
                               Pichler, Karoline

                                   Agathocles

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                                Karoline Pichler

                                   Agathokles

                           1. Calpurnia an Sulpicien.

                                                           Rom, im December 300.

Welcher Einfall von Sulpicien, in diesen Tagen auf's Land zu gehen, und den
Zeitpunkt, worin die Hauptstadt der Welt in ihrem glnzendsten Lichte erscheint,
auf einer einsamen Villa am Ufer der See zuzubringen, die in dieser Jahreszeit
von Strmen gepeitscht und mit Nebeln bedeckt ist! Was, um aller Gtter willen,
kann sie dort halten? Wie ist es mglich, allen Freuden und Herrlichkeiten der
Saturnalien1 zu entsagen, um in der abgeschiedensten Einsamkeit sich selbst zu
leben?
    Sich selbst! nicht doch. Wer das nicht besser wte! La immerhin die Welt
ist jene Ausrufungen ausbrechen, und vergebens rathen, was dich jetzt in jene
Stille lockt: sie soll und darf die heimlichen Reize nicht kennen, die deine
Verborgenheit verschnern. Das ist recht und in der Ordnung. Aber da du auch
mir ein Geheimni daraus machen willst, das kann ich dir nicht verzeihen. Ich
darf ja nur Einen Namen nennen, um dein Gesicht mit dem schnsten Purpur zu
berziehen, und dich, falls du den Brief in Gegenwart einer gewissen Person
liefest, noch reizender zu machen! Aber da wrde dir ja ein Dienst damit
geschehen, und das will ich in diesem Augenblicke nicht. Es sey dir genug, zu
wissen, da ich von Allem unterrichtet bin, und deine Zurckhaltung dir nichts
ntzt. Wahrlich, du machst deine Sachen schlau und gut! Unter dem Verwande der
Sorgfalt fr deine Landwirthschaft erhltst du von deinem Manne die Erlaubni,
und einen groen Dank obendrein, jetzt auf deine Villa zu gehen, um den
nachlssigen Verwalter zu berraschen, und - whrend der gute Ehemann in Rom die
Emsigkeit seiner Frau nicht genug rhmen kann, hat sie sich nur Gelegenheit
verschafft, ihren Liebling ganz ungestrt und nach Gefallen zu sehen.
    Doch Scherz bei Seite, liebe Freundin! Die Sache hat eine viel zu ernste
Seite, als da ich lnger in jenem Tone fortfahren knnte. Wie war es dir
mglich, diesen Schritt zu wagen, und die Augen ganz vor den Folgen, die er
wahrscheinlich haben wird, zu verschlieen? Tiridates ist liebenswrdig, tapfer,
edel, seine knigliche Abkunft, sein und seiner Familie Unglck macht ihn
anziehend, und ich begreife wohl, da er einem feinfhlenden gebildeten Weibe,
besonders einem, das leider in seinem Hause nichts solches aufzuweisen hat,
gefhrlich werden kann; ich begreife, da du ihn liebst: und da er dich, die
schne geistreiche Frau, dafr anbetet, ist nicht mehr als seine Schuldigkeit.
Aber mu man darum so halsbrechende Dinge wagen? Du konntest ja den armenischen
Prinzen tglich in deinem Hause sehen. Dein Mann, ich wei es, schtzt sich's
zur Ehre, den Liebling des Csar Galerius2 seinen Freund nennen zu knnen. Er
prahlt damit, er gibt sich das Ansehen, die Absichten des Prinzen durch sich und
seine Freunde an den Hfen von Mailand und Nikomedien zu untersttzen, und wenn
einst Tiridates den Thron seiner Vter besteigt - gib Acht - dein Serranus lt
dann nicht undeutlich merken, da ohne ihn das Alles wohl nicht geschehen wre.
Was trieb dich denn also fort? Was bewog dich, jetzt nach Baj zu gehen, wo dein
Umgang mit Tiridates weit mehr auffallen mu, als in Rom, und deine husliche
Ruhe, deinen Ruf vor der Welt auf's Spiel zu setzen? Wenn dein Mann, der, wie
alle eitle Menschen, eiferschtig ist, erfhrt, was auf seiner Villa vorgeht,
(und wie leicht ist das nicht, da deine Leute darum wissen mssen?) wird er
nicht toben, rasen und ein Aufsehen machen, das dich dem boshaftesten Gelchter
der Stadt Preis geben, dir die Herrschaft ber ihn, die allein deine husliche
Ruhe sichert, entreien, und dir den Aufenthalt bei ihm vollends unertrglich
machen wird? Willst du dich dann von ihm trennen? Wird das dein Vater zugeben,
der in die Verbindung mit der Anicischen Familie seinen Stolz setzt? Und was
steht dir dann fr ein Leben bevor?
    Es ist wahr, du kannst in Nom deinen Tiridates weder so oft noch so
ungestrt sehen, als dein Herz wnschen mag. Dein Mann, die Freunde deines
Mannes, deine Verwandten, die dich besuchen, sind fters zugegen. Das ist aber
auch das Einzige, was du zu ertragen hast, und - aufrichtig gesprochen - liegt
nicht selbst in dieser Strung, in diesen Entbehrungen ganz eigentlich die Wrze
der Liebe, die wohl ohne sie gewi nicht halb so warm und reizend seyn wrde?
    Du nennst mich immer die Leichtsinnige, die Epikurerin; aber du kennst
entweder die Lehren dieses Weisen nicht in ihrem ganzen Umfange, oder du
schlieest die Augen absichtlich vor ihrem Werth. Kluges Maa, sparsamer Genu
der Freude, Kraft zur Entbehrung des Liebsten, wenn es die Vernunft fordert, das
ist es, was man in seiner Schule lernt, die bei weitem nicht so leicht, so
locker ist, als du glaubst. Ich an deinem Platze, zum Beispiel, wrde nicht nach
Baj3 gegangen seyn, ich wrde mir den Genu der Freuden, die mich dort
erwarteten, aus Grundstzen versagt haben, und meinen Geliebten lieber seltner,
und mit minderer Freiheit sehen, um ihn immer sehen zu knnen; den groen
Vortheil abgerechnet, da unsre gegenseitige Liebe dann viel lnger neu und
anziehend geblieben, und mit dem groen Reize der Heimlichkeit gewrzt gewesen
wre.
    Du siehst, meine Sulpicia, da ich besonnener und klger bin, als du
glaubst, und jener Leichtsinn, jene Klte, die du mir so oft vorwirfst, ist
nichts als Ausbung wohl berdachter Grundstze. Sogar die Lehren der strengen
Stoa, die du einst so warm behauptet, und jetzt so arg verlassen hast, verwerfe
ich nicht. Ich erkenne z.B. ganz die tiefe Wahrheit des Satzes, da man alle
Gter der Erde an einen solchen Ort stellen soll, woher sie das Schicksal nehmen
kann, ohne das Gebude unserer Ruhe zu erschttern4. An diesen Platz nun wrde
ich, wenn ich je liebte (und das knnte sich denn wohl ereignen), auch meinen
Geliebten stellen; denn der gehrt ja, wie dein Beispiel mich lehrt, ganz
vorzglich zu den edelsten Gtern des Lebens.
    Doch was helfen alle diese Vorstellungen! Was hlfe die Beredtsamkeit eines
Cicero, gegen die Macht einer Leidenschaft, deren zerstrende Wirkungen ich mit
Bedauern an meinen Freunden erfahre, und vor denen mich die gtigen Gtter
bewahren mgen! Ohne also nur im Geringsten zu hoffen, da mein Brief dich
bekehren werde, will ich blos hiemit die Pflicht der Freundschaft erfllt und
dich gewarnt haben, zugleich aber dich versichern, da, was auch der Ausgang der
Begebenheiten seyn mge, mein Herz, meine Liebe zu dir unverndert bleiben wird,
und da ich meinen Stolz darein setzen werde, wenn - was die Gtter verhten -
die Sache schlimm abluft, dich nie zu verlassen, und aus allen meinen Krften
dein bses Schicksal entweder abzuwehren, oder redlich mit dir zu tragen. Leb'
wohl.

                                    Funoten


1 Die Saturnalien waren eines der glnzendsten und allgemeinsten Feste in Rom,
beinahe das, was jetzt der Carneval ist, und wurden im December gefeiert. Zum
Andenken des goldenen Zeitalters, unter Saturns Herrschaft, schien Alles whrend
jener Tage in den Zustand ursprnglicher Gleichheit zurckzutreten; die Sclaven
aen mit ihren Gebietern, und aller Unterschied der Stnde hrte auf.

2 Zu der Zeit, in welcher dieser Roman spielt, hatte Rom bereits aufgehrt, der
Sitz der rmischen Kaiser zu seyn. Diocletian, der sich aus dem Sclavenstande
zur Wrde eines der vornehmst n Offiziers, zum Befehlshaber der k. Leibwache,
und nach dem Tode des Kaisers Numerius auf den Thron desselben geschwungen
hatte, hatte sich in seinem ehemaligen Waffengenossen und Landsmann Maximian
einen Gefhrten der Regierung erwhlt, und das rmische Reich so zwischen ihm
und sich getheilt, da Maximian die Abendlnder von Mailand aus, wo er
residirte, Diocletian hingegen den stlichen Theil des Reichs in Nikomedien,
wohin er seinen Sitz verlegte, beherrschte. Bald darauf fand er nthig, noch
zwei Mitregenten zu erwhlen. Maximian gesellte sich den Constantius Chlorus als
Csar zu, und Diocletian nahm den Galerius in dieser Wrde zu sich. Beide
Csaren standen zu ihren Augusten in dem Verhltni von Shnen zu ihren Vtern,
auch muten beide sich von ihren vorigen Gemahlinnen trennen. Maximian gab dem
Constantius seine Tochter zur Ehe, und Diocletian vermhlte dem Galerius die
seinige, Valeria.
 Diese vier Beherrscher theilten sich in den weiten Umfang des rmischen Reichs.
Constantius besa Gallien, Spanien, Brittannien; Galerius die Ufer der Donau und
die illyrischen Provinzen; Maximian Italien und einen Theil von Afrika;
Diocletian selbst, Aegypten, Thrazien, und die asiatischen Provinzen. Jeder
dieser vier Monarchen war unumschrnkt in seinem Bezirke, aber ihr vereinigtes
Ansehen erstreckte sich ber die ganze Monarchie.
 Man sehe Gibbons Geschichte des Verfalls des rmischen Reichs, 2ter Theil,
woraus berhaupt fast alle geschichtlichen Notizen und Zge in diesem Buche
genommen sind.

3 In Baj, einer der reizendsten Gegenden von Italien, auf dem Wege zwischen Rom
und Neapel, hatten die meisten rmischen Groen ihre Landhuser, die sie Villa
nannten.

4 Seneca de consolatione.


                           2. Sulpicia an Calpurnien.

                                                          Baj, im December 300.

Du liebst nicht, Calpurnia, du wirst nie lieben. - In diesen Worten liegt der
Aufschlu zu deinem ganzen Betragen, und zugleich die Antwort auf Alles, was mir
deine Freundschaft, die ich mit innigstem Danke erkenne, so wohlmeinend, so
vernnftig vorstellt. Glaube nicht, meine geliebte Jugendgespielin, meine warme
treue Freundin, da ich den Werth deiner Grundstze mikenne, oder deinem
schnen Gemth auch nur um einen Grad weniger Wrme und Eifer fr's Gute
zutraue. Du hast Recht - vollkommen - unbestreitbar; aber ich, meine Freundin,
obwohl ich das Widerspiel von dir scheine, ich habe auch nicht Unrecht. Und
warum? Wir sehen Beide uns selbst, die Welt um uns, und unsere Verhltnisse zu
ihr aus einem andern Gesichtspunkte an; wir handeln nach den Regeln, die dieser
uns an die Hand gibt; kurz - wir thun Beide, nicht was wir wollen, sondern was
wir eben nicht lassen knnen. Last uns doch, liebe Calpurnia, den eiteln Stolz
auf Grundstze und Systeme aufgeben, in welchen wir ohne Verdienst, blos dem
Antriebe der Natur folgen! Wir sind nichts, als was die Umstnde aus uns machen
wollen. Dich haben sie mit einem leichten Blute, mit vielem Verstande, und einer
so glcklichen Proportion deiner Leibes- und Seelenkrfte ausgestattet, da das
Gleichgewicht unter ihnen selten gestrt, und gestrt, leicht wieder hergestellt
wird. Zudem hat dich das Glck in einer groen reichen Familie geboren werden
lassen. Die Pisonen bedrfen keiner fremden Untersttzung. Dein Vater hat auer
zwei hoffnungsvollen Shnen - dem Stolz, und den Sttzen seines edeln Hauses -
nur dich, das Ebenbild einer geliebten lngst entschlafenen Gattin. In dir lebt
ihm seine Sempronia wieder auf, in dir liebt er Tochter und Weib zugleich, dich
wird er nie zu einem Eheband zwingen, das dein Herz verwirft, und ob er gleich
wnscht, durch dich einen dritten Sohn zu erhalten, drngt er dich doch nie zu
diesem Schritt, und wendet nicht einmal die Waffen der Ueberredung gegen dich
an. Du bist also von Natur und Glck zur Epikurerin bestimmt, ja du bist die
geborne Schlerin dieses Weisen.
    Mich leitete ein dsteres Temperament, das Unglck eines herabgekommenen
Hauses, der Kummer einer geliebten Mutter, die ihr husliches Leiden standhaft
trug, der harte Zwang, unter welchem mein Vater nach alt rmischer Sitte das
ganze Haus hielt, zu einer ernsteren Schule. Ich glaubte in den Lehren der Stoa
die Kraft zu finden, die mich mein Loos ertragen machen sollte. Ich suchte
meinen Stolz darin, den Gttern das Schauspiel eines starken, mit seinem
feindlichen Schicksal ringenden Gemthes zu geben1, und so folgte ich mit keinem
besondern Widerwillen dem Befehle meines Vaters, als er, ohne mich zu fragen,
laus Rcksichten fr seine brigen Kinder, meine Hand einem Sohne des Anicischen
Hauses verhie. Serranus Anicius wurde mein Gemahl, und ich glaube, ich hatte
ihn vorher kaum dreimal, und nie anders als in Gegenwart unserer Verwandten
gesehen. Ich fhlte keine besondere Abneigung gegen ihn, aber eine groe
Neigung, meine Pflichten auf's strengste zu erfllen. Die Matronen des alten
Roms, jene wrdigen groen Gestalten der Vorwelt, waren meine Vorbilder: ihnen
suchte ich zu gleichen. Wie sie, lebte ich nun in meinem Gynecum2, versammelte
meine Sclavinnen um mich, arbeitete mit ihnen, und ich kann mit Wahrheit
behaupten, da in den drei Jahren unserer Ehe mein Mann und ich kein anderes
Gewand trugen, als was durch meine Hnde, oder unter meiner Aufsicht gesponnen,
gewoben, genht oder gestickt wurde. Die volle Zufriedenheit meines Vaters, die
unbegrnzte Achtung des Serranus war der Lohn meiner Anstrengungen. Die
Eitelkeit, seine einzige Leidenschaft, war durch den Gedanken geschmeichelt,
eine Frau von cht rmischer Sitte zu besitzen, die sich vor den Meisten ihrer
Zeitgenossinnen auszeichnete. Ich war zufrieden - aber bei weitem nicht
glcklich.
    Da kam Tiridates in unser Haus. La mich von dem Eindrucke schweigen, den
seine Gestalt, sein Schicksal auf mich gemacht haben. Du weit es ohne dies, du
warst grtentheils Zeugin jener Begebenheiten. Nur das la mich sagen, da seit
jenem Augenblicke mein ganzes Wesen verndert und umgestaltet war. La mich das
Gleichni brauchen, das meine Empfindungen am besten erklrt. In mir war es, wie
in einer dstern Nachtgegend, wenn auf einmal Aurora die Pforten des Tages
ffnet, und Licht und Wrme durch die kalte Dunkelheit sich ergiet. In mir ward
es Licht. Ich wute, was ich wollte, was mir so lange gefehlt hatte, wozu ich
eigentlich auf der Welt war. Diese Leidenschaft hat das Rthsel meines bis dahin
zwecklosen Daseyns gelset - und was hindert mich, mit frommem Glauben der
Meinung des gttlichen Plato beizupflichten, und berzeugt zu seyn, da ich
jetzt die zweite Hlfte meines Ichs gefunden habe? Was thut's zur Sache, da
Tiridates an den Ufern des Arares und ich in Rom geboren wurde? Die Seelen, die
sich vor ihrer Herabkunft auf die Erde kannten und liebten, haben sich wieder
gefunden, und nichts als der Tod kann sie scheiden.
    In diesem festen - Glauben? - nein, in dieser unumstlichen Ueberzeugung
wird und kann mich nichts irre machen, und nichts bewegen, auch nur um einen
Grad klter, oder besonnener, wie du es nennst, zu handeln. Tiridates oder den
Tod! Es gibt kein Glck, kein Leben, keine Tugend ohne ihn. Mag die Welt sagen,
was sie will - mag Serranus durch Argwohn oder Verrath mein Geheimni entdecken,
mag er und mein Vater dann ber mich verhngen, was sie wollen - es gilt mir
gleich. Achtet der Taucher, der sich in's Meer strzt, um eine kstliche Perle
zu holen, achtet er der Wogen, die ber ihn zusammenschlagen? Mu er sie nicht
ber sich ergehen lassen, wenn er seinen Zweck erreichen will?
    Und dann endlich - was kann Serranus von mir fordern, das ich nicht bereit
wre, ihm immer fort so zu leisten, wie bisher? Sein Hauswesen will ich fortan
mit pnktlicher Treue besorgen, seine Sclaven und Sclavinnen zur Arbeit
anhalten, auf die Wirthschaft, auf seinen Nutzen sehen, wo und wie ich's vermag.
Mehr fordert er nicht - mehr bedarf er nicht. Liebe hat er nie verlangt - ich
nie gegeben - ihm nie geben knnen. Sein Herz hat keine Bedrfnisse. Worin wre
er also verkrzt? Ich verletze keine Pflicht gegen ihn, und bin sicher, nie eine
zu verletzen; denn dafr, da mein Umgang mit Tiridates in den Schranken der
Tugend bleiben soll - brgt mir meine Denkart. Uebrigens glaube nicht, da ich
so tief herabsinken wrde, ihn zu betrgen. Die Reise nach Baj war weder mein
Vorwand, noch mein Plan. Sie war sein Wunsch - er ersuchte mich darum, weil die
Anwesenheit eines von uns jetzt schlechterdings auf der Villa nothwendig war,
und er sich nicht entschlieen konnte, Rom whrend der Saturnalien zu verlassen.
Er schickt mich - ich gehe gern - denn Tiridates hlt sich seiner Geschfte
wegen in Puteoli auf. Ich mache mir kein Verdienst aus dieser Reise, ich will
nicht, da Serranus sie dafr ansehe - es bleibt Alles klar und wrdig zwischen
ihm und mir.
    Doch genug von mir. Jetzt auch ein Weilchen von dir, meine Freundin. Wir
haben noch eine kleine Rechnung mit einander abzuthun. Ist es wohl recht von
dir, whrend ich, die Aeltere von uns Beiden, die Matrone, dir, dem Mdchen,
meine Geheimnisse aufdecke, so verschlossen gegen mich zu seyn? Woher weit du
meine Zusammenknfte mit Tiridates? Woher kmmt dir diese Allwissenheit? Soll
ich glauben, du knntest wie eine thessalische Zauberin das Verborgene errathen?
O halte mich nicht fr leichtglubig, weil ich so offenherzig bin. Soll auch ich
dir einen Namen nennen, um dein Gesicht mit Purpur zu berziehen? Agathokles? -
Nicht? Er, der Freund des armenischen Prinzen, der Sohn des Hegesippus, der
Gastfreund deines Hauses, ist jetzt in Rom, tglich in eurem Hause, ja ich
glaube, er wohnt bei euch. Er ist edel, verstndig, und ein dster glhender
Schwrmer fr Alles, was ihm Gre und Tugend scheint. Wie knnte es anders
seyn, als da die schne blhende Rmerin, mit allen Vorzgen, die Natur und
Flei einem weiblichen Wesen geben knnen, geschmckt, den Beifall des feinen
Kenners alles Schnen und Guten erhalten mute, da der liebenswrdige
Sonderling zuerst Achtung, und dann vielleicht auch eine wrmere Empfindung fr
diese seltne Erscheinung fhlte. Errthe nicht, Calpurnia! Agathokles ist deiner
wrdig. Wenn ich wieder in Rom seyn werde, werde ich dir viel Schnes und
Schtzbares von ihm erzhlen, das ich durch Tiridates von ihm erfuhr, das aber
fr einen Brief viel zu lang wre. Leb' wohl, liebe Calpurnia, und zrne mir
nicht, da ich nicht wollen kann, weise und besonnen seyn. Bald hoffe ich bei
dir in Rom zu seyn, denn ich denke mit meinen Geschften hier nicht sehr lange
zu thun zu haben. Ich habe die Villa in einem sehr zerrtteten Zustande
angetroffen - wie es denn bei der gnzlichen Abwesenheit der Gebieter, wo Alles
dem Gesinde berlassen wurde, nicht anders zu vermuthen war. Indessen habe ich
mancherlei Anstalten und Einrichtungen getroffen, mit denen Serranus, wie ich
glaube, zufrieden seyn wird, und die knftigen Unordnungen vorbeugen sollen.
Sobald Alles in gehrigem Gange ist, eile ich in deine Arme.

                                    Funoten


1 Seneca de Providentia.

2 So hie der Ort des Hauses, in welchem die Frauen abgesondert wohnten.


                           3. Calpurnia an Sulpicien.

                                                             Rom, im Jnner 301.

Bald htte mich dein Brief bse gemacht, wenn ich dir berhaupt jemals zrnen
knnte, und wenn mich nicht die feinen Schmeicheleien am Ende wieder besnftiget
htten. Von dir sage ich also nichts mehr. Du scheinst es nicht zu wollen - und
kannst auch jetzt nicht hren. Dir darzuthun, da die Leidenschaft, die dich
beherrscht, deine gesunde Vernunft gefangen halt, und dich Alles durch das
gefrbte Glas ihrer Eingebungen ansehen lt, wrde eben so vergeblich seyn, als
wenn ich mich jetzt an's Ufer des Meeres hinstellte, um den Fischen den Homer
vorzulesen. Alles, was ich hinzufgen will, ist der fromme und gewi herzliche
Wunsch, da die Bezauberung, in der ich dich zu meiner Betrbni sehe, eher
aufhren mge, als es fr deine Ruhe zu spt ist.
    Nun also von mir und unserm Gastfreunde. Wie kannst du glauben, da ich dir
etwas verschweigen wollte? Gewi, der Gedanke kam nicht in meine Seele. Ich
schrieb dir nicht von ihm, weil - weil ich nicht an ihn dachte, weil deine
Angelegenheit mich zu sehr beschftigte, um andern Gedanken Raum zu lassen. Du
nennst ihn einen Sonderling, darin hast du vollkommen Recht - aber auch einen
liebenswrdigen ? O da fehlt noch viel! Erstlich ist seine Gestalt, obwohl edel
und bedeutend, doch nichts weniger als schn. Zweitens ist seine Art, sich zu
kleiden, viel zu einfach, ja beinahe nachlssig, und er wird nie zwischen allen
den schngelockten, geschmckten, von Salben duftenden Jnglingen, die uns
umschwrmen, einen vortheilhaften Eindruck machen. Drittens ist mir seine Tugend
und Philosophie zu rauh, zu dster. Er kmmt auch mit Niemand besser aus, als
mit deinem Vater. Ich wnschte, du wrst einmal gegenwrtig, wenn diese zwei
glhenden Republikaner, diese geschwornen Feinde der Tyrannei, mit einander
eifrig reden. Der Contrast der Wirklichkeit mit ihren Ideen erhitzt ihre
Einbildungskraft noch mehr, sie ergieen sich in bittern Tadel der jetzigen Zeit
und Sitte, und erheben die Vergangenheits mit den ungemessensten Lobsprchen.
Dann bekmmt die Haltung unsers Gastfreundes etwas so hohes, edeltrotztges, sein
dunkles Aug' sprht Funken, sein sonst bleiches Gesicht berzieht eine so feine
Rthe, und um seinen Mund, der berhaupt nicht unangenehm ist, bildet sich ein
so lieblicher Zug, da man in solchen Augenblicken versucht wre, den
begeisterten Redner fr hbsch, und das, was er sagt, fr nicht ganz so
abenteuerlich und berspannt zu halten, als sonst. Aber das sind nur
Augenblicke, und so, wie er schweigt, und man Zeit hat, ber seine Behauptungen
nachzudenken, sieht man ihre Unstatthaftigkeit ein. Ich wei brigens wenig -
beinahe nichts von ihm; denn mit mir spricht er nicht viel. Ich stehe viel zu
tief unter den hohen Idealen der Lucretien, Portien u.s.w., die seinem Geiste
vorschweben. Schon der erste Eindruck, den ich auf ihn machte, mu hchst
ungnstig fr mich gewesen seyn. Mein Vater fhrte ihn zu mir, als ich eben -
ich mu gestehen - ziemlich nachlssig gekleidet, und ein milesisches Mhrchen1
in der Hand, auf meinem Ruhebette lag. Welch ein Abstand von jenen Matronen!
Welche Versndigung an seinen Grundstzen! Wie knnte ein so leichtfertiges Ding
vor so strengen Augen Gnade finden! Du wirst dein Glck bei ihm machen - und ich
- werde dich sicher nicht beneiden.
    Eins habe ich an ihm bemerkt, und es sollte mir leid thun, wenn ich richtig
gesehen htte; denn bei allen seinen Sonderbarkeiten halte ich ihn fr einen
achtungswrdigen Mann. Er scheint einen geheimen Kummer zu haben. Diese trbe
Ansicht des Lebens, diese strenge Abneigung von allen Freuden der Welt und der
Jugend ist bei einem geistvollen, im Schooe des Glckes gebornen jungen Manne
sonst nicht zu erklren. Auch besttigen manche seiner Aeuerungen diese
Vermuthung. Wenn sie gegrndet wre - wie gesagt - es wrde mir sehr leid thun.
Erkundige dich doch darber bei Tiridates, und schreibe mir noch, ehe du Baj
verlssest. Leb' wohl.

                                    Funoten


1 Milesische Mhrchen hieen die kleineren Erzhlungen und Romane jener Zeiten,
deren Gegenstand die Liebe, und nicht immer die platonische war.


                           4. Agathokles an Phocion.

                                                             Rom, im Jnner 301.

Ich bin in Rom. Da ich dir seit meinem Aufenthalte von vierzehn Tagen noch
nicht geschrieben, mag die Neuheit der Dinge, die mich umgibt, und ihre
Einwirkung auf mich entschuldigen. Da ich aber hier jene Heiterkeit und
Frhlichkeit nicht gefunden habe, und nicht finden werde, die man sich in
Nikomedien fr mich versprach - das fhle ich. Auch ist Rom vielleicht unter
allen Orten der Welt gerade derjenige, wo ich am wenigsten genesen werde. - Bin
ich denn aber krank? Man bildet es sich ein, weil ich nicht leben kann, wie die
Uebrigen um mich herum. Ihre Verkehrtheit macht mich seltsam - ihre Thorheiten
mich streng und unvertrglich erscheinen. Nicht, da ich das Ungeheure, das
Unmgliche fordere; aber da Wahrheit und Tugend, Zucht und Sitte ihnen
unmglich scheint, das ist der eigentliche Grund unseres Streites. Das
Jahrhundert ist krank, nicht der, der khn genug ist, mit voller Kenntni der
bessern Vergangenheit es so zu nennen. Wie soll ich es unter diesen Menschen
aushalten!
    Mit der Beschreibung meiner Reise zu Wasser und zu Land will ich dich, aus
Achtung fr deine Zeit, verschonen. Dir gengt zu wissen, da ich gesund und mit
recht heitern offenen Sinnen in der Hauptstadt der Welt ankam. Der Genu der
unbeschrnkten Natur, die Unendlichkeit des Meeres, die Freiheit meiner Mue
hatte mich froh und fr jeden guten Eindruck empfnglich gestimmt. Dir, dem
Lehrer meiner Jugend, dem keine meiner Empfindungen fremd ist, darf ich
gestehen, da ein seltsames Gefhl mich ergriff, als unser Schiff in die Mndung
der Tiber einlief, und nun bald der Schauplatz jener groen wrdigen Scenen, die
mein Gemth von Kindheit an ergriffen hatten, vor mir erscheinen sollte. Es
glhte in mir, meine Brust schlug strker. So kam ich in Rom an. Von der Hhe
des Kapitols schienen die Manen der groen Vorfahren herabzuschweben. Rund umher
war heiliger Boden. Ueberall Erinnerung, - Wrde, - Hoheit. Durch die
menschenvollen Straen fhrte mich mein Wegweiser in das Haus unsers
Gastfreundes Lucius Piso. An manchem Denkmal ehrwrdiger Vergangenheit, an
manchem Weiser auf einen hellen Punkt der Geschichte, ging ich mit
hochschlagendem Herzen vorber, mit dem festen Vorsatz, sie alle nchstens zu
besuchen. Am Vorhofe empfing uns eine Schaar reich gekleideter Sclaven. Man
fhrte mich in's Atrium1. Die Bildsulen des Pisonischen Hauses, viel
merkwrdige Gestalten, dem Geschichtskundigen wohlbekannt, standen hier. Ihre
erhebende Gegenwart hatte die Lnge der Zeit getuscht. Ich sah erst am
Sonnenzeiger im Hofraume, da man mich eine ziemliche Weile hatte warten lassen.
Jetzt erschien ein zierlicher Sclave, der vorzglich schn griechisch sprach -
und fhrte mich durch viele kostbar geschmckte Gemcher, voll Vasen, Gemlden,
Bildsulen - zum Lucius Piso. Er ist ein wrdiger Mann - an der Grnze des
Greisenalters, krftig, verstndig, edel - weit edler aber ohne den Prunk, der
ihn umgibt, und seinen innern Werth verhllend mindert. Der Vater gefiel mir -
minder die Shne. Es sind Jnglinge, nicht ganz so von allen Vorzgen entblt,
wie die brigen, die ich hier und zu Hause kennen gelernt habe; aber die Farbe
des Zeitalters hat sich ihnen zu stark mitgetheilt, um sie wahrhaft
achtungswerth zu lassen. Vor dem Abendessen stellte mich Piso seiner Tochter
vor. Bei den Gttern, ein reizendes Geschpf! Das Gercht hatte mich bereits auf
sie aufmerksam gemacht - ich fand dennoch in jedem Sinne mehr, als ich erwartet
hatte. So viel Schnheit, so viel unaussprechliche Anmuth des Krpers und
Umgangs, und so viel Leichtsinn und Verkehrtheit der Gesinnungen! Die Tochter
eines der ersten rmischen Huser - die Abkmmlingin so edler Matronen, im Anzug
und den Umgebungen einer griechischen Hetre2, und dennoch in Reden und
Handlungen vollkommener Anstand und edle Weiblichkeit!
    Besser als alle brigen Menschen, die ich in Rom kennen gelernt habe, wrde
mir Sectus Sulpicius, ein Rmer aus einem altadeligen Geschlechte, gefallen,
wenn nicht ein Zug von Hrte, und ich frchte zu sagen, Eigennutz, diesen
Charakter befleckte. Eine liebenswrdige Tochter hat er, ohne auf ihr Glck
Rcksicht zu nehmen, seinen Planen geopfert. Sulpicia soll schn, tugendhaft,
und in der Verbindung mit einem armseligen Weichling aus dem Anicischen Hause
sehr unglcklich seyn. Ich freue mich, sie bald kennen zu lernen. Unser Freund
Tiridates ist auch der ihrige. - Ob er ihr noch mehr ist, mag ich nicht
erforschen, weil ich mir die Achtung fr sie gern rein erhalten mchte.
    Meinem Vater habe ich bereits zweimal - einmal aus Corinth mit einem
zurckgehenden Schiffe, und vor mehreren Tagen aus Rom geschrieben. Die
Ehrfurcht, die ich ihm als Sohn schuldig bin, will ich wissentlich nie
verletzen. Uebrigens kann ich leider von dem, was er wnscht, nichts thun. Ich
kann nicht leben und handeln wie er; denn ich kann nicht denken und fhlen wie
er, und eines festen Gemthes gnzliche Umstimmung ist nicht das Werk der
Ueberredung oder des Zwanges. Umstnde, Zeit, Verlockung knnten etwas thun;
aber wo die Ueberzeugung des Rechts so unerschtterlich gegrndet ist, wie in
mir, ist auch von dieser nichts fr mich zu frchten, fr ihn nichts zu hoffen.
Er hat mich aus Nikomedien fortgeschickt, um in andern Lndern durch Erfahrung
zu lernen, da meine Denkart abenteuerlich, meine Forderungen an die Menschheit
berspannt, meine Begriffe von ffentlichem Wohl thricht seyen. Ich habe ihm
gehorcht. La mich gestehn, da mich dieser Gehorsam nichts kostete; denn in
meinem Innern war eine Stimme, die mir sagte, da Vater und Sohn nicht so von
einander denken, und wenn sie so denken, nicht beisammen leben sollten. Meine
Ansicht aber wird ewig dieselbe bleiben. Rom wenigstens wird nichts daran
ndern. Wie widerlich mir diese Stadt mit ihren Einwohnern ist, kann ich dir
nicht sagen. Auch glaube ich gern, was schon Tiridates (mit dem ich allein hier
in diesem Sammelplatze von Lastern und Thorheiten leben und reden mag) gegen
mich behauptete, da gerade der scharfe Gegensatz des Einst und Jetzt, der in
diesen verchtlichen Nachkommen wrdiger Vter so grell in die Augen springt,
meine Abneigung gegen sie noch vergrert. Nein, wahrlich, Phocion! mein Vater
htte mich nicht nach Rom schicken sollen!
    Inde bin ich, im Ganzen genommen, doch nicht ungern hier. Ich lerne viel,
sammle Erfahrungen, sehe manches Denkmal der Kunst und bessern Zeit, und gehe
mit vielen unterrichteten Mnnern um. Meine Stunden sind regelmig unter
Geistes- und Krperbungen, Genu und Anstrengung getheilt. Du weit, ich
brauche nur Mue, und Freiheit, um zufrieden zu seyn. Zufrieden! Mehr kann und
soll ja der Mensch nicht verlangen. Und ist nicht jeder nur so glcklich, als er
sich selbst dafr hlt? Wenn auch manchmal trbe Gedanken in meiner Seele
aufsteigen, so ist es Uebung der innern Kraft, sie zu bekmpfen. Der Mensch ist
nicht zum Glck geboren, seine Bestimmung ist, gut zu seyn. Zur Gte fhrt die
Weisheit, zur Weisheit Freiheit von Bedrfnissen. Das la uns nie vergessen,
daran la uns festhalten, und was dann ber uns ergehen mag, mit muthigem Sinn
und heiterer Stirn erwarten.

                                    Funoten


1 Atrium war eine Art Vorhaus oder Vorsaal, in welchem bei den adeligen Familien
die Bildnisse der Vorfahren aufgestellt waren.

2 Hetre, ein griechisches Wort, das so viel als Freundin oder Gefhrtin
bedeutet, und eine anstndige Benennung fr eine unanstndige Lebensart war.


                           5. Derselbe an Denselben.

                                                            Rom, im Februar 301.

Mein Vater war krank, schreibst du mir, aber er ist wieder auf dem Wege der
Besserung. Dank den himmlischen Mchten, die unser Schicksal leiten! Es wrde
Mich sehr geschmerzt haben, ihn in den letzten Augenblicken nicht gesehen, und
seinen Segen, seine volle Verzeihung nicht erhalten zu haben. Er ist doch mein
Vater, und was auch zwischen uns obwaltet, so behauptet die Natur in ernsten
Momenten ihre vollen Rechte, und ich fhle an der Freude, welche mir seine
Genesung verursacht, was fr Bitterkeit sein entfernter einsamer Tod durch mein
Leben gegossen haben wrde.
    Sein Betragen whrend der Krankheit ist dir so sehr aufgefallen? Mir nicht.
Seine Philosophie ist, wie bei vielen Menschen unsrer Zeit, nie Wirkung von
Grundstzen, sondern Folge der Bequemlichkeit gewesen. Er hat dem Tempel zu
Delphi einen Dreifu gelobt, und dem Aesculap einen Hahn geopfert1, er, der
sonst Gtter und Gtterdienst als leere Schattenbilder verachtete, hingestellt,
um einen blinden Pbel in Hoffnung und Furcht zu erhalten? Was er gethan hat,
werden Tausende thun. Das ist das Verderben der Zeit, da sie in den Staub
tritt, was der Vorwelt heilig war, und nichts hat, den ungeheuren Verlust zu
ersetzen. Was auch die Meinung des Pbels von seinen Gttern ist - la sie ihm,
wenn du ihm nichts Besseres zu geben hast. Und wer hat das? Das Licht, das uns
in den eleusinischen Geheimnissen leuchtete, ist Etwas; aber immer wenig fr den
drstenden Geist, der hier an der Quelle zu trinken sich sehnt und ngstet. Es
ist kein kleiner Theil des Kummers, der oft meine einsamen Stunden verdunkelt,
hier so ganz in Nacht zu tappen. Ich sinne und strebe und kmpfe meinen Geist
mde; und versinke ich in eine Art von Betubung, dann ist der Gedanke, da so
viele groe Mnner der Vorzeit nicht mehr wuten, dem ermatteten Sinn
Beruhigung, bis eine neue Anregung meine Zweifel auf's Neue strmisch
emportreibt, und die Stille meiner Seele strt.
    Wenn nur irgend eine Leidenschaft, ein wrdiger Gegenstand des Ehrgeizes,
der Liebe oder Freundschaft meinem unstten Willen eine bestimmte Richtung,
meinen Krften einen angemessenen Zweck darbte! Du bist entfernt, du, der
allein mich versteht. Hier bin ich ganz einsam. Tiridates ist unstreitig
liebenswrdig, und ich glaube - htten wir uns jnger gekannt - wir wren
vielleicht Freunde geworden. Das, was uns jetzt trennt, und unsre vollkommene
Vereinigung hindert, liegt nicht sowohl in unserm Innern, als es von Auen
angebildet worden ist. Denn ber Alles, was dem Menschen, als solchem werth,
unschtzbar, heilig ist, denken wir ganz gleich. Aber der frohmthige
Knigssohn, am orientalisch-prchtigen Hof Diocletians, in der Gunst des Csar
Galerius, in Hoffnungen auf den Thron seiner Vter erzogen, kann niemals mit dem
unberhmten Sohn des Privatmannes, den Erziehung und Umstnde auf einen ganz
andern Standpunkt gestellt haben, die Dinge der Welt in einem gleichen Lichte
sehen. Wir lieben uns, das ist viel, aber nicht genug fr mein Herz, nicht genug
fr seines, das auer mir noch Manches bedarf, und auch gesucht und gefunden
hat. Er liebt Sulpicien, das unglckliche - aber bis dahin tugendhafte Weib
eines Andern.
    Calpurnien lerne ich tglich nher kennen, und tglich entfaltet sich ihr
Charakter mehr der ersten Ansicht gem, unter der er mir sogleich erschienen
war. Sie ist nicht ohne Verdienst, aber sie ist unbeschreiblich leichtsinnig,
und das Grte und Wrdigste mu, wenn sie die Laune anwandelt, ihrem Witze eben
sowohl zum Spielwerk dienen, als das Gemeine und Lcherliche. Wir sind in ewigem
Streite mit einander, wir scheinen uns zu hassen, doch wei ich wohl, da wir
uns im Grunde Beide achten, aber nie - nie nhern werden.
    Ehrenstellen zu suchen, bei dieser Entartung des Gemeinwesens, bei dieser
Auflsung aller heiligen Bande, kann nur Eigennutz oder Ruhmsucht anreizen.
Vaterlandsliebe ist ein leerer Schall, und Wirken zum Besten des Ganzen, ein
kindischer Traum geworden, seit ein Einziger mit unausweichbarer Gewalt alle
Macht in Hnden hat, und Senat, Patricier und Volk eine folgsame Heerde Sclaven
ist, dieser Senat, der mit derselben Bereitwilligkeit die Mrder des Caligula
belohnt, und die Vergtterung eines Caracalla2 unterzeichnet! - O Tiber hat ihn
wohl gekannt und verachtet! Und wie tief unter jenem steht noch der jetzige,
dieses willenlose Spielwerk der Laune eines Einzigen, oder des rohen Uebermuths
der Prtorianer!
    Ich hasse die Tyrannei, ich fhle mit Schmerz, da mich das Schicksal um
vier oder fnf Jahrhunderte zu spt geboren werden lie. Dennoch mu ich
Diocletian bewundern, dessen Riesengeist und vorzgliche Herrschergaben nicht
allein den ganzen Erdkreis, so weit ihn gebildete Nationen bewohnen, sondern,
was noch mehr ist, die Leidenschaften derjenigen im Zaum hlt, denen Nhe des
Throns und oft wiederholtes Beispiel eine ewige Anreizung zu khnen Versuchen
seyn knnte. Doch scheint mir, die Wrde der rmischen Macht, die der
auerordentliche Geist dieses Mannes aus zerfallenden Trmmern herrschend
hervorrief, wird wohl mit diesem Geiste stehen und sinken. Nicht Maximians rohe
Kraft, nicht Galerius dsteres Gemth, nicht der weiche Constantius sind der
ungeheuren Last gewachsen. Jetzt behauptet Jeder, von des Herrschers Klugheit
wohl gewhlt, den angewiesenen Platz mit Ehre, und benagt sich leicht und
krftig in seinem Kreis. Doch das ist Tuschung. Es sind nicht sowohl zwei
Auguste und zwei Csaren, die die rmische Welt theilend regieren: es ist ein
gewaltiges Genie, das durch die Andern, wie die Seele durch Organe, wirkt. Was
entstehen wird, wenn einst diese Seele entweicht, liegt im Dunkel der Zukunft
verborgen. Erfreulich kann es auf keinen Fall seyn.
    Sieh, das ist unser Unglck, da wir - Bewohner eines Freistaates - so weit
gekommen sind, den Tod eines Alleinherrschers frchten zu mssen; da an Einem
Geiste das Schicksal der Welt hngt, und in dem von Grund aus verderbten Volke,
das einst den ganzen Erdkreis durch seine Helden eroberte, durch seine
Staatsmnner regierte, ein solcher Verlust unersetzlich ist. Sein Tod wird das
knstliche Band zerreien, womit er die zerfallenden Glieder des Riesenkrpers
wider den Geist der Zeit und der Umstnde gewaltsam zusammenhielt, und den
Barbaren, die neidisch und gierig unsere Grenzen umlauern, scheue Ehrfurcht
gebot. Trb und dster liegt die Zukunft vor mir, die Gegenwart ist schaal, die
Vergangenheit ohne Freuden; denn meine Kindheit und erste Jugend schwand unter
feindlichen Umgebungen hin. Wo soll mein Geist sich hinwenden?
    Phocion! Ich bin nicht glcklich, und mit unendlichem Schmerze fhle ich,
da die Quelle meines Unglcks nicht sowohl in der Welt um mich, sondern in nur
selbst liegt. Tausende an meinem Platze wrden vergngt seyn, sind es wirklich.
Ich trage Begriffe, Forderungen, Gestalten in meiner Brust, die nimmermehr zu
dem passen, was um mich vorgeht. Ich bin in ewigem Kampfe mit der Wirklichkeit,
und sie rcht sich nur zu bitter an dem, der ihre Freuden verschmht. Und wie
soll ich's ndern? Kann ich mich umgestalten? O warum ward mir nicht ein kleiner
Theil des holden Leichtsinns zum Loose, der die reizende Calpurnia so sanft ber
alle Unannehmlichkeiten des Lebens hinwegfhrt?
    Dem trben Geist, in qulenden Gedanken versunken, erscheint nur zuweilen
ein einziges Bild aus der Nacht der Vergangenheit, das ihn sanft und freundlich
anlchelt, dann schnell verschwindet, und den brennenden Schmerz in se Wehmuth
lset.
    Als ich ein Kind war - lange ehe mein Vater mich deiner Leitung bergab -
wohnte dicht an unserm Hause Timantias, ein edler Nikomedier, der eine der
ersten Wrden im Staate bekleidete. Mein Vater und er waren Freunde, wenigstens
was man gewhnlich so nennt, seine Kinder unsre Spielgefhrten. Mich hielt ein
schwchlicher Krperbau, das Erbtheil einer frh verblichenen Mutter, und meine
Gemthsstimmung von wildern Spielen ab, in denen meine frh verstorbenen Brder
mit Timantias Shnen die Jugendkrfte freudig bten. Larissa, Timantias Tochter,
blieb dann bei mir, ihr sanftes Gemth fand Vergngen darin, mich nicht zu
verlassen. Wir spielten zusammen, oder sie beredete mit der unwiderstehlichen
Macht der Gte die Uebrigen, ein Spiel ruhigerer Art zu whlen. So sorgte sie
fr mich, liebte mich, und erfllte mein Herz mit sen Empfindungen. Wir
wuchsen heran, unsere Neigungen wuchsen mit uns. Da trat das Schicksal kalt und
feindlich zwischen uns. Timantias wurde eines Verbrechens wegen angeklagt. Ob
wirkliches Vergehen, oder feine groen Reichthmer (eine mchtige Versuchung fr
den habschtigen Proconsul Sisenna Statilius) daran Ursache waren, ist nie
bekannt worden. Er wurde in's Gefngni geworfen. Mein Vater brach allen Umgang
mit der gechteten Familie ab. Ich und Larissa sahen uns nur verstohlen, und mit
desto grerer Sehnsucht an den Hecken, die unsre Grten schieden. Endlich nach
vierzehn Monden gefnglicher Haft wurde Timantias - aus Schonung, wie es hie,
indem er des Todes schuldig befunden worden - mit seiner Familie verbannt, seine
groen Gter eingezogen. Sisenna Statilius brachte sein Haus, das neben dem
unsern lag, um einen geringen Preis an sich, und mein Vater unterhielt dieselbe
Freundlichen mit ihm, die er mit Timantias gepflogen hatte. Ich war nicht zu
bereden, das Haus wieder zu betreten, wo mir die Geister der Vertriebenen Rache
fordernd zu schweben schienen. Dieser Eigensinn des achtzehnjhrigen Jnglings
war eine von den Hauptquellen des ewigen Zwistes zwischen meinem Vater und mir.
Acht Jahre sind verstrichen, keine Spur von Timantias Schicksal ist mehr zu
erforschen gewesen. Ob Larissa glcklich, ob sie vermhlt, ob sie berhaupt noch
am Leben sey - so wichtig mir diese Fragen oft erscheinen, - Niemand wei sie zu
beantworten. Alle Nachforschungen, die ich anstellte, waren fruchtlos. Doch lebt
ihr Andenken in meiner Brust, als der einzige helle Punkt in meinem Schicksale.
Und auch der mute verschwinden? - Leb' wohl.

                                    Funoten


1 In Delphi war der berhmteste Tempel des Apoll, und ein Orakel. Die Dreife
waren eine Art von Gef oder Schaale, welche auf drei Fen stand, und dazu
diente, um Rauchwerk darin anzuznden. Es war eines der gewhnlichsten Opfer,
das die Frmmigkeit, die Furcht oder die Prachtliebe den Gttern brachte. Dem
Aesculap, dem Gott der Aerzte, pflegte man bei der Genesung einen Hahn zu
opfern.

2 Valerius Asiaticus, dessen Werk vorzglich der Tod des Caligula war, rhmte
sich seiner That im Senat, und forderte eine Belohnung dafr Caracalla wurde von
Macrin getdtet, und die Soldaten, welche unter seiner grausamen Regierung sich
alle Ausschweifungen erlauben durften, und seinen Verlust betrauerten, trotzten
dem Senat seine Vergtterung ab Ueberhaupt war die Macht des Reiches in jenen
Zeiten in der Hand der Armee, oder vielmehr der Prtorianer, der k. Leibwache,
welche von dem Zelte des Imperators, Prtorium genannt, das sie zu bewachen
bestimmt waren, ihren Namen hatten. Wer ihre ungeheuren Forderungen an
Ausgelassenheit und Geld zu stillen versprach, oder ihnen geneigt schien, wurde
von ihnen auf den rmischen Thron gesetzt, und durch sie ermordet oder
herabgestoen, wenn er jene Versprechungen nicht erfllen konnte oder wollte.
Der Senat, diese einst so ehrwrdige und mchtige Versammlung, war zu einem
bloen Schattenbild und Werkzeug der Tyrannei und Anmaung herabgesunken. Der
Prfekt Prtorianer, ihr Anfhrer oder Kapitn, war die wichtigste Person im
Staate, und sehr oft der Cand dar zur Kaiserwrde, wie denn auch Diocletian von
diesem Posten auf den Thron stieg.


                           6. Calpurnia an Sulpicien.

                                                            Rom, im Februar 301.

Nach gerade wird mir dein Aufenthalt in Baj und deine lange Abwesenheit
unertrglich. Ich htte dir so viel zu sagen, so viel zu erzhlen, und mu mich
mit Schreiben, diesem armseligen Behelf fr ein volles Herz, begngen. Auch
Serranus fngt an, ber dein Auenbleiben unmuthig zu werden. Zwar wei er wohl,
da du weit mehr Geschfte gefunden hast, und der Zustand eurer Villa weit
zerrtteter ist, als ihr anfnglich glaubtet: dennoch, meint er, knntest du
jetzt fertig seyn, oder was allenfalls noch zu thun brig ist, auf ein andermal
lassen. Es ist doch ein gutes Wesen, dieser Serranus, und dir von Herzen
zugethan. Er wei, da du den Prinzen oft in Baj gesehen hast, und - es
scheint, er freuet sich darber, da du doch in deiner Einsamkeit nicht ohne
Umgang warst. Auch schtzt er dich viel zu sehr, um nicht den Gedanken, dein
Verhltni zu Tiridates knnte etwas mehr als Freundschaft seyn, fr Hochverrath
an dir zu halten. Wir haben gestern, als er zu mir kam um sich mit mir ber
deine Abwesenheit zu berathen und zu beklagen, recht viel mit einander von dir
gesprochen. Er wird dir nchstens schreiben, und dich recht dringend bitten,
nach Hause zu kommen; denn seine Sulpiciola, wie er dich nennt, mangelt ihm
berall.
    Auch mir mangelst du recht sehr. In mir ist eine Art von Vernderung
vorgegangen, ber die ich gern mit dir sprechen mchte. Es ist nicht mehr Alles,
wie es war. Ich rgere mich darber, und kann doch nicht wnschen, da es nicht
geschehen seyn mchte. Ich bin jetzt manchmal sehr ernst, ich kann stundenlang
ber tiefsinnige Dinge recht tiefsinnig sprechen. Ich lache seltener, und finde
sogar Vergngen an manchen Ideen, die ich sonst, als ich noch ganz Calpurnia
war, als excentrisch und berspannt verspottete. Das macht blos der Umgang. Man
achte ja diese leise und langsame Gewalt, eben weil sie unbemerkt wirkt, nicht
fr gering; man glaube nur ja nicht, sich vor ihrem stillen Einflusse bewahren
zu knnen. Wie der Bewohner der einen Provinz, in eine andere verpflanzt, nach
und nach, ohne es selbst zu wissen, seine Sitte, seine Tracht, sogar seine
Sprache nach dem Gebrauche und Dialect dieses Landes modelt, und so unvermerkt
mit den Eingebornen sich verschmelzt, so nehmen wir auch leicht und unmerklich
die Gedankenreihe, die Ansichten, ja bis auf die Redensarten unserer Freunde an,
und sehen erst nach einiger Zeit mit Erstaunen die Aenderung, die mit uns
vorgegangen ist.
    Agathokles - wie komme ich eben jetzt auf ihn? - ist recht viel bei mir. Wir
plaudern recht oft - recht lange - recht anziehend mit einander, und meine
Eitelkeit mte mich ganz schrecklich irre fhren, wenn ich nicht glauben
sollte, er finde wenigstens eben so viel Vergngen an meinem Umgang, als ich an
dem seinen. Vielleicht eben des grellen Abstandes wegen, der im Anfange zwischen
unsern Charakteren zu seyn schien? Schien! sage ich mit Vorbedacht; denn es
zeigt sich immer deutlicher, da wir im Grunde ber die meisten und wichtigsten
Dinge, ziemlich gleich denken. Zuweilen entsteht wohl ein kleiner Streit, aber
das dient nur, den Umtausch der Gedanken zu befrdern, und die Unterhaltung zu
beleben. Uebrigens schadet es unserer Einigkeit nicht. Agathokles ist, wenn er
bei genauerer Bekanntschaft die sprde Auenseite ablegt, ein sehr angenehmer
Gesellschafter. Unter andern lieset und declamirt er vortrefflich, und es ist
einer meiner kstlichsten Gensse, mir von ihm die besten Stellen, aus unsern
Dichtern, die er fast alle auswendig wei, vorsagen zu lassen. Zuweilen lse ich
ihn auch wohl ab. Du weit, es war von jeher eine Lieblingsbung von mir. Und
dann, liebe Sulpicia, unter uns gesagt, geht meine Eitelkeit nicht leer aus. Ich
sehe, oder eigentlich, ich fhle wohl, da die Leserin ihn weit mehr anzieht,
als der Dichter selbst: und je strenger der Mann gewhnlich ist, je ser,
schmeichelt es, dieses. Eis am Strahle der Freundschaft schmelzen zu sehen.
Freundschaft! Merke das Wort wohl, liebe Sulpicia! keine Liebe; denn ich bin
seine Vertraute, und wei, da sein Herz, wie es einem chten Schwrmer geziemt,
theils der ganzen Menschheit angehrt, theils mit seinen, feineren Neigungen
einem schnen Schattenbilds zugewandt ist, das noch aus den rosigen Tagen der
Kindheit in himmlischem Lichte vor seiner Seele schwebt, und ihn fr alle
irdischen Reize unempfindlich macht. Du siehst, ich wei schon Manches, und habe
damit nicht auf deine Ankunft warten drfen. Nein, ich habe ihm einen Theil
seiner Geheimnisse mit freundlicher Herzlichkeit abgefragt, ich habe den Kummer
bemerkt, der dies edle Herz drckt, und ihn zu erforschen gesucht, und er hat
sich der ungeheuchelten Theilnahme wahrer Freundschaft nicht verschlossen. Seine
Unzufriedenheit mit dem Zeitalter, seine Besorgnisse fr die Zukunft, seine
Trauer um die bessere Vergangenheit - ist jetzt nicht mehr Gegenstand unsers
Streites, und die Zielscheibe meines Scherzes. Seit ich wei, wie tiefen Antheil
mein Freund an ihnen nimmt, wird ber diese Materien ernst und wrdig
gesprochen, und mit Vergngen sehe ich denn am Ende eines solchen Gesprchs die
Gewitterwolken, die im Anfange seine Stirn umzogen, verschwunden, und seinen
Blick mir freundlich und dankbar strahlen. Sogar sein gespanntes Verhltni zu
seinem Vater hat er - freilich nur leise - berhrt, und ich achte seine
Zurckhaltung in diesem Punkte, und dringe nicht weiter in ihn. Scheint es doch,
er htte willig Alles, worber er Herr war, der Freundin mitgetheilt, und halte
nur mit dem zurck, was er nicht ganz sein nennen kann!
    Gekannt mchte ich das Mdchen wohl haben, das seine Kindheit und erste
Jugend verschnerte. Schn ist sie nicht gewesen, das sagt er selbst, aber gut
und hchst liebenswrdig. Nun das versteht sich von selbst, wenn ein Liebhaber,
sie schildert. Bis in sein achtzehntes Jahr ist er mit ihr umgegangen, seitdem
hat er sie nicht wieder gesehen. Ob nun gleich die folgenden acht Jahre fr
seine Entwickelung sicher die bedeutendsten waren, so ist doch ein Jngling, wie
Agathokles, mit achtzehn Jahren reif genug, um einen solchen Eindruck auf
Zeitlebens fest zu halten. Das kann ihm bei der Wahl seiner knftigen Gattin
immer schaden, oder auch ntzen - wie du willst; denn es wird ihn behutsam und
ekel machen. Ich finde es nicht bel, wenn ein Jngling ein idealisches Bild von
Wrde, Gre, Tugend in seiner Brust trgt, und die Welt um ihn her an diesem
groen Maastabe mit. Er und sie gewinnen dabei, denn er wird nichts Gemeines
und nichts gemein thun. Mag das Ideal nun die Gestalt irgend eines berhmten
Mannes, eines groen Helden, wie Miltiades dem Themistokles1 war, oder eines
holden Weibes tragen; das ist in Rcksicht der Wirkung einerlei.
    Du siehst, Liebe, wie gelassen, wie wahrhaft philosophisch ich die Sache
betrachte. Hrst du wohl? Philosophisch! Du mut mir das Wort gelten lassen. Es
bezeichnet ganz eigentlich das, was ich andeuten will. Philosophie ist Liebe zur
Weisheit. Und ist der nicht weise zu nennen, der sich bemht, mit klarer ruhiger
Ueberlegung alle Dinge auf der Welt in den gehrigen Beziehungen und Abstnden
von sich zu stellen - und zu erhalten? Das allein fhrt zur Gemuthsruhe, und nur
bei Gemthsruhe kann Weisheit wohnen. Nach dieser Definition, die mir ziemlich
richtig scheint, kme es nun darauf an, zu bestimmen, wer eher Anspruch auf den
Titel eines Philosophen machen kann - Ihr leidenschaftlichen Seelen, die ihr
Alles mit dsterem Ernst betrachtet, die Welt als einen ewigen Kampfplatz der
Tugend mit dem Unglck oder Laster anseht, und Alles schwer ertraget, weil ihr
eben Alles recht schwer nehmt - oder wir andern frohmthigen Geschpfe, die wir
uns von keiner Sache tiefer bewegen lassen, als sie es verdient, vor allen
Dingen den Erscheinungen in dieser Welt die trgerische Maske abziehn, die ihnen
Vorurtheil, Leidenschaft, Phantasie anlegen, und dann, wenn wir den
schrecklichen Riesen auf seine wahre Zwerggestalt herabgebracht haben, zusehen,
wie wir mit ihm fertig werden wollen. Jetzt will ich dir auch eine Stelle aus
deinem ersten Briefe, die mich damals fast ein wenig verdro, parodirend
zurckgeben. La uns den eiteln Stolz auf Systeme aufgeben, schreibst du. Wir
sind nicht, was wir wollen, sondern was wir knnen. La uns, sage ich dir,
nicht hinter Entschuldigungen des Unvermgens flchten, wo wir thtig seyn, und
handeln sollen! Wie oft - ich gebrauche mich der Waffen deines groen stoischen
Lehrers - wie oft ist Nichtwollen die Ursache, Nichtknnen der Vorwand!2
    Sieh, Sulpicia, ich fhle, da Agathokles mehr Bedeutung fr mich bekommen
knnte, als nach der Kenntni, die ich von seinem Herzen und unsern
gegenseitigen Verhltnissen habe, mit meiner Ruhe bestehen kann. Ich sage es
aufrichtig; denn warum sollte ich mich der Neigung zu einem der edelsten
Sterblichen schmen? Aber eben darum werde ich mich und ihn strenge bewachen -
und nie soll Leidenschaft und ausschlieende Liebe die schne Stille stren, in
der allein mir so wohl ist. Freundschaft, Achtung, zwangloser gebildeter Umgang,
das ist Alles, wessen ich bedarf, um glcklich zu. bleiben. Das wollte ich
suchen, das habe ich gefunden, und will es mir erhalten. Leb' wohl!

                                    Funoten


1 Themistokles hat bei der Statue des Miltiades, der die Perser berwand, als
Jngling Thrnen des Ehrgeizes geweint, und dann spter die Perser, wie jener,
geschlagen.

2 Seneca in seinen Episteln: Nolle in causa est, non posse praetenditur.


                           7. Sulpicia an Calpurnien.

                                                           Baj, im Februar 301.

Was soll ich sagen, Calpurnia? Soll ich mehr das Glck deines frohen Sinnes
bewundern, oder deine ungeheure Anmaung bedauernd anstaunen? Du fngst an zu
lieben, ja du liebst bereits, du bleibst in der Gegenwart des geliebten
Gegenstandes, und darfst es wagen, deinen Gefhlen so nahe, oder berhaupt nur
einige Grenzen setzen wollen? Entweder du irrest schrecklich, und wirst nur zu
frh aus deinem sorglosen Schlummer erwachen, oder - du bist die glcklichste
Sterbliche, die jemals gelebt hat, und leben wird. Aber du, die du unsre
Tragiker auswendig weit, kennst du die Stelle nicht: Ich frchte die Gtter,
wenn sie allzugnstig sind?1
    Da du und Agathokles einander nher kommen, da ihr euch, trotz des
Contrastes, oder eben um des Contrastes eurer Gemther wegen, wechselseitig
anziehen wrdet, das habe ich vorgesehen, als Tiridates mir nebst der
Schilderung seines Freundes, die Nachricht brachte, da er als Gastfreund in
eurem Hause lebe. Da du aber auch mit dieser Empfindung, mit der Neigung zu
einem Agathokles, wie bisher mit allen brigen, nach Gefallen zu spielen, sie
zu' lenken und zu drehen hoffen kannst - das hatte ich nicht erwartet. Was
denkst du denn von der Liebe? Welche Begriffe machst du dir von ihr? O da die
Stimme einer unglcklichen Freundin die Kraft htte, dich zu warnen, da es noch
Zeit ist! Ja, die Liebe ist die schnste, die seligste Empfindung, deren das
menschliche Herz fhig ist; sie ist es, die den armen Sterblichen auf
Augenblicke seiner drftigen Existenz vergessen lt, und ihn in den Aufenthalt
der seligen Gtter zu ihren Freuden entzckt. Aber - diese Freuden sind nicht
fr den Sohn der harten Erde, fr das zu Mhe und Sorgen bestimmte Geschlecht
des Deucalion2 gemacht! Die Gtter strafen den Eingriff in ihre Rechte, und
stoen den Frevler, der in dieser sterblichen Hlle sich an ihren Tisch drngen
wollte, in den Tartarus hinab. Sieh hier den wahren Sinn der Fabel des Tantalus,
oder Prometheus, der den himmlischen Funken stahl, um die Gebilde seiner Hand
damit zu beleben! Nicht das stolze, kalte Vorrecht der Vernunft, die Seligkeit
der Liebe, die ganz eigentlich das Glck des denkenden Wesens ausmacht, war es,
womit er seine Geschpfe weit glcklicher zu machen dachte; aber die Himmlischen
straften den Raub, und Prometheus bte durch unendliche Martern, was er in
einem schnen Augenblick verbrach.
    Ja, unendliche Martern liegen unter den reizenden Blumen der Liebe
verborgen! Das fhle ich, das wirst auch du fhlen, und darum mchte ich warnen,
rufen, flehen: Ziehe dich zurck, so lange es noch Zeit ist, wenn du nicht die
grte, Wahrscheinlichkeit eines glcklichen. Erfolges hast; siehst du aber den,
liebt dich Agathokles, wie du ihn, stellt sich eurer Verbindung kein anderes
Hinderni in den Weg - o dann gehe hin, du Liebling der Gtter, geniee deines
Glckes, unbeneidet von der trauernden Freundin, der kein so schnes Loos fiel,
die aber an deiner Freude sich mit freuen wird! Geniee es, aber gedenke der
Nemesis3, und la die heilige Scheue, die Furcht, es zu verlieren, dir seine
Dauer vershnend sichern!
    O meine Calpurnia! Wie will ich mich freuen, wenn ich dich glcklich wei!
Du bist edel, gut, schn, liebenswrdig: vielleicht haben die Gtter dich zu dem
hchsten Glck bestimmt, das ihre Huld dem Menschen geben kann. Sein Abglanz
soll meine Nacht erhellen. Tiridates ist seit vorgestern von hier fort, um nach
Rom zu gehen, und sich auf eine lange Reise zu bereiten. Csar Galerius hat ihn
nach Nikomedien beschieden. Es sollen neue Versuche gemacht werden, vom Kaiser
und Senat seine Einsetzung auf den Thron seiner Vter zu bewirken4. Es soll ein
Heer gerstet werden, den Persern ist der Krieg angekndigt, in Armenien sind
wichtige Dinge vorgefallen, Verschwrungen fr und wider das Geschlecht der
Arsaciden. Welche Blitze aus den Wolken brechen werden, die sich von allen
Seiten an unserm Horizont herauf ziehen, wissen nur die Gtter. Wir mssen in
geduldiger Ergebung zitternd erwarten, wen und wie der Schlag treffen soll. O
welches traurige Loos, wenn die Liebe eines unglcklichen Paares, in das
Schicksal der Reiche und Nationen verwebt, von ihm strmisch fortgerissen wird,
und nichts thun kann, als sich blind dem unwiderstehlichen Zuge hingeben!
Calpurnia! Wie bist du auch in diesem Stcke glcklich! Eure Liebe wird kein
Monarch stren, euer Bndni wird nicht auf der beweglichen Welle der Volksgunst
getragen! Kein ernster Wille einer Nation entscheidet ber euer Loos! Ihr drft
euch im stillen Schatten des Privatlebens lieben, und mit einander leben, bis
der Tod diese Bande sanft lset, und eines nach dem andern in das dunkle Reich
der Nacht fhret. O wie gern wrde ich der schimmernden Aussicht auf den Thron
der Arsaciden entsagen, wie gern - wenn nur einmal die welken Bande, die mich an
Serranus binden, durch das Machtwort des Augustus gelset wren - mich mit
Tiridates in irgend einem stillen Winkel der Wett verbergen! Aber darf ich wohl
diese Wnsche laut werden lassen? Darf ich den zum Thron gebornen, den der heie
Wunsch der bessern Mehrheit seines Volkes, den die Stimme der Weisen unter den
Rmern, den endlich sein hohes Gemth mehr als Alles das zum Herrschen ruft, von
seiner erhabenen Bestimmung ablenken, und ihn um meinetwillen in niedriges
Dunkel begraben? Knnte ich diesen Verrath an der Welt, an seinem Volke
verantworten, und endlich, knnte ich hoffen, da ein Herz, wie Tiridates, in
dieser stillen Beschrnktheit, dieser ruhmlosen Abgeschiedenheit, glcklich seyn
wrde?
    Und so mu ich schweigen, dulden, tragen, das, was das Aergste fr liebende
Herzen ist, Trennung, und Ungewiheit der Zukunft. Seit gestern - wie stille,
wie unendlich einsam ist es um mich her! Nirgends hre ich mehr die Stimme des
Geliebten, nirgends begegnet mir mehr die hohe theure Gestalt in der kalten,
beziehungslosen Umgebung. Von Allem, was uns bevorsteht, kenne ich nur die
Gefahren, die Hindernisse, die Schrecken mit Gewiheit. O meine Liebe! Das sind
Schmerzen, von denen du keinen Begriff hast. Mgen die Gtter dich vor ihrer
Kenntni bewahren! Was ist der Tod im Arm des Geliebten gegen diese Qual? Mit
jedem Augenblicke sterbe ich einmal, denn jeder Augenblick rckt die lange,
gefahrvolle Trennung nher, und so habe ich tausendmal den Tod gefhlt, ehe er
kommen wird, sich meiner wirklich zu erbarmen.
    Calpurnia! Ich bin sehr gebeugt, und zu den Leiden eines zerrissenen
Gemthes gesellt sich seit einigen Tagen ein krperliches Uebelbefinden, ob blos
Zuwachs des erstern, ob Folge desselben und der vielen Verdrlichkeiten, die
ich hier mit unsern Leuten und besonders mit Novius, unserm Verwalter, einem
durchaus bsen Menschen hatte, wei ich nicht. Genug, jetzt, da ich nach mehr
als zwei Monaten wieder in deine Arme zurckkehren, und den Geliebten vor der
unendlichen Trennung vielleicht noch einmal in Rom sehen knnte, scheint meine
zerrttete Gesundheit mir auch diesen letzten Trost verweigern zu wollen. Ich
habe an Serranus geschrieben, und eine wohlgeschlossene Snfte bestellt.
Vielleicht kmmt er selbst, oder sendet einen seiner Vertrauten, mich abzuholen.
Das wre mir sehr angenehm, denn ich frchte mich, krank und allein zu reisen.
Von den hiesigen Leuten mag ich Niemand mitnehmen, ich habe sie auf einer viel
zu schlechten Seite kennen gelernt. Wre jene Hoffnung nicht, ich wrde ohne
weiteres die Rckkehr meiner Gesundheit und der bessern Jahreszeit hier
erwarten. Aber diese Aussicht ist auch auf ein bloes Vielleicht nicht
aufzugeben, und zwei Tage, mit dem Geliebten vor einer langen - ach wer brgt
dafr? - vielleicht ewigen Trennung zugebracht, sind mit keiner Krankheit, mit
keinen Schmerzen, ja selbst mit dem Tode nicht zu theuer erkauft.

                                    Funoten


1 Aus Seneca's Tragdie: Die Trojanerinnen.

2 Deucalion und Pyrrha waren die einzigen Menschen, die nach einer Wasserfluth,
in der die brigen Sterblichen zu Grunde gingen, brig blieben. Auf Befehl der
Gtter warfen sie mit verhlltem Angesichte Steine hinter sich, aus welchen
Menschen entstanden, und die Erde auf's Neue bevlkerten.

3 Nemesis war die Gttin des rechten Maaes, die Richterin des Uebermuthes. Man
sehe hierber des verklrten Herders unbertrefflich schnen Aufsatz: Nemesis,
im zweiten Bande seiner zerstreuten Bltter

4 Armenien war lange Zeit ein unabhngiges Reich, in welchem Knige aus dem
Geschlechte der Arfaciden regierten. Endlich wurde es von den Persern
berwltigt, ihr letzter Knig Chosroes getdtet, und sein einziger Sohn
Tiridates, als Kind, nur mit Mhe und durch die Treue der Diener seines Vaters
an den rmischen Hof gerettet. Hier wurde der Prinz in Hoffnungen auf das Reich
seiner Ahnen erzogen, und zeichnete sich bei jeder Gelegenheit durch persnliche
Tapferkeit und Edelmuth aus Nachdem Armenien sechsundzwanzig Jahre lang das
persische Joch getragen hatte, erschien Tiridates, der rechtmige Erbe, von den
Rmern untersttzt, in seinem Vaterlande. Alles eilte zu seinen Fahnen, und er
war bereits wieder Herr seines Reichs, als die Zwistigkeiten in Persien, die
seine Fortschritte bisher begnstigt hatten, sich zu seinem Schaden in einen
Frieden auflsten, und er nun nicht mehr im Stande war, das Erbe seiner Vter
gegen die ungerechte Uebermacht der Perser zu vertheidigen. Er floh zum
zweitenmale aus seinem Vaterlande aber die Rmer, welche wohl einsahen, wie
wichtig und ntzlich es ihnen seyn wrde, Armenien von Persien zu trennen, und
ihm einen eigenen, ihnen ergebenen Bundesgenossen zum Knig zu geben, nahmen
sich seiner gerechten Ansprche auf's Neue an, und der Krieg wurde an Narses,
Knig von Persien, erklrt.


                           8. Calpurnia an Sulpicien.

                                                            Rom, im Februar 301.

Ich habe deiner Ueberkunst wegen gestern mit Serranus sprechen wollen. Ich
sandte zu ihm, aber er ist krank, und wirklich sehr bekmmert, da er, wie sein
erster Vorsatz beim Empfange deines Briefes war, dich nicht selbst abholen kann.
Es waren wirklich schon alle Anstalten zu seiner Reise getroffen, als er krank
wurde. Jetzt also komme ich, dich abzuholen, mein Vater hat es mir erlaubt,
unser alter treuer Phdo, der Freigelassene meines Vaters, begleitet mich. Leb'
wohl! in vier Tagen bin ich bei dir.

                           9. Agathokles an Phocion.


                                                            Rom, im Februar 301.

Tiridates geht nach Mailand zum Csar Maximian, von da nach Nikomedien. Zum
persischen Kriege werden eifrige Zurstungen gemacht, in ihnen sieht Tiridates
den Keim seiner knftigen Gre, die Hoffnung unumschrnkter Herrschaft ber das
Reich seiner Vter. Galerius scheint ihn zu lieben, wenn Menschen, wie er, oder
Csarn berhaupt, lieben knnen. Auch Diocletian ist ihm nicht abgeneigt. Sein
schlauer Geist sieht in des Tiridates gegrndeten Ansprchen einen schnen
Vorwand, den Uebermuth der Perser, die ihm sein Reich vorenthalten, zu
demthigen. Narses trotzt auf ungeheure Heere, auf seines Ahnherrn Saphor
allzugnstiges Glck, und die Csarn, eingedenk Valerians1 schimpflicher
Gefangenschaft, und seines entehrenden Todes, brennen, die alte Schmach in
Perserblut abzusphlen. So stehen beide Vlker einander gegenber; und nach der
vorigen Niederlage des Galerius ist das Auge der Welt auf diesen entscheidenden
Kampf gleicher Krfte ngstlich geheftet. Auch meines, Phocion! und hher
schlgt mein Herz bei dem Bilde knftiger Schlachten, groer Ereignisse,
verhngnivoller Thaten, die fr das Vaterland so wichtig werden knnen.
    Aber nicht allein des Vaterlandes Schicksal, auch das Schicksal des Freundes
ist's, was mich diesmal lebhafter als je fr diesen Krieg bewegt. Tiridates
Glck hngt davon ab. Ich liebe ihn, seine Ansprche sind gerecht, der Ausgang
kann mir nicht gleichgltig seyn. Er grndet noch manche andre Hoffnung auf den
Fortgang seiner Waffen, die ihm wohl sehr theuer, nach meiner Meinung aber nicht
eben so gerecht ist. Sulpicien, die er mit unaussprechlicher Heftigkeit liebt,
denkt er durch eine Scheidung, die er durch die Einwirkung des Galerius zu
erhalten hofft, ihrem Manne zu entziehen, und dann auf den armenischen Thron zu
erheben. Es ist Alles unter ihnen verabredet und sicher bestimmt, nur Zeit und
Gelegenheit wird erwartet. Mir ist diese Sache widerlich, und ich wrde einen
vorzglicheren Ruhm darin finden, gar nicht im Geheimnisse zu seyn, wo abrathen
vergebens, und zustimmen wider meine Denkart ist. Nicht viel besser, als der
Plan zu einem Raube, scheint mir diese Verabredung, durch berdachte Maaregeln
einem Manne da zu nehmen, was rechtmig sein ist. Mag immer Serranus
Sulpiciens schtzbaren Eigenschaften kein gleiches Verdienst entgegen zu setzen
haben, und mit eben so viel Leichtsinn als Schwche ber Gebhr an armseligen
Vergngungen hngen - sie ist nach den Rechten der Vter, nach ihres Vaters
Willen, mit ihrer eigenen Zustimmung sein Weib geworden, und soll es bleiben,
bis gegenseitige Uebereinkunft beider Gatten ein Band, zu lsen fr gut findet,
das nicht lnger mit ihrem Wohl bestehen kann. Tritt einst dieser Fall ein, dann
mag sie aus seinem Hause in das eines Andern bergehn.
    Was noch mehr als diese heimliche Falschheit mich innerlich verdriet, ist
der Leichtsinn, mit welchem Calpurnia in diesen Plan eingeht, und ihn, so viel
sie kann, untersttzt. Was knnte dieses Mdchen seyn, wenn nicht allzugroe
Leichtigkeit der Denkart, und ihr Hauptgrundsatz, da Behaglichkeit und
Vergngen der einzige und letzte Zweck unsers Daseyns sind, sie ber manches
Erhabne und Ernste so spielend wegfhrte. Sie hat viele achtungswerthe Vorzge,
sie ist eines hohen Grades vom Menschenliebe, von Freundschaft fhig, manches
Opfer sogar bringt sie mit festem Willen und heiterm Sinn, und mitten in dieser
wrdigen Stimmung geht sie mit unbegreiflichem Leichtsinn zu Thorheiten und
Aeuerungen ber, die mein Gefhl tief verwunden. Aber sie ist schn, Phocion!
Sie ist das schnste Weib, das ich je gesehen habe. Das fhle ich, und zrne mir
selbst, da ich es so tief fhle. - Wenn sie, hingegossen auf ihr Ruhebett, die
goldne Leier im Arm, durch Ton und Gesang meiner Sinne bezaubert, oder in
begeisterter Stellung, noch unendlich reizender durch den seltenen Ernst, der
ihre Zge erhebt, schne Stellen aus unsern Dichtern declamirt, oder endlich,
was ich zwar nur ein einziges Mal sah, im pantomimischen Tanz, wie eine
Luftgestalt, daherschwebt, und in jeder Bewegung tausend namenlose Grazien
entfaltet; o Phocion! wie schn ist sie dann! Nur einmal, wie ich dir sagte, sah
ich sie so; denn trotz ihrer epikurischen Grundstze hat sie ein sehr seines
Gefhl fr Schicklichkeit und weibliche Wrde. Es war ein stiller traulicher
Abend, kein fremder Zeuge auer mir gegenwrtig, als sie auf vieles Bitten ihres
ltern Bruders Lucius, der ihr Liebling zu seyn scheint, ihrem Vater, den
Brdern und mir bei verschlossenen Thren dies unendlich reizende Schauspiel
gab. Sie tanzt vortrefflich, noch anziehender aber sind die Bewegungen ihrer
Arme, ihr Mienenspiel, ihre Geberden, womit sie sprechend und unverkennbar dem
Zuseher die Fabel des Stckes vergegenwrtigt. Ja, Phocion! dieser Eindruck,
wird nie aus meiner Seele schwinden.
    Ist das aber recht? Soll ein Spiel unsrer Sinne, eine angenehme Einwirkung
auf uere Organe, denen kein deutlicher Begriff zum Grunde liegt, vermgend
seyn nicht allein mchtig auf den edlern Theil unseres Selbst zu wirken, sondern
sogar diesen Theil wider seine Ueberzeugung mit sich fortzureien, und zu
Handlungen zu bestimmen, die vor der prfenden Vernunft nicht bestehen knnen?
Was ist der Mensch fr ein armes, schwaches Geschpf! Ein Spiel, nicht allein
des Schicksals, der allgewaltigen Natur, der Leidenschaften - auch ein weit
verchtlicheres seiner Sinne, die selbst bei besseren Menschen sich gegen die
Vernunft empren.
    Unbegreiflicher Zauber der Schnheit! Was bist du! Ein Phantom, ein
conventioneller Begriff, abgendert nach Clima und Zeit, weder aus der Natur der
Menschen bestimmbar, noch berhaupt unter Regeln zu bringen! An den schnsten
Gestalten Griechenlands geht der Bewohner der beien Zone ungerhrt vorber, und
was uns widrig erscheinet, entzndet seine Einbildungskraft, und bezwingt sein
Herz. Und was ist endlich Schnheit oder Reiz? Diese oder jene unwillkhrliche
Gestaltung des Krpers, die Lage irgend einiger Muskeln, das zartere oder
grbere Gewebe der Haut, eben so eine bloe Wirkung physischer Krfte, jedem
Einflu der Vernunft entzogen, als die Bildung eines Grases, einer Blume, und
eben so ohne Folge fr den inneren Werth, der doch allein den Menschen zum
Menschen macht! Tausendmal, Phocion, habe ich mir dies gesagt, tausendmal, wenn
Calpurnia in ihren Reizen vor mir schwebte, mich bemht, die Natur und Quelle
des mchtigen Eindrucks zu zergliedern, und so die Wirkung des Ganzen
aufzuheben. Es gelang auf einen Augenblick, im nchsten verschwand alle
Speculation vor der allgewaltigen Macht der Schnheit.
    Phocion! ich fange an, mit mir selbst sehr unzufrieden zu werden. Ich wei
bestimmt, da Calpurnia ihres Charakters wegen mich nie wahrhaft glcklich
machen kann, und trotz dieser festen Ueberzeugung - - Wie kann ich Tiridates
tadeln, der auch nichts anders thut, als dem Eindrucke nachgeben, dem zu
widerstehn, ihm Kraft und Wille fehlt?
    Wille? Fehlt mir dieser? Nein, Phocion! diese Gerechtigkeit darf ich mir
widerfahren lassen. Ich will widerstehn, und ich hoffe, ich werde es. Ist kein
Schild wider diese Reize in Vernunft und Grundstzen zu finden: so brigt die
Flucht, die keinem, der ernstlich will, entstehen kann.
    Calpurnia hat in diesen Tagen einen Beweis gegeben, da sie nicht allein
liebenswrdig sey, da sie auch mit Kraft einen edlen Vorsatz auszufhren
vermge. Sulpicia lag krank in Baj. Husliche Verdrlichkeiten, Einflu der
Witterung, mehr als dies, verzehrende unglckliche Leidenschaften hatten ihre
Gesundheit erschttert. Sie frchtete, allein in bloer Begleitung ihrer Sclaven
nach Rom zurckzukehren. Serranus war selbst krank und konnte sie nicht abholen.
Da entschlo sich Calpurnia, die Freundin nicht zu verlassen. Des Vaters
abgeneigter Wille ward durch Bitten und Flehen bestrmt, und unter dem Schutze
eines treuen Freigelassenen reisete sie im ungnstigsten Wetter, Tag und Nacht,
nach Baj, und brachte der kranken Freundin Hlfe und Trost. Am folgenden Morgen
kehrte sie in kleinen Tagereisen mit ihr nach Rom zurck. Ich war zugegen, als
sie anlangten. Tiridates, der kurz vorher wenig Hoffnung gehabt hatte, seine
Geliebte noch vor seiner Abreise zu sehen, harrte ihrer mit Sehnsucht und Angst.
Sie traten ein. Phocion! Welche Gewalt auf der Erde kann sich mit der Allmacht
der Liebe messen? Fordre nicht, da ich dir das Wiedersehen dieser seligen
Unglcklichen beschreibe, dieses Entzcken, diesen Schmerz diese Gtterwonne,
diese Verzweiflung! Sie mssen sich trennen, und ihre Zukunft liegt in tiefem
Dunkel. Entzndet und tief erregt von dem Auftritte, dessen Zeuge ich war,
gerhrt von Calpurniens Edelmuth, wiederholte ich es doch noch einmal: ich will
ihrem Zauber widerstehen, und ich hoffe, ich werde es.
    Ein hohes Bild schwebt in therischer Klarheit vor meiner Seele. Larissa
erscheint mir oft, hier in Rom, seit ich um Calpurnien lebe, fter als sonst, im
Wachen, in Trumen - und nicht vergebens! An dieser reinen Flamme verzehrt sich
jede unlautere Begierde, lutert sich der Wille, sthlt sich die Kraft. Ich habe
alle Hoffnung verloren, sie wieder zu sehen; dennoch kann ich in manchen
Augenblicken einem heien Wunsch, einer Ahnung knftiger Vereinigung nicht
widerstehen. Auch das ist einer der Widersprche in meinem Innern, die mich
beschmen und qulen. Soll ich denn zu keiner Ruhe des Gemths gelangen? Soll
meine Brust ewig streitenden Neigungen zum Kampfplatze dienen? Oft vertrstet
mich die Hoffnung, die doch keinen Menschen, wie elend er sey, verlt, auf
meine sptern Jahre; Manneskraft und klteres Blut wurden bewirken, was jetzt.
Vernunft und Ueberlegung fruchtlos versuchen. Vielleicht hat diese Stimme recht!
Manchmal ist mir aber auch, als wre, dies Alter zu erreichen, mir nicht
bestimmt, als sollte ein frhzeitiger Tod gewaltsam den Kampf endigen. Ich wrde
nicht darber trauern. Auch hierin kann ich ohne Anmaung und Stolz mit dem
Weisen sagen: Ich gehorche den Gttern nicht, ich stimme ihnen bei2.
    Denn, was ist das Leben, Phocion? Die Bedingung unserer Bestimmung auf
Erden. Wir sind hier, weil wir etwas zu thun, zu schaffen, zu hindern haben, das
in den Plan des groen Ganzen gehrt. Haben wir das verrichtet, so knnen wir
abtreten. Hierzu ist kein Maa der Jahre bestimmt. Die Vorsicht setzt das
Werkzeug ihrer Absicht in der gehrigen Zeit und den erforderlichen Umstnden in
Bewegung. Ist die Wirkung vollbracht, dann zerbricht sie das unntze Gerthe,
und wo wir dann hinkommen? Phocion, das ist das schauerliche Rthsel, das kein
Sterblicher lsen kann. Tartarus, Elysium sind artige Mhrchen. Doch hangen
Viele daran, die nichts Hheres zu denken wagen. Darum sollen sie uns ffentlich
heilig seyn! Und auch! - es wre ein schner Gedanke, die vorangegangenen
Geliebten in stillen Auen des Friedens wieder zu findend! Dort wrde ich auch
meine Larissa sehen! Ach wer daran glauben knnte!
    Wie unglcklich ist es, diesen seligen Wahn aufgegeben zu haben, und in
allen Schulen der Philosophen, in allen ihren Bchern nichts zu finden, das
diesen Verlust ersetzt! Ach wer an Elysium glauben knnte! sage ich noch einmal.
    Es ist gar zu traurig, welche dstre entnervende Vorstellungen von unserm
Fortwhren im Hades3 sich die meisten, selbst vernnftigen Menschen machen. Wenn
Hadrian sein Seel'chen bleich und nackt in unbekannte Orte hinwankend denkt, wo
kein Scherz, keine Freude, mehr ist: wenn Achill im Homer lieber Tagelhner auf
der Oberwelt, als Knig im Reiche, der Schatten seyn mchte; wenn Mcenas es
wnschenswerth findet, unter allen erdenklichen Schmerzen, selbst am Kreuze zu
leben, nur um zu leben - wie mssen die Begriffe der Menschen von ihrem Zustande
nach dem Tode gewesen seyn!
    Wer aber gibt uns bessere, die einen Grad von Wahrscheinlichkeit htten?
Schlafen? Nichts von sich wissen? Was sind das anders, als schonende Namen fr
die grauenvolle Idee der Vernichtung, vor der das denkende Wesen
zurckschaudert? - Plato hat schne Ideen, aber sie befriedigen nicht, sein
Phdon vermag keinen Zweifler zu beruhigen. Die Stoiker und alle brigen
Philosophen geben Vermuthungen. Wer gibt dem drstenden Geiste Gewiheit? Und
vor Allem, wer gibt dem rohen sinnlichen Volke, das durch losen Spott und
unberufene Lehrer auf die Nichtigkeit seiner Gtter aufmerksam geworden ist, und
Ehrfurcht und Scheu als lstige Bande abzuwerfen strebt, einen neuen Zaum? Es
ist schrecklich, sage ich dir, wie weit die Verachtung alles Heiligen und
Ehrwrdigen in Rom nicht blos in den hhern Stnden, sondern auch unter dem
niedrigsten Pbel geht. Diese alte Religion sinnlicher, leidenschaftvoller,
diebischer, ehebrecherischer Gtter kann nicht mehr den Zauber ausben, den sie,
unbegreiflich genug, so manches Jahrhundert ausgebt hat. Die Welt in ihrer
jetzigen Verfeinerung, Ueberverfeinerung und Verderbtheit, braucht einen
strkeren Zaum und wrdigere Begriffe von ihrer Bestimmung und von der Gottheit
selbst.
    Es ist unmglich, bei den Folgen dieses Miverhltnisses der Religion zum
Zeitalter, gleichgltig zu bleiben. Die Zukunft scheint mir schrecklich, ich
frchte traurige Ereignisse fr die Mit- und Nachwelt. Ich kann mich dieser
Gedanken nicht entschlagen, wenn sie mich oft recht peinlich fassen. So leide
ich doppelt. Das ist das unselige Loos von Gemthern, wie das meine, da das
knftige Uebel sie schon qult, ehe noch das gegenwrtige seine Macht ber sie
verloren hat. Beklage mich, Phocion, nur entzieh dem dstern Trumer, den du
schon oft vergebens ermahnt hast, deine Nachsicht und Liebe nicht. Leb' wohl!

                                    Funoten


1 Der Kaiser Valerianus wurde bei Edessa von den Persern geschlagen, und zum
Gefangenen gemacht. Saphor, ihr mchtiger Knig, hielt ihn bis an seinen Tod in
schimpflicher Gefangenschaft, und setzte, wenn er sein Pferd bestieg, immer den
Fu auf den Nacken des unglcklichen Monarchen.

2 Seneca de Tranquillitate.

3 Hades, Tartarus, Namen fr die Unterwelt. Die Stellen auf welche weiterhin
angespielt wird, sind folgende:

Animula vagula, blandula,
Hospes, comesque corporis
Quae nunc abibis in loca
Pallidula, rigida, nudula,
Nec ut soles dahis jocos.
-- -- --
Debilem facito manu
Debilem pede, coxa:
-- -- --
-- -- --
Vita dum superest, bene est,
Hanc mihi, vel acuta
Si sedeam cruce, sustine.


                          10. Sulpicia an Calpurnien.

                                                               Rom, im Mrz 301.

Da du, statt meines Besuchs, einen Brief von mir erhltst, da es mir, drei
Straen weit von dir, nicht mglich ist, dich zu besuchen; ist das Werk
niedriger harter Menschen, an deren Spitze Serranus, und - ich schaudre es zu
sagen - mein Vater steht. Novius, der Nichtswrdige, der unsre Villa so
unverantwortlich vernachlssigt hat, rcht die Entdeckung seiner Schandthaten
durch niedertrchtige Verlumdung an mir, indem er Serranus und meinen Vater von
meinem Verhltnisse zu Tiridates unter dem Gesichtspunkte unterrichtet, aus
welchem ein feiles Gemth, wie das seinige, eine solche Verbindung zu betrachten
im Stande ist! Um die Gunst seiner alten Gebieter zu gewinnen, hat er nichts
unterlassen, was den Prinzen und mich in ein verhates Licht setzen kann, und
aus dem eignen schndlichen Gemth noch recht viel Abscheuliches und Entehrendes
hinzugesetzt. Was mir aber unbegreiflich bleibt, ist, da er, die Gtter wissen
woher? von Allem wei, was fr die Zukunft zwischen Tiridates, mir und dir
verabredet ist. Mein Vater wthet. Der Gedanke einer Scheidung, einer Verbindung
mit einem barbarischen Tyrannen1, wie er Tiridates nach alter Rmersitte nennt,
macht ihn aller Schonung, aller vterlichen Liebe vergessen. Calpurnia! Ich
wrde trotz des Kummers und der Krnkungen, die ich ausstehen mu, dennoch diese
Ausbrche seines Zorns mit kindlicher Ergebung tragen, wenn ich sie als Folgen
wirklicher Schwachheiten und eingewurzelter Vorurtheile, die nicht mehr in die
Zeiten passen, ansehen knnte; aber ich frchte, es liegt dieser
unverhltnimigen Wuth etwas anders zum Grunde, das vielleicht nicht so edel,
so verzeihlich, - - o la mich darber hingleiten! Das Geschlecht der Anicier
ist mchtig, ihr Einflu am Hofe bedeutend. Mein Vater ist ehrgeizig, er hat
drei Shne zu versorgen, die zum Theil schon in Hofmtern (wie wenig stimmt das
mit chtem Republikanismus berein!) dienen, die er gern weiter bringen mchte!
Das emprt mich, das macht mir meine hlflose Lage unter diesen Hnden
unertrglich!
    Serranus wrde sich nicht unterstehen, mich mit bittern Vorwrfen, mit
niederm Verdacht, so wie er thut, zu verfolgen, wenn nicht die Aufreizungen
meines Vaters und sein Ansehn dies schwache unselbststndige Gemth zu einer ihm
selbst unerreichbaren Hrte und Kraft aufregten. So aber sttzt sich seine
Armseligkeit auf jenen festen Grund, und er peinigt mich um so mehr, je weher es
thut, sich von Jemand mihandelt zu sehen, den man nicht achten kann, der alle
Augenblicke die gelernte Rolle vergit, und die Inconsequenz seines Innern durch
unzusammenhngendes Betragen uert, jetzt schilt, jetzt trauert, in dieser
Stunde mich durch niedrigen Verdacht herabsetzt, in der nchsten die alte Liebe
wieder hervorbrechen lt, und mich mit Klagen, Bitten und Vorwrfen rger als
mit Scheltworten martert. Seit acht Tagen whrt diese Qual, die im Anfange noch
ertrglich, jetzt jeden Tag peinlicher wird, seitdem Serranus, gewi auf
Anstiften oder Befehl meines Vaters, so weit geht, mich durch meine Sclavinnen
beobachten zu lassen, seitdem ich - o ich errthe, indem ich es schreibe - wie
ein Kind behandelt, nicht einmal allein ausgehen darf, wenigstens nicht zu dir.
Dich hlt man fr meine Mitverschworne. Man wei, da du des Tiridates und meine
Vertraute bist, und man traut dir und mir und dem Prinzen Dinge zu, die zu
wiederholen, mir Stolz und Achtung verbieten. Genug, ich soll dich nicht sehen,
wenigstens nicht allein. Lucia2, die Amme meines Gemahls, oder er selbst
begleiten mich bei jedem Ausgang. Seit ich das fhle, verlasse ich den Umkreis
meiner Wohnung nicht mehr. Ich erkenne meines Vaters unbeugsamen Sinn in diesen
Anstalten, der vor der Verbindung mit dem Prinzen zu errthen vorgibt, aber
nicht errthet, seine Tochter vor ihren Sclaven zu erniedrigen! Calpurnia!
Fhlst du ganz, wie tief ich gesunken, wie elend ich bin? und Tiridates ist
fern, und dein Umgang mir versagt! Ich bin einsam und hlflos, den Hnden meiner
Peiniger berlassen! O welcher Gott gibt mir Kraft, dies zu ertragen, oder Muth
und List, meine Ketten zu zerbrechen.

                                    Funoten


1 Die Rmer nannten voll Nationalstolz alle fremden Vlker Barbaren, und Tyrann
war im Alterthume der Name eines jeden Monarchen, ohne da man eben den
gehssigen Begriff damit verband, den wir bei diesem Worte denken.

2 Die Ammen der Vornehmen jener Zeit blieben meistens bis an ihren Tod in den
Husern ihrer Pfleglinge, und spielten manchmal die Rollen der Vertrauten und
Gehlfinnen bei heimlichen Verhltnissen, wie man in den Theaterstcken der
Alten findet.


                           11. Agathokles an Phocion.

                                                               Rom, im Mrz 301.

Dieser Brief ist der letzte, den du aus Rom erhltst. Ich verlasse es in wenig
Tagen, um Kriegsdienste zu nehmen, und jetzt, wo das Auge der Welt auf die groe
Entscheidung geheftet ist, mit und fr Tiridates zu streiten. Zeihe mich keiner
Unbestndigkeit, wenn du mich, nach dem, was ich dir unlngst geschrieben habe,
doch diesen Stand, der so viel von seiner ursprnglichen Wrde und
Zweckmigkeit verloren hat, ergreifen siehst! Ich brauche Beschftigung,
bestimmte, unnachlssige Thtigkeit; denn ich fhle, da in meiner jetzigen Lage
jene Mue, in der sich sonst meine Seele so wohl befand, Gift fr mich wre.
Calpurnia ist zu reizend und zu leichtsinnig. Um sie zu seyn, und sie nicht zu
lieben, ist unmglich; sie zu besitzen und glcklich zu seyn, noch unmglicher.
So sehr sie mich anzieht, so tief fhle ich, da wir nicht fr einander geboren
sind. Darum ist es Pflicht gegen mich, gegen sie, da dieser Zauber zerstrt
werde, und das kann und wird er sicher durch Entfernung. Weniger als je widert
mir diesmal der Zweck und die Art des angefangenen Krieges. Es gilt keine neue
Eroberung, kein prunkendes Hinzufgen neuer Provinzen zu dem ungeheuern
Staatskrper, um sie eben so zu vernachlssigen und auszusaugen, wie die
vorigen. Dem rechtmigen Beherrscher soll der Thron seiner Vter erstritten,
und die Schmach vergangener Jahre an bermthigen Barbaren gerochen werden. So
ehrt der Zweck die Mittel, und ich errthe nicht, ich freue mich vielmehr, in
diesem Kriege auch meine Krfte zu versuchen, und eine edle Absicht mit
Aufopferungen befrdern zu helfen. Tiridates ist nach Mailand zum Augustus
Maximian. Ich folge ihm bald, wir schiffen uns in Ravenna ein, und in ein paar
Wochen denke ich in Nikomedien zu seyn. Da ich dich nicht mehr dort treffen
soll, war eine schmerzliche, eine niederschlagende Nachricht fr mich, die ich
aus dem Briefe meines Vaters vernahm. Du bist als Lehrer in der Akademie nach
Athen berufen, du verlssest deine Vaterstadt, vielleicht in dem Augenblicke, wo
ich mich anschicke, sie wieder zu sehen. Wie htte ich mich gefreut, dich noch
dort zu finden! Es sollte nicht seyn. So will ich denn auch diese
fehlgeschlagene Hoffnung, wie so viele andere, woran mich mein Geschick von
Jugend an gewhnte, gelassen ertragen. Mein Vater hat mir geschrieben, so
vterlich, so gtig, wie seit langer Zeit nicht. Ich wei wohl, und fhle es
dankbar, da diese Milderung seiner Gesinnungen gegen mich dein Werk, da es das
schne Vermchtni ist, das du scheidend mir im vterlichen Hause zurcklssest.
Habe Dank dafr, jenen innigen aber wortarmen Dank, den du weder verkennst, noch
verschmhst! Ich hoffe endlich meinen Vater, auch in dieser Hinsicht, mit mir
zufrieden zu sehen. Ich habe ihm meinen Entschlu, Kriegsdienste zu nehmen,
geschrieben, und ihn um seine Verwendung gebeten. Er wnschte lngst, mich in
irgend einer Laufbahn thtig zu sehen; und so fllt sein Wunsch mit meinen
Absichten zusammen. Trifft dich dieser Brief noch in seinem Hause, so schildere
ihm meine kindliche Dankbarkeit fr seine Gte, und sage ihm, da ich es
nchstens selbst thun werde. Leb' wohl, theurer, vterlicher Freund!

                          12. Calpurnia an Sulpicien.


                                                               Rom, im Mrz 301.

Zum erstenmal in meinem Leben setze ich mich mit rothgeweinten Augen, erschpft
von einer halbdurchwachten Nacht, nieder, um deinen Brief zu beantworten, den
mir deine treue Chromis gestern in der Dmmerung verstohlen brachte, dein
Schicksal mit dir zu beklagen, und, was mich selbst schmerzt, in deinen
mittheilenden Busen auszugieen. Arme, unglckliche Freundin! Und durch wen
unglcklich, als durch das boshafte Geschlecht, das, zu unserer Qual geschaffen,
uns durch seine Fehler und Tugenden gleich empfindlich martert! O glaube mir,
Sulpicia, ich fhle mit dir. Die Aussicht, einen Freund zu verlieren, dessen
Vorzge mich eine Weile verblendeten, zeiget mir, was es seyn mu, einen
Geliebten zu vermissen. Agathokles ist im Begriffe fortzureisen. Du staunst? -
So pltzlich, so unerwartet, so - wie soll ich sagen? ohne alle hinlngliche
Veranlassung! Sein Eifer fr die gute Sache deines Tiridates wurde auf einmal so
brennend, und seine Pflicht, dem Wunsche seines Vaters entgegen zu kommen, so
dringend, da er sich auf der Stelle entschlo, Kriegsdienste zu nehmen, und den
Feldzug wider, die Perser mitzumachen. Er, dessen Charakter, dessen Denkart nie
diesem Beruf gnstig oder gem war, er, der in so Manchem, fast in allen
Stcken von seinem Vater verschieden denkt; er hat nun nichts Angelegeneres zu
thun, als sich zur Reise anzuschicken, und einen Ort bald zu verlassen, wo ihn
nichts auf der Welt zurckhlt. O! Er hat vollkommen Recht; aber diejenigen, die
sich ber seine Entfernung grmen wollten, hatten eben so vollkommen Unrecht.
    Das wei ich, das fhle ich, und doch, Sulpicia - wie mu ich mich meiner
Schwachheit schmen - doch, gestern, als er es mir ankndigte! Ich war nicht
vermgend, ihm sogleich zu antworten. Meine Kniee wankten, mein Blut schien auf
einen Augenblick stille zu stehen, und ich empfand, da auch meine
Gesichtsfarbe, wenigstens zum Theil, die Bewegung verrathen mute, die in meinem
Innern vorging. Indessen - er war ja so gefat, so ruhig, so aus freiem Willen
entschlossen! Was htte ich fr ein verworfenes Geschpf seyn mssen, wenn ich
mich nicht an dieser Klte abgekhlt, an dieser bewunderungswrdigen Kraft
gestrkt htte! Ich wurde auch stark! Ich fand in ein paar Secunden, ja inde er
noch, ich wei nicht mehr was, sagte - denn zum Verstehen war ich zu sehr, o
gegen dich darf ich ja den Ausdruck brauchen! zu sehr betubt - ich fand die
Kraft wieder, ihm mit Gelassenheit, ja sogar scherzhaft zu antworten. Schnell,
mit einer leichten Wendung drehte ich das Gesprch auf Nebensachen, auf die
Anstalten zu seiner Reise, die gnstige Witterung u.s.w. Mein Vater und meine
Brder waren gegenwrtig. Es ward mir leicht, unter einem Vorwande das Zimmer zu
verlassen, und in der Einsamkeit die mhsam zurckgehaltne Erschtterung meines
ganzen Wesens austoben zu lassen. Gern htte ich auch den Thrnen, die Schmerz
und Zorn unaufgehalten hervorriefen, freien Lauf gegeben; aber das durfte ich
nicht wagen, denn die Stunde des Abendessens war nahe, und Agathokles, wie
immer, bei uns. Ich wendete also blos die einsame Viertelstunde an, um eine
leidentliche Haltung anzunehmen; dann kam ich in's Speisezimmer zurck. Die
Abreise, welche mein Vater und die Brder recht aufrichtig bedauerten, war, wie
du denken kannst, der Gegenstand aller Gesprche. Ich that mir Gewalt an, so
viel Gewalt, da mein Herz heimlich aus allen Tiefen zu bluten anfing; aber ich
erstaunte selbst ber meine Kraft, und schien von Allen die Ruhigste, die
Klteste, sogar klter als er, und das wollte Viel sagen! Da bemerkte ich denn -
o was sind diese Mnner fr schwache Geschpfe! Wie reizt sie so gar nichts, als
was ihnen verwehrt ist! Wie wird die unbedeutendste Sache ihnen, wie den kleinen
Kindern, nur dann lieb, wenn sie sich ihnen entzieht! - ich bemerkte deutlich,
da Agathokles in eben dem Maae stiller, nachdenkender, mimuthiger schien, je
heiterer und frhlicher ich wurde. Das verdoppelte meine Kraft; denn es flte
mir ein Gefhl von Spott ein, und so gelang es mir, bis zu Ende der Mahlzeit die
Rollen ganz umzutauschen. Wir schieden scherzend auseinander. Ich ging auf mein
Zimmer - ich hoffte ruhig bleiben zu knnen. Da trat deine Chromis ein, und ich
las deinen Brief. Auf einmal fiel die Erinnerung an meine Lage, vermischt mit
dem, was ich fr dich empfand, wie eine Centnerlast auf mein Herz. An deinen
Schmerzen erneuerten sich die meinigen, und meine Thrnen fingen an so heftig zu
flieen, da der Morgen bereits zu dmmern begann, als endlich ein mitleidiger
Schlaf meine Augen schlo. So sind es denn Mnner, und immer Mnner, die die
hchsten Qualen ber unser Leben ausgieen, sie mgen uns lieben oder hassen!
Serranus liebt dich, dein Vater, so hart er scheint, nimmt doch gewi innigen
Theil an dir, und Agathokles? O wie oft las ich das Gestndni seiner Liebe in
seinen Augen, seinen entschlpften Worten! Und doch, doch knnen sie uns so
grausam peinigen, so aller Rcksichten vergessen, und in der rohen wilden Kraft
ihres Wesens auch nicht von fern ahnen, wie ein Weib fhlt, und was unsre Herzen
bei diesen rauhen Berhrungen leiden mssen!
    Was ist es bei Agathokles? Philosophischer Stolz, keiner Leidenschaft zu
unterliegen? Spiel mit einer wachsenden Empfindung, oder lcherliche Treue gegen
ein Schattenbild? Was es immer sey - er befolgt seinen Plan, weil er ihn einmal
entworfen hat, ohne Rcksicht auf die, die Antheil an seinem Schicksal nehmen,
die ihn in jedem Zimmer, bei jedem einsamen Mahle, bei jeder reizlosen Freude
schmerzlich vermissen werden. Er denkt nicht daran. Er will reisen, und so thut
er es. Und ich sollte ihm nachweinen? Nein, Sulpicia, diesen Triumph soll der
kalte ernste Censor1 nicht erleben. O! ich will frhlich und heiter seyn, und
lcheln, wenn er sein Pferd besteigt, und zum letztenmal aus dem Thore unsers
Hauses sprengt. Ich will - denn er verdient es nicht anders!
    Sieh doch, Sulpicia, was Stolz und Unmuth fr eine Gewalt ber den Menschen
haben! Ich habe mit Thrnen zu schreiben angefangen, sie sind whrend des
Briefes noch hufig geflossen; jetzt sind sie getrocknet. Ich weine nicht mehr,
denn ich zrne, und finde in meinem Zorn eine Sttze gegen die unzeitige
Weichheit meines Herzens. O man tadle mir den Zorn nicht! er ist eine erhebende,
eine heldenmthige Empfindung, er hlt der lhmenden Wehmuth das Gleichgewicht,
und strkt uns, wenn mir zu unterliegen befrchten mssen.
    Mit deinen zwei Peinigern wollen wir schon auch noch fertig werden. Sie
sollen uns nicht ber die Kpfe wachsen. Sind sie hart, wir wollen es noch
hrter; sind sie schlau, wachsam, wir wollen es noch mehr seyn. Es soll ihnen
nicht gelingen, uns zu trennen. Wir sehen uns bald und ungestrt wieder. Leb'
wohl!

                                    Funoten


1 Censor war eine obrigkeitliche Person in Rom, unter deren Aufsicht die Sitten
und das Vermgen der rmischen Unterthanen standen.


                           13. Sulpicia an Tiridates.

                                                               Rom, im Mrz 301.

Aus einer dstern Einsamkeit, von keinem Trost, von keinem heitern Gedanken
erhellt, nur von den Manen meines ehemaligen Glckes umschwebt, dessen
Erinnerung die Stacheln meiner Leiden schrft, schreibe ich an dich, Tiridates!
Bald vielleicht ist mir auch dieses letzte Gut geraubt. Hrte und niedere
Selbstsucht umgibt mich mit hundert feilen Argusaugen. Unser Verhltni ist auf
eine unwrdige Art vom Unwrdigen entheiligt dem Serranus und meinem Vater
verrathen worden. Alles, was strenge, von trben Ansichten geleitete Hrte, was
engherzige Kleinlichkeit und niedrige Eifersucht von Qual und Lasten auf ein
zerrissenes Herz wlzen knnen, erdulde ich. Man hat gesucht, mich von
Calpurnien zu trennen. Ihre treue Liebe und schlaue Khnheit hat dies gedrohte
Unglck von mir abgewandt. Sie hat Serranus rufen lassen. Ihr Verstand, ihre
wohlangewandte Freundlichkeit hat ihn gewonnen. Das Geschlecht, aus dem sie
stammt, und ihres Vaters Einflu hat dem meinigen, Ehrfurcht geboten, und man
wehrt ihr jetzt nicht, mit mir umzugehen. Nur fhle ich wohl, da mich selbst in
ihren Armen Verdacht und Argwohn umlauert. Man lt uns selten allein. Immer
wei man es zu veranstalten, da noch ein Besuch zu gelegener Zeit kmmt, oder
ein Mitglied der Familie sich etwas in unserm oder den anstoenden Gemchern zu
schaffen macht. Wie klein, wie armselig, wie verchtlich mir das erscheint,
brauche ich dir das wohl zu schildern? O wenn ich hier je htte lieben knnen,
die leiseste Empfindung wre mit der letzten Wurzel durch ein solches Betragen
vertilgt! Und vollends nun - da ich nie liebte, nicht einmal achtete! Man lauert
auf meine Briefe. Diese besorgt Calpurnia selbst, und auch ihre Briefe mssen
durch Umwege an mich gelangen. Wenn nichts mich zum Ha, zur Rache berechtigte,
wre es nicht schon die frchterliche Nothwendigkeit, in die man mich setzt,
mich zu solchen Schritten herablassen zu mssen?
    Ich bin unaussprechlich unglcklich. Mein Leben ist eine grauenvolle Nacht,
in der bewutlos hinzuschlummern, jetzt der hchste Wunsch meines gepeinigten
Wesens wre! Tiridates! Warum mute ich dich kennen lernen? Warum mute dein
Anblick die stille Fassung, worein Gleichgltigkeit und Ueberlegung mein Herz
gebracht hatten, so gewaltsam stren? Warum mute mir das mgliche Ideal
mnnlicher Vollkommenheit, das bisweilen in einsamen Stunden meine Seele, wie
ein schner Traum, beschftigte, in dir auf einmal wirklich erscheinen, in dir,
den Geburt, Vaterland und Verhltnisse mir ewig fremd halten muten? Welches
grausame Vergngen findet das Schicksal darin, in den Gebirgen Armeniens und im
glnzenden Rom zwei Seelen ganz fr einander zu bilden, sie sich finden zu
lassen, und sich gewaltsam zu trennen? Doch nein, ich klage nicht. Ich habe dich
gefunden, ich habe dich geliebt, das kann mir keine Macht der Erde rauben: und
wenn auch das Glck, da ich dich kennen gelernt habe, mich von diesem
Augenblicke an ewig elend machen mte, ich knnte es nicht bedauern, nicht
bereuen; denn ich war selig - selig wie die Gtter!
    Und ist denn jede Hoffnung verschwunden? Liegt hinter der grauenvollen
Gegenwart keine bessere Zukunft? Tiridates! ich bin sehr schwach. Es gibt
Augenblicke, wo mein Herz in seinen unendlichen Schmerzen versunken, ihn heftig
ergreift, und von keiner Hoffnung etwas wissen will; wo es sich jeder Aussicht
mglicher Verbesserung verschliet, und eine Art von dumpfer Beruhigung darin
findet, da es nie aufhren wird, zu leiden. Dann ist mir, als wre meine
Rechnung mit dem Schicksal abgeschlossen. Mein Leben, auch das noch kommende,
liegt hinter mir, wie ein vollbrachter Tag. Die Zukunft ist vorber, ich frchte
nichts, ich hoffe nichts, nicht einmal den Tod. Ich fhle nur, da ich elend,
da ich von dir getrennt bin.
    Und was wird, indessen ich hier leide, dein Schicksal seyn? Vielleicht
kmpft dein Schiff mit Sturm und Wogen - ein Blitz trifft es - es sinkt - du
bist im Abgrunde des Meeres begraben! Oder ich sehe dich spterhin im
Schlachtgewhl - ein Pfeil durchbohrt dein Herz, fr das zu leben meine einzige
Bestimmung ist! Was soll ich denn auf der Welt? O la mich dir nacheilen! La
mich mit dir in's de Reich der Nacht hinabsteigen, oder an deiner Seite liegen
und schlafen! Beneidenswerthes Loos, wenn uns im Reiche des Lichtes und
frhlichen Wirkens kein Glck mehr beschieden ist! O schreibe mir bald,
Tiridates! Rei mich aus dieser Angst, die oft bis zur Verzweiflung steigt! Nur
dies, da du lebst, da ich hoffen kann, dich noch einmal zu sehen, macht es mir
mglich zu leben.
    Auch Agathokles hat uns verlassen. Er eilte dir bald nach, um sich mit dir
einzuschiffen. Ich vermisse seinen Umgang, seine thtige warme Freundschaft
recht sehr, obwohl wir ber viele und wichtige Punkte nicht gleich dachten. Aber
ich war die Geliebte seines Freundes, und das war genug, ihn fr mich zu
gewinnen. Er hat Manches fr mich gethan, das ihm mein Herz nie vergessen wird.
Er ist sehr edel, aber ich frchte, er wird nie glcklich werden; denn seine
Begriffe passen nicht in sein Zeitalter Calpurnia hat sicher einen starken
Eindruck auf ihn gemacht; dennoch erlaubte er sich - die Gtter mgen wissen
warum - nicht, diesem sanften Zuge zu folgen. Man sah die Gewalt, mit der er
dieser Einwirkung widerstand. Er ist ein sonderbarer Mensch! Bei ihm gilt nicht,
was in hnlichen Fllen Calpurnien vor heftigen Eindrcken bewahrt -
Leichtigkeit des Sinnes, und ein frhliches Temperament. Seine Klte ist Gewalt
ber sein Gemth, seine Gelassenheit die Frucht eines schmerzlichen Kampfes. Die
glckliche Calpurnia! Agathokles war ihr sehr werth. Sie war wohl zu stolz, es
ihm zu zeigen, da sie die strenge Entfernung bemerkte, in der er sich
geflissentlich von ihr hielt. Ich wei aber, da sie ihn sehr geliebt hat. Viele
und bittere Thrnen sind ber seine Abreise in meinen Schoo vergossen worden.
Ich hatte sie noch nie gesehen, als am Tage nach seinem Abschiede. Dennoch nach
drei Tagen kam sie zu mir, ihre Thrnen floen noch bei jeder Erwhnung des
theuren Namens, und - sie hoffte schon auf die Linderung, die ihr die
wohlthtige Zeit bringen wrde, auf die allmhlige Schwchung jedes heftigen
Eindrucks, auf die Kraft der Zerstreuung, der sie sich zu berlassen recht
ernstlich vornahm! O wie glcklich ist sie!
    Soll ich - darf ich sie beneiden? Nein, Tiridates! Ich kann nicht, wenn ich
auch drfte. Nein, da ich dich liebe, und so innig, so unaustilgbar, so mit
aller Kraft meines Wesens, ist mein Glck, und wenn es mich auch verzehrt. Du
aber, der du weit, da deine Briefe jetzt mein einziger Trost, der einzige
helle Strahl in der Nacht meines Kummers sind: schreibe mir bald, oft, Alles,
was dich betrifft, jede Kleinigkeit, jeden Gedanken, jeden Wunsch. Bedenke, was
mir diese Briefe zu ersetzen haben, fr was sie mich entschdigen sollen - und
la mich nicht verzweifeln.

                           14. Agathokles an Phocion.


                                                         Nikomedien, im Mai 301.

Nach einer ziemlich beschwerlichen Seereise, wo unstte Winde, und ein emprtes
Meer uns beinahe auf immer von dem Ziele unserer Reise, dem holden Vaterlande,
getrennt htten, langten Tiridates und ich vor acht Tagen in Nikomedien an.
Ser Zauber der heimathlichen Gefilde! Wie sanft bewegst du unser Herz! Wie
lieblich erscheint die Kste des Vaterlandes nach langer Abwesenheit! Zwar wirst
du mir sagen, nach einer gefahrvollen Seereise wre uns jedes Ufer erwnscht
erschienen? Doch es ist nicht ganz so. Bei Erblickung dieser Hgel, die ich als
Knabe bestieg, dieses Gestades, an dem ich so oft lag, um Aug' und Gemth an der
Unermelichkeit des Meeres zu strken, und endlich des vterlichen Hauses,
seiner nchsten Umgebungen, wo so Manches vorgefallen war, das noch jetzt s
und schmerzlich meine verdete Brust bewegt - ich fhle mich ergriffen, und ich
schme mich nicht, zu gestehen, da ich die theuren Gegenstnde mit einigen
Thrnen grte, die unwillkhrlich ber meine Wangen floen. Auch Tiridates,
obwohl noch fern von seinem Vaterlande, war durch den Anblick des asiatischen
Ufers des Schauplatzes groer noch unentschiedener Thaten, nicht weniger bewegt,
als ich. Wir umfaten uns, und schwuren ernst und heiter, uns selbst und dem
treu zu bleiben, was wir fr gut und recht erkannten. So sprangen wir an's Land,
so eilten wir in die Stadt, in meines Vaters Haus. Er kam uns sehr freundlich
entgegen. Die Gesellschaft des Prinzen, des Lieblings zweier Csaren, schielt
ihm angenehm fr sich, und ehrenvoll fr mich. Ich gab mich, ohne weiter zu
grbeln, dem Gefhl des Augenblicks hin, und geno die Freude, meinen Vater so
zuvorkommend und gtig zu sehen, mit vollen Zgen. Ich durchlebte einen frohen
Tag. Am zweiten ging es schon anders. Wir sollten zum Diocletian. Mein Vater
wollte mich ihm vorstellen. Auch Tiridates billigte diesen Schritt, und schien
ihn nothwendig zu finden. Mir widerte das Ansehen von Aufwartung und
Unterthnigkeit, das er durch die Umwege und feierlichen Anstalten bekam, die
jetzt nthig sind, um sich dem Imperator zu nhern. Ich dachte an das alte Rom,
an die Hof- oder Haushaltung der ersten Csarn, wie selbst der schlaue Octavian,
der edle Marc-Aurel, der tugendhafte Pertinar, aus Biedersinn oder List des
Volkes Meinung schonend, nichts anders als Roms erste Brger schienen - und mein
Inneres emprte sich. Was mute da herumgeschickt, angefragt, gebeten,
zubereitet werden! Selbst an unserer Kleidung wurde gemustert. Endlich schien
meinem Vater Alles wrdig und gehrig bestellt, und wir traten in sehr kostbaren
Gewndern, von vielen Sclaven gefolgt, unsern Weg nach dem Palast an. Ich glhte
vor Schaam und Unwillen. Ich glaubte in den Mienen jedes Vorbergehenden den
verchtlichen Spott ber unsere eigenntzige Erniedrigung zu lesen. Mir war's,
als schwebten in dem Augenblicke die Schatten der Ahnen um uns, und sehen
verachtend auf die entarteten Enkel nieder, die sich knechtisch vor dem zu
bcken gingen, den sie in ihren Zeiten als einen ihres Gleichen behandelt
hatten. Tiridates nahm es viel gelassener auf. An orientalische Sitte gewhnt,
bewegte ihn unsere Lage nur zu seinem Spott, mit dem er sich selbst nicht
schonte. So kamen wir in den Palast. Durch eine Reihe Gemcher gefhrt, in denen
asiatische Wollust und Pracht um den Vorrang stritten, lie man uns endlich in
einem der Innersten unter einer Menge schimmernder Sclaven und Clienten warten -
warten - drei tdtlich lange Stunden, und - schickte uns in der vierten
unverrichteter Dinge nach Hause, weil der Augustus nicht fr gut fand, uns
vorzulassen. Nur der ausdrckliche Befehl meines Vaters, und mein fester
Vorsatz, unser scheinbar gutes Einverstndni, so lange ich in Nikomedien
bleiben mute, nicht zu stren, brachte mich dazu, am andern Morgen den
erniedrigenden Versuch zu erneuern. Diesmal dankte ich's dem Einflu des
Tiridates, da wir ziemlich bald vorkamen. Aber, o mein Phocion! Welche Wunden
schlug meinem Herzen der blendende Schimmer, die emprende Eitelkeit, das
lcherlichsteife Ceremoniel1 am Hofe dieser gekrnten Sclaven! Aus dem Staube
der Dienstbarkeit durch eignen Genius, noch mehr durch Umstnde und eine
Denkart, der kein Mittel zu schlecht war, auf den Thron erhoben und befestigt,
herrscht er mit einem Trotz und Uebermuth ber die zitternde Welt, der mit
nichts als dem ungeheuren Glcke zu vergleichen ist, das ihn in seiner Laune
erhob, und mit bisher beispielloser Treue hegt und pflegt. Nicht da ich seine
wahrhaft groen Geistesanlagen, verkennte, nicht da ich ihm die Stille nicht
dankte, die whrend seiner Regierung das erschpfte Menschengeschlecht geniet:
aber sehen - sehen mu man so etwas nicht in der Nhe, wenn man unparteiisch
bleiben soll!
    Er empfing uns ziemlich anstndig; aber die Thiara, die von seinem Haupte
strahlte, der Thron, auf dem er hoch erhoben, sa, verengten meine Brust, und
schloen meine Lippen. Mein Vater fhrte das Wort. Er stellte mich ihm vor, er
bat ihn um einen Platz unter den Truppen fr mich. Ich lie Alles geschehen,
ohne eine Sylbe zu sprechen. Mag mich der Tyrann fr einfltig oder strrisch
halten, mir gilt es gleich. Doch hat er mich zum Centurio ernannt, und
bermorgen gehe ich mit Tiridates zum Heere ab. Hier brennt der Boden unter
meinen Fen. So ungewohnt meiner Denkart das wilde Leben im Lager seyn wird, so
wird mir doch dort im Freien, im Getmmel, besser seyn, als hier.
    Sisenna Statilius hat das Haus neben dem unsrigen wieder verkauft, es gehrt
einem unbedeutenden Brger. Unter einem Vorwande war ich gestern dort. Es ist
noch Vieles unverrckt, wie es vor acht Jahren war. Mir war sehr weh und sehr
wohl zu Muthe. Ich erkundigte mich nach seinen ehemaligen Bewohnern. Die Meisten
in Nikomedien erinnerten sich ihrer kaum mehr doch wollen einige gehrt haben,
da Timantius in Syrien, unbekannt, unter einem fremdem Namen gelebt habe, und
vor ein paar Jahren gestorben sey. Die Shne sind zerstreut, die Tochter - o
Phocion! wie schlug mein Herz - soll geheirathet haben! Geheirathet!! Also bin
ich vergessen! Kann ich es ihr verdenken? Und doch schmerzt es mich! Vielleicht
ist sie auch schon todt! Ich wei nicht, in welchem Gedanken mehr Qual liegt.
    Sie zu finden ist wohl jede Hoffnung verloren, und nichts ist, was mir
Ersatz gewhren knnte! Calpurnia nun gewi nicht! Ich habe mich in Rom seltsam
von ihr getrennt. Als ich ihr meine Abreise ankndigte, schien sie - nicht
bewegt, nicht wie eine Freundin betrbt; sie schien beleidigt, gereizt. Ihre
Eitelkeit war gekrnkt. Der Sclave, den sie sicher an ihrem Triumphwagen
gekettet glaubte, war noch stark genug, sich loszureien. Das war ihr unerhrt,
unverzeihlich. Sie behandelte mich nun bestndig so, bis zum Tage meiner
Abreise, und ich ward sehr ernst durch die Entdeckung dieser Falte in ihrem
Gemthe. So ist auch sie, die so weit ber den meisten Weibern steht, von dieser
allgemeinen Schwche nicht frei, und keiner Freundschaft fhig, wenn Eitelkeit
sich in's Spiel mischt! Nur Ein Weib habe ich gekannt, in deren reinem mildem
Gemth nichts als Liebe, holde Demuth und Selbstvergessenheit war! Nur Eine! Und
wo ist sie? Beim wirklichen Abschiede schien inde Calpurniens besseres Selbst
die Oberhand zu gewinnen. Sie entlie mich, wie die Freundin den werthen Freund,
theilnehmend, gtig, gerhrt. Wir haben uns zu schreiben versprochen. Die
Erinnerung an ihren Liebreiz, an ihre hohen Vorzge wird mich, wie die
Erinnerung an einen froh durchlebten Tag, freundlich begleiten: aber ich glaube
versprechen zu knnen, da sie meine Freiheit nie stren wird. Dazu sind wir zu
unhnlich. Mgen gute Gtter sie beschtzen, und bald ein wrdiger Gatte ihre
Vorzge erkennen und mit Liebe vergelten!
    Ich schreibe dir heute nicht mehr. Die Anstalten zu meiner Reise, die ich
mit groer Eile betreibe, rauben alle meine Mue. Leb' wohl!

                                    Funoten


1 Diocletian war der erste rmische Kaiser, der, vielleicht aus sehr guten
Ursachen, in diesem verderbten Zeitalter jene Popularitt ablegte, die lngst
aufgehrt hatte, mehr als Maske und eine kluge Schonung alter Volksbegriffe von
Republikanismus zu seyn. Er fhrte persisches Ceremoniel ein, trug eine Thiare,
eine mit Perlen besetzte Binde im Haar, und umgab sich mit einer blendenden
Hlle von Pracht, Gefolge und Unzugnglichkeit.


                          15. Calpurnia an Sulpicien.

                                                                Rom, im Mai 301.

Mein treuer Phdo bringt dir diesen Brief sammt dem Einschlusse, der dir
freilich lieber seyn wird, als Alles, was der meinige enthlt. Ich will dir's
auch nicht bel nehmen; denn ich wrde im umgekehrten Falle eben die Nachsicht,
von dir fordern, wenn ich ihrer bedrfte. Ich bin aber so glcklich, oder so
unglcklich, wenn du willst, da die Briefe, die ich bekommen soll, ganz frei
und ungehindert zu mir gelangen knnen, ohne des Einschlusses einer
dienstfertigen Freundin zu bedrfen, die die mir unbemerkt in die Hnde spielt.
Vielleicht sind sie aber auch aus dieser Ursache so beschaffen, da die ganze
Welt sie unbedenklich lesen drfte. Es ist nun einmal eine Eigenheit des
mnnlichen Herzens, da es nur durch das heftig gereizt wird, was ihm verwehrt
ist, und einen Gegenstand nur nach dem Maae des Kraftaufwandes schtzt, den ihm
sein Besitz kostete. Sie knnen nicht dafr, die armen Herren der Schpfung; die
Natur hat diese Triebe in ihr Herz gelegt. Wir wollen sie auch darum nicht
verdammen, aber in Acht sollen und werden wir uns vor ihnen nehmen.
    Wende mir nicht ein, Sulpicia, da das berhaupt eine Eigenheit des
menschlichen Herzens, und eine Anstalt des Schicksals sey, um unsre Fhigkeiten
zu wecken und zu entwickeln. Ich wei wohl, da die Mutter manchmal auch das
schwchliche Kind, das ihr viel Sorgen und Mhe gemacht hat, mehr liebt, als die
brigen; und wie manche Frau sehen wir nicht in seltsamer Verirrung mit
unauslschlicher Zrtlichkeit an einem Mann hngen, der ihr durch Leichtsinn und
Untreue nichts als Kummer macht? Doch nie - gewi nie wendet ihr Gemth sich
launisch von einem Gegenstande ab, blos darum, weil es ihr leicht war, ihn zu
erhalten, oder erkaltet in der Dauer und Sicherheit des Genusses. Nein, vielmehr
strken Gewohnheit und Zeit unsre Neigungen. Was wir lange haben, wird uns darum
werther, und in der Rechtmigkeit und Wrde seiner Gefhle findet das Weib
seinen Stolz und sein strkstes Band.
    Der Brief von Tiridates an dich war in einem eingeschlossen, den mir
Agathokles bei seiner Rckkunft nach Nikomedien geschrieben hat - ein sehr
verbindliches Danksagungsschreiben fr alle Geflligkeiten, die er in unserm
Hause empfangen, eine kurze Beschreibung seiner Reise, Nachrichten von
Tiridates, Gre an dich, an seine brigen rmischen Bekannten u.s.w., ein
Brief, den ich im Forum htte knnen anschlagen lassen!
    Und das schreibt Agathokles mir? Es ist also vollkommene Ruhe in seinem
Herzen, und von Allem, was ihn hier so tief zu bewegen schien, jede Spur auf der
glatten Oberflche seiner Seele verschwunden? Ich mu dir gestehen, da es mich
berrascht hat, auch mitunter ein Bischen verdrossen. Aber das ist schon
vorber. Solche Strme verwehen schnell bei mir, und es bleibt nichts davon
zurck, als die weise Lehre, knftig vorsichtiger zu seyn, und vor allen Dingen
kein Wesen auf der Welt in einem andern als dem klaren Tageslichte der
Wirklichkeit anzusehen. Traue nur Niemand den Gestalten, die die Phantasie uns
statt der Dinge an sich unterschiebt. Sie haben meistens nichts von ihren
Originalien, als die uere Form, und wir wrden oft sehr erstaunen, wenn wir
auf einmal statt des idealisirten Phnix den gemeinen Haushahn sehen knnten,
der wirklich vor uns steht: wir wrden klger und demthiger werden. Denn, la
es uns aufrichtig gestehen, unsere Eitelkeit hat an dergleichen Apotheosen wohl
eben so viel Theil, als unser Herz und unsere Phantasie. Wir mchten gar zu gern
von einem Heros geliebt seyn, mit Gttergestalten umgehen, und so nach und nach
selbst zur Gttin werden. Aber es kmmt die liebe Zeit in ihrem Alltagsschritte,
und die gemeine Wirklichkeit. Sie nhern sich dem schnen Phantom, das vor uns
steht. Vor ihrer krftigen Berhrung verschwindet der Nimbus, der es umgab, die
Gttergestalt selbt sinkt zur gewhnlichen Erdengre herab, und die arme
Sterbliche, die sich schon eine Heroin glaubte, ist wieder auf die platte
Menschheit reducirt. Das thut nun freilich weh im ersten Augenblick - im zweiten
verschmerzt man's um den Gewinn an Menschenkenntni und Erfahrung, und kt, wie
ein wohlgezogenes Kind, die Ruthe, die uns fr den verwegenem Versuch auf die
Finger klopft.
    Sieh, Liebe, aus diesem gemeinen, aber sehr wahren Lichte sehe ich die
Geschichte zwischen Agathokles und mir an. Auch er ist ein gewhnlicher Mann,
jedem ersten Eindruck offen, schwach gegen die Macht der Schnheit, achtlos fr
weiblichen Werth, leichtsinnig und flatterhaft. Das erkenne ich nun deutlich,
und bin auch seit dieser Erkenntni wieder ganz in den Besitz der seligen Ruhe
gelangt, die seine Anwesenheit, sein Scheiden gestrt haben, und in der doch
allein mir eigentlich wohl ist.
    Knnte ich nur in deine Brust einen Tropfen dieser friedlichen Stille,
dieser behaglichen Gleichgltigkeit bertragen! Knnte ich dich nur ein
einzigesmal die Welt und die Menschen so betrachten machen, wie ich sie ansehe!
Glaube mir, es wrden noch Schnheiten genug an der ersten, und Tugenden an den
letztern brig bleiben, um ihnen recht gut zu seyn, und seines Lebens froh zu
genieen; aber was unsre Leidenschaften in so strmische Bewegung bringt was uns
das kurze Daseyn so oft verbittert, wrde wegfallen. Wir wrden von Umstnden
und Menschen nicht mehr erwarten, als sie leisten knnen, kein Wesen mehr
schtzen, als es verdient, und jedes nach seiner Art bentzen, ohne ber die
Uebel, die wir ja zu berechnen wuten, zu klagen.
    Ich meine, mit dieser Art zu denken, htte ich auch mit deinem Serranus
nichts unglcklich seyn wollen! Er kmmt zuweilen zu mir, und ich glaube
beinahe, er hat Lust, mich zur Vertrauten seines beklemmten Herzens zu machen!
Ich kann eben nicht sagen, da mich das sehr freuen wrde, aber die Achtung, die
er mir zeigt, freut mich. Er ist im Grunde ein guter Mensch, nur leichtsinnig
und schwach, durch Erziehung und Beispiel verdorben, und htte wohl vielleicht,
unter vernnftiger Leitung, ein ganz annehmliches Wesen werden knnen. Er liebt
dich aufrichtig. Der Verlust deiner Neigung - der arme Mann wiegt sich in den
sen Traum, sie vor Tiridates Ankunft besessen zu haben - thut ihm sehr weh. Im
Ernst, Sulpicia! glaube mir, so ein Mann ist trotz seiner prosaischen Denkart
weit brauchbarer fr's alltgliche Leben, als jene idealisirten Geschpfe. In
Verbindung mir einem vernnftigen Weibe bernimmt sich so ein Mensch nicht
leicht, berlt der klgeren Frau die Leitung ihres gemeinschaftlichen Besten,
strt ihre Ruhe durch keine wilden Flge der Einbildungskraft, reit sie nicht,
ihrer besseren Vernunft zum Trotz, in berirdische Welten fort, liebt sie
aufrichtig und dankbar - und bleibt ihr treu! O ich lobe mir die Prosa des
Lebens!
    Darum, liebe Sulpicia, um dieser neuen Erfahrungen willen, berhre die
Stimme der Freundschaft, die schon so oft vergeblich an dein Herz drang, nicht
lnger, suche jetzt, da Entfernung und andere Umstnde diesen Entschlu
begnstigen, eine Neigung zu besiegen, die dich gewi unglcklich machen mu:
nicht, weil du mit Anicius vermhlt bist - Ehen knnen getrennt werden, - nicht,
weil deiner Verbindung mit Tiridates Hindernisse im Wege stehen - Muth und
Standhaftigkeit werden sie besiegen - nein, darum, weil kein Mann der Liebe
eines Weibes wrdig ist, darum, weil sie Alle, mehr oder minder flatterhaft,
sinnlich, selbstschtig sind. Was sie an uns lockt, ist Sinnenreiz, was sie eine
Weile festhlt, Phantasie, Eitelkeit, Eigensinn. Hren diese Triebfedern auf zu
spielen, so erschlafft die Begierde, mit ihr die Liebe, und wir sind ihnen
nichts mehr.
    Nenne mich nicht grausam, wenn ich dir jetzt etwas sage, das dich hart
dnken wird. Schilt den Arzt nicht, der in Ueberzeugung des Bessern dir bittere
Arznei reicht. Glaubst du wohl, da ohne deine Schnheit und die ungeheuren
Hindernisse Tiridates Liebe so feurig und treu seyn wrde? La nur den Krieg
glcklich enden, deine Verbindung mit Anicius durch die Macht des Csars
getrennt werden, den Prinzen im ruhigen Besitz seines vterlichen Throns und
deiner Hand seyn, und dann sieh, wie lange die Flamme noch matt fortglimmen
wird, die jetzt so ungestm lodert!
    So denken sie Alle - Alle - und diejenige, die einen Einzigen ausnehmen
will, ist betrogen. Was sie aber betrgt, ist nicht der Mann - denn der
Bsewichter, die aus Absichten Liebe heucheln, sind wenige - sondern ihr eigenes
Herz, ihre aufgereizte Einbildungskraft, die es ihr unmglich macht, den
allgemeinen Geschlechtsbegriff auf den Einzelnen anzuwenden, die Eitelkeit, die
ihr zuflistert, da sie eine Ausnahme wrde gefunden haben, weil - sie eine zu
finden verdiente u.s.w.
    Verzeih, Sulpicia! wenn dich mein Brief schmerzt; verzeih es der
'Freundschaft, die dich so gern vom Abgrund zurckreien mchte; verzeih es den
Erfahrungen, die ich gemacht habe, und liebe mich darum nicht weniger. Leb'
wohl, theure Freundin! Wir sehen uns nchstens.

                          16. Tiridates an Sulpicien.


                          (Im vorigen eingeschlossen.)

                                                         Nikomedien, im Mai 301.

Meere und Lnder trennen uns! Zwei unendliche Monate dehnen sich zwischen dem
letzten glcklichen Augenblicke meines Lebens, und den unertrglichen Stunden,
die ich hier Pflanzen gleich vertrume! Was ist das Daseyn ohne dich? Was ist
das bedeutungslose Athmen einer Luft, in der dein Hauch nicht schwimmt, der
langweilige Verkehr mit Menschen, von denen Keiner dich kennt, Keiner deine
Gttergestalt gesehen, Keiner je das Glck gefhlt hat, den Ton deiner Stimme zu
hren? Sulpicia! Nur die Aussicht auf das Ziel, das meine angestrengtesten
Krfte jetzt zu erreichen streben, die Hoffnung auf die Befriedigung der
edelsten Leidenschaften, deren die menschliche Brust fhig ist, gibt mir Strke,
hier auszuhalten. Was sonst als dies kann mich hindern, zurckzueilen, und in
deinen Armen, an deiner Brust die Wonne der Gtter zu fhlen? O der Anblick
deiner Reize, der Wohllaut deiner Stimme wird mit dem Leben nicht zu theuer
bezahlt!
    Und all' diese Flle von Seligkeit wird mein seyn! Keine Macht der Welt,
keine unwrdigen Bande, kein Bestreben niederer Eifersucht wird mir deinen
Besitz streitig machen. Mein Arm wird den Thron meiner Vter erkmpfen, und ich
werde ihn nur besitzen, um ihn mit dem schnsten Weibe der Erde zu theilen.
Dann, Sulpicia! dann wird dein Geist seinen angebornen Platz behaupten, und dein
kniglicher Sinn in kniglichem Wirken sich beglckt und beglckend fhlen. O
eilt, eilt ihr Stunden! Steige frher, Titan, aus dem Flammenmeere, strze dich
frher in Thetis Arme, und beflgle den trgen Gang der Zeit, bis der helle
Augenblick naht, der allein den Namen des Lebens verdient!
    Ich schwrme, Sulpicia! meine Pulse fliegen, mein Blut kocht, mein ganzes
Wesen entzndet sich bei dem Gedanken dieses Glcks. Dann bist du mein! und all'
der unendliche Liebreiz deiner Gestalt, diese zauberischen Formen, diese
anmuthigen Bewegungen, dieser Ton der Stimme, der in den innersten Tiefen meines
Herzens wiederhallt, sind mein - mein ausschlieliches, unbestreitbares
Eigenthum! La mich abbrechen, la mich ruhiger werden, sonst kann ich unmglich
den Brief endigen, und dir sagen, was du zu wissen brauchst!
    Ich habe deinen Brief erhalten. Welche dsteren Bilder, welche qulenden
Vorstellungen beunruhigen dich, meine Geliebte! Frchte nichts, nichts fr
unsere Liebe, nichts fr mein Leben! Den Gefahren der Seereise bin ich glcklich
entgangen. Mehr als einmal drohte der Sturm unser Schiff an Felsen zu
zerschellen, er durfte nicht. Der Glckliche, der zur Wonne der Gtter in deinen
Armen bestimmt ist, durfte sein Grab nicht in den dunkeln Fluthen finden, und
kein Pfeil wird diese Brust treffen, in der dein Bildni lebt. Diese Zuversicht
steht fest in mir; mir ist, als knnte ich den Zufall khn herausfordern, und
versichert seyn, da seine ganze Tcke nichts gegen mein Glck vermgen wird. Du
liebst mich, Sulpicia! du hast mich gewhlt. Aus fernen Weltgegenden hat uns das
Schicksal zusammengefhrt, unsre Wege, die so verschieden lagen, vereinigt, mir
in Csar Galerius einen Freund geschenkt, der das einzige Hinderni unserer
Vereinigung, deine Verbindung mit dem schwachen Serranus, zu heben vermag.
Diocletians Politik macht ihn meinen Absichten geneigt, die Armee ist voll des
besten Willens, in Armenien sind meine Freunde thtig gewesen, mein Volk liebt
mich, es liebt nicht mich allein um meiner selbst willen, es segnet und ehrt
noch die Wohlthaten und weise Regierung einer langen Reihe von Vtern in dem
letzten Sprling des edlen Stammes. Das persische Joch hat auch den Nacken der
einst Mivergngten nun wund gedrckt, sie werden sich mit meinen Freunden
vereinigen, sie werden viel - Alles wagen. Sage mir, Sulpicia! wo ist nun ein
Grund zur Furcht fr uns? Muthig, meine Geliebte! O la mich die freudige
Zuversicht, die meine Brust erfllt, auch in deinen zarten Busen gieen, und dir
Kraft ertheilen, das Einzige, was wir zu frchten und zu tragen haben, die
Qualen einer langen Trennung, standhaft zu erdulden.
    Agathokles ist nun auch mit mir in den Strudel des geschftigen Lebens
hineingezogen. Ich glaube, es ist sehr gut fr ihn; denn die Mue lie seinem
krftigen Geiste zu viele Freiheit, in sich hinein mit verderblicher Gewalt zu
wirken. Er hat Calpurnien mehr geliebt, als sie vielleicht glaubt; dennoch hat
er in der Ueberzeugung, da er nie glcklich mit ihr werden knnte, die Kraft
gehabt, sich von ihr loszureien. Ich wei nicht, was ich mehr bewundern soll,
diese Standhaftigkeit oder jene Grille. Genug, es hat ihn einen schweren Kampf
gekostet, aus dem sein besseres Ich, wie er es nennt als Sieger hervorging. Das
hat er mir auf der Reise gestanden, so wie auch das, da die Erinnerung an seine
erste Geliebte in den gewohnten alten Umgebungen wieder lebhafter geworden ist.
Er hat von Neuem Nachforschungen nach ihr angestellt, und der Eifer, mit dem er
diesem Phantom nachstrebt, und die schne Wirklichkeit von sich stt, scheint
mir ein neuer Beweis, wie nthig ihm Zerstreuung und thtige Geschftigkeit ist,
die ihn aus den Regionen der Phantasie in die Gegenwart einfhrt. Dennoch liebe
ich ihn herzlich, und frchte mich auf unsre nahe Trennung; denn ich gehe zum
Csar Galerius, der das Centrum kommandirt, und Agathokles als Centurio zu
Demetrius, auf unsern linken Flgel.
    Du aber, meine Geliebte, meine unaussprechlich theure Freundin! beruhige
dich, entferne die dstern Bilder, die dein schnes Gemth qulen! Die Gtter
werden, sie knnen uns nicht trennen. Was auch niedrige Menschen beginnen mgen,
was sie ersinnen, um unsre Verbindung zu hindern, la es dir keinen trben
Augenblick machen. Ich werde den Csar in wenig Tagen sprechen. Sein Machtwort
beschwrt jeden Sturm, der sich gegen uns erhebt, und mein Arm wird den
Zufluchtsort, von dem aus unsere Liebe der ganzen Welt sicher Trotz bieten kann,
erkmpfen. Diese schne Hoffnung steht lebhaft vor mir, befeuert meinen Muth,
und macht es mir mglich, ohne dich zu leben. Leb' wohl!

                           17. Agathokles an Phocion.


                                                          Edessa, im Junius 301.

Wenn du dir einen Begriff von der verzweiflungsvollen Lage des Verbannten machen
kannst, der nach langem Irren endlich die Ksten des Vaterlandes erblickt, und
im Begriff, das Ende seiner Leiden zu finden, sich auf einmal von einem
furchtbaren Sturm zurckgeworfen, und an das unwirthbare Gestade eines Felsen
getrieben sieht, wo er die hei ersehnte Gegend, das Ziel seiner Wnsche
bestndig im Auge, vor Hunger und Elend umkommen mu, so kannst du dir ein Bild
von meinem Zustande machen. Phocion! Welches unerbittliche Spiel treibt das
Schicksal mit meinen Wnschen? Was hat es mit mir vor, da es mich durch solche
Prfungen fhrt? Ich habe sie gefunden - ich habe Larissen gesehen! Ich lebe mit
ihr unter einem Dache - und habe sie auf ewig verloren! Fassest du den Jammer,
der in diesen Worten liegt? Ich bin zu bewegt, um ordentlich zu schreiben. La
mir Zeit, mich zu fassen.
    Ich habe gekmpft, ich habe auf Minuten den Sturm besnftigt, der in meinem
Innern wthet, um dir erzhlen zu knnen. Diese Uebung meiner Seelenkrfte steht
mir jetzt noch oft bevor, ich kann nicht genug eilen, um mich daran zu gewhnen.
Hre also: Vor acht Tagen kam ich nach dem Befehl des Diocletian zu Edessa bei
dem Demetrius1 an. Das Hauptquartier unsers Flgels ist bei dieser Stadt auf der
Villa eines reichen Brgers. Zu diesem Feldherrn hatte mich der Wunsch meines
Vaters, die Genehmigung des Augustus bestimmt.
    Alter Kriegsruhm, strenge Zucht und unbescholtene Redlichkeit haben ihn
Beiden empfohlen, damit ich von ihm in Allem unterwiesen, wrdig unter eines
wrdigen Mannes Anleitung meine erste Schlacht kmpfen sollte. Demetrius empfing
mich, wie ich es erwartet hatte, rauh, trocken, aber mit Anstand. Die
Zerstreuungen und Geschfte meines neuen Berufs halfen mir in den ersten Pagen
vergessen, was mir fters schmerzlich einfiel, da ich allein, von jedem theuern
Wesen losgerissen unter fremden Menschen, in einer ganz ungewohnten Lage lebte.
Die Gemahlin des Feldherrn, die ihren Gemahl aus Geflligkeit und Achtung fr
seinen Willen begleiten sollte, wurde erwartet. Nach drei Tagen langte sie an.
Ihre Gegenwart im Hause wurde durch nichts anders bemerkbar, als eine
ehrerbietige Stille auf dem Flgel, den sie bewohnte, und den ftern Anblick
weiblicher Sclaven die hin und her gingen. Sonst blieb sie im Gynecum
verschlossen. An der Tafel, wo sie mit ihrem bejahrten Gatten speiste, waren nur
wenige Vertraute zugelassen, und selbst in den Grten, die weitlufig um die
Villa herumliegen, schien sie eigne Pltze zu whlen, die Dsternheit,
Einsamkeit und ihre Gegenwart die Uebrigen vermeiden machte.
    Vorgestern fhrten mich meine Trume in eine der wildesten Partien des
Gartens, wo hohe Tannen, mit Epheu umwebt, eine finstre Laube bildeten. Die
Stille, die Dsternheit des Orts lud mich ein. Ich trat in die Laube, in der ich
Niemand sah, und war im Begriff, mich auf die Rasenbank zu werfen, als ein Korb
mit vielen Knueln von Goldfaden, und einigen Spindeln von Purpurwolle, der auf
dem Tische stand, mir in die Augen fiel. Dieser Anblick, die Einsamkeit der
Scene lie mich vermuthen, da die Gebieterin des Hauses diesen Platz gewhlt
habe, und schon wollte ich mich entfernen, als ein zweiter Blick auf den Korb
mich festhielt. Eine dunkle wehmthige Erinnerung, se halbverwischte Bilder,
die immer lebhafter wurden, wachten in meiner Seele auf. Ich konnte die Augen
nicht von dem Korbe wenden, es war mir, ich htte ihn schon irgendwo gesehen, er
war mir nicht fremd, und an sein Bild kettete sich eine Reihe von seltsamen
Gedanken und Empfindungen, bis auf einmal die Gewiheit - es war derselbe Korb,
den ich vor mehr als zwlf Jahren selbst geflochten, und Larissen am Geburtstage
voll Blumen gebracht hatte - hell und erschtternd vor mir stand. In der
heftigsten Bewegung ergriff ich den Korb, besah ihn einmal, und war im Begriff,
ihn an meine Lippen zu drcken, als ein kleines Gerusch mich aufmerksam machte.
Ich sah mich um. Eine schlanke weibliche Gestalt, in lange flieende Gewnder
gekleidet, das Haupt mit einem Schleier bedeckt, trat in den Eingang der Laube,
und schien vor Erstaunen gefesselt stehen zu bleiben. Auf einmal drang eine
Stimme, die mein Innerstes aufregte, in mein Ohr: Ist's mglich, sehe ich den
Sohn des Hegesippus wieder? Bist du's, Agathokles? Die Gestalt nherte sich,
und schlug den Schleier zurck. O Gtter, allmchtige Gtter! Es war Larissa!
Wir flogen einander in die Arme, wir vermochten nicht zu sprechen, wir fhlten
nur das Glck, uns nach acht hoffnungslosen Jahren wieder zu sehen. Auf einmal
richtete sich Larissa in meinen Armen auf, ich sah ihr Gesicht mit einer
tdtlichen Blsse berzogen, sie trat einen Schritt zurck, und sagte mit
gebrochener Stimme: Ich bin die Frau des Demetrius! Ich erstarrte - mehr ber
ihren Anblick, als den verhngnivollen Inhalt ihrer Worte. Meine Larissa! hob
ich von Neuem an, und wollte mich ihr nhern. Nein! nein! rief sie, und machte
mit der Hand eine Bewegung, als wollte sie mich entfernen. In dem Augenblicke
wurde sie noch bleicher, ihre Kniee zitterten, sie wankte, ich umfate sie, und
sie glitt aus meinen Armen auf die Rasenbank. Ach Agathokles! rief sie
schmerzhaft, warum haben wir uns jetzt gefunden? Ich sah, da sie einer
Ohnmacht nahe war, ich strebte ihr zu helfen, ich wollte ihre Frauen rufen;
La, rief sie, mit kaum hrbarer Stimme! La uns allein. Hier brach ihr
Blick und Stimme, und sie sank ganz bewutlos an meine Brust. O ihr Gtter,
welch ein Augenblick! Nach so vielen Leiden, so langer Entbehrung schien sie im
Augenblicke des Wiedersehens an meiner Brust zu vergehen! Was ich gethan, um sie
wieder zu erwecken, wei ich selbst nicht mehr, kaum da ich es damals wute.
Endlich schlug sie die Augen auf, sie sah mich an. - O Phocion! Was ist die
Liebe, wenn sie nicht aus diesen Blicken sprach! Und doch -
    Ich schlo sie fest an meine Brust, ich sagte ihr Alles, was mir mein Herz
eingab. Sie hrte mich stumm aber ohne Widerstreben an, ihr Auge hing unverwandt
an den meinigen. Endlich brach sie in Thrnen aus. Du hast mich nicht
vergessen, meine Larissa! du liebst mich noch, rief ich entzckt. Ihr Blick
wurde auf einmal finster, sie hob ihren Kopf von meiner Schulter auf, sie zog
sich zurck, drckte mich mit dem Arm weg, und sagte mit dumpfer Stimme: Nein,
ich darf nicht - ich bin verheirathet. Das Gewicht dieser Worte fiel auf mein
Herz! Ich sah unser Unglck, den Abgrund, an dem wir standen. Aber Tiridates
Hoffnungen strahlten durch die dunkle Nacht meiner Seele, ich nherte mich ihr
wieder: Sollte denn keine Hoffnung zur Vereinigung seyn, keine Mglichkeit?
sagte ich mit neuem Muthe. Keine, keine, rief sie gewaltsam, und ihre Thrnen
verdoppelten sich. Ich drang heftig in sie, sich zu erklren. Sie schluchzte,
da ihre Brust bebte. Nach einer Weile erhob sie sich. Agathokles, sagte sie
mit himmlischer Gte, verla mich, dringe jetzt nicht in mich, ich bin unfhig,
mit dir zu sprechen. Wenn du mich liebst, Freund meiner Jugend! so gnne mir
Ruhe. Geh', ich werde mich zu fassen suchen. Sende mir in einer Weile meine
Sclavinnen, da sie mich zurckbegleiten. Ich fhle es, ich bin nicht im Stande,
das Haus zu erreichen. Ich wollte sprechen, ich wollte sie untersttzen. Mit
gerungenen Hnden und einem Blicke, der mehr sagte, als ihr bang geschlossener
Mund, drang sie auf meine Entfernung. Ich verlie sie, und fand mich nach
einiger Zeit in meinem Zimmer wieder. Erst lange darnach vermochte ich den
Begebenheiten, die mir wie ein Traum vorkamen, nachzudenken. Wenig trstlich
war, was Vernunft und Ueberlegung mir sagten; dennoch schien es mir weder
mglich noch nthig, jede Hoffnung aufzugeben. Wie viele Ehen sind mit
Einwilligung beider Theile getrennt worden! Es ist nicht der Fall Sulpiciens,
die jung und schn den jungen Gatten, dem sie freiwillig die Hand gab, der sein
Glck in ihr findet, verlassen will, um dem spter Geliebten zu folgen. Es ist
die Jugendfreundin des Wiedergefundenen, der heilige Rechte an sie hatte, ehe
Demetrius sie kennen lernte: es ist die junge Gemahlin des kalten Greisen, der
unempfindlich fr ihre Vorzge und Tugenden, vielleicht nur seine Haushlterin
in ihr schtzt. Mehr scheint ihm Larissa ja nicht zu seyn, und wie bald ist so
ein Platz in einem Hause ersetzt, wo die Frau keinen Platz im Herzen des Mannes
behauptet! So dachte ich, so denke ich noch, und glhte vor Verlangen, mit ihr
zu sprechen, ihr diese Grnde an's Herz zu legen, ber unser Schicksal mich mit
ihr zu berathen. Phocion! Welch unbegreifliches Betragen! Welche erstarrende
Klte! Seit vorgestern habe ich sie, die mit mir in Einem Hause lebt, die mich
einst so sehr liebte, die mich noch zu lieben schien, die wissen mu, welchen
Qualen sie mein Herz preisgibt, mit keinem Auge mehr gesehen! Ich wei, da sie
sogar die Grten, sonst ihren Lieblingsaufenthalt, seitdem nicht mehr betreten
hat, um mir nicht zu begegnen! Wie ist dies Benehmen zu erklren, wie zu
vertheidigen? Verdiene ich nicht einmal, da man mit mir spricht, da man sich
die Mhe nimmt, die dunkeln Rthsel unsers Verhltnisses zu lsen, und nur
wenigstens zu sagen: Lieber Freund! meine Liebe ist erstorben; das, was mich im
ersten Augenblick erschtterte, war Ueberraschung, brigens haben wir nichts mit
einander zu besprechen, du nichts zu hoffen. Wie ist sie dazu gekommen, einem
Greise, den sie nicht lieben kann, die Hand zu reichen? Was ist aus ihrer
Familie geworden? Man gibt doch dem gleichgltigsten Bekannten aus der
Vaterstadt, den man in der Fremde trifft, freundlichen Bescheid um alte
Verhltnisse und Freunde. Ich will ja nichts mehr, ich will ja nichts mehr von
Larissen, der Frau des Demetrius; nur die Tochter des Timantius, die Nachbarin
soll mir erzhlen, was aus der Gespielin meiner Kindheit, aus ihren Eltern,
ihren Brdern geworden ist. Das kann doch ihre Pflicht gegen Demetrius nicht
verletzen. Sie thut es nicht: also will sie nicht - also bin ich ihr nichts, gar
nichts mehr! - O Phocion! Das ist denn nun die ersehnte Entwicklung lange
verwirrter Schicksale! Leb' wohl!

                                    Funoten


1 Edessa, eine Stadt in Mesopotamien.


                         18. Larissa an Junia Marcella.

                                                          Edessa, im Junius 301.

Mit schwacher, unsichrer Hand, kaum fhig meine Gedanken zu ordnen, schreibe ich
dir, geliebte Freundin! Vielleicht wirst du Mhe haben, die Zge meiner Schrift
zu lesen; aber ich finde eine Art von Beruhigung darin, dir zu sagen, was in mir
vorgeht, und dich in diesen trben Stunden um Rath und Trost zu bitten. Dies,
und heie Gebete, unbedingte Unterwerfung unter die Hand desjenigen, der
zchtigt, weil er liebt, ist fr jetzt Alles, was mir brigt, um nicht zu
unterliegen.
    Fnf traurige Jahre der Trennung und mannigfacher Leiden, unter Mangel,
huslichem Zwist und Hrte fremder Menschen waren vergangen, ohne da es meinen
glhenden Wnschen, meinem heien Gebete gelungen wre, das vom Himmel zu
erlangen, was allein mein hchstes Gut ausmachte. Warum es nicht geschah, welche
Leidenschaften, welche Zuflle sich in's Spiel mischten, um das stille Glck
eines armen Herzens zu zerstren, weit du. La mich schweigen! Das Grab bedeckt
unsre Tugenden und unsre Fehler mit gleich dichter Hlle. Genug, es war nicht
Gottes Wille! Da reichte ich am Sterbebette eines unglcklichen Vaters dem
Demetrius meine Hand. Auf Glck und Liebe hatte ich alle Ansprche aufgegeben.
Warum sollte ich nicht, mit dem Opfer meines verdeten Herzens, meiner
verlassenen Familie eine Sttze, dem sterbenden Vater den letzten Trost, mir
selbst einen anstndigen Wirkungskreis fr meine Bestimmung als Weib erkaufen?
Drei Jahre lebe ich an der Seite dieses Mannes, drei Jahre erdulde ich
schweigend, was ein herrisches Gemth und kriegerische Sitten einer Frau von so
verschiedener Denkart Schweres auflegen knnen. Ich hatte errungen, was ich
suchte - die Achtung meines Gemahls. Ich opferte Gott meine Leiden auf, ich
erhielt von ihm Kraft und Geduld zu meinem Berufe, ich war ruhig; denn in mir
war Friede.
    Vier Tage sind es nun, als ich eines Nachmittags einsam in einer dunkeln
Laube des Gartens sa, der die Villa umgibt, in welcher das Hauptquartier unsers
Heeres, und fr jetzt mein Aufenthalt ist. Ich war mit Zurechtmachung der Wolle1
zu einem Waffenmantel fr Demetrius beschftigt. Jenes Krbchen, das du kennst,
das einzige Ueberbleibsel einer bessern Zeit, stand neben mir auf dem Tische,
und meine Gedanken irrten in weiten Fernen, als man mich eines Geschftes wegen
in's Haus zurck rief. Nach einer Weile kam ich wieder, und ging auf die Laube
zu. Der Anblick eines fremden Mannes, der am Tische stand, und meinen
Arbeitskorb betrachtete, machte mich stutzen. Ich lie den Schleier nieder, und
trat nher. O meine Freundin! Wie soll ich dir meine Ueberraschung, meinen
Schrecken, und mein Entzcken schildern, als jeder Blick, jedes nhere
Betrachten mich berzeugte, da ich Agathokles vor mir she! Seine
Aufmerksamkeit auf das Krbchen, das er erkannt haben mochte, hinderte ihn, mich
sogleich zu bemerken. Im ersten Taumel der Freude war ich unfhig, Ueberlegungen
anzustellen. Ich folgte dem Zuge, der mich gewaltsam zu ihm ri, ich rief ihn
beim Namen, er erkannte mich, und ich fhlte in seinen Armen, an seinem
sprachlosen Entzcken, da mich meine Hoffnungen nicht getuscht hatten, da ich
noch eben so sehr in seinem Herzen lebte, wie zu jener Zeit, da wir, als
schuldlose Kinder, ungestrt, ungetrennt von ernsten Verhltnissen, mit einander
spielten. Ich wei nicht, wie lange der glckliche Rausch whrte, in welchem
ich, Alles um mich her vergessend, an seiner Brust lag, und kein anderes Gefhl,
als des namenlosen Glckes kannte, den Gegenstand meiner unaussprechlichen Liebe
wieder gefunden zu haben. Warum konnte ich nicht in diesem Augenblicke sterben?
Warum mute ich zum Bewutseyn meines Unglcks erwachen? Demetrius Bild, das
Bild meiner Pflicht stieg schreckend vor mir empor. Dieser pltzliche Uebergang,
und vielleicht die heftige Erschtterung einer so fremden Empfindung, als mir
die Freude ist, schlug meine Kraft nieder, ich fhlte mich einer Ohnmacht nahe.
Von ihm untersttzt, von ihm bedauert, an seiner Brust sank ich bewutlos hin,
und wre so glcklich, so gern in seinen Armen vergangen! Seine Stimme, dieser
se wohlbekannte Klang, rief mich in's Leben zurck. O meine Junia! in welches
Leben! Die erste Regung des wiederkehrenden Bewutseyns mute ich anwenden, um
ihm zu sagen, da wir auf ewig getrennt sind. Er verstand mich nicht, ich glaube
es wohl, seine Begriffe sind wahrscheinlich hierin von den meinigen sehr
verschieden. Ich bat ihn, mich zu verlassen, er konnte sich nicht entschlieen.
Ich zitterte vor seinem lngern Bleiben, vor der Schwche meines Herzens, vor
dem Verlschen des Ueberrestes von Kraft, den ich in mir fhlte. Doch gelang es
mir. Sein schnes Gefhl verstand mich. Er verlie mich. Als er fort war, als
ich das Ende seines Mantels hinter den Hecken verschwinden sah: da - da fhlte
ich erst die ganze Gre meines Verlustes, mein ganzes Unglck und seines! Meine
Thrnen floen von Neuem so unauhaltsam, da, als meine Frauen kamen, sie mich
beinahe zurcktragen muten. Aber, o meine Junia! wie gern wollte ich leiden,
Alles, was Gott ber mich zu verhngen fr gut fnde, wenn ich sein edles Herz
von dieser Last befreien knnte! Der Gedanke, noch so treu, so warm von dem
Besten aller Menschen geliebt zu seyn, war in dem ersten Augenblicke mir eine
Quelle unaussprechlicher Freuden - ist's noch manchmal in einer schwachen
Stunde: aber ich kann es vor Gott bezeugen, da den grten Theil der Zeit, die
seitdem verflossen ist, mein zerrissenes Gemth mit inniger Ueberzeugung
wnscht, da er mich vergessen, da er seine Ruhe wieder finden, und so
glcklich werden mchte, als sein Herz verdient!
    Was kann - was soll ich jetzt thun? Mein Gewissen ruft mir oft genug zu, da
jeder leidenschaftliche Gedanke an ihn eine Verletzung meiner Pflichten gegen
Demetrius ist, dem ich vor Gottes Angesicht Treue und Liebe bis an den Tod
geschworen habe. Nun - Liebe konnte ich nicht geben, und Demetrius in seinen
Jahren verlangte sie auch nicht; aber die Treue bin ich verpflichtet zu halten,
und diese bricht nicht blos das usserste Vergehen, zu dem ein Weib herabsinken
kann, es bricht sie auch die allzuzrtliche Neigung fr einen Andern. Diese
Ueberzeugung und die Achtung fr meine Pflicht war bis jetzt lebendig genug, um
mir Kraft zur Befolgung des Weges zu geben, den ich mir als den einzig richtigen
vorgezeichnet habe. Ich habe Agathokles seitdem nicht mehr gesehen. Die
Erschpfung, in welcher ich mich seit jener Scene befinde, und die
wahrscheinlich an Krankheit grenzt, hat mir bis jetzt zum schicklichen Vorwand
gedient, nirgends zu erscheinen, wo ich ihn treffen knnte. Was das mich kostet,
wei nur Gott, vor dessen Vaterblicke ich mein wundes Herz enthlle, der allein
Zeuge meiner einsamen Thrnen ist. Aber wie werde ich es in der Lnge behaupten
knnen? Agathokles dient unter den Truppen, die dem Befehl meines Mannes
gehorchen; er ist seit einigen Tagen zu seinem Legaten ernannt worden, er wohnt
in unserm Hause, ich kann es in die Lnge nicht vermeiden, ihn zu sehen, und mit
ihm umzugehen. Demetrius Gemthsart, die sich langsam und schwer an neue
Gegenstnde gewhnt, machte ihn im Anfange auch gegen Agathokles rauh. Du kannst
aus meiner Unwissenheit ber seine Gegenwart in unserm Hause schlieen, wie
wenig Aufmerksamkeit ihm Demetrius schenkte. Das fngt an sich zu verlieren. Ich
hre meinen Mann oft, und immer mit grerer Achtung von den Fhigkeiten, den
vorzglichen Sitten, der Entschlossenheit u.s.w. seines neuen Legaten sprechen.
So wohl mir dieses Zeugni fr Agathokles Tugenden aus dem Munde eines so
strengen Richters thut, so sehe ich doch den Augenblick herannahen, wo er ihn in
den Kreis der Wenigen ziehen wird, die er mit seinem Vertrauen beehrt, und gern
und oft um sich hat. Was bleibt mir dann fr eine Zuflucht brig! Welche Kmpfe
stehen mir, welche Leiden dem Unglcklichen bevor, dem ich so gern jedes
unangenehme Gefhl ersparen mchte! Es wird nicht dabei stehen bleiben, es wird
zu Fragen, zu Erklrungen kommen, die ich nicht vermeiden, und eben so wenig
ganz nach der Wahrheit geben kann. Das ist's, wovor ich zittere, wovor mein
Innerstes sich entsetzt.
    Ich habe eine Weile angestanden, ob ich Demetrius sagen sollte, da
Agathokles und ich uns schon als Kinder gekannt htten. Ich wog die Grunde dafr
und dawider, endlich siegte der Wunsch, kein Geheimni vor dem Manne zu haben,
dem das erste Recht auf Alles, was mich betrifft, zukmmt, und die Besorgni,
da eben die Verheimlichung, wenn ein Zufall uns verriethe, ihm Verdacht
einflen knnte. Ich erzhlte ihm Alles offenherzig, und verschwieg nur den
Grad der Empfindung, der uns damals belebte. Das war, glaube ich, eben so sehr
meine Pflicht, besonders bei dem festen Vorsatz des muthigsten Kampfes wider
diese Empfindung. Er nahm diese Entdeckung nach seiner Art recht freundlich auf,
und ich frchte nur, da eben diese Kenntni ihm den Jugendgespielen seiner Frau
noch nher bringen, und den Augenblick des Wiedersehens beschleunigen wird. Dies
ist nun aber nach der Lage der Umstnde nicht zu vermeiden, und Gott wird mir
die Kraft geben, eine Last zu tragen, die er mir selbst aufgelegt hat. Er
fordert ja nicht mehr von uns, als wir leisten knnen. Meine Junia! Nun habe ich
dir Alles treulich erzhlt, und es ist mir, als ob ich meinen Kummer leichter
trge, seit ich ihn dir vertraut habe, seit ich wei, da du ihn, wenn du den
Brief wirst gelesen haben, mir tragen helfen wirst. Bete fr mich, da Gott mich
nicht verlt. Auf ihm allein steht meine Hoffnung, meine Zuversicht. Leb' wohl!

                                    Funoten


1 Die ehrbaren und wirthlichen Frauen jener Zeit folgten noch dem Beispiele der
vergangenen Jahrhunderte, wo die vornehmsten Matronen, ja selbst Frstinnen und
Kaiserinnen die Wolle zu den Kleidern und Mnteln ihrer Gatten und Shne selbst
zum Weben zubereiteten, auch wohl selbst webten. So verfertigte Livia die
Gewnder des Octavianus Augustus als er bereits Herr der Well war. Jeder kennt
aus dem Homer den listigen Flei der frommen Penelope, und das Krbchen mit
Spindeln von Purpurwolle, das Helena bei sich stehen hatte, wie Telemachos ihren
Hofbesuchte, um Kunde von seinem entfernten Vater einzuziehen. So ein Krbchen
hie Calathos oder Calathiskos und war oft ein Gegenstand des Luxus bei
vornehmen Frauen.


                           19. Agathokles an Phocion.

                                                          Edessa, im Junius 301.

Das Rthsel ist gelset. Ich sehe deutlich in die Tiefe des Abgrunds der vor mir
liegt. Ich wei, da ich nichts mehr zu frchten habe, denn ich habe nichts mehr
zu hoffen. Larissa ist unwiederbringlich fr mich verloren. Die heiligsten
Gefhle, die zu bestreiten Vermessenheit und Verbrechen wre, stehen scheidend
zwischen uns. Mein Urtheil ist gesprochen.
    Als ich dir das letzte Mal schrieb, regte sich noch mancher Funke von
Hoffnung in meiner Brust. Selbst der Unmuth ber ihr wunderbar kaltes Betragen
flte mir Kraft und Willen ein, einen khnen Schritt zu wagen. Ich kannte
Larissens Lage - ich kannte die Gre ihrer Gesinnungen, die heiligen
Triebfedern nicht, die sie handeln machen. Ich entwarf einen Plan, der uns
langsam, aber sicher, an's Ziel gefhrt htte; meine Phantasie entzndete sich
an den schimmernden Bildern des Glcks, das ich in der Zukunft erblickte. Ich
brannte vor Begierde, mit Larissen zu sprechen, ihr meine Entwrfe mitzutheilen,
und mit ihr Alles zu berlegen, was uns zu thun erlaubt und mglich sey. Unfhig
zu allen brigen Geschften und Gedanken, nur auf diesen Punkt, auf diese
einzige Hoffnung festgeheftet, brachte ich noch drei ngstliche Tage zu. Ich
durchstrich hundertmal die Grten, ich lauschte in den langen Gngen des Hauses
auf ihre Tritte, ich fuhr auf bei dem Anblicke jeder weiblichen Gestalt; denn
jedesmal hoffte ich, sie zu erblicken. Sie kam nicht, sie lie sich nirgends
sehen. Endlich erfuhr ich, da sie die ganze Zeit ber krank gewesen war, und
ihr Zimmer nicht verlassen habe. O Phocion! Ich sage dir nicht, wie mir damals
zu Muthe war! War es Wahrheit, Folge der Erschtterung, Zufall, Vorwand? Tausend
Gedanken bestrmten und zerrien meine Brust. Ich konnte mich nicht lnger
halten. Meine Seele war von Kummer gebeugt, mein Herz drohte zu zerspringen. Ich
schrieb ihr; du findest den Brief in der Abschrift beigelegt. Ein alter Diener
des Hauses, der mich liebgewonnen hatte, bernahm die Bestellung. Wahnsinniger!
Ich dachte in dem Augenblick nicht an die Gefahr, der ich sie und mich
blosstellte. Ich dachte, ich fhlte nichts, als da ich ihr sagen mute, was in
mir vorging, was ich gehofft hatte, fr mich, fr sie - wenn ihr Herz noch
dasselbe war.

                           Abschrift des Briefes von
                            Agathokles an Larissen.

Sechs Tage sind nun verflossen, seit ein unglaublicher Zufall nach acht Jahren
uns wieder vereinigte! Die Art unsers Wiedersehens lie mich auf einen
Augenblick die Tuschung nhren, Entfernung und Zeit htten die Gesinnungen der
Freundin - der Geliebten meiner Jugend nicht verndert. Es war nur ein
Augenblick! - Sechs lange Tage haben mich vom Gegentheil berzeugt. Larissa
vermag diese ganze Zeit ber mich in ihrer Nhe, in demselben Hause zu wissen -
zu ahnen, welche Unruhe meine Brust erfllt - und sich mir gnzlich zu
entziehen. Kein Gedanke an meine Qual, kein Wunsch, sie zu lindern, kommt in
ihre streng verschlossene Seele, und in der tiefen Ruhe, deren sie geniet, wird
des Freundes zerstrender Schmerz nicht geachtet. Nicht einmal das Verlangen der
Neugier, was in acht Jahren mit dem Allbekannten geschehen, oder das leichte
Gefhl der Freude, das des Landsmannes Anblick in der Fremde erweckt, regt sich
in ihrem Busen. Sie ist nichts als die Frau des Demetrius. Nikomedien, ihre
Jugend - Agathokles sind todt fr sie. Ist's mglich, Gtter! ist's mglich? O
warum habe ich so ein unseliges Gedchtni! Warum ist nur diese Brust schwach
genug, einen schmerzlichen Eindruck durch acht lange Jahre so unauslschlich zu
bewahren! Larissa hat mich vergessen, der Zeiten vergessen, wo sie mir Alles -
wo auch ich (die Frau des Demetrius zrne dem khneren Ausdruck nicht) ihrem
Herzen viel war. Das ist vorbei - so ganz vorbei, wie die Welle des Stroms, die
vor acht Jahren vorbergleitete, nun und nimmer wiederkehrt, und spurlos
verschwunden ist.
    In den ersten Stunden, als die tuschende Hoffnung auf Larissens treueres
Gedchtni mich belebte, war ich thricht genug, Wnsche zu hegen, und Plane zu
entwerfen, die sie hren, theilen, genehmigen, von denen sie und ich unser Glck
erwarten sollten. Demetrius Jahre, seine Gemthsart, seine wenige
Empfnglichkeit fr zartere Gefhle, gaben mir Hoffnung und Muth. Ich wollte ihm
unser Verhltni gestehen, ich wollte - o ich rechnete damals auf Larissens
Liebe! Kann ich, darf ich denn, ohne mich einer Raserei schuldig zu machen,
jetzt noch auf eine solche Mglichkeit rechnen? La mich aufhren - du liebst
mich nicht mehr! Wozu alles Weitere?
    Leb' wohl! Dein knftiges Betragen, deine Antwort auf meinen Brief, wenn du
den Vergessenen einer wrdigest, wird mein Schicksal bestimmen. Dein Gatte zeigt
mir Zutrauen genug, da ich es wagen kann, ihn um eine Anstellung auf einem
fernen Posten zu bitten. Ich werde dich wenig, vielleicht nicht mehr sehen -
nicht, um dich von meinem Anblick zu befreien, der dir wohl keine Unruhe
verursacht, sondern um mir, bei dem Bewutseyn deiner Denkart, den Schmerz des
Wiedersehens zu ersparen. Leb' wohl!

Dies hatte ich ihr geschrieben. Einen martervollen Tag, zwei schlaflose Nchte
brachte ich zu, in gespannter Erwartung des Ausganges meines unberlegten
Schrittes, dessen ganze Thorheit ich erst einsah, als es zu spt war. Heute
endlich, am Morgen des dritten Tages erschien der alte Sclave, und brachte mir
ihre Antwort: sie folgt hier. Lies sie, Phocion, und dann fhle mit mir das
rettungslose Unglck meiner Lage, den unendlichen Verlust eines solchen Herzens!

                             Larissa an Agathokles.


                          (Im vorigen eingeschlossen.)

Wenn ich dem Zuge meines Herzens htte folgen wollen, das mich durch die
natrlichen Triebe der Selbstachtung, der Eitelkeit, wenn du willst, anreizte,
mich in den Augen eines schtzbaren Freundes zu rechtfertigen, und meine
Vertheidigung so warm und eifrig zu unternehmen, als seine Vorwrfe waren: so
httest du bereits gestern Antwort von mir bekommen. Da es mir aber nicht blos
darum zu thun ist, fr den gegenwrtigen Angenblick, sondern auch fr die
Zukunft Alles zwischen uns so klar und bestimmt auszumachen, da auf keiner
Seite ein Zweifel oder eine Furcht vor Rckfllen mglich wre: so mute ich
zuerst in die Tiefe meiner, nicht erfreulichen Vergangenheit hinabsteigen, und
Begebenheiten hervorrufen, deren Andenken meiner Seele zu unangenehm ist, als
da ich sie ohne inneren Kampf betrachten, und dir, mein Freund, ordentlich
erzhlen knnte. Es ist nothwendig, da du meine Geschichte kennst, um mein
Betragen zu beurtheilen, und das deinige darnach einzurichten.
    Als vor acht Jahren mein Vater, an dessen etwas starken Hang zu Pracht und
Wohlleben du dich noch erinnern wirst, durch einen ungerechten Richterspruch
seine brgerliche Ehre, sein Vermgen, sein Vaterland verlor, und sich arm,
hlflos, verachtet, mit drei unerzogenen Kindern in die weite Welt
hinausgestoen sah; da go dieses Unglck eine solche Bitterkeit in sein Herz,
und vernderte seine Sinnesart so gnzlich, da er fast in allen Dingen das
Widerspiel von dem zu seyn schien, was er ehemals war. Finster, unfreundlich,
oft sogar hart, flchtete er mit uns in die Gebirge von Armenien, wo ihm ein
alter Verwandter lebte, der ihm eine Zuflucht im Unglcke versprochen hatte. Man
nahm uns auf, wie unempfindliche Reiche die Armuth aufzunehmen pflegen, die bei
ihnen Hlfe sucht - nicht in das Haus meines Gro-Oheims, nicht an seinen Tisch,
viel weniger in sein Herz. Gnadenbrod zu essen, dazu war mein Vater zu stolz, er
wurde also auf ein Landgut des Vetters, als Aufseher, Verwalter, mit vieler
Arbeit und kargem Lohne gesetzt. Hier in einer rauhen Gebirgsgegend, in einer
schlechten Htte, mit kaum mehr als Sclavenkost genhrt, in Sclaventracht
gehllt, mute der Mann leben, der einst unter dem schnsten Himmelsstrich von
Kleinassen, in einer glnzenden Stadt, ein Leben, durch alle Reize der Kunst und
Pracht verschnert, gefhrt hatte. Der Abstand war zu grausam. Die letzte Spur
von Gleichmuth entfloh aus der Brust meines unglcklichen Vaters.
Miverstndni, Unvertrglichkeit, Ungeduld, Mutlosigkeit zogen in unsere Htte
ein, und es begann ein Leben fr uns, das nicht viel von dem Zustande derjenigen
verschieden war, die, wie unsere Vorltern glaubten, die Strafen ihrer Snden im
Tartarus abben. La mich schnell ber den trbsten Zeitpunkt meines Lebens
hingleiten! Mein Aufenthalt in den Gebirgen von Armenien ist ein grauenvoller
nchtlicher Abgrund, in den zu blicken mir noch jetzt schauderhaft ist.
    Endlich nach drei Jahren schien der Himmel, von welchem wir uns gnzlich
vergessen glaubten, sich unser zu erbarmen. Obwohl in der Einsamkeit seiner
Berge, hatte meines Vaters Geist doch Mittel gefunden, allerlei Bande zwischen
sich und der Welt, die ihn ausgestoen hatte, wieder anzuknpfen. Er fhrte
lange Zeit einen geheimen Briefwechsel mit einem Freunde, der in Syrien lebte.
Eines Tages trat er mit einer Miene, die wir lange nicht so freundlich gesehen
hatten, in unsre Htte. Packt eure Sachen zusammen, rief er, morgen reisen wir
aus diesem Orte des Elends ab. Wohin? wie? warum? das waren Fragen, die, so sehr
sie uns auch drngten, Keines sich zu wachen traute. Es wurde gepackt - die
Armuth ist bald fertig - und den andern Tag machten wir uns, mein Vater und die
Brder abwechselnd auf dem einzigen Maulthier, das wir besaen, meine Mutter und
ich in einem schlechten Fuhrwerke auf den Weg. Die Beschwerlichkeiten der Reise,
die Leiden meiner Mutter la mich ebenfalls bergehen. Genug, wir langten in
Apama1 an. Hier miethete mein Vater ein kleines, aber nicht unbequemes Haus,
und aus Quellen, die mir damals unbekannt waren, die ich aber spterhin nicht
ohne Grund der Thtigkeit seiner Freunde in Nikomedien, die die Ueberbleibsel
seines Vermgens gerettet hatten, zuschrieb, floen uns nach und nach immer mehr
Bequemlichkeiten, und endlich einiger Wohlstand zu. Mein Vater fhrte einen
fremden Namen, galt fr einen Kaufmann aus Armenien, und Tracht und Sprache, die
er sich whrend jener drei Jahre ganz eigen gemacht hatte, lieen keinen
Verdacht entstehen. Er trieb Handelsgeschfte, wie es schien; denn wissen
durften wir nichts von seinen Verhltnissen. Uebrigens wre unsere husliche
Lage, besonders fr mich, deren Wnsche nie gro waren, recht ertrglich
gewesen; htten nur mit der Erweiterung unsers Haushalts sich auch unsere
Gemther gegen einander aufgeschlossen, Liebe und Eintracht zugleich mit dem
Wohlstand unter uns gewohnt.
    An dich hatte ich im ersten Jahre unserer Verbannung oft, sehr oft
geschrieben, mit banger Ungeduld auf Antwort geharrt - und immer vergebens.
Endlich hrte ich auf zu schreiben, und in der Tiefe meines Kummers blieb mir
nur die leise Hoffnung brig, da Briefe aus einem so abgelegenen Winkel der
Erde wohl leicht den Weg verfehlen, und den nicht erreichen konnten, fr welchen
sie bestimmt waren. Sobald wir in Apama angekommen waren, erneuerte ich meine
Versuche, Nachricht von dir zu erhalten. Ich schrieb wieder, theils gerade an
dich, theils unter verschiedenen Aufschriften an alle alten Bekannten in
Nikomedien, auf deren Wohlwollen und Verschwiegenheit ich zhlen konnte. Es war
fruchtlos. Ein ganzes Jahr verging unter steter Abwechslung von Hoffnung und
Niedergeschlagenheit. Ich bekam keine Antwort. Dein Tod oder eine gnzliche
Vergessenheit, das waren die zwei einzigen Mglichkeiten, zwischen denen meinem
bangen Geiste die Wahl blieb, und in beiden lag keine Aufmunterung fr ein
tiefgebeugtes Herz. Mit stiller Ergebung, deren ich schon gewohnt war, gab ich
auch diese letzte Aussicht auf, und lebte, in mich gekehrt und geduldig, mein
freudenloses Daseyn hin.
    Es kamen immer mehr Fremde in unser Haus, die theils meines Vaters
Geschfte, theils sein wieder erwachender Hang zum geselligen Leben an uns zog.
Fr mich waren die Meisten gar nichts - unbedeutende Gestalten, die hchstens
durch Handelsverhltnisse irgend einen Werth bekamen. Nur zwei Mnner
unterschied ich allmhlig unter der ziemlich groen Anzahl Bekannten. Der Eine
war ein ehrwrdiger Greis, der Andere ein Mann von mittleren Jahren, aber in
allem Feuer, aller Kraft der Jugend. Ein angenehmer Umgang, ein vielseitig
gebildeter Verstand und Menschenkenntni muten sie Jedem, der mit ihnen umging,
werth machen; fr mich hatten sie noch etwas Anziehenderes. Es lag eine sanfte
Heiterkeit, eine schne Gelassenheit m ihrem Wesen, die bei dem Greise Theophron
die Bitterkeit des Alters milderte, und bei Apelles, dem jngern, die feurig
aufstrebende Kraft in strengen Schranken hielt. Beide waren mir unendlich
schtzbar, und wenn Apelles Erzhlungen von Allem, was er auf weiten Reisen
gesehen und erlebt hatte, die Lebhaftigkeit seines Geistes mich belehrte und
unterhielt, so flte Theophrons ruhige Weisheit, sein himmelwrts gewendeter
Sinn mir se Ruhe und Trost ein. Bald hatte ich auch Gelegenheit zu bemerken,
da ihre Tugend nicht blos in schnen Gesinnungen bestand, sondern sich wirksam
durch Menschenliebe, Wohlthtigkeit und rastlosen Eifer fr die Unglcklichen,
die bei ihnen Hlfe oder Trost suchten, zeigte. Ich war bemht, mir den Umgang
dieser beiden Mnner so viel als mglich zu Nutze zu machen; und nach vier
freudenlosen Jahren, wo, ich kann es mit Wahrheit bezeugen, der Tag mir
glcklich schien, an dem keine neue Ursache meine Thrnen flieen gemacht hatte,
empfand ich zum erstenmal die Regungen eines erheiternden Gefhls, und wagte es,
den wrdigen Greis zum Vertrauten, nicht meiner Schicksale, denn die muten aus
Familienabsichten verschwiegen bleiben, sondern meiner muthlosen gedrckten
Seele zu machen. Agathokles! O da ich jedem leidenden Herzen die himmlische
Wohlthat der Trstungen verschaffen knnte, die von den Lippen dieses Mannes in
meine wunde Brust strmten! Solche Beruhigungen, solche Aussichten, solche
Strkungen kann nur der ertheilen, der in den erhabenen Geheimnissen
unterrichtet ist, woraus Theophron die seinigen schpfte. Er leitete meinen
Geist vom Irdischen weg, und erffnete mir eine Aussicht in die Zukunft jenseits
des Grabes, von einer Art, wie man sie weder in den Begriffen der herrschenden
Volksreligion, noch in den Systemen der Philosophen findet. Er lie die
unglcklich Verbannte, die auf dieser Erde nichts mehr zu hoffen hatte, in eine
schnere Welt des Lichts und unvergnglicher Freuden schauen, die dem milden
Dulder offen stand. Dort sollte ich die hier verlorenen Lieben wieder finden,
dort von keinem feindlichen Geschicke mehr getrennt, sollte im Angesichte des
Allmchtigen in verklrten Leibern, in Betrachtung seiner unendlichen
Eigenschaften, seiner bewundernswrdigen Werke ein Leben beginnen, dessen Grnze
nur die Ewigkeit war. O Freund meiner Jugend! Welche Bilder, welche Hoffnungen!
Wie wre es mglich, da ein zerrienes Herz, das seine Freude nur jenseits des
Grabes finden konnte, sich solchen Lehren hatte verschlieen knnen? Ich nahm
sie freudig, glubig an. Bald ging ich weiter. Jetzt von Theophrons sanfter
Weisheit geleitet, und von Apelles feuriger Beredtsamkeit hingerissen, machte
ich groe Fortschritte in Erkenntni der neuen Wahrheit, der trstlichen Lehren
und erhabenen Geheimnisse, worin sie mich unterrichteten. Ich lernte, wie sie,
die Menschen als meine Brder, als Kinder eines gemeinschaftlichen Vaters
ansehen, ich lernte sogar meine Feinde lieben, und fr die beten, die mich
unglcklich gemacht hatten. Mein Herz erweiterte sich, meine Ansichten der
Menschheit und ihrer Schicksale erhoben sich, die Truggestalten niedriggesinnter
Gottheiten, denen ich lngst nicht mehr aus Ueberzeugung, nur aus Gehorsam
geopfert hatte, verschwanden vor meinem aufgehellten Blicke. Ein einziger,
allweiser, allmchtiger, allgtiger Geist erschuf, erhielt, und beherrschte die
Welt. Tartarus und Elysium waren nicht mehr - aber dieser groe Geist lohnte und
strafte als vergeltender Richter nach dem Tode. Diese und noch viele andere
Lehren, die dir mitzutheilen nicht erlaubt ist, enthllten mir Theophron und
Apelles, und ich ward eine Christin! Du wirst ohnedies schon lngst errathen
haben, da die beiden Mnner zu jener Secte gehrten, welche seit ein Paar
hundert Jahren von Palstina und Syrien aus, wo ihr gttlicher Stifter,
unbekannt und verfolgt, gelebt und gelehrt hatte, und endlich als Opfer seiner
Feinde fiel, sich ber die Welt zu verbreiten angefangen hat. Ja, Agathokles!
Ich ward eine Christin! Die Lehren, die, ehe ich sie kannte, mich mit Schauer
erfllten, machten jetzt mein Entzcken aus! Ich ergriff sie mit heier
Begierde. O mein Freund! Das Christenthum ist die Religion der Unglcklichen! In
ihren Schoo soll jeder Leidende sich flchten; sie hat Balsam fr alle Wunden,
die keine Menschenhand zu heilen vermag; und wenn sie uns gleich schwere
Pflichten auferlegt, so gibt sie uns doch selbst durch die Gre ihrer
Forderungen ein erhebendes Gefhl unserer Wrde, ein Vertrauen auf unsere Kraft,
und bietet uns durch den Gebrauch mancher ihrer geheimnisvollen Ceremonien so
sanfte Trstungen, so berirdische Strkungen an, da der wahre Christ gewi
auch immer im Stande seyn wird, die Lasten zu tragen, die seine Religion ihm
auferlegt.
    Doch genug von den Beweggrnden, die mich zur Annahme meiner Religion
bestimmten, und den Vernderungen, die sie in meiner Denkart machte. Ich wollte
ja nicht dich zum Proselyten machen, ich wollte blos dir Alles treu und deutlich
vortragen, woraus du dir meine Handlungsweise erklren sollst. Meine Mutter ward
meine Vertraute. Die Ursachen, die mich in den Schoo der Christenheit riefen,
uerten bald dieselbe Gewalt ber sie; auch sie suchte Trost und Strkung, und
fand sie, wie ich. Wir empfingen Beide von Theophron, der einer von den
Aeltesten der Gemeinde war, die heilige Traufe, und wurden in den Bund der
Kinder Gottes aufgenommen. Dem Vater, der zwar nicht eigentlich am Gtterdienst
hing - denn dazu war er zu aufgeklrt - der aber, nach dem Beispiel des Hofs und
der Welt, die christliche Religion als eine Religion der Armen und Unglcklichen
verachtete, mute der Schritt verborgen bleiben. Er konnte es um so leichter, da
mein Vater meist nicht zu Hause war, und sich im Ganzen, wenn nur seine Befehle
vollzogen wurden, wenig um uns bekmmerte. Wir besuchten heimlich die
Versammlungen unserer Kirche, und wohnten den Agapen bei, einer schnen Sitte,
die deinem Herzen gewi theuer werden wird, wenn ich dir sage, da die ganze
Gemeinde ohne Unterschied der Stnde hier mit einander ffentlich speiset, die
Reichen die Speisen bringen, die Armen Theil daran nehmen lassen, und bei
solchen Gelegenheiten berhaupt Collecten gemacht, und Einrichtungen und
Veranstaltungen zum Besten der Armen und Leidenden aus derselben oder einer
andern Gemeinde, getroffen werden.
    Bei diesen Versammlungen lernte ich zuerst eine andere Christin, Junia
Marcella, eine angesehene Frau in Apama, kennen. Mit achtundzwanzig Jahren
Wittwe eines angebeteten Gemahls und Mutter von sechs unerzogenen Kindern,
widmete sie im Bewutseyn ihrer Kraft sich und ihr groes Vermgen der Erziehung
ihrer Waisen und den Bedrfnissen und Sorgen ihrer Gemeinde. An diesem reichen
Herzen, das Raum genug fr die Leiden und Freuden aller seiner Mitmenschen
hatte, an diesem milden und richtigen Verstande erhob sich mein gebeugtes Wesen,
und ich fand endlich, was mir so lange gefehlt hatte, eine weibliche Seele, die
mich ganz verstand, der ich auch jene Gefhle enthllen konnte, die
Verschiedenheit der Jahre und des Geschlechts mich vor Theophron, vor Apelles,
selbst vor meiner Mutter verbergen hie. O wie wohl ward mir in Juniens Umgange!
Wie erweiterte sich meine geprete Brust! Wie erschien die erhabene Religion, zu
der auch sie sich bekannte, in ihrem Wesen und Handeln auf eine ganz eigene und
verehrungswrdige Weise! In ihrem Hause sah ich Demetrius zuerst, der ebenfalls
ein Christ war, und zu jener Zeit mit seinen Truppen in Syrien stand. Junia,
obwohl nicht mehr in der Blthe der Jugend, besa Reize genug, um den bejahrten
Helden zu fesseln. Er warb um ihre Hand. Fest entschlossen nur ihrer Pflicht zu
leben, schlug sie diesen Antrag aus. Jetzt richtete Demetrius sein Auge auf
mich, mein Aeuerliches schien ihm die Eigenschaften zu versprechen, die er von
seiner Gattin verlangte. Er fing an unser Haus zu besuchen. Mein Vater ward um
diese Zeit krnklich. Langes Unglck und heftige Leidenschaften hatten seine
Krfte aufgerieben, er erholte sich nicht, und welkte vor der Zeit dahin. Die
Sorgfalt, mit der mein Vater gepflegt wurde, lie den Demetrius vielleicht fr
sein herannahendes Alter gleiche Treue erwarten; er entschlo sich, und lie
durch Apelles um mich werben. Meinem unglcklichen Vater, der seinen Zustand und
die Verlassenheit seiner Familie nach seinem Tode kannte, erschien dies
Anerbieten als das hchste Glck, das er hiernieden noch zu erwarten hatte. Er
willigte sogleich ein, und nur, nachdem Alles zwischen ihm und Demetrius richtig
geworden war, lie er mich rufen, und verkndigte mir mein Schicksal. Ich
erschrak, ich beschwor meinen Vater, sein Wort zurckzunehmen. Nie gewohnt,
unsern Bitten zu weichen, war es auch diesmal vergebens, und nur die Heiligkeit
und Unauflslichkeit des Ehebandes unter den Christen konnte mich bestimmen,
diesen letzten Versuch zu machen, von dem ich mir im Voraus wenig versprach. Ich
wurde krank. Junia und Theophron besuchten mich treulich, ihnen vertraute ich
meine Leiden. Junia, eingedenk der Seligkeit ihrer Ehe, und fest berzeugt, da
sie mir in einer so ungleichen Verbindung nicht werden knnte, bot sich an, mit
meinem Vater zu sprechen; auch Theophron und Apelles verhieen mir ihren
Beistand. Sie thaten, was sie konnten - nie wird es ihnen mein Herz vergessen.
Es war fruchtlos. Nun, da jedes Mittel, meinen Vater umzustimmen, versucht, und
vergeblich befunden war, unternahm es Junia, mein Herz auf den wichtigen
Schritt, den ich zu thun hatte, mit Kraft und Entschlossenheit vorzubereiten;
und der wrdige Theophron go so viel Beruhigung in meine zagende Seele, da ich
nach einigen Tagen gefat genug war, den Willen meines sterbenden Vaters zu
vollziehen, und mich fr die Meinigen zu opfern. So wurde ich Demetrius Frau,
und habe noch bis jetzt keine Ursache gehabt, einen Schritt zu bereuen, den mir
die vergeltende Vorsicht durch das emporsteigende Glck meiner beiden Brder,
und die Beruhigung meiner Eltern, die mit frohen Aussichten fr ihre Kinder
ruhig starben, belohnt hat. Nach meines Vaters Ableben, als man seine Schriften
durchsuchte, fanden sich alle meine Briefe an dich, die er durch den
Freigelassenen, der mein Vertrauter war, aber den Zorn meines Vaters frchtete,
in die Hnde bekommen, und nie abgesandt hatte. So wie nun dieser Mann mir mit
Thrnen gestand, war ein tiefer Ha Schuld an diesem Verfahren, den der
Entschlafene gegen deinen Vater trug, indem er ihm, wo nicht einen Theil an
seinem Unglck selbst, doch eine unverzeihliche Ligkeit im Abwenden desselben,
beima. Nun wute ich auch, warum ich durch fnf Jahre nichts mehr von dir
gehrt hatte!
    Zwar beruhigte mich der Gedanke, da du keinen von den Vorwrfen
verdientest, die ich dir oft in bittern Stunden gemacht hatte: aber desto
deutlicher sah ich ein, da eine so lange Trennung und gnzliche Unwissenheit
ber mein Schicksal auch das kleinste Band gelset haben mute, das dich
vielleicht noch an mich band. Ueberdies war ich die Gattin eines Andern, und
eine Christin. Bei uns sind die Ehen keine brgerlichen Vertrge, es sind
heilige Bndnisse, durch hohe Eide vor dem Altar des Ewigen versiegelt, durch
Priestershand geschlossene Verbindungen fr's ganze Leben, ein heiliges
Versprechen, sich nie zu verlassen, Glck und Unglck mit einander zu theilen,
und keine Scheidung findet Statt, als nur durch den Tod. Hier ist nicht blos
frmliche Untreue, hier ist auch jede zrtliche Empfindung fr einen andern
Gegenstand Verbrechen, und in der Brust einer christlichen Gattin darf kein
anderes Bild leben, als das des Gatten, den ihr der Himmel gegeben hat. Das
Alles mute ich dir sagen, Agathokles! damit du mein Betragen seit dem ersten
Augenblicke unsers Wiedersehens verstehen, und richtig beurtheilen knnest. Dein
Brief hat mich gerhrt und erschttert. Glaube nicht, Freund meiner Jugend! da
es mir gleichgltig ist, ob der edelste Sterbliche, den ich je kannte, mich noch
seiner Liebe werth hlt oder nicht: aber eben so sehr mu es mir am Herzen
liegen, mich sowohl in seinen Augen zu rechtfertigen, als jeden Versuch zu
machen, den Schmerz, der ein so edles Gemth ergriffen, zu mindern, und die
Krfte, die in ihm liegen, hervorzurufen, damit es ein unabnderliches Schicksal
gelassen ertrage. Denke, mein Freund! an die Lehren der weisen Heiden, die wir
einst mit einander bewunderten; erinnere dich der Vorstze, die du damals oft
mit glhender Seele fatest, alle uerlichen Zuflligkeiten, aber zuerst dich
selbst zu besiegen. O, da ich dir noch dringendere Aufforderungen, die meine
Religion mir bietet, sagen drfte!
    Wenn es einen Theil deiner Beruhigung ausmachen kann, ber meine Lage
unbesorgt zu seyn, so wisse, da du dir von meinem Loose, als Frau des
Demetrius, falsche Begriffe machest. Ich bin nicht unglcklich verheirathet,
mein Gemahl achtet und ehrt mich; das wird dir die Art bezeugen, wie man mir im
Hause begegnet. Liebe kann ich nicht fordern; glaube aber meiner Erfahrung, sie
ist zu unserem Glcke nicht nothwendig, und ich bin mit meinem Schicksale
zufrieden. Nur Ein Wunsch bleibt mir jetzt brig, der - auch dich ruhig zu
wissen. Glaubst du dies durch deine Entfernung bewirken zu knnen, so thue die
nthigen Schritte. Geh, mein Freund! - Verla einen Ort, der zu vielen Anla zur
Unruhe, zu qulenden Erinnerungen fr dich enthlt! La mich dann, wenn es dir
gelungen ist, deine Ruhe herzustellen, aus der Ferne diese trstliche Nachricht
vernehmen, und sey versichert, da sie nicht wenig zu meiner Zufriedenheit
beitragen wird. Leb' wohl! Antworte mir nicht auf diesen Brief. Es ist weder
nthig, noch gut, da wir oft von unsern Gefhlen mit einander reden. Gott, der
unser Schicksal auf so unbegreifliche Weise gefhret, und unser Wiedersehen
gewi aus weisen Absichten veranstaltet hat, wenn wir es gleich jetzt nicht
einsehen, wird dich auf deinen Wegen leiten und schtzen. Auch mein heies Gebet
wird dir berall folgen, und wenn einst der hchste, der einzige Wunsch, dessen
mein Herz noch fhig ist, erfllt werden sollte, wenn die Lehren der Kirche, in
denen ich Beruhigung gefunden habe, auch in deiner Seele Eingang finden knnten:
o Agathokles! wie wollte ich den schmerzlichen Augenblick unsers Wiedersehens
preisen, und die Leiden segnen, die er mich kostete! Leb' wohl!

Das ist Larissens Brief. Es war mir eine se, eine traurige Beschftigung, ihn
fr dich abzuschreiben; es war mir ein Trost, aus so manchen Stellen zu ahnen,
zu errathen, da sie mich nicht vergessen hat; da sie mich vielleicht eben so
hei liebt, als ich sie! - aber antworten darf und kann ich nicht. Was sollte
ich ihr auch sagen? Ich kann nichts, als meinen unendlichen Verlust fhlen, der
in jeder Zeile, in der sich dieser reine Sinn, diese himmlische Gte abmalt, mir
schrecklicher erscheint. Aber welche Religion mu das seyn, die dem Menschen
solche Begriffe von Pflicht, und einer zarten weiblichen Seele so viel Kraft,
ihr treu zu bleiben, ertheilt? Ich verabscheue sie in diesem Augenblicke; denn
sie raubt mir jede Hoffnung - und ich mu sie im nchsten bewundern. Leb' wohl,
Phocion! Wenn ich mich gesammelt habe, wenn ich wieder klar zu denken vermag und
erst eine weite Strecke zwischen mir und der Ewigverlornen sich ausdehnt,
schreibe ich dir wieder.

                                    Funoten


1 Apama, eine Stadt in Syrien.


                         20. Larissa an Junia Marcella.

                                                          Edessa, im Junius 301.

Es hat dem Himmel gefallen, meine Junia! mich auf eine schwere Prfung zu
setzen. Ich darf nicht klagen; denn die Begebenheiten sind zu auerordentlich,
als da ich nicht deutlich die Spuren seiner Fhrung darin erkennen sollte. Es
ist sein Wille, diese Leiden ber mich zu verhngen, diese strengen Pflichten
von mir zu fordern. Ich darf nicht fragen, warum? Ich mu nur still tragen,
kmpfen, und leisten, was ich kann. Soll ich in dem Streit bestehen, so wird
Gott mir Krfte dazu geben. Soll ich untergehen: o dann willkommen, du letzte
se Stunde! die so vielen Schmerzen ein Ende machen, und mir eine schnere Welt
erffnen wird, wo es kein Verbrechen ist, die reine Tugend zu lieben, und ein
schwaches Herz nicht aus alt gewohnten sen Banden reissen zu knnen!
    Als ich dir das letzte Mal geschrieben hatte, nahm ich mir vor, die
Gegenwart desjenigen, den ich weder lieben durfte, noch vergessen konnte, so
viel mglich zu vermeiden. Ich hielt den schweren Vorsatz treu durch fnf Tage.
Am Morgen des sechsten brachte mir der treue Anicetas, der mir noch aus meines
Vaters Haus gefolgt ist, sehr geheimnivoll einen Brief. Ich stand eine Weile
an, ob ich ihn nehmen sollte. Endlich erkannte ich, wie aus dunkler Erinnerung,
die Zge der theuern Schrift. Er war von ihm! Ich bebte - noch einmal drang der
Zweifel, ob ich auch von ihm einen Brief annehmen drfte, in mein Herz. Aber der
Gedanke an die tiefe Krnkung, der ich ihn aussetzte, und, la es mich dir
gestehen, Junia, das heie Verlangen, zu wissen, was er mir sagen wrde, berwog
jede Bedenklichkeit. Ich nahm den Brief, ich verschlo mich in mein geheimstes
Zimmer, und las, und fand, was sich mit Flammenzgen in mein Herz grub, was
weder Thrnen, noch Kmpfe, noch Zeit je verlschen werden, die feste
Ueberzeugung, von dem edelsten aller Menschen mit eben der Treue und Wrme, wie
vor acht Jahren, geliebt zu seyn, aber auch die Gewiheit, da er durch diese
Liebe und unser Schicksal unaussprechlich unglcklich sey. Er schmeichelte sich
mit Hoffnungen, er suchte sie auch meiner Brust einzuflen, er zrnte ber
meine Klte, er wollte fliehen. O meine Junia! Welch ein Brief! Wenn die
Gewiheit, geliebt zu seyn, mich mit sen Gefhlen berstrmte, so beugte der
Gedanke an seine Leiden meine Seele bis zur Verzagtheit nieder. Agathokles
unglcklich! Was kann die Tugend fr Lohn hienieden hoffen, wenn er leidet? Aber
soll sie denn berhaupt ihren Lohn hier finden, oder auch nur erwarten? Nirgends
auf der ganzen Erde sehen wir eine Veranstaltung, die dem Tugendhaften den Lohn
seiner edlen Thaten zusicherte. Nur das Christenthum lehrt uns, an eine
Einrichtung glauben, die die Vorsehung ganz rechtfertiget. Sie ffnet uns eine
andere Welt, einen wrdigen Schauplatz, wo die verschlungenen Knoten unsers
Schicksals entwirret, und die anscheinenden Miverhltnisse zwischen Tugend und
Glck in die schnste Harmonie aufgelst werden. Dorthin, o du Freund meiner
Jugend; dorthin mu ich dich verweisen, dort werden wir uns finden, dort drfen
wir - Was bin ich im Begriffe zu sagen? O Junia! Darf ich denn auch nur diesen
Gedanken und Wnschen Raum geben? Darf ich, die Frau eines Andern, fremde
Flammen in meiner Brust nhren? O Junia, Junia! Ich bin tief gesunken, ich
sndige immer fort, ich erkenne meine Strafbarkeit, und habe doch nicht Kraft,
mich zu besiegen!
    Aber ich wollte dir ja erzhlen. Sieh, meine Geliebte! so zerrttet ist mein
Gemth, da es mir Mhe macht, meine Gedanken in Ordnung zu halten, und bei dem
zu bleiben, was ich mir vorgesetzt hatte. Als ich den Brief gelesen hatte,
fhlte ich die Nothwendigkeit zu antworten; aber was? und in welchem Ton? Ich
durfte auf keine Weise ihn in mein Herz blicken lassen, und doch konnte ich
unmglich mit der Klte antworten, die die Vernunft von mir gefordert htte.
Ach! konnte ich denn so gleichgltig und vorsetzlich ein Herz verletzen, das so
warm und treu fr mich schlug, das so edel war, und ohnedies so tief verwundet?
    Lies die Abschrift des langen Briefes, den ich nach zehn milungenen
Versuchen endlich in der zweiten Nacht nach Empfang des seinigen mhsam und
unter tausend Thrnen zu Stande gebracht habe. Ich glaube, er ist zweckmig, er
soll ihm die ganze Rettungslosigkeit unserer Lage, aber auch meine und seine
Pflicht vorstellen, und ihn auffordern, stark - ach Junia! strker zu seyn, als
seine unglckliche Larissa.
    Ich habe mir vorsetzlich keine Klage ber meine huslichen Verhltnisse
erlaubt, vielmehr habe ich gesucht, den Gedanken in ihm zu nhren, da ich
zufrieden sey. Ich glaube, das ist berhaupt meine Schuldigkeit. Demetrius kann
diese Schonung von mir fordern, und dann denke ich auch, es wird den Freund
meiner Jugend beruhigen, es wird ihn trsten, wenn er mich, nicht unglcklich
wei. Aber, was ist es, Junia! da diese Rcksicht mich weit mehr antreibt als
jene? Da der Gedanke, pflichtmig zu handeln, mir weniger s ist, als der,
ihm Freude zu machen? Ist das auch recht? Soll mir meine Pflicht nicht das
Heiligste und Erste seyn?
    Ach, es ist leider nicht! Rebellisch emprt sich mein Herz gegen die
vereinten Stimmen der Vernunft und der Religion. Ich liebe, ich liebe mit
glhender Seele; ich habe, so lange ich lebe, nie ein anderes Bild in meiner
Brust getragen, nie fr einen andern Mann eine zrtliche Regung empfunden, als
nur allein fr ihn, fr ihn, dem mein ganzes Wesen gehrt - und ich bin die Frau
eines Andern. O schrecklich, schrecklich! Was soll ich thun, Junia? Wer, hilft
mir, mich vor mir selbst zu retten?

                                                       Am Abend desselben Tages.

Als ich heut Morgens so weit gekommen war, mute ich abbrechen, weil mein Gemth
zu zerrttet war, als da ich weiter htte schreiben knnen. Seitdem hat
anhaltende Arbeit und Gebet meinen Geist ein wenig beruhigt, und ich setze meine
Erzhlung fort. Den Tag darauf, als ich die Antwort an Agathokles abgesandt
hatte, und mit schwerem Herzen hoffte - ach, da ich das hoffen mu! - er wrde
Gelegenheit finden, seinen Vorsatz auszufhren, und sich zu entfernen, kndigte
mir Demetrius meinen Landsmann, als Gast, zur Tafel an. Die wenige Achtsamkeit,
die er auf seine huslichen Umgebungen, und auch auf mich zu richten gewohnt
ist, war diesmal mein Glck; sie entzog seinen Augen den Schrecken, den mir
seine Nachricht verursachte, und ich hatte Zeit, mich zu fassen, und hielt mich
fr ziemlich vorbereitet, als er ein paar Stunden darauf, mit Agathokles an der
Hand, in den Speisesaal trat. Ach, es war ein Wahn! Der Anblick des Gegenstandes
so vieler Liebe, so vieler Leiden, raubte mir beinahe die Besinnung - wenigstens
im ersten Augenblicke, das Vermgen, zu sprechen. Agathokles feste Stimmung
beschmte mich. Er nahte sich mir mit aller Ruhe und Freundlichkeit eines alten
geschtzten Bekannten, und sprach heiter und gesetzt mit mir. Mein Mann schien
nach seiner Art vergngt ber unser Zusammentreffen, er war gesprchiger als
gewhnlich, man brachte die Speisen, und wir legten uns zu Tische1. Agathokles
zeigte eine Selbstbeherrschung, eine Kraft, die nach dem, was vorgefallen war,
nach den Briefen, die wir gewechselt hatten, meine hchste Verwunderung erregte,
an der meine Schwche sich strkte. Ich erhob mich endlich so weit, da ich im
Stande war, an den leichten Gesprchen der Geselligkeit Theil zu nehmen. O
Junia! Was ist das fr eine Heldenseele! Sie war mein - und ich habe sie auf
ewig verloren!
    Von nun an werde ich Agathokles vielleicht noch fters sehen mssen. Ob er
sich entfernen kann, oder wird, ist mir jetzt unmglich zu erfahren; denn ich
kann und wollte auch um Alles in der Welt nicht, mit ihm darber sprechen. - Und
Demetrius, der, trotz seiner rauhen Auenseite, fr wahres Verdienst nicht
unempfindlich ist, zeichnet ihn vor allen seinen Offizieren aus, er gibt seiner
Entschlossenheit, seinem Eifer ffentlich das schnste Zeugni, und zieht ihn in
den engen Kreis seiner Vertrauten, der so beschaffen ist, da jeder seine
Berufung dazu wohl als eine Ehre betrachten kann. Das ist nun der schwerste
Theil meiner Prfung, das ist's, worber ich dir im Anfange meines Briefs so
bitter klagte. Ach, ich wollte ja gern Alles anwenden, was in meiner Macht
steht, um mein Herz zu beruhigen, und es nach und nach in das verlassene Geleise
seiner Pflichten zurckzufhren; aber sehen - sehen mu ich ihn dann nicht
immer, nicht aus jedem Munde sein Lob hren, nicht den Ton seiner Stimme, die
Schnheit seiner Seele, die sich in jedem Worte, jedem Zuge malt, tglich im
Innersten meines Herzens fhlen. Er ist stark, unbegreiflich stark; das kann ich
nicht! Ach wir Weiber sind in dieser Rcksicht gar unglckliche Geschpfe. Wenn
der Mann im Waffengetmmel, im Geschwirre des Gerichtssaals, im Drange der
Geschfte Augenblicke genug findet, wo seine Leidenschaft schweigt, weil sie
schweigen mu; wenn eben diese anstrengenden Geschfte, alle seine Geisteskrfte
auffordernd, seiner Phantasie keinen Spielraum lassen, und alle auf ein wrdig
groes Ziel gerichtet, durch diese Thtigkeit ihn ergtzen, und zerstreuen, was
bleibt uns brig? In der Einsamkeit des Gemachs, nur von dienenden Geschpfen
umringt, schweift am Webstuhl und Spindel, der Geist ungehindert umher, und
jedes schmerzliche Gefhl hat recht lange und ungehindert Zeit, sich in unsere
Brust einzugraben. Selbst Gebet und Lesen beschftigt, nur halb, und mitten im
wrdigen Fluge der Andacht, oder auf dem Fittige eines schnen Gedankens
entflieht der verwirrte Sinn zu dem Gegenstand, auf den alles Wrdige und Schne
eben erst recht hinweiset.

                                                             Einige Tage spter.

Wenn ich nur eine Freundin, einen Rathgeber hier um mich htte, der meinem
Herzen das wre, was du und Theophron mir in Apama waren! An deiner Strke
wrde ich mich halten; sein himmlischer Sinn wrde den meinigen von der Erde und
den irdischen Gegenstnden, an denen er strafbar hngt, abziehen, ich wrde
Kraft zu meiner Pflicht, und in der Ausbung derselben die Beruhigung finden,
die meine jetzige Stimmung unmglich gewhren kann. O sollte denn der Ewige ein
Wohlgefallens daran haben, mich Arme ganz sinken zu lassen, und mir in einer
Lage, wo ich so gar nichts zu meiner Rettung thun kann, auch alle fremde Hlfe
entziehen?
    Meine erste Hoffnung auf Agathokles Entfernung ist ganz verschwunden.
Demetrius Zuneigung zu ihm, und mehrere militrische Verhltnisse haben sie
unmglich gemacht. Dann hoffte ich auf die Zuflle des Kriegs, auf die
Nothwendigkeit, da mich Demetrius vom Schauplatz der Waffen werde entfernen
mssen. Auch dies schlug bis jetzt fehl. Zwar sind mehrere kleine Gefechte
vorgefallen, zweimal, sind die Unsrigen vorgerckt, aber im Ganzen bleibt die
Lage der Dinge immer dieselbe, und jeder Vorfall trgt auf's Neue nach seiner
Art bei, meine Kmpfe zu erschweren. So war die Scene, die gestern vorfiel.
Agathokles kam mit Demetrius aus einem kleinen Gefechte zurck; beide waren
leicht verwundet, und mir wurde die Sorge auferlegt, sie zu verbinden und zu
pflegen. Wie mir da zu Muthe war, das verlange nicht von mir zu hren. Hier
versagte auch seine Strke, und sein dunkel glhender Blick, der, whrend ich
vor ihm stand, mein thrnenvolles Aug' entdeckte, und erschtternd in mein
Innerstes drang, enthllte auch mir die ganze Tiefe seines Herzens. Ich fing an
zu zittern, ich war so auer mir, da ich mich setzen mute. Mein Mann schalt
mich; der Anblick des Blutes, glaubte er, habe diese Erschtterung
hervorgebracht. Du mut, dich berwinden lernen, rief er; eine Soldatenfrau
mu Blut sehen knnen: komm, verbinde meine Wunde. Ich stand auf, ich
entschuldigte mich, und knieete gefater hin, um seinen Fu zu verbinden. Ich
mochte meine Sachen ziemlich geschickt gemacht haben: denn er lobte mich
zuletzt. Wie es aber war, das wte ich in jenem Augenblicke der Verwirrung
selbst nicht.
    Als ich aufstand, und mich nach Agathokles umsah, sah ich ihn am Fenster
stehen, die Stirn fest daran gedrckt. Er hrte meine Annherung nicht, ich
hatte den Verband um seinen Finger noch nicht vollendet, und das mute ich doch.
Ich redete ihn an. Wie erschrocken fuhr er empor, und, ach Junia! ich glaubte
eine Thrne in seinem Auge zittern zu sehen. Die meinigen fingen sogleich an
hervorzuquellen. Komm, Agathokles! sagte ich so gefat als mglich, ich mu
deine Hand ganz verbinden. Er folgte mir zu dem Tische, auf dem das Gerthe
lag, er setzte sich wieder vor mir hin, ich ergriff seine Hand, sie zitterte wie
die meinige. Jetzt schlug er seine Augen auf mich, ich hatte nicht die Kraft,
diesem Blicke zum zweitenmale auszuweichen. Ich wandte mein Auge nicht ab, ich
lie es ihm in Thrnen schwimmend sagen, was in meinem Herzen vorging. Er fate
meine Hand, und drckte sie an seine Brust. Jetzt brachen meine Thrnen so
ungestm hervor, da ich nicht mehr sehen konnte, was ich machte! Er schlug den
Arm um mich, und sagte leise: O meine Larissa! wie ist es mglich, dir zu
entsagen? Ich zitterte, da mir die Sprache versagte. Der Gedanke an Demetrius
Gegenwart, an die Mglichkeit, da er uns gesehen haben knnte, fiel schreckend
auf mich. Ich sah mich um, er stand zum Glcke abgewendet, aber Agathokles
verstand meine Bewegung. Er zog seinen Arm schnell zurck, sein Blick sank
nieder, er hielt mir still die wunden Finger hin, und ich endigte mein Geschft.
Schmerzt es dich noch sehr? fragte ich ihn, als ich fertig war, und hielt seine
Hand in meinen Beiden. Jetzt nicht, antwortete er, und sein Blick erklrte mir
den Sinn dieser Worte. Er drckte meine Hand noch einmal, und ging schnell aus
dem Zimmer. Auch ich raffte mein Gerthe zusammen, und eilte durch die andere
Thre fort in mein Gemach, wo heie Thrnen dem schmerzlichen und seligen
Andenken dieser Scene floen.
    Und solche Auftritte stehen mir noch unzhlige bevor! Ich sehe keine
Rettung; denn Demetrius, der sehr strenge Begriffe von den Pflichten einer
Gattin hat, und an tausend kleine husliche Bequemlichkeiten gewohnt ist,
fordert durchaus, da ich ihn begleite, so lange als es mit meiner persnlichen
Sicherheit bestehen kann. Ich habe von Weitem versucht, ihn von diesem Vorsatze
abzubringen; aber die Heftigkeit, mit der er sich uerte, zeigte, wie sehr ein
offenbarer Widerspruch ihn aufbringen wrde. Das darf ich denn nicht wagen; denn
ich kenne aus Erfahrung die Wirkungen seines Zornes, und auch, dies abgerechnet,
ist es meine Pflicht, ihn zu begleiten, so lange er es fordert; denn ich habe es
ihm vor Gott geschworen. Indessen fallen fters auch schreckende Ereignisse vor.
Schon zweimal wurde ich - und zwar das eine Mal mitten in der Nacht von einem
grlichen Lrmen geweckt. Ein Offizier trat unangemeldet in mein Zimmer, und
kndigte mir auf Demetrius Befehl an, da ich mich fertig machen sollte, in
einer Stunde mit allen meinen Leuten aufzubrechen; denn der Feind nhere sich,
Demetrius sey ihm schon mit den Truppen entgegengegangen, da man aber den
Ausschlag des Gefechtes nicht wissen knne, so fordere es meine Sicherheit, mich
zu entfernen. Ich war so erschrocken, da ich mich kaum fhig fhlte, die
nthigen Befehle zu geben. Ach, waren nicht Demetrius und Agathokles in
Todesgefahr? Und konnte nicht jeder Augenblick mir einen von ihnen entreien?
Nachdem aber Alles in Bereitschaft war, und ich nur auf den letzten Befehl
harrte, verkndigte mir ein frhlicher Tumult, und der Schall unserer Tuben2,
die Rckkehr der Sieger. So ging diesmal die drohende Gefahr an mir vorber.
Aber wird es immer so seyn? O Junia! Es ist kein kleiner Zusatz zu meinem
Leiden, bestndig fr das zittern zu mssen, was mir das Liebste auf der Welt
ist.

                                    Funoten


1 Die Alten saen nicht, sondern lagen auf Ruhebetten um ihre Tische herum, und
meistens drei und drei auf einem Lager, so, da drei Seiten des Tisches besetzt,
die vierte fr den Vorschneider offen blieb.

2 Tuba war eine Art von Blasinstrument, wie unsere Posaunen oder Trompeten,
deren sich die Rmer im Felde bedienten.


                           21. Agathokles an Phocion.

                                                 Lager vor Nisibis, im Aug. 301.

Es ist eine lange Zeit verflossen, seit mein letzter Brief dich von der
wunderbaren und traurigen Wendung meines Schicksals unterrichtet hat. Seitdem
sind viele schmerzhafte Stunden vergangen, und in durchwachten Nchten ist
mancher fruchtlose Versuch zur Bekmpfung einer Leidenschaft gemacht worden, die
mit jedem Tage neu genhrt, und allzu reizend unterhalten, endlich jedes
ohnmchtigen Widerstandes spottet. Feindselig hat das Geschick sich wider mich
verschworen; von allen Seiten umstellt es mich mit unausweichbaren Netzen, in
denen ich mich verwirren, in denen ich fallen mu. Habe ich denn irgend eine
verborgene Schuld meines eigenen Herzens, oder eine alte meines Geschlechtes
abzuben, da, wie in den Dichtungen der Tragiker, die Eumeniden mich rchend
verfolgen, und das Fatum sein Opfer zrnend fordert? Nur zwei Auswege sehe ich
offen, wie mein verworrenes Schicksal sich lsen kann - nur zwei - und Einer ist
finsterer, als der Andere. Aber, wenn hier das Bewutseyn verlorner Unschuld,
zertretener Pflicht den Gefallenen fr kurze Seligkeit endlos foltert: so ffnet
dort nach wenig durchkmpften Stunden sich hinter dem finstern Vorhang eine
hoffnungsreiche Aussicht in eine lohnende Welt. Schuld oder Tod! Wie kann das
denkende Wesen zweifelnd anstehen?
    Von allen Seiten umgeben mich hier Menschen und Grundstze aus einer Sekte,
die ich bisher, angesteckt von den Vorurtheilen unserer Schulen, und unsers
ffentlichen Lebens, als ngstlich, die Kraft des Menschen lhmend und
lcherlich schwrmend verachtete. Ich lebe unter Christen, ich lerne ihr System,
ihre Lehrstze genauer kennen, und es liegen Begriffe, Ansichten, Hoffnungen
darin, die nicht blos dem blinden Glauben, die selbst der vorurtheilfreien
Vernunft gro, edel, und hchst Wahrscheinlich erscheinen mssen. Tief aus der
Natur des Menschen geschpft, auf seine mchtigsten Triebe gebaut, und mit
seinen edelsten Krften wirkend, steht ihr System da, und scheint, so weit ich
es kenne, nichts als das deutlich ausgesprochene Resultat dessen, was unsere
Weisen seit Jahrhunderten, zweifelnd und ahnend, in unzusammenhngenden Stzen
vortrugen. Wo diese in Dmmerung irrten, zeigt jene ihren Anhngern volles
Licht; lehrt jene sie mit kindlicher Zuversicht glauben, und wer auch nicht von
den Ihrigen ist, fhlt sich hingerissen und versucht, den Trost zu ergreifen,
den sie anbietet. Es ist eine Zukunft, eine Vergeltung nach dem Tode, und unser
Schicksalsgewebe wird erst dort entwirret. Was zaudre ich, der Auflsung
schneller zu nahen? Im Schlachtgetmmel ist der Tod in tausend Gestalten
vorhanden, und auf dem Bette der Ehre, indem ich die Pflicht gegen mein
Vaterland erfllte, zerreit ein mitleidiges Feindesschwert die Netze, die mich
gefangen halten, und gibt meinem Geiste die Freiheit, ohne Widerstand glcklich
zu seyn! Dann hrt der Zwiespalt in meinem Innern auf, das Gefhl des
unheilbaren Schmerzens entstrmt mit dem Leben der durchstoenen Brust, das
stille Herz schlgt nicht mehr widerspenstig gegen seine Schranken, aller Streit
ist geendet, aller Kampf Friede geworden! Und ich soll zaudern?
    Wir haben Edessa verlassen. Ein paar Vortheile, die wir ber den Feind
errangen, ffneten uns den Weg bis hierher. Wir stehen vor Nisibis, das die
Perser noch besetzt halten. Demetrius belagert es, und denkt es bald
einzunehmen, besonders da er auf eine Verstrkung rechnet, die ihm Galerius
sicher versprochen hat. Auch hierher mute ihm Larissa folgen, mu alle Gefahren
und Beschwerlichkeiten mit ihm theilen, und nicht immer, o nur selten ersetzt
ihr Schonung und Liebe die Ungemchlichkeiten, die wahrlich nur Liebe um der
Liebe willen freudig auf sich nehmen, die die kalte Pflicht stets doppelt
lastend fhlen mu. Das mu ich mit ansehen, fhlen, was sie leidet, mir bewut
seyn, welches Loos sie an meiner Seite erwartet hatte, und schweigen - und oft
noch aus ihrem Munde die Versicherung hren, da sie nicht unglcklich sey!
Phocion! Ich erkenne die Schnheit ihrer Gesinnungen, die zarte Schonung, die in
dieser Verleugnung liegt, ich wei, was sie damit erreichen will; aber es dient
nicht, meine Leidenschaft zu migen.
    Ich habe es schon in Edessa versucht, von meinem Platze loszukommen, und
eine Bestimmung zu erhalten, die mich aus dem gefhrlichen Kreise entfernte, in
den ich mich, wie durch Zauber, gebannt sehe. Demetrius lie mich nicht von
sich, ja er zog mich, unterrichtet von meiner Bekanntschaft mit seiner Frau,
freundlich in den kleinen Zirkel, der ihn stets umgibt. Da sehe ich sie nun
tglich, bin Zeuge ihrer Tugenden, ihres himmlisch schnen Kampfes, oft ihres
Sieges, aber auch - o Phocion! hier liegt die Quelle meines unheilbaren
Unglcks! aber auch zuweilen ihrer Schwche. Sie liebt mich, ich wei es, ich
fhle es. Manchmal bricht die mhsam verhaltene Flamme hell und leuchtend aus
ihrer reinen Brust. Als sie mir neulich meine wunde Hand verband, als sie, mit
dem Ausdrucke der zartesten Sorge um mich beschftigt, mit ihren zitternden
Hnden die meinige hielt, ihre Thrnen auf meine Wunden floen, und sie in
diesem Augenblick, aller Verhltnisse vergessend, nur das besorgte liebende Weib
war - o Freund! ich errthe nicht, es zu sagen, da meine Kraft mich hier
verlie, da auch mein Herz sich ihr unverhllt offenbarte. Ich fordere den Mann
heraus, der hier standhaft geblieben wre. Ich wage es zu behaupten, da den
seine Tugend nichts kosten kann, denn er kann nicht fhlen.

                                                               Acht Tage spter.

Ich habe lange keine Nachricht von dir! Im Getmmel, im Gewirre des Krieges
mgen sich die Briefe wohl leicht verlieren. Noch sind wir vor Nisibis, aber wir
werden es nicht mehr lange seyn. Demetrius, der die Stadt schon seit ein paar
Wochen eng eingeschlossen, und vergebens auf eine Verstrkung vom Csar Galerius
gewartet hat, will der Ungeduld der Truppen, ihrem lauten Murren, ihrem Wunsch,
die Stadt durch Sturm zu nehmen, nicht lnger widerstehen. Auch ist es dringend,
da ihr Schicksal sich entscheide. Hitze, Durst und Krankheit fangen an unser
Lager zu verheeren. Kommt nicht bald Hlfe, milingt der Sturm auf Nisibis: so
mssen wir fort, und schimpflich ein Unternehmen aufgeben, das mit groem Muth,
nicht ohne reife Ueberlegung begonnen, und wahrlich fr das Schicksal des ganzen
Krieges entscheidend ist. Fllt Nisibis nicht, so hoffe ich wenig Gutes,
wenigstens fr diesen Feldzug mehr. Es ist aber bereits mehr als Vermuthung, da
die alte Feindschaft zwischen Galerius und unserem Feldherrn fr Jenen Grund
genug wre, das Gelingen eines solchen Plans zu zerstren, wenn auch mehr als
die Ehre des Mannes, den er hat, darber verloren gehen sollte. Was auch immer
die erste Quelle des Zwiespalts ist, so wei ich jetzt bestimmt, da Galerius
Ha gegen die Christen die Kluft zwischen ihm und dem Feldherrn, der dieser
Sekte so treu ergeben ist, immer mehr erweitert. Jener mchte sie verderben, er
verfolgt sie, wo er kann; und liee Diocletians politische Weisheit, oder seine
gemthslose Gleichgltigkeit gegen Alles, was den Menschen ber sich selbst
erheben kann, sich von ihm, wie er's wnscht, erhitzen, so zweifle ich nicht,
da wir bald eine allgemeine Verfolgung erleben wrden.

                                                               Zwei Tage darauf.

Was wir lngst frchteten, und uns selbst nicht zu gestehen wagten, die
Wahrscheinlichkeit, da keine Verstrkung zu hoffen ist, ist nun zur Gewiheit
geworden. Galerius denkt niedrig genug, das Heer, das Schicksal des Krieges,
seinen Leidenschaften aufzuopfern. Wir sind verlassen, aber Demetrius findet in
seinem festen Willen und in dem Muthe der Truppen Kraft genug, das allein zu
thun, wovon ihn Scheelsucht und Rache abzuschrecken vergebens versucht. Morgen
wird gestrmt. Mauerbrecher, Sturmleitern, Wurfmaschinen, Alles ist in
Bereitschaft, das Heer voll guten Willens und freudigen Muthes. Ein Bote, den
ich absende, bringt dir diesen Brief und die beigefgte Rolle, die meinen
letzten Willen, und die kleinen Verfgungen ber mein mtterliches Vermgen
enthlt. Wer wei, ob wir uns hier je wieder sehen. Mir steht eine ernste Stunde
bevor. Meiner Treue, meinem anhaltenden Bitten, vertraut Demetrius den Posten an
einer der gefhrlichsten Stellen, und wenn dies Zutrauen mich ehrenvoll
auszeichnet, so sichert mir die Gefahr des Auftrags entweder knftigen Ruhm oder
Heilung aller meiner Schmerzen. So erwarte ich den kommenden Morgen. Es ist
Mitternacht. Alles ist stille. Vielleicht wacht auer mir nur noch Ein Auge, das
in diesen ernsten Stunden fr mich betend und angstvoll zum Himmel blickt. Auch
deiner, gutes, edles Wesen! harret vielleicht ein besseres Schicksal, wenn
morgen der Tod den unwillig geliebten Freund deinem kmpfenden Herzen entreit,
und ber seiner Asche dein ngstlicher Streit sich in ruhige Wehmuth verliert.
Meinen Vater trste du. Verla Athen, kehre nach Nikomedien zurck; mein
Testament enthlt die Verfgungen, die dich fr jenen Schritt entschdigen
sollen. Ihm, dem von drei hoffnungsvollen Shnen nur der ungeliebteste brig
blieb, wird deine sanfte Gemthsart, dein heiterer Sinn leicht Ersatz fr den
ernsten, allzudstern Sohn werden. So sehe ich wohl Einige, die durch meinen Tod
gewinnen, Niemand, der darunter leiden wird! Und welche Thrnen htte nicht die
Zeit getrocknet? Leb' wohl, Phocion! Da wir uns wiedersehen, wei ich gewi!
Wie, wo, wann - das sind Fragen, die vielleicht morgen ein Pfeil, ein Schwert
befriedigend lset.

                         22. Larissa an Junia Marcella.


                                                Lager vor Nisibis, im Sept. 301.

Morgen mit anbrechendem Tage wird Nisibis gestrmt. Alles ist bereit. Demetrius
fhrt sein Heer an, Agathokles hat er auf sein dringendes Bitten einen der
gefhrlichsten Posten bergeben. Ich verstehe Agathokles Wunsch. Ruhm oder Tod!
Die mnnliche Seele findet in Beiden Beruhigung. Aber was aus mir werden wird?
daran geht die rauhere Kraft achtlos vorber. Ich kann nicht zusammenhngend
denken, viel weniger schreiben. Von dir habe ich nun auch seit fast zwei Monaten
keine Nachricht. Meine Brust ist fest, fest zusammengedrckt. Bald steht mein
Blut, bald jagt es strmend durch die Adern. Ich habe viel in meinem Leben
gelitten; solche Angst habe ich nie empfunden. Ich vermag nicht zu beten - nur
hingeworfen auf meine Kniee kann ich jammern. Selbst das Labsal der Thrnen
versagt dem gengsteten Herzen! Bete fr mich, Junia! Was will ich? Wozu? - Bis
der Brief dich erreicht, ist mein Schicksal lngst entschieden.

                         23. Larissa an Junia Marcella.


                                                          Nisibis, im Sept. 301.

Der Kelch des bittersten Leidens ist diesmal vorbergegangen. Nisibis ist
erobert, Demetrius und Agathokles leben! Dieser ist gar nicht, mein Gemahl wohl
bedeutend, aber nicht gefhrlich verwundet, und in dem beglckten Gefhle, so
groem Unglcke entgangen zu seyn, bersieht das getuschte Herz die dunkeln
Stellen, deren noch so viel brig sind. Jetzt will ich sie alle vergessen, ich
will nur Gott danken, der mir diese zwei theuersten Wesen erhielt, und mich vor
Verzweiflung bewahrte. Auch hat es der Vorsicht, deren Fgungen in dem Gange
meines Schicksals immer sichtbarer erscheinen, gefallen, ein neues schnes Band
zwischen dem Freunde meiner Jugend und mir anzuknpfen, ein Band, das viele
Empfindungen, die ich bisher verdammen mute, rechtfertigt, und mir erlaubt, dem
Zuge meines Herzens ohne so groe Aengstlichkeit zu folgen. Demetrius dankt der
Treue, dem Muth, der Anhnglichkeit seines Legaten das Leben. O meine Junia!
Welche Seligkeit liegt in diesem Gedanken? Nicht allein die Schnheit der
Handlung selbst, sondern auch die Sicherheit, die sie meinem Geiste gewhrt, die
Freiheit, den mit reiner schwesterlicher Liebe lieben zu drfen, der unsern
gemeinschaftlichen Vater erhalten hat! Ich darf ihn jetzt nicht mehr so scheu
betrachten, ich darf einen Theil meines Gefhls ihm ungehindert zeigen. Die
reine Dankbarkeit, die unschuldige Neigung, die in meinem Herzen liegt, ist kein
Verbrechen. O Junia! Ich bin befriedigt, ich verlange fr meine Wnsche kein
hheres Glck. Und wenn es auch nicht lange whren sollte, denn schon sehe ich
Wolken an unserm Horizont heraufsteigen, so war ich doch fr kurze Zeit recht
glcklich! Diese Zeit ist mein, diese Erinnerungen kann mir keine Zukunft
rauben, und der helle Zwischenraum in meinem nchtlichen Leben soll mich
strken, knftige Widerwrtigkeiten mit freudigem Muthe zu ertragen.
    Agathokles hatte zuerst auf seinem Posten, welcher der gefhrlichste von
allen war, die Mauer erstrmt. Wie es da erging, diese schrecklichen Auftritte,
diese frchterlichen Gestalten des Todes, die ich erzhlen hrte, wirst du mir
zu wiederholen erlassen. Genug, nach einem zweistndigen Gefechte drangen die
Unsrigen, ihren muthigen Fhrer an der Spitze, in die Stadt ein. Nicht lange
darnach erreichte Demetrius von der andern Seite denselben Zweck. Aber da man
auf dieser schwchern Seite der Stadt den Sturm vermuthet hatte, fand er viel
grern Widerstand, und das Gefecht wurde von beiden Seiten mit der heftigsten
Erbitterung fortgesetzt. So gelangten sie bis auf den Marktplatz, die Besatzung
wich nur Schritt vor Schritt, die Unserigen muten jeden Fubreit Boden theuer
erkaufen. - Pltzlich strzte, als Demetrius mit den Seinen schon auf dem Platze
stand, aus einer Nebenstrae ein weit berlegener Haufe von feindlichen Soldaten
hervor. Demetrius sah die Seinen um sich her fallen, er stritt fast allein gegen
den wthenden Schwarm. Einer von den Seinigen hatte die Besonnenheit, zu
Agathokles zu eilen, und ihm die Gefahr seines Feldherrn zu melden. Dieser
verga sogleich jede Rcksicht auf eigenen Ruhm, auf Behauptung seines
errungenen Sieges, und schlug sich mit Wenigen, die ihm muthig folgten, bis zu
seinem Feldherrn durch. Er fing den tdtlichen Hieb, der das Leben meines Gatten
htte enden knnen, mit seinem Schwerte auf, er deckte ihn, als er verwundet
niedergesunken war, mit seinem Schilde, und schtzte sein Leben auf Gefahr des
eigenen, bis eine Verstrkung der Unserigen ankam, und dem treuen Agathokles
erlaubte, nun auch fr die Pflege seines Geretteten zu sorgen. Mit kindlicher
Sorgfalt wachte er ber ihn, lie ihn in ein nahes Haus bringen, und alle
Anstalten zu seiner Erhaltung treffen. Sobald die Feinde die Stadt gnzlich
gerumt hatten, sandte er zu mir. Mit der grten Schonung, in der ich sein Herz
erkannte, wurde mir der Vorfall berichtet, und ich eilte zu Demetrius, den ich
zwar verwundet und erschpft, aber bei so heiterm Geist, so froh ber den
gelungenen Sieg, und so dankbar gegen seinen edlen Retter fand, da die Pflicht,
seiner zu pflegen, mir doppelt s wird.
    Den Tag, nachdem ich in Nisibis angekommen war, erhielt ich einen Brief von
dir, den die Vernderungen unsers Aufenthalts, oder andere Zuflle versptet
haben. Er ist mehrere Wochen alt. Du schreibst mir darin mit aller Liebe einer
Freundin, mit aller Strenge einer tugendhaften Christin ber mein Verhltni zu
Agathokles. Du rthst mir nicht blos, du befiehlst mir die Gefahr zu fliehen, in
der ich sicher untergehen wrde. Du findest die einzige Mglichkeit der Rettung
in schneller gnzlicher Trennung, und verlangst, da ich meine Sicherheit, sogar
mit dem Scheine des Ungehorsams gegen Demetrius, mit der Gefahr, seinen Zorn,
den Vorwurf pflichtwidriger Klte auf mich zu laden, erkaufen sollte. Ach Junia!
Was du forderst! Es mag mglich seyn, da dies Mittel mich frher htte retten
knnen! Es mag mglich seyn, so strengen Forderungen der Pflicht zu gehorchen.
Ich glaube auch, da in deiner Brust die Kraft dazu lge! Aber ich? Zrne nicht,
Junia! Ich kann, ich darf, ich brauche dies einzige grausame Mittel nicht
anzuwenden. Demetrius ist schwer krank, nicht sowohl durch die Art seiner
Verwundung, als durch ein heftiges Fieber, das sich zu seiner Erschpfung
gesellte. Jetzt ist der Wille des Himmels deutlich ausgesprochen. Ich soll und
werde den kranken Gemahl nicht verlassen. Aber ich bedarf es auch nicht; denn
mein Verhltni zu Agathokles ist verndert, und der strenge Zwang aufgehoben,
in dem, wie du selbst einsiehest, ein groer Theil unserer Gefahr, unserer
gespannten Verhltnisse lag, seit ein neues schnes Band sich zwischen uns
angeknpft hat, und pflichtmige Dankbarkeit meine Gefhle veredelt und
heiligt.
    Demetrius behandelt ihn, seit dem letzten Vorfalle, mit vterlicher
Zrtlichkeit. Agathokles ist fast immer um ihn, er wnscht es, er verlangt es
sogar deutlich, wir theilen uns in seine Pflege und Unterhaltung, und mein
Gemahl scheint die Hlfleistungen seines treuen Legaten beinahe mit mehr Freude
zu erkennen, als die meinigen. Ach Junia! Das sind dann selige Stunden! Wenn
Demetrius schlummert, dann wallet ein leises herzliches Gesprch zwischen uns,
von alten guten Zeiten; die Geister unserer kindlichen Freuden umschweben uns
rein und unschuldig, vielleicht der Geist seiner vortrefflichen Mutter, der er
und ich so viel zu danken haben, von der der edle Sohn nie ohne Rhrung spricht.
Ihre heilige Gegenwart weiht unsere Empfindungen, verbannt alles
Leidenschaftliche daraus, und lt uns nur die Sigkeit einer freien
schuldlosen Neigung genieen. Wacht Demetrius, so erheitert ihn entweder
abwechselndes Vorlesen, oder ein anziehendes Gesprch, dessen Gegenstand oft die
Lehren unserer heiligen Religion sind. Du weit, welch ein eifriger Christ
Demetrius ist, und wie manchen Verdru ihm dieser Eifer schon zugezogen hat.
Seit dem letzten Vorfall ist das Bestreben, seinen Freund von einer Lehre zu
berzeugen, die ihm allein in dieser und jener Welt dauerhaftes Glck sichern
kann, eben so natrlich als sichtlich. Und Agathokles! O meine Freundin! Wie
glcklich macht mich oft diese Bemerkung! Agathokles scheint von der Erhabenheit
unserer Lehrstze weit mehr durchdrungen, als sich mir zu hoffen erlaubt hatte.
    Neulich, als Demetrius, der seinen Zustand als Weiser und Christ mit Ernst
bedenkt, und keinen Tuschungen Raum gibt, das heilige Abendmahl zu genieen
wnschte: hie er uns alle gegenwrtig seyn, und auch Agathokles durfte nicht
fehlen. Obgleich es ihm nun unmglich war, den Theil daran zu nehmen, der
Christen erlaubt ist: so sah ich ihn doch von dem erhabenen Zwecke und der
ganzen Ansicht dieser Einrichtung, von unsern Gebruchen, von unserer stillen
Andacht gerhrt. Ex sank mit uns zugleich auf die Kniee, und brachte, wie er mir
hernach gestand, dem unbekannten Gotte den Tribut der Ehrfurcht und Liebe. Ich
sah ihn an. So edel, so unaussprechlich liebenswrdig, als in dieser feierlichen
Stunde, hatte er mir noch nie geschienen. Ich fhlte mich unwiderstehlich zu ihm
hingezogen. O ich htte ihm, wenn es die Umstnde gefordert htten, in Gegenwart
aller Zeugen eine Liebe gestehen knnen, die so rein, so fromm war! Als ich ihm
sagte, da ich fr ihn, fr sein Glck gebetet htte, da ich tglich fr ihn
betete: da sah ich Thrnen aus seinen Augen dringen. Er ergriff meine Hand in
einer heftigen Bewegung; er wollte sprechen - aber er vermochte es nicht. Er ri
sich los, und eilte hinaus. Hatte er mich verstanden? Fhlte er, was ich sagen
wollte?
    La mich nun, Junia! meine Hoffnungen, meine Aussichten, alle meine Freude
und Beruhigung in deine theilnehmende Brust gieen, und zrne mir nicht zu
strenge! Ach, ich war lange genug unglcklich. Mignne mir den Sonnenstrahl
nicht, an dem mein verdstertes Wesen sich zutrauensvoll entfaltet, und zu
bessern Tagen auflebt!
    Nichts ist Zufall in der Welt, meine Geliebte! Alles ist Fgung und
Anordnung einer weisen Vorsicht, die der belebten und unbelebten Natur ihre ewig
unverbrchlichen Gesetze mitgetheilt hat, von denen abzuweichen eben so
unmglich ist, als den gestrigen Tag zurckzurufen. Alles Zufllige, alles
Ungefhr hrt auf, und da uns etwas so erscheint, ist nur Schuld unserer
beschrnkten mangelhaften Ansicht, welche nicht mehr als einen kleinen Theil des
groen Ganzen zu bersehen im Stande ist. Da wir aber vom Schpfer mit Vernunft
und Gewissen begabt, und verpflichtet sind, unter Leitung der erstern auf
Antrieb des letztern zu handeln, zu whlen, zu verwerfen; so hrt unsere
Zurechnung, und unser freier Wille nicht zugleich auf. Nun aber, weil es
unmglich ist, etwas zugleich zu thun und zu lassen, weil unter tausend
mglichen Fallen nur Einer in die Wirklichkeit eintreten, und in die Kette der
Begebenheiten eingreifend, selbst zur Ursache unabsehlicher Folgen werden kann:
so ist unsere Entschlieung und ihre Wirkungen vorausgesehen von dem Auge, dem
Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart Ein Tag ist, und wir handeln nach dem
groen Plan, wie zwanglos, wie vernunftmig oder sinnlich, wie tugendhaft oder
leidenschaftlich unsere Entschlieung gewesen seyn mag, und alles leitet zu
einem schnen Ziel, das weit hinter diesem nchtlichen Erdenleben in lichter
Ferne zuweilen dem redlichen Forscher, oder dem kindlichen Sinne erscheint. Wenn
du mir nun das zugibst, und ich sehe nicht wohl, wie du als Christin und
selbstdenkendes Wesen es bestreiten kannst, so darf ich mich ja wohl dem sen
Gedanken berlassen, da die Begebenheiten der letzten Tage eben so von Gott
geordnet, und eben so, wie alles Uebrige in der Welt, Leitung zu einem hohen
edeln Zwecke seyen. Warum, meine Liebe! mute Agathokles gerade zu dem Feldherrn
kommen, in dessen Frau er seine Jugendgeliebte findet? Warum zu einer Familie,
die aus lauter Bekennern des Christenthums besteht? Warum mute bei'm Sturm auf
Nisibis unter so augenscheinlichen Gefahren sein Leben verschont bleiben, und er
Gelegenheit finden, sich seinem Vorgesetzten so hoch zu verpflichten, ihn zu
seinem Freunde zu machen? Warum kam dein Brief, der mich in Edessa vielleicht
zur Trennung von ihm vermocht htte, erst jetzt, wo es viel zu spt war? Wie
wre es, Junia! wenn alle diese scheinbaren Zuflligkeiten sich zu dem Zwecke
vereinigten, Agathokles in den Schoo unserer heiligen Kirche zu fhren, und ihm
den einzigen Vorzug zu ertheilen, der ihm noch fehlt, um ganz vollkommen zu
seyn? Agathokles ein Christ! Junia! Diese strenge Tugend, dieser erhabene Sinn,
durch den Geist des Christenthums erhht, veredelt, verfeinert! O wie gern will
ich dann meine Leiden getragen, und durch acht freudenlose Jahre diesen
Augenblick hchster Seligkeit erkauft haben!
    Dein Brief hat mir die Ankunft meines geehrten Lehrers Apelles hoffen
lassen. Noch ist sie nicht erfolgt, aber ich begreife wohl, da die Strungen,
die der Krieg in diesen Gegenden verursacht, und die ftere Vernderung unsers
Standorts seine Reise verzgert haben mgen. Wie sehr wnschte ich ihn zu sehen!
Ich wrde mir sehr viel von der Gewalt seiner Ueberzeugung, und seiner feurigen
Beredtsamkeit fr Agathokles Sinnesnderung versprechen. Ach, es ist schon ein
so schner Anfang gemacht! Gelingt es Apelles, das Ganze zu vollenden, so wre
das eine neue Wohlthat, die ich deiner Liebe und Theophrons vterlicher Sorge um
mich zu danken htte. Sage ihm, dem ehrwrdigen Lehrer und Trster meiner
Jugend, da ich ihm mit kindlicher, und dir mit schwesterlicher Zrtlichkeit
dafr danke. Mein Gemth ist jetzt viel stiller und ruhiger, ein heiterer Friede
wohnt in mir, wie er einst die Jahre meiner Kindheit beseligte, und zum
erstenmal nach mehr als acht Jahren blicke ich mit Ruhe auf die Gegenwart, und
ohne Furcht in die Zukunft. Vielleicht hat die gtige Vorsicht mir in sptern
Jahren Ersatz fr die verlorene Jugend bestimmt. Was sie auch senden mag, wie
viel, wie wenig es sey, ich will es kindlich hinnehmen, und dem, was sie
verweigert - Junia! es ist etwas Groes! es htte mich zum glcklichsten Weibe
auf Erden gemacht! - mit stiller Unterwerfung entsagen.

                           24. Agathokles an Phocion.


                                                          Nisibis, im Sept. 301.

Noch lebe ich! Die Ahnung eines nahen Endes aller meiner Kmpfe und Leiden hat
mich getuscht, und es beginnt ein Daseyn fr mich, das zwischen der Seligkeit
der Gtter und den Qualen des Tartarus oft und pltzlich wechselnd mich entweder
zum Wahnsinn bringen wird, oder die erschpfte Natur erliegt den unaushaltbaren
Strmen.
    Es war eine Zeit, wo der Gedanke, Larissen zu sehen, mich zu jedem Wagestck
getrieben, mich jedes Hinderni zu berwltigen gelehrt htte, wo ich fr die
Seligkeit, diese Zge zu erblicken, die so tief in mein Herz gegraben sind, den
Ton dieser Stimme zu hren, die seit den Kinderjahren nicht in meiner Brust
verhallt ist, mein Leben gegeben haben wrde. Noch denke, noch fhle ich eben so
- noch ist Larissa mir das Theuerste auf Erden, noch knnte ich fr ihren
pflichtmigen Besitz Alles hingeben, was andere Menschen Glck nennen - und
jetzt - Ich habe das hei ersehnte Ziel errungen, ich bin bei ihr, ich leb' um
sie, ich sehe sie tglich, ich spreche zwanglos mit ihr, sie flieht mich nicht
mehr, sie hrt mich gtig an, sie zeigt mir Zuneigung, Freundschaft, Liebe - und
jetzt, Phocion! jetzt liegen die Qualen des Erebus in diesem Verhltnisse, und
da sie es nicht ahnet, da sie, in ser Tuschung verloren, den Schmerz ganz
allein auf meine Brust huft, das ist's, was mich zur Verzweiflung bringt.
    Mein letzter Brief sagte dir, da wir bereit waren, Nisibis mit Sturm zu
nehmen. Es war ein gewagtes Unternehmen, bei dem viel auf der Spitze stand, und
das nur durch den groen Vortheil, den sein Gelingen gewhren konnte, und die
traurige Lage des Heeres zu rechtfertigen war. Mit sonderbaren Gefhlen nahm
ich, am Abend vorher, von Larissen Abschied. Es war vielleicht der Letzte auf
dieser Erde. Ich darf dir wohl gestehen, da ich es hoffte; da sie es zu
frchten schien, sprach ihr ganzes Wesen deutlich aus, und eine wehmthige
Beruhigung drang bei dem Gedanken, von einem so edlen Herzen so geliebt zu
werden, in meine wunde Brust. Am andern Morgen riefen uns die Tuben zum Sturm.
Du weit, Phocion! ich bin nicht weich, und habe dem Tode mehr als einmal auf
dem Schlachtfeld in's Antlitz gesehen, mehr wie einem Freund, der uns von
drckenden Lasten befreit, als wie einem Gespenst, das uns vom Schauplatz
unserer Freuden abruft. Aber diese Schrecken, diese grlichen Gestalten, unter
denen er hier erschien, dies gnzliche Ausziehen aller Menschlichkeit, das ein
eisernes Gebot hier zur Pflicht machte, emprte die Natur, und jedes bessere
Gefhl in mir. Noch ziemlich glcklich erstieg ich auf den Leichen meiner
Freunde, meiner Untergebenen, die neben mir, unter mir, bluteten, rchelten,
starben, mit verwirrtem Geist, mich selbst betubend, die schwer zu erobernde
Schanze. Was ist die gerhmte Tapferkeit des Helden? O Phocion! Betubung,
Fhllosigkeit, Glck. Warum traf mich kein Pfeil, verwundete mich kein Wurf,
inde rings um mich hundert sanken, die vielleicht mehr als ich zu leben
gewnscht, verdient, und ihren Platz, als Fhrer einer khnen Schaar, wohl eben
so gut behauptet htten, als ich? Was war's, das mich fortri, mir Kraft,
Hartherzigkeit, Besonnenheit und Schutz verliehen? und warum eben mir? Und zu
welcher Zukunft? O Phocion! da ich nicht vor Nisibis gefallen bin!
    Als ich in die Stadt drang, den kleinen Haufen, der brig geblieben war,
hinter mir, ereilte uns in hchster Angst ein Verwundeter, um mir zu sagen,
Demetrius sey auf dem Marktplatz von den Seinen verlassen, von Feinden umringt,
in Todesgefahr. Ich verlie ohne weitere Besinnung den Posten, den ich nach dem
Plane htte behaupten sollen, und eilte, den Gemahl Larissens zu retten. Die
Vorsicht erhrte meinen Wunsch, der Feind ward zerstreut. Demetrius, der mit
einer Tapferkeit, weit ber seine Jahre, fast allein sich gegen eine ziemliche
Anzahl Feinde gewehrt hatte, sank, als ich ihn erreichte, durch Anstrengung und
Wunden erschpft nieder. Ich hielt die eindringenden Feinde ab, bis eine
Verstrkung der Unserigen kam, und das ungleiche Gefecht, und unsere Gefahr
endigte. Demetrius ward in ein nahes Haus gebracht, und ein Offizier, auf dessen
feines Gefhl ich mich verlassen konnte, abgesandt, um Larissen von dem Unfall
zu unterrichten, und sie nach der Stadt zu geleiten. Sie kam sogleich. Demetrius
empfing sie freundlicher, als ich ihn je gesehen hatte, und stellte mich ihr als
seinen Retter vor. Phocion So sehr ich Larissen liebe, so war ich doch nie
verblendet genug, um ihre Gestalt, die edel und anziehend ist, fr schn zu
halten. Aber in diesem Augenblicke, als sie mit offenen Armen, mit glhenden
Wangen auf mich zuging, und im Angesichte ihres Gemahls ihre Arme um mich
schlug, mir zu danken strebte, und statt der Worte nur Thrnen hatte, die heftig
aus ihren Augen strzten, da, Phocion! fand ich sie schn, unwiderstehlich
reizend. Ich zitterte wie ein Verbrecher. Ein verzehrendes Feuer lief durch
meine Adern, ich brannte, sie zu umfassen, sie fest an meine Brust zu drcken,
ihr zu gestehen, was ich fhle. Ich durfte es nicht wagen! Ohne Laut und
Bewegung stand ich in ihren umschlingenden Armen, froh genug, da ich den Sturm,
der mein Innerstes durchtobte, zu verhehlen, und ihr und Demetrius die wilde
Gluth verbergen konnte, die mich durchdrang. Sie begriff mein Verstummen nicht,
oder sie deutete es anders - sie hat keine Ahnung von den Qualen, die seit
diesem Augenblick mein Herz zerreien.
    Sicher im Bewutseyn der himmlischen Reinheit ihrer Gefhle, getuscht durch
die Schnheit derselben, nennt sie ihre jetzige Stimmung Dankbarkeit,
schwesterliche Zuneigung, und berlt sich ihr ohne Zwang und Rckhalt vor den
Augen ihres Gemahls, der in vterlichem Wohlwollen gegen mich es gerne sieht,
da seine Frau dem Netter, ihres Gatten mit vorzglicher Achtung begegnet, und
es natrlich findet, da alte Bekannte, Jugendgespielen in tausend Kleinigkeiten
einander weniger fremd sind. O Phocion! Welcher Frieden, welche Unschuld liegt
in diesem Gemthe, das in der Freude, sich seinen Gefhlen berlassen zu drfen,
sich ber alle Folgen derselben kindlich tuschend, auch nicht von fern
vermuthet, welche Leiden sie ber mich hufet! Wenn sie, am Lager ihres Gemahls
beschftigt, mit der Sorgfalt einer Tochter ihm jeden Dienst leistet, jedem
Wunsche zuvorkommt, und nach mancher unruhigen Stunde sich dann ermdet mir
gegenber setzt, ihr Blick mit unaussprechlicher Milde auf mir ruht, und ich an
der stillen Zufriedenheit, die aus ihren Zgen strahlt, fhle, wie vergngt sie
meine Gegenwart macht, wie sie den Lohn ihrer Tugend, die Entschdigung fr alle
ihre Sorgen in einem freundlichen Gesprche mit mir findet; wenn ich diese
schne Mischung von erhabenen Gesinnungen und kindlicher Einfalt, von stillem
Muthe und zarter Weiblichkeit sehe, die sich in allen ihren Reden und Handlungen
uert; wenn ich denke, was sie mir htte werden knnen, und was sie nun ist -
und dann im Gefhle, von ihr geliebt zu seyn, gelassen ausharren, und die
Flammen unterdrcken soll, die alle Augenblicke aus meiner emprten Brust
hervorzubrechen scheinen: das, Phocion! geht ber meine Krfte. Ich fhle, ich
kann es nicht langer mehr tragen, ich mu sie fliehen, wenn ich bei Sinnen, wenn
ich mir selbst treu bleiben will.
    Demetrius scheint noch eine Absicht damit zu verbinden, da er mich
bestndig um sich hlt. Ich mte mich sehr tuschen, wenn er nicht den Plan
hat, mich zum Christenthum nicht zu berreden - aber wohl, mir es durch eine
genauere Kenntni seiner Lehren und Gebruche angenehmer und werther zu machen.
Ich habe keine Vorurtheile mehr dagegen, seit ich Larissens Denkart und die
Lebensweise der Christen nher kennen gelernt habe. Ich achte sogar einige ihrer
Stze recht sehr - aber, einer der Ihrigen zu werden - so lange diese Sekte noch
so vielen, nicht ganz gehobenen Vorwrfen ausgesetzt ist, so lange mein Vater
lebt, der sie hat, wrde ich mich schwerlich entschlieen. Es fehlt noch viel,
bis ich volle Ueberzeugung habe: und wer kann einen solchen Schritt ohne diese
thun? Indessen habe ich einigen ihrer Ceremonien beigewohnt, manchmal mit
Ehrfurcht, einige Male mit wahrer Rhrung; und Demetrius, wenn das sein Zweck
ist, hat ihn in so weit erreicht. Aber auch hierin liegt eine neue,
unvermeidliche Gefahr fr mich. Larissen beten zu sehen, Zeuge der Erhebung
ihres Gemthes, der Verklrung ihres Wesens zu seyn, zu wissen, da sie fr mich
betet, und kalt und gelassen bleiben, das ist schlechterdings unmglich. Spter
oder frher mu die Maske fallen, die ich, widerstrebend und kmpfend, nicht
lnger zu tragen vermag. Und was kann, was wird fr Larissen, fr Demetrius, fr
mich daraus entstehen? Ich mu fliehen, ich mu! Sobald Demetrius so weit
genesen ist, da er dieser Unterredung fhig ist, bitte ich ihn ernst und
dringend um meine Entlassung. Weigert er sie mir schlechterdings, dann ende ein
Machtwort des Csars, das ich durch Tiridates schnell zu erhalten hoffe, den
Kampf, der meine besten Krfte verzehrt.

                          25. Calpurnia an Agathokles.


                                                              Rom, im Sept. 301.

Es ist schon so lange, mein verehrter Freund! seit du nichts von mir, und ich
nichts von dir gehrt habe, da ich kaum bestimmt sagen kann, ob du mich noch im
Lande der Lebendigen vermuthest, oder schon im Elisium glaubst. Auch mir wrde
es so ergangen seyn, wenn nicht der ffentliche Ruf ersetzte, was unserer losen
Freundschaftsverbindung fehlt, und ich nicht durch ihn erfahren htte, da du
lebst, und dich im Kriege mit Ruhm auszeichnest. Der Ruf spricht mit Achtung von
dir, und ich gestehe dir freimthig, da ich ihm mit Wohlgefallen horche, wenn
er mir von dem Gastfreunde unseres Hauses angenehme und ehrenvolle Dinge
erzhlt. Doch htte ich weder Lust noch Muth, deinen Geist, der, so gewissenhaft
zwischen huslicher und kriegerischer Pflicht getheilt, den Lohn fr diese in
jener suchte, und fand, auch nur einen Augenblick von so anziehenden
Beschftigungen abzurufen. Dieser wahrlich gewissenhaften Rcksicht mut du es
zuschreiben, wenn ich dich mit keiner Antwort auf deinen ersten und letzten
Brief aus Nikomedien bemhen wollte. Du gingst, wie du mir schriebst, gleich zum
Heere ab, und was sich dort mit dir zutrug, weit du, und in Rom wei man es
auch. Jetzt aber fordert eine dringende Pflicht, die Pflicht der Freundschaft
gegen eine edle unglckliche Frau, mich auf, alle anderen Betrachtungen aus den
Augen zu setzen, und deinen Edelmuth, deine Redlichkeit anzusprechen, um von dir
Hlfe, oder wenigstens Rath fr deine Freundin zu erhalten.
    Es ist mir sehr unangenehm, da die Art meines Anliegens mir nicht erlaubt,
weder dein Geschlecht berhaupt, noch deine Liebe fr einen sonst schtzbaren
Mann zu schonen, gegen den ich eben klagen mu. Schliee aber daraus, welches
Vertrauen ich auf dein strenges Pflichtgefhl, und deine vorurtheilslosen
Ansichten setze, indem ich mich ohne weitere Umschweife in dieser Sache an dich
wende.
    Du weit, in welchem Verhltni Sulpicia und Tiridates standen, als dieser
im Frhlinge Rom verlie. Ihre Ansprche an seine Treue waren vollgltig, durch
ihre grenzenlose Liebe und tausend Aufopferungen wohlverdient, ihre Hoffnungen
auf seine Hand rechtmig und gegrndet, und durch heilige Eide versichert. So
schied er von ihr, und lie sie in huslichen Verhltnissen zurck, ber deren
Schwierigkeit und Unannehmlichkeit er sich unmglich tauschen konnte, und an
denen doch eigentlich seine Verbindung mit ihr Schuld war. Ein alltgliches
Geschpf von Ehemann erniedrigt sie durch Verdacht und Auflauren, whrend ein
harter Vater sie mit Vorwrfen qult, welche nur wirkliche Vergehungen
rechtfertigen knnten, die aber in Sulpiciens Falle, wo blos das Herz - doch
wozu brauche ich dir ein Verhltni zu schildern, das du wohl kennst, und einst
mit zu groer Strenge gerichtet hast? Vielleicht denkst du jetzt auch ber
diesen Punkt milder, und sptere Erfahrungen mgen deine Ansichten verndert
haben. Wie aber immer deine Denkart seyn mag, so glaube ich, wirst du doch darin
vollkommen mit mir bereinstimmen, da Treue, ausschlieende Anhnglichkeit, und
festes Verfolgen des abgeredeten Planes, Bedingungen sind, die, wenn sie
gehalten werden, nicht groes Aufhebens, und wenn sie gebrochen werden, den
allerstrengsten Tadel, ja gar keine Entschuldigung verdienen. Was soll also die
unglckliche Sulpicia denken und fhlen, wenn sie von allen Seiten besttigen
hrt, da der leichtsinnige Tiridates, versunken in Asiens Wollste, bestrickt
von verfhrerischen Weibern, von Einer zur Andern gedankenlos flattert, und, von
den Freuden des Hofes trunken, nicht Zeit hat, sich um so geringfgige Sachen zu
bekmmern, als der Thron seiner Vter, und die Ruhe eines Herzens ist, das sich
ihm ganz und willenlos geopfert hat?
    Wie zerrissen dies schne, edle Herz ist, wird dir der beigeschlossene Brief
zeigen, den ich aus Baj von ihr erhielt, wo ihre niedrigen Peiniger sie
eingeschlossen halten, um ihr den letzten Trost, den Umgang mit mir, zu
entziehen. Serran's kleiner Geist frchtet meinen Einflu, darum hat er seine
Frau aus Rom entfernt; und Sextus Sulpicius sieht in mir nichts, als eine
schlaue Mittlerin eines verbotenen Verhltnisses. Wie knnte auch seine
grobgeschnitzte Seele, die an keine weibliche, ja an keine menschliche Tugend,
als allenfalls den Patriotismus glaubt, sich zu dem Gedanken erheben, da man
einander wirklich lieben, und durch diese Liebe sich recht viel seyn kann? Diese
Lage allein wre schon hinreichend fr Sulpicien, das Mitleid und die Schonung
der ganzen Welt aufzufordern, um wie viel mehr die allerzarteste Aufmerksamkeit
desjenigen, fr den, um dessentwillen sie so sehr leidet. Aber dieser
leichtsinnige Knigssohn vergit ihrer im Arm asiatischer Hetren, und vermehrt
ihre Qualen noch durch den scharfen Stachel, den seine Untreue, der Gedanke, so
gewissenlos vergessen zu seyn, in ihr zerrissenes Herz drckt.
    Zwar will ich gern glauben, da der immer vergrernde Ruf auch hier Manches
hinzugesetzt hat, was nicht so ganz wahr ist; indessen, wenn ich auch die Hlfte
abrechne, bleibt noch immer genug brig, um Tiridates sehr strafbar erscheinen
zu machen. Noch schreibt er ziemlich oft und ziemlich warm an Sulpicien; aber
was ist dies fr ein Herz, das von Zweifel und Angst gefoltert wird, und in der
sehr natrlichen Voraussetzung, da der Prinz wohl so klug seyn wird, sich nicht
selbst anzuklagen, seine Briefe schon mit ungnstigem Vorurtheil empfngt? Da
wird jedes khlere Wort, jeder unvorsichtige Ausdruck eine neue Quelle des
Argwohns. Bei einem Brief kommt so viel auf die Stimmung des Lesenden an, sie
gibt die Musik zu den Worten. Was kann der todte Buchstabe, was kann ein treuer
Freund zur Beruhigung sagen, wenn ein krankes Gemth mit jener geflissentlichen
Grausamkeit, die eben den bessern Seelen eigen ist, in jedem Worte einen Pfeil
finden will, um ihn tiefer in seine Wunden zu drcken? O wahrlich! solche
Gemther sind sehr zu beklagen, sie sind ewig das Spiel und der Raub der rauhern
strkern Seelen.
    Bei dieser Lage der Sachen, bei der halben Ungewiheit, in der wir ber
Tiridates wahre Gesinnungen schweben, und bei der Unmglichkeit, im Geringsten
auf ihn wirken zu knnen, wende ich mich nun an dich, und hoffe von deiner
Denkart, von deiner Achtung fr Sulpicien, und hauptschlich von deiner genauen
Verbindung mit dem Prinzen, noch allein das Wenige, oder Viele, was sich in
dieser Sache thun lt. Zuerst ersuche ich dich um eine genaue Nachricht von
Tiridates Lebensart und Gesinnungen, so weit du sie zu kennen vermagst. Fr's
Zweite berlasse ich deinem Gefhle, deiner Beurtheilung, die weitern Schritte
zu bestimmen, die allenfalls noch hierin zu thun wren. Deine Denkart ist mir
Brge, da ich meine Freundin hier nicht aussetze, da nichts geschehen wird,
worber sie zu errthen, ja, was sie nur von fern ungethan zu wnschen haben
wrde. Leite, fhre du die Sache, wie du es fr gut findest; ich lege mit
Zufriedenheit Sulpiciens Geschick und meine treue Sorge fr sie in deine Hand,
und erwarte, wo nicht Hlfe, - denn wer wei, ob du die gewhren kannst? - doch
wenigstens Trost und Beruhigung fr sie von deinem Herzen.
    Mein Vater und meine Brder, die alle recht wohl und vergngt sind, gren
dich herzlich durch mich. Solltest du zu antworten nthig finden, so sey auch so
gtig, mir den Ort deines Aufenthalts zu bemerken. Nicht immer wissen wir in Rom
genau die Standrter unserer Armeen, und nicht immer ist ein Legat so glcklich,
im Hause seines Feldherrn zu leben, und alle seine Leiden und Freuden mit ihm zu
theilen. Leb' wohl.

                          26. Sulpicia an Calpurnien.


                          (Im vorigen eingeschlossen.)

                                                             Baj, im Sept. 301.

Mit unsglicher Mhe und Aufopferungen, die mich mehr kosten, als ich zu sagen
im Stande bin - denn es gilt hier nicht Geld, oder Geldeswerth, sondern
Grundstze und Gefhle, deren Unterdrckung mein innerstes Leben angreift - habe
ich einen Sclaven auf unserm Landgute, gewonnen, der sich endlich erboten hat,
dir diesen Brief zu bringen. Allmchtige Gtter! Zu welchen Erniedrigungen
zwingt mich die verchtliche Gesinnung Anderer, und die Nothwehr, die ja auch
dem schwchsten Wurm gegen seinen Peiniger erlaubt ist! Bestechung, Verlockung
von der dem Gebieter geschworenen Treue mu ich mir zu Schulden kommen lassen.
Ich, die ich jeden Winkelzug, jede Unredlichkeit, als meiner Natur widernd,
hasse, ich mu die Betrger berlisten, weil ich sonst - o Gtter, Gtter!
welche Lage! - weil ich sonst verzweifeln mte. Sterben? Kleinigkeit! Tag und
Nacht sind die Pforten des Todes geffnet, und wer zu sterben wei, braucht
nicht zu dienen. - Aber sterben wollen, und keines Augenblicks, keiner Bewegung
Herr seyn, sich auf jedem Schritt beobachtet, bei jedem Laut behorcht fhlen, zu
wissen, da alle Schrnke und Kisten durchsucht, und alle Mittel zur Flucht
nicht allein aus diesem Aufenthalte, sondern auch aus dem Leben genommen sind;
das zu wissen, und mit der Wuth der Ohnmacht seine Ketten zu schtteln, ohne sie
zerreien zu knnen: das ist die schrecklichste Lage, in der ein Sterblicher
sich befinden kann! Man hat in Rom erkundschaftet, da ich durch dich Briefe aus
Asien bekam, da jene unselige Verbindung durch die vorigen Maregeln noch nicht
abgebrochen war, und man schritt nun zum Aeuersten. Man schleppte mich in diese
Einsamkeit, man hlt mich wie eine Verbrecherin, und man macht sich ein Geschft
daraus, mir das Leben zu verbittern. Ja, was der Mensch dem Menschen thun kann,
ist das Hchste und Niedrigste. Die grte Erdenseligkeit und die schrecklichste
Verzweiflung huft er auf seines Gleichen.

Ja, die hchste Erdenseligkeit und die tiefste Verzweiflung! Vom Schicksal
verfolgt, gemihandelt, flchtet das zerrissene Herz an den Busen der Liebe, und
dort, in ihren weichen Armen, von ihren Thrnen benetzt, von ihrem Hauche neu
belebt, wei es nichts mehr von den Tcken des Schicksals, und ist selig in dem
Gedanken, treu und wahrhaft geliebt zu seyn. Nein, der Sterbliche ist nicht zu
beklagen, der ein geliebtes Herz ganz besitzt, und in dem seligen Bewutseyn
ruht, was auch sein Loos sey, wie weit Zeit und Raum ihn von diesem Herzen
scheiden, es fhlt fr ihn, es schlgt nur fr ihn, es achtet kein Opfer, keine
Gefahr, um den Geliebten glcklich zu machen. La dann die ganze Natur, la die
Gtter sich wider ihn verschwren, er achtet ihrer Wuth nicht, er liebt - und
wird geliebt. O, ich Rasende! da ich damals klagte, da nichts als eine
Verkettung von Umstnden ein geliebtes Wesen schuldlos aus meinen Armen ri!
Damals whnte ich unglcklich zu seyn, und was hin ich jetzt? Sie war Frevel,
diese unzeitige, unmige Klage; Kleinigkeit, Spiel waren die Leiden, die ich
damals fhlte, gegen die Martern, die mich jetzt verzehren. Damals war ich
geliebt, damals schlug ein Herz treu und ausschlieend fr mich. O ihr Gtter!
Nehmt, nehmt mir Alles, was noch an meinem Loose wnschenswerth seyn mag, und
gebt mir jene Schmerzen wieder! Gebt mir sie wieder, die Zeit, wo ich euch durch
voreilige Bitten bestrmte, ich fordere euch heraus, mich unglcklich zu machen,
so lange ich geliebt bin. Aber ich bin nicht geliebt, ich bin nicht geliebt! O
mit brennendem Schmerz reit dieser Gedanke an meinem Herzen: ich bin nicht
geliebt! Was in diesen Worten liegt, drckt keine Sprache aus, nur die
Verzweiflung in ihrer dumpfen kalten Nacht fhlt die Qualen, die sie enthalten.
Zwei Tage trug sich dies Herz mit tuschenden Hoffnungen, jene Nachrichten
knnten Verleumdung seyn, eine wohlausgesonnene List meiner Peiniger. Die
bitterste Erfahrung, ganz unzweifelhafte Beweise haben mir gezeigt, da Alles,
was man mir sagte, Wahrheit, und mein Unglck entschieden sey. Ein gewisser
Marcius Alpinus aus Nikomedien, eines von jenen kaltvernnftigen Wesen, die
nichts tiefer verachten und besptteln als Gefhl, hat an einen seiner Freunde
geschrieben, und von diesem erhielt mein Bruder Septimius den Brief. Asiatische
Hetren, zwar verheirathete Matronen und vom ersten Range, nichts desto weniger
aber an Gesinnung und Betragen den Verworfensten ihres Geschlechtes gleich,
theilen sich in ein Herz, das ich einst in einem dunkeln verworrenen Traume mein
zu nennen whnte. Treue, Schwur, Ehre, Ruhm und Thron verschwinden aus den
verblendeten Augen, die nur mit wollstiger Trunkenheit an schnen Formen
hangen; und gleichgltig opfert man das Glck eines lngst vergessenen Herzens
am Altare einer frechen Schnheit.
    O wer gibt mir Dumpfheit, Wahnsinn, Vernichtung! Ich will ja nicht leben,
ich will ja ein zweckloses Daseyn nicht lnger hinschleppen. Liebst du mich,
Calpurnia! hast du in der groen Welt nicht auch jede bessere Empfindung
verlernt, so besorge mir nur einen einzigen wohlthtigen Tropfen, nur Einen, der
genug ist, mein Leben auszulschen!

                         27. Agathokles an Calpurnien.


                                                           Nisibis, im Oct. 301.

Dein Brief, meine edle Freundin! hat mir ein wahrhaft groes und ein dreifaches
Vergngen gemacht. Er hat mich wieder in die schne Zeit zurckgezaubert, wo ich
in Rom in deines Vaters Hause mit dir und den Deinigen so angenehme Tage
verlebte, deren grter Reiz in deinem heitern geistvollen Umgang bestand. Er
hat mir Nachricht von lieben Entfernten gegeben, deren Andenken mir unvergelich
bleiben wird; und endlich hat er mir das erhebende Gefhl gewhrt, mich von
einer edlen Seele mit Achtung und Zutrauen behandelt zu sehen. Innig danke ich
dir fr jede dieser angenehmen Empfindungen, vorzglich aber fr die letzte, die
zu verdienen und zu rechtfertigen mein thtigstes Bestreben seyn soll.
    Du weit, meine Freundin! du wiederholst es sogar in deinem Briefe, da die
Verbindung zwischen Sulpicien und dem Prinzen mir nie, weder vernnftig, noch
rechtmig schien. Indessen, so dachte ich mir den Ausgang nicht, obwohl ich
Tiridates ziemlich genau zu kennen glaubte. Seit wir in Asien sind, haben wir
uns beinahe nicht mehr gesehen, die Reise und ein paar Tage nach unserer Ankunft
in Nikomedien ausgenommen. Wir schreiben uns zuweilen, aber meistens nur ber
Angelegenheiten des Kriegs, oder andere Geschfte. Ich wei also nichts
Bestimmtes ber seine Lebensweise und seinen Umgang. Gerchte, Sagen laufen
freilich hin und her, ber auf sie kann ich kein Urtheil bauen. Auch wrdest du,
meine Freundin! nicht mit dem zufrieden seyn, was ich dir vom Hrensagen
berichten knnte. Sey aber versichert, da ich Alles thun werde, was in meiner
Macht steht, um hierber Gewiheit zu erlangen, und da ich dann so handeln
werde, wie es mein bester Wille, die Umstnde, dein edles Zutrauen und
Sulpiciens Lage nur immer von mir fordern knnen.
    Uebrigens bitte ich dich zu bedenken, da Tiridates sich durch Geburt,
Schicksal und persnliche Annehmlichkeiten genug auszeichnet, um von der migen
Menge bemerkt, besprochen, beneidet, getadelt zu werden; wie auch, da ein
liebenswrdiger Prinz an einem ppigen Hofe manchen Versuchungen und
Fallstricken ausgesetzt seyn mu. Vieles, was geschehen konnte, wird dann als
gethan vorausgesetzt, und erzhlt; Vieles, was verworfenen Menschen
wahrscheinlich ist, von ihnen als wahr verkndet, und die Welt urtheilt schnell,
leichtsinnig und lieblos. Schon, da er immer in Nikomedien seyn soll, ist
Verlumdung. Er befindet sich grtentheils bei dem Heere des Csar Galerius, wo
er sich durch persnliche Tapferkeit und Feldherrn-Talente gleich rhmlich
auszeichnet.
    
    Glaube nicht, da ich Tiridates hierdurch entschuldigen will. Ich wei
nichts, und kann also nichts, weder fr noch wider ihn, behaupten; bis ich aber
etwas mit Gewiheit erfahre, knnten diese Betrachtungen vielleicht beitragen,
Sulpicien zu beruhigen, und zu verhten, da diese unglckliche Frau sich nicht
vergeblich in Gram verzehre. Wenn sie wissen darf, da du mir geschrieben hast,
so sage ihr, da mein Herz innig mit ihr fhlt, sie tief betrauert, und, selbst
unglcklich, ihr Leiden wohl zu begreifen, und zu theilen versteht. Marcus
Alpinus ist mir brigens aus frheren Zeiten als ein Mann bekannt, der mit einem
durchdringenden Verstande, durch den Umgang der groen verderbten Welt, durch
Wollste aller Art und eine herzlose Klte endlich dahin gekommen ist, an keine
Tugend mehr zu glauben, und nichts fr wrdig und schtzbar zu halten, als was
unsere Sinne auf irgend eine Art in angenehme Bewegung zu setzen vermag. Sein
Urtheil wird immer richtig seyn, denn er ist sehr verstndig; seine Ansichten
aber sind es gewi selten.
    Noch habe ich einen Punkt zu berhren, den ich, so ungerne ich ber
dergleichen Dinge spreche, unmglich bergehen kann. Du scheinst, meine edle
Freundin! von meinem Schicksale unterrichtet zu seyn; aber ich frchte, es war
nieder nur der Ruf, oder etwas dem hnliches, der dir nicht ganz getreu
berichtet hat. Ja, ich habe Larissen, die Freundin, die Geliebte meiner Jugend
gefunden. Ein seltsames Verhngni hat sie als die Gemahlin meines Feldherrn mir
wieder gezeigt. Es wrde thricht seyn, und deines Verstandes spotten heissen,
wenn ich behaupten wollte, sie sey mir gleichgltig. Nein, Calpurnia ich liebe
sie noch, wie ich sie in meiner ersten Jugend liebte. Aber diese Neigung ist
nicht, wie bei Sulpicien und Tiridates, hoffnungsvoll und gegenseitig. Larissa
behandelt den Freund ihrer Jugend, der ihr Zutrauen nicht verwirkt hat, mit
Achtung und Freundschaft; aber Larissa und Demetrius sind Christen, ihre
Religion weiht die Ehe zu einem unauflslichen Bande, das nichts als der Tod
trennen kann. Du siehst also, da ich keine Hoffnung nhren darf. Bedaure mich,
meine Freundin! aber spotte meiner nicht. Nur der Glckliche kann dies ertragen.
    Deinen nchsten Brief, wenn du mir die Freude gnnen willst, mich etwas von
dir, den Deinigen und unserer unglcklichen Freundin wissen zu lassen, sende
nach Nikomedien an meinen Vater. Er wei immer am ersten und zuverligsten, wo
ich mich befinde. Vielleicht bin ich sogar bis dahin selbst dort. Der heie
Wunsch, einem Verhltnisse zu entfliehen, das sich weder mit meiner Ruhe, noch
meiner Ueberzeugung vertrgt, und die Nothwendigkeit, selbst mit Tiridates zu
sprechen, wird mich ohne Zweifel bald dahin rufen.
    Nimm noch einmal den wrmsten Dank fr dein Vertrauen, und die Versicherung,
und die Versicherung, da an jedem Orte, und in allen Verhltnissen Nachrichten
von dir und den Deinigen meinem Herzen eine hchst willkommene Erscheinung seyn
werden.

                         28. Larissa an Junia Marcella.


                                                           Nisibis, im Oct. 301.

So ist denn keine irdische Freude von Bestand, und der Himmel, der sie uns, kaum
empfunden, wieder entzieht, scheint uns immerfort zu ermahnen, da wir hier
nicht in unserer Heimath sind. Freundliche Gestalten begegnen dem Pilger, die
schnell an ihm vorbergleiten, liebliche Gegenden erffnen sich ihm, in denen er
so gern verweilen mchte - umsonst! das Schicksal treibt ihn fort, sein Bleiben
ist hienieden nicht, und fern, fern von den reizenden Umgebungen, mu er durch
ein dunkles grauenvolles Thal, um jenseits die sonnige Hhe zu erklimmen, von
deren Gipfel der Kranz der Vollendung strahlt.
    Ja, meine Junia! der kurze Frhlingsschimmer meines Glckes ist
verschwunden. Trbe Wolken steigen herauf, und verfinstern den freundlichen Tag,
in dessen holdem Lichte mein wundes Herz sich zu erholen anfing. Was noch aus
mir werden soll, wei nur Gott: aber, da er es wei, da ich seiner Vaterhuld
mein Schicksal getrost berlassen darf, das ist fr jetzt, und wird wohl fr
immer meine einzige Beruhigung seyn.
    Demetrius fing an, sich nach und nach zu erholen. Er konnte das Bett wieder
verlassen, und entwarf bereits mit seinen Offizieren weitere Plane fr den Rest
dieses, und den Anfang des nchsten Feldzuges. Ich berlie mich sanften
Hoffnungen von der Dauer meines Glckes, als auf einmal ein Befehl des
Diocletian erschien, der meinem Gemahl in unsanften Ausdrcken die allzugewagte
Strmung von Nisibis vorwarf, und es ihm zum Fehler anrechnete, diese That, bei
so weniger Hoffnung auf glcklichen Erfolg gewagt, und so viele Leute geopfert
zu haben. Wenn du indessen wtest, wie es mit uns stand, wie das Heer von
Unmuth, Krankheit und Mangel aufgerieben, weit mehr dadurch verlor, als durch
den blutigsten Sturm, wie geflissentlich man es ohne Hlfe lie, wie - doch wozu
dies Alles wiederholen, was ich dir doch nicht so umstndlich beschreiben kann,
und was jetzt nichts mehr ntzt? Genug, mein Mann wurde des Befehls ber seine
Armee enthoben. Seine hohen Jahre, seine Krankheit dienten zum bessern Vorwand,
und Marcius Alpinus, der ein Liebling des Galerius, und vorher Tribun bei seiner
Leibwache gewesen war, ist schon auf dem Wege, seine Stelle einzunehmen. Wie das
meinen Mann schmerzt, wie es ihn, den kaum Genesenen, von Neuem niederwirft,
sein Gemth bitter, seine Stimmung reizbar macht, kannst du dir vorstellen; und
da Alles, was ihn umgibt, und ich zuerst darunter sehr leiden mu, ist wohl
eben so natrlich. Er hat auch sogleich seinen vlligen Abschied begehrt, er
will einem Staate nicht langer dienen, der ihn so mikennt. Der Vorwand, unter
dem ihm das Commando genommen worden, dient ihm eben so, seine Entlassung zu
fordern, und wir werden uns in wenig Tagen auf den Weg nach unserer Villa am
Ufer des Bosphorus begeben.
    So wird es mir denn also von den Umstnden selbst sehr leicht gemacht,
deinen Rath zu befolgen, und mich von Agathokles zu trennen. Es ist auch in
Rcksicht dieses Verhltnisses schon eine Zeit her nicht mehr Alles, wie es war,
wie es seyn sollte. Ich sah schon vorher mit Schmerz, da Agathokles meine
schne friedliche Stimmung nicht theilte. Eine unruhige Heftigkeit lag in seinem
Wesen. Sein Blick, den er selten offen auf mich richtete, hing oft verstohlen
mit wilder Gluth an mir, und sank scheu nieder, wenn ihn mein Auge traf. Ich sah
ihn bei meiner unverhehlten Herzlichkeit bald feurig auflodern, bald sie mit
starrer Klte aufnehmen. Jetzt schien er mich mit heier Liebe zu suchen, jetzt
geflissentlich zu vermeiden; kurz, er war ungleich, launisch, mchte ich sagen,
und der stille Frieden entfloh durch dies Betragen auch endlich aus meiner
Brust. Ich glaubte indessen nichts darin zu sehen, als die lngst gemachte
Bemerkung, da es den Mnnern so gar nicht mglich ist, eine ruhige sanfte
Neigung zu nhren, und sich mit den Rechten und Empfindungen der Freundschaft zu
begngen, wenn ihnen der volle ausschlieende Besitz versagt ist, und es that
mir weh, sogar einen Agathokles nicht frei von den Schwachen seines Geschlechtes
zu finden.
    Aber seit einigen Tagen bemerkte ich, da er mehrere Briefe aus Rom und
Nikomedien erhielt, und sie sehr angelegentlich beantwortete; auch schien er mir
noch dsterer und tiefsinniger als vorher. Einer dieser Briefe nach Rom war an
eine gewisse Calpurnia. Das erfuhr ich zufllig. Calpurnia heit die schne
Tochter des Lucius Piso, bei welchem Agathokles in Rom gewohnt hat, von deren
unwiderstehlichen Reizen ich schon fters von unverdchtigen Zeugen sprechen
gehrt habe. Gestern kndigte er uns an, da ihn Tiridates nach Nikomedien
beschieden habe, und er Nisibis noch vor uns verlassen msse. Wie das
zusammenhngt, sehe ich wohl nicht ein, aber da es zusammenhngt, das fhle
ich, und erkenne es bestimmt aus tausend Kleinigkeiten, die ich wohl zu
vereinbaren wute. Ich lugne dir nicht, da es mich tief schmerzt, nicht
allein, da Agathokles sich, wie es scheint, freiwillig von uns entfernt, und
die kurze Zeit unsers Beisammenseyns noch abkrzt, sondern da er mir, mir,
deren Herz so offen vor ihm lag, mir, der Jugendgespielin, der innigsten
Freundin ein Geheimni aus den Schritten macht, die er thut.
    Zwei Tage werde ich noch mit ihm zubringen, vielleicht die letzten in meinem
Leben! Es ist sehr ungewi, ob ich ihn je wieder sehen werde, und die kurze Zeit
meines Glcks wird mir wie ein Traum vorkommen, aus dem ein unfreundlicher
Morgen mich weckte. Und doch soll ich wnschen, von ihm getrennt zu seyn! Doch
soll ich die Stunde segnen, die uns - fr immer - scheidet? Ach Junia, ich
vermag es nicht! Jetzt, in dem Augenblicke wo der Himmel das Gebet erhrt, das
ich in der Angst meines Herzens oft zu ihm sandte, wo der Zweifel an meines
Freundes Offenheit, an seiner ausschlieenden Liebe mir die Trennung erleichtern
sollte, jetzt fhle ich alle Krfte schwinden, und ich zittere vor dem Gedanken,
ihn nicht mehr zusehen, vor dem Gedanken, da er mich nicht so ausschlieend
liebt, als ich glaubte. Was wirst du von mir denken, wenn du dich der vielen
Stellen erinnerst, wo ich in pltzlicher Aufwallung von Selbstverlugnung
betheuerte, da ich es gelassen ansehen wollte, wenn er mich verge, um ruhig
und glcklich zu seyn? Wie so schwach ist das menschliche Herz, wie so ganz aus
Widersprchen zusammengesetzt! Wie so gar nichts ist unsere Tugend, wenn die
Vorsicht sie auf eine ernste Probe setzt! Das Schicksal scheint mich bei dem
raschgesprochenen Wort zu nehmen. Es ist mglich, da er eine Andere liebt - und
ich schaudere vor der Erfllung rechtmiger Wnsche, die ich einst so herzlich
wnschte.
    Ach, warum hat ein unvorgesehener Zufall, wie du mir neulich schriebst,
Apelles Ankunft verzgert? Gewi, Junia! ich wre nicht so schwach, so elend,
wenn der Geist dieses Mannes meine sinkende Seele aufrecht hielte. Er wird
kommen, schreibst du, ach wann - und nach welchen Auftritten! In fnf Tagen gehe
ich mit meinem Gemahl nach unserm einsamen Landgute Trachene ab. In der
traurigsten Jahrszeit, in ununterbrochener Einsamkeit wird dort mein Leben an
der Seite eines krnklichen, und durch sein Schicksal gebeugten Greises
verflieen. Knnte mich Apelles dort besuchen, so wrden meine Wunden sich
stiller verbluten, und vielleicht eine Spur des Friedens wieder in mein Herz
einkehren, der jetzt vor so viel Strmen entflohen ist, und den ich einst unter
allen Leiden so sorglich bewahrt habe.
    Sage ihm das, meine Junia! sage ihm, wie es mit mir ist, und wie sehr ich
den Abgang eines weisen, festgesinnten Freundes fhle, dessen richtiger Sinn
mein schwankendes Gemth in den gehrigen Schranken halte. Deinen nchsten Brief
sende nach Trachene. Leb' wohl.

                           29. Agathokles an Phocion.


                                                        Nikomedien, im Nov. 301.

Ich bin von Larissen getrennt! Der Wunsch, den meine Vernunft seit jenem Zufall,
der uns vereinigte, meinem Herzen aufgedrungen hat, ist erfllt, meine Fesseln
sind zerbrochen, ich bin frei. Keine verfhrerische Gegenwart macht die stolzen
Vorstze, die ich in einsamen Stunden fate, zu nichte, kein mildes, herzliches
Betragen fordert meine Seelenkrfte zum Kampfe auf, es ist nicht mehr die
schreckliche Wahl zwischen Tod und Verrath, die vor mir liegt. Der Weg der
Pflicht steht offen, ich habe ihn mir zum Theile selbst gebahnt, ich habe ihn
muthig betreten, und dennoch - dennoch fhle ich mich sehr unglcklich. Da ich
nicht mehr beim Heere bin, wird dir der Anfang meines Briefs gezeigt haben. Die
Kabale hat gesiegt, Demetrius ist vom Commando entfernt; das, was auf
Schleichwegen nicht zu erhalten war, ist nun durch einen Machtspruch ertrotzt
worden. Die Feinde des redlichen, vielleicht nur allzu gewissenhaften Demetrius
haben selbst den hellsehenden Diocletian diesmal zu berlisten verstanden. Man
hat ihm die Sache aus dem falschesten Gesichtspunkt gezeigt, und er hat gethan,
was sie ihn thun lassen wollten, er hat dem Feldherrn das Commando genommen, und
sein Nachfolger ist auf dem Wege. Demetrius gereiztes Ehrgefhl erlaubte ihm
nicht, eine Wrde langer zu behalten, die nichts mehr als ein hohler Name ohne
Einflu und Wirksamkeit war. Er hat seine Entlassung auf der Stelle gefordert,
erhalten, und sich mit seiner Gemahlin in die Ruhe des Privatlebens
zurckgezogen. Aber noch ehe sie Nisibis verlieen, war der Plan, den ich, ohne
zu ahnen, was das allzugefllige Schicksal fr mich thun wrde, entworfen hatte,
zur Reise gekommen. Tiridates hatte auf mein Verlangen vom Galerius die
Erlaubni bewirkt, mich zu sich zu rufen. Ich erhielt den Brief nur um acht Tage
spter, als Demetrius den seinigen. Er war nun vergeblich, denn die Trennung von
Larissen stand wir ohnedies bevor. Indessen, so weh es mir that, die letzten
schnen Tage meines Lebens verkrzen zu mssen, so rief doch eine heilige
Pflicht, die Pflicht der Menschlichkeit gegen eine Unglckliche, und die Gefahr
eines Freundes, der am Rande des Abgrunds stand, mich eilig nach Nikomedien.
Zwei Tage war es mir noch vergnnt, bei Larissen zuzubringen. Ich geno sie mit
eiferschtigem Geize, ich war den ganzen Tag um sie, ich labte mich in den
letzten Strahlen der scheidenden Sonne meines Glckes, ich wich nicht von
Larissens Seite, ich verbannte den schmerzlichen Zwang, der mich so lange Zeit
von ihr entfernt gehalten hatte, ich wollte noch einmal ganz glcklich seyn -
und sie verstand die heien Wnsche meines Herzens. Mit dem Zutrauen einer
Schwester, mit der Innigkeit einer Freundin behandelte sie mich, so offen, so
gtige so schonend! O Phocion! Was ist sie fr ein Wesen! Hingegeben mit aller
Wrme einer ersten unglcklichen Leidenschaft, und doch so rein, so streng! Die
Engel, die sie glaubt, knnen nicht sanfter, nicht unschuldiger lieben. Was bin
ich gegen sie! Auf welcher Hhe erscheint der stille Frieden dieser Seele, die
ergebene Geduld, mit der sie ihr schweres Schicksal trgt, der Reichthum ihres
Herzens, das, von eigenen Leiden zerrissen, doch noch Trost und Schonung fr den
Freund, noch zrtliche Achtung und kindliche Sorgfalt fr einen mrrischen,
kummervollen Greis hat!
    Ich werde sie vielleicht nie wieder sehen. In diesem Bewutseyn haben wir
uns getrennt. Demetrius entlie mich mit vterlicher Liebe, mit Thrnen; ich
empfing knieend seinen Segen. Er gab ihn mir als Vater, als Christ, und ich
konnte mich nicht enthalten, die Hand, die das Zeichen des Kreuzes (dies Symbol
der Christen) ber mein Haupt machte, mit kindlicher, dankbarer Rhrung zu
kssen. Es ist keine Tuschung. Das Christenthum erhebt den Menschen zu einer
bisher unbekannten Wrde, und in diesem selbstschtigen Zeitalter, wo alle
hheren Gefhle abgestorben, und die einzige Tugend, die einst die Menschen ber
den Staub erhob, die Vaterlandsliebe, ein nichtiges Gespenst geworden ist,
scheint alle Seelen-Gre, alle Fhigkeit sich ber das Sinnliche
emporzuschwingen, in den kleinen Kreis der Christen sich zurckgezogen zu haben.
Sie verzeihen ihren Feinden, sie beten fr ihre Verfolger, indessen der grte
Theil der Menschen Wiedervergeltung fr erlaubt hlt, und einige philosophische
Secten Zorn und Rachgier als erhabene Aeuerungen unserer Seelenkrfte preisen
und empfehlen.
    Ich habe hier in Nikomedien sogleich Geschfte gefunden, die mich auf eine
unangenehme Art von der wehmthig sen Beschftigung mit Larissens Andenken
abriefen. Tiridates allzuweicher Sinn hat nicht vermocht, den Lockungen der
Wollust zu widerstehen. Er war tief, tief gefallen. Es hat mich geschmerzt, ihn
so zu finden. Doch sah ich auch mit Vergngen, wie viel Kraft in diesem Geiste
ist. Die Stimme der Tugend hat noch Macht ber ihn; er hat sich ermannt, er hat
entehrende Fesseln gesprengt, und wird zu seiner Pflicht zurckkehren. Es ist
seltsam, wie in manchen Seelen die widersprechendsten Eigenschaften, die sich
einander aufzuheben scheinen, Platz finden knnen. Tiridates ist eine von diesen
schwankenden, oder reichen Naturen. Noch eben mit dem Plan zu einem Feldzug, mit
wrdigen Unternehmungen fr seine knftige Herrschergre beschftigt, achtet er
es nicht zu gering, mit eben so viel Ernst und Eifer den Plan zu einem ppigen
Feste zu entwerfen, liegt jetzt von Salben duftend, bekrnzt, auf Persischen
Teppichen ein verchtlicher Weichling, und springt beim Schalle der Tuba auf,
sich zu waffnen, strzt in die Schlacht, und fordert den gemeinsten Krieger
heraus, Mangel, Ungemach und Gefahren mit grerer Standhaftigkeit und
gelassenerem Muthe zu ertragen. Es ist, als ob zwei Seelen ihn belebten. Die
Ueppigkeit des Hofes, die Buhlerei verworfener Geschpfe, und der Umgang mit
herzlosen Wollstlingen hatten die bessere Seele in ihm auf eine Weile
unterdrckt; jetzt hat sie sich wieder mchtig erhoben, er ist sogleich zum
Heere abgegangen, und ich hoffe, es soll mir gelingen, ihn in dieser bessern
Stimmung zu erhalten.
    Mein freundschaftliches Verhltni zu Calpurnien hat sich wieder angeknpft,
sie hat mir in einer Angelegenheit geschrieben. Wahrlich, Phocion! sie ist auch
so ein Doppelwesen, ein weiblicher Tiridates in den Beschrnkungen und
Verhltnissen, die ihr Geschlecht nthig macht. Ich kann ihr meine Achtung in
gewisser Rcksicht nicht versagen; aber ich kann ihre Art zu denken nicht
billigen. Wie man hier erzhlt, soll der Kaiser ihren Vater als Proconsul nach
Nikomedien bestimmt haben, und die ganze Familie im Frhling hierher kommen. Ich
wei noch nicht, ob ich mich ber die Erneuerung dieser Verbindung freuen, oder
sie frchten soll. Leb' wohl!

                          30. Calpurnia an Agathokles.


                                                               Rom, im Nov. 301.

Die seltsamste Begebenheit von der Welt, eine Erscheinung, die schnell wie ein
Blitz kam, und verschwand, und der ich noch staunend nachsehe, ohne recht zu
wissen, ob ich nicht vielleicht getrumt habe, zwingt mich, schon wieder deine
Gte und Freundschaft fr meine Sulpicia in Anspruch zu nehmen.
    Sie ist fort - fort aus Baj, aus Italien - und ich mu eilen, diesen Brief
nachzusenden, und die Gtter um gnstige Winde anflehen, damit das Schiff, das
ihn bringt, die eilige Flucht eines verliebten Paares berhole, und dich auf
seine Erscheinung vorbereite.
    Vor drei Tagen sa ich gegen Abend in der Dmmerung in meinem Zimmer, als
pltzlich meine Thr hastig aufgerissen wurde, und eine mnnliche Gestalt, die
ich nicht sogleich erkannte, ungestm auf mich zueilte. Ich gestehe dir, da ich
im ersten Augenblick erschrak; denn ich vermuthete nichts anders, als einen
Anschlag auf mein Geld, meine Habseligkeiten. Ich sprang daher auf, und lief an
die entgegengesetzte Thr, um meine Sclavinnen zu rufen, als der Fremde mich
erreicht hatte, und mein Name, von einer bekannten Stimme ausgesprochen, meine
Schritte hemmte. Ich fhlte mich bei der Hand ergriffen, der Unbekannte lag zu
meinen Fssen - es war Tiridates. Was bei dem schnellen Wechsel von Erstaunen,
Schrecken und Freude in mir vorging, kann ich dir nicht beschreiben. Um aller
Gtter willen, wie kommst du hierher? rief ich. Lebt Sie - lebt meine
unglckliche Sulpicia noch? Kann sie mir verzeihen? Darf ich sie sehen? O ich
bin hier, um Alles gut zu machen. Ich mu sie befreien, ihr Leiden enden. Sie
mu mit mir fort. Mein Schiff liegt in Ostia. O fhre mich zu ihr, versume
keinen Augenblick! Dieser ganze Redestrom flo ununterbrochen von seinen
Lippen, ohne da es mir mglich gewesen wre, eine Sylbe einzuschalten. Als er
fertig war, sagte ich endlich: Steh doch auf, fasse dich, und erzhle mir
ordentlich und ruhig, wie das Alles! zusammenhngt. Er folgte mir zu einem
Sitze; aber da er sitzen geblieben wre! Zehnmal in einer Viertelstunde sprang
er auf, zehnmal setzte er sich wieder hin, und unter Ausrufungen, Verwnschungen
seiner selbst, des Schicksals und der Verwandten Sulpiciens erfuhr ich endlich,
da du ihm zuerst die Augen ber seine Schuld geffnet, da deine Freundesstimme
ihn von dem Abgrunde zurckgerufen, an dem er sorglos taumelte, da du ihn dann
mit Wrde und Schonung Sulpiciens Lage errathen lassen, und erst, nachdem sein
Herz von Selbsterkenntni und Neue ber Sulpiciens Leiden durchdrungen war, ihm
ihren Brief gegeben hattest, mit Einem Wort, da mein Freund so gehandelt hatte,
wie ich es von ihm erwartete, und innigst und gerhrt danke. Sehnsucht,
Sulpicien zu sehen, deren Bild, durch deine Schilderungen lebhafter als je in
seiner Brust erwacht war, strmisches Verlangen, sie aus ihrer drckenden Lage
zu befreien, und sein Unrecht wieder gut zu machen, hatten ihn hierauf zu dem
rasenden Entschlu bestimmt, sogleich nach Italien zu segeln, und sie mit oder
wider ihren Willen zu entfhren. Dir hatte er nichts von diesem Vorhaben gesagt,
weil er frchtete, du mchtest es mibilligen. Das Ungeheure dieses Plans machte
mich ganz stumm; es brauchte eine Weile, bis ich ihn begreifen, und ihm die
Einwrfe machen konnte, die Vernunft und Kenntni der Umstnde mir eingaben.
Umsonst! Wie konnte ich es auch nur versuchen, einem solchen Feuerkopfe Etwas
ausreden zu wollen, oder ihn von einem Vorsatze abzuhalten, der in diesem Gehirn
entsprungen, von diesem Gemth leidenschaftlich ergriffen worden war? Alles, was
ich erhalten konnte, war das Versprechen, Sulpiciens erschtterte Gesundheit zu
schonen. Noch dieselbe Nacht reiste er ab. Zwei halbtodt gerittene Pferde
bezeugten die unglaubliche Schnelligkeit, mit der er Baj erreichte. Er wute,
da sein Schiff nicht lange warten konnte, und weder in Rom noch Nikomedien
sollte Jemand seine Anwesenheit, oder den Zweck seiner Reise erfahren. Heute
Morgen brachte, ein alter Sclave Sulpiciens mir diesen Brief.

                            Sulpicia an Calpurnien.

Er ist hier. Ich bin geliebt! Er kommt, mich zu befreien, ich folge ihm. Den
Plan ist gewagt, aber gttlich. Wenn du dies liesest, schwimme ich weit von
Italien mit ihm ber die Fluten. Du wirst meinen Schritt fassen und nicht
tadeln. Was die Welt sagen mag, kmmert mich nicht. Leb' wohl!

Sie war also fort. Sie hatte eingewilligt. Ich wute nicht, ob ich mich freuen
oder betrben sollte. Wenn ich auf der einen Seite den Trost hatte, ihre Lage
gendert, und ihr Herz beruhigt zu wissen, so erschreckte mich auf der andern
die Sorge fr ihre Gesundheit auf einer solchen Reise, in einer solchen
Jahreszeit, und die Furcht vor ihrer Zukunft, da sie nun in der weiten Welt
keinen andern Schutz, keine Sttze hatte, als die Liebe und Treue eines so
leidenschaftlichen, leichtsinnigen Menschen, von dessen Wankelmuth wir schon
Proben genug haben. O was ist die Liebe, wenn sie einen solchen Grad erreicht,
fr ein schreckliches Feuer, das Ueberlegung, Ruhe, Leben, Alles verzehrt, was
dem Menschen sonst lieb und theuer ist.
    Ohne Zweifel wird sie Tiridates nach Nikomedien fhren; du wirst sie
vielleicht selbst sehen, oder doch leicht Nachricht erhalten. La - dies ist der
eigentliche Zweck meines Briefs, die dringende Bitte der Freundschaft - la dir
meine Sulpicia empfohlen seyn. Wache ber sie, wo ihre eigene Leidenschaft oder
fremder Leichtsinn sie schutz- und wehrlos lt. Sey ihr Freund, ihr Beschtzer,
ihr Rathgeber. Ja, wenn es dein Verhltni zu Larissen gestattet, dessen wahre
Beschaffenheit mir freilich der Ruf nicht ganz getreu mag berichtet haben, so
versuche es, Sulpicien die Bekanntschaft und vielleicht den Schutz dieser Frau
zu verschaffen. Knntest du dies, so wre mein Herz eines groen Theils seiner
Sorgen fr diese mileitete und bedauernswrdige Freundin los. Ich wei, du
wirst meine Bitte nicht bel deuten, und der Gedanke, einem hlflosen Wesen so
viel zu seyn, als du Sulpicien jetzt in Asien werden kannst, ist reizend genug
fr dein Herz, um deine ganze Thtigkeit aufzufordern.
    Es wre mglich, da ich selbst bis nchsten Frhling nach Nikomedien kme.
Man spricht davon, da mein Vater das Proconsulat erhalten soll. Doppelt wichtig
ist mir diese Aussicht jetzt, und ich werde mich sehr freuen, sie erfllt, und
mich mit so werthen Freunden, als du und meine Sulpicia sind, wieder vereinigt
zu sehen. Leb' wohl.

                          31. Sulpicia an Calpurnien.


                                                           Corinth, im Nov. 301.

Zum ersten Mal nach einer pfeilschnellen Reise von acht Tagen geniee ich einige
Stunden Erholung, und sie seyen dir geweiht, dir, du treue Freundin, du meine
Wohlthterin, meine Retterin! Ja, das bist du, Calpurnia! und mein Herz erkennt
es mit dankbarer Rhrung, und wird nie aufhren, dich zu lieben, und seine
Verpflichtungen zu fhlen, selbst wenn Zufall und Umstnde uns jede Hoffnung auf
knftiges Wiedersehen rauben sollten.
    Meine Abreise von Baj, welche die Stimme der Welt nicht unterlassen wird,
Entfhrung, Flucht zu nennen, war so schnell beschlossen und ausgefhrt, da mir
keine Zeit brig blieb, dich weitluftiger zu unterrichten, und dir die Unruhe
der Ungewiheit zu ersparen. Alles, was ich dir senden konnte, waren ein Paar
flchtige Zeilen. Jetzt, da ich dies schreibe, wirst du bereits mehr wissen;
denn ich zweifle nicht, da Serranus und mein Vater nicht gesumt haben werden,
bei meiner Mitverschwornen, wie sie dich nennen, genauere Erkundigungen ber
eine Begebenheit einzuziehen, von der sie dich gewi vollkommen unterrichtet
glauben. Es wird nicht auf die schonendste Art geschehen seyn; auch dafr mu
ich deine Verzeihung anflehen, obwohl ich dir nicht ungern eine kleine Bue fr
den warmen Schutz gnnte, den du vor einiger Zeit dem Serranus angedeihen
lieest, als du sogar fandest, da er ein recht ertrglicher Mann sey, mit dem
du ganz gut httest leben knnen.
    Doch lassen wir Serranus, und Alle, die ihm beistanden. Meine Ketten sind
zerbrochen. Ich bin frei; und es ist nicht die Hand des ernsten Genius, der,
seine Fackel senkend, mitleidig meinem Leiden ein Ende macht - ein schnerer
frhlicherer Gott hat die Fesseln gelset, und seine hellleuchtende Fackel
fhrte, wie das Gestirn der Dioscuren, unser Schiff dem sichern Zufluchtsorte
zu. Und diese namenlose Seligkeit danke ich den drei Wesen, die mir auf der Welt
am theuersten sind, dir, dem edlen Agathokles, und ihm - ihm, der aus der
dstern Nacht der Zweifel und des Mitrauens, schn und glnzend wie das Gestirn
des Tages, hervortrat, alle Schatten verscheuchte, alle Thrnen trocknete, und
mich zur hchsten Wonne erhob. O wer nicht unglcklich war, wie ich, wei einen
solchen Uebergang nicht zu schtzen. Nur der befreite Sclave kennt das Glck,
fessellos zu seyn, und ich war Sclavin, Sclavin im engsten, drckendsten Sinne
des Wortes - denn auch mein Geist war gebunden. Jetzt bin ich frei, frei, meine
Calpurnia, und im Arme der Liebe fhle ich die Seligkeit meines Daseins!
    Doch ich soll dir ja erzhlen und berichten, was mit mir vorging. Zehn Tage
sind es jetzt, als ich am Morgen nach einer halbdurchweinten Nacht, matt und
krank, auf meinem Bette lag. Da trat meine Chromis ein. Ein frhlicheres
Gesicht, als ich seit langer Zeit nicht an dieser treuen Seele sah, erweckte
mich zuerst aus meinen dstern Gedanken. Eine Botschaft von dir, vielleicht
Hoffnung auf deine Ankunft war das erste, das mir einfiel. - Was hast du? gute
Nachrichten aus Rom, von Calpurnien? Mitunter, aber auch von Weitem her, auch
aus Asien. Aus Asien rief ich heftig, was weit du aus Asien? Der Prinz ist
auf dem Wege nach Italien. Nicht mglich! Warum? Weswegen? - Ich war
aufgesprungen, und stand zitternd vor Chromis. Fasse dich, meine Gebieterin!
sagte das gute Mdchen, und leitete mich zurck zu Meinem Bette. Wie willst du
den Verlauf meiner langen, langen Botschaft anhren, wenn die ersten Worte dich
so erschttern? O sprich, sprich! Du tdtest mich durch dein Zaudern. Wo ist
Tiridates? Nicht weit von hier! Was will er? Was soll ich? Er wird doch nicht
- nach dem, was vorgefallen ist - Er kmmt wahrscheinlich, um sich zu
vertheidigen, und die bsen Gerchte zu widerlegen, die man sich ber ihn
erzhlt. - Er kommt hierher? Ich soll ihn sehen? O ich kann nicht, ich kann
nicht! - Doch, meine Gebieterin! Du sollst ihn sehen, anhren, ihm verzeihen! -
- O du verzeihst ihm gewi. Wer kann ihm denn zrnen, wenn man ihn sieht? Du
hast ihn gesehen? rief ich in der grten Erschtterung. Wo ist er - wo? Und ich
sprang auf's Neue auf, und wollte hinaus eilen, als Chromis mich zurck hielt:
Erlaube mir, meine Gebieterin! dich an die Tageszeit, an deine Gesundheit zu
erinnern. Die Sonne ist kaum aufgegangen, du bist leicht gekleidet, und wir sind
allenthalben beobachtet. Ich blieb stehen, aber Alles brannte und pochte in
mir. Was soll ich denn thun? rief ich endlich halbweinend aus: Was hast du mit
mir vor? - Wenn du dich beruhigen, wenn du mich gelassen anhren willst, so
will ich dir Alles erzhlen. Was war zu thun? Diesmal mute die Frau der
Sclavin folgen. Ich lie mich wie ein Kind von ihr leiten, und nun erzhlte sie
mir, da man sie gestern Abends, als ich schon schlief, unter dem Vorwand, einer
ihrer Verwandten warte im Gasthof des Dorfes auf sie, dahin gerufen habe. Sie
ging, und war sehr erschrocken, statt ihres Vetters, einen vermummten
Unbekannten zu finden, der sie auf eine geheimnivolle Weise in einen Winkel des
Hauses fhrte, und sich ihr dort zu erkennen gab. Er war es - mein Tiridates!
mein Befreier, meine rettende Gottheit!
    Er war gekommen, mich zu befreien, er hatte dem strmischen Meer in dieser
Jahreszeit Trotz geboten, und einen gefhrlichen Plan entworfen, um mich zu
retten. O fhle, fhle, Calpurnia! den Himmel, der in dem Gedanken liegt, so
geliebt zu seyn! und von einem Wesen, wie mein Tiridates! Mein Tiridates! Ich
sage es mit Stolz und Gtterlust - er ist mein! Du, Calpurnia! weit nicht, was
ich an ihm besitze; du warst nur seine Freundin, nicht seine Geliebte, seine
Braut. Ich wei, du achtest und liebst ihn; aber es ist nicht mglich, alle
Tiefen dieses reichen, wunderbar ausgestatteten Herzens zu ergrnden, wenn uns
nicht die Hand der Liebe leitet. Wie er liebt, mit dieser Strke und dieser
Zartheit, dieser Kraft und dieser Hingebung, so liebt nur ein Mann und ein
Mdchen zugleich. Er vereinigt beide Empfindungen in seiner Brust, er denkt wie
ein Mann, und fhlt wie ein Weib. Er ist mir Alles - Alles auf der Welt! Und
ohne ihn? O weg mit diesem schrecklichen Gedanken! Ich habe genug gelitten! -
Doch nein, nein! Ich habe nicht genug gelitten. So elend ich war, als Verdacht
und Eifersucht meine Brust zerrissen, und sein Gtter-Bild in dunkle Schatten
hllten, als der Leitstern meines Lebens verschwunden schien - ich war doch
nicht unglcklich genug, um diese Seligkeit erkauft zu haben!
    Und doch hat ihm mein Verdacht nicht ganz Unrecht gethan. Er hat mir Alles
bekannt, vor mir auf den Knieen liegend, das schne Gesicht in meine Hnde
verborgen, ber die seine glnzenden Locken fielen, unendlich liebenswrdig in
seiner Zrtlichkeit, unwiderstehlich in seiner Reue, hat er mir Alles erzhlt.
Ja, er war mir ungetreu; aber sein Herz wute nichts davon, nur seine Sinnen
waren bestrickt. O dies Herz, das reich genug ist, zehn alltgliche Geschpfe
aus seiner Flle berglcklich zu machen, behielt Raum genug fr seine bessere
Liebe, whrend einige gemeine Seelen im Sonnenblicke seines Wohlgefallens nach
ihrer Art selig herumgaukelten. Und doch klagte er sich an, doch hat er sich mit
einer Strenge beurtheilt, deren nur das zartfhlendste Weib fhig ist. O
Calpurnia! Was war das fr eine Scene? Nur um sie erlebt zu haben, lohnt es der
Mhe, geboren zu seyn! Wer sie erfahren hat, kann nie ganz unglcklich werden,
denn er war im Olymp, er hat seinen Lohn voraus, das Schicksal mag spter mit
ihm beginnen, was es wolle.
    Vergib, Calpurnia, theure Geliebte, da ich dir statt einer ordentlichen
Erzhlung Ausrufungen und Schilderungen meines Glckes schreibe! Du hast so treu
und thtig meine Leiden getheilt, du hast das erste heiligste Recht auf jede
meiner Freuden.
    Mit Chromis, und nach ihrem Rathe, hatte er nun den Plan entworfen, mich
noch denselben Tag zu befreien, wenn ich einwilligen wollte. Und wie htte ich
nicht sollen, wie nicht knnen? - Ich ging um die Mittagsstunde mit Chromis
unter dem Vorwande, zu versuchen, ob ich nicht im Meere baden knnte, an's
Gestade hinaus. Ein paar Sclavinnen begleiteten uns, weil man Chromis lngst
mitrauete, und sie nirgends allein mit mir hingehen lie. An der schattigen
Bucht, die uns in wrmern Tagen oft zu einem angenehmen Badeplatze gedient
hatte, lie ich, wie gewhnlich, die Mdchen warten, und ging mit Chromis tiefer
hinein. Man ahnete nichts, und lie uns gehen. Aber am Ufer des Meeres lag ein
Kahn, und in dem Kahn war ein Schiffer - Ach, Calpurnia! Welcher Schiffer!
Vermummt, und jedem Auge unkenntlich konnte er doch das Auge der Liebe nicht
tuschen. Ich sprang in's Schiff - ich lag in seinen Armen. Mit unbegreiflicher
Strke ruderte er allein den Kahn mit mir und Chromis durch die strudelnde
Brandung, und brachte uns an das grere Schiff, das nicht weit davon hinter
einem Felsen lag. Hier erst wagte ich es, mich meiner Rettung zu freuen. Hier
erst fhlte ich, was ich ihm dankte, und wie mein ganzes Wesen, meine Freiheit,
mein Leben, mein Glck sein Werk, das Geschenk seiner Hand war. Schn und
lieblich war bisher, der Jahreszeit ungeachtet, unsere Fahrt. Wir haben Corinth
ohne das mindeste Ungemach erreicht, und dieser glckliche Anfang soll meinem
Herzen ein Zeichen von der dauernden Gunst der Gtter seyn. Morgen gehen wir
schon von hier weg. Ein Schiff, das nach Nikomedien bestimmt ist, liegt
segelfertig im Hafen, wir werden es besteigen, und bald hoffe ich dir aus dieser
Stadt zu schreiben, wie glcklich ich bin, und wie ich Agathokles gefunden habe,
der jetzt dort seyn soll.
    Fordere nicht, meine theure Freundin! da ich dir eine Beschreibung der
merkwrdigen Stadt und des heiligen Isthmus gebe, auf dem ich mich jetzt
befinde. Fr tausend Reisende mag das sehr wichtig seyn, mir ist es nichts. Ob
ich auf einer wsten Insel, oder in Corinth lebe, ist mir gleichgltig. Genug,
ich lebe mit Tiridates; er ist meine Welt, und in dieser versunken, verloren,
was kmmert mich das Treiben der Menschen um mich? Was vollends die Geschichten
verflossener Jahrhunderte? Aus Nikomedien hoffe ich dir etwas Bestimmteres ber
mein Schicksal sagen zu knnen. Leb' wohl!

                         32. Junia Marcella an Larissa.


                                                            Apama, im Nov. 301.

Dieser Brief, meine geliebte Freundin! wird kaum ein paar Tage vor unserm Lehrer
und Freunde Apelles bei dir eintreffen. Endlich haben es seine Geschfte
erlaubt, den lngst versprochenen Besuch bei dir abzulegen. In einer Rcksicht
kommt er nun freilich zu spt; er wird dich in deiner Einsamkeit zu Trachene,
und nicht in der gefhrlichen Nhe eines allzugeliebten Freundes finden. Das ist
Fgung der Vorsicht, meine Theure! Hierin erkenne ich ihren Finger, nicht in den
kleinen Zufllen, die sich vereinigten, oder fr dich zu vereinigen schienen, um
ein Verhltni fortdauern zu machen, das zu gefhrlich war, als da du dich
lange httest darber tuschen knnen. Auch hier sah Agathokles schrfer und
weiter, als du. Seine Ungleichheit, sein Trbsinn, ber den du klagtest, war
nichts anders, als klare Einsicht in eure Lage, und zarte Schonung fr dich, die
er zu warnen nicht kalt genug war. Nun, ihr seyd getrennt, die Vorsicht hat sich
eurer erbarmt, und wie ein gtiger Vater die hlflosen Kinder gerettet, die ohne
seine Einwirkung verloren waren. La uns ihr dafr innig und herzlich danken.
Ich habe es mit Theophron und Apelles gethan, der nun mit viel leichterem Herzen
sich auf den Weg macht, um deinem wunden Gemthe Beruhigung und Trost zu
bringen. Er wird dir manches erzhlen, was hier vorgefallen ist. Es steht bei
weitem nicht mehr so, wie es vor vier Jahren stand! Galerius Ha gegen die
Christen hat viele Leiden ber unsere Brder verhngt. Es ist beinahe jetzt ein
Verbrechen, ein Christ zu seyn, oder wenigstens ein Grund zu tausend Neckereien.
Daher sind Einige ausgewandert, die Meisten halten sich verborgen. Es gibt nun
mehr, wie sonst, Unglckliche zu trsten, Arme zu untersttzen, und viele
Gelegenheiten, wodurch Einflu, Geld und Verbindungen den Bedrngten zu Hlfe
geeilt werden mu. Ich thue, was ich kann, und was die Pflichten gegen meine
Kinder erlauben; aber wie wenig ist, was ein Weib, eine Wittwe vermag, wo es
darauf ankommt, auer dem Umfang ihres Hauses, in den Verhltnissen der Welt zu
wirken! Wie schmerzhaft, fhle ich dann den Verlust eines geliebten Gatten, den
Gottes Rathschlu mir und seinen Kindern, so frh entri!
    Apelles wird Euch von Allem nher unterrichten, und Demetrius kann, wenn ihm
das Beruhigung gibt, sich mit dem Gedanken aufrichten, da er tausend
Leidensgefhrten hat, die des Csars wilder Ha, um ihres Glaubens willen, wie
ihn, verfolgt, neckt, strzt. Er wird euch auch noch mehr erzhlen, und einen
erhabenen Plan mittheilen, den der ehrwrdige strenge Heliodor - du wirst dich
seiner wohl erinnern - entworfen hat. Die barbarischen Nationen umlagern von
allen Seiten das rmische Gebiet. Ihre ungezhmte Rohheit, ihre einfachen
Sitten, gleichweit von unserer Cultur und unsern Lastern entfernt, erregtem
lngst in Heliodors eifrigem, menschenliebendem Gemthe den Wunsch, diese wilden
Naturen durch das Christenthum auf einem edleren Wege zur Bildung zu fhren.
Nicht unsere Knste, unsere Bedrfnisse, unsere Ueppigkeit sollen sie zuerst
kennen lernen; die christliche Religion soll vorher in ihren noch unverdorbenen
Herzen Wurzel fassen, ihre rohen Tugenden veredeln, ihre Wildheit zhmen, damit,
wenn sie, wie er vorher zu sehen, vorher zu wissen glaubt, einst ber die
gebildete Welt hereinbrechen werden, die Menschheit nicht so viel zu leiden
habe, und das Christenthum, von reineren einfacheren Gemthern aufgefat,
siegend mit den Siegern sich ber die Welt verbreite.
    Noch kann ich nichts als den erhabenen Entschlu bewundern, der ihn alle
Beschwerlichkeiten, alle Gefahren, ja den Tod verachten lehrt, um in unbekannten
Wildnissen den Barbaren die heiligen Lehren des Christenthums zu bringen; aber
ich sehe weder seine Nothwendigkeit ein, noch einen guten Erfolg bevor. Indessen
ist Heliodor ganz durchdrungen von seinem Vorhaben, und sein glhender Eifer
kann kaum den Augenblick erwarten, wo die Anstalten zu seiner Reise getroffen
seyn werden. Er geht jetzt nach Nikomedien, wo er sich einzuschiffen, und ber
den Euxin zu seiner knftigen Bestimmung zu eilen denkt. Vielleicht siehst du
ihn in Trachene.
    Noch eins habe ich dir mitzutheilen, das ich dir lieber schreiben, als
Apelles anvertrauen wollte. Es gehrt nicht unmittelbar zu dem, was er zu wissen
braucht, um dich zu trsten, und in deinem Gemth den Frieden herzustellen, und
betrifft zu unbekannte Personen, um ohne Prfung Mehreren mitgetheilt zu werden.
Man sagt - aber ich bitte dich, wohl zu bedenken, liebe Larissa! da ich dir nur
Gerchte schreibe - man sagt, da Agathokles nicht nur in Rom im Hause jener
Calpurnia gelebt habe, da sie ein sehr schnes, sehr geistreiches, aber
ziemlich leichtsinniges Mdchen sey, sondern auch, da sie sich beide nicht
gleichgltig geblieben wren, und da Agathokles nur auf Befehl seines Vaters,
und sehr wider seinen Willen, ihre reizende Gesellschaft verlassen habe. Da sie
sich schreiben, weit du, vielleicht aber nicht, da ihr Vater das Proconsulat
von Bythynien erhalten hat, und nchsten Frhling mit seiner ganzen Familie
dahin kommen wird. Knnen diese Nachrichten beitragen, dein Gemth in eine
ruhigere, Verfassung zu bringen, indem sie einen Verlust, den du fr
unersetzlich hieltest, in deinen Augen etwas mindern: so bin ich froh, und der
Eifer, mit dem ich jeder Spur seines Verhltnisses nachforschte, ist belohnt.
Sollte es sich fgen, da ich Gewiheit erhielte, so werde ich nicht sumen, sie
dir mitzutheilen. Wenn sie dich auch im Anfange schmerzet, so denke, da es
unsere Pflicht ist, berall Wahrheit zu suchen, Alles zu prfen, und nur nach
richtiger Erkenntni zu handeln, wenn auch darber ein schner Traum zerstrt
werden sollte; bedenke ferner, da es der Anfang deiner vlligen Genesung seyn
kann, und wenigstens ein sicherer Weg, um auf eine schnellere und ruhigere Art
aus dem Labyrinthe zu kommen, in welches dein Herz und die Umstnde dich
verflochten haben. Leb' wohl!

                         33. Larissa an Junia Marcella.


                                                          Trachene, im Nov. 301.

Da bin ich nun, geliebte Freundin! auf unserm stillen Landgtchen. Die Natur
verliert nach und nach ihre Reize, die Bume streuen ihr welkes Laub auf den
unbeblmten Boden nieder, kltere Winde regen die stillen Fluthen des Bosphorus
auf, und in trben Tagen, wo der Nebel die gegenber liegenden Ufer verbirgt,
unterbricht nichts die dstere Stille, als der Schall der strkeren Brandung,
die lautseufzend an das Gestade schlgt. Stundenlang sitze ich da oft am
Meeresufer, sehe dem Spiel der Wellen zu, betrachte ihr heftiges Treiben, ihr
unruhiges Emporstreben, und wie zuletzt jede wieder zurcksinkt in den dunkeln
Schoo des Meers, wo keine Spur von ihrem Daseyn bleibt, das mit allen seinen
Anstrengungen auf ewig versunken ist. Kann man nicht das Menschengeschlecht mit
diesen Wogen vergleichen? Ach so unruhig, so bewegt, so rastlos streben sie nach
einem fernen Glcke, das Jeder anders nennt, und im Grunde Keiner kennt; sie
bemhen sich, sie matten sich ab, und versinken zuletzt alle im Schoo der Erde;
keine Spur bleibt zurck, sie sind dahin, wie ein Schatten - wie Gras auf dem
Felde, das am Morgen grnt, und am Abend verwelkt ist.
    Meines Mannes Laufbahn ist nun aus. Vierzig Jahre sind unter Waffen,
Gefahren, und mancherlei Sorgen und Verfolgungen hingearbeitet worden, wenige
Tage der Erholung, selten ein Augenblick von Freude! Und was ist sein Lohn? Und
was ist mein Loos? Obgleich meine Jahre lange nicht an die Hlfte der seinigen
reichen, was habe ich nicht ertragen, gekmpft, verloren! Einsam, freudenlos,
selten so geliebt, wie mein heies Herz es wnschte, flo, seit ich denken kann,
mein Leben hin. Der, fr den mein Wesen gebildet schien, ward durch das
Schicksal von mir gerissen; der, dem ich angehre, hat keinen Sinn fr das, was
ich bin, und ihm seyn mchte. So schwindet mein Daseyn zwecklos hin. Still,
vergessen, unbedauert wird es endlich verlschen, und Niemand darnach fragen,
Niemand darum wissen, da einst eine unglckliche Larissa lebte.
    Ach wenn ich nur sagen knnte: Dazu war ich auf der Welt! Aber ich wei ganz
und gar keinen Zweck, warum ich geboren ward, als - einst die Wrterin eines
krnklichen, gebeugten Greises zu werden, der meine Dienste noch meist verkennt,
und fast immer ungtig aufnimmt. Dazu ward mir dies heie Herz? Dazu fhrten
alle meine verworrenen Schicksale? Ach Junia! Wie viel Ergebung und Geduld
brauchte ich nicht jetzt, um mich vom Murren zu enthalten!
    Agathokles ist fern. Ich werde ihn nie wieder sehen. Das wute ich, als ich
mich von ihm in Nisibis trennte. Nie wieder sehen! - Nie! - Demetrius und
Agathokles! Trachene und Nisibis! La mich einen Vorhang ber meine Geschichte
ziehen, die Asche nicht aufrhren, die ber der schlecht gedmpften Gluth meines
Herzens liegt! Ich soll, ich mu ja vergessen! O wenn es einen Lethe gbe, und
mir ein mitleidiger Engel eine Schaale davon bringen mchte! Ich will ja leiden,
tragen, und alle Geduld mit Unglcklichen haben, die in ihrem Kummer Andere
nicht schonen. Aber an das, was war, mu ich nicht immer erinnert werden, nicht
immer fhlen, wie es ist, und wie es seyn knnte.
    Mein Mann hat einen Briefwechsel mit Agathokles verabredet. Er ist zu bequem
zum Schreiben, so hat er mir diesen Auftrag gegeben. Ich soll an Agathokles
schreiben! Ich! Und wie? So wie Demetrius schreiben wrde? Das ist unmglich. So
wie mein Herz es eingibt? Das darf ich nicht! Ich zittre vor dem neuen Sturm,
den meine Weigerung erregen wird. Ja, du hast recht, Junia! Ich war zu schwach,
als ich meine Hand in diese Ketten fgte, aber jetzt - ist nichts mehr zu thun.
    Agathokles hat mir in den letzten Tagen Einiges von Calpurnien erzhlt -
vielleicht nicht ganz ohne Veranlassung von meiner Seite. Ach, wie er mir das
erzhlte, und wie er berhaupt die letzten zwei Tage sich betrug, das htte
jeden Funken von Verdacht, auslschen, und das argwhnischeste Gemth entwaffnen
mssen! Ja, ich bin geliebt! - Aber still, still, nichts mehr von jenen Tagen
des Himmels, hier in dem Aufenthalte der benden Geister! Wenn die schne
Calpurnia nach Nikomedien kommen soll - so - so will ich mich bemhen, mich
darber zu freuen. O mchte sie meinen Freund glcklich machen! Mich betrachte
ich als eine schon Verstorbene, und im Grabe hrt Eigenthum und Eifersucht auf.
Ich will seyn, wie der Geist seiner Geliebten, und mich in den Auen des Friedens
freuen, da mein Agathokles auf der Erde noch glcklich geworden ist. Nein, was
ich fr ihn fhle, ist keine strfliche Leidenschaft. Ich bin ja todt, todt fr
ihn, fr die Welt, fr mich selbst, nur nicht fr meine Pflicht!
    Die ffentlichen Nachrichten tragen auch nicht bei, ein dsteres Gemth
aufzuheitern. Heimlich und verborgen glimmen die Funken der Zwietracht unter
denen, in deren Hnde die Vorsicht das Wohl des Menschengeschlechts gelegt hat.
Alle Briefe, die mein Mann von seinen Freunden am Hofe und bei der Armee erhlt,
besttigen die traurige Vermuthung, da es zum Ausbruche brgerlicher Kriege,
und der Erneuerung jener blutigen Auftritte, die so lange Zeit das Unglck und
die Schande des Rmischen Reichs machten, nur an einer bequemen Gelegenheit
fehlt. Zwischen Galerius und Diocletian sollen bedeutende Miverstndnisse
walten. Dann sey uns der Himmel gndig! Bis jetzt erhielt Diocletian wenigstens
Ruhe und Frieden im Innern. Von Auen drohet uns ohnedies ein anderes Unglck.
Die Gotherr, eine von jenen wilden Vlkerschaften, zu welchen der fromme
Heliodor zu reisen, und die rohen Gemther durch die christliche Religion zu
zhmen gedenkt, fangen an, unsere Ksten durch Streifzge zu beunruhigen1. Sie
kommen auf schlecht gezimmerten Khnen in kleinerer oder grerer Anzahl lngs
dem Ufer des Euxin herabgefahren, landen an einsamen Pltzen, berfallen kleine
Drfer, einzelne Huser, Reisende, rauben, was sie finden, ermorden, was sich
widersetzt, und schleppen dann ihre Beute, auch oft Unglckliche, die lebend in
ihre Hnde fallen, mit sich an ihre unwirthbaren Ufer. Ihre Besuche werden immer
hufiger, die Anzahl ihrer Streiter immer grer, der glckliche Erfolg gibt
ihnen Muth; denn nirgends ist eine militrische Macht in der Nhe, die ihrem
ruberischen Beginnen Einhalt thun knnte. Wir sind ihnen ganz preisgegeben. Ich
habe meinen Mann bereden wollen, unser einsames Landhaus zu verlassen, das so
nahe am Ufer des Meeres, und so entfernt von aller Hlfe liegt; aber er verwarf
diesen Vorschlag mit Verachtung, er hlt Alles, was man erzhlt, fr
Uebertreibungen der Furcht, er kennt die Nordischen Barbaren nicht, und hofft
sie - selbst, wenn sie einen Angriff in unserer Gegend machen sollten, leicht zu
berwinden. Zu dem Ende hat er seine Sclaven bewaffnet, und bt sie regelmig
alle Tage. Welche Auftritte stehen mir bevor!
    Der einzige freundliche Punkt in dieser dstern Zukunft ist die Ankunft
unseres verehrten Freundes Apelles, den ich nach deinem Briefe jeden Tag
erwarte. Immer wre mir seine Gegenwart erfreulich gewesen. Jetzt werde ich ihn
als einen Boten des Himmels betrachten, der Licht, Ruhe und Trost in meine
traurige Einsamkeit bringen soll. Du sandtest ihn mir. Habe Dank dafr, Junia!
Du wirst oft der Gegenstand unserer Gesprche seyn, mein Herz wird sich wieder
dem sanften Einflu der Freundschaft ffnen, und ich werde wenigstens auf einige
Zeit minder unglcklich seyn. Leb' wohl!

                                    Funoten


1 Die ersten Raubzge der Gothen, in welchen sie die Europischen und
Asiatischen Ufer des Euxin plnderten, fielen beinahe ein halbes Jahrhundert
frher vor; aber diese so wie noch einige kleine Abweichungen von der
Geschichte, die man weiterhin finden wird, ist wohl jeder Leser geneigt, einem
Buche zu verzeihen, das gar keinen Anspruch auf gelehrte Genauigkeit macht, und
in welchem die Begebenheiten derselben, oder der nchsten Zeit, nur in der
Rcksicht gewhlt wurden, in welcher sie in den Plan des Ganzen paten.


                           34. Agathokles an Phocion.

                                                        Nikomedien, im Nov. 301.

Wenn du diesen Brief erhltst, ist mein Schicksal unwiderruflich entschieden,
und Tod oder Leben ber mich ausgesprochen. Larissa ist ermordet oder geraubt.
Die Gothen haben einen Einfall auf die Ufer des Bosphorus gemacht, wo ihre Villa
liegt. Im ersten Schrecken des Ueberfalls hat sich Demetrius mit seinen Sclaven
zur Wehre gesetzt. Er soll erschlagen, das Haus geplndert, und Alles, was darin
athmete, getdtet, oder in die Knechtschaft geschleppt worden seyn. Was an
dieser frchterlichen Nachricht wahr, was Erdichtung, Uebertreibung ist, eile
ich mit bebendem Herzen zu untersuchen. Die Pferde sind gesattelt. Morgen bin
ich an dem Orte der schaudervollen Entscheidung. Leb' wohl!

                         35. Apelles an Junia Marcella.


                                                          Trachene, im Nov. 301.

Ein kleines Geschft, welches ich auf dem Wege hierher bei einem Freunde
abzuthun hatte, verzgerte meine Ankunft um zwei Tage, und setzt mich dadurch in
den Stand, dir, meine verehrte Freundin, Nachricht von mir, von dem Schicksale
der Gegend umher, und den Personen geben zu knnen, an denen dein Herz gewi
Antheil nehmen wird. Sehr glcklich wrde ich mich schtzen, wenn es dem Himmel
gefallen htte, diese Schicksale so zu leiten, da ich dir recht erfreuliche
Nachrichten geben knnte. Leider aber ist hier Manches vorgefallen, das zu
erzhlen und mit der gehrigen Schonung und Treue vorzubringen, eine wahrhaft
traurige Freundschaftspflicht ist. Bereite dich, hchst unangenehme, ja
gewissermaen schreckliche Neuigkeiten zu hren; und vergi nie den groen
Gedanken, da ohne Gottes Willen kein Sperling vom Dache, kein Haar von unserm
Haupte fllt, da unsere Tage gezhlt sind, und da ja nicht diese Erde allein
der Schauplatz der Regierung, der Liebe, der Barmherzigkeit Gottes ist. Lege
jetzt dies Blatt auf einen Augenblick aus der Hand, fasse dich in Ergebung und
Geduld, und dann lies den traurigen Bericht zu Ende, den ich dir zu geben habe.
    Du weit vielleicht, so wie ich es bei meiner Annherung in diesen Gegenden
erfuhr, da die Gothen seit einiger Zeit wiederholte Ueberflle auf den Ksten
des Bosphorus, auf unserer als der Europischen Seite gewagt haben. Hie und da
erzhlte man mir von ihrer Grausamkeit, von ihrer Khnheit, ihrer Raubsucht sehr
frchterliche Beispiele, und ich kann dir nicht bergen, da der Gedanke, an
einen Ort zu reisen, der so nahe an der Meereskste und ihren Raubzgen so
ausgesetzt ist, mir nicht sehr erfreulich war. Indessen hoffte ich durch meinen
Besuch, auer dem Troste, den ich Larissen berhaupt in ihrem Leiden zu bringen
hatte, auch noch vielleicht in der Rcksicht etwas Gutes fr sie zu bewirken,
da ich Demetrius zu berreden dachte, diese gefhrliche Nachbarschaft zu
verlassen, und den Winter an einem sicherern Orte zuzubringen. Ach, meine
verehrte Freundin! Was sind die Rathschlsse und Vorstze der Menschen vor dem
Rathschlu Gottes, der sie wie Spreu vor dem Winde zerstreut! Meine Hoffnungen,
mein Vorhaben, meine Ankunft, Alles, Alles war zu spt. Zwei Tage, ehe ich in
Trachene anlangte, hatten die Barbaren eine Landung gewagt, waren in der Nacht
ausgestiegen und mit wildem Geschrei und Lrmen gerade auf Demetrius Villa
zugeeilt.
    Demetrius, statt sich und die Seinigen durch eine eilige Flucht zu retten,
die vielleicht noch mglich gewesen wre, ging ihnen mit seinen bewaffneten
Sclaven entgegen. Der Kampf begann, aber die Uebermacht war so sehr auf der
Seite der Feinde, da die im Hause Zurckgebliebenen keine Zeit hatten, sich vor
den Siegern zu flchten, oder zu verbergen. Demetrius ward ermordet, seine
Sclaven starben neben ihm, die Gothen drangen in's Haus, die zitternden
Sclavinnen, und - aller Wahrscheinlichkeit nach auch ihre unglckliche
Gebieterin - fielen unter den Streichen der durch den heftigen Widerstand bis
zur Raserei erhitzten Barbaren. Das Haus wurde geplndert, ein Theil davon in
Brand gesteckt, und die Horde entfernte sich am Morgen mit wildem Siegsgeschrei
wieder von dem verheerten Ufer. Erst lange nach ihrem Abzge wagten es die
nchsten Anwohner, zu denen sich ein paar Unglckliche aus der Villa gerettet
hatten, den Schauplatz der Gruel zu betreten, und zu sehen, ob vielleicht noch
einige Hlfe zu bringen wre. Sie fanden Alles leer, still - ausgestorben.
Demetrius und seine Sclaven lagen todt auf dem Wahlplatze, aber unter so vielen
Leichen von Barbaren, da man sah, sie muten heldenmthig gefochten, und ihr
Leben theuer verkauft haben. In dem Hause fand man noch einige ermordete Sclaven
und Sclavinnen, und in Larissens Gemach eine weibliche Leiche, die durch Wunden
zwar sehr entstellt, aber durch die Kleidung und einen goldreichen Schleier
kenntlich war, der mit Blut bespritzt neben ihr lag. Einige Mdchen und ein paar
Sclaven werden vermit. Wahrscheinlich haben die Barbaren sie mit sich
fortgefhrt, oder sie sind in dem verbrannten Theil des Hauses ein Raub der
Flammen geworden. Wie dem immer sey, es ist mehr als wahrscheinlich, ja, meine
verehrte Freundin! es ist gewi, da Gott sich des langen Leidens unserer
unglcklichen Schwester erbarmt, und sie auf eine - freilich fr die
briggebliebenen schreckliche Art zu sich genommen hat. Sie hat wahrscheinlicher
Weise weniger dabei gelitten, als wenn sie ihr Leben auf einem schmerzlichen
Krankenlager geendigt hatte, eine schreckliche Stunde vielleicht whrend des
Kampfes, von der sie vorher keine Ahnung hatte, und ein paar schmerzhafte
Augenblicke, bis Wunden und Blutverlust ihrem Leben ein Ende gemacht hatten.
Nach den Aussagen der Sclaven, die die Todten gesehen, und bestattet haben,
waren ihrer Wunden so viel, und von solcher Art, da sie unmglich lnger, als
ein paar Minuten, kann gelebt haben. Dies mu bei dieser schrecklichen
Catastrophe ihren Uebriggebliebenen zum Troste dienen. Ueberhaupt sind ja selten
die zu beklagen, die hingehen, ein schwankendes Glck mit ewigen Freuden zu
vertauschen; am wenigsten dann, wenn ihr Daseyn ohnedies in steten Kmpfen, und
ohne Aussicht auf eine Verbesserung ihres Schicksals dahin flo. Ich will aber
nicht unternehmen, dich zu trsten. Ich sehe die Gre deines Verlustes zu wohl
ein; denn ich habe unsere Entrissene gekannt, und die Art, wie wir sie verloren,
mu durch ihre Neuheit und Grausamkeit unsere Gemther erschrecken und tief
verwunden. Doch erwarte ich von deiner Standhaftigkeit, deiner Gottesfurcht und
Theophrons freundschaftlichem Umgang das Beste fr deine Beruhigung.
    Ich wre auf der Stelle wieder umgekehrt, und diesem Briefe gefolgt, den ich
blos in der Absicht anfing, um den Alles vergrernden und oft so falschen
Gerchten, wo mglich, zuvorzukommen, und dich, meine verehrte Freundin! auf
eine schicklichere und bessere Art von dem Schicksale unterrichten; aber den
Morgen nach meiner Ankunft fand sich ein Geschft, eine Bestimmung fr mich, in
deren Wrde und Gehalt ich einen Fingerzeig der Vorsicht zu finden glaubte,
warum sie mich gerade jetzt auf diesen Schauplatz der Zerstrung und Trauer
gefhrt hatte. Abends war ich in Trachene angekommen, und hatte von den
zitternden Nachbarn die Schrecken der vorletzten Nacht erfahren. Man hatte
meinen Antheil an den unglcklichen Bewohnern der Villa gesehen, mir auf mein
Bitten den Schleier Larissens ausgehndigt, den ich dir als das einzige
Vermchtni dieser theuren Verklrten zu bringen dachte, und versprochen, mich
am Morgen auf die Brandsttte zu fhren. Dies geschah auch. Inde wir in dem
verdeten Hause herumgingen, hrten wir auf einmal ein lautes Getse, wie von
mehreren Pferden. Ich trat an ein Fenster, und sah einen jungen Mann von edler
Gestalt, von mehreren Sclaven zu Pferde begleitet, in den Hof sprengen. Die
Fremden stiegen ab, es sammelten sich Leute um sie, ich sah den jungen Mann in
heftiger Bewegung mit ihnen sprechen, sie befragen. Eine geheime Ahnung sagte
mir, wer es seyn knnte. Ich eilte hinaus, um ihn selbst zu berichten. Leider
kam ich zu spt. Agathokles - denn du wirst, wie ich, errathen haben, wer der
Fremde war - lag ohne Besinnung in den Armen seiner Begleiter. Die Leute hatten
ihm die traurige Geschichte ohne Vorsicht und mit allen Vergrerungen und
Verschlimmerungen erzhlt, die solche Menschen dazu zu dichten pflegen. Ich lie
ihn in's Haus bringen. Nach einer Weile erholte er sich, aber sein Blick war
wild, seine Reden unzusammenhngend. Als ich mich genannt hatte, schien ein
Strahl von Ruhe in seine Seele zu fallen; er sah mich an, sank an meine Brust,
und seine Thrnen, die zu flieen anfingen, erleichterten sein gepretes Herz.
Ich trug ihm nun die Begebenheit so vor, wie ich sie ansah, wie sie eigentlich
war, und wie ich sie dir berichtet habe. Das schien ihn etwas zu beruhigen, er
fate die Vorstellung begierig auf, da seine Larissa nicht so viel gelitten
hatte, da ihr nun besser sey, als ihm. Dennoch blieb eine wilde Schwermuth, die
an Verzweiflung grenzte, in seinem Wesen. Endlich stand er auf. Verzeih, da
ich dich verlasse, mein Zustand bedarf der Einsamkeit, der Ruhe - in ein paar
Stunden sehen wir uns wieder. Ich sah ihn zweifelnd an: Frchte nichts,
antwortete er, indem er mit einem wehmthigen Lcheln meine Hand ergriff: was
dir deine Religion verbietet, erlauben mir meine Grundstze auch nicht. Ich
schmte mich meines Verdachts, und verlie ihn. Nach einer langen Zeit suchte er
mich wieder auf: Er war gelassener als vorhaben und im Stande, zusammenhngend
ber die schreckliche Geschichte und seinen Verlust zu sprechen. Dann ordnete er
an, da Larissens Schlafgemach mir und ihm zur Wohnung eingerichtet werde. Ich
wollte mich anfnglich diesem Vorhaben, aus Schonung fr ihn, widersetzen; aber
ich sah bald, da sein Herz nicht wie die gewhnlichen Herzen war. Die
Umgebungen, in denen sie gelebt hatte, die Erinnerung an ihre Tugenden, an ihre
Geduld, an ehre Liebe zu ihm, schienen sein Gemth zu erheben, statt seinem
Schmerz zu vergrern. Er fing am andern Morgen an, mit mir in der Gegend
herumzugehen, sich nach Allem was vorgefallen war, zu erkundigen, und thtige,
und sehr zweckmige Anstalten zur Verhtung eines neuen solchen Unglcks zu
treffen. Die Einwohner wurden angewiesen, ihre besten Sachen in die nchste
Stadt zu bringen. Er lie den Mnnern Waffen austheilen, ordnete an, wie sie
sich ben, und zur Vertheidigung vorbereiten sollen. Er veranstaltete
Lrmsignale auf den Hgeln, wodurch in wenig Augenblicken die ganze Gegend
aufgeschreckt, und unter den Waffen seyn kann. Kurz, es schien, als ob sein
eigener Verlust vor der allgemeinen Gefahr verschwunden wre, und er nur fr
Andere denken, fr Andere sorgen knnte. Wenn wir dann allein waren, kehrte die
schmerzliche Empfindung freilich mit doppelter Starke zurck; aber ich bin
versichert, da sie seine Tugend nie berwltigen, nie seine Kraft zum Guten
lhmen wird. Er hat mich gebeten, ihn nach Nikomedien zu begleiten, wohin er
morgen abreiset, um noch krftigere Anstalten zur Abtreibung der feindlichen
Einflle zu machen. Ich konnte ihm diese Bitte nicht versagen, denn ich gestehe
dir, da ich ihn liebe und verehre. Auch Larissens Schleier habe ich ihm
gegeben. Er war dieses Vermchtnisses so wrdig als du, und seiner vielleicht
noch mehr bedrftig. Zwar schauderte er bei Erblickung desselben und der Spuren
von Blut, die daran hafteten; seitdem aber, glaube ich, ist er nie wieder von
seiner Brust, auf der er ihn verwahrte gekommen. Ich wei, meine Freundin! da
du mir diesen Raub und mein lngeres Auenbleiben verzeihst. Sage dasselbe auch
unserm verehrten Vater Theophron, und erwirke mir von ihm Verlngerung meines
Urlaubs.

                          36. Sulpicia an Calpurnien.


                                          Synthium bei Nikomedien, im Febr. 302.

Ich bin in Synthium, meine Geliebte! auf dem Landhause unsers, deines Freundes
Agathokles. Eine angenehme Stille umgibt mich, und wiegt nach einer langen Zeit
voll Zerstreuungen und Erschtterungen meine ermdeten Sinne in eine wohlthtige
Ruhe. Agathokles besucht uns, so oft es seine Geschfte erlauben, und mein
Tiridates bringt alle Zeit, die er dem Hofe abmssigen kann, bei mir zu. Ich bin
frei, Galerius hat meine Scheidung bewilligt, und den Befehl darber an den
Senat von Rom und den Serranus Anicius gesandt. So sind denn alle Plane
ausgefhrt, alle Wnsche erfllt, und ich kann ruhig dem Zeitpunkt entgegen
sehen, wo keine Macht der Welt mich mehr den Armen meines Tiridates wird
entreien knnen.
    Nichts strt den vollkommenen Genu meines Glcks, als die noch fortdauernde
Schwche meiner Gesundheit, eine Folge den langen Leiden und Krnkungen. Sie
sind verschwunden, aber ihre Wirkungen fhle ich noch. Auch die Jahreszeit hatte
whrend der Seereise nachtheilig auf mich gewirkte. Ich kam krank in Nikomedien
an. Aber, meine Calpurnia! um keinen Preis mchte ich die Erfahrung dieser
Krankheit nicht gemacht haben. Sie hat mir Tiridates Liebe in noch glnzenderem
Lichte gezeigt. Ich bin ganz glcklich. En lie mich ohne weitere Vorbereitung,
fest auf Agathokles Freundschaft rechnend, gerade in sein Haus fhren, er trug
mich auf seinen Armen aus der Snfte in das Zimmer, das uns der freundliche
Wirth selbst anwies. Agathokles bewhrt sich auch jetzt, wie immer, als einen
der besten Menschen, er empfing uns mit rhrender Freude, und behandelt uns wie
geliebte, Geschwister. Ich finde ihn sehr verndert - doch davon nachher. Jetzt
la mich dir nur erzhlen, da ich seinen Bemhungen fr Alles, was er zur
Erleichterung meiner Lage dienlich fand, und Tiridates zrtlicher Sorgfalt
grtentheils meine Wiederherstellung verdanke.
    Das Gerusch, die Unruhe in der glnzenden Hauptstadt des Orients wurde mir
bald zur Last. Agathokles errieth meinen Wunsch, und bot mir seine Villa
Synthium, die einige Meilen von Nikomedien liegt, ein Erbtheil seiner Mutter,
zum Aufenthalt an. Ich nahm es mit Vergngen an. Das Einzige, was meine Freude
strte, war die Bemerkung, da Tiridates sich nicht eben so leicht, wie ich, aus
der Hauptstadt entfernte; indessen brachte mir seine Liebe auch dieses Opfer,
und ich lebe hier ganz nach meinem Herzen. Die Villa liegt einsam und verborgen
zwischen waldigen Hgeln, die der Anfang des Gebirges sind, das weiterhin sich
zum Berg Olymp aufthrmt. Obgleich die Landstrae nicht weit vor dem Garten
vorbeigeht, so fllt doch das Haus, das halb zwischen Pinien versteckt und nicht
gro ist, nicht sogleich in die Augen. Die Grten sind weitlufig, und zeigen in
manchen Anlagen Spuren eines dstern Geistes, der hier in der Einsamkeit seinen
Gefhlen nachhing. Dieser Ausdruck des Ganzen gefllt mir ungemein, und ich
belausche in ungestrter Einsamkeit hier das Erwachen des Frhlings, von dessen
Einflu ich viel fr meine Gesundheit hoffe. Tiridates hat mich den Kaiserinnen
Prisca und Valeria1 vorgestellt, auch mit dem Csar Galerius habe ich
gesprochen, und alle haben mich mit Anstand und Guts empfangen. Bei Diocletian
allein war es mir noch nicht mglich, Zutritt zu erhalten; er umgibt sich mit so
viel persischem Pomp und Ceremoniel, da der Zugang zu ihm beraus schwer ist.
Der Csar hat mir seinen Schutz versprochen, und Wort gehalten, wie du weit;
und so ist meine Zukunft freundlich erheitert, und jede Sorge verschwunden.
    Ich habe dir gesagt, da ich Agathokles sehr verndert gefunden habe. Der
Verlust, den er erlitten, und die Art desselben werden dir bekannt seyn, so wie
sie es mir waren, noch ehe ich in Nikomedien ankam. Ich war folglich
vorbereitet, die Spuren dieser Begebenheit in seinem Aussehen zu finden; dennoch
fand ich mit Trauer weit mehr, als ich erwartet hatte. Seine Zge, die nie den
Ausdruck der Jugendblthe trugen, sind jetzt tief verfallen, sein Blick ist
erloschen, und Alles kndigt ein ganz niedergebeugtes Gemth an. Ich vermeide
von seinem Unglcke zu sprechen, und er hat Larissens Namen noch nicht genannt,
seit ich hier bin; doch sehe ich vor, da der Zufall vielleicht einst ein
solches Gesprch herbeifhren wird, und zittere dafr.
    Auch in dieser Rcksicht wre mir die Beschleunigung deiner Ankunft, nachdem
nun einmal die Bestimmung deines Vaters als Proconsul entschieden ist, sehr
erwnscht, nicht als ob ich eine so geringe Meinung von Agathokles Festigkeit
htte, um zu glauben, da dein bloer Anblick hinreichen wrde, diese tiefen
Wunden schnell zu heilen, aber ich hoffe viel, und mit der Zeit Alles von deinem
heitern Sinn, von deiner freundlichen Gte, von deinem Verstnde, und - von
deiner Schnheit. Wie empfindlich das starke Geschlecht gegen uerliche Reize
ist, lerne ich immer mehr und mehr einsehen; es wirkt nichts so schnell, so
stark, so bleibend auf sie, und auch die Besten sind hierin bis zum Erstaunen
schwach.
    Nikomedien wird dir gefallen. Es herrscht hier ein geselliger Ton, man liebt
Pracht und Zerstreuung, aber man liebt es mit Geschmack und ziemlichen Anstand.
Dies scheint eine Wirkung des ceremonisen Hofes und der Denkart der beiden
Kaiserinnen zu seyn, die in ihren Grundstzen sehr streng, und, wie Manche
glauben, heimliche Christinnen seyn sollen. Genug, der Schein wird gerettet,
aber im Innern der Huser hat eine bermige Ueppigkeit nicht allein auf den
Genu des Lebens, sondern auch auf die Sitten unsers Geschlechts einen
nachtheiligen Einflu. Die Weiber des Hofes und der Stadt sind fast alle locker
in ihren Grundstzen und von zweideutigem Rufe; aber sie sind schn! - Ich habe
bei einem Feste eine Versammlung von Gestalten gesehen, ber deren Reize, durch
den sinnreichsten Putz, und die geschmackvollste Pracht erhht, ich wirklich
erstaunte, deren Anblick mir - nicht Neid, dessen hlt dein Herz mich nicht
fhig - aber ein Gefhl von Trauer ber meine so schnell verwelkte Jugend
einflte. Ich bin nicht mehr, was ich war, und hier ist Alles so bezaubernd, so
verfhrerisch, so zudringlich!
    Schreibe mir doch noch, meine Geliebte! ehe du Rom verlssest, und suche
deine Reise zu beschleunigen! Mein Herz schlgt dir mit Sehnsucht und Ungeduld
entgegen. Leb' wohl!

                                    Funoten


1 Die Huser der Alten, sowohl in Italien, als vorzglich im Morgenlande, hatten
selten Fenster auf die Strae. Man trat durch den Thorweg in den Hof, um welchen
herum die Zimmer gebaut waren, deren Fenster und Thren gleichfalls auf den Hof
gingen.


                           37. Agathokles an Phocion.

                                                     Nikomedien, im Februar 302.

Es ist lange, mein Freund! da du meinen letzten Brief1 erhieltest, worin ich
dir meinen unersetzlichen Verlust gemeldet habe. Ich erinnere mich jetzt nicht
mehr bestimmt, was ich dir geschrieben habe. In jener Zeit war es dumpf und
dster in meiner Seele. Indessen weit du, was ich verlor und wie? Dies gengt,
um dir eine Vorstellung meiner jetzigen Lage zu machen. Keine Betubung whrt
ewig, und so hat sich mein Geist auch aus der emporgerissen, die einige Zeit
nach jenem Ereignisse schwer und entnervend auf mir lag. In Trachene unter
Gefahren und fremden Sorgen blieb mein Geist und Krper aufrecht; erst in
Nikomedien, in der Stille des gewhnlichen Lebens, im vterlichen Hause, erlagen
beide, und ich ward im eigentlichen Sinne an beiden krank. Wie ich gewesen bin,
und wozu? warum? wei ich nicht. Aber ich kann wieder schlafen, ich kann Speise
zu mir nehmen, und so kann und wird mein Daseyn wohl noch lange whren.
    So zwecklos, so klein, so nichtsbedeutend, wie dies Daseyn mir damals
erschien, und noch jetzt zuweilen in seiner ganzen Schaalheit unabsehlich vor
mir liegt, htte ich es vielleicht von mir geworfen, oder in der nchsten
Schlacht verschleudert; aber das sollen, das drfen wir nicht. - Ein Strahl
berirdischen Lichtes senkt sich in meine Nacht, und das Leben bekmmt wieder
Gehalt, obwohl nicht fr meine Hoffnungen, und nicht fr diese Welt.
    Ein Pfad ffnet sich mir, um zur Wahrheit zu gelangen. Es ist des Forschers
Pflicht, darauf fortzuschreiten, und wenigstens zu sehen, wohin er fhrt, selbst
dann, wenn sicherer Verlust die Folge seiner Forschungen wre. Knnte er auch
anders? Wrde sich nicht die schreckliche Wahrheit selbst Bahn zu ihm machen,
wenn er auch seine Augen vor ihr verschlieen wollte? O es hat schon so manche
traurige Gewiheit den Weg gefunden, um dies Herz unfehlbar zu zerreien! Jetzt
erscheint sie in mildem Lichte, und ich folge dem leitenden Strahl, der mich in
eine trstende Helle zu fhren verspricht.
    Ein Christ, jener Apelles, den du als den Lehrer und Freund der
vorausgegangenen Jugendgespielin aus ihren Briefen kennst, war das erste Wesen,
das mir in schrecklichen Augenblicken theilnehmend erschien. Menschenfreundlich
und weise behandelte er den Kranken, ihm danke ich zuerst die wiederkehrende
Besinnung, ihm spter die Kraft, da nicht zu erliegen, wo menschliche Strke
allein bei einem sehr reizbaren Gefhl, wie meines, vielleicht nicht zu stehen
vermocht hatte. Seine Trstungen waren von mehr als gewhnlicher Art. Er nahm
sie aus den innersten Tiefen des verarmten zerrissenen Herzens, er erffnete ihm
den Himmel, lie berirdische Strahlen in dasselbe fallen, fllte es mit
Hoffnungen auf Jenseits, und richtete alle Krfte und Neigungen, denen hier kein
wrdiger Gegenstand mehr entsprechen konnte, auf groe Aussichten und Wirkungen
in die Zukunft. Meine Seelenkrfte kamen nach und nach zurck, und an ihnen
richtete sich der irdische Gefhrte auf. Ich genas, und bin wieder fhig zu
denken, zu wirken, wenn auch nicht fr mich, doch fr Andre.
    Phocion! Ein weiser Christ ist ein erhabenes Wesen, ist vielleicht das
Hchste, was die menschliche Natur erreichen kann, die hchste Vollendung, deren
sie fhig ist. Sie ganz zu erstreben, ist nicht das Loos des Sterblichen, aber
das erhabenste Ziel hat ihnen ihr mehr als menschlich weiser Lehrer gesteckt:
Seyd vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist! Kein geringeres
Urbild, als die Gottheit, gab er ihnen nachzuahmen, und welcher Gott ist der
Gott der Christen! Kein leidenschaftliches, sinnliches, allen menschlichen
Schwchen unterworfenes Phantom, wie die Bewohner des alten Olymp, kein miger
Zuseher, der in vollkommener Apathie die Welt gehen lt, wie sie kann, wie die
Gtter Epikurs. Es ist ein allmchtiger, durch sich selbst von Ewigkeit
bestehender, allwissender, allgegenwrtiger Geist, der Alles, was da ist, aus
dem Nichts hervorgebracht, und nur darum geschaffte hat, um seine Macht und
Liebe zu verklren. Die Geogonie der Christen ist einfach erhaben, und
wenigstens eben so falich und wahrscheinlich, als die Systeme unsrer
Philosophen, ja ich getraue mir zu behaupten, da, in dem gehrigen Lichte
betrachtet, und von dem poetischen Schmucke entkleidet, der diese Erzhlung aus
der Kindheit des Menschengeschlechts umgeben mu, du keine den Naturgesetzen
gemer und vernnftiger finden wirst. Unbeschreiblich schn ist die Geschichte
des sittlichen Verfalls der Menschheit unter einem bald idyllisch-lieblichen,
bald furchtbar-ernsten Bilde dargestellt. Ja, die Erkenntni des Guten und Bsen
war es, das erwachende Gewissen, das Gefhl des Rechts und Unrechts, das den
schnen Traum ewiger Unschuld und Jugend zerstrte! Du siehst hier ein goldenes
Zeitalter, und die Ursache seines Verschwindens tief und weise in den innersten
Trieben des Menschen aufgesucht und dargestellt. Was in der Fabel von Amor und
Psyche mehr bildliche Darstellung eines platonischen Traumes ist, ist hier die
Geschichte des Menschen, der Menschheit, ihrer individuellen und allgemeinen
Entwickelung zur Cultur.
    Diesen Gott nun, aus dessen Hand die Sonne, die Sterne, alle uns bekannten
Wesen hervorgingen, der ihr Schicksal nach ewigen Gesetzen lenkt, diesen Gott
nennen die Christen ihren Vater. In diesem Kindes-Verhltni denken sie sich zu
ihm, und nichts ist, womit sie sich ihm gefllig machen knnen, kein Opfer,
keine Bung, nichts als ein reiner Sinn, und ein menschlichgutes Herz. Alle
Sterbliche sind ihnen Brder; sie zu lieben, wie sich selbst, Keinem zu thun,
was man nicht sebst leiden mchte, ist ihr Hauptgesetz. Je mehr man diesem
einfachen Gedanken nachforscht, je mehr mu man den Lehrer bewundern, der in
wenig Worten alle Gesetze der Moral zusammenzufassen wute, da in allen Schulen
und Sekten unsrer Philosophen nicht mehr, und nichts Besseres gelehrt wurde.
Liebe Gott ber Alles und deinen Nchsten wie dich selbst! Wer kann mehr fordern
als dies? Und was wrde die Welt seyn, wenn alle Menschen diese einfache
Vorschrift beobachteten? Aber die Christen gehen noch weiter, sie dringen nicht
blos auf Liebe gegen diejenigen, die wir zu hassen keine Ursache haben, sie
fordern Ueberwindung unsrer Selbst, und Bezhmung der heftigsten Leidenschaften,
Zorn und Rachgier. Segnet, die euch verfolgen, betet fr die, die euch hassen.
In welcher Schule, Phocion! ward je reinere Tugend gelehrt?
    Noch einmal, die christliche Moral ist mehr als menschlich! Aber indem sie
eine Hhe fordert, die wir nicht zu erreichen fhig sind, spornt sie uns
wenigstens an, das Aeuerste zu thun. Und was kann nicht der Mensch, wenn er
alle seine Krfte braucht? Das Hchste mu der Mensch sich vorsetzen, wenn er
das Hohe erreichen, und nicht im Gemeinen versinken will; nach dem Unendlichen
mu er streben: dann bewhrt er sich als einen unsterblichen Geist, dem diese
Hlle zu eng, dem diese Erde nur eine Herberge ist. Das haben unsre Philosophen
schon gesagt; auch der Christ sagt es, nur unendlich einfacher.
    Aber bei der Schwche unseres halb sinnlich halb geistigen Wesens, das, zwei
Welten angehrig, ewig zwischen beiden schwankt, was bliebe uns fr Hoffnung
brig, den hohen Befehlen gehorchen, und das Ideal erreichen zu knnen, das jene
Lehren von uns fordern? Mten wir nicht daran verzweifeln, den strengen
Gesetzen genug zu thun? Hier knnte das Gewissen uns nicht beruhigen, dort wrde
ein unendlich heiliges Wesen den schwachen Sohn der Sinnlichkeit strafend von
sich weisen. Aber liebend und erbarmend tritt die geheimnivolle Lehre von der
Vershnung, von einem unbefleckten, heiligen, der ganzen Strenge jener
Forderungen genugthuenden Opfer dazwischen, von einem Opfer, das, die Schuld des
ganzen Menschengeschlechts auf sich nehmend, freiwillig sich der gttlichen
Gerechtigkeit darbot, und fr Alle litt, blutete, starb. In seinen Verdiensten
findet der schwache Mensch vollendenden Ersatz fr seine unvollkommenen
Bestrebungen, sie eignet er sich zu, und durch ihre Vermittelung darf er dem
Throne des allerreinsten Wesens mit minderer Schchternheit nahen.
    Du siehst aus diesen leichten Umrissen, die ich dir mitzutheilen im Stande
bin, wie erhaben und den Bedrfnissen des Herzens angemessen diese Lehre ist.
Noch kenne ich sie nicht vollstndig; was ich aber kenne, berzeugt meinen
Verstand, und befriedigt mein Gefhl. Und wenn diese Ueberzeugung einst
vollendet seyn wird, wer kann mich tadeln, ja, wer kann mich der
entgegengesetzten Handlungsweise fhig halten, wenn ich sie annehme, und ganz
werde, was ich ohnehin schon zum Theile bin? - Uebereilen aber will ich nichts.
Der Schritt ist wichtig, er fordert vollkommene Geistesfreiheit, und
gewissenhafte Prfung. Die erste fehlt mir noch ganz, mein Gemth ist nicht
ruhig. Die Erschtterungen der vergangenen Schrecken haben noch nicht aufgehrt,
in mir nachzubeben, noch drckt ein zu lastendes Gewicht meinen Geist.
    O mein Freund! Was habe ich verloren? Larissa! Gespielin meiner Kindheit!
Geliebte meiner Jugend! Holdes, sanftes, liebevolles Wesen! Wo bist du jetzt? Wo
schwebt dein reiner Geist? Hast du noch Erinnerung vom Vergangenen? Weit du,
da dein unglcklicher Freund hier verlassen trauert? Oder hrt mit dem Leben
oder mit der Persnlichkeit, wenn auch der Geist nicht vernichtet wird, alle
Erinnerung, alle Liebe auf? Trostloses System, das das menschliche Herz
verabscheuen, ber dem der Unglckliche verzweifeln mte, wenn es seinen
Anhngern gelingen knnte, es zu beweisen! Was wre die Unsterblichkeit dann fr
ein Vorrecht fr das denkende Wesen? Wrde sie es nicht mit dem Thiere, der
Pflanze theilen, deren aufgelseter Krper auch nicht vernichtet, sondern nach
dem Gange der Natur in ursprngliche Elemente zersetzt werden, bis sie endlich
nach lngerer oder krzerer Zeit wieder in organische Theile einer Pflanze oder
eines Thieres bergehen? Es ist unmglich! so kann der Kreislauf des gttlichen
Funkens in uns nicht seyn.
    Auch hierber hat das Christenthum einen erhebenden schnen Glauben, der
alle Spitzfindigkeiten und Sophismen beschmt! Doch hierber sollst du ein
andermal wehr hren. Genug, sie liebt, sie wei um mich, sie liebt mich, wenn
gleich hienieden ihre sanfte Stimme verklungen ist, und nie wieder in den kalten
leeren Rumen mir die holde Gestalt begegnet, nie wieder ihr seelenvolles Auge
mir freundlich strahlen, und kein Herz auf dieser Erde mir das ihrige ersetzen
wird. O Phocion! Ich werde sie niemals, niemals hier wiedersehen! In diesem
Gedanken liegt ein unendlicher Schmerz - aber bevor er wieder die innerste Tiefe
meines Wesens aufregt, la mich abbrechen. Leb' wohl!

                                    Funoten


1 Er kommt nicht vor, so wie alle, die nichts zum Gang der Geschichte beitragen,
und deren dennoch wegen des Zusammenhangs erwhnt werden mu.


                          38. Calpurnia an Sulpicien.

                                                        Nikomedien, im Mrz 302.

Hier bin ich, in der groen, geruschvollen Stadt, unter dem schnsten Himmel
von Kleinasien, und, was noch besser ist, in deiner Nhe, meine theure, geliebte
Freundin! Ich wre wahrlich gern, statt meines Briefes, selbst zu dir in deine
Einsamkeit geeilt; aber mein Vater bedarf meiner zu seiner huslichen
Einrichtung, die hier an einem fremden Ort, unter ganz neuen Verhltnissen,
nicht ohne groe Beschwerlichkeit vollendet werden kann. Es ist mir daher
unmglich, dich fur's erste zu besuchen. Knntest denn du nicht auf ein paar
Tage in die Stadt kommen? Du bist doch hoffentlich so wohl, da die kleine Reise
von einigen Meilen keinen blen Einflu auf deine Gesundheit haben wird. O wie
freue ich mich, dich nach so langer Trennung wieder zu sehen, und mit dir ber
tausend Dinge der Vergangenheit und Zukunft zu sprechen, die trotz aller
Ueberlegung mir nie ganz gleichgltig waren, und unter diesen Umgebungen hier
erst wieder recht lebendig werden!
    Am zweiten Tage nach unsrer Ankunft besuchte uns Agathokles. Dir darf ich es
ja gestehen, da mir sonderbar zu Muthe ward, als ich im Nebenzimmer seine
Stimme hrte, die mir gedmpfter, als sonst vorkam. Er begrte meinen Vater mit
herzlicher Ehrfurcht, und erkundigte sich nach mir und meinen Brdern. Ich
benutzte meine Verborgenheit, um mich in die gehrige Fassung zu setzen, und
trat dann, als mein Vater mich rief, ganz gelassen hinein. Ach, es war wieder
nichts mit dieser Knstelei! Dieses dstere trbe Auge, aus dem die tiefste
Schwermuth sprach, die wehmthige Herzlichkeit, mit der er auf mich zuging, und
meine Hand fate, die weiche Stimme, mit der er mich in seinem Vaterlande
willkommen hie, und dann der Gedanke, um wessentwillen diese traurige
Vernderung mit ihm vorgegangen war, das Alles bewegte mich so seltsam, da ich
wohl fhlte, wie meine Fassung mich verlie. Er hatte so viel gelitten; wie
htte ich ihn durch abgemessene Klte krnken knnen! Und doch war mein Stolz
durch eben diese Schwermuth, die ich zu zerstreuen wnschte, beleidigt.
    Die Feinheit seines Betragens brachte inde bald wieder einige Ruhe in
unsere Haltung. Mein Vater bemchtigte sich seiner mit einem politischen
Gesprche, in das Agathokles sogleich mit voller Seele einging; und jetzt im
Feuer der Unterhaltung, als er auf Augenblicke seiner Lage verga, schien er
wieder derselbe zu seyn, der er in Rom war. Dies Bild trat vor meine Seele; ich
rief, whrend die Mnner angelegentlich sprachen, die frohen Stunden zurck, die
ich damals genossen hatte, und auf einmal war es mir, als mten zwei Agathokles
seyn; als knnte jener anziehende Schwrmer, dessen Ernst vor meinem Lcheln so
oft gewichen war, dessen Blick hundertmal mit Entzcken an mir hing - und dies
finstere Bild des Kummers, das mir so fremd geworden war, der eine Andre so hei
geliebt hatte, da ihr Tod ihn an den Rand des Grabes brachte, unmglich Eine
und dieselbe Person seyn. Ich schauderte, die Vorstellung war mir hchst
peinlich, ich strebte aus allen Krften, die wunderbare Tuschung zu zernichten.
Es gelang nicht. Auf einmal fhlte ich, da meine Thrnen im Begriff waren,
hervorzubrechen. Ich stand schnell auf und verlie das Zimmer. Sie strmten
heftig, warum? wute ich selbst nicht, aber ich fand eine Erleichterung darin,
sie flieen zu lassen. Es kam mir vor, jener Agathokles sey todt, und der, den
ich jetzt gesehen hatte, nur ein Bild, ein Schatten von ihm. Mir ward so weich
um's Herz, wie wenn man nach dem Verlust einer geliebten Person an einem Orte,
wo man sie sonst oft gesehen hatte, nun ihre kalte Bildsule fnde. Diese
Aehnlichkeit im Aeussern, und diese Verschiedenheit von Innen, jener warme
Antheil und diese Klte! Es ergriff mich schmerzlich. Ich fhlte, da ich mich
in dieser Stimmung nicht vor ihm sehen lassen konnte. Als ich nach einer Weile
wieder hinein ging, war er bereits fort, und hatte versprochen, bald wieder zu
kommen. So hatte ihn also mein Weggehen nicht gekrnkt, wie ich im ersten
Augenblick frchtete, als ich meinen Vater allein fand! So hatte er gar nichts
an mir bemerkt, nichts zu deuten gefunden? Natrlich, ich bin ihm nichts mehr,
als eine alte Bekannte, und einer solchen nimmt man es ja nicht bel, wenn sie
sich entfernt, und den guten Freund in einer Gesellschaft zurcklt, die ihm
wenigstens eben so lieb ist, als die ihrige!
    Seit dem Augenblick ist ein wunderbarer, aber wahrlich nicht angenehmer
Kampf in meinem Innern. Mitleid mit Agathokles Unglck, Wunsch, seinen Kummer zu
erleichtern, und ein bitteres Gefhl des gewaltigen Abstandes zwischen jener
Zeit in Rom, und diesem kalten Wiedersehen wechselt unaufhrlich in mir. Was
wird hieraus entstehen? Welche Haltung wird mir das gegen ihn geben? Du, meine
theure Freundin! knntest hierin mir den wesentlichsten Dienst leisten. Du
siehst Agathokles so oft, er vertraut dir, das wei ich, du wirst ungefhr
wissen, wie er von mir denkt. Schreibe mir doch, was er von mir spricht, und
besonders in welchem Ton. Daraus lt sich viel schlieen, und ein sein
fhlendes Weib ist im Stande, aus der Art, wie ein Mann von einer Andern
spricht, zu errathen, was er fr diese empfindet. Hierauf verlasse ich mich
vollkommen, und erwarte deine Nachricht mit Ungeduld. Leb' wohl!

                          39. Sulpicia an Calpurnien.


                                                          Synthium, im Mrz 302.

Warum kann ich nicht zu dir fliegen, an deine Brust sinken, und dich mit Thrnen
der Freude willkommen heien? Ach Entbehren und Entsagen war von jeher der
Wahlspruch meines Lebens, und seine Macht bewhrt sich fort und fort. Ich bin
krank, meine Geliebte! nicht so krank, da ich nicht allenfalls im Hause, und an
einem warmen Frhlingstage in dem reizenden Garten unseres Freundes
herumschleichen, und ohne zu groe Anstrengung meines Kopfes, dir, meine Theure!
schreiben knnte; aber viel, viel zu schwach, um eine Reise von sechs Stunden zu
dir in die Stadt zu unternehmen. Ich habe viel von der Ruhe meiner gegenwrtigen
Lage, von Asiens mildem Himmel und am allermeisten von der Erfllung meines
hchsten Wunsches gehofft. Es will sich nicht ndern, ich krnkle immerfort, und
so soll ich denn vielleicht im Hafen Schiffbruch leiden, und die Welt zu einer
Zeit verlassen, wo mein Leben erst eigentlich beginnen, und ich nach so vielen
Strmen an's Ziel gelangen soll. Es war eine Zeit, wo ich den Tod wnschte, wo
er mir als das Ende meiner Qualen erschienen wre - aber jetzt? - Jetzt ist der
Gedanke, aus Tiridates Armen, aus dem Sonnenschimmer seiner beglckenden Liebe
hinabzusteigen in das Reich wesenloser Schatten - oder des wesenloseren Nichts -
schauderhaft, entsetzlich! Unerfreulich und dster steht die dunkle Welt
jenseits vor dem forschenden Blicke, und nach tausend Zweifeln, eiteln
Spekulationen und nichtigen Erwartungen bleibt dem grbelnden Verstande
hchstens - der Trost der Ungewiheit. Weiter kann er es nicht bringen, weiter
hat es nie ein Weiser gebracht. Was sich wider diese Ueberzeugung in uns emprt,
ist der Trieb der Selbsterhaltung, dem der Gedanke der Vernichtung unmglich zu
fassen ist. Ich sollte von Tiridates scheiden, ihn der dstern Verzweiflung,
oder - schreckliche Wahl - den Trstungen einer neuen Liebe berlassen, und
hingehen, woher nie Jemand zurckkommt, wo keine Hoffnung des Wiedersehens ist!
O nein, nein! nur jetzt nicht sterben! Die Aerzte geben mir Hoffnung, und ich
ergreife sie begierig; sie sagen, und es ist auch mehr als wahrscheinlich, da
jene traurigen Erschtterungen, die Beschwerden der Reise, die Vernderung des
Clima's auf meinen geschwchten Krper nachtheilig wirken muten; sie
versprechen mir viel von der Wirkung der Zeit, und der inneren Zufriedenheit;
und so will ich denn geduldig seyn, und alle Gedanken und Zweifel verbannen, die
noch zuweilen in mir aufsteigen wollen; ich will recht gelassen, recht ergeben
seyn, sogar blind und gefhllos, wenn es die Erhaltung meiner Gesundheit
fordert.
    Du fragst mich, was und wie Agathokles von dir spricht? Du willst dein
Betragen nach meinen Beobachtungen einrichten? So mu ich ja wohl ganz
aufrichtig seyn, und nichts als strenge Wahrheit sprechen. Er achtet dich ohne
Zweifel, er will dir herzlich wohl, und wenn ich seinen Kummer zu zerstreuen
wnsche, kann ich es am besten dadurch, da ich einige Bilder und Scenen aus
seinem rmischen Aufenthalte vor seine Seele fhre. Er erheitert sich dann und
spricht mit Vergngen von jener Zeit - aber das Alles sehr ruhig, und ohne da
die geringste Verlegenheit oder hhere Wrme auf eine lebhaftere Empfindung
schlieen liee. Vergi aber nicht fr meine und deine Erwartungen, und fr das
knftige Glck unsers Freundes, da die Wunde seines Herzens noch frisch und
durch die Art des Verlusts seiner Geliebten wirklich schrecklich ist. Zudem ist
er einer von jenen beneidenswerthen Schwrmern, die sich mit einem seligen
Wiedersehen nach dem Tode schmeicheln knnen. Fr ihn ist seine Larissa nicht
todt, sie ist nur vorangegangen, und so mu er ihr wohl die Treue bewahren. Doch
ungeachtet dieser und mancher andern Schwrmereien, die er mir aus den
Lehrstzen der Christen genommen zu haben scheint: - la nur einige Zeit
verflieen, bis die Neuheit des Eindrucks sich verliert; la die Reize deines
angenehmen Umganges seinen Verstand beschftigen, sein Gemth erheitern, la ihn
den Zauber deiner Schnheit empfinden - und die Liebe zu einem leeren
Schattenbilde wird der Gewalt der Gegenwart weichen.
    Tiridates bringt dir diesen Brief. Er freut sich sehr, dich wieder zu sehen,
so sehr, da, wrest du weniger, was du bist, ich beinahe besorgt seyn mte. Er
hat mir versprochen, dich und deinen Vater zu bereden, da ihr mit ihm zu mir
herauskommen sollt, und so erwarte ich denn in wenigen Tagen das allein
ungetrbte Glck der Freundschaft in deinen Armen zu genieen. Leb' wohl!

                           40. Agathokles an Phocion.


                                                        Nikomedien, im Mrz 302.

Die Friedenshoffnungen haben sich zerstreut, und der Kampf beginnt auf's Neue.
Das Heer hat Befehl aufzubrechen, und ich gehe mit Tiridates, unter Galerius
Fahnen zu dienen. Die Zurstungen sind mit eben so viel Klugheit als Anstrengung
gemacht. Galerius hat unumschrnkte Macht, und es ist zu hoffen, da dieses Jahr
etwas Entscheidenderes vorgehen werde. Immer ist es Gewinn fr den Gang her
Angelegenheiten, wenn der hchste Wille, die Macht und die Ausbung sich in
Einem Punkte vereinigen. Wir ziehen an das Ufer des Euphrats, dort wird
wahrscheinlich der erste Schlag geschehen. Ich folge diesmal dem Heere nicht
blos aus Pflicht, sondern auch in der Hoffnung, strenge Beschftigung, und in
derselben Aufheiterung zu finden. Einsamkeit und Mue sind nicht fr ein Gemth,
das in dieser Stille nur an Trauer und Verlust zu denken hat.
    Eine viel versprechende, sehr anziehende Bekanntschaft habe ich noch in
diesen Tagen gemacht. Apelles, den ein Befehl seiner Vorgesetzten nach Apama
zurckrief, fhrte mich vorher zu dem Bischofe von Nikomedien, Eutychius. Ich
fand an ihm einen Mann, der seine Lebensart, Menschenkenntni und priesterliche
Wrde wohl zu vereinigen wei. Ich errieth Apelles Wunsch, Eutychius sollte
vollenden, was er begonnen hatte. Noch kann ich nicht urtheilen, ob diese Wahl
gut getroffen ist; aber das ffentliche Zeugni und Apelles Meinung sprechen fr
Eutychius. Als ich zum zweitenmal bei ihm war, trat ein junger Mann, ungefhr
von meinem Alter, ein. Eine hohe mnnlich schne Gestalt, Kraft, fester Wille,
beinahe Hrte, sprach aus den bedeutenden Zgen, den schmalen festgeschlossenen
Lippen; nur in manchem Blick, in manchem Aufschlag der groen blauen Augen lag
ein zarter edler Ausdruck, der hchst anziehend den festen Ernst des Ganzen
milderte. Der Sohn des abendlndischen Csars - Constantin - sagte der Bischof,
als er mich ihm vorstellte, und auch ihm meinen Namen, nebst einigen Umstnden
von mir, sagte. Ein forschender Blick, doch nicht ohne freundliche Gte, schien
mein Innerstes durchschauen zu wollen, brigens nahm er mich sehr anstndig auf.
Der Bischof wurde abgerufen, Constantin blieb mit mir allein. Er sprach wenig,
aber gut. Du weit, ich bin nie sehr gesprchig, am wenigsten mit Hheren: doch
selbst das Wenige, was zwischen uns geredet wurde, reichte hin, uns einander
achtungswerth und bekannter zu machen, als man es sonst gewhnlich in der ersten
Unterredung wird. Als der Bischof zurck kam, fand er uns in einem Gesprch ber
Gegenstnde, die in der jetzigen Zeit Jedem wichtig seyn mssen, der nicht blos
fr den Augenblick lebt. Constantins Unterhaltung straft den ersten Eindruck,
den seine Gestalt macht, nicht Lgen, sie hlt mehr, als jener verspricht.
    Wir haben uns seitdem fters gesehen, und werden es knftig noch mehr; denn
er ist von seinem Vater dem Schutze und Befehl des Csar Galerius bergeben, und
wir werden den Feldzug zusammen machen. Diese Aussicht ist ein Reiz mehr fr
mich, Nikomedien, seine Mue, und seine Verhltnisse bald zu verlassen. Ich
stehe mit einem tief verwundeten Herzen seltsam unter Menschen, die eine solche
gnzliche Umstaltung des Innern fr Schwrmerei halten, und nicht begreifen
knnen, da unmglich mehr Alles so seyn kann, wie vor anderthalb Jahren. Diese
Forderungen, so leise sie angedeutet werden, fhle ich doch, und sie drcken
mich, besonders dort, wo ich berall kein Recht zu Forderungen sehe, sie
entleiden mir den Umgang, den ich sonst gesucht haben wrde, und verschlieen
mir die kleine Aussicht, die ich fr Erheiterung und Zerstreuung vor mir sah. O
da die glcklichen, leichtherzigen Menschen so schwer die Bedrfnisse eines
trauernden Gemthes ahnen knnen! Ihnen ist nur dort wohl, wo Alles so leicht,
so schwebend ist, als in ihrem Innern! Was diesem behaglichen Zustand
widerspricht, was ihn zu stren droht, fliehen sie aus einer Art von natrlicher
Antipathie, und glauben an kein tieferes Gefhl, als das, was sie begreifen
knnen. Es wird mir sehr wohl seyn, wenn ich einmal die Stadt im Rcken haben,
und mit Constantin und Tiridates dem krftig wechselnden Spiel des Lebens im
Lager zueilen werde. Du lebe recht wohl, und sieh mir freundlich nach, wenn in
den geruschvollen Stunden, die meiner jetzt warten, meine Briefe seltener und
krzer seyn werden.

     41. Eneus Florianus, Centurio der Leibwache des Csars Constantius, an
                                  Constantin.


                                                         Eboracum1, im Mrz 302.

Wenn ich dein Herz nicht kennte, und von der Billigkeit sowohl, als dem Ernste
deiner Denkungsart berzeugt wre: so wrde ich gewi Bedenken tragen, ich, der
Mann, den Jngling, der Lehrer den Zgling, zum Vertrauten einer Angelegenheit
zu machen, die sonst nur der junge Mann mit seines Gleichen auszumachen haben
sollte.
    Noch mehr sollte mich die Rcksicht abhalten, da du selbst, obgleich in der
Blthe der Jugend, und mit allen Ansprchen auf ein Glck begabt, dem, in deinen
Jahren, so Manches aufgeopfert wird, dies nie dafr erkannt, und den Neigungen
von einer weicheren zrtlicheren Art nie Eingang in deine. Seele gestattet hast.
Doch, mit aller dieser Klte gegen die Liebe wei ich doch dein Herz der
Freundschaft fhig, und so lege ich meine Sorgen und mein Bekenntni offen in
deine Hand.
    Du wirst dich des Asinius Ponticus erinnern, den seine Geschfte oft mit uns
in Verbindung brachten. Als du Britannien verlassen, und mein Herz und meine
Zeit de gemacht hattest, besuchte ich zuerst aus Bedrfni der Zerstreuung sein
Haus fters. Er und seine Frau waren Heiden, aber rechtliche und einfache
Menschen; sie erzogen eine Pflegetochter, Valeria, ein liebliches Geschpf auf
der Grenze zwischen Kind und Jungfrau, mit groer Sorgfalt und Liebe. Des
Schulmeisterns gewohnt, zog ich bald dies Kind an mich, und es war mir eine
angenehme Beschftigung, dieses empfngliche Gemth zum Guten zu bilden. So
vergingen drei. Jahre in ungestrter Ruhe; aber unbemerkt war whrend meinen
Anweisungen das Kind ganz verschwunden, und die Jungfrau stand blhend,
verschmt und bedeutend vor mir. Es waren andere Regungen, die nun mein Herz
gegen sie bewegten, und ich fhlte die Nothwendigkeit, hier mit Ernst und
Festigkeit abzubrechen. Aber bei dem ersten Versuche entdeckte ich, da auch das
ihrige sich seiner bewut zu werden anfing, und da Dankbarkeit, tglicher
Umgang, und das berstrmende Bedrfni, sich innig an ein theures Wesen
anzuschlieen, alle edleren Neigungen desselben auf den nchsten Gegenstand, den
berraschten Lehrer, geheftet hatten. Mich hatte in Rcksicht ihrer der groe
Unterschied der Jahre und der Gedanke sicher gemacht, da ein Mann von meiner
Denkart und meinem Betragen keine Ansprche an die zrtliche Empfindung eines
Mdchens von sechzehn Jahren machen knnte. Desto heftiger und tiefer war der
Eindruck, den diese Entdeckung in mir hervorbrachte, und ich errthenicht, zu
gestehen, da ich, im achten Lustrum2 des Lebens, Valeriens Gefhle mit gleichem
Feuer erwiederte. Ich erwog ihre Umstnde, die ich genau zu kennen glaubte, ich
stellte ihr Herz auf mehr als Eine Probe, ich durchsphte jede Falte des
meinigen, und nach einer besonnenen Ueberlegung, wie sie dem Manne wohl ziemt,
gab ich mich endlich dem reizenden Zuge hin, der mit jedem Tage mich fester an
das holde Mdchen, sie inniger an mich band.
    Ich dachte nun darauf, sie ganz fr mich zu bilden, das heit, ich versuchte
in dem heiligen und wichtigen Punkte meine Ueberzeugung zu der ihrigen zu
machen. Ihr kindlich frommer Sinn kam mir auf halbem Wege entgegen, und machte
mir das Vorhaben, sie in die Geheimnisse unserer Religion einzuweihen, zum
anziehendsten, aber auch zum bindendsten Geschfte. Nun erst, als unsre Seelen
zu Einem erhabenen Wesen emporstrebten, und sie Theil an allen Segnungen nahm,
die das schne Vorrecht der Christen sind, nun erst fhlte ich mich innig und
untrennbar mit ihr vereinigt, und jetzt entdeckte ich den Eltern meine Wnsche.
Der Schrecken, mit dem Asinius meine Bewerbung aufnahm, zeigte mir schnell mein
Unglck. Valeria war nicht die Tochter eines seiner Verwandten, wie ich und die
Welt bisher geglaubt hatten, und ihre Geburt, der Stand ihres Vaters, der noch
lebte, von solcher Art, da es eben so unmglich war, ohne sein Wissen ber sie
zu bestimmen, als vergeblich, seine Einwilligung zu dieser Verbindung zu hoffen.
Diocletian, als er vor achtzehn Jahren auf einem Zuge nach Britannien gekommen
war, hatte ihre Mutter, die Tochter eines eingebornen Frsten, kennen gelernt,
und - geliebt kann man wohl von solchen Empfindungen nicht sagen - aber dem
Prfekten der Prtorianer, in dem man mit Recht den knftigen Kaiser ahnete,
widerstand vielleicht selten ein Herz oder eine Tugend. Die Frstin starb bei
der Geburt des Kindes, und Valeria wurde der geprften Treue einer Kammerfrau
bergeben. Diese reichte darauf dem Asinius Ponticus ihre Hand, und theilte sich
mit ihm in die Liebe und Pflege dieser Verlassenen, die sie den Mangel der
Eltern so wenig empfinden lieen. Als Diocletian den Thron bestieg, und ihm
Asinius Nachricht von dem Daseyn seiner Tochter, und unbezweifelte Beweise fr
die Wahrheit dieser Behauptung sandte, gab ihr der Kaiser den Namen, den er
selbst bei der Thronbesteigung angenommen hatte, und befahl, sie in der Stille
und unbekannt zu erziehen, bis es ihm gefallen wrde, sie anzuerkennen.
    Ich wute nun mein Schicksal, und beschlo es mnnlich zu tragen. Ich
entsagte Valerien, und entdeckte ihr die Ursache. Ihre Liebe war strker, als
ihre Besinnung. Sie wollte nichts von Trennung wissen, sie war entschlossen, mit
mir zu fliehen, und allen schimmernden Aussichten, die ihre Geburt ihr ffnete,
ohne die geringste Reue zu entsagen. Du wirst nicht fordern, da ich dir die
Kmpfe und schmerzlichen Siege dieser Zeit, die so tiefe Spuren in meinem
Gemthe hinterlassen haben, genau schildern soll. Der schwerste aus allen war
der gegen Valeriens Liebe und rcksichtslose Aufopferung. Ihre Pflegeeltern
sahen die Gefahr, sie frchteten von Valeriens allzuheftiger Leidenschaft
vielleicht khne Schritte, oder zitterten vor denn Zorn des Augustus - Gott
wei, was die Ursache war - genug, vor fnf Monaten verschwanden sie sammt
Valerien pltzlich aus Eboracum, und sehr wahrscheinlich auch aus der ganzen
Insel. Wenigstens waren alle meine Nachforschungen, durch deines Vaters Ansehen
untersttzt, vergeblich, und ich habe mehr als Einen Grund zu glauben, da sie
Britannien verlassen haben. Ich wende mich nun an dich. Ich habe alle Hoffnung
aufgegeben, aber ich wnschte Valeriens Schicksal zu kennen. Du bist am Hofe des
Augustus: o so suche nur zu erfahren, ob blos Besorgni der Eltern, oder ein
unmittelbarer Befehl des Kaisers die Ursache dieser eiligen Flucht war.
    Ich bin versichert, da ich Nachrichten erhalten werde, wenn du selbst dir
welche verschaffen kannst. Ich wei, da sie zu nichts fhren werden, denn ich
habe entsagt: aber es strt meine Ruhe, nichts von einem Wesen zu wissen, das so
innig mit mir verbunden war, das ich als einen Theil meiner selbst betrachte,
und an dessen Unglck ich vielleicht die grere Hlfte der Schuld trage. Das
ist es, was mich qult. Leb' wohl, Constantin, und erfreue mich bald mit einem
Brief! Wenn er auch nichts von Valerien enthlt, so finde ich doch dein Herz
darin.

                                    Funoten


1 In Eboracum, dem heutigen York, war der kaiserliche Palast.

2 Lustrum, ein Zeitraum von fnf Jahren.


                       42. Constantin an Eneus Florianus.

                                                       Nikomedien, im April 302.

Es gibt Verhltnisse im menschlichen Leben, besonders in den hheren Regionen
desselben, die, wie die Flgel des Schmetterlings, von weitem mit schnen Farben
prangen, die man aber nicht krftig anfhlen und untersuchen mu, wenn nicht der
Glanz verschwinden, und ein trbes unscheinbares Gewebe brig bleiben soll. Von
dieser Art, mein vterlicher verehrter Freund! ist mein Verhltni an dem
hiesigen Hofe zu den Menschen, die den nchsten und unmittelbarsten Einflu auf
mein Schicksal haben. Schon lange fhle ich das, und da ich es weder dir, noch
meinem geliebten Vater entdeckte, war - vielleicht Stolz, vielleicht die
Erkenntni, da diese Entdeckung zu nichts fhren knnte, als Euch am fernen
Ufer der Thamisis ber Umstnde zu beunruhigen, die nur der Gegenwrtige mit
Bestimmtheit durchschauen, und mit Kraft zu seinem Vortheil lenken kann. Dein
Brief, in welchem du so Manches von meinem Einflusse zu hoffen scheinst, blst
die Asche vom der verborgenen Gluth, und ich zeige dir nun mich selbst, und
meine Verhltnisse, wie sie sind. Mein Vater hat mich dem Schutze, der Sorge des
Csar Galerius bergeben, und es sind, seit ich aus deinen Armen schied, drei
ganz leidliche Jahre verstrichen, in welchen er so ziemlich die Rolle eines zwar
strenge, aber besorgten Vaters gegen mich behauptete. Auf die Lnge wurde ihm
entweder die Rolle zu lstig, oder er fand den Pflegesohn nicht ganz so
geschmeidig, als er sich im Anfang den unerfahrnen, im Schatten des Privatlebens
aufgewachsenen, brittannischen Jngling gedacht haben mochte. Die Sorge
verschwand, die Strenge blieb, und aus dem Vater wrde nach und nach ein
despotischer Herr geworden seyn, wenn nicht zu diesem Verhltni zwei Wesen
erforderlich wren: ein Gebietendes, und Eines, das sich gebieten lt. Der Sohn
des abendlndischen Csars fhlte sich durch Geburt, Natur und Glck nicht so
tief unter dem morgenlndischen; er sah eine ruhmwrdigere Aussicht vor sich
aufgethan, als sein Leben im Sonnenschein fremder Hoheit zu verflattern, und
sich mit dem hohlen Ansehen, und kindischen Schimmer zu begngen, mit dem ihn
Galerius so schlau als verschwenderisch umgab. Das erzeugte Furcht, und Furcht
gebiert den Ha. Galerius hat mich, aber er frchtet mich auch. Er umgibt mich
mit Spionen, es kostet manchmal Nachsinnen und gespannte Aufmerksamkeit, einen
Brief von hier aus durch die weiten rmischen Provinzen, die seinem Scepter
gehorchen, bis nach Eboracum unentdeckt, unerbrochen zu bringen. Dieser ist
einer von den glcklichen, der seinen Sphern entgehen wird, und darum enthalte
er, was viele seiner Vorgnger nicht enthalten konnten.
    Du hast in dieser treuen Schilderung meiner Lage zugleich die Ursache, warum
es mir nicht mglich war, in deiner Angelegenheit thtig zu seyn. Diocletians
vorzglichste Tugend ist Verschlosseuheit; inde soll die Kaiserin Prisca mit
der ehemaligen Knigin des Olymps nicht blos die Eigenschaft gemein haben, die
Gattin des Weltgebieters zu seyn, und der Augustus soll sich fters gezwungen
gesehen haben, manche seiner Freuden vor dem Blicke seiner Juno geheim zu
halten. Unter diesen Verhltnissen ist es schwer, Erkundigungen ber eine so
verborgene Geschichte einzuziehen, besonders dort, wo jeder Schritt belauscht,
und jeder entdeckte zu den unangenehmsten Verwickelungen fhren wrde. Ich kann
nur mit der grten Vorsicht zu Werke gehen, und Alles, was ich bisher erfahren
konnte, ist, da Asinius Ponticus mit zwei Frauen, die man nicht kannte, bei den
letzten Saturnalien in Coloni Agrippin gesehen wurde. Von dort soll er sich
nach Mantua gewendet haben. Sobald ich mehr erfahre, wird es mir das theuerste
Geschft seyn, dich zu benachrichtigen, wo ich mich auch immer befinden mge;
denn wir brechen in drei Tagen auf, um uns zu dem Heere zu begeben. Dein
Vertrauen hat mich sehr geehrt, ich werde desselben wrdig zu bleiben streben,
und jede Gelegenheit ergreifen, um dir zu beweisen, wie unauslschlich das
Gefhl ist, das in meiner Brust gegen dich glht, dem ich die zwei kstlichsten
Gaben danke, die der Mensch dem Menschen geben kann - freie Liebe, und Anleitung
zum Guten. - Leb' wohl!

               43. Calpurnia an ihren Bruder Lucius Piso in Rom.


                                                       Nikomedien, im April 302.

Wenn der Mensch nur nichts erwartete! Wenn man sich nur abgewhnen knnte, der
Zukunft mehr zuzutrauen, als der Gegenwart! Aber so sind wir nun. Immer blicken
wir in die Ferne, vorwrts, und kein Besitz wirklicher Gter dnkt uns so
reizend, als die schimmernden Freuden, die uns von Weitem im magischen Lichte
der Einbildungskraft entgegenglnzen. Was ich mir mit recht kindischem Sinne fr
Vorstellungen von diesem Nikomedien und den Freuden machte, die ich hier finden
wrde! Was ich mir fr Geschichten erzhlte, fr Scenen trumte! Es ist nichts,
eitel Nichts. Ich bin hier keinen Augenblick besser daran, als in Rom, schlimmer
vielmehr, denn ich bin hier fremd und allein. O wer mir das gesagt htte, als
ich mit frhlichem Muthe in das Schiff stieg, als nur der Abschied von dir mich
Thrnen kostete, und ich mit hoffnungsreicher Seele die schnen Ufer Hesperiens1
nach und nach verschwinden sah! Ja, das ist's eben, der Mensch ist zur Tuschung
geboren. Das wahre Glck ist nirgends als in seiner Einbildungskraft; in dieser
geniet er es voraus, so darf er es denn von her lauen unbedeutenden Gegenwart
nicht fordern. Er hat seinen Lohn dahin, wie die Christen zu sagen pflegen.
    Hier gibt es erstaunlich Viele von dieser Secte; selbst die Gemahlin des
Csar Galerius, Valeria, soll dazu gehren. Das ist auch eine Ursache mehr, die
mir den hiesigen Aufenthalt verleidet. Es sind kopfhngerische traurige
Menschen, die in den unschuldigsten Vergngungen Gift finden, und sich aus den
unbedeutendsten Handlungen ein Gewissen machen. Auch nur ein Krnchen Weihrauch
auf den Altar einer unsrer Gottheiten zu streuen, auch nur einen Bissen
Opferfleisch zu essen, ist ihnen ein todeswrdiges Verbrechen. Auch leiden ihn
Manche lieber, als sie das thun. Ihr Gott mu ein strenges, eiferschtiges Wesen
seyn. Da lobe ich mir unsre Gtter und Gttinnen. Eine unzhlbare Menge dieser
harmlosen Wesen bevlkert Himmel, Erde und Meer. Sie streiten nicht unter
einander, sie beneiden einander ihre Opfer nicht, sie nehmen gastfrei jeden
Fremdling ihrer Art aus den entferntesten Gegenden unter den abenteuerlichsten
Gestalten auf, sey es Zwiebel, Sperber, Affe2, ein Ungeheuer mit hundert
Brsten, oder ein Ideal menschlicher Schnheit. Alles dulden sie, jedem gnnen
sie ein Pltzchen; dafr duldet man auch sie. Glauben kann sie kein vernnftiger
Mensch; aber der Pbel bedarf dieses Spielwerks. So lat es ihm, und thut, was
euch euer Herz zu thun erlaubt.
    Doch was ereifere ich mich um Dinge, die mich nichts angehen, die ich mir
eben aus dem Sinne schlagen will? Ach lieber Bruder! das ist die Wirkung der
nikomedischen Luft. Wenn man von nichts als Religionsstreitigkeiten hrt, wenn
diese Ideen alle andern verschlingen, jedes Gesprch verderben: so wird man
zuletzt selbst mit hineingezogen, und nimmt, so ungern man es auch thut, doch
endlich Partei, dafr oder dawider.
    Auch Agathokles ist von diesem Schwindel ergriffen, und ich frchte fast, er
ist weit mehr Christ, als er selbst gesteht. Du solltest ihn jetzt fr die
Reinheit und Erhabenheit dieser Lehre, fr die beseligenden Wirkungen sprechen
hren, die er sich von ihr fr die Menschheit verspricht! Oft mu ich lcheln,
noch fter rgere ich mich, zuweilen gelingt es aber dem Schwrmer, mich fr
einen Augenblick hinzureien. Meinen Vater hat er schon ziemlich auf seiner
Seite. Uebrigens hat er nur den Gegenstand gewechselt, und was ihm sonst das
alte Rom und die Republik war, ist ihm jetzt das Christenthum, von dessen
Verbreitung er sich Ersatz fr jene verlornen Tugenden, und die Anregung aller
bessern Krfte im Menschen verspricht.
    Uebrigens habe ich ihn sehr verndert gefunden, so verfallen, so bleich, da
ich ber seinen ersten Anblick erschrak. Das hat die Liebe aus diesem Manne
gemacht; und sie sollte eine beglckende Empfindung seyn? Nimmermehr! Ich habe
nur erst krzlich noch ein trauriges Beispiel von ihren Verheerungen gesehen,
und htte ich sie je fr etwas Gutes halten knnen, so wrden Sulpicia und
Agathokles meinen Wahn heilen. Es sind nun zehn Tage, als Tiridates zu uns kam.
Er sieht blhend und schn aus, schner als ich ihn je sah, und aus den
jugendlichen Zgen strahlt Kraft, Muth und Lebensfreude. Er brachte mir einen
Brief von Sulpicien. Ein seltsames Gemisch von anscheinendem Glcke, und
geheimer Wehmuth sprach aus ihm. Sie bat mich, sie das einzig ungetrbte Glck
der Freundschaft genieen zu machen, und sie zu besuchen. Sie schrieb mir, da
sie zu krank sey, um zu mir zu kommen. Mein Entschlu war schnell gefat. Mein
Vater hatte nicht Zeit, mich zu begleiten. Ich sagte dem Prinzen von Armenien,
da ich am folgenden Tage nach Synthium zurckkehren wrde; um aber doch nicht
ganz allein mit ihm zu seyn, bat ich Agathokles, mich zu begleiten. Der seltsame
Mensch! Statt sich durch das Vertrauen geehrt zu finden, das ich auf ihn, und
die Achtung, in der er berall steht, zu setzen schien, wagte er es, einige
Bedenklichkeiten gegen die Reise eines jungen Mdchens mit zwei unverheiratheten
Jnglingen vorzubringen, und ergab sich nur, als er mich unerschtterlich und
unempfindlich gegen Alles fand, was die Stadt ber mich zu klatschen belieben
wrde. Dennoch gefiel mir diese Sorge fr meinen Ruf, die Freimthigkeit, mit
der er sich uerte, und mehr noch als vorhin fhlte ich mich, von diesem
Augenblicke an, durch seine Begleitung geehrt, und vor jedem ungerechten Tadel
geschtzt. O wie liebenswrdig knnte er seyn, wenn er minder vollkommen, minder
berspannt seyn mchte!
    Wir reisten nach Synthium. Mich trugen meine Cappadocier3 in einer offenen
Snfte, meine Gefhrten ritten langsam neben mir. Es war ein lieblicher
Frhlingsmorgen, die Gegend um uns freundlich, die Luft lau, der Himmel heiter,
Alles zu Lust und Frhlichkeit gestimmt. Scherz und Lachen verkrzte die lange
Zeit der Reise, sogar der ernste Freund widerstand nicht dem Zauber, der durch
alle Sinne in sein Herz drang; er gab sich dem frhlichen Zuge hin, der ihn mit
fortri; und so kamen wir Alle vergngt und heiter in Synthium an. Ach, die
schne Stimmung verschwand bald! Sulpicia kam uns entgegen, ein Bild des
geheimen Grams, in der kurzen Zeit um zehn Jahre gealtert. Nun ward mir auf
einmal Vieles klar. Ich war kaum einige Tage in Nikomedien gewesen, als das
Stadtgeschwtz mich von einigen neuen Liebesgeschichten des leichtsinnigen
Tiridates unterrichtete, und zugleich mit lieblosem Spotte seines
abenteuerlichen Verhltnisses mit einer entlaufenen rmischen Matrone erwhnte.
Man wute nicht, wie nahe mich das Verhltni anging, sonst wrde man wohl vor
mir geschwiegen haben. Hier fand ich die Besttigung von dem, was ich frher
nicht glauben wollte. Doch mu ich Tiridates die Gerechtigkeit widerfahren
lassen, da er wenigstens in Sulpiciens Gegenwart keinem Tadel unterliegt. Er
begegnet ihr mit der zartesten Achtung, und der liebevollsten Aufmerksamkeit.
Sie scheint auch vollkommen zufrieden, es entwischt ihr keine Klage, kein Blick,
der auf den wahren Zustand ihres Herzens schlieen liee. Selbst als wir allein
waren, und ich sie dringend befragte, gestand ihr Mund nichts, aber eine heftige
Bewegung, ein leises Zittern, das ihren ganzen Krper ergriff, zeigte nur zu
deutlich, wie sehr sie ihre Lage kennt und fhlt. Aber gestehen wird sie es nie,
so kenne ich sie, und sich lieber in stillem Gram verzehren, als zugeben, da
ihr Schritt, mit Tiridates zu entfliehen, unberlegt war.
    Ich beklage sie herzlich, aber ich kann sie nicht ganz entschuldigen, eben
so wenig, als ich ihn ganz verdammen kann. Sieh, lieber Lucius! ich bin billig,
ich erkenne alle Eure Untugenden, Schwchen und Laster, aber die Wahrheitsliebe
erlaubt mir nicht, alle Schuld auf die mnnlichen Schultern (die zwar von der
Natur eigentlich darum so stark gebaut scheinen) zu wlzen. Sulpiciens Liebe ist
nicht die leichte heitere Flamme, die berall Leben und Freude verbreitet, jedes
Verhltni verschnert, den gemeinsten Dingen Bedeutung, den entferntesten eine
angenehme Beziehung gibt, in deren mildem Schein der Mann sein Leben froh
verflattert, und sich selbst in sei- nen Entbehrungen glcklich fhlt. Ihre
Liebe ist ein dunkel loderndes verzehrendes Feuer, das mit eiferschtigem Stolz
jedes Wort, jeden Blick bewacht, aus Allem Gift saugt, und ohne Rcksicht
dieselbe grenzenlose Hingebung, dieselbe gespannte Aufmerksamkeit fordert, die
sie selbst leistet, und ber die sie sich ein hochmthiges Zeugni gibt. Ach,
Sulpicia kennt Euer Geschlecht nicht, und hrt den Rath derjenigen nicht, deren
Erfahrungen sie belehren knnten! Das Weib, das dem Geliebten die ganze Flle
ihrer Liebe zeigt, handelt hchst unklug; diejenige aber, die von ihm eine
gleiche Strke und innige Erwiederung fordert, zeigt, da sie nicht die
geringste Menschenkenntni hat.
    Tiridates ist jung, schn, beliebt und gesucht, tausend lockende Abenteuer,
tausend ppige Gestalten winken ihm auf allen Seiten, und er soll die
herkulische Kraft besitzen, dem Allem zu widerstehen, und aus diesen
schimmernden Freudenkreisen freudig und ohne Rckblick in die Arme seiner
krnkelnden, verblhten, verstimmten Geliebten zu fliegen? Wahrlich, das ist zu
viel von einem so gebrechlichen Wesen gefordert!
    In wenig Tagen wird er zum Heere abgehen; denn der Feldzug ist schon
erffnet. Nun wird Sulpiciens Qual verdoppelt beginnen. Ich frchte mich darauf,
sie nach seinem Abschiede wieder zu sehen, wenn Entfernung, Ungewiheit und
Furcht ihr ohnehin bewegtes Gemth in noch heftigere Spannung bringen werden.
    Auch Agathokles wird mit ihm Nikomedien verlassen - dann bin ich ganz einsam
in der groen menschenvollen Hauptstadt. Er eilt diesmal sehr fortzukommen, es
ist, als brennte hier der Boden unter seinen Fen. Nun wahrlich, von dem Fehler
der Eitelkeit, wenn ich ihn je gehabt htte, wrde ich hier ganz geheilt werden
mssen.
    Schreibe mir bald und oft, lieber Bruder! Deine Briefe werden eine Liebe,
eine hchst nothwendige Abwechslung in das tdtende Einerlei bringen, in welchem
mein Leben hier dumpf verschleicht. Wahrlich, wenn sich das nicht bald ndert,
so werde ich meine ganze Munterkeit verlieren, und ein Gegenstck zu Sulpicien
werden. Leb' wohl!

                                    Funoten


1 Hesperien, ein Name von Italien.

2 In den gyptischen Tempeln standen Symbole, die unter Thier- und
Pflanzengestalten allerlei Andeutungen, und geheimnivolle Lehren fr die
Eingeweihten enthielten. Der Pbel betete sie als Gtter an. Die Diana von
Ephesus, als Sinnbild der allernhrenden Natur, wurde als eine hohe Frau mit
vielen Brsten vorgestellt.

3 Cappadocische Sclaven wurden zum Tragen der Snften gebraucht.


                           44. Agathokles an Phocion.

                                                        Hierapolis1, im Mai 302.

Eine mrderische Schlacht ist vorber, in der Tausende ihr Leben verloren haben,
in der auch mir der Tod furchtbar nahe war, und ohne Constantins heldenmthige
Liebe mich unter die Myriaden seiner Opfer gerissen htte. Wir sind geschlagen,
und stehen am rechten Ufer des Euphrats. Das Lager ist bei Hierapolis
aufgeschlagen, ich aber bin meinem Feldherrn, meinem Retter in die Stadt
gefolgt, wohin ihn seine Wunde sich bringen zu lassen nthigte, seine Wunde, die
er fr mich empfangen hatte. Er schlft im anstoenden Zimmer, und ich eile dir
Bericht von unserem Schicksal und meinem Leben zu geben, damit kein
vergrerndes Gercht dich beunruhigen, und bei der Gewiheit unsrer Niederlage
mein Schweigen dich mit Sorge um mich erfllen mge.
    Galerius, der schon das vorige Jahr vergebens auf eine Gelegenheit geharrt
hatte, Valerians schimpfliches Ende und die Schmach des rmischen Namens durch
einen entscheidenden Sieg an den Persern zu rchen, suchte jetzt, vielleicht mit
mehr Hast als Klugheit, eine Schlacht zu liefern. Ein unglckliches Verhngni
hie ihn die unabsehlichen Sandgefilde von Carrhae2 zum Schauplatze whlen, wo
schon einst Crassus mit seinen Legionen in dem verrtherischen Boden und der
glhenden Hitze seinen Untergang gefunden hatte. War er falsch berichtet, oder
traute er sich allzuviel zu, genug, er griff wider den Rath aller seiner
Kriegsobersten die weit berlegenen Perser wthend an. Das Gefecht wurde hei,
die Rmer erkannten die Ueberzahl der Feinde, ihre Gefahr, aber auch die Ehre
ihres Namens, und die Schmach, die sie zu rchen hatten. Es wurde mit unerhrter
Tapferkeit gestritten, allein der sandige Boden wich treulos unter unsern Fen,
und der Sonne senkrechter Strahl entglhte unsre Rstungen zur unertrglichen
Last. Die Perser, stets durch frische Schaaren ersetzt, erneuten sich
unaufhrlich, wie das Haupt der Hydra, und boten unsern mden Armen immer
frische Gegner dar. Ihre ganze Macht warf sich auf den Mittelpunkt unseres
Heeres, wo Galerius befahl, er wurde durchbrochen, und nun war Verwirrung und
Unordnung allgemein. Nur Constantin hatte Besonnenheit und Migung genug, um
seine Schaaren, unverwirrt von dem allgemeinen Lrmen, in festgeschlossenen
Gliedern gegen die Brcke zu ziehen, die ber den Euphrat fhrt, und in ihr die
Hoffnung unsres Rckzugs zu erhalten. Die zerstreuten Haufen flohen jetzt in
wilder Hast dem Strome zu, und Viele fanden in den Fluthen ihr Grab. Tiridates,
auf den, als die Hauptursache des Krieges, jeder Perser seine Aufmerksamkeit
gerichtet hielt, und der, zu stolz eine unrhmliche Sicherheit durch Verkleidung
zu erkaufen, an Waffen, Helmbusch und der Heroengestalt vor Allen kenntlich,
auch jetzt noch durch die Reihen sprengte, und erhielt, was noch zu erhalten
war, sah sich auf einmal allein von einem groen Trupp Perser umringe.
Widerstand war nicht mglich. Er gab dem Pferd die Sporen, und sprengte an den
Euphrat3. Die Feinde hatten ihn ereilt, keine Rettung blieb als in den Wogen. Er
strzte mit der ganzen Rstung in die schumende Fluth, ich hielt ihn fr
verloren, aber mit Riesenkraft kmpfte er gegen das Element, und erreichte das
ziemlich ferne Ufer, wo ihn die Unsrigen mit lautem Freudengeschrei empfingen.
Jetzt suchten die Perser unserm kleinen Haufen den Uebergang zu erschweren, aber
Constantin vertheidigte die Brcke mit eben so viel Besonnenheit als Muth. Da
sprengte der Anfhrer der Feinde heran, Constantins schlichte Rstung mochte ihn
getuscht haben, er hielt mich fr seinen Gegner, und in der Hoffnung, die
Spoliae optimae4 zu erbeuten, zuckte er sein Schwert ber mich. Ich stand
abgewendet, der gewaltige Streich hatte mich tdten mssen, wenn nicht
Constantin mit Schild und Arm ihn aufgefangen htte. Im Augenblick der Rettung
erst erkannte ich meine Gefahr, ich wandte mich, und mein Schwert rchte die
Drohung, und Constantins Wunde. Der Perser fiel, die Seinigen zerstreuten sich,
wir sprengten ungehindert ber die Brcke, die sogleich hinter uns abgeworfen
wurde, und erst hier, als wir von unsern Pferden sprangen, fand ich den
Augenblick, meinem Retter zu danken. Auch er fhlte erst jetzt seine Wunde, und
sank halb ohnmchtig in meine Arme. Wir hielten uns fest umschlungen. Du bist
mein, rief er, ich habe dich mit meinem Blute erkauft. - Ich drckte ihn an mein
Herz; unsre Seelen, nicht unsere Lippen, schwuren sich ewige Treue. Ich trug ihn
aus dem Gewhle, seine Leute eilten herbei, und was Liebe und Ergebenheit
ersinnen konnte, wurde aufgeboten, um seinen Zustand zu erleichtern. Seine Wunde
ist tief, aber nicht gefhrlich. Ich lebe um ihn, ich schlafe an seiner Seite,
tausend kleine Bande knpfen uns jeden Tag fester, und mein Herz ffnet sich
willig und freudig erhebenden Gefhlen, Aussichten und Planen, die Constantins
Verhltnisse, seine Denkart, seine Freundschaft fr mich mir in schnerer
Zukunft zeigen. In weit umfassenden Entwrfen fr die Menschheit verliert sich
die Rcksicht auf einzelnen Schmerz, und vor dem lauten Rufe der Pflicht fr's
Ganze verstummt die Stimme bitterer Erinnerungen, wenigstens in so langen
Zwischenrumen, da der Geist Zeit und Kraft gewinnt, um den Satz deutlich zu
erkennen, den man in guten Stunden so leicht ausspricht, und in trben so
schmerzlich zugibt, den Satz - da Glckseligkeit nicht der Zweck des Einzelnen
sey, und seine vielen Entsagungen und geringen Ansprche darnach einzurichten.

                                    Funoten


1 Hierapolis, eine Stadt am rechten Ufer des Euphrats. Die Schlacht, welche hier
beschrieben wird, findet sich beinahe mit allen Umstnden der wirklich
geschichtlichen Personen (Constantin ausgenommen) in dem 13. Kap. von Gibbons
Geschichte. Da ich sie von dem Jahre 296 auf 302 verlegt habe, wird man in
einem Romane wohl verzeihen.

2 Geschichtlich.

3 Geschichtlich.

4 Spoilae optimae, wurde die Rstung des feindlichen Heerfhrers genannt.


                       45. Constantin an Eneus Florianus.

                                                      Hierapolis, im Junius 302.

Vielleicht hat das tausendzngige Gercht meinen geehrten Vater, und dich,
meinen vterlichen Freund, mit dem Unglcke und der Niederlage unseres Heeres
bekannt gemacht, ehe dieser Brief den weiten Raum zwischen den Ufern des
Euphrats und der Tamasis zurcklegt. Auf jeden Fall werden die amtlichen
Berichte des Diocletian und Galerius meinen Vater schon weitlufig von allen
Umstnden dieser unseligen Begebenheit unterrichtet haben; ich enthalte mich
also aller nheren Beschreibungen. Und die Ursache unseres Unglcks? Die
Unzufriedenheit der Offiziere und Soldaten flistert sie sich leise in's Ohr. Ich
werde sie Niemand nennen, als meinem Vater und dir, denn nur Ihr kennt mich so,
da natrlicher Widerwille gegen einen heimlichen Feind die Stimme der
Billigkeit nicht in mir bertubt. Ich war Zeuge, Teilnehmer der Schlacht. Nur
ein strmisch heftiges Gemth, wie Galerius, konnte durch das Andenken an alte
Schmach so erhitzt werden, um mit einem ungleich schwcheren Heere und in
ungnstiger Stellung anzugreifen. Jetzt bereitet der stolze Perser die
schimmernden Gezelte weit diesseits der Gegend aus, wo vor einem Monate die
rmischen Adler standen. Wir sind am rechten Ufer des Euphrats.
    Diocletian, der sich zu Anfang des Feldzugs in Antiochien aufhielt, ist
jetzt nach Nikomedien zurckgegangen. Er hat den Csar die ganze Schwere seines
Zornes fhlen lassen1. Zu Fu - im Purpur, der in diesem Augenblick den Stachel
des Schimpfes schrfte, mute der stolze Galerius eine Stunde weit dem Wagen des
Kaisers folgen. Es wre thricht und anmaend von einem Jnglinge, das Verfahren
verstndiger Greise, deren gemeinntzige Klugheit achtzehn glckliche Jahre
bewhrt haben, laut tadeln zu wollen. Doch kann ich nicht bergen, da mir diese
auerordentliche Bestrafung, die mehr von einem Durst nach Rache, als einer
weisen Absicht zu bessern zeigt, nicht in Diocletians gewhnlichem Charakter zu
liegen scheint. Entweder hat ihn seine Krnklichkeit reizbarer gemacht, oder es
hat der List und den Rnken gelungen, die langgenhrten Funken der Zwietracht
endlich in eine helle Flamme ausbrechen zu machen. Galerius ist schlau und stolz
genug, um seine Demthigung mit Gelassenheit zu ertragen, und vor der Welt durch
Unterwerfung unter den Willen seines Augustus sie als eine vterliche Zchtigung
minder entehrend scheinend zu machen. In ihm kocht Rache und Wuth. Er hat den
Augustus, er hat auch mich, und ich kann Diocletian eben so wenig lieben, wie
er. So stehen wir einander entgegen, Jeder gerstet, Jeder mitrauisch, Jeder im
Andern seinen Untergang befrchtend.
    In solchen Verhltnissen ist der Gewinn eines offenen treuen Freundes grer
und bedeutender als je. Ich habe mir einen erworben. Es ist ein junger
Nikomedier, den ich im Hause des Bischofs kennen lernte. Sein Aeusseres, der
Geist, der sich in seinen Reden zeigte, gewann ihm meine Achtung; jetzt hat im
genauern Umgange seine Denkart meine Liebe erworben. Er ist auf dem Wege, ein
Christ zu werden, in seinem Kopfe ist Raum fr viel umfassende Plane, in seiner
Brust Liebe und Muth genug, sie auszufhren. Ich suche ihn an mich zu ketten.
Doch wozu dies absichtsvolle Wort? Unsre Herzen finden und verstehen sich von
selbst. In der letzten Schlacht hat gleiche Gefahr im Sturm des Gefechts unsern
Freundschaftsbund, wie ich hoffe, unauflslich geknpft. Er ist mein, ich sage
es mit Stolz und Liebe, ich habe ihn mir erworben, und ich glaube in jedem Fall
auf ihn zhlen zu knnen.
    Noch mu ich meinen Vater und dich um Nachsicht bitten, da dieser Brief so
spt, so lange nach den Gerchten der Schlacht vor Euch kommen wird. Ich war
verwundet, nicht betrchtlich, doch so, da es mich einige Zeit im Schreiben
hinderte. Dieser lange Brief und meine Versicherung sollen Brge fr meine
vollkommene Herstellung seyn.

                                    Funoten


1 Die Hauptzge dieser Begebenheit sind ganz nach Gibbon.


                           46. Agathokles an Phocion.

                                                      Nikomedien, im August 302.

Du wirst erstaunen, mitten im Laufe des Kriegs, wo du mich beim Heere
vermuthest, einen Brief von mir aus Nikomedien zu erhalten. Ich bin seit gestern
hier, und erwarte alle Augenblicke abgesandt zu werden. Eine seltsame, eine
glnzende Reihe von Begebenheiten hat sich in den letzten Tagen
zusammengedrngt, und mich aus dem Dunkel meiner Lage hervorgerissen. Dir zu
erzhlen, wie rasch, wie erschtternd, wie erhebend Alles auf einander folgte,
soll die Beschftigung meiner Mue seyn, whrend ich in einem Gemache des
kaiserlichen Palastes auf meine Abfertigung warte.
    Eingedenk der erlittenen doppelten Schmach sann Galerius im finstern Gemth
darauf, durch einen entscheidenden Schlag dem bermthigen Perser die
verspottete Macht der rmischen Heere, und dem ungerechten Augustus den Werth
desjenigen, den er straflos beleidigen zu knnen geglaubt hatte, mit nie
empfundenem Nachdruck zu zeigen. Er entwarf einen khnen, aber groen Plan.
Menschenleben und Forderungen der Natur kamen nicht in Anschlag: sein Weg ging
ber sie hin. Durch Sandwsten und unwirthbare Gegenden fhrte er das Heer in
berstrengten Mrschen und erstaunenswrdiger Eile bis in die Gebirge Armeniens,
und stand auf einmal weit ber und hinter den nichts ahnenden Persern jenseits
des Euphrats. Die Erfahrungen dieses Marsches werden mir ewig im Gedchtnisse
bleiben. Sie waren hart, aber gro und erhebend. Constantin, kaum von seiner
Wunde so weit hergestellt, da er die Bewegung des Reitens vertragen konnte,
Tiridates zu Pracht und Wollust erzogen, selbst Galerius, den Alter und Wrde
von den grern Beschwerden des Kriegesdienstes freisprach, trugen, duldeten und
entbehrten, wie die gemeinsten Krieger. Ihr Beispiel ermunterte das Heer, und
willig und muthig folgte der Soldat dem Fhrer, der nichts vor ihm voraus hatte,
als die grere Sorge fr die ihm untergebene Schaar. Es war ein rmisches Heer,
es war eines Imperators, wrdig der vergangenen bessern Zeiten, und freudig
erhob sich der Geist im Anblick dieser krftigen Gemther, dieser Anstrengungen
zu einem groen Zweck, dieses Verschwindens kleiner Absichten vor dem gemeinen
Wohl. Mit Achtung und Freude sah ich Tiridates handeln, mit Ehrfurcht und Liebe
meinen Constantin, mit Bewunderung den betagten Csar.
    Ein empfngliches Gemth wird durch solche Beispiele unwiderstehlich
hingerissen, und oft erwachen Krfte in ihm, die er vorher selbst nicht kannte.
So gro ist die Macht des Guten und der Tugend! Kundschafter hatten das
persische Heer von unsrer Annherung unterrichtet, es wandte sich uns eilig
entgegen, aber es vermuthete uns nicht so nahe. Unbesorgt um eine Gefahr, die
sie entfernt glaubten, schlugen sie in der Nacht ihre Gezelte auf, und ruhten
von den Beschwerden zweier Tagemrsche aus. Dies hatte Galerius erwartet. Ein
Angriff in, der Nacht ist fr die Perser eine halbe Niederlage1. Ihre Pferde
stehen abgesattelt, angebunden, sie selbst, mit dem Tro und Geschleppe der
Bequemlichkeit und Wollust im Lager berhuft, knnen sich nicht frei bewegen.
Constantin erhielt den schwersten Posten. Ihm den grten Theil des Ruhms zu
lassen, war der schne Vorwand, unter welchem der Csar ihm wenige Stunden vor
der Schlacht seine Instruction bergab; vielleicht mochte eine gehssigere
Absicht zum Grunde liegen. Beim Einbruche der Nacht nahte sich Constantin
schweigend und ernst, wie sie, von einer kleinen treuen Schaar, die er sich
selbst erlas, begleitet, dem Lager der Perser. Wir erstiegen den leichten Wall,
der es umgab. Niemand hrte uns. Die uern Wachen fielen lautlos unter unsern
Streichen; mit Besonnenheit und Vorsicht drangen wir vorwrts, als jetzt auf
zwei Seiten, der Verabredung gem, Tiridates und Galerius mit wildem Getse von
Auen das Lager strmten. Auf einmal war Verwirrung und Lrmen allgemein, und
die Perser, die sich nur gegen einen uern Feind vertheidigen zu mssen
glaubten, sahen ihn auf einmal in ihrer Mitte. Die Niederlage war vollkommen.
Das ganze Lager, alle seine Schtze, eine Menge Gefangener, und unter diesen die
Frauen des Narses wurden unsre Beute. Narses selbst entkam verwundet und nur
mhsam den Hnden des khnen Tiridates, der ihn wthend verfolgte. Erst der
anbrechende Tag zeigte unsern ganzen Sieg, die ganze Niederlage der Perser. Aber
auch von den Unsrigen waren viele gefallen. Der Tribun der Cohorte, unter der
meine Centurie stand, sank an meiner Seite; ich bernahm seine Stelle in der
entscheidenden Nacht. Am Morgen gefiel es meinen Gefhrten, mich auf dem
Wahlplatze zum Tribun zu erwhlen. Ihr Zeugni war ehrenvoll. Constantin erhielt
vom Csar, den Siegeslust und gestillte Rache milder machten, die Besttigung
dieser Wahl, und den Vorzug fr mich, als Siegesbote nach Nikomedien gesandt zu
werden.
    So bin ich mitten in der vorigen Nacht, wenige Tage nach dem Gefecht, in
ununterbrochenem Jagen hier angekommen. Der Kaiser lie mir befehlen, ffentlich
einzuziehen, und schickte eine Abtheilung der Jovianer2, Offiziere und Soldaten
in schimmerndem Schmucke, um mich abzuholen, und zu begleiten. Ich bin kein
Freund von ffentlichen Schaustellungen; diesmal inde benahm die allgemeine
Wichtigkeit der Botschaft diesem Auftrag einen Theil seiner Unannehmlichkeit.
Ganz Nikomedien hatte sich vor die Thore und in die Straen ergossen, um den
Siegesboten zu sehen; mancher Jugendgespiele, mancher alte Bekannte, den Freude
und Neugier herbeigelockt hatte, bewillkommte mich freundlich unter dem
frohlockenden Haufen, der dem Augustus und dem siegreichen Csar laut
zujauchzte. Mein Herz war erweitert und angenehmen Eindrcken geffnet. Von der
Terrasse3 ihres Hauses begrten mich Calpurnia und ihr Bruder. Eine seine Rthe
berzog ihr Gesicht, als ich ihren freundlichen Gru mit Achtung und Freude
beantwortete. Mir war wohl, ich gab mich dem schnen Zauber hin, der mich
umfing, bis im Palast des Kaisers die orientalische Despotenpracht mein Herz
beklemmend einengte. Ich kam von einem rmischen Heere, gesandt von einem
Imperator, der, wrdig der bessern Vergangenheit, nichts als der erste Krieger
seines Heeres war - ich war Zeuge, Genosse jener Anstrengungen und Entbehrungen
gewesen - und wie eine Last drckte das goldne Getfel, die schimmernden Wnde,
die Pracht, die sich um einen Einzigen hier aufthrmte, auf meinen Geist. Die
Gegenwart des Proconsuls im Gemache des Kaisers verschaffte mir eine Art von
Erquickung. Der Augustus hrte mich gndig an, und ich mu mir gestehen, da der
durchdringende Verstand, das scharfe Urtheil, die vollkommenen Kenntnisse, die
er in diesem Gesprche uerte, mir unwillkhrlich Achtung abzwangen, und mich
zum Theil meinen Widerwillen gegen seinen Hochmuth vergessen machten.
    Sehr verbindlich erkannte er meine Befrderung zum Tribun an, und fgte noch
ein kostbares Geschenk hinzu. Warum mute er das thun? Warum mssen die Groen
jeden Dienst, der dem Vaterland geschah, abzahlen, und mit einem Geschenk, das,
wie gro es auch fr den Beschenkten seyn mag, dem Geber nichts mehr gilt, als
ein Sandkorn, das ihm unbewut von dem aufgethrmten Haufen seiner Gter
herabrollt!
    Lucius Piso behandelte mich mit Liebe und Achtung, er lud mich zu sich, ich
nahm es gern an, denn auer meinem Vater habe ich ja sonst Niemand mehr in
Nikomedien, der an meinem Schicksal Theil nimmt, dem ich Etwas bin - als sein
Haus. Mein Vater empfing mich mit groer aber prunkvoller Freude, und bedauerte
nur, da die kurze Zeit meines Aufenthalts ihm nicht gestattete, die glnzendste
Begebenheit seines Hauses durch ein Fest zu feiern; doch nahm er sich vor, das
Versumte nchstens nachzuholen. Ich widersprach nicht, und bemhte mich in
Allem, was er that und sagte, nichts als die vterliche Liebe zu sehen, die
seinen Aeuerungen zum Grunde lag, die nur die Farbe seines Charakters trug. Er
war so vergngt; wie htte ich ihm widersprechen knnen? Er liebt mich, und ist
das nicht das Beste, das Schnste, was der Mensch dem Menschen geben kann?
    Der Proconsul kam mir schon im Atrium mit Calpurnien und seinem Sohne
entgegen. In die herzliche Freundschaft ihres Betragens mischte sich eine zarte
Achtung, die, statt uns einander fremd zu machen, den Aeusserungen gegenseitiger
Zuneigung einen hhern Reiz gab. Die Scheidewand, die Mann und Jngling trennt,
schien heute zwischen dem Vater und mir gesunken, Calpurniens Bruder behandelte
mich mit achtungsvoller Freundschaft, und sie - hchst sittsam, beinahe
matronenmig gekleidet, und in heiterer Gesprchigkeit gleich weit von
Ansprchen entfernt, schien mir ganz liebenswrdig. Ich war vergngt, und kein
Miton strte die stille Harmonie meiner Seele. Nach Tische entschlpfte uns
Calpurnia unbemerkt. In einer halben Stunde lie sie uns rufen. Eine junge
Sclavin in Nymphentracht fhrte uns durch mehrere Gemcher und Gallerien bis in
einen Saal des Hintergebudes. Wir traten hinein, eine liebliche Dmmerung und
se Dfte umfingen uns. Am Ende des Saales war eine Art Bhne, blos durch
blhende Orangenbume und Blumengewinde gebildet, und auf eine wunderbare Weise
durch Lampen erleuchtet, die selbst verborgen nur durch ihre zauberische Wirkung
bemerkbar wurden. Eine angenehme Musik ertnte, und Calpurnia in einem Anzuge,
der die ganze Schnheit ihrer Gestalt zeigte, ohne dem strengsten Sittenrichter
Anla zum Tadel zu geben, schwebte, von Nymphen begleitet, als Venus Urania
herein. In einem sinnreichen Tanz drckte sie die Gesinnungen aus, die ihr als
dieser Gttin zukamen. Die Nymphen brachten ihr Lilien und Orangenblthen, sie
wand weie Krnze als Sinnbilder der Unschuld daraus. Mitten in diesen
Beschftigungen ertnte von fern und immer nher und nher dieselbe kriegerische
Musik, die mich heute bei meinem Einzuge in die Stadt begleitet hatte, und in
dem gleichen Augenblicke gaukelte eine Schaar Liebesgtter aus den Gebschen
hervor. Krnze von Rosen, die sie trugen, Kcher und Pfeile, Schalkheit und
Muthwille charakterisirten sie als die Kinder der gewhnlichen Cythere. Unwillig
empfing sie Urania. Sie bedeuteten ihr, was diese Musik anzeige, wer komme, und
da sie dem Zuge entgegen eilen wollten. Urania schien ihr Vorhaben zu
mibilligen, sie zu warnen. Die Knaben eilten achtlos fort, aber nicht lange, so
kamen sie - die Krnze zerrissen, Pfeil und Bogen zerbrochen zurck, schienen
Uranien zu klagen, wie bel sie empfangen worden waren, und entflohen endlich
auf ihr strenges Gehei. Jetzt sandte sie ihre Nymphen mit den weien
Blumenketten ab, sie entschwebten in einer lieblichen Gruppe, und Venus Urania
drckte in einem pantomimischen Tanze ihre Erwartung und Ungeduld, wie diese
Sendung aufgenommen werden wrde, aus. Auch diese Mdchen kamen traurig zurck,
sie hatten ihre Krnze noch unversehrt, aber sie drckten in ernsten mitleidigen
Stellungen aus, da auch ihre Geschenke keinen Eingang in ein traurendes Herz
gefunden hatten. Gerhrt und mitleidsvoll setzte nun die Gttin sich auf einen
Rasensitz und schien nachzusinnen. Pltzlich sprang sie wie begeistert auf,
winkte den Nymphen, enteilte mit ihnen, und inde die Musik des Marsches
fortwhrte, kam sie, jedes Zeichen der Venus Urania abgeworfen, geharnischt und
behelmt, als Gttin Roma4 zurck. Die Victoria in der Rechten, einen
Lorbeerkranz in der Linken haltend, und von ihren Nymphen begleitet, eilte sie
gerade auf mich zu, und erhub die Hand, um mir den Kranz aufzusetzen. Ich war
betroffen, gerhrt, erschttert, und inde eine wehmthige Erinnerung, durch die
Pantomime der zurckkehrenden Nymphen erregt, mein Innerstes durchzuckte,
schlang so viel schmeichelnde Gte, so viel herzliche Achtung sich trstend und
milde um mein Herz. Aber ihren Kranz konnte nur die Eitelkeit annehmen. Ich wich
zurck, ich wollte ihre Hand ergreifen - da umringten mich die Begleiterinnen,
und indem ein Chorgesang anfing, der mir sagte, da nicht die Liebe, nicht die
Freundschaft, nur das Vaterland mich lohnen knnen, und ich starr und wie
bezaubert dastand, wand sie mit beiden schnen Armen mir das Lorbeerreis um's
Haupt. Nun eilten Vater und Bruder auf mich zu - der Chorgesang erhub sich
lauter im Einklange mit der kriegerischen Musik, ich fhlte Thrnen in meinen
Augen, ein theures verklrtes Bild schwebte freundlich vor mir, und im Gedrnge
so viel gemischter Empfindungen gab ich mich willenlos dem schnen Eindruck hin,
den das Ganze auf mich machte, und der mein Herz nicht verfehlen konnte.
Calpurnia ergriff meine Hand, und fhrte mich an die Thre, sie ffnete sich,
wir standen im Garten, der im Abendschimmer duftend und glnzend vor uns lag.
Jetzt erst beim Tageslichte sah ich, wie schn sie im Helm und Harnisch - ein
zauberisches Mittelwesen zwischen Venus und Pallas war. Sie behielt ihren Anzug,
sie mochte wohl, wissen, warum - brigens blieb sie sich gleich, heiter,
freundlich, anspruchslos, und schien den Sinn ihres bedeutungsvollen Schauspiels
ganz vergessen zu haben. Ich konnte das nicht, und so war es mir lange nicht
mglich, den Ton zu finden, in welchem ich mit diesem seltnen, gefhrlichen und
doch achtungswrdigen Wesen sprechen sollte. Eben fing ihre Unbefangenheit an,
mir die meine wiederzugeben, als der Befehl des Augustus mich abrief -
vielleicht sehr zur Zeit.
    Noch diese Nacht reise ich ab, und werde Nikomedien so bald nicht wieder
sehen. Ich denke, das mu ich - denn es ist nicht gut, in gewissen Umgebungen
viel zu seyn, wenn man bestndig weder darin seyn kann, noch will. Was in mir
vorgeht, und welchen Eindruck die heutigen Scenen in mir hinterlieen, sollst du
aus dem Lager hren.

                                    Funoten


1 Ebenfalls geschichtlich, so wie die Folgen dieser Schlacht, Narses Verwundung,
und der durch den Apharban geschlossene Frieden.

2 Jovianer und Herkulianer waren die Benennungen zweier illyrischen Legionen von
geprfter Treue, welchen Diocletian, um den Uebermuth der Prtorianer zu
migen, den Dienst der Leibwachen bertrug.

3 Die Huser im Orient hatten, und haben noch grtentheils platte Dcher, die
in den khlen Stunden zum Luftschpfen und Spazierengehen dienen.

4 Rom hatte seine eigene Gttin, der unter diesem Namen Tempel erbaut wurden.
Sie wurde verschieden abgebildet, unter andern aber auch mit einer Victoria in
der Hand.


                          47. Calpurnia an Sulpicien.

                                                      Nikomedien, im August 302.

Ich habe einen hchst genureichen schnen Tag durchlebt, meine liebe Sulpicia!
und mein volles Herz drngt mich, meine Freude in den Busen meiner Freundin zu
ergieen. So herrlich der Tag war, so lieblich ist sein Abend - und ich habe, um
ihn recht mit allen Sinnen zu genieen, mir das Schreibgerthe auf das platte
Dach unsers Hauses bringen lassen, das nach orientalischer Sitte mit Blumen und
Orangenbumen besetzt, einen Garten und recht angenehmen Spazierort fr die
khleren Stunden anbietet. Hier sitze ich unter Dften und Blthen, weiche Lfte
umspielen mich, vor mir liegt die heilige Meeresfluth unermelich ausgebreitet,
ber die der letzte Sonnenstrahl feurig brennende Brcken zieht. Sie selbst
glhend, wie vor Freude in den Erinnerungen des schnen Tages, dem sie
leuchtete, sinkt hinter den Bergen von Europa hinab, deren dunkelblaue
Riesengestalten sonderbar mit den hellen Massen in Luft und Meer kontrastiren.
    Um mich her ist ein freudiges Weben und Schwelgen in ruhigem Genusse. Kfer
und Mcken tanzen im letzten Sonnenstrahl, oder wiegen sich in Blumenkelchen.
Vor den Husern oder auf ihren Terrassen sitzen die Nachbarn, und wiederholen in
traulichem Geschwtz die Freuden des Tages; hier und dort tnt eine Leier, oder
ein ferner Gesang durch die Stille. O meine Sulpicia! Warum bist du nicht hier,
um das Alles mit zu geniessen! Ja es war ein schner Tag fr mich - fr ganz
Nikomedien, und du sollst Alles hren, um dich im Widerschein unsers Vergngens
zu freuen.
    Schon gestern Abends verbreitete sich ein Gercht von einem Siege, den
Galerius ber die Perser erfochten habe. In der Niedergeschlagenheit, die sich
seit der letzten unglcklichen Schlacht der Gemther bemchtigt hatte, war diese
Neuigkeit sehr erwnscht, und wurde begierig, obwohl nicht ganz ohne Mitrauen
ergriffen, weil wir leider schon fters durch falsche Siegeshoffnungen waren
getuscht worden. Desto grer war die Freude, als heute mit anbrechendem Tage,
vom kaiserlichen Palaste aus, wohin der Tribun, der die Nachricht gebracht,
vorlufige Botschaft gesandt hatte, sich die frohe Besttigung durch die ganze
Stadt verbreitete. Der Tribun bekam Befehl, ffentlich in die Stadt einzuziehen.
Die Strassen waren mit einer unzhlbaren Menschenmenge bedeckt, deren dumpfes
Gerusch, wie des fernen Meeres, und ihr Hin- und Herfluthen mich ergtzte. Ich
war auf die Terrasse ber unserm Hause gegangen, wo ich jetzt schreibe, und sah
dem Schauspiel vergngt, aber ohne besondre Theilnahme zu. Auf einmal
verkndigte ein lebhaftes Geschrei und Jauchzen, der Schall kriegerischer
Instrumente und die heftigere Bewegung der Menschenmasse die Annherung des
Siegesboten. Alles schrie: Es lebe Diocletian! Es lebe Galerius! Es war ein
Freudentumult, der auch mich unwillkhrlich ergriff, mein Herz schneller
schlagen, und Thrnen der Freude in meinen Augen schwellen machte - es war mir,
als sollte ich mitrufen: Es lebe der Kaiser! So ansteckend ist das Entzcken.
Jetzt kam der Zug. Voraus ritt eine Schaar ganz gewaffneter und prchtig
geschmckter Krieger, hinter ihnen, von Offizieren umgeben, der Tribun im
Schmucke seines Ranges. Ich hatte schon vorher von meinen Sclavinnen gehrt, da
er sich bei der Schlacht sehr ausgezeichnet, und von seiner Cohorte auf dem
Schlachtfelde zum Tribun erwhlt worden war; dies machte mich aufmerksamer auf
ihn. Es war eine schlanke Gestalt, die sich mit Anstand gegen die grende Menge
verneigte, aber je nher er kam, je sonderbarer ward mir zu Muthe - ich glaubte
bekannte Zge zu entdecken, und - stelle dir meine Ueberraschung, meine Freude
vor - es war wirklich Agathokles. Als er an unser Haus kam, sah er sogleich
empor. So einnehmend, so froh hatte ich ihn nie gesehen. Sein Gesicht glhte,
seine Augen leuchteten vom freudigen Stolze, und doch war eine bescheidne
Haltung in seinem Wesen, die den schimmernden Eindruck lieblich migte. Er
grte mich sehr freundlich, ich beantwortete seinen Gru mit so viel Achtung
und theilnehmender Freude, als sich nur in einen Gru legen lt, und ergtzte
mich an dem Umsehen, Emporblicken und Flistern der Menge, die dieses Zeichen
meiner genauern Bekanntschaft mit dem Helden des Tages aufmerksam gemacht hatte.
Nach einer Stunde kam mein Vater vom Augustus zurck, auch er war erfreut ber
die Auszeichnung, die seinen Gastfreund ehrte. Er rhmte den gtigen Empfang des
Augustus, Agathokles bescheidnes kluges Betragen, und kndigte ihn mir als Gast
zur Tafel an.
    Wie ein Blitzstrahl fuhr mir der Gedanke durch den Kopf, den heutigen Tag
und Agathokles wohlverdienten Ruhm durch ein kleines Fest zu feiern. Gedacht -
gethan! Ich lie meine Mdchen, und die jngsten Sclaven meines Vaters rufen,
ich unterrichtete sie, so gut sich in der Eile thun lie; unser groer
Gartensaal ward zum Schauplatze eingerichtet, und Alles recht hbsch geordnet.
Noch vor der Essenszeit zog mich ein Gerusch an's Fenster - er war es. Ohne den
Prunk, der ihn zuvor umgeben hatte, zu Fu, nur von einem Sclaven begleitet, kam
er auf unser Haus zu; aber das Volk lief ihm nach, und begleitete ihn mit
Freudensbezeigungen bis beinahe in's Atrium. Hier empfingen ihn mein Vater, mein
Bruder und ich mit einer herzlichen Freude, in die sich - unwillkhrlich etwas
Feierliches mischte. Er gab sich, in dem frohen Gefhle, unserer Freundschaft
hin; er war heiter, gesprchig, sogar munter. O wie liebenswrdig, wie
gefhrlich knnte der Mann seyn, wenn er immer so heiter wre! Nun, zum Glcke
fr uns arme leichtsinnige Geschpfe, die nicht so glcklich sind, Larissen zu
seyn, kmmt er nicht alle Tage als Siegesbote, und so ist auch keine Gefahr, da
er alle Tage so liebenswrdig seyn wird.
    Nach dem Essen entschlpfte ich unbemerkt, und nachdem Alles veranstaltet
war, lie ich meinen Vater und ihn in den Gartensaal rufen. Auch fr meinen
Vater war mein kleines Fest eine Ueberraschung, um desto besser gelang es, und
ich glaube, da alle Parteien gleich vergngt auseinander gingen. Als ich zu
Agathokles trat, ihm den Kranz aufzusetzen, sah ich ihn unwillkhrlich
zurcktreten, und eine brennende Rthe berflog sein Gesicht. Er hielt meine
Hand zurck, aber ich lie mich nicht stren, und whrend meine Mdchen sich in
lieblichen Stellungen schwebend und tanzend um ihn gruppirten, wand ich ihm das
Siegeszeichen in die Locken. So stand er bekrnzt und betroffen vor mir, und
dankte mir mit einem Blicke und Ton, der mir meine kleine Mhe so vergalt, wie
ich sie vergolten zu haben wnschte, und - zeihe mich immer heimlicher Listen
und Absichten - durch mein Fest vergolten haben wollte.
    Wir gingen in den Garten, mein Vater wurde abgerufen, ich blieb allein mit
Agathokles. Er war nicht ohne Verlegenheit, das sah ich - es freute mich, und
erhielt mir meine ganze Unbefangenheit. Das mu seyn, wenn ich nicht auf der
Stelle den erhaltenen Gewinn verlieren, und wieder auf dem Platze mit ihm stehen
will, auf dem ich vor seiner Ankunft stand. Er mu zu denken, auszulegen, zu
entrthseln haben, wenn ich meine Absicht erreichen will, nicht ich - wir mssen
Rollen tauschen. Unsere Unterhaltung war eine Weile einsylbig, dann aber desto
lebhafter, und obwohl sie bestndig in den Schranken zwangloser Freundschaft
blieb, war ich doch ganz wohl mit dem Erfolge des Tages zufrieden, und sah ihn
ruhig Abschied nehmen, als er, zum Augustus berufen, dem unwillkommenen Befehl
ziemlich unmuthig gehorchte.
    So stehen nun die Sachen. Die nhere Beschreibung des Festes, und eine
Zeichnung, die ich bis jetzt nur entworfen, und nchstens auszufhren im Sinne
habe, bringe ich dir selbst mit, sobald meines Bruders Geschfte ihm erlauben,
mich zu dir zu begleiten. Der Entwurf ist gelungen, ich hoffe, die Vollendung
soll es auch werden. Aber nun auch kein Wort weiter. Die Sonne ist lngst hinab,
und die Dmmerung macht alle Buchstaben vor meinen mden Augen verschwinden.
Schlaf wohl!

                       48. Theophania an Junia Marcella.


                                                        Nica, im September 302.

Mit welchen Empfindungen, geliebte Freundin! wirst du dieses Blatt in die Hand
nehmen, das dir Nachricht von dem Leben, von dem Schicksale eines Wesens gibt,
dessen Tod deine Freundschaft seit acht Monaten als gewi beweint hat? Ja, ich
lebe noch! Es hat der Vorsicht gefallen, mein Daseyn auf eine unverhoffte,
wunderbare Weise zu erhalten; aber ich wrde mich dieser wunderbaren Fgung
durch eine Falschheit unwrdig machen, wenn ich sagen wollte, da ich sie fr
ein Glck erkenne, und jetzt in dieser Lage, in der ich mich befinde, mein
verlngertes Leben fr ein wnschenswerthes Gut halte. Ich kann mir die
tausenderlei Empfindungen und Fragen vorstellen, die sich aus deinem liebevollen
Herzen nach meinen Schicksalen, meiner Erhaltung, meinem jetzigen Zustande
hervordrngen; aber da ich sie nicht alle zugleich beantworten kann, so genge
dir inde zu wissen, da ich gesund und ruhig bin, da ich zu Nica im Schooe
einer sehr rechtschaffenen Familie bei Heliodors Bruder, dem achtungswrdigen
Lysias, lebe, und - la mich nun langsam und ordentlich die sonderbaren Zuflle
erzhlen, die mein Leben erhielten, und bis jetzt fristeten.
    In jener Schreckensnacht, als pltzlich ein grlicher verwirrter Lrmen die
Bewohner unserer Villa aus dem Schlafe aufschreckte, und Demetrius durch kein
Flehen von seinem Vorhaben, sich den Barbaren zu widersetzen, abzubringen, und
zur Flucht zu bereden war, sah ich mich, nachdem er alle waffenfhigen Mnner
mit sich genommen hatte, mit ein paar alten Sclaven und meinen Weibern ganz
allein. Mir war diese Lage nicht unerwartet, ich hatte sie vorher sehen knnen,
und war darauf vorbereitet. Ich kann nicht sagen, da ich sehr erschrocken oder
verwirrt gewesen wre; denn mein Vorsatz war gefat. Ich lie meine Leute zu mir
kommen, stellte ihnen die Lage der Dinge vor, und berlie es ihrer Wahl, was
sie thun, ob sie den Ausgang des Gefechtes abwarten, oder sich noch in Zeiten
retten wollten. Ich selbst erklrte fr mich, da ich bis zum entscheidenden
Augenblicke meinen Gemahl und die Villa nicht verlassen, und mich nur in der
hchsten Noth durch die Flucht retten wrde. Nachdem ich ihnen dieses verkndet
hatte, ergriffen Einige die Flucht auf der Stelle, Einige verbargen sich in dem
Garten, Einige blieben im Hause, unter ihnen Melyte, die schnste und jngste
meiner Sclavinnen, indem sie, verfhrt durch allerlei Gerchte, da die Gothen
nichts weniger als unempfindlich gegen die Schnheit wren, und manches
gefangene Mdchen ein glnzendes Glck bei ihnen gemacht habe, nichts
befrchtete. Ich versuchte vergebens, ihr die Thorheit dieser Hoffnung
begreiflich zu machen; sie beharrte auf ihrem Entschlu, und von allen meinen
Leuten blieb nur eine Einzige, die treue Evadne, bei mir. Mit dieser begab ich
mich in eines der Gartenhuser, von wo aus uns im schlimmsten Falle die Rettung
auf das Feld, und dann durch Auen und Gebsche, die ich wohl kannte, bis zu
einem eine Stunde weit entlegenen Dorfe offen stand. Wir zogen mnnliche
Sclavenkleider an, steckten einige Kostbarkeiten, und jede ein kurzes Schwert
und einen Dolch zu uns, und so harrten wir, betend in banger Erwartung, der
Entscheidung unsers Schicksals. Ein alter Sclave gab uns von Zeit zu Zeit Kunde
von dem Gefecht, das lnger zweifelhaft blieb, als ich Anfangs gedacht hatte.
Endlich berzeugte uns die schreckliche Nachricht, da mein Gemahl mit den
meisten seiner Leute erschlagen sey, und nur einige Wenige sich durch die Flucht
zu retten suchten, von unsrer drohenden Gefahr. Trotz aller Leiden, die meine
Verbindung mit Demetrius ber mich gebracht hatte, erschtterte mich sein Tod
doch auf's Aeusserste, ich brach in Thrnen aus, und wollte auf's Schlachtfeld,
zu sehen, oh noch Rettung, noch Hoffnung fr ihn brig war. Meine Leute hielten
mich ab, sie stellten mir die Gefahr, ja die Unmglichkeit des Schrittes vor,
sie drangen in mich, zu entfliehen. Ich folgte ihnen zuletzt. Wir entflohen, und
kamen glcklich beinahe eine Viertelstunde weit durch das Dickicht fort. Wie mir
damals war, kann ich nicht sagen. Tausend schmerzliche Gefhle strebten in
meiner Seele empor, aber das mchtigere der gegenwrtigen Gefahr hielt sie alle
nieder, und richtete alle meine Gedanken nur auf den einzigen Punkt meiner
Rettung. Schon singen wir an einige Hoffnung zu nhren, als pltzlich einige
Barbaren, die sich whrend des Gefechts in der Gegend zerstreut hatten, uns von
der Seite berfielen. Flucht war unmglich; wir suchten uns also zu wehren, so
lange wir konnten. Noch begreife ich nicht, woher mir diese Entschlossenheit
kam. Es war nicht der Muth der Verzweiflung, denn ich behielt eine ziemlich
klare Ansicht meiner Lage; aber ich schreibe sie zuerst der Gte Gottes zu, der
ja jedes Wesen mit den zu seiner Erhaltung nthigen Gaben ausgerstet hat, und
dann, meiner geringen Furcht vor dem Tode. Ich fhlte wohl, da uns die Barbaren
schonten, da sie uns lebend zu fangen trachteten; das gab mir Zuversicht. Aber
was sind weibliche Krfte, und ein Arm, ungebt, das Schwert zu fhren?
Ungeduldig und erzrnt ber meinen fruchtlosen Widerstand zckte der Gothe
seinen Sbel, und haute nach mir. Ich glaubte den Todesstreich zu empfangen,
aber er wollte mich vermuthlich nur wehrlos machen. Sein Streich traf meine
Wange, die sogleich heftig zu bluten anfing, und wie ich erschrocken mit der
Hand darnach fuhr, entri er mir leicht das Schwert, an das ich in der
Bestrzung nicht gleich dachte. Evadne schrie laut auf, da sie mich bluten sah,
und warf ihr Schwert weg, um mir zu helfen. Ich winkte ihr, uns nicht durch
bertriebene Sorgfalt zu verrathen; sie schwieg, aber ich sah Thrnen in ihren
Augen, und dieser Anblick gab mir mitten in meiner traurigen Lage ein angenehmes
Gefhl. Jetzt fielen die Gothen ber uns her, und banden uns die Hnde; aber
inde sie noch damit beschftigt waren, nahte sich ein zweiter Haufe zu Pferd,
an dessen Spitze ein Mann von edlem Ansehen ritt.
    Sie sprengten auf uns zu, sie sprachen unter einander, sie sahen uns fters
an, wir konnten sehen, da wir der Gegenstand ihres Gesprches waren. Endlich
nherte sich uns der Anfhrer, er lie unsere Bande auflsen, und sagte uns in
gebrochenem Griechisch, indem er uns als Knaben anredete, unser Muth htte ihm
gefallen, er wolle uns nicht binden lassen, er traue unsrer Ehrlichkeit, wir
sollten ihm zu den Schiffen folgen. Jetzt war Alles verloren, und unser Loos das
schlimmste, das uns treffen konnte - Gefangenschaft. Meine einzige Hoffnung,
meine einzige Rettung bestand noch in dem Dolche, den ich auf's sorgfltigste zu
verbergen mich bestrebte. Man fhrte uns zu den Schiffen. Der ziemlich weite
Gang, die kalte Luft hatten die Schmerzen meiner Wunde sehr vermehrt. Der edle
Fritiger, so hie der Anfhrer, sah mir meine Leiden an. Er lie den Zug bei
einer Quelle halten, ein bejahrter Gothe trat auf seinen Befehl hinzu, wusch
meine Wunde, legte Kruter, die er bei sich trug, darauf, und verband sie, so
gut es Eile und Ort erlaubte. Ich fhlte bald einige Linderung, und mute die
Gte der Vorsicht bewundern, die diese Wilden in den rohen Erzeugnissen der
Natur einfache Heilmittel finden lt. Wir bestiegen die Schiffe - ach, und wie
die Morgenrthe anbrach, sah ich die geliebten Ufer der Heimath schon ziemlich
fern in Nebeln sich verlieren. Bei diesem Anblick brachen meine Thrnen heftig
hervor, und das ganze Gefhl meines Unglcks, die ganze Uebersicht Alles dessen,
was ich verlor, und die Schrecken, die meiner warteten, fielen auf einmal auf
mich. Ich glaubte zu vergehen. Zweimal zuckte meine Hand nach dem Dolch -
zweimal hielt mich blos der Gedanke an die Unrechtmigkeit des Selbstmordes ab.
Doch blieb der Entschlu fest, ihn zu brauchen, sobald mein Geschlecht entdeckt
und meine Ehre in Gefahr seyn wrde. Dann hielt ich das letzte Rettungsmittel
fr erlaubt. Zwei Tage vergingen in diesem trostlosen Zustande auf dem elenden
Kahn, der uns, unbegreiflich genug, dennoch ber den unsichern Euxin trug. Am
dritten Abend erschien uns die westliche Kste. Jetzt erwachten alle meine
Schmerzen, welche Ergebung in den Willen der Vorsicht, und das Mitleid unsers
edelmthigen Gebieters etwas besnftigt hatten, wieder. Ich war so erschttert,
da ich schwankte. Fritiger sah meine Schwche, er nahm mich wie ein Kind auf
den Arm, und trug mich an's Land. Hier sprach er mir von Neuem Trost ein. Er
sagte mir, da ich ihm angehrte, da ich sein Sclave sey, da er mich aber
recht gut halten wollte, wenn ich es verdiente. Aus seinen mnnlichen Zgen
sprach nichts Grausames, aus den groen blauen Augen sogar Gte. Er war nun das
einzige Wesen auf der Welt, dem ich angehrte, das an mir Theil nahm, das mich
schtzen konnte. Ein Grauen berlief mich, aber ich sah die Nothwendigkeit ein,
mich in mein Geschick zu ergeben; ich gelobte ihm Gehorsam und Treue, und bat
ihn um Geduld. Er versprach mir, vterlich fr mich zu sorgen. Der Zug ging dem
Walde zu, aus dem uns bald mit lautem Freudengeschrei ein groer Haufe von
Weibern und Kindern entgegeneilte, die Zurckkehrenden zu empfangen. Eine Art
von Freude strahlte in meine Seele, als ich eine schne groe Frau von mittleren
Jahren, und drei sehr wohlgebildete Mdchen, deren ltestes etwa fnfzehn Jahr
alt seyn mochte, auf meinen Gebieter zueilen, und ihn als Gemahl und Vater
bewillkommen sah. Er stellte ihnen seine beiden Sclaven vor, und ich sah wohl,
da Evadne, die einem ganz hbschen Jngling glich, die Aufmerksamkeit und
Theilnahme Gisella's, des ltesten Mdchens, auf sich gezogen hatte. Dort nahm
man uns Beide gtig auf, und wir kamen bald zu den Wohnungen des Stammes und in
Fritigers Htte.
    Wie diese Htte aussah, wie hier jede Bequemlichkeit fehlte, an die der
Bewohner des gebildeten Landes gewhnt ist, und welche Leiden und Entbehrungen
uns daraus entsprangen, wre berflssig zu schildern, du kannst es dir
vorstellen. Doch die stille unwiderstehliche Gewalt der Gewohnheit machte uns
zuletzt auch diese Beschwerlichkeiten ertrglich. Ich lernte hier unter diesen
einfachen Menschen einsehen, wie wenig die Natur bedarf, wie viele Lasten uns
unsre Bedrfnisse auferlegt haben, und in der Denkungsart und Behandlung unsrer
Gebieter fanden wir Trost und Erleichterung. Ach, meine Liebe! wir schelten
diese Menschen Barbaren, und ich habe Tugenden und Gefhle unter ihnen
angetroffen, die wir in der gebildeten Welt bald nur dem Namen nach kennen
werden. Ihre Sitten sind rauh, aber einfach, ihre Gefhle heftig, aber wahr, und
in diesen starken unverdorbenen Gemthern ist Gromuth, Treue, Aufopferung und
Liebe bis zum Tod keine bewundernswrdige Seltenheit. Ihre meisten Fehler sind
Folgen ihres einsamen Zustandes, ihres Mangels an Beschftigung. Die Frauen
besorgen den Haushalt, der Mnner einziger Beruf ist Jagd und Krieg, und in den
vielen migen Stunden, die diese Lebensart mit sich bringt, verfllt der Geist,
der doch immer thtig seyn will, auf gefhrlichen niedrigen Zeitvertreib. Spiel
und Trunk fllen diese Stunden aus, und da in diesen groen krftigen Gemthern
jede Neigung bald zur Leidenschaft wird, so fallen hierdurch oft schreckliche
emprende Auftritte vor. Das sind aber auch die einzigen Laster, die wir ihnen
mit Recht vorwerfen knnen. Sonst beschmen sie uns in den meisten Tugenden, und
wahrlich, die Frauen htten vor Allem Ursache, die Sitten dieser sogenannten
Wilden zu preisen. Ihre Weiber sind nicht, wie beinahe im ganzen Orient,
Sclavinnen der Mnner, oder hchstens ein Spielwerk, mit dem sie tndeln, so
lange es ihren Augen gefllt. Die Frau des gothischen Kriegers ist seine
Freundin, seine erste Vertraute, die Theilnehmerin aller seiner Entschlsse, oft
seine Begleiterin in der Schlacht. Dort darf sie hinter dem Treffen seiner
harren, sie verbindet seine Wunden, sie trocknet den Schwei von seiner
Heldenstirn, sie theilt seinen Ruhm, oder stirbt mit ihm, wenn er fllt, um
seinen Verlust und ihre Freiheit nicht zu berleben. Ach wie oft habe ich mir in
jenen ngstlich schnen Zeiten, als das Heer bei Edessa und Nisibis stand, ein
solches Verhltni getrumet, ohne zu ahnen, da es schon wirklich irgendwo
vorhanden sey! Wenn ich damals mit gedurft htte - wenn ich ihn htte begleiten,
seine Lanze tragen, meine Brust zu seinem Schilde machen, sein Blut mit meinem
Schleier stillen drfen - ich wrde nicht gezittert haben, alle weibliche
Furchtsamkeit wre vor dem Gedanken entwichen, bei ihm zu seyn, und ihn zu
schtzen. Eitle Wnsche! Damals gebot die Pflicht - und jetzt - - Doch ich will
meiner Erzhlung nicht vorgreifen.
    Die Gte, womit wir behandelt wurden, die Strenge und Reinheit der Sitten,
in Absicht auf den Umgang der beiden Geschlechter, die ich unter diesem Volke
herrschend sah, und vor Allem Gisella's Empfindungen gegen Evadne, die durch die
fortgesetzte Tuschung immer lebhafter wurden, bewogen mich, der Mutter unser
Geheimni zu offenbaren, und ihr zu sagen, da wir Frauen wren. Man nahm diese
Entdeckung mit Erstaunen, aber ohne Widerwillen auf, und die Sorgfalt, die man
von dem Augenblicke an fr unsere strenge Absonderung von den mnnlichen
Bewohnern des Hauses, und fr angemene Kleidung trug, zeigte mir, wie
zweckmig dieser Schritt war, und wie wenig wir in dieser Hinsicht zu frchten
hatten. Ich lebte nun ziemlich ruhig, aber in tiefer Schwermuth fort. Die
Trennung von allen meinen Lieben, die mannigfaltigen Beschwerden meiner Lage,
und die wenige Hoffnung auf eine Aenderung beugten mich tief.
    So verging der Winter, dessen Macht ich hier erst mit Schrecken und mit
krperlichem Schmerz kennen lernte, als ich den tiefen Schnee die ganze Gegend
unwegsam machen, und die groen breiten Strme, von Eis gefesselt, starr und
still stehen sah. Indessen fand mein Gemth auch in diesen rauhen Tagen eine
Beschftigung, an der es mit Liebe und Zufriedenheit hing. Ich lehrte meine
Hausgenossinnen allerlei Arbeiten, Vortheile und Annehmlichkeiten des Lebens und
Haushalts kennen, ich und Evadne wurden ihre Meisterinnen, und bald sah ich die
unwiderstehliche Macht der hheren Bildung ber rohe aber unverdorbene Gemther.
Wir bekamen immer mehr Schlerinnen aus den benachbarten Htten. Sie, die
befehlen konnten, horchten begierig auf unsern Unterricht, sie ehrten uns wie
bessere Wesen, und htten sich unsere Befehle gefallen lassen, wenn der Wunsch
zu gebieten in meiner oder Evadnens Brust gelegen htte. Aber wenn ich auch
ihren Gehorsam nicht verlangte, so war es mir doch ein ses Gefhl, Gutes unter
ihnen verbreitet, und schnen Saamen ausgestreut zu haben, der noch in spter
Zukunft Frchte tragen knnte. Du wirst es mir fr keine Eitelkeit auslegen,
wenn ich dir sage, da uns mehr als ein Antrag von gothischen Jnglingen, ja von
einigen ihrer ersten Heerfhrer gemacht wurde. Eben so leicht wirst du mir auch
glauben, da es mich weder Ueberwindung noch Ueberlegung kostete, sie
auszuschlagen. Bei Evadnen, deren freies Herz sie nicht nach dem Vaterland
zurckzog, deren Stand ihr manche Hrte ihrer jetzigen Lage ertrglicher machte
als mir, gelang es dem edlen tapfern Kattwald besser. Er ist Fritigers Neffe,
und wahrlich, ich habe wenig schnere Mnner gesehen, als diesen hohen, beinahe
riesenmig gebauten Jngling, mit seinen dunkelblauen Augen und seinem goldnen
Gelocke. Er warb um sie, und sie gab ihm nach der Neigung ihres Herzens, nach
dem Rath der Familie, und nach meinem eignen ihre Hand.
    Jetzt war der Frhling gekommen, der tiefe Schnee und das Eis der Flsse
schmolz zu einem unendlichen Gewsser, das frchterliche Verheerungen in der
Gegend anrichtete, und in mir die Sehnsucht nach dem schnen Himmel meines
Vaterlandes, nach Allem, was dort lebte, mit solchem Schmerz erregte, da ich
manchmal wirklich vor Sehnsucht zu sterben frchtete. O meine Liebe! Wie
schwach, wie thricht war ich! Ich frchtete mich zu sterben; denn trotz aller
Hindernisse nhrte ich die Hoffnung der Rckkehr, der jetzt schuldlosen ewigen
Vereinigung mit dem Freunde meiner Jugend. Das Leben war mir lieb geworden - um
seinetwillen! Ich zitterte vor dem Gedanken, es jetzt zu verlieren, und in
diesem wilden Lande, einsam, von ihm geschieden, zu sterben.
    Die Wasser verliefen, die Gegend stand im Frhlingsschmuck, die Wege wurden
wieder gangbar, und mit ihnen kam uns Kunde, da Fremde - Christen, Griechen in
der Nachbarschaft wren. Den Eindruck, den mir diese Nachricht machte, kann ich
dir nicht beschreiben. Ich ward krank vor Freude, denn die entzckende Hoffnung,
da sie um meinetwillen, mich zu suchen, da waren, da Er unter ihnen sey,
brachte mich fast auer mir. Immer hatte ich diesen heimlichen Wunsch gehegt,
und ihn, was auch meine Vernunft dagegen einwenden mochte, nie aus dem Sinne
verlieren knnen. Da es noch nicht geschehen war, schrieb ich der Jahreszeit,
und den Strmen des Meeres zu. Diese schne Tuschung verschwand bald, aber es
blieb noch Stoff genug zur Freude fr mich. Es waren Griechen, Landsleute,
dieselben, von denen du mir nach Trachene geschrieben, die aus dem frommen
Endzwecke, das Christenthum zu verbreiten, sich in diese rauhen Gegenden, unter
dieses barbarische Volk gewagt hatten. Die Mhseligkeiten und Gefahren, die sie
auf ihren Pilgerfahrten ausgestanden, die Standhaftigkeit, mit der sie Alles
ertrugen, der Eifer, mit dem sie ihre Bequemlichkeit, ihr Leben wagten, rhrte
mich tief, und flte mir heilige Ehrfurcht vor ihnen ein. Auch waren sie schon
so glcklich gewesen, schne Frchte ihrer Bemhungen zu sehen. Die einfachen
Lehren des Christenthums hatten Eingang in die unverdorbenen Herzen gefunden,
und die Milde, womit diese frommen Mnner ihre neuen Schler in den Lehren der
Religion sowohl, als manchen ntzlichen Arbeiten und Knsten unterrichteten,
gewann ihnen die Liebe derselben. Sie hatten Ackergerthe, Handwerkszeug,
Smereien mitgebracht. Sie machten ihnen den Nutzen dieser Dinge, den groen
Vortheil des Ackerbaues, und einer steten Lebensart einsehen, und schon waren
hie und da kleine Gemeinden errichtet, die dichten Wlder, die dieses Land in
feuchte kalte Schatten hllen, stellenweise niedergehauen, und das frische
Erdreich mit ntzlichem Saamen gebaut, den die Hand der neuen Christen unter
feierlichem Gebete und Segnungen ihrer ehrwrdigen Lehrer in frommem Vertrauen
ausgestreut hatte. Man kndigte auch uns ihren Besuch an, und eine entzckende
Hoffnung auf Rettung durch sie, und Rckkehr in mein Vaterland durchdrang mein
gebeugtes Gemth, und machte mich unaussprechlich froh. Sie kamen an, es war
Heliodor mit noch zwei Gefhrten. Nie werde ich den Eindruck vergessen, den der
Anblick der Landsleute, der Ton der Muttersprache aus ihrem Munde auf mich
machte. Fritiger nahm sie mit Achtung und Liebe auf. Ihr Geschft gelang auch
hier zum Verwundern gut. Ich hatte das himmlische Vergngen, die Familie meines
Wohlthters in den Bund der Christen angenommen, und so den Keim zu tausend
knftigem Guten in diesen Gegenden empor wachsen zu sehen.
    Heliodor war seinerseits nicht wenig erstaunt, mich hier zu finden. Ich
entdeckte ihm mein Schicksal, und bat ihn, mich zu retten, und zu den Meinigen
zu bringen. Er versprach zu thun, was er vermchte; denn er war ohnedies
entschlossen, bald nach Bythynien zurck zu kehren, dem Bischof Nachricht von
dem Fortgang seiner Unternehmungen zu geben, und ihn um Untersttzung in seinem
Geschfte, und um mehrere Gefhrten zu bitten. Er trug Fritigern meine Bitte
vor. Ich hatte nicht den Muth dazu, denn ich wute wohl, da man mich nicht gern
ziehen lassen wrde. Was ich gefrchtet hatte, geschah. Des Gothen ganze
Wildheit brach ungestm hervor, als man ihm von dem Verluste einer Person
sprach, an die er sich mit Liebe gewhnt hatte. Heliodors unwiderstehlicher
Beredtsamkeit, seinem ehrwrdigen Ansehen gelang es endlich, das strmische
Gemth zu besnftigen; er hrte ihn gelassener an - aber mich fort zu lassen,
dazu war er auf keine Weise zu bewegen. Er lie mich rufen, er schalt, er
drohte, endlich bat er mich mit Thrnen, ihn nicht zu verlassen. Ach, das war
ein harter Kampf! Es gehrte alle Macht treuer Liebe dazu, um hier zu
widerstehen. Ich weinte heftig, ich sank vor ihm nieder, kte seine Hand, wie
die eines Vaters, und wahrlich mit denselben Empfindungen; ich schilderte ihm
Alles, was ich in meinem Vaterlande zurckgelassen hatte, was meiner wartete,
ich sprach endlich seine eigne Vaterlandsliebe an, ich bat ihn, sich an meine
Stelle zu setzen, und fr mich zu entscheiden.
    Er stand eine Weile stumm - dann sagte er mit heftigem, aber nicht rauhem
Tone: Geh hin; ich wei, du kannst hier nicht glcklich seyn, aber wir knnen
dich auch nicht vergessen. Ich ergriff seine Hand, drckte sie an mein Herz,
und wollte ihm danken. In dein Augenblicke sagte Heliodor etwas von dem
Lsegelde, das er fr mich bestimmen sollte. Ich hatte vorher mit Heliodor
darber gesprochen, und dabei auf die kleinen Schtze, die ich und Evadne
gerettet und bisher verborgen hatten, und falls diese nicht zureichen sollten,
auf deine und meines Jugendfreundes Reichthmer und Liebe gerechnet; aber ein
geheimes Gefhl erlaubte mir nicht, dieses Anerbietens in diesem Augenblicke zu
erwhnen. Heliodor that es doch, und Fritiger fuhr wild empor. Zorn sprhte aus
seinem Blick, er entri mir seine Hand, und stie mich unsanft weg: Was denkst
du, rief er entrstet, was wagst du mir anzubieten? Ich kann dich frei lassen,
ich kann dich verschenken - verkaufen werde ich dich nie. Geh in dein Vaterland
zurck, weil du nicht mehr bei uns bleiben willst, und sage deinen Landsleuten,
da uns Barbaren das, was wir lieben, nicht um Gold feil ist. Er wandte sich
rasch weg, und wollte sich entfernen. Ich eilte ihm nach, ich ergriff seine
Hand, ich kte sie, ich beschwor ihn, mich nicht im Zorn zu entlassen, mir zu
sagen, da er mir vergebe, und mir eine Schuld nicht anzurechnen, die ich nicht
begangen hatte. Er blieb stehen, sah mich ernst, aber ohne Zorn an, drckte mir
endlich die Hand und sagte: Du bleibst doch meine Tochter, wenn du auch
jenseits des Meeres wohnen wirst. Ich gelobte es ihm, ja ich gelobte ihm sogar,
wenn ein widriges Schicksal meine Hoffnungen zerstren, wenn ich in meinem
Vaterlande nicht glcklich werden sollte, zu ihm und seiner Familie
zurckzukehren. Und bei Gott, Innia! es scheint, ich werde dieses Versprechen
halten!
    In den wenigen wehmthig frohen Tagen, die wir noch mit einander zubrachten,
wurden alle Anstalten zu unserer Abreise gemacht. Fritiger und sein Neffe
Kattwald besorgten uns ein Schiff, und die geschicktesten Ruderer, die sie unter
ihrem Stamme fanden. Evadnens Herz wurde in seltsamen Widerspruch aufgeregt, als
sie hrte, da ich mit Heliodor nach unserm gemeinschaftlichen Vaterlande
zurckkehren wrde; aber der Gedanke an ihren Gatten besiegte jeden Zweifel,
machte jeden Wunsch verstummen. O was kann ein Weib nicht dem geliebten, dem
liebenden Manne aufopfern! Er wird ihr Vater und Mutter, Heimath und Vaterland,
und wo er ist, findet sie ihr Glck. Welche Hoffnungen, welche Auftritte
schwebten nicht vor meinem Blicke? Was habe ich nicht fr Scenen getrumt? Ach,
ja wohl getrumt!
    Unter sehr gemischten, aber doch meist frohen Empfindungen sah ich den Tag
der Abreise sich nhern. Er kam; ich schied mit heien Thrnen von meinem
gtigen Gebieter, von seiner Familie, von meiner treuen Evadne. Nicht allein
Fritigers Haus, alle Nachbarn, sogar manche fern wohnende Familien kamen, uns
noch einmal zu sehen, mich, die sie gekannt und geliebt, und den wrdigen
Priester, den sie als einen Gottgesendeten Lehrer verehrt hatten. Er versprach
ihnen, bald wieder zu kommen, und Fritigern und Evadnen Nachricht von mir zu
bringen. Am Ufer knieete ich vor Fritiger und seiner Gemahlin nieder, und bat
sie um ihren Segen. Sie gaben ihn mir im Namen des Gottes, den sie durch
Heliodor hatten kennen gelernt. Nun stiegen wir in's Schiff, und nach einer
ziemlich ngstlichen Fahrt an den Ksten des Euxin herab in einem schlecht
gebauten Kahn, und mit gothischen Ruderern, langten wir in Byzanz an.
    Hier sandten wir unsre Schiffer zurck, so reich beschenkt, als ich es
vermochte, und mit tausend dankbaren Gren an unsre Freunde. In der Stadt bat
ich Heliodor, mir sogleich Alles zu verschaffen, was nthig war, um wieder
anstndig unter gebildeten Menschen zu erscheinen. O meine Liebe, welchen
zauberischen Reiz gibt lange Entbehrung den gemeinsten Dingen! Wie wenig
erkennen wir den Werth unserer Bequemlichkeiten beim alltglichen Gebrauche! Mit
wahrer Wollust hllte ich mich in die gewohnten Gewnder, ordnete mein Haar, und
geno in dem einfachen Anzug eine Befriedigung, die mir nie der kostbarste Putz
verschafft hatte. Aber dennoch sah ich in dem ersten Spiegel, der seit acht
Monaten mein Gesicht zurck strahlte, mit einigem Schrecken die Vernderung, die
das rauhe Klima und eine ziemlich tiefe Narbe auf meiner Wange hervorbrachte.
Ich war nie schn - ich hatte diesen Vorzug an Andern wohl erkannt, aber nie bei
mir vermit - ich war ja auch ohne ihn von dem Freund meiner Jugend geliebt, von
einem wrdigen Gemahl geachtet worden. Jetzt flte mir doch die groe
Vernderung eine Art von Aengstlichkeit ein, und mit zitternder Zuversicht, die
dieser Empfindung einen neuen innigen Reiz gab, hoffte ich auf die unwandelbare
Treue, auf die edle Denkart meines Freundes. Wir fanden ein segelfertiges Schiff
im Hafen, das nach Chalcedon bestimmt war, und landeten glcklich an der
vaterlndischen Kste.
    Doch mein Brief ist unmig lang - ich verspare die Erzhlung der ferneren
Begebenheiten, und meiner jetzigen Lage auf einen zweiten. Leb' wohl!

                       49. Theophania an Junia Marcella.


                                                        Nica, im September 302.

Bis zu meiner Ankunft an der Kste von Bythynien war ich im ersten Briefe
gekommen. - Mit Wonneschauer, mit einem Entzcken, das mir bisher unbekannt
gewesen war, betrat ich den geliebten Strand, wo ich Alles zu finden hoffte, was
mein Leben zur Himmelsseligkeit erhhen, mir voller Ersatz fr so viel
freudenlose Jahre seyn sollte. Ich war frei, keine Pflicht hinderte mich mehr,
schuldlos dem sen Zuge zu folgen, der, seit der Kindheit in mein Wesen
verwebt, mir zur theuern Gewohnheit, zur zweiten Natur geworden war. Heliodors
Jahre und seine strengen Grundstze, die jede heftigere Neigung fr ein Geschpf
als sndlich, als unserer hhern Bestimmung zuwider verdammten, hielten mich ab,
ihm meine Empfindungen zu entdecken. Ich ehrte seine Grundstze, weil ich ihren
Ursprung in einem vom Irdischen abgezogenen Gemth erkannte, weil ich einsah,
da nur solche Gesinnungen ihm die heilige Achtung fr Alles einflen konnten,
was er fr Pflicht hielt, da er nur durch sie fhig war, das Apostelamt bei
barbarischen Vlkern zu bernehmen, jede Bequemlichkeit des Lebens, und das
Leben selbst fr gering zu achten. Ich verschlo meine Freuden, mein ses
Geheimni in meiner Brust, und geno sie vielleicht um desto inniger. Mein
Vorsatz war, sogleich nach Nikomedien zu gehen, wo ich Agathokles selbst, oder
doch Nachricht von ihm zu finden hoffte. Wir nahmen Pferde, und auf mein
dringendes Bitten einen Sclaven zur Begleitung. Heliodor war mein Vater, ich
seine Tochter, die Wittwe eines Kaufmanns aus Byzanz. So machten wir uns auf den
Weg. O welche glnzenden, entzckenden Bilder malte mir nicht meine Phantasie?
Welche frohen Geschichten erzhlte ich mir nicht in den vielen stillen Stunden
unserer Reise? Ich wute, da Synthium, Agathokles Landgut, an der Strae von
Chalcedon nach Nikomedien liegt. Der Gedanke, dahin zu gehen, ihn vielleicht
dort zu treffen, wenn er im dsteren Schatten seiner Grten schwermthig ging,
und manches Bild einer bessern Vergangenheit vor seinen Blicken schwebte, ihm
dann zu begegnen, und wenn er erstaunt zurckbebte, an seine Brust zu sinken,
und ihm zu sagen, da wir glcklich, da wir vereinigt wren - dieser Gedanke,
diese Aussichten machten mein Herz vor Freude zittern, und so nherten wir uns
den waldigen Hgeln, hinter denen es verborgen liegt. Heliodor'n wagte ich
nicht, meinen geheimen Wunsch zu entdecken, ich gab eine groe Ermdung vor, und
bat ihn, weil der Abend einbrach, in dem Dorf, das vor uns lag, zu bernachten.
Wir ritten langsam die Strae hin, und schon sah ich das Dach des Hauses
freundlich zwischen dunkeln Pinien hervorblicken. Ein Theil des Gartens
erstreckt sich bis an den Weg, gegen welchen er sich in ein groes Gegitter
endigt, das die Aussicht auf die Strae und die Gegend umher gewhrt. Das wute
ich noch recht wohl, und freute mich, Alles so zu finden, wie es in den guten
Tagen meiner ersten Jugend gewesen war. Wie wir uns dem Garten nherten, sah ich
zwei Frauenzimmer in huslicher Tracht, die aber trotz ihrer Einfachheit
Reichthum und hohen Stand verrieth, Arm in Arm den Platanengang herabwandeln.
Das Gitterthor war offen, unser Anblick hatte sie herbeigezogen, sie traten
heraus. Es waren zwei vollkommen schne Gestalten; die Eine schlank und
majesttisch gebaut, mit dunkeln Augen und Haaren, schien lter, und ein Zug von
Kummer in dem blassen Gesichte machte sie mir lieber, als ihre jngere
Gefhrtin, die in der Flle der Jugend und Schnheit neben ihr stand. Die
Erscheinung befremdete mich. Eine unangenehme Empfindung bemchtigte sich
meiner. Hatte Agathokles das Landgut verkauft? Wohnte er nebst diesen schnen
Frauen hier? Mein Herz schlug ngstlich. Jetzt hatten auch sie uns erblickt, und
grten uns freundlich. Ich sandte den Sclaven ab, um mich bei ihnen zu
erkundigen, wem die Villa gehre, und ob wir im Dorf eine Nachtherberge finden
knnten. Der Sclave kam bald zurck, und brachte die Antwort, die Villa gehre
einem kaiserlichen Tribun, im Dorfe wrden wir keine anstndige Unterkunft
finden; wenn wir ihnen aber das Vergngen machen wollten, bei ihnen zu bleiben,
so wrden sie sich bemhen, uns einen ertrglichen Aufenthalt fr diese Nacht zu
verschaffen. Das Zuvorkommende dieser Einladung, noch mehr aber die Begierde
hier klar zu seyen, trieb mich an, das Anerbieten anzunehmen, trotz manches
Widerspruchs meines Begleiters, der gegen die schnen geschmckten Frauen, gegen
den hohen Wohlstand, den hier Alles verrieth, Manches einzuwenden hatte. Mein
unseliger Vorwitz siegte. Ach was sollte ich erfahren! Wie bitter wurde meine
Falschheit gegen Heliodor, die Absichtlichkeit meines ganzen Betragens gestraft!
    Wir stiegen ab. Die Frauen empfingen uns sehr freundlich, man erkundigte
sich nach unsrer Reise, und mit vieler Feinheit nach unsern Umstnden. Wir
erzhlten, was wir bereits verabredet hatten. Mein Mann war in Byzanz gestorben,
ich ging nach seinem Tode mit meinem Vater nach Nikomedien zurck. - Unsere
wahre Geschichte htte viel unglaublicher geklungen, als diese gewhnliche
Erdichtung. So kamen wir in den Garten. Ach, tausend Erinnerungen wehten mich
aus den Wipfeln dieser Bume an, bei jedem Schritte dachte ich den Eigenthmer
des Gartens aus einem Gebsche hervortreten zu sehen - die theure Gestalt zu
erblicken, die stets vor meinen Augen schwebte! Wir setzten uns, das Gesprch
fiel bald auf die Neuigkeiten des Tages; es wurde vom Kriege, von des Csars
letztem Siege, von den Hoffnungen des armenischen Prinzen Tiridates, dessen
Ansprche der Hof von Nikomedien so thtig untersttzte, gesprochen. Heliodor
nahm eifrig Theil an diesen Nachrichten, das Gesprch wurde lebhaft. Die schne
junge Person lchelte ihre ltere Freundin schalkhaft an, und ein angenehmes
Lcheln, das den trben Blick dieser zweiten erhellte, zeigte mir, da des
Prinzen Schicksal sie nahe anging. Bald hrte ich auch ihren Namen. Es war
Sulpicia, jene Rmerin, von deren unglcklichen Leidenschaft mir Agathokles
fters erzhlt hatte. Wie sie aber nach Bythynien und auf diese Villa kam, war
mir unerklrlich. Heliodor, der noch einige Anstalten fr unsre Reise zu machen
hatte, entfernte sich jetzt. Sulpicia bat ihre Freundin, ihn zu begleiten, und
Alles zu besorgen. Komm dann bald wieder, liebe Calpurnia, rief sie ihr
freundlich nach - Calpurnia! Wie ein Blitzstrahl wirkte dieser Name auf mich,
mein Blut stand still - ich war unvermgend, mich zu regen oder ein Wort zu
sprechen. Erst, als der gefrchtete Gegenstand schon weit von uns war, erwachte
ich aus meiner Betubung. Also Calpurnia hier - auf dieser Villa! Schwankend wie
die Erinnerung eines Traumes, kam mir nach und nach die Besinnung, da ich von
dir erfahren hatte, Calpurnia sollte mit ihrem Vater nach Bythynien kommen. Und
sie war hier - sie lebte auf dieser Villa - als was? als was anders als die
Braut - vielleicht die Gattin des Besitzers! Was in mir vorging, als diese
Entdeckungen langsam, aber deutlich sich aus meinen verworrenen Gedanken
entwickelten - o der Tod kann nicht bitterer seyn, als diese Gefhle! Darum war
also bei der Ungewiheit meines Schicksals auch nicht Eine Nachforschung nach
mir, nicht Ein Versuch zu meiner Rettung gemacht worden!
    Sulpicia war bei mir zurckgeblieben. Die Sonne sank hinter den Bergen
hinab, ihr letzter Strahl brach durch das Gebsch, und malte Alles um uns mit
glnzendem Gold. Ich sa verloren in schmerzlichen Gefhlen, und hrte nur halb,
was Sulpicia von der Stille und Schnheit des Abends sprach. Ich mu ihr nichts
geantwortet haben, denn sie legte endlich die Hand auf meinen Arm, und sagte mit
unbeschreiblich gtigem Tone: Du scheinst auch nicht glcklich zu seyn, liebe
Fremde! Ich fuhr empor - ich sah sie starr an, ihr Auge wurde feucht, und meine
Thrnen brachen hervor. O, ich habe viel - viel verloren - rief ich erschttert.
Das glaube ich. Verlust von dieser Art - sie deutete auf mein Trauerkleid -
wird selten oder nie verschmerzt. Ich war froh, so miverstanden zu werden, ich
lie meinen Thrnen freien Lauf, Sulpicia verstand mich, ohne mich zu ergrnden;
ich fand eine Art von Beruhigung in ihrer zarten Theilnahme. Ach sie wei auch,
was ein zerrissenes Herz ist!
    Die Sonne war jetzt hinunter, Calpurnia kam hpfend zurck, und ermahnte
ihre Freundin, bei der sinkenden Dmmerung ihre Gesundheit zu schonen und in's
Haus zu gehen. Wir standen auf. Im Hineingehen betrachtete ich diese reizende
Gestalt recht aufmerksam. O sie schien mir jetzt, da ich wute, wer sie war,
noch schner, noch verfhrerischer! Jede Bewegung war Anmuth - Wohllaut mchte
ich sagen, jedes Wort bedeutend, jeder Blick siegreich. Als wir in einen Saal zu
ebener Erde traten, nahm sie mich auf eine muntere Art bei der Hand, und zog
mich fort, um mir mein Schlafgemach zu zeigen. Es war ein niedliches kleines
Zimmer, mit allen Bequemlichkeiteen des Wohlstandes, ohne Pracht versehen, und
mit der Aussicht in den wildesten Theil der Grten. Ein Spiegel an der Wand
zeigte mir pltzlich, ich kann sagen, mit Schrecken, unsre beiden Gestalten,
Calpurnia blhend, jugendlich, mit den siegreichen Blicken, den glnzend braunen
Locken, die knstlich geringelt um die weie Stirn, die rosigen Wangen, den
blendenden Nacken flatterten, in der ppigsten Flle einer glcklichen Schnheit
- und ich neben ihr, verblht, von Kummer verzehrt, von Sonne und Luft
verbrannt, mit trben Blicken und der tiefen Narbe auf den farblosen Wangen. O
Junia! Nur die ungemessenste Eitelkeit oder die lcherlichste Verblendung htte
es wagen knnen, hier sich in einen Wettstreit einzulassen. Ich erkannte
deutlich die Gre des Abstandes und meinen entschiedenen Verlust. Sie entfernte
sich hierauf, um mir Ruhe zu lassen, sagte sie. Ach ja wohl! Sie lt mir Ruhe
- die Ruhe des Grabes, nachdem ich durch sie Alles verloren habe, was dem Leben
Werth gibt. Ich weinte recht heftig, und weinte mich aus, ich warf mich auf
meine Kniee und demthigte mich unter der Hand des Gottes, der zchtigt, weil er
liebt. Ich bat ihn um Strke, und fhlte mich wirklich gefater, als nach einer
Weile eine Sclavin kam, nm sich zu erkundigen, ob ich nichts bedrfe. Ich
verlangte zu ihrer Gebieterin gefhrt zu werden. Das Mdchen brachte mich in
einen Saal, der angenehm durch einige in schnen Urnen brennende Lampen erhellt
war. Sulpicia lag auf einem Ruhebette, Calpurnia ihr gegenber hatte die
elfenbeinerne Leyer im Arm, auf der sie eben gespielt und dazu gesungen hatte.
Ich bat sie fortzufahren, da griff sie mit den Lilienarmen in die goldenen
Saiten, und sang mit wollstig schmelzender Stimme ein ziemlich loses Lied
darein. Ich dachte der Zeit, wo ich auch gespielt und gesungen hatte, damals,
als die ersten Gefhle in unsern jungen Herzen erwacht waren, und spter in
Edessa und Nisibis, wo mein Gesang oft die mden Wassengenoffen erheiterte,
Demetrius Beifall mich lohnend ermunterte, und ein Auge voll Rhrung und
heiliger Liebe an meinen Blicken hing. Aber freilich, so verstehe ich nicht zu
singen - mit so sprechenden Geberden, mit so wollustathmenden Lauten - und keine
so weichen runden Arme bezauberten das trunkne Auge, inde das Ohr dem
Sirenensang lauschte.
    So ward jeder Blick auf sie ein Stachel in meine Seele. Aber ich war noch zu
etwas Hrterem bestimmt, ich sollte den Kelch bis auf die Hefen leeren, und in
keinem unaufgehellten Dunkel meines Geschickes den Trost der Ungewiheit, der
mglichen Hoffnung erhalten. Es lagen Zeichnungen auf dem Tische; ich sah sie
durch, es waren verschiedene Gegenstnde sehr geschickt ausgefhrt. Jetzt
ergriff ich die grte und letzte - o Gott im Himmel, was erblickte ich? -
Agathokles Bild, zu Pferde, in einer mir bekannten Strae von Nikomedien, in
vollem kriegerischen Schmucke, und von einer Menge Menschen umgeben. Ich
zitterte, lange hielt ich wie bewutlos das unglckliche Blatt in der Hand - und
mein Auge sah nur ihn. Es waren seine Zge, seine Haltung so genau, so lebendig!
Meine Seele verlor sich im Anschauen. Calpurniens Stimme weckte mich aus meinem
Traume. Sie fragte mich, wie mir das Blatt gefiele? Vortrefflich - antwortete
ich, und setzte in der schrecklichen Verwirrung hinzu - er ist zum Sprechen
getroffen. Wie, du kennst den Tribun? rief sie rasch und sprang auf mich zu,
gleich als htte meine Bekanntschaft mit ihm mir ein hheres Interesse in ihren
Augen gegeben. O wie lebhaft mu das seyn, das sie an ihm, das er an ihr nimmt!
Es war zu spt, meine Unbesonnenheit wieder gut zu machen, ich mute sie nun
schicklich bemnteln. Ist es nicht Agathokles, der Sohn des Hegesippus? sagte
ich. Ja er ist's, rief sie frhlich, du kennst ihn? Ich erinnere mich, ihn
vor mehreren Jahren in Nikomedien gesehen zu haben. Und du findest das Bild
getroffen? Vollkommen, nur wnschte ich die Bedeutung zu wissen. Nun erfuhr
ich, da Agathokles sich in der letzten Schlacht auerordentlich ausgezeichnet
hatte, da er auf dem Wahlplatze zum Tribun erwhlt, und vom Csar als
Siegesbote zum Diocletian gesendet worden war. In diesem Augenblicke des
schmeichelnden Volkszurufes hatte sie ihn gezeichnet - sie selbst. Sulpicia
lchelte sein, als Calpurnia mir das erzhlte. Es ist kein Wunder, sagte sie
endlich, da sie ihn so gut getroffen hat; die Phantasie entwirft - und Eros1
fhrt die Hand. Ein kleiner scherzhafter Streit begann nun unter den beiden
Rmerinnen, ein Streit, dessen Gegenstand Er - und seine Liebe zu Calpurnien
war, - und ich war Zeugin, und ich wurde zuweilen von der freundlichen Sulpicia
aufgefordert, Theil daran zu nehmen! O das war eine der bittersten Stunden
meines Lebens!
    Ich erfuhr durch diese kleine Neckerei endlich so viel, da zwar Calpurnia
noch nicht seine Gattin, aber seine Geliebte, und nicht viel weniger als seine
Braut war, da ihr Verhltni schon in Rom angefangen, und in Nikomedien
fortgesetzt wurde, da er aber jetzt wieder zum Heere abgegangen war, wo die
Friedensunterhandlungen mit den Persern beginnen sollten.
    Ich wute genug, und entfloh, so bald ich konnte, in die Einsamkeit meines
Zimmers. Kein Schlaf besuchte meine Augen. Ich hatte erlangt, was ich gewnscht
hatte, ich war aus der Gefangenschaft befreit, ich war in meinem Vaterlande, auf
seiner Villa - und wie war ich es, unter welchen Verhltnissen! Wild und
verworren durchkreuzten sich Gedanken, Gefhle und Entwrfe in meiner Seele. Das
allein fhlte ich klar, da nun mein Lebensplau zerrissen, und ein neuer
nothwendig war. Aus dem Kampfe streitender Krfte, aus dem Chaos schmerzlicher
Empfindungen ging er endlich hervor, wie ein einzigbriger Lebender sich bleich
und schaudernd von dem, Schlachtfelde aufrichten mag, auf dem alle seine Brder
gefallen sind. Ich entwarf ihn mit klarer Besinnung, und du sollst ihn hren und
billigen.
    An eine Vereinigung mit dem, den ich nicht mehr nennen will, ist nicht zu
denken. Er ist todt fr mich, so will ich es auch fr ihn seyn. Das Schicksal
hat mein Daseyn zerstrt, es hat mir Stand, Gemahl, Vermgen, Alles geraubt,
alle Lebenshoffnungen zernichtet - so hre denn auch mein Wesen, mein Name auf.
Larissa ist todt - sie ist unter den Ruinen von Trachene begraben. Diese
Theophania (du weit, da dies mein Christenname ist), die jetzt arm, verlassen,
einsam zurckkehrt, ist ein anderes Wesen, fremd fr die Welt, fremd fr jene,
die sie so schnell vergessen konnten. Sie ist nicht in Nikomedien geboren.
Synthium ist der Ort ihrer Entstehung. Sie hat auch nichts mehr in der
glnzenden Hauptstadt zu suchen. Einige Kostbarkeiten, die jene verstorbene
Larissa rettete, und die immer einige Talente2 werth seyn mgen, werden ihr ein
beschrnktes, aber sorgenfreies Leben sichern. Sie kann entbehren - das
Schicksal hat sie in seine Schule gefhrt. Sie wird mit Heliodor nach Nica
gehen, und dort, entweder in dem Hause seiner Verwandten, oder einer andern
unbescholtenen Christenfamilie Aufnahme und Schutz suchen. Dort wird sie
unbemerkt leben, sterben, oder vielleicht nchstens zu ihren wilden Freunden
zurckkehren, deren unverfeinerte Gemther nicht fhig sind, jeden Eindruck so
schnell fahren zu lassen.
    Sobald der Tag anbrach, verlie ich mein Zimmer, und stieg in die thauigen
Grten hinab. Ungestrt durchirrte ich die wohlbekannten Gnge, und rief mit
schmerzlicher Lust die Bilder der Vergangenheit zurck. Hier hatte ich als Kind
mit den Gespielen der Kindheit schuldlos und glcklich gespielt, dort in jener
dunkeln Pinienlaube hatten die Gefhle der Jungfrau zuerst Worte bekommen, dort
hatten wir uns ewige Treue geschworen, und von dem Gipfel jenes Hgels wehten
die Palmen im Morgenwind, unter denen seine Mutter uns oft um sich gesammelt,
Lehren der Tugend und Weisheit in unsre Seelen gesenkt, und uns mit einander und
fr einander gebildet hatte. Mit schmerzlich ser Wehmuth, mit zerreienden
Gefhlen durchstreifte ich diese Denkmale einer bessern Vergangenheit. Als ich
mich dem Hause nherte, kam mir Heliodor entgegen. Er hatte mich gesucht, um
mich zur schnellen Abreise zu bestimmen. Ihm war es nicht wohl in diesem
glnzenden Hause, in der Nhe der leichtfertigen Calpurnia. Sein Antrag kam mir
erwnscht, ich ersuchte ihn zugleich den Reiseplan zu ndern, indem ich nicht
mehr wie Anfangs gesonnen sey, nach Nikomedien zu gehen, wohin er mich ohnedies
nur aus Geflligkeit begleitet htte. Und wohin willst du? sagte er. Wohin du
gehst, erwiederte ich, nach Nica, oder an die Ufer des Borysthenes. Er sah mich
sehr erstaunt und forschend an; aber er fragte nicht weiter. Und was willst du
in Nica machen, du bist ganz fremd dort? Ich bin es berall, erwiederte ich,
du weit, da ich nirgends Freunde oder Verwandte habe. Willst du so gtig
seyn, mir in deines edlen Bruders Hause eine Freistatt zu verschaffen, so wirst
du dir ein unglckliches heimathloses Geschpf ewig verpflichten. Er schien
nicht unzufrieden mit dieser Bitte, er versprach mir, gut und eifrig fr mich zu
sorgen; allein ich sah wohl, da er nur fr diesen Augenblick nicht weiter
forschen wollte, da ihm aber mein genderter Entschlu sehr auffiel. Ich
fhlte, da ich seinem strengen Forscherblick nicht entgehen, und frher oder
spter mich ihm wrde entdecken mssen. Doch gern unterwarf ich mich Allem, um
nur aus dieser Villa, aus der Nhe von Nikomedien zu kommen. Wir nahmen
Abschied. Man schien unzufrieden ber unsern schnellen Aufbruch; Sulpicia zeigte
eine wahre Theilnahme, ich sah, da ich ihr werth geworden war, und dies Gefhl
that mir, von aller Welt Verlassenen, unendlich wohl. Wir verabredeten, einander
zu schreiben. So schieden wir, und langten in zwei Tagen in Nica an. Heliodors
Verwandte nahmen mich auf seine Empfehlung ungemein gtig auf; ich lebe mit
ihnen, ich bin ruhig und verborgen in einem stillen Hause, unter guten Menschen,
unter Christen - und so sind die kleinen Wnsche, die ich noch auf dieser Welt
habe, erfllt.

                                    Funoten


1 Eros, ein Name des Amors.

2 Ein Talent galt ungefhr gegen tausend Gulden.


                           50. Agathokles an Phocion.

                                                     Samosata, im September 302.

Das Gerusch ist vorber, es ist wieder still in mir, und so wie die Seele, sich
selbst berlassen, nach und nach in ihre vorige Stimmung zurckkehrt, kehren
auch ihre gewohnten Empfindungen zurck. Der Aufenthalt in Nikomedien mit all'
seinem Glanz, seinem prunkenden Gerusch liegt wie der Traum einer kurzen
Sommernacht hinter mir. Die Eindrcke, die er hervorbrachte, verklingen
allmhlig, die Bezauberung entflieht, der Geist sieht wieder hell und richtig.
Nein, das ist nicht die Liebe, die mich glcklich machen kann. Ach diejenige,
welche diese Empfindung fr mich in dem treuen wahren Herzen trug, schlft unter
dem Hgel von Trachene! Sie htte mir kein Fest gegeben, sie htte die kurze
Zeit unsers Beisammenseyns nicht durch ein Schauspiel noch mehr verkrzt, in dem
nur ihre Talente und ihre Schnheit staunenden Beifall einernten sollten.
Larissa wre an meine Brust gesunken, sie htte nach meinen Gefahren, meinen
Leiden gefragt, sie htte mich geliebt, und Calpurnia wollte mich blenden und
fesseln.
    Wie war es mglich, diese Deutung in das Fest zu legen, sich als meine
Freundin zu erklren, deren sorgliche Liebe nur den hhern Ansprchen des
Vaterlandes weicht, und in einer Stunde darauf Alles das rein zu vergessen, oder
wenigstens den Anschein haben zu wollen, als htte man es mit allen Eindrcken,
die es hervorbringen mute, vergessen? O wenn es Liebe gewesen wre, was sie
hinri, sich selbst zu vergessen, und ihr Herz unverhllt zu zeigen - wie htte
sie's vermocht, meinem wirklich bewegten Gemthe so kalt und ruhig gegenber zu
stehen, und wenige Minuten nach dem bedeutungsvollen Fest nichts als eine
leichte frhliche Gesellschafterin zu seyn? Es war Eitelkeit, nichts als
Eitelkeit, sie wollte einen gewaltsamen Eindruck auf mich machen, aber die
Regungen nicht theilen, die er in mir hervorbrachte. Wie klein, wie kalt
erscheint mir ihr Bild! La mich davon abbrechen! Ich schme mich, auch nur fr
einen Augenblick dem Zauber unterlegen zu seyn.
    Du scheinst, mein vterlicher Freund! nicht ganz zufrieden mit meinen
Ansichten des Christenthums, und noch weniger mit meiner Neigung, ein Bekenner
desselben zu werden. Es ist schwer, in Briefen Alles zu erschpfen, was sich fr
oder wider eine Sache von so vieler Wichtigkeit sagen lt; ich will also nur
einige deiner Einwrfe zu beantworten suchen. Du wirfst diesem System vor, da
es auf bloe Tradition gebaut, durch Wunder untersttzt, und in
undurchdringliche Geheimnisse gehllt sey, die des menschlichen Verstandes zu
spotten scheinen. Was die Tradition betrifft, so erging es dem Urheber dieses
Systems nicht anders, als dem weisen Sokrates, Pythagoras und den meisten
Stiftern berhmter Secten und Glaubensformen. Von ihrer Hand besitzen wir wenig
oder nichts. Alles, was aus der Ferne der Zeiten zu uns herbertnt, sind
einzelne Laute, aus ihrem oder ihrer ersten Schler Mund, aufgezeichnet von
Entfernteren, selten von Zeitgenossen, oder Augenzeugen. Die Christen besitzen
doch wenigstens in den sogenannten Evangelien viele Sprche, Lehren, Thaten und
Meinungen ihres Meisters, seine Biographie von seiner Geburt bis an seinen Tod.
Wenn wir dem Zeugnisse der Geschichte berhaupt Glauben beimessen, so mssen wir
es auch diesen einfachen Erzhlungen anspruchloser Menschen, denen es an
Geschicklichkeit sowohl zum bessern Vortrag, als zur listigern Einkleidung
gebrach. Htten sie zu tuschen vermocht, oder es gewollt, wahrlich, die Gegner
wrden weniger einzuwenden haben, und das geflissentlich knstliche Gebude
weniger Blen geben. Da sie es nicht thaten, da der grbelnde Verstand
Manches an diesen nicht ganz gleichlautenden Zeugnissen aufzufinden wei, was er
haarscharf sichten, und zergliedern will - das brgt mir fr ihre Wahrheit. Die
Jnger sahen ihren gttlichen Lehrer handeln, leiden, sterben, und wie sich
diese Erscheinung in den Augen vier verschiedener einfacher Menschen spiegelte,
wie die Erzhlungen jener Begebenheiten, wovon sie nicht selbst Zeugen waren,
mit den gewhnlichen kleinen Vernderungen Jedem erzhlt, und von ihm aufgefat
wurden: so zeichnete sie Jeder, unbekmmert um das Urtheil der Nachwelt und die
scharfe Kritik spterer Gelehrten, zur Erbauung der Gemeinde auf, der er
vorstand.
    Ueber die Wunder kann ich dir nichts sagen. Manche lassen sich natrlich
erklren, bei andern, so wie bei dem Geheimnisse der Geburt und Natur des
Stifters, steht unser Verstand still. Wir knnen es nicht begreifen - aber
mssen wir es denn begreifen? Wie viele tausend Erscheinungen gehen in der
physischen und moralischen Welt vor, wir fhlen ihre Wirkung, aber wir begreifen
ihre Entstehung nicht. Mit fruchtloser Mhe zerarbeitet sich der menschliche
Witz, diese Beobachtung unter Regeln und in Hypothesen zu bringen - und wie
spottet die Gre und Erhabenheit der Natur dieser armen Abtheilungen,
Unterabtheilungen und spitzfindigen Erklrungen durch die geheimnivolle Art,
wie sie ihre Gesetze befolgt, da alle Augenblicke Lcken und Blen in den
knstlich errichteten Systemen entstehen? Werden wir weniger an das Daseyn des
Windes, des Donners, der Erderschtterungen glauben, weil wir nicht wissen,
woher sie kommen? Werden wir weniger Maaregeln dagegen ergreifen, weil uns ihre
Natur unbekannt ist? Gewi nicht. Auf unser Verhalten wird der Zweifel, in dem
sie uns lassen, keinen Einflu haben. Eben so verfhrt der redliche Christ. Das,
was fr unser Leben anwendbar ist, was uns besser, edler macht, was den Frieden
in uns erzeugt, das ist's, was wir annehmen und befolgen mssen. Das sind die
segensreichen Wirkungen dieser Lehre - das Uebrige ergreift der kindliche
Glaube, ohne sich um seine Ergrndung zu bekmmern.
    Ich habe dir bereits in manchen meiner Briefe ber die christliche Moral
geschrieben. Ich bin berzeugt, da sie die reinste ist, die bisher auf der Erde
gelehrt wurde, da sie so ganz fr das jetzige Zeitalter, fr den Stand unsrer
Cultur, die gegenwrtige Lage des Menschengeschlechts pat, da schon hieraus
ihr gttlicher Ursprung sich beweisen liee, wenn ihn auch keine frheren
Zeugnisse besttigten. Die Gottheit, die das Schicksal der Menschheit lenkt, die
wei, zu welcher Zeit, und auf welche Art ihre Schwche untersttzt, ihrem
Verderben gesteuert werden soll, hat in dieser Epoche diese Religion entstehen
lassen. Sie sandte einen Gttersohn, sie zu lehren. Was finden wir hierin
Sonderbares, wir, die wir unter Mythen von Heroen und Gttershnen aufgewachsen
sind, die die Menschen zur Zeit der Noth retteten, die Erde von Ungeheuern
befreiten, den Zorn der Gtter vershnten? Ist der Begriff eines einzigen Gottes
anstiger, als der von unzhligen Shnen unzhliger Gtter? Und welche Religion
htte nicht solche Verkrperungen berirdischer Wesen, die zum Besten der
leidenden Sterblichen den Sitz der Seligen verlieen? O der Gedanke liegt so
tief in dem Herzen des Unglcklichen. Und welcher Sterbliche ist glcklich? Die
Gesetze der Natur, die physischen Revolutionen gehen achtlos ber den Ruin
seiner Habe, seines Lebens hin - sie vermag kein Flehen zu beugen, ihrem Gange
setzt keine Klugheit Schranken. Die Laster, die Verderbtheit seiner Mitmenschen
zchtigt ihn mit noch schrferen Ruthen, er mu ben, was Andere verschuldet
haben; er wird hingeopfert, weil ein Uebermthiger schwelgen will - weil ein
Rasender das Unmgliche fordert, bluten Myriaden auf dem Schlachtfelde. O wohin
soll der verfolgte gengstete Mensch sich wenden, als zu der unsichtbaren Macht,
die strker ist, als die Natur und die bsen Menschen? Er flieht dahin, er ringt
im Gebete mit ihr - und sie sendet ihm einen Retter.
    Strme von Menschenblut haben die Gefilde Hesperiens, die Felder von
Pharsalus, von Gallien, Syrien, von allen Provinzen des rmischen Reichs
getrnkt. Tausend einzelne Schlachtopfer sind dem Neid und Verdacht der
Triumvirn, der Wuth der Prtorianer, der wollstigen Grausamkeit eines Tiberius
oder Caligula gefallen - und wenn Zehntausende ihr Leben einbten, so
verjammerten es Dreiigtausende im Elend oder Schmach, weil sie ihre Sttzen,
ihr Glck in Jenen verloren hatten. Der Kolo des unermelichen Reiches naht
seinem Umsturz. Auf allen Enden kracht das morsche Gebude, alle Sulen
schwanken, alle Grundvesten sind erschttert, und mit ungeheurer Kraft dringen
ungeschwchte Horden von Barbaren in Nord und Ost auf die untergrabenen Mauern
los; bald werden sie sie eingestrzt haben, und die schnen Provinzen mit Mord
und Raub erfllen. Was bleibt dem Menschengeschlecht dann brig? Werden jene
Truggestalten einer ppigen Phantasie, jene armseligen Erfindungen des
kindischen Weltalters gegen die Schrecken aushalten? Wird der rohe Aberglaube,
der, unbegreiflich genug, neben dem leichtsinnigsten Unglauben besteht, dem
Menschen Trost und Muth gewhren? Kann er, wenn sein Glck zertrmmert ist, mit
Zuversicht Hlfe von den Bildsulen hoffen, die er mit schwelgerischen
Mahlzeiten, oder lcherlichen Ceremonien ehrt? Werden ihn die Zauberformeln
beruhigen, die thessalischen Weiber fr ihn sprechen? Und wenn kein Mahl, kein
Opfer mehr der Gtter Zorn stillt, wird er gelassen und freudig in die den
Wohnungen der Nacht, des Nichts hinabsteigen? Die tgliche Erfahrung zeigt uns,
da die Volksreligion nicht mehr gegen die eindringenden Uebel Stand halten
kann. Die Menschheit mu wiedergeboren werden durch eine Religion, die dem
Verderbni der Sitten durch strenge Moral, dem Egoismus durch Einschrfung der
Nchstenliebe, der Verzweiflung durch festen Glauben an eine bessere Welt wehre.
Diese Religion ist das Christenthum - und sie leistet Alles, was der
Menschenfreund fr das Zeitalter wnschen kann.
    Doch, mein Brief ist eine Abhandlung geworden. Zrne der Weitluftigkeit
nicht, mit der ich dir gern von jedem Beweggrunde meiner Handlungen und meiner
Ueberzeugung Rechenschaft geben mchte, und lebe wohl, bis ich Zeit finde, dir
noch mehr zu sagen.

                        51. Valeria an Eneus Florianus.


                                                       Mantua, im September 302.

Florianus! Florianus! Deine Valeria lebt noch! Sie ruft dir zu - es ist ihr
mglich geworden, dir ein Zeichen ihres Lebens zu geben. O die Verzweiflung war
ihr mehr als einmal nahe, whrend ein endloses Jahr vorschlich, ohne da ihre
Liebe und List ein Mittel gefunden hatte, die engen Schranken zu zerbrechen, die
sie fest umschlieen, und so unendlich fern von dir halten. Wund haben sie mein
Herz lngst gedrckt. Wenn ich in verzweiflungsvollen Tagen keine Hoffnung sah,
eine Spur meines Daseyns bis zu dir zu bringen - wnschte ich sie noch fester,
noch enger, da sie mich ganz erdrckt htten! Wirst du mir zrnen, Florianus?
Ich hatte mehr als einen Versuch gemacht, dem Leben, das als eine unertrgliche
Last auf mir lag, zu entfliehen. Es war nicht recht - der Gedanke schreckte mich
zurck. Du hast mich in einer Lehre unterwiesen, die den Selbstmord verdammt. Du
hast es mir in Britannien, als man uns zuerst trennte, als ich dir diese letzte
Rettung so manches edlen Menschen der Vorwelt auch zu unserer vorschlug, streng
verwiesen. Mit einander sterben! Ssses Loos! Es schmerzt nicht, wrde ich wie
Arria1 gesagt haben, und gewi eben so freudig. Aber du wolltest nicht - und ich
brachte dir das grere Opfer - ich bin von dir getrennt, und lebe noch.
    Durch wie viel Stdte man mich geschleppt hat, seit in jener frchterlichen
Nacht mein Vater an mein Bette trat, mir befahl aufzustehen, mich anzukleiden,
als die Mutter weinend hereintrat, ich Alles zur Abreise fertig sah, der Vater
mir den Mantel berwarf, als keine Frage, keine verzweifelnde Bitte Antwort
erhielt, keine offenbare Widersetzlichkeit der hhern Gewalt zu entfliehen
vermochte, das wei ich nicht. Als ich aus einer tiefen Ohnmacht erwachte, war
ich auf dem Schiff - sah ich die Ksten der theuren Insel weit hinter mir. Dann
wurde ich krank, sehr schmerzlich, sehr gefhrlich, so, da ich hoffte, sterben
zu knnen. Von dir sprach mir kein Mensch, so liebevoll sie mich sonst
behandelten, und fr alle Fragen, die ich mit verzagender Seele an sie that,
waren sie taub. Das erste Mal, als ich mit schwankenden Tritten in's Freie
geleitet wurde, sah ich mich in ganz unbekannten Gegenden; man sagte mir, wir
wren am Rheinstrom, und die groe Stadt, die ich nicht weit davon ihre Zinnen
in seinen Wellen spiegeln sah, wre Coloni Agrippin2. Ach, guter Gott! Wie
fern, wie abgeschnitten durch den weiten Ocean!
    Griffel und Papier, Feder und Tafel3 waren mir entzogen; einige Versuche,
auf ein Stckchen Leinen oder Stoff mit Farbe - mit meinem Blute zu schreiben,
wurden mit unseliger Schlauheit entdeckt, und strenge zernichtet. O warum htte
ich nicht sterben sollen? Warum mute ich dies elende Leben ertragen! Jetzt sind
wir in einer Stadt von Italien, Mantua nennen sie die Leute. Ich kann mich nicht
in diese Menschen, in ihre Lebensart, in ihr Clima finden. Die unertrgliche
Hitze thut mir weh; mein Krper, den die schwere Krankheit erschpft hat, leidet
durch die glhende Sonne und die bsen Ausdnstungen der Smpfe, die die Gegend
umher verpesten. Ich bin der frischen Luft, der khlen Schatten meiner Insel,
ich bin der Gegenwart des geliebten Gegenstandes gewohnt; hier - mu ich
verschmachten. Du wrdest mich kaum erkennen.
    Ach, Florianus! ist es dir nicht mglich, mich zu befreien? O rette, rette
ein unglckliches Wesen, das ohne dich nicht leben, nicht tugendhaft, und dort
nicht selig seyn kann! Du hast mich deinen Glauben, den Glauben der Liebe
gelehrt, und jetzt stoest du mich kalt und streng in die vorige Nacht. O wre
es nicht besser gewesen, mich dort zu lassen? Jupiter htte nicht gezrnt, wenn
ein freundlicher Strahl mir den Weg aus diesem Leben gebahnt htte. Minos wrde
mein Unglck geehrt, und ein mildes Urtheil gesprochen haben. Im Elysium htten
wir uns wiedergesehen: dort, wo Dido's Schatten zrnend dem Aeneas4 auswich,
wre ich in deine Arme geeilt! Wie trb und dster auch diese Reiche sind, ich
wre mit dir vereinigt gewesen - und sie htten uns gelchelt! Ich htte sterben
drfen! O glckliche Freiheit!
    Florianus, was habe ich gesagt? O, wirst du mir verzeihen knnen? Nein, ich
kann es nicht bereuen, eine Christin geworden zu seyn! Es ist dein Glaube, es
ist der Glaube der Liebe, und Liebe ist sein Symbol, die hchste, die reinste,
die Mutterliebe. Das Kind auf den liebenden Armen, schwebt sie vom Himmel zu uns
herab. Zu ihr wende ich mich auch am ftersten, am liebsten. Ueber Alles
erhaben, gro und furchtbar, steht die Gottheit vor meinem schchternen Blick.
Aber sie war Weib, war Mutter, sie lebte, sie litt, sie liebte wie ich, sie
versteht meinen Kummer. O, sie hat mich getrstet, wenn ich recht hei und
zitternd vor ihr geweint hatte, wenn ich sie um Linderung, um Frbitte bei ihrem
Sohne gestehet hatte; und gewi ist es ihr Werk, da ich jetzt ein Mittel
gefunden habe, dir zu schreiben, und den Brief durch den treuen Menschen, den du
wohl kennst, und der morgen von hier nach Eboracum abgeht, abzusenden.
    Man erzhlt hier, Constantin, dein Zgling, sey in groem Ansehen am Hofe
des morgenlndischen Augustus, und vermge sehr viel. Knnte er uns denn nicht
helfen? O wende dich an ihn, schreib ihm - die unglckliche Tochter des Augustus
hat ja einige Ansprche auf menschliche Hlfe. Oder bin ich nur darum aus der
glcklichen Unwissenheit meines Privatstandes gerissen worden, um zu erfahren,
da auf dieser Hhe Freundschaft, Theilnahme und Mitleid aufhrt?
    O Florianus! Schreibe mir bald, aber nicht so streng, so kalt, wie du in den
letzten Tagen in Eboracum mit mir sprachst. Ich ehre die Grundstze, die dich so
handeln heien; aber ich erliege unter der ersten Last, die sie auf mein
allzuweiches Herz legen. Ich kann nicht so heldenmthig seyn. Ach ich liebe dich
mit allen Krften, mit allen Empfindungen meiner Seele! O schreibe mir gtig,
la mich nur Einmal einen Strahl jener Liebe erblicken, die in jenen goldnen
Tagen mein Leben zum Himmel erhellte! Nur Ein Wort, wie du mir in unsrer Insel
Tausende sagtest! Wenn du schnell antwortest, und deine Antwort dem Boten gibst,
der sie auf einem sichern Weg hierher bringen kann: so trifft sie mich noch
hier, denn wir bleiben bis zu Ende des nchsten Monats in dieser Stadt. Das habe
ich halb durch List, halb durch Zufall erfahren. Asinius Ponticus hat an
Augustus geschrieben, der mein Vater seyn soll, und wird die Antwort hier
erwarten. Diese Frist ist vielleicht die einzige, die uns in langen Monaten -
vielleicht in Jahren offen steht. O la sie nicht fruchtlos verstreichen, und
la mich die Versicherung hren, da du mich noch liebst, da du noch hoffest,
und an Rettung glaubst. Leb' wohl!

                                    Funoten


1 Als Arria und ihr Gemahl Ptus mit einander zu sterben beschlossen hatten,
senkte sie zuerst den Dolch in ihr Herz, und gab ihn dann ihrem Manne mit den
berhmten Worten: Er schmerzt nicht.

2 Coloniae Agrippinae, das heutige Cln.

3 Die Rmer schrieben bald mir Griffeln auf Tafeln, welche mit Wachs berzogen
waren, bald mit Federn von Rohr auf Pergament und eine Art Papier, das aus einer
gyptischen Staude bereitet wurde.

4 Als Aeneas bei seiner Hllenfahrt im Elysium dem Schatten der Dido begegnete,
die sich um seiner Untreue willen ermordet hatte, wandte sie sich zrnend von
ihm ab.


                           52. Agathokles an Phocion.

                                                        Nisibis, im October 302.

Hier bin ich - in Nisibis. Das Haus, das ich bewohne, liegt in derselben Strae,
in der ich vor zwlf Monaten mit Demetrius lebte. Es hat den Csarn gefallen,
diese Stadt auf der uersten Grenze des Reichs gegen Persien zum Schauplatz der
Friedensunterhandlungen zu whlen, die Narses nach der erlittenen Niederlage
erffnet hat, und sehr eifrig zu verlangen scheint. Constantin, als der Sohn des
abendlndischen Csars, durfte nicht dabei fehlen, und ich folgte meinem
Frsten, meinem Freunde, weil er es wnschte. So ist es gekommen, da ich diese
Stadt wieder gesehen, die mir ewig unvergelich, und ewig zu schmerzlicher
Erinnerung seyn wird. Als Constantin zuerst den Wunsch uerte, da ich ihn
begleiten mchte, warnte mich eine innere Stimme, dieser Bitte nicht zu
willfahren. Aber ich trotzte auf die Macht der Zeit, die jeden Eindruck
schwcht, auf die Zerstreuung durch die Geschfte, die meiner hier warteten,
endlich auf die Strke meines Herzens. Es war thricht, es war vermessen, dies
zu hoffen. Als ich von Weitem diese Mauern erblickte, wo ich so schne, so
selige, so schmerzliche Stunden verlebt hatte - erwachte die ganze Vergangenheit
und das Gefhl meines Verlustes mit unwiderstehlicher Kraft in mir, und keine
Zerstreuung, keine Beschftigung hat diesen Eindruck bis jetzt schwchen, kein
Kampf ihn besiegen knnen. Constantin wei nicht, was er von mir gefordert hat;
es wre unedel, es ihm jetzt zu sagen, und seinem Herzen die drckende Last
einer solchen Verbindlichkeit aufzuwlzen. Ueberhaupt ist es wohl eben so
vergeblich als unbillig, Andere, die nichts dazu beitragen knnen, es wieder
herzustellen, mit dem steten Anblick unsrer trben Mienen, mit der Anhrung
unsrer alten Klagen zu qulen. So suche ich mich zu beherrschen, und glaube
wenigstens durch diese Uebung meiner Willenskraft einigen Nutzen fr mein
besseres Selbst zu finden.
    Es ist seltsam, wie unauslschlich tief manche Eindrcke bleiben, indessen
andre kaum die Zeit ihrer gegenwrtigen Dauer berleben, und noch seltsamer und
bler fr uns Sterbliche, da jene meistens unter die traurigen gehren, und die
frohen schnell verschwinden. Warum hlt des Menschen Sinn den Schmerz so fest,
und vergit so schnell, was ihm wohlgethan hat? Das ist nicht gut, es fhrt zur
Undankbarkeit gegen Gott und Menschen, und eben darum ist vielleicht auch die
Begierde nach Rache bei rohen Menschen der mchtigste und unauslschlichste
Trieb. Fr mein Gefhl ist keine Zeit zwischen jenen selig dstern Tagen und dem
gegenwrtigen Augenblick. Alles steht hell vor mir, Alles lebt um mich wie
damals, nur Eins, Eins fehlt, und dies Eine! - Es ist kein Wahn, kein Werk der
erhitzten Einbildungskraft - ich werde dies Eine nie vergessen!
    Warum sind die freundlichen Erinnerungen an meinen letzten Aufenthalt in
Nikomedien, an Alles, was sich dort vereinigte, um ihn mir zu einem schnen
hellen Punkte in meinem Leben zu machen, so ganz verschwunden? Warum drngt
sich, wenn ich sie ja zuweilen geflissentlich zurck rufe, um mich zu
zerstreuen, nur der einzige Schatten, der darauf liegt - die Eitelkeit und
Absichtlichkeit des Wesens, das sonst so liebenswrdig ist, mchtig hervor, und
wirft seinen dstern Schein auf das ganze Gemlde, und macht seine frhlichen
Farben erblassen, und kehrt, indem er mich auf den scharfen Gegensatz zwischen
Calpurnien und meiner verkrten Jugendfreundin hinweiset, den Stachel grausam
gegen mein Herz?
    Doch, wo gerathe ich hin? Was ich noch kurz zuvor als lblich und nthig
anpries, unterlasse ich sogleich selbst, und breche gegen dich, mein vterlicher
Freund, was ich gegen Andere zu beobachten mir streng vornehme. Verzeih, wenn
zuweilen ein schnelles Gefhl mich hinreit! Ich sehe die Zwecklosigkeit und
Lstigkeit ewiger Klagen ein, und es ist mein fester Vorsatz, sie nicht laut
werden zu lassen. Du aber, der du weit, wie vieler Nachsicht, Geduld und Liebe
mein Herz von jeher bedurfte, um zufrieden zu seyn; du, der du sie so oft mit
mir hattest, und mich Verwaisten mitleidsvoll an das deine schloest, trage sie
noch ferner, und sieh mir gtig nach, was eine schnelle Empfindung, der Vernunft
zum Trotze, verbricht.
    Constantins Freundschaft ersetzt mir viel - und ein stilles Band, das sich
mit jedem Tag mehr und mehr um meine Seele schlingt, kann nicht anders, als uns
noch nher vereinigen. Er ist ein Christ, wie du weit, und daher stets mit
vielen seiner Glaubensgenossen umgeben, welche sich um ihn als einen festen und
erhabenen Mittelpunkt sammeln. Mit ihm besuche ich ihre Versammlungen, und finde
- ich wei, da trotz ihrer Verschiedenheit unsrer Denkart mein Vertrauen dich
nicht beleidigt - immer mehr Grund, die gute Meinung und die schnen Hoffnungen,
die ich von den Wirkungen dieser Lehre auf die Menschheit hege, zu nhren und zu
vergern.
    Ihr Gottesdienst, so weit ich als Ungeweihter demselben beiwohnen darf -
denn bei der Feier ihrer Mysterien mu nicht allein der Nicht-Christ, sondern
auch der noch auf niedrigen Stufen stehende Glaubensgenosse sich entfernen -
also ihr Gottesdienst, so weit ich Zeuge davon war, besteht in
gemeinschaftlichen Gebeten und Gesngen, Vorlesungen aus ihren heiligen Bchern,
der Lebensgeschichte ihres Meisters, und in zweckmigen Reden darber. Wie oft
hat, wenn du mit mir die Reden des Cicero, des Hortendus, des Demosthenes
lasest, ein stilles Feuer meine Brust ergriffen, und in schmerzlicher Erinnerung
das Bild jener schnen Zeit vor meine Seele gefhrt!. Da sah ich die
versammelten Quiriten, ich sah den Redner vor den Rostris1 stehen, und voll
glhender Vaterlandsliebe, mit begeistertem Tone die wrdigen Gegenstnde, die
das Wohl oder Wehe des ganzen Volkes betrafen, wrdig und hinreiend vortragen;
ich sah die Menge an seinen Lippen hangen, jetzt von edlem Unwillen, jetzt von
groen Entschlssen bewegt, der Gemthsstimmung des Redners willig folgen, und
in sympathetischer Rhrung seine Gefhle theilen. Erhaben und ber Alles gro
erschien mir dann dieser Beruf, und gttlich die Macht, ein ganzes Volk nach
eignen Einsichten durch die sanfte aber unwiderstehliche Gewalt der Sprache zu
leiten, der Sprache, dieses Himmelsgeschenks, das ganz eigentlich und allein den
Menschen ber das Thier erhebt, worin seine Perfectibilitt, seine schnsten
Vorrechte liegen. Das sind die goldnen Ketten, die vom Munde des Hermes flieen.
Aber verstummt ist der Mund der Suada, verschwunden das krftige selbststndige
Volk der alten Comitien, die Ketten des Hermes sind verrostet. Nur Sophisten und
Rechtsgelehrte mibrauchen noch zuweilen ihre entweihten Geheimnisse, um vor
Unwrdigen einen unwrdigen Zweck zu erreichen.
    
    Aber in den Tempeln der Christen erhebt sich diese so gesunkene Kunst wieder
in ihrer alten Reinheit und Strke, und wenn auch die Gegenstnde, an denen sie
sich bt, nicht von so allgemein bemerkbarem Einflu, die Menge, vor der sie
sich zeigt, nicht ein ganzes selbststndiges Volk ist, so sind jene, die sie
whlt, nicht minder wrdig und gemeinntzig, und ihre Wirkung auf die
versammelte Gemeinde nicht minder gro und wichtig. Mit erhebendem Gefhl, mit
Rhrung habe ich manche dieser Redner gehrt, und mich durch Erfahrung
berzeugt, da jene schimmernden Bilder von der Macht der Beredtsamkeit und
Declamation, die mir damals vorschwebten, kein jugendlicher Traum, keine
Tuschung waren. Es liegt eine sympathetische Kraft in der lebhaften Rede. Noch
ehe uns die vorgebrachten Grnde berzeugt haben, hat das sprechende Auge, die
ausdrucksvolle Miene, der bewegte Ton uns berredet. Es ist ein Mensch, ein
Wesen wie wir, das wir sich freuen, leiden, zrnen sehen; und wir leiden, zrnen
und jubeln mit ihm. Der Mensch spricht zum Menschen, die Natur ergreift uns mit
unsichtbarer Gewalt, und reit uns fort, wohin zu folgen wir nicht widerstehen
knnen.
    Ich bin berzeugt, da, wenn es mir mglich wre, dich zum Zeugen einer
solchen Feier zu machen, ein grosser Theil deiner Abneigung gegen die Christen
verschwinden wrde. Da es nun unsre Pflicht ist, berall Wahrheit zu suchen, und
die Mglichkeit, dich von dieser zu berzeugen, berall in deiner Nhe ist, wo
sich ein Christentempel und ein geschickter Redner befindet, so bitte ich dich
um deiner Liebe zu mir, um der Beruhigung willen, dich meiner Ueberzeugung nher
kommen zu sehen - besuche eine solche Versammlung, hre ihre Redner, und
schreibe mir dann, welche Wirkung dies auf dich hatte. Leb' wohl!

                                    Funoten


1 Rostra war ein Gebude auf dem Hauptplatze von Rom, das aus den
Schiffschnbeln einer besiegten Flotte errichtet worden war, und vor welchem die
ffentlichen Reden gehalten wurden. Hermes oder Merkur ist auch der Gott der
Beredtsamkeit, und wird als solcher mit goldnen Kettchen gebildet, die von
seinem Munde an die Ohren der Zuhrer gehen.


                          53. Theophania an Sulpicien.

                                                          Nica, im October 302.

Deiner gtigen Aufforderung und dem Wunsche meines Herzens gem, schreibe ich
dir, meine liebenswrdige Freundin, aus dem stillen Aufenthalte, in welchem ich
endlich nach so manchen Strmen Ruhe zu genieen hoffe. Ich bin nicht in
Nikomedien geblieben, wie du aus dem Anfange meines Briefs sehen wirst. Meines
Vaters Geschfte fordern seine Anwesenheit hier, und ich begleite ihn gern. Der
Heimathlose findet berall sein Vaterland, wo die wenigen guten Menschen wohnen,
die noch einigen Theil an ihm nehmen. Ich habe auf der weiten Welt nun auer der
kleinen Familie, bei der ich lebe, und einer einzigen Freundin, die aber
gebietende Umstnde fern von mir halten, keine Seele mehr, um derentwillen ich
irgend einen Ort zum Aufenthalt vorziehen, die um meinetwillen auch nur die
geringste Vernderung in ihrer Lebensweise machen mchte. Ich bin allein. Es ist
ein eignes Gefhl, so ganz einsam in der Welt zu seyn, zu wissen, da unser
Glck kein fremdes Auge erheitert, unser Schmerz keine fremde Thrne
hervorlockt. Es ist traurig - aber es liegt dennoch etwas Beruhigendes darin. Es
macht uns die Gegenstnde und Verhltnisse auer uns so gleichgltig, so
beziehungslos, da wir dadurch in jene stille Fassung kommen, die so viele Weise
des Heidenthums als das hchste Gut, das Ziel aller menschlichen Bestrebungen
anpriesen, und die die christliche Religion (ich bin eine Christin, du wirst das
schon lange geahnet haben,) als diejenige Stimmung empfiehlt, die uns am
geschicktesten macht, die Welt, ihre Freuden, und uns selbst zu vergessen, und
an unsrer Veredlung, unserer Heiligung zu arbeiten.
    Doch, so still mein Gemth auch ist, so sehr ich mich bestrebe, Alles, was
mir diese Erde an Freuden versprach, und an Schmerzen zuma, zu vergessen, so
wird doch der Abend in Synthium nie aus meiner Seele scheiden.
    Ich habe dich kennen gelernt, und wenn mich kein Vorurtheil, keine Eitelkeit
verfhrt, so habe ich an dir eine Frau gefunden, die, selbst mit dem Unglcke
bekannt, Leidende zu verstehen, zu schonen wei, so ist die unbekannte Reisende,
die sie gastfrei in ihrem Hause aufnahm, nicht ganz aus ihrem Andenken
verschwunden. Diese Hoffnung ist es auch, welche mir Zuversicht gibt, deine
gtige Aufforderung zu einem Briefwechsel fr mehr als Artigkeit zu nehmen, und
dir zuweilen Nachricht von dem einsamen vergessenen Wesen zu geben, das einige
Stunden in deiner Nhe verlebte.
    Wenn deine schne Freundin im Wirbel ihrer brutlichen Geschfte und
Freuden, in der Flle ihres Glckes, mit dem Manne vereinigt zu werden, den ihr
Beide als so edel und liebenswrdig schildert, noch einige Erinnerung an eine
gleichgltige Erscheinung behalten hat, so rufe mein Andenken in ihre Seele
zurck, und vergi nicht, wenn du mich, wie ich hoffe, mit einer Antwort
erfreuen willst, mir zu sagen, ob sie bereits vermhlt ist, oder wann sie es
seyn wird. Schreibe mir auch den Tag und die Stunde, wenn du recht gtig seyn
willst. Calpurniens Reiz und unwiderstehliche Liebenswrdigkeit, der Umstand,
da sie deine Freundin ist, macht sie meinem Herzen werth, und es wre mir sehr
wichtig, die groe Stunde, die ihr Geschick auf eine solche Art entscheiden
wird, in meiner Einsamkeit nach meiner Stimmung zu feiern.
    Noch htte ich eine Bitte, aber sie grenzt an Unbescheidenheit, und so fehlt
mir der Muth, sie vorzutragen. Auch betrifft sie nicht dich, sondern die
reizende glckliche Braut. Wte ich, da sie sich meiner mit einiger Theilnahme
erinnerte, und mir nicht zrnte, wenn ich sie um eine groe Geflligkeit bte:
so wrde ich in meinem nchsten Brief meinen Wunsch entdecken, und freundliche
Gewhrung hoffen. Leb' wohl!

                          54. Sulpicia an Theophania.


                                                      Synthium, im November 302.

Was dem ermdeten Wanderer in der den Gleichfrmigkeit einer weiten wsten
Ebene der Anblick eines waldigen Hgels ist, der ihm Khlung, Ruhe und Erholung
verspricht, das war mir dein Brief, meine geliebte Theophania! Mein Leben
schleppt sich so freudenlos, so eintnig hin, mein Herz darbt so sehr an seinen
bessern Freuden, da die bloe Aussicht, ein Wesen gefunden zu haben, das mich
verstehen, und Geduld und Treue fr mich haben knnte, seit dem Tage, als ich
dich kennen lernte, wie ein freundlicher Stern durch die trbe Dmmerung meines
Daseyns strahlte. Gern htte ich schon damals mehr Schritte gegen dich gethan,
aber eine zarte Furcht, nicht zudringlich zu scheinen, und meiner Freundschaft
selbst ihren Werth dadurch in deinen Augen zu benehmen, hielt mich ab. Um desto
erfreulicher war mir dein Brief, denn er gab mir Gewiheit ber das, was ich im
ersten Augenblick geahnet hatte, ber die gleiche Stimmung unserer Seelen, und
einen geheimen Zug, der uns wechselsweise zu einander fhrt.
    Ja, es bleibt ewig wahr - nur gleiche Denkart macht die Freundschaft fest,
und nur unser Geschick bestimmt unsere Denkart. Wie kann das frhliche Wesen,
das im Sonnenschein des Glckes sein Freudenleben verflattert, mit dem
Unglcklichen gleich fhlen, den ein ernstes Schicksal von der Wiege an zu
Entbehrungen und Leiden erzogen hat? Ihnen beiden mu notwendiger Weise die
Welt, und Alles um sie her in einem so verschiedenen Lichte erscheinen, da an
einen festen Zusammenhalt, der gegen Zeit und Strme ausdauert, nicht zu denken
ist. So lange kein entscheidender Fall eintritt, wo Eines fr das Andre auf die
Probe einer schweren Wahl, oder eines gromthigen Opfers gestellt wird, mag das
Bndni dauern. Kommt einmal jener Zeitpunkt, so mu die verschiedene Stimmung,
der entgegengesetzte Geschmack, der ihnen ihr Glck in ganz verschiedenen
Gegenstnden zeigt, die losen Bande leicht zerreien. Darum wohl den
gleichgestimmten Seelen, bei denen hnliche Schicksale - hnliche Gesinnungen
und hnliche Wnsche erzeugt haben, die keiner Opfer bedrfen, um auf dem selbst
gut geheinen Pfade einig mit einander zu wallen!
    Uns dunkeln Gemthern, denen das Schicksal selten lchelt, hat es doch auch
wieder einige Freuden geschenkt. Wir genieen das Glck der Freundschaft. Keine
Zerstreuung wendet unsere Gedanken so leicht von der Freundin ab, keine
Eitelkeit verleitet uns, auf fremde Kosten zu glnzen, keine Eroberungssucht
bringt uns in Collisionen mit unsern Gespielinnen, uns, die wir nach nichts
Anderem streben, als mit allen Krften einen Gegenstand auf ewig fest zu halten,
und keinen grern Schmerz kennen, als ihn zu verlieren, sey es durch den Tod
oder durch Wankelmuth. Doch nein - nicht gleichviel! O, meine Theophania, ich
kenne dein Schicksal nicht ganz, aber fast mchte ich dich beneiden! Der Tod
entri dir den Gemahl, den liebenden, den treuen, in der Zeit, als, nach deinen
Jahren und deiner Trauer zu urtheilen, eure Liebe noch in schner Blthe stand,
und der Quell der Empfindung voll und rein durch eure beiden Herzen flo. Du
liebst ihn noch, obgleich die Urne seine Asche birgt, und du hoffst nach deinem
Glauben, in einer Region des Lichts und unzerstrbaren Freude ihn wieder zu
sehen. Ihr Glcklichen! Eure Liebe hat eure Verbindung, sie hat Euer Daseyn
berlebt. O! weh denen, deren Daseyn, deren Verbindung ihre Liebe berlebt! Wenn
Eines kalt und abgestorben an des Andern Seite kaum noch den Schatten jener
Entzckungen nachzubilden fhig ist, die es einst hinrien, wenn jenes Feuer, in
dem sich die trunkenen Seelen zur Gtterwonne emporschwangen, zu matten
Aeuerungen achtungsvoller Freundschaft herabgekommen ist, wenn die glhende
Brust des lnger Getreuen vergebens ihr Feuer in die kalte Asche zu strmen
sucht, und ein ungeheurer Schmerz um das, was war, und nicht mehr werden kann,
die tief erregte Brust zerreit, die mit allen ihren Wunden, sich nur in
abgemessener Frmlichkeit an einen Marmorbusen gedrckt fhlt - das ist Schmerz,
Theophania! wthender, verzehrender Schmerz, und da er der letzte ist, ist das
einzig Trstliche daran!
    Du hast, wie es scheint, meine geliebte Freundin! einen flchtigen Scherz,
den wir uns in deiner Gegenwart erlaubten, etwas zu ernst genommen. Calpurnia
ist noch nicht Braut, sie ist nur die geachtete vertraute Freundin jenes Mannes,
dessen Bild du gesehen hast. Da er fr sie empfindet, ist wohl nicht
zweifelhaft - aber wer kann auf Mnnerliebe bauen? Es ist nicht lange, da er
einen sehr theuern Gegenstand, eine Freundin verloren hat, die er von Jugend auf
mit heftiger und unglcklicher Zrtlichkeit geliebt hat. Dennoch fngt er an,
bei der reizenden Calpurnia seines Verlustes zu vergessen, und der
unbeschreiblichen Gewalt zu weichen, mit der dies gefhrliche Mdchen bisher auf
alle Mnner wirkte, inde sie selbst unbefangen blieb. Nur bei Agathokles
scheint ihre Stunde auch gekommen zu seyn, und wenn keine neuen Hindernisse
eintreten, wenn die Zeit ber das Vergangene den mildernden Schleier gezogen
haben wird, so sehe ich diesem Bndni mit Hoffnung und Freude entgegen. Dir
aber den Zeitpunkt zu bestimmen, ist, wie du selbst einsiehst, nicht mglich.
Agathokles ist mit den Csarn in Nisibis, wo der Friede geschlossen wird; wir
hoffen ihn erst in einem Monate zu sehen. Vielleicht kann ich dir dann mehr
sagen. Calpurnien will ich den Antheil, den du an ihrem Schicksal nimmst,
melden; ich wei, es wird sie freuen, von einer Frau geachtet zu seyn, deren
Anblick nichts Gewhnliches verkndigte, und deren nherer Umgang das
Versprechen des ersten Augenblicks wahr gemacht hat. Was die Bitte betrifft, so
glaube ich sie im Voraus in meiner Freundin Namen zusagen zu knnen, und so
ersuche ich dich, sie mir mitzutheilen, von was immer fr einer Art sie seyn
mag. Theophania kann um nichts bitten, dessen Gewhrung nicht ihren Freundinnen
zur angenehmen Pflicht wrde. Leb' wohl!

                       55. Junia Marcella an Theophania.


                                                        Apama, im November 302.

O meine Theophania! meine theure unvergeliche Freundin! Du hast Recht, wenn du
im Anfange deines Briefes sagst, da seltsame Empfindungen und tausenderlei
Gedanken meine Seele durchkreuzen werden, wenn ich deinen Brief erffnet haben
wrde. Schrecken, Freude, und dann Zweifel waren die ersten Regungen meines
Herzens, als ich die Schriftzge der geliebten Freundin erblickte, die ich
lngst unter dem Hgel von Trachene begraben glaubte. Aber als der Inhalt der
ersten Zeilen jede Ungewiheit zerstreut hatte - da, meine Geliebte, war inniger
heier Dank und ein kindliches Gebet zu dem gtigen Vater, der die Herzen der
Menschen wie Wasserbche lenkt, und ohne dessen Willen kein Haar von unserm
Haupte fllt, mein dringendstes Gefhl. Dann las ich weiter, und mein Herz
begleitete dein Schicksal mit sympathetischen Gefhlen bis gegen das Ende. Ja,
meine Geliebte! wunderbar und unbegreiflich sind die Fgungen Gottes, der dich
mitten unter Barbaren erhielt, und dir ihre Gemther geneigt machte, da sie
nicht allein deines Lebens und deiner Ehre schonten, sondern dich auch in
Frieden ziehen lieen, als die Rettung erschien. Wie sehr htte ich gewnscht,
diese reine Freude mit unserm ehrwrdigen Vater Theophron zu theilen! Aber sein
verklrter Geist schwebt bereits in hhern Rumen, und er sah wohl lngst mit
hellem Blicke das Schicksal seiner Schlerinnen sich hienieden aus
verschlungenen Knoten schn und friedlich auflsen, als du noch in der Htte
deines edelmthigen Gebieters dster sinnend deiner Zukunft entgegen sahst. Er
starb den vergangenen Frhling, mit der neugebornen Natur wurde auch er
neugeboren, und erwachte aus dem dstern Erdenwinter in Edens Frhlingshainen.
So hatte ich, wie das immer beim Verluste geliebter Menschen geht, nur mich zu
beklagen. Unsre Trauer um Entschlafne ist immer nur Trauer ber uns selbst.
Ihnen ist ja besser geworden, als es uns ist.
    So war es auch, als ich dich zehn Monate fr todt hielt. Ach, ich konnte
dein Loos nicht beweinen! Wie wenig Freuden hattest du genossen! Aber ich
beweinte mich selbst, ich betrauerte das Schicksal deines Freundes, und hier
komme ich auf jenen Punkt deines Briefs, mit dem ich unmglich zufrieden seyn,
oder dir beistimmen kann. Agathokles - la mich immerhin diesen Namen nennen,
den du so geflissentlich in deinem Briefe zu vermeiden scheinst - ist, so wie
ich es war, von deinem Tode vollkommen berzeugt. Die Grnde dieser Ueberzeugung
und berhaupt die Wirkung, die diese Catastrophe auf ihn gemacht hat, kannst du
am besten aus dem Briefe unseres Freundes Apelles kennen lernen, den ich dir
hiermit in einer getreuen Abschrift beilege. Er ist aus Trachene, dem Schauplatz
jener unglcklichen Begebenheiten, geschrieben. Wenn du ihn gelesen hast, wirst
du selbst bekennen mssen, da Agathokles keine Ahnung deines Lebens haben
konnte. Die weibliche, von Wunden entstellte Leiche in prchtigen Kleidern, die
man in deinen Zimmern gefunden, fr dich gehalten, und begraben hatte, und die
wahrscheinlich jene Melyte war, deren Eitelkeit sie zu diesem Schritte verleitet
hatte, mute ihm und Apelles jeden Zweifel, jede noch so schwache Hoffnung
benehmen, besonders da die Todten schon begraben, und keine Spur deiner Rettung
zu finden war. Es ist also sehr natrlich, da Agathokles keine weiteren
Nachforschungen anstellte, und keinen Gedanken mehr nhrte, die, die er unter
dem Hgel von Trachene begraben hielt, an den Ufern des Borysthenes zu suchen.
So viel zur Beantwortung deiner ersten ungerechten Klagen ber diese
vermeintliche Gleichgltigkeit. Da es eine kleine Falschheit war, mit der du
Heliodor nach Synthium locktest, fhlst du selbst, und ich sage dir nichts
darber; aber wie magst du so erfinderisch seyn, dich selbst zu qulen, und aus
einem freundschaftlichen Scherze, aus dem zuflligen Zusammentreffen einiger
Umstnde dir ein ganzes Gewebe von Untreue, Verrath und gewissem Unglcke zu
bilden? Ich wei von sehr guter Hand, da nicht Calpurnia, sondern Sulpicia in
Synthium wohnt, da Agathokles ihr diese Villa aus Freundschaft eingerumt, und
ihre Freundin sie dort besucht hat, wie sie an jedem andern Ort gethan haben
wrde. So bedeutete ihre Anwesenheit gar nichts in Rcksicht auf den Besitzer
der Villa; denn ihr Besuch galt nicht ihm, sondern Sulpicien, und es wre dir
leicht gewesen, durch einige geschickte Fragen die Wahrheit herauszubringen,
wenn dein emprtes Herz dir Unbefangenheit genug hierzu gelassen htte.
    Ich will hierdurch nicht sagen, da du keinen Grund httest, unruhig zu
seyn; ich bin vielmehr nach allen Nachrichten, die ich aus Nikomedien erhalte,
beinahe berzeugt, da Calpurnia einen bedeutenden Eindruck auf ihn gemacht hat,
da jene Verhltnisse, die schon in Rom anfingen, hier fortgesetzt worden sind,
und durch die Gewiheit, da jedes frhere Band zerrissen sey, an Strke und
Rechtmigkeit gewonnen haben. Sie hat ihm, als er mit der Siegesbotschaft
ankam, ein sinnreiches Fest gegeben, an dessen Schlusse sie ihm einen
Lorbeerkranz um's Haupt wand, und dessen Inhalt ihm ihre Empfindungen fr ihn
auf eine eben so feine als schmeichelhafte Weise zu erkennen gab. Das Alles ist
wahr, und deine Besorgnisse nicht zu tadeln; aber ihn - ihn sollst und kannst du
nicht so hart beschuldigen. Er ist ein Mann. Mnner haben andre Gefhle, andre
Pflichten als wir. Ihr Wirkungskreis ist der Staat, die Welt; der unsrige sind
unsere Kinder, unser Haus; jenem gehren ihre besten Krfte. Wir wrden die
Ordnung der Natur verkehren, wenn wir einen ausschlieenden Anspruch an alle
ihre Thtigkeit, alle ihre Empfindungen machen wollten. Wenn nun bei dem groen
Treiben und Regen aller edleren Krfte des Menschen, im Feld oder in wichtigen
Staatsgeschften, worin ihn Constantin braucht, bei der Gewiheit deines Todes,
die ihn fast an den Rand des Grabes brachte, bei den unausgesetzten Bestrebungen
der schnen und schlauen Calpurnia, einen Eindruck auf sein wundes Herz zu
machen, wenn, sage ich, bei allen diesen Umstnden dein Bild nach und nach in
Schatten zurck weicht, kannst du ihn so hart anklagen, so unnachsichtlich
tadeln? Kannst du dir ein groes Verdienst aus deiner festern Treue machen, du,
die ihn am Leben wei, und die durch keine Zerstreuung, keine Verfhrung von ihm
abgelockt wird?
    Aus allen diesen Grnden kann ich deinen Plan, dich ihm ganz zu entziehen,
und die Rolle der Verstorbenen fortzuspielen, unmglich billigen. Wie leicht
kann ein Zufall dein Geheimni enthllen? Wie tief mte es deinen Freund, wenn
seine Hand noch frei ist, schmerzen, diese Entdeckung nicht dir selbst verdankt
zu haben? Und wenn es zu spt wre - was wrde deine und seine Lage seyn! Mich
schaudert vor dem Gedanken. Das berlege wohl, meine Geliebte! ehe du auf dem
begonnenen Wege weiter schreitest. Auf mich kannst du jedoch in jedem Fall
sicher zhlen, ich werde dein Geheimni treu bewahren, obwohl ich nicht mit
deiner Ansicht verstanden bin, und sehr wnsche, dich von der Unthunlichkeit und
Gefahr dieser Grille - verzeih meiner Freimthigkeit den Ausdruck - zu
berzeugen. Theophania! Du gehst auf einem schlpfrig steilen Wege. Er kann dich
an den Rand des Abgrundes, er kann dich in den Abgrund selbst fhren, und du
strzest nicht allein hinein, du reiest auch deinen Freund mit dir.
    Wenn du denn aber wirklich fr ihn unsichtbar bleiben willst, so entziehe
dich mir nicht, jetzt, wo keine Pflicht dich mehr abhlt, dem Rufe der
Freundschaft zu folgen. Komm zu mir! In meinem Hause sollst du so einsam und
verborgen leben, als in der Zelle eines Eremiten. Komm zu mir, und la mich das
Glck der Freundschaft genieen, das ich so lange entbehrt habe. Du weit, wie
ich dich liebe, und wie glcklich mich deine Zusage machen wrde. Leb' wohl!

                           56. Florianus an Valerien.


                                                      Eboracum, im November 302.

Du hast verlangt, da ich dir antworten soll, Valeria! Es scheint, da du zu
deiner Beruhigung und zur knftigen Leitung deines Betragens dieser Antwort
bedarfst. Ich erflle den Wunsch meiner Freundin. Denke aber nicht, Valeria, da
es rthlich, da es mglich sey, diesen Briefwechsel fortzusetzen. Die innere
Stimme in meiner Brust, der streng geprfte Ausspruch meiner Vernunft verwirft
jedes Mittel, das nur dazu dienen knnte, ein Verhltni fortzusetzen, welches
wir Beide, als vom Himmel selbst getrennt, betrachten mssen. Es war eine Zeit,
wo ein verzeihlicher Irrthum uns verleitete, khne Wnsche und Hoffnungen zu
nhren. Dieser Irthum ist verschwunden, und mit ihm jede Hoffnung, jede
Entschuldigung fr einen sptern Versuch. Der Himmel hat nur zu deutlich
gesprochen. Dieser Brief ist mein Erster an dich seit jenem Tage, der mir die
volle Kenntni unsers Schicksals gab - er wird auch mein Letzter seyn.
    Du kennst mich, Valeria! Es ist unmglich, da du in dieser Erklrung die
Sprache des verlarvten Wankelmuths, des flatternden Leichtsinns frchten
solltest, der heilige Pflichten zum Vorwand strflicher Klte mibraucht. Der
Mann, der in so reifen Jahren whlte, hat fr den traurigen Rest seines Lebens
gewhlt. Doch von mir soll die Rede nicht mehr seyn. Ich wei, du hast Glauben
an mich, aber ich mchte dies schne Gefhl zum Werkzeug deiner Ruhe, deines
knftigen Glckes gebrauchen.
    Besinne dich, Valeria! Du bist eine Kaisertochter, du bist eine Christin! Es
ziemt dir nicht, so kleinlaut zu verzagen, wenn das Unglck mit kalter Hand in
den Blthengarten deines Glckes greift, und seine lachende Schpfung zerstrt.
Du flchtest im Gebete zu jener Erhabenen, die so viele Schmerzen, so viele
trbe Erfahrungen gelassen ertrug, und aus jedem Sturme in neuer Wrde und
stiller Hoheit hervorging. Flchte zu ihr, dies Gefhl ist richtig und tadellos;
aber wende dich nicht blos mit zitterndem Herzen und strmenden Thrnen an ihre
Frbitte. Lerne von ihr dulden und tragen; sie litt weit mehr als du, und weit
standhafter. Halte dir ihr Vorbild gegenwrtig, sie ist nicht blos das Symbol
unendlicher Liebe, sie ist auch das Urbild weiblicher Geduld und Sanftmuth, und
der ergebensten Gottesfurcht. Unterwirf dich mit ruhiger Hoffnung dem vereinten
Willen deines Vaters, deines Kaisers, und der Vorsicht. Nicht umsonst hat sie
dich ihn gerade in diesem Zeitpunkt finden lassen. Nicht ohne ihre Leitung war
dein Geschick bis hierher. Vielleicht - und sehr wahrscheinlich - bist du zu
etwas Grerem bestimmt, und es wre Frevel, diese hhern Zwecke, wenn wir sie
gleich nicht kennen, auf dem huslichen Altar unserer Liebe eigenmchtig zu
opfern. Wir haben die innere Stimme vom Himmel erhalten, um zu wissen, was Recht
ist, die Vernunft, um uns in schwerer Wahl zu leiten, endlich seine gttliche
Lehre, um das einmal gewhlte Recht mit Kraft zu ergreifen, und muthig
auszufhren - sollte auch unser Glck darber zu Grunde gehen. Viel deutlicher
ist noch in diesem Fall sein Wille ausgesprochen. Kein Dunkel kann unsre Wahl
erschweren, kein Zweifel ber das Recht bleibt brig. Drfen wir anstehen, uns
seinen Fgungen zu unterwerfen? Knnten wir's, wenn wir auch wollten?
    Darum, Valeria, fasse dich, fordre die Kraft auf, die in deinem Busen wohnt,
die ich nur zu wohl kenne. Sey stark, sey geduldig, vor Allem, sey fromm! La
mich nie wieder von einem strflichen Wunsche hren, der meine Seele verwundet
hat. La mich nicht frchten mssen, da du dich einst so weit verlieren
knntest, Hand an dich selbst zu legen! Weit du wohl, Valeria, da wir dann
ewig getrennt wren? Nur im Elysium begegnet die Selbstmrderin dem einst
geliebten Schatten. Aber ein heiliger Gott verwirft den Rasenden, der ber sein
Leben gebieten zu knnen glaubt, und den Feigen, der die auferlegte Last
ungeduldig abwirft, und der Prfung entflieht. Valeria! wenn ich dich einst dort
mit Wonne empfangen, wenn du mich in einer Welt des Friedens und der Gleichheit
wieder antreffen willst: so trage, was dir die Vorsicht auferlegt, und harre
standhaft aus.
    Valeria! Leb' wohl! Was du auch zu dulden hast, wie viel Schwerter durch
deine Seele gehen mgen, denke, da dein Freund mit dir leidet, und dein Herz
keine Wunde empfngt, die nicht das meine eben so schmerzlich zerreit. Schreibe
mir nicht mehr - ich darf dir nicht antworten. Mache keinen Versuch, dich an
Constantin zu wenden. Ich kenne seine Lage - er kann uns nicht helfen, uns ist
nicht zu helfen. Das bedenke - vergi mich - und lebe wohl!

                       57. Theophania an Junia Marcella.


                                                         Nica, im November 302.

Wenn du nicht lcheln willst, meine geliebte Freundin, so mchte ich mein Herz
einem klaren Wasserspiegel vergleichen, der zwischen Bschen verborgen das Bild
des schnen Himmels treu in seiner Tiefe bewahrt. Wenn auch Strme auf eine
Weile seine Oberflche trben und empren, da die Bilder entfliehen oder
verworren auf den unstten Wellen schwanken, so bringt es doch seine Natur mit
sich, da er mit allen seinen Krften wieder in seine vorige Lage zu kommen
strebt, und sich nach und nach selbst beruhigt. Dann sieht der Wanderer, der ihn
in seiner stillen Verborgenheit aufsucht, nicht die Fluth selbst, er sieht nur
die Bilder des Ufers und den schnen blauen Himmel, der ihm aus der klaren Tiefe
entgegen strahlt. So ist es mir ergangen, meine Geliebte! Von selbst, ohne
ueres Zuthun, hat sich mein Herz wieder gefunden; der stille Friede und mit
ihm ein theures Bild sind in dasselbe zurckgekehrt. O es war eine traurige
Zeit, als ich ihn nicht mehr lieben zu drfen glaubte, als ich ihn fr
leichtsinnig und flatterhaft halten mute! Es war ein Aufruhr in meiner Natur,
eine gewaltsame Verwirrung derselben. Ich mu ihn lieben, ich mu mit ihm einig
seyn, wenn ich es mit mir selbst seyn soll. Ich bin es wieder, und das ist das
Kleinod meiner Brust. Jetzt strahlt der stille Spiegel wieder nur sein theures
Bild zurck, und ich darf wohl sagen, es ist mir wie der Fluth, die selbst
verschwindet, und nur den Himmel zeigt. Ich will mich gern selbst vergessen,
wenn nur Er glcklich ist.
    Du wirst vielleicht glauben, da ich ihn gesehen, oder sonst etwas von ihm
gehrt htte. Nein, meine Liebe! Aus meinem Innern, aus den Erinnerungen an
meine Jugend, aus der Zusammenhaltung mehrerer Umstnde, aus der Ueberzeugung
von seinem Werthe ging die krftige Beruhigung hervor. Selbst deinen Brief habe
ich erst erhalten, als es bereits stille in mir war. Was er enthielt, gab mir
noch hhere Kraft und das angenehme Gefhl der Uebereinstimmung mit der edelsten
Freundin. Ja, meine Liebe, er ist ganz entschuldigt! Er steht rein und tadellos
vor mir, und das macht mich glcklich, so wenig beneidenswerth sonst meine Lage
ist. Nur der Gedanke, an ihm zweifeln zu mssen, kann mich wahrhaft unglcklich
machen, denn er strt meinen Frieden. Ihn lieben, und die Tugend lieben, ist
Eins bei mir! Aber wenn auch diese Ueberzeugung die unerlliche Bedingung
meiner Seelenruhe ist, so ist sein Besitz kein Recht, das ich von der Vorsicht
als ein Eigenthum ansprechen darf. Jenes hat sie mir gewhrt, weil Seelenfrieden
zu unserm Seelenheile nothwendig ist. Unsre Glckseligkeit ist es aber nicht,
und so darf ich diese nicht ansprechen, und thue es auch nicht. O meine Junta!
wie glcklich ich geworden wre, wenn es Gott gefallen htte, uns zu vereinigen,
wage ich nicht zu denken. Mir schwindelt vor dieser Hhe von Seligkeit, die
vielleicht fr dies Leben zu gro gewesen wre! In dieser Furcht beruhigt sich
mein Herz, und bescheidet sich, die Wonne des Himmels nicht schon hienieden zu
genieen.
    Mein Vorsatz, unbekannt zu bleiben, steht daher noch immer fest. Es tragen
manche Nachrichten, manche Ueberlegungen dazu bei, es rhrt auch wohl manche
Ansicht aus Heliodors Umgange her. Ich will mich bemhen, dir Alles klar und
deutlich zu machen, so deutlich, als ich es fhle; aber es ist schwer, Gefhlen
Sprache zu geben, und was wir als entschieden wahr empfinden, dem Andern eben so
klar einsehen zu machen.
    Es lebt hier ein gewisser Marcius Alpinus, derselbe, der zum Nachfolger
meines verstorbenen Gemahls bei dem Heere bestimmt war, und dessen Ankunft der
gekrnkte wrdige Held nicht erwarten wollte. Er kennt mich also nicht
persnlich, so wenig, als ich ihn je gesehen habe; aber er kennt Alles, was in
Nikomedien und am Hofe von einiger Bedeutung ist, und so denn auch das Haus des
Proconsuls, seine schne Tochter und ihre Verhltnisse. Irre ich nicht, so haben
ihre Reize selbst einigen Eindruck auf ihn gemacht; aber wie das bei solchen
Weltmenschen geht, es gleitet Alles leicht ber ihre abgeschliffenen Seelen hin,
und so auch die Liebe. Von ihm habe ich nun durch schickliche Fragen und
Erkundigungen so viel erfahren, da Calpurniens Verhltni zu Agathokles kein
Geheimni ist, und da man in der groen Welt ihrer Verbindung als einem sehr
wahrscheinlichen Ereignisse entgegen sieht. Wie soll ich bei diesen
Verhltnissen den Muth haben, hervorzutreten? Wie leicht knnte es geschehen,
da Agathokles durch mein Daseyn mehr erschreckt als erfreut wrde, da er dann
aus Rechtschaffenheit ein Band zerreien wrde, das ihn glcklich machen knnte,
um sich in ein Verhltni zu schmiegen, das ihm fremd geworden ist, und nicht
anders als drckend seyn wrde? Und wrde ich dann glcklich seyn? Nein, meine
Liebe! Viel besser ist's, er erfhrt nie, da ich lebe; so erspare ich ihm
Beschmung, Rene, eine schwere Wahl, oder eine noch mhsamere Treue, die mich
unglcklicher machen wrde, als seine Sinnesnderung.
    So bin ich still und fest entschlossen, meinem Plane treu zu bleiben, und
aus eben der Ursache kann ich dein Anerbieten, nach Apama zu fliehen, nicht
annehmen. Dort bin ich bekannt, dort knnte es mir nicht gelingen, unter meinem
Christennamen unerkannt zu bleiben, und ich mu diesem Glcke, wie so manchem
andern, entsagen. Ich mu hier, wie so oft in meinem Leben, sagen: Der Herr hat
es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sey gebenedeiet. Ach,
wenn ich den Trost nicht htte, wie knnte ich mein Schicksal ertragen! So viel
zu verlieren, so Vielem zu entsagen, und doch nicht zu verzweifeln - dazu gehrt
unmittelbare Untersttzung von oben, Wirkung der gttlichen Gnade, um die ich in
unablssigem Gebete ringe. Betet, so wird euch gegeben werden! Ja es wird mir
gegeben werden - nicht das, was mein Herz, vielleicht irrig, fr mein Glck
hielt - aber das, was ich bedurfte, um seinem Verluste nicht zu erliegen,
Geduld, Kraft und Frieden.
    Glaube aber nicht, meine Theure, da mein Gemth immer so ruhig ist! Nein,
deine arme Freundin ist nicht in jeder Stunde so unbegreiflich stark, um den
Verlust von Agathokles Liebe, und den Entschlu, dein Anerbieten auszuschlagen,
mit stillem Gleichmuth zu ertragen. O es ist mir oft, als wollte es mir die
Brust zerreien, wenn ich bedenke, was ich gehofft habe, und wie es nun geworden
ist! Zuweilen schweben mir Bilder aus der Vergangenheit vor, zuweilen, wenn ich
das stille Glck betrachte, das Fulvia, die Gemahlin des Lysias, geniet, wenn
ich die Liebe und Achtung bedenke, mit der diese Gatten sich behandeln, die
tausend kleinen Geschfte des Lebens, die durch Liebe, Zrtlichkeit, Treue und
Aufmerksamkeit so namenlosen Reiz erhalten, und sich mir dann der Gedanke
aufdringt, was ich als Agathokles Gattin htte werden knnen - o dann, Junia!
gehrt mehr als menschliche Kraft dazu, um nicht zu verzweifeln. Dann bleibt mir
keine Rettung als im Gebete, das oft die Hlfte meiner Nchte einnimmt, und in
Heliodors dster erhabnen Ansichten der Welt und Zukunft. Er reit mich mchtig
empor, er, der die leidenschaftliche Liebe zu einem Geschpfe verdammt, whrend
er sein Leben der Menschheit widmet, er, dem der Landsmann, der Verwandte nicht
nher steht, als der Wilde, fr den er eben so willig sein Blut vergiet, er
zeigt mir meine Pflicht in einem wunderbaren, erhabnen kalten Lichte, und so weh
seine Vorstellungen meinem Gefhle thun, so mchtig strken sie meinen Willen,
und erhhen meine Kraft.
    Ich habe an Sulpicien geschrieben, mit verstellter Hand, um jeder Entdeckung
vorzubeugen. Ich will mir diesen Weg offen erhalten, um etwas Zuverlssiges von
Calpurniens Verhltnissen zu erfahren. Sie hat mir geantwortet, ganz so, wie ich
es erwartet hatte; ihre Antwort hat nichts an meinem Entschlusse gendert.
Nchstens werde ich ihr wieder schreiben, ich will es wagen, Calpurnien unter
einem schicklichen Vorwande um jene Zeichnung bitten lassen, die mir die volle
Gewiheit meines Unglcks gab. Es ist sein Bild. Ach, ich habe sonst nichts von
ihm, und mu das Einzige von meiner Nebenbuhlerin erbetteln! Ach Junia!
    Ist einst dieses Band, wie es Sulpicia selbst zu erwarten scheint, wirklich
geknpft, verlassen vielleicht die glcklichen Gatten Asien, was doch mglich
wre, oder hat die Zeit auch die letzte Spur meines Andenkens in seiner Brust
verlscht - dann komme ich zu dir, dann birgst du mich im Schatten deines
Hauses, und gnnst mir einen Antheil an der Besorgung deines Hauswesens, an der
Erziehung deiner Kinder, deiner Enkel, die bis dahin deine sptern Jahre
verschnern werden, damit mein Daseyn nicht ganz nutzlos verschwinde, und ich,
wenn der milde Befreier der gefangenen Seele erscheint, mit dem Bewutseyn aus
der Welt scheide, doch Einem Menschen Etwas gewesen zu seyn. Leb' wohl!

                       58. Constantin an Eneus Florianus.


                                                    Nikomedien, im December 302.

Die Zeit wird immer fruchtbarer an Begebenheiten und Saamen fr die Zukunft. Der
Krieg mit den Persern ist durch einen glorreichen Frieden geendigt, wir haben
unsern triumphhnlichen Einzug in Nikomedien gehalten, und Diocletian begegnet
dem Galerius mit einer Achtung, die vermuthlich die ehemalige schimpfliche
Strafe gut machen soll. Galerius mte nicht seyn, wie er ist, wenn er dies
Gefhl des Unrechts nicht mit gewaltiger Hand ergreifen und zu seinem Besten
ntzen sollte. Ich wei zuverlssig, da er die Ueberlegenheit, die ihm dies
Gefhl und die sinkenden Krfte des alternden Augustus geben, mibraucht, um
diesen zu manchem Schritte zu zwingen, oder zu berreden - wer entscheidet das?
- der eine langerprobte Klugheit Lgen zu strafen droht. Man spricht sogar hier
und da, aber nur hchst geheim davon, da Diocletian freiwillig die Regierung
niederlegen, den mailndischen Augustus zu demselben Schritte bereden, und sich
dann in die Einsamkeit nach Salona, wo er sich in Geheim und lange schon einen
lieblichen Aufenthalt zubereiten lt, begeben wird. Dann wrden Galerius und
mein Vater Augustus werden, und wer wrde den Rang der Csarn einnehmen? Mir
hier keinen Nebenbuhler, keine Creatur des dstern Galerius vorkommen zu lassen,
soll meine Sorge seyn. Ich habe frstliches Blut und frstlichen Sinn von meinem
Vater geerbt, und deine Unterweisungen haben mich gelehrt, das, wozu mich Natur
und Geschick beriefen, mit festem Gemth zu erkennen, und zu ergreifen.
    Marcius Alpinus ist von Galerius entfernt, und Prfect in Nica geworden,
er, dieser gewandte Hfling, der Gnstling des Csars, ein kriechender
Schmeichler, ein erklrter Feind der Christen, und darum seinem Gebieter bis
jetzt scheinbar unentbehrlich. Aber wer wre dem Galerius unentbehrlich! Genug,
er ist entfernt, und spielt in Nica die Rolle des Philosophen, der, des Hofes
und der Welt satt, nur sich allein leben will. Ich habe ihn von jeher verachtet.
Seit er aber bei jeder Gelegenheit, und erst neulich bei Agathokles Befrderung
zum Tribun, diesem mit heimlicher Bosheit entgegen war - ob aus eignem
Widerwillen, oder weil der Sclave auch die Neigungen seines Herrn kriechend
theilt, und mich in meinem Freunde hat, wei ich nicht - seitdem habe ich ihn
die Gesinnung, die mir sein Betragen einflte, deutlich merken lassen, und
seinen Einflu verachtet. Jetzt in seiner Verbannung hat er, uneingedenk alles
Vorgefallenen, mir seine guten Dienste anbieten lassen. Die verchtliche Seele!
Er wei viel, sein Einflu war bedeutend - - was ich zu thun habe, werde ich
sehen. Es ist nichts so gering, so verwerflich, das nicht, an seinen rechten
Platz gestellt, zweckmig gebraucht werden knnte, und meine Zukunft, folglich
auch meine Maaregeln liegen noch in tiefem Dunkel. Da ich nichts Unwrdiges
thun werde, weit du. Aber was Nothwehr und drngende Verhltnisse fordern, kann
nicht mit dem Maastabe ruhiger Fassung gemessen werden, und die Moral des
Menschen und des Staats nicht dieselbe seyn. Gegen den, der sich Alles erlaubt,
mu die Vernunft selbst alle Mittel ohne Unterschied ergreifen heien, sonst
sind unsre Waffen nicht gleich, und die gute Sache unterliegt ngstlichen
Rcksichten. Doch, bei Gott! Eneus, bei dem, der fr's Wohl der Menschheit sein
Leben gab, nur die Nothwehr wird mich solche Mittel ergreifen machen! Auf den
Hhen der Politik kehren wir wieder in den Stand der Natur zurck, wo nur das
Recht des Listigern oder Strkern gilt. Galerius hat mich, er hat die
Christen, er will sie verfolgen. Es wird ein harter, ein gewaltiger Kampf
entstehen; aber ich hoffe, der Himmel und Cato werden dann auf einer Seite
stehen1.
    An meinen theuren Vater habe ich vor zwei Tagen geschrieben, und mich
umstndlicher ber meine Lage erklrt. Er ist wohl so gut, dir zu erzhlen, was
zweimal zu schreiben mir weder meine Neigung, noch meine Zeit erlaubt. Leb'
wohl!

                                    Funoten


1 Die Stelle, auf welche sich diese Anspielung bezieht, ist aus dem Lucan:

Magno se judice quisque tuetur.
Victrix causa Diis placuit, sed victa Catoni.


                           59. Agathokles an Phocion.

                                                    Nikomedien, im December 302.

Es werden beinahe zwei Monate vergangen seyn, seit du keinen Brief mehr von mir
erhalten hast, und da jetzt meine Zeit wieder freier ist, hast du wohl
gegrndetes Recht, Nachricht von mir zu fordern. Ich bin mit dem Csar,
Constantin und Tiridates seit einigen Tagen hier. Der Kaiser hat mich zum Tribun
unter den Jovianern ernannt. Bis in dem Quartiere der Leibwache Platz fr mich
gemacht wird, wohne ich bei meinem Vater, der Mich mit besonderer Gte
behandelt, seit mein Verhltni zu Constantin, und glckliche Umstnde mir eine
bedeutendere Existenz verschafft haben. Uebrigens ist mein Leben wie vorhin. Ein
trber Gedanke verlt mich nie, und vergebens suche ich ernstlich, mich in dem
Umgange einer liebenswrdigen Freundin zu zerstreuen, deren Vorzge vermgend
wren, vielleicht in jedem andern Herzen frhere Eindrcke zu verlschen. Bei
mir ist ihr Zauber verloren. Ich achte ihre Verdienste, ich erkenne die seltne
Macht ihrer Reize, ich fhle mich erheitert, so lange ich um sie bin; aber die
Leere meiner Brust auszufllen, vermag sie nicht.
    So von der Wirklichkeit abgestoen, und unfhig, in irdischen Gtern Glck
zu suchen und zu finden, ergreift der Geist desto heftiger die Ideen, die sich
ihm darbieten. Und so hre nun, Phocion, was eigentlich mich abhielt, dir schon
lngst zu schreiben. Glaube nicht, da es Mangel an Erinnerung oder minderes
Verlangen war, dir alle meine Gedanken mitzutheilen; es war Unschlssigkeit,
Furcht, mchte ich beinahe sagen. Es ist eine peinliche Lage, wenn verschiedene
Schicksale zwei Freunde zu sehr verschiedenen Arten der Ausbildung und
Ueberzeugung fhren, so, da dem Einen zuletzt nichts brig bleibt, als dem
sen Trost zu entsagen, mit dem geliebten Freunde ber den wichtigsten Punkt
der Erkenntni gleichstimmig zu denken. Dann zgert der Mund, das auszusprechen,
was schon lngst in Beider Herzen bereit lag, und die Hand weigert sich, der
Tafel die inhaltschweren Worte einzugraben.
    Doch mu es geschehen. Hre denn, mein Freund mein Gestndni, und la mich
hoffen, da der Zwiespalt in unsrer Erkenntni keinen Zwiespalt in unsern
Empfindungen hervorbringen werde.
    Ich bin ein Christ. Vor vier Wochen habe ich vor einer kleinen Anzahl meiner
Glaubensgenossen feierlich das Bekenntni jener Wahrheiten und Lehren abgelegt,
die lngst schon mein ganzes Wesen mit inniger Ueberzeugung ergriffen hatten.
Da es so kommen wrde, war mir langst gewi, und auch dir wird diese Nachricht
nicht unerwartet seyn; aber meines Vaters wegen bleibe dieser Schritt noch so
lange verborgen, bis nicht dringende Umstnde mein ffentliches Bekenntni
fordern. Das bin ich ihm schuldig.
    Nun habe ich errreicht, was ich so lange als das Ziel dunkler heftiger
Wnsche suchte, das Hchste, Beste, was der Mensch erreichen kann. Ich bin einig
mit mir selbst, gewi ber meine Bestimmung in diesem, mein Loos im andern
Leben; jeder Zweifel ist gelset, und jede Pflicht liegt klar und deutlich vor
mir.
    Um meine Ueberzeugung so viel als mglich in deinen Augen zu rechtfertigen,
wende ich mich zur Beantwortung der neuen Anklagen und Vorwrfe, die deine
letzten Briefe, welche ich in Nisibis empfing, gegen meinen Glauben enthalten.
    Du schilderst mir in dem ersten derselben mit wahrhaft dichterischem Feuer
die Lieblichkeit der griechischen Mythologie, und die schnen Bilder, die sie
den Sinnen in jeder Art der Wahrnehmung darbietet. Nicht fhig, ihren Werth fr
die Ueberzeugung und Moralitt der Menschen auf der jetzigen Stufe ihrer Bildung
zu beweisen, bemhst du dich, ihnen einen hhern, bessern Sinn unterzulegen und
deutest in diesen Fabeln, was nie darin lag, und was nur Geister, wie der
deinige, die denn ohnedies dieses Behelfes nicht bedrfen, hineinlegen knnen.
Warum das, mein Freund? Die Mythen unserer Voreltern waren in ihrem Ursprung
ganz lbliche und ntzliche Erfindungen fr die Menschheit in ihrer damaligen
Lage. Sie enthielten naturgeschichtliche Wahrheiten, in liebliche Bilder
verhllt, die Geschichte der Erde, ihre Revolutionen, den Einflu der Gestirne,
der Jahreszeiten auf ihre Bewohner. So waren sie dem eingeweiheten Priester
ehrwrdige Symbole der Alles erzeugenden Natur, dem Laien aber bald nichts
anders, als widersinnige Reprsentanten eben so vieler ber- oder
untergeordneter Gottheiten, die bald einig, bald kmpfend, sich in die
Herrschaft der Welt theilten, und so den erhabnen Begriff eines einzigen
Schpfers verdrngten. Das heranreifende Menschengeschlecht entwuchs diesen
kindischen Begriffen. Der Weise fing an zu grbeln, die Menge zu spotten; und
nun sind wir dahin gekommen, da kein verstndiger Mensch einen erhebenden Sinn
mit diesen Mhrchen verbinden, kein Herz durch ihren Anblick zu hherm Schwunge
geweckt werden knnte, wenn auch alle schnen Knste sich um die Wette
beeiferten, Gtterbilder und Tempel mit Allem auszustatten, was die Sinne
reizen, die Einbildungskraft vergngen kann.
    In wessen Herz strmt jetzt noch ein Tempel, wo die verspottete Gottheit
wohnt, heilige Schauer? Wer fhlt noch etwas Anderes bei dem Anblick eines
schnen Gtterbildes, als da es ein treffliches Werk der Kunst sey? Und selbst
diese Knste! Die Zeiten des Perikles sind dahin, die Jugendblthe der
Menschheit ist vorber, und mit ihr die Blthe der Kunst. Kein frisches
lebendiges Geschlecht trgt Gttergestalten in seiner Brust, und stellt in
Marmor oder Erz dar, was seine Seele begeisternd erfllt. An den zgellosen
Hofhaltungen verchtlicher Wollstlinge oder blutdrstiger Tyrannen verstummen
die Gesnge der heiligen Dichter; und wie knnte ein Imperator, der im wilden
Lager ausgearteter Legionen erzogen wurde, mit Lust und Geschmack den Liedern
horchen, die einst einen August entzckten? Jene Zeiten sind vorbei, und mit
ihnen die Fhigkeit, jene Fabeln und Bilder fr etwas zu halten, und sie zu
verehren. Wrdest du wohl die Leidenschaft des erwachsenen Jnglings durch den
Aesop oder Phdrus zu zhmen whnen? Oder knntest du dich mit der Hoffnung
tuschen, die Wuth der emprten Prtorianer mit einer Fabel zu beschwren, wie
Minenius Agrippa?1 Andere Zeiten erzeugen andere Sitten, andere Menschen, und
diese haben andere Bedrfnisse. Eins der ersten des aus Geist und Krper
zusammengesetzten Geschpfes ist Religion. Der Hang dazu liegt in ihm, und
uert sich bei den rohesten Vlkern im kindischesten Weltalter. Ihnen gengt
die todte Natur nicht, sie beseelen sie, und beten den Geist an, den sie ahnend
entdecken. Tiefer als mancher Philosoph, mancher herzlose Sptter whnt, liegen
diese Gefhle in unsrer Brust, und verknden sich bald als erhabene
Gottesfurcht, bald als Neigung zum Wunderbaren, Gespensterfurcht, Glauben und
Ahnungen, Trume u.s.w. Der Mensch, seines unsterblichen Gefhrtens sich bewut,
sucht diese wunderbare Vereinigung von Geist und Materie berall, ahnet in jeder
auerordentlichen Begebenheit viel lieber die Einwirkung eines hhern Wesens,
als die Folge todter kalter Gesetze, und fhlt sich nirgends allein, wenn Alles
um ihn her von einer unsichtbaren denkenden Kraft geleitet wird. Aber die
Dryaden und Hamadryaden, die Nymphen der Quellen, die Satyren und Faunen sind
aus den Wldern entflohen, zum Theil vor der Stimme der Vernunft, zum Theil vor
dem Hohngelchter, womit der unberlegte Spott die fromme Einfalt schreckt.
Statt ihnen wohnt in dem einsamen Dunkel der Wlder und in der erhabnen Stille
der Natur das Gefhl der allgegenwrtigen Gottheit, die das Moos am Baume mit
eben der Weisheit schuf, als das Auge des Beobachters, und den denkenden Geist,
der fhig ist, diese Betrachtungen anzustellen. Der einige, allwissende,
allmchtige Schpfer erfllet das Ganze, sein Hauch schwebt in den suselnden
Lften um uns, seine vterliche Frsorge offenbaret sich in dem Instinkte jedes
Thiers, dem Bau jedes Nestes. Scheint dir dieser Ersatz zu gering fr jene
fabelhaften Wesen? Und warum bemhest du dich, dem Glauben an sie einen neuen
Sinn unterzuschieben? La sie entfliehen mit dem Strom der Zeit, der sie der
Vergangenheit zutrgt - sie gehren nicht mehr in unser Zeitalter. Ein neues
besseres System steht da, die Menschheit soll es ergreifen, oder es ergreift sie
mit mchtigem Arm; denn es ist ein Kind des Geistes der Zeit, und
unwiderstehlich wie er.
    Noch habe ich einen Einwurf zu beantworten. Das Christenthum, sagst du, ist
den Knsten nicht gnstig. Ein Theil der Antwort liegt schon im Vorhergehenden.
Das Zeitalter ist ihnen ungnstig. Es ist wahr, das Christenthum duldet nicht
Bilder und Zeichen desjenigen, der weit ber alle Vorstellung, ber jeden
Begriff erhaben ist. Schlieen doch selbst die wilden Germanier ihre Gottheit
nicht in Tempel, als in eine unwrdige Beschrnkung ein: so darf und mu der
Christ auch seinen Gott auf die hchste, reinste Weise verehren. Aber das Rad
der Vernderung wlzt sich unablssig fort, und der menschliche Geist steht nie
stille. Es werden Zeiten kommen, wo in sicherer Ruhe der thtige Trieb sich
erfindend, bildend entfalten wird. Wenn einst nach Jahrhunderten die Strme
vertobt haben, deren Beginn wir nun erleben, wenn alle wilden Nationen, die
jetzt ber die gesittete Welt hereinzubrechen, und Cultur, Knste, Wissenschaft
und Ordnung zu strzen drohen, sich unter einander bekmpft, verjagt, und blutig
aufgerieben haben werden: dann wird in dem allgemeinen Schrecken nur die
Religion allein aufrecht stehen, sie wird das Heiligste und Hchste des Menschen
bewahren, sie wird dem Uebermuth roher Barbaren Ehrfurcht gebieten, ihre sanfte
Macht der wilden Gewalt das Gleichgewicht halten, in die Hallen ihrer Tempel
werden sich Knste und Wissenschaften vor dem Sturm retten, und wenn es auf dem
mden Erdkreis stille geworden, wird ein schnerer Tag aus ihnen ber die
neugeborne Welt hervorgehen. Leb' wohl!

                                    Funoten


1 Als das Volk in den ersten Zeiten der Republik einst gegen den Senat und die
Reichen aufgebracht war, und sich auer Rom auf einem Berge gelagert hatte,
brachte es der Consul Menenius Agrippa durch die bekannte Fabel von dem Magen
und den Gliedern des Leibes wieder zur Ordnung, und in die Stadt zurck.


                  60. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus.

                                                         Nica, im December 302.

Du willst Nachrichten, Neuigkeiten von mir hren. Was, bei allen Gttern, soll
ich dir aus diesem Neste von Stadt schreiben? Es geht Alles seinen langsamen
regelmigen Gang fort, und da eine groe Anzahl der hiesigen Einwohner Christen
sind, so ist dieser Gang so stille und erbaulich, da Jemand, der aus einem
raschern abwechselndern Leben kmmt, hier Gefahr luft, vor langer Weile zu
sterben. Zwei Monate bin ich hier - sie dnken mich zwei Jahre - und bin
entschlossen, nicht mehr lange hier zu seyn. Es bereiten sich wichtige Vorflle
im Stillen vor, es sind viele Hnde geschftig. Da meine Freunde unter der Zahl
sind, ist natrlich. Aber nicht allein, was fr mich gethan wird, soll mir zum
Nutzen gereichen, auch was meine Feinde wider mich zu thun meinen, soll sich
unter ihren Hnden in Waffen gegen sie verkehren. Man hat mich vom Hofe
entfernt, und glaubt mich auch von jeder Einwirkung entfernt zu haben. Ich lasse
sie bei dem Glauben, der sie vergngt und sicher macht, und spiele hier die
Rolle des gestrzten Gnstlings mit Anstand und Demuth. Galerius kann meiner
nicht entbehren, das wei ich. Constantin hat mich, und braucht mich vielleicht
doch einst. Diocletian ist ein untergehendes Gestirn. Die Christen arbeiten in
Geheim fr sich, Galerius offenbar gegen sie, der Augustus schwankt, - ein bses
Anzeichen bei einem Manne, der sonst den Zweifel nicht kannte. Eine Partei mu
siegen. Es kommt nur darauf an, sich die Hnde so frei zu erhalten, da man sie
zur rechten Zeit ohne Schande ergreifen kann, und dafr wollen wir sorgen.
    Du willst wissen, was ich von Galerius Maaregeln gegen die Christen denke?
Sie scheinen mir, wo nicht ganz zwecklos, doch zweckwidrig. Sollte es mglich
seyn, die christliche Religion auszurotten, woran ich je mehr und mehr zweifle,
nicht aus Achtung fr sie - eine solche Abgeschmacktheit wirst du mir nicht
zutrauen - sondern weil ich sie zu fest begrndet glaube: so mte es nicht mit
offenbarer Gewalt geschehen. Verfolgung, Strafen, Gefahren exaltiren solche
Menschen noch mehr, sie machen sie eigensinnig, unberwindlich. Von innen, in
ihren edelsten Theilen mte diese Secte angegriffen, in sie der Keim des
Verderbens gelegt werden, der dann den ganzen Krper langsam vergiften, und zur
Auflsung bereit machen knnte. Aber ein solches Mittel wird ein Mensch, wie
Galerius, nie ergreifen.
    Constantin wird eine bedeutende Rolle spielen, die Natur hat ihn dazu
bestimmt, er kann nicht untergeordnet bleiben, und es ist ein sicheres Zeichen
seines Scharfblickes, da er es mit den Christen hlt, und also den Geist der
Zeit fr sich hat. Das ist auch wohl bei einem so klugen Mann, wie er, der wahre
Beruf zu diesem Glauben. Er sammelt jetzt schon Menschen und Hlfsquellen um
sich, die er zu seiner Zeit in Bewegung setzen wird. Ihm knnen auch Schwrmer
ntzen, und so hat er einen der entschiedensten, jenen Agathokles um sich, den
neulich der Schwindelgeist seiner Kameraden zum Tribun machte. Ich hasse den
Menschen aus mehr als Einem Grunde, und nehme mir vor, ihm nchstens einen
empfindlichen Streich zu spielen. Es ist eine lcherliche Geschichte, die ich
vielleicht in Nikomedien keiner Aufmerksamkeit gewrdigt htte, die aber dazu
dienen soll, mir die lange Weile zu vertreiben. Ich war kaum acht Tage hier, als
mir eines Morgens in der Nhe eines Christentempels ein Frauenzimmer begegnet,
dessen guter Anstand und tiefe Wittwentrauer meine Blicke flchtig auf sich
ziehen. Sie kommt nher, ich betrachte sie genauer, und obwohl der schwarze
Schleier ihr Gesicht halb verbirgt, erkenne ich mit Erstaunen Larissa, die
Wittwe des Demetrius, die man schon lange fr todt gehalten hatte. Als ich nach
Nisibis kam, um den Heerbefehl zu bernehmen, war sie schon abgereiset; aber ich
kannte sie von frhern Zeiten, und war fters auf Reisen mit ihr
zusammengetroffen. Wie sie den Hnden der Gothen entgangen, wie sie hierher
gekommen, wei ich nicht; im Grunde liegt auch nichts daran. Genu sie ist hier,
und lebt im Hause eines gewissen Lysias, eines der angesehensten Brger dieser
Stadt, unter dem Namen Theophania, als Wittwe eines byzantinischen Kaufmanns.
Diese geheimnivolle Verborgenheit fiel mir auf, denn ich wei, da sie die
heigeliebte Jugendfreundin jenes Agathokles war, der Alles, was er auf Erden
besitzt, darum geben wrde, wenn er erfahren knnte, da sie lebt, und ihn noch
liebt. Ich mute der Sache auf die Spur kommen, und fhrte mich unter einem
leichten Vorwande bei Lysias ein; da sehe und spreche ich sie nun tglich, ich
stelle mich, als kennte ich sie nicht, begegne ihr mit groer Achtung, schone
ihre Vorurtheile, und habe nun schon so viel herausgebracht, da sie ihren
Agathokles fr untreu hlt, und dewegen ihre Verborgenheit nicht verlassen
will. Das hat sie mir nun freilich nicht so geradezu erzhlt, aber ihre Fragen
und Erkundigungen sagten mir Alles, was ich wissen wollte. Sie ist leicht zu
bethren, wie alle die frommen und arglosen Menschen ihrer Art, aber sie gefllt
mir, und ich htte Lust, sie in mich verliebt zu machen. Schn ist sie nicht,
aber, beim Jupiter, kein gemeines Geschpf. Eine kleine Narbe auf der einen
Wange entstellt sie ein wenig, aber ihr Wuchs ist edel, ihr dunkles Auge, das
sich langsam unter seidenen Wimpern wendet, hat einen sehnschtigen anziehenden
Ausdruck, ihre Arme sind vorzglich schn, berdies ist sie eine Christin, und
eine hchst andchtige. Es wre doch lustig zu sehen, welchen Contrast die
irdische Venus mit allen diesen Erhabenheiten machen wrde, und zu versuchen, ob
es nicht mglich wre, den phantastischen Jugendgeliebten aus ihrem Herzen zu
verdrngen. Der Spa lohnt wohl die Mhe einer kleinen Vorstellung, und
belustigt mich im Voraus. Leb' wohl!

                   61. Calpurnia an ihren Bruder Lucius Piso.


                                                    Nikomedien, im December 302.

Stehlen mu ich die Zeit, liebster Bruder, um dir zu schreiben, und meine alte
Schuld abzutragen. Aber du kennst meine Unart. Es kostet mich Mhe, zum
Schreiben zu kommen, wenn ich aber einmal anfange, kostet es mich eben so viele,
wieder aufzuhren. So wirst du zwar wenige, aber desto lngere Briefe von mir
bekommen. Wir leben jetzt in einer unruhigen frhlichen Zeit. Wie Schade ist's,
da du nicht Theil daran nehmen kannst! Feierlichkeiten und Unterhaltungen jeder
Art wechseln mit einander ab, Hoffeste, Volksfeste, Hochzeitfeste,
Friedensfeste, und deine Schwester spielt bei allen diesen Herrlichkeiten, als
Tochter des Proconsuls, und Freundin der armenischen Knigin, eine gar nicht
unbedeutende Rolle. Ich erscheine fast jeden Tag ffentlich bei irgend einem
feierlichen Aufzuge, und ich mte doch wahrlich kein Mdchen, ich mte so
etwas von einem Stoiker oder Cyniker seyn, wenn es mir nicht eine wahre
Angelegenheit seyn sollte, jedesmal in einem so viel wie mglich neuen und
passenden Anzug zu erscheinen. Das kostet Zeit, Nachdenken, Arbeit. Rechne dazu
die vielen Stunden, welche Gastmahle, feierliche Opfer u.s.w. einnehmen, und du
wirst leicht begreifen, da deiner geschftigen Calpurnia in ihrem weitlufigen
Hauswesen wenig Zeit brig bleibt. Zuweilen knnte ich wohl ein Stndchen
finden, aber bald ist ein Freund, bald Braut und Brutigam da; es wird
geschwatzt, gescherzt - wer kann dem Reiz der geselligen Freuden widerstehen? -
und so verfliegt der Tag, wie eine Minute. Wenn ich dann Abends mde auf mein
Lager sinke, wiederholt Morpheus gefllig die Freuden des Tages in noch schnern
Bildern. Ich bin so vergngt, wie ich seit Langem nicht mehr war, und fhle, da
sich in diesen Freuden, als in meinem eigentlichen Elemente, mein ganzes Wesen
auf's leichteste und angenehmste entfaltet.
    Doch ich plaudre in einem fort, ohne zu bedenken, da du unmglich wissen
kannst, was ich meine. Nun so will ich denn einmal die flatternde Phantasie beim
Flgel haschen, und sie zwingen, recht sittsam und ordentlich zu erzhlen, wie
sich Alles begeben hatte. Vor zwanzig Tagen ungefhr hielten der Augustus,
Galerius und Tiridates ihren feierlichen Einzug in Nikomedien. Es war eins der
glnzendsten Feste, das ich je, selbst in Rom, gesehen hatte. Die angesehensten
Einwohner, alle ffentlichen Autoritten zogen ihnen im prchtigsten Anzuge und
mit feierlichem Geprnge entgegen; aber Alles verschwand vor der Pracht des
ankommenden Hofes. Der Kaiser zwar und Csar Galerius machten trotz des
ausserordentlichen Schimmers, der sie umgab, nicht viel Effekt, wenigstens nicht
auf mich, und ich glaube, halb Nikomedien (so hoch wird sich wohl das weibliche
Geschlecht hier belaufen) war einerlei Meinung mit mir, was auch die sogenannten
Verstndigen oder die Schmeichler von ihren bedeutenden Physiognomien, dem
Herrscherblick, den Heldenstirnen sagten. Fr mich waren es ein paar alte Herren
ohne alles Interesse. Desto prchtiger nahmen sich dicht hinter ihnen die
Prinzen Constantin und Tiridates aus. So herrlich, so blendend, wie diesmal,
hatte ich sie nie gesehen. Sie ritten auf stolzen Pferden mit allem Anstande
geschickter Reiter, die Sonne zog blendende Funken aus ihren Rstungen, und die
Helmbsche wogten auf und nieder, wie sich ihre Pferde tanzend unter ihnen
bewegten. Ihre schnen Gestalten waren durch die schimmernden Umgebungen sehr
erhoben, und die Stimmen zwischen dem edlen Ernst des blonden Britten, und dem
freundlichen Feuer des dunkeln Armeniers getheilt. Nicht weit davon im Gefolge
ihrer ersten Offiziere befand sich Agathokles. Auch sein Anzug war prchtig, wie
es die Feier und sein Stand forderte, aber ich mu dir aufrichtig bekennen, so
wohl er mir damals gefiel, als die Blicke des ganzen Volkes an ihm als
Siegesboten hingen, so verschwand er heute gnzlich vor der Schnheit und dem
Glanz der beiden Frsten. Was auch die Philosophen sagen mgen, Schnheit und
hohe Geburt sind keine so ganz gleichgltigen Eigenschaften, und wenn sie auch
keine Verdienste verleihen, so dienen sie doch dazu, die, welche schon vorhanden
sind, in ein blendendes Licht zu stellen.
    Tiridates mit allen seinen guten Eigenschaften als der Sohn eines Brgers,
der etwa durch Unglck sein Vermgen verloren htte, wrde unser Mitleid
erregen, und wir wrden uns freuen, wenn ihm der Zufall wieder sein vterliches
Gut zurckgbe. Aber hier ist ein Frst, der letzte Sprling eines erlauchten
Hauses, an dessen Willen einst das Schicksal von Millionen hing, durch einen
Usurpator seines Throns, seiner Rechte beraubt, und verfolgt, nur durch die
Treue eines alten Dieners gerettet. Dieser Frst hat nun sein Reich mit Hlfe
seiner Freunde erobert. Er ist wieder Knig, sein Wille lenkt wieder das
Geschick von Tausenden. Wie ganz anders ist dieser Eindruck! Und wenn das Gemth
durch jene Erzhlung vorbereitet ist, den merkwrdigen Mann mit gnstiger
Stimmung zu betrachten, dann vollendet noch eine schne Gestalt den Zauber des
ganzen Bildes. Wer kann sich dessen ganz erwehren? Wer wird lugnen, da der
schne Tiridates als Privatmann, oder der Frst in alltglicher Bildung nicht
halb so interessant seyn wrde? Das wissen auch die Dichter, und darum stellen
sie uns so gern Frsten, Helden, Gtter der Erde dar, lassen sie von groen
Schicksalen gebeugt, oder erhoben werden, und schildern sie uns obendrein als
vollendete Schnheiten.
    Gegen Abend kam er mit Agathokles zu mir. Jetzt war der Zauber verschwunden,
und in der einfachen friedlichen Toga, im freundschaftlichen Gesprch gewann
dieser bald wieder seinen alten Platz neben, oder selbst vor Tiridates in meinem
Geiste. Ich fand ihn etwas heiterer als sonst. Die tiefe Schwermuth, die ihn
vorher beinahe zu jeder geselligen Freude unfhig machte, hatte sich in einen
sanften Ernst verwandelt; er war freundlich, aber still, und wortarm. Tiridates
hatte beschlossen, schon den folgenden Tag nach Synthium zu gehen. Ich erhielt
einen Tag Aufschub von ihm, weil ich es nothwendig fand, Sulpicien erst auf
diesen Besuch, und das ersehnte Ziel aller ihrer Leiden und Wnsche
vorzubereiten. Am dritten Tag reiste er endlich im Gefolge eines Heeres von
Sclaven, Pferden und Kameelen, die knigliche Brautgeschenke trugen, ab, um
seine Braut zu holen. Der Empfang soll ganz so gewesen seyn, wie ich dachte,
voll Zrtlichkeit und Achtung auf der einen, voll Entzcken auf der andern
Seite. Sobald Sulpicia sich von dem Freudensturm erholt hatte, wurde sie in
einer prchtigen Snfte von acht reich gekleideten Cappadociern, die in kleinen
Abstzen von Andern abgelst wurden, so schonend und so feierlich als mglich
nach Nikomedien gelbracht, und ich empfing sie am Thore des prchtigen Hauses,
das Tiridates schon lange gekauft, und mit kniglicher Pracht hat einrichten
lassen.
    Hier blieb sie acht Tage bis zu ihrer Vermhlung, und diese wurden
grtentheils mit Zubereitungen, mit Wahl der kostbarsten Stoffe, Juwelen,
Gerthschaften u.s.w. hchst angenehm zugebracht. Am Tage des Friedensfestes,
das der Augustus sehr feierlich beging, wurde auch die Vermhlung des
armenischen Knigs vollzogen, und Sulpicia erschien mit einer Pracht, die fast
die Augusta und ihre Tochter, des Csars Gemahlin, verdunkelte. So will es
Tiridates, der nichts unterlt, wodurch er der Welt die Achtung zeigen kann,
mit der er seine Frau behandelt. Seit diesem Tag dauert nun das frhliche Leben,
von dem ich dir im Anfange schrieb, und nichts strt meinen Genu, als der trbe
Gedanke, da es nicht mehr lange whren, und dann eine tdtliche Leere an seine
Stelle treten wird. Tiridates fhrt seine Frau, so bald die Feste vorber sind,
nach Ecbatana. Sulpicia hat sich ziemlich erholt, und wird im Stande seyn, die
Reise ohne Schaden fr ihre Gesundheit zu unternehmen. Ihr Gemth ist beruhigt,
und so die erste Quelle ihres Uebels gehoben. Ich hoffe jetzt auf ihre gnzliche
Herstellung, aber ich werde ihre Abwesenheit sehr schwer empfinden; ich werde
sie, ich werde Tiridates berall vermissen. Jetzt, wo alle Zweifel verschwunden,
alle ngstlichen Spannungen aufgelset sind, und sein Geist sich ungehindert und
frei entfalten kann, kannst du dir keinen Begriff machen, welch' ein angenehmer
Gesellschafter er ist, hchst liebend wrdig als Frst und Mensch. Seine
Heiterkeit belebt auch Sulpicien, und unser Umgang ist angenehm und frhlich.
Freilich wird Agathokles hier bleiben; wird aber sein Ernst, seine wortarme
Unterhaltung im Stande seyn, mich fr jenen Verlust zu entschdigen? Ich zweifle
sehr. Er ist ein Feind aller lauten Freuden, alles Schimmers, aller ffentlichen
Belustigungen; er war sogar entschlossen, whrend der Festlichkeiten nach
Synthium zu gehen, und dort ganz allein seinen Gedanken und Schwrmereien zu
leben. Du mut gestehen, da das doch zu arg war; auch lieen wir ihn diesen
trbsinnigen Vorsatz nicht ausfhren, und er ergab sich zuletzt unsern
vereinigten Bitten und Neckereien. Wie er sich dann betragen wird, wenn unsre
Freunde ferne sind, und wieder Alles stille um mich geworden ist, das wissen die
Gtter; ich sehe dieser Zeit mit einer Art von Schauer entgegen. Doch weg mit
den trben Gedanken! Sie sollen mir die gegenwrtige Lust nicht verderben. Und
so leb' wohl, lieber Bruder! Ich eile zu Sulpicien, um im Umgange meiner Freunde
jede dstre Regung zu verscheuchen.

                          62. Theophania an Sulpicien.


                                                         Nica, im December 302.

Es mag vielleicht unbescheiden von mir scheinen, zu einer Zeit, wo die groe
Welt mit Allem, was sie Glnzendes verleihen kann, Anspruch auf dich macht, und
du den erhabenen Schauplatz betreten hast, auf dem nicht mehr gesellschaftliche
Verhltnisse, sondern die Schicksale von Tausenden an dein Herz sprechen, dich
an ein unbedeutendes Wesen zu erinnern, das du einmal freundlich aufgenommen
hast. Aber wenn ich mich schon gern bescheide, und wohl wei, da die
Beherrscherin von Armenien, und die rmische Matrone nicht mehr eine und
dieselben Angelegenheiten haben knnen, so wrde ich doch selbst der Achtung,
die du mir eingeflt hast, zu nahe treten, wenn ich dich eines unzeitigen
Stolzes, und eines bermthigen Vergessens jener Empfindungen fhig hielte, die
dir noch vor einigen Monaten wichtig waren. In dieser schnen Zuversicht wage
ich es, noch einmal an dich zu schreiben, und vor deiner Abreise von Nikomedien
mein Andenken bei dir zu erneuern.
    Du stehst nun am Ziele deiner Wnsche. Heil dir, meine geschtzte Freundin!
Und mge die Gegenwart und Zukunft deinem Herzen mit Wucher die Leiden der
Vergangenheit lohnen! Da ich mich innig deines Glckes erfreut, da ich warme
Gebete fr dein Wohl zum Himmel gesandt, wirst du mir glauben; denn du konntest
es voraussetzen. Wenn diese auch vor einem andern Altar, zu einer andern
Gottheit emporstiegen, so wird doch, was auch deine Meinung von ihrem Erfolg
seyn mag, deine Meinung ber die Absicht derselben gewi richtig seyn. Ja,
dauerndes Glck, wie es dein Herz verdient, hat deine Freundin fr dich erflehen
wollen; und wenn mein Gebet nicht ganz verworfen wird, so mu es dir wohl
ergehen.
    In meiner Lage hat sich, seit ich Synthium verlie, wenig gendert. Ich lebe
still und verborgen. Meine Ansprche auf Glck in jedem Sinne des Wortes sind
lngst aufgegeben, ich verlange nichts als Ruhe und Vergessenheit, und das hoffe
ich noch zu erreichen. Meine Freuden bestehen darin, da ich Zeugin der
huslichen Zufriedenheit einer schtzbaren Familie bin, die mich als eines ihrer
Glieder betrachtet, und mich mein Alleinseyn in der Welt, so wenig als mglich,
fhlen lt. Ihnen wieder Freude zu machen, ist mir eine se Pflicht, und so
wage ich es, dir eine Bitte vorzutragen, deren ich schon in meinem ersten Brief
erwhnte, und deren Erfllung du mir so gtig zugesichert hast.
    Es war bald nach meiner Ankunft in Nica einmal die Rede von dem feierlichen
Tag in Nikomedien, als der Tribun die Siegesbotschaft brachte. Ich erzhlte, da
ich eine wohlgelungene Zeichnung dieser Scene gesehen, und mit Vergngen die
Richtigkeit der Umgebungen sowohl als den Ausdruck der Leidenschaft auf den
Gesichtern der versammelten Menge bewundert htte. Mein gtiger Hauswirth, der
selbst Kenner und Knstler ist, uerte den lebhaften Wunsch, dies Blatt zu
sehen. Ich schwieg, weil ich die Schwierigkeiten wohl einsah, die seiner
Erfllung im Wege standen; indessen hielt ich es fr meine Pflicht, wenigstens
Meldung davon zu machen, und ersuche dich nun, dich fr mich, oder vielmehr fr
den achtungswerthen Lysias bei der schnen Calpurnia zu verwenden, und uns die
Zeichnung fr einige Tage zu senden. So bald sie gesehen und bewundert seyn
wird, soll es mein angelegentlichstes Geschft seyn, sie so wohlbehalten und
schnell als mglich wieder zurckzustellen. Ich fhle wohl, da meine Bitte
etwas unbescheiden ist; aber ich hoffe, der Zweck derselben wird sie bei
Calpurnien entschuldigen, und den Unmuth mildern, der vielleicht in die Seele
deiner reizenden Freundin gegen mich entstehen knnte. Leb' wohl!

                          63. Sulpicia an Theophania.


                                                    Nikomedien, im December 302.

Wenn schon der bloe Anblick deiner Briefe hinreicht, mir ein angenehmes Gefhl
zu geben, so ist ihr Inhalt immer von der Art, um mein Gemth auf's anziehendste
zu beschftigen. Der letzte traf mich in einer der seltenen einsamen Stunden, wo
ich, mde von Pracht und gehaltlosem Geprnge, mich mit Lust in mich selbst
versenkte, und die Bilder der Vergangenheit vor mir vorber gehen lie. Dein
Brief versetzte mich um so lebhafter in jene Zeit. Der schne Abend in Synthium,
deine freundliche Erscheinung, dein Trbsinn, der meiner Schwermuth so
schmeichelnd antwortete. - Alles stand wieder hell vor mir, und ich flog zu
meinem Tische, um dir zu sagen, da keine Zeit, keine Vernderung meines
Schicksals dein Bild aus meiner Brust vertilgen wird, und wie sehr es mich
freut, da du mir Achtung genug fr's Schne und Gute zutrauest, um mich keiner
solchen Vergelichkeit fhig zu halten. Das Alles wollte ich dir schreiben, als
mir deine Bitte einfiel, und ich mich nun bescheiden mute, erst Calpurniens
Ankunft zu erwarten. Sie kam in wenig Stunden zu mir herein gehpft. Ich trug
ihr deinen Wunsch vor, sie gewhrte ihn mit der grten Willfhrigkeit. Es
schien sie zu freuen, da ihre Arbeit Beifall gefunden hatte, da man sie zu
sehen wnschte, und in diesem angenehmen Gefhl beschlo sie, die Zeichnung dem
Kenner Lysias, oder vielmehr dir, zum Geschenke zu machen, indem sie noch eine
wohlgelungene Copie davon besitzt, und das Original der Hauptfigur ohnedies
jetzt immer um sie lebt, und ihr ein Portrt berflssig macht. Sie bittet dich,
es als ein Zeichen ihrer Achtung, und ein Andenken an jenen Abend anzunehmen.
Das Alles war in der ersten Viertelstunde ausgemacht; aber wie htte, sie in dem
abwechselnden Gerusch von Unterhaltungen und ffentlichem Geprnge Zeit finden
sollen, an ihr Versprechen zu denken? Die Friedensfeier, die Saturnalien, und
meine Vermhlung haben Nikomedien in einen Schauplatz der lebhaftesten Bewegung
und der lautesten Frhlichkeit verwandelt, und in diesen Zerstreuungen, die
einem ernsten Gemthe eher Anla zum Mivergngen und zu Betrachtungen geben,
lebt und webt dies leichte liebliche Wesen, wie in seinem natrlichen Elemente.
So vergingen acht volle Tage, ehe ich die Zeichnung von ihr erhalten konnte.
Heute endlich gab sie sie mir, und sogleich geht ein Sclave ab, um sie dir zu
berbringen. Wie schn, wie beglckend wre es fr mich, wenn du dich
entschlieen knntest - wozu der Sclave, der den Brief bringt, Befehl hat, alle
Anstalten zu treffen - wenn du dich entschlieen knntest, mit ihm hierher zu
kommen, und mir noch einmal, wahrscheinlich das letzte Mal in meinem Leben, das
Vergngen deines Umganges zu gewhren! Ich gehe sehr bald mit meinem Knig und
Gemahl nach Armenien. Meine Gesundheit ist zwar etwas besser, als sie in
Synthium war, aber doch so gebrechlich, da ich wenig Hoffnung habe, eine so
weite Reise noch einmal zurck zu machen. Die Aerzte und auch Tiridates
versprechen mir viel von der Vernderung des Klima, von der reinen Luft in den
armenischen Gebirgen. Es ist mglich, da sie Recht haben, aber es liegt ein
Gefhl in mir, das allen diesen Hoffnungen widerspricht. Der tdtlich verwundete
Baum prangt noch mit Blttern und Frchten, der achtlose Wanderer freut sich des
Schattens, und hofft auf knftigen Genu; aber von der Sonnenschwle der
Leidenschaft versengt, vom Gewittersturm im innersten Lebenskeime verletzt,
welkt er langsam seinem Untergange zu. Wie kann er vom lauen Herbst mit seinen
kurzen Tagen, seinen frostigen Lften sich Heilung versprechen? Nur der milde
Einflu des Frhlings vermochte es vielleicht, aber - der Frhling des Lebens,
der Frhling der Liebe ist dahin!
    Du hast um dauerndes Wohl fr mich zu deinen Gttern gebetet. Mit Rhrung
habe ich deiner Liebe gedankt, und dich beneidet, du Glckliche, die in tiefen
Bedrngnissen, wo keine menschliche Kraft mehr ausreicht, ihre Zuflucht glubig
zu hhern Mchten nehmen kann. Ich kann nicht hoffen, ich kann nicht beten; denn
ich kann nicht glauben. Unsre Gottheiten sind leere Schattenbilder, und an taube
Mchte, die des Sterblichen Loos nach eisernen Gesetzen lenken, kann ich kein
Gebet verschwenden. O komm, Theophania! komm, und bringe mir deine sanften
Trstungen mit, fle meinem Herzen deinen beglckenden Glauben ein! Wie gern
will ich mich dir ganz hingeben! Und da dein Herz durch kein ses Band
hienieden gehalten ist, so ergreife das Einzige, was dir brig ist, schlinge es
noch fester, und folge mir nach Ecbatana. Dort soll die treueste Freundschaft
sich bemhen, deine Wunden zu heilen, und dir deinen Verlust ertrglich zu
machen. Tiridates, dem ich von meinem Wunsch gesagt habe, lt dich durch mich
seiner Achtung versichern, und vereinigt seine Bitte mit der meinigen. Wie schn
wrden die letzten Tage in Nikomedien seyn, wie manche Beschwerlichkeiten der
Reise wrden verschwinden, wenn du sie mit mir theilen wolltest! Bedenke das,
meine theure Freundin! und la mich einer gnstigen Antwort entgegen sehen.

                  64. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus.


                                                           Nica, im Jnner 303.

Die todten Massen fangen an sich zu regen, und es kmmt wieder Leben und
Bewegung in mein einfrmiges Daseyn. Begierde und Widerstand, Vorurtheil und
Uebermacht erregen Kampf und Ghrung auf dem grossen Schauplatz der Welt, und in
dem Mikrokosmus, der mich hier umgibt. Die Krfte, die bisher ungebraucht
schliefen, erwachen, da sich ihnen wrdige Gegenstnde der Thtigkeit darbieten,
und ich werde bald wieder ganz das seyn knnen, wozu mich Natur und Umstnde
bildeten. Der lange glimmende Funke ist in Flammen ausgebrochen, der Krieg des
Polytheismus gegen den Christianismus erklrt. Galerius hat die kluge
Gleichmthigkeit des alternden Augustus zum Wanken gebracht, und ihn bewogen,
lange geprften Grundstzen zu entsagen. An allen Orten ist den Christen
befohlen worden, ihre Tempel zu schlieen, ihre Opfer einzustellen, keine
Predigten zu halten, und jeder Versuch, Proselyten zu machen, wird mit dem Tode
bestraft1. So neigt sich also wenigstens fr den Augenblick das Znglein der
Wage auf die Seite der alten Ordnung; auf wie lange - wird die Zeit lehren.
Indessen sind meine Freunde thtig gewesen, man hat Galerius meiner denken
gemacht, und ich erwarte nun nchstens einen angemessenen Wirkungskreis zu
erhalten. Ich werde ihn mit Vorsicht bentzen, und ber der Gegenwart nicht die
Zukunft auer Acht lassen. Constantin ist ein zu glnzendes Gestirn, um sogleich
nach seinem Aufgange zu verschwinden, und der Plan, das Christenthum zu
unterdrcken, oder gar zu vertilgen, wird wohl ein fruchtloser Versuch bleiben.
Indessen, so lange man sein Glck mit Verfolgen machen kann, verfolge man, doch
immer mit gehriger Klugheit und Feinheit, um den Uebergang zum Gegentheil nicht
unmglich zu machen. Nie wird ohnedies ein verstndiger Mann das rechte Maa
berschreiten - nur Rasende oder Schwrmer strzen sich ber Hals und Kopf in
eine Partei.
    So viel vom Oeffentlichen, worin du nun bald wieder den Namen deines Marcius
wirst nennen hren. Etwas weniger gnstig, aber nicht weniger lebhaft, bewegt es
sich in meiner kleinen Welt. Die fromme Theophania ist eigensinnig, und ihre
beschrnkte Denkart setzt meinen Wnschen Hindernisse entgegen, die mich nur
heftiger reizen. Sie mu mein werden, auf welche Art es sey. Nicht, da ich so
sehr verliebt in sie wre - aber die Erscheinung ist neu, und mich unterhlt das
Sonderbare. Die Art der gewhnlichen Weiber kenne ich auswendig, da ist nichts
mehr, was mir unerwartet wre, nichts mehr, das meine Phantasie spannen knnte.
Bei Theophanien ffnet sich mir eine neue Welt, und ich fhle seit langer Zeit
zum ersten Mal wieder mit wahrem Behagen alle Triebfedern meines Wesens in eine
angenehme Spannung versetzt. Ich habe allerlei Plane entworfen, und du wirst
nchstens den glcklichen Erfolg meiner Bemhungen hren; denn ich mu eilen,
an's Ziel zu gelangen, ehe meine knftige Bestimmung mich aus ihrer Nhe
wegruft. Leb' wohl!

                                    Funoten


1 Alles dies, so wie die Strmung der Kirchen an Einem Tage im ganzen Reiche ist
geschichtlich.


                           65. Agathokles an Phocion.

                                                      Nikomedien, im Jnner 303.

Eine heftige Unruhe bewegt mein Innerstes, Furcht und Hoffnung wechseln jede
Secunde, und bringen mich bald der Verzweiflung, bald der Seligkeit nahe. Es ist
mglich - fasse das Entzcken, das in diesem Gedanken liegt! - es ist mglich,
da Larissa noch lebt; aber es ist auch mglich, da sie meiner vergessen hat,
da ein Andrer - nein, das ist nicht mglich! - Es ist Lsterung, dies auch nur
zu denken. Wenn sie noch lebt, so liebt sie mich, wie nchtlich auch ihr
Geschick, wie gebietend die Umstnde seyn mgen, die sie hindern, mich ihr
Daseyn wissen zu lassen. Aber ob sie noch lebt, ob die Luftgestalt, die vor mir
schwebt, mehr als das ist - das liegt noch verhllt im Schooe der Zukunft. Und
was wird sie mir bringen?
    Vor ungefhr acht Tagen komme ich zu Sulpicien. Calpurnia ist bei ihr, es
ist die Rede von einer Zeichnung, die diese entworfen hat. Ich wnschte sie zu
sehen. Man weigert sich eine Weile, endlich reicht Sulpicia mir ein Blatt, das
neben ihr liegt. Stelle dir meine Ueberraschung, meine Verwirrung vor, als ich
in der Zeichnung jene Scene meines Einzugs als Siegesbote erkenne. Ich war
betroffen, gerhrt, beschmt von Calpurniens unverdienter Gte. Auch sie
errthete und war verlegen, aber mit einer unbeschreiblichen Leichtigkeit fand
sie sich bald wieder, und fing so unbefangen an, von der Zeichnung als
Kunstwerk, als schwierige Aufgabe, zu sprechen, die sie sich selbst, um ihre
Krfte zu versuchen, gegeben habe, da meine eigene Betroffenheit, aber auch
mein freudiges Gefhl entwich, und nichts brig blieb, als die Bewunderung ihrer
Kunst und ihrer - Klte. Endlich rief Sulpicia eine Sclavin, und befahl ihr, das
Blatt einzupacken und abzusenden. Wohin? fragte ich mit sehr natrlicher
Neugierde, und erfuhr nun, da im vorigen Herbst eine Fremde, die sich
Theophania nannte, die eine Christin, Wittwe eines byzantinischen Kaufmanns war,
und mit ihrem Vater nach Nikomedien reisen wollte, von den beiden Rmerinnen im
Vorbeireisen eingeladen worden war, die Nacht auf der Villa zuzubringen. Die
Schwermuth der Fremden gewann ihr Sulpiciens Zuneigung. Im vertraulichen
Abendgesprch kam die Rede auf jenes Bild. Die Fremde besah es, schien
erschttert, und verrieth dadurch, da sie mich kenne. Am andern Morgen, wo
Sulpicia sie sehr bla und verstrt fand, erklrte sie, da ein pltzlicher
Zufall sie zwinge, ihren Reiseplan zu verndern, und nach Nica zu gehen. Kein
Bitten der beiden Frauen vermochte sie, nur eine Stunde lnger zu verweilen. Sie
reisete alsogleich mit ihrem Vater ab, und lebt nun in Nica, im Hause eines
angesehenen Mannes, der sich Lysias nennt. Von hieraus hat sie ein Paarmal an
Sulpicien geschrieben, und sich die Zeichnung ausgebeten. Die Erzhlung machte
mich aufmerksam, und erregte seltsame Vermuthungen in meiner Seele. Calpurnia
schilderte mir die Gestalt der Fremden. Ach jeder Zug rief ein theures Bild
zurck! Alles traf ein, bis auf eine Narbe auf der Wange, die ich nie an
Larissen bemerkt hatte. Mein Herz schlug heftig, - man zeigte mir ihren Brief.
Da zerflo die schne Hoffnung wieder. Die Zge glichen nicht ihrer Schrift;
dennoch glaubte mein einmal erregtes Gemth zu entdecken, da die Buchstaben
nicht frei gebildet, sondern wie mit Absicht verstellt seyen. Ich uerte meine
Vermuthungen nicht, aber ich eilte zum Prfect der Leibwache, und bat ihn um
Urlaub auf acht Tage. Ich wollte nach Nica, in's Haus des Lysias; ich wollte
mich selbst berzeugen, wer diese Theophania sey. Der Prfect schlug meine Bitte
geradezu ab, und gleich als ob er frchtete, ich mchte ohne seine Erlaubni
dennoch fortreisen, trug er mir die Wache im kaiserlichen Palaste auf. Ich
knirschte vor Zorn, aber ich mute gehorchen. Mein vertrautester Sclave wurde
nach Nica an einen alten Bekannten unsers Hauses gesandt, um sich nach der
Fremden zu erkundigen. Nach sechs langen Tagen kam er, gestern zurck, seine
Nachrichten lseten keinen meiner Zweifel, sie dienten nur, sie noch mehr zu
verwirren. Theophania galt auch hier fr die Wittwe eines byzantinischen
Kaufmanns; aber der Greis, der sie begleitet hatte, war nicht ihr Vater, es war
ein christlicher Priester, ein Bruder des Senators Lysias, derselbe, der vor
mehr als einem Jahre als Glaubenslehrer zu den Gothen gereiset war. Zu den
Gothen! Und von daher war er jetzt mit dieser Fremden gekommen! Hat er sie dort
gefunden? War sie aus Byzanz? Warum nannte sie ihn auf der Reise ihren Vater?
Wie kam er dazu, sie zu begleiten? Wie kam sie in das Haus des Lysias? Der feile
Marcius kmmt tglich hin, er spielt ffentlich ihren Verehrer, er will sie
heirathen, und sie - sie begegnet ihm freundlich. Ist das auch wahr? Kann man
Gerchten trauen? Marcius Alpinus mu Larissen persnlich kennen, und sie ihn.
Gegen diesen Mann knnte sie ihr Daseyn nicht verschweigen, wenn sie mit
Theophanien Eine Person wre. Oder verbirgt sie sich blos vor mir, und ist
Marcius ihr Vertrauter, der Einzige, der um ihr Schicksal wissen darf? O
Phocion! Wie glhende Dolche kreuzen sich diese Gedanken in meiner Seele. So
viel ist gewi, entweder Theophania ist nicht Larissa, oder wenn sie es ist, so
trennt ein bses Schicksal, oder noch bsere Menschen sie auf ewig von mir - so
ist sie nicht viel besser, als fr mich verloren, fr mich, dem sie sich so
ngstlich verbirgt. O kann sie denn das Entzcken nicht denken, in das mich ihre
Erscheinung versetzen wrde? Glaubt sie nicht mehr an meine Treue, weil die
ihrige erloschen ist? O beim Himmel! Wenn das wre - - dann mute ich den fr
meinen Todfeind halten, der mir die Gewiheit gbe, da sie den Hnden der
Gothen entgangen ist, um das Weib jenes Marcius zu werden!
    Und wenn sie nicht Larissa ist? Wenn diese wirklich unter dem Hgel von
Trachene begraben liegt? O die Wahrscheinlichkeit dieses Gedankens drngt sich
mir, wenn meine Phantasie in khnen Bildern schwelgt, am ftersten, am
lhmendsten auf! Wer wei, wer diese Theophania ist! Sie ist aus Nikomedien
gebrtig, sie hat mich vor zehn Jahren fter gesehen, ich sie auch vielleicht,
ohne ihren Namen zu wissen. Wie leicht ist eine gleichgltige Gestalt in zehn
Jahren vergessen! Heliodor hat sie zufllig in Byzanz kennen gelernt, die junge
verlassene Wittwe begibt sich unter den Schutz des ehrwrdigen Priesters, dessen
Alter und Denkart ihr eine anstndige Begleitung zusichert. So kommen sie nach
Synthium, so nach Nica, wo er sie zu seinen Verwandten bringt. Dort lebt sie
verborgen, bis der verchtliche Wollstling Marcius die groe Zahl seiner
Schlachtopfer mit ihr vermehren will. Wie alltglich, wie allzunatrlich ist
diese Geschichte! Ihre Erschtterung beim Anblick meines Bildes, ihre folgende
Blsse, Verstrtheit, der genderte Reiseplan sind wohl eben so unbedeutende
Umstnde, die nur in Sulpiciens Phantasie, welche gern die gewhnlichsten Dinge
in einem seltsamen pathetischen Lichte sehen will, ihren Ursprung haben. So
fallen meine Hoffnungen in ein leeres Nichts zusammen.
    Hundert Mal in einem Tage durchluft mein bewegtes Gemth den ganzen Kreis
von Vermuthungen, Zweifeln, Absprechungen, die dieser Brief enthlt. Hundert Mal
entsagt die prfende Vernunft den leeren Schattenbildern, und eben so oft fat
sie das Herz mit wehmthiger Freude wieder auf. O wer kann einer solchen
Aussicht entsagen, ehe er bestimmt wei, da sie blos Tuschung ist! Auch steht
mein Entschlu fest, so bald ich kann, nach Nica zu eilen, und mir Ueberzeugung
zu verschaffen, falle sie nun aus, wie sie wolle. Ich denke bald Erlaubni zu
erhalten - bis dahin brennt der Boden unter meinen Fen.
    Der Staatskunst und dem alten Ha ist sein feindliches Werk gelungen. Die
Christenverfolgung ist ausgebrochen. Aber unsre Feinde werden doch nicht
triumphiren. Es werden tausend Opfer fallen, und das Gebude der Kirche, benetzt
mit dem Blute unzhliger Bekenner, wird sich schner und fester aus seinem
Schutt erheben. Auf einer neuen Seite wird mein Gemth in diesem Zeitpunkt
innerlicher Unruhe von jenen Fllen erschttert. Ich sehe meine Brder leiden,
ich sehe die Ungerechtigkeiten, die man sich gegen sie erlaubt, und Schonung
gegen einen dem Grabe nahen Vater verbietet mir, ffentlich aufzutreten, und
mich als ihren Glaubensgenossen zu bekennen, jetzt, wo sie der Vertheidiger und
Helfer nicht genug haben knnten.
    Verborgen und heimlich versammeln sich die Gemeinden in Katakomben und
Grbern, die ihnen schon in frheren Verfolgungen zu Zufluchtsrtern dienten.
Dort halten sie ihren Gottesdienst, berathen sich ber ihre Gefahren, und mir
ist der Zutritt vermehrt, weil man mich fr einen Heiden, einen Anhnger des
Hofes hlt. Wie sehr diese Verstellung das Gewicht meines Kummers vermehrt,
begreifst du leicht, Phocion! Auch werde ich sie bestimmt nur so lange
fortsetzen, bis eine heilige Pflicht gegen meine Brder und meine Ueberzeugung
jene schonenden Rcksichten aufhebt. Vielleicht hrst du bald mehr von mir -
mein Schicksal mu sich nun schnell entscheiden. Leb' wohl!

                       66. Theophania an Junia Marcella.


                                                           Nica, im Jnner 303.

Auch in den trbsten Stunden meines Lebens war es mein eifrigstes Bestreben,
mein Herz mit den Fgungen der Vorsicht zufrieden zu sprechen, und mich ihnen
unbedingt in Allem zu unterwerfen. So erhielt ich mir mitten unter Trbsalen den
heiligen Frieden, den unser gttlicher Lehrer seinen Jngern als das schnste
Geschenk hinterlie. Bisher hatte ich es immer vermocht; denn bisher hatte ich
meine Leiden als unmittelbare Schickungen Gottes betrachten knnen - ich hatte
noch nicht durch die Bosheit und Verderbtheit der Menschen gelitten. Jetzt, wo
diese neue Art von Bedrngni ber mich kommt, und mir das letzte Gut, was ich
auf Erden besitze, meine Verborgenheit und meinen unbescholtenen Ruf zu rauben
droht, jetzt emprt sich mein Herz in wilden Schlgen, zum ersten Mal mischt
sich der Zorn in meinen gerechten Schmerz, und die stille Ergebung entflieht aus
meiner Brust. Solltest du es fr mglich halten, da ich den Nachstellungen
eines Bsewichts ausgesetzt bin, da meine Gestalt die wilde Sinnlichkeit des
verchtlichen Marcius Alpinus gereizt hat, der zuerst sich mir unter der Hlle
der Achtung und Freundschaft nherte, dann seine niedrigen Absichten
durchscheinen lie, und als er entschlossenen Widerstand fand, seine Zuflucht
zur List und Nachstellungen nahm?
    Schon lange merkte ich, da er mich auszuforschen suchte; seit einigen Tagen
fhle ich mich auf jedem Schritt von seinen Sphern belauscht, beobachtet. Ich
frchte, er ahnet, wer ich bin. So viel ist gewi, da man sich genau nach
meinen Schicksalen, nach meiner Hierherkunft, meinem Verhltni zur Familie des
Lysias, sogar nach meinem Aufenthalt in Synthium erkundigt. Von wem anders, als
von ihm, knnen diese Verfolgungen herrhren? Er mchte gern Meister meines
Geheimnisses, und mit ihm Meister meines Willens seyn. Schlechtdenkend, wie er
ist, kann er, wenn er vermuthet, wer ich bin, mir keine andre, als eine niedrige
Ursache oder Absicht meiner Verborgenheit zutrauen, er mu nothwendiger Weise
glauben, mich in seine Gewalt zu bekommen, wenn er mein Geheimni wei. Das soll
er nicht hoffen, der Bsewicht. Er ist mchtig - sein Einflu ist wieder gro,
und das Laster findet berall Gehlfen. Dennoch, wer sterben kann, ist
unberwindlich. Ich werde nie zugeben, da die Welt und Agathokles mein Daseyn
erfahre. Drngt er mich aber, und bleibt mir kein Ausweg brig, mein Leben oder
mein Geheimni zu retten; so wird ja wohl der Schpfer nicht zrnen, wenn das
gengstete Geschpf zu ihm flieht, und das letzte Mittel, das mich bei den
Gothen in gleicher Gefahr htte retten sollen, mich auch jetzt von den Tcken
dieses Ungeheuers befreit. Bin ich todt, dann mag Agathokles wissen, da die
vergessene Larissa noch lange genug lebte, um zu erfahren, da ein Band, das sie
fr mehr als Eine Welt geknpft glaubte, durch die Gewalt einer leichtsinnigen
Schnheit zerrissen werden konnte.
    Sie lieben sich, das ist gewi, darber kann auch die khnste Hoffnung
keinen Zweifel nhren. Ich wei das aus sichern Quellen, und was ihnen mangelte,
ersetzte Sulpiciens Brief. Sie hat mir die Zeichnung geschickt. Calpurnia macht
mir ein Geschenk damit. O allmchtiger Gott! Sein Bild aus ihrer Hand! Sie
bedarf dessen nicht mehr, schreibt die Knigin, da das Original bestndig um sie
lebt! Und Calpurnia schwebt, wie eben der Brief sagt, mitten im Gerusch und
Schimmer glnzender Feste, und dorthin folgt er ihr! Er, dessen Wesen sonst
dieser Art von Freuden zu widerstreben schien, er verlugnet seine bessere
Ueberzeugung, er ist nicht mehr Agathokles, er ist der gefllige, tndelnde
Liebhaber der reizenden Calpurnia, die er, wie ihr Schatten, berall hin
begleitet!
    Sulpicia hat mir sehr freundschaftlich, aber in einem hchst schwermthigen
Tone geantwortet. So hat denn auch sie der Besitz des Geliebten, der Thron, die
Erfllung aller ihrer Wnsche nicht glcklich gemacht! Sie lud mich ein, mit ihr
nach Ecbatana zu gehen. Ich erkenne ihre Gte mit dankbarem Gemth, ich habe ihr
Alles geschrieben, was mein wahrhaft gerhrtes Herz mir darber eingab, aber ich
habe ihr Anerbieten standhaft abgelehnt. Ach, wenn ich meinen Zufluchtsort
verlassen drfte, wohin auf der weiten Welt wrde ich am liebsten fliehen, als
in deine Arme!

                                                               Zwei Tage spter.

Und doch mu ich fort. Das erzrnte Schicksal gnnt mir keine Ruhe. O womit habe
ich diese Hrte verschuldet! Das Gewitter ist ausgebrochen - auch du wirst seine
Wirkungen empfinden - unsre Kirchen sind geschlossen, viele unsrer vornehmsten
Mitbrder sind in Verhaft genommen. Auch dem wrdigen Lysias, der einer der
Aeltesten der Gemeinde, und ein thtiges, eifriges Mitglied derselben ist, droht
dasselbe Schicksal. Indessen ist er entschlossen zu bleiben, und Alles standhaft
abzuwarten, was Bosheit oder Rachsucht ber ihn zu verhngen beschlossen hat. Er
hat Feinde, und wei nur zu wohl, da Religionsha nicht zum ersten Male zum
Deckmantel kleinlicher Rache dienen mute. Heliodor geht von hier nach
Nikomedien, wo unter den Augen des Augustus der Verfolgungsgeist minder
gesetzlos wthet. Unter diesen Umstnden bleibt dies Haus keine sichere Zuflucht
mehr fr mich. Allein zu reisen wage ich nicht, da ich mich so wenig
persnlicher Sicherheit erfreuen kann. Es bleibt mir also kein Ausweg brig, als
mit Heliodor zu gehen. Marcius Alpinus ist in diesem Augenblick nach Csarea zum
Galerius berufen, vielleicht ist dies der einzige Zeitpunkt, der mir zur Flucht
brig ist. Auch haben Heliodor und Lysias mich berzeugt, da man in einer
groen geruschvollen Stadt viel eher hoffen kann, unbemerkt zu bleiben, als an
einem kleinen Orte, wo jeder Nachbar um jeden Schritt des andern wei. Ueberdies
werde ich nicht in der Stadt selbst wohnen. Eine Viertelstunde davon, am Eingang
eines kleinen Gehlzes, liegt ein Drfchen, dessen ich mich noch wohl aus meiner
Kindheit erinnere. Hier von Lrmen und Zerstreuung geschieden, bewohnen einige
christliche Wittwen ein einsames kleines Haus, und widmen, da sie in der Welt
nichts mehr zu wirken und zu hoffen haben, den Rest ihrer Tage den Uebungen der
Frmmigkeit und Menschenliebe. Sie verfertigen die Gerthe und Kleidungsstcke
fr die Kirchen, und dienen in denselben als Diaconissinnen1; aber ihr schnster
Wirkungskreis ist die Untersttzung der Armen, der Unterricht der Mdchen, die
ihrer Aufsicht bergeben sind, und die Pflege der Kranken, die theils in's Haus
gebracht, theils in ihren Wohnungen von den wohlthtigen Frauen besucht werden.
Zu ihnen wird mich Heliodor bringen. In den Mauern dieses Hauses, das ich nicht
verlassen mu, wenn ich nicht will, kann ich ganz unbemerkt und verborgen leben,
und der Beruf dieser Wittwen gibt meinem gehaltlosen Daseyn Zweck und Werth.
Morgen reise ich ab. Wir werden, um alle Nachforschungen zu tuschen, die Strae
nach Apama einschlagen, und von dort erst auf einem Umwege nach Nikomedien
gehen. Sobald ich in meiner stillen Freisttte angelangt bin, werde ich dir
schreiben. Leb' wohl!

                                    Funoten


1 Diaconissinnen waren christliche Wittwen, welche in den Kirchen, besonders bei
der Taufe weiblicher Katechumenen dienten.


                           67. Agathokles an Phocion.

                                                     Nikomedien, im Februar 303.

Das Gewitter zieht sich von allen Seiten zusammen. Bald ist es nicht mehr
mglich, seinen Schlgen auszuweichen; so werde ich ihnen denn mit mnnlichem
Muthe begegnen. Gestern lie der Prfect der Leibwache mich rufen. Vielfache
Neckereien, in denen der Sinn des kaiserlichen Edicts berschritten wurde, haben
die lange Geduld der unglcklichen Christen ermdet. Es sind hie und da unruhige
Auftritte vorgefallen, und diese wahrlich natrlichen Regungen der
Selbsterhaltung brandmarkt die Tyrannei mit dem Namen Rebellion. Man bot die
bewaffnete Macht gegen sie auf - mit ungleichem Erfolge. An einigen Orten wurden
die Verfolgten das Opfer der Uebermacht, an andern mute der kleine Haufe der
Soldaten der Ueberzahl der Unglcklichen weichen, die ihr Theuerstes und
Hchstes mit der Wuth der Verzweiflung vertheidigten. Man hat nun beschlossen,
wirksamere Maaregeln zu ergreifen, und ich sollte mit ein paar Centurien, die
ich mir aus den geprftesten Kriegern selbst auswhlen durfte, nach Csarea, wo
die Mihandlungen des Stadtprfecten dem Bischof, einem ehrwrdigen Greis,
bereits das Leben gekostet, und alle christlichen Einwohner zur Emprung
gezwungen hatten.
    Hier zu schweigen war unmglich. Aber die Pflicht des Sohnes gebot, das
nicht mehr zu verhehlende Geheimni dem Vater wenigstens zuerst zu entdecken.
Ich bat mir Bedenkzeit aus, und kndigte meinem Vater meinen Entschlu, den
Auftrag nicht zu bernehmen, und die Ursache desselben an. Er wthete - das
hatte ich vorhergesehen - er drohte mit Enterbung und Fluch - ich war darauf
vorbereitet, es schreckte mich nicht - er verbannte mich zuletzt aus seinen
Blicken, und verbot mir, sein Haus je wieder zu betreten. Ich wrde unwahr seyn,
wenn ich behaupten wollte, da mich dies Betragen nicht geschmerzt habe; aber es
schmerzte mich mehr um seinetwillen, denn ich frchtete die schdliche Wirkung
des Zorns fr den abgelebten Greis. Von ihm ging ich zum Prfecten der
Leibwache, und erklrte ihm, warum ich unmglich gegen die Christen streiten
knnte. Er schien eben so erstaunt als aufgebracht, und nachdem er sich in
Drohungen mit der Ungnade des Kaisers, mit Verlust meiner Stelle, und in leerer
Wiederholung aller der seichten Beschuldigungen gegen das Christenthum, die man
gewhnlich vorbringen hrt, erschpft hatte, machte er zuletzt einen Versuch,
mich zu bekehren. Ich hatte meines Vaters Zorn und Fluch ertragen, kaum konnte
das Beginnen des Prfects mir mehr als ein Lcheln abnthigen. Ich bat ihn zu
thun, was seine Pflicht in diesem Falle von ihm fordern wrde, und das Uebrige
meiner Ueberzeugung zu berlassen. So verlie ich ihn.
    Als ich in dem Quartier meiner Kameraden angelangt war, brachten die Sclaven
meines Vaters alle meine Gertschaften, Bcher, Waffen, Kleider. Mein Vater
wolle nichts mehr von mir wissen, er habe keinen Sohn mehr; diese Botschaft gab
er den Sclaven mit, und dachte mich dadurch sehr tief zu krnken. Mich rhrte
die Trauer und Liebe, die diese guten Menschen mir zeigten, und mein Herz
ffnete sich mildern Empfindungen. Am Abend langte ein Brief aus Nica an.
Theophania war verschwunden, Niemand wute wohin. In Lysias Hause wird ein
tiefes Schweigen darber beobachtet. Heliodor hat sie begleitet. Marcius Alpinus
ist einige Tage vorher nach Csarea abgereist. Sollte sie ihm dahin gefolgt
seyn? Unmglich! Heliodor kann die Frau, die sich seinem Schutze bergab, die er
in's Haus seiner Verwandten brachte, nicht einem Marcius Alpinus in die Arme
fhren; sey sie brigens, wer sie wolle! Ihr Geschick beunruhigt mich. Ich kann
den Gedanken, den ich einmal von ihr gefat habe, nicht aufgeben, und jetzt, da
sie auf's Neue fr mich verloren scheint, wird er mir wahrscheinlicher als
jemals.
    Wahrlich, es htte dieses Zusatzes nicht bedurft, um meine Lage hchst
unangenehm zu machen. Indessen soll nichts mein Bewutseyn erschttern. Ich
wei, was ich zu thun habe - ob es schwer oder leicht sey, darf ich nicht fragen
- es mu geschehen! Jeder, der in dieser Zeit sich als Christen bekennt, hat
einen viel hrteren Stand, als die lngstbekannten Glaubensgenossen. Man sieht
ihn gleichsam als einen trotzigen Rebellen, als einen offenbaren Verchter des
kaiserlichen Gebotes an. So geht es mir - so wrde es Constantin gehen, der auch
in diesen entscheidenden Augenblicken dem Augustus seine wahre Gesinnung
entdecken mte, wre er nicht der Sohn des Csars. Mitrauen und Ha umlauert
uns von allen Seiten, selbst die Briefe sind nicht sicher. Solltest du lange
keinen erhalten, so denke, da es mir unmglich war zu schreiben, oder das
Geschriebene sicher abzusenden. Leb' wohl!

                       68. Theophania an Junia Marcella.


                                                     Nikomedien, im Februar 303.

Seit zwei Wochen bin ich hier, eine Viertelstunde von Nikomedien entfernt. Von
dem flachen Hausdache sieht mein Auge die nahe Stadt, die Giebel ihrer
prchtigen Tempel, die ehrwrdigen Thrme unsrer Kirchen, von denen leider jetzt
kein Laut zu uns herber tnen darf. Linker Hand gegen das Stadtthor zu, das
an's Meeres-Ufer fhrt, liegt das Quartier der kaiserlichen Leibwache. Dort
wohnt Agathokles. Ich sehe den Rauch aus den Essen steigen, ich hre an stillen
Abenden die kriegerische Musik herberschallen, ich entdecke zuweilen
schimmernde Schaaren, die durch die Thore ein- und ausziehen. Wie manches Mal
mag Er an ihrer Spitze gewesen seyn! Das schrfste Auge knnte in dieser
Entfernung keine Gestalt unterscheiden, aber der Gedanke daran erschttert mein
Innerstes, und macht jede Nerve beben.
    Unter den Frauen, mit denen ich lebe, ist die Wittwe eines Freigelassenen
aus dem Pisonischen Hause. Verschiedene Schicksale haben sie von Rom hierher
gefhrt, aber ihre Tochter Drusilla blieb aus Anhnglichkeit freiwillig in
Calpurniens Diensten. Das junge Mdchen, auch eine Christin, besucht ihre Mutter
zuweilen. O meine Junia! Was erzhlt uns das Mdchen fters von der Gte und
Freundlichkeit ihrer Gebieterin, von dem wenigen Credit, in dem das mnnliche
Geschlecht bei ihr steht, und da sie nur hchstens Einen, einen Offizier der
Leibwache, den sie schon in Rom gekannt, und nicht ungern gesehen habe, von der
allgemeinen Verdammung ausnehme. Dann beschreibt sie uns manche kleine
Unterhaltung, manches trauliche Symposion1, wobei der geschtzte Freund nicht
fehlen darf. So bekamen wir die Schilderung eines Festes, das Calpurnia ihrem
ruhmbekleideten Geliebten zu Ehren gab. Das Fest mu unausbleiblich einen
gewaltsamen Eindruck auf sein Herz gemacht haben, oder er mte unempfindlich
gegen so mchtige Reize, und mehr als demthig, er mte blind gegen seinen
Werth seyn. Drusilla hatte selbst eine Rolle dabei, und sie mag sie ganz
geschickt ausgefhrt haben, denn es ist ein artiges wohlgebildetes Geschpf, dem
man die bessere Erziehung ansieht. Das ist Calpurniens Werk, sagt die Mutter,
sie hat sich des Mdchens wie eine ltere Schwester angenommen, und Drusilla ist
ihr auch dafr mit ganzer Seele ergeben.
    Und so ist denn der letzte Strahl von Hoffnung verschwunden! Calpurnia ist
nicht allein hchst reizend und liebenswrdig, sie ist auch edel und schtzbar.
Agathokles wird sich nicht bei nherer Kenntni ihres Charakters kalt von ihr
wenden, er wird sie immer mehr lieben, je mehr er sie kennen wird, und geistige
Vorzge werden das Band unauflslich machen, das krperlicher Reiz und
schmeichelndes Betragen um sein Herz warf. Und darber traure ich? Es schmerzt
mich, da Calpurnia gut ist? Ich htte mich freuen knnen, da eine Person, die
mich nie mit Willen beleidigt hatte, unedler Gesinnungen fhig gewesen wre?
Mich beeintrchtigt das Gute, was ein dankbares Gemth von ihr erzhlt? O Neid
und Eifersucht, ihr Geburten der Eitelkeit und Selbstsucht! So mu auch ich
euren giftigen Einflu fhlen! So ist denn die Tugend, auf die ich stolz seyn zu
drfen glaubte, nichts als Heuchelei, oder Schein gewesen, der vor einer ernsten
Probe entflieht! O Junia! Wie gebrechlich ist das menschliche Herz! Welche
Hoffnung bliebe ihm auf Verzeihung und Gnade, wenn es nicht mit zitterndem
Vertrauen zu dem vterlichen Erbarmen Gottes flchten knnte!
    Diese Stimmung darf nicht bleiben, sie ist nicht menschlich gut, viel
weniger einer Christin wrdig. Wo meine Kraft nicht ausreicht, halte mich ein
strkerer Arm. Heliodor kmmt morgen von einer kleinen Reise zurck. So viel
Ueberwindung es mich kosten mag, so wenig Schonung ich von diesem strengen
Richter hoffen darf, so enthlle ihm doch ein offenherziges Gestndni den
Zustand meiner Seele, und seine ernste Tugend zeige mir den Weg, auf dem ich
mich wieder erheben, und Selbstachtung gewinnen kann.

                                                             Einige Tage spter.

Ich bin viel ruhiger in meinem Innern. Leicht war diese Stille nicht erworben,
doch ich hoffe, sie soll dauerhaft seyn. Heliodors Strenge hat mich gebeugt,
vernichtet. Aber wie die Pflanze nach dem schweren Gewitterregen sich am Strahl
der Abendsonne aufrichtet, so richtet sich auch mein Geist durch vershnende
Reue, und feste Vorstze gestrkt empor. Ich habe mich selbst berwunden, ich
habe mein innerstes Wesen zum Opfer auf den Altar der Pflicht gebracht, und der
himmlische Lohn folgt auf den Kampf. Ich kann nun zwar nicht mich ber
Calpurniens Edelmuth und ihre Verbindung mit Agathokles freuen - ach das ist
noch nicht mglich! - aber ich kann bei der Gewiheit, da ich ihn verloren
habe, einige Beruhigung in dem Gedanken finden, da er mit ihr glcklich seyn
wird.
    Heliodor hat mir zur Shnung meines Vergehens eine Pflichtbung auferlegt,
die mir wahrlich sehr schwer fllt, die nur die Erkenntni ihrer
Verdienstlichkeit mich anfangs ertragen machen konnte. Ich war bisher von der
Krankenpflege befreit, meine Erziehung, meine Erfahrung in weiblichen Arbeiten
bestimmte mich zum Unterricht der Schlerinnen, und ich widmete mich gern dieser
Beschftigung. Jetzt mu ich aus Heliodors Befehl - denn seine Ueberzeugung
spricht sich nicht, wie bei unserm ehrwrdigen Vater Theophron, als Rath oder
Ermahnung aus - ich mu auf seinen Befehl mich der Pflege der Kranken widmen,
und da er mir, meiner vorigen Verhltnisse wegen, Kenntni in uern
Verletzungen zutraute - o welche Scenen rief dies Gesprch hervor! - so mu ich
unter seiner und einer betagten Matrone Anleitung die Verwundeten besorgen. O
meine Junia! das war eine schreckliche Aufgabe! Das erste Mal trug man mich
ohnmchtig weg. Aber Heliodor war unerbittlich. In einer unvergelichen Stunde
fhrte er mir die Heiligkeit der Pflicht, das Beispiel unsers Erlsers, die
schimmernden Thaten so vieler Christen mit einer Beredtsamkeit zu Gemthe, da
ich endlich, in Thrnen zerflieend, in seine Hand den Schwur niederlegte,
meinem Berufe treu zu bleiben, und sollte es mir Gesundheit und Leben kosten.
    Seit dem geht es merklich besser. Ich habe ziemlich viel Uebung; denn die
Grausamkeit der Heiden lt es nicht an Unglcklichen fehlen, die der Hlfe
unseres Hauses bedrfen. Mein Widerwille verliert sich, meine Geschicklichkeit
nimmt zu, und ich sehe wohl ein, da, das Grauen des ersten Anblicks
abgerechnet, bei dieser Art von Kranken viel weniger Gefahr und Beschwerde ist.
So will ich denn mein Loos mit Geduld tragen; aber, so bald mein Schicksal
entschieden - Agathokles vermhlt, und das Daseyn eines vergessenen Geschpfes
ganz gleichgltig ist - eile ich in deine Schwesterarme - und ach! ich denke -
ich komme bald - sehr bald!

                                    Funoten


1 Symposion, ein kleines Gastmahl.


                       69. Constantin an Eneus Florianus.

                                                     Nikomedien, im Februar 303.

In einer sehr unruhigen Stimmung sende ich dir, mein vterlicher Freund, diesen
Brief. Noch diese Nacht geht ein verllicher Bote damit heimlich auf einem
Fischerkahne aus dem Hafen ab, und bringt ihn nach Byzanz zu unserm Vertrauten,
der ihn dann auf bekannten Wegen weiter befrdert. Die Stadt ist gesperrt, und
Alles in dumpfghrender Bewegung. Heute Morgens ist gh und unerwartet der
Schlag gefallen, den Rache und Parteiwuth lngst geheim bereitet hatte. Mit
Anbruch des Tages zogen starke Abtheilungen von der Leibwache still und
geheimnivoll durch die Straen der Stadt, nach allen christlichen Kirchen. Die
gesperrten Thren wurden mit Gewalt aufgesprengt, das Heiligste erbrochen,
hervorgerissen, Gerthe, Schriften, Bcher, Alles auf einen Haufen geworfen und
verbrannt, und endlich die Kirchen selbst mit wilder Wuth zerstrt, und der Erde
gleich gemacht. Schrecken und Betubung waren die ersten Wirkungen dieses
unerwarteten Vorfalls aus die ohnedies gebeugten Christen. Nach und nach
ermannten sich Einige, die in unberlegtem Eifer fr ihr Heiligstes sich der
Uebermacht zu widersetzen, oder auf den Trmmern ihrer Kirchen zu sterben
beschloen. Ein solcher Auftritt zog mehrere hnliche nach sich, in wenig
Stunden war die ganze Stadt in aufrhrerischer Bewegung, auf allen Straen, bei
allen Tempeln stellte sich im Kleinen das Bild des groen Kampfs des
Polytheismus mit dem Christenthume dar, berall sah man Mihandlungen,
Verwundete, Todte. Die Vernnftigern hielten sich in ihren Husern verschlossen,
selbst die Bessern unter den Heiden sah man keinen Theil an den wilden
Ausbrchen ihrer Partei nehmen - nur Pbel wthete gegen Pbel, aber um so
emprender und frecher.
    Die Ersten von uns erwarteten jeden Augenblick den Befehl, sich vor Gericht
zu stellen. Ich war und bin noch auf jeden Fall bereitet. Es ist mehr als
wahrscheinlich, da Galerius nicht blos die Ausrottung einer verhaten
Glaubensform, da er den Sturz mehrerer Gefrchteten zur Absicht bei diesen
Maaregeln hatte, deren Gewaltsamkeit das deutliche Geprge seines wilden
Gemthes trgt.
    Agathokles theilte meine Vermuthungen und meine Besorgnisse. Gebietende
Umstnde hatten ihn schon vor mehreren Tagen bestimmt, seinen Glauben ffentlich
zu bekennen. Seine Weigerung, sich wider die Christen gebrauchen zu lassen,
diente dem dstern Galerius zum willkommenen Vorwande. Im Namen des Augustus
ward ihm befohlen, seine Stelle als Tribun niederzulegen. Er gehorchte schnell
und willig. Als die Nachricht in dem Quartier der Soldaten erscholl, entstand
Unruhe und Lrmen unter den Treuen, die den geliebten Anfhrer nicht missen
wollten. Mit einem Ungestm, in dem sich noch der Geist der alten Prtorianer
zeigte, drangen sie in den kaiserlichen Palast, und forderten ihren Obersten
zurck. Die Schwche bewilligte unzeitig, was Uebereilung und Rache eben so
unzeitig verhngt hatte. Auf ihren Schildern, unter lautem Jauchzen, trugen sie
ihren Anfhrer in seine Wohnung zurck. Hier blieb er eine Weile unangefochten,
man wagte nicht, ihm einen Auftrag von Wichtigkeit zu geben, man frchtete
kleinherzig, da er die anvertraute Macht mibrauchen wrde. Aber man umgab ihn,
so wie mich, auf allen Seiten mit Lauschern und Sphern. Wir trugen unser
gemeinschaftliches Schicksal gelassen, und hielten uns stille, besonders den
heutigen Tag, an dem jedem klugen Manne Vorsicht ziemte. Gegen Abend verlie
mich Agathokles, um noch vor Einbruch der Nacht in sein ziemlich fernes Quartier
zu gelangen.
    Ein einziger Sclave begleitete ihn, Mantel und Kappe verbargen seine
Kleidung und seinen Stand, und ein kurzes Schwert war seine ganze Sicherheit.
Auf dem Weg trifft ein verwirrter Lrmen und klagende Stimmen sein Ohr. Bekannt
mit den Auftritten des heutigen Tages eilt er dem Getse zu, und findet einen
Haufen Soldaten und Pbel schreiend, tobend um den Altar einer heidnischen
Gottheit vor einem kleinen Tempel versammelt, die im Begriffe sind, ein armes
Weib mit einem Kind zum Genu des Opferfleisches, das ihnen ein fanatischer
Gtzendiener aufdringt, zu zwingen. Die Unglckliche weigert sich standhaft.
Jetzt entreit einer der Barbaren ihr das Kind, und droht, es in die Opferflamme
zu werfen. Die Verzweiflung der Mutter, das Angstgeschrei des Kindes
durchdringen Agathokles Brust, und rien ihn hin, zu thun, was die Klugheit
nimmer billigen konnte. Er drngt sich in den Kreis, er ruft ihnen im Namen des
Kaisers Friede zu, er stellt ihnen vorda das Edict nur Unterlassung der
christlichen Gebruche, aber nicht die Annahme der heidnischen befehle. Wann
hrt der Pbel die Stimme der Vernunft? Sie bertuben seine Rede, und schleppen
das Weib bei den Haaren zum Altar. Da bermannt ihn der Zorn, er entreit dem
Soldaten das Kind, gibt es der Mutter, und vertheidigt sie und den Kleinen gegen
das Andringen der Wthenden. Aber die Menge wchst jeden Augenblick. Von der
Frau und dem Kinde weg, wendet sich ihre Raserei auf den neuen Gegenstand. Mit
Spieen, Schwertern und allerlei Gerthe, womit Zufall und blinder Zorn den
Unverstand bewaffnet, dringen sie auf ihn ein. Er bergibt die Unglckliche,
deren Rettung ihn vielleicht sein Leben kosten wird, dem Sclaven, der ihn
begleitet. Dieser will seinen Herrn nicht verlassen; ein strenger Befehl gebeut
Gehorsam, und man lt ihn mit seinen Geretteten ungehindert fliehen. Aber
Agathokles wird das Opfer ihrer Wuth. Schwer und vielfach verwundet sinkt er
nieder, und wie sein Mantel sich auseinander schlgt - erkennen die Nchsten mit
Schrecken, da sie einen Offizier der Leibwache getdtet haben. Sie entfliehen,
der erschrockene Haufe zerstreut sich. Agathokles bleibt allein im Blute
schwimmend liegen. Der Sclave war sogleich in das Quartier seines Herrn geeilt,
und verkndete den treuen Soldaten die Gefahr ihres Anfhrers. Sie strmen
hinaus - aber wie sie auf den Platz kommen, ist Alles einsam, und mit Schrecken
und Schmerz finden sie seine Leiche. Sie nhern sich - er athmet noch, mit roher
Kunst sucht ihre Liebe das Blut seiner vielen Wunden zu stillen, und einige von
den Soldaten, geheime Christen, beschlieen, ihn an den besten Ort, den sie fr
diesen Fall kennen, zu bringen, in das Wittwenhaus der Christen, die sich in der
Nhe der Stadt mit Werken der Wohlthtigkeit beschftigen, und bei denen in
diesen Tagen schon mancher Unglckliche Schutz gefunden hat. Die Wachen am Thor
lassen sie ziehen, da sie ihr Vorhaben hren, und nun eilt der Sclave zurck,
mir die Unglcksbotschaft zu bringen. Mir ffnet mein Name die geschlossenen
Stadtthore, ich fliege zu meinem Freund. Bleich, ohne Bewegung, ohne Bewutseyn
finde ich ihn unter den Hnden zweier Frauen, von denen die jngere, in Thrnen
zerflieend, kaum so viel Besonnenheit brig hatte, um den Verwundeten zu
behandeln. Nie sah ich eine solche Rhrung bei einer Unbekannten. Ich trat zu
Agathokles, ich fate seine Hand, ich nannte seinen Namen, endlich schlug er das
mde Auge auf, blickte starr um sich her, ohne etwas zu erkennen, und schlo es
sogleich wieder. Jetzt schien die Bewegung der Fremden sich noch zu vermehren,
sie zitterte so stark, da ich ihr rieth, sich lieber zu entfernen, wenn ihr der
Anblick vielleicht zu schauderhaft wre. Sie sah mich starr und wild an. Um
keinen Preis der Welt - nicht um meine Seligkeit! antwortete sie heftig mit
bebender Stimme, und fuhr emsiger in ihrem traurigen Geschft fort. Der Arzt
kam, ein bejahrter Priester, er untersuchte die Wunden, mit Angst sah ich seinem
Urtheil entgegen. Blsser als der Verwundete, mit einem Zittern, das ihren
ganzen Krper fieberhaft erschtterte, harrte die Frau auf seinen Ausspruch. Er
erklrte endlich, da die Wunden zwar bedenklich, aber nicht tdtlich seyen.
Hier sank die Unbekannte mit einem Freudengeschrei ohnmchtig nieder, und man
mute sie wegbringen. Ich blieb noch eine Weile, ich erkundigte mich nach der
Fremden, deren Betragen mir so seltsam aufgefallen war. Nichts, was ich hrte,
vermochte mir eine Aufklrung zu geben, oder eine Vermuthung zu begrnden.
Agathokles erholte sich nicht so weit, da er eines vollen Bewutseyns fhig
gewesen wre, und so entfernte ich mich endlich, um nicht meine eigne Sicherheit
in Gefahr zu setzen, und schreibe dir also gleich die Ereignisse dieses
merkwrdigen Tages. Was in meiner Seele vorgeht, kannst du denken; du weit, was
mir die Sache meiner Glaubensgenossen, meine knftigen Aussichten - und
Agathokles sind.
    Die Nacht ist vorgerckt - der Bote wartet. Leb' wohl!

                       70. Theophania an Junia Marcella.


                                                Nikomedien, den 24. Februar 303.

Zitternd, angstvoll, jetzt mit freudigen Schauern, jetzt voll banger Besorgnisse
setze ich mich nieder, dir von dem wunderbarsten, dem theuersten, dem bngsten
Augenblicke meines Lebens Nachricht zu geben. Eine Wand scheidet mich von
Agathokles, ich hre sein leises Athmen, jeden Laut des Schmerzes, den sein
Zustand ihm entreit. Ich fahre freudig empor, wenn ich glaube, da er ruft, da
er meiner bedarf, und ich zittre jedes Mal, da er trotz der sorgfltigsten
Verhllung mich erkennen, und diese Erschtterung ihm tdtlich seyn knnte. Du
begreifst nicht, wie das zusammenhngt. Ach, wenn es mir mglich ist, mein
tiefbewegtes Gemth zu sammeln, so will ich mich bemhen, Alles, was seit
gestern geschehen ist, ordentlich zu erzhlen. Was noch fehlt, was
unzusammenhngend ist, wird deine Liebe nachsehen.
    Die traurigen Auftritte des gestrigen Tages wirst du mit mir und allen
unsern Glaubensgenossen getheilt haben, indem das Gercht allgemein verbreitet
ist, da derselbe Schlag an Einem Tage in allen Stdten des Reichs bestimmt war,
die christliche Religion zu zerstren. Ich sage dir also nichts von unsern
Gedanken und Empfindungen. Wir verlassenen Frauen hielten uns stille in unsern
Mauern, brachten die Zeit mit Gebeten und Verpflegung der Unglcklichen zu, die
die blutigen Vorflle des Tages nur zu hufig zwangen, bei uns Hlfe zu suchen,
und erwarteten jeden Augenblick, da der Sturm sich bis zu uns verbreiten, und
wir gezwungen seyn wrden, unsern stillen Aufenthalt zu verlassen.
    Mde von den Sorgen und Pflichten des bangen Tages sa ich am Abend, als es
schon ganz finster geworden war, in meinem Zimmer, dessen Fenster gerade auf das
gegenber stehende Thor1 gehen. Ein heftiges Pochen an demselben erschreckte
mich, ich sah die Pforte sich ffnen, und viele Mnner, die ich beim Schein der
Fackeln an ihren Rstungen fr Soldaten erkannte, drangen herein. Ich glaubte
nichts anders, als da es jetzt um uns geschehen sey, ich eilte an's Fenster,
die Stille, die Ruhe, mit der die Krieger standen, befremdete mich, ich sah
schrfer hin, und entdeckte nun, da sie eine Bahre niederlieen, auf der ein
Verwundeter lag. Meine erste Angst war verschwunden, aber ein anderes namenloses
Gefhl, eine bange Ahnung ergriff mich. In demselben Augenblicke kam Tabitha,
meine Gefhrtin bei der Pflege der Verwundeten, um mich zu holen. Ich raffte
meine Gerthe mit zitternder Eile zusammen, und folgte ihr beklommen und hastig;
es war, als ob mein Herz mir mein Schicksal verkndete. Ach, es betrog mich
nicht! Als ich an den Thorweg kam, als die Soldaten stumm und trauernd
zurckwichen, und ich nun beim Fackelschein Alles erkannte - o Gott - da lag
Agathokles - bleich, leblos, mit geschlossenen Augen in allem seinem Blute vor
mir. Ich sank mit einem lauten Schrei an ihm nieder, ich nannte seinen Namen,
ich versuchte es, ihn in's Leben zurckzurufen. Vergebens. Er schien todt, und
ich wei nicht, welche Kraft mich in diesem entsetzlichen Augenblick vor der
Ohnmacht bewahrte. Ich raffte mich auf, ich vermochte zu fragen. O Junia! Wenn
es mglich ist, so fhle die Wonne nach, die mitten in der Todesangst mich
durchschauerte. Agathokles war ein Christ! Der Eifer fr unsere Religion, und
heldenmthige Menschenliebe hatten ihn in diesen Zustand versetzt. Ich bebte vor
Freude und Angst, aber Gott erhielt mir meine Besinnung so, da ich fr seine
Pflege sorgen konnte. Ich folgte den Kriegern, die ihn schweigend und bestrzt
trugen. O wie that die Treue, mit der diese rauhen Mnner ihren geliebten Fhrer
ehrten, meinem Herzen so wohl! Nun begann ich mit zitternden Hnden seine Wunden
zu waschen, und, so gut es die Eile verstattete, zu verbinden. Ein geheimer
Hoffnungsstrahl drang in meine Seele; so viel ich verstand, konnten diese Wunden
nicht tdtlich seyn, und nur der Blutverlust hatte diese Erschpfung
hervorgebracht. Er lag ohne Laut, ohne Zeichen des Lebens, die Augen wie im
Todesschlummer geschlossen. Aber, o meine Junia! wie schn, wie unaussprechlich
liebenswrdig schien er mir in dieser Blsse, in diesen Wunden! Wie erhaben
stand seine Tugend vor mir!
    Jetzt erwarteten wir alle mit ngstlicher Sorge Heliodors Ankunft, den man
von einem andern Kranken gerufen hatte; denn er versieht mit beispielloser
Anstrengung und Treue das dreifache Amt des Lehrers, Arztes und Priesters bei
der Gemeinde. Auf ein Mal ffnete sich die Thre, und ein schner junger Mann
trat mit kniglichem Anstand ein. Er eilte sogleich auf Agathokles zu. Die
Hastigkeit, mit der er sich nach Allem, was vorgefallen, erkundigte, die Liebe,
mit der er sich um ihn beschftigte, sein sinkendes Haupt erhob, seine starren
Hnde fate, und drckte, gewannen ihm mein innigstes Wohlwollen. Jetzt kam
Heliodor, er untersuchte die Wunden, er prfte lange, vorsichtig - mein
Innerstes bebte, ich fhlte, wie ich zitterte, und der Stuhl mit mir schwankte,
an dem ich mich whrend dieser schweren Minute hielt. Endlich verkndete
Heliodors Ausspruch Leben - und mein Herz, das den ganzen Umfang des Schmerzens
zu fassen im Stande gewesen war, erlag der Freude. Ich sank ohne Bewutseyn zu
Boden. Man brachte mich in's Nebenzimmer. Hier, als ich erwachte, als ich fhig
war zu begreifen, da die Vorgnge dieses Abends kein Traum gewesen waren, ergo
sich meine Seele in heien Gebeten des Danks und der Liebe. Ich fragte nach
Agathokles. Er hatte sich wieder ein paar Mal so weit erholt, da er die Augen
aufgeschlagen, und einige Worte gesprochen hatte. Man gab mir die beruhigendsten
Hoffnungen, Heliodor hatte meine Ahnung besttigt; nicht die Wunden, nur der
Blutverlust hatten ihm diese todthnliche Betubung zugezogen - sie wird
aufhren, wie seine Krfte sich erholen.
    Sobald ich einigermaen mein Herz beruhigt fhlte, setzte ich mich hin, dir
zu schreiben, und dir zu sagen, da es mir nicht mglich ist, meine Blicke vor
den schnen Aussichten, die sich mir erffnen, mit gehriger Standhaftigkeit zu
schlieen. Soll es denn bloes bedeutungsloses Zusammentreffen seyn, was mich
von den Ufern der Gothen bis hierher brachte, was mich gerade jetzt zur Pflege
der Verwundeten bestimmte, und mir den theuren Freund in diesem Augenblick
schenkte? Er ist ein Christ. Wie kann er Calpurnien seine Hand reichen? Wie kann
er, der so hohe Begriffe vom Zusammenklang der Seelen hat, ein Mdchen lieben,
das ber den wichtigsten Gegenstand des Menschen ganz verschieden von ihm denkt?
O Junia! Welche beglckenden Folgen liegen in diesen Fragen verborgen! Aber noch
mu ich mein Herz halten, noch darf ich mich ihnen nicht berlassen, und vor
Allem darf Agathokles jetzt noch nicht wissen, wer ich bin. Wie er auch immer
fr mich fhle, was sein Verhltni zu Calpurnien seyn mag - eine ghe
Entdeckung knnte sein Leben in Gefahr setzen. Noch mu ich verborgen bleiben,
aber ich hoffe, die Zeit, das Leben in seiner Gegenwart wird bald meine Zweifel
lsen, und dann soll er nach und nach errathen, wer an seinem Lager weinte, und
wachte, oder - ich fliehe mit meinem unauslschlichen Gram ihn, mein Vaterland,
die Welt, und begrabe mich in einer tiefen Einsamkeit, in die nur deine
Freundschaft zuweilen einen Strahl des Trostes bringen soll.

                                                               Am 24sten Abends.

Die Zweifel sind gelst - mein Schicksal ist entschieden! O es war thricht,
vermessen, so ungegrndeten Hoffnungen auch nur einen Augenblick Raum zu geben!
In welchen Betracht kann die Verschiedenheit der Denkart, der Religion selbst,
von der verzehrenden Flamme einer Leidenschaft kommen, die mit wthender Gewalt
das ergriffene Herz ber alle Schranken des Wohlstandes und der Weiblichkeit
hinreit? Von dieser Macht der Gefhle habe ich keinen Begriff; aber wer so
liebt, mu auch versichert seyn, eben so hei wieder geliebt zu werden. Und was
bleibt dann fr die Vergene, Verstorbne brig!
    Heute Morgens, als ein luftiger ser Schlummer voll trgerischer theurer
Gestalten mir die erschpfte Kraft wieder gegeben hatte, hrte ich Agathokles
leise rufen. Ich zog den schwarzen dichten Schleier fest um mein Gesicht, meine
ganze Gestalt zusammen, und trat mit klopfendem Herzen an sein Lager. Er ffnete
die Augen kaum, und forderte nur mit leiser Stimme zu trinken. Ich reichte ihm
den Becher, meine Hand zitterte. Wo bin ich? sing er nach einer Weile wieder an:
Wo hat man mich hingebracht? Ich legte die Hand auf den Mund, und schwieg. Ich
frchtete zu reden, da ich in diesem Augenblick gewi nicht ber meine Stimme
gebieten konnte. Ich wei nicht, ob er mich fr stumm, der eigensinnig hielt -
er schlo die Augen wieder, und sank auf die Kissen zurck. Jetzt kam Heliodor,
nach den Wunden zu sehen. Agathokles erwachte wieder, und wiederholte seine
Frage. Heliodor gab ihm Bescheid, er schien sehr zufrieden, und ein freundlicher
Blick, eine Bewegung seiner Hand dankte mir fr den Theil, den ich an seiner
Pflege hatte. Seine Wunden waren, so gut sie seyn konnten; der ehrwrdige Arzt
empfahl ihm nichts als Ruhe, und strkende Arzneien. Ich weinte ungesehen
Thrnen der reinsten Freude, aber ich wagte es nicht, lnger bei ihm zu bleiben,
aus Furcht mich zu verrathen. Die Schwche, die noch von den Erschtterungen des
vorigen Tags an mir sichtbar war, diente mir bei der Vorsteherin des Hauses zur
Entschuldigung, da ich Tabitha mehr fr Agathokles zu thun berlie, als ich
selbst zu verrichten wagte. Ach, diese Versagung kam mich schwer genug an. Aber
die Freude konnte ich mir nicht abschlagen, so viel wie mglich im Nebenzimmer
zu seyn, und wenigstens seine Stimme zu hren.
    Gegen Abend, als es bereits zu dmmern anfing, wagte ich es hinein zu gehen.
Er sah mich freundlich an, und grte mich als seine stumme Wohlthterin. Ich
neigte mich, ohne zu antworten, und beschftigte mich an einem Tische mit
Zurechtlegen seiner Binden. Jetzt kam eine Aufwrterin des Hauses, und meldete
Agathokles, einer seiner Sclaven sey da, der ihn zu sprechen wnsche. Er lie
ihn kommen. Gerechter Gott! Wer kam? Ein bildschner Knabe in niedlicher
Sclavenkleidung trat ein. Das hellbraune Haar flatterte in reichen Locken um
seine weie Stirn und die blhenden Wangen. So schwebte die reizende Gestalt
nher an's Betts - ich erkannte sie jetzt - es war Calpurnia! Auch Agathokles,
der sie vorher verwundert angesehen hatte, errieth die Wahrheit. Er erschrak
sichtbar. Cal - rief er - aber mit unbegreiflicher Fassung fiel ihm die
Leichtfertige in's Wort: Callias, ja, dein treuer Callias ist's, der unmglich
von der Gefahr seines Gebieters hren konnte, ohne sich selbst davon zu
berzeugen. Bei diesen Worten stand sie an seinem Bette. Er fate ihre Hand, ich
sah ihn errthen, und wieder erbleichen, ich sah die glhenden Blicke, die sie
auf ihn warf, die selige Trunkenheit, mit der sein leuchtendes Auge ber die
reizende Gestalt hingleitete, und die schnen Formen mit Entzcken betrachtete.
Ich hrte ihn jetzt ihr mit gerhrter Stimme fr ihre Gte danken, und das
Entsetzen, das mich vorher an einer Stelle gefesselt hielt, lsete sich in
wilden Schmerz auf. Ein heftiges Schluchzen bermannte mich, da die Glcklichen
sich erstaunt nach mir umsahen. Ich entfloh. Ach Gott! So enden sich meine
Hoffnungen!

                                                            Zwei Stunden spter.

Ich hatte mir vorgesetzt, ihn nicht wieder zu sehen, sein Zimmer nicht wieder zu
betreten. Ich htte es auch gehalten; aber Tabitha war bei einem andern Kranken
beschftigt, als Heliodor den Abend kam, um Agathokles zu besuchen, und so mute
ich mit ihm, ihm kleine Handreichungen zu leisten. Mit scheuem Widerwillen
betrat ich das Zimmer - sah ich ihn wieder, den ich einst nie anders, als mit
Entzcken wieder zu sehen dachte, den ich gestern in der traurigsten Lage leblos
und in seinem Blute doch freudig wiedersah! Und warum? Bin ich denn die
Flatterhafte, die Leichtsinnige? Bin ich's, die ihn so tief gekrnkt? O Junia!
Warum scheute ich seinen Anblick? In welche seltsame Gestalten verhllt sich oft
unser Gefhl! Heliodor fand ihn weniger wohl, sein Puls ging fieberhaft. O ich
wute wohl warum - und zitterte vor Zorn und Schmerz, da der unbesonnene,
unweibliche Schritt des leichtfertigen Geschpfes sein Leben in Gefahr setzen
knnte. Noch war unser Geschft nicht geendet, und meine Angst, in diesem
Augenblick vielleicht durch einen Zufall verrathen zu werden, nicht vorbei, als
der schne Mann eintrat, der den vorigen Abend so viel Antheil an Agathokles
gezeigt hatte. Die Augen des Kranken strahlten vor Freude. Constantin! rief er,
und der Fremde strzte an seine Brust. Sie hielten sich lange umarmt. - Das war
also Constantin, der Sohn des abendlndischen Csars, der Agathokles einst das
Leben rettete! Nun war mir seine Theilnahme am vorigen Abend erklrbar. Wie
theuer ward er mir durch diese Liebe! Wie gern wre ich ihm zu Fen gesunken,
um ihm fr das Leben seines Freundes zu danken! - So liebe ich ihn denn noch? So
wird denn diese Flamme nie erlschen? So ist kein Leichtsinn, keine Krnkung
fhig, mich zu heilen? O ich bin schwach bis zur Verchtlichkeit - ich verdamme
mich selbst darum - aber ich kann - ich kann nicht anders. Tief in mein Wesen,
in die feinsten Fden meines Lebens ist diese Liebe verweht - sie wird nur mit
ihnen zerrissen. O zrne mir nicht, Junia! Ich fliehe bald - bald zu dir!

                                    Funoten


1 Die Huser der Alten, sowohl in Italien, als vorzglich im Morgenlande, hatten
selten Fenster auf die Strae. Man trat durch den Thorweg in den Hof, um welchen
herum die Zimmer gebaut waren, deren Fenster und Thren gleichfalls auf den Hof
gingen.


                          71. Calpurnia an Sulpicien.

                                                Nikomedien, den 25. Februar 303.

Bald sind es zwei Monate, seit du Nikomedien verlassen hast. Du mut lngst in
Ecbatana ganz eingewohnt seyn, und noch habe ich auer einem kleinen Briefchen,
das du mir unterwegs schriebst, und das eben nicht Gemacht war, mich ber deinen
Zustand zu beruhigen, keine Nachricht von dir und Tiridates erhalten. Ich bin
sehr um dich bekmmert, und beschwre dich, wenn meine ngstigenden Gedanken
wahr seyn sollten, wenn du zu krank zum Schreiben wrest, mir durch Tiridates,
durch eine Sclavin, durch wen du willst, nur ein paar Zeilen zu senden, die
meine Zweifel endigen.
    Ich selbst bin jetzt in einer sonderbaren Stimmung. Sehen mchte ich die
Miene doch, mit der du diesen Brief lesen wirst, und die Bemerkungen hren, die
du darber machst. Abenteuer, tragische und zrtliche Scenen, Schrecken,
Verwundungen, Verkleidungen - kurz Alles, was ein milesisches Mhrchen anziehend
machen kann, habe ich dir heute zu berichten, und ich hoffe, es wird dir im
Lesen wenigstens die Hlfte von dem Schrecken und dem Vergngen machen, das es
mir in der Wirklichkeit verursachte. Schon lange htte es ein hohes Interesse
fr mich gehabt, ein kleines Abenteuer zu erfahren, mein Leben flo in gar zu
gewhnlicher Alltglichkeit hin. Nun haben die Gtter und meine Laune mir eins
beschert, und du sollst Alles getreulich hren.
    Vorgestern war ein trber unruhiger Tag fr Nikomedien. Es galt eigentlich
nur den Christen, deren Tempel auf kaiserlichen Befehl zerstrt wurden, um ein
Mal ihrem Unwesen ein Ende zu machen, aber die ganze Stadt fhlte die Wirkungen
dieses Schlags. Allenthalben fielen bald tolle, bald blutige Auftritte vor, und
es verging keine Stunde, wo man nicht meinem Vater irgend ein Verbrechen oder
einen Unglcksfall zu berichten kam. Mir war recht unheimlich zu Muth. Wre ich
eine Schwrmerin, so wrde ich dies Gefhl fr Ahnung ausgelegt haben; so aber
sehe ich sehr deutlich ein, da es nichts als eine natrliche Folge der
Begebenheiten dieses Tages war. Ich legte mich spt nieder, und schlief nicht
viel, denn auch die Nacht war nicht stille. Da weckte mich am Morgen das
Gerusch meiner Thre, die leise geffnet wurde, ich fuhr auf, Drusilla trat
herein - mit einem Gesichte, das schon von Weitem Uebels prophezeite. Was ist's,
rief ich, was ist geschehen? Erschrick nicht, Gebieterin, sagte sie nach der
Art dieser Menschen, und go dadurch kalte Schauer ber mich - es ist ein
groes Unglck - ich sprang zitternd am ganzen Leibe aus dem Bette. Mein Vater
- rief ich; denn nichts Geringeres als ein Unfall, der ihn oder uns Alle
betroffen htte, stand vor mir. Nein, sagte Drusilla, dein Vater ist recht
wohl; bleib nur und hre mich. Ich war im Begriff fortzueilen. Agathokles -
fuhr sie fort, und sah mich ngstlich an. - Auf ein Mal fhlte ich, wie sich die
ganze Natur meiner Empfindungen nderte; ich fhlte noch Bangigkeit, aber nicht
mehr jene frchterliche Beklemmung, die mir vorher den Hals zugeschnrt hatte.
Agathokles? wiederholte ich. Was ist's mit ihm? Er ist schwer verwundet,
vielleicht todt. Jetzt erschrak ich von Neuem - ich zitterte, und mute mich
setzen, ohne sprechen, ohne Drusilla fragen zu knnen. Sie ersparte mir's, und
berichtete mir mit unertrglicher Weitluftigkeit, da er gestern Abends in der
langen Strae beim Tempel der Ceres sich einer armen Frau angenommen, welche die
Priester der Gtter zwingen wollten, ihr zu opfern, da der wthende Haufe ihn
umringt, bermannt, und mit vielen Wunden fr todt auf dem Platze liegen
gelassen. Seine Soldaten hatten ihn gesucht, und brachten ihn endlich in das
Wittwenhaus der Christen. Dort ist er jetzt, ob todt, ob sterbend, wute
Drusilla nicht zu sagen. Der Sclave, der ihr die Botschaft brachte, wute selbst
nicht mehr, ein seltsames Gemisch von Empfindungen wogte nun in meiner Brust auf
und ab, Mitleid, Sorge, Aerger ber seine Schwrmerei, und Bewunderung seines
Heldenmuths. Endlich siegte das Mitleid, und mit ihm wurde der Wunsch, ihn zu
sehen, ihm den Antheil zu zeigen, den ich an ihm nahm, herrschend. Mein Vater
hatte alsobald hingesandt, um sich nach ihm zu erkundigen. Die Antwort war
beruhigend, er lebe - seine Wunden waren nicht tdtlich. Von Augenblick zu
Augenblick wurde jenes Verlangen strker in mir, und ein seltsamer aber
interessanter Plan entwickelte sich in meinem Kopfe. Ich wollte Mnnerkleider
anziehen, und so unerkannt ihn besuchen. Je mehr ich dem Gedanken nachhing, je
reizender schien er mir, und so wurden denn niedliche Sclavenkleider bestellt,
und Alles geheilt und verschwiegen bereitet; denn Niemand, auch mein Vater,
sollte um diesen Schritt wissen, den ich mir, falls er ihn mibilligte, weder
von ihm verwehren lassen, noch geradezu wider seinen Willen thun wollte. Die
Kleider kamen, ich zog sie an, sie saen vortrefflich. Drusilla ordnete mein
Haar, so gut es gehen wollte, damit mein Kopf dem eines Knaben hnlich wre, und
ich mute gestehen, da der Knabe, der mir da aus dem Spiegel entgegen sah, sein
Lobliedchen wohl eben so gut verdiente, als Bathyll oder Antinous1. Nun, als die
Dmmerung kam, warf ich einen groen Mantel meines Bruders ber mich, zog die
Kappe2 tief in's Gesicht, und machte mich mit dem treuen Phdo, der den Kopf
gewaltig ber die Mummerei schttelte, auf den Weg. Das Herz pochte mir wohl ein
wenig, ob vor Angst oder vor Erwartung, wei ich nicht. Wir kamen glcklich vor
die Stadt, und in das Haus. Hier lie ich mich als einen Sclaven, der seinen
Gebieter zu sprechen wnschte, bei Agathokles melden. Man fhrte mich in ein
einfaches aber durchaus anstndiges Zimmer - ich trat beklommen ein. - Sehr
bleich, erschpft, aber mit ruhiger Miene und heiterm Auge lag Agathokles auf
dem Bette, sein rechter Arm war mit schneeweien Binden umwickelt, sonst konnte
ich kein Zeichen von Krankheit oder Verwundung an ihm entdecken. Mir ward
seltsam zu Muth. Jetzt erst, da er nicht mehr zurckzunehmen war, sah ich
lebendig die Sonderbarkeit meines Schrittes und der Rolle ein, die ich spielte.
Doch es war zu spt. Agathokles hatte mich bereits erkannt, ich sah, da er im
Begriff war, mich zu nennen. Ich erschrak, denn nun erst ward ich eines
schwarzen ganz verschleierten Frauenzimmers gewahr, das an einem Nebentische mit
Leinenzeug beschftigt war. Ich fate mich schnell, fiel ihm in die Rede, und
nannte mich Callias - seinen Sclaven. Ich sah, da er erstaunt und gerhrt war;
er fate meine Hnde mit seiner Linken, drckte sie heftig, und sah mich mit
einem Blicke an, der mir tief in die Seele drang. Gerade in diesem Augenblicke
strzte das schwarze Frauenzimmer mit einem sonderbaren Laut, der wie Schluchzen
klang, zur Thr hinaus. Agathokles wandte sich schnell nach ihr um. - Was war
das? - sagte er; mich dnkt, sie weinte? So schien es mir auch, erwiederte
ich. Es ist eine seltsame Frau, fuhr er nach einer Weile fort. Seit gestern
pflegt sie meiner mit der grten Geduld und Sorgfalt, aber ich habe ihr Gesicht
noch nicht gesehen, und ihre Stimme nicht gehrt; ich wei nicht, kann - oder
will sie nicht sprechen. Ich fing ein anderes Gesprch an, ich fragte ihn um
die Vorflle des gestrigen Abends, aber er antwortete mir sehr zerstreut, indem
er fters nach der Thre sah, und es gelang mir nur mit Mhe, ihn von dem
Gegenstand, der seine Aufmerksamkeit so sehr beschftigte, abzubringen. Er
fragte mich jetzt, welcher sonderbare Zufall mich in dieser Kleidung hierher
fhrte? - Kein Zufall, mein Freund! antwortete ich, sondern der Wunsch, dich
zu sehen, mich selbst zu berzeugen, wie es dir geht, und ob es in meines
Vaters, oder meiner Macht stehe, deine Lage zu erleichtern, etwas fr dich zu
thun. Er schien bewegt, sein Auge glnzte, er fate meine Hand, aber schnell
senkte er den Blick wieder, drckte meine Hand an seine Brust, und sagte mit
unterdrckter Stimme: Ich verdiene diese Gte nicht - gewi, schne Calpurnia!
ich verdiene sie nicht. Ich war ein wenig verlegen ber diese Antwort, in die
sich so mancher Sinn hineindeuten lie. Mir fiel die Geschichte mit jener
Theophania und meiner Zeichnung ein. - Aber ich hatte nun einmal die Rotte der
heldenmthigen Freundschaft bernommen, ich mute sie mit Ehren ausspielen. Ich
sagte ihm also, was sich in einer solchen Lage sagen lt, wo man weder sich,
noch der Freundschaft etwas vergeben, weder seine Gte an einen Undankbaren
verschwenden, noch den geschtzten Freund, den vielleicht nur Bescheidenheit so
reden hie, krnken will. Ich zog mich zum Verwundern gut aus der Sache, so, da
ich berzeugt bin, Agathokles wei bis diese Stunde nicht recht, woran er mit
mir ist, und die Unterredung nahm nach und nach einen ruhigen Gang. Er erzhlte
mir nun ganz kurz, und mit manchen Unterbrechungen - denn seine Schwche
erlaubte ihm nicht viel zu sprechen - die Geschichte des gestrigen Abends. Ich
konnte seinem Edelmuth meine volle Achtung nicht versagen; aber der gefhrliche
Eindruck, den der interessante Zustand des Erzhlers, und der Inhalt der
Geschichte auf mein Herz htte machen knnen, wurde mchtig durch die
Schilderung gedmpft, die Agathokles von seinem Zustande machte, als er zu sich
kam, sich bereits fr todt, und die Umstehenden fr Bewohner einer andern Welt
hielt. Die sonderbare Beleuchtung, fgte er mit sichtlicher Rhrung hinzu, der
fremde Ort, die schwarzen Frauen in langen Schleiern, die blassen Gesichter
trgen bei, die Tuschung zu vermehren. Ich glaubte unter den Frauen meine
verstorbene Jugendfreundin zu sehen; mir war, als erkennte ich deutlich ihre
Zge, als hrte ich den Ton ihrer Stimme. - Es war ein Traum, setzte er
tiefsinnig und mit einem schlechtverborgenen Seufzer hinzu - aber es was ein
lieblicher Traum!
    Ich sah, da ihn das Reden erschpfte, und krzte meinen Besuch ab. Er
dankte mir sehr innig fr meine unaussprechliche Gte, wie er es nannte; ich
versprach, ihn den folgenden Tag wieder zu sehen, wenn es mir mglich wre. Er
drckte mir die Hand, schon wollte ich mich entfernen, als sein Arzt, ein
christlicher Priester, hereintrat. Mir waren die Zge dieses Mannes bekannt, ich
sah ihn genauer an. Stelle dir mein Erstaunen vor - es war der Alte von
Synthium, der Vater jener byzantinischen Wittwe, der geheimnivollen Theophania.
Mir ward ganz sonderbar zu Muth bei dieser Entdeckung. Ist er hier - so ist auch
wohl seine Tochter nicht weit - vielleicht als Wittwe eines Christen hier im
Hause - und, erfhrt es Agathokles? - Ich war besonnen genug, nichts von meiner
Verwunderung zu uern, und froh, da der Alte mich nicht erkannte, eilte ich
eben nicht sehr, dem Kranken, meine Entdeckung mitzutheilen. Wer wei, wie viel
oder wenig Besuche ich noch in dem Wittwenhause machen werde! Indessen
beschftigt das Verhltni eben, weil es verwickelt und seltsam ist, meinen
Geist und meine Einbildungskraft sehr angenehm, und da es mein Herz ja nicht
mehr, als meine Ruhe erlaubt, besonders bei der Nhe dieser Theophania,
beschftigte, darber soll meine Vernunft und meine richtige Schtzung des
mnnlichen Geschlechts wachen. Leb' wohl! Ich sehe mit Neugier, mit Ungeduld,
aber wahrlich ohne Sehnsucht der Stunde der Dmmerung entgegen - ich will die
Freude genieen, so lange sie vernnftiger Weise whren kann, und sie, wenn es
die Vernunft befiehlt, ohne Verdru oder Reue aufgeben. Leb' wohl!

                                    Funoten


1 Bathyll war Anacreons, Antinous Kaiser Hadrians Liebling; beide sind ihrer
Schnheit wegen berhmt, und die Bildsulen des letzteren haben zu manchem
gelehrten Streite Anla gegeben.

2 Die Rmer trugen Mntel wider die Klte und den Regen, welche von dichtem
Wollenzeuge, und mit einer Kappe versehen waren.


                       72. Theophania an Junia Marcella.

                                                Nikomedien, den 26. Februar 303.

Was steht mir bevor! Zu welchem entsetzlichen Schritte will mich der harte
Heliodor zwingen! Ich soll mich Agathokles entdecken, jetzt - in diesen
Verhltnissen, und ohne Verzug. Weigere ich mich, es selbst auf eine schickliche
Art zu thun, so hat er mir gedroht hinzugehen, und ohne alle Schonung - denn was
gilt Liebe und Zartgefhl einer so rauben Tugend? - es ihm geradezu zu sagen.
Was bleibt mir brig?
    Wiedersehen! O Ton, der sonst meine ganze Seele mit Entzckungen durchbebte!
Wiedersehen! Wie schrecklich, wie schauerlich klingt er jetzt in meinem Ohr!
Ach, als wir uns im Garten zu Edessa trafen - wir waren durch heilige Pflichten
getrennt - aber er liebte mich! Das sagte mir sein Blick, seine ausgebreiteten
Arme, seine sprachlose Freude. Ich sank an seine Brust. Acht Jahre der Trennung
hatten unsre Empfindungen nicht gendert; meine Hand war eines Andern, mein Herz
war sein. O das waren glckliche Tage - die schnsten meines Lebens! Jetzt mit
Scheu und Zittern sehe ich dem frchterlichen Augenblicke entgegen, dieser
Verwirrung, diesem bangen Schrecken! O seine Bestrzung wird mich vernichten,
seine Beschmung mir qualvoller seyn, als ewige Trennung!
    Ich soll mich ihm zeigen, in dieser blassen abgehrmten Gestalt, mit diesen
verweinten Augen, mit der Narbe auf den Wangen, ihm, der tglich das reizendste
Geschpf der Erde in seine Arme schliet? Nein, nein, tausendmal lieber sterben!
Und was bleibt mir brig? - Ich will fliehen! er soll hren, da ich lebe, aber
er soll mich nicht wieder sehen! Er wrde sich Mhe geben, mich artig zu
empfangen, die Vernderung meiner Gestalt nicht zu bemerken, er wrde mir recht
viel Verbindliches sagen, wie es ihn freue, mich wieder zu sehen, wie bestrzt
er ber die Nachricht meines Todes gewesen u.s.w. Und ich - ich wrde
verzweifeln!
    O was hat Heliodor ber mich gebracht! In welchen Jammer hat er mich
gestrzt! Und er glaubt noch ein Recht zu haben, mit mir zu zrnen, er sieht
mich fr strafbar an! Dahin kommt ein Herz, das sich jedem sanften Gefhl aus
Anlage oder Grundsatz verschlossen hat!
    Diesen Morgen kam er pltzlich und in sehr lebhafter Bewegung zu mir. Er
hatte erst gestern spt den Namen und die Umstnde seines Kranken erfahren. Mein
ehemaliges Gestndni fiel ihm ein, er eilte rasch zu mir, um mich um die
Ursache meiner vorstzlichen Verborgenheit zu fragen, da der Freund meiner
Jugend unter einem Dache mit mir lebte. Seine strenge Tugend hatte sich eine
wohlgefllige Vorstellung dieser Ursache entworfen. Er hatte mir Klte und
schwrmerische Andacht genug zugetraut, da ich freiwillig meinen liebsten
Wnschen entsagen, mich den Pflichten des Hauses fr immer widmen, und mein
Leben in der ihm so erhaben dnkenden beschaulichen Abgezogenheit zubringen
wrde. Er war ganz gerhrt von dieser Vorstellung, er fing an, mich zu loben,
sein Auge ruhte mit vterlichem Wohlgefallen auf mir. O wie peinlich war mir
dies Lob! Nicht der ungerechteste Verdacht htte mich halb so sehr geschmerzt!
Eine Weile schwieg ich, endlich konnte ich's nicht lnger ertragend. Ich gestand
ihm unter Thrnen Alles, was ich sagen konnte, ohne Calpurniens Besuche und ihre
Verkleidung zu verrathen; denn leicht htte er bei seinen strengen Begriffen ein
Aergerni daran nehmen, und dem schnen Sclaven den Zutritt verwehren knnen,
und ich - ach, ich will das Glck der Liebenden nicht stren!
    Er fand es sehr unrecht, da eine so verzeihliche Untreue, als die des
Agathokles, der mich seit mehr als einem Jahre fr todt hielt, mich so
aufbrchte, da ich ihn gar nicht wieder sehen wollte. Man knnte ja, meinte er,
wenn die Liebe aufgehrt habe, noch Freundschaft fr einander fhlen, und sich
herzlich gut seyn. Es war vergeblich, ihm die Unmglichkeit dieser
Freundlichkeit begreifen zu machen; er sah es ein, da das beschmende Gefhl
des Flattersinns und Unrechts, wie verzeihlich es auch sey, das reine Verhltni
ewig stren, und die verstimmten Saiten nie wieder harmonisch klingen wrden.
Als er endlich meinem Eigensinn diese Grille zugestand, fand er doch, da, wenn
ich auch Agathokles Freundin nicht seyn wollte, so wrde er doch erfahren
drfen, da ich lebe, ja, er wrde es, der Natur der Sachen nach, ber kurz oder
lang erfahren mssen. Das mute ich zugeben - aber ich sagte zuletzt, als er mit
unaussprechlicher Hrte in mich drang, es wrde mir nicht so viel daran liegen,
da Agathokles mein Daseyn erfahre, wenn ich nur erst entfernt, und bei dir in
Apama wre. Nun wollte er die Ursache dieser Seltsamkeit wissen. Er forschte,
er fragte, und ach, auf allen Seiten gedrngt, und mit einer grausamen
Consequenz von Schlssen, Voraussetzungen und Folgen auf's Aeuerste getrieben,
bekannte ich endlich, da mir der Gedanke, mich, so entstellt wie ich bin, neben
der schnen Calpurnia zu zeigen, unertrglich, und schlechterdings unmglich
sey.
    Das ist's! fuhr er auf ein Mal mit einer Heftigkeit auf, da ich
zusammenschrak. Das ist's, die Eitelkeit ist's, die euer Geschlecht von jeher
zum Bsen verfhrt, die den Tod, die Erbsnde, die alle Uebel der Welt ber uns
gebracht hat. Aus Eitelkeit sndigte Eva, aus Eitelkeit fallen ihre Tchter. Und
nun ergo sich ein frchterlicher Strom von Beredtsamkeit, den ich vergebens zu
unterbrechen suchte. Er hielt mir alle meine Vergehungen vor, seit dem ersten
Augenblick, als er mich bei den Gothen gefunden, Falschheit, bermige
Leidenschaft, Verkehrtheit, Bosheit, Eitelkeit - ach Gott wei, was Alles! Ich
fing an zu weinen und zu zittern. Ich erkannte, da er in vielen Stcken Recht
hatte; aber so schlimm, als sein Zorn mich machte, bin ich doch nicht. - O Gott!
Meine Absicht war ja schuldlos! Kann es ein Verbrechen seyn, nur nicht so ganz
verschmht und vergessen neben der glcklichen Nebenbuhlerin stehen zu wollen?
Ich will ihnen ja kein Uebels - ach, ich habe es ja sogar schon ber mein Herz
vermocht, fr Calpurnien zu beten! Kann ich denn gar so strafbar seyn? Und doch
legt es mir Heliodor als Bue auf, als unerlliche Bedingung, unter der allein
mir meine Snden vergeben werden knnen, mich Agathokles zu entdecken? Was kann
ich thun?
    Er ging im hchsten Zorn von mir weg. Alles, was ich erhalten konnte, war,
da er nicht auf der Stelle zu Agathokles eilte, aber ich mute ihm geloben, es
morgen selbst zu thun. O Junia! Das wird ein schrecklicher Tag werden!

                                                          Einige Stunden spter.

Wie ein Engel, von Gott gesandt, ist mir auf einmal der Gedanke gekommen, mich
an den edlen Constantin zu wenden. Er ist Agathokles Freund, es kann ihm an dem
Zartgefhl nicht fehlen, das die Behandlung dieses Verhltnisses fordert. Ich
werde ihm schreiben, mein Brief wird meine Rettung in Trachene, meine Befreiung
durch Heliodor, meinen Aufenthalt in Synthium, in Nica, und die Beweggrnde
enthalten, die mich bisher so handeln machten. Constantin mte nicht so edel
seyn, als ihn der Ruf und seine Gestalt verkndet, wenn er nicht Sinn fr meine
Lage, und den festen Willen haben sollte, das peinliche Verhltni auf die Art
zu lsen, wie es fr seinen Freund und mich am besten ist. Er kennt sein Herz,
er wird die Wirkung beurtheilen knnen, die diese Entdeckung auf ihn machen mu.
O wenn er - ich werde ihn dringend darum bitten - wenn er es so einzuleiten
wte, da Agathokles selbst damit zufrieden wre, mich nie wieder zu sehen! Nie
wiedersehen! Junia! Niemals - niemals, in meinem ganzen Leben nicht wieder
sehen! - Es ist ein schrecklicher Gedanke! - Ich sehe seine Nothwendigkeit ein,
aber ich zittere noch davor - ich kann ihn noch nicht ganz fassen. - Niemals.

                                                                         Spter.

Der Brief ist geschrieben. Ich erwarte Constantins Ankunft. Mit welchen
Gefhlen! kannst du mir leichter nachempfinden, als ich sagen. O in dem
Augenblicke, da das Loos fallen mu, da wir in die schicksalvolle Urne greifen,
entsetzt sich das Herz, die festesten Entschlsse wanken noch ein Mal, zum
letzten Mal; und so drckend uns die Ungewiheit dnkte, so heftig ergreifen wir
jeden Augenblick, der sie zu verlngern im Stande ist. Die Nacht ist da.
Calpurnia, die jeden Tag mit der Dmmerung kmmt, ist bereits wieder fort.
Constantin kann jeden Augenblick kommen - dann ist Alles unwiderruflich
geschehen! dann ist mein Stab gebrochen!
    Bei der Gewiheit, da ich ihn in meinem Leben nicht mehr sehen werde, habe
ich gestern und heute das einzige Glck, das mir brigt, mit Geiz genossen. Sein
Zimmer zu betreten wagte ich seit acht Tagen nicht mehr, seitdem Calpurniens
erster Besuch mich daraus vertrieb. Tabitha hat seine Pflege bernommen, ich
besorge dafr ihre Kranken; aber im Nebenzimmer halte ich mich auf, so viel ich
kann. Da hre ich ihn athmen, reden, seufzen - ach fr wen? Es ist eine
schmerzliche Freude, aber es ist meine einzige - meine letzte! Bald werde ich
auch ihr entsagen mssen! Dann wird seine Stimme nie wieder tausend se Gefhle
und Erinnerungen in meiner Brust wecken, dann werde ich nichts mehr fr ihn zu
sorgen haben - dann ist Alles - Alles verloren! O Junia!
    Vielleicht folge ich diesem Briefe bald - bis morgen ist mein Schicksal
entschieden - ich komme schnell - schnell!

                          73. Calpurnia an Sulpicien.


                                                Nikomedien, den 26. Februar 303.

Es ist seltsam, wie ein Abenteuer, eine Beschwerlichkeit, die wir um eines
Freundes willen bernehmen, pltzlich diesem Freunde einen viel hhern Werth in
unsern Augen gibt - wie Grtnern die Pflanzen am liebsten werden, mit denen sie
die meiste Mhe hatten. Ich habe oft darber nachgedacht und dir einst in
Rcksicht auf den Flattersinn der Mnner darber geschrieben; jetzt finde ich
diese Beobachtung an mir besttigt. Zweimal bin ich nun in meiner Sclavenhlle
bei ihm gewesen. Wahrlich ein Mann, der sonst nicht schn ist, wird nicht
reizend dadurch, wenn er bleich und verwundet auf seinem Bette liegt! Dennoch
dnkt mich, er sey mir noch nie so anziehend vorgekommen, als eben jetzt.
Gerade, da er mir nur die Linke reichen kann, weil sein rechter Arm verwundet
ist, da ich ihm manchmal bei etwas helfen mu, wozu er zwei Hnde brauchte, da
ihn das so ungeschickt, so hlflos macht, bewegt mich seltsam, und die Blsse
seines Gesichts, der weichere Ton seiner Stimme, die mindere Lebhaftigkeit
seiner Bewegungen rhrt mich, ich wei nicht warum, weit mehr, als wenn er auf
einmal durch die Sprche einer thessalischen Zauberin in einen Adonis wre
umgewandelt worden. Das ist seltsam, aber mich dnkt, es ist vollkommen gut, da
es so ist. Nicht um meinetwillen - lchle nicht spttisch, wenn du dies liesest;
mein Verhltni zu Agathokles ist gar nicht von der Art; wie du denkst, und
unsre Gesprche sind von so ernstem Inhalt, da die sanftern Gefhle scheu davor
zurckbeben mssen - aber ich finde diese Einrichtung fr's Ganze gut. Das
Schicksal, die Natur, die Vorsicht, die Gtter, oder wie man das Wesen nennt,
das die Sorge fr die Anordnung und Erhaltung der Welt ber sich genommen hat,
hat diesen Zug mit vieler Weisheit in die Tiefe unsers Herzens gelegt. Die Welt
ist nun einmal so eingerichtet, da im Physischen wie im Moralischen nichts ohne
Mhe, Anstrengung, Kampf erlangt werden kann. Dem Muthigen hilft das Glck, der
Anstrengung gewhren die Gtter Alles. Das sind uralte Sprche, die jede
Generation von den Vtern bernimmt, und durch ihr Beispiel besttigt den Enkeln
hinterlt. Wie weise ist es nun, da diese warme Anhnglichkeit und Vorliebe
fr das Kind unsers Fleies, unserer Aufopferungen, uns fr die vergangene Mhe
entschdigt, zu knftiger spornt, und oft, recht oft unsern einzigen und doch
gengenden Lohn ausmacht.
    Agathokles ist mir sehr werth geworden - durch die schne Handlung, die ihm
diese Wunden zuzog, und beinahe das Leben gekostet htte, durch seinen jetzigen
Zustand, und - durch die Thorheit, die ich um seinetwillen begangen habe. Noch
mehr, ich laufe vielleicht einige Gefahr, wenn ich meine Besuche fortsetze; denn
ich merke seit gestern, da mir Jemand nachschleicht, und mich beobachtet. -
Phdo hat es ebenfalls bemerkt. Wer es ist, kann ich nicht errathen. Von meinem
Vater kommt es nicht; denn der wrde offen mit mir zu Werke gehen. Ich kann
Verdru bekommen; auf jeden Fall wird die Geschichte, wenn sie bekannt wrde,
mich den Nachreden und Verlumdungen der Stadt aussetzen. Hieran liegt mir
wenig, ich verachte das Geklatsch in Nikomedien, wie ich es in Rom verachtet
habe, und gehe meinen Gang nach meiner Ueberzeugung, ohne mich darum zu kmmern,
was einfltige Weiber, denen, dasselbe zu thun, was sie verlstern, nur Geist
und Muth gebricht, darber schwatzen mgen. Aber die Sache selbst wird mir
dadurch werther, und die unbekannte Gefahr, die mir drohen mag, bestimmt mich um
so sicherer, heute wieder zu gehen. Zu frchten habe ich persnlich nichts, denn
Phdo und sein Sohn werden mich bewaffnet begleiten, und in unsern Tagen hrt
man von keinen Helenen und Proserpinen1. So dient das Abenteuer nur, mich zu
unterhalten. Uebrigens bin ich ganz ruhig, und es kmmt mir zuweilen vor, als
she mein inneres Ich mit Vergngen einer Comdie zu, in der mein ueres Ich,
Agathokles, und der unbekannte Spher die Hauptrollen spielen.
    Ein Verdacht ist mir schon gekommen, aber er ist fast zu weit gesucht, zu
ungegrndet. Marcius Alpinus ist seit einigen Tagen hier. Du weit, da meines
Vaters Einflu und Vermgen ihm in der ersten Zeit meiner Abwesenheit meine
Person sehr liebenswrdig machte. Er plagte mich damals, ich begegnete ihm, wie
es seine Denkart verdiente. Er hat Agathokles, das wei ich, und spielt wieder
eine bedeutende Rolle am Hofe, wo das kriechende listige Insekt recht in seinem
Elemente lebt. Es wre mglich, aber wie gesagt, nicht wahrscheinlich.
    Agathokles ist sehr strenge geworden. Ich habe gestern einen lebhaften
Streit mit ihm gehabt. Von ungefhr entschlpfte mir eine leichte Bemerkung, von
der Art wie die vorige, ber Gott, Vorsicht, Schicksal. Er nahm das sehr ernst
auf, und verwies mir den strflichen Leichtsinn (so wagte er es, meine Denkart
zu nennen), mit dem ich die wichtigste Sache des Menschen behandelte. Ich fragte
ihn lachend, ob er etwas davon wisse, ob irgend ein Mensch seit Deucalions
Zeiten etwas Gewisses darber erfahren, ergrbeln, schlieen habe knnen? Das
mute er verneinend beantworten. Aber er verwies mich an den Glauben, als das
Theuerste, was der Mensch besitze, das Einzige, was ihn ber den Staub erhebe,
und ihm Kraft gebe, Alles, was ihm als einem sinnlichen Wesen werth ist, sein
irdisches Wohlseyn, und endlich selbst die letzte Bedingung dieses Wohlseyns,
sein Leben aufzugeben, um das Hchste, Grte zu erringen. Und was ist denn dies
so gepriesene Hchste, Grte? fragte ich lchelnd in einem wohl zu leichten
Ton; denn ich wollte unserm Gesprch eine frhlichere Wendung geben.
    Er sah mich streng und forschend an, dann legte er seine Hand auf mein Herz.
Und sollte dies gute Herz durch den Umgang mit der Welt so erkltet worden
seyn, da es die Antwort auf diese Frage nicht in allen seinen Tiefen
wiederhallen hren sollte? Ich mu dir gestehen, ich war ein wenig verlegen und
beschmt, und doch lag etwas Angenehmes in diesem Vorwurf. Ich schwieg eine
Weile. Ein Blick auf Agathokles verwundeten Arm, ein Gedanke an die Ursache
desselben machte mich fhlen, da ich mit meiner Weltphilosophie etwas klein vor
dem Manne stand, der noch vor drei Tagen eben diese letzte Bedingung seines
Wohlseyns kaltbltig auf's Spiel gesetzt hatte, um jenes unnennbare Hchste zu
erhalten. Wie nennst du es - Glck - Bewutseyn - Tugend? Er nennt es das Gute,
und seinen ersten, hiernieden vielleicht einzigen Lohn, Seelenfrieden. Ich
vertheidigte mich noch ziemlich gut, trotz meiner Verlegenheit, und er fing nun,
um mich ganz zu berzeugen, mit seiner glhenden Beredtsamkeit an, mir die
Erhabenheit der christlichen Moral zu schildern, deren Hauptgesetz hchste
Reinheit des Willens und unablssiges Streben nach dem Guten ist, die ihren
Jngern auferlegt, so zu leben, da ihre Handlungsweise zur Richtschnur fr die
ganze Welt dienen knnte u.s.w. Ich mu dir gestehen, was er sagte, und wie er's
sagte, war schn und wrdig, es rhrte, es erhob mich. Aber so denkt auch nur
Agathokles, und auch er vielleicht nur in wenigen Augenblicken. Wer von den
brigen Christen denkt aber wie er?
    Diese Bemerkung drngte sich mir leider bald darnach auf, als ich ihn
verlassen hatte, und in der Stille meines dunkeln Zurckweges, mir selbst
berlassen, und nicht mehr von einem gewaltigen Geist aus meiner Bahn in einen
fremden Gesichtspunkt gerissen, die Sache wieder in dem gewhnlichen Lichte
betrachtete. Ach, unsre Voreltern waren ja auch nicht lauter Thoren oder
Betrger, und wenn der Polytheismus so gar verchtlich und untauglich gewesen
wre, das Menschengeschlecht im Zaum zu erhalten, die Welt htte nicht so lange
bestanden, das eiserne Zeitalter, das Ovid, als schon ein Mal da gewesen,
besingt, wre wieder gekommen, der Krieg Aller gegen Alle wre ausgebrochen, und
das vertilgte Geschlecht htte eines zweiten Deucalions bedurft. So sank ich
denn allmhlig aus den Wolken, oder vielmehr aus Agathokles erhabnem
Christenhimmel langsam wieder auf die Erde herab, und nichts blieb mir brig,
als reine Hochachtung fr den Mann, der nicht allein so zu schwrmen, sondern
auch dieser Schwrmerei gem zu handeln fhig ist.
    Als ich kaum ein Paar hundert Schritte von dem Wittwenhause an einem
Gebsche vorbei war, bemerkte ich dieselbe verhllte Gestalt, die mich schon auf
dem Hinweg begleitet hatte, und die sich in der Entfernung von ein Paar
Schritten immer an unserer Seite hielt; ich sah, da sie mir unablssig folgte,
schneller und langsamer, links und rechts ging, wie ich es oft, um sie zu
necken, that. Ich fand es nicht rathsam, gerade in unser Haus zu gehen; als wir
daher innerhalb der Thore waren, flisterte ich Phdo zu, er mchte mich zu
seinem Bruder fhren, der hier ein kleines Kaufmannsgewlbe hat. Er that es, ich
kann auf die Verschwiegenheit dieser Leute rechnen, und blieb hier so lange, bis
ich mit Wahrscheinlichkeit vermuthen konnte, da mein unbekannter Begleiter, des
Wartens mde, fortgegangen seyn mochte. Das war auch wirklich geschehen, und ich
langte endlich ohne weiteres Abenteuer, aber nicht ohne einige Bangigkeit zu
Hause an.
    Ich bin neugierig, wie es heute Abends seyn wird. Meine Maaregeln sind
getroffen, ich frchte nichts, und wenn ich auch ein wenig Furcht empfinde, so
wrde das Interessante des Abenteuers, und dieser heimlichen Zusammenknfte sie
weit berwiegen. Leb' wohl, Sulpina! ich bin mde vom Schreiben. Nchstens mehr.

                                    Funoten


1 Helene wurde zwei Mal, einmal von Theseus, das zweite Mal von Paris entfhrt.
Proserpinens Entfhrung durch Pluto ist bekannt.


                       74. Theophania an Junia Marcella.

                                                  Nikomedien, den 18. Febr. 303.

Junia, Junia! Ich bin glcklich, ich bin unaussprechlich glcklich! Warum kann
ich diesem Brief nicht Flgel geben, um dich den Augenblick Theil an meiner
Freude nehmen zu lassen! Ich bin glcklich, ich bin es so sehr, so ganz, da ich
nichts als das Ueberma frchte; denn unmglich kann meine Seligkeit sich lange
in dieser Strke und Reinheit erhalten. Hre denn die frohe Erzhlung, und freue
dich so herzlich mit mir, als du bis jetzt herzlich mit mir getrauert hast!
    Vorgestern, an dem bangen Tage, wo ich dir das letzte Mal geschrieben hatte,
entwarf ich den Brief an Constantin, und harrte seiner mit hochklopfendem Herzen
im Porticus des Hauses, als er von Agathokles wegging. Calpurnia war vor ihm da
gewesen, sie hatte sich heute nicht so lange aufgehalten, und ihre Unterredung
war nicht so laut und lebhaft als sonst. Jetzt ffnete sich die Thre und
Constantin trat heraus. Ich ging auf ihn zu, ich zitterte, als ich ihm den Brief
berreichte, und ihn bat, ihn zu lesen. Er sah mich verwundert an, und fragte
mich, wer ich wre? Ich schwieg verlegen. Mir ist, ich habe dich schon
gesehen, hub er wieder an, und sein Aug' schien mich zu durchdringen, ja ganz
gewi, in jener traurigen Nacht, als Agathokles hierher gebracht wurde. Ich war
zugegen, antwortete ich. Du hast damal eine besondere Teilnahme an dem
Verwundeten gezeigt. Er ist dir mehr als ein bloer Bekannter. Darf ich deinen
Namen nicht wissen? Sein Auge blieb fest auf mich geheftet, es war ein Blick,
den ich nicht auszuhalten vermochte, ein Blick, der des Menschen Innerstes zu
erforschen vermag. Ich sammelte mich mit Mhe. Erlaube, stotterte ich endlich
- da ich heute noch schweige, und mache auch du fr diesen Abend keinen
Gebrauch mehr von dem, was der Brief enthlt. Das bitte ich dich um deines
Freundes, um einer Unbekannten willen, die als Mensch wenigstens Anspruch auf
deine Schonung hat. Er hatte den Brief geffnet. Ein Blick, den er darauf warf,
mochte ihm Namen gezeigt haben, die ihm Licht gaben. Du bist - rief er auf
einmal heftig, und ergriff meine Hand. La mich, rief ich gewaltsam, und ri
mich los. Heute darf nichts mehr geschehen. Ich entfloh. Er blieb noch eine
Weile, vermuthlich um den Brief zu lesen; nach einer Viertelstunde hrte ich
seinen stolzen schnellen Tritt durch den Porticus bis an's Thor. Dies wurde
geffnet, und schnell geschlossen, und ich sah nun, da ich fr heute nichts
mehr zu frchten hatte. O ich hatte so davor gezittert, da er noch diesen Abend
zu Agathokles eilen, und so kurz vor der Nacht seine Ruhe durch eine solche
Erschtterung stren wrde.
    Ich schlief wenig, mein Gemth war zu bewegt. Am frhen Morgen, als kaum der
Tag angebrochen war, kam Tabitha eilig in mein Zimmer, um eine strkende Arznei
fr Agathokles zu holen. Ich erschrak, ich fragte. Der Prinz ist bei ihm, er
ist sehr zeitlich gekommen, ich hrte sie lange eifrig reden und lesen.
Pltzlich rief der Prinz nach Hlfe - ich eilte in's Zimmer. Agathokles lag ohne
Bewutseyn in seinen Armen - wir brachten ihn mit Mhe zu sich selbst. Heliodor
hat mich um den Balsam geschickt. Sie eilte fort, ohne mich zu hren, ohne sich
um meinen Zustand zu bekmmern; er grenzte an Bewutlosigkeit.
    Ich erwachte nur durch Heliodor's Stimme, die mir rauh zurief: Theophania,
folge mir! Agathokles verlangt dich zu sehen. Ich schwankte - kaum vermochte ich
ihm zu gehorchen. O welcher Entscheidung ging ich entgegen!
    An der geffneten Thre blieb ich zgernd stehen. Heliodor zog mich in's
Zimmer. Ich wute nicht, wie mir geschah - Himmel und Erde waren mir vergangen -
da weckte mich die Stimme der innigsten Liebe. Larissa, meine Larissa! rief
Agathokles. Ich sah empor, ich sah ihn weit vorgebeugt den Arm nach mir
ausstrecken, als wollte er mir entgegen strzen. Larissa! rief er noch einmal. -
Jetzt war Alles vergessen. Ich flog an seine Brust, ich wute nichts mehr von
der Welt, ich wute nichts, als da ich geliebt war! Meine Freude wechselte
schnell mit Schrecken. Agathokles lag bleich, mit geschlossenen Augen in meinem
Arm. Ich schrie um Hlfe, da schlug er das Auge auf, und heftete einen Blick auf
mich. - Ach Junia! der ganze Himmel war in diesem Blicke! Du lebst, begann er
nun nach einer Weile: Du lebst - du bist frei, du bist mein! - Er legte seine
Hand auf meine Stirn, auf meine Schultern, er fate meine Hnde: Es ist kein
Traum? sagte er endlich langsam - Nicht wahr, Constantin! es ist kein Traum?
Jetzt erst sah ich mit Errthen, da wir einen Zeugen gehabt hatten; ich trat
zurck. Constantin nherte sich, in seinem edeln Gesichte strahlte der
Wiederschein von der Freude seines Freundes. - Nein, mein Agathokles! sagte er
lchelnd, sie lebt wirklich, du hast sie wieder, und ich freue mich herzlich
darber. Er fate meine Hand: Ich habe dich schon gestern erkannt - du
fhltest es wohl, ob du es schon nicht gestehen wolltest. Ich lchelte, und bat
ihn, der Sorge fr seinen Freund diese Zurckhaltung zu verzeihen. Agathokles
nahm jetzt unsere beiden Hnde in seine Linke, und drckte sie herzlich. O mein
Constantin! meine Larissa! - Meine Theophania! denn so will ich dich fortan
nennen, mit diesem Namen wurdest du fr mich wiedergeboren. So war es auch kein
Traum, als ich deine Gestalt in der ersten Nacht zu sehen, deine Stimme zu hren
glaubte? O wie konntest du so hart seyn, mir dies Glck durch vier lange Tage zu
entziehen, und so kalt in meiner Nhe leben, ohne dich zu verrathen? Ich
errthete. Wenn Constantin dir den Brief ganz gelesen hat - sagte ich endlich -
so weit du - Das war nicht geschehen. Agathokles Ungeduld hatte nicht so lange
gewartet. Jetzt las Constantin - ich fhlte, da heier Purpur mein Gesicht
bedeckte, meine Thrnen floen, und doch war ich selig. Mit den letzten Worten
des Briefs entfernte sich Constantin schnell. Nun waren wir allein, allein mit
unsern vollen Herzen, mit unserm Glck. Agathokles sagte nichts, er reichte mir
schweigend die Hand, und sah mich mit einem unbeschreiblichen Blicke an. Sein
Auge schimmerte feucht, ich sah Thrnen darin. Ach Junia! zrne der
irdisch-gesinnten Freundin nicht, ich fhlte mein Inneres gewaltsam zu ihm
gezogen, ich sank an seine Brust, unsere Lippen berhrten sich innig und fest,
unsere Seelen floen in einander. Ach es war der erste Ku seit jenem letzten
Abschied an den Hecken in meines Vaters Garten! Aus seinem Arm glitt ich am
Bette auf meine Kniee nieder, ich betete. - O, Gott kann diese schuldlose
Aeuerung inniger Liebe nicht verdammen, was auch Heliodor sagen mag; denn ich
konnte beten. Agathokles gab der heftigen Spannung, in der sich meine Seele
befand, eine sanfte Richtung. Er zog die goldene Nadel aus meinen Haaren, und
begann ein ses Spiel damit, wie in den stillen Tagen unserer ersten Liebe, er
schlang seine Hand in meine Locken, er ordnete sie, und zerstrte tndelnd
wieder, was er erst gemacht hatte. Ich lie ihn gewhren, und war so glcklich!
Ich erzhlte ihm von meinem Aufenthalt bei dem guten Fritiger, von Synthium, von
meiner Angst meiner Eifersucht. Er lchelte, er gab mir unter tausend
Liebkosungen die heiligsten Versicherungen seiner Treue. O es war schon seit
seinem ersten Worte kein Zweifel mehr in meiner Brust! So schwatzten, so
tndelten wir fort, glcklich wie die Kinder, und sorglos wie sie, bis
Heliodor's Ankunft uns in die Wirklichkeit zurckrief. Agathokles sagte mir nun,
da sein Uebergang zum Christenthum ihn den Segen und die Reichthmer seines
Vaters gekostet habe. Sein Sold als Tribun und sein mtterliches Erbtheil war
Alles, was er besa. Stockend trug er es mir vor, ich schauderte bei dem Fluche
seines Vaters - aber wie konnte das Zweite mich rhren? Wir werden miteinander
leben! rief er muthig, wir werden Alles theilen, Glck und Unglck, viel oder
wenig, was Gott sendet! Bist du's zufrieden, Theophania! so gib mir deine Hand
am Altar, so bald ich im Stande bin, dir meine Rechte zu reichen, sobald ich
genese. Ich drckte seine Hand an meine Brust, mein Auge antwortete ihm.
Heliodor wird uns vereinigen, hub Agathokles an, und sah dem strengen Greis
freundlich in's Gesicht. So eisern ist seine Brust doch nicht, da ihn eine so
rein menschliche Freude nicht gerhrt htte. Ihr verdient euer Glck! sagte er,
indem er nach einigem Bedenken naher trat, denn ihr seyd gut und fromm; und wenn
ihr's denn in der Ehe zu finden glaubt - der Herr hat den Ehestand auch
eingesetzt, und Christus ihn geheiligt - so werdet denn Mann und Frau, ich will
euch trauen. Agathokles schttelte ihm die Hand, ich kte sie ihm mit
kindlicher Rhrung. So strenge er es mit mir gemeint hatte, so war er doch der
Schpfer meines Glcks geworden. Er mute selbst lcheln, als ich es ihm
vorerzhlte; aber dies Lcheln verschwand bald vor dem gewohnten Ernst. Er fate
Agathokles Hand: Dein Blut wallt fieberisch, du bedarfst der Ruhe, Theophania
geht mit mir. Er ergriff mich bei'm Arm. Nimmermehr! rief Agathokles mit einer
Heftigkeit, die ich ihm kaum zugetraut htte. Sie ist mein, meine Braut, sie
bleibt bei mir. Er richtete sich schnell auf, und zog mich mit Gewalt zurck;
denn gewohnt, Heliodor'n zu gehorchen, hatte ich mich bereits ein Paar Schritte
entfernt. Heliodor sah uns finster an, dann schleuderte er meine Hand hin: Nun
so treibt eure Abgtterei fort! rief er entrstet, und ging aus dem Zimmer. Ich
stand verlegen. Furcht vor Heliodor's Zorn, Sorge fr die Gesundheit meines
Freundes, und das heie Verlangen, ihn keinen Augenblick zu verlassen, stritten
in mir. Agathokles sah mich ernst an: Du wankst? sagte er, willst mich
verlassen? So hat dieser finstere Priester mehr Gewalt ber dich als dein
Freund? So hatte Agathokles noch nie mit mir gesprochen. Ich erschrak, ich sank
an seine Brust: O mache mit mir, was du willst! ich bin dein Geschpf. Er
drckte mich fest an sich, er beruhigte mein Herz durch tausend se Worte und
theure Namen. O welche himmlischen Augenblicke waren das! dann lie er mich an
sein Bette niedersitzen, und entwickelte mit feuriger Beredtsamkeit und jener
klaren Weisheit, mit welcher einst Apelles meinen jugendlichen Geist berzeugt
hatte, die wahre Ansicht unserer heiligen Lehren. Weit erhabener, weit mehr
eines allweisen, allgtigen Geistes wrdig, erschienen sie mir in seiner
Darstellung, als wie Heliodor und viele, mit denen ich in Nica und hier lebte,
sie schilderten. Agathokles lehrte mich Menschensatzungen und Ansichten einer
beschrnkten Eigenthmlichkeit von dem ursprnglichen Sinn derselben
unterscheiden; er zeigte mir, was eigentlich Christenthum sey, und welchen
Einflu es in seiner Reinheit auf das Menschengeschlecht haben msse. Ich hing
begeistert an seinem Munde. O wenn die Liebe zu Allem, selbst zu falschen
Schritten berreden kann, welche unwiderstehliche Macht mu die erhabenste
Wahrheit in dem Munde des Geliebten haben! Seine Wrme ri mich hin, ich sank
vor seinem Bette auf die Kniee und rief: O sey du mein Lehrer, mein Fhrer,
Agathokles! Verla mich nie wieder, ich will dir mit kindlichem Gehorsam folgen,
und la dann deine Liebe meinen Lohn seyn! Er umfate mich, er hub mich zrtlich
auf, aber ich sah, da die Erschtterung der Freude und des heftigen Redens ihn
angegriffen hatte - er sank in meinen Arm auf die Kissen zurck. Ich bat ihn
nun, nicht mehr zu sprechen, und sich Ruhe zu gnnen; er folgte mir, drckte
meine Hand, wir schwiegen Beide, nur unsere Augen unterredeten sich, und still
und selig genoen wir das Glck der Wiedervereinigung. Mit dem Anfang der
Dmmerung fiel mir Calpurniens bevorstehender Besuch schwer auf's Herz. Das war
die Zeit, wo sie zu kommen pflegte. Ich sah, da auch Agathokles etwas unruhig
und in Gedanken schien, obwohl er sich Mhe gab, es zu verbergen, und mein Herz,
dessen Schwche er kannte, auch nicht durch die leiseste Berhrung zu verletzen.
O wie dankte ich ihm fr diese Schonung! Nach und nach verschwand meine Furcht,
es ward immer spter und der schne Callias erschien nicht. Mit dem Einbruch der
Nacht trat Constantin ein. In seinen Armen, in inhaltvollen Gesprchen verlie
ich nun meinen Freund, um in der Einsamkeit mich zu sammeln, und Gott fr mein
Glck zu danken. Die folgende Nacht lie ich mich die theure Pflicht, meinen
Kranken selbst zu besorgen, ihm jede Arznei, jede Labung zu reichen, und bei ihm
zu wachen, von Niemand rauben, und widerstand Heliodor'n mit Festigkeit, der als
ein Shnopfer fr meine bermige Freude das Opfer einer freiwilligen
Entfernung von Agathokles forderte. Ich blieb im Nebenzimmer, und bewachte
seinen Schlummer; er war ruhig und erquickend, wie der Schlummer der Unschuld
und Tugend. Am Morgen erwachte er heiter und gestrkt, sein erster Laut war mein
Name. Seitdem bin ich wieder bestndig um ihn. Wir haben uns so viel zu
erzhlen, zu fragen! Auch heute kam Calpurnia nicht! Sollte sie vermuthen oder
wissen, was vorgefallen ist? Agathokles nennt ihren Namen nicht, und Constantin
zu fragen, habe ich nicht den Muth. Er ist jetzt bei ihm, ich habe diese Zeit
bentzt, um dir mein Glck zu melden, an dem du, theure treue Freundin, gewi
den lebhaftesten Antheil nehmen wirst. Leb' wohl!

                          75. Sulpicia an Calpurnien.


                                                         Ecbatana, im Febr. 303.

Wie vom dstern Strande des Cocyt und den Reichen der Schatten, kmmt dieser
Brief zu dir. Mhsam bin ich noch diesmal dem Nachen des Charon entronnen, und
zu dem Reste von Leben erwacht, der der zerstrten Maschine noch brigt. Die
Reise, die Luftvernderung, statt wohlthtig auf mich zu wirken, hatte mich ganz
erschpft. Mit Todesgedanken betrat ich den kniglichen Palast, den ich wohl
nicht lebend mehr verlassen werde. Nach einigen Tagen fhlte ich mich so weit
erholt, da ich, dem Wunsche meines Gemahls zufolge, die Ceremonien der Krnung
mitmachen konnte. Aber sie waren kaum vorber, so sanken meine Krfte vllig,
und ich schwebte mehr als einen Monat zwischen Leben und Tod. Ich genas endlich
wieder, das heit, ich kann in dem sonnigen Porticus meines Palastes und in den
Grten langsam herumschleichen, die eben jetzt unter dem Hauche des Frhlings zu
erwachen beginnen. Bald wird auch das wieder aufhren, ich fhle das mrderische
Eisen, das die Parze an den morschen Faden meines Lebens legt, und bald wird von
deiner Freundin nichts mehr brig seyn, als was eine Urne fllt.
    Und warum hat ein eisernes Geschick mein Urtheil so streng, so
unwiderruflich gesprochen! Warum hat mich seit meiner Kindheit das Unglck
unabtrennbar begleitet? Wie wenig frohe Stunden wurden mir zum Theil? Und jetzt,
wo endlich alle Kmpfe aufgehrt haben, alle Hindernisse besiegt sind - jetzt
soll ich sterben? wie hart, wie ungerecht ist dieses Loos! Haben denn nicht alle
Geschpfe Ansprche auf Glck? Auch das geringste Insekt ist mit den Fhigkeiten
dazu ausgerstet, und erfllt diesen Zweck und ist in sich vollendet. Nur der
Mensch allein darf sich des Vorrechts rhmen, vernnftig und elend zu seyn. So
beschmt uns der Wurm, der zu unsern Fen kriecht, und wir wren tausendmal
glcklicher, wenn wir nichts als den blinden Instinkt von der Natur erhalten
htten, wenn unsere Wnsche mit unserm Vermgen gleichen Schritt hielten, und
keine Voraussehung uns die Freuden der Gegenwart vergiftete.
    Sage mir, Calpurnia - ich flehe dich darum an - sage mir aus Mitleid, wenn
du es aus Ueberzeugung nicht kannst, da es jenseits der Urnen noch Etwas gibt -
da wir nicht ganz vergehen. Ich habe mir den Phdon1 des groen Plato bringen
lassen. Tiridates selbst las ihn mir vor. Ach so lange die Worte des Weisen mir
durch seine Stimme die Seele berhrten, schwiegen die Zweifel, ich hrte ihn,
mein Herz ward aufgeregt, aber mein Verstand blieb mig. Als ich allein war,
und die Rolle in die Hand nahm, da suchte ich mit Mhe, mit einer Art von Angst,
und fand - Vermuthungen, Wahrscheinlichkeiten, individuelle Beruhigungen, die
gerade den Sokrates in seiner Lage und Gemthsstimmung ansprachen, aber nichts,
das meine Zweifel lste. Alt, lebenssatt, von seiner Xantippe geplagt, und von
seinen undankbaren Mitbrgern verkannt, welche Reize konnte die Erde fr ihn
haben? Wie leicht konnte er sich ber den Abschied von ihr trsten, wie bald mit
einem Zustande zufrieden seyn, der so leicht besser seyn konnte, als sein
gegenwrtiger? Er hatte keine Jugend, keinen Thron, keinen geliebten Gemahl zu
verlassen!
    Auch du, Calpurnia, bist nicht glcklich! Das sagen mir deine Briefe. Es ist
ein seltsamer Streit in deinem Herzen. Du liebst deinen Freund mehr, als du ihm
zeigen darfst, mehr, als du selbst glaubst, und dennoch hindert dich theils dein
altes System von Unabhngigkeit und Gleichgltigkeit, theils sein unbestimmtes
Betragen, dich dem mchtigen Zuge deines Herzens zu berlassen, der dich trotz
aller jener Hindernisse zu ihm fhrt. Was bleibt da fr Hoffnung brig, diesen
Streit geschlichtet, und eure Herzen vereinigt zu sehen? Es ist etwas, das sich
stets zwischen Euch legt, und eure Annherung nie bis ber einen gewissen Punkt
gehen lat. Keines hat den Muth, diese Schranken zu durchbrechen, und so qult
ihr einander wechselseitig. Aber das ist Menschenloos, und ihr tragt die Schuld
eures Geschlechts. Es soll nicht glcklich seyn, das steingeborne Wesen, es soll
sein Leben in Kmpfen, Leiden und Entbehren zubringen, und wenn einst das
Geschick, mde seine Launen an ihm zu versuchen, von ihm ablat, dann nimmt es
der Tod zur letzten Ruhe in seine kalten Arme, und auf dem Scheiterhaufen
verlodert endlich das Herz, das hier stets vergebens glhte. So wird es auch dir
ergehen, wenn einst ein glcklicher Zufall dich ganz mit deinem Freund
vereinigen sollte. Hoffe nichts Besseres, du bist ein Kind der harten Erde! Die
schwarze Gestalt, die schluchzend aus dem Zimmer strzte, ist euer bser Genius.
Als ich die Stelle las, berlief mich ein unwillkhrliches Grauen. Das ist das
Gekrchz der Raben, rief eine Stimme in mir. Ich kann nur wnschen, da die
Vorbedeutung trgen mge!
    Ueberhaupt ist dein Schritt sehr gewagt, und ich bin weder mit deiner
Khnheit, noch mit Agathokles Betragen zufrieden. So mu der Mann, um
dessentwillen ein schnes, gesuchtes, edles Mdchen so weit geht, nicht mit ihr
sprechen! Er soll sein Glck fhlen, er soll davon hingerissen seyn - aber diese
stolzen Mnnerseelen erkalten schnell, sobald sie fhlen, da ihr Unglck, ihre
Vorzge oder sonst ein Zufall unser Herz fr sie erwrmt hat. - O Calpurnia!
Denke der Warnungen, die ich dir noch in Rom schrieb; denke der Fabel des
Tantalus: Wir sind zum Leiden geboren!
    Mein Kopf ist mde, meine Kraft erschpft. Leb' wohl. Sobald ich kann,
schreibe ich dir wieder, denn ich finde deine Briefe nicht geeignet, sie von
irgend jemand Anderm lesen und beantworten zu lassen, und ich habe dir noch viel
zu sagen.

                                    Funoten


1 Phdon, ein Gesprch des Photo ber die Unsterblichkeit der Seele - genug
bekannt durch die Uebersetzung und Erluterung des verewigten Mendelssohn.


                  76. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus.

                                                        Nikomedien, im Mrz 303.

Du siehst aus der Aufschrift, da ich in Nikomedien bin. Galerius hat einsehen
gelernt, da man in der jetzigen Epoche nicht genug thtige Menschen um sich
haben kann, da besonders ein unwissender Krieger, wie er, berall des
verstndigen Weltmannes bedrfe. So bin ich nun wieder fr ihn geschftig. Alles
geht gut - und fr's erste drften wohl Constantins hochfliegende Gedanken etwas
gemigt werden. Diocletian, der sich seiner aus Politik gegen den bermchtigen
Galerius bisher annahm, wird durch Krnklichkeit und seines Mitregenten
Bestrebungen endlich dahin kommen, den Gedanken einer freiwilligen Abdankung als
sehr natrlich und rthlich, vielleicht sogar als den einzigen Weg anzusehen,
der ihm aus einem Labyrinth brig bleibt, in welches ihn Galerius sehr
zweckmige Maregeln eingeschlossen haben. Der occidentalische Augustus mu
seinem Beispiel folgen, und die Welt wird die erhabene Komdie mit Lachen oder
Grauen anstaunen. Nach Maximians Entsagung tritt Constantins in seine Wrde -
ein wenig furchtbarer Gegner fr einen Galerius. Seine schwchliche Gesundheit
wird ihn an jedem khnen Entschlu hindern, und sollte er zu lange leben, so
wei Galerius auch fr solche Hindernisse Rath. Dem Golde und der Macht ist kein
Weg unzugnglich. Dann brigt nur Constantin, und - wie unternehmend und
ehrschtig er auch seyn mag, der Kampf mit dem alleinigen Herrn der gebildeten
Welt wird zu ungleich seyn, als da er nicht erliegen mte. Doch bis sich dies
Alles entscheidet, kann mancher Zufall tckisch dazwischen treten. Ein Jahr,
vielleicht noch lnger, kann darber hingehen; denn Diocletian, der Rom noch
nicht als Kaiser gesehen hat, will seinen Triumph noch vorher dort feiern - und
bereilt darf nichts werden.
    Du siehst, da mir das Glck zu lcheln anfngt, und es bleibt sich im
Kleinen wie im Groen treu. Die andchtige Larissa war mir, wie du weit,
entflohen, gerade in einem Zeitpunkte, wo ich sie als Christin und Hausgenossin
- vielleicht als Mitverschworne des verdchtigen Lysias in meine richterliche
Gewalt zu bekommen, und natrlicher Weise nur um einen hohen Preis zu entlassen
dachte. Wie leicht wre es gewesen, ein unbekanntes Geschpf wie sie, in den
Augen der Welt, und zuletzt in ihren eigenen, als schuldig erscheinen zu machen!
Aber, wie gesagt, sie war entflohen, und keine Spur von dem Wege zu finden, den
sie genommen hatte.
    Endlich erfuhr ich, da der alte Priester, mit dem sie nach Nica gekommen
war, sich hier aufhalte, und da ihn auf der Reise ein junges Frauenzimmer
begleitet habe. Es ward mir je mehr und mehr unzweifelhaft, da es Theophania
war, da sie in Nikomedien sey; aber alle Nachforschungen konnten nichts
entdecken, wo und in welchen Verhltnissen sie hier lebe. Indessen kam der
unruhige Tag, wo die christlichen Kirchen zerstrt wurden. Agathokles, der sich
schon einige Zeit vorher als ein Mitglied dieser Secte bekannt und geweigert
hatte, sich gegen sie gebrauchen zu lassen, trat auch jetzt als ihr Vertheidiger
auf, und ward ein Opfer seiner Tollheit, und seine andchtigen Mitbrder
brachten ihn in ein Haus vor der Stadt, in welchem einige alte christliche
Weiber in frommem Miggang beisammen leben. Bei dieser Gelegenheit zhlte ich
nun sicher daraus, die verborgene Theophania zu entdecken, die, wenn auch sonst
nichts in der Welt, doch wenigstens die Gefahr ihres Freundes bewegen wrde,
ihren Schlupfwinkel zu verlassen. Ich hielt mich daher viel in der Gegend dieses
Hauses auf, und sieh da, am Abend des folgenden Tages, als es schon ganz dunkel
geworden war, sah ich eine schlanke Knabengestalt, sorglich in Mantel und Kappe
verhllt, mit einem etwas ngstlich trippelnden Schritt, von einem alten Mann
begleitet, aus dem Hause treten. Die ganze Haltung des vermeinten Knaben, eine
zarte weibliche Stimme, die dem Begleiter etwas leise zuflsterte, Alles erregte
Verdacht in mir, und die Muthmaung, da es Theophania sey, die in dieser
Verkleidung den geliebten Freund besuchte, ward mir beinahe zur Gewiheit. Ich
folgte ihr auf dem Fue nach, aber unter dem Stadtthor verlor ich sie unter
einem groen Haufen von Menschen, der sich hin und her drngte, und mich lange
Zeit von ihr entfernt hielt. Als ich aus dem Gewhle war, sah ich keine Spur
mehr von ihr, es war Nacht geworden, und ihr Entkommen eben so begreiflich, als
rgerlich fr mich.
    Ich war nun noch begieriger geworden, etwas Bestimmtes zu erfahren. Am
nchsten Tage Abends stellte ich mich wieder auf die Lauer, und richtig kam mein
verkleidetes Brschchen desselben Weges. Ich vernahm wieder die weibliche
Stimme, obwohl ich nicht verstehen konnte, was sie sagte, und ging ihr voll
Neugierde nach.
    Innerhalb des Thores she ich sie durch einige kleine Straen bis in ein
unscheinbares Haus gehen, ich ziehe mich zurck, um nicht gesehen zu werden, und
wie ich vermuthen kann, da sie in dem Zimmer ist, erkundige ich mich um die
Bewohner. Das Haus gehrt einem kleinen Kaufmann, der ein Christ ist, und bei
dem sich seit der Zerstrung der Kirchen einige dieser Fanatiker versammeln, um
ihre Ceremonien und Opfer zu halten. Ich wartete eine Weile vor dem Thore, es
kamen nach und nach Menschen von allerlei Alter und Stand, die alle
geheimnivoll eingelassen wurden, und ich schlo daraus, da eben jetzt eine
solche Versammlung gehalten wrde, bei welcher die andchtige Theophania zu
erscheinen nicht versumen konnte. Alles schien sich natrlich und hchst
wahrscheinlich an einander zu reihen, und ich beschftigte mich in meinem
Hinterhalte bereits mit Entwerfung verschiedener Plane, wie ich die
gesetzwidrige Versammlung auseinander stuben, und Theophanien zugleich in meine
Gewalt bekommen knnte. Unterdessen war es spt geworden, es kam Niemand mehr,
ich hrte das Thor von innen verschlieen, und da ich nicht so lange warten
wollte, bis die andchtige Gemeinde auseinander gehen wrde, verlie ich meinen
Posten mit einem sen Gefhl naher Rache, und mit einem Kopf voll Anschlge und
Plane. Meine Ungeduld lie mich kaum den folgenden Abend erwarten. Ich war
entschlossen, Theophanien geradezu anzureden, und mich ihrer ersten Bestrzung
zu bedienen, um zu erfahren, was ich vermuthete. Nicht weit vom Hause begegnete
sie mir, von zwei Sclaven begleitet, vermuthlich weil sie bemerkt hatte, da man
ihr auflauerte. Sie ging sehr schnell. Ich betrachtete ihre Gestalt aufmerksam,
und je mehr ich sie betrachtete, je mehr berzeugte ich mich, da dieser
vermeinte Jngling ein verkleidetes Weib sey. Da sie etwas kleiner als
Theophania schien, irrte mich nicht, denn ich ma es der mnnlichen Kleidung
bei, und so trat ich bei einem Gebsche, weit von den Husern, wo es ganz einsam
war, pltzlich auf sie zu, fate sie bei der Hand, und redete sie als Larissa
an; denn ich glaubte meiner Sache ganz gewi zu seyn. Ich wei nicht mehr, was
ich gesagt habe, aber bei dem Namen Larissa fuhr mein schner Knabe pltzlich
empor, verga seine Verkleidung, sah mir starr in's Gesicht, und - stelle dir
meine Verwunderung, mein Erstaunen vor - es war die reizende Calpurnia!
    Sie schien eben so betroffen ber meinen Anblick und ihre Entdeckung, als
ich. Sie wollte stolz und verchtlich thun, aber es gelang ihr nicht gegen einen
Mann, der sie in dieser Kleidung, und auf diesem Wege getroffen hatte. Sie
fhlte die Ble, die sie mir gegeben hatte, und wurde artiger. Da Larissa
lebte, und hier in Nikomedien, und wahrscheinlich in der Nhe ihres
Jugendfreundes wre, war ihr sehr unerwartet. Es erschreckte sie, das sah ich
deutlich, und ich bentzte diesen Schrecken. Ich erzhlte ihr Manches, das
wenigstens so htte seyn knnen - von Agathokles Treue zu Larissen, von manchem
Schritt, den er gethan haben knnte, und - vielleicht auch gethan hat. Sie wurde
zusehens stiller, nachdenklicher. An ihrem Hause beurlaubte ich mich von ihr,
und erhielt mit vieler Artigkeit die Erlaubni, unsere langst abgebrochene
Bekanntschaft wieder zu erneuern, und sie zu besuchen. Was wollte sie auch
Anders? Sie ist in meiner Macht, ich wei ein Geheimni von ihr, das sie nicht
gern laut werden lassen wird, sie mu mich scheuen. So knpfen sich leise Fden
an, und wir wollen sehen, wohin sie fhren.
    Zwei Tage spter erfuhr ich denn auch, da meine Vermuthungen nicht ganz
ungegrndet gewesen waren, und Theophania in dem Wittwenhause lebte, wohin man
Agathokles nach seiner Verwundung gebracht hatte. Natrlich hatten sie sich
erkannt, und alle alten Verhltnisse waren wieder hergestellt. Ich htte nicht
geglaubt, da die Besttigung einer Sache, die ich als lngst geschehen oder
wenigstens als nchstens geschehend, betrachten mute, mich so tief reizen
knnte. Ich wurde rgerlich, ich fhlte, da Theophania, vielleicht ihrer
Sonderbarkeit wegen, mir mehr war, als die schne Calpurnia, und ich entwarf
meinen Plan. Er darf sie nicht besitzen - dies zu verhindern soll meine Sorge
seyn.
    Indessen auch Calpurnia ist schn, ihr Vater Proconsul, und von mchtigem
Einflu, und ich werde vorsichtig genug seyn, um ber Theophaniens ungewissen
Besitz ein so nahes reizendes Glck nicht zu verscherzen. Ich denke immer, es
sollen sich Beide vereinigen lassen. Nchstens hrst du mehr und bedeutenderes
von mir. Leb' wohl!

                          77. Calpurnia an Sulpicien.


                                                        Nikomedien, im Mrz 303.

Hat ein Gott dir mein Geschick geoffenbaret? Ist dir, als du nahe an der Pforte
der Unterwelt warst, die Gabe der Weissagung verliehen worden? Ja, meine
Hoffnungen sind zernichtet, und die schwarze Gestalt ist mein bser Dmon - sie
ist - das Aergste, was fr mich auf Erden lebte!
    Dein Brief hat mich sehr traurig gemacht. - So waren auch meine trben
Ahnungen ber dein Schicksal wahr! Du standest am Rande des Grabes, und ich bin
getrennt von dir, und viele Tage vergehen, bis ich Nachricht von dir erhalten
kann! Lngst kann ein unglcklicher Zufall die gnstige Kunde Lgen gestraft
haben, die ich vielleicht in diesem Augenblicke mit Freuden lese, und indem ich
mit Vergngen an deine Besserung glaube, hat ein neuer Anfall dich in Gefahr
gesetzt.
    Du sprichst von meinem Verhltni zu Agathokles mit dsterm, aber nur allzu
wahrem Tone. Ja, es ist entschieden - fr immer, und unwiderruflich! Wenn ich
hier noch zweifeln oder hoffen knnte, wrde ich dem Wahnsinnigen gleichen, der
sich einbilden knnte, das Schiff, das er in diesem Augenblick vom Sturm an den
Felsen zertrmmern sah, werde in wenig Tagen wohlbehalten mit gnstigem Winde in
dem Hafen einlaufen. Jetzt erst, Sulpicia - jetzt, wo Alles klar und entschieden
ist, fhle ich, da der Eindruck tiefer war, als ich glaubte!
    Larissa ist gefunden, sie und Theophania sind eine Person. Nun ist mir ihr
ganzes Betragen in Synthium, seine Bewegung, als er ihre Briefe sah, seine
Nachforschungen nach der rthselhaften! Fremden begreiflich, in der sein
ahnendes Herz die frhe Geliebte errieth. Sie lebt jetzt mit ihm in einem Hause,
sie pflegt seine Wunden, sie ist den ganzen Tag um ihn, er wird sich
unauflslich mit ihr verbinden, er wird sein ganzes Glck in ihren Armen finden,
und die brige Welt wird aus seinen Blicken verschwinden.
    Beim Jupiter! Eine seltsame Geschichte! Und warum mu die Laune des
Schicksals mich, gerade mich in das wunderbare Geschick dieser schwrmerischen
Menschen verwickeln? Warum mute ich ihn kennen lernen? Ich war so glcklich vor
diesem Zeitpunkt. Habe ich ihn nach Rom beschieden, ihn angezogen, da ich nun
so bitter gestraft worden?
    Du wirst dich erinnern, da ich mich belauert glaubte, aus Vorsicht nahm ich
das nchste Mal Phdo und seinen Sohn mit mir. Ich fand Agathokles wirklich
gebessert, seine Stimme war strker, sein Blick heiterer, aber mit der Kraft des
Krpers schien auch die ganze Strenge seiner Gesinnungen wiederzukehren. Er
hatte des Gesprches vom vorigen Abend nicht vergessen, er fing davon an, er
drang mit hohem Ernst in mich, dem Hchsten und Heiligsten, wie er die
Vorstellungen von unserer Bestimmung, der Zukunft, dem Schicksale nennt, meine
ganze Aufmerksamkeit zu widmen. Die Harte in seinen Aeuerungen berhaupt, sein
Tadel meines Leichtsinnes, wie er es nannte, htte mich aufbringen knnen. Aber
die schne Warme, der innige Antheil an meinem Wohl, der wie ein milder
Sonnenstrahl aus dieser Strenge hervorbrach, sein Blick, der bald strafend, bald
freundlich auf mir ruhte, bewegte mich wunderbar. Es erhob sich ein unruhiger
Kampf in mir, ich wute nicht, ob ich ihm zrnen, ob ich von seiner Freundschaft
gerhrt werden sollte. Das allein fhlte ich dunkel, was dein Brief so deutlich
ausspricht - so htte ich nicht von ihm empfangen werden, diese Gesprche htten
in unserer Lage nicht gefhrt werden sollen, wenn Alles gewesen wre, wie es
sollte! Der letzte Grund aller meiner Empfindungen war Schaam und gekrnkter
Stolz, dem es an schicklichem Anla zum Ausbruch mangelte. Er deutete das
Unentschiedene meines Benehmens falsch, er glaubte, mein Verstand schwanke
zwischen meinen und seinen Vorstellungen, indessen Stolz und Zuneigung in meinem
Herzen stritten. Er zog mich nher an sich, er beschwor mich um meiner selbst
willen, um des Antheils willen, den er, so lange er mich kannte, an meinem
wahren Glcke genommen habe, meine Ansichten zu berichtigen, und ernsthaft ber
so wichtige Gegenstnde nachzudenken. Ich wurde gerhrt, ich drckte seine Hand
- ich wei nicht, Sulpicia, wozu der Mann mich in diesem Augenblicke htte
bereden knnen! Es war ein seltsames Verhltni von mir zu ihm. Nicht Er - wie
ich es sonst gewohnt war zu sehen - Ich war der untergeordnete, der
zurechtgewiesene, der nachgebende Theil, und eine Stimme in der innersten Tiefe
meines Herzens erhob sich immer lauter und lauter, um mir zuzurufen, da ich
noch nie so glcklich gewesen war, als in diesem Augenblicke. Was war das,
Sulpicia? Welche wunderbare, welche unerhrte Erscheinung! Ich setzte mich neben
ihn, meine Hand ruhte in der seinigen, sein glhendes Auge, die seine Rthe, die
beim lebhaften Gesprche sein blasses Gesicht berflog, sein rundlchelnder
Mund, unser ganzes Verhltni - ach, Alles war so anziehend, so gefhrlich! Zur
guten Stunde rettete mich Urania! Man meldete den Prinzen. Ich warf Mantel und
Kappe ber. Du kommst doch Morgen wieder? rief er mit einem Tone, der mehr als
freundlich war. Gewi, gewi, mein theurer Freund! Ich drckte seine Hand, und
entfloh schnell neben Constantin vorbei, der bereits durch den Porticus herauf
kam.
    Kaum war ich, verloren in tausend se Vorstellungen, ein Paar hundert
Schritte gegangen, als die verhllte Gestalt, die mir schon zweimal gefolgt war,
schnell auf mich zutrat, mich bei der Hand fate, und mit einer bekannten Stimme
sagte: So trifft man die sprde Larissa, in dieser Kleidung, und um diese Zeit?
- Der Name wirkte in diesem Augenblicke schrecklich auf mich - ich verga, da
ich verborgen bleiben wollte. - Larissa! rief ich, fuhr empor, und sah den
Fremden erstaunt an. Er warf in eben dem Augenblicke seine Kappe ab - und so
gerechte Gtter! Marcius Alpinus stand vor mir, der Mensch, von dem ich unter
allen Sterblichen am letzten und unliebsten entdeckt werden wollte! Auch er
schien betroffen, mich zu erblicken, es war deutlich, da er Jemand andern zu
sehen gehofft hatte! Also Larissen. Also lebte sie - also war sie in der Nhe!
Ich fhlte, da mir eine Ohnmacht nahe war. Marcius Betroffenheit gab mir Zeit,
mich zu sammeln. Ob er die wahre Ursache meiner Verkleidung errieth, wei ich
nicht, aber ich habe Grund es zu glauben, obwohl der schlaue Hfling sein genug
war, mir eine vollendete Beschmung zu ersparen. O er war sich nur zu gut
bewut, da er die Faden des Gewebes, das ihm ein unseliger Zufall in die Hand
spielte, dadurch nur fester um mich zog! Er bot mir seine Begleitung an - wie
konnte ich sie ausschlagen? Es lag mir auch zuviel daran, durch ihn etwas
Bestimmteres von dieser Larissa zu erfahren. Er hatte sie in Nica, unter dem
Namen Theophania kennen gelernt, und ich mte mich sehr irren, wenn sie nicht
einigen Eindruck auf ihn gemacht hat. Wie sie den Hnden der Gothen und dem Tode
entgangen ist, wute er nicht zu sagen, oder wollte es nicht. Genug sie lebte,
und trieb mit seiner Kunst ihr Spiel so lange und so geschickt, bis sie endlich,
ohne sich blos zu geben, in Agathokles Nhe, und zu der Mglichkeit gekommen
war, ihre alten Ansprche geltend zu machen. Er hat ihr in Nica nachforschen
lassen - sie spielte die Sprde, entfloh ihm, um ihn mehr zu reizen - und lie
sich endlich hier von ihm finden. Die Heuchlerin!
    Ich schlief die Nacht wenig. Entgegengesetzte, qulende Empfindungen
durchkreuzten mein Innerstes. Ich beschlo, meinem Vater die ganze Sache zu
entdecken. Er nahm sie so auf, wie ich besorgt hatte - nicht hart, aber streng.
Was mich am tiefsten verwundete, war die Wahrnehmung, da nicht meine Neigung
fr Agathokles, nur mein gewagter Schritt seinen Tadel erregte. Eine unverhehlte
Achtung, eine vterliche Zuneigung sprach sich unwillkhrlich in seinen
Aeuerungen aus, und ich fhlte mit tiefem Schmerz, da ihm dieser Schwiegersohn
vor allen Andern lieb gewesen wre.
    Spt am Abend dieses Tages - du kannst denken, da ich nicht mehr zu
Agathokles ging - lie sich Constantin melden. Sein Besuch ist eine solche
Seltenheit in unserm Hause, da mich unter den jetzigen Umstnden eine schaurige
Ahnung bser Neuigkeiten berlief. Sie hatte mich nicht getuscht. Nach einer
artigen Einladung kam er auf die Ursache seines Besuches. Die Gastfreundschaft,
die so lange zwischen unserm und Agathokles Hause bestanden habe, lasse ihn
vermuthen, da wir Alle - merke wohl, Sulpicia, er war zartfhlend genug, um
mich nicht allein zu nennen - wahren Antheil an dem Schicksal unsers Freundes
nehmen wrden, und er habe uns eine sehr gnstige Wendung desselben zu
berichten. Agathokles habe seine Larissa wieder gefunden, sie sey durch
wunderbare Ereignisse, die er uns ganz vollstndig erzhlte, dem Tode und der
Gefangenschaft entgangen, habe sich vor den Nachstellungen eines bsen Menschen
hieher in das Wittwenhaus geflchtet, ihrer Sorgfalt sey Agathokles, der keine
Ahnung von ihrer Gegenwart, und kaum eine von ihrem Leben hatte, bergeben
worden, sie habe drei Tage noch unerkannt mit ihm in demselben Hause zugebracht,
und erst heute sich ihm entdeckt.
    Wer hatte nun die Unwahrheit erzhlt, Marcius oder Constantin? Und war nicht
vielleicht Marcius selbst der Bsewicht, dessen Nachstellungen sie entgehen
wollte? Zu gut ist er nicht fr diesen Verdacht. Wie dem immer seyn mag - genug,
sie lebt, er hat sie wieder. Das Ende der Geschichte lt sich an den Fingern
abzhlen. Einer der interessantesten Menschen seiner Zeit wird sich in dem
alltglichen Ehemann eines alltglichen unbedeutenden Geschpfes verlieren!
    Ich hasse diese Theophania, oder Larissa, die wohl so viel Auenheiten als
Namen haben mag. Ich halte sie fr eine Heuchlerin. Was soll diese Komdie der
Verborgenheit? Wenn sie wahrhaft liebte - wie war es ihr mglich, sich ihm zu
entziehen? Aber sie will verwirren, reizen, anziehen, und da sie wohl fhlt, da
ihre hchst mittelmige Gestalt keinen bedeutenden Eindruck machen wird, nimmt
sie ihre Zuflucht zu Knsten. Man mu sich in dichte Schleier hllen, etwas
Sonderbares, Geheimnivolles um sich ziehen, man mu die Rolle der
selbstverlugnenden, verkannten Zrtlichkeit spielen, bescheiden entfliehen,
wenn die gefrchtete Nebenbuhlerin eintritt, aber durch ein wohlangebrachtes
Schluchzen die Aufmerksamkeit auf die Entfliehende heften - man mu lange auf
sich warten lassen, um dem Wenigen, was man zu geben hat, mehr Werth zu
verleihen! O ich kenne diese Rnke, diese Miene der duldenden Sanftmuth - sie
verbirgt meist ein listiges tckisches Gemth, das jene Zwecke heimlich zu
erschleichen strebt, die es offenbar nie erreichen wrde; ich kenne die
verfeinerte Buhlerei dieser Geschpfe, die bei der Ohnmacht der Natur ihre
Zuflucht zur Kunst nehmen! Ich habe sie von jeher gehat, und diese Theophania
am meisten! Sie war mir widerlich, als ich sie zuerst in Synthium sah. Ich bin
offen, froh und heiter, wie mich die Natur gebildet hat; ich liebe und hasse,
wie es mein Herz befiehlt, und verlange nicht eine Neigung zu verbergen, deren
ich mich nicht zu schmen habe. Ich bin zu Agathokles geeilt, als ich ihn in
Gefahr glaubte, ich habe ihm meine Freundschaft unverholen gezeigt, in allem
meinem Werth oder Unwerth stand ich vor ihm, von seinem Herzen allein erwartete
ich meine Wrdigung, nicht von Schauspielknsten, die ich verachte und
verschmhe. Aber das wollen die Mnner nicht - sie wollen getuscht, gereizt,
hingehalten seyn, und darum, wenn so ein von der Natur vernachlssigtes Geschpf
einmal sich die Herrschaft ber ein Mnnerherz zu erobern gewut hat, dann ist
ihre Macht auch unzerstrbar, denn weder Zeit noch Alter, noch Krankheit kann
den Zauber enden, der nicht auf den Einflu der Sinne gesttzt, der blos in der
Einbildungskraft und dem Gemthe gegrndet ist.
    Das ist also das Ende aller jener Aussichten, Hoffnungen - Erwartungen!
Sulpicia! Wer mir das gesagt htte, als ich ihm bei dem kleinen Feste den Kranz
aufsetzte, als er errthend, gerhrt, betroffen, und in dieser Verlegenheit so
liebenswrdig vor mir stand! - O es ist zu arg, zu arg!

                           78. Agathokles an Phocion.


                                                        Nikomedien, im Mrz 303.

Constantins Brief, den ich in meinem Namen an dich zu schreiben bat, wird dich
von Allem unterrichtet haben, was seit einigen Wochen mit mir vorgegangen ist.
Jetzt ist meine Wunde am Arm, die unbetrchtlichste von allen, ganz geheilt, und
der erste Gebrauch, den ich von dieser Genesung mache, ist, dir zu sagen, da
ein wunderbares Verhngni mich pltzlich an das Ziel gefhrt hat, das beinahe,
seit ich lebe, der Gegenstand meiner heiesten Wnsche, meines Entzckens, und
oft meiner Verzweiflung war. Larissa ist mein. Sie lebt, sie ist frei, und in
wenig Tagen wird eine heilige Ceremonie die Gefhle weihen und rechtfertigen,
die unsere Herzen seit unserer Kindheit zu Einem Wesen gemacht haben! Wie sie
dem Tod und der Gefangenschaft entgangen ist, warum ihr feines Gefhl sie bewog,
sich durch sechs Monate meiner heien Sehnsucht zu entziehen, wird dich die
Abschrift ihrer Erzhlung belehren, die ich hier beischliee. O Phocion! Welch
ein Gemth! Welche himmlische Sanftmuth im Handeln, welche stille Kraft im
Dulden der schwersten Schicksale! Nun ist sie mein, und nun sey es meine
heiligste Pflicht, dies zarte Leben, das mir, seit ich denken kann, geweiht war,
zu leiten, zu verschnern, und vor jedem Ungemach treu zu bewahren.
    Es wre vergeblich, wenn ich dir meine Gefhle schildern wollte, als
Constantin, dem sie sich entdeckt hatte, mir die erste Ahnung ihres Daseyns gab,
als er mich nach und nach errathen lie, da sie Wittwe, da sie mir
unverbrchlich treu, in meiner Nhe, unter Einem Dache mit mir sey. Die Schwache
meines damaligen Zustandes, und dies lngst aufgegebene Entzcken beraubten mich
des Bewutseyns. Mit heiem Ungestme verlangte ich sie zu sehen, sobald ich
meiner Sinne mchtig war. Man wollte das nicht, man frchtete, eine solche Scene
wrde nachtheilig auf meine Gesundheit wirken.
    O der schwachen Furcht! wie knnte die Vereinigung der zwei Hlften eines
Wesens, die getrennt ohnmchtig traurend dahin schmachteten, etwas Anderes als
ihr hchstes Glck seyn! Sie kam. Errthend, zitternd, weinend blieb sie von
ferne stehen. Ach, sie hatte es vermocht, an meiner Treue zu zweifeln! Sie hatte
es vermocht, vier Tage mit mir in Einem Hause zu seyn und sich zu verbergen! Ich
rief sie. Mit dem Tone erwachte das Vergangenheit in ihrer Seele. Alles, was
Miverstndni und Bosheit zwischen uns gelegt hatte, verschwand. Sie sank an
mein Herz, unsere Blicke sprachen, jeder Zweifel entwich. Rein, wie entkrperte
Geister ungehindert von irdischen Beschrnkungen, senkte mit einem Blick sich
Seele in Seele, verstanden sich die unsterblichen Bewohner unserer Hllen -
bedurfte es keiner Worte, um sich anschauend zu erkennen, und im eigenen Gemthe
Alles zu finden und zu fhlen, was in dem andern vorging! Sie ist mein - im
hchsten ausschlieendsten Sinne des Worts mein - mein Geschpf, wie sie sich
selbst nannte!
    Als ich das erste Mal mein Zimmer verlassen durfte, leitete sie meine
Schritte. Sie hatte ein Fest veranstaltet, wie nur die innigste Liebe es
ersinnen kann. Mit allen Blumen, die der Frhling jetzt in's Leben ruft, war das
freundlich helle Gemach geschmckt, in das sie mich fhrte. Ihre zarten
Gestalten, ihre Dfte umfingen mich ebenfalls in's Leben Zurckgekehrten - und
in welches Leben der Seligkeit! Laue Lfte, milde Strahlen der Frhlingssonne
drangen aus dem Garten durch die offene Thre in das duftende Zimmer. Hier hatte
sie mir ein Ruhebett bereiten lassen - hier athmete ich an ihrer Brust zum
ersten Mal die freie Luft, traf mich zum ersten Mal der Strahl der
Frhlingssonne.
    Sie hngt an mir mit allen Krften ihres Wesens, mit allen ihren Gefhlen
und Gedanken. Ich wei, da es nur eines Wortes, einer leisen Anregung bedrfte,
um sie zu jedem Opfer zu vermgen; aber eben in dem Bewutseyn dieser
unumschrnkten Gewalt ber ihr Gemth liegt fr mich die heiligste
Verbindlichkeit, ihrer nie zu mibrauchen, und jeden Schein von Uebergewicht zu
vermeiden. Diese heilige Scheu von einer Seite, und die innigste Hingebung von
der andern erzeugt ein Verhltni, dessen Reinheit und zartes Leben unserer
Verbindung einen Reiz gibt, den Witz, Schnheit und Leidenschaft vergeblich
nachzuahmen streben wrden. Was ist aller Zauber uerlicher Reize, was die
Lebhaftigkeit eines leichtbeweglichen Sinnes, und die Abwechslung, die nur von
Absicht oder Laune zeugt, gegen die unwiderstehliche Gewalt der Sanftmuth, und
des innigsten Zutrauens? Und sie ist auch schn, - sie ist es nicht blos in
meinen Augen! Mir zu Liebe putzt sie sich wieder. Ich uerte neulich den
flchtigen Wunsch, sie einmal anders, als in dem gar zu schlichten Anzuge der
Bewohnerin dieses Hauses zu sehen. Am andern Morgen trat sie zwar einfach, aber
hchst edel gekleidet in den Garten, wo ich ihrer Ankunft lnger als gewhnlich
geharrt hatte. Ein goldner Grtel fate das blendendweie Gewand unter dem
keusch verhllten Busen, goldne Spangen umzirkelten die schnen Arme, und ber
den hellbraunen Locken flo ein nebelartiger Schleier bis zu ihren Fen nieder,
und folgte ihr bei jedem Schritte in langsamen Bewegungen, Freude und Liebe
hatten ein feines Rth ber ihre Wangen gehaucht, das groe dunkle Auge strahlte
Seligkeit und Ruhe. So stand sie vor mir, und erweckte zartes Verlangen, und
stille Hoffnung, aber keine Begierde.
    Mein Vater ist noch nicht vershnt, er hat den Fluch noch nicht von meinem
Haupte genommen, und Theophaniens reine Seele zittert vor einer Verbindung, die
unter solchen Vorbedeutungen geschlossen werden soll. Es ist mir heilige
Pflicht, sie zu beruhigen, und so will ich zu meinem Vater gehen, und wenn noch
ein Funken vterlicher Liebe in seiner Brust lebt, ich will ihn finden, und
wieder erwecken. Was ich vielleicht um meiner selbst willen nicht thun wrde,
mu um Theophaniens willen geschehen. Ich habe geschaudert, als mein Vater
seinen Zorn so frchterlich aussprach, aber mein Herz gab mir das Zeugni, da
ich ihn nicht verdiente, da es eine hhere Pflicht gbe, als selbst die
kindliche, die, der einmal gefaten Ueberzeugung von Recht und Wahrheit treu zu
bleiben.
    Dann bleibt noch ein seltsames Verhltni zu lsen brig - das von Calpurnia
zu mir. Am ersten Tage, nach jener Nacht, wo ich verwundet in das Haus der
gtigen Pflegerinnen gebracht wurde trat sie unvermuthet in Knabenkleidern, ich
kann wohl sagen, zu meinem Schrecken in's Zimmer. Im ersten Augenblicke
frchtete ich, zu groe Gte gegen mich, Mitleid, Ueberraschung, habe sie
hingerissen, diesen gewagten Schritt zu thun. Ihr leichter Ton, ihr munteres
Betragen zeigte mir bald, da nur eine unverzeihliche Eitelkeit von meiner Seite
diesen Gedanken htte festhalten knnen. Liebe - solche Liebe, die ein Wagni
dieser Art rechtfertigen knnte, wohnt nicht in dieser luftigen Brust, in der
jede Laune, jeder augenblickliche Eindruck offenen Eingang und willige Aufnahme
finden! Calpurnia liebt nur sich selbst, und Andere nur, in so weit sie ihr
angenehme Empfindungen, Zerstreuung u.s.w. gewhren. Kein ernsterer Gedanke,
keine bessere Ansicht vermag etwas ber ihr leicht flatterndes Wesen. So habe
ich sie hundertmal, so jetzt wieder erkannt, und alle Macht ihrer Reize gleitet
von meinem Herzen ab. In jenen Augenblicken des rhrenden Wiedersehens, wie
htte ein liebendes Weib sich betragen! Sie that den ungeheuern Schritt, um
etwas Seltsames zu thun. Die einzige Triebfeder, die ihn entschuldigen konnte,
fehlte, so bleibt er nichts als eine Wirkung der Laune und Absicht. Ihr
Leichtsinn ist unbegreiflich, es gibt durchaus nichts, das ihren flatternden
Geist festhalten knnte. Constantin hat auf mein Bitten mit ihr gesprochen, und
ihr erzhlt, da ich meine Theophania wieder gefunden habe; seitdem habe ich sie
nicht mehr gesehen, und erwarte jetzt nicht ohne unangenehmes Gefhl die
Entscheidung dieses Verhltnisses.
    Meine Hand ist mde, ich habe zwei Tage an diesem Briefe zugebracht, denn
ich kann weder oft noch anhaltend den Griffel fhren. So bald ich, mehr
schreiben darf, sollst du wieder von deinem glcklichen Freunde hren.

                           79. Agathokles an Phocion.


                                                       Nikomedien, im April 303.

Seit acht Tagen bin ich mit meiner Theophania vermhlt. Der hchste Wunsch, der
meine Brust bewegte, ist erfllt, und wenn Sterbliche sagen knnen, da sie
glcklich sind, so knnen wir es, wenigstens sind wir es ganz in uns. Kein
leises Verlangen, keine Ahnung nach hherer Seligkeit lt irgend eine Saite
unserer Herzen leer und unberhrt. Alle beben in vollen Schwingungen, alle
vereinigen sich zur reinsten Harmonie, und unser Leben knnte ein Bild jenes
goldenen Zeitalters werden, an dessen Daseyn der Mensch, von den Greueln der
Wirklichkeit ermdet, und voll Sehnsucht nach einem vollkommenern Zustand, so
gern glaubt.
    Aber dazu ist der Pilger dieser Erde nicht bestimmt, und damit er nie sich
bernehme, fehlt es auch in seinen glcklichsten Lagen nicht an dunkeln
Schatten, die den allzuhellen Glanz migen. Unser Loos ist Arbeit und Kampf mit
uns, mit der Welt, damit es uns und den Brdern besser werde. Wohl dem, der das
erste bestanden, der Friede mit sich selbst hat, und in seinen Wnschen,
Ansichten und Grundstzen ein beschlossenes Ganzes findet! Ich hoffe, wenigstens
zum Theil diese Stufe erreicht zu haben. Es ist stille in mir. Larissens Besitz
war eine wesentliche Bedingung dieses Friedens, ohne sie war mein Daseyn halb
und unvollendet. Sie allein versteht mich ganz, ihr kindlicher Sinn fat, was
der Verstand sonst wrdiger Mnner, in Weltansichten verstrickt, nicht immer zu
begreifen fhig ist. Auch Constantin, der nchst dir mein Innerstes am tiefsten
erkannte, und in den wichtigsten Dingen mit mir gleich denkt, empfindet nicht
gleich mit mir.
    Du weit, da ich gesonnen war, Alles anzuwenden, um meinen Vater zu
vershnen. Es ist keiner der unbedeutendsten Vorzge des Christenthums, da es
unter seinen gttlichen Gesetzen eines ausspricht, das sonst nie eine Religion
gab, ein Gebot, das, wenn wir die menschliche Natur und den Gang der
Empfindungen betrachten, hchst weise und ntzlich ist; auch ist es das Einzige,
das Verheiung hat. Ehre Vater und Mutter, auf da es dir wohlgehe, und du lange
lebest auf Erden. So spricht das Gesetz, das Gott auf Sinai unter den Schrecken
des Gewitters und seiner Herrlichkeit dem sinnlichen Volke der Wste verkndigen
lie. Vter- und Mutterliebe hat die Natur in unsere Herzen gepflanzt, sie
braucht kein Gesetz einzuschrfen. Aber der erwachsene Zweig sondert sich vom
Mutterstamm, wurzelt fr sich allein, und wird zum Baume. Das junge Thier
entluft der lterlichen Pflege, so bald es fhig ist, sich selbst zu erhalten;
denn der Trieb der Natur wirkt vorwrts, nicht zurck. Nur der Mensch steht
hher, von ihm fordert die Welt und sein Schpfer mehr, er soll, wenn er
selbststndig ist, die Urheber seines Lebens nicht vergessen, er soll die Pflege
seiner Jugend ihrem Alter vergelten, und da kein eingepflanzter Trieb ihn hierzu
fhrt, so mssen Dankbarkeit, Ehrfurcht, Gewohnheit, Alles bewirken. Darum
erweiterten die Gesetzgeber das Ansehen der Eltern bis zum Rechte ber Leben und
Tod; aber Furcht gebiert keine Neigung, und nur in edeln Gemthern treibt
Dankbarkeit zur Wiedervergeltung. Da gab die hchste Weisheit dem Menschen das
Gesetz der Liebe und Achtung fr die Eltern, knpfte den Lohn daran, der fr die
Stufe der Entwickelung, auf welcher damals das Menschengeschlecht stand, der
hchste war, und ordnete das Gesetz, das Ehrfurcht fr die sichtbaren Urheber
des Lebens gebot, unmittelbar nach den Gesetzen, die die Verehrung fr den
unsichtbaren Urheber desselben enthalten.
    So trieb nebst Theophaniens Wunsch auch das Gefhl der Pflicht mich zu
diesem Schritt, aber ich wollte es nicht wagen, mich unvorbereitet dem erzrnten
Vater zu zeigen, den selbst der drohende Tod nicht an das Daseyn seines Sohnes
erinnert hatte. Constantin ging zu ihm. Er fand ihn seltsam, nicht erzrnt,
zuweilen sogar gerhrt, aber unschlig, wankend - so da er seine Antwort erst
am folgenden Tage zu schicken versprach. Sie lautete also: Wenn ich mich
entschlieen knnte, gesetzmig und feierlich allen Ansprchen auf sein
Vermgen zu entsagen, weil er nicht gesonnen sey, seine Reichthmer zum Besten
einer Christengemeinde verwenden zu lassen: so wollte er mich wieder als seinen
Sohn erkennen, und seine Einwilligung zu meiner Vermhlung geben. Meine Wahl
blieb keinen Augenblick zweifelhaft. Ich unterschrieb das Instrument, das mir
Constantin unwillig gab, und noch denselben Abend eilte ich, meine vollkommene
Verzeihung selbst von meinem Vater zu erhalten. Ich lie mich in einer Snfte
hintragen; ich trat in's Atrium, und befahl dem Sclaven, mich zu melden. Der
Anblick unserer Ahnenbilder, die in langen Reihen die Halle zierten, das
Andenken an meine Jugend, an meine theure Mutter, an so manche Scenen, die hier
vorgefallen waren, das Sonderbare meiner jetzigen Lage, vielleicht auch die
hhere Reizbarkeit meines Wesens, eine Folge meiner berstandenen Gefahr,
stimmten mich zu ungewhnlicher Rhrung, und als endlich, statt des Sclaven, den
ich erwartete, um mich zu meinem Vater zu fhren, dieser selbst mit sichtbarer
Eile in's Atrium trat, auf mich zuging, und mit Mhe die tiefe Bewegung verbarg,
die dennoch jede seiner Mienen verrieth - da berwltigte mich mein Gefhl, ich
zog meines Vaters Hand an meine Lippen, eine Thrne fiel darauf, ich war nicht
fhig, meinen Dank auszusprechen; aber er verstand meine wortlose Rhrung. Als
er selbst sich gesammelt hatte, erkundigte er sich hchst gtig nach meiner
Gesundheit, meinem Zustande, er fand mich noch sehr bleich und entkrftet, und
fate meinen Arm, um mich zu untersttzen, und in die inneren Gemcher zu
fhren. Er that dies mit so sichtbarer Schonung meiner Wunden, da ich wohl
fhlte, er sey von meiner Lage viel besser unterrichtet, als er scheinen wollte.
Ich war unaussprechlich gerhrt, ich kte seine Hand von Neuem, ich drckte sie
an meine Brust. Er schien mit Gewalt seine eigene Bewegung zu unterdrcken,
dennoch nannte er mich sein Kind - eine Benennung, die lange nicht zwischen uns
gehrt worden war - er lie mich an seiner Seite niedersitzen, er berhufte
mich mit allen Bequemlichkeiten und Erfrischungen, die er mir in diesem
Augenblick verschaffen konnte, und entlie mich erst nach zwei Stunden mit dem
Auftrag, ihm des andern Tages meine Braut vorzustellen. Des Instruments wurde
nicht gedacht, es schien, als scheute sich mein Vater, seiner zu erwhnen. Irre
ich nicht ganz, so waren hier Rathgeber und Freunde thtig, die ihn zu einem
Schritte beredet haben, den er selbst vor seinem Gfhl nicht rechtfertigen kann.
    So glcklich, so kindlich froh, als Theophania durch die Nachricht von
meiner Aufnahme bei meinem Vater wurde, hatte ich sie niemals gesehen. Eine
drckende Last schien von ihrer Seele genommen, sie scherzte, sie tndelte, und
diese Aeuerungen einer schuldlos reinen Freude, je seltener sie bei ihr sind,
gaben ihrem ganzen Wesen einen neuen eigenthmlichen Reiz. Der Abend, den ich
mit ihr zubrachte, war einer der schnsten meines Lebens. Sein Andenken wird,
wie ein strahlender Stern, knftig durch meine Vergangenheit glnzen, und das
Bild seines Glckes vielleicht manche trbe Stunde der Zukunft erhellen.
    Am andern Morgen schickte mein Vater Larissen sehr kostbare Geschenke.
Mehrere Sclaven brachten sie. Die vterliche Liebe wute das selbstgegebene
Gesetz zu umgehen; was dem Sohne nicht werden durfte, sollte die knftige
Tochter erhalten. Es waren reiche Gewnde, Geschmeide aller Art, kstliche
Schleier u.s.w. Auf mein Bitten schmckte sich Theophania sogleich damit, und
wir traten in Umgebungen, wie ich sie den Wnschen und Ansichten meines Vaters
am entsprechendsten fand, unsern Weg zu ihm an. Er schien angenehm durch
Theophaniens Gestalt und Betragen berrascht, das man ihm vermuthlich ganz
anders geschildert haben mochte. Er empfing sie als die Wittwe des Demetrius mit
unverstellter Achtung, und als seine knftige Tochter mit eben so unverkennbarem
Wohlwollen. Mir trug er an, so bald ich ganz hergestellt, und der sorgsamen
Pflege nicht mehr bedrftig seyn wrde, in seinem Hause zu wohnen. Das war ich
beinahe, und so nahm ich mit Dankbarkeit seine Gte an, so wenig mich die
Entfernung von Theophanien freuen konnte, die vor der Hand bis zu ihrer
Vermhlung in dem Wittwenhause blieb. Ich begleitete sie also blos zurck, und
kehrte zu meinem Vater wieder, wo ich bereits meine gewohnten Gemcher mit allen
meinen Sachen, die er schnell aus dem Quartier der Leibwache hatte abholen
lassen, und noch berdies mit allen Bequemlichkeiten versehen fand, die meine
Lage jetzt vielleicht nothwendig machen konnte.
    Mein Vater machte glnzende Anstalten zu unserer Vermhlung. Theophania und
ich htten uns mit dem zehnten Theil aller dieser Pracht begngt, aber wir
hatten uns vorgenommen, in allen solchen uerlichen Dingen ihm, der hierin
einen so groen Theil seines Glckes setzt, gar nicht zu widersprechen. Sobald
Alles gehrig bereitet war, fhrte ich Theophanien, als meine Gattin, in das
vterliche Haus. Heliodor hatte uns getraut; aber mein Vater uerte sehr
bestimmt, da er die Braut seines Sohnes auf alt Rmische Art in sein Haus
aufzunehmen wnschte. Wir fgten uns auch diesem Wunsche, und so wurden
Theophanien die Schlssel des Hauses bergeben1, Feuer und Wasser berreicht,
die Sclaven vorgestellt u.s.w.; und bis auf das Opfer am Altar der Laren, das
ihre Religion verbot, verrichtete sie Alles mit einem Anstand und einer
Liebenswrdigkeit, die, das sah ich wohl, ihr das Herz meines Vaters gewann.
Seit der schwere Druck des Unglcks nicht mehr auf diesem zarten Gemthe liegt,
erhebt sie sich in stiller Heiterkeit, und einem reizenden Frohsinn, der sie zu
einem von der ehemaligen Larissa ganz verschiedenen Wesen macht. Sie fhrt das
groe Hauswesen meines Vaters mit Leichtigkeit und Ordnung, und der frohe Greis
scheint sich in dem Umgange seiner Kinder, deren Glck er als sein Werk
betrachtet, zu verjngen. So bin ich unaussprechlich glcklich.
    Nur Constantin ist mit mir unzufrieden. Mein schnelles Verzichtleisten auf
die Reichthmer meines Vaters erregte einen Streit zwischen uns. Constantin's
Geist, der groe Absichten durch krftige Mittel zu erreichen strebt, glaubt
diese zum Theil in betrchtlichen Reichthmern zu finden. Er hat nicht Unrecht,
aber mein Ziel liegt nicht ganz bei dem seinigen; und der geliebte Sohn eines
sehr gtigen Vaters, den nie ein Miverstndni von seinem Herzen ri, hat keine
Vorstellung von dem Preise, um welchen ein vernachligtes Kind die vterliche
Zuneigung gern wieder erkauft. So bleiben unsere schuldlosesten, unsere
heiligsten Freuden nicht rein. Ich habe Constantin seit jenem Streite nicht
wieder gesehen.
    In einigen Tagen denke ich nach Synthium zu gehen, und dort in einsamer
Stille und reiner Luft meine Krfte ganz zu erholen. Mein Vater hat versprochen,
mich oft zu besuchen. Dort, wo meine treffliche Mutter lebte, wo ihr schnes
Daseyn so frh zerri, wo wir als Kinder um sie spielten, werde ich mit Larissen
leben - aber selbst im Arm der Liebe werde ich nie vergessen, da du von mir
getrennt bist, und Constantin mir zrnt.

                                    Funoten


1 Bei den Hochzeitfeierlichkeiten der Rmer wurden der Braut beim Eintritt in
das Haus ihres Gemahls die Schlssel des Hauses, und Feuer und Wasser, als
Symbole ihrer knftigen Herrschaft im Hause, dargereicht.


                     80. Calpurnia an ihren Bruder Lucius.

                                                       Nikomedien, im April 303.

Einst war eine Zeit, wo ich Thrnen und Kummer nur aus fremder Erfahrung kannte,
oder ein seltner trber Augenblick, eine leichte Sorge, ein bald zerstreuter
Schmerz nur die hellen Farben in dem Gemlde meines Lebens durch seinen Schatten
desto blendender erhob. O goldene Zeit, wo bist du hin? Mir ist, als htte ich
bis jetzt in dem schnen Traume der Kindheit gelebt, und wre erst hier in Asien
zur Wirklichkeit, zur reisen Besinnung erwacht. Hesperien! Schnes mtterliches
Land! Wie so ganz anders war es dort! Wie glcklich, wie beglckend war dort
mein Leben! Und wie reizlos, wie dster ist es hier!
    Meine arme Sulpicia werde ich schwerlich wieder sehen. Ihren letzten Brief
erhielt ich vor einem Monate in eben der Zeit, wo ein frisch zerrissenes Band
anderer Art mein Herz in trbe Stimmung versetzt hatte. Er enthielt Ahnungen
ihres nahen Todes. Ich hatte das beinahe gefrchtet, als ich sie im vorigen
Frhling in dem unseligen Synthium wieder sah. Ihr Zustand verschlimmert sich
jetzt tglich, sie ist nicht mehr im Stande, zu schreiben. Vielleicht whrend
ich dir dies sage, lebt sie nicht mehr. O meine Sulpicia! Unglckliches,
schuldloses Opfer einer allzutreuen Zrtlichkeit! Vorgestern habe ich einen
Brief von Tiridates erhalten, er war im Tone der dstersten Verzweiflung
geschrieben. Jetzt, da er auf dem Punkte steht, sie auf ewig zu verlieren, ist
seine Leidenschaft in ihrer ganzen Strke erwacht. Ach, war es nicht ihr
Verlschen, was sie an den Rand des Grabes gebracht hat? - Welcher Widerspruch
im mnnlichen Herzen!
    Die Aerzte, sagt er mir, geben beinahe alle Hoffnung auf. Beinahe! An diesem
schwachen Faden hlt sich seine verzweifelte Liebe doch noch fest, und manchmal
schimmert ein Hoffnungsstrahl durch das Dunkel seiner Seele. Armer Tiridates! Er
ist sehr unglcklich, und trotz aller seiner Schuld und seines Leichtsinnes kann
ich ihn jetzt nur beklagen; denn er leidet unaussprechlich, um so mehr, da sein
Herz ihm heimlich Vorwrfe machen mu.
    So leiden denn alle guten Menschen, alle sind gequkt. Und warum sind wir
denn gut? Warum thut nicht jeder fr sich, was ihm die Klugheit rth, ohne sich
um die Andern zu bekmmern? O die Selbstschtigen sind die Glcklichsten, und je
lnger ich in der Welt lebe, je mehr sehe ich die Rechtmigkeit und Klugheit
ihres Verfahrens ein. Krieg gegen Krieg, List gegen List, Klte gegen Klte! Wer
am lngsten aushlt, ist der Glcklichere, und dann auch in seinen und der Welt
Augen der Bessere, der Verstndigere. Ist nicht in der ganzen Natur das Recht
des Strkern gltig? So denn auch in der gesitteten Welt, nur mit dem
Unterschied, da hier Verstand und Geschicklichkeit statt der krperlichen Kraft
eintritt. Hier ist der Klgere der Strkere. So la uns denn klug seyn, und
nichts als klug, so lange das Flmmchen des Lebens brennt. Dann fat uns die
Urne, und wir sind Staub, wir mgen fr uns allein gesorgt, oder uns um Anderer
willen hingeopfert haben.
    Als ich dich verlie, als ich mit frohem Muthe das Schiff bestieg - o warum
hat kein Gott mir damals mein Geschick verkndet, kein unglckliches Wahrzeichen
mich zurckgehalten an dem vaterlndischen Ufer! Zu welchen Erfahrungen bin ich
nach Bythinien gekommen? Die ich liebe, mu ich entbehren und verlieren, die ich
hasse, verfolgen mich, die ich vergessen mchte, ruft mir das Schicksal mit
immer neuer Lebhaftigkeit zurck. Agathokles ist verheirathet, und lebt in
Synthium. O wie viele Erinnerungen drngen sich in das einige Wort! Um seines
Vaters Einwilligung zu seiner Heirath zu erhalten, hat er seinem Erbtheil
entsagt. Du weit, ich bin nicht habschtig, aber es ist keine Kleinigkeit, wenn
man im Ueberflu erzogen worden ist, alle die tausend Bequemlichkeiten und
Gensse zu entbehren, die der Reichthum sichtbar und unsichtbar um seine
Gnstlinge verbreitet. Sein Vater hat dies Opfer nicht um ihn verdient, schon
darum nicht, weil er diese Forderung machen konnte: dennoch bringt es
Agathokles. Ich konnte seinen Schritt nicht billigen, als ich es hrte, aber ich
mute ihn achten. Noch war die Bewegung, die jene Nachricht in meinem Innern
erregt hat, nicht ganz gestillt, als neue Krnkungen und neue Erinnerungen mir
sein Bild in einem noch glnzendern, noch gefhrlichern Lichte vor die Seele
riefen. Ich bin ihm sehr verpflichtet geworden, und da diese Schuld, die ich
einst so gern bernommen haben wrde, mich nun drckt, kannst du wohl denken.
Der verchtliche Marcius Alpinus, von dem ich nun bestimmt wei, da er in Nica
niedrige Absichten auf Theophanien gehabt hat, hat vermuthlich berechnet, da es
nicht so bel wre, den Proconsul Lucius Piso zum Schwiegervater zu haben, und
ist seit jenem unseligen Abend, wo er mich auf dem Wege nach Nikomedien fand,
mein erklrter Verehrer und Freier. Er peinigte mich mit seiner Zudringlichkeit,
er wandte sich an meinen Vater, an den Bruder, an einige Freunde, ich wurde von
allen Seiten mit thrichten Erzhlungen von seiner Leidenschaft, von den Qualen,
die er um meinetwillen, und durch meine Hrte leide, geplagt. Als mir diese Art
von Peinigung zu viel wurde - o ich war in dieser Zeit so wenig gestimmt, mit
Anderer Bosheit oder Thorheit Geduld zu haben! - erklrte ich ihm ein Mal
geradezu, da ich nun und nimmer die Seinige werden knnte.
    Ich war im Anfange ganz artig, aber der niedrige Mensch glaubte in dieser
Schonung eine geheime Neigung, oder Furcht zu sehen - die Gtter mgen wissen,
was - genug, er wurde zudringlich, ungestm; er trotzte auf Rechte, er wollte
Ansprche geltend machen. Da bermannte mich der Unwille, und ich zeigte ihm
meine ganze tiefe Abneigung und Verachtung. Glaubst du, da der Bsewicht
dadurch beleidigt oder entrstet worden wre? Nicht im Geringsten! Lchelnd, mit
einer Miene, die mein ganzes Wesen emprte, neigte er sich, und sagte: Die
schne Calpurnia kleidet auch der Zorn, aber ich bitte sie nicht zu vergessen,
da diejenige, die in Mnnerkleidern einem grausamen Geliebten nachluft, kein
Recht hat, in diesem Tone mit einem Manne zu sprechen, der ehrliche Absichten
auf sie hat. Bisher habe ich aus Schonung geschwiegen, aber die Geschichte
dieser Verkleidung ist zu lustig, um sie der schnen Welt in Nikomedien lnger
zu entziehen. Er neigte sich und ging. Mich hatte Schaam, Zorn, und Erstaunen
stumm gemacht. Erst als er entfernt war, vermochte ich den ganzen Umfang seiner
Bosheit, und meine Gefahr einzusehen. Ich war auer mir. Ich wagte nicht mit
meinem Vater zu sprechen, ich zitterte vor seiner gerechten Ahndung, und
frchtete zugleich, da vielleicht irgend eine gewaltsame Maaregel, die ihn die
Sorge fr die Ehre seiner Tochter ergreifen machen wrde, das Uebel rger machen
knnte. Am Abend des folgenden Tages kam Quintus mit glhendem Gesicht und
funkensprhenden Augen zu mir. Der Bsewicht Marcius hatte seine Drohung bereits
ausgefhrt, und in einer lustigen Gesellschaft seiner Zechbrder meine
Geschichte, meinen und Agathokles Namen preisgegeben. Einer von den Gsten hatte
es unter dem Scheine des Zweifels, und als ein unglaubliches Mhrchen meinem
Bruder erzhlt. Ich brachte die Nacht in einem qualvollen Zustande zu, nicht
besser war der folgende Tag. Ich zitterte, so oft Jemand eintrat, so oft man
meinem Vater einen Besuch meldete, da jetzt wieder die unselige Geschichte
erwhnt werden wrde.
    Pltzlich am dritten Tage war Marcius aus Nikomedien verschwunden, doch
nicht ohne vorher seine vorige Erzhlung als einen Scherz, dessen Veranlassung
eigentlich eine tolle Wette unter ihm und einem seiner Freunde gewesen wre,
ernstlich und feierlich widerrufen zu haben. So war das Gewitter diesmal
vorbergegangen, und ich konnte nicht begreifen, wie? bis ein Paar Tage darauf
Quintus durch denselben Centurio, der ihm die Geschichte zuerst erzhlt hatte,
erfuhr, da Agathokles in grter Eile von Synthium gekommen, und bei Marcius
abgestiegen war, da man sie sehr lebhaft streiten gehrt habe, da Marcius
sogleich seine Pferde zu satteln, und den Sclaven, sich reisefertig zu machen,
befohlen habe, und noch denselben Abend, wenige Stunden nach Agathokles, der
sogleich wieder auf seine Villa zurckgekehrt war, die Stadt verlassen habe.
    So war denn die Rettung meines guten Namens Agathokles Werk, so bin ich ihm
dafr verpflichtet! Und er uert nichts gegen mich, er entzieht sich meinem
Dank, er wei vielleicht gar nicht, da mir die ganze Sache bekannt ist. O mein
Lucius! Ist es mglich, dies zu denken, ein fhlendes Herz, und einst so
lachende Hoffnungen gehabt zu haben, und jetzt ruhig oder kalt zu seyn? Was wird
noch aus mir werden?
    Ein Entschlu steht fest in meiner Seele. Wenn mein Schicksal fortfhrt,
Qual auf Qual, Beschmung auf Beschmung ber mich zu hufen, so will ich seinen
Launen weichen, ich will den Ort verlassen, an den ich unter so unglcklichen
Vorbedeutungen gekommen bin, und meinen Vater bitten, da er mich nach Rom zu
dir und meiner Tante Sempronia zurckschicke. Hier kann ich es nicht lnger
aushalten.

                  81. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus.


                                                            Csarea, im Mai 303.

Haben die Eumeniden mir diesen Agathokles zur Strafe meiner Vergehungen gesandt?
Lebt der Mensch nur, um mir berall, wo ich ihn am wenigsten vermuthe, in den
Weg zu treten? Sein Fanatismus, die Eitelkeit des Einen, die Schwche des
Andern, Alles mu sich vereinigen, um Plane zu zerstren, die weit klger
angelegt waren, als diese schwachen Seelen es je auch nur trumen konnten.
    Sein Vater hat ihm verziehen, und Alles, was ich seit Monaten mit Verstand
und Vorsicht bereitete, wird nun an dem langsamen Feuer huslicher, kindlicher
Zrtlichkeit schmelzen. Wer htte auch an die ungeheuere Thorheit glauben
sollen, da ein Mensch, der fnf gesunde Sinne hat, um die Einwilligung seines
Vaters zum Besitz eines Weibes, das ihm jederzeit gewi war, zu erhalten, ein
Vermgen von mehr als hundert Talenten ausschlagen wrde!
    Als ich sicher war, da Theophania nicht blos in Nikomedien, da sie unter
einem Dache mit ihm lebte, und mir den Schlu der Tragicomdie an den Fingern
abzhlen konnte, war es natrlicher Weise nothwendig, Alles vorzukehren, was
diese Verbindung entweder gleich trennen, oder wenigstens auf so lange Zeit
verschieben konnte, da mir Mue und Gelegenheit brigte, allerlei andere
Hindernisse herbeizufhren.
    Hegesippus ist schwach, eitel - und darum sehr lenkbar. Er hatte im ersten
Anfall des Zorns seinem Sohne den Fluch gegeben, als er von ihm hrte, da er
ein Christ sey; ich durfte also nur auf diesem Grund fortbauen, und that es mit
Klugheit und gutem Erfolg. Bei der Nachricht von der Gefahr seines Sohnes bekam
zwar der schwache Alte eine Art Rckfall, aber ich machte ihm begreiflich, wie
sehr er sein Ansehen vor der Welt und bei Hofe auf's Spiel setzen wrde, wenn er
jetzt nachgbe, und den Sohn anerkannte, der sich geradezu als Rebell gegen den
kaiserlichen Befehl gezeigt hatte, und ich brachte es dahin, da er wenigstens
ffentlich sich gar nicht um ihn zu bekmmern schien. Aber freilich, wie das bei
Menschen dieser Art geht, ich konnte nicht hindern, da nicht tglich ein Sclave
heimlich in das Wittwenhaus abgefertigt wurde, der sich unter fremdem Namen nach
allen Umstnden des Sohnes erkundigen mute. Ich lie die Thorheit hingehen,
weil ich sie fr unschdlich hielt; aber man soll keinen, auch nicht den
unbedeutendsten Umstand auer Acht lassen, besonders wenn man mit
unzusammenhngenden Gemthern zu thun hat.
    Ein Paar Wochen waren still vergangen, da erschien pltzlich Constantin, und
wandte sich im Namen seines Freundes an Hegesippus, und bat ihn um seine
Einwilligung, und seinen Segen zur Heirath. Der Alte war bestrzt,
geschmeichelt, gerhrt. Er hatte auf dies Zeichen von Liebe und Unterwerfung gar
nicht mehr gerechnet, und Agathokles htte den Botschafter nicht besser whlen
knnen. Der Sohn des Abendlndischen Csars, der als Client im Namen seines
Sohnes, seines innigsten Freundes vor ihm stand! Zum Glck besann sich der
schwachsinnige Greis noch so viel, da er nicht auf der Stelle Ja sagte, sondern
die Antwort den folgenden Tag zu geben versprach. Er lie mich rufen, ich war
selbst berrascht. - Wer htte diese neue Thorheit von Agathokles vermuthen
sollen? Da er mir aber so gutmthig die Waffen gegen ihn in die Hand gab, wre
es Wahnsinn gewesen, sie nicht zu brauchen. Ich stimmte dem Alten, was berhaupt
nicht schwer ist, und lie ihn in der Ferne eine Aussicht sehen, vor der ihm
graute, sein Vermgen zum Nutzen und zur Emporbringung einen Secte angewendet,
die er hate und verachtete, die ihm schon so viel Herzeleid gemacht hatte. Der
Entschlu war bald gefat, Hegesippus gab seine Einwilligung, aber nur
bedingungsweise - nur dann nmlich, wenn Agathokles allen Ansprchen auf sein
Vermgen entsagte. Ich konnte mir nicht denken, da er diese Bedingungen
eingehen wrde, und eben so wenig, da die andchtige Theophania, deren
Einwirkung ich in jenem Schritte deutlich erkannte, sich entschlieen wrde, ihm
wider oder ohne des Vaters Einwilligung ihre Hand zu geben. Es war also vorerst
ein Hinderni zwischen ihnen und dem Ziele ihrer Wnsche aufgethrmt, und ich
fing an gute Hoffnung zu nhren.
    Da zerstrte der rasende Schritt des fanatischen Menschen den ganzen Plan.
Er unterzeichnete die Entscheidung. Der Alte wurde gerhrt, weichherzig. Er nahm
den zurckgekehrten Sohn mit grter Zrtlichkeit auf, und berschttete die
fromme Schwiegertochter mit prchtigen Geschenken. So sucht seine Erbrmlichkeit
den Sinn der Bedingung, die er selbst gegeben hat, thricht zu umgehen. Wie
verchtlich sind diese Geschpfe!
    Recht beim Lichte besehen, ist Agathokles vielleicht feiner als ich dachte;
wenigstens htte er sich, wenn er mich zu berlisten gesonnen war, nicht anders
betragen knnen. Er hofft vielleicht, nachdem er nun einmal jetzt die
Einwilligung des Vaters erschlichen hat, durch Unterwerfung und kindlichen
Gehorsam eines Tages dem weichherzigen Alten auch noch die Erbschaft
abzuschwatzen. Doch dafr soll Sorge getragen werden. Leucippus, ein Neffe des
Alten, der, wenn er ohne Kinder strbe, sein natrlicher Erbe wre, ist durch
mich bereits von dem Fall unterrichtet, und hundert Talente Goldes, die ihm
zufallen, verlohnen schon der Mhe, da man dem Oheim mit Flei und Klugheit den
Hof mache.
    Doch nicht diese einzige Sache ist's, die meine Galle gegen ihn rege gemacht
hat. Er hat mich vor einigen Tagen auf eine Art beleidigt und gereizt, die ich
ihm zu vergelten mir fest und sicher vorgenommen habe. Die Zeit wird die
Gelegenheit herbeifhren, bis dahin bleibt Alles still und ruhig. Du weit, da
ich mich seit jenem seltsamen Zusammentreffen Calpurnien von Neuem genhert
habe. Sie ist schn, sie ist reich, ihr Vater hat bedeutenden Einflu. Aber mein
Gesicht schien ihr nicht zu behagen, ihr Herz war noch zu voll von dem Bilde des
christlichen Schwrmers. Genug, sie begegnete mir zuerst kalt, dann bermthig,
dann verchtlich. Ich hatte mich darber hinausgesetzt, wenn ich htte hoffen
knnen, auf diese Art zum Ziele zu gelangen. Aber Calpurnia ist eigensinnig, sie
reizte mich immer mehr und mehr, da bernahm mich endlich der Zorn, und in einer
schwachen Stunde lie ich mich hinreien, nicht allein ihr zu drohen, da ihr
guter Ruf seit jener Zusammenkunft in meiner Gewalt sey, sondern auch noch
denselben Abend, von Mein und Zorn erhitzt, unter einer frohen Gesellschaft die
Geschichte zu erzhlen.
    Zwei Tage darauf meldet man mir Agathokles. Ich glaubte, der Sclave habe den
Namen nicht recht verstanden. Er war es wirklich. In seinen dunkelglhenden
Blicken, in seiner ganzen Haltung lag der kalte Uebermuth, den diese Menschen
Tugendstolz nennen. Mit emprendem Ton stellte er mich ber mein Betragen gegen
Calpurnien zur Rede, das er, die Gtter mgen wissen wie? erfahren hatte. Mein
Blut kochte, ich bezwang mich mit Mhe so weit, da ich ihn gelassen fragte, was
ihn das anginge, und woher ihm das Recht zu dieser Frage kme? Nun brachen die
Schleuen seiner Beredtsamkeit los, er sprach von Niedertrchtigkeit, von
hmischer Rache, von der Pflicht jedes ehrlichen Mannes, sich der beleidigten
Ehre seines Nebenmenschen anzunehmen u.s.w., wie die Gemeinpltze der schnen
Seelen alle heien. Meine Geduld ri endlich, und ich erklrte ihm geradezu, da
ich seine Beleidigungen und sein Geschwtz nicht lnger dulden wollte. Da trat
er zurck, sah mich mit einem Blicke an, den ich mir noch jetzt nicht
vergegenwrtigen kann, ohne jeden Tropfen Bluts in Aufruhr zu fhlen, und sagte
mit emprender Klte: Marcius! Wie kannst du es wagen, diese Sprache zu fhren?
Weit du nicht, da es in meiner Macht steht, dich zu verderben? und nun fing
er an von Dingen zu sprechen, die ihm die Furien eingegeben haben muten. Er war
von Vorfllen unterrichtet, die ich in tiefes Dunkel vergraben glaubte, er wute
Dinge, die aus einem andern Mund als dem meinen zu hren mir die Haare empor
strubte. Hatte Constantin sie erfahren? Hatte mein bser Dmon mich verrathen?
Die Gtter mgen es wissen. Genug, ich mu ihn frchten, und schonen. Knirschend
vor Wuth, leistete ich ihm das versprechen, die Erzhlung als eine Posse zu
widerrufen, und mich Calpurnien nie wieder zu nhern. Er ging, und ich verlie
Nikomedien noch denselben Tag.
    Aber er soll nicht umsonst das Alles wissen, und mir gedroht haben. Ich
werde mich rchen. Wie und wann? wird der Zufall, die Klugheit bestimmen; aber
sein Haupt ist den Unterirdischen geweiht. Leb' wohl!

                       82. Theophania an Junia Marcella.


                                                           Synthium, im Jun. 303

Du sollst dich nicht mehr zu beklagen haben, meine geliebte Freundin, da ich
dir, seit ich glcklich bin, so selten schreibe. Wir sind jetzt seit einigen
Tagen auf unserem stillen Landhause, und meine Zeit ist freier. So lange ich in
Nikomedien im Hause meines Schwiegervaters lebte, war ein groer Theil meiner
Stunden der Besorgung seines sehr weitlufigen Hauswesens, und der Unterhaltung
dieses gtigen Greises geweiht, der aber leider wie die meisten Menschen, die in
der Zeit ihrer Jugend und vollen Kraft nur immer auer sich und in steter
Zerstreuung gelebt haben, nun, da Alter und Schwchlichkeit ihm dies einzige
Element, in dem sein Wesen sich fhlte, unzugnglich macht, sehr schwer zu
unterhalten, und fast nie zu befriedigen ist.
    Hier bin ich sehr vergngt. Hier im Schatten blhender Haine, im Gedft von
tausend Blumen, im Genusse der frhlichsten Einsamkeit leben wir uns selbst und
unserer Liebe. An Agathokles Hand durchstreife ich die Scenen meiner
Jugendfreuden, die Vergangenheit schmilzt in wunderbarem Zauber mit der
Gegenwart zusammen, alles Trbe, Nchtliche, was zwischen unserer frohen
Kindheit und dem seligen Jetzt lag, ist verschwunden, wir sind wieder, was wir
damals waren, frhliche, glckliche Kinder, und in seinem engelreinen Geiste ist
nichts, was diesen schnen Traum strte, nichts, als die Erhabenheit seiner
Ansichten, und die Flle seiner Empfindungen, mit der er das Wohl seiner
Glaubensgenossen, der ganzen Welt hei umfat, und die zuweilen, wie ein
leuchtender Blitz des Himmels, ber die Blumengefilde unserer Liebe erhaltend,
erhebend fhrt.
    In einsamen Stunden, wenn der Hain um mich rauscht, wenn ein reges
Frhlingsleben durch alle Wesen webt und schauert, und ich im Gefhl meines
Glckes selig zerfliee, dann fhle ich den Hauch der allgegenwrtigen Gottheit,
und mein inniges Entzcken lset sich in stillen Dank auf gegen den, der das
Dunkel meines Schicksals so vterlich erhellte, und durch finstere Pfade mich zu
diesem Lichte gefhret hat. Ist es mglich, da Menschen so selig seyn und
bleiben knnen, als ich es bin? Ist diese Stille alles Verlangens, dieses
Bewutseyn ganz erfllter Wnsche nicht zusehr Vorgeschmack unsers Zustandes in
bessern Welten, um auf dieser einheimisch zu seyn? Ach so frage ich mich oft,
und mein erschttertes Herz zittert vor der Wahrscheinlichkeit einer nahen
Vernderung. Aber ich weise diese Gedanken nicht zurck, ich segne diese
heilsamen Warner vor Uebermuth, die gewi mein Schutzgeist mir sendet. Sie
lehren mich meines Glckes in Demuth freuen, und seinen ungetrbten Genu durch
kindliche Ergebung heiligen.
    Unsere Lebensweise ist bequem, aber von dem Ueberflusse entfernt, unserer
Sclaven sind wenig, unsere Speisen sind einfach; aber wir fhlen bestimmt, da
die Reichthmer unseres Vaters unser Glck nicht erhhen, da sie es vielleicht
durch die tausend kleinen und groen Verbindlichkeiten und Sorgen, die der
Reichthum auferlegt, nur stren wrden. Jetzt wrzt kurze Entsagung den
erkauften Genu, jetzt freut das Selbsterworbene, das Erbrigte mehr, als was
das Glck mit vollen Hnden achtlos ausstreut. O wte das Constantin, er wrde
seine Begriffe von Glck, wenigstens fr unsere Lage, verndern, und meinem
Agathokles nicht mehr zrnen! Dieser Zwiespalt ist es, der den einzigen Tropfen
Bitterkeit in unsern Freudenkelch giet. Ich sehe, da Agathokles mehr darunter
leidet, als er aus Schonung mir gesteht. O da ich einen Weg vor mir she,
Constantin zu vershnen! Aber er ist mchtig, der Sohn des Csars, ein knftiger
Augustus, und jetzt ist die Kluft zwischen dem Herrscher und Beherrschten nicht
mehr so unbedeutend, als in den Zeiten eines Octavians oder Mark Aurels. Das ist
das Bse an unserm Verhltni - wir sind nicht gleich.
    Und diese Gleichheit in allen Empfindungen, in allen Richtungen des Geistes
ist es, welche allein und dauerhaft das Glck einer Verbindung sichert.
Agathokles und ich wurden schon als Kinder mit und fr einander gebildet, jeder
Eindruck gemeinschaftlich aufgefat, jede Empfindung von einem Herzen dem andern
beantwortet. Wir lebten, wir lasen, wir lernten gemeinschaftlich. Selbst in
Edessa unter dem Gerusch der Waffen wute er Stunden zu gewinnen, um mit mir zu
lesen, ber das Gelesene, ber die Ereignisse des Tages zu sprechen, unsere
Gefhle und Gedanken umzutauschen, und so nicht blos mein Herz, sondern auch
meinen Verstand mit dem seinigen in Einklang zu bringen. Wie segenreich, wie
beglckend ist jetzt diese Uebereinstimmung fr mich! Nicht weil Verfassung und
Religion den Mann zum Haupt des Weibes erheben und ihm eine Gewalt einrumen,
die manches rohe Gemth mibraucht, sondern, weil zwei Menschen ein schnes
Ganzes ausmachen, und als Einheit dastehen und wirken sollen, sollen auch ihre
Geister gleichfrmig gebildet seyn, und nur die Verschiedenheit des
Geschlechtscharakters und der daraus folgenden Bestimmung und Pflichten darf
eine reizende Abwechslung in den schnen Einklang bringen. Aber wenn die
verschiedenen Charaktere sich selbststndig zu unterscheiden, und jeder als ein
vollendetes Ganzes dazustehen streben, wer soll entscheiden, welcher von Beiden
im Fall eines Streites nachgeben, und seine Individualitt aufopfern soll? - die
hergebrachte Sitte? - dann mu das Weib ewig der unterdrckte Theil seyn - die
Vernunft? - Und wer bestimmt, auf wessen Seite sie steht, wenn jedes die Sache
aus seinem Gesichtspunkt ansieht und mit Grnden untersttzt? - O nur die Liebe,
die Liebe kann das bewirken, und sie bewirkt es sicher. Sie fhrt auf tausend
stillen Wegen die Gemther zu einander, sie zeigt uns den Gesichtspunkt, aus dem
der geliebte Gegenstand die Welt betrachtet, als den richtigsten, sie macht uns
theurer, was ihm lieb ist, und ohne Opfer, ohne Nachgeben verschmelzen zwei
Willen in Einen. So ist mein Verhltni zu Agathokles - und wenn du wir oft in
frhern Zeiten meinen Mangel an Festigkeit und mein Bedrfni, mich an ein
liebendes Herz anzuschmiegen, als Schwche vorwarfst, so versichere ich dich,
da gerade jetzt aus dieser Schwche, wie du es nennst, mein schnstes Glck
entspringt.
    Leb' wohl, Junia! Ich wei, du freust dich meiner Seligkeit, und meine
Briefe, wenn sie auch arm an Vorfllen sind, werden sie dir doch manchen
vergngten Augenblick machen, wenn du in ihnen die Schilderung meines Glckes
findest.

                     83. Calpurnia an ihren Bruder Lucius.


                                                         Nikomedien, im Jul. 303

Ich komme von Synthium. Von Synthium? hre ich dich rufen. Wie kamst du dahin? -
aus eigenem Willen, lieber Bruder! aus festem Vorsatz, den ersten Schritt zu
thun, und ein Zusammentreffen selbst schicklich einzuleiten, dem fr bestndig
auszuweichen, nun einmal vernnftiger Weise fr Bewohner einer Stadt nicht
mglich war. Wenn ich Agathokles, seit er verheirathet ist, nicht mehr sehen
wollte, wenn ich von dem Augenblick, als er Theophanien gefunden hatte, seinen
Anblick floh, berechtigte ich ihn nicht zu dem stolzen Gedanken, sein Verlust
schmerze mich tief, und ich knne die Gegenwart einer glcklicheren
Nebenbuhlerin nicht vertragen? O diese bloe Mglichkeit emprte mein Herz. Was
habe ich denn zu scheuen? Den Gttern sey Dank! die Rcksicht, die Theophania
zur Verborgenheit bewegen konnte, brauche ich nicht zu nehmen; und so war es
Pflicht, die ich mir selbst, meinem Ruf und der Achtung, die er fr mich haben
soll, schuldig war, diese Gedanken nie in ihm aufkommen zu lassen, und ihm zu
beweisen, da ich nur seine Freundin war, weil ich es auch jetzt blieb. So mute
es zwischen uns stehen, wenn ich ruhig seyn, und sein unvermutheter Anblick mir
nicht einst drckend werden sollte.
    Und berdies, war ich ihm nicht innigen Dank schuldig? Er hatte, auf welche
Art konnte ich nicht erfahren, mich von der Bosheit und Zudringlichkeit des
Marcius befreit, ich mute diese Schuld abtragen. Ich fhlte das, und that es
gern; aber nicht blos mit Worten, mit Thaten wollte ich es thun.
    Die Bedingung seines Vaters, unter der er ihm seine Einwilligung zusagte,
schien mir immer sehr hart, sehr unvterlich, ich glaubte Agathokles keinen
grern Dienst leisten zu knnen, als wenn ich es dahin brchte, seinen Vater
zum Widerruf zu vermgen. Ich sprach mit unserm davon, er fand einige
Bedenklichkeiten - er kann alten Hegesippus nicht wohl leiden. Aber fr mich
bekam mein Plan, je langer ich ihm nachsann, je mehr Reize, und so erhielt ich
denn endlich halb durch Ueberredung, halb durch die Vorstellung, da ein solcher
Schritt nothwendig sey, um Agathokles von der Ruhe meines Herzens zu berzeugen,
die Erlaubni, mein Vorhaben auszufhren.
    Ich kenne die alten Herren. Wenn sie fr keine Frau oder Tochter mehr zu
frchten haben, finden sie eben keine so strenge Sitte, und ngstliche
Verhllung nthig, wie sie mancher junge Mann, wahrlich auch nur aus Eifersucht,
von seinem Mdchen fordert - und ich kleidete mich daher etwas weniger
matronenmig, als ich wohl ehedem zu thun pflegte, wenn ich seinen Sohn zu
sehen hoffte. Es klingt lcherlich, dies zu sagen, aber knnen wir Weiber dafr,
da die Mnner in der Jugend aus Selbstsucht eiferschtig, und im Alter aus
Selbstsucht verliebte Gecken sind? So sandte ich hin, und lie ihn um eine
Stunde bitten, wo ich ihn sprechen knnte. Ich wute, da er das nicht annehmen,
und selbst kommen wurde. Er kam auch - nur etwas spt; aber als er eintrt, sah
ich die Ursache dieser Versptung wohl ein. Der alte Herr hatte sich in groe
Unkosten von Pracht und Niedlichkeit gesetzt, er duftete wie alle Wrzen
Arabiens, und sein Bart (wenn es mglich ist, so war es ein falscher) htte
einer Bste des Plato Ehre gemacht. Verwunderung und Neugier malten sich auf
seinem Gesicht, und ich sah, welche Mhe es ihn kostete, sie unter den Schranken
der guten Lebensart zu halten. Aus Mitleid lie ich ihn nicht lange warten,
sondern rckte so eilig, als es die etwas sonderbare Art meines Geschfts
erlaubte, mit meiner Bitte heraus. Sein Erstaunen wurde nun noch grer, obwohl
er sich bestrebte, es zu verbergen, und in diesem Erstaunen und einigen
entschlpften Worten las ich deutlich seine Meinung ber mein Verhltni zu
seinem Sohne, das wohl so ziemlich die Meinung der ganzen Stadt seyn mag. Um so
lieber war es mir, durch diesen Schritt ihn und die Welt vom Gegentheil zu
berzeugen.
    Ich sprach mit Wrme von den vorzglichsten Eigenschaften seines Sohnes,
seiner Schwiegertochter. (Ich vermochte das, Lucius, in einer Aufwallung von
Gromuth, ber die ich selbst erstaunte.) Ich suchte ihm darzuthun, da alle
Schritte, die Agathokles bisher gethan, nur Wirkungen derselben Tugenden und
jenes allzustrengen Pflichtgefhls wren, das wir, auf andere Gegenstnde
angewendet, an einem Curtius, Cocles, Cato bewundert hatten. Ich lie ihn die
Freundschaft des Armenischen Knigs und Constantins Liebe fr seinen Sohn, die
Achtung, in der er allgemein steht, im schimmernden Lichte sehen, und hinter
diesem Schimmer sein eigenes Bild, auf das der Ruhm seines Sohnes keinen
unbedeutenden Ganz warf. Im Eifer des Gesprchs waren die Locken Um meinen
Nacken losgegangen, sie sanken auf die Brust herab, ich mute sie
zurckstreichen, und verschob dadurch den Schleier, so, da auf einen Augenblick
ein Theil des Busens sichtbar wurde. Ich strebte das Unglck zu verbessern, aber
indem ich den Arm ber die Schulter legte, fiel auch das faltenreiche Gewand
zurck, und der Arm erschien beinahe ganz unverhllt. Hegesipps Auge folgte
leuchtend meinen Bewegungen, und er war auf einige Augenblicke so mit Schauen
beschftigt, da er mir ganz verkehrt antwortete. Ich nutzte diese Stimmung, ich
drang nun mit Bitten in ihn, und was frher Vernunftgrnde nicht erschttert
hatten, fiel nun durch die vereinte Wirkung eines rhrenden Tons, einer
flehenden Miene und eines Paars unverhllter Arme, die bittend gefaltet vor
seinen Augen spielten. Ganz verklrt und mit jugendlicher Munterkeit sagte er
mir, es sey unmglich mir zu widerstehen - er mte bekennen, da ich etwas
Groes fordere, er habe sein Wort heilig verpflichtet, und hasse brigens seinen
Sohn nicht - doch einer solchen Vorbitterin sey nichts abzuschlagen, und
Agathokles habe sein Glck nur mir allein zu verdanken. So ging er fort, um die
Schrift zu holen, und war in einer halben Stunde wieder damit bei mir, Und nun
in der Freude meines Herzens gab ich dem guten Alten einen recht kindlich
dankbaren Au, den er nun freilich nicht mit vterlicher Wrde aufnahm, sondern
mit aller Geckenhaftigkeit eines grauen Liebhabers. So lcherlich mir das war,
so gab ich mir doch Mhe, ernsthaft zu scheinen, und wir schieden als die besten
Freunde.
    Ich zeigte meinem Vater im Triumph die Schrift. Er schttelte abermals den
Kopf, und schien nicht zufrieden mit der ganzen Geschichte. Indessen, das Grte
war geschehen, und ich wollte nicht auf halbem Wege stehen bleiben; so bat ich
denn den Bruder, mich zu begleiten, und fuhr nach Synthium. Es sind ber sechzig
Stadien1. Wir fuhren mit anbrechendem Tage ab, um die Hitze zu vermeiden. Du
kennst die Lage der Villa nicht, sie ist uerst angenehm, nur etwas dster
zwischen waldigen Hgeln versteckt. Wie wir nher kamen, wie ich die obere
Sulenhalle zwischen den Cedern und Pinien hindurch schimmern sah, wie ich die
Platanenallee erblickte, in der ich so oft mit Sulpicien gewandelt hatte, mit
ihr, deren Rest vielleicht nun schon die Urne fllt, das Gitterthor, an welchem
ich vor einem Jahre die gegenwrtige Gebieterin der Villa tiefgebeugt gesehen
und empfangen hatte - da ward mir sonderbar zu Muth, und Thrnen drangen in
meine Augen. Sulpiciens Andenken, tausend andere Erinnerungen strmten auf mich
ein, und ich htte groe Lust gehabt, umzukehren, wenn man nicht schon von der
Villa aus den Wagen gesehen, und erkannt htte haben knnen. Whrend dieser
Ueberlegungen lenkte unser Wagenfhrer in den Platanengang ein. Sogleich sah ich
Leute aus der Villa kommen - ein Paar Sclaven, wie es schien, und kaum waren wir
noch einige Schritte gefahren, als Agathokles selbst uns eilig entgegen kam.
    Er bewillkommte uns mit einer Freude, die zusehr das Geprge der
Herzlichkeit trug, um auch nur einen Augenblick fr Knstelei gehalten zu
werden. Als er uns an einen schattigen Platz gefhrt hatte, ging er, seine Frau
zu holen. Sie kam, ich war begierig gewesen, sie zu sehen, aber ich hatte Mhe,
in dieser jugendlich bluhenden Frau mit den groen heitern Augen, der zarten
Rthe auf den Wangen, in dem geschmackvollen huslichen Anzug jene abgehrmte
Trauergestalt, in die dichten faltenreichen Schleier gewickelt, zu erkennen. Die
Arglistige wute auch, trotz ihrer Heiligkeit, das geltend zu machen, was die
Natur ihr Schnes gegeben hatte. Ein durchsichtiges indisches Gewebe zeigte den
Obertheil des Armes mehr, als es ihn verhllte, und wo dies endigte, erhhten
zierliche Armbnder seine natrliche Weisse und Rndung. Auch erschien ihr
schlanker Wuchs vortheilhaft in dem seinem flieenden Gewande; kurz, man sah,
da sie ihren Anzug mit Geschmack whlte. Aber ber allen Putz machte sie und
ihren Gemahl das Vergngen liebenswrdig, das aus allen ihren Reden, Blicken,
Handlungen sprach. Besonders scheint sie nur fr ihn zu leben. Die Glckliche!
Auch er war verndert, sein Auge strahlte von jugendlichem Feuer und Lebenslust,
und das freundliche Lcheln, das seinen feingespaltenen Lippen einen so
eigenthmlichen Reiz gibt, verlt ihn jetzt eben so selten, als es ihn sonst
erheiterte.
    Unsere Unterredung fiel bald auf meine unglckliche Sulpicia. Theophaniens
unverstellte Theilnahme, die zarte Achtung, mit der sie von ihr sprach, nahmen
einen Stachel nach dem andern aus meiner Brust, ich fing an, sie nach und nach
ohne geheimen Widerwillen, und endlich mit Wohlwollen zu betrachten. Ich
benutzte eine Zeit, wo sie nicht zugegen war, und erklrte mich gegen ihn ber
die Absicht meines Besuchs, indem ich ihm zugleich mit Wrme fr meine Rettung
von Marcius Alpinus dankte, und ihm die Schrift berreichte. Er wollte erst eine
Weile nichts von dieser Rettung wissen, und als ich ihm endlich die zuverlige
Quelle nannte, von der meine Nachricht gekommen war, lehnte er meinen Dank mit
Wrde und Feinheit ab. Lebhafter bewegt und erstaunt war er ber die Schrift und
die Art, wie sie in weine Hnde gekommen war; aber Alles, was ihn daran zu
freuen schien, war mein guter Wille und die neue Besttigung von der Vergebung
seines Vaters. Er bat mich, und zwang mich zuletzt, der wunderbare Mensch, die
Schrift wieder mitzunehmen, sie seinem Vater wieder zurckzustellen, und ihm zu
sagen, ihm genge sein Wort, und seine Liebe, und zwischen ihnen sollte es nie
eines solchen Instrumentes bedrfen. Ich that es ungern, denn ich frchte die
Gewalt, welche bse Menschen in einer blen Stunde ber den schwachen Hegesippus
erhalten knnten. Doch mute ich Agathokles Grnden weichen, und seine
Versicherung, da ihn die Aussicht auf so glnzende Reichthmer nicht
glcklicher machen knnte, als er es jetzt schon sey, war so sehr von Allem, was
ihn umgibt, was er thut, besttigt, da ich zuletzt die Rolle beschmt in den
Busen stecken, und gestehen mute, Agathokles sey in seinen einfachen
Verhltnissen weit glcklicher, als wir in allem Schimmer, der uns umgibt.
Seitdem gefllt mir unser Haus in Nikomedien nicht wehr so ganz; mich dnkt, es
wren da zu viel Glanz, zu viel Menschen, Gerthe, Gebruche, zu wenig Genu, zu
wenig Mglichkeit, wahrhaft zu genieen. Sollte die Ansicht wahr seyn, die in
Synthium so lebhaft vor meine Seele trat, da nur Frieden und Liebe wahrhaft
glcklich machen? Sollte dies das Element seyn, in dem unser Wesen sich am
leichtesten, am vollstndigsten entwickelte? O ich versichere dich, lieber
Lucius, seit gestern gehen mir diese Zweifel nicht aus dem Kopfe, und das Bild
eines stillen huslichen Lebens an der Seite eines Mannes, wie - Ich wei nicht,
was mir fehlt; eine Thrne tritt in meine Augen. Leb' wohl fr heute, Lucius!
Ich mag nicht weiter schreiben - ich war in meinem Leben nicht so wehmthig
gestimmt, und doch so still und ruhig.

                                                              Am folgenden Tage.

Wie ich berlese, was ich geschrieben habe, sehe ich eben, da ich noch ganz am
Anfange meiner Erzhlung stehen geblieben bin; aber gestern war ich durchaus zu
nichts mehr aufgelegt.
    Theophania kam zurck, eben als ich die Schrift von Agathokles empfangen
hatte, und lud mich ein, in das Bad zu gehen, das sie fr mich hatte bereiten
lassen. Alles im ganzen Hause, der Badesaal, die Sclavinnen, das Gerthe, das
Wollenzeug2 trug das Geprge der Einfachheit, aber der hchsten Reinlichkeit und
Bequemlichkeit. Recht erquickt kehrte ich aus dem schnen Saale zurck, dessen
hhe Fenster auf den Wald hinaus gehen, und vor welchen die rauschenden Zweige,
vom Winde bewegt, Sonnenblicke und tanzende Schatten ber das Marmorbecken und
die spiegelreine Fluth hinstreuten. Jetzt fhrten mich die glcklichen Gatten in
ihrem kleinen Eigenthum umher. Ich hatte fters ganze Tage in Synthium
zugebracht, aber bei Sulpiciens dsterer Lebensweise nichts als ein Paar
Gemcher und einen Theil der Grten gesehen. Alles, was zur anhaltenden
Beschftigung gehrt, Alles, was das Hauswesen betraf, war ihr, seit dem die
unglckliche Leidenschaft ihr Herz eingenommen hatte, fremd und lstig geworden.
Ich fand Alles niedlich und in schnster Ordnung; ein liebenswrdiger Geist,
Agathokles Mutter, von der er stets mit hchster Verehrung spricht, hatte Alles
angelegt, und sein stilles, klares, zweckmiges Walten kndigte sich berall
an.
    In den warmen Stnden des Mittags ruhten wir in der lieblichen Khlung eines
Marmorsaals. Eine Oeffnung in der Kuppel lie nur angenehmes Licht, aber keinen
Sonnenstrahl hereindringen3, ein Springbrunnen in der Ecke erfrischte unablig
die Luft, und keine Ahnung der glhenden Hitze, die jetzt die Gefilde drauen
versengte, drang in diesen stillen halbdmmerigen Zufluchtsort. Hier wurde das
Mahl aufgetragen, einfache Speisen, meist Erzeugnisse der Villa selbst, Wer so
einladend bereitet, und auf dem mit duftenden Krutern und Blumen bestreuten
Tische geordnet, da ich nie ein lieblicheres Mahl genossen zu haben glaubte. Du
kennst den guten eifrigen Quintus, er verga, in welchem Hause er war, und
ergriff beim Anfange der Mahlzeit den Becher, um dem Jupiter eine Libation4
auszugieen. Ich winkte ihm, Agathokles bemerkte meinen Blick. La dich nicht
stren, Quintus! sagte er: thue, was du fr Pflicht hltst, und glaube nicht,
da wir uns daran rgern. Dein, grter, bester Jupiter5 ist auch eine der
dichteren oder leichteren Hllen, unter welchen das Gemth des Menschen den
Weltenschpfer erkennt, und du ehrst diesen, wenn du jenem mit kindlichem Sinn
opferst. Aber du wirst auch unser nicht spotten, wenn wir dem, der uns erhlt
und nhrt, auf unsere Weise danken. Und nun stand er mit Theophanien auf, seine
Sclaven lauter Christen, stellten sich in einiger Entfernung um ihn her, Alle
machten das Zeichen des Kreuzes ihr Symbol ber Stirn und Brust, alle beteten
leise, mit gefalteten Hnden in ehrfurchtsvollen Stellungen. Ich gestehe dir,
ich war weit entfernt, das lcherlich zu finden. Es war mir ein zu schner
Anblick, wie hier Quintus dem Jupiter die Libation verrichtete, und dort
Agathokles mit seinen Christen zu ihrem Gott, und sie Alle im Grunde zu dem
Einen unbekannten Wesen beteten, dessen Daseyn Niemand beweisen kann, das
glauben zu knnen gewi eine Art von Glck seyn mu. Es war mir sogar
schmerzlich, da ich dies Glck nicht theilen konnte, und mein Herz da kalt
bleiben mute, wo, jene in sen Empfindungen des Dankes schlugen.
    Es entspann sich nun sogleich zwischen Quintus und Agathokles ein lebhaftes
Gesprch ber ihre Religionen.
    Agathokles hie die Sclaven hinausgehen, und fing an des Bruders
Behauptungen mit Waffen zu widerlegen, denen dieser nicht gewachsen schien. Er
schilderte, ohne sich einen spottenden Ausdruck zu erlauben, die Nichtigkeit
unserer Gottheiten, wie sie jeder denkende Mensch fhlen mu, die schdliche
Wirkung des Mangels an allgemein verehrlichen wrdigen Gegenstnden auf ein
Volk, das grtentheils nicht durch langsame Fortschritte zu einer seinen
Geisteskrften angemessenen Cultur gekommen, sondern ber das die Wollste, die
Ueppigkeit und die Kenntnisse unterjochter weichlicher Nationen, als Beute der
Sieger, wie ein Strom unvorbereitet hereingebrochen waren, auf ein Volk, bei dem
sich schnell die alte rauhe Tugend mit den verfeinerten Wollsten Asiens und
Griechenlands vermischte, und das nun durch die eben so schnell erreichte
Ueberreifheit des Geistes Alles, was einer bessern Vorwelt heilig war,
muthwillig und lstern in den Staub tritt. Er suchte uns endlich zu beweisen,
da nur die Einfhrung einer Religion, die statt der erloschenen Tugenden, statt
Vaterlandsliebe, strenger Sitte u.s.w., berirdische Beweggrnde zum Handeln
angibt, und die reinste Sittlichkeit fordert, dem allgemeinen Verderbni und der
Auflsung des Ungeheuern Staatskrpers wirksam entgegen arbeiten knne.
    Whrend dieses Gesprchs, das mich, obwohl ich bei Weitem nicht mit Allem
verstanden war, doch sehr anzog und beschftigte, war die Sonne gesunken, wir
traten aus dem Speisesaal in's Freie, der Mond ging hinter dem Cedernwald auf,
und wir wollten Abschied nehmen. Aber unsere gtigen Wirthe lieen uns nicht so
schnell von sich. Besonders drang Theophania mit einer Herzlichkeit in mich, der
ich unmglich widerstehen konnte. Wir blieben mit dem angenehmen Gefhl, mit dem
man sich unter guten liebenden Menschen befindet, und mein Widerwille gegen
Theophania hatte sich, ich wei nicht wie, ganz aus meinem Herzen verloren. Wir
durchwandelten die Grten in der Khlung des Abends und der kommenden Nacht,
Gesprche, Saitenspiel und Gesang verkrzten die Stunden, auch Theophania singt
und spielt, und ich kann dich versichern, mit bedeutender Fertigkeit und Anmuth.
Zwei freundliche Zimmer, vor deren Fenstern Orangenbume im Nachtwind suselten,
nahmen uns endlich auf, und ein leichter luftiger Schlummer schlo meine Augen,
und hinderte jeden ernsten Rckblick auf den in so vieler Hinsicht merkwrdigen
Tag. Als Aeos mit Rosenfingern erwachte, erweckte ihr rthlicher Glanz zwischen
Bltterschatten um mich spielend, meine Sinne aus dem erquickenden Schlafe. Ich
wagte es um meines Vaters willen nicht lnger zu bleiben, so wohl es mir hier in
dieser Wohnung des Friedens und der Liebe gefiel. Wir nahmen herzlichen Abschied
von den edlen Bewohnern des Hauses, muten ihnen versprechen, bald wieder zu
kommen, und so langte ich denn gestern in seltsamen Gefhlen und Gedanken hier
an, die mich noch nicht verlassen haben, deren Eindruck, wie ich glaube, so bald
nicht aus meiner Brust verschwinden wird. Leb' wohl!

                                    Funoten


1 Stadium war ein Lngenmaa der Alten.

2 Die Alten kannten den Gebrauch der Leinwand nicht so wie wir, sie bedienten
sich meistens wollener Stoffe, wozu die Wolle oft auf ihren eigenen Gtern, von
ihren Heerden gezogen, dann von ihren Sclavinnen gesponnen, gewebt, und zu dem
verschiedenen Gebrauch, den man davon machen wollte, bearbeitet wurde.

3 Das warme Klima in den Lndern, welche die Griechen und Rmer bewohnten,
machte es ihnen nothwendig, auf Schutz vor Hitze und Sonnenbrand in ihren
Husern zu sehen. Es waren also manche Gemcher, wie auch heut zu Tage in den
Husern der Morgenlnder, die ihr Licht blos von oben empfingen, und in welchen
ein springendes Wasser die Khlung erhielt.

4 Die Alten goen am Anfange der Mahlzeit ihren Gttern etwas Wein zum Opfer auf
die Erde. Dies hie die Libation.

5 Optimus Maximus, war ein gewhnlicher Beiname des Jupiters.


                         84. Agathokles an Constantin.

                                                           Synthium, im Aug. 303

Nicht an den Frsten - der Gengsame bedarf dessen nicht - nicht an den Retter
meines Lebens, das dem Sohne des Abendlndischen Csars, wie dem unberhmten
Sohne des Hegesipps nie Zweck, nur Mittel zu hheren Zwecken seyn kann - aber an
den geliebten, ewig theuern Freund, der mich im Unwillen verlassen, und nun seit
Monden mich vergessen zu haben scheint, wendet sich mein Herz noch einmal. Gegen
keinen andern Sterblichen wrde ich diesen Schritt thun. Bei dir bin ich sicher,
da du, wenn auch deine Liebe gestorben ist, doch Achtung fr mich bewahrst, und
mich nicht verkennst.
    Ich kann nichts von dem bereuen, was ich gethan habe, ich wrde es noch
einmal thun, wenn die Gelegenheit wieder eintrte: aber ich fhle, da mein
Leben selbst in Theophaniens Armen ohne dich nicht vollendet ist. Das schne
Urbild vollkommenen Seeleneinklangs, das mir in den Gefilden von Carrh erhaben
und stolz vor die Seele trat, ist entflohen, wie die meisten seiner Brder. Ein
verklrtes himmlisches Gebild, ist es zum Himmel zurckgekehrt, aus dem es
stammte, nachdem es meine Brust eine Weile entflammt, und manchen nicht
unwrdigen Keim entwickelt hatte. So mute es seyn, und in der Verkettung der
Dinge war auch diese Luterung nothwendig. Aber die Liebe ist zurckgeblieben,
rein und warm, wie sie in meinem Herzen entsprang, als ich dich das erstemal
sah. Ich schme mich nicht, es dir zu gestehen, ich schme mich nicht, als der
erste die Hand zur Vershnung zu bieten. Das, was bei gewhnlichen
Freundschaften das Zartgefhl von diesem Schritte abhalten knnte, deine und
meine brgerlichen Verhltnisse, kann bei uns nicht in Anschlag kommen. Fr mich
bist du nur Constantin, nur der, in dessen Brust ich die himmlische Flamme hell
auflodern sah, an der auch mein Leben sich gern verzehrt.
    Ich lebe in Synthium. Wo du dich jetzt befindest, wei ich nicht bestimmt.
Ich sende diesen Brief nach Nikomedien in den kaiserlichen Palast. In acht
Tagen, wo immer du dich auf einer der deinigen, oder der kaiserlichen Villa
aufhltst, kann ich Nachricht haben. Kmmt mir keine, so werde ich mich
bescheiden, und mit der Kraft, mit der ich schon so Manches in diesem Leben
ertrug, auch dies ertragen lernen; dich aber soll kein Wort, weder bittend noch
vorwerfend, an alte Bande erinnern, die in demselben Augenblicke gegenseitig
abgeworfen werden mssen, wo sie den Einen Theil zu drcken anfangen. Leb' wohl.

                       85. Theophania an Junia Marcella.


                                                         Synthium, im Sept. 303.

Mein Leben ist still und einfach, und mag in den Augen der Welt wohl einfrmig
erscheinen, aber in seinem verborgenen Schooe liegt ein Reichthum von kleinen
Begebenheiten, von reger Abwechselung fr das Herz, die uns die Geschichte
manches Tages merkwrdig und unvergelich macht.
    Einen solchen Tag verschaffte uns neulich ein Besuch, den ich wahrlich nicht
vermuthet, von dem ich mir das Angenehme nicht versprochen htte, das er mir
gewhrte. Calpurnia war bei uns. Ich kann dir nicht beschreiben, wie seltsam mir
zu Muthe war, als Agathokles in mein Zimmer trat, um sie mir anzukndigen. Ich
fhlte, da meine innere Bewegung sich in meinen Zgen malte; Agathokles
bemerkte es wohl, und eine innige Umarmung sollte mich beruhigen. Empfange sie
gtig, meine Geliebte! Sie ist, trotz ihrer von uns verschiedenen Denkart, ein
edles Mdchen. Ich fate mich schnell. Da Agathokles es wnschte, war mir
genug, und da sie ihn geliebt, verloren, und an mich verloren hatte, stimmte
mein Herz zu ihrem Vortheil. Ich fhlte, da ich in einer Schuld gegen sie war,
und da ich ihr durch die grte Freundlichkeit und Zuvorkommung nur einen
kleinen Theil derselben abtragen konnte. So empfing ich sie, und was ich um
meiner selbst willen gewnscht hatte, gelang mir vollkommen. Sie ward mir gut. O
gewi, zwei Herzen, die sich so genau, so innig in ihrer Liebe fr ein Drittes
begegnen, denen ein gleiches Urbild von Liebenswrdigkeit vorschwebt, knnen
unmglich anders, als hnlich fhlen.
    Wie ganz anders erschien sie mir nun damals, wie sie mich zum erstenmale
sah! Noch war sie reizend im hchsten Grade, aber dieser Reiz hatte nicht mehr
den Anstrich von Leichtsinn und Flatterhaftigkeit, der mich einst so emprte. Es
war ein leichter Schleier von Ernst darber gebreitet, und manchmal glaubte ich
sogar ein Wlkchen der Wehmuth in ihren schnen Augen schwimmen zu sehen. Ach
wenn ich dachte, diese sanfte Trauer knnte einem verlorenen Gute gelten, das
ich ihr entrissen hatte, dann schwoll mein Herz von Mitleid, und ich htte ihr
um den Hals fallen, und das anmuthige Wesen um Vergebung bitten knnen.
    Noch zwei Tage klangen die sen Gefhle in uns nach, die Calpurniens und
ihres Bruders, eines sehr edlen Jnglings, Umgang in uns geweckt hatte. Ich sah,
da Agathokles froher athmete, seit dem seinem Herzen die Versicherung ward, ein
liebenswrdiges Wesen, das sich vielleicht von ihm gekrnkt glauben konnte, habe
diesen Wahn aufgegeben, und ihre Achtung sey ihm unverloren. Auch sein Vater
fhrt fort, ihn mit groer Gte und Liebe zu behandeln, er war schon zweimal bei
uns, und es scheint, als ob die Natur mit ihren einfachen Freuden ihr
unverjhrbares Recht selbst ber die allzuverfeinerten, von ihr entfremdeten
Menschen ausbte. Er scheint, so wie Calpurnia, sich auf dem Lande zu gefallen;
vielleicht ist es eben um der Neuheit der Gegenstnde und des scharfen
Contrastes willen.
    Die grte, die reinste Freude war uns noch vorbehalten. Am schwersten unter
allen ertrug Agathokles seine Trennung von Constantin. Ich sah deutlich, wie
dieser Gedanke an seinem Herzen nagte, und seine stillsten, sesten Freuden
strte. Seine Liebe hielt diese Spannung nicht mehr lnger aus, er suchte einen
Anla, den ersten Schritt zur Vershnung thun zu knnen, so sehr auch das Recht
auf seiner Seite war. Es fand sich keiner, und so that er ihn denn endlich
unveranlat, weil er liebte. Er schrieb an den Frsten, und ich konnte wohl
bemerken, wie gespannt sein ganzes Wesen auf den Erfolg dieses Briefes war. Er
hatte acht Tage festgesetzt, binnen welchen er die Antwort erwarten wollte. Am
Abend des Zweiten gingen wir durch thauende Gefilde von einem Spaziergange in
unser Haus zurck, als pltzlich aus dem nahen Gebsch Constantin hervorstrzte,
und heftig an Agathokles Brust sank. Fest, innig, als wollten sie sich fr die
Ewigkeit halten, umschlangen sich die beiden Freunde, kein Laut entweihte die
stille Feier dieser Scene. Endlich richtete sich Constantin auf, er wollte Etwas
von Verzeihung, von Entschuldigung sagen - Agathokles legte ihm den Finger auf
den Mund. Still davon, mein Getreuer! La uns das Vergangene vllig vergessen.
Du liebst mich noch, du hast mich nicht aus deinem Herzen geschlossen - das ist
Alles, was ich zu wissen brauche, um ganz glcklich zu seyn. Sie umarmten sich
von Neuem. Ich sah Thrnen in Agathokles Augen, die untergehende Sonne hatte nie
aus schneren Tropfen wiedergestrahlt. Ich war tief bewegt, meine Hnde falteten
sich unwillkhrlich, und ich bemerkte erst, da ich in betender Stellung
dagestanden hatte, als Agathokles zu mir trat, den Arm um mich schlang, und
Constantin meine Hand mit herzlichem Drucke ergriff. In ihrer Mitte kehrte ich
in die Villa zurck. Constantin blieb drei Tage bei uns, und nie habe ich meinen
Agathokles so glcklich gesehen, als in diesen drei Tagen. So wchst meine
Zufriedenheit mit jedem Tage, und in frohen Ahnungen sieht mein Herz noch
schnern Zeiten entgegen. Dich noch einmal zu sehen, ist jetzt der einzige
heftige Wunsch meiner sonst stillen beglckten Brust, und wer wei, ob es mir
nicht moglich wird, in Gesellschaft meines Agathokles den nchsten Frhling in
deine Arme zu eilen? Dann bin ich vollkommen glcklich.

                         86. Calpurnia an Lucius Piso.


                                                       Nikomedien, im Sept. 303.

Was wird sich noch mit mir zutragen? Wohin wird das launenhafte Schicksal mich
noch fhren? Sulpicia ist todt! Ihr trauriges freudenloses Daseyn ist geendigt.
Was ich lngst als gewi voraus sah, war nun geschehen, es berraschte mich
nicht - aber es schmerzte mich tief. Du weit, wie ich sie geliebt habe, und wie
sehr ich strebte, ihr Herz vor Eindrcken zu bewahren, deren zerstrende Folgen
ich dunkel im Voraus ahnete. Tiridates selbst brachte die Trauerbotschaft, er
ist hier. Dieser Verlust, seine Anwesenheit, sein Schmerz, die Pflicht der
Freundschaft, ihn zu trsten und aufzuheitern - Alles vereinigt sich, um mich
mir selbst zu entreien, und mein Leben aus jenem behaglichen Gleichmuth zu
bringen, in dem mir durch neunzehn Jahre so wohl war, den ich mir aus allen
Krften zu erhalten strebte.
    Agathokles war vermhlt. Alle Empfindungen, die um seinetwillen mein Gemth
in irgend eine angenehme oder widrige Spannung brachten, muten auf Befehl der
Vernunft schweigen, jede lebhafte Regung zur stillen Neigung, jede schmerzliche
Erinnerung zum stachellosen Andenken an einen entschwundenen Traum werden. Meine
Philosophie, oder mein Leichtsinn - - nenne es wie du willst; was liegt am
Namen, wenn nur die Wirkung bleibt? - war in diesen Bestrebungen schon ziemlich
weit gekommen. Der Gedanke, da ich ihn ohne Rckkehr durch seine eigene Wahl
verloren, hob die Unruhe der Ungewiheit auf, kein Rthsel blieb zu lsen, kein
Wort, keine Begegnung zu deuten. So hrte sein Bild auf, die Beschftigung
meiner einsamen Stunden zu seyn. Ich verglich mich mit Theophanien, ganz
unparteiisch, Bruder, ich versichere dich, und ich fand bei aller Gerechtigkeit,
die ihr mein Herz willig widerfahren lie, da der Mann, der mit ihr zufrieden
seyn konnte, es unmglich mit mir seyn, unmglich auf die Dauer mich htte
glcklich machen knnen.
    So hatte ich nach und nach mein Herz, das die Vorflle der letzten Zeit
gewaltsam aufgeregt hatten, zu beschwichtigen angefangen. Es ward wieder stille
in mir, und ich sa eben vor mehreren Tagen am Rahmen, um einen Schleier fr
Theophanien zu sticken, und ihr so alle die zarten Aufmerksamkeiten und
Geflligkeiten zu vergelten, womit sie mich berhuft, mir die schnsten Blumen,
die schnsten Frchte ihrer Villa schickt, als pltzlich die Vorhnge meines
Gemachs sich rauschend theilten, und ein Mann in schimmernder orientalischer
Kleidung, von einer groen Anzahl eben so glnzender Sclaven gefolgt, die im
Vorsaale standen, in mein Zimmer trat. Ich sprang auf, ich erkannte den Fremden
nicht sogleich. Da eilte er auf mich zu: Sie ist todt! - rief eine schmerzliche
bekannte Stimme, und ich sah mich in Tiridates Armen. Sie ist todt! wiederholte
er noch einmal, ri sich schnell los, warf sich auf das Ruhebett, verbarg das
Gesicht in die Kissen, und schluchzte laut auf. Ich begriff nun, was diese
pltzliche Erscheinung bedeutete. Sulpicia hatte geendet, und ihr unglcklicher
Gemahl hatte nicht vermocht, an dem Orte zu bleiben, wo ihn Alles an seinen
Verlust erinnerte. Mein Herz war von einer Menge schmerzlicher Empfindungen auf
einmal ergriffen. Sulpiciens Tod, Tiridates Erschtterung, die Erinnerung an so
manche vergangene Tage, wo ich den, der nun tief gebeugt, schluchzend,
unglcklich vor mir lag, in allem Schimmer seines Standes, in kniglichem
Wirken, in frohem Lebensmuthe gesehen hatte, prete meine Brust gewaltsam, und
nur ein Thrnenstrom machte meiner Beklemmung Luft. Als er mich weinen hrte,
richtete er sich auf, und - o mein lieber Bruder, wie unwiderstehlich war er in
seinem Schmerze! Das sprhende Feuer seiner Augen brach schn gemigt durch
einen Schleier von Thrnen, die ppige Jugendflle seiner Zge war verschwunden,
seine Farbe war blasser geworden, und der Ausdruck des tiefsten Kummers erhhte
auf eine wunderbare Art die Bedeutenheit dieser edlen Formen. Denke dir noch
dazu die prchtige orientalische Kleidung, die Gehnge von den kostbarsten
Steinen ber die Brust, den breiten majesttischen Kopfputz von blendendweiem
Stoffe mit schimmernden Edelsteinen aufgebunden, diese Tracht, die so sehr
gemacht scheint, eine edle Gestalt noch edler zu zeigen - ich war so berrascht,
so seltsam bewegt, da ich eine Weile stumm und weinend vor ihm stand. Er nahm
meine Hand. Ach, wer htte das gedacht, fing er endlich aus tiefer Brust an, als
ich vor einem Jahre mit ihr aus Italien entfloh! So hatte endlich sein Schmerz
Worte gefunden. Ich war froh darber, ich setzte mich an seine Seite, er
erzhlte mir von unserer Verlornen, den Gang ihrer Krankheit, die letzten
Stunden, die letzten Worte meiner theuren Sulpicia.
    Meine Thrnen begleiteten oft seine Erzhlung, aber die seinigen hatten
aufgehrt zu flieen, und ich sah mit Freuden, da diese ungestrte Ergieung
sein Herz erleichtert hatte.
    Seit dem bringt er fast alle Stunden, die ihm seine Verhltnisse, sein
Aufenthalt am Hofe brig lassen, wo ihn Diocletian mit ausgezeichneter Pracht
und Freundschaft empfangen hat, bei uns, oder eigentlich bei mir zu. Wir waren
gestern, von meinem Vater begleitet, in Synthium.
    Der erste Anblick seines Freundes, den er seit seinem Verlust nicht gesehen
hatte, erweckte seinen Schmerz wieder, und das Glck der beiden Gatten,
Theophaniens Gestalt, die ihren Gemahl zu Hoffnungen berechtigt, welche dem
kindlosen letzten Frsten seines Stammes so unendlich wichtig wren, erinnerten
ihn schmerzlich an sein zerstrtes Glck. Doch richtete sich sein Geist auch
diesmal mchtig auf. Die Freude, Agathokles so glcklich zu wissen, und
anziehende Gesprche zerstreuten ihn angenehm. Ich finde, da seitdem seine
Heiterkeit mit jedem Tage zunimmt, und das Bild der trben Vergangenheit je mehr
und mehr in Schatten zurcktritt.
    Das ist's auch eigentlich, was ein vernnftiger Mann thun soll. Nur
Schwrmer oder unselbststndige Gemther halten einen schmerzlichen Eindruck mit
stolzem Eigensinn fest, und finden eine Art Wollust oder Ruhm darin, unglcklich
zu seyn, oder es wenigstens zu scheinen. Tiridates hat seiner Frau sowohl
whrend ihrer Krankheit, als nach ihrem Tode die befriedigendsten Zeichen seiner
Treue und Liebe gegeben. Er hatte sie in den letzten Tagen keinen Augenblick
mehr verlassen. In seinem Arm war sie gestorben, sein Mund empfing ihren letzten
Hauch, und es kostete seinen Freunden, so wie seine Begleiter erzhlen, Mhe,
ihn von der Leiche zu entfernen, und wieder an seine vorige Lebensweise, an den
Anblick der Menschen zu gewhnen, die er in Schmerz versenkt unwillig floh. Das
ist Alles, was die Vernunft, die Liebe, was selbst Sulpicia, wenn bei den
Schatten noch Erinnerung ist, von ihm fordern kann. Das Andenken an ihre Liebe,
an die schnen Stunden, die sie ihm gab, wird nie aus seiner Seele schwinden.
Aber sein Reich, seine Verhltnisse zu den Hfen von Nikomedien und Persien
fordern seine Aufmerksamkeit mit gebietender Strenge, sein Volk sieht einer
zweiten Verbindung, die ihm einen Thronerben, und dem Reiche seine knftige Ruhe
zusichert, mit Verlangen entgegen. Er kann nicht handeln, wie ein Einzelner, und
so darf er auch nicht trauern, wie ein Einzelner. Der Maastab, mit dem man
gewhnliche Menschen mit, darf nicht fr Herrscher gebraucht werden, die nicht
fr sich allein stehen, an deren Entschlieungen das Wohl von Myriaden hngt. So
mssen seine Freunde froh seyn, wenn sein erster wilder Schmerz sich in sanfte
Wehmuth, und diese in stillen Ernst auflset.
    Hier in Nikomedien hat mit seiner Ankunft wieder ein regeres Leben
angefangen. Der Augustus gibt seinem kniglichen Gaste zu Ehren glnzende Feste,
Schauspiele u.s.w. Viele, schne, viele bedeutende Frauen und Mdchen erscheinen
dabei, einige benachbarte Frsten sind mit ihren Familien hier, man kann wohl
denken, in welcher Absicht. Ein Thron, eine Gestalt und ein Herz wie Tiridates,
der auch als Privatmann so achtungs- und liebenswerth seyn wrde, verdienen wohl
die Anstrengungen, die freilich etwas zu sichtlich dafr gemacht werden. Meine
Zeit ist jetzt wieder sehr beschrnkt. Tiridates zeigt uns deutlich, da meines
Vaters und meine Gegenwart ihm die Freuden jener Feste erhhen, und ihn fr
manchen Zwang, dem er sich unterwerfen mu, entschdigen. Ich lebe daher
ziemlich zerstreut, und habe vier volle Tage an diesem Briefe zugebracht, dem du
es wohl abmerken wirst, da er nicht in derselben Stimmung geschrieben worden
ist. Leb' wohl.

                           87. Agathokles an Phocion.


                                                        Nikomedien, im Oct. 303.

Es ist mglich, mein theurer Freund! da wir uns bald sehen. Ich werde
Nikomedien, wo mich wenig mehr zurckhlt, wahrscheinlich mit den Meinigen auf
lange Zeit verlassen. Meinen gtigen geliebten Vater hat vor wenigen Tagen ein
gher Tod uns entrissen. Hohes Alter und zunehmende Schwche hatten uns zwar
lngst auf diesen Fall vorbereitet, dennoch erfllte er uns mit eben so viel
Trauer und Schrecken, als wre er in der Blthe der Jahre gewesen. Denn wie sehr
der Mensch sich auch auf einen bsen Zufall gewaffnet glaubt, so ist doch ein
unendlicher Abstand zwischen der festbestimmten Wirklichkeit, die nichts mehr
erschttert, und jenem zitternden Zustand, in den noch stets und unbewut sich
leise Hoffnung mischt. Er hat mir verziehen, er hat mich mit schwacher
sterbender Hand gesegnet, und sein liebes Kind genannt. Das ist der einzige
Punkt, auf dem meine Seele mit Beruhigung verweilt. Er hat sogar sein Testament
zurckgenommen, und seine groen Reichthmer auf eine fr sich sehr parteiische
Weise zwischen mir und seinem Neffen Leucippus, dem sie vorher ganz bestimmt
waren, getheilt. Leucippus ist ein guter Mensch; eine Verbindung, die er wider
den Willen seines Vaters, meines Oheims, traf, hatte ihm die Liebe und das
Vermgen seines Vaters entzogen. Diese Rcksicht, eine zahlreiche Familie und
mancherlei Unglcksflle machten, da ich mit Freuden das Schicksal eines
wrdigen gekrnkten Verwandten durch diese Verfgung erleichtert sah. Er war
edel genug, sogleich zu mir zu kommen, und freiwillig auf ein Geschenk Verzicht
leisten zu wollen, wodurch er mir mein Eigenthum zu entziehen frchtete. Mir
wre der bloe Wille meines Vaters hinreichend gewesen, wenn er mich auch hart
getroffen htte, um nie den geringsten Anspruch auf einen Besitz zu machen,
dessen Wertheilung ganz von ihm abhing, auf den ich kein Recht zu haben erkenne.
Leucippus ist sehr glcklich, ich habe einen treuen dankbaren Freund gewonnen,
und so mu ich doppelt meines Vaters Verfgung segnen. Wenn ich nach Europa
komme, so werde ich unmglich die Ksten eines Landes, wo du schon lange von mir
getrennt bist, betreten knnen, ohne dich zu sehen. Wie gro auch der Umweg seyn
mag, ich eile sicher von Byzanz in deine Arme, und bringe dir meine Theophania.
Mich fhren die Angelegenheiten meiner Glaubensgenossen durch Dacien und
Noricum, vielleicht sogar bis nach Britannien zu dem abendlndischen Csar.
Galerius Untergebene wthen in den Provinzen, die seiner Macht anvertraut sind,
ganz im Sinne ihres Gebieters gegen die Christen. Constantin hat vom Diocletian,
der ihn seit einiger Zeit mit grerer Auszeichnung behandelt, ein Edict
erhalten, worin das Verfahren bei den Untersuchungen, die Zwangsmittel und
Strafen genauer bestimmt, und der Willkhr nicht mehr so viel Raum gelassen
wird. Dies ist hauptschlich fr jene Provinzen bestimmt, in denen Galerius
befiehlt. Nicht viel besser geht es jenen, die unter dem Zepter des rohen
Maximian stehen. Nur in Spanien, Gallien und Britannien schtzt Constantins
milder Geist die unglcklichen Verfolgten. Viele hart bedrngte Familien
flchten daher aus jenen Provinzen in diese stillen Freisttten, und da man sie,
besonders die Reichen, nicht gern ziehen lat, so entstehen hieraus tausend
Mihelligkeiten und Zwiste, die nur eines Anlasses bedrften, um in volle
Flammen auszubrechen.
    Alles ghrt in wildem Mimuthe, Alles ist bereit, offenen Krieg zu erklren,
die Zeiten der Ruhe sind vorbei, die dumpfe Stille, die noch jetzt herrscht, ist
Tuschung und Schein. Sobald Diocletian, dessen Gesundheit und Geisteskraft
sichtbar abnehmen, die Augen schliet, treten die schrecklichen Scenen ein, die
vor seiner Regierung das Reich, die Welt verwsteten. Das sind die Ahnungen, die
bereits vor zwei Jahren meinen Geist dster umwlkten, wenn ich dem Gange der
Begebenheiten nachsann, und seit jener Zeit hat nicht das geringste Ereigni
meine Furcht Lgen gestraft, vielmehr jedes dazu beigetragen, sie zu besttigen.
Aber nicht mehr rettungslos erscheint mir jetzt, wie damals, die Lage des
Menschengeschlechts, es gibt eine Hoffnung, es lebt ein Retter. Das Christenthum
mu herrschende Volksreligion werden, die Rmische Welt Ein Oberhaupt haben, die
alten Formen mssen zerbrochen, der Sitz der Regierung wo anders hin verlegt,
die Macht der Prtorianer, dieser nie zu lschende Vulkan, aus dessen Schooe
alle die unseligen Strme hervorbrechen, zerstrt werden. Und wer, wer unter
allen Menschen, die jetzt auf dem Schauplatz der groen Begebenheiten leben und
wirken, knnte diese schne, beglckende Idee in Wirklichkeit einfhren, wer
anders als Constantin, er, den die Vorsicht ganz dazu bestimmt, und mit allen
Gaben, die dieser hohe Beruf erfordert, ausgerstet zu haben scheint? Ost in
stillen unvergelichen Stunden war der Entwurf und die mgliche Ausfhrung
dieses Plans unser feuriges Gesprch, unser glhender Wunsch. Vieles ist
abgeredet, angelegt, vorbereitet worden, und ich gehe jetzt mit freudigem Muthe
hinber auf den Schauplatz knftiger groer Ereignisse. Jene Angelegenheiten,
von denen ich dir schrieb, die Verfolgungen meiner Brder, sind, so wichtig sie
meinem Herzen bleiben, doch fr jetzt nur Nebenzweck und Vorwand, der die
eigentliche Ursache meiner Sendung und meiner Geschfte verbergen mu. Ein
grerer wichtigerer Zweck fordert alle meine Aufmerksamkeit. Tausend geheime
Fden mssen angeknpft, tausend Anstalten im Verborgenen getroffen werden,
damit, wenn die Catastrophe, die aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr fern
ist, eintritt, Constantin alle Mittel zur Hand, Heere geworben. Schtzel,
Freunde gesammelt, nichts dem Zufall berlassen, und so alle Krfte bereit
finde, um den groen Plan zu begrnden, und zu befestigen.

                       88. Theophania an Junia Marcella.


                                                        Nikomedien, im Oct. 303.

Fnf Monate sind nun im stillen Genusse der reinsten Seligkeit verflossen, ich
war glcklich - glcklich, wie vielleicht Menschen es sonst nie oder nur auf
kurze Augenblicke sind. Ich habe dieses Glck durch fnf Monate genossen, ich
darf nicht klagen, wenn es jetzt zum Theil aufhrt, und dstere Wolken hier und
da emporsteigen, und die Zukunft meiner Vergangenheit gleich zu machen drohen.
Mein Schwiegervater ist gestorben, das war die erste Strung unseres stillen
Glcks. Er hat meinem Gemahl vllig verziehen, er hat ihn in den letzten
Augenblicken mit rhrender Zrtlichkeit behandelt, er hat sein erstes Testament
zurckgenommen, und nur einen Theil seines Vermgens einem edlen aber
unglcklichen Verwandten zugewendet, den die Familie vorher tief gekrnkt, und
im Elende beinahe htte untergehen lassen, wenn ihn nicht Agathokles nach allen
seinen Krften untersttzt htte, ohne da Leucippus jemals erfahren konnte, wer
sein unbekannter Wohlthter sey. Nun hat Hegesippus letzter Wille sie auch
ffentlich vereinigt, und Agathokles behandelt den neuen Freund wie einen
geliebten Bruder.
    Aber seine Stimmung war ernst und dster, und wurde es immer mehr.
Constantin kam oft zu uns, sie unterredeten sich lange und angelegentlich, sie
lieen mich oft Theil an ihrem Gesprche nehmen. Ich mute die Wichtigkeit ihrer
Entschlsse, und ihren ernsten Willen zum Guten bewundern, aber mein Herz
zitterte in Geheim vor den mancherlei Verhltnissen, Verwirrungen,
Anstrengungen, die sie nach sich zogen, vor dem gewaltigen Treiben der Welt, das
meinen Gemahl jetzt wieder ergreifen und mitten in seine Wirbel reien wrde.
Ich konnte alle diese schnen groen Entwrfe fr nichts anders, als den
Schwanengesang meines stillen Glckes halten. Aber unsere Seelen verstehen sich
zu gut, um auch nur Einen Gedanken, eine Regung ungetheilt zu bewahren. Er
errieth mich, er verwies mir liebreich diese Anwandlung vom Egoismus, dem
herrschenden Geiste der Zeit, er stellte mir vor, da ich eine Rmische
Brgerin, eine Christin sey. Ach, ich erkannte die Wahrheit aller seiner Grnde,
aber dennoch schauderte ich bei jedem Gedanken an die unruhige, ungewisse
Zukunft!
    Nun wurde endlich beschlossen, da Agathokles nach Europa, und vielleicht
bis nach Britannien gehen sollte. Er kndigte es mir an, und trstete mich
zrtlich und liebevoll. Ich betheuerte ihm, da ich den Gedanken der Trennung
nicht ertragen knne. Ich erklrte ihm, ich wrde ihn begleiten, wohin er ginge,
bis an die Sulen des Herkules, bis an's uerste Thule1; keine Entbehrung,
keine Beschwerlichkeit der Reise wrde mir so hart, so schmerzlich werden, als
ein Leben im Schooe der Bequemlichkeit und des Ueberflusses ohne ihn. Er gab
endlich meinen Bitten nach, nachdem er mir vorher Alles, was ich zu dulden, zu
frchten haben konnte, mit den lebendigsten Farben gemalt hatte; und als ich
endlich weinend an seine Brust sank, und ihm sagte, ich knnte nicht leben ohne
ihn, da schlo er mich heftig und mit nassen Augen an sein Herz, und gestand
mir, da es sein heier Wunsch gewesen sey, sich nicht von mir trennen zu
drfen, da er vor meinem Ausspruch gezittert, und nur aus ngstlicher Sorge fr
meine Gesundheit und seine Vaterhoffnungen sich verpflichtet gefhlt habe, mir
Alles vorzustellen, was ich wagte, und unternahm. O Junia! Welche Leiden, welche
Beschwerlichkeiten mten das seyn, die ich nicht mit Freuden ertrge, um seine
Gegenwart, das Glck, mit ihm zu leben, damit zu erkaufen!
    So war denn unsere Abreise fest bestimmt, als pltzlich, ich kann eben nicht
sagen, ein unerwartetes, aber doch ein berraschendes Ereigni sie noch eine
Weile verschob. Die Knigin von Armenien endigte vor einigen Monaten ihr
schwermuthvolles Leben, und wenn ich mir denke, wie wenig glcklich sie sich
selbst bei der Erfllung aller ihrer Wnsche fand, so kann ich bei diesem
Verlust, wie du mir einst sagtest, wieder nur die Zurckgelassenen bedauern, und
auch diese in dem gegenwrtigen Falle nicht tief. Der Knig kam vor zwei Monaten
hieher, um seinem Schmerz zu entfliehen, um sich zu zerstreuen, und wirklich sah
ich noch nie einen Menschen, dem dies Bestreben so bald und vollstndig gelungen
wre, als ihm. Die schne Calpurnia, die Freundin seiner verstorbenen Frau, war
natrlicher Weise die erste Person, bei welcher er Trost und Beruhigung suchte.
Sie weinte mit ihm, sie hrte seine Klagen an, in der Liebe fr die Entrissene
begegneten sich ihre Seelen, und was knnen die Seelen dafr, wenn ein solches
Zusammentreffen lnger whrt, als gerade der Schmerz erforderte, wenn man sich
einander wieder, und abermals wieder zu begegnen wnscht, und wenn endlich die
Seelen in so reizende Hllen eingeschlossen sind, da sie vor Vergngen,
einander in diesen Hllen zu bewundern, gar nicht mehr von einander scheiden
wollen? Ich mu gestehen, Tiridates ist vielleicht die schnste mnnliche
Gestalt, die ich je gesehen habe; die Art und die ausnehmende Pracht seiner
Kleidung trgt noch mehr bei, sie im vortheilhaftesten, im wahren kniglichen
Glanz und Anstand zu zeigen. Dennoch glaube ich, wenn ich noch in der Blthe
meiner Jugendgefhle wre, diese kolossalen Formen, diese lebhaft und munter
blitzenden Augen, dieser Ausdruck von Lebenslust und Frhlichkeit wrde mich nie
angezogen haben. Calpurnia denkt anders. Nur kann ich nicht recht fassen, wie
der Ausdruck so entgegengesetzter Gemther, so ganz verschiedene Erscheinungen,
als Agathokles und der Knig sind, so schnell hintereinander dieselbe Person in
derselben Strke rhren konnten. Doch wer ergrndet das menschliche Herz in
seinen Widersprchen und Inconsequenzen! Es ist hierber nichts zu sagen, und
Niemand zu tadeln, weil er auf eine Weise fhlt, die wir nicht begreifen knnen.
    Schon bei dem ersten Besuch, den sie uns einige Tage nach Tiridates Ankunft
auf der Villa machten, war es mir sehr wahrscheinlich, der Knig werde sich bei
Calpurnien ber seinen Verlust trsten, und sie den ihrigen gern und leicht ber
einen so schimmernden Ersatz vergessen. Er hatte nichts beobachtet. Du weit,
Mnneraugen sehen in dergleichen Dingen nie scharf, nur in unsere Seelen hat die
Natur ber solche Dinge ein gar zu feines, sicheres Gefhl gelegt. Wir ahnen,
wir erkennen diese Erscheinungen bei uns und Andern leicht, wenn wir auch von
den Grnden oder Merkmalen keine deutliche Rechenschaft zu geben wissen. Bei der
zweiten, dritten Zusammenkunft blieb mir kein Zweifel brig. Tiridates redete
mit meinem Gemahl von unserm Glck, von unsern Hoffnungen, mit feuriger, nicht
wehmthiger Begeisterung, er sprach von der Nothwendigkeit, seines Volkes Glck
durch eine unbestreitbare ruhige Thronfolge zu sichern; von dem traurigen Loose
der Regenten, die so selten den Neigungen ihres Herzens folgen drften, von der
Nothwendigkeit, seine liebsten Gefhle, den gerechtesten Schmerz zu besiegen,
wenn es hhere Rcksichten fordern u.s.w., und Calpurnia ward von dieser Zeit an
von der Augusta und des Csars Gemahlin mit vorzglicher Aufmerksamkeit
behandelt. Indessen verbreitete sich das Gercht, und wurde bald zur Gewiheit,
Diocletian wolle das zwanzigste Jahr seiner glcklichen Regierung, und den Sieg
ber die Perser durch einen feierlichen Triumph in Rom, das er, wie ich glaube,
als Augustus gar noch nicht gesehen hat, feiern. Es wurden glnzende Anstalten
dazu gemacht, der Abendlndische Augustus ebenfalls dazu aufgefordert, und
Tiridates fand es nun nthig, einen Entschlu, der langst schon fest in seiner
Seele lag, ffentlich zu erklren, bevor der Kaiser Nikomedien verliee. Er warb
feierlich um Calpurnia bei ihrem Vater, und dem Kaiser, der den Proconsul
auerordentlich schtzt, und seine Einwilligung so schnell und freudig gab, da
es wohl scheint, diese Anwerbung sey nichts als eine Frmlichkeit, und die Sache
selbst schon vorher unter den Hauptpersonen verabredet gewesen. Als er mit
freundlicher Wrme in Algathokles drang, seine Abreise zu verschieben, um Zeuge
eines Zeitpunkts zu seyn, der fr das Glck seines Freundes so wichtig wre,
mochte er wohl fhlen, da diese schnelle Wahl, diese noch schnellere
Vollziehung Agathokles befremdete. Mit leichtem Ton, und noch leichterem Sinn
entschuldigte er diese Uebereilung durch seine Verhltnisse, die Forderungen der
Pflicht, die ghe Abreise des Kaisers, und sagte, da, da er nun einmal htte
whlen mssen, alte Freundschaft, Achtung fr Sulpiciens Andenken, und des
Proconsuls bedeutender Einflu seine Wahl auf Calpurnien gelenket htte.
Agathokles widersprach nicht, er nahm mit unverstellter Freude Theil an dem
Glcke seiner Freunde, und so bleiben wir noch eine Weile hier, und ich sehe
nicht ohne Widerwillen einer unruhigen Zeit voll Schimmer, Gerusch und
Zerstreuung entgegen, welche die Vermhlungs-Feierlichkeiten mit sich bringen
werden. Mein stilles Glck ist gestrt, wie ich dir sagte, und es beginnt eine
neue Epoche meines Lebens, auf deren ungewissere Schicksale ich mein Herz in
stiller Ergebung vorbereite. Leb' wohl!

                                    Funoten


1 Die Sulen des Herkules, das jetzige Gibraltar - und Thule, der uerste Ort,
den man damals gegen Norden kannte, wurden insgemein fr die Grenzen der damals
bekannten Erde, oder der Erde berhaupt genommen.


                  89. Calpurnia an ihren Bruder Lucius in Rom.

                                                        Nikomedien, im Oct. 303.

Lieber Bruder! Was wirst du sagen, wenn du diesen Brief erhltst? Ich bin Braut
- und bald, sehr bald vermhlt. Und mit wem? O du errthst es wohl. Es wre mir
auch nicht mglich, dir Alles so genau und regelmig zu erzhlen, wie es sich
machte. Wie knnte ich es auch? Ich wei selbst kaum, wie es kam - so schnell,
so unvermuthet, da ich jetzt noch manchmal Alles fr einen Traum halte.
    Genug, ich bin Tiridates Braut, und werde in Kurzem Knigin von Armenien
seyn. Es wird mich im Anfange Mhe kosten, mich in alle die Formen und
Steifheiten des Orientalischen Ceremoniels zu fgen; aber ich wei eben so
bestimmt, da es mir gelingen wird, und ich mit eben so viel Anstand Knigin
seyn werde, als ich bis jetzt mit Anmuth ein Rmisches Mdchen war, und mit
Wrde eine Nikomedische Matrone geworden wre, wenn es die Gtter so gefgt
htten.
    Das thaten sie nun aber nicht, und so wurde ich zuerst aus der Vertrauten
die Freundin, aus der Freundin die Geliebte, aus der Geliebten die Braut des
edelsten, liebenswrdigsten Frsten! Denn ich mu dir sagen, es gibt kein
gefhrlicheres Amt fr ein junges Mdchen, als die Vertraute und Trsterin eines
schnen Unglcklichen zu seyn. Das Mitleid ist eine gar zu verrtherische
Empfindung. Wir wurden einander mit jedem Tage lieber, nothwendiger, ich fand
Zerstreuung und Freude in seinem lebhaften Umgange; er beweinte mit mir seinen
Verlust, erzhlte mir von den ersten Tagen seiner Liebe, seines Glckes, und
fand es zuletzt unmglich, ohne dieses Glck zu leben. Aeuere Umstnde trafen
nun auch zusammen. Des Augustus schnelle Abreise machte eine bereilte Erklrung
nthig, wenn wir nicht mit unserer Verbindung bis zu Diocletians Wiederkunft,
die vielleicht in einem Jahre Statt haben knnte, warten wollten. Du kennst die
Verhltnisse der verbndeten Frsten zu dem rmischen Hof, du kennst Armeniens
Lage in Rcksicht der Perser. Es liegt Alles daran, die Thronfolge bestimmt und
unbestreitbar festzusetzen. Diocletian selbst schien dies zu wnschen. Die Zeit
war kurz, Tiridates entschlo sich, er fragte mich, und konnte ich wohl Nein
sagen? Was, um aller Gtter willen, htte ich gegen ihn einwenden knnen? Da
unsere Verbindung bereilt sey? Ach, ich kannte ihn seit zwei Jahren genauer,
als wenn er diese ganze Zeit ber sich um mich beworben htte; denn ich sah ihn
ohne Vorurtheil, und er hatte keine Ursache, sich vor mir zu verstellen. Da ich
ihn nicht mit der Leidenschaft liebte, die manche Menschen zum Glcke einer
Verbindung fr nthig halten? Das ist Grille. Ich achte ihn, weil er es durch
tausend Vorzge wohl verdienet, und seine Gestalt gefllt mir. Das ist Alles,
was ich zu meinem Glcke bedarf. Meine Forderungen an Euer Geschlecht waren
immer mig. Milesische Mhrchen kann man trumen, in der wirklichen Welt geht
Alles anders zu.
    Es ist berdies auch kein unbedeutender Vorzug, Knigin, wenn auch nur
Knigin eines verbndeten Staates zu werden. Augustus gibt es hchstens zwei,
und zwei Csarn; da ist nur Raum fr vier Rmische Jungfrauen oder Matronen.
Auch ist der Augustus gewhnlich nicht mehr in der Blthe der Jahre. Wie
unbndig mte der Ehrgeiz einer Rmerin seyn, die, wenn selbst Diocletian sich
zugleich mit Tiridates um ihre Hand bewrbe, den alternden, rauhen Illyrier vor
dem jugendlich blhenden Frsten whlen knnte, den alle Grazien schmcken?
    So ist denn mein Schicksal bestimmt, unwiderruflich, wenn nicht
auerordentliche Ereignisse dazwischen treten! Seltsam! Wenn ich mir das recht
lebhaft denke, so wandelt mich eine Art von Grauen an. Heirathen - mein Loos in
die Hand eines Mannes legen, ihm in ein fernes Land folgen, wo er unumschrnkt
gebeut, wo Niemand ist, der ihm Widerstand leisten darf - wahrlich, der Schritt
ist ernst, so ernst, da, htte ich Alles das frher so bedacht, ich ihn
vielleicht nicht gethan htte!
    Nun ist nichts mehr zu ndern. Meine Verbindung ist ffentlich erklrt, der
Augustus selbst hat ber meine Hand entschieden. Tiridates ist trunken vor
Freuden. Er liebt mich leidenschaftlich, und er ist keiner Verstellung fhig.
Aber wie lange wird das whren? Und wie kann ich mich vor dem Loose meiner
Freundin schtzen, oder wie kann ich erwarten, ihm zu entgehen? Und auf diesen
Punkt wird einst so Vieles ankommen. Hier ist es nthig, alle Kraft des
Verstandes, alle Macht ber sich und Andere, alle Erfahrung zu Hlfe zu nehmen.
Mein Schicksal wird in seiner Hand liegen, Niemand wird, Niemand kann sich
meiner annehmen, ich mu mir selbst Alles seyn, ich mu mich schtzen, ich mu
fest stehen, und das kann ich nur, wenn ich mich nie vergesse. Nie wisse, nie
fhle er sich meines Herzens ganz sicher, und im uneingeschrnkten Besitze
desselben, nie verliere mein Geist die Herrschaft ber sein Herz. Zwar so lange
er noch etwas zu wnschen, zu hoffen, zu frchten hat, so lange er liebt, wird
es leicht seyn, auf ihn zu wirken; aber wie klug ich mich auch betragen mag, so
wird die Zeit noch kommen, wo fremde frischere Reize, oder allmhlige Gewhnung
diese Art von Zauber zerstren. Bis also die gefhrliche Epoche eintritt, mu
seine Achtung fr meinen Charakter, fr meinen Verstand so fest gegrndet seyn,
da die Freundin keines von den Rechten verliert, die die Geliebte hatte, und
seine Untreue nichts weiter fr mich seyn kann, als ein flatterndes Spiel, das
ich ihm gern zu seiner Unterhaltung gnne.
    Nie werde ich mich in die Angelegenheiten seines Reiches mischen, wenigstens
nie unmittelbar. Sucht er in manchen Fllen den Rath der Freundin, kann es sein
Herz erleichtern, wenn er seine Sorgen zuweilen in meine Brust niederlegt, so
will ich ihm redlich tragen, und sorgen, und denken helfen. Nie werde ich meine
engbegrenzte Sphre verlassen; aber auch nie soll er vergessen, da ich meinem
schnen Vaterlande, dem Leben im Schooe einer edlen ruhmvollen Familie, die
mich zrtlich liebt, entsagt habe, um ihm in seine Gebirge zu folgen, und die
Gattin eines barbarischen Tyrannen zu werden, wie sich Sulpiciens Vater
ausdrckte. Ueber einige dieser Punkte habe ich mit dem meinen mehrere ernste
feierliche Unterredungen gehabt, und nie werde ich der weisen Lehren vergessen,
die er mir mit Rhrung, mit vterlichen Thrnen gab. Ach, er freut sich wohl,
mich so glnzend, und an einen so wrdigen Gatten verheirathet zu wissen;
dennoch fhle ich, da der Gedanke, ein Kind zu verlieren, an dessen stten
Umgang er so gewohnt war, ihn manchmal wehmthig macht. Dann ergreift diese
Stimmung auch mich, aber ich bemhe mich, sie wie jede weiche ihrer Art, zu
verscheuchen. Wenn ich nicht als Vestale leben und sterben will, steht mir diese
Trennung immer bevor, und ich knnte mir doch unter allen Mnnern keinen denken,
um dessentwillen ich sie lieber ertrge, als Tiridates.
    Keinen? - Man mu nie falsch seyn. Das, was ich fr Tiridates empfinde, ist
viel anders, als was ehedem meine Brust so unruhig, so unablig bewegte. Doch
kmmt dieser Unterschied vielleicht wohl nur von der Art des Verhltnisses, und
nicht von dem Gegenstand desselben her. Ehemals war ich ungewi, zweifelhaft,
meine Phantasie aufgeregt, alle Seelenkrfte in Spannung; jetzt ist Alles stille
und sicher, und so ist mein Gefhl nur ruhiger, aber vielleicht nicht klter.
    Sey dem, wie ihm wolle. Ich mag nicht darber grbeln, es ntzt zu nichts,
und kann nur schaden. Agathokles wird Zeuge unserer Verbindung seyn; ich habe
den Gedanken, ihn darum zu bitten, in Tiridates erregt, ohne da er meinen
Wunsch errieth. Ich wei nicht, welche Art von stolzer Befriedigung ich darin
suche; genug, ich wnsche es, und sehe es als einen Theil der Freuden jenes
wichtigen Tages an, da Er gegenwrtig sey.
    Leb' wohl, lieber Bruder! Meine Lebensart ist jetzt sehr beschftigt, sehr
zerstreut; du wirst es diesem Briefe abgemerkt haben. Bevor ich Nikomedien
verlasse, und mich noch um viele, viele Meilen weiter von dir entferne, schreibe
ich dir sicher noch einmal.

                         90. Constantin an Agathokles.


                                                         Salona1, im Jnner 304.

Als wir uns in Byzanz trennten, du mit deiner liebenswrdigen Frau nach Athen
gingst, und ich dem Augustus auf seinen Befehl nach Rom folgte, um Zeuge seines
Triumphs zu seyn, da dachte ich nicht, da jene Ereignisse, von denen wir, als
in ferner Zukunft mglich, sprachen, schon so bald ihre dunkeln verhngnivollen
Schatten ber unsere Gegenwart werfen, und uns nthigen wrden, Plane und
Entschlsse, deren greres Verdienst doch wohl Reifheit und besonnene
Vorbereitung ist, vielleicht mehr als gut ist, zu beschleunigen. Wie Galerius
die Zurcksetzung ertrug, da nur die beiden Auguste den Triumph feiern, er und
mein Vater hingegen von diesem Ruhme ganz ausgeschlossen seyn sollten, hast du
schon in Nikomedien gesehen, als nach den Hochzeitsfeierlichkeiten des Knigs
von Armenien sich alles zum Aufbruche anschickte, und auch er bereit schien, den
Augustus nach Rom zu begleiten, und an dem Triumph Antheil zu nehmen, den er
durch seine Tapferkeit wohl verdient hatte. Die alte Sitte, welche die
Verdienste der Csaren ihren Vtern zuschrieb2, obwohl sie dem Diocletian zum
gnstigen Vorwande diente, befriedigte den Stolz des wilden Csars nicht, der
sich wohl bewut war, da diesmal nicht sein kleineres kriegerisches Verdienst
vor dem grern des Augustus zu verschwinden hatte, der es tief fhlte, da
durch seinen Arm allein die Lorbeeren errungen worden waren, mit denen sich der
langgehate, lebensvolle Augustus nun in Rom schmcken sollte. Da er nicht
wthete, da er diese Krnkung so gelassen, mit so schmeichelnder Ergebung
ertrug, diese stumpfe ahnungsvolle Stille lie mich eben mit grerm Rechte ein
heranziehendes Gewitter frchten. Wie sicher mute Galerius seines Erfolges
seyn, da er den rauhen Krieger unter dem geschmeidigen Hofmanne zu verbergen
wute!
    Ich theilte dir damals meine Besorgnisse mit, du schienst es nicht so
anzusehen, und ich verwies dich auf die Zukunft. So langte ich mit dem Augustus
in der Hlfte des Novembers nach einer sehr glcklichen Fahrt in Ostia an. Die
Feierlichkeiten des Triumphs, die Spiele, Schauspiele u.s.w. - wirst du mir zu
beschreiben erlassen. Mancher Griffel setzte sich dewegen ohnedies in Bewegung,
und du wirst sie entweder schon gelesen haben, oder noch zu lesen bekommen. Bald
nach ihrer Beendigung verlie Diocletian schnell und unvermuthet die alte
Hauptstadt der Welt, die er nur erst betreten hatte, emprt durch die
Zudringlichkeit und Ausgelassenheit des Rmischen Pbels3. Wir reiseten am Ende
des Decembers mitten in den Saturnalien ab; aber schon in Aquileja wurde
Diocletian von einer pltzlichen Schwche, die mit mehreren seltsamen Symptomen
begleitet war, berfallen. Er mute einige Tage dort stille liegen, und konnte
seitdem die Reise in dieser ungnstigen Jahreszeit nur in sehr kleinen
Tagemrschen fortsetzen. Gerade nach Nikomedien zu gehen war ganz unmglich; um
also einen milden und zugleich ruhigen Aufenthalt zu finden, whlte er Salona,
wo ohnedies schon seit einiger Zeit an einem Palast, an Bdern und Grten, mit
einem Wort, an einem sehr prchtigen Wohnort fr ihn gebaut wird, und zwar mit
einer Emsigkeit und Vorliebe, die mich in manchen meiner Vermuthungen bestrkt.
So sind wir nun hier, und da Diocletian vielleicht aus besondern Ursachen, mir
jetzt seine Gunst immer deutlicher und offenbarer beweiset, und berhaupt mich
sehr gern um sich zu haben scheint, so wird es mir nicht mglich, ihn zu
verlassen, und ich werde nur mit ihm nach Nikomedien zurckkehren.
    Hier hrten wir denn auch, da Galerius in Syrmium4 die Feier der
Vieennalien mit so viel Pracht, lauter Freude und schmeichlerischer Huldigung
gegen den Augustus verherrlicht habe, da mir seine bsen Absichten, und der
stille Triumph seiner Rache beinahe unzweifelhaft werden. Rechne noch dazu, da
Diocletians jetziger Leibarzt vorher im Dienste des Galerius stand, da dieser
ihm denselben vor einiger Zeit gleichsam aus kindlicher Ergebung und Sorge fr
des Augustus Gesundheit aufdrang, und da dieser Arzt noch jetzt, wie ich sicher
wei, einen ansehnlichen Jahrgehalt von seinem vorigen Herrn geniet, und du
wirst ber manches anders und richtiger urtheilen knnen, als die Welt.
    Du denkst wohl leicht, da ich keinen dieser Umstnde auer Acht lasse. Mein
ruhiger Sinn, mein leidenschaftloses Gemth, das so oft in traulichen Gesprchen
deinen und deiner Theophania leichten Spott erfahren mute, kmmt mir in diesen
Umgebungen trefflich zu Statten. Es darf nichts gering geachtet, nichts bereilt
nichts unter, nichts ber seinen Werth und Einflu geschtzt werden, und wie
mehr uns die Ereignisse zu drngen, und in Ghrung zu bringen scheinen, je
nthiger ist es, seine ruhige Fassung und den einzigen Punkt, auf den Alles
ankmmt, nie aus den Augen zu verlieren.
    Mein Vater war sehr gekrnkt durch jene auffallende Hintansetzung. Es mag
seyn, da er mit dulden mute, was eigentlich nur seinem Gefhrten galt.
Indessen trug er es wie ein grogesinnter Frst, wie ein edler Mann. In Eboracum
sind die Vicennalien mit anstndiger Pracht, wie in allen Hauptstdten des
Reichs begangen worden. Keine heuchelnde Geschmeidigkeit, keine berlaute Freude
entwrdigte das Verhltni und das Betragen meines Vaters. Er hat mir
geschrieben, sein Brief ist voll zrtlicher Besorgni um mich, er kennt des
Galerius Gesinnungen, er wei von der Krankheit des Augustus, und frchtet, wenn
eine entscheidende Catastrophe eintreten sollte, Alles fr mich in diesen
Provinzen, die ganz dem Scepter des dstern Csars unterworfen, und eben darum
mit seinen Centurien angefllt sind. Ich bin ziemlich unbesorgt, weil ich die
Umstnde, meine Gefahr, und die mglichen Rettungsmittel sehr genau kenne; aber
ich begreife, da in einer so groen Entfernung bei den unsichern Gerchten
seine Liebe leicht besorgt werden kann.
    Er will mir den treuen Lehrer meiner Kindheit, den edlen Florianus, senden,
der mir theils schriftlich, theils mndlich verschiedene Nachrichten und
Warnungen bringen soll, die zu meinen Absichten unentbehrlich, und bei der
jetzigen Lage der Umstnde keinem Briefe anzuvertrauen sind. Ich freue mich
sehr, ihn nach so langer Zeit wieder zu sehen, und frchtete nur, ihn viel
vernderter zu finden. Du weit die Geschichte, die sein sonst so stilles
schnes Leben vergiftet hat. Sieh' hier eine neue Veranlassung, mich der Klte
meines Herzens, wie ihr es nennt, zu rhmen und zu freuen. Was knnte Florianus
seyn, und was ist er? So viel Macht hat die Leidenschaft! So gefhrlich ist's,
von ihrem sen Gifte nur zu kosten, selbst im reifen mnnlichen Alter!
    Solltest du ihn in Laureacum5 sehen, wie ich nicht zweifle, so freue dich im
Voraus, eines der edelsten Gemther, der reinsten Herzen, deinen Freund nennen
zu knnen. Das wird er seyn, das ist er schon, denn er kennt dich durch mich.
Gre deine liebenswrdige edle Theophania herzlich von mir, und leb' wohl.

                                    Funoten


1 Ein unberhmtes Dorf in Dalmatien trgt noch heut zu Tage den Namen, welchen
einst ein prchtiger Palast und Grten, Tempel, Bder, kurz Alles, womit
Diocletian seine Einsamkeit verschnerte, trug.

2 Da die Verdienste der Csaren den Augusten, als ihren Vtern, zugeschrieben
worden sind, ist geschichtlich.

3 Geschichtlich.

4 Syrmium war die Residenz des Galerius in dem Theile des Reichs, der damals
Illyrien hie. Vicennalien, das Fest wegen der zwanzigjhrigen Regierung des
Diocletian.

5 Laureacum, das heutige Enns in Obersterreich.


                       91. Theophania an Junia Marcella.

                                                          Laureacum, im Mai 304.

Sechs Monate bin ich nun in einem andern Welttheile, weit, weit von dir, weit
von meinem Vaterlande entfernt. Hier ist kein mildes Clima, wie in den schnen
Gefilden Kleinasiens, hier weht keine laue Luft durch immergrnende Gebsche,
und bringt den tausendfachen Balsamduft aus bunten Blumenkelchen gehaucht, kein
ungetrbter Himmel lchelt ber Pinien und Cederhainen. Eine dstere, wilde,
aber selbst in ihrer Dsterheit erhabene Natur umgibt mich hier, und sie ist mir
nicht so fremd, als meinem Agathokles, denn ich habe manche ihrer Scenen in noch
ungestrterer Furchtbarkeit an den Ufern des Borysthenes kennen gelernt. Auch
diesen Gegenden fehlt es nicht an eigenthmlichen Reizen, und ein Gemth, das
Sinn fr stille Gre, und den ernstern Ausdruck der Naturscenen hat, kann
leicht in den Umgebungen, in denen ich jetzt lebe, Etwas finden, das sie ihm
lieber und anziehender machte, als jene lachende Gefilde, auf die der Himmel
ohne Zuthun oder Anstrengung des menschlichen Fleies aus immer reichem Fllhorn
seine milden Gaben giet.
    Diese Provinzen, die nicht seit sehr lange unter rmischer Herrschaft
stehen, tragen berall das Geprge khner fesselloser Natur, die der Hand des
Fleies nur einem kleinen Theil zur Befriedigung ihrer ersten Bedrfnisse
abgekmpft hat. Das ganze Land ist mit Gebirgen bedeckt, nur jenseits des
breiten Stroms, der in einiger Entfernung von uns gegen Osten hinabstrmt, ist
der Boden flcher, und auch Laureacum liegt in einer Ebene, wo der Anasus1, nach
einem langen mhevollen Laufe durch Schluchten und Wlder, ber Felsentrmmer
und Bergstrze sich endlich ruhig in der sonnigen Ebene ausbreitet. Ein
wehmthiges Bild! Dort unten fliet schon der groe Strom, in dessen Fluthen er
sich bald verliert. Nur kurze Zeit war ihm vergnnt, der Ruhe zu genieen, und
die mden Wellen, kaum vom heitern Sonnenstrahl erwrmt, strzen dort schon in
die Gewsser, in denen sie Namen und Daseyn verlieren. Wie manchem Sterblichen
sah ich ein gleiches Loos fallen! Wenn sein hartes Schicksal endlich ablie, ihn
zu verfolgen, wenn seine stillen, gerechten Wnsche erhrt schienen, dann rief
ihn der Tod aus dem Kreise seiner Freuden ab, gleich als wre hienieden nicht
Raum fr solch' ein Glck, das nur in bessern Wellen zu blhen bestimmt ist.
    Agathokles hat mit mir manche kleine Reise in diese dstern Wildnisse
gemacht, aus denen der Anasus, und alle die Strme herkommen, die sich in den
Danubius verlieren. An ihren Ufern winden sich die Straen aufwrts, ihren
Quellen entgegen, sie zeigen dem Wanderer den Pfad in die geheimen Thler, aus
denen sie herabkommen, und der Weg, den die lebendige Fluth bei der ersten
Gestaltung dieser Erde nahm, die Tiefen, durch welche sie sich Bahn machte, um
heraus in die Ebene zu gelangen, sind meist auch der einzige Weg, auf dem man
hineingelangen kann. Dicht verwachsene Wildnisse empfangen den Wanderer, in
denen vielleicht noch nie eine Art erschollen ist, nie ein Futritt gewandelt
hat; himmelanstrebende Felsen tragen selbst jetzt im Frhling noch Schnee auf
ihren kahlen Huptern, wilde Bergstrme strzen sich brausend von jhen Hhen;
dann ffnet sich ein geheimes Thal, und im Schoo waldiger Berge und schroffer
Felsen liegt ein stiller Wasserspiegel weit ausgebreitet, dessen einsames Ufer
nur Vgel oder verirrte Gemsen besuchen. Keine Menschenspur ist Zu finden, nur
die Laute der Natur tnen hier, wir sind allein mit ihr, die in ungebrochener
Kraft um uns waltet, allein mit ihr, und unserm gemeinschaftlichen Schrfer.
Seine erhabene Gegenwart wird doppelt fhlbar in dieser einsamen Wildni, sein
Hauch erhlt und trgt sie und uns, hier ergreift seine Nhe uns mit Schauer,
Ehrfurcht und Liebe. Die tausendjhrigen Eichen verschlingen die khngeformten
Aeste zum lustigen hohen Dach, und bilden einen wrdigen Tempel; berall ist
Hoheit, Einfalt, Stille und Gre.
    Unwillkhrlich wirkt diese Umgebung auf unser Innerstes. Ich fhle es, da
ich hier ernster geworden bin, als ich in Synthium war. Der Himmel ist hier sehr
oft trbe, in seltsamen Gestalten ziehen sich die Nebel, die aus dem Strom und
den dichten Wldern aufsteigen, um die dunkeln Berge herum, die nrdlichere
Sonne vermag sie nicht immer zu zerstreuen; dann sammeln sie sich, verdecken das
freundliche Blau, oder ergieen sich in unaufhrlichen Regengssen ber die
winterlich dstere Landschaft. Solche trben Tage machen unsere Ansichten
ebenfalls trbe, ohne da wir uns dessen bewut sind, und berdies tragen die
tglichen Begebenheiten auch nicht dazu bei, ein ernster gestimmtes Gemth zu
erheitern. Es sind zu traurige, zu gruelvolle Scenen in diesen Gegenden
vorgefallen, man hrt von allen Seiten zu viel von dem Mibrauch des gewaltigen
Uebermuths, von der Grausamkeit des Parteigeistes, und den tausendfachen
Neckereien, Leiden, Qualen und Todesarten, die hier die verfolgte Unschuld von
ihren Drngern erdulden mu, als da man seines Lebens recht froh werden knnte,
selbst wenn ein Paradies um uns her lachte. Es sind doch im Grunde nur die
Menschen, die uns die Erde lieb oder leid machen knnen, und ein glckliches
Paar, wie Agathokles und ich, wrde auch in noch dsterern Gegenden, als diese
sind, selig leben, wenn es mglich, wenn es billig wre, Aug' und Herz vor den
Leiden seiner Brder zu verschlieen.
    Ich habe hier unter manchen seltsamen und anziehenden Gegenstnden, die mir
diese Gegenden schon zeigten, auch die Bekanntschaft eines Mdchens gemacht, die
ganz zu diesen Umgebungen pat, die in sich das treuste Bild der Natur um sich
her darstellt. Es ist jene Valeria, die Frucht einer geheimen Liebe Diocletians,
welche in Britannien geboren und erzogen worden war. Ich erinnere mich, dir
einen Theil ihrer Geschichte geschrieben zu haben, wie ich sie von Constantin
erzhlen hrte. Ein stiller tiefer Kummer liegt auf diesem schnen Gesicht,
dessen blendende Weie kaum durch einen leichten Anflug des zartesten Roths
belebt wird. Groe dunkelblaue Augen bewegen sich langsam unter langen seidenen
Wimpern, und die Farbe der Augen wiederholt sich lieblich in dem feinen Geder,
das die blendende Haut durchschimmert. Ihre lange schlanke Gestalt ist nicht
stolz, kaum aufrecht, das schne Kpfchen, von goldnem Gelocke umflossen, sinkt
bestndig auf die Brust, ihre ganze Haltung zeugt von tiefem Kummer. So erschien
sie mir, als ich sie das erste Mal sah, das anziehendste Bild der Schwermuth und
stillen Ergebung. Seit zwei Jahren hat sie keine Nachricht mehr von ihrem Lehrer
und Freund. Er wollte nicht, da sie ihm noch schreiben sollte, und sein Wunsch
ist ihr Gesetz, sie verehrt seinen Willen, seine Entschlsse mit jener
Heiligkeit, mit der vielleicht nur die ersten Jnger die Gebote ihres Meisters
ehrten und hielten. Treu und unauslschlich bewahrt sie sein Bild in ihrer
Brust, Religion, Tugend und die Gluth der ersten Liebe verklren es in
himmlischem Glanz, und nicht inniger hngt sie an den Lehren unsers gttlichen
Stifters, als an den Aussprchen ihres Freundes.
    Ihre Pflegeeltern haben sie auf Befehl ihres Vaters hierher gefhrt; denn
seit man sie aus ihrer heimathlichen Insel, von der sie nie ohne wehmthige
Begeisterung, ohne Thrnen spricht, entfernt hat, ist ihr Leben sehr unstt, und
ihr Aufenthalt berall nur kurz. Sie ergibt sich in dies schwere Schicksal,
nachdem mancher vergebliche Kampf, mancher vereitelte Versuch zur Flucht sie
belehrt hat, da eine hhere Macht ber sie waltet, der zu entfliehen sie zu
schwach ist. Uebrigens liebt sie ihre Pflegeeltern, die mit schwerem Herzen die
Befehle des Augustus an ihrem geliebten Schutzbefohlenen ben, und dies einzige
Gefhl, sagte sie mir neulich, schtzt sie vor Verzweiflung.
    Ich sehe wichtigen und erschtternden Auftritten entgegen. Agathokles wei,
da Florianus auf dem Wege hierher ist, um nach Salona zu gehen, und dort mit
Constantin zu sprechen. Noch ahnet Valeria nichts davon, und ich wei nicht, ob
ich es ihr sagen oder verbergen, und ihre Pflegeeltern bitten soll, sich mit ihr
zu entfernen. Ich wrde sie sehr schmerzlich vermissen, wenn ich sie verlieren
sollte; denn ich bin ihres Umgangs schon sehr gewohnt, und ich fhle wohl, da
auch sie mit Liebe und innigem Vertrauen an Agathokles und mir hngt.
    Von meinem huslichen Glcke sage ich dir nichts; du kennst es, es ist
grer, als ich es je dachte, je hoffen konnte. Ein gesunder blhender Knabe
knpft seit etlichen Monaten ein neues inniges Band zwischen uns. Agathokles,
meine theure Junia! ist der beste Vater, wie er der zrtlichste Gemahl, der
treueste Freund ist, und mir bleibt keine Sorge fr diese Welt, als Gott zu
bitten, da er mir mein Glck, und die stille Scheu erhalte, mit der ich es
zitternd, aber selig geniee.

                                    Funoten


1 Anasus, der alte Name des Ennsflusses.


                         92. Agathokles an Constantin.

                                                       Laureacum, im Junius 304.

Groe Gemther hat, wie ich glaube, und wie die Geschichte lehrt, die Vorsicht
darum von Zeit zu Zeit erweckt, und mit vorzglichen Gaben ausgerstet, da sie
gleich himmelanstrebenden Felsen die Gewitter, welche das Menschengeschlecht
treffen, mit hherm Haupt tragen, und so den Uebrigen zum Schutz und zum
Beispiel dienen sollen, woran ihre Schwche sich erhebe und strke. Noch
erhebender wird solch ein Muster, wenn jenes starke Gemth zugleich ein zum
Herrscher berufenes ist, und sich sein gttlicher Beruf, Andre zu leiten und zu
zgeln, zuerst an der Macht offenbart, die es ber sich selbst und seine
edelsten Triebe ausbt. So, o mein Constantin! kenne ich dich seit dem ersten
Augenblicke, wo wir uns sahen, so hast du dich stets bewhrt, und so wirst du es
bei der Nachricht thun, die ich dir zu geben habe. Wir erwarteten seit einiger
Zeit die Ankunft deines verehrten Lehrers und Freundes, des Centurio Eneus
Florianus, hier in Laureacum. Ein Zufall wollte, da gerade jetzt auch Valeria
mit ihren Pflegeeltern sich hier befand. Von dir unterrichtet theilte ich dem
Asinius Ponticus meine Nachricht mit, und berlie es ihm zu thun, was seine
Pflicht erheischen wrde. Er machte auch wirklich in aller Stille Anstalten zur
Abreise, aber unvermuthet traf Florianus um mehrere Tage frher ein, und
Aquilinus, der Prfect der Stadt, ein Geschpf und treues Werkzeug des grausamen
Galerius, lie ihn auf der Stelle als einen Ausspher, als einen verdchtigen
Abgesandten des Constantins verhaften, und ihm abnehmen, was er an Briefen und
Schriften fr dich und Diocletian nach Salona bei sich hatte. Vergebens wandte
ich Alles an, was in meiner Macht stand, um dem Prfecten die Ungerechtigkeit,
die Gefahr seines widerrechtlichen Unternehmens einsehen zu machen, und
Florianus zu befreien, mit dem mir sogar nicht erlaubt wurde zu sprechen. Sie
Ruhe, mit der der Prfect auf seinem Beginnen bestand, die Sicherheit, mit der
er verfuhr, lie mich bald frchten, da er nicht ohne hhern Befehl handle, da
das, was mir Anfangs ein Ausbruch unverstndiger Hrte schien, lange bereitete,
geheiene Maaregel war, wodurch sich Galerius Einsicht in alle unsere Plane,
und Rache an dir verschaffen wollte. Sein widriges Vorhaben milang doch zum
Theil. Florianus war besonnen genug gewesen, die geheimsten Briefe auf seiner
Brust zu verwahren. Er verlangte mit mir zu sprechen, man verweigerte es ihm
durchaus. Asinius Ponticus, der, so lange Florianus verhaftet war, keine Gefahr
fr Valerien sah, blieb in Laureacum, und wandte Alles an, um seinen alten
Freund zu befreien, oder ihn wenigstens zu sehen; auch seine Bemhungen waren
fruchtlos. Valeria schwebte zwischen Furcht und Hoffnung, Freude und
Verzweiflung. Da fate, als er keine Mglichkeit sah, seine Briefe, seine
Nachrichten, den ganzen Zweck seiner wichtigen Sendung an dich und den Augustus
in treue Hnde niederzulegen, Florianus endlich muthig den Entschlu, sie zu
vertilgen. Unbemerkt, wie er hoffte, und langsam war er dahin gekommen, an der
Flamme der Lampe, die sein Gefngni erhellte, und zu der er, damals noch
ungefesselt, mit einiger Mhe zu gelangen gewut hatte, die Briefe zu
verbrennen. Sein Beginnen ward entdeckt. Die Gewiheit, da er noch geheimere
Briefe besessen, und der Verdru darber, da er sie den Augen seiner Feinde zu
entziehen gewut hatte, entfesselte nun den ganzen Grimm des Aquilinus, und lie
ihn ohne Schonung gegen seinen Gefangenen wthen. Unter nichtigen Vorwnden,
denen man eine Art von rechtlicher Form zu geben suchte, ward er vor das
Tribunal gezogen, dessen Beisitzer, wrdige Gehlfen des Prfects, das Urtheil
schon gefllt hatten, ehe noch der Angeklagte erschienen war. Er ward zum Tode
verurtheilt.
    Ich eilte zum Aquilinus, ich versuchte Alles, was in meiner Macht stand, um,
wo nicht das Leben deines Freundes, doch wenigstens unter allerlei scheinbaren
Vorwnden einen Aufschub von ihm zu erhalten, bis der Eilbote, den ich gleich
bei Florianus Gefangennehmung an dich abgefertigt hatte, zurck seyn wrde. Sey
es nun, da Aquilinus meine Absicht merkte, sey es, da er gemessene Befehle von
seinem Gebieter hatte - mit der grten Urbanitt und unter steten
Versicherungen seiner Achtung und seines Bedauerns, da er meinen Wnschen nicht
willfahren knnte, schlug er mir meine Bitten ab. Ich ging tief bekmmert weg.
Am zweiten Tage lie er mich rufen. Mit glatten Worten und Schmeicheleien, die
mich emprten, da ich sie fr nichts anders halten konnte, als fr die Hlle
niedriger Bosheit und Tcke, sagte er mir, aus Rcksicht gegen mich, und aus
wahrer Achtung gegen seinen Gefangenen, dessen edles Betragen ihn innigst
bewege, wolle er das letzte, das einzige Mittel versuchen, das ihm zu seiner
Rettung bliebe, obwohl er gestehen msse, da er nichts Geringes wage, und diese
Nachgiebigkeit ihm vielleicht bedeutenden Verdru zuziehen knnte. Florianus
sollte, wie schon Viele vor ihm in diesen Gegenden gethan, seinen Glauben
abschwren, der dem Galerius so verhat sey, und er hoffe dann, da der Csar
dieses Opfer nicht mit Unwillen ansehen, und es ihm, dem Aquilinus, verzeihen
werde, da er ihn dafr frei gelassen, und das Leben geschenkt habe.
    Was ich geantwortet habe, was ich antworten konnte, weit du im Voraus, und
auch Florianus thut, was ich und du nicht anders erwarten konnten. Aber der
Wunsch, ein Leben, das er nicht mehr erhalten konnte, das er auch ohne diesen
schimpflichen Preis lngst nicht mehr zu erhalten wnschte, wenigstens nicht
nutzlos hinzuopfern, bewog ihn zum Schein, sich jener entehrenden Bedingung zu
fgen. Er tuschte mit schlauer Klugheit seine Verfolger, und erbot sich, an dem
von ihnen bestimmten Tag ffentlich auf dem Forum der Stadt ihr Verlangen zu
erfllen. Das Gercht von seiner Willfhrigkeit, von dem Schauspiel, das man zu
erwarten hatte, lief in Laureacum und der Gegend schnell umher. Es gelangte auch
zu uns, und zu der unglcklichen Valeria. Wir glaubten es nicht, wir ahneten
Etwas von dem Vorhaben des unglcklichen, edlen Mannes, ohne jedoch Alles
errathen zu knnen. Valeria war am gewissesten, am hoffnungslosesten von seinem
sichern Tode berzeugt. Sie hatte durch List und Gold sich ohne unser Wissen
schon ein Mal den Weg in seinen Kerker gebahnt, sie hatte verkleidet mit ihm
gesprochen, ihr hatte er, so viel sie es fassen konnte, die Auftrge an dich
mitgetheilt, und du wirst von mir erhalten, was ich durch dieses treue,
bedauernswrdige Wesen, als ein heiliges Vermchtni ihres ber Alles
verehrenden Freundes fr dich erhielt.
    Der Tag des groen ngstlichen Schauspiels brach an. Noch mu ich dir vorher
sagen, da die Grausamkeit des Galerius und seiner Werkzeuge in diesen Gegenden
bereits bedenkliche Folgen fr das Christenthum hatte. Viele haben lieber ihr
Leben, als ihren Glauben geopfert, aber auch Viele - und wer kann dem groen,
meist ungebildeten Haufen dies wohl streng verargen? - Viele haben, mde der
Neckereien, die ihr ganzes irdisches Glck zerstrten, geschreckt durch die
unerhrten Martern, unter denen die Muthigern ihr Leben lassen muten, das
einzige Rettungsmittel ergriffen, das die List ihrer Verfolger ihnen lie - sie
haben den Gttern geopfert, und solch Abschwrungen, wie man sie deinem
verehrten Freunde zumuthete, waren nichts Neues in dieser Zeit.
    Desto nthiger, desto wirksamer war jetzt ein Beispiel, und zwar ein groes,
in die Augen fallendes, ein Beispiel an einem Manne, den Rang, Verhltnisse und
persnliches Verdienst ohne dies auf einen erhabenen Standpunkt gestellt hatten.
Das mochte dein edler Freund wohl erkannt, und seinen Plan darauf gegrndet
haben. Eine unzhlige Menge Volkes, und darunter sehr viele Christen, waren
versammelt. Florianus erschien, im ganzen feierlichen Schmucke seines Standes,
eine edle, ehrfurchtgebietende Gestalt, in der vollen Reise des mnnlichen
Alters. Alle Augen waren auf ihn geheftet, Mitleid, Liebe, Neugier, Bewunderung
und Mibilligung malte sich auf den Gesichtern, je nachdem sein Vorhaben oder
die Vorstellung, die man sich von ihm machte, die Gemther verschieden bewegte.
Das Opferfeuer vor einem Gtterbilde wurde angezndet, der Priester reichte dem
Centurio das Rauchfa, und mit Anstand stieg er die Stufen hinauf, von denen er
die Versammlung leicht bersehen konnte. Jetzt, statt zu opfern, wandte er sich
gegen das Volk, und mit hinreiender Beredtsamkeit, und einem Ton der Stimme,
der tief in die Herzen drang, mit flammendem Blick, die Gluth des edelsten
Zornes auf der dunkeln Wange, Hub er an, seinen Abscheu vor der ihm zugemutheten
Handlung, die Niedrigkeit des Gtterdienstes, die Wrde seiner Religion, und die
hohe Belohnung der muthigen Bekenner zu schildern. Der Prfect gebot ihm
Stillschweigen, aber das Volk, das den khnen Redner zu hren wnschte,
berstimmte den Befehl. Florianus fuhr fort, er ermahnte seine Brder zur
Standhaftigkeit, er verwies sie auf ein besseres Leben. Da drangen die
Prtorianer ungestm von allen Seiten herbei, ein wilder Tumult erhob sich, der
Prfect, von Zorn auer sich, gab schnell Befehl zu seinem Tode, die Wache
bemchtigte sich des Gefangenen, der ihrer Wuth berlassen wurde, das Volk
suchte ihn zu befreien, aber seine Bemhungen waren vergeblich. Um keine Zeit zu
verlieren, um keine Mglichkeit zur Rettung brig zu lassen, schleppten die
wthenden Soldaten ihn auf die Brcke, und strzten ihn von dort in die Fluthen
des Anasus, der eben von heftigen Regengssen im Gebirge geschwellt, strudelnd
und schumend daher brauste, und sein Opfer gierig verschlang1.
    So endete dein trefflicher Freund ein Leben, das, stets der Tugend geweiht,
auch noch in den letzten Augenblicken nur diesen Zweck hatte, und schied mit dem
Bewutseyn aus dieser Welt, ein hohes Beispiel gegeben, und einen Eindruck in
den Gemthern hinterlassen zu haben, der bald segensvolle Frchte der Treue, des
Muths tragen wrde.
    Ich setze nichts weiter hinzu. Alles, was ich sagen knnte, wrde den
Eindruck, den die einfache Erzhlung bei dir sicher hervorbringen mu, nur
schwchen oder stren. Ihm ist wohl, und selig derjenige, der einst mit solchem
Bewutseyn, zu solchem Zwecke, wie Florianus, sein Leben hingeben kann! Leb'
wohl.

                                    Funoten


1 Der heilige Florian ist einer der bekanntesten und am meisten verehrten
Volksheiligen in Oesterreich. Die Legende erzhlt von ihm, da er - ein
rmischer Offizier von bedeutendem Range - nach Laureacum, dem heutigen Enns,
gekommen, um dort entweder die Christen zur Standhaftigkeit zu ermahnen, oder
selbst zum Muster zu dienen, und fr seinen Glauben zu sterben. Der Prfect
Aquilinus ermahnte ihn, den Gtzen zu opfern, er weigerte sich, und wurde in die
Enns gestrzt. Hier soll nun eine christliche Matrone, mit Namen Valeria, seinen
Krper aus dem Strom ziehen, und auf einem mit Ochsen bespannten Wagen bis an
jenen Platz haben fhren lassen, wo jetzt das bekannte schne Stift Florian
steht. Ich habe diese Geschichte so zu benutzen gesucht, wie sie in meinen Plan
zu taugen schien, und die wunderbare Erzhlung von der Entstehung einer Quelle
am Fue des Berges, um die mden Thiere zu laben, die den Wagen nicht mehr
weiter ziehen wollten, auf etwas andere Art eingeflochten.


                       93. Theophania an Junia Marcella.

                                                       Laureacum, im Julius 304.

Ich habe sehr trbe Tage durchlebt, meine Junia! Schon seit ich Noricum betrat,
verging vielleicht keine Woche, wo nicht irgend ein Beispiel unerhrter
Grausamkeit von Seiten unserer Verfolger, oder schimpflicher Weichheit und
niedrigen Eigennutzes von Seiten so mancher Abtrnnigen mein Herz mit Trauer,
meine Einbildungskraft mit dstern Bildern erfllte. Das traurigste von Allen
erlebte ich hier in Laureacum. Florianus ist todt. Er fiel, ein Opfer des
Hasses, ein strahlendes Beispiel fr so Manche seiner Brder, schmerzlich und
ewig von dem zrtlichsten Herzen betrauert, das vielleicht je in einer
weiblichen Brust schlug.
    Sie erfuhr seine Nhe, seine Anwesenheit an dem Orte, wo sie sich zuflliger
Weise befand, nur durch die Nachricht von seiner Gefangennehmung, von seiner
dringenden Gefahr. Er war nicht fern, er athmete eine Luft mit ihr, nach drei
hoffnungslosen Jahren hatte ihn ein gnstiges Geschick in ihre Nhe gebracht,
und - er war gefangen und die Mglichkeit, ihn noch ein Mal zu sehen, zu
sprechen, fr die sie noch vor wenig Monaten den Rest ihres Lebens hingegeben
htte, lag nun so nahe, und war ihr durch undurchdringliche Mauern, durch den
strengen Befehl des Prfects, keinen Menschen mit dem Gefangenen sprechen zu
lassen, verwehrt. Es ist schlechterdings unmglich, den Zustand zu beschreiben,
in welchem sich Valeria in dieser Zeit befand. Ich frchtete, da er ihr Leben
aufreiben werde. Diese gespannte Thtigkeit, diese glhende Liebe, diese
schwrmerische Verehrung, und diese Ueberzeugung ewiger Trennung! All' ihr Gold,
alle Versuche, die sie auf jedem nur ersinnlichen Wege machte, um den Prfect
mit Recht und Unrecht fr ihren heien Wunsch zu gewinnen, bewirkten ihres
Freundes Freiheit nicht. Sie erhielt nicht ein Mal die Erlaubni, ihn in
Gegenwart von Zeugen zu sprechen. Eine finstere Stille trat nun auf ein Mal an
die Stelle ihrer vorigen Lebhaftigkeit. Man sah, da sie ber einem Entschlu
brtete. Gott wei, woher diesem sonst so sanften, so schchternen Mdchen die
List, die Khnheit kam, Alles das in's Werk zu setzen, was sie that. Genug, an
einem Abend trat sie bleich, verstrt, mit verweinten Augen, und einer unruhigen
Heftigkeit in ihrem ganzen Wesen in mein Zimmer, sie sah sich berall ngstlich,
scheu herum. Sind wir allein? fragte sie mit dumpfer hastiger Stimme, dann warf
sie sich an meine Brust, und mit einem schmerzlichen Schrei rief sie: Ich habe
ihn gesehen! - nun will ich sterben - er stirbt auch!
    Es war ihr auf Wegen, ber die ich erstaunte, als sie spterhin uns Alles zu
erzhlen vermochte, gelungen, die Wachen zu bestechen, und verkleidet in sein
Gefngni zu dringen. O welch' ein Wiedersehen nach drei Jahren! Sie war der
Verzweiflung nahe. Aber Florianus Geist erhub und strkte sie. Noch ein Mal vor
dem gewissen Tode erlaubte er sich, den Regungen seines Herzens ganz zu folgen,
noch ein Mal schwelgten ihre Seelen in den leidenschaftlichen Ergieungen
unglcklicher Zrtlichkeit, noch ein Mal wiederholte er ihr, was durch drei
Jahre sein Mund streng verschwiegen hatte, das Gestndni seiner grenzenlosen
Liebe, seiner Trauer um sie, seiner heien Sehnsucht nach diesem Augenblick, den
er, ach! nicht so bald, und nicht auf diese Art zu erleben glaubte. In ihre
treue Brust legte er seine Geheimnisse nieder. Sie prete in dem kurzen Raum von
ein paar Stunden, der ihnen vergnnt war, alle Leiden, alle Hoffnungen, alle
bitteren Erfahrungen von drei traurigen Jahren, und alle wehmthige Seligkeit
eines solchen Wiedersehens zusammen. Sie geno dies traurige Glck mit vollen
Zgen. Sie ri sich endlich halb ohnmchtig aus seinen Armen, und mit dem festen
Bewutseyn, ihn nie wieder auf dieser Erde zu sehen, und kam in diesem Zustande
zu mir.
    Nie werde ich den Eindruck dieser Stunde vergessen. Eine Art von Schauer
berfiel mich, der Gedanke, wie mir zu Muthe wre, wenn ich an Valeriens Stelle
wre, und eben so von Agathokles scheiden mte, drngte sich mir mit einer
marternden Lebhaftigkeit auf, und ich wei nicht, was es ist, Junia! aber ich
kann ihn seit dem nicht wieder los werden. Bei jeder Veranlassung, oft sogar
ohne dieselbe steigt er in meinem Gemthe empor, umzieht meine Seele mit dstern
Schatten, und erscheint nicht selten in ngstenden Trumen unter tausenderlei
Gestalten und Zusammenstellungen wieder. So bleibt, wenn an einem trben
Herbstmorgen die Sonne endlich das schwere Gewlk zertheilt, noch hier und dort
auf den Bergen der dstre Nebelflor, die Ueberbleibsel der Nacht, gelagert, und
ach! oft noch, ehe die Sonne sinkt, steigt er herauf, und begrbt den kurzen Tag
in schnelle Schatten! O meine Junia! Wenn das nur keine Ahnungen sind! Ich darf
meinem Agathokles nichts davon sagen, er verweiset sie in das Reich der Trume,
aber ich habe mehr als eine Ursache, fr meine Zukunft besorgt zu seyn.
Florianus heldenmthiger Tod, seine letzte Ermahnung an die Christen, die
gesegneten Folgen, die man wirklich schon in dem Betragen unsrer Brder fhlt,
ihre grere Standhaftigkeit, ihre muthige Verachtung irdischer Vortheile haben,
wie ich frchte, einen gefhrlichen Funken in Agathokles Seele geworfen!
    Den Tag, wo Florianus starb, sah ich ihn zum ersten und letzten Male. Der
Zug ging in hchster Feierlichkeit, denn das Volk vermuthete nichts weniger als
seinen Tod, vor unserm Hause vorber. Er kam - im vollen Schmucke seines Ranges,
ungefesselt an der Seite des Prfects, ein schner Mann in der vollen Reife der
Jahre, gro, edel, krftig. Sein dunkles Auge war mit einem Ausdruck von
Wohlwollen und innerer Hoheit bald auf das Volk, das ihn umgab, bald auf seinen
Begleiter gerichtet, mit dem er ruhig und, wie es schien, von gleichgltigen
Dingen sprach. Nur ein paar Mal sah ich ihn den Blick zum Himmel richten; dann
aber war auch eine Verklrung darinnen, die mehr als Alles, was ich wute, den
nahen Brger einer bessern Welt verkndigte, der im Begriff war, sein Leben fr
seine Ueberzeugung aufzuopfern. Alles, was ich vorhin von ihm gehrt hatte, und
jetzt sah, machte es mir sehr wahrscheinlich, da er eine solche Leidenschaft in
Valeriens Herzen hatte entznden knnen.
    Er hatte den Gtzen nicht geopfert, seine Religion nicht abgeschworen, wie
es das getuschte Volk erwartete - in dem beigeschlossenen Blatt findest du die
weitlufige Erzhlung des ganzen Vorfalls - und endigte nun in den Fluthen des
Anasus sein Leben. Valeria war auf Alles vorbereitet. Sobald die schauerliche
Scene vorber, und der unwrdige Prfekt in seinem Palast angelangt war, eilte
sie zu ihm, und ihr Gold erhielt, was ihren rhrendsten Bitten nicht gewhrt
wurde, die traurige Gunst, den Leichnam ihres geliebten Freundes im Anasus
suchen, und auf eine anstndige Art bestatten zu lassen.
    Der Strom war von einem Gewitterregen in den Gebirgen zu einer
auerordentlichen Hhe angeschwollen, und tobte in seinen Ufern strudelnd und
reiend dahin. Kein Schiffer wollte es wagen, einen Kahn durch die wilden
Fluthen zu drngen - aber was wre der Liebe und dem Golde unmglich! Valeria
bestieg selbst einen Fischernachen, eine bermige Belohnung verschaffte ihr
ein Paar khne Ruderer, sie zwangen den Kahn mitten durch die schumende Fluth,
und fanden bald unweit der Brcke unter den Gestruchen des Ufers den theuern
Rest, den sie suchten. Valeria weinte nicht, als ihn die Schiffer vor sie hin in
den Kahn legten, kein Seufzer, keine Thrne erleichterte ihren dumpfen Schmerz.
So blieb sie diesen und den folgenden Tag, bis die fromme Sorge einiger Christen
der verehrten Leiche alle Dienste, der Treue erwiesen hatte. In der Gegend
umher, die ziemlich flach ist, hatte Valeriens Liebe schon seit dem letzten
Gesprch mit ihrem Freund zu diesem Vorhaben eine schickliche geheime Stelle
gesucht und gefunden. Unfern von Laureacum erheben sich in Sdwesten einige
kleine Hgel mit Laubwldern bedeckt. Hinter einem derselben in einem stillen
Thale, an einer frischen Quelle, der einzigen, die diese wasserarmen Gefilde
netzt und erquickt, wollte sie sein verborgenes Grab machen lassen. Ihre Liebe
hatte sinnreich gewhlt. An dem Ort, der allein Leben ausspendete, sollte das
Kostbarste verwahrt werden, das sie besa, von seiner Ruhesttte aus sollte sich
Segen verbreiten, und die fromme Dankbarkeit vielleicht einst in fernen
Jahrhunderten, wo so gern alle Geschichten die Gestalt der Fabel und des
Wunderbaren annehmen, diese einzige Quelle als ein Geschenk des verehrten Mannes
betrachten, der hier nach seinem heldenmthigen Tod Ruhe gefunden hatte.1
    Sie selbst begleitete die geliebte Hlle an den einsamen Ort. Hier begruben
ihn ihre Begleiter, trauernde Christen, unter frommen Gebeten und heiligen
Gefhlen. Als der Hgel erhht, und ein einfaches Kreuz darauf gepflanzt, und
nun jede Spur der theuren Gestalt von der Erde verschwunden war, da brach
Valeriens gewaltsame Spannung, und ihre Kraft verlie sie. Mit einem lauten
Schrei sank sie ohnmchtig auf das Grab, keine Bemhung vermochte sie wieder zu
erwecken - man brachte sie bewutlos nach Laureacum zurck. Eine tdtliche
Krankheit, die sie bald mit ihrem Freunde zu vereinigen versprach, strzte ihre
Pflegeeltern und alle ihre Freunde in die tiefste Bekmmerni. Ihre Jugend
berwand endlich den Sturm, und sie genas langsam dem Krper nach. Ihr Herz wird
nie genesen.
    Sie ist viel bei uns, wir thun, was wir knnen - aber was vermag die treuste
Freundschaft gegen einen Schmerz, wie Valeriens? Ich bin berzeugt, Junia, da
dies der grte ist, den je ein menschliches Herz fhlen kann, ich war nahe
daran ihn zu empfinden, und ich glaube, oder eigentlich ich hoffe, ich wrde ihn
nicht berleben. La mich abbrechen, es ist nicht gut, in einer Zeit, wo fremdes
Leiden unsre Thtigkeit, unsre Geisteskrfte auffordert, diese durch getrumte
Schmerzen und mgliche Schreckbilder zu lhmen. Leb' wohl.

                                    Funoten


1 Nicht weit von der Stelle, wo der Sage nach der Krper des h. Florianus
begraben worden, steht jetzt das Stift der regulirten Chorherren zu St. Florian
auf einem Hgel. An seinem Fue entspringt jene Quelle, wirklich die einzige mit
frischem guten Wasser, in dieser sonst so fruchtbaren, aber wasserarmen Gegend.
Das Stift zeichnet sich durch uere Schnheit der Bauart, durch eine treffliche
Verfassung, noch mehr aber durch sein wrdiges Oberhaupt, den gegenwrtigen
Herrn Probst, einen eben so kenntnireichen als edlen Mann, und durch viele
gelehrte schtzbare Mitglieder vor den meisten Stiftern in Oesterreich und
Deutschland sehr vortheilhaft aus.


                           94. Agathokles an Phocion.

                                                       Laureacum, im August 304.

Seit wir uns zu Athen auf meiner Hieherreise sahen, ist mein Leben eine
ununterbrochene Kette von eben so wichtigen als unangenehmen Geschften gewesen.
Die wenigen Briefe, die ich dir senden konnte, werden dir schon ziemlich eine
Vorstellung von meinen Verhltnissen gegeben haben; so brauche ich dir nur zu
sagen, da sie noch immer fortwhren, und da ich nicht absehe, wann und wie sie
aufhren werden. Ich habe in diesen Gegenden fr Constantin und meine
Glaubensgenossen viel zu sorgen, zu wirken und zu bereiten. Es kommt die Zeit,
sie ist vielleicht nher, als wir denken, wo groe Entschlsse reifen, Alles
umfassende Vernderungen eintreten, und die neue Form der Dinge ganz neue
Maaregeln erfordern wird. Diocletian liegt noch krank in Salona, wo Constantin
seiner mit Achtung und kindlicher Sorge pflegt. Galerius verstrkt seine Macht
tglich auf geheimen und offenen Wegen. Es ist Constantin in seiner Lage nicht
mglich, das Gleiche zu thun, ohne Verdacht zu erregen, da er nur des Csars
Sohn, nicht wirklich Csar ist. Was geschehen kann, und unabnderlich geschehen
mu, wenn nicht alle Plane scheitern sollen, mu also theils in Geheim durch
ihn, theils durch seinen Vater geschehen. Es ist schon Vieles gethan, aber noch
weit mehr zu thun brig, und ich hoffe mit Zuversicht viel Gutes und Groes fr
die Menschheit von dem, was jetzt bereitet wird.
    Du zwar, mein geliebter Freund! wirst nicht ganz in unsere Plane einstimmen.
Deine Ansichten sind verschieden. Ich werde es nicht unternehmen, sie zu
bekmpfen, noch weniger sie unrichtig zu nennen, aber ich fhle mein Herz
erleichtert, wenn ich dir die Beweggrnde, die mich handeln machen, genau
auseinanderlegen, und so mein Inneres dir, dem Lehrer und Leiter meiner Jugend,
unverhllt zeigen kann.
    Du hast mir in deinem letzten Briefe zugegeben, da Religion fr die
Menschen berhaupt nothwendig, und da sie, weil der Mensch auch im rohesten
Zustand Spuren von bersinnlichen Begriffen zeigt, gewissermaen in seiner Natur
gegrndet sey. Aber du lieest ihn, den unsichtbaren Urheber des Ganzen, den
Schleuderer des Blitzes, den Spender der Ernten nur mit dem Verstande aufsuchen
und finden, und bist berzeugt, da jene Vermuthungen, auf welche die
freiwirkende Vernunft des Menschen durch bloe Betrachtung der Natur fhrt,
folglich die bloe Idee eines hchsten Wesens und einer Fortdauer nach dem Tode,
hinreichend zur Sittlichkeit und Glckseligkeit des Menschen auf jeder Stufe der
Cultur sey.
    Ich will nichts davon sagen, da bis jetzt weder die ltere noch neuere
Geschichte uns ein Beispiel eines, wenn auch noch so kleinen, Volkes aufstellt,
das sich mit dieser bloen Vernunft-Religion begngt htte! Ich bitte dich blos
umherzusehen, und unter den Menschen, welche sich gesittet, gebildet, gelehrt
nennen, mit scharfer Prfung diejenigen auszusondern, deren Seelen erhaben und
reich genug wren, um zum Guten und Schnen keines andern Antriebes, als der
heiligen Stimme in ihrer reinen Brust zu bedrfen. Wie klein wird diese Anzahl
seyn! Und kann es wohl mehr als ein schner Traum genannt werden, wenn wir
hoffen wollten, die ganze Menschheit einst auf einer hohen Stufe der Cultur zu
sehen? Wrden nicht selbst in dieser mehr als platonischen Republik die Menschen
noch immer dem Irrthum der Sinne, den Grbeleien, den Tuschungen der Vernunft
unterworfen, dem Einflu und der Gewalt der Elemente, der Naturwirkungen hlflos
blos gestellt seyn? Was knnen spitzfindige Systeme gegen die Macht des
Unglcks? Was vermag die so oft irrende Vernunft, die ber die wichtigsten
Punkte nichts als Vermuthungen hat, gegen die furchtbare Gewalt des nagenden
Zweifels, wenn er einmal angefangen hat, die Grundfesten unserer Ruhe zu
untergraben? O Phocion! Denke deinem Schicksale nach - meine Hand wrde zittern,
wenn ich jene alten, vielleicht jetzt nicht ganz geheilten Wunden berhren
sollte - denke deinem Schicksale nach, und wenn du wnschest, da das
Menschengeschlecht nur durch Vernunft zu fester Ruhe und Sittlichkeit gelange,
so erinnere dich jener Stunden, in welchen die Hand des Geschicks schwer auf
deinem Herzen lag, dies Herz durch keine Vernunftgrnde sich vor stechenden
Zweifeln schtzen konnte, und alle Systeme der Philosophen, die dein
vielgebildeter Geist sich gegenwrtig hielt, nicht hinreichen, dir Beruhigung zu
verschaffen, weil eben dein hoher Geist ihre Lcken und Blen schmerzlich in
diesem Augenblick erkannte.
    Nein, Phocion, es ist nicht mglich! Diesem vielgestaltigen, jeder Tuschung
unterworfenen, jeder Form sich anschmiegenden Wesen kann die Vorsicht unsere
Ruhe, unser Glck nicht allein anvertraut haben. Denke an die erst genannten
Secten, deren jede nachfolgende die vorhergehenden aufzuheben, und Alles, was
vergangne Alter mit Mhe ersannen und fr wahr hielten, Lgen zu strafen
scheint; denke an die Versammlungen des Senats, an jede noch so kleine
Verbindung mehrerer Menschen, wo jeder mit gleich starken Grnden den Satz
vertheidigt, der ihm wahr und ausgemacht ist, und jeder sich rhmt, die Vernunft
auf seiner Seite zu haben! Sollte es wirklich diese vielgetuschte und
vieltuschende Erkenntni seyn, in der wir Alles suchen und finden mssen, was
wir zu unserer Beruhigung so nothwendig bedrfen?
    O nein, Phocion, es mu etwas Anderes sein, Etwas, das in allen Menschen
gleich ist, das in dem wilden Gothen, wie in dem weichlichen Bewohner Asiens, in
einem Caligula, wie in einem Sokrates liegt, und nur durch Clima, Erziehung und
Gewohnheit gestimmt, sich strker oder schwcher uert - das Gemth, das, was
wir mit einem metaphorischen Ausdrucke das Herz, den Sitz aller Empfindung,
alles Willens, des innersten Lebens nennen! Hierin sind alle Sterblichen gleich.
Alle fliehen sie den Schmerz, Alle suchen sie die Lust, sie mgen sie nun
setzen, in was sie wollen; Alle streben glcklich, ruhig zu seyn, wie das Wasser
aus jeder Strung durch jedes Hinderni nach seiner horizontalen Lage strebt -
Alle hassen, Alle lieben auf gleiche Art, nur verborgener oder offenbarer,
strker oder schwcher, je nachdem Sitte oder Wildheit, Unschuld oder
Verstellung ihrem Gefhl Schranken auferlegt, und in das Herz, in das Gemth des
Menschen hat der Schpfer die Religion gelegt. Mit dem Gemthe sollen wir ihn
suchen, und mit festem Glauben ergreifen, wenn er sich uns durch sinnliche und
bersinnliche Wege offenbart. Die Vernunft soll nur dazu dienen, das, was jene
geheimen Stimmen sagten, durch ihre kalten Erfahrungen zu besttigen. So ist
unser Glaube an Unsterblichkeit, an einen allweisen Schpfer des Ganzen, an
seine nie schlummernde Vatersorge, an eine knftige Vergeltung, an eine
allgemeine Brderschaft des ganzen Menschengeschlechts nicht blos Resultat
grbelnder Untersuchungen und kalter Schlsse; es ist ein lebendiger Glaube,
eine feste Ueberzeugung, die keine neuerfundene Theorie wankend machen kann,
denn sie ist aus mehr als menschlichen Quellen geflossen, und in dem Ewigen und
Heiligen unserer Brust niedergelegt.
    Wenn jetzt der Frhling dem Christen in der rings erwachenden Natur das
wiederkehrende Leben zeigt, wie Alles neu entsteht, und vom Winterschlafe sich
frhlich losringt, dann lockt ihn nicht gereizte Sinnlichkeit, nur berall den
Trieb der Liebe zu suchen und zu erkennen, er feiert keine Nachtfeier der Venus1
mit ppigen Gesngen und Tnzen. Ihm ersteht die todte Natur in neues Leben, ihm
keimt Unsterblichkeit aus dem Grabe, ihm erhebt sie sich in der Person seines
gttlichen Meisters und Lehrers mit dem Strahl der Morgensonne siegreich aus der
umschlieenden Felsengruft. So belebt jeder kommende Frhling mit neuer Kraft
die hohe Zuversicht in seiner Brust, und durch sinnliche Wahrnehmungen und
vernnftige Schlsse wird der Glaube in ihm fest und unerschtterlich.
    Ich knnte dir in unsern brigen Glaubensstzen, in unsern Offenbarungen
noch mehr Beispiele dieser Art liefern, wenn eine solche Auseinandersetzung
nicht fr einen Brief zu weitlufig wrde. Kann es mir auch nicht gelingen, dich
ganz zu berzeugen, so wnsche ich doch, dir meine Handlungsweise und die
Grnde, die mich dazu bewegen, in einem solchen Lichte zu zeigen, da du
bekennen mtest, mein Ziel sey wrdig des Strebens, und da deine Freundschaft,
wenn ich vielleicht unter diesen Bestrebungen erliegen sollte, mir einst das
Zeugni gebe: sein Wille war gut. Leb' wohl.

                                    Funoten


1 Die Nachtfeier der Venus des Catull wird nach Brgers Uebersetzung wohl den
Meisten bekannt seyn.


                          95. Valeria an Theophanien.

                                                         Byzanz, im October 304.

Man hat mich von deiner Seite gerissen, von dem einzigen Herzen, das auf dieser
Welt noch fr mich empfindet, um mich in die Arme meines Vaters zu fhren, den
ich nie gesehen, und seit ich denken kann, nur aus den Wirkungen seiner Macht,
und den Eingriffen in meine Wnsche kennen gelernt habe.
    Ich schreibe dir in einem Augenblick der hchsten Bewegung. Der Kaiser ist
von seinem langen Aufenthalte in Salona, wo sich seine Krfte nur wenig erholt
haben, endlich gestern nach einer langsamen Reise hier angekommen. Mich hat man,
um ihn hier zu erwarten, von dem Orte weggeschleppt, wo sich Alles befindet, was
ber und unter der Erde noch Werth fr mich hat.
    Morgen soll ich ihm vorgestellt werden. Ein ngstliches Gemisch streitender
Empfindungen whlt in meiner Brust. Ach, darf ich es dir gestehen, da Abneigung
und Furcht am hellsten aus dem verworrenen Haufen hervortreten?
    Warum hat man mich nicht in der glcklichen Dunkelheit gelassen, in der ich
lebte! Heimathliche Insel! Ihr frischgrnenden Fluren, ihr hallenden Bche, ihr
duftigen Nebelgestalten! Warum hat man mich von Euch getrennt? Ach dort, wo es
so trb war, war ich so glcklich! Was soll mir die Pracht der Kaisertochter,
was der blendende Glanz des Mittags? Dorthin will ich, dorthin, wo der dstre
Himmel ber unermelichen Waldungen schwebt, wo eine lichte Gestalt einst diese
trbe Natur zum Paradies um mich her verklrte, in das einfache Haus, das seine
Gegenwart zum Tempel weihte, dorthin, wo ich geliebt ward, und wieder unendlich
liebte, wo meine Seele an seinen Lippen hing, mein Geist, dem Krper entflohen,
nur in seinen Gedanken und Gefhlen sich empfand! Oder lat mich an dem waldigen
Hgel bleiben, wo er unter grnem Nasen schlft! Da ist jetzt mein Vaterland,
und sonst auf der weiten Erde keine Heimath mehr fr mich.
    Ach, Theophania, ich war einst sehr glcklich! Kein Mensch kann sich einen
Begriff von jener stillen Seligkeit machen. Alles in mir war Harmonie, Friede,
Genu. Du verstehst mich, im Arm deines Agathokles fhlst du mir nach, was ich
nicht zu erklren vermag - fhlst es mir doch nicht nach - denn Agathokles war
nicht dein Lehrer. Alles, was du bist, ist nicht sein Werk - nicht sein Mund
enthllte dir die Geheimnisse der Seligkeit, nicht sein Geist schlo die Welt
und den Himmel vor dir auf! Und nun! - -
    Leb' wohl, Theophania! Ich habe nach diesem Nun nichts mehr hinzuzusetzen,
denn ich habe nichts mehr zu denken, zu hoffen. Mein Leben, mein ganzes Wesen
hat mit ihm aufgehrt.

                                                               Zwei Tage spter.

Die gefrchtete Stunde ist vorber, und ich athme freier. O Natur und Religion!
Welche Macht der Erde gleicht eurer siegenden Gewalt! Vater! Verzeih ihnen, denn
sie wissen nicht, was sie thun! Einst, als ich an Florianus Seite sitzend aus
seinem Munde die Erzhlung des Vershnungstodes vernahm, als sein strahlendes
Auge Flammen in meiner Seele entzndete, seine stolze Haltung mich
unwillkhrlich emporzog, er nun mit einer Stimme der edelsten Begeisterung diese
Worte des sterbenden Gottmenschen aussprach, und sein ganzes Wesen so deutlich
sagte: Auch ich kann so verzeihen - ach, da sprang ich bebend vor Liebe und
Andacht auf, und wollte an seine Brust sinken; aber ein scheues Gefhl hielt
mich zurck, ich ergriff seine Hand und drckte sie an meine Lippen, an mein
Herz. Er verstand mich - o welch' ein Augenblick war dies!
    Vorgestern Abends rang ich im heien Gebet um Kraft zu der bevorstehenden
Prfung, um Geduld und ein kindliches Herz. Mde und weinend schlief ich endlich
sehr spt gegen den Morgen ein. Ein lieblicher Traum kam, meine nassen Augen zu
trocknen. Ich sah ihn - so hell, so lebendig, wie ich ihn noch nie in meinen
Trumen, in denen sein Bild so oft erscheint, gesehen hatte. Ein seltsames
Gefhl bewegte mich. Das Bewutseyn, da er todt war, und die Ueberzeugung, ihn
dennoch vor mir zu sehen, ein geheimes Grauen, und eine unaussprechlich
wehmthige Freude ergriffen wechselweise mein Herz. Ich eilte in seine Arme, und
bebte vor dem Gedanken, nur ein Schattenbild zu umarmen. Aber es war kein
Schatten, er war es wirklich. Er schlo mich an seine Brust, ich fhlte das
Klopfen seines Herzens. Da erhob er die Linke feierlich, und sagte mit seiner
schnen Stimme, deren Klang so tief in meiner Seele liegt: Vater! Verzeih ihnen,
denn sie wissen nicht, was sie thun. Da blickte ich ihn an und sah sein Gesicht
in hoher Verklrung strahlen, allmhlig wurde es zu lauter Schimmer - ich
wollte, von Grauen und Seligkeit berwltigt, vor ihm niedersinken, und
erwachte. Noch lange bebte in meiner wunderbar bewegten Brust der Eindruck des
Traumgesichtes nach, und meine Thrnen floen heftig und schmerzlich um den
entrissenen Freund, bis mir pltzlich die Bestimmung des kommenden Tages
einfiel, und der furchtbare Mann, der mein Vater hie, und Alles, was ich durch
ihn gelitten hatte, was ich noch leiden wrde. Da erklang Florianus Stimme
wieder in meinem Innersten: Vater! Verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie
thun. Auf ein Mal fiel es mir wie ein Schleier von den Augen, auf ein Mal war
ich wie verwandelt. Ich konnte verzeihen, ich konnte entschuldigen, ich fhlte,
da ich sogar wrde lieben knnen, wo ich bis jetzt nur gezittert hatte. Der
Kaiser kannte ja mein stilles Verhltni nicht, als er mich aus Britannien
wegfhren lie, er hat es gut mit mir gemeint, mich nach seinem Begriffe
glcklich machen wollen. Ach, es gibt so wenig Menschen, die glcklich zu machen
verstehen, so wenig, die es ber sich gewinnen knnen, jene, die sie lieben,
nach ihrer Weise froh werden zu lassen! Der Mensch nimmt so gern seine Wnsche
zum Maastab fr die brige Welt - und wie klein, wie unbedeutend mte dem
Augustus, selbst, wenn er sie gekannt htte, die Liebesangelegenheit eines
jungen Mdchens vorkommen, ihm, der das Wohl und Weh der ganzen Welt in seinem
Herzen trgt! So dachte ich, oder vielmehr, so entwickelte der Engel, der mir
auf Erden in einer theuern Gestalt erschienen war, der jetzt im Traum vor mir
gestanden, und die bedeutenden Worte gesprochen hatte, die Gedankenreihe in
meiner Seele. Ja, Theophania! Es war mein Schutzgeist! Um mich den Weg des Heils
zu leiten, nahm er einst die schne Bildung meines Freundes an, und ist jetzt
wieder in den Himmel zurckgekehrt, wo ich ihn finden werde, wenn ich seiner
wrdig bleibe. O Theophania! La mir den sen Glauben - er hlt mich aufrecht!
    Mir ward leichter um's Herz, nachdem jene Ideen und Empfindungen in mir klar
geworden waren. Mit ergebener Fassung, ja sogar mit einer Art von angenehmer
Erwartung, den zu sehen, an den mich so heilige Bande knpften, lie ich mich
mit all' dem Geschmeide belasten, das mein Vater mir gesandt hatte, und folgte
meinem Fhrer in den Palast.
    In der Einsamkeit und Einfachheit meiner Kindheit, fern von Allem, was mir
richtige Begriffe von dem Leben und Wesen der Groen dieser Erde htte geben
knnen, standen ihre Bilder, wenn ich sie mir dachte, in beinahe
bermenschlicher Hoheit und Glanz vor mir. Als spterhin mein Schicksal von dem
Ersten unter ihnen so unsanft berhrt, und in den wilden Wirbel der Welt gezogen
worden war, da gesellte sich ein Schein von Furchtbarkeit zu jenen riesenhaften
Gestalten, und die Herren der Erde erschienen mir mit den Zgen unerbittlicher,
strenger Richter. O meine Liebe! Wie so ganz verschieden fand ich die Wahrheit
von diesen Bildern meiner Phantasie! In einem Lehnstuhl sa oder lag vielmehr
ein kranker abgezehrter Greis, dessen Blick und Haltung eher Alles, als den
Gebieter von Myriaden verkndigte. Freilich umhllte ein Purpurgewand diese
zitternden Glieder, aber es schien mit seiner Pracht und jugendlichen Farbe nur
dieses Alters, dieser Hinflligkeit zu spotten. Ist das der Herr der Erde?
dachte ich. O Vorsicht! Was sind die Knige vor deinem Thron! Mich bewegte eine
seltsame Empfindung, sie war nicht mehr Furcht, sie war dem Mitleid verwandt,
und so trat ich ein paar Schritte nher. Da streckte er mir die Hand entgegen,
und richtete sich, von Zweien seines Gefolges untersttzt, mhsam auf. Komm,
mein Kind! sagte er: komm nher, da ich dich recht ansehe. Der leise gtige Ton
der vterlichen Stimme, die ich jetzt zum ersten Mal hrte, berwltigte jeden
Rest von Scheu, ich eilte hinzu, sank vor ihm nieder, und drckte die zitternde
Vaterhand fest an meine Lippen, an mein Herz. Ich war zu bewegt, um zu sprechen,
und auch mein Vater schien erschttert. Bald aber fate er sich wieder, hie
mich aufstehen, und betrachtete mich genau, indem er meine Zge mit einem Bilde
verglich, das ihm ein sehr schner junger Mann, dessen Gesicht ganz allein unter
allen, die ich hier sah, einen freundlichen Eindruck auf mich machte, von einem
Tische herber gelangt hatte. Ach, es war wahrscheinlich das Bild meiner nie
gekannten Mutter! Der Gedanke ergriff mich sehr, und ich fing an zu weinen. Da
winkte mir einer der glnzenden Herren, und ich verstand, da ich mich bezwingen
sollte, weil allzugroe Rhrung dem Kranken schdlich seyn konnte. Ich mute
also im ersten Augenblick der Ergieung mein volles Herz verschlieen, und meine
Thrnen verschlingen. Ach, da offenbarte sich der Fluch, der auf Macht und
Hoheit liegt, an mir. Ich begann, in meine alten Gedanken zurckzusinken, als
mein Vater das Bild bei Seite legte, und mich sehr liebreich ber allerlei
Umstnde meines frheren Lebens befragte, auch mit einer Schonung, fr die ich
ihm ewig danken werde, Alles vermied, was mich an mein grtes Unglck erinnern
konnte. Endlich stellte er mir mit einem bedeutenden aber nicht strengen Blick,
den schnen jungen Mann, als meinen Landsmann - Constantin vor. Ach, ich hatte
es dunkel geahnet, als ich ihn sah, ich hatte wenigstens gewnscht, ihn so zu
finden. Nun ward mir viel leichter. Ich hatte nebst meinem theuern Vater noch
ein Herz in dieser freudenlosen Welt gefunden, das Theil an mir nahm, mich
verstand, und ber das, was mir allein wichtig ist, gleich mit mir dachte.
    So endigte der erste Besuch viel besser, als ich gehofft hatte; ich soll
nun, so gebeut es mein Vater, ihn tglich besuchen, so lange er in Byzanz
bleibt, dann mit ihm nach Nikomedien gehen, und ihn nie wieder verlassen.
    Leb' wohl, Theophania! Ich mu mich bereiten, am Hofe zu erscheinen. Einer
Kaisertochter wird es nicht so gut, wie der Tochter des gemeinsten Handwerkers,
da sie ihrem Vater unvorbereitet, und mit ihrem alltglichen Anzuge, an die
Brust fliegen knnte.

                         96. Constantin an Agathokles.


                                                        Nikomedien, im Mrz 305.

Nach einer sehr langsamen, und sehr unangenehmen Reise bin ich endlich vor
einigen Wochen mit dem Augustus hier eingetroffen. Sein Zustand ist bedenklich,
obwohl fr den jetzigen Augenblick ohne Gefahr. Die Aerzte oder vielmehr sein
Leibarzt, der durch sie spricht, derselbe, den ihm Galerius berlassen hat,
erklren, da nur Entfernung von allen Geschften, wenigstens auf einige Zeit,
nur vollkommene Ruhe seine ganz zerrttete Gesundheit wieder herstellen kann. Ob
sie in der Tiefe ihrer Kunst, oder in der Politik des Galerius diese Kunde
geschpft haben, entscheide ich nicht. Dieser, der uns von Syrmium auf dem Fue
hierher gefolgt ist, um keinen Augenblick zu versumen, und berall selbst
gegenwrtig zu seyn, steigert seinen Ton und sein Betragen an Bestimmtheit und
Hoheit mit jeder schlimmen Nachricht von des Augustus Befinden, und zwischen den
Hfen von Nikomedien und Mailand waltet ein ununterbrochener Briefwechsel.
    Nicht umsonst wird Salona, wie ich mich selbst berzeugt habe, mit
kaiserlicher Pracht erbaut und eingerichtet. Es ist ein uerst lieblicher
Aufenthalt, reizend zwischen sanften Hgeln und dem Meer, in der schnsten
Gegend von Dalmatien gelegen. Diocletian schien mit auffallender Vorliebe und
allem Eifer, den ihm seine Schwachheit brig lie, die Vollendung dieses Baues
zu betreiben, der so ganz das Geprge einer stillen Freistatt nach den Strmen
und Mhseligkeiten eines thatenvollen Lebens trgt. Ich sehe im Geiste Alles
vor, es ist, als ob eine geheime Stimme mir es zuflisterte. Freiwillig oder
halbgezwungen, aus Philosophie, oder um das untergehende Gestirn dem bsen
Einflu des gewaltsam empordringenden zu entziehen, wird Diocletian die Zgel
der Regierung niederlegen, Galerius - Augustus heien, und wie Diocletian, Herr
der Welt seyn wollen. Auch spricht man am Hofe und in der Stadt zu viel, zu
allgemein, zu laut von dieser wahrscheinlichen Zukunft, als da dies Gercht
blos der aufgetriebene Schaum des Migganges und der Langeweile seyn sollte,
die schon so manches Gerede erzeugt haben. Heimliche Boten sind ausgesendet, um
im Gesprch gleichsam zufllig die Nachricht zu verbreiten, und die Welt auf das
seltsam wichtige Schauspiel vorzubereiten. Man erwartet das jngst kaum
Geglaubte, das halb Unmgliche, fast schon als gewi. Der Ehrgeiz, die
Ruhmsucht, der Eigennutz in seinen innersten Tiefen durch neue Hoffnungen,
Besorgnisse und Aussichten geweckt, kommt in ghrende Bewegung, die Neugierde
zermartert sich in Vermuthungen und Erwartungen, und der mige Pbel des Hofes
und der Stadt sieht mit gespannter Aufmerksamkeit dem groen Ereigni, wie einem
interessanten Schauspiel, entgegen, von dem er sich Zerstreuung und Zeitkrzung
erwartet. So stehen die Sachen hier. Seit dem diese Gerchte anfangen laut zu
werden, und vom Hofe aus ihnen Niemand widerspricht, handelt und befiehlt
Galerius als Einer, der bald allein zu handeln und zu befehlen haben wird. Er
mchte sich doch verrechnet haben. Der Titel eines morgenlndischen Augustus
enthlt noch nicht den Titel des Herrschers der Welt, nicht jeder Augustus ist
ein Diocletian, und gerechte Ansprche zu sichern, und von ihnen geleitet und
geschtzt so weit zu gehen, als Sterblichen mglich ist, ist der hohe Beruf, den
die Natur in manche Seelen legte, und den zu berhren, sie eben so unwrdig als
unmglich dnken wrde.
    Was mein Vater fr mich im Stillen bereitet hat, was mir aus jenen Gegenden
droht, und was ich dort durch seine und deine rastlose Sorge und Anstrengungen
zu hoffen habe, habe ich theils durch deine geheimen Briefe, die mir der treue
Vipsanius aus Laureacum brachte, theils durch die mndlichen Nachrichten
erfahren, die mir die edle Valeria, als das letzte Vermchtni ihres und meines
sterbenden Freundes, mitgetheilt hat. Ich habe sie in Byzanz gesehen, und auf
den ersten Blick die Landsmnnin in ihr erkannt. Solche schlanke weie
Gestalten, so gelbes Haar, so dunkelblaue Augen erzeugt nur Britanniens lieblich
dsterer Himmel. Sie ist sehr unglcklich. Eine ihrer ersten Bitten an mich, dem
sie als einem Bruder sich mit schner Zuversicht offen nahte, war, wenn sie
strbe, ihre Ueberreste nach Laureacum zu senden, und sie an unsers verehrten
Lehrers Seite begraben zu lassen. Sie scheint nur Raum fr diesen Gedanken zu
haben, und in ihm allen Trost zu finden, dessen ihre Lage fhig ist. Schmerzlich
hatte ihr Anblick, ihr Gesprch jene alten Wunden wieder in mir erneuert, ihr
Umgang mich weich und wehmthig gestimmt, und ich fand es bald nthig, meine
Einbildungskraft mit Gewalt von diesen Bildern abzuziehen, deren lhmende
Wirkung ich mit Verdru in meiner Empfindungs-und Handlungsweise empfand. Die
hiesigen Angelegenheiten boten mir bald wrdige Gegenstnde, und Valeria, die
ich brigens so sehr achte, als es ihre Vorzge und ihr Unglck verdienen, wird
mich, wie ich hoffe, nicht verkennen, und nicht glauben, da das Andenken unsers
verklrten Freundes darum in meiner Seele schwcher fortlebt, weil ich selten
und mit mehr Ruhe, als sie vermag, von ihm spreche.
    So wie es scheint, haben ihr wirklich groer Reiz und ihre sanften Tugenden
das Herz ihres Vaters ganz gewonnen; man sagt, er denke sie in seine Einsamkeit
mit zu nehmen, und habe sie dewegen schon vor einem halben Jahre zu sich kommen
lassen, und als seine Tochter anerkannt. Ein neuer Beweis, da der Plan, dem
Throne zu entsagen, schon lange in seiner Seele gelegen, und er Alles geheim und
langsam dazu vorbereitet hat. So handelt der kluge, der vorsichtige Mann, und
gibt uns ein nachahmungswrdiges Beispiel. Auch wir sollen langsam und geheim
bereiten, was der entscheidende Augenblick pltzlich in seiner ganzen Gre und
Vollendung der erstaunten Welt enthllen mu. Hindernisse spornen den Eifer, und
wichtige Gegner lehren uns unsre Blicke schrfen, und alle Krfte anstrengen, in
deren lebendiger Thtigkeit dem rstigen starken Mann erst recht wohl wird.
Galerius ist auch thtig, ich wei es wohl, aber jeder Augenblick wird zeigen,
wer sichere, und bessere Maaregeln genommen hat.
    Sende mir das nchste Mal Nachricht, wie es mit den Legionen steht, die mein
Vater in Britannien bei sich hat. In Gallien sind mehrere Legionen, theils
Rmer, theils Eingeborne zerstreut, auf deren Treue ziemlich sicher zu zhlen
ist, und die sich, wenn es nthig ist, leicht versammeln lassen. Es mu auf
Alles gedacht, nichts dem Zufalle berlassen, und auf den schlimmsten Fall uns
ein wrdiger Rckzug gedeckt seyn, der keiner Flucht gleiche, und uns nur die
Mue verschaffe, mit erneuerter Kraft einst wieder hervorzutreten. Auch in
Italien habe ich meine Zeit nicht vergebens zugebracht. Unter Maximians Augen in
seinen Provinzen wird, ohne da er es ahnet, an dem Plane gearbeitet, dessen
Vollendung den Erdkreis neu gestalten soll. Der rmische Senat hat lngst
aufgehrt zu seyn, in dem Sinne, in welchem ihn einst die versammelten Vater und
der staunende Erdkreis kannten. Warum sollen wir aus altem Wahn, oder unzeitiger
Schonung eine Form behalten, die lngst nichts mehr als eine leere Hlle ist,
aus der der Geist entfloh? Der rmische Staat ist reif zur Wiedergeburt; so
werde er wiedergeboren, und eine neue Aera1 beginne fr die erneuerte Welt.
    Vor allen Dingen ist es nthig, um jede Wurzel des Alten zu vertilgen, da
der Sitz des Reichs an eine neue Stelle komme. Dein Vorschlag wegen Byzanz
scheint mir sehr klug und ausfhrbar. Ich habe an Ort und Stelle Alles berlegt
und bedacht, was du mir frher schriebst. Wie gar kein anderer Punkt in der Welt
eignet sich dieser zur Hauptstadt des Ganzen, hier, wo zwei Erdtheile einander
berhren, und das freie Meer ein unmittelbares Verkehr mit dem Dritten erffnet.
Aber - Eine Hauptstadt - Ein Reich - Ein Herrscher - Ein Gott!
    Ganz neu mu Alles werden, und von dem Alten auch keine Spur mehr brig
bleiben, die zur Vergleichung mit Ehemals oder zum Schlupfwinkel fr
Widerspenstige dienen knne. Erstaunt und betubt sollen sie sich zuerst in der
neuen Schpfung umsehen, und dann, bis sie sich erholt haben, wird die neue
Ordnung ihnen nicht mehr fremd seyn. Nur so kann man hoffen, den Keim alles
alten Unglcks, das Schwankende der Verfassung, und die tausend Miverhltnisse
einer getheilten Gewalt zu heben.
    Wenn dann die alte Regierungsform mit khner Hand zerschlagen ist, folgen
ihr die zertrmmerten Gtzenbilder und Altre, und ein neuer wrdiger Cultus
erhebe sich ber der gereinigten Erde.
    So steht das Bild vor mir, gro, erhaben, und alle Krfte aufzubieten, die
mir zu Gebote stehen, ist mir nicht allein Freude, ist, wie ich glaube, Pflicht,
vom Schpfer mir auferlegt, der mit diesen Krften mir auch den Beruf zu diesem
Werke gab. Leb' wohl!

                                    Funoten


1 Zeitrechnung.


                          97. Tiridates an Constantin.

                                                             Amida, im Mrz 305.

Die wichtigen Ereignisse, die sich bei Euch in Nikomedien zubereiten, und die
noch wichtigeren Folgen, die daraus entspringen knnen, haben mich bestimmt,
nach Bithynien zu gehen, wo ich in ungefhr acht Tagen einzutreffen hoffe. Die
Gunst und die Macht des Csar Galerius hat bisher meine Rechte untersttzt und
aufrecht erhalten; es kann seyn, da der knftige Augustus dieselben Gesinnungen
beibehlt, aber es kann auch seyn, da Politik oder Laune ihn umstimmen, und so
glaube ich, da es auf jeden Fall gut ist, bei der wichtigen Catastrophe
gegenwrtig zu seyn. Dir, mein Constantin, brauche ich die unbestreitbaren
Ansprche eines eingebornen Frsten auf den Thron seiner Voreltern nicht an's
Herz zu legen. Nicht blos deine Gesinnungen gegen mich, auch deine Denkart im
Allgemeinen brgt mir dafr, da du sie jederzeit ehren und anerkennen wirst;
und so kann ich auch, ohne den Vorwurf der Heuchelei zu verdienen, dich
versichern, da ich es fr eine sehr gnstige Wendung des Schicksals ansehen
wrde, wenn es dich bei den bevorstehenden Vernderungen an einen Platz stellen
mchte, auf dem dein gerechter Sinn, deine Klugheit und Kraft, die Macht des
rmischen Staates aufrecht erhalten, und die Ruhe der letzten zwanzig Jahre
fortsetzen kann.
    Meine Calpurnia war sehr vergngt, als ich ihr meinen Entschlu mittheilte.
Die Aussicht, ihren Vater, ihren Bruder, so viel werthe Freunde wieder zu sehen,
erfllte sie mit so reger Munterkeit und Thtigkeit, da sie selbst unter ihren
Augen alle Anstalten zur Abreise treffen lie. Wir sind in Amida, wie du aus der
Ueberschrift des Briefs gesehen hast, und folglich an der Grenze des Reichs.
Sobald Calpurnia und mein Sohn, den ich mitbringe, sich in etwas von den
Beschwerden einer schnellen Reise erholt haben werden, setzen wir sie
ununterbrochen fort, und denken in wenig Tagen dir mndlich zu sagen, wie sehr
wir Beide dich lieben und schtzen. Leb' wohl!

                         98. Agathokles an Constantin.


                                                         Laureacum, im Mrz 305.

Ein sehr verllicher Bote bringt dir diesen Brief, er enthlt die nheren
Angaben von Allem dem, was du zu wissen verlangst, und was dein Vater dir melden
lt. Alles ist bereit, der Legionen in Gallien, Spanien und Britannien bist du
durch deinen Vater sicher, hier in Noricum, durch Pannonien und ganz Dacien ist
so viel geschehen, als mglich war, und du wirst mit mir zufrieden seyn. Die
Christen, die sich unter ihnen befinden, bindet Religion und gerechter Ha gegen
ihren Verfolger Galerius an dich, die brigen zieht das Beispiel der grern
Anzahl und mehr noch die Zuversicht auf den jungen muthigen Fhrer dir nach,
dessen Heldenthaten die Fama von Carrhs Gefilden, und aus den Gebirgen von
Armenien bis hierher geschftig trug. Sobald Diocletian den Purpur ablegt, und
Maximian, wie es allgemein heit, zu einem gleichen Schritte bewegt oder zwingt,
sind dein Vater und Galerius Augustus, und du der Sohn des abendlndischen, sein
geborner, berufener, wrdiger Csar. Mag Galerius sich in den Morgenlndern,
oder unter den illyrischen Bauern1 einen Nachfolger whlen, du hast ihn nicht zu
frchten. Der Geist der Zeit, der sich allmhlig vom Heidenthume zu einer
vernnftigen Religion hinber neigt, ist auf deiner Seite, er kmpft mit deinen
Schaaren, er zieht die Menschheit in dein Interesse, und vergebens stemmt die
alte morsche Form sich das letzte Mal gegen die siegende Gewalt des bessern
Neuen. Ja, er wird ausgefhrt werden der schne groe Plan, den wir in stillen
Stunden der Begeisterung entworfen; stolz blickt mein Geist auf den Antheil hin,
den meine Anstrengung, meine Thtigkeit daran hatte, und nichts - gar nichts auf
der Welt wrde mir zu kostbar seyn, um es nicht mit Freuden fr die Sicherung
desselben hinzugeben.
    Seit ich den edlen Florianus sterben sah, schwebt das Bild - nicht der
Marterkrone im gewhnlichen Sinn, wie es oft belverstandner Eifer und falscher
Religionsbegriff sich ausmalt - nein, eines freiwilligen Todes zum Besten der
Menschheit, zur Sicherstellung und Ausfhrung eines groen, beglckenden Werkes
mit schimmerndem Glanz vor meiner Seele.
    Wie ich meine Theophania liebe, was sie mir ist, weit du, und was ein Sohn,
vom ihr geboren, meinem Herzen seyn kann, welche Begriffe ich von meinen
Vaterpflichten habe, kannst du dir denken, ohne da ich nutzlose Worte
verschwende. Mein ganzes Erdenglck ruht auf ihnen; so lange ich sie besitze,
bin ich sicher, in jeder Lage glcklich zu seyn, ohne sie ist keine Macht der
Welt, keine Hoheit, keine Gewalt vermgend, mein Herz auch nur einen Augenblick
zu rhren. Dennoch - ich habe mich geprft, strenge, oft - in der Einsamkeit,
und wenn ich sie in meinen Armen hielt - es gibt ein hheres, ein greres Gut,
um dessentwillen ich auch ihnen entsagen knnte! Vielleicht traue ich mir zu
viel zu, und fern sey der Frevel von mir, das Schicksal auf diesen blutigen
Kampf herauszufordern; aber ich glaube, ich wrde Kraft haben, sie zu opfern,
wenn ich mit Ueberzeugung die Nothwendigkeit davon einshe. Ich glaube - aber
ich bete, Constantin! da mich die Vorsicht nicht auf diese schreckliche Probe
setze - mein Herz wrde durch ihren Verlust eher brechen, als durch den
Todesstreich.
    Ich darf keinen dieser Gedanken laut werden lassen, Theophaniens zarte Seele
hat in jener Zeit, wo Florianus Tod uns Alle weich und finster stimmte, nur zu
viel in der meinigen gelesen. Sie versteht mich so ganz, da es keines Wortes,
keiner noch so leisen Aeuerung bedarf, um Alles zu wissen, was in mir vorgeht.
Ja, aus Einem Stoffe, aus denselben Fden sind unsre Herzen gewoben, und keiner
kann in dem Einen erschttert werden, ohne da sie alle in dem Andern mit beben.
Das macht jetzt unser hchstes Glck, und macht vielleicht einst das Unglck
desjenigen, dem die Vorsicht ein lngeres Leben bestimmt.
    Du, mein Constantin, bist glcklich oder weise genug, nichts von diesen
Gefhlen zu wissen. Zu einem andern Zwecke bestimmt, hat dich der Schpfer mit
andern Gaben ausgerstet, auf einen andern Platz gestellt, den du wrdig und
allgemein beglckend behaupten wirst. Das ist mir entschieden gewi, und so darf
ich dir nichts empfehlen, als was eben greren Gemthern oft so nthig ist,
Vorsicht, und kluge Schtzung mglicher Gefahren. Sollte der Augustus den
entscheidenden Schritt wirklich thun, dann bedenke, da dein alter Feind
unumschrnkter Herr in jenen Gegenden wird, da du sein erster, aber immer sein
Unterthan bist, und was dem freisteht, der mit der hchsten Gewalt zgellose
Rachbegierde und offene Verachtung alles desjenigen verbindet, was dem Menschen
theuer und heilig ist. Sichre dir eine schnelle Flucht, und bestimme ber mich
und Alles, was mein ist, zur Ausfhrung jedes deiner Plane. Leb' wohl.

                                    Funoten


1 Diocletian und Maximian waren ihrer Herkunft nach Illyrische Bauern, wie denn
berhaupt sehr viele Kaiser jener Zeit aus den untersten Stnden waren.


                         99. Constantin an Agathokles.

                                                        Nikomedien, im Mrz 305.

Es ist entschieden. Diocletian legt den Purpur ab. Was hier noch vorgefallen
ist, um ihm diesen Entschlu, der vielleicht bei zunehmender Krankheit seit
lngerer Zeit in seiner Seele lag, so schnell, so pltzlich zu entreien, vermag
Niemand mit Gewiheit zu bestimmen. Galerius hat viele - lange, und fters
heftige Unterredungen mit ihm gehabt. Genug, der erste Mai ist zu dem feierlich
ernsten verhngnivollen Schauspiel bestimmt. Von allen Seiten zieht Neugier,
Erwartung, Furcht und Hoffnung, Fremde und Einheimische in die Stadt. Auch der
edle Knig von Armenien ist mit seiner Gemahlin von zwei Tagen hier angelangt.
Sie ist, das sage ich dir im Vertrauen, und um dich zur nthigen Strke
aufzufordern, falls noch ein Ueberrest alter Neigung in dir wohnt - schner als
je, besonders in der ppigen reichen Kleidung ihres neuen Vaterlandes. Er sieht
mit Grund den Folgen des wichtigen Ereignisses nicht ohne Besorgni entgegen.
Was ist sich von der alten Zuneigung eines Mannes, wie Galerius, zu versprechen,
der mehr als das Interesse eines Bundesgenossen, der das Wohl des eigenen Staats
- seinen wilden Begierden zu opfern im Stande wre? Ich werde mich verwahren;
das habe ich lngst als hchst nthig erkannt, das hat deine treue Bruderliebe
mir neuerdings an's Herz gelegt. Auch sind schon alle Anstalten getroffen. So
wie Diocletian vom Throne steigt, und dem Galerius die Zgel bergibt - ist
Nikomedien kein sicherer Aufenthalt mehr fr mich. Du aber komm, komm schnell,
du mut Zeuge jenes Tags seyn, du mut hier zurckbleiben, um fr mich zu
wirken, wenn meine persnliche Sicherheit mich des Galerius gefhrliche Nhe
fliehen heit. Die beigeschlossene geheime Schrift enthlt alle Maaregeln, die
du auf dem Wege hierher fr mich zu treffen hast, damit ich denselben Pfad
zurck bis nach Britannien sicher und schnell machen knne, wo ein geliebter
Vater mir wichtige und wrdige Geschfte bereitet hat. Ich erwarte und bitte
dich, in so kurzer Zeit, als mglich ist, mit Theophania und deinem Sohne den
Weg von Laureacum bis hierher zu machen. Leb' wohl.

                       100. Theophania an Junia Marcella.


                                                           Byzanz, im April 305.

Da bin ich wieder, im Angesichte des theuern Vaterlandes. Gegen mir ber liegt
die Kste von Bithynien. Bald, in wenig Stunden werde ich sie betreten, und ein
geheimer Schauder ergreift mich bei dem Gedanken an Alles das, was ich dort
schon erfahren habe, was ich vielleicht noch zu erfahren haben werde. Warum kann
ich mich nicht freuen? Warum erfllt, was ich von der nchsten Zukunft wei, die
Abdankung des Diocletians, Constantins Maaregeln, seine hochfliegenden khnen
Plane mein Herz mit geheimer Angst? Ach, Agathokles und sein Wohl, und so auch
das meine sind zu tief, zu innig mit Allem diesem verwebt, um mir einen freien,
frohen Blick in die wildverworrene Ferne zu gestatten. Dunkle Gestalten regen
sich im Hintergrunde, wilde Leidenschaften ghren sich in grauenvoller Stille,
und nur das Auge, vor dem die Nchte sonnenhell, und tausend Jahre wie einer
unserer Tage sind, wei, wie sich diese dstere Zukunft entwickeln wird.
    Ach wie glcklich war ich in Synthium! Warum konnte ich es nicht lange,
nicht immer bleiben? Ich erkenne die Wrdigkeit des Zweckes, den Constantin und
Agathokles sich vorsetzen, ich mu ihre Anstrengungen loben, ihre Maaregeln
billigen, aber ich frchte, mein stilles Glck geht in dem groen Kampf
gewaltiger Massen unter.
    So werde ich Nikomedien nicht mit frhlichem Herzen wiedersehen, und unter
trben Vorbedeutungen naht sich mir zum zweiten Mal der Zeitpunkt, der jedem
Weibe so wichtig ist, der jedes Mal ber Leben und Tod entscheiden kann. Sollte
ich dies Mal minder glcklich seyn, als das erste Mal? Sollte das neugeborne,
und das noch kaum lallende Kind mutterlose Waisen werden? - O die Trennung von
ihnen und Agathokles ist das Einzige, was mir jenen dstern Uebergang
schrecklich machen knnte. Ich kann hier nicht glcklich seyn ohne sie - wie
knnte ich dort der Seligkeit genieen?
    Und wenn Gott ber mich gebeut - mit schaudernder Ergebung unterwerfe ich
mich - dann sey du meinen Verlassenen Mutter, bis ihre reifern Jahre sie zu
keiner unertrglichen Last mehr fr ihren theuren, unglcklichen Vater machen.
    Ich werde ruhiger sterben, wenn diese Aussicht mir die Trennung von meinen
Lieben verst, ich werde mit dem Gefhl erfllter Pflicht sterben, mit dem der
Krieger im Schlachtfeld fllt. Ich sterbe in und wegen meiner Pflicht. So
wenigstens erscheint mir der Tod eines Weibes ber der Geburt eines neuen
Menschen, eines Weltbrgers, eines knftigen Christen.
    Leb' recht wohl, meine Geliebte! Aus Nikomedien schreibe ich dir nchstens,
und ausfhrlicher. Unsere Reise gleicht diesmal einem Fluge, und schon kmmt
man, mich zu ermahnen, weil das Schiff, das uns an's bithynische Ufer bringen
soll, die Segel lsen will. Leb' wohl!

                  101. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus.


                                                       Nikomedien, im April 305.

Die Wrfel liegen, die Hand des Zufalls greift nach der Scheere, um das letzte
Haar abzuschneiden, welche das bloe Schwert ber den wichtigsten von Galerius
Feinden aufgehoben hlt. Doch ohne Bilder, mein Freund! denn ich liebe sie
nicht, weil sie mich unbequem dnken, meine Gedanken, die nichts als klare
Wahrnehmungen enthalten, auszudrcken. Im vergangnen Monat hat sich der kaum
hergestellte Kaiser dem Volke zum ersten Mal wieder gezeigt, und wer ihn lange
nicht sah, hatte Mhe, ihn wieder zu erkennen. Seine Gesundheit ist ganz
zerrttet, seine Kraft gebrochen, dieser Schatten des ehemaligen Diocletians
taugt nicht mehr zu dem Geschfte, das einen starken Arm und ungeschwchten Muth
fordert. Er fhlt es, oder ist klug genug zu thun, als fhle er's, und - legt
die Regierung nieder. Die Welt wird das lcherlich ernste Schauspiel als eine
Wirkung hoher Philosophie, einer ruhmwrdigen Gleichgltigkeit gegen die
hchsten Gter der Erde anstaunen, die Klugen werden insgeheim lachen oder
frchten, je nachdem sie zu einer Partei gehren, und Galerius allein gewinnt,
denn seine Plane sind ausgefhrt, und das still bereitete Werk mancher Jahre ist
nun reif. Maximian wird mit Diocletian zugleich den Purpur ablegen, Constantius
ist nicht zu frchten, so bleibt Galerius die Herrschaft ber die Welt so
ziemlich sicher und allein, wenn Einer, nur Einer noch aus dem Wege gerumt ist,
den seine Geburt, und mehr noch als diese, ein unternehmender Ehrgeiz zu einem
frchterlichen Nebenbuhler machen, obwohl er bis jetzt seine Plane und Ansprche
unter dem Schein vollkommener Ruhe und Gleichgltigkeit verbirgt. Er ist sein,
doch gibt es Menschen, die ihn durchschauen, denn was htte nicht schon Gold und
Bestechung geoffenbart und bewirkt! Er mu fallen, wenn Galerius sicher seyn
soll - er wird fallen, denn er ist in der Hand seines Feindes, und dieser Feind
ist in wenig Tagen unumschrnkter Herr der Erde.
    Das ist er klug genug, selber zu berechnen, und darum hat er seine Anstalten
sehr zweckmig gemacht. Jetzt, mein Freund! ist es fr dich Zeit zu wirken, und
deinen bescheidnen Theil an dem groen Plane zu nehmen. Wir wissen, da in
Chalcedon Anstalten zur heimlichem Abreise, oder vielmehr zur Flucht einer
bedeutenden Person gemacht werden; es ist ein Schiff bereit, und in dem Hause
eines gewissen Clemens, bei welchem sich seit jenem Edicte die Christen zuweilen
versammeln, sind Vorkehrungen zu ihrem Empfange getroffen. Ueberdies wissen wir,
da in Constantius Stllen bestndig gezumte Pferde stehen. Wenn es Zeit seyn
wird, soll ein fliegender Bote dich benachrichtigen. Du als Prfect von
Chalcedon umringst mit deiner Wache das Haus, in welchem gesetzwidrige
Versammlungen gehalten werden, und was sich darin befindet, ist dein Gefangener.
Du erstaunst ber die Bedeutenheit der Person, von deren Anwesenheit du keine
Ahnung gehabt hast, und wenn er entlassen zu werden fordert, so entschuldigst du
dich mit der Strenge deines Befehls, und der Sonderbarkeit des Falles. Du
versprichst in aller Demuth, sogleich nach Nikomedien zu schreiben, thust es
auch, und fr das Uebrige la uns hier sorgen. Er soll Britannien, ja die Kste
von Europa nie wieder sehen. Nun leb' wohl, mache deine Sachen geschickt, und
rechne auf die Dankbarkeit des knftigen Augustus.

                     102. Calpurnia an ihren Bruder Lucius.


                                                         Nikomedien, im Mai 305.

Das groe Schauspiel ist vorber, auf welches die Welt seit ein paar Monaten mit
der gespanntesten Aufmerksamkeit wartete. Heute Morgens waren die Einwohner von
Nikomedien, viele Fremde, die die Neugier oder Privatabsichten hierher gezogen
haben, der ganze Hof, die Priester, die ffentlichen Autoritten, Alles in
grtem Schmucke auf einer weiten Ebene vor der Stadt versammelt. Fr die
Augusta, des Csars Gemahlin, ihre Tochter, mich und einige angesehene Matronen
war ein eigner Ort bestimmt, wo wir unbelstigt von dem Gedrnge zusehen
konnten. Das Erste, was mir hier in die Augen fiel, war Theophania, und an ihrer
Seite ein sehr schnes, aber blasses Mdchen, Diocletians neue Tochter Valeria.
Wir begrten uns als alte Bekannte, sie war erst vor ein paar Tagen aus den
Abendlndern hier angekommen, und eben so wie ich mit dem, was heute geschehen
sollte, angelegentlich beschftigt. Nur nahm sie nach ihrer Weise die Sache sehr
ernsthaft, und schien eine bse Zukunft zu frchten. Uebrigens ist sie, das
sieht man in jedem ihrer Blicke, in jedem Worte, noch unaussprechlich glcklich,
sie hat einen Sohn von ungefhr anderthalb Jahren, und sieht der Ankunft eines
zweiten Kindes entgegen. Indessen wir schwatzten, kam der Wagen des Augustus
langsam von der Stadt herab gefahren, von einer Menge Mnner zu Pferde
begleitet. Galerius, Tiridates, Constantin und Agathokles waren unter ihnen. Ich
hatte diesen seit anderthalb Jahren nicht mehr gesehen, ich bin verheirathet
nach meinem Wunsche, mit einem wrdigen Gemahl - warum klopfte mein Herz
dennoch, als ich ihn von seinem muthigen Rosse, das sich unter ihm bumte,
abspringen, und in der schimmernden Rstung stolz und ernst seinen angewiesenen
Platz einnehmen sah? Seltsame Bewegung, wunderbarer Zug des Herzens, dessen ich
nie ganz mchtig werden kann.
    Jetzt war der Wagen des Augustus an der Tribne angekommen, die fr ihn
bereitet war. Von zwei Personen untersttzt, stieg er mhsam die wenigen Stufen
hinan, und hielt eine wohl ausgesonnene, und wie mir schien, knstlich geordnete
Rede an's Volk; er erinnerte es an die mancherlei Wohlthaten, die es in der
langen Zeit seiner Regierung genossen hatte, an die gewonnenen Schlachten, den
Triumph ber die Perser u.s.w. Er hielt fters inne, ob aus Schwche, oder um zu
sehen, welche Wirkung seine Rede machen wrde, wei ich nicht. Sie machte keine,
oder wenigstens nicht die, die er vielleicht erwartet hatte. Keine Stimme erhob
sich, ihm zu danken, kein Mensch schien an dem Vorgange ein anderes Interesse
als das der Neugier zu haben. Endlich kam er auf seinen jetzigen Zustand, und
die Unmglichkeit, mit so geschwchten Krften lnger die groe Last der
Staatsverwaltung zu tragen, er kndigte seinen Entschlu an, sich dieser Brde
zu entziehen, und das Ruder des Staates jngeren, strkeren Hnden
anzuvertrauen. Er hielt von Neuem inne - es regte sich Niemand. Da rief er den
Csar Galerius zu sich, stellte ihn dem Volke als den knftigen Augustus vor,
zog den Purpur aus, mit dem er sogleich seinen Nachfolger bekleidete, und
verlie die Tribne. Nun erhob sich ein lautes Beifallrufen, von dem man nicht
recht wute, ob es der Abdankung des alten, oder der Wahl des neuen Augustus
gelte. Galerius nahm auf der Stelle den Platz seines Vorfahrers ein, dieser
stieg mit seiner Tochter in den Wagen, und fuhr schnell in die Stadt zurck, wo
bereits Alles zu seiner schleunigen Abreise nach Salona bereitet ist.
    So endigte die groe Komdie, und ich mu dir bekennen, da sie meine
Achtung fr das Menschengeschlecht nicht vermehrt hat. Ueberhaupt habe ich, seit
der Zufall mich zur Gattin eines Knigs machte, in dieser Rcksicht widerliche
Erfahrungen gemacht, und meine kalte, nchterne Ansicht der Welt ist noch viel
klter geworden. Wie armselig sind die meisten Menschen! An was fr elenden
Faden werden sie gezogen!
    
    Wre ich vielleicht nicht glcklicher gewesen, wenn ich das nie erkannt
htte? Es gibt doch menschliche Verhltnisse, wo die Verchtlichkeit des
Geschlechts sich nicht so unverhllt zeigt, wie an Hfen, wo vielleicht bei
wenigeren Anlockungen auch weniger Bses geschieht, und unversucht sich stille
Tugenden entwickeln. Ein solches Loos htte einst mein werden knnen, wenn nicht
ein neidisches Schicksal mich tckisch verfolgt htte. Ich bin nicht
unglcklich, aber ich kann der Erinnerung nicht verbieten, zuweilen ihren welken
Blumenkranz neben meine schimmernde Thiare zu legen, und verborgner Schmerz im
Innersten meiner Seele lst sich dann in einen Seufzer auf.

                          103. Agathokles an Phocion.


                                                         Nikomedien, im Mai 305.

Nun ist der wichtige Schritt geschehen. Gestern Morgens hat Diocletian auf eine
sehr feierliche Art der Regierung entsagt, und den Purpur an Galerius bergeben,
und diese Nacht ist Constantin von hier fort. Eher war es nicht mglich, ohne
auffallend Verdacht zu erregen, und morgen mchte es vielleicht nicht mehr
mglich seyn, weil Galerius bereits Schritte gethan hat, um sich seiner Person
zu versichern. Um die Rechtmigkeit selbst, um den Vorwand zu dieser emprenden
Greuelthat kmmert sich ein Augustus, wie der, nicht, und die Geschichte liefert
genug Beispiele solcher Thaten, wenn Beispiele ein Verbrechen entschuldigen
knnen. Die Anstalten zu Constantins Entweichung sind zweckmig getroffen, und
ich erwarte mit Ungeduld einen Boten aus Chalcedon, der mir die Nachricht
bringen soll, da er das Schiff bestiegen hat. Von Byzanz aus ist sodann Alles
geheim bereitet. Nichts wird seine Reise aufhalten, er kann ungehindert bis nach
Lutetien1, oder nach Eboracum gelangen, wo immer er seinen Vater zu treffen
hofft, und dieser wird als Augustus den Sohn zum Csar ernennen. So ist dann die
nothwendige erste Stufe erstiegen, und das Knftige wird Klugheit und Glck
sichern.

                                                                 Am andern Tage.

Der Bote von Chalcedon ist noch nicht zurck. Dreiig tdtlich lange Stunden
sind vorber, er knnte lngst da seyn. Meine Brust ist voll banger Unruhe, und
trbe Ahnungen sinken, wie Mitternchte, ber meinen Geist herab. Was ist
geschehen? Was haben wir zu frchten? Ich sende den Brief nicht ab, bis ich dir
etwas Bestimmtes sagen kann. Gott gebe, da es nichts Schlimmes ist.

                                    Funoten


1 Luteti, das heutige Paris.


                  104. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus.

                                                         Nikomedien, im Mai 305.

Der Vogel geht in die Schlinge. Nun ist es an dir, sie geschickt zuzuziehen. Der
Bote, der dir diesen Brief bringt, ist um einige Stunden vor Constantin voraus.
Er bildet sich ein, den Augustus berlistet zu haben, und wir lassen ihm die
Freude, sich eine Weile an dem stolzen Gedanken zu ergtzen. Einige Drohungen,
und ein ziemlich merklicher Versuch des Galerius, ihn mit Gewalt hier zu
behalten, haben seinen Entschlu bestimmt. Du ergreifst ihn, und schickest ihn
unter starker Bedeckung, und unter dem strengsten Geheimni zurck; denn das
Volk liebt ihn, und die Armee hngt an ihm. Leb' wohl.

                          105. Theophania an Phocion.


                                                         Nikomedien, im Mai 305.

                  Einschlu in dem hundert und dritten Briefe.

Alles ist verloren, Phocion! Was wird aus uns, was wird aus meinem Gemahl,
meinen Kindern werden? Constantin ist in Chalcedon ergriffen, und vor einer
Stunde gefesselt, und stark bewacht in den kaiserlichen Palast zurck gebracht
worden. Ein vertrauter Sclave brachte Agathokles diese Nachricht. Ich sah ihn
erbleichen, zittern, ohne Laut, ohne Antwort auf alle meine Fragen ri er sich
von mir los, und ging auf sein Zimmer. In einer halben Stunde ungefhr kam er
verstrt und todtenbleich zurck, drckte mich und sein Kind heftig, fast
schreiend an seine Brust, und trug mir auf, den Brief zu schliessen, und dir zu
melden, was vorgefallen ist. Kein Bitten, kein Fragen hielt ihn auf. O mein
Gott, was soll das bedeuten! Ich thue, was er mir befahl; aber meine Hand
zittert, indem ich den Brief schliee.

                     106. Calpurnia an ihren Bruder Lucius.


                                                         Nikomedien, im Mai 305.

Welche unerhrte Sachen geschehen hier! Es ist, als ob man sich den Mauern
dieser unseligen Stadt nur nhern drfte, um sogleich in den Strudel der
Verwirrung, der Angst und Qual gezogen zu werden, der den grten Theil der
Einwoher immerwhrend mit sich fortreit. Ach, Bruder, mein Herz hat richtig
geahnet, und richtig empfunden, als es beim ersten Anblick des unvergelichen
Freundes strker als je bei eines andern Mannes Anblick schlug! Was habe ich um
seinetwillen schon gelitten! Was werde ich noch zu leiden haben! Der Streit
zwischen Constantin und Galerius ist offenbar ausgebrochen - dieser hat Jenem,
wie man sagt, nach dem Leben gestrebt. Constantin ist hierauf entflohen, aber in
Chalcedon ergriffen, und wieder nach Nikomedien gebracht worden, und Galerius
hat einen lauten Schwur gethan, ihn ffentlich hinrichten zu lassen. So standen
die Sachen gestern. Agathokles hrt diese Nachricht - er erkennt die Gefahr
seines Freundes, und reit sich aus den Armen eines geliebten Weibes, aus dem
Schooe des huslichen Glckes, besticht die Wachen, die den Constantin lieben,
und ohnedies den verehrten Feldherrn unwillig in dem schmhlichen Gefngnisse
und zum Tode bestimmt sahen, und beredet diesen, an seiner Statt und in seinen
Kleidern den Kerker zu verlassen, indem er sich fr ihn dem Tode weiht.
Constantin nimmt das ungeheure Opfer an, entflieht, und ist jetzt schon
vielleicht in Byzanz. Galerius wthet ber den Betrug, der ihm gespielt wurde,
und hat ffentlich erklrt, da kein Mensch bei Lebensstrafe sich erkhnen
drfe, auch nur ein Wort fr Agathokles Leben zu sprechen, den er jetzt noch
rger als Constantin hat, und zu verderben geschworen hat; und der schndliche
Marcius Alpinus unterlt nichts, was in seiner Macht steht, um die alte Nache
am Agathokles zu khlen. So wird der edelste Sterbliche, den ich je gekannt, ein
Opfer seiner berspannten Begriffe, und der Bosheit niedriger Menschen, und es
brigt kein Strahl von Hoffnung, um ihn zu retten.
    Vorgestern noch war er bei mir, so frhlich, so heiter, da unwillkhrlich
die schnen Stunden in Rom vor meine Seele zurckkehrten - und heute? Tiridates
war der erste, der die Schreckensbotschaft hrte. Agathokles fand die
Mglichkeit, einen Soldaten von der abgehenden Wache zu ihm zu senden, und ihm
sein Weib, seine Kinder zu empfehlen. Ich habe Tiridates nie liebenswrder
gesehen, als in dem Augenblick, wo er tief erschttert und mit Thrnen mir die
Gefahr seines Freundes ankndigte, und mich bat, die unglckliche Frau auf die
schreckliche Nachricht vorzubereiten, und sie in ihrem Schmerz nicht zu
verlassen. Ich fiel ihm weinend um den Hals, und wir gelobten uns mit Thrnen,
Alles zu thun, was zur Rettung oder zur Erleichterung des edlen unglcklichen
Paares in unserer Macht stand.
    Ich lie mich sogleich zu Theophanien fhren. Ich fand sie in
unbeschreiblicher Angst; denn Agathokles war vor mehreren Stunden fortgegangen,
ohne da sie wute, wohin - aber in einer Fassung, die sie Alles frchten lie.
Langsam und nach und nach lie ich sie mehr errathen als hren, was geschehen
war, und nun fing sie heftig an zu zittern, eine Todtenblsse berzog ihr
Gesicht, und sie sank leblos von dem Stuhle herab. Es brauchte mehr als eine
Stunde Zeit, bis sie wieder ein Zeichen des Lebens gab, dann aber wechselten
Ohnmacht und halber Wahnsinn mit einander ab, und in diesem bedauernswrdigen
Zustande ist sie noch. Die Aerzte frchten sehr fr ihr Leben, besonders wenn
die erschtterte Natur den Zeitpunkt, der ihr nahe bevorsteht, beschleunigen
sollte. Ich habe mir vorgenommen, sie nicht zu verlassen, und werde es halten;
es ist vielleicht der letzte Beweis wahrer, treuer Freundschaft, den ich meinem
verlornen Freunde geben kann. Leb' wohl.

                          107. Agathokles an Phocion.


                                                         Nikomedien, im Mai 305.

Kerkermauern umschlieen mich, ein matter Lichtstrahl fllt von oben herab durch
das Gegitter, und beleuchtet sparsam den Brief - vielleicht den letzten, den ich
an den treuesten ltesten Freund auf dieser Erde schreibe. An mein Weib, habe
ich gestern geschrieben. Sie und mein Kind - bald vielleicht meine Kinder! -
sind die einzigen Gegenstnde, die ich mit Schmerz verlasse, aber o mit welchem
Schmerz! Das wei nur der, der dies Herz so weich, so empfindlich fr das
unaussprechliche Glck der Liebe gebildet hat, der es ihm in vollem Maae zu
genieen gab, und es jetzt mit strengem Ernst von demselben abruft! Sein Wille
geschehe!
    Ich habe gethan, was meine Pflicht gebot. Kein Zweifel, keine Unruhe kommt
in meine Seele. Da war nicht zu whlen, nicht anzustehen. Jede Stimme, selbst
die der Liebe mute verstummen. Es blieb kein Ausweg. Er oder ich! Fiel
Constantin, so war alle Aussicht fr die Verbesserung, die Rettung der
Menschheit verloren, jede Hoffnung im Keim zerstrt. Der wthende Galerius
behielt den Erdkreis in seinen blutigen Hnden, das Christenthum wrde, wo nicht
vertilgt, doch jede seiner Segnungen vielleicht auf Jahrhunderte hinaus
vernichtet seyn. Und was verlor die Welt an mir? Zwar wei ich, da Theophaniens
Herz brechen wird - aber es wird mit meinem brechen, wir werden uns wiedersehen!
Zwei gebrochene Herzen, zwei Sterbende - fr einen geretteten Erdkreis!
    Ich verlie mein Weib, ohne ihr zu sagen, was ich vorhatte. Ganz wute ich's
in diesem Augenblicke selbst nicht, aber ich ahnete, da mir ein groer Schritt
bevorstand, und Alles auf einen schnellen Entschlu ankam. Ich traf alle
Anstalten, um eine zweite Flucht Constantins zu sichern, dann ffnete mir mein
Gold den Weg zu ihm. Ich fand ihn - vernichtet kann ich wohl sagen, und doch in
manchen Augenblicken ganz muthvoll, Alles zu wagen, wenn nur die Riegel seines
Gefngnisses gesprengt wrden. Ich entdeckte ihm den Plan, den ich entworfen
hatte. Er schauderte, es brauchte lange, bis die Ansicht, die Gre, die
Gemeinntzigkeit jener Entwrfe, die seit zwei Jahren das leuchtende Ziel aller
unserer Bestrebungen und Anstrengungen waren, aber seine Liebe zu mir und die
Freundschaft siegte. Er ergriff meinen Mantel, hllte sich ein, schlo mich mit
dumpfen Seufzern an seine Brust, und entfloh. Die Thre schmetterte krachend
hinter ihm zu, und ich fhlte mich lebend begraben. Alles, Alles war fr mich
verloren. Theophaniens Bild trat in allen Reizen vor mich hin, ich - weinte, ich
schme mich nicht, es zu bekennen, mein Zustand grenzte an Verzweiflung.
    Da fiel ein Strahl himmlischen Lichts in die umnachtete Brust. Himmlisch!
Keine Vernunft, keine menschliche Ueberzeugung bewirkt diesen Frieden, diese
Klarheit. Seitdem ist es stille in mir geworden. Ich wei, was meiner wartet,
ich wei aber auch, welche helle Zukunft hinter diesen dunkeln Stunden liegt.
Ich sterbe nicht um meines Glaubens willen, wie so Viele, die mit blindem Eifer
sich zur Marterkrone drngen, und in ihr vollen Ersatz fr ein sonst
unverdienstliches Leben und jede versumte Pflicht finden. Ich sterbe fr meinen
Glauben, weil er das hchste Glck der Menschheit ist, weil nur durch seine
Verbreitung das Glck allgemein werden kann, und weil - wenigstens so weit meine
und vieler Erfahrnen Einsicht reicht, - nur in Constantin sich alle
Eigenschaften vereinigen, um diesen Zweck siegreich auszufhren.
    So mu auch jener Zweifel, der sich mir im Anfange zuweilen aufdrang,
verstummen, als htte blinde Freundschaft fr Constantin mich hingerissen, die
hhern Pflichten gegen Weib und Kind zu verletzen. Nein, ich liebe Constantin,
ich liebe ihn mit aller Strke, die Dankbarkeit, gleiche Gesinnung, und hohe
Ueberzeugung von seinem Werth gibt; aber wie unendlich tiefer ist die Liebe zu
dem engelgleichen Geschpfe, das ich liebe, seit ich lebe, in das Innerste
meines Wesens verwebt! O Theophania! Reines, liebevolles, ewig theures Weib! Von
dir zu scheiden ist schwerer als zu sterben; dich zu verlieren, ist schon Tod
fr mich! Dennoch verlasse ich dich - denn meine Ueberzeugung befiehlt, und du
selbst kannst mir nicht zrnen, wenn auch dein Herz darunter bricht.
    Ich habe an Tiridates geschrieben, und ihn gebeten, sich ihrer anzunehmen.
Er soll meinen Verlassenen Gatte und Vater seyn, bis eine glckliche Wendung der
Umstnde Constantin erlaubt, diese heilige Pflicht, die er mir im letzten
Augenblicke vor Gott gelobt hat, zu erfllen. Ich hoffe, Galerius wird sich mit
meinem Leben begngen, und die Schuldlosen nicht mit mir in's Verderben ziehen.
Ist aber keine Mglichkeit, den Wtherich zu erweichen, so fhre eine schne
Stunde uns zusammen in ein besseres Leben, und der Tod wird keine Schrecken mehr
fr mich haben!
    Phocion! Eine groe Schwche bleibt in meiner Brust zurck, und ich vermag
nicht, sie ganz zu bekmpfen. Ist dem Sterbenden keine erlaubt? In manchen
Augenblicken wnsche ich, da der Tyrann mir die Schuldlosen nachsende, oder
Theophaniens Zustand, der aller Wahrscheinlichkeit nach jetzt bedenklich seyn
mu, sie sammt dem ungebornen Pfand ihrer Liebe mit mir vereinige. O Theophania!
Ich wei ja, wie unglckselig dich mein Tod machen, wie freudenlos dein Leben
ohne mich seyn wird! - Darf ich dir die Wohlthat nicht wnschen, mit mir zu
sterben? So flisterte mir die Stimme der Selbstsucht zu, und ich habe nicht
immer Kraft genug, sie schweigen zu heien.
    Ich habe auch an mein Weib geschrieben. Du kannst denken, da ich keinen
dieser selbstschtigen Wnsche laut werden lie. Nur in deine Brust giet sich
mein volles blutendes Herz aus; aber diese Ergieung ist ihm unentbehrlich, in
ihr allein liegt die Mglichkeit, dieses schreckliche Daseyn geduldig zu tragen,
bis der letzte Streich gefallen ist. Vor diesem Augenblicke schreibe ich dir
noch, wenn anders es mir vergnnt ist; denn wer wei, wie lange mich meine
Henker leben lassen werden.

                        108. Agathokles an Theophanien.


                                                         Nikomedien, im Mai 305.

Tiridates treue Freundschaft hat mir Nachricht von deinem Zustande gegeben, und
durch ihn erhltst du diesen Brief. Mein Weib! Mutter meiner Kinder! Heilige,
verehrte Namen, aber noch mehr - Christin und Brgerin einer Welt, die auch an
deine Krfte Anspruch macht! Du leidest, du leidest unaussprechlich, und mein
ist die Schuld dieser Schmerzen, mein Werk ist dein schrecklicher Zustand! Ich
htte dir ihn ersparen knnen, es war mein Entschlu, mein Wille, mich fr
Constantin zu opfern, und den Dolch in deine Brust zu stoen, von dessen
tdtlicher Schrfe ich berzeugt war!
    Wrest du nicht die, die du bist, nimmermehr wrde ich so mit dir sprechen,
nimmermehr die unverhllte Wahrheit vor einem blden Auge erscheinen lassen, das
ihre Strahlen nicht zu ertragen vermag. Ich htte entweder den langen Klagen,
den unerschpflichen Thrnen eines schwachen Weibes, oder den Vorwrfen eines
heftig gereizten Gemthes entfliehen, und sie in wohlthuender Tuschung lassen
mssen. Das Alles habe ich von dir nicht zu frchten. Du, meine Theophania!
wirst weder das Schicksal, noch deinen Freund anklagen, in deiner zarten Seele
ist Muth genug, Alles zu ertragen, was die Tugend dir zu ertragen gebeut!
    Unsere Entwrfe sind dir bekannt. Vor dir hatte ich kein Geheimni, auch das
Wichtigste, das deiner weiblichen Bestimmung Fremdeste besprach ich mit dir,
meinem ersten Freunde! Constantin, mit deinem Werthe bekannt, vertraute dir
unbedingt, und du warst mehr als ein Mal Zeugin unserer Verabredungen, oft
unsere kluge, sanfte Rathgeberin. Aus das Alles fhre ich dich geflissentlich
zurck, um dir die Wichtigkeit, die unabnderliche Nothwendigkeit jener
Maaregeln anschaulich darzustellen, an denen du so lebhaften Theil nahmst.
Jetzt galt es, entweder ihre segenreiche Erscheinung in der Welt, oder ihre
gnzliche Vernichtung. Constantin war gefangen, Galerius hatte seinen Tod
geschworen, er konnte ihn nicht leben lassen. Das wute ich, du, er selbst - und
eben so gut wuten wir, da kein Mittel, als eine glckliche List, ihn befreien
konnte. Ein Opfer mute fr das andre untergeschoben, und die Grausamkeit, der
Hter getuscht werden. Das Alles stand klar vor mir, bei jedem Verzug war
Gefahr. Dir entdeckte ich meine Absicht nicht, weil ich theils noch nicht recht
ber die Ausfhrung einig war, theils weil ich mein Herz vor dem groen
Augenblicke der That nicht zu sehr erweichen wollte. Was hierauf geschah, weit
du. Ich sage dir nichts ber meine Empfindungen, als Constantin entfernt, und
mein Schicksal unwiderruflich beschlossen war.
    Ein heies Gebet, kindliche Unterwerfung, und kindlicher Glaube an Den, der
auch freiwillig fr seine Brder starb, bewahrte mich vor Verzweiflung, und ich
warf Mich gestrkt und ruhiger auf Constantins Lager, zog seinen Mantel ber
mich, und schien zu schlafen, als der Wchter kam, das Abendessen zu bringen.
Vor dem folgenden Morgen durfte die Tuschung nicht bekannt werden, wenn nicht
das Opfer vergeblich, und Constantin mit mir zugleich verloren seyn sollte. Am
andern Tage, als ich Gewiheit hoffen konnte, da Constantin in Sicherheit seyn
wrde, und keine Mglichkeit war, mich lnger zu verbergen, gab ich mich dem
Kerkermeister zu erkennen. Er erstarrte. Ein seltsames Gemisch von Schrecken,
Bedauern, Zorn und Achtung zeigte sich in seinen finstern Zgen. Er mute es dem
Augustus melden. Ich trieb ihn selbst an, seine Pflicht zu thun. Du bist
verloren, sagte er. Ich wute es ohne dies. Er ging, seitdem habe ich eine Art
von Freund oder wenigstens einen innigen Theilnehmer an meinem Schicksal in ihm
erworben. Es ist auch Trost - Trost, den der Himmel sendet!
    Nun weit du Alles, und in deine Brust, die ich zerrissen habe, lege ich
meine Rechtfertigung. Kannst du wnschen, da ich anders gehandelt htte?
Findest du Constantins und des Christenthums Alleinherrschaft zu theuer mit dem
Opfer unsers ganzen Erdenglcks erkauft? Regt sich in deiner Brust ein Unwille,
ein Vorwurf gegen mich, der es freiwillig zerstrte? Was httest du mir
gerathen, wenn es mir mglich gewesen wre, dich vorher zu befragen?
    Ich wei deine Antwort, und so bin ich ganz ruhig; ich bitte dich nicht, mir
zu vergeben, was du selbst mich thun geheien httest, was du in dem Augenblick,
wo du dieses liesest, billigest und segnest. Du bist unaussprechlich
unglcklich, ich wei es, dein Leben ist vergiftet, nie wird eine heitre Stunde
dich mehr beglcken, die Vergangenheit hat nichts als Qualen fr dich, und die
Zukunft starrt dich finster an, wie ein Grab. Dir wre es besser, mit mir zu
sterben; du wnschest es, das wei ich, und wenn auf dieser Erde mir noch eine
Freude erscheinen kann, so wre es die, in deinen Armen zu vergehen. Dennoch
fordere ich dich auf, zu leben. Ich fordere dich auf im Namen unserer Liebe,
unserer Kinder, unserer Pflicht, im Namen Gottes, der diese Pflichten von uns
heischt. Nicht, weil ich das Leben fr ein Gut halte - fr dich ist es keines -
nicht, weil ich an die Mglichkeit einer Heilung durch die Zeit fr dich glaube
- ich kenne dich, und wei, da deine Liebe und dein Schmerz mit deinem Wesen
Eins geworden ist - aber weil es Pflicht ist, weil Gott dir Kinder gegeben hat,
und in einem ernsten Augenblick ihr Glck von deiner Hand fordern wird, weil die
Religion uns verbeut, den Platz zu verlassen, auf dem wir Gutes wirken knnen,
weil endlich der leidende Christ in diesen Zeiten der Entnervung seinen Brdern
das Beispiel hoher Geduld und standhaften Muthes schuldig ist.
    Du wirst leben, Theophania! du wirst Alles anwenden, dein Leben so lange zu
fristen, als es mglich ist, um unsern Kindern ihre Mutter zu erhalten, bis sie
erzogen sind, und deiner nicht mehr bedrfen. Dann folgst du mir gewi, ein
sanfter Tod lset die morschen Bande der lngst erschtterten Hlle, die dein
Geist ungern trug, und dein Freund, der dich unsichtbar umschwebte, der dein und
unsrer Kinder Schutzgeist war, empfngt dich in den Auen des Friedens. O
Augenblick der Wonne, wenn jede Pflicht erfllt, jedes Opfer, auch das des
langen Lebens gebracht ist, und du, zitternd vor Lust, in meine Arme eilst. Er
kmmt, er kmmt gewi, und bis dahin wollen wir ihn nicht beschleunigen, sondern
verdienen.
    Nun lehe wohl, Geliebte! diese Bltter werden nicht das letzte seyn, was du
von mir erhltst. Ich hoffe dir noch einmal schreiben, vielleicht - dich noch
einmal umarmen zu knnen. O mitten in den ernsten Gedanken welche die Nhe des
Todes in mir weckt, schauert mein Herz vor Freude bei der Hoffnung - ich werde
dich hier noch ein Mal, und bald wieder sehen, ich werde dir meinen letzten
Abschied, unserm Sohne den letzten Segen bringen!

                     109. Calpurnia an ihren Bruder Lucius.


                                                         Nikomedien, im Mai 305.

Trbe und langsam schleicht die gelhmte Zeit hin, ein Tag reiht sich an den
andern, keiner bringt Rettung, keiner Hoffnung, so thricht auch oft das Herz
auf eine Mglichkeit hofft, wo nicht die geringste Wahrscheinlichkeit einer
Aenderung vorhanden ist. Galerius ist wthend ber den Ungeheuern Betrug, der
ihm gespielt worden. Er hatte dem Constantin nachsetzen lassen, aber dieser
hatte durch die kluge Standhaftigkeit seines Freundes bereits einen zu starken
Vorsprung, und wir wissen sicher, da er weit ber Byzanz hinaus sich den
Grenzen Illyriens nhert. Bis ihm dort die Diener, des Tyrannen nachfolgen
knnen, hat er wohl schon Gallien, oder das Meer erreicht, und ist in
Sicherheit. Nun fllt der ganze Zorn des Augustus auf seinen unglcklichen
gromthigen Freund. Er war im eigentlichen Sinne auer sich vor Wuth, er
schumte, brllte, und mihandelte Alle, die sich ihm nherten. Er befahl,
Agathokles auf der Stelle das Urtheil zu sprechen, und ihn - mich schaudert, es
zu schreiben - im Circus den wilden Thieren vorzuwerfen. Alle Freunde des
Unglcklichen, alle bessern Menschen in Nikomedien fanden sich durch dies
unmenschliche Urtheil emprt, und vereinigten sich, dem Tyrannen Vorstellungen
zu machen. Das wrde indessen wenig gefruchtet haben, wenn nicht die Jovianer,
deren Tribun der edle Verurtheilte war, sich laute Klagen, und ganz
unzweideutige Zeichen der Unzufriedenheit erlaubt hatten. Tiridates wagte, was
seit Constantins Flucht Niemand gewagt hatte, er ging zu dem wthenden Galerius
nach Csarea, wo dieser sich gewhnlich aufhlt, und wute ihm die ble Stimmung
des Volks, den ghrenden Unmuth der Leibwache, und die Gefahren, die das Alles
fr eine neue Regierung haben konnte, so geschickt vorzustellen, da Galerius
von seinem rachedrstenden Ausspruch abstand. Das Leben des theuern Freundes zu
erbitten, war unmglich. Alles, was Tiridates noch erhielt, war eine Frist von
einigen Tagen, die Erlaubni, Agathokles zu besuchen, und die Hoffnung, da auch
diesem vergnnt werden wrde, sein unglckliches Weib und seine brigen Freunde
noch ein Mal zu sehen.
    O wie lernt der Mensch gengsam seyn, wenn ihn das Unglck in seiner harten
Schule erzieht! Wie schienen diese geringen Vergnstigungen uns so bedeutend!
Wie freudig eilte ich zu der bedauernswrdigen Frau, um ihr diese Hoffnungen
anzuknden, und ihr den Trost zu geben, da Agathokles nicht ganz einsam und
verlassen sey, da mein Mann ihn tglich besuchen wrde. Seit dem Augenblicke,
wo sie durch mich die Schreckensnachricht hrte, war ich fast bestndig bei ihr,
und fand eine Art von Beruhigung und Erleichterung darin, Alles fr die Gattin
des edeln Unglcklichen zu thun, was in meiner Macht stand. Aber was vermag die
treueste Freundschaft ber einen so gerechten, so unendlichen Schmerz! Ich
frchtete wirklich fr ihr Leben, und manchmal fr ihren Verstand, bis endlich
gestern ein Brief von ihrem Manne eine Vernderung bei ihr bewirkte, von deren
Mglichkeit ich keinen Begriff gehabt hatte. Eine Purpurrrthe bergo die
todtblassen Wangen, ein heftiges Zittern ergriff ihre Glieder, sie drckte den
Brief mit stummem Entzcken an ihre Lippen, an ihre Brust, und ihr zum Himmel
emporgeschlagenes Auge zeigte mir, da sie ihrem Gott ein inniges Dankgebet
brachte. Dann las sie, aber sie brauchte so lange, da ich glaube, sie mu den
Brief dreimal durchgelesen haben. Jetzt strzten wohlthtige Thrnen, die
ersten, die sie seit der Zeit ihres Unglcks vergossen hatte, aus ihren Augen,
und man sah deutlich, wie dieser Ausbruch ihr gepretes Herz erleichterte. Ich
strte sie nicht, ich weinte still mit ihr. Als sie sich Luft gemacht hatte,
stand sie auf, und sagte mit einer Wrde und Festigkeit in Haltung und Ton, die
ich lange nicht an ihr gesehen hatte: Er hat mir geboten zu leben, so will ich
ihm und der Tugend gehorchen, ich will das Leben ertragen. Ich sah, da sie aus
dem Zimmer gehen wollte, ich untersttzte sie, und fragte, wohin sie wollte? Zu
meinem Sohne! antwortete sie. Der Vater befiehlt, mich fr das Kind zu
erhalten. Ich bat sie ruhig zu seyn, und schickte um das Kind. Der Kleine kam.
Die Scene, die nun vorfiel, wird nie aus meinem Gedchtnisse schwinden, sie war
in demselben Grade erhebend und schmerzlich. Wahrlich, es mu ein groes Gefhl
seyn, was diese Menschen Glauben nennen, denn es gibt ihnen mehr als menschliche
Krfte. Seit dem fat sie sich mit einer Strke und Geduld, die Alles
bersteigt, was ich je gesehen habe. Sie pflegt ihr Kind, so viel es ihre
Schwche erlaubt, sie folgt allen Vorschriften des Arztes, sie spricht mehr, sie
strengt sich sogar an, zu thun, als knnte sie an etwas Anderm Theil nehmen. So
hat sie gestern von Sulpicien zu sprechen angefangen, ich ergriff dies Gesprch
gern, weil ich dachte, es wre ihr ntzlich, sich zu zerstreuen, aber mitten im
Reden, wo vielleicht irgend ein Wort, eine Nebenidee sie an ihr Unglck
erinnerte, verstummte sie pltzlich, brach in Thrnen aus und schwieg.
    Und das Alles ist Wirkung ihrer Liebe, ihrer Liebe zu einem Manne, der sie
seinem Freunde so auffallend nachsetzt, und ihr Glck, ihr Leben fr die
Freiheit des Andern aufopfert! O welche unselige Macht der Leidenschaft! Und
welcher ungeheure Mibrauch, den Euer Geschlecht von der Gewalt macht, die
hergebrachte Sitte und unsere zu groe Nachgiebigkeit euch ber uns einrumen!
Eher wird kein Weib zum Besitz ihrer natrlichen Rechte kommen, bis sie es ber
sich vermag, den tiefgewurzelten, durch tausend Vorurtheile genhrten Wahn
auszurotten, da wir nur in der Liebe, und also nur durch Euch glcklich werden
knnen. Und wann wird diese goldne Zeit erscheinen, wo diese khne Wahrheit
allgemeine Ueberzeugung werden wird?

                       110. Theophania an Junia Marcella.


                                                         Nikomedien, im Mai 305.

Agathokles stirbt. In wenig Tagen bin ich Wittwe. Ich setze nichts hinzu, du
kannst meinen Schmerz ermessen, du weit, wie ich liebte, obwohl du nicht weit,
wie ich geliebt wurde. Die um mich sind, frchten fr meinen Verstand, ich merke
es wohl. O diese groe Wohlthat wird mir nicht zu Theil, so wenig als der Tod!
    Der Tod? Ich soll ja leben. Er will es. Ach sterben fr den Geliebten, wer
knnte es wagen, dies etwas Schweres, Groes zu nennen? Es ist nichts - ein
trber Augenblick zum Preise unendlicher Freuden! Aber leben, leben ohne ihn,
und auf sein Gehei, das ist das Schwerste, was die Liebe fordern kann!
    Wie ein weiter, dstrer, uferloser Ocean umgibt mich das Leben, in dem ich
versinke ohne Hoffnung der Rettung, ohne Hoffnung des Todes. Es sind gute
Menschen um mich, Calpurnia und ihr Gemahl; sie haben mir, und dem, den ich bald
verlieren werde, viel Liebes, Herzliches erwiesen. Ihnen danke ich die einzigen
Trstungen, deren ich fhig bin, aber Calpurnia mchte mir gern noch andre
geben. Ich kann sie nicht annehmen, denn ich kann sie nicht fassen. Sie ist
vielleicht strker als ich - vielleicht auch nur klter.
    Mein ganzes Wesen, jeder Gedanke, jede Regung ist ein unendliches Weh. So
mu dem Menschen zu Muthe seyn in der Todesstunde, wenn sich die innigsten Bande
des Lebens lsen, und der bessere Theil sich gewaltsam von der morschen Hlle
losreit. Auch meines Lebens innigste Bande lsen sich jetzt, mein besserer
Theil schwebt verklrt und selig der Heimath zu, und lt die todte Hlle im
Grabe. Das ist die Welt fr mich. Dort, dort ist Leben, wo er hingeht, und mich
streng und unerbittlich zurckstt!
    Warum Agathokles stirbt, um welches Zweckes willen er mich, sich, unser
Lebensglck opfert, kann ich dir jetzt nicht sagen; auch wage ich es nicht, in
dieser Zeit so etwas einem Briefe anzuvertrauen. Calpurnia und der Knig
glauben, er habe sich fr Constantin geopfert, und die Welt urtheilt eben so. Es
ist viel hher, viel schner, und mitten unter schmerzlichen Schauern mu ich
seinen Entschlu billigen und verehren.
    Er hat mir geschrieben. Dieser Brief kmmt nie wieder von meinem Herzen. Ich
habe mich bestrebt, ihm eine Antwort zu senden, die seine unendliche Liebe fr
mich, seinen Edelmuth vergelte. Ich habe mich beherrscht, kein Wort der Klage
ist mir entschlpft, nur gegen dich ffnet sich das Herz, und mein Blut strmt
gewaltsam aus den verhaltnen Wunden. O wenn nur er zufrieden mit mir ist, wenn
nur der Gedanke, da er mich ruhig gesprochen hat, auch Ruhe in seiner Seele
verbreitet! Das zu bewirken, ist jetzt der Punkt, auf den alle Krfte meines
erschtterten Wesens gerichtet seyn mssen - seine letzten Augenblicke zu
erheitern! O allmchtiger Gott! Agathokles letzte Augenblicke!
    Er ist so jung, es lag ein so langes, so schnes Leben vor uns! Er entreit
sich ihm, und ich darf nicht klagen!
    Leb' wohl, meine Junia! Leb' wohl. O warum bist du nicht bei mir! Wie
wohlthtig wre es mir in diesen Augenblicken, eine treue Freundin von ganz
gleicher Sinnesart um mich zu haben! Calpurnia ist sehr gut, ich verkenne gewi
weder ihre Vorzge, noch was ich ihr jetzt schuldig bin, aber sie ist keine
Christin, und - sie ist Knigin. Auf dem Thron verlernt sich so Manches, dessen
das Herz in den Beziehungen des gewhnlichen Lebens so sehr bedarf.
    Ein Gercht hat mir gestern verkndigt, Apelles sey in der Nhe, und halte
sich in Nica auf. Tiridates, der, um des theuern Verlornen willen, mir innig
wohl will, hat kaum meinen Wunsch errathen, als er schon einen Eilboten nach
Nica abfertigte. O wenn Apelles kme, mich in den Stunden, die mir bevorstehen,
zu strken, und zu erhalten, ich wrde Tiridates treuer Freundschaft eine der
grten Wohlthaten danken!

                         111. Theophania an Agathokles.


                                                         Nikomedien, im Mai 305.

Ja, mein einzig geliebter Freund, ich werde leben. Du sollst dich nicht an mir
getuscht haben. Du befiehlst es, die Tugend befiehlt es durch dich. Glaube
nicht, da je der frevelhafte Gedanke in meine Brust gekommen sey, mein Daseyn
gewaltsam abzukrzen; aber da ich gewnscht habe zu sterben, das kannst du, das
kann Gott selbst nicht dem schwachen zerrissenen Herzen zur Schuld anrechnen.
    Jetzt werde ich aber auch diesen Wunsch unterdrcken; er knnte zu lebhaft
werden, und Unterlassungen erzeugen, die mittelbar auf jenen Zweck hinwirkten.
Ich werde nicht zu sterben wnschen, bis unser Sohn erzogen, bis des Vaters
vielgeliebtes hohes Bild in seiner Seele noch ein Mal dargestellt ist. Ich werde
Muth haben zu leben, und den Entschlu, den du gefat hast, zu billigen. Du
sollst mich nicht umsonst deinen einzigen Freund nennen. Ich werde dein Zutrauen
rechtfertigen, es erhebt mich ber meinen Schmerz, ber mich selbst, ber mein
Geschlecht. Ja, Agathokles! du hast recht gethan - ich klage nicht.
    Was ich fhlen mu, wie de mein Leben ist, weit du. Du kennst mich, vor
dir lag von jeher meine ganze Seele offen, ich knnte dir diese Gewiheit nicht
entziehen, selbst wenn ich es aus falscher Gromuth wollte; aber ich gelobe dir
bei unserer Liebe, bei unserm Kinde, bei Gott, der unsere Herzen fr einander
gebildet hat, und dessen heiligen Willen ich selbst in dieser Trennung erkenne,
da ich dies de Leben ertragen werde.
    Mit fester Zuversicht erwarte ich von Gott die Kraft, welche mir hierzu
nthig seyn wird. Er hat sie dem redlichen Willen, der kindlichen Unterwerfung
noch nie versagt, und ich werde viel brauchen!
    Noch ein heier Wunsch liegt in den Tiefen meines bekmmerten Herzens. Ich
mchte dich noch ein Mal sehen, nur ein Mal, ein Mal noch auf dieser Erde! Ich
habe etwas Wichtiges, sehr Ernstes mit dir zu sprechen - Etwas, was
schlechterdings keinem Briefe, keinem, auch noch so treuen fremden Munde
anzuvertrauen ist. Gern wrde ich zu dir kommen, es liee sich leicht thun, in
Mnnerkleidern, als Tiridates Sclave, dem ja deines Kerkers Thore sich stets
ffnen; aber - ich wei, ich erschrecke dich nicht, und sage dir auch nichts
Unerwartetes - meine Gesundheit hat etwas gelitten, und ich sehe nicht ohne
Besorgni der Erscheinung eines Wesens entgegen, das unter solchen Umstnden
geboren, entweder das Licht gar nicht sehen, oder ein trauriges Daseyn nicht
lange genieen wird. So sagen es mir die Aerzte vor, und ich gehorche ihnen,
denn ich gehorche dir, deinem Wunsch nach meiner Erhaltung. Es ist aber gewi
nicht unmglich, selbst von dem grausamen Galerius die Erlaubni zu erhalten,
unter allen mglichen Vorsichtsmaaregeln, die deine Henker nach Gefallen nehmen
mgen, dein Weib, dein Kind, vielleicht deine Kinder, von denen du keinen
Abschied nahmst, nur ein Mal noch zu sehen. Ich habe Tiridates gebeten, sich fr
diesen heien Wunsch zu verwenden, ich habe an meine Valeria geschrieben, diese
Bitte ihrem Vater vorzutragen; vielleicht erhalten wir sein Frwort. Dem Vater,
dem Wohlthter so vieler Csarn, wird doch der begnstigte Sohn, dem er erst das
ungeheure Geschenk der unumschrnkten Herrschaft machte, diese Nachgiebigkeit
nicht verweigern. Frchte diese Zusammenkunft nicht, auf meine Gesundheit wird
sie gewi keine nachtheilige, auf mein Gemth die beste Wirkung haben; auch
sollst du keine zaghaften Klagen, keine unerschpflichen Thrnen sehen. Nur
sehen, nur sehen mu ich dich noch ein Mal, noch ein Mal die theuern Zge mit
heien Blicken betrachten, in mich aufnehmen, noch ein Mal den Ton deiner Stimme
in meinem Innern wiederhallen hren, noch ein Mal Strke, Freudigkeit, Ruhe und
Kraft, ach! fr eine lange, einsame Zukunft aus deinem Umgange schpfen! Schlage
mir diese letzte Bitte nicht ab, sie ist heilig, wie die Bitte einer Sterbenden.
Ist es denn nicht Tod, nicht mehr als Tod, wenn unser besseres Selbst von uns
scheidet? Und ber dies, es hngt davon eine Erfllung ab, die mir unendlich
theuer, so theuer wie meine Seligkeit ist.
    Du kmmst gewi, ich wei es, du kmmst. Aber noch Eins, geliebter Freund!
Ich habe besondere Ursachen, um zu wnschen, da du nicht ohne heilige
Vorbereitung kommest, ich wnschte, da du deine reine Seele auch von dem
kleinsten irdischen Flecken vorher reinigen, und dich in die Verfassung setzen
mchtest, um das Abendmahl wrdig zu empfangen. Forsche nicht um die Ursache
dieser Bitte; du wirst Alles erfahren, und du trauest mir zu, da ich nichts
Unbilliges fordern werde, nichts, was deiner und derjenigen unwrdig wre, die
den Stolz geniet, dein Weib zu seyn. Leb' wohl - Leb' wohl!

                          112. Valeria an Theophanien.


                                                             Byzanz, im Mai 305.

Unglcksgefhrtin! Empfange den einzigen Trost, den ich dir geben kann, diesen
Brief meines Vaters an den Galerius! Mein unendliches Mitleid, meine Thrnen
hattest du seit dem Augenblick, als Constantin auf seiner Flucht durch diese
Gegenden heimlich und unerkannt zu meinem Vater kam. O gtiger Gott! Was ist das
fr eine Welt, was sind das fr Menschen! Ist es denn der Mhe werth zu leben,
um unter Larven zu wandeln, die die hohlen Gesichter nach Gefallen auf diese
oder jene Seite wenden, wie es die Rolle fordert? Ich war so glcklich, ehe ich
diese Welt kannte, die mich nun auf ein Mal mit ihren kalten feindlichen Armen
ergreift und drckt, und peinigt.
    Constantin sprach mit aller Macht der Beredtsamkeit fr seinen unglcklichen
Freund bei meinem Vater. Er hat, er beschwor ihn, sein Ansehen dahin zu
verwenden, da ihm Galerius Freiheit und Leben schenke. Er stirbt fr mich! rief
er ein Paar Mal in einem Ton, der mir durch die Seele drang. Sein Schmerz war
unverstellt, und der Schmerz eines Mannes, eines Feldherrn wie Constantin,
erschttert tiefer, als das Leiden gewhnlicher schwcherer Menschen. Aber ich
konnte mich des Gedankens nicht erwehren: Warum hast du ihn sterben lassen,
warum hast du es zugegeben? Fr dich hatte der Thron hhern Werth als die Liebe!
    Das ist das Unglck der Welt, da ihr die Liebe so wenig gilt. O liebten die
Menschen, wie sie sollten, wie Jesus Christus geliebt hat, wie er uns zu lieben
befahl! Mit dieser Liebe, die Alles trgt, Alles duldet, nie das Ihrige sucht,
und nie zu ermden ist, was knnte die Erde seyn! Aber Constantin sucht auch das
Seinige, und ber dem Suchen verliert der edelste Freund das Leben, und das
beste Weib auf Erden ihr ganzes Glck. So dachte ich mit Bitterkeit, und wandte
mich von Constantin ab.
    Mein Vater - du glaubst nicht Theophania! wie viel schne Gelassenheit in
diesem Charakter liegt, den vielleicht nur der hohe Platz, auf dem er stand, der
Menge unkenntlich machte - schien wirklich gerhrt von Constantins Bitten. Aber
o mein Gott! was ist das fr eine Welt? mu ich wieder ausrufen. Er erklrte ihm
gerade zu, er knne wenig oder nichts thun. Ich bin nicht mehr Kaiser, sagte er,
und der bloe Name ohne Gewalt vermag nichts ber die Menschen, in deren Herzen
die Dankbarkeit keine Stimme hat. Constantin reiste ab, wie er gekommen war,
tief gebeugt, verkleidet, und in grter Eile. Nun bernahm ich sein Geschft,
aber mein Vater hie mich schweigen mit jenem Ernst, den ich nur zu wohl kenne,
und ich sah, da nichts zu hoffen war. Indessen kam ein Brief des Knigs von
Armenien an ihn, und deiner an mich. Nicht Rettung, das erkanntet ihr
unglcklichen Freunde des edlen Gefangenen wohl selbst fr unmglich, aber
Aufschub, und die Erlaubni, da Agathokles dich und sein Kind noch ein Mal
sehen drfte, verlangtet ihr mit tiefer Wehmuth. Dies Mal war Diocletian tief
gerhrt, besonders durch deinen Brief, den ich ihm gab. Er schrieb an Galerius,
und ich schliee den Brief bei, den er mir freundlich und mit dem Wunsche gab,
da er etwas bewirken mchte. Nun eile ich, ihn dir zu senden. Der Eilbote
wartet, und zu unsrer Abreise nach Salona sind alle Anstalten getroffen. Ich
setze nichts hinzu, um theils jenen nicht aufzuhalten, theils weil ich nichts zu
sagen wei, was deinen tiefen Schmerz nicht noch tiefer machen mte. Leb' wohl.

                        113. Apelles an Junia Marcella.


                                                         Nikomedien, im Mai 305.

Ein Brief des Knigs von Armenien hat mich schnell hieher beschieden, um deiner
unglcklichen Freundin den kleinen Trost zu bringen, dessen sie fhig ist, den
Trost des Umgangs mit einem Glaubensgenossen. Ich habe sie sehr gebeugt, aber
ganz in den Willen der Vorsicht ergeben gefunden. Vorgestern gab sie wider alles
Vermuthen - denn Jedermann frchtete fr sie und ihr Kind - einem gesunden,
schnen Mdchen das Leben, und befindet sich so wohl, als es in ihrer Lage
mglich ist. Sie folgt mit kindlichem Zutrauen jeder Vorschrift des Arztes,
jedem Wunsch, den ihre Freunde fr ihre Gesundheit uern. Du kennst die Quelle
dieser Sorgfalt, und wirst die Gewalt, die sie ber sich selbst hat, in diesem
sonst so zarten Wesen mit mir bewundern.
    Gestern war der merkwrdige Tag, wo endlich, nachdem der abgegangene
Augustus, Tiridates, der Prfekt der Jovianer, und viele andere Menschen von
Bedeutung sich bei dem Galerius verwendet hatten, dem Gefangenen die Erlaubni
zu bewirken, da er seine Frau noch ein Mal sehen drfte - dieser traurige
Besuch Statt hatte. Theophania begehrte am Morgen zu beichten. Ich fand dies
Begehren etwas seltsam, da ihr krperliches Befinden nicht die mindeste
Veranlassung dazu gab; doch wollte ich ihr die Beruhigung nicht versagen. Sie
verrichtete die heilige Handlung mit Heiterkeit und Strke. Als die Stunde
nahte, wo sie ihren Gemahl erwartete, sah ich sie unruhig werden, sie erblate
bei jedem Gerusch, wurde zerstreut und immer ngstlicher und ngstlicher. Da
trat die Knigin ein. Ein kleines Zittern, das ich trotz ihrer gehaltenen
Fassung an ihr bemerkte, eine ungewhnliche Blsse in ihrem blhenden Gesichte
kndigte mir den gefrchteten Augenblick an. Sie nherte sich Theophanien, und
sagte mit mhsam erzwungener Gelassenheit, da Agathokles wahrscheinlich bald
kommen wrde. Er kommt! rief Theophania jetzt mit einer frchterlichen
Heftigkeit, die ich nie von ihr gesehen hatte - er kommt! O mein Gott! -
Calpurniens Zittern nahm immer mehr zu. Du kennst, meine Freundin, fuhr sie
langsam fort, die armselige Furcht des Tyrannen, er glaubt sich seines Opfers
nicht sicher genug. Es sind zwei Offiziere vorausgekommen, die Befehl haben, zu
untersuchen, ob hier keine Mglichkeit, kein Anschlag zur Befreiung vorhanden
sey. O la sie kommen, rief Theophania - sie sollen thun, was sie wollen, was
sie mssen, aber mich la nur nicht lange auf ihn warten! Calpurnia ging, und
kam sogleich mit zwei Centurionen wieder, die mit grter Achtung die Kranke um
Entschuldigung ihrer schweren Pflicht baten, und dann das Zimmer und die
Umgebungen schonend, aber aufmerksam untersuchten. Hierauf stellte sich der Eine
auerhalb der zweiten Thre, die in ein andres Gemach fhrte, der Zweite ging
zurck, um Agathokles herein zu fhren. Jetzt richtete sich Theophania auf, sie
zitterte, da ihre Hnde zusammenschlugen, eine Leichenblsse bedeckte ihr
Gesicht, whrend ihr Auge vor Freude strahlte. Beinahe eben so zitternd hielt
die Knigin sie umfat. Nun hrten wir auer der Thre eine Kette fallen, dann
noch eine, die beiden Frauen schrieen laut auf - und Agathokles trat ein.
Theophania nannte seinen Namen mit einem heftigen Schrei, und beugte sich mit
ausgebreiteten Armen gegen ihn; er strzte auf sie zu, und schlo sie fest an
seine Brust. Nun ri sich die Knigin laut schluchzend von der Gruppe los, und
eilte in's andere Zimmer. Ich folgte ihr, sie warf sich auf das Ruhebette, und
weinte heftig, ohne zu sprechen, ohne etwas anzuhren, was ich ihr zu sagen
versuchte.
    Im Zimmer der Gatten war Alles still und ruhig. Nach einer Stunde ungefhr
rief mich ein Sclave, ich ging hinein. Welche Vernderung in der kurzen Zeit!
Still, gefat sa Theophania an die Brust ihres Mannes gelehnt, eine himmlische
Freude war ber ihre Zge ausgegossen, das jngere Kind lag in ihrem Arm, das
ltere hing an des Vaters Hand, und spielte mit seinem Gewande. Agathokles
Gesicht trug neben den Spuren eines mhsamen Kampfes alle Zeichen erstrittener
Ruhe, und mnnlicher Kraft. Nur wenn sein Blick auf die Kinder fiel, durchzuckte
ein wehmthiger Zug sein Gesicht, und er sah mitleidig auf seine Frau. Er
reichte mir die Hand entgegen. Wir sehen uns zum zweiten Mal in einer wichtigen
Minute, sagte er, und ich werde dir dies Mal, wie das erste, hoch verpflichtet
seyn. Theophania ersuchte mich, ihr und ihrem Gemahl das heilige Abendmahl zu
reichen, das sie noch nicht empfangen hatten. Er ist vorbereitet, fgte sie
hinzu, als ich sie etwas befremdet ansah. Die Kinder wurden entfernt, und die
beiden Gatten empfingen mit Rhrung und allgemeiner Fassung die heilige Speise.
Agathokles stand vom Boden auf, wo er gekniet hatte, und jetzt sah ich, da er
zitterte, und sich an dem nebenstehenden Tisch anhalten mute, sein Gesicht
wurde zusehens blsser, sein Auge war starr auf die Wasseruhr1 geheftet, die ihm
gegenber an der Wand stand. Der Offizier trat ein, und erinnerte ihn, da die
Zeit, die ihm vergnnt war, vorber sey. Vorber! rief Theophania, und alle
Unruhe und Heftigkeit der vorigen Stunden kam wieder in ihr Gesicht. Vorber!
wiederholte er mit dumpfer Stimme: Ich komme den Augenblick! Er verneigte sich
gegen den Centurio, der das Zimmer alsogleich verlie, und ich ging aus der
andern Thre, um es der Knigin zu melden, wie sie mir befohlen hatte. Ich sah
sie erstarren, sie stand auf, aber sie bedurfte meiner Untersttzung, um den
Porticus hinab bis in's Atrium zu gehen, wo wir Agathokles bereits wieder
gefesselt an einer Sule gelehnt fanden. Dumpfe Laute, halb Seufzer, halb
Schluchzen, tnten einzeln und heftig aus seiner Brust. Calpurnia winkte uns,
sie einen Augenblick mit ihm allein zu lassen - ich ging mit den Centurionen,
die ihr ehrfurchtsvoll gehorchten, hinaus. Bald darauf kam Agathokles mit
bleichem verstrten Gesicht aus dem Atrium, er trat zu mir, bot mir die Hand,
und empfahl mir seine Frau, seine Kinder. Die Offiziere naheten sich ihm, er
eilte rasch in ihrer Mitte fort.
    Theophania fand ich ohne Bewutseyn, und sie hat seitdem nur wenig helle
Augenblicke gehabt. Wenn es erlaubt wre, so etwas zu wnschen, so wrde ich ihr
vom Himmel zu erbitten suchen, da dieser Zustand der Bewutlosigkeit bis ber
jenen frchterlich-ernsten Augenblick dauern mge, dem Agathokles in der
knftigen Nacht entgegen geht; denn lngern Aufschub von Galerius zu erhalten,
war unmglich. So bald ich dir etwas Besseres oder Bestimmteres zu schreiben
habe, sollst du Nachricht erhalten.

                                    Funoten


1 Die Alten hatten, um die Zeit zu messen, keine Uhren wie die unsrigen, sondern
bedienten sich der Sonnen-, Wasser- und hnlichen Uhren, in welchen eine
bestimmte Quantitt Materie in einer bestimmten Zeit ablief, wie z.B. in unsern
Sanduhren.


                          114. Agathokles an Phocion.

                                                         Nikomedien, im Mai 305.

Die letzte Stunde naht, und mit vollem Bewutseyn, in der Flle der Jugend und
Gesundheit, gehe ich ihr entgegen. Es ist seltsam, es ist ganz anders, wenn in
des Greisen verwelktem Krper sich lngst Alles zur Auflsung neigt, und die
letzte Stunde nur der letzte Tod ist;1 anders, wenn eine Krankheit die
knstliche Maschine zerstrt, oder gewaltsam zerrttet, und in peinlichen
Gefhlen, oder dumpfer Betubung der letzte Augenblick ein Leben endet, das
diesen Namen nicht mehr verdient. Morgen um diese Zeit bin ich todt! Das konnte
ich mir, das mssen sich viele tausend Menschen sehr oft denken, denn wer wei,
wie lange ihm zu leben bestimmt ist; aber im gewhnlichen Leben mischt sich die
Vorstellung der Ungewiheit und die tgliche Erfahrung des Gegentheils mchtig
zu diesem Gedanken, und er verliert sich in ein dunkles Vielleicht, das nur bei
dem Ernsteren eine lebhaftere Betrachtung des Todes, und den Entschlu erzeugt,
stets wachsam und vorbereitet zu seyn.
    Ich wei aber bestimmt, da morgen um diese Zeit meine letzte Stunde bereits
vorber, und der dunkle Vorhang aufgezogen seyn wird, der die Geheimnisse der
Geisterwelt vor unsern Blicken verhllt. Morgen um diese Zeit ist dieser Krper,
in dem ich jetzt noch denke, handle, als eine starre, kalte Masse zu nichts gut,
als in dem Schoo der Erde in seine Elemente zurckzukehren. Agathokles ist
nicht mehr. Sein Wirken hat aufgehrt, kein Freundesauge erblickt ihn mehr, kein
Ohr vernimmt den Ton seiner Stimme.
    Und der Geist? - Mit Entsetzen wendet sich in diesen ernsten Augenblicken
die schaudernde Seele von dem Gedanken der Vernichtung hinweg, hinweg von allen
spitzfindigen Systemen der Philosophie, und umfat mit Innigkeit und kindlichem
Glauben die trostvollen Verkndigungen der Religion. Ja, ich werde leben! Noch
sehe ich die Bedingungen meines knftigen Seyns nicht ein. Wir stehen aber vor
der geschlossenen Pforte, und qulen und mhen uns ab, Mglichkeiten und
Wahrscheinlichkeiten zu ersinnen; wie es aber seyn wird, ob der Blindgeborne
sich eine richtige Vorstellung von den Farben hat machen knnen, die, wenn sein
Auge geffnet wird, mit der Wahrheit bereinstimmt? Das ist eine Frage, die der
menschliche Verstand beinahe mit Gewiheit verneinen kann. Alles, was wir mit
groem Rechte erwarten knnen, ist, da es dem, dessen Wille redlich war, besser
gehen mu, als hier.
    Und war mein Wille redlich? - Ja, er war es. Dies Zeugni gibt dem
Sterbenden sein Gewissen, und in diesen furchtbaren Augenblicken fllt jede
Maske, auch die der Selbsttuschung. Ich habe eine groe Idee im Herzen
getragen, ich habe ihrer Verwirklichung Alles aufgeopfert, was Menschen theuer
ist. Habe ich geirrt, so trage ich die Schuld der Menschheit. Aber ich habe
nicht blos mein, ich habe noch eines andern - ber Alles edeln Wesens Glck auf
jenem ernsten Altar geschtachtet - das Glck meines Weibes! - Durfte ich das? -
O barmherziger Gott! Wenn ich das nicht durfte! - Wenn jene Idee dieses Opfers
nicht werth war! Wenn - mein Geist verliert sich in Zweifel und Unruhe, und ist
in solchen Augenblicken der Verzweiflung nahe - aber leuchtend und siegreich
erhebt sich der Gedanke wieder: Mein Wille war gut, und wie der Leitstern den
Schiffer in strmischen Nchten, fhrt er mich aus Angst und Dunkel heraus in
lichte Klarheit und stillen Frieden.
    Mein Zeitliches ist besorgt. Ich habe an Constantin geschrieben, und ihm
noch ein Mal mein Weib und meine Kinder empfohlen, wenn er einst das Ziel
erreicht, zu dem er rasch hinstrebt. Mein Grab ist die erste Stufe, von der er
sich mchtig aufwrts schwingt - so habe ich wohl ein Riecht, seinen Schutz
anzusprechen.
    Tiridates und Calpurnia, die edlen Freunde, deren Liebe ich so viel
verdanke, haben mir thtige Hlfe versprochen, sie haben sich angeboten, meine
Wittwe, meine Waisen mit sich in ihr Reich zu nehmen, wenn ich es wnschte, wenn
ich sie dort vielleicht sicherer glaubte. Aber Theophania sehnet sich, den Rest
ihrer Tage unter Christen, an der Seite einer langgeprften Freundin, die sie
vor Jahren hat kennen lernen, zuzubringen? Welchen Schutz kann ihr auch ein
bundesverwandter Knig gewhren, wenn es dem blutigen Galerius einfiele, seine
Wuth und Rache auch auf sie auszudehnen? Ist wohl Bundesgenosse mehr, als ein
tnender Name fr Unterthan? So wird sie in Apama nicht weniger sicher seyn,
als in Ecbatana; sie ist seinen Augen entrckt, das ist alle Sicherheit, die sie
hoffen kann.
    Ich habe sie noch ein Mal gesprochen, und meine Kinder noch ein Mal
gesegnet. Nchtlich und furchtbar, und dennoch, so unaussprechlich theuer kehrt
die Erinnerung an diese heilige Stunde nur zu oft in meine Seele zurck. Zu oft!
denn ich soll ruhig seyn, ich soll, durch keine irdische Bande mehr gefesselt,
nur der Vorbereitung auf die groe Zukunft leben. Aber das Herz behauptet mit
unwiderstehlicher Kraft sein Recht. Ich liebe, Phocion! jetzt an der Schwelle
der Ewigkeit liebe ich strker als je, denn hher als je steht das Bild meines
Weibes vor mir!
    Gestern ward es mir vergnnt, sie zu sehen. Mit hochschlagendem Herzen trat
ich den Weg an. Im Atrium erblickte ich von Weitem die Knigin, aber sie floh
bei meinem Anblicke in's Innere des Hauses. Ich folgte langsam mit heimlichem
Beben, da ffnete sich die Thre, und Theophania, bleich, zitternd, in
frchterlicher Bewegung, sank schreiend an meine Brust. Calpurnia entfloh zum
zweiten Mal schluchzend, und lie mich mit der Ohnmchtigen allein. Meine Liebe,
meine Stimme brachte sie zu sich selbst, und nun begann eine Scene, deren
Erinnerung noch in jener Welt mein Herz zerreien wird, wenn anders dort unsre
Empfindungen den irdischen gleichen.
    Selbst tiefgebeugt, selbst von dem Anblicke Alles dessen, was ich so hei
liebte, und so bald verlassen sollte, verwundet, mute ich Strke fr sie und
mich haben, ich mute ihr Trost zusprechen, ich mute sie zur Ergebung bereiten.
Es gelang doch. O der ernste Wille ist allmchtig, er ist der Gott in unserer
Brust! Und, Phocion! bei dieser reinen Seele, bei diesem kindlichen Glauben an
Gottes weise Fgung, bei diesem heiligen Streben nach dem Guten, um des Guten
willen, war es nicht so schwer, als ich frchtete. Sie begriff mich, sie fate
sich, sie war fhig, ihre Gedanken von sich selbst hinweg auf etwas Andres zu
richten, und wieder jene schne Gluth zu empfinden, die oft in unvergelichen
Stunden, wenn Constantin und ich mit ihr von unsern Planen sprachen, ihre Seele
begeistert hatte. Sie war nicht blos Gattin und liebendes Weib, sie war Christin
im erhabensten Sinn des Worts. Ach, sterben fr ein Ideal - fr einen groen,
Menschen beglckenden, Plan - es ist schwer, es ist gro, wenn man Geliebte
zurcklt! Aber leben, leben ohne dich - rief sie, indem sie mich heftig
umschlang - das ist weit schwerer, es ist unaufhrlicher Tod! Ich fhlte die
Wahrheit dieser Klage, und dieser Ausdruck der Liebe und des Schmerzens
berwltigte mich, ich hielt meine Thrnen nicht zurck. Sie sah sie flieen.
Jetzt umfate sie mich noch inniger, und bei dem herben Schmerz der Trennung,
bei dem Bewutseyn, wie elend wir Beide ohne einander seyn wrden, beschwor sie
mich, ihr eine Bitte zu gewhren, die sie schon lange im Herzen trge, die
allein es ihr mglich gemacht habe, ihr Leid zu ertragen. Ich versprach es ihr
unbedingt; denn was konnte dies reine Gemth wohl verlangen, was nicht mit der
Tugend bereinstimmte? Schchtern und behutsam, in leisen aber khnen
Muthmaungen ber die Mglichkeit des Zusammenhangs im Geisterreiche ber den
Zustand nach dem Tode, ber die Macht der Sympathie, entwickelte sie zu meinem
Erstaunen ein schnes seltsames System, das aus christlichen und platonischen
Ideen zusammengesetzt, mich durch seine Consequenz berraschte, und in mir
zugleich die sesten Hoffnungen erregte, deren Wahrscheinlichkeit ich nichts
entgegen zu setzen wute, als den Mangel an solchen Erfahrungen. Nun drang sie
mit heier Liebe in mich, ich sollte ihr versprechen, wenn es mglich wre, ihr
sichtbar zu erscheinen, oder falls dies auer den Grenzen meiner Macht wre, sie
doch nie zu verlassen, und um sie und unsre Kinder zu schweben, damit sie den
sen Trost geniee, meine Gegenwart zu ahnen, und vielleicht in jenen leisen
Einwirkungen, wie aufmerksame Fromme sie wohl kennen, gewahr zu werden. Ihre
Schwrmerei ri mich hin, es war mir in diesem Augenblicke mehr als mglich, es
war mir beinahe gewi, da wir uns einander so nahe bleiben knnten - und - noch
ist der hohe Zauber dieser Hoffnungen nicht entkrftet, und weder Philosophie
noch Religion erheben sich siegreich gegen sie. So la sie mich halten und
pflegen. Morgen um diese Zeit ist Alles klar.
    Ich hatte meinem Weibe den heiligen Schwur gethan; aber ich sollte auch das
Abendmahl mit ihr zugleich zur Besieglung dieses Bundes empfangen. Dies, hoffte
sie, wrde mein Versprechen unwiderruflich, und fr die Geisterwelt bindend
machen. Ich versprach ihr auch dies - o was htte ich diesem so liebenden, durch
mich so tief verwundeten Herzen versagen knnen! Nun ganz zufrieden, ganz gefat
lie sie unsre Kinder bringen. Sie legte mir das jngste, das ich noch nicht
gesehen hatte, in die Arme, ich sollte es segnen. Welch' ein Augenblick fr das
Vaterherz! Dies Kind, das in der Geburt schon verwaiset war, jener
hoffnungsvolle Knabe, dessen Erziehung der seste Wunsch meines Herzens gewesen
war, dieses Weib, an deren Seite zu leben, seit meiner Kindheit mir die hchste
Stufe irdischer Seligkeit geschienen hatte - und nun Alles - Alles das verlassen
und aufgeben zu mssen!
    Es erhob sich ein Sturm in meiner Seele; aber Ein Blick auf mein Weib, das
still und ergeben das Kind am Mutterbusen hielt, auf dies Gesicht, im das ich
den Frieden zurckgefhrt hatte, gab mir Kraft, ihn nicht wieder zu zerstren.
Jetzt trat Apelles ein, er reichte uns das Abendmahl. Vielleicht war es seit
seiner Einsetzung nicht mit mehr Wehmuth und Rhrung empfangen worden! Auch hier
schied der Liebende von Geliebten in Erwartung eines nahen gewissen Todes.
    Als ich aufstand, fiel mein Blick auf die Wasseruhr. Die letzte glckliche
Stunde auf Erden war vorber. Der Offizier trat ein, und jetzt war meine und
Theophaniens Standhaftigkeit dahin. Mit einer krampfhaften Heftigkeit
umschlangen wir uns und wnschten und dachten Eins an des Andern Brust zu
vergehen. Ich drckte die Kinder an mein Herz, es schien mir unmglich, mich
loszureien, das Verhngni gebot - der Centurio kam zum zweiten Mal -
Theophania sank mit einem lauten Schrei in Ohnmacht, ich legte sie in die Arme
ihrer herbei geeilten Sclavinnen, und floh.
    Im Atrium fand ich mich wieder schluchzend an eine Sule gelehnt, als eine
bekannte Stimme mich beim Namen rief. Es war die Knigin, auf dem ernsten Wege
zum Tode erschien sie mir noch ein Mal. Sie winkte den Zeugen, sich zu
entfernen, sie trat auf mich zu, schlug ihre Arme um mich, und gestand mir, da
sie mich von dem ersten Augenblicke unserer Bekanntschaft an geliebt, da sie
mich jedem andern Manne vorgezogen habe, und da ich ihr noch jetzt ber Alles
in der Welt theuer sey. Welcher Moment, zu welchem Gestndni! So war ich
bestimmt, zwei der edelsten Herzen zu brechen! Und warum sagte sie mir das?
Warum go sie diesen bittern Tropfen noch in die Schale, die ohnedies so voll
war? Das htte Theophania nicht vermocht. Sie htte ihr Geheimni mit in's Grab
genommen, wenn seine Enthllung dem Freunde so schmerzlich seyn mute.
    Aber ich habe ihr verziehen, ich ehre ihre Vorzge, und danke ihr die Liebe
und Sorge fr mein theures unglckliches Weib, gleichviel aus welcher Quelle sie
flieen mag.
    Und so ist mein Tagwerk vollendet. Mit Scheu, aber dennoch mit Zuversicht
nahe ich mich dem Throne des allsehenden Richters. Unendlich ist unsre Schwche,
aber auch seine Gte ist unendlich, und wenn auf der richtenden Wage die
schimmerndsten Tugenden in nichtigen Staub zerflattern, und so mancher geheime
Gedanke in schrecklicher Ble vor uns stehen, und wider mich zeugen wird - dann
flchtet der zagende Sohn des Staubes zu dem erbarmenden Vaterherzen; denn von
dem Blut, das auf Golgatha strmte, flo auch ein Tropfen der Entshnung fr
mich. Das ist unser Erbtheil - wir sind Erlste!
    Nun lebe wohl, theurer Phocion! Wenn du diese Tafel in deiner Hand halten
wirst, ruht meine Hlle lngst im Schooe der Erde, und die Verwesung verzehrt
die Gestalt, unter welcher dein Freund, dein Schler, dir erschien. Aber, er
stirbt dir nicht! Auch jenseits wird ihn dein Andenken begleiten, und der Dank
fr so manche mir geweihte Stunde, so manche Lehre, und so manches wirksamere
Beispiel wird in jener Welt vielleicht noch reiner und strker gegen dich
entglhen. Am offenen Grabe la ihn mich dir noch ein Mal wiederholen, mein
Lehrer, mein zweiter Vater! und sey versichert, wenn es die Vorsicht erlaubt,
und die furchtbaren Gesetze der Geisterwelt, so wird nicht Theophania allein ein
Zeichen meines Daseyns erhalten.
    Es ist Mitternacht. Die kleine Lampe, die mir leuchtete, erlischt - so
erlischt bald mein Leben. Ich gehe zur Ruhe, der Schlaf behauptet seine Rechte
auf den erschpften Krper - morgen schlft er einen unweckbaren. Leb' wohl.

                                    Funoten


1 Mors non ultima venit, quae rapit ultima mors est.
                                                                         Seneca.


                     115. Calpurnia an ihren Bruder Lucius.

                                                         Nikomedien, im Mai 305.

Es ist vorber - er ist todt! In der Nacht dem Auge des Volkes verborgen, weil
man kleinherzig die Rache der Jovianer frchtete, flo das edelste Blut, das je
vielleicht auf der Erde ein menschliches Herz bewegt hatte. Ich habe mich seines
Betragens nicht zu rhmen. Manche meines Geschlechts wrde nie verziehen haben,
was er an mir that; dennoch sage ich mit Stolz, ich habe ihn geliebt, wie ich
noch nie einen andern Mann geliebt habe, wie ich nie einen lieben werde.
    Zwei Tage vorher sah ich ihn zum letzten Mal. Er kam, Abschied von seiner
Frau zu nehmen. Und wenn ich Titons1 Jahre erreichte, so wrde keine Zeit die
Erinnerung dieses Anblicks aus meiner Brust vertilgen, wie er bleich, gefesselt,
aber in diesen Fesseln stolz und frei zwischen den Centurionen in's Atrium trat.
So mgen einst die gefangenen Knige vor den Wagen der Triumphatoren gegangen
seyn. Das Herz wendete sich mir in der Brust, ein ungeheurer Schmerz zerri mein
Innerstes. Ich eilte zu Theophanien - ich wollte Zeugin des Wiedersehens seyn.
Er folgte mir auf dem Fue, in meiner Seele wiederhallte der Klang seiner
Ketten. Er trat ein, er strzte mit dem Ton des wildesten Schmerzens in die Arme
seines Weibes. Ich wurde gar nicht bemerkt, und entfloh, denn es war mir nicht
mglich, hier auszuhalten.
    Eine tdtlich lange Stunde verschlich - die schwerste in meinem Leben, bis
man endlich kam, mir zu melden, da sich Agathokles entferne. Ich hatte es
verlangt, denn ich wollte ihn noch ein Mal sprechen. Ich eilte in's Atrium. Da
stand er an einer Sule gelehnt, ich rief ihn, er hrte mich nicht, nur einzelne
Tne des Schmerzens drangen aus seiner Brust hervor. Meine Liebe erwachte in
ihrer alten Macht; ich eilte auf ihn zu, und schlang die Arme um ihn. Was hatte
ich zu frchten! Er stand am offenen Grabe, und nahm mein Geheimni mit sich. Er
sah sich nach mir um, und eine Mischung von Erstaunen und sanfter Rhrung malte
sich in den zerstrten wilden Zgen. Er wollte seinen Arm um mich schlagen,
seine Ketten verhinderten es, ich schlang sie um mich, und so von klirrenden
Fesseln umgeben, und selbst durch die Seltenheit dieser Lage noch mehr gespannt,
warf ich mich von Neuem an seine Brust. Lange vermochte er nicht zu sprechen -
endlich fand er Worte, und dankte mir fr die Liebe und Sorgfalt, die ich seiner
Frau, fr die Freundschaft, die ich ihm bis an seinen Tod bewiesen. Nicht
Freundschaft, hub ich mit ernster fester Stimme an, nicht Freundschaft!
Agathokles! Der Tod hebt alle Verstellung auf, und ich kenne deinen Edelmuth.
La mich dir ein Gestndni thun, das ich unter keinen andern Umstnden gewagt
haben wrde, lerne mich ganz kennen, und dann beurtheile den Werth dessen, was
ich fr dich that. Ich habe dich geliebt, Agathokles! von dem ersten Augenblicke
unserer Bekanntschaft an mit leidenschaftlicher Wrme geliebt! - Ich schwieg,
und sah ihm ernst in's Gesicht.
    Er schlug die Augen nieder, und lie die Arme sinken, die Ketten klirrten
wieder, und ihr Schall klirrte in meiner Brust nach. Ein schmerzhaftes Lcheln
zuckte um seinen Mund. So habe ich denn auch deinen Kummer mir vorzuwerfen! fing
er nach einer Pause an. Vergib, Calpurnia! Er reichte mir die Hand. Vergib, wenn
ich manche Stunde deines schnen heitern Lebens getrbt habe, wenn ich dich
miverstand, wenn vielleicht mein Betragen selbst dich berechtigte, mich falsch
zu deuten! Vergib!
    Diese Antwort war mir unerwartet. Ich schwieg verlegen. Es ward klar und
khl in meiner Seele, der Rausch des Enthusiasmus war verschwunden - aber ich
mute ihn achten. Ich reichte ihm die Hand, und sagte mit Herzlichkeit: Glaube
nicht, Agathokles, da diese Erklrung so gemeint war. Ich mache dir keine
Vorwrfe - ich habe nichts zu vergeben. Er drckte meine Hand an sein Herz: Du
bist immer gtig, immer freundlich! Habe Dank fr jede schne Stunde, die ich in
deinem Umgange geno, fr jeden Beweis der Freundschaft, den du mir und meinem
Weibe gegeben hast! Entziehe sie der Unglcklichen nicht, nimm sie als deine
Freundin, als mein einziges theuerstes Vermchtni auf! Mit Thrnen der
innigsten Rhrung, aber gewi ohne Leidenschaft, gelobte ich ihm, Theophanien
als meine Schwester zu betrachten. Ich war jetzt wirklich seine Freundin
geworden. O was htte der Mann aus mir machen knnen, wenn keine frhere
Verbindung eine unbersteigliche Kluft zwischen uns erffnet htte! Und er ist
todt! -
    Tiridates und Apelles, ein christlicher Priester, waren den letzten Tag viel
bei ihm. Er war gefat, und sogar heiter, wenn die Rede nicht auf seine Frau
fiel. Den Abend wendete er an, um Briefe zu schreiben, legte sich dann schlafen,
und schlief noch sehr ruhig, als Tiridates gegen den Morgen in sein Gefngni
trat. Die Lictoren kamen bald darauf. Eine leichte Bewegung ward in Agathokles
Zgen sichtbar, dann stand er ruhig auf, umarmte seine Freunde, gab Tiridates
ein letztes Lebewohl an seine Hinterlassenen auf, und folgte den Lictoren. Seine
vertrauten Sclaven empfingen ihn an der Thr des Gefngnisses, die Treuen
wollten ihren geliebten Herrn noch ein Mal sehen. Er redete gtig mit ihnen, gab
den Meisten die Freiheit, und verwies sie auf sein Testament, das er im Kerker
geschrieben hatte, und jetzt Tiridates bergab. Dann bestieg er das
Todesgerste, betete mit stiller Rhrung - und so verlie der Schatten des
edelsten Mannes die Erde, die seiner nicht werth war! O mein Bruder! Nie, nie
wird dieser ungeheure Verlust seinen Verlassenen, seinen Freunden ersetzt
werden!
    Theophania war, seit dem Abschied ihres Mannes, wenig bei sich gewesen, wir
wnschten sehr, da dieser Zustand noch eine Weile dauern, und die traurige
Catastrophe ihr unbewut vorbergehen mchte. Aber es ist seltsam, obwohl es
nichts als Zufall seyn kann; in der Nacht seines Todes, gegen den Morgen fuhr
sie auf ein Mal aus dem Schlummer empor, nannte seinen Namen, sah uns Alle starr
an, und sagte: Jetzt ist er todt. Wir suchten ihr diese Vorstellung zu benehmen,
sie blieb ruhig auf ihrer Behauptung, fragte, welche Zeit es wre, und schwieg
zuletzt mit einem sonderbaren Lcheln. Als Apelles eintrat, sagte sie ihm die
Stunde, in der ihrer Meinung nach ihr Mann geendet hatte. Er war erstaunt, denn
sie traf ziemlich mit der Wahrheit zusammen. Apelles mute ihr alle Umstnde,
jeden Blick, jedes Wort, jede Bewegung ihres Gemahls wiederholen. In dieser
traurigen Beschftigung, die mir so ganz zweckwidrig vorkam, schien sie Trost zu
suchen, und fand ihn wirklich. Seitdem ist sie sich immer gegenwrtig, sie fat
sich mit unglaublicher Kraft, sie ist still, beinahe wortlos, aber sie ist bei
Weitem nicht so gebeugt, und zernichtet, als ich es bei ihrem Charakter
frchtete. Woher kommt diesem sonst so zagenden Wesen dieser Muth, woher die
Kraft, ohne den zu leben, der ihr einst so ganz unentbehrlich zu ihrem Daseyn
schien? Sollte ich glauben, da dies die Wirkung der Schwrmerei, der Religion
sey? Wie kann sie das? Wie kann der Glaube an die Gtter, oder an einen Gott
solche Umwandlungen, solche Wunder hervorbringen? Wenn es aber wirklich so ist,
so mu die Religion der Christen von ganz anderm Einflu auf die Gemther seyn,
als die unsrige.
    Tiridates und ich haben ihr angeboten, sie mit nach Ecbatana zu fhren; denn
ich liebe - und verehre sie wirklich, und ihre Gesellschaft wre mir uerst
erwnscht. Sie zieht aber vor, nach Syrien zu einer Freundin zu gehen, die sie
lange kennt und liebt, und mit der viele alte Bande, auch der Religion, sie
verknpfen. Hiergegen konnte ich nichts einwenden, - und so sehe ich mit Wehmuth
dem Augenblicke der Trennung entgegen. Es wird mich schmerzen, von Allem zu
scheiden, was einst dem theuren Freund noch angehrte, und nichts - gar nichts
mehr fr ihn an seinen Verlassenen thun zu knnen. Ach ich fand bei dem
unendlichen Verlust einen kleinen Ersatz darin, das, was ich ihm nicht seyn
konnte, den Seinigen zu werden! O Lucius! Er war mir so viel, so viel! - Noch
kann ich mich nicht an den Gedanken gewhnen, da er todt ist, noch kann ich es
nicht fassen, da ich ihn nie - nie wieder sehen soll!
    Leb' wohl, lieber Bruder! Sobald Theophania im Stande ist, ihre Reise
anzutreten, brechen auch wir auf. Mein Vater geht nach Rom zurck, und ich habe
es geschworen, die Umgebungen dieser Stadt, in der das edelste Blut vergossen
ward, deren Annherung mir nichts als Unheil gebracht hat, nie wieder zu
betreten.

                                    Funoten


1 Titon, Aurorens Gemahl der von den Gttern zwar das Geschenk der
Unsterblichkeit, aber nicht der ewigen Jugend erhielt, und daher endlich aus
Mitleid in eine Heuschrecke verwandelt wurde.


                        116. Apelles an Junia Marcella.

                                                      Nikomedien, im Junius 305.

In drei Tagen, meine theuerste Freundin, wird unsre arme Theophania sich mit
ihren Waisen auf den Weg zu dir machen, und ich werde sie begleiten. Seit dem
Tode ihres Mannes habe ich sie wenig verlassen, und vielfach Gelegenheit gehabt,
die geheime Kraft ihrer Seele, und ihre Ergebung in den Willen des Schpfers,
und ihres Gemahls zu bewundern. Er hat sie gebeten, zu leben - er hat gewnscht,
da sie sich fr ihre Kinder erhalte. Das war genug fr sie. Das Daseyn ist ihr
unzweifelbar eine drckende Last, alle ihre Gedanken wohnen im Grabe, und
dennoch hat sie sich aufgerafft, und ihre liebsten Neigungen bekmpft, und ihre
Gesundheit gepflegt, wie wenn das Leben das wnschenswertheste Gut fr sie wre.
Sie spricht oft und am liebsten - und fast nur von ihm - und diese Gesprche
dienen nicht, wie in hnlichen Fllen, ihren Zustand zu verschlimmern, sie
scheinen vielmehr ihre geprete Brust zu erleichtern. Ach, ihre Wunden knnen
nicht aufgerissen werden, denn sie haben noch keinen Augenblick aufgehrt zu
bluten!
    Darum kann ich auch kein langes Leben fr sie hoffen, und ich mte wahrlich
die Selbstsucht bis zur Grausamkeit treiben, wenn ich es ihr wnschen knnte.
Wir und ihre Kinder werden unendlich durch ihren Tod verlieren, denn wie ein
guter Geist waltet sie sanft, beruhigend und erheiternd, selbst jetzt in allen
ihren Schmerzen unter uns, und die fremdartigsten Gemther bezwingt und fesselt
ihre unwiderstehliche Gte, ihr tiefer innerlicher Werth. Aber sie ist nur mehr
halb auf dieser Erde. Ihre bessere Hlfte, so sagt sie selbst, ist
hinbergegangen, und der traurige Rest mu verwelken, wie der Baum abstirbt, dem
ein Sturmwind oder die Art des Landmanns alle seine Aeste geraubt, und den
grten Theil des Stammes zersplittert hat. So lange die matten Sfte noch
auf-und absteigen, grnt die Rinde noch, und sprossen noch einzelne Bltter
hervor; aber jeden Frhling weniger, und immer weniger, bis, wenn einst der
Wanderer kmmt, und ihn sucht, er ihn drr und abgestorben findet, und mitleidig
die morschen Ueberbleibsel zu den lngst gefllten Theilen gesellt.
    Nur ein Punkt ist auer ihren Kindern auf der Welt, der ihr lebhafte
Theilnahme einflt - Constantins Schicksal. Sie hat vor zwei Tagen durch den
Knig einen Brief von ihm erhalten. Er ist Augustus. Als er an der gallischen
Kste ankam, fand er seinen Vater schwer krank, und im Begriff, sich nach
Britannien bringen zu lassen. Kaum in Eboracum angelangt, starb er in den Armen
seines Sohns. Die Legionen standen keinen Augenblick an, zwischen dem wrdigen
Sohne ihres geliebten Kaisers, und irgend einem Fremden, den ihnen Galerius
aufdringen wrde, zu whlen, und riefen ihn einmthig zum Augustus und Imperator
aus.1 Dies Alles meldete ihr Constantin mit der Genauigkeit und dem edlen
Zutrauen eines Freundes, und in dem Ton eines Mannes, dem ein doppelter Verlust
fr diesen Augenblick den Glanz des Purpurs verdstert, und ihn fr nichts als
den Schmerz fr Vater und Freund empfnglich gemacht hat. Theophania ergriff
diese Nachrichten mit Wrme, ja ich kann sagen mit Heftigkeit. Sie brach in
Thrnen aus, faltete die Hnde und schlug den leuchtenden Blick zum Himmel. O
mein Agathokles! rief sie dann mit lebhafter Zrtlichkeit: Du hast es gewut! Du
weit es auch jetzt - und das ist dein Lohn!
    Sie entfernte sich bald darauf, und schlo sich in ihr Zimmer ein. Lange
darauf kam sie sehr bleich, und wie es schien, erschpft, aber mit einer
unaussprechlich milden Heiterkeit wieder zu uns. Ihre Thrnen floen beinahe den
ganzen Abend, aber es schienen keine Thrnen des Unglcks zu seyn. Ueberhaupt
ist es zuweilen, als htte sie Trstungen, die weit ber unsre Begriffe und alle
Macht der menschlichen Natur erhaben wren. Ihr scheint Agathokles nicht ganz
todt zu seyn, sie fhlt sich manchmal nicht vllig von ihm getrennt; es ist, als
beglcke sie noch ein unsichtbares Band, als walte ein geheimnivoller
Zusammenhang zwischen ihnen. Ich kann nicht bestimmen, wie vielen Antheil an
diesen Vorstellungen, Religion, Schwrmerei, Wirklichkeit, oder ein durch so
lange heftige Leiden geschwchter Geist hat. Sey es immer Wahn - er ist
wohlthtig fr sie, und ich werde mich sehr hten, ihn durch Zergliederung und
Vernunftschlsse zu zerstren. Und wer von uns kennt denn die Gesetze der
Geisterwelt, und die unerforschten. Krfte der Natur? Wer wagt es auszusprechen,
da eine seltsame, unerhrte Sache, darum nicht mglich sey, weil sie bisher
noch nicht in dem Kreis unserer Erfahrungen lag? Die hchste Weisheit ist, zu
bekennen, da wir hierber, wie ber so viele andere Dinge, Nichts wissen, und
so mssen wir wnschen und hoffen, da unsere unglckliche Freundin diese
beruhigenden Vorstellungen so lange hege und nhre, bis es dem Schpfer gefllt,
die schwachen Bande zu lsen, die ihren Geist an die welkende Hlle binden, und
sie ganz und auf ewig mit dem zu vereinigen, mit dem ihr Wesen, seit ihrer
Kindheit, nur Eins ausgemacht hat, und von dem sie, wie es beinahe scheint,
selbst der Tod nicht vllig zu trennen vermochte.

So weit die Geschichte des unglcklichen Paares, die der Inhalt dieser Bltter
war. Sechs Jahre darauf starb Galerius; aber nur erst nach einem langen
Zwischenrume von Kampf und Elend, nachdem mehr als sechs auf einander folgende
Auguste und Csarn um die Herrschaft der Welt gestritten und geblutet hatten,
ging aus Krieg und Zerrttung ber den stillen Grbern der ersten Opfer fr
Constantins Rettung jener Zeitpunkt von Ruhe und stille hervor, um dessentwillen
so Vieles geschehen, und so manches edle Herz gebrochen worden war.
    Constantin wurde Herr der ganzen rmischen Welt. Er verlegte den Sitz der
Regierung nach Byzanz, das er mit vieler Pracht zur Hauptstadt erhob, und nach
seinem Namen Constantinopel nannte. Das Christenthum, als die laut bekannte
Religion des Kaisers, ward bald herrschend im ganzen Staate, alle sptern
Versuche, sie zu strzen, waren vergeblich, und die Nachwelt kennet die Folgen
dieser wichtigen Vernderung aus der Geschichte.

                                    Funoten


1 Geschichtlich nach Gibbon.

