen ungehindert flieen. Georg betrachtete Beide
kopfschttelnd, und ging in der Ueberzeugung hinaus, da der wste Fremde seiner
jungen Herrschaft recht zur Qual und Aergerni hier sei. Bei dem Oeffnen der
Thr schallte die Musik hell aus den Nebenzimmern herber. Luise ward durch die
Tne aufgeschreckt. Gehn Sie, lieber Fernando! rief sie eilig, gehn Sie zur
Gesellschaft, ich folge Ihnen sogleich! Ist das die erste Bitte, Luise, fragte
er verletzt, die Sie dem neuen Freunde zu thun hatten? Werde ich nie andre Worte
aus Ihrem Munde hren? Gilt es denn immer nur, mich zu entfernen? Mein lieber
Fernando, erwiederte sie, wenn Sie wten - Aber Sie sollen sehn, fiel er rasch
ein, selbst einen neuen Ueberfall frchtend, Sie sollen sehn, da mir Ihr Wille
in jedem Augenblick heilig ist, ich gehe; allein, Luise, wenn ich Sie jetzt
ruhiger verlasse, wenn die Rhrung Ihrer Engelseele mich entzckte, wenn ich
mich einen Augenblick einer glcklichen Zukunft berlie, werden Sie fest
bleiben? werden Sie nicht auf's neue, durch tausend Grillen erschreckt, wanken,
und ein flchtiges Wohlwollen bereuen, was mich auf ewig an Sie kettet? Nein,
nein! rief sie aus vollem Herzen, ach nein, ich kann ja nicht anders als Ihnen
vertrauen! Werden Sie das immer? fragte er, auch wenn Zweifel Sie ngsten, auch
wenn weise Rathgeberinn - O still, still! unterbrach ihn Luise, und drngte ihn
bittend zur Thr.
    Als sie zur Gesellschaft zurckkam, fand sie Emilien zwischen Carl und dem
Maler, nachlssig auf einen Stuhl geworfen und ziemlich unwillig ber den
allzuoffnen Vetter, der sie, ohne Rcksicht auf ihren Nachbar, mit Fernandos
Vernachlssigung und scheinbarer Erkaltung neckte. Sehn Sie! rief er, da sitzt
er wahrhaftigen Gotts, tiefsinnig wie ein Englnder! er sieht nicht, er hrt
nicht. Wissen Sie was, wir wollen einmal mit einander walzen, vielleicht sieht
er das, er wird eiferschtig - Auf Sie? fragte Emilie spttisch. Cousinchen,
erwiederte Carl, werfen Sie die deutschen Mnner nicht weg, es ist Verla auf
sie; die Fremden sind Zugvgel, sie bauen sich hier keine Nester. Der Maler
wollte sticken vor Lachen. Emilie stand endlich auf und ging zu ihrer Mutter,
die sehr eifrig mit Stein redete. Der ernste Russe hatte sich zu Luisen gesetzt,
und sprach verbindlich und mit vieler Einsicht ber das Charakteristische
deutscher Geselligkeit. Bei der unvermeidlichen Annahme und nothwendigen
Verschmelzung fremder Sitten, meinte er, sei eine eingeborne Wrde, ein gewisses
husliches Zusammenhalten und meistentheils grere Tiefe des Gefhls ganz
unverkennbar, was vorzglich die Frauen sehr anmuthig zwischen die
Englnderinnen und Franzsinnen stelle, und auch den Umgang der Mnner,
ohnerachtet ihres frhen Zurckziehens von aller geselligen Mittheilung, dennoch
interessant mache. Sie war genthigt, so verbindliche Worte aufmerksam
anzuhren, und, indem sie sie schicklich erwiederte, das Gesprch lnger als sie
wnschte fortzusetzen. Fernando hatte sich ihr inde genhert, und flsterte,
ber ihren Stuhl gebeugt: Sie ahnden nicht, wie wehe Sie mir thun; mssen Ihre
Freunde so schnell zurckstehn? Sie ward hchst verlegen, antwortete hchst
einsilbig und unpassend, worauf der Obrist auch geschickt abbrach und sich
zurckzog.
    Mehrere der Fremden hatten noch einen weiten Weg zu machen; man trennte sich
daher nach und nach, und die Baronin, die durch ihr Gesprch verstimmt schien,
erklrte, da es berall Zeit sei, der Ruhe zu genieen, worauf alles fr heute
auseinander ging.
    Fernando hatte mit Recht neue Erschtterungen in Luisens Seele vorausgesehn.
Sie war nicht sobald allein, als sie eine Bangigkeit befiel, die Hand in Hand
mit der eingebornen Scheu vor dem Unrecht geht. Es regte sich jenes Zagen in
ihr, was zuerst die Bilder lockender Erinnrung unruhig hin und her wirft, bis
das verlangende Auge nicht mehr darauf haften kann. Und wie dann alles so
innerlich erzittert, so fliehen die Ahndungen hherer Liebe, die ein Gott uns
einhaucht, die Erde ffnet ihren Schoos und zeigt uns alle Schrecken, die unsrer
warten. Dazwischen hrte Luise Werners zernichtende Worte. Alles fiel ihr
pltzlich zusammen. Sie erschien sich strafbarer, verlorner, als sie war; sie
wute nicht, wie sie sich selbst entfliehen sollte. Ach es war ja so wahr, so
unwidersprechlich wahr; sie liebte ihn mit allen Krften ihres emprten Herzens.
Unter tausend Qualen war sie spt am Morgen eingeschlafen, als Julius vor ihr
Bett trat. Sie schreckte bei dem leisen Gerusch auf. Ich wollte Dich nicht
stren, sagte er, gutmthig besorgt, aber ich bin Deinetwegen beunruhigt, liebe
Luise, und mu Dich endlich fragen, was so schwer auf Deiner Seele drckt? was
Dich so ausschlieend beschftigt, da Du fast fr nichts auer dem Sinn hast?
Liebe, liebe Luise, verhehle mir doch nichts; glaube nur, ich habe Deine
Schmerzen, ohne sie zu kennen, zerreiend gefhlt. Ach ich trage ja kein andres
Leben in mir, als Dein Glck, Deine Ruhe. Sie sank weinend in seine Arme. O wre
er mein Bruder, dachte sie. Erinnerst Du Dich, fuhr er fort, was die Mutter
sagte: Luise hat nun niemand auf Erden als dich, verlasse sie nie, stehe ihr im
entscheidenden Augenblick zur Seite. Meine Luise, sei offen. - Wie Himmelsthau
fielen diese Worte in ihr Herz; sie rang noch einen Augenblick mit der Furcht,
Julius durch ein freimthiges Gestndni wehe zu thun; dann aber siegte die
Wahrheit, ihr Innres schlo sich auf, die Worte schwebten auf ihren Lippen; da
strzte Mariane herein und sagte eilig, der Herr Jagdjunker und Herr Werner
seien im Vorzimmer in heftigem Wortwechsel und sie habe von Schieen und
Schlagen gehrt. Julius sprang auf; er frchtete Carls Ungestm, und eilte,
einem Unglck vorzubeugen. Nach einer Weile kam er sehr bleich und erschttert
zurck. Es ist nichts, sagte er angestrengt; ein Miverstndni, das sich schon
wieder aufgeklrt hat. Sonst nichts? fragte Luise, wirklich nichts? Nein, nein,
wirklich nicht, erwiederte er und ging dann schweigend auf und nieder. Luise
erwartete mit klopfendem Herzen, da er das vorige Gesprch wieder anknpfen und
auf's neue in sie dringen sollte. Allein Julius sagte kein Wort. Sie selbst
hatte nicht den Muth, wieder anzufangen. Ueberdem war der rechte Augenblick
vorber, und so blieb es zwischen Beiden still, bis Mehrere hinzukamen und im
Allgemeinen ein leidliches Gesprch in den Gang brachten. Ein flchtiger Blick
zeigte Fernando die Wolken auf Julius Stirn und Luisens trbe, gesenkte Augen.
Er neigte sich daher zu Emilien und redete auf's neue angelegentlich mit ihr.
Werner trat zu Stein, der in einem alten Buche, das er in jenem Schreine fand,
verblichene, kaum noch kenntliche, Holzschnitte betrachtete. Die Worte darunter
schienen hufig gelesen, denn zwischen den feinen Blttern lagen mehrere
Zeichen, Goldfden, auch Stckchen farbiger Stoffe, die wohl eine lngst
vertrocknete Hand da hinein gelegt hatte. O lassen Sie sehn! rief er, als
Reinhold eben ein Blatt umschlagen wollte und er die Worte in kunstreich
gezirkelten Buchstaben las: Von getreuer und sittsamer Minne. Die Andren
nherten sich nach und nach auch. Man ward begierig, die Bedeutung der Bilder zu
wissen. Eine innre Ehrfurcht vor den alten, ehrenwerthen Gestalten, ja vor dem
Buche selbst, das wie ein edler, fremder Geist mitten unter ihre neue Ansichten
und Gefhle trat, verscheuchte jede Sptterei. Man drang in Stein, die kleine
Geschichte vorzutragen, und er, ohne sich lange bitten zu lassen, fing sogleich
an:


                       Von getreuer und sittsamer Minne.

Ein sehr edler und schner Ritter hatte sich in die Tochter des Knigs
verliebt, die unter allen frstlichen Jungfrauen weit und breit, nicht allein
als die anmuthigste und liebreizendste, sondern auch als die sittigste und in
aller wohlanstndigen Geschicklichkeit erfahrenste, berhmt war. Wie nun die
Liebe von keiner Macht in der Welt Gesetze annehmen will, half es auch ihm
nichts, da er sich die Schwierigkeiten, ja die Thorheit eines solchen
Beginnens, unablssig vor Augen stellte. Jemehr er sich schalt, um desto mehr
entbrannte er in den gewaltigen Flammen, von denen sein ganzes Gemth durchhitzt
war, und es htte wohl noch ein frhes Ende mit seinem Leben genommen, wenn ihm
nicht ein gnstiger Zufall, (so deren viele, sagt man, im Solde des Liebesgottes
stehn sollen,) zu Hlfe gekommen wre. Auf einem groen Jagen nmlich, als er
sich in den tiefsten Wald begeben hatte, um seinen schwermthigen Gedanken
nachzuhngen, begab es sich, da er auf die Prinzessin traf, indem sie durch
ihren scheuen Zelter weit von dem ganzen Hofgefolge auf ungebahnten Wegen
fortgerissen ward. Er that dem wilden Thiere Einhalt, und nachdem er die schne
Jungfrau herabgehoben hatte, wollte sie sich nicht wieder der einmal bestandnen
Gefahr anvertrauen, sondern zog es vor, sich von dem jungen Helden zu Fu nach
dem Schlosse heimgeleiten zu lassen. In dem dunkelgrnen, sonnendurchblitzten
Laubholz schlug dem Ritter das Herz immer hher und hher; er sing an zu
bedenken, da, wenn es doch einmal umgekommen sein msse, der Schrecken ein
schnellres und leichteres Ende bescheere, als der Gram, und da er lieber an der
Grausamkeit seiner Dame, als an der eignen Zaghaftigkeit sterben wolle.
Deshalben begann er erst mit stotternder, dann mit berstrmender Zunge und
weinenden Augen, der Schnen sein Leid zu klagen. Sie gedachte ihn anfnglich
zum Schweigen zu verweisen, aber weil der einsame Weg so gar lang whrte, konnte
sie letztlich das Heben und Senken ihrer zarten Brstlein, das Errthen ihrer
Wangen, das Blitzen ihrer Augen sich und dem Ritter nicht lnger verbergen. Sie
gestand ihm, da sie vor allen Mnnern auf der ganzen Erde nur ihn allein mit
herzlicher Treue meine, und hiermit zu ihrem Verlobten auserwhle. Als sich nun
der Liebhaber recht versann, da er nicht etwa dergleichen blos im Traum, oder
sonst in phantastischen Gesichtern erblicke, sondern in der That die schne
Knigstochter ihm ihre Liebe gewhre, dachte er vor Freuden zu sterben, wie noch
wenige Stunden frher vor Herzeleid. Kaum aber da er sich ein wenig erholt
hatte, so schlug er eine Menge Mittel vor, wie sie beide recht bald zu dem
ehrlichen Ziel ihres Liebhabens in einer vergngten Ehe gelangen mchten. Die
kluge Jungfrau aber sagte: Lat es uns wohl bedenken, mein herzlieber Herr
Adelhof, (denn also war der Ritter bei seinem Taufnamen geheien,) da wir auf
ein gar ngstliches und gefhrliches Unternehmen ausgehn. Mein Vater, wie Euch
nicht fremd sein kann, ist gar ein ernster und hochtrachtender Herr, eines recht
frstlichen Heldengemthes, der nimmermehr zugeben wird, da seine Tochter einem
Vasallen zu Theil werde, es sei denn, da sich dieser durch unerhrte Thaten den
regierenden Huptern gleich zu stellen wisse. Nun aber habe ich das gute
Vertrauen zu meinem Gott (wohl sprend, da meine Liebe keusch und rein, und
seines heiligen Schutzes werth sei), da er Euch eine Gelegenheit geben wird,
Euern schon erprobten Rittermuth zum Heil des Knigs und des lieben deutschen
Landes auf eine solche Weise leuchten zu lassen, da Euch meine Hand als ein
billiger Ehrenpreis nicht versagt werden mag. Wollet deshalb damit zufrieden
bleiben, ser Freund, da meine unsterbliche Seele, nchst Gott, Euch allein
angehrt, und in Geduld stehen, bis sich eine gnstigere Zeit offenbart. Auch
wollet nichts von heimlichen Zusammenknften oder dergleichen Leichtfertigkeiten
begehren, sintemal das Euerm eignen knftigen Eheweib eine groe Schmach sein
wrde.
    Unter dergleichen liebevollen, doch frommen, Gesprchen waren sie zu dem
Schlo gekommen, wo der Knig eine groe Freude ber die Rettung seiner
Prinzessin Tochter bezeugte, ohne nur im geringsten zu ahnen, was sie im Walde
mit dem Ritter Adelhof knne verabredet haben.
    Von diesem Tage an lebten die beiden jungen Leute in aller zchtigen Liebe
und Ergtzlichkeit unterschiedliche Monden hintereinander sonder Strung fort.
Wenn es auch bisweilen geschah, da bei dem Ritter, wie es der Mnner Art ist,
ein ungeduldiges Feuer aufgehn wollte, so wuten doch alsbald die
sittigfreundlichen Blicke der Jungfrau die ungestme Lohe dergestalt zu
bezhmen, da nur ein stiller, labender Schein daraus brig blieb, dessen
niemand als sie selbst wahrnehmen mochte. Der Ritter ward mit jedem Tage frmmer
und linder gegen Menschen sowohl als jede andre Creaturen, und wenn er einen
deutsamen Gru von seiner Herzliebsten gewonnen hatte, schien es gar, als lchle
der Himmel selbst aus allen Zgen seines Antlitzes.
    Ein so recht paradiesisches Erquicken jedoch kann auf unsrer Erde nicht von
langem Bestand sein. Es verbreitete sich nach kurzer Zeit das Gercht, als habe
der Knig seine Tochter an einen benachbarten Prinzen verlobt, welcher auch
gleich darauf selbst an den Hof kam, ffentlich in den Farben der schnen
Jungfrau prangend, und berhaupt weder seine Werbung noch die Begnstigung des
Brautvaters im geringsten verhehlend. Wie da dem armen Ritter Adelhof zu Muth
gewesen sei, kann leichtlich ein jeder selbst ermessen, sofern er nur einmal die
ergtzlichen und doch auch oft so schmerzlichen Blumenketten der Minne getragen
hat. Wenn dem Ritter auch kein Zweifel an die Bestndigkeit seiner tugendhaften
Liebschaft in den Sinn kam, so wute er doch auch recht gut, wie weit eines
gekrnten Knigs Arm reiche, und wie schwer es halten msse, durch einen so
hartnckigen und vielfach untersttzten Willen zu brechen. Doch trstete er sich
damit, da es auch kein Leichtes sei, getreuer Liebe einen Kampf abzugewinnen,
und da seine Gegner daher wenigstens eben so schwieriges Spiel vorfnden, als
er. Entschlossen, das Alleruerste mit tausend Freuden zu wagen, trachtete er
nur darnach, wie er seiner geliebten Prinzessin von diesen Gedanken Nachricht
geben und gehrige Abrede treffen mchte.
    Auf einem Turniere, das man dem fremden Brautmann zu Ehren angestellt hatte,
gebrauchte sich der Ritter Adelhof so mnnlich, da man ihm vor allen Anwesenden
den Preis zuerkennen mute, und zugleich die Ehre, am Abende den Reihen mit der
Prinzessin zu beginnen. Das war es eben, was er so eifrig gesucht hatte, und
whrend nun die Musik recht kunstreich und gewaltig durch den Saal schmetterte,
er aber mit zierlichgemessenen Schritten neben der Jungfrau hertanzte, nahm er
Gelegenheit, ihr auf eine geschickte Weise zuzuflstern, wie er Willens sei, sie
am folgenden Abend zu entfhren, der Hoffnung, da sich jenseit des Meeres
Sicherheit und ein bessres Glck antreffen lasse. Sie aber entgegnete voller
Schrecken: Wie sollte ich ein so groes Uebel thun, und als eine unverehelichte
Magd heimlich mit Dir aus dem Hause meines Vaters wegziehn! - Adelhof sagte mit
herzlichem Bedauern: ich merke leider schon, wo das hinaus will. Die Pracht des
Fremden hat Dein Gemth befangen, und Du mchtest des armen Edelmanns nun gern
entledigt sein. - Nicht also, sprach die Jungfrau. Keinem andern Mann als Dir
will ich jemals angehren, aber auch ein reines, fleckenloses Weib bleiben, so
weit es einem sndigen Menschenkinde mglich ist. - Ach, bedenke Dich wohl, was
du thust, sagte der Ritter. Du stest ein getreues Herze von Dir, denn wenn Du
nicht einwilligest, mit mir von hinnen zu ziehn, so erwhle ich mir selbst die
Verbannung aus diesen Landen, allen glatten Worten unvertrauend, die so bel mit
der That zusammenstimmen. - Was recht und ehrlich ist, soll geschehn, mehr aber
nicht, sagte die Jungfrau, und damit hatte eben der Tanz ein Ende genommen. Sie
muten von einander gehn, ohne da sie die Gelegenheit finden konnten, ihre
Angelegenheiten des weitern zu besprechen. Der Ritter sah die Jungfrau wohl
bisweilen flehend an, in Hoffnung, irgend eine gnstigere Entscheidung aus ihren
Augen zu schpfen; aber ob sich diese gleich vielmals mit recht perlenglnzenden
Thrnen fllten, wiegte sich doch das schne Haupt dabei leise verneinend hin
und her, daraus wohl abzunehmen stand, wie es bei dem einmal gefaten Entschlu
bleibe.
    Sich selbst und Alle scheltend, die jemals ihr Vertrauen auf das eitle
Gemth eines Weibes gesetzt, verlie der Ritter den Tanz, in Willens, mit dem
frhsten Morgen davon zu reiten, je weiter je lieber, von einer Gegend, wo es
ihm mit seinen liebsten Wnschen so widerwrtig gegangen war. Deungeachtet
kamen ihm mit dem hellen Morgenrorh andre Gedanken zurck. Er meinte, wie doch
immer Licht aus Nacht entspriee, mge es auch wohl mit seinen Schicksalen
ergehn, die Jungfrau habe sich vielleicht ihr furchtsames Verweigern schon
lngst gereuen lassen, und es komme nur auf einen khnen Versuch an, sie fr
seinen Entwurf zu gewinnen. Dieses Vertrauens voll, richtete er Alles zur Reise
ein, ohne sich dabei einer lebendigen Seele anzuvertrauen, erhandelte auch unter
anderm Vorwand einen leichten Zelter mit bequemem Geschirr fr seine schne
Genossin, und harrte ganz allein, die beiden Rosse am Zgel, unter ihren
Fenstern, bis er an dem Lampenschimmer vermerken konnte, sie sei nun von dem
Nachtmahle zurck gekehret und allein in ihrem Gemach. Da begann er folgende
Verse zu singen:

Nicht allzuhoch die Fensterwand,
Strickleiter in des Liebsten Hand;
Ein Wink aus Liebchens Fensterlein,
So stiegt die seidne Trepp' hinein,
Und will sie dran hernieder gleiten
So knnen, eh' der Morgen graut,
Von stiller Nacht allein beschaut,
Zum Meerstrand die Verliebten reiten.

Er sah wohl, da sich die Schne dem Fenster zu nhern schien, und sang deshalb
in froher Hoffnung fort:

Was ist der chten Minne gleich?
Nicht Frstenthum, nicht Knigreich.
Zwei Herzen fromm, zwei Herzen treu,
Sie ziehn sich an in ser Scheu,
Mit Mond und Stern im frohen Bunde
Wird ihnen Nacht zum heitern Tag,
Das Waldesgrn zum sichern Dach.
O Liebchen komm, gut ist die Stunde.

Die Jungfrau stand an dem Schieber, es war schon, als wolle sie das Fenster
ffnen; aber mit einemmale lie sie den Vorhang herunter rollen und floh zurck.
Der Ritter sang mit weinenden Augen:

O schwacher Sinn! O falsches Herz!
Du whlst und giebst fr Freude Schmerz!
Warst doch allein all' meine Lust,
Trug nur Dein Bildni in der Brust,
Und soll Dich nun so gar entbehren,
Trb scheiden, der so frhlich kam.
Ach Gott, erstrk' nur meinen Gram,
So wird er frher mich verzehren.

Es kam ihm vor, als she er durch die Vorhnge, wie die Prinzessin mit vor den
Augen gehaltnen Hnden heftig weine, ja als vernhme er ihr leises Schluchzen;
pltzlich aber lschte sie ihr Licht und es lie sich keine Regung in dem
dunklen Zimmer mehr vernehmen. Da ri er in wildem Unmuth den Zgel von des
Zelters Hals und jagte ihn von sich, whrend er auf seinen Streithengst sprang
und diesen mit wilden Sporensten in den Wald hinein trieb.
    Eine lange Zeit hindurch zog er in fremden Landen umher, in solchen am
liebsten, wo man gar nichts von der lieben deutschen Muttersprache verstand, auf
da er nur von aller Erinnerung an die Jungfrau befreit werden mchte. Ja, so
oft sie ihm des Nachts in Trumen vorkam, pflegte er am folgenden Tage recht
geflissentlich Festlichkeiten oder Gefechte aufzusuchen, um seine Betrbni
gleichsam in derlei ungestmen Meeren zu ertrnken. So geschah es, da er
endlich am Hofe einer italischen Frstin bekannt ward, die von allen Hofleuten
sowohl, als auch von den kunstreichsten Bildhauern und Malern fr die schnste
Person auf der ganzen Welt gehalten ward. Der Ritter Adelhof meinte, wenn er
deren Minne verdienen knne, sei er auf's beste an der Knigstochter gercht,
und msse es ihr zum absonderlichen Kummer gereichen, ihren verstonen Liebhaber
so glnzend entschdigt zu wissen. In dieser Absicht strebte er nach allen
Krften, die Gunst der schnen Italienerin zu gewinnen; da er aber (wie sich
leichtlich denken lt) eine groe Schaar von mannlichen und schnen Mitwerbern
vorfand, konnte er sich nie vergewissern, wie er eigentlich bei der Dame stehe,
ob er gleich tglich auf das freundlichste empfangen ward, ja sich sogar mancher
sehr gnstigen Blicke und Worte zu rhmen hatte.
    Viele Ritter und Herren, denen es auf gleiche Weise erging, wurden endlich
eins, die Schne um eine bestimmte Erklrung anzugehn, und wenn sie auch noch
von keiner bestimmten Wahl hren wollte, sie doch wenigstens um die Aufgabe
irgend einer That oder eines Geschenkes zu bitten, wodurch man des Glckes ihrer
Minne theilhaftig werden knne; des vergeblichen Harrens und Seufzens, wie aller
fortdauernden Ungewiheit, sei man nun einmal durchaus berdrssig. Man brachte
ihr auch diese Willensmeinung vor, obgleich mit den allerzierlichsten und
verbindlichsten Worten, welche sich nur erdenken lassen. Die Schne aber
entgegnete den versammelten Werbern: Ihr Herren, meine Antwort wird kurz sein,
wie Ihr Euch denn die Aufgabe leicht selbst httet machen knnen, wenn irgend
etwas Wahres an Eurer Bewundrung meiner Schnheit zu finden wre. Ist die
Gestalt, in welche es dem Himmel beliebt hat, mich zu kleiden, so gnzlich
makellos, als Ihr zu glauben vorgebt, wie ist es dann noch Keinem eingefallen,
da einer solchen auch ein makelloses Gewand gebhre? Was ich aber bis jetzt von
Seide, Stoff, Leinen, Flor und irgend andern Kleidungsstcken gesehn habe, trug
bestndig irgend einen Mangel an sich. Auf dann, Ihr Werber, mir ein Gewebe
sonder Fehl zu verschaffen, und wem es damit gelingt, der soll mich in eben
diesem Kleide zur Trauung fhren.
    Die Ritter standen eine Zeitlang bestrzt, vermeinend, man wrde ihnen eher
ein khnes Wagstck aufgegeben haben, als das Erkiesen eines tadelfreien
Gewebes, worauf sich die Wenigsten von ihnen verstehn mochten. Demohngeachtet
grbelten sie nicht allzulange; wollten sie die Braut haben, so muten sie nach
deren Willen tanzen, weshalb sie auch mit dem nchsten Tage nach allen vier
Weltgegenden hinauszogen.
    Der junge Deutsche Weigand Adelhof nahm seine Richtung noch weiter gegen
Mittag, des Glaubens, wie die Lfte klarer, die Flsse heller, die Sonnenstralen
lichter wrden, mten auch die Werke aller Menschenkinder an Zierlichkeit und
Zartheit zunehmen.
    Ein heilsames Verirren brachte ihn jedoch bald darauf in dunkler Nacht zu
der Htte eines Klausners, der ihn gastlich aufnahm, und whrend des migen
Mahles ungefragt durch ihn selbst (wie denn das der Jugend Art zu sein pflegt)
von seiner Reise und ihrem Ziel umstndlich benachrichtigt ward.
    Ei, rief der Siedler am Ende der Geschichte aus, Ihr kommt mir vor wie ein
sehr thrichter Gesell. Nicht allein, da Ihr Eurer Spinne selbsten die Gewebe
zutragt, darin sie Euch desto besser fangen mge, sucht Ihr auch das noch auf
ganz verkehrten Wegen! Seid Ihr ein geborner deutscher Edelmann und wit noch
nicht, da in Eurem Land fast einzig und allein die rechte ernste Freudigkeit
und Treue, vermge deren man kunstreiche Arbeiten verfertiget, daheim sind?
Halte dafr, Eure fremden Nebenbuhler wissen besser Bescheid, und haben gewi
smmtlich ihre Richtung nach der deutschen Grnze genommen.
    Herr Adelhof schmte sich sehr, da er dieser Zurechtweisung bedurfte, und
machte sich in aller Frhe und Eilfertigkeit auf den Weg nach Deutschland.
    In der That war er auch kaum einige Tage lang in dem guten Lande Tyrol, als
er schon von einer wundersamen Frau hrte, welche Gewande zu weben und zu
sticken verstehe, dergleichen man in der ganzen weiten Welt nicht finde. Sie
wohne, sagte man ihm ferner, bei einer alten Hirtenfrau im Gebirge, welche ihr
vor etwa zwei Jahren aus Erbarmen, fast ungern, Obdach gestattet habe, nun aber
sich durch die Arbeiten der Fremden in einen groen Wohlstand versetzt befinde.
Das meiste ihres reichlichen Gewinnstes wende jedoch die fromme Weberin auf
Capellen und Kirchen, deren sie schon unterschiedliche in dem sonst wilden Thale
mit aller Pracht und Zierlichkeit habe erbauen lassen. Sie selbst fhre ein
wahres Klosterleben, und erlaube nur ihrer alten Wirthin den Eintritt in ihre
Zelle. Der Ritter, voller Ungeduld, das Ziel seines Suchens zu erreichen, kam
noch selben Abends vor der Meierei der Hirtenfrau an, von welcher die Klause,
darin die gottesfrchtige Fremde ihr einsames Wesen trieb, etwa fnfhundert
Schritt oder mehr entlegen sein mochte. Die alte Wirthin nahm ihn zwar
anfnglich ganz willig auf, als er aber sein Begehren nur kund zu thun anfing,
unterbrach sie ihn sogleich, versichernd, die Gedanken daran knne er sich auf
alle Weise vergehn lassen. Es seien schon viele reiche und edle Herren in der
nmlichen Absicht hier gewesen; da habe die fromme Dame erklrt: um kein Geld,
noch Gut, noch Ehrenbezeigung, wolle sie die Hand fr die Befriedigung solch
toller Eitelkeit anlegen, die sich ja in der That an Uebermuth den Einfllen
vergleiche, womit ehemals Feien und andre bse Heidinnen die Welt geplagt
htten, wie man davon manche furchtbare Geschichte vernehme. Der Ritter Adelhof
ward zwar ber diese Weigerung sehr bestrzt, jedoch wollte er nicht minder als
seine Nebenbuhler versucht haben, und drang daher in die Alte, sein Anbringen
doch wenigstens der Dame vorzutragen. Man msse alles zu seinem Glcke aufs
fleiigste anstellen, meinte er; niemand wisse, was grade ihm aufgehoben sei,
und schlage es auch alsdann gnzlich fehl, so drfe man doch nicht auf sich
selber schelten. Die Alte konnte ihm hierin nicht gnzlich Unrecht geben, und
verfgte sich daher nach der Klause, wobei sie inde bestndig den Kopf als in
vielem Zweifeln schttelte. In der hchsten Verwundrung aber kam sie zurck, so
schnell es ihre wenigen Krfte erlaubten, die Hnde zusammenschlagend, und
ausrufend: Ihr thut wahrhaftig wohl, Eurer Fortuna zu vertrauen, denn Ihr seid
ein unstreitiges Glckskind. Zum erstenmale, seit ich die fromme Dame kenne, hat
sie ihren Entschlu gendert. Sobald ich Euren Namen und Begehr vorgetragen
hatte, entgegnete sie: sag' ihm, da ich in diesem Augenblick an die Arbeit
gehe, da ein tadelfreies Gewebe binnen neun Tagen vollendet sein soll, und da
er so lange bei Dir herbergen mag, um es alsdann gleich mitzunehmen und seiner
wunderschnen Braut zu berbringen. Stre mich aber in dieser Zeit mit keinem
Worte. Ich bedarf eines frommen, gesammelten Gemthes und vieles Betens, um eine
solche Arbeit zu Ende zu fhren.
    Der Ritter wunderte sich selbst ber die unvermuthete Gewhrung seiner
Wnsche; da ihn aber eine groe Ungeduld nach Welschland zurck trieb, dachte er
nur daran, es ins Ungewisse stellend, woher ihm ein so groes Glck aufgegangen
sei, und ergab sich whrend der langen neun Tage fast in einem fort dem
Zeitvertreib des Jagens, wie es denn einem so rstigen und vornehmen Herrn auch
wohl geziemte. Eines Abends kam er ganz spt aus dem Forste zurck, und, indem
ihn sein Weg zuflliger Weise an der Klause vorbei fhrte, hrte er darin
singen. Er stand neugierig still und vernahm folgende Worte:

O schwacher Sinn! O falsches Herz!
Du whlst und giebst fr Freude Schmerz.
Warst doch allein all' meine Lust,
Drug nur Dein Bildni in der Brust,
Und soll Dich nun so gar entbehren,
Trb scheiden, der so frhlich kam.
Ach Gott, erstrk' nur meinen Gram,
So wird er frher mich verzehren.

Er wute nicht, ob er wache oder trume, denn ihm waren diese Verse, welche er
am Abende seines Abschieds von der Knigstochter gesungen hatte, noch wohl im
Sinn geblieben. Nach Endigung des Liedes hrte er die Dame bitterlich weinen und
sagen: o mein herzallerliebster Freund, wie groes Unrecht hast Du mir mit
solchen Klagen gethan, und wie viel besser passen sie nun fr mich. Damit ward
sie wieder stille, und man vernahm nichts mehr, als den Gang des fleiig
angeregten Webestuhls.
    Es ward dem Ritter unheimlich zu Muth; er mute beinah glauben, da die
Knigstochter vielleicht gestorben sei, und ihm nun mit gespenstischem Treiben
verfolge, denn wie sollte sie lebendig, von Vater und Brutigam weg, allein in
dieses Gebirge gekommen sein, und wem hinwiederum war das Abschiedslied bekannt,
als ihm und ihr? - In solcher Zweifelhaftigkeit verging ihm die Nacht, und auch
ein Theil des folgenden Tages, ohne da er sich der Klause wieder nher gewagt
htte, als er aber im Forste einen Jger antraf, mit dem er schon vor einem Paar
Tagen Bekanntschaft gemacht hatte, konnte er nicht umhin, ihn wegen der
Knigstochter zu befragen, ob man nicht in deutschen Landen hre, wie lange sie
schon mit dem Frsten verheirathet sei, und wie es ihr mit ihm ergehe?
    Ei mein Gott, wit Ihr das nicht? sagte der Jger. Da ist an keine Heirath
zu denken, und wer wei, ob das schne Frulein nicht lngst in Noth und Elend
vergangen ist. Der Knig bestand wohl auf diesen Eidam, sie aber soll einen
Andern im Herzen getragen haben, oder der Brutigam war ihr sonst zuwider. Da
gebot ihr der Knig kraft seiner vterlichen sowohl als herrschaftlichen Gewalt,
sie solle sich des nchsten Sonntages in der Kirchen einstellen, geschmckt, wie
es einer frstlichen Braut gezieme. Sie kam auch dem Befehl mit allem Gehorsam
nach, vom Priester aber befragt, entgegnete sie laut vor allem Volke, wie sie
zwar wohl wisse, da sich keine Magd ohne Vergunst ihres Vaters verehelichen
drfe, da sie aber auch ein so heiliges Sakrament, als die Ehe, nicht durch
eine lieblose, aus weltlichen Rcksichten gegebne, Einwilligung, entweihen
knne. Bitte derohalben um Erlaubni, dieser Verbindung berhoben zu sein, und
sich erst dann einem Gemahl zu ergeben, wenn solcher, als ein vom Himmel
beschiedner, dem Willen ihres Herrn Vaters und ihrem eignen Gemthe gleich
angenehm sei. - Alle Leute verwunderten sich und erfreuten sich ber die
sittsame Festigkeit, mit welcher sie diese Worte vorzubringen wute. Der
Brutigam aber ritt im Zorne davon, und der Knig zog seine Hand gnzlich von
ihr ab. Sie knne heirathen wem sie wolle, erklrte er feierlichst, solle sich
aber bei Todesstrafe nicht lnger an seinen Hoflager sehn lassen. Nachdem sie
mit demthigen Thrnen auf's unterwrfigste Abschied genommen, hat zum grten
Leidwesen der Unterthanen Niemand erfahren knnen, wohin sie gekommen sei, ob
sie noch zu den Lebendigen, oder schon lange zu den Todten gehre.
    Hiermit schlo der Jger seinen Bericht, und Adelhof, von einem heien
Reumuth durchdrungen, dachte nur daran, wie er seine verkannte und verlane
Geliebte, (denn als solche erkannte er nun die fromme Weberin wohl) nach Gebhr
an ihm selbst rchen wolle. Als daher die Alte nach Verlauf der neun Tage ihm
das Gewand einhndigte, bat er, sie mge, da ihm die Dame doch so gndig gewesen
sei, ihr noch seine Bitte um mndliche Empfehlung und Danksagung vortragen. Die
Alte berichtete zurck, wie die schne Dame sehr betrbt gewesen sei, und nach
einem schweren Seufzer gesagt habe: Herr Gott, auch das noch! aber er mag nur
kommen.
    Adelhof fand sie in tiefe Schleier gewickelt, in welchen sie ihm unerkannt
zu bleiben meinte; er aber lie sich vor ihr auf ein Knie nieder, und whrend er
ihr seinen Dolch darreichte, sprach er: Wollet zu der mir erzeigten Huld auch
noch die fgen, schne Knigstochter, einem thrichten, undankbaren, aber
bereuenden Jngling mit Euern Hnden den verdienten Tod zu geben, und ihm
solchermaen zur Ruhe zu verhelfen. Ich habe schwer an Euch gesndigt, und wohl
wissend, wie ich Eurer gnzlich unwerth bin, erbitte ich mir nur noch diese
einzige Milderung meines Elends. Sie aber schlug die Schleier zurck, und, ihn
in all ihrer Schnheit und Frmmigkeit anlchelnd, sagte sie: willkommen sei,
mein ser Freund und Gemahl. Mein Vater hat mich der Schuldigkeit entbunden,
die mich von Dir geschieden hielt. Hast Du mich nun noch lieb, so ist mein Leid
in Freude verwandelt, und wir wollen als liebevolle Eheleute mit einander leben,
das Eine jedoch bedungen, da Du aller Klag' und Schmhung gegen meinen
Herzgeliebten, den edlen Ritter Adelhof, entsagst. - Hierauf breitete sie ihm
ihre zarten Arme entgegen, und er, sie umfangend, sagte: O lieber, getreuer
Gott, wen Du auf Erden froh, im Himmel selig haben willst, dem gieb zur
Geleiterin eine fromme deutsche Frau.
    Der welschen Frstin ward fortan unter den Beiden nicht mehr gedacht, und
nach langem, freudvollen Ehestande hinterlieen sie ein zahlreiches und hchst
ruhmwrdiges Geschlecht.

Als Stein geendet hatte, legte er das Buch schweigend aus der Hand. Niemand
redete. Manchem hatte die Erzhlung Langeweile gemacht, Andren riefen jene
einfache Tne alter fester Zeit wehmthige Vergleiche mit der zerfallnen,
zerstckelten, Gegenwart herauf. Luise allein lebte ganz in den vorbergefhrten
Begebenheiten. Diese stille Sicherheit, im schwersten Kampf zwischen Neigung und
Pflicht, dies reine Wollen und Vollbringen, ja die ganze prunklose Tugend
altdeutscher Sitte, der ungetrbte Spiegel einer jungfrulichen Seele, warf
einen so klaren Schein zurck, da sie scheu in sich zurckbebte. Ich will
fliehen, dachte sie, weit weg von hier, zu dem Grabe meiner Mutter. Ach meine
Mutter! sie schlug die schnen Augen gen Himmel, rufe mich zu dir, sagte sie
leise, wo keine Snde ist, und kein Verbrechen dein schwaches Kind irre leitet!
    Wollen wir noch einen Gang im Freien machen? sagte die Baronin aufstehend.
Die Luft wird Allen nach dem gestrigen Tanze wohlthun. Sie hatte nicht viel auf
die Vorlesung geachtet, ihr lagen andre Dinge im Sinne, daher sie auch, sobald
sie einige Schritte mit Luisen vorausgerckt war, anhub: Wir verlassen Sie
diesen Nachmittag, liebes Kind, es ist Zeit, glauben Sie mir, auch fr Emilien!
- Frchten Sie, fiel Luise ein, da Fernando? - hierber bin ich eben so wenig
als irgend jemand im Irrthum, erwiederte sie etwas heftig, allein, Emilie wird
unsicher in sich selbst, und das knnte ihrem Gefhl grade eine Richtung geben,
die mir nicht willkommen wre. Wenn ich sie bis jetzt mit scheinbarer
Sorglosigkeit sich selbst berlie, so geschahe das auf die Ueberzeugung hin,
da ich sie in jedem Augenblick verstehe, und bei der Gewalt, die ich ber sie
habe, einlenken kann wenn ich will. Emilie ist sehr unbefangen hingebend, aber
auch eben so fgsam in die Nothwendigkeit urer Verhltnisse. Sie schliet sich
an, und wendet sich ab, wenn es die Umstnde gebieten, ohne sonderlichen Kummer
zu empfinden. Mein Gott, unterbrach sie Luise, frchten Sie denn nicht, da, bey
diesem steten Herumschweifen, ihr eigentliches Gefhl zu Grunde geht? Ihr
eigentliches Gefhl? erwiederte die Baronin; verwechseln Sie doch damit ein
flchtiges Wohlwollen nicht. Die jungen Leute halten gemeinhin Eins fr das
Andre, und wenn man denn recht viel Aufhebens damit macht, so knsteln sie sich
eine Leidenschaft zusammen, die sie und Andre erschreckt. Ueber die groe Ruhe,
ja Nichtachtung, mit der ich jede Bewegung in Emiliens Herzen kommen und
schwinden sah, ist es bei ihr niemals recht zur Sprache gelangt, und ich denke,
sie soll die Tiefe und den Umfang ihres eigentlichen Gefhles, wie Sie sagen,
unter ernstren Beziehungen kennen lernen. Hier ist sie inde in einer milichen
Lage. Wenn Fernando ein knstliches Feuerwerk vor ihr aufsteigen lt, so ruft
Stein mit seinen bilderreichen mystischen Worten Irrlichter aus der Tiefe, die
sie vollends verwirren. Er hat gestern lange mit mir ber sie geredet. Ich habe
eine herzliche Achtung vor ihm, allein fr Emilien pat er nicht. Seine Welt ist
nicht die ihrige, und eben, da sie sich fr einen Augenblick in jene knnte
hinberziehn lassen, machte unsre Abreise nothwendig. Von hier aus trennen wir
uns alle. Stein geht mit Herrn Werner nach Berlin, Carl zu seinem Frsten, und
der Maler bleibt bei Fernando zurck. Luise sagte noch einige hfliche Worte, um
sie lnger zurckzuhalten. Lassen wir das, erwiederte jene, unsre Gegenwart hat
Ihnen nicht wohl gethan; allein besser, wir reden davon nicht weiter! ich htte
vielleicht berall besser gethan, zu schweigen. Doch war es bei Ihnen ganz
anders als bei Emilien. Die leidenschaftliche Heftigkeit Ihres Gemthes war
frher durch den steten Kampf aufgeregt, zu dem Sie eine verfehlte Wahl
verdammt. - Bis dahin hatte es Luise noch nie gewagt, klar zu denken, da sie
besser htte whlen knnen. Wie eine schwere, drckende, Kette schlang sich
pltzlich das Band, das sie an Julius fesselte, um ihr Herz. Tausend frevelhafte
Wnsche flogen kreuzend an ihr vorber; das Unmgliche zeigte sich aus der Ferne
erreichbar; es trat immer nher und nher auf sie zu. Verzeihen Sie, sagte die
Baronin, wenn diese Worte Sie verletzen. Sie sind nicht glcklich, liebes Kind;
aber eben darum mssen Sie auf sich achten und Ihr Gefhl vor der Welt
verbergen. Ein Wort, Luise, um Gotteswillen, ein Wort, flsterte Fernando, der
sich an sie herangedrngt hatte, ich kann den Druck nicht lnger ertragen, der
bittre Schmerz liegt auf Ihren gesenkten Augen, auch Julius - was ist
vorgegangen? Gleich, lieber Fernando, erwiederte sie, in der tdtlichsten Angst,
da die Baronin alles hren werde, - so bald wir allein sind. Wann werden wir
das sein, fragte er unmuthig, es umringt Sie ja immer die halbe Dienerschaft;
wann denn, Luise; wann meinen Sie? Bald, bald; diesen Abend, sagte sie, sich
schnell wieder zu ihrer aufmerksamen Gefhrtin wendend. Nun denn! rief er, bis
dahin! Die Baronin hatte sich zu Emilien gekehrt, und Carl trat in ihre Stelle
an Luisens Seite. Liebe Grfin, sagte er, ich habe Sie noch um Vergebung zu
bitten, wegen des Lrmens von heute Morgen. O ich wei, unterbrach sie ihm, ich
wei alles. Sie wissen? fragte er, Sie? Nein, Sie wissen nicht, Sie sollen auch
nicht wissen, bewahre Gott, das fehlte noch! Nein, setzte er hinzu, es war nur
von dem kleinen Schreck die Rede. Ich hatte nicht auf die Kammerfrau gemerkt,
die im Vorzimmer das Frhstck besorgte, sie hat denn auch mehr davon gemacht,
als dran war. Julius kam sehr ungerufen dazu! Na, es ist vorbei, alles ist gut,
Sie sind es doch auch? Gewi, mein guter Carl, erwiederte Luise. Er hatte sie
bei der Hand gefat, und ging einige Schritte mit ihr voraus. Nun, und Julius,
fuhr er fort, hat auch weiter keinen Unwillen gegen den Italiener? Gegen
Fernando? fragte Luise, die es wie eine Ahndung anflog, da Werner etwas in
Beziehung auf ihn und sie knne gesagt haben. Um's Himmelswillen, ist er denn
auch in dem Streit vermischt? Nun, so halb, erwiederte Carl. Ich bitte Sie,
sagte Luise dringend, was ist vorgefallen? Nichts, nichts, antwortete er, was
Sie jetzt noch ngstigen darf. O ich wei es dennoch! rief sie ganz trostlos.
Fernando - Herr Werner hat von mir und ihm - sie barg das Gesicht in den Tuch
und weinte. Wenn Sie es denn doch wissen, sagte Carl, so will ich es weiter
nicht leugnen; ja, er sagte so etwas, mit dem kalten, spitzen Ton, was ich nicht
ganz verstand, was doch aber so zweideutig klang, und wie ich es nicht leiden
mag, da man ber Sie redet. Ich bat mir eine Erklrung aus. Da lachte er
hhnisch, und meinte, die lge in der Natur der Sache, wie er sich denn immer so
gelehrt ausdrckt. Ich versicherte ihn aber, ich verstnde ihn noch nicht. Mein
Himmel, sagte er, was ist denn Dunkles darin, da ein hbscher, junger Mann sein
Glck bei einer hbschen Frau versucht? Nun verstand ich ihn freilich, aber es
kochte auch alles in mir, ich htte ihn mgen zum Fenster 'raus werfen. Er blieb
aber fest und keck bei seinem Satz, und, wie nachher Julius herzukam und sich
nach der Ursach unsers Streites erkundigte, wiederholte er auf eine recht
geschickte Manier beinahe dasselbe, so da er eigentlich nichts widerrief und
man ihm auch nichts anhaben konnte; dabei sah er unverndert so ruhig und bla
aus, wie immer, inde ich ber und ber glhete. Wir gingen darauf ruhig
auseinander, aber Julius kriegte doch einen Stich weg, das merkte ich ihm an. Er
zuckte ein paarmal mit der Oberlippe, konnte aber kein Wort hervorbringen.
    Armer, armer Julius, dachte sie, als sie eben wieder das finstre Schlo
betraten, und ihr eignes Leid und das seine ihr doppelt schwer auf's Herz
fielen. Sie wollte fort, nach dem Landhause ihrer Mutter; von dort aus wollte
sie Fernando schreiben und ihn dringend bitten, diese Gegend zu verlassen. Ihr
des, freudloses Leben, hoffte sie, solle so nicht lange whren. Sie machte im
Geheim alle Anstalten zu ihrer Reise, und als ihre Gste sie nun endlich gegen
Abend verlieen, suchte sie Julius auf, und sagte ihm so ruhig als sie konnte,
da sie schon lngst den Wunsch gehegt habe, das Grab ihrer Mutter zu besuchen,
und daher gesonnen sei, auf ein paar Tage nach ihrem kleinen Drfchen
zurckzukehren. Julius drckte ihr gerhrt die Hand und sagte: geh' nur, meine
Luise, wohin Dein guter Geist Dich ruft. Der Maler und Fernando kamen darauf,
sie zu einem Spatziergang abzuholen, und alle Viere bestiegen die nahen Berge.
Luise, sagte Fernando, als sich Julius, eben mit dem jungen Knstler in einem
Gesprch verwickelt, abwrts wandte, ich erinnre Sie an Ihr Versprechen. Hoffen
Sie nicht, mir zu entgehn. Bei allem was heilig ist, ich mu Sie sprechen. Sie
zgern - Bei dem ew'gen Gott, Sie wissen nicht was Sie thun! Ich zerreie alle
Bande, ich ehre kein Gesetz, nichts mehr. Auf diesen Armen trage ich Sie weit,
weit weg von hier, wo keine Pflicht Sie bindet, wo Sie nichts hindert, mein zu
sein - jetzt - Luise - jetzt in diesem Augenblick! - Er trat mit einer
Heftigkeit auf sie zu, da sie zusammenfuhr und ihre Hnde flehend gegen ihn
aufhob. - Um Gotteswillen, eine Entscheidung! ich ertrag' es nicht lnger! Der
Traum von Freundschaft ist hin, ich fhle nichts als die glhendste,
zerstrendste Leidenschaft; ich mu Sie sprechen, heute noch - gewi, Luise,
heute noch - oder wir sehen uns nie wieder, oder dieser Augenblick ist der
letzte meines Lebens. Er trat dicht an den Abhang des Felsens; den Kopf weit
vorgebeugt, sah er schwindelnd in den Abgrund. Ich will, ich will Sie ja
sprechen! rief Luise. O, mein Gott, wann! fragte er mit einem wilden Blick. Ich
wei es nicht, sagte sie zitternd. Ach Gott! wie soll ich in der Todesangst -
Nun denn, hub er milder an, diesen Abend, wenn alles schlft, dann erwarte ich
Sie da drben in dem stillen Buchengange vor dem Kloster. Luise schauderte
zusammen. Fernando hatte sich schnell zu dem rckkehrenden Julius gesellt. Sie
hatte nicht die Kraft, den Fu von der Stelle zu bewegen. Wie gebannt stand sie
an die Felswand gelehnt. Luise! rief Julius, Du wirst Dich in der feuchten
Abendluft erklten. Sie schwankte unsicher an seiner Seite zum Schlosse zurck.
    Als nun in der Nacht die Uhr, welche die Todesstunde ihrer Mutter anzeigte,
Eins schlug, hllte sie sich in einen Shawl und ging, die Hlle in der Brust,
dumpf und zagend zur Gartenthr hinaus. Sie warf einen scheuen Blick auf Julius
Fenster. Das Licht brannte hell dahinter. O Gott, dachte sie, wenn er ahndete -
Sie lief, ohne sich umzusehen, mit klopfender Brust, bis sie pltzlich vor dem
Mnch zurckprallte, der ihr wie ein Geist aus dem Gebsch entgegentrat. So
spt, sagte er verwundert, in dem kalten Nebel! - Ich mu, guter Vater,
erwiederte sie, ohne zu wissen was sie sagte; ich mu, ich kann nicht schlafen -
Armes Kind! rief er ihr wehmthig nach. Armes Kind, wiederholte sie; ja wohl,
armes, armes Kind! Sie weinte heftig, als ihr pltzlich der Anblick des nahen
Klosters ein unbeschreibliches Grausen einflte. Hier! rief sie, ohne zu wissen
was sie mit diesem Hier ausdrckte. Fernando trat ihr entgegen. Sie sank
schweigend an seine Brust. Tusche Dich nicht, meine Luise, sagte er sanft, Dir
ist dieser Augenblick so erwnscht als mir; du hast ihn durch schwere, unntze,
Kmpfe erkauft. Die kleine Unruhe wird sich legen. Es war Luisen, als zupfe sie
etwas am Kleide. Sie sah sich um; der Hund ihrer Mutter sprang spielend um sie
her. Wie vor einem menschlichen Auge schreckte sie bei dem Anblick des kleinen
Thieres zusammen. Ihr war, als msse er Zeugni der dunklen, verbotnen That
ablegen. Ach Fernando! rief sie angstvoll, verbirg mich vor mir selber. Ja,
Unglckliche! rief eine bekannte Stimme, verbirg Dich in die innerste Tiefe
Deiner Seele. Luise erkannte, laut schreiend, Julius. Wie das rchende Schicksal
trat er vor Beide. Alle zurckgedrngte Gluth seiner entzndeten Brust flammte
lodernd auf. Er griff Fernando heftig beim Arm. Verflucht! rief er, verflucht
sei die Stunde, wo Dich Deine Mutter gebahr, unwrdiger Freund! Lsche Dein
Verbrechen mit Deinem oder meinem Blute. Er warf ihm ein Pistol hin. Fernando
hob es still auf. Sie stellten sich gegenber. Luise sank sprachlos zu Boden,
indem sie ihre Arme flehend gegen Beide aufhob. Um aller Heiligen Willen! rief
der Mnch herzustrzend, haltet ein, ihr seid Brder, Fernando ist mein, ist
Violas Sohn; ich bin Eduard von Mansfeld! Der Knall beider zugleich abgedrckten
Pistolen fuhr schneidend durch die Luft, ehe er noch endete; Fernando fiel
blutend in seine Arme.


                                Zweites Bndchen

                                  Erstes Buch

Nach langem Todesschlaf blickte Luise zuerst, wie durch einen Zauberspiegel, in
die Umgebungen ihrer Kinderwelt. Hell, wie der Morgen des Lebens, stralten ihr
die blarothen Wnde ihres kleinen Zimmers in der mtterlichen Wohnung entgegen.
Alles stand und lag hier wie ehemals. Die reiche Sammlung bunter Schmetterlinge,
die Julius mit unsglicher Liebe in der Schweiz und Italien fr sie sammelte und
in Rahmen von seltnen Holzarten einfassen lie, hing wie sonst an den Pfeilern
umher. Vom Kamin glnzten noch all die bunten Steinchen, Kristallspitzen und die
tausend Spielereien, die er ihr ebenfalls von den Alpen und seinen andren Reisen
mitbrachte. Ach! und die vielen Schildereien, unter denen sein Bild und das ihre
so still aus jenen Tagen herbersahen, da Luise unbewut lchelte und durch die
schneeweien Gardinen des jungfrulichen Bettes wie in leichten, wogenden
Morgenduft hineinsah.
    Ihr Innres war zusammengestrzt. Die Vergangenheit lag in dunkler Tiefe
verschttet, keine Spur fhrte dahin zurck, der gewaltige Schlag lag betubend
auf allen ihren Sinnen. Da traf ein leises Wimmern ihr Ohr. Sie richtete sich
schnell in die Hhe, und sah Marianen, wie an jenem Tage, als der erste Schmerz
ihr nahete, unter stillem Weinen an ihrem Bette stehn. Luise sah sie starr an,
dunkle Gestalten schwebten an ihr vorber, sie wollte sie festhalten, behielt
aber nichts als das Bild des Todes. Schaudernd sank sie in die Kissen zurck.
Allein das tiefe Schweigen ihrer Brust war nun gebrochen, die erstorbne Welt
regte sich darin, und zahllose Erinnrungen fuhren wie Geister aus ihren Grbern
herauf. Von allen Seiten fate es sie mit unnennbarer Angst, so da sie laut
aufschrie und die Arme fest auf der Brust zusammenschlang, als wolle sie das
beginnende Leben darin ersticken.
    Ihr banger Ruf hatte mehrere der Umstehenden herbeigelockt. Unter ihnen trat
der alte Geistliche zunchst zu ihr hin, und fragte sie leutselig: ob sie irgend
einen Schmerz empfinde. Aber Luise antwortete nicht, sondern ergriff mit
Heftigkeit seine Hand, die sie vor wenig Monaten an Julius Seite einsegnete.
Zufllig heftete sie den Blick auf die verschlungnen Hnde. Der Trauring glnzte
hell an ihrem Finger, und mahnte sie, wie das leuchtende Antlitz des Greises, an
den gebrochnen Eid. O mein Gott! o mein Gott! stammelte sie wiederholt, und
verhllte unter lautem Schluchzen ihr Gesicht in die Decke. Der fromme Alte sah
sie verwundert an. Ihm war wenig von der Veranlassung ihres Kummers bekannt, und
wre er auch davon unterrichtet gewesen, er wrde schwerlich Luisen verstanden
haben, da er durch ein langes, gedrngtes Leben jeder Widerwrtigkeit nur mit
stillem Sinn zu begegnen wute. Wenn Sie sich etwas sammeln knnten, hub er nach
einer Weile an, ein Brief des Herrn Grafen wartet schon so lange auf Sie,
vielleicht wrde Sie dieser beruhigen. Luise sah auf, ihre Thrnen stockten, ihr
war, als brche das Strafgericht ber sie ein. Zitternd, ohne Muth, das
unvermeidlich scheinende abzuwenden, sa sie aufgerichtet im Bette. Der Prediger
hielt diese beredte Zeichen fr eine stille Einwilligung. Den Brief vor sie
hinlegend, stand er auf, und eilte, durch ein Amtsgeschft berufen, sich fr den
Augenblick zu entfernen. Luise erbrach das Siegel, ohne recht zu wissen was sie
that, und las Folgendes:
    La Dich nicht von dem Anblick dieser Zeilen erschrecken, liebe Luise. Es
steht alles besser als Du denkst. Fernando lebt, und wird im Kloster bei den
frommen Brdern bald genesen. Ich bin ja nun auch nicht so unglcklich, als ich
htte werden knnen; und doch liegt es so schwer, so entsetzlich schwer auf
meiner Seele, ich wei auch nicht, wie das jemals anders werden soll! Ueberhaupt
kann ich nicht mehr an den nchsten Augenblick denken. Es ist alles so
losgerissen, so dunkel; ich wei mich in nichts zu finden. Du eiltest auch so
schnell vom Falkenstein! Ach Du hattest wohl Recht! Was solltest Du auch bei
mir! Ich war Dir nichts, konnte Dir nie etwas sein! Ich habe das immer mit
unsglichem Schmerz gefhlt; aber es mute so kommen, damit ich es Dir wie mir
gestand. Nun ist alles aus; der lange, schne Traum meines Glckes ist aus! Ach
und ich habe Dich doch so sehr, so sehr geliebt. Sieh, ich knnte denken Du
seist meine Schwester, und mit Dir reden wie ehemals. Aber dann fllt mir's mit
Todesangst ein, da du das nicht bist, da es sonst anders war, und ich frage
mich und Gott und die Natur, was Du mir bist. Sage mir, Luise, was bist Du mir
denn? Ich knnte ber die Frage den Verstand verlieren! Zuweilen ist's auch, als
verwirrten sich mir alle Begriffe. Ich fodre Dich dann mit bittrem Trotz vom
Schicksal, als mein heiligstes Eigenthum; ich will hin zu Dir, ich will Dich
fragen, ob Du ein theuer gelobtes Wort brechen, ob Du alle gttliche Ordnung
verhhnen darfst? Ach ich vergesse, da mein Glck wie mein Recht nur in dem
kunstreichen Gewebe zweier geschftigen Frauen erwuchs, da mein Sinn zufllig
in die Dichtung verstrickt ward, whrend der Deine sie weit berflog, da nichts
von dem allen wirklich bestand, als meine Liebe, meine qualvolle Liebe, die nun,
da die bunten Fden zerschnitten sind, in meiner Brust ihr Grab findet. Ach
Luise, Luise, wie elend sind wir! Ja, Du bist es auch; ich fhle es wohl, wie
Reue und Sehnsucht zerstrend um Dich kmpfen, wie alles in der Zukunft Dich
anzieht und abstt, wie Du zwischen mir und Fernando, zwischen dem alten,
befreundeten Jugendgespielen, dem Liebling Deiner Mutter, und dem heiersehnten,
durch Blut und Snde erkauften, Geliebten dastehst, und bei keinem, keinem die
Ruhe Deines Herzens wiederfindest. Armes Kind! wrst Du hier, Dir wre doch wohl
besser! Denn ich - sieh, ich wrde Dich in meine Arme nehmen und mit Dir weinen;
wir stnden dann Beide an den Trmmern unsers Glckes! Aber nein, nein, bleib, o
bleibe! Ich kann Dich nun nicht wiedersehn. Ich mte Dich ja fragen, was Du mir
bist? und das weist Du nicht, und ich nicht, und kein Gott kann mir's sagen.
    Mir war leichter, als ich anfing mit Dir zu zu reden. Nun zieht sich wieder
alles dicht um mich her; ich kann kaum athmen! Lebe wohl! ach lebe tausendmal
wohl, Du schne Frhlingsblume meines Lebens, Du hast Dir wie mir gelogen, der
Sommer bleibt wohl ewig fern! Wrst Du todt, ich knnte sagen, was vergangen,
ist dennoch gewesen; aber so ist nichts vergangen und nichts gewesen, und das
seste Glck meines Lebens, ja mein ganzes Dasein, ist nur ein neckendes
Traumgesicht. Noch schwebe ich oft am goldnen Saum des Traumes zwischen Wachen
und Schlafen; wenn nun aber der volle bleibende Tag hereinbricht, dann mu ich
vergehn wie alle Truggestalten der Nacht. O es ist erschrecklich, Luise, wenn
uns die Vergangenheit so zur Lge wird und wir hinter uns in das de Nichts
sehn!
    Ich sollte Dir das alles wohl nicht sagen, aber Du fhlst es, um der
Wahrheit willen, die in Deiner Seele ist und die nichts daraus verdrngen kann.
Auch bestand ja von je mein lebendigstes Denken aus innren an Dich gerichteten
Worten. Gnne mir noch eine Zeitlang die liebe Gewohnheit, sie ist mir zur Natur
geworden.
    Vielleicht freuet es Dich, wenn ich Dir sage, da der Mnch seine Liebe und
Sorgfalt zwischen mir und dem wiedergefundnen Sohne theilt. Du weist ja wohl?
oder weist Du nicht? Er meint ja, Du habest die letzten Worte gehrt, und
seiest erst, nachdem Fernando fiel, verschwunden. Ja wohl, verschwunden!
Vergebens strecke ich meine Arme nach Dir aus; das Luftbild ist zerronnen, meine
Luise bleibt ewig fern.
    Man sagt, Du seiest krank. Ich kann das wohl begreifen; und doch
erschrickt's mich nicht wie sonst. Der Tod scheint mir so wnschenswerth, so
lsend und beruhigend. Ganz anders fhl' ich die Schmerzen Deiner Seele.
    Luise ward fr den Augenblick ruhiger. Fernando lebte, Julius redete zu ihr,
keines seiner Worte verdammte sie, ihr Vergehn erschien ihr weniger gro, seit
der Ausgang der letzten Begebenheiten milder war als sie frchtete.
    Nach und nach ward es heller in ihrer Seele. Sie konnte das Einzelne
festhalten, ansehn und erkennen. Nur war ihr die Zeit zwischen jenem blutigen
Ereigni im Walde und ihrem jetzigen Erwachen ganz entfallen. Sie sann lange
darauf, wie sie hieher gekommen sei, konnte aber nichts als einzelne
vorberfliegende Erinnrungen auffinden.
    Mariane sa inde unermdet zu ihren Fen und schien bereit, das lange
Schweigen auf den ersten Wink zu brechen. Daher schpfte sie tief Athem, als
Luise sie nach den nhern Umstnden ihrer Reise befragte, und erwiederte,
nachdem sie die letzten Ereignisse noch einmal berflog: Lieber Himmel, gndge
Grfin, das ging alles so wunderlich zu, da ich's noch heute am Tage nicht zu
erklren wei. Es war fast Mitternacht, als ich Sie vorigen Mittewochs
ausgekleidet hatte, und mich ebenfalls anschickte, schlafen zu gehen, da trat
Georg noch zu mir in die Stube, setzte sich still in einen Winkel und sagte
lange kein Wort. Ich wute nicht, was das zu bedeuten hatte, und sahe ihn
verwundert an. Jungfer, sagte er endlich halblaut, es geht hier was vor, es ist
seit einiger Zeit ein gewaltiges Gepolter in den langen Gngen. Gestern fiel's
in der Rstkammer, da der Boden drhnte. Ich sagte es heute Morgen dem Herrn
Grafen. Wir gingen hinein, und fanden das breite Schwerdt mit dem Siegelring am
Knopf, von dem ich Ihnen oft erzhlte, halb aus der Scheide heraus, am Boden
liegen. Der Herr Graf nahm's auf, besah's und hing's still wieder an, aber der
Nagel war in der Mauer los geworden und fiel heraus. Da hat's der Herr Graf mit
auf sein Zimmer genommen. Jungfer, das ist ein Unglckszeichen. Der Todesengel
wird kommen und sich's abfordern. Sagen Sie, da ich's gesagt habe. Heute ist's
nun schon dreimal um das Schlo geritten, und so oft ich hinaus sah, war nichts
da. Gott bewahre uns! rief ich, was sind das fr wunderliche Grillen! aber ich
zitterte, wie ich das sagte, und konnte den alten Georg nicht ansehn, der mir in
der Angst ganz fremd vorkam. Da rief er mit einemmale: Herr Jesus, was war das!
Ich hatte nichts gehrt und nichts gesehn; aber ich erschrak so, da ich mir mit
beiden Hnden die Augen zuhielt und nicht eher wieder aufsah, als bis der Jger
fluchend hereintrat und den fremden Herrn verwnschte, der nichts als Teufeleien
im Schlosse anfange, wodurch ehrliches Gesinde geschoren werde. Er solle, sagte
er, noch spt in der Nacht mit einem Handpferde nach Harzgerode reiten und dort
Order erwarten. Der Herr Graf sei auch noch ausgegangen, das alles gelte sicher
so ein italienisches Stckchen, eine Streiferei im Gebrge, die der Fremde
angezettelt habe. Georg sa whrend dem immer noch mit gefalteten Hnden, sein
kleines schwarzes Mtzchen weit ber die Augen gezogen, ohne ein Wort zu sagen.
Ja, ja, der Fremde! rief er jetzt, schob sich die Mtze aus den Augen und wankte
zur Thr. Der Jger folgte ihm. Ich war nun ganz allein, und so angst und bange,
da ich mich aufs Bett warf und die Decke dicht ber den Kopf zog. Zuletzt
mochte ich wohl eingeschlafen sein, als ich's leise um mich herum gehen hrte.
Der Athem stockte mir, ich zitterte am ganzen Leibe, und konnte nicht einmal
beten, so schnrte mir's die Brust zusammen. Da hrte ich meinen Nahmen; es zog
erst sacht, dann strker an meiner Decke, eine Hand fuhr mir ber die Augen, so
da ich sie halb ffnen mute; da standen Sie, gndige Grfin, nein niemals
werde ich's vergessen, Sie standen in den langen, dunkelrothen Shawl gewickelt,
bla wie der Tod neben mir, und sagten mit zitternder Stimme: steh auf, Mariane,
la anspannen, wir mssen fort, geschwind, geschwind. Ich wei nicht, wie ich
auf die Beine und zur Thr hinaus kam. Im Flur stie ich auf Georg. Ich
wiederholte ihm Ihren Befehl. Schon gut, sagte er, ohne weiter zu fragen, als
wisse er alles. Ich konnte mich lange nicht finden, endlich erinnerte ich mich,
da Sie schon am Vorabend Anstalten zur Reise machten, da ich eingepackt hatte
und noch mancherlei besorgen msse. Als ich nach einer Weile zu Ihnen
zurckkehrte, standen Sie noch, wie zuvor, an mein Bett gelehnt, ohne sich um
etwas zu bekmmern oder weiter zu befehlen. Endlich fuhr der Wagen vor. Auf sein
erstes Gerusch gingen Sie zur Thr. Georg ffnete sie und sagte: es ist nun so
weit. Im Hofe fanden wir das Gesinde versammelt. Der Jger hielt zu Pferde
mitten unter ihnen. Im Walde, hrten wir, sei ein Schu gefallen, einer sei
verwundet, der Herr Graf sei auch dabei; mehr konnten wir in der Eil nicht
erfahren, denn Sie, gndige Grfin, riefen wiederholt: fort, um Gotteswillen
fort! Ich und die Andern glaubten Anfangs, Sie wollten nach dem Walde fahren,
der Kutscher lenkte auch dahin; aber als wir bei dem Wasserfall vorbei kamen,
sagten Sie aufs neue: Mariane, mach' da wir nach Quedlinburg kommen, aber bald,
recht bald! Wir nahmen den Weg dahin. Sie legten darauf den Kopf auf meine
Schulter und schienen einzuschlafen. Da ward mir nun vollends erst recht
beklommen. Sie lagen so kalt und unbeweglich in meinen Armen, dazu ward die
Nacht immer finstrer, ich konnte nicht vor, nicht neben mir sehen, und wenn wir
denn so hart an den Bumen hinfuhren und die langen, drren Zweige oft raschelnd
an die Wagenfenster schlugen, dann fuhr ich zusammen und wute vor Angst nicht
meines Bleibens. So lange wir im Gebrge reisten, kam mir's immer so vor, als
ritte jemand neben dem Wagen, ich konnte aber nichts erkennen. Gegen Morgen zu
hrte ich auch einmal ein Pferd dicht neben mir schnauben, dabei pfiff es wie
ein kalter Wind durch den Wagen. Mir schauderte, wenn ich an alles zurckdachte.
Als wir endlich in die Stadt kamen, redeten Sie ein paar Worte. Wir muten
Pferde wechseln, und Sie verlangten ausdrcklich, hierher gebracht zu werden.
Nach einigen Stunden wurden Sie aber ganz still. Ihre Augen schlossen sich, die
Brust flog wie im heftigsten Krampfe. So kamen wir hier an. Ich konnte vor Angst
und Thrnen kaum sprechen. Wir brachten Sie gleich in das nchste Zimmer und
schickten eilends zum Doktor, der auch diese Tage immer hier blieb, whrend Sie
im strksten Fieber und dem ngstlichsten Schlaf dalagen und von nichts wuten,
was um Sie vorging. In vorletzter Nacht ward der Doktor abgerufen. Er sagte, er
msse fort, versprach aber, heute vor Abend hier zu sein. Ich bin, so lange er
fort ist, ganz trostlos gewesen. Ich glaubte gewi, Sie mten nun sterben. Ach
Gott! was wre dann aus mir geworden. Sie beugte sich bei diesen Worten ber
Luisens Hand, die sie unter stillen Thrnen kte.
    Mariane hatte kaum geendet, als ein Wagen in den Hof fuhr, aus welchem Carl
und der Doktor stiegen. Luise erfuhr nicht so bald, wer angekommen sei, als sie
eine tiefe Beschmung fhlte, Jemand wiederzusehn, mit dem sie die letzten Tage
auf dem Falkenstein verlebte. Sie war noch unschlssig, ob sie nicht Carls
Besuch abweisen sollte, als dieser schon hereintrat. Gottlob! rief er, Sie eben.
Aber lieber Himmel, wie sehn Sie aus! Er blieb eine Weile schweigend vor ihr
stehen. Ich mchte mir eine Kugel durch den Kopf jagen, fuhr er fort, wenn ich
denke, da ich an allem dem Schuld bin! Und doch ist's so; mein verfluchter
Streit mit dem Werner hat Sie erst recht in's Elend gestrzt. Und dazu verlieen
wir Sie wie feige Buben. Sie hatten nun die Qual im Herzen und Angst und Gefahr
von allen Seiten, da muten Sie sich wohl an den Gott sei bei uns selber wenden.
Denn da Sie unschuldig sind, darauf verwette ich meine Seligkeit! Lieber Carl,
sagte Luise sehr erschttert, lassen Sie das Vergangene ruhen. Es lt mich aber
nicht ruhen, fiel er heftig ein. Ich kann an nichts anders denken, und Sie, wenn
Sie aufrichtig sein wollen, haben zuverlssig auch keinen andren Gedanken. Zu
was sollen wir einander hintergehn und hin und her sprechen, whrend uns ganz
andre Dinge im Sinne liegen. Ich kann mir wohl vorstellen, wie Sie sich
innerlich abqulen und doch gegen alle, die um Sie sind, nichts uern drfen.
Gewi, Ihre Lage ist recht trostlos!
    Der Doktor nherte sich jetzt, nachdem er drauen berall weitluftige
Erkundigungen eingezogen hatte. Nun es geht ja gut, sagte er, Luisens Hand
ergreifend. Sein Blick ruhete dabei mit seltsam zurckgedrngter Neugier bald
auf Carl, bald auf Luisen. Sie mssen nur Ihr Gemth beruhigen, fuhr er fort,
denn was sich da verletzt und zerstrt, kann ich nicht ausheilen, und das hat
einen ganz erstaunlichen Einflu auf den Krper. Das ist wohl leicht gesagt,
unterbrach ihn Carl, aber beruhige einer mal, wenn es so recht wurmt und sticht.
Der Doktor zuckte die Achseln. Der Wille thut viel, sagte er, indem er den Mund
etwas nach der Seite und die Augenbraunen zusammen zog, was er gewhnlich that,
wenn er gerhrt war, und dennoch die ure, mit seinen Geschften verbundene,
Ruhe behaupten wollte. Der Wille - wiederholte Carl, den hat erst alles recht
zum Besten, Menschen, Umstnde und so mancherlei in uns, was ich nicht nennen
kann, was aber recht wie der Teufel hinterm Busche 'rausguckt und einen anpackt,
da man nicht wieder los kann. Das, dchte ich, htten wir erst gestern gesehn.
So ein gescheuter Mann, so fest und ruhig, und nun hin, da es ein Erbarmen ist.
Der Doktor winkte hier Carl bedeutend. Ja so! sagte dieser, und trat einige
Schritte zurck. Der Doktor redete hierauf noch einiges mit Luisen und setzte
sich dann, eine Zeitschrift aus der Tasche ziehend, in ein Nebenzimmer, um zu
lesen.
    Carl, sagte Luise, der jener Wink nicht entgangen war, ist es Julius, den
Sie eben jetzt meinten? Ich bitte Sie um Gotteswillen, sagen Sie mir die
Wahrheit, ist er krank? gefhrlich krank? Wei der Himmel! rief jener nach
kurzem Besinnen, wie mir's bei Ihnen mit meinen Geheimnissen geht! Wenn ich
einmal unversehens anschlage, so kommen Sie gewi gleich auf die rechte Spur und
erfahren allemal was Sie nicht wissen sollen, denn ableugnen kann ich nicht, und
auf solche Kunststckchen, Sie auf falsche Fhrte zu locken, verstehe ich mich
gar nicht. Also ist es so! rief Luise ganz auer sich. O Gott, auch das noch!
Beunruhigen Sie sich nicht vor der Zeit, sagte Carl, das Schlimmste ist noch
nicht da, ist vielleicht noch sehr entfernt; aber wahr ist's, Julius leidet
viel. Ich traf gestern den Doktor auf dem Falkenstein, wohin ihn Georg in der
Herzensangst rufen lie. Julius hat ein paarmal heftige Fieberanflle gehabt und
sieht sich kaum noch hnlich. Ich erschrak, als ich zu ihm hineintrat. Er sa
da, bleich und abgefallen, wie ein Schatten. Guter Carl, sagte er, als ich ihm
die Hand gab, Du hast es immer ehrlich mit mir gemeint, in unsern Kinderspielen
wie im Leben selbst; ich danke Dir. Mir gingen diese Worte durch die Seele. Sie
klangen wie ein Abschiedsgru. Ich betrachtete ihn schweigend. So kurze Zeit,
und diese Verndrung. Ich kam mir selber steinalt vor. Meine ganze Jugend sah
ich mit ihm zu Grabe gehn. Du weist doch, fuhr er fort, und die Welt wei es
wohl auch schon, was ich gefunden und verloren habe. Wollte Gott, rief ich, Du
httest nichts gefunden, so httest Du auch nichts verloren! Das mag ich nicht
denken, sagte er, immer gleich sanft und ergeben, Gott wollte sicher alles ganz
anders, aber ein jeder von uns bat, wie es so oft im Leben geschieht, den eignen
Wnschen gefolgt, und nun kreuzt sich's so bunt durcheinander. Du gutes, treues
Herz! rief ich unaussprechlich gerhrt, was hast Du denn dabei verschuldet? So
manche Ahndung, sagte er ernst, flog warnend an mir vorber, ich habe sie
berhrt, und selbst das Netz geschrzt, worin ich nun gefangen liege. Ich
fragte ihn, wie er das meine; allein er schttelte schweigend den Kopf, und sah
vor sich hin, ohne weiter auf mich zu merken. Mir schossen die Thrnen in die
Augen, so oft ich ihn ansah. Deshalb ging ich hinunter in den Garten. Aber da
war es nun vollends erst recht traurig. Das Laub ist in den wenigen Tagen ganz
gelb geworden, vieles liegt vertrocknet auf dem Boden, dort in den langen Alleen
rauschte es unter meinen Fen, oder zitterte knisternd an den Zweigen. Ich ging
rasch an dem Rasensitz vorber, wo wir den Tag versammelt waren, als die
Bergleute kamen, es war mir gar zu wehmthig, an die kurze Freude zu denken;
aber wo ich ging und stand ward mir zu Muthe, als kme ich Nachts an einen
Kirchhof. Ihre Blumentpfe lagen meist vom Winde umgeworfen. Von dem einen
Myrtenbaume hing die abgebrochne Krone am Bande, womit er angebunden war, und
schlenkerte in der nassen Luft hin und her. Ich mochte nicht zu Ihren Fenstern
aufsehn, und machte da ich wieder in das Schlo zurckkam. Auf der Treppe
begegnete ich dem Doktor. Ich befragte ihn ber Julius. Er meinte, es sei in dem
Augenblick vielleicht weniger Gefahr als man denke; allein es arbeite so vieles
in seinem Innren, was ber den Ausgang nicht entscheiden lasse.
    Als ich am Abend mit Julius allein war, redete er sehr viel, und so schnell
und heftig, wie ich es nie von ihm gehrt hatte. Aber immer kam er auf den
Vorgang im Walde zurck, und konnte sich nicht von den Erinnrungen losmachen,
die ihn sichtlich ngsteten. Mir selbst ward ein paarmal ganz wunderlich, wenn
er mich mit beiden Hnden fate und ausrief: Carl, denke Dir's doch, denke
Dir's, es war ja mein Bruder, auf den ich zielte; Herr Jesus, wenn ich ihn
getroffen htte! Ich fragte ihn darauf, wie ihm das Pistol auch sogleich in die
Hand und er in den Wald gekommen sei. Ich wei nicht, erwiederte er, wie ich mir
selbst vorkomme, wenn ich an alles zurckdenke! Werners Worte lagen mir immer im
Sinn und befleckten und zerrissen mir alles, was mir bis dahin allein lieb war,
weniger um das, worauf sie deuteten, als da sie berall laut werden konnten.
Mir war den ganzen Tag, als sei der Boden unter mir aufgewhlt, ich konnte
nirgend fest auftreten. Nach langem Hin- und Hersinnen nahm ich mir vor, mit
Fernando recht offen zu reden, und zu berlegen, was so unberufne Urtheile knne
veranlat haben. Ich ging in dieser Absicht den Abend spt nach seinem Zimmer.
Die Thr war angelehnt, er nicht darin, wohl aber der Maler, was mich
befremdete, schlafend im Nebenzimmer. So wird Luise vielleicht noch wachen,
dachte ich, und wandte mich dorthin. Sie wollte am andern Morgen verreisen, und
ich mu die arme zagende Seele zuvor noch beruhigen. Allein auch hier fand ich
die Thr, die nach dem Vorsaal geht, nur angelehnt. Ich trat hinein, alles war
still, Luisens Kleider hingen ber einem Stuhl, ihr Bett war noch unberhrt, sie
selbst nirgend zu finden. In dem Augenblick berfiel mich eine Angst, da ich
mich kaum aufrecht erhalten konnte. Ich stellte das Licht auf Luisens offnen
Schreibtisch und lehnte mich an einen davor stehenden Stuhl, um Athem zu
schpfen. Meine Blicke fielen zufllig auf zerstreut liegende Papiere, deren
Schriftzge ich lange anstarrte, ohne zu wissen was ich las; doch nach und nach
traten die Worte wie Nachtgesichte vor mich hin und fuhren schneidend in mein
Innres. Ich besann mich; es waren fliegende Bltter aus Luisens Tagebuch, die
vor mir lagen. Ihr Inhalt schttelte mich wach. Ich erkannte damals, wie jetzt,
die Qual, mit der sie rang, und beschlo, sie zu retten, gleichviel wie. Mit den
Pistolen unter dem Arm, strzte ich aus dem Hause. Im Hofe traf ich den Jger,
der aus dem Walde zurckkam. Ich fragte ihn, ob er dem Fremden begegnet sei. Ja
wohl, sagte er, der mu was auf der Spur haben; ich sah ihn, durch die Schonung
kommend, rechts ber den Graben setzen und dann den Weg nach dem Kloster nehmen.
Nach dem Kloster? fragte ich. Mich schttelte es wie Fieberfrost. Sattle zwei
Pferde! rief ich, reite nach Harzgerode und erwarte dort Nachricht. Ich wei
nicht recht, warum ich das sagte; ich dachte wohl an ein Unglck, an mgliche
Flucht fr Fernando; deutlich war mir nichts, selbst nicht mein Wille. Am
Eingang der Buchenallee, die zum Kloster fhrt, sprang mir Luisens Hund
entgegen. Er lief hin und her, bald vor- bald rckwrts. Ich folgte ihm
athemlos, mit klopfender Brust, wie ein Getriebener. Pltzlich stand ich vor
Beiden. O erla mir - ich bitte Dich - - Er schwieg. Ach Gott, ich wute ja das
Uebrige und weinte aus Herzensgrunde mit ihm.
    Luise hatte nicht den Muth, die Augen aufzuschlagen. Carls Worte fielen
schonungslos in ihre Seele. Seine treue Schilderung zeigte ihr die Dinge wie sie
waren, und gestatteten durchaus kein Verkleiden der Wahrheit, die sie derb
anfate, und zwang, ihr in das strenge Antlitz zu sehen. Hier stand es mit
Flammenzgen, die keine Macht der Erde auslschte, sie habe das Bse herauf
beschworen, dadurch, da sie sich seinen frhesten Lockungen zagend hingab.
Jetzt, das fhlte sie, hatte es sie berhrt, und alles was ihr lieb war, bis auf
die heiligsten Erinnrungen befleckt.
    Der arme Julius, hub Carl auf's neue an, hat nun seit dem nirgend Ruhe. Er
sagte mir einmal, was ihn am meisten qule, sei, da er nicht wisse, wo er mit
den eignen Gedanken hin solle. In der Vergangenheit sei ihm alles
zusammengestrzt, die vertrautesten Bilder sehen ihn fremd an, er suche und
suche, und finde weder Kindheit noch Jugend. Die Zukunft aber stehe wie ein
bleiches Gespenst da; ihn schaudre wenn er darauf hinblicke. Ich sprach ihm Muth
ein, und sagte, es knne ja noch alles besser werden. Was soll werden? fragte
er; es ist ja nichts da, was werden knnte! Das ist mein Elend, da nichts,
nichts von allem dem wirklich ist, worin ich lebte, und ich nur wie eine dunkle
Wolke an Luisens Himmel hinziehe. Es mu wohl so sein, wie er sagt, denn recht
von Herzen ging es ihm, mir ward fast wie ihm dabei zu Muth.
    Der Doktor war inde, mit einem Licht in der Hand, vor die tausendmal
gesehenen und besprochnen Schildereien getreten. Julius Bild, als Knabe gemalt,
sprang in voller Beleuchtung hervor. Das Kind sah sinnend und sehr ernst aus
groen etwas tief liegenden Augen hervor. Schlichtes Haar, nur an den Spitzen
gekruselt, theilte sich auf der Stirn, so da diese, fast frei werdend, eine
Falte ber den Augenbrauen sehen lie, die dem Gesichtchen etwas Ungewhnliches,
beraus Hohes, gab. Nur um den Mund schwebte ein kindliches Lcheln, das man
fast schmerzlich nennen konnte, so wehmthig fhlte man sich davon ergriffen.
Ganz erstaunt getroffen, sagte der Doktor halbleise zu Marianen, die mit ihrer
Arbeit zunchst dem Bilde sa; nicht wahr? zum sprechen. Luise hielt sich nicht
lnger. Ja, ja, es spricht! rief sie. Du liebes, frommes Kind, ffne nur den
verschlonen Mund, und nenne mein Leid und das Deine! Der Doktor wandte sich
erschrocken zu ihr. Er glaubte sie zu sehr im Gesprch mit Carl vertieft, um auf
jene rcksichtslos gesprochnen Worte zu achten. Luise begegnete seinen Blicken,
die sich voll gutmthiger Theilnahme auf sie richteten. Lassen Sie immerhin Ihr
Gefhl laut werden, mein alter Freund, sagte sie gerhrt, das Schweigen ist nun
gebrochen; ach! und es liegt ja auch ohnehin alles so hell am Tage, mein Unglck
und mein Vergehn!
    Der Doktor ward lebhaft von der groen Strung eines ruhig brgerlichen
Verhltnisses ergriffen, das frher unter seinen Augen entstanden und in seiner
Gegenwart besttigt war. Diese Strung mehr als das persnliche Leid in's Auge
fassend, sagte er mit finsterm Ernst: mein Gott, wer htte dies vor einem halben
Jahre denken sollen, als wir alle das letztemal hier versammelt waren. Ich
ahndete es lange, erwiederte der alte Geistliche, der von den Andren unbemerkt
schon eine Weile im Zimmer war. Mir stellten sich recht wider Willen unheimliche
Ahndungen in den Weg, und im entscheidenden Augenblick ging ich zum erstenmal im
Leben zagend an meinen Beruf. Tod und Leben begegneten einander so wunderbar auf
demselben Wege Die befangnen Sinne faten alles unsicher auf, Niemand verstand
sich selbst, der Schmerz ri Alle im Taumel fort. So im Streit mit Gottes Willen
und den eignen Wnschen soll der Mensch nicht ber sich bestimmen wollen. Die
Liebe sollte siegen, aber der Tod mit seinen Qualen drngte sie zurck.
    Carl stand mit gefalteten Hnden vor dem Greise. Reden Sie nicht mehr vom
Tode, sagte er erschttert, ich habe ihn seit gestern immer vor Augen, und das
ngstet mich entsetzlich. Der Alte sah den frischen lebenslustigen Jngling an,
nahm seine Hand und sagte: nun, so wollen wir vom Engel des Friedens reden, der
alle bsen Trume und auch den Tod verjagt. Er sei uns hier und dort nahe.
    Alle schwiegen. Luisen fate ein leiser, wonniger Schauer. Der Friedensengel
neigte sich zu ihr und kte ihre wunde Brust. Dort und hier? dachte sie. Was
birgt das dunkle Jenseit? Sollen dort Blumen blhen, die mir hier fremd waren?
Ist der Himmel nicht der ewig Eine? Still dmmernd brach ein neuer Morgen in
ihre Seele herein. Sie fhlte eine unaussprechliche Sehnsucht nach Julius, der
vershnend aus der Ferne winkte und das feuchte Auge voll Schmerz und Liebe auf
sie heftete. Dahin, dahin, dachte sie, fhrt der Weg zum Himmel.
    Haben Sie gelesen? fragte der Prediger, auf Julius Brief zeigend. Ja, ach
ja, erwiederte Luise. Und soll ich - fragte er weiter, soll ich - Nein,
unterbrach sie ihn, ich will selbst schreiben, diesen Abend noch, gleich. Das
ist recht, fiel Carl ein, das kann vieles wieder gut machen! O! ich hoffte es
immer. Hm - sagte der Doktor kopfschttelnd, und wandte sich ab. Der Ri ist
einmal geschehn. Alle Theile sind aus ihren Fugen gesprengt, es hlt schwer, so
etwas wieder einzurichten. Ich wei nicht, hub der Prediger an, was Ihre Worte
bewirken sollen; aber rufen Sie einen stillen Sinn ans Licht, und den Willen,
der zugleich demthig ist und khn, so machen Sie vieles gut. Luise drckte ihm
schweigend die Hand. Bald darauf uerte sie den Wunsch, allein zu sein, worauf
sie Carl dringend bat, ihm ihre Auftrge nach dem Falkenstein mitzugeben, da er
noch diese Nacht den Weg dahin antrete, und alsdann zum Onkel gehe, um dort den
Klugen die Kpfe zurecht zu setzen. Die Baronin, setzte er hinzu, habe ihm
gleich nach des Malers Rckkehr den fatalen Vorfall gemeldet. Ihre Worte haben
wohl traurig, aber doch spitz und vornehm geklungen, weshalb er auch gleich
hingewollt, zuerst aber doch zusehen mssen, wie die Dinge eigentlich stehen.
Nun werde er wohl Rede und Antwort geben und die Seitenhiebe pariren knnen. Er
ermahnte Luisen noch einmal, alles anzuwenden, das Geschehene ungeschehen zu
machen und die Dinge ins vorige Geleis zu bringen. Was mich anbetrifft, setzte
er treuherzig hinzu, ich werde keine Mhe sparen, wobei er ihr zuversichtlich
die Hand schttelte und den Andren folgte.
    Sie war nicht so bald allein, als sie mit mglichster Anstrengung das Bett
verlie und zum Schreibtisch eilte. Ihr Herz klopfte ngstlich, als sie die
Feder ergriff. Voll Reue und Vertrauen wollte sie sich dem einzigen Wesen
hingeben, das sie auf dieser Welt ber alles liebte. Wahr, wie vor Gott, im
Bekenntni ihrer Schuld an die treueste Brust sinken und den verhaltnen Schmerz
und die Kmpfe der zagenden Seele laut werden lassen. Demthig barg sie ihr
Gesicht in die gefaltnen Hnde und betete noch einmal still. Als sie aufsah,
fielen ihre Augen zufllig auf ein Packet ineinander geworfener Papiere. Die
Worte zogen sie unwillkhrlich an. Es war ihr Tagebuch, welches Mariane in der
Nacht ihrer Abreise vom Falkenstein gedankenlos mit andern Sachen
zusammengerafft und hier in den offen gefundnen Schreibtisch geworfen hatte.
Ach! jene Bltter, die Julius den Todessto gaben, lagen obenauf. Der bange Ruf
aus jener Zeit ri sie fort. Sie las gleich zuerst:
    Was bedeutet die Angst, die mich bei des Fremden Anblick, ja bei seinem
Nahmen, befllt! Alte Sagen sprechen viel vom Basilisken, dessen Blick
vergiftend die fremde Brust berhrt. Ich spre etwas Aehnliches. Der seine zieht
mein Herz zusammen. Und warum? Julius liebt ihn, er ist sein Freund. Was geht
mich alles andre an! Und dennoch! Mir ist so bang, so wehmthig! Ich mchte
weinen ber die schne stille Zeit, die so rasch verflossen und so widrig
gestrt ist!
    Kann die Natur auch lgen, oder sich in sich selbst widersprechen? Wozu all
die Schnheit und Flle und Herrlichkeit des Geistes, wenn alles ein Gaukelspiel
ist und die Snde und Arglist im Hinterhalt lauern! Ich war auch wohl nur eine
Thrin! Das Fremde berhrte mich vielleicht nur fremd. Ich werde mich vershnen
lernen.
    Nein, nein, es ist vergebens! Ich finde nirgend Ruhe. Es peinigt mich die
innre Unsicherheit und die wechselnden Eindrcke, die mich hin und her werfen
zwischen Ha und Wohlwollen. Zuweilen besnftigt mich die leise, schmeichelnde
Stimme, es wird still in mir, ich vergesse mich selbst und hre aufmerksam auf
die Begebenheiten eines reichen Lebens. Dann fhrt das Lcheln, das hhnende
Lcheln, schneidend durch mich hin; ich erschrecke und fliehe wie vor dem bsen
Feind.
    Ha und Liebe! - O htte die erfahrne Frau doch nie gesprochen! Dies also,
dies war die Todesangst? Und er wei es, was mich qult und sieht vornehm
darber hin! Ich wut' es nicht, ach nein, ich wut' es nicht, darum mein Gott
la mich's auch bald vergessen!
    Ich glaubte, es solle besser werden, die vielen Menschen um mich her werden
mich zerstreuen; Ja wohl zerstreuen! das haben sie gethan. Weniger gesammelt als
je, verliere ich mich in bangen unsichern Ahndungen. Anfangs war mir leichter,
ich konnte freier reden zu allen denen die nicht wuten wie mir zu Sinne ist.
Jetzt aber, jetzt -! O Gott im Himmel, du siehst die Angst die mich aus allen
Sinnen drngt. Fremd, verlegen, sitze ich in dem bunten Kreise, ohne Muth mich
selbst zu behaupten, ohne Kraft, heimlichen Angriffen zu widerstehn. Wie gebannt
liege ich in den Schlingen, die eine freche Hand ber mich zusammenzieht.
Zuweilen mahnt mich noch ein innrer Ruf, ich reie mich aus der eignen
Erniedrigung empor, ich stemme mich gegen die Gewalt, die auf mich eindringt,
ach, und wenn dann mein scheuer Blick den seinen streift, der so kalt und hoch
ber mich hinfhrt, dann sinke ich wie ein Kind zusammen, und beweine mein Elend
und meine Thorheit. Es ist gewi, seit er mich hat, fhl' ich doppelt was mir
ewig ein Geheimni bleiben sollte. Wt' ich nur, wohin ich fliehen, an welche
treue Brust ich mich verbergen knnte. Julius geht so still, so ruhig neben mir
hin. Mein Julius - ach Gott bewahre mich vor dem Frevel, Dein reines Herz mit
diesem Miton zu verletzen! Die Baronin drngt sich wohl an mich, aber sie wei
nicht was sie thut. Ein Spiel, mein Kind, sagte sie diesen Morgen, ein freches
Spiel treibt er mit ihnen. O fhlt sie's nicht, wie das die wunde Seele vollends
zerreit! Soll ich denn mit Gewalt verachten, was ich mit unsglicher Qual und
Verzweiflung liebe?
    Es ist geschehen! Der Schleier ist zerrissen! Das innre Gift und meine
Thrnen nagten unaufhrlich an dem luftigen Gewebe. Was es verdeckte, liegt nun
offen dar. Es ist laut geworden ihm und mir, was tief in Nacht das Licht
scheuete. Was ist die Kraft, was der Stolz edler Naturen, wenn fremde Mchte so
mit uns spielen! In sein Herz legte ich alle meine Sorgen nieder! Mir war so
wohl, so unaussprechlich wohl. Der Friede lachte mir nach langem Streit. Ich war
mit allem ausgeshnt, ich scheuete Niemand, auch Julius nicht. Ach, ich htte
ihn umfangen und mit voller Wahrheit an meine Brust drcken mgen! Kann der
Himmel auch die Hlle bergen? Um ein paar vorberfliegende Sonnenblicke zu
erhaschen, gab ich Ruhe und Glck, ja das Leben selbst hin. Denn ist das ein
Leben zu nennen, was unaufhrlich das Leben zerreit? Wie Grabesnacht sehen mich
meine Umgebungen an, und drber hinaus zieht es wie ein buntes Spiel, das nicht
zu mir gehrt. O Erinnrungen, knnte ich euch ersticken, da ihr nicht mit euren
Zauberklngen die Sinne wach erhieltet! Aber immer, immer werde ich die Stimme
hren, die bald schmeichelnd, bald drohend mein Ohr berhrte. Sie ri mich fort;
ich mute folgen! Ich mu auch jetzt - O Julius, Julius! das herbste Gift ward
Dir durch mich bereitet. Jetzt mut Du alles wissen, das ist das hrteste von
allem, ich darf Dich nicht mehr schonen. Ach schonungslos zerri ich ja Dich wie
mich! -
    Luise legte das Blatt still vor sich hin. Das also, dachte sie, hat Julius
gelesen; so unverstellt lag die Wahrheit da, da ihm kein Zweifel, ach nicht
eine arme Hoffnung brig blieb. Was kann ich ihm jetzt noch sagen, als da wir
Beide untergehn und einer wie der Andre das Leben beweinen mssen!
    Sie blieb lange Zeit nachdenkend, als Carl auf's neue zu ihr hereintrat und
sie ungeduldig fragte, ob sie geschrieben habe und ihn nun mit ihren Befehlen
beehren wolle, da er im Begriff sei, abzureisen. Gren Sie Julius, lieber Carl,
erwiederte sie verlegen, sagen Sie ihm, wie Sie mich gefunden haben; ich kann
heute nicht schreiben, mir ist alles noch so verworren, ich brauche Zeit. Also
nicht? unterbrach sie Carl; das ist Schade! Ich habe mich so gefreut! Und Julius
wei nun nichts von Ihnen; denn was soll ich ihm sagen, als da Sie betrbt sind
und nicht schreiben mgen? Guter Mensch, erwiederte Luise, ihm dankbar die Hand
reichend, Julius wei wohl mehr von mir, als Sie und ich ihm sagen knnen. Aber
beruhigen Sie sich, er soll dennoch bald von mir hren, recht bald. Gewi?
fragte Carl. Gewi, sagte sie, worauf er sich voll neuer Hoffnungen von ihr
trennte.
    Am andern Morgen sprach Luise noch einige Augenblicke den Doktor, der, ohne
sie nach ihrem Wohlsein zu fragen, viel von der eignen Schlaflosigkeit und den
beunruhigenden Gedanken erzhlte, die er seit den traurigen Begebenheiten nicht
los werden knne. Und wie er sich unaufhrlich der verstorbenen Mutter erinnere,
die, nur in der Zukunft lebend, alles so wohl darin begrndet glaubte, da sie
ohne Sorgen diese Welt verlie. Luise drngte ihn ber diese Betrachtungen mit
der Bitte hinaus, ihr oft und bald Nachricht von Julius zu geben. Er zuckte bei
diesen Worten unsicher die Schultern, und meinte, darber lasse sich jetzt noch
nichts Bestimmtes sagen, die Natur sei noch in der Arbeit, sie msse erst selbst
den Weg angeben, wo man ihr nher treten knne. Inde zog er aus einer
Brieftasche eine Pergament-Tafel, auf welcher er gewhnlich alle bevorstehende
Geschfte, Krankenbesuche, Auftrge u.s.w. anzeigte, um auch jetzt Luisens
Wunsch anzumerken und dem berhuften Gedchtni zu Hlfe zu kommen. Das frher
Aufgeschriebene laut, und durch Nachsinnen unterbrochen, noch einmal berlesend,
nannte er - Kloster Augustin. - Luise machte eine rasche Bewegung. Dort war
Fernando. Eine flammende Rthe berzog ihr Gesicht, doch erstarb die Frage auf
ihren Lippen. Hm - sagte der Doktor, ihre Erschtterung flchtig beachtend, da
steht es gut. Es war nur eine Streifwunde in der rechten Seite unter den Rippen
weg. Die Mnche greifen uns in's Handwerk, und da es sogenannte Heilige sind,
darf man nichts sagen. Hier, wo es nun nicht viel auf sich hatte, ging es mit
der natrlichen Heilkunde wohl so ab, sonst haben dergleichen Pfuschereien schon
manchem sein Grab bereitet. Der Herr Graf, fuhr er fort, indem er die
Brieftasche schlo, und wieder zu sich steckte, der Herr Graf forderten mich
auf, als ich auf dem Falkenstein war, dem Kranken einen Besuch zu machen. Ich
that es ungern, inde bin ich belohnt worden. Es ist ein ganz scharmanter Mann,
von beraus feiner Bildung, sehr zuvorkommend, und dabei von vielen und groen
Kenntnissen. Er sagte dies Letztre theils aus Ueberzeugung, theils um Luisen,
die er durch frhere Aeuerungen verletzt glaubte, wieder zu versohnen, wobei er
gutmthig verschlagen lchelte, der frhern schmerzlichen Rckblicke und
sorgenvollen Aeuerungen uneingedenk. Als aber Luise ernst vor sich hinblickte,
wechselte er auch schnell Ton und Mienen; wie aus einem augenblicklichen
Vergessen aufgeschreckt und zutraulich ihre Hand fassend, sagte er: Gott strke
Sie. Ihre Gesundheit beunruhigt mich weiter nicht. Sie sind jung, fest, die
Natur beruhigt, das hat nichts auf sich; aber, aber -! Nun leben Sie wohl! Er
blieb noch einmal vor Julius Bild stehen und ging dann mit den Worten: es ist
doch Schade, sehr Schade! aus dem Zimmer.
    Luise blieb von da an still und in sich gekehrt, wie jemand, auf dem das
Leben gewaltsam lastet und der im Innern keinen Ausweg zu finden wei. Sie sah,
sie sprach Niemand. Viele Tage vergingen ihr so, ohne da sie den Muth hatte,
ihr Zimmer zu verlassen. Die Welt, ja die ure lebendige Natur schien ihr fremd
geworden, sie gehrte nicht mehr zu ihr, sie hatte sie ausgestoen um der Frevel
jener sinnverwirrenden Leidenschaft willen. An ihre Mutter konnte sie nur mit
Bangigkeit denken, und nichts htte sie vermocht, den Fu in das stille Wldchen
zu setzen, das ihr Grab beschattete. Der Prediger kam wohl von Zeit zu Zeit zu
ihr und brachte ihr Blumen, die er mit vieler Liebe aufzog; allein er setzte sie
schweigend an ihr Fenster, und ging, ohne ihr dstres Sinnen zu unterbrechen.
Einmal inde, als sie ihm die Hand reichte und ihn mit dankbarem Blick begrte,
sagte er: es arbeitet recht schwer in Ihrer Seele, ob durch Gottes oder fremde
Macht, das mu sich zeigen, ich will's inde nicht stren, da ich weder etwas
nehmen noch geben kann. Doch lassen Sie es bald Tag in sich werden.
    Noch am nemlichen Tage rief Luise Marianen zu sich. Ich mu ihn sehn, sagte
sie, ich kann nicht eher ruhig sein, darum wollen wir fort, morgen oder heute
noch - aber ganz in der Stille; hrst Du? Wohin denn? fragte Mariane zagend.
Wohin? wiederholte Luise; kannst Du fragen? nach dem Falkensteine. Mariane
schlug freudig in die Hnde. Gottlob! rief sie, Gottlob! nun wird alles wieder
wie zuvor, nun gehen die schnen Tage wieder an, das wird ein Jubel sein! Die
schnen Tage? sagte Luise wehmthig; ach, armes Kind, die sind lngst
untergegangen. Ich will nur noch einmal beten, damit ich ruhig die Augen
schlieen mge. Liebe Mariane, wie knnte ich sterben, wenn ich mich nicht zuvor
in Julius Armen mit Gott vershnte! Doch, Mariane, Niemand darf wissen, wohin
wir gehn. Nenne meinen Leuten den ersten, besten Ort; sage, Geschfte zwngen
mich zu einer Reise. In der nchsten Station nehme ich Postpferde; kein Mensch
wei dann, auf welchem Wege wir sind.
    Mariane war so voll Hoffnung, da sie alles schnell betrieb, und sie nach
wenigen Stunden schon im Wagen saen. Bei den trben herbstlichen Tagen und
schlechten Wegen konnten sie inde nur langsam reisen. Luisens Herz klopfte voll
banger Ungeduld. Oft beugte sie sich zum Schlage hinaus und maa mit unruhigen
Blicken den Raum, der sie noch vom Ziele ihrer Reise trennte. Am Abend des
folgenden Tages kamen sie endlich in die Nhe vom Falkenstein. Als Luise die
Thrme der alten Burg erblickte, lie sie halten. Den brigen Weg wollte sie zu
Fu zurcklegen, deshalb stieg sie, von Marianen begleitet, aus, und befahl dem
Postillon, sie zu erwarten. Wie sie ging, rauschten die Wipfel der alten Tannen
in wunderlich gebrochnen Tnen; ein feuchter Wind blies ihr unbehaglich entgegen
und jagte das Gewlk ber einzelne hervorblickende Sterne, so da es oft ganz
dunkel um sie her ward und die zagende Mariane nichts als den Schleier ihrer
Gebieterin sah, der, vom Winde gehoben, Luisens Gestalt umspielend, wie eine
weie Wolke vor ihr hin zog.
    Als sie in den Schlohof traten, leuchteten ihnen einzelne Lichte matt aus
dem obern Stockwerk entgegen. Das weite Portal stand offen, die Thorflgel
schlugen knarrend im Winde hin und her, kein lebendiges Wesen begegnete ihnen.
Einen Augenblick blieb Luise am Eingang stehen, dann aber eilte sie durch die
langen Gnge hin in eine Gallerie zunchst an Julius Zimmer, welches, den innern
Raum eines der Schlothrme einnehmend, so weit von Auen hervorsprang, da man
von der Gallerie zu den Fenstern hinein in das Innre desselben sehen konnte.
Luisens erster Blick traf den bleichen Julius, zusammengesunken, in einem
Armsessel sitzend, den Kopf in die Hand gesttzt, whrend die andre matt zu dem
kleinen Hunde hinabhing, der neben ihm auf einem niedren Tabouret lag, und von
Zeit zu Zeit liebkosend an ihm aufblickte. Nach einer Weile fuhr Julius wie aus
einem Traume auf. Er stand auf, schwankte zum Clavier, auf welchem er einzelne
tiefe Akkorde anschlug, deren bebende Tne Luisen zu rufen schienen. Ohne
weiteres Besinnen ffnete sie in dem Augenblick die Thr und sank sprachlos vor
Julius nieder. Ach Luise, meine Luise! rief dieser in der heftigsten
Erschttrung. O Gott im Himmel, so sehe ich Dich wieder! Steh' auf, Du armes,
liebes Kind! steh' auf, meine Luise! Er fate sie in seine Arme, er kniete neben
ihr. Die Stirn an seine Brust gelehnt, vergo sie stille, selige Thrnen. Weine
nicht, weine nicht, bat er sie dringend; Du weist ja, das brach mir von je das
Herz; ach es ist noch darin wie ehemals! Ehemals! wiederholte Luise schluchzend.
Julius sah sie fremd an - ja freilich, sagte er, langsam aufstehend, es ist
anders wie ehemals! weit, weit anders! Er reichte ihr die Hand und fhrte sie
zum nchsten Stuhl. Beide saen eine Weile schweigend neben einander. Es ist
doch schn von Dir, hub er endlich an, da Du gekommen bist. Er stockte auf's
neue. Pltzlich lie er ihre Hand fahren, barg das Gesicht in sein Taschentuch
und rief wiederholt: nein, nein, es ist nicht gut, da Du gekommen bist! ach
nein, es war so besser! Jede freundliche Tuschung flieht vor Deinem Anblick.
Ich will auch gleich wieder fort, lieber Julius, sagte Luise; ich bin nur
gekommen, Dich noch einmal zu sehn, meine Angst war so gro, ich konnte nicht
mehr leben, bis Du wieder zu mir gesprochen hattest; der Friede, dacht' ich -
Ach Julius, wir sind Beide recht unglcklich! Sie wandte sich ab, um ihren
Thrnen freien Lauf zu lassen. Wie gut Du bist! sagte Julius; Du dachtest so
viel an mich, Du kommst sogar zu mir! Ich habe das wohl geglaubt und recht gut
gefhlt, wie viel Du littest. Du wirst auch nicht eher ruhig sein, bis Du mich
zufriedner weist. Deshalb will ich fort aus dieser Gegend, Deine Nhe thut mir
nicht wohl, die meine drckt Dich. Ich will in der Welt umherstreifen, fremde
Menschen suchen, wie jemand, der nirgend zu Hause ist. Seh' ich doch all mein
Gut verschttet, meine Heimath verdet; ich fliehe wie ein Vertriebener. Du gute
Seele, fuhr er mildernd fort, als er Luisens heftigen Schmerz sah, Du treibst
mich nicht; mein eignes, trbes Loos. Wir gehren nun einmal nicht zu einander.
Ich wollte Dich vom Schicksal ertrotzen; den Trotz mu ich ben. Sage das
nicht, Julius, fiel Luise ein, sage das nicht, wir gehrten doch wohl zu
einander, alles andre war ein Wahn. Nein, ach nein, erwiederte er sinnend. - Und
wenn es dennoch wre, fuhr er schneller fort - wenn - Herr Gott im Himmel! es
war wohl alles nur ein Traum, Du kamst, mich zu wecken; wie schn Du bist,
Luise, wie fromm und bittend Dein Auge! - Er hielt lange inne, als bekmpfe er
sich selbst. - Geh', gutes Kind, sagte er pltzlich mit verndertem Ton, geh' -
Du thust mir wehe, unaussprechlich wehe. Luise stand scheu und zagend auf. Wohin
gehst du? fragte er sanft. Zu meiner einsamen Wohnung, erwiederte sie, wo ich
Niemand, ach Niemand mehr habe als meinen Gram. O Julius! rief sie, vor ihm
niederknieend, Du weist, ich bin nun ganz allein, gieb mir Deinen Segen, sage,
da Du mir nicht fluchst, damit Dein Andenken wieder rein in mir leben und Du
mir dennoch schtzend zur Seite stehn mgest! Niemals, niemals! rief er, sie
heftig an seine Brust drckend, wird dies Herz eine feindliche Regung kennen!
Wie sollte ich Dir fluchen, ohne mich selbst nicht tausendfach zu verwunden! Wie
knnte ich Dein Bild vergiften, was mich, wie der Maienmorgen unsrer Kindheit,
hell und friedlich ansieht! Nein, Du armes, verwaistes Kind, meine Liebe kann
Dich nie verlassen! sie erfleht Dir den Segen des Himmels, der Dich jetzt
geleiten mge! Er sagte diese letzten Worte leise, mit erstickter Stimme, indem
er sich sanft aus ihren Armen wand. Luise schwankte zur Thr. Lebe wohl, ach
lebe wohl, Du schnes Traumgesicht! rief er noch einmal im heftigsten Kampf.
Luise machte eine Bewegung, zu ihm zurckzukehren; aber er verhllte das
Gesicht, als scheue er ihren Anblick. Lebe wohl, mein Julius, sagte sie, in
stiller Ergebung das Zimmer verlassend. Wie sich die Thr nun hinter ihr schlo,
da schrie Julius, seines Schmerzes nicht mehr mchtig, laut auf. Luise
schauderte zusammen, und dennoch hatte sie nicht den Muth, jene Thr wieder zu
ffnen, wohl fhlend, da es nicht die dnne Scheidewand, welche sie mit einem
Fingerdruck wegrumen konnte, sei, die sie von seinem Herzen trennte. Sie fate
Marianen schweigend unter den Arm und zog diese mit sich aus der Gallerie. Also
doch fort? fragte das weinende Mdchen, und wohin denn in der finstren Nacht? Zu
dem ehrlichen Anton, im Walde, erwiederte Luise; doch komm, ich bitte Dich!
Julius, der arme Julius! Hrtest Du nicht, wie ihn meine Nhe ngstet?
    Sie eilten unbemerkt hinunter. Im Hofe warf Luise noch einen schmerzlichen
Blick hinter sich und ging dann, still weinend, zu ihrem Wagen.
    Nach einer Stunde hielten sie vor Antons Thr. Der Postillon fragte sie, ob
sie hier bernachten wolle, in welchem Falle er seiner Wege reiten werde. Luise
war es zufrieden, indem sie des andern Tages Pferde aus Ballenstdt bekommen
konnte. Auf das Gerusch war die Frau aus dem Hause getreten. Sie erkannte nicht
sobald Luisen, als sie freudig aufschrie und sie liebkosend in das bekannte
kleine Stbchen fhrte.
    Luise ward im Hereintreten seltsam von einer Gestalt ergriffen, die ihr das
helle Kaminfeuer in unsichrem, flackernden Lichte zeigte. Es war ein alter, sehr
bleicher Bergmann, der, der Flamme gegenber, eine Cither im Arm, mit
geschlonen Augen, fast regungslos da sa. Zu seinen Fen spielte die kleine
Marie, die, in die Hndchen klopfend, wiederholt rief: mehr, mehr singen! worauf
der Alte die Saiten rhrte, und, die erstorbnen Lippen ffnend, folgende Worte
sang:

Im Tannenschatten ganz allein
Den Berg hinan auf den Wegen,
Wenn Sterne seh'n zum Wald herein,
Zu Hauf' in Wolken zeucht der Regen,
Da mag ich doch zum liebsten sein.

Ich klopf' an' Berg, ich sag' ein Wort
Davor sich's regt in seinem Herzen.
Mein Bub' erwacht am dunklen Ort
Und ruft nach mir, und will mich herzen,
Nur will die Steinwand noch nicht fort.

Mut fort zuletzt, du Stein, so hart;
Mein Spruch kann hrtre Ding' erweichen.
Horch! wie der Bub' schon drinnen scharrt.
Er wird den seltnen Schatz mir reichen,
Der ihm im Berg' zu Theile ward.

Ich wei den Schatz, ich nenn' ihn nicht,
Er ist ein Gold ohn' alle Schlacken,
Und kenntet ihr sein ses Licht,
Ihr Leut', ihr kmt mit Spat' und Hacken,
Und fndet doch den Holden nicht.

Ihn kann aus seinem finstren Grab
Nur ein sndlos Geschpf erwecken,
Drum fuhr mein frommer Bub' hinab.
Im Anfang tht's mich doch erschrecken,
Nun schttl' ich alles Bangen ab.

Die Frau hatte inde, das Lied wenig beachtend, Sthle herbei geschoben,
abgewischt und Luisen wiederholt zum Sitzen genthigt, als diese sie unter
innrem Schauern fragte, wer der wunderliche Alte sei. Es ist der wahnsinnige
Claus, erwiederte diese leise. Sollten Sie den nicht auf dem Falkenstein gesehn
haben? Er ist des alten Georgs Bruder, und streift berall umher. Ostern werden
es vier Jahr, da verlor er sein einzig Kind, einen bildschnen Buben von
funfzehn Jahren, der im Schacht verschttet ward. Seitdem ist er irre geworden.
Zu Anfang sa er Nacht und Tag auf der Felswand und pochte an, und hoffte, der
Knabe solle ihm antworten. Damals mocht' er wohl das Lied zuerst singen, was er
zeither gehend und stehend hren lt. Nun geht er nur ab und zu nach dem Berge,
wo das Unglck geschah. Er sagt, es sei noch nicht an der Zeit. O er spricht
Ihnen so vernnftig darber, da man wirklich denken sollte, es wre alles so,
wie's ihm vorkommt. Er thut keinem Menschen etwas. Zur Winterzeit kommt er zu
den Leuten in die Huser; da hngen sich die Kinder ordentlich an ihn, und
keines sagt ihm ein Leidwort. Da oben hinauf, im Gebrge, erzhlen sie, er sei
von je absonderlich gewesen, und habe wunderliche Dinge gesprochen von dem was
unter der Erde vorgeht.
    Marie war inde an den Alten hinangeklettert, und strich mit ihren kleinen
Fingern die Saiten der Cither. Du! sagt' er ernst, schweig' jetzt, hrst Du
nicht wie's im Feuer klingt? Ei, lat's klingen, sagte die Frau, indem sie das
Kind von seinen Knieen hob, und rckt Euch da ein Bischen von der Seite, damit
die gnd'ge Frau auch Platz finde. Der Alte sah sie finster an. Ihr sprecht, wie
Ihr's versteht, sagte er; die Elemente reden seltsamlich mit einander, und geben
Kunde von dem, was hier und dort vorgeht. Hat sie doch der alte Schlund geboren,
der nun chzt und sthnt nach den rebellischen Kindern. Die kreisen derweil, und
formiren in den Lften und ben Gewalt ber die Creatur, die sie nicht mehr
versteht und ihrer nicht Herr werden kann. Dann aber hat Gott Erbarmen und
sendet seine Engel, die wilde Brut mit dem alten Geist zu vershnen, damit
Friede werde im Himmel wie auf Erden. Mein Knab' war einer von diesen, er mute
hinunter in die Tiefe, und wenn er wiederkehrt, bringt er zum Unterpfand den
reichen Schatz an's Tageslicht. Mein Knab' war schn wie die Engel sind, er
verstand die Sprache der Thiere und jeden Laut in der Natur. Er hat mir's
seitdem zu Nachts gelehrt, da ich nun wei was kommen wird, und ruhig bin. Des
Alten Blicke leuchteten, whrend er sprach, er hob sich immer mehr und mehr, so
da er gerade und feierlich da sa, als er mit gehobner Stimme sagte: vernehmt
Ihr des Windes Rauschen und das Schwirren der Vgel, die langsam durch den Wald
hinziehn? Dazu bricht sich die Flamme in wunderlichen Farben und zischt wie der
alten Schlange Ruf. Es nahet irgend ein sndbeladnes Haupt, und drber hin zieht
der Tod.
    Luisen fate ein entsetzliches Grausen. Mariane war schon lngst hinter
einen groen Schrank geflchtet und verhllte Aug' und Ohren. Da trat Anton
herein; die Anwesenden flchtig grend, wandte er sich zu seiner Frau, und
sagte ihr, da ihm ein Fremder auf den Fu folge, der sich im Walde verirrt habe
und hier den Aufgang des Mondes abwarten wolle. Er zndete dabei eine kleine
Handlaterne an, und machte sich bereit, wieder hinaus zu gehn, um, wie er sagte,
den Leuten und Pferden des Reisenden ein Obdach im nchsten Holzschuppen zu
suchen, derweil die Frau fr das Abendessen sorgen solle.
    Luise frchtete auf irgend einen Bekannten zu stoen, und bereuete sehr,
nicht nach Ballenstdt gefahren zu sein, wo sie im Gasthofe ein einsames Zimmer
finden konnte. Sie trat daher zu Marianen, dieser ihre Besorgnisse mitzutheilen,
whrend ihre Wirthin drauen beschftigt war. Von dem altvterlichen, weit
hervorspringenden Schrank verdeckt, redeten Beide mit einander, als die Thr
aufging, und der angekndigte Gast, im dunklen, weiten Reisemantel und mit
heruntergeschlagnem Hute, eintrat. Ei, sieh da! rief er, zum Bergmann tretend,
alter Gesell, treff' ich Dich hier? Wie steht's mit dem Golde, ist es bald
heraufbeschworen? Die Snde, sagte dieser, hat das Gold verflucht; Ihr mt Euch
erst entsndigen, ehe ich den Schatz hebe! Da wird's Weile haben! rief jener
lachend, und warf Mantel und Hut auf den nchsten Sessel. Herr Gott im Himmel!
schrie Luise, die beim ersten Ton der fremden Stimme bebte, und jetzt mit
Entsetzen Fernando vor sich sah. Dieser wandte sich betroffen zu ihr. Von dem
eignen Geschick ergriffen, welches ihn unwillkrlich zu dem trieb, was er
vermeiden wollte, blieb er eine Zeit lang unbeweglich vor ihr stehen, dennoch
aber, sich bald darauf fassend, sagte er mit unsichrer Stimme, welche die innre
Bewegung seines Gemthes verrieth: Sie sehn, schne Luise, wir knnen einander
nicht entfliehn. Da sei Gott vor! rief sie heftig, indem sie eine Bewegung
machte, als wolle sie den frechen Ausspruch Lgen strafen. Wo wollen Sie hin?
fragte Fernando schmeichelnd. In der Dunkelheit knnen Sie unmglich weiter
reisen. Luise erinnerte sich, da sie den Postillon fortgeschickt, und sich,
unbewut, die schmerzlichste Verlegenheit bereitet hatte. Wie gebannt stand sie
nun in dem engen Stbchen, von der erwachenden Liebe und allen Schrecknissen
ihrer Lage hin und her geworfen. Vor ihr Fernando mit der sen, lockenden
Gestalt, daneben der wahnsinnige Alte, der, mit geschlonen Augen, wie im
Traume, seltsame Tne auf der Cither anschlug. Ihre Sinne schwankten verworren
umher. Lassen Sie mich! lassen Sie mich! rief sie wiederholt, als solle Fernando
sie frei geben. Luise, sagte dieser sehr ernst, ich fhle was Sie sich, was Sie
der Welt schuldig sind, sein Sie versichert, ich fhle das. An mir ist es zu
gehn. Ich zgre auch nicht, so bald Sie's wollen. Nur hren Sie mich zuvor einen
Augenblick. Er fhrte sie zu einer kleinen Bank im nchsten Fenster, und sich
behend auf den Rand derselben zu ihr setzend, fuhr er leiser fort: miverstehn
Sie sich nicht, liebe Luise, Sie sind aufgeschreckt, in sich zerrissen,
unsicher, Sie wollen mir, sich selbst entfliehn! Geben Sie Acht, da Sie sich
nicht ganz elend machen. Glauben Sie mir, Ihr Streben ist fruchtlos, Sie reien
sich nicht von mir los. Das ist das Vorrecht reiner Seelen, da sie nur ein Bild
in dem klaren Spiegel ihres Innren dulden knnen und es fr alle Zeit darin
bewahren. Das ist so wahr, da Sie jetzt, jetzt, wo Sie mich zu hassen meinen,
dennoch einer zrtlichern Regung nicht Herr werden knnen, die aus Ihren
Blicken, ja aus dem sen Zittern Ihres ganzen Wesens, spricht. Sie erschrecken;
aber ich mu es dennoch sagen, liebe Luise: wir knnen nicht anders, wir mssen
einander ewig lieben. Luise wollte hier aufstehn; allein er hielt sie bittend
zurck. Hren Sie mich aus, sagte er; ich gehe, so gewi ich Sie liebe, wenn Sie
es dann noch wollen. Wir sind nicht umsonst durch tausend schmerzhafte und herbe
Aufopferungen verbunden, um uns, wie zwei feindliche Krfte, zu fliehen, die,
nach zuflliger Berhrung, in ihrem Grimm auseinander sprengen. Sagen Sie
selbst, ist in Ihrem Herzen wohl ein recht wahres Gefhl, das mich verdammt? Was
ist denn auch so Unerhrtes geschehn, das den Fluch des Himmels herabzge! Die
Natur ist mchtiger als alle menschliche Weisheit, daher verspottet sie jene
krnkliche Vertrge, die man ein Band der Gesellschaft nennt. Meine Luise, sei
strker als die Zeit in der Du lebst; gestehe Dir's nur, Du gehrst mir, mir,
keinem Andern! O wie viel Jammer htte uns meine Mutter erspart, wenn sie, die
Formen verachtend, freier, ja freimthiger handelte. Sieh, was davon herkommt,
geselligen Vertrgen zu Lieb, sich selbst und die Wahrheit seiner Gefhle
aufzuopfern! Schone sie, schmeichle Du ihnen jetzt immerhin, Du bist doch mit
ihnen zerfallen. Die Welt verdammt Dich, Julius ist fr Dich todt. Luise
schauderte schmerzlich zusammen, ein tiefer Seufzer drang aus ihrer Brust; sie
fhlte es wohl, sie war verloren. Wie eine abgerine Blthe hing sie in der
frechen Hand, die sie um alle Hoffnungen des Lebens betrog. Unfhig, zu reden,
lehnte sie den Kopf abwrts an das kleine Fenster, und die Stirn fest an die
kalten Scheiben drckend, starrte sie hinaus in die Nacht. Fernando neigte sich
vertraulich zu ihr, so da der warme Hauch seiner Lippen sie wie ein leiser Ku
berhrte. Wie Musik umspielte sie dabei das weiche Flstern seiner Stimme, das
unwillkhrlich ihre Thrnen hervorlockte. Du weinst, Luise? fragte er sanft; Du
zitterst? erschrickst Du vor dem Gedanken, Niemand als mich zu haben, in dessen
Brust Du die Welt, den Frieden und die Unschuld Deiner Seele wiederfinden
kannst? Sieh um Dich, Du bist allein, ganz allein unter Menschen, die Dich nicht
verstehn, nicht verstehn wollen. Im Kampf mit Dir selbst, zerreist Du ein
Leben, das so seelig, so unaussprechlich seelig sein knnte! Sei doch mitleidig
gegen Dich selbst. Komm, fliehe mit mir. Dieser Augenblick entscheidet fr uns
Beide. Sieh, ich fhre Dich in mein Vaterland, wo Du geliebt, wo Du glcklich
sein wirst. Hier -? Was suchst Du hier? Was erwartest Du von Verhltnissen, die
Dich hohl und kalt ansehn? Glaubst Du, die Freunde werden es Dir verzeihn, da
Du einen andern Weg gingst, als den sie Dir mit ihren Alltagsblicken
vorzeichneten. Hoffst Du, Julius sei mehr als ein Mensch? Er verschmht ein
Herz, das sich und ihn belog. Komm denn, komm mit mir, Luise.
    Georg! Georg! rief der Alte im Schlaf, la Deine Thrnen nicht so ber die
grauen Wimpern flieen! Sie tragen Dich auch bald hinunter. Hr nur, wie der
Todtenvogel krchzt.
    Mit schwerem Fittig fuhr jetzt eine Eule schreiend am Fenster vorber. Luise
sprang auf. Das Entsetzen gab ihr Kraft. Bleich stand sie vor Fernando. Sie
mssen fort, stammelte sie. Die Natur hat eine Sprache, die ich fhle, wenn ich
sie gleich nicht klar verstehe. Umsonst huft sie so nicht ihre Schrecken. Sie
hat mich geweckt. Ich wei es, Sie mssen fort. Der Tod trat zwischen uns. Wir
scheiden. Geben Sie, eilen Sie, Fernando. Ist das Ihr Ernst? fragte er. Mein
heiligster, erwiederte sie. Nun dann! rief er, auf Wiedersehn in einer andren
Welt! Ich gehe in franzsische Kriegsdienste. Ich hatte dies beschlossen, ehe
ich Sie hier traf. Ihr Anblick erschtterte mich. Das Leben sah mich noch einmal
lockend an. Ich glaubte einen Augenblick an eine friedlichere Bestimmung. Sie
wollen's anders. Ich gehorche. Sein Sie glcklich, recht glcklich. Mich reit
mein Schicksal fort! Ich strze mich hinein, wie jemand der nicht vor, nicht
hinter sich sehen mag, gleichviel wie's endet! Ich habe oft mit dem Leben
gespielt, sagte er, bitter lachend; nun spielt es mit mir! Strmen Sie nicht so
wild in die dunkle Nacht hinein, unterbrach ihn Luise sanft; scheiden Sie
milder, Fernando. Ach Gott! ich habe es wohl um Sie verdient. Mein Sinn ist
wild, erwiederte er; unsre Liebe war's auch. Sie wissen ja, sie will ein blutig
Ende, darum schicken Sie mich in den Krieg. O Fernando, Fernando! rief Luise
erschttert. Er stand erwartend vor ihr. Seine Blicke lagen gespannt auf den
ihren. Sie zitterte heftig, und hatte kaum noch Kraft, sich aufrecht zu
erhalten. Eine rasche Bewegung, als wolle er sie umfangen, schreckte sie auf. Um
Gottes Willen! rief sie, lassen Sie mich! Sie haben es gelobt, Sie mssen, ja
Sie mssen mich verlassen. In ihrem scheuen Blick, in dem Entsetzen, das ber
das bleiche Gesicht hinfuhr, lag etwas Gebietendes. Fernando gedachte
unwillkhrlich jener Nacht im Walde. Nun denn, alter Camerad! rief er, den
Bergmann aus dem Schlaf rttelnd, so komm, geleite mich durch den Wald. Du
kennst ja Wege und Stege. La die dumpfe Cither vor uns her klingen. Der
wahnsinnige Greis taumelte vom Schemel, und Fernando unter den Arm fassend,
schwankten Beide hinaus. Luise barg den Kopf an Marianens Brust, um die
vorberklingenden Tne der Cither nicht zu hren, die noch lange vernehmlich
durch den Wald hinzogen. Wie sie fernab rauschten und endlich verstummten, ward
es auch stiller in ihr; der innre Sturm snftigte sich. Sie holte aus tiefer
Brust Athem und blickte seit lange zum erstenmal ruhig gen Himmel.
    Die Wirthin trat bald darauf mit dem Abendessen herein, fast rgerlich, da
sie der vornehme Gast so schnell verlassen habe. Luise gewann nach und nach
Fassung genug, mit der gesprchigen Frau ber vieles zu reden, was dieser lieb
war, und als Anton spterhin hinzukam, hrte sie theilnehmend ihren aufblhenden
Wohlstand rhmen, dessen Schpferin sie war. So von sich selbst abgezogen, auf
die stille Wirksamkeit einer glcklichen Familie gelenkt, stellte sich das innre
Gleichgewicht ihrer erschtterten Sinne wieder her. Sie schlief die Nacht ber,
wie jemand, der einer groen Gefahr entronnen ist, und sich nun der Ruhe
hingeben darf. In diesem Gefhl trat sie auch am folgenden Morgen die Rckreise
an, von tausend Segenswnschen ihrer freundlichen Wirthe begleitet. Als sie
inde Abends spt so allein und verlassen die verdete Wohnung wieder betrat,
und nun in dem engen Bezirk das Ziel wie den Ausgangspunkt ihrer frh
beschlonen Laufbahn umfate, da fiel ihr trbes Loos centnerschwer auf die
zagende Seele. Alle freudige Gestaltungen ihres Lebens, die frhen Verheiungen
von Liebe und Glck, alles, alles wich vor dem trben Einerlei zurck, was ihr
aus den menschenleeren, unbewohnten Zimmern entge entrat, die man sorglich bis
zu ihrer Rckkehr verschlossen hatte. Ihr war, als ffne sich ein Gefngni, wie
sich der Schlssel drehte und die verhaltne Luft aus der geffneten Thr drang.
So jung und so frh beendet, dachte sie, und sah betrbt im nahen Spiegel die
blhende Gestalt, die in aller Frische der Jugend Anforderungen an ein
freudigeres Dasein machte. Fernandos Worte drangen aus dem Grunde ihres Herzens
herauf, und schienen eine Entsagung zu verspotten, der Schmerz und Reue folgten.
Wehmthig gedachte sie der vorberrauschenden Klnge der Cither. Hier war alles
stumm und todt. Nur die trgen Schritte ihrer migen Diener unterbrachen die
tiefe Stille um sie her.
    Wochenlang schleppte sie dies beengte, dumpfe, Leben mhsam mit sich fort,
als ein schner Herbsttag mit seinen sinkenden Nebeln und der hell
hervorbrechenden Sonne sie unwillkrlich in's Freie lockte. Ein klarer Luftstrom
zog erfrischend durch das geprete Herz. Sie blickte um sich. Jenseits des Sees
rollten sich die Dnste wie fallende Schleier zusammen, und zeigten ihr ein
schnes, sonst so oft besuchtes Birkenwldchen, das heut mit seinem goldgelben
herbstlichen Schmuck fast fremd wie ein unbekanntes Eiland vor ihr lag. Sie ging
den See entlang und trat in eine Fhre, die, durch ein Seil regiert, in das
Wldchen fhrte. Von dem ruhigen Wasserspiegel getragen, ward ihr leichter; die
trbe Welt schien von ihr abgeschnitten, die kleinen kreisenden Wellen fhrten
sie spielend in eine neue Heimath. So betrat sie das Ufer, und ging zwischen den
Bumen hin, der Landstrae zu, die hier vorberfhrte. Ein lauer Wind trug vom
nahen Dorfe einzelne Tne eines Kirchenliedes zu ihr her. Sie erinnerte sich,
da es Sonntag und die Gemeine um den frommen Greis versammelt sei. Eine Liebe,
dachte sie, wehet durch diese Stimmen. O mein Gott, du bist so gro und gut, du
snftigst in einem Augenblick alle Schmerzen einer trben, langen Woche! la
deinen Frieden auch ber mich kommen. Da raschelte etwas neben ihr in den welken
Blttern. Ein Reisender wollte vorbergehen. Georg! rief Luise, ihn erkennend,
Georg! wie finde ich Dich hier? Der Alte stand alsobald mit einem Briefe vor
ihr, und reichte ihr denselben, ohne ein Wort zu sagen. Schnell das Siegel
erbrechend, las Luise Folgendes:
    Liebe Luise! Ich versprach Dir bei Deinem Hiersein, bald diese Gegend zu
verlassen. Ich halte schneller Wort, als ich es damals glaubte. In wenig Stunden
trete ich eine lange, weite, Reise an. Mir ist wohl und wehe, nun es so weit
kommt. Ach wir werden uns wohl so bald nicht wiedersehn! Lebe denn wohl, meine
Luise! Lebe wohl, mein hchstes Glck auf Erden.
    Wie denn, Georg, sagte Luise, und er blieb zurck? Der Alte senkte weinend
die Augen zur Erde. Wollte er mich doch nicht mitnehmen, stammelte er leise.
Ging er denn so weit von uns? fragte Luise. Ach ja! ach ja! wimmerte Georg, weit
hin! - wohin ihn die zunehmende Krankheit zeither unablssig rief, in den Tod!
der hat ihn nun gefat! O mein Gott! seufzte Luise. Beide konnten lange nicht
reden. Schweigend wankten sie neben einander an das Ufer hin, und traten in die
Fhre, ohne recht zu wissen, was sie thaten. Ueber das Wasser hin klangen die
Tne aus der Kirche immer vernehmlicher. Georg faltete andchtig die Hnde, und
whrend Luise im dumpfen Schmerz das schlaffe Seil des Fahrzeugs aufrollte,
begleitete er die fernen Stimmen folgendermaen:

Noch schauen wir im dunklen Wort;
Noch reit uns mancher Irrthum fort,
Und unser wankender Verstand
Hat abgewandt
Von Gott, oft Gottes Rath verkannt.


                                  Zweites Buch

Ein Band nach dem andren hatte sich jetzt von Luisens Herzen gelst. Die
ausgestorbne Welt lag wie ein der Kirchhof um sie her, in dessen kaltem
Grabeshauch sie wie eine einsame Blume traurig hin und her schwankte. Ohne
Liebe, ohne Hoffnung barg das Leben nichts mehr von allem, was allein Leben
giebt. Jedes Geheimni der innersten Seele schien ausgesprochen, jede Frage
beantwortet, alles an seinem Ziel zu sein. Was sie that und was sie dachte,
kehrte beziehungslos in sie selbst zurck, und drngte das Bild ihres verwaisten
Daseins immer peinigender vor sie hin. Dazu verscheuchte der hereinbrechende
Winter noch die letzten Spuren lebendiger Regsamkeit. Ueberall, berall war
nichts als der Tod. Die einsamen Abende, die ewig langen Nchte, wanden sich
drckend an der beklommnen Luise hin, die alles, bis auf die Trume, floh. Als
lege sich der schwarze Saum der Nacht auf ihre Brust, so sah sie den Tag sinken
und versank mit in die gestaltlose Dunkelheit.
    Aber wie auch Wnsche und Erwartungen welken, so da sie wie drre Halme
hhnend auf den entschwundnen Frhling hinweisen, so regt sich dennoch tief an
ihrer Wurzel die ewige Sehnsucht, die erst leise, dann immer mchtiger sich
dehnend, das Innre pltzlich mit solcher Gewalt erfat, da sich's, auf's neue
aus sich herausgedrngt, mit schmerzlichem Verlangen in die bunte Welt strzt
und das ungekannte Gut an sich reien mchte. Luise konnte sich tausendmal
sagen, es ist vorbei, es ist alles vorbei! so ergriff sie dabei eine Angst und
eine Ungeduld, die zerstrend mit der gnzlichen Trostlosigkeit und dem Druck
ihrer Lage stritt. Unwillkhrlich sann sie auf Rettung, ma und erwog, berflog
augenblicklich die scharfgezognen Linien weiblicher Beschrnktheit, trumte sich
in ferne Lnder, unter fremde Menschen, die ein helleres, freudigeres, Dasein an
das ihre anknpften und so eine neue Welt um sie her schufen. Nach Italien
wandte sich am liebsten ihr Blick. Dort, dachte sie, wehen laue Lfte, dort
mssen die innren Schmerzen heilen und alle Sorgen vor dem ewig reinen Himmel
fliehen. Aber auch hier schreckte sie Fernandos Bild wie eine Aegide zurck. Und
dennoch suselten die lauen Lfte so schmeichelnd und lockten sie hinber in
wunderliche, verworrne Trume, in denen Wille und Verlangen seltsam kmpften.
    So in Widersprchen verstrickt, fiel ihr Auge einst auf das elfenbeinerne
Kstchen, welches Violas Bild und jene versiegelten Papiere enthielt. Luise
ffnete es, als einzige Besitzerin von allem, was Julius zugehrte, und als
Theilhaberin eines Geheimnisses, das hier nur nher besttigt sein konnte. Wie
sie die Haarflechte lste und die Bltter einzeln in ihre Hand fielen, zeigten
ihr sogleich die ersten Worte, da es Briefe der Markise an Viola waren, in
welchen sie Fernandos nur zu oft gedachte. Mehrere durchlesend, fand sie einen,
der sie mehr als alle andre ergriff, und folgendermaen lautete:
    Wie dauerst Du mich, arme Viola! in Deinem strengen, farblosen Norden, wenn
ich den reichen Schmuck und die Flle und die Gluth unsrer blumigen Heimath
betrachte! Kenne ich doch den lieben, beweglichen Sinn, der Dich wohl abwrts
trieb, weil man ihn binden wollte, einst aber kosend, wie unsre erfrischende
Seelfte, ber den bunten Schmelz des Lebens hinzog. Armes Herz! und Du sollst
nun welken und vergehn unter den schweren Wolken eines fremden Himmels! Ich
schreibe Dir aus meiner Villa, von dem wohlbekannten, niedren Balkon, nach der
Wasserseite. Ach Viola! wie mu ich hier unsrer Jugend gedenken, und wie nun
alles, alles so anders kam, als wir damals trumten! Erinnerst Du Dich der
stillen Nchte, wenn wir von hier, ber den Golf hinaus, nach den fernen Ksten
schauten, und Dein Gesang Dich, halb sehnschtig, halb in frohem Uebermuth, zu
den ungekannten Lndern trug, und Du vermessen aus der Ferne Dein Liebesglck
heraufbeschworst. Es nahete Dir, aber von einer andern Seite, als Dir es
ahndete. Noch sehe ich, unter den Pinien dort, den schlanken, blondlockigen,
Nordlnder hervortreten, und sein Erscheinen sittig und schmeichelnd mit dem
Zauber Deiner Tne entschuldigen, die ihn unwillkhrlich angelockt. Lieber,
unglcklicher Eduard! wo irrst Du jetzt umher, jene Nchte verwnschend, wie Du
sie einst segnetest! Viola, das Myrtenreis ist nicht wieder gewachsen, was
damals brach, als er sich zuerst zu dem Balkon aufschwang. Dein schner Knabe
tritt jetzt auf den halbtrocknen Stamm und arbeitet sich zu mir herauf, um mich
zum Spielen zu zwingen. Er wendet sich unwillig ab, da er mich schreiben sieht,
was er in den Tod hat, geht nach dem Ufer, sich zu baden, und ich Thrin
berwinde mich kaum, ihn gehn zu lassen. Du tadelst es, da er uns alle
beherrscht. Aber sieh nur den sen Trotz in Aug' und Mienen, das schmeichelnde
und gebietende Lcheln; Du widerstndest auch nicht. Und la es doch! Wem die
Natur das Herrscherstegel so aufgedrckt, der herrscht, wie man ihn auch
demthige. Vor so einem beugt sich die Welt, und wo ihm das Geschick
entgegensteht, da zertritt oder berspringt er es, und wird dennoch nicht
unglcklich. Du willst ihn also nicht sehn? Er soll nie Curen deutschen Boden
betreten? Du selbst wagst Dich nicht in Dein Vaterland zurck? Und dies alles um
eines Traumes willen? Wie bist Du so anders geworden. Wehet dieser Geist in
Euren Wldern? Du qulst und arbeitest Dich ab, eine Zukunft zu berechnen, die
Dir so furchtbar in ihrer Dunkelheit ist. Liebe Viola, der Wurf ist gethan, Du
setzest ihm kein Ziel. Stelle und strube Dich, umbaue und verbirg Dich, thue
was Du willst, das Unvermeidliche ereilt Dich dennoch! Und Zeit und Ordnung
berfliegend, wagst Du, das tief verborgne Geheimni zweier kindlichen Herzen
auszusprechen? Im Saamen bestimmst Du die Frucht; vor der Entwicklung die Reife?
Viola, erinnre Dich, da das Glck solche flieht, die es mit Gewalt erfassen
wollen. Weist Du, ob, was Du bindest, sich nicht ewig meiden wird? Was soll
Dein trbsehender, in Schmerz und Reue erzeugter Julius mit der reizenden
kleinen Luise, die Dir, wie Du selbst sagst, so hnlich ist, bei deren heitrem
Lcheln Du Dein eignes freudigeres Dasein noch einmal aufgehn siebst. La den
armen Knaben Deine Schuld allein abben und schicke mir das muntre Kind, damit
ihr an Fernandos Seite ein blhenderes Loos werde. Aber ich tadle Dich und
mchte eben jetzt dem Schicksal vorgreifen! Was kommen soll, wird geschehn!
Niemand wei, wie er endet! O knntest Du nur, wie ich, unsern holden Liebling
sehn, wie er hier vor mir die schnen Glieder auf dem weien Schnee der
blulichen Wellen wiegt, wie alles, Licht und Luft und die kleinen kreisenden
Fluthen, mit ihm zu spielen scheint, und er dann von Zeit zu Zeit das Kpfchen
hebt, die dunklen Locken schttelt und unter den hohen Brauen zu mir hinsteht,
als wolle er das ernstre Geschft bannen und mich unwiderstehlich zu sich
herabziehn. Armer Eduard! Arme Viola!
    O vermene, hchst vermene Viola! rief Luise, mit blutendem, gewaltsam
bewegtem Herzen. Wie hast Du Dich an das Heiligste gewagt, und uns alle in Dein
finstres Loos verstrickt! So nahe also, so ganz nahe lag mir mein Glck, und nun
-! Ihr war, als htten die Worte der Markise jene oft beweinten, immer noch
lebendigen, Gefhle gerechtfertigt; ja sie sah sich als die frhere Verlobte
Fernandos an, dem man sie absichtlich, widerrechtlich entrissen habe. Von da an
wich jede stillere Ergebung, alle Sigkeit sanfter, auflsender Schmerzen aus
ihrer Seele. Verzweifelnd strubte sie sich gegen die Hand des Schicksals, die
fremde Gewalten vernichtend auf sie gelegt. Jener einzige Blick in eine hellere
Welt zog ihre Umgebungen so eng zusammen, da sie oft schreiend aus der
gepreten Brust athmete. Einzig beruhigte es sie, sich augenblicklich in die von
der Markise flchtig angedeuteten Verhltnisse zu versetzen. Die bange Zeit
zurckdrngend, ging sie, ein glckliches Kind, spielend an Fernandos Hand, dem
weiten Meer entlang, das so lockend und sehnschtig aus der Ferne herbersah.
Leicht bewimpelte Fahrzeuge segelten vorber, auf ihnen, Mnner in fremder
Tracht, oder leicht verschleierte Frauen. Von der Landseite beugten sich hohe
Orangen zu ihnen herber; Fernando wand sich behend den schlanken Stamm hinan
und lie die glhenden Frchte in ihren Schoos fallen. Zwischen hin erschien die
Markise, eine milde weibliche Gestalt, an deren Herzen beide ohne Schmerz und
ohne Strung heranwuchsen und vereint die erweiterten Kreise einer geahndeten,
unaussprechlich reizenden Welt betraten. Wie anders! rief sie dann, von der
nackten, drren Gegenwart aufgeschreckt, wie anders wr' es so gekommen! Und
warum durft' es nicht so sein? - Sie konnte ber die Frage nicht hinaus, und
verhrtete und erbitterte ihr Gemth gegen alles, was das Leben ihr noch
Trostreiches geben konnte.
    So umgewandelt, schroff und herbe, sich gegen das unvermeidliche Verhngni
auflehnend, sank ihr Innres immer mehr zusammen, ohne da ein lebendes Wesen,
ein vertrauliches Wort es erfrischend berhrte. Die leichtgeknpften, frhern
Verbindungen hatte Julius Tod meist gelst, entferntere Bekannte schwiegen,
verlegen, wie sie ihre Theilnahme uern sollten, ohne der strenden
Miverhltnisse zu gedenken. Der alte Geistliche lag krank, schon seit Monaten
mit eignen Leiden kmpfend. Luise hatte es immer verschoben, ihn zu besuchen,
weil sie, wie so viele Unglckliche, von jedem Tage etwas Neues, Ungewhnliches,
erwartete und mit beruhigterm Gemth an das stille Lager zu treten hoffte. Als
aber alles blieb wie es war, und das Verlangen nach dem sanften Trost ihres
alten Freundes sie einmal recht lebendig erfate, machte sie sich auf den Weg,
und trat durch das sauber geschnitzte, von dunkler Vinca umrankte Gitter des
Pfarrhofes, als folgende Worte einer weiblichen Stimme aus dem Hause
herberklangen:

Wei auf weiem Grund gewoben,
Blumen, seid so bleich und fremd,
Hab' zum Brautschmuck euch erhoben,
Webte ja kein Todtenhemd.

Ach, ihr blasset, bunte Seiden,
Von der kranken Hand berhrt,
Die im Spiel die eignen Leiden
Mhsam so herauf gefhrt.

Thau'ge Perlen, senkt euch nieder
Auf das luftige Gewand;
Schlingt euch um die Blumen wieder
In ein helles Thrnenband.

Luise war inde hineingegangen, und ffnete, da die Stimme schwieg, die Thr der
Wohnstube, in deren Grunde ein schnes, bleiches Mdchen an einem Stickrahmen
sa, und, berrascht durch ihr Erscheinen, von der Arbeit aufsah. Luise erkannte
auf den ersten Blick eine frhere Gespielin, des Predigers Nichte, die vor
mehrern Jahren sein Haus verlassen hatte, und jetzt, Luisen unbewut, darin
zurckgekehrt war. Willkommen, liebes Minchen! rief sie, von allen lieben
Erinnrungen der Kindheit durchbebt, wie finde ich Sie so unerwartet hier? Sie
kennen mich also dennoch wieder? fragte jene wehmthig lchelnd. Wie sollte ich
nicht, fiel Luise schnell ein; mir ist in diesem Augenblick, als sei noch alles
wie sonst! wenn ich so kam und Sie abholte, und wir die ersten Veilchen auf dem
Kirchhofe suchten. Ich werde das nie vergessen! Ich sehe noch die kleinen
Krnze, die wir dann an die Linden ber die Kirchmauer hingen, und uns freueten,
wenn sie nach mehrern Tagen noch frisch und duftend im Winde spielten. Beide
wandten sich unwillkhrlich nach dem Fenster, der Mauer gegenber. Die alte
Linde streckte ihre nackten Zweige in den kalten Winter hinaus, weier Reif
berzog sie und hing in starken Tropfen herunter. Wie in einem Spiegel den
trben Wechsel ihres eignen Lebens erkennend, senkten Beide die Blicke zur Erde.
Sie hatten eine Schwester, hub Luise endlich wieder an, ein schnes, frohes
Kind. Sie ist recht freudig herangewachsen, entgegnete Wilhelmine, und feiert in
Kurzem ihr Hochzeitfest. Ich sticke eben jetzt das Brautkleid. Also nicht das
Ihre? fragte Luise. Ein leises nein, o nein! bebte auf Wilhelminens Lippen. Sie
war zum Rahmen getreten, und rollte in groer Bewegung den feinen Muelin
auseinander, um Luisen die Arbeit zu zeigen. Die weien, leicht hingeworfnen
Blumen riefen dieser die trben Worte des Liedes zurck. Es ist wohl recht
mhsam? fragte sie, ihre Erschtterung zu verbergen. Gar nicht, erwiederte
Minchen, wieder gefat und freundlich. Ich kann nur bei Tage so wenig dabei
bleiben; ich mu dem Onkel fast immer vorlesen, wenn er nicht schlft, wie
jetzt, daher arbeite ich meist des Nachts. Des Nachts? fragte Luise, so feine
Stickerei? Warum nicht, entgegnete jene, dann ist alles so still und heimlich,
Lottchen steht wie ein freundlicher Geist vor mir, ich sehe ihre hellen Blicke,
und denke wie schn sie in dem Kleide sein wird, und alles geht leicht und gut.
Der Alte rief aus dem Nebenzimmer. Wilhelmine eilte schnell zu ihm, kehrte inde
sogleich zurck, um Luisen zu dem guten Onkel zu fhren, der herzlich nach ihr
verlangte.
    Whrend das sorgsame Mdchen, theils um den Kranken, theils in huslichen
Verrichtungen, auswrts beschftigt war, sagte Luise dem Prediger, wie es sie
berrascht habe, die alte Jugendfreundin so unerwartet zu finden, und wie sie
sich freue, die liebreiche Pflegerin bei ihm zu wissen. Das fromme Herz! rief
jener gerhrt. Sie ringt so still mit dem groen Leid, das an ihr nagt, und
berfliegt es oft, indem sie sich unaufhrlich in die thtigste Wirksamkeit fr
Andre verliert. Sie drckt der Schmerz nicht; er hebt sie und zieht sie
unwiderstehlich zu denen, die noch etwas vom Leben erwarten, und denen sie
freudig ihr ganzes Dasein opfert, ja sie schilt sich, wenn ihr eigne Sorgen den
Sinn verfinstern und sie nicht mit der ganzen, lebendigen Kraft ihre seelige
Bestimmung verfolgt. Und das ist alles so lieb und natrlich und so klar
empfunden. Ich wte nicht, fuhr er nach einer Weile mit erheitertem Blicke
fort, ich wte nicht was ich auf Erden noch wnschen knnte, als in den Armen
dieses Engels zu sterben. Wilhelmine trat hier, mit einem Blumentopf im Arm,
herein, und ihn auf ein Tischchen neben dem Bette des Kranken setzend, sagte
sie: die Veilchen hat mir Grtners Riekchen so mhsam gezogen, und nun ist sie
noch frher als die kleinen Blumen verblht. Also doch gestorben? fragte der
Prediger; Du hofftest gestern noch. Ja, sagte sie, die Augen waren so klar und
sie kannte mich auch; aber das war auch das letzte Aufblitzen des kleinen
Lichtchens. Die beiden andern Kleinen bringen mir eben den Blumentopf, und
bitten mich um ein Krnchen fr die Schwester. Das liebe Kind! Sie starb so
fromm, und wute recht eigen um ihren Tod und dachte an mich und an Albert, von
dem ich ihr gesagt, da er im Himmel auf uns warte! Das liebe, liebe Kind! Groe
Tropfen fielen aus Wilhelminens Augen. Sie wandte sich ab und ging still zur
Thr, als der Onkel sie fragte, wo sie hin wolle. Zu den Kleinen, erwiederte
sie, die warten auf mich, sie wollen die Krone mitnehmen; ich mu sie nur
winden, die arme Mutter verlangt es nach dem letzten Schmuck ihres Kindes.
    Wer ist Albert? fragte Luise, als Minchen sie verlassen hatte. Ein junger
Arzt, erwiederte der Alte, dem das arme Mdchen verlobt war. Ihre stillen
Gemther schlossen sich whrend einer langen Krankheit, aus der der milde Freund
Wilhelminens Mutter rettete, fest aneinander. Derselbe Zug durch die
Bedrftigkeit und Sorgen des Lebens hin den einzelnen Freuden nachzugehen und
die arme Menschenbrust augenblicklich von dem groen Druck eines beengten
Daseins zu erretten, fhrte sie zusammen, und machte ihre Verbindung zu der
innerlichsten und heiligsten, als der Tod ihn wenig Tage vor der Hochzeit aus
ihren Armen ri. Sie trug das herbe Geschick mit groer Kraft, und ist seitdem
nur noch fester und innerlicher geworden, da sie nun nichts mehr auf dieser Welt
fr sich hofft. Aber in dem Maae, wie sie sich in sich selbst abschliet, giebt
sie sich Andren hin. Sie ermdet nicht, jedem die Hand zu reichen, um ihn
schnell durch die dunklen Gewinde irdischer Mhseligkeit durchzuhelfen, den
klaren Blick dabei auf ein hheres Ziel richtend, dem sie still entgegengeht,
wie sehr sie auch Schmerz und Sehnsucht oft beengen.
    Der Alte redete noch lange so fort und erfrischte sich an dem reinen Stral
des milden Gestirns, das den Abend seines Lebens erhellte, als Luise durch den
sinkenden Tag an ihre Rckkehr erinnert ward. Wie sie zu Wilhelminen kam, fand
sie diese mit dem Kranze beschftigt. Die beiden Kinder standen vor ihr und
spielten mit der kleinen Fahne von Zittergold, worauf eben Riekchens Nahme
eingeschnitten war. Luise sah den blagrnen Romarin in einander flechten, und
drber hin in den spitzen Blttern flockige Purpurseide, wie den letzten Stral
des sinkenden Abendroths spielen. Ach Minchen! rief sie bewegt, an ihre Brust
sinkend, Todtenkronen und Brautkleider gehen durch Deine Hnde, Du umwindest Dir
selbst den Pfeil, den Du so immer tiefer in die wunde Brust drckst.
    Dies also, dachte sie im Gehen, ist nun aller Lohn und aller Genu des
Lebens? Schmerzenslust! Wonne unter blutigen Thrnen! Wer sieht euer doppeltes
Antlitz und bebt nicht vor seinem eignen Loose zurck! Ein lautes Gerusch
weckte sie inde aus ihren Betrachtungen. Sie sah einen stattlichen Reisewagen
an sich vorber in ihren Hof fahren. Halb erfreut, halb verlegen, beflgelte sie
die Schritte und trat fast zugleich mit zwei Damen in das Haus, in denen sie
nicht ohne Erstaunen Augusten und Emilien erkannte Die Erstere ging ihr etwas
feierlich entgegen, und sagte mit gehaltnem Ton, wie die kurze Bekanntschaft
keinesweges ein so unerwartetes Erscheinen rechtfertige wohl aber die innigste
Theilnahme, die ein Band sei, welches ber Zeit und Verhltnisse hinausreiche.
Emilie hingegen sank ihr weinend in die Arme und versicherte ihr liebkosend, da
sie so oft an sie gedacht und sich so herzlich nach ihr gesehnt habe, da sie
dem Wunsche nicht widerstehen knne, sie bei ihrer Durchreise zu begren. Die
Herzlichkeit des anschmiegenden Mdchen that Luisen wohl, und milderte
einigermaen die Verwirrung, welche Augustens Gegenwart in ihr erregte. Diese
hatte sich ihr vormals mehr abstoend als liebreich gezeigt, und sie war daher
um so mehr verlegen, sich jetzt in ihrer Nhe zu befinden. Allein Luisens
vernderte Lage war es gerade, was sie in Augustens Augen hob, welche es fr
eine Art zu lsender Aufgabe ansah, der Gefallnen ihren Schutz angedeihen zu
lassen und deshalb willig in Emiliens Vorschlag einging, hier einen Tag zu
verweilen.
    Sie haben den Frhling um sich her gezaubert, sagte Auguste, im Hereintreten
Luisens reichen Blumenflor beachtend. Sie thaten sicher wohl, denn die kleinen
Zungen reden oft wahrer zu uns, als die schwankenden Menschenworte. Ja wohl!
rief Emilie, ich mu bei ihrem Anblick an Alles denken, was ich lieb habe. Luise
seufzte, und ein welkes Blatt zerdrckend, sagte sie: der Tod spricht nur so
unmittelbar aus ihnen, wie schnell zerstiebt die Farbenpracht zwischen unsern
Fingern, und wir sehen wehmuthig dem blassen Staube nach! Das hchste Entzcken,
fiel Auguste ein, ist schmerzlich. Das liegt im Wechsel der Erscheinungen, den
wir im flchtigen Genu vorempfinden, und ber den hinaus wir das Ewige binden
mchten. Aber dieser Wechsel, liebe Freundin, fuhr sie fast vertraulich fort,
sollte dem wahrhaften Menschen eigentlich nichts anhaben. Wer die volle,
gesammte Einheit in sich trgt, der knne, dnkt mich, dem Spiel der bunten
Oberflche ruhig zusehn. Er kennt die tief verborgne Bedeutung desselben und
sieht in jedem Schmerz das Saamenkorn neuer Offenbarungen. Ich fr mein Theil
habe keinen Begriff von der Ewigkeit, der Trauer und jenem sehnschtigen
Schmachten, das einen welken Schein ber die ganze Schpfung ausgiet, die
Menschen in krnkliche Trume wiegt und sie in trger Hingebung mit Andacht und
Frmmigkeit fft, statt da ein frischer Lebenshauch den Phnix aus der Asche
erweckt.
    Wie schn Du redest, sagte Emilie, die whrend dem beifllig mit dem Kopf
genickt und Luisen wiederholt ihr Entzcken mitgetheilt hatte. Es wundert mich
nicht, da Du den kalten Sir Arthur gewannest. Du knntest Steine beleben. Aber
Sie wissen wohl nicht, liebe Luise, fuhr sie fort, da unsre Freundin mit dem
jungen Englnder verlobt ist, den Sie bei meinen Eltern sahen.
    Luise wute es nicht, und erinnerte sich kaum ein flchtiges Zeichen der
Zuneigung zwischen Beiden bemerkt zu haben.
    Die arme Auguste, sagte Emilie weiter, hat sich jetzt auf mehrere Monate von
dem Geliebten getrennt, der erst kommenden Herbst, und vielleicht noch spter,
aus seinem Vaterlande zurckkehrt. Ich begreife kaum, wie sie den Schmerz der
Trennung so berwindet. Den Menschen, hub Auguste sinnend an, den wir einmal
wahrhaft sahen, den sahen wir, den werden wir ewig sehen! Zeit und Raum sind in
dieser Hinsicht hchst untergeordnete Begriffe, die dem Wesen tief empfundner
Liebe entgegenstehn.
    Emilie bewunderte auf's neue diese Strke der Gesinnung, und sagte sehr
naiv, da sie den Geliebten entweder gar nicht aus ihren Armen gelassen, oder
ihn gleich aufgegeben htte, denn sie kenne sich und die Menschen, und wisse,
da ber den ersten, entsetzlichen Schmerz der Trennung hinaus, die Welt gar zu
lockend und lieblich auf die Herzen eindringe, die solch gegebnes Wort nur
peinlich hin und her zerre. Von hier ging sie freudig zu den Verhltnissen zur
Welt im Allgemeinen ber, lobte das beweglichere Leben in den Stdten, erzhlte
von ihrem nahen Aufenthalt in der Residenz, und schlo damit, Luisen dringend um
ihre Begleitung dorthin zu bitten. Wider alles Vermuthen stimmte Auguste mit in
diese Einladung, und bot ihr sehr gastlich einen schicklichen Aufenthalt in
ihrem Hause an. Hierdurch wurden nothwendig Luisens frhere Verhltnisse
berhrt. Theilnahme erweckt Vertrauen. Das weibliche Herz erschliet sich um so
leichter, je dringender ihm in manchen Augenblicken Mittheilung wird. Emiliens
liebreiches Entgegenkommen rhrte Luisen, und wenn ihr auch die Denksprche und
geformelten Phrasen der belesenen Auguste fremd blieben, so klangen sie doch
gewichtig, und zwangen sie mit einer Art von Achtung zu der Rednerin aufzusehn,
deren Urtheil sie ihre Unerfahrenheit unterwarf, und daher ohne Rckhalt zu
Beiden sprach.
    So verging dieser Tag und ein folgender, ohne da sich Luise gleichwohl ber
jenen gethanen Antrag bestimmte. Allein Emilie hrte nicht auf, sie mit Liebe
und Bitten zu bestrmen, und sagte ihr endlich in einem Augenblick, in welchem
sie Auguste verlassen hatte, da sie ihrer Theilnahme in einer ziemlich
milichen Lage bedrfe, da Auguste ihr zu fern stehe, und nur ein Herz wie das
ihre sie verstehn knne. Hierauf entdeckte sie ihr ohne Weiteres ihre Liebe fr
den jungen Maler, die seit ihrer frhesten Kindheit ihr Herz erfllte. Zugleich
aber auch, wie lange Trennungen dies Verhltni unterbrochen und ihre
gegenseitige Zuneigung oftmals abwrts gelenkt htten, weshalb auch ihre Mutter
lange keinen Verdacht gehegt, neuerlich aber durch ein unvorsichtig verwahrtes
Billet hinter die Wahrheit gekommen sei, und, ohne einen groen Zorn blicken zu
lassen, nur erklrt habe, da, da sie das Geschehene nicht ungeschehen machen
knne, sie allein den Anstand fr die Zukunft retten und so schnell als mglich
eine schickliche Partie fr sie suchen werde. Diese Partie, setzte Emilie hinzu,
ist nun gefunden, und da wir Beide von der Unmglichkeit einer gesetzlichen
Verbindung nur zu sehr berzeugt sind, und die Grnde dagegen anerkennen mssen,
so habe ich Steins Hand angenommen, der grade seine Bewerbung bei meiner Mutter
erneuerte. Stein! rief Luise ganz entrstet; Emilie, wo denken Sie hin, dies
edle Gemth wollen Sie hintergehn! Gott bewahre mich, erwiederte jene, ich will
ihn gewi recht glcklich machen. Mit diesem getheilten Herzen? fragte Luise. O
das wird schon ruhiger schlagen lernen, entgegnete Emilie; und dann sagt Mutter,
Pflicht und Gewohnheit ersetzten jede heftigere Neigung, und wenn ich sie selbst
betrachte, so bin ich sehr geneigt, es zu glauben; sie lebte immer zufrieden an
meines Vaters Seite, und ich bin gewi, sie hat ihn nie geliebt. Aber Ihre
Mutter selbst, unterbrach sie Luise, war frher so entschieden gegen eine
Verbindung mit Stein. So lange nur, erwiederte Emilie, als sie frchtete, seine
Leidenschaft knne mich unnatrlich entznden, und, wie sie sagt, unversehens in
eine Welt zaubern, in der ich hchst unbehaglich zu mir selbst kommen wrde.
Jetzt aber, da ich ihn mit ruhigem Gemth allein aus Vernunft heiraten will,
sieht sie weiter keine Gefahr fr mich, und ist sehr gewi, da ich immer die
Verschiedenheit unsrer Wege anerkennen, und durch Nothwendigkeit gehalten, den
meinen recht still fortgehn werde. Luise ward lebhaft von der Herabwrdigung der
allerheiligsten Verbindung ergriffen, die man hier, wie so oft im Leben,
augenblicklichen Zwecken unterordnete, und rief daher, ganz rcksichtslos auf
die Baronin: liebe Emilie, man tuscht Sie! man tuscht Sie absichtlich! Sie
wissen nicht, was es beit, eine verfehlte Wahl; Sie ahnden den Kampf
gutgearteter Naturen nicht, die vielleicht ein langes Leben hindurch mit
Theilnahme und Mitleid und den eignen qualvollen Wnschen ringen mssen. Noch
viel weniger fhlen Sie, was dadurch in Ihnen verloren geht. Das Unschuldigste
wird Ihnen unter den Hnden zur Schuld; Frevel und Snde treten Ihnen
unversehens immer nher und nher, und fassen und halten Sie, bis die Ruhe und
das Glck Ihres Lebens auf ewig vergiftet sind. Freilich, freilich! sagte
Emilie, einigermaen erschttert; aber Mutter behauptet, einer Frau, die das
Pflichtmige ihrer Verhltnisse nicht von selbst vor jeder Gefahr sichre, sei
berhaupt nicht zu helfen. Kleine Abweichungen von der gewohnten Ordnung gehren
der ungebundnen Jugend an. Wie wir aber in die wirkliche Welt treten, fasse uns
der Ernst unsrer Bestimmung unwillkhrlich an, und drnge uns unbewut in den
gemenen Gang huslicher Thtigkeit; die Gewohnheit fnde sich von selbst ein,
und das ganze getrumte Wesen der Jugend liege pltzlich weit, weit hinter uns.
O mein Gott! sagte Luise, so ist denn die Ehe nichts als ein brgerlicher
Verein, so wie noch tausend Andre, in denen Absichtlichkeit und Gesetz die
Menschen zusammenhalten. Ihr reines Element wird ein trber Sumpf, und die
freieste Gabe des Herzens ein knechtisches Naturgebot! Aber wenn Sie sich auch
finden lernen, fuhr sie gemigter fort, was soll aus dem Unglcklichen werden,
dem sie so zuversichtlich die schwere Kette ber den Nacken werfen? Wagen Sie
es, auch fr ihn gut zu sagen? Liebe Emilie, hoffen Sie nicht, ihn in den
breiten Weg der Alltglichkeit hineinzuziehn! In Steins Seele ist ein heller Tag
aufgegangen; er macht andre Anforderungen an das Leben, als Sie es wnschen; ein
volles, inniges Dasein will er mit Ihnen theilen. O Emilie, wenn diese hchst
einfachen Anforderungen Sie drcken, und Sie das treue, begehrliche Herz durch
Unvermgen, es zu begreifen, zerreien werden, hoffen Sie dann noch, Ihren Weg
still und ungestrt fortzugehn? Wahrhaftig, sagte die Kleine halb weinend, Sie
machen mich ganz bange! Ich habe das immer dunkel gefhlt. Aber es ist ja auch
noch nicht alles verloren. Verlassen Sie mich nur nicht, beste Luise, ich bitte
Sie, versagen Sie uns Ihre Begleitung nicht. Auguste kam hier auch herzu, und
sagte noch vieles und manches ber das unsichre Schwanken unsers Willens, und
wie unersprieslich es sei, einen Entschlu zu verschieben, zu dem uns die innre
Neigung vielleicht lngst aufgefordert habe, so da sich Luise entschied, und
der folgende Tag zu ihrer Aller Abreise bestimmt ward.
    Das ganze Haus gerieth bei dieser Nachricht in freudige Bewegung. Mariane
sah nach monatlicher Trauer mit Entzcken einer willkommnen Vernderung
entgegen, und auch fr Luisen hatte die kleine Reise und die Aussicht in ein
beweglicheres Leben, etwas Erfreuliches, ohnerachtet eine innre Bangigkeit sie
wohl zuweilen die Neuheit ungewohnter Verhltnisse vorempfinden lie.
    Als sie am folgenden Morgen frh im halben Dmmerlicht an des Predigers
Wohnung vorberfuhren, ffnete Minchen schnell die Vorhnge und winkte Luisen
noch ein herzliches Lebewohl zu. Diese ward innig dadurch gerhrt. Der zitternde
Tagesschein, der die Gegenstnde mehr in einander schmolz, als bezeichnete, gab
der Gestalt etwas schattenartiges, das Luisen unwillkhrlich ergriff. Nur den
tiefen Schmerz, den sie Minchen kannte, glaubte sie in ihren bleichen Zgen
gesehen zu haben. Ihr war, als haben die weien Arme, die sie grend bald hob
und neigte, gestrebt, sie zurckzuhalten. Ihre Bewegung entging ihren
Begleiterinnen nicht. Sie drangen in sie, und Luise sprach mit Wrme von
Minchens Leiden und der stillen Ergebung, mit der sie sie trage, was Emilien
hufige Thrnen entlockte, Augusten aber in ein augenblickliches Nachdenken
versenkte, aus welchem sehr bald folgende Worte hervorgingen. Mich dnkt doch,
hub sie an, es sei keine rechte Einheit in diesem Gemth! Entweder sie erwartet
noch etwas vom Leben, oder sie begiebt sich aller Ansprche daran. Ist das
Erstere der Fall, warum dehnt sie die fruchtlose Trauer ber das Grab des
Geliebten hinaus? Warum? fragte Luise; lieber Himmel, kann sie denn anders?
Darber kann sie freilich nur selbst entscheiden, entgegnete Auguste, aber dann
sollte sie auch nur konsequent sein, und sich gleich mit in das khle Grab
legen, das nun einmal das Ziel ihrer Wnsche umfat. Was will sie in der Welt?
Sie zerreit sich muthwillig. Beschrnkte Naturen thun am Besten, sich gleich zu
ergeben, da es ihnen an Kraft gebricht, die Nothwendigkeit zur Freiheit zu
erheben. Beschrnkte Naturen! rief Luise verletzt. O fhlen Sie denn nicht wie
eine Schranke nach der andern vor diesen Augen fiel, die, ein hheres Ziel
erfassend, muthig den dornigen Weg berschauen, der ausgebreitet daliegt? Kann
sie den zarten Gliedern gebieten, nicht zu bluten, wenn die Dornen sie wund
ritzen? Und sehen Sie nicht, wie der Schmerz, als ihr irrdisch Erbtheil, immer
mehr hinter ihr zusammensinkt, und sie sich auf mchtigen Schwingen ber sich
selbst erhebt? Ich halte von solchen Kmpfen nicht viel, sagte Auguste kalt.
Stehn ihr die Schwingen wirklich zu Gebot, wie Sie glauben, was berfliegt sie
nicht gleich den mhseligen Weg, und erreicht so frher das Ziel? Weil sie,
erwiederte Luise, ihre Kraft erst im Schmerze prfte; weil ein wahrhaftes Leid
den Menschen erschttert und ihm alle Tiefen der Seele erffnet, in denen er
sich und die Welt und seine Bestimmung verstehen lernt. Glauben Sie das nicht,
fiel Auguste ein, wer das Rechte von Anfang will, der findet es auch, der will
denn auch nur das Eine in jeder wechselnden Gestaltung der Dinge, das ist seines
Daseins ewiges unwandelbares Gebot.
    Unter diesen und hnlichen Gesprchen setzten sie ihre Reise fort. Luise
fhlte sich sehr unbehaglich auf ihrem Platze. Emilie schlief, oder verlor sich
doch mit geschlonen Augen in lustige Trume; Auguste redete freilich, verletzte
sie inde unaufhrlich durch ihre drre Sentenzen. Tausendmal ihren raschen
Entschlu bereuend, sich der fremdartigen Gesellschaft angeschlossen zu haben,
beugte sie den Kopf aus dem Wagenfenster, um, wo mglich, in den uren
Gegenstnden eine erfreulichere Unterhaltung zu finden. Nicht lange, so bemerkte
sie eine Chaise, die ihnen bald in geringer, bald in weiter Entfernung folgte,
je nachdem der trge Gang der abgetriebnen Postpferde es gestattete.
Unwillkhrlich wendete sich Luise noch mehr zurck, um wo mglich zu entdecken,
wer in dem Wagen sitze; allein er war dicht verschlossen, und sie mute
unbefriedigt von ihren wiederholten Versuchen abstehn. Zufllig traf es sich,
da jener Wagen, beim erneueten Wechseln der Pferde, jedesmal vor dem Posthause
still hielt, wenn sie wieder abfuhren, wodurch auch die Neugier der beiden
andren Damen erregt ward.
    Da sie nun unterwegs bernachten muten, und der Ort, den sie dazu
bestimmten, wenig Ausbeute zur geselligen Unterhaltung gewhren konnte, so
scherzten sie gegenseitig ber die Mglichkeit, in ihrer unbekannten Begleitung
irgend eine interessante Bekanntschaft zu machen. Wirklich waren sie kaum in den
Gasthof eingezogen, als ein Wagen vor die Thr rollte, den Luise, ohnerachtet
der fast hereingebrochnen Dunkelheit, fr den besagten erkannte. Ein junger
Mann, in einen weiten Pelz gewickelt, sprang heraus, und die dienstfertig
entgegenkommende Wirthin bei der Hand fassend, sagte er: es ist verteufelt kalt,
schne Frau! Mein Zimmer, geschwind mein Zimmer! In drei Stzen war er die
Treppe herauf; eine Thr neben ihnen ward aufgeschlossen und er trat singend und
lachend in das anstoende Gemach. Die Stimme klang weich und fremd, die
Leichtigkeit, das Benehmen lie auf ure Gewandheit und Lebenserfahrung
schlieen. Ohnerachtet der hohen Ruhe, mit welcher Auguste das bunte Spiel der
Oberflche betrachtete, fhlte sie doch keine geringe Begier, die neue
Erscheinung nher in Augenschein zu nehmen. Sie empfahl inde ihren Gefhrtinnen
die hchste Aufmerksamkeit, um durch kein Gerusch dem neuen Ankmmling ihre
Anwesenheit zu verrathen, wodurch sie sich einigermaen vor sich selbst
rechtfertigen wollte, und zugleich auch den Fremden besser zu beobachten hoffte.
    Nicht lange darauf hrten sie die Wirthin auf's neue hineingehn. Tassen
klapperten, ein wohlunterhaltenes Feuer knisterte im Kamin; der Fremde ward
sichtlich mit Aufmerksamkeit bedient, whrend sie noch an allem Mangel litten,
worber Auguste fast alle Haltung verlor. Ein lautes, wiederholtes Kichern
zeigte, wie wohl sich die Wirthin in ihren Geschften befand, und da sie vor
der Hand noch nicht an sie denken werde. So wohl versehen und schon ganz
behaglich eingewohnt, hrten sie ihren Nachbar nach einer Weile eine Kiste
ffnen, einige Griffe auf einer Guitarre thun, und sich zu folgenden Worten auf
dem Instrument begleiten:

Zierliche Blondine
Ging heut frh' zu Walde,
Wollt' beimkehren balde,
Pflckte Blmchen hier.

Sonnenhelle Miene,
Mund voll frischer Rosen,
S des Auges Kosen,
Freud'ges Liederspiel!

Traurige Blondine
Kam heut' Abend wieder
Ohne lust'ge Lieder,
Seufzte tief und schwer.

Was so trbe Miene?
Fandst Du keine Blumen?
Ach! ich brauch' nicht Blumen,
Brauch' kein Krnzlein mehr.

Mein Gott, was ist Ihnen! rief hier Emilie, auf Luise zueilend, Sie sind bleich
wie mein Tuch! Lassen Sie nur, sagte jene leise, es ist nichts, sicher nichts,
eine vorbergehende Erschtterung. Die Worte, die dort herberklangen; sie
lehnte den Kopf an Emiliens Brust; ich hrte sie nur von Fernando, er selbst hat
sie aus seiner Muttersprache in's Deutsche bertragen, aber das beweist nichts,
gar nichts. Die beiden Andren wurden hierdurch ebenfalls berrascht. Wenn er's
wre, sagte Emilie, grade hier, mit uns auf einem Wege, es wre doch fatal! Es
ist unmglich, unterbrach sie Luise schnell, ich sagte Ihnen ja, er sei in
franzsische Kriegsdienste gegangen, was soll er hier wollen? Was sichert Sie
denn, fiel Auguste ein, da dies Vorhaben ausgefhrt, ja da es im Ernst gefat
ward. Ich dchte, Sie wten, was von Aeuerungen aus diesem Munde zu halten
sei. Hier trat endlich die Wirthin, von Marianen begleitet, und mit allem zu
ihrer Bequemlichkeit Erforderlichen versehen, hinein. Kennen Sie den Fremden
schon lnger? fragte sie Auguste spttisch, da Sie ihm so viel Vorzge vor
Ihren brigen Gsten einrumen? Gott nein! erwiederte jene betreten, es ist ja
ein Auslnder, aber der Herr sind so ungestm, da man nur eilen mu, ihn zu
befriedigen. Ein Auslnder? wiederholte Emilie; wissen Sie nicht, von welcher
Nation? Ein Franzose, glaube ich, erwiederte sie. I, mein Gott, da ich recht
sage, ein Italiener; ja, ja, ein Italiener, man kunfundirt sich so leicht, und
denn die Uniform! Eine Uniform? fragten alle Drei. Ja, ich wei selbst nicht, ob
es eine ist, sagte sie, aber es sieht so aus. Wenn es Ihnen gefllig wre, fuhr
sie fort, so knnten Sie miteinander speisen, die gndigen Damen wrden gewi
Unterhaltung finden. Gott bewahre uns! scholl es aus einem Munde; wir bitten Sie
sogar, setzte Auguste hinzu, unsrer auf keine Weise gegen den Herrn zu erwhnen.
Nun, wie Sie befehlen, sagte die Wirthin, durch ihre Heftigkeit aufmerksam
gemacht, und wenig geneigt, der letzten Aeuerung zu achten.
    Je mehr ich nachdenke, sagte Luise, als sie allein waren, je
unwahrscheinlicher ist's mir, da Fernando ohne alles Gefolge, ohne allen uren
Glanz, in der Residenz erscheinen wrde. Er fordert so viel vom Leben, er selbst
thut so viel dafr; wie sollte er sich in dieser unbedeutenden Auenseite unter
das bunte Gewhl einer Hauptstadt mengen! Sie vergessen, sagte Auguste, da er
mehrere Rollen hat; kennen Sie seine jetzigen Zwecke? Luise fuhr inde fort,
Grnde aufzusuchen, sich und die Andren vom Gegentheil zu berfhren und die
bange Wahrscheinlichkeit wo mglich durch einige Zweifel anzugreifen. Der Abend
verging auf diese Weise schnell genug. Bei ihren Nachbar war es inde ganz still
geworden. Er schlafe, so schien es den Damen, welche auch frher als gewohnlich
Ruhe suchten. Luise warf sich inde noch lange im Bette hin und her, als die
leisen, gemenen Athemzge ihrer Gefhrtinnen von ihrem glcklichen Schlafe
zeugten. Jetzt, da ihr Niemand widersprach, da sie keine neuen Grnde mehr
aufzufinden wute, jetzt kam es ihr ganz glaublich vor, da Fernando nur durch
eine dnne Wand von ihr geschieden, nahe bei ihr lebe und athme; ja es ward ihr
mit jedem Augenblick gewisser. Von dieser Vorstellung geschreckt, von tausend
qulenden Erinnrungen gemartert, warf sie die lstige Decke von sich, und
schlich zum Fenster, um reine Luft zu schpfen. Ohne innres, festes Denken,
starrte sie zerstreut in die dunkle Nacht hinein, als ein leises Schluchzen,
dicht neben ihr, sie erschreckte. Das Haus war fr den Nutzen erbaut, kein Raum
verloren, die Fenster daher nur durch sehr schmale Pfeiler getrennt. Luise
erkannte leicht, da jener Ton aus dem ebenfalls geffneten Fenster des
Nebenzimmers komme. Aufs hchste gespannt, unterschied sie bald einzelne Worte
in italienischer Sprache, die flsternd durch die Dunkelheit hinschwirrten;
pltzlich hrte sie deutlich wie in Unmuth sagen: Fernando, Fernando! wohin
verirrst Du Dich! Was suchst Du? was kannst Du hoffen? bist Du denn auf ewig
verloren! Kalter Nachtwind fuhr hier schneidend an den Husern vorber. Die
Stimme schwieg; bald ward auch das Fenster geschlossen. Luise hrte nichts mehr;
unbeweglich auf ihrem Platze, wiederholte sie sich jene Worte, die sie mit der
peinlichsten Unruhe erfllten. Unglcklich also, dachte sie. Sie erkannte ihn
ganz in dieser schmerzlichen Heftigkeit, in diesem Unmuth ber sich selbst. Was
drckt ihn aber so sehr? Was suchte er jetzt? Wte er vielleicht -? Dies
seltsame Zusammentreffen! Die gleiche Richtung ihres Weges! Wenn er unerkannt in
ihrer Nhe lebte! Wenn er sie immer beobachtete! Wenn er dennoch treu ergeben -
- Eine Bewegung der schlafenden Auguste zog sie unwillkhrlich zu ihrem Bette
zurck. Halb trumend sank sie in die Kissen. Bald darauf war ihr, als sei von
dem allen nichts geschehen. Sie mute sich besinnen, ob sie wirklich am Fenster
gestanden habe. Dann fiel es ihr pltzlich ein, da es gar nicht Fernandos
Stimme war, die sie hrte, da wohl wohl alles ein Blendwerk sein knne; und
dennoch drang Fernandos Name, den sie doch bestimmt vernommen, immer wieder in
ihr herauf und neckte und qulte sie, bis sie verzweifelnd die Augen schlo und
die bange Seele dem dumpfen Schlafe hingab.
    Nach wenigen Stunden ward es wieder lebendig um sie. Auguste trieb zum
frhen Aufbruch an, da sie gern vor Abends das Ziel ihrer Reise erreichen
wollte. Sie reisten ab, ohne das mindeste von dem Fremden gehrt zu haben, der,
nach der Wirthin Aussage, wohl noch tief schlafe. Erst in dem Thore der Residenz
trafen sie mit dem Wagen des Unbekannten wieder zusammen, der an ihnen vorber,
in eine Seitengasse hineinfuhr. Luisens Herz klopfte gewaltsam. Die neue Welt
schlo sich ihr in einem Augenblick auf, wo alle alte, mhsam niedergekmpfte,
Anforderungen an Fernando wieder in ihr erwachten. Jede ungewohnte Erscheinung
fiel so gewichtiger in ihr aufgeregtes Innre. Die bunte Menschenmasse wogte in
vielfachem Treiben durch die Straen hin, und zog sie mit in ihr verworrenes
Gewhl hinein. Hohe Huser, geschmckte Lden, weite Pltze, erhabne Kunstwerke,
aller Prunk, wie jeder erhhete Wille des Lebens, redete zu ihr, und berglnzte
die bleiche Drftigkeit und den frostigen Hunger, der langsam neben ihr
hinschlich.
    Auguste wohnte in der gesuchtesten Gegend der Stadt. Alles athmete hier
verfeinerten Lebensgenu. Die elegante Welt zog in tausendfachen Gestaltungen
vor Luisens stets angeregten Blicken hin, und lie sie zu keiner eigentlichen
Anschauung oder innren Betrachtung kommen.
    Nach wenigen Stunden erschien die Baronin, von Emiliens Ankunft
benachrichtet, diese abzuholen. Luisens Unglck hatte sie vershnt. Alles, was
sie deshalb gesagt und nicht gesagt hatte, war eingetroffen; ihr tiefer Blick in
die verworrnen Welthndel gerechtfertigt, und sie selbst als weise
Menschenkennerin anerkannt. Ihres hohen Ansehns bei Luisen gewi, empfing sie
diese mit leutseliger Herablassung, und lud sie sogar zu einer Abendversammlung
des kommenden Tages bei sich ein, welche sie, wie sie hinzusetzte, sogleich in
die rechte Bahn bringen und mit dem Besten, was es in der Stadt gebe, bekannt
machen wrde. Nur Eins, Liebe, fuhr sie belehrend fort, mu ich Ihnen zuvor noch
sagen, weil es einen entschiednen Einflu auf Ihren Succe in der Gesellschaft
haben wird; versumen Sie es ja nicht, den ltren Frauen mit der gesuchtesten
Aufmerksamkeit entgegenzutreten, weil sie es sind, die den Ruf der Jngern
grnden und ihn allein bei den schwankenden, durch augenblickliche Eindrcke
bedingten, Meinungen erhalten. Die Mnner werden unbewut von diesen
Orakelsprchen beherrscht, die erst als vielfach bearbeitete allgemeine Stimme
der Welt zu ihnen dringen und den die hellsehendern, jngern Frauen nicht zu
widersprechen wagen. Luise wute nicht recht, ob sich ihre Beschtzerin zu der
Classe der Matronen zhle, und vermied daher, anders als durch eine dankende
Verbeugung, zu antworten, da sie doch in sich sehr entschlossen war, die Achtung
keines Menschen zu erschleichen, und alles dem gnstigen oder ungnstigen
Eindruck berlassen wollte, den ihr Erscheinen auf die Herzen machen werde.
    Nicht ohne Verlegenheit trat sie inde des andern Tages an der Baronin Hand
in den glnzenden Kreis. Eine Menge unbekannter Namen berhrend, welche ihr die
gastliche Wirthin nannte, bemerkte Luise nichts als dasselbe hfliche Lcheln,
das von Mund zu Mund nach jedem Bewillkommungsgrue flog, und wie ein gebrochner
Stral ber alle Gesichter zuckte, ohne eine bleibende Spur zurckzulassen.
Vergebens suchte Luise ein Auge, auf welchem das ihre ruhen knne. Dieselbe
theilnahmlose Hingebung an die oft genonen, wiederkehrenden Freuden trieb die
Blicke gleichsam hin und her, und go einen Schein des Gleichartigen ber alle
Gestalten. Um sie bekmmerte man sich nach der ersten Begrung weiter nicht.
Sie war weder Auslnderin, noch unter der schtzenden Aegide dieser Gesellschaft
erzogen; ein deutscher, unbefreundeter Name verhallte wie er genannt war.
Auguste und Emilie muten alte Bekannte aufsuchen; die Baronin war vielfach
beschftigt. Zum erstenmal im Leben empfand Luise eine demthigende
Zurcksetzung. Im Kampf mit dem Streben, eine wrdige Haltung zu behaupten, und
dem Gefhl, da diese in der wachsenden Verlegenheit immer mehr schwinde, trat
Stein zu ihr. Ein herzliches Wort, das unmittelbar aus dieser offnen, reinen
Seele in die ihre berging, rckte sie schnell ber den Druck des Augenblicks
hinaus. Sie sprach innig und frei, inde das tonlose Rauschen der Menge sie
umschwirrte.
    Die Baronin hatte dennoch, ihrer Menschenkenntni vertrauend, einiges ber
Luisens Schicksal fallen lassen, wodurch sie diese den Gemthern ganz unvermerkt
nher rckte, und ihre Aufmerksamkeit gewann! Die alten Damen sahen in ihr ein
unglckliches Opfer heutiger Verderbni, die jngern fanden sie sehr
interessant, den Zug stiller Schwermuth um den schn geschweiften Mund
unwiderstehlich, und die Mnner bemerkten, ein frhzerstrtes husliches Glck
sei eine Brcke, die ber das weite Meer conventioneller Formen und lstiger
Versuche, unmittelbar in die Gunst der Frauen fhre. Desto besser, sagte ein
junger Offizier, dem eine Dame Luisens Geschichte schon ziemlich verstellt
erzhlte, desto besser,

La vertu est une isle escarpe et sans bord
On n'y peut plus rentrer, ds qu'on en est dehors.

Abscheulich! rief die Dame, konnte sich aber doch nicht enthalten, dem
liebenswrdigen Freigeist einen schmeichelnden Blick zuzuwerfen.
    Unvermerkt hatte sich inde um Luisen ein kleiner Kreis von Frauen und
Mnner versammelt, die, im Gesprch mit Emilien, sich an sie und Stein
anschlossen. Mit Bewundrung bemerkte Luise unter ihnen eine schne weibliche
Gestalt, deren edle Haltung und Zge ihr bekannt schienen, und sie dunkel in die
Vergangenheit zurckfhrten. Eine groe innere Bewegung arbeitete unverkennbar
auf dem feinen Gesichtchen, und trieb ihre Blicke unwillkhrlich zu einen
zartgebildeten, schlanken Mann, dessen weiches abgespanntes Wesen seltsam gegen
die Uniform abstach, die er auch nur des herkmmlichen Gebrauches wegen zu
tragen schien. An einen Pfeiler geschmiegt, gleichsam um sich selbst tragen zu
helfen, sagte er mit vorgebeugtem Kopfe und leiser Stimme zu Emilien: Sie sind
so glcklich gewesen, einige Zeit in der Einsamkeit auf dem Lande zuzubringen,
whrend mich das Leben hier fast erdrckte.
    Noch immer die alte Unzufriedenheit! rief Emilie lachend. Wie kann es anders
sein, erwiederte jener, dies abgenutzte Treiben hier, das mich wie ein Ball hin
und her wirft und alle Ruhe und allen Genu raubt, pret mir oft die Brust so
zusammen, da ich mein ganzes Verhltni zerbrechen und in irgend einen Winkel
der Erde fliehen mchte, wo ich wenigstens allein sein knnte, wenn ich will!
Aber mein Gott, Sie ungalanter Mensch, was qult Sie denn bei uns? fragte
Emilie. Alles! rief er; mein Stand, die ganze Welt, alles was Ansprche an mich
zu haben glaubt und mir meine Ruhe mignnt. Seine Blicke gleiteten whrend dem
nachlssig an Luisen hin, und fielen wie von ohngefhr auf die schne Frau, die,
eine Thrne zerdrckend, angelegentlich mit Stein zu sprechen schien. Auf Ehre!
Horst, rief jener freigesinnte, Offizier, schon mehreremal von Emilien als der
hbsche Baron Roll erwhnt, der seiner hhern Taktik zu Folge Luisen nher
gerckt war, auf Ehre, Sie werden ein Menschenfeind! Was haben Sie nun gegen
unsere Stadt? Mich dnkt, Sie und ich htten nicht ber sie zu klagen; oder
rechnen Sie den reichen Schatz von Erfahrungen, den wir gegen ein paar
mimthige Stunden eintauschten, fr nichts? Auf Ehre, ich gebe ihn um meinen
ganzen Credit nicht weg, der denn doch der eigentliche Point unsrer Existenz
ist. Und, Luisen fixirend, ohne sich ihr gleichwohl vorstellen zu lassen, fuhr
er, wie unter bekannter Voraussetzung fort: Sie, Frau Grfin, werden mir gewi
in Kurzem Recht geben, wenn Sie unsre Welt mehr kennen lernen. Sie waren noch
nicht im hiesigen Theater? - Sie sahen noch nicht Richter und die schne Antonie
spielen? Luise hatte kaum Zeit es zu verneinen, als er, sich zu Stein wendend,
aufs neue anhub: A propos, man will uns ja den Shakespear nun auch goutiren
lehren; ich denke man spricht von einer Vorstellung Heinrich des Vierten. Da
werden wir Offiziere nur gleich Urlaub nehmen mssen, um den Schlu zu hren,
denn solch Stck spielt seine 24 Stunden in einer Angst weg. Er lachte laut ber
den glcklichen Einfall, der den Andern schon bekannt war, und als vielfach
bewundert, das Patent des Witzes erhalten hatte. Ich glaube selbst, entgegnete
Stein, da sich der Shakespear weder fr unsre Bhne, noch unser Publikum pat.
Des Komischen wegen? fiel Auguste ein. Sein Sie versichert, wir verstehn die
privilegirten wie die anderweitigen Spamacher zu wrdigen. Roll verschmerzte
den Stich, und wandte sich ausschlieend an Luise, die er mit einem Heer
unbedeutender Fragen bestrmte. Horst schwankte inde mit unsichren,
schleichenden Schritten zu der Dame, welche Luisens Aufmerksamkeit frher
erregte. So in Gedanken, Frau von Seckingen? fragte er lchelnd, was beschftigt
Sie so ausschlieend? Der Wechsel der Dinge, entgegnete sie, nicht ohne
Heftigkeit. Unbesonnene, flsterte er, und wandte sich unwillig ab.
    Eine kleine Bewegung in der Gesellschaft lie hier auf die Ankunft eines
neuen Mitgliedes derselben schlieen. Luisens Herz klopfte unwillkhrlich; sie
dachte dunkel an den Unbekannten, an Fernando, als Frau von Seckingen ausrief:
ach, mein Bruder! und die Baronin in dem Augenblick, von dem russischen Obristen
begleitet, vor Luise trat, erfreut, ihr einen alten Bekannten zuzufhren. Ohne
irgend eine schmerzliche Erinnrung zu berhren, begngte sich der gewandte Mann,
den gegenwrtigen Augenblick allein herauszuheben und eine Reihe froher Bilder
einer glcklichen Zukunft daran anzuschlieen, welche ihm Luisens Anwesenheit in
der Residenz versprach; dann das Gesprch immer leichter und freier
verschlingend, zog er bald die anmuthige Schwester mit hinein, deren Herz sich
willig so freundlicher Berhrung ffnete, seit sie nichts mehr unmittelbar
strte, da Horst gleich nach des Obristen Ankunft verschwand. Luise fhlte sich
in der kunstlosen, wie von selbst fortlaufenden, Unterhaltung immer behaglicher,
und trat zwischen den beiden edlen Gestalten fest und sicher auf die glatte
Flche der neuen Welt hin, die sie vor wenig Augenblicken noch erschreckte.
Allein je mehr ihre Theilnahme fr beide Geschwister wuchs, je mehr beunruhigte
sie das Schicksal der bekmmerten Frau, welches ihr noch drckender schien, seit
der Obrist sagte: Liebe Sophie, Dich erwarten Briefe von Deinem Mann. Er hat mir
auch geschrieben, und sagt, da seine Geschfte ihn noch lange in Paris
aufhalten knnten. Der Mann lebt noch? dachte Luise; also wieder eine mirathene
Ehe! und sicher ein edles Herz, das sich selbst tuscht! - Dieser Gedanke fiel
strend in ihre Freude, und htte fast die alte Wehmuth wieder angeregt, da sie
in demselben Augenblick Stein an Emiliens Seite, mit allen Zeichen
unbefriedigter Sehnsucht, wahrnahm, und hier auf beiden Gesichtern auf's neue
das Aushngeschild einer verfehlten Wahl sehen mute; allein des Obristen
freundliches Bemhen hob sie bald ber jene beunruhigende Betrachtungen hinaus.
Diese hohe, klare Erscheinung, auf der ein vielfachgestaltetes Leben keine Spur
zerreiender Leidenschaften oder verfehlten Strebens zurckgelassen hatte,
schien, in ihrem milden Ernst, recht dazu geeignet, Luisens Achtung zu
erzwingen, die sich auch bald eines kindischen, durch zufllige Verirrungen
angeregten, Unglaubens schmte, und sich voll Heiterkeit den beseligenden
Einflssen einer entstehenden Freundschaft hingab, ein Wechsel, der Augusten
nicht entging, und ihr fr diesen und viele folgende Tage Anla zu Neckereien
und nicht immer ganz schmeichelhaften Anmerkungen gab. So nannte sie Sophie
ziemlich unzart eine phantastische Thrin, die unaufhrlich die Liebe mit dem
Gegenstande derselben verwechsle, und ihr daher bald Altre, bald Grber erbaue.
Ich verstehe Sie nicht, sagte Luise empfindlich. Nun, entgegnete sie, alle
Frische, Kraft und Gttlichkeit des Gefhls meint sie in dem geliebten Manne zu
finden, und wenn denn nun nach und nach die mangelhafte Natur hervorsieht, und
das Traumbild ein ordinrer Mensch wird, dann erhebt sie ein Geschrei und hllt
sich in Trauerschleier, und klagt ber das trgerische Spiel der Liebe. Warum
sieht sie im Sperling den Paradiesvogel? Ich begreife, fuhr sie fort, da ein
ungeprfter, vielleicht berall stumpfer Blick sie verwirren kann; aber was
qult sie sich denn noch nach erkannter Tuschung? und warum will sie diese mit
Gewalt auf Kosten ihres eignen natrlichen Gefhls erhalten? Was ist es denn
weiter? sie hat sich geirrt; lasse sie den Irrthum fahren und sehe sich nach
Wahrheit um. Luise hatte es sich lngst des Streitens mit ihr begeben. Sie
schwieg, und begngte sich, wie herabsetzend auch jene Worte klangen, sich nur
fester und vertrauender an Sophie anzuschlieen, deren zarter Sinn und treue
Anhnglichkeit fr das einmal Erwhlte sie, trotz des sichtlichen Migriffs
ihrer Wahl, hchst liebenswrdig machte. Luise bersah oder schob auf die
allgemeine Verwirrung menschlicher Gefhle und Verhltnisse, was sie nicht
billigen konnte, und neigte sich ohne Rckhalt zu einem Herzen, das im
Miverstehn selbst noch so gro und tief empfand.
    Mehrere Zeit hatte es Luise vermieden, in das Schauspiel zu gehn, aus
geheimer Furcht, in dem Unbekannten Fernando wiederum anzutreffen. Endlich mute
sie inde den wiederholten Bitten ihrer Bekannten nachgeben, und so lie sie
sich wirklich von Auguste in ihre Loge fhren. Das erste Strende, was sie von
hier aus erblickte, war Werner, der, sie erkennend, ohne Zeichen der mindesten
Verlegenheit zu ihnen eilte, und sie ganz in seinem gewohnten Ton begrte.
Diese Ruhe drckte die ganze Vergangenheit in die dunkelste Tiefe. Luisen war,
als sei eine lange Reihe von Jahren verflossen, seit sie Werner sah, und die
damals gehemmte Ordnung lngst wieder im alten Geleis. Nicht lange darauf trat
auch Baron Roll zu ihnen in die Loge. Er that sehr vertraut mit Werner, der ihn
mit komischer Freundlichkeit empfing, gleichsam als thue es ihm wohl, die
geschrften Blicke eine Zeitlang auf jener flachen Unbedeutendheit ausruhen zu
lassen. Das Stck htte allenfalls Aufmerksamkeit verdient, allein Roll lie es
bei Keinem, auer bei Augusten, um die er sich niemals bekmmerte, zu einen
gesunden Gedanken kommen. Sehn Sie um Gottes Willen! rief er ganz emprt, hat
die Reinhart nicht rothe Schuhe an! bei dem groen Fu! Es ist, auf Ehre,
unbegreiflich! Sein Mund verzog sich fast wehmthig. Das allerliebste Mdchen!
rief er, und so schimpfirt! Kaum gewann ein Lieblingsschauspieler so viel ber
ihn, da er einige Augenblicke schwieg; dann aber beugte er sich zu Werner und
sagte ihm vertrauend: wenn ich so glcklich sein knnte, den Richter nur einmal
zu frisiren, er sollte wahrhaftig anders aussehn! Hm - entgegnete jener ganz
kalt, das liee sich vielleicht machen. Luise konnte sich trotz ihres Ingrimms
des Lachens nicht erwehren, ein Muthwille, den Roll sehr bald, ohne es zu
wissen, rchte, indem er zu Werner sagte: haben Sie schon gehrt, da unser
hbscher Italiener wieder hier ist? Luise fuhr unwillkhrlich zusammen. Werner
bemerkte es, und sich gegen das Innre des Hauses vorbeugend, sagte er: in der
That, da sitzt er ja! Luise war seinen Blicken gefolgt, die sich nach dem
Parterre richteten, und ohne zu wissen wen er meine, heftete sie ihre ganze
Aufmerksamkeit auf einen jungen Mann, der, in nachlssiger Stellung, halbliegend
sa, den Arm auf die Lehne des benachbarten Sitzes gesttzt, und so, das
abgewandte Gesicht in der aufwrts gerichteten Hand ruhend, angelegentlich mit
einer hbschen Nachbarin sprach. Ich werde ihn morgen bei der Seckingen
einfhren, sagte hierauf Roll, er wird unsere Damen mit seinen kleinen Talenten
amsiren. Das thun Sie doch, erwiederte Werner, und verlie, da das Stck bald
zu Ende war, gleich darauf mit Roll die Loge.
    Vergebens hatte Luise bis dahin auf eine Wendung des ngstlich beobachteten
Kopfes gewartet; jetzt, da alles aufstand und das Gedrnge immer mehr zunahm,
schwankten die Gestalten verworren und unsicher umher. Sie konnte nichts
bestimmt unterscheiden; allein je mehr ihr die Mittel fehlten, sich zu
berzeugen, je berzeugter ward sie in sich. Es war Fernandos Stellung, sein
dunkel gelocktes Haar; sie durfte nicht zweifeln. Halb entschlossen, die
morgende Gesellschaft nicht zu besuchen, gedachte sie mit Unruhe des Obristen,
und erwog, wie seltsam, wenn es Fernando wirklich sei, man ihr Ausbleiben
deuten, wie auffallend es erscheinen msse, da sie frher von seiner
Anwesenheit unterrichtet gewesen. Das Fr und Wider abwechselnd annehmend, fuhr
sie endlich des folgenden Abends sehr spt zu ihrer neuen Freundin. Es ward
getanzt, und sie fand alles in frhlicher Bewegung, als sie mit gesenktem Blick,
flchtig durch die Zimmer hin, in ein kleines Cabinet eilte, wo sie nur ltere
Damen am Spieltisch wute. Bleich und zerstreut setzte sie sich neben die
Baronin, welche diese Auszeichnung als eine schuldige Aufmerksamkeit gtig
aufnahm. Indem trat Emilie, erhitzt vom Tanzen, herein, und flsterte ihr leise
zu: wissen Sie, wer hier ist? Ich wei, ich wei, entgegnete sie in tdtlicher
Angst. Sie wissen? woher denn? fragte Emilie. Gestern - erwiederte Luise; ich
kann jetzt nicht. - Denken Sie sich, fuhr jene fort, die Wirthin hat uns dennoch
verrathen; er sah den Abend, als wir aen, durch die Thr, welche die Wirthin
ein wenig auf lie. Er hat mir's selbst gesagt; gleich auf den ersten Blick hat
er mich erkannt - Sie? fragte Luise, Sie allein? Nun, er wird Sie auch erkennen,
erwiederte Emilie; aber sehn Sie, da ist er. Luise hatte nicht das Herz, die
Augen zu heben. Rolls Stimme zwang sie endlich, aufzublicken. Sie hrte einen
unbekannten Namen, sah ein ganz fremdes Gesicht, eine zarte, fast unausgebildete
Gestalt. Kaum gewann sie so viel Fassung, ihr Befremden zu verbergen und einige
wohlgewandte an sie gerichtete Worte des Fremden zu beantworten.
    Wen aber, liebe Emilie, meinten Sie denn zuvor? fragte sie diese, noch ganz
unsicher und verlegen, als die beiden Herren sie verlieen. Wen? Nun mein Gott,
erwiederte jene, den jungen Cesario, unsern Reisegefhrten, den Unbekannten im
Gasthofe; wen anders? Dieser also war es! - sagte Luise zerstreut. Gott ja, fiel
Emilie ein, ich glaubte Sie wten - Freilich, freilich, erwiederte Luise, ohne
zu wissen was sie sagte. Dieser also! wiederholte sie mehreremale vor sich. Es
ist doch seltsam! - Sie erinnerte sich der Worte, die er gesprochen, und da er
bestimmt Fernandos Namen genannt hatte. Sein Freund also, dachte sie, und ein
besorgter, zrtlicher Freund! Aber wie wagt er sich mit dieser Jugend und
Unerfahrenheit so allein in die Welt und auf die unsichre Spur eines so
beweglichen, ewig getriebnen Menschen!
    Des Obristen Blicke, die sie schon lngst gesucht, trafen sie hier. Er
nherte sich schnell, und fragte fast bekmmert: warum kamen Sie doch so spt?
Ich hatte mich so auf diesen Abend gefreut und nun ist alles voller
Widersprche! Sophie ist pltzlich unplich geworden, und hat sich entfernt;
auch Sie sehn bleich und angegriffen aus. Darf Ihr Freund wissen, was Sie
beunruhigt? Doch, setzte er lchelnd hinzu, wir sollten uns hten, die
Geheimnisse der Frauen an uns zu reien, sie verletzen uns oft, ohne da wir sie
verstehn. Weil sie zu unwichtig oder zu bedeutend sind? fragte Luise. Gewi das
Letztre, erwiederte er. Ihr ganzes Innre ist ein unendlich zartes,
geheimnireiches Gewebe, dessen luftige Fdchen sich so wunderlich verschlingen,
da sie oft ein gewagter Blick zerreit, und sie sich, wie die Blumen, vor so
rauher Berhrung verschlieen; der eigentliche Schmuck, der Blthenstaub ihres
Innern, bleibt uns daher fast immer fremd. Ihren Blick, sagte Luise sinnend, wie
aus voller Ueberzeugung, wrde ich niemals scheuen. Gewi? fragte er; auch dann
nicht, wenn ich Sie bte, mir zu sagen, was Sie gestern so ngstigend im
Schauspiel beschftigte, da Sie niemand, auch Ihre Freunde nicht, erkannten, und
noch beim Herausgehn meinen Gru unerwiedert lieen? Auch dann nicht, erwiederte
Luise nach augenblicklichem Nachdenken, nur fragen Sie jetzt nicht weiter;
morgen, oder wenn Sie wollen. Nein, meine gtige Freundin, erwiederte er bewegt,
ich werde nicht weiter fragen. Glauben Sie mir, diesmal habe ich Sie verstanden.
Unsre Organe werden feiner, wenn wir sie in das reine Element der Liebe tauchen.
Luise errthete; er selbst schwieg, wie erschreckt, ber das rasch entschlupfte
Wort. Nach einer Weile fragte er sie, um sich selbst zu entgehn, ob sie nicht
tanze. Nie wieder, sagte sie schnell, in der Erinnrung jenes Abends, da sie
Fernando in wilder Heftigkeit von seiner Seite ri. Nie wieder? entgegnete er;
auch hier, fuhr er fort, liegt Ihr reines Herz so offen da, da ich Sie um keine
Erklrung zu bitten habe. Mich beunruhigt Ihre Schwester, sagte Luise verlegen;
wollten Sie mich wohl zu ihr begleiten? Sie nahm des Obristen Arm, und eilte in
Sophiens Cabinet, wo sie die schne Frau sehr zerstrt, und in sichtlicher
Anstrengung, sich wieder herzustellen, fanden. Der Obrist schlo sie gerhrt in
seine Arme und verlie schweigend das Zimmer; aber Sophiens Schmerz brach in
unzhligen Thrnen aus. Klagend sank sie an Luisens Herz. Sie sprach von Horst,
ihrer Liebe, seinem jetzigen schneidenden Betragen, und zog zuletzt ein Billet
hervor, das sie eben erst, nach vielen vergeblichen Bothschaften, als
Entschuldigung seines Ausbleibens, von ihm erpret hatte. Luise las Folgendes:
    Je dteste les propos du monde, je n'aime pas  tre cit, voil la raison
de ma conduite
    Wollen Sie mit Ihrem Blut dies welke Herz nhren? rief sie emprt. O um
Gottes Willen, achten Sie sich doch hher. Sehn Sie nur, wie die conventionelle
Sprache selbst den groben Sinn nicht verbergen konnte, der sicher nie in Ihr
Innres drang! Ach sie sind Alle, Alle nicht anders! jammerte Sophie. Alle?
fragte Luise; auch Ihr Bruder? - Dieser trat eben jetzt wieder herein. Wenn es
Dir doch mglich wre, sagte er, sich zwischen beide Freundinnen setzend, zur
Gesellschaft zurckzukehren, man vermit Dich berall. Du leidest, fuhr er fort;
ich darf nicht fragen, was Dich qult. Liebe Sophie, sei weniger verschlossen!
Sieh! hier habe ich noch eine Schwester, die meine Theilnahme nicht zurckstt.
Er hatte Luisen bei der Hand gefat und blickte gerhrt auf sie hin.
    Mu ich denn, sagte Sophie sanft, mein Innres nicht vor mir selbst
verschlieen? Und was gewnnest Du, in die Verwirrung hineinzusehn, wo eines das
andre zerstrt und keines das rechte ist? Ganz anders ist es mit Luisen; ein
groer Schlag des Schlag des Schicksals hob sie ber so peinigende Kmpfe
hinaus. Fr sie beginnt ganz eigentlich ein neues Dasein, dem sie mit
jugendlicher Ungeduld eine sichre Richtung zu geben sucht. Ihr Gemth ist frisch
und wach, deshalb versteht sie Dich, und scheuet Deinen Blick so wenig, da es
ihr vielmehr wohl thut, ihm zu begegnen. Luise reichte sittig, vor den Obristen
hingebeugt, ihre Hand der Freundin, die, bei eignem getrbten Denken, die fremde
Brust dennoch klar durchschaute. Mit tiefer, innrer, Bewegung fhlte der Obrist
die schne Gestalt seinem Herzen so nahe. Wie aus sich herausgedrngt, sagte er,
die dargebotne Hand schnell erfassend: wenn es wahr wre, liebe Luise, wenn Sie
mich verstanden, wenn Sie mich auch jetzt verstehn -? Heiliges, fast demthiges,
Entzcken zitterte durch Luisens Seele. Sie hob ihre Augen zu den hellen
Blicken, die sie so wahr in ihrem eignesten Wesen auffanden; nichts trbte,
nichts vervielfachte auch jetzt ihr friedliches Licht; ein Bote des Himmels
hatte zu ihr geredet. Einen Augenblick schwieg sie, durch so wundersame Fgungen
ergriffen. Nein gewi, sagte sie endlich, gewi, ich kann Sie nicht miverstehn!
O Gott! rief der Obrist, beide geliebte Wesen sanft umschlingend, so la mich
sterben! Ihr armen, wunden Seelen, heilt Euch in meiner Liebe, deren stilles
Feuer ewig so rein glhen wird.

                                  Drittes Buch


Jedes, was in unsichtbarem Zusammenhange, unvorbereitet, in das Leben eines
Menschen eingreift, und das ber dasselbe fr den Augenblick bestimmt, scheint
die Vergangenheit gnzlich von der Gegenwart loszureien, und aus dieser eine
neue beginnende Welt hervorzurufen. So schwanden auch jetzt alle frhere
Strungen aus Luisens Seele. Ohne Kampf, wie ohne groe innere Bewegung, gab sie
sich der stillen Gewalt einer Neigung hin, die, wie alles Schne und Herrliche,
aus der Wurzel des Daseins entspringend, ihr Gemth erweiterte und erhellte. Sie
sann und erwog weniger als je, aber das Beste stand ihr immer ganz nahe, und sie
erkannte und ergriff es mit frischem Sinn. So fgte sich in des Obristen heitrer
Nhe alles wie von selbst, und ihr Verhltni zu ihm, ohne gerade eine bestimmte
ure Form zu haben, ward durch so milden Einflu unwillkhrlich dichter und in
sich unauflslich.
    Ein auf solche Weise heilig gehaltener, innrer Verein konnte inde den Augen
der Welt nicht entgehn. Der Obrist war eine zu bedeutende Erscheinung in ihr,
seine Verbindungen blieben nicht unbeobachtet, und es konnte daher nicht fehlen,
da eine groe Auszeichnung als entschiedne Wahl angenommen ward. Allein diese
Auszeichnung hob auch Luisen sogleich ber jedes Schwanken der Meinungen hinaus.
Ihr Platz in der Gesellschaft, durch die Gunst des Schicksals bezeichnet, war
nun eingenommen; jeder Zweifel schnell gelst, jede Muthmaung beseitigt. Die
Mnner schwiegen da, wo nur eine bedeutende Stimme das Recht hatte, zu sprechen;
und die Frauen durch Klugheit gehalten, rumten willig Vorzge ein, wo ein Tadel
ihr Urtheil verdchtig gemacht htte. Alles trat daher Luisen schmeichlend
entgegen. Selbst Auguste hrte auf zu sptteln und lie sie ruhig gewhren. Aber
vor allen war die Baronin bemht, ihren Beifall zu uern. Durch husliche
Sorgen und Verwicklungen gengstet, wandte sie sich gern zu der wiederkehrenden
Ordnung eines vormals so verworrnen Daseins, und nicht ohne innre Behaglichkeit
schrieb sie der eignen Mitwirkung einen Theil dieser heilsamen Vernderung zu.
Luise gnnte ihr gern diese kleine Beruhigung, da ohnehin so manches ihren
Erwartungen und Plnen entgegenstrebte. Denn es war nicht zu verkennen, wie
rcksichtslos auf Stein und andre Verhltnisse sich Emilie einer entstehenden
Neigung fr den jungen Cesario hingab. Ein launenhaftes, zweideutiges Wesen, das
weich und schmeichelnd in die Gunst der Frauen hineinschlpfte, und sie bald
darauf, wie die ganze brige Welt, in dstrem Ernst zurckwies. Niemand konnte
bestimmen, ob innre Unhaltbarkeit oder irgend eine Absicht diesem wechselnden
Spiele zum Grunde lag. Allein, wie man auch tadeln mute, so fhlte sich doch
ein Jeder auf irgend eine Weise davon angesprochen. Oft erschien er so mild, aus
den feuchten Blicken drang eine Sehnsucht, die sich unwillkhrlich an jedes Herz
legte. Aber pltzlich sprhete ein wunderliches Feuer aus Aug' und Mienen, er
drang mit Ungestm aus sich selbst heraus, sang, improvisirte, zog die
Gesellschaft in seine bunte Phantasieen hinein, indem er sinnvolle Tnze und
Pantomimen anordnete, denen er einen ganz eignen Charakter von Wehmuth und Lust
zu geben verstand. Alles strmte dann aus den fernsten Spielzimmern herbei. Man
stand in gedrngten Kreisen um ihn, und rief ihm laut und ungetheilt Beifall zu.
Nur der Obrist betrachtete ihn schweigend, voll mitleidsvollem Ernst, und sagte
einst zu Luisen gewandt: fhlt denn niemand, wie sich das zarte, fast noch
kindische, Geschpfchen zerreit, um ein innres Uebel zu ertdten! Luise
gedachte ihres ersten Zusammentreffens im Gasthause. Diese Erinnrungen, wie
berall die ganze rthselhafte Erscheinung, muten sie drcken. Es war ihr
unmglich, Cesario ohne ein ngstigendes Gefhl zu betrachten, das vergebens
einen bestimmten Eindruck aufsuchte und sich dennoch nicht gleichgltig abwenden
konnte.
    Was sie inde strte, zog Emilien um so bestimmter an. Ihr kleines Herz lie
sich gern von den neckenden Widersprchen hin und her werfen. Der Wechsel war
ihr rechtes Lebenselement, dem sie freudig Ruhe, huslichen Frieden, ja selbst
den uren Anstand, aufopferte. Ihre eigenste Natur schien sich in dem Umgange
mit Cesario nur erst recht zu entwickeln. Wie ihre zarte, biegsame Gestalt und
die Weichheit und Rundung ihrer Bewegungen sie zu seiner steten Gefhrtin bei
Spielen und Tnzen machte, so fgte sie sich mit der gleichen Leichtigkeit in
die scharfen Uebergnge seiner jedesmaligen Stimmung. Ja, sie theilte nicht etwa
nur seine Schmerzen und Freuden, sie nahm sie ganz in sich auf, und empfand sie
vllig und innig wie er.
    Stein trug ein klares Bild von Emilien in seiner Brust. Er konnte es sich
nicht bergen, wie viel ihr alles Neue, wie wenig er ihr war. Allein die Liebe zu
ihr lhmte jeden krftigen Entschlu. Er weilte in ihrer Nhe, sich berredend,
er hoffe auf irgend eine gnstige Vernderung; was berall wandelbar sei, knne
sich ja auch zu ihm wenden, und vielleicht sei dann der bunte Kreislauf
vollendet, und das Bleibende erzeuge sich von selbst. Dennoch wagte er es nicht,
eine festere Verbindung fr den Augenblick zu wnschen, ja er rckte den
Gedanken daran in die bessere Zukunft hinaus, an die er nicht glauben, auf die
er nicht hoffen konnte. So hielt er sich in einem selbst geschrzten Netz
gefangen, erwartend und verzweifelnd, mit wundem Herzen und berreiztem Gemth,
das nur einer bestimmten Veranlassung bedurfte, um alle verhaltne Bitterkeit
gegen den berlstigen Cesario auszustrmen.
    Bei weitem ruhiger schien der Maler Emiliens doppelte Treulosigkeit
anzusehn. Fr den Winter in die Residenz zurckgekehrt, lebte er allein der
Kunst, wenig bekmmert um irgend etwas auer ihr. Allein Werners geschrfter,
mehr sprender als forschender Blick, der jedes, was er im Laufe des Lebens
irgendwo berhrte, wieder anfassen und an sich ziehn mute, hatte ihn in seiner
Stille aufgefunden. Er drngte sich an ihn, und fhrte ihn, unter mehrern
Bekannten, auch zu Augusten. Hier hatte Luise fters Gelegenheit, den Gleichmuth
des jungen Knstlers zu bewundern, da niemand, auer ihr, mit seinen
Verhltnissen bekannt, es vermied, ber Emilien und ihre Verirrungen zu reden.
Selbst Auguste schonte ihrer Freundin so wenig, da sie sich lachend ber den
Spott des Schicksals auslie, welches gewollt, da ein unbrtiger Knabe das
Gewebe der klugen Sybille hchst keck zerreie, und sie zwinge, das Tchterchen
in die Arme des ungekannten Fremdlings zu legen, um dem lstigen Gerede Einhalt
zu thun. Der Maler schwieg meist ohne ein Zeichen besondrer Theilnahme; nur
diesmal erwiederte er: dahin wird es nicht kommen. Sein Sie versichert, Emilie
tuscht sich, und mu in Kurzem selbst davon berzeugt werden. Er sagte das sehr
gefat, und mit einer Zuversicht, die Werners Aufmerksamkeit erregte. Allein da
er sogleich wieder abbrach, so lieen auch die Andren das Gesprch fallen, ohne
da es zu einer nhern Errterung kam.
    Wenn Luise die Menschen um sich her, in ihren verschiednen Beziehungen zu
einander, betrachtete, und dann auf sich selbst zurcksah, so mute sie oft
erstaunen, wie ganz anders, milder, verwandter, ihr alle erschienen. Recht wie
Gestalten, die uns am Vorabend, bei hereinbrechender Nacht, mit unheimlichen
Schauern erfllten, und nun am vollen Tage klar und befreundet auf uns zutreten.
Was sie sonst erschreckte und die innre Unsicherheit mehrte, fiel, wie von
selbst, von dem vielen Guten und Erfreulichen ab, was sie wohlthuend zu der Welt
zog und den Frieden mit ihr begrndete. Selbst mit Werner war sie im Herzen
vershnt, seit sie ihm auf keine Weise scheuen durfte. Cesario allein lie sie
niemals frei von jener frher empfundnen Bangigkeit deren sie, mit aller
Anstrengung, nicht Herr werden knnte.
    Als sie sich einmal recht lebhaft dieser Schwche schmte, da erinnerte sie
sich, wie leicht ein geheim gehaltenes Gefhl dem schnsten Verhltni Gefahr
drohe, und wie wohl greres Vertrauen ihr und Julius Glck gesichert htte. Sie
konnte nicht anstehn, in des Freundes treue Brust die letzte, kleine Sorge
niederzulegen. Dennoch geschah es nicht ohne einige Verlegenheit, da sie ihrer
frhesten Bekanntschaft mit Cesario und des belauschten Selbstgesprchs im
Gasthofe gegen den Obristen gedachte. Seitdem, fuhr sie mit gesenkten Augen
fort, befllt mich eine Unruhe, so oft ich ihn sehe, die jene zurckruft, weiche
lange das Unglck meines Lebens machte. Der Obrist hatte ihre Hand gefat, und
sahe mit leutseligem Ernst in ihr anmuthig verschmtes Gesicht. Meine Luise,
sagte er, es ist ja dies ihr eigenthmliches Wesen, da Sie niemand in
Ungewiheit ber sich lassen knnen, als den, der sich selbst tuscht. Sie sagen
mir daher nichts Neues. Ich habe Sie immer verstanden. Wie sollte es mir
entgangen sein, da Ihnen Cesario, durch irgend eine innre Ideenverbindung,
Fernandos Bild zurckwirft. Ich mchte Sie beruhigen knnen, wenn ich Ihnen
sage, da die Unklarheit der Erscheinung es ist, welche den trben Eindruck
erzeugt. Offenbar ist etwas da, was Sie anspricht, aber Sie wissen es weder in
noch auer sich in einem bestimmten Zusammenhang zu denken. Es steht losgerissen
da, und schwankt nach den entgegengesetztesten Richtungen. Das ist es, was Sie
verwirrt. Denn gewi ist es das Unzusammenhngende allein, was uns im Leben
strt. Knnten wir die Geschichte der Welt und jedes einzelnen Wesens in ihrer
natrlichen Verbindung zu einander entstehn und fortschreiten sehn, der Faden
des verworrnen Knuels liee sich, ganz leicht, ohne willkhrliches Abreien und
Verknpfen, abrollen, und der Mensch hrte auf, so einzeln und so feindlich der
Natur und sich gegenber zu stehn. Deshalb lassen Sie sich auch jetzt nicht
beunruhigen. Haben Sie berall nur Acht auf das, was in Ihnen vorgeht, und
knnen Sie das scheinbar Strende in irgend einen Einklang mit sich selbst
bringen, so lassen Sie es ruhig walten. Sie drngen es vergebens weg, wie
unbequem es auch die gewohnte Weise durchkreuzt.
    Luise erinnerte sich hnlicher Worte Fernandos, zwar in ganz individueller
Beziehung gesprochen, aber dennoch geeignet, sie fr den Augenblick in eine
hchst verwerfliche Ruhe zu wiegen. Wie leicht, unterbrach sie ihn, hintergehn
wir uns aber selbst, und sehen das als zu uns gehrig an, was uns zerreit und
zerstrt.
    Dann, erwiederte der Obrist, kehren wir nur das eigentliche Verhltni um.
Wir geben uns dem Fremdartigen blindlings hin, und verleugnen uns so vor uns
selbst. Der besonnene Mensch hingegen lt das Ungekannte auf sich zu kommen,
und wie es sich an sein innerstes Leben wagt, fat er es mit scharfen Blicken
an; ach liebe Luise! und wie bald zeigt es sich dann, was in hherer Natur ber
unser Wissen und Wollen gebietet. Mit welchem Rechte sagen wir daher, wir msse
der Stimme des Herzens folgen. Was man insgemein so nennt, das ist es nun
freilich wohl nicht, was ich meine. Es spricht so vieles auf den Menschen
hinein, da er sich zuletzt selbst nicht mehr erkennt. Aber was so recht
eigentlich aus dem Herzen heraufdringt, dem widersteht sicher Niemand. Wie wahr,
fuhr er, sie umschlingend, fort, und wie hchst seltsam hat mich diese Stimme
gefhrt! In welchem Augenblicke drckte sich Ihr Bild in mein Innres! Alles
gebot mir, es daraus zu verdrngen. Ich versuchte es oft, aber als es immer
wiederkehrte, habe ich es heilig gehalten, und treu bewahret wie ein liebes
Geschenk des Himmels, das mich still entzcken und nie wieder verlassen sollte!
    Luise hatte den Kopf in groer Rhrung an seine Brust gelehnt. Er drckte
sie fester an sich, und sagte, ber sie hingebeugt: hier wird es nun ewig leben!
Wie es auch kommen mge, dies Bild nimmt mir keine Gewalt der Erde, denn es ist
mein geworden durch einen friedlichen Bund mit mir selbst.
    Was soll kommen? fragte Luise besorgt; was mein lieber, lieber Freund, soll
uns trennen?
    Ach, liebe Luise, erwiederte der Obrist, wer darf das wissen wollen? Die
Bedingungen unsers Daseins wie unsers Glckes greifen in Vor- und kommende Zeit
hinein, und dennoch ist unser Gesichtskreis so eng gezogen, wir verstehn die
Zukunft nie aus der Vergangenheit. Da liegt alles dunkel und in sich
verschlungen. Wir drfen es nicht anrhren, wenn wir die flchtige Gegenwart
nicht verscheuchen wollen.
    Luise blieb einen Augenblick nachdenkend. Wre es mglich, sagte sie darauf,
da meine zu groe Offenheit Sie beunruhigt htte?
    Behte mich der Himmel vor solcher Schwche, fiel der Obrist schnell ein.
Nein, o Gott nein! wie sollte mich beunruhigen, was der schnste Brge meiner
Ruhe ist. Liebe Luise, miverstehn Sie mich doch ja nicht. Der Mensch thut nur
wohl daran, im Uebermae des Glcks sich den mglichen Wechsel als mglich zu
denken.
    Das war es nicht allein, sagte Luise, es war mehr als das. Ihr Ton drang so
wehmthig durch mein Herz, als ginge er von trber Ahndung aus.
    Jeder Blick in die Zukunft, erwiederte er, erinnert uns an die Wandelbarkeit
des Glckes. Eben weil wir dort nichts Bestimmtes sehen, so tritt uns so vieles
entgegen, wovon eines das andre zernichtet. Aber, was verderben wir denn die
lieben, freundlichen Stunden durch so wunderliche Betrachtungen!
    Luise war inde in sich aufgeschreckt. Sie konnte sich nicht wiederfinden.
Die Mglichkeit, den geliebten Freund zu verlieren, trat ihr pltzlich so nahe,
da sie ihn gar nicht von sich lassen wollte. Sie frchtete, jeder Augenblick
knne ihn ihr entreien. Und als er nun ging, und sie ihm aus dem geffneten
Fenster, die Strae hinunter, lange nachsahe, bis er sich unter fremde Gestalten
verlor, da war ihr, als sei die Strae der vor ihr liegende Lebensweg, auf dem
ihr alles unbekannt erschien, bis auf das eine geliebte Wesen, das sich nun auch
abwandte und sie verlie. Sie verlor sich immer mehr in diese Vorstellung, und
ward nicht eher wieder froh, als bis der Obrist des folgenden Tages in einem
reich verzierten Schlitten vor ihrer Thr hielt. Das Gelut der Glckchen hatte
sie an das Fenster gelockt. Sie schlug freudig in die Hnde, als der schne Mann
von dem leichten Fahrzeuge springend, zu ihr hineilte.
    Ich komme, meine Luise, sagte er im Hineintreten, Sie zu fragen, ob Sie sich
wohl eine Stunde meiner Fhrung anvertrauen, und mich auf einer Spatzierfahrt
begleiten wollen. Der klare stille Wintertag erinnert mich so lebhaft an mein
Vaterland. Ich mchte diese Erinnerungen gern mit meinen liebsten Freuden
vereinen. Knnten Sie sich wohl fr Augenblicke mit Ihrem Freunde in den starren
Norden versetzen?
    Luise willigte ohne Weiteres ein, und in Pelz und Schleier gehllt, eilte
sie, an seinem Arm, der lustigen Fahrt entgegen. Zwei russische Knaben, fremd an
Ansehn und Tracht, hielten zu Pferde neben dem Schlitten. Luise setzte sich
hinein. Der Obrist breitete ein Tigerfell ber ihre Fe, dessen Zipfel
Goldfranzen einfaten. Er selbst nahm sodann seinen Platz hinter ihr, und die
Zgel leicht hebend, flogen sie pfeilschnell durch die Straen und Thore der
Stadt. Bald war diese weit hinter ihnen. Der geebnete Weg fhrte nach einem
Walde, der sie pltzlich wie eine vernderte Welt umschlo. Ungleich thrmte
sich der Schnee in groen Massen zwischen den Bumen, die zum Theil ihre nackten
Zweige starr in die eisige Luft streckten, oder die herabgezogenen Wipfel ber
einander neigten. Ueberall schien das Leben gewichen, hin und her sahe man auf
der weien Decke die Spur einzelnen Wildes. Freudig sprengten die Knaben mit
wunderlich dumpfem Geschrei voran. Mein Ruland, rief der Obrist lebhaft! und
lenkte den Schlitten immer tiefer in den wildesten Theil des Waldes.
    Luise befand sich in einer Gegend, die sie frher nie betrat. Die Tuschung
gewann immer mehr Gewalt ber sie. Es war ihr wirklich, als stnden Vaterland
und Freunde in unerreichbarer Weite, und alle losgerine Banden schlngen sich
einzig um den geliebten Mann, dem sie vertrauend unter rauhe Himmelsstriche
folge. Sie zog den Schleier dicht an sich, und in einer Art behaglicher
Selbstvernichtung lie sie ihr Dasein sinnend in ein Fremdes bergehn. Vergeben
Sie mir, sagte der Obrist, durch ihr Schweigen aufmerksam gemacht, vergeben Sie
mir meine thrige Freude, die Sie so wenig theilen knnen. Ist denn der Mensch
wie eine Pflanze an den heimathlichen Boden, wie an den eignen Leib gebunden?
Und ist nicht ein freies, hheres Verhltni zum Leben, wie ein zweiter Leib zu
betrachten, den er sich mit Wahl und Besonnenheit selbst schafft, durch den er
zur Welt gehrt und sich ihr kund giebt? Warum streckt uns denn das Vaterland
seine tausend Arme nach, und strebt uns in seine Mitte zurckzuziehen.
    Luise war in ihren Trumen verloren. Sie hatte einen groen Theil dieser
Worte berhrt, und fhlte nur des Obristen Hand, welche schmeichelnd die ihrige
ergriffen hatte. Ihr Herz war voll der innigsten Liebe, und in dem Sinne sagte
sie: gewi, es ist berall schn, wo uns auch die Natur ein getrbtes Antlitz
zuwendet.
    Es soll bald wieder heitrer werden, entgegnete der Obrist, der schon frher
einen Nebenweg eingeschlagen, und nun ber einzelne Hgel, welche die nahe Ebne
verbarg, aus dem Walde bog. Eine breite, spiegelglatte Eisflche lag hier vor
ihnen, hinter welcher sich das frstliche Schlo mit seinen vergoldeten Dchern
und weien Sulen feenartig erhob. Heller Lichtglanz war ber die ganze Gegend
ausgegossen, die in so magischer Beleuchtung das berraschte Auge blendete. Wie
herrlich! rief Luise, indem sie aufstand und mit der einen Hand den gehobnen
Schleier hielt, whrend die andre auf des Obristen Schulter vertrauend ruhte.
Der Schlitten gleitete inde leicht ber den festen Eisrcken des Stromes zu dem
jenseitigen Ufer, an welches die Schlogrten stieen. Lebhaft wurden hier
Luisens Blicke durch halbgeffnete Sonnenhuser angezogen, die beim
Vorberfahren ihre innren Schtze ahnden lieen. Der Obrist schlug ihr vor,
einige Augenblicke unter den Blumen auszuruhen, was sie dankbar annahm und in
seiner Begleitung in die kunstreich geordneten Sle trat. Wie neugeboren
begrte sie das frische Grn, das ihr aus den seltensten Gewchsen entgegen
duftete. Der Grtner trat hflich auf sie zu, sogleich bemht, durch nhere
Erklrungen die Eigenthmlichkeit der merkwrdigsten Pflanzen und Stauden
anzugeben. Luise ergtzte sich an Allem. In froher Hast eilte sie den Andren
voran, sah und bewunderte jedes zuerst, und trat so allein in ein kleines
Cabinet, welches hohe Granaten und fruchttragende Orangen am Ende des Gebudes
bildeten. Das frischeste Moos bedeckte den Boden in einer Hhe, da es zu den
Seiten stehende Blumenbehltnisse verbarg, und so das Ansehn gewann, als lasse
es den lachenden Blthenteppich aus seinem Schoos hervorgehn. Die goldnen
Frchte schienen Luisen recht eigentlich zu winken. Sie fhlte sich auf das
Anmuthigste angezogen. Alte Mhrchen von verzauberten Schlssern wurden wach in
ihr. Dabei mute sie an die Markise und Viola denken. Sie glaubte zu trumen.
Der de Wald, das starre Eis, und nun alle sdliche Herrlichkeit! Sie konnte
sich eines lauten Freudenrufs nicht erwehren. Da war es, als bewegten sich
hinter ihr die Zweige; sie wandte sich, und bemerkte einen Mann, der schnell zu
einer Seitenthr hinauseilte, ohne da sie sein Gesicht sehen konnte. An der
saubergestickten Uniform und dem dunkel gelockten Haar glaubte sie Cesario zu
erkennen. Ihre Blicke waren noch auf die Thr geheftet, als ein Wagen an dem
Hause vorberfuhr, und sie unwillkhrlich zum Fenster zog; aber die
verschlungnen grnen Zweige lagen wie ein Gewebe davor, und hinderten sie, etwas
zu erkennen.
    Sie haben wohl fter Besuch, sagte der Obrist, mit dem Grtner hinzutretend.
An solchen Tagen, erwiederte dieser, sind die Sle fast nie leer, besonders
finden sich Auslnder und Fremde hufig ein, durch die Freiheit des Zutritts in
allen frstlichen Gebuden angelockt.
    Der Blumenduft betubte Luisen; sie fhlte sich unwohl, und trieb zur
Rckkehr ins Freie, wo sie alsbald den Weg nach der Stadt auf einer heitren,
vielfach befahrnen Landstrae nahmen.
    Der Obrist sprach whrend des Fahrens noch viel ber das Edle und Gefllige
in der Bauart des Schlosses und seiner Umgebungen. Er machte Luisen aufmerksam
auf die knigliche Gre des Ganzen, welches doch keinesweges drckend sei fr
die nahestehenden Gegenstnde, was er allein als Wirkung hherer Kunst angab.
Denn diese, sagte er, kann niemals etwas fr sich allein betrachten, sondern
findet nur in dem innren Zusammenhang aller nothwendigen Bedingungen das
richtige Verhltni fr jedes Einzelne, whrend die bloe Pracht alles um sich
her vernichtet. Dies zeigt sich am auffallendsten im Orient, wo ein an sich
untergeordneter Zweck alle hheren Strebungen beherrscht. Selbst die Denkmler
alter Kunst sind dort strend geworden, weil sie, losgerissen von Zeit und Ort,
keinen gngenden Eindruck gewhren, sondern dem unbefriedigten Gemth
schmerzliche Betrachtungen entreien, was dem Wesen der Kunst zuwider ist, die
sonst unsre innre Gesammtheit, Flle und Kraft hervor ruft, und den ganzen
Menschen gttlicher und freier macht.
    In diesem Sinne war die Kunst wahrhaft in ihn bergegangen, und seine Liebe
zu ihr konnte daher nur von denen ermessen werden, die ihn in allen Beziehungen
seines Lebens verstanden.
    Luise suchte whrend dem sich selbst zu entgehn, und lie es an lebhaften
Aeueruugen nicht fehlen, die das Gesprch nur mehr in seinem Lauf fortdrngen
sollten. Allein sie war niemals frei genug in sich selbst, um irgend etwas, das
sie zufllig berhrte, fr Augenblicke liegen zu lassen, und mit Besonnenheit
mehreres aufzufassen. Eines beschftigte sie alsdann so ausschlieend, da sie
fr alles andre entweder gar nicht da war, oder doch zerstreut und kalt
erschien. So konnte sie es jetzt nicht aus den Gedanken bringen, warum Cesario
ihr gerade in dem Moment habe nahe sein mssen? und weshalb sein Erscheinen, oft
so halb und versteckt, sie in Ungewiheit, selbst darber lasse, ob er es sei
oder nicht? Ihr fiel ein, da, gleich wie ganz verschiedenartige Menschen, die
spterhin einen gewichtigen Einflu auf unser Schicksal haben, sich frher in
unsrer Erinnrung zusammen stellen, ohne da wir sie in irgend einer Beziehung zu
einander dachten, die Natur der Umgebungen und die Stimmung, welche diese in uns
erwecken, gleichfalls bedeutend sei fr das Zusammentreffen mit diesem oder
jenem. Sie sann vergeblich, auf welche Weise Cesario mit in ihr Leben
verflochten sein knne, und hatte zugleich eine Scheu, es zu entdecken, da sie
berall so ungelegen von ihm gestrt ward.
    Der nchste Morgen verjagte inde diese Wolken. Sie war die folgenden Tage
heitrer als je, vielleicht weil sie sich von mehrern ihrer Bekannten
zurckgezogen hatte, und allein in des Obristen und Sophiens Gesellschaft lebte.
Diese schien auch wieder ruhig und gefat. Luise bemerkte leicht, da nur eine
Ausshnung mit Horst dies bewirkt habe, obgleich dieser in ihrem engeren
Familienkreis keinen Zutritt hatte. Sie begriff eben so bald, wie sehr ein
solches Gefhl geschont sein wolle, und ohne dagegen zu eifern, begngte sie
sich, ihre Freundin in einer vertrauten Stunde zu fragen, wie sie nur dies
Verhltni mit ihren sonstigen Ansichten und Begriffen vereine.
    Das ist nun so, entgegnete jene. Ich rede ungern darber. Vieles kommt in
Anregung, was besser verschwiegen wird. Doch glaube mir, gutes Kind, Vergehn aus
Liebe begangen, ben sich nur durch Treue ab. Dies ist weder so leicht, als
eine herzhafte Rckkehr zur Pflicht schwer ist. Zu dem Letztren bewegt uns oft
gerade das, was uns frher verlockte, Sehnsucht nach einem Herzen, das uns
versteht und verstehn will. Wir glauben so leicht, es gefunden zu haben, whrend
es uns in allen Verhltnissen ziemlich gleich unerreichbar ist. Ueber die ersten
poetischen Trumen der Jugend hinaus, halten es die Mnner kaum der Mhe werth,
in das innre Geheimni unsers Wesens einzudringen, dessen Selbststndigkeit sie
nie anerkennen, dessen hhere Natur sie sich gern verbergen, um der
gewhnlichsten und natrlichsten Rcksichten berhoben zu sein. Da es denn nun
berall auf die Aufopferung unsrer selbst angesehen ist, was zaudern wir, dies
Opfer da zu bringen, wo wir in der Bewahrung und dem Heilighalten der Liebe uns
vor uns selbst bewahren? Ich wenigstens bin resignirt, und kann mich in dieser
Resignation nur mit mir und meinem Vergehn ausshnen.
    Du bringst Dich also der Liebe und nicht dem Geliebten zum Opfer? fragte
Luise.
    Sage mir, erwiederte jene, wie soll ich die eine ohne den andren denken,
ohne auf immer mit meinem Gewissen zu zerfallen? Soll ich um ein Geringeres, als
die hchste Bedingung meines Lebens, Schwur und Pflicht verletzt haben? Und wenn
ich mich tuschte, war es nicht die Liebe, welche den Zauber hervorrief? Aber es
ist falsch, da die Liebe uns tusche. Sie, das einzig, ewig Wahre, zeigt uns
die Menschen allein wie sie sind. Von ihr durchdrungen, haben sie fr Momente
wirklich erreicht, wonach sie, frher und spter, durch den ganzen Kreislauf
eines langen, beschwerlichen Lebens ringen. Nur wie die Auenwelt wieder nach
ihnen greift und ihre Tuschungen auf sie zurckwirft, sinkt die Liebe in die
stille Nacht ihres verborgnen Lebens zurck. Allein, ich habe ja doch den
geliebten Mann in jenen gttlichen Momenten gesehn, und so will und werde ich
ihn immer sehn.
    Der Obrist unterbrach sie hier, indem er ihnen die Ankunft der Baronin
meldete, welche auch sogleich eintrat.
    Endlich! sagte diese gutmthig, zu Luisen gewandt, finde ich Sie. Bses
Kind! Nun sollen Sie mir nicht wieder entgehn. Ich entfhre Sie sogleich. Alle
Freunde und Bekannte sind bei mir versammelt. Alle haben beschlossen, Sie der
Einsamkeit zu entreien. Man hat wichtige Dinge vor. Ich habe geloben mssen,
Sie aufzuheben, wo ich Sie finde. Luise warf bittende Blicke auf den Obrist und
Sophien. Dort suchen Sie vergebens Beistand, sagte die Baronin, ihre Gedanken
errathend; diese sind auch meine Gefangenen. Ich lasse Niemand entschlpfen. Sie
mssen alle sogleich mit mir fort.
    Beide Geschwister versprachen, der Einladung in Kurzem zu folgen. Luise
mute es aber geschehn lassen, da sie die Baronin ohne weiteres zu ihrem Wagen
fhrte, und sie, so bald sie sich hier allein sahen, mit kaum verhaltner
Heftigkeit in ihre Familien-Angelegenheiten hineinzog. Es ist mir lieb, hub sie
sogleich an, Sie zuerst ohne Zeugen zu sprechen; Sie mssen mir einen wichtigen
Dienst leisten. Es gilt hier, Stein zu einem schnellen Entschlu zu bewegen. Er
mu Emilien bald, gleich, seine Hand geben. Sie knnen ihn dazu durch Grnde
bewegen, die mir nicht geziemen, anzufhren. Lassen Sie mich ausreden, fuhr sie,
jeder Unterbrechung vorbeugend, fort. Es ist gewi, es ist nicht alles so, wie
es sein knnte; allein, ohne mich geradezu in Emilien verrechnet zu haben,
tragen zum Theil die Umstnde die Schuld jener ungnstigen Wendung. Ich habe
nicht immer ganz freie Hand gehabt. Viel Fremdartiges hat in meine Plne
eingegriffen; des Barons Ansichten und Gesellschaften, eine gewisse
Freigeisterei in allem Herkmmlichen und Bestehenden, welches die unglckselige
Poesie an den Tag bringt, und mehr als alles, Ihr Schicksal, mein liebes Kind,
haben mir bei Emilien entgegengearbeitet. Es ist meist das Leben Andrer, das
pltzlich einen Funken in ein junges Gemth wirft und sehr zur Unzeit darin Tag
werden lt. Dies ist inde alles geschehn. Wir knnen nichts, als grerem
Uebel vorbeugen. Stein htte schon so manches hindern knnen, wenn er mir und
sich selbst mehr vertrauete. Er nimmt das Spiel mit dem halbkindischen Cesario
zu hoch, wenigstens giebt er ihm ein zu ernstes Ansehn vor der Welt. Ueberall
erscheinen ihm die geringfgigsten Dinge so gewichtig, da er fast unter ihrer
Last erliegt. Ich begreife nur nicht, unterbrach sie hier Luise, warum Ihre Wahl
grade auf ihn gefallen ist. Aufrichtig gesagt, erwiederte die Baronin, ich wei
jetzt keinen Beren. Dem knabenhaften Abentheurer wollen wir sie doch nicht etwa
geben? Andrer Unschicklichkeiten der Art nicht zu gedenken. Auch ist Stein im
Grunde lenksam, Emilie hat viel Gewalt ber ihn, unter meiner Leitung wird sich
alles machen. Nur haben wir keine Zeit zu verlieren. In vierzehn Tagen gehe ich
auf's Land, Stein mu uns sogleich folgen, und die Hochzeit schnell und still
gefeiert werden. Dahin mssen Sie ihn durch die einfachsten und natrlichsten
Bewegungsgrnde zu fhren suchen, die zum Theil in seiner Liebe zu Emilien, zum
Theil in der Achtung vor dem uren Anstand liegen, da er diesen durch die
schnelle Beendigung unberufner Gerchte am sichersten rettet.
    Aber Emilie? - fragte Luise.
    Nun? entgegnete die Baronin, die hat wohl keine Wahl. Was bleibt ihr noch
brig? Sie wissen wohl am besten, was die Klugheit in solchen Fllen rth. Sie
selbst haben, mit mehr Ruhe als ich Ihnen zutraute, durch einen krftigen
Entschlu Ihren erschtterten Ruf wieder hergestellt. Denn mich wollen Sie doch
wohl nicht, wie die Welt, berreden, das kaum beruhigte Herz habe sich auf's
neue einer groen gewaltigen Neigung berlassen. So etwas liegt auer allen
Grnzen der Mglichkeit. Aber Sie handelten weise, und deshalb kann ich auch um
so sichrer auf Ihren Beistand rechnen.
    Luise hatte nicht Zeit, ein Wort zu erwiedern. Der Wagen hielt vor der
Baronin Hause, die Bedienten ffneten den Schlag, und sie mute ihrer steten
Qulerin ohne weiteres in die Gesellschaftszimmer folgen.
    Obgleich jene Worte sie recht empfindlich trafen und sie auf's neue in sich
verwirrten, so ward sie doch bei Emiliens Anblick von sich auf andere
Betrachtungen gezogen. Es mute sie berraschen, diese ganz vertraut zwischen
Cesario und dem Maler, vor einem Tischchen sitzend und mit beiden ber vor ihnen
liegende Zeichnungen berathschlagend, zu finden. Baron Roll beugte sich zwischen
sie durch, und schien seinen Beifall zu bezeigen, indem er mit wohlgeflligem
Lcheln seine ausgespreizten Finger auf ein aufgerolltes Blatt drckte, welches
der Maler mit beiden Hnden sauber hielt und wohl vor weitrer Verletzung sichern
wollte. Werner und Auguste standen zur Seite, wie gewhnlich, in Streit
verwickelt.
    Als Emilie die Eintretenden bemerkte, schlug sie freudig in die Hnde, und
ohne ihre Stellung zu verndern, rief sie Luisen zu: geschwind kommen Sie, uns
Ihren Rath zu geben. Wir qulen uns schon seit einer Stunde, und kein Mensch
bringt etwas Gescheutes heraus. Der Frst giebt einen Maskenball, und wir sind
versammelt, etwas ganz Neues, Ungewhnliches fr den Abend zu ersinnen, denn die
Griechen, und Ritter und Genien und Musen sieht man sich nun schon seit lange
zum Ueberdru. Auguste schlug so eben einen Sphrentanz nach alt Aegyptischer
Weise vor. Allein weder sie noch irgend Jemand wei diesen recht eigentlich
anzugeben, so wenig wie die ganz frhe Tracht dieses Volkes, denn die
Zeichnungen hier, nach einigen Kunstwerken aus der grauen, versteinten Zeit,
knnen doch nicht zu Modellen dienen sollen. Ich wrde eher, sagte Werner,
Gegenstand und Charakter aus irgend einem bekannten Mhrchen der Tausend und
eine Nacht vorschlagen. Sinnreiche Erfindungen und Pracht lieen sich so leicht
vereinigen. Ach! fiel Emilie ein, dann giebt es wieder Turban und Schleier ohne
Ende und das alte Lied wird nur mit Variationen angestimmt.
    Was schicken wir dem kurzweiligen Spiel so beschwerliche Berathschlagungen
voran, rief Cesario, ungeduldig aufspringend. Ihr fat ja das Vergngen so derb
an, und dreht und handhabt den flchtigen Genu, da aller Reiz verschwindet. Ob
neu oder alt, ob selten oder oft gesehn, die Freude trgtimmer ein frisches,
jugendliches Gesicht. Nehme sie jeder, wie sie sich ihm zeigt. Ich fr mein
Theil halte mich in der komischen Familie meines Vaterlandes, Arlechino altert
nie, und Sie Emilie, Sie verlassen mich nicht.
    Emilie willigte ein, die Maske der Colombine zu nehmen. Werner verstand sich
zu der des Pantalon, und Baron Roll ward ohne weitere Anfrage zum Brighella
erwhlt.
    Bei eigenthmlicher Gewandheit und Laune, sagte der Maler, kann das
phantastische Spiel immer neu erscheinen, und zu manchem lustigen Spa Anla
geben.
    Insbesondere, fiel Werner ein, wenn mehr als eine dieser Familien zugleich
auftrten, und so durch stete Verwirrungen und Verwechselungen eigne und fremde
Plne durchkreuzten.
    Man fand den Gedanken lustig, ohne ihn gleichwohl festzuhalten. Auguste
verwarf ihn ganz und setzte ziemlich trocken hinzu; wenn Ihr Euch alle von den
Aegyptern abwendet, so will ich dennoch dem tiefen, geheimnireichen Volke treu
bleiben, und wenn nicht auf alte, doch auf neue Weise. Ich whle eine
Zigeuner-Maske. Htet Euch. Ich sehe in die Vergangenheit und Zukunft, und werde
manches Geheimni enthllen. Die Vorstellung des nahen Festes beschftigte alle
angenehm. Viele spielten ihre Rolle schon in Gedanken durch, und diejenigen,
welche noch keine Masken gewhlt hatten, sannen auf passende und anmuthige
Erfindungen. Stein, welcher bis dahin abgewandt in einem entfernten Theil des
Zimmers beim Clavier sa, und zwischen den weitluftigen Verhandlungen und
Streitigkeiten manch stilles Liedchen leise sang, trat nun auch zu Luisen, und
befragte sie ber die Wahl ihrer Maske. Sie war noch unschlssig, und bat den
Obristen, der nicht lngst gekommen war, fr sie zu entscheiden. Ich wei nicht,
sagte dieser, ob ich Unrecht habe, wenn ich wnsche, Sie in altdeutscher,
frstlicher Tracht zu sehen, sehr einfach, dennoch hchst edel und prchtig, und
zwar in einer mehr innerlichen, gediegnen als strahlenden Pracht. Viele wrden
Sie lieber in den ppigen Orient versetzen, und den glhenden Schimmer des
sdlichen Himmels um Sie verbreiten; ich glaube selbst, Sie ziehen das Letztere
vor, aber die hohe, in sich beschlossene, und eben dadurch gebietende
Weiblichkeit liegt doch auch in Ihrer Seele. Ja, was noch mehr ist, macht das
Wesentliche derselben aus.
    Es ist sonderbar, sagte Luise, in meinen frhern Jahren fanden mehrere
meiner Bekannten eine groe Aehnlichkeit mit mir und einigen Bildern
altnordischer Kniginnen, und gleichwohl habe ich eher mit Schauder als
Sehnsucht auf jene Zeit zurckgesehn.
    Wir struben uns oft, erwiederte der Obrist, grade gegen dasjenige, was doch
zuletzt Recht ber uns behlt.
    Nun, rief Luise lachend, fr den Abend sollen Sie es wenigstens behalten.
Ich unterwerfe mich Ihrer Entscheidung.
    Wohlan, sagte er, so sind wir beide Ihre Ritter. Ich trug immer ein
Schwerdt, und lege es auch im Spiele nicht gern von mir. Werden Sie mir es
vergnnen, fragte Stein, fast wehmthig, wohl als ein berflssiger, aber doch
treuer Diener, meinen Platz an Ihre Seite zu suchen? Luise reichte ihm voll
herzlicher Theilnahme die Hand, und alle drei redeten sofort das Nhere mit
einander ab.
    Als bald darauf die Gesellschaft auseinander ging, vertrauete Auguste
Luisen, da sie fruher, als Werner, einen hnlichen Gedanken gehegt habe, und
gesonnen sei, zuerst zwar als Zigeunerin, sodann aber als eine zweite Colombine
aufzutreten, und dem Liebespaar und seinen Helfershelfern manchen hinterlistigen
Streich zu spielen. Luise mitrauete berall ihren Absichten, und konnte auch an
dieser Neckerei keinen Gefallen finden, ber die sie weiter nicht redeten,
sondern von da an, ein jedes nur mit eigenen Einrichtungen beschftigt blieben.
Frau von Seckingen allein war durch nichts zur Theilnahme an dem Feste zu
bewegen. Sie scheue, sagte sie, die freigegebene, ungebundene Frhlichkeit. Wo
alle Rcksichten schwnden, trte die unbewachte Individualitt oft abstoend
hervor, und das sei gefhrlich fr diejenigen, die nur ein bestimmtes, lang
gehegtes und gepflegtes Bild festhalten mchten. Es sei nicht das erstemal, fuhr
sie fort, da dergleichen Festlichkeiten Entdeckungen veranlaten, welche ein
ruhiges Verhltni aufgelst und Menschen getrennt htten, welche durch diese
Trennung um nichts besser geworden wren. Ihr sei es nothwendig, nur das fr
wahr zu halten was nach hhern Gesetzen wahr sein mte, und sich so wenig als
mglich darum zu bekmmern, was unter uren Bedingungen sich als bestehend
erweise, und fr die Welt allein Wirklichkeit habe. Luise verstand sie wohl, und
drang nicht weiter in sie, ohnerachtet sie solche ngstigende Sicherstellung als
den wahren Tod und den eigentlichen Gegensatz aller Liebe ansahe.
    Am Vorabend des Balles trat der Obrist ungewhnlich spt in Luisens Zimmer.
Sie sa am Stickrahmen, und war noch mit einer Arbeit fr den folgenden Tag
beschftigt, als er sich zu ihr setzte, und nachdem er eine Zeitlang die
Sauberkeit und den Flei des kleinen Kunstwerks bewundert und schweigend
beobachtet hatte, wie lange die geschftigen Finger den Faden hin und wieder
lenken mssen, ehe nur der hundertste Theil des Ganzen kenntlich hervortrete,
rief er fast ungeduldig: Welch mhseliges Vorbereiten zu dem flchtigen Genu!
Aber, fuhr er fort, das scheint wohl auch nur so. Fr Sie ist es wirklich nicht
mhevoll. Sie haben bei jedem Stich das Ganze vor Augen, und leben so den
Augenblick tausendfltig, den Sie sich erst schaffen wollen. Warum ist das nicht
im Groen wie im Kleinen. Wie leicht vergessen wir bei einem sauern Gange das
Ziel, wohin er fhrt! Und ist nicht am Ende das ganze Leben ein solcher Gang,
den wir uns recht eigentlich erschweren, da wir gewhnlich nur auf die nchsten
Schritte vor uns sehen?
    Was macht Sie denn heut so ungewhnlich ernst? fragte Luise. Ich verstehe
Sie nicht, lieber Freund! Die lustige Spielerei will kein so trbes Gesicht.
    Er beugte sich schweigend auf ihre Hand, die nachlssig mit den goldnen
Fdchen der Stickerei spielte. Wie denn? sagte sie ernster, ist das nicht blo
Zufall? lieber, lieber Freund, ist Ihnen etwas begegnet? haben Sie Kummer?
    Ja wohl, rief er sehr bewegt, ja wohl, ich habe Kummer! ach meine Luise! Sie
sollten mich nicht so schwach sehen. Der Mann mu dem Verhngni fest
entgegentreten. Ich werde mich auch sogleich wiederfinden. Ihr lieber freudiger
Blick fiel nur so zerreiend in meine bewegte Brust. Ich wollte Ihnen heute,
auch morgen, noch nichts sagen, und nun berrascht mich das so. Vergeben Sie
mir, Luise. O um's Himmels Willen, unterbrach sie ihn, nur geschwind, was ist es
denn, was kann es denn sein!
    Ein Befehl meines Hofes ist es, entgegnete er, der mich, da mein Geschft
hier so weit eingeleitet ist, um es einem Andren zu bertragen, nach Petersburg
zurckruft, und zu einer neuen Mission nach Persien vorbereitet.
    Beide schwiegen eine Weile. Mir bleibt nichts brig, als zu gehorchen, fuhr
er sodann fort. Ich gehre meinem Vaterlande, und darf mich ihm auf keine Weise
entziehn.
    Nun, fiel Luise schnell ein, warum erschrecken wir denn auch! Was hindert
uns dennoch, ungetrennt zu bleiben? Ich folge Ihnen, wohin Ihr Beruf Sie fhrt.
Das wollten Sie, Luise? fragte er gerhrt, das knnten Sie wollen? So groes
Opfer drfte Ihr Freund kaum annehmen.
    Lieber, unterbrach sie ihn, wie nennen Sie nur ein Opfer, was so natrlich
ist, und kaum einer Ueberlegung bedarf, da ich ohne Schmerz ein Vaterland hinter
mir lasse, das nichts als trbe Erinnrungen einschliet.
    Er drckte freudig ihre beiden Hnde an sein Herz. Ich habe das nicht
glauben, ich habe es nicht hoffen mgen! rief er; und nun - gewi, in der Liebe
wird den Frauen eine Kraft und ein Wille, der den Glauben der Mnner weit
berfliegt. Aber wenn nun fremde Sitten, wunderliche, ungewohnte Erscheinungen,
pltzlich eine Scheidewand zwischen Ihnen und die heimathliche, befreundete Welt
ziehen, meine Luise, werden Sie immer an diesem Herzen Trost und Ersatz suchen?
    Sie sagte ihm darauf recht wahr und zuversichtlich, wie sie es empfand, da
sie in seiner Nhe allein noch Ruhe und Schutz gegen oft erwachende, innre
Strungen finden knne, da seine Milde und Klarheit keinen Zweifel und keine
Besorgni in ihr aufkommen lasse, und die Zukunft sich recht hell vor ihr
ausdehne.
    So innig und durcheinander beruhigt, mit dem festem Blick auf ein vereint
heitres Leben, schickten sie sich beide zu dem Feste des kommenden Tages an, und
theilten recht freudig die allgemein empfundene Lust.
    Sorgfltig und hchst edel gekleidet, traten sie zur bestimmten Zeit in die
vielfach gemischte Welt. Ein wunderliches Grauen berfiel Luisen, als die
schwirrenden, lispelnden Tne aus den starren Lippen zu ihr hindrangen. Die
grere Beweglichkeit der Gestalten und der Tod auf ihren Gesichtern, hatte
etwas so Widriges fr sie, da sie kaum die gaukelnden Neckereien des zierlichen
Arlechino bemerken, noch die Pracht anderer Erscheinungen gehrig wrdigen
konnte. Die Zigeunerin streifte an ihr vorbei, und Cesarios Hand fassend, sagte
sie mit komischer Geberde:

Ich sage Dir wahr,
Mein Auge ist klar,
Der Trug liegt versteckt,
Ich hab' ihn entdeckt.

Drum leih' mir Dein Ohr,
Und sieh' Dich wohl vor,
Wenn Dirs geglckt,
Bist Du berckt.

Was Du umfat,
Es wird Dir zur Last,
Neckt Dich und qult,
Wie Du 's erwhlt.

Euch allen droht List.
In krzerer Frist
Als Ihr's erwogen,
Seid Ihr betrogen.

Es drngten sich mehrere Masken dazwischen. Luise sah nur die verworrene Menge
hin und her wogen und ward gedankenlos mit fortgerissen. In dem wachsenden
Gedrnge lispelte eine Stimme dicht an ihr Ohr: Hat die Bende in dem
Treibhause Blumen fr Julius Grab gesammelt; oder will sie sich mit neuen
Myrthen schmcken? Sie wandte sich erschrocken nach der Seite des Sprechenden,
ein dichter Haufe schwarzer Dominos arbeitete sich durcheinander hin, Cesario
stand in einer entfernten Loge und sah der lustigen Verwirrung eine Weile mig
zu. Lassen Sie uns dem Magier dort nher treten, sagte Stein, ich wette, es ist
der Maler. Luise sah berall nur den ungeschmckten Grabhgel und jene fremde
Hand, die sie so frostig darauf hinwies. Stein hatte inde den Magier angeredet
und ihn befragt: ob er ihm die Tiefen seines verworrenen Schicksals aufdecken
wolle. Das Furchtbarste, erwiederte eine dumpfe Stimme, fat Dich schon mit
beiden Hnden, das Gefrchtete ist ein Unding. Ein neuer Strom eindringender
Masken drngte sie auseinander. Das Spiel, sagte der Obrist, wird immer bunter
und lustiger, recht nach Masken-Weise, dort treibt Arlechino auf's neue sein
tolles Wesen; horen wir doch, was der Magier Colombinen sagt, sie nahen jetzt
einander. Niemals! rief der prophetische Alte der Kleinen zu, niemals findest
Du, was Du hier suchst, aber der Dich sucht, wird Dich finden. Wir suchen
einander wohl nicht, sagte Cesario, Stein vertraulich unter den Arm fassend.
Aber lassen Sie uns unter der sichtbaren Maske, die uns das fremde Spiel giebt,
jene unsichtbare abwerfen, die wir uns selbst gaben, ich wette, wir werden auf
der Stelle die besten Freunde. Fr jetzt, erwiederte Stein, haben wir nur den
Charakter festzuhalten, den uns das Spiel vorzeichnet, der meinige ist trockner
Ernst, der Ihrige, possenhafte Thorheit. Mein guter Ritter! rief Arlechino, Ihr
Ernst ist die tollste Posse von der Welt, und dient mir zu dem lustigsten Spa.
Steins Worte fielen von da an immer gewichtiger, Cesarios leichter, hhnender,
und wurden eben daher aufs hchste verletzend; er hatte sich recht muthwillig in
das eigne Netz verstrickt, sein Gegner hielt ihn unerbittlich fest, und forderte
die strengste Genugthuung. Arlechino sah mit komischer Gebehrde auf sein
hlzernes Schwerdt, und bat Brighella um Beistand. Der Obrist wollte sich
verdrlich von dem ungleichen Streit abwenden, allein sie befanden sich alle in
einer Ecke des Saals zusammen gepret, Niemand konnte einen Schritt weichen. Auf
morgen! rief Stein in groer Erbitterung. Was beginnst Du, sagte eine schwarze
Maske, Arlechino bei der Hand fassend; welche neue Unbesonnenheit, Francesca!
Jesus Maria! Fernando! rief diese, Du hier! Er hatte die Larve abgenommen, und
sah mit unbeschreiblicher Anmuth um sich her. Der vermeinte Cesario, sagte er
lchelnd, ist ein schnes Mdchen, das die Tapferkeit mehr liebt, als besitzt;
ich denke, Sie befreien das arme Herz gern von der Angst, die so viel Uebermuth
muthlos macht. So steht das Spiel? sagte Stein; das ndert freilich alles. Sie
haben Recht; was kann ich anders wollen, als in des Herzens Qual meine Rache
finden. Er sah Emilien scharf an, die sich an den Magier lehnte und von ihm
fortgezogen ward. Das Schattenbild Cesario verschwindet nun, sagte Arlechino,
zrne niemand der armen Francesca. Stein verlor sich unter die Menge. Es ward
pltzlich leer um Luisen, nur Fernando stand, mit fest auf sie gerichteten
Blicken, vor ihr, und schien jeden ihrer Gedanken zu bewachen. Der Obrist fhlte
ihre Hand in der seinen zittern. Lassen Sie uns eilen, sagte er leise, die
sonderbare Verwirrung bt ihre Gewalt ber uns alle. Ja wohl, ja wohl,
erwiederte sie zerstreut. Aber es ist ja ohnehin zu Ende; nicht wahr? es ist
alles vorbei. Ich glaube, sagte er bewegt, darum lassen Sie uns gehn.
    Am Ausgange stieen sie auf Werner, der Augusten als Colombine, ohne sie zu
kennen, fhrte. Der Spa flsterte diese Luisen zu, ist ber Erwarten gelungen.
Ich bin hinter die lustigsten Geheimnisse gekommen. Jetzt fhrt er mich zur
Baronin, die wir vergebens im ganzen Saale suchten. Dort mu sich nothwendig
alles aufklren. Ich denke, ich habe sie allesammt gehrig angefhrt.
    Mehrere Masken traten zwischen sie. Gute Nacht, meine Luise, sagte eine
bekannte Stimme kaum hrbar, ja mein, wie Du Dich und mich und die Welt auch
bethrst. Wir treffen einander wohl wieder, und Du bekennst mir, wogegen Du Dich
jetzt vergebens strubst.
    Luise strzte in ihren Wagen, ohne sich umzusehn, ja, ohne des Obristen
freundliches Lebewohl zu erwiedern.
    Es war tief in der Nacht, als sie in ihr Zimmer trat. Mariane war
eingeschlafen, die Lichter brannten trbe, und warfen einen unsichren Schein
umher. Sie ging, ohne sich umzukleiden, in groer Bewegung auf und ab, ihr
ganzes Wesen war im heftigsten Aufruhr, eine nie gefhlte Verzweiflung lehnte
sich pltzlich gegen das Feindliche ihres Schicksals auf Ihr ganzes Leben trat
in gedrngten, entscheidenden Momenten vor sie hin. Welt und Menschen, alles
schien nur da, um sie und das was sie liebte, in's Verderben zu strzen. Von
ungefhr fiel ihr Blick in einen Spiegel. Sie erschrak vor sich selbst. Die
fremde, veraltete Tracht, ihr bleiches, fast verzognes, Gesicht rief ihr das
Bild der Ahnfrau vom Falkenstein zurck. Je mehr sie hinsah, je deutlicher
glaubte sie alle Zge zu erkennen. Ha! rief sie, ich bin die Letzte des
verloschnen Namens! soll ich ben, was jene verbrach, und so die Schuld lsen?
Da stand es klar, wie von hherer Macht gesprochen, vor ihrer Seele: so ist es,
kinderlos, ohne Liebe, in Reue ber das Vergangene; fern von jeder Hoffnung fr
die Zukunft, sollst Du eigne und fremde That ben. Entsage freiwillig, denn Du
begehrst vergebens, was Dir Dein Schicksal verweigert. So ist es, ja so ist es,
wiederholte sie mehrmals. Alle Fden der Hoffnung waren zerschnitten. Das
Unabnderliche senkte sich tief in ihr Innres. Niemals, das fhlte sie, konnte
sie in der Verwirrung des Lebens Ruhe finden vor der feindlichen Gewalt, die
sichtbar und unsichtbar nach ihr griff, und alle Blthen eines kaum erschlonen
Daseins hhnend zerstrte. Und hat er denn nicht Recht? sagte sie. Bethre ich
mich nicht selbst? Was ist es denn, was mich in ihm erschreckt und
zusammenwirft, wie das zagende Verbrechen, wenn es nicht die unselige Liebe ist,
die wie ein Fluch auf mir liegt. Die erdrckt nun und zertritt die letzte
Hoffnung. Alles, alles ist vorbei. Ich mu dem hhern Rufe folgen.
    Sie sah den Gedanken so lange und fest an, bis er sie durchleuchtete wie ein
stiller Tag, in welchem kein Wechsel ist und kein Schmerz. Aus der vollesten
innren Ueberzeugung erwuchs ihr Wille und Kraft. Sie bersah die Zukunft mit
festem Blick. Nichts konnte sich ndern, nichts den Schlu des Schicksals nach
eigner Willkhr lenken. Alles blieb wie es war, bis an das Ende ihrer Tage; aber
da trat der Tod wie ein seliger Engel zu ihr und drckte ihr die mden Augen zu,
die nicht lnger aus ihren dunklen Hlen sahen, sondern den Blick nach innen
richteten, wo sich eine wundervolle Welt voll nie geahndeter Herrlichkeiten
aufthat. Sie sah das alles wirklich und versank in hchster Entzckung, halb
schlummernd, in die heiligen Tiefen des Unsichtbaren.
    Als sie erwachte, war es Tag geworden. Die Lichte brannten nicht mehr. In
den Gassen lebt' es und regte sich's wieder. Mariane war auch munter geworden,
und rumte im Zimmer umher. Allein die Erinnrung jener Seligkeit war ihr so
lebhaft geblieben; sie glaubte so fest an eine hhere Offenbarung, die sie in
der Stille der Nacht wahrhaft empfangen habe, da das erwachende Leben sie nicht
stren konnte. Und als sie nun gezwungen war, auf's neue in dasselbe mit
einzugreifen und sich um das nchste Aeure zu bekmmern, ward ihr Vorsatz nur
noch fester. Ohne sich grade ngstlich zu drngen und zu treiben, sah sie ruhig
alles kommen, wie es nun kommen mute.
    Ein Billet der Baronin war das Erste, was sie an die tausendfltigen
Verwirrungen der Welt erinnerte. Diese schrieb ihr:
    Ich knnte besorgt wegen Emilien sein, wenn ich nicht voraussetzte, da sie
meiner ruhigen Vernunft traute, und allenfalls darauf hin eine Unbesonnenheit
wagen zu drfen glaubt. Sie ist noch nicht zu mir zurckgekehrt. Wahrscheinlich
ist sie bei Ihnen und Augusten. Ich bitte Sie, mir darber Auskunft zu geben, so
wie ber die Veranlassung ihres Wegbleibens. Auf jeden Fall soll sie meine
Mibilligung fhlen. Sagen Sie ihr das, ich ersuche Sie darum.
    Luise erinnerte sich jetzt erst an Augustens letzte Worte, und wie sie
gesonnen gewesen sei, zu der Baronin zu fahren, wo sich die ganze Verwicklung
auflsen sollte. Sie begriff nicht, was sie daran verhindert und zugleich
bewogen habe, Emilien bei sich zu behalten. Sie wollte zu ihr gehn, um sie
deshalb zu befragen, als ihr Mariane sagte, da die Leute im Hause ihre
Herrschaft vergeblich bis jetzt erwarteten, und Niemand wisse, was er er davon
denken solle. In groer Besorgni schrieb daher Luise der Baronin, was sie
selbst durch Augusten erfahren hatte, und wie sie diese noch zuletzt an Werners
Arm auf dem Wege zu ihr gesprochen habe, weshalb man bei Werner allein die
nthigen Erkundigungen einziehen knne. Von Emilien aber wisse sie nichts, und
begreife ihr Verschwinden so wenig wie das von Augusten.
    Nach einigen Stunden trat Stein bleich und zerstrt in Luisens Zimmer. Eine
ungeheure Thorheit oder Niedertrchtigkeit, rief er, ist in dieser Nacht
vorgefallen. Werner, der Maler, Emilie und Auguste, alle sind fort! Alle
Nachforschungen sind vergeblich, Niemand will etwas von ihnen wissen. Ich komme
sogar von Francesca. Sie schwrt, der ganze Handel sei ihr fremd. Sie habe wohl
den Maler in Italien gekannt, und ihn deshalb hier in ihr Interesse ziehn
mssen, ohne gleichwohl seine weiteren Verbindungen und Plne zu kennen.
Geschienen habe es ihr freilich, als liebe er Emilien, und trachte im Stillen,
seinen Wnschen nachzugehn, auch Emilien sei oft etwas Aehnliches entfallen,
doch knne sie das alles auf keine Weise verbrgen. Luise konnte ihm nicht
lnger verhehlen, was sie selbst darber wute. Dennoch sahen beide nicht, wie
das Ganze zusammenhing, besonders, in wie weit Werner und Auguste darin
verwickelt waren. Was suchen wir, sagte Stein, den Grund einer Thorheit auf, die
so grundlos in sich selbst ist, da sie, wie sie entstanden, auch zerfllt. Ich
wende mich auf immer von dem verchtlichen Spiel, und lasse sie sich
wechselseitig verderben.
    In dem Augenblicke fuhr die Baronin, in einem vllig gepackten Reisewagen,
vor das Haus. Sie kam auf wenige Augenblicke zu Luisen, und kndigte ihr an, da
sie im Begriff sei, auf ihr Landgut zu gehn. Es sei dies ein Mittel, das Gerede
der Welt zu verwirren, und eben dadurch in den Augen der Meisten unzuverlssig
zu machen. Durch ihre Abreise gewinne es das Ansehn, als habe sie die fehlenden
Personen begleitet. Wenigstens wrden das Manche glauben, und ehe man der Sache
auf den Grund kme, wre wohl alles lngst schon im alten Gleise. Und Sie, Herr
von Stein, setzte sie hinzu, gewinnen auch dadurch Mue, ihre Nachforschungen
geheim und mit mglichster Schonung zu betreiben. Ich mchte ungern weiter
forschen, erwiederte dieser. Gnnen Sie mir meine Unwissenheit. Ich frchte,
gndige Frau, Sie wnschen sie sich auch in Kurzem zurck. Die Baronin lief
Gefahr, alle Fassung zu verlieren. Stein fate sanft ihre Hand. Es ist so
leicht, sagte er, da mir jetzt ein verletzendes Wort entfllt, und ich wrde
mir es nicht verzeihen, Sie gekrnkt zu haben. Lassen Sie uns daher nicht weiter
ber einen Gegenstand reden, der mir fremd bleiben soll, fremd bleiben mu. Zum
erstenmal sah Luise Thrnen in der Baronin Auge. Sie suchte sie zu verbergen,
konnte sich dennoch einer groen Rhrung nicht erwhren, als sie Luisen umarmte,
und nun so allein und verlassen zu dem gerumigen Wagen ging, und den
leergebliebenen Platz neben sich betrachtete. Stein konnte lange das Bild der
gedemthigten, schwer gekrnkten Mutter nicht los werden. Er kmpfte mit sich,
ob er ihr nicht nacheilen, und ihr wenigstens seinen Beistand zusichern solle.
Allein er fhlte bald, da er sich in nichts einlassen drfe, und nur eilen
msse, sich der nachtheiligen Erinnerungen zu entschlagen.
    Der Obrist trat bald darauf hinein, wodurch das Gesprch auf's neue auf die
unerklrliche Begebenheit dieser Nacht gelenkt ward. Roll hatte die Geschichte,
welche er von den Leuten der Baronin sehr zeitig erfuhr, mit groer
Geschftigkeit herumgetragen, und hinzugesetzt, die Familie sei gesonnen,
Augusten, als Urheberin des Complots, ffentlich zu zitiren. Unbegreiflich,
setzte der Obrist hinzu, sei es jedermann, welches Augustens Theilnahme an
dieser Sache sei, die vllig ihrer Art zu denken widersprche. Ein
Miverstndni, erwiederte Luise, kann ihr allein nur ein so bses Spiel
bereitet, und sie unwillkhrlich fortgezogen haben. Freilich, fgte sie hinzu,
wird es ihr schwer sein, wieder einzulenken, da es so weit gekommen ist.
    Es ist berall milich mit dem Einlenken, erwiederte Stein.
    Wenn man die Nothwendigkeit davon einsieht, sagte Luise, mu es dennoch
geschehn.
    Was ist aber so absolut nothwendig, fragte jener?
    Das Wrdige allein, erwiederte sie, was jedem auf seine Weise zu thun
geziemt. Sagen Sie mir, beginnt das Verhngni eines Menschen erst mit seiner
Geburt? oder ist es nicht vielmehr in einer Reihe vor und nach ihm lebender
Wesen begrndet, mit denen es sich in die Unendlichkeit fortschlingt? Gewi,
sagte der Obrist, der Punkt, auf dem ein jeder von uns steht, ist kein
zuflliger, sondern durch die Natur seines und des Daseins aller genau bestimmt.
    Und ein Schritt ber oder unter diesen Punkt, fiel Luise schnell ein,
verwirrt uns und andre. Und ist es denn nun nicht die hchste Freiheit, wenn wir
uns mit Besonnenheit, und dadurch aus eigner Wahl dahin stellen, wohin uns
unentgehbare Ereignisse, nach einem zerrissenen, verpfuschten Leben,
zurckwerfen?
    Der Obrist betrachtete sie forschend, whrend sie einen Augenblick
gedankenvoll in sich zurcksah. Was gewinnen wir, fuhr sie nach einer Weile
fort, wenn wir uns so viel und mancherlei berreden, und einen Wahn pflegen, den
wir zuletzt mit aller Anstrengung nicht festhalten knnen; was bleibt uns
anders, als ein wehmthiger Blick auf ein verfehltes Streben?
    Ja wohl, ja wohl! sagte Stein erschttert. Dennoch greifen die Elemente
unsers Daseins oft so wunderbar in einer Brust zusammen, und mischen und
gestalten sich so verschieden, da ihr Wesen nicht immer sogleich zu verstehn
ist. Deshalb tadle Niemand die stillen Kmpfe eines vielfach gestrten Gemthes,
ehe es durch sich selbst erfhrt, was es kann und soll.
    Er reichte beiden die Hand, und verlie in groer Bewegung das Zimmer.
    Mu ich meinem Gefhle trauen, Luise, fragte der Obrist, habe ich sie
verstanden?
    Niemand, erwiederte sie, kann weniger in Zweifel ber mich sein, als Sie.
Ja, Sie verstanden mich gewi. Ach! Sie fhlen es auch, ich darf nicht glcklich
sein wollen.
    Und ich? fragte er. - Sie werden es nicht bereuen, entgegnete sie, eine
Freundin gesucht und gefunden zu haben. Glauben Sie mir, wir waren einander nie
nher, als in diesem Augenblick, wo ich Ihnen aus voller Ueberzeugung sage, da
ich meinen Weg allein gehn mu. Mein edler Freund, es mu, gewi, es mu so
sein!
    Das ist es nun also, sagte er sinnend. Es lag dunkel in meiner Seele. Nun
ist es ausgesprochen. Ja, Sie haben Recht, es mu so sein. Wie wunderbar, da
uns die Wahrheit so nahe liegt, ohne da wir sie sehen mgen! Und gleichwohl ist
es schn, da uns ihr unerwartetes Erscheinen jetzt nicht erschreckt. Nein, Sie
sollen mich nicht kleiner sehen, als Sie es erwarteten. Ihr Muth, der nicht
Leichtsinn ist und nicht Verzweiflung, hebt mich zu Ihnen hinauf. Und wer mu
denn nicht am Ende die liebsten Wnsche unter die Trmmer seiner Hoffnungen
begraben? Aber wenn Sie nun so alles von sich gedrngt haben, Liebe, und jeden
freudigen Genu des vielfach gestalteten Lebens, was erwarten Sie denn noch von
diesem Leben?
    Innre Stille - erwiederte Luise. - Und erschrecken Sie nicht vor dieser
Grabesstille? fragte er, sie mitleidsvoll betrachtend. Luise, wenn Sie sich
tuschten, wenn Sie so um so sichrer Ihre Bestimmung verfehlen. - Lieber Freund,
unterbrach sie ihn, die ist verfehlt, und kann nur auf dem umgekehrten Wege
wieder errungen werden. In dem Leben der Frauen mu alles den einfachsten,
ruhigsten Gang gehen. Weder groe Kmpfe noch heftige Leidenschaften drfen es
verwirren, sonst geht die Richtung verloren, die in scheinbarer Beschrnktheit
das Herrlichste erzielt. Wie die Gestirne ihre abgeschlonen Bahnen still
vollenden, so mu der Kreislauf weiblicher Wirksamkeit nach einem ewigen Gesetz
gleichmig fortlaufen, die innre, oder Schattenseite des Lebens beschreiben,
und nur unsichtbar in die mannigfache Gestaltung der Dinge eingreifen. Wie das
Fremdartige sie zu nahe berhrt, ist dieser ruhige Lauf unterbrochen, und sie
schwanken und fassen nach dem verlornen Gleichgewicht umher, das sie nur in dem
freiwilligen Hingeben alles dessen, was ihnen nicht mehr gehrt, wiederfinden.
In der Liebe geht den Frauen der Himmel auf. Wo diese aber mit der Natur in
Streit ist, da mssen die bethrten Herzen in Reue und Bue erst den Himmel und
in ihm die Liebe suchen. Das ist so wahr, fuhr sie lebhaft fort, das habe ich in
dieser Nacht durch hhere Eingebung erfahren, und das steht nun so fest in
meiner Seele, da ich eher sterben, als es verleugnen knnte. O glauben Sie mir,
es giebt Ahndungen, die unser dunkles Dasein durchblitzen, die wir festhalten,
denen wir unbedingt folgen mssen.
    Sie redeten von da an sehr klar und bestimmt ber ihre beiderseitige
Zukunft. Der Obrist versicherte, es knne ihr Entschlu ihn nicht abhalten, sie
sobald als mglich wieder aufzusuchen. Weshalb, sagte sie, sollten wir einander
auch fliehen? Der Friede, der in dieser Stunde ber uns kommt, der kommt von
Gott, der grndet sein stilles Reich in ewiger, heiliger Erinnrung. Ich werde
Ihr liebes Auge nie vergessen, das so mild und schonend in mein gestrtes Innre
blickte.
    Als sie sich am Abend von einander trennten, wandte sich der Ob ist noch
einmal zu Luisen, und sie mit festem Blicke betrachtend, sagte er: nicht wahr,
meine Freundin, es mu so sein! Ja Lieber, entgegnete sie bewegt. Lassen Sie uns
auf das innre Wort achten, und es durch ein treues, wahrhaftes Leben
aussprechen.
    Am folgenden Tage kam Frau von Seckingen zu Luisen. Ihre verweinten Augen
und die zitternde Stimme besttigten dieser, was sie geahndet. Er ist fort?
fragte sie. Ja, rief Sophie mit verhlltem Gesicht, und Du hast ihn einer Grille
wegen hingegeben, von Dir gestoen; htte er Dich doch nie gesehen! So sagte er
nicht, erwiederte Luise sanft, er kennt mich besser. O nenne keine Grille, was
mein ganzes Wesen so lebhaft und dringend heischt! Und wie miverstehst Du mich
denn? Kannst Du verkennen, was eine nhere Verbindung zwischen uns unmglich
macht? Siehst Du nicht, wie ein frherer Eindruck jeden stillen Genu meines
Lebens vergiftet! Soll ich die Ruhe des edelsten Herzen einem Ungefhr, einem
zuflligen Zusammentreffen mit dem Erbfeinde meines Glckes aussetzen? O Du
solltest gerechter sein!
    Ich bin nicht unbillig, erwiederte Sophie. Ich finde Dich nur inconsequent.
Liebst Du jenen, warum verkennst Du den Wink der Natur, warum zgerst Du? - Die
Natur ist ewig, unterbrach sie Luise, vergi es nicht, da ihr Reich nicht
allein von dieser Welt ist. Was hier die Nothwendigkeit versagt, erringt dort
die Freiheit wieder! Hier tritt Julius Schatten zwischen mir und ihn. Und
dennoch liebst Du ihn? fragte Sophie. Ja, ach Gott ja, ich liebe ihn. Eine
unbegreifliche Gewalt zieht mich zu ihm hin; ich wei nicht, woher? ich wei
nicht weshalb? aber es ist so, und dennoch drfen die unsichtbaren Bande nicht
sichtbar werden, ja ich mu streben, so viel an mir ist, sie zu zerreien. Dann
sind alle vershnt, dann ruhen die Leiber in ihren Grbern, und alle seligen
Geister freuen sich des Lichtes.
    Frau von Seckingen sah sie fremd an. Du schwrmst, Luise, sagte sie, gewi
Du httest besser gethan, Dich einem sichren Fhrer auf der einfachen Strae des
Lebens anzuvertrauen, als auf eine so unnatrliche Hhe allein hinaufzusteigen.
    Luise fhlte, da sie ihr nichts erwiedern knne. Sie versuchte noch
einigemal, von dem Obristen zu reden; allein Sophie wich ihr verstimmt aus, und
sie schieden zum erstenmal, jedes in sich zurckgedrngt und entfremdet.
    Sie erkaltet wohl nun auch, sagte Luise betrbt. Sie hat eine Andre in mir,
nur um des Bruders Willen, geliebt. So fllt eines nach dem Andren ab, und
zerstreut sich in einem Leben, das ich fliehen mu. Sie lehnte sich gedankenvoll
an's Fenster, und sah dem wegrollendem Wagen nach, als Fernando, in reicher
Uniform, an Francescas Seite vorber ritt. Er redete mit dieser, und blickte auf
zu Luisen, welche schnell zurcktrat. So hatte sie beide in Julius frhester
Schilderung zuerst gesehen. Das war das erste Bild, das sich von beiden in ihre
Seele drckte. Der Kreis ihres damals beginnenden Lebens schien nun geschlossen.
Jetzt wie damals ging er, einer Erscheinung gleich, an ihr vorber. Von nun an,
sagte sie, will ich ihn nicht wieder sehen. Sie wute durch den Obristen, da er
franzsischer Offizier, und nicht aus eignem Triebe, sondern in Auftrgen, in
der Residenz war. Sie beschlo, diese so schnell als mglich zu verlassen, und
sich fr immer in den dichten Mauern des Falkensteins vor jeder neuen Strung zu
bewahren.
    Noch am selben Abend ward ihr Minchens Ankunft gemeldet. Diese kam, sie von
des Onkels Tod zu benachrichtigen, und sich sodann bei der einzigen Verwandtin
ihrer Mutter hier in der Stadt aufzuhalten.
    Liebes Kind, sagte ihr Luise, wir sind wohl beide mit unsren Anforderungen
an die Welt fertig. Wir bleiben nun zusammen, und flechten, wie ehemals,
Veilchen- und Cyanenkrnze, und lassen sie nun ber Julius stilles Grab in den
Zweigen spielen. Das bescheidene Mdchen hatte nie so groe Hoffnungen gehegt,
und hnliche auffliegende Wnsche schnell unterdrckt. In groer Rhrung fhlte
sie sich jetzt zu der Jugendgespielin hingezogen, die ihr so liebreichen Schutz
anbot. Luise aber sah in das bleiche Gesicht ihrer neuen Gefhrtin, wie in den
Mond, der eine stille Winternacht erhellet. Der flchtige Tagesschein ihres
jungen Lebens war beiden untergegangen. Wnsche und Erwartungen, ruheten in dem
heiligen Schoo des innren Daseins, aus welchem spterhin der neue Morgen
hervorgehen soll; aber Minchens Blick und Gru rhrte die stille Nacht an, und
warf einen milden Silberschein ber die schlafende Welt, die nun in Erinnerungen
forttrumte, und ihr innigstes Leben nicht verbergen konnte.
    Noch vor ihrer Abreise erhielt Luise folgenden Brief von Augusten:
    Ich mte verzweifeln, wenn sich der Mensch berall selbst verlieren
knnte. Aber das drckendste im Leben ist, sich zu kleinen Zwecken in fremder
Willkhr gehalten zu sehn.
    Sie kennen meine schuldlose Spielerei an jenem Abend. Wem das Bse fremd
ist, der ahndet es auch da nicht, wo es ihm ganz nahe tritt. Ich begegnete
Ihnen, in der Absicht, mit Werner zur Baronin zu fahren. Die Nacht war dunkel,
keine Laternen brannten mehr in den Straen, mein Begleiter unterhielt mich mit
groer Lebhaftigkeit, und verwickelte sich immer mehr durch neue Entdeckungen,
an denen ich mich dergestalt ergtzte, da es mir entging, als wir aus dem Thore
auf abgelegenem Wege fuhren. Endlich hielt der Wagen. Ich sah der Entdeckung mit
groer Lust entgegen, als der Maler an den Schlag trat, und ungeduldig rief:
schnell Werner, wir haben keine Zeit zu verlieren. Dieser bot mir den Arm, und
ohnerachtet mich jene Worte befremdeten, so stieg ich dennoch in der Erwartung
aus, die Sache nun beendigt zu sehn. Es war so dunkel, da man keine Hand vor
Augen sahe. Geschwind, geschwind, rief der Maler auf's neue. Nun, erwiederte
Werner, mich zu ihm fhrend, migen Sie Ihre Ungeduld, da ist sie. Was zum
Teufel, schrie jener, noch Eine! Noch Eine -? fragte Werner bestrzt. Nun ja,
sagte der Maler, Emilie ist dort im andern Wagen. Wir haben uns vollkommen
verstndigt. Sie willigt in Alles. Ich hatte die Maske abgenommen, und sagte mit
meiner natrlichen Stimme: Erschrecken Sie nicht, Herr Werner, ich habe nur
Ihren Gedanken ausgefhrt, und als zweite Colombine Ihre Plne und Absichten
durchkreuzt! Auguste! riefen beide zugleich! - Das ist eine schne Geschichte,
sagte Werner, unmig lachend. Ja, gndige Frau, fuhr er fort, Sie erinnern
sich, da ich ein gegenseitiges Durchkreuzen der Plne beabsichtigte. Dem sind
Sie nun hlfreichst entgegen gekommen. Wir sind Alle in demselben Gewebe
gefangen. Sie drfen wir nicht freilassen. Sie mssen uns nun schon weiter
begleiten, da Sie einmal bis hieher kamen. Sie wollten uns anfhren, wir mssen
Sie entfhren, und zwar nach Italien, wohin unser Weg geht. Ich schrie bei
diesen Worten aus Leibeskrften um Hlfe, allein beide Mnner faten mich unter
die Arme, und schleppten mich in den Wagen, der, ehe ich mich besinnen konnte,
unaufhaltsam fortrollte.
    So fhrten sie mich nun, von Station zu Station, wie eine Gefangene, aus
Furcht, da ich sie verrathen werde, mit sich fort. Heute, da Emilie des Malers
Frau geworden ist, und sie berdem einen groen Vorsprung gewonnen haben, hat
man mir erlaubt, zu schreiben, weil es mir unmglich ist, ohne Geld allein
zurck zu kehren. Ich bin durch Noth an diese elende Seelen gebunden, die durch
Betrug erringen, was der khne Sinn in offner That erzwungen htte. Eilen Sie
daher, mir durch meinen Sachwalter Geld nach Venedig zu schicken, von wo aus der
Maler verspricht, es in meine Hnde zu besorgen, da er mir weder ber die
Richtung unseres Weges, noch ber den Ort unseres Aufenthalts, etwas Nheres
sagen will.
    Emilie ist kindisch mit allem Neuen was sie sieht, beschftigt, und hofft
nach einem Jahre auf die Verzeihung und Einwilligung ihrer Eltern.
    Ich gnne ihr diese Hoffnung, von der es mir brigens gleich ist, ob sie
erfllt wird, oder nicht, da sie in sich nichts bedeutet. Ganz anders
beschftigt mich meine Rckkehr, die ich Sie, so sehr als mglich, zu
beschleunigen bitte.
    Luise besorgte den erhaltenen Auftrag, und sandte Stein sodann diesen Brief,
der mit kalter Hand jede Erinnerung an Emilien niederschlug.
    Ohne jene oft empfundene Scheu, in einer Art seeligem Erwarten, hatte Luise
ihre Reise angetreten und zurckgelegt. Tage und Wochen waren ihr auf dem
Falkensteine verflossen, mit dessen einsamen Schauern sie sich immer mehr
befreundete. Das Dunkle, Fremdartige, war ihr nher getreten. Sie freuete sich
selbst an den Bildern, die sie vormals schreckten. Deshalb war sie oft, in den
weniger verzierten Zimmern nach der Waldseite, mit allem beschftigt, was sie
eine kurz verflossene Gegenwart vergessen machte. Wunderbar ergriff sie das
Rauschen der hohen Tannen, jene dumpfe, hallende Tne einer verschollenen
Natursprache, dem Menschen nur noch in wehmthigen Ahndungen vernehmlich.
Dazwischen murmelte der nahe Wasserfall aus dem geffneten Mund der grauen
Felsen, und darber hin zogen Sterne herauf, in ihren bedeutsamen Bildern. Alles
redete sie an, ernst, aber tief aus dem Herzen des Daseins hervor. Aber
seltsamer und reicher gestaltete sich ihr die Nacht. Unaufhrlich trumte sie
von den vormaligen Bewohnern des Schlosses. Ritter und Frauen, reich geschmckt
oder in huslicher Tracht, in Freude und Schmerz, bei festlichen Gelagen oder
Kmpfen, immer traten sie, auf irgend eine Weise mit in ihr Leben verflochten,
vor sie hin, und immer erschien sie selbst handelnd unter ihnen. Oft kehrten
dieselben Gestalten wieder, unter ihnen besonders eine verschleierte Frau, die
langsam durch die Zimmer des Schlosses schritt, und wenn sie vor das groe Bild
der Ahnfrau trat, die Schleier auseinder schlug, und Luisen in ihrer hohlen
Brust ein blutiges, zitterndes Herz zeigte, um welches zwei kleine schwarze
Schatten flogen und es unaufhrlich an- und abstieen. Sie erwachte dann wohl,
von ngstigenden Tnen aufgeschreckt, und wenn sie sich recht besann, so war es
der wahnsinnige Claus, der mit seiner Cither durch die Berge zog, oder auch an
des alten Georg Fenster pochte, und ihn zu sich in die dunkle Nacht rief. Wie
ein Schatten der vormaligen Zeit schlich dann am folgenden Morgen Georg durch
das Schlo, und murmelte unzusammenhngende Worte. Luise fhlte sich wenig
hierdurch gestrt. Sie gewhnte sich an Alles, ja die Trume wurden ihr lieb,
sie setzten sie in geheime Verbindung mit der Vorwelt, die sie so wunderbar zu
sich zurck zog.
    Minchen hingegen, immer still und thtig wirkend, war lngst der migen
Beschauung entflohen. Der Frhling ffnete allmhlich seine hellen Augen, und
lockte den bunten Blumenschmuck aus der Erde. Minchen war vertraut mit dem
zarten Leben der kleinen Pflanzen. Unter ihrer Pflege sprossen Krokos und
Anemonen schneller hervor. Aufmerksam lauschte sie auf jede neue Entwickelung,
und durchlief Feld und Garten und Wald, mit der unermdlichen Theilnahme eines
Herzens, das alles freuet und bewegt, was zur Lust und dem Heil der Menschen da
ist. Als sie Luisen die ersten Veilchen brachte, sanken sie einander sprachlos
in die Arme. Beide durchdrang das gleiche Gefhl. Es war ja der alte Frhling
wieder, der sie heute wie ehemals, mit seiner sen Milde berhrte. Die Natur,
gro und ewig, war ihren stillen Gang fortgegangen, unbekmmert um die
widersprechenden kleinen Wnsche der Menschen. Und sollen wir nicht, sagte
Minchen, durch stetes ruhiges Walten, uns selbst treu bleiben, wie die alte
weise Fhrerin es lehrt! Die innigste Liebe trieb sie dann auf's neue hinaus.
Sie sete und pflanzte und ordnete, mit des Grtners Hlfe, alles zu Luisens
Freude. Dabei sammelte sie heilbringende Kruter, die sie zu bereiten verstand,
und rastete nicht eher, bis sie Kranke und Leidende fand, denen sie helfen, die
sie heilen und pflegen konnte. Luise ward unwillkhrlich in dies regsamere Leben
mit hineingezogen. Nur gestaltete sich unter ihren Hnden alles anders, grer,
umfassender, als es Minchen, an beschrnktere Mittel gewhnt, wnschen durfte.
Schon bei dem Anblick der fast sterbenden Marie, war es ihr anschaulich
geworden, wie man das Leben und die Gesundheit der Menschen bei weitem nicht
heilig genug halte, und durch Unachtsamkeit auf den bedrftigern Theil
derselben, manchen Mord begehe. Besonders hatte sie auf dem Lande genugsam
Gelegenheit gehabt, zu sehen, da ansteckende Krankheiten, aus Mangel an Raum,
den Kern so manches Daseins fr immer vergifteten. Sie beschlo daher, am Fue
des Schloberges, auf einem freien, und dennoch geschtzten Platze, ein Gebude
zur Aufnahme hlfsbedrftiger Kranken errichten zu lassen; darneben sollte ein
Garten angelegt werden, theils zur Erheiterung der Genesenden, theils darin
Klima und Boden angemessene Heilpflanzen und Kruter zu ziehen. Die innre
Oekonomie des Ganzen sollte bejahrten Mnnern und Frauen anvertraut werden,
welche auf die Weise, zu grberer Arbeit untauglich, hinreichenden Unterhalt
fnden. Minchen berechnete sogleich, wie man auch verwaiste Kinder bei der
Anstalt versorgen, und zu ntzlicher Thtigkeit anfhren knne, und zwar, indem
man den Knaben die Bearbeitung des Gartens, den Mdchen aber das Spinnen und
Weben der nthigen Wsche fr die Kranken bertrge. Je nher beide den Entwurf
betrachteten, je lebhafter ward der Wunsch in ihnen, die Ausfhrung desselben
ins Werk zu richten. Luise fhlte inde bald, da sie trotz allem Aufwand von
Krften, dennoch fremder Hlfe dazu bedrfe. Sie wandte sich daher an ihren
alten Freund, den Arzt, dem auer den erforderlichen Kenntnissen seines Faches,
eine umfassende Bildung, und besonders Anschaulichkeit und Maa fr die
verschiedenen Verhltnisse urer Anordnung, ja eine groe mechanische
Tchtigkeit ganz zu eigen war. Seine Vorschlge waren durchdacht, standen auf
allen Seiten fest. Luise hatte ihn ganz auf seinen Platz gestellt. Ihr Antrag
ehrte ihn, und er leitete die Arbeit mit Genauigkeit und Flei. Minchen fand
bald verlassene Kinder und freundliche Alte, die fr ihren Zweck paten. Alles
war eingeleitet, und Eines trieb frisch und freudig das Andere. Luise sah mit
steigender Freude den Fortschritten des Baues zu. Nach Monathen stand endlich
das helle, freundliche Haus da. Keine Inschrift, keine Spur der Eitelkeit zog
die Aufmerksamkeit des migen Beschauers auf sich. Still sah es zwischen hohen
Bumen hindurch, die es von der Nord- und Ost-Seite schtzten, sdlich zog sich
der Garten hin, von lebendigen Hecken eingefat; alles hchst einfach und
anspruchslos. Unmittelbar hinter diesem breitete sich eine frische Wiese aus,
die dem Auge einen weiten, freien, Horizont erffnete. Nach dieser Seite zu,
lagen die Krankenzimmer, gerumige Sle, an deren Fenster sich Wein und Epheu
hinaufrankte, ohne jedoch die Aussicht ganz zu verdecken. Die Wnde waren grn
gemahlt, oberhalb in schmale weie Felder getheilt, welche Frucht- und
Blumen-Krnze einfaten, in diesen Feldern standen Biblische Sprche sehr gro
geschrieben, zur Erbauung und zum Troste der Leidenden.
    Zu groe Entfernung hinderte den Arzt, fortwhrend Theil an dem glcklich
eingeleiteten Geschfte zu nehmen. Er empfahl daher Luisen einen Mann von reifen
Jahren, einen Chirurgus des nchsten Stdtchens, der im Druck und der
Beschrnktheit sein Gemth befestigt, und seinen Geist still fortgebildet hatte.
In einem hohen Grade mild und selbstverlugnend, pate er sich ganz zum steten
Beobachter vieler Unglcklichen, die Trost und Heil von ihm erwarteten. In
dankbarer Rhrung nahm er Luisens Vorschlag an, worauf er sofort ein Zimmer in
dem neuerbauten Hause bezog. Minchen ging ihm fleiig an die Hand,
Aufmerksamkeit und Erfahrung hatten sie schon zu so manchem richtigen Schlu
gefhrt. Besonders verstand sie sich auf die Anwendung selbstgezogener Kruter,
und Bereitung von Sften und Getrnken. Luise konnte nicht sowohl selbst Hand
anlegen, als mit schnellem Blick das Fehlende erkennen, und ihm durch gehrige
Anordnungen abhelfen. Dennoch brachte sie viele Stunden des Tages bei den
Kranken zu. Ihr bloes Erscheinen, und der sanfte ergebene Ernst in ihren Zgen
wirkte wohlthuend auf die Gemther. Auch kam sie selten mit leeren Hnden. Immer
fand sie etwas aus, was den Ermatteten erquicken, den Schmrrz des Leidenden
lindern, oder den Muthlosen berraschend anregen konnte. Willig las sie denen
aus der Bibel vor, die gern den gesunkenen Sinn in den Quell des Lebens
erfrischen mgten. Besonders aber war sie den Kindern eine liebe Mutter, die ihr
schon immer von fern die Hndchen entgegenstreckten, um die mitgebrachten Bilder
und Spielereien in Empfang zu nehmen.
    Der Ruf einer so milden Stiftung, auf der sichtlich Gottes Segen ruhete, da
alles den erwnschtesten Erfolg hatte, mute sich hald verbreiten. Von nah- und
fernen Ortschaften schleppten sich Kranke herbei, oder lieen sich fahren und
tragen, um nur unter den segensvollen Hnden der Dame vom Schlosse zu heilen.
Luise mute bald eine strenge Auswah! unter ihnen treffen, und konnte nur
diejenigen aufnehmen, welchen wahrhaft ure Mittel zu ihrer Wiederherstellung
fehlten, um nicht ber das Maa ihrer Krfte hinausgetrieben zu werden. Dennoch
ward sie als Heilige geehrt und blieb immer gleich gesucht.
    Unter so frommem Wirken ging die Zeit unmerklich an Luisen vorber. Die
Jahreszeiten wechselten, aber das stille Leben blieb ununterbrochen dasselbe.
Zuweilen erhielt sie Briefe vom Obristen, der, recht im Gegensatz mit ihr,
scharf und entscheidend in die Welthndel eingriff, und jetzt auf auf einem Zuge
gegen die Kaukasische Tartaren vorrckte. Er frchtete, lange nicht nach Europa
zurckzukehren, wohin ihn doch Luisens Andenken unverndert rief. Sie erzhlte
ihm dafr gern alles, was auf den wieder errungenen Frieden ihres Herzens Bezug
hatte, und betrachtete berall diesen Briefwechsel als eine liebe Zugabe ihres
anderweitigen, heitren Lebens. Weniger erfreulich waren ihr die Nachrichten,
welche sie von Zeit zu Zeit von ihren Freunden aus der Stadt erhielt. Auguste
hatte bei ihrer Rckkehr mit aller Anstrengung und allem Gewicht ihrer Sentenzen
nichts gegen die Stimme der Welt ausrichten knnen. Der Schein war gegen sie;
man glaubte sie in den bsen Handel verstrickt, und alles, selbst der Englnder,
der vor ihr angekommen war, wandte sich von ihr ab. Sie schrie und schimpfte und
hate nun die englische Nation, wie sie sie vormals geliebt hatte. Die Baronin
blieb ihre rgste Feindin, da diese sich mit scheinbarer Klte auch von der
eignen Tochter wenden zu mssen glaubte, um ihr Gewicht in der Meinung der
Menschen nicht zu verlieren. Von Emilien erfuhr man wenig, da die Mutter nie,
und die Welt selten noch von ihr sprach. Frau von Seckingen war endlich durch
den Tod ihres Mannes in den Stand gesetzt, Horst ihre Hand zu geben. Sie besaen
nun beide, was sie wnschten, und schleppten ein nchternes Dasein neben
einander hin. Luise betrachtete mit Wehmuth all die mannichfachen Verirrungen,
und wie so viel gute Menschen sich selbst tuschen. Sie redete einst mit Minchen
darber. Allein diese erwiederte: ich wei nicht recht, was das eigentlich
heit, wenn man von der Liebe eines Menschen sagt, er tusche sich selbst. Was
doch so recht innig und lebhaft das ganze Wesen erschttert, das ist doch da,
und wirklich, wo ist denn nun die Tuschung? Am wenigsten mag ich es leiden,
wenn die Leute selbst nach kurzer Frist ein Gefhl so nennen, was ihnen doch fr
Augenblicke hher als ihr eignes Leben war. Ich glaube, erwiederte Luise, man
kann jeden Migriff wohl mit Recht eine Tuschung nennen. Das Gefhl selbst ist
kein trgerisches Spiel, aber seine Beziehung kann falsch sein, und man darf in
den vielen vorberrauschenden Neigungen nichts Ewiges sehen, als die unendliche
Sehnsucht nach einer unwandelbaren Liebe. Aber, fiel Minchen ein, sollen die
armen Betrognen erst Menschenalter durchleben, um zu wissen, welches die rechte
Liebe sei? Das ist ein Geheimni, sagte Luise, welches die Liebe jedem in sich
selbst offenbart.
    Whrend sie so redeten, trat der Mnch unerwartet zu ihnen in's Zimmer. Er
war lange in Geschften seines Ordens verreist gewesen, auch hatte Luise ihn bis
dahin vermieden, aus Furcht, schlafende Erinnrungen zu erwecken. Sie mute
heftig weinen, als sie ihn sah. Zugleich aber strmte auch in seiner Nhe
mancher verhaltne Schmerz aus. Sie fhlte sich bald erfrischt und gestrkt. Er
verstand sie wohl. Auch in ihm regte sich die Vergangenheit lebendiger bei ihrem
Anblick. Liebes Kind, sagte er in groer Rhrung, glaube es nur, der rechte
Mensch in uns altert nie! Was Dich bewegt, das zittert noch durch meine ganze
Seele. Luise betrachtete ihn lange schweigend. Es war das erstemal, da sie ihn
nach jener Entdeckung wiedersah. Eduard von Mansfeld, sagte sie, an das kleine
Miniaturbild und die Schilderung der Markise denkend, wie anders, und doch
wieder so ganz derselbe. Was sind denn Zeit und Jahre; klingt doch die alte
Liebe immer wieder aus den Tiefen des Herzens herauf. Alles in ihr zog sie von
da zu dem geliebten Verwandten, der sie gern aufsuchte und mit Liebe in ihren
thtigen, beglckenden, Beruf eingriff. Und wenn das fromme Tagewerk nun
vollendet war, so saen sie die Abende vertraut bei einander, und keiner
scheuete, in sich zurckzublicken, und die geheimsten Gedanken auszusprechen.
Eduard erzhlte oft von seinen Reisen, seinem langen Aufenthalte in Aegypten,
und wie ihm dort Violas Tod so gewi geworden sei, da er nie mehr daran
gezweifelt habe. Ein Eid, sagte er, den Violas Eltern ihn abgedrungen, sich nur
in hchst entscheidenden Momenten, wo es das Leben des Einen oder Andern gelte,
als Vater des Kindes zu erkennen zu geben, habe ihn immer von Fernando entfernt
gehalten. Aber, fuhr er fort, des Menschen Vorsicht ist eitel, der Himmel macht
sie meist zu Schanden. Wie lebendig, hub er nach einer Weile auf's neue an,
steht hier immer die Jugendzeit meiner Liebe vor mir! Es ist Violas Geist, der
so wunderlich, so bunt und ernst in dem Schmuck und Zierrath der Zimmer lebt. Es
ist, als she sie aus den brigen dunklen Umgebungen, wie aus dem Grabe, nach
mir hin. Er redete noch viel von ihr, und seine junge Freundinnen hrten ihm
theilnehmend zu, als ein heftiger Knall im Zimmer sie alle aufschreckte. Wie sie
sich umsahen, nahmen sie einen groen Ri in der Tapete wahr, die, an zwei
Stellen geplatzt, sich weit auseinander rollte. Minchen trat mit einem Lichte
nher. Seht doch! rief sie, wie seltsam! Sie fanden ein hohes, schwarzes
Cruzifix, das in die Wand eingelassen war. Daneben sah man auf hlzernen Feldern
Heiligen- und Mrtyrerbilder, im ltesten Styl gemalt. Bei genauer Besichtigung
entdeckten sie unterhalb einen kleinen eingemauerten Schrein, dessen Thren sich
leicht aufschieben lieen. Hier lag, neben Weihgefen und einem Rosenkranz, ein
kleines Bchelchen, mit silbernen Nesteln zugehakt. Luise ffnete es zuerst.
Unter Gebeten und Sprchen, fiel ihr auf der innern Seite des Deckels eine feine
Handschrift auf, die so lautete:
    Hier hab ich Gott all mein Herze gesagt und Trost erfunden in mancher
Stund. Doch ist des Leides kein End', denn der Herr mag nicht wehren das Bse,
bis es selbst vershnt die eignen Schulden. Aber eine Zeit wird kommen, davon
ist gesagt, da ein frommes Auge mit heien Thrnen Aller Schuld abwaschen und
Bue an Leib und Seele ben werde. Dann soll die Lust und die Ehre aus diesen
Mauern ausziehn, und der Name Falkenstein verhallen, und Friede sein und Ruhe in
den Grbern. Denn der Herr zhlet die Seufzer und Thrnen, und giebt den Seinen
was ihnen werden mu. - Gertrud von Falkenstein.
    Das ist der Name der Ahnfrau, sagte der Mnch, der unter dem steinernem
Bilde in Kloster eingegraben ist. Luise heftete ihre Augen noch immer auf die
vor ihr liegenden Worte. Niemand sagte weiter etwas. Jeder war mit eigenen
Gedanken beschftigt, bei dem Anblick des Cruzifixes und seiner Ausschmckungen,
die fast gewaltsam aus der alten Welt hervordrangen. In Luisen besonders
bildeten sich lngst gehegte Vorstellungen noch fester aus. Schon lange waren
ihre Traumgesichte seltner und milder geworden. Die verschleierte Gestalt zeigte
ihr meist ihr Gesicht, das unendlich wehmthig und hold auf sie blickte. Alles
deutete ihr die nahe Vershnung.
    Der Krieg war inde fast in ganz Deutschland ausgebrochen, und trieb Luisen
viel Unglckliche zu, die ihre Aufmerksamkeit mehr als jemals in Anspruch
nahmen. Unter den gehuften Beschftigungen hrte sie dennoch theilnehmend, da
Stein mit den Kmpfenden war, und sich mit allem neu erwachtem Lebensmuth
auszeichnete.
    Trotz der allgemeinen Unruhen blieb ihre Einsamkeit von Strungen verschont.
Sie mute ihr stilles Loos seegnen, das ihr so glcklich den Schutz der
Bedrngten gewhrte, ohne sie in den wilden Wirbel mit hinein zu ziehn. Der
Mnch hingegen, ward lebhafter durch die nchste Ereignisse angesprochen.
Fernando war auf's neue in seiner Nhe. Er wnschte und frchtete ihn zu sehn.
Als darauf aber der Friede geschlossen war, und der siegreiche Feind dennoch
weilte, hoffte er mit wachsender Sehnsucht auf die letzte Umarmung seines
Sohnes. Luise blieb sehr entfernt von hnlichen Gedanken. Seit der Krieg ihr
jedes Mittel, von den Obristen Nachricht zu erhalten, abschnitt, bekmmerte sie
sich wenig mehr um Dinge, die auer ihrem Kreise lagen. Sie fragte nicht, und
erfuhr daher auch selten, was Tausende unruhig beschftigte.
    Als sie eines Tages ihre Kranken besuchte, und einem schnen, eben
genesenden, Knaben liebkosete, und ihm allerlei Spielwerk mitbrachte, bat sie
dieser, mit ihm in Garten zu gehn, wo so viel schne Blumen blheten. Es war ein
warmer Maitag, und sie mochte ihm wohl den Gefallen thun. Das Kind war aber noch
matt, und konnte nicht weit gehn. Sie fhrte ihn also in eine Laube, und nachdem
sie ihm hohe Wasserlilien und Kalmus gepflckt hatte, setzte sie sich zu ihm,
lehrte ihn von den gespaltenen Stielen und langen Blttern schne Ketten machen,
und erzhlte ihm da von dem Jesuskinde aus einem bekannten Volksbuche, wie es so
gern mit andern Kindern gespielt, und dabei alles zum Besten gewandt und den
Bekmmerten geholfen habe. Einst, sagte sie, war Jesus nah bei einem Brunnen und
setzte sich auf einen Stein, da kam ein Kind mit einem Kruge, um Wasser zu
schpfen, aber es lie den Krug fallen, und der Krug zerbrach in tausend Stcke.
Als das Kind nun so sehr weinte, und sich vor seiner Mutter frchtete, da
streichelte ihn Jesus mit den kleinen Hndchen, und sagte, weine nicht, ich will
dir helfen, geh nur und hole mir die Scherben, und da diese nun vor Jesum lagen,
da machte er den Krug wieder ganz, so da man nicht sehen konnte, da er
zerbrochen gewesen war. Eben wie sie die letzten Worte sagte, fiel nicht weit
von ihr ein Schu. Der kranke Knabe schreckte heftig zusammen, und barg den Kopf
in ihren Schoo. Luise redete ihm zu, und suchte ihn auf alle Weise zu
beruhigen, als sie selbst durch ein ungewhnliches hin und her Laufen auerhalb
des Gartens verstrt ward. Sie wollte nach der Thr eilen, konnte aber wegen des
Knaben nur langsam gehen. Dieser hatte mit einer Hand seine Blumenbsche
zusammen gefat, und hielt mit der andern die Kette und Luisens Kleid. So
schlichen sie an der Hecke entlang, als pltzlich hinter derselben ein Mann,
wild und verstrt, vor Luisen hinstrzte, und heftig rief: Sie werden mir
fluchen, Sie mssen mir fluchen, gewi, gewi, ich habe ihn ja ermordet! - Sie
erkannte schaudernd den Jagdjunker, und wie ein Blitz fuhr der Sinn seiner Worte
durch ihre Seele. - Fernando! rief sie. Ja, ja schrie Carl, da tragen sie ihn
hin. Luise sah auf, zwei Mnner hoben eine Tragbahre in das Haus hinein. Tod?
fragte sie sanft, und aller Schmerz eines langen Lebens prete sich in einzelne
herabrollende Thrnen zusammen. - Noch nicht, aber bald, erwiederte Carl. Sie
reichte ihm die Hand. Lassen sie mich ihn noch einmal sehen, sagte sie, jetzt
habe ich nichts mehr zu scheuen, die Stunde vershnt uns alle. Der Knabe drngte
sich furchtsam an sie, er wollte nicht von ihr weichen, und sie konnte ihn jetzt
am wenigsten hart zurckweisen. So traten sie in das Krankenzimmer. Fernando lag
auf einem Sessel der Thr gegenber. Er richtete sich vllig auf, als Luise
nahete. Gott mein Gott! rief er die Arme ausbreitend, so finden wir uns dennoch
wieder! aber wiederkehrende Schmerzen berwltigten ihn bald, und rissen ihn
wimmernd auf sein Lager zurck. Luise kniete neben ihm, der Knabe reichte dem
Kranken unaufhrlich seine Blumen hin, und sagte, er solle nur still sein, Jesus
werde ihn bald helfen, der habe ihm auch geholfen. Fernando mute endlich die
Blumen nehmen, ihr frischer Duft belebte ihn fr einen Augenblick, er kte des
Knaben Stirn, welcher ihm auch nun die schne Kette zeigte, und sie spielend um
ihn und Luisen schlang. Jesus Christus sei gelobt! rief Fernando, Luisens Hand
ergreifend, sein Auge brach, er sagte nichts mehr. - Da trat der Mnch herzu, er
legte seine Hand segnend auf des Sohnes Stirn, und lie ihn still an seiner
Brust verscheiden.
    Als er nun neben Julius begraben, und alles ruhiger und seliger in Luisen
war, erfuhr sie durch Carl, wie eine unbedeutende Neckerei, beide bei zuflligem
Zusammentreffen im nchsten Stdtchen aneinander brachte, da Fernando darauf
nach dem Kloster geritten, Carl ihm aber in seinem Grimm gefolgt sei, und der
hitzigste Wortwechsel zuletzt Blut gefordert habe. Fernando war an derselben
Stelle gefallen, wo ihn Julius frher verwundet hatte. Gott hat es so gewollt,
trstete ihn Luise. Das war schon lngst bestimmt, und Sie ein unschuldiges
Werkzeug ewiger Vergeltung.
    Sie lebte von da noch viele Jahre ein stilles, erbauliches Leben, durch
nichts unterbrochen, weder in bergroer Freude noch Schmerz. Der Obrist ward
durch seinen Beruf und Familienverhltnisse gezwungen, von ihr entfernt, im
Nrdlichen Asien, den wichtigen Posten eines Gouverneurs dortiger Provinzen zu
bernehmen. Er bewahrte immer eine treue Liebe fr Luisen, und starb endlich
unvermhlt. Minchen blieb Luisens treue Gefhrtin. Einst erschien dieser nach
langer Zeit die Ahnfrau wieder im Traume, jugendlich und reich geschmckt, wie
sie sich zu ihr neigte, und sie kte. Noch selbigen Tages schlo Luise die
mden Augen, nachdem sie ihre fromme Stiftung dem Kloster vermacht, und Minchen
zur Vorsteherin derselben ernannt hatte.
