
                            Goethe, Johann Wolfgang

                            Die Wahlverwandschaften

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                             Johann Wolfgang Goethe

                            Die Wahlverwandtschaften

                                   Ein Roman

                                  Erster Teil

                                 Erstes Kapitel

Eduard - so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter - Eduard hatte
in seiner Baumschule die schnste Stunde eines Aprilnachmittags zugebracht, um
frisch erhaltene Pfropfreiser auf junge Stmme zu bringen. Sein Geschft war
eben vollendet; er legte die Gertschaften in das Futteral zusammen und
betrachtete seine Arbeit mit Vergngen, als der Grtner hinzutrat und sich an
dem teilnehmenden Fleie des Herrn ergetzte.
    Hast du meine Frau nicht gesehen? fragte Eduard, indem er sich
weiterzugehen anschickte.
    Drben in den neuen Anlagen, versetzte der Grtner. Die Mooshtte wird
heute fertig, die sie an der Felswand, dem Schlosse gegenber, gebaut hat. Alles
ist recht schn geworden und mu Euer Gnaden gefallen. Man hat einen
vortrefflichen Anblick: unten das Dorf, ein wenig rechter Hand die Kirche, ber
deren Turmspitze man fast hinwegsieht, gegenber das Schlo und die Grten.
    Ganz recht, versetzte Eduard; einige Schritte von hier konnte ich die
Leute arbeiten sehen.
    Dann, fuhr der Grtner fort, ffnet sich rechts das Tal, und man sieht
ber die reichen Baumwiesen in eine heitere Ferne. Der Stieg die Felsen hinauf
ist gar hbsch angelegt. Die gndige Frau versteht es; man arbeitet unter ihr
mit Vergngen.
    Geh zu ihr, sagte Eduard, und ersuche sie, auf mich zu warten. Sage ihr,
ich wnsche die neue Schpfung zu sehen und mich daran zu erfreuen.
    Der Grtner entfernte sich eilig, und Eduard folgte bald.
    Dieser stieg nun die Terrassen hinunter, musterte im Vorbeigehen
Gewchshuser und Treibebeete, bis er ans Wasser, dann ber einen Steg an den
Ort kam, wo sich der Pfad nach den neuen Anlagen in zwei Arme teilte. Den einen,
der ber den Kirchhof ziemlich gerade nach der Felswand hinging, lie er liegen,
um den andern einzuschlagen, der sich links etwas weiter durch anmutiges Gebsch
sachte hinaufwand; da, wo beide zusammentrafen, setzte er sich fr einen
Augenblick auf einer wohlangebrachten Bank nieder, betrat sodann den
eigentlichen Stieg und sah sich durch allerlei Treppen und Abstze auf dem
schmalen, bald mehr bald weniger steilen Wege endlich zur Mooshtte geleitet.
    An der Tre empfing Charlotte ihren Gemahl und lie ihn dergestalt
niedersitzen, da er durch Tr und Fenster die verschiedenen Bilder, welche die
Landschaft gleichsam im Rahmen zeigten, auf einen Blick bersehen konnte. Er
freute sich daran in Hoffnung, da der Frhling bald alles noch reichlicher
beleben wrde. Nur eines habe ich zu erinnern, setzte er hinzu, die Htte
scheint mir etwas zu eng.
    Fr uns beide doch gerumig genug, versetzte Charlotte.
    Nun freilich, sagte Eduard, fr einen Dritten ist auch wohl noch Platz.
    Warum nicht? versetzte Charlotte, und auch fr ein Viertes. Fr grere
Gesellschaft wollen wir schon andere Stellen bereiten.
    Da wir denn ungestrt hier allein sind, sagte Eduard, und ganz ruhigen,
heiteren Sinnes, so mu ich dir gestehen, da ich schon einige Zeit etwas auf
dem Herzen habe, was ich dir vertrauen mu und mchte, und nicht dazu kommen
kann.
    Ich habe dir so etwas angemerkt, versetzte Charlotte.
    Und ich will nur gestehen, fuhr Eduard fort, wenn mich der Postbote
morgen frh nicht drngte, wenn wir uns nicht heut entschlieen mten, ich
htte vielleicht noch lnger geschwiegen.
    Was ist es denn? fragte Charlotte freundlich entgegenkommend.
    Es betrifft unsern Freund, den Hauptmann, antwortete Eduard. Du kennst
die traurige Lage, in die er, wie so mancher andere, ohne sein Verschulden
gesetzt ist. Wie schmerzlich mu es einem Manne von seinen Kenntnissen, seinen
Talenten und Fertigkeiten sein, sich auer Ttigkeit zu sehen und - ich will
nicht lange zurckhalten mit dem, was ich fr ihn wnsche: ich mchte, da wir
ihn auf einige Zeit zu uns nhmen.
    Das ist wohl zu berlegen und von mehr als einer Seite zu betrachten,
versetzte Charlotte.
    Meine Ansichten bin ich bereit dir mitzuteilen, entgegnete ihr Eduard. In
seinem letzten Briefe herrscht ein stiller Ausdruck des tiefsten Mimutes; nicht
da es ihm an irgendeinem Bedrfnis fehle, denn er wei sich durchaus zu
beschrnken, und fr das Notwendige habe ich gesorgt; auch drckt es ihn nicht,
etwas von mir anzunehmen, denn wir sind unsre Lebzeit ber einander
wechselseitig uns so viel schuldig geworden, da wir nicht berechnen knnen, wie
unser Kredit und Debet sich gegeneinander verhalte - da er geschftlos ist, das
ist eigentlich seine Qual. Das Vielfache, was er an sich ausgebildet hat, zu
andrer Nutzen tglich und stndlich zu gebrauchen, ist ganz allein sein
Vergngen, ja seine Leidenschaft. Und nun die Hnde in den Scho zu legen oder
noch weiter zu studieren, sich weitere Geschicklichkeit zu verschaffen, da er
das nicht brauchen kann, was er in vollem Mae besitzt - genug, liebes Kind, es
ist eine peinliche Lage, deren Qual er doppelt und dreifach in seiner Einsamkeit
empfindet.
    Ich dachte doch, sagte Charlotte, ihm wren von verschiedenen Orten
Anerbietungen geschehen. Ich hatte selbst um seinetwillen an manche ttige
Freunde und Freundinnen geschrieben, und soviel ich wei, blieb dies auch nicht
ohne Wirkung.
    Ganz recht, versetzte Eduard; aber selbst diese verschiedenen
Gelegenheiten, diese Anerbietungen machen ihm neue Qual, neue Unruhe. Keines von
den Verhltnissen ist ihm gem. Er soll nicht wirken; er soll sich aufopfern,
seine Zeit, seine Gesinnungen, seine Art zu sein, und das ist ihm unmglich. Je
mehr ich das alles betrachte, je mehr ich es fhle, desto lebhafter wird der
Wunsch, ihn bei uns zu sehen.
    Es ist recht schn und liebenswrdig von dir, versetzte Charlotte, da du
des Freundes Zustand mit soviel Teilnahme bedenkst; allein erlaube mir, dich
aufzufordern, auch deiner, auch unser zu gedenken.
    Das habe ich getan, entgegnete ihr Eduard. Wir knnen von seiner Nhe uns
nur Vorteil und Annehmlichkeit versprechen. Von dem Aufwande will ich nicht
reden, der auf alle Flle gering fr mich wird, wenn er zu uns zieht, besonders
wenn ich zugleich bedenke, da uns seine Gegenwart nicht die mindeste
Unbequemlichkeit verursacht. Auf dem rechten Flgel des Schlosses kann er
wohnen, und alles andere findet sich. Wieviel wird ihm dadurch geleistet, und
wie manches Angenehme wird uns durch seinen Umgang, ja wie mancher Vorteil! Ich
htte lngst eine Ausmessung des Gutes und der Gegend gewnscht; er wird sie
besorgen und leiten. Deine Absicht ist, selbst die Gter knftig zu verwalten,
sobald die Jahre der gegenwrtigen Pchter verflossen sind. Wie bedenklich ist
ein solches Unternehmen! Zu wie manchen Vorkenntnissen kann er uns nicht
verhelfen! Ich fhle nur zu sehr, da mir ein Mann dieser Art abgeht. Die
Landleute haben die rechten Kenntnisse; ihre Mitteilungen aber sind konfus und
nicht ehrlich. Die Studierten aus der Stadt und von den Akademien sind wohl klar
und ordentlich, aber es fehlt an der unmittelbaren Einsicht in die Sache. Vom
Freunde kann ich mir beides versprechen; und dann entspringen noch hundert
andere Verhltnisse daraus, die ich mir alle gern vorstellen mag, die auch auf
dich Bezug haben und wovon ich viel Gutes voraussehe. Nun danke ich dir, da du
mich freundlich angehrt hast; jetzt sprich aber auch recht frei und umstndlich
und sage mir alles, was du zu sagen hast; ich will dich nicht unterbrechen.
    Recht gut, versetzte Charlotte; so will ich gleich mit einer allgemeinen
Bemerkung anfangen. Die Mnner denken mehr auf das Einzelne, auf das
Gegenwrtige, und das mit Recht, weil sie zu tun, zu wirken berufen sind, die
Weiber hingegen mehr auf das, was im Leben zusammenhngt, und das mit gleichem
Rechte, weil ihr Schicksal, das Schicksal ihrer Familien an diesen Zusammenhang
geknpft ist und auch gerade dieses Zusammenhngende von ihnen gefordert wird.
La uns deswegen einen Blick auf unser gegenwrtiges, auf unser vergangenes
Leben werfen, und du wirst mir eingestehen, da die Berufung des Hauptmannes
nicht so ganz mit unsern Vorstzen, unsern Planen, unsern Einrichtungen
zusammentrifft.
    Mag ich doch so gern unserer frhsten Verhltnisse gedenken! Wir liebten
einander als junge Leute recht herzlich; wir wurden getrennt; du von mir, weil
dein Vater, aus nie zu sttigender Begierde des Besitzes, dich mit einer
ziemlich lteren, reichen Frau verband; ich von dir, weil ich, ohne sonderliche
Aussichten, einem wohlhabenden, nicht geliebten, aber geehrten Manne meine Hand
reichen mute. Wir wurden wieder frei; du frher, indem dich dein Mtterchen im
Besitz eines groen Vermgens lie; ich spter, eben zu der Zeit, da du von
Reisen zurckkamst. So fanden wir uns wieder. Wir freuten uns der Erinnerung,
wir liebten die Erinnerung, wir konnten ungestrt zusammenleben. Du drangst auf
eine Verbindung; ich willigte nicht gleich ein, denn da wir ungefhr von
denselben Jahren sind, so bin ich als Frau wohl lter geworden, du nicht als
Mann. Zuletzt wollte ich dir nicht versagen, was du fr dein einziges Glck zu
halten schienst. Du wolltest von allen Unruhen, die du bei Hof, im Militr, auf
Reisen erlebt hattest, dich an meiner Seite erholen, zur Besinnung kommen, des
Lebens genieen; aber auch nur mit mir allein. Meine einzige Tochter tat ich in
Pension, wo sie sich freilich mannigfaltiger ausbildet, als bei einem lndlichen
Aufenthalte geschehen knnte; und nicht sie allein, auch Ottilien, meine liebe
Nichte, tat ich dorthin, die vielleicht zur huslichen Gehlfin unter meiner
Anleitung am besten herangewachsen wre. Das alles geschah mit deiner
Einstimmung, blo damit wir uns selbst leben, blo damit wir das frh so
sehnlich gewnschte, endlich spt erlangte Glck ungestrt genieen mchten. So
haben wir unsern lndlichen Aufenthalt angetreten. Ich bernahm das Innere, du
das uere und was ins Ganze geht. Meine Einrichtung ist gemacht, dir in allem
entgegenzukommen, nur fr dich allein zu leben; la uns wenigstens eine Zeitlang
versuchen, inwiefern wir auf diese Weise miteinander ausreichen.
    Da das Zusammenhngende, wie du sagst, eigentlich euer Element ist,
versetzte Eduard, so mu man euch freilich nicht in einer Folge reden hren
oder sich entschlieen, euch recht zu geben; und du sollst auch recht haben bis
auf den heutigen Tag. Die Anlage, die wir bis jetzt zu unserm Dasein gemacht
haben, ist von guter Art; sollen wir aber nichts weiter darauf bauen, und soll
sich nichts weiter daraus entwickeln? Was ich im Garten leiste, du im Park, soll
das nur fr Einsiedler getan sein?
    Recht gut! versetzte Charlotte, recht wohl! Nur da wir nichts
Hinderndes, Fremdes hereinbringen! Bedenke, da unsre Vorstze, auch was die
Unterhaltung betrifft, sich gewissermaen nur auf unser beiderseitiges
Zusammensein bezogen. Du wolltest zuerst die Tagebcher deiner Reise mir in
ordentlicher Folge mitteilen, bei dieser Gelegenheit so manches dahin Gehrige
von Papieren in Ordnung bringen und unter meiner Teilnahme, mit meiner Beihlfe
aus diesen unschtzbaren, aber verworrenen Heften und Blttern ein fr uns und
andere erfreuliches Ganze zusammenstellen. Ich versprach, dir an der Abschrift
zu helfen, und wir dachten es uns so bequem, so artig, so gemtlich und
heimlich, die Welt, die wir zusammen nicht sehen sollten, in der Erinnerung zu
durchreisen. Ja, der Anfang ist schon gemacht. Dann hast du die Abende deine
Flte wieder vorgenommen, begleitest mich am Klavier; und an Besuchen aus der
Nachbarschaft und in die Nachbarschaft fehlt es uns nicht. Ich wenigstens habe
mir aus allem diesem den ersten wahrhaft frhlichen Sommer zusammengebaut, den
ich in meinem Leben zu genieen dachte.
    Wenn mir nur nicht, versetzte Eduard, indem er sich die Stirne rieb, bei
alle dem, was du mir so liebevoll und verstndig wiederholst, immer der Gedanke
beiginge, durch die Gegenwart des Hauptmanns wrde nichts gestrt, ja vielmehr
alles beschleunigt und neu belebt. Auch er hat einen Teil meiner Wanderungen
mitgemacht; auch er hat manches, und in verschiedenem Sinne, sich angemerkt: wir
benutzten das zusammen, und alsdann wrde es erst ein hbsches Ganze werden.
    So la mich denn dir aufrichtig gestehen, entgegnete Charlotte mit einiger
Ungeduld, da diesem Vorhaben mein Gefhl widerspricht, da eine Ahnung mir
nichts Gutes weissagt.
    Auf diese Weise wret ihr Frauen wohl unberwindlich, versetzte Eduard,
erst verstndig, da man nicht widersprechen kann, liebevoll, da man sich gern
hingibt, gefhlvoll, da man euch nicht weh tun mag, ahnungsvoll, da man
erschrickt.
    Ich bin nicht aberglubisch, versetzte Charlotte, und gebe nichts auf
diese dunklen Anregungen, insofern sie nur solche wren; aber es sind
meistenteils unbewute Erinnerungen glcklicher und unglcklicher Folgen, die
wir an eigenen oder fremden Handlungen erlebt haben. Nichts ist bedeutender in
jedem Zustande als die Dazwischenkunft eines Dritten. Ich habe Freunde gesehen,
Geschwister, Liebende, Gatten, deren Verhltnis durch den zuflligen oder
gewhlten Hinzutritt einer neuen Person ganz und gar verndert, deren Lage
vllig umgekehrt wurde.
    Das kann wohl geschehen, versetzte Eduard, bei Menschen, die nur dunkel
vor sich hinleben, nicht bei solchen, die, schon durch Erfahrung aufgeklrt,
sich mehr bewut sind.
    Das Bewutsein, mein Liebster, entgegnete Charlotte, ist keine
hinlngliche Waffe, ja manchmal eine gefhrliche fr den, der sie fhrt; und aus
diesem allen tritt wenigstens soviel hervor, da wir uns ja nicht bereilen
sollen. Gnne mir noch einige Tage, entscheide nicht!
    Wie die Sache steht, erwiderte Eduard, werden wir uns auch nach mehreren
Tagen immer bereilen. Die Grnde fr und dagegen haben wir wechselsweise
vorgebracht; es kommt auf den Entschlu an, und da wr es wirklich das Beste,
wir gben ihn dem Los anheim.
    Ich wei, versetzte Charlotte, da du in zweifelhaften Fllen gerne
wettest oder wrfelst; bei einer so ernsthaften Sache hingegen wrde ich dies
fr einen Frevel halten.
    Was soll ich aber dem Hauptmann schreiben? rief Eduard aus; denn ich mu
mich gleich hinsetzen.
    Einen ruhigen, vernnftigen, trstlichen Brief, sagte Charlotte.
    Das heit soviel wie keinen, versetzte Eduard.
    Und doch ist es in manchen Fllen, versetzte Charlotte, notwendig und
freundlich, lieber nichts zu schreiben, als nicht zu schreiben.

                                Zweites Kapitel


Eduard fand sich allein auf seinem Zimmer, und wirklich hatte die Wiederholung
seiner Lebensschicksale aus dem Munde Charlottens, die Vergegenwrtigung ihres
beiderseitigen Zustandes, ihrer Vorstze sein lebhaftes Gemt angenehm
aufgeregt. Er hatte sich in ihrer Nhe, in ihrer Gesellschaft so glcklich
gefhlt, da er sich einen freundlichen, teilnehmenden, aber ruhigen und auf
nichts hindeutenden Brief an den Hauptmann ausdachte. Als er aber zum
Schreibtisch ging und den Brief des Freundes aufnahm, um ihn nochmals
durchzulesen, trat ihm sogleich wieder der traurige Zustand des trefflichen
Mannes entgegen; alle Empfindungen, die ihn diese Tage gepeinigt hatten, wachten
wieder auf, und es schien ihm unmglich, seinen Freund einer so ngstlichen Lage
zu berlassen.
    Sich etwas zu versagen, war Eduard nicht gewohnt. Von Jugend auf das
einzige, verzogene Kind reicher Eltern, die ihn zu einer seltsamen, aber hchst
vorteilhaften Heirat mit einer viel lteren Frau zu bereden wuten, von dieser
auch auf alle Weise verzrtelt, indem sie sein gutes Betragen gegen sie durch
die grte Freigebigkeit zu erwidern suchte, nach ihrem baldigen Tode sein
eigner Herr, auf Reisen unabhngig, jeder Abwechslung, jeder Vernderung
mchtig, nichts bertriebenes wollend, aber viel und vielerlei wollend,
freimtig, wohlttig, brav, ja tapfer im Fall - was konnte in der Welt seinen
Wnschen entgegenstehen!
    Bisher war alles nach seinem Sinne gegangen, auch zum Besitz Charlottens war
er gelangt, den er sich durch eine hartnckige, ja romanenhafte Treue doch
zuletzt erworben hatte; und nun fhlte er sich zum erstenmal widersprochen, zum
erstenmal gehindert, eben da er seinen Jugendfreund an sich heranziehen, da er
sein ganzes Dasein gleichsam abschlieen wollte. Er war verdrielich,
ungeduldig, nahm einigemal die Feder und legte sie nieder, weil er nicht einig
mit sich werden konnte, was er schreiben sollte. Gegen die Wnsche seiner Frau
wollte er nicht, nach ihrem Verlangen konnte er nicht; unruhig wie er war,
sollte er einen ruhigen Brief schreiben; es wre ihm ganz unmglich gewesen. Das
Natrlichste war, da er Aufschub suchte. Mit wenig Worten bat er seinen Freund
um Verzeihung, da er diese Tage nicht geschrieben, da er heut nicht
umstndlich schreibe, und versprach fr nchstens ein bedeutenderes, ein
beruhigendes Blatt.
    Charlotte benutzte des andern Tags auf einem Spaziergang nach derselben
Stelle die Gelegenheit, das Gesprch wieder anzuknpfen, vielleicht in der
berzeugung, da man einen Vorsatz nicht sicherer abstumpfen kann, als wenn man
ihn fters durchspricht.
    Eduarden war diese Wiederholung erwnscht. Er uerte sich nach seiner Weise
freundlich und angenehm; denn wenn er, empfnglich wie er war, leicht
aufloderte, wenn sein lebhaftes Begehren zudringlich ward, wenn seine
Hartnckigkeit ungeduldig machen konnte, so waren doch alle seine uerungen
durch eine vollkommene Schonung des andern dergestalt gemildert, da man ihn
immer noch liebenswrdig finden mute, wenn man ihn auch beschwerlich fand.
    Auf eine solche Weise brachte er Charlotten diesen Morgen erst in die
heiterste Laune, dann durch anmutige Gesprchswendungen ganz aus der Fassung, so
da sie zuletzt ausrief: Du willst gewi, da ich das, was ich dem Ehemann
versagte, dem Liebhaber zugestehen soll.
    Wenigstens, mein Lieber, fuhr sie fort, sollst du gewahr werden, da deine
Wnsche, die freundliche Lebhaftigkeit, womit du sie ausdrckst, mich nicht
ungerhrt, mich nicht unbewegt lassen. Sie ntigen mich zu einem Gestndnis. Ich
habe dir bisher auch etwas verborgen. Ich befinde mich in einer hnlichen Lage
wie du und habe mir schon eben die Gewalt angetan, die ich dir nun ber dich
selbst zumute.
    Das hr ich gern, sagte Eduard; ich merke wohl, im Ehestand mu man sich
manchmal streiten, denn dadurch erfhrt man was voneinander.
    Nun sollst du also erfahren, sagte Charlotte, da es mir mit Ottilien
geht, wie dir mit dem Hauptmann. Hchst ungern wei ich das liebe Kind in der
Pension, wo sie sich in sehr drckenden Verhltnissen befindet. Wenn Luciane,
meine Tochter, die fr die Welt geboren ist, sich dort fr die Welt bildet, wenn
sie Sprachen, Geschichtliches und was sonst von Kenntnissen ihr mitgeteilt wird,
so wie ihre Noten und Variationen vom Blatte wegspielt; wenn bei einer lebhaften
Natur und bei einem glcklichen Gedchtnis sie, man mchte wohl sagen, alles
vergit und im Augenblicke sich an alles erinnert; wenn sie durch Freiheit des
Betragens, Anmut im Tanze, schickliche Bequemlichkeit des Gesprchs sich vor
allen auszeichnet und durch ein angebornes herrschendes Wesen sich zur Knigin
des kleinen Kreises macht, wenn die Vorsteherin dieser Anstalt sie als kleine
Gottheit ansieht, die nun erst unter ihren Hnden recht gedeiht, die ihr Ehre
machen, Zutrauen erwerben und einen Zuflu von andern jungen Personen
verschaffen wird, wenn die ersten Seiten ihrer Briefe und Monatsberichte immer
nur Hymnen sind ber die Vortrefflichkeit eines solchen Kindes, die ich denn
recht gut in meine Prose zu bersetzen wei: so ist dagegen, was sie schlielich
von Ottilien erwhnt, nur immer Entschuldigung auf Entschuldigung, da ein
brigens so schn heranwachsendes Mdchen sich nicht entwickeln, keine
Fhigkeiten und keine Fertigkeiten zeigen wolle. Das wenige, was sie sonst noch
hinzufgt, ist gleichfalls fr mich kein Rtsel, weil ich in diesem lieben Kinde
den ganzen Charakter ihrer Mutter, meiner wertesten Freundin, gewahr werde, die
sich neben mir entwickelt hat und deren Tochter ich gewi, wenn ich Erzieherin
oder Aufseherin sein knnte, zu einem herrlichen Geschpf heraufbilden wollte.
    Da es aber einmal nicht in unsern Plan geht und man an seinen
Lebensverhltnissen nicht soviel zupfen und zerren, nicht immer was Neues an sie
heranziehen soll, so trag ich das lieber, ja ich berwinde die unangenehme
Empfindung, wenn meine Tochter, welche recht gut wei, da die arme Ottilie ganz
von uns abhngt, sich ihrer Vorteile bermtig gegen sie bedient und unsre
Wohltat dadurch gewissermaen vernichtet.
    Doch wer ist so gebildet, da er nicht seine Vorzge gegen andre manchmal
auf eine grausame Weise geltend machte! Wer steht so hoch, da er unter einem
solchen Druck nicht manchmal leiden mte! Durch diese Prfungen wchst
Ottiliens Wert; aber seitdem ich den peinlichen Zustand recht deutlich einsehe,
habe ich mir Mhe gegeben, sie anderwrts unterzubringen. Stndlich soll mir
eine Antwort kommen, und alsdann will ich nicht zaudern. So steht es mit mir,
mein Bester. Du siehst, wir tragen beiderseits dieselben Sorgen in einem treuen,
freundschaftlichen Herzen. La sie uns gemeinsam tragen, da sie sich nicht
gegeneinander aufheben!
    Wir sind wunderliche Menschen, sagte Eduard lchelnd. Wenn wir nur etwas,
das uns Sorge macht, aus unserer Gegenwart verbannen knnen, da glauben wir
schon, nun sei es abgetan. Im ganzen knnen wir vieles aufopfern, aber uns im
einzelnen herzugeben, ist eine Forderung, der wir selten gewachsen sind. So war
meine Mutter. Solange ich als Knabe oder Jngling bei ihr lebte, konnte sie der
augenblicklichen Besorgnisse nicht los werden. Versptete ich mich bei einem
Ausritt, so mute mir ein Unglck begegnet sein; durchnetzte mich ein
Regenschauer, so war das Fieber mir gewi. Ich verreiste, ich entfernte mich von
ihr, und nun schien ich ihr kaum anzugehren.
    Betrachten wir es genauer, fuhr er fort, so handeln wir beide tricht und
unverantwortlich, zwei der edelsten Naturen, die unser Herz so nahe angehen, im
Kummer und im Druck zu lassen, nur um uns keiner Gefahr auszusetzen. Wenn dies
nicht selbstschtig genannt werden soll, was will man so nennen! Nimm Ottilien,
la mir den Hauptmann, und in Gottes Namen sei der Versuch gemacht!
    Es mchte noch zu wagen sein, sagte Charlotte bedenklich, wenn die Gefahr
fr uns allein wre. Glaubst du denn aber, da es rtlich sei, den Hauptmann mit
Ottilien als Hausgenossen zu sehen, einen Mann ohngefhr in deinen Jahren, in
den Jahren - da ich dir dieses Schmeichelhafte nur gerade unter die Augen sage
-, wo der Mann erst liebefhig und erst der Liebe wert wird, und ein Mdchen von
Ottiliens Vorzgen?
    Ich wei doch auch nicht, versetzte Eduard, wie du Ottilien so hoch
stellen kannst! Nur dadurch erklre ich mir's, da sie deine Neigung zu ihrer
Mutter geerbt hat. Hbsch ist sie, das ist wahr, und ich erinnere mich, da der
Hauptmann mich auf sie aufmerksam machte, als wir vor einem Jahre zurckkamen
und sie mit dir bei deiner Tante trafen. Hbsch ist sie, besonders hat sie
schne Augen; aber ich wte doch nicht, da sie den mindesten Eindruck auf mich
gemacht htte.
    Das ist lblich an dir, sagte Charlotte, denn ich war ja gegenwrtig; und
ob sie gleich viel jnger ist als ich, so hatte doch die Gegenwart der ltern
Freundin so viele Reize fr dich, da du ber die aufblhende, versprechende
Schnheit hinaussahest. Es gehrt auch dies zu deiner Art zu sein, deshalb ich
so gern das Leben mit dir teile.
    Charlotte, so aufrichtig sie zu sprechen schien, verhehlte doch etwas. Sie
hatte nmlich damals dem von Reisen zurckkehrenden Eduard Ottilien absichtlich
vorgefhrt, um dieser geliebten Pflegetochter eine so groe Partie zuzuwenden;
denn an sich selbst in bezug auf Eduard dachte sie nicht mehr. Der Hauptmann war
auch angestiftet, Eduarden aufmerksam zu machen; aber dieser, der seine frhe
Liebe zu Charlotten hartnckig im Sinne behielt, sah weder rechts noch links und
war nur glcklich in dem Gefhl, da es mglich sei, eines so lebhaft
gewnschten und durch eine Reihe von Ereignissen scheinbar auf immer versagten
Gutes endlich doch teilhaft zu werden.
    Eben stand das Ehepaar im Begriff, die neuen Anlagen herunter nach dem
Schlosse zu gehen, als ein Bedienter ihnen hastig entgegenstieg und mit
lachendem Munde sich schon von unten herauf vernehmen lie: Kommen Euer Gnaden
doch ja schnell herber! Herr Mittler ist in den Schlohof gesprengt. Er hat uns
alle zusammengeschrieen, wir sollen sie aufsuchen, wir sollen Sie fragen, ob es
not tue.
    Ob es not tut, rief er uns nach, hrt ihr? aber geschwind, geschwind!
    Der drollige Mann! rief Eduard aus; kommt er nicht gerade zur rechten
Zeit, Charlotte? - Geschwind zurck! befahl er dem Bedienten; sage ihm, es tue
not, sehr not! Er soll nur absteigen. Versorgt sein Pferd; fhrt ihn in den
Saal, setzt ihm ein Frhstck vor! Wir kommen gleich.
    La uns den nchsten Weg nehmen! sagte er zu seiner Frau und schlug den
Pfad ber den Kirchhof ein, den er sonst zu vermeiden pflegte. Aber wie
verwundert war er, als er fand, da Charlotte auch hier fr das Gefhl gesorgt
habe. Mit mglichster Schonung der alten Denkmler hatte sie alles so zu
vergleichen und zu ordnen gewut, da es ein angenehmer Raum erschien, auf dem
das Auge und die Einbildungskraft gerne verweilten.
    Auch dem ltesten Stein hatte sie seine Ehre gegnnt. Den Jahren nach waren
sie an der Mauer aufgerichtet, eingefgt oder sonst angebracht; der hohe Sockel
der Kirche selbst war damit vermannigfaltigt und geziert. Eduard fhlte sich
sonderbar berrascht, wie er durch die kleine Pforte hereintrat: er drckte
Charlotten die Hand, und im Auge stand ihm eine Trne.
    Aber der nrrische Gast verscheuchte sie gleich. Denn dieser hatte keine Ruh
im Schlo gehabt, war spornstreichs durchs Dorf bis an das Kirchhoftor geritten,
wo er still hielt und seinen Freunden entgegenrief: Ihr habt mich doch nicht
zum besten? Tuts wirklich not, so bleibe ich zu Mittage hier. Haltet mich nicht
auf! Ich habe heute noch viel zu tun.
    Da Ihr Euch so weit bemht habt, rief ihm Eduard entgegen, so reitet noch
vollends herein; wir kommen an einem ernsthaften Orte zusammen; und seht, wie
schn Charlotte diese Trauer ausgeschmckt hat!
    Hier herein, rief der Reiter, komm ich weder zu Pferde, noch zu Wagen,
noch zu Fue. Diese da ruhen in Frieden, mit ihnen habe ich nichts zu schaffen.
Gefallen mu ich mirs lassen, wenn man mich einmal, die Fe voran,
hereinschleppt. Also ists Ernst?
    Ja, rief Charlotte, recht Ernst! Es ist das erstemal, da wir neuen
Gatten in Not und Verwirrung sind, woraus wir uns nicht zu helfen wissen.
    Ihr seht nicht darnach aus, versetzte er, doch will ichs glauben. Fhrt
ihr mich an, so la ich euch knftig stecken. Folgt geschwinde nach! Meinem
Pferde mag die Erholung zugut kommen.
    Bald fanden sich die dreie im Saale zusammen; das Essen ward aufgetragen,
und Mittler erzhlte von seinen heutigen Taten und Vorhaben. Dieser seltsame
Mann war frherhin Geistlicher gewesen und hatte sich bei einer rastlosen
Ttigkeit in seinem Amte dadurch ausgezeichnet, da er alle Streitigkeiten,
sowohl die huslichen als die nachbarlichen, erst der einzelnen Bewohner, sodann
ganzer Gemeinden und mehrerer Gutsbesitzer zu stillen und zu schlichten wute.
Solange er im Dienste war, hatte sich kein Ehepaar scheiden lassen, und die
Landeskollegien wurden mit keinen Hndeln und Prozessen von dorther behelliget.
Wie ntig ihm die Rechtskunde sei, ward er zeitig gewahr. Er warf sein ganzes
Studium darauf und fhlte sich bald den geschicktesten Advokaten gewachsen. Sein
Wirkungskreis dehnte sich wunderbar aus; und man war im Begriff, ihn nach der
Residenz zu ziehen, um das von oben herein zu vollenden, was er von unten herauf
begonnen hatte, als er einen ansehnlichen Lotteriegewinst tat, sich ein miges
Gut kaufte, es verpachtete und zum Mittelpunkt seiner Wirksamkeit machte, mit
dem festen Vorsatz oder vielmehr nach alter Gewohnheit und Neigung, in keinem
Hause zu verweilen, wo nichts zu schlichten und nichts zu helfen wre.
Diejenigen, die auf die Namensbedeutungen aberglubisch sind, behaupten, der
Name Mittler habe ihn gentigt, diese seltsamste aller Bestimmungen zu
ergreifen.
    Der Nachtisch war aufgetragen, als der Gast seine Wirte ernstlich vermahnte,
nicht weiter mit ihren Entdeckungen zurckzuhalten, weil er gleich nach dem
Kaffee fort msse. Die beiden Eheleute machten umstndlich ihre Bekenntnisse;
aber kaum hatte er den Sinn der Sache vernommen, als er verdrielich vom Tische
auffuhr, ans Fenster sprang und sein Pferd zu satteln befahl.
    Entweder ihr kennt mich nicht, rief er aus, ihr versteht mich nicht, oder
ihr seid sehr boshaft. Ist denn hier ein Streit? Ist denn hier eine Hlfe ntig?
Glaubt ihr, da ich in der Welt bin, um Rat zu geben? Das ist das dmmste
Handwerk, das einer treiben kann. Rate sich jeder selbst und tue, was er nicht
lassen kann. Gert es gut, so freue er sich seiner Weisheit und seines Glcks;
lufts bel ab, dann bin ich bei der Hand. Wer ein bel los sein will, der wei
immer, was er will; wer was Bessers will, als er hat, der ist ganz starblind -
Ja ja! lacht nur - er spielt Blindekuh, er ertappts vielleicht; aber was? Tut,
was ihr wollt: es ist ganz einerlei! Nehmt die Freunde zu euch, lat sie weg:
alles einerlei! Das Vernnftigste habe ich milingen sehen, das Abgeschmackteste
gelingen. Zerbrecht euch die Kpfe nicht, und wenns auf eine oder die andre
Weise bel abluft, zerbrecht sie euch auch nicht! Schickt nur nach mir, und
euch soll geholfen werden. Bis dahin euer Diener!
    Und so schwang er sich aufs Pferd, ohne den Kaffee abzuwarten.
    Hier siehst du, sagte Charlotte, wie wenig eigentlich ein Dritter
fruchtet, wenn es zwischen zwei nah verbundenen Personen nicht ganz im
Gleichgewicht steht. Gegenwrtig sind wir doch wohl noch verworrner und
ungewisser, wenns mglich ist, als vorher.
    Beide Gatten wrden auch wohl noch eine Zeitlang geschwankt haben, wre
nicht ein Brief des Hauptmanns im Wechsel gegen Eduards letzten angekommen. Er
hatte sich entschlossen, eine der ihm angebotenen Stellen anzunehmen, ob sie ihm
gleich keineswegs gem war. Er sollte mit vornehmen und reichen Leuten die
Langeweile teilen, indem man auf ihn das Zutrauen setzte, da er sie vertreiben
wrde.
    Eduard bersah das ganze Verhltnis recht deutlich und malte es noch recht
scharf aus. Wollen wir unsern Freund in einem solchen Zustande wissen? rief
er. Du kannst nicht so grausam sein, Charlotte!
    Der wunderliche Mann, unser Mittler, versetzte Charlotte, hat am Ende
doch recht. Alle solche Unternehmungen sind Wagestcke. Was daraus werden kann,
sieht kein Mensch voraus. Solche neue Verhltnisse knnen fruchtbar sein an
Glck und an Unglck, ohne da wir uns dabei Verdienst oder Schuld sonderlich
zurechnen drfen. Ich fhle mich nicht stark genug, dir lnger zu widerstehen.
La uns den Versuch machen! Das einzige, was ich dich bitte: es sei nur auf
kurze Zeit angesehen. Erlaube mir, da ich mich ttiger als bisher fr ihn
verwende und meinen Einflu, meine Verbindungen eifrig benutze und aufrege, ihm
eine Stelle zu verschaffen, die ihm nach seiner Weise einige Zufriedenheit
gewhren kann.
    Eduard versicherte seine Gattin auf die anmutigste Weise der lebhaftesten
Dankbarkeit. Er eilte mit freiem, frohem Gemt, seinem Freunde Vorschlge
schriftlich zu tun. Charlotte mute in einer Nachschrift ihren Beifall
eigenhndig hinzufgen, ihre freundschaftlichen Bitten mit den seinen
vereinigen. Sie schrieb mit gewandter Feder gefllig und verbindlich, aber doch
mit einer Art von Hast, die ihr sonst nicht gewhnlich war; und was ihr nicht
leicht begegnete, sie verunstaltete das Papier zuletzt mit einem Tintenfleck,
der sie rgerlich machte und nur grer wurde, indem sie ihn wegwischen wollte.
    Eduard scherzte darber, und weil noch Platz war, fgte er eine zweite
Nachschrift hinzu: der Freund solle aus diesen Zeichen die Ungeduld sehen, womit
er erwartet werde, und nach der Eile, womit der Brief geschrieben, die
Eilfertigkeit seiner Reise einrichten.
    Der Bote war fort, und Eduard glaubte seine Dankbarkeit nicht berzeugender
ausdrcken zu knnen, als indem er aber- und abermals darauf bestand, Charlotte
solle zugleich Ottilien aus der Pension holen lassen.
    Sie bat um Aufschub und wute diesen Abend bei Eduard die Lust zu einer
musikalischen Unterhaltung aufzuregen. Charlotte spielte sehr gut Klavier,
Eduard nicht ebenso bequem die Flte; denn ob er sich gleich zuzeiten viel Mhe
gegeben hatte, so war ihm doch nicht die Geduld, die Ausdauer verliehen, die zur
Ausbildung eines solchen Talentes gehrt. Er fhrte deshalb seine Partie sehr
ungleich aus, einige Stellen gut, nur vielleicht zu geschwind; bei andern wieder
hielt er an, weil sie ihm nicht gelufig waren, und so wr es fr jeden andern
schwer gewesen, ein Duett mit ihm durchzubringen. Aber Charlotte wute sich
darein zu finden; sie hielt an und lie sich wieder von ihm fortreien und
versah also die doppelte Pflicht eines guten Kapellmeisters und einer klugen
Hausfrau, die im ganzen immer das Ma zu erhalten wissen, wenn auch die
einzelnen Passagen nicht immer im Takt bleiben sollten.

                                Drittes Kapitel


Der Hauptmann kam. Er hatte einen sehr verstndigen Brief vorausgeschickt, der
Charlotten vllig beruhigte. Soviel Deutlichkeit ber sich selbst, soviel
Klarheit ber seinen eigenen Zustand, ber den Zustand seiner Freunde gab eine
heitere und frhliche Aussicht.
    Die Unterhaltungen der ersten Stunden waren, wie unter Freunden zu geschehen
pflegt, die sich eine Zeitlang nicht gesehen haben, lebhaft, ja fast
erschpfend. Gegen Abend veranlate Charlotte einen Spaziergang auf die neuen
Anlagen. Der Hauptmann gefiel sich sehr in der Gegend und bemerkte jede
Schnheit, welche durch die neuen Wege erst sichtbar und geniebar geworden. Er
hatte ein gebtes Auge und dabei ein gengsames; und ob er gleich das
Wnschenswerte sehr wohl kannte, machte er doch nicht, wie es fters zu
geschehen pflegt, Personen, die ihn in dem Ihrigen herumfhrten, dadurch einen
blen Humor, da er mehr verlangte, als die Umstnde zulieen, oder auch wohl
gar an etwas Vollkommneres erinnerte, das er anderswo gesehen.
    Als sie die Mooshtte erreichten, fanden sie solche auf das lustigste
ausgeschmckt, zwar nur mit knstlichen Blumen und Wintergrn, doch darunter so
schne Bschel natrlichen Weizens und anderer Feld- und Baumfrchte angebracht,
da sie dem Kunstsinn der Anordnenden zur Ehre gereichten. Obschon mein Mann
nicht liebt, da man seinen Geburts- oder Namenstag feire, so wird er mir doch
heute nicht verargen, einem dreifachen Feste diese wenigen Krnze zu widmen.
    Ein dreifaches? rief Eduard. - Ganz gewi! versetzte Charlotte; unseres
Freundes Ankunft behandeln wir billig als ein Fest; und dann habt ihr beide wohl
nicht daran gedacht, da heute euer Namenstag ist. Heit nicht einer Otto so gut
als der andere?
    Beide Freunde reichten sich die Hnde ber den kleinen Tisch. Du erinnerst
mich, sagte Eduard, an dieses jugendliche Freundschaftsstck. - Als Kinder
hieen wir beide so; doch als wir in der Pension zusammenlebten und manche
Irrung daraus entstand, so trat ich ihm freiwillig diesen hbschen, lakonischen
Namen ab.
    Wobei du denn doch nicht gar zu gromtig warst, sagte der Hauptmann.
Denn ich erinnere mich recht wohl, da dir der Name Eduard besser gefiel, wie
er denn auch, von angenehmen Lippen ausgesprochen, einen besonders guten Klang
hat.
    Nun saen sie also zu dreien um dasselbe Tischchen, wo Charlotte so eifrig
gegen die Ankunft des Gastes gesprochen hatte. Eduard in seiner Zufriedenheit
wollte die Gattin nicht an jene Stunden erinnern, doch enthielt er sich nicht zu
sagen: Fr ein Viertes wre auch noch recht gut Platz.
    Waldhrner lieen sich in diesem Augenblick vom Schlo herber vernehmen,
bejahten gleichsam und bekrftigten die guten Gesinnungen und Wnsche der
beisammen verweilenden Freunde. Stillschweigend hrten sie zu, indem jedes in
sich selbst zurckkehrte und sein eigenes Glck in so schner Verbindung doppelt
empfand.
    Eduard unterbrach die Pause zuerst, indem er aufstand und vor die Mooshtte
hinaustrat. La uns, sagte er zu Charlotten, den Freund gleich vllig auf die
Hhe fhren, damit er nicht glaube, dieses beschrnkte Tal nur sei unser Erbgut
und Aufenthalt; der Blick wird oben freier und die Brust erweitert sich.
    So mssen wir diesmal noch, versetzte Charlotte, den alten, etwas
beschwerlichen Fupfad erklimmen; doch, hoffe ich, sollen meine Stufen und
Steige nchstens bequemer bis ganz hinauf leiten.
    Und so gelangte man denn ber Felsen, durch Busch und Gestruch zur letzten
Hhe, die zwar keine Flche, doch fortlaufende, fruchtbare Rcken bildete. Dorf
und Schlo hinterwrts waren nicht mehr zu sehen. In der Tiefe erblickte man
ausgebreitete Teiche, drben bewachsene Hgel, an denen sie sich hinzogen,
endlich steile Felsen, welche senkrecht den letzten Wasserspiegel entschieden
begrenzten und ihre bedeutenden Formen auf der Oberflche desselben abbildeten.
Dort in der Schlucht, wo ein starker Bach den Teichen zufiel, lag eine Mhle
halb versteckt, die mit ihren Umgebungen als ein freundliches Ruhepltzchen
erschien. Mannigfaltig wechselten im ganzen Halbkreise, den man bersah, Tiefen
und Hhen, Bsche und Wlder, deren erstes Grn fr die Folge den fllereichsten
Anblick versprach. Auch einzelne Baumgruppen hielten an mancher Stelle das Auge
fest. Besonders zeichnete zu den Fen der schauenden Freunde sich eine Masse
Pappeln und Platanen zunchst an dem Rande des mittleren Teiches vorteilhaft
aus. Sie stand in ihrem besten Wachstum, frisch, gesund, empor und in die Breite
strebend.
    Eduard lenkte besonders auf diese die Aufmerksamkeit seines Freundes. Diese
habe ich, rief er aus, in meiner Jugend selbst gepflanzt. Es waren junge
Stmmchen, die ich rettete, als mein Vater, bei der Anlage zu einem neuen Teil
des groen Schlogartens, sie mitten im Sommer ausroden lie. Ohne Zweifel
werden sie auch dieses Jahr sich durch neue Triebe wieder dankbar hervortun.
    Man kehrte zufrieden und heiter zurck. Dem Gaste ward auf dem rechten
Flgel des Schlosses ein freundliches, gerumiges Quartier angewiesen, wo er
sehr bald Bcher, Papiere und Instrumente aufgestellt und geordnet hatte, um in
seiner gewohnten Ttigkeit fortzufahren. Aber Eduard lie ihm in den ersten
Tagen keine Ruhe; er fhrte ihn berall herum, bald zu Pferde, bald zu Fue, und
machte ihn mit der Gegend, mit dem Gute bekannt; wobei er ihm zugleich die
Wnsche mitteilte, die er zu besserer Kenntnis und vorteilhafterer Benutzung
desselben seit langer Zeit bei sich hegte.
    Das erste, was wir tun sollten, sagte der Hauptmann, wre, da ich die
Gegend mit der Magnetnadel aufnhme. Es ist das ein leichtes, heiteres Geschft,
und wenn es auch nicht die grte Genauigkeit gewhrt, so bleibt es doch immer
ntzlich und fr den Anfang erfreulich; auch kann man es ohne groe Beihlfe
leisten und wei gewi, da man fertig wird. Denkst du einmal an eine genauere
Ausmessung, so lt sich dazu wohl auch noch Rat finden.
    Der Hauptmann war in dieser Art des Aufnehmens sehr gebt. Er hatte die
ntige Gertschaft mitgebracht und fing sogleich an. Er unterrichtete Eduarden,
einige Jger und Bauern, die ihm bei dem Geschft behlflich sein sollten. Die
Tage waren gnstig; die Abende und die frhsten Morgen brachte er mit
Aufzeichnen und Schraffieren zu. Schnell war auch alles laviert und illuminiert,
und Eduard sah seine Besitzungen auf das deutlichste aus dem Papier wie eine
neue Schpfung hervorgewachsen. Er glaubte sie jetzt erst kennenzulernen, sie
schienen ihm jetzt erst recht zu gehren.
    Es gab Gelegenheit, ber die Gegend, ber Anlagen zu sprechen, die man nach
einer solchen bersicht viel besser zustande bringe, als wenn man nur einzeln,
nach zuflligen Eindrcken, an der Natur herumversuche.
    Das mssen wir meiner Frau deutlich machen, sagte Eduard.
    Tue das nicht! versetzte der Hauptmann, der die berzeugungen anderer
nicht gern mit den seinigen durchkreuzte, den die Erfahrung gelehrt hatte, da
die Ansichten der Menschen viel zu mannigfaltig sind, als da sie, selbst durch
die vernnftigsten Vorstellungen, auf Einen Punkt versammelt werden knnten.
Tue es nicht! rief er, sie drfte leicht irre werden. Es ist ihr wie allen
denen, die sich nur aus Liebhaberei mit solchen Dingen beschftigen, mehr daran
gelegen, da sie etwas tue, als da etwas getan werde. Man tastet an der Natur,
man hat Vorliebe fr dieses oder jenes Pltzchen; man wagt nicht, dieses oder
jenes Hindernis wegzurumen, man ist nicht khn genug, etwas aufzuopfern; man
kann sich voraus nicht vorstellen, was entstehen soll, man probiert, es gert,
es mirt, man verndert, verndert vielleicht, was man lassen sollte, lt, was
man verndern sollte, und so bleibt es zuletzt immer ein Stckwerk, das gefllt
und anregt, aber nicht befriedigt.
    Gesteh mir aufrichtig, sagte Eduard, du bist mit ihren Anlagen nicht
zufrieden.
    Wenn die Ausfhrung den Gedanken erschpfte, der sehr gut ist, so wre
nichts zu erinnern. Sie hat sich mhsam durch das Gestein hinaufgeqult und
qult nun jeden, wenn du willst, den sie hinauffhrt. Weder nebeneinander noch
hintereinander schreitet man mit einer gewissen Freiheit. Der Takt des Schrittes
wird jeden Augenblick unterbrochen; und was liee sich nicht noch alles
einwenden!
    Wre es denn leicht anders zu machen gewesen? fragte Eduard.
    Gar leicht, versetzte der Hauptmann; sie durfte nur die eine Felsenecke,
die noch dazu unscheinbar ist, weil sie aus kleinen Teilen besteht, wegbrechen,
so erlangte sie eine schn geschwungene Wendung zum Aufstieg und zugleich
berflssige Steine, um die Stellen heraufzumauern, wo der Weg schmal und
verkrppelt geworden wre. Doch sei dies im engsten Vertrauen unter uns gesagt;
sie wird sonst irre und verdrielich. Auch mu man, was gemacht ist, bestehen
lassen. Will man weiter Geld und Mhe aufwenden, so wre von der Mooshtte
hinaufwrts und ber die Anhhe noch mancherlei zu tun und viel Angenehmes zu
leisten.
    Hatten auf diese Weise die beiden Freunde am Gegenwrtigen manche
Beschftigung, so fehlte es nicht an lebhafter und vergnglicher Erinnerung
vergangener Tage, woran Charlotte wohl teilzunehmen pflegte. Auch setzte man
sich vor, wenn nur die nchsten Arbeiten erst getan wren, an die Reisejournale
zu gehen und auch auf diese Weise die Vergangenheit hervorzurufen.
    brigens hatte Eduard mit Charlotten allein weniger Stoff zur Unterhaltung,
besonders seitdem er den Tadel ihrer Parkanlagen, der ihm so gerecht schien, auf
dem Herzen fhlte. Lange verschwieg er, was ihm der Hauptmann vertraut hatte;
aber als er seine Gattin zuletzt beschftigt sah, von der Mooshtte hinauf zur
Anhhe wieder mit Stfchen und Pfdchen sich emporzuarbeiten, so hielt er nicht
lnger zurck, sondern machte sie nach einigen Umschweifen mit seinen neuen
Einsichten bekannt.
    Charlotte stand betroffen. Sie war geistreich genug, um schnell einzusehen,
da jene recht hatten; aber das Getane widersprach, es war nun einmal so
gemacht; sie hatte es recht, sie hatte es wnschenswert gefunden, selbst das
Getadelte war ihr in jedem einzelnen Teile lieb; sie widerstrebte der
berzeugung, sie verteidigte ihre kleine Schpfung, sie schalt auf die Mnner,
die gleich ins Weite und Groe gingen, aus einem Scherz, aus einer Unterhaltung
gleich ein Werk machen wollten, nicht an die Kosten denken, die ein erweiterter
Plan durchaus nach sich zieht. Sie war bewegt, verletzt, verdrielich; sie
konnte das Alte nicht fahren lassen, das Neue nicht ganz abweisen; aber
entschlossen wie sie war, stellte sie sogleich die Arbeit ein und nahm sich
Zeit, die Sache zu bedenken und bei sich reif werden zu lassen.
    Indem sie nun auch diese ttige Unterhaltung vermite, da indes die Mnner
ihr Geschft immer geselliger betrieben und besonders die Kunstgrten und
Glashuser mit Eifer besorgten, auch dazwischen die gewhnlichen ritterlichen
bungen fortsetzten, als Jagen, Pferdekaufen, -tauschen, -bereiten und
-einfahren, so fhlte sich Charlotte tglich einsamer. Sie fhrte ihren
Briefwechsel auch um des Hauptmanns willen lebhafter, und doch gab es manche
einsame Stunde. Desto angenehmer und unterhaltender waren ihr die Berichte, die
sie aus der Pensionsanstalt erhielt.
    Einem weitlufigen Briefe der Vorsteherin, welcher sich wie gewhnlich ber
der Tochter Fortschritte mit Behagen verbreitete, war eine kurze Nachschrift
hinzugefgt nebst einer Beilage von der Hand eines mnnlichen Gehlfen am
Institut, die wir beide mitteilen.


                          Nachschrift der Vorsteherin

Von Ottilien, meine Gndige, htte ich eigentlich nur zu wiederholen, was in
meinen vorigen Berichten enthalten ist. Ich wte sie nicht zu schelten, und
doch kann ich nicht zufrieden mit ihr sein. Sie ist nach wie vor bescheiden und
gefllig gegen andere; aber dieses Zurcktreten, diese Dienstbarkeit will mir
nicht gefallen. Euer Gnaden haben ihr neulich Geld und verschiedene Zeuge
geschickt. Das erste hat sie nicht angegriffen, die andern liegen auch noch da,
unberhrt. Sie hlt freilich ihre Sachen sehr reinlich und gut und scheint nur
in diesem Sinn die Kleider zu wechseln. Auch kann ich ihre groe Migkeit im
Essen und Trinken nicht loben. An unserm Tisch ist kein berflu; doch sehe ich
nichts lieber, als wenn die Kinder sich an schmackhaften und gesunden Speisen
satt essen. Was mit Bedacht und berzeugung aufgetragen und vorgelegt ist, soll
auch aufgegessen werden. Dazu kann ich Ottilien niemals bringen. Ja, sie macht
sich irgendein Geschft, um eine Lcke auszufllen, wo die Dienerinnen etwas
versumen, nur um eine Speise oder den Nachtisch zu bergehen. Bei diesem allen
kommt jedoch in Betrachtung, da sie manchmal, wie ich erst spt erfahren habe,
Kopfweh auf der linken Seite hat, das zwar vorbergeht, aber schmerzlich und
bedeutend sein mag. Soviel von diesem brigens so schnen und lieben Kinde.


                              Beilage des Gehlfen

Unsere vortreffliche Vorsteherin lt mich gewhnlich die Briefe lesen, in
welchen sie Beobachtungen ber ihre Zglinge den Eltern und Vorgesetzten
mitteilt. Diejenigen, die an Euer Gnaden gerichtet sind, lese ich immer mit
doppelter Aufmerksamkeit, mit doppeltem Vergngen; denn indem wir Ihnen zu einer
Tochter Glck zu wnschen haben, die alle jene glnzenden Eigenschaften
vereinigt, wodurch man in der Welt emporsteigt, so mu ich wenigstens Sie nicht
minder glcklich preisen, da Ihnen in Ihrer Pflegetochter ein Kind beschert
ist, das zum Wohl, zur Zufriedenheit anderer und gewi auch zu seinem eigenen
Glck geboren ward. Ottilie ist fast unser einziger Zgling, ber den ich mit
unserer so verehrten Vorsteherin nicht einig werden kann. Ich verarge dieser
ttigen Frau keinesweges, da sie verlangt, man soll die Frchte ihrer Sorgfalt
uerlich und deutlich sehen; aber es gibt auch verschlossene Frchte, die erst
die rechten, kernhaften sind und die sich frher oder spter zu einem schnen
Leben entwickeln. Dergleichen ist gewi Ihre Pflegetochter. Solange ich sie
unterrichte, sehe ich sie immer gleichen Schrittes gehen, langsam, langsam
vorwrts, nie zurck. Wenn es bei einem Kinde ntig ist, vom Anfange anzufangen,
so ist es gewi bei ihr. Was nicht aus dem Vorhergehenden folgt, begreift sie
nicht. Sie steht unfhig, ja stckisch vor einer leicht falichen Sache, die fr
sie mit nichts zusammenhngt. Kann man aber die Mittelglieder finden und ihr
deutlich machen, so ist ihr das Schwerste begreiflich.
    Bei diesem langsamen Vorschreiten bleibt sie gegen ihre Mitschlerinnen
zurck, die mit ganz andern Fhigkeiten immer vorwrtseilen, alles, auch das
Unzusammenhngende, leicht fassen, leicht behalten und bequem wieder anwenden.
So lernt sie, so vermag sie bei einem beschleunigten Lehrvortrage gar nichts;
wie es der Fall in einigen Stunden ist, welche von trefflichen, aber raschen und
ungeduldigen Lehrern gegeben werden. Man hat ber ihre Handschrift geklagt, ber
ihre Unfhigkeit, die Regeln der Grammatik zu fassen. Ich habe diese Beschwerde
nher untersucht: es ist wahr, sie schreibt langsam und steif, wenn man so will,
doch nicht zaghaft und ungestalt. Was ich ihr von der franzsischen Sprache, die
zwar mein Fach nicht ist, schrittweise mitteilte, begriff sie leicht. Freilich
ist es wunderbar: sie wei vieles und recht gut; nur wenn man sie fragt, scheint
sie nichts zu wissen.
    Soll ich mit einer allgemeinen Bemerkung schlieen, so mchte ich sagen: sie
lernt nicht als eine, die erzogen werden soll, sondern als eine, die erziehen
will; nicht als Schlerin, sondern als knftige Lehrerin. Vielleicht kommt es
Euer Gnaden sonderbar vor, da ich selbst als Erzieher und Lehrer jemanden nicht
mehr zu loben glaube, als wenn ich ihn fr meinesgleichen erklre. Euer Gnaden
bessere Einsicht, tiefere Menschen- und Weltkenntnis wird aus meinen
beschrnkten, wohlgemeinten Worten das Beste nehmen. Sie werden sich berzeugen,
da auch an diesem Kinde viel Freude zu hoffen ist. Ich empfehle mich zu Gnaden
und bitte um die Erlaubnis, wieder zu schreiben, sobald ich glaube, da mein
Brief etwas Bedeutendes und Angenehmes enthalten werde.

Charlotte freute sich ber dieses Blatt. Sein Inhalt traf ganz nahe mit den
Vorstellungen zusammen, welche sie von Ottilien hegte; dabei konnte sie sich
eines Lchelns nicht enthalten, indem der Anteil des Lehrers herzlicher zu sein
schien, als ihn die Einsicht in die Tugenden eines Zglings hervorzubringen
pflegt. Bei ihrer ruhigen, vorurteilsfreien Denkweise lie sie auch ein solches
Verhltnis, wie so viele andre, vor sich liegen; die Teilnahme des verstndigen
Mannes an Ottilien hielt sie wert; denn sie hatte in ihrem Leben genugsam
einsehen gelernt, wie hoch jede wahre Neigung zu schtzen sei in einer Welt, wo
Gleichgltigkeit und Abneigung eigentlich recht zu Hause sind.

                                Viertes Kapitel


Die topographische Karte, auf welcher das Gut mit seinen Umgebungen nach einem
ziemlich groen Mastabe charakteristisch und falich durch Federstriche und
Farben dargestellt war und welche der Hauptmann durch einige trigonometrische
Messungen sicher zu grnden wute, war bald fertig; denn weniger Schlaf als
dieser ttige Mann bedurfte kaum jemand, so wie sein Tag stets dem
augenblicklichen Zwecke gewidmet und deswegen jederzeit am Abende etwas getan
war.
    La uns nun, sagte er zu seinem Freunde, an das brige gehen, an die
Gutsbeschreibung, wozu schon genugsame Vorarbeit da sein mu, aus der sich
nachher Pachtanschlge und anderes schon entwickeln werden. Nur Eines la uns
festsetzen und einrichten: trenne alles, was eigentlich Geschft ist, vom Leben!
Das Geschft verlangt Ernst und Strenge, das Leben Willkr; das Geschft die
reinste Folge, dem Leben tut eine Inkonsequenz oft not, ja sie ist liebenswrdig
und erheiternd. Bist du bei dem einen sicher, so kannst du in dem andern desto
freier sein, anstatt da bei einer Vermischung das Sichre durch das Freie
weggerissen und aufgehoben wird.
    Eduard fhlte in diesen Vorschlgen einen leisen Vorwurf. Zwar von Natur
nicht unordentlich, konnte er doch niemals dazu kommen, seine Papiere nach
Fchern abzuteilen. Das, was er mit andern abzutun hatte, was blo von ihm
selbst abhing, es war nicht geschieden, so wie er auch Geschfte und
Beschftigung, Unterhaltung und Zerstreuung nicht genugsam voneinander
absonderte. Jetzt wurde es ihm leicht, da ein Freund diese Bemhung bernahm,
ein zweites Ich die Sonderung bewirkte, in die das eine Ich nicht immer sich
spalten mag.
    Sie errichteten auf dem Flgel des Hauptmanns eine Repositur fr das
Gegenwrtige, ein Archiv fr das Vergangene, schafften alle Dokumente, Papiere,
Nachrichten aus verschiedenen Behltnissen, Kammern, Schrnken und Kisten
herbei, und auf das geschwindeste war der Wust in eine erfreuliche Ordnung
gebracht, lag rubriziert in bezeichneten Fchern. Was man wnschte, ward
vollstndiger gefunden, als man gehofft hatte. Hierbei ging ihnen ein alter
Schreiber sehr an die Hand, der den Tag ber, ja einen Teil der Nacht nicht vom
Pulte kam und mit dem Eduard bisher immer unzufrieden gewesen war.
    Ich kenne ihn nicht mehr, sagte Eduard zu seinem Freund, wie ttig und
brauchbar der Mensch ist. - Das macht, versetzte der Hauptmann, wir tragen
ihm nichts Neues auf, als bis er das Alte nach seiner Bequemlichkeit vollendet
hat; und so leistet er, wie du siehst, sehr viel; sobald man ihn strt, vermag
er gar nichts.
    Brachten die Freunde auf diese Weise ihre Tage zusammen zu, so versumten
sie abends nicht, Charlotten regelmig zu besuchen. Fand sich keine
Gesellschaft von benachbarten Orten und Gtern, welches fters geschah, so war
das Gesprch wie das Lesen meist solchen Gegenstnden gewidmet, welche den
Wohlstand, die Vorteile und das Behagen der brgerlichen Gesellschaft vermehren.
    Charlotte, ohnehin gewohnt, die Gegenwart zu nutzen, fhlte sich, indem sie
ihren Mann zufrieden sah, auch persnlich gefrdert. Verschiedene husliche
Anstalten, die sie lngst gewnscht, aber nicht recht einleiten knnen, wurden
durch die Ttigkeit des Hauptmanns bewirkt. Die Hausapotheke, die bisher nur aus
wenigen Mitteln bestanden, ward bereichert und Charlotte sowohl durch faliche
Bcher als durch Unterredung in den Stand gesetzt, ihr ttiges und hlfreiches
Wesen fter und wirksamer als bisher in bung zu bringen.
    Da man auch die gewhnlichen und dessen ungeachtet nur zu oft berraschenden
Notflle durchdachte, so wurde alles, was zur Rettung der Ertrunkenen ntig sein
mchte, um so mehr angeschafft, als bei der Nhe so mancher Teiche, Gewsser und
Wasserwerke fters ein und der andere Unfall dieser Art vorkam. Diese Rubrik
besorgte der Hauptmann sehr ausfhrlich, und Eduarden entschlpfte die
Bemerkung, da ein solcher Fall in dem Leben seines Freundes auf die seltsamste
Weise Epoche gemacht. Doch als dieser schwieg und einer traurigen Erinnerung
auszuweichen schien, hielt Eduard gleichfalls an, so wie auch Charlotte, die
nicht weniger im allgemeinen davon unterrichtet war, ber jene uerungen
hinausging.
    Wir wollen alle diese vorsorglichen Anstalten loben, sagte eines Abends
der Hauptmann; nun geht uns aber das Notwendigste noch ab, ein tchtiger Mann,
der das alles zu handhaben wei. Ich kann hiezu einen mir bekannten
Feldchirurgus vorschlagen, der jetzt um leidliche Bedingung zu haben ist, ein
vorzglicher Mann in seinem Fache, und der mir auch in Behandlung heftiger
innerer bel fters mehr Genge getan hat als ein berhmter Arzt; und
augenblickliche Hlfe ist doch immer das, was auf dem Lande am meisten vermit
wird.
    Auch dieser wurde sogleich verschrieben, und beide Gatten freuten sich, da
sie so manche Summe, die ihnen zu willkrlichen Ausgaben brigblieb, auf die
ntigsten zu verwenden Anla gefunden.
    So benutzte Charlotte die Kenntnisse, die Ttigkeit des Hauptmanns auch nach
ihrem Sinne und fing an, mit seiner Gegenwart vllig zufrieden und ber alle
Folgen beruhigt zu werden. Sie bereitete sich gewhnlich vor, manches zu fragen,
und da sie gern leben mochte, so suchte sie alles Schdliche, alles Tdliche zu
entfernen. Die Bleiglasur der Tpferwaren, der Grnspan kupferner Gefe hatte
ihr schon manche Sorge gemacht. Sie lie sich hierber belehren, und
natrlicherweise mute man auf die Grundbegriffe der Physik und Chemie
zurckgehen.
    Zuflligen, aber immer willkommenen Anla zu solchen Unterhaltungen gab
Eduards Neigung, der Gesellschaft vorzulesen. Er hatte eine sehr wohlklingende,
tiefe Stimme und war frher wegen lebhafter, gefhlter Rezitation dichterischer
und rednerischer Arbeiten angenehm und berhmt gewesen. Nun waren es andre
Gegenstnde, die ihn beschftigten, andre Schriften, woraus er vorlas, und eben
seit einiger Zeit vorzglich Werke physischen, chemischen und technischen
Inhalts.
    Eine seiner besondern Eigenheiten, die er jedoch vielleicht mit mehrern
Menschen teilt, war die, da es ihm unertrglich fiel, wenn jemand ihm beim
Lesen in das Buch sah. In frherer Zeit, beim Vorlesen von Gedichten,
Schauspielen, Erzhlungen, war es die natrliche Folge der lebhaften Absicht,
die der Vorlesende so gut als der Dichter, der Schauspieler, der Erzhlende hat,
zu berraschen, Pausen zu machen, Erwartungen zu erregen; da es denn freilich
dieser beabsichtigten Wirkung sehr zuwider ist, wenn ihm ein Dritter wissentlich
mit den Augen vorspringt. Er pflegte sich auch deswegen in solchem Falle immer
so zu setzen, da er niemand im Rcken hatte. Jetzt zu dreien war diese Vorsicht
unntig; und da es diesmal nicht auf Erregung des Gefhls, auf berraschung der
Einbildungskraft angesehen war, so dachte er selbst nicht daran, sich sonderlich
in acht zu nehmen.
    Nur eines Abends fiel es ihm auf, als er sich nachlssig gesetzt hatte, da
Charlotte ihm in das Buch sah. Seine alte Ungeduld erwachte, und er verwies es
ihr, gewissermaen unfreundlich: Wollte man sich doch solche Unarten, wie so
manches andre, was der Gesellschaft lstig ist, ein fr allemal abgewhnen! Wenn
ich jemand vorlese, ist es denn nicht, als wenn ich ihm mndlich etwas vortrge?
Das Geschriebene, das Gedruckte tritt an die Stelle meines eigenen Sinnes,
meines eigenen Herzens; und wrde ich mich wohl zu reden bemhen, wenn ein
Fensterchen vor meiner Stirn, vor meiner Brust angebracht wre, so da der, dem
ich meine Gedanken einzeln zuzhlen, meine Empfindungen einzeln zureichen will,
immer schon lange vorher wissen knnte, wo es mit mir hinaus wollte? Wenn mir
jemand ins Buch sieht, so ist mir immer, als wenn ich in zwei Stcke gerissen
wrde.
    Charlotte, deren Gewandtheit sich in greren und kleineren Zirkeln
besonders dadurch bewies, da sie jede unangenehme, jede heftige, ja selbst nur
lebhafte uerung zu beseitigen, ein sich verlngerndes Gesprch zu
unterbrechen, ein stockendes anzuregen wute, war auch diesmal von ihrer guten
Gabe nicht verlassen: Du wirst mir meinen Fehler gewi verzeihen, wenn ich
bekenne, was mir diesen Augenblick begegnet ist. Ich hrte von Verwandtschaften
lesen, und da dacht ich eben gleich an meine Verwandten, an ein paar Vettern,
die mir gerade in diesem Augenblick zu schaffen machen. Meine Aufmerksamkeit
kehrt zu deiner Vorlesung zurck; ich hre, da von ganz leblosen Dingen die
Rede ist, und blicke dir ins Buch, um mich wieder zurechtzufinden.
    Es ist eine Gleichnisrede, die dich verfhrt und verwirrt hat, sagte
Eduard. Hier wird freilich nur von Erden und Mineralien gehandelt, aber der
Mensch ist ein wahrer Narzi; er bespiegelt sich berall gern selbst, er legt
sich als Folie der ganzen Welt unter.
    Jawohl! fuhr der Hauptmann fort; so behandelt er alles, was er auer sich
findet; seine Weisheit wie seine Torheit, seinen Willen wie seine Willkr leiht
er den Tieren, den Pflanzen, den Elementen und den Gttern.
    Mchtet ihr mich, versetzte Charlotte, da ich euch nicht zu weit von dem
augenblicklichen Interesse wegfhren will, nur krzlich belehren, wie es
eigentlich hier mit den Verwandtschaften gemeint sei?
    Das will ich wohl gerne tun, erwiderte der Hauptmann, gegen den sich
Charlotte gewendet hatte, freilich nur so gut, als ich es vermag, wie ich es
etwa vor zehn Jahren gelernt, wie ich es gelesen habe. Ob man in der
wissenschaftlichen Welt noch so darber denkt, ob es zu den neuern Lehren pat,
wte ich nicht zu sagen.
    Es ist schlimm genug, rief Eduard, da man jetzt nichts mehr fr sein
ganzes Leben lernen kann. Unsre Vorfahren hielten sich an den Unterricht, den
sie in ihrer Jugend empfangen; wir aber mssen jetzt alle fnf Jahre umlernen,
wenn wir nicht ganz aus der Mode kommen wollen.
    Wir Frauen, sagte Charlotte, nehmen es nicht so genau; und wenn ich
aufrichtig sein soll, so ist es mir eigentlich nur um den Wortverstand zu tun;
denn es macht in der Gesellschaft nichts lcherlicher, als wenn man ein fremdes,
ein Kunstwort falsch anwendet. Deshalb machte ich nur wissen, in welchem Sinne
dieser Ausdruck eben bei diesen Gegenstnden gebraucht wird. Wie es
wissenschaftlich damit zusammenhnge, wollen wir den Gelehrten berlassen, die
brigens, wie ich habe bemerken knnen, sich wohl schwerlich jemals vereinigen
werden.
    Wo fangen wir aber nun an, um am schnellsten in die Sache zu kommen?
fragte Eduard nach einer Pause den Hauptmann, der, sich ein wenig bedenkend,
bald darauf erwiderte:
    Wenn es mir erlaubt ist, dem Scheine nach weit auszuholen, so sind wir bald
am Platze.
    Sein Sie meiner ganzen Aufmerksamkeit versichert, sagte Charlotte, indem
sie ihre Arbeit beiseitelegte.
    Und so begann der Hauptmann: An allen Naturwesen, die wir gewahr werden,
bemerken wir zuerst, da sie einen Bezug auf sich selbst haben. Es klingt
freilich wunderlich, wenn man etwas ausspricht, was sich ohnehin versteht; doch
nur indem man sich ber das Bekannte vllig verstndigt hat, kann man
miteinander zum Unbekannten fortschreiten.
    Ich dchte, fiel ihm Eduard ein, wir machten ihr und uns die Sache durch
Beispiele bequem. Stelle dir nur das Wasser, das l, das Quecksilber vor, so
wirst du eine Einigkeit, einen Zusammenhang ihrer Teile finden. Diese Einung
verlassen sie nicht, auer durch Gewalt oder sonstige Bestimmung. Ist diese
beseitigt, so treten sie gleich wieder zusammen.
    Ohne Frage, sagte Charlotte beistimmend. Regentropfen vereinigen sich
gern zu Strmen. Und schon als Kinder spielen wir erstaunt mit dem Quecksilber,
indem wir es in Kgelchen trennen und es wieder zusammenlaufen lassen.
    Und so darf ich wohl, fgte der Hauptmann hinzu, eines bedeutenden
Punktes im flchtigen Vorbeigehen erwhnen, da nmlich dieser vllig reine,
durch Flssigkeit mgliche Bezug sich entschieden und immer durch die
Kugelgestalt auszeichnet. Der fallende Wassertropfen ist rund; von den
Quecksilberkgelchen haben Sie selbst gesprochen; ja ein fallendes geschmolzenes
Blei, wenn es Zeit hat, vllig zu erstarren, kommt unten in Gestalt einer Kugel
an.
    Lassen Sie mich voreilen, sagte Charlotte, ob ich treffe, wo Sie
hinwollen. Wie jedes gegen sich selbst einen Bezug hat, so mu es auch gegen
andere ein Verhltnis haben.
    Und das wird nach Verschiedenheit der Wesen verschieden sein, fuhr Eduard
eilig fort. Bald werden sie sich als Freunde und alte Bekannte begegnen, die
schnell zusammentreten, sich vereinigen, ohne aneinander etwas zu verndern, wie
sich Wein mit Wasser vermischt. Dagegen werden andre fremd nebeneinander
verharren und selbst durch mechanisches Mischen und Reiben sich keinesweges
verbinden; wie l und Wasser, zusammengerttelt, sich den Augenblick wieder
auseinander sondert.
    Es fehlt nicht viel, sagte Charlotte, so sieht man in diesen einfachen
Formen die Menschen, die man gekannt hat; besonders aber erinnert man sich dabei
der Sozietten, in denen man lebte. Die meiste hnlichkeit jedoch mit diesen
seelenlosen Wesen haben die Massen, die in der Welt sich einander
gegenberstellen, die Stnde, die Berufsbestimmungen, der Adel und der dritte
Stand, der Soldat und der Zivilist.
    Und doch! versetzte Eduard; wie diese durch Sitten und Gesetze vereinbar
sind, so gibt es auch in unserer chemischen Welt Mittelglieder, dasjenige zu
verbinden, was sich einander abweist.
    So verbinden wir, fiel der Hauptmann ein, das l durch Laugensalz mit dem
Wasser.
    Nur nicht zu geschwind mit Ihrem Vortrag! sagte Charlotte, damit ich
zeigen kann, da ich Schritt halte. Sind wir nicht hier schon zu den
Verwandtschaften gelangt?
    Ganz richtig, erwiderte der Hauptmann; und wir werden sie gleich in ihrer
vollen Kraft und Bestimmtheit kennenlernen. Diejenigen Naturen, die sich beim
Zusammentreffen einander schnell ergreifen und wechselseitig bestimmen, nennen
wir verwandt. An den Alkalien und Suren, die, obgleich einander entgegengesetzt
und vielleicht eben deswegen, weil sie einander entgegengesetzt sind, sich am
entschiedensten suchen und fassen, sich modifizieren und zusammen einen neuen
Krper bilden, ist diese Verwandtschaft auffallend genug. Gedenken wir nur des
Kalks, der zu allen Suren eine groe Neigung, eine entschiedene
Vereinigungslust uert! Sobald unser chemisches Kabinett ankommt, wollen wir
Sie verschiedene Versuche sehen lassen, die sehr unterhaltend sind und einen
bessern Begriff geben als Worte, Namen und Kunstausdrcke.
    Lassen Sie mich gestehen, sagte Charlotte, wenn Sie diese Ihre
wunderlichen Wesen verwandt nennen, so kommen sie mir nicht sowohl als
Blutsverwandte, vielmehr als Geistes- und Seelenverwandte vor. Auf eben diese
Weise knnen unter Menschen wahrhaft bedeutende Freundschaften entstehen; denn
entgegengesetzte Eigenschaften machen eine innigere Vereinigung mglich. Und so
will ich denn abwarten, was Sie mir von diesen geheimnisvollen Wirkungen vor die
Augen bringen werden. - Ich will dich, sagte sie, zu Eduard gewendet, jetzt im
Vorlesen nicht weiter stren und, um so viel besser unterrichtet, deinen Vortrag
mit Aufmerksamkeit vernehmen.
    Da du uns einmal aufgerufen hast, versetzte Eduard, so kommst du so
leicht nicht los; denn eigentlich sind die verwickelten Flle die
interessantesten. Erst bei diesen lernt man die Grade der Verwandtschaften, die
nhern, strkern, entferntern, geringern Beziehungen kennen; die
Verwandtschaften werden erst interessant, wenn sie Scheidungen bewirken.
    Kommt das traurige Wort, rief Charlotte, das man leider in der Welt jetzt
so oft hrt, auch in der Naturlehre vor?
    Allerdings! erwiderte Eduard. Es war sogar ein bezeichnender Ehrentitel
der Chemiker, da man sie Scheideknstler nannte.
    Das tut man also nicht mehr, versetzte Charlotte, und tut sehr wohl
daran. Das Vereinigen ist eine grere Kunst, ein greres Verdienst. Ein
Einungsknstler wre in jedem Fache der ganzen Welt willkommen. - Nun so lat
mich denn, weil ihr doch einmal im Zug seid, ein paar solche Flle wissen!
    So schlieen wir uns denn gleich, sagte der Hauptmann, an dasjenige
wieder an, was wir oben schon benannt und besprochen haben. Zum Beispiel was wir
Kalkstein nennen, ist eine mehr oder weniger reine Kalkerde, innig mit einer
zarten Sure verbunden, die uns in Luftform bekannt geworden ist. Bringt man ein
Stck solchen Steines in verdnnte Schwefelsure, so ergreift diese den Kalk und
erscheint mit ihm als Gips; jene zarte, luftige Sure hingegen entflieht. Hier
ist eine Trennung, eine neue Zusammensetzung entstanden, und man glaubt sich
nunmehr berechtigt, sogar das Wort Wahlverwandtschaft anzuwenden, weil es
wirklich aussieht, als wenn ein Verhltnis dem andern vorgezogen, eins vor dem
andern erwhlt wrde.
    Verzeihen Sie mir, sagte Charlotte, wie ich dem Naturforscher verzeihe,
aber ich wrde hier niemals eine Wahl, eher eine Naturnotwendigkeit erblicken,
und diese kaum; denn es ist am Ende vielleicht gar nur die Sache der
Gelegenheit. Gelegenheit macht Verhltnisse, wie sie Diebe macht; und wenn von
Ihren Naturkrpern die Rede ist, so scheint mir die Wahl blo in den Hnden des
Chemikers zu liegen, der diese Wesen zusammenbringt. Sind sie aber einmal
beisammen, dann gnade ihnen Gott! In dem gegenwrtigen Falle dauert mich nur die
arme Luftsure, die sich wieder im Unendlichen herumtreiben mu.
    Es kommt nur auf sie an, versetzte der Hauptmann, sich mit dem Wasser zu
verbinden und als Mineralquelle Gesunden und Kranken zur Erquickung zu dienen.
    Der Gips hat gut reden, sagte Charlotte; der ist nun fertig, ist ein
Krper, ist versorgt, anstatt da jenes ausgetriebene Wesen noch manche Not
haben kann, bis es wieder unterkommt.
    Ich mte sehr irren, sagte Eduard lchelnd, oder es steckt eine kleine
Tcke hinter deinen Reden. Gesteh nur deine Schalkheit! Am Ende bin ich in
deinen Augen der Kalk, der vom Hauptmann, als einer Schwefelsure, ergriffen,
deiner anmutigen Gesellschaft entzogen und in einen refraktren Gips verwandelt
wird.
    Wenn das Gewissen, versetzte Charlotte, dich solche Betrachtungen machen
heit, so kann ich ohne Sorge sein. Diese Gleichnisreden sind artig und
unterhaltend, und wer spielt nicht gern mit hnlichkeiten! Aber der Mensch ist
doch um so manche Stufe ber jene Elemente erhht, und wenn er hier mit den
schnen Worten Wahl und Wahlverwandtschaft etwas freigebig gewesen, so tut er
wohl, wieder in sich selbst zurckzukehren und den Wert solcher Ausdrcke bei
diesem Anla recht zu bedenken. Mir sind leider Flle genug bekannt, wo eine
innige, unauflslich scheinende Verbindung zweier Wesen durch gelegentliche
Zugesellung eines dritten aufgehoben und eins der erst so schn verbundenen ins
lose Weite hinausgetrieben ward.
    Da sind die Chemiker viel galanter, sagte Eduard; sie gesellen ein
viertes dazu, damit keines leer ausgehe.
    Jawohl! versetzte der Hauptmann; diese Flle sind allerdings die
bedeutendsten und merkwrdigsten, wo man das Anziehen, das Verwandtsein, dieses
Verlassen, dieses Vereinigen gleichsam bers Kreuz wirklich darstellen kann, wo
vier bisher je zwei zu zwei verbundene Wesen, in Berhrung gebracht, ihre
bisherige Vereinigung verlassen und sich aufs neue verbinden. In diesem
Fahrenlassen und Ergreifen, in diesem Fliehen und Suchen glaubt man wirklich
eine hhere Bestimmung zu sehen; man traut solchen Wesen eine Art von Wollen und
Whlen zu und hlt das Kunstwort Wahlverwandtschaften fr vollkommen
gerechtfertigt.
    Beschreiben Sie mir einen solchen Fall! sagte Charlotte.
    Man sollte dergleichen, versetzte der Hauptmann, nicht mit Worten abtun.
Wie schon gesagt: sobald ich Ihnen die Versuche selbst zeigen kann, wird alles
anschaulicher und angenehmer werden. Jetzt mte ich Sie mit schrecklichen
Kunstworten hinhalten, die Ihnen doch keine Vorstellung gben. Man mu diese tot
scheinenden und doch zur Ttigkeit innerlich immer bereiten Wesen wirkend vor
seinen Augen sehen, mit Teilnahme schauen, wie sie einander suchen, sich
anziehen, ergreifen, zerstren, verschlingen, aufzehren und sodann aus der
innigsten Verbindung wieder in erneuter, neuer, unerwarteter Gestalt
hervortreten: dann traut man ihnen erst ein ewiges Leben, ja wohl gar Sinn und
Verstand zu, weil wir unsere Sinne kaum gengend fhlen, sie recht zu
beobachten, und unsre Vernunft kaum hinlnglich, sie zu fassen.
    Ich leugne nicht, sagte Eduard, da die seltsamen Kunstwrter demjenigen,
der nicht durch sinnliches Anschauen, durch Begriffe mit ihnen vershnt ist,
beschwerlich, ja lcherlich werden mssen. Doch knnten wir leicht mit
Buchstaben einstweilen das Verhltnis ausdrcken, wovon hier die Rede war.
    Wenn Sie glauben, da es nicht pedantisch aussieht, versetzte der
Hauptmann, so kann ich wohl in der Zeichensprache mich krzlich zusammenfassen.
Denken Sie sich ein A, das mit einem B innig verbunden ist, durch viele Mittel
und durch manche Gewalt nicht von ihm zu trennen; denken Sie sich ein C, das
sich ebenso zu einem D verhlt, bringen Sie nun die beiden Paare in Berhrung: A
wird sich zu D, C zu B werfen, ohne da man sagen kann, wer das andere zuerst
verlassen, wer sich mit dem andern zuerst wieder verbunden habe.
    Nun denn! fiel Eduard ein; bis wir alles dieses mit Augen sehen, wollen
wir diese Formel als Gleichnisrede betrachten, woraus wir uns eine Lehre zum
unmittelbaren Gebrauch ziehen. Du stellst das A vor, Charlotte, und ich dein B;
denn eigentlich hnge ich doch nur von dir ab und folge dir wie dem A das B. Das
C ist ganz deutlich der Kapitn, der mich fr diesmal dir einigermaen entzieht.
Nun ist es billig, da, wenn du nicht ins Unbestimmte entweichen sollst, dir fr
ein D gesorgt werde, und das ist ganz ohne Frage das liebenswrdige Dmchen
Ottilie, gegen deren Annherung du dich nicht lnger verteidigen darfst.
    Gut! versetzte Charlotte. Wenn auch das Beispiel, wie mir scheint, nicht
ganz auf unsern Fall pat, so halte ich es doch fr ein Glck, da wir heute
einmal vllig zusammentreffen und da diese Natur-und Wahlverwandtschaften unter
uns eine vertrauliche Mitteilung beschleunigen. Ich will es also nur gestehen,
da ich seit diesem Nachmittage entschlossen bin, Ottilien zu berufen; denn
meine bisherige treue Beschlieerin und Haushlterin wird abziehen, weil sie
heiratet. Dies wre von meiner Seite und um meinetwillen; was mich um Ottiliens
willen bestimmt, das wirst du uns vorlesen. Ich will dir nicht ins Blatt sehen,
aber freilich ist mir der Inhalt schon bekannt. Doch lies nur, lies! Mit diesen
Worten zog sie einen Brief hervor und reichte ihn Eduarden.

                                Fnftes Kapitel


                             Brief der Vorsteherin

Euer Gnaden werden verzeihen, wenn ich mich heute ganz kurz fasse; denn ich
habe nach vollendeter ffentlicher Prfung dessen, was wir im vergangenen Jahr
an unsern Zglingen geleistet haben, an die smtlichen Eltern und Vorgesetzten
den Verlauf zu melden; auch darf ich wohl kurz sein, weil ich mit wenigem viel
sagen kann. Ihre Frulein Tochter hat sich in jedem Sinne als die Erste
bewiesen. Die beiliegenden Zeugnisse, ihr eigner Brief, der die Beschreibung der
Preise enthlt, die ihr geworden sind, und zugleich das Vergngen ausdrckt, das
sie ber ein so glckliches Gelingen empfindet, wird Ihnen zur Beruhigung, ja
zur Freude gereichen. Die meinige wird dadurch einigermaen gemindert, da ich
voraussehe, wir werden nicht lange mehr Ursache haben, ein so weit
vorgeschrittenes Frauenzimmer bei uns zurckzuhalten. Ich empfehle mich zu
Gnaden und nehme mir die Freiheit, nchstens meine Gedanken ber das, was ich am
vorteilhaftesten fr sie halte, zu erffnen. Von Ottilien schreibt mein
freundlicher Gehlfe.




                               Brief des Gehlfen


Von Ottilien lt mich unsre ehrwrdige Vorsteherin schreiben, teils weil es
ihr, nach ihrer Art zu denken, peinlich wre, dasjenige, was zu melden ist, zu
melden, teils auch, weil sie selbst einer Entschuldigung bedarf, die sie lieber
mir in den Mund legen mag.
    Da ich nur allzuwohl wei, wie wenig die gute Ottilie das zu uern imstande
ist, was in ihr liegt und was sie vermag, so war mir vor der ffentlichen
Prfung einigermaen bange, um so mehr, als berhaupt dabei keine Vorbereitung
mglich ist, und auch, wenn es nach der gewhnlichen Weise sein knnte, Ottilie
auf den Schein nicht vorzubereiten wre. Der Ausgang hat meine Sorge nur zu sehr
gerechtfertigt; sie hat keinen Preis erhalten und ist auch unter denen, die kein
Zeugnis empfangen haben. Was soll ich viel sagen? Im Schreiben hatten andere
kaum so wohlgeformte Buchstaben, doch viel freiere Zge; im Rechnen waren alle
schneller, und an schwierige Aufgaben, welche sie besser lst, kam es bei der
Untersuchung nicht. Im Franzsischen berparlierten und berexponierten sie
manche; in der Geschichte waren ihr Namen und Jahrzahlen nicht gleich bei der
Hand; bei der Geographie vermite man Aufmerksamkeit auf die politische
Einteilung. Zum musikalischen Vortrag ihrer wenigen bescheidenen Melodien fand
sich weder Zeit noch Ruhe. Im Zeichnen htte sie gewi den Preis davongetragen;
ihre Umrisse waren rein und die Ausfhrung bei vieler Sorgfalt geistreich.
Leider hatte sie etwas zu Groes unternommen und war nicht fertig geworden.
    Als die Schlerinnen abgetreten waren, die Prfenden zusammen Rat hielten
und uns Lehrern wenigstens einiges Wort dabei gnnten, merkte ich wohl bald, da
von Ottilien gar nicht und, wenn es geschah, wo nicht mit Mibilligung, doch mit
Gleichgltigkeit gesprochen wurde. Ich hoffte, durch eine offne Darstellung
ihrer Art zu sein einige Gunst zu erregen, und wagte mich daran mit doppeltem
Eifer, einmal, weil ich nach meiner berzeugung sprechen konnte, und sodann,
weil ich mich in jngeren Jahren in eben demselben traurigen Fall befunden
hatte. Man hrte mich mit Aufmerksamkeit an; doch als ich geendigt hatte, sagte
mir der vorsitzende Prfende zwar freundlich, aber lakonisch: Fhigkeiten werden
vorausgesetzt, sie sollen zu Fertigkeiten werden. Dies ist der Zweck aller
Erziehung, dies ist die laute, deutliche Absicht der Eltern und Vorgesetzten,
die stille, nur halb bewute der Kinder selbst. Dies ist auch der Gegenstand der
Prfung, wobei zugleich Lehrer und Schler beurteilt werden. Aus dem, was wir
von Ihnen vernehmen, schpfen wir gute Hoffnung von dem Kinde, und Sie sind
allerdings lobenswrdig, indem Sie auf die Fhigkeiten der Schlerinnen genau
achtgeben. Verwandeln Sie solche bers Jahr in Fertigkeiten, so wird es Ihnen
und Ihrer begnstigten Schlerin nicht an Beifall mangeln.
    In das, was hierauf folgte, hatte ich mich schon ergeben, aber ein noch
bleres nicht befrchtet, das sich bald darauf zutrug. Unsere gute Vorsteherin,
die wie ein guter Hirte auch nicht eins von ihren Schfchen verloren oder, wie
es hier der Fall war, ungeschmckt sehen mchte, konnte, nachdem die Herren sich
entfernt hatten, ihren Unwillen nicht bergen und sagte zu Ottilien, die ganz
ruhig, indem die andern sich ber ihre Preise freuten, am Fenster stand: Aber
sagen Sie mir, um's Himmels willen! wie kann man so dumm aussehen, wenn man es
nicht ist? Ottilie versetzte ganz gelassen: Verzeihen Sie, liebe Mutter, ich
habe gerade heute wieder mein Kopfweh, und ziemlich stark. - Das kann niemand
wissen! versetzte die sonst so teilnehmende Frau und kehrte sich verdrielich
um.
    Nun es ist wahr: niemand kann es wissen; denn Ottilie verndert das Gesicht
nicht, und ich habe auch nicht gesehen, da sie einmal die Hand nach dem Schlafe
zu bewegt htte.
    Das war noch nicht alles. Ihre Frulein Tochter, gndige Frau, sonst lebhaft
und freimtig, war im Gefhl ihres heutigen Triumphs ausgelassen und bermtig.
Sie sprang mit ihren Preisen und Zeugnissen in den Zimmern herum und schttelte
sie auch Ottilien vor dem Gesicht. Du bist heute schlecht gefahren! rief sie
aus. Ganz gelassen antwortete Ottilie: Es ist noch nicht der letzte Prfungstag.
- Und doch wirst du immer die Letzte bleiben! rief das Frulein und sprang
hinweg.
    Ottilie schien gelassen fr jeden andern, nur nicht fr mich. Eine innere,
unangenehme, lebhafte Bewegung, der sie widersteht, zeigt sich durch eine
ungleiche Farbe des Gesichts. Die linke Wange wird auf einen Augenblick rot,
indem die rechte bleich wird. Ich sah dies Zeichen, und meine Teilnehmung konnte
sich nicht zurckhalten. Ich fhrte unsre Vorsteherin beiseite, sprach ernsthaft
mit ihr ber die Sache. Die treffliche Frau erkannte ihren Fehler.
    Wir berieten, wir besprachen uns lange, und ohne deshalb weitlufiger zu
sein, will ich Euer Gnaden unsern Beschlu und unsre Bitte vortragen: Ottilien
auf einige Zeit zu sich zu nehmen. Die Grnde werden Sie sich selbst am besten
entfalten. Bestimmen Sie sich hiezu, so sage ich mehr ber die Behandlung des
guten Kindes. Verlt uns dann Ihre Frulein Tochter, wie zu vermuten steht, so
sehen wir Ottilien mit Freuden zurckkehren.
    Noch eins, das ich vielleicht in der Folge vergessen knnte: ich habe nie
gesehen, da Ottilie etwas verlangt oder gar um etwas dringend gebeten htte.
Dagegen kommen Flle, wiewohl selten, da sie etwas abzulehnen sucht, was man
von ihr fordert. Sie tut das mit einer Gebrde, die fr den, der den Sinn davon
gefat hat, unwiderstehlich ist. Sie drckt die flachen Hnde, die sie in die
Hhe hebt, zusammen und fhrt sie gegen die Brust, indem sie sich nur wenig
vorwrts neigt und den dringend Fordernden mit einem solchen Blick ansieht, da
er gern von allem absteht, was er verlangen oder wnschen mchte. Sehen Sie
jemals diese Gebrde, gndige Frau, wie es bei Ihrer Behandlung nicht
wahrscheinlich ist, so gedenken Sie meiner und schonen Ottilien.

Eduard hatte diese Briefe vorgelesen, nicht ohne Lcheln und Kopfschtteln. Auch
konnte es an Bemerkungen ber die Personen und ber die Lage der Sache nicht
fehlen.
    Genug! rief Eduard endlich aus; es ist entschieden, sie kommt! Fr dich
wre gesorgt, meine Liebe, und wir drfen nun auch mit unserm Vorschlag
hervorrcken. Es wird hchst ntig, da ich zu dem Hauptmann auf den rechten
Flgel hinberziehe. Sowohl abends als morgens ist erst die rechte Zeit,
zusammen zu arbeiten. Du erhltst dagegen fr dich und Ottilien auf deiner Seite
den schnsten Raum.
    Charlotte lie sichs gefallen, und Eduard schilderte ihre knftige
Lebensart. Unter andern rief er aus: Es ist doch recht zuvorkommend von der
Nichte, ein wenig Kopfweh auf der linken Seite zu haben; ich habe es manchmal
auf der rechten. Trifft es zusammen und wir sitzen gegeneinander, ich auf den
rechten Ellbogen, sie auf den linken gesttzt und die Kpfe nach verschiedenen
Seiten in die Hand gelegt, so mu das ein Paar artige Gegenbilder geben.
    Der Hauptmann wollte das gefhrlich finden. Eduard hingegen rief aus:
Nehmen Sie sich nur, lieber Freund, vor dem D in acht! Was sollte B denn
anfangen, wenn ihm C entrissen wrde?
    Nun, ich dchte doch, versetzte Charlotte, das verstnde sich von
selbst.
    Freilich, rief Eduard; es kehrte zu seinem A zurck, zu seinem A und O!
rief er, indem er aufsprang und Charlotten fest an seine Brust drckte.

                                Sechstes Kapitel


Ein Wagen, der Ottilien brachte, war angefahren. Charlotte ging ihr entgegen;
das liebe Kind eilte, sich ihr zu nhern, warf sich ihr zu Fen und umfate
ihre Kniee.
    Wozu die Demtigung! sagte Charlotte, die einigermaen verlegen war und
sie aufheben wollte. Es ist so demtig nicht gemeint, versetzte Ottilie, die
in ihrer vorigen Stellung blieb. Ich mag mich nur so gern jener Zeit erinnern,
da ich noch nicht hher reichte als bis an Ihre Kniee und Ihrer Liebe schon so
gewi war.
    Sie stand auf, und Charlotte umarmte sie herzlich. Sie ward den Mnnern
vorgestellt und gleich mit besonderer Achtung als Gast behandelt. Schnheit ist
berall ein gar willkommener Gast. Sie schien aufmerksam auf das Gesprch, ohne
da sie daran teilgenommen htte.
    Den andern Morgen sagte Eduard zu Charlotten: Es ist ein angenehmes,
unterhaltendes Mdchen.
    Unterhaltend? versetzte Charlotte mit Lcheln; sie hat ja den Mund noch
nicht aufgetan.
    So? erwiderte Eduard, indem er sich zu besinnen schien, das wre doch
wunderbar!
    Charlotte gab dem neuen Ankmmling nur wenig Winke, wie es mit dem
Hausgeschfte zu halten sei. Ottilie hatte schnell die ganze Ordnung eingesehen,
ja, was noch mehr ist, empfunden. Was sie fr alle, fr einen jeden insbesondre
zu besorgen hatte, begriff sie leicht. Alles geschah pnktlich. Sie wute
anzuordnen, ohne da sie zu befehlen schien, und wo jemand sumte, verrichtete
sie das Geschft gleich selbst.
    Sobald sie gewahr wurde, wieviel Zeit ihr brigblieb, bat sie Charlotten,
ihre Stunden einteilen zu drfen, die nun genau beobachtet wurden. Sie arbeitete
das Vorgesetzte auf eine Art, von der Charlotte durch den Gehlfen unterrichtet
war. Man lie sie gewhren. Nur zuweilen suchte Charlotte sie anzuregen. So
schob sie ihr manchmal abgeschriebene Federn unter, um sie auf einen freieren
Zug der Handschrift zu leiten; aber auch diese waren bald wieder scharf
geschnitten.
    Die Frauenzimmer hatten untereinander festgesetzt, franzsisch zu reden,
wenn sie allein wren, und Charlotte beharrte um so mehr dabei, als Ottilie
gesprchiger in der fremden Sprache war, indem man ihr die bung derselben zur
Pflicht gemacht hatte. Hier sagte sie oft mehr, als sie zu wollen schien.
Besonders ergetzte sich Charlotte an einer zuflligen, zwar genauen, aber doch
liebevollen Schilderung der ganzen Pensionsanstalt. Ottilie ward ihr eine liebe
Gesellschafterin, und sie hoffte, dereinst an ihr eine zuverlssige Freundin zu
finden.
    Charlotte nahm indes die lteren Papiere wieder vor, die sich auf Ottilien
bezogen, um sich in Erinnerung zu bringen, was die Vorsteherin, was der Gehlfe
ber das gute Kind geurteilt, um es mit ihrer Persnlichkeit selbst zu
vergleichen. Denn Charlotte war der Meinung, man knne nicht geschwind genug mit
dem Charakter der Menschen bekannt werden, mit denen man zu leben hat, um zu
wissen, was sich von ihnen erwarten, was sich an ihnen bilden lt, oder was man
ihnen ein fr allemal zugestehen und verzeihen mu.
    Sie fand zwar bei dieser Untersuchung nichts Neues, aber manches Bekannte
ward ihr bedeutender und auffallender. So konnte ihr zum Beispiel Ottiliens
Migkeit im Essen und Trinken wirklich Sorge machen.
    Das Nchste, was die Frauen beschftigte, war der Anzug. Charlotte verlangte
von Ottilien, sie solle in Kleidern reicher und mehr ausgesucht erscheinen.
Sogleich schnitt das gute, ttige Kind die ihr frher geschenkten Stoffe selbst
zu und wute sie sich mit geringer Beihlfe anderer schnell und hchst zierlich
anzupassen. Die neuen, modischen Gewnder erhhten ihre Gestalt; denn indem das
Angenehme einer Person sich auch ber ihre Hlle verbreitet, so glaubt man sie
immer wieder von neuem und anmutiger zu sehen, wenn sie ihre Eigenschaften einer
neuen Umgebung mitteilt.
    Dadurch ward sie den Mnnern, wie von Anfang so immer mehr, da wir es nur
mit dem rechten Namen nennen, ein wahrer Augentrost. Denn wenn der Smaragd durch
seine herrliche Farbe dem Gesicht wohltut, ja sogar einige Heilkraft an diesem
edlen Sinn ausbt, so wirkt die menschliche Schnheit noch mit weit grerer
Gewalt auf den uern und innern Sinn. Wer sie erblickt, den kann nichts bles
anwehen; er fhlt sich mit sich selbst und mit der Welt in bereinstimmung.
    Auf manche Weise hatte daher die Gesellschaft durch Ottiliens Ankunft
gewonnen. Die beiden Freunde hielten regelmiger die Stunden, ja die Minuten
der Zusammenknfte. Sie lieen weder zum Essen, noch zum Tee, noch zum
Spaziergang lnger als billig auf sich warten. Sie eilten, besonders abends,
nicht so bald von Tische weg. Charlotte bemerkte das wohl und lie beide nicht
unbeobachtet. Sie suchte zu erforschen, ob einer vor dem andern hiezu den Anla
gbe; aber sie konnte keinen Unterschied bemerken. Beide zeigten sich berhaupt
geselliger. Bei ihren Unterhaltungen schienen sie zu bedenken, was Ottiliens
Teilnahme zu erregen geeignet sein mchte, was ihren Einsichten, ihren brigen
Kenntnissen gem wre. Beim Lesen und Erzhlen hielten sie inne, bis sie
wiederkam. Sie wurden milder und im ganzen mitteilender.
    In Erwiderung dagegen wuchs die Dienstbeflissenheit Ottiliens mit jedem
Tage. Je mehr sie das Haus, die Menschen, die Verhltnisse kennenlernte, desto
lebhafter griff sie ein, desto schneller verstand sie jeden Blick, jede
Bewegung, ein halbes Wort, einen Laut. Ihre ruhige Aufmerksamkeit blieb sich
immer gleich, so wie ihre gelassene Regsamkeit. Und so war ihr Sitzen,
Aufstehen, Gehen, Kommen, Holen, Bringen, Wiederniedersitzen ohne einen Schein
von Unruhe, ein ewiger Wechsel, eine ewige angenehme Bewegung. Dazu kam, da man
sie nicht gehen hrte; so leise trat sie auf.
    Diese anstndige Dienstfertigkeit Ottiliens machte Charlotten viele Freude.
Ein einziges, was ihr nicht ganz angemessen vorkam, verbarg sie Ottilien nicht.
Es gehrt, sagte sie eines Tages zu ihr, unter die lobenswrdigen
Aufmerksamkeiten, da wir uns schnell bcken, wenn jemand etwas aus der Hand
fallen lt, und es eilig aufzuheben suchen. Wir bekennen uns dadurch ihm
gleichsam dienstpflichtig; nur ist in der grern Welt dabei zu bedenken, wem
man eine solche Ergebenheit bezeigt. Gegen Frauen will ich dir darber keine
Gesetze vorschreiben. Du bist jung. Gegen Hhere und ltere ist es Schuldigkeit,
gegen deinesgleichen Artigkeit, gegen Jngere und Niedere zeigt man sich dadurch
menschlich und gut; nur will es einem Frauenzimmer nicht wohl geziemen, sich
Mnnern auf diese Weise ergeben und dienstbar zu bezeigen.
    Ich will es mir abzugewhnen suchen, versetzte Ottilie. Indessen werden
Sie mir diese Unschicklichkeit vergeben, wenn ich Ihnen sage, wie ich dazu
gekommen bin. Man hat uns die Geschichte gelehrt; ich habe nicht soviel daraus
behalten, als ich wohl gesollt htte; denn ich wute nicht, wozu ichs brauchen
wrde. Nur einzelne Begebenheiten sind mir sehr eindrcklich gewesen, so
folgende:
    Als Karl der Erste von England vor seinen sogenannten Richtern stand, fiel
der goldne Knopf des Stckchens, das er trug, herunter. Gewohnt, da bei solchen
Gelegenheiten sich alles fr ihn bemhte, schien er sich umzusehen und zu
erwarten, da ihm jemand auch diesmal den kleinen Dienst erzeigen sollte. Es
regte sich niemand; er bckte sich selbst, um den Knopf aufzuheben. Mir kam das
so schmerzlich vor, ich wei nicht, ob mit Recht, da ich von jenem Augenblick
an niemanden kann etwas aus den Hnden fallen sehn, ohne mich darnach zu bcken.
Da es aber freilich nicht immer schicklich sein mag und ich, fuhr sie lchelnd
fort, nicht jederzeit meine Geschichte erzhlen kann, so will ich mich knftig
mehr zurckhalten.
    Indessen hatten die guten Anstalten, zu denen sich die beiden Freunde
berufen fhlten, ununterbrochenen Fortgang. Ja tglich fanden sie neuen Anla,
etwas zu bedenken und zu unternehmen.
    Als sie eines Tages zusammen durch das Dorf gingen, bemerkten sie mifllig,
wie weit es an Ordnung und Reinlichkeit hinter jenen Drfern zurckstehe, wo die
Bewohner durch die Kostbarkeit des Raums auf beides hingewiesen werden.
    Du erinnerst dich, sagte der Hauptmann, wie wir auf unserer Reise durch
die Schweiz den Wunsch uerten, eine lndliche sogenannte Parkanlage recht
eigentlich zu verschnern, indem wir ein so gelegenes Dorf nicht zur Schweizer
Bauart, sondern zur Schweizer Ordnung und Sauberkeit, welche die Benutzung so
sehr befrdern, einrichteten.
    Hier zum Beispiel, versetzte Eduard, ginge das wohl an. Der Schloberg
verluft sich in einen vorspringenden Winkel herunter; das Dorf ist ziemlich
regelmig im Halbzirkel gegenber gebaut; dazwischen fliet der Bach, gegen
dessen Anschwellen sich der eine mit Steinen, der andere mit Pfhlen, wieder
einer mit Balken und der Nachbar sodann mit Planken verwahren will, keiner aber
den andern frdert, vielmehr sich und den brigen Schaden und Nachteil bringt.
So geht der Weg auch in ungeschickter Bewegung bald herauf, bald herab, bald
durchs Wasser, bald ber Steine. Wollten die Leute mit Hand anlegen, so wrde
kein groer Zuschu ntig sein, um hier eine Mauer im Halbkreis aufzufhren, den
Weg dahinter bis an die Huser zu erhhen, den schnsten Raum herzustellen, der
Reinlichkeit Platz zu geben und durch eine ins Groe gehende Anstalt alle
kleine, unzulngliche Sorge auf einmal zu verbannen.
    La es uns versuchen! sagte der Hauptmann, indem er die Lage mit den Augen
berlief und schnell beurteilte.
    Ich mag mit Brgern und Bauern nichts zu tun haben, wenn ich ihnen nicht
geradezu befehlen kann, versetzte Eduard.
    Du hast so unrecht nicht, erwiderte der Hauptmann; denn auch mir machten
dergleichen Geschfte im Leben schon viel Verdru. Wie schwer ist es, da der
Mensch recht abwge, was man aufopfern mu gegen das, was zu gewinnen ist, wie
schwer, den Zweck zu wollen und die Mittel nicht zu verschmhen! Viele
verwechseln gar die Mittel und den Zweck, erfreuen sich an jenen, ohne diesen im
Auge zu behalten. Jedes bel soll an der Stelle geheilt werden, wo es zum
Vorschein kommt, und man bekmmert sich nicht um jenen Punkt, wo es eigentlich
seinen Ursprung nimmt, woher es wirkt. Deswegen ist es so schwer, Rat zu
pflegen, besonders mit der Menge, die im Tglichen ganz verstndig ist, aber
selten weiter sieht als auf morgen. Kommt nun gar dazu, da der eine bei einer
gemeinsamen Anstalt gewinnen, der andre verlieren soll, da ist mit Vergleich nun
gar nichts auszurichten. Alles eigentlich gemeinsame Gute mu durch das
unumschrnkte Majesttsrecht gefrdert werden.
    Indem sie standen und sprachen, bettelte sie ein Mensch an, der mehr frech
als bedrftig aussah. Eduard, ungern unterbrochen und beunruhigt, schalt ihn,
nachdem er ihn einigemal vergebens gelassener abgewiesen hatte. Als aber der
Kerl sich murrend, ja gegenscheltend mit kleinen Schritten entfernte, auf die
Rechte des Bettlers trotzte, dem man wohl ein Almosen versagen, ihn aber nicht
beleidigen drfe, weil er so gut wie jeder andere unter dem Schutze Gottes und
der Obrigkeit stehe, kam Eduard ganz aus der Fassung.
    Der Hauptmann, ihn zu begtigen, sagte darauf: La uns diesen Vorfall als
eine Aufforderung annehmen, unsere lndliche Polizei auch hierber zu
erstrecken! Almosen mu man einmal geben; man tut aber besser, wenn man sie
nicht selbst gibt, besonders zu Hause. Da sollte man mig und gleichfrmig in
allem sein, auch im Wohltun. Eine allzu reichliche Gabe lockt Bettler herbei,
anstatt sie abzufertigen, dagegen man wohl auf der Reise, im Vorbeifliegen,
einem Armen an der Strae in der Gestalt des zuflligen Glcks erscheinen und
ihm eine berraschende Gabe zuwerfen mag. Uns macht die Lage des Dorfes, des
Schlosses eine solche Anstalt sehr leicht; ich habe schon frher darber
nachgedacht.
    An dem einen Ende des Dorfes liegt das Wirtshaus, an dem andern wohnen ein
Paar alte, gute Leute; an beiden Orten mut du eine kleine Geldsumme
niederlegen. Nicht der ins Dorf Hereingehende, sondern der Hinausgehende erhlt
etwas; und da die beiden Huser zugleich an den Wegen stehen, die auf das Schlo
fhren, so wird auch alles, was sich hinaufwenden wollte, an die beiden Stellen
gewiesen.
    Komm, sagte Eduard, wir wollen das gleich abmachen; das Genauere knnen
wir immer noch nachholen.
    Sie gingen zum Wirt und zu dem alten Paare, und die Sache war abgetan.
    Ich wei recht gut, sagte Eduard, indem sie zusammen den Schloberg wieder
hinaufstiegen, da alles in der Welt ankommt auf einen gescheiten Einfall und
auf einen festen Entschlu. So hast du die Parkanlagen meiner Frau sehr richtig
beurteilt und mir auch schon einen Wink zum Bessern gegeben, den ich ihr, wie
ich gar nicht leugnen will, sogleich mitgeteilt habe.
    Ich konnte es vermuten, versetzte der Hauptmann, aber nicht billigen. Du
hast sie irregemacht; sie lt alles liegen und trutzt in dieser einzigen Sache
mit uns; denn sie vermeidet davon zu reden und hat uns nicht wieder zur
Mooshtte eingeladen, ob sie gleich mit Ottilien in den Zwischenstunden
hinaufgeht.
    Dadurch mssen wir uns, versetzte Eduard, nicht abschrecken lassen. Wenn
ich von etwas Gutem berzeugt bin, was geschehen knnte und sollte, so habe ich
keine Ruhe, bis ich es getan sehe. Sind wir doch sonst klug, etwas einzuleiten!
La uns die englischen Parkbeschreibungen mit Kupfern zur Abendunterhaltung
vornehmen, nachher deine Gutskarte! Man mu es erst problematisch und nur wie
zum Scherz behandeln; der Ernst wird sich schon finden.
    Nach dieser Verabredung wurden die Bcher aufgeschlagen, worin man jedesmal
den Grundri der Gegend und ihre landschaftliche Ansicht in ihrem ersten, rohen
Naturzustande gezeichnet sah, sodann auf andern Blttern die Vernderung
vorgestellt fand, welche die Kunst daran vorgenommen, um alles das bestehende
Gute zu nutzen und zu steigern. Hievon war der bergang zur eigenen Besitzung,
zur eignen Umgebung und zu dem, was man daran ausbilden knnte, sehr leicht.
    Die von dem Hauptmann entworfene Karte zum Grunde zu legen, war nunmehr eine
angenehme Beschftigung; nur konnte man sich von jener ersten Vorstellung, nach
der Charlotte die Sache einmal angefangen hatte, nicht ganz losreien. Doch
erfand man einen leichtern Aufgang auf die Hhe; man wollte oberwrts am Abhange
vor einem angenehmen Hlzchen ein Lustgebude auffhren; dieses sollte einen
Bezug aufs Schlo haben; aus den Schlofenstern sollte man es bersehen, von
dorther Schlo und Grten wieder bestreichen knnen.
    Der Hauptmann hatte alles wohl berlegt und gemessen und brachte jenen
Dorfweg, jene Mauer am Bache her, jene Ausfllung wieder zur Sprache. Ich
gewinne, sagte er, indem ich einen bequemen Weg zur Anhhe hinauffhre, gerade
soviel Steine, als ich zu jener Mauer bedarf. Sobald eins ins andre greift, wird
beides wohlfeiler und geschwinder bewerkstelligt.
    Nun aber, sagte Charlotte, kommt meine Sorge. Notwendig mu etwas
Bestimmtes ausgesetzt werden; und wenn man wei, wieviel zu einer solchen Anlage
erforderlich ist, dann teilt man es ein, wo nicht auf Wochen, doch wenigstens
auf Monate. Die Kasse ist unter meinem Beschlu; ich zahle die Zettel, und die
Rechnung fhre ich selbst.
    Du scheinst uns nicht sonderlich viel zu vertrauen, sagte Eduard.
    Nicht viel in willkrlichen Dingen, versetzte Charlotte. Die Willkr
wissen wir besser zu beherrschen als ihr.
    Die Einrichtung war gemacht, die Arbeit rasch angefangen, der Hauptmann
immer gegenwrtig und Charlotte nunmehr fast tglich Zeuge seines ernsten und
bestimmten Sinnes. Auch er lernte sie nher kennen, und beiden wurde es leicht,
zusammen zu wirken und etwas zustande zu bringen.
    Es ist mit den Geschften wie mit dem Tanze: Personen, die gleichen Schritt
halten, mssen sich unentbehrlich werden, ein wechselseitiges Wohlwollen mu
notwendig daraus entspringen, und da Charlotte dem Hauptmann, seitdem sie ihn
nher kennengelernt, wirklich wohlwollte, davon war ein sicherer Beweis, da sie
ihn einen schnen Ruheplatz, den sie bei ihren ersten Anlagen besonders
ausgesucht und verziert hatte, der aber seinem Plane entgegenstand, ganz
gelassen zerstren lie, ohne auch nur die mindeste unangenehme Empfindung dabei
zu haben.

                               Siebentes Kapitel


Indem nun Charlotte mit dem Hauptmann eine gemeinsame Beschftigung fand, so war
die Folge, da sich Eduard mehr zu Ottilien gesellte. Fr sie sprach ohnehin
seit einiger Zeit eine stille, freundliche Neigung in seinem Herzen. Gegen
jedermann war sie dienstfertig und zuvorkommend; da sie es gegen ihn am meisten
sei, das wollte seiner Selbstliebe scheinen. Nun war keine Frage: was fr
Speisen und wie er sie liebte, hatte sie schon genau bemerkt; wieviel er Zucker
zum Tee zu nehmen pflegte und was dergleichen mehr ist, entging ihr nicht.
Besonders war sie sorgfltig, alle Zugluft abzuwehren, gegen die er eine
bertriebene Empfindlichkeit zeigte und deshalb mit seiner Frau, der es nicht
luftig genug sein konnte, manchmal in Widerspruch geriet. Ebenso wute sie im
Baum- und Blumengarten Bescheid. Was er wnschte, suchte sie zu befrdern, was
ihn ungeduldig machen konnte, zu verhten, dergestalt da sie in kurzem wie ein
freundlicher Schutzgeist ihm unentbehrlich ward und er anfing, ihre Abwesenheit
schon peinlich zu empfinden. Hiezu kam noch, da sie gesprchiger und offener
schien, sobald sie sich allein trafen.
    Eduard hatte bei zunehmenden Jahren immer etwas Kindliches behalten, das der
Jugend Ottiliens besonders zusagte. Sie erinnerten sich gern frherer Zeiten, wo
sie einander gesehen; es stiegen diese Erinnerungen bis in die ersten Epochen
der Neigung Eduards zu Charlotten. Ottilie wollte sich der beiden noch als des
schnsten Hofpaares erinnern; und wenn Eduard ihr ein solches Gedchtnis aus
ganz frher Jugend absprach, so behauptete sie doch, besonders einen Fall noch
vollkommen gegenwrtig zu haben, wie sie sich einmal bei seinem Hereintreten in
Charlottens Scho versteckt, nicht aus Furcht, sondern aus kindischer
berraschung. Sie htte dazusetzen knnen: weil er so lebhaften Eindruck auf sie
gemacht, weil er ihr gar so wohl gefallen.
    Bei solchen Verhltnissen waren manche Geschfte, welche die beiden Freunde
zusammen frher vorgenommen, gewissermaen in Stocken geraten, so da sie fr
ntig fanden, sich wieder eine bersicht zu verschaffen, einige Aufstze zu
entwerfen, Briefe zu schreiben. Sie bestellten sich deshalb auf ihre Kanzlei, wo
sie den alten Kopisten mig fanden. Sie gingen an die Arbeit und gaben ihm bald
zu tun, ohne zu bemerken, da sie ihm manches aufbrdeten, was sie sonst selbst
zu verrichten gewohnt waren. Gleich der erste Aufsatz wollte dem Hauptmann,
gleich der erste Brief Eduarden nicht gelingen. Sie qulten sich eine Zeitlang
mit Konzipieren und Umschreiben, bis endlich Eduard, dem es am wenigsten
vonstatten ging, nach der Zeit fragte.
    Da zeigte sich denn, da der Hauptmann vergessen hatte, seine
chronometrische Sekundenuhr aufzuziehen, das erstemal seit vielen Jahren; und
sie schienen, wo nicht zu empfinden, doch zu ahnen, da die Zeit anfange, ihnen
gleichgltig zu werden.
    Indem so die Mnner einigermaen in ihrer Geschftigkeit nachlieen, wuchs
vielmehr die Ttigkeit der Frauen. berhaupt nimmt die gewhnliche Lebensweise
einer Familie, die aus den gegebenen Personen und aus notwendigen Umstnden
entspringt, auch wohl eine auerordentliche Neigung, eine werdende Leidenschaft
in sich wie ein Gef auf, und es kann eine ziemliche Zeit vergehen, ehe dieses
neue Ingrediens eine merkliche Grung verursacht und schumend ber den Rand
schwillt.
    Bei unsern Freunden waren die entstehenden wechselseitigen Neigungen von der
angenehmsten Wirkung. Die Gemter ffneten sich, und ein allgemeines Wohlwollen
entsprang aus dem besonderen. Jeder Teil fhlte sich glcklich und gnnte dem
andern sein Glck.
    Ein solcher Zustand erhebt den Geist, indem er das Herz erweitert, und
alles, was man tut und vornimmt, hat eine Richtung gegen das Unermeliche. So
waren auch die Freunde nicht mehr in ihrer Wohnung befangen. Ihre Spaziergnge
dehnten sich weiter aus, und wenn dabei Eduard mit Ottilien, die Pfade zu
whlen, die Wege zu bahnen, vorauseilte, so folgte der Hauptmann mit Charlotten
in bedeutender Unterhaltung, teilnehmend an manchem neuentdeckten Pltzchen, an
mancher unerwarteten Aussicht, geruhig der Spur jener rascheren Vorgnger.
    Eines Tages leitete sie ihr Spaziergang durch die Schlopforte des rechten
Flgels hinunter nach dem Gasthofe, ber die Brcke gegen die Teiche zu, an
denen sie hingingen, soweit man gewhnlich das Wasser verfolgte, dessen Ufer
sodann, von einem buschigen Hgel und weiterhin von Felsen eingeschlossen,
aufhrte, gangbar zu sein.
    Aber Eduard, dem von seinen Jagdwanderungen her die Gegend bekannt war,
drang mit Ottilien auf einem bewachsenen Pfade weiter vor, wohl wissend, da die
alte, zwischen Felsen versteckte Mhle nicht weit abliegen konnte. Allein der
wenig betretene Pfad verlor sich bald, und sie fanden sich im dichten Gebsch
zwischen moosigem Gestein verirrt, doch nicht lange; denn das Rauschen der Rder
verkndigte ihnen sogleich die Nhe des gesuchten Ortes.
    Auf eine Klippe vorwrts tretend, sahen sie das alte, schwarze, wunderliche
Holzgebude im Grunde vor sich, von steilen Felsen sowie von hohen Bumen
umschattet. Sie entschlossen sich kurz und gut, ber Moos und Felstrmmer
hinabzusteigen, Eduard voran; und wenn er nun in die Hhe sah und Ottilie leicht
schreitend, ohne Furcht und ngstlichkeit, im schnsten Gleichgewicht von Stein
zu Stein ihm folgte, glaubte er ein himmlisches Wesen zu sehen, das ber ihm
schwebte. Und wenn sie nun manchmal an unsicherer Stelle seine ausgestreckte
Hand ergriff, ja sich auf seine Schulter sttzte, dann konnte er sich nicht
verleugnen, da es das zarteste weibliche Wesen sei, das ihn berhrte. Fast
htte er gewnscht, sie mchte straucheln, gleiten, da er sie in seine Arme
auffangen, sie an sein Herz drcken knnte. Doch dies htte er unter keiner
Bedingung getan, aus mehr als einer Ursache: er frchtete sie zu beleidigen, sie
zu beschdigen.
    Wie dies gemeint sei, erfahren wir sogleich. Denn als er nun herabgelangt,
ihr unter den hohen Bumen am lndlichen Tische gegenbersa, die freundliche
Mllerin nach Milch, der bewillkommende Mller Charlotten und dem Hauptmann
entgegen gesandt war, fing Eduard mit einigem Zaudern zu sprechen an:
    Ich habe eine Bitte, liebe Ottilie; verzeihen Sie mir die, wenn Sie mir sie
auch versagen! Sie machen kein Geheimnis daraus, und es braucht es auch nicht,
da Sie unter Ihrem Gewand, auf Ihrer Brust ein Miniaturbild tragen. Es ist das
Bild Ihres Vaters, des braven Mannes, den Sie kaum gekannt und der in jedem
Sinne eine Stelle an Ihrem Herzen verdient. Aber vergeben Sie mir: das Bild ist
ungeschickt gro, und dieses Metall, dieses Glas macht mir tausend ngste, wenn
Sie ein Kind in die Hhe heben, etwas vor sich hintragen, wenn die Kutsche
schwankt, wenn wir durchs Gebsch dringen, eben jetzt, wie wir vom Felsen
herabstiegen. Mir ist die Mglichkeit schrecklich, da irgendein unvorgesehener
Sto, ein Fall, eine Berhrung Ihnen schdlich und verderblich sein knnte. Tun
Sie es mir zuliebe, entfernen Sie das Bild, nicht aus Ihrem Andenken, nicht aus
Ihrem Zimmer; ja geben Sie ihm den schnsten, den heiligsten Ort Ihrer Wohnung;
nur von Ihrer Brust entfernen Sie etwas, dessen Nhe mir, vielleicht aus
bertriebener ngstlichkeit, so gefhrlich scheint!
    Ottilie schwieg und hatte, whrend er sprach, vor sich hingesehen; dann,
ohne bereilung und ohne Zaudern, mit einem Blick mehr gen Himmel als auf Eduard
gewendet, lste sie die Kette, zog das Bild hervor, drckte es gegen ihre Stirn
und reichte es dem Freunde hin mit den Worten: Heben Sie mir es auf, bis wir
nach Hause kommen! Ich vermag Ihnen nicht besser zu bezeugen, wie sehr ich Ihre
freundliche Sorgfalt zu schtzen wei.
    Der Freund wagte nicht, das Bild an seine Lippen zu drcken, aber er fate
ihre Hand und drckte sie an seine Augen. Es waren vielleicht die zwei schnsten
Hnde, die sich jemals zusammenschlossen. Ihm war, als wenn ihm ein Stein vom
Herzen gefallen wre, als wenn sich eine Scheidewand zwischen ihm und Ottilien
niedergelegt htte.
    Vom Mller gefhrt, langten Charlotte und der Hauptmann auf einem bequemeren
Pfade herunter. Man begrte sich, man erfreute und erquickte sich. Zurck
wollte man denselben Weg nicht kehren, und Eduard schlug einen Felspfad auf der
andern Seite des Baches vor, auf welchem die Teiche wieder zu Gesicht kamen,
indem man ihn mit einiger Anstrengung zurcklegte. Nun durchstrich man
abwechselndes Gehlz und erblickte nach dem Lande zu mancherlei Drfer, Flecken,
Meiereien mit ihren grnen und fruchtbaren Umgebungen; zunchst ein Vorwerk, das
an der Hhe mitten im Holze gar vertraulich lag. Am schnsten zeigte sich der
grte Reichtum der Gegend, vor- und rckwrts, auf der sanfterstiegenen Hhe,
von da man zu einem lustigen Wldchen gelangte und beim Heraustreten aus
demselben sich auf dem Felsen dem Schlosse gegenber befand.
    Wie froh waren sie, als sie daselbst gewissermaen unvermutet ankamen! Sie
hatten eine kleine Welt umgangen; sie standen auf dem Platze, wo das neue
Gebude hinkommen sollte, und sahen wieder in die Fenster ihrer Wohnung.
    Man stieg zur Mooshtte hinunter und sa zum erstenmal darin zu vieren.
Nichts war natrlicher, als da einstimmig der Wunsch ausgesprochen wurde,
dieser heutige Weg, den sie langsam und nicht ohne Beschwerlichkeit gemacht,
mchte dergestalt gefhrt und eingerichtet werden, da man ihn gesellig,
schlendernd und mit Behaglichkeit zurcklegen knnte. Jedes tat Vorschlge, und
man berechnete, da der Weg, zu welchem sie mehrere Stunden gebraucht hatten,
wohlgebahnt in einer Stunde zum Schlo zurckfhren mte. Schon legte man in
Gedanken unterhalb der Mhle, wo der Bach in die Teiche fliet, eine
wegverkrzende und die Landschaft zierende Brcke an, als Charlotte der
erfindenden Einbildungskraft einigen Stillstand gebot, indem sie an die Kosten
erinnerte, welche zu einem solchen Unternehmen erforderlich sein wrden.
    Hier ist auch zu helfen, versetzte Eduard. Jenes Vorwerk im Walde, das so
schn zu liegen scheint und so wenig eintrgt, drfen wir nur veruern und das
daraus Gelste zu diesen Anlagen verwenden, so genieen wir vergnglich auf
einem unschtzbaren Spaziergange die Interessen eines wohlangelegten Kapitals,
da wir jetzt mit Mimut, bei letzter Berechnung am Schlusse des Jahrs, eine
kmmerliche Einnahme davon ziehen.
    Charlotte selbst konnte als gute Haushlterin nicht viel dagegen erinnern.
Die Sache war schon frher zur Sprache gekommen. Nun wollte der Hauptmann einen
Plan zu Zerschlagung der Grundstcke unter die Waldbauern machen; Eduard aber
wollte krzer und bequemer verfahren wissen. Der gegenwrtige Pachter, der schon
Vorschlge getan hatte, sollte es erhalten, terminweise zahlen, und so
terminweise wollte man die planmigen Anlagen von Strecke zu Strecke vornehmen.
    So eine vernnftige, gemigte Einrichtung mute durchaus Beifall finden,
und schon sah die ganze Gesellschaft im Geiste die neuen Wege sich schlngeln,
auf denen und in deren Nhe man noch die angenehmsten Ruhe- und Aussichtspltze
zu entdecken hoffte.
    Um sich alles mehr im einzelnen zu vergegenwrtigen, nahm man abends zu
Hause sogleich die neue Karte vor. Man bersah den zurckgelegten Weg und wie er
vielleicht an einigen Stellen noch vorteilhafter zu fhren wre. Alle frheren
Vorstze wurden nochmals durchgesprochen und mit den neuesten Gedanken
verbunden, der Platz des neuen Hauses gegen dem Schlo ber nochmals gebilligt
und der Kreislauf der Wege bis dahin abgeschlossen.
    Ottilie hatte zu dem allen geschwiegen, als Eduard zuletzt den Plan, der
bisher vor Charlotten gelegen, vor sie hinwandte und sie zugleich einlud, ihre
Meinung zu sagen, und, als sie einen Augenblick anhielt, sie liebevoll
ermunterte, doch ja nicht zu schweigen; alles sei ja noch gleichgltig, alles
noch im Werden.
    Ich wrde, sagte Ottilie, indem sie den Finger auf die hchste Flche der
Anhhe setzte, das Haus hieher bauen. Man she zwar das Schlo nicht, denn es
wird von dem Wldchen bedeckt; aber man befnde sich auch dafr wie in einer
andern und neuen Welt, indem zugleich das Dorf und alle Wohnungen verborgen
wren. Die Aussicht auf die Teiche, nach der Mhle, auf die Hhen, in die
Gebirge, nach dem Lande zu ist auerordentlich schn; ich habe es im Vorbeigehen
bemerkt.
    Sie hat recht! rief Eduard. Wie konnte uns das nicht einfallen! Nicht
wahr, so ist es gemeint, Ottilie? - Er nahm einen Bleistift und strich ein
lngliches Viereck recht stark und derb auf die Anhhe.
    Dem Hauptmann fuhr das durch die Seele, denn er sah einen sorgfltigen,
reinlich gezeichneten Plan ungern auf diese Weise verunstaltet; doch fate er
sich nach einer leisen Mibilligung und ging auf den Gedanken ein. Ottilie hat
recht, sagte er; macht man nicht gern eine entfernte Spazierfahrt, um einen
Kaffee zu trinken, einen Fisch zu genieen, der uns zu Hause nicht so gut
geschmeckt htte? Wir verlangen Abwechselung und fremde Gegenstnde. Das Schlo
haben die Alten mit Vernunft hieher gebaut denn es liegt geschtzt vor den
Winden und nah an allen tglichen Bedrfnissen; ein Gebude hingegen, mehr zum
geselligen Aufenthalt als zur Wohnung, wird sich dorthin recht wohl schicken und
in der guten Jahrszeit die angenehmsten Stunden gewhren.
    Je mehr man die Sache durchsprach, desto gnstiger erschien sie, und Eduard
konnte seinen Triumph nicht bergen, da Ottilie den Gedanken gehabt. Er war so
stolz darauf, als ob die Erfindung sein gewesen wre.

                                 Achtes Kapitel


Der Hauptmann untersuchte gleich am frhsten Morgen den Platz, entwarf erst
einen flchtigen und, als die Gesellschaft an Ort und Stelle sich nochmals
entschieden hatte, einen genauen Ri nebst Anschlag und allem Erforderlichen. Es
fehlte nicht an der ntigen Vorbereitung. Jenes Geschft wegen Verkauf des
Vorwerks ward auch sogleich wieder angegriffen. Die Mnner fanden zusammen neuen
Anla zur Ttigkeit.
    Der Hauptmann machte Eduarden bemerklich, da es eine Artigkeit, ja wohl gar
eine Schuldigkeit sei, Charlottens Geburtstag durch Legung des Grundsteins zu
feiern. Es bedurfte nicht viel, die alte Abneigung Eduards gegen solche Feste zu
berwinden; denn es kam ihm schnell in den Sinn, Ottiliens Geburtstag, der
spter fiel, gleichfalls recht feierlich zu begehen.
    Charlotte, der die neuen Anlagen, und was deshalb geschehen sollte,
bedeutend, ernstlich, ja fast bedenklich vorkamen, beschftigte sich damit, die
Anschlge, Zeit- und Geldeinteilungen nochmals fr sich durchzugehen. Man sah
sich des Tages weniger, und mit desto mehr Verlangen suchte man sich des Abends
auf.
    Ottilie war indessen schon vllig Herrin des Haushaltes, und wie konnte es
anders sein bei ihrem stillen und sichern Betragen. Auch war ihre ganze
Sinnesweise dem Hause und dem Huslichen mehr als der Welt, mehr als dem Leben
im Freien zugewendet. Eduard bemerkte bald, da sie eigentlich nur aus
Geflligkeit in die Gegend mitging, da sie nur aus geselliger Pflicht abends
lnger drauen verweilte, auch wohl manchmal einen Vorwand huslicher Ttigkeit
suchte, um wieder hineinzugehen. Sehr bald wute er daher die gemeinschaftlichen
Wanderungen so einzurichten, da man vor Sonnenuntergang wieder zu Hause war,
und fing an, was er lange unterlassen hatte, Gedichte vorzulesen, solche
besonders, in deren Vortrag der Ausdruck einer reinen, doch leidenschaftlichen
Liebe zu legen war.
    Gewhnlich saen sie abends um einen kleinen Tisch auf hergebrachten
Pltzen: Charlotte auf dem Sofa, Ottilie auf einem Sessel gegen ihr ber, und
die Mnner nahmen die beiden andern Seiten ein. Ottilie sa zu Eduarden zur
Rechten, wohin er auch das Licht schob, wenn er las. Alsdann rckte sich Ottilie
wohl nher, um ins Buch zu sehen, denn auch sie traute ihren eigenen Augen mehr
als fremden Lippen; und Eduard gleichfalls rckte zu, um es ihr auf alle Weise
bequem zu machen, ja er hielt oft lngere Pausen als ntig, damit er nur nicht
eher umwendete, bis auch sie zu Ende der Seite gekommen.
    Charlotte und der Hauptmann bemerkten es wohl und sahen manchmal einander
lchelnd an; doch wurden beide von einem andern Zeichen berrascht, in welchem
sich Ottiliens stille Neigung gelegentlich offenbarte.
    An einem Abende, welcher der kleinen Gesellschaft durch einen lstigen
Besuch zum Teil verloren gegangen, tat Eduard den Vorschlag, noch beisammen zu
bleiben. Er fhlte sich aufgelegt, seine Flte vorzunehmen, welche lange nicht
an die Tagesordnung gekommen war. Charlotte suchte nach den Sonaten, die sie
zusammen gewhnlich auszufhren pflegten, und da sie nicht zu finden waren,
gestand Ottilie nach einigem Zaudern, da sie solche mit auf ihr Zimmer
genommen.
    Und Sie knnen, Sie wollen mich auf dem Flgel begleiten? rief Eduard, dem
die Augen vor Freude glnzten. Ich glaube wohl, versetzte Ottilie, da es
gehen wird. Sie brachte die Noten herbei und setzte sich ans Klavier. Die
Zuhrenden waren aufmerksam und berrascht, wie vollkommen Ottilie das
Musikstck fr sich selbst eingelernt hatte, aber noch mehr berrascht, wie sie
es der Spielart Eduards anzupassen wute. Anzupassen wute ist nicht der rechte
Ausdruck; denn wenn es von Charlottens Geschicklichkeit und freiem Willen
abhing, ihrem bald zgernden, bald voreilenden Gatten zuliebe hier anzuhalten,
dort mitzugehen, so schien Ottilie, welche die Sonate von jenen einigemal
spielen gehrt, sie nur in dem Sinne eingelernt zu haben, wie jener sie
begleitete. Sie hatte seine Mngel so zu den ihrigen gemacht, da daraus wieder
eine Art von lebendigem Ganzen entsprang, das sich zwar nicht taktgem bewegte,
aber doch hchst angenehm und gefllig lautete. Der Komponist selbst htte seine
Freude daran gehabt, sein Werk auf eine so liebevolle Weise entstellt zu sehen.
    Auch diesem wundersamen, unerwarteten Begegnis sahen der Hauptmann und
Charlotte stillschweigend mit einer Empfindung zu, wie man oft kindische
Handlungen betrachtet, die man wegen ihrer besorglichen Folgen gerade nicht
billigt und doch nicht schelten kann, ja vielleicht beneiden mu. Denn
eigentlich war die Neigung dieser beiden ebensogut im Wachsen als jene, und
vielleicht nur noch gefhrlicher dadurch, da beide ernster, sicherer von sich
selbst, sich zu halten fhiger waren.
    Schon fing der Hauptmann an zu fhlen, da eine unwiderstehliche Gewohnheit
ihn an Charlotten zu fesseln drohte. Er gewann es ber sich, den Stunden
auszuweichen, in denen Charlotte nach den Anlagen zu kommen pflegte, indem er
schon am frhsten Morgen aufstand, alles anordnete und sich dann zur Arbeit auf
seinen Flgel ins Schlo zurckzog. Die ersten Tage hielt es Charlotte fr
zufllig; sie suchte ihn an allen wahrscheinlichen Stellen; dann glaubte sie ihn
zu verstehen und achtete ihn nur um desto mehr.
    Vermied nun der Hauptmann, mit Charlotten allein zu sein, so war er desto
emsiger, zur glnzenden Feier des herannahenden Geburtsfestes die Anlagen zu
betreiben und zu beschleunigen; denn indem er von unten hinauf, hinter dem Dorfe
her, den bequemen Weg fhrte, so lie er, vorgeblich um Steine zu brechen, auch
von oben herunter arbeiten und hatte alles so eingerichtet und berechnet, da
erst in der letzten Nacht die beiden Teile des Weges sich begegnen sollten. Zum
neuen Hause oben war auch schon der Keller mehr gebrochen als gegraben und ein
schner Grundstein mit Fchern und Deckplatten zugehauen.
    Die uere Ttigkeit, diese kleinen, freundlichen, geheimnisvollen Absichten
bei innern, mehr oder weniger zurckgedrngten Empfindungen lieen die
Unterhaltung der Gesellschaft, wenn sie beisammen war, nicht lebhaft werden,
dergestalt da Eduard, der etwas Lckenhaftes empfand, den Hauptmann eines
Abends aufrief, seine Violine hervorzunehmen und Charlotten bei dem Klavier zu
begleiten. Der Hauptmann konnte dem allgemeinen Verlangen nicht widerstehen, und
so fhrten beide mit Empfindung, Behagen und Freiheit eins der schwersten
Musikstcke zusammen auf, da es ihnen und dem zuhrenden Paar zum grten
Vergngen gereichte. Man versprach sich ftere Wiederholung und mehrere
Zusammenbung.
    Sie machen es besser als wir, Ottilie! sagte Eduard. Wir wollen sie
bewundern, aber uns doch zusammen freuen.

                                Neuntes Kapitel


Der Geburtstag war herbeigekommen und alles fertig geworden: die ganze Mauer,
die den Dorfweg gegen das Wasser zu einfate und erhhte, ebenso der Weg an der
Kirche vorbei, wo er eine Zeitlang in dem von Charlotten angelegten Pfade
fortlief, sich dann die Felsen hinaufwrts schlang, die Mooshtte links ber
sich, dann nach einer vlligen Wendung links unter sich lie und so allmhlich
auf die Hhe gelangte.
    Es hatte sich diesen Tag viel Gesellschaft eingefunden. Man ging zur Kirche,
wo man die Gemeinde im festlichen Schmuck versammelt antraf. Nach dem
Gottesdienste zogen die Knaben, Jnglinge und Mnner, wie es angeordnet war,
voraus; dann kam die Herrschaft mit ihrem Besuch und Gefolge; Mdchen,
Jungfrauen und Frauen machten den Beschlu.
    Bei der Wendung des Weges war ein erhhter Felsenplatz eingerichtet; dort
lie der Hauptmann Charlotten und die Gste ausruhen. Hier bersahen sie den
ganzen Weg, die hinaufgeschrittene Mnnerschar, die nachwandelnden Frauen,
welche nun vorbeizogen. Es war bei dem herrlichen Wetter ein wunderschner
Anblick. Charlotte fhlte sich berrascht, gerhrt und drckte dem Hauptmann
herzlich die Hand.
    Man folgte der sachte fortschreitenden Menge, die nun schon einen Kreis um
den knftigen Hausraum gebildet hatte. Der Bauherr, die Seinigen und die
vornehmsten Gste wurden eingeladen, in die Tiefe hinabzusteigen, wo der
Grundstein, an einer Seite untersttzt, eben zum Niederlassen bereit lag. Ein
wohlgeputzter Maurer, die Kelle in der einen, den Hammer in der andern Hand,
hielt in Reimen eine anmutige Rede, die wir in Prosa nur unvollkommen
wiedergeben knnen.
    Drei Dinge, fing er an, sind bei einem Gebude zu beachten: da es am
rechten Fleck stehe, da es wohl gegrndet, da es vollkommen ausgefhrt sei.
Das erste ist eigentlich die Sache des Bauherrn; denn wie in der Stadt nur der
Frst und die Gemeine bestimmen knnen, wohin gebaut werden soll, so ist es auf
dem Lande das Vorrecht des Grundherrn, da er sage: hier soll meine Wohnung
stehen und nirgends anders.
    Eduard und Ottilie wagten nicht, bei diesen Worten einander anzusehen, ob
sie gleich nahe gegen einander ber standen.
    Das dritte, die Vollendung, ist die Sorge gar vieler Gewerke; ja wenige
sind, die nicht dabei beschftigt wren. Aber das zweite, die Grndung, ist des
Maurers Angelegenheit und, da wir es nur keck heraussagen, die
Hauptangelegenheit des ganzen Unternehmens. Es ist ein ernstes Geschft, und
unsre Einladung ist ernsthaft; denn diese Feierlichkeit wird in der Tiefe
begangen. Hier innerhalb dieses engen, ausgegrabenen Raums erweisen Sie uns die
Ehre, als Zeugen unseres geheimnisvollen Geschftes zu erscheinen. Gleich werden
wir diesen wohlzugehauenen Stein niederlegen, und bald werden diese mit schnen
und wrdigen Personen gezierten Erdwnde nicht mehr zugnglich, sie werden
ausgefllt sein.
    Diesen Grundstein, der mit seiner Ecke die rechte Ecke des Gebudes, mit
seiner Rechtwinkligkeit die Regelmigkeit desselben, mit seiner wasser- und
senkrechten Lage Lot und Waage aller Mauern und Wnde bezeichnet, knnten wir
ohne weiteres niederlegen; denn er ruhte wohl auf seiner eignen Schwere. Aber
auch hier soll es am Kalk, am Bindungsmittel nicht fehlen; denn so wie Menschen,
die einander von Natur geneigt sind, noch besser zusammenhalten, wenn das Gesetz
sie verkittet, so werden auch Steine, deren Form schon zusammenpat, noch besser
durch diese bindenden Krfte vereinigt; und da es sich nicht ziemen will, unter
den Ttigen mig zu sein, so werden Sie nicht verschmhen, auch hier
Mitarbeiter zu werden.
    Er berreichte hierauf seine Kelle Charlotten, welche damit Kalk unter den
Stein warf. Mehreren wurde ein Gleiches zu tun angesonnen und der Stein alsobald
niedergesenkt, worauf denn Charlotten und den brigen sogleich der Hammer
gereicht wurde, um durch ein dreimaliges Pochen die Verbindung des Steins mit
dem Grunde ausdrcklich zu segnen.
    Des Maurers Arbeit, fuhr der Redner fort, zwar jetzt unter freiem Himmel,
geschieht, wo nicht immer im Verborgnen, doch zum Verborgnen. Der regelmig
aufgefhrte Grund wird verschttet, und sogar bei den Mauern, die wir am Tage
auffhren, ist man unser am Ende kaum eingedenk. Die Arbeiten des Steinmetzen
und Bildhauers fallen mehr in die Augen, und wir mssen es sogar noch gutheien,
wenn der Tncher die Spur unserer Hnde vllig auslscht und sich unser Werk
zueignet, indem er es berzieht, glttet und frbt.
    Wem mu also mehr daran gelegen sein, das, was er tut, sich selbst recht zu
machen, indem er es recht macht, als dem Maurer? Wer hat mehr als er das
Selbstbewutsein zu nhren Ursach? Wenn das Haus aufgefhrt, der Boden geplattet
und gepflastert, die Auenseite mit Zieraten berdeckt ist, so sieht er durch
alle Hllen immer noch hinein und erkennt noch jene regelmigen, sorgfltigen
Fugen, denen das Ganze sein Dasein und seinen Halt zu danken hat.
    Aber wie jeder, der eine beltat begangen, frchten mu, da, ungeachtet
alles Abwehrens, sie dennoch ans Licht kommen werde, so mu derjenige erwarten,
der insgeheim das Gute getan, da auch dieses wider seinen Willen an den Tag
komme. Deswegen machen wir diesen Grundstein zugleich zum Denkstein. Hier in
diese unterschiedlichen gehauenen Vertiefungen soll verschiedenes eingesenkt
werden zum Zeugnis fr eine entfernte Nachwelt. Diese metallnen zugelteten
Kcher enthalten schriftliche Nachrichten; auf diese Metallplatten ist allerlei
Merkwrdiges eingegraben; in diesen schnen glsernen Flaschen versenken wir den
besten alten Wein, mit Bezeichnung seines Geburtsjahrs; es fehlt nicht an Mnzen
verschiedener Art, in diesem Jahre geprgt: alles dieses erhielten wir durch die
Freigebigkeit unseres Bauherrn. Auch ist hier noch mancher Platz, wenn irgendein
Gast und Zuschauer etwas der Nachwelt zu bergeben Belieben trge.
    Nach einer kleinen Pause sah der Geselle sich um; aber wie es in solchen
Fllen zu gehen pflegt: niemand war vorbereitet, jedermann berrascht, bis
endlich ein junger, munterer Offizier anfing und sagte: Wenn ich etwas
beitragen soll, das in dieser Schatzkammer noch nicht niedergelegt ist, so mu
ich ein paar Knpfe von der Uniform schneiden, die doch wohl auch verdienen, auf
die Nachwelt zu kommen. Gesagt, getan! und nun hatte mancher einen hnlichen
Einfall. Die Frauenzimmer sumten nicht, von ihren kleinen Haarkmmen
hineinzulegen; Riechflschchen und andre Zierden wurden nicht geschont; nur
Ottilie zauderte, bis Eduard sie durch ein freundliches Wort aus der Betrachtung
aller der beigesteuerten und eingelegten Dinge herausri. Sie lste darauf die
goldne Kette vom Halse, an der das Bild ihres Vaters gehangen hatte, und legte
sie mit leiser Hand ber die anderen Kleinode hin, worauf Eduard mit einiger
Hast veranstaltete, da der wohlgefugte Deckel sogleich aufgestrzt und
eingekittet wurde.
    Der junge Gesell, der sich dabei am ttigsten erwiesen, nahm seine
Rednermiene wieder an und fuhr fort: Wir grnden diesen Stein fr ewig, zur
Sicherung des lngsten Genusses der gegenwrtigen und knftigen Besitzer dieses
Hauses. Allein indem wir hier gleichsam einen Schatz vergraben, so denken wir
zugleich, bei dem grndlichsten aller Geschfte, an die Vergnglichkeit der
menschlichen Dinge; wir denken uns eine Mglichkeit, da dieser festversiegelte
Deckel wieder aufgehoben werden knne, welches nicht anders geschehen drfte,
als wenn das alles wieder zerstrt wre, was wir noch nicht einmal aufgefhrt
haben.
    Aber eben, damit dieses aufgefhrt werde: zurck mit den Gedanken aus der
Zukunft, zurck ins Gegenwrtige! Lat uns nach begangenem heutigem Feste unsre
Arbeit sogleich frdern, damit keiner von den Gewerken, die auf unserm Grunde
fortarbeiten, zu feiern brauche, da der Bau eilig in die Hhe steige und
vollendet werde und aus den Fenstern, die noch nicht sind, der Hausherr mit den
Seinigen und seinen Gsten sich frhlich in der Gegend umschaue, deren aller
sowie smtlicher Anwesenden Gesundheit hiermit getrunken sei!
    Und so leerte er ein wohlgeschliffenes Kelchglas auf einen Zug aus und warf
es in die Luft; denn es bezeichnet das berma einer Freude, das Gef zu
zerstren, dessen man sich in der Frhlichkeit bedient. Aber diesmal ereignete
es sich anders: das Glas kam nicht wieder auf den Boden, und zwar ohne Wunder.
    Man hatte nmlich, um mit dem Bau vorwrtszukommen, bereits an der
entgegengesetzten Ecke den Grund vllig herausgeschlagen, ja schon angefangen,
die Mauern aufzufhren, und zu dem Endzweck das Gerst erbaut, so hoch, als es
berhaupt ntig war.
    Da man es besonders zu dieser Feierlichkeit mit Brettern belegt und eine
Menge Zuschauer hinaufgelassen hatte, war zum Vorteil der Arbeitsleute
geschehen. Dort hinauf flog das Glas und wurde von einem aufgefangen, der diesen
Zufall als ein glckliches Zeichen fr sich ansah. Er wies es zuletzt herum,
ohne es aus der Hand zu lassen, und man sah darauf die Buchstaben E und O in
sehr zierlicher Verschlingung eingeschnitten: es war eins der Glser, die fr
Eduarden in seiner Jugend verfertigt worden.
    Die Gerste standen wieder leer, und die leichtesten unter den Gsten
stiegen hinauf, sich umzusehen, und konnten die schne Aussicht nach allen
Seiten nicht genugsam rhmen; denn was entdeckt der nicht alles, der auf einem
hohen Punkte nur um ein Gescho hher steht!
    Nach dem Innern des Landes zu kamen mehrere neue Drfer zum Vorschein, den
silbernen Streifen des Flusses erblickte man deutlich, ja selbst die Trme der
Hauptstadt wollte einer gewahr werden. An der Rckseite, hinter den waldigen
Hgeln, erhoben sich die blauen Gipfel eines fernen Gebirges, und die nchste
Gegend bersah man im ganzen. Nun sollten nur noch, rief einer, die drei
Teiche zu einem See vereinigt werden; dann htte der Anblick alles, was gro und
wnschenswert ist.
    Das liee sich wohl machen, sagte der Hauptmann; denn sie bildeten schon
vorzeiten einen Bergsee.
    Nur bitte ich, meine Platanen- und Pappelgruppe zu schonen, sagte Eduard,
die so schn am mittelsten Teiche steht. Sehen Sie, - wandte er sich zu
Ottilien, die er einige Schritte vorfhrte, indem er hinabwies - diese Bume
habe ich selbst gepflanzt.
    Wie lange stehen sie wohl schon? fragte Ottilie. Etwa so lange,
versetzte Eduard, als Sie auf der Welt sind. Ja, liebes Kind, ich pflanzte
schon, da Sie noch in der Wiege lagen.
    Die Gesellschaft begab sich wieder in das Schlo zurck. Nach aufgehobener
Tafel wurde sie zu einem Spaziergang durch das Dorf eingeladen, um auch hier die
neuen Anstalten in Augenschein zu nehmen. Dort hatten sich auf des Hauptmanns
Veranlassung die Bewohner vor ihren Husern versammelt; sie standen nicht in
Reihen, sondern familienweise natrlich gruppiert, teils, wie es der Abend
forderte, beschftigt, teils auf neuen Bnken ausruhend. Es ward ihnen zur
angenehmen Pflicht gemacht, wenigstens jeden Sonntag und Festtag diese
Reinlichkeit, diese Ordnung zu erneuern.
    Eine innere Geselligkeit mit Neigung, wie sie sich unter unseren Freunden
erzeugt hatte, wird durch eine grere Gesellschaft immer nur unangenehm
unterbrochen. Alle vier waren zufrieden, sich wieder im groen Saale allein zu
finden; doch ward dieses husliche Gefhl einigermaen gestrt, indem ein Brief,
der Eduarden berreicht wurde, neue Gste auf morgen ankndigte.
    Wie wir vermuteten, rief Eduard Charlotten zu; der Graf wird nicht
ausbleiben, er kommt morgen.
    Da ist also auch die Baronesse nicht weit, versetzte Charlotte.
    Gewi nicht! antwortete Eduard; sie wird auch morgen von ihrer Seite
anlangen. Sie bitten um ein Nachtquartier und wollen bermorgen zusammen wieder
fortreisen.
    Da mssen wir unsere Anstalten beizeiten machen, Ottilie! sagte Charlotte.
    Wie befehlen Sie die Einrichtung? fragte Ottilie.
    Charlotte gab es im allgemeinen an, und Ottilie entfernte sich.
    Der Hauptmann erkundigte sich nach dem Verhltnis dieser beiden Personen,
das er nur im allgemeinsten kannte. Sie hatten frher, beide schon anderwrts
verheiratet, sich leidenschaftlich liebgewonnen. Eine doppelte Ehe war nicht
ohne Aufsehn gestrt; man dachte an Scheidung. Bei der Baronesse war sie mglich
geworden, bei dem Grafen nicht. Sie muten sich zum Scheine trennen, allein ihr
Verhltnis blieb; und wenn sie Winters in der Residenz nicht zusammen sein
konnten, so entschdigten sie sich Sommers auf Lustreisen und in Bdern. Sie
waren beide um etwas lter als Eduard und Charlotte und smtlich genaue Freunde
aus frher Hofzeit her. Man hatte immer ein gutes Verhltnis erhalten, ob man
gleich nicht alles an seinen Freunden billigte. Nur diesmal war Charlotten ihre
Ankunft gewissermaen ganz ungelegen, und wenn sie die Ursache genau untersucht
htte: es war eigentlich um Ottiliens willen. Das gute, reine Kind sollte ein
solches Beispiel so frh nicht gewahr werden.
     Sie htten wohl noch ein paar Tage wegbleiben knnen, sagte Eduard, als
eben Ottilie wieder hereintrat, bis wir den Vorwerksverkauf in Ordnung
gebracht. Der Aufsatz ist fertig, die eine Abschrift habe ich hier; nun fehlt es
aber an der zweiten, und unser alter Kanzellist ist recht krank. Der Hauptmann
bot sich an, auch Charlotte; dagegen waren einige Einwendungen zu machen. Geben
Sie mirs nur! rief Ottilie mit einiger Hast.
    Du wirst nicht damit fertig, sagte Charlotte.
    Freilich mte ich es bermorgen frh haben, und es ist viel, sagte
Eduard. Es soll fertig sein, rief Ottilie und hatte das Blatt schon in den
Hnden.
    Des andern Morgens, als sie sich aus dem obern Stock nach den Gsten
umsahen, denen sie entgegenzugehen nicht verfehlen wollten, sagte Eduard: Wer
reitet denn so langsam dort die Strae her? Der Hauptmann beschrieb die Figur
des Reiters genauer. So ist ers doch, sagte Eduard; denn das Einzelne, das du
besser siehst als ich, pat sehr gut zu dem Ganzen, das ich recht wohl sehe. Es
ist Mittler. Wie kommt er aber dazu, langsam und so langsam zu reiten?
    Die Figur kam nher, und Mittler war es wirklich. Man empfing ihn
freundlich, als er langsam die Treppe heraufstieg. Warum sind Sie nicht gestern
gekommen? rief ihm Eduard entgegen.
    Laute Feste lieb ich nicht, versetzte jener. Heute komm ich aber, den
Geburtstag meiner Freundin mit euch im stillen nachzufeiern.
    Wie knnen Sie denn soviel Zeit gewinnen? fragte Eduard scherzend.
    Meinen Besuch, wenn er euch etwas wert ist, seid ihr einer Betrachtung
schuldig, die ich gestern gemacht habe. Ich freute mich recht herzlich den
halben Tag in einem Hause, wo ich Frieden gestiftet hatte, und dann hrte ich,
da hier Geburtstag gefeiert werde. Das kann man doch am Ende selbstisch nennen,
dachte ich bei mir, da du dich nur mit denen freuen willst, die du zum Frieden
bewogen hast. Warum freust du dich nicht auch einmal mit Freunden, die Frieden
halten und hegen? Gesagt, getan! Hier bin ich, wie ich mir vorgenommen hatte.
    Gestern htten Sie groe Gesellschaft gefunden, heute finden Sie nur
kleine, sagte Charlotte. Sie finden den Grafen und die Baronesse, die Ihnen
auch schon zu schaffen gemacht haben.
    Aus der Mitte der vier Hausgenossen, die den seltsamen, willkommenen Mann
umgeben hatten, fuhr er mit verdrielicher Lebhaftigkeit heraus, indem er
sogleich nach Hut und Reitgerte suchte: Schwebt doch immer ein Unstern ber
mir, sobald ich einmal ruhen und mir wohltun will! Aber warum gehe ich aus
meinem Charakter heraus! Ich htte nicht kommen sollen, und nun werd ich
vertrieben. Denn mit jenen will ich nicht unter einem Dache bleiben; und nehmt
euch in acht: sie bringen nichts als Unheil! Ihr Wesen ist wie ein Sauerteig,
der seine Ansteckung fortpflanzt.
    Man suchte ihn zu begtigen, aber vergebens. Wer mir den Ehstand angreift,
rief er aus, wer mir durch Wort, ja durch Tat diesen Grund aller sittlichen
Gesellschaft untergrbt, der hat es mit mir zu tun; oder wenn ich sein nicht
Herr werden kann, habe ich nichts mit ihm zu tun. Die Ehe ist der Anfang und der
Gipfel aller Kultur. Sie macht den Rohen mild, und der Gebildetste hat keine
bessere Gelegenheit, seine Milde zu beweisen. Unauflslich mu sie sein; denn
sie bringt so vieles Glck, da alles einzelne Unglck dagegen gar nicht zu
rechnen ist. Und was will man von Unglck reden? Ungeduld ist es, die den
Menschen von Zeit zu Zeit anfllt, und dann beliebt er sich unglcklich zu
finden. Lasse man den Augenblick vorbergehen, und man wird sich glcklich
preisen, da ein so lange Bestandenes noch besteht. Sich zu trennen gibts gar
keinen hinlnglichen Grund. Der menschliche Zustand ist so hoch in Leiden und
Freuden gesetzt, da gar nicht berechnet werden kann, was ein Paar Gatten
einander schuldig werden. Es ist eine unendliche Schuld, die nur durch die
Ewigkeit abgetragen werden kann. Unbequem mag es manchmal sein, das glaub ich
wohl, und das ist eben recht. Sind wir nicht auch mit dem Gewissen verheiratet,
das wir oft gerne los sein mchten, weil es unbequemer ist, als uns je ein Mann
oder eine Frau werden knnte?
    So sprach er lebhaft und htte wohl noch lange fortgesprochen, wenn nicht
blasende Postillons die Ankunft der Herrschaften verkndigt htten, welche wie
abgemessen von beiden Seiten zu gleicher Zeit in den Schlohof hereinfuhren. Als
ihnen die Hausgenossen entgegeneilten, versteckte sich Mittler, lie sich das
Pferd an den Gasthof bringen und ritt verdrielich davon.

                                Zehntes Kapitel


Die Gste waren bewillkommt und eingefhrt; sie freuten sich, das Haus, die
Zimmer wieder zu betreten, wo sie frher so manchen guten Tag erlebt und die sie
eine lange Zeit nicht gesehn hatten. Hchst angenehm war auch den Freunden ihre
Gegenwart. Den Grafen sowie die Baronesse konnte man unter jene hohen, schnen
Gestalten zhlen, die man in einem mittlern Alter fast lieber als in der Jugend
sieht; denn wenn ihnen auch etwas von der ersten Blte abgehn mchte, so erregen
sie doch nun mit der Neigung ein entschiedenes Zutrauen. Auch dieses Paar zeigte
sich hchst bequem in der Gegenwart. Ihre freie Weise, die Zustnde des Lebens
zu nehmen und zu behandeln, ihre Heiterkeit und scheinbare Unbefangenheit teilte
sich sogleich mit, und ein hoher Anstand begrenzte das Ganze, ohne da man
irgendeinen Zwang bemerkt htte.
    Diese Wirkung lie sich augenblicks in der Gesellschaft empfinden. Die
Neueintretenden, welche unmittelbar aus der Welt kamen, wie man sogar an ihren
Kleidern, Gertschaften und allen Umgebungen sehen konnte, machten gewissermaen
mit unsern Freunden, ihrem lndlichen und heimlich leidenschaftlichen Zustande
eine Art von Gegensatz, der sich jedoch sehr bald verlor, indem alte
Erinnerungen und gegenwrtige Teilnahme sich vermischten und ein schnelles,
lebhaftes Gesprch alle geschwind zusammenverband.
    Es whrte indessen nicht lange, als schon eine Sonderung vorging. Die Frauen
zogen sich auf ihren Flgel zurck und fanden daselbst, indem sie sich
mancherlei vertrauten und zugleich die neuesten Formen und Zuschnitte von
Frhkleidern, Hten und dergleichen zu mustern anfingen, genugsame Unterhaltung,
whrend die Mnner sich um die neuen Reisewagen, mit vorgefhrten Pferden,
beschftigten und gleich zu handeln und zu tauschen anfingen.
    Erst zu Tische kam man wieder zusammen. Die Umkleidung war geschehen, und
auch hier zeigte sich das angekommene Paar zu seinem Vorteile. Alles, was sie an
sich trugen, war neu und gleichsam ungesehen und doch schon durch den Gebrauch
zur Gewohnheit und Bequemlichkeit eingeweiht.
    Das Gesprch war lebhaft und abwechselnd, wie denn in Gegenwart solcher
Personen alles und nichts zu interessieren scheint. Man bediente sich der
franzsischen Sprache, um die Aufwartenden von dem Mitverstndnis
auszuschlieen, und schweifte mit mutwilligem Behagen ber hohe und mittlere
Weltverhltnisse hin. Auf einem einzigen Punkt blieb die Unterhaltung lnger als
billig haften, indem Charlotte nach einer Jugendfreundin sich erkundigte und mit
einiger Befremdung vernahm, da sie ehstens geschieden werden sollte.
    Es ist unerfreulich, sagte Charlotte, wenn man seine abwesenden Freunde
irgend einmal geborgen, eine Freundin, die man liebt, versorgt glaubt; eh man
sichs versieht, mu man wieder hren, da ihr Schicksal im Schwanken ist, und
da sie erst wieder neue und vielleicht abermals unsichre Pfade des Lebens
betreten soll.
    Eigentlich, meine Beste, versetzte der Graf, sind wir selbst schuld, wenn
wir auf solche Weise berrascht werden. Wir mgen uns die irdischen Dinge und
besonders auch die ehlichen Verbindungen gern so recht dauerhaft vorstellen, und
was den letzten Punkt betrifft, so verfhren uns die Lustspiele, die wir immer
wiederholen sehen, zu solchen Einbildungen, die mit dem Gange der Welt nicht
zusammentreffen. In der Komdie sehen wir eine Heirat als das letzte Ziel eines
durch die Hindernisse mehrerer Akte verschobenen Wunsches, und im Augenblick, da
es erreicht ist, fllt der Vorhang, und die momentane Befriedigung klingt bei
uns nach. In der Welt ist es anders; da wird hinten immer fortgespielt, und wenn
der Vorhang wieder aufgeht, mag man gern nichts weiter davon sehen noch hren.
    Es mu doch so schlimm nicht sein, sagte Charlotte lchelnd, da man
sieht, da auch Personen, die von diesem Theater abgetreten sind, wohl gern
darauf wieder eine Rolle spielen mgen.
    Dagegen ist nichts einzuwenden, sagte der Graf. Eine neue Rolle mag man
gern wieder bernehmen, und wenn man die Welt kennt, so sieht man wohl: auch bei
dem Ehestande ist es nur diese entschiedene, ewige Dauer zwischen soviel
Beweglichem in der Welt, die etwas Ungeschicktes an sich trgt. Einer von meinen
Freunden, dessen gute Laune sich meist in Vorschlgen zu neuen Gesetzen
hervortat, behauptete: eine jede Ehe solle nur auf fnf Jahre geschlossen
werden. Es sei, sagte er, dies eine schne, ungrade, heilige Zahl und ein
solcher Zeitraum eben hinreichend, um sich kennenzulernen, einige Kinder
heranzubringen, sich zu entzweien und, was das Schnste sei, sich wieder zu
vershnen. Gewhnlich rief er aus: Wie glcklich wrde die erste Zeit
verstreichen! Zwei, drei Jahre wenigstens gingen vergnglich hin. Dann wrde
doch wohl dem einen Teil daran gelegen sein, das Verhltnis lnger dauern zu
sehen, die Geflligkeit wrde wachsen, je mehr man sich dem Termin der
Aufkndigung nherte. Der gleichgltige, ja selbst der unzufriedene Teil wrde
durch ein solches Betragen begtigt und eingenommen. Man verge, wie man in
guter Gesellschaft die Stunden vergit, da die Zeit verfliee, und fnde sich
aufs angenehmste berrascht, wenn man nach verlaufenem Termin erst bemerkte, da
er schon stillschweigend verlngert sei.
    So artig und lustig dies klang und so gut man, wie Charlotte wohl empfand,
diesem Scherz eine tiefe moralische Deutung geben konnte, so waren ihr
dergleichen uerungen, besonders um Ottiliens willen, nicht angenehm. Sie wute
recht gut, da nichts gefhrlicher sei als ein allzufreies Gesprch, das einen
strafbaren oder halbstrafbaren Zustand als einen gewhnlichen, gemeinen, ja
lblichen behandelt; und dahin gehrt doch gewi alles, was die eheliche
Verbindung antastet. Sie suchte daher nach ihrer gewandten Weise das Gesprch
abzulenken; da sie es nicht vermochte, tat es ihr leid, da Ottilie alles so gut
eingerichtet hatte, um nicht aufstehen zu drfen. Das ruhig aufmerksame Kind
verstand sich mit dem Haushofmeister durch Blick und Wink, da alles auf das
trefflichste geriet, obgleich ein paar neue, ungeschickte Bedienten in der
Livree staken.
    Und so fuhr der Graf, Charlottens Ablenken nicht empfindend, ber diesen
Gegenstand sich zu uern fort. Ihm, der sonst nicht gewohnt war, im Gesprch
irgend lstig zu sein, lastete diese Sache zu sehr auf dem Herzen, und die
Schwierigkeiten, sich von seiner Gemahlin getrennt zu sehen, machten ihn bitter
gegen alles, was eheliche Verbindung betraf, die er doch selbst mit der
Baronesse so eifrig wnschte.
    Jener Freund, so fuhr er fort, tat noch einen andern Gesetzvorschlag:
Eine Ehe sollte nur alsdann fr unauflslich gehalten werden, wenn entweder
beide Teile oder wenigstens der eine Teil zum drittenmal verheiratet wre. Denn
was eine solche Person betreffe, so bekenne sie unwidersprechlich, da sie die
Ehe fr etwas Unentbehrliches halte. Nun sei auch schon bekannt geworden, wie
sie sich in ihren frhern Verbindungen betragen, ob sie Eigenheiten habe, die
oft mehr zur Trennung Anla geben als ble Eigenschaften. Man habe sich also
wechselseitig zu erkundigen; man habe ebensogut auf Verheiratete wie auf
Unverheiratete achtzugeben, weil man nicht wisse, wie die Flle kommen knnen.
    Das wrde freilich das Interesse der Gesellschaft sehr vermehren, sagte
Eduard; denn in der Tat jetzt, wenn wir verheiratet sind, fragt niemand weiter
mehr nach unsern Tugenden noch unsern Mngeln.
    Bei einer solchen Einrichtung, fiel die Baronesse lchelnd ein, htten
unsere lieben Wirte schon zwei Stufen glcklich berstiegen und knnten sich zu
der dritten vorbereiten.
    Ihnen ists wohl geraten, sagte der Graf; hier hat der Tod willig getan,
was die Konsistorien sonst nur ungern zu tun pflegen.
    Lassen wir die Toten ruhen, versetzte Charlotte mit einem halb ernsten
Blicke.
    Warum? versetzte der Graf, da man ihrer in Ehren gedenken kann. Sie waren
bescheiden genug, sich mit einigen Jahren zu begngen fr mannigfaltiges Gute,
das sie zurcklieen.
    Wenn nur nicht gerade, sagte die Baronesse mit einem verhaltenen Seufzer,
in solchen Fllen das Opfer der besten Jahre gebracht werden mte!
    Jawohl, versetzte der Graf, man mte darber verzweifeln, wenn nicht
berhaupt in der Welt so weniges eine gehoffte Folge zeigte. Kinder halten
nicht, was sie versprechen, junge Leute sehr selten, und wenn sie Wort halten,
hlt es ihnen die Welt nicht.
    Charlotte, welche froh war, da das Gesprch sich wendete, versetzte heiter:
Nun! wir mssen uns ja ohnehin bald genug gewhnen, das Gute stck- und
teilweise zu genieen.
    Gewi, versetzte der Graf, Sie haben beide sehr schner Zeiten genossen.
Wenn ich mir die Jahre zurckerinnere, da Sie und Eduard das schnste Paar bei
Hof waren; weder von so glnzenden Zeiten noch von so hervorleuchtenden
Gestalten ist jetzt die Rede mehr. Wenn Sie beide zusammen tanzten, aller Augen
waren auf Sie gerichtet, und wie umworben beide, indem Sie sich nur ineinander
bespiegelten!
    Da sich so manches verndert hat, sagte Charlotte, knnen wir wohl soviel
Schnes mit Bescheidenheit anhren.
    Eduarden habe ich doch oft im stillen getadelt, sagte der Graf, da er
nicht beharrlicher war; denn am Ende htten seine wunderlichen Eltern wohl
nachgegeben; und zehn frhe Jahre gewinnen ist keine Kleinigkeit.
    Ich mu mich seiner annehmen, fiel die Baronesse ein. Charlotte war nicht
ganz ohne Schuld, nicht ganz rein von allem Umhersehen, und ob sie gleich
Eduarden von Herzen liebte und sich ihn auch heimlich zum Gatten bestimmte, so
war ich doch Zeuge, wie sehr sie ihn manchmal qulte, so da man ihn leicht zu
dem unglcklichen Entschlu drngen konnte, zu reisen, sich zu entfernen, sich
von ihr zu entwhnen.
    Eduard nickte der Baronesse zu und schien dankbar fr ihre Frsprache.
    Und dann mu ich eins, fuhr sie fort, zu Charlottens Entschuldigung
beifgen: der Mann, der zu jener Zeit um sie warb, hatte sich schon lange durch
Neigung zu ihr ausgezeichnet und war, wenn man ihn nher kannte, gewi
liebenswrdiger, als ihr andern gern zugestehen mgt.
    Liebe Freundin, versetzte der Graf etwas lebhaft, bekennen wir nur, da
er Ihnen nicht ganz gleichgltig war, und da Charlotte von Ihnen mehr zu
befrchten hatte als von einer andern. Ich finde das einen sehr hbschen Zug an
den Frauen, da sie ihre Anhnglichkeit an irgendeinen Mann solange noch
fortsetzen, ja durch keine Art von Trennung stren oder aufheben lassen.
    Diese gute Eigenschaft besitzen vielleicht die Mnner noch mehr, versetzte
die Baronesse; wenigstens an Ihnen, lieber Graf, habe ich bemerkt, da niemand
mehr Gewalt ber Sie hat als ein Frauenzimmer, dem Sie frher geneigt waren. So
habe ich gesehen, da Sie auf die Frsprache einer solchen sich mehr Mhe gaben,
um etwas auszuwirken, als vielleicht die Freundin des Augenblicks von Ihnen
erlangt htte.
    Einen solchen Vorwurf darf man sich wohl gefallen lassen, versetzte der
Graf; doch was Charlottens ersten Gemahl betrifft, so konnte ich ihn deshalb
nicht leiden, weil er mir das schne Paar auseinandersprengte, ein wahrhaft
prdestiniertes Paar, das, einmal zusammengegeben, weder fnf Jahre zu scheuen,
noch auf eine zweite oder gar dritte Verbindung hinzusehen brauchte.
    Wir wollen versuchen, sagte Charlotte, wieder einzubringen, was wir
versumt haben.
    Da mssen Sie sich dazuhalten, sagte der Graf. Ihre ersten Heiraten,
fuhr er mit einiger Heftigkeit fort, waren doch so eigentlich rechte Heiraten
von der verhaten Art, und leider haben berhaupt die Heiraten - verzeihen Sie
mir einen lebhafteren Ausdruck - - etwas Tlpelhaftes; sie verderben die
zartesten Verhltnisse, und es liegt doch eigentlich nur an der plumpen
Sicherheit, auf die sich wenigstens ein Teil etwas zugute tut. Alles versteht
sich von selbst, und man scheint sich nur verbunden zu haben, damit eins wie das
andere nunmehr seiner Wege gehe.
    In diesem Augenblick machte Charlotte, die ein fr allemal dies Gesprch
abbrechen wollte, von einer khnen Wendung Gebrauch; es gelang ihr. Die
Unterhaltung ward allgemeiner, die beiden Gatten und der Hauptmann konnten daran
teilnehmen; selbst Ottilie ward veranlat sich zu uern, und der Nachtisch ward
mit der besten Stimmung genossen, woran der in zierlichen Fruchtkrben
aufgestellte Obstreichtum, die bunteste, in Prachtgefen schn verteilte
Blumenflle den vorzglichsten Anteil hatte.
    Auch die neuen Parkanlagen kamen zur Sprache, die man sogleich nach Tische
besuchte. Ottilie zog sich unter dem Vorwande huslicher Beschftigungen zurck;
eigentlich aber setzte sie sich nieder zur Abschrift. Der Graf wurde von dem
Hauptmann unterhalten; spter gesellte sich Charlotte zu ihm. Als sie oben auf
die Hhe gelangt waren und der Hauptmann gefllig hinuntereilte, um den Plan zu
holen, so sagte der Graf zu Charlotten: Dieser Mann gefllt mir
auerordentlich. Er ist sehr wohl und im Zusammenhang unterrichtet. Ebenso
scheint seine Ttigkeit sehr ernst und folgerecht. Was er hier leistet, wrde in
einem hhern Kreise von viel Bedeutung sein.
    Charlotte vernahm des Hauptmanns Lob mit innigem Behagen. Sie fate sich
jedoch und bekrftigte das Gesagte mit Ruhe und Klarheit. Wie berrascht war sie
aber, als der Graf fortfuhr: Diese Bekanntschaft kommt mir sehr zu gelegener
Zeit. Ich wei eine Stelle, an die der Mann vollkommen pat, und ich kann mir
durch eine solche Empfehlung, indem ich ihn glcklich mache, einen hohen Freund
auf das allerbeste verbinden.
    Es war wie ein Donnerschlag, der auf Charlotten herabfiel. Der Graf bemerkte
nichts; denn die Frauen, gewohnt, sich jederzeit zu bndigen, behalten in den
auerordentlichsten Fllen immer noch eine Art von scheinbarer Fassung. Doch
hrte sie schon nicht mehr, was der Graf sagte, indem er fortfuhr: Wenn ich von
etwas berzeugt bin, geht es bei mir geschwind her. Ich habe schon meinen Brief
im Kopfe zusammengestellt, und mich drngts, ihn zu schreiben. Sie verschaffen
mir einen reitenden Boten, den ich noch heute abend wegschicken kann.
    Charlotte war innerlich zerrissen. Von diesen Vorschlgen sowie von sich
selbst berrascht, konnte sie kein Wort hervorbringen. Der Graf fuhr
glcklicherweise fort, von seinen Planen fr den Hauptmann zu sprechen, deren
Gnstiges Charlotten nur allzusehr in die Augen fiel. Es war Zeit, da der
Hauptmann herauftrat und seine Rolle vor dem Grafen entfaltete. Aber mit wie
andern Augen sah sie den Freund an, den sie verlieren sollte! Mit einer
notdrftigen Verbeugung wandte sie sich weg und eilte hinunter nach der
Mooshtte. Schon auf halbem Wege strzten ihr die Trnen aus den Augen, und nun
warf sie sich in den engen Raum der kleinen Einsiedelei und berlie sich ganz
einem Schmerz, einer Leidenschaft, einer Verzweiflung, von deren Mglichkeit sie
wenig Augenblicke vorher auch nicht die leiseste Ahnung gehabt hatte.
    Auf der andern Seite war Eduard mit der Baronesse an den Teichen
hergegangen. Die kluge Frau, die gern von allem unterrichtet sein mochte,
bemerkte bald in einem tastenden Gesprch, da Eduard sich zu Ottiliens Lobe
weitlufig herauslie, und wute ihn auf eine so natrliche Weise nach und nach
in den Gang zu bringen, da ihr zuletzt kein Zweifel brigblieb, hier sei eine
Leidenschaft nicht auf dem Wege, sondern wirklich angelangt.
    Verheiratete Frauen, wenn sie sich auch untereinander nicht lieben, stehen
doch stillschweigend miteinander, besonders gegen junge Mdchen, im Bndnis. Die
Folgen einer solchen Zuneigung stellten sich ihrem weltgewandten Geiste nur
allzugeschwind dar. Dazu kam noch, da sie schon heute frh mit Charlotten ber
Ottilien gesprochen und den Aufenthalt dieses Kindes auf dem Lande, besonders
bei seiner stillen Gemtsart, nicht gebilligt und den Vorschlag getan hatte,
Ottilien in die Stadt zu einer Freundin zu bringen, die sehr viel an die
Erziehung ihrer einzigen Tochter wende und sich nur nach einer gutartigen
Gespielin umsehe, die an die zweite Kindesstatt eintreten und alle Vorteile
mitgenieen solle. Charlotte hatte sichs zur berlegung genommen.
    Nun aber brachte der Blick in Eduards Gemt diesen Vorschlag bei der
Baronesse ganz zur vorstzlichen Festigkeit, und um so schneller dieses in ihr
vorging, um desto mehr schmeichelte sie uerlich Eduards Wnschen. Denn niemand
besa sich mehr als diese Frau, und diese Selbstbeherrschung in
auerordentlichen Fllen gewhnt uns, sogar einen gemeinen Fall mit Verstellung
zu behandeln, macht uns geneigt, indem wir soviel Gewalt ber uns selbst ben,
unsre Herrschaft auch ber die andern zu verbreiten, um uns durch das, was wir
uerlich gewinnen, fr dasjenige, was wir innerlich entbehren, gewissermaen
schadlos zu halten.
    An diese Gesinnung schliet sich meist eine Art heimlicher Schadenfreude
ber die Dunkelheit der andern, ber das Bewutlose, womit sie in eine Falle
gehen. Wir freuen uns nicht allein ber das gegenwrtige Gelingen, sondern
zugleich auch auf die knftig berraschende Beschmung. Und so war die Baronesse
boshaft genug, Eduarden zur Weinlese auf ihre Gter mit Charlotten einzuladen
und die Frage Eduards, ob sie Ottilien mitbringen drften, auf eine Weise, die
er beliebig zu seinen Gunsten auslegen konnte, zu beantworten.
    Eduard sprach schon mit Entzcken von der herrlichen Gegend, dem groen
Flusse, den Hgeln, Felsen und Weinbergen, von alten Schlssern, von
Wasserfahrten, von dem Jubel der Weinlese, des Kelterns und so weiter, wobei er
in der Unschuld seines Herzens sich schon zum voraus laut ber den Eindruck
freute, den dergleichen Szenen auf das frische Gemt Ottiliens machen wrden. In
diesem Augenblick sah man Ottilien herankommen, und die Baronesse sagte schnell
zu Eduard, er mchte von dieser vorhabenden Herbstreise ja nichts reden; denn
gewhnlich geschhe das nicht, worauf man sich so lange voraus freue. Eduard
versprach, ntigte sie aber, Ottilien entgegen geschwinder zu gehen, und eilte
ihr endlich, dem lieben Kinde zu, mehrere Schritte voran. Eine herzliche Freude
drckte sich in seinem ganzen Wesen aus. Er kte ihr die Hand, in die er einen
Strau Feldblumen drckte, die er unterwegs zusammengepflckt hatte. Die
Baronesse fhlte sich bei diesem Anblick in ihrem Innern fast erbittert. Denn
wenn sie auch das, was an dieser Neigung strafbar sein mochte, nicht billigen
durfte, so konnte sie das, was daran liebenswrdig und angenehm war, jenem
unbedeutenden Neuling von Mdchen keineswegs gnnen.
    Als man sich zum Abendessen zusammengesetzt hatte, war eine vllig andre
Stimmung in der Gesellschaft verbreitet. Der Graf, der schon vor Tische
geschrieben und den Boten fortgeschickt hatte, unterhielt sich mit dem
Hauptmann, den er auf eine verstndige und bescheidene Weise immer mehr
ausforschte, indem er ihn diesen Abend an seine Seite gebracht hatte. Die zur
Rechten des Grafen sitzende Baronesse fand von daher wenig Unterhaltung,
ebensowenig an Eduard, der, erst durstig, dann aufgeregt, des Weines nicht
schonte und sich sehr lebhaft mit Ottilien unterhielt, die er an sich gezogen
hatte, wie von der andern Seite neben dem Hauptmann Charlotte sa, der es
schwer, ja beinahe unmglich ward, die Bewegungen ihres Innern zu verbergen.
    Die Baronesse hatte Zeit genug, Beobachtungen anzustellen. Sie bemerkte
Charlottens Unbehagen, und weil sie nur Eduards Verhltnis zu Ottilien im Sinn
hatte, so berzeugte sie sich leicht, auch Charlotte sei bedenklich und
verdrielich ber ihres Gemahls Benehmen, und berlegte, wie sie nunmehr am
besten zu ihren Zwecken gelangen knne.
    Auch nach Tische fand sich ein Zwiespalt in der Gesellschaft. Der Graf, der
den Hauptmann recht ergrnden wollte, brauchte bei einem so ruhigen, keineswegs
eitlen und berhaupt lakonischen Manne verschiedene Wendungen, um zu erfahren,
was er wnschte. Sie gingen miteinander an der einen Seite des Saals auf und ab,
indes Eduard, aufgeregt von Wein und Hoffnung, mit Ottilien an einem Fenster
scherzte, Charlotte und die Baronesse aber stillschweigend an der andern Seite
des Saals nebeneinander hin und wider gingen. Ihr Schweigen und miges
Umherstehen brachte denn auch zuletzt eine Stockung in die brige Gesellschaft.
Die Frauen zogen sich zurck auf ihren Flgel, die Mnner auf den andern, und so
schien dieser Tag abgeschlossen.

                                Eilftes Kapitel


Eduard begleitete den Grafen auf sein Zimmer und lie sich recht gern durchs
Gesprch verfhren, noch eine Zeitlang bei ihm zu bleiben. Der Graf verlor sich
in vorige Zeiten, gedachte mit Lebhaftigkeit an die Schnheit Charlottens, die
er als ein Kenner mit vielem Feuer entwickelte: Ein schner Fu ist eine groe
Gabe der Natur. Diese Anmut ist unverwstlich. Ich habe sie heute im Gehen
beobachtet; noch immer mchte man ihren Schuh kssen und die zwar etwas
barbarische, aber doch tief gefhlte Ehrenbezeugung der Sarmaten wiederholen,
die sich nichts Besseres kennen, als aus dem Schuh einer geliebten und verehrten
Person ihre Gesundheit zu trinken.
    Die Spitze des Fues blieb nicht allein der Gegenstand des Lobes unter zwei
vertrauten Mnnern. Sie gingen von der Person auf alte Geschichten und Abenteuer
zurck und kamen auf die Hindernisse, die man ehemals den Zusammenknften dieser
beiden Liebenden entgegengesetzt, welche Mhe sie sich gegeben, welche
Kunstgriffe sie erfunden, nur um sich sagen zu knnen, da sie sich liebten.
    Erinnerst du dich, fuhr der Graf fort, welch Abenteuer ich dir recht
freundschaftlich und uneigenntzig bestehen helfen, als unsre hchsten
Herrschaften ihren Oheim besuchten und auf dem weitlufigen Schlosse
zusammenkamen? Der Tag war in Feierlichkeiten und Feierkleidern hingegangen; ein
Teil der Nacht sollte wenigstens unter freiem, liebevollem Gesprch
verstreichen.
    Den Hinweg zu dem Quartier der Hofdamen hatten Sie sich wohl gemerkt,
sagte Eduard. Wir gelangten glcklich zu meiner Geliebten.
    Die, versetzte der Graf, mehr an den Anstand als an meine Zufriedenheit
gedacht und eine sehr hliche Ehrenwchterin bei sich behalten hatte; da mir
denn, indessen ihr euch mit Blicken und Worten sehr gut unterhieltet, ein hchst
unerfreuliches Los zuteil ward.
    Ich habe mich noch gestern, versetzte Eduard, als Sie sich anmelden
lieen, mit meiner Frau an die Geschichte erinnert, besonders an unsern Rckzug.
Wir verfehlten den Weg und kamen an den Vorsaal der Garden. Weil wir uns nun von
da recht gut zu finden wuten, so glaubten wir auch hier ganz ohne Bedenken
hindurch und an dem Posten, wie an den brigen, vorbei gehen zu knnen. Aber wie
gro war beim Erffnen der Tre unsere Verwunderung! Der Weg war mit Matratzen
verlegt, auf denen die Riesen in mehreren Reihen ausgestreckt lagen und
schliefen. Der einzige Wachende auf dem Posten sah uns verwundert an; wir aber,
im jugendlichen Mut und Mutwillen, stiegen ganz gelassen ber die ausgestreckten
Stiefel weg, ohne da auch nur einer von diesen schnarchenden Enakskindern
erwacht wre.
    Ich hatte groe Lust zu stolpern, sagte der Graf, damit es Lrm gegeben
htte; denn welch eine seltsame Auferstehung wrden wir gesehen haben!
    In diesem Augenblick schlug die Schloglocke zwlf.
    Es ist hoch Mitternacht, sagte der Graf lchelnd, und eben gerechte Zeit.
Ich mu Sie, lieber Baron, um eine Geflligkeit bitten: fhren Sie mich heute,
wie ich Sie damals fhrte; ich habe der Baronesse das Versprechen gegeben, sie
noch zu besuchen. Wir haben uns den ganzen Tag nicht allein gesprochen, wir
haben uns solange nicht gesehen, und nichts ist natrlicher, als da man sich
nach einer vertraulichen Stunde sehnt. Zeigen Sie mir den Hinweg, den Rckweg
will ich schon finden, und auf alle Flle werde ich ber keine Stiefel
wegzustolpern haben.
    Ich will Ihnen recht gern diese gastliche Geflligkeit erzeigen, versetzte
Eduard; nur sind die drei Frauenzimmer drben zusammen auf dem Flgel. Wer
wei, ob wir sie nicht noch beieinander finden, oder was wir sonst fr Hndel
anrichten, die irgendein wunderliches Ansehn gewinnen.
    Nur ohne Sorge! sagte der Graf; die Baronesse erwartet mich. Sie ist um
diese Zeit gewi auf ihrem Zimmer und allein.
    Die Sache ist brigens leicht, versetzte Eduard und nahm ein Licht, dem
Grafen vorleuchtend eine geheime Treppe hinunter, die zu einem langen Gang
fhrte. Am Ende desselben ffnete Eduard eine kleine Tre. Sie erstiegen eine
Wendeltreppe; oben auf einem engen Ruheplatz deutete Eduard dem Grafen, dem er
das Licht in die Hand gab, nach einer Tapetentre rechts, die beim ersten
Versuch sogleich sich ffnete, den Grafen aufnahm und Eduarden in dem dunklen
Raum zurcklie.
    Eine andre Tre links ging in Charlottens Schlafzimmer. Er hrte reden und
horchte. Charlotte sprach zu ihrem Kammermdchen: Ist Ottilie schon zu Bette?
- Nein, versetzte jene, sie sitzt noch unten und schreibt. - So znde Sie
das Nachtlicht an, sagte Charlotte, und gehe Sie nur hin: es ist spt. Die
Kerze will ich selbst auslschen und fr mich zu Bette gehen.
    Eduard hrte mit Entzcken, da Ottilie noch schreibe. Sie beschftigt sich
fr mich! dachte er triumphierend. Durch die Finsternis ganz in sich selbst
geengt, sah er sie sitzen, schreiben; er glaubte zu ihr zu treten, sie zu sehen,
wie sie sich nach ihm umkehrte; er fhlte ein unberwindliches Verlangen, ihr
noch einmal nahe zu sein. Von hier aber war kein Weg in das Halbgescho, wo sie
wohnte. Nun fand er sich unmittelbar an seiner Frauen Tre, eine sonderbare
Verwechselung ging in seiner Seele vor; er suchte die Tre aufzudrehen, er fand
sie verschlossen, er pochte leise an, Charlotte hrte nicht.
    Sie ging in dem greren Nebenzimmer lebhaft auf und ab. Sie wiederholte
sich aber- und abermals, was sie seit jenem unerwarteten Vorschlag des Grafen
oft genug bei sich um und um gewendet hatte. Der Hauptmann schien vor ihr zu
stehen. Er fllte noch das Haus, er belebte noch die Spaziergnge, und er sollte
fort, das alles sollte leer werden! Sie sagte sich alles, was man sich sagen
kann, ja sie antizipierte, wie man gewhnlich pflegt, den leidigen Trost, da
auch solche Schmerzen durch die Zeit gelindert werden. Sie verwnschte die Zeit,
die es braucht, um sie zu lindern; sie verwnschte die totenhafte Zeit, wo sie
wrden gelindert sein.
    Da war denn zuletzt die Zuflucht zu den Trnen um so willkommner, als sie
bei ihr selten stattfand. Sie warf sich auf den Sofa und berlie sich ganz
ihrem Schmerz. Eduard seinerseits konnte von der Tre nicht weg; er pochte
nochmals, und zum drittenmal etwas strker, so da Charlotte durch die
Nachtstille es ganz deutlich vernahm und erschreckt auffuhr. Der erste Gedanke
war, es knne, es msse der Hauptmann sein; der zweite, das sei unmglich. Sie
hielt es fr Tuschung, aber sie hatte es gehrt, sie wnschte, sie frchtete es
gehrt zu haben. Sie ging ins Schlafzimmer, trat leise zu der verriegelten
Tapetentr. Sie schalt sich ber ihre Furcht. Wie leicht kann die Grfin etwas
bedrfen! sagte sie zu sich selbst und rief gefat und gesetzt: Ist jemand da?
Eine leise Stimme antwortete: Ich bins. - Wer? entgegnete Charlotte, die den
Ton nicht unterscheiden konnte. Ihr stand des Hauptmanns Gestalt vor der Tr.
Etwas lauter klang es ihr entgegen: Eduard! Sie ffnete, und ihr Gemahl stand
vor ihr. Er begrte sie mit einem Scherz. Es ward ihr mglich, in diesem Tone
fortzufahren. Er verwickelte den rtselhaften Besuch in rtselhafte Erklrungen.
Warum ich denn aber eigentlich komme, sagte er zuletzt, mu ich dir nur
gestehen. Ich habe ein Gelbde getan, heute abend noch deinen Schuh zu kssen.
    Das ist dir lange nicht eingefallen, sagte Charlotte. Desto schlimmer,
versetzte Eduard, und desto besser!
    Sie hatte sich in einen Sessel gesetzt, um ihre leichte Nachtkleidung seinen
Blicken zu entziehen. Er warf sich vor ihr nieder, und sie konnte sich nicht
erwehren, da er nicht ihren Schuh kte, und da, als dieser ihm in der Hand
blieb, er den Fu ergriff und ihn zrtlich an seine Brust drckte.
    Charlotte war eine von den Frauen, die, von Natur mig, im Ehestande ohne
Vorsatz und Anstrengung die Art und Weise der Liebhaberinnen fortfhren. Niemals
reizte sie den Mann, ja seinem Verlangen kam sie kaum entgegen; aber ohne Klte
und abstoende Strenge glich sie immer einer liebevollen Braut, die selbst vor
dem Erlaubten noch innige Scheu trgt. Und so fand sie Eduard diesen Abend in
doppeltem Sinne. Wie sehnlich wnschte sie den Gatten weg; denn die Luftgestalt
des Freundes schien ihr Vorwrfe zu machen. Aber das, was Eduarden htte
entfernen sollen, zog ihn nur mehr an. Eine gewisse Bewegung war an ihr
sichtbar. Sie hatte geweint, und wenn weiche Personen dadurch meist an Anmut
verlieren, so gewinnen diejenigen dadurch unendlich, die wir gewhnlich als
stark und gefat kennen. Eduard war so liebenswrdig, so freundlich, so
dringend; er bat sie, bei ihr bleiben zu drfen, er forderte nicht, bald ernst
bald scherzhaft suchte er sie zu bereden, er dachte nicht daran, da er Rechte
habe, und lschte zuletzt mutwillig die Kerze aus.
    In der Lampendmmerung sogleich behauptete die innre Neigung, behauptete die
Einbildungskraft ihre Rechte ber das Wirkliche: Eduard hielt nur Ottilien in
seinen Armen, Charlotten schwebte der Hauptmann nher oder ferner vor der Seele,
und so verwebten, wundersam genug, sich Abwesendes und Gegenwrtiges reizend und
wonnevoll durcheinander.
    Und doch lt sich die Gegenwart ihr ungeheures Recht nicht rauben. Sie
brachten einen Teil der Nacht unter allerlei Gesprchen und Scherzen zu, die um
desto freier waren als das Herz leider keinen Teil daran nahm. Aber als Eduard
des andern Morgens an dem Busen seiner Frau erwachte, schien ihm der Tag
ahnungsvoll hereinzublicken, die Sonne schien ihm ein Verbrechen zu beleuchten;
er schlich sich leise von ihrer Seite, und sie fand sich, seltsam genug, allein,
als sie erwachte.

                                Zwlftes Kapitel


Als die Gesellschaft zum Frhstck wieder zusammenkam, htte ein aufmerksamer
Beobachter an dem Betragen der einzelnen die Verschiedenheit der innern
Gesinnungen und Empfindungen abnehmen knnen. Der Graf und die Baronesse
begegneten sich mit dem heitern Behagen, das ein Paar Liebende empfinden, die
sich nach erduldeter Trennung ihrer wechselseitigen Neigung abermals versichert
halten, dagegen Charlotte und Eduard gleichsam beschmt und reuig dem Hauptmann
und Ottilien entgegentraten. Denn so ist die Liebe beschaffen, da sie allein
recht zu haben glaubt und alle anderen Rechte vor ihr verschwinden. Ottilie war
kindlich heiter, nach ihrer Weise konnte man sie offen nennen. Ernst erschien
der Hauptmann; ihm war bei der Unterredung mit dem Grafen, indem dieser alles in
ihm aufregte, was einige Zeit geruht und geschlafen hatte, nur zu fhlbar
geworden, da er eigentlich hier seine Bestimmung nicht erflle und im Grunde
blo in einem halbttigen Miggang hinschlendere. Kaum hatten sich die beiden
Gste entfernt, als schon wieder neuer Besuch eintraf, Charlotten willkommen,
die aus sich selbst herauszugehen, sich zu zerstreuen wnschte; Eduarden
ungelegen, der eine doppelte Neigung fhlte, sich mit Ottilien zu beschftigen;
Ottilien gleichfalls unerwnscht, die mit ihrer auf morgen frh so ntigen
Abschrift noch nicht fertig war. Und so eilte sie auch, als die Fremden sich
spt entfernten, sogleich auf ihr Zimmer.
    Es war Abend geworden. Eduard, Charlotte und der Hauptmann, welche die
Fremden, ehe sie sich in den Wagen setzten, eine Strecke zu Fu begleitet
hatten, wurden einig, noch einen Spaziergang nach den Teichen zu machen. Ein
Kahn war angekommen, den Eduard mit ansehnlichen Kosten aus der Ferne
verschrieben hatte. Man wollte versuchen, ob er sich leicht bewegen und lenken
lasse.
    Er war am Ufer des mittelsten Teiches nicht weit von einigen alten
Eichbumen angebunden, auf die man schon bei knftigen Anlagen gerechnet hatte.
Hier sollte ein Landungsplatz angebracht, unter den Bumen ein architektonischer
Ruhesitz aufgefhrt werden, wonach diejenigen, die ber den See fahren, zu
steuern htten.
    Wo wird man denn nun drben die Landung am besten anlegen? fragte Eduard.
Ich sollte denken, bei meinen Platanen.
    Sie stehen ein wenig zu weit rechts, sagte der Hauptmann. Landet man
weiter unten, so ist man dem Schlosse nher; doch mu man es berlegen.
    Der Hauptmann stand schon im Hinterteile des Kahns und hatte ein Ruder
ergriffen. Charlotte stieg ein, Eduard gleichfalls und fate das andre Ruder;
aber als er eben im Abstoen begriffen war, gedachte er Ottiliens, gedachte, da
ihn diese Wasserfahrt verspten, wer wei erst wann zurckfhren wrde. Er
entschlo sich kurz und gut, sprang wieder ans Land, reichte dem Hauptmann das
andre Ruder und eilte, sich flchtig entschuldigend, nach Hause.
    Dort vernahm er, Ottilie habe sich eingeschlossen, sie schreibe. Bei dem
angenehmen Gefhle, da sie fr ihn etwas tue, empfand er das lebhafteste
Mibehagen, sie nicht gegenwrtig zu sehen. Seine Ungeduld vermehrte sich mit
jedem Augenblicke. Er ging in dem groen Saale auf und ab, versuchte allerlei,
und nichts vermochte seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Sie wnschte er zu sehen,
allein zu sehen, ehe noch Charlotte mit dem Hauptmann zurckkme. Es ward Nacht,
die Kerzen wurden angezndet.
    Endlich trat sie herein, glnzend von Liebenswrdigkeit. Das Gefhl, etwas
fr den Freund getan zu haben, hatte ihr ganzes Wesen ber sich selbst gehoben.
Sie legte das Original und die Abschrift vor Eduard auf den Tisch. Wollen wir
kollationieren? sagte sie lchelnd. Eduard wute nicht, was er erwidern sollte.
Er sah sie an, er besah die Abschrift. Die ersten Bltter waren mit der grten
Sorgfalt, mit einer zarten weiblichen Hand geschrieben, dann schienen sich die
Zge zu verndern, leichter und freier zu werden; aber wie erstaunt war er, als
er die letzten Seiten mit den Augen berlief! Um Gottes willen! rief er aus,
was ist das? Das ist meine Hand! Er sah Ottilien an und wieder auf die
Bltter, besonders der Schlu war ganz, als wenn er ihn selbst geschrieben
htte. Ottilie schwieg, aber sie blickte ihm mit der grten Zufriedenheit in
die Augen. Eduard hob seine Arme empor: Du liebst mich! rief er aus, Ottilie,
du liebst mich! und sie hielten einander umfat. Wer das andere zuerst
ergriffen, wre nicht zu unterscheiden gewesen.
    Von diesem Augenblick an war die Welt fr Eduarden umgewendet, er nicht
mehr, was er gewesen, die Welt nicht mehr, was sie gewesen. Sie standen
voreinander, er hielt ihre Hnde, sie sahen einander in die Augen, im Begriff,
sich wieder zu umarmen.
    Charlotte mit dem Hauptmann trat herein. Zu den Entschuldigungen eines
lngeren Auenbleibens lchelte Eduard heimlich. O wie viel zu frh kommt ihr!
sagte er zu sich selbst.
    Sie setzten sich zum Abendessen. Die Personen des heutigen Besuchs wurden
beurteilt. Eduard, liebevoll aufgeregt, sprach gut von einem jeden, immer
schonend, oft billigend. Charlotte, die nicht durchaus seiner Meinung war,
bemerkte diese Stimmung und scherzte mit ihm, da er, der sonst ber die
scheidende Gesellschaft immer das strengste Zungengericht ergehen lasse, heute
so mild und nachsichtig sei.
    Mit Feuer und herzlicher berzeugung rief Eduard: Man mu nur Ein Wesen
recht von Grund aus lieben, da kommen einem die brigen alle liebenswrdig vor!
Ottilie schlug die Augen nieder, und Charlotte sah vor sich hin.
    Der Hauptmann nahm das Wort und sagte: Mit den Gefhlen der Hochachtung,
der Verehrung ist es doch auch etwas hnliches. Man erkennt nur erst das
Schtzenswerte in der Welt, wenn man solche Gesinnungen an Einem Gegenstande zu
ben Gelegenheit findet.
    Charlotte suchte bald in ihr Schlafzimmer zu gelangen, um sich der
Erinnerung dessen zu berlassen, was diesen Abend zwischen ihr und dem Hauptmann
vorgegangen war.
    Als Eduard ans Ufer springend den Kahn vom Lande stie, Gattin und Freund
dem schwankenden Element selbst berantwortete, sah nunmehr Charlotte den Mann,
um den sie im stillen schon soviel gelitten hatte, in der Dmmerung vor sich
sitzen und durch die Fhrung zweier Ruder das Fahrzeug in beliebiger Richtung
fortbewegen. Sie empfand eine tiefe, selten gefhlte Traurigkeit. Das Kreisen
des Kahns, das Pltschern der Ruder, der ber den Wasserspiegel hinschauernde
Windhauch, das Suseln der Rohre, das letzte Schweben der Vgel, das Blinken und
Widerblinken der ersten Sterne: alles hatte etwas Geisterhaftes in dieser
allgemeinen Stille. Es schien ihr, der Freund fhre sie weit weg, um sie
auszusetzen, sie allein zu lassen. Eine wunderbare Bewegung war in ihrem Innern,
und sie konnte nicht weinen.
    Der Hauptmann beschrieb ihr unterdessen, wie nach seiner Absicht die Anlagen
werden sollten. Er rhmte die guten Eigenschaften des Kahns, da er sich leicht
mit zwei Rudern von einer Person bewegen und regieren lasse. Sie werde das
selbst lernen, es sei eine angenehme Empfindung, manchmal allein auf dem Wasser
hinzuschwimmen und sein eigner Fhr-und Steuermann zu sein.
    Bei diesen Worten fiel der Freundin die bevorstehende Trennung aufs Herz.
Sagt er das mit Vorsatz? dachte sie bei sich selbst. Wei er schon davon?
vermutet ers? Oder sagt er es zufllig, so da er mir bewutlos mein Schicksal
vorausverkndigt? Es ergriff sie eine groe Wehmut, eine Ungeduld; sie bat ihn,
baldmglichst zu landen und mit ihr nach dem Schlosse zurckzukehren.
    Es war das erstemal, da der Hauptmann die Teiche befuhr, und ob er gleich
im allgemeinen ihre Tiefe untersucht hatte, so waren ihm doch die einzelnen
Stellen unbekannt. Dunkel fing es an zu werden; er richtete seinen Lauf dahin,
wo er einen bequemen Ort zum Aussteigen vermutete und den Fupfad nicht entfernt
wute, der nach dem Schlosse fhrte. Aber auch von dieser Bahn wurde er
einigermaen abgelenkt, als Charlotte mit einer Art von ngstlichkeit den Wunsch
wiederholte, bald am Lande zu sein. Er nherte sich mit erneuten Anstrengungen
dem Ufer, aber leider fhlte er sich in einiger Entfernung davon angehalten; er
hatte sich festgefahren, und seine Bemhungen, wieder loszukommen, waren
vergebens. Was war zu tun? Ihm blieb nichts brig, als in das Wasser zu steigen,
das seicht genug war, und die Freundin an das Land zu tragen. Glcklich brachte
er die liebe Brde hinber, stark genug, um nicht zu schwanken oder ihr einige
Sorgen zu geben; aber doch hatte sie ngstlich ihre Arme um seinen Hals
geschlungen.
    Er hielt sie fest und drckte sie an sich. Erst auf einem Rasenabhang lie
er sie nieder, nicht ohne Bewegung und Verwirrung. Sie lag noch an seinem Halse;
er schlo sie aufs neue in seine Arme und drckte einen lebhaften Ku auf ihre
Lippen; aber auch im Augenblick lag er zu ihren Fen, drckte seinen Mund auf
ihre Hand und rief: Charlotte, werden Sie mir vergeben?
    Der Ku, den der Freund gewagt, den sie ihm beinahe zurckgegeben, brachte
Charlotten wieder zu sich selbst. Sie drckte seine Hand, aber sie hob ihn nicht
auf. Doch indem sie sich zu ihm hinunterneigte und eine Hand auf seine Schultern
legte, rief sie aus: Da dieser Augenblick in unserm Leben Epoche mache, knnen
wir nicht verhindern; aber da sie unser wert sei, hngt von uns ab. Sie mssen
scheiden, lieber Freund, und Sie werden scheiden. Der Graf macht Anstalt, Ihr
Schicksal zu verbessern; es freut und schmerzt mich. Ich wollte es verschweigen,
bis es gewi wre; der Augenblick ntigt mich, dies Geheimnis zu entdecken. Nur
insofern kann ich Ihnen, kann ich mir verzeihen, wenn wir den Mut haben, unsre
Lage zu ndern, da es von uns nicht abhngt, unsre Gesinnung zu ndern. Sie hub
ihn auf und ergriff seinen Arm, um sich darauf zu sttzen, und so kamen sie
stillschweigend nach dem Schlosse.
    Nun aber stand sie in ihrem Schlafzimmer, wo sie sich als Gattin Eduards
empfinden und betrachten mute. Ihr kam bei diesen Widersprchen ihr tchtiger
und durchs Leben mannigfaltig gebter Charakter zu Hlfe. Immer gewohnt, sich
ihrer selbst bewut zu sein, sich selbst zu gebieten, ward es ihr auch jetzt
nicht schwer, durch ernste Betrachtung sich dem erwnschten Gleichgewichte zu
nhern; ja sie mute ber sich selbst lcheln, indem sie des wunderlichen
Nachtbesuches gedachte. Doch schnell ergriff sie eine seltsame Ahnung, ein
freudig bngliches Erzittern, das in fromme Wnsche und Hoffnungen sich
auflste. Gerhrt kniete sie nieder, sie wiederholte den Schwur, den sie
Eduarden vor dem Altar getan. Freundschaft, Neigung, Entsagen gingen vor ihr in
heitern Bildern vorber. Sie fhlte sich innerlich wiederhergestellt. Bald
ergreift sie eine se Mdigkeit und ruhig schlft sie ein.

                              Dreizehntes Kapitel


Eduard von seiner Seite ist in einer ganz verschiedenen Stimmung. Zu schlafen
denkt er so wenig, da es ihm nicht einmal einfllt, sich auszuziehen. Die
Abschrift des Dokuments kt er tausendmal, den Anfang von Ottiliens kindlich
schchterner Hand; das Ende wagt er kaum zu kssen, weil er seine eigene Hand zu
sehen glaubt. O da es ein andres Dokument wre! sagt er sich im stillen; und
doch ist es ihm auch schon die schnste Versicherung, da sein hchster Wunsch
erfllt sei. Bleibt es ja doch in seinen Hnden! und wird er es nicht immerfort
an sein Herz drcken, obgleich entstellt durch die Unterschrift eines Dritten?
    Der abnehmende Mond steigt ber den Wald hervor. Die warme Nacht lockt
Eduarden ins Freie; er schweift umher, er ist der unruhigste und der
glcklichste aller Sterblichen. Er wandelt durch die Grten; sie sind ihm zu
enge; er eilt auf das Feld, und es wird ihm zu weit. Nach dem Schlosse zieht es
ihn zurck; er findet sich unter Ottiliens Fenstern. Dort setzt er sich auf eine
Terrassentreppe. Mauern und Riegel, sagt er zu sich selbst, trennen uns jetzt,
aber unsre Herzen sind nicht getrennt. Stnde sie vor mir, in meine Arme wrde
sie fallen, ich in die ihrigen, und was bedarf es weiter als diese Gewiheit!
Alles war still um ihn her, kein Lftchen regte sich; so still wars, da er das
whlende Arbeiten emsiger Tiere unter der Erde vernehmen konnte, denen Tag und
Nacht gleich sind. Er hing ganz seinen glcklichen Trumen nach, schlief endlich
ein und erwachte nicht eher wieder, als bis die Sonne mit herrlichem Blick
heraufstieg und die frhsten Nebel gewltigte.
    Nun fand er sich den ersten Wachenden in seinen Besitzungen. Die Arbeiter
schienen ihm zu lange auszubleiben. Sie kamen; es schienen ihm ihrer zu wenig
und die vorgesetzte Tagesarbeit fr seine Wnsche zu gering. Er fragte nach
mehreren Arbeitern; man versprach sie und stellte sie im Laufe des Tages. Aber
auch diese sind ihm nicht genug, um seine Vorstze schleunig ausgefhrt zu
sehen. Das Schaffen macht ihm keine Freude mehr; es soll schon alles fertig
sein, und fr wen? Die Wege sollen gebahnt sein, damit Ottilie bequem sie gehen,
die Sitze schon an Ort und Stelle, damit Ottilie dort ruhen knne. Auch an dem
neuen Hause treibt er, was er kann; es soll an Ottiliens Geburtstage gerichtet
werden. In Eduards Gesinnungen wie in seinen Handlungen ist kein Ma mehr. Das
Bewutsein, zu lieben und geliebt zu werden, treibt ihn ins Unendliche. Wie
verndert ist ihm die Ansicht von allen Zimmern, von allen Umgebungen! Er findet
sich in seinem eigenen Hause nicht mehr. Ottiliens Gegenwart verschlingt ihm
alles; er ist ganz in ihr versunken, keine andre Betrachtung steigt vor ihm auf,
kein Gewissen spricht ihm zu; alles, was in seiner Natur gebndigt war, bricht
los, sein ganzes Wesen strmt gegen Ottilien.
    Der Hauptmann beobachtet dieses leidenschaftliche Treiben und wnscht den
traurigen Folgen zuvorzukommen. Alle diese Anlagen, die jetzt mit einem
einseitigen Triebe bermig gefrdert werden, hatte er auf ein ruhig
freundliches Zusammenleben berechnet. Der Verkauf des Vorwerks war durch ihn
zustande gebracht, die erste Zahlung geschehen, Charlotte hatte sie der Abrede
nach in ihre Kasse genommen. Aber sie mu gleich in der ersten Woche Ernst und
Geduld und Ordnung mehr als sonst ben und im Auge haben; denn nach der
bereilten Weise wird das Ausgesetzte nicht lange reichen.
    Es war viel angefangen und viel zu tun. Wie soll er Charlotten in dieser
Lage lassen! Sie beraten sich und kommen berein, man wolle die planmigen
Arbeiten lieber selbst beschleunigen, zu dem Ende Gelder aufnehmen und zu deren
Abtragung die Zahlungstermine anweisen, die vom Vorwerksverkauf zurckgeblieben
waren. Es lie sich fast ohne Verlust durch Zession der Gerechtsame tun; man
hatte freiere Hand; man leistete, da alles im Gange, Arbeiter genug vorhanden
waren, mehr auf einmal und gelangte gewi und bald zum Zweck. Eduard stimmte
gern bei, weil es mit seinen Absichten bereintraf.
    Im innern Herzen beharrt indessen Charlotte bei dem, was sie bedacht und
sich vorgesetzt, und mnnlich steht ihr der Freund mit gleichem Sinn zur Seite.
Aber eben dadurch wird ihre Vertraulichkeit nur vermehrt. Sie erklren sich
wechselseitig ber Eduards Leidenschaft, sie beraten sich darber. Charlotte
schliet Ottilien nher an sich, beobachtet sie strenger, und je mehr sie ihr
eigen Herz gewahr worden, desto tiefer blickt sie in das Herz des Mdchens. Sie
sieht keine Rettung, als sie mu das Kind entfernen.
    Nun scheint es ihr eine glckliche Fgung, da Luciane ein so
ausgezeichnetes Lob in der Pension erhalten; denn die Grotante, davon
unterrichtet, will sie nun ein fr allemal zu sich nehmen, sie um sich haben,
sie in die Welt einfhren. Ottilie konnte in die Pension zurckkehren, der
Hauptmann entfernte sich wohlversorgt; und alles stand wie vor wenigen Monaten,
ja um so viel besser. Ihr eigenes Verhltnis hoffte Charlotte zu Eduard bald
wiederherzustellen, und sie legte das alles so verstndig bei sich zurecht, da
sie sich nur immer mehr in dem Wahn bestrkte: in einen frhern, beschrnktern
Zustand knne man zurckkehren, ein gewaltsam Entbundenes lasse sich wieder ins
Enge bringen.
    Eduard empfand indessen die Hindernisse sehr hoch, die man ihm in den Weg
legte. Er bemerkte gar bald, da man ihn und Ottilien auseinanderhielt, da man
ihm erschwerte, sie allein zu sprechen, ja sich ihr zu nhern, auer in
Gegenwart von mehreren; und indem er hierber verdrielich war, ward er es ber
manches andere. Konnte er Ottilien flchtig sprechen, so war es nicht nur, sie
seiner Liebe zu versichern, sondern sich auch ber seine Gattin, ber den
Hauptmann zu beschweren. Er fhlte nicht, da er selbst durch sein heftiges
Treiben die Kasse zu erschpfen auf dem Wege war; er tadelte bitter Charlotten
und den Hauptmann, da sie bei dem Geschft gegen die erste Abrede handelten,
und doch hatte er in die zweite Abrede gewilligt, ja er hatte sie selbst
veranlat und notwendig gemacht.
    Der Ha ist parteiisch, aber die Liebe ist es noch mehr. Auch Ottilie
entfremdete sich einigermaen von Charlotten und dem Hauptmann. Als Eduard sich
einst gegen Ottilien ber den letztern beklagte, da er als Freund und in einem
solchen Verhltnisse nicht ganz aufrichtig handle, versetzte Ottilie
unbedachtsam: Es hat mir schon frher mifallen, da er nicht ganz redlich
gegen Sie ist. Ich hrte ihn einmal zu Charlotten sagen: Wenn uns nur Eduard mit
seiner Fltendudelei verschonte! Es kann daraus nichts werden und ist fr die
Zuhrer so lstig. Sie knnen denken, wie mich das geschmerzt hat, da ich Sie so
gern akkompagniere.
    Kaum hatte sie es gesagt, als ihr schon der Geist zuflsterte, da sie htte
schweigen sollen; aber es war heraus. Eduards Gesichtszge verwandelten sich.
Nie hatte ihn etwas mehr verdrossen; er war in seinen liebsten Forderungen
angegriffen, er war sich eines kindlichen Strebens ohne die mindeste Anmaung
bewut. Was ihn unterhielt, was ihn erfreute, sollte doch mit Schonung von
Freunden behandelt werden. Er dachte nicht, wie schrecklich es fr einen Dritten
sei, sich die Ohren durch ein unzulngliches Talent verletzen zu lassen. Er war
beleidigt, wtend, um nicht wieder zu vergeben. Er fhlte sich von allen
Pflichten losgesprochen.
    Die Notwendigkeit, mit Ottilien zu sein, sie zu sehen, ihr etwas
zuzuflstern, ihr zu vertrauen, wuchs mit jedem Tage. Er entschlo sich, ihr zu
schreiben, sie um einen geheimen Briefwechsel zu bitten. Das Streifchen Papier,
worauf er dies lakonisch genug getan hatte, lag auf dem Schreibtisch und ward
vom Zugwind heruntergefhrt, als der Kammerdiener hereintrat, ihm die Haare zu
kruseln. Gewhnlich, um die Hitze des Eisens zu versuchen, bckte sich dieser
nach Papierschnitzeln auf der Erde; diesmal ergriff er das Billet, zwickte es
eilig, und es war versengt. Eduard, den Migriff bemerkend, ri es ihm aus der
Hand. Bald darauf setzte er sich hin, es noch einmal zu schreiben; es wollte
nicht ganz so zum zweitenmal aus der Feder. Er fhlte einiges Bedenken, einige
Besorgnis, die er jedoch berwand. Ottilien wurde das Blttchen in die Hand
gedrckt, den ersten Augenblick, wo er sich ihr nhern konnte.
    Ottilie versumte nicht, ihm zu antworten. Ungelesen steckte er das
Zettelchen in die Weste, die, modisch kurz, es nicht gut verwahrte. Es schob
sich heraus und fiel, ohne von ihm bemerkt zu werden, auf den Boden. Charlotte
sah es und hob es auf und reichte es ihm mit einem flchtigen berblick. Hier
ist etwas von deiner Hand, sagte sie, das du vielleicht ungern verlrest.
    Er war betroffen. Verstellt sie sich? dachte er. Ist sie den Inhalt des
Blttchens gewahr worden, oder irrt sie sich an der hnlichkeit der Hnde? Er
hoffte, er dachte das letztre. Er war gewarnt, doppelt gewarnt; aber diese
sonderbaren, zuflligen Zeichen, durch die ein hheres Wesen mit uns zu sprechen
scheint, waren seiner Leidenschaft unverstndlich; vielmehr, indem sie ihn immer
weiter fhrte, empfand er die Beschrnkung, in der man ihn zu halten schien,
immer unangenehmer. Die freundliche Geselligkeit verlor sich. Sein Herz war
verschlossen, und wenn er mit Freund und Frau zusammenzusein gentigt war, so
gelang es ihm nicht, seine frhere Neigung zu ihnen in seinem Busen wieder
aufzufinden, zu beleben. Der stille Vorwurf, den er sich selbst hierber machen
mute, war ihm unbequem, und er suchte sich durch eine Art von Humor zu helfen,
der aber, weil er ohne Liebe war, auch der gewohnten Anmut ermangelte.
    ber alle diese Prfungen half Charlotten ihr inneres Gefhl hinweg. Sie war
sich ihres ernsten Vorsatzes bewut, auf eine so schne, edle Neigung Verzicht
zu tun.
    Wie sehr wnschte sie, jenen beiden auch zu Hlfe zu kommen! Entfernung,
fhlte sie wohl, wird nicht allein hinreichend sein, ein solches bel zu heilen.
Sie nimmt sich vor, die Sache gegen das gute Kind zur Sprache zu bringen; aber
sie vermag es nicht; die Erinnerung ihres eignen Schwankens steht ihr im Wege.
Sie sucht sich darber im allgemeinen auszudrcken; das Allgemeine pat auch auf
ihren eignen Zustand, den sie auszusprechen scheut. Ein jeder Wink, den sie
Ottilien geben will, deutet zurck in ihr eignes Herz. Sie will warnen und
fhlt, da sie wohl selbst noch einer Warnung bedrfen knnte.
    Schweigend hlt sie daher die Liebenden noch immer auseinander, und die
Sache wird dadurch nicht besser. Leise Andeutungen, die ihr manchmal
entschlpfen, wirken auf Ottilien nicht; denn Eduard hatte diese von Charlottens
Neigung zum Hauptmann berzeugt, sie berzeugt, da Charlotte selbst eine
Scheidung wnsche, die er nun auf eine anstndige Weise zu bewirken denke.
    Ottilie, getragen durch das Gefhl ihrer Unschuld, auf dem Wege zu dem
erwnschtesten Glck, lebt nur fr Eduard. Durch die Liebe zu ihm in allem Guten
gestrkt, um seinetwillen freudiger in ihrem Tun, aufgeschlossener gegen andre,
findet sie sich in einem Himmel auf Erden.
    So setzen alle zusammen, jeder auf seine Weise, das tgliche Leben fort, mit
und ohne Nachdenken; alles scheint seinen gewhnlichen Gang zu gehen, wie man
auch in ungeheuren Fllen, wo alles auf dem Spiele steht, noch immer so
fortlebt, als wenn von nichts die Rede wre.

                              Vierzehntes Kapitel


Von dem Grafen war indessen ein Brief an den Hauptmann angekommen, und zwar ein
doppelter, einer zum Vorzeigen, der sehr schne Aussichten in die Ferne darwies;
der andre hingegen, der ein entschiedenes Anerbieten fr die Gegenwart enthielt,
eine bedeutende Hof- und Geschftsstelle, den Charakter als Major, ansehnlichen
Gehalt und andre Vorteile, sollte wegen verschiedener Nebenumstnde noch
geheimgehalten werden. Auch unterrichtete der Hauptmann seine Freunde nur von
jenen Hoffnungen und verbarg, was so nahe bevorstand.
    Indessen setzte er die gegenwrtigen Geschfte lebhaft fort und machte in
der Stille Einrichtungen, wie alles in seiner Abwesenheit ungehinderten Fortgang
haben knnte. Es ist ihm nun selbst daran gelegen, da fr manches ein Termin
bestimmt werde, da Ottiliens Geburtstag manches beschleunige. Nun wirken die
beiden Freunde, obschon ohne ausdrckliches Einverstndnis, gern zusammen.
Eduard ist nun recht zufrieden, da man durch das Vorauserheben der Gelder die
Kasse verstrkt hat; die ganze Anstalt rckt auf das rascheste vorwrts.
    Die drei Teiche in einen See zu verwandeln, htte jetzt der Hauptmann am
liebsten ganz widerraten. Der untere Damm war zu verstrken, die mittlern
abzutragen und die ganze Sache in mehr als einem Sinne wichtig und bedenklich.
Beide Arbeiten aber, wie sie ineinanderwirken konnten, waren schon angefangen,
und hier kam ein junger Architekt, ein ehemaliger Zgling des Hauptmanns, sehr
erwnscht, der teils mit Anstellung tchtiger Meister, teils mit Verdingen der
Arbeit, wo sichs tun lie, die Sache frderte und dem Werke Sicherheit und Dauer
versprach; wobei sich der Hauptmann im stillen freute, da man seine Entfernung
nicht fhlen wrde. Denn er hatte den Grundsatz, aus einem bernommenen
unvollendeten Geschft nicht zu scheiden, bis er seine Stelle genugsam ersetzt
she. Ja er verachtete diejenigen, die, um ihren Abgang fhlbar zu machen, erst
noch Verwirrung in ihrem Kreise anrichten, indem sie als ungebildete Selbstler
das zu zerstren wnschen, wobei sie nicht mehr fortwirken sollen.
    So arbeitete man immer mit Anstrengung, um Ottiliens Geburtstag zu
verherrlichen, ohne da man es aussprach oder sichs recht aufrichtig bekannte.
Nach Charlottens obgleich neidlosen Gesinnungen konnte es doch kein
entschiedenes Fest werden. Die Jugend Ottiliens, ihre Glcksumstnde, das
Verhltnis zur Familie berechtigten sie nicht, als Knigin eines Tages zu
erscheinen. Und Eduard wollte nicht davon gesprochen haben, weil alles wie von
selbst entspringen, berraschen und natrlich erfreuen sollte.
    Alle kamen daher stillschweigend in dem Vorwande berein, als wenn an diesem
Tage, ohne weitere Beziehung, jenes Lusthaus gerichtet werden sollte, und bei
diesem Anla konnte man dem Volke sowie den Freunden ein Fest ankndigen.
    Eduards Neigung war aber grenzenlos. Wie er sich Ottilien zuzueignen
begehrte, so kannte er auch kein Ma des Hingebens, Schenkens, Versprechens. Zu
einigen Gaben, die er Ottilien an diesem Tage verehren wollte, hatte ihm
Charlotte viel zu rmliche Vorschlge getan. Er sprach mit seinem Kammerdiener,
der seine Garderobe besorgte und mit Handelsleuten und Modehndlern in
bestndigem Verhltnis blieb; dieser, nicht unbekannt sowohl mit den
angenehmsten Gaben selbst als mit der besten Art, sie zu berreichen, bestellte
sogleich in der Stadt den niedlichsten Koffer, mit rotem Saffian berzogen, mit
Stahlngeln beschlagen und angefllt mit Geschenken, einer solchen Schale
wrdig.
    Noch einen andern Vorschlag tat er Eduarden. Es war ein kleines Feuerwerk
vorhanden, das man immer abzubrennen versumt hatte. Dies konnte man leicht
verstrken und erweitern. Eduard ergriff den Gedanken, und jener versprach, fr
die Ausfhrung zu sorgen. Die Sache sollte ein Geheimnis bleiben.
    Der Hauptmann hatte unterdessen, je nher der Tag heranrckte, seine
polizeilichen Einrichtungen getroffen, die er fr so ntig hielt, wenn eine
Masse Menschen zusammenberufen oder - gelockt wird. Ja sogar hatte er wegen des
Bettelns und andrer Unbequemlichkeiten, wodurch die Anmut eines Festes gestrt
wird, durchaus Vorsorge genommen.
    Eduard und sein Vertrauter dagegen beschftigten sich vorzglich mit dem
Feuerwerk. Am mittelsten Teiche vor jenen groen Eichbumen sollte es abgebrannt
werden; gegenber unter den Platanen sollte die Gesellschaft sich aufhalten, um
die Wirkung aus gehriger Ferne, die Abspiegelung im Wasser, und was auf dem
Wasser selbst brennend zu schwimmen bestimmt war, mit Sicherheit und
Bequemlichkeit anzuschauen.
    Unter einem andern Vorwand lie daher Eduard den Raum unter den Platanen von
Gestruch, Gras und Moos subern, und nun erschien erst die Herrlichkeit des
Baumwuchses sowohl an Hhe als Breite auf dem gereinigten Boden. Eduard empfand
darber die grte Freude. Es war ungefhr um diese Jahrszeit, als ich sie
pflanzte. Wie lange mag es her sein? sagte er zu sich selbst. Sobald er nach
Hause kam, schlug er in alten Tagebchern nach, die sein Vater, besonders auf
dem Lande, sehr ordentlich gefhrt hatte. Zwar diese Pflanzung konnte nicht
darin erwhnt sein, aber eine andre huslich wichtige Begebenheit an demselben
Tage, deren sich Eduard noch wohl erinnerte, mute notwendig darin angemerkt
stehen. Er durchblttert einige Bnde, der Umstand findet sich. Aber wie
erstaunt, wie erfreut ist Eduard, als er das wunderbarste Zusammentreffen
bemerkt! Der Tag, das Jahr jener Baumpflanzung ist zugleich der Tag, das Jahr
von Ottiliens Geburt.

                              Funfzehntes Kapitel


Endlich leuchtete Eduarden der sehnlich erwartete Morgen, und nach und nach
stellten viele Gste sich ein; denn man hatte die Einladungen weit
umhergeschickt, und manche, die das Legen des Grundsteins versumt hatten, wovon
man soviel Artiges erzhlte, wollten diese zweite Feierlichkeit um so weniger
verfehlen.
    Vor Tafel erschienen die Zimmerleute mit Musik im Schlohofe, ihren reichen
Kranz tragend, der aus vielen stufenweise bereinander schwankenden Laub-und
Blumenreifen zusammengesetzt war. Sie sprachen ihren Gru und erbaten sich zur
gewhnlichen Ausschmckung seidene Tcher und Bnder von dem schnen Geschlecht.
Indes die Herrschaft speiste, setzten sie ihren jauchzenden Zug weiter fort, und
nachdem sie sich eine Zeitlang im Dorfe aufgehalten und daselbst Frauen und
Mdchen gleichfalls um manches Band gebracht, so kamen sie endlich, begleitet
und erwartet von einer groen Menge, auf die Hhe, wo das gerichtete Haus stand.
    Charlotte hielt nach der Tafel die Gesellschaft einigermaen zurck. Sie
wollte keinen feierlichen, frmlichen Zug, und man fand sich daher in einzelnen
Partieen, ohne Rang und Ordnung, auf dem Platz gemchlich ein. Charlotte zgerte
mit Ottilien und machte dadurch die Sache nicht besser; denn weil Ottilie
wirklich die letzte war, die herantrat, so schien es, als wenn Trompeten und
Pauken nur auf sie gewartet htten, als wenn die Feierlichkeit bei ihrer Ankunft
nun gleich beginnen mte.
    Dem Hause das rohe Ansehn zu nehmen, hatte man es mit grnem Reisig und
Blumen, nach Angabe des Hauptmanns, architektonisch ausgeschmckt; allein ohne
dessen Mitwissen hatte Eduard den Architekten veranlat, in dem Gesims das Datum
mit Blumen zu bezeichnen. Das mochte noch hingehen; allein zeitig genug langte
der Hauptmann an, um zu verhindern, da nicht auch der Name Ottiliens im
Giebelfelde glnzte. Er wute dieses Beginnen auf eine geschickte Weise
abzulehnen und die schon fertigen Blumenbuchstaben beiseitezubringen.
    Der Kranz war aufgesteckt und weit umher in der Gegend sichtbar. Bunt
flatterten die Bnder und Tcher in der Luft, und eine kurze Rede verscholl zum
grten Teil im Winde. Die Feierlichkeit war zu Ende, der Tanz auf dem geebneten
und mit Lauben umkreiseten Platze vor dem Gebude sollte nun angehen. Ein
schmucker Zimmergeselle fhrte Eduarden ein flinkes Bauermdchen zu und forderte
Ottilien auf, welche danebenstand. Die beiden Paare fanden sogleich ihre
Nachfolger, und bald genug wechselte Eduard, indem er Ottilien ergriff und mit
ihr die Runde machte. Die jngere Gesellschaft mischte sich frhlich in den Tanz
des Volks, indes die ltern beobachteten.
    Sodann, ehe man sich auf den Spaziergngen zerstreute, ward abgeredet, da
man sich mit Untergang der Sonne bei den Platanen wieder versammeln wolle.
Eduard fand sich zuerst ein, ordnete alles und nahm Abrede mit dem Kammerdiener,
der auf der andern Seite in Gesellschaft des Feuerwerkers die Lusterscheinungen
zu besorgen hatte.
    Der Hauptmann bemerkte die dazu getroffenen Vorrichtungen nicht mit
Vergngen; er wollte wegen des zu erwartenden Andrangs der Zuschauer mit Eduard
sprechen, als ihn derselbe etwas hastig bat, er mge ihm diesen Teil der
Feierlichkeit doch allein berlassen.
    Schon hatte sich das Volk auf die oberwrts abgestochenen und vom Rasen
entblten Dmme gedrngt, wo das Erdreich uneben und unsicher war. Die Sonne
ging unter, die Dmmerung trat ein, und in Erwartung grerer Dunkelheit wurde
die Gesellschaft unter den Platanen mit Erfrischungen bedient. Man fand den Ort
unvergleichlich und freute sich in Gedanken, knftig von hier die Aussicht auf
einen weiten und so mannigfaltig begrenzten See zu genieen.
    Ein ruhiger Abend, eine vollkommene Windstille versprachen das nchtliche
Fest zu begnstigen, als auf einmal ein entsetzliches Geschrei entstand. Groe
Schollen hatten sich vom Damme losgetrennt, man sah mehrere Menschen ins Wasser
strzen. Das Erdreich hatte nachgegeben unter dem Drngen und Treten der immer
zunehmenden Menge. Jeder wollte den besten Platz haben, und nun konnte niemand
vorwrts noch zurck.
    Jedermann sprang auf und hinzu, mehr um zu schauen als zu tun; denn was war
da zu tun, wo niemand hinreichen konnte. Nebst einigen Entschlossenen eilte der
Hauptmann herbei, trieb sogleich die Menge von dem Damm herunter nach den Ufern,
um den Hlfreichen freie Hand zu geben, welche die Versinkenden herauszuziehen
suchten. Schon waren alle teils durch eignes, teils durch fremdes Bestreben
wieder auf dem Trocknen, bis auf einen Knaben, der durch allzu ngstliches
Bemhen, statt sich dem Damm zu nhern, sich davon entfernt hatte. Die Krfte
schienen ihn zu verlassen, nur einigemal kam noch eine Hand, ein Fu in die
Hhe. Unglcklicherweise war der Kahn auf der andern Seite, mit Feuerwerk
gefllt, nur langsam konnte man ihn ausladen, und die Hlfe verzgerte sich. Des
Hauptmanns Entschlu war gefat, er warf die Oberkleider weg, aller Augen
richteten sich auf ihn, und seine tchtige, krftige Gestalt flte jedermann
Zutrauen ein; aber ein Schrei der berraschung drang aus der Menge hervor, als
er sich ins Wasser strzte, jedes Auge begleitete ihn, der als geschickter
Schwimmer den Knaben bald erreichte und ihn, jedoch fr tot, an den Damm
brachte.
    Indessen ruderte der Kahn herbei, der Hauptmann bestieg ihn und forschte
genau von den Anwesenden, ob denn auch wirklich alle gerettet seien. Der
Chirurgus kommt und bernimmt den totgeglaubten Knaben; Charlotte tritt hinzu,
sie bittet den Hauptmann, nur fr sich zu sorgen, nach dem Schlosse
zurckzukehren und die Kleider zu wechseln. Er zaudert, bis ihm gesetzte,
verstndige Leute, die ganz nahe gegenwrtig gewesen, die selbst zur Rettung der
einzelnen beigetragen, auf das heiligste versichern, da alle gerettet seien.
    Charlotte sieht ihn nach Hause gehen, sie denkt, da Wein und Tee und was
sonst ntig wre, verschlossen ist, da in solchen Fllen die Menschen
gewhnlich verkehrt handeln; sie eilt durch die zerstreute Gesellschaft, die
sich noch unter den Platanen befindet. Eduard ist beschftigt, jedermann
zuzureden: man soll bleiben; in kurzem gedenkt er das Zeichen zu geben, und das
Feuerwerk soll beginnen. Charlotte tritt hinzu und bittet ihn, ein Vergngen zu
verschieben, das jetzt nicht am Platze sei, das in dem gegenwrtigen Augenblick
nicht genossen werden knne; sie erinnert ihn, was man dem Geretteten und dem
Retter schuldig sei. Der Chirurgus wird schon seine Pflicht tun, versetzte
Eduard. Er ist mit allem versehen, und unser Zudringen wre nur eine
hinderliche Teilnahme.
    Charlotte bestand auf ihrem Sinne und winkte Ottilien, die sich sogleich zum
Weggehen anschickte. Eduard ergriff ihre Hand und rief: Wir wollen diesen Tag
nicht im Lazarett endigen! Zur barmherzigen Schwester ist sie zu gut. Auch ohne
uns werden die Scheintoten erwachen und die Lebendigen sich abtrocknen.
    Charlotte schwieg und ging. Einige folgten ihr, andere diesen; endlich
wollte niemand der letzte sein, und so folgten alle. Eduard und Ottilie fanden
sich allein unter den Platanen. Er bestand darauf, zu bleiben, so dringend, so
ngstlich sie ihn auch bat, mit ihr nach dem Schlosse zurckzukehren. Nein,
Ottilie! rief er, das Auerordentliche geschieht nicht auf glattem,
gewhnlichem Wege. Dieser berraschende Vorfall von heute abend bringt uns
schneller zusammen. Du bist die Meine! Ich habe dirs schon so oft gesagt und
geschworen; wir wollen es nicht mehr sagen und schwren, nun soll es werden.
    Der Kahn von der andern Seite schwamm herber. Es war der Kammerdiener, der
verlegen anfragte, was nunmehr mit dem Feuerwerk werden sollte. Brennt es ab!
rief er ihm entgegen. Fr dich allein war es bestellt, Ottilie, und nun sollst
du es auch allein sehen! Erlaube mir, an deiner Seite sitzend, es
mitzugenieen. Zrtlich bescheiden setzte er sich neben sie, ohne sie zu
berhren.
    Raketen rauschten auf, Kanonenschlge donnerten, Leuchtkugeln stiegen,
Schwrmer schlngelten und platzten, Rder gischten, jedes erst einzeln, dann
gepaart, dann alle zusammen und immer gewaltsamer hintereinander und zusammen.
Eduard, dessen Busen brannte, verfolgte mit lebhaft zufriedenem Blick diese
feurigen Erscheinungen. Ottiliens zartem, aufgeregtem Gemt war dieses
rauschende, blitzende Entstehen und Verschwinden eher ngstlich als angenehm.
Sie lehnte sich schchtern an Eduard, dem diese Annherung, dieses Zutrauen das
volle Gefhl gab, da sie ihm ganz angehre.
    Die Nacht war kaum in ihre Rechte wieder eingetreten, als der Mond aufging
und die Pfade der beiden Rckkehrenden beleuchtete. Eine Figur, den Hut in der
Hand, vertrat ihnen den Weg und sprach sie um ein Almosen an, da er an diesem
festlichen Tage versumt worden sei. Der Mond schien ihm ins Gesicht, und Eduard
erkannte die Zge jenes zudringlichen Bettlers. Aber so glcklich wie er war,
konnte er nicht ungehalten sein, konnte es ihm nicht einfallen, da besonders
fr heute das Betteln hchlich verpnt worden. Er forschte nicht lange in der
Tasche und gab ein Goldstck hin. Er htte jeden gern glcklich gemacht, da sein
Glck ohne Grenzen schien.
    Zu Hause war indes alles erwnscht gelungen. Die Ttigkeit des Chirurgen,
die Bereitschaft alles Ntigen, der Beistand Charlottens, alles wirkte zusammen,
und der Knabe ward wieder zum Leben hergestellt. Die Gste zerstreuten sich,
sowohl um noch etwas vom Feuerwerk aus der Ferne zu sehen, als auch um nach
solchen verworrnen Szenen ihre ruhige Heimat wieder zu betreten.
    Auch hatte der Hauptmann, geschwind umgekleidet, an der ntigen Vorsorge
ttigen Anteil genommen; alles war beruhigt, und er fand sich mit Charlotten
allein. Mit zutraulicher Freundlichkeit erklrte er nun, da seine Abreise nahe
bevorstehe. Sie hatte diesen Abend so viel erlebt, da diese Entdeckung wenig
Eindruck auf sie machte; sie hatte gesehen, wie der Freund sich aufopferte, wie
er rettete und selbst gerettet war. Diese wunderbaren Ereignisse schienen ihr
eine bedeutende Zukunft, aber keine unglckliche zu weissagen.
    Eduarden, der mit Ottilien hereintrat, wurde die bevorstehende Abreise des
Hauptmanns gleichfalls angekndigt. Er argwohnte, da Charlotte frher um das
Nhere gewut habe, war aber viel zu sehr mit sich und seinen Absichten
beschftigt, als da er es htte bel empfinden sollen.
    Im Gegenteil vernahm er aufmerksam und zufrieden die gute und ehrenvolle
Lage, in die der Hauptmann versetzt werden sollte. Unbndig drangen seine
geheimen Wnsche den Begebenheiten vor. Schon sah er jenen mit Charlotten
verbunden, sich mit Ottilien. Man htte ihm zu diesem Fest kein greres
Geschenk machen knnen.
    Aber wie erstaunt war Ottilie, als sie auf ihr Zimmer trat und den
kstlichen kleinen Koffer auf ihrem Tische fand! Sie sumte nicht, ihn zu
erffnen. Da zeigte sich alles so schn gepackt und geordnet, da sie es nicht
auseinanderzunehmen, ja kaum zu lften wagte. Musselin, Batist, Seide, Schals
und Spitzen wetteiferten an Feinheit, Zierlichkeit und Kostbarkeit. Auch war der
Schmuck nicht vergessen. Sie begriff wohl die Absicht, sie mehr als einmal vom
Kopf bis auf den Fu zu kleiden; es war aber alles so kostbar und fremd, da sie
sichs in Gedanken nicht zuzueignen getraute.

                              Sechzehntes Kapitel


Des andern Morgens war der Hauptmann verschwunden und ein dankbar gefhltes
Blatt an die Freunde von ihm zurckgeblieben. Er und Charlotte hatten abends
vorher schon halben und einsilbigen Abschied genommen. Sie empfand eine ewige
Trennung und ergab sich darein; denn in dem zweiten Briefe des Grafen, den ihr
der Hauptmann zuletzt mitteilte, war auch von einer Aussicht auf eine
vorteilhafte Heirat die Rede, und obgleich er diesem Punkt keine Aufmerksamkeit
schenkte, so hielt sie doch die Sache schon fr gewi und entsagte ihm rein und
vllig.
    Dagegen glaubte sie nun auch die Gewalt, die sie ber sich selbst ausgebt,
von andern fordern zu knnen. Ihr war es nicht unmglich gewesen, andern sollte
das gleiche mglich sein. In diesem Sinne begann sie das Gesprch mit ihrem
Gemahl, um so mehr offen und zuversichtlich, als sie empfand, da die Sache ein
fr allemal abgetan werden msse.
    Unser Freund hat uns verlassen, sagte sie; wir sind nun wieder
gegeneinander ber wie vormals, und es kme nun wohl auf uns an, ob wir wieder
vllig in den alten Zustand zurckkehren wollten.
    Eduard, der nichts vernahm, als was seiner Leidenschaft schmeichelte,
glaubte, da Charlotte durch diese Worte den frheren Witwenstand bezeichnen
und, obgleich auf unbestimmte Weise, zu einer Scheidung Hoffnung machen wolle.
Er antwortete deshalb mit Lcheln: Warum nicht? Es kme nur darauf an, da man
sich verstndigte.
    Er fand sich daher gar sehr betrogen, als Charlotte versetzte: Auch
Ottilien in eine andere Lage zu bringen, haben wir gegenwrtig nur zu whlen;
denn es findet sich eine doppelte Gelegenheit, ihr Verhltnisse zu geben, die
fr sie wnschenswert sind. Sie kann in die Pension zurckkehren, da meine
Tochter zur Grotante gezogen ist; sie kann in ein angesehenes Haus aufgenommen
werden, um mit einer einzigen Tochter alle Vorteile einer standesmigen
Erziehung zu genieen.
    Indessen, versetzte Eduard ziemlich gefat, hat Ottilie sich in unserer
freundlichen Gesellschaft so verwhnt, da ihr eine andere wohl schwerlich
willkommen sein mchte.
    Wir haben uns alle verwhnt, sagte Charlotte, und du nicht zum letzten.
Indessen ist es eine Epoche, die uns zur Besinnung auffordert, die uns ernstlich
ermahnt, an das Beste smtlicher Mitglieder unseres kleinen Zirkels zu denken
und auch irgendeine Aufopferung nicht zu versagen.
    Wenigstens finde ich es nicht billig, versetzte Eduard, da Ottilie
aufgeopfert werde, und das geschhe doch, wenn man sie gegenwrtig unter fremde
Menschen hinunterstiee. Den Hauptmann hat sein gutes Geschick hier aufgesucht;
wir drfen ihn mit Ruhe, ja mit Behagen von uns wegscheiden lassen. Wer wei,
was Ottilien bevorsteht; warum sollten wir uns bereilen?
    Was uns bevorsteht, ist ziemlich klar, versetzte Charlotte mit einiger
Bewegung, und da sie die Absicht hatte, ein fr allemal sich auszusprechen, fuhr
sie fort: Du liebst Ottilien, du gewhnst dich an sie. Neigung und Leidenschaft
entspringt und nhrt sich auch von ihrer Seite. Warum sollen wir nicht mit
Worten aussprechen, was uns jede Stunde gesteht und bekennt? Sollen wir nicht
soviel Vorsicht haben, uns zu fragen, was das werden wird?
    Wenn man auch sogleich nicht darauf antworten kann, versetzte Eduard, der
sich zusammennahm, so lt sich doch soviel sagen, da man eben alsdann sich am
ersten entschliet abzuwarten, was uns die Zukunft lehren wird, wenn man gerade
nicht sagen kann, was aus einer Sache werden soll.
    Hier vorauszusehen, versetzte Charlotte, bedarf es wohl keiner groen
Weisheit, und soviel lt sich auf alle Flle gleich sagen, da wir beide nicht
mehr jung genug sind, um blindlings dahin zu gehen, wohin man nicht mchte oder
nicht sollte. Niemand kann mehr fr uns sorgen; wir mssen unsre eigenen Freunde
sein, unsre eigenen Hofmeister. Niemand erwartet von uns, da wir uns in ein
uerstes verlieren werden, niemand erwartet, uns tadelnswert oder gar
lcherlich zu finden.
    Kannst du mirs verdenken, versetzte Eduard, der die offne, reine Sprache
seiner Gattin nicht zu erwidern vermochte, kannst du mich schelten, wenn mir
Ottiliens Glck am Herzen liegt? und nicht etwa ein knftiges, das immer nicht
zu berechnen ist, sondern ein gegenwrtiges? Denke dir aufrichtig und ohne
Selbstbetrug Ottilien aus unserer Gesellschaft gerissen und fremden Menschen
untergeben - ich wenigstens fhle mich nicht grausam genug, ihr eine solche
Vernderung zuzumuten.
    Charlotte ward gar wohl die Entschlossenheit ihres Gemahls hinter seiner
Verstellung gewahr. Erst jetzt fhlte sie, wie weit er sich von ihr entfernt
hatte. Mit einiger Bewegung rief sie aus: Kann Ottilie glcklich sein, wenn sie
uns entzweit, wenn sie mir einen Gatten, seinen Kindern einen Vater entreit?
    Fr unsere Kinder, dchte ich, wre gesorgt, sagte Eduard lchelnd und
kalt; etwas freundlicher aber fgte er hinzu: Wer wird auch gleich das uerste
denken!
    Das uerste liegt der Leidenschaft zu allernchst, bemerkte Charlotte.
Lehne, solange es noch Zeit ist, den guten Rat nicht ab, nicht die Hlfe, die
ich uns biete. In trben Fllen mu derjenige wirken und helfen, der am klarsten
sieht. Diesmal bin ichs. Lieber, liebster Eduard, la mich gewhren! Kannst du
mir zumuten, da ich auf mein wohlerworbenes Glck, auf die schnsten Rechte,
auf dich so geradehin Verzicht leisten soll?
    Wer sagt das? versetzte Eduard mit einiger Verlegenheit.
    Du selbst, versetzte Charlotte; indem du Ottilien in der Nhe behalten
willst, gestehst du nicht alles zu, was daraus entspringen mu? Ich will nicht
in dich dringen; aber wenn du dich nicht berwinden kannst, so wirst du
wenigstens dich nicht lange mehr betriegen knnen.
    Eduard fhlte, wie recht sie hatte. Ein ausgesprochnes Wort ist
frchterlich, wenn es das auf einmal ausspricht, was das Herz lange sich erlaubt
hat; und um nur fr den Augenblick auszuweichen, erwiderte Eduard: Es ist mir
ja noch nicht einmal klar, was du vorhast.
    Meine Absicht war, versetzte Charlotte, mit dir die beiden Vorschlge zu
berlegen. Beide haben viel Gutes. Die Pension wrde Ottilien am gemesten
sein, wenn ich betrachte, wie das Kind jetzt ist. Jene grere und weitere Lage
verspricht aber mehr, wenn ich bedenke, was sie werden soll. Sie legte darauf
umstndlich ihrem Gemahl die beiden Verhltnisse dar und schlo mit den Worten:
Was meine Meinung betrifft, so wrde ich das Haus jener Dame der Pension
vorziehen aus mehreren Ursachen, besonders aber auch, weil ich die Neigung, ja
die Leidenschaft des jungen Mannes, den Ottilie dort fr sich gewonnen, nicht
vermehren will.
    Eduard schien ihr Beifall zu geben, nur aber, um einigen Aufschub zu suchen.
Charlotte, die darauf ausging, etwas Entscheidendes zu tun, ergriff sogleich die
Gelegenheit, als Eduard nicht unmittelbar widersprach, die Abreise Ottiliens, zu
der sie schon alles im stillen vorbereitet hatte, auf die nchsten Tage
festzusetzen.
    Eduard schauderte, er hielt sich fr verraten und die liebevolle Sprache
seiner Frau fr ausgedacht, knstlich und planmig, um ihn auf ewig von seinem
Glcke zu trennen. Er schien ihr die Sache ganz zu berlassen; allein schon war
innerlich sein Entschlu gefat. Um nur zu Atem zu kommen, um das bevorstehende
unabsehliche Unheil der Entfernung Ottiliens abzuwenden, entschied er sich, sein
Haus zu verlassen, und zwar nicht ganz ohne Vorbewut Charlottens, die er jedoch
durch die Einleitung zu tuschen verstand, da er bei Ottiliens Abreise nicht
gegenwrtig sein, ja sie von diesem Augenblick an nicht mehr sehen wolle.
Charlotte, die gewonnen zu haben glaubte, tat ihm allen Vorschub. Er befahl
seine Pferde, gab dem Kammerdiener die ntige Anweisung, was er einpacken und
wie er ihm folgen solle, und so, wie schon im Stegreife, setzte er sich hin und
schrieb.


                              Eduard an Charlotten

Das bel, meine Liebe, das uns befallen hat, mag heilbar sein oder nicht, dies
nur fhle ich: wenn ich im Augenblicke nicht verzweifeln soll, so mu ich
Aufschub finden fr mich, fr uns alle. Indem ich mich aufopfre, kann ich
fordern. Ich verlasse mein Haus und kehre nur unter gnstigern, ruhigern
Aussichten zurck. Du sollst es indessen besitzen, aber mit Ottilien. Bei dir
will ich sie wissen, nicht unter fremden Menschen. Sorge fr sie, behandle sie
wie sonst, wie bisher, ja nur immer liebevoller, freundlicher und zarter. Ich
verspreche, kein heimliches Verhltnis zu Ottilien zu suchen. Lat mich lieber
eine Zeitlang ganz unwissend, wie ihr lebt; ich will mir das Beste denken. Denkt
auch so von mir. Nur, was ich dich bitte, auf das innigste, auf das lebhafteste:
mache keinen Versuch, Ottilien sonst irgendwo unterzugeben, in neue Verhltnisse
zu bringen! Auer dem Bezirk deines Schlosses, deines Parks, fremden Menschen
anvertraut, gehrt sie mir, und ich werde mich ihrer bemchtigen. Ehrst du aber
meine Neigung, meine Wnsche, meine Schmerzen, schmeichelst du meinem Wahn
meinen Hoffnungen, so will ich auch der Genesung nicht widerstreben, wenn sie
sich mir anbietet.

Diese letzte Wendung flo ihm aus der Feder, nicht aus dem Herzen. Ja, wie er
sie auf dem Papier sah, fing er bitterlich an zu weinen. Er sollte auf
irgendeine Weise dem Glck, ja dem Unglck, Ottilien zu lieben, entsagen! Jetzt
fhlte er, was er tat. Er entfernte sich, ohne zu wissen, was daraus entstehen
konnte. Er sollte sie wenigstens jetzt nicht wiedersehen; ob er sie je
wiedershe, welche Sicherheit konnte er sich darber versprechen? Aber der Brief
war geschrieben; die Pferde standen vor der Tr; jeden Augenblick mute er
frchten, Ottilien irgendwo zu erblicken und zugleich seinen Entschlu vereitelt
zu sehen. Er fate sich; er dachte, da es ihm doch mglich sei, jeden
Augenblick zurckzukehren und durch die Entfernung gerade seinen Wnschen nher
zu kommen. Im Gegenteil stellte er sich Ottilien vor, aus dem Hause gedrngt,
wenn er bliebe. Er siegelte den Brief, eilte die Treppe hinab und schwang sich
aufs Pferd.
    Als er beim Wirtshause vorbeiritt, sah er den Bettler in der Laube sitzen,
den er gestern nacht so reichlich beschenkt hatte. Dieser sa behaglich an
seinem Mittagsmahle, stand auf und neigte sich ehrerbietig, ja anbetend vor
Eduarden. Eben diese Gestalt war ihm gestern erschienen, als er Ottilien am Arm
fhrte; nun erinnerte sie ihn schmerzlich an die glcklichste Stunde seines
Lebens. Seine Leiden vermehrten sich; das Gefhl dessen, was er zurcklie, war
ihm unertrglich; nochmals blickte er nach dem Bettler: O du Beneidenswerter!
rief er aus; du kannst noch am gestrigen Almosen zehren und ich nicht mehr am
gestrigen Glcke!

                              Siebzehntes Kapitel


Ottilie trat ans Fenster, als sie jemanden wegreiten hrte, und sah Eduarden
noch im Rcken. Es kam ihr wunderbar vor, da er das Haus verlie, ohne sie
gesehen, ohne ihr einen Morgengru geboten zu haben. Sie ward unruhig und immer
nachdenklicher, als Charlotte sie auf einen weiten Spaziergang mit sich zog und
von mancherlei Gegenstnden sprach, aber des Gemahls, und wie es schien
vorstzlich, nicht erwhnte. Doppelt betroffen war sie daher, bei ihrer
Zurckkunft den Tisch nur mit zwei Gedecken besetzt zu finden.
    Wir vermissen ungern gering scheinende Gewohnheiten, aber schmerzlich
empfinden wir erst ein solches Entbehren in bedeutenden Fllen. Eduard und der
Hauptmann fehlten, Charlotte hatte seit langer Zeit zum erstenmal den Tisch
selbst angeordnet, und es wollte Ottilien scheinen, als wenn sie abgesetzt wre.
Die beiden Frauen saen gegeneinander ber; Charlotte sprach ganz unbefangen von
der Anstellung des Hauptmanns und von der wenigen Hoffnung, ihn bald
wiederzusehen. Das einzige trstete Ottilien in ihrer Lage, da sie glauben
konnte, Eduard sei, um den Freund noch eine Strecke zu begleiten, ihm
nachgeritten.
    Allein da sie von Tische aufstanden, sahen sie Eduards Reisewagen unter dem
Fenster, und als Charlotte einigermaen unwillig fragte, wer ihn hieher bestellt
habe, so antwortete man ihr, es sei der Kammerdiener, der hier noch einiges
aufpacken wolle. Ottilie brauchte ihre ganze Fassung, um ihre Verwunderung und
ihren Schmerz zu verbergen.
    Der Kammerdiener trat herein und verlangte noch einiges. Es war eine
Mundtasse des Herrn, ein paar silberne Lffel und mancherlei, was Ottilien auf
eine weitere Reise, auf ein lngeres Auenbleiben zu deuten schien. Charlotte
verwies ihm sein Begehren ganz trocken: sie verstehe nicht, was er damit sagen
wolle; denn er habe ja alles, was sich auf den Herrn beziehe, selbst im
Beschlu. Der gewandte Mann, dem es freilich nur darum zu tun war, Ottilien zu
sprechen und sie deswegen unter irgendeinem Vorwande aus dem Zimmer zu locken,
wute sich zu entschuldigen und auf seinem Verlangen zu beharren, das ihm
Ottilie auch zu gewhren wnschte; allein Charlotte lehnte es ab, der
Kammerdiener mute sich entfernen, und der Wagen rollte fort.
    Es war fr Ottilien ein schrecklicher Augenblick. Sie verstand es nicht, sie
begriff es nicht; aber da ihr Eduard auf geraume Zeit entrissen war, konnte sie
fhlen. Charlotte fhlte den Zustand mit und lie sie allein. Wir wagen nicht,
ihren Schmerz, ihre Trnen zu schildern. Sie litt unendlich. Sie bat nur Gott,
da er ihr nur ber diesen Tag weghelfen mchte; sie berstand den Tag und die
Nacht, und als sie sich wiedergefunden, glaubte sie, ein anderes Wesen
anzutreffen.
    Sie hatte sich nicht gefat, sich nicht ergeben, aber sie war nach so groem
Verluste noch da und hatte noch mehr zu befrchten. Ihre nchste Sorge, nachdem
das Bewutsein wiedergekehrt, war sogleich, sie mchte nun, nach Entfernung der
Mnner, gleichfalls entfernt werden. Sie ahnte nichts von Eduards Drohungen,
wodurch ihr der Aufenthalt neben Charlotten gesichert war; doch diente ihr das
Betragen Charlottens zu einiger Beruhigung. Diese suchte das gute Kind zu
beschftigen und lie sie nur selten, nur ungern von sich; und ob sie gleich
wohl wute, da man mit Worten nicht viel gegen eine entschiedene Leidenschaft
zu wirken vermag, so kannte sie doch die Macht der Besonnenheit, des
Bewutseins, und brachte daher manches zwischen sich und Ottilien zur Sprache.
    So war es fr diese ein groer Trost, als jene gelegentlich mit Bedacht und
Vorsatz die weise Betrachtung anstellte: Wie lebhaft ist, sagte sie, die
Dankbarkeit derjenigen, denen wir mit Ruhe ber leidenschaftliche Verlegenheiten
hinaushelfen! La uns freudig und munter in das eingreifen, was die Mnner
unvollendet zurckgelassen haben; so bereiten wir uns die schnste Aussicht auf
ihre Rckkehr, indem wir das, was ihr strmendes, ungeduldiges Wesen zerstren
mchte, durch unsre Migung erhalten und frdern.
    Da Sie von Migung sprechen, liebe Tante, versetzte Ottilie, so kann ich
nicht bergen, da mir dabei die Unmigkeit der Mnner, besonders was den Wein
betrifft, einfllt. Wie oft hat es mich betrbt und gengstigt, wenn ich
bemerken mute, da reiner Verstand, Klugheit, Schonung anderer, Anmut und
Liebenswrdigkeit selbst fr mehrere Stunden verlorengingen und oft statt alles
des Guten, was ein trefflicher Mann hervorzubringen und zu gewhren vermag,
Unheil und Verwirrung hereinzubrechen drohte! Wie oft mgen dadurch gewaltsame
Entschlieungen veranlat werden!
    Charlotte gab ihr recht, doch setzte sie das Gesprch nicht fort; denn sie
fhlte nur zu wohl, da auch hier Ottilie blo Eduarden wieder im Sinne hatte,
der zwar nicht gewhnlich, aber doch fter, als es wnschenswert war, sein
Vergngen, seine Gesprchigkeit, seine Ttigkeit durch einen gelegentlichen
Weingenu zu steigern pflegte.
    Hatte bei jener uerung Charlottens sich Ottilie die Mnner, besonders
Eduarden, wieder herandenken knnen, so war es ihr um desto auffallender, als
Charlotte von einer bevorstehenden Heirat des Hauptmanns wie von einer ganz
bekannten und gewissen Sache sprach, wodurch denn alles ein andres Ansehn
gewann, als sie nach Eduards frhern Versicherungen sich vorstellen mochte.
Durch alles dies vermehrte sich die Aufmerksamkeit Ottiliens auf jede uerung,
jeden Wink, jede Handlung, jeden Schritt Charlottens. Ottilie war klug,
scharfsinnig, argwhnisch geworden, ohne es zu wissen.
    Charlotte durchdrang indessen das einzelne ihrer ganzen Umgebung mit
scharfem Blick und wirkte darin mit ihrer klaren Gewandtheit, wobei sie Ottilien
bestndig teilzunehmen ntigte. Sie zog ihren Haushalt ohne Bnglichkeit ins
Enge; ja, wenn sie alles genau betrachtete, so hielt sie den leidenschaftlichen
Vorfall fr eine Art von glcklicher Schickung. Denn auf dem bisherigen Wege
wre man leicht ins Grenzenlose geraten und htte den schnen Zustand
reichlicher Glcksgter, ohne sich zeitig genug zu besinnen, durch ein
vordringliches Leben und Treiben, wo nicht zerstrt, doch erschttert.
    Was von Parkanlagen im Gange war, strte sie nicht. Sie lie vielmehr
dasjenige fortsetzen, was zum Grunde knftiger Ausbildung liegen mute; aber
dabei hatte es auch sein Bewenden. Ihr zurckkehrender Gemahl sollte noch genug
erfreuliche Beschftigung finden.
    Bei diesen Arbeiten und Vorstzen konnte sie nicht genug das Verfahren des
Architekten loben. Der See lag in kurzer Zeit ausgebreitet vor ihren Augen und
die neuentstandenen Ufer zierlich und mannigfaltig bepflanzt und beraset. An dem
neuen Hause ward alle rauhe Arbeit vollbracht, was zur Erhaltung ntig war,
besorgt, und dann machte sie einen Abschlu da, wo man mit Vergngen wieder von
vorn anfangen konnte. Dabei war sie ruhig und heiter; Ottilie schien es nur;
denn in allem beobachtete sie nichts als Symptome, ob Eduard wohl bald erwartet
werde oder nicht. Nichts interessierte sie an allem als diese Betrachtung.
    Willkommen war ihr daher eine Anstalt, zu der man die Bauerknaben
versammelte und die darauf abzielte, den weitlufig gewordenen Park immer rein
zu erhalten. Eduard hatte schon den Gedanken gehegt. Man lie den Knaben eine
Art von heiterer Montierung machen, die sie in den Abendstunden anzogen, nachdem
sie sich durchaus gereinigt und gesubert hatten. Die Garderobe war im Schlo;
dem verstndigsten, genausten Knaben vertraute man die Aufsicht an; der
Architekt leitete das Ganze, und ehe man sichs versah, so hatten die Knaben alle
ein gewisses Geschick. Man fand an ihnen eine bequeme Dressur, und sie
verrichteten ihr Geschft nicht ohne eine Art von Manver. Gewi, wenn sie mit
ihren Scharreisen, gestielten Messerklingen, Rechen, kleinen Spaten und Hacken
und wedelartigen Besen einherzogen, wenn andre mit Krben hinterdrein kamen, um
Unkraut und Steine beiseitezuschaffen, andre das hohe, groe, eiserne Walzenrad
hinter sich herzogen, so gab es einen hbschen, erfreulichen Aufzug, in welchem
der Architekt eine artige Folge von Stellungen und Ttigkeiten fr den Fries
eines Gartenhauses sich anmerkte; Ottilie hingegen sah darin nur eine Art von
Parade, welche den rckkehrenden Hausherrn bald begren sollte.
    Dies gab ihr Mut und Lust, ihn mit etwas hnlichem zu empfangen. Man hatte
zeither die Mdchen des Dorfes im Nhen, Stricken, Spinnen und andern weiblichen
Arbeiten zu ermuntern gesucht. Auch diese Tugenden hatten zugenommen seit jenen
Anstalten zu Reinlichkeit und Schnheit des Dorfes. Ottilie wirkte stets mit
ein, aber mehr zufllig, nach Gelegenheit und Neigung. Nun gedachte sie es
vollstndiger und folgerechter zu machen. Aber aus einer Anzahl Mdchen lt
sich kein Chor bilden wie aus einer Anzahl Knaben. Sie folgte ihrem guten Sinne,
und ohne sichs ganz deutlich zu machen, suchte sie nichts, als einem jeden
Mdchen Anhnglichkeit an sein Haus, seine Eltern und seine Geschwister
einzuflen.
    Das gelang ihr mit vielen. Nur ber ein kleines, lebhaftes Mdchen wurde
immer geklagt, da sie ohne Geschick sei und im Hause nun ein fr allemal nichts
tun wolle. Ottilie konnte dem Mdchen nicht feind sein, denn ihr war es
besonders freundlich. Zu ihr zog es sich, mit ihr ging und lief es, wenn sie es
erlaubte. Da war es ttig, munter und unermdet. Die Anhnglichkeit an eine
schne Herrin schien dem Kinde Bedrfnis zu sein. Anfnglich duldete Ottilie die
Begleitung des Kindes; dann fate sie selbst Neigung zu ihm; endlich trennten
sie sich nicht mehr, und Nanny begleitete ihre Herrin berallhin.
    Diese nahm fters den Weg nach dem Garten und freute sich ber das schne
Gedeihen. Die Beeren-und Kirschenzeit ging zu Ende, deren Sptlinge jedoch Nanny
sich besonders schmecken lie. Bei dem brigen Obste, das fr den Herbst eine so
reichliche Ernte versprach, gedachte der Grtner bestndig des Herrn und
niemals, ohne ihn herbeizuwnschen. Ottilie hrte dem guten alten Manne so gern
zu. Er verstand sein Handwerk vollkommen und hrte nicht auf, ihr von Eduard
vorzusprechen.
    Als Ottilie sich freute, da die Pfropfreiser dieses Frhjahrs alle so gar
schn gekommen, erwiderte der Grtner bedenklich: Ich wnsche nur, da der gute
Herr viel Freude daran erleben mge. Wre er diesen Herbst hier, so wrde er
sehen, was fr kstliche Sorten noch von seinem Herrn Vater her im alten
Schlogarten stehen. Die jetzigen Herren Obstgrtner sind nicht so zuverlssig,
als sonst die Kartuser waren. In den Katalogen findet man wohl lauter honette
Namen. Man pfropft und erzieht und endlich, wenn sie Frchte tragen, so ist es
nicht der Mhe wert, da solche Bume im Garten stehen.
    Am wiederholtesten aber fragte der treue Diener, fast so oft er Ottilien
sah, nach der Rckkunft des Herrn und nach dem Termin derselben. Und wenn
Ottilie ihn nicht angeben konnte, so lie ihr der gute Mann nicht ohne stille
Betrbnis merken, da er glaube, sie vertraue ihm nicht, und peinlich war ihr
das Gefhl der Unwissenheit, das ihr auf diese Weise recht aufgedrungen ward.
Doch konnte sie sich von diesen Rabatten und Beeten nicht trennen. Was sie
zusammen zum Teil geset, alles gepflanzt hatten, stand nun im vlligen Flor;
kaum bedurfte es noch einer Pflege, auer da Nanny immer zum Gieen bereit war.
Mit welchen Empfindungen betrachtete Ottilie die spteren Blumen, die sich erst
anzeigten, deren Glanz und Flle dereinst an Eduards Geburtstag, dessen Feier
sie sich manchmal versprach, prangen, ihre Neigung und Dankbarkeit ausdrcken
sollten! Doch war die Hoffnung, dieses Fest zu sehen, nicht immer gleich
lebendig. Zweifel und Sorgen umflsterten stets die Seele des guten Mdchens.
    Zu einer eigentlichen, offnen bereinstimmung mit Charlotten konnte es auch
wohl nicht wieder gebracht werden. Denn freilich war der Zustand beider Frauen
sehr verschieden. Wenn alles beim alten blieb, wenn man in das Gleis des
gesetzmigen Lebens zurckkehrte, gewann Charlotte an gegenwrtigem Glck, und
eine frohe Aussicht in die Zukunft ffnete sich ihr; Ottilie hingegen verlor
alles, man kann wohl sagen alles; denn sie hatte zuerst Leben und Freude in
Eduard gefunden, und in dem gegenwrtigen Zustande fhlte sie eine unendliche
Leere, wovon sie frher kaum etwas geahnet hatte. Denn ein Herz, das sucht,
fhlt wohl, da ihm etwas mangle; ein Herz, das verloren hat, fhlt, da es
entbehre. Sehnsucht verwandelt sich in Unmut und Ungeduld, und ein weibliches
Gemt, zum Erwarten und Abwarten gewhnt, mchte nun aus seinem Kreise
herausschreiten, ttig werden, unternehmen und auch etwas fr sein Glck tun.
    Ottilie hatte Eduarden nicht entsagt. Wie konnte sie es auch, obgleich
Charlotte klug genug, gegen ihre eigne berzeugung die Sache fr bekannt annahm
und als entschieden voraussetzte, da ein freundschaftliches, ruhiges Verhltnis
zwischen ihrem Gatten und Ottilien mglich sei. Wie oft aber lag diese nachts,
wenn sie sich eingeschlossen, auf den Knieen vor dem erffneten Koffer und
betrachtete die Geburtstagsgeschenke, von denen sie noch nichts gebraucht,
nichts zerschnitten, nichts gefertigt. Wie oft eilte das gute Mdchen mit
Sonnenaufgang aus dem Hause, in dem sie sonst alle ihre Glckseligkeit gefunden
hatte, ins Freie hinaus, in die Gegend, die sie sonst nicht ansprach. Auch auf
dem Boden mochte sie nicht verweilen. Sie sprang in den Kahn und ruderte sich
bis mitten in den See; dann zog sie eine Reisebeschreibung hervor, lie sich von
den bewegten Wellen schaukeln, las, trumte sich in die Fremde, und immer fand
sie dort ihren Freund; seinem Herzen war sie noch immer nahe geblieben, er dem
ihrigen.

                              Achtzehntes Kapitel


Da jener wunderlich ttige Mann, den wir bereits kennengelernt, da Mittler,
nachdem er von dem Unheil, das unter diesen Freunden ausgebrochen, Nachricht
erhalten, obgleich kein Teil noch seine Hlfe angerufen, in diesem Falle seine
Freundschaft, seine Geschicklichkeit zu beweisen, zu ben geneigt war, lt sich
denken. Doch schien es ihm rtlich, erst eine Weile zu zaudern; denn er wute
nur zu wohl, da es schwerer sei, gebildeten Menschen bei sittlichen
Verworrenheiten zu Hlfe zu kommen als ungebildeten. Er berlie sie deshalb
eine Zeitlang sich selbst; allein zuletzt konnte er es nicht mehr aushalten und
eilte, Eduarden aufzusuchen, dem er schon auf die Spur gekommen war.
    Sein Weg fhrte ihn zu einem angenehmen Tal, dessen anmutig grnen,
baumreichen Wiesengrund die Wasserflle eines immer lebendigen Baches bald
durchschlngelte, bald durchrauschte. Auf den sanften Anhhen zogen sich
fruchtbare Felder und wohlbestandene Obstpflanzungen hin. Die Drfer lagen nicht
zu nah aneinander, das Ganze hatte einen friedlichen Charakter, und die
einzelnen Partieen, wenn auch nicht zum Malen, schienen doch zum Leben
vorzglich geeignet zu sein.
    Ein wohlerhaltenes Vorwerk mit einem reinlichen, bescheidenen Wohnhause, von
Grten umgeben, fiel ihm endlich in die Augen. Er vermutete, hier sei Eduards
gegenwrtiger Aufenthalt, und er irrte nicht.
    Von diesem einsamen Freunde knnen wir so viel sagen, da er sich im stillen
dem Gefhl seiner Leidenschaft ganz berlie und dabei mancherlei Plane sich
ausdachte, mancherlei Hoffnungen nhrte. Er konnte sich nicht leugnen, da er
Ottilien hier zu sehen wnsche, da er wnsche, sie hieher zu fhren, zu locken,
und was er sich sonst noch Erlaubtes und Unerlaubtes zu denken nicht verwehrte.
Dann schwankte seine Einbildungskraft in allen Mglichkeiten herum. Sollte er
sie hier nicht besitzen, nicht rechtmig besitzen knnen, so wollte er ihr den
Besitz des Gutes zueignen. Hier sollte sie still fr sich, unabhngig leben; sie
sollte glcklich sein und, wenn ihn eine selbstqulerische Einbildungskraft noch
weiter fhrte, vielleicht mit einem andern glcklich sein.
    So verflossen ihm seine Tage in einem ewigen Schwanken zwischen Hoffnung und
Schmerz, zwischen Trnen und Heiterkeit, zwischen Vorstzen, Vorbereitungen und
Verzweiflung. Der Anblick Mittlers berraschte ihn nicht. Er hatte dessen
Ankunft lngst erwartet, und so war er ihm auch halb willkommen. Glaubte er ihn
von Charlotten gesendet, so hatte er sich schon auf allerlei Entschuldigungen
und Verzgerungen und sodann auf entscheidendere Vorschlge bereitet; hoffte er
nun aber von Ottilien wieder etwas zu vernehmen, so war ihm Mittler so lieb als
ein himmlischer Bote.
    Verdrielich daher und verstimmt war Eduard, als er vernahm, Mittler komme
nicht von dorther, sondern aus eignem Antriebe. Sein Herz verschlo sich, und
das Gesprch wollte sich anfangs nicht einleiten. Doch wute Mittler nur zu gut,
da ein liebevoll beschftigtes Gemt das dringende Bedrfnis hat, sich zu
uern, das, was in ihm vorgeht, vor einem Freunde auszuschtten, und lie sich
daher gefallen, nach einigem Hin- und Widerreden diesmal aus seiner Rolle
herauszugehen und statt des Vermittlers den Vertrauten zu spielen.
    Als er hiernach auf eine freundliche Weise Eduarden wegen seines einsamen
Lebens tadelte, erwiderte dieser: O, ich wte nicht, wie ich meine Zeit
angenehmer zubringen sollte! Immer bin ich mit ihr beschftigt, immer in ihrer
Nhe. Ich habe den unschtzbaren Vorteil, mir denken zu knnen, wo sich Ottilie
befindet, wo sie geht, wo sie steht, wo sie ausruht. Ich sehe sie vor mir tun
und handeln wie gewhnlich, schaffen und vornehmen, freilich immer das, was mir
am meisten schmeichelt. Dabei bleibt es aber nicht; denn wie kann ich fern von
ihr glcklich sein! Nun arbeitet meine Phantasie durch, was Ottilie tun sollte,
sich mir zu nhern. Ich schreibe se, zutrauliche Briefe in ihrem Namen an
mich, ich antworte ihr und verwahre die Bltter zusammen. Ich habe versprochen,
keinen Schritt gegen sie zu tun, und das will ich halten. Aber was bindet sie,
da sie sich nicht zu mir wendet? Hat etwa Charlotte die Grausamkeit gehabt,
Versprechen und Schwur von ihr zu fordern, da sie mir nicht schreiben, keine
Nachricht von sich geben wolle? Es ist natrlich, es ist wahrscheinlich, und
doch finde ich es unerhrt, unertrglich. Wenn sie mich liebt, wie ich glaube,
wie ich wei, warum entschliet sie sich nicht, warum wagt sie es nicht, zu
fliehen und sich in meine Arme zu werfen? Sie sollte das, denke ich manchmal,
sie knnte das. Wenn sich etwas auf dem Vorsaale regt, sehe ich gegen die Tre.
Sie soll hereintreten! denk ich, hoff ich. Ach! und da das Mgliche unmglich
ist, bilde ich mir ein, das Unmgliche msse mglich werden. Nachts, wenn ich
aufwache, die Lampe einen unsichern Schein durch das Schlafzimmer wirft, da
sollte ihre Gestalt, ihr Geist, eine Ahnung von ihr vorberschweben,
herantreten, mich ergreifen, nur einen Augenblick, da ich eine Art von
Versicherung htte, sie denke mein, sie sei mein.
    Eine einzige Freude bleibt mir noch. Da ich ihr nahe war, trumte ich nie
von ihr; jetzt aber, in der Ferne, sind wir im Traume zusammen, und sonderbar
genug: seit ich andre liebenswrdige Personen hier in der Nachbarschaft
kennengelernt, jetzt erst erscheint mir ihr Bild im Traum, als wenn sie mir
sagen wollte: Siehe nur hin und her! du findest doch nichts Schneres und
Lieberes als mich. Und so mischt sich ihr Bild in jeden meiner Trume. Alles,
was mir mit ihr begegnet, schiebt sich durch- und bereinander. Bald
unterschreiben wir einen Kontrakt; da ist ihre Hand und die meinige, ihr Name
und der meinige; beide lschen einander aus, beide verschlingen sich. Auch nicht
ohne Schmerz sind diese wonnevollen Gaukeleien der Phantasie. Manchmal tut sie
etwas, das die reine Idee beleidigt, die ich von ihr habe, dann fhl ich erst,
wie sehr ich sie liebe, indem ich ber alle Beschreibung gengstet bin. Manchmal
neckt sie mich ganz gegen ihre Art und qult mich; aber sogleich verndert sich
ihr Bild, ihr schnes, rundes, himmlisches Gesichtchen verlngert sich: es ist
eine andre. Aber ich bin doch geqult, unbefriedigt und zerrttet.
    Lcheln Sie nicht, lieber Mittler, oder lcheln Sie auch! O ich schme mich
nicht dieser Anhnglichkeit, dieser, wenn Sie wollen, trigen, rasenden Neigung.
Nein, ich habe noch nie geliebt; jetzt erfahre ich erst, was das heit. Bisher
war alles in meinem Leben nur Vorspiel, nur Hinhalten, nur Zeitvertreib, nur
Zeitverderb, bis ich sie kennenlernte, bis ich sie liebte und ganz und
eigentlich liebte. Man hat mir nicht gerade ins Gesicht, aber doch wohl im
Rcken den Vorwurf gemacht: ich pfusche, ich stmpere nur in den meisten Dingen.
Es mag sein; aber ich hatte das noch nicht gefunden, worin ich mich als Meister
zeigen kann. Ich will den sehen, der mich im Talent des Liebens bertrifft.
    Zwar ist es ein jammervolles, ein schmerzen -, ein trnenreiches; aber ich
finde es mir so natrlich, so eigen, da ich es wohl schwerlich je wieder
aufgebe.
    Durch diese lebhaften, herzlichen uerungen hatte sich Eduard wohl
erleichtert; aber es war ihm auch auf einmal jeder einzelne Zug seines
wunderlichen Zustandes deutlich vor die Augen getreten, da er, vom
schmerzlichen Widerstreit berwltigt, in Trnen ausbrach, die um so reichlicher
flossen, als sein Herz durch Mitteilung weich geworden war.
    Mittler, der sein rasches Naturell, seinen unerbittlichen Verstand um so
weniger verleugnen konnte, als er sich durch diesen schmerzlichen Ausbruch der
Leidenschaft Eduards weit von dem Ziel seiner Reise verschlagen sah, uerte
aufrichtig und derb seine Mibilligung. Eduard - hie es - solle sich ermannen,
solle bedenken, was er seiner Manneswrde schuldig sei, solle nicht vergessen,
da dem Menschen zur hchsten Ehre gereiche, im Unglck sich zu fassen, den
Schmerz mit Gleichmut und Anstand zu ertragen, um hchlich geschtzt, verehrt
und als Muster aufgestellt zu werden.
    Aufgeregt, durchdrungen von den peinlichsten Gefhlen, wie Eduard war,
muten ihm diese Worte hohl und nichtig vorkommen. Der Glckliche, der
Behagliche hat gut reden, fuhr Eduard auf; aber schmen wrde er sich, wenn er
einshe, wie unertrglich er dem Leidenden wird. Eine unendliche Geduld soll es
geben, einen unendlichen Schmerz will der starre Behagliche nicht anerkennen. Es
gibt Flle, ja, es gibt deren! wo jeder Trost niedertrchtig und Verzweiflung
Pflicht ist. Verschmht doch ein edler Grieche, der auch Helden zu schildern
wei, keineswegs, die seinigen bei schmerzlichem Drange weinen zu lassen. Selbst
im Sprchwort sagt er: Trnenreiche Mnner sind gut. Verlasse mich jeder, der
trocknen Herzens, trockner Augen ist! Ich verwnsche die Glcklichen, denen der
Unglckliche nur zum Spektakel dienen soll. Er soll sich in der grausamsten Lage
krperlicher und geistiger Bedrngnis noch edel gebrden, um ihren Beifall zu
erhalten, und, damit sie ihm beim Verscheiden noch applaudieren, wie ein
Gladiator mit Anstand vor ihren Augen umkommen. Lieber Mittler, ich danke Ihnen
fr Ihren Besuch; aber Sie erzeigten mir eine groe Liebe, wenn Sie sich im
Garten, in der Gegend umshen. Wir kommen wieder zusammen. Ich suche gefater
und Ihnen hnlicher zu werden.
    Mittler mochte lieber einlenken als die Unterhaltung abbrechen, die er so
leicht nicht wieder anknpfen konnte. Auch Eduarden war es ganz gem, das
Gesprch weiter fortzusetzen, das ohnehin zu seinem Ziele abzulaufen strebte.
    Freilich, sagte Eduard, hilft das Hin- und Widerdenken, das Hin- und
Widerreden zu nichts; doch unter diesem Reden bin ich mich selbst erst gewahr
worden, habe ich erst entschieden gefhlt, wozu ich mich entschlieen sollte,
wozu ich entschlossen bin. Ich sehe mein gegenwrtiges, mein zuknftiges Leben
vor mir; nur zwischen Elend und Genu habe ich zu whlen. Bewirken Sie, bester
Mann, eine Scheidung, die so notwendig, die schon geschehen ist; schaffen Sie
mir Charlottens Einwilligung! Ich will nicht weiter ausfhren, warum ich glaube,
da sie zu erlangen sein wird. Gehen Sie hin, lieber Mann, beruhigen Sie uns
alle, machen Sie uns glcklich!
    Mittler stockte. Eduard fuhr fort: Mein Schicksal und Ottiliens ist nicht
zu trennen, und wir werden nicht zugrunde gehen. Sehen Sie dieses Glas! Unsere
Namenszge sind dareingeschnitten. Ein frhlich Jubelnder warf es in die Luft;
niemand sollte mehr daraus trinken, auf dem felsigen Boden sollte es
zerschellen; aber es ward aufgefangen. Um hohen Preis habe ich es wieder
eingehandelt, und ich trinke nun tglich daraus, um mich tglich zu berzeugen,
da alle Verhltnisse unzerstrlich sind, die das Schicksal beschlossen hat.
    O wehe mir, rief Mittler, was mu ich nicht mit meinen Freunden fr
Geduld haben! Nun begegnet mir noch gar der Aberglaube, der mir als das
Schdlichste, was bei den Menschen einkehren kann, verhat bleibt. Wir spielen
mit Voraussagungen und Trumen und machen dadurch das alltgliche Leben
bedeutend. Aber wenn das Leben nun selbst bedeutend wird, wenn alles um uns sich
bewegt und braust, dann wird das Gewitter durch jene Gespenster nur noch
frchterlicher.
    Lassen Sie in dieser Ungewiheit des Lebens, rief Eduard, zwischen diesem
Hoffen und Bangen dem bedrftigen Herzen doch nur eine Art von Leitstern, nach
welchem es hinblicke, wenn es auch nicht darnach steuern kann.
    Ich liee mirs wohl gefallen, versetzte Mittler, wenn dabei nur einige
Konsequenz zu hoffen wre, aber ich habe immer gefunden: auf die warnenden
Symptome achtet kein Mensch, auf die schmeichelnden und versprechenden allein
ist die Aufmerksamkeit gerichtet und der Glaube fr sie ganz allein lebendig.
    Da sich nun Mittler sogar in die dunklen Regionen gefhrt sah, in denen er
sich immer unbehaglicher fhlte, je lnger er darin verweilte, so nahm er den
dringenden Wunsch Eduards, der ihn zu Charlotten gehen hie, etwas williger auf.
Denn was wollte er berhaupt Eduarden in diesem Augenblicke noch entgegensetzen?
Zeit zu gewinnen, zu erforschen, wie es um die Frauen stehe, das war es, was ihm
selbst nach seinen eignen Gesinnungen zu tun brigblieb.
    Er eilte zu Charlotten, die er wie sonst gefat und heiter fand. Sie
unterrichtete ihn gern von allem, was vorgefallen war; denn aus Eduards Reden
konnte er nur die Wirkung abnehmen. Er trat von seiner Seite behutsam heran,
konnte es aber nicht ber sich gewinnen, das Wort Scheidung auch nur im
Vorbeigehn auszusprechen. Wie verwundert, erstaunt und, nach seiner Gesinnung,
erheitert war er daher, als Charlotte ihm in Gefolg so manches Unerfreulichen
endlich sagte: Ich mu glauben, ich mu hoffen, da alles sich wieder geben,
da Eduard sich wieder nhern werde. Wie kann es auch wohl anders sein, da Sie
mich guter Hoffnung finden.
    Versteh ich Sie recht? fiel Mittler ein. Vollkommen, versetzte
Charlotte. Tausendmal gesegnet sei mir diese Nachricht! rief er, die Hnde
zusammenschlagend. Ich kenne die Strke dieses Arguments auf ein mnnliches
Gemt. Wie viele Heiraten sah ich dadurch beschleunigt, befestigt,
wiederhergestellt! Mehr als tausend Worte wirkt eine solche gute Hoffnung, die
frwahr die beste Hoffnung ist, die wir haben knnen. Doch, fuhr er fort, was
mich betrifft, so htte ich alle Ursache, verdrielich zu sein. In diesem Falle,
sehe ich wohl, wird meiner Eigenliebe nicht geschmeichelt. Bei euch kann meine
Ttigkeit keinen Dank verdienen. Ich komme mir vor wie jener Arzt, mein Freund,
dem alle Kuren gelangen, die er um Gottes willen an Armen tat, der aber selten
einen Reichen heilen konnte, der es gut bezahlen wollte. Glcklicherweise hilft
sich hier die Sache von selbst, da meine Bemhungen, mein Zureden fruchtlos
geblieben wren.
    Charlotte verlangte nun von ihm, er solle die Nachricht Eduarden bringen,
einen Brief von ihr mitnehmen und sehen, was zu tun, was herzustellen sei. Er
wollte das nicht eingehen. Alles ist schon getan, rief er aus. Schreiben Sie!
ein jeder Bote ist so gut als ich. Mu ich doch meine Schritte hinwenden, wo ich
ntiger bin. Ich komme nur wieder, um Glck zu wnschen; ich komme zur Taufe.
    Charlotte war diesmal, wie schon fters, ber Mittlern unzufrieden. Sein
rasches Wesen brachte manches Gute hervor, aber seine bereilung war schuld an
manchem Milingen. Niemand war abhngiger von augenblicklich vorgefaten
Meinungen als er.
    Charlottens Bote kam zu Eduarden, der ihn mit halbem Schrecken empfing. Der
Brief konnte ebensogut fr Nein als fr Ja entscheiden. Er wagte lange nicht,
ihn aufzubrechen, und wie stand er betroffen, als er das Blatt gelesen,
versteinert bei folgender Stelle, womit es sich endigte:
    Gedenke jener nchtlichen Stunden, in denen du deine Gattin abenteuerlich
als Liebender besuchtest, sie unwiderstehlich an dich zogst, sie als eine
Geliebte, als eine Braut in die Arme schlossest. La uns in dieser seltsamen
Zuflligkeit eine Fgung des Himmels verehren, die fr ein neues Band unserer
Verhltnisse gesorgt hat in dem Augenblick, da das Glck unseres Lebens
auseinanderzufallen und zu verschwinden droht.
    Was von dem Augenblick an in der Seele Eduards vorging, wrde schwer zu
schildern sein. In einem solchen Gedrnge treten zuletzt alte Gewohnheiten, alte
Neigungen wieder hervor, um die Zeit zu tten und den Lebensraum auszufllen.
Jagd und Krieg sind eine solche fr den Edelmann immer bereite Aushlfe. Eduard
sehnte sich nach uerer Gefahr, um der innerlichen das Gleichgewicht zu halten.
Er sehnte sich nach dem Untergang, weil ihm das Dasein unertrglich zu werden
drohte; ja es war ihm ein Trost zu denken, da er nicht mehr sein werde und eben
dadurch seine Geliebten, seine Freunde glcklich machen knne. Niemand stellte
seinem Willen ein Hindernis entgegen, da er seinen Entschlu verheimlichte. Mit
allen Frmlichkeiten setzte er sein Testament auf; es war ihm eine se
Empfindung, Ottilien das Gut vermachen zu knnen. Fr Charlotten, fr das
Ungeborne, fr den Hauptmann, fr seine Dienerschaft war gesorgt. Der wieder
ausgebrochene Krieg begnstigte sein Vorhaben. Militrische Halbheiten hatten
ihm in seiner Jugend viel zu schaffen gemacht; er hatte deswegen den Dienst
verlassen. Nun war es ihm eine herrliche Empfindung, mit einem Feldherrn zu
ziehen, von dem er sich sagen konnte: unter seiner Anfhrung ist der Tod
wahrscheinlich und der Sieg gewi.
    Ottilie, nachdem auch ihr Charlottens Geheimnis bekannt geworden, betroffen
wie Eduard, und mehr, ging in sich zurck. Sie hatte nichts weiter zu sagen.
Hoffen konnte sie nicht, und wnschen durfte sie nicht. Einen Blick jedoch in
ihr Inneres gewhrt uns ihr Tagebuch, aus dem wir einiges mitzuteilen gedenken.


                                  Zweiter Teil

                                 Erstes Kapitel

Im gemeinen Leben begegnet uns oft, was wir in der Epope als Kunstgriff des
Dichters zu rhmen pflegen, da nmlich, wenn die Hauptfiguren sich entfernen,
verbergen, sich der Unttigkeit hingeben, gleich sodann schon ein Zweiter,
Dritter, bisher kaum Bemerkter den Platz fllt und, indem er seine ganze
Ttigkeit uert, uns gleichfalls der Aufmerksamkeit, der Teilnahme, ja des
Lobes und Preises wrdig erscheint.
    So zeigte sich gleich nach der Entfernung des Hauptmanns und Eduards jener
Architekt tglich bedeutender, von welchem die Anordnung und Ausfhrung so
manches Unternehmens allein abhing, wobei er sich genau, verstndig und ttig
erwies und zugleich den Damen auf mancherlei Art beistand und in stillen,
langwierigen Stunden sie zu unterhalten wute. Schon sein ueres war von der
Art, da es Zutrauen einflte und Neigung erweckte. Ein Jngling im vollen
Sinne des Wortes, wohlgebaut, schlank, eher ein wenig zu gro, bescheiden ohne
ngstlich, zutraulich ohne zudringend zu sein. Freudig bernahm er jede Sorge
und Bemhung, und weil er mit groer Leichtigkeit rechnete, so war ihm bald das
ganze Hauswesen kein Geheimnis, und berallhin verbreitete sich sein gnstiger
Einflu. Die Fremden lie man ihn gewhnlich empfangen, und er wute einen
unerwarteten Besuch entweder abzulehnen oder die Frauen wenigstens dergestalt
darauf vorzubereiten, da ihnen keine Unbequemlichkeit daraus entsprang.
    Unter andern gab ihm eines Tages ein junger Rechtsgelehrter viel zu
schaffen, der, von einem benachbarten Edelmann gesendet, eine Sache zur Sprache
brachte, die, zwar von keiner sonderlichen Bedeutung, Charlotten dennoch innig
berhrte. Wir mssen dieses Vorfalls gedenken, weil er verschiedenen Dingen
einen Ansto gab, die sonst vielleicht lange geruht htten.
    Wir erinnern uns jener Vernderung, welche Charlotte mit dem Kirchhofe
vorgenommen hatte. Die smtlichen Monumente waren von ihrer Stelle gerckt und
hatten an der Mauer, an dem Sockel der Kirche Platz gefunden. Der brige Raum
war geebnet. Auer einem breiten Wege, der zur Kirche und an derselben vorbei zu
dem jenseitigen Pfrtchen fhrte, war das brige alles mit verschiedenen Arten
Klee beset, der auf das schnste grnte und blhte. Nach einer gewissen Ordnung
sollten vom Ende heran die neuen Grber bestellt, doch der Platz jederzeit
wieder verglichen und ebenfalls beset werden. Niemand konnte leugnen, da diese
Anstalt beim sonn- und festtgigen Kirchgang eine heitere und wrdige Ansicht
gewhrte. Sogar der betagte und an alten Gewohnheiten haftende Geistliche, der
anfnglich mit der Einrichtung nicht sonderlich zufrieden gewesen, hatte nunmehr
seine Freude daran, wenn er unter den alten Linden, gleich Philemon, mit seiner
Baucis vor der Hintertre ruhend, statt der holprigen Grabsttten einen schnen,
bunten Teppich vor sich sah, der noch berdies seinem Haushalt zugute kommen
sollte, indem Charlotte die Nutzung dieses Fleckes der Pfarre zusichern lassen.
    Allein desungeachtet hatten schon manche Gemeindeglieder frher
gemibilligt, da man die Bezeichnung der Stelle, wo ihre Vorfahren ruhten,
aufgehoben und das Andenken dadurch gleichsam ausgelscht; denn die
wohlerhaltenen Monumente zeigen zwar an, wer begraben sei, aber nicht, wo er
begraben sei, und auf das Wo komme es eigentlich an, wie viele behaupteten.
    Von ebensolcher Gesinnung war eine benachbarte Familie, die sich und den
Ihrigen einen Raum auf dieser allgemeinen Ruhesttte vor mehreren Jahren
ausbedungen und dafr der Kirche eine kleine Stiftung zugewendet hatte. Nun war
der junge Rechtsgelehrte abgesendet, um die Stiftung zu widerrufen und
anzuzeigen, da man nicht weiterzahlen werde, weil die Bedingung, unter welcher
dieses bisher geschehen, einseitig aufgehoben und auf alle Vorstellungen und
Widerreden nicht geachtet worden. Charlotte, die Urheberin dieser Vernderung,
wollte den jungen Mann selbst sprechen, der zwar lebhaft, aber nicht allzu
vorlaut seine und seines Prinzipals Grnde darlegte und der Gesellschaft manches
zu denken gab.
    Sie sehen, sprach er nach einem kurzen Eingang, in welchem er seine
Zudringlichkeit zu rechtfertigen wute, Sie sehen, da dem Geringsten wie dem
Hchsten daran gelegen ist, den Ort zu bezeichnen, der die Seinigen aufbewahrt.
Dem rmsten Landmann, der ein Kind begrbt, ist es eine Art von Trost, ein
schwaches hlzernes Kreuz auf das Grab zu stellen, es mit einem Kranze zu
zieren, um wenigstens das Andenken so lange zu erhalten, als der Schmerz whrt,
wenn auch ein solches Merkzeichen, wie die Trauer selbst, durch die Zeit
aufgehoben wird. Wohlhabende verwandeln diese Kreuze in eiserne, befestigen und
schtzen sie auf mancherlei Weise, und hier ist schon Dauer fr mehrere Jahre.
Doch weil auch diese endlich sinken und unscheinbar werden, so haben Begterte
nichts Angelegeneres, als einen Stein aufzurichten, der fr mehrere Generationen
zu dauern verspricht und von den Nachkommen erneut und aufgefrischt werden kann.
Aber dieser Stein ist es nicht, der uns anzieht, sondern das darunter
Enthaltene, das daneben der Erde Vertraute. Es ist nicht sowohl vom Andenken die
Rede als von der Person selbst, nicht von der Erinnerung, sondern von der
Gegenwart. Ein geliebtes Abgeschiedenes umarme ich weit eher und inniger im
Grabhgel als im Denkmal, denn dieses ist fr sich eigentlich nur wenig; aber um
dasselbe her sollen sich wie um einen Markstein Gatten, Verwandte, Freunde
selbst nach ihrem Hinscheiden noch versammeln, und der Lebende soll das Recht
behalten, Fremde und Miwollende auch von der Seite seiner geliebten Ruhenden
abzuweisen und zu entfernen.
    Ich halte deswegen dafr, da mein Prinzipal vllig recht habe, die Stiftung
zurckzunehmen; und dies ist noch billig genug, denn die Glieder der Familie
sind auf eine Weise verletzt, wofr gar kein Ersatz zu denken ist. Sie sollen
das schmerzlich se Gefhl entbehren, ihren Geliebten ein Totenopfer zu
bringen, die trstliche Hoffnung, dereinst unmittelbar neben ihnen zu ruhen.
    Die Sache ist nicht von der Bedeutung, versetzte Charlotte, da man sich
deshalb durch einen Rechtshandel beunruhigen sollte. Meine Anstalt reut mich so
wenig, da ich die Kirche gern wegen dessen, was ihr entgeht, entschdigen will.
Nur mu ich Ihnen aufrichtig gestehen: Ihre Argumente haben mich nicht
berzeugt. Das reine Gefhl einer endlichen allgemeinen Gleichheit, wenigstens
nach dem Tode, scheint mir beruhigender als dieses eigensinnige, starre
Fortsetzen unserer Persnlichkeiten, Anhnglichkeiten und Lebensverhltnisse. -
Und was sagen Sie hierzu? richtete sie ihre Frage an den Architekten.
    Ich mchte, versetzte dieser, in einer solchen Sache weder streiten noch
den Ausschlag geben. Lassen Sie mich das, was meiner Kunst, meiner Denkweise am
nchsten liegt, bescheidentlich uern. Seitdem wir nicht mehr so glcklich
sind, die Reste eines geliebten Gegenstandes eingeurnt an unsere Brust zu
drcken, da wir weder reich noch heiter genug sind, sie unversehrt in groen,
wohlausgezierten Sarkophagen zu verwahren, ja da wir nicht einmal in den Kirchen
mehr Platz fr uns und fr die Unsrigen finden, sondern hinaus ins Freie
gewiesen sind, so haben wir alle Ursache, die Art und Weise, die Sie, meine
gndige Frau, eingeleitet haben, zu billigen. Wenn die Glieder einer Gemeinde
reihenweise nebeneinander liegen, so ruhen sie bei und unter den Ihrigen; und
wenn die Erde uns einmal aufnehmen soll, so finde ich nichts natrlicher und
reinlicher, als da man die zufllig entstandenen, nach und nach
zusammensinkenden Hgel ungesumt vergleiche und so die Decke, indem alle sie
tragen, einem jeden leichter gemacht werde.
    Und ohne irgendein Zeichen des Andenkens, ohne irgend etwas, das der
Erinnerung entgegenkme, sollte das alles so vorbergehen? versetzte Ottilie.
    Keineswegs! fuhr der Architekt fort; nicht vom Andenken, nur vom Platze
soll man sich lossagen. Der Bauknstler, der Bildhauer sind hchlich
interessiert, da der Mensch von ihnen, von ihrer Kunst, von ihrer Hand eine
Dauer seines Daseins erwarte; und deswegen wnschte ich gut gedachte, gut
ausgefhrte Monumente, nicht einzeln und zufllig ausgeset, sondern an einem
Orte aufgestellt, wo sie sich Dauer versprechen knnen. Da selbst die Frommen
und Hohen auf das Vorrecht Verzicht tun, in den Kirchen persnlich zu ruhen, so
stelle man wenigstens dort oder in schnen Hallen um die Begrbnispltze
Denkzeichen, Denkschriften auf. Es gibt tausenderlei Formen, die man ihnen
vorschreiben, tausenderlei Zieraten, womit man sie ausschmcken kann.
    Wenn die Knstler so reich sind, versetzte Charlotte, so sagen Sie mir
doch: Wie kann man sich niemals aus der Form eines kleinlichen Obelisken, einer
abgestutzten Sule und eines Aschenkrugs herausfinden? Anstatt der tausend
Erfindungen, deren Sie sich rhmen, habe ich immer nur tausend Wiederholungen
gesehen.
    Das ist wohl bei uns so, entgegnete ihr der Architekt, aber nicht
berall. Und berhaupt mag es mit der Erfindung und der schicklichen Anwendung
eine eigne Sache sein. Besonders hat es in diesem Falle manche Schwierigkeit,
einen ernsten Gegenstand zu erheitern und bei einem unerfreulichen nicht ins
Unerfreuliche zu geraten. Was Entwrfe zu Monumenten aller Art betrifft, deren
habe ich viele gesammelt und zeige sie gelegentlich; doch bleibt immer das
schnste Denkmal des Menschen eigenes Bildnis. Dieses gibt mehr als irgend etwas
anders einen Begriff von dem, was er war; es ist der beste Text zu vielen oder
wenigen Noten; nur mte es aber auch in seiner besten Zeit gemacht sein,
welches gewhnlich versumt wird. Niemand denkt daran, lebende Formen zu
erhalten, und wenn es geschieht, so geschieht es auf unzulngliche Weise. Da
wird ein Toter geschwind noch abgegossen und eine solche Maske auf einen Block
gesetzt, und das heit man eine Bste. Wie selten ist der Knstler imstande, sie
vllig wiederzubeleben!
    Sie haben, ohne es vielleicht zu wissen und zu wollen, versetzte
Charlotte, dies Gesprch ganz zu meinen Gunsten gelenkt. Das Bild eines
Menschen ist doch wohl unabhngig; berall, wo es steht, steht es fr sich, und
wir werden von ihm nicht verlangen, da es die eigentliche Grabsttte bezeichne.
Aber soll ich Ihnen eine wunderliche Empfindung bekennen? Selbst gegen die
Bildnisse habe ich eine Art von Abneigung; denn sie scheinen mir immer einen
stillen Vorwurf zu machen; sie deuten auf etwas Entferntes, Abgeschiedenes und
erinnern mich, wie schwer es sei, die Gegenwart recht zu ehren. Gedenkt man,
wieviel Menschen man gesehen, gekannt, und gesteht sich, wie wenig wir ihnen,
wie wenig sie uns gewesen, wie wird uns da zumute! Wir begegnen dem
Geistreichen, ohne uns mit ihm zu unterhalten, dem Gelehrten, ohne von ihm zu
lernen, dem Gereisten, ohne uns zu unterrichten, dem Liebevollen, ohne ihm etwas
Angenehmes zu erzeigen.
    Und leider ereignet sich dies nicht blo mit den Vorbergehenden.
Gesellschaften und Familien betragen sich so gegen ihre liebsten Glieder, Stdte
gegen ihre wrdigsten Brger, Vlker gegen ihre trefflichsten Frsten, Nationen
gegen ihre vorzglichsten Menschen.
    Ich hrte fragen, warum man von den Toten so unbewunden Gutes sage, von den
Lebenden immer mit einer gewissen Vorsicht. Es wurde geantwortet: weil wir von
jenen nichts zu befrchten haben und diese uns noch irgendwo in den Weg kommen
knnten. So unrein ist die Sorge fr das Andenken der andern; es ist meist nur
ein selbstischer Scherz, wenn es dagegen ein heiliger Ernst wre, seine
Verhltnisse gegen die berbliebenen immer lebendig und ttig zu erhalten.

                                Zweites Kapitel


Aufgeregt durch den Vorfall und die daran sich knpfenden Gesprche, begab man
sich des andern Tages nach dem Begrbnisplatz, zu dessen Verzierung und
Erheiterung der Architekt manchen glcklichen Vorschlag tat. Allein auch auf die
Kirche sollte sich seine Sorgfalt erstrecken, auf ein Gebude, das gleich
anfnglich seine Aufmerksamkeit an sich gezogen hatte.
    Diese Kirche stand seit mehrern Jahrhunderten, nach deutscher Art und Kunst
in guten Maen errichtet und auf eine glckliche Weise verziert. Man konnte wohl
nachkommen, da der Baumeister eines benachbarten Klosters mit Einsicht und
Neigung sich auch an diesem kleineren Gebude bewhrt, und es wirkte noch immer
ernst und angenehm auf den Betrachter, obgleich die innere neue Einrichtung zum
protestantischen Gottesdienste ihm etwas von seiner Ruhe und Majestt genommen
hatte.
    Dem Architekten fiel es nicht schwer, sich von Charlotten eine mige Summe
zu erbitten, wovon er das uere sowohl als das Innere im altertmlichen Sinne
herzustellen und mit dem davorliegenden Auferstehungsfelde zur bereinstimmung
zu bringen gedachte. Er hatte selbst viel Handgeschick, und einige Arbeiter, die
noch am Hausbau beschftigt waren, wollte man gern so lange beibehalten, bis
auch dieses fromme Werk vollendet wre.
    Man war nunmehr in dem Falle, das Gebude selbst mit allen Umgebungen und
Angebuden zu untersuchen, und da zeigte sich zum grten Erstaunen und
Vergngen des Architekten eine wenig bemerkte kleine Seitenkapelle von noch
geistreichern und leichtern Maen, von noch geflligern und fleiigern Zieraten.
Sie enthielt zugleich manchen geschnitzten und gemalten Rest jenes lteren
Gottesdienstes, der mit mancherlei Gebild und Gertschaft die verschiedenen
Feste zu bezeichnen und jedes auf seine eigne Weise zu feiern wute.
    Der Architekt konnte nicht unterlassen, die Kapelle sogleich in seinen Plan
mit hereinzuziehen und besonders diesen engen Raum als ein Denkmal voriger
Zeiten und ihres Geschmacks wiederherzustellen. Er hatte sich die leeren Flchen
nach seiner Neigung schon verziert gedacht und freute sich, dabei sein
malerisches Talent zu ben; allein er machte seinen Hausgenossen frs erste ein
Geheimnis davon.
    Vor allem andern zeigte er versprochenermaen den Frauen die verschiedenen
Nachbildungen und Entwrfe von alten Grabmonumenten, Gefen und andern dahin
sich nhernden Dingen, und als man im Gesprch auf die einfachern Grabhgel der
nordischen Vlker zu reden kam, brachte er seine Sammlung von mancherlei Waffen
und Gertschaften, die darin gefunden worden, zur Ansicht. Er hatte alles sehr
reinlich und tragbar in Schubladen und Fchern auf eingeschnittenen, mit Tuch
berzogenen Brettern, so da diese alten, ernsten Dinge durch seine Behandlung
etwas Putzhaftes annahmen und man mit Vergngen darauf wie auf die Kstchen
eines Modehndlers hinblickte. Und da er einmal im Vorzeigen war, da die
Einsamkeit eine Unterhaltung forderte, so pflegte er jeden Abend mit einem Teil
seiner Schtze hervorzutreten. Sie waren meistenteils deutschen Ursprungs:
Brakteaten, Dickmnzen, Siegel und was sonst sich noch anschlieen mag. Alle
diese Dinge richteten die Einbildungskraft gegen die ltere Zeit hin, und da er
zuletzt mit den Anfngen des Drucks, Holzschnitten und den ltesten Kupfern
seine Unterhaltung zierte und die Kirche tglich auch, jenem Sinne gem, an
Farbe und sonstiger Auszierung gleichsam der Vergangenheit entgegenwuchs, so
mute man sich beinahe selbst fragen, ob man denn wirklich in der neueren Zeit
lebe, ob es nicht ein Traum sei, da man nunmehr in ganz andern Sitten,
Gewohnheiten, Lebensweisen und berzeugungen verweile.
    Auf solche Art vorbereitet, tat ein greres Portefeuille, das er zuletzt
herbeibrachte, die beste Wirkung. Es enthielt zwar meist nur umrissene Figuren,
die aber, weil sie auf die Bilder selbst durchgezeichnet waren, ihren
altertmlichen Charakter vollkommen erhalten hatten, und diesen, wie einnehmend
fanden ihn die Beschauenden! Aus allen Gestalten blickte nur das reinste Dasein
hervor; alle mute man, wo nicht fr edel, doch fr gut ansprechen. Heitere
Sammlung, willige Anerkennung eines Ehrwrdigen ber uns, stille Hingebung in
Liebe und Erwartung war auf allen Gesichtern, in allen Gebrden ausgedrckt. Der
Greis mit dem kahlen Scheitel, der reichlockige Knabe, der muntere Jngling, der
ernste Mann, der verklrte Heilige, der schwebende Engel, alle schienen selig in
einem unschuldigen Gengen, in einem frommen Erwarten. Das Gemeinste, was
geschah, hatte einen Zug von himmlischem Leben, und eine gottesdienstliche
Handlung schien ganz jeder Natur angemessen. Nach einer solchen Region blicken
wohl die meisten wie nach einem verschwundenen goldenen Zeitalter, nach einem
verlorenen Paradiese hin. Nur vielleicht Ottilie war in dem Fall, sich unter
ihresgleichen zu fhlen.
    Wer htte nun widerstehen knnen, als der Architekt sich erbot, nach dem
Anla dieser Urbilder die Rume zwischen den Spitzbogen der Kapelle auszumalen
und dadurch sein Andenken entschieden an einem Orte zu stiften, wo es ihm so gut
gegangen war. Er erklrte sich hierber mit einiger Wehmut; denn er konnte nach
der Lage der Sache wohl einsehen, da sein Aufenthalt in so vollkommener
Gesellschaft nicht immer dauern knne, ja vielleicht bald abgebrochen werden
msse.
    brigens waren diese Tage zwar nicht reich an Begebenheiten, doch voller
Anlsse zu ernsthafter Unterhaltung. Wir nehmen daher Gelegenheit, von
demjenigen, was Ottilie sich daraus in ihren Heften angemerkt, einiges
mitzuteilen, wozu wir keinen schicklichern bergang finden als durch ein
Gleichnis, das sich uns beim Betrachten ihrer liebenswrdigen Bltter aufdringt.
    Wir hren von einer besondern Einrichtung bei der englischen Marine.
Smtliche Tauwerke der kniglichen Flotte, vom strksten bis zum schwchsten,
sind dergestalt gesponnen, da ein roter Faden durch das Ganze durchgeht, den
man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulsen, und woran auch die kleinsten
Stcke kenntlich sind, da sie der Krone gehren.
    Ebenso zieht sich durch Ottiliens Tagebuch ein Faden der Neigung und
Anhnglichkeit, der alles verbindet und das Ganze bezeichnet. Dadurch werden
diese Bemerkungen, Betrachtungen, ausgezogenen Sinnsprche und was sonst
vorkommen mag, der Schreibenden ganz besonders eigen und fr sie von Bedeutung.
Selbst jede einzelne von uns ausgewhlte und mitgeteilte Stelle gibt davon das
entschiedenste Zeugnis.


                            Aus Ottiliens Tagebuche

Neben denen dereinst zu ruhen, die man liebt, ist die angenehmste Vorstellung,
welche der Mensch haben kann, wenn er einmal ber das Leben hinausdenkt. Zu den
Seinigen versammelt werden ist ein so herzlicher Ausdruck.
    Es gibt mancherlei Denkmale und Merkzeichen, die uns Entfernte und
Abgeschiedene nher bringen. Keins ist von der Bedeutung des Bildes. Die
Unterhaltung mit einem geliebten Bilde, selbst wenn es unhnlich ist, hat was
Reizendes, wie es manchmal etwas Reizendes hat, sich mit einem Freunde streiten.
Man fhlt auf eine angenehme Weise, da man zu zweien ist und doch nicht
auseinander kann.
    Man unterhlt sich manchmal mit einem gegenwrtigen Menschen als mit einem
Bilde. Er braucht nicht zu sprechen, uns nicht anzusehen, sich nicht mit uns zu
beschftigen; wir sehen ihn, wir fhlen unser Verhltnis zu ihm, ja sogar unsere
Verhltnisse zu ihm knnen wachsen, ohne da er etwas dazu tut, ohne da er
etwas davon empfindet, da er sich eben blo zu uns wie ein Bild verhlt.
    Man ist niemals mit einem Portrt zufrieden von Personen, die man kennt.
Deswegen habe ich die Portrtmaler immer bedauert. Man verlangt so selten von
den Leuten das Unmgliche, und gerade von diesen fordert mans. Sie sollen einem
jeden sein Verhltnis zu den Personen, seine Neigung und Abneigung mit in ihr
Bild aufnehmen; sie sollen nicht blo darstellen, wie sie einen Menschen fassen,
sondern wie jeder ihn fassen wrde. Es nimmt mich nicht wunder, wenn solche
Knstler nach und nach verstockt, gleichgltig und eigensinnig werden. Daraus
mchte denn entstehen, was wollte, wenn man nur nicht gerade darber die
Abbildungen so mancher lieben und teuren Menschen entbehren mte.
    Es ist wohl wahr, die Sammlung des Architekten von Waffen und alten
Gertschaften, die nebst dem Krper mit hohen Erdhgeln und Felsenstcken
zugedeckt waren, bezeugt uns, wie unntz die Vorsorge des Menschen sei fr die
Erhaltung seiner Persnlichkeit nach dem Tode. Und so widersprechend sind wir!
Der Architekt gesteht, selbst solche Grabhgel der Vorfahren geffnet zu haben,
und fhrt dennoch fort, sich mit Denkmlern fr die Nachkommen zu beschftigen.
    Warum soll man es aber so streng nehmen? Ist denn alles, was wir tun, fr
die Ewigkeit getan? Ziehen wir uns nicht morgens an, um uns abends wieder
auszuziehen? Verreisen wir nicht, um wiederzukehren? Und warum sollten wir nicht
wnschen, neben den Unsrigen zu ruhen, und wenn es auch nur fr ein Jahrhundert
wre?
    Wenn man die vielen versunkenen, die durch Kirchgnger abgetretenen
Grabsteine, die ber ihren Grabmlern selbst zusammengestrzten Kirchen
erblickt, so kann einem das Leben nach dem Tode doch immer wie ein zweites Leben
vorkommen, in das man nun im Bilde, in der berschrift eintritt und lnger darin
verweilt als in dem eigentlichen lebendigen Leben. Aber auch dieses Bild, dieses
zweite Dasein verlischt frher oder spter. Wie ber die Menschen, so auch ber
die Denkmler lt sich die Zeit ihr Recht nicht nehmen.

                                Drittes Kapitel


Es ist eine so angenehme Empfindung, sich mit etwas zu beschftigen, was man nur
halb kann, da niemand den Dilettanten schelten sollte, wenn er sich mit einer
Kunst abgibt, die er nie lernen wird, noch den Knstler tadeln drfte, wenn er
ber die Grenze seiner Kunst hinaus in einem benachbarten Felde sich zu ergehen
Lust hat.
    Mit so billigen Gesinnungen betrachten wir die Anstalten des Architekten zum
Ausmalen der Kapelle. Die Farben waren bereitet, die Mae genommen, die Kartone
gezeichnet; allen Anspruch auf Erfindung hatte er aufgegeben; er hielt sich an
seine Umrisse: nur die sitzenden und schwebenden Figuren geschickt auszuteilen,
den Raum damit geschmackvoll auszuzieren, war seine Sorge.
    Das Gerste stand, die Arbeit ging vorwrts, und da schon einiges, was in
die Augen fiel, erreicht war, konnte es ihm nicht zuwider sein, da Charlotte
mit Ottilien ihn besuchte. Die lebendigen Engelsgesichter, die lebhaften
Gewnder auf dem blauen Himmelsgrunde erfreuten das Auge, indem ihr stilles
frommes Wesen das Gemt zur Sammlung berief und eine sehr zarte Wirkung
hervorbrachte.
    Die Frauen waren zu ihm aufs Gerst gestiegen, und Ottilie bemerkte kaum,
wie abgemessen leicht und bequem das alles zuging, als sich in ihr das durch
frhern Unterricht Empfangene mit einmal zu entwickeln schien, sie nach Farbe
und Pinsel griff und auf erhaltene Anweisung ein faltenreiches Gewand mit soviel
Reinlichkeit als Geschicklichkeit anlegte.
    Charlotte, welche gern sah, wenn Ottilie sich auf irgendeine Weise
beschftigte und zerstreute, lie die beiden gewhren und ging, um ihren eigenen
Gedanken nachzuhngen, um ihre Betrachtungen und Sorgen, die sie niemanden
mitteilen konnte, fr sich durchzuarbeiten.
    Wenn gewhnliche Menschen, durch gemeine Verlegenheiten des Tags zu einem
leidenschaftlich ngstlichen Betragen aufgeregt, uns ein mitleidiges Lcheln
abntigen, so betrachten wir dagegen mit Ehrfurcht ein Gemt, in welchem die
Saat eines groen Schicksals ausgeset worden, das die Entwicklung dieser
Empfngnis abwarten mu und weder das Gute noch das Bse, weder das Glckliche
noch das Unglckliche, was daraus entspringen soll, beschleunigen darf und kann.
    Eduard hatte durch Charlottens Boten, den sie ihm in seine Einsamkeit
gesendet, freundlich und teilnehmend, so aber doch eher gefat und ernst als
zutraulich und liebevoll, geantwortet. Kurz darauf war Eduard verschwunden, und
seine Gattin konnte zu keiner Nachricht von ihm gelangen, bis sie endlich von
ungefhr seinen Namen in den Zeitungen fand, wo er unter denen, die sich bei
einer bedeutenden Kriegsgelegenheit hervorgetan hatten, mit Auszeichnung genannt
war. Sie wute nun, welchen Weg er genommen hatte, sie erfuhr, da er groen
Gefahren entronnen war; allein sie berzeugte sich sogleich, da er grere
aufsuchen wrde, und sie konnte sich daraus nur allzusehr deuten, da er in
jedem Sinne schwerlich vom uersten wrde zurckzuhalten sein. Sie trug diese
Sorgen fr sich allein immer in Gedanken und mochte sie hin und wider legen, wie
sie wollte, so konnte sie doch bei keiner Ansicht Beruhigung finden.
    Ottilie, von alledem nichts ahnend, hatte indessen zu jener Arbeit die
grte Neigung gefat und von Charlotten gar leicht die Erlaubnis erhalten,
regelmig darin fortfahren zu drfen. Nun ging es rasch weiter, und der azurne
Himmel war bald mit wrdigen Bewohnern bevlkert. Durch eine anhaltende bung
gewannen Ottilie und der Architekt bei den letzten Bildern mehr Freiheit; sie
wurden zusehends besser. Auch die Gesichter, welche dem Architekten zu malen
allein berlassen war, zeigten nach und nach eine ganz besondere Eigenschaft;
sie fingen smtlich an, Ottilien zu gleichen. Die Nhe des schnen Kindes mute
wohl in die Seele des jungen Mannes, der noch keine natrliche oder
knstlerische Physiognomie vorgefat hatte, einen so lebhaften Eindruck machen,
da ihm nach und nach auf dem Wege vom Auge zur Hand nichts verlorenging, ja da
beide zuletzt ganz gleichstimmig arbeiteten. Genug, eins der letzten Gesichtchen
glckte vollkommen, so da es schien, als wenn Ottilie selbst aus den
himmlischen Rumen heruntershe.
    An dem Gewlbe war man fertig; die Wnde hatte man sich vorgenommen einfach
zu lassen und nur mit einer hellern brunlichen Farbe zu berziehen; die zarten
Sulen und knstlichen bildhauerischen Zieraten sollten sich durch eine dunklere
auszeichnen. Aber wie in solchen Dingen immer eins zum andern fhrt, so wurden
noch Blumen und Fruchtgehnge beschlossen, welche Himmel und Erde gleichsam
zusammenknpfen sollten. Hier war nun Ottilie ganz in ihrem Felde. Die Grten
lieferten die schnsten Muster, und obschon die Krnze sehr reich ausgestattet
wurden, so kam man doch frher, als man gedacht hatte, damit zustande.
    Noch sah aber alles wste und roh aus. Die Gerste waren durcheinander
geschoben, die Bretter bereinander geworfen, der ungleiche Fuboden durch
mancherlei vergossene Farben noch mehr verunstaltet. Der Architekt erbat sich
nunmehr, da die Frauenzimmer ihm acht Tage Zeit lassen und bis dahin die
Kapelle nicht betreten mchten. Endlich ersuchte er sie an einem schnen Abende,
sich beiderseits dahin zu verfgen; doch wnschte er, sie nicht begleiten zu
drfen, und empfahl sich sogleich.
    Was er uns auch fr eine berraschung zugedacht haben mag, sagte
Charlotte, als er weggegangen war, so habe ich doch gegenwrtig keine Lust
hinunterzugehen. Du nimmst es wohl allein ber dich und gibst mir Nachricht.
Gewi hat er etwas Angenehmes zustande gebracht. Ich werde es erst in deiner
Beschreibung und dann gern in der Wirklichkeit genieen.
    Ottilie, die wohl wute, da Charlotte sich in manchen Stcken acht nahm,
alle Gemtsbewegungen vermied und besonders nicht berrascht sein wollte, begab
sich sogleich allein auf den Weg und sah sich unwillkrlich nach dem Architekten
um, der aber nirgends erschien und sich mochte verborgen haben. Sie trat in die
Kirche, die sie offen fand. Diese war schon frher fertig, gereinigt und
eingeweiht. Sie trat zur Tre der Kapelle, deren schwere, mit Erz beschlagene
Last sich leicht vor ihr auftat und sie in einem bekannten Raume mit einem
unerwarteten Anblick berraschte.
    Durch das einzige hohe Fenster fiel ein ernstes, buntes Licht herein; denn
es war von farbigen Glsern anmutig zusammengesetzt. Das Ganze erhielt dadurch
einen fremden Ton und bereitete zu einer eigenen Stimmung. Die Schnheit des
Gewlbes und der Wnde ward durch die Zierde des Fubodens erhht, der aus
besonders geformten, nach einem schnen Muster gelegten, durch eine gegossene
Gipsflche verbundenen Ziegelsteinen bestand. Diese sowohl als die farbigen
Scheiben hatte der Architekt heimlich bereiten lassen und konnte nun in kurzer
Zeit alles zusammenfgen. Auch fr Ruhepltze war gesorgt. Es hatten sich unter
jenen kirchlichen Altertmern einige schn geschnitzte Chorsthle vorgefunden,
die nun gar schicklich an den Wnden angebracht umherstanden.
    Ottilie freute sich der bekannten, ihr als ein unbekanntes Ganze
entgegentretenden Teile. Sie stand, ging hin und wider, sah und besah; endlich
setzte sie sich auf einen der Sthle, und es schien ihr, indem sie auf- und
umherblickte, als wenn sie wre und nicht wre, als wenn sie sich empfnde und
nicht empfnde, als wenn dies alles vor ihr, sie vor sich selbst verschwinden
sollte; und nur als die Sonne das bisher sehr lebhaft beschienene Fenster
verlie, erwachte Ottilie vor sich selbst und eilte nach dem Schlosse.
    Sie verbarg sich nicht, in welche sonderbare Epoche diese berraschung
gefallen sei. Es war der Abend vor Eduards Geburtstage. Diesen hatte sie
freilich ganz anders zu feiern gehofft. Wie sollte nicht alles zu diesem Feste
geschmckt sein! Aber nunmehr stand der ganze herbstliche Blumenreichtum
ungepflckt. Diese Sonnenblumen wendeten noch immer ihr Angesicht gen Himmel,
diese Astern sahen noch immer still bescheiden vor sich hin, und was allenfalls
davon zu Krnzen gebunden war, hatte zum Muster gedient, einen Ort
auszuschmcken, der, wenn er nicht blo eine Knstlergrille bleiben, wenn er zu
irgend etwas genutzt werden sollte, nur zu einer gemeinsamen Grabsttte geeignet
schien.
    Sie mute sich dabei der geruschvollen Geschftigkeit erinnern, mit welcher
Eduard ihr Geburtsfest gefeiert; sie mute des neugerichteten Hauses gedenken,
unter dessen Decke man sich soviel Freundliches versprach. Ja das Feuerwerk
rauschte ihr wieder vor Augen und Ohren, je einsamer sie war, desto mehr vor der
Einbildungskraft; aber sie fhlte sich auch nur um desto mehr allein. Sie lehnte
sich nicht mehr auf seinen Arm und hatte keine Hoffnung, an ihm jemals wieder
eine Sttze zu finden.




                            Aus Ottiliens Tagebuche


Eine Bemerkung des jungen Knstlers mu ich aufzeichnen: Wie am Handwerker so
am bildenden Knstler kann man auf das deutlichste gewahr werden, da der Mensch
sich das am wenigsten zuzueignen vermag, was ihm ganz eigens angehrt. Seine
Werke verlassen ihn so wie die Vgel das Nest, worin sie ausgebrtet worden.
    Der Bauknstler vor allen hat hierin das wunderlichste Schicksal. Wie oft
wendet er seinen ganzen Geist, seine ganze Neigung auf, um Rume
hervorzubringen, von denen er sich selbst ausschlieen mu! Die kniglichen Sle
sind ihm ihre Pracht schuldig, deren grte Wirkung er nicht mitgeniet. In den
Tempeln zieht er eine Grenze zwischen sich und dem Allerheiligsten, er darf die
Stufen nicht mehr betreten, die er zur herzerhebenden Feierlichkeit grndete, so
wie der Goldschmied die Monstranz nur von fern anbetet, deren Schmelz und
Edelsteine er zusammengeordnet hat.
    Dem Reichen bergibt der Baumeister mit dem Schlssel des Palastes alle
Bequemlichkeit und Behbigkeit, ohne irgend etwas davon mitzugenieen. Mu sich
nicht allgemach auf diese Weise die Kunst von dem Knstler entfernen, wenn das
Werk wie ein ausgestattetes Kind nicht mehr auf den Vater zurckwirkt? Und wie
sehr mute die Kunst sich selbst befrdern, als sie fast allein mit dem
ffentlichen, mit dem, was allen und also auch dem Knstler gehrte, sich zu
beschftigen bestimmt war!
    Eine Vorstellung der alten Vlker ist ernst und kann furchtbar scheinen. Sie
dachten sich ihre Vorfahren in groen Hhlen ringsumher auf Thronen sitzend in
stummer Unterhaltung. Dem Neuen, der hereintrat, wenn er wrdig genug war,
standen sie auf und neigten ihm einen Willkommen. Gestern, als ich in der
Kapelle sa und meinem geschnitzten Stuhle gegenber noch mehrere umhergestellt
sah, erschien mir jener Gedanke gar freundlich und anmutig. Warum kannst du
nicht sitzenbleiben? dachte ich bei mir selbst, still und in dich gekehrt
sitzenbleiben, lange, lange, bis endlich die Freunde kmen, denen du aufstndest
und ihren Platz mit freundlichem Neigen anwiesest. Die farbigen Scheiben machen
den Tag zur ernsten Dmmerung, und jemand mte eine ewige Lampe stiften, damit
auch die Nacht nicht ganz finster bliebe.
    Man mag sich stellen, wie man will, und man denkt sich immer sehend. Ich
glaube, der Mensch trumt nur, damit er nicht aufhre zu sehen. Es knnte wohl
sein, da das innere Licht einmal aus uns heraustrte, so da wir keines andern
mehr bedrften.
    Das Jahr klingt ab. Der Wind geht ber die Stoppeln und findet nichts mehr
zu bewegen; nur die roten Beeren jener schlanken Bume scheinen uns noch an
etwas Munteres erinnern zu wollen, so wie uns der Taktschlag des Dreschers den
Gedanken erweckt, da in der abgesichelten hre soviel Nhrendes und Lebendiges
verborgen liegt.

                                Viertes Kapitel


Wie seltsam mute nach solchen Ereignissen, nach diesem aufgedrungenen Gefhl
von Vergnglichkeit und Hinschwinden Ottilie durch die Nachricht getroffen
werden, die ihr nicht lnger verborgen bleiben konnte, da Eduard sich dem
wechselnden Kriegsglck berliefert habe. Es entging ihr leider keine von den
Betrachtungen, die sie dabei zu machen Ursache hatte. Glcklicherweise kann der
Mensch nur einen gewissen Grad des Unglcks fassen; was darber hinausgeht,
vernichtet ihn oder lt ihn gleichgltig. Es gibt Lagen, in denen Furcht und
Hoffnung eins werden, sich einander wechselseitig aufheben und in eine dunkle
Fhllosigkeit verlieren. Wie knnten wir sonst die entfernten Geliebtesten in
stndlicher Gefahr wissen und dennoch unser tgliches, gewhnliches Leben immer
so forttreiben.
    Es war daher, als wenn ein guter Geist fr Ottilien gesorgt htte, indem er
auf einmal in diese Stille, in der sie einsam und unbeschftigt zu versinken
schien, ein wildes Heer hereinbrachte, das, indem es ihr von auen genug zu
schaffen gab und sie aus sich selbst fhrte, zugleich in ihr das Gefhl eigener
Kraft anregte.
    Charlottens Tochter, Luciane, war kaum aus der Pension in die groe Welt
getreten, hatte kaum in dem Hause ihrer Tante sich von zahlreicher Gesellschaft
umgeben gesehen, als ihr Gefallenwollen wirklich Gefallen erregte und ein
junger, sehr reicher Mann gar bald eine heftige Neigung empfand, sie zu
besitzen. Sein ansehnliches Vermgen gab ihm ein Recht, das Beste jeder Art sein
eigen zu nennen, und es schien ihm nichts weiter abzugehen als eine vollkommene
Frau, um die ihn die Welt so wie um das brige zu beneiden htte.
    Diese Familienangelegenheit war es, welche Charlotten bisher sehr viel zu
tun gab, der sie ihre ganze berlegung, ihre Korrespondenz widmete, insofern
diese nicht darauf gerichtet war, von Eduard nhere Nachricht zu erhalten;
deswegen auch Ottilie mehr als sonst in der letzten Zeit allein blieb. Diese
wute zwar um die Ankunft Lucianens; im Hause hatte sie deshalb die ntigsten
Vorkehrungen getroffen; allein so nahe stellte man sich den Besuch nicht vor.
Man wollte vorher noch schreiben, abreden, nher bestimmen, als der Sturm auf
einmal ber das Schlo und Ottilien hereinbrach.
    Angefahren kamen nun Kammerjungfern und Bediente, Brancards mit Koffern und
Kisten; man glaubte schon eine doppelte und dreifache Herrschaft im Hause zu
haben; aber nun erschienen erst die Gste selbst: die Grotante mit Lucianen und
einigen Freundinnen, der Brutigam gleichfalls nicht unbegleitet. Da lag das
Vorhaus voll Vachen, Mantelscke und anderer lederner Gehuse. Mit Mhe sonderte
man die vielen Kstchen und Futterale auseinander. Des Gepckes und Geschleppes
war kein Ende. Dazwischen regnete es mit Gewalt, woraus manche Unbequemlichkeit
entstand. Diesem ungestmen Treiben begegnete Ottilie mit gleichmtiger
Ttigkeit, ja ihr heiteres Geschick erschien im schnsten Glanze; denn sie hatte
in kurzer Zeit alles untergebracht und angeordnet. Jedermann war logiert,
jedermann nach seiner Art bequem, und glaubte gut bedient zu sein, weil er nicht
gehindert war, sich selbst zu bedienen.
    Nun htten alle gern, nach einer hchst beschwerlichen Reise, einige Ruhe
genossen; der Brutigam htte sich seiner Schwiegermutter gern genhert, um ihr
seine Liebe, seinen guten Willen zu beteuern; aber Luciane konnte nicht rasten.
Sie war nun einmal zu dem Glcke gelangt, ein Pferd besteigen zu drfen. Der
Brutigam hatte schne Pferde, und sogleich mute man aufsitzen. Wetter und
Wind, Regen und Sturm kamen nicht in Anschlag; es war, als wenn man nur lebte,
um na zu werden und sich wieder zu trocknen. Fiel es ihr ein, zu Fue
auszugehen, so fragte sie nicht, was fr Kleider sie anhatte und wie sie
beschuht war: sie mute die Anlagen besichtigen, von denen sie vieles gehrt
hatte. Was nicht zu Pferde geschehen konnte, wurde zu Fu durchrannt. Bald hatte
sie alles gesehen und abgeurteilt. Bei der Schnelligkeit ihres Wesens war ihr
nicht leicht zu widersprechen. Die Gesellschaft hatte manches zu leiden, am
meisten aber die Kammermdchen, die mit Waschen und Bgeln, Auftrennen und
Annhen nicht fertig werden konnten.
    Kaum hatte sie das Haus und die Gegend erschpft, als sie sich verpflichtet
fhlte, rings in der Nachbarschaft Besuch abzulegen. Weil man sehr schnell ritt
und fuhr, so reichte die Nachbarschaft ziemlich fern umher. Das Schlo ward mit
Gegenbesuchen berschwemmt, und damit man sich ja nicht verfehlen mchte, wurden
bald bestimmte Tage angesetzt.
    Indessen Charlotte mit der Tante und dem Geschftstrger des Brutigams die
innern Verhltnisse festzustellen bemht war und Ottilie mit ihren Untergebenen
dafr zu sorgen wute, da es an nichts bei so groem Zugang fehlen mchte, da
denn Jger und Grtner, Fischer und Krmer in Bewegung gesetzt wurden, zeigte
sich Luciane immer wie ein brennender Kometenkern, der einen langen Schweif nach
sich zieht. Die gewhnlichen Besuchsunterhaltungen dnkten ihr bald ganz
unschmackhaft. Kaum da sie den ltesten Personen eine Ruhe am Spieltisch
gnnte: wer noch einigermaen beweglich war - und wer lie sich nicht durch ihre
reizenden Zudringlichkeiten in Bewegung setzen? -, mute herbei, wo nicht zum
Tanze, doch zum lebhaften Pfand-, Straf- und Vexierspiel. Und obgleich das
alles, so wie hernach die Pfnderlsung, auf sie selbst berechnet war, so ging
doch von der andern Seite niemand, besonders kein Mann, er mochte von einer Art
sein, von welcher er wollte, ganz leer aus; ja es glckte ihr, einige ltere
Personen von Bedeutung ganz fr sich zu gewinnen, indem sie ihre eben
einfallenden Geburts- und Namenstage ausgeforscht hatte und besonders feierte.
Dabei kam ihr ein ganz eignes Geschick zustatten, so da, indem alle sich
begnstigt sahen, jeder sich fr den am meisten Begnstigten hielt: eine
Schwachheit, deren sich sogar der lteste in der Gesellschaft am
allermerklichsten schuldig machte.
    Schien es bei ihr Plan zu sein, Mnner, die etwas vorstellten, Rang,
Ansehen, Ruhm oder sonst etwas Bedeutendes fr sich hatten, fr sich zu
gewinnen, Weisheit und Besonnenheit zuschanden zu machen und ihrem wilden,
wunderlichen Wesen selbst bei der Bedchtlichkeit Gunst zu erwerben, so kam die
Jugend doch dabei nicht zu kurz; jeder hatte sein Teil, seinen Tag, seine
Stunde, in der sie ihn zu entzcken und zu fesseln wute. So hatte sie den
Architekten schon bald ins Auge gefat, der jedoch aus seinem schwarzen,
langlockigen Haar so unbefangen heraussah, so gerad und ruhig in der Entfernung
stand, auf alle Fragen kurz und verstndig antwortete, sich aber auf nichts
weiter einzulassen geneigt schien, da sie sich endlich einmal, halb unwillig
halb listig, entschlo, ihn zum Helden des Tages zu machen und dadurch auch fr
ihren Hof zu gewinnen.
    Nicht umsonst hatte sie so vieles Gepcke mitgebracht, ja es war ihr noch
manches gefolgt. Sie hatte sich auf eine unendliche Abwechselung in Kleidern
vorgesehen. Wenn es ihr Vergngen machte, sich des Tages drei -, viermal
umzuziehen und mit gewhnlichen, in der Gesellschaft blichen Kleidern vom
Morgen bis in die Nacht zu wechseln, so erschien sie dazwischen wohl auch einmal
im wirklichen Maskenkleid, als Buerin und Fischerin, als Fee und Blumenmdchen.
Sie verschmhte nicht, sich als alte Frau zu verkleiden, um desto frischer ihr
junges Gesicht aus der Kutte hervorzuzeigen; und wirklich verwirrte sie dadurch
das Gegenwrtige und das Eingebildete dergestalt, da man sich mit der Saalnixe
verwandt und verschwgert zu sein glaubte.
    Wozu sie aber diese Verkleidungen hauptschlich benutzte, waren
pantomimische Stellungen und Tnze, in denen sie verschiedene Charaktere
auszudrcken gewandt war. Ein Kavalier aus ihrem Gefolge hatte sich
eingerichtet, auf dem Flgel ihre Gebrden mit der wenigen ntigen Musik zu
begleiten; es bedurfte nur einer kurzen Abrede, und sie waren sogleich in
Einstimmung.
    Eines Tages, als man sie bei der Pause eines lebhaften Balls auf ihren
eigenen heimlichen Antrieb gleichsam aus dem Stegereife zu einer solchen
Darstellung aufgefordert hatte, schien sie verlegen und berrascht und lie sich
wider ihre Gewohnheit lange bitten. Sie zeigte sich unentschlossen, lie die
Wahl, bat wie ein Improvisator um einen Gegenstand, bis endlich jener Klavier
spielende Gehlfe, mit dem es abgeredet sein mochte, sich an den Flgel setzte,
einen Trauermarsch zu spielen anfing und sie aufforderte, jene Artemisia zu
geben, welche sie so vortrefflich einstudiert habe. Sie lie sich erbitten, und
nach einer kurzen Abwesenheit erschien sie, bei den zrtlich traurigen Tnen des
Totenmarsches, in Gestalt der kniglichen Witwe, mit gemessenem Schritt, einen
Aschenkrug vor sich hertragend. Hinter ihr brachte man eine groe schwarze Tafel
und in einer goldenen Reifeder ein wohlzugeschnitztes Stck Kreide.
    Einer ihrer Verehrer und Adjutanten, dem sie etwas ins Ohr sagte, ging
sogleich den Architekten aufzufordern, zu ntigen und gewissermaen
herbeizuschieben, da er als Baumeister das Grab des Mausolus zeichnen und also
keineswegs einen Statisten, sondern einen ernstlich Mitspielenden vorstellen
sollte. Wie verlegen der Architekt auch uerlich erschien - denn er machte in
seiner ganz schwarzen, knappen, modernen Zivilgestalt einen wunderlichen
Kontrast mit jenen Flren, Kreppen, Fransen, Schmelzen, Quasten und Kronen -, so
fate er sich doch gleich innerlich, allein um so wunderlicher war es anzusehen.
Mit dem grten Ernst stellte er sich vor die groe Tafel, die von ein paar
Pagen gehalten wurde, und zeichnete mit viel Bedacht und Genauigkeit ein
Grabmal, das zwar eher einem longobardischen als einem karischen Knig wre
gem gewesen, aber doch in so schnen Verhltnissen, so ernst in seinen Teilen,
so geistreich in seinen Zieraten, da man es mit Vergngen entstehen sah und,
als es fertig war, bewunderte.
    Er hatte sich in diesem ganzen Zeitraum fast nicht gegen die Knigin
gewendet, sondern seinem Geschft alle Aufmerksamkeit gewidmet. Endlich, als er
sich vor ihr neigte und andeutete, da er nun ihre Befehle vollzogen zu haben
glaube, hielt sie ihm noch die Urne hin und bezeichnete das Verlangen, diese
oben auf dem Gipfel abgebildet zu sehen. Er tat es, obgleich ungern, weil sie zu
dem Charakter seines brigen Entwurfs nicht passen wollte. Was Lucianen betraf,
so war sie endlich von ihrer Ungeduld erlst; denn ihre Absicht war keineswegs,
eine gewissenhafte Zeichnung von ihm zu haben. Htte er mit wenigen Strichen nur
hinskizziert, was etwa einem Monument hnlich gesehen, und sich die brige Zeit
mit ihr abgegeben, so wre das wohl dem Endzweck und ihren Wnschen gemer
gewesen. Bei seinem Benehmen dagegen kam sie in die grte Verlegenheit; denn ob
sie gleich in ihrem Schmerz, ihren Anordnungen und Andeutungen, ihrem Beifall
ber das nach und nach Entstehende ziemlich abzuwechseln suchte und sie ihn
einigemal beinahe herumzerrte, um nur mit ihm in eine Art von Verhltnis zu
kommen, so erwies er sich doch gar zu steif, dergestalt da sie allzuoft ihre
Zuflucht zur Urne nehmen, sie an ihr Herz drcken und zum Himmel schauen mute,
ja zuletzt, weil sich doch dergleichen Situationen immer steigern, mehr einer
Witwe von Ephesus als einer Knigin von Karien hnlich sah. Die Vorstellung zog
sich daher in die Lnge; der Klavierspieler, der sonst Geduld genug hatte, wute
nicht mehr, in welchen Ton er ausweichen sollte. Er dankte Gott, als er die Urne
auf der Pyramide stehn sah, und fiel unwillkrlich, als die Knigin ihren Dank
ausdrcken wollte, in ein lustiges Thema, wodurch die Vorstellung zwar ihren
Charakter verlor, die Gesellschaft jedoch vllig aufgeheitert wurde, die sich
denn sogleich teilte, der Dame fr ihren vortrefflichen Ausdruck und dem
Architekten fr seine knstliche und zierliche Zeichnung eine freudige
Bewunderung zu beweisen.
    Besonders der Brutigam unterhielt sich mit dem Architekten. Es tut mir
leid, sagte jener, da die Zeichnung so vergnglich ist. Sie erlauben
wenigstens, da ich sie mir auf mein Zimmer bringen lasse und mich mit Ihnen
darber unterhalte. - Wenn es Ihnen Vergngen macht, sagte der Architekt, so
kann ich Ihnen sorgfltige Zeichnungen von dergleichen Gebuden und Monumenten
vorlegen, wovon dieses nur ein zuflliger, flchtiger Entwurf ist.
    Ottilie stand nicht fern und trat zu den beiden. Versumen Sie nicht,
sagte sie zum Architekten, den Herrn Baron gelegentlich Ihre Sammlung sehen zu
lassen; er ist ein Freund der Kunst und des Altertums; ich wnsche, da Sie sich
nher kennenlernen.
    Luciane kam herbeigefahren und fragte: Wovon ist die Rede?
    Von einer Sammlung Kunstwerke, antwortete der Baron, welche dieser Herr
besitzt und die er uns gelegentlich zeigen will.
    Er mag sie nur gleich bringen! rief Luciane. Nicht wahr, Sie bringen sie
gleich? setzte sie schmeichelnd hinzu, indem sie ihn mit beiden Hnden
freundlich anfate.
    Es mchte jetzt der Zeitpunkt nicht sein, versetzte der Architekt.
    Was! rief Luciane gebieterisch, Sie wollen dem Befehl Ihrer Knigin nicht
gehorchen? Dann legte sie sich auf ein neckisches Bitten.
    Sein Sie nicht eigensinnig! sagte Ottilie halb leise.
    Der Architekt entfernte sich mit einer Beugung; sie war weder bejahend noch
verneinend.
    Kaum war er fort, als Luciane sich mit einem Windspiel im Saale herumjagte.
Ach! rief sie aus, indem sie zufllig an ihre Mutter stie, wie bin ich nicht
unglcklich! Ich habe meinen Affen nicht mitgenommen; man hat es mir abgeraten;
es ist aber nur die Bequemlichkeit meiner Leute, die mich um dieses Vergngen
bringt. Ich will ihn aber nachkommen lassen, es soll mir jemand hin, ihn zu
holen. Wenn ich nur sein Bildnis sehen knnte, so wre ich schon vergngt. Ich
will ihn aber gewi auch malen lassen, und er soll mir nicht von der Seite
kommen.
    Vielleicht kann ich dich trsten, versetzte Charlotte, wenn ich dir aus
der Bibliothek einen ganzen Band der wunderlichsten Affenbilder kommen lasse.
Luciane schrie vor Freuden laut auf, und der Folioband wurde gebracht. Der
Anblick dieser menschenhnlichen und durch den Knstler noch mehr
vermenschlichten abscheulichen Geschpfe machte Lucianen die grte Freude. Ganz
glcklich aber fhlte sie sich, bei einem jeden dieser Tiere die hnlichkeit mit
bekannten Menschen zu finden. Sieht der nicht aus wie der Onkel? rief sie
unbarmherzig, der wie der Galanteriehndler M-, der wie der Pfarrer S-, und
dieser ist der Dings-, der - leibhaftig. Im Grunde sind doch die Affen die
eigentlichen Incroyables, und es ist unbegreiflich, wie man sie aus der besten
Gesellschaft ausschlieen mag.
    Sie sagte das in der besten Gesellschaft, doch niemand nahm es ihr bel. Man
war so gewohnt, ihrer Anmut vieles zu erlauben, da man zuletzt ihrer Unart
alles erlaubte.
    Ottilie unterhielt sich indessen mit dem Brutigam. Sie hoffte auf die
Rckkunft des Architekten, dessen ernstere, geschmackvollere Sammlungen die
Gesellschaft von diesem Affenwesen befreien sollten. In dieser Erwartung hatte
sie sich mit dem Baron besprochen und ihn auf manches aufmerksam gemacht. Allein
der Architekt blieb aus, und als er endlich wiederkam, verlor er sich unter der
Gesellschaft, ohne etwas mitzubringen und ohne zu tun, als ob von etwas die
Frage gewesen wre. Ottilie ward einen Augenblick - wie soll mans nennen? -
verdrielich, ungehalten, betroffen; sie hatte ein gutes Wort an ihn gewendet,
sie gnnte dem Brutigam eine vergngte Stunde nach seinem Sinne, der bei seiner
unendlichen Liebe fr Lucianen doch von ihrem Betragen zu leiden schien.
    Die Affen muten einer Kollation Platz machen. Gesellige Spiele, ja sogar
noch Tnze, zuletzt ein freudeloses Herumsitzen und Wiederaufjagen einer schon
gesunkenen Lust dauerten diesmal, wie sonst auch, weit ber Mitternacht. Denn
schon hatte sich Luciane gewhnt, morgens nicht aus dem Bette und abends nicht
ins Bette gelangen zu knnen.
    Um diese Zeit finden sich in Ottiliens Tagebuch Ereignisse seltner
angemerkt, dagegen hufiger auf das Leben bezgliche und vom Leben abgezogene
Maximen und Sentenzen. Weil aber die meisten derselben wohl nicht durch ihre
eigene Reflexion entstanden sein knnen, so ist es wahrscheinlich, da man ihr
irgendeinen Heft mitgeteilt, aus dem sie sich, was ihr gemtlich war,
ausgeschrieben. Manches Eigene von innigerem Bezug wird an dem roten Faden wohl
zu erkennen sein.


                            Aus Ottiliens Tagebuche

Wir blicken so gern in die Zukunft, weil wir das Ungefhre, was sich in ihr hin
und her bewegt, durch stille Wnsche so gern zu unsern Gunsten heranleiten
mchten.
    Wir befinden uns nicht leicht in groer Gesellschaft, ohne zu denken, der
Zufall, der so viele zusammenbringt, solle uns auch unsre Freunde herbeifhren.
    Man mag noch so eingezogen leben, so wird man, ehe man sichs versieht, ein
Schuldner oder ein Glubiger.
    Begegnet uns jemand, der uns Dank schuldig ist, gleich fllt es uns ein. Wie
oft knnen wir jemand begegnen, dem wir Dank schuldig sind, ohne daran zu
denken!
    Sich mitzuteilen ist Natur; Mitgeteiltes aufzunehmen, wie es gegeben wird,
ist Bildung.
    Niemand wrde viel in Gesellschaften sprechen, wenn er sich bewut wre, wie
oft er die andern miversteht.
    Man verndert fremde Reden beim Wiederholen wohl nur darum so sehr, weil man
sie nicht verstanden hat.
    Wer vor andern lange allein spricht, ohne den Zuhrern zu schmeicheln,
erregt Widerwillen.
    Jedes ausgesprochene Wort erregt den Gegensinn.
    Widerspruch und Schmeichelei machen beide ein schlechtes Gesprch.
    Die angenehmsten Gesellschaften sind die, in welchen eine heitere
Ehrerbietung der Glieder gegeneinander obwaltet.
    Durch nichts bezeichnen die Menschen mehr ihren Charakter als durch das, was
sie lcherlich finden.
    Das Lcherliche entspringt aus einem sittlichen Kontrast, der auf eine
unschdliche Weise fr die Sinne in Verbindung gebracht wird.
    Der sinnliche Mensch lacht oft, wo nichts zu lachen ist. Was ihn auch
anregt, sein inneres Behagen kommt zum Vorschein.
    Der Verstndige findet fast alles lcherlich, der Vernnftige fast nichts.
    Einem bejahrten Manne verdachte man, da er sich noch um junge Frauenzimmer
bemhte. Es ist das einzige Mittel, versetzte er, sich zu verjngen, und das
will doch jedermann.
    Man lt sich seine Mngel vorhalten, man lt sich strafen, man leidet
manches um ihrer willen mit Geduld; aber ungeduldig wird man, wenn man sie
ablegen soll.
    Gewisse Mngel sind notwendig zum Dasein des einzelnen. Es wrde uns
unangenehm sein, wenn alte Freunde gewisse Eigenheiten ablegten.
    Man sagt: Er stirbt bald, wenn einer etwas gegen seine Art und Weise tut.
    Was fr Mngel drfen wir behalten, ja an uns kultivieren? Solche, die den
andern eher schmeicheln als sie verletzen.
    Die Leidenschaften sind Mngel oder Tugenden, nur gesteigerte.
    Unsre Leidenschaften sind wahre Phnixe. Wie der alte verbrennt, steigt der
neue sogleich wieder aus der Asche hervor.
    Groe Leidenschaften sind Krankheiten ohne Hoffnung.
    Was sie heilen knnte, macht sie erst recht gefhrlich.
    
    Die Leidenschaft erhht und mildert sich durchs Bekennen. In nichts wre die
Mittelstrae vielleicht wnschenswerter als im Vertrauen und Verschweigen gegen
die, die wir lieben.

                                Fnftes Kapitel


So peitschte Luciane den Lebensrausch im geselligen Strudel immer vor sich her.
Ihr Hofstaat vermehrte sich tglich, teils weil ihr Treiben so manchen erregte
und anzog, teils weil sie sich andre durch Geflligkeit und Wohltun zu verbinden
wute. Mitteilend war sie im hchsten Grade; denn da ihr durch die Neigung der
Tante und des Brutigams soviel Schnes und Kstliches auf einmal zugeflossen
war, so schien sie nichts Eigenes zu besitzen und den Wert der Dinge nicht zu
kennen, die sich um sie gehuft hatten. So zauderte sie nicht einen Augenblick,
einen kostbaren Schal abzunehmen und ihn einem Frauenzimmer umzuhngen, das ihr
gegen die brigen zu rmlich gekleidet schien, und sie tat das auf eine so
neckische, geschickte Weise, da niemand eine solche Gabe ablehnen konnte. Einer
von ihrem Hofstaat hatte stets eine Brse und den Auftrag, in den Orten, wo sie
einkehrten, sich nach den ltesten und Krnksten zu erkundigen und ihren Zustand
wenigstens fr den Augenblick zu erleichtern. Dadurch entstand ihr in der ganzen
Gegend ein Name von Vortrefflichkeit, der ihr doch auch manchmal unbequem ward,
weil er allzuviel lstige Notleidende an sie heranzog.
    Durch nichts aber vermehrte sie so sehr ihren Ruf als durch ein
auffallendes, gutes, beharrliches Benehmen gegen einen unglcklichen jungen
Mann, der die Gesellschaft floh, weil er, brigens schn und wohlgebildet, seine
rechte Hand, obgleich rhmlich, in der Schlacht verloren hatte. Diese
Verstmmlung erregte ihm einen solchen Mimut, es war ihm so verdrielich, da
jede neue Bekanntschaft sich auch immer mit seinem Unfall bekannt machen sollte,
da er sich lieber versteckte, sich dem Lesen und andern Studien ergab und ein
fr allemal mit der Gesellschaft nichts wollte zu schaffen haben.
    Das Dasein dieses jungen Mannes blieb ihr nicht verborgen. Er mute herbei,
erst in kleiner Gesellschaft, dann in grerer, dann in der grten. Sie benahm
sich anmutiger gegen ihn als gegen irgendeinen andern; besonders wute sie durch
zudringliche Dienstfertigkeit ihm seinen Verlust wert zu machen, indem sie
geschftig war, ihn zu ersetzen. Bei Tafel mute er neben ihr seinen Platz
nehmen; sie schnitt ihm vor, so da er nur die Gabel gebrauchen durfte. Nahmen
ltere, Vornehmere ihm ihre Nachbarschaft weg, so erstreckte sie ihre
Aufmerksamkeit ber die ganze Tafel hin, und die eilenden Bedienten muten das
ersetzen, was ihm die Entfernung zu rauben drohte. Zuletzt munterte sie ihn auf,
mit der linken Hand zu schreiben; er mute alle seine Versuche an sie richten,
und so stand sie, entfernt oder nah, immer mit ihm in Verhltnis. Der junge Mann
wute nicht, wie ihm geworden war, und wirklich fing er von diesem Augenblick
ein neues Leben an.
    Vielleicht sollte man denken, ein solches Betragen wre dem Brutigam
mifllig gewesen; allein es fand sich das Gegenteil. Er rechnete ihr diese
Bemhungen zu groem Verdienst an und war um so mehr darber ganz ruhig, als er
ihre fast bertriebenen Eigenheiten kannte, wodurch sie alles, was im mindesten
verfnglich schien, von sich abzulehnen wute. Sie wollte mit jedermann nach
Belieben umspringen, jeder war in Gefahr, von ihr einmal angestoen, gezerrt
oder sonst geneckt zu werden; niemand aber durfte sich gegen sie ein Gleiches
erlauben, niemand sie nach Willkr berhren, niemand auch nur im entferntesten
Sinne eine Freiheit, die sie sich nahm, erwidern; und so hielt sie die andern in
den strengsten Grenzen der Sittlichkeit gegen sich, die sie gegen andere jeden
Augenblick zu bertreten schien.
    berhaupt htte man glauben knnen, es sei bei ihr Maxime gewesen, sich dem
Lobe und dem Tadel, der Neigung und der Abneigung gleichmig auszusetzen. Denn
wenn sie die Menschen auf mancherlei Weise fr sich zu gewinnen suchte, so
verdarb sie es wieder mit ihnen gewhnlich durch eine bse Zunge, die niemanden
schonte. So wurde kein Besuch in der Nachbarschaft abgelegt, nirgends sie und
ihre Gesellschaft in Schlssern und Wohnungen freundlich aufgenommen, ohne da
sie bei der Rckkehr auf das ausgelassenste merken lie, wie sie alle
menschlichen Verhltnisse nur von der lcherlichen Seite zu nehmen geneigt sei.
Da waren drei Brder, welche unter lauter Komplimenten, wer zuerst heiraten
sollte, das Alter bereilt hatte; hier eine kleine, junge Frau mit einem groen,
alten Manne; dort umgekehrt ein kleiner, munterer Mann und eine unbehlfliche
Riesin. In dem einen Hause stolperte man bei jedem Schritt ber ein Kind; das
andre wollte ihr bei der grten Gesellschaft nicht voll erscheinen, weil keine
Kinder gegenwrtig waren. Alte Gatten sollten sich nur schnell begraben lassen,
damit doch wieder einmal jemand im Hause zum Lachen kme, da ihnen keine
Noterben gegeben waren. Junge Eheleute sollten reisen, weil das Haushalten sie
gar nicht kleide. Und wie mit den Personen, so machte sie es auch mit den
Sachen, mit den Gebuden wie mit dem Haus- und Tischgerte. Besonders alle
Wandverzierungen reizten sie zu lustigen Bemerkungen. Von dem ltesten
Hautelisseteppich bis zu der neusten Papiertapete, vom ehrwrdigsten
Familienbilde bis zum frivolsten neuen Kupferstich, eins wie das andre mute
leiden, eins wie das andre wurde durch ihre spttischen Bemerkungen gleichsam
aufgezehrt, so da man sich htte verwundern sollen, wie fnf Meilen umher
irgend etwas nur noch existierte.
    Eigentliche Bosheit war vielleicht nicht in diesem verneinenden Bestreben;
ein selbstischer Mutwille mochte sie gewhnlich anreizen; aber eine wahrhafte
Bitterkeit hatte sich in ihrem Verhltnis zu Ottilien erzeugt. Auf die ruhige,
ununterbrochene Ttigkeit des lieben Kindes, die von jedermann bemerkt und
gepriesen wurde, sah sie mit Verachtung herab; und als zur Sprache kam, wie sehr
sich Ottilie der Grten und der Treibhuser annehme, spottete sie nicht allein
darber, indem sie uneingedenk des tiefen Winters, in dem man lebte, sich zu
verwundern schien, da man weder Blumen noch Frchte gewahr werde, sondern sie
lie auch von nun an so viel Grnes, so viel Zweige und was nur irgend keimte,
herbeiholen und zur tglichen Zierde der Zimmer und des Tisches verschwenden,
da Ottilie und der Grtner nicht wenig gekrnkt waren, ihre Hoffnungen fr das
nchste Jahr und vielleicht auf lngere Zeit zerstrt zu sehen.
    Ebensowenig gnnte sie Ottilien die Ruhe des huslichen Ganges, worin sie
sich mit Bequemlichkeit fortbewegte. Ottilie sollte mit auf die Lust- und
Schlittenfahrten, sie sollte mit auf die Blle, die in der Nachbarschaft
veranstaltet wurden; sie sollte weder Schnee noch Klte noch gewaltsame
Nachtstrme scheuen, da ja soviel andre nicht davon strben. Das zarte Kind litt
nicht wenig darunter, aber Luciane gewann nichts dabei; denn obgleich Ottilie
sehr einfach gekleidet ging, so war sie doch, oder so schien sie wenigstens
immer den Mnnern die Schnste. Ein sanftes Anziehen versammelte alle Mnner um
sie her, sie mochte sich in den groen Rumen am ersten oder am letzten Platze
befinden; ja der Brutigam Lucianens selbst unterhielt sich oft mit ihr, und
zwar um so mehr, als er in einer Angelegenheit, die ihn beschftigte, ihren Rat,
ihre Mitwirkung verlangte.
    Er hatte den Architekten nher kennen lernen, bei Gelegenheit seiner
Kunstsammlung viel ber das Geschichtliche mit ihm gesprochen, in andern Fllen
auch, besonders bei Betrachtung der Kapelle, sein Talent schtzen gelernt. Der
Baron war jung, reich; er sammelte, er wollte bauen; seine Liebhaberei war
lebhaft, seine Kenntnisse schwach; er glaubte in dem Architekten seinen Mann zu
finden, mit dem er mehr als Einen Zweck zugleich erreichen knnte. Er hatte
seiner Braut von dieser Absicht gesprochen; sie lobte ihn darum und war hchlich
mit dem Vorschlag zufrieden, doch vielleicht mehr, um diesen jungen Mann
Ottilien zu entziehen - denn sie glaubte so etwas von Neigung bei ihm zu
bemerken -, als da sie gedacht htte, sein Talent zu ihren Absichten zu
benutzen. Denn ob er gleich bei ihren extemporierten Festen sich sehr ttig
erwiesen und manche Ressourcen bei dieser und jener Anstalt dargeboten, so
glaubte sie es doch immer selbst besser zu verstehen; und da ihre Erfindungen
gewhnlich gemein waren, so reichte, um sie auszufhren, die Geschicklichkeit
eines gewandten Kammerdieners ebensogut hin als die des vorzglichsten
Knstlers. Weiter als zu einem Altar, worauf geopfert ward, und zu einer
Bekrnzung, es mochte nun ein gipsernes oder ein lebendes Haupt sein, konnte
ihre Einbildungskraft sich nicht versteigen, wenn sie irgend jemand zum Geburts-
und Ehrentage ein festliches Kompliment zu machen gedachte.
    Ottilie konnte dem Brutigam, der sich nach dem Verhltnis des Architekten
zum Hause erkundigte, die beste Auskunft geben. Sie wute, da Charlotte sich
schon frher nach einer Stelle fr ihn umgetan hatte; denn wre die Gesellschaft
nicht gekommen, so htte sich der junge Mann gleich nach Vollendung der Kapelle
entfernt, weil alle Bauten den Winter ber stillstehn sollten und muten; und es
war daher sehr erwnscht, wenn der geschickte Knstler durch einen neuen Gnner
wieder genutzt und befrdert wurde.
    Das persnliche Verhltnis Ottiliens zum Architekten war ganz rein und
unbefangen. Seine angenehme und ttige Gegenwart hatte sie wie die Nhe eines
ltern Bruders unterhalten und erfreut. Ihre Empfindungen fr ihn blieben auf
der ruhigen, leidenschaftslosen Oberflche der Blutsverwandtschaft; denn in
ihrem Herzen war kein Raum mehr; es war von der Liebe zu Eduard ganz gedrngt
ausgefllt, und nur die Gottheit, die alles durchdringt, konnte dieses Herz
zugleich mit ihm besitzen.
    Indessen je tiefer der Winter sich senkte, je wilderes Wetter, je
unzugnglicher die Wege, desto anziehender schien es, in so guter Gesellschaft
die abnehmenden Tage zuzubringen. Nach kurzen Ebben berflutete die Menge von
Zeit zu Zeit das Haus. Offiziere von entfernteren Garnisonen, die gebildeten zu
ihrem groen Vorteil, die roheren zur Unbequemlichkeit der Gesellschaft, zogen
sich herbei; am Zivilstande fehlte es auch nicht, und ganz unerwartet kamen
eines Tages der Graf und die Baronesse zusammen angefahren.
    Ihre Gegenwart schien erst einen wahren Hof zu bilden. Die Mnner von Stand
und Sitten umgaben den Grafen, und die Frauen lieen der Baronesse Gerechtigkeit
wider fahren. Man verwunderte sich nicht lange, sie beide zusammen und so heiter
zu sehen; denn man vernahm, des Grafen Gemahlin sei gestorben, und eine neue
Verbindung werde geschlossen sein, sobald es die Schicklichkeit nur erlaube.
Ottilie erinnerte sich jenes ersten Besuchs, jedes Worts, was ber Ehestand und
Scheidung, ber Verbindung und Trennung, ber Hoffnung, Erwartung, Entbehren und
Entsagen gesprochen ward. Beide Personen, damals noch ganz ohne Aussichten,
standen nun vor ihr, dem gehofften Glck so nahe, und ein unwillkrlicher
Seufzer drang aus ihrem Herzen.
    Luciane hrte kaum, da der Graf ein Liebhaber von Musik sei, so wute sie
ein Konzert zu veranstalten; sie wollte sich dabei mit Gesang zur Gitarre hren
lassen. Es geschah. Das Instrument spielte sie nicht ungeschickt, ihre Stimme
war angenehm; was aber die Worte betraf, so verstand man sie so wenig, als wenn
sonst eine deutsche Schne zur Gitarre singt. Indes versicherte jedermann, sie
habe mit viel Ausdruck gesungen, und sie konnte mit dem lauten Beifall zufrieden
sein. Nur ein wunderliches Unglck begegnete bei dieser Gelegenheit. In der
Gesellschaft befand sich ein Dichter, den sie auch besonders zu verbinden
hoffte, weil sie einige Lieder von ihm an sie gerichtet wnschte, und deshalb
diesen Abend meist nur von seinen Liedern vortrug. Er war berhaupt, wie alle,
hflich gegen sie, aber sie hatte mehr erwartet. Sie legte es ihm einigemal
nahe, konnte aber weiter nichts von ihm vernehmen, bis sie endlich aus Ungeduld
einen ihrer Hofleute an ihn schickte und sondieren lie, ob er denn nicht
entzckt gewesen sei, seine vortrefflichen Gedichte so vortrefflich vortragen zu
hren. Meine Gedichte? versetzte dieser mit Erstaunen. Verzeihen Sie, mein
Herr, fgte er hinzu; ich habe nichts als Vokale gehrt und die nicht einmal
alle. Unterdessen ist es meine Schuldigkeit, mich fr eine so liebenswrdige
Intention dankbar zu erweisen. Der Hofmann schwieg und verschwieg. Der andre
suchte sich durch einige wohltnende Komplimente aus der Sache zu ziehen. Sie
lie ihre Absicht nicht undeutlich merken, auch etwas eigens fr sie Gedichtetes
zu besitzen. Wenn es nicht allzu unfreundlich gewesen wre, so htte er ihr das
Alphabet berreichen knnen, um sich daraus ein beliebiges Lobgedicht zu
irgendeiner vorkommenden Melodie selbst einzubilden. Doch sollte sie nicht ohne
Krnkung aus dieser Begebenheit scheiden. Kurze Zeit darauf erfuhr sie, er habe
noch selbigen Abend einer von Ottiliens Lieblingsmelodien ein allerliebstes
Gedicht untergelegt, das noch mehr als verbindlich sei.
    Luciane, wie alle Menschen ihrer Art, die immer durcheinander mischen, was
ihnen vorteilhaft und was ihnen nachteilig ist, wollte nun ihr Glck im
Rezitieren versuchen. Ihr Gedchtnis war gut, aber, wenn man aufrichtig reden
sollte, ihr Vortrag geistlos und heftig, ohne leidenschaftlich zu sein. Sie
rezitierte Balladen, Erzhlungen und was sonst in Deklamatorien vorzukommen
pflegt. Dabei hatte sie die unglckliche Gewohnheit angenommen, das, was sie
vortrug, mit Gesten zu begleiten, wodurch man das, was eigentlich episch und
lyrisch ist, auf eine unangenehme Weise mit dem Dramatischen mehr verwirrt als
verbindet.
    Der Graf, ein einsichtsvoller Mann, der gar bald die Gesellschaft, ihre
Neigungen, Leidenschaften und Unterhaltungen bersah, brachte Lucianen
glcklicher - oder unglcklicherweise auf eine neue Art von Darstellung, die
ihrer Persnlichkeit sehr gem war. Ich finde, sagte er, hier so manche
wohlgestaltete Personen, denen es gewi nicht fehlt, malerische Bewegungen und
Stellungen nachzuahmen. Sollten sie es noch nicht versucht haben, wirkliche,
bekannte Gemlde vorzustellen? Eine solche Nachbildung, wenn sie auch manche
mhsame Anordnung er fordert, bringt dagegen auch einen unglaublichen Reiz
hervor.
    Schnell ward Luciane gewahr, da sie hier ganz in ihrem Fach sein wrde. Ihr
schner Wuchs, ihre volle Gestalt, ihr regelmiges und doch bedeutendes
Gesicht, ihre lichtbraunen Haarflechten, ihr schlanker Hals, alles war schon wie
aufs Gemlde berechnet; und htte sie nun gar gewut, da sie schner aussah,
wenn sie still stand, als wenn sie sich bewegte, indem ihr im letzten Falle
manchmal etwas strendes Ungrazises entschlpfte, so htte sie sich mit noch
mehrerem Eifer dieser natrlichen Bildnerei ergeben.
    Man suchte nun Kupferstiche nach berhmten Gemlden, man whlte zuerst den
Belisar nach van Dyck. Ein groer und wohlgebauter Mann von gewissen Jahren
sollte den sitzenden blinden General, der Architekt den vor ihm teilnehmend
traurig stehenden Krieger nachbilden, dem er wirklich etwas hnlich sah. Luciane
hatte sich, halb bescheiden, das junge Weibchen im Hintergrunde gewhlt, das
reichliche Almosen aus einem Beutel in die flache Hand zhlt, indes eine Alte
sie abzumahnen und ihr vorzustellen scheint, da sie zuviel tue. Eine andre, ihm
wirklich Almosen reichende Frauensperson war nicht vergessen.
    Mit diesen und andern Bildern beschftigte man sich sehr ernstlich. Der Graf
gab dem Architekten ber die Art der Einrichtung einige Winke, der sogleich ein
Theater dazu aufstellte und wegen der Beleuchtung die ntige Sorge trug. Man war
schon tief in die Anstalten verwickelt, als man erst bemerkte, da ein solches
Unternehmen einen ansehnlichen Aufwand verlangte und da auf dem Lande mitten im
Winter gar manches Erfordernis abging. Deshalb lie, damit ja nichts stocken
mge, Luciane beinah ihre smtliche Garderobe zerschneiden, um die verschiedenen
Kostme zu liefern, die jene Knstler willkrlich genug angegeben hatten.
    Der Abend kam herbei, und die Darstellung wurde vor einer groen
Gesellschaft und zu allgemeinem Beifall ausgefhrt. Eine bedeutende Musik
spannte die Erwartung. Jener Belisar erffnete die Bhne. Die Gestalten waren so
passend, die Farben so glcklich ausgeteilt, die Beleuchtung so kunstreich, da
man frwahr in einer andern Welt zu sein glaubte, nur da die Gegenwart des
Wirklichen statt des Scheins eine Art von ngstlicher Empfindung hervorbrachte.
    Der Vorhang fiel und ward auf Verlangen mehr als einmal wieder aufgezogen.
Ein musikalisches Zwischenspiel unterhielt die Gesellschaft, die man durch ein
Bild hherer Art berraschen wollte. Es war die bekannte Vorstellung von
Poussin: Ahasverus und Esther. Diesmal hatte sich Luciane besser bedacht. Sie
entwickelte in der ohnmchtig hingesunkenen Knigin alle ihre Reize und hatte
sich klugerweise zu den umgebenden, untersttzenden Mdchen lauter hbsche,
wohlgebildete Figuren ausgesucht, worunter sich jedoch keine mit ihr auch nur im
mindesten messen konnte. Ottilie blieb von diesem Bilde wie von den brigen
ausgeschlossen. Auf den goldnen Thron hatten sie, um den Zeus gleichen Knig
vorzustellen, den rstigsten und schnsten Mann der Gesellschaft gewhlt, so da
dieses Bild wirklich eine unvergleichliche Vollkommenheit gewann.
    Als drittes hatte man die sogenannte Vterliche Ermahnung von Terburg
gewhlt, und wer kennt nicht den herrlichen Kupferstich unseres Wille von diesem
Gemlde! Einen Fu ber den andern geschlagen, sitzt ein edler, ritterlicher
Vater und scheint seiner vor ihm stehenden Tochter ins Gewissen zu reden. Diese,
eine herrliche Gestalt im faltenreichen, weien Atlaskleide, wird zwar nur von
hinten gesehen, aber ihr ganzes Wesen scheint anzudeuten, da sie sich
zusammennimmt. Da jedoch die Ermahnung nicht heftig und beschmend sei, sieht
man aus der Miene und Gebrde des Vaters; und was die Mutter betrifft, so
scheint diese eine kleine Verlegenheit zu verbergen, indem sie in ein Glas Wein
blickt, das sie eben auszuschlrfen im Begriff ist.
    Bei dieser Gelegenheit nun sollte Luciane in ihrem hchsten Glanze
erscheinen. Ihre Zpfe, die Form ihres Kopfes, Hals und Nacken waren ber alle
Begriffe schn, und die Taille, von der bei den modernen antikisierenden
Bekleidungen der Frauenzimmer wenig sichtbar wird, hchst zierlich, schlank und
leicht, zeigte sich an ihr in dem lteren Kostm uerst vorteilhaft; und der
Architekt hatte gesorgt, die reichen Falten des weien Atlasses mit der
knstlichsten Natur zu legen, so da ganz ohne Frage diese lebendige Nachbildung
weit ber jenes Originalbildnis hinausreichte und ein allgemeines Entzcken
erregte. Man konnte mit dem Wiederverlangen nicht endigen, und der ganz
natrliche Wunsch, einem so schnen Wesen, das man genugsam von der Rckseite
gesehen, auch ins Angesicht zu schauen, nahm dergestalt berhand, da ein
lustiger, ungeduldiger Vogel die Worte, die man manchmal an das Ende einer Seite
zu schreiben pflegt: Tournez s'il vous plat, laut ausrief und eine allgemeine
Beistimmung erregte. Die Darstellenden aber kannten ihren Vorteil zu gut und
hatten den Sinn dieser Kunststcke zu wohl gefat, als da sie dem allgemeinen
Ruf htten nachgeben sollen. Die beschmt scheinende Tochter blieb ruhig stehen,
ohne den Zuschauern den Ausdruck ihres Angesichts zu gnnen; der Vater blieb in
seiner ermahnenden Stellung sitzen, und die Mutter brachte Nase und Augen nicht
aus dem durchsichtigen Glase, worin sich, ob sie gleich zu trinken schien, der
Wein nicht verminderte. - Was sollen wir noch viel von kleinen Nachstcken
sagen, wozu man niederlndische Wirtshaus- und Jahrmarktsszenen gewhlt hatte!
    Der Graf und die Baronesse reisten ab und versprachen, in den ersten
glcklichen Wochen ihrer nahen Verbindung wiederzukehren, und Charlotte hoffte
nunmehr, nach zwei mhsam berstandenen Monaten, die brige Gesellschaft
gleichfalls loszuwerden. Sie war des Glcks ihrer Tochter gewi, wenn bei dieser
der erste Braut- und Jugendtaumel sich wrde gelegt haben; denn der Brutigam
hielt sich fr den glcklichsten Menschen von der Welt. Bei groem Vermgen und
gemigter Sinnesart schien er auf eine wunderbare Weise von dem Vorzuge
geschmeichelt, ein Frauenzimmer zu besitzen, das der ganzen Welt gefallen mute.
Er hatte einen so ganz eigenen Sinn, alles auf sie und erst durch sie auf sich
zu beziehen, da es ihm eine unangenehme Empfindung machte, wenn sich nicht
gleich ein Neuankommender mit aller Aufmerksamkeit auf sie richtete und mit ihm,
wie es wegen seiner guten Eigenschaften besonders von lteren Personen oft
geschah, eine nhere Verbindung suchte, ohne sich sonderlich um sie zu kmmern.
Wegen des Architekten kam es bald zur Richtigkeit. Aufs Neujahr sollte ihm
dieser folgen und das Karneval mit ihm in der Stadt zubringen, wo Luciane sich
von der Wiederholung der so schn eingerichteten Gemlde sowie von hundert
andern Dingen die grte Glckseligkeitversprach, um so mehr, als Tante und
Brutigam jeden Aufwand fr gering zu achten schienen, der zu ihrem Vergngen
erfordert wurde.
    Nun sollte man scheiden, aber das konnte nicht auf eine gewhnliche Weise
geschehen. Man scherzte einmal ziemlich laut, da Charlottens Wintervorrte nun
bald aufgezehrt seien, als der Ehrenmann, der den Belisar vorgestellt hatte und
freilich reich genug war, von Lucianens Vorzgen hingerissen, denen er nun schon
so lange huldigte, unbedachtsam ausrief: So lassen Sie es uns auf polnische Art
halten! Kommen Sie nun und zehren mich auch auf! und so geht es dann weiter in
der Runde herum. Gesagt, getan: Luciane schlug ein. Den andern Tag war gepackt,
und der Schwarm warf sich auf ein anderes Besitztum. Dort hatte man auch Raum
genug, aber weniger Bequemlichkeit und Einrichtung. Daraus entstand manches
Unschickliche, das erst Lucianen recht glcklich machte. Das Leben wurde immer
wster und wilder. Treibjagen im tiefsten Schnee, und was man sonst nur
Unbequemes auffinden konnte, wurde veranstaltet. Frauen so wenig als Mnner
durften sich ausschlieen, und so zog man jagend und reitend, schlittenfahrend
und lrmend von einem Gute zum andern, bis man sich endlich der Residenz
nherte; da denn die Nachrichten und Erzhlungen, wie man sich bei Hofe und in
der Stadt vergnge, der Einbildungskraft eine andere Wendung gaben und Lucianen
mit ihrer smtlichen Begleitung, indem die Tante schon vorausgegangen war,
unaufhaltsam in einen andern Lebenskreis hineinzogen.


                            Aus Ottiliens Tagebuche

Man nimmt in der Welt jeden, wofr er sich gibt; aber er mu sich auch fr etwas
geben. Man ertrgt die Unbequemen lieber, als man die Unbedeutenden duldet.
    Man kann der Gesellschaft alles aufdringen, nur nicht, was eine Folge hat.
    Wir lernen die Menschen nicht kennen, wenn sie zu uns kommen; wir mssen zu
ihnen gehen, um zu erfahren, wie es mit ihnen steht.
    Ich finde es beinahe natrlich, da wir an Besuchenden mancherlei
auszusetzen haben, da wir sogleich, wenn sie weg sind, ber sie nicht zum
liebevollsten urteilen; denn wir haben sozusagen ein Recht, sie nach unserm
Mastabe zu messen. Selbst verstndige und billige Menschen enthalten sich in
solchen Fllen kaum einer scharfen Zensur.
    Wenn man dagegen bei andern gewesen ist und hat sie mit ihren Umgebungen,
Gewohnheiten, in ihren notwendigen, unausweichlichen Zustnden gesehen, wie sie
um sich wirken oder wie sie sich fgen, so gehrt schon Unverstand und bser
Wille dazu, um das lcherlich zu finden, was uns in mehr als einem Sinne
ehrwrdig scheinen mte.
    Durch das, was wir Betragen und gute Sitten nennen, soll das erreicht
werden, was auerdem nur durch Gewalt oder auch nicht einmal durch Gewalt zu
erreichen ist.
    Der Umgang mit Frauen ist das Element guter Sitten.
    Wie kann der Charakter, die Eigentmlichkeit des Menschen, mit der Lebensart
bestehen?
    Das Eigentmliche mte durch die Lebensart erst recht hervorgehoben werden.
Das Bedeutende will jedermann, nur soll es nicht unbequem sein.
    Die grten Vorteile im Leben berhaupt wie in der Gesellschaft hat ein
gebildeter Soldat.
    Rohe Kriegsleute gehen wenigstens nicht aus ihrem Charakter, und weil doch
meist hinter der Strke eine Gutmtigkeit verborgen liegt, so ist im Notfall
auch mit ihnen auszukommen.
    Niemand ist lstiger als ein tppischer Mensch vom Zivilstande. Von ihm
knnte man die Feinheit fordern, da er sich mit nichts Rohem zu beschftigen
hat.
    Wenn wir mit Menschen leben, die ein zartes Gefhl fr das Schickliche
haben, so wird es uns angst um ihretwillen, wenn etwas Ungeschicktes begegnet.
So fhle ich immer fr und mit Charlotten, wenn jemand mit dem Stuhle schaukelt,
weil sie das in den Tod nicht leiden kann.
    Es kme niemand mit der Brille auf der Nase in ein vertrauliches Gemach,
wenn er wte, da uns Frauen sogleich die Lust vergeht, ihn anzusehen und uns
mit ihm zu unterhalten.
    Zutraulichkeit an der Stelle der Ehrfurcht ist immer lcherlich. Es wrde
niemand den Hut ablegen, nachdem er kaum das Kompliment gemacht hat, wenn er
wte, wie komisch das aussieht.
    Es gibt kein ueres Zeichen der Hflichkeit, das nicht einen tiefen
sittlichen Grund htte. Die rechte Erziehung wre, welche dieses Zeichen und den
Grund zugleich berlieferte.
    Das Betragen ist ein Spiegel, in welchem jeder sein Bild zeigt.
    Es gibt eine Hflichkeit des Herzens; sie ist der Liebe verwandt. Aus ihr
entspringt die bequemste Hflichkeit des uern Betragens.
    Freiwillige Abhngigkeit ist der schnste Zustand, und wie wre der mglich
ohne Liebe.
    Wir sind nie entfernter von unsern Wnschen, als wenn wir uns einbilden, das
Gewnschte zu besitzen.
    Niemand ist mehr Sklave, als der sich fr frei hlt, ohne es zu sein.
    Es darf sich einer nur fr frei erklren, so fhlt er sich den Augenblick
als bedingt. Wagt er es, sich fr bedingt zu erklren, so fhlt er sich frei.
    Gegen groe Vorzge eines andern gibt es kein Rettungsmittel als die Liebe.
    Es ist was Schreckliches um einen vorzglichen Mann, auf den sich die Dummen
was zugute tun.
    Es gibt, sagt man, fr den Kammerdiener keinen Helden.
    Das kommt aber blo daher, weil der Held nur vom Helden anerkannt werden
kann. Der Kammerdiener wird aber wahrscheinlich seinesgleichen zu schtzen
wissen.
    Es gibt keinen grern Trost fr die Mittelmigkeit, als da das Genie
nicht unsterblich sei.
    Die grten Menschen hngen immer mit ihrem Jahrhundert durch eine
Schwachheit zusammen.
    Man hlt die Menschen gewhnlich fr gefhrlicher, als sie sind.
    Toren und gescheite Leute sind gleich unschdlich. Nur die Halbnarren und
Halbweisen, das sind die Gefhrlichsten.
    Man weicht der Welt nicht sicherer aus als durch die Kunst, und man
verknpft sich nicht sicherer mit ihr als durch die Kunst.
    Selbst im Augenblick des hchsten Glcks und der hchsten Not bedrfen wir
des Knstlers.
    Die Kunst beschftigt sich mit dem Schweren und Guten.
    Das Schwierige leicht behandelt zu sehen, gibt uns das Anschauen des
Unmglichen.
    Die Schwierigkeiten wachsen, je nher man dem Ziele kommt.
    Sen ist nicht so beschwerlich als ernten.

                                Sechstes Kapitel


Die groe Unruhe, welche Charlotten durch diesen Besuch erwuchs, ward ihr
dadurch vergtet, da sie ihre Tochter vllig begreifen lernte, worin ihr die
Bekanntschaft mit der Welt sehr zu Hlfe kam. Es war nicht zum erstenmal, da
ihr ein so seltsamer Charakter begegnete, ob er ihr gleich noch niemals auf
dieser Hhe erschien. Und doch hatte sie aus der Erfahrung, da solche Personen,
durchs Leben, durch mancherlei Ereignisse, durch elterliche Verhltnisse
gebildet, eine sehr angenehme und liebenswrdige Reife erlangen knnen, indem
die Selbstigkeit gemildert wird und die schwrmende Ttigkeit eine entschiedene
Richtung erhlt. Charlotte lie als Mutter sich um desto eher eine fr andere
vielleicht unangenehme Erscheinung gefallen, als es Eltern wohl geziemt, da zu
hoffen, wo Fremde nur zu genieen wnschen oder wenigstens nicht belstigt sein
wollen.
    Auf eine eigne und unerwartete Weise jedoch sollte Charlotte nach ihrer
Tochter Abreise getroffen werden, indem diese nicht sowohl durch das
Tadelnswerte in ihrem Betragen als durch das, was man daran lobenswrdig htte
finden knnen, eine ble Nachrede hinter sich gelassen hatte. Luciane schien
sichs zum Gesetz gemacht zu haben, nicht allein mit den Frhlichen frhlich,
sondern auch mit den Traurigen traurig zu sein und, um den Geist des
Widerspruchs recht zu ben, manchmal die Frhlichen verdrielich und die
Traurigen heiter zu machen. In allen Familien, wo sie hinkam, erkundigte sie
sich nach den Kranken und Schwachen, die nicht in Gesellschaft erscheinen
konnten. Sie besuchte sie auf ihren Zimmern, machte den Arzt und drang einem
jeden aus ihrer Reiseapotheke, die sie bestndig im Wagen mit sich fhrte,
energische Mittel auf; da denn eine solche Kur, wie sich vermuten lt, gelang
oder milang, wie es der Zufall herbeifhrte.
    In dieser Art von Wohlttigkeit war sie ganz grausam und lie sich gar nicht
einreden, weil sie fest berzeugt war, da sie vortrefflich handle. Allein es
miriet ihr auch ein Versuch von der sittlichen Seite, und dieser war es, der
Charlotten viel zu schaffen machte, weil er Folgen hatte und jedermann darber
sprach. Erst nach Lucianens Abreise hrte sie davon; Ottilie, die gerade jene
Partie mitgemacht hatte, mute ihr umstndlich davon Rechenschaft geben.
    Eine der Tchter eines angesehenen Hauses hatte das Unglck gehabt, an dem
Tode eines ihrer jngeren Geschwister schuld zu sein, und sich darber nicht
beruhigen noch wiederfinden knnen. Sie lebte auf ihrem Zimmer beschftigt und
still und ertrug selbst den Anblick der Ihrigen nur, wenn sie einzeln kamen;
denn sie argwohnte sogleich, wenn mehrere beisammen waren, da man untereinander
ber sie und ihren Zustand reflektiere. Gegen jedes allein uerte sie sich
vernnftig und unterhielt sich stundenlang mit ihm.
    Luciane hatte davon gehrt und sich sogleich im stillen vorgenommen, wenn
sie in das Haus kme, gleichsam ein Wunder zu tun und das Frauenzimmer der
Gesellschaft wiederzugeben. Sie betrug sich dabei vorsichtiger als sonst, wute
sich allein bei der Seelenkranken einzufhren und, soviel man merken konnte,
durch Musik ihr Vertrauen zu gewinnen. Nur zuletzt versah sie es; denn eben weil
sie Aufsehn erregen wollte, so brachte sie das schne, blasse Kind, das sie
genug vorbereitet whnte, eines Abends pltzlich in die bunte, glnzende
Gesellschaft; und vielleicht wre auch das noch gelungen, wenn nicht die
Soziett selbst aus Neugierde und Apprehension sich ungeschickt benommen, sich
um die Kranke versammelt, sie wieder gemieden, sie durch Flstern,
Kpfezusammenstecken irregemacht und aufgeregt htte. Die zart Empfindende
ertrug das nicht. Sie entwich unter frchterlichem Schreien, das gleichsam ein
Entsetzen vor einem eindringenden Ungeheuren auszudrcken schien. Erschreckt
fuhr die Gesellschaft nach allen Seiten auseinander, und Ottilie war unter
denen, welche die vllig Ohnmchtige wieder auf ihr Zimmer begleiteten.
    Indessen hatte Luciane eine starke Strafrede nach ihrer Weise an die
Gesellschaft gehalten, ohne im mindesten daran zu denken, da sie allein alle
Schuld habe, und ohne sich durch dieses und andres Milingen von ihrem Tun und
Treiben abhalten zu lassen.
    Der Zustand der Kranken war seit jener Zeit bedenklicher geworden, ja das
bel hatte sich so gesteigert, da die Eltern das arme Kind nicht im Hause
behalten konnten, sondern einer ffentlichen Anstalt berantworten muten.
Charlotten blieb nichts brig, als durch ein besonder zartes Benehmen gegen jene
Familie den von ihrer Tochter verursachten Schmerz einigermaen zu lindern. Auf
Ottilien hatte die Sache einen tiefen Eindruck gemacht; sie bedauerte das arme
Mdchen um so mehr, als sie berzeugt war, wie sie auch gegen Charlotten nicht
leugnete, da bei einer konsequenten Behandlung die Kranke gewi herzustellen
gewesen wre.
    So kam auch, weil man sich gewhnlich vom vergangenen Unangenehmen mehr als
vom Angenehmen unterhlt, ein kleines Miverstndnis zur Sprache, das Ottilien
an dem Architekten irregemacht hatte, als er jenen Abend seine Sammlung nicht
vorzeigen wollte, ob sie ihn gleich so freundlich darum ersuchte. Es war ihr
dieses abschlgige Betragen immer in der Seele geblieben, und sie wute selbst
nicht warum. Ihre Empfindungen waren sehr richtig; denn was ein Mdchen wie
Ottilie verlangen kann, sollte ein Jngling wie der Architekt nicht versagen.
Dieser brachte jedoch auf ihre gelegentlichen leisen Vorwrfe ziemlich gltige
Entschuldigungen zur Sprache.
    Wenn Sie wten, sagte er, wie roh selbst gebildete Menschen sich gegen
die schtzbarsten Kunstwerke verhalten, Sie wrden mir verzeihen, wenn ich die
meinigen nicht unter die Menge bringen mag. Niemand wei eine Medaille am Rand
anzufassen; sie betasten das schnste Geprge, den reinsten Grund, lassen die
kstlichsten Stcke zwischen dem Daumen und Zeigefinger hin und her gehen, als
wenn man Kunstformen auf diese Weise prfte. Ohne daran zu denken, da man ein
groes Blatt mit zwei Hnden anfassen msse, greifen sie mit einer Hand nach
einem unschtzbaren Kupferstich, einer unersetzlichen Zeichnung, wie ein
anmalicher Politiker eine Zeitung fat und durch das Zerknittern des Papiers
schon im voraus sein Urteil ber die Weltbegebenheiten zu erkennen gibt. Niemand
denkt daran, da, wenn nur zwanzig Menschen mit einem Kunstwerke hintereinander
ebenso verfhren, der einundzwanzigste nicht mehr viel daran zu sehen htte.
    Habe ich Sie nicht auch manchmal, fragte Ottilie, in solche Verlegenheit
gesetzt? Habe ich nicht etwan Ihre Schtze, ohne es zu ahnen, gelegentlich
einmal beschdigt?
    Niemals, versetzte der Architekt, niemals! Ihnen wre es unmglich; das
Schickliche ist mit Ihnen geboren.
    Auf alle Flle, versetzte Ottilie, wre es nicht bel, wenn man knftig
in das Bchlein von guten Sitten nach den Kapiteln, wie man sich in Gesellschaft
beim Essen und Trinken benehmen soll, ein recht umstndliches einschbe, wie man
sich in Kunstsammlungen und Museen zu betragen habe.
    Gewi߫, versetzte der Architekt, wrden alsdann Kustoden und Liebhaber
ihre Seltenheiten frhlicher mitteilen.
    Ottilie hatte ihm schon lange verziehen; als er sich aber den Vorwurf sehr
zu Herzen zu nehmen schien und immer aufs neue beteuerte, da er gewi gerne
mitteile, gern fr Freunde ttig sei, so empfand sie, da sie sein zartes Gemt
verletzt habe, und fhlte sich als seine Schuldnerin. Nicht wohl konnte sie ihm
daher eine Bitte rund abschlagen, die er in Gefolg dieses Gesprchs an sie tat,
ob sie gleich, indem sie schnell ihr Gefhl zu Rate zog, nicht einsah, wie sie
ihm seine Wnsche gewhren knne.
    Die Sache verhielt sich also. Da Ottilie durch Lucianens Eifersucht von den
Gemldedarstellungen ausgeschlossen worden, war ihm hchst empfindlich gewesen;
da Charlotte diesem glnzenden Teil der geselligen Unterhaltung nur
unterbrochen beiwohnen knnen, weil sie sich nicht wohl befand, hatte er
gleichfalls mit Bedauern bemerkt. Nun wollte er sich nicht entfernen, ohne seine
Dankbarkeit auch dadurch zu beweisen, da er zur Ehre der einen und zur
Unterhaltung der andern eine weit schnere Darstellung veranstaltete, als die
bisherigen gewesen waren. Vielleicht kam hierzu, ihm selbst unbewut, ein andrer
geheimer Antrieb: es ward ihm so schwer, dieses Haus, diese Familie zu
verlassen, ja es schien ihm unmglich, von Ottiliens Augen zu scheiden, von
deren ruhig freundlich gewogenen Blicken er die letzte Zeit fast ganz allein
gelebt hatte.
    Die Weihnachtsfeiertage nahten sich, und es wurde ihm auf einmal klar, da
eigentlich jene Gemldedarstellungen durch runde Figuren von dem sogenannten
Prsepe ausgegangen, von der frommen Vorstellung, die man in dieser heiligen
Zeit der gttlichen Mutter und dem Kinde widmete, wie sie in ihrer scheinbaren
Niedrigkeit erst von Hirten, bald darauf von Knigen verehrt werden.
    Er hatte sich die Mglichkeit eines solchen Bildes vollkommen
vergegenwrtigt. Ein schner, frischer Knabe war gefunden; an Hirten und
Hirtinnen konnte es auch nicht fehlen; aber ohne Ottilien war die Sache nicht
auszufhren. Der junge Mann hatte sie in seinem Sinne zur Mutter Gottes erhoben,
und wenn sie es abschlug, so war bei ihm keine Frage, da das Unternehmen fallen
msse. Ottilie, halb verlegen ber seinen Antrag, wies ihn mit seiner Bitte an
Charlotten. Diese erteilte ihm gern die Erlaubnis, und auch durch sie ward die
Scheu Ottiliens, sich jener heiligen Gestalt anzumaen, auf eine freundliche
Weise berwunden. Der Architekt arbeitete Tag und Nacht, damit am
Weihnachtsabend nichts fehlen mge.
    Und zwar Tag und Nacht im eigentlichen Sinne. Er hatte ohnehin wenig
Bedrfnisse, und Ottiliens Gegenwart schien ihm statt alles Labsals zu sein;
indem er um ihretwillen arbeitete, war es, als wenn er keines Schlafs, indem er
sich um sie beschftigte, keiner Speise bedrfte. Zur feierlichen Abendstunde
war deshalb alles fertig und bereit. Es war ihm mglich gewesen, wohltnende
Blasinstrumente zu versammeln, welche die Einleitung machten und die gewnschte
Stimmung hervorzubringen wuten. Als der Vorhang sich hob, war Charlotte
wirklich berrascht. Das Bild, das sich ihr vorstellte, war so oft in der Welt
wiederholt, da man kaum einen neuen Eindruck davon erwarten sollte. Aber hier
hatte die Wirklichkeit als Bild ihre besonderen Vorzge. Der ganze Raum war eher
nchtlich als dmmernd und doch nichts undeutlich im Einzelnen der Umgebung. Den
unbertrefflichen Gedanken, da alles Licht vom Kinde ausgeht, hatte der
Knstler durch einen klugen Mechanismus der Beleuchtung auszufhren gewut, der
durch die beschatteten, nur von Streiflichtern erleuchteten Figuren im
Vordergrunde zugedeckt wurde. Frohe Mdchen und Knaben standen umher, die
frischen Gesichter scharf von unten beleuchtet. Auch an Engeln fehlte es nicht,
deren eigener Schein von dem gttlichen verdunkelt, deren therischer Leib vor
dem gttlich - menschlichen verdichtet und lichtsbedrftig schien.
    Glcklicherweise war das Kind in der anmutigsten Stellung eingeschlafen, so
da nichts die Betrachtung strte, wenn der Blick auf der scheinbaren Mutter
verweilte, die mit unendlicher Anmut einen Schleier aufgehoben hatte, um den
verborgenen Schatz zu offenbaren. In diesem Augenblick schien das Bild
festgehalten und erstarrt zu sein. Physisch geblendet, geistig berrascht,
schien das umgebende Volk sich eben bewegt zu haben, um die getroffnen Augen
wegzuwenden, neugierig erfreut wieder hinzublinzen und mehr Verwunderung und
Lust als Bewunderung und Verehrung anzuzeigen, obgleich diese auch nicht
vergessen und einigen ltern Figuren der Ausdruck derselben bertragen war.
    Ottiliens Gestalt, Gebrde, Miene, Blick bertraf aber alles, was je ein
Maler dargestellt hat. Der gefhlvolle Kenner, der diese Erscheinung gesehen
htte, wre in Furcht geraten, es mge sich nur irgend etwas bewegen; er wre in
Sorge gestanden, ob ihm jemals etwas wieder so gefallen knne.
Unglcklicherweise war niemand da, der diese ganze Wirkung aufzufassen vermocht
htte. Der Architekt allein, der als langer, schlanker Hirt von der Seite ber
die Knieenden hereinsah, hatte, obgleich nicht in dem genauesten Standpunkt,
noch den grten Genu. Und wer beschreibt auch die Miene der neugeschaffenen
Himmelsknigin? Die reinste Demut, das liebenswrdigste Gefhl von
Bescheidenheit bei einer groen, unverdient erhaltenen Ehre, einem unbegreiflich
unermelichen Glck bildete sich in ihren Zgen, sowohl indem sich ihre eigene
Empfindung, als indem sich die Vorstellung ausdrckte, die sie sich von dem
machen konnte, was sie spielte.
    Charlotten erfreute das schne Gebilde, doch wirkte hauptschlich das Kind
auf sie. Ihre Augen strmten von Trnen, und sie stellte sich auf das
lebhafteste vor, da sie ein hnliches liebes Geschpf bald auf ihrem Schoe zu
hoffen habe.
    Man hatte den Vorhang niedergelassen, teils um den Vorstellenden einige
Erleichterung zu geben, teils eine Vernderung in dem Dargestellten anzubringen.
Der Knstler hatte sich vorgenommen, das erste Nacht- und Niedrigkeitsbild in
ein Tag- und Glorienbild zu verwandeln, und deswegen von allen Seiten eine
unmige Erleuchtung vorbereitet, die in der Zwischenzeit angezndet wurde.
    Ottilien war in ihrer halb theatralischen Lage bisher die grte Beruhigung
gewesen, da auer Charlotten und wenigen Hausgenossen niemand dieser frommen
Kunstmummerei zugesehen. Sie wurde daher einigermaen betroffen, als sie in der
Zwischenzeit vernahm, es sei ein Fremder angekommen, im Saale von Charlotten
freundlich begrt. Wer es war, konnte man ihr nicht sagen. Sie ergab sich
darein, um keine Strung zu verursachen. Lichter und Lampen brannten, und eine
ganz unendliche Hellung umgab sie. Der Vorhang ging auf, fr die Zuschauenden
ein berraschender Anblick: das ganze Bild war alles Licht, und statt des vllig
aufgehobenen Schattens blieben nur die Farben brig, die bei der klugen Auswahl
eine liebliche Migung hervorbrachten. Unter ihren langen Augenwimpern
hervorblickend, bemerkte Ottilie eine Mannsperson neben Charlotten sitzend. Sie
erkannte ihn nicht, aber sie glaubte die Stimme des Gehlfen aus der Pension zu
hren. Eine wunderbare Empfindung ergriff sie. Wie vieles war begegnet, seitdem
sie die Stimme dieses treuen Lehrers nicht vernommen! Wie im zackigen Blitz fuhr
die Reihe ihrer Freuden und Leiden schnell vor ihrer Seele vorbei und regte die
Frage auf: Darfst du ihm alles bekennen und gestehen? Und wie wenig wert bist
du, unter dieser heiligen Gestalt vor ihm zu erscheinen, und wie seltsam mu es
ihm vorkommen, dich, die er nur natrlich gesehen, als Maske zu erblicken? Mit
einer Schnelligkeit, die keinesgleichen hat, wirkten Gefhl und Betrachtung in
ihr gegeneinander. Ihr Herz war befangen, ihre Augen fllten sich mit Trnen,
indem sie sich zwang, immerfort als ein starres Bild zu erscheinen; und wie froh
war sie, als der Knabe sich zu regen anfing und der Knstler sich gentiget sah,
das Zeichen zu geben, da der Vorhang wieder fallen sollte!
    Hatte das peinliche Gefhl, einem werten Freunde nicht entgegeneilen zu
knnen, sich schon die letzten Augenblicke zu den brigen Empfindungen Ottiliens
gesellt, so war sie jetzt in noch grerer Verlegenheit. Sollte sie in diesem
fremden Anzug und Schmuck ihm entgegengehn? Sollte sie sich umkleiden? Sie
whlte nicht, sie tat das letzte und suchte sich in der Zwischenzeit
zusammenzunehmen, sich zu beruhigen, und war nur erst wieder mit sich selbst in
Einstimmung, als sie endlich im gewohnten Kleide den Angekommenen begrte.

                               Siebentes Kapitel


Insofern der Architekt seinen Gnnerinnen das Beste wnschte, war es ihm
angenehm, da er doch endlich scheiden mute, sie in der guten Gesellschaft des
schtzbaren Gehlfen zu wissen; indem er jedoch ihre Gunst auf sich selbst
bezog, empfand er es einigermaen schmerzhaft, sich so bald und, wie es seiner
Bescheidenheit dnken mochte, so gut, ja vollkommen ersetzt zu sehen. Er hatte
noch immer gezaudert, nun aber drngte es ihn hinweg; denn was er sich nach
seiner Entfernung mute gefallen lassen, das wollte er wenigstens gegenwrtig
nicht erleben.
    Zu groer Erheiterung dieser halb traurigen Gefhle machten ihm die Damen
beim Abschiede noch ein Geschenk mit einer Weste, an der er sie beide lange Zeit
hatte stricken sehen, mit einem stillen Neid ber den unbekannten Glcklichen,
dem sie dereinst werden knnte. Eine solche Gabe ist die angenehmste, die ein
liebender, verehrender Mann erhalten mag; denn wenn er dabei des unermdeten
Spiels der schnen Finger gedenkt, so kann er nicht umhin, sich zu schmeicheln,
das Herz werde bei einer so anhaltenden Arbeit doch auch nicht ganz ohne
Teilnahme geblieben sein.
    Die Frauen hatten nun einen neuen Mann zu bewirten, dem sie wohlwollten und
dem es bei ihnen wohl werden sollte. Das weibliche Geschlecht hegt ein eignes,
inneres, unwandelbares Interesse, von dem sie nichts in der Welt abtrnnig
macht; im uern, geselligen Verhltnis hingegen lassen sie sich gern und leicht
durch den Mann bestimmen, der sie eben beschftigt; und so durch Abweisen wie
durch Empfnglichkeit, durch Beharren und Nachgiebigkeit fhren sie eigentlich
das Regiment, dem sich in der gesitteten Welt kein Mann zu entziehen wagt.
    Hatte der Architekt, gleichsam nach eigener Lust und Belieben, seine Talente
vor den Freundinnen zum Vergngen und zu den Zwecken derselben gebt und
bewiesen, war Beschftigung und Unterhaltung in diesem Sinne und nach solchen
Absichten eingerichtet, so machte sich in kurzer Zeit durch die Gegenwart des
Gehlfen eine andere Lebensweise. Seine groe Gabe war, gut zu sprechen und
menschliche Verhltnisse, besonders in bezug auf Bildung der Jugend, in der
Unterredung zu behandeln. Und so entstand gegen die bisherige Art zu leben ein
ziemlich fhlbarer Gegensatz, um so mehr, als der Gehlfe nicht ganz dasjenige
billigte, womit man sich die Zeit ber ausschlielich beschftigt hatte.
    Von dem lebendigen Gemlde, das ihn bei seiner Ankunft empfing, sprach er
gar nicht. Als man ihm hingegen Kirche, Kapelle und was sich darauf bezog, mit
Zufriedenheit sehen lie, konnte er seine Meinung, seine Gesinnungen darber
nicht zurckhalten. Was mich betrifft, sagte er, so will mir diese
Annherung, diese Vermischung des Heiligen zu und mit dem Sinnlichen keineswegs
gefallen, nicht gefallen, da man sich gewisse besondere Rume widmet, weihet
und aufschmckt, um erst dabei ein Gefhl der Frmmigkeit zu hegen und zu
unterhalten. Keine Umgebung, selbst die gemeinste nicht, soll in uns das Gefhl
des Gttlichen stren, das uns berallhin begleiten und jede Sttte zu einem
Tempel einweihen kann. Ich mag gern einen Hausgottesdienst in dem Saale gehalten
sehen, wo man zu speisen, sich gesellig zu versammeln, mit Spiel und Tanz zu
ergtzen pflegt. Das Hchste, das Vorzglichste am Menschen ist gestaltlos, und
man soll sich hten, es anders als in edler Tat zu gestalten.
    Charlotte, die seine Gesinnungen schon im ganzen kannte und sie noch mehr in
kurzer Zeit erforschte, brachte ihn gleich in seinem Fache zur Ttigkeit, indem
sie ihre Gartenknaben, welche der Architekt vor seiner Abreise eben gemustert
hatte, in dem groen Saal aufmarschieren lie, da sie sich denn in ihren
heitern, reinlichen Uniformen, mit gesetzlichen Bewegungen und einem
natrlichen, lebhaften Wesen sehr gut ausnahmen. Der Gehlfe prfte sie nach
seiner Weise und hatte durch mancherlei Fragen und Wendungen gar bald die
Gemtsarten und Fhigkeiten der Kinder zutage gebracht und, ohne da es so
schien, in Zeit von weniger als einer Stunde sie wirklich bedeutend unterrichtet
und gefrdert.
    Wie machen Sie das nur? sagte Charlotte, indem die Knaben wegzogen. Ich
habe sehr aufmerksam zugehrt; es sind nichts als ganz bekannte Dinge
vorgekommen, und doch wte ich nicht, wie ich es anfangen sollte, sie in so
kurzer Zeit, bei so vielem Hin-und Widerreden, in solcher Folge zur Sprache zu
bringen.
    Vielleicht sollte man, versetzte der Gehlfe, aus den Vorteilen seines
Handwerks ein Geheimnis machen. Doch kann ich Ihnen die ganz einfache Maxime
nicht verbergen, nach der man dieses und noch viel mehr zu leisten vermag.
Fassen Sie einen Gegenstand, eine Materie, einen Begriff, wie man es nennen
will; halten Sie ihn recht fest; machen Sie sich ihn in allen seinen Teilen
recht deutlich, und dann wird es Ihnen leicht sein, gesprchsweise an einer
Masse Kinder zu erfahren, was sich davon schon in ihnen entwickelt hat, was noch
anzuregen, zu berliefern ist. Die Antworten auf Ihre Fragen mgen noch so
ungehrig sein, mgen noch so sehr ins Weite gehen, wenn nur sodann Ihre
Gegenfrage Geist und Sinn wieder hereinwrts zieht, wenn Sie sich nicht von
Ihrem Standpunkte verrcken lassen, so mssen die Kinder zuletzt denken,
begreifen, sich berzeugen, nur von dem, was und wie es der Lehrende will. Sein
grter Fehler ist der, wenn er sich von den Lernenden mit in die Weite reien
lt, wenn er sie nicht auf dem Punkte festzuhalten wei, den er eben jetzt
behandelt. Machen Sie nchstens einen Versuch, und es wird zu Ihrer groen
Unterhaltung dienen.
    Das ist artig, sagte Charlotte; die gute Pdagogik ist also gerade das
Umgekehrte von der guten Lebensart. In der Gesellschaft soll man auf nichts
verweilen, und bei dem Unterricht wre das hchste Gebot, gegen alle Zerstreuung
zu arbeiten.
    Abwechselung ohne Zerstreuung wre fr Lehre und Leben der schnste
Wahlspruch, wenn dieses lbliche Gleichgewicht nur so leicht zu erhalten wre!
sagte der Gehlfe und wollte weiter fortfahren, als ihn Charlotte aufrief, die
Knaben nochmals zu betrachten, deren munterer Zug sich soeben ber den Hof
bewegte. Er bezeigte seine Zufriedenheit, da man die Kinder in Uniform zu gehen
anhalte. Mnner, so sagte er, sollten von Jugend auf Uniform tragen, weil sie
sich gewhnen mssen, zusammen zu handeln, sich unter ihresgleichen zu
verlieren, in Masse zu gehorchen und ins Ganze zu arbeiten. Auch befrdert jede
Art von Uniform einen militrischen Sinn sowie ein knapperes, strackeres
Betragen, und alle Knaben sind ja ohnehin geborne Soldaten; man sehe nur ihre
Kampf- und Streitspiele, ihr Erstrmen und Erklettern.
    So werden Sie mich dagegen nicht tadeln, versetzte Ottilie, da ich meine
Mdchen nicht berein kleide. Wenn ich sie Ihnen vorfhre, hoffe ich Sie durch
ein buntes Gemisch zu ergtzen.
    Ich billige das sehr, versetzte jener. Frauen sollten durchaus
mannigfaltig gekleidet gehen, jede nach eigner Art und Weise, damit eine jede
fhlen lernte, was ihr eigentlich gut stehe und wohl zieme. Eine wichtigere
Ursache ist noch die, weil sie bestimmt sind, ihr ganzes Leben allein zu stehen
und allein zu handeln.
    Das scheint mir sehr paradox, versetzte Charlotte; sind wir doch fast
niemals fr uns.
    O ja! versetzte der Gehlfe, in Absicht auf andere Frauen ganz gewi. Man
betrachte ein Frauenzimmer als Liebende, als Braut, als Frau, Hausfrau und
Mutter, immer steht sie isoliert, immer ist sie allein und will allein sein. Ja
die Eitle selbst ist in dem Falle. Jede Frau schliet die andre aus, ihrer Natur
nach; denn von jeder wird alles gefordert, was dem ganzen Geschlechte zu leisten
obliegt. Nicht so verhlt es sich mit den Mnnern. Der Mann verlangt den Mann;
er wrde sich einen zweiten erschaffen, wenn es keinen gbe; eine Frau knnte
eine Ewigkeit leben, ohne daran zu denken, sich ihresgleichen hervorzubringen.
    
    Man darf, sagte Charlotte, das Wahre nur wunderlich sagen, so scheint
zuletzt das Wunderliche auch wahr. Wir wollen uns aus ihren Bemerkungen das
Beste herausnehmen und doch als Frauen mit Frauen zusammenhalten und auch
gemeinsam wirken, um den Mnnern nicht allzu groe Vorzge ber uns einzurumen.
Ja, Sie werden uns eine kleine Schadenfreude nicht belnehmen, die wir knftig
um desto lebhafter empfinden mssen, wenn sich die Herren untereinander auch
nicht sonderlich vertragen.
    Mit vieler Sorgfalt untersuchte der verstndige Mann nunmehr die Art, wie
Ottilie ihre kleinen Zglinge behandelte, und bezeigte darber seinen
entschiedenen Beifall. Sehr richtig heben Sie, sagte er, Ihre Untergebenen
nur zur nchsten Brauchbarkeit heran. Reinlichkeit veranlat die Kinder, mit
Freuden etwas auf sich selbst zu halten, und alles ist gewonnen, wenn sie das,
was sie tun, mit Munterkeit und Selbstgefhl zu leisten angeregt sind.
    brigens fand er zu seiner groen Befriedigung nichts auf den Schein und
nach auen getan, sondern alles nach innen und fr die unerllichen
Bedrfnisse. Mit wie wenig Worten, rief er aus, liee sich das ganze
Erziehungsgeschft aussprechen, wenn jemand Ohren htte zu hren!
    Mgen Sie es nicht mit mir versuchen? sagte freundlich Ottilie.
    Recht gern, versetzte jener; nur mssen Sie mich nicht verraten. Man
erziehe die Knaben zu Dienern und die Mdchen zu Mttern, so wird es berall
wohlstehn.
    Zu Mttern, versetzte Ottilie, das knnten die Frauen noch hingehen
lassen, da sie sich, ohne Mtter zu sein, doch immer einrichten mssen,
Wrterinnen zu werden; aber freilich zu Dienern wrden sich unsre jungen Mnner
viel zu gut halten, da man jedem leicht ansehen kann, da er sich zum Gebieten
fhiger dnkt.
    Deswegen wollen wir es ihnen verschweigen, sagte der Gehlfe. Man
schmeichelt sich ins Leben hinein, aber das Leben schmeichelt uns nicht. Wieviel
Menschen mgen denn das freiwillig zugestehen, was sie am Ende doch mssen?
Lassen wir aber diese Betrachtungen, die uns hier nicht berhren!
    Ich preise Sie glcklich, da Sie bei Ihren Zglingen ein richtiges
Verfahren anwenden knnen. Wenn Ihre kleinsten Mdchen sich mit Puppen
herumtragen und einige Lppchen fr sie zusammenflicken, wenn ltere Geschwister
alsdann fr die jngern sorgen und das Haus sich in sich selbst bedient und
aufhilft, dann ist der weitere Schritt ins Leben nicht gro, und ein solches
Mdchen findet bei ihrem Gatten, was sie bei ihren Eltern verlie.
    Aber in den gebildeten Stnden ist die Aufgabe sehr verwickelt. Wir haben
auf hhere, zartere, feinere, besonders auf gesellschaftliche Verhltnisse
Rcksicht zu nehmen. Wir andern sollen daher unsre Zglinge nach auen bilden;
es ist notwendig, es ist unerllich und mchte recht gut sein, wenn man dabei
nicht das Ma berschritte; denn indem man die Kinder fr einen weiteren Kreis
zu bilden gedenkt, treibt man sie leicht ins Grenzenlose, ohne im Auge zu
behalten, was denn eigentlich die innere Natur fordert. Hier liegt die Aufgabe,
welche mehr oder weniger von den Erziehern gelst oder verfehlt wird.
    Bei manchem, womit wir unsere Schlerinnen in der Pension ausstatten, wird
mir bange, weil die Erfahrung mir sagt, von wie geringem Gebrauch es knftig
sein werde. Was wird nicht gleich abgestreift, was nicht gleich der
Vergessenheit berantwortet, sobald ein Frauenzimmer sich im Stande der
Hausfrau, der Mutter befindet!
    Indessen kann ich mir den frommen Wunsch nicht versagen, da ich mich einmal
diesem Geschft gewidmet habe, da es mir dereinst in Gesellschaft einer treuen
Gehlfin gelingen mge, an meinen Zglingen dasjenige rein auszubilden, was sie
bedrfen, wenn sie in das Feld eigener Ttigkeit und Selbstndigkeit
hinberschreiten; da ich mir sagen knnte: in diesem Sinne ist an ihnen die
Erziehung vollendet. Freilich schliet sich eine andere immer wieder an, die
beinahe mit jedem Jahre unsers Lebens, wo nicht von uns selbst, doch von den
Umstnden veranlat wird.
    Wie wahr fand Ottilie diese Bemerkung! Was hatte nicht eine ungeahnte
Leidenschaft im vergangenen Jahr an ihr erzogen! Was sah sie nicht alles fr
Prfungen vor sich schweben, wenn sie nur aufs Nchste, aufs Nchstknftige
hinblickte!
    Der junge Mann hatte nicht ohne Vorbedacht einer Gehlfin, einer Gattin
erwhnt; denn bei aller seiner Bescheidenheit konnte er nicht unterlassen, seine
Absichten auf eine entfernte Weise anzudeuten; ja er war durch mancherlei
Umstnde und Vorflle aufgeregt worden, bei diesem Besuch einige Schritte seinem
Ziele nher zu tun.
    Die Vorsteherin der Pension war bereits in Jahren; sie hatte sich unter
ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen schon lange nach einer Person umgesehen,
die eigentlich mit ihr in Gesellschaft trte, und zuletzt dem Gehlfen, dem sie
zu vertrauen hchlich Ursache hatte, den Antrag getan, er solle mit ihr die
Lehranstalt fortfhren, darin als in dem Seinigen mitwirken und nach ihrem Tode
als Erbe und einziger Besitzer eintreten. Die Hauptsache schien hiebei, da er
eine einstimmende Gattin finden msse. Er hatte im stillen Ottilien vor Augen
und im Herzen; allein es regten sich mancherlei Zweifel, die wieder durch
gnstige Ereignisse einiges Gegengewicht erhielten. Luciane hatte die Pension
verlassen, Ottilie konnte freier zurckkehren; von dem Verhltnisse zu Eduard
hatte zwar etwas verlautet, allein man nahm die Sache, wie hnliche Vorflle
mehr, gleichgltig auf, und selbst dieses Ereignis konnte zu Ottiliens Rckkehr
beitragen. Doch wre man zu keinem Entschlu gekommen, kein Schritt wre
geschehen, htte nicht ein unvermuteter Besuch auch hier eine besondere Anregung
gegeben, wie denn die Erscheinung von bedeutenden Menschen in irgendeinem Kreise
niemals ohne Folge bleiben kann.
    Der Graf und die Baronesse, welche so oft in den Fall kamen, ber den Wert
verschiedener Pensionen befragt zu werden, weil fast jedermann um die Erziehung
seiner Kinder verlegen ist, hatten sich vorgenommen, diese besonders
kennenzulernen, von der soviel Gutes gesagt wurde, und konnten nunmehr in ihren
neuen Verhltnissen zusammen eine solche Untersuchung anstellen. Allein die
Baronesse beabsichtigte noch etwas anderes. Whrend ihres letzten Aufenthalts
bei Charlotten hatte sie mit dieser alles umstndlich durchgesprochen, was sich
auf Eduarden und Ottilien bezog. Sie bestand aber- und abermals darauf: Ottilie
msse entfernt werden. Sie suchte Charlotten hiezu Mut einzusprechen, welche
sich vor Eduards Drohungen noch immer frchtete. Man sprach ber die
verschiedenen Auswege, und bei Gelegenheit der Pension war auch von der Neigung
des Gehlfen die Rede, und die Baronesse entschlo sich um so mehr zu dem
gedachten Besuch.
    Sie kommt an, lernt den Gehlfen kennen, man beobachtet die Anstalt und
spricht von Ottilien. Der Graf selbst unterhlt sich gern ber sie, indem er sie
bei dem neulichen Besuch genauer kennengelernt. Sie hatte sich ihm genhert, ja
sie ward von ihm angezogen, weil sie durch sein gehaltvolles Gesprch dasjenige
zu sehen und zu kennen glaubte, was ihr bisher ganz unbekannt geblieben war. Und
wie sie in dem Umgange mit Eduard die Welt verga, so schien ihr in der
Gegenwart des Grafen die Welt erst recht wnschenswert zu sein. Jede Anziehung
ist wechselseitig. Der Graf empfand eine Neigung fr Ottilien, da er sie gern
als seine Tochter betrachtete. Auch hier war sie der Baronesse zum zweitenmal
und mehr als das erstemal im Wege. Wer wei, was diese in Zeiten lebhafterer
Leidenschaft gegen sie angestiftet htte! Jetzt war es ihr genug, sie durch eine
Verheiratung den Ehefrauen unschdlicher zu machen.
    Sie regte daher den Gehlfen auf eine leise, doch wirksame Art klglich an,
da er sich zu einer kleinen Exkursion auf das Schlo einrichten und seinen
Planen und Wnschen, von denen er der Dame kein Geheimnis gemacht, sich
ungesumt nhern solle.
    Mit vollkommener Beistimmung der Vorsteherin trat er daher seine Reise an
und hegte in seinem Gemte die besten Hoffnungen. Er wei, Ottilie ist ihm nicht
ungnstig; und wenn zwischen ihnen einiges Miverhltnis des Standes war, so
glich sich dieses gar leicht durch die Denkart der Zeit aus. Auch hatte die
Baronesse ihn wohl fhlen lassen, da Ottilie immer ein armes Mdchen bleibe.
Mit einem reichen Hause verwandt zu sein, hie es, kann niemanden helfen; denn
man wrde sich selbst bei dem grten Vermgen ein Gewissen daraus machen,
denjenigen eine ansehnliche Summe zu entziehen, die dem nheren Grade nach ein
vollkommeneres Recht auf ein Besitztum zu haben scheinen. Und gewi bleibt es
wunderbar, da der Mensch das groe Vorrecht, nach seinem Tode noch ber seine
Habe zu disponieren, sehr selten zugunsten seiner Lieblinge gebraucht und, wie
es scheint, aus Achtung fr das Herkommen nur diejenigen begnstigt, die nach
ihm sein Vermgen besitzen wrden, wenn er auch selbst keinen Willen htte.
    Sein Gefhl setzte ihn auf der Reise Ottilien vllig gleich. Eine gute
Aufnahme erhhte seine Hoffnungen. Zwar fand er gegen sich Ottilien nicht ganz
so offen wie sonst; aber sie war auch erwachsener, gebildeter und, wenn man
will, im allgemeinen mitteilender, als er sie gekannt hatte. Vertraulich lie
man ihn in manches Einsicht nehmen, was sich besonders auf sein Fach bezog. Doch
wenn er seinem Zwecke sich nhern wollte, so hielt ihn immer eine gewisse innere
Scheu zurck.
    Einst gab ihm jedoch Charlotte hierzu Gelegenheit, indem sie in Beisein
Ottiliens zu ihm sagte: Nun, Sie haben alles, was in meinem Kreise heranwchst,
so ziemlich geprft; wie finden Sie denn Ottilien? Sie drfen es wohl in ihrer
Gegenwart aussprechen.
    Der Gehlfe bezeichnete hierauf mit sehr viel Einsicht und ruhigem Ausdruck,
wie er Ottilien in Absicht eines freieren Betragens, einer bequemeren
Mitteilung, eines hheren Blicks in die weltlichen Dinge, der sich mehr in ihren
Handlungen als in ihren Worten bettige, sehr zu ihrem Vorteil verndert finde,
da er aber doch glaube, es knne ihr sehr zum Nutzen gereichen, wenn sie auf
einige Zeit in die Pension zurckkehre, um das in einer gewissen Folge grndlich
und fr immer sich zuzueignen, was die Welt nur stckweise und eher zur
Verwirrung als zur Befriedigung, ja manchmal nur allzuspt berliefere. Er wolle
darber nicht weitlufig sein; Ottilie wisse selbst am besten, aus was fr
zusammenhngenden Lehrvortrgen sie damals herausgerissen worden.
    Ottilie konnte das nicht leugnen; aber sie konnte nicht gestehen, was sie
bei diesen Worten empfand, weil sie sich es kaum selbst auszulegen wute. Es
schien ihr in der Welt nichts mehr unzusammenhngend, wenn sie an den geliebten
Mann dachte, und sie begriff nicht, wie ohne ihn noch irgend etwas
zusammenhngen knne.
    Charlotte beantwortete den Antrag mit kluger Freundlichkeit. Sie sagte, da
sowohl sie als Ottilie eine Rckkehr nach der Pension lngst gewnscht htten.
In dieser Zeit nur sei ihr die Gegenwart einer so lieben Freundin und Helferin
unentbehrlich gewesen; doch wolle sie in der Folge nicht hinderlich sein, wenn
es Ottiliens Wunsch bliebe, wieder auf so lange dorthin zurckzukehren, bis sie
das Angefangene geendet und das Unterbrochene sich vollstndig zugeeignet.
    Der Gehlfe nahm diese Anerbietung freudig auf; Ottilie durfte nichts
dagegen sagen, ob es ihr gleich vor dem Gedanken schauderte. Charlotte hingegen
dachte Zeit zu gewinnen; sie hoffte, Eduard sollte sich erst als glcklicher
Vater wiederfinden und einfinden, dann, war sie berzeugt, wrde sich alles
geben und auch fr Ottilien auf eine oder die andere Weise gesorgt werden.
    Nach einem bedeutenden Gesprch, ber welches alle Teilnehmenden
nachzudenken haben, pflegt ein gewisser Stillstand einzutreten, der einer
allgemeinen Verlegenheit hnlich sieht. Man ging im Saale auf und ab, der
Gehlfe bltterte in einigen Bchern und kam endlich an den Folioband, der noch
von Lucianens Zeiten her liegengeblieben war. Als er sah, da darin nur Affen
enthalten waren, schlug er ihn gleich wieder zu. Dieser Vorfall mag jedoch zu
einem Gesprch Anla gegeben haben, wovon wir die Spuren in Ottiliens Tagebuch
finden.


                            Aus Ottiliens Tagebuche

Wie man es nur ber das Herz bringen kann, die garstigen Affen so sorgfltig
abzubilden! Man erniedrigt sich schon, wenn man sie nur als Tiere betrachtet;
man wird aber wirklich bsartiger, wenn man dem Reize folgt, bekannte Menschen
unter dieser Maske aufzusuchen.
    Es gehrt durchaus eine gewisse Verschrobenheit dazu, um sich gern mit
Karikaturen und Zerrbildern abzugeben. Unserm guten Gehlfen danke ichs, da ich
nicht mit der Naturgeschichte geqult worden bin; ich konnte mich mit den
Wrmern und Kfern niemals befreunden.
    Diesmal gestand er mir, da es ihm ebenso gehe. Von der Natur, sagte er,
sollten wir nichts kennen, als was uns unmittelbar lebendig umgibt. Mit den
Bumen, die um uns blhen, grnen, Frucht tragen, mit jeder Staude, an der wir
vorbeigehen, mit jedem Grashalm, ber den wir hinwandeln, haben wir ein wahres
Verhltnis; sie sind unsre echten Kompatrioten. Die Vgel, die auf unsern
Zweigen hin und wider hpfen, die in unserm Laube singen, gehren uns an, sie
sprechen zu uns von Jugend auf, und wir lernen ihre Sprache verstehen. Man frage
sich, ob nicht ein jedes fremde, aus seiner Umgebung gerissene Geschpf einen
gewissen ngstlichen Eindruck auf uns macht, der nur durch Gewohnheit
abgestumpft wird. Es gehrt schon ein buntes, geruschvolles Leben dazu, um
Affen, Papageien und Mohren um sich zu ertragen.
    Manchmal, wenn mich ein neugieriges Verlangen nach solchen abenteuerlichen
Dingen anwandelte, habe ich den Reisenden beneidet, der solche Wunder mit andern
Wundern in lebendiger, alltglicher Verbindung sieht. Aber auch er wird ein
anderer Mensch. Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen, und die Gesinnungen
ndern sich gewi in einem Lande, wo Elefanten und Tiger zu Hause sind.
    Nur der Naturforscher ist verehrungswert, der uns das Fremdeste, Seltsamste
mit seiner Lokalitt, mit aller Nachbarschaft jedesmal in dem eigensten Elemente
zu schildern und darzustellen wei. Wie gern mchte ich nur einmal Humboldten
erzhlen hren!
    Ein Naturalienkabinett kann uns vorkommen wie eine gyptische Grabsttte, wo
die verschiedenen Tier- und Pflanzengtzen balsamiert umherstehen. Einer
Priesterkaste geziemt es wohl, sich damit in geheimnisvollem Halbdunkel
abzugeben; aber in den allgemeinen Unterricht sollte dergleichen nicht
einflieen, um so weniger, als etwas Nheres und Wrdigeres sich dadurch leicht
verdrngt sieht.
    Ein Lehrer, der das Gefhl an einer einzigen guten Tat, an einem einzigen
guten Gedicht erwecken kann, leistet mehr als einer, der uns ganze Reihen
untergeordneter Naturbildungen der Gestalt und dem Namen nach berliefert; denn
das ganze Resultat davon ist, was wir ohnedies wissen knnen, da das
Menschengebild am vorzglichsten und einzigsten das Gleichnis der Gottheit an
sich trgt.
    Dem einzelnen bleibe die Freiheit, sich mit dem zu beschftigen, was ihn
anzieht, was ihm Freude macht, was ihm ntzlich deucht; aber das eigentliche
Studium der Menschheit ist der Mensch.

                                 Achtes Kapitel


Es gibt wenig Menschen, die sich mit dem Nchstvergangenen zu beschftigen
wissen. Entweder das Gegenwrtige hlt uns mit Gewalt an sich, oder wir
verlieren uns in die Vergangenheit und suchen das vllig Verlorene, wie es nur
mglich sein will, wieder hervorzurufen und herzustellen. Selbst in groen und
reichen Familien, die ihren Vorfahren vieles schuldig sind, pflegt es so zu
gehen, da man des Grovaters mehr als des Vaters gedenkt.
    Zu solchen Betrachtungen ward unser Gehlfe aufgefordert, als er an einem
der schnen Tage, an welchen der scheidende Winter den Frhling zu lgen pflegt,
durch den groen, alten Schlogarten gegangen war und die hohen Lindenalleen,
die regelmigen Anlagen, die sich von Eduards Vater herschrieben, bewundert
hatte. Sie waren vortrefflich gediehen in dem Sinne desjenigen, der sie
pflanzte, und nun, da sie erst anerkannt und genossen werden sollten, sprach
niemand mehr von ihnen, man besuchte sie kaum und hatte Liebhaberei und Aufwand
gegen eine andere Seite hin ins Freie und Weite gerichtet.
    Er machte bei seiner Rckkehr Charlotten die Bemerkung, die sie nicht
ungnstig aufnahm. Indem uns das Leben fortzieht, versetzte sie, glauben wir
aus uns selbst zu handeln, unsre Ttigkeit, unsre Vergngungen zu whlen, aber
freilich, wenn wir es genau ansehen, so sind es nur die Plane, die Neigungen der
Zeit, die wir mit auszufhren gentigt sind.
    Gewi, sagte der Gehlfe; und wer widersteht dem Strome seiner
Umgebungen? Die Zeit rckt fort und in ihr Gesinnungen, Meinungen, Vorurteile
und Liebhabereien. Fllt die Jugend eines Sohnes gerade in die Zeit der
Umwendung, so kann man versichert sein, da er mit seinem Vater nichts gemein
haben wird. Wenn dieser in einer Periode lebte, wo man Lust hatte, sich manches
zuzueignen, dieses Eigentum zu sichern, zu beschrnken, einzuengen und in der
Absonderung von der Welt seinen Genu zu befestigen, so wird jener sodann sich
auszudehnen suchen, mitteilen, verbreiten und das Verschlossene erffnen.
    Ganze Zeitrume, versetzte Charlotte, gleichen diesem Vater und Sohn, den
Sie schildern. Von jenen Zustnden, da jede kleine Stadt ihre Mauern und Grben
haben mute, da man jeden Edelhof noch in einen Sumpf baute und die geringsten
Schlsser nur durch eine Zugbrcke zugnglich waren, davon knnen wir uns kaum
einen Begriff machen. Sogar grere Stdte tragen jetzt ihre Wlle ab, die
Grben selbst frstlicher Schlsser werden ausgefllt, die Stdte bilden nur
groe Flecken, und wenn man so auf Reisen das ansieht, sollte man glauben, der
allgemeine Friede sei befestigt und das goldne Zeitalter vor der Tr. Niemand
glaubt sich in einem Garten behaglich, der nicht einem freien Lande hnlich
sieht; an Kunst, an Zwang soll nichts erinnern; wir wollen vllig frei und
unbedingt Atem schpfen. Haben Sie wohl einen Begriff, mein Freund, da man aus
diesem in einen andern, in den vorigen Zustand zurckkehren knne?
    Warum nicht? versetzte der Gehlfe; jeder Zustand hat seine
Beschwerlichkeit, der beschrnkte sowohl als der losgebundene. Der letztere
setzt berflu voraus und fhrt zur Verschwendung. Lassen Sie uns bei Ihrem
Beispiel bleiben, das auffallend genug ist. Sobald der Mangel eintritt, sogleich
ist die Selbstbeschrnkung wiedergegeben. Menschen, die ihren Grund und Boden zu
nutzen gentigt sind, fhren schon wieder Mauern um ihre Grten auf, damit sie
ihrer Erzeugnisse sicher seien. Daraus entsteht nach und nach eine neue Ansicht
der Dinge. Das Ntzliche erhlt wieder die Oberhand, und selbst der
Vielbesitzende meint zuletzt auch das alles nutzen zu mssen. Glauben Sie mir:
es ist mglich, da Ihr Sohn die smtlichen Parkanlagen vernachlssigt und sich
wieder hinter die ernsten Mauern und unter die hohen Linden seines Grovaters
zurckzieht.
    Charlotte war im stillen erfreut, sich einen Sohn verkndigt zu hren, und
verzieh dem Gehlfen deshalb die etwas unfreundliche Prophezeiung, wie es
dereinst ihrem lieben, schnen Park ergehen knne. Sie versetzte deshalb ganz
freundlich: Wir sind beide noch nicht alt genug, um dergleichen Widersprche
mehrmals erlebt zu haben; allein wenn man sich in seine frhe Jugend
zurckdenkt, sich erinnert, worber man von lteren Personen klagen gehrt,
Lnder und Stdte mit in die Betrachtung aufnimmt, so mchte wohl gegen die
Bemerkung nichts einzuwenden sein. Sollte man denn aber einem solchen Naturgang
nichts entgegensetzen, sollte man Vater und Sohn, Eltern und Kinder nicht in
bereinstimmung bringen knnen? Sie haben mir freundlich einen Knaben
geweissagt; mte denn der gerade mit seinem Vater im Widerspruch stehen?
zerstren, was seine Eltern erbaut haben, anstatt es zu vollenden und zu
erheben, wenn er in demselben Sinne fortfhrt?
    Dazu gibt es auch wohl ein vernnftiges Mittel, versetzte der Gehlfe,
das aber von den Menschen selten angewandt wird. Der Vater erhebe seinen Sohn
zum Mitbesitzer, er lasse ihn mitbauen, -pflanzen und erlaube ihm, wie sich
selbst, eine unschdliche Willkr. Eine Ttigkeit lt sich in die andre
verweben, keine an die andre anstckeln. Ein junger Zweig verbindet sich mit
einem alten Stamme gar leicht und gern, an den kein erwachsener Ast mehr
anzufgen ist.
    Es freute den Gehlfen, in dem Augenblick, da er Abschied zu nehmen sich
gentigt sah, Charlotten zuflligerweise etwas Angenehmes gesagt und ihre Gunst
aufs neue dadurch befestigt zu haben. Schon allzulange war er von Hause weg;
doch konnte er zur Rckreise sich nicht eher entschlieen als nach vlliger
berzeugung, er msse die herannahende Epoche von Charlottens Niederkunft erst
vorbeigehen lassen, bevor er wegen Ottiliens irgendeine Entscheidung hoffen
knne. Er fgte sich deshalb in die Umstnde und kehrte mit diesen Aussichten
und Hoffnungen wieder zur Vorsteherin zurck.
    Charlottens Niederkunft nahte heran. Sie hielt sich mehr in ihren Zimmern.
Die Frauen, die sich um sie versammelt hatten, waren ihre geschlossenere
Gesellschaft. Ottilie besorgte das Hauswesen, indem sie kaum daran denken
durfte, was sie tat. Sie hatte sich zwar vllig ergeben; sie wnschte fr
Charlotten, fr das Kind, fr Eduarden sich auch noch ferner auf das
dienstlichste zu bemhen; aber sie sah nicht ein, wie es mglich werden wollte.
Nichts konnte sie vor vlliger Verworrenheit retten, als da sie jeden Tag ihre
Pflicht tat.
    Ein Sohn war glcklich zur Welt gekommen, und die Frauen versicherten
smtlich, es sei der ganze leibhafte Vater. Nur Ottilie konnte es im stillen
nicht finden, als sie der Wchnerin Glck wnschte und das Kind auf das
herzlichste begrte. Schon bei den Anstalten zur Verheiratung ihrer Tochter war
Charlotten die Abwesenheit ihres Gemahls hchst fhlbar gewesen; nun sollte der
Vater auch bei der Geburt des Sohnes nicht gegenwrtig sein; er sollte den Namen
nicht bestimmen, bei dem man ihn knftig rufen wrde.
    Der erste von allen Freunden, die sich beglckwnschend sehen lieen, war
Mittler, der seine Kundschafter ausgestellt hatte, um von diesem Ereignis
sogleich Nachricht zu erhalten. Er fand sich ein, und zwar sehr behaglich. Kaum
da er seinen Triumph in Gegenwart Ottiliens verbarg, so sprach er sich gegen
Charlotten laut aus und war der Mann, alle Sorgen zu heben und alle
augenblicklichen Hindernisse beiseitezubringen. Die Taufe sollte nicht lange
aufgeschoben werden. Der alte Geistliche, mit einem Fu schon im Grabe, sollte
durch seinen Segen das Vergangene mit dem Zuknftigen zusammenknpfen; Otto
sollte das Kind heien; es konnte keinen andern Namen fhren als den Namen des
Vaters und des Freundes.
    Es bedurfte der entschiedenen Zudringlichkeit dieses Mannes, um die
hunderterlei Bedenklichkeiten, das Widerreden, Zaudern, Stocken, Besser - oder
Anderswissen, das Schwanken, Meinen, Um- und Wiedermeinen zu beseitigen, da
gewhnlich bei solchen Gelegenheiten aus einer gehobenen Bedenklichkeit immer
wieder neue entstehen und, indem man alle Verhltnisse schonen will, immer der
Fall eintritt, einige zu verletzen.
    Alle Meldungsschreiben und Gevatterbriefe bernahm Mittler; sie sollten
gleich ausgefertigt sein, denn ihm war selbst hchlich daran gelegen, ein Glck,
das er fr die Familie so bedeutend hielt, auch der brigen mitunter
miwollenden und miredenden Welt bekanntzumachen. Und freilich waren die
bisherigen leidenschaftlichen Vorflle dem Publikum nicht entgangen, das ohnehin
in der berzeugung steht, alles, was geschieht, geschehe nur dazu, damit es
etwas zu reden habe.
    Die Feier des Taufaktes sollte wrdig, aber beschrnkt und kurz sein. Man
kam zusammen, Ottilie und Mittler sollten das Kind als Taufzeugen halten. Der
alte Geistliche, untersttzt vom Kirchdiener, trat mit langsamen Schritten
heran. Das Gebet war verrichtet, Ottilien das Kind auf die Arme gelegt, und als
sie mit Neigung auf dasselbe heruntersah, erschrak sie nicht wenig an seinen
offenen Augen; denn sie glaubte in ihre eigenen zu sehen; eine solche
bereinstimmung htte jeden berraschen mssen. Mittler, der zunchst das Kind
empfing, stutzte gleichfalls, indem er in der Bildung desselben eine so
auffallende hnlichkeit, und zwar mit dem Hauptmann, erblickte, dergleichen ihm
sonst noch nie vorgekommen war.
    Die Schwche des guten alten Geistlichen hatte ihn gehindert, die
Taufhandlung mit mehrerem als der gewhnlichen Liturgie zu begleiten. Mittler
indessen, voll von dem Gegenstande, gedachte seiner frhern Amtsverrichtungen
und hatte berhaupt die Art, sich sogleich in jedem Falle zu denken, wie er nun
reden, wie er sich uern wrde. Diesmal konnte er sich um so weniger
zurckhalten, als es nur eine kleine Gesellschaft von lauter Freunden war, die
ihn umgab. Er fing daher an, gegen das Ende des Akts mit Behaglichkeit sich an
die Stelle des Geistlichen zu versetzen, in einer muntern Rede seine
Patenpflichten und Hoffnungen zu uern und um so mehr dabei zu verweilen, als
er Charlottens Beifall in ihrer zufriedenen Miene zu erkennen glaubte.
    Da der gute alte Mann sich gern gesetzt htte, entging dem rstigen Redner,
der noch viel weniger dachte, da er ein greres bel hervorzubringen auf dem
Wege war; denn nachdem er das Verhltnis eines jeden Anwesenden zum Kinde mit
Nachdruck geschildert und Ottiliens Fassung dabei ziemlich auf die Probe
gestellt hatte, so wandte er sich zuletzt gegen den Greis mit diesen Worten:
Und Sie, mein wrdiger Altvater, knnen nunmehr mit Simeon sprechen: Herr, la
deinen Diener in Frieden fahren; denn meine Augen haben den Heiland dieses
Hauses gesehen.
    Nun war er im Zuge, recht glnzend zu schlieen, aber er bemerkte bald, da
der Alte, dem er das Kind hinhielt, sich zwar erst gegen dasselbe zu neigen
schien, nachher aber schnell zurcksank. Vom Fall kaum abgehalten, ward er in
einen Sessel gebracht, und man mute ihn ungeachtet aller augenblicklichen
Beihlfe fr tot ansprechen.
    So unmittelbar Geburt und Tod, Sarg und Wiege nebeneinander zu sehen und zu
denken, nicht blo mit der Einbildungskraft, sondern mit den Augen diese
ungeheuern Gegenstze zusammenzufassen, war fr die Umstehenden eine schwere
Aufgabe, je berraschender sie vorgelegt wurde. Ottilie allein betrachtete den
Eingeschlummerten, der noch immer seine freundliche, einnehmende Miene behalten
hatte, mit einer Art von Neid. Das Leben ihrer Seele war gettet; warum sollte
der Krper noch erhalten werden?
    Fhrten sie auf diese Weise gar manchmal die unerfreulichen Begebenheiten
des Tags auf die Betrachtung der Vergnglichkeit, des Scheidens, des Verlierens,
so waren ihr dagegen wundersame nchtliche Erscheinungen zum Trost gegeben, die
ihr das Dasein des Geliebten versicherten und ihr eigenes befestigten und
belebten. Wenn sie sich abends zur Ruhe gelegt und im sen Gefhl noch zwischen
Schlaf und Wachen schwebte, schien es ihr, als wenn sie in einen ganz hellen,
doch mild erleuchteten Raum hineinblickte. In diesem sah sie Eduarden ganz
deutlich, und zwar nicht gekleidet, wie sie ihn sonst gesehen, sondern im
kriegerischen Anzug, jedesmal in einer andern Stellung, die aber vollkommen
natrlich war und nichts Phantastisches an sich hatte: stehend, gehend, liegend,
reitend. Die Gestalt, bis aufs kleinste ausgemalt, bewegte sich willig vor ihr,
ohne da sie das mindeste dazu tat, ohne da sie wollte oder die
Einbildungskraft anstrengte. Manchmal sah sie ihn auch umgeben, besonders von
etwas Beweglichem, das dunkler war als der helle Grund; aber sie unterschied
kaum Schattenbilder, die ihr zuweilen als Menschen, als Pferde, als Bume und
Gebirge vorkommen konnten. Gewhnlich schlief sie ber der Erscheinung ein, und
wenn sie nach einer ruhigen Nacht morgens wieder erwachte, so war sie erquickt,
getrstet; sie fhlte sich berzeugt, Eduard lebe noch, sie stehe mit ihm noch
in dem innigsten Verhltnis.

                                Neuntes Kapitel


Der Frhling war gekommen, spter, aber auch rascher und freudiger als
gewhnlich. Ottilie fand nun im Garten die Frucht ihres Vorsehens; alles keimte,
grnte und blhte zur rechten Zeit; manches, was hinter wohlangelegten
Glashusern und Beeten vorbereitet worden, trat nun sogleich der endlich von
auen wirkenden Natur entgegen, und alles, was zu tun und zu besorgen war, blieb
nicht blo hoffnungsvolle Mhe wie bisher, sondern ward zum heitern Genusse.
    An dem Grtner aber hatte sie zu trsten ber manche durch Lucianens
Wildheit entstandene Lcke unter den Topfgewchsen, ber die zerstrte Symmetrie
mancher Baumkrone. Sie machte ihm Mut, da sich das alles bald wieder herstellen
werde; aber er hatte zu ein tiefes Gefhl, zu einen reinen Begriff von seinem
Handwerk, als da diese Trostgrnde viel bei ihm htten fruchten sollen. So
wenig der Grtner sich durch andere Liebhabereien und Neigungen zerstreuen darf,
so wenig darf der ruhige Gang unterbrochen werden, den die Pflanze zur dauernden
oder zur vorbergehenden Vollendung nimmt. Die Pflanze gleicht den eigensinnigen
Menschen, von denen man alles erhalten kann, wenn man sie nach ihrer Art
behandelt. Ein ruhiger Blick, eine stille Konsequenz, in jeder Jahrszeit, in
jeder Stunde das ganz Gehrige zu tun, wird vielleicht von niemand mehr als vom
Grtner verlangt.
    Diese Eigenschaften besa der gute Mann in einem hohen Grade, deswegen auch
Ottilie so gern mit ihm wirkte; aber sein eigentliches Talent konnte er schon
einige Zeit nicht mehr mit Behaglichkeit ausben. Denn ob er gleich alles, was
die Baum- und Kchengrtnerei betraf, auch die Erfordernisse eines ltern
Ziergartens, vollkommen zu leisten verstand, wie denn berhaupt einem vor dem
andern dieses oder jenes gelingt, ob er schon in Behandlung der Orangerie der
Blumenzwiebeln, der Nelken- und Aurikelnstcke die Natur selbst htte
herausfordern knnen, so waren ihm doch die neuen Zierbume und Modeblumen
einigermaen fremd geblieben, und er hatte vor dem unendlichen Felde der
Botanik, das sich nach der Zeit auftat, und den darin herumsummenden fremden
Namen eine Art von Scheu, die ihn verdrielich machte. Was die Herrschaft
voriges Jahr zu verschreiben angefangen, hielt er um so mehr fr unntzen
Aufwand und Verschwendung, als er gar manche kostbare Pflanze ausgehen sah und
mit den Handelsgrtnern, die ihn, wie er glaubte, nicht redlich genug bedienten,
in keinem sonderlichen Verhltnisse stand.
    Er hatte sich darber nach mancherlei Versuchen eine Art von Plan gemacht,
in welchem ihn Ottilie um so mehr bestrkte, als er auf die Wiederkehr Eduards
eigentlich gegrndet war, dessen Abwesenheit man in diesem wie in manchem andern
Falle tglich nachteiliger empfinden mute.
    Indem nun die Pflanzen immer mehr Wurzel schlugen und Zweige trieben, fhlte
sich auch Ottilie immer mehr an diese Rume gefesselt. Gerade vor einem Jahre
trat sie als Fremdling, als ein unbedeutendes Wesen hier ein; wieviel hatte sie
sich seit jener Zeit nicht erworben! aber leider wieviel hatte sie nicht auch
seit jener Zeit wieder verloren! Sie war nie so reich und nie so arm gewesen.
Das Gefhl von beidem wechselte augenblicklich miteinander ab, ja durchkreuzte
sich aufs innigste, so da sie sich nicht anders zu helfen wute, als da sie
immer wieder das Nchste mit Anteil, ja mit Leidenschaft ergriff.
    Da alles, was Eduarden besonders lieb war, auch ihre Sorgfalt am strksten
an sich zog, lt sich denken; ja warum sollte sie nicht hoffen, da er selbst
nun bald wiederkommen, da er die frsorgliche Dienstlichkeit, die sie dem
Abwesenden geleistet, dankbar gegenwrtig bemerken werde?
    Aber noch auf eine viel andre Weise war sie veranlat fr ihn zu wirken. Sie
hatte vorzglich die Sorge fr das Kind bernommen, dessen unmittelbare
Pflegerin sie um so mehr werden konnte, als man es keiner Amme bergeben,
sondern mit Milch und Wasser aufzuziehen sich entschieden hatte. Es sollte in
jener schnen Zeit der freien Luft genieen; und so trug sie es am liebsten
selbst heraus, trug das schlafende, unbewute zwischen Blumen und Blten her,
die dereinst seiner Kindheit so freundlich entgegenlachen sollten, zwischen
jungen Struchen und Pflanzen, die mit ihm in die Hhe zu wachsen durch ihre
Jugend bestimmt schienen. Wenn sie um sich her sah, so verbarg sie sich nicht,
zu welchem groen, reichen Zustande das Kind geboren sei; denn fast alles, wohin
das Auge blickte, sollte dereinst ihm gehren. Wie wnschenswert war es zu
diesem allen, da es vor den Augen des Vaters, der Mutter aufwchse und eine
erneute, frohe Verbindung besttigte!
    Ottilie fhlte dies alles so rein, da sie sichs als entschieden wirklich
dachte und sich selbst dabei gar nicht empfand. Unter diesem klaren Himmel, bei
diesem hellen Sonnenschein ward es ihr auf einmal klar, da ihre Liebe, um sich
zu vollenden, vllig uneigenntzig werden msse; ja in manchen Augenblicken
glaubte sie diese Hhe schon erreicht zu haben. Sie wnschte nur das Wohl ihres
Freundes, sie glaubte sich fhig, ihm zu entsagen, sogar ihn niemals
wiederzusehen, wenn sie ihn nur glcklich wisse. Aber ganz entschieden war sie
fr sich, niemals einem andern anzugehren.
    Da der Herbst ebenso herrlich wrde wie der Frhling, dafr war gesorgt.
Alle sogenannten Sommergewchse, alles, was im Herbst mit Blhen nicht enden
kann und sich der Klte noch keck entgegenentwickelt, Astern besonders, waren in
der grten Mannigfaltigkeit geset und sollten nun, berallhinverpflanzt, einen
Sternhimmel ber die Erde bilden.


                            Aus Ottiliens Tagebuche

Einen guten Gedanken, den wir gelesen, etwas Auffallendes, das wir gehrt,
tragen wir wohl in unser Tagebuch. Nhmen wir uns aber zugleich die Mhe, aus
den Briefen unserer Freunde eigentmliche Bemerkungen, originelle Ansichten,
flchtige geistreiche Worte auszuzeichnen, so wrden wir sehr reich werden.
Briefe hebt man auf, um sie nie wieder zu lesen; man zerstrt sie zuletzt einmal
aus Diskretion, und so verschwindet der schnste, unmittelbarste Lebenshauch
unwiederbringlich fr uns und andre. Ich nehme mir vor, dieses Versumnis
wiedergutzumachen.
    So wiederholt sich denn abermals das Jahresmrchen von vorn. Wir sind nun
wieder, Gott sei Dank! an seinem artigsten Kapitel. Veilchen und Maiblumen sind
wie berschriften oder Vignetten dazu. Es macht uns immer einen angenehmen
Eindruck, wenn wir sie in dem Buche des Lebens wieder aufschlagen.
    Wir schelten die Armen, besonders die Unmndigen, wenn sie sich an den
Straen herumlegen und betteln. Bemerken wir nicht, da sie gleich ttig sind,
sobald es was zu tun gibt? Kaum entfaltet die Natur ihre freundlichen Schtze,
so sind die Kinder dahinterher, um ein Gewerbe zu erffnen; keines bettelt mehr,
jedes reicht dir einen Strau; es hat ihn gepflckt, ehe du vom Schlaf
erwachtest, und das Bittende sieht dich so freundlich an wie die Gabe. Niemand
sieht erbrmlich aus, der sich einiges Recht fhlt, fordern zu drfen.
    Warum nur das Jahr manchmal so kurz, manchmal so lang ist, warum es so kurz
scheint und so lang in der Erinnerung! Mir ist es mit dem vergangenen so, und
nirgends auffallender als im Garten, wie Vergngliches und Dauerndes
ineinandergreift. Und doch ist nichts so flchtig, das nicht eine Spur, das
nicht seinesgleichen zurcklasse.
    Man lt sich den Winter auch gefallen. Man glaubt sich freier auszubreiten,
wenn die Bume so geisterhaft, so durchsichtig vor uns stehen. Sie sind nichts,
aber sie decken auch nichts zu. Wie aber einmal Knospen und Blten kommen, dann
wird man ungeduldig, bis das volle Laub hervortritt, bis die Landschaft sich
verkrpert und der Baum sich als eine Gestalt uns entgegendrngt.
    Alles Vollkommene in seiner Art mu ber seine Art hinausgehen, es mu etwas
anderes, Unvergleichbares werden. In manchen Tnen ist die Nachtigall noch
Vogel; dann steigt sie ber ihre Klasse hinber und scheint jedem Gefiederten
andeuten zu wollen, was eigentlich singen heie.
    Ein Leben ohne Liebe, ohne die Nhe des Geliebten ist nur eine Comdie 
tiroir, ein schlechtes Schubladenstck. Man schiebt eine nach der andern heraus
und wieder hinein und eilt zur folgenden. Alles, was auch Gutes und Bedeutendes
vorkommt, hngt nur kmmerlich zusammen. Man mu berall von vorn anfangen und
mchte berall enden.

                                Zehntes Kapitel


Charlotte von ihrer Seite befindet sich munter und wohl. Sie freut sich an dem
tchtigen Knaben, dessen vielversprechende Gestalt ihr Auge und Gemt stndlich
beschftigt. Sie erhlt durch ihn einen neuen Bezug auf die Welt und auf den
Besitz. Ihre alte Ttigkeit regt sich wieder; sie erblickt, wo sie auch
hinsieht, im vergangenen Jahre vieles getan und empfindet Freude am Getanen. Von
einem eigenen Gefhl belebt, steigt sie zur Mooshtte mit Ottilien und dem
Kinde; und indem sie dieses auf den kleinen Tisch als auf einen huslichen Altar
niederlegt und noch zwei Pltze leer sieht, gedenkt sie der vorigen Zeiten, und
eine neue Hoffnung fr sie und Ottilien dringt hervor.
    Junge Frauenzimmer sehen sich bescheiden vielleicht nach diesem oder jenem
Jngling um, mit stiller Prfung, ob sie ihn wohl zum Gatten wnschten; wer aber
fr eine Tochter oder einen weiblichen Zgling zu sorgen hat, schaut in einem
weitern Kreis umher. So ging es auch in diesem Augenblick Charlotten, der eine
Verbindung des Hauptmanns mit Ottilien nicht unmglich schien, wie sie doch auch
schon ehemals in dieser Htte nebeneinander gesessen hatten. Ihr war nicht
unbekannt geblieben, da jene Aussicht auf eine vorteilhafte Heirat wieder
verschwunden sei.
    Charlotte stieg weiter, und Ottilie trug das Kind. Jene berlie sich
mancherlei Betrachtungen. Auch auf dem festen Lande gibt es wohl Schiffbruch;
sich davon auf das schnellste zu erholen und herzustellen, ist schn und
preiswrdig. Ist doch das Leben nur auf Gewinn und Verlust berechnet! Wer macht
nicht irgendeine Anlage und wird darin gestrt! Wie oft schlgt man einen Weg
ein und wird davon abgeleitet! Wie oft werden wir von einem scharf ins Auge
gefaten Ziel abgelenkt, um ein hheres zu erreichen!
    Der Reisende bricht unterwegs zu seinem hchsten Verdru ein Rad und gelangt
durch diesen unangenehmen Zufall zu den erfreulichsten Bekanntschaften und
Verbindungen, die auf sein ganzes Leben Einflu haben. Das Schicksal gewhrt uns
unsre Wnsche, aber auf seine Weise, um uns etwas ber unsere Wnsche geben zu
knnen.
    Diese und hnliche Betrachtungen waren es, unter denen Charlotte zum neuen
Gebude auf der Hhe gelangte, wo sie vollkommen besttigt wurden. Denn die
Umgebung war viel schner, als man sichs hatte denken knnen. Alles strende
Kleinliche war ringsumher entfernt, alles Gute der Landschaft, was die Natur,
was die Zeit daran getan hatte, trat reinlich hervor und fiel ins Auge, und
schon grnten die jungen Pflanzungen, die bestimmt waren, einige Lcken
auszufllen und die abgesonderten Teile angenehm zu verbinden.
    Das Haus selbst war nahezu bewohnbar, die Aussicht, besonders aus den obern
Zimmern, hchst mannigfaltig. Je lnger man sich umsah, desto mehr Schnes
entdeckte man. Was muten nicht hier die verschiedenen Tagszeiten, was Mond und
Sonne fr Wirkungen hervorbringen! Hier zu verweilen war hchst wnschenswert,
und wie schnell ward die Lust zu bauen und zu schaffen in Charlotten wieder
erweckt, da sie alle grobe Arbeit getan fand! Ein Tischer, ein Tapezier, ein
Maler, der mit Patronen und leichter Vergoldung sich zu helfen wute, nur dieser
bedurfte man, und in kurzer Zeit war das Gebude im Stande. Keller und Kche
wurden schnell eingerichtet; denn in der Entfernung vom Schlosse mute man alle
Bedrfnisse um sich versammeln. So wohnten die Frauenzimmer mit dem Kinde nun
oben, und von diesem Aufenthalt, als von einem neuen Mittelpunkt, erffneten
sich ihnen unerwartete Spaziergnge. Sie genossen vergnglich in einer hheren
Region der freien, frischen Luft bei dem schnsten Wetter.
    Ottiliens liebster Weg, teils allein, teils mit dem Kinde, ging herunter
nach den Platanen auf einem bequemen Fusteig, der sodann zu dem Punkte leitete,
wo einer der Khne angebunden war, mit denen man berzufahren pflegte. Sie
erfreute sich manchmal einer Wasserfahrt, allein ohne das Kind, weil Charlotte
deshalb einige Besorgnis zeigte. Doch verfehlte sie nicht, tglich den Grtner
im Schlogarten zu besuchen und an seiner Sorgfalt fr die vielen
Pflanzenzglinge, die nun alle der freien Luft genossen, freundlich
teilzunehmen.
    In dieser schnen Zeit kam Charlotten der Besuch eines Englnders sehr
gelegen, der Eduarden auf Reisen kennengelernt, einigemal getroffen hatte und
nunmehr neugierig war, die schnen Anlagen zu sehen, von denen er soviel Gutes
erzhlen hrte. Er brachte ein Empfehlungsschreiben vom Grafen mit und stellte
zugleich einen stillen, aber sehr geflligen Mann als seinen Begleiter vor.
Indem er nun bald mit Charlotten und Ottilien, bald mit Grtnern und Jgern,
fters mit seinem Begleiter und manchmal allein die Gegend durchstrich, so
konnte man seinen Bemerkungen wohl ansehen, da er ein Liebhaber und Kenner
solcher Anlagen war, der wohl auch manche dergleichen selbst ausgefhrt hatte.
Obgleich in Jahren, nahm er auf eine heitere Weise an allem teil, was dem Leben
zur Zierde gereichen und es bedeutend machen kann.
    In seiner Gegenwart genossen die Frauenzimmer erst vollkommen ihrer
Umgebung. Sein gebtes Auge empfing jeden Effekt ganz frisch, und er hatte um so
mehr Freude an dem Entstandenen, als er die Gegend vorher nicht gekannt und, was
man daran getan, von dem, was die Natur geliefert, kaum zu unterscheiden wute.
    Man kann wohl sagen, da durch seine Bemerkungen der Park wuchs und sich
bereicherte. Schon zum voraus erkannte er, was die neuen, heranstrebenden
Pflanzungen versprachen. Keine Stelle blieb ihm unbemerkt, wo noch irgendeine
Schnheit hervorzuheben oder anzubringen war. Hier deutete er auf eine Quelle,
welche, gereinigt, die Zierde einer ganzen Buschpartie zu werden versprach, hier
auf eine Hhle, die, ausgerumt und erweitert, einen erwnschten Ruheplatz geben
konnte, indessen man nur wenige Bume zu fllen brauchte, um von ihr aus
herrliche Felsenmassen aufgetrmt zu erblicken. Er wnschte den Bewohnern Glck,
da ihnen so manches nachzuarbeiten brigblieb, und ersuchte sie, damit nicht zu
eilen, sondern fr folgende Jahre sich das Vergngen des Schaffens und
Einrichtens vorzubehalten.
    brigens war er auer den geselligen Stunden keineswegs lstig; denn er
beschftigte sich die grte Zeit des Tags, die malerischen Aussichten des Parks
in einer tragbaren dunklen Kammer aufzufangen und zu zeichnen, um dadurch sich
und andern von seinen Reisen eine schne Frucht zu gewinnen. Er hatte dieses
schon seit mehreren Jahren in allen bedeutenden Gegenden getan und sich dadurch
die angenehmste und interessanteste Sammlung verschafft. Ein groes
Portefeuille, das er mit sich fhrte, zeigte er den Damen vor und unterhielt sie
teils durch das Bild, teils durch die Auslegung. Sie freuten sich, hier in ihrer
Einsamkeit die Welt so bequem zu durchreisen, Ufer und Hfen, Berge, Seen und
Flsse, Stdte, Kastelle und manches andre Lokal, das in der Geschichte einen
Namen hat, vor sich vorbeiziehen zu sehen.
    Jede von beiden Frauen hatte ein besonderes Interesse, Charlotte das
allgemeinere, gerade an dem, wo sich etwas historisch Merkwrdiges fand, whrend
Ottilie sich vorzglich bei den Gegenden aufhielt, wovon Eduard viel zu erzhlen
pflegte, wo er gern verweilt, wohin er fters zurckgekehrt; denn jeder Mensch
hat in der Nhe und in der Ferne gewisse rtliche Einzelheiten, die ihn
anziehen, die ihm seinem Charakter nach, um des ersten Eindrucks, gewisser
Umstnde, der Gewohnheit willen besonders lieb und aufregend sind.
    Sie fragte daher den Lord, wo es ihm denn am besten gefalle und wo er nun
seine Wohnung aufschlagen wrde, wenn er zu whlen htte. Da wute er denn mehr
als eine schne Gegend vorzuzeigen und, was ihm dort widerfahren, um sie ihm
lieb und wert zu machen, in seinem eigens akzentuierten Franzsisch gar
behaglich mitzuteilen.
    Auf die Frage hingegen, wo er sich denn jetzt gewhnlich aufhalte, wohin er
am liebsten zurckkehre, lie er sich ganz unbewunden, doch den Frauen
unerwartet, also vernehmen:
    Ich habe mir nun angewhnt, berall zu Hause zu sein, und finde zuletzt
nichts bequemer, als da andre fr mich bauen, pflanzen und sich huslich
bemhen. Nach meinen eigenen Besitzungen sehne ich mich nicht zurck, teils aus
politischen Ursachen, vorzglich aber, weil mein Sohn, fr den ich alles
eigentlich getan und eingerichtet, dem ich es zu bergeben, mit dem ich es noch
zu genieen hoffte, an allem keinen Teil nimmt, sondern nach Indien gegangen
ist, um sein Leben dort, wie mancher andere, hher zu nutzen oder gar zu
vergeuden.
    Gewi, wir machen viel zu viel vorarbeitenden Aufwand aufs Leben. Anstatt
da wir gleich anfingen, uns in einem migen Zustand behaglich zu finden, so
gehen wir immer mehr ins Breite, um es uns immer unbequemer zu machen. Wer
geniet jetzt meine Gebude, meinen Park, meine Grten? Nicht ich, nicht einmal
die Meinigen: fremde Gste, Neugierige, unruhige Reisende.
    Selbst bei vielen Mitteln sind wir immer nur halb und halb zu Hause,
besonders auf dem Lande, wo uns manches Gewohnte der Stadt fehlt. Das Buch, das
wir am eifrigsten wnschten, ist nicht zur Hand, und gerade, was wir am meisten
bedrften, ist vergessen. Wir richten uns immer huslich ein, um wieder
auszuziehen, und wenn wir es nicht mit Willen und Willkr tun, so wirken
Verhltnisse, Leidenschaften, Zuflle, Notwendigkeit und was nicht alles.
    Der Lord ahnete nicht, wie tief durch seine Betrachtungen die Freundinnen
getroffen wurden. Und wie oft kommt nicht jeder in diese Gefahr, der eine
allgemeine Betrachtung selbst in einer Gesellschaft, deren Verhltnisse ihm
sonst bekannt sind, ausspricht! Charlotten war eine solche zufllige Verletzung
auch durch Wohlwollende und Gutmeinende nichts Neues; und die Welt lag ohnehin
so deutlich vor ihren Augen, da sie keinen besondern Schmerz empfand,
wenngleich jemand sie unbedachtsam und unvorsichtig ntigte, ihren Blick da -
oder dorthin auf eine unerfreuliche Stelle zu richten. Ottilie hingegen, die in
halb bewuter Jugend mehr ahnete als sah und ihren Blick wegwenden durfte, ja
mute von dem, was sie nicht sehen mochte und sollte, Ottilie ward durch diese
traulichen Reden in den schrecklichsten Zustand versetzt; denn es zerri mit
Gewalt vor ihr der anmutige Schleier, und es schien ihr, als wenn alles, was
bisher fr Haus und Hof, fr Garten, Park und die ganze Umgebung geschehen war,
ganz eigentlich umsonst sei, weil der, dem es alles gehrte, es nicht gensse,
weil auch der, wie der gegenwrtige Gast, zum Herumschweifen in der Welt, und
zwar zu dem gefhrlichsten, durch die Liebsten und Nchsten gedrngt worden. Sie
hatte sich an Hren und Schweigen gewhnt, aber sie sa diesmal in der
peinlichsten Lage, die durch des Fremden weiteres Gesprch eher vermehrt als
vermindert wurde, das er mit heiterer Eigenheit und Bedchtlichkeit fortsetzte.
    Nun glaub ich, sagte er, auf dem rechten Wege zu sein, da ich mich
immerfort als einen Reisenden betrachte, der vielem entsagt, um vieles zu
genieen. Ich bin an den Wechsel gewhnt, ja er wird mir Bedrfnis, wie man in
der Oper immer wieder auf eine neue Dekoration wartet, gerade weil schon so
viele dagewesen. Was ich mir von dem besten und dem schlechtesten Wirtshause
versprechen darf, ist mir bekannt; es mag so gut oder so schlimm sein, als es
will, nirgends find ich das Gewohnte, und am Ende luft es auf eins hinaus, ganz
von einer notwendigen Gewohnheit oder ganz von der willkrlichsten Zuflligkeit
abzuhangen. Wenigstens habe ich jetzt nicht den Verdru, da etwas verlegt oder
verloren ist, da mir ein tgliches Wohnzimmer unbrauchbar wird, weil ich es mu
reparieren lassen, da man mir eine liebe Tasse zerbricht und es mir eine ganze
Zeit aus keiner andern schmecken will. Alles dessen bin ich berhoben, und wenn
mir das Haus ber dem Kopf zu brennen anfngt, so packen meine Leute gelassen
ein und auf, und wir fahren zu Hofraum und Stadt hinaus. Und bei allen diesen
Vorteilen, wenn ich es genau berechne, habe ich am Ende des Jahres nicht mehr
ausgegeben, als es mich zu Hause gekostet htte.
    Bei dieser Schilderung sah Ottilie nur Eduarden vor sich, wie er nun auch
mit Entbehren und Beschwerde auf ungebahnten Straen hinziehe, mit Gefahr und
Not zu Felde liege und bei soviel Unbestand und Wagnis sich gewhne, heimatlos
und freundlos zu sein, alles wegzuwerfen, nur um nicht verlieren zu knnen.
Glcklicherweise trennte sich die Gesellschaft fr einige Zeit. Ottilie fand
Raum, sich in der Einsamkeit auszuweinen. Gewaltsamer hatte sie kein dumpfer
Schmerz ergriffen als diese Klarheit, die sie sich noch klarer zu machen
strebte, wie man es zu tun pflegt, da man sich selbst peinigt, wenn man einmal
auf dem Wege ist, gepeinigt zu werden.
    Der Zustand Eduards kam ihr so kmmerlich, so jmmerlich vor, da sie sich
entschlo, es koste, was es wolle, zu seiner Wiedervereinigung mit Charlotten
alles beizutragen, ihren Schmerz und ihre Liebe an irgendeinem stillen Orte zu
verbergen und durch irgendeine Art von Ttigkeit zu betriegen.
    Indessen hatte der Begleiter des Lords, ein verstndiger, ruhiger Mann und
guter Beobachter, den Migriff in der Unterhaltung bemerkt und die hnlichkeit
der Zustnde seinem Freunde offenbart. Dieser wute nichts von den Verhltnissen
der Familie; allein jener, den eigentlich auf der Reise nichts mehr
interessierte als die sonderbaren Ereignisse, welche durch natrliche und
knstliche Verhltnisse, durch den Konflikt des Gesetzlichen und des
Ungebndigten, des Verstandes und der Vernunft, der Leidenschaft und des
Vorurteils hervorgebracht werden, jener hatte sich schon frher und mehr noch im
Hause selbst mit allem bekannt gemacht, was vorgegangen war und noch vorging.
    Dem Lord tat es leid, ohne da er darber verlegen gewesen wre. Man mte
ganz in Gesellschaft schweigen, wenn man nicht manchmal in den Fall kommen
sollte; denn nicht allein bedeutende Bemerkungen, sondern die trivialsten
uerungen knnen auf eine so miklingende Weise mit dem Interesse der
Gegenwrtigen zusammentreffen. Wir wollen es heute abend wiedergutmachen,
sagte der Lord, und uns aller allgemeinen Gesprche enthalten. Geben Sie der
Gesellschaft etwas von den vielen angenehmen und bedeutenden Anekdoten und
Geschichten zu hren, womit Sie Ihr Portefeuille und Ihr Gedchtnis auf unserer
Reise bereichert haben!
    Allein auch mit dem besten Vorsatze gelang es den Fremden nicht, die Freunde
diesmal mit einer unverfnglichen Unterhaltung zu erfreuen. Denn nachdem der
Begleiter durch manche sonderbare, bedeutende, heitere, rhrende, furchtbare
Geschichten die Aufmerksamkeit erregt und die Teilnahme aufs hchste gespannt
hatte, so dachte er mit einer zwar sonderbaren, aber sanfteren Begebenheit zu
schlieen und ahnete nicht, wie nahe diese seinen Zuhrern verwandt war.


                        Die wunderlichen Nachbarskinder

                                    Novelle

Zwei Nachbarskinder von bedeutenden Husern, Knabe und Mdchen, in
verhltnismigem Alter, um dereinst Gatten zu werden, lie man in dieser
angenehmen Aussicht miteinander aufwachsen, und die beiderseitigen Eltern
freuten sich einer knftigen Verbindung. Doch man bemerkte gar bald, da die
Absicht zu milingen schien, indem sich zwischen den beiden trefflichen Naturen
ein sonderbarer Widerwille hervortat. Vielleicht waren sie einander zu hnlich.
Beide in sich selbst gewendet, deutlich in ihrem Wollen, fest in ihren
Vorstzen; jedes einzeln geliebt und geehrt von seinen Gespielen; immer
Widersacher, wenn sie zusammen waren, immer aufbauend fr sich allein, immer
wechselsweise zerstrend, wo sie sich begegneten, nicht wetteifernd nach einem
Ziel, aber immer kmpfend um einen Zweck; gutartig durchaus und liebenswrdig
und nur hassend, ja bsartig, indem sie sich aufeinander bezogen.
    Dieses wunderliche Verhltnis zeigte sich schon bei kindischen Spielen, es
zeigte sich bei zunehmenden Jahren. Und wie die Knaben Krieg zu spielen, sich in
Parteien zu sondern, einander Schlachten zu liefern pflegen, so stellte sich das
trotzig mutige Mdchen einst an die Spitze des einen Heers und focht gegen das
andre mit solcher Gewalt und Erbitterung, da dieses schimpflich wre in die
Flocht geschlagen worden, wenn ihr einzelner Widersacher sich nicht sehr brav
gehalten und seine Gegnerin doch noch zuletzt entwaffnet und gefangengenommen
htte. Aber auch da noch wehrte sie sich so gewaltsam, da er, um seine Augen zu
erhalten und die Feindin doch nicht zu beschdigen, sein seidenes Halstuch
abreien und ihr die Hnde damit auf den Rcken binden mute.
    Dies verzieh sie ihm nie, ja sie machte so heimliche Anstalten und Versuche,
ihn zu beschdigen, da die Eltern, die auf diese seltsamen Leidenschaften schon
lngst achtgehabt, sich miteinander verstndigten und beschlossen, die beiden
feindlichen Wesen zu trennen und jene lieblichen Hoffnungen aufzugeben.
    Der Knabe tat sich in seinen neuen Verhltnissen bald hervor. Jede Art von
Unterricht schlug bei ihm an. Gnner und eigene Neigung bestimmten ihn zum
Soldatenstande. berall, wo er sich fand, war er geliebt und geehrt. Seine
tchtige Natur schien nur zum Wohlsein, zum Behagen anderer zu wirken, und er
war in sich, ohne deutliches Bewutsein, recht glcklich, den einzigen
Widersacher verloren zu haben, den die Natur ihm zugedacht hatte.
    Das Mdchen dagegen trat auf einmal in einen vernderten Zustand. Ihre
Jahre, eine zunehmende Bildung und mehr noch ein gewisses inneres Gefhl zogen
sie von den heftigen Spielen hinweg, die sie bisher in Gesellschaft der Knaben
auszuben pflegte. Im ganzen schien ihr etwas zu fehlen, nichts war um sie
herum, das wert gewesen wre, ihren Ha zu erregen. Liebenswrdig hatte sie noch
niemanden gefunden.
    Ein junger Mann, lter als ihr ehemaliger nachbarlicher Widersacher, von
Stand, Vermgen und Bedeutung, beliebt in der Gesellschaft, gesucht von Frauen,
wendete ihr seine ganze Neigung zu. Es war das erstemal, da sich ein Freund,
ein Liebhaber, ein Diener um sie bemhte. Der Vorzug, den er ihr vor vielen gab,
die lter, gebildeter, glnzender und anspruchsreicher waren als sie, tat ihr
gar zu wohl. Seine fortgesetzte Aufmerksamkeit, ohne da er zudringlich gewesen
wre, sein treuer Beistand bei verschiedenen unangenehmen Zufllen, sein gegen
ihre Eltern zwar ausgesprochnes, doch ruhiges und nur hoffnungsvolles Werben, da
sie freilich noch sehr jung war: das alles nahm sie fr ihn ein, wozu die
Gewohnheit, die uern, nun von der Welt als bekannt angenommenen Verhltnisse
das Ihrige beitrugen. Sie war so oft Braut genannt worden, da sie sich endlich
selbst dafr hielt, und weder sie noch irgend jemand dachte daran, da noch eine
Prfung ntig sei, als sie den Ring mit demjenigen wechselte, der so lange Zeit
fr ihren Brutigam galt.
    Der ruhige Gang, den die ganze Sache genommen hatte, war auch durch das
Verlbnis nicht beschleunigt worden. Man lie eben von beiden Seiten alles so
fortgewhren, man freute sich des Zusammenlebens und wollte die gute Jahreszeit
durchaus noch als einen Frhling des knftigen ernsteren Lebens genieen.
    Indessen hatte der Entfernte sich zum schnsten ausgebildet, eine verdiente
Stufe seiner Lebensbestimmung erstiegen und kam mit Urlaub, die Seinigen zu
besuchen. Auf eine ganz natrliche, aber doch sonderbare Weise stand er seiner
schnen Nachbarin abermals entgegen. Sie hatte in der letzten Zeit nur
freundliche, brutliche Familienempfindungen bei sich genhrt, sie war mit
allem, was sie umgab, in bereinstimmung; sie glaubte glcklich zu sein und war
es auch auf gewisse Weise. Aber nun stand ihr zum erstenmal seit langer Zeit
wieder etwas entgegen: es war nicht hassenswert; sie war des Hasses unfhig
geworden, ja der kindische Ha, der eigentlich nur ein dunkles Anerkennen des
inneren Wertes gewesen, uerte sich nun in frohem Erstaunen, erfreulichem
Betrachten, geflligem Eingestehen, halb willigem halb unwilligem und doch
notwendigem Annahen, und das alles war wechselseitig. Eine lange Entfernung gab
zu lngeren Unterhaltungen Anla. Selbst jene kindische Unvernunft diente den
Aufgeklrteren zu scherzhafter Erinnerung, und es war, als wenn man sich jenen
neckischen Ha wenigstens durch eine freundschaftliche, aufmerksame Behandlung
vergten msse, als wenn jenes gewaltsame Verkennen nunmehr nicht ohne ein
ausgesprochnes Anerkennen bleiben drfe.
    Von seiner Seite blieb alles in einem verstndigen, wnschenswerten Ma.
Sein Stand, seine Verhltnisse, sein Streben, sein Ehrgeiz beschftigten ihn so
reichlich, da er die Freundlichkeit der schnen Braut als eine dankenswerte
Zugabe mit Behaglichkeit aufnahm, ohne sie deshalb in irgendeinem Bezug auf sich
zu betrachten oder sie ihrem Brutigam zu mignnen, mit dem er brigens in den
besten Verhltnissen stand.
    Bei ihr hingegen sah es ganz anders aus. Sie schien sich wie aus einem Traum
erwacht. Der Kampf gegen ihren jungen Nachbar war die erste Leidenschaft
gewesen, und dieser heftige Kampf war doch nur, unter der Form des
Widerstrebens, eine heftige, gleichsam angeborne Neigung. Auch kam es ihr in der
Erinnerung nicht anders vor, als da sie ihn immer geliebt habe. Sie lchelte
ber jenes feindliche Suchen mit den Waffen in der Hand; sie wollte sich des
angenehmsten Gefhls erinnern, als er sie entwaffnete; sie bildete sich ein, die
grte Seligkeit empfunden zu haben, da er sie band, und alles, was sie zu
seinem Schaden und Verdru unternommen hatte, kam ihr nur als unschuldiges
Mittel vor, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie verwnschte jene
Trennung, sie bejammerte den Schlaf, in den sie verfallen, sie verfluchte die
schleppende, trumerische Gewohnheit, durch die ihr ein so unbedeutender
Brutigam hatte werden knnen; sie war verwandelt, doppelt verwandelt, vorwrts
und rckwrts, wie man es nehmen will.
    Htte jemand ihre Empfindungen, die sie ganz geheimhielt, entwickeln und mit
ihr teilen knnen, so wrde er sie nicht gescholten haben; denn freilich konnte
der Brutigam die Vergleichung mit dem Nachbar nicht aushalten, sobald man sie
nebeneinander sah. Wenn man dem einen ein gewisses Zutrauen nicht versagen
konnte, so erregte der andere das vollste Vertrauen; wenn man den einen gern zur
Gesellschaft mochte, so wnschte man sich den andern zum Gefhrten; und dachte
man gar an hhere Teilnahme, an auerordentliche Flle, so htte man wohl an dem
einen gezweifelt, wenn einem der andere vollkommene Gewiheit gab. Fr solche
Verhltnisse ist den Weibern ein besonderer Takt angeboren, und sie haben
Ursache sowie Gelegenheit, ihn auszubilden.
    Je mehr die schne Braut solche Gesinnungen bei sich ganz heimlich nhrte,
je weniger nur irgend jemand dasjenige auszusprechen im Fall war, was zugunsten
des Brutigams gelten konnte, was Verhltnisse, was Pflicht anzuraten und zu
gebieten, ja was eine unabnderliche Notwendigkeit unwiderruflich zu fordern
schien, desto mehr begnstigte das schne Herz seine Einseitigkeit; und indem
sie von der einen Seite durch Welt und Familie, Brutigam und eigne Zusage
unauflslich gebunden war, von der andern der emporstrebende Jngling gar kein
Geheimnis von seinen Gesinnungen, Planen und Aussichten machte, sich nur als ein
treuer und nicht einmal zrtlicher Bruder gegen sie bewies und nun gar von
seiner unmittelbaren Abreise die Rede war, so schien es, als ob ihr frher
kindischer Geist mit allen seinen Tcken und Gewaltsamkeiten wiedererwachte und
sich nun auf einer hheren Lebensstufe mit Unwillen rstete, bedeutender und
verderblicher zu wirken. Sie beschlo zu sterben, um den ehemals Gehaten und
nun so heftig Geliebten fr seine Unteilnahme zu strafen und sich, indem sie ihn
nicht besitzen sollte, wenigstens mit seiner Einbildungskraft, seiner Reue auf
ewig zu vermhlen. Er sollte ihr totes Bild nicht loswerden, er sollte nicht
aufhren, sich Vorwrfe zu machen, da er ihre Gesinnungen nicht erkannt, nicht
erforscht, nicht geschtzt habe.
    Dieser seltsame Wahnsinn begleitete sie berallhin. Sie verbarg ihn unter
allerlei Formen; und ob sie den Menschen gleich wunderlich vorkam, so war
niemand aufmerksam oder klug genug, die innere, wahre Ursache zu entdecken.
    Indessen hatten sich Freunde, Verwandte, Bekannte in Anordnungen von
mancherlei Festen erschpft. Kaum verging ein Tag, da nicht irgend etwas Neues
und Unerwartetes angestellt worden wre. Kaum war ein schner Platz der
Landschaft, den man nicht ausgeschmckt und zum Empfang vieler froher Gste
bereitet htte. Auch wollte unser junger Ankmmling noch vor seiner Abreise das
Seinige tun und lud das junge Paar mit einem engeren Familienkreise zu einer
Wasserlustfahrt. Man bestieg ein groes, schnes, wohlausgeschmcktes Schiff,
eine der Jachten, die einen kleinen Saal und einige Zimmer anbieten und auf das
Wasser die Bequemlichkeit des Landes berzutragen suchen.
    Man fuhr auf dem groen Strome mit Musik dahin; die Gesellschaft hatte sich
bei heier Tageszeit in den untern Rumen versammelt, um sich an Geistes- und
Glcksspielen zu ergtzen. Der junge Wirt, der niemals unttig bleiben konnte,
hatte sich ans Steuer gesetzt, den alten Schiffsmeister abzulsen, der an seiner
Seite eingeschlafen war; und eben brauchte der Wachende alle seine Vorsicht, da
er sich einer Stelle nahte, wo zwei Inseln das Flubette verengten und, indem
sie ihre flachen Kiesufer bald an der einen, bald an der andern Seite
hereinstreckten, ein gefhrliches Fahrwasser zubereiteten. Fast war der sorgsame
und scharfblickende Steurer in Versuchung, den Meister zu wecken, aber er
getraute sichs zu und fuhr gegen die Enge. In dem Augenblick erschien auf dem
Verdeck seine schne Feindin mit einem Blumenkranz in den Haaren. Sie nahm ihn
ab und warf ihn auf den Steuernden. Nimm dies zum Andenken! rief sie aus.
Stre mich nicht! rief er ihr entgegen, indem er den Kranz auffing; ich
bedarf aller meiner Krfte und meiner Aufmerksamkeit. - Ich stre dich nicht
weiter, rief sie; du siehst mich nicht wieder! Sie sprachs und eilte nach dem
Vorderteil des Schiffs, von da sie ins Wasser sprang. Einige Stimmen riefen:
Rettet! rettet! sie ertrinkt. Er war in der entsetzlichsten Verlegenheit. ber
dem Lrm erwacht der alte Schiffsmeister, will das Ruder ergreifen, der jngere
es ihm bergeben, aber es ist keine Zeit, die Herrschaft zu wechseln: das Schiff
strandet, und in eben dem Augenblick, die lstigsten Kleidungsstcke wegwerfend,
strzte er sich ins Wasser und schwamm der schnen Feindin nach.
    Das Wasser ist ein freundliches Element fr den, der damit bekannt ist und
es zu behandeln wei. Es trug ihn, und der geschickte Schwimmer beherrschte es.
Bald hatte er die vor ihm fortgerissene Schne erreicht; er fate sie, wute sie
zu heben und zu tragen; beide wurden vom Strom gewaltsam fortgerissen, bis sie
die Inseln, die Werder weit hinter sich hatten und der Flu wieder breit und
gemchlich zu flieen anfing. Nun erst ermannte, nun erholte er sich aus der
ersten zudringenden Not, in der er ohne Besinnung nur mechanisch gehandelt; er
blickte mit emporstrebendem Haupt umher und ruderte nach Vermgen einer flachen,
buschichten Stelle zu, die sich angenehm und gelegen in den Flu verlief. Dort
brachte er seine schne Beute aufs Trockne; aber kein Lebenshauch war in ihr zu
spren. Er war in Verzweiflung, als ihm ein betretener Pfad, der durchs Gebsch
lief, in die Augen leuchtete. Er belud sich aufs neue mit der teuren Last, er
erblickte bald eine einsame Wohnung und erreichte sie. Dort fand er gute Leute,
ein junges Ehepaar. Das Unglck, die Not sprach sich geschwind aus. Was er nach
einiger Besinnung forderte, ward geleistet. Ein lichtes Feuer brannte, wollne
Decken wurden ber ein Lager gebreitet, Pelze, Felle und was Erwrmendes
vorrtig war, schnell herbeigetragen. Hier berwand die Begierde zu retten jede
andre Betrachtung. Nichts ward versumt, den schnen, halbstarren, nackten
Krper wieder ins Leben zu rufen. Es gelang. Sie schlug die Augen auf, sie
erblickte den Freund, umschlang seinen Hals mit ihren himmlischen Armen. So
blieb sie lange; ein Trnenstrom strzte aus ihren Augen und vollendete ihre
Genesung. Willst du mich verlassen, rief sie aus, da ich dich so
wiederfinde? - Niemals, rief er, niemals! und wute nicht, was er sagte
noch was er tat. Nur schone dich, rief er hinzu, schone dich! denke an dich
um deinet- und meinetwillen.
    Sie dachte nun an sich und bemerkte jetzt erst den Zustand, in dem sie war.
Sie konnte sich vor ihrem Liebling, ihrem Retter nicht schmen; aber sie entlie
ihn gern, damit er fr sich sorgen mge; denn noch war, was ihn umgab, na und
triefend.
    Die jungen Eheleute beredeten sich; er bot dem Jngling und sie der Schnen
das Hochzeitskleid an, das noch vollstndig dahing, um ein Paar von Kopf zu Fu
und von innen heraus zu bekleiden. In kurzer Zeit waren die beiden Abenteurer
nicht nur angezogen, sondern geputzt. Sie sahen allerliebst aus, staunten
einander an, als sie zusammentraten, und fielen sich mit unmiger Leidenschaft,
und doch halb lchelnd ber die Vermummung, gewaltsam in die Arme. Die Kraft der
Jugend und die Regsamkeit der Liebe stellten sie in wenigen Augenblicken vllig
wieder her, und es fehlte nur die Musik, um sie zum Tanz aufzufordern.
    Sich vom Wasser zur Erde, vom Tode zum Leben, aus dem Familienkreise in eine
Wildnis, aus der Verzweiflung zum Entzcken, aus der Gleichgltigkeit zur
Neigung, zur Leidenschaft gefunden zu haben, alles in einem Augenblick - der
Kopf wre nicht hinreichend, das zu fassen; er wrde zerspringen oder sich
verwirren. Hiebei mu das Herz das Beste tun, wenn eine solche berraschung
ertragen werden soll.
    Ganz verloren eins ins andere, konnten sie erst nach einiger Zeit an die
Angst, an die Sorgen der Zurckgelassenen denken, und fast konnten sie selbst
nicht ohne Angst, ohne Sorge daran denken, wie sie jenen wiederbegegnen wollten.
Sollen wir fliehen? sollen wir uns verbergen? sagte der Jngling. Wir wollen
zusammenbleiben, sagte sie, indem sie an seinem Hals hing.
    Der Landmann, der von ihnen die Geschichte des gestrandeten Schiffs
vernommen hatte, eilte, ohne weiter zu fragen, nach dem Ufer. Das Fahrzeug kam
glcklich einhergeschwommen; es war mit vieler Mhe losgebracht worden. Man fuhr
aufs ungewisse fort, in Hoffnung, die Verlornen wiederzufinden. Als daher der
Landmann mit Rufen und Winken die Schiffenden aufmerksam machte, an eine Stelle
lief, wo ein vorteilhafter Landungsplatz sich zeigte, und mit Winken und Rufen
nicht aufhrte, wandte sich das Schiff nach dem Ufer, und welch ein Schauspiel
ward es, da sie landeten! Die Eltern der beiden Verlobten drngten sich zuerst
ans Ufer; den liebenden Brutigam hatte fast die Besinnung verlassen. Kaum
hatten sie vernommen, da die lieben Kinder gerettet seien, so traten diese in
ihrer sonderbaren Verkleidung aus dem Busch hervor. Man erkannte sie nicht eher,
als bis sie ganz herangetreten waren. Wen seh ich? riefen die Mtter. Was seh
ich? riefen die Vter. Die Geretteten warfen sich vor ihnen nieder. Eure
Kinder! riefen sie aus, ein Paar. - Verzeiht! rief das Mdchen. Gebt uns
Euren Segen! rief der Jngling. Gebt uns Euren Segen! riefen beide, da alle
Welt staunend verstummte. Euren Segen! ertnte es zum drittenmal, und wer
htte den versagen knnen!

                                Eilftes Kapitel


Der Erzhlende machte eine Pause oder hatte vielmehr schon geendigt, als er
bemerken mute, da Charlotte hchst bewegt sei; ja sie stand auf und verlie
mit einer stummen Entschuldigung das Zimmer; denn die Geschichte war ihr
bekannt. Diese Begebenheit hatte sich mit dem Hauptmann und einer Nachbarin
wirklich zugetragen, zwar nicht ganz wie sie der Englnder erzhlte, doch war
sie in den Hauptzgen nicht entstellt, nur im einzelnen mehr ausgebildet und
ausgeschmckt, wie es dergleichen Geschichten zu gehen pflegt, wenn sie erst
durch den Mund der Menge und sodann durch die Phantasie eines geist-und
geschmackreichen Erzhlers durchgehen. Es bleibt zuletzt meist alles und nichts,
wie es war.
    Ottilie folgte Charlotten, wie es die beiden Fremden selbst verlangten, und
nun kam der Lord an die Reihe zu bemerken, da vielleicht abermals ein Fehler
begangen, etwas dem Hause Bekanntes oder gar Verwandtes erzhlt worden. Wir
mssen uns hten, fuhr er fort, da wir nicht noch mehr bles stiften. Fr das
viele Gute und Angenehme, das wir hier genossen, scheinen wir den Bewohnerinnen
wenig Glck zu bringen; wir wollen uns auf eine schickliche Weise zu empfehlen
suchen.
    Ich mu gestehen, versetzte der Begleiter, da mich hier noch etwas
anderes festhlt, ohne dessen Aufklrung und nhere Kenntnis ich dieses Haus
nicht gern verlassen mchte. Sie waren gestern, Mylord, als wir mit der
tragbaren dunklen Kammer durch den Park zogen, viel zu beschftigt, sich einen
wahrhaft malerischen Standpunkt auszuwhlen, als da Sie htten bemerken sollen,
was nebenher vorging. Sie lenkten vom Hauptwege ab, um zu einem wenig besuchten
Platze am See zu gelangen, der Ihnen ein reizendes Gegenber anbot. Ottilie, die
uns begleitete, stand an zu folgen und bat, sich auf dem Kahne dorthin begeben
zu drfen. Ich setzte mich mit ihr ein und hatte meine Freude an der Gewandtheit
der schnen Schifferin. Ich versicherte ihr, da ich seit der Schweiz, wo auch
die reizendsten Mdchen die Stelle des Fhrmanns vertreten, nicht so angenehm
sei ber die Wellen geschaukelt worden, konnte mich aber nicht enthalten, sie zu
fragen, warum sie eigentlich abgelehnt, jenen Seitenweg zu machen; denn wirklich
war in ihrem Ausweichen eine Art von ngstlicher Verlegenheit. Wenn Sie mich
nicht auslachen wollen, versetzte sie freundlich, so kann ich Ihnen darber wohl
einige Auskunft geben, obgleich selbst fr mich dabei ein Geheimnis obwaltet.
Ich habe jenen Nebenweg niemals betreten, ohne da mich ein ganz eigener Schauer
berfallen htte, den ich sonst nirgends empfinde und den ich mir nicht zu
erklren wei. Ich vermeide daher lieber, mich einer solchen Empfindung
auszusetzen, um so mehr, als sich gleich darauf ein Kopfweh an der linken Seite
einstellt, woran ich sonst auch manchmal leide. Wir landeten, Ottilie unterhielt
sich mit Ihnen, und ich untersuchte indes die Stelle, die sie mir aus der Ferne
deutlich angegeben hatte. Aber wie gro war meine Verwunderung, als ich eine
sehr deutliche Spur von Steinkohlen entdeckte, die mich berzeugt, man wrde bei
so einigem Nachgraben vielleicht ein ergiebiges Lager in der Tiefe finden.
    Verzeihen Sie, Mylord, ich sehe Sie lcheln und wei recht gut, da Sie mir
eine leidenschaftliche Aufmerksamkeit auf diese Dinge, an die Sie keinen Glauben
haben, nur als weiser Mann und als Freund nachsehen; aber es ist mir unmglich,
von hier zu scheiden, ohne das schne Kind auch die Pendelschwingungen versuchen
zu lassen.
    Es konnte niemals fehlen, wenn die Sache zur Sprache kam, da der Lord nicht
seine Grnde dagegen abermals wiederholte, welche der Begleiter bescheiden und
geduldig aufnahm, aber doch zuletzt bei seiner Meinung, bei seinen Wnschen
verharrte. Auch er gab wiederholt zu erkennen, da man deswegen, weil solche
Versuche nicht jedermann gelngen, die Sache nicht aufgeben, ja vielmehr nur
desto ernsthafter und grndlicher untersuchen mte, da sich gewi noch manche
Bezge und Verwandtschaften unorganischer Wesen untereinander, organischer gegen
sie und abermals untereinander offenbaren wrden, die uns gegenwrtig verborgen
seien.
    Er hatte seinen Apparat von goldnen Ringen, Markasiten und andern
metallischen Substanzen, den er in einem schnen Kstchen immer bei sich fhrte,
schon ausgebreitet und lie nun Metalle, an Fden schwebend, ber liegende
Metalle zum Versuche nieder. Ich gnne Ihnen die Schadenfreude, Mylord, sagte
er dabei, die ich auf Ihrem Gesichte lese, da sich bei mir und fr mich nichts
bewegen will. Meine Operation ist aber auch nur ein Vorwand. Wenn die Damen
zurckkehren, sollen sie neugierig werden, was wir Wunderliches hier beginnen.
    Die Frauenzimmer kamen zurck. Charlotte verstand sogleich, was vorging.
Ich habe manches von diesen Dingen gehrt, sagte sie, aber niemals eine
Wirkung gesehen. Da Sie alles so hbsch bereit haben, lassen Sie mich versuchen,
ob es mir nicht auch anschlgt.
    Sie nahm den Faden in die Hand, und da es ihr Ernst war, hielt sie ihn stet
und ohne Gemtsbewegung; allein auch nicht das mindeste Schwanken war zu
bemerken. Darauf ward Ottilie veranlat. Sie hielt den Pendel noch ruhiger,
unbefangener, unbewuter ber die unterliegenden Metalle. Aber in dem
Augenblicke ward das Schwebende wie in einem entschiedenen Wirbel fortgerissen
und drehte sich, je nachdem man die Unterlage wechselte, bald nach der einen,
bald nach der andern Seite, jetzt in Kreisen, jetzt in Ellipsen, oder nahm
seinen Schwung in graden Linien, wie es der Begleiter nur erwarten konnte, ja
ber alle seine Erwartung.
    Der Lord selbst stutzte einigermaen, aber der andere konnte vor Lust und
Begierde gar nicht enden und bat immer um Wiederholung und Vermannigfaltigung
der Versuche. Ottilie war gefllig genug, sich in sein Verlangen zu finden, bis
sie ihn zuletzt freundlich ersuchte, er mge sie entlassen, weil ihr Kopfweh
sich wieder einstelle. Er, darber verwundert, ja entzckt, versicherte ihr mit
Enthusiasmus, da er sie von diesem bel vllig heilen wolle, wenn sie sich
seiner Kurart anvertraue. Man war einen Augenblick ungewi; Charlotte aber, die
geschwind begriff, wovon die Rede sei, lehnte den wohlgesinnten Antrag ab, weil
sie nicht gemeint war, in ihrer Umgebung etwas zuzulassen, wovor sie immerfort
eine starke Apprehension gefhlt hatte.
    Die Fremden hatten sich entfernt und, ungeachtet man von ihnen auf eine
sonderbare Weise berhrt worden war, doch den Wunsch zurckgelassen, da man sie
irgendwo wieder antreffen mchte. Charlotte benutzte nunmehr die schnen Tage,
um in der Nachbarschaft ihre Gegenbesuche zu enden, womit sie kaum fertig werden
konnte, indem sich die ganze Landschaft umher, einige wahrhaft teilnehmend,
andre blo der Gewohnheit wegen, bisher fleiig um sie bekmmert hatten. Zu
Hause belebte sie der Anblick des Kindes; es war gewi jeder Liebe, jeder
Sorgfalt wert. Man sah in ihm ein wunderbares, ja ein Wunderkind, hchst
erfreulich dem Anblick, an Gre, Ebenma, Strke und Gesundheit; und was noch
mehr in Verwunderung setzte, war jene doppelte hnlichkeit, die sich immer mehr
entwickelte. Den Gesichtszgen und der ganzen Form nach glich das Kind immer
mehr dem Hauptmann, die Augen lieen sich immer weniger von Ottiliens Augen
unterscheiden.
    Durch diese sonderbare Verwandtschaft und vielleicht noch mehr durch das
schne Gefhl der Frauen geleitet, welche das Kind eines geliebten Mannes, auch
von einer andern, mit zrtlicher Neigung umfangen, ward Ottilie dem
heranwachsenden Geschpf soviel als eine Mutter oder vielmehr eine andre Art von
Mutter. Entfernte sich Charlotte, so blieb Ottilie mit dem Kinde und der
Wrterin allein. Nanny hatte sich seit einiger Zeit, eiferschtig auf den
Knaben, dem ihre Herrin alle Neigung zuzuwenden schien, trotzig von ihr entfernt
und war zu ihren Eltern zurckgekehrt. Ottilie fuhr fort, das Kind in die freie
Luft zu tragen, und gewhnte sich an immer weitere Spaziergnge. Sie hatte das
Milchflschchen bei sich, um dem Kinde, wenn es ntig, seine Nahrung zu reichen.
Selten unterlie sie dabei, ein Buch mitzunehmen, und so bildete sie, das Kind
auf dem Arm, lesend und wandelnd, eine gar anmutige Penserosa.

                                Zwlftes Kapitel


Der Hauptzweck des Feldzugs war erreicht und Eduard, mit Ehrenzeichen
geschmckt, rhmlich entlassen. Er begab sich sogleich wieder auf jenes kleine
Gut, wo er genaue Nachrichten von den Seinigen fand, die er, ohne da sie es
bemerkten und wuten, scharf hatte beobachten lassen. Sein stiller Aufenthalt
blickte ihm aufs freundlichste entgegen; denn man hatte indessen nach seiner
Anordnung manches eingerichtet, gebessert und gefrdert, so da die Anlagen und
Umgebungen, was ihnen an Weite und Breite fehlte, durch das Innere und zunchst
Geniebare ersetzten.
    Eduard, durch einen raschen Lebensgang an entschiedenere Schritte gewhnt,
nahm sich nunmehr vor, dasjenige auszufhren, was er lange genug zu berdenken
Zeit gehabt hatte. Vor allen Dingen berief er den Major. Die Freude des
Wiedersehens war gro. Jugendfreundschaften wie Blutsverwandtschaften haben den
bedeutenden Vorteil, da ihnen Irrungen und Miverstndnisse, von welcher Art
sie auch seien, niemals von Grund aus schaden und die alten Verhltnisse sich
nach einiger Zeit wiederherstellen.
    Zum frohen Empfang erkundigte sich Eduard nach dem Zustande des Freundes und
vernahm, wie vollkommen nach seinen Wnschen ihn das Glck begnstigt habe. Halb
scherzend vertraulich fragte Eduard sodann, ob nicht auch eine schne Verbindung
im Werke sei. Der Freund verneinte es mit bedeutendem Ernst.
    Ich kann und darf nicht hinterhaltig sein, fuhr Eduard fort; ich mu dir
meine Gesinnungen und Vorstze sogleich entdecken. Du kennst meine Leidenschaft
fr Ottilien und hast lngst begriffen, da sie es ist, die mich in diesen
Feldzug gestrzt hat. Ich leugne nicht, da ich gewnscht hatte, ein Leben
loszuwerden, das mir ohne sie nichts weiter ntze war; allein zugleich mu ich
dir gestehen, da ich es nicht ber mich gewinnen konnte, vollkommen zu
verzweifeln. Das Glck mit ihr war so schn, so wnschenswert, da es mir
unmglich blieb, vllig Verzicht darauf zu tun. So manche trstliche Ahnung, so
manches heitere Zeichen hatte mich in dem Glauben, in dem Wahn bestrkt, Ottilie
knne die Meine werden. Ein Glas mit unserm Namenszug bezeichnet, bei der
Grundsteinlegung in die Lfte geworfen, ging nicht zu Trmmern; es ward
aufgefangen und ist wieder in meinen Hnden. So will ich mich denn selbst, rief
ich mir zu, als ich an diesem einsamen Orte soviel zweifelhafte Stunden verlebt
hatte, mich selbst will ich an die Stelle des Glases zum Zeichen machen, ob
unsre Verbindung mglich sei oder nicht. Ich gehe hin und suche den Tod, nicht
als ein Rasender, sondern als einer, der zu leben hofft. Ottilie soll der Preis
sein, um den ich kmpfe; sie soll es sein, die ich hinter jeder feindlichen
Schlachtordnung, in jeder Verschanzung, in jeder belagerten Festung zu gewinnen,
zu erobern hoffe. Ich will Wunder tun mit dem Wunsche, verschont zu bleiben, im
Sinne, Ottilien zu gewinnen, nicht sie zu verlieren. Diese Gefhle haben mich
geleitet, sie haben mir durch alle Gefahren beigestanden; aber nun finde ich
mich auch wie einen, der zu seinem Ziele gelangt ist, der alle Hindernisse
berwunden hat, dem nun nichts mehr im Wege steht. Ottilie ist mein, und was
noch zwischen diesem Gedanken und der Ausfhrung liegt, kann ich nur fr nichts
bedeutend ansehen.
    Du lschest, versetzte der Major, mit wenig Zgen alles aus, was man dir
entgegensetzen knnte und sollte; und doch mu es wiederholt werden. Das
Verhltnis zu deiner Frau in seinem ganzen Werte dir zurckzurufen, berlasse
ich dir selbst; aber du bist es ihr, du bist es dir schuldig, dich hierber
nicht zu verdunkeln. Wie kann ich aber nur gedenken, da euch ein Sohn gegeben
ist, ohne zugleich auszusprechen, da ihr einander auf immer angehrt, da ihr
um dieses Wesens willen schuldig seid, vereint zu leben, damit ihr vereint fr
seine Erziehung und fr sein knftiges Wohl sorgen mget.
    Es ist blo ein Dnkel der Eltern, versetzte Eduard, wenn sie sich
einbilden, da ihr Dasein fr die Kinder so ntig sei. Alles, was lebt, findet
Nahrung und Beihlfe; und wenn der Sohn nach dem frhen Tode des Vaters keine
bequeme, so begnstigte Jugend hat, so gewinnt er vielleicht ebendeswegen an
schnellerer Bildung fr die Welt, durch zeitiges Anerkennen, da er sich in
andere schicken mu, was wir denn doch frher oder spter alle lernen mssen.
Und hievon ist ja die Rede gar nicht: wir sind reich genug, um mehrere Kinder zu
versorgen, und es ist keineswegs Pflicht noch Wohltat, auf Ein Haupt so viele
Gter zu hufen.
    Als der Major mit einigen Zgen Charlottens Wert und Eduards lange
bestandenes Verhltnis zu ihr anzudeuten gedachte, fiel ihm Eduard hastig in die
Rede: Wir haben eine Torheit begangen, die ich nur allzuwohl einsehe. Wer in
einem gewissen Alter frhere Jugendwnsche und Hoffnungen realisieren will,
betriegt sich immer; denn jedes Jahrzehnt des Menschen hat sein eigenes Glck,
seine eigenen Hoffnungen und Aussichten. Wehe dem Menschen, der vorwrts oder
rckwrts zu greifen durch Umstnde oder durch Wahn veranlat wird! Wir haben
eine Torheit begangen; soll sie es denn frs ganze Leben sein? Sollen wir uns
aus irgendeiner Art von Bedenklichkeit dasjenige versagen, was uns die Sitten
der Zeit nicht absprechen? In wie vielen Dingen nimmt der Mensch seinen Vorsatz,
seine Tat zurck, und hier gerade sollte es nicht geschehen, wo vom Ganzen und
nicht vom Einzelnen, wo nicht von dieser oder jener Bedingung des Lebens, wo vom
ganzen Komplex des Lebens die Rede ist!
    Der Major verfehlte nicht, auf eine ebenso geschickte als nachdrckliche
Weise Eduarden die verschiedenen Bezge zu seiner Gemahlin, zu den Familien, zu
der Welt, zu seinen Besitzungen vorzustellen; aber es gelang ihm nicht,
irgendeine Teilnahme zu erregen.
    Alles dieses, mein Freund, erwiderte Eduard, ist mir vor der Seele
vorbeigegangen, mitten im Gewhl der Schlacht, wenn die Erde vom anhaltenden
Donner bebte, wenn die Kugeln sausten und pfiffen, rechts und links die
Gefhrten niederfielen, mein Pferd getroffen, mein Hut durchlchert ward; es hat
mir vorgeschwebt beim stillen nchtlichen Feuer unter dem gestirnten Gewlbe des
Himmels. Dann traten mir alle meine Verbindungen vor die Seele; ich habe sie
durchgedacht, durchgefhlt; ich habe mir zugeeignet, ich habe mich abgefunden,
zu wiederholten Malen, und nun fr immer.
    In solchen Augenblicken, wie kann ich dirs verschweigen, warst auch du mir
gegenwrtig, auch du gehrtest in meinen Kreis; und gehren wir denn nicht schon
lange zueinander? Wenn ich dir etwas schuldig geworden, so komme ich jetzt in
den Fall, dir es mit Zinsen abzutragen; wenn du mir je etwas schuldig geworden,
so siehst du dich nun imstande mir es zu vergelten. Ich wei, du liebst
Charlotten, und sie verdient es; ich wei, du bist ihr nicht gleichgltig, und
warum sollte sie deinen Wert nicht erkennen! Nimm sie von meiner Hand, fhre mir
Ottilien zu! und wir sind die glcklichsten Menschen auf der Erde.
    Eben weil du mich mit so hohen Gaben bestechen willst, versetzte der
Major, mu ich desto vorsichtiger, desto strenger sein. Anstatt da dieser
Vorschlag, den ich still verehre, die Sache erleichtern mchte, erschwert er sie
vielmehr. Es ist, wie von dir, nun auch von mir die Rede, und so wie von dem
Schicksal, so auch von dem guten Namen, von der Ehre zweier Mnner, die, bis
jetzt unbescholten, durch diese wunderliche Handlung, wenn wir sie auch nicht
anders nennen wollen, in Gefahr kommen, vor der Welt in einem hchst seltsamen
Lichte zu erscheinen.
    Eben da wir unbescholten sind, versetzte Eduard, gibt uns das Recht, uns
auch einmal schelten zu lassen. Wer sich sein ganzes Leben als einen
zuverlssigen Mann bewiesen, der macht eine Handlung zuverlssig, die bei andern
zweideutig erscheinen wrde. Was mich betrifft, ich fhle mich durch die letzten
Prfungen, die ich mir auferlegt, durch die schwierigen, gefahrvollen Taten, die
ich fr andere getan, berechtigt, auch etwas fr mich zu tun. Was dich und
Charlotten betrifft, so sei es der Zukunft anheimgegeben; mich aber wirst du,
wird niemand von meinem Vorsatze zurckhalten. Will man mir die Hand bieten, so
bin ich auch wieder zu allem erbtig; will man mich mir selbst berlassen oder
mir wohl gar entgegen sein, so mu ein Extrem entstehen, es werde auch, wie es
wolle.
    Der Major hielt es fr seine Pflicht, dem Vorsatz Eduards solange als
mglich Widerstand zu leisten, und er bediente sich nun gegen seinen Freund
einer klugen Wendung, indem er nachzugeben schien und nur die Form, den
Geschftsgang zur Sprache brachte, durch welchen man diese Trennung, diese
Verbindungen erreichen sollte. Da trat denn so manches Unerfreuliche,
Beschwerliche, Unschickliche hervor, da sich Eduard in die schlimmste Laune
versetzt fhlte.
    Ich sehe wohl, rief dieser endlich, nicht allein von Feinden, sondern
auch von Freunden mu, was man wnscht, erstrmt werden. Das, was ich will, was
mir unentbehrlich ist, halte ich fest im Auge; ich werde es ergreifen und gewi
bald und behende. Dergleichen Verhltnisse, wei ich wohl, heben sich nicht auf
und bilden sich nicht, ohne da manches falle, was steht, ohne da manches
weiche, was zu beharren Lust hat. Durch berlegung wird so etwas nicht geendet;
vor dem Verstande sind alle Rechte gleich, und auf die steigende Waagschale lt
sich immer wieder ein Gegengewicht legen. Entschliee dich also, mein Freund,
fr mich, fr dich zu handeln, fr mich, fr dich diese Zustnde zu entwirren,
aufzulsen, zu verknpfen! La dich durch keine Betrachtungen abhalten; wir
haben die Welt ohnehin schon von uns reden machen; sie wird noch einmal von uns
reden, uns sodann, wie alles brige, was aufhrt neu zu sein, vergessen und uns
gewhren lassen, wie wir knnen, ohne weitern Teil an uns zu nehmen.
    Der Major hatte keinen andern Ausweg und mute endlich zugeben, da Eduard
ein fr allemal die Sache als etwas Bekanntes und Vorausgesetztes behandelte,
da er, wie alles anzustellen sei, im einzelnen durchsprach und sich ber die
Zukunft auf das heiterste, sogar in Scherzen erging.
    Dann wieder ernsthaft und nachdenklich fuhr er fort: Wollten wir uns der
Hoffnung, der Erwartung berlassen, da alles sich von selbst wieder finden, da
der Zufall uns leiten und begnstigen solle, so wre dies ein strflicher
Selbstbetrug. Auf diese Weise knnen wir uns unmglich retten, unsre allseitige
Ruhe nicht wiederherstellen; und wie sollte ich mich trsten knnen, da ich
unschuldig die Schuld an allem bin! Durch meine Zudringlichkeit habe ich
Charlotten vermocht, dich ins Haus zu nehmen, und auch Ottilie ist nur in Gefolg
von dieser Vernderung bei uns eingetreten. Wir sind nicht mehr Herr ber das,
was daraus entsprungen ist, aber wir sind Herr, es unschdlich zu machen, die
Verhltnisse zu unserm Glcke zu leiten. Magst du die Augen von den schnen und
freundlichen Aussichten abwenden, die ich uns erffne, magst du mir, magst du
uns allen ein trauriges Entsagen gebieten, insofern du dirs mglich denkst,
insofern es mglich wre: ist denn nicht auch alsdann, wenn wir uns vornehmen,
in die alten Zustnde zurckzukehren, manches Unschickliche, Unbequeme,
Verdrieliche zu bertragen, ohne da irgend etwas Gutes, etwas Heiteres daraus
entsprnge? Wrde der glckliche Zustand, in dem du dich befindest, dir wohl
Freude machen, wenn du gehindert wrst, mich zu besuchen, mit mir zu leben? Und
nach dem, was vorgegangen ist, wrde es doch immer peinlich sein. Charlotte und
ich wrden mit allem unserm Vermgen uns nur in einer traurigen Lage befinden.
Und wenn du mit andern Weltmenschen glauben magst, da Jahre, da Entfernung
solche Empfindungen abstumpfen, so tief eingegrabene Zge auslschen, so ist ja
eben von diesen Jahren die Rede, die man nicht in Schmerz und Entbehren, sondern
in Freude und Behagen zubringen will. Und nun zuletzt noch das Wichtigste
auszusprechen: wenn wir auch unserm uern und innern Zustande nach das
allenfalls abwarten knnten, was soll aus Ottilien werden, die unser Haus
verlassen, in der Gesellschaft unserer Vorsorge entbehren und sich in der
verruchten, kalten Welt jmmerlich herumdrcken mte! Male mir einen Zustand,
worin Ottilie ohne mich, ohne uns glcklich sein knnte, dann sollst du ein
Argument ausgesprochen haben, das strker ist als jedes andre, das ich, wenn
ichs auch nicht zugeben, mich ihm nicht ergeben kann, dennoch recht gern aufs
neue in Betrachtung und berlegung ziehen will.
    Diese Aufgabe war so leicht nicht zu lsen, wenigstens fiel dem Freunde
hierauf keine hinlngliche Antwort ein, und es blieb ihm nichts brig, als
wiederholt einzuschrfen, wie wichtig, wie bedenklich und in manchem Sinne
gefhrlich das ganze Unternehmen sei, und da man wenigstens, wie es anzugreifen
wre, auf das ernstlichste zu bedenken habe. Eduard lie sichs gefallen, doch
nur unter der Bedingung, da ihn der Freund nicht eher verlassen wolle, als bis
sie ber die Sache vllig einig geworden und die ersten Schritte getan seien.

                              Dreizehntes Kapitel


Vllig fremde und gegeneinander gleichgltige Menschen, wenn sie eine Zeitlang
zusammenleben, kehren ihr Inneres wechselseitig heraus, und es mu eine gewisse
Vertraulichkeit entstehen. Um so mehr lt sich erwarten, da unsern beiden
Freunden, indem sie wieder nebeneinander wohnten, tglich und stndlich zusammen
umgingen, gegenseitig nichts verborgen blieb. Sie wiederholten das Andenken
ihrer frheren Zustnde, und der Major verhehlte nicht, da Charlotte Eduarden,
als er von Reisen zurckgekommen, Ottilien zugedacht, da sie ihm das schne
Kind in der Folge zu vermhlen gemeint habe. Eduard, bis zur Verwirrung entzckt
ber diese Entdeckung, sprach ohne Rckhalt von der gegenseitigen Neigung
Charlottens und des Majors, die er, weil es ihm gerade bequem und gnstig war,
mit lebhaften Farben ausmalte.
    Ganz leugnen konnte der Major nicht und nicht ganz eingestehen; aber Eduard
befestigte, bestimmte sich nur mehr. Er dachte sich alles nicht als mglich,
sondern als schon geschehen. Alle Teile brauchten nur in das zu willigen, was
sie wnschten; eine Scheidung war gewi zu erlangen; eine baldige Verbindung
sollte folgen, und Eduard wollte mit Ottilien reisen.
    Unter allem, was die Einbildungskraft sich Angenehmes ausmalt, ist
vielleicht nichts Reizenderes, als wenn Liebende, wenn junge Gatten ihr neues,
frisches Verhltnis in einer neuen, frischen Welt zu genieen und einen
dauernden Bund an soviel wechselnden Zustnden zu prfen und zu besttigen
hoffen. Der Major und Charlotte sollten unterdessen unbeschrnkte Vollmacht
haben, alles, was sich auf Besitz, Vermgen und die irdischen wnschenswerten
Einrichtungen bezieht, dergestalt zu ordnen und nach Recht und Billigkeit
einzuleiten, da alle Teile zufrieden sein knnten. Worauf jedoch Eduard am
allermeisten zu fuen, wovon er sich den grten Vorteil zu versprechen schien,
war dies: Da das Kind bei der Mutter bleiben sollte, so wrde der Major den
Knaben erziehen, ihn nach seinen Einsichten leiten, seine Fhigkeiten entwickeln
knnen. Nicht umsonst hatte man ihm dann in der Taufe ihren beiderseitigen Namen
Otto gegeben.
    Das alles war bei Eduarden so fertig geworden, da er keinen Tag lnger
anstehen mochte, der Ausfhrung nherzutreten. Sie gelangten auf ihrem Wege nach
dem Gute zu einer kleinen Stadt, in der Eduard ein Haus besa, wo er verweilen
und die Rckkunft des Majors abwarten wollte. Doch konnte er sich nicht
berwinden, daselbst sogleich abzusteigen, und begleitete den Freund noch durch
den Ort. Sie waren beide zu Pferde, und in bedeutendem Gesprch verwickelt
ritten sie zusammen weiter.
    Auf einmal erblickten sie in der Ferne das neue Haus auf der Hhe, dessen
rote Ziegeln sie zum erstenmal blinken sahen. Eduarden ergreift eine
unwiderstehliche Sehnsucht; es soll noch diesen Abend alles abgetan sein. In
einem ganz nahen Dorfe will er sich verborgen halten; der Major soll die Sache
Charlotten dringend vorstellen, ihre Vorsicht berraschen und durch den
unerwarteten Antrag sie zu freier Erffnung ihrer Gesinnung ntigen. Denn
Eduard, der seine Wnsche auf sie bergetragen hatte, glaubte nicht anders, als
da er ihren entschiedenen Wnschen entgegenkomme, und hoffte eine so schnelle
Einwilligung von ihr, weil er keinen andern Willen haben konnte.
    Er sah den glcklichen Ausgang freudig vor Augen, und damit dieser dem
Lauernden schnell verkndigt wrde, sollten einige Kanonenschlge losgebrannt
werden und, wre es Nacht geworden, einige Raketen steigen.
    Der Major ritt nach dem Schlosse zu. Er fand Charlotten nicht, sondern
erfuhr vielmehr, da sie gegenwrtig oben auf dem neuen Gebude wohne, jetzt
aber einen Besuch in der Nachbarschaft ablege, von welchem sie heute
wahrscheinlich nicht so bald nach Hause komme. Er ging in das Wirtshaus zurck,
wohin er sein Pferd gestellt hatte.
    Eduard indessen, von unberwindlicher Ungeduld getrieben, schlich aus seinem
Hinterhalte durch einsame Pfade, nur Jgern und Fischern bekannt, nach seinem
Park und fand sich gegen Abend im Gebsch in der Nachbarschaft des Sees, dessen
Spiegel er zum erstenmal vollkommen und rein erblickte.
    Ottilie hatte diesen Nachmittag einen Spaziergang an den See gemacht. Sie
trug das Kind und las im Gehen nach ihrer Gewohnheit. So gelangte sie zu den
Eichen bei der berfahrt. Der Knabe war eingeschlafen; sie setzte sich, legte
ihn neben sich nieder und fuhr fort zu lesen. Das Buch war eins von denen, die
ein zartes Gemt an sich ziehen und nicht wieder loslassen. Sie verga Zeit und
Stunde und dachte nicht, da sie zu Lande noch einen weiten Rckweg nach dem
neuen Gebude habe; aber sie sa versenkt in ihr Buch, in sich selbst, so
liebenswrdig anzusehen, da die Bume, die Struche ringsumher htten belebt,
mit Augen begabt sein sollen, um sie zu bewundern und sich an ihr zu erfreuen.
Und eben fiel ein rtliches Streiflicht der sinkenden Sonne hinter ihr her und
vergoldete Wange und Schulter.
    Eduard, dem es bisher gelungen war, unbemerkt so weit vorzudringen, der
seinen Park leer, die Gegend einsam fand, wagte sich immer weiter. Endlich
bricht er durch das Gebsch bei den Eichen, er sieht Ottilien, sie ihn; er
fliegt auf sie zu und liegt zu ihren Fen. Nach einer langen, stummen Pause, in
der sich beide zu fassen suchen, erklrt er ihr mit wenig Worten, warum und wie
er hieher gekommen. Er habe den Major an Charlotten abgesendet, ihr gemeinsames
Schicksal werde vielleicht in diesem Augenblick entschieden. Nie habe er an
ihrer Liebe gezweifelt, sie gewi auch nie an der seinigen. Er bitte sie um ihre
Einwilligung. Sie zauderte, er beschwur sie; er wollte seine alten Rechte
geltend machen und sie in seine Arme schlieen, sie deutete auf das Kind hin.
    Eduard erblickt es und staunt. Groer Gott! ruft er aus, wenn ich Ursache
htte, an meiner Frau, an meinem Freunde zu zweifeln, so wrde diese Gestalt
frchterlich gegen sie zeugen. Ist dies nicht die Bildung des Majors? Solch ein
Gleichen habe ich nie gesehen.
    Nicht doch! versetzte Ottilie; alle Welt sagt, es gleiche mir. - Wr es
mglich? versetzte Eduard, und in dem Augenblick schlug das Kind die Augen auf,
zwei groe, schwarze, durchdringende Augen, tief und freundlich. Der Knabe sah
die Welt schon so verstndig an; er schien die beiden zu kennen, die vor ihm
standen. Eduard warf sich bei dem Kinde nieder, er kniete zweimal vor Ottilien.
Du bists! rief er aus, deine Augen sinds. Ach! aber la mich nur in die
deinigen schaun. La mich einen Schleier werfen ber jene unselige Stunde, die
diesem Wesen das Dasein gab. Soll ich deine reine Seele mit dem unglcklichen
Gedanken erschrecken, da Mann und Frau entfremdet sich einander ans Herz
drcken und einen gesetzlichen Bund durch lebhafte Wnsche entheiligen knnen?
Oder ja, da wir einmal so weit sind, da mein Verhltnis zu Charlotten getrennt
werden mu, da du die Meinige sein wirst, warum soll ich es nicht sagen? Warum
soll ich das harte Wort nicht aussprechen: dies Kind ist aus einem doppelten
Ehbruch erzeugt! es trennt mich von meiner Gattin und meine Gattin von mir, wie
es uns htte verbinden sollen. Mag es denn gegen mich zeugen, mgen diese
herrlichen Augen den deinigen sagen, da ich in den Armen einer andern dir
gehrte; mgest du fhlen, Ottilie, recht fhlen, da ich jenen Fehler, jenes
Verbrechen nur in deinen Armen abben kann!
    Horch! rief er aus, indem er aufsprang und einen Schu zu hren glaubte,
als das Zeichen, das der Major geben sollte. Es war ein Jger, der im
benachbarten Gebirg geschossen hatte. Es erfolgte nichts weiter; Eduard war
ungeduldig.
    Nun erst sah Ottilie, da die Sonne sich hinter die Berge gesenkt hatte.
Noch zuletzt blinkte sie von den Fenstern des obern Gebudes zurck. Entferne
dich, Eduard! rief Ottilie. So lange haben wir entbehrt, so lange geduldet.
Bedenke, was wir beide Charlotten schuldig sind. Sie mu unser Schicksal
entscheiden, la uns ihr nicht vorgreifen. Ich bin die Deine, wenn sie es
vergnnt; wo nicht, so mu ich dir entsagen. Da du die Entscheidung so nah
glaubst, so la uns erwarten. Geh in das Dorf zurck, wo der Major dich
vermutet. Wie manches kann vorkommen, das eine Erklrung fordert. Ist es
wahrscheinlich, da ein roher Kanonenschlag dir den Erfolg seiner
Unterhandlungen verknde? Vielleicht sucht er dich auf in diesem Augenblick. Er
hat Charlotten nicht getroffen, das wei ich; er kann ihr entgegengegangen sein,
denn man wute, wo sie hin war. Wie vielerlei Flle sind mglich! La mich!
Jetzt mu sie kommen. Sie erwartet mich mit dem Kinde dort oben.
    Ottilie sprach in Hast. Sie rief sich alle Mglichkeiten zusammen. Sie war
glcklich in Eduards Nhe und fhlte, da sie ihn jetzt entfernen msse. Ich
bitte, ich beschwre dich, Geliebter! rief sie aus, kehre zurck und erwarte
den Major! - Ich gehorche deinen Befehlen, rief Eduard, indem er sie erst
leidenschaftlich anblickte und sie dann fest in seine Arme schlo. Sie umschlang
ihn mit den ihrigen und drckte ihn auf das zrtlichste an ihre Brust. Die
Hoffnung fuhr wie ein Stern, der vom Himmel fllt, ber ihre Hupter weg. Sie
whnten, sie glaubten einander anzugehren; sie wechselten zum erstenmal
entschiedene, freie Ksse und trennten sich gewaltsam und schmerzlich.
    Die Sonne war untergegangen, und es dmmerte schon und duftete feucht um den
See. Ottilie stand verwirrt und bewegt; sie sah nach dem Berghause hinber und
glaubte Charlottens weies Kleid auf dem Altan zu sehen. Der Umweg war gro am
See hin; sie kannte Charlottens ungeduldiges Harren nach dem Kinde. Die Platanen
sieht sie gegen sich ber, nur ein Wasserraum trennt sie von dem Pfade, der
sogleich zu dem Gebude hinauffhrt. Mit Gedanken ist sie schon drben wie mit
den Augen. Die Bedenklichkeit, mit dem Kinde sich aufs Wasser zu wagen,
verschwindet in diesem Drange. Sie eilt nach dem Kahn, sie fhlt nicht, da ihr
Herz pocht, da ihre Fe schwanken, da ihr die Sinne zu vergehen drohn.
    Sie springt in den Kahn, ergreift das Ruder und stt ab. Sie mu Gewalt
brauchen, sie wiederholt den Sto, der Kahn schwankt und gleitet eine Strecke
seewrts. Auf dem linken Arme das Kind, in der linken Hand das Buch, in der
rechten das Ruder, schwankt auch sie und fllt in den Kahn. Das Ruder entfhrt
ihr nach der einen Seite und, wie sie sich erhalten will, Kind und Buch nach der
andern, alles ins Wasser. Sie ergreift noch des Kindes Gewand; aber ihre
unbequeme Lage hindert sie selbst am Aufstehen. Die freie rechte Hand ist nicht
hinreichend sich umzuwenden, sich aufzurichten; endlich gelingts, sie zieht das
Kind aus dem Wasser, aber seine Augen sind geschlossen, es hat aufgehrt zu
atmen.
    In dem Augenblicke kehrt ihre ganze Besonnenheit zurck, aber um desto
grer ist ihr Schmerz. Der Kahn treibt fast in der Mitte des Sees, das Ruder
schwimmt fern, sie erblickt niemanden am Ufer, und auch was htte es ihr
geholfen, jemanden zu sehen! Von allem abgesondert, schwebt sie auf dem
treulosen, unzugnglichen Elemente.
    Sie sucht Hlfe bei sich selbst. So oft hatte sie von Rettung der
Ertrunkenen gehrt. Noch am Abend ihres Geburtstags hatte sie es erlebt. Sie
entkleidet das Kind und trocknets mit ihrem Musselingewand. Sie reit ihren
Busen auf und zeigt ihn zum erstenmal dem freien Himmel; zum erstenmal drckt
sie ein Lebendiges an ihre reine nackte Brust, ach! und kein Lebendiges. Die
kalten Glieder des unglcklichen Geschpfs verklten ihren Busen bis ins
innerste Herz. Unendliche Trnen entquellen ihren Augen und erteilen der
Oberflche des Erstarrten einen Schein von Wrme und Leben. Sie lt nicht nach,
sie berhllt es mit ihrem Schal, und durch Streicheln, Andrcken, Anhauchen,
Kssen, Trnen glaubt sie jene Hlfsmittel zu ersetzen, die ihr in dieser
Abgeschnittenheit versagt sind.
    Alles vergebens! Ohne Bewegung liegt das Kind in ihren Armen, ohne Bewegung
steht der Kahn auf der Wasserflche; aber auch hier lt ihr schnes Gemt sie
nicht hlflos. Sie wendet sich nach oben. Knieend sinkt sie in dem Kahne nieder
und hebt das erstarrte Kind mit beiden Armen ber ihre unschuldige Brust, die an
Weie und leider auch an Klte dem Marmor gleicht. Mit feuchtem Blick sieht sie
empor und ruft Hlfe von daher, wo ein zartes Herz die grte Flle zu finden
hofft, wenn es berall mangelt.
    Auch wendet sie sich nicht vergebens zu den Sternen, die schon einzeln
hervorzublinken anfangen. Ein sanfter Wind erhebt sich und treibt den Kahn nach
den Platanen.

                              Vierzehntes Kapitel


Sie eilt nach dem neuen Gebude, sie ruft den Chirurgus hervor, sie bergibt ihm
das Kind. Der auf alles gefate Mann behandelt den zarten Leichnam stufenweise
nach gewohnter Art. Ottilie steht ihm in allem bei; sie schafft, sie bringt, sie
sorgt, zwar wie in einer andern Welt wandelnd, denn das hchste Unglck wie das
hchste Glck verndert die Ansicht aller Gegenstnde; und nur, als nach allen
durch gegangenen Versuchen der wackere Mann den Kopf schttelt, auf ihre
hoffnungsvollen Fragen erst schweigend, dann mit einem leisen Nein antwortet,
verlt sie das Schlafzimmer Charlottens, worin dies alles geschehen, und kaum
hat sie das Wohnzimmer betreten, so fllt sie, ohne den Sofa erreichen zu
knnen, erschpft aufs Angesicht ber den Teppich hin.
    Eben hrt man Charlotten vorfahren. Der Chirurg bittet die Umstehenden
dringend, zurckzubleiben, er will ihr entgegnen, sie vorbereiten; aber schon
betritt sie ihr Zimmer. Sie findet Ottilien an der Erde, und ein Mdchen des
Hauses strzt ihr mit Geschrei und Weinen entgegen. Der Chirurg tritt herein,
und sie erfhrt alles auf einmal. Wie sollte sie aber jede Hoffnung mit einmal
aufgeben! Der erfahrne, kunstreiche, kluge Mann bittet sie nur, das Kind nicht
zu sehen; er entfernt sich, sie mit neuen Anstalten zu tuschen. Sie hat sich
auf ihren Sofa gesetzt, Ottilie liegt noch an der Erde, aber an der Freundin
Kniee herangehoben, ber die ihr schnes Haupt hingesenkt ist. Der rztliche
Freund geht ab und zu; er scheint sich um das Kind zu bemhen, er bemht sich um
die Frauen. So kommt die Mitternacht herbei, die Totenstille wird immer tiefer.
Charlotte verbirgt sichs nicht mehr, da das Kind nie wieder ins Leben
zurckkehre; sie verlangt es zu sehen. Man hat es in warme wollne Tcher
reinlich eingehllt, in einen Korb gelegt, den man neben sie auf den Sofa setzt;
nur das Gesichtchen ist frei; ruhig und schn liegt es da.
    Von dem Unfall war das Dorf bald erregt worden und die Kunde sogleich bis
nach dem Gasthof erschollen. Der Major hatte sich die bekannten Wege
hinaufbegeben; er ging um das Haus herum, und indem er einen Bedienten anhielt,
der in dem Angebude etwas zu holen lief, verschaffte er sich nhere Nachricht
und lie den Chirurgen herausrufen. Dieser kam, erstaunt ber die Erscheinung
seines alten Gnners, berichtete ihm die gegenwrtige Lage und bernahm es,
Charlotten auf seinen Anblick vorzubereiten. Er ging hinein, fing ein
ableitendes Gesprch an und fhrte die Einbildungskraft von einem Gegenstand auf
den andern, bis er endlich den Freund Charlotten vergegenwrtigte, dessen
gewisse Teilnahme, dessen Nhe dem Geiste, der Gesinnung nach, die er denn bald
in eine wirkliche bergehen lie. Genug, sie erfuhr, der Freund stehe vor der
Tr, er wisse alles und wnsche eingelassen zu werden.
    Der Major trat herein; ihn begrte Charlotte mit einem schmerzlichen
Lcheln. Er stand vor ihr. Sie hub die grnseidne Decke auf, die den Leichnam
verbarg, und bei dem dunklen Schein einer Kerze erblickte er nicht ohne geheimes
Grausen sein erstarrtes Ebenbild. Charlotte deutete auf einen Stuhl, und so
saen sie gegeneinander ber, schweigend, die Nacht hindurch. Ottilie lag noch
ruhig auf den Knieen Charlottens; sie atmete sanft; sie schlief, oder sie schien
zu schlafen.
    Der Morgen dmmerte, das Licht verlosch, beide Freunde schienen aus einem
dumpfen Traum zu erwachen. Charlotte blickte den Major an und sagte gefat:
Erklren Sie mir, mein Freund, durch welche Schickung kommen Sie hieher, um
teil an dieser Trauerszene zu nehmen?
    Es ist hier, antwortete der Major ganz leise, wie sie gefragt hatte - als
wenn sie Ottilien nicht aufwecken wollten -, es ist hier nicht Zeit und Ort,
zurckzuhalten, Einleitungen zu machen und sachte heranzutreten. Der Fall, in
dem ich Sie finde, ist so ungeheuer, da das Bedeutende selbst, weshalb ich
komme, dagegen seinen Wert verliert.
    Er gestand ihr darauf ganz ruhig und einfach den Zweck seiner Sendung,
insofern Eduard ihn abgeschickt hatte, den Zweck seines Kommens, insofern sein
freier Wille, sein eigenes Interesse dabei war. Er trug beides sehr zart, doch
aufrichtig vor; Charlotte hrte gelassen zu und schien weder darber zu staunen
noch unwillig zu sein.
    Als der Major geendigt hatte, antwortete Charlotte mit ganz leiser Stimme,
so da er gentigt war, seinen Stuhl heranzurcken: In einem Falle, wie dieser
ist, habe ich mich noch nie befunden, aber in hnlichen habe ich mir immer
gesagt: Wie wird es morgen sein? Ich fhle recht wohl, da das Los von mehreren
jetzt in meinen Hnden liegt; und was ich zu tun habe, ist bei mir auer Zweifel
und bald ausgesprochen. Ich willige in die Scheidung. Ich htte mich frher dazu
entschlieen sollen; durch mein Zaudern mein Widerstreben habe ich das Kind
gettet. Es sind gewisse Dinge, die sich das Schicksal hartnckig vornimmt.
Vergebens, da Vernunft und Tugend, Pflicht und alles Heilige sich ihm in den
Weg stellen: es soll etwas geschehen, was ihm recht ist, was uns nicht recht
scheint; und so greift es zuletzt durch, wir mgen uns gebrden, wie wir wollen.
    Doch was sag ich! Eigentlich will das Schicksal meinen eigenen Wunsch,
meinen eigenen Vorsatz, gegen die ich unbedachtsam gehandelt, wieder in den Weg
bringen. Habe ich nicht selbst schon Ottilien und Eduarden mir als das
schicklichste Paar zusammengedacht? Habe ich nicht selbst beide einander zu
nhern gesucht? Waren Sie nicht selbst, mein Freund, Mitwisser dieses Plans? Und
warum konnte ich den Eigensinn eines Mannes nicht von wahrer Liebe
unterscheiden? Warum nahm ich seine Hand an, da ich als Freundin ihn und eine
andre Gattin glcklich gemacht htte?
    Und betrachten Sie nur diese unglckliche Schlummernde! Ich zittere vor dem
Augenblicke, wenn sie aus ihrem halben Totenschlafe zum Bewutsein erwacht. Wie
soll sie leben, wie soll sie sich trsten, wenn sie nicht hoffen kann, durch
ihre Liebe Eduarden das zu ersetzen, was sie ihm als Werkzeug des wunderbarsten
Zufalls geraubt hat? Und sie kann ihm alles wiedergeben nach der Neigung, nach
der Leidenschaft, mit der sie ihn liebt. Vermag die Liebe, alles zu dulden, so
vermag sie noch viel mehr, alles zu ersetzen. An mich darf in diesem Augenblick
nicht gedacht werden.
    Entfernen Sie sich in der Stille, lieber Major. Sagen Sie Eduarden, da ich
in die Scheidung willige, da ich ihm, Ihnen, Mittlern die ganze Sache
einzuleiten berlasse, da ich um meine knftige Lage unbekmmert bin und es in
jedem Sinne sein kann. Ich will jedes Papier unterschreiben, das man mir bringt;
aber man verlange nur nicht von mir, da ich mitwirke, da ich bedenke, da ich
berate.
    Der Major stand auf. Sie reichte ihm ihre Hand ber Ottilien weg. Er drckte
seine Lippen auf diese liebe Hand. Und fr mich, was darf ich hoffen? lispelte
er leise.
    Lassen Sie mich Ihnen die Antwort schuldig bleiben, versetzte Charlotte.
Wir haben nicht verschuldet, unglcklich zu werden, aber auch nicht verdient,
zusammen glcklich zu sein.
    Der Major entfernte sich, Charlotten tief im Herzen beklagend, ohne jedoch
das arme abgeschiedene Kind bedauern zu knnen. Ein solches Opfer schien ihm
ntig zu ihrem allseitigen Glck. Er dachte sich Ottilien mit einem eignen Kind
auf dem Arm, als den vollkommensten Ersatz fr das, was sie Eduarden geraubt; er
dachte sich einen Sohn auf dem Schoe, der mit mehrerem Recht sein Ebenbild
trge als der abgeschiedene.
    So schmeichelnde Hoffnungen und Bilder gingen ihm durch die Seele, als er
auf dem Rckwege nach dem Gasthofe Eduarden fand, der die ganze Nacht im Freien
den Major erwartet hatte, da ihm kein Feuerzeichen, kein Donnerlaut ein
glckliches Gelingen verknden wollte. Er wute bereits von dem Unglck, und
auch er, anstatt das arme Geschpf zu bedauern, sah diesen Fall, ohne sichs ganz
gestehen zu wollen, als eine Fgung an, wodurch jedes Hindernis an seinem Glck
auf einmal beseitigt wre. Gar leicht lie er sich daher durch den Major
bewegen, der ihm schnell den Entschlu seiner Gattin verkndigte, wieder nach
jenem Dorfe und sodann nach der kleinen Stadt zurckzukehren, wo sie das Nchste
berlegen und einleiten wollten.
    Charlotte sa, nachdem der Major sie verlassen hatte, nur wenige Minuten in
ihre Betrachtungen versenkt; denn sogleich richtete Ottilie sich auf, ihre
Freundin mit groen Augen anblickend. Erst erhob sie sich von dem Schoe, dann
von der Erde und stand vor Charlotten.
    Zum zweitenmal - so begann das herrliche Kind mit einem unberwindlichen,
anmutigen Ernst - zum zweitenmal widerfhrt mir dasselbige. Du sagtest mir
einst, es begegne den Menschen in ihrem Leben oft hnliches auf hnliche Weise
und immer in bedeutenden Augenblicken. Ich finde nun die Bemerkung wahr und bin
gedrungen, dir ein Bekenntnis zu machen. Kurz nach meiner Mutter Tode, als ein
kleines Kind, hatte ich meinen Schemel an dich gerckt; du saest auf dem Sofa
wie jetzt; mein Haupt lag auf deinen Knieen, ich schlief nicht, ich wachte
nicht; ich schlummerte. Ich vernahm alles, was um mich vorging, besonders alle
Reden sehr deutlich; und doch konnte ich mich nicht regen, mich nicht uern
und, wenn ich auch gewollt htte, nicht andeuten, da ich meiner selbst mich
bewut fhlte. Damals sprachst du mit einer Freundin ber mich; du bedauertest
mein Schicksal, als eine arme Waise in der Welt geblieben zu sein; du
schildertest meine abhngige Lage und wie milich es um mich stehen knne, wenn
nicht ein besondrer Glcksstern ber mich walte. Ich fate alles wohl und genau,
vielleicht zu streng, was du fr mich zu wnschen, was du von mir zu fordern
schienst. Ich machte mir nach meinen beschrnkten Einsichten hierber Gesetze;
nach diesen habe ich lange gelebt, nach ihnen war mein Tun und Lassen
eingerichtet zu der Zeit, da du mich liebtest, fr mich sorgtest, da du mich in
dein Haus aufnahmst, und auch noch eine Zeit hernach.
    Aber ich bin aus meiner Bahn geschritten, ich habe meine Gesetze gebrochen,
ich habe sogar das Gefhl derselben verloren, und nach einem schrecklichen
Ereignis klrst du mich wieder ber meinen Zustand auf, der jammervoller ist als
der erste. Auf deinem Schoe ruhend, halb erstarrt, wie aus einer fremden Welt
vernehm ich abermals deine leise Stimme ber meinem Ohr; ich vernehme, wie es
mit mir selbst aussieht; ich schaudere ber mich selbst; aber wie damals habe
ich auch diesmal in meinem halben Totenschlaf mir meine neue Bahn vorgezeichnet.
    Ich bin entschlossen, wie ichs war, und wozu ich entschlossen bin, mut du
gleich erfahren. Eduards werd ich nie! Auf eine schreckliche Weise hat Gott mir
die Augen geffnet, in welchem Verbrechen ich befangen bin. Ich will es ben;
und niemand gedenke mich von meinem Vorsatz abzubringen! Darnach, Liebe, Beste,
nimm deine Maregeln. La den Major zurckkommen; schreibe ihm, da keine
Schritte geschehen. Wie ngstlich war mir, da ich mich nicht rhren und regen
konnte, als er ging. Ich wollte auffahren, aufschreien: du solltest ihn nicht
mit so frevelhaften Hoffnungen entlassen.
    Charlotte sah Ottiliens Zustand, sie empfand ihn; aber sie hoffte durch Zeit
und Vorstellungen etwas ber sie zu gewinnen. Doch als sie einige Worte
aussprach, die auf eine Zukunft, auf eine Milderung des Schmerzes, auf Hoffnung
deuteten: Nein! rief Ottilie mit Erhebung; sucht mich nicht zu bewegen, nicht
zu hintergehen! In dem Augenblick, in dem ich erfahre, du habest in die
Scheidung gewilligt, be ich in demselbigen See mein Vergehen, mein
Verbrechen.

                              Funfzehntes Kapitel


Wenn sich in einem glcklichen, friedlichen Zusammenleben Verwandte, Freunde,
Hausgenossen, mehr als ntig und billig ist, von dem unterhalten, was geschieht
oder geschehen soll, wenn sie sich einander ihre Vorstze, Unternehmungen,
Beschftigungen wiederholt mitteilen und, ohne gerade wechselseitigen Rat
anzunehmen, doch immer das ganze Leben gleichsam ratschlagend behandeln, so
findet man dagegen in wichtigen Momenten, eben da, wo es scheinen sollte, der
Mensch bedrfe fremden Beistandes, fremder Besttigung am allermeisten, da sich
die einzelnen auf sich selbst zurckziehen, jedes fr sich zu handeln, jedes auf
seine Weise zu wirken strebt und, indem man sich einander die einzelnen Mittel
verbirgt, nur erst der Ausgang, die Zwecke, das Erreichte wieder zum Gemeingut
werden.
    Nach so viel wundervollen und unglcklichen Ereignissen war denn auch ein
gewisser stiller Ernst ber die Freundinnen gekommen, der sich in einer
liebenswrdigen Schonung uerte. Ganz in der Stille hatte Charlotte das Kind
nach der Kapelle gesendet. Es ruhte dort als das erste Opfer eines ahnungsvollen
Verhngnisses.
    Charlotte kehrte sich, soviel es ihr mglich war, gegen das Leben zurck,
und hier fand sie Ottilien zuerst, die ihres Beistandes bedurfte. Sie
beschftigte sich vorzglich mit ihr, ohne es jedoch merken zu lassen. Sie
wute, wie sehr das himmlische Kind Eduarden liebte; sie hatte nach und nach die
Szene, die dem Unglck vorhergegangen war, herausgeforscht und jeden Umstand
teils von Ottilien selbst, teils durch Briefe des Majors erfahren.
    Ottilie von ihrer Seite erleichterte Charlotten sehr das augenblickliche
Leben. Sie war offen, ja gesprchig, aber niemals war von dem Gegenwrtigen oder
kurz Vergangenen die Rede. Sie hatte stets aufgemerkt, stets beobachtet, sie
wute viel; das kam jetzt alles zum Vorschein. Sie unterhielt, sie zerstreute
Charlotten, die noch immer die stille Hoffnung nhrte, ein ihr so wertes Paar
verbunden zu sehen.
    Allein bei Ottilien hing es anders zusammen. Sie hatte das Geheimnis ihres
Lebensganges der Freundin entdeckt; sie war von ihrer frhen Einschrnkung, von
ihrer Dienstbarkeit entbunden. Durch ihre Reue, durch ihren Entschlu fhlte sie
sich auch befreit von der Last jenes Vergehens, jenes Migeschicks. Sie bedurfte
keiner Gewalt mehr ber sich selbst; sie hatte sich in der Tiefe ihres Herzens
nur unter der Bedingung des vlligen Entsagens verziehen, und diese Bedingung
war fr alle Zukunft unerllich.
    So verflo einige Zeit, und Charlotte fhlte, wie sehr Haus und Park, Seen,
Felsen- und Baumgruppen nur traurige Empfindungen tglich in ihnen beiden
erneuerten. Da man den Ort verndern msse, war allzu deutlich, wie es
geschehen solle, nicht so leicht zu entscheiden.
    Sollten die beiden Frauen zusammenbleiben? Eduards frherer Wille schien es
zu gebieten, seine Erklrung, seine Drohung es ntig zu machen; allein wie war
es zu verkennen, da beide Frauen mit allem guten Willen, mit aller Vernunft,
mit aller Anstrengung sich in einer peinlichen Lage nebeneinander befanden? Ihre
Unterhaltungen waren vermeidend. Manchmal mochte man gern etwas nur halb
verstehen, fters wurde aber doch ein Ausdruck, wo nicht durch den Verstand,
wenigstens durch die Empfindung mideutet. Man frchtete sich zu verletzen, und
gerade die Furcht war am ersten verletzbar und verletzte am ersten.
    Wollte man den Ort verndern und sich zugleich, wenigstens auf einige Zeit,
voneinander trennen, so trat die alte Frage wieder hervor, wo sich Ottilie
hinbegeben solle. Jenes groe, reiche Haus hatte vergebliche Versuche gemacht,
einer hoffnungsvollen Erbtochter unterhaltende und wetteifernde Gespielinnen zu
verschaffen. Schon bei der letzten Anwesenheit der Baronesse und neuerlich durch
Briefe war Charlotte aufgefordert worden, Ottilien dorthin zu senden; jetzt
brachte sie es abermals zur Sprache. Ottilie verweigerte aber ausdrcklich,
dahin zu gehen, wo sie dasjenige finden wrde, was man groe Welt zu nennen
pflegt.
    Lassen Sie mich, liebe Tante, sagte sie, damit ich nicht eingeschrnkt
und eigensinnig erscheine, dasjenige aussprechen, was zu verschweigen, zu
verbergen in einem andern Falle Pflicht wre. Ein seltsam unglcklicher Mensch,
und wenn er auch schuldlos wre, ist auf eine frchterliche Weise gezeichnet.
Seine Gegenwart erregt in allen, die ihn sehen, die ihn gewahr werden, eine Art
von Entsetzen. Jeder will das Ungeheure ihm ansehen, was ihm auferlegt ward;
jeder ist neugierig und ngstlich zugleich. So bleibt ein Haus, eine Stadt,
worin eine ungeheure Tat geschehen, jedem furchtbar, der sie betritt. Dort
leuchtet das Licht des Tages nicht so hell, und die Sterne scheinen ihren Glanz
zu verlieren.
    Wie gro und doch vielleicht zu entschuldigen ist gegen solche Unglckliche
die Indiskretion der Menschen, ihre alberne Zudringlichkeit und ungeschickte
Gutmtigkeit! Verzeihen Sie mir, da ich so rede; aber ich habe unglaublich mit
jenem armen Mdchen gelitten, als es Luciane aus den verborgenen Zimmern des
Hauses hervorzog, sich freundlich mit ihm beschftigte, es in der besten Absicht
zu Spiel und Tanz ntigen wollte. Als das arme Kind bange und immer bnger
zuletzt floh und in Ohnmacht sank, ich es in meine Arme fate, die Gesellschaft
erschreckt, aufgeregt und jeder erst recht neugierig auf die Unglckselige ward,
da dachte ich nicht, da mir ein gleiches Schicksal bevorstehe; aber mein
Mitgefhl, so wahr und lebhaft, ist noch lebendig. Jetzt kann ich mein Mitleiden
gegen mich selbst wenden und mich hten, da ich nicht zu hnlichen Auftritten
Anla gebe.
    Du wirst aber, liebes Kind, versetzte Charlotte, dem Anblick der Menschen
dich nirgends entziehen knnen. Klster haben wir nicht, in denen sonst eine
Freistatt fr solche Gefhle zu finden war.
    Die Einsamkeit macht nicht die Freistatt, liebe Tante, versetzte Ottilie.
Die schtzenswerteste Freistatt ist da zu suchen, wo wir ttig sein knnen.
Alle Bungen, alle Entbehrungen sind keineswegs geeignet, uns einem
ahnungsvollen Geschick zu entziehen, wenn es uns zu verfolgen entschieden ist.
Nur wenn ich im migen Zustande der Welt zur Schau dienen soll, dann ist sie
mir widerwrtig und ngstigt mich. Findet man mich aber freudig bei der Arbeit,
unermdet in meiner Pflicht, dann kann ich die Blicke eines jeden aushalten,
weil ich die gttlichen nicht zu scheuen brauche.
    Ich mte mich sehr irren, versetzte Charlotte, wenn deine Neigung dich
nicht zur Pension zurckzge.
    Ja, versetzte Ottilie, ich leugne es nicht; ich denke es mir als eine
glckliche Bestimmung, andre auf dem gewhnlichen Wege zu erziehen, wenn wir auf
dem sonderbarsten erzogen worden. Und sehen wir nicht in der Geschichte, da
Menschen, die wegen groer sittlicher Unflle sich in die Wsten zurckzogen,
dort keineswegs, wie sie hofften, verborgen und gedeckt waren? Sie wurden
zurckgerufen in die Welt, um die Verirrten auf den rechten Weg zu fhren; und
wer konnte es besser als die in den Irrgngen des Lebens schon Eingeweihten! Sie
wurden berufen, den Unglcklichen beizustehen; und wer vermochte das eher als
sie, denen kein irdisches Unheil mehr begegnen konnte!
    Du whlst eine sonderbare Bestimmung, versetzte Charlotte. Ich will dir
nicht widerstreben; es mag sein, wenn auch nur, wie ich hoffe, auf kurze Zeit.
    Wie sehr danke ich Ihnen, sagte Ottilie, da Sie mir diesen Versuch,
diese Erfahrung gnnen wollen. Schmeichle ich mir nicht zu sehr, so soll es mir
glcken. An jenem Orte will ich mich erinnern, wie manche Prfungen ich
ausgestanden und wie klein, wie nichtig sie waren gegen die, die ich nachher
erfahren mute. Wie heiter werde ich die Verlegenheiten der jungen Aufschlinge
betrachten, bei ihren kindlichen Schmerzen lcheln und sie mit leiser Hand aus
allen kleinen Verirrungen herausfhren. Der Glckliche ist nicht geeignet,
Glcklichen vorzustehen; es liegt in der menschlichen Natur, immer mehr von sich
und von andern zu fordern, je mehr man empfangen hat. Nur der Unglckliche, der
sich erholt, wei fr sich und andere das Gefhl zu nhren, da auch ein miges
Gute mit Entzcken genossen werden soll.
    La mich gegen deinen Vorsatz, sagte Charlotte zuletzt nach einigem
Bedenken, noch einen Einwurf anfhren, der mir der wichtigste scheint. Es ist
nicht von dir, es ist von einem Dritten die Rede. Die Gesinnungen des guten,
vernnftigen, frommen Gehlfen sind dir bekannt; auf dem Wege, den du gehst,
wirst du ihm jeden Tag werter und unentbehrlicher sein. Da er schon jetzt seinem
Gefhl nach nicht gern ohne dich leben mag, so wird er auch knftig, wenn er
einmal deine Mitwirkung gewohnt ist, ohne dich sein Geschft nicht mehr
verwalten knnen. Du wirst ihm anfangs darin beistehen, um es ihm hernach zu
verleiden.
    Das Geschick ist nicht sanft mit mir verfahren, versetzte Ottilie, und
wer mich liebt, hat vielleicht nicht viel Besseres zu erwarten. So gut und
verstndig als der Freund ist, ebenso, hoffe ich, wird sich in ihm auch die
Empfindung eines reinen Verhltnisses zu mir entwickeln; er wird in mir eine
geweihte Person erblicken, die nur dadurch ein ungeheures bel fr sich und
andre vielleicht aufzuwiegen vermag, wenn sie sich dem Heiligen widmet, das, uns
unsichtbar umgebend, allein gegen die ungeheuren zudringenden Mchte beschirmen
kann.
    Charlotte nahm alles, was das liebe Kind so herzlich geuert, zur stillen
berlegung. Sie hatte verschiedentlich, obgleich auf das leiseste, angeforscht,
ob nicht eine Annherung Ottiliens zu Eduard denkbar sei; aber auch nur die
leiseste Erwhnung, die mindeste Hoffnung, der kleinste Verdacht schien Ottilien
aufs tiefste zu rhren, ja sie sprach sich einst, da sie es nicht umgehen
konnte, hierber ganz deutlich aus.
    Wenn dein Entschlu, entgegnete ihr Charlotte, Eduarden zu entsagen, so
fest und unvernderlich ist, so hte dich nur vor der Gefahr des Wiedersehens.
In der Entfernung von dem geliebten Gegenstande scheinen wir, je lebhafter
unsere Neigung ist, desto mehr Herr von uns selbst zu werden, indem wir die
ganze Gewalt der Leidenschaft, wie sie sich nach auen erstreckte, nach innen
wenden; aber wie bald, wie geschwind sind wir aus diesem Irrtum gerissen, wenn
dasjenige, was wir entbehren zu knnen glaubten, auf einmal wieder als
unentbehrlich vor unsern Augen steht. Tue jetzt, was du deinen Zustnden am
gemesten hltst; prfe dich, ja verndre lieber deinen gegenwrtigen
Entschlu: aber aus dir selbst, aus freiem, wollendem Herzen. La dich nicht
zufllig, nicht durch berraschung in die vorigen Verhltnisse wieder
hineinziehen; dann gibt es erst einen Zwiespalt im Gemt, der unertrglich ist.
Wie gesagt, ehe du diesen Schritt tust, ehe du dich von mir entfernst und ein
neues Leben anfngst, das dich wer wei auf welche Wege leitet, so bedenke noch
einmal, ob du denn wirklich fr alle Zukunft Eduarden entsagen kannst. Hast du
dich aber hierzu bestimmt, so schlieen wir einen Bund, da du dich mit ihm
nicht einlassen willst, selbst nicht in eine Unterredung, wenn er dich
aufsuchen, wenn er sich zu dir drngen sollte. Ottilie besann sich nicht einen
Augenblick, sie gab Charlotten das Wort, das sie sich schon selbst gegeben
hatte.
    Nun aber schwebte Charlotten immer noch jene Drohung Eduards vor der Seele,
da er Ottilien nur so lange entsagen knne, als sie sich von Charlotten nicht
trennte. Es hatten sich zwar seit der Zeit die Umstnde so verndert, es war so
mancherlei vorgefallen, da jenes vom Augenblick ihm abgedrungene Wort gegen die
folgenden Ereignisse fr aufgehoben zu achten war; dennoch wollte sie auch im
entferntesten Sinne weder etwas wagen noch etwas vornehmen, das ihn verletzen
knnte, und so sollte Mittler in diesem Falle Eduards Gesinnungen erforschen.
    Mittler hatte seit dem Tode des Kindes Charlotten fters, obgleich nur auf
Augenblicke, besucht. Dieser Unfall, der ihm die Wiedervereinigung beider Gatten
hchst unwahrscheinlich machte, wirkte gewaltsam auf ihn; aber immer nach seiner
Sinnesweise hoffend und strebend, freute er sich nun im stillen ber den
Entschlu Ottiliens. Er vertraute der lindernden, vorberziehenden Zeit, dachte
noch immer die beiden Gatten zusammenzuhalten und sah diese leidenschaftlichen
Bewegungen nur als Prfungen ehelicher Liebe und Treue an.
    Charlotte hatte gleich anfangs den Major von Ottiliens erster Erklrung
schriftlich unterrichtet, ihn auf das instndigste gebeten, Eduarden dahin zu
vermgen, da keine weiteren Schritte geschhen, da man sich ruhig verhalte,
da man abwarte, ob das Gemt des schnen Kindes sich wieder herstelle. Auch von
den sptern Ereignissen und Gesinnungen hatte sie das Ntige mitgeteilt, und nun
war freilich Mittlern die schwierige Aufgabe bertragen, auf eine Vernderung
des Zustandes Eduarden vorzubereiten. Mittler aber, wohl wissend, da man das
Geschehene sich eher gefallen lt, als da man in ein noch zu Geschehendes
einwilligt, berredete Charlotten, es sei das beste, Ottilien gleich nach der
Pension zu schicken.
    Deshalb wurden, sobald er weg war, Anstalten zur Reise gemacht. Ottilie
packte zusammen, aber Charlotte sah wohl, da sie weder das schne Kfferchen
noch irgend etwas daraus mitzunehmen sich anschickte. Die Freundin schwieg und
lie das schweigende Kind gewhren. Der Tag der Abreise kam herbei; Charlottens
Wagen sollte Ottilien den ersten Tag bis in ein bekanntes Nachtquartier, den
zweiten bis in die Pension bringen; Nanny sollte sie begleiten und ihre Dienerin
bleiben. Das leidenschaftliche Mdchen hatte sich gleich nach dem Tode des
Kindes wieder an Ottilien zurckgefunden und hing nun an ihr wie sonst durch
Natur und Neigung, ja sie schien durch unterhaltende Redseligkeit das bisher
Versumte wieder nachbringen und sich ihrer geliebten Herrin vllig widmen zu
wollen. Ganz auer sich war sie nun ber das Glck, mitzureisen, fremde Gegenden
zu sehen, da sie noch niemals auer ihrem Geburtsort gewesen, und rannte vom
Schlosse ins Dorf, zu ihren Eltern, Verwandten, um ihr Glck zu verkndigen und
Abschied zu nehmen. Unglcklicherweise traf sie dabei in die Zimmer der
Maserkranken und empfand sogleich die Folgen der Ansteckung. Man wollte die
Reise nicht aufschieben; Ottilie drang selbst darauf; sie hatte den Weg schon
gemacht, sie kannte die Wirtsleute, bei denen sie einkehren sollte; der Kutscher
vom Schlosse fhrte sie; es war nichts zu besorgen.
    Charlotte widersetzte sich nicht; auch sie eilte schon in Gedanken aus
diesen Umgebungen weg, nur wollte sie noch die Zimmer, die Ottilie im Schlo
bewohnt hatte, wieder fr Eduarden einrichten, gerade so wie sie vor der Ankunft
des Hauptmanns gewesen. Die Hoffnung, ein altes Glck wiederherzustellen, flammt
immer einmal wieder in dem Menschen auf, und Charlotte war zu solchen Hoffnungen
abermals berechtigt, ja gentigt.

                              Sechzehntes Kapitel


Als Mittler gekommen war, sich mit Eduarden ber die Sache zu unterhalten, fand
er ihn allein, den Kopf in die rechte Hand gelehnt, den Arm auf den Tisch
gestemmt. Er schien sehr zu leiden. Plagt Ihr Kopfweh Sie wieder? fragte
Mittler. Es plagt mich, versetzte jener; und doch kann ich es nicht hassen,
denn es erinnert mich an Ottilien. Vielleicht leidet auch sie jetzt, denk ich,
auf ihren linken Arm gesttzt, und leidet wohl mehr als ich. Und warum soll ich
es nicht tragen wie sie? Diese Schmerzen sind mir heilsam, sind mir, ich kann
beinah sagen, wnschenswert; denn nur mchtiger, deutlicher, lebhafter schwebt
mir das Bild ihrer Geduld, von allen ihren brigen Vorzgen begleitet, vor der
Seele, nur im Leiden empfinden wir recht vollkommen alle die groen
Eigenschaften, die ntig sind, um es zu ertragen.
    Als Mittler den Freund in diesem Grade resigniert fand, hielt er mit seinem
Anbringen nicht zurck, das er jedoch stufenweise, wie der Gedanke bei den
Frauen entsprungen, wie er nach und nach zum Vorsatz gereift war, historisch
vortrug. Eduard uerte sich kaum dagegen. Aus dem wenigen, was er sagte, schien
hervorzugehen, da er jenen alles berlasse; sein gegenwrtiger Schmerz schien
ihn gegen alles gleichgltig gemacht zu haben.
    Kaum war er allein, so stand er auf und ging in dem Zimmer hin und wider. Er
fhlte seinen Schmerz nicht mehr, er war ganz auer sich beschftigt. Schon
unter Mittlers Erzhlung hatte die Einbildungskraft des Liebenden sich lebhaft
ergangen. Er sah Ottilien allein oder so gut als allein auf wohlbekanntem Wege,
in einem gewohnten Wirtshause, dessen Zimmer er so oft betreten; er dachte, er
berlegte, oder vielmehr er dachte, er berlegte nicht; er wnschte, er wollte
nur. Er mute sie sehn, sie sprechen. Wozu, warum, was daraus entstehen sollte,
davon konnte die Rede nicht sein. Er widerstand nicht, er mute.
    Der Kammerdiener ward ins Vertrauen gezogen und erforschte sogleich Tag und
Stunde, wann Ottilie reisen wrde. Der Morgen brach an; Eduard sumte nicht,
unbegleitet sich zu Pferde dahin zu begeben, wo Ottilie bernachten sollte. Er
kam nur allzuzeitig dort an; die berraschte Wirtin empfing ihn mit Freuden; sie
war ihm ein groes Familienglck schuldig geworden. Er hatte ihrem Sohn, der als
Soldat sich sehr brav gehalten, ein Ehrenzeichen verschafft, indem er dessen
Tat, wobei er allein gegenwrtig gewesen, heraushob, mit Eifer bis vor den
Feldherrn brachte und die Hindernisse einiger Miwollenden berwand. Sie wute
nicht, was sie ihm alles zuliebe tun sollte. Sie rumte schnell in ihrer
Putzstube, die freilich auch zugleich Garderobe und Vorratskammer war, mglichst
zusammen; allein er kndigte ihr die Ankunft eines Frauenzimmers an, die hier
hereinziehen sollte, und lie fr sich eine Kammer hinten auf dem Gange
notdrftig einrichten. Der Wirtin erschien die Sache geheimnisvoll, und es war
ihr angenehm, ihrem Gnner, der sich dabei sehr interessiert und ttig zeigte,
etwas Geflliges zu erweisen. Und er, mit welcher Empfindung brachte er die
lange, lange Zeit bis zum Abend hin! Er betrachtete das Zimmer ringsumher, in
dem er sie sehen sollte; es schien ihm in seiner ganzen huslichen Seltsamkeit
ein himmlischer Aufenthalt. Was dachte er sich nicht alles aus, ob er Ottilien
berraschen, ob er sie vorbereiten sollte! Endlich gewann die letztere Meinung
Oberhand; er setzte sich hin und schrieb. Dies Blatt sollte sie empfangen.


                               Eduard an Ottilien

Indem du diesen Brief liesest, Geliebteste, bin ich in deiner Nhe. Du mut
nicht erschrecken, dich nicht entsetzen; du hast von mir nichts zu befrchten.
Ich werde mich nicht zu dir drngen. Du siehst mich nicht eher, als du es
erlaubst.
    Bedenke vorher deine Lage, die meinige. Wie sehr danke ich dir, da du
keinen entscheidenden Schritt zu tun vorhast; aber bedeutend genug ist er. Tu
ihn nicht! Hier, auf einer Art von Scheideweg, berlege nochmals: Kannst du mein
sein, willst du mein sein? O du erzeigst uns allen eine groe Wohltat und mir
eine berschwengliche.
    La mich dich wiedersehen, dich mit Freuden wiedersehen. La mich die schne
Frage mndlich tun und beantworte sie mir mit deinem schnen Selbst. An meine
Brust, Ottilie! hieher, wo du manchmal geruht hast und wo du immer hingehrst!

Indem er schrieb, ergriff ihn das Gefhl, sein Hchstersehntes nahe sich, es
werde nun gleich gegenwrtig sein. Zu dieser Tre wird sie hereintreten, diesen
Brief wird sie lesen, wirklich wird sie wie sonst vor mir dastehen, deren
Erscheinung ich mir so oft herbeisehnte. Wird sie noch dieselbe sein? Hat sich
ihre Gestalt, haben sich ihre Gesinnungen verndert? Er hielt die Feder noch in
der Hand, er wollte schreiben, wie er dachte; aber der Wagen rollte in den Hof.
Mit flchtiger Feder setzte er noch hinzu: Ich hre dich kommen. Auf einen
Augenblick leb wohl!
    Er faltete den Brief, berschrieb ihn; zum Siegeln war es zu spt. Er sprang
in die Kammer, durch die er nachher auf den Gang zu gelangen wute, und
augenblicks fiel ihm ein, da er die Uhr mit dem Petschaft noch auf dem Tisch
gelassen. Sie sollte diese nicht zuerst sehen; er sprang zurck und holte sie
glcklich weg. Vom Vorsaal her vernahm er schon die Wirtin, die auf das Zimmer
losging, um es dem Gast anzuweisen. Er eilte gegen die Kammertr, aber sie war
zugefahren. Den Schlssel hatte er beim Hineinspringen heruntergeworfen, der lag
inwendig; das Schlo war zugeschnappt, und er stund gebannt. Heftig drngte er
an der Tre; sie gab nicht nach. O wie htte er gewnscht, als ein Geist durch
die Spalten zu schlpfen! Vergebens! Er verbarg sein Gesicht an den Trpfosten.
Ottilie trat herein, die Wirtin, als sie ihn erblickte, zurck. Auch Ottilien
konnte er nicht einen Augenblick verborgen bleiben. Er wendete sich gegen sie,
und so standen die Liebenden abermals auf die seltsamste Weise gegeneinander.
Sie sah ihn ruhig und ernsthaft an, ohne vor - oder zurckzugehen, und als er
eine Bewegung machte, sich ihr zu nhern, trat sie einige Schritte zurck bis an
den Tisch. Auch er trat wieder zurck. Ottilie, rief er aus, la mich das
furchtbare Schweigen brechen! Sind wir nur Schatten, die einander
gegenberstehen? Aber vor allen Dingen hre! es ist ein Zufall, da du mich
gleich jetzt hier findest. Neben dir liegt ein Brief, der dich vorbereiten
sollte. Lies, ich bitte dich, lies ihn! und dann beschliee, was du kannst.
    Sie blickte herab auf den Brief, und nach einigem Besinnen nahm sie ihn auf,
erbrach und las ihn. Ohne die Miene zu verndern, hatte sie ihn gelesen, und so
legte sie ihn leise weg; dann drckte sie die flachen, in die Hhe gehobenen
Hnde zusammen, fhrte sie gegen die Brust, indem sie sich nur wenig vorwrts
neigte, und sah den dringend Fordernden mit einem solchen Blick an, da er von
allem abzustehen gentigt war, was er verlangen oder wnschen mochte. Diese
Bewegung zerri ihm das Herz. Er konnte den Anblick, er konnte die Stellung
Ottiliens nicht ertragen. Es sah vllig aus, als wrde sie in die Kniee sinken,
wenn er beharrte. Er eilte verzweifelnd zur Tr hinaus und schickte die Wirtin
zu der Einsamen.
    Er ging auf dem Vorsaal auf und ab. Es war Nacht geworden, im Zimmer blieb
es stille. Endlich trat die Wirtin heraus und zog den Schlssel ab. Die gute
Frau war gerhrt, war verlegen, sie wute nicht, was sie tun sollte. Zuletzt im
Weggehen bot sie den Schlssel Eduarden an, der ihn ablehnte. Sie lie das Licht
stehen und entfernte sich.
    Eduard im tiefsten Kummer warf sich auf Ottiliens Schwelle, die er mit
seinen Trnen benetzte. Jammervoller brachten kaum jemals in solcher Nhe
Liebende eine Nacht zu.
    Der Tag brach an; der Kutscher trieb, die Wirtin schlo auf und trat in das
Zimmer. Sie fand Ottilien angekleidet eingeschlafen, sie ging zurck und winkte
Eduarden mit einem teilnehmenden Lcheln. Beide traten vor die Schlafende; aber
auch diesen Anblick vermochte Eduard nicht auszuhalten. Die Wirtin wagte nicht,
das ruhende Kind zu wecken, sie setzte sich gegenber. Endlich schlug Ottilie
die schnen Augen auf und richtete sich auf ihre Fe. Sie lehnt das Frhstck
ab, und nun tritt Eduard vor sie. Er bittet sie instndig, nur ein Wort zu
reden, ihren Willen zu erklren. Er wolle allen ihren Willen, schwrt er; aber
sie schweigt. Nochmals fragt er sie liebevoll und dringend, ob sie ihm angehren
wolle. Wie lieblich bewegt sie mit niedergeschlagenen Augen ihr Haupt zu einem
sanften Nein! Er fragt, ob sie nach der Pension wolle. Gleichgltig verneint sie
das. Aber als er fragt, ob er sie zu Charlotten zurckfhren drfe, bejaht sies
mit einem getrosten Neigen des Hauptes. Er eilt ans Fenster, dem Kutscher
Befehle zu geben; aber hinter ihm weg ist sie wie der Blitz zur Stube hinaus,
die Treppe hinab in dem Wagen. Der Kutscher nimmt den Weg nach dem Schlosse
zurck; Eduard folgt zu Pferde in einiger Entfernung.

                              Siebzehntes Kapitel


Wie hchst berrascht war Charlotte, als sie Ottilien vorfahren und Eduarden zu
Pferde sogleich in den Schlohof hereinsprengen sah! Sie eilte bis zur
Trschwelle. Ottilie steigt aus und nhert sich mit Eduarden. Mit Eifer und
Gewalt fat sie die Hnde beider Ehegatten, drckt sie zusammen und eilt auf ihr
Zimmer. Eduard wirft sich Charlotten um den Hals und zerfliet in Trnen; er
kann sich nicht erklren, bittet, Geduld mit ihm zu haben, Ottilien beizustehen,
ihr zu helfen. Charlotte eilt auf Ottiliens Zimmer, und ihr schaudert, da sie
hineintritt; es war schon ganz ausgerumt, nur die leeren Wnde standen da. Es
erschien so weitlufig als unerfreulich. Man hatte alles weggetragen, nur das
Kfferchen, unschlssig, wo man es hinstellen sollte, in der Mitte des Zimmers
stehengelassen. Ottilie lag auf dem Boden, Arm und Haupt ber den Koffer
gestreckt. Charlotte bemht sich um sie, fragt, was vorgegangen, und erhlt
keine Antwort.
    Sie lt ihr Mdchen, das mit Erquickungen kommt, bei Ottilien und eilt zu
Eduarden. Sie findet ihn im Saal; auch er belehrt sie nicht. Er wirft sich vor
ihr nieder, er badet ihre Hnde in Trnen, er flieht auf sein Zimmer, und als
sie ihm nachfolgen will, begegnet ihr der Kammerdiener, der sie aufklrt, soweit
er vermag. Das brige denkt sie sich zusammen und dann sogleich mit
Entschlossenheit an das, was der Augenblick fordert. Ottiliens Zimmer ist aufs
baldigste wieder eingerichtet. Eduard hat die seinigen angetroffen, bis auf das
letzte Papier, wie er sie verlassen.
    Die dreie scheinen sich wieder gegeneinander zu finden, aber Ottilie fhrt
fort zu schweigen, und Eduard vermag nichts, als seine Gattin um Geduld zu
bitten, die ihm selbst zu fehlen scheint. Charlotte sendet Boten an Mittlern und
an den Major. Jener war nicht anzutreffen, dieser kommt. Gegen ihn schttet
Eduard sein Herz aus, ihm gesteht er jeden kleinsten Umstand, und so erfhrt
Charlotte, was begegnet, was die Lage so sonderbar verndert, was die Gemter
aufgeregt.
    Sie spricht aufs liebevollste mit ihrem Gemahl. Sie wei keine andere Bitte
zu tun als nur, da man das Kind gegenwrtig nicht bestrmen mge. Eduard fhlt
den Wert, die Liebe, die Vernunft seiner Gattin; aber seine Neigung beherrscht
ihn ausschlielich. Charlotte macht ihm Hoffnung, verspricht ihm, in die
Scheidung zu willigen. Er traut nicht; er ist so krank, da ihn Hoffnung und
Glaube abwechselnd verlassen; er dringt in Charlotten, sie soll dem Major ihre
Hand zusagen; eine Art von wahnsinnigem Unmut hat ihn ergriffen. Charlotte, ihn
zu besnftigen, ihn zu erhalten, tut, was er fordert. Sie sagt dem Major ihre
Hand zu auf den Fall, da Ottilie sich mit Eduarden verbinden wolle, jedoch
unter ausdrcklicher Bedingung, da die beiden Mnner fr den Augenblick
zusammen eine Reise machen. Der Major hat fr seinen Hof ein auswrtiges
Geschft, und Eduard verspricht, ihn zu begleiten. Man macht Anstalten, und man
beruhigt sich einigermaen, indem wenigstens etwas geschieht.
    Unterdessen kann man bemerken, da Ottilie kaum Speise noch Trank zu sich
nimmt, indem sie immerfort bei ihrem Schweigen verharrt. Man redet ihr zu, sie
wird ngstlich; man unterlt es. Denn haben wir nicht meistenteils die
Schwche, da wir jemanden auch zu seinem Besten nicht gern qulen mgen?
Charlotte sann alle Mittel durch, endlich geriet sie auf den Gedanken, jenen
Gehlfen aus der Pension kommen zu lassen, der ber Ottilien viel vermochte, der
wegen ihres unvermuteten Auenbleibens sich sehr freundlich geuert, aber keine
Antwort erhalten hatte.
    Man spricht, um Ottilien nicht zu berraschen, von diesem Vorsatz in ihrer
Gegenwart. Sie scheint nicht einzustimmen; sie bedenkt sich; endlich scheint ein
Entschlu in ihr zu reifen, sie eilt nach ihrem Zimmer und sendet noch vor Abend
an die Versammelten folgendes Schreiben.




                              Ottilie den Freunden


Warum soll ich ausdrcklich sagen, meine Geliebten, was sich von selbst
versteht? Ich bin aus meiner Bahn geschritten, und ich soll nicht wieder hinein.
Ein feindseliger Dmon, der Macht ber mich gewonnen, scheint mich von auen zu
hindern, htte ich mich auch mit mir selbst wieder zur Einigkeit gefunden.
    Ganz rein war mein Vorsatz, Eduarden zu entsagen, mich von ihm zu entfernen.
Ihm hofft ich nicht wieder zu begegnen. Es ist anders geworden; er stand selbst
gegen seinen eigenen Willen vor mir. Mein Versprechen, mich mit ihm in keine
Unterredung einzulassen, habe ich vielleicht zu buchstblich genommen und
gedeutet. Nach Gefhl und Gewissen des Augenblicks schwieg ich, verstummt ich
vor dem Freunde, und nun habe ich nichts mehr zu sagen. Ein strenges
Ordensgelbde, welches den, der es mit berlegung eingeht, vielleicht unbequem
ngstiget, habe ich zufllig, vom Gefhl gedrungen, ber mich genommen. Lat
mich darin beharren, solange mir das Herz gebietet. Beruft keine Mittelsperson!
Dringt nicht in mich, da ich reden, da ich mehr Speise und Trank genieen
soll, als ich hchstens bedarf. Helft mir durch Nachsicht und Geduld ber diese
Zeit hinweg. Ich bin jung, die Jugend stellt sich unversehens wieder her. Duldet
mich in eurer Gegenwart, erfreut mich durch eure Liebe, belehrt mich durch eure
Unterhaltung; aber mein Innres berlat mir selbst!

Die lngst vorbereitete Abreise der Mnner unterblieb, weil jenes auswrtige
Geschft des Majors sich verzgerte. Wie erwnscht fr Eduard! Nun durch
Ottiliens Blatt aufs neue angeregt, durch ihre trostvollen, hoffnunggebenden
Worte wieder ermutigt und zu standhaftem Ausharren berechtigt, erklrte er auf
einmal, er werde sich nicht entfernen. Wie tricht, rief er aus, das
Unentbehrlichste, Notwendigste vorstzlich, voreilig wegzuwerfen, das, wenn uns
auch der Verlust bedroht, vielleicht noch zu erhalten wre! Und was soll es
heien? Doch nur, da der Mensch ja scheine, wollen, whlen zu knnen. So habe
ich oft, beherrscht von solchem albernen Dnkel, Stunden, ja Tage zu frh mich
von Freunden losgerissen, um nur nicht von dem letzten, unausweichlichen Termin
entschieden gezwungen zu werden. Diesmal aber will ich bleiben. Warum soll ich
mich entfernen? Ist sie nicht schon von mir entfernt? Es fllt mir nicht ein,
ihre Hand zu fassen, sie an mein Herz zu drcken; sogar darf ich es nicht
denken, es schaudert mir. Sie hat sich nicht von mir weg, sie hat sich ber mich
weg gehoben.
    Und so blieb er, wie er wollte, wie er mute. Aber auch dem Behagen glich
nichts, wenn er sich mit ihr zusammenfand. Und so war auch ihr dieselbe
Empfindung geblieben; auch sie konnte sich dieser seligen Notwendigkeit nicht
entziehen. Nach wie vor bten sie eine unbeschreibliche, fast magische
Anziehungskraft gegeneinander aus. Sie wohnten unter Einem Dache; aber selbst
ohne gerade aneinander zu denken, mit andern Dingen beschftigt, von der
Gesellschaft hin und her gezogen, nherten sie sich einander. Fanden sie sich in
Einem Saale, so dauerte es nicht lange, und sie standen, sie saen
nebeneinander. Nur die nchste Nhe konnte sie beruhigen, aber auch vllig
beruhigen, und diese Nhe war genug; nicht eines Blickes, nicht eines Wortes,
keiner Gebrde, keiner Berhrung bedurfte es, nur des reinen Zusammenseins. Dann
waren es nicht zwei Menschen, es war nur Ein Mensch im bewutlosen, vollkommnen
Behagen, mit sich selbst zufrieden und mit der Welt. Ja, htte man eins von
beiden am letzten Ende der Wohnung festgehalten, das andere htte sich nach und
nach von selbst, ohne Vorsatz, zu ihm hinbewegt. Das Leben war ihnen ein Rtsel,
dessen Auflsung sie nur miteinander fanden.
    Ottilie war durchaus heiter und gelassen, so da man sich ber sie vllig
beruhigen konnte. Sie entfernte sich wenig aus der Gesellschaft, nur hatte sie
es erlangt, allein zu speisen. Niemand als Nanny bediente sie.
    Was einem jeden Menschen gewhnlich begegnet, wiederholt sich mehr, als man
glaubt, weil seine Natur hiezu die nchste Bestimmung gibt. Charakter,
Individualitt, Neigung, Richtung, rtlichkeit, Umgebungen und Gewohnheiten
bilden zusammen ein Ganzes, in welchem jeder Mensch wie in einem Elemente, in
einer Atmosphre schwimmt, worin es ihm allein bequem und behaglich ist. Und so
finden wir die Menschen, ber deren Vernderlichkeit so viele Klage gefhrt
wird, nach vielen Jahren zu unserm Erstaunen unverndert und nach uern und
innern unendlichen Anregungen unvernderlich.
    So bewegte sich auch in dem tglichen Zusammenleben unserer Freunde fast
alles wieder in dem alten Gleise. Noch immer uerte Ottilie stillschweigend
durch manche Geflligkeit ihr zuvorkommendes Wesen, und so jedes nach seiner
Art. Auf diese Weise zeigte sich der husliche Zirkel als ein Scheinbild des
vorigen Lebens, und der Wahn, als ob noch alles beim alten sei, war verzeihlich.
    Die herbstlichen Tage, an Lnge jenen Frhlingstagen gleich, riefen die
Gesellschaft um eben die Stunde aus dem Freien ins Haus zurck. Der Schmuck an
Frchten und Blumen, der dieser Zeit eigen ist, lie glauben, als wenn es der
Herbst jenes ersten Frhlings wre; die Zwischenzeit war ins Vergessen gefallen.
Denn nun blhten die Blumen, dergleichen man in jenen ersten Tagen auch geset
hatte; nun reiften Frchte an den Bumen, die man damals blhen gesehen.
    Der Major ging ab und zu; auch Mittler lie sich fter sehen. Die
Abendsitzungen waren meistens regelmig. Eduard las gewhnlich, lebhafter,
gefhlvoller, besser, ja sogar heiterer, wenn man will, als jemals. Es war, als
wenn er, so gut durch Frhlichkeit als durch Gefhl, Ottiliens Erstarren wieder
beleben, ihr Schweigen wieder auflsen wollte. Er setzte sich wie vormals, da
sie ihm ins Buch sehen konnte, ja er ward unruhig, zerstreut, wenn sie nicht
hineinsah, wenn er nicht gewi war, da sie seinen Worten mit ihren Augen
folgte.
    Jedes unerfreuliche, unbequeme Gefhl der mittleren Zeit war ausgelscht.
Keines trug mehr dem andern etwas nach; jede Art von Bitterkeit war
verschwunden. Der Major begleitete mit der Violine das Klavierspiel Charlottens,
so wie Eduards Flte mit Ottiliens Behandlung des Saiteninstruments wieder wie
vormals zusammentraf. So rckte man dem Geburtstage Eduards nher, dessen Feier
man vor einem Jahre nicht erreicht hatte. Er sollte ohne Festlichkeit in
stillem, freundlichem Behagen diesmal gefeiert werden. So war man, halb
stillschweigend halb ausdrcklich, miteinander bereingekommen. Doch je nher
diese Epoche heranrckte, vermehrte sich das Feierliche in Ottiliens Wesen, das
man bisher mehr empfunden als bemerkt hatte. Sie schien im Garten oft die Blumen
zu mustern; sie hatte dem Grtner angedeutet, die Sommergewchse aller Art zu
schonen, und sich besonders bei den Astern aufgehalten, die gerade dieses Jahr
in unmiger Menge blhten.

                              Achtzehntes Kapitel


Das Bedeutendste jedoch, was die Freunde mit stiller Aufmerksamkeit
beobachteten, war, da Ottilie den Koffer zum erstenmal ausgepackt und daraus
verschiedenes gewhlt und abgeschnitten hatte, was zu einem einzigen, aber
ganzen und vollen Anzug hinreichte. Als sie das brige mit Beihlfe Nannys
wieder einpacken wollte, konnte sie kaum damit zustande kommen; der Raum war
bervoll, obgleich schon ein Teil herausgenommen war. Das junge habgierige
Mdchen konnte sich nicht satt sehen, besonders da sie auch fr alle kleineren
Stcke des Anzugs gesorgt fand. Schuhe, Strmpfe, Strumpfbnder mit Devisen,
Handschuhe und so manches andere war noch brig. Sie bat Ottilien, ihr nur etwas
davon zu schenken. Diese verweigerte es, zog aber sogleich die Schublade einer
Kommode heraus und lie das Kind whlen, das hastig und ungeschickt zugriff und
mit der Beute gleich davonlief, um den brigen Hausgenossen ihr Glck zu
verknden und vorzuzeigen.
    Zuletzt gelang es Ottilien, alles sorgfltig wieder einzuschichten; sie
ffnete hierauf ein verborgenes Fach, das im Deckel angebracht war. Dort hatte
sie kleine Zettelchen und Briefe Eduards, mancherlei aufgetrocknete
Blumenerinnerungen frherer Spaziergnge, eine Locke ihres Geliebten und was
sonst noch verborgen. Noch eins fgte sie hinzu - es war das Portrt ihres
Vaters- und verschlo das Ganze, worauf sie den zarten Schlssel an dem goldnen
Kettchen wieder um den Hals an ihre Brust hing.
    Mancherlei Hoffnungen waren indes in dem Herzen der Freunde rege geworden.
Charlotte war berzeugt, Ottilie werde auf jenen Tag wieder zu sprechen
anfangen; denn sie hatte bisher eine heimliche Geschftigkeit bewiesen, eine Art
von heiterer Selbstzufriedenheit, ein Lcheln, wie es demjenigen auf dem
Gesichte schwebt, der Geliebten etwas Gutes und Erfreuliches verbirgt. Niemand
wute, da Ottilie gar manche Stunde in groer Schwachheit hinbrachte, aus der
sie sich nur fr die Zeiten, wo sie erschien, durch Geisteskraft emporhielt.
    Mittler hatte sich diese Zeit fters sehen lassen und war lnger geblieben
als sonst gewhnlich. Der hartnckige Mann wute nur zu wohl, da es einen
gewissen Moment gibt, wo allein das Eisen zu schmieden ist. Ottiliens Schweigen
sowie ihre Weigerung legte er zu seinen Gunsten aus. Es war bisher kein Schritt
zu Scheidung der Gatten geschehen; er hoffte das Schicksal des guten Mdchens
auf irgendeine andere gnstige Weise zu bestimmen; er horchte, er gab nach, er
gab zu verstehen und fhrte sich nach seiner Weise klug genug auf.
    Allein berwltigt war er stets, sobald er Anla fand, sein Rsonnement ber
Materien zu uern, denen er eine groe Wichtigkeit beilegte. Er lebte viel in
sich, und wenn er mit andern war, so verhielt er sich gewhnlich nur handelnd
gegen sie. Brach nun einmal unter Freunden seine Rede los, wie wir schon fter
gesehen haben, so rollte sie ohne Rcksicht fort, verletzte oder heilte, nutzte
oder schadete, wie es sich gerade fgen mochte.
    Den Abend vor Eduards Geburtstage saen Charlotte und der Major Eduarden,
der ausgeritten war, erwartend beisammen; Mittler ging im Zimmer auf und ab;
Ottilie war auf dem ihrigen geblieben, den morgenden Schmuck auseinanderlegend
und ihrem Mdchen manches andeutend, welches sie vollkommen verstand und die
stummen Anordnungen geschickt befolgte.
    Mittler war gerade auf eine seiner Lieblingsmaterien gekommen. Er pflegte
gern zu behaupten, da sowohl bei der Erziehung der Kinder als bei der Leitung
der Vlker nichts ungeschickter und barbarischer sei als Verbote, als
verbietende Gesetze und Anordnungen. Der Mensch ist von Hause aus ttig, sagte
er; und wenn man ihm zu gebieten versteht, so fhrt er gleich dahinter her,
handelt und richtet aus. Ich fr meine Person mag lieber in meinem Kreise Fehler
und Gebrechen so lange dulden, bis ich die entgegengesetzte Tugend gebieten
kann, als da ich den Fehler los wrde und nichts Rechtes an seiner Stelle she.
Der Mensch tut recht gern das Gute, das Zweckmige, wenn er nur dazu kommen
kann; er tut es, damit er was zu tun hat, und sinnt darber nicht weiter nach
als ber alberne Streiche, die er aus Miggang und langer Weile vornimmt.
    Wie verdrielich ist mirs oft, mit anzuhren, wie man die Zehn Gebote in der
Kinderlehre wiederholen lt. Das vierte ist noch ein ganz hbsches,
vernnftiges, gebietendes Gebot. Du sollst Vater und Mutter ehren. Wenn sich das
die Kinder recht in den Sinn schreiben, so haben sie den ganzen Tag daran
auszuben. Nun aber das fnfte, was soll man dazu sagen? Du sollst nicht tten.
Als wenn irgendein Mensch im mindesten Lust htte, den andern totzuschlagen! Man
hat einen, man erzrnt sich, man bereilt sich, und in Gefolg von dem und
manchem andern kann es wohl kommen, da man gelegentlich einen totschlgt. Aber
ist es nicht eine barbarische Anstalt, den Kindern Mord und Totschlag zu
verbieten? Wenn es hiee: Sorge fr des andern Leben, entferne, was ihm
schdlich sein kann, rette ihn mit deiner eigenen Gefahr; wenn du ihn
beschdigst, denke, da du dich selbst beschdigst: das sind Gebote, wie sie
unter gebildeten, vernnftigen Vlkern statthaben und die man bei der
Katechismuslehre nur kmmerlich in dem Was ist das? nachschleppt.
    Und nun gar das sechste, das finde ich ganz abscheulich! Was? Die Neugierde
vorahnender Kinder auf gefhrliche Mysterien reizen, ihre Einbildungskraft zu
wunderlichen Bildern und Vorstellungen aufregen, die gerade das, was man
entfernen will, mit Gewalt heranbringen! Weit besser wre es, da dergleichen
von einem heimlichen Gericht willkrlich bestraft wrde, als da man vor Kirch
und Gemeinde davon plappern lt.
    In dem Augenblick trat Ottilie herein. Du sollst nicht ehebrechen, fuhr
Mittler fort. Wie grob, wie unanstndig! Klnge es nicht ganz anders, wenn es
hiee: Du sollst Ehrfurcht haben vor der ehelichen Verbindung; wo du Gatten
siehst, die sich lieben, sollst du dich darber freuen und teil daran nehmen wie
an dem Glck eines heitern Tages. Sollte sich irgend in ihrem Verhltnis etwas
trben, so sollst du suchen, es aufzuklren; du sollst suchen, sie zu begtigen,
sie zu besnftigen, ihnen ihre wechselseitigen Vorteile deutlich zu machen, und
mit schner Uneigenntzigkeit das Wohl der andern frdern, indem du ihnen
fhlbar machst, was fr ein Glck aus jeder Pflicht und besonders aus dieser
entspringt, welche Mann und Weib unauflslich verbindet?
    Charlotte sa wie auf Kohlen, und der Zustand war ihr um so ngstlicher, als
sie berzeugt war, da Mittler nicht wute, was und wo ers sagte, und ehe sie
ihn noch unterbrechen konnte, sah sie schon Ottilien, deren Gestalt sich
verwandelt hatte, aus dem Zimmer gehen.
    Sie erlassen uns wohl das siebente Gebot, sagte Charlotte mit erzwungenem
Lcheln. Alle die brigen, versetzte Mittler, wenn ich nur das rette, worauf
die andern beruhen.
    Mit entsetzlichem Schrei hereinstrzend rief Nanny:  Sie stirbt! Das
Frulein stirbt! Kommen Sie! Kommen Sie!
    Als Ottilie nach ihrem Zimmer schwankend zurckgekommen war, lag der
morgende Schmuck auf mehreren Sthlen vllig ausgebreitet, und das Mdchen, das
betrachtend und bewundernd daran hin und her ging, rief jubelnd aus: Sehen Sie
nur, liebstes Frulein, das ist ein Brautschmuck, ganz Ihrer wert!
    Ottilie vernahm diese Worte und sank auf den Sofa. Nanny sieht ihre Herrin
erblassen, erstarren; sie luft zu Charlotten; man kommt. Der rztliche
Hausfreund eilt herbei; es scheint ihm nur eine Erschpfung. Er lt etwas
Kraftbrhe bringen; Ottilie weist sie mit Abscheu weg, ja sie fllt fast in
Zuckungen, als man die Tasse dem Munde nhert. Er fragt mit Ernst und Hast, wie
es ihm der Umstand eingab, was Ottilie heute genossen habe. Das Mdchen stockt;
er wiederholt seine Frage; das Mdchen bekennt, Ottilie habe nichts genossen.
    Nanny scheint ihm ngstlicher als billig. Er reit sie in ein Nebenzimmer,
Charlotte folgt, das Mdchen wirft sich auf die Kniee, sie gesteht, da Ottilie
schon lange so gut wie nichts geniee. Auf Andringen Ottiliens habe sie die
Speisen an ihrer Statt genossen; verschwiegen habe sie es wegen bittender und
drohender Gebrden ihrer Gebieterin, und auch, setzte sie unschuldig hinzu, weil
es ihr gar so gut geschmeckt.
    Der Major und Mittler kamen heran; sie fanden Charlotten ttig in
Gesellschaft des Arztes. Das bleiche himmlische Kind sa, sich selbst bewut,
wie es schien, in der Ecke des Sofas. Man bittet sie, sich niederzulegen; sie
verweigerts, winkt aber, da man das Kfferchen herbeibringe. Sie setzt ihre
Fe darauf und findet sich in einer halb liegenden, bequemen Stellung. Sie
scheint Abschied nehmen zu wollen, ihre Gebrden drcken den Umstehenden die
zarteste Anhnglichkeit aus, Liebe, Dankbarkeit, Abbitte und das herzlichste
Lebewohl.
    Eduard, der vom Pferde steigt, vernimmt den Zustand, er strzt in das
Zimmer, er wirft sich an ihre Seite nieder, fat ihre Hand und berschwemmt sie
mit stummen Trnen. So bleibt er lange. Endlich ruft er aus:  Soll ich deine
Stimme nicht wieder hren? Wirst du nicht mit einem Wort fr mich ins Leben
zurckkehren? Gut, gut! ich folge dir hinber; da werden wir mit andern Sprachen
reden!
    Sie drckt ihm krftig die Hand, sie blickt ihn lebevoll und liebevoll an,
und nach einem tiefen Atemzug, nach einer himmlischen, stummen Bewegung der
Lippen: Versprich mir zu leben! ruft sie aus, mit holder, zrtlicher
Anstrengung; doch gleich sinkt sie zurck. Ich versprech es! rief er ihr
entgegen, doch rief er es ihr nur nach; sie war schon abgeschieden.
    Nach einer trnenvollen Nacht fiel die Sorge, die geliebten Reste zu
bestatten, Charlotten anheim. Der Major und Mittler standen ihr bei. Eduards
Zustand war zu bejammern. Wie er sich aus seiner Verzweiflung nur hervorheben
und einigermaen besinnen konnte, bestand er darauf, Ottilie sollte nicht aus
dem Schlosse gebracht, sie sollte gewartet, gepflegt, als eine Lebende behandelt
werden; denn sie sei nicht tot, sie knne nicht tot sein. Man tat ihm seinen
Willen, insofern man wenigstens das unterlie, was er verboten hatte. Er
verlangte nicht, sie zu sehen.
    Noch ein anderer Schreck ergriff, noch eine andere Sorge beschftigte die
Freunde. Nanny, von dem Arzt heftig gescholten, durch Drohungen zum Bekenntnis
gentigt und nach dem Bekenntnis mit Vorwrfen berhuft, war entflohen. Nach
langem Suchen fand man sie wieder, sie schien auer sich zu sein. Ihre Eltern
nahmen sie zu sich. Die beste Begegnung schien nicht anzuschlagen, man mute sie
einsperren, weil sie wieder zu entfliehen drohte.
    Stufenweise gelang es, Eduarden der heftigsten Verzweiflung zu entreien,
aber nur zu seinem Unglck; denn es ward ihm deutlich, es ward ihm gewi, da er
das Glck seines Lebens fr immer verloren habe. Man wagte es ihm vorzustellen,
da Ottilie, in jener Kapelle beigesetzt, noch immer unter den Lebendigen
bleiben und einer freundlichen, stillen Wohnung nicht entbehren wrde. Es fiel
schwer, seine Einwilligung zu erhalten, und nur unter der Bedingung, da sie im
offenen Sarge hinausgetragen und in dem Gewlbe allenfalls nur mit einem
Glasdeckel zugedeckt und eine immerbrennende Lampe gestiftet werden sollte, lie
er sichs zuletzt gefallen und schien sich in alles ergeben zu haben.
    Man kleidete den holden Krper in jenen Schmuck, den sie sich selbst
vorbereitet hatte; man setzte ihr einen Kranz von Asterblumen auf das Haupt, die
wie traurige Gestirne ahnungsvoll glnzten. Die Bahre, die Kirche, die Kapelle
zu schmcken, wurden alle Grten ihres Schmucks beraubt. Sie lagen verdet, als
wenn bereits der Winter alle Freude aus den Beeten weggetilgt htte. Beim
frhsten Morgen wurde sie im offnen Sarge aus dem Schlo getragen, und die
aufgehende Sonne rtete nochmals das himmlische Gesicht. Die Begleitenden
drngten sich um die Trger, niemand wollte vorausgehn, niemand folgen,
jedermann sie umgeben, jedermann noch zum letztenmale ihre Gegenwart genieen.
Knaben, Mnner und Frauen, keins blieb ungerhrt. Untrstlich waren die Mdchen,
die ihren Verlust am unmittelbarsten empfanden.
    Nanny fehlte. Man hatte sie zurckgehalten, oder vielmehr man hatte ihr den
Tag und die Stunde des Begrbnisses verheimlicht. Man bewachte sie bei ihren
Eltern in einer Kammer, die nach dem Garten ging. Als sie aber die Glocken
luten hrte, ward sie nur allzubald inne, was vorging, und da ihre Wchterin
aus Neugierde, den Zug zu sehen, sie verlie, entkam sie zum Fenster hinaus auf
einen Gang und von da, weil sie alle Tren verschlossen fand, auf den Oberboden.
    Eben schwankte der Zug den reinlichen, mit Blttern bestreuten Weg durchs
Dorf hin. Nanny sah ihre Gebieterin deutlich unter sich, deutlicher,
vollstndiger, schner als alle, die dem Zuge folgten. berirdisch, wie auf
Wolken oder Wogen getragen, schien sie ihrer Dienerin zu winken, und diese,
verworren, schwankend, taumelnd, strzte hinab.
    Auseinander fahr die Menge mit einem entsetzlichen Schrei nach allen Seiten.
Vom Drngen und Getmmel waren die Trger gentigt, die Bahre niederzusetzen.
Das Kind lag ganz nahe daran; es schien an allen Gliedern zerschmettert. Man hob
es auf, und zufllig oder aus besonderer Fgung lehnte man es ber die Leiche,
ja es schien selbst noch mit dem letzten Lebensrest seine geliebte Herrin
erreichen zu wollen. Kaum aber hatten ihre schlotternden Glieder Ottiliens
Gewand, ihre kraftlosen Finger Ottiliens gefaltete Hnde berhrt, als das
Mdchen aufsprang, Arme und Augen zuerst gen Himmel erhob, dann auf die Kniee
vor dem Sarge niederstrzte und andchtig entzckt zu der Herrin hinaufstaunte.
    Endlich sprang sie wie begeistert auf und rief mit heiliger Freude: Ja, sie
hat mir vergeben! Was mir kein Mensch, was ich mir selbst nicht vergeben konnte,
vergibt mir Gott durch ihren Blick, ihre Gebrde, ihren Mund. Nun ruht sie
wieder so still und sanft; aber ihr habt gesehen, wie sie sich aufrichtete und
mit entfalteten Hnden mich segnete, wie sie mich freundlich anblickte! Ihr habt
es alle gehrt, ihr seid Zeugen, da sie zu mir sagte: Dir ist vergeben! Ich bin
nun keine Mrderin mehr unter euch, sie hat mir verziehen, Gott hat mir
verziehen, und niemand kann mir mehr etwas anhaben.
    Umhergedrngt stand die Menge; sie waren erstaunt, sie horchten und sahen
hin und wider, und kaum wute jemand, was er beginnen sollte. Tragt sie nun zur
Ruhe! sagte das Mdchen; sie hat das Ihrige getan und gelitten und kann nicht
mehr unter uns wohnen. Die Bahre bewegte sich weiter, Nanny folgte zuerst, und
man gelangte zur Kirche, zur Kapelle.
    So stand nun der Sarg Ottiliens, zu ihren Hupten der Sarg des Kindes, zu
ihren Fen das Kfferchen, in ein starkes eichenes Behltnis eingeschlossen.
Man hatte fr eine Wchterin gesorgt, welche in der ersten Zeit des Leichnams
wahrnehmen sollte, der unter seiner Glasdecke gar liebenswrdig dalag. Aber
Nanny wollte sich dieses Amt nicht nehmen lassen; sie wollte allein, ohne
Gesellin bleiben und der zum erstenmal angezndeten Lampe fleiig warten. Sie
verlangte dies so eifrig und hartnckig, da man ihr nachgab, um ein greres
Gemtsbel, das sich befrchten lie, zu verhten.
    Aber sie blieb nicht lange allein; denn gleich mit sinkender Nacht, als das
schwebende Licht, sein volles Recht ausbend, einen helleren Schein verbreitete,
ffnete sich die Tre, und es trat der Architekt in die Kapelle, deren fromm
verzierte Wnde bei so mildem Schimmer altertmlicher und ahnungsvoller, als er
je htte glauben knnen, ihm entgegendrangen.
    Nanny sa an der einen Seite des Sarges. Sie erkannte ihn gleich; aber
schweigend deutete sie auf die verblichene Herrin. Und so stand er auf der
andern Seite, in jugendlicher Kraft und Anmut, auf sich selbst zurckgewiesen,
starr, in sich gekehrt, mit niedergesenkten Armen, gefalteten, mitleidig
gerungenen Hnden, Haupt und Blick nach der Entseelten hingeneigt.
    Schon einmal hatte er so vor Belisar gestanden. Unwillkrlich geriet er
jetzt in die gleiche Stellung; und wie natrlich war sie auch diesmal! Auch hier
war etwas unschtzbar Wrdiges von seiner Hhe herabgestrzt; und wenn dort
Tapferkeit, Klugheit, Macht, Rang und Vermgen in einem Manne als
unwiederbringlich verloren bedauert wurden, wenn Eigenschaften, die der Nation,
dem Frsten in entscheidenden Momenten unentbehrlich sind, nicht geschtzt,
vielmehr verworfen und ausgestoen worden, so waren hier soviel andere stille
Tugenden, von der Natur erst kurz aus ihren gehaltreichen Tiefen hervorgerufen,
durch ihre gleichgltige Hand schnell wieder ausgetilgt, seltene, schne,
liebenswrdige Tugenden, deren friedliche Einwirkung die bedrftige Welt zu
jeder Zeit mit wonnevollem Gengen umfngt und mit sehnschtiger Trauer vermit.
    Der Jngling schwieg, auch das Mdchen eine Zeitlang; als sie ihm aber die
Trnen hufig aus dem Auge quellen sah, als er sich im Schmerz ganz aufzulsen
schien, sprach sie mit so viel Wahrheit und Kraft, mit so viel Wohlwollen und
Sicherheit ihm zu, da er, ber den Flu ihrer Rede erstaunt, sich zu fassen
vermochte und seine schne Freundin ihm in einer hhern Region lebend und
wirkend vorschwebte. Seine Trnen trockneten, seine Schmerzen linderten sich,
knieend nahm er von Ottilien, mit einem herzlichen Hndedruck von Nanny
Abschied, und noch in der Nacht ritt er vom Orte weg, ohne jemand weiter gesehen
zu haben.
    Der Wundarzt war die Nacht ber ohne des Mdchens Wissen in der Kirche
geblieben und fand, als er sie des Morgens besuchte, sie heiter und getrosten
Mutes. Er war auf mancherlei Verirrungen gefat; er dachte schon, sie werde ihm
von nchtlichen Unterredungen mit Ottilien und von andern solchen Erscheinungen
sprechen, aber sie war natrlich, ruhig und sich vllig selbstbewut. Sie
erinnerte sich vollkommen aller frheren Zeiten, aller Zustnde mit groer
Genauigkeit, und nichts in ihren Reden schritt aus dem gewhnlichen Gange des
Wahren und Wirklichen heraus als nur die Begebenheit beim Leichenbegngnis, die
sie mit Freudigkeit oft wiederholte: wie Ottilie sich aufgerichtet, sie
gesegnet, ihr verziehen und sie dadurch fr immer beruhigt habe.
    Der fortdauernd schne, mehr schlaf- als todhnliche Zustand Ottiliens zog
mehrere Menschen herbei. Die Bewohner und Anwohner wollten sie noch sehen, und
jeder mochte gern aus Nannys Munde das Unglaubliche hren; manche, um darber zu
spotten, die meisten, um daran zu zweifeln, und wenige, um sich glaubend dagegen
zu verhalten.
    Jedes Bedrfnis, dessen wirkliche Befriedigung versagt ist, ntigt zum
Glauben. Die vor den Augen aller Welt zerschmetterte Nanny war durch Berhrung
des frommen Krpers wieder gesund geworden; warum sollte nicht auch ein
hnliches Glck hier andern bereitet sein? Zrtliche Mtter brachten zuerst
heimlich ihre Kinder, die von irgendeinem bel behaftet waren, und sie glaubten
eine pltzliche Besserung zu spren. Das Zutrauen vermehrte sich, und zuletzt
war niemand so alt und so schwach, der sich nicht an dieser Stelle eine
Erquickung und Erleichterung gesucht htte. Der Zudrang wuchs, und man sah sich
gentigt, die Kapelle, ja auer den Stunden des Gottesdienstes die Kirche zu
verschlieen.
    Eduard wagte sich nicht wieder zu der Abgeschiedenen. Er lebte nur vor sich
hin, er schien keine Trne mehr zu haben, keines Schmerzes weiter fhig zu sein.
Seine Teilnahme an der Unterhaltung, sein Genu von Speis und Trank vermindert
sich mit jedem Tage. Nur noch einige Erquickung scheint er aus dem Glase zu
schlrfen, das ihm freilich kein wahrhafter Prophet gewesen. Er betrachtet noch
immer gern die verschlungenen Namenszge, und sein ernstheiterer Blick dabei
scheint anzudeuten, da er auch jetzt noch auf eine Vereinigung hoffe. Und wie
den Glcklichen jeder Nebenumstand zu begnstigen, jedes Ungefhr mit
emporzuheben scheint, so mgen sich auch gern die kleinsten Vorflle zur
Krnkung, zum Verderben des Unglcklichen vereinigen. Denn eines Tages, als
Eduard das geliebte Glas zum Munde brachte, entfernte er es mit Entsetzen
wieder; es war dasselbe und nicht dasselbe; er vermit ein kleines Kennzeichen.
Man dringt in den Kammerdiener, und dieser mu gestehen, das echte Glas sei
unlngst zerbrochen und ein gleiches, auch aus Eduards Jugendzeit,
untergeschoben worden. Eduard kann nicht zrnen, sein Schicksal ist
ausgesprochen durch die Tat; wie soll ihn das Gleichnis rhren? Aber doch drckt
es ihn tief. Der Trank scheint ihm von nun an zu widerstehen; er scheint sich
mit Vorsatz der Speise, des Gesprchs zu enthalten.
    Aber von Zeit zu Zeit berfllt ihn eine Unruhe. Er verlangt wieder etwas zu
genieen, er fngt wieder an zu sprechen. Ach! sagte er einmal zu dem Major,
der ihm wenig von der Seite kam, was bin ich unglcklich, da mein ganzes
Bestreben nur immer eine Nachahmung, ein falsches Bemhen bleibt! Was ihr
Seligkeit gewesen, wird mir Pein; und doch, um dieser Seligkeit willen bin ich
gentigt, diese Pein zu bernehmen. Ich mu ihr nach, auf diesem Wege nach; aber
meine Natur hlt mich zurck und mein Versprechen. Es ist eine schreckliche
Aufgabe, das Unnachahmliche nachzuahmen. Ich fhle wohl, Bester, es gehrt Genie
zu allem, auch zum Mrtyrertum.
    
    Was sollen wir bei diesem hoffnungslosen Zustande der ehegattlichen,
freundschaftlichen, rztlichen Bemhungen gedenken, in welchen sich Eduards
Angehrige eine Zeitlang hin und her wogten? Endlich fand man ihn tot. Mittler
machte zuerst diese traurige Entdeckung. Er berief den Arzt und beobachtete,
nach seiner gewhnlichen Fassung, genau die Umstnde, in denen man den
Verblichenen angetroffen hatte. Charlotte strzte herbei; ein Verdacht des
Selbstmordes regte sich in ihr; sie wollte sich, sie wollte die andern einer
unverzeihlichen Unvorsichtigkeit anklagen. Doch der Arzt aus natrlichen und
Mittler aus sittlichen Grnden wuten sie bald vom Gegenteil zu berzeugen. Ganz
deutlich war Eduard von seinem Ende berrascht worden. Er hatte, was er bisher
sorgfltig zu verbergen pflegte, das ihm von Ottilien briggebliebene in einem
stillen Augenblick vor sich aus einem Kstchen, aus einer Brieftasche
ausgebreitet: eine Locke, Blumen, in glcklicher Stunde gepflckt, alle
Blttchen, die sie ihm geschrieben, von jenem ersten an, das ihm seine Gattin so
zufllig ahnungsreich bergeben hatte. Das alles konnte er nicht einer
ungefhren Entdeckung mit Willen preisgeben. Und so lag denn auch dieses vor
kurzem zu unendlicher Bewegung aufgeregte Herz in unstrbarer Ruhe; und wie er
in Gedanken an die Heilige eingeschlafen war, so konnte man wohl ihn selig
nennen. Charlotte gab ihm seinen Platz neben Ottilien und verordnete, da
niemand weiter in diesem Gewlbe beigesetzt werde. Unter dieser Bedingung machte
sie fr Kirche und Schule, fr den Geistlichen und den Schullehrer ansehnliche
Stiftungen.
    So ruhen die Liebenden nebeneinander. Friede schwebt ber ihrer Sttte,
heitere, verwandte Engelsbilder schauen vom Gewlbe auf sie herab, und welch ein
freundlicher Augenblick wird es sein, wenn sie dereinst wieder zusammen
erwachen.
